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DIE 



ETHNOLOGIE 



DER 



INDIANEßSTÄMME VON GUATEMALA. 







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DIE 



E T H N L G I E 



DER 



INDIANERSTÄMME V( >N GUATEMALA 



VON 



Dr. OTTO STOLL, 

DOCENT FÜR GEOaBAPHlE UND ETHNOLOGIE AM EIDGEN. POLYTECHNIKUM UND AN DER UNIVERSITÄT 

ZU ZÜRICH. 



MIT 2 TAFELN UND DREI ILLUSTRATIONEN IM TEXT. 



Supplement zu Band I von „Internationales Archiv für Ethnographie". 



VERLAG VON P. W. M. TRAF, LEIDEN. 

ERNEST LEROUX, PARIS. TRÜBNER & Co., LONDON. 

r. F. WINTER'SCHE VERLAGSHANDLUNG, LEIPZIG. 

E. STEIGER & Co. NEW-YORK. 

1889. 



DRUCK von: p. w. m. teap, in leiden. 



iimftüY 



HERRN 



Prof. Dr. A. BASTIAN 

KGL. PREUSS. GEHEIMKATH UND DIRECTOK IJES KÖNIGE. MUSEUM FÜR VÖLKERKUNDE 



IN 



13 E 11 L I N 



HOCHACHTUNGSVOLL GEWIDMET 



VOM 



VERFA.SSER. 



V O R W () R T. 



Indem ich den vorliegenden monographischen "Versuch einer „Ethnologie der Indianer- 
Stämme von Guatemala" den Fachgenossen übergebe, sehe ich niiih zu einigen erklärenden 
AVorten über denselben veranlasst. 

Als ich im vergangenen Frühjaln- \-on der verehrlichen Redaction des „Internationalen 
Archiv' 8 für Ethnographie" die Einladung erhielt, die wenigen Sammlungsgegenstände, die 
ich aus Guatemala zurückgebracht habe, im Festheft des „Archivs" für den vorjährigen 
Amerikanisten-Congress in Berlin zu bearbeiten, vi^ar damit zunächst nur eine Beschreibung 
der Objekte zur Erläuterung der Abbildungen gemeint. "Während ich mich hierzu anschickte, 
konnte ich jedoch der Versuchung nicht widerstehen , dasjenige geordnet zusammenzustellen , 
was ich über die Ethnologie von Guatemala wusste und die al)gebildeten Gegenstände, 
welche ursprünglich die Hauptsache hätten bilden sollen , lediglich als Belegstücke einiger 
Partien des Textes zu verwenden. Da die Frist, welche für die Ausarbeitung des Manu- 
scriptes zur "V^erfügung stand, eine relativ kurze war, so war ein rasches Arbeiten und möglichste 
Beschränkung auf den eigentlichen Gegenstand der Abhandlung, auf Guatemala geboten. 

Nach Ablieferung des Manuscriptes reiste ich nach Spanien und hatte mit Herrn 
Redacteur Schmeltz die Abrede getroffen, dassmir die Revisionsbogen jeweilen nachgeschickt 
werden sollten. Dies erwies sich in der Folge bei der Unzuverlässigkeit der spanischen 
Regierungspost unthunlich; der einzige Bogen der mir nachgeschickt worden war, ging 
unterwegs verloren. Mittlerweile war dann auch durch eine Reihe von Zufälligkeiten die 
Fertigstellung des Druckes bis zum Amerikanisten-Congress unmöglich geworden und konnte 
erst nach meiner Rückkehr aus Spanien erfolgen. 

Dies Alles wäre nun an sich gleichgültig gewesen, wenn nicht die Nothwendigkeit , 
den Text auf einen bestimmten Termin zu vollenden , schon die Anlage der Arbeit wesentlich 
beeinflusst hätte. 

Ich suchte das Material , soweit es nicht auf eigener Beobachtung beruhen konnte , 
stets aus den ersten und ursprünglichsteh Quellen zusammenzubringen , soweit meine 
Privatbibliothek, auf die ich hiebei ausschliesslich angewiesen war, dies überhaupt ermög- 
lichte. Dagegen musste ich schlechterdings darauf verzichten , mich mit einigen allgemeinern 
ethnologischen "Werken der Neuzeit des Genauem auseinanderzusetzen, wie ich dies bei 
weniger beschränkter Zeit wohl gerne gethan hätte. 

Ferner musste ich es mir versagen, andere, als die zunächst an guatemaltekischer 
Kultur und Sprache betheiligten Kiilturgebiete Alt-Amerika's, speciell Mittelamerika's zum 
Vergleich heranzuziehen. So wünschenswerth eine solche breitere Grundlage auch zweifellos 
in mancher Hinsicht gewesen wäre , so schien mir doch eine genaue Siciitung der auf Guate- 
mala speziell liezüglichen Nachrichten das erste und nächste Erforderniss zu sein, um einer 
vergleichenden Betrachtung mit andern Kulturherden Mittelamerika's als sichere Basis zu 



VIII 

dienen. Bis jetzt ist ja oft genug der umgekehrte Weg eingeschlagen worden , indem man 
den allgemeinen Rahmen schuf, bevor die zu seiner Ausfüllung bestimmte Detailmosaik 
hinlänglich sorgfaltig vorbereitet war. Während die monographischen Bearbeitungen ein- 
zelner Völker oder A^ölkergruppen noch vergleichsweise spärlich vorhanden sind, besitzen 
wir einen Vorrath von Werken über Völkerkunde, in denen ohne Prüfung manche Angabe 
über die Einzelgebiete weiter geführt wird , die auf Irrthum oder falscher Auffassung beruht. 
Wer aus eigener Erfahrung weiss, wie schwer und zeitraubend es ist, sich in die Denk- 
weise eines fi-emden Volkes hineinzuleben , die uns ja nur durch etwelche Kenntniss seiner 
Sprache ganz zugänglich ist, wird auch die Schwierigkeiten einer ethnologischen Mimo- 
gi-aphie nicht verkennen und daher die Mängel einer Arbeit, wie die vorliegende, milder 
beurtheilen. Er wird ferner ein gewisses Misstrauen gegen gar manchen Punkt der currenten 
„Völkerkunde" nicht unterdrücken können und eine Neuprüfung desselben dringend wün- 
schen müssen. 

Die Stämme des Peten, über welche wir beinahe ausschliesslich, durch Villagutieere 
T Soto-Mayor unterrichtet sind, habe ich absichtlich nicht eingehend berücksichtigt. Das 
Peten gehört, obwohl politisch zu Guatemala, doch geographisch und ethnologisch so 
entschieden zu Yucatan, dass die Ethnologie seiner Bewohner durchaus mit denen der 
Maya's von Yucatan behandelt werden muss. 

Ich habe mir erlaubt, die „Ethnologie der Indianerstämme von Guatemala" Herrn 
Prof. Dr. A. Bastian in Berlin zu widmen, in welchem wir alle den Begründer und uner- 
müdhchen Förderer der modernen Ethnologie verehren. Ihm vor allem ist es zu danken, 
dass die Völkerkunde aus einem Tummelplatz dilettantenhafter Spekulation sich zum Rang 
einer akademischen Wissenschaft emporgeschwungen hat. Guatemala aber, als dessen 
Sprecher ich mich hier äussern möchte, hat noch ganz speziellen Grund, sich Herrn Prof. 
Bastian's dankbar zu erinnern, indem es seiner Umsicht und Energie allein zuzuschreiben 
ist, dass die wichtigsten der immer noch räthselhaften Steindenkraäler von Santa Lucfa 
Cotzumalguapa vom Untergang gerettet und sicher im Museum für Völkerkunde in Berlin 
untergebracht sind. 

Es erübrigt mir noch , Herrn Conservator J. D. E. Schmeltz in Leiden für die ausdauernde 
Sorgfalt, mit der er sich der mühseligen Arbeit der Correctur unterzog, meinen verbind- 
lichen Dank auszusprechen. 

Besondere Anerkennung schulde ich aucli dem lierru Verleger, der in der liberalstun 
Weise allen meinen Wünschen in Bezug auf die Ausstattung der Arbeit Rechnung getra- 
gen hat, trotzdem dieselbe den anfänglich in Aussicht genommenen Umfang erheblich 
überschritt. 

Zürich, 20 Januar 1889. Dr. OTTO STOLL. 



TNHALTS\'K1IZFJCHNISS. 



Seite 

Vorwort '^'" 

Aussprache der indianischen worte x 

Literatur ^^ 

Einleitung 1 

A. Sociale Organisation 4 

I. Das Chinamit 4 

II. Die Ehe " 

III. Die Verwandtschafts-Bezeichnungen. 10 

IV. Die Regierung 13 

V. Das Volk 19 

VI. Die Sclaven 27 

B. Die Eeligion 28 

I. Cosmogonie 28 

IL Götterlehre 31 

III. Priesterschaft und (rötterdienst 37 

IV. Die Wahrsager und Aerzte 48 

V. Suggestion und Hypnotismus 50 

VI. Der Nagualismus .■ ^'^ 

VII. Schriftthum und Kalendei-wesen 58 

A. Astronomischer Kalender 59 

B. Chronologischer Kalender 64 

VIII. Namengebung und Kindererziehung 66 

IX. Das Begräbniss '^0 

C. Das Kriegswesen '^3 

D. Technologie ''J_ 

I. Baukunst und Bildhauerei "~ 

IL Töpferei 89 

IIL Bekleidung 96 

IV. Spinnen und Weben 1"1 

V. Metallarbeiten 101 

VI. Korb- und Mattenflechterei 102 

VII. Malerei ^°2 

IX. Musik 10* 

E. Handel ^05 

F. Schiffahrt ^^' 

TOR 

Erklärung dee Tafeln 

Register ^"^ 

1 19 

Zusätze und Berichtigungen ■'^•^ 



AUSSPRACHE DER INDIANISCHEN WORTE. 



In Betreff der Aussprache der im Texte gegebenen indianischen Worte sei bemerkt, 
dass derselben überall das spanische Alphabet zu Grunde liegt. Wo alte Texte citiert sind , 
ist deren Orthographie unverändert belassen; Worte, die meinen eigenen Aufnahmen 
entstammen , sind nach dem Alphabet orthographiert , welches ich bei linguistischen Arbeiten 
eingehalten habe''). Es stellen sich daher folgende Differenzen gegen das deutsche Alphabet 
heraus : 

eil lautet wie deutsches tsch. 

g der indianischen Worte ist als tiefes Gaumen-A- (/s:'), nicht wie deutsches k zu 
sprechen ; c lautet wie rein deutsches A- , /,; dagegen wie rauhes alemannisches k. 

li und j lauten wie alemannisches eh. 
Bemerkung: Bloss Hiiipil ist zu sprechen wie deutsches Wipü. 

qu ist vor e und i wie deutsches k zu sprechen. 

te, welches dem spanischen Alphabet fehlt, lautet wie das deutsche tz. 

X lautet in den indianischen Worten stets wie deutsches scA, dagegen im Eigennamen 
Ximenez wie deutsches eh. 

s, f und s sind vollkommen identisch und lauten wie deutsches scharfes s. 

y wie deutsches j. 

Die mit einem Apostroph versehenen Consonanten r\ rJ/\ k' und fz' sind sogenannte 
„letras heridas", eine Art verschärfter, durch eine kleine Pause vom vor- oder nachste- 
henden Vokale getrennter Explosivlaute, die nur im indianischen Alphabet vorkommen 
und den gewöhnlichen Lauton r, r7/, /,• und fz so ähnlich klingen, dass sie für gewöhn- 
lichen Gebrauch nicht unterschieden zu werden brauchen. 



') Vgl. Stoll, Ixil und Pokonchi'. 



LITERATUR. 



Älvarado, Pedro de, Relacion hecha por Pedro de Albarado ä Fernando Cortes. 

- — Otra relacion hecha por Pedro de Alljarado ä Hernando Cortes. 

In: BiMioteca de Autores espanoles. Historiadores primitives de Indias. tomo I p 457 
und p. 460. 
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Bernheim, H., De la Suggestion et de ses applications a ia therapeutique. 2 ed. Paris 1887'). 
Brasseur de Bourhuurg, Histoire des nations civilisees du Mexique et de l'Amerique Centrale. 4 Bde. Paris 

loü ( — oy. 

- - Popol Vuh. Le li^re sacre et les mythes de l'antiquite americaine. Paris 1861. 

- - Grammaire de la langue Quichee suivie d'un vocabulaire et du drame de Rabinal- 

Achi. Paris 1862. 

- - Lettres ecrites ä S. Exe. le ministre de l'Instruction publique. Arch. d. 1. Commis- 

sion scientif. du Mexique t. 11 3 livr. Paris 1864. 

- — Relation des Choses de Yucatan de Diego de Landa. Paris 1864. 

- - Manuscrit Troano, Etudes sur le Systeme graphique et la langue des Mavas. 2 Bde. 

Paris 1869 und 1870. 
Brigham , William T. , Guatemala . the land of the Quetzales. London 1887. 
Brinton, Daniel G., The names of the gods in the Kiche myths, Central America, Philadelphia 1861. 

— - A grammar of the Calichiquel language of Guatemala. Philadelphia 1884. 

— - The lineal measures of the semi-civilized nations of Mexico and Central America 

Philadelphia 1885. 

— — On the Xinca Indians of Guatemala. Philadelphia 1885. 

— - The Annais of the Cakchiquels. Philadelphia 1885. 

— — The conception of Love in some American languages. Philadelphia 1886. 

— - On the so-called Alagüilac language of Guatemala. Philadelphia 1887. 
Brühl, Gustav. Die Culturvölker Alt-Amerilcas. New-Tork 1875-1887. 

Cakchiquel Annals, siehe Brinton. 

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Report of the Bureau of Ethnology 1882-8.3. 
Eisen, Gustav, On some ancient sculptures from the Pacific slope of Guatemala" in: Memoirs of the 

California Academy of Sciences Vol. II N». 2. July 1888. 
Fuentes y Guzman, Historia de Guatemala ö Recordacion florida. 2 Bde. Madrid 1882-83. 
Gage, Thomas, Neue merckwürdige Reise-Beschreibung nach Neu-Spanien, Leipzig 1693. (In Ermangelung 

des englischen Originals beziehen sich die Citate des Textes auf diese deutsche Uebersetzung). 
3abel, S. The sculptures of Santa Lucia Cosumalwhuapa in Guatemala. Smithsonian Contributions to 

Knowledge. Washington 1878. 
Herrera, Antonio de, Historia general de los hechos de los Castellanos en las islas, v tierra firme del mar 

Oceano. 5 Bde. 2 ed. Madrid 1730. 
Ixtlilxochitl , Fernando d'Alra, Histoire des Chichimeques ou des anciens rois de Tezcuco: 2 Bde. Paris 1840. 

In: Ternaux-Compans , Voyages, relations et memoires originaixx pour servir ä l'histoire de la decouverte 

de l'Amerique. 
Juarros, Domingo, Compendio de la historia de la ciudad de Guatemala. 2 Bde. 2. Ausg. Guatemala 1857. 
Landa vide Brasseur. 
Lettre ecrite ä l'empereur par les auditeurs Salmeron, Maldonado, Ceynos y Quiroga. Mexico, le 14 aoüt 

1531. In: Ternaux-Compans, Second recueil de pieces sur le Mexique. Paris 1840. 
Liebeault, A. A., Du sommeil et des etats analogues. Paris 1866. 



') üeber die in den letzten Jahren enorm angeschwollene Literatur des Hypnotismus und der Suggestion 
vergleiche: Dessoir, Max, Bibliographie des modernen Hypnotismus. Berlin 1888. 



XII 

Maudslaii A P Explorations in Guatemala and examination of the newly discovered Indian Ruins of 
' Quiriguä. Tikal and the Usumacinta. Proceed. Roy. Geogr. Soc. London 1883. 
- - Explorations of tlie Ruins and Site of Gepan , Central America. Proceed. Roy. Geogr. 

Soc. London 1886. 
Meue E und Schinidt, ./.. Die Steinbildwerke von Copän und Quiriguä. Berlm 1883. 
Mi'Ua Jose Historia de la America Central. 2 Bde. Guatemala 1879 und 1882. 
Monardes. Primera y segunda y tercera partes de la Historia Medicinal: de las cosas que ce traen de 

nuestras Indias Öccidentales que siruen en Medicina. Sevilla 1580. . . , , t. r, c. ■ 

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Pelaez, Francisco de Paula Garcia, Memorias para la historia del antiguo' reyno de Guatemala, 3 Bde. 

Poicell John W. , Mythologie Philosophy , an address before the American Association for the Advancement 

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Prever W Der Hvpnotismus, Ausgewählte Schriften von J. Braid, Beriin 1882. 
Eequete de plusieurs chefs Indiens d'Atitlan ä Philippe H in Ternaux-Compans , Recueil de pieces relatives 

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Roman, Hieronimo, Repubhcas del mundo divididas en tres partes, dirigidas al Rey don Philippe IL Tercera 

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Scherzer Karl, Ein Besuch bei den Ruinen von Quirigua im Staate Guatemala. Wien 1855. 

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_ — vide ^imenez. 

Sanier, E. G., Nicaragua, its people, scenery, monuments etc. 2 Bde. New York 1852. 

- - Collection of rare and original documents and relations, vide Palacio. 

Stephens, John L., Incidents of travel in Central America, Chiapas and Yucatan. 2 Bde. New York 1841. 
Stoll, Otto, Zur Ethnographie der Republik Guatemala. Zürich 1884 

- - Guatemala. Reisen und Schilderungen aus den Jahren 1878-1883. Leipzig 1886. 

- Die Sprache der Ixil-Indianer, ein Beitrag zur Ethnologie und Linguistik der Maya- Volker. 

- - Die Bienenzucht in Guatemala. Revue Coloniale Internationale. Tom. V, N». 6. 1887. 

- - Die Maya-Sprachen der Pokom-Gruppe. I. Die Sprache der Pokonchi-Indianer. Wien 1888. 
Ternaux-Compans, Voyages, relations et memoires originaux pour servir ä l'histoire de la decouverte de 

l'Amerique. Vide „Requete" und „Zurita". 
Torquemada, Juan de, Monarquia Indiana. 2 ed. 3 Bde , Madrid 1723. 
r«i(;o de los Sefiores de Totonicapam, vide „Charencey". . . , , -r^ 

Villaciutierre y Soto-Mayor, Juan de, Historia de la conquista de laprovmciade elltza, reducciony progressos 

de la de el Lacandon, y otras naciones de Indios bärbaros de la mediacion de el Reyno de Guatimala 

ä las provincias de Yucatan en la America septentrional. la parte. Madrid 1701. ^ „ , , 

Vreeland Charles, E., und Brausford J. F., Antiquities at Pantaleon, Guatemala. Annual Report of the 

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Williamson, üeo. , Antiquities in Guatemala. Annual Report of the Board of Regents of the Smithsonian 

Institution. Washington 1877. ..,/.. , , ,■ , 

^imenez, Francisco, Las historias del origen de los Indios de esta provmcia de Guatemala, publicado por 

el Dr. C. Scherzer. Viena 1857. . „ „ t m r. 

Zurita Alonzo de, Rapport sur les difförentes classes de chefs de la Nouvelle-Espagne. In: Ternaux-Compans, 

Voyages, relations et mömoires originaux pour servir ä l'histoire de la decouverte de lAmenque. 

Paris 1840. 



DIE ETHNOLOGIE 

DEE 

INDIANER-STÄMME VON ' GUATEMALA 



VON 

Db. OTTO STOLL. 
Mit zwei Tafeln. 



EINLEITUNG. 

Vorhistorische Zeit. - Während grosse Strecken der neuen Welt sich in ethnologischer 
Hinsicht jedem Blick in ihre Vergangenheit verschliessen , sind wir bezüglich der voreuro- 
päischen Geschichte von Guatemala etwas besser gestellt. Nicht bloss hat hier eine ganze 
Anzahl von eingeborenen Sprachen sich bis heute lebendig forterhalten, nicht bloss zeugen 
zahlreiche Ruinenplätze vom einstigen Umfang der eingeborenen Cultur, die noch für lange 
Zeit eine ergiebige Fundgrube archaeologischer Forschung bilden werden, sondern auch das 
psychische Leben der vorspanischen Indianer ist uns noch nahe gerückt, indem mehrere 
der alten indianischen Schriften erhalten sind, welche die Sagen und Geschichten einzelner 
Stämme uns überliefern. Diese Schriften sind der „Po pol Vuh", der „Titulo de los 
Sonores de Totonic apam, beide dem Quiche-Stamme entsprossen, ferner die „An- 
nalen der Cakchiqueles". Dass die Zahl dieser Documente nicht grösser ist, haben 
wir lediglich der Nachlässigkeit der fremden Eroberer zuzuschreiben, denn der Geschicht- 
schreiber FuBNTES, der Urenkel von Beknal Diaz, erwähnt als seine Quellen noch ein paar 
indianische Schriften , die uns jetzt verloren sind , wie ein Quiche-Manuscript von D. Francisco 
Garcia Calel Tzumpan, ein MS. von Xecul von D. Inan Macario^). 

Wenn wir ohne Voreingenommenheit den Inhalt der uns noch erhaltenen indianischen 
Schriften erwägen, so scheint sich aus dem Dunkel des Mythus, welcher den ersten Theil 
dieser Sagen bildet, als erste, etwas deutlichere Stufe ein halbnomadisches Wanderleben 
der Hochland-Stämme Guatemala's abzuheben, während dessen sie sich an verschiedenen 
Punkten des Landes längere Zeit aufhielten, um sie dann später wieder ganz aufzugeben 
oder wenigstens nur einen Theil des Volkes daselbst zurückzulassen. Ob die wandernden 
Quiche-Stämme dabei auf eine bereits vorher ansässige Bevölkerung stiessen , bleibt durchaus 
dunkel. Einige wenige Stellen der Bücher scheinen dies anzudeuten, während nach andern 
das Land als fitiher unbewohnt gedacht wurde. Woher die wandernden Stämme kamen, 
bleibt ebenfalls dunkel. „Von jenseits des Meeres", «) sagen die Schriften. Dass aus dieser 



') Vgl. lüAEEOs, II, trat. IV, Cap. 3. =) Popol Vuh, p. 4. 

I. A. f. E. I. Suppl. I. 



- 2 - 

Angabe irgendwelche Schlüsse auf concrete Geschehnisse nicht zu ziehen sind, dürfte wohl 
klar sein, da nach indianischer Vorstellung alles Hervorragende, Wunderbare, Grosse 
ebenfalls von „jenseits des Meeres" kommt. „ÜlDer das Meer" ziehen z. B. die Abgesandten 
der Stämme an den Hof des Fürsten Nacxit , wo sie die Elemente höherer Cultur erlangen. 
An einigen Stellen wird die Angabe von „jenseits des Meeres" durch diejenige von „im 
Osten" vervollständigt. Der „Osten", wörtlich „da wo die Sonne aufgeht", ist aber für den 
Indianer diejenige Gegend, welche als Ursprungsstätte des göttlichen Tagesgestirns, vor 
allen andern ihm als Quell des Heiligen und Segensreichen erscheint und nach welcher er 
daher stets in erster Linie den Blick wendet. Eine concrete, historisch-topographische 
Angabe darf aber in diesem Ausdruck nicht gefunden werden. 

Die sprachliche Verwandtschaft der Hochlandstämme Guatemala's, welche sämmtlich 
zur Maya-Familie gehören, weist vielmehr auf einen engen Zusammenhang mit Chiapas, 
Tabasco und Yucatan hin, was eine Richtung der AVanderung aus oder nach Norden und 
Nordwesten bedingen würde. 

Unter den Abenteuern der wandernden Stämme tritt besonders die eben erwähnte 
Reise an den Hof des Fürsten Nacxit deutlicher hervor, der nach „Sonnenaufgang" verlegt 
wird. Von hier beziehen die Quiche-Stämme Alles, was für eine höhere Cultur characteris- 
tisch ist; die sociale Gliederung, die Abzeichen der Rangstufen, die Malerei und andere 
Künste. 

Es drängt sich die Frage auf, ob dieser Sage vom Hofe des Fürsten Nacxit eine 
Anlehnung der guatemaltekischen Cultur an diejenige der Mayas von Yucatan oder an die 
aztekische zu Grunde liege. Der Umstand , dass die Halljinsel Y^ucatan bis an die Nordgrenze 
des heutigen Guatemala von einem hochstehenden Culturvolke eingenommen war, welchem 
die guatemaltekischen Hochlandstämme noch dazu sprachverwandt waren, Hesse an die 
erstere Möglichkeit denken. Einer solchen Annahme steht jedoch der Character dieser von 
aussen erworbenen guatemaltekischen Cultur entgegen , welcher weit eher auf einen Nahuatl- 
Ursprung zurückweist. Wir hätten uns das A^erhältniss wohl am natürlichsten so zu denken, 
dass die Gebirgsstämme von den umwohnenden Tieflandvölkern, zu denen wir längs des 
Stillen Meeres die Nahuas (Pipiles), am atlantischen Abhang die Mayas zu rechnen haben, 
die Elemente der Cultur erhielten. Wenn auch eine directe Berührung mit den cultivierten 
Mayas nicht ausgeschlossen ist, so ist sie doch weit weniger sicher nachzuweisen, als eine 
solche mit den Nahua-Colonien der Südseeküste und durch diese mit der mexikanischen 
Cultur. Die Gründe, welche eine vorgeschichtliche directe Berührung der Quiche-Stämme 
mit den Nahuas wahrscheinlich machen, sind vor Allem folgende: 

1) Im ganzen, von den Quiches und ihren Verwandten (Cakchiqueles , Mam- und Pokom- 
Stämrae) eingenommenen Gebiete treffen wir keinen einzigen Ortsnamen , welcher der reinen 
Maya von Yucatan angehört. Maya-Namen beginnen erst in denjenigen Gegenden, welche 
in historischer Zeit von den Mayas besiedelt sind. 

Dagegen finden sich aztekische Ortsnamen in grosser Zahl über das Gebiet von Guate- 
mala verbreitet. Wenn auch eine Anzahl derselben nachweisbar erst der Conquista ihren 
Ursprung verdanken, wie Almolonga im Thal von Antigua, die Vorstädte Jocotenango des 
alten und neuen Guatemala, so ist doch die überwiegende Zahl schon vor der Conquista 
im Gebrauch gewesen. Manche Orte besassen zwei Namen, von denen der eine den Maya- 
sprachen des Landes entstammte, während der andere bloss die aztekische Übersetzung 
des ersten war. So ist Toiouicapam die aztekische Übertragung des Quiche-Namens Xeme'- 



- 3 - 

kenya („am warmen Wasser"), Zapotitlan diejenige von Palulul^ das aztekische Chichi- 
castenamjo entspricht dem Quiche- Worte Chuvilä („Ort der Brennnesselbiiume") und Chimal- 
tenango („Ort der Schilde") ist die Übersetzung des Cakchiquel-Wortes Pokö. 

2) Unter den Eigennamen der indianischen Schriften finden sich einige von aztekischem 
Ursprung, wie Tepepul (von tepetl Berg und dem Suffix pul), Iztayul (von iztac weiss und 
tjolotl Herz). Der Göttername Gucumalz ist die wiirtliche Übertragung des aztekischen 
Quetzalcohuatl. Auch der Name Nacxit scheint auf einen in der Reihe der aztekischen 
Fürsten vorkommenden Namen, Acxitl, zurückzuweisen, 

3) Lehnt sich die staathche Organisation in entschiedener Weise an die aztekische an. 
Zum Verständniss derselben sind wir aber gezwungen, von den noch zur Zeit der 

Conquista bestehenden Verhältnissen, wie sie uns die zeitgenössischen (und spätem) spani- 
schen Schriftsteller überliefert haben, auszugehen, um daraus die indianischen Schriften 
verstehen zu lernen. 

Historische Zeit. — Zur Zeit der Conquista zerfiel die Bevölkerung Guatemala's in eine 
grosse Anzahl kleiner Stämme. AVir haben für die Eintheilung derselben kein besseres 
Princip mehr als die indianischen Sprachen, welche wir zunächst in zwei, numerisch sehr 
ungleiche Gruppen zerfallen können ^). 

Die erste und zwar die bei weitem umfangreichere Gruppe umfasst lauter Idiome, 
welche der Maya-Famihe zugehören. Sie nimmt, mit Ausnahme eines Theils der westlichen 
Südseeküste und einer Sprachinsel etwas südlich vom Centrum des Landes, dessen 
gesammtes Areal ein. Ihr gehört ausser der Maya des Peten die M a m e - Sprache , das 
Ixil, die Jacalteca, das Chuj, ferner die Sprachen der Verapaz (K'e'kchi, Pokonchi, 
Uspanteca), die Idiome, die man als „Lenguas Metropolitanas" bezeichnete (Quiche, 
Cakchiquel und Tz'utujil) und endlich als versprengte Glieder der Pokomgruppe das 
Pokomam und Chorti an. 

Die zweite, kleinere Gruppe umfasst der Maya fremde Idiome, wie das Pipil, einen 
Abkömmling des Nahuatl, wozu nach Brinton's neuer Untersuchung auch das Alagüilac*) 
im Motaguathale gehörte, ferner die Xinca^) und Pupuluca- Sprache. Die Stellung der 
beiden letztern Sprachen erscheint noch nicht genügend gesichert. 

Indessen wäre die Annahme, dass der Umfang der Stämme sich stets mit demjenigen 
der Sprache gedeckt hätte, eine durchaus irrige. Vielmehr zerfielen die grössern Sprach- 
gebiete wieder in eine ganze Anzahl von Stämmen. Wenn wir deren einzelne Namen , wie 
sie uns , wenigstens für die Quiches und Cakchiqueles noch überliefert sind , mit den heutigen 
Ortsnamen von Guatemala vergleichen, so sehen wir, dass viele Stammnamen den Namen 
heutiger Municipien entsprechen. So entspricht dem alten Stammnamen : Ilocab das heutige 
Dorf: San Antonio Ilocab; Rabinaleb entspr. Rabinal; Xoyabaj entspr. .Joyabaj; Cabrakan 
entspr. Cabrikan; Migina (Me'kenya) entspr. Totonicapam. 

Wir dürfen daraus schliessen, dass die heutigen grossen und compacten Ortschaften 
gewissermassen die Concretion der früher in einzelne zerstreute Häusergruppen aufgelösten 
Bevölkerung darstellen. 



') Vgl. Stoll, Zur Ethnographie etc. ^ Brinton, Alagüilac. ') Brinton, Xinca. 



A. SOCIALE ORGANISATION. 

Wenn man den Eroberungszug des Alvarado durch das Hochland der Quiches, 
Cakchiqueles und Tz'utijiles, dann über Escuintla nach Salvador, sowie die Excursionen 
seiner Nachfolger in die verschiedenen Landestheile verfolgt, so gevi^innt man den Eindruck, 
als ob das ganze Land auf einer ziemlich gleichmässigen Stufe der Cultur gestanden habe, 
wenn diese auch locale Verschiedenheiten aufwies. Ueberall handelt es sich um fest ansässige , 
ackerbautreibende Bevölkerungen, die theils in kleinen Ansiedlungen weit über das Land 
zerstreut wohnten, theils in grossen, von der Natur und durch Kunst befestigten Städte- 
anlagen, in denen die obersten Häuptlinge ihren Sitz hatten, beisammen lebten. 

Die Nachrichten , welche über die sociale Organisation der Stämme Guatemalas auf uns 
kamen, sind schlechterdings lückenhaft, vielfach unklar und zudem sehr ungleich über das 
Gebiet vertheilt. Während wir über die Reiche der nördlichen Hochgebirge, vor Allem 
über die Quiches und Cakchiqueles , ziemlich genau informiert sind , fliessen über die Stämme 
der Verapaz und der Mames die Nachrichten schon weit spärlicher und über diejenigen 
des Ostens, Südens und Südwestens fehlen sie, wenigstens in zuverlässiger Gestalt, fast 
gänzlich. Nur Palacio hat uns über den Südwesten Bericht hinterlassen ; im übrigen sind 
wir für die letztgenannten Gegenden auf Analogie-Schlüsse aus demjenigen Material ange- 
wiesen, welches wir für die übrigen Stämme besitzen. 

I. DAS CHINAMIT. 

Das Volk schied sich in Vornehme verschiedener Rangstufen, in freie Gemeine 
und Sclaven. Die Einheit, aus welcher sich das Staatswesen aufbaute, bildete das 
chinamit, welches wir als die erweiterte Familie, wenigstens in theoretischem Sinne 
auffassen müssen. Chinamit ist aztekischen Ursprungs und bezeichnet zunächst die 
Einfriedigung mit einer lebenden oder einer Rohrhecke, und zum chinamit gehörten wohl 
ursprünglich die innerhalb dieser Einfriedigung Wohnenden. In den rein indianischen 
Dörfern Guatemala's finden wir ein analoges Verhältniss heute noch. Wenn einem Ehe- 
paare, welches ein mit lebender Hecke abgegrenztes Landstück (Sitio) besitzt, allmählich die 
Kinder sich mehren , so werden neben dem elterlichen Hause kleinere Hütten innerhalb 
der Einfriedigung für die nachwachsenden Kinder erstellt. Indessen ist es sicher, dass der 
alte Begriff' des chinamit mehr umfasste, als bloss die directen Verwandten in auf- und 
absteigender Linie. 

Da die Grundlage des Staates in Guatemala der Ackerbau bildete, so haben wir das 
erste Augenmerk auf die Landvertheilung zu richten, um über den Umfang des chinamit 
zu grösserer Klarheit zu gelangen. Wir begegnen im Popol Vuh der Vorstellung, dass in 
uralter Zeit, d. h. bevor nach indianischer Vorstellung das Tagesgestirn zum ersten Mal 
am Himmel erschien , die wandernden Familien der Vorfahren von den verschiedenen Theilen 
des jetzt von den Quiches occupierten Landes Besitz genommen und dasselbe unter sich 
vertheilt haben. Die Üeberlieferung ^) sagt , dass diese Landvertheilung unter dem vierten 
Quiche-Könige vor sich gegangen .sei und zwar seien damals die 24 Familien constituiert 
worden, unter welche alles Land vertheilt wurde. 



') XlMENEZ, p. 165. 



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Die über Guatemala vorhandenen Berichte lassen über diese Verhältnisse eine Lücke, 
die wir mir durch die Analogie mit den mexikanischen Einrichtungen ausfüllen können. 
Danach kann es, obwohl dies nirgends deutlich gesagt ist, nicht zweifelhaft sein, dass das 
bebaubare Land in grössere und kleinere Parcellen zerfiel, von denen jede den Angehörigen 
eines chinamit gemeinsam gehörte. Das chinamit aber entspricht dem calpulli 
oder chinancalli der Mexikaner und wird wie dieses von einer grösseren oder kleineren 
Anzahl von Leuten gebildet, die sich als Angehörige einer und derselben Familie im weitern 
Sinne betrachteten. Es beruht dieses Gefühl der Zusamraengehörigheit und das Bedürfhiss 
des Abschlusses nach aussen theils auf wirklicher Blutsverwandtschaft , theils auf theoreti- 
scher, von gemeinsamer Abstammung von einem mythischen Vorfahr hergeleiteter Ver- 
wandtschaft. Jedenfalls aber ist der Begriff der Verwandtschaft wesentlich für den Character 
des chinamit. 

Die Angehörigen eines solchen lebten jedoch nicht in geschlossenen Häusergruppen bei- 
sammen, sondern jede Einzelfamilie wohnte gewöhnlich getrennt von den übrigen auf 
dem ihr vom chinamit zugewiesenen Landstück. 

Wenn also auch das der Einzelfamilie zugewiesene Landstück Eigenthum des ganzen 
chinamit war, und daher beim Aussterben einer Familie an dieses zurückfiel, so war 
es doch unter gewöhnlichen Verhältnissen innerhalb der Familie in der Weise erblich, dass 
ein Vater bei seinem Tode das Familiengrundsttick unter seine Söhne vertheilen konnte. 
War das Landstück zur Ernährung aller zu klein, so konnten die Bedürftigen sich vom 
Aeltesten des chinamit ein weiteres Grundstück anweisen lassen. Es wurde also nicht 
bloss die bewegliche Habe, Kleider, Werkzeuge, Geschirr, Waffen, sondern auch das 
Grundeigenthum vererbt ^). 

Indessen scheinen nur die Söhne erbberechtigt gewesen zu sein. Wenigstens erzählt 
Gage , dass beim Tode eines Indianers die Söhne die ganze Verlassenschaft , sowohl Fahrendes 
als Liegendes, unter sich getheilt haben, und dass die Töchter nichts bekommen haben. 
Wenn diese auch vielleicht etwas von dem zur Frauenarbeit dienlichen Hau.sgeräth erbten 
oder der Gutmüthigkeit ihrer Brüder verdankten , so waren sie jedenfalls vom Erben des 
Grundbesitzes schon desshalb ausgeschlossen, weil nach den exogamischen Heirathsbestim- 
mungen ein Mädchen durch seine Heirath in ein ft-emdes chinamit, also in einen ganz 
andern Grundeigenthums-Complex hineingerieth. 

Ob dagegen die Angehörigen eines chinamit Land an ein anderes chinamit zu 
verpachten berechtigt, wie in Mexico, ist nicht bekannt. 

Die einzelnen Familien waren auf diese Weise durch grössere oder kleinere Strecken 
beurbarten oder noch wilden Landes getrennt, wie es eben die Beschaffenheit des Bodens 
mit sich brachte. Das kultivierbare Land fand sich nicht bloss auf den flachen Hochthälern 
und in den Küstenniederungen, sondern auch oft, wie übrigens heute noch, in geschützter 
Lage an den Flanken und im Grunde von Schluchten (Barrancas), wesshalb der Popol Vuh 
den Ausdruck civan, der eigentlich „Waldschlucht" bedeutet, als Collectivum in der 
Bedeutung „Bewohner der Schluchten" den Bewohnern der Städte (tinamit) gegenüber 
stellt und sagt: u civan u tinamit „die Leute der Schluchten und Städte", d. h. die 
Land- und Stadtbevölkerung. ^) 

Die Ausdrücke der Quiche-Sprachen , welche dem aztekischen c h i n a m i t offenbar am 



1) ZuEiTA, p. 56. ■) Popül Vuh, p. 334. 



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nächsten entsprechen, sind nim ja und ch'obi). Nim ja bedeutet „grosse Familie", von 
nim gross und ja (jay im Calvchiquel) , womit gewöhnlich die Einzelfamilie, die wirk- 
lich in einer und derselben Ansiedlung zusammenlebenden Verwandten , bezeichnet wird. 

Dass aber der Umfang des jay nicht streng bloss auf diese beschränkt war, machen 
die Ortsnamen der alten Schriften wahrscheinlich, in denen das Suffix jay und ja mit 
Namen von Thieren und andern Objecten verbunden erscheinen, welche gewissermassen als 
Totem der betreffenden Familien auftreten, wie in Cakixajay „Haus der Aras" (lang- 
schwänziger Papagei), Sinajija, „Haus der Scorpione", Ajch'umilajay „Haus der 
Sternleute", Aj tz'iquinajay „Haus der Vogel-Leute", u. s. f. 

Ueber die Totem-Zeichen der Guatemala-Völker sind wir nicht genau unterrichtet. Spuren 
davon finden sich jedoch an einigen Stellen der Schriften, z.B. im „Titulo", wo nach der 
Aufzählung der Staatswürden, welche die Quiches vom Hofe Nacxit's einführen, gesagt 
wird, dass alle diese Würden Bilder von Jaguaren, Pumas und Geiern als Devisen 
besassen. 

Einen Rest des Totemismus finden wir auch heute noch in der Sitte der Indianer, 
sich je nach den Dorfschaften verschieden zu kleiden , so dass es bei einiger Uebung leicht 
ist, die Leute von Tecpam, von Santa Maria de Jesus, von Acatenango, von San Juan 
Sacatepequez — alles Cakchiqueldörfer — am Schnitt und an der Färbung ihrer Kleider 
zu unterscheiden. 

Ch'ob ist ein allgemeinerer Ausdruck, den die Spanier mit „parcialidad" übersetzen, 
und der einfach „Abtheilung, Haufen" bedeutet und demgemäss bald in ähnlichem, bald 
in grösserem Umfange als chinamit gebraucht wird'). 

Ob mit ch'ob eine bestimmtere Idee im Sinne einer Phratrie verbunden wurde, ist 
nicht deutlich zu ersehen. 

Wenn wir von dem etwas unbestimmt gehaltenen ch'ob absehen , so finden wir als 
nächsthöhern Begriff bei den Quiches und Cakchiqueles das ama'k, welches die heutigen 
Indianer als „pueblo grande" (grosses Dorf) übersetzen und dem die Bedeutung von „Stamm" 
(tribus) zukommt. In diesem Sinne finden wir in den Annalen der Cakchiqueles die Rabi- 
naleb, Tz'utujiles und Cakchiqueles als ama'k bezeichnet und das ama'k der Cakchi- 
queles zerfallt wieder in die chinamit der K'ekaquch, Bac'ahola und Cibakihay. 
A m a ' k ^) ist eine Collectivform , die als Plural behandelt wird und nicht etwa die Ver- 
einigung vieler Häuser zu einem Dorfe bezeichnet ^ denn dies ist das tinamit — sondern 
die Summe der zusammengehörigen Bewohner, vor Allem der vornehmen, mit der Regierung 
betrauten Bewohner, welche nach der Auffassung der indianischen Geschichtschreiber allein 
die Geschichte machen und daher allein namentliche Erwähnung verdienen. 

Trotzdem sich nun vor Allem die weitere Famihe, das chinamit, als Grundeinheit 
der Stammorganisation deutlich abhebt, gegen welche sogar die Einzelfamilie ganz zurück- 
tritt und fast bedeutungslos wird, so ist doch das chinamit nicht als gesammte Gens, 
sondern bloss als Subgens zu fassen, da mehrere chinamit sich von einem und demselben 



') Vgl. z. B. die Steigerung: ru liay, ru (-liinamit, ru k'arama'k, ri hutak uli'ob „seine 
Familie, seine Sippe, sein Stamm, jode Abtheilung" (Cakcli. Ann. p. 72) Die lioutigen Cakchiqueles ver- 
wenden jay gelegontlicli aucii concret für „Hauw''. 

■) Vgl. z.B. xa ox eil ob chi chinamit xqoho chiri chi Izmachi „nur drei Haufen von Sippen 
waren dort in Izmachi" (Popol Vuh p. 304); oxlahu ch'ob vukamag „die 13 Abtheilungon der „sieben 
Dörfer" " (Cakch. Ann. p. 70). 

') Die etymologische Erklärung von Ximenez (p. 163), wonach ama'k „Spinnenfuss" bedeuten soll, 
ist aus phonetischen und .syntaktischen Gründen als unrichtig zu verwerfen. 



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mythischen Stammvater ableiteten und also zusammen die Gens gebildet hätten. Für diese 
finden wir allerdings eine besondere Bezeichnung nicht, indem, wie oben erwähnt der 
nächsthöhere Begriff' das ama'k schon die Vereinigung mehrerer Gentes zur Tribus bildet 
Es zerfielen z. B. nach dem Popol Vuh die Quiches, deren Gesammtheit wir als ama'k 
bezeichnen müssten, in die Gruppen der Cavikib, der Nihaibab, der Ahan-Quicheeb. 
Diese hätten wir als Gentes aufzufassen, die sich von einem gemeinsamen mythischen 
Stammvater ableiteten und wiederum in mehrere nim-ha (= chinamit) zerfielen, welche 
die Subgentes bildeten. So bestand die Gens der Cavikib, welche den mythischen Balam- 
Quitze als Stammvater ansah, aus neun Subgentes, ebenso die Gens der Nihaibab die 
sich von Balam-Agab ableitete. Die Gens der Ahau-Quiche, deren hypothetischer 
Stammvater Mahucutah war, zerfiel in vier Subgentes. Mit Hinsicht auf die politische 
Bedeutung aber trat die Gens gänzlich gegen die Subgens in den Hintergrund, indem nur 
die Zugehörigkeit zu dieser für die Befugnisse und Pflichten der Einzelnen, 'wie für die 
Haftpflicht und die Eheschliessung von Bedeutung war. 

n. DIE EHE. 

Die Angehörigen eines chinamit betrachteten sich als Verwandte und nannten sich 
„Brüder"!). Die Heirat innerhalb des chinamit war daher unstatthaft; vielmehr war die 
Heirat eine exogamische, von einem chinamit in ein anderes. Ob die Exogamie sich 
auch auf die übrigen chinamit derselben Gens bezog, ist nach den vorliegenden Berichten 
nicht zu entscheiden. Die Frau trat durch die Heirat in das chinamit ihres Mannes ein 
und wurde demselben so vollständig einverleibt, dass ihre Kinder weder ihre mütterlichen 
Grosseltern noch die übrigen Verwandten ihrer Mutter als Verwandte betrachteten. Dies 
hatte wieder zur Folge , dass die Eingehung rechtsgültiger Ehen mit den Verwandten der 
Mutter als dem Princip der Exogamie nicht zuwiderlaufend gestattet war. So konnte der 
Sohn einer Frau mit seiner Halbschwester aus einer früheren Ehe seiner Mutter eine rechts- 
gültige Ehe eingehen, da der Begriff' der Verwandtschaft sich nur auf die männliche Linie 
erstreckte. Ja es kam vor, dass ein Mann sich nicht nur mit einer Schwägerin, sondern 
sogar mit seiner Stiefmutter verheiratete. 

Unter gewöhnlichen Verhältnissen scheint die monogamische Ehe die Regel gewesen 
zu sein. Schon die mythische Genealogie der Quiche-Familien weist ihren Urvätern bloss 
eine Frau zu. 

Es bestand ferner die an das jüdische Levirat erinnernde Einrichtung, dass ein Mann 
bei seinem Tode seine Frau seinem Brudei- oder einem sonstigen nahen Verwandten bestimmen 
konnte, auch wenn dieser bereits verheiratet war^). Welches aber die Stellung einer solchen 
Witwe in ihrer zweiten Ehe und welches die Rechtsfolgen für ihre allfälligen Kinder gewesen 
seien, ist aus den Berichten nicht ersichtlich. 

Das Concubinat mit Sclavinnen war, wenigstens den Vornehmen, gestattet. 

Wurde einem Manne ein Mädchen angetraut, welches noch nicht reif war, so gaben 
dessen Eltern für die Zeit bis zu ihrer Reife ihrem Schwiegersohne eine Sclavin, als Stell- 
vertreterin, deren Kinder aber nie den Rang ihres Vaters theilten, auch wenn nicht 
gesagt ist, dass sie Sclaven blieben. 

') PUENTES I p. 32. 



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Ueber die Heiratsgebräuche sind wir speciell für die Yerapaz genauer unterrichtet^). 
Wollte ein junger Mann heiraten, so war es Sache seines Vaters, für ihn eine Frau zu 
suchen. "War . die Wahl getroffen , so sandte der Vater Boten mit Geschenken in's Haus 
der Gewählten. W-enn diese angenommen wurden, so galt dies für ein günstiges Zeichen 
und nach einigen Tagen erfolgte eine zweite Gesandtschaft mit noch reichlichem Geschenken 
und Erneuerung der Werljung. Nach einer dritten Gesandtschaft wurde die Sache definitiv 
abgeschlossen und von dieser Zeit an betrachteten sich die beiden Familien als verwandt. 
Sie trafen Anstalten zur Hochzeit und bestimmten den Tag, an dem die Braut in's Haus 
ihres Mannes gebracht werden sollte. Und zwar wurde bei den Heiraten Vornehmer die 
Braut , selbst auf grosse Distanzen hin , in das Haus ihres Mannes auf den Schultern von 
Verwandten getragen. In der Nähe des Dorfes des Bräutigams angekommen, wurde sie 
von den Abgesandten ihres Schwiegervaters in Empfang genommen , unter Opferung von 
Weihrauch und Rebhühnern zum Dank für che glückliche Ankunft. Der Vermählungstag 
selbst wurde mit Gelagen und Tänzen festlich begangen. Ein Vorgesetzter des chinamit 
fügte die Hände der Verlobten in einander, band die Zipfel ihrer Mäntel zusammen und 
ermahnte sie , gute Eheleute zu sein und den Göttern für ihre Heirat zu danken. Des Nachts 
brachten zwei Frauen das junge Paar zu Bett und unterrichteten dasselbe über die Pflichten 
der Ehe. 

Die Aussteuer wurde von den Untergebenen und Verwandten des Bräutigams, also 
von seinem chinamit aufgebracht. 

Bei gemeinen Leuten warben die Eltern, ein Oheim oder ein anderer Verwandter, bei 
Waisen der Vormund. Die Unterhandlung wurde aber hier schon bei der ersten Sendung 
entschieden und die Brautwerber nahmen die Brautgabe gleich mit sich auf den Weg. An 
dem Tage, an welchem die Braut in's Haus ihres Schwiegervaters zog, wurde sie unter- 
wegs von ihrer Schwiegermutter abgeholt und ein Angehöriger des chinamit des Bräu- 
tigams vollzog die Ehe. 

Aus dem Gesagten geht hervor, dass der Werbung noch die Kaufldee zu Grunde lag, 
auch wenn der zu entrichtende Preis bereits zu einem blossen Kaufsymbol herabgesunken 
war. Dieses erfüllte den doppelten Zweck eines Kaufschillings und eines Zeugnisses für die 
Wohlhabenheit des Werbenden. Fray Gekönimo Roman ^) sagt geradezu: „Insgemein 
kauften diese Leute die Frau und jene Geschenke, welche sie überbrachten , waren der Preis." 

Dem entsprechend ist denn auch die Grundbedeutung des Stammes lo'koj, welchen 
die spanischen Priester in ihren Grammatiken der Quiche-Sprachen als Aequivalent für 
„lieben" brauchten, chejenige von „kaufen". Die einfache Wurzel lo'k ^) bedeutet im 
heutigen Cakchiquel „etwas, das gut aufgehoben ist, etwas Kostbares" und lo'koj wäre 
demnach „etwas begehren, was gut aufgehoben ist." Um dies zu erreichen, muss natürlich 
ein Gegen werth geboten werden, es muss der kostbare Gegenstand „gekauft" werden und 



') XiMENEZ, p. 204 sqq. -) Ximenez, p. 207. 

') Der Begriff des „Aufhebens eines anvertrauten Gutes", der dem Radikal l'ok innewohnt, hat denn 
auch dazu geführt, dass das Passivum lo'kox heutzutage für das Anvertrauen von Geheimnissen an die 
Geistlichen, also für „beichten", eigentlich „aufgehoben werden", gebraucht wird. Wenn Brinton eine Stelle 
aus den Cakchiquel-Annalen anführt (S. seine Abhandlung: The Conception of Love in somo American 
Languages p. 12) wo lok'ox „geliebt werden" bedeuten soll, so kann ich ihm hierin nicht beipflichten, 
denn .jene Stelle lautet vollständig: Tok xe apon chic'a e ka mama chiri chuvi tinamit Och'al, 
xelok'ox c'a chiri ruma Akahal vinak „als unsere Vorfahren dort auf dem festen Platz Och'al 
ankamen, würden sie von den Akahal-Leuten gut aufgenommen" (oder „untergebracht"). Die Übersetzung 
„wui-don sie von den Akahal-Leuten geUebt" giebt keinen zuliinglichen Sinn. 



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lo'ko.i ist, ilaluT in allen Sprachen der Quiche-, Pokom- und Mam-Gruppe der allgemeine 
Ausdruck für „kaufen". Ebenso liegt dem Radikal aj, welches im Cakchiquel von Sacate- 
pequez für „lieben", gern haben, „begehren" gebraucht wird, der Begriff von „Werth, Preis" 
zu Grunde. 

Die Kaufidee, welche der Brautwerbung innewohnt, findet ferner ihren Ausdruck in 
der Bestimmung, dass das einmal eingegangene Ehevei-sprechen seitens des Vaters eines 
jungen Mannes oder Mädchens als durchaus verbindlich galt und nicht rückgängig gemacht 
werden konnte. Ein Bruch desselben wurde als Betrug betrachtet und, ausserdem dass 
alle empfangenen Geschenke zurück gegeben werden mussten, noch strenge be.straft. 

Den geschilderten ähnliche Werbegebräuche finden sich noch heute in den Dörfern des 
Quiche-Gebietes und in der Verapaz. Da ich dieselben anderwärts beschrieben habe, ist es 
nicht nöthig , hier näher darauf einzugehen ^). 

Wenn sich eine freie Frau mit einem Sclaven verheiratete, so wurden die Kinder Sclaven. 

Wenn eine Frau das Haus ihres Gatten böswillig verliess, um zu ihren Eltern zurück- 
zukehren, oder wenn sie mit einem Verführer davonging, wurde sie erst gütlich zur 
Rückkehr gemahnt, und manche Männer warteten dergestalt gelegentlich ein Jahr lang 
auf ihre Frauen. Kehrte sie aber dann nicht wieder, so hatte der Mann das Recht, sich 
mit einer andern zu verheiraten, wodurch vermutlich die erste Ehe aufgehoben wurde. 

Mit der Auffassung des ehelichen Verhältnisses als eines Kaufvertrages stand auch die 
strafrechtliche Verfolgung des Ehebruchs in Einklang. Zum Nachweise des Ehebruchs musste 
der betroffene Ehemann die Delinquenten in flagranti ertappen und falls ihm hiebei unbe- 
theiligte Zeugen mangelten, genügte zur Ueberführung vor Gericht ein dem Ehebrecher 
weggenommenes Pfand, eine Sitte, welche sich noch zu Fuentes' Zeiten forterhalten hatte*). 
Ehebruch der Frau wurde zunächst durch mündliche Ermahnungen, im Wiederholungsfalle 
durch Verstossung bestraft. Vornehme, deren Frauen sich des Ehebruchs schuldig gemacht, 
konnten sich sofort wieder verheiraten. Das gemeine Volk welches , wohl der mit der Wieder- 
verheiratung verbundenen Auslagen wegen, länger Geduld hatte, liess nur ganz unver- 
besserliche Ehebrecherinnen bestrafen, indem sie durch die Aeltesten des chinamit zu 
Sclaven erklärt wurden. Dasselbe Loos widerfuhr den Frauen, welche die Ausübung der 
ehelichen Pflichten verweigerten ^). Frauen und Concubinen der obersten Häuptlinge traf, 
wenn sie des Ehebruchs überwiesen waren, die Todesstrafe*). 

lieber die c h i n a m i t- Verfassung der Pipiles erfahren wir nichts Genaues; diese 
hatten sich aber die Verwandtschaftsgrade, innerhalb welcher die Heirat verboten war, in 
Gestalt von zwei gemalten Bäumen figürlich dargestellt. Der eine dieser Bäume, welcher die 
direkte Verwandtschaft in auf- und absteigender Linie darstellte, besass sieben Aeste als 
Symbole von Verwandtschaftsgraden, innerhalb welcher Jemand nur dann heiraten durfte, 
wenn er sich durch grosse Waflfenthaten ausgezeichnet hatte, und zwar auch in diesem 
Falle nicht innerhalb des dritten Grades der Verwandtschaft. Der zweite Baum stellte in 
querer Richtung durch vier Aeste die vier Verwandtschaftsgrade dar, iniicrlialb deren die 
Heirat verboten war. Die Einzelnheiten dieser Anordnung sind aus dem, keineswegs klaren, 
Bericht des Palacio ^) nicht zu ersehen. Nur das ist bemerkt , dass geschlechtlicher Umgang 
zwischen Verwandten innerhalb dieser Grade für beide die Todesstrafe zm- Folge hatte. 



') Vgl. Stoll , Guatemala p. 350 und 378. '-) Fuentes 1 , p. 31. ') Roman , III. fol. 176. ■•) Fuentes I, p. 30. 
*) Palacio, Carta p. 80. 

I. A. f. E. I. Suppl. I. 2 



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Die Heiratsgebräuche der Pipiles kennen wir durch Palacio ^). Die Verwandten der Braut 
holten den Bräutigam , und dessen Verwandte die Braut ab und badeten sie im Flusse. Dann 
hüllte man jeden der Beiden in ein neues, weisses Tuch und brachte sie nach dem Hause 
der Braut, wo sie nackt mit ihren Tüchern zusammengebunden wurden. Die Verwandten 
des Bräutigams beschenkten die Braut mit Zeug, Baumwolle, Geflügel und Cacao; ebenso 
wurde der Bräutigam von den Verwandten der Braut beschenkt. Darauf wurde ein Festmahl 
abgehalten, an welchem der oberste Häuptling und der Oberpriester theilnehmen mussten. 
" Es ist also auch hier der Einfluss des chinamit auf die Eheschliessung unverkennbar. 
In der Sitte, die Verlobten in's Haus der Braut zu bringen, liegt ein matriarchalischer 
Zug, der auch noch in der ständigen Redensart „meine Mutter und mein Vater" (nu-te, 
nu-tata), also in der Voranstellung der Mutter als des wichtigern Theiles, sich wieder- 
findet, und an eine Zeit zu erinnern scheint, wo die Einhaltung der Männerlinie noch nicht 
üblich war. Dass diese Anklänge an ein Matriarchat auch heutzutage nicht ganz fehlen, 
beweisen die Fälle", wo die Mutter um einen Bräutigam für ihre Tochter wirbt und wo 
das junge Paar in ihr Haus zieht. 

III. DIE YEEWANDTSCHAFTS-BEZEICHNUNGEN. 

A. Einfache Form. 
Ueber die Nomenclatur sind wir. Dank den alten Grammatikern, am ausführlichsten 

für die Cakchiqueles unterrichtet. Wir bemerken hier Folgendes: 

Die ältesten Vorfahren werden in den Cakchiquel-Annalen als ri oher tata mama 

„Väter und Grossväter der Vorzeit" oder als oher vinak „Leute der Vorzeit" bezeichnet. 

Zeitlich näherliegende Vorfahren werden als ka tee, ka tata „unsere Mütter und Väter" 

aufgeführt; die Nachkommen als c'ahol, meal, „Söhne und Töchter". 

Die eigentliche Nomenclatur beginnt erst bei den Grosseltern und endet bei den Enkeln. 

Besondere, einfache Wortstämme finden sich für folgende Verwandtschaftsgrade: 
Der Mann nennt: Die Frau nennt: 

den Grossvater mama (mama) 

die Grossmutter atit (atit) 

den Vater tata " (tata) 

die Mutter te (te) 

den Oheim ikan (tata oder yah tata) 

den altern Bruder nimal xibal 

den Jüngern Bruder cha'k (ch'uti xibal) 

die Schwester ana (nimal) 

den Sohn c'ahol ^^i 

die Tochter meal al 

den Neffen ica'k (al oder c'ahol) 

den Schwiegersohn hi (ali) 

die Schwiegertochter ali (ali) 

Enkelkinder heider Geschlechter ma, m iy 

den Schwager baluc echam 

die Schwägerin (ixnara) achalcan 



') Palacio, Carta p. 79. 



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Hiezu ist zu bemerken, dass die (luich Heirat erworbenen Verwandtschafts-Beziehungen 
eines Mannes, also die Bezeichnungen „Schwiegersohn, Schwiegertochter, Schwager und 
Schwägerin", sich nicht bloss auf die engere Familie in unserem Sinne bezogen, sondern 
jeder dem chinamit der Frau zugehörige Mann wurde als baluc vom Gatten, als hi 
vom Vater des Gatten bezeichnet. 

Aus den Obigen werden die ülirigen Beneainungen durch Synthese gewonnen. So nennt 
der Mann: die Frau: 

den Schwiegervater hi-nam ali-nam 

die Schwiegermutter hi-te ali-te 

den Vetter nahti-nimal ') nahti-xibal 

die Base nahti-ana nahti-nimal 

den Stiefvater yah-tata oder tata-bal (yah-tata oder tata-bal) 

die Stiefmutter yah-te oder te-bal (yah-te oder te-bal) 

den Stiefsohn yah-c'ahol yah-al 

die Stieftochter yah-meal yah-ixok-al 

Der Umstand , dass die Frauen für mehrere Verwandtschaftsgrade Benennungen haben , 
welche von denen der Männer abweichen, ist theils auf die Verschiedenheit der Stellung 
beider im chinamit infolge der Exogamie, theils auf diejenige infolge der socialen Stel- 
lung der Frau überhaupt , drittens endlich auf den Unterschied in der physiologischen Rolle 
des Mannes und der Frau gegenüber der Nachkommenschaft zurückzuführen. So bezeichnen 
Mann und Frau die Schwester üires Vaters als yah-te, (Stiefinutter), da dieselbe bei 
allfälliger Heirat in ein fi-emdes chinamit aufgenommen und dadurch ihren leiblichen 
Verwandten ferne gerückt wird. So bezeichnet die Frau ihre ältere Schwester als nimal, 
wie ein Mann seinen altern Bruder; ihren altern Bruder dagegen nennt sie xi-bal (vom 
Stamme xi „verehren, gehorchen" und dem Suffix bal, (das sich auch in tata-bal und 
te-bal wiederfindet), da sie ihm untergeordnet und daher Achtung schuldig ist, denn 
er wird beim Tode des Vaters das Haupt der Familie. Ihre Kinder nennt die Frau al, 
ein Stamm, der gleichzeitig „schwer. Gewicht" bezeichnet und es daher nahe legt, dass 
das Tragen der ungebornen Frucht im Mutterleibe Anlass zu diesem Terminus gegeben habe. 
Ausser den oben gegebenen finden sich im Cakchiquel noch einige andere Ausdrücke 
für gewisse Verwandtschafts-Beziehungen, wie ch'uti ana (kleine Schwester) für „jüngere 
Schwester" des Mannes, ch'uti xibal für den jüngeren Bruder der Frau, nabey c'ahol 
für den erstgebornen , ch'ip für den jüngsten Sohn. 

Es wird also vor Allem die direkte Verwandtschaft in auf- und absteigender Linie, 
und zwar unter Einhaltung der Männerlinie, ferner die direkte Verschwägerung und das 
Stiefverhältniss durch besondere Bezeichnungen ausgedrückt, die indirecte Verwandtschaft 
aber verliert sich schon vom Vetter an in den allgemeinen Ausdrücken der Zugehörigkeit 
zum gleichen chinamit, dessen Glieder sich alle als verwandt betrachten. 

Es finden sich ferner besondere Ausdrücke für „verwittwet" (nialcan) und verwaist 
(mebä), für Gattin (ixhayil) und Gatte (achijil). 

B. Die Reverential formen der Nomenclatur. 
Die obige Zusammenstellung zeigt die Verwandtschafts-Ausdrücke in ihrer einfachsten 



') Das Präfix naht bodoutet „entfemt", also nahti-nimal „mein entfernter Bruder" etc. 



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Form. Indessen sind dieselben sämmtlich gewisser Erweiterungen durch Suffixe fähig, 
deren es im Cakchiquel zwei gibt, nämhch atz und xel. Einige AA^orte, wie ali 
Schwiegertochter, hi Schwiegersohn, tata Vater, c'ahol Sohn, können sowolil das eine, 
wie das andere Suffix annehmen, z. B. : 

einfache Form: ali Schwiegertochter Suffixform: alib-atz und alib-axel 
hi Schwiegersohn „ hi-atz und hi-axel 

l tata Vater „ tata-tz und tata-ixel 

c'ahol Sohn „ c'ahol-atz und c'ahol-axel. 

Beide Formen sind als Reverential-Ausdrücke aufzufassen, welche gebraucht werden, 
wenn eine besondere Ehrfurcht, Höflichkeit oder Zärtlichkeit ausgedrückt werden soll. Sie 
haben daher in der Kirchensprache ausgiebig Verwendung gefunden '). Am häufigsten sind 
im Cakchiquel die Formen auf xel, von denen folgende in Ergänzung obiger Zusammen- 
stellung erwähnt werden mögen: 

alinam-uxel Schwiegervater der Frau ikan-ixel Oheim 
alite-exel Schwiegermutter der Frau ixhail-axel Gattin 
an ab- ix el Schwester des Mannes ixnam-uxel Schwägerin des Mannes 

baluqu-ixel Schwager mam-axel Enkelkind 

cha'k-ixel jüngerer Bruder meal-axel Tochter des Mannes 

e c h a m - u X e 1 Schwager der Frau n a h t i - c h a ' k - a x e 1 jüngerer Vetter des Mannes 

hinam-uxel Schwiegervater des Mannes nahti-anab-ixel Base des Mannes 
hite-exel Schwiegermutter des Mannes nahti-nima-xel älterer Vetter des Mannes 
ica'k-ixel Neffe te-exel Mutter. 

Vergleichen wir nun mit diesem Verhalten der Quiche-Idiome die Sprachen der grossen 
Culturvölker der Nachbarländer, so finden wir, dass der Maya von Yucatan für die obge- 
nannten reverentialen Verwandtschafts-Bezeichnungen Analoga fehlen. An Stelle der reve- 
rentialen Formen ahau-ixel und tata-atz des Quiche und Cakchiquel fanden die spani- 
schen Priester nur das Abstractum yumil (vom einfachen yum Vater) um in den 
Kirchengebeten „Gott Vater" auszudrücken. 

In excessiver Weise entwickelt treten uns dagegen die Reverentialformen m der Sprache 
der Mexikaner entgegen, welche den Maya-Sprachen durchaus stammfremd ist. Nicht nur 
kann sich im Nahuatl das Reverentialsuffix tzin mit Nomina, Pronomina, selbst mit 
blossen Partikeln verbinden , sondern auch die Verbalflexion ist in der höhern Rede der- 
art mit Reverential-Elementen durchdrungen, dass ohne genaue Kenntniss derselben die 
Analyse complicierterer Wortformen unmöglich ist=). 

In den Maya-Sprachen Guatemalas fehlen nun die; Reverentialformen in der Verbal- 
flexion gänzlich und sie halten mit Hinsicht auf diese gewissermassen die Mitte zwischen 
der Maya von Yucatan und dem Aztekischen von Mexico. Man dürfte nach dem Gesagten 



') Vgl. BRAS.SEOE, Grammaire p. VII und VIII. „^ t„ ,.,;„ 
^ Beispiele: Einfache Form: no-ta mein Vater. Rovoventiallorm : no-ta-tzin 

nehuatl ich „ nehua-tzm 

'■ aino nicht „ amo-tzm 

ni-tla-qua Ich esse (etwas) „ no-c-on-tla-qua 

ni-te-tlacütla ich liebe „ ni-no-tla^ot-ilia 

ni-qu-itoa ich sage (etwas) „ ni-qu-in-it-al-huia 

ni-no-tlaloa ich renne „ ni-no-tlalo-tzin-oa. 



- 13 - 

berechtigt sein, in den ßeverentialformen der Guatemala-Sprachen einen neuen Hinweis 
auf die kulturelle Anlehnung dieser Stämme an Mexico zu erblicken. Es ist sogar vielleicht 
nicht ganz ohne Bedeutung, dass diejenige Form des Aztekischen , welche den Maya-Stiimmen 
Guatemala'« am ehesten und am intensivsten zur Kenntniss gelangte, das Pipil, das ßeve- 
rentialsufflx tzin nur noch verstümmelt als tz enthält (z. B. mu-ta-tz „Vater", mu- 
nan-tz „Mutter" in Salamä statt no-ta-tzin und no-nan-tzin), woduivh mugHuher- 
weise der Uebergang zum tata-atz des Gakchiquel gegeben ist. 

IV. DIE REGIERUNG. 

Das Vorhandensein von Reverentialformen lässt auf das Bedürfniss schliessen , sociale 
Rangunterschiede , ein Höher und Tiefer auf der Stufenleiter der Gesellschaft zu unter- 
scheiden, wie ein solches der fortgeschrittenern Cultur eines ansässigen Volkes entspricht. 
Bot schon die engere Familie Anlass zum Gebrauche von Eeverentialformen der Rede, 
als- Ausdruck der Verehrung der Kinder für ihre Eltern, der Zärtlichkeit der Eltern für 
ihre Kinder, der Achtung der Schwestern für ihre Brüder als präsumptive Nachfolger in 
der väterlichen Autorität, so war doch erst die weitere Familie, das chinamit oder 
calpu.1, der Entwicklung solcher Ausdrücke recht günstig. Sie ersetzten innerhalb des 
chinamit den Mangel an speciellen Bezeichnungen für entferntere Verwandtschaftsgrade 
und sie gestatteten alle Rücksichten der Höflichkeit gegen die Angehörigen eines andern 
chinamit, mit dem man durch Heirat in verwandtschaftliche Beziehungen getreten war. 
Indessen blieb ihr Gebrauch nicht IjIoss auf diese Fälle beschränkt , sondern erstreckte sich 
auch auf die Mitglieder derjenigen Familien , welche von Alters her durch ihre Abstammung 
und ihre sociale Stellung auf eine besonders ehifurchtsvolle Behandlung Anspruch hatten , 
da ihnen durch alten Brauch die Leitung des gesammten Volkes übertragen war. 

Der allgemeine Ausdruck , mit welchem alle über dem gemeinen Volke Stehenden , also 
die „Vornehmen", bezeichnet wurden, ist ajau, ein Titel, welcher also nicht Ijloss einer 
speciellen Stellung zukam, sondern zur nähern Bezeichnung dieser noch weiterer Ausdrücke 
bedurfte. Das Wort ajau wird von Brasseur und Beinton i) auf die Autorität des Ximenez 
hin als „Träger des Halsbandes" erklärt, eine Deutung, welche ich keineswegs für liin- 
länglich belegt ansehen kann. Vielmehr möchte ich diese darin suchen, dass das Radikal 
au in verschiedenen Synthesen der Quiche-, Pokom- und Mam-Sprachen vorkommt, stets 
mit der Bedeutung „Feld, säen, das Feld bestellen""), aj-au ist also zunächst „derjenige, 
der das urbare Land unter sich hat", demnach vermutlich derjenige, der dessen Vertheilung 
an die Mitglieder des chinamit besorgt. In dieser Fassung entspricht der ajau genau 
dem calpullec oder chinancallec des mexikanischen calpulli und ist gewisser- 
massen die wörtliche Übersetzung von calpullec. Später, auf einer entwickeitern Stufe, 
ist dann wohl der Begriff „Herr des Landes" als grundlegende Bezeichnung für die obersten 
Häuptlinge dazu gekommen. 

Die niederste Stufe der ajau bildeten die Aeltesten der einzelnen (weitern) Familien, 
indem an der Spitze jedes chinamit ein Oberhaupt stand, welches als Sprecher die 
Interessen des chinamit bei der Obrigkeit vertrat und andererseits für die Ausführung 
ihrer Befehle, sowie für die Aufrechterhaltüng der Ordnung im chinamit und vor Allem 



') Brinton, Gakchiquel Anrials p. 36. -) Stoll, Ixil-Gr. p. 155. 



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für die zweckmässige Vertheilung des vom chinamit gemeinsam geeigneten Landes an 
die einzelnen Mitglieder Sorge trug. Dieses Oberhaupt des chinamit trug im Cakchiquel 
den specielleren Titel ajtz'alami), was die heutigen Indianer mit „principal" oder „calpul" 
übersetzen. Die Aeltesten der chinamit bildeten demnach nicht eine legislative, sondern 
die niederste Executivbehörde. Ihr Amt war nicht erblich, sondern wurde nur alten Män- 
nern von anerkannter Intelligenz und erprobter Tüchtigkeit nach freier Wahl von den 
Angehörigen des chinamit übertragen, obwohl man, wie bei den höhern Aemtern beim 
Tode eines ajtz'alam, seinen direkten oder nähern Verwandten bei gleicher Tüchtigkeit 
vor Fernstehenden den Vorzug gab. 

In einigen Maya-Sprachen ist dann der Name a j a u , welche zunächst nur den Aeltesten ■ 
des chinamit, gleichsam den Vater der weitern Familie bezeichnete, auch auf den Vater 
der engern Familie übergegangen, und wird ferner als Achtungstitel gegen ältere Bürger 
des Dorfes angewandt, wie im Pokonchi (aj-au und j-au). Die Kirchensprache des Quiche 
braucht ajau auch für den himmlischen Vater. 

Trotzdem die "Wahl zum Aeltösten des c h i n a m i t eine Volkswahl war und wesentlich 
durch die Tüchtigkeit zum Amte bestimmt wurde, so war doch auch die Abstammung 
von einer als alt bekannten, schon seit unvordenkhcher Zeit im Lande ansässigen Familie 
ein nothwendiges Requisit ä). Nicht weniger war dies der Fall für die höhern und höchsten 
Staatswürden. Den höchsten Rang nahmen die Abkömmlinge gewisser Familien ein , welche 
ihren Stammbaum bis in die mythische Vorzeit hinauf auf einen der „ersten Menschen" 
(nabey vinak) zurückführen konnten. So berichtet der Indianer D. Francisco Garcia 
Calel Tzumpan Xanila3), der im .1. 1544, also kurz nach der Eroberung schrieb, wo die 
alten Ueberlieferungen noch genau bekannt waren, dass die wandernden Stämme von drei- 
zehn „vornehmen Familien" (principales familias) angeführt gewesen seien. Von diesen 
besassen fünf besonders hohen Rang, so dass von einer derselben (Copichoch) die obersten 
fürstlichen Personen der Quiches abstammten, die zum Unterschied von den gewöhnlichen 
ajau als „caciques" bezeichnet wurden. Da jedoch cacique kein Quiche- Wort, sondern 
von den Antillen herübergenommen ist, so dürfte das entsprechende Quiche-Wort wohl 
ajau-ajpop gewesen sein, und die ajpop der Quiche-Völker entsprachen ihrer Stellung 
nach den mexikanischen tlatoques; sie sind es, die in den spanischen Berichten als 
„reyes" und „soberanos" erscheinen. 

Dieser höchste Rang blieb offenbar auf die relativ wenigen engern Familien beschränkt, 
welche sich in dhrecter Männerlinie von den Urvätern herleiten konnten. Je weiter sich 
die collaterale Verwandtschaft von der directen Linie entfernte, desto tiefer sank auch der 
Rang des Einzelnen. 

Während die Häupter der chinamit, also die ajau ajtz'alam den niedersten 
Rang als Staatsbeamte einnahmen, so besassen die ajau ajpop den höchsten. AVährend 
aber die Häupter der chinamit direct durch das Volk gewählt wurden, geschah die Wahl 
zum wirklich regierenden Fürsten durch die ajau, das heisst, die Angehörigen der vor- 



') tz'alam ist alles, was dio Form eines Brettes besitzt, oder aus Brettern gemacht ist, und ajtz'alam 
wird daher heutzutage für „Tischler" gebraucht. Die Beziehung des Wortes tz'alam zum Amte der 
Ältesten des chinamit ist daher dunkel, wenn nicht etwa der Schlüssel dazu dann hegt, dass wie 
XiMENEZ (p. 167) berichtet, die öflentlichen Gebäude als tz'alam-coxtnm bezeichnet wurden, so dass 
also ajtz'alam der „Aufseher der öflentlichen Gebäude" wäre. Damit würde der Umstand übereinstimmen, 
da.ss im heutigen Pokonchi das identische tz'ilom noch Gefiingniss bedeutet. 

-J .JUARROS, II p. 10. ZURITA p. 50. ») JUAKROS , II p. 10. 



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nehmen, aber dem Range nach unter dei- königlichen Familie stehenden Geschlechter. 

Um für die höchste Staatsstelle Personen von reifer Erfahrung zu erhalten, existierte 
ein eigenthümliches Promotionssystem, wonach der Thronberechtigte, um an die Spitze 
des Staates zu gelangen, bereits untergeordnete Grade im Staatshaushalt bekleidet haben 
musste. Beispielsweise wird von den Quiches berichtet, dass ihre oberste Behörde aus drei 
Männern bestand, von denen nur einer den höchsten Rang bekleidete. Sein Rangabzeichen 
war ein dreifacher Throniiiunnel aus kostbaren Federn. Ihm folgte im Rang ein anderer 
Häuptling, dessen Sitz einen doppelten Baldachin besass, der dritte Beamte hatte nur 
Anspruch auf einen einfachen Thronhimmel. Sie theilten sich in die obersten Staatsgeschäfte. 
Beim Tode des obersten Beamten rückte der zweite an dessen Stelle, und der dritte über- 
nahm die Geschäfte des zweiten. An die vakant gewordene Stelle des dritten wurde aus 
den Brüdern oder Söhnen des Verstorbenen ein neuer Beamter gewählt. Es waren also die 
obersten Häuptlingswürden innerhalb gewisser subgentes erblich , und zwar nicht bloss vom 
Vater auf den Sohn, unter Einhaltung des oberwähnten Turnus, sondern auch vom altern 
Bruder auf den Jüngern. So erzählt ZuritaI), dass er in Tecpam Guatemala, der alten 
Hauptstadt der Cakchiqueles , einen Häuptling gekannt habe, der seinem Bruder im Amte 
gefolgt sei, und zwar mit absichtlicher Uebergehung des Sohnes desselben, da dieser 
blind war. 

Der Zweck dieser Bestimmungen war, zu verhüten, dass ein Kind oder ein unfähiger 
Mann an die Spitze der Regierung gestellt wurde, indem durch die Einführung des Befjr- 
derungsturnus ein Thronkandidat erst in reifern Lebensjahren zur Regierung gelangte und 
indem durch die Freiheit der Uebertragung des höchsten Amtes auf Brüder oder Söhne 
des verstorbenen Oljerhäuptlings Opportunitäts-Rücksichten zu Gunsten des Staates viel aus- 
giebiger walten konnten, als bei einer strengen Majorats-Succession. 

Dass das Princip successiver Beförderung von einfachem zu verantwortlichern Aemtern 
nicht bloss auf die höchsten Stellen beschränkt war, beweist der Umstand, dass dasselbe 
heute noch bei der Besetzung der indianischen Gemeindeämter üblich ist, wie denn auch 
FuENTES^) aus seiner Zeit erzählt: „So wird es auch heute noch unweigerlich für die Aemter 
„der Alcalden gehalten, zu welchen sie erst gelangen, wenn sie die untergeordneten Stellen 
„von alguaciles, Schreibern, und alguäciles mayores passiert haben." 

Trotzdem die Würde des obersten Häuptlings und seiner Räthe durch kostbare Kleidung, 
prächtige Wohnung, Thronsessel, durch die Befreiung von aller niedern Arbeit , sowie durch 
besondere Reverentialformen in der Anrede (ajau-al, ajau-ixel, lal) gekennzeichnet, 
und trotzdem sie durch uralte Sitte an besondere Familien geknüpft war, die als weit 
über dem gemeinen Volke stehend betrachtet wurden, war die Rolle der obersten Häupt- 
linge doch keineswegs diejenige von völlig willensfreien Despoten, sondern vielmehr von 
verantwortlichen Staatsbeamten. 

Ihr Thun und Lassen war daher der Kritik der übrigen Vornehmen (ajau) unterstellt 
und da die niedersten derselben, die Aeltesten der chinamit, bloss Delegierte des Volkes 
waren, so übte auch dieses durch die Aeltesten gewissermassen die Controle über seine 
obersten Beamten aus. 

Wie wenig die ganze Organisation eine in unserm Siime monarchische oder gar des- 
potische war, geht aus den strafrechtlichen Bestimmungen deutlich hervor. Falls die Ober- 



') ZUEITA, p. 18. =) FUENTES, I p. 25. 



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häuptlinge ein tyrannisches und grausames Regiment führten , so beriethen die Angehörigen 
der vornehmen Familien, also die ajau, mit den Aeltesten der chinamit, also mit den 
Delegierten des Volkes, die zur Abhülfe zu treffenden Massregeln. Diese konnten in 
Absetzung des Oberhäuptlings und sogar in der Todesstrafe bestehen. Seine Familie ging 
dabei der mit der Oberhäuptlingswürde verbundenen Güternutzniessung verlustig und die 
Frauen und Kinder des Abgesetzten wurden zu Sclaven erklärt. Sein Nachfolger wurde 
durch gesetzmässige Wahl ein naher Verwandter, an den die Nutzniessung der königlichen 
Güter übergingt). Indessen berichtet Ximenez*), dass kein Fall der Ausführung dieses 
Gesetzes bekannt sei , so dass dieses wohl nur als Zaum füi- die Könige (de freno ä los reyes) 
gedient habe. 

Der oberste Häuptling, der von den Spaniern als „rey" bezeichnet wird, und seine 
Beisitzer bildeten demgemäss den obersten Rath der Tribus. Die Zahl der Beisitzer wird 
nach den Stämmen verschieden angegeben. Für die Quiches werden zwei derselben genannt , 
während dem Oberhäuptling der Tz'utujiles ein Rath von vier Männern zur Seite stand, 
welche als Executivbehörde , als Schatzmeister und Steuereinnehmer fungierten^). 

Dieser oberste Rath der Tribus bildete die eigentliche Landesregierung, er beschloss 
Krieg oder Frieden mit den Nachbarstämmen, ging mit diesen Conföderationen ein, wählte 
die Beamten der unterjochten Provinzen, entsandte Abgeordnete an die Regierung fremder 
Stämme, übte durch besondere Delegierte die oberste Gerichtsbarkeit und führte den Krieg. 

Die Kosten der Verwaltung bestritt die Regierung aus den Tributen und Frohnen, 
welche die einzelnen Ortschaften zu leisten verpflichtet waren. Die Tribute bestanden vor 
Allem in den Bedürfhissen für den täglichen Unterhalt, wie Mais, Cacao, Bohnen, Geflügel 
und Honig, ferner in Material zur Verfertigung von Luxusgegenständen, also in Gold und 
Edelsteinen , in kostbaren Federn , ferner in Sclaven beiderlei Geschlechtes *). Endlich besassen 
die Häuptlinge besondere Jagdbefugnisse und die chinamit des Stammes waren ver- 
pflichtet, den Oberhäuptlingen Wohnungen zu bauen. Die Art und Weise, wie die Indianer 
von Atitlan (1. c.) diese Tribute erwähnen , lässt darauf schliessen , dass dieselben von der 
Regierung den einzelnen Ortschaften in toto auferlegt wurden, und dass die Vertheilung 
auf die einzelnen Sonderfamilien Sache der Aeltesten des chinamit war, wie in Mexico. 
Dadurch blieb Recht und Billigkeit und eine den localen Verhältnissen angepasste Ver- 
theilung der Einzelbeiträge zu dem einer Ortschaft auferlegten Gesammttribut ohne Zweifel 
besser gewahrt, als bei directer Einmischung der Regierungsbeamten in die Verhältnisse 
des Einzelnen. Die Gemeinden unterhielten zum Zweck der Steueraufbringung an Feld- 
früchten besondere Grundstücke, die sie wohl abtheilungsweise von den Bewohnern, resp. 
deren Sclaven, bearbeiten Hessen und deren Rest wir in der heutigen Einrichtung der 
„Milpa comunal" erblicken dürfen. Die „Milpa comunal" (Gemeinde-Maisfeld) der indianischen 
Dörfer des heutigen Guatemala, zu deren Bearbeitung sämmtliche Dorfbewohner abtheilungs- 
weise verpflichtet sind, dient dazu, die Gemeindekasse zu unterhalten. Die einzelnen 
Abtheilungen der Bewohner arbeiten je eine Woche in diesen öffentlichen Grundstücken und 
werden von Sonntag zu Sonntag abgelöst ^). Diese moderne Einrichtung mag uns eine Vor- 
stellung von den vorspanischen Verhältnissen geben , denen sie ohne Zweifel entsprungen ist. 

Im obersten Rath der Tribus und in den Aeltesten def chinamit sind die höchsten 



') FüENTES, I, p. 30. ■) XiMENEZ, p. 197. ■') Rhquete , p. 418. ■') Requete, p. 41ü, 417. 

) Stoll, Guatemala p. 354. 



- 17 - 

und (lio niüdrigsten Staatsbeamten gegeben. Zwischen beide Amtsstellen, die nicht direct 
miteinander verkehrten , schoben sich aber noch zahlreiche andere Beamte ein , die ebenfalls 
auf die allgemeine Bezeichnung ajau Anspruch hatten, also Abkömmlinge der alten Familien 
waren, und daher den tectecuhtzin und pipiltin Mexico's zu vergleichen sind. Sie 
standen auf verschiedenen Stufen des Ranges , je nach dem Umfange ihrer Machtbefugniss , 
was unter anderm daraus hervorgeht, dass die Indianer von Atitlan in ihrem Schreiben 
an Philipp II, sie mit Herzogen, Markgrafen, Grafen, Rittern, Adeligen vergleichen. Ver- 
schiedene Stellen der Berichte sprechen dafür, dass Angehörige dieser Adelsklasse nach 
Gutdünken und zwar von den obersten Machthabern und nicht vom Volke mit Verwal- 
tungsstellen belehnt wurden. So sagt der ,,Titulo de los Sehores de Totonicapam" i) : 
„Die alten Häuptlinge wählten und investierten andere Vornehme, damit diese in den ver- 
schiedenen Gegenden, welche sie zu besetzen gingen, bereits eine feste Stellung hätten 
und die Stelle von Unterhäuptlingen versehen könnten. Sie wählten sie, während alle in 
einem Hause in vollständiger Versammlung beisammen waren. Sie wählten also neun mit 
von dem Titel ajtz'alam, neun mit dem Titel rajpop-ajtz'alam und neun mit dem 
utzam-chinamital"'). 

Ausser den ebengenannten sind zahlreiche andere Benennungen und Titel der ver- 
schiedenen, zwischen den obersten und niedersten Häuptlingen stehenden Functionäre über- 
liefert, und seit Brasseur fehlt es nicht an Versuchen, dieselben etymologisch zu erklären. 
Indessen sind diese Versuche nachweisbar in ihrer Mehrzahl so unbefriedigend, dass es 
nicht gelingt, die Function und Stellung jedes einzelnen Beamten sicher nachzuweisen. 
Es ist daher gerathener, sich einer genauen Schematisierung dieser Beamtenhierarchie zu 
enthalten und sich nur allgemein dahin auszusprechen, dass aus der Klasse der ajau alle 
diejenigen Beamten gewählt wurden, welche die verschiedenen Zweige der Provincial- 
verwaltung in Krieg und Frieden auf geistlichem und weltlichem Gebiet notwendig machten. 
Dahin gehörten zunächst die Personen der nächsten Umgebung des jeweiligen obersten 
Rathes, welche nach der A.uffassung der Spanier dessen „Hofstaat" bildeten, die wir aber 
wol richtiger als „erweiterten Staatsrath" bezeichnen können. Dahin gehörten ferner die 
Beamten für das Eintreiben der Tribute, diejenigen welche an Stelle und als Vertreter 
der Oberhäuptlinge in den Provinzen Recht sprachen, die Provinzialverwalter , die untern 
Tr-uppenführer und, wie wir später sehen werden, die Priester. Da aber anzunehmen ist, 
dass nicht die ganze Descendenz der Angehörigen der vornehmen Familien im activen Dienst 
Verwendung fand, so gab es ohne Zweifel auch in Guatemala, wie in Mexico, Leute ohne 
Amt, welche bloss ..nobles de raza", entsprechend den mexikanischen pipiltin, waren. 
Aus ihnen wurden wol durch die Oberhäuptlinge auch die Beamten für die neu unter- 
jochten Provinzen gewählt, deren Amt ebenfalls auf ihre Brüder oder Söhne übergieng, 
vorausgesetzt, dass diese hiezu tauglich waren. Hinterliessen solche Gouverneure weder 
Söhne noch Brüder, so wählte man den geeignetsten ihrer Verwandten, stets aus der 
Klasse der ajau. Zu ihrem Unterhalt diente der Ertrag eines besonderen Grundstückes^). 

Die Gesammtheit der höhern Beamten des Landes bildete gewissermassen einen Natio- 
nalrath, ohne dessen Gutheissung keine wichtige Massregel getroffen werden durfte. Als 



') TiTULo, p. 54. 

■) Ueber ajtz'alam (nicht ajgalani, wio H. de Chaeencey schreibt) siehe oben p. 4. rajpop- 
ajtz'alam deutet einen höhern Rang an, als das einfache ajtz'alam, und utzam-chinamital bedeutet 
einfach „das Haupt" oder „die Spitze des chinamit". 

^) ZURITA, p. 407. 

I. A. f. E. I. Suppl. I. 3 



- 18 - 

z. B. Alvarado im J. 1521 die ersten Schlachten auf dem Hochland von Quezaltenango 
gegen das Heer der Quiches siegreich geschlagen hatte, versammelten die Oberhäuptlinge 
des Quiche-Reiches , Oxib-Queh und Beleheb-Tzy, diesen Nationalrath , bestehend aus 
den Angehörigen der königlichen Familie und den ersten Beamten des Staates, um über 
die weitern Massnahmen zu berathen^) Wenn der Beschluss gefasst war, mochte er nun 
den Krieg oder etwas Anderes betreflfen, so theilten die ajau denselben den Aeltesten der 
chinamit mit. Diesen lag es ob, den Angehörigen ihres chinamit davon Mittheilung 
zu machen und diese führten dann die Beschlüsse des Nationalrathes aus. 

Eine Hauptaufgabe der Staatsbeamten war die Rechtspflege, deren Gerechtigkeit 
und Zweckmässigkeit, aber auch Härte von den Schriftstellern ausdrücklich hervorgehoben 

wird. 

Wichtige Fälle entschied der Oberhäuptling unter Zuziehung seines Rathes, eventuell 
durch Entsendung von Abgeordneten, die Mitglieder der königlichen Familie waren, in 
entferntere Landestheile -). In den einzelnen Ortschaften übten die Häupter der chinamit 
die niedere Gerichtsbarkeit. 

Die gesetzlichen Strafen bestanden in der Todesstrafe, in der Confiscation des Sonder- 
eigentums, in Bussen, und in Degradierung in den Stand der Sklaven. Gefängnissstrafen 
waren nicht üblich. 

Mit der Todesstrafe wurden belegt: Aufreizung zum Aufruhr wider die Obrigkeit, 
Verrath gegen die Regierung und das Land, Flüchtigwerden der Vasallen, Mord, Ehebruch 
mit einer verheirateten Frau aus einem der vornehmsten Geschlechter, widernatürliche 
Unzucht, vollendete Nothzucht, Jagd- und Fischfang auf fremdem Gebiet, Brandstiftung, 
Tempelraub grösseren ümfanges, schädliche Zauberei, schwerer Diebstahl und Jagdfrevel. 

Die Todesstrafe bestand: 

Im Herabstürzen von hohen Orten (despenar): für Tempelraub und Ehebruch Gemeiner 
mit vornehmen Frauen. 

In der gewöhnlich'en Hinrichtung durch Oeffnen der Brust und Ausschneiden des Herzens : 
für Ehebruch Vornehmer mit vornehmen Frauen, Landesverrath , Flucht der Vasallen, 
Uebergang zum Feinde. 

In Verbrennung: für Zauberei. 

Im Erhängen: für rückfällige, unverbesserliche Diebe. 

In Opferung: für Kriegsgefangene und ertappte Wildfrevler. 

Die Angehörigen eines Brandstifters, der als schwerer, gemeinem Wohle gefährlicher 
Verbrecher hingerichtet wurde, wurden verbannt. 

Die Bussen wurden zunächst zum Zweck des Schadenersatzes an den Geschädigten, 
dann aber auch darüber hinaus, als Strafe, verhängt für Diebstahl, für Hurerei mit fi-emden 
Sklavinnen , für widernatürliche Unzucht. Schadenersatz musste ferner geleistet werden bei 
fahrlässigem Verlust anvertrauten Gutes 3). 

Auch aus der Art der Handhabung der Strafbestimmungen geht neuerdings deutlich 
hervor, dass als die grundlegende Einheit des Staates nicht die Sonderfamilie, sondern das 
chinamit, die subgens, zu betrachten ist. Wenn sich z. B. Jemand durch Flucht seinen 
Obliegenheiten als Unterthan entzog, so musste sein chinamit eine bestimmte Strafe 



') MiLLA, p. 7,3. =) Requete, p. 417. .rr r , i-m n 

ä) üeber dio strafrechtlichon Bostimmungen vgl. Füentes, I p. 30 sqq., Roman, JII fol. lo9., Requete, 
p. 417 sqq., .JuARROS II p. 29 sqq., TouguEMAüA , t. TI lili. 12 cap. 8., p. 387 sqq. 



- 19 - 

zahlen. Bei leichtern Fällen von 'reni])(^li-;uib verfiel iler Tliiltcr und seine Kinder, also die 
engere Familie, der Sklaverei, im Wiederholungsfall wiinle er getödtet und die Sklaverei 
erstreckte sich auf die Agehörigon des ganzen chinaniit. Ferner erzählt Fuentes, dass 
ein Dieb, wenn er einer reichen Familie angehörte, durch sein chinamit losgekauft 
-werden konnte, indem dieses Schadenersatz und Strafe zahlte. Im Wiederholungsfalle war 
allerdings auch der calpnl nicht inrhi- im Stande, den Verbrecher von der Todesstrafe 
zu retten. 

Zu den Berichten der altern Zeit, die hinsichtlich dieser Haftpflicht und des Haft- 
rechtes des chinamit der wünschbaren Vollständigkeit entbehren, liefert uns Thomas 
GageI) werthvolle Ergänzungen. Zu seiner Zeit, also circa 100 Jahre nach der Eroberung, 
wurde ein angeklagter Indianer erst dann von den indianischen Richtern verurtheilt, nach- 
dem dem chinamit des Beklagten und vor allem dem Aeltesten desselben von der Klage 
und ihrem Strafmass Mittheilung gemacht war. Erst wenn das chinamit sich mit der 
Strafe einverstanden erklärte, konnte diese vollzogen werden. Danach ist es sehr wahrschein- 
lich, dass auch beim Strafverfahren der vorspanischen Zeit die Zustimmung des chinamit 
zum Strafvollzug nothwendig war, und es ist anzunehmen, dass sich die Spuren dieser 
Anschauungen auch heute noch in denjenigen Ortschaften finden, wo die Indianer noch eine 
eigene niedere Gerichtsbarkeit besitzen, wie in Quezaltenango , Totonicapam, Tecpam etc. 

Die Güter Hingerichteter wurden confisciert und dienten zur Unterhaltung der obersten 
Gerichtspersonen '). 

Ein besonderer Richter leitete ferner, nach mexikanischem Muster, die Tauschgeschäfte 
auf dem Markte, indem er die Preise der Waaren festsetzte, über allfällige Streitfragen 
entschied und dafür sorgte , dass Niemand zu Schaden kam ^). 

Bei den Pipiles *) stand die Todesstrafe auf folgenden Verbrechen : Blasphemie , Ehebruch 
mit der Frau eines Andern, geschlechtlicher Umgang innerhalb der verbotenen Verwandt- 
schaftsgrade, schwerer Raub, Nothzucht. 

Unzüchtige Reden und Geberden gegen verheirathete Frauen hatten Verbannung und 
Confiscation der Güter zur Folge. 

Zu Sklaven wurden erklärt die Verführer fi-emder Sklavinnen, falls sie sich nicht durch 
Kriegsthaten derart hervorgethan hatten, dass der Oberpriester sie freisprach. Lügner 
wurden gepeitscht , und , falls ihre Lügen Kriegsangelegenheiten betrafen , zu Sklaven gemacht. 

V. DAS VOLK. 

Fragen wii- nun, nachdem ausführlich von den höhern Schichten der Gesellschaft, 
den ajau, die Rede war, nach denjenigen Elementen, welche das eigentliche Volk bildeten , 
so finden wir dessen nirgends besonders erwähnt, da nach der Auffassung der indianischen 
Geschichtschreiber offenbar nur den ajau eine erwähnenswerthe Bedeutung im Staate 
zukam. Die ajau aber waren die Abkömmlinge von „bekannten" Familien, deren Genealogie 
bis auf die Urzeit zurückzuführen war. Diesen „bekannten" Familien standen offenbar eine 
grosse Anzahl „unbekannter" Familien gegenüber, deren Ursprung unbekannt oder niedrig 
war. Sie bildeten das eigentliche „Volk", welchem in erster Linie die Bebauung des Landes, 
die Aufbringung der Steuern des chinamit, dann gewisse Frohndienste , wie das Erbauen 



') Gage p. 313. =) Requete p. 417. ^) Roman, t. IIl fol. 160. ■•) Palacio, p. 80. 



- 20 - 

der steinernen Tempel und Fürstenhäuser, die Ausübung der verschiedenen Gewerbe, an 
denen theils die Männer, theils die Frauen theilnahmen ; dann das Tragen von Lasten, 
namentlich auch die Beförderung der Lebensmittel im Kriege, sovile endlich der active 
"Waffendienst zukam. Eine allgemeine Bezeichnung für „Volk" oder „Gemeiner" im Gegen- 
satz zu den ajau, etwa wie das mexikanische macehualli ist nicht bekannt. Das 
gänzliche Stillschweigen, welches die indianischen Geschichtschreiber über alles das „Volk" 
betreffende Detail beobachten, lässt darauf schliessen, dass die Kluft, welche das Volk von 
den ajau trennte, nicht weniger gross war, als in Mexico, wo die macehualli stets 
von der Regierung ausgeschlossen blieben ')• 

Von der Existenz eines besondern Handelsstandes, wie in Mexico, lesen wir nichts. 
Die Häuptlinge der Verapaz trugen zwar Sorge dafür, dass grosse und reiche Märkte abge- 
halten wurden, wo die Producte der verschiedenen Landesgegenden von ihren Produzenten 
zusammengebracht und gegen andere umgetauscht wurden : Mais für Frijol und Frijol für 
Cacao, Baumwolltuch für Gold und kleine Kupfer- oder Goldäxte, für Schmuckfedern und 
Edelsteine, Fleisch für andere Nahrungsmittel °). 

Volksernährung. — Der Landbau umfasste je nach der Landesgegend eine Anzahl ver- 
schiedener Nutzpflanzen. Die wichtigsten davon waren der Mais, von welchem eine Reihe 
von Varietäten cultiviert wurde, die alle besondere einheimische Namen trugen, ferner 
die schwarze Bohne (Phaseolus vulgaris varr.), von der ebenfalls mehrere Spielarten 
bekannt waren , wie die Untersuchung der Sprachen zeigt. Diese beiden Pflanzen bildeten 
die Grundlage der ganzen Volksernährung, und namentlich die auf die Maiskultur und auf 
die Maisgerichte bezüglichen Ausdrücke würden, zusammengestellt, ein recht stattliches 
Verzeichniss ergeben. 

Es bietet zur Beleuchtung der Frage, wie viel Guatemala der aztekischen und wie 
viel der Maya-Kultur zu verdanken habe, ein gewisses Interesse, einige dieser Ausdrücke 
in den in Frage kommenden Sprachen zu untersuchen, weshalb nachstehendes Verzeichniss 
denselben hier Platz finden möge. 



Nahuatl. 



HUASTECA. 



Maya. 



TZENTAL- 

Gkuppe. 



Mame- 
Gkuppe. 



POKOM- 
GrRUPPE. 



QUICHE- 

Geuppe. 



Maisfeld 

Maisstaude . . . . 

Maiskörner . . . . 

Maiskolben . . . . 

Hülle des Maiskolbens. 

Axe d. Maiskolbens . 

Teig aus gemahlenem 
Mais 

Tortilla 

Trocken geröstete Tor- 
tilla 

Feingemahlener Mais. 

Getränk aus feinem 
Maismehl . . . . 

Gericht aus Mais- 
Grütze 

Unreifer Maiskolben . 

Maismahlstein . . . 



milli 

centzontlaolli? 

tlaolli 

sintli 

totomochtli 

olotl 

textli 
tlaxcalli 

totopochtic 
posolli 

posolatl, atolli. 

tamalli 
elotl, xilotl 
metlatl 



em 



guai 
jojob 
bojol 

coyem 
bacam 



catut;tochon 



cuitom. iban. 

ajam 

tza 



kol (col) 

nal 

ixim 

nal 

joloch 

bakal (bacal) 

(keyem) zacan 
vuaj (uah) 

sakpet 
keyem, zacan 

sa 

(tamal) 
och 



kal 

ixim 
nal 

jojoch 
bakal 

patas 
vuaj 

saksit 
maatz 

ul 

(tamale) 

ajan 

cha 



com 
avual 
ixim 
jal 

balaj 

ma'tzil ixim 
le, vua 

xu 

buj 

uc'a, tzatzla 

chix 

o'ch, matzin jal 

ca 



ivuan 

ivuan 

ixim 

jal 

tulub 

bajlak 

buch 
vuic 

chac'o'c 
k'or 

matz, picab 

rap, hoch 
ojch, rex jal 
ca 



avuan, abix 

avuan 

ixim 

jal 

Joe 

pi'k 

tzo 
vuay 

otz'o'tz 
pusul 

k'or 

bo'k 
o'ch 
ca 



') ZURITA, p. 15. 



Roman, t. III. fol. lüO. 



- 21 - 

Wenn es überhaupt gestattet ist, aus einer derartigen Zusammenstellung Schlüsse zu 
ziehen, so ergibt sich aus Obigem etwa folgendes: 

Sämmtliche Maya-Stämme sind in ihrer Bezeichnung des Mais und der daraus ange- 
fertigten Gerichte von Mexico durchaus unabhängig. Mit Ausnahme des Cakchiquel-Wortes 
pusul, welches offenbar modernen, mexikanischen Ursprungs (posolli) ist, findet sich 
kein einziges Lehnwort aus dem Aztekischen. 

Die grundlegenden, sämmtlichen Maya-Sprachen , mit Ausschluss des Huastekischen , 
eigentümlichen Begriffe sind derjenige der Maiskörner, ix im (mit dem Hua.stekischen isis) 
und des Fruchtkolbens, nal (durch Lautverschiebung jal in den Guatemala-Sprachen). 
Ihnen folgt die leere, von den Körnern befreite Axe des Maiskolbens. 

Es ist also vor Allem der fruchttragende Kolben, dessen Terminologie sich in 
bestimmten, fast überall identischen Ausdrücken vorfindet, was mit seiner Wichtigkeit 
als allgemeinstes Nahrungsmittel übereinstimmt. 

Für die einzelnen, aus dem Mais hergestellten Gerichte begegnen wir fast überall 
besondern Ausdrücken, die aber in den verschiedenen Sprachengruppen verschieden sind. 
Am übereinstimmendsten treten uns hier die Ausdrücke für das wichtigste der Maisgerichte 
entgegen , für den Maiskuchen (tortilla) , für die wir nur im Lxil (Mame-Gruppe) einem von 
den übrigen abweichenden Stamme (le) begegnen. 

Nehmen wir hinzu, dass auch der Ausdruck für Maismahlstein, ca (mit den Laut- 
verschiebungen tza und cha) in sämmtlichen Maya-Sprachen identisch ist und sich 
ebenfalls durchaus vom entsprechenden mexikanischen unterscheidet, so dürfen wir sicher 
die Ausdrücke für Maiskolben, Maiskörner, Maiskuchen und Maismahlstein 
als die ältesten ansehen, herrührend aus einer Zeit, wo die Maya-Stämme sich noch 
nicht in ihre einzelnen Gruppen aufgelöst hatten. Diesen ältesten Begriffen reihten sich 
dann im Laufe der Zeit successive die Bezeichnungen der übrigen in diesen Ländern 
üblichen Maisgerichte an , Bezeichnungen, welche meistens von Gruppe zu Gruppe wechseln , 
was wohl darauf schliessen lässt, dass diese Bezeichnungen Jüngern Ursprungs sind, und 
dass sie ihren Namen kleinen localen Verschiedenheiten in der Art und Bereitungsweise 
der einzelnen Gerichte verdanken. Während zum Beispiel die Maya und die Tzental- 
Sprachen für die aus Maisgrütze hergestellten Gerichte nur das mexikanische Lehnwort 
tamal besitzen, welches ohne Zweifel erst durch die Conquista bei ihnen Eingang fand, 
haben wir in Mexico sowohl , als in einzelnen Gegenden Guatemala's , vor Allem im Pokonchi, 
eine ganze Reihe verschiedener Arten solcher Gerichte zu verzeichnen, deren Namen übri- 
gens in obiger Liste nicht aufgeführt sind. 

Wir müssen ferner aus der radikalen Verschiedenheit, welche wü" zwischen der mexi- 
kanischen und der Maya-Terminologie mit Hinsicht auf die Maiskultur finden , schliessen , 
dass diese Völker dieselbe entweder unabhängig von einander aus verschiedenen Quellen 
bezogen; oder, wenn die Quelle dafür eine gemeinsame war, so musste sie zeitlich sehr 
weit zurückliegen und in eine Epoche hinaufreichen, wo die beiden Culturvölker auch 
räumlich noch lange Zeit getrennt waren, denn nicht einmal die Huasteca , der am frühesten 
von den übrigen Mayas abgetrennte und in Berührung mit den Nahuas stehende Zweig, 
lehnt sich an das Aztekische an. 

Am eingehendsten ist die aztekische Maisnomenclatur ausgebildet, aber wenn sie 
auch eine Anzahl von Ausdrücken enthält, welche den Maya-Sprachen fehlen, so geben 
diese ihr wenig nach, und die Kultur und wichtigste Behandlungsweise dürfte wohl in 



— 22 — 

Mexico, Yucatan und Guatemala so ziemlich dieselbe gewesen sein. Nachdem ein Stück 
Land durch Fällen allfalliger Bäume mittelst der Axt (icaj), Niederbrennen des Gestrüpps 
und Ausjäten des Unkrauts urbar gemacht war, wurde dasselbe wohl in derselben Weise, 
wie auch heute noch, besäet, indem der Säemann, der die Saatkörner in einer Umhäng- 
tasche bei sieh trug, auf dem Felde auf und ab schritt und mit einem langen und dicken 
Stock, ohne sich zu bücken, in regelmässigen Zwischenräumen Löcher in die Erde stiess, 
in welche er einige Maiskörner warf und dieselben mittelst seines Stockes wieder mit Erde 
deckte. Nachdem die jungen Maisstauden sich aus dem Boden erhoben hatten, wurde die 
Erde um ihre Wurzeln aufgehäuft, damit der Regen dieselben nicht blosslege, das Unkraut 
wiederholt ausgerodet und die Saat auf jede Weise, namenthch auch durch besondere 
Wächter vor den körnerfressenden Vögeln und verschiedenen Säugethieren geschützt. Sobald 
die jungen Maiskolben festere, aber noch weiche, süssliche Körner angesetzt hatten (elotl), 
konnte der Mais als Nahrung nutzbar gemacht werden, indem diese jungen Kolben theils 
roh, theils gekocht, zu Speisen und Getränken verarbeitet, verzehrt wurden. Die Haupt- 
ernte begann aber erst nach dem Ausreifen der Kolben, die in besondern Vorrathshäusern 
aufbewahrt wurden. 

War alsdann Bestellung des Feldes und das Einbringen der Ernte vorzugsweise, wenn 
auch nicht ausschliesslich, Sache der Männer, so begann mit der Einbringung der Ernte 
die wichtigste, mühseligste und zeitraubendste Arbeit der indianischen Frau. Ihr kam es 
zu, täglich die für die Familie nothwendige Menge von Mais zur Bereitung der Tortillas zu- 
zubereiten. Zu diesem Zwecke wurden die vom Kolben mit der Hand oder durch Schlagen 
losgebrochenen Körner in Wasser gesotten, das mit Kalk oder Asche versetzt war. Dadurch 
wurde das Korn aufgeweicht und konnte nun gewaschen werden, wobei die Haut des 
Maiskorns sich ablöste und durch das Waschen entfernt wurde. Das Produkt dieser Pro- 
cedur war der nistamal der Mexikaner oder kuum der Mayas, tz» der Cakchiqueles. 
Der Nistamal wurde nun auf dem Mahlstein gemahlen. 

War alsdann der Mais zu einem feinen Teig zerrieben, so lieferte er das Material für 
verschiedene Gerichte. In diesem Zustand bildete er das t e x 1 1 i der Mexikaner , das 
keyem der Mayas, das buch der Pokonchi. Wurde er während des Mahlens mit Salz 
versetzt, so lieferte er den Teig für die gewöhnliche Tortilla, welche mit der Hand geformt 
und auf der flachen thönernen Tortillaschüssel (comalli der Mexikaner) geröstet ward. 
Wurde er ohne Salz gemahlen, so bildete er das sakan (zacan) der Mayas, woraus 
durch Kochen mit Wasser ein dünnflüssiges Getränk, das atolli der Azteken, sa (za) 
der Mayas , k ' o r der Cakchiqueles gewonnen ward. Wurde der Mais nur grob unter Zusatz 
von Salz und Fett gemahlen, so lieferte er die Teigmasse, welche die Mayas kol nannton, 
und aus welcher durch Zusatz von Fleisch, Gewürzen die verschiedenen Arten des tamalli 
gefertigt wurden, die heute noch in Gebrauch sind. 

Diese wenigen Andeutungen über die indianische Küche mögen genügen, um zu zeigen, 
wie entwickelt der Gebrauch des Mais bei all' den hier in Frage kommenden Völkern war. 
Es ist daher nicht zu verwundern, wenn ihre anthropogenetischen Sagen enge mit dieser 
Kulturpflanze verknüpft sind. Im Popol Vuh mahlt die alte Zauberin Xinucane aus den 
von Thieren herbeigebrachten Kolben des weissen und gelben Mais den Speisebrei, aus dem 
das Fleisch und Blut der Menschen bestehen und womit ihre Glieder gefüllt werden i). Auch 



') Popol Vuh, p. 190. 



- 23 - 

die Annalen der Cakchiqueles i) erwähnen eine Mischung von Maisteig und Thierblut als den 
Grundstoff, aus welchem das Fleisch der ersten Menschen geformt wird. Und da die 
Erschaffung durch göttliche Kraft bewirkt wird, ist es auch begreiflich, dass die Verehrung, 
die man dieser zollt, sich auch auf das Kohmaterial überträgt, welches alljährlich aus 
kleinen Maiskörnern auf wunderbare Weise zu gewaltigen , hundertfältigen Ertrag liefernden 
Kolben heranwächst, und dass die mit der Aussaat des Mais verbundenen Verrichtungen 
sich zu religiösen Ceremonien gestalteten. 

Es ist zur Beleuchtung der gesammten Maisfrage von entschiedenem Interesse, dass 
die einzige, dem Mais botanisch einigermassen verwandte Pflanze , Euchlaena luxurians, 
in Guatemala wild wächst. Sie ist daselbst unter dem Namen teosinte bekannt, was 
„Gottesmais" bedeutet (von teotl Gott und sintli Maiskolben). Die Körner des teosinte 
werden gesammelt und, z. B. in Chiquimula, auf dem Markte zu circa 6 Centavos das 
Pfund verkauft. 

Zu den beiden wichtigsten Kulturpflanzen, dem Mais und den Bohnen, gesellen sich 
noch eine Reihe anderer wie der Chile (Capsicum annuum), die Yuca (Manihot utilissi- 
ma), der Camote (Batatas edulis), die Tomate (Lycopersicum esculentum var.), der 
Cacao (Theobroma cacao), der Pataxte (Theobroma bicolor), der Chayote (Sechium 
edule), der Achiote (Bixa orellana), die Cactus fruchte (Opuntia ficus-indica) , die 
Ananas (Ananassa sativa) und andere. Nicht weniger zahlreich als diese mehr kraut- 
und buschartigen Gewächse waren die einheimischen Obstbäume, der Aguacate (Persea 
gratissima), der Chicosapote (Sapota achras), die Papaya (Papaya sativa), verschie- 
dene Anona-Arten, der Jocote (Spondias dulcis), und andere Bäume melir. Als Ge- 
spinnstpflanzen der Tierra caliente finden wir die Baumwolle (Gossypium sp.), während 
in der Tierra fria der Maguey (Agave americana varr.) das Fasermaterial zu einer Menge 
von Flechtarbeiten lieferte. 

Der Maguey steht auch unter den Genussmittel liefernden Pflanzen oben an, indem 
ihm der Wein dieser Völker entnommen wurde, der in Mexico den Namen octli, in 
Guatemala denjenigen von sakqu'iy trug. Ob dagegen die jetzt so allgemein von den 
Indianern getrunkene chicha, die durch Zuckergährung mit Zusatz von Jocote-Früchten 
bereitet wird, ebenfalls ein autochthones und nicht ein von aussen (Peru?) importiertes 
Genussmittel der guatemaltekischen Indianer gewesen sei, mag dahingestellt bleiben. Thomas 
Gage , der die Herstellung der chicha beschreibt ^) , sagt darüber folgendes : „Sie thun erstlich 
„ein wenig Wasser in den Krug, dann füllen sie ihn mit Saft von Zuckerrohr oder ein 
„wenig Honig, damit der Trank süss werde und um ihn stark zu machen, thun sie 
„Tabakwurzeln und Blätter und andere Wurzeln, welche dazulande wachsen und von 
„denen sie wissen , dass sie dergleichen Wirkung haben , dazu. Ich habe selbst an ver- 
„schiedenen Orten gesehen , dass sie eine lebendige Kröte dazu hineingeworfen haben. Hierauf 
„wird das Gefäss zugemacht, und sie lassen dieses alles 15 Tage odei- einen Monat lang 
„miteinander gähren, bis alles wohl durchgearbeitet, die KJröte ganz verwest ist und der 
„Trank die verlangte Stärke bekommen hat. Alsdann machen sie das Gefäss wieder auf, 
„und laden ihre Freunde zum Schmause, der gewöhnlich bei der Nacht angestellt wird, 
„damit sie vom Priester des Dorfes nicht darüber ertappet werden und hören nicht eher 
„auf zu trinken, bis sie sämmtlich toll und voll sind." — Heute ist die Chichafabrikation 



') Beinton, Annais, p. 68. ") Gage p. 307. 



- 24 - 

an Patente gebunden und wird nur im Grossen betrieben, weshalb von Zusatz lebender 
Kröten keine Rede mehr ist. Dennoch möchte ich die Angabe von Gage nicht bezweifeln, 
denn der Kröte werden heute noch heilsame Ki-äfte zugeschrieben. So werden nn nord- 
westlichen Tiefland z.B. chronische Ekzeme von der Volksmedizin mitunter behandelt, 
indem man eine lebende Kröte mit dem Bauch über der Hautstelle hin- und herreibt, bis 
derselbe lebhaft roth wird. 

Als weiteres Genussmittel ist der Tabak zu nennen, obwol über semen vorspamschen 
Gebrauch nichts bekannt ist. Die heutigen Indianer ziehen , im Gegensatz zu den Misch- 
lingen, die Cigarre der Cigarette weit vor, und dasselbe AVort, si'c, bezeichnet die Tabak- 
pflanze und die Cigarre. Die Pfeife wird heutzutage als si'cbal beyoma, „das Rauch- 
instrument der Reichen" (d. h. der Fremden) bezeichnet und wird von den Indianern nicht 
benutzt. Es ist mir nicht bekannt, dass irgendwo in Guatemala aus praehistorischer Zeit 
Tabakpfeifenköpfe gefunden worden wären, weshalb ich die Cigarre für die prähistorische 
Form des Tabakgebrauchs in Guatemala halten muss. 

FcENTEsi) berichtet, dass die Indianer von Alotenango (Cakchiqueles) eine gewisse 
Art von Cigarren zubereiteten, die sie „puquietes" nannten. Sie bestanden aus heilkräfti- 
gen und aromatischen Kräutern verschiedener Art. Das Deckblatt wurde vom Guayabo- 
Baume genommen, und darüber noch ein fester und glänzender Firniss aus verschiedenen 
Farben und aromatischen Harzen aufgetragen. Der Gebrauch solcher Cigarren galt, ihrer 
Kostspieligkeit wegen, als ein Zeichen von Ueppigkeit und Wohlstand. 

Als Gewürze diente das Salz, gewisse Erdarten, der Chile und Honig. Das 
Salz wurde jedenfalls, wie in der historischen Zeit^) durch Kochen des durch Verdunstung 
concentrierten Wassers der Strandlagunen an der Südseekttste gewonnen , und zwar von 
den hier ansässigen Pipiles. Dies wird dadurch dargethan, dass kein einziger nicht-spanischer 
Ortsname der Lagunenzone einer andern als der mexikanischen (Pipil)-Sprache angehört, 
wie denn auch die grossen, in die Südsee mündenden Flüsse in ihrem Unterlaufe sämmtlich 
mexikanische Namen tragen. 

Eine weitere Quelle der Salzgewinnung bildeten ferner die Salzsprudel, welche sich m 
der Zone der alten Kalkformationen im Innern Lande finden, wie z. B. die „Salinas" der 
Alta Verapaz auf dem rechten Ufer des Rio Chixoy, diejenigen von San Mateo Ixtatan 
(„Salzstelle"), von Sacapulas und in der Sierra von Nebaj. Auch hier wird das Salz aus 
der Lauge gewonnen, indem diese in Thonkesseln dem Feuer ausgesetzt wird. Bezüglich 
der Quellen von Ixtatan, welche die wichtigsten dieser Gegend sind, erzählt .Juarros^), 
dass die Indianer dieselben unter Verschluss halten , dessen Schlüssel beim Gericht deponiert 
sind. .leden Donnerstag zu bestimmter Stunde wird das Thor geöffnet, und jedem Em- 
wohner ein grosser Krug (cäntaro) von dorn Wasser gegeben. Die Gerichts- und Kirchen- 
beamten erhalten deren zwei. Mit dem Ueberschuss des Salzes über den eigenen Gebrauch 
treiben diese Indianer einen einträglichen Handel. Soweit Jüarros. 

Während das Salz im Popol Vuh merkwürdigerweise nicht genannt ist, spielt dann 
dagegen das heute noch übliche Bestreuen der Speisen mit gewissen Erdarten bereits 
eine Rolle, indem das Magierpaar Hunahpu und Xbalanque den Erderschütterer 
Cabrakan dadurch tödtet, dass es den zu seiner Speise bestimmten Vogel mit „weisser 
Erde" (zahcab) einreibt. Die essbare Erde trägt heute noch den Namen sakcab, was 



') FüENTES, II, p. 144. ') Palacio, Carta p. 22, Stoll, Guatemala, p. 173. =') Juarros p.333. 



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wörtlich „weisse Süssigkeit", „weisses Gewürze" bedeutet. Es werden dazu gewisse weiss- 
liche, oder gelbliche Erdarten, die mir Verwitterungsproducte vulkanischer Asche zu sein 
schienen und einen eigentümlich(Mi Geruch besitzen, benutzt, indem eine Prise davon auf 
die jeweilige S])eise gestreut wird ^). 

Der Honig, welcher unzweifelhaft schon vor der Eroberung ein Genussmittel war, 
entstammte aber ebenso unzweifelhaft nicht einer regulären Apicultur, welche erst durch 
die Europäer eingeführt wurde, sondern dem Einsammeln der Nester wildlebender Bienen- 
arten, die theils frei in den Baumästen, theils im Innern hohler Baumstämme nisten und 
dem Genus Melipona angehören*). 

Das Würzen der Speisen, mit dem beissenden Saft des Chile ist in ausgedehntester 
Weise auch in den Gebrauch der Mischlingsbevölkerung übergegangen. 

Die heute noch geübte Sitte, aus den zerquetschten und in Wasser froschlaichartig 
aufgequollenen Samen des chian^) (aa'c der Cakchiqueles, chia der Azteken) unter Zu.satz 
von Zucker ein erfrischendes Getränk zu bereiten , dürfte ebenfalls auf die prähistorische 
Zeit zurückzuführen sein. 

Weit weniger ausgiebig, als die Pflanzenwelt, war das Thierreich als Nahrungsquelle in 
Mitleidenschaft gezogen. Unter den jagdbaren Thieren, deren Fleisch die indianische Küche 
versorgte, haben wir vor Allem die beiden Reharten des Landes (Cariacus virginianus 
und C. rufinus), ferner die beiden Wildschweine (Dicotyles tajacu und D. labiatus), 
den Tapir (Tapirus Dowi), die Taltusa (Geomys hispidus), die Cotusa (Dasyprocta 
punctata), den Tepescuinte (Coelogenys paca), den Hasen (Lepus palustris), das 
Gürtelthier (Tatusia novemcincta) , das Eichhörnchen (mehrere Sciurus- Arten) zu 
nennen. Daneben zahlreiche Vogelspecies , unter denen die Baumhühner, Tauben und 
Wachteln, wie heute noch, die wichtigsten gewesen sein dürften. Fische lieferten die 
Seen, die Flussläufe des Tieflandes und das Meer mit den Strandlagunen. Unter den 
Reptilien sind vor Allem die Iguanas zu nennen, welche besonders zahlreich in der Nähe 
des Südseestrandes vorkommen und daselbst von den indianischen Jägern mit langen Stangen 
erlegt werden. Man näht ihnen alsdann die Maulränder zusammen und verknüpft jederseits 
die langen Finger der Vorder- und Hinterfüsse mit einander, so dass die noch lebenden, auf 
diese grausame Weise verstümmelten Thiere vollkommen wehrlos werden. Man trifft an 
der Küste häufig Indianer, welche ein ganzes Bündel solcher lebender Iguanas, mit den 
Schwänzen zusammengebunden nach dem Innern schaffen und uns ein Bild aus alter Zeit 
vor Augen rücken. Nicht weniger wichtig waren für den Strandbewohner die Schildkröten , 
vor Allem die grossen Seeschildkröten , welche beim Eierlegen abgefangen wurden. Die Eier 
bilden heute noch eine beliebte Speise , wie das Fleisch ; die Schale diente zur Herstellung 
einer Art Trommel. Auch das Fleisch der Alligatoren und der Riesenschlange 
(Boa Imperator) wird heute gegessen , ob dies aber auch in der Vorzeit geschah , ist zweifel- 
haft, da, wie aus den Bildwerken zu schliessen ist, beide Thiere als göttlicher Natur 
betrachtet wurden. 

Eine eigenthümliche Art der Indianer, das wilde Geflügel vorzubereiten, schildert Gage *): 
Eine auf der Jagd erlegte Gans lässt man eine Woche im Walde liegen, bis das Fleisch 
faul und voll Würmer wird. Alsdann wird sie nach Hause geholt, in Stücke gehauen 



') Stoll, Guatemala p. 1.33. -) Stoll, Bienenzucht, p. 546. ') Brühl, (p. 278) giebt für den 

chian den botan Namen Salvia chian, den ich aber nirgends erwähnt finde. ••) Gage, p. 305. 
I. A. f. E. I. Suppl. I. 4 



- 26 - 

und mit einem Farrenkraut gekocht, wodurch das Fleisch den Gestank verliert und mürbe 
wird. Die halb abgekochten Stücke hängt man in den Rauch und isst davon nach Bedürfniss , 
indem man das Fleisch nochmals kocht und mit Chile anrichtet. Von einer derartigen Zube- 
reitung habe ich nichts mehr gesehen. 

Unter den niedern Thieren treffen wir ebenfalls viele, welche als gelegentliche Nahrung 
beigezogen wurden. So die Krabben der Barrancas im Innern und der Strandregion, die 
Krebse der Flüsse und der Strandlagunen, die grossen Molluskenarten, wie die Helix 
Ghiesbreghti der Verapaz und vor Allem die massenhaft in den kleinern Flüssen lebenden 
Melanien , die heute als Fastenspeise unter dem Namen „jutes" auf den Märkten verkauft 
werden. Aus dem Reich der Insekten sind mir nur die fettreichen Weibchen der Blatt- 
schneiderameise (Atta fervens) als Nahrungsmittel bekannt. Sie schwärmen bei Beginn 
der Regenzeit morgens massenhaft aus ihren Erdlöchern hervor , und da sie vom Haus- 
geflügel mit äusserster Gier gefi'essen werden, lag für die Indianer die Versuchung nahe, 
sie auch als menschliche Nahrung zu verwenden. Sie werden in flachen Schüsseln am Feuer 
geröstet und dann gegessen. 

Aus den strafrechtlichen Bestimmungen geht hervor, dass mit dem umgrenzten Terri- 
torialbesitz der einzelnen Stämme (oder chinamit?) auch das Jagd- und Fischereii^echt 
auf diesen beschränkt war, indem Jagen und Fischen auf freniden Gebiet bestraft wurde. 
Der See von Atitlan bildete der Sage nach vor der Eroberung ein Objekt des Kampfes 
zwischen den Cakchiqueles und Tzütujiles ^). Von letzterm Stamme wird erwähnt, dass die 
Häuptlinge besondere Jagdrechte besassen ^), deren Natur aber nicht weiter erklärt ist. 
Einen , namentlich für die vogelreiche Alta Verapaz wichtigen Theil der Jagd bildete diejenige 
auf gewisse farbenprächtige Vögel , deren Federn zur Herstellung von bunten Verzierungen 
auf den Kleidern der Vornehmen dienten. 

Die erste Stelle unter diesen Jagdobjecten gebührt dem Quetzal (Pharomacrus mocinna), 
dem heutigen Wappenvogel von Guatemala, dessen prächtige Schwanzfedern die reichen 
Kopfbüsche der Häuptlinge und Priester bildeten , welchen wir auf den Mayasculpturen und 
den mexikanischen Gemälden so häufig begegnen. Der Consum an Quetzalfedern muss 
ausserordentlich gross gewesen sein, so gross, dass es bei dem beschränkten Verbreitungs- 
gebiet der Quetzales kaum möglich war, demselben ohne völlige Ausrottung des Thieres zu 
genügen, wenn die Vögel durch Schuss getödtet wurden. Viel wahrschemlicher ist es, dass 
dieselben mit Schlingen eingefangen und , nachdem ihnen (d. h. den Männchen) die Schwanz- 
federn ausgerissen waren, wieder in Freiheit gesetzt wurden. In der That gibt Torquemada^) 
an, dass das Tödten der Quetzales bei Todesstrafe verboten war, und dass auch das 
Erbeuten derselben auf fremdem Jagdgrund als Wildfrevel geahndet wurde, da die Quetzal- 
federn beim Handel an Geldes Statt, wie Cacao und Baumwolltücher als Tauschmittel 
dienten. Ferner finden wir die Quetzalfedern als Wca'theinheit bei der Festsetzung von 
Bussen verwendet, indem z. B. Verletzungen im Raufhandel, Ehebruch mit verheirateten 
Frauen, Hurerei mit Witwen und Sclavinnen, sowie Verführung einer Jungfrau durch 
einen verheirateten Mann mit einer Strafe von 60 — 100 Quetzalfedern belegt wurde. 

Eine Anzahl von Thieren wurde in domesticiertem Zustande gehalten, so der Hund, 
über dessen Abstamnmng wir nichts Näheres wissen. Gegenwärtig sind unter den india- 
nischen Hunden Guatemalas mehrere Varietäten vertreten, unter denen einzelne stark an 

') IlaI.Uj.-., II, p. 15. -) REfiUETE, p. 417. ■■') TOBQUEMADA, t. Jl Üb. 12 C. 12. 



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den wilden ?Tnnd des Landes (coyote, Canis latrans) erinnern. Ebenso wenig wissen wir 
über die alten Seh weinerassen des Landes; es ist nicht auszumaclien , ob dieselben mit 
den wilden Scliweinearten Guatemalas in genealogischem Zusannnenhang standen , oder eine 
fremde Acquisition bildeten. Ersteres wäre möglich, da, wie ich wiederholt gesehen habe, 
das guatemaltekische Wildschwein (coche de monte) sich zum Hausthier zähmen lässt und 
da die jetzt von den Indianern gezüchteten, kleinen, schwarzen Schweine in manchem Zug 
an das Wildschwein erinnern. Zahme Katzen dagegen waren unbekannt, das von den 
Indianern heute dafür gebrauchte Wort mistun oder mes entstammt dem aztekischen 
niiztli und dessen Diminutiv niiztontli, Wdinit die Aztekenden Puma (Felis concolor) 
bezeichneten. 

Was uns die spanischen Suhriftstellcr ülier das Hausgeflügel berichten, bezieht 
sich stets auf einheimische, auch in wildem Zustand vorkommende Vogelarten, wie den 
Truthahn (Meleagris mexicana und [im Peten] M. ocellata), verschiedene Tauben und 
Enten, sowie auf die leicht zähmbaren Hokkohühner (Crax globicera), die sich indessen 
in der Gefangenschaft nicht fortpflanzen sollen. 

Trotzdem ohne Zweifel die Liste der oberwähnten pilanzlichen und thierischen Nahrungs- 
mittel nicht ganz vollständig ist, so ist doch stets das festzuhalten, dass für die eigent-- 
liehe A^olksernährung die Pflanzenkost die thierische an Wichtigkeit überwog und dass 
deren Grundlage stets der Mais und der Frijol bildete, weshalb auch der Ackerbau die 
Grundlage des gesamniten Staatshaushaltes ausmachte. 

VI. DIE SCLAVEN. 

Die Sclaverei war in Guatemala ein altes, schon im Popol Vuh vorkommendes Institut. 
Als Sclaven wurden erklärt: die Kriegsgefangenen, falls sie nicht vornehmer Abkunft 
waren (denn in diesem Falle wurden sie getödtet); ferner die Angehörigen, Frauen, Kinder, 
und Verwandte derer, welche die Todesstrafe erlitten oder zum Feinde übergegangen oder 
aus ihrem Gemeindeverband desertiert waren. Die Angehörigen von Landesverräthern konnten 
sich durch Loskauf ^) befreien. Tempelrauli geringern Umfanges , Notzuchtsversuch , Ehe- 
bruch der Weiber wurde ebenfalls mit Versetzung in den Sclavenstand bestraft. Sclaven 
bildeten einen Theil des Tributes, der von den Gemeinden an die Häuptlinge zu zahlen 
war 2). Die Sclaven konnten für Federn, Cacao oder Tuch auf dem Markte verkauft werden^). 
Von Sclaven geborene Kinder scheinen ebenfiills der Sclaverei verfallen gewesen zu sein, 
denn wenn sich eine freie Frau mit einem Sclaven verheiratete, so wurden die Kinder 
ebenfalls Sclaven, folgten also dem Stande des Vaters*). 

Über die Stellung und Behandlung dieser Sclaven wissen wir nichts Genaues. Der 
alte Ausdruck der Quiche-Sprachen für Sclave ist mun, was heute für „gefrässig, heiss- 
hungrig" gebraucht wird. Dies scheint dafür zu sprechen, dass die Stellung und Behand- 
lung der Sclaven eine weniger gute war, als z.B. in Mexico, wo die Sclaven allerdings 
auch geopfert, aber im Allgemeinen gut behandelt wurden. Nach einem Briefe der Oidores 
Salmeron, Maldonado, Ceynos und Quiroga vom Jahr 1531*) kam es sogar vor, dass mexi- 
kanische Häuptlinge einen Lieblingssclaven zum Nachfolger einsetzten. 



') FuENTES I, p. 30. ■) Requete, p. 416. ') FuE.NTEs I, p. 30. ••) Roman, t. m f. 176. 

') Tebnaux-Compans , Pieces, vgl. 16 p. 177. 



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In Guatemala wurde derjenige, der einen seiner Sclaven tödtete ,• nicht bestraft, da 
man die Sclaven als persönliches Eigentum betrachtete. Der Mord eines fi-emden Sclaven 
dagegen wurde durch Schadenersatz gesühnt, den die Verwandten (also wohl das Chinamit) 
aufljrachten. 

Eine eigentümliche Art von Betrug bestand ferner in der Verapaz darin, dass ein 
Freier einen andern als Sclaven verkaufte wenn es ihm gelang, diesen zu übertölpeln und 
Jemanden zu finden, der ihn ihm abkaufte. Da dieses Verfahren als eine Ungeheuerlichkeit 
betrachtet wm-de, so bestand ein Gesetz, wonach es untersagt war, einen derartigen 
Handel zu hindern. Wurde er aber ruchbar, so wurde ein solcher Händler mit freien 
Leuten ohne Verzug durch Erschlagen getödtet und seine Frau und Kinder in Sclaverei 
verkauft. Vom Erlös erhielt der Häuptling einen gewissen Antheil; der Rest wurde zur 
Veranstaltung eines öffentlichen Festgelages verwendet^). 

B. DIE RELIGION. 

Nachdem wir im Bisherigen die Angehörigen der vornehmen Familien, in ihrer Eigen- 
schaft als regierende Kaste, ferner die freien Leute des gemeinen Volks und die Sclaven 
kennen gelernt haben, bleiben uns noch diejenigen Persönlichkeiten zu besprechen übrig, 
deren Functionen mit den religiösen Vorstellungen, im weitesten Sinne des Wortes, ver- 
knüpft waren, nämlich die Priester, Wahrsager und Aerzte, die je nach ihrer 
Function verschieden benannt wurden. 

I. COSMOaONIE. 

Als grundlegenden Gedanken der Religion treffen wir in Guatemala die Vorstel- 
lung, dass alles Geschaffene und Geschehende der Wirksamkeit über- und unterirdischer 
Mächte sein Dasein verdanke, deren Gunst man daher durch Huldigungen verschiedener Art 
zu gewinnen suchte. Alle Handlungen des staatlichen sowohl , als des privaten Lebens waren 
von den Vorstellungen der Einmischung solcher Kräfte durchdrungen, und es zerfielen 
daher die Huldigungen in zwei Kategorien : in gemeinsame , öffentliche und in solche , 
welche .Jeder mit seiner engern Familie darbrachte. 

Die cosmogonischen Ueberlieferungen der Quiches, die uns allein genauer bekannt sind, 
beruhen auf der Ansicht, dass es, bevor die heutigen Gestirne ihren Lauf begannen und 
sich die Nacht vom Tage sonderte, eine Zeit gegeben habe, wo continuierliche Finsterniss 
herrschte. Diese Vorstellung ist als eine durchaus concreto zu fassen, sie dient dem india- 
nischen Gedankengang heute noch als Ausgangspunct und alle Versuche, aus ihr eine sym- 
bolische Darstellung des Erwachens ursprünglich barbarischer Völker zu höherer Cultur 
machen zu wollen, entsprechen sicherlich nicht der Auflfassungsweise des Indianers, wenig- 
stens soweit sich dieselbe heute noch beurtheilen lässt. Für das indianische Gemüth sind 
der Wandel der Sonne, des Mondes und der Sternbilder und der davon abhängige tägliche 
Wechsel von Licht und Finsterniss Erscheinungen von so hervorragende)- Bedeutung für 
das gesammte Natur- und Menschenleben, dass sie den denkenden Geist schon in grauer 
Vorzeit zur Speculation auffordern mussten. 



') TOEQÜEMADA, t. IT 1. 12 C. 10. 



- 29 - 

Das erste Resultat dieser Speculation bildet die Vorstellung von einer Zeit, welche 
der jetzigen voranging und welche sich von dieser dadurch unterschied, dass damals noch 
allgemeine Finsterniss herrschte, da die Sonne noch nicht ül)er den Horizont emporgestiegen 
war. Deshalb lautet der Ausdruck „vor Alters" heute noch im Cakchiquel petibal k'ij 
„Ankunft der Sonne" oder petibal sak „Anbruch des Lichts". Und deshalb ist auch 
ein anderer Ausdruck für „vor Alters", nämlich ojer, wie die sprachliche Analyse zeigt, 
nichts anderes als ein verstümmeltes k'ij er, was wörtlich „es wird Sonne" bedeuten') 
würde. 

In diese Zeit der Finsterniss nun verlegt der Sagenkreis der Quiches zunächst die 
Erschaffung der Erde, der Wälder und Savannen und der hohen Berge, sowie die Thei- 
lung der Wasserläufe. Und zwar geschieht dieselbe durch einen Götterrath, der vom obersten 
Schöpfer bestellt wird, dessen Wesen nicht näher erläutert ist. Es folgt die Erschaffung 
der verschiedenen Thiere, welche in die Barrancas und Wälder verwiesen werden, da sie 
dem Götterbefehle, zu reden und die Namen der Götter zu preisen, nicht Folge leisten, 
sondern bloss Thierstimmen producieren. Ihr Fleisch wird zur Speise bestimmt. Als eine 
weitere Schöpfung dieser lichtlosen Vorzeit tritt der Mensch auf, er wird zuerst von den 
Göttern aus Erde geformt. Da aber diese Menschen aus Erde weich und kraftlos sind, 
werden sie wieder zerstört. Auf den Rath des halbgöttlichen, mythischen Zaubererpaares' 
des Xpiyacoc und der Xmucane werden bei einem zweiten Versuch Menschen aus 
Holz gemacht, welche zwar sprachl)egal5t, aber mager, ohne Verstand und ohne Blut sind. 
Sie zeugen jedoch Kinder und vermehren sich stark. In einem Aufruhr der Thiere. Haus- 
geräthe und Elemente werden aber auch diese Holzmenschen wieder zerstört; ihre Ueber- 
bleibsel sind die Affen. 

In zwei ziemlich lose mit dem Gang der Erzählung verknüpften Episoden wird die 
Erschaffung der Sterne aus vierhundert Jünglingen, die von dem mythischen Zipacna 
getödtet worden waren und mm Himmel aufstiegen , ferner die Entstehung von Sonne und 
Mond aus einem Bruderpaar Mythischer Magier , Hunahpu und Xbalanque, geschildert. 
Diese waren erst zur Unterwelt, Xilialba, hinabgestiegen und hatten sie erobert, um 
den Tod ihrer Väter Hun hunahpu und Vukub hunahpu zu rächen, welche von den 
Fürsten der Unterwelt getödtet worden waren. 

Auch diese Partie des Popol Vuh, welche eine der völkerpsychologisch interessan- 
testen ist, muss durchaus concret gefasst werden, und alle Versuche, in dem Reiche der 
Unterwelt Xibalba etwas anderes zu sehen, als die wirklich unter der Erdoberfläche gele- 
gene Region, haben zu keinem greifbaren und unanfechtbaren Resultate geführt. Mit 
xibalba und xibalba y wird heute in der Kirchensprache der Quiche-Völker direkt die 
christliche Hölle bezeichnet. 

Die Sage von der Unterwerfung der Unterwelt durch die beiden Zauberer ist mit einem 
Thiermärchen durchwoben , in welchem Thiere handelnd auftreten und zwar in einer Weise , 
welche es erklärt, weshalb die Rehe und Hasen so auffallend kurze Schwänze haben, 
warum der Schwanz der Maus nackt ist, weshalb die Schlangenfalken Schlangen fressen, 
weshalb die Kröte ein breites Maul hat und verachtet ist. 

Das sichtliche Bestreben, einen Causalnexus in die verschiedenen Erscheinungen der 
umgebenden Natur zu bringen, diese auf eine befriedigende Weise zu erldären, tritt uns 

') Stoll, Pokonchi p. 56. 



- 30 - 

in den ersten Partien des Popol Vuh überall entgegen. Unzweifelhaft hat das Bedürftiiss 
des denkenden Menschen, sich die Welt, in der er lebt, genetisch zurechtzulegen, auch 
den Sagen des Popol Vuh als erklärenden Hypothesen die Entstehung gegeben. Nichts 
spricht dafür, dass in den ersten Theilen des Popol Vuh wirkliche historische Ereignisse, 
wie etwa eine Einwanderung aus „Osten" oder „übers Meer", mythisch und symbolisch 
entstellt , aus gi-auer Vorzeit zu uns herüberragen. Den Krystallisationspunkt , um welchen 
sich sowol die Sage als die wirkliche Geschichte der Quiches und ihrer engern Nachbar- 
völker gruppiert, bildet dasjenige Naturereigniss , welches dem indianischen Gemüth als 
grundlegend für das gesammte Leben vor Allem grossartig und staunenswerth erscheinen 
musste, nämlich der Aufgang der Sonne. Wie imposant dieses Schauspiel auch heute noch 
dem Indianer von Guatemala erscheint, ersah ich bei meiner Besteigung des Fuego-Vulkans 
aus der stummen Bewunderung, mit der die sieben mich begleitenden Cakchiqueles von 
unserm Nachtlager unter dem Gipfel des Berges aus unverwandt dem allmähligen Empor- 
kommen des Gestirnes folgten. Auch heute noch ist die Sonne bei den Cakchiqueles der 
Mittelpunkt mehrerer Sagen, unter denen sich auch der Zug nach dem geheimnissvollen 
Osten wiederfindet 1). 

Der letzte Theil des Popol Vuh ist der Schilderung der Erschaffung der jetzigen 
Menschheit gewidmet, die ebenfalls noch in jene lichtlose Zeit fällt, wo weder die Sonne, 
noch Mond und Sterne leuchteten. Die obersten Götter beschliessen die Erschaffung des 
Menschen, da der Anbruch des Tages, das erste Aufgehen der Sonne nahe ist. Thiere 
bringen aus den mythischen Gegenden Paxil und Cayala, welche nach den an dieser 
Stelle des Textes genannten Pflanzennamen, in der Tierra caliente liegen, Kolben von 
weissem und gelbem Mais. Aus diesem mahlt die alte Zauberin Xmucane einen Speisebrei, 
womit die Glieder der ersten Menschen gefüllt werden. Der ersten Menschen waren vier: 
Balam quitze, Balam agab, Mahucutah und Iquibalam. Sie waren nicht vom 
Weibe geboren , sondern reine Schöpfungen der Götter , anfänglich ganz vollkommen ; 
allwissend und allsehend, später aber brachte sie der Neid der Götter auf das allgemein 
menschliche Niveau herab. Während sie schliefen, wurden ihnen Weiber beibegegeben , 
und von dreien dieser Paare — denn Iquibalam blieb kinderlos — stammen die Quiches 
ab. Balamquitze und seine Frau Cahapaluna zeugen die neun chinamit der 
Cavikib. Bai am agab und seine Frau Chomiha zeugen die neun grossen Familien 
der Nihayibab. Von Mahucutah und seinem Weibe Tzununiha stammen die vier 
chinamit der Ahau iiuiche. Damals redeten die zum Quiche-Stamme gehörigen 
chinamit bloss Eine Sprache, .sie besassen noch keine Götterbilder, sondern beteten nur 
die „Seele des Himmels" und „der Erde" an, sowie die halbgöttlichen Wesen Xpiyacoc 
und Xmucane. Lange warteten sie betend auf den Aufgang der Sonne, die Zeit wurde 
ihnen aber lang, .sie zogen weg nach Tu lau Zuiva, wo sie Götterbilder holten. Jeder 
der vier Häuptlinge adoptierte sein eigenes. In Tulan Zuiva wurden die Sprachen ver- 
ändert, so dass sie sich nicht mehr verstanden, als sie von Tulan zurückkamen. Sie 
trennten sich daher. 

Es wird ferner die Erschaffung des Feuers durch den Gott Tohil, die Einführung 
von Opfern an Tabak und Menschenherzen, und endlich der Aufgang der Sonne beschrieben, 
den die versammelten Quiche-Völker auf dem Gebirge Hacavitz unter Opfern und Fest- 



>) Stoi.l, Guatemala p. 212 und 275. 



- 31 - 

lichkeiten erwarteten. Die Sonne war wie ein Mensch, naciiher aber blieb nur sein Spiegel- 
bild zurück. Die vier Häuptlinge, welche als die ersten Menschen und als die Stammväter 
der Quiches angesehen wurden, verschwinden, lassen aber ihre Stimmen oft von fernher 
als wilde Thierstimmen vernehmen und fangen an, Menschen zu rauben, um sie den 
Göttern zu opfern. Das Volk beschliesst, sie zu tfidten, wir(i aber von den Häuptlingen 
unterjocht, welche sich auf dem Berge Hacavitz verschanzt haben. Später verschwinden 
die vier Häuptlinge wieder und zwar für immer, nachdem sie ihren Kindern ein Gedenk- 
zeichen „die verhüllte Majestät und Grösse" hinterlassen, das stets verhüllt blieb, aber in 
grossen Ehren gehalten wurde. Die Söhne der Häuptlinge unternehmen eine Reise über 
das Meer nach dem Osten und lassen ihre Familien auf dem Berge Hacavitz zurück. 
Im Osten gelangen sie an den Hof des Fürsten Nacxit, der ihnen eine Menge von 
Dingen, unter andern auch die Schrift, mit nach der Heimat gibt. 

Der weitere Inhalt des Popol Vuh schildert die fernem Wanderungen der Quiches und 
bietet für ihre religiösen Vorstellungen kein Interesse mehr. 

Trotz mancher schwerverständlicher und keineswegs klarer Einzelnheiten geht auch in 
diesem Theile des Buches das offenbare Bestreben des Schreibers deutlich hervor , auf eine 
logisclie und plausible Weise die Entstehung und die Herkunft nicht nur der chinamit- 
Organisation , sondern auch mancher Sitten zu erklären. 

II. GÖTTERLEHRE. 

Fragen wir nun nach der Zusammensetzung des vorspanischen Pantheon der guatemal- 
tekischen Indianer, so müssen wir gestehen, dass es ausserordentlich schwierig hält, sich 
hierüber eine klare Vorstellung zu bilden. Wahrscheinlich besassen die Gottesgelehrten der 
Indianer eme solche ebenfalls nicht und subjective Anschauungen einzelner Priester spielten 
möglicherweise in dieser Hinsicht eine ebenso grosse Rolle, wie ein traditionell befestigtes 
Lehrgebäude. Gehen ja doch auch die Theologen unserer Zeit in ihren Schilderungen der 
überirdischen Welt keineswegs einig. Aus dem Popol Vuh, der uns noch am ehesten 
einige Anhaltspunkte gewährt, gewinnen wir etwa folgendes: 

Als höchstes göttliches Wesen erscheint das seelische Princip der umgebenden Natm-, 
wie es sich in den Ausdrücken u-c'ux ch'o (Seele der Seen), u-c'ux palo (Seele des 
Meeres), u-c'ux cah (Seele des Himmels), u-c'ux uleuh (Seele der Erde) darstellt. Die 
„Seele des Himmels" wird auch Hurakan genannt, ein Name, der wörtlich „mit einem 
Fuss" bedeutet und daher in seinem Wesen als Gottheit unverständlich bleibt. Hurakan 
erscheint als die Trinität des Blitzes, bestehend aus Cakulha-Hurakan, Chipi- 
Hurakan und Raxa-Hurakan '). 

Als Parallelwesen von Hurakan tritt die Doppelgestalt von Tepeu und Gucu- 
matz auf, deren Abgrenzung in zwei Persönlichkeiten sehr unklar ist; sie erscheinen 
sprachlich meist als Pluralform (c-u'c ri Tepeu, Gucumatz „mit dem Tepeu und 
dem Gucumatz"), aber auch als Singular (r-u'c ri Tepeu Gucumatz „mit dem 
Tepeu Gucumatz"). Tepeu bedeutet „der Erhabene, Majestätische" und bildet die 
Derivate tepeual die „Majestät", „Grösse", und tepeuar „gross oder erhaben werden, 
sich erheben". Ob das tepeu nicht eine Entlehnung aus dem Mexikanischen und als 



') Popol Vuh, p. 8. 



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solche mit tepetl „Berg", tepeuhti tlalia „aufhäufen", tepeuhtimani „em Men- 
schenhaufe" wurzelidentisch sei, ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden. Um so bestimmter 
weist dagegen Gucumatz auf eine Entlehnung aus Mexico hin, indem es die wörtliche 
Uebertragung von Quetzalcohuatl bildet. Beide bedeuten „Schlange mit den Quetzal- 
federn" (Aztekisch: quetzalli „grüne Feder" und cohuatl „Schlange"; Quiche: gug 
[besser k'u'k] „die Quetzalfedern" und cumatz „Schlange"). Den Quetzalcohuatl 
aber verehrten nicht bloss die Mexikaner, sondern auch die Pipiles der Südsee-küste ■') , 
weshalb es für die Quiche's leicht war, mit dieser Gottheit bekannt zu werden und die- 
selbe ihren eigenen Vorstellungen anzupassen. 

Das Verhältniss von Hurakan zu Gucumatz ist nicht klar, es ist aber möglich, 
dass mit letztem! Namen speciell das seelische Princip der Erde und des irdischen Wassers 
(u-c'ux uleuh, u-c'ux palo, u-c'ux ch'o) bezeichnet wurde, im Gegensatz zu 
Hurakan,- der „Seele des Himmels". Für diese Annahme spricht erstlich die Aufzählung 
der Attribute im Beginn des Popol Vuh*), wo hinter Tepeu und Gucumatz, gleichsam 
als erläuternde Bestimmungen, die Namen „Seele der Seen, Seele des Meeres", genannt 
werden ,■ sowie die Stellen, wo, wie p. 20 des Popol Vuh, die Trinität Hurakan mit 
Tepeu und Gucumatz in Unterhaltung aufgeführt wird. 

Gleichsam im Dienste dieser obersten Naturgottheiten stehend finden wir nun eine 
Reihe halbgöttlicher "Wesen, die uns in Gestalt alter, mit Zauberkräften ausgestatteter 
Leute entgegentreten. Dahin gehört der Zauberer Xpiyacoc und seine Frau Xmucane, 
welch' letztere bei verschiedenen Gelegenheiten eine so wichtige Rolle spielt, dass ihr vor 
allem das Attribut r-atit k'ih, r-atit sak „ Urältermutter der Sonne und des Lichtes" 
zukommt. Sie ist es auch, welche auf Geheiss der Götter den Maisbrei bereitet, aus wel- 
chem das Fleisch der ersten Menschen gebildet wird. An einer andern Stelle treten zwei 
andere ebenfalls mit Zauberkräften versehene alte Leute, ein Mann Namens Zaki-Nim-Ak 
und eine Frau Namens Zaki-Nima-Tzyiz auf. 

Die alten Zauberer Xpiyacoc und Xmucane theilen mit den Collectiv-Gottheiten 
Hurakan und Gucumatz eine Reihe von Epitheta ornantia und Attributen, die alle 
sich auf ihre Eigenschaft als Schöpfer und Erzeuger, so wie als Ernährer des Menschen- 
geschlechtes beziehen. Als „Schöpfer" oder „Verfertiger" heissen sie tzakol und bitol, 
auch ahtzak und ahbit, als „Erzeuger von Kindern" alom und c' ahoi um, aucli 
iyom und mamom, als „Ernährer" matzanel und chukenel. 

Ausser, und häufig im Verein mit diesen Personen treten im Popol Vuh zwei Junge 
Zauberer auf, das Brüderpaar Hunahpu und Xbalanque, welches eine Reihe von 
Wunderthaten, vor Allem die Unterwerfung der Unterwelt, vollbringt, um dann zum 
Himrnei aufzusteigen und dort als Sonne und Mond zu verbleiben. Welcher von beiden 
zur Sonne geworden sei , ist nicht gesagt , indess machen es einige Umstände wahrscheinlich , 
da.ss dies Xbalanque war. Denn obwol im Popol Vuh Hunahpu stets vor Xl)alan- 
que genannt wird, so war doch letzterer später nach dem Zeugniss verschiedener Schrift- 
steller die wichtigste Gottheit der Guatemala-Stämme, vor Allem in der Verapaz und in 
Uspantan. Dann .scheint mir der Umstand von Bedeutung, dass im Pokonchi jenajpo 
(nach alter Orthographie henahpo geschrieben) welches eine auffallende Aehnlichkoit mit 
Hunahpu besitzt und wörtlich „ein Mondmann" bedeuten würde, heute noch für ,.iiii 

'j Palaciü, p. 72. -) Popol Villi, p. 1. 



- 33 - 

Monat" gebraucht wird und daher die Annahme nahelegt, das Hunahpu zum Mond 
geworden sei. 

Es ist also vor Allem ein hohes Alter und der Besitz von Zauberkräften, welche uns 
an den halbgöttlichen Wesen entgegentreten. Dass das Alter wegen der damit verbundenen 
reifen Lebenserfahrung den Indianern besonders verehrungswürdig war, haben wir schon 
aus der socialen Organisation gesehen, wo als Häupter der chinamit jeweilen alte, 
erfahrene Männer auftreten. V.on der Rolle der Zauberkräfte wird unten noch die Rede sein. 

Bemerkenswerth ist, dass die Gestirne, Sonne, Mond und Sterne sämmtlich von jungen 
Leuten (c' ahoi ab) abgeleitet werden. 

Als Aufenthaltsort der magischen Halbgötter dachte man sich den Himmel, wie eine 
Stelle des Popol Vuh zeigt, welche lautet: tzatz chi ahnaoh chicah xpe vi „viele 
Weise kamen vom Himmel her" i). 

Während die im Himmel wohnenden göttlichen Wesen ihren Handlungen nach als 
gute Götter erscheinen, bildet dagegen das finstere Reich der Unterwelt Xibalba den 
Sitz der bösen Kräfte, des Todes und der Krankheiten. In Xibalba, welches ganz analog 
der socialen Gliederung der menschlichen Reiche der Oberwelt organisiert gedacht wird, 
treten uns als oberste Häuptlinge und Richter (gatoltzih) die beiden Todesfürsten Hun- 
Came und Vukub-Came entgegen 2). Sie sind umgeben von tiefer im Range stehenden 
Häuptlingen. Zwei von diesen haben das Amt, des Menschen Blut krank zu machen, zwei 
andere machen die AVassersucht und die dadurch bedingte Lividität des Gesichts. Zwei 
besorgen die Abmagerung der Kranken bis zum Skelette. Zwei andere veranlassen die 
plötzlichen Todesfälle, bei denen man die Menschen todt auf dem Rücken liegend findet, 
zwei andere endlich verwalteten das Amt, die Reisenden (die man sich als schwere Lasten 
tragend zu denken hat), unterwegs durch Blutstürze zu tödten. 

Die Häuptlinge der Unterwelt zwangen die in ihre Gewalt Gelangten , mehrere Prüfungen 
zu bestehen, indem sie nach einander in das „Haus der Finsterniss" (gekuma-ha), in das 
„Windhaus" (xuxulim), in das „Haus der Jaguare" (balami-ha), in das „Haus der 
Fledermäuse" (zotzi-ha) und in dasjenige der „Obsidianmesser" (chayim-ha) eingeschlossen 
wurden. Während der Vater und der Oheim von Hunahpu und Xbalanque, Hun- 
hunahpu und sein Bruder Vukub Hunahpu, diesen Prüfungen erlegen waren, 
gingen die beiden Jünglinge Hunahpu und Xbalanque durch List siegreich daraus 
hervor und unterwarfen die Unterwelt. 

Ausser den genannten treten noch andere mythische Persönlichkeiten im Popol Vuh 
auf, ohne dass es jedoch gelänge, dieselben fest in den Rahmen der indianischen Götterwelt 
einzufügen. Dahin gehören zum Beispiel Hunhunahpu und Vukub hunahpu, Vukub 
Cakix und seine Frau Chimalmat, Xquiq, die Tochter eines Fürsten der Unterwelt, 
welche auf wunderbare Weise Mutter der Zauberer Hunahpu und Xbalanque wird^). 
Bestimmter treten die Gestalten des Zipacna, des Erschaffers der Berge, und des Cabra- 
kan, des Erschütterers der Berge auf, dessen Name heute noch in dem Ortsnamen 
C a b r i k a n (im Departement Quezaltenango) und in der Bezeichnung für „Erdbeben" 
(cabrakan) in den Quiche-Sprachen fortlebt. In Hunbatz und Hunchouen, den 
Söhnen der alten Zauberin Xmucane, welche den ganzen Tag mit Gesang- und Flöten- 
spiel zubrachten und geschickte Maler und Bildhauer waren, scheinen eine Art Götter der 



') Popol Vuh p. 166. ■) Popol Vuh p. 73 sqq. ^) Popol Vuh p. 91 sqq. 
I. A. f. E. I. Suppl. I. 



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schönen Künste zu stecken , als welche sie auch Brühl i) aufgefasst hat. Auf die Existenz 
solcher weisen auch, die Epitheta ornantia deutlich hin, welche den Göttern beigelegt 
werden, wie „Verfertiger der schönen Calebassen" (ah-raxa-tzel), „Verfertiger des schönen 
Geschirrs" (ah-raxa-lak) „Meister des Meisseis" (ahchut), „Holzkünstler" (ahtz'alam), 
„Künstler" (ahtoltecat) und andere. Die Hauptrolle aller dieser mythischen Personen ist 
jedoch die, als Eelief für die Thaten der Hauptpersonen Xmucane, Hunahpu und 
Xbalanque zu dienen und die Uebergänge der einzelnen Sagen zu vermitteln. 

Während uns die genannten mythischen Figuren der Quiche-Sage in mehr oder weniger 
deutlicher anthropomorpher Gestalt entgegentreten, bildet gleichzeitig ein ausgesprochener 
Zootheismus und, um einen kurzen Ausdruck zu gebrauchen, Botanotheismus einen her- 
vorstechenden und charakteristischen Zug der indianischen Götterlehre. Vor allem ist es 
die Thierwelt, welche in den mannigfachsten Rollen im Popol Vuh auftritt. Wir finden 
Eulen als Boten der Häuptlinge von Xibalba, während Hurakan sich des Vogels Voc^) 
(richtiger vo'k oder bu'k) als Boten bedient. Die Maus verhilft den Brüdern Hunahpu 
und Xbalanque zu dem Ballspiel ihrer Vorfahren 3). Die Laus, die Kröte, die Schlange, 
der Schlangenbussard thun Botendienste an die Brüder, Blattschneiderameisen helfen ihnen 
die Prüfung des Chayim-ha in der Unterwelt überwinden, wo wir die Ziegenmelker, 
also Nachtvögel, wie die Eulen, als Wächter der Gärten der Todesfürsten treffen. Die 
vier ersten Häuptlinge der Quiches verwandeln sich in Jaguare , und das „Haus der Jaguare" 
und das „Haus der Fledermäuse" bilden zwei der Prüfungen von Xibalba. 

Geht schon aus diesen Beispielen die wichtige Rolle der Thierwelt für die religiöse 
Vorstellungswelt der Quiches deutlich hervor, so ist dies fast noch mehr der Fall bei der 
Untersuchung der Beinamen der Göttlichen Wesen und der Eigennamen des Popol Vuh. 
Gucumatz (grüngefiederte Schlange), Zaki-Nim-Ak (grosser weisser Eber), Zaki- 
Nima Tzyiz (grosser weisser Rüsselbär), Vukub-Cakix (sieben Aras), Xbalanque 
(von balam, Jaguar und queh, Reh?), Hunbatz (ein Brüllaffe), Balam-Quitze (.Jaguar 
des Waldes), Balam Agab (.Jaguar der Nacht), Iqui-Balam (Jaguar des Mondes?) sind 
alle dem Thierreich entnommen, ebenso wie Tzununi-ha (Haus der Colibris) und Cakix- 
iha (Haus der Aras), die Namen der Frauen von Mahucutah und Iquibalam. Ja 
selbst der gewöhnliche Ausdruck der Quiche-Sprachen für „Schlange", cumatz, lässt auf 
die Bedeutung dieser Thiergattung für den Volksglauben schliessen , indem er eine Reveren- 
tialform des einfachen can der Maya und chan der Tzentalsprachen darstellt und daher 
für c a n - a t z steht. 

Aber auch Vertretern der Pflanzenwelt begegnen wir als beseelt gedachten Wesen. 
Die erste Rolle spielen hier der Mais und der Tzite-Baum, weil sie das Material zum Wahr- 
sagen liefern. Deswegen apostrophiert sie auch der alte Zauberer Xpiyacoc wie die übrigen 
Götter: „du Mais", „du Tzite" *). Und die junge Xquiq wendet sich ebenfalls mit persön- 
licher Anrede an den Cacaobaum^), von ihm und den Gottheiten der Fruchtbarkeit (Xtoh 
und Xganil) Hülfe erflehend. Die Frucht des Calebassenbaumes (Crescentia cujete) erscheint 
ebenfalls redend, da sie das Haupt des in der Unterwelt getödteten TTn iiliunah pu ist 

') Bbühl, Culturvölker, p. 446. • 4. • i- . 

^ Der Vo'k, den die Ladinos „cihua-monto" (vom mexikan. c i li uaiiuj iit,li) uriinon, ist ein i'^ici- 
kukuk. (Dromococcyx phasianellus?) Auch heute noch spielt er eine Rolle im Volksglauben der Indianer, 
indem die Entstehung eiternder (ieschwüre ihm zugeschrieben wird: rabaj bu'k del cho chavua 
„Die Excremente des bu'k fliessen aus deinem Bein" sagt man z. R. für „du hast em J3ubonengeschwur. 

ä) Popol Vuh, p. 124 sqq. ") Popol Vuh p. 22. "> Popul Vuh p. 104. 



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und daher noch zur Zeit, da der Popol Vuh abgefasst wurde, als „Haupt des Hun- 
hunahpu" benannt wurde ^). 

So gelingt es also, nicht ohne Mühe, aus dem uns im Popol Vuh erhaltenen Sagen- 
vorrath der Quiches allmälig diejenigen Elemente herauszuschälen, welche uns in den 
religiösen Anschauungen der Quiches eine Naturreligion erkennen lassen, die als eine Ver- 
schmelzung der von Powell als Hecastotheismus , Zootheismus und Physitheismus bezeich- 
neten Sonderformen erscheint''). Die grossen Kegionen des All, Himmel und Erde, die 
Kräfte der Natur, sowie Pflanzen und Thiere und die Gestirne des Himmels erweisen sich 
als der Sitz seelischer Kräfte, die. das menschliche Maass überschreiten. Gleichzeitig ist 
aber auch der Himmel sowohl als die Unterwelt der Sitz anthropomorphisch gedachter 
Gottheiten und wir treffen selbst Spuren von Gottheiten „der schönen Künste" und der 
„Fruchtbarkeit", welche bereits zu der höheren Stufe des Psychotheismus hinüberführen. 

Die Wiederkehr gewisser Zahlen und die Verwendung gewisser Farbenbezeichnungen 
deuten ferner darauf hin , dass ihnen ebenfalls eine besondere , hieratische Bedeutung zukam. 

Dahin gehören vor allem die Zahlen 1 (hun), und 7 (vukub), die wir mehrfach in 
Eigennamen treffen ; wie folgende kleine Tabelle aus dem Popol Vuh und den Cakchiquel- 
Annalen zeigt: 

1 7 

Hun-ahpu Vukub-Hun-ahpu 

Hun-came Vukub -came 

Hu-r-akan — 

— Vukub -Cakix 
Hun-batz Vuku-batz 
Hun-chouen — 

H u n - 1 h — 

— ■ Vuk-ama'k 

— Vukub pek 

— Vukub civan 
Aber auch 2, 4 und 13 kehren mit Vorliebe wieder. 

So finden wir in Cabrakan „mit zwei Füssen" das Analogen zu Hurakan „mit 
einem Fusse". Charakteristisch ist ferner das paarweise Auftreten der göttlichen Wesen, 
auch wenn dieselben nicht, wie Xpiyacoc und Xmucane, zweigeschlechtig gedacht 
sind. Tepeu und Gucumatz, Hunahpu und Xbalanque, Hunbatz und Hun- 
chouen, Zipacna und Cabrakan, Hun came und Vukubcame, sowie die Dämonen 
der Krankheiten werden paarweise genannt. 

Der Zahl 4 begegnen wir ebenfalls mehrfach. Vier mythische Raubthiere vernichten 
die zuerst gemachten Menschen wieder. Vier Eulen werden als Boten von den Fiu-sten 
der Unterwelt ausgesandt. Vier Wege führen nach Xibalba. Vier ist die Zahl der zuletzt 
erschaffenen Menschen, von denen die drei Stämme der Quiches sich ableiten. 

Versteckter ist die hieratische Bedeutung der Zahl 13 (oxlahub). Wir finden sie in 
Verbindungen, wie oxlahub tecpan und oxlahu ch'ob, „die 13 Stammabtheilungen". 
Weit wichtiger dagegen ist ihre Bedeutung für die chronologische Zeitrechnung, von welcher 
später die Rede sein wird. 



') Popol Vuh p. 88. '■} Powell, address p. U. 



- 36 - 

Von den fünf einfachen Farbenbezeichnungen der Quiche-Völker (weiss, grün und blau, 
roth, gelb und schwarz) sind besonders die drei ersten, weiss (sak), grün und blau (rax) 
und roth (cak) von so hervorragender Bedeutung, dass einige speciellere Bemerkungen 
hierüber gestattet sein mögen. 

Mit sak wird nicht nur „weiss" als Farbe, sondern auch alles „Helle, Durchsichtige" 
bezeichnet, ferner der „Glanz", so dass das Derivat sakil geradezu als Allgemeinausdruck 
für „Farbe" dient. Da nun die Quiches und die nächstverwandten Stämme, wie oben 
ausgeführt wurde , in dem ersten Aufgehen der Sonne , im ersten Hellwerden auf Erden , 
das Grundereigniss der ganzen Weltgeschichte erblickten, so ist es leichtverständlich, dass 
die helle, weisse Farbe für sie eine besondere Bedeutung erlangen musste. Wir treffen 
daher das Wort sak als Bestandteil göttlicher Eigennamen, wie Zaki-nima-tzyiz, 
Zaki-nim-Ak, Zaki-tz'unun, „weisser, grosser Rüsselbär, weisser grosser Ebei , weisser 
Colibri", die von Thieren entnommen sind, deren Farbe keineswegs weiss ist. Unter den 
vier Wegen von Xibalba ist auch der Zaki-be (weisser Weg) genannt. Dagegen fehlt 
das Weiss merkwürdigerweise unter den vier Farben der Priestergewänder der Pipiles^). 

Rax ist für die Indianer sowol das Blau als das Grün in allen ihren Nuancen, obwohl 
sie diese selbstverständlich ebensogut zu unterscheiden vermögen, wie wir, wie sich aus 
den später zu besprechenden Farbenzusammenstellungen ihrer Geräthschaften ergiebt. Als 
Farbe des Himmels, des Meeres und der Seeen, sowie der nahrungspendenden Pflanzen- 
welt begegnet uns daher auch rax in Synthesen, welche nicht bloss eine Farbe, sondern 
das „Glänzende, Prächtige, Neue" andeuten sollen, wie in Ah-Raxa-Lak, („Verfertiger 
des prächtigen Geschirrs"), Ah-Raxa-Tzel, („Verfertiger schöner Calebassen"). Wir finden 
rax auch als Farbe eines Weges nach Xibalba (raxa-be), sowie unter den Farben 
der Priestergewänder der Pipiles. 

Da mit rax „grün" aber auch das „Unreife", „noch nicht Gezeitigte" bezeichnet wird 
(z.B. rax hal „unreifer Maiskolben"), so erlangt das Wort auch die übertragene Bedeutung 
von „vorzeitig", „noch frisch", (z. B. rax ch'ac ft-isches Fleisch) und endlich von „uner- 
wartet, plötzlich" (z. B. rax camic plötzlicher Tod). In dieser Bedeutung treffen wir es 
wohl in Raxa-Cakulha, dem „schnellen Blitz". 

Mit cak wird „roth" aller Nuancen bezeichnet. Wir treffen diese Farbe unter den 
Wegen nach Xibalba (caka-be) und bei den Priestergewändern der Pipiles. Ausserdem 
aber kommt cak heute noch in Synthesen vor, welche mit der Farbe „roth" nichts zu 
thun haben, wie cak jay (wörtHch: „rothe Häuser") die praehistorischen Tumuli. Die 
heutigen Indianer halten sie für die, in einer Sintflut zu Grunde gegangenen und mit Erde 
gefüllten Häuser der ersten Menschen. In cak i'k womit das Cakchiquel den „Wind" 
und als häufigsten Wind den „Nordwind" bezeichnet, steckt das Radikal cak gleichfalls, 
ebenso in dem gleichbedeutenden cak sutut „der Sturmwind" im Pokonchi. Doch kann 
hieraus nicht ohne weiteres ein Symbolismus der Art abgeleitet werden, dass etwa die 
■ vier Himmelsgegenden mit besondern Farben bezeichnet worden wären «). Es ist in dieser 
Hinsicht zu betonen , dass vermöge seiner kosmogonischen Ansichten für den Maya-Indianer 
Guatemalas nur zwei Himmelsgegenden wichtig waren, nämlich der Ort des Sonnen- 
aufgangs und des Sonnenuntergangs, Osten und Westen. Für erstem hätten wir „weiss", 
für letztern „schwarz" als symbolische Farben zu erwarten, aber aucli liicfüi- fi'hlcii alle 



') Palacio p. 64. ^ Brinton , Names of tlie Gods p. 36. 



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sichern Anhaltspuncte, während wir dagegen bei den Mayas von Yucatan als symbolische 
Farben der Himmelsgegenden das Gelb (kan) für den Süden, Roth (chac) für den Osten, 
Weiss (zac) für den Norden, und Schwarz (ek) für den Westen finden i). 

Von der Verwendung einzelner Farben zur Bemalung für die Feste wird später die 
Rede sein. 

III. PRIESTERSCHAFT UND GÖTTERDIENST. 

Die zahlreichen überirdischen Wesen, von denen sich der guatemaltekische Indianer 
die ihn umgebende Welt bevölkert dachte, suchte er durch Nachbildungen in anthropo- 
morpher und zoomorpher Gestalt sich nahe zu bringen , indem er sich aus Holz , Thon und 
Stein von ihnen Bildnisse verfertigte und diese durch Gebet und Opfer verehrte. Da auf 
diese Weise Götterbilder des Wassers, des Windes, für den Mais und andere Früchte, für 
die Zeugung und für Krankheiten in den Häusern , auf den Feldern , in Höhlen , im Walde 
und in den Tempeln aufgestellt wurden, so ist es erklärlich, dass man heute noch bei der 
Bearbeitung des Bodens zahlreiche Gebilde aus Thon und hartem Fels findet, welche männ- 
liche und weibliche Figuren, Schlangen, Jaguare, Affen, Vögel und andere Thiere bald in 
getreuer Nachbildung, bald in Groteskgestalt darstellen. Der allgemeine Ausdruck der Quiche- 
Sprachen für solche Götterbilder ist c'abauil, ein Wort, welches sich bis jetzt einer 
sichern Analyse entzieht. 

lieber die Entstehung der Sitte, die Götter in greifbarer Gestalt darzustellen, existieren 
zwei Sagen: Nach dem Popol Vuh holen die ersten Menschen, die Stammväter der Quiches, 
welche zuvor keine Götterbilder besessen hatten, dieselben in den „sieben Höhlen und 
Schluchten" von Tulan Zuiva. Fuentes dagegen erzählt «), dass nach indianischer schrift- 
licher Ueberlieferung folgendes der Ursprung der Götterbilder sei: Der Sohn eines Häupt- 
lings erkrankt und stirbt zum grossen Schmerze seines Vaters, dessen Unterthanen alles 
versuchen, um ihn aufzurichten. Sie wenden sich endlich um Hülfe an eine Gottheit (der 
bigotte Fuentes nennt sie natürlich „demonio"), welche sie ein hölzernes Bildniss des Ver- 
storbenen darstellen heisst. In diesem incorporiert sich der Gott selbst, um ihm Leben zu 
verleihen. Als man dem alten Häuptling gemeldet, dass sein Sohn wieder am Leben sei 
und als er die Statue sich bewegen sah, verfiel er dieser Illusion so vollkommen, dass er 
noch lange lebte und zur Zufriedenheit seines Volkes regierte, dem er die Statue, seinen 
vermeintlichen Sohn, als Erbin der Herrschaft hinterliess. Da das Volk sah, dass die Statue 
redete und mit ihm verkehrte , als ob sie lebte , hielt es dieselbe als himmlischen Ursprungs 
und erwies ihr göttliche Verehrung. Von dieser Zeit an datiert auch die Sitte, Figuren 
der Götter darzustellen und zu verehren, da die Indianer glaubten, dass diese zu ihnen 
sprächen. 

Im Popol Vuh werden vier Götterbilder genannt, von denen jedes einem der mythischen 
Väter der Quiches entspricht. Da aber einer von diesen (Iqui-Balam) ohne Nachkom- 
menschaft stirbt, verschwindet auch sein Götterbild (Nicahtacah) wieder aus der 
Geschichte und nur die drei übrigen, Tohil, Avilix und Hacavitz, kommen auf die 
Nachwelt. 

Da ferner gesagt wird, dass Tohil der Gott der drei Phratrien (parcialidades) der 

36. 



') Landa, Eelacion p. 208. -) Fuentes I, p. 



- 38 - 

Quiches (der eigentlichen Qniclies, derer von Tamub und von Ilocab) war, scheinen diese 
Gottheiten zunächst Stammgottheiten gewesen zu sein. Daneben aber besassen wohl auch 
die subgentes oder chinamit ihre besondern Götter, eine Einrichtung, die sich auch in 
der christlichen Zeit forterhalten hat. Jedes einzelne Quartier (barrio) einer indianischen 
Ortschaft nämlich, welches aus dem alten chinamit oder calpul hervorgegangen ist, 
besitzt heutzutage seinen besondern Heiligen und die Angehörigen des Quartiers betrachten 
sich als „Brüder" dieses Heiligen i). 

Zum Dienst der Gottheiten bestand ein besonderes Priesterthura , welchem die Anord- 
nung der Feste oblag. 

Ueber die Priesterwahlen fehlen uns für die Maya-Stämme des Landes fast alle sicheren 
Anhaltspuncte. Die Benennungen Ahau-Ah-Tohil, Ahau-Ah-Avilix, Ahau-Ah- 
Gucumatz deuten jedoch darauf hin, dass die eigentlichen Priester auch hier aus den 
Grentes der Vornehmen gewählt wurden , wie eo ipso an denjenigen Orten , wo die oberste 
Priesterwürde gleichzeitig das Attribut des obersten Häuptlings war. Dass ferner bloss die 
Söhne der Vornehmen mit der "Wartung der Götterbilder betraut wurden, spricht ebenfalls 
für die Beschränkung der Priesterwürde auf vornehme Gentes. 

Roman sagt ') , dass in der Verapaz der oberste Priester , der an Rang unmittelbar auf 
den König folgte , durch Volkswahl aus den Angehörigen eines bestimmten chinamit gewählt 
wurde. 

Genauer sind wir über den Wahlmodus der Pipil-Priester unterrichtet^). Wenn hier 
der oberste Priester starb , so begrub man ihn sitzend auf einem bemalten Stuhl , in seinem 
eigenen Hause und das Volk hub eine 15-tägige Trauer an, mit Wehklagen und Fasten. 
Nach dieser Zeit wählten der Oberhäuptling mit Hülfe des Wahrsagers durch das Loos 
einen neuen Oberpriester aus den vier Unterpriestern. Die Wahl wurde mit Festen gefeiert, 
wobei der Gewählte aus Zunge und Genitalien sich Blut entzog und den Götterij opferte. 
Der neue Oberpriester wählte ferner aus den Söhnen seines verstorbenen Vorgängers, oder, 
wenn diese fehlten, aus den Söhnen der Unterpriester den Nachfolger in seinem frühern 
Amte als Unterpriester und besetzte auch nöthigenfalls die übrigen Aemter für den Dienst 
der teupas oder Tempel. 

Bei den Stämmen der Verapaz trat jeweilen die Laienverwaltung der Provinz mit den 
Aeltesten der chinamit zusammen und berathschlagte unter Zuziehung der Priester- 
schaft über die nothwendigen Feste und Opfer*), die demnach nicht an bestimmte Epochen 
gebunden gewesen zu sein scheinen, wie anderwärts. Die Zeit und die Art des abzuhal- 
tenden Festes wurde jedoch nicht von den Häuptlingen und den eigentlichen Priestern, 
sondern von besondern Persönlichkeiten , den Wahrsagern , bestimmt , indem mit Maiskörnern 
und Tzite-Bohnen das Loos geworfen wurde. Der Tzite-Baum, der nach früher Gesagtem 
ebenfalls zu den heiligen Pflanzen Guatemalas gehört, ist eine Ery thrina-Art , welche im 
Spanischen als „Palo pito" bezeichnet wird und der Flora der Altos angehört. Er ist z. B. 
häufig an der Strasse von Patzicia nach Tecpam. Die Bohnen werden auch heute noch zum 
Werfen des Looses verwendet, indem die Wahrsager sie mit Maiskörnern mengen und 
damit würfeln. 

War die Zeit des Festes bestimmt, so begannen die Vorbereitungen dazu mit allerlei 
Kasteiungen. Geschlechtlicher Umgang war, selbst für Verheiratete, verboten. Die Männer 



') Stoll , Guatemala p. 250. =) Roman, 11 1 1. 1 fol. IGO. ') Palacio, Caita p.G4. ••) Roman, III 1. 1 fol. 145. 



- 39 - 

verbrachten die Zeit betend in den T(Hnpeln und kehrten nur zum Essen auf kurze Zeit 
zu ihren Frauen zurück, von denen sie ohne Gruss und Rede bedient wurden. Es fanden 
vorschriftsgemäss Blutenziehungen aus verschiedenen Körperstellen, aus Armen, Schenkeln, 
aus Nase, Zunge und Ohren mittelst Obsidianlancetten (chay) statt. Nachts wurden 
Weihrauchopfer gebracht und Waschungen der Priester vorgenommen. Man schlief nicht 
zu Hause, sondern in besondern Hallen oder Häusern beim Tempel. Nachts holten die 
Männer ihre Frauen und grössern Kinder ab und gingen mit ihnen in den Wald hinaus 
oder an die Kreuzwege, wo sie ebenfalls mit Obsidianlancetten sich und ihren Angehörigen 
Blut entzogen , Vögel , Weihrauch und Blumen opferten und zu den Göttern flehten , dass 
sie ihnen Gesundheit, Kindersegen und gute Ernten verleihen möchten. Nachdem sie auf 
diese Weise an verschiedenen Orten gebetet, schickten die Männer ihre Weiber und Kinder 
nach Hause und kehrten selbst in den Tempel zurück. 

Die Sitte des Opferns an den Kreuzwegen erinnert an die vier Wege nach Xiball)a 
im Popol Vuh. 

Wie tief die genannten Selbstpeinigungen selbst noch zur christlichen Zeit der indi- 
anischen Vorstellung und dem Bedürfniss eines Opfers inhierierten , geht aus dem Bericht 
von Gage^) hervor, der uns erzählt, dass die Indianer, sowohl Weiber als Männer, sich in 
der h. Marterwoche aufs allerschärfste geisselten, so dass einige davon ohnmächtig wurden 
und andere sogar an den Folgen der Geisselung starben. 

Dass bei diesen Vorbereitungen die Priester dem gemeinen Volke voranzugehen hatten , 
ist wohl selbstverständlich. In einigen Gegenden (in welchen, wird nicht gesagt) war der 
oberste Häuptling zugleich Oberpriester und kasteite sich in der Vorbereitungszeit an Stelle 
des ganzen Volkes, indem er allein und zurückgezogen in einer kleinen Laubhütte, dem 
„grünen Haus", nahe dem Aufbewahrungsort der Götter, wohnte, wo er fastete, da seine 
Nahrung nur aus trocken geröstetem Mais und einigen Früchten bestehen durfte und am 
Feuer gekochte Speisen ihm untersagt waren. Er iDrachte Opfer von allerlei, ihm in seiner 
Einsamkeit erreichbaren Dingen und entzog sich täglich Blut aus den Ohren und den 
übrigen Körpertheilen. ■< 

Wir sehen endlich auch die Bemalung des Körpers als Theil der gottesdienstlichen 
Ceremonien auftreten. Sobald die Vorbereitungszeit begonnen hatte, färbten sich die Priester 
und Verheirateten schwarz, die ledigen Männer dagegen um sich von den Verheirateten 
zu unterscheiden mit rother Erde. Man pflegte nämlich, wie später erwähnt werden soll, 
Ledige und Verheiratete aus pädagogischen Rücksichten möglichst getrennt zu halten. Ob 
aber irgend ein Symbolismus diesen beiden Färbungen zu Grunde lag, ist nicht zu ent- 
scheiden. 

Die Götterbilder selbst wurden zum Feste mit Gold und Edelsteinen geschmückt, in 
bordierte Gewänder gehüllt und auf Sänften unter Musikbegleitung in Procession herum- 
getragen. Ihre gewöhnlichen Aufbewahrungsorte waren an einigen Orten die Tempel, an 
andern aber Höhlen und versteckte Orte, da man glaubte, dass der häufige Anblick der 
Götterbilder die Achtung vor denselben vermindere. Sie wurden in ihrem Versteck von 
den ledigen Söhnen und Verwandten der Häuptlinge bedient, welche allein ihren Verbleib 
kannten. Bei den Festen wurden die Götterbilder von diesen jungen Leuten hervorgeholt 
und in Procession in die Dörfer getragen. Unterwegs hielt man häufig still, wobei die 



') Gage, p. 329. 



- 40 - 

"Wärter der Götterbilder ihnen die Gaben opferten, welche das Volk zu diesem Zwecke 
spendete. Nach einem Rundgang durch das Dorf wurden die Götter auf dem Ballspielplatz 
niedergesetzt , und die Häuptlinge spielten vor ihnen Ball. Es erscheint also das Ballspiel i), 
welches schon im Popol Vuh eine hervorragende Rolle spielt, als integrierender Bestandteil 
der religiösen Ceremonien und keineswegs als blosse Unterhaltung, wie es denn anschei- 
nend ein ausschliessliches Vorrecht der Häuptlinge bildete. Dem entsprechend gehört auch 
der Kautschukbaum (Castilloa elastica) zu den heiligen Pflanzen des Landes, deren Produkt 
mit dem Copal zum Rauchopfer verwendet wird. 

Einen nicht weniger wichtigen Theil der religiösen Handlungen bildeten pantomimische 
Chortänze, deren Reste wir in den heutigen „Balles" oder Chortänzen der Indianer bei den 
christlichen Kirchenfesten noch erhalten finden. Ihr Ursprung reicht bis in die prae- 
historische Zeit zurück, und die im Popul Vuh genannten dieser Tänze, der Hunahpu- 
Qoy- (wörtl. Affenschütze), der Puhuy- (Ziegenmelker), Cux- (Marder), Iboy- (Gürtel- 
thier), Xtzul- (Tausendfuss) und Chitic-Tanz, werden auf die beiden Halbgötter Hunahpu 
und Xbalanque zurückgeführt ^) , sind also göttlichen Ursprungs , was die Bedeutung dieser 
Tänze beim Gottesdienst erklärt. Dieselben waren theils bloss pantomimischer Natur , theils 
aber bildeten sie dramatische Darstellungen, von denen uns eine durch Bbasseur^) in der 
Quiche-Sprache erhalten ist. 

Die Zahl der jährlichen Feste wird zu fünf, in einigen Gegenden zu sechs angegeben *). 
Da aber gleichzeitig behauptet wird , dass die Vorbereitungszeit 68 Tage und zuweilen selbst 
100 Tage betragen habe ^), so wären mehr Tage im Jahr mit Vorbereitungen verbracht worden, 
als vorhanden sind, was auf eine Unrichtigkeit der einen oder andern Angabe schliessen lässt. 
Für die Pipiles gibt Palacio «) bloss zwei grosse Feste im Jahre an, von denen eines 
beim Eintritt der Regenzeit, das andere bei Anbruch der Trockenzeit abgehalten wurde. 

Die grossen Feste wurden mit Menschenopfern begangen, zu denen Sclaven oder 
Kriegsgefangene dienten. Bei den Pipiles wurden illegitime Knaben von sechs l)is zwölf 
Jahren aus dem Stamme selbst geopfert. In der Verapaz unternahm man zwei Wochen 
vor dem Fest einen grossen Kriegszug auf feindliches Gebiet, um Gefangene zu machen 
die als Material für die Opfer dienten 7). In den letzten Tagen vor der Opferung versah 
man die dazu bestimmten Sclaven mit einem Halsring aus Gold, Silber oder Kupfer, durch 
welchen, wohl als Handhabe, ein Holzstück gesteckt war. Vier AVächter begleiteten die 
Opfer, welche nun frei in jedes Haus, selbst in die vornehmsten gehen und dort essen 
konnten. Sie wurden von Jedermann gut behandelt, durften aber das Dorf nicht verlassen 
und sich des Halsrings und der Wache nicht entledigen. Während der sieben letzten Tage 
vor dem Feste wurden die Opfersclaven in einem Hause nahe dem Tempel eingesperrt und 
bis zui- Trunkenheit mit Speise und Trank versehen. Während der letzten drei Tage reinigte 
man die Wege, bestreute sie mit Fichtennadeln und schmückte die Häuser mit Blumen, 
gerade wie dies heute noch bei den Kirchenfesten in Guatemala üljlich ist. Am Vorabend 
des Opfertages bereitete sich Alles festlich vor, die Altäre der Götter wurden geschmückt, 
und nachdem man sich durch Waschen von der oberwähnten Malerei befreit hatte, kleidete 
man sich in neue und schöne Gewänder. 

Während der Nacht vor dem Feste brachten die als Wächter der Götter bestellten 



'1 Vgl. über das mexikanische Ballspiel Torquemada L. II 1. U u. 12. -) IVipol Vuli , p. 1 i:i und 177. 
^ Bbasseuu, Kabirial Achi. ') Roman, t. HI 1. 1 fol. 145. ') Roman, I. 111 1. 1 (<'l. 145. «) Palacio, 
Carta p. 66. ") RomaxV, t. III 1. 2 fol. 160. 



- 41 - 

Söhne der vornehmen Familien die Götterbilder herbei und spendeten ihnen schon unterwegs 
von Zeit zu Zeit Vngel und andere Thiere, Blumen, Früchte und Weihrauch. Wenn dann 
durch Boten die Ankunft der Götter den Häuptlingen und Priestern gemeldet war, gingen 
ihnen die letztern mit ihren Gehülfen entgegen und geleiteten sie stillschweigend in's Dorf, 
Avo sie dann im Tempel auf ihre Altäre gesetzt wurden. Sobald dies geschehen, wurden 
die Instrumente gespielt und die Festtänze aufgeführt bis zu Tagesanbruch, wo dann Jeder 
nach Hause ging, sich reinigte und Vögel und Weihrauch herbeischaffte, um sie durch 
die Priester opfern zu lassen. Wenn die Stunde des grossen Opfers herannahte, so beklei- 
dete sich der oberste Priester mit seinem Ornate, bestehend aus einem Mantel, einer gol- 
denen oder silbernen, mit edlen Steinen geschmückten Krone und andern Dingen. Das Göt- 
terbild wurde hierauf in eine reich mit Gold und Edelsteinen geschmückten Sänfte gesetzt 
und unter Musik und Tanz in Procession im Tempelhof herumgetragen , um dann auf einem 
Altar neben dem Opferstein aufgestellt zu werden. Nachdem hier während einiger Zeit eine 
lange Recitation der alten Sagen erfolgt war, wie dies heute noch z. B. in Tecpam Guate- 
mala bei den Kirchenfesten geschieht, holten die Häuptlinge die Opfersclaven , indem Jeder 
den seinigen an den Haaren ergriff und vor das Götterbild schleppte. Dann beteten sie vor 
allem Volke für sich und das Volk zu dem Gotte um Gesundheit, Kinder und Wohlergehen, 
und übergaben der Reihe nach ihre Sclaven den Opferpriestern, welche ihnen das Herz aus- 
schnitten und dem Gotte darboten. Der erste Opferpriester nahm mit drei Fingern ein 
Wenig von dem Blute des Opfers, besprengte damit das Idol und warf davon der Sonne 
entgegen. Auf diese Weise ging er von Idol zu Idol und besprengte sie alle mit Blut. 
Die Köpfe der Geopferten wurden an einem, besonders zu diesem Zwecke dienenden Altar 
auf Stangen gesteckt, wo sie einige Zeit verblieben. Dann wurden sie beerdigt. 

Für das Aufstecken der Köpfe der Geopferten auf Stangen hatten die Indianer mehrere 
Gründe. Erstlich sollten sich die Götter angesichts der ihnen geweihten Opfer leichter der 
an sie gerichteten Bitten erinnern, und geneigter sein sie zu erfüllen. Das Volk aber 
sollte dessen gedenken, dass diese Opfer um seiner Sünden willen dargebracht waren, und 
der Ober-Häuptling sollte dadurch bewogen werden, den Kultus zu heben, um die aus- 
wärtigen Feinde zu erschrecken, wenn sie sähen, welches Schicksal ihrer als Kriegsge- 
fangene warte. ^) 

Der übrige Körper wurde gekocht und als geweihte Speise gegessen. Die Hände und 
Füsse blieben, als die delikatesten Stücke, den obersten Priestern und Häuptlingen reser- 
viert, den Rest theilte das gottesdienstliche Personal unter sich. Das Volk selbst hatte an 
dieser Mahlzeit keinen Antheil. Der Kannibalismus hatte also hier einen exclusiv religiösen 
Charakter und bildete ein Vorrecht der bevorzugten Klassen. Ueber die psychologische 
Grundlage desselben lassen uns die Schriften über Guatemala im Unklaren. Da indessen 
die Indianer heute noch der Ansicht sind, dass in alten Zeiten die Sonne vor Antritt ihres 
täglichen Laufes einige Menschen als Nahrung zu verzehren pflegte ^), und da diese Ansicht 
durch die beiden Skulpturen der Sonnengeier von Santa Lucia Cotzumalhuapa ^) in eigen- 
thümlicher Weise illustriert wird, so dürfen wir vielleicht im Kannibalismus der guatemal- 
tekischen Priester eine symbolische Darstellung dieses Göttermahles vermuthen. 

Die Tage der grossen Opfer waren zu grossen Gelagen bestimmt, bei welchen wiederum 



') Roman, III lib. I f. 147. -) Stoll, Guatemala, p. 212. 

3) Habel, Sculptures Taf. VI N". 17. Taf. VII N°. 18. 
I. A. f. E. I. Suppl. r. 



- 42 - 

Tänze vor den Göttern aufgeführt wurden. Fuentes ^) erzählt , dass sich bei diesen Gelegen- 
heiten die Familien in ihren Häusern durch brutale Unmässigkeit in Speise und Trank für 
die lange Fastenzeit entschädigt haben. Die allgemeine Trunkenheit dokumentierte sich 
bei den Einen durch Weinen, bei Andern durch Gesang und Lärm, bei Dritten endlich 
durch Wuthanfälle bei denen sie Andere verwundeten und tödteten, ein Schauspiel, das 
auch heute noch l)ei den grossen Kirchenfesten ausgiebig zu sehen ist. Die Schranken der 
Zucht hörten auf, die Betrunkenen ergaben sich ohne Unterschied der sexuellen Aus- 
schweifung mit ihren Töchtern, Schwestern, Müttern und Kebsweibern und verschonten 
selbst Kinder von sechs und sieben Jahren nicht. Diese Aufführung steht in seltsamen 
Widerspruch mit den strengen, p. 18 und 19 erwähnten Sittengesetzen. 

Indessen lag derselben nach Gerönimo Roman (1. c.) nicht sowohl ein lasterhafter Hang 
zur Ausschweifung, als vielmehr die Ansicht zu Grunde, dass dieses Gebahren den Göttern 
wohlgefällig sei. Deswegen ergaben sich auch die obersten Häuptlinge am meisten der 
Trunkenheit, und während sie dergestalt trunken und handlungsunfähig waren, waren 
ihnen Stellvertreter gesetzt, welche nüchtern zu bleiben und die laufenden Geschäfte zu 
erledigen hatten. 

Die Feste dauerten, je nach Gutdünken der Wahrsager, drei, fünf und sieben Tage 
lang. Während dieser Zeit wurden jeden Nachmittag die Götterbilder in grosser Prozession 
mit Musik durch die Strassen getragen. An hervorragenden Punkten und auf den öffent- 
lichen Plätzen hielt man an, Altäre wurden errichtet und Ball gespielt. Am letzten Tage 
schloss das Fest und Jeder ging nach seinem Hause, mit Ausnahme der mit der Wartung 
der Götterbilder betrauten Personen , welche diese an ihre Aufbewahrungsorte zurückbrachten. 

Zu Fuentes 2) Zeiten , und wohl schon vor der Eroberung , waren die öffentlichen Feste 
das Mittel, die fi-eundschaftlichen Beziehungen zu den Nachbarorten zum Ausdruck zu 
bringen, indem das eine Dorf ein anderes zum Besuch einlud und mit Speise, Süssigkeiten 
und Getränk bewirtete und beschenkte. Die Eingeladenen waren gehalten, bei einer andern 
Gelegenheit ebenso reichlich Gegenrecht zu halten. Eine Nachlässigkeit bei der Bewirtung 
der Gäste konnte Anlass zu dauernder Verstimmung zwischen den Gemeinden werden. 

Heutzutage besteht diese Sitte noch zwischen den verschiedenen Familien, welche sich 
bei Familienfesten gegenseitig einladen und bewirten, oder wenigstens Geschenke an 
Esswaaren machen, die bei anderer Gelegenheit erwidert werden müssen. Die Cakchiqueles 
nennen solche Ess-Geschenke lok'obal, was etwa „Freundschaftszeichen" bedeutet.- 

Die indianischen Götterfeste allgemeiner Natur haben sich bis in unsere Zeit erhalten 
und sind selbst unter der Maske der christlichen Feste noch leicht erkennbar. Fuentes 
eräzhlt^) aus seiner Zeit, dass das Verlangen der Indianer, den Tanz Oxtun („der drei 
grossen Trommeln") tanzen zu können, so gross sei, dass die Indianer des Dorfes Alote- 
nango der Obrigkeit einst 1000 Pesos für die Erlaubniss dazu offerierten. Sie wurde ihnen 
aber nicht nur nicht gewährt, sondern man legte ihnen noch eine harte Strafe auf, da 
dieser Tanz den Spaniern als höchst anstössig galt. Die Mitspieler nämlich, welche sich 
während einiger Tage vor dem Feste durch Fasten, allerlei Ceremonien, Schweigsamkeit 
und Zurückgezogenheit, sowie durch Abstinenz von ihren Weibern darauf vorbereiten 
mussten, entschädigten sich am Feste selbst dadurch, dass ihnen alsdann jede beliebige 
Frau zu Willen sein musste. 

') i'Li-;,TE.s, I. p. 40. -) Fuentes, I. p. 23G. ') Fuentes, I. p. 41. 



- 43 - 

Zu Gage's Zeiten waren die Tänze gestattet, da man ihnen eine christliche Unterlage 
gegeben hatte und Gage beschreibt einige davon ausführlich ^). Seine Schilderung der Jagd- 
tänze gilt auch für heute noch. Welchen Ernst die Indianer mit diesen Festtänzen auch in 
ihrer hybriden, christlichen Gestalt noch verbanden, geht sowohl aus den wochenlangen 
Zeitraul )enden und kostspieligen Vorbereitungen, als besonders aus dem Umstand hervor^ 
dass diejenigen Tänzer, welche schlechte Charaktere, wie den Herodes, die Herodias und die' 
Söldner darzustellen hatten, nach dem Feste ihre fingierte Missethat beichteten und dafür 
Absolution verlangten. 

Wie im öffentlichen, so spielten die religiösen Verrichtungen aber auch im privaten 
Leben eine grosse Rolle. Alle wichtigen Geschäfte wurden mit gottesdienstlichen Hand- 
lungen eingeleitet und von ihnen begleitet, denn da sozusagen alle belebten und unbelebten 
Gegenstände als der Sitz übernatürlicher göttlicher Wesen betrachtet wurden, so hatte der 
Indianer auf Schritt und Tritt Gelegenheit sich mit ihnen zu beschäftigen. Wenn ein Haus 
erbaut wurde, so weihte man die Hälfte dem „Gott der Häuser", Chahalhuc,^) hier 
wurde sein Altar aufgestellt und ihm Weihrauch und besonders Vögel geopfert. Das 
geopferte Blut wurde an die Wand gespritzt und rings um die Flecken Quetzalfedern 
geklebt. Dasselbe geschah an der Thür , damit nichts Böses hineinkäme. Wo zum Häuserbau 
das Holz gefällt wurde, betete man zum „Hüter der Häuser" auf dass der Bau zum Segen 
gereichen möge. Es bestanden besondere Betplätze, meist unter buschigen, laubreichen 
Bäumen oder Baumgruppen , wo die Indianer in aller Lebensnoth hingingen und unter Blut- 
enziehungen zu den Göttern flehten. Da für sie eines der grössten Uebel die Kinderloisgkeit 
war, so opferten sie in gleicher Weise an den Quellen als dem Sitz lebenspendender gött- 
licher Wesen. Orte wo am Fuss eines dichtbelaubten Baumes sich eine Quelle ergoss, 
galten als besonders heilig, da sich hier zwei Gottheiten, die des Baumes und der Quelle' 
vereinigten. Sie opferten ferner in Höhlen und an dunkeln , verborgenen Orten , auf den 
Gipfeln der Berge, an den Kreuzungen der Wege, und, je nach der Art ihres Anliegens 
an die Götter, wählten sie den jeweilen geeignetsten unter diesen Orten. An den Wegen 
fanden sich von Strecke zu Strecke Rastplätze, wo in kleinen Bethäusern Altäre und Göt- 
terbilder aufgestellt waren und wo die Reisenden ihre Gebete und Opfer verrichteten. Zu 
diesem Zwecke nahmen sie einige Ruthen, schlugen sich damit auf die Beine, bespuckten 
die Ruthen und legten sie alsdann auf den Altar, indem sie dieselben mit einem Stein 
beschwerten. Nach diesen Ceremonien, die den Zweck hatten, die Müdigkeit zu vertreiben 
und den Körper wieder zu stärken, fühlten sie sich wieder kräftiger. An solchen Stellen 
opferte man Baumwolle , Cacao , Salz , Pfeffer oder was man sonst mithatte und diese Dinge 
blieben liegen, bis sie faulten, denn Niemand wagte, die an den Gebetplätzen geopferten 
Spenden wegzunehmen. Solche Plätze hiessen Mumuz. s) 

Die beiden Worte Chahalhuc und Mumuz, die beide der Quiche-Sprache ent- 
stammen, sind deshalb von Interesse, weil sie einerseits einen relativen Anhaltspunkt für 
die Zuverlässigkeit der Nachrichten des Gerömino Roman gewähren, der nicht nach eigener 
Erfahrung, sondern offenbar nach handschriftlichen Berichten der Dominikaner, vor allem 
des Las Casas erzählt. Anderseits beweisen diese Worte, dass der damalige Begriff der 
Verapaz nicht bloss die heute so genannten Departemente von Guatemala, sondern auch 

') Gage, p. 332. -) im Quichö: „Hüter der Wohn- oder Schlafstätte" 

=) Roman, III lib. I fol. 148. 



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einen grossen Theil des austossenden Quiche-Gebietes umfasste, wie denn Roman aucli 
gerade zu sagt (III 1. I f. 129): „Die Vera Paz welche damals Utatlan hiess". 

"Wenn die Indianer auf die Jagd nach buntgefiederten Vögeln gingen, von denen vor 
Allem die Quetzales ihrer Federn wegen wichtig waren, so beräucherten sie die Leimruthen, 
damit sie mehr Kraft erhielten. Bei Beginn der Aussaat opferte man Geflügel, mit dessen 
Blut der Umkreis des Saatfeldes besprengt wurde. Einige Tage vor der Aussaat enthielten 
sie sich ihrer Frauen, indem sie es ftü- verderblich für- das Gedeihen der Feldfi-üchte hielten, 
zur Saatzeit den Beischlaf zu üben ^). In ihren Obstgärten hatten sie Götterbilder aufge- 
stellt, denen geopfert wurde, damit sie das Obst schützen sollten. Wenn sie die Maisfelder 
jäteten, verbrannten sie Weihrauch an den vier Ecken und in der Mitte des Feldes, die 
Götter bittend, sie möchten ihnen das Getreide bis zur Ernte schützen. Bei der Ernte 
gaben sie die Erstlingskolben den Priestern oder sie mahlten sie und brachten das Mehl 
roh oder gebacken dem Götterbild, das auf dem Maisfeld aufgestellt war, dar oder endlich 
sie speisten damit Arme und Kranke. Nach der Ernte wurden die Beiträge zu den Opfern 
jeweilen in Mais bezahlt. 

Von besondern, dem Monde gewidmeten gottesdienstlichen Handlungen lesen wii- für 
Guatemala nichts. Dass aber dennoch auch diesem Gestirn eine eingreifende Bedeutung 
für die Geschicke der Welt zugeschrieben wurde, beweist die Erzählung des Popol Vuh 
von der Verwandlung des göttlichen Zaubererpaares Hunahpu und Xbalanque in Sonne und 
Mond und der heute noch bestehende Glaube der Indianer, dass eine Verfinsterung des 
Mondes, in einem Kampfe mit der Sonne bestehe, der den Untergang der Welt zur Folge 
hätte, wenn es dem Abendstern nicht gelingt, die beiden kämpfenden Gestirne zu trennen''). 
Zu FuENTES^) Zeiten pflegten daher die Pokomam-Indianer von Mixco bei Mondfinsternissen 
dem, nach ihrer Ansicht mit dem Untergang bedrohten Nachtgestirn durch gewaltigen 
Lärm mit Trommeln, Metallwerkzeugen und lautem Geschrei zu Hülfe zu kommen. 

In der religiösen Vorstellungswelt der Maya-Stämme Guatemala's finden sich manche 
mexikanische Anklänge, wie aus den, im Popol Vuh vorkommenden aztekischen Namen, 
wie z. B. ah-toltecat, tamazul, chimamalmat, nanauac, und dem Versuche 
seines Verfassers hervorgeht, den Quiche-Gott Tohil mit dem mexikanischen Quetzal- 
cohuatl zu identificieren , dessen Name sich auch im Gucumatz der Quiches und 
Kukulcan der Mayas in Uebersetzung wieder findet. Indessen sind doch diese Mexica- 
nismen beinahe unzweifelhaft spätere Zuthat, welche einer ursprünglichem und altern 
Religionsform einverleibt und angepasst wurde. Während sich für den Aufbau der staat- 
lichen Organisation die Parallele zwischen Mexico und Guatemala trotz mancher Unvoll- 
ständigkeiten der Berichte für letzteres Land, leidlich durchführen lässt, so ist dies für 
die Religionswelt nicht mehr möglich und trotz mancher nahen Berührungspunkte, die 
eben im Wesen der Naturreligion überhaupt und in der Aehnlichkeit der umgebenden 
physischen Natur Mexicos und Guatemalas begründet sind, sehen wir uns doch zu der 
Annahme gedrängt, dass das Auseinandergehen der religiösen Systeme der verschiedenen 
Kulturvölker des eigentlichen Mexico, mit Einschluss der Mayas und der Guatemala-Stämme, 
zeitlich sehr weit zurück verlegt werden muss, selbst wenn der Ursprung ein gemeinsamer 
gewe.sen sein sollte. Gegenüber der entwickelten Götterlehre der Azteken und Mayas finden 
wir diejenige der Quiches einfacher, ärmer, primitiver, gewissermassen der embryonalen 



') üeber die Sitte der Pipiles vgl. p. 46. -) Stoll, Guatemala, p. 275. ') Fuentes, II p. 41. 



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Stufe einer hekastotheistischen Religion noch näher stehend. Dem entsprechend ist auch 
der gottesdienstliche und priesterliche Apparat der guatemaltekischen Völker beecheideher 
und einfacher. 

Dieses Festhalten an den alten, naturursprünglichern religiösen Anschauungen bei 
Völkern, welche in ihren staatlichen Verhältnissen deutlich die Spuren fremder Cultur 
erkennen lassen, stimmt am Ende nur mit dem Erfahrungssatz der Weltgeschichte überein, 
dass es leichter und weniger zeitraubend ist, die Regierungsform eines Volkes umzugestalten, 
als seine grundlegenden religiösen Ansichten zu ändern. Die Regierungsform ist das Resultat 
äusserer und daher der Gewalt zugänglicher psychischer Bethätigung, während die religiöse 
Ansicht im Innern Reich der Gedanken fusst und der äussern Gewalt nur scheinbar weicht. 
Dass auch das Christenthum bloss die Oberfläche, nicht aber die innere Grundlage der 
indianischen Religion geändert hat, wird Jedem klar werden, der sich die Mühe nimmt, 
durch Augenschein dessen Wirkung auf die Stämme Guatemalas zu studieren. 

Wenn auch in den Grundanschauungen nahe verwandt, so scheint doch das Detail 
der religiösen Uebungen der Maya-Stämme des Landes in mancher Hinsicht verschieden 
von demjenigen der ft-emdsprachigen A^ölker in der Südwestecke des Landes gewesen zu 
sein. Wir finden hier nach Palacio's ^) Beschreibung , die Hieropolis Micla , drei Leguas 
vom Uxaca-(heute Güija-)See, wo die Pipil- und Chontal-Lidianer der Umgegend sich zur 
Opferung zusammen fanden. Micla^) aber ist aus Mictlan verstümmelt, womit die 
aztekische Sprache „die Stätte des Todes", in der christlichen Zeit die Hölle, bezeichnet. 
Es entspricht also das Micla der Pipiles dem Xibalba der Maya-Stämme, mit dem Unter- 
schiede, dass ersteres (das heutige Mita) eine reelle, das letztere eine bloss mythische 
Existenz besitzt. 

Wie für die Maya-Stämme, so war auch für die Pipiles der Aufgang der Sonne das 
wichtigste Phaenomen , welches daher besonders verehrt wurde. Ausserdem wurden aber 
die Idole eines zweigeschlechtigen Götterpaares verehrt, des männlichen Quetzalcohuatl 
und des weiblichen Itzcueye, deren Wesen nicht näher bezeichnet wird, obwohl gesagt 
ist, dass die Männer dem Quetzalcohuatl, die Weiber der Itzcueye opferten. Es ist daher 
gerathen, trotz der Uebereinstimmung der Namen, den Quetzalcohuatl der Pipiles nicht 
schlechtweg mit dem Quetzalcohuatl der Mexikaner zu identificieren , denn der Gott der 
Pipiles kann ebenso gut, wie der Gucumatz und Kukulcan der Maya-Stämme, lediglich die 
Aufpfropfung eines modernen und fremden Namens auf eine alte, einheimische Gottheit 
gewesen sein. 

Als oberste Priesterschaft finden wir bei den Pipiles einen Oljerpriester , t e o t i ^) , 
ferner einen Wahrsager oder Kalendererklärer (teoamatlini, von teotl Gott und 
amatl Buch) *) dem es oblag, die Festzeiten durch das Loos zu bestimmen, und \'ier 
Unterpriester (teoplxqui). Ausser diesen erwähnt Palacio noch einen Hüter des Tempel- 
schatzes, der auch bei den Menschenopfern das Herz auszuschneiden hatte und noch andere 
Dienste verrichtete. Ferner gab es Tempelbedienstete, deren Aufgabe es war, mit Musik- 
instrumenten das Volk zu den Opfern herbeizurufen. 



') Palacio, Carta p. 62 sqq. 

°) Die des Aztekischen weniger Icundigen spanischen Schriftsteller ersetzen häufig den ihnen fremd- 
artigen Lautcomplex tl durch das ähnlich klingende cl und schreiben z.B. tecucli statt tecutli. 
^) In Squier's Ausgabe, wohl unrichtig, tecti geschrieben. 
■*) Bei Squlee t e h u a m a 1 1 i n i geschiieben. 



- 46 - 

Der Oberpriester, welcher eine vom Oberhäuptling verschiedene Person war, trug eine 
besondere. Kleidung, bestehend aus einem langen blauen, hemdartigen Rock (ropa) und 
einem buntfarbigen Diadem oder einer Mitra, an deren Spitze ein Büschel Quetzalfedern 
angebracht war. Ausserdem trug er gewöhnlich einen Stab in der Hand. Die vier Priester 
waren ebenfalls mit langen Hemden bekleidet, che von verschiedener Farbe, schwarz, grün, 
roth und gelb . waren und bis auf die Füsse herabreichten. 

Die Pipiles hatten zwei regelmässige öffentliche Jahresfeste, die mit Menschenopfern 
-efeiert wurden. Das eine davon fiel auf den Beginn der Regenzeit, also wohl in die erste 
Hälfte des Mai, das zweite auf den Beginn der Trockenzeit, also wohl in die zweite Hälfte 
des October Das Detail dieser grossen Opfer weicht in mancher Hinsicht von den Gebräuchen 
der nördlichen Stämme etwas ab, schon darin, dass als Opfer nicht Sclaven und Kriegs- 
gefangene, sondern bloss uneheliche Knaben von sechs bis zwölf Jahren aus dem Stamme 

selbst verwendet wurden. ,.„,,, t-, 

Nachdem einen Tag und eine Nacht vor dem Feste das Volk durch den Klang der 
Musikinstrumente zusammengerufen worden, gingen die vier Unterpriester mit Feuerpfannen, 
auf denen Kautschuk und Kopal geräuchert wurde, vom Tempel (cu) herab gegen Sonnen- 
aufgang hin und verrichteten knieend und Weihrauch spendend ein Gebet. Dann vertheilten 
sie sich nach den vier Himmelsgegenden, beteten, und eilten in die vier Häuser, welche 
in den vier Richtungen zu diesem Zwecke vorhanden waren und ruhten eine Weile. Von 
hier begaben sie sich zum Hause des Oberpriesters, welches nahe beim Tempel stand, 
zurück ergriffen den zum Opfer bestimmten Knaben und gingen mit ihm tanzend und 
singend vier mal im Tempelhof herum. Alsdann begab, sich der Oberpriester mit dem 
Wahrsager und dem Schatzmeister von seinem Hause nach dem Tempel , begleitet von 
dem Oberhäuptling und den Vornehmen, welche an der Thür zurückbheben. Die vier 
teopixqui ergriffen den Knaben, jeder an einem Arm oder Bein, Hessen um durch den 
Schatzmeister das Herz ausschneiden und übergaben es dem Oberpriester, welcher es m 
eine kunstvoll gearbeitete Tasche einschloss. Mit dem Blute des Opfers füllten die vier 
Priester vier Calebassen, gingen einer nach dem andern in den Tempelhof hinab und 
sprengten das Blut mit der rechten Hand nach den vier Himmelsgegenden aus. Wenn 
etwas von dem Blute übrig blieb, so brachten sie es dem Oberpriester zurück, der es 
mitsammt dem Beutel der das Herz enthielt, durch die Brustwunde in den Körper des 
Geopferten zurückl »rächte. Die Leiche wurde alsdann beerdigt. 

Wir finden also hier die Bedeutung der vier Himmelsgegenden, für welche bei den 
Maya-Stämmen Guatemalas der Nachweis fehlt, deutlich hervor gehoben. Ferner ist bei 
den Pipiles das Menschenopfer nicht mit Anthropophagie verbunden. 

Ausser diesen grossen fixen Festen der beiden Jahreszeiten finden wü- aber bei den 
Pipiles noch eine Reihe von Gelegenheitsfesten wie ftir den Krieg, für die Jagd- und 

Fischzüge. 

Der Oberpriester und die vier teopixqui beriethen sich mit dem Wahrsager, um zu 
erfahren, ob es am Platze sei, einen Kriegszug zu unternehmen, oder ob ein Feind von 
aussen drohe. Wenn das Loos bejahend entschied , beriefen sie den Oberhäuptling und die 
Kriegsführer, und gaben ihnen die nöthigen Weisungen über die Art und Richtung des 
Kriegszuges. Wurde dieser glücklich beendigt, so erstattete der Häuptling durch Eilboten 
dem Oberpriester Bericht, und dieser berieth sich mit dem Wahrsager über die Art des 
abzuhaltenden Opferfestes. Fiel das Loos auf Quetzalcohuatl , so dauerte das Fest fünfzehn 



- 47 - 

Tage , fiel es auf Itzcueye , so dauerte es fünf Tage. An jedem Tage aber wurde ein Mensch 

geopfert. 

Bei diesen Kriegsdankopfern Ivumen alle Krieger in geordneter Reihe tanzend und singend 
herbei und die Kriegsführer führten in ihrer Mitte die mit Federn, Arm- und Beinspangen 
aus Edelsteinen und Cacaoschnüren um den Hals geschmückten, zum Opfer bestimmten 
Gefangenen. Das Priestercollegium ging ihnen mit dem gesammten Volke entgegen, unter 
Tanz und Musik, und nachdem die Häuptlinge den Priestern die Opfer übergeben hatten, 
kehrten sie alle in den Tempelhof zurück, wo Tag und Nacht Tänze veranstaltet wurden! 
Mitten in den Hof legten sie eine Steinbank , auf welcher das Opfer rücklings an Händen 
und Füssen von den vier Priestern festgehalten wurde. Der Schatzmeister, reich mit Federn 
und Schellen geschmückt, öffnete ihm mit einem Steinmesser die Brust, schnitt das Herz 
heraus und warf es nach den vier Himmelsgegenden in die Luft. Das fünfte Mal warf er es 
senkrecht , so weit er konnte , in die Höhe , indem er es der Gottheit als Dankopfer für den 
Sieg anbot. 

Für die Saatopfer trugen die Pipiles alle die Sämereien, die sie säen wollten, in klei- 
nen Calebassen vor den Altar der Gottheit, und legten sie der Reihe nach in ein Loch 
im Boden , welches sie mit Erde anfüllten. Auf diese stellten sie eine grosse Feuerpfanne , 
auf welcher Kopal und Kautschuk verbrannt wurde. Die vier teopixqui opferten Blut aus 
Nase und Ohren, und nachdem sie durch die Wunden Rohrstücke gesteckt, verbrannten 
sie diese vor den Götterbildern. Zuweilen entzogen sie sich Blut aus der Zunge und dem 
Penis, wobei sie zu den Göttern um das Gedeihen ihrer Saaten flehten. Der Oberpriester 
entzog sich Blut aus Zunge, Ohren und Penis, salbte damit die Füsse und Hände der 
Götterbilder und betete zu denselben. Durch die vier teopixqui Hess er dem A'olke die 
Antwort der Götter mittheilen und immer schloss die Rede mit der Ermahnung, sich mit 
ihren Weibern zu vermischen und dann die Aussaat zu unternehmen. 

Während wir also bei den nördlichen Stämmen die Enthaltung vom geschlecht- 
lichen Umgang als notwendige Vorbedingung für das Gedeihen der Feldfrüchte antreffen, 
begegnet uns bei den Pipiles die gegentheilige Vorschrift, ein neuer Beweis dafür, wie 
nahe beisammen sich verschiedene Anschauungen forterhalten können. 

Bei den Opfern für Jagd und Fischfang wurde bei den Pipiles ein lebendes Reh im Hof 
eines Tempels ausserhalb des Dorfes durch Ersticken getödtet, dann das Blut in einer 
Schüssel aufgefangen und die Eingeweide, mit Ausnahme des Herzens, klein geschnitten. 
Herz, Kopf und Füsse legte man bei Seite und kochte sie für sich allein, während auch 
das Blut mit den Eingeweiden allein gekocht wurde. Während des Kochens wurden Tänze 
abgehalten. Der Oberpriester ergriff dann den Kopf des Rehes bei den Ohren , die teopixqui 
die vier Füsse, und der Schatzmeister trug in einer Feuerpfanne das Herz, welches mit 
Kautschuk und Kopal, unter Räucherung des Götterbildes der Jagd und des Fischfangs, 
verbrannt w^urde. Nach Beendigung des Festtanzes brachten sie auch den Kopf und die 
Füsse dem Gotte dar, indem sie dieselben ansengten. Hernach trug man sie ins Haus des 
Oberpriesters, der sie ass, während man das Blut und die übrigen Theile des Rehes vor 
dem Götterbild verzehrte. Ebenso wurde es auch mit den übrigen Thieren gehalten. Von 
den Fischen wurden die Eingeweide vor den Göttern verbrannt. 



48 - 



IV. DIE WAHESAGER UND AERZTE. 



In Verbindung mit den gottesdienstlichen Verrichtungen erscheint eine Kategorie von 
Persönlichkeiten, welche nicht schlechtweg zu den „Priestern" zu rechnen sind, nämlich 
die Wahrsager oder Looswerfer, welche bei den Maya-Stämmen als ajk'ij, bei den Pipiles 
als teoamatlini bezeichnet wurden. Ihr Amt war, durch das Werfen des Looses mittelst 
Mais und Tzite-Bohnen die für die Opfer günstigen Tage zu bestimmen, und bei andern 
staatlich wichtigen Angelegenheiten als Rathgeber zu dienen. Sowohl bei Roman ^), als 
bei Palacio") werden sie als besondere, von den eigentlichen Priestern verschiedene Perso- 
nen genannt, obwohl die spätere Zeit in dieser Hinsicht die Sache verwirrte, indem der 
Ausdruck ajk'ij unterschiedslos auf alle, mit dem heidnischen Gottesdienst beschäftigten 
Beamten angewendet wurde. Ajk'ij bedeutet nur denjenigen, der die Festtage bestimmt 
(el que sehala los dias), wird dann aber allgemein als „Priester" gebraucht.^) Noch heute 
werden die christlichen Priester nicht ajk'ij, sondern ajtij (Lehrer) genannt, während 
ajk'ij den AVahrsager (zahori) bezeichnet.*) 

Ob das Amt der Wahrsager ein erbliches, ob es an die Kaste der Vornehmen gebunden 
war, ist nach den vorliegenden Berichten nicht mit Sicherheit zu entscheiden. Indessen 
spricht doch die hohe Achtung und der unbedingte Gehorsam, welchen die Indianer ihren 
Wahrsagern erwiesen, dafür, dass dieselben eine hervorragende Stellung einnahmen, auch 
wenn die Beförderung zum Wahrsager vielleicht weniger durch vornehme Al)kunft, als 
durch Neigung und hervorragende Kenntnisse der übernatürlichen Dinge, sowie durch den 
Besitz von Zauberkräften bedingt wurde. 

Denn mit der Festsetzung der, für die Feste geeigneten Tage und der Art der darzu- 
bringenden Opfer waren die Funktionen der ajk'ij noch nicht erschöpft. 

Vor allem waren sie auch aerzte. Es geht aber aus den Berichten nicht klar hervor, 
ob die Aerzte eine besondern Stand bildeten. Vielmehr finden wir mit der Heilung von 
Kranken gewöhnlich Priester, AVahrsager und eigentliche Heilpersonen gleichzeitig be- 
schäftigt, ohne dass die Rollen der letztern sich genau gegen einander abgrenzen Hessen. 
Es scheint ferner die Benennung, welche dem Wahrsager jeweilen zukam, sich nach der 
speciellen Art seiner Thätigkeit im einzelnen Fall gerichtet zu haljen. Als Festbestimmer 
Mass er z. B. im Cakchiquel ajk'ij, als Arzt ajcun oder ak'omanel, als Kalender- 
maler ajtz'ib, als Zauberer ajitz. 

Wenn ein Kranker vornehmer Abkunft war, so hatte er stets seinen Arzt bei sich.'"') 
Halfen die gewöhnlichen Arzeneien nicht, so Hess man durch den AVahrsager das Loos 
werfen, um zu wissen, welche Opfer zur Heilung erforderlich wären. Solche Opfer bestan- 
den in leichten Krankheitsfällen in Vögeln gewisser Farben oder in andern Thieren. In 
schweren Fällen aber griff man zu Menschenopfern, die nach dem Geheiss des AVahrsagers 
bald in Männern, bald Frauen oder Jungfrauen, selbst aus den vornehmsten, bestanden. 
Zuweilen Hess der Kranke seine eigenen Kinder 'opfern, meist diejenigen der Concubinen, 
gelegentlich aber auch die legitimen. Zum Menschenopfer aber griff man nur, wenn die 
übrigen Mittel versagten. Wenn aber ein Mann aus dem Volke erkrankte, so trug seine 



') Roman, III lib. III fol. 182. ') Palacio, Carta p. 64. ') Fuentes, I p. 38, 11 p. 47. 

••) Stoll, Guatemala, p. 229. ') Roman, III lib. I fol. 148. 



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Frau ein Stück Tuch oder einen amlcrn Werthgegenstaml zum Arzt und ersuchte ihn, den 
Kranken zu besuchen. War die Krankheit leicht, so appiicierte der Arzt dem Kranken 
einige Kräuter und andere Heilmittel, war sie aber schwer und gefahrlich, so sagte er zum 
Kranken : „Du hast eine Sünde begangen" und setzte ihm solange zu , bis er alle Sünden 
beichtete, die er, vielleicht viele Jahre früher, begangen hatte. Dies galt als die haupt- 
sächlichste Arznei. Unter „Sünden" aber wurden gemeinhin Hurerei mit freien Frauen 
und Ehebruch , sowie der eheliche Beischlaf während der religiösen Fasten (vgl. S. 38) ver- 
standen. Der Arzt warf dann, gestützt auf die Beichte, das Loos über die zur Heilung zu 
bringenden Opfer, und was er befahl, wurde ausgeführt. Viele Schwerkranke gelobten nach 
ihrer Heilung einen Sclaven zu opfern und zuweilen eines ihrer eigenen Kinder. Die.selben 
Gelöbnisse thaten sie auch, wenn sie in Gefangenschaft oder in anderweitige Bedrängniss 
geriethen. Die Nichterfüllung solcher Gelübde galt für eine schwere Sünde. 

Da, wie früher erwähnt, die Kinderlosigkeit als eines der grössten Uebel galt, so 
hatten die Aerzte auf deren Beseitigung ein Hauptaugenmerk zu richten. Kinderlose Ehe- 
leute pflegten daher allerlei Opfer zu veranstalten, sie entzogen sich Blut aus den ver- 
schiedenen Körpertheilen , opferten Vögel und thaten Gelülxle. Sie zogen auch die Aerzte 
zu Rath, welche ihnen sagten, dass um ihrer Sünden willen die Götter ihnen Kinder 
versagten und sie zur Busse verurtheilten. Die gewöhnliche Verordnung war die Trennung 
vom Bett für vierzig oder fünfzig Tage, unter Einhaltung gewisser diätetischer Vorschrif 
ten, wie Vermeidung des Salzgenusses und Beschränkung der Nahrung auf trockene Tor- 
tillas oder blossen Mais, oder sie mussten eine Zeit lang in der Wildniss in Höhlen leben. 

FuENTEsi) erwähnt den Gebrauch des Nectinatole, einer Mischung von Honig mit 
dünnem Maisbrei (necutli Honig und atolli, Maisbrei), als eines Aphrodisiacums. 

Die Spuren der Kur für Kinderlosigkeit finden sich heute noch. Unter den Cakchiqueles 
von Sacatepequez wird jetzt zuweilen ein Gemenge von Honig, Cayenne-Pfeffer und 
Gewürznelken als Arznei für kinderlose Frauen gebraucht, in der Tierra cahente von 
Retalhuleu gelten hart geröstete Rehohren, die pulverisiert und der Nahrung beigemischt 
werden in dieser Hinsicht für wirksam. Ich kannte an letzterem Orte einen Ladino, der 
im Besitz eines besondern Mittels gegen Sterilität zu sein vorgab und dessen Hülfe deshalb 
von weither, selbst aus der Hauptstadt, in Anspruch genommen wurde. Worin dieses 
Mittel bestand, erfuhr ich nicht, dagegen weiss ich, dass als Vorkur eine vierwochentliche 
Trennung der Ehegatten vorgenommen wurde, wie bei den alten indianischen Aerzten. 

Von den Pipiles erfahren wir ferner''), dass Verheiratete es vermieden, ihren Schwieger- 
eltern zu begegnen, und nöthigenfalls einen Umweg machten, um dies zu vermeiden. 
Diesem Brauch lag die Ansicht zu Grunde, dass sie keine Kinder bekämen, wenn sie mit 
ihren Schwiegereltern zusammenstiessen. 

Von den Maya-Stämmen des Landes ist eine derartige Sitte nicht bekannt. 

Wenn bei den Pipiles eine Frau eine schwere Geburt hatte, so musste sie der als 
Hebamme fungierenden Frau ihre Sünden beichten , half dies nicht , so musste der Gatte 
ebenfalls beichten und wenn auch dies nicht half und die Frau gestand , dass sie mit einem 
Andern Umgang gepflogen, so holten sie aus dessen Hause seine Kleidungsstücke und 
gürteten damit die Kreisende. War auch dies nicht ausreichend, so entzog sich der Gatte 
Blut aus den Ohren und der Zunge 3). 

') FüENTEs I, p. 306 (in der neuen Madrider Ausgabe unrichtig neotinatole geschrieben). 
•) Palacio, Caita p. 78. ^) Palacio, Carta p. 76. 
I. A. f. E. I. Suppl. T. 7 



- 50 - 

Die Zahl der vegetabilischen Heilmittel, über welche die alten Aerzte verfügten, muss 
eine sehr grosse gewesen sein, wenn es gestattet ist aus den gegenwärtig noch unter 
den Indianern üblichen einen Rückschluss auf die Vergangenheit zu thun. Am reichsten 
sind die Alta Verapaz mit ihren immergrünen AVäldern und das heisse und feuchte Tiefland 
von Suchitepequez auf der pacifischen Seite des Landes an heilkräftigen Pflanzen. Von 
diesen mögen einige wenige hier genannt sein. 

Die Samen des Achiote (Bixa orellana) werden von den Indianern zur Herstellung 
erfi-ischender Getränke und als Arznei gegen entzündliche Afiectionen gebraucht. 

Die pfefferartig riechenden und schmeckenden Samen des G u a c o c a ■ Strauches benützt 
man als Infus gegen Magenschmerzen und als Getränk bei Ruhr. 

Die Fruchtkerne des P i h o n - Strauches werden je nach der Constitution des Kranken 
zu 9, 11 oder 13 Stück gemahlen und mit Wasser zu einer Emulsion verarbeitet, die als 
augenblicklich wirkendes Brechmittel hauptsächlich bei chronischen Verdauungsstörungen 
angewandt wird. 

Der Guaco (Mikania Guaco) dient als alkoholisches Infus gegen Magenschmerzen und 
hauptsächlich als Gegenmittel bei Schlangenbiss. 

Calaguala, eine Farrenwurzel , dient innerlich als schweisstreibendes Mittel, äusser- 
lich zur Waschung bei Quetschungen. 

Die Contra-yerva wird zusammen mit der La va-p lato- Wurzel als Stimulans 
hauptsächlich zur Hebung der Zeugungskraft verwendet. 

Mit dem Saft des Pie de poUo heilen die Indianer ihre Wunden. 

Dem Quiebra-muelas-(Zahnbrech-)Baume schreiben die Indianer giftige Eigen- 
schaften zu und fürchten ihn daher sehr. Trotzdem Ijereiten sie daraus durch Abkochen 
Mundwässer, welche cariöse Zähne zum raschen Verfalle bringen sollen. 

Das Infus des „Hasenohrs" (oreja de conejo) dient als Wundwasser, seine Blätter 
befördern die Vernarbung. 

Die Rinde des Copalchi- Baumes dient als FieVjermittel. 

Mit dem Higbolay stillen die Indianer von Cahabon die Haemorrhagien. 

Wir finden also für die hauptsächlichsten Krankheitsformen bereits die Heilmittel in 
der indianischen Pharmakopoe vorgesehen. Fuentes^) widmet den heilkräftigen Pflanzen 
Guatemalas ein besonderes Kapitel. 

V. SUGGESTION UND HYPNOTISMUS. 

Die Thätigkeit der alten indianischen Heilpersonen beschränkte sich aber nicht auf 
das Heilen mittelst Opfern, Beichte und vegetabilischen Arzneien, sondern sie erstreckte 
sich nachweisbar auch auf jenes bis vor Kurzem dunkle Gel)iet psychischer Einwirkung, 
dessen Bedeutung in der Völkerpsychologie immer noch nicht hinlänglich gewürdigt ist, die 
Suggestion und den Hypnotismus. Da ich indessen binnen Kurzem in einer besondern 
Arbeit über „die Rolle der Suggestion und des Hypnotismus in der Völkerpsychologie" den 
Einfluss dieser psychischen Faktoren auf einer breitern Basis, als es hier tlmnlich ist, 
bei einer Reihe von Völkern aller Erdtheile und dei' verschiedensten Culturstufen nach- 
zuweisen gedenke, seien liier nur di(! gi-undlegenden, empirischen Fakta kurz berührt. 



') PUENTES, I p. 334. 



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Bckninitlirh datiert die erste bedeutendere Phase in der Geschichte des abendländischen 
Hypnotisiniis von Franz Anton Mesmer ^) , der im Besitz eines vom Erdmagnetismus 
herrührenden Fluidums zu sein vorgab, durch weiches er im Stande sei, auf die 
Lebensfunlvtionen anderer Menschen heilend einzuwirken. Es gelang ihm, die Kranken in 
hypnotischen Schlaf, sowie in kataleptische oder convulsivische Zustände zu bringen, wozu 
ihm ,.magnetische Stäbe" und die directe Berührung mit der Hand dienten. Der stark sub- 
jective Zug, welcher den von Mesmer und Puysegur producierten Phaenomenen innewohnt, 
entging aber lange Zeit der Beobachtung, und erst im J. 1841 trat die Frage in eine neue 
Phase, indem der englische Arzt James Braid^) nachwies, dass es sich bei den hypnotischen 
Erscheinungen nicht um ein magnetisches Fluidum handle, welches vom Magnetiseur auf 
die hypnotisierte Person übergehe, sondern dass der hypnotische Zustand und alle mit 
ihm zusammenhängenden Erscheinungen ihre alleinige Quelle im Nervensystem des Magne- 
tisierten haben, dass also diese Quelle eine subjective sei. Braid legte das Hauptge- 
wicht auf die Concentration der Aufmerksamkeit seitens der zu Hypnotisierenden auf eine 
bestimmte Idee. Diese Concentration kann auf verschiedene "Weise erreicht werden , entweder 
durch die blosse Willensanstrengung des Hyi)notisierten, oder durch langes Anstarren 
eines leuchtenden Objectes, — oder endlich, und dies ist der wichtigste Punct, dadurch, 
dass ein Zweiter, der als Magnetiseur fungiert, die Idee des Schlafes in dem zu Hypnoti- 
sierenden wachruft, sei es durch das gesprochene "Wort oder durch zweckentsprechende 
Gesten, ohne irgendwelche directe Berührung. Es wird also dem Patienten die Idee des 
Schlafes künstlich eingegeben oder untergeschoben, suggeriert und daher heisst diese 
Methode von ihrem Erfinder der Braidismus oder die Eingebungs- oder Sugges- 
tion s - Methode. 

Mit der Entdeckung des Einflusses von untergeschobenen Ideen oder Suggestionen wäre 
der wächtigste Schlüssel zu einem bessern Verständniss der hypnotischen Erscheinungen 
gegeben gewesen. Indessen blieben Braid's sachbezügliche Schriften lange Zeit fast unbe- 
achtet und erst die Neuzeit ist ihnen gerecht geworden.'') Daher erfuhr die BRAin'sche 
Suggestions-Methode eine wesentliche Erweiterung erst durch den praktischen Arzt Dr. 
LiEBEAULT in Nancy, dessen langjährige Erfahrungen von Prof. Bernheim in Nancy geprüft 
und neuerdings constatiert wurden. Bernheim's Buch 3) über diesen Gegenstand muss als 
das Beste bezeichnet werden, was die mittlerweile unglaublich angeschwollene Litteratur 
über die Suggestion und den Hypnotismus aufzuweisen hat.*) 

"Wenn wir, ohne auf die theoretischen Erklärungsversuche einzugehen, die hypnoti- 
schen und suggestiven Erscheinungen kurz durchmustern, so gewahren wir "etwa Folgendes: 

Es gelingt bei einer relativ grossen Anzahl psychisch normaler Menschen, durch ein- 
fache, nöthigenfalls wiederholte Aufforderung zum Schlafen, ohne Zuhülfenahme äusserer 



J) Vgl. Literatur unter „Mesmek", „Puysegur" und ,,Bkaid". 

■) LiEBEAULT, Sommeil. ^} Bernheim, Suggestion. 

*) Bemerkung. Die hohe innere Wahrsrheinlichkeit, welche der BERNiiEiMSühen Darstellung der hypno- 
tischen Ei-scheinungen , im Gegensatz zu der Pariser Hypnotisten-Schule unter Charcot, innewohnt^ ver- 
anlasste micli, zusammen mit meinem Freunde Prof. A. Forel, Dircctor der Irrenanstalt in Zürich, im 
März 1887 die Klinik von Nancy zu besuchen, um dort die fraglichen Phaenomene im Zusammenhang zu 
studieren. .Jeder von uns hatte schon zuvor Einiges gesehen. Manches war uns zweifelhaft geblieben, und 
um so mehr waren wir Prof. Bernheim für die liebenswürdige Bereitwilligkeit dankbai', mit welcher er 
an seinem klinischen Material uns die hypnotischen und suggestiven Erscheinungen demonstrierte, von 
deren volkommener Thätsächlichkeit wir uns nicht nur in Nancy, sondern seither auch hier in Zürich 
überzeugton. 



- 52 - 

Hülfsmittel, sie in Schlaf zu versenken. Dieser durch blosse Suggestion der Schlafldee 
beAwkte Schlaf zeichnet sich vor dem natürlichen Schlaf aus durch den fortdauernden 
Rapport, den der Hypnotisierte mit der Aussenwelt, vor allem mit seinem Hypnotiseur 
unterhält. Der Hypnotisierte hört die Befehle und Angaben des Letzteren, und die Ver- 
sicherung desselben , dass z. B. ein Arm oder ein Bein des Hypnotisierten steif sei und nicht 
mehr gebeugt werden könne, bewirkt auch wirkhche Starre desselben: eine suggestive 
Katalepsie. Ebenso löst die Versicherung, dass die in rotierende Bewegung gesetzten 
Arme nicht mehr angehalten werden können, automatische Weiterbewegung derselben aus. 

Einen höheren Grad der suggestiven Hypnose stellt der Somnambulismus durch 
Eingebung dar. Zu den Erscheinungen der suggestiven Katalepsie und des Automatismus 
gesellen sich hiebei noch wichtigere. Der Hypnotisierte ist hier eine vollkommene Maschine. 
Automatisch und willenlos führt er die vom Hypnotiseur befohlenen oder prophezeiten 
Handlungen aus, er erhebt sich auf dessen Geheiss, er wandelt, er bleibt sofort festgebannt 
stehen, wenn ihm der Hypnotiseur zuruft, dass er nicht weiter gehen könne. In diesem 
Stadium ist es ferner möglich, durch einfache Suggestion sämmtliche specifische Sinnes- 
energien, den Geschmack, das Sehen, das Hören, die Tastempfindung beliebig abzuändern 
oder aufzuheben, man macht den Hypnotisierten stumm, taub, bUnd, ganz beUebig. Alle 
Sinnestäuschungen können bei dem Somnambulen hervorgerufen werden und dieses Stadium 
ist daher das dankbarste für die professionellen Magnetiseure ä la Hansen, Donati etc. 
Man kann durch das blosse Wort den Hypnotisierten belebte oder unbelel)te Gegenstände, 
Menschen und Thiere, einzeln oder in Menge sehen lassen, die nicht vorhanden sind; man 
kann Personen und Gegenstände, die wirklich in der Nähe des Hypnotisierten sich Ijefin- 
den, für ihn vollständig verschwinden machen. Man kann durch einfache Suggestion in 
raschem Wechsel alle erdenklichen Seelenstimmungen in der hypnotisierten Person hervor- 
rufen, die Freude, unbändige Heiterkeit und wieder die tiefste Trauer, den heftigsten 
Zorn oder den maasslosesten Schreck. 

Alle Handlungen, welche der Hypnotiseur seinem Medium befiehlt, werden je nach 
dessen Individualität bald rasch, bald zögernd ausgeführt. Man kann ferner durch blosse 
Suggestion die Persönlichkeit des Somnambulen subjectiv beliebig verändern, einen Mann in 
eine Frau, eine Frau in einen Mann, einen Menschen in ein Thier verwandeln, und sofort 
schmiegt sich die Handlungs- und Ausdrucksweise des Hypnotisierten der neuen Rolle an, 
die er gemäss seiner individuellen Auffassung derselben durchführt. 

Weckt man den Hypnotisierten durch eine zweckentsprechende Suggestion auf, so ist 
er höchst erstaunt, geschlafen zu haben und erinnert sich absolut nicht mehr all' der 
Vorgänge während des hypnotischen Schlafes, wenn ihm die Erinnerung derselben nicht 
etwa suggestiv befohlen ward. 

Es gelingt aber auch, ebenfalls durch einfache Suggestion während seines Schlafes, 
bei einem Hypnotisierten Sinnestäuschungen zu bewirken, die erst in's Leben treten, 
nachdem er sich wieder im vollkommen wachen Zustand befindet. Dies sind die posthy))- 
notischen Illusionen und Hallucinationen. So kann man z. B. einen Hypno- 
tisierten die Gegenstände und Menschen seiner Umgel)ung nach seinem Erwachen in 
anderer Farlje und Gestalt erblicken lassen, man kann ihn nicht vorhandene Gegen- 
stände und Menschen sehen, vorhandene ITii- ihn vnscliwiiHlcii machen. Diese posthypno- 
tischen Sinnestäuschungen haben da, wo ihre licrvorrufung überliaupt gelingt, in den 
Augen des hypnotisiert gewesenen Menschen eine absolute Realität; er ist nicht im 



- 53 - 

Stande, dic^ hl08s suggerierten, also vrillig imaginären Gegenstände und ihre Eigenschaften 
von wirlilichen zu unterscheid(>n uikI hält dahci- diu suggerierten Objecto durchaus für 
wirkliche. 

So können auch Handlungen, die während des liypnotischen Schlafs suggeriert worden 
sind, erst iiiuli dem Erwachen in's Leben gerufen werden, und man kann dem Hypnoti- 
sierten die vollkonnnene Ucberzeugung Iteiliringen, Handlungen irgendwelcher Art begangen 
zu haben , die er nie liegangen hat und trotzelem nach dem Erwachen mit allem Detail erzählt. 

Eine Reihe von merkwürdigen Vorkommnissen beweist ferner, dass die Wirkung der 
hypnotischen Suggestion sich auch auf körperliche Functionen erstreckt, die für gewöhnlich 
dem Willen ganz entzogen sind. So kann die blosse Versicherung, dass der, einem Hypnoti- 
sierten gereichte Schluck Wasser ein Brechmittel oder ein Laxans sei , nach Belieben schon 
während des Schlafs oder posthypnotisch Erbrechen oder starken Durchfall bewirken. 

Auf all, diesen merkwürdigen Eigenschaften des hypnotischen Schlafs beruht nun auch 
die Heilwirkung der modernen Suggestions-Methode , die uns hier nicht zu beschäftigen hat. 

Die AVirkung der Suggestion erstreckt sich aber keineswegs bloss auf den hypnotischen 
Schlaf. Nicht minder wichtig ist vielmehr die wohl konstatierte Thatsache, dass viele 
Individuen auch im vollkommen wachen Zustand der Suggestion in ausserordentlichem 
Maasse zugänglich sind „Suggestion pendant la veille". Diese kann sogar über die 
Erfahrung und den alltäglichen gesunden Menschenverstand derart den Sieg davontragen, 
dass sich an diesen Individuen so ziemlich dieselben Erscheinungen hervorrufen lassen, die 
wir vom hypnotischen Schlafe her kennen: Suggestive Starre, Lähmungen, Contracturen , 
automatische Bewegungen, Aenderungen der Sinnesempfindungen, Sinnestäuschungen der 
verschiedensten Art. Auch diese merkwürdige Eigenschaft der menschlichen Psyche wird 
thatsächlich , wenn auch oft unbewusst, zu Heilzwecken verwendet; sie ist nicht nur in 
der Schulmedizin thätig, sondern ein grosser Theil der Wirkung der Volksheilmittel, bei 
denen man ja vor Allem den „Glauben" haben muss, der sympathetischen Kuren und vor 
allem der Homöopathie ist auf diese rein psychischen Einflüsse zurückzuführen. 

Man hat lange geglaubt und glaubt zum Theil jetzt noch, dass die besprochenen Zu- 
stände ausnahmsweise seien, die sich nui- l_»ei aussergewöhnlich veranlagten, psychisch 
abnormen Menschen, vorzugsweise bei hysterischen Frauen finden. Es muss daher als ein 
unbestreitbares Verdienst der Schule von Nancy erklärt werden, den Nachweis an Hand 
eines reichen statistischen Materiales geliefert zu haben, dass die suggestiven Erscheinun- 
gen des wachen und hypnotischen Zustandes sich keineswegs auf wenige , geistig abnorme , 
nervöse Individuen beschränken. Vielmehr kann es als ausgemacht gelten , das bei weitem 
der überwiegende Theil der gewöhnlichen Menschen beider Geschlechter suggestiven Ein- 
flüssen zugänglich ist, welche allerdings alle Uebergänge von der kaum merklichen Wil- 
lenslähmung des wachen Menschen bis zu den tollsten Phantasien des vollendeten Som- 
nambulismus zeigen. Immerhin ist als Erfährungsthatsache festzuhalten, dass die einfachen 
Leute des Volkes, welche ohne vorgefasste Meinung, ohne Furcht und Misstrauen, sowie 
ohne conträrc Willensanstrengung sich den Einflüssen der Suggestion anheimgeben, am 
leichtesten hypnotisiert und suggestioniert werden. 

Es muss also die Zugänglichkeit für suggestive Einflüsse geradezu als eine normale 
und weitverbeitete Eigenschaft der menschlichen Seele betrachtet werden. Darauf beruht 
aber ein weiterer, für die VcUkerpsychologie enorm wichtiger Umstand, nämlich die Mög- 
lichkeit, grössern Menschenmengen gleichzeitig dieselbe Suggestion beizubringen, che Sug- 



- 54 - 

gestionierung der Massen oder die „Suggestion coUective". Mit der Thatsache 
der Möglichkeit, auch im vollkommen wachen Zustande suggestive Sinnestäuschungen zu 
erwecken, bildet die „Suggestion collective", die enorme Ansteckungsfähigkeit der Sugges- 
tionswirkungen, den völkerpsychologisch wichtigsten Faktor der suggestiven Vorgänge. 
Diese beiden Faktoren sind es, welchen wir unter allen Zonen und zu allen Zeiten der 
menschlichen Geschichte wiederbegegnen, und welche die Grundlage für das cumulative 
Anschwellen gewisser Suggestionen bilden, die, ursprünglich von Einzelnen in die Masse 
geworfen, sich zu förmlichem Epidemien steigern können. Die suggestiven Epidemien 
spielen sich der Natur der Sache nach vornemlich auf denjenigen Gebieten der Anschau- 
ungen ab, welche dem Menschen vor Allem theuer und wichtig sind, nämlich den reli- 
giösen und politischen. Auf solche gesteigerte Suggestionswirkungen sind die gewaltigen 
Ausbrüche des religiösen und politischen Fanatismus zurückzuführen, welche uns in der 
"Weltgeschichte entgegentreten. 

Kehren wir nach diesem Excurse, dessen Länge die Wichtigkeit des Gegenstandes 
und seine relative Neuheit in aussermedizinischen Kreisen entschuldigen möge, zu den 
Indianern von Guatemala zurück. Wir treffen hier eine Reihe von Erscheinungen, welche 
sich mit den gewöhnlichen Schlagwörtern „Betrügerei, Taschenspielerei" und dergleichen 
nicht abweisen lassen, sondern eine andere Erklärung verlangen. 

Im Popol Vuh wird z. B. die Episode der Eroberung der Unterwelt Xibalba durch 
das Magierpaar Hunahpu und Xbalanque folgendermaassen geschildert i) : Die beiden 
Brüder treten , als Bettler verkleidet , in Xibalba auf und tanzen , um die Aufmerksamkeit 
auf sich zu ziehen, den Puhuy-, Cux- und Iboy-Tanz, wobei sie zahlreiche Wunder 
vollbringen , deren Ruf auch an den Hof von Xibalba gelangt und die Neugier der Häupt- 
linge erregt. Sie laden daher die beiden Bettler ein, sich vor ihnen zu producieren. Diese 
beginnen zunächst damit, dass sie einen lebenden Hund in Stücke reissen und die ein- 
zelnen Stücke wegschleudern. Dann rufen sie den Hund plötzlich wieder ins Leben 
zurück und schweifwedelnd vor Freude kommt das Thier wieder herbeigelaufen. Daraur 
stecken die Zauberer ringsum den Palast in Brand, ohne dass den Insassen ein Leides 
geschieht. Urplötzlich erlöschen die Flammen und das Haus steht unversehrt wieder da. 

Die Fürsten von Xibalba, hoch erfreut über diese Wunder, fordern nun die Zauberer 
auf, einen Menschen zu tödten und wieder lebendig zu machen. Diese ergreifen einen Mann, 
tödten ihn, indem sie ihm das Herz ausschneiden und das blutende Organ den Fürsten 
vorweisen. Ursplötzlich erscheint der Mann wieder lebend und unversehrt vor ihnen. 

Die Fürsten verlangen nun auch zu sehen, wie einer der Brüder den andern tödte 
und wieder lebendig mache. Unverweilt tödtet Xbalanque seinen Bruder Hunahpu, indem 
er ihn ganz in Stücke zerschneidet, die Arme, Beine und den Kn|if vinn Rumpfe trennt 
und nach allen Seiten hin zerstreut. Er reisst ihm das Herz aus und wirft es weg 
in's Gras. Nachdem dies Alles geschehen, ruft Xbalanque seinem getödteten Bruder 
plötzlich zu: „Vorwärts, stehe auf" und sofort steht Hunahpu lebend und unversehrt 
wieder da. 

Der Popol Vuh erzählt, dass die Fürsten, trunken vor Freude ob dieser Wunderthaten 
gewesen seien und stünnisch verlangten, dass auch an ihnen das AVunder des Tödteiis 
und Wiederaufweckens vollzogen werde. Darauf hatten die Brüder gewartet, sie tödteten 



jl.ol Vuh p. 176. Hqq. 



- 55 - 

ein i)aar der Fürsten, weckten sie aber nicht wieder auf. Die übrigen flolien entsetzt und 
so wurde die Unterwelt den Ijeiden Zaulterern untertlian. 

Die von Xbalanque und Hunalii)u voill^rachten Wunder stimmen nun genau mit den 
Sinnestäuschungen überein, welche sich in Form von Illusionen oder Hallucinationen an 
geeigneten Individuen theils im wachen , theils im hypnotischen Zustand hervorrufen lassen. 

Es Icann daher für Jeden, der mit den Suggestionswirkungen vertraut ist, keinem 
Zweifel unterliegen, dass die Erweckung von Sinnestäuclmngen den indianischen Zaulterern 
der praehistorischen Zeit bereits bekannt gewesen und vnn ihnen systematisch geübt worden 
ist, denn die von Hunahpu und Xbalanque producierten Wunder lassen sich heute noch 
leicht wiederholen. 

Die Kenntniss derartiger Wirkungen hat sich nicht nui- in die historische Zeit forter- 
halten, sondern sie besteht jetzt noch als Specialität einzelner Individuen, welche dieselbe 
theils zu Heilzwecken, theils zum Zwecke der Ausbeutung der sehr leichtgläubigen und 
leicht suggestiblen Indianer benutzen. Man nennt sie heute mit dem spanischen Wort 
„brujo." In den Quiche-Sprachen wird für diese Zauberer das AVort „ajitz" „Herr des 
bösen Zaubers" gebraucht, das Pokonchi aber nennt sie „ajvuar", was „Herr des 
Schlafes" bedeutet und beweist, dass ihnen auch die Hervorrufung der suggestiven Hypnose 
bekannt ist, oder wenigstens bekannt war. Solcher Zauberer gibt es heutzutage in jedem 
grössern Dorfe einen oder mehrere, welche in grossem Respekt stehen, da sie nach der 
Ansicht der Indianer im Stande sind, alles mögliche Unheil, selbst Krankheit und Tod, 
anzurichten. Für die suggestive Natur ihrer Wirksamkeit spricht unter anderai auch die 
Behauptung der Indianer, dass man es dem Zauberer am Bhck ansehe, wenn er Jemanden 
zu bezaubern wünsche, es findet sich also auch hier der so weit verbreitete „böse Blick". 
Daneben aber benutzen die Zauberer die verbale Suggestion, die sie mit zweckentsprechen- 
den Gesten begleiten , urii z. B. einem Indianer eine Schlange in den Leib zu zaubern , die 
er dann auch richtig spürt. 

Oben wurde erwähnt , dass es theils im hypnotischen , theils im wachen Zustand leicht 
gelingt, für den der Suggestion Unterworfenen sich selbst oder andere beliebig die Gestalt 
wechseln , sie verschwinden oder sich in Thiere verwandeln zu lassen. Und wiederum sehen 
wir als die hervorragendste und allgemeinste Eigenschaft der indianischen Zauberer die 
Fähigkeit, sich beliebig in Thiere zu verwandeln, im Volksglauben der alten, wie der 
neuen Zeit auftreten. 

Verwandlungen in Thiere spielen schon im Popol Vuh eine grosse Rolle. So verwan- 
deln die Zauberer Hunahpu und Xbalanque den Hunbatz und Hunchouen in Affen. Sich 
selbst verwandeln sie in Fischmenschen (vinak-car). Die mythischen Ahnen der Quiches 
verwandeln sich bei ihrem ersten Verschwinden in reissende Thiere, deren Stimmen fernher 
gehört werden. Von dem Häuptling Gucumatz^) wird erzählt, dass er je am siebenten 
Tage in den Himmel und dann am nächstfolgenden siebenten Tage in die Unterwelt ge- 
stiegen sei. Jeden siebenten Tag nahm er die Gestalt einer Schlange, eines Geiers, oder 
eines Jaguars an, er konnte sich selbst in Blut (oder Kautschuk?) verwandeln. Bei Xime- 
NEZ*) lesen wir, dass die Häuptlinge der Quiches unter dem Könige Vaxaquicaam Quicab 
einen Zauberer der Cakchiqueles gefangen nahmen und opferten. Sie führten dabei einen 
Tanz auf, bei welchem sie sich in Geier, Jaguare und Punia's verwandelten. Auch Gage 3) 



') Popol Vuh p. 3U. •) XiMENEZ, p. 173. ') Gage, p. 363. 



- 56 - 

■berichtet ausführlich über die Zauberer und ihre Fähigkeit, sich in Jaguare und Puma's zu 
venvandeln, die zu seiner Zeit allgemein und auch von ihm selbst, geglaubt Avurde. Ebenso 

FUENTES. ^) 

Wenn wir alle zugänglichen Berichte uml die heutige Ansicht der Indianer zusammen- 
halten , so ergiebt sich ,. dass es vor Allem reissende und gefährliche Thiere , Jaguare , Puma's 
und Schlangen sind, deren Gestalt die Zauberer annehmen. Es wird uns dadurch die 
abergläubische Furcht der Indianer vor diesen Thieren begreiflich. 

FüENTES erzählt (1. c.) , dass die Indianer , wenn sie eine Schlange antrafen , sie sie zu 
tödten suchten. "Wenn ihnen dies gelang, so empfanden sie die grösste Freude, weil sie 
glaubten, dass ihnen alles gelingen und sie über ihre Feinde triumphieren würden. Wenn 
ihnen die Schlange aber entwischte, so verfielen sie in Trauer und Schwermuth, da sie 
fürchteten, es würde ihnen nun ein schweres Unglück zustossen. 

Eine intensive Abneigung hatten sie gegen Eulen und Käuze, da sie glaubten, dass 
in dem Hause, bei welchen die Eule ihren Ruf ertönen Hesse, Jemand sterben müsse. 
Desswegen verfolgten und tödteten sie diese Thiere wo sie konnten. Diese, von Fuentes 
überlieferte Ansicht steht in direktem Zusammenhang mit der aus dem Popol Vuh bekannten 
Anschauung, dass die Eulen die Sendboten der Todesfürsten der Unterwelt seien. 

Mit dem Namen balam (Jaguar) wurden sogar die Zauberer selbst bezeichnet.^) Wenn 
ein Indianer auf der Reise einem Jaguar begegnete, so begann er seine Sünden zu beichten 
und zu sagen: „So viele Sünden habe ich begangen, tödte mich nicht!" Reisten mehrere 
zusammen und stiess ihnen ein Jaguar auf, so setzten sie sich am Wege nieder und 
warteten thatenlos das Weitere ab im Glauben, dass die Sünden eines unter ihnen in dem 
Raubthier incorporiert seien und dass es diesen tödten würde. 

Nach dem , was wir gegenwärtig über die Wirkungsweise der Suggestion auf den Ein- 
zelnen und auf die Masse vdssen, werden wir die Möglichkeit, ja sogar die an Gewissheit 
grenzende Wahrscheinlichkeit nicht von der Hand weisen können, dass dem althergebrachten 
Glauben der Indianer von der Fähigkeit der Zauberer, sich in Thiere zu verwandeln nicht 
bloss eine gedankenlos von Generation zu Generation fortgepflanzte Ueberlieferung, sondern 
die stets neue , lebendige Erfahrung auf dem Wege der suggestiven Beeinflussung zu Grunde 
lag. Diese Beeinflussung welche direkt von den Zauberern ausging, wurde indirekt durch 
die allgemeine Ueberlieferung erleichtert, welche das Gemüth des Einzelnen derart günstig 
vorbereitete, dass er geneigt sein musste, in jedem ihm begegnenden Jaguar, Cuguar oder 
Königsgeier einen verwandelten Zauberer zu erblicken, da er Avirkliche und bloss durch 
suggestive Sinnestäuschung producierte Thiere gar nicht von einander zu unterscheiden 
vermochte. 

Fuentes 3) erwähnt, dass die Wahrsager der alten Indianer sich des Tabaks bedient 
hätten, um sich durch dessen Rauch in Ekstase zu versetzen und in diesem Zustand die 
künftigen Dinge für sich und Andere vorauszusehen. Desshalb figurierte auch der Tabak 
unter den heiligen Pflanzen diT Iinliaiier, denen sie besondere Verehrung bewiesen. Unzwei- 
felhaft spielte hieljei die Autosuggestion die Haui)tr()lle. Nach der Darstellung des Monardes*), 
die sich allerdings zunächst auf Mexico zu beziehen scheint, da er für den „Tabak" das 
aztekische Wort picielt (unrichtig für picietl) angiebt, war das hiebei beobachtete Ver- 



') Fuentes II, p. 46. =) Roman, ril Hb. 2 fol. 159. ^) Fuentes, IT p. 47. 

■*) MoNAUDEs, historia medicinal p. 37. 



- 57 - 

fahren das folgende: Der wahrsagende Priester nahm in (Jc^^iiwart der Rath Suchenden 
einige Tabakblätter, warf sie in's Feuer und sog ihren Rauch mit Mund und Nase durch 
ein Rohr ein. Dabei fiel er dann wie todt zu Boden und blieb je nach der Quantität des 
eingesogenen Rauches kürzere oder längere Zeit in diesem Zustand. Nachdem das Kraut 
seine Wirkung gethan, kam der Betäubte wieder zu sich und ertheilte nun die Antworten 
gemäss den Phantasmen und Illusionen, die ihm wilhrend jenes Zustandes erschienen waren. 

Eine derartige, traditionell gewordene suggestive Beeinflussung kann natürlich die 
Grundlagen der ganzen Naturanschauung nicht unberührt lassen. Wenn einerseits die 
zooth eistische Religion des Naturvolkes eine suggestive Beeinflussung in dieser Richtung 
wesentlich begünstigen musste, so wirktedieseandererseits wiederum auf jene zootheistischen 
Grundlagen zurück, indem sie stets aufs Neue den anscheinend thatsächlichen Beweis ihrer 
Richtigkeit erbrachte und den Menschen stets im regsten Wechselverkehr mit der ihn 
umgebenden Thierwelt erhielt. Die Konsequenzen dieser Anschauungen dokumentieren sich 
bei den Guatemala-Stämmen in verschiedener Richtung, einmal im Mythus, dann im soge- 
nannten Nagualismus und in der theilweise davon abhängigen Namengebung und endlich 
im Kalenderwesen. 

Die Fähigkeit, beliebig die Gestalt zu wechseln, sich in Thiere zu verwandeln und in 
dieser Gestalt Nutzen oder Schaden zu stiften, oder ganz zu verschwinden, erscheint 
als ein Attribut besonders hervorragender, dem gewöhnlichen Menschengeschlecht über- 
legener und mit übernatürlichen Kräften ausgestatteter Menschen. Dadurch erklärt es sich 
leicht , weshall.1 im Mythus der Quiches nicht , wie anderwärts Kriegshelden , sondern Zau- 
berer, wie Xpiyacoc und Xmucane und vor Allem Hunahpu und Xbalanque die erste Rolle 
spielen, und dass die Fürsten der Vorzeit, von denen die Sage berichtet, mit solchen 
übernatürlichen Kräften ausgestattet erscheinen, wie Gucumatz-Cotuha , der fünfte König 
der Quiches und Quicab Cavizimah, der siebente König. In der That zeichnen sich die 
anthropomorphen Gestalten des Quiche-Pantheon vor Allem als gewaltige Zauberer aus. 

VI. DER NAGUALISMUS ^). 

Der Ausdruck Nagualismus stammt vom Quiche-Wort naual, das wiederum ein 
Derivat vom Stamme nao „wissen, verstehen" darstellt. Naual ist daher „der Wissende" 
und wird häufig als Synonym der Ausdrücke für „Zauberer" gebraucht. Naual ist dann 
aber ferner derjenige belebte oder unbelebte Gegenstand, gewöhnlich ein Thier, welcher 
in einem Parallelverhältniss zu einem bestimmten Menschen steht, so dass Wohl und 
Wehe des Letzteren von den beziehungsweisen Schicksalen seines naual (nach spanischer 
Schreibart nagual) abhängt. Man kann den naual daher auch als eine Art Spiritus 
familiaris bezeichnen. 

Ueber das von den Chnntal-Indianern des an Guatemala angrenzenden Theiles von 
Honduras , die den Pipiles kulturell sehr nahe standen , beobachtete Verfahren zur Erlangung 
einer Schutzgottheit lesen wir bei Herrera ^) folgendes : 

Um seinen Nagual zu gewinnen, ging der junge Indianer in den Wald, an eine ein- 
same Stelle am Flusse oder auf einen Berg, und bat unter Thränen die Götter, ihm das 
zu gewähren, was seine Vorfahren besessen hätten. Nachdem er einen Hund oder einen 



') Stoll, Guatemala p. 238. -) Hehreha, Dqc IV 1. VIII f. 15.5. 

I. A. f. E. I. Suppl. I. 



- 58 - 

Vogel geopfert, legte er sich zum Schlafen zurecht. Nun erschien ihm im Traume oder 
nach dem Erwachen eine der uns bereits bekannten Gestalten, ein Jaguar, Puma, Coyote, 
Kaiman, Schlange oder Vogel. Nachdem der Indianer der Traumgestalt, Blut aus Zunge, 
Ohren und andern Körpertheilen geopfert und sie um reichen Ertrag an Salz und Cacao 
gebeten hatte, sprach sie zu ihm: „An dem und dem Tage wirst du auf die Jagd gehen 
und das erste Thier, welches dir begegnet, werde ich selber sein der ich für alle Zeit 
dein Gefährte und Nagual sein werde". Wer keinen Nagual besass, konnte nie reich 
werden. 

Die Indianer glaubten, dass der Tod ihres Nagual auch ihren eigenen zur Folge haban 
würde. So erzählt die Sage ^), dass in den ersten Kämpfen der Spanier auf dem Hochland 
von Quetzaltenango die Naguales der indianischen Häuptlinge in Gestalt von Schlangen sich 
am Kampfe betheiligt haben. Besonders aber war der Nagual des obersten Häuptlings 
kenntlich, da er die Gestalt eines grossen, mit prächtigen grünen Federn geschmückten 
Vogels besass. Der spanische Heerführer Pedro de Alvarado stach den Vogel mit der 
Lanze todt und bemerkte, dass er noch niemals einen so grossen Quetzal gesehen hätte. 
Im selben Augenblick sank der oberste Kriegsführer der Quiches, Tecum, der schon Alva- 
EADo's Pferd getödtet hatte, todt nieder. Diese Legende illustriert das Wechselverhältniss , 
das sich die Indianer zwischen sich und ihren Naguales bestehend dachten. 

Nach der Ansicht des Fuentes ^) war der Nagual geradezu die Schutzgottheit des Indianers, 
indem er sich zur Vertheidigung in das Ijelebte oder unbelebte Wesen, das seinen Nagual 
bildete, verwandeln konnte, so z. B. in eine Schlange, um beissen zu können, in einen 
Stein oder Baum, um sich unsichtbar zu machen. 

Mit den nagualistischen Vorstellungen enge verknüpft ist endlich das Kalenderwesen 
und die Namengebung, welche daher ebenfalls den als „Wahrsager" bezeichneten Persön- 
lichkeiten übertragen waren. 

VII. SCHRIFTTHUM UND KALENDERWESEN. 

Ueber die „Schrift" der guatemaltekischen Indianer ist uns nichts Genaues bekannt 
geworden. Da aber Zueita von seinem Besuch in Utlatlan, der Hauptstadt des Quiche- 
Reiches, berichtet, er habe sich aus den Malereien der Eingebornen überzeugt, dass ihre 
alte Geschichte achthundert Jahre hinaufreiche, so scheint die Annahme gerechtfertigt, dass 
in Guatemala ebenfalls eine Bilderschrift existiert habe. Diese Annahme wird unterstützt 
durch die Pipil-Namen der Wahrsager „teoamatlini", was etwa „Kundige der gottesdienst- 
lichen Bücher" bedeutet. Wenn Zurita, wie er erzählt, die alten Malereien der Quiches 
mit Hülfe eines sprachkundigen Dominikaners verstehen konnte, so waren die Schriftzeichen 
wohl einfach ideographische, nach Analogie der mexikanischen. 

Ob dem uns als Popol Vuh bekannten und mit europäischen Lettern in Quiche geschrie- 
benen indianischen Schriftwerk ein älteres, in Zeichen abgefasstes Werk zu Grunde lag, 
wie sein Verfasser andeutet, ist heute nicht mehr zu entscheiden. Sehr wahrsciieinlich aber 
bezog sich das oben erwähnte Schriftthum vor Allem auf die Feste, und die Zeitrechnung 
überhaupt, also auf den Kalender. 



') Fuentes, I p. 50. Milla, Historia p. 71. ■) Fuentes, II p. 45. 



- 5Ü - 

A. Astronomischer Kalender. 
Die Basis des Zahlensystems der Maya-Stamme Guatemala's bilden die 10 Pinger und 

10 Zehen des Menschen, also ist sie eine vigesimale, wie diejenige der Maya von Yucatan. 
Indessen unterscheiden sich die Guatemala-Sprachen von letzterer dadurch, dass sie nicht, 
wie die Maya, von 1 — 11 mit Wurzelworten zählt, sondern nur von 1 — 10. Die Zahlen 

11 — 19 werden durch Addition aus der Einerreihe gebildet. Für 20, 40, 80, 400 und ihre 
Multipla treten dann neue Wurzelworte in die Reihe ein. Es ist also zu chronologischen 
Zwecken das Material zu einem System fast beliebiger Höhe gegeben, und in der That 
führt der Cakchiquel-Grammatiker Flores die Zahlreihe bis zu 104,000 durch. Das Zahl- 
system des Pipil war, wie seine heutigen Reste zeigen, mit dem aztekischen identisch. 

XiMENEZ 1) sagt , dass die Indianer die Anzahl der Tage im .lahr richtig auf 365 fest- 
gesetzt hatten, dass ihnen aber die Stundendifferenz entging, welche die periodische Ein- 
schiebung von Schalttagen nothwendig machte. Da die Schriftsteller indessen dennoch den 
Beginn des guatemaltekischen .lahres auf bestimmte Tage verlegen, obwohl sie diese ver- 
schieden angeben, so ist es Avahrscheinlich , dass, wie in Mexico und Yucatan, die Anbringung 
von Schalttagen auch in Guatemala ülilich war. 

Das .Jahr zerfiel in 18 Monate von 20 Tagen, welche zusammen 860 Tage ausmachten. 
Diesen schlössen sich noch fünf, nicht in die Rechnung der Monate aufgenommene Tage an, 
welche im Cakchiquel tzapi k'ij-) genannt wurden. Brinton leitet diese Bezeichnung 
von tzap „Unglück, Verbrechen" ab, während ich die Uebersetzung von „Schlusstagen" 
für richtiger halte, von tz'ap „schliessen, einschliessen , zudecken". 

Die Monate. Die Bezeichnungen der Monate waren folgende: 





Quiche 




C a k c h 


i q u e 1 


Monat 


nach Beasseur') 


nach Brasseur') 




nach Brinton") 


1. 


nahe tzij 


i bota 




tacaxepual 


2. 


u cab tzij 


q a t i c 




nabey tumuzuz 


3. 


rox tzij 


i z c a 1 




rucan tumuzuz 


4. 


che 


pariche 




Q i b i X 


5. 


tecoxepual 


tacaxepual 




u c h u m 


6. 


tzibe pop 


nabey tumuzuz 


nabey m a m 


7. 


zak 


rucab tumuzuz 


rucab mam 


8. 


c h a b 


gibixic 




lik'in k'a 


9. . 


huno l)ix gih 


u c h u m 




nabey to'k 


10. 


n a b e m a m 


nabey mam 




rucab to'k 


11. 


u cab mam 


rucab mam 




nabey pach 


12. 


nahe ligin ka 


ligin ka 




rucab pach 


13. 


u cab ligin ka 


nabey togic 




tziquin k'ih 


14. 


nabe pach 


rucab togic 




c a k a n 


15. 


u cab pach 


nabey pach 




ibota 


16. 


t z i q u i n gih 


rucab pach 




katic 


17. 


t z i z i 1 a g a n 


tziquin gih 




itzcal k'ili 


18. 


cakam 


cakam 




p a r i c h e 



') XiMENEZ, p. 214. •) Brinton, Annais p. 28. 

■') Beasseur, Histoire III p. 466- ■*) Brinton, Annais p. 29. 



- 60 - 

Wie man sieht, bilden die vier letzten Monate des Cakchiquel-Kalenders in den Quellen, 
aus denen Brinton schöpfte, die vier ersten Monate in Brasseur's Zusammenstellung. Auch 
entsprechen einander die gleichlautenden Benennungen in den drei Zusammenstellungen 
keineswegs. 

Sämmtliche Namen sind übersetzt worden , aber jedenfalls nur zum Theil richtig und 
in den wenigsten Fällen können wir aus der wörtlichen Uebersetzung eine Beziehung zu 
den Jahreszeiten gewinnen. >) Einige Monate (1 und 2, 10 und 11, 12 und 13, 14 und 15 
im Quiche und 6 und 7, 10 und 11, 13 und 1-4, 15 und 16 in Brasseur's Cakchiquel- 
Tabelle) erscheinen paarweise zusammengeordnet, ohne dass sich hiefür ein Grund auf- 
finden liesse. 

Die AVorte itzcal und tacaxepual sind, wie schon Brinton hervorhebt, offenbar 
mexikanischen Ursprungs. 

Der Beginn des guatemaltekischen Jahres wird von den Autoren verschieden angesetzt. 

Nach Basseta begann das Quiche-Jahr am 24 December 

„ Hernandez ,. ,, „ ,^19 November 



XiMENEz „ „ „ ,.21 Februar 

Das Cakchiquel-Jahr begann nach einer Franziskaner-Chronik „ 31 Januar 



?! 



Nach einer von Brasseur citierten Angabe fiel jedoch im J. 1707 der erste Pariche 
auf den 21. Januar, was für den 1. Ibota, also für den ersten Jahrestag, den 21. November 
des Vorjahres ergäbe. 

Bei diesen Differenzen zwischen den Autoren wäre es von Werth, wenigstens einen 
relativen Anhaltspunkt in der Natur selbst zu finden, nämlich für die Bestimmung des 
Cakchiquel-Monats nabey tumuzuz. Dieser Ausdruck bedeutet wörtlich „die ersten Ter- 
miten" und bezieht sich offenbar auf das massenweise Ausschwärmen der Geschlechtsthiere 
der Haustermiten, welches alljährlich in den Frühlingsmonaten stattfindet. 

Ich habe mir nun, um ungefähr die Zeit des nabey tumuzuz zu bestimmen, im 
Jahre 1881 in Antigua und 1882 in der Hauptstadt die Schwärmzeiten der Termiten, die 
ich damals auch zu entomologischen Zwecken sammelte, notiert und in Antigua als ersten 
Tag des Ausschwärmens den 22. März, in Guatemala den 24. Mai notiert. In Antigua 
schwärmten die Thiere bloss am 22. und 28. März, dann sah icli in jenem Jahre keine mehr 
bis in den Juni, wo eine zweite, grosse Art zu schwärmen l)eginnt. In der Hauptstadt 
dagegen schwärmten die Thiere vom 24. Mai bis 1. Juni jeden Abend massenweise, so dass 
ich dies für die Hauptschwännzeit der gemeinsten Haustermitenart (Calotermes castaneus 
B u r m.) halte. 

Mit Zugrundelegung der beiden ersten Flugtage (22. März = 1, und 24. Mai = II) erhalten 
wir folgende Co'incidenzen für das Cakchiquel-Jahr. 

') Es ist z. B. nicht einzusehen , weshalb im Quicho-Kalender die 3 ersten Monate als „erstes , zweites , 
drittes Wort", der vierte als „Baum", der sechste als „Mattenmaler", der siebente als „weiss", der achte als 
„Bogen" oder „Pfeil", der zehnte und elfte als „erster" und „zweiter Enkel", der vierzehnte und fünfzehnte 
als „erste und zweite Brut", der seohszehnto als „Vogel-Tage" bezeichnet worden. 

Dass Uebersotzungen wie ibota „Mattenrollen", ligin k'a „sanfte Hand" höchst fragwürdig sind, ist 
kaum zu bezweifeln. 



- 61 - 



1 . i b 1 a 

1 . q a t i c 

1 . i t z c a 1 

1 . j) a r i c h e 

1. tacaxepual 

1. nabey tum uz uz 

1 . r u c a l3 t u m u z u z 

1 . Q i 1) i X i c 

1 . u c h u m 

1. nabey mam 

1 . r u c a b m a m 

1 . 1 i g i n k a 

1. nabey togic 

1. rucab togic 

1 . na Ij e y p a c h 

1. rucab pach 

1 . t z i q u i n gib 

1 . c a k a m 



I 
12. December 

1. Januar 

21. Januar 

10. Februar 

2. März 

22. März 

11. April 
1. Mai 

21. Mai 
10. Juni 
30. Juni 
20. Juli 

9. August 
29. August 
18. September 

8. October 
28. October 
16. November 



II 

=^ 13. Februar 
= 5. März 
^ 25. März 
= 14. April 
= 4. Mai 
= 24. Mai 
= 13. Juni 
= 3. .Juli 
= 23. Juli 
= 12. August 
= 1. September 
= 21. September 
= 11. October 
= 31. October 
= 20. November 
= 10. December 
=^ 30. December 
= 19. Januar 



Bei Einhaltung des erstem Datums fallen die namenlosen Tage auf den 7. 8. 9. 10. und 
11. December, bei Zugrundelegung des 24. Mai jedoch auf den 8. 9. 10. 11. und 12. Februar. 

Trotzdem ich geneigt bin , das Erscheinen der Termiten im Mai für das auffalhgere und 
gewöhnlichere Phaenomen zu halten, als den Märzausflug, der leicht übersehen wird, so 
geht doch aus obiger Zusammenstellung hervor, dass die Flugzeiten der Termiten erheb- 
lichen jährlichen und lokalen Schwankungen unterworfen sind und nicht als eine absolut 
sichere Basis zur Berechnung des Cakchiquel-Jahres dienen können , da sich in obiger Tabelle 
an zwei einander nahegelegenen und ungefähr in gleicher Höhe befindlichen Städten wie 
Antigua und Guatemala für eine und dieselbe Termitenspecies Differenzen von acht Wochen 
ergeben. 

Dafür, dass die zweite Hälfte des Mai die wahrscheinlichere Grundlage für den nabey 
tumuzuz ist, spricht indessen auch das Auftreten der zweiten auffalligen Termitenart, 
welche ich 1882 zuerst am 18. Juni beobachtete, ein Datum, das befriedigend mit dem in 
der Tabelle II gegebenen Beginn des 1. rucab tumuzuz oder „zweiten Termiten "-Monates 
übereinstimmt. 

Die Tage des Monats. Wie oben bemerkt, zerfiel der einzelne Monat in 20 Tage, 
deren Bezeichnungen für das Quiche und Cakchiquel ziemlich übereinstimmend angegeben 
werden, wie folgt: 



- 62 - 

Die Tage der Monate. 
Q u i c h e 
Nach XiMENEZ '} Nach Brasseue -) 

imex 

ig 

akbal 

qat 

can 

c a m e y 

q u i 8 h 

ganel 

1 h 

tzy 

batz 

ci, (ey?) balam 

ah 

yiz, itz 

t z i q u i n 

a h m a k 

noh 

tihax 

caok 

hunahpu 

Auch diese Namen sind theilweise übersetzt worden, aber in den wenigsten Fällen 
haben wir für die Richtigkeit dieser Uebersetzungen sichere Anhaltspunkte und wo diese sich 
zu finden scheinen, zeigt es sich zuweilen, dass die Uebersetzung nicht diejenige des guate- 
maltekischen Wortes, sondern des entsprechenden Tages des mexikanischen Monats ist. 
So bedeutet z. B. qat nicht, wie Brasseür (I.e.) angibt, „Eidechse", wohl aber das ent- 
sprechende mexikanische cuetzpalin. ganel bedeutet nicht „Hase", wohl aber das mexi- 
kanische tochtli. 

Die übereinstimmenden Namen beider Kalender, des mexikanischen und des guatemal- 
tekischen, sind folgende: 

Quichö und Cakchii^uel 

2 Tag i'k 

5 „ can 

6 „ camey 

7 „ q u i e h 

10 „ tzi 

11 „ batz 

12 „ balam 

13 „ ah 



1. 


imox 


2. 


ic 


3. 


acbal 


4. 


cat 


5. 


can 


6. 


camey 


7. 


queh 


8. 


canel 


n. 


toh 


10. 


tzi 


11. 


batz 


12. 


ci (ey?) 


13. 


ah 


14. 


balam 


15. 


t z i q u i n 


Iß. 


a h m a c 


17. 


noh 


18. 


tihax 


19. 


caoc 


20. 


hunahpuh 







Cakchiquel 


Nach Spina ■') 


Nach Brinton*) 


i m u x 


( 3) 


imox 


ig 


( 4) 


i'k 


b a c b a 1 


( 5) 


a'kbal 


cat 


( 6) 


kat 


can 


( 7) 


can 


came 


( 8) 


camey 


quieg 


( 9) 


q u e h 


canil 


(10) 


k a n e 1 


toj 


(11) 


toh 


zu (tzii) 


(12) 


tzii 


bat (batz) (13) 


batz 


ee 


(14) 


ee 


aj 


(15) 


ah 


ix 


(16) 


yiz 


z i q u i n 


(17) 


tziquin 


ajmac 


(18) 


a h m a c 


noj 


(19) 


noh 


tijax 


(20) 


tihax 


cagnoc 


( 1) 


caok 


ahpu 


( 2) 


h u n a h ]) u 



15 „ tzii|uin (Vngol) 



N a h u a 1 1 




'2. 


e h e c a 1 1 


Wind 


5. 


c li u a 1 1 


Schlange 


6. 


m i q u i z 1 1 i 


Tod 


7. 


m a z a 1 1 


Reh 


10. 


itzcuintli 


Hund 


11. 


ozomatli 


Affe 


14. 


ocelotl 


.Jaguar 


13. 


a c a 1 1 


Rohr 


15. 


q 11 ;i II li tu 


Adler 



') MiLLA, Historia p. J^XII. -j Buasseue, Hlstoirc III. p. 4(12. ^) Milla, Historia p. LXIII. 
*) Brinton, Anrials p. 30. 



- 63 - 

Die übrigen Tagesbezeichnungen haben mit dem mexikanischen Kalender sichtlich nichts 
zu schaffen. Wenn auch obige Liste eine intensive Einwirkung des mexikanischen auf den 
guatemaltekischen Kalender zeigt, so dürfte das Verhältniss doch das gewesen sein, dass 
Guatemala das ganze Schema der Zeiteintheilung in 18 Monate zu 20 Tagen von Mexico 
bezog und sich nach Möglichkeit an die mexikanischen Benennungen hielt, dass aber dennoch 
eine ältere Nomenclatur der Tage noch wesentlich bei der Neugestaltung des Monats mit- 
wirkte. So finden wir im Tage Game den Namen der Fürsten der Unterwelt (Huncame 
und Vukutacame) wieder, in toj und ganel begegnen uns die Gottheiten der Frucht- 
barkeit, welche als xtoh und xganil im Popol Vuh von Xquiq, der Mutter Hunahpu's und 
Xbalanques angerufen werden. ^) Im Namen des 20. Tages treffen wir den grossen Zauberer- 
held der Vorzeit, Hunahpu, selbst wieder. Die übrigen Namen sind nicht sicher zu erklären. 

Ueber die Bedeutung, welche den einzelnen Tagesnamen innewohnte, erfahren wir 
durch Hebnandez Spina ^) näheres. Danach zerfallen die Tage in gute, böse und indifferente. 

Indifferent waren die beiden Tage Cagnoc und Ahpu, mit welchen nach Si'ina der 
Quiche-Monat begann. Schlecht dagegen waren die sechs folgenden Tage (3. 4. 5. 6. 7. 8.) 
ferner der 11. und der 12. Tag. Die übrigen waren gute Tage. 

Am Tage Imux, der dem Windgott geweiht ist, beten die Sonnenpriester oder AJk'ij 
zu den Göttern, dass sie ihren Gegnern Böses zufügen mögen. Ebenso an den folgenden 
Tagen bis und mit Game. 

Am Tage Quieg, der ein guter Tag ist, beginnt man die Heiratsverhandlungen. 

Am Tage Ganil bittet man um alles, was zur Erhaltung des Menschen dient, denn 
Canil (richtiger K'anil) ist der Gott der Fruchtbarkeit, wörtlich des „Gelbseins", 
der „Reife". 

Am Tage Toj haben nur böse Geister Gewalt und wehe dem, der an diesem Tage 
geboren wird. 

Am Tage Zu (verschrieben für tzii) beten die Priester, dass Krankheit, Elend und 
allerlei Uebel diejenigen befallen möge, welche ihnen nicht genehm sind. 

Am Tage Bat (verschrieben statt batz) beten die Priester ebenfalls, dass Krankheit 
ihre Feinde befallen möge, und zwar speciell die Gicht, um sie zu lähmen. 

Am Tage E e werden alle Verträge abgeschlossen und die Priester beten zu den Göttern 
um alles Gute. 

Am Tage Aj, der ein guter Tag ist, betet man um Mehrung der Hausthiere. 

Der Tag Ix war den Göttern der Wälder geweiht. Man betet zu ihnen, dass sie die 
reissenden Thiere verhindern mögen, Schaden an den Hausthieren zu thun. 

Erst am Tage Tziquin vereinigen sich die Gatten, obgleich die Heirat schon am Tag 
Ee geschlossen wurde, im gleichen Hause, begleitet von Gebet und Glückwünschen. 

Der Tag Ajmac ist dem Gott der Gesundheit geweiht, dem man viele Opfer bringt. 

Der Tag Noj ist dem Gott der Vernunft geweiht. Man bittet um gesunden Verstand 
für sich und seine Kinder. Dieser Tag, wie der folgende Tijax ist der menschhchen 
Seele geweiht. 

FüENTES^) reproduciert einen, bereits der christlichen Zeitrechnung angepassten Kalender, 
der dazu diente , die Naguales oder Schutzgottheiten der einzelnen Tage ausfindig zu machen. 
Er wurde einem Quiche- Wahrsager von Totonicapam weggenommen und lautet wie folgt: 

') Popol Vuh, p. 104. -') MiLLA, I.e. p. LXIII. ') FUENTES, IL p. 44. 



- 64 



ENERO (Januar). 



Dias 


Naguales 




Dias 


Naguales 




(Tage). 


(Schutzgötter). 




(Tage). 


(Schutzgötter). 




1. 


Leon 


(Puma) 


17. 


Flecha 


(Pfeil) 


2. 


C u 1 e b r a 


(Schlange) 


18. 


E s c b a 


(Besen) 


3. 


Piedra 


(Stein) 


19. 


Tigre 


(Jaguar) 


4. 


Lagarto 


(Alligator) 


20. 


T 1 1 m z 1 1 e 


(Hüllblatt des Maiskolbens) 


5. 


S e y b a (Baumwollljaum) 


21. 


Flauta 


(Rohrflöte) 


6. 


Quetzal {Quetzalvogel) 


22. 


C h a 1 c h i g i t 


(Edelstein) 


7. 


P a 1 (Baum 


oder Pfahl) 


23. 


Cuervo 


(Rabe) 


8. 


Conejo 


(Hase) 


24. 


F u e g 


(Feuer) 


9. 


Mecate 


(Seil) 


25. 


Chuntan 


(Baumhuhn) 


10. 


Hoja 


(Blatt) 


26. 


Bejuco 


(Ruthe) 


11. 


Venado 


(Reh) 


27. 


Tacu atzin 


(Beutel rat te) 


12. 


Guacamayo 


(Ära) 


28. 


H u r a c a n 


(Hurakan) 


13. 


Flor 


(Blume) 


29. 


Sopilot 


(Aasgeier) 


14. 


Sapo 


(Kröte) 


30. 


G a V i 1 a n 


(Falke) 


15. 


Gusano 


(Raupe) 


81. 


Murcielago 


(Fledermaus). 


16. 


Trozo 


(Holzklotz) 









B. Chronologischer Kalender. 

Mit der Verwendung des Kalenders zur Bestünmung der guten und bösen Tage ist 
seine Bedeutung indessen noch nicht erschöpft, denn er diente auch chronologischen 
Zwecken. 

Ueber die Art der Chronologie, welche die einheimische Litteratur einhielt, geben uns 
nur die Cakchiquel-Annalen , welche jetzt durch Brinton's Verdienst zugänglich gemacht 
sind, einige Anhaltspunkte. Da Prof Bbinton^) eine Specialarbeit über die verschiedenen, 
in Centralamerika üblichen, chronologischen Systeme in Aussicht stellt, mögen hier nur 
einige wenige Bemerkungen Platz finden. 

Den chronologischen Daten der Cakchiquel-Annalen dient ein bestimmtes Ereigniss, 
nämlich die Vernichtung der Tukuchee durch die Cakchiqueles als Basis, das auf den 
11. Ah verlegt vrird. Stellen wir nun die chronologischen Angaben der Cakchiquel-Annalen 
zusammen, so sehen wir, dass sie uns stets einen der 20 Tagesnamen in Verbindung mit 
einer Zahl von 1 — 13 zeigen. Wir müssen daher annehmen, dass neben der Eintheilung 
des Jahres in 18 Monate zu 20 Tagen und einem Supplement von 5 namenlosen Tagen, 
welche der astronomischen Zeitrechnung und der Festsetzung der Fest- und Opfertage 
diente, noch eine andere Eintheilung existiert habe, in welcher je 13 Tage zu einer 
Periode oder Woche zusammengeordnet erscheinen. Diese 13-tägige Periode trug 
jeweilen einen der 20 Tagesnamen''), so dass der ganze Kreislauf 1 3 mal 20 = 260 Tage 
urafasst hätte. Es müsste somit nach Ablauf der 260 Tage ein beliebiges Datum wiedoi- auf 



') Bkinton, Caicchiquel- Annais p. 28. 

') Den Tagesnamen Yiz finde ich in der Chronologie nicht belegt. 



- 65 - 

denselben Tag fallen , es müsste beispielsweise der Jahrestag des Untergangs der Tukuchee 
wieder der 11. Ah sein. 

Nun zeigt sich aber, wenn wir alle im indianischen Texte der Cakchiquel-Annalen 
angegebenen Jahrestage der Vernichtung der Tukuchee zusammenstellen, folgende Reihe: 



11. Ah. Vernichtung der Tukuchee ; Auf- 
stand der Cakchiqueles. 
8. „ 1 Jahr nach dem Aufstand. 
Jahre „ 



0. 


;; 


2 


2. 


» 


3 


12. 


i> 


4 


9. 


V 


5 


6. 


V 


6 


3. 


IJ 


7 


13. 


n 


8 


10. 


)) 


9 


7. 


!! 


10 


4. 


!I 


11 


1. 


V 


12 


11. 


jy 


13 


8. 


I) 


14 


5. 


)? 


15 


2. 


)) 


16 



!) 


!I 


)I 


)I 


)! 


T) 


» 


V 


IJ 


?J 



12. Ah. 17 Jahre nach dem Aufstand. 

9- " 1« „ „ „ 

6-'),, 19 „ „ „ 

3. „ Erster Cyklus nach dem Aufstand. 



13. 


J? 


1 


Jahr 


nach 


dem 


ersten 


Cyclus 


10. 


7? 


2 


Jahre 


?? 


)) 


ri 


)j 


7. 




3 














7? 




j; 


)) 


!I 


35 


)3 


4. 




4 














J7 




?? 


)j 


J3 


33 


33 


1. 


)J 


5 


!) 


» 


!) 


33 


33 


11. 




6 














» 




J7 


!) 


» 


33 


33 


8. 




7 














?7 




!? 


?7 


» 


33 


3) 


5. 




8 














)J 




I! 


?7 


;? 


33 


3) 


2. 




9 












12. 


J? 


10 


?7 


)) 


;; 


33 


33 




37 




!J 


)I 


3? 


33 


33 


9. 




11 














?? 




?7 


?7 


!) 


33 


3) 


6. 




12 














77 




!J 


» 


» 


33 


37 


3. 




13 












13. 


77 


14 


J7 
»7 


11 


!! 


33 


3) 



Diese Reihenfolge wiederholt sich auch in dem, nur in englischer Uebertragung vor- 
handenen Theile der Annalen. 

Es fällt somit der Jahrestag des grundlegenden Ereignisses, welches am 11. Ah statt- 
hatte , allerdings stets wieder auf die Woche A h , aber nicht auf denselben Tag , sondern 
3 Tage früher. Indessen ist dies nicht so aufzufassen , als ob der indianische Schreiber sich 
in seiner Berechnung getäuscht habe , denn dagegen spricht schon die consequente , bewusste 
Durchführung der chronologischen Daten. Ebensowenig aber ist dies so zu deuten , als ob der 
Gesammtcj^klus aus irgend einem Grunde einfach um 3 Tage verkürzt worden wäre, denn 
dann könnte sich der Jahrestag des Aufstandes nicht stets in der Woche Ah bewegen, 
sondern müsste successive auch auf die übrigen Wochen fallen. 

Es muss daher die sprungweise Bewegung des Jahrestages innerhalb der Woche Ah 
einen andern Grund haben. Betrachten wir die Tabelle genauer, so gewahren wir, dass 
sich die einzelnen Jahrestage folgendermassen zu Perioden zusammenordnen: 

13. 10. 7. 4. 1. 11. 8. 5. 2. 12. 9. 6. 3. 

Die Reihe umfasst also sämmtliche Zahlen von 1 bis 13, die aber so geordnet erscheinen, 
dass sie sich je um 3 unterscheiden. Mittelst dieser Anordnung wird erreicht, dass nach 
einem Cyklus von 13 Jahren ein beliebiges Datum wieder auf denselben Tag fallt. Dass 
aber „13" zu den heiligen Zahlen gehört, wurde schon oben erwähnt, und es ist jedenfalls 



') Im Texte steht irrig „vahxaki" statt „valvalvi." 
I. A. f. E. I. Suppl. I. 



- 66 - 

der ausschliessliche Zweck der ganzen Rechnungsweise, diese heilige Ziffer in derselben 
■wirken zu lassen. 

Die obige Zahlenreihe und ihre Wirkung kann nun aber bloss dadurch gewonnen 
werden, dass dem einzelnen Cyklus von 260 Tagen 3 Tage subtrahiert werden, dass also 
eine der Wochen bloss 10 Tage zählt. Würde jedoch mit dieser Zählweise in inflnitum 
fortgefahren, so müsste schon bald der Jahrestag aus dem Monat Ah herausfallen, und 
zwar wäre dies in obiger Serie 3 ' mal der Fall , nämlich nach den Zahlen 1 , 2 und 3. Die 
Ziffer 1 steht von 13 um 5 Jahre, die Ziffer 2 von 1 um 4 Jahre und die Ziffer 3 von 2 
ebenfalls um 4 Jahre ab. Die Summe dieser Abstände 5 + 4 + 4 ergibt aber wieder die 
heilige Zahl 13. Es muss demnach, um den Jahrestag eines beliebigen Datums innerhalb 
derselben Woche zu halten, in Perioden von 5, 4 und 4 .Jahren jeweilen eine Woche von 
13 Tagen eingeschoben werden. Dadurch wird der Verlust von 39 Tagen, wieder ausge- 
glichen, welcher während des ganzen Turnus von 1 — 13 Jahren entstehen würde wenn 
vom Gesammtcyklus von 260 Tagen einfach 3 Tage subtrahiert worden waren. 

Es würde z. B. der 5. Jahrestag nach dem 13. Ah auf den 11. Ee, der 9. auf den 
12. Batz, der 13. auf den 13. Tzii fallen müssen, wenn es nicht durch Zuschlag von je 
13 Tagen an diesen Daten möghch gemacht worden wäre, die Jahrestage des 13. Ah stets 
fort in der Woche Ah zu erhalten, indem man, statt vom 1. Ah auf den 11. Ee überzu- 
springen , wieder auf den 11. Ah vorsprang. 

Durch diese, allerdings willkürliche und lediglich im Interesse esoterischer Zahlen- 
beziehungen stehende Manipulation wurde es möghch, auch den Gesammtturnus von 260 
Tagen für das historische Jahr (hu na) einzuhalten. 

Zur Erleichterung des blossen Zählens, ohne symbolische Nebenzwecke, erscheinen die 
Jahre in den Cakchiquel-Annalen in Cyklen von je 20 zusammengeordnet, die als may 
bezeichnet werden. 

Es zeigt sich aus obiger Untersuchung, dass die Chronologie der Cakchiqueles von der 
bei den Nahuas und Mayas üblichen nicht unerheblich abweicht und manches Originale 
enthält, wenn auch die Zeitrechnung aller dieser Völker auf eine gemeinsame Quelle hin- 
weist. Von den grossen cyklischen Berechnungen der Mexikaner und Mayas fehlen uns in 
Guatemala die Spuren fast vollständig. Bloss Fuentes ') sagt , dass die Quiches radförmige 
Steine (ruedas de piedra) besessen haben , auf welchen durch Bilder der Cyklus von 52 Jahren 
dargestellt war. Da 52 die durch Multiplikation erlangte Combination der beiden heiligen 
Zahlen 4 und 13 bildet, so ist die Angabe des Fuentes wahrscheinlich richtig. AVir finden 
also bei den Maya-Stämmen Guatemala's eine cyklische Rechnung mit den Ziffern 13 und 
52, die an die 13-jährige Periode (indiccion) und die 52-jährige Periode (katun) der Mayas 
von Yucatan erinnert, obwol die Dauer des chronologischen Jahres bei beiden Völkern ver- 
schieden war, indem das guatemaltekische mit dem mexikanischen, nicht aber mit dem 
Maya-Jahr übereinstimmte. 

Vlir. NAMENGEBUNG UND KINDERERZIEHUNG. 

Wenn wir die, uns aus altei' Zeit überlieferten Eigennamen der Indianer untersuchen, 
so finden wir neben einer Anzahl solcher, die sich, wahrscheinlich in Folge mangelhafter 



') Fuentes, II. p. 111. 



- 67 - 

Schreibweise, der Analyse entziehen und einer Reihe von offenbaren Entlehnungen aus dem 
Mexikanischen, zwei Kategorien von Namen vertreten. 

Die eine davon enthält Thiernamen, wie Bai am -A gab, Balam-Quitze, Tucum- 
balam, Gucumatz, welche alle auf die oben geschilderte zauberhafte Bedeutung des 
Jaguars und der Schlange Bezug zu haben scheinen. 

Die zweite Kategorie enthält ebenfalls häufig Thiernamen, aber stets in Verbindung 
mit Zahlen, was darauf hinweist, dass diese Namen dem soeben besprochenen chronolo- 
gischen Kalender entnommen sind und nichts anderes als Tage dieses Kalenders darstellen. 
Dahin gehören z. B. die Namen: Vahxaki Caam (8. Can), Vukub Noh (7. Noh), Oxib 
Quieh (3. Quieh), Beleheb Tzi (9. Tzi), Cablahuh Tihax (12. Tihax), Gay Huna,hpu 
(2. Hunahpu), Voo Kack (5. Caok), Vakaki Ahmak (C. Alimak), Beiehe Qat (9. Qat), 
Hun I'k (1. I'k), Cahi Imox (4. Imox) und andere. 

Diese Namen beziehen sich auf die Geburtstage. Das erste Kind wurde nach dem Gotte 
genannt, dem sein Geburtstag geweiht war, und der als Nagual des Kindes betrachtet 
wurde. Dagegen vermied man es , den Kindern die Namen ihrer Eltern zu geben ^). 

Bei den Quiches von Totonicapam brachte Fuentes^) folgende Sitte der Namengebung 
in Erfahrung : Bei der Geburt eines Kindes wurde der Wahrsager von dem Ereigniss benach- 
richtigt; er notierte den Geburtstag und ging zu gelegener Zeit in's Haus der Eltern, wo 
ihm die Mutter das Kind auf den Armen entgegen brachte. Beide gingen dann mit dem 
Kinde hinter das Haus, wo der Wahrsager den Gott des betreffenden Tages anrief War 
es z. B. am 2. Januar geboren, dessen Zeichen die Schlange ist, so erschien die Gottheit 
in Gestalt einer Schlange. Der Priester empfahl ihr das Kind zu Schutz und Pflege. Als 
Zeichen des geschlossenen Bundes legte der Wahrsager die Hand des Kindes auf den Kopf 
der Schlange, dann kehrte er nach Hause zurück. Den Eltern des Kindes aber lag es ob, 
das Kind täglich zur selben Stunde auf den freien Platz hinter dem Hause zu tragen , wo 
ihnen der Nagual dann erschien. So wurde das Kind allmählich mit seinem Schutzgott ver- 
traut, der es sein Leben lang begleitete. 

Es ist nun natürlich nicht zu entscheiden , ob das Gebahren des Wahrsagers auf blosser 
Taschenspielerei mit einer reellen Schlange beruhte. Indessen ist es mir viel wahrschein- 
licher, dass es sich lediglich um Hervorrufung einer völlig imaginären Schlange mittelst 
suggestiver Hallucination handelte. Die Versicherung des Priesters, dass die Schlange jeden 
Tag um die bestimmte Zeit erscheinen werde, genügte vollkommen, um bei den leicht zu 
beeinflussenden Indianern die betreffende Hallucination auszulösen. 

Aus den Unterschriften der Verfasser des ,.Titulo de Totonicapam" geht hervor, dass 
zu einem vollständigen Namen eines Mannes auch noch derjenige seiner Subgens (chinamit) 
gehörte, z. B. Jose Cocoa Qicab, Diego Garcia Chituy, Jorge Nihayib, Diego Perez 
Ahcucumatz etc. , obwohl im gewöhnlichen Leben die Bezeichnung des jeweiligen 
chinamit, als allgemein bekannt, wegbleiben konnte. 

Bei der Geburt eines Kindes wurde dem Priester ein Huhn zum Dankopfer für die 
Götter übergeben, und das Ereigniss mit den Verwandten festlich begangen. Wenn das 
Kind zum ersten Mal gewaschen wurde, was in einer Quelle oder, mangels dieser, im 
Flusse geschah , so opferte man Weihrauch und Papageien. Man warf bei dieser Gelegenheit 
alles Geschirr, welches der Mutter während der Geburtszeit gedient hatte, in den Fluss als 



') Roman, III. lib. I. f. 148. =) Füentes, II. p. 45. 



- 68 - 

Opfer füi- dessen Gottheit. Man Hess vom Wahrsager das Loos werfen, um den Tag zu 
erfahren, an welchem es gerathen wäre, die Nabelschnur zu entfernen, und wenn der Tag 
bestimmt war, legte man dieselbe auf einen buntkörnigen Maiskolben und schnitt sie unter 
Segenssprüchen mit einem Steinmesser durch. Letzteres wurde als heiliger Gegenstand in 
eine Quelle geworfen. 

Den blutigen Maiskolben aber entkörnte man und säete die Körner zur geeigneten 
Jahreszeit im Namen des Kindes an. Aus dem Ertrage bereitete man dem Kinde den 
ersten Brei. Den Rest säete man wieder und ein Theil der Körner wurde aufbewahrt, 
damit das Kind ihn säen sollte, wenn es erwachsen wäre, den Ueberschuss erhielt der 
Priester. Auf diese Weise genoss das Kind in reiferm Alter nach indianischer Ansicht nicht 
nur den Schweiss seines Angesichts, sondern auch sein eigenes Blut. 

War das Kind zur Entwöhnung von der Mutterbrust herangewachsen, so wurde ebenfalls 
ein Familieniest mit Opfern veranstaltet, ebenso brachte man Opfer, wenn das Kind aut 
allen Vieren zu kriechen und wenn es zu reden begann. Wenn man ihm zum ersten Male 
die Haare schnitt, wurde ein Fest gefeiert, die Haare verbrannte man mit dem Weihrauch. 

Der Geburtstag eines Kindes wurde für Lebenszeit in hohen Ehren gehalten und festlich 
gefeiert. 

Die Erstlingsarbeiten der Kinder, Gewebe bei den Mädchen, Bogen bei den Knaben, 
wurden den Göttern geweiht und von den Kindern selbst den Priestern gebracht, i) 

Die Ernährung des Säuglings geschah, wie heute noch, ausschliesslich mit der Milch 
der Mutter, welche nur im Falle schwerer Krankheit oder des Todes durch eine Fremde 
ersetzt wurde. Erst nach vollendetem dritten Lebensjahr wurde das Kind entwöhnt, eine 
Sitte, die auch heute noch gebräuchlich ist. Die Mütter zeigten ihre Kinder nicht gern 
Fremden ^). Konnte dies nicht vermieden werden , so bedeckten sie ihnen die Augen , um 
sie vor Bezauberung durch den bösen Blick zu schützen. Heutzutage ist es üblich, den 
Kindern, die auf dem Rücken der Mutter getragen werden, unterwegs die Augen durch 
Herabziehen des Kopftuches zu decken, doch wohl eher, um sie vor Sonnenlicht und Staub 
zu schützen, als aus Furcht vor Bezauberung. 

Die Kinder, selbst der Vornehmen, wurden sehr einfach gehalten und an die Unbill 
der Witterung und den Mangel an Bequemlichkeit frühzeitig gewöhnt. Sobald sie gehen 
konnten, belud man sie mit leichten Sachen, indem z. B. die Mutter mit ihnen Besuche 
bei Grosseltern oder Verwandten machte, wobei die Kinder ein kleines Geschenk in ihrem 
Tragnetz mitbrachten. 

Nach der Entwöhnung bildete, auch für die Kinder der obersten Häuptlinge, der Mais 
noch längere Zeit die ausschliessliche Nahrung der Kinder, ebenso für die Mutter während 
der Stillungszeit. 

Ueber die Erziehung in den reifern Jugendjahren ist es schwer, für Guatemala zu einer 
sichern Ansicht zu gelangen. Nach Roman =*) kamen die Kinder im achten Lebensjahre zur 
Erziehung in die Tempel. Die Mädchen lebten in grosser Zurückgezogenheit bis zur Zeit 
ihrer Verheiratung. Fuentes") nimmt die Beschreibung, welche Torquemada von der me.xi- 
kanischen Kindererziehung entwirft, auch für Guatemala in Anspruch. Danach hätten auch 
hier besondere Erziehungsanstalten (seminarios) für beide Geschlechter bestanden, wo ilic 



') Roman, III lib. I f. 148. 149. ■) Pue.vtes, I. p. 297. ') Roman, III lib. I f. 140. 

••) FüENTES, I. p. 298. 



- 69 - 

Knaben und Mädchen, aussoi-linlli ihrer Famihe, in den Ihr iln-en Stand passenden praktischen 
und morahschen Diui^en unterriciitet wurden. 

Ob diese Nachricht des Fuentes über die öftentiiclie Erziehung in Guatemala richtig 
ist, scheint mir höchst zweifelhaft. Wahrscheinlich beruht sie nur auf einer irrthümlichen 
Uebertragung mexikanischer Verhältnisse und galt sie jedenfalls nur für die wenigen Städte 
des Landes, nicht aber für das ganze Volk. In Guatemala dürfte die Erziehung weit wahr- 
scheinlicher einfacher und innerhalb der Familie geschehen sein, wie in der Zeit nach der 
Eroberung, über welche wir genauer unterrichtet sind i). Danach lernten die Knaben von 
ihren Vätern die Jagd, den Fischfang, die Feldarbeit, den Gebrauch der Waffen, die Tänze 
und andere Dinge. Die Mütter lehrten die Mädchen das Maismahlen auf besondern kleinen 
Mahlsteinen, ferner das Spinnen von Baumwolle und Magueyfasern und die Weberei ver- 
schiedener Stoffe. Vom achten Jahre an standen die Mädchen unter besonders strenger 
Aufsicht, um nicht auf sittliche Abwege zu gerathen, vor Allem die Töchter der Vornehmen. 

Als Beschäftigungen der Kinder werden das Ansäen eines kleinen Maisfeldes, das 
Ballspiel, und für die Mädchen Weberei genannt. Besondere Arten von Spielzeug wurden 
aus Thon hergestellt. 

Die Eltern Hessen ihre Kinder niclit gern von der Seite, damit sie nicht von fremden 
Kindern Unarten annehmen möchten, welche den Eltern dann Ungelegenheiten mit den 
Nachbarn verursachen konnten. 

Mit Hinsicht auf die Bekleidung ist zu bemerken, dass die Kinder, auch die der Vor- 
nehmen, während der ersten Lebensjahre nackt gingen, erst wenn sie in's Feld hinaus- 
gehen konnten, wurde ihnen ein kurzes Hemd angelegt, und etwa vom fünften Jahre an 
wurden sie , aus Schicklichkeits-Rücksichten , besser bekleidet , indem sie in den Hochländern 
Beinkleider zu tragen begannen. In den heissen Tiefländern, wo auch die erwachsenen Männer 
bis auf den Lendengurt nackt gingen, trugen auch die Knaben bloss diesen. 

Diese Principien der Erziehung und Bekleidung sind heute noch gültig, wie zu Fuentes' 
Zeiten. Die Mütter lieben ihre Kinder zwar sehr, behandeln sie aber doch streng und das 
Schelten derselben mit Thiernamen ist nicht ganz selten, z. B. a utiu, o du Coyote! 
a umul, du Hase! a masat, o du Reh! Von Züchtigungen ist das Schlagen mit der 
Hand oder einer dünnen Gerte beliebt. 

Bis zu ihrer Verheirathung arbeiteten die Kinder zum Besten ihrer elterlichen Familie. 

Die Eltern hüteten sich, in Anwesenheit ihrer Kinder unzüchtige Reden zu führen. 
Infolge dieser löblichen Sitte gehört denn auch die Zote in den heutigen Indianer-Sprachen 
Guatemala's zu den seltensten Vorkommnissen derselben. Für die ganze Reihe der auf 
sexuelle Dinge bezüglichen Vulgärausdrücke unserer Sprachen fehlen dem indianischen Idiome 
Analoga. Tz'iquin (Vogel) wird der Penis genannt, und c'aslibal, d.h. „der Ort, wo 
das Leben entspringt", ist der Ausdruck des Cakchiquel für ,, weibliche Scham", chayuk 
matuk „schlage mir deine Beine auseinander", sagen etwa die jungen Cakchiqueles von 
San Juan scherzweise zu den Pokomam-Mädchen von Mixco, wenn sie deren Dorf pas- 
sieren. Die Armuth der Indianersprachen an unzüchtigen Ausdrücken und Scherzen ist um 
so airftällender , als die spanischredenden Mischlinge hierin beinahe Unglaubhches leisten. 

Die Pipiles^) legten bei der Geburt eines Knaben diesem Bogen und Pfeil in die 
Hand; war das Kind ein Mädchen, so gab man ihm etwas Baumwolle und eine Spindel. 



') Fuentes, I. p. 296. -) Palacio, p. 76. 



- 70 - 

Am rechten Fuss brachte die Hebamme dem Kinde einen schwarzen Strich an, welcher 
verhüten sollte, dass es sich im Walde verlaufe. Zwölf Tage nach der Geburt trug man 
das Kind zum Priester, und der es trug schritt auf lauter grünen Zweigen, die auf den 
Weg gestreut waren. Der Priester legte dem Kind den Namen, der hier von seinen Voreltern 
entnommen wurde, bei und bezog dafür Spenden von Geflügel und Cacao. Wenn das 
Kind nach Hause gebracht war, so badete die Hebamme die Wöchnerin im Flusse, wobei 
Copal und Cacao dem Wasser geopfert wurde, damit es der Frau nicht schade. 

Bei den Hochlandstämmen dagegen war es Brauch, dass die Wöchnerin einige Tage 
nach der Geburt ein Dampfbad nahm, wesshalb sie Ahtuh (Frau des Dampfbads) 

genannt wurde. 

Während bei den Mayas von Yucatan die künstliche Deformation des Schädels 
übhch war, ist aus Guatemala nichts derartiges bekannt. Ebensowenig lesen wir, dass, 
wie in Yucatan, das Gebiss operativen Eingriffen unterzogen wurde. 

Es beschränken sich also in Guatemala die in historischer Zeit am menschlichen Körper 
vorgenommenen Operationen auf Aderlass an Zunge, Extremitäten und (bei den Pipiles) an 
den männlichen Genitalien, mit gelegentlicher Durchlöcherung des Penis in nicht näher 
bezeichneter Weise ; ferner auf die Durchbohrung der Ohrläppchen und der Nasenscheidewand 
zur Anbringung von Schmuckobjekten bei den Vornehmen. Das von Iuarbos angegebene 
Tragen eines Lippenpflocks in der Unteriippe ist weder durch die Literatur noch durch die 
Reste der Bildhauerei und Töpferei bestätigt. 

IX. DAS BECtRÄBNISS. 

Wenn in der Verapaz ein Vornehmer starb, so legte man ihm zunächst einen kost- 
baren Stein in den Mund. Es soll i) dies sogar schon vor dem letzten Athemzug geschehen 
.sein, damit der Stein die Seele des Verstorbenen aufnehme. Dies Amt wurde in hohen 
Ehren gehalten, im Volke besorgte es der Vornehmste, beim Tod eines Königs der ihm 
Nächststehende. Der Stein wurde von dieser Person selbst aufbewahrt und ihm mit 
Opfern göttliche Verehrung erwiesen. 

Wenn der oberste Häuptiing starb, so sandte man Boten an alle Ortschaften seines 
Reichs und ebenso an die ihm befreundeten Häuptlinge, die man zum Begräbniss einlud. 
Bis zu dieser Zeit wurde die Leiche sitzend aufgebahrt und mit reichen Gewändern versehen, 
die der Verstorbene selbst beim Herannahen seines Alters nach und nach angeschafft hatte, 
damit er sie besässe, wenn er zu sterben käme. 

Die zum Begräbniss geladenen Häuptiingc brachten Edelsteine und andere Geschenke, 
sowie Sclaven zu Opferzwecken mit. Die Edelsteine legte man auf die Leiche, die alsdann 
mit vielen Tüchern bedeckt und eingewickelt wurde. Alsdann setzte man sie in hockender 
Stellung in eine Stein- oder Holzkiste, die in einer tiefen und grossen Erdhöhle beigesetzt 
wurde, aber nicht, wie in den andern Provinzen bei den Tempeln, sondern auf den Bergen. 

Die Sclaven des Verstorbenen wurden getödtet, damit sie ihm in's künftige Leben 
vorausgehen sollten , um den Aufenthalt ihres Herrn vorzubereiten, denn nach der Ansicht 
der Indianer brauchte man nach dem Tode in einer andern Welt dieselben Dinge wieder, 
deren man auf dieser bedurft hatte. Auf die Leichen der geopferten Sclaven legte m;m 

') KoMAN, III lib. m f. 182. 



lue 



- 71 - 

Werkzeuge, mit denen sie ihrem Herrn gedient hatten: dem Feldsclaven Spaten, und 
anderes Feldgerüth, den übrigen andere Dinge. Die Leichen der Sclaven wurden im Grabe 
des Herrn beigesetzt; blieb noch etwas Raum übrig, so wurde er mit Erde ausgefüllt. 
Dann wurde auf dem Grabe ein gemauerter Altar errichtet, auf welchem man Copal und 
andere Dinge opferte. 

Das gemeine Volk, welches nicht die Mittel zur Beschaffung von Steinsärgen besass, 
beerdigte seine Leichen ebenfalls, aber einfacher, indem eine grosse Grube gegraben wurde, 
in deren einer Seitenwand man noch eine Höhle anbrachte. In diese Höhle legte man die 
Leiche in hockender Stellung, ohne sie jedoch mit Erde zu bedecken, und füllte dann die 
Grube wieder aus. Die Kosten der mit der Beerdigung verbundenen Opfer bestritten im 
Volke die Verwandten des Verstorbenen^) also sein chinamit, was aufs Neue die Wich- 
tigkeit dieser Einheit beweist. 

Im Quiche-Gebiet wurden die Leichen nach Ximenez^) in ihren Maisfeldern beerdigt, 
und ihnen Geschirre, Mahlsteine und andere Hausgeräthe nebst Schmucksachen mit in's 
Grab gegeben. Ueber den Gräbern errichtete man Erdhügel, deren Grösse von dem Rang 
und der Bedeutung des Verstorbenen abhing. In andern Gegenden, wie in Rabinal, führte 
man Steinhaufen auf, und da dies in den Maisfeldern selbst geschah, hatten wie Ximenez 
sagt, die Nachkommen der alten Indianer genug zu thun, diese Steine wieder aus den 
Feldern herauszuschaffen. 

Ueber die Bestattungsgebräuche der Cakchiqueles und Pokomames theilt uns 
FuENTES 3) einiges mit. Wenn hier ein Oberhäuptling schwer erkrankte , benachrichtigte sein 
Sohn, als Nachfolger im Regierungsamte, die Verwandten und übrigen Vornehmen des 
Bezirkes davon. Diese beeilten sich, mit grossem Gefolge nach dem Regierungssitz zu 
reisen, wobei sie ihre erstgebornen Söhne mitnahmen, um dem neuen Häuptling nach 
gesetzlicher Vorschrift zu huldigen. Unterlassung dieser Huldigung zog bleibenden Verlust 
aller Amtsstellen nach sich. Als letzte Gabe brachten sie dem sterbenden Häuptling 
Geschenke an Gold und Silber, kostbaren Tüchern und Federn dar. 

Sobald die Aerzte den Kranken von seinem nahen Ende benachrichtigt hatten , übertrug 
er die Herrschaft auf seinen erstgebornen Sohn , dem er die Fürsorge und gute Behandlung 
des Volkes und die Werthschätzung der Räthe und übrigen ajau an's Herz legte. Dann 
Hess er Niemanden, selbst nicht von den nächsten Verwandten, mehr zu sich, ausser der 
Dienerschaft, die ihn pflegte. 

Nach eingetretenem Tode wurde die Leiche von den Vornehmen gebadet und mit wohl- 
riechenden AVässern gewaschen, dann prächtig angezogen und mit den Insignien der Regie- 
rung versehen. Die Leiche wurde während zwei Tagen aufgebahrt, um den Frauen des 
Verstorbenen, die allein Zutritt hatten, Zeit zur Todtenklage zu geben. 

Bei Anbruch der zweiten Nacht wurde die Leiche beerdigt, indem sie in langem Zuge 
der Vornehmen, Priester und des Volkes an den Bestattungsort getragen wurde. Voran 
gingen die Söhne der Vornehmen mit den Todtengaben, welche der Verstorbene im künf- 
tigen Leben gebrauchen sollte; Gold, Silber, Edelsteine, Tücher, Matten, prächtige Federn, 
Lebensmittel aus Mais und Fleisch und eine grosse Quantität von Holzkohlen zum Feuer- 
anmachen im Jenseits. Am Begräbnisplatz sprachen die Priester das Abschiedsgebet und 
empfahlen den Todten der Fürsorge Exbalanque's. Die Leiche wurde nun in einen 



') Roman, III. lib. III f. 183. ") Ximenez, p. 213. =•) Fuentes, I p. 364. 



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grossen, starken Thonkessel gelegt und dieser in eine geräumige Erdgrube versenkt. In 
dem Thonkessel wurde die Leiche mit Edelsteinen und Federn versehen, der Rest der 
Gaben um den Kessel herum gelegt und dieser mit einem flachen Stein verschlossen. 
Alsdann füllte man das Grab mit Erde aus und führte darüber einen künstlichen Hügel 
auf, der je nach dem Range des Todten mehr oder weniger hoch war. Nachdem dies 
geschehen, wurde eine Statue des Verstorbenen auf dem Gipfel des Hügels aufgepflanzt 
und ihr künftighin mit Opfern an Blumen, Copal und Thieren göttliche Verehrung erwiesen, 
da die Indianer glaubten, dass derjenige, der im Leben über sie geherrscht, nach dem Tode 
für sie Sorge tragen würde. Wenn das Begräbnis nicht das des obersten Häuptlings, sondern 
eines ajau oder Aeltesten des Calpul gewesen war so galt das Grab künftighin als Asyl 
für Verbrecher, da sie hofften der Verstorbene werde auch jetzt noch ihr Anwalt beim 
obersten Häuptling sein , wie er es im Leben gewesen war. 

Nach dem Begräbniss kehrte der Zug in den Palast des neuen Häuptlings zurück, um 
diesem Beileid und Huldigung zu bezeigen. 

Die Huldigung bestand, nach Torquemada ^), darin, dass die Vornehmen den neuer- 
wählten Häuptling auf eine bunt bemalte Matte setzten. Von dieser Matte (pop), stammt 
auch der Titel ajpop („Herr der Matte") der den obersten Häuptlingen zukam. Dem 
demütig Dasitzenden hielt dann einer der Aeltesten und Vornehmsten als erwählter 
S])recher eine kurze Ansprache, worin er dem neuerwählten Oberhaupt eine glückliche 
und für sein Volk gedeihliche Regierung wünschte, die seinen Ruhm durch alle Länder 
trüge. Alsdann sprach noch jeder einzelne der anwesenden Vornehmen für sich, zum 
Zeichen, dass er sich mit der Wahl des neuen Oberhauptes einverstanden erkläre und ihm 
Gehorsam gelobe. 

Nach beendigtem Huldigungsakt wurde ein achttägiges Todtenfest mit Gelagen und 
Opfern gefeiert. Die einzelnen Rangstufen hielten sich auch hier getrennt, indem die Vor- 
nehmsten in concentrischen Kreisen beisammen sassen. Diesen folgte der Kreis der Diener 
von vornehmer Abkunft und endlich zuletzt die Kreisgruppe der Diener. Ob aber die 
Dienerkreise concentrisch um diejenigen der Vornehmen oder neben diesen lagerten, ist 
aus dem Bericht nicht ersichtlich, letzteres indessen, nach heutigem Usus zu schliessen, 
wahrscheinlicher. 

Es war ferner Sitte, sich zum Zeichen der Trauer um Verstorbene mit gelber Erde 
zu licniaien. Wenn aber Ximenez behauptet, dass daher der Name mal-cam „Wittwer" 
rührte, der ,;gelb bemalt" bedeute, so ist dies eine jener puerilen Etymologien seiner Zeit, 
denn „gelb" heisst nicht can, sondern k'an und malcan wird nicht mal k 'an aus- 
gesprochen. 

Auch bei den Pipiles') war es Sitte, die Todten in sitzender Stellung zu beerdigen, 
jedoch nicht im freien Felde, sondern in ihren Häusern. Wenn der oberste Häuptling oder 
ein anderer Mann hohen Ranges oder seine Frau oder sein Sohn starb, so wehklagte sein 
ganzes Volk vier Tage und vier Nächte. Bei Tagesanbruch nach der vierten Nacht trat 
der Oberpriester öffentlich auf, und forderte das Volk auf, die Trauer einzustellen, da die 
Seele des Verstorbenen jetzt bei den Göttern sei. Die Todtenklage selbst wurde nach Art 
der Festtänze abgehalten und bestand vornehmlich in einer Lobpreisung der Thaten u)i(l 
der vornehmen Abstammung des Verstorbenen. 



') ToBQUEMADA, 11. Hb. XI \i. 342. ■) Palacio, p. 76. 



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Gehörte der Verstorbene dem Volke an, so beweinten ilm niii- seine Verwandten und 
seine Kinder. AVenn einer Frau ihr Säugling starb, so hielt sie die Milch vier Tage lang 
in der Brust zurück und gab keinem andern Säugling zu trinken, weil sie glaubte, dass 
sonst das todte Kind dem Lebenden irgend einen Schaden oder eine Krankheit zufügen 

würde. Diese Art des Todtenopfers hiess navitia, was etwa „die vier Tage (von nahui 
vier) einhalten" bedeutet. 



C. DAS KRIEGSWESEN. 

Ausserordentlich wenig erfahren wir über die Art der Kriegführung und die Organi- 
sation des Heerwesens in Guatemala. Wenn man aber die Ziffern kriegsfähiger Mannschaft 
liest, welche die Quiche-Könige dem Erobererheere des Pedro Alvarado entgegenstellten, 
so ergiebt sich von selbst, dass die Wehrpflicht eine allgemeine war, der alle waffenfähigen 
Männer unterlagen. Neben den eigentlichen Kriegern bildeten auf längern Kiiegszügen auch 
die Lastträger, nach Art der mexikanischen tlamemes, einen wesentlichen Be.standtheil 
des Heeres'). Die Abhängigkeit der Indianer von der Maisbereitung bringt es ferner mit 
sich, dass sie heutzutage, wenn sie in einer grössern Truppe für längere Zeit reisen, häufig 
ein oder ein paar Mädchen oder Frauen zum Mahlen des unterwegs nöthigen Maismehles 
und zur Bereitung der Tortillas mitnehmen. Es dürften danach auch Frauen zum selben 
Zwecke in geringer Anzahl die Kriegszüge der alten Zeit begleitet haben. 

Von einer Sonderstellung der Krieger im Staate ist bei den Maya-Stämmen Guatemala's 
nichts zu bemerken: Die Anführer wurden der Klasse der ajau entnommen, die Masse 
des Heeres bildete das Volk, also dieselben Leute, welche in Friedenszeiten das Land 
bebauten. Jeder, der momentan im Kriege beschäftigt war, hiess aj-labal „Kriegsmann", 
aber ein besonderer, dauernder Stand war damit nicht bezeichnet. 

Die Herstellung der Waffen war Sache besonderer Handwerker. Nach einer Stelle der 
Kequete*) war es Sache der Oberhäuptlinge, die Waffen an die einzelnen Kriegsführer zu 
vertheilen. Ob aber nur deren eigene Kriegsausrüstung oder ob die gesammte Volksbewaff- 
nung von den Häuptlingen, also indirekt vom Staate, geliefert wurde, ist daraus nicht 
zu ersehen. Ebensowenig wissen wir sicher , ob die Waffen in Friedenszeiten in den grössern 
Plätzen magaziniert wurden , wie in Mexico , oder ob der Einzelne sie stets in seinem Hause 
behielt. Da jedoch einzelne der Kriegswaffen, wie Bogen und Pfeil, auch zur .Jagd dienten, 
so ist das letztere möglich. 

Von Offensivwaffen finden wir vor allem Bogen und Pfeil (ch'ab) erwähnt, in deren 
Handhabung die- Indianer sehr geschickt waren. Die Pfeilspitzen waren aus Obsidian gefertigt 
und ihre Bruchstücke bilden heute das häufigste Fundobject in der Nähe der Ruinenplätze 
aus der Conquista-Zeit, Ueber den Gebrauch , die Pfeilspitzen zu vergiften , ist nichts Sicheres 
bekannt, obwol er erwähnt wird 3). So pflegten im Kriege gegen die Mames die Spanier 
die empfangenen Pfeilwunden mit dem Glüheisen zu brennen, weil sie befiü-chteten , die 
Pfeile möchten vergiftet sein. Aus Obsidian wurden ferner Lanzen- oder Wurfspeerspitzen 
und längere, schwertähnliche Messer gefertigt*). Ob dagegen das Besetzen der beiden Kanten 



') Roman, in. lib. 11 f. 160, Juarros, II p. 241. ■) Requete, p. 419. ^) Milla, Historia p. LXT. 

*) FüENTES, I, p. 107. 
I. A. f. E. L Suppl. I. 10 



von Holzschwertern mit Obsidianstücken , wie es die Mexikaner übten, auch in Guatemala 
gebräuchlich war , ist unsicher , obwohl es angegeben wird ^). Ausserdem finden wir Holz- 
keulen, Steinschleudern und Aexte erwähnt, welch' letztere wohl theils Steinäxte, theils 
Kupferäxte waren. Auch aus freier Hand geschleuderte Steine bildeten in Gegenden, wo 
sie reichlich zu haben waren, eine gute Angriffswaffe , wie in Mexico. 

Von Defeusivwafifen finden wir Schilde aus Holz erwähnt, desgleichen dicke, mit Baum- 
wolle gefütterte Lederwämser, um die Pfeile aufzufangen. Speciell waren diese Wämser 
bei den Pipiles im Gebrauch. Da Alvarado selbst ^) erzählt , von seinem Eroberungszug nach 
Salvador, dass diese dreifingerdicken Baumwollrüstungen, die bis auf die Füsse reichten, 
den mit Pfeilen und langen Lanzen kämpfenden Indianern so hinderlich waren, dass die 
Gestürzten sich nicht mehr erheben konnten. Bekanntlich wurden diese Baumwollpanzer 
auch von den Spaniern zum Schutz gegen die Indianischen Pfeile adoptiert, so z. B. im 
Kampfe gegen die Mames (1525 — 1526) ä). 

Die oberste Heerführung bei den Quiches hatte einer der drei Oberhäuptlinge, und 
zweifellos war das Heer in kleinei-e Abtheilungen gegliedert, deren jede von Unterhäupt- 
lingen verschiedener Rangstufen angeführt wurden. Weiteres wissen wir nicht. Die Führung 
war eine persönliche. Die Häuptlinge kämpften an der Spitze ihrer Truppen, ein Prinzip, 
welches sich gleich in den ersten Schlachten mit den Europäern als sehr verhängniss- 
voll erwies, indem die höchsten Führer im Kampfe fielen und damit die einheitliche 
Leitung fehlte. 

In der Verapaz*) bestand das Institut lebenslänglicher Kriegsführer, die aus der Zahl 
derer gewählt wurden , welche sich in ihrer Jugend durch Kriegsthaten ausgezeichnet hatten. 
Ihnen waren andere Officiere untergeordnet. Da gesagt wird, dass besondere Bannerträger 
existierten, so ist es denkbar, dass die Eintheilung nach chinamit geschah, deren Totem 
jeweilen als Bannerzeichen diente. 

Ueber die Art der Kriegführung wissen wir nur aus dem Feldzug gegen die Mames, 
dass die Pfeilschützen das Vordertreffen bildeten , welches von einem zweiten Truppenkörper 
gestützt wurde, der mit Lanzen bewaffnet war. Der Kampf wurde indianischerseits mit 
Geschrei und dem Klange kriegerischer Musik von Flöten oder Rohrpfeifen, Muschelhörnern 
und Trommeln eröffnet. 

Etwas mehr erfahren wir über das Heerwesen der Pipiles"^). Die Krieger schliefen 
hier nicht zu Hause bei ihren Frauen, sondern in Gemeindehäusern (Calpules), die hiefür 
erbaut waren. Bei Tagesanbruch kehrten sie zum Essen zu ihrer Familie zurück und nachher 
gingen sie der Bestellung ihrer Felder nach. Eine Abtheilung jedoch, die ohne Zweifel 
abgelöst wurde, war stets zur Bewachung des Dorfes unter den Waffen. Besonders tapfere 
Leute pflegten sich das männliche Glied mit Löchern zu durchbohren und wer deren am 
meisten besass, galt als der tapferste. Männer, die sich im Kriege auszeichneten, erfuhren 
eine besondere Berücksichtigung, indem sie bei allfälligen Verbrechen gelinder bestraft 
wurden, als andere. Auch hier führte der Oberhäuptling in Person den Oberbefehl, iliui 
waren die übrigen Kriegsführer untei'stellt ^). 

Der Unterhalt derer, die mit dem Kriegsdienst beschäftigt wartui, wurde von denjenigen 
bestritten, welche zu Hause blieben, indem sie vom Ertrag ihrer Ländereien zu tliesem 



') MiLLA, Historia p. LXI. ') Alvarado, Otra relauion, p. 462. ■') Miij.a, Historia p. 160. 

*) Roman, III. )ib. II f. 160. ') Palacio, Carta p. 72. ") Pai.auiü, Carta p. 70. 



- 75 - 

Zwecke beisteuerten, wie denn das Volk nudi die /.um Uiitiiiialt des Oberhäuptlings und 
des Priestercollegiums bestimmten Lilndereien bearbeiten musste '). 

Dass die Indianer der vorspanischen Zeit sehr tapfere Krieger waren, beweisen die 
Berichte der Spanier selbst hinlänglich. Alvarado erzählt, dass es unter den Quichfe in 
der Schlacht von Quezaltenango Krieger gab, die allein zwei Reitern Stand hielten*). Die 
lange Belagerung von Sakuleu, der Festung der Mames, von Mixco, der Hauptstadt der 
Pokomanies, die nur durch Verrath fiel, von Uspantan und die vergeblichen Versuche 
der Spanier, mit AVaffengewalt in <lie Verapaz einzudringen, thun die Kriegstüchtigkeit der 
alten Indianer unzweifelhaft dar. Wenn sie unterlagen, so war die mangelhafte Bewaffnung 
im Vergleich zu den Spaniern, die mit Pferden, Schiesswafl'en und metallenen Hiebwaffen 
versehen waren, und das fehlerhafte Princip der persönlichen, directen Theilnahme der 
obersten Führer am Kampfe daran schuld. An persönlicher Tapferkeit und Todesverachtung 
waren sie den Spaniern ebenbürtig, die oft genug nur durch Verrath, Hinterlist und Lüge 
zum Ziele kamen. 

Die gewöhnlichste Kriegsursache zwischen den eingebornen Stämmen Guatemala's vor 
der Conquista bildete in erster Linie das Bestreiten, die Menge der tributpfliclitigen Ort- 
schaften zu vermehren. Wie es mit den unterworfenen Landschaften gehalten wurde, ist 
nicht genau festzustellen. Wahrscheinlich wählte der Sieger deren Verwaltungsorgane aus 
den vornehmen Familien der unterworfenen Gegend selbst, ohne ihre Regierungsform anzu- 
tasten, da in der Requete'*) gesagt ist, dass die Tz'utuhil-häuptlinge vier Könige in der 
Provinz Guatemala ernannt hätten. Jedenfalls kamen in den tributpflichtigen Gegenden 
zu den Leistungen an deren eigene Häuptlinge und Priester noch diejenigen für die neuen 
Oberherren hinzu, welche zur Eintreibung der Tribute besondere, wahrscheinlich dem 
Erobererstamme entnommene Beamte, nach dem lauster der mexikanischen calpixque, 
entsandten. Im Cakchiquel Messen diese c'ulpatan, „Sucher des Tributes". Der Tribut 
selbst hiess patan, womit heutzutage das lederne Stirnband bezeichnet wird, an welchem 
die Last am Kopfe getragen wird. Da der Tribut selbst eben grösstentheils aus solchen 
Lasten bestand, welche von den einzelnen Tributpflichtigen zusammengeschleppt werden 
mussten, erklärt sich die Identität des Ausdrucks für „Tragband" und „Tribut" leicht. 

Von der Verapaz *) wird erzählt , dass die Tribute auf einen Haufen zusammengebracht 
wurden , von welchem dann der Oberhäuptling und die übrigen Beamten je nach iln-em Range 
ihren Antheil empfingen. Diese Art der Vertheilung lässt auf relativ recht bescheidene 
Verhältnisse schliessen. 

Als weitere Kriegsursache finden wir den Wunsch, Kriegsgefangene für die Opfer zu 
erbeuten, angegeben^). Aus der vorspanischen Zeit wird berichtet, dass die Entführung 
einer Häuptlingstochter aus der Hauptstadt der Quiches durch den Häuptling der Tz'utu- 
hiles die Veranlassung zu einem langen und blutigen Kriege zwischen den beiden Stämmen 
wurde "). 

AVir finden in den Berichten Spuren, dass beim Beginn des Feldzuges Thier- und 
Menschenopfer dargebracht wurden. Alvarado fand bei seinem Zuge nach dem Hochland 
der Quiches am Wege die Leichen einer geopferten Frau und einer Hündin "), was ihm die 



') Palacio, Caita p. 82. -) Alvarado, Relacion p. 458. ^) Requete, p. 419. 

*) Roman, TU. IIb. IL f. lüO. ^) Roman, in. 1. II. f. 160. «) Juarros, IL p. 16. 

') Alvarado, Relacion p. 457. 



- 70 - 

Dolmetscher als Zeichen beginnender Feindseligkeiten erklärten. Ebenso begegnete er im 
Lande der Pipiles Leuten, welche im Begriffe waren, eine Hündin zu opfern, als Zeichen 
der Eröffnung des Eäieges. Ob eine förmliche Kriegserklärung stattfand, ist unbekannt, 
wenn nicht etwa die Pfeile, welche Alvarado bei seinem Zuge durch das Land der Pipiles 
da und dort stecken fand, als eine solche zu deuten sind i). 

Eine grosse Rolle in der indianischen Kriegführung bildeten Barrikaden und Befesti- 
gungswerke, welche an Orten angebracht wurden, die schon von Natur geschützt Avaren, 
zumeist auf den halbinselartigen flachen Vorsprüngen der Hochländer, welche fast auf 
allen Seiten von tiefen Erosionsschluchten umgeben und nur mit schmalen Zugängen, die 
gesperrt werden konnten, versehen waren. Sie werden als „mesetas" bezeichnet. Mit 
Mauerwerk und Brustwehren wurden sie noch künstlich befestigt und entsprechen dergestalt 
völlig ihrem indianischen Namen tinamit, der wörtlich eine Steinmauer bezeichnet (vom 

mexik. tenamitl). 

Solche befestigte tinamit waren beispielsweise die Städte Utatlan, die Hauptstadt 
der Quiches, Ix im che, diejenige der Cakchiqueles , Mixco, die Stadt der Pokomames, 
Sakuleu, der feste Platz der Mames und andere. Atitlan, die Stadt der Tz'utuhiles 
wm-de durch eine Inselfeste geschützt, zu der man nur zu Schiff gelangen konnte. 

Heutzutage befindet sich noch ein Mound zwischen dem See und dem Dorfe Atitlan, 
welcher den Namen „Goldberg" (Cerro de oro) führt, da die Tz'utuhil-Indianer jener Gegend 
glauben, dass in ihm die Schätze ihrer Vorfahren begraben seien. 

Die grössern dieser festen Plätze bildeten , wie Utatlan , Lximche und Uspantan , gleich- 
zeitig die Hauptstädte ihrer Reiche, wo die Oberhäuptlinge mit ihrem Hofstaat, sowie die 
oberste Priesterschaft ihren Sitz hatte , und wo also auch die vornehmsten Gebäude , Paläste 
und Tempel sich beisammen fanden. In andern Fällen war die eigentliche Hauptstadt 
weniger ausgiebig befestigt, wie z. B. Huehuetenango, die Haupstadt der Mames, und 
Atitlan. Diese besassen daher besondere befestigte Zufluchtsorte, welche mit Lebensmitteln 
und Waffen versehen wurden, um eine Belagerung aushalten zu können, wie die Festung 
Sakuleu im Kriege gegen die Mames =). 

Viele Ortschaften, wie Chalchitan^) lagen aber im offenen Felde und besassen nur 
in ihrem Centrum von Tempeltumuli und Steinhäusern einen solidem Kern, der aber eine 
i-asche Erol^erung nicht zu hindern vermochte. 

An geeigneten Stellen der Strassen, die man sich, namentlich im Urwald und im 
Gebirge, als schmale Fusspfade zu denken hat, da Guatemala keine Lastthiere besass, 
wurden nöthigenfalls Barrikaden aus Bäumen und Erdwerk errichtet. 

Zu grössern kriegerischen Unternehmungen wurden zwischen den einzelnen Stämmen 
Conföderationen geschlossen. So verbündeten^ sich, wie die Ueberlieferung berichtet, die 
Tz'utuhiles mit den sprachfreraden Pipiles zum Kampfe gegen die Quiches'*), die ihrerseits 
mit den Cakchiqueles verbündet waren. Bei einer andern Gelegenheit schlössen die Cakchi- 
queles mit den Pipiles ein ewiges Bündniss. 



') Alvarado, Otra relacion, p. 461. =) Milla, Historia, p. 159. 

') Stoll, Guatemala, p. 400. ■•) .Iuarros, IL p. 17. 



- 77 - 



D. TECHNOLOGIE. 

I. BAUKUNST UND BILDHAUEREI. 

Ueber das ganze Gebiet der Republik zerstreut finden wir zahlreiche Reste der frühem 
Besiedelung. Die häufigsten derselben sind künstlich aufgeworfene Erdhügel. 
Ich habe solche in den „Altos" der Cakchiqueles , Quiches, Mames und Pokomanes ebenso- 
wohl angetroffen , als auf den Terrassen des westlichen Cordillerenabhanges (Hacienda 
Chocolä bei Mazatenango) und im nordwestlichen Tieflande (Juan Noj bei Retalhuleu, Santa 
Rita bei Ayutla in Soconusco). Brasseür ^) erwähnt sie aus der Umgegend vom Escuintla , 
und vom linken Ufer des Motagua. Zahlreich sind sie in der Verapaz. 

In ihrem jetzigen Zustand gehören diese T u m u 11 zu den indifferentesten der baulichen 
Reste des Landes: es sind Erdhügel von verschiedener Höhe und vorwiegend runder, seltener 
ovaler oder viereckiger Basis, meist ohne Steinbekleidung. Nur in einsamem Gegenden 
finden sich noch Mounds mit einer Verkleidung von rohen , flachen Steinen , welche als 
äussere Verschalung den massiven Erdkern verhüllen. Die Hügel stehen oft gruppenweise 
beisammen, theils in der unmittelbaren Nähe der heutigen menschlichen Ansiedelungen, 
theils aber ganz einsam stundenweit von den Dörfern entfernt. Im Tieflande sind sie selbst 
von hohem AValde bedekt und nur l)ei Anlage der Pflanzungen werden sie zufällig bloss- 
gelegt. Die ausgedehnteste Gruppe solcher Mounds findet sich im Llano der heutigen 
Hauptstadt gegen das Dorf Mixco hin. Wenn dem Fuentes zu glauben ist, so bilden sie 
die Grabhügel der alten Pokomames^). Einige derselben sind von Herrn Geo. Williamson, 
früherm lilinister der Vereinigten Staaten , untersucht und beschrieben worden ^). 

Vierkantige Erdbauten mit Spuren von Terrassen fand ich bei den Ruinen von 
Chalchitan im Hochland der Mames. 

Die grössern Baureste, bei welchen Mounds ebenfalls eine Rolle spielen, können wir 
trennen in solche der praehistorischen und solche der historischen Zeit. 

Seltsamerweise sind beim heutigen Stande der Dinge die praehistorischen Ruinenplätze 
viel besser bekannt, als die historischen, obwohl sie weit weniger leicht zugänglich sind. 
Das Geheimniss, welches diese im tiefen Walde begrabenen Monolithe und Tempelmounds , 
die Zeugen einer hohen architektonischen Kultur unbekannten Ursprungs , umgibt , war wohl 
dazu die erste Veranlassung. Wenn wir von den , im heutigen Maya-Gebiete im Norden von 
Guatemala gelegenen, Ruinenplätzen von Tikal, Lorillard City, Dolores absehen, 
so sind es hauptsächlich zwei Stellen , welche sich als ergiebige Fundorte für diese alte 
Kultur erwiesen haben, nämheh (^uiriguä auf der atlantischen und Santa Lucia 
Cotzumalguapa auf der pacifischen Seite des Landes. Hart an der guatemaltekischen 
Grenze, aber bereits auf dem politisch von Honduras beanspruchten Gebiet, liegt Copan. 

Ueber Copan und Quiriguä besitzen wir gegenwärtig, hauptsächlich Dank den rastlosen 
Bemühungen Alpred P. Maudslay's, eingehendere Aufschlüsse, welche die früher, wenigstens 
über Copan von Stephens gegebenen in höchst bedeutungsvoller AVeise ergänzen und 



') Brasseub, Lettros p. 309. -) Fuentes, I. p. .366. 

') Williamson, Annual Report, 1877 p. 418 sqq. 



78 



■berichtigen M. vornehmlich durch den Nachweis von einstöckigen . mit Steindach versehenen 
und einkammerigen Häusern. Diese sind allerdings jetzt eingestürzt und mit Schutt gefüllt, 
wesshalb sie den frühern Besuchern als Mounds imponierten, welche die grössern Pyra- 
midenanlagen begleiten. Dadurch wird die ganze Anlage demjenigen, was wir über die 
historischen Indianerstädte des Landes wissen, etwas näher gerückt, auch wenn die Kluft, 
welche Quiriguä und Copan von den letztern trennt, immer noch gross genug bleibt. 

Eine Discussion über den muthmasslichen Ursprung und das Alter von Copan 
Quiriguä und Santa Lucia wird sich erst dann mit einiger Aussicht auf Erfolg führen 
lassen, wenn die historischen Plätze einmal ebenso so gründlich durchsucht und ebenso 
gut bekannt sein werden wie die praehistorischen. So lange dies nicht der Fall ist, darf 
man sich durch das Fehlen historischer Berichte über die Zerstörung von Copan und Quiriguä 
einerseits, und durch das Fehlen ähnlicher monolithischer Denkmäler in den historischen 
Rmnen andererseits , nicht ohne Weiteres verleiten lassen , für die erstere eine der historischen 
Zeit gänzlich fremde und unendlich weit hinter dieser zurückliegende Culturepoche anzu- 
nehmen. Auch Palacio^), der einzige Schriftsteller aus älterer Zeit, der aus Autopsie über 
die Ruinen von Copan berichtet, knüpft an die Verhältnisse der historischen Zeit an und 
sucht die aus dieser bekannten Opfersteine, vor den Monolithen und die Tanzplätze der 
Tempel in Copan wieder zufinden, obwohl schon zu seiner Zeit nur noch eine Sage vor- 
handen war, wonach ein Mayahäuptling in alter Zeit, von Yucatan aus, dieses Gebiet 
unterjocht hatte, um dann nach wenigen Jahren es wieder zu verlassen. 

Wenn man die Beschreibung des Palacio liest, so fällt es einem sofort auf, wie 
leicht er sich über die gegenseitige Lage der Monumente orientiert und sogar das Detail 
der Skulpturen sieht. Offenbar waren damals die Ruinen noch nicht derart im Walde ver- 
graben, wie spätere Besucher dieselben gefunden haben, wo ohne Lichtung des Waldes und 
eine förmliche Terrainaufnahme es nicht möglich war, eine Uebersicht über die topogra- 
phischen Verhältnisse zu gewinnen. Da nun kein Grund zu der Annahme vorliegt, dass 
Palacio mit dem zeitraubenden Wegschlagen des Waldes, dem Reinigen der Monumente 
von Schmarotzerpflanzen und topographischen Aufnahmen sich werde beschäftigt haben, 
sondern da er bloss nach einem kurzen und flüchtigen Besuch uns seine Eindrücke schildert, 
so spricht die Praecision seiner Beschreibung entschieden dafür, dass die Zerstörung von 
Copan nicht schon Jahrhunderte hinter Palacio zurückreiche, sondern seiner Zeit noch so 
nahe gelegen haben muss, dass ein dichter Urwald sich noch nicht hatte erheben kinmen. 

Was Quiriguä betrifft, so hat man die Ansicht geäussert, dass Cortes auf seinem Zug 
nach Honduras von dieser Stadt hätte hören müssen, wenn sie zu seiner Zeit noch existiert 
hätte, da er jedenfalls nicht sehr weit von Quiriguä durchkam. Nun habe ich bereits bei 
einer frühern Gelegenheit 3) auf den Umstand hingewiesen, dass schon Jahre vor Cortes' 
Zug Sclavenjagden der Spanier von den Antillen aus an die Atlantische Küste Guatemala's 
insceniert wurden, welche eine starke Entvölkerung derselben zur Folge hatten*). Zum 
Ueberflusse sagt auch Cortes ^) selbst , dass die Indianer sich beklagt hätten, weil an dieser 
ganzen Küste bis zur Bai von Asuncion hinab die Spanier ihnen viel Schaden gethan und 
den Handel ruiniert hätten, indem sie viele Ortschaften verbrannt, und deren Bewohner 
getödtet oder zur Flucht in die AVälder gezwungen hätten. Dadurch stehen viele Ort- 
schaften verlassen. 

') Siehe Literatur unter Maudslay, Meye und Schmidt, und Stephens. -) Palacio, Carta, p. 88 sqq. 
") Stoll, Guatemala, p. 447 sqq. ■•) üarcia Pelaez, Memorias, I, cap. 2. ») Coutes, Carta quintap. 118. 



- 79 - 

Die in den westliclien Hocliiändern in gesundem Klima, Inmitten diclitbevölkerter Land- 
schaften gelegenen Plätze wurden von den Spaniern selbst besiedelt, indem diese die Indianer 
zwangen, sich in geringer Entfernung, aber in offener Lage, von den alten Festungsstädten 
niederzulassen. Das Material zu den neuen Städten, wie dem heutigen Santa Cruz Quiche 
und Tecpam Guatemala wurden den alten Indianerstädten entnommen und so erklärt es 
sich leicht, wesshalb hier über der Erdoberfläche nicht mehr viel übrig blieb, als Stein- 
haufen und Erdtumuli. Nur durch systematische Ausgrabungen ist daher an diesen Plätzen 
Licht über ihre architektonische Kultur, sowie über ihr Verhältniss zu den praehistorischen 
Ruinenstädten zu erwarten und dringend wäre daher zu wünschen, dass solche Ausgra- 
bungen in Bälde in Angriff genommen würden. 

Der auffallendste Zug, der die drei südlichen praehistorischen Ruinenplätze von Guate- 
mala, Santa Lucia, Copan und Quiriguä, trennt, ist die Diff'erenz im Stil der sculpturierten 
Monolithe. Diejenigen von Copan und Quiriguä unterscheiden sich von einander schon ganz 
wesentlich durch die verschiedene Tiefe der Reliefarbeit, beide aber lehnen sich im Grossen 
und Ganzen in unverkennbarer Weise an die, aus dem Norden von Guatemala bekannten 
May a-Bild werke an. 

^ Dagegen tragen die Skulpturen von Santa Lucia Cotzumalguapa einen wesentlich ver- 
schiedenen Typus , der sie weit eher mit dem aztekischen Mexico in Beziehung setzt , obwohl 
sie auch diesem gegenüber eine grosse Originalität behaupten. Sie sind bekanntlich zum 
ersten Mal durch Dr. Habel i) bekannt geworden. Einige der werth vollsten Stücke sind , 
dank dem rastlosen Eifer Prof. Bastian's \ der glücklicherweise durch persönlichen Besuch 
der Ruinenstätte sich für dieselben . interessierte , nach Europa gel)racht und im Beriiner 
Museum für Völkerkunde aufgestellt worden. Prof. Bastian hat sie auch in einer besondern 
Arbeit beschrieben. Andere Stücke aber liegen noch draussen in den Pflanzungen und im 
Walde und es wäre wünschenswerth , dass auch für deren Erhaltung etwas geschähe. 

Der verstorbene Dr. Beeendt, der in Prof. Bastian's Auftrag die Ausgrabungen leitete, 
hat neben den jetzt pu))lizierten Steintafeln noch einige andere Monolithe gefunden, von 
denen ich Skizzen von Berenl,t gezeichnet im Besitze von Herrn Edwin Rockstroh, gesehen 
habe und theilweise durch Pausen copierte. Sie sind auf Taf. II abgebildet. 

Die Steinplatte in Fig. la trägt in der BERENOT'schen Zeichnung die Aufschrift: 
„Medallon en el cerrito cerca de las casas del cafetal de Virgilio Paiz."i8^3 77". Sie stellt 
zwei menschliche Köpfe dar, die den Verzierungen nach zu schliessen. Vornehmen ange- 
hörten. Sie sind im Profil aufgenommen und blicken gegeneinander. Unter jedem ist ein 
Todtenkopf. links im Profil, rechts in Vorderansicht, angebracht. Dies lässt vermuthen, 
dass diese Steinplatte möglicherweise als Grabdeckel gedient habe, um so mehr, als sie in 
einem „cerrito", also wol in einem Mound gefunden wurde. 

Fig. Ib trägt in der BERENDT'schen Zeichnung die Aufschrift: „Tablon de la muerte, 
cafetal de Dn. Virg. Paiz (antes de Dn. M. Olid) en el plan del Guayabo". Die Dicke der 
Steinplatte ist zu 10" notiert, und die Höhe des Gesichts zu 12' (ob richtig?) angegeben. 
Die Platte Stack schräg in der Erde, wie Fig. Ic andeutet, und war mit dem Gesicht nach 
Südosten gerichtet. Die Ausführung erinnert durchaus an die schon aus Habel's Arbeit 
bekannten Monolithe, z. B. PI. VIII, Fig. 18 und 23. 

Fig. 2a trägt die Aufschrift von Berendt's Hand: „Opfer stein in Xatä, gefunden 

') Siehe Literatur unter Habel und Bastian. 



- 80 - 

beim Ziehen eines Grabens. Unvollkommen gerundet, 20" tief (von vorn nach hinten), 
21" breit, ganze Höhe 24"". Fig. 2b gibt die Ansicht desselben Steins von oben, Fig. 2c 
von der Seite. 

Berendt bemerkte dazu : „Ich will diese Steine mit Bezug auf ihre wahrscheinliche 
Benutzung Opfersteine nennen". Zu diesen „Opfersteinen" rechnet Berendt nämhch auch 
zwei kreisrunde, central durchbohrte Steine, welche der Zeichnung nach zu schliessen, in 
ihrer Form am besten mit einem riesigen Spinnwirtel zu vergleichen sind. Sie wurden 
ebenfalls in Xatä gefunden. Da jedoch die Zeichnung bloss skizzenhaft und ohne genaue 
Massangabe ist, reproduciere ich sie nicht. 

Ausser diesen befanden sich im Nachlass von Berendt noch die Skizzen von zwei 
grossen Steinplatten, die jede mehrere Vollfiguren enthielt, und die zum Vollkommensten 
gehören , was Santa Lucia bis jetzt geliefert hat. Da ich dieselben aber nur ganz flüchtig 
zu Gesicht bekam, konnte ich sie nicht copieren ^). 

Ueber das Material, aus dem diese BERENOT'schen Steine gearbeitet sind ist nichts 
bemerkt. Ohne Zweifel besteht es aber ebenfalls, wie die übrigen Sachen von Santa Lucia 
aus Trachytporphyr , also aus einem weit dauerhaftem Material, als die Monolithe von 
Quiriguä. 

Weitere Skulpturen von der Hacienda Pantaleon in der Nähe von Santa Lucia sind 
von Vreeland und Bransford ^) in Smithsonian Report von 1884 beschrieben worden. Aber 
auch damit ist die Liste der aus dieser Gegend gekannten Bildwerke noch nicht erschöpft, 
wie ich von Pflanzern weiss, auf deren Besitzungen in der Nähe von Santa Lucia noch 
eine Reihe von Fundstücken liegen. 

Dass aber auch andere Punkte der westlichen Küstenniederung noch archaeologische 
Ausbeute in Aussicht stellen würden , ist ganz sicher. So sah ich lebensgrosse Menschenköpfe 
aus dunklem Trachytporphyr, leider kaum noch kenntlich, in der Nähe von Mazatenango, 
und eine kleine Ortschaft unweit dieses Städtchens trägt heute noch den Namen ..San .Jose 
el idolo". Als „idolos" aber kennen die Einheimischen die alt-indianischen Monolithe. 

Ferner werden nach Angabe einheimischer Pflanzer an verschiedenen Punkten der 
Costa" von Escuintla Reste alter Niederlassungen gefunden, von denen diejenigen von 
Guaimango, wo die Trümmer einer „Mauer" (muralla) noch sichtbar sind, die bedeu- 
tendsten sein sollen. 

Zu den bescheidenem Erzeugnissen der praehistorischen Steinbearbeitung gehören die 
in Taf. II Fig. 4, 20, 21, 22, 23, 27, 28, 29 und 80 abgebildeten Gegenstände, ebenso die 
Figm" in N". ß. 

Fig. 4 zeigt die in dinikli'm, uiipoliertem Trachytporphyr gearbeitete Barockstatue 
eines Vogels, die ich in (iuatemala im Besitz eines Europäers sah und in natürlicher Grösse 
zeichnete. Länge 29 Cm., Durchmesser des Kopfes vom Hinterkopf bis zur Schnabelspitze 
15 Cm. Kopf unverhältnissmässig gross, hoch, stark gewölbt, seitlich zusammengedrückt. 



)) 



') Soeben geht mir eine Arbuil meines Freundes, Dr. Gustav Eisen in Californien , zu, betitelt: „On 
some ancient sculptures from the Pacific slope of Guatemala" in: Memoirs of the California Academy of 
Sciences. Vol. II N". 2. San Francisco, Cal. July 1888. 

In dieser für die Erweiterung unserer Kenntnisse über Santa Lucia und dessen Umgebung höchst 
werthvollen Arbeit sind nicht nur einige der bereits von Vreeland und Bhansfokd abgebildeten Fund- 
objecto nach Originalzeiclmungen wiedergegeben, sondern auch eine Reihe von Stücken, welche noch nie 
veröflentiiclit wurden, beschrieben und dargestellt, unter anderm auch die im Texte erwähnten Skizzen 
au.s Berendt's Nachlass. 

") Siehe Literatur unter Vkeej-and. 



- 81 - 

Ueber den seitlich gestellten, grossen, 2,5 Cm. im Durchmesser haltenden und durch eine 
Kreisfurche markierten Augen finden sich zwei tiefe, quer über die Vorderfläche des Kopfes 
laufende Furchen, die einen Querwulst zwischen sich fassen. Stirn unterhalb der Augen 
senkrecht abfallend , glatt , Maul oder Schnabel schief nach unten laufend ; eine abgegrenzte , 
flache Platte liegt als Andeutung eines Kammes der Schnabelfirste auf Schnabel dick, 
kegelförmig, Unterkiefer dicker, als der Oberkiefer. Hals abgesetzt, dick, seitlich abgeflacht, 
fast winklig gegen Kopf und Flügel abgesetzt, Rückenfläche des Halses flach. Rumpfseiten 
von den kurzen, vorn abgerundeten, nach unten abgestutzten Flügeln, die erhaben gemeis- 
selt sind und drei vertiefte, dem Vorderrand fast parallele Furchen zeigen, eingenommen. 
Zwischen den Flügeln nach vorn springt der kurze Bauch stark kugelig gewölbt vor. Rücken 
flach. Piedestal massiv, Füsse kurz, schräg nach vorn laufend, dick, an der abgestutzten 
Vorderseite der Füsse zwei Längseindrücke , wodurch drei Zehen markiert werden. Eine tiefe 
Längsfurche auf der Vorderseite trennt die Beine beider Seiten. Schwanz kurz, kürzer als 
das Piedestal, auf der Rückseite werden durch drei Längsfurchen fünf Schwanzfedern mar- 
kiert. Genauer Fundort unbekannt, jedenfalls das Cakchiquel-Gebiet in der Umgebung von 
Antigua Guatemala. 

Andere Vogelstatuetten , namentlich von Eulen , deren Bedeutung wir aus dem Popol 
Vuh kennen, habe ich in Guatemala in Sammlungen gesehen. 

Fig. 20 — 23 stellen menschliche Figuren, roh aus hellgrauem Glimmerschiefer, 
also einem weichen Material, geschnitzt, dar. Sie stammen sämmtlich aus den Ruinen von 
Santa Cruz Quiche, also dem alten Utatlan. 

Fig. 20 stellt einen Mann dar. Länge 9,15 Cm., grösste Breite in der Wangengegend 
3,1 Cm., grösste Dicke 1,4 Cm. Die Figur bildet einen zungenförmigen , länglichen Keil, 
dessen Spitze den Füssen entspricht, während der Kopf die Basis bildet. Nur die Vorder- 
seite ist bearbeitet. Kopf durch eine Querfurche abgesetzt. Jederseits markieren zwei nach 
aussen divergierende Rinnen das Auge. Die Nase bildet ein Dreieck zwischen zwei schräg 
an die Halsrinne laufenden Furchen. Eine Querfurche setzt die Nase ab oder markiert den 
Mund. Kopf durch zwei von den Seiten kommende, in der Mitte vorn zusammenstossende 
Schrägfiirchen vom Brusttheil abgesetzt, der durch eine zweite Furche von den Beinen 
getrennt wird. Arme durch schräg von unten aussen , nach oben innen , laufende Furchen 
angedeutet. Beine durch eine mittlere Längsfurche, die nach oben hin jederseits in eine 
schräge der Lendenbeuge entsprechende Seitenfurche divergiert, getrennt. 

Fig. 21. Figur einer Frau. Länge 9 Cm., Breite am Bruststück 2,2 Cm., Dicke 
1,5 Cm. Eine Augenfurche rechts, zwei links, sowie die Mundfurche und jederseits zwei 
convergierende Wangenfurchen erhalten. Hals durch zwei tiefe, von aussen etwas breiter 
beginnende , nach innen schmäler werdende Furchen abgesetzt. Auf dem viereckigen Mittel- 
körper Andeutungen der en-relief gearbeiteten, schief nach oben gegen die Mitte gerichteten 
Arme sichtbar. Unterkörper durch eine Querfurche abgesetzt, Vorderseite glatt, unten läuft 
der Körper in zwei Fussstummel aus. Rttckenfläche glatt, unbearbeitet. 

Fig. 22 Bruchstück: die Kopf- und Brusthälfte einer menschlichen Figur umfassend. 
Länge des Kopfs 5,3 Cm., Breite des Kopfs 5,7. Breite des Bruststücks 8,2 Cm. Dicke 2,5 Cm. 
Wahrscheinliche Länge des unversehrten Stückes 15 Cm. Augen durch zwei Querfurchen 
jederseits markiert. Nase durch zwei schräg nach unten und aussen divergierende Furchen 
abgegrenzt. Untere Nasengrenze' durch eine quere Bogenfurche angegeben, der Mund durch 
eine nach oben convexe und eine gerade Querfurche. Ohrgegend durch eine senkrechte, 
I. A. f. E. I. Suppl. T. 11 



- 82 - 

seitliche Längsfurche abgehoben. Zwei bogenförmige Halsrinnen bilden ein Halsband. Arme 
en-relief gehalten , im Ellbogen winklig gebogen ; Finger auf der Mitte der Brust durch zwei 
seichte Furchen in der Längsrichtung der Arme angegeben. Die Stirn trägt drei vertikale 
Längsfm'chen , die Rückenfläche zeigt rechts Spuren von ähnlichen Längsfurchen, wie sie die 
Thonflgur Taf. H Fig. 13 aufweist. Die Ohren auch auf der Eückenfläche abgegrenzt, ebenso 
die Arme durch convergierende , ein erhabenes Dreieck umfassende Rinnen. Lendenrinne 
auch am Rücken markiert. 

Fig. 23. Rohgeschnittenes Figürchen von 5,5 Cm. Länge und 1,65 Cm. Breite. Augen, 
Hals, Arme, Beine und Lenden durch Furchen markiert. 

Fig. 27 und 28 stellen zwei Nuclei aus Obsidian dar, wie man sie als letzten 
Rest der einst zum Absprengen von Lamellen verwendeten Obsidianstücke gelegentlich 
findet. Der Kern von Fig. 27 besitzt eine Länge von 7,6 Cm. und eine Dicke von 2,2 Cm. 
Basis um-egelraässig und undeutlich heptagonal, am Rand körnig usuriert von den Manipu- 
lationen der Lamellengewinnung. Spitze abgerundet. Fig. 28 stellt einen lancettformig com- 
primierten Kern von 7,4 Cm. Länge und 2,6 Cm. grösster Breite vor. 

Beide Stücke stammen aus der Gegend von Retalhuleu. So grosse und schöne Obsidian- 
kerne, wie aus Mexiko, habe ich in Guatemala nie gesehen. 

Fig. 29 ist eine dreieckige Pfeilspitze aus Obsidian von 7,4 Cm. Länge und 
2,5 Cm. gi'össter Breite. Basis des unversehrten Stücks etwa 2,7 Cm. lang. Die Fläche 
mit kleinmuscheligen Bruchflächen, gewölbt, gegen die Kanten abfallend. Kanten unregel- 
mässig gekörnt. Fundort: Hacienda Helvetia im Xolhuitz bei Retalhuleu. 

Fig. 30 gibt die Flächen- und Seitenansicht einer Obsidianlamelle mit deutlich 
bearbeiteten Rändern, ch'ca 7 Cm. lang. Spitze abgebrochen. Sie stammt ebenfalls von 
der Hacienda Helvetia. 

Fig. 25 und 26 stellen zum Vergleich mit den praehistorischen Pfeilspitzen solche 
der Jetztzeit dar, wie sie die Indianer von San Juan Sacatepequez bei der Jagd mit 
dem Bogen gebrauchen. Sie sind aus Eisen gefertigt und mit einer Fussspitze zum Ein- 
setzen in den Rohrschaft versehen. Länge des Stückes N". 25 12 Cm., ohne Fussspitze 
6,5 Cm. Ganze Länge von N". 26 17 Cm., ohne die Fussspitze 13 Cm. 

Die Länge der gegenwärtig gebrauchten Pfeilschäfte, die aus Rohr gefertigt sind und 
keine Fieder besitzen, beträgt circa 80 Cm. Sie tragen an der Basis eine Kerbe, um das 
Einsetzen der Bogenschnur zu erleichtern, und zwar dicht unterhalb eines Internodiums, 
um das Splittern des Rohres zu hindern. Die ziemlich flach gekrümmten Bogen sind ent- 
weder roh aus geeignetem Holz geschnitzt, oder sie werden zur Verschönerung mit Schlan- 
genhaut überzogen. Ein in meinem Besitz befindlicher Bogen misst eine Höhe von 140 Cm. 
Bogen werden nur noch von Leuten gebraucht, die keine Flinte zu kaufen vermögen. 

In Taf. II Fig. 6 ist der aus dem weichen „Texcal", einer Art vulkanischen Tuffs, geschnitzte 
Kopf einer weiblichen Figur dargestellt, welche durch den Kopfputz sich als dem 
vornehmen Stande zugehörig dokumentiert. Der Künstler hat nicht vergessen, auch die 
unter dem Turban sichtbaren Kopf haare, in der Mitte gescheitelt, darzustellen. Dass diese 
alte Art des weiblichen Kopfschmucks, das Durchflechten mit Bändern und Schnüren mit 
auf die Schulter fallenden Quasten , sich bis auf heute kaum verändert erhalten hat , zeigt 
das in Fig. 15 nach einer Photographie dargestellte Bild einer indianischen Frau in 
ihrem Feststaate. 

Wie oben bemerkt, wissen wir- über die Ruinenplätze der historischen Zeit zu wenig, 



- 83 - 

•um die Parallele zwischen des von ihnen repraesentierten Kultur und den alten Plätzen 
ziehen zu können. Die Gegend des alten Utatlan, der Hauptstadt von Quich(5, und von 
Iximche, der Hauptstadt der Cakchiqueles , wurden von den Spaniern besiedelt, indem 
diese die indianischen Bewohner zwangen, sich in einiger Entfernung von den alten Städten 
in der -Ebene niederzulassen. Als Baumaterial für die neuen Niederlassungen wurden aber 
die behauenen Steine der alten Tempel und Paläste benutzt, so dass von diesen an Ort 
und Stelle nichts mehr vorhanden ist, als Trümmerhaufen und Erdtumuli. Wenn man 
jedoch die Schilderungen der alten Schriftsteller über diese Städte liest, so gewinnt man den 
Eindruck, dass sie an Ausdehnung und Pracht den praehistorischen Plätzen Guatemala's 
nachstanden und dass es jedenfalls dringend gerathen ist, zu warten, bis sie durch Nach- 
grabungen besser bekannt sind , als jetzt schon eine völlig verschiedene Kulturepoche für 
sie in Anspruch zu nehmen i). 

Aus den alten Berichten geht hervor, dass, wie anderwärts in Mittelameriku , der Kern 
dieser Städte aus den Tempeln , aus den Wolinungen der Oberhäuptlinge und Priester und 
aus verschiedenen andern Bauten zu öffentlichen Zwecken gebildet wurde. Diese waren aus 
behauenen Steinen aufgeführt. Durch die Requete^) wissen wir, dass die Unterthanen ver- 
pflichtet waren alle diese Steinbauten aufzuführen, und dass die Oberhäuptlinge zu diesem 
Zwecke, soweit er künstlerisches und tdchnisches Geschick erforderte, eine Menge von 
Arbeitern, Zimmerleute, Maurer und Maler in Dienst hatten. Die gewöhnlichen Arbeiten 
waren aber allem Volke bekannt 3). Ueber die Art und Weise, wie solche Bauten her- 
gestellt wurden, unterrichtet uns Zurita*). Die Tempel, die Häuser der Häuptlinge und 
die öffentlichen Gebäude wurden von einer grossen Anzahl von Indianern gemeinsam auf- 
geführt. Bei Tagesanbruch verliessen sie ihre Wohnungen nach leichtem Morgenimbiss, 
arbeiteten dann, wie sie wollten, unter grosser Heiterkeit, ohne dass Jemand sie drängte 
oder misshandelte. Wenn es regnete, unterbrachen sie die Arbeit und kehrten nach Hause 
zu ihren Familien zurück, wo ihre Frauen sie mit einem wärmenden Feuer und dem 
gewohnten Mittagsmahle empfingen. So wurden auch zur christlichen Zeit noch Kkchen 
und Klöster leicht und zu allgemeiner Zufriedenheit der unbezahlten Arbeitsleute errichtet. 
Dass die Indianer von Guatemala eine natürliche Liebhaberei am Bauen und ein grosses 
Geschick dafür haben, merkten auch die Geistlichen bald. Gage 6) z. B. spricht sich über 
die Leistungen seiner indianischen Bauleute sehr befriedigt aus , und wenn man die Kirchen- 
ruinen von Antigua betrachtet, kann man sich seinem Lobe nur anschliessen. 

Die einzige der altindianischen Städte Guatemala's, über welche eine eingehende Beschrei- 
bung vorliegt, ist Tecpam Guatemala oder Iximche, die Hauptstadt der Cakchi- 
queles. Diese Beschreibung wurde von Fuentes y Guzman, aus den zu seiner Zeit noch 
vorhandenen Ruinen reconstruiert ") und im Manuscript seines Werkes mit einem Plane 
begleitet, den die Madrider Ausgabe des Fuentes nicht enthält und den ich daher hier zur 
Illustration der B eschreibung des Fuektes reproduciere 7). 

') Für Iximche vgl.: Fuentes, IL p. 133 sqq.; für Utatlan: Juaehos, I. p. 72 Zurita d 407- für 
Mixco: Fuentes p 104. =) Requete, p. 417. ') Zurita, p. 183. ' ^) Zueita, p 266^' ' 

=■) Gage, p. 314. Sj Fuentes, II. p. 1:33 sqq. ^lkha, p. ^od. 

') Durch die freundliche Zuvürkommenheit meines verehrten Freundes, D. Justo Zar\goza in Madrid 
dessen rastlosem Eifer wir auch die Veröffentlichung des Manuscriptes de.s Fuentes verdanken wunie es 
de. Zff.b nicht nur eine Pauskopie der im Besitz des Herrn ZARioozA befindlichen Se StIlSines 



- 84 - 

Diese lautet, wie folgt: 

,,Tecpangoathemala war eine Niederlassung der alten Indianer, volkreich, bewunderns- 
werth und uneinnehmbar durch die Art ihrer Lage. Sie stand nämlich wie jetzt in dieser 
„Thalschaft, in kaltem Hochland und von der neuen Niederlassung entfernt, welche, nach 
,.der klugen Anordnung der Eroberer in l^c Leguas Entfernung an einem für die Siche- 
„rung der Unterwerfung günstiger gelegenen Orte angelegt wurde und deren umgebende 
„Landschaft sich durch laubreichen Baumwuchs und Grasreichtum auszeichnet. Sie liegt 
„8 Leguas von Neu-Guatemala ^) entfernt und beide Städte liegen in einer geraden Linie. 
„Diese alte und bis auf die letzten Ruinen geschleifte Stadt wird von einer tiefen Schlucht 
„umgeben, welche ihr als Stadtgraben diente, denn sie fällt im ganzen Umfang senkrecht 
„in eine Tiefe von mehr als hundert Mannshöhen ab. Diese Schlucht oder Graben hat von 
„der einen Mauerbrüstung zur andern eine Breite von 1200 Fuss (tres cuadras) und das 
„Meiste oder ein Theil davon wurde der Sage nach von Menschenhand zur Sicherheit und 
„Vertheidigung jener Stadt angelegt. Der Zugang hat nur einen sehr schmalen Dammweg, 
„welcher die Schlucht kreuzt , um den Zugang von Westen her , mit etwas Abweichung nach 
„Norden hin, zu ermöglichen. Der ganze Platz, welchen jene hinfälligen Trümmer ein- 
„nehmen, mag von Nord nach Süd drei, und von Ost nach West zwei Meilen (millas) 
„betragen und der ganze Umfang neun Meilen; in seinem Herzen war, weithin sichtbar, 
„jene grosse Stadt Tecpangoathemala erbaut , welche nach meiner Ansicht die Hauptfestung 
„des Reiches der Cakchiqueles unter dem Herrscher Sinacam war. Er residierte an 
„diesem Orte^), welcher die alte Stadt Goathemala war und heute das Dorf Tzacuali)a 
„ist, wo sein Hof war. 

„Der ganze Grund dieser alten Stadt von Tecpangoathemala scheint aufgerissen zu 
„sein, denn er war ursprünglich von Menschenhand mit einem Cement- oder Kalkbewurf 
„von dreiviertel Ellen Dicke cementiert: hart am Rande der Schlucht sieht man einige 
„prächtige Ruinen eines grossartigen und stolzen Gebäudes, dessen Länge 500 Fuss^) beträgt 
„und dessen Breite das gleiche Mass hat. Auf diese Weise bildet es ein vollkommenes 
„Quadrat, ganz aus sorgfältig mit dem Winkelmass zubehauenen Quadersteinen gemauert. 
„Vor diesem Gebäude befindet sich ein grosser viereckiger Platz von imposanter Schönheit 
„und an den Seiten, welche von Nord nach Süd blicken, lässt sich ein Palast erkennen, 
„welcher sich sogar in seinen Trümmern in seiner ganzen Pracht zeigt. Dieses königliche 
„Gebäude liat an seiner Vorderseite einige ebenso grosse und ebenso prächtige Plätze, wie 
„der oberwälmte. Um diesen bewundernswerthen Bau herum gewahrt man eine grosse Menge 
„von Grundmauern, welche nach der Ueberlieferung und nach dem, was sich aus ihrer 
„Pracht leicht erkennen lässt, Häuser und Wohnungen von Vornehmen und der Mehrzahl 
„der Ahaguaes waren, ausser jenen, welche beständig um die Person des Königs waren. 
„Auf dieser Seite des Quartiers der Vornehmen lassen sich einige weite und bequeme 
„Strassen erkennen welche, wie ihre Fundamente zeigen, von Ost nach West Hefen. 

„Mitten durch diesen Stadttheil läuft von Nord nach Süd ein Graben, anderthalb 
„Mannshöhen tief, und seine Schutzmauern aus behauenen Steinen erheben sich mehr als 
„eine halbe Mannshöhe hoch. Dieser Graben theilte die grosse Stadt, indem das Quartier 
„der Vornehmen östlich und dasjenige der Gemeinen oder Maceguales (wie sie sagen) 
„westlich davon gelegen war. Ausserdem laufen von dcsr Hauptstrasse aus, welche vom 



') dem heutigen Antigua (d. V.) =) D. h. am Orte des Sclireibers. 

') „cien pasos geom6tricos". Der „paso geomötrico" ist ein Mass von 5 Fuss. 



■V.-. 



'AL^^k Oriente 



(Wachllliiirm'K 



"ia 



■ Äf.iUiva 



jNfort:e. 

fXrr,/> 







AtÖayä 

{Warhuhurin I 



Atelayä^ /rrimera Puerta^ 

n.tdtUluu-m/ / / (ErstrsThor) 

Poniente (West) 



Plan der alten Stadt Tecpan Guatemala Copie nacK Fuentes y Guzman. 

/z der Ori9'inalii'rösse . 



- 86 - 

„Stadtthor zum Hauptplatz des Tempels neben dem Palaste führt, noch andere Strassen 
„von Ost nach West, und von Nord nach Süd, wobei alle wie Zweige von der Hauptstrasse 
„ausstrahlen und mit regelmässigen und langen Häuserreihen eingefasst sind. Dadurch wurde 
"die hohe Kunst, die Kultur und die grosse Macht sichtbar, womit die Toltekenfürsten , 
^j welche in jenen alten Zeiten als unabhängige Herrscher dieses Land der Cakchiqueles 
„beherrschten, die Stadt erbaut hatten. 

,.Von dem erwähnten Graben aus geht eine sehr weite und geräumige Strasse neben 
„derHauptstrasse, welche vom Stadtthor zum Tempel führt. Diese führt nach Westen und 
„ihre Länge ist beinahe eine Viertel-Legua. Sie endet an einem kleinen Hügel, der die 
„Stadt beherrscht und auf seinem flachen Gipfel ein rundes Mauerwerk nach Art eines 
„Brunnengeländers besitzt, welches eine Manneshöhe hoch rund herum angebracht ist. Man 
'„bewundert an ihm einen Cementboden derselben Art, wie derjenige der Stadt: in der 
„Mitte erhebt sich ein Sockel oder Piedestal, glänzend wie Glas, von dem man trotz aller 
„Bemühung absolut nicht herausbringen kann, aus welchem Stoffes bestehe. Dieses Gemäuer 
,'jwar das Tribunal oder der Gerichtshof dieser Cachiquel-Lidianer, wo nicht allein öffentlich 
'„Gericht gehalten wurde, sondern auch die Urtheilssprüche der Richter vollzogen wurden, 
„welche, auf dem runden Mauersaum sitzend, civile und criminelle Rechtspflege übten. 
„Wenn aber der Urtheilsspruch dort, gleichsam in erster Instanz, gefällt war, so bedurfte 
„es zu seiner Bestätigung oder Widerrufung noch einer andern Massregel. Diese bestand 
„darin, dass von dort drei Boten, gleichsam als Deputierte jener Richter, sich auf den Weg 
'.nach einer tiefen Schlucht machten, welche nördlich vom Palaste lag und wo an einem 
„schicklichen und geschmückten Ort in einer Art Einsiedelei oder Gebethaus ein Orakel des 
„Teufels sich befand, welches aus einem schwarzen und wie Glas durchsichtigen Stein 
l^bestand, aber aus besserm und köstlicherm Stoff, als Obsidian. In diesem durchsichtigen 
„Stein zeigte der Teufel den Gesandten den Beschluss, der gefasst werden musste, und 
„wenn derselbe den Urtheilsspruch bestätigte, so wurde dieser sofort dort an der Gerichts- 
|!stätte auf jenem Sockel vollzogen, wo auch der Beklagte der Tortur unterworfen worden 
war. Wenn sich im Gegentheil im durchsichtigen Steine nichts zeigte, so wurde der 
„Beklagte freigesprochen. 

„Dieses Orakel wurde auch bei allen vorkommenden kriegerischen Unternehmungen 
„befragt, indem der Krieg angehoben wurde oder unterblieb, je nach dem Aussehen oder 
„Bilde des Orakelsteines. Davon erzählen heute noch sehr alte Spanier und Indianer. Als 
„aber in jenen ersten Zeiten unserer Niederlassung diese Dinge seiner Hochwürden, dem 
„Bischof D. Francisco Mahroquin, bekannt wurden, liess er den Stein sorgfaltig recht- 
„winklig herausschneiden und weihte ihn zu der Altarplatte, welche heute im Hochaltar 
„des Klosters San Francisco von Tecpangpathemala im Gel>rauch, und ein werthvolles 
„Kleinod von seltsamer Schönheit ist. Dieser Stein ist eine volle halbe Vara lang^). 

„Das Hauptthor dieser Festungsstadt, welches den Eingang von .km Dammweg her 
„bildete, wurde wie versichert wird, mit zwei Thoren geschlossen, die gleichsam in der 
„Mauerdicke angeVjracht waren, eines ausserhalb, welches nach aussen führte und ein 
„anderes nach innen, welches im Mauerwerk eingelassen war. Diese Thore sollen aus 
„Obsidian gefertigt und eines hinter das andere nach Art unserer Gefängnissthore gestellt. 
„gewesen sein Sie sollen starke Wachen gehabt haben, eine ausserhalb gegen die Lnnd- 



') Vgl. über den Orakelstein von Tocpam Guatemala: Stephens, t. IT. p. 



150. 



- 87 - 

„Schaft und eine nach innen hin. Diese Wachen wurden alle Wochen abgelöst. Ausserdem 
„waren im offenen Lande jenseits der Schlucht in Distanzen von ..jn Viertel-Legua Hügel 
„angebracht, wo beständige Wachtposten ausgestellt waren, um weit in's Land hinaus 
„Wache zu halten und die Einfälle der Quiches und Sotojiles zu melden. 

„Die Stadt wurde, in erhebliche Entfernung, an ihren heutigen Platz verlegt, weil 
„man fürchtete, die Lulianer würden sich wieder erheben, da nur wenige Spanier als 
„Besatzung vorhanden und diese auf Eroberungszügen abwesend waren". Soweit Fuentes. 
Schon die altern Schriftsteller, wie Füentes, haben die Frage aufgeworfen, mit welchen 
Instrumenten es wol die alten Lidianer fertig brachten , das harte Gestein so kunstvoll zu 
bearbeiten. Fuentes i) ist der Ansicht, dass dies mit den Aexten aus „Glockenmetall" 
geschah, deren es zu seiner Zeit noch in Tecpan-Atitlan , Totonicapam, Quezaltenango und 
Cuchumatlan gab. In den übrigen Gegenden waren diese Aexte ihres Goldgehaltes wegen 
von den Spaniern begierig gesammelt und eingeschmolzen worden. Fuentes nennt dieses 
indianische Glockenmetall das beste Material zur Herstellung der Glocken und Geschütze 
und sagt, dass davon zwei Sorten hergestellt würden, die eine weich und klangreich, die 
andere aber gehärtet und dauerhaft. „Man könnte viel von diesem Metall aus der Mine 
gewinnen, welche die Indianer von Cuchumatlan alto heute noch bearbeiten und 
woher ich, als ich Corregidor war. Metallplatten in grosser Zahl gesehen habe". Dieses 
„Glockenmetall" w^ar aber jedenfalls eine natürliche, nicht eine absichtliche, künstliche 
Legierung des Kupfers. Solche Aexte dienten auch als TauschmitteP). 

Während Steinäxte und Kupferäxte wohl zur vorläufigen Zurichtung des Rohmateriales 
dienten, bildete zur feinern Ausarbeitung der Skulpturen jedenfalls der Meissel das Haupt- 
instrument, womit die zuvor auf dem Stein vorgezeichneten Muster und Hieroglyphen 
ausgearbeitet wurden. Der allgemeine Ausdruck für Meissel ist ch'ut, womit alle meissel- 
oder stichelähnlichen Dinge, wie die harten Nadeln der Magueyblätter , die Stacheln der 
Insecten, bezeichnet werden. Ah ch'ut „Meister des Meisseis" ist daher auch eines der 
Epitheta ornantia der Götter im Popol Vuh. Solche Meissel werden wohl theils aus zähen 
und harten Mineralien, theils aus dem oberwähnten, gehärteten „Glockenmetall" des Fuentes 
bestanden haben. In Quiriguä sah ich zwei Steinhämmer, die Herr Maudslay daselbst 
gefunden hatte. Es waren längliche polierte Steine, die am einen Ende in die Hand genommen 
werden konnten, während das andere als Schlagfläche diente. Auf der Fläche waren, 
offenbar von den Meisselköpfen , kreisrunde Löcher entstanden s). 

Viel einfacher waren die Wohnungen des gemeinen Volkes, die jedenfalls 
schon zu der Conquista-Zeit die Form hatten, wie heutzutage: vierkantige, mit steilem 
Firstdach aus Stroh oder Palniblatt verseliene einstöckige Hütten mit Wänden aus Rohr 
oder Holzstäben, mit einer Thür, aber ohne Fenster. Die einzelnen Bestandtheile des 
Hauses tragen besondere Namen, so vor allem die Stützpfeiler, welche die Kanten bilden, 
und in deren Gabeln oben Querbalken so gelegt werden, dass dieselben für das Dach- 
gerüste als Basis dienen. Dieses besteht aus schräg gegeneinander geneigten Stäben, 
welche die First bilden und die durch parallel und wagerecht laufende Stäbe verbunden 
sind. Auf diesen werden die Strohbüschel oder Palmblätter, die als Dachverkleidung dienen, 
festgebunden. Als Material zur Verknüpfung der einzelnen Theile dienen ausschhesshch 
zähe Ruthen. Sowohl in der Auswahl der Holzarten für die Stützpfosten und Querriegel, 
als des Bindemat eriales entwickeln die Indianer grosse Sorgfalt und Sachkenntniss. 
') Fuentes, IL p. 108. -) Roman, III. 1. n f. 160. ^, Stoll, Guatemala p. 452. 



- 88 - 

Auch beim Häuserbau machte sich das Princip der Association, wie es die chinamit- 
Yerfassung bedingt, geltend. Gage erzählt noch aus seiner Zeit: ,.Wenn Jemand unter 
„ihnen ist, der kein Haus hat, oder seines von neuem decken will, so werden die Häupter 
„der Geschlechter dessen berichtet, welche es sämmtlichen Einwohnern des Dorfes zu 
„wissen thun, dass sie bei solcher Arbeit helfen sollen; da denn ein jeglicher schuldig ist, 
„ein Gebund Stroh oder andere Materialien mit sich zu bringen: so dass in einem Tage 
„einer ein ganzes Haus durch Hülfe so vieler Personen aufbauet. Unterdessen kostet 
,.ihn ein solcher Bau nichts als Chocolate". Ob diese Sitte jetzt noch existiert, weiss ich 
nicht, ich habe beim Bau der indianischen Hütten stets nur relativ wenige Personen und 
keineswegs das ganze Dorf beschäftigt gesehen. 

Die indianische Hütte enthält nur eine oder zwei Kammern. In letzterm Falle dient 
die eine als Wohnstube und Küche, die andere als Schlaf kammer. Die Betten bestehen 
aus Bretter- oder ßohrgestellen , über welche etwa noch ein Stück Binsenmatte gebreitet 
wird und als Kopfkissen dienen Kleiderluindel . als Decke je nach dem Klima ein Stück 
Woll- oder Baumwollzeug. 

Das übrige Hausgeräthe ist von der grössten Einfachheit; in der Mitte des Küchen- 
raumes befindet sich der Feuerherd (xan). Er besteht aus drei Steinen, welche den Koch- 
geschirren als Stütze dienen. Zwischen die Steine werden die Scheite oder die Kohlen 
gelegt und der Eauch durchzieht dergestalt die ganze Hütte. Zum Kochen dienen ver- 
schiedene Töpfereiwaaren , die nachstehend erwähnt werden sollen. Einige Calebassen aus 
Crescentia- und Kürbisfrüchten vervollständigen das Küchengeschirr. 

Das Hauptinventarstück aber bildet der Maismahlstein (metlatl der mexikanischen 
und ca der Quich6;-Sprache). Diese Mahlsteine sind dreibeinig: zwei Beine vorn, ein etwas 
höheres hinten. Die Reibfläche ist dergestalt etwas flach geneigt, und etwas concav. Aut 
ihr gleitet die ebenfalls steinerne Mahlwalze hin und her, deren Enden von der Maismüllerin 
erfasst werden. Die modernen Mahlsteine, welche in jeder einheimischen und sogar euro- 
päischen Haushaltung Guatemala's nothwendig sind, sind schmucklos aus einem grobkör- 
nigen , aber nicht sehr harten Gestein vulkanischen Ursprungs gearbeitet. Die praehistorischen 
Reibsteine dagegen, welche an verschiedenen Stellen Mittelamerika's gefunden wurden, sind 
oft von schöner Arbeit und so reich verziert, dass sie wahrscheinlich dem Haushalt der 
Vornehmen entstammen ^). 

Die indianischen Frauen, denen das Geschäft des Maismahlcns obliegt, pflegen dasselbe 
häufig mit einem eigenthümlichen Pfeifen, zwischen den Zähnen hindurch, zu begleiten, 
wahrscheinlich, um besser im Takte zu bleiben. Nicht selten tragen sie dabei ihre Säug- 
linge auf dem Rücken, denen der schaukelnde Körper der Mutter als Wiege dient. 

In vielen Gegenden von Guatemala bildet das Dampfbad (temazcalli der Mexi- 
kaner, tuj der Quiche-Sprachen) einen wichtigen Theil des Hauses. Es ist dies ein 
gewöhnlich halbkugeliger, backofenformiger Bau aus Lehmziegeln hinter der Wohnhütte, 
und mit einer so niedrigen Eingangsöftnung, dass ein Mensch eben noch durchkriechen kann. 
Ueber seine Anwendung habe ich an anderer Stelle berichtet-). 

Eine Hängematte, die übrigens oft fehlt, ein mit Stufenkerben versehener Baumstamm 
(palibal), der als Leiter dient, eine hölzerne Truhe zur Aufbewahrung der bessern Klei- 
dungsstücke und etwa ein llausaltar vervollständigen den llausrath einer bessern Indinner- 
wohnung. Kleine Hängematten dienen als Wiegen für die Säuglinge. 

') Vgl. Squier, Nicaragua I. p. 272. ') Stoll, Guatfiiiahi p. 162. 



- 89 - 

Die relative Vollkommenheit der Architektur und Bildhauerei unter den Völkern Gua- 
temala's setzt voraus, dass dieselben ein ziemlich entwickeltes Maasssystem besessen haben'). 
In der That findet man die Spuren desselben heute noch in den Sprachen der Quiche- und 
Pokomgruppe. Als Basis der Längenmaasse wurden die Dimensionen von Hand und Fuss 
genommen, und das Wort für „Fuss", akan im Cakchiquel und ok im Pokonchi werden 
heute als allgemeiner Ausdruck für „Länge" gebraucht, wie die Ausdrücke für „lang" und 
„kurz" beweisen^), nämlich nim-r-akan „gross seine Länge" und ch'iitin-ok r-akan 
„klein seine Länge". An der Hand werden die Spanne zwischen Daumen und kleinem Finger 
(c'utu im K'e'kchi), die Länge des vordersten Daumgiiedes (c'ojoc im K'e'kchi), die 
Breite von Daumen und Zeigefinger (jun min im K'e'kchi) und diejenige von vier und 
fünf Fingern (ca min und ho min im K'e'kchi) unterschieden. Ferner werden die 
Klafter, (mokoj im K'e'kchi) und der Schritt (xa'k im Cakchiquel, yoc im K'e'kchi) 
besonders bezeichnet, als Schnurmaass finden sich die Ausdrücke c'al und c'am. 

II. TÖPFEREI. 

Wie fast überall, bildete auch in Guatemala die Töpferei einen der wichtigsten tech- 
nischen Zweige, indem sie nicht nur eine Menge von Gegenständen des täglichen Gebrauchs, 
sondern auch für die religiösen Ceremonien lieferte. 

Der Natur der Sache nach war die Ausübung der Töpferkunst an diejenigen Oertlich- 
keiten gebunden, welche das Rohmaterial in hinlänglicher Menge und Qualität zu liefern 
im Stande waren. Solcher Stellen gibt es heute im Gebiet der Republik eine ganze Reihe. 
Wir nennen davon: Palencia, Mixco, Chinautla, San .Juan Sacatepequez und San Raimundo 
im Depart. Guatemala, San Miguel Petapa im Depart. Amatitlan, Santa Apolonia im 
Depart. Chimaltenango , San Cristöbal im Depart. Totonicapam, Tectitlan in Huhuetango, 
Rabinal in der Baja Verapaz und Lanquin in der Alta Verapaz, Sansaria und Jilotepeque 
im Depart. Jalapa. 

Es sind also vor allem die Gebiete der Pokomam- und Cakchiquel-Indianer, 
welche sich durch zahlreiche Fundorte von Thon auszeichnen. Die meisten derselben dürften 
schon in der vorspanischen Zeit bekannt gewesen sein und die Fabrik-Zentren gebildet 
haben, von denen aus dann die verschiedenen Thonwaaren durch Händler auf grosse 
Strecken hin geschafft und gegen andere Dinge vertauscht wurden, wie dies heute noch 
geschieht ^). 

Wir würden danach in grosser räumlicher Ausdehnung identische Geschirrformen 
erwarten müssen. Wenn dies, wenigstens für die praehistorischen Geschirre, nur bedingt 
der Fall ist, so ist daran grösstentheils die Eigenart der Fabrikation selbst Schuld. 

Ob die Töpferei in Guatemala sich, wie anderwärts, z. B. bei den Zuhis in Nord- 
amerika*) ursprünglich aus der Korbflechterei entwickelte oder ob sie als eine bereits fertige 
Kunst von aussen übernommen wurde, dürfte kaum zu entscheiden sein, da uns die 
Geschirrformen selbst hiefür keinen Anhaltspunkt mehr gewähren. 

Die Töpferei war und ist in Guatemala ein Handwerk der Frauen. Da aus ft-eier Hand, 
ohne Hülfe der Töpferscheibe gearbeitet wird, erhält sozusagen jedes einzelne Stück sein 



') Brinton, Lineal Measures. ■) Stoll, Ixil-Grammatik p. 26. ') Stoll, Guatemala p. 453. 

") Siehe Literatur unter „Cushing". 
I. A. f. E. I. Suppl. I. 12 



- 90 - 

individuelles Gepräge in Form oder Grösse, trotzdem es die indianischen Frauen in der 
Herstellung ihrer Arbeiten zu einer so hervorragenden Fertigkeit gebracht haben, dass sie 
auf Wunsch auch mehrere, nahezu identische Stücke liefern können. Da ich über die Art 
ihres Arbeitens bereits anderwärts ^) berichtet halDe , kann ich mich hier darauf beschränken , 
einige ihrer Produkte näher zu skizzieren. 

Gleiches Bedürfniss bedingt auch gleiche Grundform des zur Abhülfe bestiimnten 
Geräthes. AVir werden danach in Mittelamerika gewisse Formen des Geschirrs in weiter 
Verbreitung erwarten dürfen, vor allem diejenigen, welche der Bereitung des wichtigsten 
Nahrungsmittels, des Mais, zur Unterlage dienen. Als die verbreitetsten Geschirrformen 
treffen wir daher 1) den Wasserkrug (t Ina ja) 2) den Rost teil er für die Tortillas 
(Comal), 3) die Kochschüssel (011a), 4) die Bratschüssel (Sarten). 

Stellen wir für diese Geräthe die indianischen Namen zusammen, so finden wir folgendes: 





Mexikanisch. 


Maya. 


TZENTAL- 
GEUPFE. 


Mame- 

GKUPPE. 


QuiCHE- 
GRUPPE. 


POKOM- 
GRUPPE. 


"Wasserkrug 


a - c m i 1 1 : h u e y c o m i 1 1 


a t , p p u 1 


q u ' i b 


uhen, xoc 


cura, L-ucu 


CUC 


Eöstteller 


c m a 1 1 i 


xamach 


samet 


tzemich 


xot 


q u ' i 1 


Kochschüssel 


comitl; xoctli 


cum 


ppin 


cuil; quil 


boj, bojoy 


xun 


Bratschüssel 


caxitl; caxpechtli 


lac 


chejeu, setz 


lak 


lak 


culc 



Wir ersehen daraus zunächst, dass das Nahuatl mit seiner Terminologie ganz für sich 
steht, und dass dann aber auch die Maya-Sprachen nur für den Röstteller der Tortillas in 
weiter Verbreitung einen gemeinsamen Ausdruck besitzen (xamach, samet, tzemich), 
während für die übrigen Geschürre jede Sprachgruppe ihre besondern Stämme geschaffen 
hat. Dies lässt darauf schliessen, dass jede Stammgruppe unabhängig von den üljrigen und 
schon sehr lange die einfachsten Geschirrformen besitzt. 

Der Wasserkrug (tinaja) bildet in Guatemala ein grosses bauchiges Gefäss mit 
zwei Henkeln und engem Hals mit trichterförmigen Oeffhungsrand ^). Da auch die Unter- 
fiäche bauchig ist , muss sie auf einen Strohring oder in eine Erdvertiefung gestellt werden. 
Sie hält circa 5-10 Liter Flüssigkeit. 

Kleinere und länglichere Ki'üge werden zur Aufbewahrung des Schweinefetts und zu 
andern Zwecken hergestellt. Eine kleine, als Kinderspielzeug verfertigte Tinaja ist in Taf. H 

Fig. 33 dargestellt. 

Fig. 8 auf Taf I reproduziert eine Tinaja, welche von einer Pokomam-Indianerin von 
Chinautla verfertigt wurde. Sie besitzt eine Höhe von 23 Cm. und ist aus gelbgrauera 
Thon verfertigt. Form und Relief-Verzierungen sind nach europäischem Muster, so dass 
das ganze Geschirr eines jener hybriden Kunstprodukte darstellt, in denen sich indianische 
Technik mit ausländischen Vorlagen corabiniert und welche immer nrehr die altindianische 
Kunst überwuchern. 

Taf n Fig. 17 gibt das Modell einer andern, im iieutigcu ilauylialt von Guatemala 
gebräuchlichen Form des Wasserkruges wieder, nämlich des Buron (schlechte Aussprache 
statt Porron), der jedoch ebenfalls modernen und exotischen Ursprungs ist. 



') Stoll, Guatemala p. 332. 



- 91 - 

Der Maisröstteller, in Guatemala mit seinem mexikanischen Namen Comal 
benannt, ist ein grosses, leicht concaves, flaches und rundes Geschirr von circa 50 Cm. 
Durchmesser. Er dient vor Allem zum Rösten der Tortillas, dann aber auch des Kaffee 
und Cacao. 

Die Koch Schüssel, in Guatemala 011a genannt, weist eine grosse Mannigfaltigkeit 
der Grösse, weit weniger der Form auf. Diese wiederholt die Form der Tinaja, nur ist 
die OUa niedriger und der Hals so weit, dass man bequem compacte Gegenstände, wie 
Fleisch, hineinlegen kann. In der 011a wird alles gekocht, was mit Wasser zubereitet wird, 
also Mais, Frijol, Fleisch etc. 

Das letzte der Töpferei entnommene, wichtige Inventarstück der indianischen Küche 
bildet die Bratschüssel, in Guatemala mit dem spanischen Worte Sarten, in andern 
Gegenden mit dem mexikanischen Cajete (von caxitl) benannt. Der Sarten dient zum 
Abkochen und Braten der Speisen, die mit Fett zubereitet werden. 

Aus obiger Zusammenstellung der Bezeichnungen geht hervor, dass die gleichen Maya- 
Sprachgruppen , welche für den Comal identische Wurzeln halben , solche auch für den 
Sarten besitzen, .so dass diese offenbar die am weitesten verbreiteten (und ältesten?) 
Geschirrformen der Mayastämme sind. 

Als Muster eines antiken Sarten mag die in Taf II Fig. 32 abgebildete und nachstehend 
beschriebene kreisrunde Schüssel dienen, die aus den Ruinen von Utatlan stammt. 
Sie zerfallt in eine flachere Unterhälfte und eine steilwandige Oberhälfte, deien Grenze 
auf der Aussenseite durch einen schräg nach unten laufenden Randsaum angedeutet ist. 

Maasse: Kreisrund. Durchmesser 27 Cm. Dicke der Seiten- und Bodenwand 8 Mm. 
Höhe der Seitenwand 4,1 Cm., Höhe der ganzen Schüssel 17,5 Cm., Höhe des Schrägrandes 
11 Mm., Durchmesser des Fussringes 11,2 Cm. 

Farbe und Zeichnung: Grund inwendig und auswendig hell mennigroth. Aussen- 
seite der Bodenfläche heller. Fussring rauh, braungrau, ungefärljt. Randsaum braunroth. 

Parallel dem Randsaume läuft innen und aussen ein schmaler schwarzer Streif, dem 
ein zweiter an der Basis des Aussenrandes entspricht. Zwischen beiden ist der fr-eie Raum 
so verwendet, dass in weiten Distanzen vier Zeichnungen auftreten, welche in der 
Art paarweise angeordnet sind, dass die Gheder je eines Paares sich diametral gegenüber 
stehen, dass also die Zeichnungen alternieren. 

Das einfachere und einen schmäleren Raum einnehmende dieser Paare besteht aus, 
durch einen schmalen Zwischenraum der Grundfarbe getrennten, circa 16 Mm. breiten 
Schrägfeldern von braunrother Farlje, die schwarz umsäumt ist. Das eine Glied des 
Paares enthält zwei, das andere drei solcher Schrägfelder. Der Aussenrand der beiden 
Felder des ersten Gliedes und des ersten und dritten Feldes des zweiten Gliedes sind 
schräg eingebuchtet. 

Das andere Paar von Zeichnungen, welches den breitern Raum der äussern Randfläche 
einnimmt, ist weit complicierter. Sie bestehen theils aus geraden, dem Rande parallelen, 
theils aber aus gebogenen, nach beiden Seiten hin stumpfhakig endenden, schwarzen Linien, 
welche von breiteren braunrothen Innensäumen begleitet sind. Nach links hin bildet die 
Zeichnung einen, sich zweimal wiederholenden, stumpfen Haken, nach rechts hin läuft sie 
in eine einfi^che, schmälere, schlangenkopfähnlich zweimal geAvundene Spitze aus. Im obern 
Theil des Mittelfeldes ist durch ein schräges, schwarzes Linienpaar ein Raum abgegrenzt, 
in welchem sich das Schema des erstbeschriebenen Randfelderpaares in schwarzer Farbe 



- 92 - 

wiederholt. Die linke Ecke des untern Mittelfeldes ist durch eine schwarze Eckfläche mit 
nach ünks blickender Abschrägung gezeichnet, welcher parallel, in einiger Entfernung eine 
schwarze Linie verläuft. 

Parallel der schwarzen Linie, welche die Basis des Schüsselrandes bezeichnet, läuft 
eine zweite schwarze Linie, welche den Anfang des Schrägrandes, der dem obern Theil 
der Schüssel nach unten aufgesetzt ist, markiert. Von dieser aus gehen, dm-ch weite 
Distanzen der Grundfarbe von einander getrennt, sechs, seitlich vertikal begrenzte Felder 
gegen den den äussern , untern Rand hin , von denen drei braunroth , drei schwarz sind. Sie 
sind abwechselnd angeordnet und jedes Feld ist jederseits von einer Parallellinie dei-selben 

Farbe begleitet. 

Aus den Beschädigungen der Schüssel ersieht man, dass das Material ein grauer, 
etwas feinkörnig sandiger Thon ist. Darüber findet sich eine äusserst dünne Schicht , welche 
offenbar in Form einer feinen Paste dem Thon aufgestrichen wurde und die ebenfalls erdiger 
Natur ist. Auf dieser Schicht sind die teuer- und wasserbeständigen Farben aufgetragen. 

Solche bunte Särtenes werden gegenwärtig nicht mehr verfertigt, obwohl der Typus 
einer flachen Schüssel mit steilwandiger Oberhälfte sich auch heute noch erhalten hat, mit 
Ausnahme des äussern Randsaumes, der jetzt weniger stark aufgelegt wird. 

Der antike Sarten kann auch als dreifüssiges Geschirr auftreten, wie z. ß. 
ein von Stephens aus Huehuetenango bekannt gemachtes Exemplar darthut '). 

Einen besondern Typus des antiken Sarten stellen die Stachelgefässe von Ama- 
titlan dar, von denen sich im Museum für Völkerkunde in Berlin ein Exemplar befindet. 
Dasselbe misst 23 Cm. Durchmesser bei einer Flöhe von 6 Cm. und einem Durchmesser 
der Innenöffnung von 17 Cm. Der 3 Cm. breite Oberrand ist breit und ziemlich flach nach 
aussen umgelegt. Gegen den flachen Boden hin Ijaucht sich das Gefäss etwas nach aussen 
aus. Das Auffallendste daran sind aber zwei Reihen von je 15 Stacheln, welche an der 
Aussenwand angebracht sind und zwar so, dass die Stacheln der obern und untern Reihe 

alternieren. 

Wird das Stachelgefäss hochwandiger und mit seitlichen Henkeln versehen, so geht 
es in den Typus der Olla über, der es in seiner Verwendung jedenfalls entsprach. Das 
Berliner Museum besitzt ein solches von 14 Cm. Höhe, und 21 Cm. Durchmesser. Unter 
dem ebenfalls ziemlich flach ausladenden Oberrande sind in entsprechender Entfernung von 
einander drei Henkel oder Ohren angebracht, die sowohl zum Anfassen, als zum Aufhängen 
dienen konnten, und das ganze Gefäss steht auf drei, 4 Cm. langen Füssen. Die Aussen- 
wand l)esitzt auch hier zwei Reihen von je 15 übereinanderstehenden Stacheln. 

Zu den bis jetzt genannten fünf Geschirrtypen der Tina ja, des Comal, der Olla 
des Sarten und des Stach elgefässes gesellt sich als ein sechster Typus der vor- 
spanischen Geschirrtöpferei das Schuhgefäss, von dem Stephens^) ebenfalls ein Exemplar 
abbildet. Es sind dies unsymmetrische Gefässe, welche eine ziemlich weite Eingussöffhung 
besitzen, unter deren Rand sich der Griff henkel befindet. Auf der dem Henkel entgegen- 
gesetzten Seite baucht sich das Gefäss in verschiedener Länge schubförmig aus. Die Orna- 
mentik dieser eigenthümiichen Gefässe besteht in Reliefverzierungen, in Form von einge- 
kerbten oder ganzen Wülsten, in vertieften Linien und l/.ciicni. Nicht selten stellen dieselben 
menschliche oder thierische Figui'on dar. So besitzt das Berliner Museum ein Schuhgefäss 



') Stephens, II. p. 231. N". 1. ") Stephens, II p. 2.31 N". 4. 



- 93 - 

aus Coban, welches undeutlich die Barockflgur eines Thieres wiedergiebt , ein anderes, auf- 
fallend langes (38 Cm. lang bei 15 Cm. Höhe), imitiert den Kopf eines Krokodils. 

Auch aus Mexico (.Jalapa) und Nicaragua sind Schuhgefässe bekannt. 

Als Beispiel einer modernen Nachahmung des alten Schuhgefässes kann vielleicht 
Fig. 19 auf Taf. II dienen, nur sind hier drei Füsse angebracht und der Henkel befindet 
sich auf der Seite der Verlängerung des Gefässes. Die aufgetragenen Farben sind nicht 
wasserbeständig, sondern, wie viele der modernen Stücke, eine oberflächliche und flüchtige 

Malerei. 

Als siebenten Typus können wir unter den antiken Geschirren den Thonbecher 
aufstellen, der bald senkrechtwandig , meist aber bauchig mit oder ohne Fuss auftritt. Die 
Ornamente sind Ringwülste und vertiefte Rinnen, die in mehreren parallelen Ringen den 
Hals oder die Basis umkreisen. Auf dem Mittelfelde finden sich Bogenrinnen. 

Der Zweck der alten Thonbecher dürfte der gewesen sein, dass sie zum Anrühren der 
Chokolade dienten. Sie entsprächen demnach dem heutigen „Batidor", der aus gebrannten 
Thon, und der Jicara, die aus Fruchtschalen besteht. 

Taf II Fig. 316 gibt das Modell des modernen Batidor, oder Chokoladebechers wieder, 
dessen zugehöriger Quirl in Fig. 31a dargestellt ist. 

Als achter Typus mag die Urne gelten. Fig. 24 auf Taf II stellt ein Exemplar einer 
solchen aus röthlichgrauem Lehm dar, der aussen und innen einfarbig schwärzlichgrün 
bemalt ist. Höhe 7,5 Cm., Durchmesser über den Aussenrand 10,4 Cm., Durchmesser des 
Lumens 8 Cm. , Bodenfläche 7,9 Cm. , Wanddicke 8 Mm. Das Geschirr verjüngt sich nach 
unten etwas. Es enthält auf seiner Aussenfläche allein vertiefte Linien-Ornamente. Parallel 
dem Rande läuft eine Ringrinne, ebenso parallel der Basis. Das Mittelfeld weist drei AVinkel- 
ornamente auf, die je eine nach links ansteigende, zweistufige Treppe bilden. Es war 
sichtlich der rechte Winkel intendiert, obwohl schlecht ausgeführt. Zwischen je zwei Trep- 
penzeichnungen läuft eine schräge Linie von links unten steil nach rechts oben in der 
Weise, dass sie nahe der Basis der einen Treppenzeichnung beginnt, um an der Spitze der 
andern oben zu endigen. Diese Urne entstammt einem Grabe von „La Magdalena" in der 
Nähe von Neljaj in der Sierra der Ixil-Indianer. 

Eine charakteristische Varietät der Urne bilden die Gesichtsurnen der Lacandones. 
Es sind dies tiefe, mit einem niedrigen Fussrand versehene, nach unten sich etwas ver- 
jüngende Schalen, welche einen durchbrochenen Henkel in Form eines menschlichen 
Barockkopfes besitzen. An diesem fällt besonders die grosse, stark vorspringende Nase 
auf Das Berliner Museum besitzt eine solche Urne von 9 Cm. Höhe, 12 Cm. Durchmesser 
(über die Aussenränder gemessen) und einer Wanddicke von 0,5 Cm. Die Höhe des Henkel- 
gesichts beträgt 7,5 Cm., die Breite 10 Cm. 

Solche Urnen, deren ich mehrere in Guatemala sah, Averden in den Ruinen von 
Lorillard City gefunden, wo sie, wie mir mein Freund Rockstroh mittheilte, als Oi)fer- 
urnen der heutigen Lacandones dienen. Sie sind also ein Maya-Fabrikat. 

Im Anschluss an die bis jetzt erwähnten GeschuTformen Guatemala's finden sich nun 
aber noch eine Reihe von Exemplaren, welche sich keiner der obgenannten Typen genau 
unterordnen, obwohl sie doch von der einen oder andern etwas an sich tragen. 

So gibt es beispielsweise Formen, welche zwischen der „Tinaja" und der „Olla" stehen, 
indem sie die enge Gussöttnung der erstem mit der niedern und bauchigen Gestalt der 
letztern vereinigen. Sie sind mit einer oder mehreren Parallelrinnen am Halse verziert, 



- 94 - 

das Charakteristische besteht jedoch darin, dass sie als hanptsächh'chstes Ornament die 
Körpertheile eines Thieres en relief zeigen , dessen Leibesraum durch den Bauch des Kruges 
gebildet wird. Ich möchte sie daher Thierkrüge nennen. Einige, namentlich solche der 
ausgesprochenen ,.Tinaja"-Form stellen Vögel dar, deren Kopf, Flügel und Schwanz die 
vorragenden Theile bilden, andere, mehr der „Olla" sich nähernd, repräsentieren Frösche 
oder zeigen ein menschliches Gesicht auf einer Seite oder endlich bloss eine undefinierbare 
Barockfigm'. 

Als eine ganz isolierte, mir in keinem ähnlichen Exemplar bekannte Geschirrform ist 
das auf Taf. II in Fig. 18 abgebildete Geschirr zu bezeichnen, welches sich noch am ehesten 
der „011a" anschliesst und eine Schüssel in Form eines Barockkopfes darstellt. 
Es stammt ebenfalls aus den Ruinen von Utatlan. 

Beschreibung. Grösste Länge (ohne Stirnkamm) 22,6 Cm. Grösste Breite (ohne 
Ohrenhenkel) 17 Cm. Grösste Länge der Gussöffnung 13,9 Cm. Grösste Breite der Guss- 
öffnung 12,6 Cm. — Die Dicke variiert: Seitenwand 6 Mm., Wangengegend 1 Cm., Boden 
12 Mm. dick. Grösste Höhe bis zum Oberlippenrand 15,-S Cm. Grösste Höhe der Seiten- 
ränder 8,4 Cm. Höhe der Unterlippe 16 Mm. — Die Grundfläche bildet eine Ellipse von 
14 Cm. Länge und 11.4 Cm. Querdurchmesser. Farbe hellmennigroth , einfarbig, bloss die 
Augen und die S-Linie der Ohren schwarz. 

Der untere Theil der Schale hat die Gestalt einer einfachen , ovalen Schüssel , mit etwas 
steilen, schrägen, flach ausgebauchten Rändern. Die Regelmässigkeit ihrer Form wird 
dadurch gestört, dass der obere Theil des Gefässes in Gestalt eines menschlichen Gesichtes 
ausgearbeitet ist, dessen natürliche Proportionen dem Zwecke des Gefässes geopfert 
werden. Der übertrieben grosse Mund ist nämlich als Giessöffnung verwendet, indem 
man die Unterlippe zu diesem Zwecke buchtig ausschweifte und mit einem vertikalen Rand 
versah. 

Die Ohren sind als länglich rechteckige, horizontale Platten angebracht, die als Hand- 
haben dienen. Ihr ursprünglicher Charakter als Körpertheil ist nur noch durch vertiefte 
Rinnen ausgedrückt, deren eine, die oberste, eine mit der Spitze nach aussen gerichtete, 
kleine Lanzette bildet. Unter ihr folgt ein Kreis, der vom grossen Bogen einer S-Linie 
concentri.sch umfässt sind. Sämmtliche Rinnen waren ursprünglich grünschwarz. 

Die Augen sind als quergestellte, in weiter Vertiefung liegende, rundliche Buckel 
wiedergegeben , deren Kuppe , als Andeutung ihrer Rolle als Körpertheil , schwarz bemalt ist. 

Stirn, Nase und Oberlippe sind zu dem Zwecke umgearbeitet, als bequeme Handhabe 
zu dienen. Zu diesem Behufe erhebt .sich von der Stirn ein vertikaler Kamm , der sich auf 
die Nase , bis nahe an ihre Spitze fortsetzt , zwischen den Augen jedoch eine tiefe Einsenkung 
besitzt, in welche der Daumenballen bequem zu liegen konnnt, während die übrigen Finger 
die Oberlippe erfassen. Auf der Nase endigte der Mittelkamm ursprünglich als schnal)el- 
ähnliche, jetzt beschädigte Spitze. Von der Unterfläche der Nase hängen zwei flachrundliche, 
17 Mm. lange Körper gegen die Oberlippe herab, wodurch die Nasen Verzierung der Vor- 
nehmen wiedergegeben wird. Die Oberlippe ist in einer Breite von 7 Cm. flach ausgeschweift, 
um als Ansatzpunkt für drei Finger beim Ausgiessen zu dienen. 

Das Gefä.ss besitzt auf diese Weise zwei Handhaben: Zum vülhgon Ilchon mit beiden 
Händen oder zum Ausgiessen heisser Flüssigkeiten dienen die l)oiden Oln-en, während zum 
Giessen kalter Flü.ssigkeiten mit einer Hand der Stirnnasenkamm und die Oberiippe einge- 
richtet sind. 



- 95 - 

Unter den Ohren beginnt ein flaclier, horizontal die Wangen- und Unterlippengegend 
umfassender Saum. 

Beim Kochen wurde, schon in der praehistorischen Zeit, ausgiebig Holzliohle benutzt, 
wesshalb die Kohlenbrennerei schon ein altes, indianisches Gewerbe ist, dessen Vertreter 
in den Maya-Sprachen mit besonderm Namen belegt werden. Kohlen wurden auch den 
Verstorbenen in's Grab mitgegeben, um im Jenseits die mitgenommenen Speisen kochen 
zu können^). Daher bilden Holzkohlen auch einen Theil der Funde, die in einzelnen Tumuli 
Guatemala's gemacht worden sind °). 

Ueber die Art der Feuergewinnung im alten Guatemala ist nichts Sicheres bekannt. 
Doch liegt es nahe, auch bei ihr die von den Mayas von Yucatan übliche Methode vor- 
auszusetzen, welche in der Drehung eines vertikal gehaltenen Stockes in der Höhlung 
eines am Boden liegenden Blockes bestand ^). 

Wir wissen ferner aus Villagutierre *) , dass die C h o 1-Indianer der nördlichen Verapaz 
ihrem „Gott der Berge" Escurruchan, auf einem Berggipfel ein ewiges Feuer unterhielten. 

Die heutigen Indianer Guatemala's haben die Gewohnheit, das Herdfeuer des Hauses 
oder das Lagerfeuer auf der Reise des Nachts nicht ausgehen zu lassen. Sie bedecken die 
letzten , glühenden Kohlen sorgfältig mit einer dünnen Aschenschicht , so dass sie , langsam 
weiter glimmend, bis zum Morgen vorhalten, wo sie dann auf's Neue angefacht werden. 
Auf diese Weise geht im indianischen Haushalt das Herdfeuer buchstäbhch, ausser durch 
Unachtsamkeit, Jahr aus Jahr ein nicht aus. Diese Sitte hat sich auch in den Familien 
der Mischlinge erhalten, indem die Ladina-Köchinnen auch hier, sei es im Herde selbst, 
sei es in einer besondern Kohlenpfanne die glühenden Kohlen über Nacht in langsamem 
Brand erhalten, um der Mühe des Feueranmachens überhoben zu sein. 

Dies lässt darauf schliessen, dass auch in der alten Zeit das mühselige Geschäft der 
Feuergewinnung durch Reiben zweier, verschieden harter Hölzer möglichst eingeschränkt 
wurde. 

Zum Anfachen des Kohlenfeuers diente jedenfalls der heute noch gebräuchliche Feuer- 
fächer (soplador) aus Palmblättern geflochten, der in Taf. I Fig. 3 abgebildet ist. 

Unter den übrigen Thonwaaren der praehistorischen Zeit haben wir zu erwähnen: 
Gesichtsmasken ^)^ Pfeifen, Rasseln, und Götterbilder in Menschen- und 
Thiergestalt. 

In Taf. II Fig. 5 ist eine antike Thonpfeife abgebildet, welche einen menschlichen Kopf 
darstellt, dessen Nase den Fürstenschmuck in Gestalt zweier flacher, offenbar übertrieben 
grosser Scheiben aufweist. Der Ohrschmuck ist durch vertiefte, flache Scheiben angedeutet. 
Quer über den Kopf läuft ein hoher Kamm, der jedenfalls den Kopfschmuck aus Quetzal- 
federn nachahmen soll. Der zapfenförmige Fortsatz der Pfeife nach unten und die ihn 
umgebenden Bruchränder beweisen , dass die Pfeife von einem grössern Stück abgebrochen 
ist. Grösste Länge 7 Cm., grösste Breite 5,7 Cm. Die Pfeife stammt von der Hacienda 
San Francisco Miramar in der Costa Cuca (Quiche-Gebiet), wo sie drei Fuss tief unter der 
Erdoberfläche gefunden wurde. 



') FuENTES, I p. 364 (Siehe oben p. 71). -) Bastian, Culturländer , II p. 386. ') Beasseüb, 

Manuscrit Troano, pl. VI und XIX. *) Villagutierre, p. 152. 

'} Von diesen seltenen Stücken besitze ich keines, dagegen befindet sich eine schöne Thionnaske aus 
Thon (16 Cm. lang, 15 Cm. l)reit) von Zakoh in der Verapaz im Museum zu Berlin. Drei Läclierpaare um 
Oberrande dienten zum Festbinden. 



- 96 - 

Der Schall ist so laut, dass die Pfeife recht wohl als Signal- oder Jagdpfeife gedient 
haben könnte, wenn sie nicht etwa bloss ein Spielzeug war, wie die 

Moderne Pfeife. Taf. II, Fig. 11. Sie ist mit leicht verwischbarer Farbe bemalt 
und im Vergleich zur antiken Pfeife so schlecht gearbeitet, dass sie beim Anblasen nicht tönt. 

Taf. II, Fig. 16 stellt eine moderne Kinderrassel in Froschgestalt dar, die sich 
ebenfalls nicht mit den antiken Thonrasseln messen kann, welche man zuweilen findet 
und wovon das Berliner Museum für Völkerkunde Exemplare enthält. 

Zalhreiche K i n d e r s p i e 1 w a a r e n werden heutzutage in Thon hergestellt. Meist sind 
es Nachahmungen der gewöhnlichen Hausgeräthe (Taf. II, Fig. 17, 31, 33), oder Rasseln 
(Fig. 16), Pfeifen (Fig. 11) oder endlich Thiergestalten , namentlich Vögel (Fig. 8 und 8). 
Bald sind sie bemalt, bald unbemalt. 

Die schönen antiken wasserbeständigen Farben, wie sie in Fig. 32 erhalten sind, 
werden jetzt nicht mehr gebraucht, sondern sind durch die Glasur ersetzt worden. 

Als Götter bilder sind wohl die hohlen Thonfiguren zu deuten, von denen Taf. II, 
Fig. 18 ein Exemplar darstellt, eine menschliche Barockfigur, welche im untern Xolhuitz 
bei Retalhuleu gefunden wurde. Höhe 14,7 Cm., Gesicht beschädigt, aber kenntlich. Am 
auffallendsten sind die, infolge der Ohrgehänge winklig nach unten vorstehenden Ohren. 
Stirn stark fliehend. Hinterfläche des Kopfes durch eine Querfurche von der Stirn abge- 
grenzt , hinten mit elf bis zum Hals reichenden , parallelen Längsrinnen. Arme und Beine 
winklig, en relief. In der Schultergegend jederseits ein Loch, das mit dem hohlen Innen- 
raum communiciert. Die Löcher beider Seiten entsprechen sich so genau, dass man durch- 
sehen kann, und sind ofi'enbar in einem Male durchgestochen. 

Nach einer Ansicht der Landesbewohner diente der von unten zugängliche Hohlraum 
dazu, um Copal darin zu verbrennen, wobei dann die im ol)ern Körpertheile , in den 
Schultern oder noch häufiger den Augen, befindlichen Löcher als Ventilationsöffnungen 
gedient hätten. 

Dass solche Figuren auch in weit grösserer Gestalt, fast in halljer Menschengrösse aus 
Thon dargestellt wurden, beweisen die Bruchstücke von Händen und Füssen, welche 
gelegentlich gefunden worden sind. 

Viele der jetzt noch im Boden gefundenen Tiionfiguren sind nur Bruchstücke von 
Tliierkrügen, wie die concave, allseitig von Bruchrändern umgebene Rückfläche zeigt. 
Sie sind oft hohl, oft massiv und stellen meist die Köpfe lebender Wesen, von Menschen 
oder Thieren dar. Dahin gehört, auf Taf. II, Fig. 7, der (massive) Kop feines Menschen, 
Fig. 9, der (hohle) Kopf eines Raubthiers, Fig. 12, der (massive) Kopf eines 
Affen, und Fig. 14, der (massive) Kopf eines Raubthiers, die sämmtlich in ver- 
kleinertem Maassstab dargestellt sind. Fig. 10 stellt ein zapfenfrirmiges, inwendig hohles 
und durch zwei Löcher nach aussen offenes Bruchstück eines Geschirrornamentes dar. 

iii. bi:kleidung. 

Zur Herstellung der Gewänder dienten in der vorspanischen Zeit vor allem zwei 
Landesproducte , die Baumwolle und die Magueyfaser. 

Das Tragen baumwollener Gewänder war in alter Zeit ein Vorrecht der Vornehmen ^). 



') JUABKOS, IL p. 31. 



- 97 - 

Ihre Kleiduna; bestand aus einem weissen Hemde und ebensolchen Beinkleidern , beides mit 
Fransen versehen. Darüber kam ein anderes Beinkleid , welches bis zu den Knieen reichte. 
Die Unterschenkel blieben nackt und das Schuhwerk bestand aus geflochtenen Sandalen 
aus Pflanzenfasern, welche über dem Rist und ül)er die Ferse mit Schnüren befestigt wurden. 

Die moderne Nachbildung der altindianischen Bastsandalc zeigt Taf. II, Fig. 15. Sie 
ist aus Leder roh nach dem Fusse geschnitten und besitzt in ihrem vordem Theile ein 
Loch, durch welches der Riemen geführt wird, der zwischen grosser und zweiter Zehe 
schräg über den Fussrücken läuft und sich dort mit einem Querriemen verknüpft, welcher 
quer den Fuss überspannt. Die Sandalen werden in der Regel nur von Männern getragen, 
vornehmlich auf längeren Märschen. Die Frauen gehen barfuss und nur auf schlechten 
Wegen legen sie ebenfalls Sandalen an. 

Die Aermel des altindianischen Hemdes wurden bis zum Ellbogen zurückgeschlagen und 
mit einem rothen oder blauen Band befestigt. 

Das Haar trug man lang und hinten zusammengenommen und mit einem Band 
der erwähnten Farben durchflochten, welches in eine Quaste endigte, die ebenfalls ein 
Rangabzeichen der obersten Häuptlinge war. Um den Leib trugen diese einen Gürtel von 
farbigem Zeug und auf den Schultern einen Ueberwurf von weissem Baumwollzeug, worauf 
Vögel und Jaguare derselben Farbe gestickt waren und welches mit Schnüren und Fransen 
geschmückt war. 

JuARROS giebt weiter an , dass sich die Häuptlinge durch goldene und silberne Ohrringe 
und Pflöcke in der Unterlippe vor dem gemeinen Volk ausgezeichnet hätten. Dem 
gegenüber ist aber hervorzuheben, dass sich in den alten Töpfereien (vgl. Taf. I, Fig. 5 
und 18) keine Lippenpflöcke der Unterlippe dargestellt finden, sondern zwei rundliche 
Scheiben auf der Oberlippe, welche die durchbohrte Nasenscheidewand zum Befestigungs- 
punkt hatten. 

Damit stimmt auch die Angabe des Roman i) überein, dass der Oberhäuptling von Utatlan 
sich von den übrigen Vornehmen nur durch das Tragen von Schmuck in den Ohren und 
in der Nase unterschieden habe und dass dies das Rangzeichen der Grossen gewesen sei. 

Viel einfacher waren die Männer des gemeinen Volks gekleidet. Der Gebrauch baum- 
wollener Ueberwürfe war ihnen untersagt, sie trugen daher bloss eine Art von langem 
Hemd aus Maguey-Fasern, dessen Vorderseite sie nach hinten und dessen Rückseite sie nach 
vorn zwischen den Beinen durchzogen, und mit einem Gürteltuch festbanden. Ausserdem 
schützten sie den Kopf durch ein Tuch. 

Die Frauen bedeckten sich den Unterkörper mit einem Stück Tuch, das sie um die 
Lenden festgürteten. Ueber den Oberkörper warfen sie den Huipil, einen hemdartigen 
Ueberwurf, der bis zu den Knieen reichte und ganz mit farbigem Garn bordiert war. Das 
Haar pflegten sie mit Bändern von verschiedener Farbe zu durchflechten und nach Juareos 
trugen sie ebenfalls Ohr- und Unterlippenpflöcke von welch' letztern das, schon obt-n 
Erwähnte ebenfalls gilt. 

Vergleichen wir mit dieser Schilderung der Tracht die alten Reliefflguren von Copan, 
Quiriguä und Santa Lucia, so finden wir nicht unerhebliche Dift'erenzen. 

Die Bildwerke der erstgenannten Plätze, welche, wie ft-üher erwähnt, der Maya- 
Kultur von Yucatan sich anschliessen , zeichnen sich vor allem durch den überladenen 

') Roman, III 1. II f. 159. 
I. A. f. E. I. Suppl. I. 13 



- 98 - 

Reichthum der Trachten, sowohl der Männer als der Frauen aus. Offenbar werden uns 
diese hn höchsten Festornate vorgeführt und keineswegs in der gewöhnlichen Tracht , selbst 
der Vornehmsten. Soweit sich das Gewirre des Eeliefs enträthseln lässt, finden wir zunächst 
einen reichen Kopfschmuck aus einem hohen Aufsatz bestehend , der nicht selten eine Thier- 
maske trägt und mit einer Menge von Quetzalfedern geschmückt ist. Wir finden ferner 
grosse Ohrringe, Ohrpflöcke und, nicht häufig, einen Nasenschmuck, der dem in der alten 
Töpferei verwendeten ähnlich gewesen zu sein scheint ^). Ausserdem Halsketten , Arm- und 
Kniebänder aus grossen, aufgereihten Kugeln, Arm- und Fussspangen und schuhähnliche 

Sandalen. 

Weit einfacher gestaltet sich die Tracht der Relieffiguren von Santa Lucia, bei denen 
der grösste Theil des Körpers nackt erscheint. Wir finden hier theils einen langen nach 
hinten hängenden Haarschmuck, oder einen helmartigen Aufsatz, zum Theil mit einer Barock- 
maske , Ohrringe und Ohrpflöcke , (dagegen Lippenpflöcke nur bei einer Göttergestalt und einer 
Maske)', Halsbänder, Arm- und Kniebänder, Fussspangen und Sandalen. Ueber dem gross- 
schleifigen Lendengurt ist ein eigenthümlicher starrer Gürtel mit einem Thierkopf angebracht. 

Vergleichen wir damit die Trachten der Jetztzeit, so finden wir eine grosse Mannig- 
faltigkeit derselben, die dorfweise wechselt. 

Männer: An der Küste und in heissen Thälern gehen die Männer nackt mit Ausnahme 
eines schmalen, rothen Lendengurtes, dessen Enden zwischen den Beinen durchgesteckt 
werden , um die Genitalien zu bedecken. Den Kopf deckt ein bandloser , ungefärbter Strohhut. 
Bei festlichen Anlässen kleiden sie sich in eine weisse, weite Baumwollhose, über welche 
ein, bis unter die Lenden reichendes, weisses Baumwollhemd getragen wird. 

' In den kältern Gegenden kommen über einem Baumwollhemd noch wollene Kleider , 
als Rock oder Jacke, Hose und Mantel zur Verwendung, deren Farbe, Schnitt und Ver- 
zierung je nach den Ortschaften wechselt, so dass eine eingehende Schilderung nicht möglich 
ist. In Sacatepequez ist z. B. dunkelblau die gewöhnliche Farbe der Beinkleider, in 
einigen Gegenden der Altos dagegen braun. 

Besonders reichgeschmückte Beinkleider aus Sammt mit Goldbordierungen sind bei den 
Festen in den Altos der Quiches gebräuchlich. 

Die Haare werden geschoren. Um den Kopf wird häufig ein Tuch gewickelt, über dem 
man noch den Strohhut trägt, dessen Form und Farbe ebenfalls nach den Dorfschaften 
verschieden ist, specicU für die Alcaldes und l)ei den Festanzügen. 

Weiber: An der Küste und in heissen Thälern wird der Oberkörper nackt gelassen 
und nur beim Eintritt in die Dörfer mit einem , von den Geistlichen eingeführten Hemdchen 
bedeckt. Der Unterleib wird in den Rock, ein langes viereckiges Stück Tuch gewickelt, 
das bis auf die Knöchel reicht und um die Lenden festgebunden wird. Die an der Küste 
am meisten beliebten Stoffe sind rothcarrierte Baumwollzeuge, europäischen Fabrikates 

(vgl. Taf. II Fig. 15?.). 

Im Hochland wiegen dunkelblaue, dichtere Baumwollstoffe vor, oder blau und weiss 
zu gleichen Theilen gestreifte, die sämmtlich im Lande verfertigt werden. Taf I Fig. 4 
zeigt das Mustor eines Stoffes, wie er im Dorfe Mixco gebräucldich ist. Der B,ock, der je 
nach den Dörfern, bald länger, bald kürzer ist, wird durch einen Wdllenen L(übgurt zusam- 
mengehalten, von dem Taf. 1 Fig. 5 eine Vorstellung geben mag. 

') Vgl. Meye und Schmidt, Steinbildwerke, Taf. Vll, Fig. 8a. 



- 99 - 



Den Oberkörper stecken die Weiber in einen ponchoartigen mit Kopf und Armlöchern 
versehenen Ueberwurf, an welchem eine Schnur, die hinten um den Hals und vorn durch 
die Armlöcher geht, durch Faltcmbildung eine Art Aermel herstellt. Dieser Ueberwurf 
heisst Huipil (vom mexikan. liiii|alli) und wird unter der Brust vom Rocke bedeckt, 
wesshalb nur der obere Theil bordiert ist. Die Huipiles sind gewöhnlich bordiert, entweder, 
bei Aermern, mit einfachen, rothen oder blauen Streifen, oder, bei Wohlhabendem, mit 
complicierteren Zeichnungen,. bei denen Baumwollgarn und Seide verschiedener Farben zur 
Verwendung kommen. Die Farben werden häufig in schmalen Zickzackstreifen zu breiten 

Bändern zusammengeordnet, wie in Taf. I, Fig. 13, bald bilden 
sie bloss farbige Flecken oder einfarbige Streifen , oder es werden 
Thiere farbig auf den weissen Untergrund bordiert. 

Bei festlichen Anlässen wird in vielen Dörfern über dem 
Huipil noch ein weiterer, lang herabhängender und eljen falls bor- 
dierter Ueberwurf getragen, wie in Taf. II Fig. 15a dargestellt. 
Einen solchen tragen bei kühlem Wetter die Frauen der Altos 
über dem Kopf, so dass nur das Gesicht zu der Oeöhung her- 
ausschaut. In andern Dörfern, wie in Mixco, ist er gewöhnlich 
durch einen einfachen, weissen BaumwoUshawl ersetzt. 

Im Hochlande wird Alles, .Rock, Gürtel und Huipil aus 
selbstgewebtem und gefärbtem Zeug hergestellt, fremd ist nur 
die Seide und gewisse Sorten des farbigen Garnes, welche die 
Indianer nicht selbst färben können, wie z. B. Türkischroth. 

Aus den Farbenzusammenstellungen der Figg. 2 und 13 auf 
Taf. I und Fig. 15a auf Taf. II geht zur Genüge die Vorliebe der 
Indianer für lebhafte Contraste hervor. Die erste Rolle in den 
indianischen Geweben spielt das Roth , ihm folgt das Blau , dann 
Gelb, Grün und Schwarz. Eine besonders geschätzte und kost- 
bare Farbe für Stickereien ist Violett, welches von den Indianern 
der Südseeküste aus einer Meerschnecke (Purpura sp.) gewonnen 
wird. Für die übrigen, im Lande selbst hergestellten Farben der 
Garne und Tücher bestehen besondere Färbereien , die in kleinem 
jyiaassstabe von Indianern und Mischlingen betrieben werden. 
Die Hauptfärbemittel sind gegenwärtig die Anilinfarben, denen 
. sich aber von einheimischen Farben noch der Indigo und die 
Cochenille zugesellen. Diese alle , Anihnfarben , Indigo und Coche- 
nille, liilden bloss den modernen Ersatz für die meist dem 
Pflanzenreich entnommenen Farblösungen der vorspanischen Zeit, von denen sich einige 
noch bis heute erhalten haben. 

Die Vorliebe der Indianerinnen für grelle Farben hat sich auch auf die Mischlingsfrauen 
fortgepflanzt, deren Kleidung sich im Uebrigen der europäischen nähert. Die „Enaguas" 
der indianischen Frau werden bei der Ladina durch einen wirklichen Rock von bedrucktem 
Kattun oder weissem Baumwollzeug ersetzt, den indianischen Huipil vertritt em weisses 
Hemdchen, mit Spitzen besetzt, und der Poncho-Ueberwurf der Indianerinnen findet sein 
Aequivalent in den „Rebozos" der Ladina, die bei festlichen Anlässen in sehr feiner Qualität 
getragen werden. Sie sind ebenfalls grell, aber einfarbig gefärbt, und auch hier wiegen roth 




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Muster eines Weiberhemdes. 



100 



und blau vor. Um den Leib wird ein farbiger, feingewobener Gürtel geschlungen, von 
welchem Fig. 1 auf Taf. I eine Idee geben mag. 

Als eine Specialität von Salamä, einer alten Nahuatl-Colonie , ist die Fabrikation äus- 
serst bunter Schüi-zentücher aus Baumwollgarn zu nennen, von denen Taf I Fig. 19 einen 
Streifen darstellt. 

Aus den Farbmustern der Tafeln ergibt sich von selbst, dass die Indianer Guaxemala's 
ebensowohl wie wir blau und grün auseinander zu halten wissen, trotzdem sie für beide 
Farben bloss das einzige Wort rax besitzen. Die Erfahrungsthatsache des häufigen Wechsels 
der Färbung von Blau zu Grün , die metallgrünen , in's blau schillernden Federn des Quetzal- 
Vogels und ähnliche mögen für diese Eigenthümlichkeit der 
Maya-Sprachen die erste psychologische Grundlage gegeben 
haben. Dass physiologische Färb empfindung und sprachliche 
Farbbezeichnung zwei nicht stets parallele Dinge sind, ist 
bekanntlich längst nachgewiesen. 
l^'''A\V4VAVkViMftVi.V In Bezug auf die Haartracht der indianischen Frauen 

LnVAVi^VAVATiViV-fl herrscht eine erhebliche, regionale Verschiedenheit. Meist wird 

das Haar einfach in zwei Zöpfe geflochten und lang getragen 
oder um den Hinterkopf gewickelt. Bei festlichen Anlässen 
werden die Haarsträhnen mit rothen Schnüren durchflochten, 
und an manchen Orten wird aus dem natürlichen Haar und 
den schmückenden Bändern ein hoher, turban-ähnlicher Bau 
auf dem Kopfe errichtet, der in Taf II Fig. 15 dargestellt ist, 
und der sich, wie früher erwähnt, direkt aus der Tracht der 
vorspanischen Zeit ableitet. Die Indianerinnen von Coban flechten 
das Haar nur in einen Zopf, der von der Basis bis zur Spitze 
mit einer rothen Schnur umwickelt wird , welche man t u p u y 
nennt. 

Auch die Ladina-Mädchen tragen das Haar gewöhnlich in 
zwei Zöpfe geflochten, die sie zuweilen mit farbigen Bändern 
schmücken , lang herunterhängend. 

Zur Bewältigung des Haares dient ein zweizeiliger Holz- 
kamm einheimischen Fabrikates, der aber möglicherweise eine 
Imitation europäischer Muster darstellt. Ein solcher Kamm 
ist, stark verkleinert, in Taf. I, Fig. 16 abgebildet. 

Als Halsschmuck der Indianerinnen sind Halsketten von 
grossen Glaskorallen, goldglänzend, roth oder blau, oder von Münzen zu nennen. Die La,dinas 
schmücken sich ebenfalls gerne mit Schnüren aus Glasperlen. 

Eine besondere Art bunte Zeugstücke herzustellen, bestand in der vorspanischen Zeit 
sowohl, als im ersten Jahrhundert nach der Eroberung in der Besetzung derselben mit den 
Federn bunter Vögel, an denen Guatemala so reich ist. Auch diese Kunst lag in den 
Händen besonderer Arbeiter ^). Vogclfedern figurieren daher auch unter den Tributen , 
welche gewisse Ortschaften, vor Allom jedenfalls die Alta Verapaz, ihren Häuptlingen zu 
entrichten hatten "). 




Muster einer SeiTiette, 
(Mischlingsarbeit). 



') Roman, IIl 1. If f. IGo. 



^ Requete, p. 417. 



- 101 - 

Die Sitte, diu Ininten Figuren der Huipiles mittelst Federmosaik herzustellen, bestand 
noch Z.U Gage's Zeiten i), heutzutage aber ist sie g;uiz (hircli die Stickei-ei mit l)uutem Garn 
verdrängt und ersetzt worden. 

Eine Reminiscenz an die antiken Mosaiken aus Vogelfedern findet sich noch heutzutage 
in der Verapaz, wo die Frauen auf die Festzeiten hin bunte Mosaiken aus Blumenblättern 
dadurch verfertigen, dass sie dieselben auf Lehmunterlagen festkleben. 

IV. SPINNEN UND WEBEN. 

Auch Spinnen und AVeben war in der alten -Zeit Sache der Frauen ^). Zum Spinnen 
wurde die Baumwolle mit der Hand entkörnt und dann mittelst einer Spindel zu Gatn 
verarbeitet, welche in einer Untertasse läuft. Steinerne Spinnwirtel sind mir aus Guatemala 
nicht bekannt, dagegen sah ich in der ethnologischen Sammlung des Trocadero in Paris 
einige mit Reliefornamenten versehene Spinnwirtel aus Thon, wie solche auch in Mexico 
gefunden werden. Da aber auch thönerne Wirtel im alten Guatemala jedenfalls zu den 
Seltenheiten gehören , so dürften daneben noch Spinnwirtel aus mehrere Zoll breiten Scheiben 
aus schwerem Holz in Gebrauch gewesen sein, wie sie die Wollspinner der „Altos" heute 
noch benutzen , und wie sie auch Squieb für Nicaragua abbildet 3). Eine bemalte Kinder- 
spindel ist in Taf I, Fig. 18 abgebildet. 

Ausser der Baumwolle wurde auch die Faser des Maguey gesponnen, die durch Mace- 
rieren der Blätter in Wasser und nachherigem Brechen und Klopfen mit Stöcken gewonnen 
wurde. 

Heutzutage, wo auch Thierwolle verarbeitet wird, beschäftigen sich auch die Männer 
mit Spinnen, indem z. B. die indianischen Schafhirten der Altos draussen im Felde an der 
freihängenden Spindel das Wollgarn spinnen, aus welchem dann die als „Jerga" gekannten 
Wollstoffe gearbeitet werden. 

Zum Weben diente ein niedriger, horizontaler Webstuhl einfaclier Construction , der 
sich da und dort auch heute noch in Gebrauch findet und schon in der Raccolta di Mendoza 
abgebildet ist. 

Zu der Herstellung von Geweben zu Bekleidungszwecken gesellten sich noch weitere 
Beschäftigungen. So wurden, wie heute noch, seit alter Zeit aus den Fasern des Maguey 
und anderer Gespinnstpflanzen Netze zum Tragen und Aufbewahren von Gegenständen, 
Hängematten, Seile hergestellt. 

Während die Baumwollspinnerei und -Weberei vorzugsweise eine Beschäftigung der 
Bewohner der Tierra caliente bildet (Depart. Suchitepequez , Retalhuleu, Escuintla, Baja 
Verapaz), besitzt die Verarbeitung des Maguey (und heutzutage auch der Schafwolle) ihr 
Centrum in den Hochländern von Quezaltenango , Sacatepequez , Chimaltenango , Totoni- 
capam, Huehuetenango , Quiche und Alta Verapaz. 

V. METALLARBEITEN. 

Nach den alten Berichten *) gab es auch in Guatemala besondere Künstler für die Bear- 
beitung der Edelmetalle und die Verfertigung von St;hmucksachen. Ueber die technischen 



') Gage, p. 301. -) Roman, III 1. 11 f. 160. ') Vgl Squier, Nicaragua I. p. 285 und 286. 

•■) Roman, III 1. II f. 160. 



- 102 - 

Verfahren dabei, sowie über die Bezugsquellen des Rohmateriales sind wir indessen niciit 
unterrichtet. Schon oben wurde der Kupfer-Minen in den Altes der Cuchutanes erwähnt, 
woher wohl grossentheils das Material für die Aexte stammte. Für das Gold dagegen ist 
in erster Linie an die Seitenschluchten des untern Bio Motagua zu denken, wo heute 
wieder Gold gewaschen wird und wo sich auch Spuren alter Besiedelung und sogar altin- 
dianische Goldarbeiten gefunden haben. Die Edelsteine, vornehmlich Opal, stammten 
höchst wahrscheinlich aus Honduras. Woher das Silber kommen mochte, ist dagegen 
nicht zu entscheiden , wenn nicht etwa die ziemlich silberhaltigen Bleierze der Sierra Madre 
im Gebiete der Mames und Pokomes zur Silbergewinnung verwendet werden konnten. 
Möglicherweise gelangte aber auch das Silber durch den Handel aus Mexico nach Guatemala 
und jedenfalls spielte es hier eine weniger bedeutende Rolle, als das Gold. 

VI. KORB- UND MATTENFLECHTEREI. 

Eine wichtige und ebenfalls alte Industrie ist das Flechten von Körben und Matten. 
Heutzutage gesellt sich dazu noch das Flechten von Strohhüten. 

Das Material zu den Körben liefern wildwachsende, als „Cana brava" bezeichnete 
Eohrarten und gewisse Schlinggewächse. 

Zu Hüten werden Palmblätter und Binsen verwendet. 

Die Matten werden im spanischen als petates (vom mexik. petlatl) bezeichnet; 
der Quiche-Name ist pop. Sie dienen theils zum Belegen der Zimmerböden, theils zum 
wasserdichten Einhüllen grösserer Gegenstände und werden vornehmlich aus einer Binsenart 
gewonnen, die in gewissen Gegenden, z. B. im See von Santiago Zamora am Fuss des 
Fuego-Vulkans, wild wächst und als „tul" (vom mexik. tollin, Binse) bezeichnet wird. 
Solche Matten werden für die Wohnungen der Europäer in ausserordentlich grossen Stücken 
angefertigt. Das Sitzen auf Matten (pop) scheint in der alten Zeit ein Vorrecht der Vor- 
nehmsten gewesen zu sein, welche daher den Namen ajpop führten. 

Um auf den Matten gewisse Zeichnungen , meist rothe oder schwarze Quadrate , hervor- 
zubringen, wird das Material gefärbt. Ebenso zuweilen die zur Hutfabrikatii.n dienenden 
Binsen und Palmfasern. Als Färbemittel dienen die Extrakte einheimischer Pflanzen. 

Zur Mattenflechterei ist ferner die Fabrikation des indianischen Regenmantels oder 
Soyacal (wörtl: „Palmhaus", vom mexik. zoyatl „Palme" und calli ..Haus") zu rechnen , 
welchen, die Indianer auf ihren Reisen während der Regenzeit stets aufgerollt, vertikal an 
ihren Traggestellen befestigt tragen, um ihn beim Eintritt der Regengüsse auseinander zu 
breiten und horizontal über den Kopf und die an demselben getragene Last zu decken. Der 
Soyacal, tut der Quiche-Sprachen , wird aus Palmblättern hauptsächlich in der Alta 

Verapaz verfertigt. 

Auch die Fabrikation von Kehrbesen geht, wie die dafür vorhandenen Ausdrücke 
der indianischen Sprachen zeigen, in die praehistorische Zeit zurück. Das beste Material 
liefern die Blätter der „Manaque"-Palme. 

VII. MALEREI. 

Der Ausdruck der Quiche-Sprachen für „schreiben", tz'ib, bedeutet gleichzeitig „malen". 
In der vorspanischen Zeit erstreckte sich die Malerei auf Stein, Thon, Calebassen und. 



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aller Wahrscheinlichkeit nach , auf ein dem mexikanischen oder yukatekischen ähnliches 
Papier für die Herstellung der Kalender, da solches Papier wenigstens bei den Maya's des 
nördlichen Guatemala, im Peten, in Gebrauch war, wo es aus dem Bast gewisser, nicht 
näher bezeichneter Bäume zu Streifen verarbeitet wurde, welche die Dicke eines Real- 
stückes hatten. Die einzelne Seite oder Tafel war eine Viertel-Vara {= 21 Cm.) lang. 
Diese nach Arteines Bettschirmes (biombo) gefalteten Bücher wurden in Yucatan anahte, 
im Peten analteh genannt, falls letzteres Wort bei Villagutierre nicht etwa bloss 
irrthümlich für anahte steht ^). 

Für die Malerei auf Stein sind die Anhaltspunkte gering, indem nur JuarrosS) 
erwähnt, dass der Palast der Quiche-Könige in Utatlan aus behauenem Stein „von ver- 
schiedenen Farben" erbaut war. 

Dass dagegen ausgiebig auf Thon gemalt wurde, wird durch die antiken Funde bewiesen, 
von denen Taf. II, Figg. 18, 24 und 32 Beispiele geben. Die damals schon beliebte Ver- 
bindung eines breitern rothen Streifens mit einer schwarzen Saumlinie hat sich auch , unter 
gänzlich veränderten Verhältnissen , heute noch forterhalten. So stellt Fig. .32a auf Taf. I 
ein Stück eines derartigen Streifenornamentes von einer modernen, aus Fichtenholz gefer- 
tigten Schachtel dar; also ein antikes, einheimisches Ornament auf einem modernen, exo- 
tischen Objekt. 

Manche der kleinern Thongegenstände , wie Kinderspielwaaren , mögen ebenfalls, nach 
Art der modernen, mit nicht-beständigen Farben bemalt gewesen sein, und dieselben durch 
Auslaugung in der Erde jetzt verloren haben. 

Dass ferner das Malen auf Calebassen schon eine uralte Kunst gewesen ist, beweist 
der Popol Vuh, wo unter den Epitheta der Götter auch „Verfertiger der schönen 
Calebassen" (Ah-Raxa-Tzel) figuriert. Auch heutzutage noch wird die kunstvolle Bear- 
beitung der Calebassen durch Malen und Schnitzen ausgiebig geübt, besonders in der 

Alta Verapaz. 

Die auf diese Weise behandelten Gefässe stellen Luxusgegenstände dar, da die für den 
täglichen Gebrauch bestimmten Löffel, Schalen und Becher aus Kürbis- und Calebassen- 
früchten roh gelassen werden und nicht bemalt sind. 

Die guatemaltekischen Calebassen-Gefässe entstammen vor Allem zwei Pflanzen, der 
Lagenaria vulgaris und der Crescentia Cujete. 

Die senkrecht vom Stiel zur Spitze durchschnittene Frucht der Lagenaria liefert ausser 
den eigentlichen Kürbisflaschen (tecomate) auch die weiten Schalen, welche in Guatemala 
als Guacales (mexikan. Huacalli) bekannt sind, während die Frucht der Crescentia 
die langgezogenen, becherförmigen Gefässe liefert, die man als .licaras (mexikan. Xicalli) 

bezeichnet. 

Die Ornamentik derselben ist stets die, dass das Gefäss mit einem schwarzen oder 
schwarzgrünen. Firniss überzogen wird, aus welchem dann durch Schnitzen die beabsich- 
tigten Verzierungen herausgearbeitet werden, die man entweder in Naturfarbe weiss lässt 
oder bunt bemalt. 

Als häufigste Ornamente finden sich Ringfurchen, von denen meist mehrere nahe 
beisammen die Oeffnung oder den Grund des Gefässes umkreisen (Taf. I, Figg. 9, 11, 
12, 14, 17). Diese Ringfurchen werden häufig einseitig begleitet von continuierlichen (Figg. 



') ViLLAGUTIEEEE , p. 3ö3 Und 394. -) .TUARROS, I. p. 73. 



- 104 - 

12 und 17) oder unterbrochenen (Figg. 11 und 14) Reihen von kleinen Dreieckflecken. 
Zuweilen fehlt aber die Ringfurche ganz (Fig. 7). Das Hauptfeld der AVölbung weist als 
Motiv den geschwungenen Blätterzweig und die Blumenrosette auf (Figg. 11, 14, 
17), oft auch diese allein (Fig. 12) oder den Zweig allein (Fig. 7). Diesen gesellen sich 
lebende Wesen als Ornamente bei, unter welchen der ruhende oder fliegende Vogel häufig 
erscheint (Figg. 11, 12, 14, 17). Blätter, Rosetten und Vögel sind häufig theilweise bemalt, 
und als gewöhnlichste Farben treten auch hier roth , Ijlau , grün und gelb auf, die jetzt 
meist den Aquarell-Pigmentfarben entnommen sind. 

Beabsichtigte Schattierungen werden durch feine eingeschnittene und enggedrängte, 
spitzwinklige Zickzacklinien hergestellt. (Figg. 12 und 14). 

Besondere Formen der Calebassen stellen Figg. 6 und 7 dar, die von Cahabon in der 
Alta Verapaz stammen. 

In Fig. 6 ist durch zwei breite Zackenlinien, in denen je eine unregelmässige, schwarze 
Fleckenlinie verläuft, ein Ringfeld abgegrenzt, das durch Vertikalstreifen in einzelne Zellen 
zerfällt wird. In diesen sind Thiergestalten eingeschlossen. Der Grund der Schale trägt 
eine Rosette. 

Fig. 7 ist das Bild einer Calebasse , auf welcher das Orchester eines indianischen Tanzes , 
bestehend aus dem Spieler der grossen Trommel und einem Fintenbläser zur Darstellung 
kommt. Die in der Abbildung nicht sichtbare Rückseite würde die Tänzer des sogenannten 
„Mohrentanzes" (baile de moro) zeigen, bestehend aus Spaniern und Mauren. 

Die Jicara Fig. 9 documentiert sich durch die geometrische Sauberkeit der Arbeit als 
Mischlingsarbeit. Das Mittelfeld ist hier durch mehrere in Kreise eingeschlossene Rosetten 
eingenommen und der Halsring des Gelasses trägt die Aufschrift „Sirvo ä mi dueim." 

Fig. 10 endlich ist eine Jicara aus älterer Zeit, ebenfalls Mischlingsarbeit. Sie besteht 
aus einer Palmkernschale. Wenn nämlich die Kokosbäume alt werden, so nehmen nach 
Angabe der Pflanzer die Früchte immer mehr an Grösse ab, und diese Zwergnüsse dienen 
alsdann zur Herstellung von Trinkgefässen , auf deren Verzierung früher viel Arbeit ver- 
wendet wurde. Der Ringbeschlag und die Henkel sind von Silber, das Hauptfeld ist durch 
senkrechte Leisten in Zellen zerfällt, in welche en relief Thierfiguren eingeschnitzt sind. 
Die Spitze ist durch zwei Ringfurchen besonders hervorgehoben. Solche Becher wurden früher 
hauptsächlich im Departement Suchitepequez , welches reich an Kokospalmen ist, verfertigt. 

Wir kiinnen also unsere Skizze der indianischen Malerei Guatemala's mit dem Hinweis 
darauf schliessen , dass die Wichtigkeit , welche die Gestalten der Thierwelt für die gesammte 
Psychologie der alten Zeit besassen, auch heute noch in den Motiven der Ornamentik der 
modernen, schon stark hybridisierten Kunst zum Ausdruck kommt. 

VIII. MUSIK. 

Die Hybridisation, welcher die bildende Kunst der Indianer bereits in so hoiicm Maasse 
zum Opfer gefallen ist, zeigt sich auch in der indianischen Musik, indem das alte ein- 
heimische Orchester durch ein Musikinstrument exotischen (westafrikanischen) Ursprungs, 
die berühmte Mari.mba') stark in den Hintergrund gedrängt wird. 

Dfr Sinn für Musik fehlt den Indianern durchaus nicht. Vielmehr lernen viele Indianer, 



') Vgl. über dio guatemaltekische Marimba: Stoll, Guatemala, p. 8. 



- 105 - 

die von Lesen und Schreiben oder gar von Musiknoten keine Idee haben, musikalisch richtig 
Instrumente spielen, welche ohne gutes Musikgehör gar nicht zu spielen sind, wie Violine 
und Guitarre. Dennoch aljer hat die vorspanische Musik der Indianer bei weitem nicht 
diejenige relative Vollkommenheit aufzuweisen, wies die Musik vieler Negerstämme. Ganz 
speziell ist am guatemaltekischen Indianer auffallend die geringe Ausbildung der Melodie und 
des Gesanges, der bei den Negerabkömmlingen aller Welttheile eine so grosse Rolle spielt. 

Unter den altindianischen Instrumenten sind zu nennen: Trommeln verschiedener 
Grösse und Construction und. Rohr flöten, die beide noch heute im Gebrauch sind, 
während die von den Chronisten erwähnten Muschelhörner, die wohl aus den Strombus- 
Schalen der yukatekischen Riffküste verfertigt waren, heute fehlen. 

Die erste Rolle spielt die grosse Trommel (k'ojon) und die Rohrflöte (sub im Pokonchi), 
die beide auf dem Guacal Taf. II , Fig. 7 abgebildet sind. Ihnen gesellen sich noch kleinere 
Trommeln, z. B. solche aus Schildkrötenpanzern (coc) zu, sowie Rasseln aus Thon und 
Fuss- und Armringe aus kleinen Schellen von Kupfer. 

Heutzutage ist dieses altindianische Orchester, besonders im Kirchendienst, durch 
Instrumente fremden Ursprungs verstärkt, wie Harfen, Violinen, die Guitarrilla und vor 
allem die afrikanische Marimba. Die antike Thonrassel ist heute durch eine Rassel aus 
Blech ersetzt. 

E. HANDEL. 

Ueber den Handel des alten Guatemala sind wir nur spärlich unterrichtet, trotzdem 
es keinem Zweifel unterliegt, dass sowohl die einzelnen Gegenden des so vielgestaltigen 
Landes unter sich, wie heute noch, ihre Produkte austauschten, als dass auch Handels- 
beziehungen zum Auslande bestanden. 

Schon früher (S. 20) wurde der Märkte gedacht, welche die Häuptlinge der Verapaz 
abhalten Hessen. Als Tauschmittel dienten entweder die Waaren selbst, oder es versahen 
besonders werthvolle Objekte, wie Gold, Quetzalfedern, Baumwolltuch (entsprechend dem 
raexik. patolcuachtli), Kupferäxte, Edelsteine und Cacaobohnen die Rolle des Geldes. 
Cacaobohnen sind unter den Indianern auch heute noch als Kleingeld in Gebrauch , wobei 
16 Bohnen als Werth eines Silber-Cuartillo (etwa 16 Centimes) gerechnet werden. 8 Bohnen 
gelten als „racion". Durch die Verwendung des Cacao als Geld ist sowohl das mexikanische, 
als das guatemaltekische Zahlsystem beeinflusst worden. So wird im Aztekischen für 8000 
das AVort xiquipilli gebraucht, welches ursprünglich bloss „Sack, Tasche" bedeutet, 
dann aber die speciflsche Bedeutung eines „Sackes mit 8000 abgezählten Cacaobohnen" 
erhielt und dadurch zum Zahlwort wurde. Ebenso bedeutet im Cakchiquel das Zahlwort 
tue (40) ursprünglich „40 Cacaobohnen". 

Der Nachfolger des alten Marktplatzes (c'ay der Quiche-Sprachen) neben dem Tempel 
ist die heutige „Plaza" vor der christlichen Kirche. 

Die Richtung der wichtigsten Handelsstrassen im Lande selbst, wenn man die schmalen 
Fusspfade der hinter einander marschierenden Indianer so bezeichnen kann, war jedenfalls 
von der Natur selbst vorgezeichnet: Vom kalten Hochland zum heissen Tiefland, um 
daselbst Cacao und Baumwolle gegen Agavengarn, Mais etc. einzutauschen. Ferner von den 
Hochgebirgen der „Altos" hinüber in die immergrüne Verapaz, die überreich an Pflanzen- 
I. A. f. E. I. Suppl. I. 14 



- 106 - 

Produkten aller Art war, und welche auch die Quetzalfedern ausschUesslich lieferte. Andere 
Wege werden den goldarmen Westen mit dem goldreichern Thal des untern Motagua ver- 
bunden haben. 

Dass aber auch mit dem Auslande, in erster Linie mit Mexico, Verbindungen unter- 
halten wurden , geht aus den Berichten mit Gewissheit hervor. Diese Verbindungen bestanden 
wohl ziemlich ausschliesslich darin, dass mexikanische Handelskaravanen von Zeit zu Zeit 
nach Guatemala herabkamen , um Rohproducte und Sclaven gegen die Erzeugnisse aztekischer 
Industrie auszutauschen. Es ist anzunehmen, dass die Bewohner Guatemala's durch solche 
mexikanische Händler zuerst mit den Elementen hfiherer staatlicher Organisation und 
verfeinerter Kultur bekannt geworden sind und dass auf ihren Einfluss das auffallende 
Uebergewicht des sprachft-emden Mexico über das sprachverwandte Yucatan wesentlich 
zurückzuführen ist, welches uns in der guatemaltekischen Kultur entgegentritt. Während 
einige Schriftsteller, wie Ixtlilxochitl und ClavigeroI) die Nahuatl-Kolonien südlich von 
Mexico auf einen Rest der versprengten „Tolteken" zurückführen wollen, redet Torquemada «) 
von einer Invasion mexikanischer Stämme in Guatemala, infolge deren die Pipil-Kolonie 
der Südseeküste mit den Städten Egalco (das heutige Izalco in Salvador), sowie Yzcuitlan 
und Mictlan (heute Escuintla und Mita) gegründet worden seien. Auch die Verapaz wurde 
erobert und musste nachher Tribute an Gold, Quetzalfedern und Edelsteinen an Mexico 
zahlen ^). Füentes *) dagegen bestreitet , dass Guatemala jemals an Mexico Tribute gezahlt 
habe und führt die Pipiles lediglich auf eine Niederlassung mexikanischer Kaufleute zurück. 

Jedenfalls setzt schon der enorme Konsum an Quetzalfedern in Mexico und Yucatan 
Handelsbeziehungen zu Guatemala voraus , da diese Federn nur in den Bergen der Verapaz 
zu erlangen waren. Coetes ^) erwähnt ferner in seinem fünften Briefe , dass „an den Küsten 
auf der andern Seite von Yucatan bis zu der Bai de la Asuncion" vor Ankunft der Spanier 
ein lebhafter Handel bestanden habe. Die Indianer, welche ihm hiei'über berichteten, waren 
im Stande, ihm „über fast alle Dörfer der Küste bis dahin, wo Pedrarias de Avila sich 
befand", also bis nach Nicaragua hinab Auskunft zu geben und ihm auf einem Stück Tuch 
(oder Papier? Cortes sagt nur: „en un pano") eine Karte dieser Gegenden zu entwerfen. 
In dieser Karte war also auch der Osten von Guatemala begriffen. 

Viel schwieriger ist der Antheil nachzuweisen , den die Maya's von Yucatan , ein sonst 
sehr handelseifriges und unternehmendes Volk, am Handel nach Guatemala gehabt haben 
können. Dass sie aber nicht nur gelegentlich , sei es zu Schiff oder zu Land , die östlichen 
Landschaften Guatemala's besuchten, sondern daselbst auch dauernde Niederlassungen gründeten 
scheinen die alten Ptuinenplätze in Ost-Guatemala und dem angrenzenden Honduras, Quiriguä 
und Copan, zu beweisen, welche sich deutlich an Yucatan anlehnen. Palacio^) erzählt 
aus dem .1. 1-576, dass nach der Ueberlieferung der Indianer die Gebäude von Copan durch 
einen aus Yucatan eingewanderten Häuptling aufgeführt worden seien und dass in alter 
Zeit yukatekische Stämme die Provinzen von Ayalal^), Lacandon, Verapaz, ('lii(|uiinid:i, 
und Copan unterworfen haben. Er erwähnt weiter, dass die Apay-Sprache von Copan auch 
in Yucatan und den genannten Provinzen gebräuchlich und verständlich sei, also doch 
wohl der Maya von Yucatan sehr nahe, selbst näher als die Guatemala-Sprachen, gestan- 



') Ixtlilxochitl, bist des Chlchimöques p. 33. - Clavigebo, Storia di Messico p. 131. -) Torque- 

MADA, I, 1. III c. XL p. 332 und 333. ') Tokijuemada I, 1. II c. LXXXI p. 219. ••) Puentes I, c. II. 
p. 71. ') CoKTES, Carta quinta p. 118. «) Palagio, Carla p. 92. ') Wohl idontisch mit dorn Tayasal 
des Villagutierre (p. 82) im Peteii. 



- 107 - 

den hat. Auch Palacio sagt, dass wohl die in Yucatan und Tabasco entdeckten Städte 
und die Ruinen von Copan von einem und demselben Volke herrühren. 

Es scheint mir somit bis auf Weiteres immer noch gerathener, Copan, Quiriguä und 
andere praehistorische Plätze Guatemala's an die Völker der historischen Zeit anzuknüpfen , 
auch wenn thatsächlich manche dieser Städte schon vor und unabhängig von der Ankunft 
der Spanier wieder verlassen waren, als Unbekanntes mit noch Unbekannterem erklären 
zu wollen und eine abgestorbene, praehistorische Kulturepoche für Guatemala anzuneh- 
men, die höher war, als diejenige der historischen Zeit. 

F. SCHIFFAHRT. 

Er ist nicht bekannt, dass die guatemaltekischen Indianer der vorspanischen Zeit das 
Meer befahren hätten. Ebensowenig lesen wir etwas über den Gebrauch des Segels. Dagegen 
besassen sie auf den grösseren Seen des Innern, wie z. B. dem von Atitlan, sowie auf 
den Strandlagunen der Küste Ruderkähne. Von der Beschaffenheit dieser können uns 
die heutigen Fahrzeuge der Indianer von Amatitlan einen Begriff geben : es sind ziemlich 
schmale und unbequeme Einbäume , die auf einer Seite von einem stehenden Mann gerudert 
werden. Ein allfälliger Passagier hockt dabei auf ein Paar, im Grunde des Bootes befind- 
lichen Steinen zwischen die Schiffswände gekeilt. 

Brigham^) bildet eine eigentümliche Form von Booten vom See von Atitlan ab. Sie 
laufen vorn spitz zu und sind hinten abgestutzt. Die abgestutzte Hinterfläche ist mit zwei 
handhaben-ähnlichen Zapfen versehen , wohl um die Boote vom Strand abzustossen. Ich selbst 
erinnere mich nicht, bei meinem kurzen Besuche am See von Atitlan solche Boote gesehen 
zu haben. 

Eines der Bildwerke von Santa Lucia zeigt uns einen Vornehmen auf einem Throne 
sitzend , mit einem Ruder in der rechten Hand '). 

Die „Gayucos" oder zweispitzigen Boote, welche die Sambos von Livingstone, die soge- 
nannten „Karäiben" lienutzen, sind westindischen Ursprungs. 



') Brigham, txuatemala p. 153 und 174. ■) Habel, Sculptures, pl. IV n°. 9. 



- 108 



ERKLÄRUNG DER TAFELN. 



TAFEL I. 



Fig. 1. Leibgurt der Misolilingsfrauen, Mischlingsarbeit. 

„ 2. Gestickte Sennette, indianische Arbeit. 

„ 3. Indianischer Peuerfächer aus Palmblatt. 

„ 4. Baumwollzeug für indianische Frauenkleider (Mixco). 

„ 5. Wollener Leibgurt eines Indianer-Mädchens. 

„ 6 und 7. Gruacal von Cahabon. 

„ 8. Moderne Tinaja, indianische Arbeit. 

„ 9. Ji'cara aus Crescentiafrucht , Mischlingsarbeit. 

„ 10. Ji'cara aus Palmkernschale, Mischlingsarbeit. 

„ 11. Dose aus Crescentia (?) -Frucht, indianische Arbeit. 

„ 12. Kleiner Guacal aus Kürbisschale, indianische Arbeit. 

„ 13. Indianisches Mädclienhemd (Huipil), indianische Arbeit. 

„ 14. Stück eines ftuacal aus Kürbisschale, indianische Arbeit. 

„ 15. Indianische Ledersandale, indianische Arbeit. 

„ 16. Holzkamm, indianische Arbeit. 

„ 17. Jicara aus Crescentia-Prucht , indianische Arbeit. 

„ 18. Kinderspindel, indianische Arbeit. 

„ 19. Streifen einer Schürze von Salamä, Mischlingsarbeit. 

TAFEL IL 

Fig. 1« und Ih. Antike Steinplatten aus Santa Luci'a. 

„ Ic. Die Platte lö in ihrer Lage am Fundort. 

„ 2a. Antikes Steinbecken aus Santa Luci'a. 

„ 26. Dasselbe von oben. 

„ 2c. Dasselbe von der Seite. 

„ 3. Modernes Spielzeug in Vogelgestalt aus Thon. 

„ 4. Antike Barockstatuette aus Trachytporphyr. 

„ 5. Antike Thonpfeife aus Thon von San Francisco Miramar. 

„ 6. Antiker Frauenkopf aus weichem Stein (texcal) von Retalhuleu. 

„ 7. Antiker Kopf aus Thon von Retalhuleu. 

„ 8. Modernes Spielzeug aus Thon in Vogelgestalt. 

„ 9. Antiker Thierkopf aus Thon von Retalhuleu. 

„ 10. Antiker, hohler Thonzapfen von Retalhuleu. 

„ 11. Moderne Thonpfeife. 

„ 12. Antiker AfFenkopf aus Thon von Retalhuleu. 

„ 13. Antike hohle Thonstatuette von Retalhuleu. 

„ 14. Antiker Thierkopf aus Thon von Retalhuleu. 

„ 15. Frau in indianischer Pesttracht. 

„ Ifi. Moderne Rassel in Proschgestalt aus Thon. 

„ 17. Modell eines modernen Wassergeschirres (Buron) aus Thon. 

„ 18. Antike Schüssel aus den Ruinen von Santa Cruz Quiche. 

„ 19. Moderne Imitation des antiken Schuhgefässes. 

„ 20, 21, 22, 23. Antike Pigürchen in Menschengestalt aus filimmerscliiefer von Santa Cruz Quich6. 

„ 24. Antike Graburne aus der Sieira Madre (Saline „la Magdalena"). 

„ 25 und 26. Moderne Pfeilspitzen aus Eisen. 

„ 27 und 28. Antike Obsidiankerne von Retalhuleu. 

„ 29. Antike Obsidianpfeilspitze vom Xolhuitz. 

„ 30. Antike, bearbeitete Obsidianlamellc 

„ 31a. Modell eines Chocoladoquirl (molinilla). 

„ 316. Modernes Chocolade-Geschirr (batidor). 

„ 32. Antike Schüssel (sarten) aus den Ruinen von Santa Cruz Quiche. 

„ 33. Modell einer modernen Tinaja. 



R E G I S T E 11. 



Acxitl 

Achiote 

Aerzte 

Aguacate, 

Aj . 

Ajau 

Ahau Ah Avilix 

Ahau Ah Gucumatz 

Ahau Ahpop . 

Ahau Ah Tohil 

Ahau Quiche . 

Ahau Quicheeb 

Ah ch'umilajay 

Ah chut . 

Ah k'ij . 

Ah labal . 

Ah Raxa Lak. 

Ah Raxa Tzel 

Ah tz'alam . 

Ah tz'iquinajay 

Alagüilac 

Ahuolonga 

Ama'k 

Ananas . 

Anona . 

Au . 

Aussteuer 

Avihx 

Bac"ahola. 

Balles 

Balam Agab . 

Balamlha. 

Balam Quitze. 

Batidor. . 



14. 



Seite. 
3 

23 
48 
23 
9 
13 
38 
38 
14 
38 
30 
7 
6 
34 
48 
73 
34 
34 
7. 34 
6 
3 
2 
6 
23 
23 
13 
8 
37 



40 
7. 30 

33 
7. 30 

93 



Baukunst 

Baumwolle . 

Baumwollpanzer 

Befestigungswerke 

Beichte . 

Bekleidung 

Bemalung (des Körpers) 

Bildhauerei . 

Blick , böser . 

Blutentziehungen 

Bohne, schwarze 

Bratschüssel 

Bussen . 

C'abauil . 

Cabrakan 

Cabrikan 

Cacique . 

Cactus . 

Cahapaluna 

Cajete . 

Cak 

Cakchiquel 

Cakixajay 

Cakulha Hurakan, 

Calpul . 

Calpullec 

Cavikib . 

Cayala . 

Cayucos. 

Cibakijay 

Cihuamonte 

Civan . 

Comal . 

Confoederatio 



Seite. 

77 
23 
74 
76 
48. 49 
96 
39 
77 
55 
39 
20 
90 
18 

37 

3 

33 

14 

23 

30 

91 

36 

3 

6 

31 

5. 14 
13 

7. 30 

30 

107 



34 

5 

90 

76 



Cosmogonie . 
Crescentia cujete 
Cux-Tanz. 

Chahalhuc 

Chay 

Chayim-ha 

Chayote . 

Chian 

Chicosapote . 

Chicha . 

Chichicastenango 

Chile 

Chimalmat 

Chimaltenango 

Chinamit. 

Chinancallec . 

Chinancalli 

Chipi-Hurakan 

Ghitic-Tanz 

Ch'ob 

Chomiha . 

Chorti 

Chuj 

Chuvila 

Dampfbad 
Dolores . 
Dreifuss-Geschirre 

Ehe . 

Ehebruch 

Eingebung 

Einleitung 

Enthaltsamkeit 



Seite. 

28 
103 

40 

43 
39 
33 
23 
25 
23 
23 

3 
24 
33 

3 
4. 5. 
13 

5 
31 
40 

6 
30 

3 

3 

3 



92 

7 
9 

50 
1 

44 



110 



R E G I S T E K. 





Seite. 




Seite. 




Seite. 


Erdeessen 


24. 25 


Iboy-Tanz 


. 40 


Maerkte . 


. 105 


Erdhügel, kfinstliche . 


. 77 


Illusionen 


. 52 


Maguey . 


. 23 


Erythrina . ... 


. 38 


Ilocab .... 


3 


Mahucutah 


. 7.30 


Euchlaena luxurians 


. 23 


Iquibalam 


. 30 


Mais 


. 20 






Itzeueye 


. 45 


Mahlstein 


. 88 


Farben, heilige 


. 36 


Ixil " . 


3 


Malerei . 


. 102 


FedeiTDOsaik . 


. 100 


Iximche. 


. 83 


Mame 


3 


Feste .... 


40. 46 


Iztac .... 


3 


Matriarchat . 


. 10 


Feuerfächer . 


. 95 


Iztayul .... 


3 


Mattenflechterei 


. 102 


Feuergewinnung . 


. 95 






Marktplatz 


. 105 


Feuerherd 


. 88 


Ja 


6 


Mayasprache . 


3 


Figuren aus Glinimerschiefei 


. 81 


Jacalteca 


3 


Mayas von Yucatan 


. 37 






Jagdi-echt 


. 26 


Medallon . 


. 79 


Gatoltzih 


. 33 


Jau .... 


. 14 


Meissel . 


. 87 


Gesichtsmasken 


. 95 


Jay . . . . 


6 


Mekenya . 


3 


Gesichtsnmen. 


. 93 


Ji'cara .... 


. 103 


Menschenopfer . 40 


46. 48. 49 


Gekuma-ha . 


. 33 


Jocote .... 


. 23 


Mes. 


. 27 


Gewürze. 


. 24 


Jocotenango . 


2 


Metallarbeiten. 


. 101 


Glockenmetall 


. 87 


Joyabaj .... 


3 


Micla . ... 


. 45 


Götterbilder . . .37. 


39. 96 






Mictlan . 


. 45 


Götterdienst . 


. 37 


Kalender , astronomischer 


. 59 


Migina . 


3 


Götterlehre . 


. 31 


Kalender , chronologischer 


. 64 


Milpa comunal 


16 


Guacal .... 


. 103 


Kalenderwesen 


58 


Monate . . . 


. 59 


Gucumatz . 3. 31. 34. 


44. 55 


Kannibalismus 


. 41 


Mondflnsterniss 


. 44 






Kaufidee 


8. 9 


Mumuz . 


. 43 


Haartracht 


100 


Kehrbesen . . 


104 


Musik 


. 104 


Hacavitz . 


30. 37 


K'ekac'uch . 


6 






Hängematte ... 8 


B 101. 


K'e'kchi. 


3 


Nacxit 


2. 3. 6 


Häuserbau 


33. 88 


Kinderlosigkeit . 


49 


Nagual . 


. 57 


Hallucinationen 


52 


Kinderspielwaaren 


96 


Nagualismns . 


. 57 


Handel .... 


105 


Kleidung 


98 


Nahuatl . 


3 


Handelsstand . 


20 


Kochschüssel 


90 


Nasenschmuck 


. 97 


Haus der Finsterniss . 


33 


Korbflechterei 


102 


Navitia . 


. 73 


Haus der Fledermäuse . 


33 






Netze 


. 101 


Haus der Jaguare . 


33 


Kriegsopfer . 


47 


Nicahtacah 


. 37 


Haus der Obsidianmesser 


33 


Kriegswesen . 


73 


Nihaibab . 


7 30 


Haus des Windes . 


33 


Kukulcan 


44 


Nim ja . 


6 


Hausgeflügel . 


26 


Kulturpflanzen . 


23 


Nobles de raza 


. 17 


Heilmittel 


50 


Kupferacxte . 


87 


Nuclei aus Obsidian 


. 82 


Historische Zeit . 


3 










Holzkohle 


95 


Lagenaria vulgaris 


103 


Obsidian . 


73. 82 


Honig 


24 


Leiter .... 


88 


Opfer 


. 47 


Huipil 


99 


Lenguas Metropolitanas 


3 


Opferstoino 


. 79 


Hunahpu. . . . ' 


i2. 54 


Levirat 


7 


Organisation, sociale 


4 


Hunahpu Qoy-Tanz 


40 


Lippenpflöcke 


97 


Oxlahub ch'ob. 


. 35 


Hunbatz 


33 


Lo'k 


8 


Oxialuib tecpan 


. 35 


Huncame . . . . 


33 


Lo'kobal . . . . 


42 






Hunchouen . . . . 


33 


Lo'koj 


8. 9 


Palo pito. 


. 38 


Hund 


26 


Loosweifen . . . . 


38 


Papaya . . . . 


. 23 


Huntoh 


35 


Lorillard City 


77 


Fatulul . . . . 


3 


Hurakan 


31 






Paxil . . . . 


. 30 


Hypnotismus . . . . 


50 


Maassysteni . . . . 


89 


Petate . . . . 


. 102 






Macehualli . . . . 


20 


Pipil 


3 



R E G I S T K R. 



111 





Seit*j. 




Seite. 




Stile. 


Pipiles . . 9. 10. 19. ^ 


t.5 74 


Selbstpeinigungen. 


39 


Tulan Zuiva . 


. 30 


Pipiltin .... 


17 


Sinajija .... 


6 


Tunndi . 


77 


Pfeifen .... 


95 


Sitio .... 


4 


Tupuy . 


. 100 


Pfeilspitzen 


82 


Sociale Organisation . 


4 


Tut . 


. 102 


Pflöcke, in der Unterlippe 


97 


Somnambulismus . 


52 


Tz'alam coxtum . 


14 


Pharomacrus mocinna . 


26 


Soplador 


95 


Tzapik'ij . 


. .59 


Phaseolus vulgaris. 


20 


Soyacal .... 


1(12 


Tz'ilom . 


. 14 


Poko 


3 


Spiimen. 


101 


Tzite-baum 


. 38 


Pokomam 


3 


Spinnwirtel . 


101 


Tzununiha 


. 30 


Pokonchi. 


3 


Stachelgefaesse 


92 


Tz'utujil . 


3 


Principal .... 


14 


Strafen .... 


18 






Priesterscliaft . 


37 


Suggestion . . . 50. 


53. 54 


Ui'ne 


. 93 


Priesterwahl . 


38 






Uspanteca 


3 


Puhuy-Tanz . 


40 


Tabak .... 


24. .56 


Utzam Chinamital. 


. 17 


Pul 


3 


Tablon de la muerto . 


79 


Vei'apaz . 




Pupuluca. 
Puquietes 


3 


Tänze . . . . 40.^ 


t2. 54 


3. 8. 9 


24 


Tecpam Guatemala 

Tepepul. 

Tepetl .... 


83 
3 


Verwaltungskosten 
Verwandlung in Thiere 


. 16 

. 57 


Quetzal .... 


26 


3 


Verwandtschaftsbezeich 


nun- 


Quetzalcoliuatl . . 3. 


32. 44 


Technologie . 


77 


gen 
Voo. 


10 
. . 34 


Quiohe .... 
Quiriguä .... 


3 


Tectecuhtzin. 


17 


77 


Teoama.tlini . 


15. 58 


Vogelstatuette 


. 80 




Teopixqui 


45 


Volk 


. 19 


Rabinaleb 


3 


Teoti .... 


45 


Volksernährung 


. 20 


Rasseln .... 


96 


Teosinte 


23 


Vorhistorische Zeit 


1 


Eax 


36 


Tepeu .... 


31 


Vukubcarae . 


. 33 


Raxa-Hurakan 


31 


Teupas .... 


38 


Waffen . 


. 73 


Rechtspflege . 


18 


Thierkrüge . 


94 


Wahrsager 


. 48 


Regenmantel . 


102 


Thierreich (Nahrungsmitte 




Wasserkrug . 


. 90 


Regierung 


13 


aus dem) . 


25 


Weben . 


. 101 


Religion .... 


28 


Thonbecher . 


93 


Wohnungen . 


. 87 


Reverentialformen . 


11 


Thronfolge . 


. 15 






Roestteller 


90 


Tlamemes 


. 73 


Xbalanque 


32. 54 


Rohrflöten 


105 


Tlatoques 


. 14 


Xemekenya . 


2 


Ruderkaehne . 


107 


Tikal .... 


. 77 


Xibalba . . .29 


33. 45. 54 






Tinaja .... 


. 90 


Xinca 


3 


Saatopfer. 


. 47 


Tinamit 


5 


Xmucane 


29. 32 


Sak 


36 


Todesstrafe . 


. 18 


Xpiyacoc. 


29. 32 


Salz 


24 


Toepferei 


89 


Xoyaba,! . 


3 


Santa Lucia Cotzumalguapa 


77 


Tohil . . . .30. 


37. 44. 


Xquiq 


. 33 


Sarten .... 


90 


Totem .... 


6 


Xtzul-Tanz . 


. 40 


Schiffahrt 


. 107 


Totonicapam . 


2 


Xuxulini. 


. 33 


Schmuck 


. 97 


Tribus .... 


7 


Yolotl . 


3 


Schrifttum 


. 58 


Tribute .... 


. 16 


Schüssel .... 


91 


Trommeln 


. 105 


Zaki-Nim-Ak . 


32. 34 


Schuhgefaesse. 


. 92 


Tuj 


. 88 


Zaki-Nima-Tzyiz . 


32. 34 


Scla\'en .... 


. 27 


Tul .... 


. 102 


Zipacna . 


. 33 



112 - 



ZUSÄTZE UND BEEICHTIGUNGEN. 



Seite 1. Zeile 17 v. o. statt: Totonic apam lies: Totonicapam. 
22 V. 0. „ Inan Macariü „ Juan Macario 

, 5 „ 13 V. u. „ „berechtigt" lies: „berechtigt waren." 

„ 8 „ 9 V. u. „ „l'ok lies: „lo'k." 

„ 9 „ 1 V. 0. „ „lo'koj ist, daher" lies: „lo'koj ist daher" 

„ 9 ist zwischen Zeile 31 und 32 v. o. folgender Passus einzuschieben: 

Die Frau participierte an der Eangstellung ihres elterliclien Cliinamit, bezieliungsweise 
desjenigen üires Mannes. Obwohl ihr der Natur der Sache nach die mühevollen Arbeiten 
des Maismahlens und Kochens, sowie die Kinderpflege zukamen, und obwohl der Mann 
sichtlich als Haupt der Familie galt, ist doch von einer äussern Bezeichnung einer niedri- 
gem Stellung der Frau gegenüber dem Manne wenig zu bemerken. Bloss vor Gericht 
documentierte sich eine solche insofern, als eine Frau in den Tagen ihrer Gesundheit 
Zeugen oder Pfänder für die Wahrheit ihrer Anklagen, die sich meist auf Sittenattentate 
bezogen aufweisen musste. War eine Frau aber schwer krank, so wurde ihr die in der 
Beichte gemachte Anklage auf's Wort geglaubt, weil man annahm, dass sie angesichts 
des Todes ihren Hang zu böswilliger und rachsüchtiger Uebertreibung aufgeben und leiden- 
schaftslos die Wahrheit reden würde. (Torquemada, Mon. Indian. IL p. 396.) 
Seite 10 Zeile 4 v. u. statt: „Enkelkinder" lies: „Enkel" 

, 15 „ 5 V. 0. schiebe hinter „drei" ein: „(nach Einigen vier)" 

„ 20 „ 8 V. o. statt: „macehualli" lies: „macehualtin" 

„ 25 „ 10 V. u. „ „diente" lies: „dient" 

„ 84 „ 2 V. 0. „ „weisen auch, die" lies: „weisen auch die." 

„ 42 „ 10 V. u. j, „eräzhlt" lies: „erzählt." 

„ 43 „ 21 V. 0. „ „Kinderloisgkeit" lies: „Kinderlosigkeit." 
,, 6 V. u. „ „Gerömino" lies: „Gerönimo." 

„ 53 „ 18 V. 0. ist vor „Suggestion pendant la veille" ein „:" zu «etzen. 

„ 55 „ 22 V. u. statt: „böse" hes: „böse" 

„ 58 „ 10 V. u. „ „die Pipil-Namen" lies: „den Pipil-Namen". 

„ 59 „ 5 V. 0. „ „zählt" lies: „zählen" 

„ 60 „ 19 V. 0. „ „21 November" lies: „22 November" 

„ 65 Fussnote ist hinter „vahxaki": „(8)" und hinter „vakaki": „(6) einzuschieben. 

„ 66 Zeile 6 v. o. statt: „aus dem Monat Ah" lies: „aus der Woche Ah" 

„ 72 „ 16 v. 0. „ „bunt bemalte" lies: „bunt geflochtene." 

„ 77 „ 10 v. u. „ „Dolores" lies: „und von Dolores". 

„ 78 „ 17 V. 0. ist hinter „Opfersteinne" das Komma zu streichen. 
18 V. 0. statt: „wieder zuflnden" lies: „wiederzufinden." 

„ 100 „ 10 V. 0. „ „und ähnliche" lies: „und ähnliche Erscheinungen." 

„ 102 . 2 V. o. „ „Cuchutanes" lies: „Cuchumatanes." 



INT.ARCH.FETHNOQR. 



Bd. I, SUPPL.I.TAF. I. 




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ex coll.aact. 



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03 



INT.ARCH.F. ETHNOGR, 



Bd. I. SUPPL.I.TAF. II. 




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