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Full text of "Island in Vergangenheit und Gegenwart"

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Herrmann 







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University of Toronto 



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ISLAND 



IN VERGANGENHEIT UND GEGENWART 



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REISE-ERINNERUNGEN 



VON 



PAUL HERRMANN 



ZWEITER TEIL — REISEBERICHT 



MIT 56 ABBILDUNGEN IM TEXT, EINEM FARBIGEN 
TITELBILD UND EINER ÜBERSICHTSKARTE DER 
REISEROUTE DES VERFASSERS » » » » 



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LEIPZIG 

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN 

1907 



Alle Rechte vorbehalten 



Druck der kgl. Universitätsdruckerei von H. Stürtz in Würzburg. 



Inhalts- Verzeichnis 



Seite 

Neuntes Kapitel. Der Geysir und die Hekla 1—32 

Autliruch von Reykjavik. Zweiter Besuch von PingvelUr. 
Hallshellir ; „Der verlorene Sohn" von Hall Caine. Laugar- 
vafnshellir. Die Bn'tard. Allgemeine Schilderung des Geysir- 
gebietes und der einzelnen heissen Quellen. Der Geysir ein 
Symbol Islands? Gedicht von Hannes Hafsteinn. Geschicht- 
liche Zeugnisse über den Geysir, ein neuer Erklärungsversuch. 
Ein Abstecher nach dem GtiUfoss. Vom Geysir über die 
Hvitä und den Pfarrhof Hrtiiii nach Störiniipur zu Valdimar 
Briem. Deutsche Lieder auf Island. Nach Galtalcekur am 
Fusse der Hekla. Meine Besteigung der Hekla. Die Hekla 
als Eingang der Hölle ist ein Produkt des Auslandes. Ihr erster 
Ausbruch wird mit Scemundr dem Weisen in Zusammenhang 
gebracht. 



Zehntes Kapitel. Oddi und der Schauplatz der Njäls- 

saga 33-68 

Von Galtalcekur über die Rängä nach Oddi. Oddi — Edda, 
Scemundr der Weise. Islands Bedeutung für Deutschland, Volks- 
sagen in Oddi. Störölfslwoll — der Engländer in Sicht ! Aus- 
flug nach Hlidarendi, Pörsmörk, Eyjafjallajökull. Geschichte 
des Gunnarr von Hlidarendi. Gunnarr und Hallgerdr. Ein 
faeröisches und zwei isländische Volkslieder von Gunnarr. Gun- 
narr bei Jonas Hallgrinisson und Bjarni Thörarensen. Die 
Gunnarssaga und Ibsens „Nordische Heerfahrt". Mein Besuch 
von Hlidarendi, zurück nach Störölfslwoll. Bergpörshvoll 
und die Geschichte von Njäll und seinen Söhnen. Skarphedins 
Heldentat. Von Bergpörshvoll nach Porvaldseyri. Bekannt- 
schaft mit dem „Deutschen Bauern". Skögajöss; der gefährliche 
Grenzfluss Fulila'kiir wird glücklich überschritten, die Skapta- 
felis sfjsla ist erreicht. 



IV Inhalts-Verzeichnis. 

Seite 

Elftes Kapitel. Reise durch die Vestur Skaptafells sysla 69—124 

Geschichte der Erforschung dieser Sys/a, allgemeine geographische 
und geologische Bemerkungen über sie^ Eisvulkane, Gletscher- 
ströme, Gletscherstürze. Stand der Bildung hier, geschriebene 
Zeitungen. Treibholz, Strandrecht. — Der Sölheiniasa)idur, 
Gedicht von Grimur T/lomsen. Vik. Erste Bekanntschaft 
mit einem Offizier des dänischen Generalstabs. Myrdalssandur. 
Hjörkifshöfdi. Kloster Pykkvibivr als Sitz der Gelehrsamkeit, 
hier vielleicht die Njälssaga entstanden. Rache der Verwandten 
des Njdll. Beschwerde über den Engländer. Unser Quartier 
Myrar. Die Eldgjd, Ausbruch des Laki im Jahre 1783. Ein 
Rencontre zwischen England und Deutschland beim Überschreiten 
der Skälin. Kitdafljöt, Eldvafn, Mückenplage. Der Engländer 
kommt in dieser „Saga" nicht mehr vor. Zweite Begegnung 
mit einem Offizier des dänischen Generalstabs. Kirkjubcer, 
geschichtliche Erinnerungen , das Kloster. Sysfrai'atn und 
Sysfrastapi. Ein isländischer Blumenstrauss. Jon Thöroddsens 
Gedicht „Island". Ein musikalischer Abend : Indridis Lied 
„Islands Freiheit geht verloren" und dessen Komposition von 
Bjarni Porsteinssoii. Bericht des Herrn Gitdlaicgitr über 
die Schiffbrüchigen des „Friedrich Albert". Wildenbruchs „Un- 
sterblicher Felix". Errichtung von Schutzhütten an der Süd- 
küste, Konsul Thomsens „Hospiz". Hverßsfljöf und Djlipä. 
Nüpstadur. Angaben des Postillons über das isländische Post- 
wesen. 



Zwölftes Kapitel. Reise durch die Austur Skaptafells sysla 125—157 

Der Skeidarärsandiir. Übergang über die Skeidard und 
Svinafellsä. Svinafell. Beim dänischen Generalstab zu Gast, 
Schwierigkeiten der Kartographierung der Südküste. Svinafell 
und die Njälssaga, Schluss dieser Saga. Vorliebe der Isländer 
für Schnupftabak. Der Bezirk Örcefi, Volkskundliches. Sandfell. 
Orcefajöktill. Fagurhölsmyri, Armenpflege, Altersversorgung. 
Ingölfshöfdi. Breidamerkitrsandur. Übergang über diesen 
Gletscher, da die Jökiilsä nicht zu passieren ist. Reynivellir, 
Augenkrankheiten, Föstur. Von Uppsalir um das Horna- 
fjardarfljöt zu Dr. Pördiir nach Borgir, Brief der Schiff- 
brüchigen des „Friedrich Albert". Reste des deutschen Handels. 
Über das Almannaskard nach Stafafell, ein Altargemälde des 
17. Jahrh. Lönlieidi, Abschied von der Skaptafells sysla. 

Dreizehntes Kapitel. Reise durch die Sü<tur und Norctur 

Müla sysla 158—202 

Starmyrardalitr , Sidii-Hallr und Dankbrand. Quartier in 
Hof, Pidrandi. Noch eine Geschichte von Sidu-Hallr. Alpta- 
fjördur. Ritt durch den Hamarsfjördur nach Djüpivogur 
am Berufjördiir. Papey, die Iren. Jährliche Regenmenge auf 
Island. Hamburger und Bremer auf Papey. Beschwerhche 



Inhalts-Verzeichnis. V 

Seite 

Passage über das Beruf jardarskant. Höskuldsladir im 
Breiddahir. Skriädaliir, Pini^müli, Saga von Hrafnkell. 
Blick vom Hallormstada hals auf den Nord- und Nordostrand 
des Vatnajökull. Das Lagarfljöt, mehrere Sagen von Wasser- 
ungeheuern. Der Birkenwald bei Hallormstadir. Zur Wald- 
frage in Island. Bei Dr. Jonas in Brekka. Hengifoss. Eine 
seltene Naturerscheinung, rosabaitgiir. Die Geschichte des 
Hrafiike/l Freysgodi und ihr Schauplatz. Über die Fljöi- 
dalsheidi nach Eyriksstadir. Gedicht von Päll Olafsson „Am 
Tage, da die Asche fiel" ; Rentiere auf Island. Jükldsä ä Bru. 
Alte Brücke über diesen Gletscherfluss, eine Luftfähre {dnUtlir). 
Wohlhabenheit des Bauern, allerlei Spielzeug. Ausbruch der 
Dynginfjöll. Übergang der Pferde über die Jöktllsä. Öurch 
d\& Jökiddcdsheidin&ch Mödriidaliir. Herdubreid. Diejükidsd 
ä FJöllitin entlang durch die Wüste bis Grimstadir. 

Vierzehntes Kapitel. Reise durch die Norctur und Smtur 

{Dingeyjar sysla 203—245 

Ödädahraun als Schauplatz der Ächtersagen. Durch die Mij- 
vafnsöni'fi an der Sveinagjä vorüber nach dem Dettifoss. 
Rast im Svinadaliir. Alter Herd in Svinadalnr. Hljöda- 
klettar, Äsbyrgi. Ziegen auf Island. Vikingavatn. Eine alte 
Volkssage über Vikingr. Ankunft in Hüsavik: eine Sage über 
die Entstehung der Lavaströme am Myvatn. Ausfuhr von 
Schwefel; Erdbeben. Laxamyri, Eiderenten, Lachsfang. Die 
Laxd entlang am Uxahver vorüber nach Grenjadarstadiir. 
Am Mückensee! Mückenplage. Sage vom „Nachtkobold in seinem 
Boote". Die Insel Slütiies: Üppigkeit der Vegetation, Reichtum 
an Wasservögeln und Forellen. ReykjahUd, Hlidarfjall, 
Leirhnükur, Ausbruch von 1729. Abstecher nach den Solfa- ♦ 

taren und Schlammvulkanen (HlidamälHlir). Um das Mijvain 
nach Skütustadir: Geschichte von Porgeirr und Ski'iia. Hver- 
fjall, Godafoss, Ljösavatn. Durch die schalenförmigen Ver- 
tiefungen des Ljösavatnsskard nach dem Hä/sskögiir , dem 
stattlichsten Walde des Nordlandes. Von der Vadlaheidi hinab 
nach dem Eyjafjördlir. Ankunft in Akureyri. Gedicht von 
Jonas Hallgrimsson „An Paul Gaimard". 

Fünfzehntes Kapitel. Akureyri 246-269 

Lage von Akureyri, die berühmten Vogelbeerbäume , Theater, 
Oddeyri, Versuchsstation für Waldanpflanzungen, Versuchsgärt- 
nerei, Kirche, Kirchhof Matthias Jochumsson. Aus der 
Geschichte von Akureyri. Mödruvellir , Skrida , Grund. 
Viga-Glümssaga. Munkapverä, Hrafnagil. Die letzten 
Tage in Akureyri. 

Sechzehntes Kapitel. Heimreise. Rückblick und Aus- 
blick 270—290 

Zu Schiff nach Siglufjördur. Leben an Bord eines Hering- 
dampfers. Die „Notboote" der Norweger. Von Siglufjördur 



VI Inhalts-Verzeichnis. 

Seite 

nach Haugesund (der Haraldshaug) , Bergen , Deutschland. — 
Island in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Schlussgedicht 
von Hannes Hafsteinn „Island". 

Verzeichnis der Abbildungen 291—294 

Verzeichnis der Proben aus der isländischen Lite- 
ratur 295—297 

Namenverzeichnis 298—308 

Sachregister 309—316 

Übersichtskarte: Herrmanns Reiseroute in Island 
am Schlüsse des Buches. 



Bemerkte störende Druckfehler: 

Seite 62, Zeile 13 lies: glatt wie Eis ist statt die glatt wie Eis ist. 
Seite 12, Zeile 11 von unten lies: ich gehe . . . ein statt gebe. 
Seite 79, Zeile 8 von oben lies vägrek statt vrägrek. 
Seite 110, Zeile 2 von unten lies ersten statt zweiten. 
Seite 248, Zeile 3 von oben lies Insel statt Inseln. 



Zweiter Teil. 
Reisebericht. 



Neuntes Kapitel. 

Der Geysir und die Hekla. 

27. Juni 1904. 

Wehmütig nahm ich von meinem bequemen Hotelbett Abschied. 
Heute soll die grosse Durchquerung Islands von Westen nach Osten 
die Südküste entlang, dann nach Norden hinauf bis Akureyri ho.- 
ginnen. Ögmundur war pünktlich zur Stelle. Noch einmal wurden 
die Koffer nachgesehen, einige Ergänzungen eingekauft und die 
letzten Grüsse nach Hause geschrieben. Altem Brauche gemäss 
Hessen wir uns mit unserer ganzen Karawane von Sigfüs Eymunds- 
son photographieren (Fig. 61), verabschiedeten uns von Herrn und 
Frau Jörgensen, unter deren liebevollen Pflege wir uns allzeit 
wohl gefühlt hatten, und verliessen V2 1 1 Uhr das gastliche Haus 
und die herrlich gelegene Hauptstadt. Ein letzter Blick galt der 
Lateinschule, wo ich bei Rektor Olsen so manche unvergessliche 
Stunde verplaudert hatte, und wo jetzt die Kollegen und Schüler 
im Examen schwitzten, dann bogen wir in die Pingvalla-Stvdi?,?<& ein 
und begannen sofort zu traben und zu galoppieren, um unsere Pferde 
kennen zu lernen. 

Da wir dieselbe Strecke erst vor 12 Tagen zurückgelegt hatten, 
gab ich auf den Weg nicht sonderlich acht, zudem machte mir mein 
Pferd zu schaffen. Kaum hatte ich einen Blick für das Ping- 
vallavat)! übrig, das zur Rechten wie ein silberner Spiegel aufbUtzte, 
und für den gezackten Flengül (,, überhängender Berg"), an dessem 
Fusse der Dampf heisser Quellen in die stille Luft emporwallte. 

Herrraann, Island II. 1 



2 Zweiter Besuch von t*!ngveilir. 

Plötzlich machte die Strasse eine Wendung, und vor mir starrten 
die schwarzen Lavawände der Abiia)iiiagjd empor, zwischen denen 
wir in die wilde Schlucht einbogen (Fig. 62). Mag meine Stimmung 
heute empfänglicher gewesen sein als auf der ersten Reise, wo wir nach 
zwölfstündigem, anstrengendem Ritt um Mitternacht hier eintrafen; 
oder mag das gänzlich Unerwartete des Anblicks doppelt auf die 



noch frische Einbildungskraft eingewirkt haben 



der Eindruck 



lässt sich in keine Worte fassen. Stumm, in ehrfürchtigem Schweigen 
ritten wir ganz langsam durch die ,, Allmännerkluft" hindurch; das 
Auge vermochte kaum zu der linken, wie aus riesigen, verrussten 




Fig. 61. Aufbruch zur Reise. 

Quadersteinen aufgeführten W^and emporzufliegen und die abenteuer- 
lichen Formen wahrzunehmen, die eine seltsame Laune der Natur 
in die Lava da oben hingezaubert hat : Zinnen und Zacken , Pyra- 
miden und Warttürme , Hecken und Höhlen , Fenster und Dächer 
und fabelhafte Tierleiber in wunderlichen Verschlingungen. Der 
Strom rauschte zur Rechten, und vor uns donnerte der Wasserfall. 
Eine neue Biegung des Weges, und mit unendlichem Wohlgefallen 
ruht das Auge auf der weiten violett-grauen Fläche des Thingsees 
und schweift träumend über die vielen gelben Holme hin. Wahr- 
lich, es ist nicht übertrieben, wenn Lord Dufferin behauptet, es 
sei der Mühe wert, um die Erde zu reisen, nur um die Ali/iaimagjd 
zu sehen. 



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4 Von {-"ingvellir nach dem Gej'sir. Hallshellir. 

28. Juni. 

Früh um 9 Uhr brachen wir auf. da wir den Weg zu den 
heissen Springquellen von Haiikadalur an einem Tage zurücklegen 
und unterwegs den Hallshellir besuchen wollten. Der Weg führte 
durch stattlichen, frischen Birkenwald über die etwa 6 km breite, 
in vorgeschichtlicher Zeit entstandene vulkanische Senkung, die sich 
zwischen der Hrafnagjd (,, Rabenschlucht") im Osten und der ^il- 
mannagjä im Westen ausdehnt. Diese gesenkte Partie ist reich an 
Klüften und Spalten; bei dem Erdbeben im Jahre 1789 sank die 
Lava um etwa i m tiefer. Die Hrafnagjd ist ebenfalls ein Riss 
in der Lava, aber nicht so hoch wie die Almaunagjd , ihre breite 
Kluft ist mit riesigen Felsblöcken ausgefüllt. Während man sie 
früher auf halsbrecherischen Schlangenwegen passieren musste, waren 
jetzt Arbeiter damit beschäftigt, sie an einer Stelle auszufüllen und 
so einen bequemen Übergang herzustellen. 

Leider stellte sich heraus, dass Ögmundur den Hallshellir. 
dessen Besuch mir Rektor Olsen dringend empfohlen hatte, nicht 
kannte und auch nicht daran gedacht hatte, sich im Hotel ,,Valhöll" 
danach zu erkundigen. Diese Höhle ist nach dem englischen 
Dichter Hall Caine aus Tynvald auf Man benannt, der sie 1903 
mit Olsen zusammen genauer untersucht hat'). Die Haupthöhle, 
die an einer Stelle prächtige Stalaktiten aufweist , ist gegen 56 m 
lang und an der breitesten Stelle 17^4 m breit; die Höhe beträgt 
im Durchschnitt i V2 m; auf jeder Seite liegt eine Nebenhöhle. 
Innerhalb des Eingangs , der durch Gestrüpp teilweise verdeckt ist, 
liegt ein mächtiger Felsblock , von dem aus nach drei Seiten ein 
Wall von ca. i m Höhe zur Wand hin aufgeworfen ist. Vermutlich 
haben in alter Zeit Ächter diese Verschanzung angelegt , um Zu- 
flucht dahinter suchen zu können. Später habe ich erfahren, dass 
die Höhle hart am Wege nach dem Geysir liegt, und kein Reisender, 
der diese schöne Tour unternimmt, sollte versäumen, sie aufzu- 
suchen. 

übrigens ist der Name Hall seinem Ursprünge nach nordisch. Hall Caine hat 
einen wirkungsvollen Unterhaltungsroman geschrieben „The Prodigal Son", dessen 
Stoß' das isländische Leben unserer Tage behandelt, und dessen Held, der Sohn des 
Landshöfdingi, ein ungewöhnlich begabter Musiker ist"). Die Verhältnisse und Natur- 
schiiderungen, die Hall Caine aus eigener Beobachtung kennt, sind gut wiedergegeben 
und verleihen der aufregenden Handlung einen fesselnden Hintergrund. Aber wie in 
England eine Stelle des Buches mit Recht peinliches Aufsehen erregt hat — die 
Szene, in der der Held aus Gewinnsucht die Leiche seiner Frau nach Jahren wieder 
ausgräbt, um eine Komposition vor der Vermoderung zu retten, die er ihr als teuerstes 



1) Gebhardt, Über eine neugefundene Höhle auf Island. Globus, Bd. 84, 
Nr. 24 ; 24. XIL 1903. 

^) Leipzig 1905, Tauchnitz, 2 vols. Deutsche Übersetzung: Leipzig 1905, 
Degener, 2 Bde. 



Laugarvatnshellir. Brüarä. 5 

Andenken mit in den Sarg gegeben hat, ist der Wirklichkeit nachgebildet: von dem 
Präraphaeliten Gabriel Rossetti wird dasselbe erzählt — so muss jeden, der Reyk- 
javik kennt, die taktlose Verwendung von Personen empören, die noch heute leben, 
und die sogar mit vollem Namen oder mit genauer Bezeichnung ihres Standes und 
Aussehens in dem Roman auftreten. Hall Caine hat jetzt seinen Roman zu einem 
Sensationsdrama umgearbeitet, das im Winter 1905 in London aufgeführt ist. Kein 
geringerer als der isländische Dramatiker Indridi Einarsson hat an den Proben teil- 
genommen und bei der Wahl der Dekorationen und Kostüme mitberaten. Die Musik 
hat Sveinbjörn Sveinbjörnsson geschrieben. 

Als Entschädigung für die Hallshöhle führte uns Ögmundur 
nach dem Laugarvat/ishellir . Wir waren auf einer üppigen Wiese 
angelangt, die flach und lang von einem Bach in vielen Windungen 
durchzogen wurde. An der südöstlichen Seite der kahlen, wilden 
Kdlfstindar hat man in dem mürben Palagonittuff eine etwa 20 m 
tiefe und über i ^1-2 m hohe Höhle aufgefunden ; einige alte Runen- 
inschriften bedecken die Wände, zweifelsohne hat die Höhle früher 
flüchtigem, geächtetem Volk als Herberge gedient, heute ist sie ein 
Schafstall, und das Waten in dem hohen, weichen Mist war nicht 
angenehm. Etwa fünf Minuten von ihr entfernt ist noch eine andere 
Höhle, aber tiefer gelegen ; der Tuff ist wie mit einem Kranze von 
Brecciesteinen umgeben. Auf dem anderen Teile des Tales war 
eine prächtige, aus Steinen errichtete Hürde zum Sortieren der Schafe 
(rjett) , musterhaft in ihrer Anlage , vielleicht die praktischste , die 
ich gesehen habe. 

In flottem Galopp ging es weiter bis zum Lmigarvatn . an 
dessen westlichem und südöstlichem Rande weisse Dampfwolken 
aufstiegen. Die heissen Quellen haben hier drei Austrittsstellen; in 
einem Zwischenräume von 2 — 3 Minuten wallte das Wasser etwa 
^/2 — I m hoch und brachte grosse Blasen von Dampf und Schwefel- 
wasserstoff mit herauf, die Wärme betrug 98° C. Eine Quelle, die 
nur langsam brodelte und blubberte, war zu einem Waschplatz her- 
gerichtet. Wir sattelten ab, Hessen die Pferde grasen und wärmten 
eine Konservenbüchse mit Frankfurter Würstchen und Grünkohl in 
der heissen Quelle. Während wir behaglich schmausten und die 
Vorzüge der deutschen Konserven vor den englischen erörterten, 
rief Ögmundur plötzlich: ,,Der Geysir springt!", und weit, weit 
in der Ferne ward eine riesige Wassersäule sichtbar, von einer 
Ungeheuern Dampf wölke umgeben. Doch dauerte es noch vier 
Stunden, bis wir endlich am Quellengebiet des Geysir ankamen. 

Um das nördliche Ende des Laugarvatn ritten wir durch duf- 
tendes Birkengestrüpp und über hell tönende Lava bis zur Bniard 
(,,Brückenfluss"). Früher führte eine natürliche Felsenbrücke über 
den Fluss — daher sein Name — , dann wurde über eine mehrere 
Meter breite Spalte mitten im Bett ein Brettersteg gelegt, über 
den das Wasser von allen Seiten stürzte, seit 1900 aber ist eine 
ordentliche Holzbrücke mit Steinpfeilern gebaut. 



6 Brüarä. Das Geysirgebiet. 

Hier liat Sigitrctur Stefdnsson , der die erste chorographische Beschreibung 
Islands geliefert, einen Abriss über die nordischen Länder verfasst, eine Karte von 
Grönland gezeichnet, die älteste Schrift über isländische Rechtschreibung geschrieben, 
lateinische Verse gedichtet und ein Buch über Elfen, Gespenster, Erscheinungen, 
Kobolde und Vorboten verfasst hatte, im Jahre 1594 einen traurigen Tod gefunden. 
Er war gerade zum Rektor der Schule in SkälhoU gewählt und wollte die Brüarä 
überschreiten; da der Fährmann nicht zur Stelle war, legte er sich am Ufer zum 
Schlafen nieder, rollte aber in den Fluss und ertrank — das Volk behauptete, die 
Elfen hätten das getan, aus Rache dafür, dass er ihre Geheimnisse verraten '). Noch 
eine andere Geschichte knüpft sich an diesen Fluss. Das Jahr 1602 war überaus 
hart, viele Leute verliessen Haus und Heim und trieben sich bettelnd umher. Die 
meisten suchten den reichen Bischofssitz Skälholt auf; aber der Verwalter, ange- 
trieben von der Frau des Bischofs, brach die natürliche, steinerne Brücke über die 
Brüarä ab, um den Weg nach Skälholt zu erschweren. Zur Strafe für seine Hart- 
herzigkeit ertrank er selbst in der Ache, und auch von der Familie des Bischofs war 
das Glück gewichen (K aal und I, 159). 

Das Birkengestrüpp hörte hinter dem Flusse bald auf, auf die 
Lava folgte das Hochplateau südlich vom B/an/arfell , dann ging 
es abwärts am Südende des kahlen Lniigafjall entlang über Moor 
und Wiesen , und um halb acht schwangen wir uns vor dem 
„Hotel Geysir" aus dem Sattel. Da wir die einzigen Gäste waren, 
suchten wir uns von den fünf Zimmern je eins aus , das unmittel- 
baren Ausblick auf den wenige hundert Schritte nördlich gelegenen 
Geysir gewährte ; so hatten wir den alten unzuverlässigen Herrn 
immer vor Augen und konnten sofort ans Fenster stürzen, wenn er 
etwa in der Nacht zu rumoren anfangen sollte. 

Das Geysirgebiet besteht aus einer Reihe von Thermen, etwa 
100 an der Zahl, am südöstlichen Abhänge des kahlen Laiigafjall ; 
es ist etwa V2 km lang und ^4 km breit (Fig. 63). Aber nur zwei 
von den heissen Quellen, der ,, Grosse Geysir" und der Litli Geysir 
= ,, Kleine Geysir" (auch Operrishöla „Regenwetterloch" genannt, 
weil sein Springen nasses Wetter anzeigen soll) sind das, was man 
unter einem Geysir versteht. Geysir ist der ,, Hervorstürzende, stark 
Sprudelnde" , und der Stamm ist auch im Deutschen bekannt ; die 
uralte Donarseiche in Hessen, die Bonifatius fällte, stand an einem 
heiligen Opferquell, Geismar i^gisan und u/an, also : Sprudelquell). 
Nach dem Geysir auf Island sind auch die periodisch emporspringenden 
heissen Quellen in anderen Ländern benannt, z. B. beim Yellowstone 
River (Nationalpark) in Nordamerika und auf Neu-Seeland. Zwischen 
dem grossen und kleinen Geysir liegen in der Richtung von Nord 
nach Süd die Quellen : Stjarna im östlichen Abfluss der ^/(?j-/quelle, 
Blesi selbst und Fata, westlich davon der Komingshver, und noch 
weiter westlich Astarauga (Auge der Liebe); südöstlich von Fata 
Strokkiir und 120 Schritte davon entfernt Operrishöla; abermals 



') Jon Porkelsson, Om Digtningen paa Island 431 2; Thoroddsen-Geb- 
hardtl, 186; Olafur Davidsson, Timarit XIV, 181. 



Das Geysirgebiet. 




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8 Das Geysirgebiet. 

südlich hinter mehreren Schlammquellen der kleine Strokkiir, dann 
eine Sammlung von verschiedenen Becken mit kochendem , sie- 
dendem oder wallendem Wasser, PykkiiJiverir , darunter die süd- 
lichste Quelle Si-sjödandi (immer kochend) und die östlichste Gunn- 
hildarhver. 

Die heissen Quellen sind in fortwährender Veränderung be- 
griffen; an der einen Stelle hört eine auf, an einer ganz anderen 
kommt plötzlich eine neue zum Vorscheine. Der KonuugsJiver 
z. B. (Königsspringquell), der 2 — 3 Fuss hoch springt, entstand in 
einem alten erloschenen Krater neben dem Denksteine, den man 
zur Erinnerung an den Besuch König Christian IX. errichtet hat. 
Der grosse Geysir hat jetzt sehr unregelmässig Eruptionen. Wäh- 
rend er früher alle 4 — 5 Tage sprang, vergehen jetzt oft 20 Tage 
zwischen zwei Eruptionen. Blesi besteht aus zwei grossen Becken, 
die dicht aneinander stossen , ihre Temperatur betrug 92 ° ; das 
Wasser wird zum Kochen des Kaffees und der Suppe benutzt. Sie 
hat ihren Namen ,, Blesse", womit wir den weissen Streifen auf der 
Stirn eines Pferdes bezeichnen, wohl von der Sinterbrücke, die die 
beiden brillenförmigen Becken verbindet. Ihr Wasser ist wunder- 
bar durchsichtig, feenhaft blaugrün und reicht in den rotgelben 
Becken bis zum Rande, nur ein leichtes zartes Kräuseln belebt die 
Oberfläche. Vor dem Erdbeben 1789 hatte der Blesi Ausbrüche, 
bei denen das Wasser 30 — 40 Fuss hoch in die Luft geworfen 
w'urde. Fata (Eimer) ist eine kleine Quelle, zuweilen fällt das 
Wasser so tief, dass man es nicht mehr sehen kann. Der Strokhir 
(Butter fass, nach der butterfassähnlichen Gestalt der Quellenöffnung 
benannt) ist bei einem Erdbeben 1784 entstanden und war früher 
so artig, auf Kommando zu springen : man warf ihm eine gehörige 
Menge Rasenstücke in den Rachen, und sofort hob sich eine ge- 
rade oder kegelförmige Wassersäule etwa 40 m hoch in die Luft. 
Seit dem Erdbeben aber vom Jahre 1896 hat der Strokkiir seine 
Tätigkeit völlig eingestellt. Sein Wasser ist nur lauwarm, schwarz 
und schmutzig und wallt nur wenig. Der Litli-Geysir aber (Oper- 
rishöla) ist ein liebenswürdigerer Geselle; füttert man ihn mit 
Rasen, so steigt er unfehlbar nach einigen Minuten 2 — 3 m in die 
Höhe und springt wohl eine Stunde lang. Er hat nur einen kleinen 
flachen Sinterkegel und zwei kleine, ovale, tiefe Höhlen, die von 
rotem Ton umgeben sind. Ich habe ihn um so dankbarer in meiner 
Erinnerung, als er im ganzen viermal gesprungen ist, und zwar frei- 
willig, nicht bloss der Not gehorchend, indem wir seinen Quell- 
schacht verstopften; der grosse Geysir aber trotzte beharrlich. 

Ich hatte die lebendige Schilderung Max Nordaus noch gut im Gedächtnis, 
und während ich mit Ogmundur und dem Bauer das ganze Gebiet durchstreifte und 
mir die Namen der einzelnen Springquellen nennen Hess, zitierte ich sie ihnen nach 
der Erinnerung. Sie gefiel beiden recht gut, obwohl sie etwas überschwenglich ge- 



Der Geysir als Syrrfbol Islands. 9 

halten ist, und ich setze sie deswegen mit einigen Kürzungen hierher'). Ein Getöse 
erfüllt die Luft wie in einer grossen Maschincnvverkstätte ; ein Stöhnen und Sausen 
und Brausen wie von gewaltigen Blasebälgen, dazwischen ein schrilles Pfeifen und 
ein unterirdisches Kollern und Kullern, auch wohl ein Kanonenschuss vom grossen 
Geysir her, das sich zeitweilig zu einem dumpfen, fernen Donner verstärkt. Die 
Farbe des Wassers und des Niederschlages ist fast an jeder Quelle verschieden : das 
Auge begegnet allen möglichen Nuancen von Weiss und .Schwarz, Grau und Gelb, 
Orange und Rot; das ganze Qucllengebiet sieht wie eine ungeheure Palette aus, auf 
der sich grosse Kleckse verschiedener greller Farben nebeneinander befinden. Man 
fühlt sich anfangs recht ungemütlich zwischen diesen kochenden und arbeitenden, 
dampfenden und schnaubenden Höllenschlünden; mit jedem Tritt fürchtet man durch- 
zubrechen ; denn wer in einen solchen Hexenkessel hineinfällt, liefert wohl eine 
kräftige Bouillon, kommt aber sicher nicht mehr lebendig heraus; bald aber findet 
man die gangbaren Stellen zwischen den einzelnen Becken und Kesseln, wenn man 
auch ein paar mal bis an die Knie in dem heissen Schlamm stecken bleibt. Schliess- 
lich wandelt man mit einer Gleichgültigkeit zwischen ihnen auf und nieder, wie wenn 
man selbst der Heizer wäre, der die unterirdischen Feuer für diese grauenhafte 
Dampfmaschine nährt und schürt. 

Meine Ungeduld und Aufregung, den grossen Geysir in Tätig- 
keit zu sehen, war viel zu gross, als dass ich hätte einschlafen 
können. Aus Büchern wusste ich ja, wie ein solcher Ausbruch er- 
folgt : es donnert und dröhnt , das Wasser steigt glockenförmig 
empor, eine Fontäne nach der andern erhebt sich unter ständigem, 
starkem Sprudeln, und endlich sinkt das Ganze wieder in Nichts 
zusammen. Aber ich brannte darauf, dieses eigenartige Schauspiel 
mit eigenen Augen zu sehen. Wie es so kommt, fiel mir mit einem 
Male ]3enedikt Gröndals ,, Gedenkblatt an die tausendjährige 
Jubelfeier der Besiedelung Islands" ein. Auf ihm, wie auf den 
schönen Hundert- und Fünfzigkronenscheinen, die die neue Bank 
ausgegeben hat, sind der Geysir und die Hekla die typischen Ver- 
treter der isländischen Natur. Hatifies Hafsteinn aber, daran musste 
ich weiter denken, gefällt der Geysir als Islands Symbol nicht : 
wohl wird sein Wasser durch plötzliche, augenblickliche Kraft empor- 
geschleudert, und staunend betrachtet man das prächtige Wunder; 
aber die Herrlichkeit nimmt allzu rasch ein Ende, in dieselbe Stätte, 
die soeben noch alle Kräfte angespannt hatte, fällt der Strahl wieder 
zurück, sinkt machtlos zusammen, und Ruhe und Untätigkeit kehren 
wieder. War es mit Island nicht oft genug ebenso? Wieviel schöne 
Anstrengungen waren gemacht.^ Und wie kläglich waren sie wieder 
zu nichte geworden! Nein, ein Quell sei Islands Symbol, der Quell 
eines starken Stromes, der ungestüm vorwärts durch die Felsen bricht, 
alles niederreisst, was sich ihm in den Weg stellt, und stolz seine 
Strasse zum Meere zieht, 

„und im rollenden Triumphe 

Gibt er Ländern Namen, Städte 

Werden neben seinem Fuss .... Sausend 



1) Nordau, Vom Kreml zur Alhambra, 3. Aufl., 1889, I, 359—362. 



10 Hannes Hafsteinn „Beim Geysir". 

Wehen über seinem Haupte 
Tausend Flaggen durch die Lüfte, 
Zeugen seiner Herrlichkeit." 

An dieses Gedicht musste ich denken, als ich spät am Abend 
vom Fenster meiner Schlafstube aus über die öde Ebene des Hauka- 
dahir („Tal der Habichte") blickte: in der Ferne gen Norden 
tauchten die ungeheuren Eismassen des Ldngjökull und davor der 
eisgekrönte BldfellsjökiiU auf, unterhalb von diesem die weissen 
Spitzen und Zacken, die Jarlhettiir heissen, rötlich glänzten die 
nackten Wände des Lmigafjall, weit im Südosten schimmerte der 
schneeige Mantel der Hekla, vor mir auf dem in allen Farben- 
zusammenstellungen prangenden, nur hier und da mit Moos und 
dürftigem Gras bedeckten Boden schwebten weisse, dünne Dampf- 
wolken auf und wiegten sich im Winde hin und her, wie die sil- 
bernen Büsche der Fifa, des Wollgrases, das der isländischen Sumpf- 
landschaft seinen eigenartigen Reiz verleiht. Da mir das Original 
nicht zur Verfügung ist, gebe ich das Gedicht von Hannes 
Hafsteinn ,,Beim Geysir" in Pöstions Übertragung wieder 
(Eislandblüten, S. I95~i97): 

Beim Geysir hielt ich Wache zur Nacht, 

Ging im feuchten Grase zur Ruh'. 

Von den Quellen wehte der Nachtwind sacht 

Die schwülen Dämpfe mir zu. 

Die weichen Gräser schlummerten tief, 

Von Dampf hier zweifach betaut, wie sie sind. 

Im Zelte die Reisegesellschaft schhef. 

Ich sollte sie wecken geschwind, 

Wenn jählings der Geysir zu spielen beginnt. 

Das Haupt auf dem Arme lag ich nun so 

An des Rasens äusserstem Rand ; 

Am Busen der Heimat ruhte ich froh, 

Ich war ja so lang ausser Land! 

Da war mir im Geiste Vergessnes erwacht; 

Icli schaute unsre Vergangenheit, 

Die Zukunft jedoch verbarg mir die Nacht. 

Ich sah mit zornigem Leid, 

Wie hart man geknechtet uns hatte so lange Zeit. 

Ein tränendes Auge der Himmel mir deucht', 

Zu Seufzern ward das Gesumm ; 

Die sinkenden Tropfen, die Grashalme feucht, 

Um Freiheit flehten sie stumm 

Da war es, als hätt' unter meinem Haupt 

Dumpf Schuss auf Schuss in der Tiefe gekracht; 

Den Herzschlag hab' ich zu hören geglaubt 

Von einer Urkraft und Macht, 

Die nach langem Schlummer wieder zum Leben erwacht. 



Hannes Hafsteinn „Beim Geysir". 11 

Begeistert durch meine Seele es sang: 

Er kommt nun doch, er zerreisst 

Die Bande, worin er gelegen so lang', 

Der Zukunft gefesselter Geist! 

Er führt uns nun stolz zu den Höhen des Ruhms, 

Nachdem er zermalmt mit den Fäusten der Kraft 

Das drückende Joch unseres Sklaventums. 

Zur gewaltigen Macht er nun schafft 

Die Lebenskraft wieder, so lang schon erschöpft und erschlafft. 

Da lacht es spöttisch herab von der Höh'n : 

„So seid ihr: sieh doch einmal!" 

Ich sah nach dem Geysir: er schoss mit Gedröhn 

Empor in mächtigem Strahl, 

Dampfsäulen prustend aus tiefem Schlund. 

Wie hoch hat die Schnellkraft empor ihn gerafft ! 

Grell schied er des Himmels grauweisslichen Grund ! 

Zu oberst urplötzlich erschlafft, 

Fiel jählings sich wendend er wieder zum Urquell der Kraft. 

Da sprang ich rasch auf, vom Schlafe erwacht. 

Ich hatte dies alles — geträumt. 

Sehr still war ringsum die einsame Nacht, 

Die Schale nur leicht überschäumt. 

Kein Ausbruch war's, ob's auch wie ein Schuss 

Im Innern der Erde gedröhnt und gegrollt. 

In weiter Ferne rauschte der Fluss. 

Im Osten schimmerte hold 

Der junge Tag; bald glühten die Berge in Gold. 

Wir kehrten morgens wieder nach Haus 

Und dachten des Geysirs nicht mehr, 

Doch seh' ich und hör' ich wo Wassergebraus, 

Dann ist mein Wunsch immer der: 

Sollt' wieder im Traum ich sehen einmal 

Des Vaterlandes Symbol, so sei's 

Der Quell eines mächtigen Stromes, kein Strahl, 

Der zurückfällt ins selbe Geleis; 

Doch wachend zu sehn solch ein Zeichen war' schönerer Preis! 

29. Juni. 

Aus dem Schlafen ist in dieser Nacht nicht viel geworden. Vor 
Erwartung, vielleicht auch vor Ermüdung schloss ich kein Auge. 
Dazu foppte und narrte mich der grämliche, launische Herr fort- 
während; es rumorte, puffte, knallte, donnerte auch wohl — aber 
wenn ich, notdürftig angezogen, ans Fenster stürzte — viel Lärm 
um nichts ! Dazu hatte ich am andern Tage keine Lust, künstlich 
einen Ausbruch herbeizuführen ; man kann nämlich bei dem Bauern 
für 10 Kronen einige Pfund Seife kaufen, und der Geysir soll auf 
die hineingeworfene Seife wirklich reagieren. So musste ich mich 
damit trösten, von weitem, vom Laiigarvtaii aus, den Anblick einer 
Eruption genossen zu haben. Denn wie sich bei meinen Erkundi- 



12 Der Geysir. 

gungen herausstellte, rührte die hohe Wassersäule, die wir am 
Mittag des vergangenen Tages gesehen hatten, in der Tat vom 
Geysir her, nach den Erfahrungen des Bauern war es gänzlich aus- 
geschlossen, dass der Geysir in den nächsten Tagen noch einmal 
springen würde. So beschloss ich, nach dem Frühstück einen Ausflug 
nach dem östlich gelegenen GiiUfoss zu unternehmen, einem Wasser- 
fall, mit dem sich die Hvi'td jäh in eine breite Spalte stürzt. 

. Während die Pferde von der abgelegenen Weide geholt und 
gesattelt werden, benutzen wir die Zeit, einige Daten über die Ge- 
schichte des Geysir zusammen zu stellen : 

In den alten isländischen Schriften wird er nicht genannt : Naturbeschreibung 
lag ihnen im allgemeinen fern. Saxo Grammaticus aber, der Vater der dänischen 
Geschichte, der mit heissem Bemühen und doch so geringem Erfolge sich in die seinem 
innersten Wesen so fremde, heroische Vorzeit seines Vaterlandes vertiefte, muss von 
einem isländischem Gewährsmanne vom Geysir oder doch von einer Springquelle 
gehört haben. Wenn der Geysir damals bereits bestanden hat, etwa 1168, so hat 
ihm der IsY&nder Arno Idr rorvaldsson davon erzählt; denn auf der Weiterreise hat 
sich mir mit ziemlicher Sicherheit ergeben, dass er im Südlande und an der Südküste 
auffallend gut Bescheid weiss'). „Es gibt Quellen auf Island," sagt Saxo, „die durch 
Wasserzufluss zu Zeiten steigen, ihre Becken ausfüllen, übertreten und einen Tropfen- 
regen nach oben werfen; zu anderen Zeiten schläft ihr Sprudel ein, sie sind kaum 
in der Tiefe noch sichtbar und werden von Höhlen unten im Inneren der Erde ver- 
schluckt. So kommt es, dass sie zur Zeit ihres Cbertretens ihre Umgebung mit 
weissem Schaume bespritzen, zur Zeit ihres Rückganges selbst für ein scharfes Auge 
nicht sichtbar sind." Saxo spricht ganz deutlich von den Quellbassins und von 
Wasserstrahlen, die nacheinander hoch in die Luft geschleudert werden ; dann fliesst 
das sprudelnde Wasser in das Bassin zurück, und diese entleeren sich. In dem in 
der Mitte des 13. Jahrhunderts verfassten Königsspiel heisst es: „Einige Quellen 
sieden immer, im Sommer wie im Winter, und bisweilen liegt soviel Kraft in diesem 
Sieden, dass sie Wasser hoch in die Lüfte schleudern." 

In den Annalen des Jahres 1294 heisst es, dass grosse Sprudel in Haukadalr 
beim Ausbruche der Hekla zum Vorscheine kamen, andere aber verschwanden, die 
vorher da waren. — Bruun vermutet in der Nähe des Geysir eine alte Thingstätte 
(Arkaeol. Undersög. paa Island. Kph. 1899, S. 36, 37). 

Erst im 18. Jahrhundert wird der Name Geysir genannt. Nun 
folgen die Erwähnungen und Beschreibungen Schlag auf Schlag, und 
ebenso die Erklärungsversuche. Bekannt ist die Erklärung von 
Bunsen; ich gebe um so weniger auf sie ein, als ich selbst eine 
Eruption des Geysir nicht erlebt habe-). 

Wenn ich nicht irre — der Verfasser selbst deutet es nicht an — , wird dem- 
nächst ein neuer Erklärungsversuch hinzukommen. Im Sommer 1904 hat Porkell 
Porkelsson verschiedene warme Quellen bei Krisuvik, Reykjafoss und im Geysir- 
gebiet auf das Vorkommen von Radium in der die Quellen umgebenden Erde, im 



1) Holder pag. 6; m e i n e Übersetzung (Leipzig 1901), S. 10. Thoroddsen- 
G e b h a r d t I, 62, 63. Nach Preyer-Zirkel, Reise nach Island, S. 256, ist die Röhre 
zu Saxos Zeit 26 Fuss hoch gewesen. 

2) Eine sehr anschauliche bildliche Darstellung der verschiedenen Geysir-Theorien 
in: Weltall und Menschheit I, S. 200. 



Vom Geysir nach dem Gullfoss. 13 

Wasser selbst und in der aus dem heissen Quellwasser aufsteigenden Luft untersucht'). 
Soviel ich weiss, stehen die isländischen Sprudel in bezug auf ihren Gehalt an Radium 
denen auf dem Festlande mindestens gleich, denn die Untersuchung einer Luftprobe 
des Blesi z. B. ergab: 













N + O 


251 


,5 


cm''' 


= 


98,5 °/o 












H 


j 


,1 


»1 


= 


0,770 








Argon 


+ 


Helium 


I 


,83 


»; 


= 


0,8 »/o, 


es 


Gl 


'innhildarhver: 






N + O 


263 




cm'' 


^ 


94,0 °/o 












H 


ri 


,8 


M 


= 


4,2 «/o 








Argon 


+ 


Helium 


5: 


,1 


}f 


1= 


1,8 7o. 



Bei der grossen Bedeutung, die das Radium voraussichtlich für Heilzwecke er- 
halten wird, wäre hier ein neues wesentliches Mittel gegeben, die wirtschaftliche 
Lage der Insel zu bessern und Fremde auf längere Zeit hinzuziehen. Man würde nicht 
nur das isländische Mineralwasser im übrigen Europa einführen, sondern auf der Insel 
selbst, in ihrer naturschönsten Gegend, etwa am Hengill, nur eine halbe Tagereise 
von der Hauptstadt entfernt, würden Kurbrunnen eingerichtet werden, der leidenden 
Menschheit zum Segen und dem isländischen Geldsäckel zum Heile. — 

Um elf Uhr brechen wir in Ölkleidern zum Gullfoss auf, denn 
es beginnt langsam zu regnen. Das Tnngufljöt, ein Nebenfluss der 
Hvi'fd, war der erste Gletscherstrom (Jökiilsd), den wir auf unserer 
Reise kennen lernten; die schmutzig graue Färbung des Wassers 
und der reissende Lauf kennzeichneten ihn deutlich als solchen. Ob- 
wohl er über 120 m breit war, passierten wir ihn doch ohne Be- 
schwerden. Ich schiebe eine Charakteristik der berüchtigten islän- 
dischen Gletscherflüsse auf, da wir an der Südküste noch mehr 
dieser Gletscherflüsse zu durchschreiten haben, als uns lieb ist, und 
begnüge mich vorläufig, die Schilderung einer Jökulsd aus dem 
Königsspiegel hierher zu setzen. „Auf Island gibt es eisige Ge- 
wässer, die unter den Gletschern hervorkommen, und zwar so mächtig, 
dass die umliegenden Berge und Ebenen zittern, weil das Wasser 
so reissend und in solchen Fällen herabstürzt, dass die Berge wegen 
der übergrossen Menge und der Heftigkeit wanken. Es ist nicht 
möglich, auf das Flussufer zu treten, um den Strom zu erforschen, 
ohne dass man lange Seile bei sich hat und sie denjenigen um- 
bindet, die die Erforschung vornehmen wollen, und die anderen, die 
das Seil festhalten, müssen sich in einiger Entfernung befinden, um 
imstande zu sein, jene wieder herauszuziehen, wenn die heftige 
Strömung des Wassers sie in Gefahr bringt." 

Über eine mächtige Moräne (jökidalda) ging es weiter auf 
weichen Wiesenwegen und durch pfadlosen Morast bergan, das 

1) K. Prytz og Th. Thorkelsson, Undersögelse af nogle islandske varme 
Kilders Radioaktivitet og af Kilde-Luftarternes Indhold af Argon og Helium. Oversigt 
over det kongehge danske Videnskabernes Selskabs Forhandlinger 1905. Nr. 4, 

S- 317—346. 



14 



Der Gullfoss. 






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in 




Der Gullfoss. 



15 



Brausen und Donnern wurde immer vernehmlicher, und der Wind 
trieb uns schon den Wasserstaub des Falls ins Gesicht, ohne dass 
wir diesen selbst sehen konnten. Mit einem Male, ganz unvermutet, 
standen wir dem Gullfoss (Goldwasserfall) gegenüber (Fig. 64). Die 
weissen Wasser der Hvi'td fliessen in breitem Bett einher, eine Reihe 
von Stromschnellen und wild zerklüfteten Felsterrassen verwandeln 
sie schon vor dem Fall in wirbelnden Gischt und sprühenden Schaum, 
dann stürzt der etwa 
250 m breite Strom, 
durch fast 100 m 
hohe Basaltfelsen ein- 
geengt , in zwei Ab- 
sätzen mit donnern- 
dem Getöse in die 
Tiefe. Der obere Fall, 
der wie der Rheinfall 
bei Schaffhausen in 
der Mitte um einen 
nackten Felsenturm 
braust, stürzt etwa i 5 
bis 20 m hinab, der 
untere Fall, der wohl 
dadurch entstanden 
ist, dass ein Erdbeben 
mitten im Flussbett 
eine tiefe Spalte auf- 
riss, fällt ca. 40 m tief 
hinab. Der Wasser- 
staub, der als dichter 
Regen niederrieselt, 
wird über 100 Fuss 
empor geworfen und 
zeigt auch dem Fremd- 
ling die Richtung des 
Weges hierher an. 
Auf dem Boden des 
alten Flussbettes wei- 
deten die Pferde und labten sich an dem ungemein üppigen Grase. 
Wir selbst kletterten überall umher und konnten es wagen, da wir 
unser Regenzeug an hatten , hart am Fall vorüber bis zum Canon 
der Hvi'td vorzudringen. Das Schauspiel der wild aufbäumenden, 
einander überkollernden schneeweissen Wassermassen war überwäl- 
tigend, mit unheimlicher Geschwindigkeit schössen sie durch die 
schmale Kluft der engen Basaltfelsen dahin (Fig. 65), und es dauert 
fast zwei Stunden, bis sich ihr Ungestüm einigermassen gelegt hat. 




Fig. 65. 



Unterhalb des Gullfoss. (Die Hvitä in Basalt- 
felsen eingeengt.) 



16 Der Gullfoss. 

Aber die Krone des Ganzen bildete doch der Augenblick, als unver- 
sehens die Sonne durch die finstern Regenwolken brach und den 
perlenden Wasserstaub in den wundervollsten Farben spielen Hess. 

Wie nach der deutschen Sag-e im Rhein der Hort der Nibelungen ruht, so sind 
auch auf Island in verschiedene tiefe Gewässer und zumal in Wasserfälle kostbare 
Schätze versenkt. Die Hvitä bildet noch einen andern Wasserfall, kurz nachdem sie 
dem Hvitärvatn entströmt ist. Man hat beobachtet, dass hier zuweilen das Wasser 
mit einem Male aufhört und das Bett ganz trocken liegt , vermutlich weil der Fluss 
sich durch verborgene Kanäle einen Abfluss im Lavastrom verschafl't hat. Das Volk 
aber glaubt, ein Drache oder ein anderes Ungeheuer hause hier m einer unterirdischen 
Höhle und schlucke zu Zeiten den ganzen Strom in sich hinein. Ogmundur, der 
mir diese interessante Mitteilung machte, fügte noch hinzu, dass im Jahre 1888 einige 
Bauern Prof. Thoroddsen einige Knochen des Drachen zeigten, die sie am Ufer 
gefunden hatten — es waren Überreste von fossilen Walen aus dem Ende der Eiszeit, 
als das Meer noch das Südland bedeckte. Man sieht aber deutlich, wie mythische 
Vorstellungen noch heute im Volke aufs neue entstehen können. 

Die Sage, dass im Gullfoss Goldhorte verborgen seien, hat Gudmiindur 
Magytüsson in einer hübschen Parabel in Gedichtform gebracht*). 

Wo der Gullfoss in der Bergschlucht staubt, 

Da liegen zwei Kisten verborgen, 
Mit Gold gefüllt. — Und wer sie sich raubt, 

Hat künftig keine Sorgen. 

Nun geh ich und hol mir das glänzende Gut, 

Mag auch der Wasserfall toben. 
Ich tauch' in die schäumende, eiskalte Flut 

Und hole den Hort mir nach oben. 

Nun hab ich das Gold — doch ich weiss, wie es geht, 

Dir sei's im Vertäuen verraten — 
Gar mancher kommt jetzt und bettelt und fleht — 
, Und pumpt sich ein paar Dukaten. 

Das Gold zu holen fehlt ihnen die Kraft, 

Das wollen sie nicht riskieren, 
Doch hat es ein andrer mit Müh sich verschafft — 

Sie wollen davon profitieren. 

In I V2 Stunden waren wir zurück beim Geysir und erfuhren, 
dass wir nichts versäumt hatten. Gegen Abend und in der Nacht 
erdröhnte es noch ein paar j\Ial wie von einer unterirdischen Kano- 
nade, einmal stieg auch das Wasser in Form einer riesigen Glocke 
etwa 4 m in die Höhe , aber es sank bald wieder zurück , und wir 
waren abermals genasführt. 



1) Den Hinweis verdanke ich Aug. Gebhardt, Literaturblatt für gerra. und 
rem. Philologie 1901, Nr. 5. Die betreffende Nummer des Pjödölfur (1899, Nr. 16), 
die dieses Gedicht enthält, hat mir Prof. Olsen gütigst besorgt. Über den Drachen 
vergl. auch Maurer, Isl. Volkssagen, S. 176 7, 187. 



Übergang über die Hvitä. 



30. Juni. 

Schon vor 10 Uhr brachen wir auf. 
Wiederum musstcn wir durch das Jungu- 
fljöl reiten, aber das Wasser reichte heute 
bis zum Sattel, da es in der Nacht tüchtig 
geregnet hatte. Nach etwas mehr als 
einer Stunde erreichten wir die Hvi'td 
(Weissache), die Ölfnsd heisst, nachdem 
sie den Ausfluss des Pingvallavatn auf- 
genommen hat, an der Stelle, wo sie aus 
der Gullfossspalte wieder in die Ebene 
tritt. Sie war aber viel zu breit, tief und 
reissend, als dass wir sie zu Pferde durch- 
waten konnten. Ö g m u n d u r hatte darum 
einen Bauern mitgenommen, der verpflich- 
tet ist, ein Boot zum Überfahren instand 
zu halten und den Reisenden zu helfen. 
Die Pferde wurden abgesattelt , ein Teil 
der Kisten und des Sattelzeuges von dem 
ziemlich steilen Ufer an den Rand des 
Flusses getragen und zuerst von Ögm- 
u n d u r und dem Bauern hinübergerudert, 
mein Begleiter fuhr mit, um eine Auf- 
nahme zu machen (Fig. 66). Die Strö- 
mung war recht stark, sie stemmten sich 
mit aller Kraft gegen die Wellen und 
liessen sich dann zurücktreiben. Eine 
Person bleibt gewöhnlich drüben, um die 
Pferde sofort in Empfang zu nehmen, 
und um ihnen beizustehen, wenn sie etwa 
zu ermüdet wären , das steile Ufer zu 
erklimmen. Heute fiel diese Aufgabe 
dem Studenten zu. Ögmundur und 
ich jagten dann, während der Bauer das 
Boot wieder in Ordnung brachte, unsere 
neun Pferde zusammen und zwangen sie 
mit Geschrei, Peitschenknall und leichten 
Steinwürfen in das breite, eisige, wirbelnde 
Wasser hinein. Sie stürzten sich auch 
ohne Besinnen in die reissende Flut und 
schwammen mit hoch erhobenem Haupte 
hinüber. Ich sah nach der Uhr, es dauerte 
gerade vier Minuten. Am andern Ufer 
angelangt, stapften sie prustend und sich 

Herrmann, Island I[. 



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18 Von der Hvitä bis Hruni. 

schüttelnd das Geröll hinauf, blickten verächtlich auf das unter ihnen 
rauschende Wasser und begannen wohlgemut an dem frischen Birken- 
grün zu nagen. Der Student ergriff ein Pferd nach dem andern an 
dem lang herabhängenden Riemen und hielt sie fest , damit sie 
nicht zu weit beim Grasen fortliefen. Inzwischen hatten Ögmundur 
und der Bauer das übrige Zaumzeug und zwei Kisten im Boote 
hinten verstaut, so dass das Vorderteil hoch emporragte ; ich selbst 
erfreute inzwischen meine Augen an den schönen Basaltsäulen und 
dem alten Moränenboden. Dann setzte ich mich auf eine Kiste 
und bekam schweigend eine Schöpfkelle in die Hand gedrückt. Die 
beiden Männer mussten sich gehörig quälen, aber auch ich hatte 
fortwährend zu tun, um das eindringende Wasser aus dem alten, 
lecken Boote wieder auszuschöpfen. Der Bauer unterstützte uns 
noch beim Satteln, erhielt 5 Kronen als Fergenlohn, und wir setzten 
den Weiterritt fort; der Übergang hatte alles in allem 1^/4 Stunde 
beansprucht. Nach einer Stunde machten wir Halt, um die Gurte 
wieder festzuziehen ; denn an dem nassen Pferdeleibe geben sie leicht 
nach und lockern sich. 

Vom Tiing2ifell ritten wir ein Seitental der Hvi'td entlang und 
erreichten gegen 2 Uhr den Pass Gildruhagi, eine wild romantische 
Gebirgslandschaft. Im Westen kroch der weisse Nebel von fünf 
warmen Quellen langsam über den Boden hin: ein Zeichen dafür, 
dass das gute Wetter nicht lange anhalten würde. Durch die Tuff- 
felsen schlängelte sich ein kleiner, munterer Bach, und nach Süden 
schlössen Basaltzinnen von ganz eigentümlicher Formation das Tal 
ab. Dann ritten wir an einem kleinen See vorüber mit zw^ei heissen 
Quellen und Hessen den Pfarrhof Hni/ii und ein Bächlein rechts 
liegen, in das eine warme Quelle geleitet war, und das zwei Mägden 
als Waschtrog diente. 

Wir befanden uns in dem Gebiete, das im Jahre 1896 so furchtbar durch Erd- 
beben verwüstet worden war. In der Arnes sysla, die wir mit dem heutigen Tage 
verliessen, wurden an Gebäuden '4430 Wohnhäuser und 5381 Stallungen) 17 Prozent 
zerstört und der grösste Teil der übrigen beschädigt. In der südlich und östlich 
davon gelegenen Rdngdri'alla sfis/a waren von 588 Gehöften 86 gänzlich zerstört, 
75 stark und 427 weniger beschädigt worden. Menschenleben waren nur 4 zu be- 
klagen, aber viele wurden verwundet. Da das Vieh sich auf der Weide befand, 
gingen nur 9 Kühe und 20 Schafe zugrunde. Der Strokkltr hat seitdem aufgehört 
zu sprudeln, warme und kalte Quellen und Brunnen erlitten Veränderungen, alte ver- 
schwanden, und neue bildeten sich. In der Arnes sfisla wurde das Wasser durch den 
Gletscherlehm vielfach milchweiss, in der Rdngärvalla sysla wurden die Bäche 
wegen der hier allgemein vulkanischen Erdarten blutrot. Die Vulkane in der Nähe, 
Hekla, Katla und Eyjafjallajökull, verhielten sich während und nach dem Beben 
vollständig ruhig, diese Erdbeben scheinen also tektonischen Ursprungs zu sein ^). 



1) Thoroddsen, Das Erdbeben in Island im Jahre 1896, in: Petermanns Mit- 
teilungen 1901, Bd. 47, Nr. 3, S. 53ff. Thoroddsen, Untersuchungen in Island, 
in: Z. d. Gesellschaft f. Erdkunde, Berlin 1898, Bd. 33, S. 294 ff. Thoroddsen, 



Von Ilruni bis Störinüpur. 19 

Keins von den geschichtlich bekannt gewordenen Erdbeben auf Island scheint so 
furchtbare Verwüstungen angerichtet zu haben , wie das vom August und Sep- 
tember 1896. 

Die Laxd und Kdlfü wurden leicht passiert, und wir näherten 
• uns der Pjörsd (Stierfluss), dem längsten Flusse Islands (210 km), 
der Grenze zwischen der Arnes sysla und der Rdngdrvalla sysla. 
Dieses Gebiet und der Pjdrsdrdalur, ein Seitental zu dem breiten 
Tal, in dem die Pj'drsd strömt, ,, Islands Pompeji", sind von Daniel 
Bruun genau durchforscht, und er hat da, v^^o jetzt alles mit 
schwarzer vulkanischer Asche und Bimsstein angefüllt ist, eine An- 
zahl alter Ruinen aufgefunden. Von hier stammen auch viele seiner 
wertvollen Untersuchungen über die wirtschaftlichen Verhältnisse 
Islands in der Gegenwart und die Bauart im Altertum wie in der 
Neuzeit. Auch manches interessante Bild aus dieser Landschaft ist 
von ihm aufgenommen. Die Höhle mit ümzäumung (Bd. I, S. 206), 
die Lämmerhürde (Bd. I, S. 203) und die alte Schafliürde (Bd. I, 
S. 215), die nördlich von unserem Quartier Stdrinilpur liegt, sind 
von ihm mit Meisterhand gezeichnet. 

Es goss in Strömen, das Auge sah nichts wie Zickzackwege 
durch grasbewachsenes hügeliges Land und kleine Täler. Mit einem 
Male hörte der Regen auf, und als der Reitweg um einen Abhang 
bog, traten der Reihe nach die drei weissen Geister des Küsten- 
landes hervor (ich gebe hier die unnachahmlich schöne Schilderung 
Heuslers wieder, Deutsche Rundschau XXII, S. 212): ,,erst der 
Eyjafjallajökull , der höchste und schönste von den dreien, eine un- 
gebrochene, kaum gefaltete, milchweisse Fläche, der unvergleichlich 
zarte Kontur in einen weichen Doppelgiebel auslaufend. Nördlich 
von ihm der Tmdfjallajökull: er lässt aus einer Gletscherebene 
sechs zierliche kleine Firn- und Felspyramiden aufwachsen. Zuletzt 
tritt die Hekla heraus. Ihr Abstand von uns ist nur der halbe; 
darum hat ihr Schneegewand nicht den gelblichen Duft der andern; 
es hebt sich schärfer, bläulich-silbern von dem Himmel ab. Die 
schwere, undurchbrochene Gletscherdecke fehlt ihr; die Schneehülle 
ist von grauen Aschenflecken und Lavazügen zerrissen. Ihre Form 
ist ausgeprägt: als regelmässige Halbkugel scheint sie sich aus der 
Tiefe empor und wieder zu Tal zu wölben." 

Dann kämpften Sonne und schwarze Regenwolken einen langen 
Kampf miteinander. Die Berge lagen in bläulichem Scheine da, 
scharf hob sich die weisse Schneedecke von ihm ab, und als wir 



Die Bruchlinien Islands und ihre Beziehungen zu den Vulkanen, a. a. O., Bd. 51, 
Nr. 3. Thoroddsen, Landskjälftar ä Islandi, Kph. 1899 — 1905. — Gebhardt, 
Globus 1896, Bd. 70, Nr. 20. 

2* 



20 Störinüpur. 

in Störim'ipur um 8 Uhr ankamen, stand gerade ein Regenbogen 
über dem Hause des berühmten, wahrhaft grossen Psalmendichters 
ValdiJ/ia?' jBriem. Sira l^aldwiar selbst war nicht zu Hause, er 
war in Reykjavik zur Pfarrerversammlung (synodtis, prestastefna)^ 
die dort anfangs Juli jeden Jahres unter dem Vorsitze der Stifts- 
obrigkeit, seit dem i. Oktober 1904 dem des Ministers, zusammen- 
tritt. Sein Sohn Olafur, der zugleich Vikar des Vaters ist, und 
dessen Gemahlin, eine Schwester des prächtigen pröfashir Gud- 
)nu)idiir Helgasoii von Reykholt, nahmen uns mit bezaubernder 
Gastfreundschaft auf, obwohl Touristen, namentlich Engländer, keine 
Seltenheit und vor allem nicht immer eine Annehmlichkeit für sie 
sind. Der begabte junge Maler Asgri'niur Jöiisson war zum Be- 
such hier, und wir erneuerten die Bekanntschaft, die wir an Bord 
der ,, Laura" geschlossen hatten. Auch er gestand, eine so geister- 
hafte Beleuchtung noch nie gesehen zu haben; mit überaus ge- 
schickter Hand hatte er die wunderbaren Farbeneffekte auf einer 
Skizze fest gehalten, und bereitwillig zeigte er uns eine stattliche 
Anzahl flott entworfener Studienblätter. 

Das sehr stattliche und äusserst gemütlich eingerichtete Wohn- 
haus, um das mancher deutsche Landpastor seinen Amtsbruder auf 
Island beneiden könnte, ist mit dem über ^h Stunde sich ausdehnen- 
den Tun nach dem Erdbeben 1896 ganz neu errichtet (Fig. 67). 
Es ist fast ausschliesslich aus Holz gebaut und mit Wellblech be- 
kleidet, da Holzhäuser ein Erdbeben besser aushalten ; aber es hält 
nicht mehr so warm wie das zerstörte Erd- und Steinhaus; der Ver- 
brauch an Brennmaterial ist weit grösser, und der Ofen muss jetzt 
ganz anders in Tätigkeit treten wie früher; die Kohlen, die auf 
dem Rücken der Pferde herangeschleppt werden, kosten ein Heiden- 
geld. Nach dem Erdbeben hatte man lange Zeit in Zelten, dann 
in der Kirche wohnen müssen. Denn die Kirche war, wie die bei 
Reykjahlid am Myvatn^ unversehrt geblieben. In ihr befindet sich 
ein Triptychon vom Jahre 1728, in der Mitte die Einsetzung des 
Abendmahls, links die Taufe, rechts die Kreuzigung darstellend. 
Der Raum über dem Altar war, wie in Gardar, als blauer Himmel 
mit Sternen bemalt. Der kleine Friedhof vor der Kirche war in 
gutem Zustande; frische und künstliche Blumen schmückten die 
Gräber, auch das der 1902 verstorbenen Ehefrau des Dichters, einige 
schwarz angestrichene Holzkreuze gaben Namen und Daten; auf 
einigen flachen Gräbern und auf der Einfriedigung lag Wäsche zum 
Trocknen^). 



') Siörinüpur ist geologisch bestimmt von \V ink 1 er , Island. Der Bau seiner 
Gebirge, München 1863, S. 106 7. ^ Einige Volkssagen, die hier spielen, bei Maurer, 
Isl. Volkssagen 11, 51, 228. 



Valdimar Briem in Störinüpur. 



21 



Sira Valdimar (geb. 1848) gilt neben Hallgriumr Pjetursson 
als der bedeutendste geistliche Dichter Islands. In seiner wahr- 
haften, schlichten Frömmigkeit erinnert er an G.erok, und von dem 
schwäbischen Dichter fand ich auch „Deutsche Ostern", ,,Auf ein- 
samen Gängen", ,,Der letzte Strauss", „Blumen und Sterne" in 
Valdiinars ungewöhnlich reichhaltiger Bibliothek vor. Seine Bibcl- 
lieder [Bibliuljod, zwei starke Bände, 1896—97) traf ich in vielen 
Häusern an, und in mancher einsamen, verzagten Stunde haben sie 




Fig. 67. Störinüpur. 



mich aufgerichtet. Die Krone unter seinen Gedichten gebührt dem 
schönen Liede: ,,Gott sei mit dir!" So manchen Isländer stärkt 
es auf seinen gefahrvollen Reisen über windumtobte, schneebedeckte 
Felsen, durch öste Wüsten und reissende Ströme, sowie auf seinem 
Lebenswege, der dort oben nicht so leicht und glatt verläuft wie 
bei uns. Auch der Reisende, der längere Zeit dort verweilt, wird 
die stimmungsvolle Schilderung nachempfinden, und das heute so 
selten gewordene, kindliche Gottvertrauen, das aus diesen Versen 
spricht, wird auch bei spöttischen Gemütern seine tiefe Wirkung 
nicht verfehlen (Übersetzung von Pöstion, Eislandblüten S. 172/3). 



22 Valdimar Briem in Störinüpur. 

I. Juli. 

Sira Valdimar hat eine der grössten Privatbibliotheken Islands. 
Sie umfasst eigentlich drei Sammlungen, eine theologische, eine 
belletristische und natürlich eine fast vollzählige Zusammenstellung 
der alten Sagas und der sich auf Islands Glanzzeit beziehenden 
Literatur. Neben einer ,, Bibliothek der Kirchenväter", Shakespeare, 
Runeberg, Snoilsky, Tassos Befreitem Jerusalem im Urtext oder in 
dänischer Übertragung fand ich an deutschen Büchern : Bern, Deutsche 
Lyrik ; Horaz und Petrarka (in Übersetzung) ; Gerok ; Schiller (voll- 
ständig) ; Goethes Faust ; Ebers, Palästina in Wort und Bild ; ,, Bilder- 
mappe für Kunstfreunde" ; und — unser Nibelungenlied in Simrocks 
Übersetzung ! OLafur hatte natürlich auf dem Gymnasium in Reyk- 
javi'k auch deutsch gelernt, aber da ihm die Übung fehlte, es fast 
vergessen. Immerhin konnte ich feststellen, dass verschiedene deutsche 
Lieder ziemlich allgemein bekannt geworden sind. Ögmundur 
pflegt mit Vorliebe ,,Seht wie die Sonne dort funkelt", ,,Ich weiss 
nicht , Vv'as soll es bedeuten" , und ein isländisches Lied nach der 
Melodie „Integer vitae" von dem Berliner Arzt F. F. Flemming zu 
singen. In Kopenhagen hatte ich von Isländern singen hören: ,,An 
dem Bache sass der Knabe", ,, Kennst du das Land", ,, Leise zieht 
durch mein Gemüt", „Du bist wie eine Blume" (diese vier in Über- 
setzung) ; hier kamen hinzu: ,,Die gute Nacht, die ich dir sage", 
„Die Schlacht ist aus, die Hoffnung schwand", 

„Kommen und Scheiden, 
Suchen und Meiden, 
Fürchten und Sehnen, 
Zweifeln und Wähnen, 
Armut und Fülle, 
Verödung und Pracht 
Wechseln auf Erden 
Wie Dämmrung und Nacht" — 

diese letzten drei Gedichte in deutscher Sprache ; zu meiner Schande 
muss ich gestehen, dass sie mir völlig unbekannt waren, und dass 
ich ihre Verfasser auch heute noch nicht kenne. 

Es wurde mir wirklich schwer, mich von der anheimelnden 
Studierstube zu trennen, die ein grosses Bild von Luther, eine Ma- 
donna und eine Nachbildung von Einar Jönssons ,, Strafurteil" 
schmückten, und die freundliche Einladung zu längerem Bleiben ab- 
zuschlagen. Aber unsere Zeit war zu knapp bemessen, und es galt, 
das helle Wetter, das endlich angebrochen war, für die Besteigung 
der Hekla zu benutzen. Nachdem die Pferde zusammengetrieben 
waren, w-as über fünf Stunden dauerte, so weit hatten sie sich ver- 
laufen, gaben uns der junge Pfarrer und Asgrmmr das Geleit bis 



Von Störinüpur bis Galtalsekur. 23 

Hrosshylur an der Pjörsd {kross = Pferd, hyliir = tiefes, stilles 
Wasser). Wie an der Hvttd, ruderten wir mit dem Gepäck in einem 
Boote hinüber, die Pferde aber machten Schwierigkeiten; sie wei- 
gerten sich, in die reissende Strömung zu gehen, kehrten, wenn sie 
in der Mitte des Flusses waren, immer wieder um und versuchten 
am Ufer auszureissen. Um den andern Mut zu machen, fasste 
Ögmundur zwei Pferde an einem Stricke und zog sie hinter dem 
Boote her. Das half. Trotz der vermehrten Arbeit und der längeren 
Dauer des Überganges verlangten die beiden Fergen zusammen nur 
I Krone, also nur den fünften Teil dessen, was wir an der Ilväd 
bezahlt hatten. Als ich erstaunt fragte, woher der grosse Preis- 
unterschied stamme, erfuhr ich, dass dies eine vom Staat unter- 
stützte Fähre sei, die andere aber eine Privatsache. Natürlich be- 
zahlte ich in Anbetracht der aufgewendeten Mühe mehr, als ge- 
fordert war, und mit vergnügtem Schmunzeln und dankbarem Hände- 
druck steckten sie die 2^2 Kronen ein. Der Reitweg am südlichen 
Ufer der Pjörsd, der uns am Fusse des Skardsfjall vorüber führte, 
war niederträchtig: er war eine schmale Rinne, so dass gerade ein 
Pferd hinter dem andern sich darin fortbewegen konnte, in dem 
etwa meterhohen harten Boden ; wir mussten fortwährend die Füsse 
hochziehen, taten wir das nicht und passten nicht auf, so streiften 
die Füsse so heftig die Wände der Rinne, dass es ordentlich 
schmerzte; einmal war der Schmerz so heftig, dass ich fürchtete, 
der Fuss sei verrenkt oder gar gebrochen. Dazu stach die Sonne 
erbarmungslos, und Fliegenschwäime peinigten Ross und Reiter. 
In Deutschland wäre sicher ein Gewitter losgegangen, aber ein 
skriigguvediir ist auf Island sehr selten; ich habe während meines 
ganzen Aufenthaltes nicht einen Donner gehört (pruma), und nicht 
einen Blitz gesehen (elding). Dafür prasselte ein Regen hernieder, 
dass die steif gewordenen Finger kaum die Zügel halten konnten. 
Und doch war der Regen bei dem Jagen durch die nicht enden 
wollenden öden Landstrecken sehr nützlich, denn die Sandstürme 
hier sind berüchtigt. Die Gegend war, seit Ögmundur zum letzten 
Male hier gewesen war, sehr verändert. Er musste wiederholt uns 
begegnende Bauern nach dem Wege fragen und zweimal in Ge- 
höften vorsprechen, um Auskunft zu holen. Die Aufsicht über die 
ledigen Pferde lag darum mir allein ob, und mein wackerer Schimmel 
musste rechts und links, vorwärts und rückwärts springen. Erst ein 
mächtiger Lavastrom, der von den Vulkanen an den Fiskivötn in 
der Vesfur Skaptafells sysla stammen soll, gebot unserem Rasen 
Einhalt, und die Pferde strauchelten wiederholt über lose, scharfe 
Blöcke, die unter der trügerischen Sandschicht verborgen lagen, die 
sich auf seine Oberfläche festgesetzt hatte. Eine halbe Stunde aber 
vor Galfalcckur, das wir gegen 6 Uhr erreichten, Hess der Regen 
nach, die Sonne strahlte, und langsam entschleierte sich die Hekla 



24 Galtalaekur am Fusse der Hekla. 

vor unseren trunkenen Augen ^). Ein so reiner Anblick, wie wir 
hatten, gehört zu den grössten Seltenheiten. Die gelbbraune Farbe 
der aus Palagonitbreccie und Tuft" bestehenden Felswände stach 
grell von dem glänzenden, schwarzen vulkanischen Sande, den dunkeln, 
höckerichten und zerrissenen Lavamassen und der mattgrauen Asche 
ab. Rötliche Krater und grauschwarze Lavamauern lagen um ihren 
Fuss. Nicht der kleinste Nebelstreifen, nicht der Hauch einer Wolke 
lag über ihren Kuppen, in keuscher Weisse bedeckte nach Westen 
ein riesiges Schneefeld den schwarzblauen Körper des schönen 
Kegels zur Hälfte, wie ein Mantel mit einer Kapuze, der einer 
menschlichen Gestalt übergeworfen ist. Nach diesem Schneemantel 
oder auch nach dem wallenden Nebelmantel, der sie beständig um- 
gibt, hat die Hekla ihren Namen : dieser ist gemeingermanisch, got. 
hakuls, ahd. hachul „IMantel" lebt im ,,Hackelbärend" fort CMantel- 
träger), wie der wilde Jäger in Westfalen heisst. Die andere Deutung 
,, Haube", weil der Berg eine haubenförmige Gestalt habe, ist weder 
sprachlich noch sachlich richtig: er gleicht eher einem abgestumpften 
Kegel (Fig. 68). 

Die östliche und die westliche [oder äussere] Rdngd (Exstri und 
Vestn [Ytn] Rdngd ^Kmmm?iC\\e), die sich in den ,, Waldstrom", 
das MarkartJjöt ergiessen, umschliessen die nächste Umgebung der 
Hekla^). Steigt man nach Nordosten vom Winkel zwischen den 
beiden Flüssen empor, so hebt sich das Land gleichmässig, und 
Schritt für Schritt klimmt man aufwärts zu dem Vulkan hin, da ein 
Lavastrom den andern deckt, und je näher man dem Vulkan kommt, 
desto grösser wird die Zahl der Ströme. Anfangs ist der Graswuchs 
noch ganz üppig, Galtalcpkur selbst liegt inmitten saftiger Wiesen, 
eine erquickende Oase inmitten der öden Lavafelder, Sand- und 
Aschenwüsten, aber bald weicht aller Graswuchs vor den weiten 
Strecken schwarzen Flugsandes und vor den trostlosen Lavafeldern 
zurück. Nicht einen Tropfen Wasser gibt es hier, alles das bele- 
bende Nass sickert durch die losen, vulkanischen Massen nieder. 
Westlich von der Hekla ist das Land bis hoch gen Norden bebaut, 
aber auf der Ostseite ist eine so grosse Menge Lava ausgegossen, 
dass von einer Ansiedlung nicht die Rede sein kann. 

Die Hekla erhebt sich auf einem 27 km langen, und 2 — 5 km 
breitem Rücken aus Tuff und Breccie mit dazwischen befindlichen 
Lavalagen in drei oder vier Absätzen bis zu einer Höhe von 1557 m 
ü. M. ; die relative Höhe des Vulkans beträgt 800 — lOOO m. Von 
S.W. aus sieht die Hekla kegelförmig aus, von der Seite aber sieht 



1) Alle geographischen Namen auf -a sind im Isländischen Feminina: also die 
Hekla. 

2) Nach Thoroddsen, Vulkaner og Jordskjaelv paa Island S. 52, wo auch eine 
gute Spezialkarte. 



Die Hekla. 



25 







CO 



bJ3 



26 Galtalaekur am Fusse der Hekla. 

man, dass es ein langgestreckter Rücken ist, der sich im Verhältnis 
zu seiner Umgebung zu einer imponierenden Höhe erhebt. Parallel 
mit der Hekla laufen mehrere flachere Bergrücken, looo — 1500 Fuss 
hoch; auf der mittelsten dieser fünf oder sechs Ketten liegt der 
gleichfalls längliche Vulkan ; er ist der Länge nach von einer Spalte 
zerklüftet, auf ihr befinden sich die Krater, wie tiefe Kessel in einer 
Reihe. Auf diesen Kraterreihen, sowie auf denen neben dem Rücken, 
auf den Lavafeldern und den dortigen Tuffketten haben in geschicht- 
Hcher Zeit 18 grosse Ausbrüche stattgefunden. 

Galtalcrkur ist für eine Besteigung der Hekla der günstigste 
Ausgangspunkt, da man bis zu einer Höhe von 600 m an den Berg 
heranreiten kann. Der Name bedeutet ,, Schweinebach" (göltur = 
verschnittenes Schwein) und gehört zu der langen Reihe der Be- 
nennungen, die von der vordem so schwunghaft betriebenen, heute 
fast gänzlich abgekommenen Schweinezucht auf Island Zeugnis geben 
(vergl. Galtahöll, Svi'nd, Svi'nadalr, Svmey, Svmafell, Sviiiaskard 
und Svmavatn). 

Trotz des feinen Regens streifte ich nach dem Essen noch 
draussen umher. Wie ein unförmiger Klotz liegt das Bürfell einsam 
vor mir im Tale. Ein paar hundert Schritte hinter dem Gehöfte 
fliesst der kleine Galtabach, eine INIenge feine weisse Wolle, die in 
ihm gewaschen war, liegt an seinem Rande zum Trocknen ausge- 
breitet. 

Die Hekla aber ist völlig in Wolken und Nebel eingehüllt, die 
Aussichten für den nächsten Morgen sind also schlecht. Trotzdem 
wird alles zur Besteigung vorbereitet. INIein Begleiter muss leider 
zurückbleiben, da er sich nicht wohl fühlt; der älteste Sohn des 
Bauern soll uns auf den Gipfel führen, der jüngste die Pferde be- 
wachen, sobald wir sie nicht mehr gebrauchen können. Der alte 
Bauer meint, wenn wir früh genug aufbrächen, könnten wir gutes 
Wetter haben ; ich traue ihm, da alle Isländer gute Wetterbeob- 
achter sind. 

2. Juli. 

Früh um sechs weckt mich Ögmundur: das Wetter sei leid- 
lich, ob ich noch Lust zur Besteigung hätte r Nach dem Frühstück, 
8^/4 Uhr, brachen wir vier zu Pferde auf, um als die ersten in diesem 
Jahre die Hekla zu nehmen. Was ich an Berichten über eine Er- 
steigung der Hekla kenne, ist fast alles übertriebene Flunkerei oder 
mindestens aufgeregte Selbsttäuschung; auf Island muss eben alles 
,, schauerlich", ,, grossartig" und ,, lebensgefährlich" sein!^) Mir ist. 



1) Eine rühmliche Ausnahme macht der Aufsatz von Prof. Vetter-Bern „Eine 
Besteigung der Hekla" in „Vom Fels zum Meer" 1889, S. 598 ff. Nicht ganz frei von 
dem ausgesprochenen Vorwurfe ist Küchlers „Besteigung der Hekla" im Globus 
1906, Bd. 86, Nr. 6. 



Besteigung der Hekla. 27 

obwohl ich durchaus kein Bergfex bin, die Besteigung der Hekla 
ebenso harmlos vorgekommen, wie die der Galdhöpig in Jotunheim, 
und wie mir der drollige Anblick der zwölf Norweger unvergesslich 
ist, die mit dem Führer auf ein paar Schritte durch ein Seil ver- 
bunden waren, so ist es mir gänzlich unverständlich, dass, wie 
Ögmundur mir lachend erzählte, drei deutsche, sonst kräftige und 
freundliche Juden, vor lauter Angst versagten : der erste blieb schon 
beim ersten Schneefeld liegen, der zweite kehrte nach der Hälfte 
um, und der dritte verzichtete, als die eigentliche Schneewanderung 
beginnen sollte. 

Allerdings geschieht eine Besteigung der Hekla so ganz 
anders, wie die eines Berges in Tirol oder in der Schweiz. Schon 
dass man nicht in frühester Morgenstunde, sondern nach einem guten 
Frühstück aufbricht, berührt eigentümlich; man ist zudem nicht 
mit Bergstiefeln, Bergstock oder gar Eispickel bewaffnet, sondern 
die beiden Führer tragen ihre leichten Seehundsschuhe, ich die 
schweren Reitstiefel; die Stelle eines Stockes vertrat die Reitpeitsche. 
Denn ohne die wackern Tiere geht es nun einmal nicht, und die 
ersten zwei und eine halbe Stunde leisten sie gute Dienste. Wenige 
Minuten hinter dem Gehöft wird die westliche Rdngd passiert, und 
ein dichtes, angenehm duftendes Birkengehölz Hraunteigiir nimmt 
uns auf; es hat bisher den Verwüstungen des Lavastromes getrotzt 
und verdankt seinen üppigen Wuchs wohl der unterirdischen Wärme. 
Das erste Lavafeld, das aus schwarzen, zerbrochenen Stücken be- 
steht, wird genommen, zur Rechten bleibt eine freundliche Farm 
liegen. Dann kommt eine braunrote, schwarze Sandfläche, ohne 
allen Pflanzenwuchs, nur hier und da starren ein paar vertrocknete 
Strünke. Langsam geht es ein neues Lavafeld von Süden her 
bergan, und abermals gähnt uns eine Wüste entgegen; rechts ragen 
einige Krater empor, dunkelschwarz oder rotbraun. Das erste, 
grössere Schneefeld wird noch zu Pferde genommen, mühsam klettern 
die braven Tiere und schnauben und pusten ganz gewaltig; beim 
zweiten steigen wir ab und führen die Pferde behutsam am Zügel. 
In einer Senkung, wo der grosse, über 15 m hohe Lavastrom von 
der Hauptmasse abzweigt, wird Halt gemacht ; angesichts der Kuppe 
der Hekla leeren wir hastig eine kleine Konservenbüchse und stecken 
Schokolade ein; die Pferde bleiben unter der Aufsicht des jungen 
Burschen zurück, wir selbst machen uns 11^2 Uhr fertig zum Auf- 
stieg. Zunächst gilt es den Lavastrom zu überklettern; an dem 
harten, scharfen Gestein geht es böse über Hände und Stiefel her, 
von einem Block turnen war zum andern, bald lassen wir uns vor- 
sichtig hernieder, bald ziehen wir uns empor und helfen uns dabei 
gegenseitig. Vor dem Schneefeld verschnaufen wir uns fünf Mi- 
nuten, das gute Essen an Bord der „Laura" und im „Hotel Island" 
wirkt doch hinderlich. Dann geht es ein riesiges Schneefeld empor, 



28 Besteigung der Hekla. 

das sich bis an den oberen Krater hinzieht. Schon mancher ist 
hier wieder umgekehrt, und ich mache kein Hehl daraus, dass mir 
seine Traversierung nicht leicht fiel. Die beiden Führer schweben 
nur so dahin, während ich mit den unförmigen, bis übers Knie 
reichenden Stiefeln bei jedem unvorsichtigen Tritt einsinke; dazu 
schlägt der junge Bauer ein Tempo an, dass ich kaum folgen konnte; 
am liebsten hätte ich alle paar Schritte Halt gemacht, um Atem 
zu schöpfen. Auch der letzte Tropfen Alkohol, der noch von den 
vielen Feiern in Reykjavik im Leibe war, muss entweichen, ganze 
Ströme von Schweiss rieseln hernieder. Aber lange Pausen dürfen 
nicht gemacht werden; ein eisiger Sturm braust uns entgegen und 
zerrt an uns, dass wir uns mit ^lühe aufrecht halten; immer dichter 
und länger wird der Nebelmantel, der sich um die Kuppe der Hekla 
lagert. Endlich hört der Schnee auf, und die charakteristischen vul- 
kanischen Erscheinungen treten zutage. Schwarzer Lavasand liegt 
schichtenweise auf dem schmutzig gefärbten Schnee, an einigen 
Stellen ist unter der schwärzlichen Decke der geschmolzene Schnee 
zu Eis gefroren, kleine dünne Wässerchen sickern zwischen fuss- 
hohen Dreckhaufen. Es ist ganz gehörig glatt, dann wieder rollt 
bei jedem Schritt der Boden, der mit losem Grus, Sand und Lapilli 
bedeckt ist, in grossen Mengen zu Tal. Zwei Stunden zehn Minuten, 
nachdem wir die Pferde verlassen haben, sind wir oben an dem 
Krater von 1845. Die einzelnen Gipfel sind durch schneebedeckte, 
gratartige Rücken miteinander verbunden, und auf allen Vieren 
kriechend schleppe ich mich nach dem obersten Krater bis zu der 
Steinpyramide (kerling ,, altes Weib" oder vardi). Einige schön 
gefärbte rote, gelbe und schwarze Lavasteine stecke ich zum An- 
denken ein, ziehe die Öljacke an, die Ögmundur vorsichtiger- 
weise mitgenommen hat, und versuche vergeblich, mir eine Ziga- 
rette anzuzünden : eisig fegt der Wind über den kahlen Gipfel, 
Nebel und Wolken ballen sich zusammen, zähneklappernd kauern 
wir nieder. Es ist uns nicht möglich, länger als zehn Minuten hier 
oben auszuhalten, und missmutig wende ich mich zum Abstiege. 
Plötzlich zerreisst der Nebel, als wir kaum hundert Schritte gemacht 
haben : unmittelbar neben uns zur Linken steigen feine dünne 
Schwefelwolken auf, und als wir aufschauen , bietet sich uns für 
wenige Minuten eine Aussicht, so rein und weit, wie sie der Bauer 
noch nie hier genossen hat. Zu den Füssen breitet sich eine weite, 
öde Gebirgslandschaft aus, mit Lavaströmen und Aschenresten, aus 
denen nur vereinzelt violette Berge von wunderlichen Formen auf- 
ragen, und wo hier und da blaue Seespiegel und vielfach gewundene 
Flussläufe leuchtend aufschimmern. Darüber hinaus schweift das 
Auge bis an das Meer, das den Horizont einfasst, und aus dem sich 
schattenhaft die zerrissenen Vestiiiaunaeyjar wie riesige Klötze er- 
heben. Nach Westen, Norden und Osten nichts wie ungeheuere 



Besteigung der Hekla. 29 

Gletscher. Da glänzt vor allem im Osten der gewaltige J^afna/ö'kitll 
herüber, eine weisse, fast senkrechte Wand, der grösste Gletscher 
Europas, das heiss ersehnte Ziel der nächsten Wochen. Im Südosten 
grüsst der „meerumschauende" 1705 m hohe Eyjafjallajökull^ vor 
ihm die rötlichen Zacken des 1 590 m hohen Tindjjallajükull^ und 
etwas westlich davon der leicht gezackte Kamm des dreihörnigen, 
812 m hohen Pn'Jiyrningiir. Das wunderbarste aber sind die ver- 
schiedenen Farbenschattierungen ; der gelbe Himmel , der braune 
Nebel, die glitzernden Gletscher, die leuchtenden Schneefelder, das 
blaugrüne Tal in hundert Abstufungen mit den silbernen Gewässern 
— ein Jammer, dass noch kein Maler diese Szenerie festgehalten 
hat, ein Jammer, dass das Problem der farbigen Photographie noch 
immer nicht gelöst ist! 

Schnell geht es bergab, graue Wolken türmen sich zusammen 
und drohen mit Regen oder Schnee. Die geringe Neigung der 
Schneefelder gestattet keine Abkürzung durch Rutschen, und als ich 
meinen Führern klar machte, was ich meine, schütteln sie miss- 
trauisch den Kopf, trotzdem sind wir in kaum einer Stunde wieder 
bei den Pferden. Mit gesenkten Köpfen standen sie traurig da, sie 
haben die ganze Zeit über nicht ein Hälmchen, nicht einen Tropfen 
Wasser gehabt, freudig nimmt mein Schimmel Flachbrot mit Butter 
und Schokolade entgegen; nicht einmal der Sattel war ihnen abge- 
nommen, damit sie nicht zu sehr frieren sollten. Wir teilen eine 
neue Konservenbüchse, und zum Dank gibt mir der jüngere von 
den beiden Burschen seine mit Milch gefüllte Flasche. Ohne an 
Echinokokken zu denken, stürze ich sie gierig hinunter, brenne mir 
eine wohlverdiente Zigarre an, und fort geht es, was die Pferde 
laufen können; als wollten sie den Regen überholen, der sintflut- 
artig einsetzt, galoppieren sie über Sand und Steine, Spalten und 
Gräben talab nach der grünen Ebene zu, wo sie Futter und Tränke 
wissen ; aber erbarmungslos treibt die Peitsche sie weiter und weiter, 
im Karriere durch den hochaufspritzenden Fluss, die saftige Ebene 
hindurch, bis wir endlich um 5 Uhr vor unserm Quartier uns aus 
den Sätteln schwingen und triefend vor Regen die bereit gehaltene, 
köstlich kühle Milch in hastigen Zügen leeren. Dann gebe ich Kakao 
aus unseren Vorräten heraus, der, mit siedend heisser Milch zu- 
bereitet, uns sofort die entflohene Wärme wiedergibt, das einfache 
Abendmahl wird durch Anchovis ergänzt, und mit einem ungemein 
behaglichen Gefühl und mit stolzer Genugtuung dehne ich die müden 
Glieder auf dem harten Stuhl. Der ältere der beiden Burschen ver- 
langt für die Führung 5 Kr., der jüngere 2 Kr., ich gebe ihnen ein 
anständiges Trinkgeld und auch Ögmundur eine besondere Ver- 
gütigung. Wenn der Bauer mir nicht eine Schmeichelei sagt, habe 
ich, so lange er in Galtalcckur wohnt, bisher die kürzeste Zeit zur 
Besteigung der Hekla gebraucht. 



30 Die Hekla als Eingang zur Hölle. 

Die Hekla, „der rauchende Schornstein Nordeuropas", ist viel- 
leicht für weitere Kreise der bekannteste Ort in ganz Island und 
am häufigsten beschrieben. 

Ich will auch keine Zusammenstellung der Nachrichten geben, die wir über die 
i8 Ausbrüche der Hekla in geschichtlicher Zeit haben; ich verweise dafür auf 
Thoroddsens „Oversigt over de islandske Vulkaners Historie" und „Vulkaner og 
Jordskjaelv paa Island", S. 51 — 64, sowie auf Pöstion, „Island", S. 108 — iio. Ich 
begnüge mich mit der Bemerkung, dass die Hekla im ganzen im Laufe der Zeit 
7C0 qkm (nach Thoroddsen: 523 qkm) Landes mit Lava bedeckt hat, ein Gebiet 
annähernd so gross wie das Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt (V e 1 1 er.) Die Zahl 
der Vulkane im Gebiete der Hekla beträgt 10, unter ihnen nimmt der Stratovulkan 
der Hekla mit seinen vielen Kraterreihen und einzelnen Kratern den ersten Platz ein- 
Der erste geschichtlich bekannte Ausbruch fand im Jahre 1104 statt, der letzte 1845, 
dieser erreichte erst in der Mitte des Jahres 1846 sein Ende. Wie die isländischen 
Zeitungen melden, wurden im November 1905 in der Nähe von Galialcvklir heftige 
Erdstösse wahrgenommen, und fast zu derselben Zeit im Jahre 1906, wo der Vesuv 
zu speien anfing und das furchtbare Erdbeben San Franzisko vernichtete, wurden Feuer- 
säulen von Schiffern an der Südküste bemerkt. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass 
ein neuer Ausbruch bevorsteht. 

Während des Mittelalters war der Aberglaube allgemein auf 
dem Kontinent verbreitet, dass die Hekla der Eingang zur 
Hölle sei. Er ist aber sicher niemals Volksglaube auf Island ge- 
wesen, sondern ist ausländischen Ursprunges und erst vom Ausland 
eingeführt ; dazu kannten die Isländer ihre Vulkane zu gut. 

Saxo kennt gegen Ende des 12. Jahrhunderts die Hekla bereits: „Auf Island 
ist ein Berg, der infolge des ununterbrochenen Brandes einem zum Himmel reichenden 
Berge gleicht und ewigen Brand durch ununterbrochenes Ausspeien von Flammen 
unterhält." Aber er versetzt weder die Hölle noch das Fegefeuer in die Hekla, sondern 
kennt eine kalte Pein auf Island: in dem Geräusch, das das Anschlagen des Treib- 
eises an den Strandfelsen verursacht, glaube man die klagenden Stimmen der armen 
Seelen zu hören, die in diesem Eise ihre Sünden abbüssten. Den Glauben an eine 
auf Island bestehende kalte Pein in den Gletschern kann ich, ausser durch den Königs- 
spiegel und David Fabricius, nur noch durch ein einziges isländisches, aber un- 
sicheres, weil gelehrtes Zeugnis stützen. Bei der Beschreibung des Ausbruches des 
ÖrcefajökiiU im Jahre 1727 sagt Sira Jon Purläksson: Ein Bauer hörte, ehe das 
Feuer ausbrach, im Berge Laute (jöklarliljöä), die Seufzern und einem starken Ge- 
plauder glichen; wenn er aber genauer aufmerken wollte, so konnte er nichts ver- 
nehmen (Ol aus Olavius, Ökonomische Reise durch Island. Dresden und Leipzig 
1787, S. 4i3ff.). 

Im 13. Jahrhundert wird die Hekla zuerst als Peinigungsstätte erwähnt. Der 
Verfasser des Königsspiegels, nur wenig später als Saxo, glaubte, wie damals alle 
Welt, dass, wie im Feuer der Vulkane Siziliens, so auch in denen Islands, sich eine 
Strafstätte für die Seelen befinde: „das Feuer auf Island verbrenne nicht Holz und 
Erde, sondern nähre sich nur von „toten Dingen", von Steinen, daher sei auch das 
Feuer tot, und deshalb sei es am wahrscheinlichsten, dass es das Höllenfeuer sei, 
denn da seien alle Dinge tot" (Kahle, Sommer auf Island 76 7). Um die Mitte des 
13. Jahrhunderts schreibt der Mönch Alberich zu Trois Fontaines : „Am Tage der 
Schlacht von Fotvig (1134) sahen die Hirten auf Island die Seelen der Getöteten in 
Gestalt schwarzer Raben herbeifliegen und hörten sie seufzen: Wehe, wehe, was 
haben wir getan ? Wehe, wehe, was ist nun geschehen ? Andere ungeheure Vögel, 
die wie Greifen aussahen, jagten sie vor sich her, und vor den Augen der Hirten 



Die Hekla als Eingang zur Hölle. 31 

stürzten sie alle in die isländische Hölle." Im Feuer kann, so heisst es weiter im 
Chronikon de Lanercost, etwa loo Jahre später, deutliches Wimmern der Seelen ge- 
hört werden, die da gepeinigt werden. Wieder etwas später bemerken die Annalen 
von Flaiey, bei einem Ausbruche der Hekla hätte man in dem Feuer grosse und 
kleine Vögel mit allerlei Geschrei herumfliegen sehen, und man hielt diese für Seelen. 

Es war also kein frommer Wunsch, wenn man zu einem sagte: „Fahre nach 
dem Heklaberge !", d. h. dem Blocksberge. Melanchthons Schwiegersohn, der Arzt 
Caspar Peucer, erzählt: „Der Hekia-Berg lässt aus einem unermesslichen Abgrund 
oder vielmehr aus der Tiefe der Hölle das jämmerliche und wehklagende Geheul 
Schluchzender ertönen, so dass man die Stimmen der Weinenden auf viele Meilen hinaus 
überall vernimmt. Diesen Berg umkreisen Scharen kohlschwarzer Raben und Geier, 
die nach Ansicht der Bewohner dort nisten. Dort befindet sich der Eingang zur 
Hölle, denn die Bevölkerung weiss aus langjähriger Erfahrung, dass, wenn irgendwo 
auf der Welt Schlachten geschlagen oder blutige Taten vollbracht werden, dann dort 
entsetzliches Lärmen, Geheul und Gewinnsei sich hören lässt." 

Noch im Jahre 1616 schreibt der Prediger und Astronom Fabricius aus Osteel 
in Ostfriesland: „Sechs Meilen im Umkre^e des Hekla-Berges findet sich kein lebendes 
Wesen, und der Glaube ist im Schwange, dass in diesem Berge die Hölle sich be- 
finden müsse, der Ort, an dem die Seelen der Verdammten gequält, geschmort und 
gebraten würden. In der Nähe dieses Berges halten sich mancherlei Gespenster auf; 
Fischer, die in der Nähe ihr Handwerk trieben, erzählten wunderbare Dinge und Er- 
lebnisse. Wo überall, und in welchem Lande auch Kriege geführt und Schlachten 
geschlagen werden, bleibt ihnen nicht verborgen. Sie bemerken es an der Geschäftig" 
keit des Teufels und seiner Gehilfen, die sich an solchen Tagen besonders breit 
machen, um die Seelen der Gefallenen, Gespenstern gleich, in den Berg zu schaffen. 
Alle Jahre anfangs Juli sammeln sich grosse Eismassen um den Hekelsberg. Das ge- 
schieht, sagt das Volk, um die Seelen der Verdammten auch ausserhalb des Berges 
durch grimmige Kälte zu quälen. Drei Monate schliesst dies den Berg ein" (David 
Fabricius, Island und Grönland zu Anfang des 17. Jahrhunderts, herausgegeben von 
Karl Tannen, Bremen, 1890, S. 24, 43)'). 

Die Hekla als Hölle ist also ein Produkt des Auslandes, und 
zwar der Geistlichkeit. Ausländern, denen die feuerspeienden Berge 
Islands etwas Neues und Unerhörtes waren, lag es näher, diese mit 
ihren Vorstellungen von der Hölle in Verbindung zu setzen, als den 
Isländern selbst, die mit solchen Erscheinungen von Jugend auf ver- 
traut waren. 

Der erste Ausbruch der Hekla vom Jahre 1104 ist ganz sagenhaft eingekleidet 
und mit dem berühmten Priester Sa'iniindr, dem Gelehrten, in Verbindung gebracht. 
Seinem Wissen mutete man Ungeheures zu, die Sage gestaltete ihn zu einer Art 
Faust um. Als im Jahre 1643 der Bischof Brynjölfur Sveinsson eine Pergament- 
handschrift auffand, die 20 Lieder über Stofie der Götter- und Heldensage enthielt, 
schrieb man diese ältere, poetische Edda auch dem SceJimndr zu, als ihrem Sammler 
oder gar als ihrem Dichter. Dieser Sa'mundr hatte sich in Sachsen mit einer weisen 
Frau verlobt. Lange wartete sie auf seine Rückkunft, nachdem er nach Island abge- 
fahren war; als er aber immer und immer nicht kam, wurde sie endlich des Wartens müde 
und gewann die Überzeugung, dass er sie zum Narren gehalten habe. Da sandte sie 
an Scemundr ein vergoldetes Kistchen ab und wies ihre Boten an, es von niemandem 



') Maurer, Die Hölle auf Island, in: Z. d. Vereins f. Volkskunde IV, S. 256 
bis 269, VIII, S. 452 — 454; Th or oddsen- G ebha rd t I, S. 121, 141 — 143, 146^ 
170, 219 — 222. Ich füge als neues Zeugnis hinzu: Barrow, Ein Besuch auf der 
Insel Island, 1836, S. 114. 



32 Der erste Ausbruch der Hekla. 

ausser von ihm selbst öffnen zu lassen. Diesen Boten und den Kaufleuten, mit denen 
sie reisten , ging die Fahrt wunderbar schnell von statten. Scvmiindr war in der 
Kirche, als sie zu ihm kamen. Er stellte das Kistchen zunächst auf dem Altar der 
Kirche, trug es dann hinauf auf die höchste Spitze der Hekla und warf es dort in 
einen Spalt hinunter. Da, sagen die Leute, habe die Hekla zum ersten Male Feuer 
ausgeworfen. — Merkwürdigerweise setzen die isländischen Annalen wirkhch den 
ersten Ausbruch der Hekla in das Jahr 1104, also in das 48. Lebensjahr des Scemundr 
(Maurer, Isländische Volkssagen, S. 299; Lehmann-Filhes, Isländische Volks- 
sagen I, S. 209, 248 ; vergl. auch II, S. 75 ; Eine Ächtersage von Galtalcckur bei 
Lehmann-Filhes II, S. 176). 




Zehntes Kapitel. 

Oddi und der Schauplatz der Njälssaga. 



Juli. 



Da mein Begleiter über seine Reitpferde klagte, bitte ich 
Ögmundur, ihm eins beim Bauern umzutauschen, wenn nötig, 
wollen wir zulegen. Er brummte zwar: ^^rimii ken^iir illur rcedari" 
(der schlechte Ruderer gibt dem Ruder Schuld), sieht aber ein, 
das der Student sich unmöglich noch fünf Wochen herumärgern 
kann, und der Bauer willigt ein. Leider soll dieser Tausch uns 
noch einen recht bösen Tag bereiten ! Der Bauer gibt uns fast zwei 
Stunden weit das Geleit, bis wir die Vestri-Rdngd passiert haben. 
Wir behalten den Fluss, der nordwestlich von der Hekla entspringt, 
zur Rechten und reiten im strömenden Regen durch eine öde vul- 
kanische Wüstenlandschaft. Nur hier und da taucht eine Oase mit 
einem kleinen Gehöft auf. Auch diese Gegend fand Ögmundur 
sehr verändert; wo früher leidlicher Graswuchs gewesen war, hatten 
Stürme die Erdkrume fortgeführt und vernichtet; an anderen Stellen 
waren unfruchtbare Strecken in gutes Weideland verwandelt. Wo 
der Flugsand noch nicht zur Ruhe gekommen ist, kann keine Pflanze 
Wurzel fassen; aber wo er vom Winde fortgeführt ist und nur grober 
Kies zurückgeblieben ist, kommt auf den kleinen Erhöhungen die 
blaue oder graugrüne Festuca arenaria (Vingiill), Silene maritima 
(Huliirt oder Fdlkapungur) und Armeria maritima fort (Geldinga- 
Juiappur). Der Sand von Rdngdrvellir (d. h. der Ebenen zwischen 
den beiden Rd^igdr) besteht aus Palagonitstaub, basaltischer Asche 
und Basaltgrus. In einigen langen Einsenkungen sieht man un- 
zählige bläuliche, und, wenn sie mit Eisenverbindungen versetzt sind, 
rötliche Sandschichten. Grosse vom Winde bearbeitete Steine sind 
hin und wieder eingeschwemmt, und einzelne Schichten von Aschen 
und Bimsstein zeugen von den Ausbrüchen des benachbarten Vul- 

Herrmann, Island \\. O 



34 Von Galtalaekur bis Oddi. 

kans^). Mit Rdngdrvellir betraten wir den Schauplatz der Xjdls- 
saga, der auch die südUch und östHch davon gelegenen Gegenden 
umfasst. 

Die Vestri- und die Eystn-Rdngd scheinen früher noch enger 
aneinander als heute in die Pverd geflossen zu sein (Querache, 
Seitenfluss) und eine Landzunge (oddi) gebildet zu haben; während 
früher die Pverd nur ein Nebenfluss der Eystri Rdngd war, ist sie 
heute der Hauptfluss, und ihre langen, gelben Wellen sind nicht 
wenig gefürchtet. Nach dieser Landzunge hat der Pfarrhof Oddi 
seinen Namen , und ich hätte es nie verwinden können , wenn der 
Regen mich davon abgehalten hätte, den altberühmten Sitz und Mittel- 
punkt isländischer Gelehrsamkeit, den Wohnort des weisen SccDiundr, 
zu besuchen, dessen Name mit der Edda unlöslich verknüpft ist. 
Zwar war Sira Skiili Skülason nicht zu Piause, — wir begegneten 
ihm unterwegs, — aber er bat herzlich, ja nicht an seinem Hause 
vorbei zu reiten. Kurz vor Oddi begegnete mir ein Unfall, der 
leicht böse Folgen hätte haben können. Über einen schmalen, 
etwa I m tiefen Bach mit ziemlich hohen Uferrändern waren ein 
paar Bretter, Steine und Erde gelegt, aber so nachlässig, dass 
zwischen den einzelnen Steinen fausttiefe Löcher waren, durch die 
man den Bach fliessen sah. Mir kam die Brücke sogleich wenig 
vertrauenswürdig vor, da aber die anderen sie ohne Schaden passiert 
hatten, w^ollte ich nicht zurückbleiben, war jedoch so vorsichtig, die 
Füsse aus den Bügeln zu heben und die Zügel hoch zu ziehen. 
Kaum hatte mein Pferd die Brücke betreten, da stolperte es auch 
schon, verfing sich mit der Hinterhand in einer Rille und lag im 
nächsten Augenblick auf dem Rücken im Wasser, mit allen Vieren 
wild um sich schlagend, ich selber aber stand unversehrt am Ufer, 
die Zügel in der Hand; wie ich freilich das Kunststück fertig ge- 
bracht habe, ist mir noch heute ein Rätsel. Dann zog ich mit 
Leibeskräften an den Zügeln, um dem Pferde beim Aufstehen zu 
helfen, musste mich aber vor seinen blitzschnell durch die Luft 
wirbelnden Hufen in acht nehmen. Ehe noch Ögmundur, 
schreckensbleich, heran kam, war der Gaul schon wieder in die 
Höhe gebracht, ein paar Riemen waren zerrissen, sonst hatten weder 
Reiter noch Ross Schaden erlitten. In Siöröl/shvoll, wohin wir am 
Abend kamen, muss Ögmundur mein harmloses Abenteuer stark 
übertrieben haben. „Tapfer wie ein Soldat" sollte ich mich be- 
nommen haben, und ich war mir, leider, nicht des geringsten einer 
Tat bewusst, die des Erwähnens wert war. Dr. Olafiir Gud- 
mundsson wollte mich durchaus untersuchen , ob ich mir nichts 
gebrochen hätte, und seine liebenswürdige Frau bedauerte mich 
einmal über das andere. Vor zwei Jahren war ein Führer mit 



1) Thoroddsen, in: Petermanns geogr. Mitteilungen 1892,8. 189, 190. 



Oddi 



35 



seinem Pferde auf derselben Brücke zu Falle gekommen; aber so 
unglücklich, dass das Pferd getötet werden, und der Mann ein paar 
Wochen an gebrochenem Beine im Hause des Arztes liegen musste. 
Gleichwohl hatte sich der Bauer nicht gemüssigt gesehen, die Brücke 
in Ordnung zu bringen! 

Um vier Uhr waren wir am Pfarrhof Oddi angelangt; trotz des 
unendlichen Regens machten wir eine photographische Aufnahme 
(Fig. 69), die vielgerühmte Aussicht auf die Hekla, die Gletscher 




Fig. 69. Oddi. 



des Hinterlandes, das gewaltige Delta, das vom Markarfljöt, von 
den beiden Rdngdr und der Pjörsd gebildet wird, auf die da- 
zwischenliegenden, sandigen ,, Landinseln" und darüber hinaus auf 
das unendliche Meer, in dem sich schleierhaft die Vestmanna eyjar 
erheben, diese Aussicht war uns vollständig versagt. Die freund- 
liche Einladmig der Frau Superintendent zu Kaffee, Kuchen und zu 
einer Zigarre nahmen wir dankend an, und ihrer dringenden Auf- 
forderung, in ihrem Hause zu übernachten, wären wir gern gefolgt, 
wenn man uns nicht in Stördlfshvoll erwartet hätte. Die Dame 
hatte so angenehme, grossstädtische Umgangsformen, dass ich sie 

3* 



36 Oddi-Edda. 

für eine Kopenhagnerin hielt; sie war aber die Tochter eines Do- 
zenten an der Prestasköli in Reykjavik und erwiderte mir lachend, 
dass schon Prof. Vetter aus Bern eine ähnHche Anfrage an sie 
gerichtet hätte i). Ihr Gatte ist der Nachfolger des Dichters 
JMatthias Jochumsson. Das stattliche Wohnhaus, dessen Bau, wie 
ich anderwärts hörte, 1 1 ooo Kr. gekostet hat, ist erst nach dem 
Erdbeben von 1896 errichtet. Die Stösse waren damals von einem 
unterirdischen Rollen von solcher Stärke begleitet, dass man darüber 
gar nicht hörte, wie in der Schlafstube ein Bücherschrank umfiel 
und daneben ein Ofen die Treppe hinabstürzte; infolge der Heftig- 
keit des Stosses fingen die Kirchenglocken von selbst zu läuten an. 
In der Nachbarschaft waren die Stösse so arg, dass kein Mensch 
aufstehen konnte, man musste auf der Erde liegen und sich an 
Steinen und kleinen Erdhaufen festhalten. 

Eine Ansicht vom Rhein, eine Photographie von Prof. Ftnmir 
Jönsson und Bilder von Collingwood schmückten die behaglich, ja 
elegant eingerichtete Stube, auf dem Tische lag auch das schöne, 
prächtig ausgestattete Buch von W. G. Collingwood and Jon 
Stefdnsson, A pilgriniage to the saga-steads 0/ Iceland (Ulverston 
1899). Mit seinen 13 ganzseitigen und ca. 150 in den Text ge- 
druckten Bildern liefert das Buch neben Daniel Bruuns illustrierten 
Sc'hriften einen wertvollen Beitrag zur Kenntnis des Schauplatzes 
der wichtigsten Sagas und bahnt einen neuen Weg an, der Aufmerk- 
samkeit und Nachfolge verdient. Co 11 ingwoo ds Bilder sind teils 
lichte, lebhafte Farbendrucke, teils Zinkätzungen, deren mattgrauer 
Ton leicht eine gewisse Einförmigkeit zeigt; was die Naturtreue be- 
trifft, so scheinen mir die Landschaften einen allzustark ausge- 
prägten alpinen Charakter zu haben, der Island nicht zukommt. 

Jon Stefdnsson , der den Maler 1897 auf seiner Sommerreise durch Island 
begleitet hat, bringt den Namen Oddi, wie neuerdings beliebt ist, mit „Edda" zu- 
sammen. Eirikur Magm'tsson deutet „Edda" als das ,,Buch on Oddi": hier habe 
Scenuiudr gelebt und gewirkt und die erste Sammlung alter heidnischer Lieder ver- 
anstaltet; sein Entw-urf soll Snorri , der in Oddi auferzogen wurde, zu seiner Edda 
veranlasst haben '). Aber der Zusammenhang zwischen dem Werk und Titel ist noch 
nicht genügend aufgehellt , und die Verknüpfung mit Scemundr ist nicht bewiesen. 
Auch SiJMWns' Deutung, Snorri habe den Baustofif seines Werkes in Oddi vorge- 
funden und nach ihm sein Werk ,,Buch von Oddi" genannt, stösst auf sprachliche und 
sachliche Schwierigkeiten ^>. Zwar die Übersetzung mit „Urgrossmutter" : die Edda 
erzähle, wie das Grossmütterchen am Spinnrocken, dem Kreise der Kinder und Enkel 
Lieder und Sagen aus längst verklungenen Zeiten , wird wohl kaum noch aufrecht 
erhalten. Aber im allgemeinen ist man sich darüber einig, dass der Titel „Edda" 



') Vetter war 1887 hier zum Besuche, vergl. Sonntagsblatt des Bund. Bern 
1887. Nr. 43, 44, 47. 

-) Edda (its Derivation and Meaning). The Saga-Book of the Viking Club 1895. 

^) Over afleiding en beteekenis van het woord Edda. Verslagen en Mededeel. 
der kgl. Akad. von Wetensch.-Letterk. 4. Reeks. Deel III, 6—32. 



Oddi-Edda. Saemundr. 3^ 

d. h. „Poetik" nur Siwrris skaldischem Handbuche gebühre , dass für Snorn die 
Lehre von der Umschreibung, als des vornehmsten Prinzipes der Poesie, die Poetik 
überhaupt war, und dass der Liedersammlung, die Snorri gar nicht gekannt hat, dieser 
Titel ursprünglich fremd ist. Nur nebenbei werfe ich einige Fragen auf: Wie kommt 
es, dass gerade diese Lieder der Vergangenheit entrissen sind? Wo sind die vielen 
andern, die es ausser ihnen gegeben hat? Warum sind sie nicht mit aufgenommen? 
Sind sie wirkHch „echt heidnisch", oder nur ein aristokratisches Heidentum? Ist ihr 
auffallend „zahmer" Inhalt überarbeitet? Oder sind sie späte Schöpfungen christlicher 
Dichter, die in der Vorzeit ihres Volks wohl bewandert waren? Je mehr ich darüber 
nachdenke, umsomehr wundere ich mich, dass das Heidentum so „anständig", so 
„salonfähig" gewesen sein soll — aber das sind ketzerische Anschauungen, die ich 
eben nur dem Tagebuch anzuvertrauen wage. 

Auf keinen Fall hat S(xmundr etwas mit der Liedersammlung „Edda" zu tun, 
und der Titel „Ssemundar Edda" oder „ältere Edda" ist falsch. Oddi ist der Aus- 
gangspunkt der Frührenaissance : man schöpft nicht mehr immer aus der Gegenwart, 
sondern holt sich Stoff und Form aus früheren Zeiten. Sa'mundr pflegt nicht nur 
die Wissenschaft, die er aus England und Paris mitgebracht hat, sondern „greift zum 
ersten Male zielbewusst in den Schatz der heimischen Vergangenheit und rettet diesen 
vor der Vergangenheit (Mogk). Er hat entweder eine annalistische Schrift über die 
Könige Norwegens von Hälfdan dem Schwarzen bis auf Magnus den Guten in 
lateinischer Sprache verfasst, oder seine „Vorlesungen" über die Königsgeschichte, 
das einzigartige Wissen dieses Gelehrten in chronologischen und historischen Fragen 
der nordischen Geschichte, wurden wie ein kostbarer Familienschatz von einer Gene- 
ration auf die andere überliefert, und wirkten als feste Ssemundsche Tradition befruch- 
tend auf die Nachfolger ein. Dann liegt seine Bedeutung weniger in seiner Tätigkeit 
als Schriftsteller denn als Lehrer, und in der Hochschule zu Oddi wurde der von 
ihm geweckte Geist weiter gepflegt von seinen Söhnen Eyjölfr und Loptr und seinem 
Enkel Jon Loptsson. Durch diesen zu seiner Zeit mächtigsten und verständigsten 
Mann, kunst- und prachtHebend wie kein zweiter, wurde auch dessen Pflegesohn 
Snorri in die von Sa'mundr vertretene Richtung eingeführt und legte hier den Grund 
zu seinem ausgebreiteten Wissen ; Snorri schuf dann wieder in ReykJiolt eine zweite 
Heimstätte für Wissenschaft und Literatur; so hängt Oddi auch mit den gefeierten 
Werken Snorris , der sogenannten jüngeren Edda und der Heimskringla , geistig 
zusammen. 

Das Sagageschlecht von Oddi, dem schon ScFiiiundr ange- 
hörte, sind die nach dem Stammsitze benannten Oddverjar, die in 
den Parteikämpfen der Sturlungenzeit eine so grosse Rolle spielen. 
Loptr ScDiinndarson war nicht nur durch seine Vorfahren selbst 
königlichen Geblütes, sondern auch durch seine Gattin Pöra , eine 
natürliche Tochter des Königs Magnus berfcet (barfuss) von Nor- 
wegen, mit Königen verschwägert. Nach einer Überlieferung des 
17. Jahrhunderts hat dessen Hof Ncefrholt , ,,der an den Wurzeln 
des Berges Ilekla steht", inmitten des bebauten Landes gelegen 
vmd 300 eiserne Türen gehabt, also fast soviel wie Odins Haus 
Walhall, das 540 Pforten hatte. 

Schon bei Lebzeiten galt Sa'mundr als einer der gelehrtesten 
Männer in kirchlichen und weltlichen Dingen, und schon früh hat 
sich die Saga seiner bemächtigt. Nach der Jönssaga helga des 
Mönches Gnnulaugr (f 12 18) war er in Paris bei einem Astrologen 
in die Lehre gegangen und übertraf seinen Meister bald in der 



38 Oddi. Islands Bedeutung für Deutschland. 

Zauberkunst (vergl. IMaurer, S. 119). Aber erst die erste Hälfte 
des 17. Jahrhunderts, besonders seitdem man anfing, die alten Schätze 
der heimischen Literatur wieder ans Tageslicht zu ziehen, hat ihn 
zu dem Monstrum an Gelehrsamkeit und zu dem Hexenmeister ge- 
macht, als der er alle Menschen überragt und seine alten Lehrer 
oft zum Besten hat. Damals wurde er zum Verfasser der Scfnncndar- 
edda, der Xjalssaga, des Sonncnliedes und anderer berühmter Werke, 
ganz neuerdings auch zum Dichter der Völuspä , als einer in der 
skaldischen Mythensprache des heidnischen Nordens vorgetragenen 
christlichen Heilslehre (E. H. Meyer, Völuspa, '^o.xXm 1889). Als 
Meister der schwarzen Kunst lebt er in der Volkssage bis heute 
fort^). 

Ich unterhielt mich mit der Frau Superintendent auch über die 
Bedeutung, die Island für uns Deutsche hat. Besser als die Ant- 
wort, die ich damals gab, ist die von Prof. Heus 1er und Meissner, 
und ich setze deren Wort deswegen hierher. „Die Isländer haben 
sich um die germanische Literatur die allergrössten Verdienste er- 
worben. Von den Eddaliedern besässen wir nichts, hätten sie nicht 
auf Island eine Zuflucht gefunden. . . . Als im 13. Jahrhundert das 
übrige Europa im Zeichen des französischen Rittertums und der 
Kirchenstreitigkeiten stand, da konnte dort, auf der einsamen Insel, 
aus der altertümlich-germanischen Götter- und Heroendichtung noch 
eine reiche Ernte unter Dach gebracht werden. Die zweite grosse 
Tat der Isländer war die Schöpfung einer kunstmässigen erzählenden 
Prosa. . . . Hier brachen sie ganz neue Bahnen. Prosaische Erzäh- 
lung, kunstmässig ausgeübt und an allgemeiner Wertschätzung der 
Poesie ebenbürtig, fehlte dem norwegischen Mutterlande ebenso wie 
allen anderen Germanenländern. Neben die Poesie trat bei den 
Isländern ein nach Inhalt und Form selbstgewachsenes, volkstüm- 
liches Erzählen in ungebundener Rede" (Heus 1er, Geschichte vom 
Hühnerthorir, Berlin 1900, S. i). ,,Eine volkstümliche Erzählungs- 
literatur von köstlicher Frische und strengem Wahrheitssinne über- 
liefert uns die Zustände der heidnischen Zeit, die grossen Schicksale 
der Völker wie die kleinen und kleinsten Erlebnisse der Menschen, 
mit einer Treue, die in der Weltliteratur einzig dasteht. Auch tür 
uns Deutsche , die wir versuchen , aus den verwaschenen und zer- 
sprengten Zeugnissen unseres Altertums eine Vorstellung von dem 
äusseren und inneren Leben unserer heidnischen Vorfahren zu ge- 
winnen, ist Island klassischer Boden. Die Bilder des Nordens, an 
denen kaum eine Farbenstimmung verblichen, kaum ein Zug der 
scharfrandigen Zeichnung ausgefallen ist , erfrischen und schulen 
unser Auge für unsere heimischen Aufgaben" (Meissner, Streng- 
leikar S. i). 

1) Jon Amazon, hl. Pjödsögur \, 485 — 504; Maurer, Isl. Volkssagen 118 ff.; 
Lehman n-Filh es, Isl. Volkssagen I, 205 ff., II, XI. 



Volkssagen in Oddi. 39 

Von handgreiflichen Erinnerungen an die alte Glanzzeit ist in 
Oddi leider nichts mehr erhalten. Weder der Ort wird noch gezeigt, 
wo Skarpliediuii und Högiii, die Bluträcher des edlen Giuniarr 
von Hlidarendi, ihr Rachewerk begannen und den jungen Hröaldr 
erschlugen, der Guunarr den Todesstreich gegeben, noch die Stätte 
auf dem Kirchhofe, wo Samundr ruhen soll. Mit der alten Kirche 
sind auch zwei Reliquien verschwunden, die noch vor ca. 40 Jahren 
zu sehen waren : ein Ring an der Kirchentür und ein Stein mit 
einer flachen Vertiefung vor der Kirchentür. Damit hat es folgende 
Bewandnis: 

Ein Schift" war an der Südküste gescheitert und mit der ertrunkenen Mannschaft 
in einem Hügel oberhalb von Oddi beigesetzt. Zur Zeit des Scemiindr wollten die 
Leute den Hügel ausgraben , ohne dass dieser etwas davon erführe ; es sollten viele 
Schätze in ihm ruhen. Sie fanden wirklich das Schiff und auch Schätze und stiessen 
auf einen Kasten und einen Ring, der am Deckel sass. Der Kasten war aber so 
schwer, dass sie ihn nicht von der Stelle bewegen konnten, nur der Ring brach beim 
Heben ab. Da sahen sie plötzlich, wie das ganze Gehöft in Flammen stand, und 
Scemundr läutete mit allen Glocken Feuerlärm. Schnell warfen sie die Grube wieder 
zu, da schwand auch der lichte Schein. ,, Jener Ring aber soll derselbe sein, der noch 
jetzt an der Kirchentür zu Oddi sitzt: innen ist er von Eisen, aussen aber aus Kupfer- 
messing oder einer Erzmischung , und soll von allen Ringen an den Kirchtüren in 
Island der grösste sein." Wie Scemundr den ersten Ausbruch der Hekla verschul- 
dete, so war er auch Wettermacher: er blies den Schnee von der Kirche fort, dass 
sie nicht Schaden litte und scheute sich nicht, den Teufel in seine Dienste zu nehmen. 
Der musste ihm Heu einholen und den Kuhstall reinigen. Der Schwarze verrichtete 
auch seine Arbeit ganz untadelhaft. Als aber Sctmundr am Ostertage auf der Kanzel 
steht, schichtet ihm jener vor der Kirchentür den ganzen grossen Misthaufen vom 
Pfarrhofe auf, so dass Sira die Kirche nicht verlassen kann. Aber nicht faul, bannt 
er den Teufel her und befiehlt ihm, allen Mist von der Kirchentür wieder an seinen 
alten Ort fortzutragen, und so streng hält er es damit, dass er ihn am Ende noch 
zwingt, die letzten Überreste mit der Zunge aufzuschlecken. So nachdrücklich leckte 
der Teufel in seinem Ärger, dass davon in dem flachen Steine, der vor der Kirchen- 
türe lag, eine tiefe Rinne entstand. „Dieser Stein befindet sich noch heutigen Tages 
zu Oddi, wenn auch jetzt nur noch der vierte Teil davon vorhanden ist. Er liegt 
jetzt vor der Tür des Gehöftes, und noch immer kann man die Vertiefung in ihm 
sehen." — 

Unser Quartier StörölfsJivoll, das Haus des Arztes Dr. Olafiir 
Gudmiiudssou, liegt am Fusse eines grünbewachsenen Hügels, auf 
dem sich ein trigonomictrisches Signal erhebt, ein gut gepflegtes, 
geräumiges Tun umgibt es nach der Ebene zu, zur Rechten liegen 
eine stattliche Halle für Thingversammlungen und für die Konfir- 
manden und eine schlanke, mit einem Kreuz gekrönte A7i?iexia 
Kirkja i) (Fig. 70). Wir wurden erwartet, trotz des Regens kam der 
Arzt heraus, umarmte Ögmundur und mich stürmisch und half 
uns beim Ablegen unserer nassen Überkleider. In der Stube hing 
ein grosses Bild von Rektor Olsen, und die Ähnlichkeit zwischen 



i) In der Kirche verschiedene Leichensteine und Inschriften in lat. u. isl. Sprache. 
Vergl. Olsen, Smävegis in „Arbök hins isl. Fornleifafjelags" 1898, S. 33 ff. 



40 



Störölfshvoll. 



ihm und seiner Schwester, der Gattin des Arztes, war überraschend. 
Dass wir nicht die ersten Gäste waren, die sich hier behaglich 
fühhen, zeigte das Fremdenbuch: darin traf ich die Namen von 
AdeHne Rittershaus ^), der Tochter des bekannten Dichters, der 
ehemahgen Gattin eines Reykjaviker Gymnasiallehrers, jetzt Privat- 
dozentin in Zürich , eines Hamburger Kaufmanns Braun, der in 
Reykjavik eine Niederlassung hat, und der Ärzte Sanitätsrat Dr. C a hn - 




Fis 



Störölfshvoll. 



heim in Dresden und Dr. Gross mann in Liverpool. Beide Herren 
haben wiederholt Island bereist und nicht nur geologische, sondern 
auch medizinische Studien gemacht ^j. Als sie 1892 und 1895 in 
Akureyri etwa 200 Kranke, darunter sehr viele Augenleidende, unent- 
geltlich behandelten, lohnte ihnen der wackere Matthias Jochuiiisson, 
der bei der Behandlung der Augenkranken selbst assistierte, mit 
einem Dankgedichte in dem ehrwürdigen Versmasse der Edda (über- 
setzt bei Pöstion, Eislandblüten 170, 171). 



1) W'ir verdanken ihr einen wertvollen Beitrag zur vergleichenden Märchen- 
forschung „Die Neuisländischen Volksmärchen", Halle 1902. 

«ä) C ahn heim, Zwei Sommerreisen in Island, in: Verhandlungen der Gesell- 
schaft lür Erdkunde in Berlin, 1894, Nr. 5. Grossmann, Across Iceland, in: The 
geographica! Journal, London 1894, S. 261 — 281, Observ^ations on the glaciation of 
Iceland, in: The Glacialists Magazine, London 1893, I, S. 33—45; The crater Hverfjall, 
a. a. O., S. 85 — 91 ; On hollovv pyramidal ice cryitals [Surtshellir] in: Nature, Vol. 50, 
S. 1894, 600 — 602. 



Der Engländer in Sicht ! 41 

Schon in Galtalcrkur war uns die unheilkündende Nähe eines 
enghschen Touristen angesagt worden, der mit seinem Führer, einem 
stud. med. , schon vier Tage auf uns in Störölfslnwll wartete. Ich 
hatte gar keine Neigung, ihn mitzunehmen, und Ögmundur ver- 
stand mein Bedenken, dann in den Quartieren zum ,, Ellenbogen- 
kind" herabzusinken. Er sprach zudem , wie es bei einem Eng- 
länder nicht anders zu erwarten ist, nur seine Muttersprache. Den 
Vorteil hatte allein er; denn dass er uns auch seine acht Pferde 
zur Verfügung stellte, konnte nicht in Betracht kommen. 

Wenn ich mich gleichwohl erweichen Hess, so waren es folgende 
Erwägungen: der Student konnte unmöglich allein die nicht ganz 
harmlose Reise die Südküste entlang wagen, es war Anstands- und 
Menschenpflicht, sich der beiden anzunehmen ; da der junge Mediziner 
gut deutsch sprach, hatte mein Begleiter zugleich Unterhaltung auf 
der Weiterreise. Meine Bedingungen waren: der Engländer durfte 
nie dasselbe Quartier wie wir beziehen, hatte bei allen Extra-Aus- 
gaben für Lokalführer, Flussübergänge usw. die Hälfte zu bezahlen, 
sollte am nächsten Morgen bereits Störölfshvoll verlassen, da das 
Haus für soviel Eindringlinge natürlich zu eng wurde, und musste 
in Djüpivogur, wo die Gefahren vorüber waren, sich seitwärts in 
die Büsche schlagen. Trotzdem hätte ich, wie die Folgezeit zeiete, 
besser getan, meiner ersten Regung nachzugeben und den Engländer 
seinem Schicksale zu überlassen. 

4. Juli. 

Da Dr. Ölafur ganz gut deutsch sprach und mein „stüdent" 
auch Lektüre gefunden hatte (Jahnke, Fürst Bismarck), konnte 
ich ihm unbesorgt noch einen Tag zur Ruhe und Stärkung schenken, 
er hat dann auch später, ohne je auszusetzen, alle Strapazen wacker 
überstanden und mutig die Zähne zusammen gebissen, wenn es 
hart herging. Ich selbst beschloss mit Ögmundur einen Ausflug 
in die gepriesene Fljötshlfd zu unternehmen (Stromhalde). Von der 
neuen, schönen Strasse, die nach Reykjavik führt, bogen wir südlich 
ab nach Diiffaksholt und ritten dann ununterbrochen die Pverd 
entlang. 

Dujpakr^) und Störölfr, nach dem Störölfshvoll benannt ist, stritten sich bei 
der Landnahme um den Boden. Eines Abends sah ein Mann, der die Gabe des zweiten 
Gesichtes hatte, wie aus dem Gehöfte des Störölfr ein grosser Bär kam und aus 
Dilfpaksholt ein Stier. Als sie zusammentrafen, Ijub ein grimmer Streit an, in dem 
der Bär Sieger blieb. Am andern Morgen sah man, dass da, wo sie ihren Kampf 
ausgefochten hatten, und wo die Erde aufgewühlt war, ein Tal entstanden war (Lnd. 5, 5I. 
Eine breite Vertiefung, wie ein langgezogener Graben, vielleicht ein altes Flussbett, 
hat Anlass zu dieser Sage gegeben und ist noch heute zu sehen. 



^ ) Der Name soll keltisch sein, Dubhthach, der Schwarze. 



42 Ausflug nach Hlidarendi. Spöi und Loa. 

Die Wiesen, die wir heute durchritten, gehören zu den üppigsten 
von ganz Island. ZaWreiche Schafe weiden auf ihnen, Gruppen von 
bedächtigen Rindern glotzen uns an , mutwillige Pferde spielen in 
muntern Sprüngen, nie wieder habe ich während meiner ganzen 
Reise so viele Tiere beisammen gesehen. Der Regenbrachvogel 
(Numenius phaeopus, isländisch spöi), eine Schnepfenart mit langem, 
gebogenem Schnabel, flattert unaufhörlich neben uns her, die langen 
Füsse zurück und Kopf und Hals vorstreckend, mit halb geöffnetem 
Schnabel seinen eigenartigen Schlag anstimmend, der ruhig mit 
weichen Flötentönen beginnt und mit einem trillernden Dididi . . . 
endigt. Als ich lange wieder in Deutschland war und an einem 
stillen Sommerabend unvermutet dieses Rollen hörte, das in der 
Ferne leicht wie Unkenschnurren klingt, wurde mit einem Male der 
ganze Zauber Islands wieder in mir lebendig. PdlL Olafsson hat 
dem zierlichen Tierchen, das kein Isländer schiessen darf, weil er 
sonst unglücklich würde, ein reizendes Liedchen gewidmet (Pöstion, 
Eislandblüten 140): 

Du Unrast in dem Vogelreiche, 
Du fliegst und singst zu allen Stunden, 
Wie sinnlos an die immer gleiche 
Gesangesweise festgebunden. 

Doch mag dein Lied auch gleich erschallen, 
Klingt stets die gleiche Weise wieder, 
Mir kann kein Vogelsang erschallen 
Wie deine Laute, deine Lieder. 

Und jedes Lied, wie jede Weise, 
Es gilt — so ganz nach meinem Sinne — 
Dem gleichen Hoflen, einem Preise, 
Derselben Lust, derselben Minne. 

Der stete Begleiter des Regenbrachvogels ist der Goldregen- 
pfeifer (Charadrius pluvialis, isländisch loa). Aber während der spöi 
fliegend und laufend unsere Pferde in unmittelbarer Nähe begleitet, 
ist die loa weit scheuer und vorsichtiger. Fürchtet sie, dass wir 
ihrem Neste zu nahe kommen, so lässt sie einen einförmigen Ruf 
von klagender, schwermütiger Tonfärbung erschallen, setzt sich 
zierlich in hochaufgerichteter Körperhaltung auf den nächsten Erd- 
hügel und fixiert den Eindringling, indem sie ihm ihr schwarzes, 
weissumsäumtes Brüstchen zukehrt, mit dem ernsten Blick ihrer 
grossen Augen. Sie verrichtet für den kleinen Alpenstrandläufer 
(Tringa alpina, isländisch löiiprcrll, d. h. Knecht der loa, weil beide 
vielfach in Gesellschaft gesehen w^erden) Warner- und Wächter- 
dienste: fliegt die loa auf, so schwirren auch die zwei oder drei 
Pärchen des löiiprall mit lautem rauh schnurrenden Schriririri da- 
von; lässt sie sich nieder, so scharen sie sich sofort wieder um sie. 



Ausflug nach Hlidarendi. Der Goldregenpfeifer. 43 

Nach isländischem Volksglauben preisst der Goldregenpfeifer in 
seinem Gesänge Gott; sein „dirrindü" deutet man als ,,dyrdin dy" 
(^r^^Ehre, Ruhm). Jonas Hallgri'msson hat diesen Frühlings- 
boten Islands schön besungen (Pöstion, Eislandblüten 45): 

Vöglein singt des Morgens früh 
Frisch und froh sein „Dirrindü" 
In der Luft der lauen : 
„Preiset Gottes Güte laut, 
Seht, wie hell der Himmel blaut, 
Grün sind alle Auen ! 

Flog vom Nest im Moore fort, 
Friedlich harren meiner dort 
Kindlein, noch ganz kleine. 
Füttre treu die frohe Schar, 
Fliegen bring' ich, oder gar 
Würmer, wunderfeine!" 

Heimwärts flog das Vögelein 

— Lenzmild ist der Sonnenschein, 

Blumen blühn im Tale — 

Doch kein Kindlein findet's mehr: 

Frass ein Rabe kurz vorher 

Sie zum Morgenmahle. 

Benedikt Gröndal widmet dem schwermütigen Sänger folgendes 
Gedicht (Pöstion, Eislandblüten 131): 

Vöglein in der Heide singt 
Vom Tod der Blumen traut; 
Immer der gleiche Gesang ist's 
Mit trautem Vogellaut. 

Himmlisch mild deine Töne sind, 
Heidevöglein mein ! 
Ich höre dir zu und sinne — 
Mag nicht ins Haus hinein .... 

Der heutige Ausflug gehört zu meinen schönsten Erinnerungen, 
und wenn ich von Isländern gefragt bin, wo es mir am besten ge- 
fallen hätte, habe ich an erster Linie diesen Ritt nach Hlidar- 
endi genannt. Das Wetter ist herrlich , heller Sonnenschein flutet 
über die Wiesen und das Wasser und verscheucht einen Nebel- 
schleier nach dem andern von den trotzigen Bergen. Unter uns 
rauschen die schmutzig grauen Wellen der Pverä und des Alark- 
arßjöt, das, fortwährend seinen Lauf ändernd und Geschiebemassen 
herabführend, mit dem Netze seiner zahlreichen Arme das mit Ge- 
röll besäte, 10 km breite, etwa vier Stunden lange Tal ausfüllt, das 
uns im Osten von der Gletscherkette trennt. In diese fluvioglazialen 
Geröllflächen sind die zwar nicht breiten, aber tiefen Rinnen des 
Markarßjöt eingeschnitten. Wo die Gletscher aufhören , teilt sich 



44 Ausflug nach Hlidarendi. 

der Strom in vier verschiedene Betten und bildet ein sandiges und 
sumpfiges Delta von fast sechs geographischen Meilen. Der west- 
lichste dieser vier Arme, die Pverd , durch die das Delta mit der 
Pjörsd zusammenhängt, war noch im 17. Jahrhundert ein selbstän- 
diger Strom ; erst die wiederholten Überschwemmungen des Mark- 
arfljöt , vor allem ein Ausbruch des Ey/afjalla/ökull im Anfange 
des 18. Jahrhunderts haben der Pverd einen gewaltigen Zufluss an 
Wasser gegeben, ihr Flussbett erweitert und nach oben hin ver- 
längert und so die Pverä dem Markarfljöt dienstbar gemacht 
Keinem Zweifel aber unterliegt, dass die Pverd zur Sagazeit noch 
ein ganz unbedeutender Fluss gewesen ist und keine Rolle gespielt 
hat. In der Njdlssaga wird die Pverd nicht einmal genannt, sondern 
nur die Rdngd, und in ihre Nähe wird auch Gunnarrs Hof Ijlida>'- 
end i \er\egt (Kaalund I, 237 — 243). Mit dem von Geröll ausge- 
gefüllten Tale des Markarßjöt beginnen die ,,sandar" an der Süd- 
küste. Die Inseln, die sich zwischen den Hunderten von Armen 
des Markarfljdt gebildet haben, hcissen Landeyjar (Landinseln); 
aus ihnen ragen die vereinzelten Kegel des Litla und Stdra Di'uion ') 
hervor. Über die niedrige, zum grössten Teil aus Moor bestehende 
Gegend schweift der Blick bis zu der von Sandflächen und Strand- 
wällen begrenzten Küste des Atlantischen Ozeans, bis zu den davor 
gelagerten Vertiefungen mit seichtem, stillstehendem Wasser (gljd), 
und darüber hinaus bis zu den weissbrandenden Wogen. Schliesslich 
verschwimmt der silberne Wasserspiegel vor den Augen , und sie 
gewahren nur undeutlich noch die Zacken der Vestniaiiuaeyjar. 
Aber da tauchen neben ihnen ein paar Segel auf. Neugierig passen 
wir auf, wohin sie ihren Lauf lenken. Aber siehe da, sie rühren 
und regen sich nicht, festgebannt liegen sie an derselben Stelle, 
und da merken wir, dass es Felsen sind, die bei der klaren Be- 
leuchtung so nah erscheinen , wie grosse Schiffe an der Küste , es 
sind die Drdngar (Klippen) , die wir schon von der Seereise her 
kennen (die Daniel Bruun [Det hoje Nord Kph. 1902, S. 45] ent- 
nommene Figur Nr. 71 zeigt den Blick von Hlidarendi nach den 
Vestinatinaeyjar). 

Steigen .wir in dem Kirchlein von / flidareiidi im Glockenstuhl 
empor, oder reiten wir noch zwei Stunden weiter bis zum nächsten 
Pfarrhof, so wähnen wir uns in ein Tal von völlig alpinenhaftem 
Charakter versetzt. Der Anblick der Pörsmörk , der grünen Oase 
inmitten der Eis- und Feuerberge, ist überwältigend. Grüne, mehr 
oder minder steile Weiden bilden die Talwände , auf deren halber 
Höhe einige Höfe wie Schwalbennester aufgebaut sind. Von allen 



1) Der öfter vorkommende Name bezeichnet kleine, freistehende Berge. Nach 
G u s t. S t o r m ist er keltisch und eine gemeinsame Bezeichnung zweier runder Berge 
(Minder fra en Islandsfaerd. Christiania 1874, S. 19). 



Ausflug nach Hlidarendi. 



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46 Försmörk. 

Seiten blitzen grössere und kleinere Wasserflächen auf, und drei 
oder vier schäumende Wasserfälle hängen wie breite , mattsilberne 
Bänder an den Abhängen. Der eine ist besonders darum merk- 
würdig, dass man das Flüsschen, das ihn bildet, die Merkid (Grenz- 
fluss) , zunächst hoch oben an einem Abhänge wahrnimmt ; dann 
verschwindet es völlig und kommt erst tief unten wieder zum Vor- 
scheine, wie es aus vier Höhlen zugleich herniederstürzt. Weit an- 
sehnlicher ist der Seljalaiidsfoss , der über die steile W^and des 
Eyjafjallajökull fällt. Dieser Plateau -Gletscher nimmt vor allem 
unsere Augen gefangen. Von seinem Doppelgipfel gewahrt man 
nur den stumpfen Kegel, sein Schnee- und Eispanzer reicht auf der 
uns zugekehrten Seite nur bis zur Hälfte, dann verläuft das Massiv 
über steinigen nackten Fels in die Ebene, die am Fusse des Berges 
mit zahllossen, grossen runden Steinen und Geröll bedeckt ist. Nach 
Norden sendet das ca. 1200 qkm grosse Eisfeld fünf grössere Schreit- 
gletscher in das Tal hinab, einige der weissen und bläulichen Zungen 
gehen bis auf den Grund nieder. Nach Nordosten sehen wir in 
den schwarzen, von den trüben Wassern des JMarkarfljöt in vielen 
Armen durchschnittenen Talgrund. Über seiner Mündung schaut 
die vielzinnige Reihe des TiiidfjaUajökiill hernieder , nach seinen 
schwarzen Spitzen ,,Spitzenberggletscher" geheissen. Die Berge der 
Pörsniörk bestehen aus vulkanischen Tuffen , denen gelegentlich 
glaziale Gesteine beigemengt sind. In den Tuffen hat der deutsche 
Geologe von Knebel Maarkanäle festgestellt, d. h. mit vulkani- 
schen Breccien erfüllte vulkanische Explosionsröhren ^). Seltsam ge- 
formte braune und graue Felsen schliessen die ,, Donnersmark" gen 
Osten, eine Welt für sich von abenteuerlichen, wild zerrissenen Fels- 
gestalten, stürzenden Bächen, Gletschern und Wäldern, den grössten 
des Südlandes. Gerade dieser Gegensatz macht die Pörsmörk so 
anziehend, und, abgesehen von der Südküste, ist man kaum wo 
anders der Gletscherwelt so nahe wie hier. Weit im Hintergrunde 
schimmern der 3Ierki( rjökull wnd der Godalai/ds/ökull herüber, ,,eine 
kaum gehobene Bogenlinie, die an vier Stellen brüchige Eismassen 
tiefer herabhängen lässt". Hinter diesen beiden Gletschern führt 
ein wenig benutzter Weg von Norden her nach der Südküste am 
Vatna/ökull vorbei. Hier war es, wo sich Flosi und die Seinen 
durchschlichen, als sie Xjdll in BergpörsJivoU überfielen und in 
seinem Hause verbrannten; hier wurden sie nach der Tat von den 
Freunden des Xjdll, obwohl vergeblich, bis nach den grossen Sand- 
wüsten jenseits der Gletscher verfolgt. (Auch die Figur Nr. 72 ist 
Daniel Bruun entnommen [Det hoje Nord S. 144].) 



1) Dr. Walther von Knebel, Studien in Island im Sommer 1905. Globus 
1905, Bd. 88, Nr. 22. —Vetter, Islands Donnermark, Beilage zur (Münchener) Allge- 
meinen Zeitung. 1888, Nr. 13, 14. 



Ausflug nach Hlidarendi. 



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48 Der Eyjafjallajökull. Gunnarr von Hlidarendi. 

Der Eyjafjallajökull ist der westlichste und höchste Teil der 
gewaltigen zusammenhängenden Gletschermasse, die mit einem Namen 
]\Iyrdalsjökull genannt wird. Er hat seinen Namen „Inselberge- 
gletscher" entweder von dem schwarzen Felsgrat, der sich aus dem 
weissen Rücken des Gebirges erhebt , oder, wahrscheinlicher, von 
den Inseln (eyjar), die sich zu seinem Fusse hinziehen, den Landeyjar 
und den Vestuiaiiiiaexjar. Svetiiii Pdlssou, der bekannte isländische 
Arzt und Naturforscher, hat ihn 1793 bestiegen: nach ihm ist der 
Hauptkrater eingestürzt und mit Eis angefüllt , während drei oder 
vier Tuff klippen , an denen das Eis nicht hat haften können , wie 
Hörner über diesen Ungeheuern vulkanischen Becher aufragen ^). 
Prof. Vetter hat dann 1S87 eine Besteigung versucht, aber es ist 
ihm nicht geglückt, auch von oben herab in die Felsen- und Gletscher- 
welt der Pö7'S))wrk zu sehen-). Der Eyjajjallajökull hat zwei Aus- 
brüche gehabt, die aber keinen grossen Schaden angerichtet haben : 
im Jahre 161 2 soll Wasser und Eis bis nach dem Meere hinaus- 
getrieben sein; 1821 spie er Wasser und Eis, eine gewaltige, mit 
Eisstücken gemischte Wassermasse staute das Markarßjöt bis zu 
den Hauswiesen der gegenüberliegenden Gehöfte empor. Die zurück- 
gebliebenen Gletschertrümmer, die über zwei Jahre zum Auftauen 
brauchten , haben hier und da in der Ebene tiefe , runde Löcher 
zurückgelassen ,,wie die Vertiefungen in einer Apfelkuchenpfanne" 
(K aal und): wie die für Island charakteristischen ,,sandar", so be- 
ginnen hier auch die ebenso eigenartigen trichterförmigen Löcher, die 
vor allem in den Gegenden südlich vom l'al )i ajökiill xox^oxxwaQXi. Ver- 
heerungen durch Lava und Asche scheint der Berg nicht angerichtet 
zu haben, wie sein Nachbar, die Kalla: dagegen wird die Anlage 
des Flusstales, eines ehemaligen Fjordes, und des Küstenlandes auf 
seine Tätigkeit zurückzuführen sein. 

,, Schön ist die Halde ! so schön hab' ich das Land noch nie 
gesehen . . . ich reite wieder heim und reise nicht." — Diese Worte 
des ritterlichsten Helden auf Island, des Gunnarr Hdmundarson 
von Hlidarendi , fielen mir ein, als ich über das weite Flachland 
nach dem strahlenzitternden Meer hinausblickte. Hier, in Illidaretidi, 
hat Gunnarr im zehnten Jahrhundert gelebt. 

Er war ein Mann gross von Wuchs und stark und der allerkampftüchtigste 
Mensch. Er hieb und schoss mit beiden Händen, wenn er wollte ; mit dem Schwerte 
focht er so schnell, dass man glaubte, drei Schwerter in der Luft zu sehen. Er war 
der allerbeste Bogenschütze und traf alles, wonach er zielte. Er sprang höher, als 
er selber war, mit voller Waffenrüstung, und ebensoweit rückwärts wie vorwärts. Er 
konnte schwimmen wie ein Seehund, und kein Spiel gab es, worin einer mit ihm 
hätte wetteifern können; man sagt, dass kein ihm gleicher je wieder gelebt hat. Er 



') Thoroddsen, Oversigt over de islandske Vulkaners Historie. Kph. 1882, 

S. 24i 54. 90. 

-) Vetter, Der Eyjafjallajökull. Jahrbuch des Schweizer Alpenklubs 1887. 



Gunnarr von Hlidarendi. 49 

war schön von Aussehen und hatte lichte, helle Hautfarbe; seine Nase war wohl- 
geformt und etwas nach aufwärts gebogen. Er hatte blaue Augen, einen lebhaften 
Blick und rote Wangen ; sein Haar war stark, von blonder Farbe und stand ihm wohl. 
Er hatte von allen Männern die höfischste Lebensart, war entschlossen im Handeln, 
gab guten Rat und war wohlwollend, freigebig und besonnen, gütig und sorgfältig in 
der Wahl seiner Freunde. Ausserdem war er reich an Besitz (K. 19). Diese Cha- 
rakteristik von ihm entwirft die Njälssaga, die Krone aller isländischen Sagas , und 
diese Charakteristik ist die schönste der gesamten .Sagaliteratur. Mogk rühmt von 
der Njälssaga, dass sie an Grossartigkeit der Charakterschilderung, an ethischem 
und ästhetischem Wert, an dramatischer Darstellung, an der reichen Fülle interessanter 
Tatsachen alle anderen übertrifft '). Diese Saga voll Weibertücke und Weiberhass, 
Freundestreue und Blutrache ist die wohlüberlegte und planmässig durchgeführte Ver- 
schmelzung von zwei Sagas, die eine handelte von Gunnarr von Hlidarendi, die 
andere von Njäll und seinen Söhnen auf Bergpörshvoll. Die Vereinigung der beiden 
Sagas war um so leichter, als ihre beiden Helden durch treue Freundschaft mit- 
einander verbunden waren. Den Schauplatz dieses Meisterwerkes kennen zu lernen 
war einer der Hauptgründe für meine beiden Abstecher von Störölfshvoll nach 
Hlidarendi und Bergpörshvoll gewesen, und ich will den Versuch wagen, memen 
Lesern eine Vorstellung von dem Inhalt und der dichterischen Bedeutung dieser Saga 
zu geben. Zu kurz war die Zeit, die mir zur Verfügung stand, als dass ich gründlich 
alle Angaben der Saga mit dem Schauplatze, wie er in Wirklichkeit ist, hätte ver- 
gleichen können. 

Treue Freundschaft verbindet den edlen Gunnarr mit dem weisen Njäll. Nur 
selten erzählt eine Saga, dass eine Frau schön ist; und ist es der Fall, so bringt die 
Liebe nur Leid und Verderben: ie diu Hebe leide ze aller jungiste gif. Schön ist 
Hallgerdr und hochgewachsen, ihre Haare wallen so lang und schwer hernieder, dass 
sie sich darin einhüllen kann. Aber sie ist stolz, ränkesüchtig und rachgierig, für den 
Unterschied von Gut und Böse hat sie nicht das geringste Gefühl. Als Kind spielt 
sie einst mit einigen Mädchen auf der Diele. „Ist es nicht ein liebliches Mädchen?" 
fragt voll Stolz der Vater ihren Oheim. Nach langem Schweigen erwidert der : 
„Sehr schön ist sie, und mancher wird dafür büssen müssen. Aber ich kann nicht 
begreifen, wie die Diebesaugen in unsere Sippe kommen". Diese Worte werden für 
die ganze Erzählung bedeutungsvoll, sie verkündigen warnend ihr verderbliches Ein- 
greifen in das Geschick von Gunnarr und Njäll und dessen Söhnen. Mit unwider- 
stehlicher Macht zieht sie alle Männer an sich, ihre beiden ersten Gatten beseitigt sie 
direkt oder indirekt. Auf dem „Lögberg" in Pingvellir begegnet Gunnarr der 
Hallgerdr, ihr herrliches Haar hängt ihr über die Brust herab, sie trägt ein rotes 
Gewand und darüber einen Scharlachmantel, dessen Borde bis zum Schosse reicht. 
Gunnarr beginnt ein Gespräch mit ihr und fragt sie, ob sie unverheiratet sei. Sie 
antwortet, dass dies der Fall wäre, „und es ist nicht vieler Männer Sache, mit mir 
eine Ehe zu wagen". „Scheine ich dir nicht eine angemessene Partie?" fragt er. 
„Darum handelt sichs nicht", versetzt sie, „aber wählerisch unter Männern werde ich 
sein." ,,Wie wirst du antworten, wenn ich um deine Hand bitte?" fragt Gunnarr. 
,,Das wird nicht deine Absicht sein", entgegnet sie. „Du irrst", erwiderter. ,,Wenn 
es dir irgendwie Ernst ist", antwortet sie, ,,so suche meinen Vater auf." Trotz der 
Warnung ihres Oheims: „Du, Gunnarr, bist tüchtig und brav; aber sie hat ihre 



^) Geschichte der norwegisch-isländischen Literatur. Strassburg 1904, S. 214. 
— Finnur Jönsson, Der oldnorske og oldisl. Litteraturs Historie. Kph. II. 1898, 
S. 525 — 547; — Om Njala, in: Aarb. f. nord. Oldkynd. og Hist. 1904, S. 89 — 166. — 
Lehmann u. Schnorr von Carolsfeld, Die Njälssage, insbesondere in ihren juristi- 
schen Bestandteilen. Berlin 1883. — Ausgaben: Kph. 1875, Reykjavik 1894. — 
Kap. 124—132 sind deutsch übersetzt von Beruh. Döring ,, Eine altisländisch 
Brandlegung". Leipzig 1878. Programm des Nicolaigymnasiums. 

Herrmann, Island II. 4 



50 Gunnarr von Hlidarendi. 

guten und schlechten Seiten, und ich will dich darüber nicht im Ungewissen lassen", 
verlobt er sich mit ihr. Auch Njäll, den Gunnarr sofort benachrichtigt, ist wenig 
erfreut: ,,Sie wird nur Böses anstiften, wenn sie hierher kommt". ,, Niemals aber", 
entgegnet Gunnarr, „soll sie unsere Freundschaft stören". 

Zwischen Hallgerctr und Bergpöra, der hochsinnigen, aber stolzen und heftigen 
Frau des Njäll bricht der Kriemhildenstreit aus^ wie die kiinigi)inen ein ander 
schulten. Beim Gastmahl in Bergpörshvoll suchen die beiden Frauen einander mit 
den gehässigsten Hohnworten und Kränkungen den Vorrang streitig zu machen, und 
die unterliegende Hallgerdr heischt Rache von ihrem Gatten Gunnarr, wie Brün- 
hild von Günther Rache fordert. Ärgerlich darüber, dass sie, Gunnars Weib, den 
Platz vor einer von Bergpöras Schwiegertöchtern hat räumen müssen, ergreift Hall- 
gerdr die Hand ihrer Feindin mit den Worten: ,,Du und Njäll passt gut zu einander, 
Du hast missgestaltete Nägel an jedem Finger, und Njäll ist bartlos". ,,Das ist 
wahr" entgegnet Bergpöra, ,,aber keiner von uns legt es dem andern zur Last. 
Dein erster Gatte war nicht bartlos, dennoch brachtest Du ihm den Tod". 

Hallgerdr entblödet sich nicht, zu stehlen und ihren Gatten als Hehler hinzu- 
stellen. Sie stiftet während einer Hungersnot einen Sklaven an, nach Kirkjubcer in 
der Vestur Skapta/ells sf/sla zu reiten, dort zwei Pferdelasten an Butter und Käse 
zu stehlen und dann den Speicher in Brand zu stecken. Als Gunnarr den gemeinen 
Diebstahl merkt, wird er zornig : ,, Schlimm wäre es, wenn ich Diebshehler sein 
sollte" und schlägt sie auf die Wangen. ,,An den Schlag sollst du denken !" ruft 
Hallgerdr und eilt hinaus (vergl. I, S. 219, 220). 

Gunnarr und Njäll bleiben sich treu und zahlen einander gern die Sühne, die 
Mannen- und Freundesmord, den die Feindschaft ihrer Frauen hervorgerufen hat, nach 
den Gesetzen fordert. Einmal aber verletzt Gunnarr gegen den Rat seines Freundes 
das Gesetz, er muss seinen Hof Hlidarendi verlassen und auf drei Jahre ins Elend 
gehen. ,, Brichst du diesen Vergleich, wird es dein Tod sein. Gehst du aber ausser 
Landes, dann wird dir diese Fahrt mehr Ehre einbringen als deine Wikingerzüge." 
Schon hat Gunnarr einen Platz auf dem Schiffe belegt, das ihn nach Christiania 
bringen soll, hat Abschied von den Freunden genommen und seinen Dienstleuten 
Lebewohl gesagt. Er hat sich aufs Pferd geschwungen und ist das Markarfljöt ent- 
lang geritten. Auf der Mitte des Weges zwischen Hlidarendi und dem Meere, auf 
einem grünen Rasenplatz , der seitdem Gunnarshnlmi (Gunnars Inselchen) heisst, 
stolpert sein Pferd, er schwingt sich aus dem Sattel, sein Gesicht kehrt sich der 
Halde zu und seinem Gehöft auf Hlidarendi. Da sagte er: „Schön ist die Halde! 
so schön hab ich sie nie gesehen : die Fluren gelb und das Gras auf dem Tun ge- 
schlagen . . . ich reite wieder heim und reise nicht!" 

So wird Gunnarr friedlos, seine Heimatsliebe gibt ihn seinen Feinden in die 
Hände. Hallgerdr, die väleniinne, hat ihr Ziel erreicht : Gunnarr fällt im Kampfe, 
und Njäll wird in seinem Hause verbrannt. Olafr Pfau hat Gunnarr einen grossen 
Hund geschenkt: „der hat Menschenverstand; er wird jeden anbellen, den er als 
deinen Feind erkennt, niemals aber deinen Freund, denn er sieht es jedem sogleich 
an, ob er dir wohlgesinnt ist, oder übel ; seine Treue zu dir wird er durch Einsetzung 
seines Lebens beweisen, sein Name ist Sämr" . Da Gunnars Feinde wissen, dass sie, 
solange Sämr lebt , ihm nichts anhaben können , zwingen sie Gunnars Nachbar, 
indem sie ihm den Dolch vor die Brust setzen, entweder sofort zu sterben oder den 
Hund an sich zu locken, der ihn als guten Nachbarn kennt, und so unschädlich zu 
machen. Sämr liegt oben auf dem Hausdache, der Bauer lockt ihn an sich auf dem 
eingehegten Weg, der durch das Tun läuft. Freundlich wedelnd springt der Hund 
herab, als er aber die anderen Männer sieht, packt er den Bauern und beisst ihn. 
Da schlägt ihm ein anderer die Axt tief ins Gehirn. Der Hund stösst ein Geheul 
aus, wie man noch nie von einem Hunde vernommen hat und stürzt tot nieder. 
Gunnarr erwacht in seinem Schlafhause und ruft: „Schmerzlich ist dir mitgespielt, 
Sämr, mein Liebling! mein Tod wird dem deinen schnell nachfolgen!" 



Gunnarr und Hallgerdr. öl 

Gunnars Haus war von lauter Holz gebaut und aussen mit Brettern überkleidet. 
Fenster waren neben der Plattform und Läden vorgezogen. Gunnarr schlief in der 
Oberstube. Auf dem Erdboden lagen Stränge, und diese v^'urden dazu verwendet, das 
Haus beständig festzuhalten. Mit deren Hilfe winden die Feinde, an ihrer Spitze 
Gissurr hviti und Geirr godi, das Dach ab, Gunnarr aber merkt es erst, als es 
geschehen ist. „Gib mir zwei Locken von Deinem Haar", sagt Gunnarr zu seinem 
Weibe Hallgerdr, da ihm die Bogensehne unbrauchbar geworden, „und flicht Du mir 
eine Bogensehne daraus, Mutter," zu seiner Mutter Rannveig. „Hängt etwas davon 
ab?" fragt Hallgerdr. „Mein Leben hängt davon ab", erwidert er, „solange ich 
meinen Bogen gebrauchen kann , sollen meine Feinde nie Macht über mich be- 
kommen !" „Dann werde ich Dir die Ohrfeige gedenken, die Du mir gabst", sagt sie, 
„mir verschlägt es nichts, ob Du Dich längere oder kürzere Zeit wehrst." „Jeder hat 
etwas, womit er sich einen Namen macht", entgegnet Gunnarr, „ich werde Dich nicht 
lange bitten." Rannveig ruft ihr zu: „Arg handelst Du, ewig wird Deine Schande 
leben!" Tapfer kämpfend fällt Gunnarr. Sein Sohn Högni aber und Skarp- 
hedinn, Njäls ältester Sohn, übernehmen die Rache und ruhen nicht eher, als bis 
Gunnars Mörder alle getötet sind : „von zweier vroiiwen bägen ivart vil nianic 
hell verlorn." Hallgerdr ist eine Frauengestalt, die in dem verführerischen Reiz, 
den sie auf die Männer ausübt, in ihrer zügellosen Wildheit und unbezähmbaren Rach- 
sucht an Shakespeares Frauengestalten gemahnt. Hochdramatisch ist die Streitszene 
zwischen ihr und Bergpöra, im vollen Sinne tragisch die Umkehr Gunnars, als sein 
Blick auf die blühende Halde fällt, und dem letzten Akt, wo in der höchsten Not die 
Frau dem Manne, der ihr alles geopfert, die Hilfe versagt, wüsste ich wenig Stellen 
in der Weltliteratur zur Seite zu setzen. 

Isländische Volkslieder gibt es sehr wenig ; auf den Färöern aber, „w^o die 
Wendung des Geschmackes auf ausländische Ritterromantik sich weniger durchgreifend 
geltend machte", hat sich manches Lied isländischen Ursprungs noch erhalten. 

Auf Syderö, einer der Färöer, ist ein Volkslied aufgezeichnet, Gunnars Lied, 
Gunnars kvcedi ' ) : 

Gunnarr, der Recke, schoss — da sprang 

Ihm an seinem Bogen der Strang. 

Da handelte sie so schmählich. 
Schmählich verriet sie den Helden kühn, 
Und das war doch so schmählich. 

,, Hallgerd, zeige, dass Du mich liebst, 
Damit, dass Du eine Locke mir gibst." 

,, Meine Locken sind meine Lust, 
Golden wallen sie über die Brust. 

Künde mir klar, sage mir wahr. 
Was begehrest Du jetzt mein Haar?" 

„Wäre mein Bogen mir unversehrt. 
Leicht ich mich meiner Feinde wehrt'. 

Schneide mir schnell eine Locke ab, 
Denn mein Leben hängt davon ab." 

,, Hängt Dein Leben auch davon ab — 
Nie schneid ich für Dich eine Locke ab. 



1) Faeröiske kvasder, samlede og besörgede ved V. U. Hammershaimb Kph. 
1855. Nr. 8. — Anliquarisk Tidsskrift , udgivet af det kongelige Nordiske Oldskrift- 
Selskab. Kph. 1849—51, S. 87. 



4* 



52 Gunnarr und Hallgerdr. 

Immer gedenke des Tages ich, 

Da auf die Wange Du schlugest mich!" 

Verflucht sei das Weib, Schand ihr und Scham, 
Die ihrem Gatten das Leben nahm ! 

Mutter weinet so bitterlich: 

,,Nimm mein Haar und rette Dich!" 

„Niemals! Eh'r falle dem Feinde mein Haupt, 

Ehe man Dich eines Haares beraubt!" 
Da handelte sie so schmählich, 
Schmählich verriet sie den Helden kühn, 
Und das war doch so schmählich. 

In diesem Volksliede tritt ein neues, erschütterndes Motiv zutage : Mutterliebe 
opfert alles dem vielgeliebten Kinde ; aber eher will der Sohn sterben, als dass er 
der Mutter ein Härchen krümmt, als dass er ihrem heiligen Haupte eine Locke 
entzieht. 

Etwas nüchtern, weil halbgelehrten Ursprung oder doch Einfluss verratend, mutet 
dagegen ein isländisches Volkslied an, Gnnnarskvoe(tt ') : 

Von Gunnarr, dem Bauern und streitbaren Helden 
Auf Hlidarendi, will mein Lied euch melden. 
— Auf dem Thing 
Liebte Brynhild mehr den Hring. 

In dieser, in jedem Verse wiederkehrenden Strophe wird auf die Hringssaga 
Og Tryggva angespielt, die heimische Mythen mit romantischen Gestalten und Er- 
eignissen verwebt. Das Lied handelt von dem Diebstahle des Käses und von der 
Ohrfeige, die Gunnarr der Hallgerdr gab, und davon, welchen Lohn er bekam, als 
er sich gegen Gissurr und seine Genossen wehrte : 

Hallgerd will das Haar nicht geben, 
Hängt daran auch Gunnars Leben — 

Das Volkslied schliesst so : 

Also endet der beiden Zank — 
Tot zur Erde Gunnarr sank. 
— Auf dem Thing 
Liebte Brynhild mehr den Hring. 

Übrigens ist der Refrain gut gewählt, er passt ausgezeichnet zu dem Gegen- 
stande. — 

Es ist merkwürdig, dass ein so durch und durch tragischer 
Stoff noch keinen Dramatiker auf Island gelockt hat ; Indridi Evi- 
arsson und Mattlu'as Jochunisson hätten wohl die Kraft dazu. 
Jonas Hallgrfmsson allerdings hat in einer wundervollen Elegie 
„Gunnarshöhn'' den Zug festgehalten, dass das Heimweh und die 
Vaterlandsliebe den Helden derart packen, dass er den Eid bricht 
und dem sichern Tod entgegengeht. Aber Gunnarr selbst kommt 



^) Jon t'orkelsson, Om Digtningen paa Island S. 183; Finnur Jönsson, 
Bökmentasaga Islendinga. Kph. 1904 5, S. 467. 



Gunnarr bei Jonas Hallgrimsson und Bjarni Thörarensen. 53 

bei ihm zu kurz; wer seine Saga nicht kennt, wird nimmermehr ein 
Bild dieses lichten Sonnenjünglings erhalten. Allzu üppig über- 
wuchert die Naturschilderung die Handlung. Dafür entschädigt 
freilich der Wohllaut der Sprache, und über der Beschreibung liegt 
ein Zauber ausgegossen, der dem Gedichte allzeit einen Ehrenplatz 
in der isländischen Lyrik sichert. 

Bjariii Thörareitsen , Jonas Freund, hat in Hlidarendi (d. h. 
Halden-Ende) seine Kindheit verlebt. Vergleicht er die Landschaft 
jetzt mit der, wie sie zu Gimnars Zeiten gewesen ist, wie öde und 
ärmlich ist sie geworden! Im schlichten Versmasse der Edda gibt 
er seinem Schmerze darüber Ausdruck^): 

Ein wüster Fleck Gunnarr vom hohen 

Ist Fljötshlid geworden, Grabhügel sieht 

Das einst so wunder- Die früher so schönen 

Lieblich gewesen ! Steige verblasst, 

Bergkies umlliesst Und er bereut's jetzt, 

Die Füsse jetzt, Dass er zurück kam, 

Die ehmals auf grünem Um in so öder 

Grasfeld gestanden. Erde zu ruhen. 

Auch Jonas weiss , dass zu Gunnars Tagen das Land weit 
schöner gewesen ist: jetzt ist die Pverd über ihre Ufer getreten 
und hat die Gegend in eine Sandwüste verwandelt; lieblich ist nur 
noch der Holm , wo sein Ross strauchelte , und wo Gunnarr um- 
kehrte. Aber mit um so grösserer Liebe verweilt er beim Aus- 
malen der Landschaft, wie sie ehedem gewesen ist, während Bjarnis 
Sinn die traurige Gegenwart gefangen hält. Im verklärenden Lichte 
der Romantik sieht Jonas, wie die Abendsonne die silberblauen 
Zinken des Eyjafjallagletschers bestrahlt, der hoch über das Land 
nach Osten emporragt und sein lichtes Haupt im klaren Blau des 
Himmels badet . . . Dort ragt der Tiudfjallajökiill mit seinem 
dunkelblauen Mantel und dem blanken Helm, der im Schneeglanze 
blitzert. Von Norden her der Hekla-Gipfel dräut, dessen blanker, 
schwarzer Achat wie ein Spiegel blinkt. Das Markarfljöt strömt 
brausend durch ein waldiges Tal, grüne Wiesen bedecken seine 
Ufer, die Drossel singt in der Luft. 

Dann wird erzählt, wie Gunnarr und sein Bruder sich zum 
Aufbruch fertig machen und abreiten. 

Noch einmal wendet Gunnarr sich zurück ; 

Da gilts ihm gleich, ob auch der Tod ihm werde 

Von Feindeshand zum baldigen Geschick. 

,,Nie", ruft er, ,,sah ich schöner dies Stück Erde; 
Die rote Blume blinkt im gelben Hage, 
Zerstreut auf breiten Weiden geht die Herde. 



1) Übersetzung von Pöstion, Isl. Dichter der Neuzeit, S. 299. 



54 Gunnarshölmi von Jonas Hallgrimsson. 

Hier will verbringen ich die Lebenstage, 

Die noch beschieden mir. — Ich bleib im Land ! 

Leb Bruder wohl ]" Das ist die Gtwnars Sage. 

Das Gedicht schliesst mit den beiden Stanzen: 

Denn er verschmähte Heil an fremdem Strand; 

Den Tod im Lande hat er vorgezogen. 

Es Hess der Held in grimmer Feinde Hand 

Sein Leben bald, durch schlaue List betrogen. — 

Lieb dünkt mich Gunnars Sage, wenn im Sand 

Ich stehend staune, wie der Macht der Wogen 

Der Gunnarsholm, so niedrig er auch liegt, 

In seinem grünen Schmucke noch obsiegt. 

Durch Sand sollt jetzt die Pverä, wo einmal 
Es Äcker gab, umsäumt von grünen Auen ; 
Des Stroms Verheerung in dem schönen Tal 
Im Sonnenrot die alten Berge schauen. 
Die Zwerge flohn, der Felstroll starb, und Qual 
Der Not herrscht drückend in den öden Gauen ; 
Doch schirmt den Ort geheimnisvolle Macht, 
Wo Gunnarr umgekehrt trotz seiner Acht '). 

Neidlos erkannte Bjanii Thörarensen die Schönheit des Ge- 
dichtes an. ,,Nun glaub" ich, es ist am besten, ich höre auf zu 
dichten!" rief er aus, als er das Gedicht des dreissigjährigen Freundes 
gelesen hatte. Mit den Augen hatte BJanii allerdings die Natur 
nie angesehen, er wäre nie darauf verfallen, die Liebe des Helden 
zur Natur zum Motiv seiner Umkehr zu machen: bei ihm hätte es 
Gunnarr aus Heldentrotz und Todesverachtung getan. 

Das Tragische, das in der Gunnarssaga liegt, ist noch nicht 
gehoben, aber ein Ansatz dazu ist gemacht — von Henrik Ibsen 
in seinem Schauspiele „Nordische Heerfahrt". 

Nichts hat das Verständnis dieses Dramas in Deutschland und in Skandinavien 
so erschwert wie die irrige Annahme, dass der Dichter die Brynhild-Tragödie der 
Edda und der Völsungasaga in realistischer Form dramatisiert habe. Die isländischen 
Sagas vielmehr, vor allem die Njälssaga, haben ihm Stoft' und Farbe gegeben. 
Oernulfs Totenklage im IV. Akte ist eine Nachdichtung des Sonatorrek (Verlust der 
Söhne\ des Egill SkallogriDlSSOU, eines der grossartigsten und am tiefsten gefühlten 
Skaldenlieder, das wir haben. Wie der heidnische Skald gibt der moderne Dichter 
seiner Ohnmacht den Göttern gegenüber Ausdruck und ballt wie Prometheus voll 
Trotz seine Faust. Nicht nur den Namen des unversöhnlichen Kaari und der Berg- 
thora, des alten Oernulf Gattin, hat der Dichter der Njölssaga entnommen, auch der 
Spott über Njdls Bartlosigkeit, der Vorwurf, dass Oernulf in Weiberkleidung gesteckt 
habe (vergl. Nj. 124), die treue Freundschaft zwischen Sigurd und Gunnar^), vor aUem 



*) Übersetzung von Pöstion, Isl. Dichter, S. 356; Eislandblüten S. 41 (abge- 
druckt bei Valtyr-Palleske, Island am Beginn des 20. Jahrb., S. 171). 

^) Mit SigKrds Worten ,,Fest soll unsere Freundschaft bestehen, versucht man 
gleich sie zu erschüttern ," vergl. Gunnars Worte „Niemals soll sie (Hallgerdr) 
unsere Freundschaft stören", und ,,er werde niemals seinen Freundschaftsbund mit 
Njdll brechen" (K. 37). 



Die Gunnarssaga und Ibsens „Nordische Heerfahrt". Hlidarendi. 55 

der ganze II. Akt (das Festmahl in Gtiniiars Halle und das Festmahl auf Berg- 
pörshvoll) stammen eben daher. Hjördis ist schön, aber hartgesinnt und rachgierig 
wie Hallgerdr. Deutlich ist die Szene, wie der „eingebrannte" oder richtiger: be- 
lagerte Glinnar (denn die Brandlegung kommt nur bei Njäll vor) seine Gattin um 
eine Haarflechte bittet, von dem norwegischen Dichter benutzt, wenn auch mit leise 
geänderter Motivierung, die an Shakespeares Verhältnis zu seinen Quellen erinnert. 
Hjördis erzählt Siglird im III. Akt einen Traum: Sigurd der Starke kommt ins 
Land , Mord und Brand will er üben. Alle Mannen Glttlliars sind gefallen , nur er 
und Hjördis sind übrig. Schon legen sie von draussen Feuer ans Dach — „Ein 
Bogenschuss", ruft Giiimar, ein einziger kann uns erretten" — — da reisst der 
Strang. „Hjördis, schneide von Deinem Haar eine Flechte und mache eine Bogensehne 
daraus — es gilt das Leben!" Aber Hjördis lacht — ,,Lass brennen, lass brennen! 
Das Leben ist mir keine Handvoll Haare wert." Den grossen Beifall, den die Auf- 
führungen von Ibsens ,,Nordischer Heerfahrt" in Reyjavik gefunden haben, schiebe 
ich einmal darauf, dass die Isländer besser als wir das wahrheitsgetreue, lebensvolle 
Bild des Dichters aus der altnordischen Vorzeit zu würdigen gewusst haben ^) , so- 
dann darauf, dass Ibsen wie Björnson mit den Menschen der alten Sagazeit verwandt 
sind. Auch in Ibsens Schicksalsdramen kann man, wie Alex. Bugge hervorhebt, deut- 
lich die Übereinstimmung mit der Auflassung der Eddalieder und der Geschlechtssaga 
von Menschen und Schicksal verspüren (B ugg e- Hun ge r lan d , Die Wikinger. Halle 
1906, S. 282). 

Als wir die kleine Kirche verliessen, die dasselbe Altarbild wie 
in Lundur schmückt, Christus mit einem Kinde, gesellte sich der 
Bauer zu uns und erbot sich, uns die einzelnen Stätten zu zeigen, 
an denen die Tradition haftet. Nordöstlich vom Gehöfte soll 
Gimnars Grabhügel sein, eine natürliche Anhöhe aus Grus und 
Stein; aber das ist unmöglich, weil die Pverd hier alles verwüstet 
hat. Ein paar ansehnliche Steinblöcke mögen in der Tat als Funda- 
ment benutzt sein. Sie sollen die Überreste des Hauses sein, in dem 
Gunnarr sich heldenhaft wehrte. Eine kleine grüne Erhebung im 
Boden heisst Sdnishaiigr , hier soll Guunars treuer Hund Sdrnr 
liegen. Eggert Ölafsson und Bjarni Pdlsson haben auf ihrer Reise 
hier zwei alte Schwerter, einen Spiess und einen Ringpanzer ange- 
troffen (deutsche Ausgabe II, 229), und nach einer Beschreibung 
vom Jahre 1746 wurde in Skdlholt eine Axt aufbewahrt, die Skarp- 
hedinn, Njdls Sohn, gehört hatte (Kaalund II, 408) ^j. Mag man 
dem auch zweifelnd gegenüberstehen, eine Angabe der Njdla ist 
von so überraschender Naturwahrheit, dass man gern auch die übrigen 
annehmen wird. Sig?mmdr Lambasoii und Skjöldr waren von 
Gunnarr aufgenommen, Hallgerdr warf auch nach ihnen ihre Netze 
aus und überredete sie, einen Mann Njals treulos zu überfallen, der 
dessen Söhne erzogen hatte. Skarphedinn zog mit seinen Brüdern 
zur Rache nach Hlidarendi und traf die beiden Mörder ,, zwischen 

1) Auch die charakteristische Mischung von Heidentum und Christentum bei 
Sigurd ist in der Njälssaga enthalten; das hat gut erkannt Roman Woerner, 
Henrik Ibsen I, München 1900, S. loo/i, auch S. 82 oben. 

2) Über archäologische Funde hier vergl. Kaalund, Islands Fortidslaevninger 
S. 63 f., 90 Anm. I, 103. 



56 Mein Besuch in Hlidarendi. 

zwei Bächen", wo sie nach einigen Pferden suchten (K. 45): diese 
Stelle liegt etwas östlich von Hlidarendi und passt genau zu der 
Beschreibung. 

Der Bauer sprach lebhaft und schnell, ich hatte grosse Mühe, 
seinen Worten zu folgen. Da begleitete er seine Erklärung mit 
allerhand Gesten, er warf sich auf die Erde, um mir zu veranschau- 
lichen, wie Guunars Feinde herangekrochen wären, und ahmte das 
Bellen des Hundes nach, der seinen Herrn warnen sollte, — kurz, 
er war bis auf das kleinste mit dem Inhalt und dem Schauplatze 
der Sage vertraut. Ich musste daran denken , ob wohl auf den 
Süptitzer Höhen ein Bauer mir die Schlacht von Torgau auch nur 
annähernd so genau und lebendig zu schildern vermöchte. Unser 
Bauer wusste aber auch weiter Bescheid. Der Mineraloge und 
Chemiker Gi'sli Magnüsson (162 1 — 96) lebte hier und legte einen 
Gemüsegarten an, auch Gerste säte er, doch soll seine Ernte nie 
mehr als einen Scheffel Getreide betragen haben. Der Kümmel, 
der sich jetzt über die ganze Landschaft Fljötshli'd verbreitet hat, 
soll von Hlidarendi stammen, w^ohin ihn Gi'sli zuerst gebracht hat. 
Jon Porkehson (1697— 1759) und Egger t (1756) fanden den Ge- 
müsegarten Gi'slis vollständig verödet, nur Kümmel wuchs noch 
von dem, was er gesät hatte. 

Wir waren schnell vertraut geworden. Der Bauer bat um die 
Ehre, mir eine Tasse Kaffee anbieten zu dürfen, und wartete sogar 
mit einer guten Zigarre auf. Er wusste auch von manchen Sagen 
zu erzählen; da ich sie aber bei meiner Rückkehr gedruckt vorge- 
funden habe, gehe ich auf sie nicht ein ^). In der einfachen, aber 
säubern Stube stand ein schottisches Harmonium; der 18jährige 
Sohn, ein Bauernjunge mit groben, ungefügen Fingern, setzte sich 
ohne langes Zieren an das Instrument und spielte Choräle und 
Lieder, die wir mitsangen. Auf ein heimliches Flüstern mit seinem 
Vater schlug er mit einem Male w'ohlbekannte Töne an, und zu 
Ehren des deutschen Gastes erklang das gewaltige Trutz- und Sieges- 
lied der protestantischen Kirche: „Ein feste Burg ist unser Gott". 
Durch die ofTenen Fenster tönte es in isländischer Übersetzung 
hinaus zu den ewigen Bergen und Gletschern, als wollte es Zeugnis 
dafür ablegen, dass der nördlichste, germanische Stamm trotz aller 
heissen Bemühungen der katholischen Kirche das „Wort" bewahren 
werde. Nicht oft in meinem Leben habe ich das alte Lutherlied 
mit solcher Andacht und Weihe gehört und gesungen, wie hier auf 
dem weltentlegenen Eislande, fernab von dem, was man ,,Zivili- 



1) Eine Eiben- und Ächtersage von Hlidarendi bei Maurer, Isl. Volkssagen, 
S. 13, 246; eine Gespenstersage am Markarfljöt a. a. O. 66; eine Riesen- und Pest- 
sage von Fljötshlid a. a. O. 44, 224. Ein wunderliches Fortleben Giinnars bis in 
die Neuzeit bei Maurer, Zeitschrift d. Ver. f. Volksk., V, 99. 



Von Hlidarendi zurück nach StörölfshvoU. 0/ 

sation" nennt. Auch mein skeptischer Führer war sichthch ergriffen, 
und während er sonst von deutschen Liedern eigentUch nur „Ich 
weiss nicht, was soll es bedeuten" kannte und summte, fing er 
heute beim Weiterritt immer wieder an, in die klare Luft hinaus 
zu schmettern : 

Vor giid er borg ä bjargi traust, 
hid besta sverd og verja. 

Es war, als wollte der heutige Tag uns geradezu mit einer 
Fülle des Schönen überschütten. Als wir die Pverd entlang zurück 
ritten, deren Wellen immer mehr Land einzureissen drohen, hatten 
wir den überraschenden Anblick einer Fata morgana (ti'dbrd, 
npphillingar m. pl.): die Höfe und Anhöhen erschienen wie Inseln 
auf einer in Wirklichkeit gar nicht vorhandenen Wasserfläche zu 
schwimmen, selbst der Berg Dimon schien emporgehoben und auf 
dem Wasser zu spiegeln, fern auf dem Meere schwebten einige Schiffe 
in der Luft. Der Genuss dieses in seiner Schönheit überwältigenden, 
in seiner geheimnisvollen Natur aufs höchste erregenden Schauspiels 
ist nur bei klarem, stillem und warmem Wetter möglich; die Luft 
selbst zittert und flimmert wie bei uns auf der Heide in der heissen 
Mittagssonne. Etwas ähnlicher ist die tidbrd in Lavawüsten, die 
Sieingriniur Thorsteinsson besingt: 

Die Lava glänzt im warmen 
Zitternden Sonnenschein; 
Von schwarzen Kieseln glitzerts 
Beim Moosgrund im Gestein'). 

Als wir zurückkamen, hörten wir einen Knecht, die Sense auf 
dem Rücken, mit melodischer Stimme ein Lied singen, das über 
die Wiesen in der Stille des Abends weithin klang — es war eine 
englische Weise, der Text eine Übersetzung. Ein gemütlicher 
Plauderabend mit den liebenswürdigen Wirten beschloss den schönen 
Tag würdig. Die Mitteilung, dass in StörölfshvoU zuweilen Theater- 
aufführungen stattfinden, interessierte mich sehr. Auch zeigte mir 
der Arzt ein Drama, das eine englische Dame Beatrice Helen 
Barmby verfasst und Matthias Jochumsson ins Isländische über- 
setzt hat: Gisli Sürsson, Sjönleikur. Akureyri 1902 — aber ich 
muss gestehen, das Drama verlohnt weder die Mühe des Übersetzens 
noch die Kosten des Drückens. 



1) Pöstion, Eislandblüten, S. 145. Über die Luftspiegelungen vergl. Kaa- 
lund I, 218 Anm.; v. Knebel, Globus 1905, Bd. 88, Nr. 22, wo auch eine sehr 
gute Abbildung. 



58 Von Störölfshvoll nach Berg^örshvoll. 



5. Juli. 



,,Das ist eine schlimme Geschichte", begrüsste mich der Doktor 
am Morgen; „das Pferd, das Sie in GaltalcBkur umgetauscht haben, 
ist ausgerissen, obwohl es an den Füssen gefesselt war." Obgleich 
sich alle verfügbaren Kräfte auf die Suche machten, wurde es doch 
nicht gefunden; lange Zeit nachher habe ich erfahren, dass es drei 
Monate später, völlig verwildert, aber stark und gesund, in einer 
Einöde aufgegriffen ist. Ich hatte aber keine Lust, deswegen auf 
den Besuch von Bergpörs,Jivoll zu verzichten, den Wohnsitz des weisen 
Njdll, und da Ögmundur, der völlig ausser Fassung war, allein 
weitersuchen wollte, besorgte mir der Arzt einen Führer, der mich 
dahin geleiten und an einem genau mit Ögmundur vereinbarten 
Platze zu einer bestimmten Stunde wieder abliefern sollte. JöJiann 
Pdll Porkelssoii war eine prächtige isländische Erscheinung, mit 
blondem Spitzbart und langen Seitenkoteletten, seine wasserdichten 
Strümpfe reichten bis zum Gesäss. Er ritt eine reizende Isabelle 
(f(filbleikiir\ nach der Farbe des Fißll, Löwenzahn, benannt), und 
führte ein zweites Pferd am Zügel. Johann sprach nur isländisch, 
es war also das erste Mal, dass ich ausschliesslich auf meine islän- 
dischen Sprachkenntnisse angewiesen war, und da auf beiden Seiten 
der beste Wille vorhanden war, sich zu verständigen, ging es auch 
ganz gut. 

Als mein Begleiter und ich durch die schmutziggelbe, reissende 
Pverd reiten sollten, stockten wir unwillkürlich einen Augenblick; 
das Boot aber, das am andern Ufer lag, schlugen wir aus, da wir 
uns nicht vor den Mägden biossteilen wollten, die, lustig kichernd, 
den Hund hinter sich auf dem Sattel, auf uns zukamen. 

Als wir uns nach zwei Stunden Bergpörshvoll näherten, kamen 
uns viele Hunderte von Lämmern entgegen, sie waren eben erst 
ihren Müttern fortgenommen und wurden auf die Gemeindeweide 
getrieben (afrjettiir). Das klägliche Blöken der Schafe, das kläffende 
Bellen der Hunde, die die Herde auf allen Seiten ansprangen, das 
laute Rufen der Knechte und Mägde, die nach Männerart auf ihren 
Pferden sassen, erfüllte die Luft mit einem Höllenlärm ; nur langsam 
bewegte sich der lange Zug vorwärts, und als er hinter eine Höhe 
verschwunden war, drang immer noch aus der Ferne ein dumpfes 
Gewirr durchdringender Töne zu uns herüber. 

Bergpörshvoll liegt auf einem kleinen Höhenzuge, der sich in 
der Ebene wellenförmig etwa von Osten nach Westen erstreckt; 
zwischen drei Höhen liegen tiefere Einschnitte, und in einer von 
ihnen erschien dem Erzieher von Njälls Söhnen seine Fylgja in Ge- 
stalt eines Bockes, und verkündete ihm seinen bevorstehenden Tod 
(Nj. 41 ; Herrmann, Nord. Myth. 82). Die südöstlichste Höhe heisst 
Floshöll, nach dem Anführer der ]\Iordbrenner, davor liegt eine 



Bergporshvoll. 59 

kleine Vertiefuns^ (^'^i) Flosaldg — ,,eine Vertiefung war in dem 
Hügel", K. 128 — , wo die Feinde ihre Rosse anbanden und rasteten, 
bis der Abend anbrach. Den ersten Einschnitt kann man allenfalls 
in der Saga wieder erkennen, der zweite passt nicht, unmöglich 
können sich an diesem kleinen Platze 100 Mann mit 200 Pferden 
versteckt halten, das kann nur weiter östlich gewesen sein. Ich 
glaube nicht, dass der Erzähler der Njdhsaga diesen Schauplatz 
aus eigener Anschauung gekannt hat, und finde es bei der ab- 
geschiedenen Lage von Bergpörshvoll auch erklärlich. Der Führer 
zeigte Kdragerdi, d. h. Erdzaun, über den Kdri lief, und nannte 
einen kleinen Teich Kdratjörn, in ihm löschte der aus dem bren- 
nenden Hause entflohene Kdri seine in Brand geratenen Kleider — 
nach der Saga aber geschah es in einem Bache (K. 129). Wie wir 
ausprobiert haben, kann man hier vom Hause aus nicht gesehen 
werden, besonders nicht m gebückter Stellung. Darüber hinaus ist 
ein Loch, gross genug, um einen liegenden oder kauernden Menschen 
zu bergen. In dieser Grube erholte sich Kdri von dem furchtbaren, 
nächtlichen Kampfe, und ,, diese Grube ist später Kdragröf (Karis 
Grube) genannt worden" (K. 129). Ganz auffallend aber ist, dass 
das Affall (Abfluss), die westlichste Verzweigung des Markarff/öf, 
das das Gehöft nach Osten begrenzt, in der Saga gar nicht erwähnt 
wird ; sein breites, tiefes Bett musste den Angreifern fast unüber- 
windliche Schwierigkeiten bereiten. Im Jahre 1883 hat man bei 
Nachgrabungen unter den Trümmern von Njdls ehemaligem Gehöfte 
eine verkohlte Masse gefunden, die sich bei der Analyse als skyr oder 
Käse erwies ^). Auch das Schulterblatt eines Ochsen wurde zutage 
befördert — ob desselben, dessen frisch abgezogenes Fell die 
Leichen des Xjdll und der Bergpöra trotz der Feuersbrunst frisch und 
unversehrt bewahrte, wage ich nicht zu entscheiden. Wenn ich 
auch die Freude der Isländer über diese Funde verstehe, als Beweise 
für die Wahrheit und Zuverlässigkeit der Saga, so meine ich doch, 
dass es solcher äusserlicher Zufälligkeiten nicht erst bedurft hätte. 
Saga ist doch nicht Sage in unserem Sinne, sondern der Saga- 
schreiber erzählt von wirklichen Ereignissen und wirklichen Personen, 
wenn auch natürlich unbewusst sie dichterisch ummodelnd : Dichtung 
und Wahrheit wie bei Goethes Darstellung seines Lebens, ein histo- 
rischer Roman, ohne erdichtet zu sein (Petersen, Bidrag til den 
oldn. lit. historie. Kph. 1861. S. 221). 

In Bergpörshvoll lebte am Ende des 10., anfangs des 11. Jahrhunderts der 
wegen seiner Rechtschaffenheit und Weisheit vor anderen berühmte Njnll mit seiner 
treuen, hochgesinnten, aber stolzen und heftigen Gemahlin Bergpöra, seinen vier 
Söhnen und zwei Töchtern. Von Bergpöra und ihrer unversöhnlichen Feindin Hall- 
gerdr ist früher gesagt, dass es Frauengestalten sind, zu denen wir Seitenstücke nur 



1) V. Storck, Kemiske og mikroskopiske Undersögelser af et ejendommeligt 
Stof, fundet paa Bergthorshvol. 1887. 



e 



60 Geschichte von Njäll und seinen Söhnen. 

in der norwegischen Literatur unserer Tage, bei Ibsen undBjörnson, haben. Njöll 
aber ist eine einzig dastehende Gestalt in der gesamten Sagaliteratur, eine echt 
Patriarchengestalt. Als Dankbrand 998 von Alptafjördr aus seine Mission begann, 
wobei er den Flosi in Svinafell bekehrte und Kirkjiibcer besuchte, kam er auch 
nach Bergförshvoll, ,,da nahm Njäll den Glauben an und alle seine Hausgenossen" 
(Kph. loi). Er war reich an Gut und von edler Sinnesart, milde und menschen- 
freundlich. Er war so gesetzeskundig, dass er darin nicht seines gleichen hatte, klug 
und mit der Gabe des zweiten Gesichtes versehen, er gab gute Ratschläge und er- 
teilte sie gern, und was er riet, das geriet wohl. Skarphedinn war Njälls ältester 
Sohn. Er war gross von Wuchs, aber von bleichem Aussehen und gespensterhaft, 
stark und sehr kampftüchtig, rasch entschlossen, furchtlos und schlagfertig in der Rede. 
Er hatte dunkelbraunes, gekräuseltes Haar, das er hinter die Ohren strich, treffliche 
Augen, aber auf der Nase eine Warze; seine Zähne standen vor, und darum war 
der Mund ein wenig hässlich. Er machte gern eine spöttische Miene und sah oft so 
bös aus^ wie wenn er aus Meeresklippen gekommen wäre. Dieser Skarphedinn 
hatte mit dem Sohn Gunnars von Hlidarendi die Rache übernommen, und nicht 
eher geruht, als bis Gunnars Mörder getötet waren. 

Im zweiten Teile, in der eigentlichen Njälssaga, stehen Njäll und seine Söhne 
im Vordergrunde. Es handelt sich um die Verwicklungen der Njälssöhne und ihres 
Schwagers Käri Sölmundarson mit Präinn Sigfüsson , einem Verwandten 
Gunnars. Heimtückische Gegner zerreissen die Freundschaft zwischen den Njäls- 
söhnen und ihrem Pflegebruder Höskuldr. Sie überfallen ihn und ermorden ihn ; mit 
den Worten: „Gott stehe mir bei und verzeihe euch" bricht der Edle unter ihren 
Streichen zusammen. „Ich liebte Höskuldr", ruft Njäll aus, ,,mehr als meine Söhne. 
Als ich seinen Tod erfuhr, war es mir, als ob mir das süsseste Licht meiner Augen 
ausgelöscht wäre. Lieber wünschte ich, ich hätte alle meine Söhne verloren und 
jener lebte noch." Diese Tat war grauenvoll ; ein Unschuldiger war von seinen Zieh- 
brüdern erschlagen; furchtbar war sie in ihren Folgen, denn viele, viele Leute kostete 
sie das Leben, zunächst Njäll, seine Frau und seine Söhne. Von allen, die davon 
hörten, wurde dieser Mord aufs herbste getadelt. Flosi Pördarson übernimmt die 
Rache, die in der Njälsbrenna endet (loii). Die „brenna", Brandlegung ist ein 
Kampfmanöver, das man anwendet, wenn man den Gegner nicht mit Waffengewalt 
bezwingen kann. Aus dem Saalbrand im Nibelungenlied und aus Gust. Freytags 
„Ingo" ist dieses Verfahren bekannt. 

In der schauerlichen Kluft Almannagjä wird der Plan gefasst, alle Njälssöhne 
zu töten. Acht Wochen vor Wintersanfang will man von daheim aufbrechen , sich 
auf dem Rücken des Berges Prihyrningr treffen und dann gemeinschaftlich gegen 
BergpörsJwoll vorrücken, um mit Feuer und Schwert gegen Njäll, seine Söhne und 
seinen Schwiegersohn Käri vorzugehen (über diesen Weg s. u. Kirkjuba'r). In 
einer Vertiefung vor Njälls Gehöft machen die 100 Mordbrenner Halt und beginnen 
die drinnen im Hause durch Rauch zu ersticken, wie einen Polarfuchs in seiner Höhle. 
Wie Hagen und Volker im Nibelungenliede (V. 17 15 flf.) versprechen sich Skarp- 
hedinn und Käri Treue bis in den Tod, und dass der Überlebende den andern rächen 
werde. Und wie Hagen im zweiten Teile des Nibelungenliedes, so ist Skarphedinn, 
dessen äussere Erscheinung doch auch in manchen Punkten an den fahlen Tronjer 
erinnert, mit besonderer Vorliebe gezeichnet. Die Njälssippe teilt der Nibelunge Not: 
dö quälte man mit fiure den helden da den lip. 

Die Feinde zünden Feuer an und errichten einen grossen Scheiterhaufen vor 
der Türe. Die Frauen schütten saures, mit Wasser vermischtes Milchwasser in die 
Flammen und löschen sie. Da bemerkt Flosi, dass in dem Hause ein Obergemach 
angebracht ist und zwar auf dem Querbalken. Sie nehmen Vogelgras, das ausserhalb 
des Hauses aufgehäuft liegt [Alsine media, isländisch arfanöra] und bringen Feuer 
hinein; die im Hause merken es nicht eher, als bis die ganze Zimmerdecke in Brand 
steht. Dem alten Njäll und seiner Frau wollen die Feinde Ausgang aus dem Hause 



Geschichte von Njäll und seinen Söhnen. 61 

gewähren , da sie unverdient zu solchem Geschicke kommen. Aber in einer Szene, 
die altklassischen Heroismus atmet, lehnen beide es ab, Njäll mit den Worten: „Ich 
will das Haus nicht verlassen ; denn ich bin ein alter Mann und wenig dazu geeignet, 
meine Söhne zu rächen, und mit Schande will ich nicht leben." Und die Frau sagt: 
„Ich bin mit Njäll jung verheiratet worden; das habe ich ihm versprochen, dass 
Los über uns beide ergehen soll." Darauf gehen beide ins lodernde Feuer zurück 
und lassen sich mit ihren .Söhnen, auf deren Vernichtung allein die Feinde es abge- 
sehen haben, verbrennen. Njäll ruft seinen Haushalter zu sich : „Nun sollst du acht 
geben, wo wir beide uns niederlegen; ich beabsichtige, mich von hier nicht mehr 
fortzubegeben, wie sehr mich auch Rauch oder Hitze belästigt." Er befiehlt ihm, die 
frische Haut eines Ochsen zu nehmen, den sie vor kurzem geschlachtet haben, und 
über ihn und seine Frau zu breiten, wenn sie sich hingelegt haben. Dann legen sich 
beide auf das Lager, zeichnen sich mit dem Kreuz und befehlen ihre Seele in Gottes 
Hände; als später ihre Leichen gefunden werden, sind sie unverbrannt, Njälls Aus- 
sehen kommt ihnen so hell vor, wie sie noch nie den Körper eines Toten gesehen 
haben. 

Das Dach ist abgebrannt, dann die Zimmerdecke ; ihr äusserster Balken an einer 
der Giebelwände stürzt in schräger Lage hinab, so dass man an ihm hinauf zum Dach 
klettern und so ins Freie gelangen kann. Bevor auch noch der Kantenbalken herab- 
stürzt in der Richtung gegen jene Giebelwand , läuft Käri längs des Querbalkens 
hinaus, schwingt sich vom Dache und entkommt, durch den schwelenden Rauch 
gedeckt. Als aber Skarpheitinn es ihm nachmachen will, bricht der glimmende 
Balken unter ihm zusammen; er versucht die Wand emporzuklimmen, da stürzt der 
Kantenbalken auf ihn, das ganze Dach bricht zusammen, er gerät zwischen dieses 
und die Giebelwand und wird so eingeklemmt. So wird sein Leichnam, aufrecht an 
der Endwand stehend , gefunden ; alle machen die Beobachtung , dass seine harten 
Züge vom Tode mild verklärt sind und gewahren zu ihrem Erstaunen, dass Skarp- 
heitinn, wie Sigurd in Ibsens „Nordischer Heerfahrt", ein heimlicher Christ gewesen 
ist : in die Haut zwischen den Schultern und auf die Brust ist ein Kreuz eingebrannt. 

Die Mordbrenner reiten auf den Rücken des Prihymingr , weil sie von dort 
die ganze Umgegend überblicken können, und dann in ein Tal, das nachmals Flosadalr 
genannt ist. Da Käri entronnen ist, wissen sie, dass die Rache für Njäll unaus- 
bleiblich ist: durch sin eines sterben starp vil maneger muoter kint. Käris 
Rache an Flosi und seiner Schar bildet den Schluss der Saga. Auf der Althings- 
ebene kommt es zu einem gewaltigen Kampfe, die Brandmänner müssen Island ver- 
lassen, zum Teil für immer, zum Teil für einige Jahre. Käri aber bleibt unversöhn- 
lich und verlässt sogar Island, um die Feinde in der Fremde aufzusuchen und zu er- 
schlagen. Wie er schliesslich in Svinafell mit Flosi noch einmal zusammentrifft, 
wie das Drama endlich doch noch einen versöhnenden Abschluss findet, das hoffe ich 
später erzählen zu können, wenn wir glücklich die Vestttr Skaptafells sysla und den 
Skeiitarärsanditr durchquert haben. — 

Zwei heutige Volkssagen mögen den Beschluss bilden. Nach empfangener Taufe 
soll Hallgerdr gesagt haben: „Das lächert mich, dass Gunnarr als Heide starb, 
ich aber eine Christin geworden bin," und sie bestimmte, dass sie ^Lni Laugarnes 
bei Reykjavik begraben würde, weil sie voraussah, dass hierhin dereinst der Bischofs- 
sitz verlegt würde — diese wilde Rachsucht, die selbst dem verstorbenen Manne das 
Heil der Seele nicht gönnen will, passt trefflich zu dem Charakter des rachgierigen 
Weibes. Die Erinnerung an die Klugheit und prozessualistische Gewandtheit des 
alten Njäll ist auf Island niemals erloschen. Aber der Spruch , den die heutige 
Volkssage ihm in den Mund legt: „Durch langewährendes Unwetter und durch Gesetz- 
losigkeit wird Island zugrunde gehen", stammt aus dem 17. Jahrhundert'). 



I) J. Arn. Isl. Pjöds. I, XIV, XV, 437/38. Maurer, Germ. IX, 23536. 



62 Berg|)orshvoll. Skarphedinns Heldentat. 

In BergporsJivoll war nur ein altes, freundliches Mütterchen 
zu Hause. Als unser Führer neunmal mit dem Peitschenstiel an 
den Türpfosten geklopft hatte, erschien sie und lud uns zum Kaffee 
ein. Leider beging ich eine gutgemeinte Taktlosigkeit, indem ich 
ihr eine Krone zum Danke für die Bewirtung unter die Tasse legte. 
Damit hatte ich sie sichtlich gekränkt: wenn sie auch arm sei, so- 
viel hätte sie doch, um einem Fremden, der soweit herkäme, eine 
Erquickung anzubieten; auch sei alles viel zu einfach und ärmlich 
bei ihr, und sie müsse befürchten, dass ich daran Anstoss nähme. 
Erst mit vieler Mühe gelang es mir, sie zu beruhigen, und auch 
Johann musste sich für mich ins Zeug legen, dass ich sie nicht 
hätte kränken wollen. Ich zog daraus die Lehre, dass man Gast- 
lichkeit nicht mit Geld erkaufen könne. Aber ihrem etwa vierzehn- 
jährigen Enkel, der uns die Furt durch das Affall zeigte, drückte 
ich die verschmähte Krone für seine Sparbüchse in die Hand, und 
als wir schon weit entfernt waren, stand er immer noch da und 
blickte, glückerfüllt, schier ungläubig, auf das unbekannte, blanke 
Geldstück. Da Jöha)ni trotz seiner scharfen Augen Ögmundur 
in der Ferne nicht sehen konnte, beschlossen wir einen kleinen Um- 
weg nach N.O. zu machen, bis in die Nähe des Störa Diiiion. 
Wir passierten die Alar (Riemen, pl.), den mittleren Arm und das 
ursprüngliche Flussbett des Markarßjöt, und yö/iann zeigte mir 
Gimnars/iölnn , den kaum wahrzunehmenden Hli'darendi und in 
der östlichen Bergseite eine rötliche Felspartie, Raiidaskridur. 

Hier hatten Gunnarr und Njdll einen gemeinsamen Wald, sie hatten ihn 
niemals geteilt, sondern jeder holte sich seinen Bedarf, ohne dass je darüber Zwistig- 
keiten entstanden waren ; hier brach die Feindschaft zwischen Hallgerdr und Berg- 
pöra offen aus, indem erstere einen Dienstmann des Njdll hier erschlagen Hess 
(Kph. 36). Hier lauerten Skarpliedinn und Kdri dem Frdinn Sigfüsson auf. ,,Es 
blitzen Schilde im Sonnenschein dort oben auf RatidaskriiturV rief einer von 
t'räins Mannen. ,,Nun müssen wir über das Markarfljöt und ihnen entgegen !" sagte 
Skarphedinn, als die Feinde vom Wege ablenkten. Am Rande des Flusses hatte 
sich festes Eis angesetzt, dazwischen war das Wasser frei, aber hier und da dienten 
kleine Eisschollen als Brücke. Skarphedinn lief aufwärts zum Flusse. Aber der 
war so tief, dass er eine lange Strecke unpassierbar war. Eine grosse Eisscholle, die 
glatt wie Eis ist, war am Ostrande des Flusses angetrieben. Mitten darauf stand Prdinn 
mit seinen Begleitern. Skarphedinn schwang sich empor und sprang über den 
12 Ellen breiten Fluss von einem Eisrande zum andern, hemmte seinen Lauf nicht, 
sondern rutschte sogleich auf dem Eise vorwärts. Die Eisscholle war gehörig glatt, 
und er fuhr so schnell dahin, wie nur ein Vogel fliegt. Mit seiner furchtbaren Axt 
spaltete er Prdinn das Haupt bis zu den Zähnen, so dass diese auf dem Eise umher- 
rollten. Einen Backenzahn davon warf er später, als er in Bergpörshvoll einge- 
brannt wurde, einem der Brandmänner ins Auge, dass diesem das Auge heraus- 
geschlagen wurde und auf die Wange herabhing (K. 92). Ich schenke Johanns 
Versicherung Glauben, dass man bei hellem Wetter wirklich von hier helle Gegen- 
stände am Raudaskridiir wahrnehmen kann. 

Wir sprengten wieder südlich, durchritten das JMarkarßjöt und 
spähten nach Ögmundur aus, aber vergeblich. Die Sache be- 



Von Bergpörshvoll nach I'orvaldseyri. 63 

gann ungemütlich zu werden, was sollten wir ohne ihn und unsere 
Packpferde anfangen? sollten wir zurück nach StöruIfshvoU? oder 
weiter nach Porvaldseyri, das als Nachtquartier bestimmt war? Ich 
schimpfte und wetterte gehörig und hatte auf die schöne Umgegend 
nicht sonderlich acht. Da meinte JöJiann, Ögmundur hätte viel- 
leicht ein anderes Gehöft aufgesucht. Wir suchten weiter, riefen 
seinen Namen über die flache Ebene und trafen ihn wirklich am 
Fusse eines Bauernhofes, das von einer ordentlichen Strauchhecke 
umschlossen war. Die Pferde waren abgesattelt und grasten, er 
selbst sass traurig auf einer Packkiste und starrte vor sich hin. 
Das Wiedersehen war etwas kühl: er war bedrückt, weil er das 
entlaufene Pferd nicht wiedergefunden hatte, ich war verstimmt, 
dass er nicht an dem verabredeten Platze gewartet hatte. Nach- 
dem ich Johann abgelohnt hatte — er forderte 6 Kr. — , rasteten 
wir nur wenige Minuten und begnügten uns mit Cakes und Speck, 
denn bis Porvaldseyri sollten noch fünf Stunden sein. Der Ritt 
führte uns an den Wasserfällen vorüber, die ich gestern von Hlt'dar- 
endi aus gesehen hatte, an dem kleinen reizenden Gljujrdfoss, und 
bald darauf an dem grösseren Seljalaudsfoss, der aus einer Höhe 
von etwa 60 m zischend und siedend in ein rundes Bassin stürzt, 
von wo aus er wie ein kleiner Bach abfliesst , und endlich an dem 
Drifandifoss, der sich bei seinem Fall ganz in Staubregen auflöst. 
Wie durch Wasserfälle, so ist die ganze Strecke durch eine Reihe 
natürlicher Höhlen in den steilen Tuffgebirgen am Fusse des Eyja- 
fjallajökuU berühmt: sie stammen aus der Zeit, als der Wasser- 
stand gleich nach der Eiszeit bedeutend höher als jetzt war, und 
werden von den Bewohnern als Heuschober, Viehställe, Packhäuser 
und Versammlungsorte benutzt; die bekanntesten dieser von der 
Brandung geschaffenen Höhlen sind Paradisarhellir (57 m ü. M.) 
und Loptsalahellir (30 m ü. M.). Wir hatten aber keine Zeit, um 
uns aufzuhalten. Auf der schmalen Poststrasse ging es in flottem 
Trabe vorwärts, rechts das Meer, links im Schutze des mächtigen 
Inselbergegletschers; allerhand seltsame Felsbildungen, Ruinen ver- 
gleichbar, tauchten auf, nach 2V2 Stunde wird sogar ein isländisches 
„Dorf" passiert; es besteht aus fünf armseligen Häusern und etwa 
50 Bewohnern und liegt gewissermassen an der Dorfstrasse. Einen 
Bauern, der einen feingebauten, jungen Schimmel am Zügel führte, 
hielten wir an und erstanden sein Pferd für unseren Ausreisser ohne 
langes Feilschen für 95 Kr.: der Bauer war zufrieden, soviel Geld 
baar ausgezahlt zu bekommen, aber auch der Schimmel hat sich 
bewährt, er war etwas nervös und unerfahren, aber unter einer 
sicheren Faust war er vortrefflich zu gebrauchen. Damit war 
Ögmundur eine schwere Sorge genommen, unsere Stimmung 
schlug wieder um, mit fröhlichem Hohoho wurden die Pferde an- 
getrieben, die lange Hetzpeitsche schwirrte und sauste, bald wurde 



64 



forvaldseyri. 



Dyrkölaey, der südlichste Punkt Islands, sichtbar, und die Frage 
wurde lebhaft erörtert, ob wir wohl den ,,Zieten" in ]^ik antreffen 
würden. Kurz nach 9 Uhr waren wir in Porvaldseyri am Fusse des 
Eyjafjallajökull angelangt (Fig. 73). Leider war der Besitzer, der 




Fig. 73. t'orvaldseyri (dahinter der Eyjafjallajökull). 

als einer der reichsten und gastfreiesten Bauern bekannt ist, nicht 
anwesend; die Haushälterin aber Hess es an nichts fehlen, Kartoffeln 
in Milch und gesalzenes Hammelfleisch standen bald auf dem Tische, 
die Schlafzimmer waren in Ordnung, Karbolseife und saubere Kämme 
lagen bereit, und da es recht kühl war, gingen wir bald zu Bett. 



6. Juli. 

Am Morgen wurden Haus und Hof einer genaueren Besichtigung 
unterzogen. Das stattliche Wohnhaus würde jedem Städtchen zur 
Zierde gereichen , eine Treppe führt auf den Hausflur , um den 
rechts und links die geräumigen Zimmer liegen, darunter wohl ein 
Dutzend Fremdenstuben, ein bischen kahl vielleicht eingerichtet und 
die Wände unbekleidet, aber das Gerät durchweg aus Mahagoniholz 



Von f'orvaldseyri bis Hrütshellir. 65 

und die Dielen überall mit Fellen bekleidet, die einen etwas scharfen 
Geruch verbreiten. Hinter dem modernen Hause liegen vier Wohn- 
räume alten Stils, dann kommt ein grosser Hof mit Dunggrube, 
eingefasst von den vielen Vorratshäusern und Ställen, und ganz am 
Ende ein Heustall, der wohl 20000 Pferdelasten Heu aufnehmen 
kann. Der Besitzer dieses ,. Mustergutes" soll über 100 Pferde, etwa 
20 Rinder und mehrere hundert Schafe haben. 

Vor dem Hause ist eine Menge weissen Treibholzes aufge- 
stapelt, das mit Ketten zusammengehalten wird ; auch die mächtige 
Rippe eines Grindwals liegt da. 

Erst jetzt können wir die schöne Lage von Porvaldseyri wür- 
digen : es liegt in einem kleinen freundlichen und fruchtbaren Tale 
mitten zwischen den Bergen ; auf der linken Seite reicht eine grüne 
Gletscherzunge bis zur Mitte des Tales nieder, rechts oben schimmert 
ein grosses Gletscherfeld , die schwarzen Bergwände des Hinter- 
grundes sind hier und da mit mächtigen Schneemassen besetzt. Es 
ist nur gut , dass Porvaldseyri so wenig bequem zu erreichen ist ; 
läge der Hof in Tirol oder in der Schweiz, so würde sich hier bald 
ein ,, erstklassiges" Hotel erheben. 

Schon am gestrigen Abend hatte ich ein dürftiges, unschein- 
bares Männchen gesehen; es war ärmlich gekleidet, trug einen dicken 
Schal um den Hals und auf dem Kopfe einen eingetriebenen Hut 
aus der Zeit Albrechts des Bären. Es stand und drückte sich 
herum, ich merkte, es wollte mich anreden, wusste aber nicht, was 
ich von ihm denken sollte. Auch jetzt wieder schlich es mir nach, 
sah mich mit seinen guten blauen Augen an, fasste sich dann end- 
lich Mut und fragte mich , ob ich aus Pyzkalaiid wäre. Es war 
Sigurdiir Jönsson aus Orrustustadir , jener wackere Bauer, der 
zuerst die unglücklichen Schiffbrüchigen des ,, Friedrich Albert" auf- 
gefunden und sich ihrer in so rührender Weise angenommen hatte. 
Gern nahm ich seine Begleitung für die nächsten Tage an : es zeigte 
sich bald, dass wir ohne ihn schwerlich den ersten Gletscherfiuss 
hätten passieren können. 

Etwa eine Stunde nach dem Aufbruche erreichten wir das 
Hriltafell , wo wir den Engländer von StöröfshvoU treffen wollten. 
Auch hier liegen mehrere Höhlen unmittelbar am Wege, am inter- 
essantesten ist der sogenannte PlnUsIiellir : man klettert über ein 
paar mächtige Felsblöcke bis zu der hohen, geräumigen Höhle, die 
in der Decke ein grosses Loch hat, zum Abziehen des Rauches und 
zum Ausspähen, wenn Feinde kämen ; ein paar Fuss höher ist eine 
Einbuchtung , wo Hrtltr sein Bett hatte ; von hier aus kommt man 
wieder zu einer Grotte oberhalb der Haupthöhle und kann durch 
die erwähnte Öffnung im Dache in die Höhle gelangen. Das be- 
nutzten die Knechte, die mit Ilrüts strenger Herrschaft unzufrieden 
waren und töteten ihn; nach anderer Überlieferung gruben seine 

Herrmann, Island 11. 5 



66 



Der Skögafoss, 



Feinde durch die Decke dieser Höhle und machten ihn im Schlafe 
nieder^). 

Östlich von Hrütafell ragt ein freistehender Knollen empor, 
Dräng Jili'd, voller Höhlen und kleiner Grotten; seine senkrechten, 
glatten Wände sind mit weissen, brütenden Möven besetzt (procella 




Fig. 74. Skögafoss. 



glacialis). Während man diese seltsamen Bergformationen betrachtet 
und sich an dem Schreien und Krächzen der Vögel ergötzt , steht 
man plötzlich nach einer scharfen Biegung des W^eges gerade dem 
prächtigen Skögafoss gegenüber (Fig. 74). Er ist etwa 80 m hoch 
und stürzt senkrecht von dem grünen Felsen mit seiner gewaltigen. 



1) Eine etwas abweichende Fassung bei Maurer, Isl. Volkssagen, S. 228. 



Vom Skögafoss zum Fülilaekur. 67 

vom Eyjafjallajökiill stammenden Wassermenge hernieder , wobei 
er sich in lo — 12 parallel niederfallende Schaumsäulen teilt, „wie 
ein isländischer Brautschleier", meinte Ögmundur. Wir versuchten 
bis zu der Stelle vorzudringen, wo der Fall die Erde erreicht, wurden 
aber mit einem solchen Staubregen überschüttet, dass wir schleunigst 
flüchteten. Nach der Volkssage hat hier, in der Nähe des herr- 
lichen Wasserfalles, der zauberkundige Prasi Pörölfsson gewohnt, 
von dessen Zauberkünsten und -Kämpfen wir bald hören werden. 
Man erzählt, dass er seinen Schatz, der in einigen mit Gold ge- 
füllten Kisten bestand , in diesen Foss gestürzt habe , und die 
Kleinode harren noch bis heute ihres Finders (Maurer, Germ. IX, 
237; Isländische Volkssagen 216/17). 

Der Graswuchs hört jetzt auf, und die erste der zwölf Sand- 
wüsten (sandur) der Skapfafells sysla breitet sich vor uns aus. Der 
Skögasandiir (westlich der jfökulsd) und der SöUieiiiiasandtir (öst- 
lich der Jökiilsd), die zusammen ein Areal von 80 qkm einnehmen, 
werden durch das tiefe Flussbett der Jökulsd voneinander getrennt. 
Im Skögasandur wächst kein Halm und keine Blume, der Schutt 
besteht aus kantigen Basaltbruchstücken, und auf der Oberfläche 
liegen grosse Breccieblöcke verstreut umher. Der Sölheimasandur 
ist von ähnlicher Beschaffenheit, aber weiter nach Osten hin ist der 
Grus mehr gerollt ; in den Einscnkungen und alten Flussbetten 
haben einige Pflanzen Boden gefunden, bisweilen sieht man grosse, 
gelbe Flächen von Galium wemm^Gtclmadra; Labkraut oder Unserer 
lieben Frau Bettstroh). Die berüchtigte Jüknlsd d Söllieiuiasandi 
entspringt auf einem Laufgletscher des Myrdalsjökull^ dem SdL- 
heimajökulL und hat sich mitten durch die Sandwüste, wo der 
Weg nach dem Meere am kürzesten ist, ein tiefes, von Terrassen 
begrenztes Bett gegraben, das mit grossen Rollsteinen ausgefüllt 
ist, die vom Wasser herabgeführt und bearbeitet werden. Der 
Gletscherfluss ist sehr gefährlich wegen seiner grossen Wasser- 
menge, der reissenden Strömung, des unsichern Bodens und der 
häufigen Gletscherstürze, oft führt er auch Eis mit sich. Er ist 
durch seinen Gletschergestank (jökla-fyla) d.h. durch seinen durch- 
dringenden Schwefelgeruch berüchtigt und heisst deswegen auch 
Fülücrkicr (Gestankbach). Man kennt die Ursache dieses eigentüm- 
lichen Schwefelwasserstoffgestankes nicht. Der schwedische Geo- 
loge Paijkull erklärt ihn damit, dass die Steine, die der Gletscher 
bei seinem Vorrücken zermahlen hat, Körper von Schwefelkies und 
Schwefeleisen einschhessen (En Sommer i Island, Kph. 1867, S. 64). 
Thoroddsen hält es für nicht unwahrscheinlich, dass sich ver- 
schiedentlich Solfataren unter dem Eise befinden, sie seien ja ziem- 
lich häufig in den schneelosen Bergen in Islands vulkanischem Mittel- 
stück, dass sie ebensogut auch unter dem Eise vorkommen könnten; 
aber diese Solfataren seien natürlich unbekannt und unzugänglich. 

5* 



68 Die Jökulsä wird glücklich überschritten. 

Schon Abt Arngri'inr erzählt (f 1361): „Aus den Gletschern 
rinnt gelegentlich ein reissender Strom unter heftigem Getöse her- 
vor, und mit dem wüstesten Gestanke, so dass davon die Vögel in 
der Luft sterben und die Menschen und Tiere auf der Erde." Das 
von der tödlichen Wirkung Berichtete beruht selbstverständlich auf 
Übertreibung. Aber beim Gletschersturz am Skeidardrjükull im 
März 1892 wurde der Gletschergeruch sogar in Reykjavik wahr- 
genommen. Auch uns blieb der hässliche Gestank nicht erspart, 
aber wir spürten ihn nicht vor dem Überschreiten und während 
desselben, sondern unmittelbar nachdem wir das östliche Ufer 
erreicht hatten : es war ein niederträchtiger Geruch nach faulen 
Eiern, und einem empfindlichen, nüchternen Magen hätte wohl 
schlimm werden können. Wir versuchten den Übergang zuerst 
oben am Gletscher, der mich übrigens in seiner Form sehr an den 
bekannten Svartisen- Gletscher nördlich von Drontheim erinnerte, 
aber die tiefe Kluft mit ihren fast senkrechten Wänden schreckte 
uns ab. Das Glctschertor hat die prächtigste grüne Farbe, die man 
sich vorstellen kann, von allen Seiten rieseln zahlreiche Eisströme 
in Regenbogen bildenden Kaskaden in den Hauptlauf hernieder; 
Ögiinmdiir behauptete, gehört zu haben, dass man zuweilen im 
Hauptarm ein paar Pfützen mit stillstehendem, gelbgrünem Wasser 
sehen kann, die Schwefelwasser sein sollen. Wir ritten also zurück, 
den ca. eine Meile langen Fluss entlang bis etwa zehn Minuten von 
seiner Mündung entfernt ; die Pferde wurden zusammengekoppelt, 
die Gurte nachgesehen, der Engländer zog seine Schuhe aus und 
die Wasserstiefel an, die bis zum Unterleib gingen, der ,, deutsche" 
Bauer setzte sich an die Spitze, lange sahen wir ihm nach, ob es 
ihm gelingen würde, eine Furt zu finden — aber siehe da, unsere 
Sorge war umsonst gewesen, nach wenigen Minuten winkte er 
triumphierend von drüben, wir sollten ihm folgen. Der Übergang 
war für unsere Verhältnisse und nach unsern bisherigen Erfahrungen 
harmlos; und als wir das östliche Ufer und damit den westlichen 
Bezirk der Skaptafells sxsla, den Myrdahir, erreicht hatten, riefen 
wir nach guter isländischer Sitte neunmal Hurra ! Das Hauptziel 
lag vor uns. 




Elftes Kapitel. 

Reise durch die Vestur Skaptafells sysla'). 

Die kurze, nur etwa eine Meile lange Jökulsd d Sölheiniasandi 
bildet auf ihrem Wege von den Gletschern bis zum Meere seit alter 
Zeit die Grenze zwischen Süd- und Ostviertel (Lnd. IV, 13, 5); 
1783 wurden durch künighchen Befehl die beiden Skaptafells-Bezirke 
zum Südamt geschlagen. Aber der Übergang über diesen Gletscher- 
fluss bildet noch heute gleichsam den Eingang zu einem ganz eigen- 
artigen Landstriche ; bis zu Thoroddsens Forschungsreisen in 
den Jahren 1893 und 1894 waren grosse Strecken noch nie von 
einem Menschen betreten worden. 

Abgesehen von der Besiedlung der Skaptafells si'sla, die uns 
ziemlich ausiuhrlich in der La7idndiiiabök erzählt wird, sind nur 
einzelne Angaben über diesen Bezirk überliefert, und zwar betreffen 
sie meist vulkanische Ausbrüche: die der Kalla ca. 900, 1245, 
1262, 1311, 1332 (.?), 1416, 1580, 1625, 1660, 1721, 1755, 1823, 
1860, des Eyjafjallajökidl 161 2, 1821, der Eldgjd ca. 930, der 
Kraterreihe des Laki ca. 900 (.^), 1783, des Örcrfajöhtll 1341, 1350, 
1598, 1727 und der Gn'nisvötn (oder des Sidii- oder Skeidardr- 
jökiill) 1389, 1598, 1638, 168 1, 1685, 17 16, 1725, 1727, 1753, 1774, 
1784, 1867, 1873, 1883, 1903. Saxo erzählt etwas von der Ver- 
änderung im Innern der Schiebegletsther, und der Mönch Alberich 
schildert Gletscherstürze an der Kalla. Die erste ausführliche Be- 



') Thoroddsen, Ferd um VesturSkapta felis sysht snniarid iQg'i (And- 
vari XIX, S. 44 — 161); Ferd um Austur- Skaptafells sf/slu og Mulasyslur 
sumarid 1894 (Aiidvari XX, S. 1—84, XXI, S. 1—33); Reise i Vester Skaptafells 
Syssel paa Island i Sommeren 1893 (Geogr. Tidsk. XII, S. 167—234); Fra det 
sydöstlige Island (Geogr. Tidsk. XIII, S. 3—37); kurzer Auszug daraus mit guter 
Karte in Petermanns Mitteilungen 1895, Bd. 41, S. 288 — 290). — Daniel Bruun, 
Gennem afsides Egne paa Island. Jagttagelser foretagne paa Rejser i Skaftafells- 
syslerne 1899 og 1902 (Tidsskrift for Landökonomi 1903, S. i — 118, auch als Sonder- 
ausgabe zu haben). 



70 Geschichte der Erforschung der Skaptafells sysla. 

Schreibung der J-'esfur Skaptafells sxsla stammt von Bjarni Nikii- 
Idsson (1744), der Aiistur Skaptafells sysla von Sigitrdur Stefdnsson 
(1746). 1756 wurde diese Gegend von Eggert Ölafsson und Bjarni 
Pdlsson bereist. Die Kraterreihe des Laki wurde 1794 von dem 
isländischen Naturforscher Sveinn Pdlsson besucht und untersucht, 
nachdem er grosse Teile der Südküste schon vorher bereist hatte; 
ihm verdanken wir auch die besten Aufschlüsse über die Topo- 
graphie dieser Gegend. 1824 durchquerte H enderson vom Osten 
her diesen Bezirk, und ihm wurde bei dieser Gelegenheit von den 
Bewohnern gesagt: er sei ein so ungewöhnlicher Gast, dass Jahr- 
hunderte verfliessen könnten, eher ein solcher Reisende wieder käme 
(I, S. 352). Beinahe trifft diese Befürchtung auch zu, denn soviel 
Island auch sonst bereist ist, in diese Öden haben sich nur wenige 
Forscher verirrt. Björn Gnnnlaiigsson, Islands Kartograph, war 
1835 in der Vestnr Skaptafells sysla. Preyer und Zi rk el wollten 
1860 die Stätte der Verwüstungen der Kötlugjd besuchen und nach 
den gänzlich unerforschten Eisgefilden des riesigen Vatnajökull vor- 
dringen; aber kein Isländer wollte sie dahin führen, obwohl sie 
doppelten Lohn versprachen (S. 74). In demselben Jahre wollte 
Z e i 1 a u , der Führer der Fox-Expedition, von Djüpivogur aus einige 
Leute am Fusse des Vatnajökull durch die Skaptafells sysla 
schicken, um eine Landlinie für die geplante Telegraphen-Anlage 
zu suchen; aber die Bewohner bekreuzten sich und fielen fast in 
Ohnmacht vor Entsetzen über Z e i I a u s Unkenntnis von dem furcht- 
baren Innern Islands (Fox-Expeditionen, Kph. 1861, S. 55/6). Der 
Schwede Paijkull hat 1865 die ganze Südküste bereist, und eben- 
so der Sagenforscher Kristian Kaalund 1873. Der Norweger 
Heiland vermass 1881 den grössten Teil der Kraterreihe des La kl 
und zeichnete vorzügliche Bilder von ihr (vergl. Fig. 7, Bd. I, S. 59), 
seine Karte aber von der Vestnr Skaptafells sysla ist geographisch 
und geologisch sehr mangelhaft. Keilhack aus Berlin kehrte 1883 
in Höfdabrekka um, und Küchler setzte 1905 schon die Jöknlsd 
d Sölheiniasandi ,,ein unüberschreitbares Ziel" (Unter der Mitter- 
nachtssonne S. 54). 

Erst Thoroddsen hat die beiden Bezirke für die Wissen- 
schaft erschlossen und Strecken durchforscht, wo noch nie ein 
Mensch gewesen war. Er untersuchte 1893 die ganze Gegend 
zwischen Myrdals- und Vatnajökull, entdeckte den See Langisjör 
und die Eldgjd , untersuchte die unbewohnten Teile östlich der 
Skaptd und fand die bisher unbekannten Quellen der Skaptd und 
des H^'erfisfljöt auf. 1894 bereiste Thoroddsen die Austur 
Skaptafells sysla, und zwar besonders den Südrand des Vattiafökull, 
den Örafajökiill; vor allem aber drang er in die wenig bekannten 
Teile des inneren Hochlandes an der Nordostecke dieses ungeheueren 
Gletscherkomplexes, so dass er, zusammen mit seinen Reisen von 



Allgemeine geographische und geologische Bemerkungen über die Skaptafells sysla. ( 1 

1884, 1889 und 1S93, die ganze 8000 qkm grosse Eisfläche zum 
ersten Male von allen Seiten erforscht hat. Der dänische Haupt- 
mann DanielBruun war 1899 Inder Vestur- und Austur Skapta- 
fells sxsla. Abteilungen des dänischen Generalstabs haben 1903 die 
23 □'Meilen lange Küste von Papös nach Westen hin bis zum 
Breidamerhirsandur aufgenommen, 1904 die Gegend von da bis 
Vi'k und eine grossartige Karte des Skeidardrsandur und Örcefa- 
jükull gezeichnet. Ein Deutscher ist also in diesen Gegenden noch 
nicht gewesen, jedenfalls, um mich vorsichtig auszudrücken, ist von 
deutscher Seite noch kein Reisebericht darüber erschienen; man 
wird verstehen, dass dies ein Grund mehr für mich war, allen 
Warnungen zum Trotze, diesen Bezirk aufzusuchen und zu be- 
schreiben. Ich brauche wohl nicht noch einmal hervorzuheben, dass 
der Zweck dieser Reise weder geographischer noch geologischer 
Natur war, und dass mir vor allem nicht in den Sinn kommen 
konnte, Thoroddsen irgendwie zu verbessern. Bruuns Reise- 
bericht lernte ich erst nach meiner Rückkehr kennen, und auch ihm 
bin ich vielfach zu Danke verpflichtet; dass unsere Ergebnisse so 
oft übereinstimmen, rührt daher, dass wir dieselben Gewährsmänner 
und für einen Teil der Reise denselben Führer hatten. Auch hier 
ist meine Absicht, nach persönlichen Eindrücken durch eine popu- 
läre Schilderung über die ehemaligen und jetzigen Lebens- und 
Kulturverhältnisse aufzuklären. 

Die Skaptafells sysla besteht eigentlich aus zwei Jurisdiktions- 
bezirken , der Vestur- und Austiir Skaptafells sysla, mit etwa 
3200 Seelen , wird aber von einem einzigen Syslumadiir verwal- 
tet, der acht Tage gebraucht, um seine ganze sysla zu durchreiten. 
Die bebaute Küste von der Jökulsd d Solheimasandi an bis zur 
Skeidard, die zwischen den beiden grossen Firnplateaus Myrdals- 
jökiill und Vatnajökull (ca. 160 □ Meilen) eingeklemmt ist, heisst 
die Vestur Skaptafells sysla (1898 1950 Menschen); der Strich 
südlich vom Vatnajökull , von der Skeidard oder von den Xi'ips- 
vötii an bis zur Lönsheidi , heisst die Austur Skaptafells sysla 
(1898 1187 Bewohner). In dem ganzen Bezirke habe ich. merk- 
würdigerweise nicht eine warme Quelle angetroffen. Die Sand- 
strecken (sandur) des westlichen Teiles nehmen ein Areal von 
1230 qkm ein und bestehen aus Grus und Lehm, den die Gletscher- 
ströme mitgeführt haben, sowie aus vulkanischen Schlacken und 
Flugsand; östlich von den Xüpsvötn nehmen sie ein Areal von 
1 500 qkm ein und bestehen ausschliesslich aus abgerolltem Gletscher- 
und Flussgeröll, vulkanische Asche oder Tuffstaub spielen hier keine 
Rolle. Diese si'sla ist also eine schmale Küstenlinie am Fuss un- 
geheurer Gletscher, von denen eine Menge gefährlicher Gletscher- 
ströme herniederstürzen, mit stets wechselnden Flussbetten, die den 
Verkehr sehr schwierig, zeitweise sogar unmöglich machen: sie haben 



72 Die allgemeine Beschaflfenheit der Sysla. 

durch den vielen Gletscherkies, Lehm und Sand, den sie mit sich 
führen, alle eine trübe Farbe, die bald milchweiss undurchsichtig, 
bald schmutzig weissgrau, bald schokoladenbraun ist. Die Ober- 
fläche der Grus- und Lehmstrecken ist hier und da von Lava- 
strömen und an einzelnen Stellen von Erdreich bedeckt; wo aber 
die Gletscherflüsse mit ihren vielen Armen das Flachland überfluten, 
wird alles Erdreich fortgeschwemmt oder mit Grus bedeckt, vmd 
kein Pflanzenwuchs gedeiht. Darum stehen auch in der Ebene fast 
keine menschUchen Wohnungen , die wenigen Gehöfte stehen in 
kleinen Oasen an den Bergseiten, wohin das Gletscherwasser nicht 
gelangen kann. Nach Thor oddsen bedecken im westlichen Teile 
die Lavaströme ein Areal von 1368 qkm, mit einem Volumen von 
23845 Million cbm. 

Wie den Pflanzen, so setzen die Gletscherflüsse und die öden 
Sandstrecken auch den Tieren eine Grenze. Die kleine Glocken- 
blume, Campanula rotundifolia, die im Westen und Osten zu den 
gewöhnlichen Pflanzen zählt, verschwindet südlich vom Vatiiajökiill 
an der Skeidarä vollständig. Ratten und Mäuse kommen nur an 
einigen Stellen vor, wo der Verkehr bequemer ist. Aber im Distrikte 
Örcrfi, unter dem Gletscher gleichen Namens, findet man weder 
Ratten noch Mäuse , nur bis zum Hreppur Borgar ho/n, westlich 
davon, sind die Mäuse vorgedrungen, aber nicht auch die Ratten. 
Das langsame Vordringen dieser Tiere, die sonst überall den Weg 
mit den Menschen in die meisten Stätten zu finden wissen, ist der 
beste Beweis für die fürchterliche Abgeschiedenheit dieser Gegend. 

Das Traurige ist, dass diese Verhältnisse niemals sonderlich 
verbessert werden können, nicht einmal mit den technischen Er- 
rungenschaften und Hilfsmitteln unserer Zeit. Die Ströme sind 
meist viel zu reissend und wasserreich, als dass man mit einem Boote 
hinübersetzen könnte, und Brücken können überhaupt nicht ange- 
legt werden, da ja das Flussbett sehr veränderlich ist und oft nur 
aus heimtückischem Flugsande besteht. Nur über die Skaptd bei 
Kirkjitbcrr führt eine Brücke, und erstaunlicherweise sind nach dem 
neuesten Staatsbudget für je eine Brücke über die Hölnisd und das 
Skaptdreldvabi 12000 Kr. ausgeworfen, unter der Voraussetzung, 
dass der Bezirk selbst mindestens 2000 Kr. zuschiesst. Dieser Plan 
verdient wegen seiner Kühnheit das höchste Lob. Denn das Strom- 
gebiet der beiden Flüsse gehört an einigen Stellen zu den Strecken, 
die oft ein zwei bis drei Stunden langes Passieren von überschwemm- 
tem Land nötig machen. Wenn man sich hier also auch die Anlage 
von Brücken als möglich denkt, so müssen sie doch so enorm teuer 
werden, dass sie schon aus diesem Grunde nicht geschlagen werden. 
Dazu kommt noch, dass die Küste selbst keinen Hafen und keinen 
Fjord hat — mit Ausnahme von Vik — und dass das Meer fast überall 
in gewaltiger Brandung gegen den flachen Strand braust. Wo die 



Gletscherströme. Eisvulkane. 73 

Gletscherströme münden, verschwinden bald alle Einschnitte wegen 
der Menge von Geröll, das sie mit sich führen. Durch den Wider- 
stand des Meeres werden die Flüsse im einigen Stellen zu seichten, 
veränderlichen Lagunen aufgestaut, den Halfen der südbaltischen 
Küste vergleichbar; schmale Landzungen, von den Flüssen und der 
Brandung gebildet, trennen sie vom Meere (/^d/> oder Idf?, wenn die 
Lagune Süsswasscr enthält; ds [älter: dss], wenn sie durch Ver- 
breiterung eines Flusses bei der Mündung gebildet ist; Pöstion, 
Island, S. i68). Oft sind die Lagunen im Winter grösser als im 
Sommer. Denn bei schweren Winterstürmen werden die Ausflüsse 
verstopft, so dass das Flusswasser sich über grössere Strecken aus- 
breitet. Im Sommer ist dagegen die Brandung schwächer, so dass 
die Strömung der Flüsse wieder Öffnungen in den aufgeworfenen 
Sandriffen bilden kann. Wird eine im Winter verstopfte Öffnung 
im Juni von 20 — 30 Mann wieder aufgeschaufelt , so fliesst das 
Wasser ab, und sogleich spriesst in der Niederung Gras hervor; 
bleibt aber die Überschwemmung einmal aus, so entsteht Heumangel. 

Die Bewohner der Skaptafells sysla sind also in jeder Beziehung 
übel daran, und das Schlimmste ist, wie gesagt, dass keine Aus- 
sicht ist, es könnte je besser werden. Denn, wie Bruun richtig 
bemerkt : wären dies die einzigen Übelstände , mit denen die Be- 
völkerung zu kämpfen hätte , so könnte sie sich doch anderweitig 
darauf einrichten und ihr schweres Los gefasst und in Frieden 
tragen. Aber das Fürchterlichste sind die schreckUchen Verhee- 
rungen, die vulkanische Ausbrüche verursacht haben und auch 
in Zukunft verursachen werden. Die feuerspeienden Vulkane liegen 
unter dem Gletschereise verborgen, bei den Ausbrüchen schmelzen 
die Gletscher und zerreissen , das Flachland wird von gewaltigen 
Wasserfluten überschwemmt, und Eisstücke, grösser noch als Häuser, 
werden auf die Sandstrecken niedergeführt oder hinaus auf das 
Meer. Das auf den Vulkanen gelagerte Eis schmilzt, und die 
Dämpfe verwandeln die ganze Lavamasse in Asche ; deshalb werfen 
die Vulkane in dieser Gegend niemals zusammenhängende Lava aus, 
sondern lauter Asche. Beim Au.sbruche der Katla (11. Mai 1721) 
wurde eine solche Masse Eisberge hinaus ins Meer geführt , dass 
man von dem höchsten Berge der Umgegend nicht über die Eis- 
felder hinwegsehen konnte, die das Meer bedeckten, und dass fast 
nirgends eine Wake zu erblicken war i) ; die äussersten Eisberge 
blieben in einer Tiefe von 70 — 80 Faden, etwa drei Seemeilen vom 
Land entfernt, stehen und bildeten förmlich eine Eisbarrikade; das 
Meer wurde durch sie emporgehoben, überschwemmte die Küste und 
vernichtete die Wiesen und Hauswiesen. Bei dem vulkanischen 



1) Wake, Wuhne, offene Stelle im Eis. 



74 Gletscherstürze. Passieren der Gletscherströme. 

Ausbruche des Laki 1783 war der Lavastrom so gross, dass man 
sagt, er habe denselben Kubikinhalt wie der Mont Blanc. 

Nicht ohne Grund hatte man mich vor den Gletscherströmen 
gewarnt. Ein Ritt durch sie erfordert in der Tat gute Nerven und 
völlige Schwindelfreiheit. Ich war wirklich froh, durch die Probe- 
tour und den Anfang der grösseren Reise einigermassen auf sie vor- 
bereitet zu sein. Diese Flü.sse verändern fast täglich den Lauf und 
darum auch fast täglich die Übergangsstellen und Furten; heute 
kann man hier den Fluss passieren , morgen eine halbe Stunde 
weiter nördlich; heute dauert der Übergang fünf Minuten, morgen 
währt er vielleicht zwei Stunden, um nur einen einzelnen Arm zu 
durchkreuzen. Ja, es ist vorgekommen, dass Leute, die von Osten 
her (\Q.rv Sandiir passierten, die Jökiihd d BreidaiiierkursaJtdi über- 
haupt nicht angetroffen haben. Während sie in der Wüste waren, 
war der Ursprungsort des Flusses plötzlich verstopft, das Wasser 
suchte sich eine i neuen Weg, das alte Flussbett wurde leer, und 
während derRei^^nde bei diesem angelangt war und vergeblich den 
Fluss suchte, hatt-: dieser hinter seinem Rücken, wo der Bauer viel- 
leicht vor einigen Augenblicken gewesen war , ein neues Bett ge- 
funden. Nur wer aus jahrelanger eigener Erfahrung die Flüsse 
kennt, vermag die Furten zu finden und die Reisenden hinüber zu 
geleiten. 

Scheint die Sonne auf die Gletscher, so dass diese schmelzen 
und das Flussbett mit Wasser füllen, und regnet es noch dazu, wie 
es während der Reisezeit die Regel ist, so ist ein Übergang lebens- 
gefährlich oder geradezu unmöglich. Dazu kommt, dass man nie 
sicher ist vor einem plötzlichen Gletscherlauf oder -stürz (jökiilhlmip) : 
die Flüsse, besonders die, die ihren Ursprung in einem sogenannten 
skridjökull haben, d. h. einem Gletscher, der in fortwährender Ver- 
änderung und Verschiebung begriffen ist , oder in einem fjalljökull 
d. h. Fallgletscher, d. h. einem .solchen, der sich langsam nach ab- 
wärts bewegt , schwellen unversehens an infolge vulkanischer Aus- 
brüche unterhalb der Firnen (aussergewöhnliche Gletscherstürze) oder 
durch Bersten der Gletscher (gewöhnliche Gletscherstürze). Dann 
stürzen ungeheure, mit Eisblöcken angefüllte Wassermassen aus den 
Gletschern hervor, grosse Steine, Kies und Schlamm mit sich fort- 
wälzend, alles fortreissend, was dem Wassersturze in den Weg 
kommt , und die fürchterlichsten Verheerungen anrichtend ; nach 
jedem Ausbruche müssen sich die Flüsse neue Betten bilden. Durch 
solche jökulhlaiip ist besonders die Skeidard berüchtigt ; dann hebt 
sich der ganze Gletscher, von dem sie entspringt, der Skeidard rjökull, 
der sich wie ein 4 D Meilen grosser Eiskuchen von dem eigentlichen 
Vatnajökull nach dem Skeidardrsaiidiir erstreckt (15 D]\Ieilen gross), 
bis die Eisdecke unter fürchterlichem Krachen birst. Durch Glet- 
scherstürze bei vulkanischen Ausbrüchen, wo die feuerspeienden 



Passieren der Gletscherströme. 7o 

Krater unter Eis und Schnee verborgen liegen, sind die Katla und 
der Örccfajükull besonders berüchtigt. 

An der Art und Weise, wie das sprudelnde Wasser wirbelt, an 
der Art der Brechung der Strömung (eptir brotiiui), an der Schnellig- 
keit, mit der das Wasser dahin schiesst, und an anderen ähnlichen 
Zeichen erkennen die Bewohner die Übergangsstellen, und zwar so- 
wohl die Tiefe des Flusses als auch die Beschaffenheit des Bodens. 
Ohne Lokalführer kann man sie überhaupt nicht passieren, und es 
ist geradezu wunderbar, mit welcher Geschicklichkeit sie den Fremden 
hinübergeleiten. Zuweilen reitet ein Führer voraus und probiert 
mit einer langen Stange, wo die seichtesten Stellen sind, und wie 
der Grund beschaffen ist. Bald reitet man aufwärts, der Strömung 
entgegen, dann wieder wendet man sich von ihr ab und reitet wohl 
zehn Minuten lang fiussabwärts. Glaubt man endlich drüben zu 
sein, so merkt man, dass man erst auf einer Insel oder Sandbank 
angelangt ist, die vom verlassenen Ufer kaum einige Schritt ent- 
fernt zu sein scheint, und das aufregende Schauspiel beginnt von 
neuem. Es ist ein förmliches Vorwärtstasten, da es ja keine festen 
Furten gibt, und der Grund sich täglich ändert. Anfänglich kommt 
es einem so vor, als ob die ganze Karawane sich rückwärts bewege ; 
man hat jedes Gefühl dafür verloren, ob man gerade oder schief 
im Sattel sitzt, und es überfällt einen dasselbe dämonische Gefühl 
wie Goethes Fischer: halb zieht es ihn, halb sinkt er hin. Nervösen 
Leuten ist dringend zu empfehlen, sich krampfhaft an die Mähne 
zu klammern oder die Zügel kurz zu fassen, den Kopf des Pferdes 
hochzuhalten und die Beine gerade in das Wasser zu stecken, um 
die Gewalt des Stromes zu brechen und dem Pferde mehr Halt zu 
geben; sehr heilsam ist auch, den Blick starr auf das jenseitige 
Ufer oder in die Höhe zu richten, um nicht immerfort die schäumenden 
Wellen vor Augen zu haben. Langsam, aber unerschütterlich arbeiten 
sich die Pferde durch den reissenden Strom ; langsam geht es, denn 
es fällt ihnen schwer, die aufgehobenen Füsse vorwärts zu bringen, 
und vorsichtig tasten sie erst, bevor sie sie niedersetzen, ob der 
Grund auch fest ist, und kein glatter Stein sie ausrutschen lässt. 
Auch ohne dass man ihnen besondere Hilfen gibt, stellen sie sich 
schräg, um den Anprall zu hemmen, und um nicht umgeworfen zu 
werden. Das Wasser, das öfters über ihren Rücken zusammenschlägt, 
beirrt sie viel weniger als den ungeübten Reiter. Gleitet dieser aus 
dem Sattel in die über i m hohen Wellen, so ist er verloren, 
weniger wegen der Tiefe des Stromes, als wegen seiner rasenden 
Geschwindigkeit, gegen die es kein Aufkommen und Ankämpfen gibt. 
Andere Flüsse setzen, wo ihr Gefälle geringer ist, Gletscher- 
schlamm ab. Dieser sinkt auf den Boden nieder, häuft sich an und 
wird immer mehr, bis das Bett ganz von ihm ausgefüllt ist. Dann 
wird das Bett für den Fluss zu eng, er steigt über seine Ufer, um 



76 Passieren der Gletscherströme. 

Platz ZU gewinnen und sich auszudehnen, und sucht sich ein neues 
Bett. Dieser Schlamm ist für die Pferde äusserst gefährlich , sie 
sinken in den weichen Boden ein und können sich nicht wieder in 
die Höhe richten. Es war ein schrecklich aufregender Augenblick, 
als ein Bauer, der unseren Führer verschmähte und sich auf eigene 
Faust eine Furt suchte , plötzlich mit seinem Rösslein verschwand. 
Zum Glück war es nah am Ufer und ziemlich seicht. Mann und 
Pferd ruderten mit Arm und Bein, endlich kam der Bauer, über und 
über nass und mit Dreck beschmiert, empor; aber es gelang ihm 
nicht so leicht, sein Pferd in die Höhe zu bringen; je w'ilder es mit 
aufgeblähten Nüstern um sich schlug, um so tiefer versank es in 
dem nachgebenden Flugsande ; erst nach langen , langen Minuten 
wurde das Pferd gerettet, und reumütig folgte uns der Bauer jetzt 
auf dem Fusse. Bei solchen Flüssen , die wegen ihres Flugsandes 
berüchtigt sind, jagt man zuweilen die losen Pferde voraus, damit 
sie den lockeren Sand feststampfen, denn sie können im Falle der 
Not schwimmen. In der Regel findet der Übergang da statt , wo 
der Fluss am breitesten ist, weil es da am flachsten ist. Ein Über- 
gang über einen Gletscherfluss , der sich in weiten Verzweigungen 
über eine Stunde ausbreitet, kommt einem dagegen wie ein Kinder- 
spiel vor, auch wenn das Wasser fortwährend über den Knien zu- 
sammenschlägt. Im Winter bei leichtem Frost sind die Gletscher- 
flüsse am leichtesten zu passieren ; im Sommer bei Hitze und warmem 
Regen schwer; sind sie absolut nicht zu durchreiten, so muss man 
versuchen, einen Weg über die Gletscher selbst zu suchen. Wer 
feste Nerven, einen guten Magen und einen eisernen, widerstands- 
fähigen Körper hat , wird auch als einfacher Tourist hier auf seine 
Kosten kommen, zumal wenn sein Sinn allem Ungewöhnlichen und 
Abenteuerlichen noch nicht ganz entfremdet ist. 

Die Geologen, namentlich Thoroddsen , haben bewiesen, dass 
Islands Südküste seit dem Ende der Eiszeit sich über das Meer 
erhoben hat. Das niedrige Küstenland zwischen den Vorgebirgen 
Hjörleifshöfdi und higölfshöfdi, zwischen dem Myrda/s- und Örcrfa- 
jökiill ist am Schlüsse der Eiszeit vom ?^Ieer bedeckt gewesen. Es 
ward in Norden von steilen Felswänden begrenzt, die deutliche 
Spuren von der Arbeit des Meeres an sich tragen, Höhlen, die die 
Brandung des Meeres gew'aschen hat. 

Für Geologen ist also die Südküste von grösstem Interesse. 
Nirgends sonst in Island hat man so leicht Gelegenheit, die ge- 
waltige Tätigkeit der Gletscher, Gletscherströme und Vulkane zu 
studieren und Sandflächen kennen zu lernen, die in ihrer Unwirtlich- 
keit eher an Afrika und Asien gemahnen, als an Europa. Aber 
auch für den Historiker ist ein Besuch dieser Gegend von hohem 
Reize. Hier waren die ersten Bewohner gelandet, hier hatten Iren 
und Norweger kurze Zeit zusammengesessen, hier war also die älteste 



Geschriebene Zeitungen. Stand der Bildung. 77 

Bevölkerung von Island ganz gewiss keine rein norwegische, sondern 
irisches und germanisches Blut hatten sich hier miteinander gemischt. 
Hier war der deutsche Missionar Dankbrand 998 von Osten her 
durch das Südland zum Althing gezogen, hier hatte der erste auf 
Island getaufte Einheimische gewohnt, Sidn-Hallr, hier waren bis 
zur Reformation zwei der grössten isländischen Klöster Kirkjiibmr 
und Pykkvibo'r , und hier spielt ein grosser Teil der Ereignisse der 
Njdlssaga, vor allem ihr grossartiger Schluss. 

Vor allem aber musste diese Gegend wegen ihrer abgeschiedenen 
Lage noch manchen Ertrag für die Volkskunde abwerfen, denn hier 
haben sich natürlich alte Sitten und Bräuche länger erhalten als 
anderswo. 

In den Skaptafells sysla leben wirklich noch Menschen, die 
von den Fortschritten unserer Zeit keine Ahnung haben, die ausser 
ihrem Hofe höchstens noch die Gebirgsweiden und die nächste 
Kirche kennen, und denen das übrige Island als das gelobte Land 
gilt. Dem politischen Leben, das sonst die Isländer so leiden- 
schaftlich erhitzt, stehen sie gleichgültig gegenüber. Gedruckte 
Zeitungen habe ich nur vereinzelt auf den Bauernhöfen gefunden, 
ein eigenes Blatt für diesen Bezirk gibt es überhaupt nicht. Inter- 
essant war mir eine geschriebene Zeitung, die ich auf zwei 
Gehöften antraf {svettablad, sveit = Distrikt) : Jeder Bauer schreibt 
auf seiner Farm die Ereignisse eines längeren Zeitraumes oder auch 
Gemeindeangelegenheiten auf und tauscht seinen Bericht gegen den 
eines anderen ein, so bleibt er über alles ihn Interessierende leidlich 
auf dem Laufenden und erfährt mitunter auch im strengsten Winter 
etwas von dem, was draussen in der grossen Welt vorgeht. 

Ob es auch hier, wie an der Hornküste, noch einige ältere 
Leute gibt, die nicht lesen können, was sonst auf Island unerhört 
ist, entzieht sich meiner Beurteilung. Nach Bruun haben alle Be- 
wohner von ihren Eltern das Lesen gelernt, und zwar nach alten 
Andachtsbüchern, aber nicht Rechnen und Schreiben. Vor Unter- 
schriften hatte man noch vor 50 Jahren einen heillosen Respekt, 
wie es ja auch bei uns noch in entlegenen Winkeln oft genug vor- 
kommt. Mit der Konfirmation ist die Erziehung gewöhnlich ab- 
geschlossen. Postillen, Gesangbücher und andere religiöse Schriften 
habe ich wiederholt vorgefunden, seltener eine ganze Bibel. Im 
Winter sind Hausandachten üblich, auch die alten Sagas werden 
dann vorgelesen oder erzählt; doch sind gedruckte Sagas seltener 
als anderswo, meist werden sie von Gehöft zu Gehöft geliehen. 
Im übrigen steht es, wie ich glaube, bei der heranwachsenden 
Generation mit dem Schreiben und Rechnen besser. Die Schreib- 
hefte der Kinder, die ich mir angesehen habe, w^aren sauber und 
in Ordnung, die Buchstaben wie gestochen; auf den Rechnungen, 
die ich mir für Quartier und Kost ausstellen Hess, habe ich fast nie 



78 Treibholz. Strandrecht. 

einen Fehler bemerkt. Die Aus.sprache scheint mir etwas anders 
zu sein wie sonst, mir persönUch jedenfalls mundgerechter, nicht 
so lispelnd und schnell, sondern eher rauh und bedächtig, mehr an 
die der Faeringer erinnernd. Über Unreinlichkeit habe ich nirgends 
auch nur im Geringsten zu klagen gehabt, und auch mein Führer, 
der meist mit dem Gesinde zusammenschlief, war stets zufrieden. 
Die Lepra kommt nirgends und der Hundewurm nur noch ver- 
einzelt vor. Die kurze Sommerzeit wurde nach Kräften ausgenutzt, 
und wenn ich mich meist gegen sieben Uhr erhob, waren die Leute 
schon lange auf dem Tun und den angrenzenden Wiesen mit der 
Heuarbeit beschäftigt. Über alles Lob ist die Gastlichkeit und 
Hilfsbereitschaft erhaben, die mir durchweg zuteil geworden ist. 
So kärglich auch die Natur die Bewohner der Skaptafells sysla 
bedacht hat, ganz vernachlässigt hat sie sie doch nicht : das Holz, 
das der Wald ihnen schuldig bleibt, liefert ihnen die Meeresströmung. 
Treibholz {rekavidur) wird in grossen Mengen an die Küste an- 
geschwemmt, meist Nadelholz: Fichten, Tannen, Lärchen, doch 
auch Laubholz : Pappeln und besonders Mahagoniholz. Früher hat 
man ausschliesslich den Golfstrom dafür verantwortlich gemacht, 
jetzt weiss man, dass auch die Polarströme dabei eine Rolle spielen. 
Nach dem schwedischen Botaniker Ingvarson haben die Treib- 
hölzer grösstenteils ihren Ursprung in Sibirien. Ein Teil des Golf- 
stromes geht vermutlich an der Nordküste Spitzbergens hinauf, 
und das Treibholz gelangt dann durch den Polarstrom von den 
Mündungen der sibirischen Flüsse über Nowaja Semlja nach Grön- 
land hin. Von dort trifft der Polarstrom mit dem Golfstrome zu- 
sammen und geht mit ihm wieder nach Island, den Fsröern, Nor- 
wegen und weiter nordwärts. Ich war oft ganz erstaunt über die 
Menge der Stämme, die den Strand bedeckten oder auf den Ge- 
höften aufgeschichtet lagen, und über ihre Dicke: es sind meist 
unbehauene, rindenlose Bäume mit Wurzelknorren und Astenden, 
mit Muscheln und Tang bedeckt, von der Luft weissgrau gebleicht. 
Sie sollen dauerhafter und zäher sein als die eingeführten Bauhölzer 
und werden noch heute, wie früher, für das Haus und das Haus- 
gerät verwendet ; verfaulte Stücke und alte Stämme sind willkom- 
mener Brennstoff. Überall findet man in den sonst so kahlen und 
ärmlichen Räumen Möbel, Tische und Kommoden aus Mahagoni- 
holz, selbst in Ställen kann man Pfosten aus diesem Holz sehen ; 
die Bewohner haben offenbar keine Ahnung von dem Werte, den 
es sonst überall auf der Welt hat. Auch hier, wie an der Nord- 
küste, wird gleichwohl darüber geklagt, dass das Treibholz jetzt 
nicht mehr so reichlich sei wie früher; es nimmt natürlich in dem 
Masse ab, wie die Wälder ausgerodet werden. Vor dem Honia- 
fjördiir wurde vor dreissig Jahren eine Menge Bambusrohr an- 
geschwemmt und von den Bewohnern zur Anfertigung von Gefässen 



Strandrecht. 79 

benutzt. Der Transport der Treibhölzer nach den mehr im Innern 
gelegenen Gehöften ist im Sommer sehr schwierig; im Winter wird 
er mit Schlitten bewerkstelligt. 

Wem gehört das angeschwemmte Treibholz ? Als die ersten 
Ansiedler sich an den Küsten niederliessen, grenzten sie wohl ihr 
Eigentum ab, trafen aber weder Bestimmungen über das Treibholz, 
das in unerschöpflichen Mengen antrieb, noch über antreibendes 
Wrack {vrdgrek, jetzt vogrek). Etwa 940 wurde gesetzlich aus- 
gesprochen (Grettis S. 12), dass ,,im Zweifel der Strand Pertinenz 
des Grundeigentums" sei (Maurer, Island, S. 448); auch die 
Gesetzbücher halten diese Regel noch fest. Später ist das Strand- 
recht häufig von dem Grundbesitz abgetrennt ; es kommt vor, dass 
Klöster eine stattliche Reihe von Strandberechtigungen in fremden 
Gegenden aufzuweisen haben. Der Strandberechtigte durfte das 
Treibholz mit seiner Marke bezeichnen, um sich dadurch das 
Recht auf dasselbe zu sichern für den Fall, dass es wieder weg- 
geschwemmt würde. Heute gehört das meiste Treibholz den häufig 
fernliegenden Kirchen, die für billiges Geld die Strandgerechtigkeit 
den Angehörigen des Kirchspiels verpachten. 

Ein antreibendes Wrack gehört nicht dem Strandberechtigten, 
sondern dem Grundeigentümer zu; dazu wurden Leichen, Waren, 
andere Güter, Schiffsholz und verarbeitetes Holz gerechnet. Alles 
dies wurde aber nicht ohne weiteres Eigentum des Empfängers, 
sondern er durfte nur soviel behalten, wie zur Bestreitung der Be- 
gräbniskosten nötig war, oder wie zu verderben drohte. Konnte 
der Besitzer oder dessen Erbe seine Ansprüche glaubhaft nach- 
weisen, so erhielt er seine Sachen zurück ; erst nach fünf Jahren, 
wenn sich niemand meldete, hatte der Grundeigentümer Recht auf 
das übrige Wrack. Diese Behandlung des Wracks ist, sagt Maurer, 
ausserordentlich mild und menschenfreundlich und sticht auffallend 
ab gegen die harte Handhabung des Strandrechts damals in andern 
Ländern und noch heute in vielen Gegenden. Heute steht nach 
meinen Erkundigungen das vogrek in der Regel dem Besitzer des 
Strandes zu, doch so, dass der Finder oder Berger, namentlich 
wenn das Wrack Gefahr lief, wieder abgetrieben zu werden, einen 
bestimmten Anteil erhält. Es kann auch sein, dass das vogrek an 
gewissen Orten einem andern wie dem Besitzer zukommt , einem 
Privatmann oder vor allem einer Kirche. Weder der Syshtiiiadur 
noch der Distrikt haben Anteil am Wrack, es sei denn, dass ein 
Wal an Land treibt. Die naive, grausame Anschauung des Natur- 
menschen spricht aus folgender Anschauung eines Bauern. Wir 
hatten über den gestrandeten deutschen Fischereidampfer „Friedrich 
Albert" gesprochen, und ich meinte, man müsse an der Südküste 
Leuchttürme errichten, auch wenn sie noch so viel kosteten, um 



80 Der Sölheimasandur. 

das Scheitern und Stranden zu verhindern. Da erwiderte er ganz 
unbefangen: „0 nein, das wäre nicht gut für uns, damit würde uns 
viel entgehen." 

6. Juh. 

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen kehre ich zu der Be- 
schreibung meiner Reise zurück. Der Sölheimasandur , den wir 
nach der Überschreitung der Jökulsd als die westlichste der Sand- 
wüsten der Skaptafells svsla erreicht haben, erhebt sich, wie sich 
Thoroddsen ausdrückt, schwach kuppenförmig gegen den Gletscher 
'gleichen Namens hinan als ein flacher, ungeheuer grosser Gruskegel, 
der das Tal des SölJieiniajökull hinunter geglitten ist. Die Ent- 
stehung dieser Sandstrecke ist nach einer alten Sage augenscheinlich 
durch einen Gletschersturz bewirkt worden (Lnd. IV, 5): 

Der alte zauberkundige Löd iniindr wohnte in Söl/ietniar, ein anderer, nicht 
minder zauberkundiger Landnahmemann, Prasi, wohnte in Skögar. Eines Morgens 
bemerkte Prasi, wie ein gewaltiger Wasserstrom aus einem Gletscher näher und 
näher kam. Durch seine Zauberkunst gab er der Flut eine andere Richtung, so dass 
sie nach Osten, nach Sölheimar stürzte, wo LodDiundr wohnte. Aber dessen 
Knecht sah das und erzählte seinem Herrn, dass das Meer von Norden auf sie los- 
käme. Lodmundr war blind und forderte den Knecht auf, ihm einen Eimer Wasser 
von dem zu bringen, das er „Meer" nannte; als er zurückkam, sagte Lodmundr, er 
glaube nicht, dass es Meerwasser wäre. Dann Hess er sich von seinem Knechte nach 
dem Wasser hinführen, „und stecke meinen Stab in das Wasser hinein" ; an dem 
.Stabe war ein Ring, Lodmundr umfasste den Stab mit beiden Händen und biss in 
den Ring : da begann der Wasserstrom abermals seine Richtung zu ändern und ergoss 
sich nach Westen, nach Skögar. So trieben Prasi und Lodmundr abwechselnd 
das Wasser einander zu, bis es sich in einer Kluft traf (dem eigentlichen Flussbette), 
und sie kamen nunmehr überein, den Strom den kürzesten Weg nach dem Meere zu 
einschlagen zu lassen. Dieser Fluss heisst jetzt Jökulsd ä Sölheimasandi und 
trennt das Süd- und Ostviertel von einander." 

Noch heute heissen zwei Berge an jenem Flusse zur Erinnerung 
an jene Zauberkünste LodimindarscEti und Prasahdls. Pfarrer Jon 
Egilsson erzählt, vor 1500 sei ein Riesenweib am SölJieiinasmidur 
angetrieben [Safii Hl sögu Islands I, S. 46), und dass abergläubische 
Gemüter sich hier zauberkundige Männer, Riesen und Geister wohn- 
haft dachten, ist nur allzu natürlich. Die Stimmung, die einen 
Reisenden in unseren Tagen in dieser schweigenden Wüste über- 
fällt, gibt ein Gedicht von Gri'inur Tliovisen trefflich wieder: 

Sölheimasandur . 

(Mel. : Du gamla, du friska, du fjällhöga Nord . . . 

Du Land meiner Väter, du felsiges Land [Schvved. Volkslied],). 

So reite mit mir übern Sölheimasand, 

Wo die Welle rauscht und niemals schweiget, 

Die Jökulsd spinnt von Eiswolle ein Band, 

Und der Gletscher bis dicht ans Meer sich neiget. 



Die Kalla. Nach Vik. 81 

Und Schweigen hüllt dort die Küste ein, 
Kein Laut unterbricht den Frieden, den stillen, 
Die Natur spricht dort mit sich selbst allein, 
Doch nur wenige verstehen ihren Willen. 

Im flotten Trabe ging es vorwärts. Zwei weitere Küstenflüsse, 
der KUfatidi und die Hafursd, die die östliche Grenze des Sölheima- 
sandur bildet, wurden ohne jede Schwierigkeit überschritten. Die 
Sonne strahlte, das Wetter ward hell und heiter, eine SchnechüUe 
nach der andern entschleierte sich und offenbarte ihre reinen 
Formen, ein grüner Gletscher nach dem andern tauchte auf; 
Klippen, die weit entfernt waren, schienen in nächster Nähe zu 
liegen, und manche andere seltsame Bilder zeigten uns die Luft- 
spiegelungen: die Wüste glich einer überschwemmten Ebene mit 
vielen zitternden kleinen Seen; lange Karawanen von kleinen Last- 
tieren schienen sich am Horizont zu bewegen, wo in Wahrheit kein 
lebendes Wesen war. Vor allem suchten unsere Augen natürlich 
die beiden grossen Vulkane des Myrdalsjökiill, den Eyjafjallajökiill 
und die Katla. Letztere liegt im obersten Teile des Firnbeckens 
des Gletschers, der sich östlich von der Mitte des Myrdalsjdkull 
bis zu den Sandwüsten hinab erstreckt, unter dem Eise. Sie hat 
in geschichtlicher Zeit zwölf Ausbrüche gehabt, von denen der erste 
ungefähr 900, der letzte 1860 stattfand. Kafla ist eigentlich ein 
Frauenname. 

Im Kloster Pykkvibccr lebte eine zauberkundige Haushälterin mit Namen Katla. 
Sie hatte einst im Zorne den Schafhirten in einem Bottich mit syra ertränkt (die 
Molken, die beim Seihen des Skyr ablaufen). Als die Zeit nahte, wo die Leiche, 
da die syra ausgetrunken war, gefunden werden musste, zog sie schnell ihre Hexen- 
hosen an — eine Art Siebenmeilenstiefel, um die sie sich mit dem Hirten erzürnt 
hatte, der sie heimhch gebraucht hatte — , Hef auf den Gletscher und stürzte sich 
in den Kraterschlund. Bald hatte der Gletscher den ersten „Lauf, und dieser 
richtete sich gegen das Kloster. Man schrieb ihn der Hexe zu, und die Kluft hiess 
seitdem Kötlugjä (Spalte der Katla) und die verödete Gegend Kötlusandiir^). 

Als ein langes, grünes Tal uns aufnahm, richteten wir unsere 
Blicke auf das weite Meer und gewahrten mehrere englische Trawler, 
die dicht an der Küste lagen und den armen Bewohnern ihr Eigen- 
tum vor der Nase fortnahmen; aber wir freuten uns, dass der 
,,Zieten", den wir hier vermuteten, sie abfassen würde. Ganz deut- 
lich waren die Vestmaiuiaeyjar und Dyrhölaey zu sehen, die uns 
vor wenigen Wochen vom Schiffe aus den ersten Anblick von Island 
gewährt hatten. Scharf hob sich die türartige Klippe ab, die aus 
dem Wasser emporragt und, wie ihr Name andeutet, eine Passage 
hat, durch die grössere Fischerboote fahren können. Auf einer Oase, 
am Fusse des Reynisfjall, machten wir Halt, kochten eine Konserven- 
büchse, die, wie gewöhnlich, Frankfurter Würstchen und Grünkohl 

1) Jon Arnason, Ist. Pjöcts. I, S. 184/85. 

Herr mann, Island II. O 



82 



Vik. 



enthielt , und 
Trinken einen 
dem Aufbruch 
dass mir ein 
zu viel war ; 
fest und tief, 

Auf Schi 
paar Strecken 



taten zur Vorsicht in das eiskalte Bergwasser beim 
Schuss Rum. Aber ich war in den lo Tagen, die seit 

vergangen waren, so des Alkohols entwöhnt worden, 
Teelöffel voll Rum in eine Kaffeetasse Wasser schon 
ich schlich mich seitwärts und schlief einige Minuten 
was ich sonst nie während des Marsches getan habe, 
angenwegen ging es dann das Reynisfjall hinan; ein 

mussten wir zu Fuss gehen, den Pferden wurden die 




F'g- 75- ^'k i Myrdal. 

Zügel Über den Kopf und die Steigbügel über den Sattel geworfen, 
und munter suchten sie sich selbst den Weg. Dieser war steil und 
schroff, aber höchst malerisch: grosse Steinblöcke hingen drohend 
über unseren Häuptern, und Reiter, die uns begegneten, erschienen 
wenige Minuten darauf unmittelbar unter unseren Füssen. Froh- 
lieh trabten wir bergab, bei dem ersten statthchen Hause, das wir 
erreichten, schwenkte der Engländer unserem Kontrakt gemäss ab, 
wir ritten weiter bis unmittelbar an den Strand und fanden herz- 
liche Aufnahme bei dem Faktor Giimiarr Ölafsson. 

In Vik wohnte der schon oft genannte isländische Arzt und 
Naturforscher Sveinn Pälssun 1809 — 40; er war ein tüchtiger Geolog 



Vik. 



m 



und Botaniker und in vieler Beziehung seiner Zeit weit voraus; er 
gab zum Beispiel zuerst eine richtige Erklärung der Bewegung der 
Gletscher. Der Handelsplatz V/'Jc liegt in einem schönen, üppigen 
Tale, die lo — 12 Häuser mit ca. loo Einwohnern sind dem Meere 
zugekehrt, ringsum erheben sich steile Berge (B"ig. 75j- Auf der 
offenen Reede in der kleinen Bucht können bei gutem Wetter 
Handelsschiffe anlaufen, und darum wird hier im Sommer ein nicht 




Fig. 76. Brandung bei Vik (Reynisdrängar). 



unbeträchtlicher Handel getrieben. TV/l' ist, wie gesagt, die einzige 
Stelle an der ganzen Süd- und Südostküste , wo dies möglich ist, 
und erst bei Hor7iafjördu)' in der Aus für Skapfa/ells sysla können 
Schiffe vor Anker gehen. Nur bei Nordostwind kann man in den 
Hafen einfahren. Ausserhalb des Reyiiisfjall , das die Bucht nach 
Westen begrenzt, erheben sich, gewissermassen als seine Verlänge- 
rung, eine Reihe spitzer Klippen, die Reynisdrängar , aus dem 
Meere (Fig. 76) : drei vielzackige, schwarze Felsenriffe. 

Nacli der Volkssage ist das erste Riff, das an der Spitze in 3 Teile gespalten 
ist, ein Schiff, das einen jungen Riesen an Bord genommen hat ; das Riff dahinter ist 
die Frau des Riesen, die das Schiff in seiner Fahrt aufzuhalten sucht, und das dicke 
Riff soll der Sohn des Unholdes sein. Gerade als die Riesin das Schiff umstürzen 
wollte, ging die Sonne auf, und alle drei erstarrten zu Stein. Ohne diese Volkssage 
zu kennen, sagt Henderson (I, S. 341): Diese rohen Felsen haben bei nebligem 

6* 



84 Vik. 

Wetter Ähnlichkeit mit einer Flotte von Schiffen, und wirklich hielt ich sie selbst 
beim ersten Anblick für Schiffe. 

Nach Osten zu fällt dXo. ArnarstakksJieidi steil nach dem Meere 
und endet in den sogenannten Vikurkleitnr , von Schluchten und 
vorspringenden Klippen durchfurchten, aber meist, selbst im Winter, 
mit grüner Angelika bedeckten, fast senkrechten Felswänden. Diese 
Tufffelsen mit ihren Sohlen und Absätzen sind von unzähligen 
Scharen schneeweisser Vögel belebt (Procellaria glacialis); man 
rechnet, dass hier allein jährlich im Herbste 3000 erwachsene Junge 
gefangen werden. 

Das Klima beträgt im Winter durchschnittlich 7 ", selten mehr, 
vor einigen Jahren waren allerdings 20° Kälte. 

Unsere erste Frage an den liebenswürdigen Faktor war, ob 
der kleine Kreuzer ,,Zieten" hier gewesen wäre; denn wir hatten 
verabredet, • uns hier zu treffen, damit wir, wenn nötig, unseren 
Proviant ergänzen könnten. Das Schiff war in der Tat vor 2 Stunden 
draussen gesehen , hatte auch verschiedene Signale gegeben , aber 
was vor wenigen Stunden noch möglich gewesen wäre, war jetzt 
unmöglich. Auch am nächsten Morgen konnten wir durch das 
Fernglas den ,,Zieten" draussen manövrieren sehen, mussten aber 
schweren Herzens die Hoffnung aufgeben, ihm in Islands Gewässern 
wieder zu begegnen. 

Von dem Hause des Faktors ilihren Schienenstränge bis weit 
auf den Strand hinaus. Als ich mich ahnungslos zu weit hinaus- 
wagte, kamen einige Wellen wie hohe Mauern unter lautem Donnern 
herangerollt, schössen über die Schienen und die aufs Land ge- 
zogenen Boote und überfluteten mit ihrem gelbweissen Schaum alles 
bis unmittelbar zu der Stelle, wo ich war. 

Vor dem Hause herrschte noch am Abend reges Leben. Kara- 
wanen, manche 20 Pferde stark, beladen mit Wolle und getrocknetem 
Fisch, kamen an (man nennt einen solchen Zug Packpferde lest)^ 
und die Begleiter wurden von den Anwesenden froh mit Kuss und 
Handschlag begrüsst. Andere Karawanen, belastet mit Säcken voll 
Zucker, Kaffee, Korn und sonstigen Waren, machten sich zum Ab- 
schiede fertig und wollten die ganze Nacht hindurch wandern. 
Allerliebst sah es aus, wie die Füllen, nicht grösser als Bernhardiner- 
hunde, neben den Stuten umhersprangen. Eine solche Handelsreise 
wird in diesem Bezirke nur einmal im Jahre unternommen, sehr 
selten zweimal ; darum stecken die Bauern auch bei dem Kaufmann 
nicht in Schulden und sind, für Islands Verhältnisse, nicht arm. 
Kleine Zelte waren aufgeschlagen, aus denen lustiges Lachen und 
Scherzen heraustönte , aus einem Hess sogar eine Handharmonika 
ihre quäkende , gedehnte Stimme erschallen ; aber kein einziger 
Betrunkener war zu sehen, alle Fröhlichkeit hatte ihre Grenze, und 
kein Zank und Streit kam vor. 



Vik. 85 

Die Faktorei war ein recht ansehnliches Gebäude. Das Wohn- 
haus Hnks war ganz komfortabel eingerichtet, so wie bei uns die 
besseren bürgerlichen Wohnungen. Der eigentliche Laden war in 
einem grossen, zweistöckigen Hause untergebracht und war ein 
Warenhaus im kleinen. Hinter den hohen Ladentischen liefen eifrig 
5 bis 6 junge Leute umher und häuften geschäftig Ballen auf Ballen, 
vieles packten sie sogleich in die roten Packkoffer ein. Weiter 
nach rechts lagen noch einige Speicher, in denen noch andere Vor- 
räte aufgestapelt lagen. Man konnte an dem ganzen Treiben 
merken, dass Käufer und Verkäufer Vertrauen zueinander hatten 
und miteinander zufrieden waren. 

Als ich vom Pferde stieg, trat ein junger Bursch auf mich zu 
und fragte: „Sind Sie nicht der Deutsche, der vor 4 Wochen in 
Reykjavik war?" Er hatte mich trotz der Reiseausrüstung wieder 
erkannt; er freute sich, dass ich mit der bisherigen Tour zufrieden 
war und wünschte mir göda ferd für den Skeidardrsandur und die 
Jökulsd d BreidaDierkursandi, und dabei machte er eine abwehrende 
Bewegung, dass die Namen, die durch ihre Länge schon nicht recht 
geheuer aussehen, mir noch gefährlicher erschienen. Ein paar 
andere junge Leute, mit weissen Drillichjacken und blauen Militär- 
hosen, grüssten ganz nach Soldatenart, und ich wunderte mich, 
woher die Polizisten kämen; denn Soldaten hat doch Island gar 
nicht. Erst am nächsten Morgen merkte ich, dass es dänische 
Soldaten waren, die Offiziere des Generalstabs begleiteten. 

Unser Wirt und seine Frau waren von einer Gastlichkeit und 
Gefälligkeit, die uns in hohem Grade erfreuten. Ein Kaffee, so 
vortreffHch, wie man ihn nur in Island bekommt, erschien sofort 
auf dem Tisch der guten Stube, dazu Natronkuchen und hinterher 
Zigarren; die Kiste stand während unseres ganzen Aufenthaltes 
offen. Zum Abend gab es Ragout, Hummer, Sardinen usw., am 
nächsten Morgen gefüllten Eierkuchen und für jeden eine Flasche 
Bier, die natürhch, obwohl sie ,, alkoholfrei" war, nach so langem 
Fasten treffhch mundete — und der Preis für die Schlemmerei und 
das gute Nachtlager.? Drei Kronen, für jeden von uns eine ganze 
Krone ! Ich genierte mich ordentlich, diese lächerlich geringe Summe 
zu bezahlen. Von der Güte seiner Waren konnte ich mich über- 
zeugen, als ich unsere Esskiste bei ihm wieder füllte; wir kautten 
2 Flaschen Rotwein, die Flasche zu 2 Kr., der sogar recht gut war, 
einige Büchsen Lachs, i Kr., und 100 Zigarren zu 9 Kr., die etwa 
einer anständigen deutschen 6 Pfennig-Zigarre entsprachen. 

7. Juli. 

Mein Lager war mir aus den Hochzeitsbetten hergestellt, wie 
die schönen Stickereien und die grossen, roten, verschlungenen 
Monogramme zeigten. Eigentlich sollte heute Ruhetag sein, aber 



% Vik. 

das Wetter war zu verlockend, und so gab ich Ögmundur früh 
Befehl, nach den Pferden zu sehen. Um 1 1 Uhr waren sie zur 
Stelle; es war nicht leicht gewesen, sie aus den hohen Bergen 
herunterzuholen, und in dem sie vor dem Hause umgebenden Ge- 
dränge suchten sie sich jeden Augenblick zu drücken. Es war ein 
Leben wie bei uns zur Jahrmarktszeit, nur dass der ohrenbetäubende 
Lärm der ,, Musik" fehlte. Mit ]\Iühe gelang es uns, unseren treff- 
lichen Wirt in einem unbeschäftigten Augenblicke abzufassen und 
Abschied von ihm zu nehmen. Dann setzten wir uns in Bewegung 
und wollten gerade aus dem Gehöft abbiegen, als ich plötzlich 
meinen Namen und auf gut deutsch die Worte höre: ,, Warum wollen 
Sie schon so früh fort-^^" Ich reisse erstaunt mein Rösslein herum 
und sehe vor mir einen Hünen mit blondem Vollbarte, die Soldaten- 
hosen in Stiefeln, einen Sweater statt des Waffenrockes. Es war 
Hauptmann Hammershöj vom dänischen Generalstabe, der schon 
früher auf den Faeröern mit Triangulierungsarbeiten beschäftigt ge- 
wesen war. Jetzt sollte er mit zwei Kameraden und neun Unter- 
offizieren die Strecke von TV/f' bis zur Jökulsd d Breidamerhir- 
sandi aufnehmen, nachdem 1903 die Küste von Papös bis zur 
'Jökulsd aufgenommen war. Schon 1S56 hatte Lord Du ff er in ge- 
sagt: ,,Die Aufnahme Islands scheint das Steckenpferd der dänischen 
Regierung gewesen zu sein und hat eine so vollendete Karte ge- 
liefert, dass jeder kleine Felseinschnitt, jeder Bergstrom, jede Lava- 
flut mit bewundernswerter Genauigkeit darauf angegeben ist (Aus 
hohen Breitengraden, 1860, S. 85). Was würde er zu den neusten 
Karten des Generalstabcs sagen, diesen unerreichbaren Mustern an 
Genauigkeit, Übersichtlichkeit und Sauberkeit! Der Hauptmann 
war erst spät am Abend von seiner Arbeit zurückgekehrt und hatte 
den ganzen Vormittag zu tun gehabt. Nun war er frei und freute 
sich, ein verständiges Wort reden zu können, und ich musste gerade 
fort. Er bot mir Lebensmittel und Konserven an, w-as ich dankend 
ablehnte, da ich reichlich versorgt war, trug mir Grüsse an seine 
Kameraden auf, die ich in einigen Tagen antreffen würde, und dann 
schieden wir mit einem herzhaften Händedrucke. 

Der Weg ging anfangs in der Nähe des Meeres an steilen, grün 
bewachsenen und mit Vogelguano gedüngten Felsen vorüber. In 
ihren Spalten sassen, schnurrten und schrien Tausende von Eis- 
sturmvögeln; ein ohrenbetäubendes Grrr scholl von den Nestern 
her, und aus der Luft tönte es unablässig Grab, gra, grab, gra. . . 
Die Eissturmvögel legen Mitte Mai ein weisses, nach Moschus 
duftendes Ei, das ihnen von den Bewohnern fortgenommen wird; 
aber Mitte August, wenn die Jungen erwachsen sind, werden sie 
massenweise von den Vogelfängern erschlagen, die sich an Tauen 
oft 80—90 Faden tief auf die Felsen herablassen. Ende August 
ziehen die Vögel fort, kehren aber im Dezember zurück, und wieder 



Vik. Myrdalssandur. 



87 



wird ein Teil der nun ausgewachsenen Tiere gefangen, mit Vogel- 
stangen, an deren Ende ein sackförmiges Nest ist. Auch Papagei- 
taucher' waren ziemlich häufig (Fratercula arctica glacialis); preslur 
„Priester" nennt sie der Isländer wegen ihres ernsten Benehmens, 
cn-clle rote und gelbe Streifen heben das sonst weisse und schwarze 
Gefieder. Sie hockten auf kleinen Vorsprüngen, putzten die mit 
Erde befleckten Federn und drehten den dicken Kopf mit dem 
starken Schnabel, der dem der Papageien ähnlich, aber an der 
Spitze nicht umgebogen ist. Sie scheinen eine wenig friedenliebende 
Sippe zu sein, ihr ärgerliches Knurren drang fortwährend an unser 
Ohr, und vor den Höhlen zankten und stritten sie sich mit fremden 
Eindringlingen. Sie werden gleichfalls mit Vogelstangen gefangen, 
die Jungen werden selten herausgenommen. Uria Troile aber, die 
Lomme, die sonst auf den isländischen Vogelbergen, namentlich auf 
den Vcsimannaeyjar so häufig ist, soll hier gar nicht vorkommen. 
Bald begann die Wüste, die zweite Sandstrecke des Südlandes, 
des Myrdalssandur oder Köthisandur , der sich von der Arna- 
stakksheidi bis zum Ki'idaßjöt erstreckt und ein Areal von 600 qkm 
hat. Diese Strecke steht völlig unter der Herrschaft des nahen 
Vulkans Katla, der bei Ausbrüchen das ebene Land mit Wasser- 
fluten, Eisstücken und Schutt überschwemmt und mit Asche und 
Scorien bedeckt. Der westliche Teil ist ohne alle Vegetation, 
während im östlichen Pflanzen und Gebüsch gedeihen. Nur im 
Juni und Juli, wenn die Handelsfahrten nach Vik unternommen 
werden, ist etwas Leben in dieser Ode. 

Eine Menge recht ansehnlicher Gletscherflüsse, die fast alle auf 
dem Myrdnlsjökull entspringen, durchströmen die Wüste mit weiten 
Verzweigungen und oft veränderten Flussbetten. Ögmundur 
zählte mir die auf, die wir heute zu passieren hatten : Kerlingardalsd 
(Altweiberfluss), MülakviSl (die Grimsd der Landndma?), die aus 
der Kötlugjd direkt stammt, früher Höfdd hiess und sich später 
mit dem Sandvatn vereinigt, ferner die Eyjard (Inselache) und 
Jökulvatii oder Nyvatn (Neuwasser); den südlicheren Dyralcrkur, 
die Lcird und die Skdlm, die im NO. fliessen, berührten wir nicht. 
Aber die Angabe meines Führers, obwohl sie durch die Karte von 
Björn Gunnlaugsson unterstützt wird, bewahrheitete sich nicht: 
eine Eyjard gibt es nicht mehr, und das Jökulvatn, das bei dem 
Ausbruche 1823 gebildet wurde, ist verschwunden; auch muss die 
j\Iülakvi'sl früher östlicher geflossen sein. 

Wir lenkten unseren Kurs nach Norden und ritten durch den 
mit Geröll angefüllten Ker Ungar dahir, der früher ein Fjord ge- 
wesen ist, Kerhngarfjördur (Lnd. IV, 13) und seinen Namen da- 
her hatte, dass bei dem Schiffbruche des Eysteinn, der hier Land 
nahm, ein Weib an Land trieb, „da wo jetzt der Höfdasandr ist". 
Ögmundur machte darauf aufmerksam, dass man an den grün- 



88 Kerlingargördr. Hjörleifshöfdi. 

bewachsenen Bergwänden die Lage des Fjordes und auch den Weg 
noch erkennen könnte, der von ihm über die Berge führte. Aber 
die Vogelberge des Kerlingarfjördr, die einst weit ins Meer hin- 
aus ragten, sind jetzt durch breite Sandebenen völhg miteinander 
verbunden. Eggert Ölafsson erzählt, dass noch zu seiner Zeit die 
ältesten Leute sich erinnerten, dass vor 60 Jahren (d. h. also im 
Anfange des 18.. Jahrhunderts) das Meer bis an die Öffnung des 
Tales gereicht habe, und dass das Wasser noch so tief gewesen 
sei, dass man auf den Klippen mit Angeln fischen konnte (II, S. 121). 
Doch ist kaum zu glauben, dass sich die ehemalige Lage des 
Fjordes noch bestimmen lässt. Denn als das Buch von der Be- 
siedlung Islands aufgezeichnet wurde, war er schon durch Gletscher- 








Fig. 77. Hjörleifshöfdi. 

stürze aus der Katla ausgefüllt, und bei dem Ausbruche von 1660 
ergossen sich neue Gletscherfluten mit Gestein und Sand in den 
Fjord: wo man früher bei einer Tiefe von 20 Ellen im Meere ge- 
fischt hatte, entstand trockncr Ufersand, und der Strand nahm an 
fast 1000 m in das Meer hinein zu. 

Die ganze Gegend überhaupt hat früher ein anderes Aussehen 
gehabt. Kap Hjörleifshöfdi^ das sich jetzt eine ziemliche Strecke 
landeinwärts befindet und durch eine vorgelagerte, 3 km breite 
Sandstrecke vom Meere getrennt ist, lag zur Zeit der Besiedlung 
Islands an einem Fjord ganz am Meere (Fig. ']']\, einige spitze 
Klippen rings um das Vorgebirge erinnern noch daran, dass das 
Meer einst ganz hierher reichte; nach den dänischen hydrographischen 
Untersuchungen findet sich ausserhalb von Hjörleifshöfdi die sog. 
Reynis-T'xQ.{Q.^ 5 Seemeilen lang, 4 breit und ca. 20 Faden tief. 



Myrdalssandur. 89 

In (^Geschichtlicher Beziehung ist diese Gegend besonders inter- 
essant als Schauplatz der verschiedenen Händel und des Todes des 
ersten Ansiedlers Iljörleifr. 

Hier, wo damals noch der Kerlinga rfjördr war, landete 874 Ingölfs Genosse, 
Hjörleifr, wurde aber im nächsten Frühling von seinen irischen Knechten in einem 
Wald in der Nähe erschlagen. Die Knechte flüchteten darauf auf die Vestmanna 
eyjar, wurden hier aber von Ingölfr aufgesucht und getötet. Bei der Abreise aus 
Norwegen hatte Hjörleifr den Göttern nicht opfern wollen, darum sagte sein Freund 
und Reisegefährte bei seinem Tode: „Welch trauriges Los für einen so edlen Mann, 
durch die Hand elender Knechte zu fallen! Aber so seh' ich es jedem ergehen, der 
nicht den Göttern opfern will!" Auf dem höchsten Punkte des Kaps Hjörleifshü/ili 
wird eine H/Örleifsvarctci gezeigt, wo der erschlagene Wiking von seinem Freunde 
begraben sein soU^). 

Jeder Reisende wirft auf das ziemlich junge Steindenkmal ein 
paar Steine. In diesem Brauche lebt eine alte religiöse Anschauung 
fort; ursprünglich wollte man die Seele des übelwollenden Toten 
durch die Last der auf ihm ruhenden Steine in seinem Grabe fest- 
bannen; später ward der Steinwurf zum Opfer, das bei Vermeidung 
von Strafe von dem Verstorbenen gefordert wurde. 

Nach Hjörleifs Tode wagte keiner, aus Furcht vor den Landgeistem, östlich 
von der Grimsä (heute Millakvisl) Land zu nehmen, bis Ölver diese Strecke in 
Besitz nahm und sich in {Hjörleifs-] Höfdi niederliess (Lnd. IV, 13). Zwischen der 
Grimsä und Kerlingarä nahm Sigmnndr Kleykir Land, und Björn zwischen der 
Kerlingarä und Hafrsd. Aber schon die ersten Bewohner sollten die verheerenden 
Ausbrüche des Vulkans hier kennen lernen (gegen 900). Molda-Gnilpr nahm Land 
zwischen dem Kudafljöt und der Eyjarä und ganz Alptaver. Die Gegend war 
ziemlich dicht bevölkert, damals war hier auch ein grosser See, und viele Schwäne 
wurden auf ihm gefangen; wie der Name Myrdalr zeigt, muss der Boden aus Moos 
bestanden haben, das wohl mit Gras bewachsen war. Aber bei den herausbrechenden 
Lavaströmen aus der Eldgjä mussten die Bewohner nach Westen, nach Höfdabrekka, 
flüchten und schlugen da Zelte auf (Lnd. IV, 12). Hrafn hafmirlykill nahm Land 
zwischen der Hölinsä und Eyjard und wohnte zu Dynskögar. Er sah aber richtig 
voraus, dass ein vulkanischer Ausbruch diesen Ort vernichten würde und siedelte 
darum nach Lägey über (= flacher See, westlich von der Eyjard, Lnd. IV, 12). 
Bei diesem Ausbruch wurde das ganze Land zwischen der Eyjarä und Hölmsd bis 
zum Flusse Skälm , sowie ein ganzer Bezirk, das Dynskögahverß , verwüstet und 
hierdurch der Myrdalssandur gebildet. Von dem Ausbruch der Kalla, bei dem 
der Sölheimasandur entstand, habe ich früher erzählt. 131 1 wurde der Bezirk 
Lägeyjarhverfi verwüstet, zwischen Eyjarä und Midakvisl, 51 Gehöfte stürzten 
bei dem Erdbeben ein. Bei der fünften Eruption nahmen die Wasserfluten die Rich- 
tung nach Kap Hjörleifshöfdi (daher heisst der Ausbruch Höfda/dattp) , bei der 
achten, 1600, rissen die Fluten, mächtige Eisblöcke einherwälzend, die Kirche von 
Höfdabrekka mit sich fort, und man sah sie, von Eismassen umgeben, weit in die 
See hinaustreiben. 

Der Pfarrhof Höfdabrekl^a, an dem wir auf langen Serpentinen 
vorbeikamen, wurde wieder aufgebaut und liegt jetzt 1 50 m ü. d. 
M., um den Gletscherstürzen der Katla zu entgehen. Die Aussicht, 
die man von dem hohen, schön bewachsenen Berge geniesst, geht 



1) Kaalund, II, S. 338; Kahle, Z. d. V. f. V. XII, S. 205, 322. 



90 Myrdalssandur. f*ykkvibaer. 

nach Osten weit über den ganzen Myrdalssandur, und am Meere 
taucht Hjörleifshöfdi auf. Wunderbar war, dass uns fortwährend, 
obwohl wir doch zwei Meilen vom Meere entfernt waren, Eissturm- 
vögel begleiteten. 

Die einzige Abwechslung in der graslosen Öde, die uns nach- 
her aufnahm, bot das Durchreiten der in vielen Verzweigungen aus 
dem Katlagebiete stammenden Gletscherströme, die unangenehm 
trüb aussahen und reissend dahinschossen. Sehr angenehm emp- 
fanden wir, dass von Zeit zu Zeit lange Stangen (stika) in der 
Wüste errichtet waren, um bei Finsternis, Nebel, Schnee- und Sand- 
stürmen dem Reisenden einen Anhalt für die Richtung in dieser 
absolut flachen Gegend zu gewähren. Auch am nächsten Tage 
trafen wir diese Wegweiser jenseits des Küdafljöt. Henderson 
erwähnt, dass auch in den Flüssen solche langen Stangen in ver- 
schiedenen Entfernungen eingerammt seien, um die bequemsten 
Durchgangsstellen zu bezeichnen (I, S. 327). Ich habe sie nirgends 
mehr vorgefunden und meine auch, dass sie bei der fast täglichen 
Veränderung, die die Gletscherbäche erleiden, den Fremden eher in 
Gefahr locken, als ihm die Richtung angeben^). 

Gegen zwei Uhr machten wir Halt, da, wo einst das Kloster 
PykkvihcFr gestanden hatte. Der Tag war überaus herrlich ; von 
Westen her tauchten mächtige, dunkelblaue, mit Schneefurchen 
durchzogene Gletscher auf, die runden, glitzernden Gipfel der Katla 
wurden frei, und allmählich ward in weiter Ferne ein Schneeberg 
nach dem andern sichtbar, von denen namentlich einer in seiner 
weissen Keuschheit an den Johannisberg im Gross-Glockner-Gebiet 
erinnerte. Riesige Gletscher leuchteten von Nordosten her, und vor 
allem baute das breite, ungeheure Massiv des Vatnajökiill mit seiner 
höchsten Erhebung, dem eisgepanzerten Örcc/ajokull, der wie ein 
ungeheures Vorgebirge über die Schneefelder hinausragt, sich immer 
deutlicher und gigantischer vor uns auf. 

Hier ist auch der Schauplatz für den dritten Missionsversuch, 
der auf Island von Pangbrandr unternommen wurde. 

Im Frühjahr 998 zog er vom Beritfjörctr über Stafafdl und Svinafell nach 
Skögarhverß (Waldbezirk) und wohnte in Kirkjiiba'T bei einem Manne, dessen 
Vorfahren bereits Christen gewesen waren (Ketill enn fiflski, s. u.). Von da ging er 
weiter nach Höfitabrekka. Im Kerlingardalr wohnte ein Mann, Galdra-Hedinn 
(Zauber-), mit ihm schlössen die Heiden einen Vertrag, dass er Dankbrand und seine 
Gesellschaft töten sollte. Er ging hinauf auf Arnastakksheidi und richtete da ein 
grosses Opfer her, als Dankbrand von Osten herritt. Da barst [durch die Zauber- 
kunst des Hediiin] die Erde auseinander unter seinem Pferde, er aber sprang vom 
Pferde und kam auf den Rand zu stehen. Die Erde aber verschlang das Pferd mit 
allem Reitzeug, und sie sahen es nicht wieder (Njäls S. 102). Einer von Dankbrands 
Begleitern fand den Galdra-Hedinn auf der Heide, kam auf Schussweite auf ihn 



1) Zu Lnd. III, 6 vergl. oben I, Kap. VI, S. 289. 



t'ykkvibser. Njälssaga. 91 

heran, schoss mit dem Speere nach ihm vmd durchbohrte ihn. Dankbrand zog weiter 
nach Bergpörshvoll und bekehrte den Njall mit allen seinen Hausgenossen. 

Wir haben zuletzt den Teil der Njälssaga erzählt, in dem 
Flosi mit seinen Leuten Njdll überfällt und Feuer an sein Haus 
legt. Die Ar/iastakksheidi ist der Schauplatz der weiteren Ver- 
wicklungen. 



t>" 



Trotz des Vergleiches, der nach heftigem Kampf auf dem Althing geschlossen 
war, wollte Knri Sölmitiidarsoil , Njdls Schwiegersohn, der allein dem Mordbrand 
entronnen war, auf eigene Faust Rache üben. Seine Rache an FloSi und seiner 
Schar bildet den Schluss der Saga, und wichtige Ereignisse spielen hier. Kurz nach 
den Gerichtsverhandlungen auf dem Althing gelingt es Käri und Porgeirr skorargeirr 
einen Teil der Brandstifter, nämlich die Sigfüssöhne, zu überfallen , die sich auf dem 
Wege nach Höfitabrekka im Kerlingardalr zum Schlafen hingelegt hatten. Käri 
und Porgeirr waren über die Amasiakksheidi geritten , aber die Kerlingardalsä 
war zu stark angeschwollen, als dass sie sie passieren konnten. Da sahen sie höher 
herauf an dem Flusse gesattelte Pferde stehen. Sie ritten dorthin und fanden hier 
in einer Vertiefung die Sigfüssöhne schlafen; ihre Spiesse standen zu ihren Füssen. 
Sie nahmen die Speere und schleuderten sie in den Fluss. „Sollen wir sie wecken?" 
fragte Porgeirr. Käri antwortete: „Schlafende Männer darf man nicht überfallen", 
und sie drangen nicht eher auf ihre Feinde ein, als bis diese sich gerüstet hatten. 
Käri tötete Sigmundr Lambason, Mördr Valgardsson, Porgeirr schlug Porkeil 
Sig/tisson nieder. Da riefen sie: „Lasst uns zu unsern Pferden eilen, gegen diese 
Übermenschen vermögen wir nichts auszurichten." Da stürmten sie nach ihren Pferden 
und schwangen sich auf sie. Zehn Brandstiiter hatten ihr Leben gerettet , sie ritten 
nach Svinafell und kündeten Flosi die traurige Mähr'. „Das war zu erwarten", 
meinte Flosi, „in Zukunft zieht nicht mehr so sorglos einher" (Njäls S. 146). 

Pykkvabcr/är - Klmistur war seinerzeit eines der grössten 
Klöster gewesen, hoch berühmt durch seine reiche Bibliothek. 
Dieses Aueustinerkloster ist 1 168 von einem reichen Besitzer des 
Hofes, der ,, Christus und seine Heiligen" zu Erben einsetzte, ge- 
stiftet worden. Das zweite Augustinerkloster wurde 1172 auf der 
Insel Flatey im Breidifjördur gegründet, aber 1184 nach Helgafell 
verlegt, das dritte 1226 auf der Insel Videy, und das vierte 1295 
oder 1296 zu Mödritvellir. Das letzte Augustinerkloster, zugleich 
das letzte Kloster auf Island überhaupt, wurde 1493 in Skrida im 
Fljötsdalr errichtet, die dazu gehörige Kirche wurde erst 1512 ein- 
geweiht. Nach Einführung der Reformation wurde das Kloster 
Pykkvibcer aufgehoben. 

Bei den isländischen Klosterleuten zeigte sich frisches und freies 
geistiges Leben. Die Klöster waren die Pflegestätten der Gelehr- 
samkeit und Literatur, und zwar einer durchweg nationalen Literatur. 
Es ist ganz gewiss richtig, dass Island dem katholischen Priestertum 
hauptsächlich die Begründung und Blüte seiner älteren Literatur, 
vom Ende des 11. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, verdankt. 
Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts, als sich die Skaldenkunst 
inhaltlich überlebt hatte, wurden auch kirchliche Stoffe von geist- 
lichen Skalden behandelt. Der Kanonikus Gaiiili von Pykkvibccr 



92 f*ykkvibaer als Sitz der Gelehrsamkeit. Lilja des Eysteinn Asgrimsson. 

dichtete in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ein Preislied 
auf den Apostel Johannes im skaldischem Versmasse und das Lied 
„Sonne in Leiden", eine geistige Betrachtung von Christi Leiden 
und Sterben, seiner Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkunft 
am jüngsten Tage. In Pykkvibo'r ist auch in der ersten Hälfte des 
14. Jahrhunderts die Messiade Islands entstanden, die Lilja des 
Augustinermönches Eysteinn Asgrimssoji, das innigste, kunstvollste 
Gedicht des Mittelalters ^). Wie berühmt es geworden war, zeigt 
das Sprichwort ,, Jeder Skalde möchte die Lilie gedichtet haben", 
und es wurde bald ein richtiges Volksbuch, das ganz oder teilweise, 
von Einzelnen wie von ganzen Familien gebetet wurde, von manchen 
täglich, von andern wenigstens einmal in der Woche vorgelesen wurde, 
und ein Versäumnis hierin galt noch nach der Reformation geradezu 
als ein Zeichen geringer Frömmigkeit. 

Aber auch durch seine Gelehrsamkeit war das ,, Kloster iVeri''\ 
wie es auch genannt wurde, berühmt. Porldkr Pörhallsson der 
Heilige (Bischof von Skdlholt 1178—93), der in Paris und Lincoln 
studiert hatte, half dem greisen Gründer des ersten Augustiner- 
klosters in Pykkvibcrr bei der Ausführung dieses Planes und über- 
nahm 1168 erst als Prior, dann 1172 als Abt die Leitung des 
neuen Konvents. Er war wissenschaftlich hochgebildet und allen 
seinen Zeitgenossen gewachsen, ein Musterbild priesterlichen Lebens, 
aber allem weltlichen Treiben abgeneigt. Eine förmliche Kanonisation 
durch den Papst fand nicht statt, doch wurde gegen die ihm er- 
wiesene Verehrung auch kein Einspruch erhoben^). Yon AhtBrandr 
Jönsson, der später Bischof wurde, wissen wir, dass er während der 
Jahre II 47 — 62 der dortigen Schule sein besonderes Augenmerk 
zuwandte ; seine Kunstfertigkeit, sein Geschick im Schreiben, dann 
aber sein Verständnis in allen Zweigen der Büchergelehrsamkeit, 
besonders in der Geschichte, wird hochgerühmt ; er übersetzte z. B. 
für den norwegischen König Magnus die Geschichte Alexanders 
des Grossen und mehrere andere römische Schriftsteller ins Islän- 
dische. Der spätere Abt von Pykkvibmr Runölfr Signmndsson 
war sein tüchtigster Schüler. Lmirentiiis Kdlfsson, früher Lehrer 
an der Domschule zu Hölar, hielt später in Pykkvibcrr zum Besten 
vieler Schüler und Klosterleute Schule, übernahm dann den Unter- 
richt der Konvcntualcn und sonstiger Schüler zu Miinkapverd. 
Hier wurden auch um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts die 
ersten Versuche gemacht, die Bibel in die Landessprache zu über- 



' ) Eirikur Magnüsson, An icelandic religious poem of the fourteenth Century . . . 
London and Edinburgh 1870. Nachdichtung von: Baumgartner, Die Lilie. Islän- 
dische Mariendichtung aus dem 14. Jahrhundert. Freiburg 1884. 

2) Über die Porläksmessa vergl. Lehmann-Filhcs, Isl. Volkssagen II, 
S. 264 f. 



J'ykkvibaer als Sitz der Gelehrsamkeit. Reichtum des Klosters. 93 

setzen. Endlich war aucli der Verfasser der Njdlssaga oder der 
Vereiniger der Giinnarssaga mit der Njdlssaga, wie sie jetzt vor- 
liegt, nach einer recht ansprechenden Vermutung Kaalands (11,327) 
ein Geistlicher des Augustincrklosters zu fykkvilxrr, wo um die 
Mitte des dreizehnten Jahrhunderts die erwähnten Brandr Jönsson 
und Runölfr Sigmundsson als Äbte wirkten. Schliesslich war auch 
Jon Jönsson, Bischof von Hölar (1424—27), früher Abt von Pykk- 
vibcer gewesen. 

König Kristian III. von Dänemark verfügte am I.Februar 1541, 
dass die Klöster Pykkvibccr, Kirkjubccr und Skrida Volksschulen 
werden sollten, später wurden sie unter dem Titel ,,Redemptur" 
vermietet, der Ertrag dem königlichen Schatze zugewiesen und das 
Kloster selbst von einem königlichen Administrator verwaltet. 

Während die niedrige, sumpfige Stelle, wo einst das Kloster 
stand, heute kaum noch zum dauernden Wohnen einladet, muss es 
früher wohlhabend, wenn nicht reich ausgestattet gewesen sein. 
Das Kloster hatte 24 Kühe auf dem Heimland und 5 auf den 
Aussenlanden, 23 Ochsen, 2 Stiere, 25 jährige Rinder und 22 Kälber, 
ferner 220 Milchschafe daheim und 160 auf den Aussenlanden, 
95 ältere Hammel, 257 jährige Schafe, 60 Jährlinge mit Lämmern 
und 215 Lämmer auf der Weide, endlich 39 Pferde (Dipl. Isl. I 
Nr. 48, S. 252, Nr. 100, S. 396). 1340 war der Bestand des Klosters 
an Betten und Wandteppichen bedeutend, ebenso gab es eine Menge 
Messgewänder und Kircheninventar, darunter verschiedene Heiligen- 
bilder. Eine stattliche Anzahl Rindvieh wurde gehalten ■ — darunter 
43 Kühe auf dem Heimlande — , und viele, zum Teil weit entfernt 
liegende Gehöfte hatten Abgaben zu zahlen. Reese^n erwähnt in 
seiner Descriptio nova Islandiae (1681 — 88), dass ein Mann im 
Kloster Pykkvibar, der Missetaten auf dem Gewissen hatte, einst 
einen kurz vorher Begrabenen erweckt habe, um von ihm zu er- 
fahren, wie es ihm ergehen würde. Als aber der Erweckte erschien, 
ganz russig und schwarz von Rauch und Feuer, erschrak jener der- 
massen, dass er den Verstand verlor ^). 

Die vulkanischen Ausbrüche haben aber diese Gegend furchtbar 
mitgenommen. Bei der sechsten Eruption der Kafla 1580, die 
durch heftigen Aschenregen, Rauchsäulen und mächtige Ströme 
geschmolzenen Eises ausgezeichnet war, überschwemmte ein Strom 
das Kloster, der andere ergoss sich über den Myrdalssandur. 
Beim achten Ausbruch der Kafla 1625, der zwölf Tage anhielt, 
und bei dem unter Erdbeben Feuersäulen aus dem Krater stiegen, 
ward das Kloster von einer Wasserflut heimgesucht, die so mächtig 
war, dass sie nach Berichten von Augenzeugen das grösste Seeschiff 
hätte tragen können. Das Weideland war zwei Fuss hoch mit Bims- 



1) Thoroddsen-Gebhardt II, S. 200. 



94 Myrar. Eldgjä. 

Stein bedeckt. Bis nach Bergen (i8o geogr. Meilen weit) wurde die 
feine Asche getragen M- 

Durch die Ungeheuern Lavamassen, die aus der grossen Aus- 
bruchsspalte Eldgjä geströmt sind und die Landschaft Alptaver be- 
deckt haben — „Schwanenlager", weil sich hier bei einem nicht 
mehr vorhandenen See viele Schwäne aufhielten ; wie ein füchter- 
licher Hohn klingt der Name für die Landschaft heute ! — ging es zu 
unserem Nachtquartier Myrar ; wir fanden bei Sira Bjarni Einarsson 
Unterkunft, dessen Bruder 1899 in einem der Gletscherströme er- 
trunken war. Der Pfarrhof liegt prächtig mitten in einer grünen 
Oase. Nach Süden konnte man bis zum Meere sehen, auf dessen 
langen, rollenden Wellen sich einige Dampfer schaukelten. Über 
alle Beschreibung schön aber war der Sonnenuntergang über den 
fernen Schneefeldern und Gletschern ; von hellem Gelb übergössen 
lagen sie schweigend da, nur zu früh trieb uns der kalte Abend- 
wind ins Haus zurück. Da es mir zum Schlafengehen noch zu 
zeitig war, benutzte ich die Zeit und suchte mir aus dem Pack- 
koffer Thoroddsens Aufsatz ,, Reise durch die \^estur Skaptafells 
sysla"' hervor, um mich näher über die Ausbrüche der Eldgjä zu 
unterrichten. 

Diese grösste der bekannten offenen, klaffenden Ausbruchsspalten ist im Sommer 
1893 von Thoroddsen entdeckt worden. Nach den historisch - kritischen Studien 
desselben Gelehrten muss der Ausbruch ca. 930 erfolgt sein , kurz nachdem diese 
Landschaft angebaut war; vielleicht fand auch schon in vorgeschichtlicher Zeit ein 
Ausbruch statt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Nachrichten von dem Unheil, das 
der aus der Eldgjä ins Alptaver sich ergiessende Lavastrom angerichtet liat, früh 
ins Ausland gedrungen sind, und dass sie, entstellt von Mönchen in Süd-Frankreich, 
in den Chronica des Mönches Alberich vorliegen (vergl. I, S. 87). Die Eldgjä erstreckt 
sich am nördlichsten Rande des Myrdalsjökidl, hat die Richtung von SW. nach NO. 
und eine Länge von 30 km. Die Ungeheuern Lavaströme , die sie ausgegossen hat, 
sind in drei Armen aus der Spalte geflossen : zwei davon verfolgten den Weg durch 
die Talklüfte zweier in NO. gelegener Flüsse bis in das Tal der Skaptä, der grösste 
und breiteste aber strömte aus dem südlichen Ende der Eldg/ä heraus und breitete 
sich über die Landschaft ^llptaver , Medalland und Landbrot , welche beiden letz- 
teren wir in den nächsten Tagen passieren sollen. Die Lavaströme bedeckten ein 
Areal von 613 qkm bei einem Volumen von 9325 Millionen cbm. 

<S. Juli. 

Schon kurz nach 6 Uhr war ich auf den Beinen, denn ein an- 
strengender und nicht harmloser Tag lag vor uns; es hiess, wir 
könnten durch die verschiedenen Gletscherströme sehr lange auf- 
gehalten werden, und es könnte Nacht werden, bis wir Kirkjubo'r, 
unser nächstes Quartier, erreichten. \w der Nacht war es bitterkalt 



1) Relation om den Ild-og Vand-Flod, som anno 1625 udbrod af Isbjerget Myr- 
dalsjökull; ferfattet af Tychebeg Klosterforpagter, Herr Thorsteen Magnussen, som 
den Tid selv vor der til Stede. 



Myrar. Beschwerde über den Engländer! Laki. 95 

gewesen, und ein eisiger Nordwind herrschte noch ; das war gut 
für die Flüsse, die nun nicht zugenommen hatten. Ögniundur 
zähhe mir beim KalTee wieder unser Pensum auf, es galt folgende 
vier Ströme zu passieren : die Skülm, das Küdaßjöt, das Eldvatn 
und die Skaptd. Schon bei dem ersten Flusse merkten wir, dass 
unsere Karte nicht mehr stimmte ; nach Björn Gunnlaiigsson fliesst 
die Skdliii ziemlich weit nördlich in den westlichen Arm des 
Ki'idaßjöt und sein Lauf ist westlich, heute aber mündet sie nicht 
weit von Myrar in den Ki'idafljötsos, ihr Lauf ist also südlich. 

Natürlich kommt der Engländer, der den Lokalführer mit- 
bringen soll, nicht pünktlich, der gute Whisky liegt ihm vermut- 
lich noch in den Beinen. Mein Begleiter beschwert sich über ihn: 
wenn ich vorausritte, schlage der Engländer mit Vorliebe nach dem 
Pferde des Studenten und suche es wild zu machen, nicht einmal 
im Wasser lasse er ihm Ruhe, und als sein erschreckter Gaul 
mitten im Flusse gebockt habe, hätte er vor kindlichem Vergnügen 
laut aufgelacht. Ich tröstete ihn mit den Worten des Führers, der 
Engländer sei eine Mischung von Kind und Narr, versprach ihm 
aber energische Vorstellungen zu erheben und uns im schlimmsten 
Falle ganz von ihm zu trennen. Wie bald sollte ich selbst gehörig 
mit ihm zusammen geraten! 

Unruhig und unmutig ging ich gestiefelt und gespornt vor dem 
Hause auf und wieder. Der Pfarrer, der sich gar nicht recht wohl fühlte 
und mir deshalb keine Gesellschaft leisten konnte, holte aus seiner 
Bibliothek hervor: Magnus Stephensen, Kort Beskrivelse over den 
nye Vulcans (Laki) Ildsprudning i Vester Skaptafellssyssel paa Island 
i Aaret 1783, Kp. 1785 und Thoroddsen, Oversigt over de isl. 
Vulkaners Historie. Er forderte mich auf, um mir die Wartezeit 
zu vertreiben, die Seiten zu lesen, die von Islands grösstem Vul- 
kanausbruche, dem sogen, skaptdreldur ,,Skaptä-Feuer", handelten, 
und zwar gerade in der Gegend, die wir heute durchqueren sollten'). 

Die Kraterreihe des Laki, von der der fürchterliche Ausbruch im Jahre 1783 
herrührt, ist die bedeutendste auf Island. Bevor sie sich bildete, im ersten Jahrhun- 
dert der Besiedlung des Landes, ist der westliche Rand des Vatnajökilll vollkommen 
flaches Land gewesen, und unzählige Gletscherströme ergossen sich von Süden in die 
Skaptd. Die Kraterreihe bildet zunächst dem Vatnajökilll die Wasserscheide zwi- 
schen der Skaptd und dem Hverfisßjöt ; die Wasserscheide ist erst bei der ersten 
Eruption der Spalte entstanden, zuvor hat sich der grösste Teil der Wassermasse des 
Hverfisßjöt in die Skaptd ergossen, und das Hverfisfljöt hat nur als kleiner Bach 
existiert. Über den ersten Ausbruch der Z,(7^/-Spalte ist nicht viel zu berichten; 
Thoroddsen nimmt an, dass dies zu Anfang des 10. Jahrhunderts geschehen sei: 
Eyvindr karpi nahm Land zwischen dem Alniannaßjöt und der Geirlandsd. 



1) „Tillaeg til Beskrivelserne over den Vulcan, der brsendte i Skaptafells-Syssel 
1783"» of Svend Paulsen (Norsk Touristforenings Aarbog 1882). — Heiland, 
Laki's Kratere og Lavaströmme. Kristiania 1886. — Thoroddsen, Geogr. Tidskr. 
XII, 1894; Globus 64, 1893, Nr. 19. 



96 Myrar. Laki, 

Bevor das Almannafljöt (der grosse Fluss) „lief", war es nur ein kleiner Bach, der 
Rapiala'kr \].\ess (Lattenbach; Lnd. IV, ii). Das Hverfisfljöt (benannt nach dem 
Fljötshverfi, „Stromniederung") hiess früher Almannafljöt : der andere Name, Rap- 
ialcekr, zeigt , dass das Hverßsfljöt ursprünglich kein grösserer Fluss gewesen ist, 
sondern nur ein kleiner Bach, der aber durch einen Gletschersturz verändert wurde. 

Die berühmte 30 km lange Spalte des Laki hat bei den grossartigen Ausbrüchen 
im Jahre 1783 von neuem gewaltige Lavaströme ausgegossen. Diese Ausbrüche ge- 
hören zu den heftigsten, die man überhaupt von Vulkanen kennt, sie waren für Island 
geradezu ein Nationalunglück. Die Lavamassen bedeckten ein Areal von 565 qkm 
mit einem Volumen von 12320 Millionen cbm ; ausserdem wurden 3000 Millionen cbm 
Asche , Bomben und Schlacken ausgeworfen. Auf der ganzen Spalte befinden sich 
ungefähr 100 Krater, die kleineren Öffnungen mitgerechnet (vergl. die Abb. I, S. 59). 
In zwei Armen erreichte die Lava die Ansiedlungen: der westliche Arm strömte zu- 
nächst durch den Bezirk Skaptarlunga und ist etwa 1 1 Meilen lang und in Meitalland 
drei Meilen breit ; der östliche Arm ist 4 ^/2 Meilen lang und I — 2 Meilen breit. 

Im Mai 1783 war der unterseeische Vulkan bei Eldeyjar oder Fliglasker auf 
dem Meeresboden tätig gewesen, am i. Juni spürte man in der Skaptafells sf/s/a 
starke Erderschütterungen, die immer heftiger wurden. Die Skaptä , die damals 
130 m breit war und sich durch die Tuff- und Basaltmassen ein 500 — 600 Fuss tiefes 
Bett gegraben hatte, verschwand plötzlich am 11. Juni völlig, dafür wälzte sich am 
nächsten Tage ein gewaltiger Lavastrom wie ein brausendes Meer das Flussbett ent- 
lang, füllte es nicht nur völlig aus, sondern ergoss sich sogar noch in mächtigen 
Fluten über die Ufer. Aschenwolken verdunkelten den Himmel , stinkender Rauch 
hüllte die Erde ein, die Sonne sah wie eine rote Scheibe aus. Ein Erdbeben folgte 
dem andern, begleitet von unterirdischen Kanonaden, und das Echo leitete den unauf- 
hörlichen Donner von Berg zu Berg weiter. In der Landschaft Sida wurden zwei 
Gehöfte ganz , fünf zum Teil zerstört. Von der Landschaft Meitalland aber wurde 
der Lavastrom durch einen Ungeheuern Schlund abgehalten. Am 14. Juni stürzte aus 
den Aschenwolken ein säuerlicher Regen, am 18. kam ein neuer Ausfluss aus dem 
Vulkan, er teilte sich in zwei Arme , der eine floss südwärts nach Medalland , der 
andere östlich über Sida. Am 30. Juni kam ein neuer Lavastrom : ein Arm machte 
vor dem Kildafljöt halt, da er nicht Kraft genug hatte, eine solche Wassermassc zu 
durchbrechen ; der andere strömte nach der Landschaft Landbrot und verwüstete 
weite, mit Strandhafer bewachsene Strecken ; der dritte floss gerade nach Osten im 
Bette der Skaptä, die Landschaft Sida entlang. Am 20. Juli stand die Lava eine 
Viertelstunde von Kirkjuba'r still, beim Systrastapi, wo sie einen 130 m breiten 
und 40 m tiefen Kanal ausfüllte. 

Aber nicht nur das Tal der Skaptä wurde heimgesucht. Am 29. Juli zog über 
die Landschaft Fljötshverfi und den östlichen Teil von Sida eine grosse Aschen- 
wolke herauf, das Hverfisjljöt sandte am 31. Juli an einzelnen Stellen Dämpfe empor, 
andere Stellen kochten geradezu, am 7. August stürzte sich ein brausender Lavastrom 
diesen Fluss entlang, füllte ihn an und breitete sich über das Land im Süden aus 
Neue Lavaergüsse und Erdbeben folgten das ganze Jahr hindurch, erst anfang 1784 
wurden die Ausbrüche schwächer, die Gletscherflüsse, zumal die vom Skeidarärjökiill 
schwanden mehr und mehr, bis dieser am 18. April 1784 in den Flüssen Siila und 
NitpSVÖtn einen gewaltigen „Gletschersturz" entsandte; dieser überschu^emmte alle 
unterhalb liegenden Sandstrecken und machte auf lange den Verkehr zwischen dem 
westlichen und östlichen Vatnajökull unmöglich. 

Der Einfluss der Lavamassen auf die Flüsse war sehr bedeutend. Das Bett 
der Skaptä wurde ausgefüllt, sie musste sich neben ihrem früheren Bett einen andern 
Weg bahnen. In Medalland verschwanden verschiedene Flüsse; vom unteren Rande 
des Lavafeldes quellen hier viele kleine Bäche hervor und bilden das recht ansehnliche 
Eldvatn (Feuerwasser). Das Hverfisfljöt hatte früher seinen Weg an der westlichen 
Seite des Berges Hnitta, jetzt fliesst es östlich, näher am Sidujökull. 



Myrar. Laki. 97 

Vor dem Ausbruche gab es in der Vestur Skaptajells sifsla 289 Bauern, 1785 
nur 190, 1793 210. Acht Gehöfte wurden vollständig zerstört und verbrannt, 29 
mehr oder minder beschädigt, zwei Kirchspiele auf zwei Jahre gänzlich unbewohnbar 
gemacht. Wegen der dicken Nebel- und Aschenwolken konnten die Fischer nicht 
aufs Meer (man nennt die Jahre 1783 und 1784 darum noch heute reykjamöduhar- 
dindi: rey k hk Rnuch , w?w/rt Nebelluft, härdindi durch Misswachs herbeigeführte 
harte Zeit). Die Forellen und Lachse starben. Das isländische Moos fehlte drei 
Jahre lang völlig, der Strandhafer war gänzlich vernichtet, das Gras verdorrt und 
versengt, Schnauzen und Klauen der Schafe wurden gelb von dem feinen, säuerlichen, 
halb zersetzten Bimsstein- und Schwefelstaub. Wie meist bei vulkanischen Ausbrüchen, 
stellte sich bei ihnen eine besondere Krankheit ein (gaddltr) : die Backenzähne ent- 
wickelten hohe Spitzen , die das Zahnfleisch und den Gaumen verwundeten und Ent- 
zündungen und tiefe Wunden erzeugten. 

Auch der Gesundheitszustand der Menschen litt direkt und indirekt unter den 
Folgen des Ausbruches. Die verdorbene Luft, sowie Mangel und Elend, hervorgerufen 
durch das Zugrundegehen des Viehes, verursachten verschiedene Krankheiten. Ein 
bösartiger Skorbut plagte die Leute in den Landschaften , welche dem Vulkanherde 
am nächsten lagen, verbreitete sich jedoch mit der Not selbst über die fernsten Teile 
des Landes. Füsse, Arme, Hals und Kopf schwollen auf, an den Rippen und an den 
Knochen entstanden Geschwülste , die Muskeln wurden von Krämpfen zusammen ge- 
zogen , die Zähne gelockert , am Gaumen und im Hals bildeten sich übelriechende 
Wunden. Diese Krankheit hörte nicht eher auf zu rasen, als bis nach ein paar Jahren 
die Felder wieder ihr gewöhnliches grünes Kleid trugen und die Zeiten sich zu bessern 
begannen. 

Da die Landleute keine äussere Hülfsquelle hatten , als ihr Vieh , mussten sie, 
nachdem sie dieses verloren hatten , zu den ungeniessbarsten Dingen greifen. Einige 
kochten sogar alte Häute, Felle, Taue u. dergl. , um ihr Leben zu fristen, andere 
schlachteten die wenigen übrig gebliebenen Tiere und wanderten , als diese verzehrt 
waren, hinab an die Meeresküste; allein da auch die Fischerei fehlschlug, fielen sie 
dem sicheren Hungertode anheim. Viele starben geradezu an Hunger, andere an der 
Ruhr, hier und da fand man an Hunger und Kälte gestorbene oder halbtote Menschen 
auf den Wegen , wo sie vor Ermattung umgesunken waren. In Landschaften , wo 
sonst etwa 20 Menschen jährlich starben, starben jetzt 200. Im ganzen starben auf 
Island in den Jahren 1784 und 1785 infolge der Wirkungen des Ausbruches 9238 Men- 
schen oder ungefähr ein Fünftel der ganzen Bevölkerung, und all dies Elend führte 
zuletzt eine Auflösung der bürgerlichen Verhältnisse herbei, so dass Diebstähle und 
andere Verbrechen in einer beunruhigenden Weise zunahmen. Von allen bekannten 
Vulkanausbrüchen ist dieser für Island der verderblichste gewesen'). 

In Dänemark dachte man allen Ernstes daran, die Reste des isländischen Volkes 
aus seiner ruhmreichen Heimat in die unbesiedelte Heide Jütlands zu verpflanzen ; von 
einer für die so schwer Heimgesuchten gesammelten Kollekte bekamen sie nur den 
vierten Teil, der Rest — 30000 Reichstaler — wurde anderweitig verbraucht, z B. 
zur Deckung der Kosten der Küstenvermessung. — 

Kurz vor 10 Uhr kam der Engländer endlich mit seinem Führer 
und dem Lokalführer, und der Übergang über die Skdlin begann 
sofort. Er fing recht harmlos an, der Lokalführer ritt voran, einer 
nach dem andern folgte, hinter mir der Engländer. Man merkte 
wohl, dass das Flussbett so breit war, dass man es kaum mit den 
Augen übersehen konnte, aber das Wasser war so flach und seicht, 
dass es kaum die Fesseln der Pferde netzte, immer neue Inselchen 



') Thoroddsen, Ovcrsigt . ., S. 77 ff, 87, 88 

Herrmann, Island II. 



98 Ein Renkontre zwischen England und Deutschland beim Überschreiten der Skälm. 

kamen zum Vorscheine, und man war dann wieder ein paar Augen- 
blicke auf dem Trockenen. Nur mein sonst so ruhiger Schimmel 
war heute auffallend unruhig , er bockte und stieg und liess sich 
gar nicht beschwichtigen; nur wenn wir uns auf einer Sandbank 
verschnauften, war er friedlich. Nun aber wurde das Wasser tiefer, 
es reichte bis zu den Stiefelsohlen, und bald bis zu den Knien, man 
musste die Beine aufheben, wenn die nasse Flut nicht von oben in 
die Stiefelschäfte stürzen sollte, und ordentlich auf den Vordermann 
aufpassen. Die ersten Pferde stampften für die folgenden den Weg 
in dem Flugsande fest, und Ögmundur hatte uns eingeschärft, 
genau da auf eine Insel loszureiten , wo die anderen Pferde bereits 
emporgeklettert seien. Allmählich wurde der Ritt ungemütlich, man 
konnte kein Ende absehen, immer neue Inseln tauchten auf, und 
immer neue, und immer tiefere Verzweigungen der Skdlin breiteten 
sich vor uns aus, und immer mehr machte mir mein Schimmel zu 
schaffen. Einige Pferde, die sich aus der Linie entfernten, versanken 
bis an den Rücken und mussten herausgeholt werden, wenn sie sich 
nicht durch kräftiges Strampeln selbst losmachten. Endlich lag der 
letzte Wasserarm vor uns, das Hauptbett. Gerade schicke ich mich 
vorsichtig an, von einer Rasenbank in das etwas steil abfallende 
Bett hinunter zu lenken, da bekomme ich einen gehörigen Peitschen- 
hieb über meine linke Hand, im Nu drehe ich mich um und sehe, 
wie der Engländer zu einem neuen Schlage ausholt. Die Klage 
meines Gefährten fiel mir ein , sofort war mir klar , dass der Eng- 
länder während der ganzen Zeit mein braves Rösslein geschlagen 
hatte, und dass es deswegen so unruhig gewesen war. Dass er 
nicht einmal in diesem nicht ganz ungefährlichen Augenblicke sein 
kindisches Spiel lassen konnte, reizte mich aufs Höchste. Denn ich 
hatte keine Lust, seinetwegen Bekanntschaft mit dem kalten Wasser 
und womöglich mit dem nicht weiten Meere zu machen, auf Nimmer- 
wiedersehen. Darum riss ich mit einem Ruck mein Ross herum, 
schwang meine schwere Peitsche mit dem langen Lederriemen und 
liess sie kräftig auf den Körperteil des Mr. Beefsteak nieder- 
sausen , der von der Natur bei unnützen Buben dazu eingerichtet 
ist. Woher mir auf einmal der Reichtum an Kraft- und Schimpf- 
worten kam , mit denen ich den sich ängstlich Duckenden über- 
häufte, weiss ich heute noch nicht. An Übung fehlte es mir jeden- 
falls völlig ; darf doch ein Schulmeister weder schelten noch schlagen. 
Beides sass aber sicher. „You are a fool, a mooncalf !" waren noch 
Koseworte. Einen so harten Ausgang hatte Mr. Beefsteak offen- 
bar nicht erwartet. Obwohl er mir an Körperkraft mindestens gleich 
gewesen wäre, kroch er ängstlich zusammen und konnte sogar plötz- 
lich deutsch reden , wenn es auch nur ein einziges Wort war , das 
er immer wieder herausstiess : ,,Sweinerei! Sweinerei!" Ganz ent- 
setzt sahen die andern der Tragödie zu, die sich so schnell vor ihren 



Skälm. Küdafljöt. 99 

Au<^en abspielte; wie gelähmt, sassen sie mitten im Wasser auf 
ihren Pferden. Aber als Ögmundur herbeistürzte, rief ich ihm 
zu: „Alles erledigt! Weiter!" und merkte in der Erregung kaum, 
wie das Wasser über dem Sattel zusammenschoss und ich nach 
einigen Minuten glücklich das andere Ufer erreichte. ,,Doch zu- 
weilen sind erfrischend, wie Gewitter, gold'ne Rücksichtslosigkeiten." 
Ich fühlte mich so frei, so leicht, so gehoben, dass ich im Augen- 
blick vor nichts zurückgeschreckt wäre. Ganz hinten kam Old Eng- 
land nachgeschlichen, zusammengekauert, wie ein Häufchen Unglück. 
Der Übergang hatte 55 Minuten gedauert. 

Wir landeten unmittelbar an einem Gehöfte und sahen auf der 
anderen Seite des neuen Flusses , der jetzt den Weitermarsch auf- 
hielt, ein anderes liegen. Es war das Küdaßjöt, das seinen Namen 
nach dem Schiffe Ki'idi des Ansiedlers Vilbaldr hat, der hier landete 
und das T^mgiiland zwischen der Skaptd und Höluisd nahm (Lnd. 
IV, 11). Henderson nennt diesen Fluss den Nil Islands. Das 
wusste ich wohl ; da ich aber das andere Ufer so nahe sah und 
wohl auch etwas erregt war, steckte ich mir eine Zigarette an. Das 
Ki'idafljöt wird von mehreren bedeutenden Flüssen gebildet , der 
Leird, Jökidskvisl, Höluisd, Tiingufljöt und Skaptd, ganz im Süden 
strömt auch noch die Skdlm hinein: es ergiesst sich also eine ganz 
ansehnliche Wassermenge in den Ozean. Als sich der Lokalführer 
aber noch einen jungen Burschen aus dem Gehöfte zu Hilfe holte, 
als die Pferde sorgfältig nachgesehen, die Gurten und Riemen fest- 
gezogen , die Eisen geprüft , die vier Packpferde für sich und die 
acht losen Gäule für sich zusammengekuppelt wurden, indem die 
Schwänze des ersten mit dem Kopf- und Brustriemen des folgenden 
verknotet wurden, da merkte ich doch, dass etwas Aussergewöhn- 
liches vorging. Ögmundur ermahnte uns dringend, genau dem 
Lokalführer zu folgen: der Boden sei voll Schlamm und Lehm, und 
diese weichen Stellen müssten wir zu umgehen suchen. Der Lokal- 
führer ritt voraus, die vier Packpferde an einem langen Riemen fest 
haltend, der Bauernbursche leitete die übrigen Tiere ; Ö g m u n d u r 
nahm die rechte, der Führer des Mr. Beefsteak die linke Seite 
ein, wir drei bildeten die Spitze. Zuerst ging es etwa vier Minuten 
stromabwärts , dann machten wir eine scharfe Wendung nach links 
und ritten denselben Weg zurück , um ein tiefes Loch im Fluss- 
bette zu vermeiden. Die Strömung war schwer, aber nicht gerade 
reissend , das Wasser reichte bis an den Sattelknopf. Auf einer 
Insel wurde Halt gemacht ; es hatte sich herausgestellt , dass der 
Weg, der gestern noch passierbar gewesen, es heute nicht mehr war. 
Der Lokalführer versuchte mit seinem Pferde, das durch die fast 
tägliche Gewöhnung durchaus zuverlässig und ruhig war, einen neuen 
Weg zu finden ; aber sofort schlug das Wasser über ihm zusammen, 
und schwimmend kehrte er zu uns zurück. Er ritt bald hierhin, 

7* 



100 Küdafljöt. Eldvatn. Mückenplage. 

bald dorthin , den Strom bald herauf, bald herunter, endlich hatte 
er eine Furt gefunden, schwenkte den Hut, und wir folgten ihm. 
Von neuem begann das Waten von Sandbank zu Sandbank. Die 
Pferde pusteten und stöhnten, und wir nahmen alle Sinne zusammen, 
die Füsse lose in den Bügeln haltend , und die Zügel fest in der 
Faust. Prächtig sah es aus, wie die Packpferde an den sandigen 
Bänken emporklommen, wie sie erst behutsam die Vorderfüsse auf- 
setzten und probierten, ob der Boden hielt, und wie sie sich dann 
mit dem Vorderleib vorn hereinlegten und sich zuletzt mit einem 
mächtigen Ruck emporschwangen. • Wie bei der Skdli)i, kommt der 
tiefste Arm zuletzt, und während der Führer erleichtert aufatmend 
ausrief: ,,Das ging gut!", schwangen wir uns aus dem Sattel und 
frühstückten — aber in getrennten Lagern: der Engländer mit seinem 
Führer allein, und wir allein. Der Lokalführer erhielt 4 Kr., die er 
redlich verdient hatte. 

Nach kurzer Rast ging es über sumpfige Wiesen, die im Westen 
vom Ki'idaßjöt im Sommer vollständig unter Wasser gesetzt werden, 
nach der Landschaft Medalland, die 1783 von Lava und Sand völlig 
bedeckt worden ist. Im Flugsande wächst eine ziemlich bedeutende 
Menge Strandhafer , der von armen Leuten zuweilen noch geerntet 
wird, um die Körner als Brot zu verwenden. An der Küste sahen wir 
ein grosses Wrack aus dem Sand aufragen. Ögmundur behauptete, 
es wäre das französische Hospitalschiff ,,St. Pierre", das 1899 hier 
gestrandet sei; aber die französischen Katholiken hätten ein neues 
Hospitalschiff gebaut und ausgerüstet und trotz des bösen Omens 
wieder ,,St. Pierre" genannt; in der Nähe wohne ein Bauer, dessen 
Zimmer mit allerlei Gegenständen aus dem gestrandeten Schiff an- 
gefüllt sei. 

Das Eldvat)i , das wir gegen 2 Uhr erreichten , ist erst gegen 
1783 entstanden. Es ist ein ziemlich wasserreicher Strom und kann 
nur an einem Punkte durchritten werden. Dieser liegt zwar fest, 
da das Eldvatji kein Glctscherstrom ist, aber wegen der Spalten und 
Löcher auf dem Boden ist der Übergang trotzdem nicht ungefähr- 
lich. Gleichwohl verzichtete Ögmundur darauf, einen besonderen 
Führer zu nehmen, wenn er in dem Gehöfte, das nicht weit davon 
entfernt lag, sichere Auskunft bekäme. Während der kurzen Warte- 
zeit lernten wir zum ersten Male die Mückenplage auf Island kennen, 
die wahrlich hier nicht geringer ist als in den Sumpfwäldern Lapp- 
lands. Gewitzigt durch die HcUlcnqualen , die die Stiche dieser in 
wolkenähnlichen Zügen auftretenden Mücken mir vor fünf Jahren 
verursacht hatten, war ich mit einem schönen, langen Mückenschleier 
versehen — aber, ach, er ruhte wohlverwahrt ganz unten in irgend 
einem Packkoffer, da ich ihn erst beim Myvat)i für nötig gehalten 
hatte. Ich will nicht gerade sagen , dass ihre Stiche besonders 
schmerzhaft und juckenerregend waren, aber die ekelhaften kleinen 



Der Engländer kommt in dieser Saga nicht mehr vor. 



101 



Tierchen drangen in Mund, Ohren, Nase und Augen und erschwerten 
nicht nur das Sprechen, sondern machten selbst das Rauchen fast 
unmöeHch. Am meisten hatten die armen Pferde zu leiden; sie 
wurden fast rasend, und da ich fürchtete, die losen Pferde würden 
durchgehen , begann ich auf eigene Faust den Übergang. Als 
Ögmundur zurückkam, waren wir schon in der Mitte; triumphie- 
rend schwenkte er den photographischen Apparat , geleitete den 
Studenten auf eine Insel, von wo aus er eine Aufnahme des Über- 
gangs machen sollte (Fig. 7<S) und schloss sich uns wieder an, um 
ja nicht auf dem Bilde zu fehlen. Aber die tiefen Stellen kamen 
erst jetzt. Einige Pferde, die ahnungslos und sorglos einherpatschten, 




Fig. 78. Ritt durch das Eldvatn. 



verloren plötzlich den Grund und mussten schwimmen. Mr. Beef- 
steak stolperte blind hinterdrein, verschwand bis an die Brust im 
Wasser und wurde noch knapp zur rechten Zeit wieder herausge- 
rissen. Auf einer schönen, frischen Wiese am Fusse eines Lava- 
feldes Hessen wir die Pferde grasen, verspeisten mit dem frohen 
Gefühle, für heute alle Fährlichkeiten überwunden zu haben, die 
üblichen Frankfurter Würstchen und die Eier, die uns Rektor Olsens 
gütige Schwester mitgegeben hatte, erquickten uns an der ausge- 
zeichneten deutschen Konservenbutter (von Bruns in Oldenburg) 
und gönnten uns sogar eine halbe Flasche von dem in ]'/'k ge- 
kauften Rotwein. Weit abseits lag der Engländer. Plötzlich stand 
er auf, winkte Ögmundur zu sich heran, und wir sahen sie beide 
lange und lebhaft miteinander verhandeln. Ögmundur meldete: 
Mr. Beefsteak bedaure aufrichtig, absichtslos meinen Zorn erregt 



102 Kirkjub^r. 

ZU haben, er bat regelrecht um Entschuldigung und bot mir sogar 
seinen sorgsam gehüteten, vielgeliebten Whisky an. Ich liess ihm 
sagen: die Sache sollte erledigt sein, für seinen ,, Lebenstau" dankte 
ich, aber in Beriifjördiii' müssten sich unsere Wege trennen. Da 
er sich somit schliesslich doch noch als ,, Gentleman" gezeigt hatte, 
will ich seinen Namen nicht verraten, sondern schliesse so, wie es 
in den alten Sagas beliebt ist : ok er hanii ör sügiDuii (er kommt 
in dieser Saga nicht mehr vor). 

Spät am Abend gelangten wir, nachdem wir die Landschaft 
Landbrot von S.W. nach N.O. durchquert hatten, über und über 
mit Sand bedeckt, an der reissenden Skaptd an (Schaf tfluss). Wenn 
man ihre schäumenden zischenden Wogen in dem engen Felsental 
rollen und sich auf- und niederbäumen sieht, kann man verstehen, 
dass die erregte Phantasie sich vorstellte, ein schillernder Schlangen- 
körper wälze sich in dem braunen Wasser ^). Seit kurzem führt 
eine ansehnliche Brücke über die Skaptd. Auf mächtigen Quader- 
steinen schwingt sie sich kühn über die einzelnen Arme des Flusses 
in drei Bogen (vergl. das farbige Titelbild) , ihre Herstellung nahm 
verschiedene Jahre in Anspruch und kostete loooo Kronen. In der 
Ferne schimmerten die zackigen Schneeberge und Gletscher des 
Ör<2fajökull, und eine feierliche Stille lag über der weiten Flur. 

In Kirkjubcrr wohnt der Sxshiviadur und Alfingismadur 
Gudlatigur Giidmundsson, der bei dem Festessen des Konsuls 
Thomsen in Reykjavik mein Tischnachbar gewesen war, ein liebens- 
würdiger, hochgebildeter Mann, der von l886 — 89 Instruktor der 
Reykjaviker Schauspielergesellschaft gewesen war. Vor dem statt- 
lichen Wohnhaus, das unmittelbar am Fuss eines Berges liegt, von 
dem ein hübscher Wasserfall herniederstürzt, waren mehrere Zelte auf- 
geschlagen (Fig. 79). Es war eine andere Abteilung des dänischen 
Generalstabes, die hier Messungen vornahm, und ihr Führer Premier- 
leutnant Buchwaldt, eine wahre Siegfriedserscheinung, kam mir 
weit entgegen und begrüsste mich dänisch, da er in dem brillen- 
bewaffneten Reiter ohne weiteres einen Fremden vermutete. 

Die Aufnahme, die wir beim Bezirksvorsteher fanden, war über- 
aus herzlich: es war nicht, als ob wir uns flüchtig von einem Diner 
her kannten, sondern als ob sich alte gute Freunde nach langer 
Trennungszeit wiedersehen. Kaum hatten wir ein gründliches Bad 
genommen, so wurde das Abendessen aufgetragen, obwohl es schon 
auf ^Mitternacht ging, und die zarten, selbstgezogenen Radieschen 
mundeten köstlich. Seine erste Frage war, ob ich nun geläufig 
isländisch sprechen könnte, was ich, trotz Ögmundurs Protest, ab- 
wehrte. Mit meinem Gefährten sprach er fliessend Deutsch, obwohl 



1) Annalen des Bischofs Gisli Oddsson in Skälholt von 1637, vergrl. Z. d. V. 
f. V. I, S. 169. 



Kirkjuba;r. 



lO:} 



er seit seiner Kopenhagener Studienzeit, abgesehen von den Unter- 
redungen mit den Schiftbrüchigen des „Friedrich Albert", keine Ge- 
legenheit mehr dazu gehabt hatte. Mit Freuden nahm ich seine 
Einladung an, den Sonnabend bei ihm zu l)lciben und erst am 
Sonntag weiter zu ziehen. 

Auch dieses Gehöfte zeigt, was guter Wille, Energie und 
Intelligenz selbst auf Island zu leisten vermögen. Das Haus machte 
einen durchaus modernen und praktischen Eindruck, die Amtsstube 




Fig 79. Kirkjubaer ä Sidu. 

war mit Schreibpult, Regalen voller juristischer Bücher und mit 
Schränken ausgestattet, in denen, was mich am meisten in Erstaunen 
setzte, dicke Aktenstösse aufgehäuft waren. Neben dem Hause lag 
ein grosser, wohlgepflegter Garten, dahinter die Ställe und eine Mühle, 
die von dem Wasserfall getrieben wurde. Die Landschaft S/'da, 
die wir mit Kirkjuhdr betreten hatten, gehört überhaupt zu den 
schönsten und fruchtbarsten in ganz Island. Wohl gibt es im S.O. 
nach der Küste zu öde Sandstrecken, und höher hinauf, am Hverßs- 
fljöt, Lavafelder, aber die meisten Höfe hegen am südlichen Abhang 
einer zusammenhängenden Bergkette, in die verschiedene kleine 



104 Kirkjubaer. Geschichtliche Erinnerungen. 

Täler einschneiden, und noch \veit nach Norden hin, dem Vatnajökiill 
zu, liegen fruchtbare Gebiete. Die Landschaft liegt zwischen den 
Flüssen Skaptd und Hverfisßjöt und hat ihren Namen ,, Seite" nach 
dem steilen Bergabhange, in dem das Hochland hier abfällt, und an 
dessen Fuss die meisten Ansiedlungen liegen. Noch weiter nördlich von 
Kirkjnbcrr kommen vereinzelte Birkenbäume vor, aber die Bewohner 
wissen diese seltene Gabe zu schätzen, und niemand darf auch nur 
ein Zweiglein davon abschneiden. 

Ostwärts bei Hörgadalltr, so erzählt eine Volkssage , wächst am Rande einer 
Bachschlucht ein einzelnes Birkenreis, hoch und schön. Zu keinem, wenn auch noch 
so dringenden Zwecke darf man es abschneiden oder brechen. Einst trieb ein Mäd- 
chen seine Kühe in der Nähe vorüber. Diese waren ungeduldig und unmutig und 
liefen bald hierhin, bald dorthin. Da kam das Mädchen auf den Einfall, von jener 
Birke eine Rute loszureissen und damit die Kuh zu schlagen, die am ungeberdesten 
war. Sogleich stürzte diese mit gebrochenen Schenkeln zu Boden, und das kam daher, 
dass das Mädcheu sie mit einem Zweige der Birke geschlagen hatte, von der man 
zu keinem Zweck etwas abschneiden darf. 

Ktrkjubcrr ist reich an geschichtlichen Erinnerungen, die sogar 
über die Besiedelung Islands durch die Norweger hinausgehen. 

Ketill enn fiflski (als „der Närrische" von den Heiden wegen seines Christen- 
glaubens verhöhnt) zog von den Hebriden nach Island, er war ein Christ (Lnd. IV, ii). 
Er nahm Land zwischen der Geirlaiidsä und Fjardarä oberhalb des Nfikomi (das 
Neugekommene, Neugebildete). Er wohnte in Kirkjubcer. Dort hatten früher Papar 
gesessen (irische Anachoreten), und deshalb durften sich keine Heiden hier ansiedeln. 
Nach Ketills Tode wollte dennoch ein Heide namens Hildir seinen Wohnsitz dort- 
hin verlegen und glaubte nicht, dass kein Heide hier leben dürfte. Als er an die 
Einfriedigung des 77/« gekommen war, wurde er plötzlich aus dem Leben abgerufen ; 
er liegt im Hildishaiigr (Grabhügel des Hildir, östlich von Kirkjuhcvr [Kirchen- 
hof]). Höchst verdächtig lautet die Nachricht, dass man in diesem Hügel beim Aus- 
graben einen Schildbuckel gefunden habe. Kaalund meint, dass der Distrikt Sida 
früher Paptjli geheissen habe; Papyli statt Papbfili ist Pfaffenwohnsitz'). 

Die ganze Küste von ]^fk bis Ivgölfshöfdi ist heute für Schiffe 
unzugänglich, früher aber muss es besser gewesen sein. Thoroddsen 
nimmt mit Recht an, dass die Iren in Kirkjuhcrr selbst gelandet sein 
müssen; denn ohne Pferde, die sie sicherlich nicht auf das Schiff 
mitgenommen hatten, können sie nicht über die weite Landstrecke 
gezogen sein. Wie der Kcrlingarfjördiir bei ITjörleifshöfdi , so 
muss da, wo heute die Landschaft Landbrot und der Skaptdrös 
liegen, ein Fjord gelegen haben, der sich bis Ktrkjubcrr erstreckte, 
und in ihn wird sich die Fjardarä ergossen haben (Fjordfluss). 
Aber die Lava aus der Eldgjd ca. 930 hat die ganze Landschaft 
verändert, kurz nachdem die Norweger sich hier niedergelassen 
hatten, und dadurch wurde Neuland gebildet (Nykomi) unterhalb 
von Si'da. Da sich aber die Vegetation auf dieser Landstrecke 



1) Kaalund II, S. 276, 314. — Thoroddsen, Andvari XIX, S. 90. — 
Bogi Meisted, Iskudinga Saga I, S. 191, Anm. i. 



Geschichtliche Erinnerungen. Kirkjubaejar-KIaustur. 105 

schnell entwickelte, so war schon 200 — 300 Jahre nach dem Aus- 
bruche Medalland und Landbrot wieder dicht besiedelt. 

Daher konnte schon 1186 in Kirkjubcrr ein Benediktiner- 
Nonnenkloster errichtet werden, das erste Frauenkloster auf Island 
überhaupt ^). Solche Anachorctinnen {minna, eiusetukona Einsied- 
lerinnen) trugen klösterUche Tracht und bauten ihre Zellen in der 
Nähe der Bischofssitze, Männerklöster oder anderer Kirchen; schon 
zu Anfang des elften Jahrhunderts wird eine solche Frau genannt 
(Laxd. S. 78). In^ Kirkjiibccr wohnte auch der hervorragend ge- 
lehrte Priester Bjariihedtnn Sigurdarson (f ii73), bei dem der 
heilige Porldkr sechs Jahre wohnte. Von dem Kloster ist jetzt 
nichts mehr übrig; es soll öfter umgebaut worden sein. Zuerst 
stand es weiter nach NO., wo jetzt schwarzer, spärlich mit Strand- 
hafer bewachsener Flugsand liegt. Henderson (I, 325) und 
Thoroddsen (Geogr. Tid. XII, 178) erwähnen einen viereckigen 
steinernen Fussboden, 25 Fuss lang und 20 Fuss breit, der aus 
regelmässigen, fünfkantigen Steinen gebildet und mit einer zement- 
ähnlichen Masse zusammengefügt ist. Dies soll der Fussboden und 
die Grundlage der alten Klosterkirche sein. Aber es ist nicht eine 
äusserst künstlerische Zusammenfügung von zugehauenen Basalt- 
säulen, sondern ein Werk der Natur, man kann die Basaltsäulen 
bis tief in die Erde hinein verfolgen, Menschenhände haben also nicht 
die Pfeilerreihe in diese Ordnung gebracht ; und selbst das ist nicht 
sicher, dass die Christen, als sie dieses Basaltbett entdeckten, ihr 
Gotteshaus darauf erbauten. Ähnliche Basaltlager mit Säulenstruktur 
finden sich übrigens in Sida noch öfter ^j. 

Ursprünglich scheint das Kloster eine besondere Bedeutung 
nicht gehabt zu haben. Obwohl es der Hauptschauplatz der sogen. 
Svin/ellinga Saga ist (Mitte des 13. Jahrhunderts, eines Teiles der 
Stiirlunga Saga), werden darin doch mit keinem Worte die weib- 
lichen Insassen des Klosters erwähnt. Das ist um so wunderbarer, 
als in derselben Saga, im Jahre 1249, eine fast unglaubliche Menge 
Vieh in Kirkjubccr erbeutet wird: 30 Kühe, 36 Stück Jungvieh, 
4 Pflugochsen, 120 Milchschafe, 50 Hammel, 70 jährige Schafe, 
20 Pferde, 25 Schweine, 50 Gänse; ausserdem werden mitgenommen: 
12 Schilde, 12 Speere, 6 Stahlhauben, 6 Panzer, 10 Kisten und i 
Pferdelast Bettdecken (I, S. 91/2). Nach dem Zusammenhange ist 
das nicht einmal das gesamte Gut von Kirkjubccr, sondern nur die 
Hälfte, vielleicht sogar nur ein Viertel; beachtenswert ist auch, dass 
unter den Haustieren Gänse und Schweine genannt werden, die 



1) Kahle, Kristni Saga S. 103, Anm., S. 125. 
, 2) Nach Kaal und haben Sigurdur Vigfüsson diesen „Kirchboden" untersucht 
{Arbök Fornkifafjelagsins 1888—92, S. 68), der Dichter Brynjölfur Jönsson 
(a. a. O. 1894, S. 19, 20) und Prof. Thoroddsen. 



106 Kirkjubaejar-Klaustur. 

heute auf Island fast ausgestorben sind, und Pflugochsen, die Acker- 
bau voraussetzen. In einer Urkunde werden 30 Kühe und 7 Kuh- 
werte an nicht melkendem Rindvieh aufgezählt, 150 Milchschafe, 
60 Hammel, 60 jährige Schafe, 30 Pferde (Dipl. isl. No. 99, S. 394). 

In der Mitte des 14. Jahrhunderts (1343) wurde eine Nonne 
lebendig verbrannt, weil sie sich dem Teufel verschrieben und sich 
überdies an einer geweihten Hostie gröblich vergangen hatte ^). 
Sonst wissen wir, dass 12 Äbtissinnen an der Spitze des Klosters 
gestanden haben, bis es zur Zeit der Reformation säkularisiert 
wurde und seine Besitzungen (3 1 Bauernhöfe) mit den Privatdomänen 
des dänischen Königs vereinigt wurden. 1552 schrieb Kristian III. 
an die letzte Äbtissin Halldöra — es waren damals ausser ihr nur 
sechs Schwestern im Kloster — und befahl ihr, eine Schule in der 
Abtei zu errichten, worin die Jugend der umliegenden Gegend lesen 
und schreiben lernen und in den Grundsätzen der Reformation 
unterrichtet werden sollte — aber der Plan wurde nie ausgeführt^). 
Jetzt ist Kirkjuhcrr, wie gesagt, Sitz des Syshmiadur; sein Haus 
liegt weiter nach Westen, als das ehemalige Kloster lag. 

Von den Bewohnern der beiden Klöster weiss die Volkssage 
mancherlei zu erzählen. 

Natürlich fehlt es nicht an Verkehr zwischen den Mönchen und Nonnen. Jen- 
seits der Skaptä, in der Landschaft Landbrot, wird eine sönghöll gezeigt, von wo 
die Mönche in Pykkvibivr ein Signal gaben, wenn sie die Nonnen in Kirkjubcer 
besuchen wollten^). Eine hübsche Geschich'^e, auf deren Verwandtschaft mit Boccaccio 
(II. Erzählung des 9. Tages) Kahle aufmerksam gemacht hat, will ich erzählen*): 

Einmal war ein Abt und ein oder mehrere Mönche mit ihm im Kloster Kirk- 
jubcer. Mitten in der Nacht visitiert die Äbtissin die Nonnen und trifft in einer 
Zelle eine Nonne mit einem Mönche im Bette liegend. Die Äbtissin beginnt die 
Nonne zu schelten, da sieht diese nach dem Kopfputze der Äbtissin und sagt: „Was 
habt ihr denn da an dem Kopfe, gute Mutter?" Da wurde die Äbtissin gewahr, dass 
sie versehentlich die Hose des Abtes ergriffen und sich mit ihr statt des Schleiers 
geschmückt hatte. Da ging sie fort und sagte: „Wir sind alle Sünderinnen 
Schwester!" 

9. Juli. 

Hinter dem Wohnhause ist ein schöner, mit Gras bewachsener 
Bergabhang. Am nächsten Morgen ging ich mit meinem Wirte da- 
hin, obwohl der Anstieg ziemlich steil, und die Luft bei dem feuchten 
Westwinde drückend schwül war. Oben auf dem Berge ist ein grosses, 
üppiges Grasland, die Kirkjubcejar heidi (163 m hoch); in der ganzen 
Runde wohnt zwei Stunden von hier nur ein einziger Bauer. Auf 



'^.^ 



1) Flaieyjar Annäll, ed. Storm 402 = 2. d. V. f. V. I. S. 42. 

'^) Finnur Jönnson, Histor. eccles. IV, 77 — 82. 

3| Sö«^ÄÖ//= ein Hügel, wo gesungen wird (vielleicht von Elfen), oder „Echo- 
fels", oder „Höhe, auf der gesungen wird", oder „Kapelle" (?) 

4) Jon Arnason, Isl. Pjöcts. II, S. 71 ff. — Kahle, Germania 1891, Bd. 36, 
S. 375- 



Kirkjubaejar-Klaustur. 107 

der Hochebene befindet sich ein stiller, dunkelblauer See, Systravatti 
(Schwosternsee). Er hat seinen Namen, wie mir Herr Giidlaugur 
erzählte, daher, dass in ihm zwei Nonnen beim Baden ertranken. 
Bei Jon Arnason fand ich folgende Sage: 

Zwei Nonnen aus dem Kloster gingen dahin. Ein wundervoller goldener Kamm 
schimmerte aus den Wellen empor, die eine versuchte dorthin zu waten, aber das 
Wasser wurde immer tiefer, und sie musste ertrinken. Auch die andere verlangte 
nach dem Kamme. Da bemerkte sie ein steingraues Pferd am See stehen. Es war 
so gross, dass sie es nicht eher besteigen konnte, als bis es sich auf die Knie nieder- 
gelassen hatte. Mit ihm ritt sie in den See hinein — aber weder von dem Ross, 
noch von der Nonne, noch von dem Kamme hat man je wieder etwas gehört. 

Wohl zwei Stunden streiften wir auf der Hochebene umher, 
ich war ganz entzückt von dem herrlichen Ausblick über die viel- 
fachen Windungen der Skaptd und über das ganze Land bis zum 
Meere hin, wie von dem üppigen Blumenflor. Beim Abstiege kamen 
wir an einem seltsam geformten, mitten in lachenden Wiesen ge- 
legenen, einsamen Felsen vorbei, Systrastapi (Schwesternklippe, 
vergl. das Titelbild). Auf ihm sind die Gräber zweier Nonnen, von 
denen die eine mit Unrecht, die andere mit Recht wegen uner- 
laubter Liebe zum Tode verurteilt worden war. Oben auf der 
Klippe, auf die wir uns mit Mühe hinaufwanden, sollen die Gräber 
sein: das nach Westen gelegene, wo die unschuldig Bestrafte 
schlummert, prangt Sommer und Winter im grünen Schmuck; das 
andere, östliche, ist alle Zeit aller Blumen bar und öd und grau. 
Nach Bischof F i n n s Kirchengeschichte ist der Systrastapi von der 
Skaptd umflossen, heute liegt er nördlich davon und etwa fünf 
Minuten vom Wohnhaus entfernt (vergl. S. 96). 

Auf Kirkjiibdr endlich findet das Ereignis statt, das den An- 
stoss zu Gunnars Unglück gibt und schliesslich seinen Tod be- 
wirkt: der Diebstahl seiner schönen und stattlichen, aber herzlosen 
und rachsüchtigen Ehefrau Hallgerdr. Ich habe früher erzählt, wie 
sie durch ihren Knecht von hier zwei Pferdelasten Speisewaren 
stehlen lässt, wie Gniifiarr sie deswegen schlägt, und wie sie ihm 
droht: ,,Den Backenstreich sollst du mir büssen!" (Kap. V, S. 219, 
Kap. X, S. 50V Der Diebstahl und die Brandlegung des Speichers 
(hir) wird dadurch bezeugt, dass man beim Graben an der Stelle, 
wo man das bilr vermutet hatte, wirklich seine Fundamente aufge- 
deckt hat^). Das Sprichwort, das ich einmal auf Island hörte: 
vi'da konia Hallgerdi bitlingar ,, Hallgerdr bekommt ihr Essen 
überall her", d. h. von allen Seiten bekommt man Nachrichten über 
etwas, stammt aus dieser Diebsgeschichte ^). 



1) Arbök fornleifafj. 1888-92, S. 534. 

2) Kann sich auch darauf beziehen, dass Hallgerdr zufällig durch ein paar 
Bettelvveiber von den Plänen des Njäll und seiner Söhne erfährt. 



108 Kirkjubaer. Ein isländischer Blumenstrauss. 

Auch eine Runeninschrift auf einem fünfeckigen, blauen Basalt- 
steine ist hier aufgefunden. Sie hat den üblichen Anfang: „hier 
ruht . . .", aber die Zeichen sind so verwischt, dass sie nicht mehr 
zu entziffern sind^). 

Nach Tisch schlenderten wir ziellos umher, um uns an dem 
hellen Sonnenschein und der Blumenfülle zu laben, die Täler und 
Höhen schmückten. Ögmundur sang ein isländisches Lied auf 
die Blumenpracht nach der feierlichen Melodie von ,, Integer vitae". 
Es war eine ordentliche Erholung für das Auge, nach den langen 
Wüstenwanderungen, den vielen Lavagebilden und nackten Fels- 
gesteinen, sich an dieser Pracht laben zu können. Aus den saftig 
grünen Wiesengräsern lugten zahllose duftige Spiräen (jMjadjiirt) 
hervor, bescheidene Stiefmütterchen (Viola tricolor, Fjöla), Berg- 
mohn mit der zarten weissen Blüte und der rötlichbraunen Aussen- 
seite, (Papaver radicatum, Alelasöl), der lebhaftgelbe Löwenzahn 
(Taraxacum vulgare, F/yill), das dunklere Gelb des Hahnenfusses, 
(Ranunculus acer, Söley ; R. repens = Skridsölcy ; R. pygmäus = 
Dvergsöley), die zarte gelbgrüne Orchidee (Coeloglossum viride, 
Baniaröt). An den Halden standen die Alpen- oder Rauschbeere 
(Empetrum nigrum, KrcEkiber) mit ihren noch unreifen, grünen, 
runden Beeren; nach dem Flusse zu versteckten sich das weisse 
Leberkraut (Parnassia palustris, Mxrarsöley)^ in den sumpfigen 
Teilen nickten die silberschimmernden Büschel des Wollgrases (Eri- 
oph. angustifol., Fifa), und Vergissmeinnicht blickten verstohlen 
zwischen aufdringlicheren Blumen empor (Mysotis arenaria, Gleym- 
vijcr-ei [wörtliche Übersetzung von Vergiss mein nicht] oder 
Kattarmiga ,, Katzenauge" ; die Blätter heissen Kattarklö, ,, Katzen- 
klaue", weil sie fest kleben bleiben, wenn man sie auf die 
Kleider wirft). Alle Farbentöne aber überwog das Blau. Sehr er- 
staunt war ich, verschiedene Gentianen vorzufinden, die funkelnden 
Edelsteine, wie ein Reisender sie nennt, bei denen man Hunger 
und Durst vergisst (Gent, camp., JManm'öndur); Gent. Amarella 
subarct., Grccnvöndnr ; Gent, tenella, Marni7'e)idliNgiir). Davon 
hob sich das Himmelblau des Storchschnabels überaus zart ab 
(Geranium = Bldgresi; Ger. silv., Storkabldgresi oder Lituiiargras, 
früher auf Island zum Blaufärben benutzt). Doch keine Blume er- 
freute mich so wie die bescheidene kleine Glockenblume (Campa- 
nula rotundifolia, Bldklukka). Wo immer ich sie auf meinen Reisen 
angetroffen hatte, von Tirol an und weiter südwärts, von Kopen- 
hagen und Kristiania an bis fast zum Nordkap, von Stockholm bis 
zur Lappmark — überall, du treuer Reisegefährte, hat mich dein 
schlichter Zauber gerührt, haben mich deine klaren blauen Farben 
erfrischt, deine reizenden Blüten mich entzückt, und stets war mir, 



1) Henderson I, S. 335. — Kaalund, Fortidsl. 124. 



Kirkjubser. „O wundervoll ist unser Land." 109 

wie wenn du mir mit deinen zierlichen Glocken einen Gruss aus 
der fernen Heimat zuläutetest! Und niemals hätte ich gedacht, 
dass sich in diesen „Gestaden der Vergessenheit", wo Feuer und 
Eis in grauenvollem Bunde die schrecklichsten Verheerungen ange- 
richtet haben, ein paradiesischer Ort finden würde, auf den, wie 
auf das ganze Eisland überhaupt, das wundervolle Gedicht von 
Jon TJi. TJiöroddsen passen würde: 

Island. 

O wundervoll ist unser Land 
Am schönen Sommertage ! 
Die Erde trägt ein grün Gewand, 
Die Herde spielt im Hage. 
Auf schlägt sein blaues Aug das Tal 
Zum Sonnenlicht, dem hellen. 
Die Wiese glänzt, der Wald zumal, 
Wie Gold erglühn die Wellen. 

Im Winter sind nicht minder schön 
Die schneebedeckten Zacken. 
Des Nordlichts Strahlendiadem 
Umfunkelt Haupt und Nacken, 
Wenn flimmernd blitzt der Sterne Glanz 
Weit auf kristallnem Eise^ 
Im Felsen schlingt der Elfen Tanz 
Geheimnisvolle Kreise. 

Du bargst die Ahnen gnädiglich, 
Hast ihnen Ruh gegeben: 
Mög auf der Vorzeit Trümmern sich 
Gestalten neues Leben ! 
Gesegnet seist du, schönes Land, 
Gesegnet all die Deinen, 
Solange grünt der Berge Wand, 
Solange Sternen scheinen. 



Der schöne Tag fand durch einen gemütlichen Abend im Kreise 
der Familie einen würdigen Absehluss. Es ist in Island nicht Sitte, 
dass sich die Hausfrau mit den Gästen zu Tisch setzt; gewöhnlich 
weilt sie im Nebenzimmer, um jedes Winkes gewärtig zu sein; ja, 
bei einem Preshtr war ich zwei volle Tage zu Gaste, ohne über- 
haupt die Dame des Hauses zu Gesicht zu bekommen, die sich in 
sorglicher Tätigkeit für uns geradezu aufrieb. Eine Ausnahme hatte 
bisher nur Reykholt gebildet, wo die reizenden Pfarrerstöchter, Störi- 
in'ipiir, wo die liebenswürdige junge Frau Pastor, und Störölfshvoll, 
wo die gütige Frau Dr. an den Mahlzeiten und Männerreden teil- 
genommen hatten. In Kirkjubcer kamen nach dem Abendessen die 
allerliebsten Töchter zu uns, während wir aus der unerschöpflichen 
Zigarrenkiste rauchten, und plauderten mit uns; die Hausfrau selbst 



110 Kirkjubaer. Ein musikalischer Abend. 

lernten wir erst am letzten Vormittag kennen. Für den fremden 
Wanderer gibt es kein behaglicheres Gefühl, als im trauten Familien- 
kreise von den Seinen daheim erzählen zu können und ein empfäng- 
liches Ohr für die kleinen Sorgen und Ängste zu finden , die den 
Gatten und Vater überfallen , wenn er so unerreichbar weit von 
Frau und Kindern ist. Dankbar gedenke ich auch des musikalischen 
Genusses, den uns die jungen Damen bereiteten ; die eine hatte eine 
angenehme frische Stimme , und die andere begleitete sie auf dem 
Harmonium. Zuerst wurden dänische Lieder gesungen (Danmarks 
Melodier), dann, als ich um einige isländische Lieder bat, auch solche : 
Das Tausendjahr-Feierlied von Matthias Jochumsson , komponiert 
von Svei}ibjör)i Sveinhjörnsson, und ,, Island" von Hatuies Hafsteinn, 
nach der Melodie : ,,Die Wacht am Rhein". Der Vater, der ja kurz 
vorher in Reykjavik gewesen war, hatte einige neue Kompositionen 
von Bjarni Porsteüisso)! mitgebracht, z. B. Kirku/n'oll (Gedicht 
von Giidnntndur Gnd?NU>idsso?i). Das Lied erzählt von einem 
Knaben, der an einem Sonntagabend den Gottesdienst der Elfen in 
einem Hügel belauscht hat. Wie den , der im Reiche der Elfen 
verweilte, unbezwingbare Sehnsucht erfasst, bis er zu ihnen zurück- 
kehrt oder stirbt oder von Sinnen gerät , so vernimmt der Knabe 
seitdem fortwährend vor seinen Ohren den wunderbaren Klang der 
Elfenglocken. ,,Vom Hügel tönt die Glocke melodisch in die Nacht", 
lautet der Refrain; mit tief empfundener Kunst hat der Tondichter 
diese geheimnisvollen Schauer des Elfenreiches auszumalen ver- 
standen, und die feierlichen, mystischen Glockentöne passen gerade 
für das volle Harmonium ausgezeichnet. 

Den Höhepunkt der musikalischen Unterhaltung bildete aber 
unstreitig der Vortrag zweier Lieder desselben Komponisten, die 
im wahren Sinne volkstümlich und patriotisch zu nennen sind; dem 
ersten prophezeie ich nach Text und Melodie geradezu die Bedeutung 
eines isländischen Nationalliedes. Beide Gedichte stehen in Indridi 
Einarssons Drama „Das Schiff sinkt." Das erste ,,Gissurr tummelt 
froh den Renner" hat mit der Handlung wenig zu tun, das 
zweite ,,Kühn war er wie ein Löwe" passt besser (I, S. 356), es ist 
gewissermassen die Variation eines bekannten gemeingermanischen 
Themas : wer sich gegen sein eigenes Land wendet, auch wenn 
ihm die Heimat noch so übel mitgespielt hat, wird als noch so 
gefeierter „Überläufer" doch stets von heisser Sehnsucht nach ihr 
und von bitterer Reue gequält werden; es ist eine der wenigen 
volksliedartigen Balladen, die die isländische Poesie aufzuweisen 
hat, und verdient schon deshalb Beachtung. 

Von dem zweiten Liede teile ich zunächst die Übersetzung 
mit : 



Kirkjubser. Indridis Lied. 111 



Islands Freiheit geht verloren. 

Gissurr tummelt froh den Kenner, ihm gelang der Trug. 
Seinem Tross ist keine Strasse, kein Weg breit genug. 
Ach, die Burgen sind zerstört ! — 

Auf dem Pferd häng' ich gebunden, wohin führt man mich? 
Erst bei Hei der Ritt wird enden. Freunde, denkt an mich! 
Kummer quält mich unerhört, drückt schwer wie Blei. 

Tanze, armer Fuchs, nun, tanze ! 's ist das' letzte Mal, 
Dass du sprengst mit deinem Reiter über Berg und Tal. 
Ach, die Burgen sind zerstört ! — 

Wenn die Sonne wieder aufgeht, deine Last ist leicht. 
Denn an deinem Sattelknopfe hängt mein Haupt so bleicli. 
Kummer quält mich unerhört, drückt schwer wie Blei. 

Hocherhob'ne Beile blinken, Feuer ringsum loht, 
Bis zur Stätte, wo ich sterbe, flammt es blutigrot. 
— Ach, die Burgen sind zerstört, alles vorbei ! — 
Über Island schwebt nun drohend fremde Königsmacht, 
Warum ist der arge Bube nicht längst umgebracht? — 
Kummer quält mich unerhört, drückt schwer wie Blei. 

Während das zweite Lied „Kühn war er wie ein Löwe" ein 
durchaus eigenes Erzeugnis des Dichters ist, hat er die Idee und 
den Grundakkord zu dem ersten der Stur lunga- Saga entnommen. 

Unter den Anhängern des wenig sympathischen Gissurr Porvaldssofl, des ersten 
Statthalters des norwegischen Königs, befand sich anfänglich auch Pörctr Andresson. 
Er half 1253 auf dem Thing, unterstützte ihn mit 30 Mann, merkte aber bald, dass 
auf Gissurr kein Verlass war, und fasste dann den Plan, ihn aus dem Wege zu 
räumen. Dieser Anschlag auf sein Leben ward aber Gissurr verraten, und es kam 
zwischen beiden zu offener Feindschaft. Pördr hielt sich mit seinen Brüdern in den 
Bergen nördlich von der Pörsniörk auf; da aber Gissiirr verräterischerweise 1264 
eine Zusammenkunft mit ihm verabredete, folgte Pördr allzu vertrauensselig der Auf- 
forderung. Zu einem Bauern, der ihn begleitete und ihn fragte, was er nach seiner 
Versöhnung mit Gissurr tun würde, äusserte er : „So wird das nicht zugehen. Ich 
werde getötet werden, aber meine Brüder werden Frieden haben." Bei diesen 
Worten spornte er sein Ross an und sang mit lauter Stimme: „Miliar erii SOr^ir 
fungar sem bly" ^). Er wurde ergriffen und mit einer Axt in den Hals gehauen, 
so dass er tot zusammenbrach. Aber Gissurr befühlte die Wunde und befahl , die 
Axt noch einmal in den Leib des Toten zu schlagen. 

Die Stimmung also, die in dem losgerissenen Seufzer liegt : ,, Meine 
Kümmernisse sind schwer wie Blei" hat Indridi den Grundton zu 
seinem ergreifenden Liede gegeben. Er hat mit feinem dichterischen 
Empfinden gemerkt, dass diese Worte wohl der Kehrreim, der 
,,Stev" eines volkstümlichen, erzählenden Gedichts gewesen sind, 
sie deshalb mit Glück als Refrain beibehalten und ihnen ein Gegen- 
stück in dem Kehrreime gegeben: ,,Ach, die Burgen sind zerstört." 
Sonst hat er den Helden weit über seine Vorlage erhoben und 



1) Oxforder Ausgabe II, S. 263 — 265, Buch VII, K. 329. 



112 



Kirkjubaer. „Islands Freiheit geht verloren/' 



idealisiert, das Episodenhafte getilgt oder zum Reinmenschlichen 
erhöht und Pördr zum letzten Verteidiger der isländischen Freiheit 
gemacht. Für ein Konzert in Torgau, bei dem beide Lieder ge- 
sungen wurden, hatte ich als Überschriften gewählt: ,, Islands Frei- 
heit geht verloren" und für das zweite Lied einfach: ,, Ballade." 
Ich war sehr erfreut, als mir der Dichter sein volles Einverständnis 
mit dieser Bezeichnung brieflich mitteilte. Durch die Wiedergabe 
der Komposition von ßjarni Porsfeinssou hofte ich mir den Dank 
meiner Leser zu verdienen. Sie mag besser als Worte einen Begriff 
von der isländischen Musik unserer Tage geben. Wer den unendlich 
schwermütigen Refrain ,,Ach, die Burgen sind zerstört", ,, Kummer 
quält mich unerhört, drückt schwer wie Blei" einmal vernommen, 
wird ihn nicht leicht wieder aus dem Gedächtnis verlieren. 



Islands Freiheit geht verloren. 

(Indridi Einarsson.) 
Andante espressivo. Bjarni Porsteinssoti. 



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1. Gis- surr tum- melt 

2. Tan- ze, ar - mer 

3. Hoch -er -hob - ne 



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1. froh den Ren- ner, ihm ge - lang der Trug. 

2. Fuchs, nun, tan - ze, 's ist das letz - te Mal, 

3. Bei - le bliu-ken, Feu - er rings -um loht, 



Sei - nem Tross ist 
dass du sprengst mit 
Bis zur Stät - te. 




„Islands Freiheit geht verloren." 



113 



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1 . kei - ne Stra - sse, 

2. dei-nem Rei-ter 

3. wo ich ster - be, 



kein Weg breit ge- 
ü - her Berg und 
flammt es blu - tit; 



nug. 
Tal. 
rot. 



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1 . Ach, die Bur - gen 

2. Ach, die Bur - gen 

3. Ach, die Bur - gen 



sind zer - stört, 
sind zer - stört, 
sind zer - stört. 



al - les vor 



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Auf dem Pferd häng' ich ge - bun -den, wo - hin führt man mich ? 

Wenn die Son - ne wie - der auf- geht, dei - ne Last ist leicht, 

Ü - ber Is- land schwebt nun dro-hend frem-de Kö -nigs -macht, 




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„Islands Freiheit geht verloren." 



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1. Erst bei Hei der Ritt wird en - den. Freun-de denkt an mich! 

2. denn an dei - nem Sat - tel-knop - fe hängt mein Haupt so bleich. 

3. Wa-rum ist der ar - ge Bu - be nicht längst um - ge-bracht? 




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Kirkjiibaer. Schiffbruch des „Friedrich Albert". IIa 



lO. Juli. 

Die drückende Schwüle von gestern hat sich in Nebel und 
sanften Regen aufgelöst; dichte Schleier hängen über der ganzen 
Landschaft, so dass man nicht einmal die Kirkjubccjar heidi unmittel- 
bar hinter dem Hause sehen kann. Als Ögmundur auf dem Hoch- 
plateau unsere Pferde suchen will, kann er kaum zwei Schritt weit 
blicken, und als er mit Mühe sieben Tiere eingefangen hat und 
nach den noch fehlenden zweien umherirrt, sind die ersten wieder 
verschwunden. So kommt er erst gegen zwei Uhr zurück, müde und 
durchnässt, während wir schon Mittagbrot gegessen haben und uns 
an Schokolade und Kuchen erquicken. Zwar hat sein langes Fern- 
bleiben mich daran gehindert, den Arzt in der Nähe, /^?/r;/? y^/7.yjö?z, 
zu besuchen, der sich der Unglücklichen des ,, Friedrich Albert" so 
aufopfernd angenommen hat, aber es hat doch auch das Gute ge- 
habt : der Regen hat aufgehört , und ich habe Zeit genug gehabt, 
mich beim Sysliuuadur über die Schicksale der Schiffbrüchigen zu 
erkundigen. Wir gingen davon aus, dass das Deutsche Reich jede 
Beihilfe für ein Kabel nach Island abgelehnt habe, weil es kein 
Interesse daran habe. Aber nach Angabe des Herrn Giidlaiigiir 
kommen jährlich etwa 300 deutsche Fischerfahrzeuge nach Island, 
und das traurige Los des ,, Friedrich Albert" hätte den Behörden 
zeigen sollen, dass auch wir an einer schnellen Verbindung mit 
Island lebhaftes Interesse haben. Wie viel Angst, Aufregung und 
Kummer wäre den Angehörigen erspart geblieben, wenn sie tele- 
graphisch hätten nach Hause melden können, dass sie gerettet 
seien. So kam wohl die Kunde von der Strandung verhältnismässig 
früh nach Deutschland, aber die wertvollere Nachricht von ihrer 
Rettung gebrauchte Monate. 

Ich vermute übrigens, dass Ernst von Wildenbruch von dem kläglichen 
Schicksale des „Friedrich Albert" gehört hat. In seine „Hauskomödie: Der unsterb- 
liche Felix" spielt eine Episode hinein, die genau den hier erzählten Ereignissen ent- 
spricht. Die Angehörigen eines Steuermanns auf einem Fischereidampfer „Christo- 
phoros" sind lange ohne Nachricht geblieben, „und Island, das ist weit"; sie sehen 
in den Zeitungen nach, ob vielleicht in ihnen etwas steht, gehen doch so viele Schiffe 
da oben verloren. Ein Schiffsbau-Techniker aus Bremerhaven hat den schweren Auf- 
trag bekommen, Nachforschungen nach der Familie anzustellen und sie darauf vorzu- 
bereiten , dass das Schiff ein wenig lange ausbleibt, ja monatelang verschollen ist, 
und dass der Steuermann als ertrunken gelten muss. Der herzzerreissende Schmerz 
der Mutter, die ihren einzigen Sohn, und der Frau, die den Gatten und Vater ihres 
kleinen Kindes verloren hat , wirkt auf den Helden der Komödie , den eingebildeten 
Dichterling so ein, dass er, da ihm zugleich die Augen über sein bisheriges, auf 
Eitelkeit und Reklame gegründetes Leben aufgehen, beschliesst, die Waise an Kindes- 
statt aufzunehmen. Aber im letzten Augenblicke kommt ein Telegramm von der 
Reederei über Kopenhagen: Das Schiff ist an der Küste von Island gescheitert und 
zum Teufel, die Besatzung aber hat sich ans Land gerettet und lebt; von Bremer- 
haven ist schon ein Schiff hinaus, sie zu holen. Nicht nur die allgemeinen Umrisse 

8* 



116 



Kirkjubser. Schiffbruch des „Friedrich Albert". 



scheinen mir überraschend zu stimmen , sondern einer der Geretteten stammt auch, 
wie ich später bei dem Arzte Pöntur Pörctarsoil erfuhr, aus Weimar, dem Wohn- 
sitze des gefeierten Dichters'). 

Am Abend des 19. Januar 1903 gegen 10 Uhr strandete der Geestemünder 
Fischdampfer „Friedrich Albert" an der Südküste von Island, etwa 12 Seemeilen west- 
lich von Ingölfshöfdi in einer we- 
gen ihrer starken Stromversetzung 
verrufenen Bucht und wurde wrack ; 
diese Bucht ist darum besonders 
gefährlich, weil während der Nacht 
jede Orientierung fehlt, da Leucht- 
feuer nicht vorhanden sind. Den 
wachthabenden Steuermann traf 
insofern ein Verschulden an der 
Strandung, als er trotz Befehls des 
Kapitäns es unterlassen hatte , zu 
loten, und dass er, als das .Schiff 
in der Brandung war, nicht abdrehte, 
sondern rückwärts ging. Die Lei- 
chen der drei bei dem Schiffbruch 
verunglückten Leute wurden später 
gefunden, und zwar z. T. im Schiffe 
selbst. Befände sich die Südküste 
Islands, an der gerade die deutsche 
Fischerflotte so tätig ist, durch Be- 
feuerung in besserer Verfassung, 
so könnte sie den Schiffer recht- 
zeitig warnen. Die aus 12 Mann 
bestehende Besatzung rettete sich 
vier Stunden später ans Land, wo 
sie bis zum elften Tage vergeblich 
nach menschlichen Wohnungen zu 
gelangen suchte. Hätten sie sich 
nach Osten gewandt, würden sie 
an einem Tage den Bauernhof 
Fagurhölsmyri erreicht haben. 
Aberabgeschrecktdurch die Schnee- 
und Eismassen des Örcpfajökull 
zogen sie es vor, nach Westen und 
Nordwesten zu tappen, über Lagu- 
nen, Abflüsse, Sandwüsten und 
Gletscherströme. Infolge der Kälte, 
Anstrengungen und Entbehrungen starben 3 Mann, mehrere erlitten durch Frost Be- 
schädigungen und Verlust von Gliedmassen, an vieren wurden später von Dr. Pördttr 
Pördorson Amputationen vorgenommen, und es wurden ihnen z. T. die Füsse bis zur 
Ferse abgenommen. Die Kunst des isländischen Arztes hatte sie später doch soweit 
gebracht, dass drei wieder gehen konnten, wenn auch nur langsam, und auf Stöcken 



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Fig. 80. 



Sigurdur JOnsson , Bauer von ürrustu- 
stadu- mit Frau und Tochter. 



^) Der folgende Bericht ist auf den Erzählungen isländischer Gewährsmänner 
aufgebaut. Dass er nicht übertrieben ist, zeigt das inzwischen erschienene Buch: Vom 
Tode erstanden. Dem Andenken der toten Kameraden auf Island gewidmet von ihrem 
Kapitän Georg Büschen, Bremerhaven 1905. — - Es freut mich, dass darin auch 
der Männer dankbar gedacht ist, denen ihre treue Hilfe nicht amtlich durch Ordens- 
verleihungen bescheinigt ist, des Herrn Kaaber, Geschäftsführer des Deutschen 
Konsuls in Reykjavik, und vor allem des wackern Bauern Sigurdur Jönsson. 



Kirkjubser. Errichtung von Schutzhütten an der Südküste. 117 

gestützt, der vierte muss Zeit seines Lebens getragen werden. Ein fünfter hat beide 
Beine unter den Knien infolge des erlittenen Frostschadens verloren. Unter der um- 
sichtigen und energischen Leitung des Kapitäns — eine Karte besassen sie nicht, und 
diese hätte ihnen in dem öden Skeiitarärsandiir auch wenig genützt — gelangten 
die Überlebenden endlich zu bebauten Gegenden, wo ihnen von der isländischen Be- 
völkerung liebevolle Aufnahme und Pflege zu teil wurde. Ich habe früher erzählt, 
dass der Sfisluinadlir für seine bewunderungswürdige Umsicht und tatkräftige Hilfe 
mit dem Roten Adler-Orden IIL Klasse, Konaul Thomsen mit dem Kronen-Orden 
IV. Klasse und Dr. Pörctur zu Borgir mit dem Roten Adler-Orden IV. Klasse aus- 
gezeichnet sind. Nur den armen Häusler Sigltrdlir Jönsson, unsere Reisebekannt- 
schaft von Porvaldseyri, hat man vergessen, und in gewisser Beziehung hat gerade 
er die grössten Verdienste. Er nahm die Unglücklichen in seinem kleinen Bauern- 
hofe Orrusinsfadir auf (Schlachtstätte) , packte sie sofort in seine Betten und er- 
quickte sie mit warmer Milch, ritt ohne Zögern unter nicht geringen Gefahren über 
die reissenden, winterlichen Ströme und benachrichtigte den Sfisluniadur. Hoch 
klingt das Lied vom braven Mann! Das Seeamt Bremerhaven hat in seinem Spruche 
vom 2. Juni 1903 allerdings ausgesprochen: „Insbesondere verdient hohe Anerkennun5 
die allen Schiffbrüchigen von dem Besitzer des kleinen Bauernhofes Orrnstitstadir, 
den sie zuerst erreichten, zuteil gewordene Pflege und Fürsorge" (Nordwestdeutsche 
Zeitung, 4. Juni 1903, Beilage Nr. 128). Aber ich meine, der wackere, bescheidene 
Mann — „Höher und himmlischer wahrlich schlug das Herz, das der Bauer im Kittel 
trug !" — verdient es auch im Bilde festgehalten zu werden. Es ist das Einzige, was 
wir für ihn tun konnten. Als wir am Nachmittag an seiner Behausung vorüber- 
kamen, liessen wir es uns nicht nehmen, ihn, seine Frau und seine Tochter zu photo- 
graphieren, trotz ihres Sträubens und trotz ihrer Angst, die sie vor der Ijösmynda- 
vjel hatten (photographischer Apparat ; Fig. 80). 

Nachdem das Seeamt dem tatkräftigen Eingreifen des „Strand- 
vogtes" (sysluniadur, auch als „Kreisrichter" bezeichnet) und Be- 
zirksarztes, sowie dem sofortigen Handeln des deutschen Konsuls 
die vollste Anerkennung gezollt hatte, der sogleich alles Erforder- 
liche veranlasste, um die traurige Lage der Schiffbrüchigen zu er- 
leichtern und ihre Rückkehr in die Heimat in die Wege zu leiten, 
sprach es weiter aus: Die von dem deutschen Konsul Thomsen 
angeregte Errichtung von Schutzhütten an der Südküste zur Ver- 
hütung solcher Leiden wäre mit Freuden zu begrüssen, und es wäre 
wünschenswert, wenn das Seeamt Veranlassung zu diesen Massregeln 
gäbe. Konsul Thomsen hat aber nicht nur ,,sehr gute" Vor- 
schläge gemacht, sondern sie auch in die Tat umgesetzt. Er hat 
auf eigene Kosten an dem gefährlichsten Teile der Südküste, an 
der Stelle, wo die Besatzungen der gestrandeten Fischdampfer zum 
grössten Teile zugrunde gingen, eine Schutzhütte errichten lassen, 
wie sie vom Deutschen Seefischerei- Verein angeregt worden war. 
Kenner der Südküste, besonders des Skeidardrsaiidur, unter anderem 
auch der Kommandant des dänischen Kreuzers ,,Hekla", der neben 
dem Schutze der Fischerei mit der Vermessung der isländischen 
Küste beschäftigt ist, zweifeln zwar, dass die Hütte stand halten 
werde. Da aber das Wrack über zwei Jahre dicht am Strande der 
Brandung widerstanden hat, scheint die Möglichkeit nicht ausge- 
schlossen, sehr stark gebaute und tief verpfählte niedrige Hütten in 



1 18 Kirkjubaer. Konsul Thomsens Schutzhütte. 

der Nähe des Strandes zu errichten und zu erhalten. Ebenso wird 
es mögUch sein, an einigen Punkten der Küste Baken zu errichten, 
die in erster Linie einen Anhahspunkt für Navigierung in der nächsten 
Nähe dieser ganz entblössten Küste geben sollen, dann aber, wie 
die Schutzhütten, mit einfachen Reiseplänen nach den nächsten An- 
siedlungen, sowie mit einigen Lebensmitteln ausgerüstet sein müssen. 
Ich hatte Konsul Thomsen versprochen, wenn irgend möglich 
seine zwischen Hvalsi'ki und Raiidahcrgsös gelegene Schutzhütte 
aufzusuchen, zu photographicren und ihm Bericht über den Fort- 
gang der Arbeiten abzustatten. Ögmundur sträubte sich aber 
mit aller Gewalt dagegen, einen Abstecher von drei Tagen in diese 
Sandwüste zu machen. Da auch Premierleutnant Buchwaldt 
dringend abriet, mir ein Bild von der Hütte entwarf und mir auf 
meiner Karte die Strandungsstelle und die Lage der Schutzhütte 
eintrug, nahm ich Abstand von meinem Vorhaben. In Akureyri 
las ich dann, dass Herr Thomsen seine Hütte persönlich aufge- 
sucht hatte. Er sah nicht nur ein, dass ich, ohne meine ganze 
Reise aufs Spiel zu setzen, seine Bitte nicht erfüllen konnte, sondern 
überliess mir auch gütig Material über die Beschaffenheit und Aus- 
stattung der Hütte. 

Seine Schiitzhütte (scvhthüs) besteht aus 13X13 cm Balken, die mit gekehlten 
Brettern und dicker Teerpappe bekleidet sind. Die Dimensionen des Hauses über 
der Erde sind 2x2m, die Höhe beträgt 2,10 — 2,70 m, aber die Balken sind noch 
2 m länger; unter der Erde sind sie noch mit ebenso dicken Balken und Eisen wieder 
verbunden, es scheint daher ausgeschlossen, dass das Haus umfällt, obwohl es auf 
Sand gebaut ist. Die Hauptschwierigkeit bestand in dem Transport des Baumaterials 
nach der betreffenden Stelle, doch war sie durch Geld und Zeit zu überwinden. Das 
,, Hospiz", wie der Konsul sein Werk nennt, enthält Kojen und Bettzeug für 14 Mann, 
Proviant für mindestens 14 Tage (Konservenfleisch, Brot, Fett, Reis, Tee, Zucker), 
Kochapparat und Essgeschirr, Petroleum, Lampe und Kerzen, Medizin , eine Menge 
Verbandstoff, Bretter, Handwerkszeug, Schreib- und Nähzeug, Spielkarten, und zwei 
Tonnen Teer: die sollen die Schiffbrüchigen anzünden, um die Aufmerksamkeit der 
Bauern auf sich zu lenken. Herr Thomsen hat später noch hinzugefügt: mehr 
Petroleum, Unterdecken, Kompass, eine Karte, auf der die Wege zu den nächsten 
Gehöften verzeichnet sind, und vor allem ein leichtes, tragbares Segeltuchboot (39 Kilo). 
Am 15. August 1904 w^ar die Hütte fertig und mit allem ausgerüstet. 

Wenn also wieder einmal ein Fischereidampfer am Skeidardr- 
sandur stranden sollte, werden die Schiffbrüchigen alles vorfinden, 
was sie vorläufig gebrauchen. Konsul Thomsen hat mit der 
glücklichen Lösung dieser sehr schwierigen Aufgabe, auf dem äusserst 
unwirtlichen und schwer zu erreichenden Gelände eine Schutzhütte 
zu errichten, eine Tat vollbracht, die allen an Islands Südküste 
Schiffahrt treibenden Völkern zum grössten Segen gereichen kann. 
Der Deutsche Seefischerei-Verein hat ihm auch für seine opfer- 
willigen Bemühungen öffentlich gedankt. Derselbe Verein hat dann 
auch angefangen, Material dafür zu sammeln, um den Islanddampfern 
tür jeden Mann der Besatzung eine Küstenkarte mit den einge- 



Kirkjubaer. Konsul Thomsens Schutzhütte. 119 

zeichneten Wegen zu bewohnten Plätzen und eine Erläuterung dazu 
mitzugeben. Von (kr betreffenden dänischen Behörde ist beides 
(Karte und Anweisung) auf Grund der neuesten (Jrtlichen Ver- 
messungen hergestellt und als ,,Tillacg til Efterretningcr for Söfa- 
rende" gedruckt. Das Kaiserliche Reichs-Marine-Amt hat eine Über- 
setzung hiervon anfertigen und als Beilage zu den „Nachrichten für 
Seefahrer" erscheinen lassen. Gleichzeitig hat der Staatssekretär 
des Reichs-Marine-Amts auf Empfehlung des Deutschen Seefischerei- 
Vereins Sonderabdrücke dieser „Anweisung für Schiffbrüchige auf 
Island" auf starkem Papier in Taschenformat und mit abwaschbarem 
Dermatoidumschlag herstellen lassen und dem Verein zur Abgabe 
an die Islandfahrcr übergeben. Dieser hat an die Reedereien der 
Islanddampfer eine hinreichende Zahl von Exemplaren übersandt 
mit der Empfehlung, bei Antritt der Islandfahrt jedem Manne der 
Besatzung ein Exemplar der Anweisung einhändigen zu lassen. Es 
ist dieses leicht in der Tasche zu tragen und gibt damit jedem 
Manne die Mittel in die Hand, mit Hilfe der Karte sich zu orien- 
tieren und unter Beherzigung der Winke für die einzuschlagenden 
Wege entweder das Schutzhaus oder die Niederlassungen zu er- 
reichen. Sollte daher das Unglück noch einmal wollen, dass jemand 
von den deutschen Dampfern als Schiffbrüchiger den gefürchteten 
Strand betreten muss, so darf gehofft werden, dass das planlose 
Umherirren, das für die früheren Schiffbrüchigen so verhängnisvoll 
wurde, jetzt vermieden werden kann. 

Ach, nur zu bald sollte beides auf die Probe gestellt werden! 
Im Februar 1906 strandete an der Südküste der Geestemünder 
Heringsdampfer „August Wilhelm", etwas später bei Ingölfshöfdi 
der „Nordstern" — beide Male wurde die Besatzung durch fremde 
Schiffe gerettet. 

Aber dasselbe furchtbare Schicksal wie den , .Friedrich Albert" , drohte am 
18. Februar 1906 den Fischdampfer , .Württemberg" aus Bremen zu treften. Es war 
fast genau dieselbe Stelle, an der der „Friedrich Albert" gescheitert war. Zur Ebbe- 
zeit gelang es der Mannschaft, im ganzen 13 Mann, glücklich an Land zu kommen. 
Glücklicherweise hatte man die von der nautischen Abteilung des Reichs-Marine-Amts 
herausgegebenen Büchlein mit Karte durch die Wüste und Beschreibung der Schutz- 
hütte in drei Exemplaren an Bord. Die Schifil'brüchigen setzten ihre ganze Hoffnung 
auf diese Schutzhütte. Man machte sich also sofort auf den Weg gegen Westen, 
die Küste entlang. Es waren 6 bis 8 Grad Frost, dabei wehte ein eisig scharfer 
Wind. Die Leute waren nass und fast erstarrt. Die sumpfigen Sandstrecken inner- 
halb der Strandlinie waren meistens gefroren, aber mehrmals mussten die Schiff- 
brüchigen reissende Ströme durchwaten. Als es dunkel wurde, kamen sie an einen 
Strom, der schwer zu überschreiten war, und sie mussten für die Nacht Rast halten. 
Ein kleines Segel hatten sie mitgebracht, unter welchem für vier bis fünf Mann Platz 
war, die anderen lagerten sich in den Schnee dicht dabei. 

Am nächsten Morgen um sechs Uhr wurde die Wanderung fortgesetzt. Nach- 
mittags fing es an zu schneien, und noch um drei Uhr war keine Hütte sichtbar. Die 
vor Hunger und Kälte erschöpften Leute vermochten sich kaum noch auf den Beinen 
zu halten. Es war klar: falls die Schutzhütte jetzt nicht bald erreicht wurde, waren 



120 Hverfisfljöt und Djüpä. 

alle rettungslos verloren ! Endlich gegen fünf Uhr nachmittags zeigten die Vorposten 
durch Rufen und Winken an, dass die Schutzhütte sichtbar sei. Als die Schiffbrüchigen 
endlich beim Einbrüche der Finsternis die Schutzhütte erreichten, waren zwei von den 
Leuten so erschöpft, dass sie zusammenbrachen. In der Hütte war für 14 Mann alles 
vorhanden, ^vas sie brauchten. Zwei Tage hielten sich die Schiffbrüchigen dort auf, 
um sich von den ausgestandenen Strapazen zu erholen. Des Abends zündeten sie von 
Treibholz und Teer grosse Feuer an, um von bewohnten Gegenden die Aufmerksam- 
keit an sich zu lenken. Ihre Feuer wurden auch von den westlichen Gemeinden 
bemerkt ; ehe aber von dort ein Hilfsunternehmen ausgerüstet wurde, wurde ihnen 
von einem östlich gelegenen Dorfe schon Hilfe geleistet. Einige Leute , die zufällig 
nach dem Strande geritten waren, um nach Treibholz zu suchen, sahen das Wrack 
und folgten den Spuren nach der Schutzhütte. Am nächsten Morgen nahmen sie zwei 
Schiffbrüchige mit sich nach der westlichen Gemeinde, wo dann ein Hilfsunternehmen 
ausgerüstet wurde, um die zurückgebliebenen elf Mann abzuholen. Und so erreichten 
die deutschen Seeleute alle heil und gesund wieder menschliche Niederlassungen, wo 
sie aufs beste behandelt wurden. Am 28. Februar reisten sie in einer langen Kara- 
wane mit 26 Pferden von der gastfreundlichen Gemeinde ab. Am 8. März, um 7 Uhr 
abends kamen die Schiffbrüchigen in Reykjavik beim deutschen Konsul an. Nur 
durch die Schutzhütte sind sie gerettet worden ! — 

Der Abschied von der lieben.swürdicjen Familie fiel uns wirklich 
schwer. Klingender Dank wurde entrüstet zurückgewiesen, dafür 
erhielten wir von dem dänischen Generalstabsoffizier Premierlieutnant 
Buchwaldt eine Einladung in sein Zelt für den übernächsten Tag 
nach Svi'nafell. Das Land zwischen den drei Flüssen Geirlandsd, 
Hörgsd und Fossdlar war völlig überschwemmt, fast drei Stunden 
ritten wir ununterbrochen durch Wasser, in dem die Pferde lustig 
bis an die Knie umherpatschten. Den Brunasandjir (verbrannter 
Sandj, der ein Areal von 160 qkm hat, Hessen wir südlich liegen 
und ritten auf Moorboden, immer ein etwa i m hohes, dünnes 
Lavafeld entlang, den östlichen Arm des Lakistromes. Hart an 
seinem Rande liegt Orrustiistadir, wo der ,, deutsche" Bauer wohnt. 
Nachdem mein Begleiter ihn photographiert hatte, baten wir ihn, 
uns den Weg über das Hverßsfljdt und die Djüpd zu weisen. Da 
der erste Fluss heute schon mehrere Male passiert war, hatten die 
Pferde einen ordentlichen Weg in dem weichen Sande festgestampft, 
und der Übergang dauerte kaum eine halbe Stunde. Es kann aber 
vorkommen, dass selbst die hier ansässigen Führer in das trübe, 
schlammige Wasser bis an die Brust hineinwaten müssen, um der 
Karawane den Weg festzutreten. 

Auch die Djnpd meinte es gnädig mit uns. Sie führt zwar 
keinen Sand, ist aber ziemlich tief. Ich wollte einem Packpferde, 
das mir mit den scharfen Ecken des Koffers zu nahe kam, eins 
mit der Peitsche versetzten, beugte mich dabei zu sehr aus dem 
Sattel und zog mir den linken Stiefel voll Wasser. Zeit zum 
Wechseln der Strümpfe war nicht, aber auch nicht zum Erkälten ; 
die paar Liter wurden ausgeschüttet, im Quartier warme Socken 
angezogen und die Stiefel mit trockenem Heu ausgefüllt. Hier 



Nüpstadur. 121 

trennten wir uns von unserm biedern, rührend guten und schlichten 
Bauern, den wir wohl zum letztenmal in unserm Leben gesehen 
haben. Immer wieder schüttelte er uns die Hand. Noch lange 
sahen wir ihm nach, wie er sein isabellcnfarbiges Rösslein durch 
die Djüpd lenkte, dann schwenkte er seinen Hut, wir unsere 
Tücher, und unsere besten Segenswünsche begleiteten den in der 
Ferne langsam Verschwindenden, dem unsere armen Landsleute 
Rettung und Leben zu verdanken hatten. Die Djüpd ist übrigens, 
wie mir Ögmundur erzählte, durch zahlreiche kleine Gletscher- 
läufe berüchtigt und bedeckt dann die in der Nähe liegenden 
Lavaströme und Sandflächen mit einer dichten Lehmmasse. Als 
Ögmundur vor elf Jahren mit Thoroddsen hier war, hatte sie 
eine sehr bedeutende Wassermasse und eine so reissende Strömung, 
dass der Übergang geradezu lebensgefährlich war. Zwei Tage später 
hatte sie einen regelrechten Gletscherlauf, das Lärmen und Brüllen 
des Flusses übertönte noch das Heulen des orkanartigen Sturmes, 
der gerade tobte ; die schokoladenbraune schlammige Wassermasse 
schoss in grossen Kaskaden einher, und wo sie sich an Steinen 
oder Sandbänken brach, wurde sie gleich riesigen Sprudelquellen 
emporgeschleudert ^). 

Der letzte Teil des Weges führte über ein elendes Lavafeld, 
das voller spitzer Steine und scharfer Zacken war, die Pferde 
strauchelten unablässig. Da uns der dänische Oftizier schon in 
Nüpstadur angemeldet hatte, wurden wir sogleich mit Kaffee und 
Kuchen bewirtet. Unsere erste Frage galt den Flüssen, die am 
nächsten Tage zu überschreiten waren. Die Antwort lautete wenig 
erfreulich : durch die gestrige Wärme sei die Skeidard so ange- 
schwollen, dass sie unmöglich durchritten werden könnte. Der 
Bauer versprach aber zwei tüchtige Führer zu besorgen ; einer allein 
wage den Rückweg nicht, die Tour dauere für sie zwei Tage, jeder 
bekäme 12 Kronen. 

Der Bauernhof liegt an der äussersten Grenze des bewohnten 
Distriktes Fljdtshverfi am Fusse eines senkrechten Berges, dessen 
spitze Zinnen kühn in den Himmel ragen (Fig. 81). Die hohen 
Türme und Schanzen scheinen so lose in der Luft zu schweben, 
dass man jeden Augenblick befürchtet, ein paar tausend Zentner 
Steine würdern herniederstürzen und das Gehöft zertrümmern ; aber 
der Tuff wird von mächtigen Basaltgängen zusammengehalten. Nach 
Osten ragt der Lö?iiagnüpur (Lummentaucherberg, 770 m) wie ein 
gewaltiger Keil aus der Sandwüste, die unmittelbar hinter dem Tun 
beginnt ; seine steilen Tufffelsen beherrschen in ihrer stattlichen 
Höhe die ganze Landschaft und geben ihr ein düsteres, grossartiges 



') Ich habe Ögm undurs trockeneren Bericht in letzter Minute noch etwas mit 
Thoroddsens Farben aufgefrischt; Thoroddsen, Island I, S 38,39. 



122 



Nüpstadur. 



Gepräge. In der Ferne rollen die langgestreckten blauen Wellen 
des Meeres. 

Hier wohnte einst Gm'tpa-Bdrdr , der zuerst gegen Ende des 
9. Jahrhunderts durch das innere Island gereist sein soll (I, S. 83). 
Nach Thoroddsen hegt oben auf dem Berge eine Höhle Gapt, 
wo BCirdr nach der Volkssage sein Handwerkszeug vergessen haben 




H5=ni»e.lLmp3>2 



Nüpstadur. 



soll. Ein paar beherzte ^Männer w'aren vor einigen Jahren hinauf- 
geklettert, fanden aber natürlich nichts. Von hier aus trat der Eng- 
länder William Watts am 25. Juni 1895 seine beschwerliche, 16 Tage 
dauernde Wanderung über den Vatnajökiill nach Gri'mstadir an. 

Ein Runen-Leichenstein ist hier gefunden, die verwetterten und 
unleserlich gewordenen Zeichen lassen sich vielleicht enträtseln als 
,,Hier ruht Björn." Ein Gebäude, das abseits von den übrigen 



Ni'ipstadur. 123 

Räumen liegt und als Packhaus dient, ist vielleicht das einzige aus 
katholischer Zeit erhaltene Bethaus. An der Tür waren die Felle 
von sechs Seehunden angenagelt, die der Bauer selbst erbeutet hatte. 
Ögmundur macht mich noch besonders auf die ,, Kirchhoftür" auf- 
merksam (süluhlid , stdadraJilid) , durch die die Toten nach dem 
Kirchhofe getragen werden : nur wenn der Gestorbene auf diesem Wege 
zur Ruhe gebracht wird, findet er Frieden und stört die Hinterblie- 
benen nicht : so wird auch in Bayern der Totenweg, in Holland der 
Lijk-, Nood- oder Reeweg ausschliesslich nur mit Leichen befahren. 

Mitten zwischen den Gletschern nördlich von Löiiiagnnpur, an 
den Canons der Nüpsä, liegt der in Island berühmte Birkenwald 
Ni'tpstadaskögar. Der Syluinadiir hatte mich besonders auf ihn 
aufmerksam gemacht ; leider war es zu spät an diesem Abend, und 
am nächsten Morgen mussten wir zu früh aufbrechen, als dass wir 
ihn noch besuchen konnten. Er hat nach Eggert Ölafsson eine 
Länge von i ^/i und eine Breite von beinahe V2 Meile : das sei um 
so wunderbarer, als das Eis sich dicht heranerstrecke, und die kalten 
Gletscherwasser der Xi'ipsvötii , die den Wald durchströmten, sich 
an dessen Nordseite aus den Eismassen ergiessen und den Fuss der 
Bergseite überschwemmten. Nach Thoroddsen aber übertrifft der 
Xüpstadaskögur die andern Wälder Islands weder an Ausdehnung 
noch an Höhe der Bäume. Er wird wegen seiner Entlegenheit nur 
selten besucht und ist auch nur unter sehr halsbrecherischen Klet- 
tereien zu erreichen. Hier kommen seit 200 Jahren verwilderte 
Schafe vor. 

Als wir mit dem Bauern beim Abendbrot sassen — es war 
alles peinlich sauber, über das Präsentierbrett war sogar eine weisse 
Serviette gebreitet — , erdröhnten mächtige Schritte, und in der 
Tür erschien alsbald ein in schwarzes Leder gekleideter Hüne, der 
mit dem Kopfe fast an die Decke stiess : es war wirklich, wie w^enn 
ein alter Wiking auferstanden wäre und uns mit seinem Besuche 
erfreuen wollte. Ich habe manchen Isländer getroffen , der einen 
würdigen Flügelmann in der Garde abgegeben hätte , aber gegen 
diesen Riesen verschwanden selbst Rektor Olsen und Porgri'miir 
in Reykjavik und die herkulischen Pfarrer von Gardar und von 
Reykholt ; nicht wenig trug zu diesem imposanten Eindruck aller- 
dings seine Bekleidung bei. Es war der Pfarrer von Kirkjub(er, 
Magnus Björnssou , der noch in der Nacht in der Begleitung des 
Postreiters nach seinem Pfarrhofe zurückreiten wollte und schon 
von Svmafell kam, wohin wir am nächsten Tage wollten. Leider 
verliess er uns schon nach einer halben Stunde. Wir hatten uns 
bald angefreundet , und er erzählte mir von seinen gefährlichen Sonn- 
tagstouren; namentlich einen Weihnachtsabend, wo er 16 Stunden 
lang durch Schnee, Eis und Wasser geritten sei, um seine sorgende 
Gattin noch am heiligen Abend zu überraschen, werde er nie ver- 



124 Nüpstadur. Postverkehr. 

gessen. Er hatte bei der Operation der Schiffbrüchigen hilfreiche 
Hand beim Chloroformieren geleistet und rühmte das mutige und 
anständige Verhalten der Gestrandeten. Seine Auskunft für morgen 
war wenig ermutigend : nur für sehr unerschrockene Männer und 
tüchtige „Wasserpferde" sei der Weg zu wagen. Er selbst ritt 
einen hohen, starkknochigen Gaul, dem man wohl zutraute, dass er 
weder Gletscher noch Strudel scheute. Von dem Postreiter, mit 
dem er zusammen ritt, um im schlimmsten Falle Hilfe zu haben, 
zog ich einige Erkundigungen über isländisches Postwesen ein : 
Vor etwa 50 Jahren fand Beförderung von Briefen — nicht 
auch von Paketen — in der Skaptafelh sysla nur etwa drei bis 
vier Male im Jahre , zu ganz unbestimmten Zeiten statt , und zwar 
meist nur für die Beamten; ein Pferd wurde dem Postreiter nicht 
gestellt, doch durfte er sich eins von den Bauern borgen. Seitdem 
aber Vi'k und Honiafjördiir von Dampfern angelaufen werden, wenn 
es Wind und Wetter gestatten, werden etwa alle 14 Tage Briefe 
über Land befördert , zusammen im Jahre 1 5 mal. Oft hat der 
Postillon eine ganze Karawane von Pferden bei sich, die mit roten 
Koffern beladen sind, auf die ein goldenes Hörn gemalt ist, und 
wenn er in die Nähe eines Hofes kommt, lässt er lustig sein Hörn 
ertönen. In der Wüste östlich der Jökiilsd ä Axarßrdi können 
die Postillone nicht reiten, sondern müssen bei Schnee- und Sand- 
stürmen zu Fuss gehen und dazu noch einen Schlitten mit den Post- 
säcken ziehen. jNIancher ist schon dem stürmischen, rauhen Wetter 
zum Opfer gefallen, wenn er die , .Warten" verloren hat oder ist 
hinter Steinblöcken und in unterirdischen Höhlen erfroren, wo er 
Schutz gesucht hat. Bauern, die eine notwendige Reise unternehmen 
müssen, schliessen sich den Postreitern gern an ; auch ist es billiger, 
als wenn sie sich einen besonderen Führer nehmen. Für die Route 
von Kirkjuhcrr bis Borgir erhält der Postreiter 35 Kr., muss sich 
aber zwei Pferde auf eigene Kosten verschaffen ; wenn er mehr als 
ein Bagagepferd gebraucht, erhält er für jedes Pferd 20 Kr. be- 
sonders; für die weitere Strecke von Kirkjiibcrr bis Oddi erhält er 
65 Kr. Er übernachtet auf den Höfen und kann im allgemeinen 
darauf rechnen, hier Kost und Quartier umsonst zu erhalten. Von 
Oddi bis Reykjavik verkehren sogar Postwagen, die Personen und 
Güter befördern. Wie gross überhaupt die Fortschritte im Postver- 
kehr sind, kann man daraus ersehen, dass die Zahl der Briefe von 
1879 — 1894 um 309,7, die der Geldbriefe und eingeschriebenen 
Briefe um 160 und die der Pakete um 137,5 v. H. gestiegen sind. 
Die Leitung des Postwesens liegt, unter der Oberaufsicht des ]\Iini- 
sters, in den Händen des Postmeisters in Reykjavik (pöstmeistari), 
dem 26 Postagenten (postafgreidsluiiiadiir) und 165 Inhaber von 
Briefablagestellen unterstehen (brjefhir dingamadur) . 



Zwölftes Kapitel. 

Reise durch die Austur Skaptafeils sysla. 

II. Juli. 

Der Skeidardrsa7id2ir , den wir heute in seiner ganzen Länge 
durchqueren müssen, um nach Svi'nafell zu gelangen, ist von den 
Sandwüsten der Südküste die grösste (ca. 700 qkm.). Er besteht 
fast ausschliesslich aus gerolltem Gletscherschutt mit dazwischen 
gemengtem Lehm und feinem Sand, bei Gletscherläufen und Über- 
schwemmungen werden bedeutende Massen Gletscherton abgesetzt, 
und bei trockenem Wetter jagt der Wind diesen durch die Luft. 
Bei starken Stürmen wird der sehr feine vulkanische Staub in die 
fernsten Gegenden Islands gewirbelt, so dass der Himmel neblig, 
rotbraun und bisweilen verfinstert ist. Misiiir (Staubnebel) nennen 
die Isländer diesen Zustand. Wo der Flugsand ständig in Bewegung 
ist, kann kein Pflanzenwuchs gedeihen, ausser einigen Büscheln 
Strandhafer auf kleinen Sandhügeln; aber wenn all der bewegliche, 
feine Staub bis auf den gröberen Schutt fortgeweht ist, so sagen 
die Isländer, der Sand sei örfoka, d. h. er kann nicht mehr fort- 
fliegen, dann können Pflanzen zwischen dem Grus Wurzel fassen, 
vorausgesetzt, dass die Gletscherflüsse die aufspriessende Vegetation 
nicht wieder vernichten. ,,Eine Sandstrecke , die längere Zeit mit 
Erdreich bedeckt gewesen ist, wird oft wieder durch Sandstürme 
vernichtet und zerrieben; tiefe Rinnen und Furchen graben sich 
durch das Erdreich; sie erweitern sich mehr und mehr, bis das 
ganze Grasland zerrieben und fortgeblasen ist, und nur einzelne 
dicke, schwarzgrüne Stücke bleiben zerstreut in der Wüste liegen, 
als Zeugen der furchtbaren Verheerung, die hier gehaust hat" 
(Thoroddsen, Geogr. Tid. XII, S. 212). 

Die kahle Fläche des Skeidardrsand2ir liegt zwischen den beiden 
gefürchteten und gefährlichen Flüssen Nüpsvöbi und Skeidard\ seine 
Ausdehnung von Westen nach Osten beträgt 35 km, vom Skeidardr- 



126 Skeidarärsandur. 

jökull bis zum Meere ca. 20 km. Kurz nach 9 Uhr brachen wir bei 
leichtem Nebel und Regen, in unser Ölzeug gehüllt, von Xüpstadur 
auf, voraus die beiden Lokalführer. Das Passieren der zahllosen, 
weitverzweigten Arme der Xi'ipsvötn mit den dazwischen liegenden 
Lehm- und Sandinseln und Kiesrücken, die ebenso veränderlich sind 
wie der Gletscherfluss selbst, dauerte zwar geraume Zeit, ging aber 
ohne besondere Anstrengung glücklich vorüber, und wir waren da- 
mit in der Aiistur Skaptafelh sysla angelangt. Es war auffallend, 
wie gut sich unsere Führer aus der Strömung eine Vorstellung von 
dem Grunde des Flussbettes zu machen wussten : wo sie sehr 
stark ist, lagert grosses Geröll, und dieses wird klarer und kleiner, 
je schwächer die Strömung wird. Schlamm ist nur da, wo das 
Wasser träge dahinschleicht und verhältnismässig flach ist ; auch die 
der Strömung abgekehrten Enden der Sandinseln sind meist schlam- 
mig; die Führer ritten fast durchweg auf die der Strömung zuge- 
wendeten Riffe zu, und die Pferde konnten auf dem groben Geröll 
ohne Schwierigkeit Fuss fassen. 

Dann ging es den Fuss des Skeidardrjökull entlang (20 km 
lang, an der schmälsten Stelle 7 V2 km breit), und die eigentliche, 
uns endlos vorkommende Wasserwanderung in dem immer dichter 
fallenden Regen begann. Da dieser Gletscher tief in den Sa?tdtir 
hineinreicht, ist er schwarz von Schutt und Steinen und sieht fast 
wie ein Lavastrom aus. Er ist von unzähligen Spalten zerrissen, 
und überall quellen gelbliche und hellbraune Gletscherbäche aus 
den Rissen und Ritzen hervor. Einige vereinzelne Moränenzüge 
und durch Gletscherläufe hervorgebrachte Geschiebehügel bilden 
die einzige Erhöhung in der weiten Ebene. Wie im Myrdalssandur 
und später wieder im Breidavierki{rsa)idur trafen wir eine Reihe 
„Gletscherlöcher", trichterförmige Vertiefungen, die bereits Saxo 
erwähnt: grosse Eisstücke, die bei Gletscherläufen von den Gletschern 
losgerissen sind und hier und da zurückgeblieben sind; sie schmelzen 
bei warmem Wetter langsam und sehr allmählich, es kann Jahre 
dauern, bis das letzte Stückchen Eis zergangen ist. Es ist nicht 
ungefährlich, in die Nähe solcher Löcher zu kommen, da Sand und 
Lehm um sie herum durch das Gletscherwasser so aufgeweicht 
sind, dass Ross und Reiter darin leicht verschwinden können. 
In einigen Trichtern war das Wasser von wundervoller dunkel- 
blauer Färbung, während der Boden silberhell durchschimmerte. 

Fast keine Pflanze erfreute unser Auge, nur hie und da einige 
Halme Strandhafer, ein paar kümmerliche Abendlichtnelken (Melan- 
dryum album) und wunderbarerweise vereinzelte Epilobium angusti- 
folium. Im nördlichen Teile riefen Schmarotzermöven (Stercorarius 
parasiticus, Kjöi) ihr unmutiges, rabenartiges Gau Gau, während 
die Raubmöven (Megalestris skua, SkÜDiiir) den südlichen Teil be- 
herrschen. Herr Buchwaldt glaubt beobachtet zu haben, dass 



Übergang über die Skeidarä. 127 

beide Arten sich streng an ilir Jagdgebiet halten und nur in der 
Mitte gemeinsam nebeneinander vorkommen. Ordentlich froh be- 
grüsstcn wir ein paar Schafe, die sich hierher verirrt hatten; aber 
kaum hatten sie uns erbHckt, da stoben sie in langen Sätzen davon. 

Um vier Uhr waren wir an der Skeidarä angelangt [skeid = 
Weberlade mit dem Kamm), die in der südcistlichcn Ecke des 
Skeidardrjökull entspringt und nicht nur wegen ihrer i)lötzlichcn, 
gewaltsamen Gletscherläufe berüchtigt ist, sondern auch wegen ihrer 
sonst häufiger vorkommenden Überschwemmungen. Sie scheint früher 
mitten auf dem Sandur zum Meere geströmt zu sein, hat aber 
allmählich ihren Lauf verändert und mündet in die Lagunen ausser- 
halb Ör(cß. 

Bei dem Gletschersturze von 1892, bei dem man den Schwefel- 
wasserstoffgeruch [jöklafyla = Gletschergeruch) in Reykjavik deutlich 
wahrnahm, verlegte sie ihr Bett mehr nach Westen. Früher lief sie 
westlich von dem Gehöfte Skaptafell vorbei und teilte sich später 
in mehrere Arme, so dass sie leicht zu passieren war : seit 1 892 
aber bahnte sie sich ihren Weg in einem einzigen Flussbette, so 
dass sie anfangs überhaupt nicht zu durchreiten war, allmählich 
jedoch verzweigte sie sich und breitete sich in ein paar Dutzend 
Arme aus, so dass sie jetzt wenigstens nicht mehr absolut unüber- 
windbare Hindernisse bietet ^). 

Viele von den Ausbrüchen, die dem S/'dii- oder Skcidardrjökiill 
zugeschrieben werden, rühren nach Thoroddsen von dem (jriiiis^'ötii 
her, nordwestlich vom Sketdardrjdkull unter dem Eise, und die 
vielen Gletscher- und Wasserstürze dieses Jökiill sind durch vul- 
kanische Umwälzungen an den Grimsvötii hervorgerufen. Thorodd- 
sen zählt mindestens 15 Eruptionen dieser Ausbruchsstelle. 

Die Führer sorgten in ihrer Unterhaltung dafür, dass die Er- 
innerung an die furchtbaren Naturereignisse in uns wach und rege 
blieb, und malten aus, was geschehen würde, wenn ein Gletscher- 
sturz uns überfiele. Aber auch ohne deren Reden war Ögmundur 
und mir etwas bänglich zu Mute. Denn wenn wir die Skeidard 
nicht passieren konnten, war es mit der Weiterreise nach Osten 
vorbei, und gesetzt, wir kehrten um und wollten nach Nüpstadur 
zurück, — wie, wenn jetzt auch die Xüpsvöfn unpassierbar ge- 
worden wären? Dann sassen wir da zwischen den beiden Strömen 
und ritten bald nach Osten und bald nach Westen und machten 
jedesmal die Entdeckung, dass wir eingekeilt waren und mindestens 
eine Nacht und einen Tag noch im Freien bleiben mussten. Die 
Anstalten zum Übergang wurden mit einer Sorgfalt getroffen, wie 



') Maurer, Isl. Volkssagen S. 304 — 306. Den Gletschersturz von 1892 hat Geb- 
hardt nach isländischen Berichten geschildert: Globus 1892, Bd. 62, Nr. 6. — 
Thoroddsen, Island 11, S. 189 ft". 



128 Übergang über die Skeidarä. 

noch nie zuvor; man hatte das beruhigende Gefühl, zu der Ge- 
wissenhaftigkeit der beiden Lokalführer volles Vertrauen haben zu 
können. Eine Zigarre wurde trotz des Regens angezündet — „wer 
weiss, ob es nicht Ihre letzte ist?", meinte der eine. Die Brille 
wurde von den Regentropfen gereinigt, der Südwester vorn hoch- 
geklappt, damit er nicht den Blick hindere, Zügel, Riemen, Gurte 
und Eisen der Pferde wurden nachgesehen, die Koffer noch einmal 
verschnürt, und dann ritten die Lokalführer allein voraus, um zu 
sehen, ob der w^eite Umweg über die Gletscher zu ersparen wäre. 
Ungeduldig harren wir am Ufer und bewundern den Mut und die 
Geschicklichkeit der beiden. Der jüngere, ein Bursch von etwa 
i8 Jahren, der oftmals die Post hier geritten hatte, ein richtiger 
vatnnmadiir lenkte seinen Braunen bald hierhin, bald dorthin, riss 
ihn im Nu herum, sobald der Boden zu weich wurde, und steuerte 
ihn wieder durch die meterhohen Wogen. Etwa in der Mitte des 
Stromes war eine ziemlich breite Sandbank; von ihr aus kehrten 
sie um, um uns abzuholen. Jeder nahm darauf zwei Packpferde 
mit der linken Faust, die Zügel des Pferdes meines Gefährten und 
des meinigen mit der rechten, und der jüngere Bursch und ich 
übernahmen die Führung: einmal, weil er der mutigere von beiden 
war, und zweitens damit ich, wenn es not tat, seine Worte ver- 
dolmetschen konnte. Es war 4 2°, wie mich ein Blick auf die Uhr 
belehrte, die Zigarre wurde fortgeworfen, auf Rat der Führer mit 
beiden Händen die Mähne fest gepackt und der Leib des Pferdes 
wie mit einem Schraubstock umklammert. ,,Und Gott befahl ich 
meine Seele." Von dem steilen Uferrande stapfen die Pferde 
sofort bis über die Mitte des Sattels in das tosende Wasser hinein, 
und wenn wir nicht vorbereitet gewesen wären und uns mit eiserner 
Kraft festgehalten hätten, wären wir unfehlbar in die eiskalten 
Strudel hineingeflogen. Wer einen solchen Strom hat passieren 
müssen, versteht, dass die Nordleute sich ihre Hölle als eine 
Wasserhölle vorstellten : der Grenzstrom, der sie von den übrigen 
Welträumen scheidet, wälzt Schwerter und Messer in seinen 
schäumenden Strudeln ; meineidige Männer und Mordgesellen und 
solche, die anderer Ehefrauen verführten, mussten hier wilde Ströme 
durchwaten, deren eiskalte, schneidende Wogen wie Gift und 
Schwerter stechen. 

Mit unheimlicher Geschwindigkeit kam das milchweisse Wasser 
herangeschossen ; die armen Tiere, die den ganzen Tag noch kein 
Futter bekommen hatten, stöhnten, schnoben und zitterten, als wir 
gegen die Strömung auf den Schrittgletscher los ritten. Höchst 
ungemütlich war, dass wir uns selbst gar nicht frei bewegen 
konnten, sondern völlig auf die eherne Faust der Führer ange- 
wiesen waren, die uns auf unseren Pferden Schritt für Schritt mit 
fortriss. Dazu kam, dass bei jeder unvorsichtigen Bewegung der 



Übergang über die Skeidarä. 129 

schwere Packkoffer j:(egen die Kniescheibe schlug, was tüchtig weh 
tat, und dass Ögmundurs Pferd nach vorn kam und meinen braven 
Passgänger zu beissen begann. Sobald wir auf der erwähnten Insel 
Halt machten, um uns zu verschnaufen, stellte ich daher dem 
Lokalführer vor: ich wollte allein reiten, und Ögmundur sollte 
sein loses Pferd am Zügel führen. Aber der Führer schlug mir 
meinen Wunsch rundweg ab : die Gefahren kämen erst jetzt, und 
wenn ich strauchelte und aus dem Sattel glitte, wäre ich verloren ; 
die rasenden Wellen, die jetzt fast zwei Mann hoch waren, würden 
mich sofort mit sich reissen, und wenn ich nicht das Glück hätte, 
gegen eine Sandbank geschleudert zu werden, würde ich unten im 
Meere landen. 

Er hatte recht. Was wir bisher unternommen hatten, war ein 
Kinderspielzeug gegen das, was jetzt kam. Immer mehr Arme 
breiteten sich vor uns aus, und einer war schlimmer als der andere. 
Wir pressten die Füsse um den Leib des Pferdes, dass sie uns 
schmerzten und hielten die Zügel mit eiserner Faust fest, dass sich 
die Nägel ins Fleisch bohrten, obwohl der Führer sie selbst schon 
gepackt hatte. An einer recht bösen Stelle, wo das Wasser in 
wilder, ungehemmter Wut auf uns losgebraust kam, tauchte mit 
einem Male wieder Ögmundurs Pferd neben mir auf und fing 
von neuem an, mein sonst so sanftes Reitpferd zu beissen, dass 
es bockte und hoch stieg. Mit aller Kraft zog ich ihm eins mit 
meiner schweren Reitpeitsche über den Rücken, aber der Schlag 
machte es nur noch wilder, und immer näher drängte es sich an 
mich heran, so dass ich buchstäblich von den beiden Pferdeleibern 
eingekeilt war und mich nicht rühren noch regen konnte. Zugleich 
riss der Führer sein Pferd mit Gewalt nach rechts und schrie: 
„Vorsicht! tiefes Loch im Grunde!" Woher ich die schnelle Über- 
legung und Geistesgegenwart hatte, weiss ich heute noch nicht. 
Ich überschrie das Donnern und Tosen des Stromes: „Zügel los!", 
versetzte dem lästigen Störenfried einen so wohlgezielten Hieb, 
dass er zurückblieb und lenkte selbständig, ohne Hilfe, ohne eine 
Spur von Angst, mein ,, Wasserpferd" durch Strudel und Gischt 
hindurch ans rettende Ufer. Der Übergang hatte genau eine Stunde 
lO Minuten gedauert. 

Ich war mir gar nicht bewusst, etwas Besonderes geleistet zu 
haben, und war daher sehr erstaunt, aber auch aufrichtig erfreut, 
als der Führer auf mich los kam, mir die Hand schüttelte und die 
schlichten Worte sagte: ,,Das war wacker." Auch Ögmundur, 
der von dem ganzen Vorfall überhaupt nichts bemerkt hatte, so 
schnell hatte er sich abgespielt, war zufrieden mit mir und klopfte 
mich auf die Schulter. Wir waren völlig durchnässt, das Ölzeug 
hatte nichts mehr geholfen, da das Wasser uns oft über den Leib 

Herr mann, Island II. 9 



130 Svinafell. 

ging; wir konnten aber nur die Stiefel ausziehen und den nassen 
Inhalt ausschütten, da wir uns beeilen mussten. Der Regen hörte 
auf, und wir konnten den Skeidardrjökull und Svi)wfeUsjökidl 
deutlich erkennen ; letzterer machte einen recht hässlichen Ein- 
druck, so voll war er von Grus und Dreck; dahinter tauchte der 
Skaptafellsjükull auf, von dem die Skaptofellsd entspringt. 

Aber noch einmal mussten wir einen Gletscherstrom passieren, 
bevor uns der wohlverdiente heisse Kaffee zuteil wurde. Die 
Svinafellsd, ein zwar reissender aber sonst wenig gefährlicher Fluss, 
war so angeschwollen, dass wir zweimal vergeblich versuchten, hin- 
über zu kommen ; die Pferde verloren sogleich den Boden unter den 
Füssen oder rutschten auf den grossen glatten Steinen aus oder 
gerieten plötzlich in Gruben oder auf Sand. Endlich glückte es uns, 
eine Furt zu finden, obwohl uns das Wasser immer noch bis an 
die Brust reichte. 

Das Gehöft Svinafell liegt in einer Oase am Fusse eines Tuff- 
felsens gleichen Namens und wird von fünf Familien bewohnt, die 
zusammen 35 Pferde, 16 Kühe und 395 Schafe haben. Pdll Jönsson, 
bei dem ich abgestiegen, und den wir sogleich für den übernächsten 
Tag verpflichteten — er sollte uns von dem nahen Fagur/idlsmyrt 
abholen — , ist einer der besten Führer im ganzen Bezirke Örccfi. 
Mit seinem rötlich -blonden Vollbart und dichtem Haupthaar und 
den energischen braunen Augen machte er sofort einen sympathischen 
Eindruck auf uns, und gerne folgten wir ihm durch den dunkeln 
Gang in die saubere Stube, wo alsbald Kaffee und Kuchen auf den 
Tisch kamen. Als wir uns anzogen, trat Premierlcutnant Buch- 
waldt vom dänischen Generalstab ein und lud uns zum Essen 
in sein Zelt. 

Unmittelbar nördlich vom Tun des Gehöftes beginnt wieder die 
öde Wüste. Sonst ist die nähere Umgebung recht anmutend, und 
die grünen Abhänge erfreuen um so mehr, je wilder die weitere 
Umgebung ist: die traurige Sandstreckc, die mit Dreck und Schmutz 
bedeckten Gletscherarme, die sich fast unmittelbar bis an den Hof 
erstrecken, die reissenden Gletscherflüsse, die überall über die 
Geröllhalden dahinstürzen. Der Bezirk Öra-ß [Örcß/ahreppicr = 
Wüstenbezirk) gilt als einer der abgeschlossensten Teile Islands, 
er ist von der übrigen Welt wie abgeschnitten, nicht einmal Katzen 
und Mäuse gibt es hier. Nur wo die Vegetation vor Gletschern 
und Gletscherflüssen gedeihen kann, ist sie verhältnismässig reich. 
Ja, noch oberhalb von Svinafell, bei Skaptafell, findet man blumige 
Abhänge, malerische Felsen, Wasserfälle und reichbelaubte Birken 
und Vogelbeerbäume von 10 m Höhe. Zwei Schluchten mit Wasser- 
fällen rechnet Thoroddsen zu den schönsten Plätzen auf ganz 
Island. 



Svinafell. Beim dänischen Generalstab zu Gaste. 131 

Von einem anderen, ungemein dichten und laubreichen Gehölz in derselben 
Gegend, bei Bcejarstaitir, sagt T h o r o d d s e n : „ Der Bcejarstadarskögur ist einer der 
schönsten und blühendsten Wälder auf Island ; er ist sehr dicht, so dass man an vielen 
Stellen nur schwer hindurch kommen kann, und überall hoch gewachsen, jugendt'risch 
und kräftigen Wuchses; nirgends ist er so niedrig, dass er den Wanderer nicht über- 
ragte. Durchschnittlich mag die Höhe der Bäume lo bis 12 Fuss betragen, viele 
messen 14 bis 16 und einzelne 17 bis 18 Fuss, alle sind sie kerzengerade, gut ge- 
wachsen und blühend. Einige 12 bis 14 Fuss hohe Ebereschenstämmchen sind im 
Walde verstreut und manchmal eine „gelbe Weide" (Salix phylicifolia) dazwischen 
von denen eine, die ich mass, 7 Fuss hoch war. Wir durchwanderten fast den ganzen 
Wald und ruhten uns auf dem grünen Boden einer Rodung aus , wo sich aber das 
Geäst trotz der Grösse des Platzes über unseren Häuptern beinahe schloss. Man 
hätte sich hier , wo man von der gigantischen Wüstenei der Umgegend nichts sah, 
einbilden können, in einem ausländischen Walde zu sein." 



Das Zelt des Offiziers und seiner Mannschaft lag dicht hinter 
dem Bauernhofe, wo ein Bach in hübschen Wasserfällen über den 
mit saftigem Grün üppig bewachsenen Abhang stürzt; auf einer 
Terrasse stehen zu beiden Seiten des Baches mehrere stattliche 
Birken, wovon die höchste wohl 6 m gross ist. Der Lagerplatz war 
also mit grossem Geschick und Geschmack ausgesucht. Das Zelt 
war überaus praktisch, an der Decke war die Lagerstatt für den 
Burschen angebracht, der hinaufturnen musste, das Feldbett des 
Offiziers stand auf dem Boden, das ganze Zelt konnte ein Pferd 
bequem tragen. Durch uns drei war der Raum natürlich gänzlich 
ausgefüllt, und statt auf Stühlen sassen wir auf Packkisten. Es 
waren reizende Stunden, die wir bei dem liebenswürdigen Manne 
verlebten. Das Mahl, das er uns bot, erschien uns geradezu lukul- 
lisch: nach guter dänischer Sitte zunächst vortrefflicher Akvavit 
und Smörbrod, belegt mit zartem, dänischem Käse und Ölsardincn, 
dann Konserven — Kalbfleisch, und zuletzt eine süsse Speise aus 
getrockneten Apfelschnitten, die für 12 Personen gereicht hätte. 
Durchkältet wie wir waren, nahmen wir mit aufrichtigem Danke 
den edlen Kornschnaps an, der bald eine angenehme, behagliche 
Wärme in unserem hmern bewirkte, und tranken mit besonderem 
Behagen einige Flaschen Tuborg Pilsner: das waren Genüsse, die 
wir uns in dieser Einöde niemals hätten träumen lassen. Gläser 
gab es natürlich nicht, aber aus der Flasche zu trinken hatten wir 
doch noch nicht verlernt. Als wir freilich nachher erfuhren, dass 
der Offizier für sich und seine Leute für die ganze Zeit, die er 
hier oben in angestrengter Tätigkeit und rauhem, regnerischem 
Wetter zubrachte, nur sechs Flaschen Akvavit und einige Flaschen 
Bier zur Verfügung hatte, tat uns unsere Schwelgerei leid. Er 
zeigte uns auf soeben aufgenommenen Kartenskizzen den Weg, den 
wir gestern zurückgelegt, und jeden grössern Arm der Skeidard und 
jede bedeutende Sandbank konnten wir wieder erkennen. Natürlich 
verhehlte er sich nicht, dass durch den nächsten Gletschersturz das 

9=. 



132 Svinafell und die Njälssaga. 

Bild wieder völlig geändert werden würde \). Am 19. März hatten 
sie Kopenhagen verlassen, ein englischer Trawler hatte sie am 
12. April gegen 3 ^ und 25 Flaschen Akvavit von den Veshnanna- 
eyjar nach der Nähe von Vik gebracht , und sofort war mit der 
Arbeit begonnen. Diese wurde unter Premierleutnant Koch und 
Buchwaldt verteilt , mitten im Sandiir wurde ein Depot von 
Lebensmitteln errichtet, eins nordöstlich auf dem Skeidarcirjökull 
und eins nördlich vom Morsdrjökiill. Die Gegend nördlich vom 
Skaptafellsjükull und die östlichen, völlig unzugänglichen Abhänge 
des Örcrfajökull wurden aufgenommen, Aldfabygdir und Esjufjöll, 
und der Breidamerkiirjökiill , so dass die Küste von Papös an bis 
Vi'k jetzt neu kartographiert ist. Von den Ungeheuern Schwierig- 
keiten, mit der die Offiziere zu kämpfen hatten, kann man sich 
kaum eine Vorstellung machen. Nicht nur die reissenden Flüsse 
und die Sandwüste bereiten täglich neues Ungemach, sondern vor 
allem die gänzlich unbekannten Gletscher, wo man sich Schicht für 
Schicht erkämpfen muss. Bald kann man Tage lang nicht arbeiten, 
da keine Sonne scheint, und ist auf das enge Zelt beschränkt, dann 
muss man ununterbrochen 48 Stunden auf dem windumtosten 
Gletscher Messungen und Berechnungen vornehmen. Aber der Er- 
folg hat alle Mühe gekrönt, und Dänemark kann stolz auf solche 
Offiziere und deren Leistungen sein. 

Die Strapazen des heutigen Tages und der ungewohnte Alkohol- 
genuss hatten mich so müde gemacht, dass ich zum ersten und 
einzigen Male keine Zeit mehr fand, die gewohnten Eintragungen 
in das Tagebuch zu machen, sondern es auf den nächsten Morgen 
verschob. 

12. Juli. 

Svinafell war der Wohnsitz einer der Hauptpersonen der 
Njdlssaga, des Flosi, der durch die Macht der Verhältnisse gegen 
seinen Willen dazu gezwungen wurde, als Führer der [Mordbrenner 
beim Njälsbrande aufzutreten. 

Nach Svitia/ell rief Flosi zwei Monat vor Winters Anfang alle seine Mannen zu 
sich zur Fahrt nach Westen, die ihm zu folgen gelobt hatten. Sie kamen alle, ein 
jeder mit zwei Rossen und guten Waffen, und blieben in Svinafell zur Nacht. Am 
Sonntag liess sich Flosi frühzeitig Gottesdienst abhalten und ging dann zu Tisch. 
Nachdem er noch seinem Gesinde aufgetragen hatte , was es in seiner Abwesenheit 
arbeiten sollte , ging er zu seinen Pferden und ritt mit seinen Begleitern westwärts 
nach dem Skeidarärsandur. Flosi ermahnte seine Leute, zunächst nicht mit allem 
Eifer zu reiten und erklärte, dass sie auch ohne übermässige Eile ihren Plan zu Ende 
führen würden ; zugleich forderte er sie alle auf zu warten, wenn irgend einer Verlangen 



1) Eine vorzügliche Karte des Örcefajökiill und Skeidarärsandur , aufge- 
nommen von der topographischen Abteilung des Dänischen Generalstabes, ist soeben 
in Geogr. Tidskrift erschienen 1905, XVIII, Massstab 1:200000. J. P. Koch: Fra 
Generalsstabens topografiske Afdelings Virksomhed paa Island S. i — 4. 



Svinafell und die Njälssaga. 133 

hätte, Halt zu machen. Sie ritten westwärts nach Skögarhverfi und kamen nach 
Kirkjubcer. Flosi forderte alle Leute auf, in die Kirche zu gehen und zu beten 
und diese gehorchten. Dann bestiegen sie die Pferde, ritten hinauf ins Hochland, 
dann weiter nach den Fiskivötn , ritten etwas westlich von den Seen weiter und 
lenkten ihren Ritt nach dem Ma'üfellssandr , wobei sie den EyjafjaUajökidl links 
liegen Hessen, darauf hinab nach Godalond , setzten über das Markarfljöt und 
kamen Montag Nachmittag gegen 3 Uhr auf dem Rücken des Prihyrningr an; dort 
warteten sie bis gegen 6 Uhr abends. Daselbst kamen sämtliche Verschworene zu- 
sammen , ausser Ingjaldr at Keldtim. Die Sigfüsssöhne schalten heftig auf ihn, 
aber Flosi ermahnte sie, auf higjaldr nicht zu schelten, solange er nicht da wäre; 
„aber später", sagte er noch, „wollen wir es ihm vergelten, dass er nicht kommt." 
Darauf ritten sie nach einer Vertiefung in dem Hügel, auf dem Bergpörshvoll liegt, 
banden dasselbst ihre Rosse an und warteten, bis es stark auf den Abend ging, sie 
bildeten eine Schar von etwa 100 Mann (K. 126). Der Überfall selbst ist früher 
erzählt '). 

Ich hatte die A^jdlssaga in der bequemen Reykjaviker Ausgabe 
bei mir, las das Kapitel noch einmal genau durch und versuchte 
auf der Karte den Weg zu verfolgen, wie er angegeben ist. Die 
an und für sich geringe Zeit, die Flosi zur Verfügung stand, wird 
noch verkürzt durch eine Reihe von Geschäften, die am Abmarsch- 
tage vollführt werden; Besuch der Messe, Einnahme von Speis' und 
Trank, langsames Reiten, wobei noch der Befehl ausgegeben wird, 
zu warten, wenn einer zurückbleiben muss; ausserdem hat jeder 
Reiter nur zwei Pferde! Und dennoch soll die stattliche Schar, die 
sich natürlich nicht so schnell vorwärts bewegen kann, wie ein 
einzelner Reiter, in kaum 1V2 Tagen die weite Strecke durch un- 
wegsames Land zurückgelegt haben! Aber auch die Marschroute 
erscheint unmöglich. Von KirkJ2ibccr^ wo noch einmal die Messe 
gehört wird, reiten sie wunderlicherweise auf grossen Umwegen nach 
Norden an den Fiskivötn vorbei, dann wieder nach Süden nach dem 
Godaland, und dann erst direkt nach Westen nach dem Prihyrnijigr: 
sie schlagen also einen möglichst weiten und auch möglichst unbe- 
qmemen Weg ein, der sie noch dazu durch mögUchst ungastliche 
Gegenden führt. Die Zeit, die Umstände und Richtung des Weges 
also Verstössen in dem Masse gegen die Wirklichkeit, dass die Saga 
unmöglich in der Gegend entstanden und aufgezeichnet sein kann, 
von der sie handelt. Kein Landeskundiger hätte sich jemals solche 
Irrtümer zuschulden kommen lassen. Was anderes aber ist es, 
wenn, wie Kaalund annimmt (IL, S. 328), der Verfasser oder Auf- 
zeichner ein Bewohner der l ^estur Skaptafells sxsla war, der niemals 
selbst weite Reisen über das Gebirge unternommen hatte, der 
darum die Fiskivötn in die Nähe des Mcelifellssandr verlegte, also 



1) Maurer, Germania VII, S. 244 ; Lehmann und Schnorr von Carolsfeld, 
Die Njälssage. Berlin 1883, S. 168; Finnur Jönsson, Oldn. Lit. Hist. IL S. 339; 
Finnur Jönsson, Om Njäla , S. 106 (Aarb. f. nord. Oldk. und Hist. 1904, S. 89 
bis 166). 



134 Svinafell und der Schluss der Njälssaga. 

ein Geistlicher war, vielleicht Abt Brandr Jönssoii (vergl. S. 93). 
Njäls abgelegenen Wohnsitz Bergförshvoll kennt der Verfasser, 
wie früher gezeigt ist, gleichfalls nicht aus eigener Anschauung, und 
selbst Finnur Jönsson, der viele andere Bedenken sonst durch seine 
scharfsinnige Untersuchung gehoben hat, muss zugeben, dass die 
Erwähnung der Fiskivötn auffallend ist, und dass der Verfasser den 
Weg selbst kaum gekannt hat. Wohl führt er Thoroddsens 
Autorität dafür an, dass der Weg mit guten Pferden sich in so 
kurzer Zeit zurücklegen lasse, aber der Bauer Pdll jönsson, den 
ich danach befragte, erklärte es für durchaus unmöglich, selbst für 
einen einzelnen Reiter und mit stets frisch untergelegten Pferden. 
Von einer Höhle im Svi'nafelhfjall, FlosaJiellir, wusste er mir keine 
Volkssage mehr zu erzählen. 

In Srma/ell spielt auch der letzte Akt des gewaltigen Dramas, 
das uns die Njälssaga vorführt. Ihr Schluss erzählt uns die Rache, 
die die Brandmänner für ihre Freveltat trifft. 

Auf der Althingsebene kommt es zu einem Kampfe zwischen den Angehörigen 
des Njäll und den Gegnern , nachdem der Prozess für die Klagen der Verwandten 
des Njäll einen ungünstigen Ausfall zu nehmen drohte, da Flosi mit lauter Kniflen 
und Tücken vorgeht. Der Streit endet damit, dass Flosi und die Seinen weichen 
müssen und sich in die Almannagjö zurückziehen. Dennoch kommt es am folgen- 
den Tage auf dem Lögberg zu einem Ausgleiche, und zwar infolge einer ergreifenden 
Rede , die der Vater eines Jünglings hält , der beim Überschreiten der Oxarä von 
unbekannter Hand mit einem Speere erschossen war. A'/dll sollte mit dreifacher, 
Bergpöra mit doppelter Mannbusse gebüsst werden , Skarpheclins Tod sollte sich 
ausgleichen gegen die Ermordung des Höskiildr Präinsson, Flosi und alle Brand- 
stifter sollten ins Elend gehen , Flosi auf 3 Jahre , die übrigen durften niemals nach 
Island zurückkehren; wenn sie nach Verlauf von 3 Wintern nicht abgefahren wären, 
sollten sie vogelfrei sein Nur Porgeirr Skorargeirr und Käri verschmähen jede 
Aussöhnung, und selbst als sich ersterer später mit Flosi in Svinafell vertragen hat, 
weist es Käri schroff zurück (K. 138 ff.). Einige von den Brandmännern, die nicht 
im Althings-Kampfe gefallen sind, werden später getötet (vergl. S. 91). ^ 

Flosi ritt nach dem Homafjördur und stach von hier in See. Er ging nach 
Rom, holte sich persönlich vom Papste Ablass und kehrte dann nach Island zurück, 
als er seine Strafe völlig abgcbüsst hatte. Auch Käri hatte in Rom Absolution 
empfangen und fuhr mit 18 Mann nach Island zurück. Nach langer Überfahrt erreichte 
er Ingölfshöfdi; hier zerschellte sein Schiff, doch die Mannschaft konnte sich retten. 
Es war ein schweres Unwetter, und als die Leute Käri fragten, was sie tun sollten, 
riet er, nach Flosis in der Nähe gelegenen Bauernhofe Svinafell zu gehen, um seine 
Heldenhaftigkeit auf die Probe zu stellen. Flosi sass in seiner Stube, als Käri kam. 
Er erkannte ihn sofort, sprang auf und eilte ihm entgegen, küsste ihn und führt ihn 
zu seinem Ehrensitze. Nunmehr söhnten sich die beiden erbitterten Gegner von ehe- 
mals vöUig aus; ja Flosi verheiratete sogar mit Käri seine Nichte Hildigiinnr, die 
Witwe des Höskuldr Prdinsson, da inzwischen Käris Frau, Helga, Njäls Tochter, 
verstorben war. Käri und seine Nachkommen lebten nachmals auf Island; Flosi 
dagegen kam in hohem Alter auf dem Meere um. Er war nach Norwegen gereist, 
um sich Bauholz zu holen; spät im Sommer fuhr er auf lockerem Fahrzeug trotz der 
Abmahnung anderer zurück ; von seinem Schiffe hat man nie wieder etwas gehört 
(K. 159). - 



Svi'nafell. Schnupftabak. Der Bezirk Öraefi. 135 

Der Vater oder Grossvater der Bauern von Smnafell war ein 
gemütlicher, alter Herr. Er konnte sogar ein paar dänische Brocken, 
und Leutnant Buchwaldts grösstes Vergnügen war, sich von ihm 
Schnupftabak auszubitten {iieftöbak; niuinitöbak = Priem; ad taka 
i i/eßd = schnupfen, ad brüka tipp i sig = priemen). Grossvater 
sass den ganzen Tag vor der Tür und zerschnitt mit seinem Messer 
die auf Island bei der ärmeren Bevölkerung ausserordentlich be- 
liebten Kautabakrollen. Er priemte, rauchte und schnupfte zu 
gleicher Zeit ; ja, ich glaube, er trocknete den gekauten Priem noch 
einmal auf, zerrieb ihn und benutzte ihn noch einmal für die Nase. 
Schnupftabaksdosen (dös) findet man nur bei den Reicheren; un- 
unterbrochen wird der Deckel aufgeklappt, ein Prieschen herausge- 
nommen und mit Behagen eingesogen. Die Ärmeren haben förm- 
liche Pulverhörner (bankur) , die oben mit einem an einer Kette 
hängenden Stöpsel versehen, und da die Goldschmiedekunst auf 
Island ziemUch entwickelt ist, meist künstlerisch geschnitzt und 
mit Silber beschlagen sind. Der Schnupf- und Kautabak hat sich 
seit 1619 ungemein schnell eingebürgert, besonders leidenschaftliche 
Schnupfer nennt man iöbaksvargiir ,, Tabaks wölfe" (sing, tantum), 
Stefan Ölafssou (1620 — 1688) besang ihn sogar in mehreren Ge- 
dichten. Der Tabak wird in Rollen und Blättern gekauft, sie zer- 
reiben ihn selbst und streuen ihn zu Hause in langen Zeilen auf 
die Hand, ,,wie es die Bewohner des bayrisch-böhmischen Waldge- 
birges mit dem sogenannten Presiltabak machen" ^). Auf der Reise 
bringen sie mit zurückgebogenem Kopfe die Mündung des Horns 
unmittelbar an die Nase, stecken sie abwechselnd in das rechte und 
linke Nasenloch, verlieren so nichts von dem Tabak und stopfen 
dann behutsam das Zäpfchen wieder in die obere Öffnung. Dass 
die holde WeibHchkeit dieser Sitte frönt, habe ich nicht beobachtet, 
eben so wenig, dass sie raucht, wie bei uns so viele Gebirgsbe- 
wohnerinnen tun. 

Die Austur Skaptafells sysla umfasst die Bezirke : Örceß, 
Sudursveit, Myrar oder Myrnasveit (Sümpfe), Nes (Landspitze), 
Lön oder Lönshverfi. Die ersten Ansiedler fanden den Skeidardr- 
sandiir schon vor, sonst würde es unverständlich sein, warum sie 
das Land zwischen der Skeidard und dem FljötsJwerß nicht be- 
setzten^). In jüngster Zeit ist die Skeidard dem Örafahreppur 
immer näher gekommen und hat immer grössere Strecken des frucht- 
baren Graslandes zerstört. Heute gleicht das Flachland östlich von 
ihr ganz dem des Skeidardrsandur , es besteht aus Geröll der vielen 
Gletscherflüsse, Überrieselungen und Lagunen. Nur hier und da 



1) Küchler, Gartenlaube 1892, Nr. 25, S. 423. 

2) Die Besiedelung dieser Sf/s/a bei Schumann, S. 36 7. — Eine Beschreibung 
aus dem 18. Jahrhundert bei Thoroddsen-Gebhardtll, S. 266 ff., 376. 



136 Volkskundliches aus dem Bezirk Öraefi. 

liegen kleine Oasen mitten in den Wüsten; aber die Gletscher schauen 
sozusagen den Bauern hier in die Fenster und Türen hinein, und 
auf ihnen und unter ihnen droht einer der gefährlichsten Vulkane 
Islands. Die Bewohner wissen es freilich nicht anders, sie sind mit 
all den Gefahren so vertraut, dass man sich ihnen unbedenklich an- 
vertrauen kann. Ihre Wohnungen sind so sauber wie aller Orten 
auf Island; da Zimmerholz schwer zu transportieren ist, verwendet 
man zum Häuserbau meist Treibholz, das ausgezeichnete Dienste 
tut; nur Wassergläser habe ich vermisst. Milch und Wasser wurde 
mir meist in Tassen angeboten ^). Ihre allgemeine Bildung steht 
hoch über der der Bauern in abgelegenen Gegenden Deutschlands. 
Der Bauer in Reynivellir hatte eine grosse Karte von Europa in 
seiner Stube und verfolgte mit sichtlichem Verständnis meine Reise 
von Torgau über Berlin, Kopenhagen, Edinburgh bis Reykjavik. Er 
hatte mich für einen Schweizer gehalten, in dem leicht erklärlichen 
Irrtum : Torgau sei der Thurgau. In FagurJiölsviyri fand ich zwei 
Bände lyrische Gedichte von JMaitJu'as Joclmuisso)!. Mancher alte 
Aberglaube lebt hier noch fort, besonders unerschütterlich der Glaube 
an Elfen : sie behaupten, ihnen oft begegnet zu sein, Klippen und 
Felsen seien von ihnen bewohnt. Die Lage eines Wohnhauses darf 
nicht verändert werden, sonst käme ein Bergsturz und risse das Haus 
ein. In den Flüssen hausen Wassergeister, auf den Bergen und 
Gletschern Riesen und Achter, in ungeteilte Schafpelze gekleidet, 
die zottigen Haare hängen ungekämmt in langen Strählen auf den 
Rücken. Hoch oben im J^afnajokull liegen die Mdjnbygdir (Möven- 
kolonien), Felsenvorsprünge, auf denen Möven und Gänse nisten ; 
hier sollen Ächter hausen; einige Leute, die mit einem Priester 
1850 hier oben den Vögeln nachstellten, behaupteten, ihre Wohnungen 
gesehen zu haben und kehrten entsetzt um. 

Wenn man, im Begriffe, auf das Meer zu gehen, beim Verlassen 
des Gehöftes strauchelt, so hat man Glück bei seinem Unternehmen, 
z. B. beim Fischfange (fall tilfararheilla = die Fahrt bedeutet Glück); 
kommt man aber vom Meere nach Hause und fällt dabei zu Boden, 
so bedeutet es Unglück. Als ich nach FagurJiölsniyri kam, be- 
grüsste mich der Bauer mit den Worten : sein Hund habe ihm meine 
Ankunft prophezeit {spd gestuni). Ich konnte nicht recht klug 
daraus werden, ob nicht der Bauer einen Spass mit mir machte, 
oder ob seine Äusserung ernst war; denn nachher stellte sich 
heraus, dass er meine Ankunft in einer Reykjaviker Zeitung gelesen 
hatte, und er vermutete natürlich, dass ich nach alten Glaubens- 
resten fahnden würde. Aber als ich in ihn drang, nannte er mir 
ähnliche Ausdrücke, die den alten Glauben bekunden, dass die Tiere 



J) Wie ich aus den Fjdrlüg für 19067 ersehe, suchen die Bewohner jetzt 
einen Arzt für sich, und die Regierung hat jährlich 150 Kr. Unterstützung bewilligt. 



Volkskundliches aus dem Bezirk Öraefi. 137 

im Hause es prophezeien, ob der oder jener Gast kommt. Liegt 
der Hund z. B. auf dem Boden und schläft, den Kopf zwischen die 
Beine vergraben, so kommt ein Mensch aus demselben Bezirke ; hat 
der Hund aber den Kopf auf die Vorderbeine gelegt, so kommt 
ein Fremder aus einem andern Bezirke. Lässt sich das Feuer auf 
dem Herde schlecht anmachen, so sagt man wohl : eldur spdir gestuiiL 
(das Feuer prophezeit Gäste). 

Die alten Nordleute hatten den Glauben, jeder Mensch habe 
seine Fylgja (Folgerin) ; gemeint ist entweder das zweite Ich des 
Menschen, das sich im Schlaf oder kurz vor dem Tode von ihm 
trennte und sichtbar wurde , oder die Seele des Ahnen , die als 
Schutzgeist dem Geschlechte folgte. Ich will nicht behaupten, dass 
diese alte Vorstellung noch heute geglaubt wird, aber bekannt ist 
sie jedenfalls noch in der ganzen Sysla, und der sprachliche Aus- 
druck dafür lebt zum mindesten noch fort. Der eine hat eine gute, 
der; andere eine böse Fylgja. Diese gehen dem Menschen voraus 
und kommen eher als dieser selbst nach dem Gehöft. Oft üben 
sie einen Einfluss auf andere aus, bewirken z. B., dass die Leute 
auf der Farm auffallend schläfrig werden ; diesen Einfluss der Fylgjen 
nennt man noch heute wie im Heidentum adsökn (Angriff) und das 
dazu gehörende Verbum adscEkja ad. 

Während in der Mitte des vorigen Jahrhunderts Taschenuhren 
noch sehr selten waren — höchstens besassen der Pfarrer und der 
Syslumadur eine solche — sind sie jetzt allgemein verbreitet, und 
selbst Knechte und Tagelöhner haben ein nr ; Wanduhren sind fast 
auf jedem Gehöfte (khikka). Darum war mir die Art und Weise 
interessant, wie man hier noch heute die Zeit bestimmt und nennt. 
Da in dieser abgelegenen Sysla Taschenuhren noch verhältnismässig 
selten sind, berechnet man die Zeit nach dem Stande der Sonne am 
Himmel, oder wie sie ihre Schatten auf Felsen wirft. Die Zeit des 
Sonnenaufganges (sölaruppkonia) ist natürlich verschieden nach Ort 
und Zeit, die Bezeichnung erfolgt je nach dem Stande der Sonne : 

6 Uhr morgens = niidur morgun, ca. 9 Uhr = dagiudlimkX = Anfang) 
1 2 Uhr = hddegi ca. 2 Uhr =■ fnidmunda 

3 Uhr = nön 6 Uhr = midaftan. 

Der Sonnenuntergang heisst sölarlag. Die Zeit, wenn man, 
natürlich nur an hellen Tagen, bei wolkenlosem Himmel, nicht mehr 
Licht am westlichen Himmel sieht, nennt man dagsetur ; 

9 Uhr abends = ndftmdl, 12 Uhr nachts =: midnött, niidncE-tti, 
3 Uhr morgens = öita. Die dazwischen liegenden Stunden werden 
zuweilen nach Tagesachteln berechnet (eyktamörk). 

Mit vaka (,, wachen", im Gegensatze zu ,, schlafen") bezeichnet 
man die Zeit im Winter, wo man des Abends bei Licht arbeitet, 
gewöhnUch von 6 Uhr nachmittags an bis 11 oder 12 Uhr nachts. 



138 Volkskundliches aus dem Bezirk Öraefi. Sandfell. 

Dann wird das Licht ausgelöscht, und die Zeit, da man zu Bett 
geht, heisst vökulok (Schkiss der vakd). Die Zeit endUch von 
Sonnenuntergang bis zum Beginne der vaka nennt man rökkur 
(Dämmerung, vergl. Ragiiarökkr = Götterdämmerung, Missver- 
ständnis für Rngiinrök = Göttergeschick, Götterende). 

Wohl auf der ganzen Insel verbreitet ist die Redensart : ein 
tüchtiger Bauer soll darauf aufpassen, dass die Wanduhren seines 
Gehöftes vorgehen, damit die Leute nicht allzulange am Morgen in 
den Federn liegen. Am Abend reguliert ja das Tageslicht von selbst 
die Arbeitszeit. Man trifft im Innern, namentlich im Sommer, Uhren, 
die ein bis zwei Stunden vorgehen. Eine solche Uhr heisst bihnanns- 
kliikka, bihnadur bedeutet dabei nicht ,, Bauer" überhaupt, sondern 
einen tätigen Bauern. 

An volkstümlichen Spielen habe ich nur zwei kennen gelernt: 
beim kne/aletkur schlagen sich zwei Gegner mit der geschlossenen 
Faust gegen die Stelle, wo Nagel und zweites Glied sind ; es ist 
verboten, auf den Handrücken oder das dritte Glied zu zielen ; oft 
genug fliesst dabei Blut von den Knöcheln ; beim Fingerspiel (krökiir) 
stecken die beiden Gegner den Mittel- oder kleinen Finger inein- 
ander und suchen so einander von der Stelle zu ziehen. Wenn ich 
nicht irre, gibt es in Bayern und Tirol etwas ähnliches (Hakein.?). 

Auf eine hübsche Weise erfuhr ich, dass man mir nach guter, 
alter Sitte einen, übrigens recht schmeichelhaften, Beinamen beige- 
legt hatte. Derselbe Bauer, der mich damit aufgezogen hatte, dass 
ihm sein Hund mein Kommen gemeldet hatte, fragte mich spitz- 
bübisch lächelnd: in Deutschland gäbe es wohl viele Tauben, und 
ich ässe wohl mit Vorliebe Taubenherzen. Da ich ihn durchaus 
nicht verstand, drang ich in ihn, mir zu sagen, was er meinte, und 
so in die Enge getrieben, erwiderte er: es wäre Glaube, dass, wer 
Taubenherzen ässe oder getrocknet bei sich trüge, sich die Liebe 
aller Menschen erwürbe : — mein Beiname war Pdll hinn dstndlegi. 

Zwei sprichwörtliche Redensarten mögen den Schluss bilden: 
Gull reynist i eldt, gedprydi i viötlccti = Gold bewährt sich im 
Feuer, Gleichmut in Sorgen. Ad vatna miisiim (den Mäusen Wasser 
geben) sagt man vom Weinen der kleinen Kinder. 

Man sieht an dieser dürftigen Ausbeute, die allerdings durch 
zahlreichere andere Zeugnisse dieses Buches bedeutend anwächst, 
wie irrig die übliche Vorstellung ist, nach der Island ein lebendiges 
Repositorium uralter Überlieferungen sei, die aus der grauesten Vor- 
zeit ohne alle Unterbrechung bis in die Gegenwart hinabreichen 
(Maurer, Germania IX, S. 233). Leider ist zu befürchten, dass, 
wer nach 25 Jahren kommt denselbigen Weg gefahren, überhaupt 
nichts Altertümliches und Eigenartiges mehr findet, dass dann auch 
Island in den grossen alles verwischenden und gleichmachenden 
Kulturstrom untergetaucht ist. 



Sandfell. 



139 



Da wir nur einen kurzen Tagesritt vorhatten, nahmen wir von 
dem Bauern in Svniafell und dem Hebenswürdigen dänischen Offizier 
erst spät Abschied. Nach kurzer Zeit, nachdem wir sechs oder 
sieben Flüsse überschritten hatten, darunter die Virkisd ves/ri und 
eystn\ die vom Falljökull entspringen, machten wir vor dem Pfarr- 
hofe Sandfell Halt, der in einer grünen Oase am Fusse des Orcr/a- 
jökull liegt; aber zu beiden Seiten lagen Gletscher, aus denen 
Gletscherstürze die Niederungen mit Felsstücken, Schutt und Sand 




Fig. 82. Inneres der Kirche zu Sandfell. 



überschwemmt haben. Die Wärme ist hier bedeutend grösser als 
sonst in der Umgegend; im März 1902, der besonders strenge Kälte 
aufwies, waren in Sandfell nur 6*^ Kälte, weiter östlich aber 18*^. 
Sandfell ist die einzige Stelle in der Skaptafells sysla, wo meteoro- 
logische Beobachtungen vorgenommen werden. Die Kirche ist auch 
wahrscheinlich die einzige noch erhaltene, die fast ausschliesslich aus 
Gras hergestellt ist. Da ich früher das Äussere der Kirche abgebildet 
gegeben habe (I, S. 324), mag hier eine Photographie des Innern 
folgen (Fig. 82). Man sieht, es ist nicht viel grösser als eine Badslofa 
und kann vielleicht 20 Personen fassen. Auf dem Altare standen 



140 Sandfell. Öraefajökull, 

zwei alte Messingleuchter; unter dem Dach im Innern hingen zwei 
Glocken, deren gedämpfter Schall durch das Ziehen an zwei dünnen 
Stricken hervorgerufen wurde. Im übrigen war das Kirchlein pein- 
lich sauber wie ein Schmuckkästlein. 

Zwischen den mächtigen Eisarmen des Breidaiiierkurjökull im 
Osten und des Skeidardrjökull im Westen erhebt der Örccfajökull, 
in Wirklichkeit ein kolossaler, eisgepanzerter Vulkan, seine schöne, 
weisse Kuppel. Er gehört zu den 24 Gletschern, die sich vom Süd- 
rande des Vatnajökull zwischen Löii und Skeidard fast aus jeder 
Bergkluft abwärts erstrecken und sich kuchenförmig auf den unter- 
halb liegenden Gerollflächen ausbreiten. Er ist aus Tuff- und Brec- 
cieschichten aufgebaut, die vom Zentrum aus abfallen; an seiner 
südöstlichen Seite finden sich auch ziemlich viel Liparit-Einlage- 
rungen und Lavaströme mit Gletscherschliffen , die bis zur Küste 
hinabreichen und beweisen, dass der Vulkan schon während der 
Eiszeit tätig war. Von ihm erstrecken sich acht Gletscher herab, 
drei nach Osten, drei nach Westen und zwei nach Süden; im 
Westen: Svinafells-, Virkis- (oder Fall-), KotdrjökulL im Süden: 
Höldr-, Stigdrjökull] im Osten: Kvidr- und der östliche und west- 
liche Hnitdrjökitll. Diese sind bei den Ausbrüchen des Vulkans 
geschmolzen und haben grossen Schaden verursacht; jeder Ausbruch 
hat weite Strecken mit mächtigen Felsblöcken bedeckt, die die 
Gletscher mit sich führten, wenn sie bei den vulkanischen Erup- 
tionen halbgeschmolzen in die Niederungen hinabglitten. 

Von Sand/eil aus unternahmen der Engländer F. W. Ho well 
am 17. August 1891 seine Besteigung des Örcrfajökull, die er in 
24 Stunden ausführte, und der junge dänische Arzt Chr. Schier- 
beck am 30. Juni 1899, der diese Spitze des Hvannadalshm'ikur 
(Gipfel über dem Angelikatale) auf einem leichteren Wege erreichte. 
Den südlichsten, steilen, sargförmigen Gipfel Hnappur (Bergknoten, 
185 1 m) hatte bereits der isländische Arzt Sveinn Pdlsson am 
II. August 1794 erstiegen, und der schneeireic H'i'anttadals/uinkur 
war schon 18 13 zum ersten Male vom Hauptmann Frisak be- 
zwungen, der an der grossen Höhenmessung von ganz Island zu 
Anfang des 19. Jahrhunderts teilnahm. Jetzt hat auch der dänische 
Generalstab die Höhe des Hvannadalshnükiir mit 2119 m festge- 
stellt und diesen Gipfel damit als den höchsten Punkt der Insel er- 
wiesen. 

Von den vier Ausbrüchen des Örcpfajökull in den Jahren 1341, 
13 50. 1598 und 1727 wird der erste zugleich mit einer Eruption 
der Hekla in den Skdlholter Annalen erwähnt. An ihn haben sich 
einige Volkssagen angeknüpft, die bei den Bewohnern noch heute 
im Umlauf sind : 



Öraefajökull. Fagurhölsmyri. Armenpflege. 141 

Der Hirt Hallur^) vom Bauernhofe Svinafell hatte die Melkschafe heimge- 
trieben, und die Mägde waren gerade dabei, sie zu melken. Da hörte man einen 
Knall vom Gletscher her und gleich darauf noch einen. Da sagte Hallur, es würde 
kaum geraten sein, noch auf den dritten zu warten und lief davon , was er konnte, 
zu dem Berge in der Nähe und versteckte sich in der Flosahöhle. Sogleich hörte 
man den dritten Knall, der Gletscher stürzte vor und fegte den ganzen Bezirk fort ; 
Hallur war der einzige, der mit dem Leben davonkam. Man sagt auch, dass ein 
Pferd, eine Blässe, das oben auf der Felsspitze bei Fagurhölsmyri stand , die seit- 
dem Blesaklettitr hiess, entkam. Als einige Reisende später hier vorbeikamen, stand 
das Pferd noch auf der Klippe; aber als sie es fangen wollten, wurde es so scheu, 
dass es herabstürzte und starb. Von der Gletscherflut , die Häuser , Menschen und 
Vieh fortfegte, wurden zwei Kirchspiele [Hof und Raitdilcekur) mit 40 Gehöften und 
zwei Pfarrhöfen vollständig zerstört. 

Die Gegend bei Sandfell war die einzige Oase des heutigen 
Tages. Ununterbrochen führte uns der Weg am Fusse des 
schmutziggrauen, hässhch anzuschauenden Gletschers entlang über 
eine lange Geröllwüste, die durch Gletscherstürze des 14. und 16. 
Jahrhunderts entstanden ist. Von den vielen Flüssen, die wir durch- 
ritten, konnte ich nur einige Namen erfahren: die Kotd, östlich von 
Sandfell, und die Glji'tfiirsd, westlich von FagurJu'dsniyri. Das 
Wetter hatte sich aufgeklärt, wir konnten IngdlfsJwfdi deutlich 
sehen, eine frei stehende Klippe an der Küste, und bemerkten 
mehrere Dampfer auf dem Ozean. Zuletzt ging es über ganz mit 
Wasser bedeckte Wiesen einen kleinen Bergrücken hinan, und wir 
waren in Fagiirhölsmyri, wo uns ^r///c/^a««/'i'(?/? mit wohltuender 
Herzlichkeit aufnahm, ein wackerer und gutunterrichteter Mann, der 
uns bereitwillig über alle Fragen Auskunft erteilte. Er ist Post- 
halter und Hreppstjöri, d. i. Gemeindevorsteher. Diese werden von 
den Bauern gewählt — auf eine der 22 syslur kommen je 5 — 12 
Gemeinden, hreppur , pl. hreppar — und unterstehen dem Sysbt- 
niadur, ihnen liegt besonders die Armenpflege ob, ein noch heute 
wunder Punkt auf Island. Armenhäuser gibt es nicht, auf die 
80000 Einwohner kommen rund 2300 Ortsarme, die dadurch den 
Gemeinden erwachsende Last wird also recht fühlbar, ja, die Armen- 
last ist die empfindlichste von allen Lasten auf Island. Die gänzlich 
Mittellosen werden, wie das früher auch in Deutschland der Fall 
war, meist gegen Entgelt in Privathäusern untergebracht, erhalten 
auch wohl im eigenen Heim Unterstützungsgelder ausgezahlt. Da 
die Ortsarmen sehr gut behandelt werden, hat der Gedanke, Unter- 
stützungen zu empfangen, nichts Abstossendes, und das mag wohl 
eine Hauptursache sein, dass ihre Zahl so sehr gross und ihr Unter- 
halt die schwerste Last ist, die der Steuerzahler zu tragen hat: 



1) Storm, Isl. Annalen, Kristiania 1888, S. 226. — Nach anderer Sage hiess 
der Mann Flosi. Da nun bei Svinafell eine Flosihöhle liegt, und die Tradition nichts 
von dem Helden gleichen Namens aus der Njälssaga zu erzählen weiss, so vermute 
ich, dass der Flossahellir nach dem Hirten benannt ist. 



142 Fagurhölsmyri. Armenpflege. Altersversorgung. 

jeder Ortsarme erhielt 1895 durchschnittlich 66 Kr.; dazu kommen 
die Begräbniskosten für die Gemeindearmen, die Kosten für Ab- 
schiebung von Mittellosen und Unterstützungen und Darlehen an 
Mittellose, die keineswegs immer zurückerstattet werden. Etwas 
grössere Strenge gegen arbeitsscheues Gesindel wäre wohl am Platze: 
mancher Arme, der auf Island nicht mehr arbeiten konnte und nach 
Amerika abgeschoben wurde, hat dort schnell das Arbeiten wieder 
gelernt und schlägt sich dort ganz anständig durchs Leben. — Eine 
Alter s Versorgung besteht seit 1891. ,, In jeder Stadt und in jeder 
Landgemeinde ist eine Kasse gegründet worden, und alle Personen, 
die in einem Dienstverhältnis leben oder allein stehen (abgesehen 
von besonderen Verhältnissen), von dem 20. bis zum 60. Lebens- 
jahre, ebenso auch Kinder, die noch im Elternhause sich auflialten, 
sind verpflichtet, jährlich eine Summe in diese zu zahlen, und zwar 
die männliche Person i Kr., die weibliche 30 Ore. Zehn Jahre nach 
der Gründung dieser Kassen wird dann die Hälfte sowohl von den 
Zinsen, wie auch von den Jahresbeiträgen an kränkliche und alters- 
schwache Arme, die in der betreffenden Gemeinde wohnhaft sind 
und keine anderweitige Gemeindeunterstützung beziehen, verteilt, 
wenn sie jemals zu den Klassen gehört haben, die zu der Kasse 
beitragpflichtig sind. Die andere Hälfte von den Zinsen und den 
Jahresbeiträgen wird stets zum Kapital geschlagen, so dass dieses 
mit der Zeit sehr anwachsen wird und eine beträchtliche Summe 
zur Unterstützung altersschwacher Personen zur Verfügung steht. 
Hier ist also ein grosser Schritt vorwärts getan und gut für die Zu- 
kunft gesorgt"^). 

Fagur]iöls)ii\ri ist das südlichste Gehöft im OrcrfaJireppur und 
liegt auf dem Höhenzuge, der sich zwischen Ilnappavellir und Hof 
vom Orccfajökull erstreckt. Unmittelbar neben der Farm, die von 
zwei Familien bewohnt wird, zusammen von 20 Menschen (250 Schafe, 
15 Pferde, 10 Kühe), liegt die etwa 16 m hohe Felsspitze Blesa- 
klettiir; senkrechte Doleritfelsen mit undeutlichen Eisschrammen er- 
heben sich nach dem flachen Küstenlande zu. Da wir sehr zeitig 
ins Quartier gekommen waren, Ögmundur mit den Pferden und 
der Bauer mit der Ernte zu tun hatten, war es mir sehr lieb, von 
ihm die Gedichte von Matthias JocJiumsson zum Lesen zu be- 
kommen {Ljödmcrli I, Seydisfjördur 1902). Das Buch enthielt vor 
allem Übersetzungen, von Ibsen: Porgeirr i Vi'k (Terje Vigen), 
Abraham Lincolms Ermordung, Der Bergmann (hrestii fjall vid 
liardvi'g högg), Lichtscheu; von Chamisso: Frauenliebe und Leben, 
von Horaz: Integer vitae, Persicos odi, O Venus regina, Sic te 
diva potens; ausserdem Tennyson, Poe, Shelley, Longfellow; von 
eigenen Dichtungen: Das Polareis, An Hallgriinur Pjetursson. 



1) Valtyr-Palleske, Die Fortschritte Islands, S. 24. 



Fagurhölsm^Ti. Ingölfshöfdi. 143 

13. Juli. 

Als ich um 6 Uhr ins Freie trat, war der Bauer schon wieder 
bei der Heuarbeit. Er zeigte mir die Stelle, wo der ,, Friedrich 
Albert" gestrandet war: hätten sich die armen Schiffbrüchigen nach 
Osten gewendet, so wären sie in einem Tage in Fagurhölsmyri ge- 
wesen. Klar und scharf hob sich in der hellen Luft das Vorgebirge 
IngölfsJiöfdi ab. 

Hier war der fromme hlgölfr gelandet, da er die Hochsitzsäulen, die er ins 
Wasser geworfen hatte , bei einem Sturm aus den Augen verloren hatte. Westlich 
vom Kap bildet heute die Skei(tarä eine riesige, seichte und hässliche Lagune von 
rotbrauner Farbe [Markos). Der Fluss hat sich immer mehr nach Osten, nach dem 
Bezirk Orcefi vorgeschoben — das Dörfchen und die Annexkirche von Sandfell, 
Hof, haben dadurch immer mehr von ihrem Graslande verloren — , und ergiesst jetzt 
seine Hauptwassermasse östlich von IngölfsJiöfdi. 

Nach Ami Magnüsson war das Vorgebirge fast ganz mit Gras bewachsen 
und bloss im Norden kahl , nur an 2 Stellen konnte man es zu Pferde besteigen, 
sonst aber bestand es aus einem Felsen mit Namen Selasker (Robbenschäre). Daselbst 
soll früher ein Kauffahrteischiff geankert haben. 4 Fischerhütten lagen auf dem Kap. 
Von dem Fjord, der früher hier gewesen sein soll , sah man keine Anzeichen mehr. 
Auf dem Strande ging man im Sommer fast ganz rings um das Vorgebirge den 
Vögeln nach. Auf dem östlichen Strande stand ein mächtiger, einzelner Fels, dessen 
obere Hälfte mit Gras bewachsen war [Borgarklettur = Burgfels '). Bis 1 700 hing 
also die Landspitze, die nach dem Meere hinaus von steilen Felsen eingefasst ist, 
während sie nach dem Lande zu steil abfällt , hier mit dem Lande zusammen , west. 
lieh davon war ein schiffbarer Fjord, und man zeigte vor kurzem noch einen Felsen 
mit einem Loch, durch das die Landungstaue befestigt wurden. Heute ist durch den 
niederen Wasserstand und die Untiefen alle Schiffahrt unmöglich geworden , und die 
Skeidard hat soviel Sand und Schlamm ins Meer gewälzt, dass jede Fischerei auf- 
hören musste. Dafür ist der Vogelfang auf IngölfsJiöfdi recht ergiebig. Noch vor 
kurzem konnte man freilich wenig Gebrauch davon machen , da das Wasser für die 
Kähne meist zu flach und der Grund für die Pferde zu schlammig war. Oft musste 
man in den Lagunen einen halben Tag hin und her kreuzen , bis man leidlich feste 
Stellen fand , auf denen die doch an die schlammigen Gletscherflüsse gewohnten 
Bauern nach der Landspitze gelangen konnten. Seit 1902 aber kann man von 
FaglirJiÖlsunjri in i'/j Stunden bequem dahin über den Sumpf reiten. Wenn die 
Vögel die Felsen entlang streichen, werden sie mit Netzen gefangen, die an lange 
Stangen befestigt sind, oder die Leute lassen sich an Seilen herab, um die Seevögel 
zu erreichen, Eissturmvögel, Lummen, Nordseetaucher, Papageitaucher, dreizehige 
Möven, dünnschnäblige Lummen und Tordalke. Noch im Mai 1902 lag das Treibeis, 
das die ganze NW., N. und Ostküste blockierte, auch an der Südküste und selbst vor 
IngölfsJiöfdi. Der Mangel an Lebensmitteln machte sich recht fühlbar, Mehl war 
selten, Kaffee und Zucker gab es kaum irgendwo. Erst Ende Mai verschwand das 
Eis, und mit Ungeduld und Sehnsucht erwartete man das nächste Handelsschiff im 
Hornafjördur. Im Jahre 1882 waren bei derselben Gelegenheit einige Eisbären 
an der Aitstltr SJiapiafells sf/sla ans Land gekommen, fühlten sich aber offenbar 
unbehaglich und verschwanden spurlos. Drei Bären kamen nach dem Hornafjördur, 
wovon einer erlegt wurde; bei BorgarJiöfn zeigten sich 2, in Uppsalir zerriss ein 
Eisbär ein weibliches Schaf. Seitdem hat man von diesen ungebetenen Gästen nichts 
wieder gehört, und 1902 scheint keiner der SOdküste einen Besuch abgestattet zu 
haben. 



1) Thoroddsen-Gebhardt II, S. 267, 268. 



144 Breidamerkursandur. Übergang über den Gletscher. 

Unser Führer Pdll Jönsson aus Svinafell war schon um 7 Uhr 
zur Stelle. Wir ritten den Gletscherfuss entlang und kamen in einer 
halben Stunde nach Hnappavellir, einer Ansiedlung von 8 Familien, 
mit ca. 50 Menschen, 50 Pferden, 20 Kühen und 600 Schafen. 
Jede Familie hat ihren eigenen Hof, der aus vielen kleinen Ge- 
bäuden und Ställen besteht; die Zahl der Bauten ist darum minde- 
stens ebenso gross wie die der Bewohner. Alle liegen dicht zu- 
sammen auf einem grossen Tun, das in der Regel nicht besonders 
für jeden abgezäunt ist, obwohl jeder genau weiss, welcher Teil der 
Hauswiese sein Eigentum ist. Eine neue Abteilung des General- 
stabes hatte hier zwei Zelte aufgeschlagen, aber die Herren schliefen 
noch, und wir wollten sie nicht stören. Spuren ihrer Tätigkeit 
zeigte der folgende Weg: überall waren kleine Warten errichtet, 
auf denen lustig Fähnlein in den dänischen Farben flatterten. Bei 
Hnappavellir beginnt der Bezirk Sudursveü mit seinen nur schmalen 
Gletschern, da sich ihnen vorspringende Berge entgegen stemmen, 
und eine der längsten Sandstrecken Islands, der 40 km lange und 
sehr schmale Breidamerkursa)idiir (ca. 160 qkm): er besteht aus 
grobem Geröll und etwa faustgrossen Rollsteinen, zwischen denen 
meist feiner Sand lagert, und bietet somit den Pferden nicht geringe 
Schwierigkeiten, da sie fortwährend straucheln. Da Gletscherläufe 
hier selten sind, zeigt dieser Sandur mehr Pflanzenwuchs als der 
Skeidardrsandur. Zunächst ritten wir an zwei kleineren Gletschern 
vorüber, dem Höldr- und Sti'gärjökiill, die fast bis auf das Flach- 
land reichten, und passierten fortgesetzt eine Menge kleiner, reissen- 
der Gletscherbäche, darunter die Kvi'd vestri und eystri; einer war 
so tief, dass der isländische Student ohne weiteres seine Stiefel aus- 
zog und über den Rücken hängte. Ein eisiger Wind hatte allen 
Nebel verscheucht und zeigte uns den J^ahiajokitll in seiner ganzen 
Ungeheuern Pracht und Majestät, mit seinen riesigen gezackten 
Bergen und kolossalen Schneefeldern; am Strande sahen wir zwei 
Wracks liegen, darunter ein grosses Segelschiff. Gegen 3 Uhr 
machten wir gegenüber dem Breidainerkurjökull, der ganz aus 
Palagonitbreccie besteht, und den Siidiirsveitarfjöll Halt, um uns 
für den Übergang über die Jöhilsd d Breidai)ierkiirsandi zu stärken. 
Die Gletscher auf dem Breidanierkiir befinden sich in den letzten 
zwei oder drei Jahrhunderten in beständigem Vorrücken und haben 
sich nie zurückgezogen. Thoroddsen vergleicht ihn treffend mit 
einem 100 — 200 m dicken, graulichweissen Eisschilde, der unten 
auf dem flachen Lande liegt. Der Hauptstrom ist nur 6 km breit. 
Das Ende des Gletschers, der eigentlich durch Zusammenschmelzung 
von drei Gletschern entstanden ist, und dessen Rand eine Länge 
von 20 km hat, lag in der Mitte des 18. Jahrhunderts 7 km von der 
Küste entfernt, jetzt aber ist er dem Meere so nahe gerückt, dass 
seine äusserste Spitze nur 256 m vom Meeresstrand entfernt ist, 



Breidamerkursandur. Übergang über den Gletscher. 14o 

und das Gletschercnde jetzt nur 9 m über der Meeresfläche liegt. 
Ein wenig westlich von dem niedrigsten Gletscherende strömt die 
JÖkulsä d Bretdai/ierkursa)idi hernieder. Schon lange, che wir den 
Strom selbst gewahr wurden, sahen wir seine Wellen sich weit über 
die Ufer erheben, und ein Blick auf die fürchterliche, wild einher 
tosende Wassermasse zeigte uns, dass ein Durchreiten völlig un- 
möglich war. 

Diese Jökiilsd ist so recht der Typus eines der gefürchteten 
Gletscherflüsse, ja sie gilt wegen ihrer Wassermenge und wegen der 
Eisstücke, die sie mit sich führt, sogar als Islands gefährlichster 
Fluss. Sie stürzt wie durch eine Kloake unter dem Rande des 
Gletschers hervor und eilt, sich über die Sandfläche weit ver- 
zweigend, zur Küste hinab. Da der Weg bis zu ihrer Mündung im 
Meere so kurz ist (ca. 1^/2 km), so wird die Strömung sehr reissend. 
Bei Regenwetter schwillt sie nicht an, aber bei einem mit Sonnen- 
schein begleiteten Südwestwinde wächst sie nicht nur durch das 
stärkere Schmelzen des Eises, sondern auch dadurch, dass die 
starken Brandungen des Meeres den Fluss in seiner heftigen und 
reissenden Fahrt hindern (Olaf sen-Povelsen II, S. 60, § 783)- 
Der Lauf der Jökulsd ist sehr veränderlich; bisweilen breitet sich 
die gewaltige Wassermasse über grosse, grosse Strecken aus, andere 
Male wieder hat sie sich eine tiefe Rinne in den Grus gegraben 
und ist dann so tief, dass sie überhaupt nirgends zu passieren ist: 
dann müssen die Reisenden über den Gletscher selbst gehen ober- 
halb des Ursprungs des Flusses, und das kann natürlich recht be- 
schwerlich werden; man nennt das einen Fluss „« undirvarpt'' pas- 
sieren. Die bräunlichgelbe Wassermasse sprudelt schäumend aus dem 
Gletschertor heraus, das eine ganz erstaunliche Ähnlichkeit mit der 
Felsbildung auf Prellers Gemälde aufweist ,,Odysseus Gefährten 
schlachten die Rinder des Helios", wie ein wallender, riesiger 
Geysir \ grosse, grosse schwarze Eisstücke werden vorwärts und 
rückwärts geschleudert, bis sie vom Strome gefasst und nach dem 
Meere geführt werden ; die grössten Eisklumpen stehen hier und da 
auf dem Boden fest, bis auch sie aufgelöst und fortgeschwemmt 
werden. Wenn sich der Fluss über sein ganzes Bett in vielen 
Armen ausbreitet, kann man ihn zu Pferde passieren; aber das 
ist in einem warmen Sommer meist lebensgefährlich; nur die in 
allernächster Nähe wohnenden Bauern sind mit den Stromverhält- 
nissen so genau bekannt, dass sie mit unsäglicher Mühe die Reisenden 
hinüber lotsen können. Man erzählt, dass einst, als die Jökulsd 
stark geschwollen war, aber doch sich über eine grössere Strecke 
ausbreitete, eine Handelskarawane acht Stunden zum Übergange 
gebrauchte. Dabei wurden die Lasten von 17 Pferden herab- 
geschleudert, ein Mädchen wurde vom Strome mit fortgerissen, 
aber auf eine Sandbank geworfen und so gerettet, ihr Pferd ertrank. 

Herrmann, Island II. 10 



146 Übergang über den Breidamerkurjökull. 

Den ganzen nächsten Tag gebrauchte man dazu, 14 Pferdelasten 
zu bergen, 3 waren vollständig verloren. Man kann sich denken, 
wie mühsam es für die Bewohner so entlegener Gegenden ist, sich 
Waren von den Handelsplätzen zu holen. Denn wenn auch die 
Reisen nach F/'X' oder Horiiafjordur ,,nur" sechs bis acht oder zehn 
Tage dauern, verderben die Waren doch mehr oder weniger in den 
vielen Flüssen, die zu durchreiten sind ; das Korn muss später ge- 
trocknet werden, andere Sachen werden völlig unbrauchbar. Man 
sagt, dass Pferde, die öfter diese Jökulsd passiert haben, anfangen 
sich zu schütteln, wenn sie sich dem Flusse nähern. Ein Bad in 
dem eiskalten Wasser muss auch durch Mark und Bein gehen, 
denn der Fluss hat da, wo er dem Gletscher entspringt, nur eine 
Temperatur von l ° C. 

Wie erwähnt, hat man in den letzten Jahren vorgezogen (ich 
glaube seit 1892), mit den Pferden über den Breidainerkurjökull 
zu gehen, und der nächstwohnendc Bauer hat darum den Auftrag 
bekommen, und eine Unterstützung dazu, den sogenannten Gletscher- 
weg instand zu halten; d.h. er soll eine genügend grosse Anzahl 
Holzbrettcr bereit halten, um sie über die grössten Risse im Eise 
zu legen. Wenn man sehr grosses Glück hat, kann man auf diese 
Weise in 25 Minuten den Gletscher unmittelbar am Fusse der 
Jökulsd passieren, meist aber dauert es weit länger; denn man 
muss, um die grossen Spalten und die glatten Eisrücken zu um- 
gehen, weite Umwege oben über den Gletscher machen, so dass 
man 5 — 6 Stunden gebrauchen kann; es beansprucht auch geraume 
Zeit, die Holzbrücken nachzuschleppen, um sie da anzubringen, wo 
sie nötig sind, oder die Pferde mit Peitschenknall und -schlag und 
lautem Ruf ,,Hoho, topp, topp, topp!" anzuspornen, über die Risse 
in kühnem Schwünge zu springen. Zuweilen kommt es auch vor, 
dass die Pferde in eine Gletscherspalte stürzen ; sie sind dann 
natürlich verloren und müssen erschossen werden. Wir hatten ver- 
sprechen müssen, für den Verlust eines jeden Pferdes aufzukommen ; 
aber alles ging glücklich von statten, und nach etwa zwei Stunden 
lag der gefürchtete Gletscher und Fluss hinter uns. 

Pdll Jönsson war vorausgeritten, um mit seinem Eispickel den 
Gletscher zu untersuchen ; am Fusse des Gletschers hatte er einige 
hölzerne Bretter verborgen, die er jetzt hervorholte. Anfang und 
Ende des Gletschers waren ganz schwarz von Dreck und Grus, 
und die Oberfläche war sehr uneben wegen der zahlreichen Rücken, 
Spitzen und Kämme, zwischen denen man die Pferde vorsichtig 
am Zügel hindurch führen musste (Fig. 83). Beim Aufstieg war 
das vorderste Pferd ausgeglitten, und das hatte die anderen scheu 
gemacht. iVIeist war der Grus so dick, dass sie festen Boden unter 
den Füssen hatten; einige Male aber war es so glatt, dass es für 
die armen Tiere, die nicht mit scharfen Eisen versehen waren, sehr 



Übergang über den Breidamerkurjökull. 



147 



schwierig war, von der Stelle zu kommen. Die Spalten waren 
meist so schmal, dass sie leicht hinüberspringen konnten, und wir 
hinterher, natürlich ohne durch ein Seil verbunden zu sein. An ein- 
zelnen Stellen aber mussten wir doch über eine breite, tiefe Rinne 
eine Brücke legen. Die Führer hieben mit der Axt Stücke vom 
Rande der Spalte los, damit die Brücke gehörig fest lag, und dann 
wurden die Pferde einzeln hinübergeführt. Das dauerte doch ge- 
raume Zeit, da die vorsichtigen Tiere erst die Brücke beschnüffeln 
mussten, bis sie sich auf sie wagten, aber zuletzt kamen alle sechs 
Reiter und achtzehn Rosse glücklich hinüber. 

Am Ende des Gletschers befanden sich wieder die schon mehr- 
fach erwähnten trichterförmigen Gletscherlöcher, doch stammen diese 




Fig. 83. Übergang über den Breidamerkurjökull. 



wohl aus sehr alter Zeit, da sie rings mit uraltem, verwittertem, 
gelbweissem Moose bewachsen waren. 

Über Steine, Ströme und tief mit Wasser bedeckte Wiesen 
ging es im frischen Galopp nach Reynivellir ; wie marmoriert sieht 
die nackte Lehm- und Sandfläche aus, gelbliche Wasserbäche durch- 
ziehen den Sandur weit und breit wie Adern. Etwa 20 Minuten 
vom Gehöft entfernt trafen wir den Bauern und Hreppstjöri Eyjölfiir 
Ru7iölfsson. Kaum hatte er vernommen, dass wir bei ihm absteigen 
wollten, da stob er von dannen, um, wie der Führer ihm lachend 
hinterherrief, die gute Stube zu putzen. Reynivellir liegt auf einer 
grünen Ebene am Fusse schwarzer, steiler Bergabhänge. Nach 
Süden erstrecken sich die Wiesen bis zu den Lagunen, und in der 
Ferne dämmern die Hrollaugseyjar auf, drei kahle haseln, auf 
denen der Besiedler der Austur Skaptajells sysla seine Fischstation 
gehabt haben soll. Nach Westen ist die Aussicht öd und wild, 

10* 



148 Reynivellir. Föstur. 

aber in ihrer schroffen Zerrissenheit grossartig; nach Norden ragt 
eine senkrechte Spitze empor, über sie schimmert der gewaltige 
grauweisse Schild des Breidamerkurjökull^ und dahinter lugt in 
der Ferne der riesige gezackte Kamm des Örcrfajökidl hervor. 

Der Bauer litt, wie so viele Bewohner dieser Sysla^ an ent- 
zfindeten Augen; kein Wunder bei der Unmasse des feinen vulka- 
nischen Staubes, den der geringste Lufthauch aufwirbelt und in die 
Augen treibt ! Obwohl seine Kinder schon längst erwachsen waren, 
tummelten sich doch ein paar jüngere Kinder umher. Wir taten 
damit Einblick in eine seit alters her auf Island geübte Sitte. 
Man gab früher, namentlich in reichen Häusern, das Kind andern 
zur Erziehung (fösfr), um ihm eine bessere oder einfachere, strengere 
Erziehung zuzuwenden, als man selbst zu geben vermocht hätte; arme 
und selbst unfreie Kinder wurden mit Reichen zusammen erzogen. 
Wohlhabende pflegen noch heute sich ein oder zwei fremde Kinder 
anzunehmen, um Ärmeren zu helfen und die Last des Lebens zu 
erleichtern, oder auch, weil alle Isländer sehr kinderlieb sind und 
namentlich, wenn die eigenen Sprösslinge erwachsen sind. Verlangen 
nach jungem Leben im Hause haben. Bei Eyjölfiir kam noch hinzu, 
dass ein Lieblingssohn von i6 Jahren beim Suchen zweier verirrter 
Schafe abgestürzt und verunglückt war. 

14. Juli. 

Ögmundur war seit gestern Abend wie ausgewechselt , er 
sprudelte förmlich von Übermut ; alle wirklichen Gefahren waren vor- 
über, und treu und zuverlässig hatte er uns wider alle Fährlichkeiten 
behütet und bewahrt. Nachdem wir dem wackern PdlL Jöiisson 
gedankt hatten — er bekam 14 Kr. und musste den weiten Weg 
allein zurücklegen — beschlugen wir einige Hufe frisch und machten 
uns noch vor 9 Uhr reisefertig. Trotz des Regens beschlossen wir, 
aus den geplanten zwei Reisetagen einen zu machen, um besseres 
Quartier zu bekommen und um Dr. Pordtir Pördarsoti in Borgt)- 
kennen zu lernen, der die Schiffbrüchigen des ,, Friedrich Albert" 
als Arzt behandelt hatte. Eyjölßir riet uns gleichfalls dazu und 
tröstete uns : nach dem Wind und Nebel zu urteilen, werde der 
Regen nicht lange anhalten, um 3 Uhr würden wir den schönsten 
Sonnenschein haben. Und er hatte recht! Die Isländer sind über- 
haupt vorzügliche Wetterbeobachter, nicht nur die Fischer, sondern 
auch die Bauern; für beide ist es oft eine Lebensfrage, Stürme, 
Frost, Schnee und Regen voraus zu wissen. 

Zuerst ging es auf schmalem, mit .spitzen, scharfen Steinen 
übersäten Wege nur langsam voran, dann im Trab und Galopp 
über sumpfige Wiesen und durch die berüchtigte Stehiavötn 
(Gesteinswasser), über den Steinasaiidur (ca. 40 qkm Areal) am 



Von Uppsalir bis zum Hornafjardarfljöt. 149 

Gehöft Borgarhöfii vorüber, das aus 7 Häusern besteht (31 Pferde, 
21 Kühe, 360 Schafe, 35 Tagesernten Tünheu, 175 ,, Pferde", 695 
,, Pferde" /if/iey). Zuweilen tauchten auf ein paar Minuten die 
Spuren der alten Poststrasse auf, der schmale Streifen unterhalb 
der Gletscher, wo der Verkehr gewöhnlich stattfindet. Um i Uhr 
machten wir in Uppsalir Halt (i Familie, 10 Pferde, 6 Kühe, 133 
Schafe, 6 Tagesernten, 40 „Pferde", 200 Pferde nthey). Aber der 
Name ,, Oberhausen" (wörtlich : hohe Säle) passt zu dem ganz 
hübsch und hoch gelegenen Gehöfte nur wenig; denn eine über 
dem Kuhstall gelegene Wohnstube kann man doch beim besten 
Willen nicht ,,hohe Säle" nennen. Während wir frierend ein paar 
Sardinen, Speck und Schiffszwieback zu uns nahmen, erkundigte 
sich Ögmundur bei dem Bauern nach dem Wege: die Poststrasse 
war unpassierbar, völlig unter Wasser; wir mussten einen Umweg 
von mindestens zwei Stunden machen. Wir baten den Bauern, uns 
zu führen. Schnell wurden zwei Pferde für ihn eingefangen, und 
die beiden ersten der vier oder fünf Flüsse, deren Passieren unser 
heutiges Tagespensum bildete, die Heinabergsvötii und die Kolgri'uia 
wurden genommen. Die Kolgrfma ist sonst ziemlich harmlos, heute 
aber war sie so breit und wasserreich, dass "der Übergang immerhin 
25 Minuten dauerte. Die Kolgri)ua, die auf dem westlichen Heina- 
bergsjökiill entspringt (Wetzsteinfelsengletscher) und sich in einen 
grossen Lö}i ergiesst, (Hdlsaös), bildet die Grenze zwischen dem 
Bezirk Siidursveit und Myrar oder Myrnasveit. Dieser ist, wie 
schon der Name ,, Moore, Sümpfe" zeigt, sehr feucht und besteht 
aus vielen sumpfigen Flächen und grossen Sandstrecken {Heinabergs- 
saudiir, ca. 1 50 qkm) ; an den Stetnavöin und Heinabergsvötii tritt 
der nackte, unfruchtbare Sand zutage. Die Sümpfe und Sande sind 
wohl eine Folge der Gletscherflüsse, die das Land durchschneiden. 
Die Gehöfte liegen inmitten dieser Moor- und Sandstrecken, meist 
am Fusse von Basalthügeln, und das Tibi, das oft recht klein ist, 
erstreckt sich die Abhänge hinauf. Obwohl genug Gras wächst, 
ist die Gegend doch arm, denn sie eignet sich nicht zur Schafzucht, 
und die Bauern verstehen die Rinderzucht nicht. Da Torf hier gar 
nicht vorkommt, wird der Dünger statt für das Ti'in, zum Brennen 
verwendet, und darum werfen auch die Haus wiesen weniger Ertrag ab. 
Früher war der Fischfang an der Küste recht ergiebig, aber heute 
wagt sich kein Isländer hier im Sommer aufs Meer, aus Angst vor den 
rücksichtslosen englischen Trawlern, die hier stets in grosser Menge 
anzutreffen sind. Vom Vatimjölzull kommen grosse Gletscher herab, 
der unruhige FldajöJ^iill (13 km lang, 4 km breit) und der östliche und 
westliche Heinabergsjöieull (der erste 2^/2 — 3 km breit, der zweite 
2 — 3V2 km breit). Auf dem östlichen entspringen die Heinabergs- 
vötii ; diese kleinen Flüsse ergiessen sich bald in die Hölmsd, bald 
in die Kolgri'ma^ bald getrennt in beide. Die Hölmsd^ wie kurz 



150 über das HornaQardarfljöt nach Borgir. 

vorher das Lmidvatn , wurde nicht leicht durchritten; in ersterer 
reichte uns das Wasser bis an die Brust, und das Pferd meines 
Begleiters musste vom Führer am Zügel genommen werden. Als 
durchaus unpassierbar stellte sich das Hornafjardarfijöt heraus ; 
statt die sonst übliche Furt zu benutzen, die uns in kurzer Zeit 
nach Borgir geführt hätte, mussten wir den Fluss umgehen. Wir 
ritten hart nach Norden und durchquerten zuerst fast an seinem 
Ursprung den westlichen Arm (hin vestri H.), dann den östlichen 
(hin exstri Hornafjardarfijöt ) . Der Fluss schneidet tief in die 
Berge ein, wie ein Fjord, und entspringt in mehren Bächen aus 
zwei sich vereinigenden Laufgletschern des östlichen VatnajöJiuli. 

So leicht und harmlos, wie wir uns vorgestellt hatten, war 
dieser Weg denn doch nicht. Der linke Arm wurde zwar ohne be- 
sondere Mühe genommen ; auf dem ziemlich steilen Felsen Svinafell 
aber , der zwischen beiden Läufen liegt , und auf den die rechte 
Seite haarscharf umgebenden, jähen Felswänden konnten die Pferde 
kaum Fuss fassen, und bei jedem Schritte musste man befürchten, 
in das brausende Wasser zu stürzen, dessen Gischt zu uns empor- 
spritzte. Wir und die Pferde waren förmlich nervös und waren 
froh, als wir nach dreistündigem Klettern und Waten die Ostseite 
erreicht hatten. Hätte sich nicht die Wetter -Voraussage des Bauern 
von Reynivellir erfüllt, hätten wir Nebel oder Regen gehabt, so 
wäre nach meiner Ansicht auch dieser Weg unpassierbar gewesen, 
und wir hätten irgendwo auf dem westlichen Ufer tagelang warten 
können. Von den losen Pferden mussten verschiedene schwimmen, 
die unachtsam gewesen waren, und eines purzelte sogar vom Felsen 
ins Wasser, glücklicherweise ohne Schaden zu nehmen. Statt des 
Regens hatte sich die Sonne pünktlich um 3 Uhr eingestellt, und ein 
riesiges Schneefeld nach dem andern wurde sichtbar; ein Dreihut 
in der Ferne erschien in den Wolkenschatten ins Ungeheure ver- 
grössert. Nachdem wir dem Führer seine 8 Kr. gegeben hatten, 
ging es ohne Rast weiter, um erst einmal wieder warm zu werden. 
Wie die wilde Jagd brausten wir über üppiges Wiesengrün dahin, 
dass Ross und Reiter schnoben, und Kies und Funken stoben. Als 
wieder behagliche Wärme uns durchrieselte, gönnten wir den ge- 
plagten Gäulen Ruhe, wir selbst belohnten uns mit einer Extra- 
Zigarre und einer doppelten Portion Schokolade. Nur mein Begleiter 
machte mir Sorge, er klapperte vor Kälte mit den Zähnen, da seine 
Stiefel gänzlich undicht geworden waren ; aber Kognak verschmähte 
er, und tröstender Zuspruch sowie ein kleiner Dauerlauf gaben ihm 
Wärme und Mut wieder, obwohl der Abendwind eisig von den 
Gletschern herüberwehte. Über die Schneefelder schwebten gelbe, 
lichtumsäumte Wolken, und das die Wiesen bedeckende Wasser 
strahlte gleichfalls golden wieder; im Westen aber hingen finstere, 
unheilschwangere Regenwolken. Wie wir später erfuhren, war heute 



Borgir. Dr. f'ördur. 151 

der kälteste Tag auf der ganzen Reise, 4° C, und wenige Tage 
darauf hatten wir 36°. Die Füsse waren eisigkalt, und mich fror so, 
dass ich den Lodenmantel hervorholte; denn ganz umsonst wollte 
ich ihn nicht mitgeschleppt haben. Nach 10 Uhr waren wir in 
Borgir (Nesjasi^eif), mit ungemeiner Herzlichkeit von Dr. Pördur 
Pördarsou begrüsst. Kaum hatten wir uns umgezogen, da brachte 
schon die Hausfrau, die Mutter fünf strammer Söhne, siedend 
heissen KaiTee, das Abendbrot folgte unmittelbar, und beim trau- 
lichen Lampenscheine schmausten und plauderten wir, wie wenn 
wir schon lang Bekannte wären — es war das erste Mal, dass wir 
bei Licht assen, draussen war rabenschwarze Nacht, unsere Uhr 
zeigte 11V2, aber die des Arztes 12^/2. In der mit allem Komfort 
ausgestatteten guten Stube, im breiten, behaglichen Bett schlafe ich 
bei offenem Fenster wie ein Murmeltier. 

15. Juli. 

Dr. Pördur rab mir Briefe der von ihm behandelten Schiff- 
brüchigen des ,, Friedrich Albert" zu lesen. Sie waren freilich in 
einer Orthographie geschrieben, dass ein Ausländer unmöglich alles 
verstehen konnte, aber sie waren voll rührender Dankbarkeit und 
Anhänglichkeit. Sie klagten bitter darüber, dass der ,, Unfall" (ge- 
meint ist die „Unfallversicherung") nichts zahlen wollte, und dass 
auch die Reederei nichts von sich merken Hesse, obwohl sie ihnen 
in ihren Briefen nach Island alles Mögliche versprochen hätte. 
Wie anders sei es auf Island ! Dort mache man keinen Unterschied 
zwischen arm und reich ; dort sei noch wahre Liebe und Mensch- 
lichkeit zu finden ; aber am gütigsten sei doch der Doktor zu ihnen 
gewesen. Der Unglückliche, dem Pördur beide Füsse bis zum 
Knie hatte abnehmen müssen, und der auf einem Damensattel bis 
Reykjavik geritten war, erkundigte sich lebhaft nach einem Aus- 
bruche im Vatnajökull vom Jahre 1904, von dem er aus den 
Zeitungen erfahren hatte. 

Sehr schwer widerstand ich der liebenswürdigen Einladung, bei 
dem freundlichen Ehepaar noch einen Tag weiter zu Gaste zu sein. 
Als wir uns um i Uhr trennten, stand die ganze Familie vor dem 
Hause, und das Schwenken der Hüte und Tücher dauerte, so lange 
noch etwas zu sehen war. Leb wohl, du wackerer Mann ! Deine 
aufopfernden Dienste hat dir der Staat weder mit den 80 Kr., die 
er dir für monatelange ärztliche Pflege geschickt hat, noch mit dem 
Roten Adlerorden vierter Klasse bezahlen können — aber in den 
Herzen dieser Armen wirst du fortleben, und Kinder und Kindes- 
kinder werden von dem gütigen Manne im unwirtlichen Norden 
erzählen, der das Gleichnis vom barmherzigen Samariter in die Tat 
umgesetzt hat. 



152 Hornafjördur. 

Der Distrikt AVj-, den wir weiter durchritten, gehört zu den 
fruchtbarsten Teilen im östHchen Island. Leider aber kann hier 
keine Schafzucht getrieben werden, denn die Berge sind ohne Gras- 
wuchs, und das innere Hochland ist von Gletschern bedeckt. Das 
Hornafjardai'ßjöt ergiesst sich in den Hornafjördur, der seinen 
Namen von dem Vorgebirge Vestrarhorn hat und eigentlich eine 
Lagune ist ; das östliche Lön heisst auch Skardsfjördur (Engpass- 
fjord), wegen des von ihm ansteigenden Passes Abiiaiinaskard. 
Beide Lagunen haben einen gemeinsamen Abfluss durch den Honia- 
f/ardarös, und ein starker Strom hält immer eine Rinne von 
ca. 6 m offen. Deswegen können auch kleine Dampfer ihn bei 
gutem Wetter befahren, obwohl die Einfahrt nicht leicht ist. Seit 
1880 ist hier ein autorisierter Handelsplatz. Einige Ruinen am 
Rande des Os sollen die Reste von Kaufbuden sein und aus einer 
Zeit stammen, wo die Handelsschiffe noch durch den Os fuhren; 
es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie aus der Zeit herrühren, wo 
die Deutschen hier Handel trieben. Im Fjord wimmelt es von 
Forellen und Steinbutten ; zuweilen werden auch Wale an Land 
getrieben, wenn sie zu unbesonnen Heringszüge verfolgen und sich 
aus dem engen Eingange nicht wieder heraus finden. 

Nach der Volkssage war da, wo jetzt die Fluten sind, eine schöne, dichtbebaute 
Gegend. Da begann des Nachts , während alle Leute schliefen , der Gletscher zu 
„laufen", und alle kamen um, weder Menschen noch Vieh wurden gerettet. Die 
Fluten fegten alles ganz und gar hinweg, Höfe und Häuser und was darinnen war, 
und auch die Rasenschicht wurde mitgenommen. Auf diese Weise wurde der ganze 
Distrikt vernichtet und bot am Morgen, als man die Spuren des Geschehenen sah, 
einen merkwürdigen und grauenhaften Anblick. 

Drei Jahre später war ein Hirt unten bei der Mündung des Stromes unterwegs. 
Da blieb sein Hund an einem Höcker auf dem sandigen Boden stehen. Der Hirt 
wollte weiter gehen, allein der Köter sprang schwanzwedelnd an ihm empor und lief 
abwechselnd zu dem kleinen Hügel, an dem er schnüffelnd scharrte, und zu dem 
Hirten. Der Hirt ging nun zu dem Erdhöcker und wollte wissen, ^vas dort los sei. Da 
hörte er Hundegebell unten im Hügel. Schnell grub er nach und fand ein Mädchen 
und einen Hund bei ihr. Sie war hier gewesen, seitdem der Gletscherlauf stattge- 
funden hatte ; das Haus, in dem sie war, hatte sich gehalten, war aber vom Sande ver- 
schüttet worden. Sie hatte dort für sich und den Hund genug Speise gefunden. 
Der Hirt ging mit seinem Funde heim, das Ereignis galt, und gilt auch noch, als sehr 
merkwürdig^). 

Im übrigen spielen die Hornfirdinger, sehr mit Unrecht, die Rolle der deutschen 
Schildbürger auf Island. Einst kamen einige Homßrctinger in einen Handelsort, 
was sonst nicht zu geschehen pflegte. Alles um sie her däuchte sie sehr prachtvoll 
und unähnlich dem, was sie im Hornafjöntur gewohnt waren. Unter anderem fiel ihr 
Blick auch auf dert Mond , der am klaren Himmel schien. „Das ist doch ein statt- 
licher Mond", sagten sie, „das ist etwas ganz anderes wie der verdammte Mond im 
Hornafjördur !" '). 



') L ehmann-Filhes, Isl. Volkssagen II, S. 76, 77; 241. 

'^) Vergl. auch Isländische Münchhausiaden, übersetzt von Gebhard, Globus, 
Bd. 72, 1897, •^■'- II j Maurer, Isl. Volkssagen S. 29679. 



Hornafjördiir. Almannaskard. Loni. 153 

Es ist beachtenswert, dass sich hier manches Altertümliche in 
Glauben und Denken bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts er- 
halten hat: der Glaube an Trolle und Ächter war überaus lebendig, 
man zeigte ein paar ,,Wölwengräber" (völvuleidi) und scheint Wölwen 
gleichbedeutend mit Elfen aufgefasst zu haben. Auch eine goda- 
borg gab es, einen kreisförmigen, eingehegten Platz, der eine Art 
Opferstätte gewesen sein soll. Auch die Besiedlung der Austur 
Skaptafells sysla ist in dieser Gegend zuerst erfolgt. 

HroUmtgr fuhr mit Erlaubnis des Königs Haraldr Haarschön nach Island 
und mit ihm zogen seine Frau und seine Söhne. Er kam in die östlich von Horn 
gelegene Gegend und warf seine Hochsitzpfeiler über Bord. Sie schwammen in den 
Horiiaf/ördr; er selbst aber wurde verschlagen und hielt westwärts, die Küste entlang. 
Sie landeten im Westviertel in dem Leiruvägr von Nes und hielten sich hier während 
des ersten Viertels auf. Da hörte Hrollaugr von seinen Hochsitzpfeilern und zog 
deswegen ostwärts. Während des zweiten Viertels war er am Ingölfsfell. Hierauf 
fuhr er ostwärts nach den Hornafjördr und nahm Land vom Horn ostwärts bis 
zur Kviä. Zuerst wohnte er an der Skardsbrekka im Hornafjördr, aber später 
zu Breidabölsiadr im Fellshverß. Zu dieser Zeit gab er die Länder nördlich von 
Borgarhöfn preis, aber die südlich von Hreggsgerdismüli besass er bis zu seinem 
Tode (Lnd. IV, 9). 

Eine aus Basalt und Liparit bestehende Bergkette bildet die 
Grenze zwischen den Bezirken N^es und Löri. Um 3 Uhr hatten 
wir den Fuss des Almannaskard erreicht (Aller Leute Pass), auf 
engem, im Winter meist nicht zu passierendem Wege ging es ziem- 
lich steil empor, einer hinter dem andern; um die geplagten Pferde 
zu schonen, liess ich absteigen. Als wir die Höhe erreicht hatten, 
bot sich uns eine Aussicht, wie ich sie überraschender, grossartiger 
und unbegrenzter kaum je zuvor genossen hatte. Unmittelbar unter 
mir lag die steile Höhe des Passes (168 m), dessen Fuss der 
Skardsfjördur umspült; nach Osten dehnte sich das weite Welt- 
meer aus, nur durch den entfernten Horizont begrenzt; nach Westen 
breitete sich der stattliche Hornafjördur aus, üppige Wiesen mit 
Bauernhöfen geschmückt, Inseln, Schären, Hoch- und Tiefland; da- 
hinter war, soweit das Auge reichte, nichts zu sehen wie eine einzige, 
unermessliche Kette von Gletschern, der Südrand des Vatuajökull, 
oben glitzernde Firnflächen, ein Eiskatarakt, wie Thoroddsen 
sagt, in jedem Felseneinschnitt und Gletscher in den Tälern, die 
sich in der Ebene kuchenförmig ausbreiten. Die Meereswogen, die 
Gletscher und die Schneefelder waren von den matten Strahlen der 
Mittagssonne wie in Silber getaucht. Noch einmal sah ich den 
Örccfajökull in seiner stolzen Pracht, noch einmal überblickte ich 
den Weg der letzten Tage, dann riss ich mich gewaltsam los und 
bestieg wieder das Pferd. Der Sturm brüllte um uns, dass wir uns 
kaum auf den Gäulen halten konnten, und diese nur mühsam Schritt 
für Schritt weiter stapften. Wehe uns, wenn wir diesen Orkan in 
den grossen Sandwüsten gehabt hätten! Am Ende des Passes be- 



154 Jökulsä i Löni. Stafafell. 

gann eine fürchterliche Steinwüste, ein nacktes Geröllfeld, aus 
Liparit, Granophyr (granitähnlicher Liparit) und Basalt zusammen- 
gesetzt , das die Jökulsä i Löni mit ihren Nebenflüssen Karlsd 
und Reidard nach und nach über das Tiefland in Löii ausge- 
breitet hat. 

Der Distrikt Lön bietet also einen überaus trostlosen Anblick 
dar, und die zackige Bergkette, die ihn auf beiden Seiten und im 
Hintergrunde im Halbkreis umgibt, besteht aus nackten, pyramiden- 
oder kegelförmigen, dunkelblauen oder schwarzen Felsen ohne jeden 
Pflanzenwuchs. Aber in ihren kleinen Tälern und Einschnitten ge- 
deiht gutes Gras und ermöglicht eine leidliche Schafzucht, während 
an der Küste ein ergiebiger Fisch- und Seehundsfang getrieben 
wird, und auf der Insel Vigur viele Eiderenten brüten. Die Bauern 
gelten für wohlhabend. Die beiden langgestreckten Lagunen Papa- 
fjördur — so benannt nach den irischen Einsiedlern fapar d. h. 
Pfaflen — und Löjiafjördiir erhalten das meiste Wasser von der 
Jökiilsd 1 Löni und haben durch den Bcrjarös einen gemeinsamen 
Abfluss. Dieser wird meistens im Winter durch Sand verstopft und 
das Flusswasser in den Lagunen auf gedämmt, so dass die Ufer 
überschwemmt werden. Im Juni graben dann die Einwohner einen 
Kanal durch den Sand, woran meist 20 — 30 INIann einen Tag lang 
arbeiten. Das ausströmende Wasser erweitert die Rinne, der 
Wasserspiegel in den Lagunen sinkt, und auf den mit Lehm be- 
deckten Wiesen, die im Winter unter Wasser gestanden haben, 
wächst in kurzer Zeit das Gras. Wenn die Jökidsd zuweilen ihren 
Hauptarm durch den Bcrjarös leitet, bleibt dieser den ganzen Winter 
offen, und es tritt dann stets im folgenden Jahre Misswachs ein; 
sonst ergiesst sich der Fluss gewöhnlich in mehreren Armen in den 
Papnfjördur'^). Seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts 
hat man bei Papös ein festes Handelsetablissement angelegt. 

Die Jökiilsd f Löni, deren Quellen Thoroddsen 1 894 am 
Rand eines Gletschers im Vesturdalur entdeckt hat, setzt ihren Lauf 
durch 2 — 400 m tiefe Canons nach dem LÖ7i hinab fort. Sie ist 
keiner von den gefährlichen Gletscherströmen, immerhin gehört 
grosse Erfahrung und Übung dazu, die stets wechselnden Furten 
aufzufinden. Der Führer, den wir herbeiholten, war ganz winterlich 
gekleidet: er trug einen Winterüberzicher, einen dichten Schal um 
den Hals und ein warmes Tuch über dem jMunde, aber er verstand 
seine Sache ausgezeichnet, obwohl der Fluss seit dem gestrigen 
Tage seinen Lauf völlig verändert hatte. 

Stafafell, wo uns Sira Jon Jönsson herzlich aufnahm, liegt am 
Fusse eines niedrigen, runden Berges, der früher mit Bäumen be- 



1) Thoroddsen, Geogr. Tidskr. XIII, 1895, S. 5. 



Stafafell. 155 

wachsen gewesen sein und daher seinen Namen „Baumberg" haben 
soll. Der Superintendent hatte deswegen auch verschiedene Ver- 
suche gemacht, Bäume bei seinem Pfarrhofe zu ziehen, aber sie 
waren alle wieder eingegangen; nur ein Vogelbeerbaum, den er mir 
mit berechtigtem Stolze wies, stand hinter einem Felsen geschützt, 
schon eine Reihe von Jahren, und hatte eine Höhe von etwa 3 m. 
Die Schäre Vigur ausserhalb des Papafjördiir gehört zu Stafafell 
und bildet eine wesentliche Einnahmequelle für den Geistlichen, be- 
sonders wegen der hier brütenden Eiderenten. Auch einige Felle 
von Seehunden, die der Pröfastur selbst erlegt hatte, waren wie in 
Nilpstadur zum Trocknen aufgespannt. 

Sira Jon ist das Vorbild eines Geistlichen und das Muster eines 
Landmanns. Er hatte einen Heu -Vorrat für zwei Jahre und war 
dabei, für sein Haus und für das Tun eine Wasserleitung anzu- 
legen. Tiefe Gräben einer alten Wasserleitung über das Tt'm hat 
schon Eggert Olafsson in Stafafell gesehen (II, S. 124). Sira Jon 
ist aber auch eine Grösse auf dem Gebiete der isländischen Sagen- 
forschung. Wir waren bald in ein lebhaftes Gespräch über sagen- 
geschichtliche und mythologische Fragen verwickelt, und er nahm es 
als selbstverständlich an, dass wir noch einen Tag hier blieben, um 
das Gespräch gründlich fortzusetzen. 

Unterhalb von Stafafell, westlich von der Jökulsd, liegt ein 
kleines Gehöft, Pörisdahir; hier wohnte Ende des 17. Jahrhunderts 
Pördur V^idalin, der die erste wissenschaftliche Abhandlung über 
Islands Gletscher geschrieben hat. 

In Stafafell wohnte 998 Porkell, ein erbitterter Feind des ein- 
dringenden Christentums; er forderte Dankbrand zum Zweikampfe. 
Dieser setzte ein Kruzifix vor den Schild, und es nahm mit ihnen 
das Ende, dass Dankbrand den Sieg gewann und den Porkell er- 
schlug (Njdlssaga loi; weiteres s. o. S. 90). Von da zog Dank- 
brand nach dem Hornafjördur und blieb in Borgarhöfii zu Gaste, 
westlich vom Heiiiabergssandr. 

16. Juli. 

In der Frühe waren nur 6" C, bald aber machte sich die Sonne 
auf. Der Ruhetag wurde dazu benutzt, die Wäsche fortzugeben und 
die Koffer auszupacken. Die Stiefeletten waren verschimmelt, das 
reine Zeug und selbst die Zigarren waren feucht; der feine rötliche 
Staub aus der Zeit der Wüstenwanderungen war überall durchge- 
drungen und hatte alles beschmutzt. Aber die Sonne, unter deren 
Strahlen wir den Inhalt der Koffer ausbreiteten, trocknete bald alles. 

Die Kirche ist aus einfachem, geteertem Holz hergestellt und 
mit einem Zaune von Grassoden und Steinen umgeben; vor 40 
Jahren fand der schwedische Geologe Paijkull hier nur eine schlichte 



156 Stafafell. 

Rasenkirche. Das kunstvolle Schloss an der Kirchtür, das schon 
Eggert Ölafssoii bewundert hatte, ist noch heute da: es hat zwei 
Riegel, worin der Schlüssel beim Aufschliessen zweimal herumge- 
dreht werden muss und ist „mit artigem, silbernem Laubwerk aus- 
gelegt" (II, S. 124). Es soll vor mehr als 200 Jahren am Fusse 
eines Berges aufgefunden sein. In der Kirche bemerkte Eggert 
ein messincjnes Taufbecken mit einer Inschrift, deren Zeichen den 
sogenannten Jwfdaletiir sehr ähnlich sahen (vergl. I, S. 168). Ich kann 
nicht sagen, ob das Becken noch da ist. Ebensowenig erinnere ich 
mich, eine sehr alte Altardecke gesehen zu haben, auf die ^laria 
und Petrus gestickt waren. Auffallend ist aber, dass Eggert nicht 
das Altargemälde aus dem 17. Jahrhundert erwähnt: es stellt den 
Erlöser am Kreuze dar, zu .seinen Füssen knien der damalige 
Pfarrer und dessen Frau in der Tracht des 17. Jahrhunderts; das 
Bild ist also ein wertvoller Beitrag für die Trachtenkunde des 
17. Jahrhunderts auf Island. Unten an dem Glockenseile in der 
Kirche hängen zwei Adlerklauen. Ein alter Mann soll in Seenot ge- 
lobt haben, im Falle der Rettung eine Adlerklaue für die Glocke 
zu weihen. Sira Jon meinte lächelnd, Daniel Bruun, der vor 
zwei Jahren bei ihm gewesen war, erkläre sie als ein Schutzmittel 
gegen Feuersgefahr. ,,Das Haus soll niemals brennen, in dem eine 
Adlerklaue ist", und der dänische Hauptmann habe ihm erzählt, 
auch in der Schmiede zu Fagnrhölsmyri habe er eine .solche mit 
wunderlichen Zeichen versehene Klaue an dem Griff des Strickes 
gesehen, womit der Blasebalg gezogen wurde. Auch Konrad 
Maurer berichtet nach mündlicher Überlieferung den Glauben, 
dass dem, der eine Adlerklauc in der Schmiede verwendet, um den 
Blasebalg zu ziehen, die Schmiede nicht abbrennt; auch hält man 
dafür, dass Kinder, die ihre Milch durch den Kiel einer Adlerfeder 
trinken, ein ganz besonders starkes Gedächtnis bekommen (Isländische 
Volkssagen S. 170). Auch Prof. Vetter fand in dem Gehöfte 
Kollafj'ördur (Kj.) an der Zugschnur eines Blasebalges eine Adler- 
klaue als Handgriff. 

17. Juli. 

Vor Anfang des Gottesdienstes brachen wir auf, Sira Jan 
hatte mir noch als Abschiedsgeschenk die meisten seiner Abhand- 
lungen gegeben, namentlich die in isländischer Sprache abgefassten 
und in isländischen Zeitschriften erschienenen. Der unermüdliche 
Fleiss des Gelehrten ist um so höher zu schätzen, als er eines 
Augenleidens wegen nur im Sommer und nur bei hellem Wetter 
arbeiten kann. 

Der Weg über die Wiesen war ganz leidlich, und die Zeit 
wurde dadurch angenehm verkürzt, dass uns alle Augenblicke Reiter 



Lönsheidi. 157 

begegneten; teils wollten sie zum Gottesdienste nach Stnfafell, 
teils hatten sie ' von Ögmundurs Ankunft gehört, den sie von 
seiner Reise mit Thoroddsen kannten, und wollten ihn begrüssen. 
Der Übergang über die rauhe und öde Lönsheidi aber, die die 
Grenze zwischen der Ansfur Skaptafells spla und Südur ATnla 
sysla bildet, war abscheulich. Dieses Plateau ist nicht sehr hoch 
(385 m), aber der Weg geht recht steil, ist sehr schmal und ganz 
mit kleinen, spitzen Steinen bedeckt. Die Szenerie erinnert lebhaft 
an die Almannagjd^)\ etwa auf der Höhe standen wir einem gähnen- 
den Abgrunde gegenüber, in den ein reissendes Wasser hinab- 
stürzte und dabei einen prächtigen Fall bildete. Da mich die armen 
Pferde dauerten, stieg ich ab und warf meinem Schimmel die Zügel 
über den Hals und die Steigbügel über den Sattel, dann kletterte 
er vorsichtig Zoll für Zoll im Zickzack weiter. Überall lagen grosse, 
blendend weisse Schneefelder umher, da die Sonne noch nicht so 
weit vorgedrungen war. Der Abstieg war wo möglich noch schlimmer, 
er war eine förmliche Treppe, und ein paar Mal mussten die Pferde 
von Stufe zu Stufe springen. Ein grosser Felsstein, auf den mehrere 
kleine aufgetürmt waren, zeigte uns an, dass wir gegen ^/4 3 Uhr 
die Grenze der Skaptafells sysla erreicht hatten, und wie wir ihren 
Anfang begrüsst hatten, so riefen wir auch jetzt neunmal: Hurra!, 
aber nicht fröhlich und übermütig, sondern es tat uns wirklich leid, 
von dieser mit Unrecht so gefürchteten Gegend Abschied zu nehmen; 
denn was wir hier gesehen und erlebt hatten, das, wussten wir, 
würde den Höhepunkt unseres Lebens ausmachen. Niemals wieder 
würden wir diese Gletscher und Vulkane, diese Ströme und Wüsten 
sehen, und niemals wieder würden wir einem von den guten Menschen 
die Hand drücken, die uns nicht wie neugierige Fremde, sondern 
wie altvertraute Freunde aufgenommen hatten. 

1) Korrekiurnote : Bei Kaalund (II, S. 261) finde ich, dass eine grosse Kluft 
an der Ostseite der Lönsheidi wirklich Almannagjä heisst; ich kann aus seiner 
Notiz nicht ersehen, ob er dieselbe meint, deren Gestalt mich an die berühmte „All- 
männerschlucht" an der Öxarä erinnerte. 




Dreizehntes Kapitel. 

Reise durch die Süaur und Nordur Müla sysla. 

Im Starniyrardalur machten wir Halt, nicht weit von dem 
Gehöfte Pvottd und dem Fkissc gleichen Namens. In seinen Wellen 
hatte Dankbrand den edlen, friedliebenden Häuptling Ilallr — 
gewöhnlich Hallr d Sidu Porsteinsson oder Sidu-Hallr genannt — 
mit seiner Familie getauft. 

Als Dankbrand nach dem nördlichen Alptafjöräiir kam, wollten die Isländer 
mit den Christen nicht reden und sie nicht nach einem Hafen weisen, und keinerlei 
Hilfe oder Menschlichkeit wollte ihnen das Volk der Umgegend erzeigen. Damals 
wohnte Sidu-Hallr zu Pvoiiä. Er hatte im Fljötsdalr zu tun gehabt, und als er 
wieder südwärts kam, suchte ihn Dankbrand auf, trat auf ihn zu und grüsste ihn 
höflich; er erzählte dem Hallr, wie es mit seiner Ankunft zuging, und zugleich, dass 
König Olafr ihm sagen lasse, wenn er etwa ins Ostland käme, möge er ihm seinen 
Schutz angedeihen lassen, worin immer er dessen bedürfe. Da bat Dankbrand, 
dass Hallr sein Schiff in einen Hafen schaffen und ihm für die andern notwendigen 
Dinge Sorge tragen möchte. Hallr nahm seine Worte und die Botschaft des Königs 
Olafr wohl auf; er sorgte sogleich für Leute, um Dankbrands Schilf nach dem 
südlichen Alptafjördur nach Leinivägr zu schaffen und Hess es da ans Land ziehen, 
wo man es seitdem Pangbrandshö/n oder Pangbrands/tröf {Da. nkhr and s- Hafen 
oder Schiffshütte) nennt; die ganze Ladung aber Hess er heimführen in seinen Hof- 
raum und schlug ihnen da ein Zelt auf, in dem sie während des Winters wohnten; 
Dankbrand sang darin Messen und verrichtete den Gottesdienst. 

Hallr war freundlich gegen Dankbrand und alle seine Genossen und ver- 
schaffte ihm alles Nötige ; er war lange in der Bude bei ihnen. Es war im Herbste, 
dem nächsten Tage vor dem Festtage Michaelis, da hielt Dankbrand mit den 
Seinigen den Vorabend heilig ; der Hausherr Hallr war dabei und fragte, warum sie 
zu arbeiten aufhörten. Dankbrand antwortete: „Den Tag, der nachkommt, halten 
wir heihg und festlich zu Ehren des heiligen' Erzengels Gottes Michael". Hallr 
sprach: „Was für Einer war Michael, oder wie steht es mit ihm?" Dankbrand 
antwortet : „Michael war kein Mensch, vielmehr ein Geist, vom allmächtigen Gott als 
Häuptling gesetzt den anderen Engeln, die er gesetzt hat gegen die Teufel und ihre 
feindlichen Sendlinge zu streiten, und alles rechtgläubige Christenvolk zu schirmen 
gegen die schädlichen Geschosse der unsauberen Geister. Dem Erzengel Michael ist 
auch insbesondere von Gott Gewalt gegeben über die Seelen der Christenleute beim 
Abschiede von dieser Welt, sie in Empfang zu nehmen und sie in die herrUche 



Kottä. Sidu-Hallr. 159 

Wohnung des Paradieses zu führen; da ist unbeschreibliche Freude und Wonne, 
Pracht und Glückseligkeit, und genug an aller Herrlichkeit; da ist kein Tod, kein 
Schmerz noch Krankheit, kein Kummer noch Elend, sondern ewiges Leben und Wohl- 
sein ohne Ende. Da sind die Leute, welche ihrem Schöpfer während ihres Lebens 
rein gedient haben mit Rechtschafl'enheit , verbunden dem Dienste der Engel; ihre 
Schönheit und ihr Glanz besiegt das Sonnenlicht; ihr Wohlgeruch ist über alle 
Süssigkeit, ihre Schnelligkeit, Stärke und Macht ist mehr, als der Gedanke erreichen 
kann. Ihre unzählbare Menge ist von Gott in neun Heerscharen geteilt, zu vorge- 
schriebenem Dienste ; einige von ihnen haben die Bestimmung und Gewalt, zu streiten 
und alle Macht der boshaften Geister zu lähmen , welche dem Menschengeschlechte 
immer nachstellen und Übles zuzufügen bestrebt sind ; andere halten Krankheiten von 
den Menschen ab und Übel und Widerwärtigkeiten und schaffen statt dessen voll- 
kommene Gesundheit und allen anderen Bedarf und alle glücklichen Dinge für die 
sterblichen Menschen ; einige stehen beständig vor dem Schöpfer, und bei dem allem 
ist ihnen sämtlich die Eigenschaft und Gewohnheit gemeinsam , unablässig den all- 
mächtigen Gott zu loben und ihn mit schön lautenden Singstimmen unbeschreiblich zu 
ergötzen; immer seine Schönheit bewundernd, sehnen sie sich ewig sein Antlitz zu 
sehen." Als aber Dankbrand dies oder ähnliches mit klugem Vortrage erzählt 
hatte, da sprach Hallr: „Es scheint mir für Menschen unmöglich einzusehen oder zu 
begreifen, wie erhaben derjenige sein muss, dem solche und so herrliche Engel 
dienen." Dankbrand antwortete: Sicherlich hat dir der heilige Geist dieses Ver- 
ständnis in die Brust geblasen, einem Heidenmanne !" Als aber der Hausherr abends 
mit seinen Hausleuten zu Tisch gegangen war, da sprach Hallr zu seinen Leuten: 
„Dankbrand und seine Genossen halten den Tag, der morgen kommt, festlich zu 
Ehren eines ihrer Götter; nun sollt ihr auch frei haben und den Tag mit ihnen heilig 
halten ; es ist uns auch gestattet hinzugehen und die Gebräuche dieser Religion anzu- 
sehen und anzuhören". Am Morgen, als Hallr angekleidet war, ging er zum Zelte 
und stand mit allen seinen Hausleuten davor; als sie aber den Glockenschlag und 
die schönen Stimmen der singenden Leute hörten, die sie vordem noch nie gehört 
hatten, da waren sie sehr erstaunt; noch weit mehr aber, als die Messe gelesen 
wurde und sie da die Kleriker mit prächtigen Gewändern bekleidet sahen und die 
Kerzen mit hellem Lichte scheinend und als sie den süssesten Duft des Weihrauches 
verspürten. Und als Hallr heimkam , fragte er seine Hausleute, wie ihnen die Ge- 
bräuche der Christenleute vorkämen? Sie antworteten, dass ihnen alles das äusserst 
sauber und schön vorkomme, was sie von ihrer Sitte und ihrem Dienste gesehen und 
gehört hätten. Der Priester Dankbrand sprach oft zu Hallr und drang in ihn, zu 
der Sittsamkeit des christlichen Glaubens sich zu bekehren, und einstmals sprach 
Hallr zum Dankbrand: „So trifft es sich, dass hier bei mir zwei sehr bejahrte 
alte Weiber sind, sehr schwach und abgelebt, so dass sie auf dem Siechbette liegen 
und sich nicht mehr selbst tragen können ; nun will ich dich die alten Weiber taufen 
lassen, und wenn sie sich nach der Taufe etwas mehr rühren können oder dann 
etwas minder krank sind als vorher, und es ihnen nicht schadet, wenn sie soviel be- 
wegt und ins Wasser getaucht werden, dann sehe ich, dass grosse Kraft im christ- 
lichen Glauben ist; dann will ich mich taufen lassen und all mein Hausvolk." Dann 
drang Hallr in die alten Weiber, den Glauben anzunehmen, den Dankbrand ver- 
künde, und da sie die dreifache Frage des Geistlichen nach dem dreifachen Glauben 
bejaht und ferner die Taufe, wie es Sitte ist, begehrt hatten, da taufte sie der Priester 
Dankbrand im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und 
bekleidete sie mit den weissen Gewändern. Und als der Hausherr Hallr des andern 
Tags zu ihnen kam und fragte, wie es ihnen gehe, da antworteten sie beide zugleich, 
so sprechend: „Sehr wohl geht es uns, denn von der Natur des Alters sind unsere 
Glieder zwar kraftlos , aber doch ist alle Krankheit weg und alles Unbehagen , das 
uns lange geplagt und beschwert hat, dafür aber ist eine vollkommene Ruhe und 
Gesundheit des Körpers gekommen; denn all unsere Glieder und Sehnen sind weich 
und beweghch, jedes in seinem Dienste, gleichsam als wären wir zum zweitenmal 



160 



f>vottd. Sidu-Hallr. Hof. 



jung geworden; so ist auch alle Furcht und Angst verschwunden und aller Lebens- 
überdruss, und wir haben Freude und Trost empfangen und die grosse Hoffnung 
ewiger Freude und zukünftiger Seligkeit." Der Hausherr wurde darüber froh und 
versprach den Glauben zu nehmen. Hallr wurde getauft am Sonnabend vor Ostern 
in seinem Brunnquell und sein gesamtes Hausvolk. Da gab der Priester D ankbran d 
diesem Bach einen Namen und nannte ihn Pvotiä (Waschache, Taufache), wovon 
seitdem der Hof benannt ist (Jüngere Ol. S. Tryggv. K. 2io = FMS. II, S. 197 ff.). 

Wir ritten das sich immer mehr verengende Tal hindurch, 
das sich unmittelbar an einen ■ rauschenden Flusslauf anschliesst 




Fig. 84. Hof i Alptafirdi. 



und seltsame, romantische Felsen aufweist. Der Weg war nicht 
viel besser als vorher, aber der Blick auf den mit Seen und Holmen 
geschmückten ^Uptafjördur war wunderhübsch. Überall trafen wir, 
trotz des Sonntags, die Leute beim Mähen und Umwenden des 
Grases. Um acht Uhr kamen wir im Pfarrhof Hof an (Fig. 84). 
Hinter der Kirche lagen kahle Felsen, zur Linken breiteten sich 
verschiedene Flüsse aus; gegenüber ragten schneebedeckte Berge 
empor, deren weisses Tuch tief hinabreichte, und leuchtete die Eis- 
kuppe des Hofsjökiill, des östlichen Vorpostens des Vatiiajokiill. 
Dessen anderer östlicher Ausläufer ist der Prdndarjöhdl: beide 
sind durch tiefe Erosionstäler von der Hauptmasse getrennt. Der 



Hof. t'idrandi. 161 

Ifoßjokull, etwa iioo— 1250 m hoch, hat nach Norden eine mehr 
abgerundete Kuppelform; nach Süden erstrecken sich zwei Aus- 
läufer, nach Nordwest bilden steinige Hochebenen, nach Südwest 
das Tal der Vidirdahd die Grenze. Der Prdndarjdkicll gleicht 
einer grossen Kuppel, aus ihrer Eisbedeckung erhebt sich eine 
Bergspitze. Drei Höhlen, die Hof gerade gegenüber liegen, und 
einige Strandlinien in einer Höhe von 20 m ü. M. zeigen, dass die 
Niederung bei Älptafjördiir einst vom Meere bedeckt gewesen ist. 
Die Kirche [war mit Blech gedeckt, das Kreuz darauf sogar aus 
Gusseisen, beide Längswände waren mit dicken Ketten am Boden 
befestigt, damit nicht die heulenden Stürme den leichten Holzbau 
umrissen. 

18. Juh. 

Hof ist der Schauplatz einer merkwürdigen Geschichte, die 
gewissermassen das Vorspiel zu der soeben erzählten Bekehrung 
des Sidii-Hallr ist. Vor allem ist sie ein wertvolles Zeichen für 
die tiefe Gärung im Volke : der alte Glaube ist in Zweifel und 
Schwanken geraten, man sehnt sich in ängstlicher Spannung nach 
etwas Höherem, und diese bange Ahnung äussert sich in mystischen 
Träumen, wunderlichen Gesichten und seltsamen Weissagungen. 
Solcher Sagen laufen verschiedene um, und mögen auch die geist- 
lichen Verfasser oder Aufzeichner manche Linie nachgezogen haben, 
ihren Wert als Symptom einer aufdämmernden, neuen Zeit behalten 
sie doch. 

Bödvarr enn hviti hatte Land genommen vom Leiriivägr landeinwärts (wohl: 
Starmyrarvogar im südlichen Inneren des Älptafjörctur): alle Täler, die daselbst 
liegen und seewärts auf der anderen Seite bis zum Bergrücken Midi, wonach die bei- 
den Mida syjslur benannt sind. Er wohnte in Hof und errichtete dort einen grossen 
Tempel (Lnd. IV, 7). Der Sohn dieses Bödvarr war Porsteinn Sidu-Hallr, und 
dieser wieder hatte neben anderen Kindern einen Sohn namens Pidrandt , einen 
tüchtigen und allseitig behebten Jüngling M- Pörhallr , der Weissager, wohnte in 
Hörgsland. Sidu-Hallr und er waren die besten Freunde und besuchten einander 
häufig. 

Eines Sommers war Pörhallr bei dem Freunde zu Gast; Pidrandt war soeben 
von einer Reise heimgekommen, und von allen Anwesenden wurde seine Tüchtigkeit 
vielfach gepriesen: nur Pörhallr schwieg. Vom Vater über den Grund seines 
Schweigens befragt, erklärt er, auch ihm gefalle der junge Mann, aber: „Es kann 
sein, dass man seiner nicht lange geniesst, und dann wirst du genug Sehnsucht nach 
diesem deinem so gut gearteten Sohne haben, wenn auch nicht jedermann seine 
Tüchtigkeit vor dir lobt." Im Sommer wird Pörhallr traurig; um den Grund be- 
fragt, äussert er, er erwarte Übles von dem grossen Gastmahle, das Sidu-Hallr 
nach alter Sitte im Herbste halten wollte: „denn mir ahnt, dass bei diesem Mahle 
ein Weissager {Spdmadr) erschlagen werde." Da beruhigt ihn Sidu-Hallr, indem 
er ihm sagt, er habe einen Ochsen, den er seiner besonderen Klugheit wegen Spdmadr 



^) Pidranda pätir ok Pörhalls. Fornmanna Sögur II, 192 ff; Flateyjarbök I, 
418 ff. Vergl. Kahle, Kristnisaga S. 20. 

Herr mann, Island II. AA 



162 Hof. t-idrandi. 

nenne, und diesen habe er vor im Herbste zu schlachten; Pörhallr aber entgegnet: 
„Ich sagte dies auch nicht darum, dass ich um mein Leben gefürchtet hätte, und 
grössere und wundersamere Vorgänge schwanen mir, von denen ich zurzeit noch nicht 
sprechen will." Als nun der Herbst und das Gastmahl heranrückt, bittet Pörhallr 
eines Abends alle Anwesenden, es möge doch die Nacht über ja niemand hinaus- 
gehen und was auch vorgehen möge, nicht darauf zu achten scheinen, indem grosser 
Schade entstehen werde, wenn man diesem Rate nicht folge. Sictu-Hollr gebietet, 
sich demgemäss zu verhalten. „Als aber die meisten Leute eingeschlafen waren, da 
klopfte es an die Tür, und niemand tat, als ob er es bemerkte : so ging es dreimal ; 
da sprang Pictranc/i auf und sprach: „Das ist eine grosse Schande, wenn alle Leute 
hier tun, als ob sie schliefen, und etwa Gäste gekommen sind." Er nahm ein Schwert 
in die Hand und ging hinaus; er sah niemanden: da fiel ihm ein, es möchten etwa 
einige Gäste vorher heim zum Hofe geritten , dann aber denen , die weiter zurück- 
ritten, wieder entgegengeritten sein. Da ging er an einen Holzhaufen und hörte, dass 
von Norden her auf den Plan geritten wurde; er sah, dass es neun Weiber waren, 
und alle in schwarzen Gewändern, und sie hatten gezogene Schwerter in den Händen ; 
er hörte auch, dass von Süden her auf den Plan geritten wurde, das waren aber 
auch neun Weiber, alle in lichten Gewändern und auf weissen Pferden; da wollte 
Pidrandt wieder hineingehen und den Leuten sein Gesicht erzählen ; da kamen ihm 
aber jene schwarzgekleideten Weiber zuvor und griffen ihn an, er aber wehrte sich 
tapfer ; lange Zeit nachher erwachte Pörhallr und fragte, ob Pidrandi wache, und 
da würde ihm nicht geantwortet. Pörhallr sprach, allzulange habe man geschlafen. 
Jetzt ging man hinaus; es war Mondschein und Frostwetter; da fanden sie den 
Pidrandi verwundet liegen, und er wurde hineingetragen , und als man Worte von 
ihm erhalten konnte, erzählte er alles das, was sich ihm zugetragen hatte ; er starb 
desselben Morgens im Zwielicht und wurde nach heidnischer Sitte in einen Grab- 
hügel gelegt. Dann erkundigte man sich um die Fahrten der Leute, und Niemand 
wusste eine Spur von Feinden des Pidrandi. Hallr fragte den Pörhallr, was an 
diesem wundersamen Ereignisse schuld sein möge? Pörhallr antwortete: „Das weiss 
ich nicht ; aber vermuten kann ich , dass dies keine anderen Weiber waren, als die 
Schutzgeister eures Geschlechtes ; ich vermute , dass ein Glaubenswechsel eintreten 
werde, und es wird demnächst ein besserer Glaube ins Land kommen ; ich glaube, 
dass diese euere Göttinnen (disir). die diesem id. h. dem heidnischen! Glauben ge- 
folgt sind , den Glaubenswechsel und dass euer Geschlecht ihnen verloren gehen 
werde , vorausgewusst haben werden ; nun werden sie sich nicht haben gefallen 
lassen wollen, dass sie von euch nicht vorher noch eine Schätzung (= Opfer) haben 
sollten, und sie werden dies als ihren Anteil genommen haben; jene besseren Göt- 
tinnen aber werden ihm haben helfen wollen, und kamen damit unter den gegebenen 
Umständen nicht zurecht ; nun wird euer Geschlecht ihrer geniessen, sobald ihr den 
noch unbekannten Glauben annehmen werdet, den sie verkünden und welchem sie 
folgen." 

Die Fylgjen oder Di'sen, d. h. die Geister der heidnischen Vor- 
fahren, die bisher von den Lebenden Opfer empfangen haben, 
fürchten durch die bevorstehende Glaubensänderung um ihre Ver- 
ehrung und Opferspenden zu kommen; sie nehmen daher ein junges 
Leben dieses Geschlechtes zu deren Ablösung hin. Aber die besseren 
Disen, die christlichen Schutzengel, die Vertreter des neuen Glau- 
bens, besitzen noch keine Macht im Lande und haben daher auch 
kein Recht, dem Pidrandi zu helfen. Noch ist ja das Christentum 
nicht eingeführt. Bald aber landet Dankbrand, Si'dii-Hallr nimmt 
ihn gastlich auf und lässt sich taufen, und zwar gegen die Ver- 
bürgung des Priesters, dass der heilige Michael sein Schutzengel 



Hof. Pidrandi. Alptafjördur. 163 

würde [Ä^fdlssao-a loi). Das nunmehr christlich gewordene Ge- 
schlecht wird also in Zukunft der Schutzengel geniessen, die früher 
nicht hatten rettend eingreifen dürfen. 

Als Si'du-Hallr, aus Kummer über den Verlust seines hoffnungs- 
vollen Sohnes, nach Pvottd gezogen war, ereignete sich eine andere, 
ebenfalls höchst interessante Geschichte. 

Einmal geschah es zu Pvottä (wohin Hallr inzwischen gezogen war), class 
Pörhallr dort bei Hallr zu Gast war. Hallr lag in einem Kastenbette (hvilugolf), 
Pörhallr aber in einem andern. Das Kastenbett aber hatte ein Fenster, und eines 
Morgens, als beide wachten, lachte Pörhallr. Hallr fragte: „Warum lachst du 
jetzt?" Der antwortete: „Ich lache darum, weil ich viele Hügel sich öffnen sehe, 
und jedes Getier rüstet sein Bündel, gross und klein, und sie haben jetzt ihre Fahr- 
tage" (d. h. die gesetzlichen Ziele, an denen Pächter, Dienstleute u. dgl. mehr ihren 
Umzug bewerkstelligen müssen). Offenbar sind es die Landgeister oder die Ge- 
schlechtsgeister , die sich wegen des demnächst kommenden Glaubens zum Auszuge 
fertig machen (F.M.S. II, K. 215) i). — 

Wir brachen zeitig von Hof auf. Wenn wir Zeit und Kräfte 
sparen wollten, mussten wir versuchen, bei Ebbe durch den Hamars- 
fjördrir hindurchzureiten ; bei Flut ist die in diesen Fjord ein- 
mündende Hamarsd unpassierbar. Die erste halbe Stunde führte 
uns der Weg über üppige, mit silberschimmerndem Wollgrase be- 
deckte Wiesen, dann über einen unbequemen Bergrücken und 
endlich immer den Rand des Alptafjördur entlang (Schwänebusen). 
Er ist die letzte in der langen Reihe der Lagunen, die sich an der 
Südküste hinzieht, und ist durch eine lange, schmale Nehrung von 
der See getrennt ; bei Sturm wird diese von der Brandung überflutet, 
und oft wird dann Treibholz über sie hinweg in die Lagune ge- 
worfen. Die Berge in der Runde und die sechs kleinen Inseln 
mitten im Wasser erinnerten unsern Führer an das Myvain, und in 
gewisser Hinsicht mussten wir ihm später Recht geben. 

Die Sonne stand hell am Himmel, aber die frische Brise vom 
Meer Hess keine Hitze aufkommen; ich steckte die Reisemütze in 
die Tasche und ritt barhäuptig. Mit Wohlbehagen sogen wir den 
kräftigen Geruch des Salzwassers, des Seetangs und der Muscheln 
ein und lauschten dem taktmässigen Donnern der Brandung. Als 
wir am nördlichen Ende des Fjord einen kleinen Berg hinaufritten, 
waren wir mit einem Male ausserhalb der malerischen norwegischen 
Landschaft und befanden uns mitten zwischen kahlen Felsen und 
Schneebergen. Aber bald senkte sich der Weg wieder, über Wiesen 
und Sumpf erreichten wir den von Bergen umsäumten Haiiiars- 
fjördiir (Steilklippenbach) und konnten seit mehreren Tagen zum 
ersten Male wieder auf dem weiten Meeresboden einige Galopp- 
sprünge machen. Ein mächtiger Adler, der in der Gegend seinen 
Horst hatte, Hess sich durch uns nicht im geringsten beirren. 



1) Die Übersetzung im Anschluss an Maurer, Bekehrung I, S. 228 fF., 389 flf. 

11* 



164 Hamarsfjördur. Papey. 

Es traf sich glücklich, dass wir auf einen Bauern stiessen, der 
ebenfalls den Umweg um den Westrand des Fjords sparen wollte 
und uns ohne weiteres mitnahm. Obwohl wir schon auf der ersten 
Reise durch den Hvalfjördiir geritten w^aren, war es doch ein 
eigentümliches Gefühl, das Meer 20 Minuten lang um sich rauschen 
zu hören und mitten durch seine Wellen zu ziehen. Es reichte den 
Pferden meist nur bis zum Sattelrande ; wo es flacher w'ar, fingen 
sie von selbst an zu laufen und bespritzten uns über und über. 
Die zahllosen Wasservögel liessen sich durch uns gar nicht stören, 
und die Pferde umgingen sie von selbst in grossem Bogen. Der 
Himmel schimmerte in prächtigstem Blau, nicht eine Wolke trübte 
seine heitern Farben; dunkelblau war das Wasser des Fjordes, nur 
ein leiser Sonnenstrahl zitterte darüber und tanzte auf den sich 
kräuselnden Wellen. Besonders schön war anzuschauen, wie sich 
etwa in der Mitte alle Farbentöne des Regenbogens wiederspiegelten 
und von den Wellen gebrochen und gebogen wurden. Auf dem 
nördlichen Ufer des Ilaiiinrsfjördur hemmte hochinteressantes Geröll 
ein zu schnelles Vorwärtskommen. Ögmundur machte mich darauf 
aufmerksam, wie das Geröll sich gleichsam nach seinem Gewicht 
an der Küste geordnet habe : die rötlichen, hellen Liparitsteine 
lagen gesondert weiter oben am Strande, während das basaltische, 
blauschwarze Geröll wegen seiner Schwere tiefer unten für sich in 
Reihen lag. Wenn der Ausdruck geologisch möglich ist, möchte 
ich von oxydiertem Liparit sprechen; beim Ausbruche der Askja 
1875 war die ganze Asche auf die Ostseite gefallen. In der 
jNIündung des Fjords liegen zwei Inselgruppen, Pvottdreyjar und 
Bi'ila)idseyjar, die aus einer Menge kleiner Inseln bestehen. Die 
ersteren, die jetzt fast zu einer Insel vereinigt sind, sind mit Dünen 
bedeckt. Auf einer von ihnen, Eskildscw war im i<S. Jahrhundert 
ein Hafen, und vor 90 Jahren befand sich hier ein schiffbarer Kanal 
zwischen den Inseln, jetzt ist er schon ganz ausgefüllt. Die Meeres- 
tiefe zwischen den Bi'ilaiidseyjar verringert sich gleichfalls von Jahr 
zu Jahr mehr, und vor 40 Jahren wurde bei einer Meerestiefe von 
vierzig Faden gefischt, wo jetzt nur eine Tiefe von zwei Faden ist 
(Thoroddsen). Früher gab es hier viele Eidervögel, aber die 
Sandflucht hat sie zum grössten Teile nach der zu Stafafell ge- 
hörenden Insel Vigur vertrieben. 

östlich von diesen Inseln, 2 Stunden Bootfahrt von Djüpivogur liegt Papey. 
Auf der grasreichen und von vielen Eidervögeln bewohnten Insel, die zugleich eine 
gute Station für den Fisch- und Seehundsfang ist, liegt eines der reichsten Gehöfte 
Islands, das 15000 Kr. gekostet haben soll. Auf der Insel findet sich viel Eisen- oder 
Schwefelkies. Die Bewohner hielten das gelbe, glänzende Mineral für Gold und nannten 
daher den Felsen, wo der Schwefelkies besonders schön hervortritt Ormabceli oder 
Drekabceli (Schlangen- oder Drachenlager); denn nach allgemeinen Glauben liegen 
Schlangen auf Gold und bewachen es. Ein Holländer namens Kumper schoss mit 
einer Büchse nach dem Lager, um den Wurm vom Golde zu vertreiben und es sich 



Djüpivogur. 



165 




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166 Djüpivogur. 

selbst anzueignen. Wieviel Gold Kumper im Wurmbett fand, vvürd nicht berichtet, 
doch soll der Wurm zuerst nach der Schäre Omissker und dann in den Haniars- 
fjördur geschwommen sein, und man glaubt, er habe in dieser Bucht seinen dauernden 
Aufenthalt genommen und sei vor grossen Ereignissen zum Vorschein gekommen ; 
deshalb sollen die Leute an diesen Orten nicht auf den Fischfang zu rudern wagen'). 
Papey (Insel der papar) hat den Namen von den irischen Einsiedlern, deren 
Spur die Nordleute bei ihrem ersten Besuche fanden. Die havtdnämabök sagt aus- 
drücklich: „Irische Bücher, Glocken und Krummstäbe fanden sich im Osten zw Papey" ß 
(Prolog). Ein kleiner Hügel auf der Südwestseite heisst noch heute irski höll (Irischer 
Hügel), und in einer Bucht in der Nähe und in einer anderen auf der Ostseite finden 
sich Ruinen, die man mit den Iren in Zusammenhang bringt — leider ist noch keine 
genaue Untersuchung und Ausgrabung hier vorgenommen. Wunderlich ist die Be- 
zeichnung: wer sich Geld in Hülle und Fülle verschaffen will, bereitet sich Papeyjar- 
buxur (Hosen von Papey) ; das kann nur so verstanden werden, dass die Papar 
bereits im Mittelalter als gespenstige Wesen galten '■*). 

Den blauschimmernden Fjord immer vor Augen behaltend 
ritten wir an grossartigen, seltsam geformten Bergen und Stein- 
massen vorüber, die eine Höhe von 800— looom haben, passierten 
dann ein ganz modernes, stattliches Haus, die Wohnung eines 
Arztes, und bald verkündeten uns beim Wegebau beschäftigte 
Arbeiter die Nähe unseres Zieles, Djüpivogur (Fig. 85). 

Der Handelsplatz Djüpivogitr (tiefe Bucht) liegt am Eingange 
des Benifjördiir^ in den die Beni/jardard und die Fossd einmünden, 
und hat einen guten Hafen, der durch steile Felsen abgeschlossen 
und gegen alle Winde geschützt ist. Der Hafen ist so tief, dass 
die Schiffe unmittelbar an den Landungsbrücken anlegen können, 
während sich .sonst auf Island keine grossen Schiffsbrücken oder 
Kai finden. Leider erschwert der häufige dicke Nebel oft die Ein- 
fahrt, und durch einige in der 3*lündung liegende Schären wird das 
Fahrwasser dann ganz unsicher gemacht. Der Benifjördiir ist 
19 km lang und 2 — 4 km breit, er ist im Innern tiefer als an der 
Mündung. 

Ein Stück Norwegen tat sich vor uns auf: über dem Fjord 
lachte ein blauer Himmel, ringsum ragten hohe Schneeberge empor, 
und viele kleine Holme lagen zerstreut umher. Djüpivogtir hat 
etwa 12 Häuser und 120 Einwohner. Man merkt, dass man wieder 
in einer Gegend ist, die nicht mehr von aller Verbindung ab- 
geschlossen ist; es fiel mir auf, wie viel Leute dänisch, norwegisch 
oder englisch sprachen. Bei Ludvig Jönssoti, wo wir abgestiegen 
waren, gab es nicht nur Flundern, Enteneier und den unvermeid- 
lichen Hammel, sondern auch Sardinen, Edamerkäse, selbst englische 
Beefsteaks und sogar Bier, allerdings alkoholfrei. Ein grosser Salon 
wurde uns zur Verfügung gestellt, jeder bekam ein eigenes, hohes 
und geräumiges Schlafzimmer; durch einen eigenartigen Zufall lag 

1) Olaus Olavius, Ökonom. Reise, S. 317; L eh m ann- F ilhe s, Isl. Volks- 
sagen II, S 27. 

'^) Maurer, Isl. Volkssagen, S. 91. 



Djüpivogur. 167 

auf dem Nachttisch die dänische Übersetzunc;; des Saxo Grammaticus 
von Grundtvig. Die Preise waren unglaubHch niedrig: das Logis 
kostete 80 Öre, das fürstUche Mittagessen ebensoviel, das nicht 
minder reichlich zusammengesetzte Abendessen noch 5 r)re weniger. 
Liidvig ist einer der gewecktesten und behendesten Isländer, die 
ich kennen gelernt habe ; flink wie ein Wiesel sprang er überall 
umher und sah nach dem Rechten. Er machte mich mit seinen 
Freunden bekannt und stellte mich förmlich als ein Wundertier vor, 
das nicht nur isländisch lesen, sondern auch sprechen könnte; und 
dabei befolgte ich im wesentlichen die alte Reiseregel : wer mit 
seinem Wortschatze haushalten muss, tut am besten, zunächst in 
der fremden Sprache zu lächeln, dann wird man gut aufgenommen 
und verstanden. Er führte mich auf eine ,, Warte", von wo ein 
herrUcher Überblick über die ganze Gegend war: über Papey hin- 
weg bis zu den weit im offenen Meere liegenden Inseln Selsker, 
Kjöggur und Geirfuglasker\ rechts dehnte sich der Hamars- und 
Alptafjördiir aus, die wir heute passiert hatten, dahinter lag die Löns- 
heidi, wo wir vorgestern gewesen waren. In unserem Rücken stieg 
der Bula7idsft?idur auf, eine terrassenförmig aufgebaute, charakte- 
ristische 1063 m hohe Pyramide. Während auf den übrigen Bergen 
Schneemassen liegen, ist der BiUandstindiir ganz kahl; er ist wohl 
zu steil, als dass sich im Winter Schnee in grösseren Mengen auf 
ihm festsetzen könnte, und er schmilzt darum im Frühjahr bald 
fort. Die ganze Umgegend ist sehr kupiert, die zahllosen Trapp- 
gänge, die schon Sartorius von Waltershausen aufgefallen sind, 
und die sich wie Schlangen über das Flachland und die Hügel erheben, 
sind äusserst charakteristisch (Phys. geogr. Skizze von Island S. 57/8)- 

Während wir noch oben plauderten, kam langsam vom Meere 
her der Nebel herangekrochen und legte sich wie ein dunkler Mahr 
über die Landschaft. Der Fjord ist durch seinen Nebel berüchtigt; 
als Ögmundur 1882 hier war, herrschte jeden Tag Nebel. Die 
jährliche Regenmenge beträgt hier 1093 mm, in Stykkishöbiiur 
658 mm, auf Gn'msey 414 mm. 1884 betrugen die Niederschläge 
in Gn'msey 1 1 mm, in Berufjördur 142 mm, im August in Gri'insey 
48 mm, in Beni/Jördtir 226 mm. Überhaupt ist die Regenmenge im 
ganzen Südostlande viel grösser als an andern Stellen, wegen des 
Zusammentreffens der kalten und warmen Strömung am Ostlande 
und wegen des Schmelzens des Polareises'). 

Am Abend wurden alle 9 Pferde frisch beschlagen, Ludvig 
zeigte sich auch dabei ausserordentlich geschickt. Die zierlichen, 
aus Schweden bezogenen Eisen waren im Augenblick angepasst und 
festgenagelt ; da sich der nervöse Schimmel meines Begleiters sehr 
störrisch und ungeduldig dabei benahm, wurde ihm ein Stein in das 



1) Thoroddsen, Petermanns Mitteilungen 1885, S. 329, 330. 



168 Djüpivogur. 

Ohr gelegt und dieses zugehalten; er wurde wirklich sofort ruhig — 
das soll allgemeiner Volksglaube auf Island sein. 

Während der Arbeit erzählte mir Ludvig , dass vor acht Tagen 
zwei Tage lang der „Zieten" hier gewesen war, dann aber nach dem 
Fdskrndsfjördiir weiter gefahren sei. Es war das letzte Lebens- 
zeichen, das ich auf Island vom „Zieten" bekam. Die Matrosen, 
die an Land gegangen waren, um Steine und Eier zu sammeln, 
hatten sich durch ihr bescheidenes Auftreten die Herzen aller Be- 
wohner gewonnen, und gern tauschten wir unserem Wirt die 9 Mk. 
ein, wofür sie bei ihm gegessen und getrunken hatten. 

Auf den Klippen bei Djüpivogur wohnen zahllose Eissturmvögel 
(vergl. I, S. 33) und Schmarotzerraubmöven ; Papageitaucher treten 
in solchen Unmengen auf, dass sie die Brut der Eiderenten gefährden, 
indem sie ihre Nesthöhlen unterhalb der dünnen Erdschicht, die den 
Fels bedeckt, bis unter die Nester der Eiderente führen, wodurch 
diese nicht selten einstürzen i). Auf einem Felsvorsprung in der 
Nähe sollte ein Adlerhorst sein, doch konnten wir ihn wegen des 
immer dichter werdenden Nebels nicht aufsuchen. 

19. Juli. 

Pjöärekr hatte zuerst den Breiddalr genommen, war aber dann über das 
Gebirge in den Berufjönir gezogen. Er nahm den ganzen nördlichen Strand und 
den südlichen über das Bülandsnes hinweg und auf der anderen Seite landeinwärts 
bis zu den Raudaskridur (Lnd. IV, 7). Maurer erwähnt kurz eine Volkssage, nach 
der eine Bera dem Berufjördr den Namen gegeben habe, aber sie und ihr Mann 
Soii sollen ein unglückliches Ende gefunden haben, und die Überreste ihrer Wohn- 
stätte sollen noch gezeigt werden"). 

Von Berufjördr nahm die Missionsreise Dankbrands ihren Anfang. Im Herbst 
997 kam ein Schift" hierher nach dem östlichen Meerbusen, in den Berufjördr nach 
Gauiavik. Der Schiffsherr hiess Pangbrandr, er war ein Sohn des Grafen Vilbaldr 
aus Sachsen. Dankbrand war hierher ausgesandt von König Ölafr Tryggvason, 
um den Glauben zu verkünden. Zwei Brüder aber, die zu Berunes wohnten [auf dem 
nördlichen Ufer |des Fjordes] und Inhaber eines Godordes waren , verboten den 
Leuten, Kaufschaft mit den Fremden zu treiben, weil diese Ruhestörungen im Lande 
zu erregen drohten ^NJdlssaga loi). 

Obwohl die Süd- und Ostküste am wenigsten von Fremden besucht zu werden 
scheint, blieb sie den Deutschen doch nicht unbekannt. Papey wurde in den 80 er 
Jahren des 16. Jahrhunderts von den Bremern erbittert gegen die Hamburger verteidigt, 
und dicht h&i Papey wird 1592 eine „Ladelstede" erwähnt, Fulwick oder Fuglvik ; 
in derselben Gegend wird IVait/ose (unerklärlich; Vadlar?) von Bremen aus befahren^). 

Vom Berufjördur nahm 1869 die Fox-Expedition ihren Ausgang. 

Beim Erwachen spürte ich heftige Schluckbeschwerden, eine 
tüchtige ^Mandelentzündung machte sich bemerkbar; wahrscheinlich 
hatte ich mich beim kalten Baden in Stafafell oder beim Reiten 



1) Riemschneider, Anzeigeblatt der Ornithologischen Monatsschrift des 
deutschen Vereins zum Schutze der Vogelwelt 1896, S. 269. 

2) Germania IV, S. 238. 

3) Baasch, Die Islandfahrt der Deutschen S. 107, Anm. 6, 7. 



Djüpivogur. lo9 

ohne Kopfbedeckung erkältet. Wohl hatte ich für solche Fälle 
Sublimat bei mir, aber das lag unten im Koffer, und ich hatte keine 
Lust, ihn deswegen ganz auszupacken; auch vertraute ich darauf, 
dass die köstliche Luft die Entzündung schon heben würde, wenn 
ich mich des Rauchens enthielte. Bei dem Arzte, dessen elegant 
eingerichtete Räume deutlich verrieten, dass wir nicht mehr in der 
SkaptafeLh sysla waren — selbst eine Photographie von Karl I Icinz 
und Käthe aus „Alt-Heidelberg" fehhe nicht! — kauften wir Bor- 
vaseline für unsere Pferde ein. Sie waren fast alle gedrückt, zum 
Teil recht bedenklich ; unter die Packsättel legten wir Rasenstreifen 
und Felle. Während Ögmundur die Karawane auf einem kürzeren 
Wege fortführte, geleitete mich Ludvig nach dem Gehöfte Teigar- 
horn, wo zwei Damen die Kunst des Photographierens ausüben und 
das Recht haben, die umliegenden Berge nach seltenen Mineralien 
zu durchsuchen und diese zu verkaufen ^j. Ich erstand mir einige 
hübsche Steine zum Andenken. Der Doppelspat (Silfurberg), der 
mit Hammer und Meissel aus dem umgebenden Gesteine vorsichtig 
gelöst wird, ist etwas trübe und gefärbt und soll dem von Eski- 
fjördiir (Schachtelbucht) nachstehen. Vor allem aber ist Djüpi- 
vogur die Hauptfundstelle für Zeolithe oder Mandelsteine {geisla- 
steÜDi, Strahlenstein); sie sind hier so häufig, dass man fast mit 
jedem Schlage eine Mandel ausbrechen kann. Die vorzüglichsten 
isländischen Zeolithe sind: Apophyllit, Thomsonit, Chabasit, Heu- 
landit, Mesotyp, Analcim, Stilbit, Levyn und Epistilbit. Dieses 
letztere, seltene Mineral findet sich nirgends in so schönen Kristallen 
wie hier; auf Island kommt es nur noch am Pyrill und gegenüber 
von Akureyri vor. Die schönen Kristalle, die als isländische Pro- 
dukte unsere Mineraliensammlungen zieren, stammen fast alle aus 
Eski- und Beriifjördur, und die beiden Damen verschicken ganze 
Kisten voll nach Deutschland und Österreich. 

Zwei Stunden weit gab uns der treffliche Ludvig das Geleit. 
Als wir rasteten, fragte er mich listig lächelnd, ob ich nicht meinte, 
dass eine Flasche echten dänischen Bieres für meinen kranken Hals 
gut wäre, und dabei holte er schmunzelnd aus seiner Manteltasche 
vier in Stroh eingewickelte Flaschen hervor, die wirkliches Bier ent- 
hielten, das nicht „skattefri" war. Wie er in deren Besitz gelangt 
war, darf ich nicht verraten; in seinem Hause selbst hatte er uns 
keinen Tropfen davon vorgesetzt, jede Bezahlung dafür wies er ent- 
rüstet zurück; auch hier merkte ich wieder, dass man auf Island 
Gefälligkeiten nicht mit Münze vergüten kann. 

Wir wählten nicht den alten beschwerlichen Weg über die 
Öxarheidr nach dem SIzridudalur, weil ich ihn unsern Pferden 



1) Ich verdanke den Damen, deren Namen ich leider vergessen habe, das Bild 
auf S. 165. 



170 Berufjardarskard. 

nicht zumuten durfte, obwohl ich den mir aus der Hrafnkels Saga 
bekannten Weg gern kennen gelernt hätte, sondern wir zogen den 
Übergang über die Breiddalsheidi \or . Wir ritten fast um den ganzen 
südlichen Rand des Fjordes herum, da der Führer durchaus nicht 
zu bewegen war, den Weg durch Überschreiten der Bucht abzu- 
kürzen. Der Ritt war recht eintönig, die Sonne stach, und der un- 
gewohnte Biergenuss wirkte einschläfernd. Unlustig und missmutig 
lagerten wir am Abschlüsse des Tales auf einer mit Wollgras ge- 
schmückten Wiese und sahen mit grossem Unbehagen zu dem 
Berufjardarskard hinauf (669 m), dessen Höhe wir mit unseren 
trägen Füssen ersteigen sollten, denn die Pferde mussten nach den 
letzten anstrengenden Tagen geschont werden. Aber es ging besser, 
als wir gefürchtet hatten; der Reitweg ist nicht nur für isländische 
Verhältnisse gut, und grüne Matten gestatten unterwegs zu rasten 
und die schöne Aussicht über den Fjord in seiner ganzen Ausdeh- 
nung zu geniessen. Der Rand des Hochgebirges ist bis zum Meere 
hinab zerklüftet, die schwarzen Wände steigen senkrecht empor, in 
der Ferne schimmert die Kuppel des Prdndarjö'kull , und hinter 
jener schneebedeckten Kette liegt der Fdskrüdsfjördiir. Oben 
schlängelt sich der Pass wie über einen Sattel zwischen steilen 
Zinnen und zackigen Wänden dahin, unmittelbar an breiten, unbe- 
rührten Schneefeldern vorüber; dann geht es hart einen tiefen Kessel 
entlang, in dem sich kein Leben regt, der Boden ist mit schwarzem, 
schmutzigem Schnee angefüllt, und schroff fallen die nackten Seiten- 
wände hinab: der richtige Hexenkessel! Die seltsamsten und kost- 
barsten Steine lagen überall umher oder schimmerten aus den 
dunkeln Wänden heraus, und noch heute kann ich mich ärgern, dass 
ich meine Trägheit nicht öfter überwand und mir nicht mehr Schätze 
aus den Felsen loslöste. Zum ersten Male wieder seit der Be- 
steigung der Hekla brach der Schweiss in Strömen aus, aber der 
herrliche Blick und der funkelnde Sonnenschein belebten uns wieder; 
auch Ögmundur, der zum ersten und einzigen Male während der 
ganzen Reise schlapp zu werden drohte, wurde wieder frisch, unsere 
frohe Stimmung kehrte wieder, leider nicht auch die Stimme. Beim 
Abstiege mussten die Pferde zunächst noch geführt werden. Im 
ganzen waren wir auf fürchterlichen Pfaden drei Stunden lang ge- 
klettert und über fünf Stunden geritten, bis wir am Fusse des Passes 
den Breiddahir erreichten, eine schöne, mit saftigen Blumen ge- 
zierte Ebene, die rings von Bergen eingeschlossen ist, deren weisse 
oder grünliche Liparitfelsen mit schwarzen Basaltgängen durch- 
setzt sind. Ergreifend wirkte die feierliche Stille, die uns umgab. 
Kein Vogel liess sich hören, leise murmelten die plätschernden 
Wellen der Breiddalsd , der hübsche Wasserfall rauschte gleich- 
massig, und nur der Wind fuhr mit volleren Tönen über die weiten 
Wiesen. 



Höskuldstadir. Breiddalur. Skriddalur. 171 

Höskuldstadir liegt gerade dem Abstiege gegenüber. Der 
Bauer kam uns entgegen und half uns beim Absatteln. Ich fühlte 
mich aber zu elend, um ein längeres Gespräch mit ihm anzuknüpfen, 
Hess mir sogleich das Bett anrichten und mir eine Kanne siedend 
heisse Milch mit recht viel Zucker bringen, schlief sofort ein, 
schwitzte gehörig, wiederholte denselben Trunk am nächsten Morgen 
und stand gesund auf. 

20. Juli. 

Die Bäuerin war die Nacht aufgeblieben und hatte für ihren 
Besuch kleine Kuchen gebacken (kleinur), zum Kaffee gab es ausser- 
dem noch für jeden ein Hühnerei. Obwohl die Bauersleute ersicht- 
lich arm waren, taten sie doch alles, was sie uns an den Augen 
ablesen konnten. 

Wir ritten durch die wiesenreiche Felssohle des Breiddalur in 
seiner nordwestlichen Ausdehnung hindurch, im drückenden, sengenden 
Sonnenscheine, kein Lüftchen regte sich in dem von äusserst gro- 
tesken Felsen gestalteten Tale. Die Bergkuppen erschienen, so oft 
man seine Stellung veränderte, auch in verschiedener Gestalt; zu- 
weilen glichen sie Giebeln von Häusern, Schlössern usw., aber der 
vorherrschende Anblick, den sie boten, war der von hohen Türmen 
und Zinnen. Es war der heisseste Tag der ganzen Reise, und gegen 
Mittag hatten wir 44 ^ C. In dem tiefen Sumpfe versanken die 
Pferde fortwährend und mussten zuweilen mit den Peitschen ange- 
trieben werden, von einer Erhöhung zur andern zu springen. Das 
Ende des Tales bildete eine kleine weisse, steinbesäte Wüste, wir 
schmorten in der Sonnenglut und bedauerten den blauen Klemmer 
so gut versteckt zu haben , dass wir ihn erst in Akureyri wieder 
fanden. Dann krochen wir langsam einen massig steilen Berg 
hinan, durchzogen die Breiddalsheidi , auf deren Höhe noch viele 
Schneefelder lagen, und bogen in den langen Skriddalur ein (Berg- 
schlipftal). Ein schmaler Bergrücken, Müli, trennt den Skrid- 
dalur vom Geitdalur (Ziegental), oben in dem ersten Tale liegt ein 
kleiner See, Skriduvafn, durch ihn fliesst die JMülad, die wir entlang 
ritten; im Geitdalur fliesst die aus dem Likdrvatn entspringende 
Geitdalsd: beide Flüsse vereinigen sich hinter dem Gehöfte Ping- 
müh, wo die Ostländer ihre regelmässigen Thinge abhielten, und das 
wir links liegen lassen müssen, und heissen von nun an zusammen 
Gr/'msn, diese ergiesst sich in das Lagarßjöt. Bei Pingmi'ili finden 
sich einige Ruinen, ein Hügel im Tiui heisst PinghölL ein Teil des 
Tuns Godafihi, zwei Ruinen dabei Godalöptir, ein grosser Fels in 
der Nähe Godasteinn. Durch das Gebirge westlich geht ein 
mächtiger Basaltgang, Trollkonustigur, der von einer Riesin so 
zu sagen als Treppe benutzt wurde. Nördlich von Skriduvatn 



172 Skriddalur. Hallormstadahäls. 

sieht man einen mächtigen Bergsturz, der den ganzen östUchen Tal- 
boden mit Steinhaufen und Hügeln angefüllt hat, die aber mit Gras 
bewachsen sind. Man kann deutlich eine grosse Kluft warnehmen, 
aus der der Bergsturz erfolgt ist. Dieser hat dem See und Tal den 
Namen gegeben. Von ihm erzählt bereits das Buch von der Be- 
siedelung Islands. 

Mrafnkell hiess ein Sohn des Hrafn. Er kam gegen Ende der Besiedlungszeit 
nach Island und war den ersten Winter im Breiddalr. Im Frühling aber zog er 
über das Gebirge und ruhte im Skriddalr aus und schlief ein. • Da träumte ihn, ein 
Mann käme zu ihm und bäte ihn aufzustehen und so schnell wie möglich fortzuziehen. 
Er erwachte und ging fort. l\iera.\ii nahra Hrafnkell d&n Hrafnkelsdalr ihnd. IV, 3). 
Die Volkssage weiss heute nichts mehr davon , sondern knüpft den Bergsturz an 
einen Bischof, der einmal hier betete, aber, durch die Stimme eines Raben gewarnt, 
die er verstand, zur rechten Zeit sein Zelt jenseits des Flusses aufschlug. Merkwürdig 
ist, dass dasselbe Ereignis, das von Hrafnkell, dem Helden der nach ihm benannten 
Saga erzählt wird, auch von seinem Vater tiallfredr berichtet wird, aber der Schau- 
platz ist der Geitdalr. Hallfredr war mit seiner Frau und dem fünfzehnjährigen 
Hrafnkell nach dem Breiddalr gekommen , verlegte aber im Frühjahr seine Woh- 
nung nordwärts über die Flfötdalsheidi und Hess sich im Geitdalr nieder. Eines 
Nachts träumte ihn, dass ein Mann zu ihm kam und sagte : „ Da liegst du, Hallfredr, 
und ziemlich unvorsichtig ! Zieh fort von hier westlich über das Lagarfljöt, dort 
liegt all dein Glück." Darauf erwachte er und schlug seine Wohnung auf jenseits 
der Rd)igd zwischen den Mündungen des Lagarfljöt und der Jökulsä ä Brü, an 
der Stelle, die seitdem Hallfredarstadir heisst. Dort wohnte er bis zu seinem Alter. 
In seiner alten Wohnung aber war eine Ziege und ein Bock zurückgeblieben ; und 
an demselben Tage, an dem Hallfredr weggezogen war, fuhr ein Steinschlipf auf das 
verlassene Haus, und beide Tiere gingen dabei zugrunde : deshalb heisst diese Stelle 
Geitdalr'). - 

Die Landschaft bekam allmählich einen ganz andern Charakter, 
die Wildheit hörte auf. Als wir den Hallorinstadahdh erstiegen, 
bot sich uns wieder eine jener köstlichen Aussichten, wie sie nur 
die reine Luft Islands gewährt. Unser erster Blick fiel auf das breite, 
lange, silberne Band des Lagarfljöt und glitt darüber hinweg auf 
einen matten Goldbronze-Schimmer, den Ozean. Nach Westen über 
den Fljötsdalr hin stieg die eisbedeckte, isolierte Glocke des Sncefell 
empor, nur zwei Meter vom Nordrande des VatiiajökiilL entfernt 
(1822 m). Siicrfell ist ein sehr alter Vulkan und muss in vorge- 
schichtlicher Zeit sehr tätig gewesen sein ; er besteht aus Palagonit- 
breccie und Tuff, scheint aber von Süden nach Norden von einem 
dicken Liparitgange durchsetzt zu sein. An seinen südlichsten 
Gipfel schliesst sich eine wellige, vegetationslose Hochebene an, die 
sich zwischen zwei Gletschern in den J^ainajökidl hineinschiebt. 
Auf ihr erhebt sich eine doppelte Reihe von Bergspitzen, die 
Pföfalniükar (Diebesspitzenj, deren südlichste Erhebung ein isolierter, 
regelmässiger, schneefreier Brecciekegel ist, der Litla Sna/ell{i 133 m). 



1) Heinrich Lenk, Die Saga von Hrafnkell Freysgodi, übersetzt und erläu- 
läutert. Wien 1883, K. i. 



Der Ost- und Nordrand des Vatnajökull. 



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174 



Der Ost- und Nordrand des Vatnajökull. 



Der östliche dieser Gletscher, die vom Nordrande des Vatnajökiill 
zu beiden Seiten des Sncrfell niedergehen, ist der Eyjabakkajöktdl ; 
er hat ein Areal von 25 qkm; auf ihm entspringen die Jökulsd 
f Fljötsdal, die in das Lagarßjöt mündet, die Jökulsd d Brii, die in 
weitem Bogen nach Westen geht, und die Eyfabakkad, die sich mit 
der zuerst genannten Jökulsd vereinigt. Westlich vom Sncs/ell geht 
vom Vafnajökull der Br?(ar/ökiill her^h, der ein Areal von ca. 500 km 
umfasst (Fig. 87 und Fig. 88). Der kolossale Bn'iariökull ist sehr 
unruhig. So stieg z. B. 1625 die Jökiilsd d Brü um 20 Ellen, und 
1890 barst der Gletscher, so dass man zwischen den Ungeheuern 
Eismassen den blossen Felsen sehen konnte. Ögmundur behaup- 
tete sogar die lang- 
gestreckte, schwar- 
ze Mauer der Kverk- 
fjöll in der Mitte 
des Nordrandes des 
}^atnajökiill erken- 
nen zu können (vgl. 
Fig. 86). Wie ein 
mächtiges Vorgebir- 
ge türmt sich dieser 
Vulkan am Rande 
des ]^atnajöku II 2i\\{ , 
die mächtige Berg- 
masse ist von oben 
bis unten durch eine 
kolossale Spalte zer- 
rissen, durch die ein Gletscher bis auf die Lavaebene herunterreicht. 
Über dem Gletscherende befindet sich oben im Gebirgsabhang eine 
Kratergruppe mit Solfataren, 171 7 fanden hier Eisbrüche statt, wo- 
bei der Gletscher zum Teil schmolz. Um die Erforschung dieses 
Teiles haben sich Thoroddsen und Bruun verdient gemacht, 
doch harrt hier noch manche Aufgabe ihrer Lösung ; freilich sind 
gut Wetter, Zeit und Geld dabei nötig. 

Das Lagarfljöt (^Seefluss), die natürliche Grenze zwischen der 
Südnr und Nordur Miila sysla, ist die Erweiterung der Jökulsd 
i Fljötsdal und fliesst durch ein langgestrecktes Felsenbassin. Es 
ist in seinem obern Laufe so tief, dass es von grösseren Schiffen 
befahren werden könnte, aber zunächst dem Meere ist eine längere 
Reihe von Kaskaden und Fällen, die Mündung ist versandet und 
ohne Hafen, durch die Ablagerung des Flusses ist eine gras- 
bewachsene Ebene entstanden. Das Fljöt hat eine Länge von 45 km 
und eine Breite von i — 2 km, bei einer Tiefe von iio m, und 
reicht 84 m unter den ]^Ieerespiegel ; die Ufer und Umgebungen 




Fig. 88. Am Nordrande des Vatnajökull. (Die Jökulskvisl 

vereinigt sich mit der Jökulsä, die aus dem Eyjabakka- 

jökuU entspringt. j 



Lagarfljöt. 175 

sind stark vom Eise gescheuert, eine Rundhöckerlandschaft von aus- 
geprägter Form^). 

Nach dem Volksglauben ist der Seefluss von allerhand Wasserungeheuern bevöl- 
kert^). Gespenstische Seehunde hausen darin, die eigentlich Menschen sind, in der 
Johannisnacht ihr Seehundsfell ablegen und am Strande spielen und tanzen. Ein be- 
sonders grosser, gewaltiger Seehund, der unter einem Wasserfalle lag, wurde durch 
Sprüche an den Felsen festgebannt; dort liegt er und kann sich nicht mehr rühren, 
um jemandem ein Leid zu tun. Ein Roche, der im Seefluss sein Unwesen trieb, 
hatte neun Schwänze und fügte den Menschen, da er an der Überfahrtsstelle lag, viel 
Schaden zu. Endlich kam ein Kraftskalde dorthin und bannte durch seine Verse den 
Rochen fest auf den Grund des Stromes. Einst, als er schon festgebannt war, schwamm 
ein Verbrecher den Strom hinauf. Da berührte er den Rochen mit der grossen Zehe, 
und dabei wurde ihm ganz seltsam. Er ging sogleich ans Land und sah, dass die 
Zehe schwarz und geschwollen war. Da hieb er sich die Zehe ab. — Am bekanntesten 
unter den Wasserungeheuern im Lagarfl]öt ist der sogenannte „Wurm im Lagar- 
fljöt". Schon auf der Weltkarte des Abraham Ortelius 1570 steht bei diesem See- 
flusse: „In diesem See befindet sich eine ungeheure Schlange, die den Bewohnern 
schadet. Sie zeigt sich, wenn umwälzende Ereignisse bevorstehen." Auf der Island- 
karte Gerhard Mercators 1595 steht nur: In diesem See ist einmal eine ungewöhnlich 
grosse Schlange gesehen worden." „Im Jahre 1607, sagt der Annalist, sah man die 
Schlange im Lagarßjöt in 3 Krümmungen, deren jede so hoch über dem Wasser 
hervorragte, dass ein Mann mit aufgerichteter Lanze darunter durchgehen konnte. 
1612, 1618, 1641 und 1672 wird der Erscheinung der Schlange oder des Wurms nur 
schlechtweg gedacht mit dem Beifügen, dass sie sich in dem Herbste des vorletzten 
Jahres zu wiederholten Malen habe sehen lassen". (O lafs en-Po v eis enll, S. 95, 
§ 788). In den Annalen des Bischofs Gisli Oddsson in Skälholf von 1657 wird aus- 
führlicher von der Schlange erzählt. „Sie ist aller Schlangen fürchterlichste. Einige 
sagen, dass sie eine Meile lang sei, doch stimmen die Angaben darüber nicht, wieviel 
Krümmungen sie hat : ein, zwei, drei werden angegeben. Sie ist entsetzlich und regt 
den Fluss so auf, dass er auf das Land überströmt. Sie gebärdet sich so schlimm, 
dass die Erde erbebt und die Häuser in der Nähe wanken. Sie ist sehr hässlich. 
Einmal wollte ein Bischof sie aus dem Flusse hinwegbannen, und solange er da war, 
war sie verschwunden. Als er aber fortgegangen, kam sie wieder zum Vorschein, 
und sie war durchaus nicht angenehmer als zuvor^). Stephan Olafson (ti688) sagt, 
dass die Schlange auf Gold liege und mit Kopf und Schwanz am Grunde festgewachsen 
sei, sie sei eine halbe Pingmanna/eüt \&ng, d. h. 5 Stunden Weges = drittehalb Meilen. 

Eggert Olafsson, dessen Bericht ich oben gegeben habe, hat auch die Er- 
klärung : „Heftige Ausdünstungen aus dem Wasser oder dem Grunde des Sees, die 
nach Beschaflenheit des Windes und Wetters auf diese oder jene Art gebildet seien, 
hätten den Zuschauern solche Gestalten gewiesen, woraus sie durch Hilfe der Ein- 
bildungskraft die obigen Erscheinungen hervorgebracht haben." Selbst noch im Früh- 
jahr 18 19 sah man im Eise des Lagarßjot ein Ungeheuer, grau und von Gestalt so, 
als stünde ein Pferd auf dem Kopfe mit den Lenden nach oben; es zog in langsamer 
Fahrt, dem Strom und leichten Winden entgegen, nach Hallormstadir, wo es endlich 
verschwand. 

Nach alten Beschreibungen muss die Gegend um die Jökulsd 
i Fljötsdal und das Lagarfljöt bis zur Küste hin eine der schönsten 



1) Nach Thoroddsen, Island, S. 41, 43, 44. 

■'^) hl. Pjödsögurl, S. 638 — 641; Herrmann, Nordische Mythologie, S. 70, 
103, 104; Lehmann-Filhes, Isl. Volkssagen II, S. 24 — 26. 
3) Zeitschrift des Vereins für Volkskunde I, S. r68. 



176 



Lagarfljöt. Zur Waldfrage in Island. 



Islands und ganz waldbewachsen gewesen sein, aber jahrhunderte- 
lang hat die Begehrlichkeit und Unvernunft der Einwohner die 
reichen Waldungen unbarmherzig ausgerissen und abgeweidet. 
Darum ist das Erdreich an den meisten Orten bis auf die eisge- 
scheuerten Basaltfelsen hinunter fortgeweht. Wo früher ein schöner 
hoher Wald mit hohen Birken und schönen Ebereschen war, sind 
jetzt nur wenige Stämmchen übrig , doch bewiesen grosse Haufen 
von Sparren, dass man erst kürzlich viele stattliche Bäume ge- 
fällt hatte. Leider herrscht noch hier und da die alte bettelhafte 
Unsitte, nur an den augenblicklichen Nutzen zu denken, gleichgültig, 
ob späteren Geschlechtern grosser Schade zugefügt wird. Als noch 
im ganzen Bezirk bis zum Meere, bis zur halben Höhe der Berge 

Wälder waren, ist es kaum irgendwo 
auf Island ebenso schön gewesen ; jetzt 
aber sind andere Zeiten, die Bewohner 
sind durch viele Jahrhunderte vereint 
tätig gewesen , diese Schönheit zu ver- 
derben, alle Reisebeschreibungen seit 
der Mitte des i8. Jahrhunderts erwäh- 
nen die Waldverwüstungen in dieser 
Gegend; ... es ist grausig, die Be- 
schreibung zu lesen, die Sveinn Pdh- 
son von der Behandlung der Wälder 
hier am Ende des i8. Jahrhunderts 
gibt 1). 

Wohl wusste ich, dass in dieser 
Gegend einer- der schönsten Birken- 
wälder Islands liegt, der Hallonnsta- 
darskögnr, wohl waren mir beim Ab- 
stiege vom Hallornistadahdls vereinzelte Bäume aufgefallen, die 
sich im Wasser des Seeflusses wiederspiegelten und an Höhe 
alle Stämme übertrafen, die ich bisher gesehen hatte, aber wir 
waren gerade durch unsere Packpferde in Anspruch genommen, von 
deren Rücken sich die Koffer losgelöst hatten und waren auch wohl 
durch die Hitze etwas abgestumpft. Welche Überraschung aber, 
als wir zum Ufer hinabritten und unser Blick unvorbereitet auf 
grosse, richtige Birkenbäume fiel, meist Stämme von 5 — 6 m, viele 
von ca. 7 m Höhe, einer war sogar 8 Vi m hoch (Fig. 89). Unser 
Auge, das so lange Zeit, abgesehen von den wenigen Oasen, nur 
auf starren Gletschern und toten Wüsten geruht hatte, konnte sich 
nicht satt sehen an dem frischen Grün. Das war ja ein ordent- 




Fig: 89. Birkenwald bei Hallorm 
stadir (in der Mitte Lagarfljöt). 



1 ) Skögtnäl Islands, efür pröf. C. V. Prytz. Pytt hefir Stgr. Thorsieinsson, 
in: TimaritBd. 24, 1903; - L ehmann-Filhes, Die Waldfrage in Island. Globus, 
Bd. 85, 1904, Nr. 16. 



Hallormstadarskögur. Brckka. 177 

lichcr Wald, nicht bloss ein am Boden kriechendes, dürftiges Ge- 
strüpp! ein Wald, der auch bei uns in Deutschland diesen Namen 
verdient hätte ! Unter den dicht aneinander gereihten Bäumen rieseln 
muntere Bäche dahin, zwischen den leuchtenden Stämmen schim- 
mert der silberne Fluss, und am anderen Ufer steigen schwarze, ge- 
klüftete Berge empor, von denen Wasserfälle herniederstürzen. Wohl 
eine halbe Stunde lang ritten wir durch den grünen Wald dahin. 
Neben Hlidarendi hat es mir hier am besten gefallen, und ich ver- 
stehe, dass die Bewohner von Seydisfjördur mit Vorliebe ,, Wald- 
touren" hierher unternehmen, und dass die romantische Lage, wie 
Ögmundur erzählte, schon manche Verlobung zustande gebracht 
hat. Besonders erfreulich ist, dass dieser Wald auch wirklich er- 
halten bleiben und weiter gedeihen wird. Denn während man früher 
hier jährlich 400 Pferdelasten Reisig zur Feuerung brauchte, hat man 
jetzt einen ausgezeichneten Torfstich entdeckt, so dass der Wald 
geschont werden kann. Damit die Schafe nicht die zarten Spröss- 
linge, und wenn tiefer Schnee liegt, auch die Spitzen höherer 
Bäume abnagen, hat man fast den ganzen Wald mit einem rotan- 
gestrichen Staket aus Eisen und Stacheldraht umzäunt; ja der 
bisherige Administrator, jetzt Sysluniadiir in Kirkjubcpr, also Gud- 
laugs Nachfolger, der seit Oktober 1904 Bürgermeister in Akureyri 
ist, hat 1901 eine neue Anpflanzung von Tannen und Fichten ver- 
sucht, die er aus Dänemark bezogen hat, und die vielversprechend 
angesetzt haben. 

Während wir am Ausgange des Waldes rasteten, sahen wir 
ein Boot über den Fluss kommen. Kaum war es knirschend aut 
den Strand gelaufen, da stürzte Ögmundur auf einen der Insassen 
zu und umarmte und küsste ihn unaufhörlich. Ich dachte zunächst, 
es wäre einer der zahllosen Bekannten von ihm, aber freudestrah- 
lend rief er mir zu: es sei sein Schwager, der Arzt von Brekka, 
Dr. Jonas Krisfinnsson, bei dem wir über Nacht bleiben wollten. 
Dieser hatte vom anderen Ufer aus mit seinem Fernglase Ögmundur 
erkannt, trotz des wilden Bartes, der ihm seit Reykjavik gewachsen 
war. Um uns den Umweg von 2 — 3 Stunden bis zur nächsten 
Fähre zu ersparen, wollte er uns abholen, und sein Bruder über- 
nahm es, die abgesattelten Pferde nachzubringen. Das kühle Bad 
tat ihnen wohl, und da wir vom Arzte freundlich eingeladen wurden, 
bei ihm zwei Nächte zu bleiben, wurden sie wieder völlig frisch, 
und unbedenklich konnte ihnen der Rest der Reise zugemutet 
werden. Obwohl Dr. Jonas und Ögmundur kräftig in die Ruder 
griffen, dauerte die Überfahrt doch länger als 20 Minuten; die Ge- 
päckkoffer wurden von einigen Knechten den steilen Abhang hinauf- 
getragen, und bald löschten wir unseren Durst an einer Kanne 
köstlichen Kaffees und drei grossen Schalen Milch; von dem 
kalten Gletscherwasser unterwegs zu trinken, habe ich stets ver- 

Herrmann, Island II. ^-' 



178 Brekka. 

mieden, auch wenn die Gier noch so gross war, und ich bin da- 
durch auch von mancherlei Beschwerden, wie Magenerkähung und 
Durchfall, verschont geblieben. 

Das Wohnhaus war ganz altertümlich; nicht nur der dunkle 
Eingang war vorhanden, von dem aus zur Linken die Gaststube 
lag, sondern man musste sich auch durch einen langen, finsteren 
Gang tappen, darauf ein paar Stufen hinaufsteigen und war dann 
in dem Esszimmer , durch dessen Fenster man über das Grasdach 
der unteren Räume hinwegblickte. 



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21. Juli. 

Gross war meine Überraschung, als mir Dr. Jonas am nächsten 
Morgen ein Bild brachte, das Prof. Kahle aus Heidelberg vor dem 
Antritt seiner Reise von Reykjavik nach Akitreyri darstellte. JÖ7ias 
war 1894 Kahl es Führer gewesen und zeigte mir voll Stolz die Stelle 
in Kahles Buch (S. 133), wo dieser sagt, einen besseren Führer hätte 
er kaum finden können. Aber auch er bewahrte K ah le ein dank- 
bares Andenken und rühmte namentlich die Unverdrossenheit, mit 
der er unterwegs isländisch zu sprechen sich bemüht hätte. 

Dem Wohnhause gegenüber wurde der Grund zu einem neuen 
Krankenhause gelegt , es ist das siebente auf der ganzen Insel. 
Der Boden war etwa i^st m tief ausgeschachtet, und das Fundament 
war aus Feldsteinen hergerichtet, die mit Zement verbunden waren. 
Es ist für 6 Betten berechnet und die Stiftung einiger wohlhabender 
Bauern aus der Umgegend. Für den Reichtum dieser Gegend 
mögen folgende Angaben sprechen: Adalböl hat 12 Menschen, 
6 Pferde, 2 Kühe, 300 Schafe; Skrida hat 20 Menschen, 22 Pferde, 

10 Kühe, 800 Schafe, Porgerdarstadir (im südlichen Fljötsdalur): 

1 1 Menschen, 6 Pferde, 4 Kühe, 300 Schafe. Der Bauer des zuletzt 
genannten Hofes hält keine Melkschafe , obwohl ein Schaf täglich 
I Liter ^^lilch liefert, sondern deckt seinen Bedarf an Milch durch 
die 4 Kühe; die Schafe, denen die Milch entzogen wird, sollen an 
Wert verlieren, und deshalb soll sich ihre Auffütterung nicht recht 
verlohnen. Er holt auch das Heu von den Bergwiesen nicht auf 
dem Rücken der Pferde , wie sonst allgemein üblich , sondern hat 
sich aus Norwegen nach Seydisfjördiir einen ca. looo m langen 
Eisendraht kommen lassen, und an diesem gleitet das Heu nun zu 
Tale »). 

Dr. Jonas hat ein gastfreies Haus, nicht weniger als neun 
Personen kamen im Laufe des Tages zu Besuch, darunter drei 
junge Damen aus Reykjavik , die ein paar Tage bleiben wollten, 
und ein Isländer aus Amerika. Da Ögmundur seine Pferde für 



1) Bruun, Ved Vatna Jökulls Nordrand, S. i8. 



Hengifoss. 



179 



die Kletterei nicht hergeben wollte, Hess der Doktor seine eigenen 
schönen Tiere vorführen und brachte uns mit seinem Bruder spät 
am Nachmittag selbst nach dem Hengifoss (steiler, hoher Wasser- 
fall), dem höchsten Wasserfall auf Island (Fig. 90J. Die Wiesen 
in der Nähe des Hauses waren überaus üppig: von dem weissen 




Fig. 90. Hengifoss. 



Klee, den bunten Wicken und zierlichen Stiefmütterchen stieg ein 
lieblicher Duft empor. Bei einem Vorwerke war ein Blaufuchs, ein 
junges, zierliches Tierchen, an einer langen Kette festgemacht, er 
lief unermüdlich im Kreise umher und war so zahm, dass er auf 
einen Pfiff herankam. Dann aber ging es tüchtig bergan, und wir 
hatten wieder eine herrliche Aussicht. Es ist eitle Mühe, all die 
prächtigen Bilder zu beschreiben, die der Reisende auf Island zu 

12* 



180 Brekka. Hengifoss. 

sehen bekommt, vorausgesetzt, dass das Wetter gut ist. Über das 
breite, tiefe Tal lag eine bläulich weisse, in lichten Hauch ge- 
hüllte, aber vollkommen durchsichtige Luftschicht ausgebreitet, die 
den Tälern weit und Höhen eine magische Beleuchtung gab. Unten 
spiegelte sich das Lagarfljöt in weissen, langen Streifen, der SiKr/ell 
stieg im Hintergrunde empor, und darüber hinaus die riesigen 
Schnee- und Eisfelder des ]^atnajök2iU ; auf der entgegengesetzten 
Seite ragte einsam der Höttiir (Hut) und nach Nordosten der ge- 
waltige Bergrücken zwischen dem Vopnafjördiir und dem Jökiils- 
dalur ^ der im Siiiör/jaLl seinen höchsten Punkt erreicht (^Butter- 
berg, 12 1 1 m). 

Der Wasserfall wird von der Hengifossd gebildet, einem kleinen, 
aber reissenden Bergbach, der am Stapalili'd plötzlich senkrecht in 
eine Tiefe von iio m hinabtost und nach verschiedenen kleinen 
Fällen durch tiefe Klüfte in das Lagarfljöt stürzt; der schönste 
unter diesen ist der Lttla)icsfoss, der von einer lotrechten Wand 
mit prachtvollen Basaltwänden herunterfällt. Der Abstieg nach dem 
Loss war nicht leicht. Über Tuffklötzc, die unter der Hand zer- 
bröckelten, und Basaltblöcke kletterten wir in das Flussbett hinab, 
um den Foss in seinem ganzen Fall überblicken zu können. Er 
kommt aus einem Rundbau in zwei mächtigen Strahlen geschossen, 
die sich unten in viele schmale Streifen zerstäuben. Nicht die 
Menge des Wassers, sondern die Höhe, von der es herabbraust, 
wirkt so imponierend, und die wildromantische Umgebung, von der 
aus man das grossartige Schauspiel geniesst. Das Flussbett ist mit 
riesigen Steinen ausgefüllt, die in phantastischen Stellungen auf- 
gestapelt sind; da sie vom Wasser glatt gescheuert sind, ist es 
nicht leicht, beim Springen von einem Stein auf den andern auf 
ihnen festen Fuss zu fassen. Auf dem jenseitigen Ufer fand ich 
die grössten Giengen von Stirturhrandni\ die ich bisher gesehen 
hatte, Reste einer früheren, üppigeren Pflanzenwelt, und ich hatte 
das grosse Glück, darunter einen deutlichen Blattabdruck zu ent- 
decken, der jetzt auf meinem Schreibtische liegt. Von praktischer 
Bedeutung ist der Surturbra)idnr für den Isländer nicht ; er genügt 
wohl, um das Feuer in der Schmiede und der Badstofa zu unter- 
halten, aber er kommt entweder in mehr oder weniger unzugäng- 
lichen Gegenden hoch oben in den Bergen vor, oder seine Aus- 
beutung ist bald erschöpft, wenn man ihn zu eifrig sucht. 

Beim Heimwege hatten wir den seltenen Anblick eines rosa- 
baugiir (Sturmring): um die Sonne lag ein grosser, weiter, breiter 
Kreis mit einigen Regenbogenfarben. Der Führer meinte, es sei 
Staub, der in weiter Ferne zum Himmel emporwirbelte, aber er 
gelte als ein Vorbote von starkem, mit Regen oder Schnee be- 
gleitetem Winde. Eine alte Bezeichnung, die er daneben gebrauchte, 



Brekka. Hrafnkelssaga. 381 

hafgill vermag ich leider, trotz vielfacher Anfragen, nicht zu be- 
legen noch zu deuten ^). 

22. Juli. 

Am nächsten Morgen gaben un.s der Doktor und seine liebens- 
würdige Gattin eine Stunde weit das Geleite, bis gegenüber Hrafn- 
kelsstadir, der Stätte, wo der vertriebene HrafnkclL sich ein neues 
Haus und neue Macht gegründet hatte; sein Bruder hatte es über- 
nommen, uns über die unwirtliche Fljötsdalsheidi zu führen. Es war 
eigentlich mein Plan gewesen, diese Gegend genauer kennen zu 
lernen und zwei bis drei Tage darauf zu verwenden. Denn hier ist 
der Schauplatz der Hraßikelssaga Freysgoda, einer Geschlechts- 
sage, die durch die mit höchster Kunst ausgeführte Zeichnung des 
Charakters des Helden auch den modernen Leser unwiderstehlich 
fesselt. Der Dialog ist ungemein charakteristisch und von drama- 
tischer Lebhaftigkeit, und das Bild, das vom isländischen Leben in 
der Mitte des lo. Jahrhunderts entrollt wird, enthält viele wertvolle 
Züge, besonders über den Vorgang bei den Thingversammlungen 
— Sdnis Rechtsgang gegen Hrafnkell und die sich anschliessende 
Exekution — , über Götterverehrung, Wesen und Bereich der Goden- 
gewalt. Aber Sira Jon in Stafafell hatte mir Daniel Bruuns 
Aufsatz ,,Am Nordrande des Vatna Jökull" gezeigt, und ich hatte 
daraus zu meinem Schmerz ersehen, dass der unermüdliche Haupt- 
mann auch hier gewesen war und die Gegend sehr genau durch- 
forscht hatte. Dadurch war mein Vorhaben in der Hauptsache 
unnötig geworden, immerhin lernte ich noch wichtige Teile der 
Landschaft kennen, wo die Sage spielt. Sie schildert einen Atheisten, 
oder besser einen Skeptiker, der von Göttern keine Hilfe mehr er- 
wartet und statt der Götter nur ein Schicksalswalten annimmt. 
Felix Dahn hat nach dem Vorbilde dieser ,, Biographie" seinen 
nordischen Roman ,,Sind Götter.?" geschrieben. 

Als Hallfredr, Hrafnkels Vater, aus dem Geitdalr fortgezogen war (vergl. 
S. 172), ritt sein Sohn jeden Sommer über die Fljötsdalsheidi: damals war der 
Jökulsdalur bis zur Brücke über die Jökulsä ä Brü noch ganz bewohnt. 
Hrafnkell sah, dass sich vom Jökttlsdalur hinauf ein unbewohntes Tal hinzog, das 
ihm mehr als alle andern Täler, die er bisher gesehen hatte, zur Besiedlung geeignet 
erschien. Er baute sich in diesem Tale seinen Hof und nannte ihn Adalböl (Haupt- 
wohnung)^ er veranstaltete ein grosses Opfer und Hess einen grossen Tempel auf- 
führen. Er war ein überaus rücksichtsloser, aber sehr tüchtiger Mann. Er unterwarf 



1) In Björn Halldörssons Lexicon islandico-latina-danicum (Kph. 18:4) findet 
sich das Wort hafgall n. irina, meteoron aeris pelagici, eine regenbogenfarbige Luft- 
erscheinung auf dem Meere. — Die Nebensonne, die vor der Sonne hergeht, nennt 
man Gill. Dies soll schlechtes Wetter bedeuten, wenn nicht zugleich eine Neben- 
sonne der Sonne folgt; letztere Nebensonne wird dann „Wolf" genannt, daher stammt 
das Sprichwort „Selten ist Gill zu etwas gut, wenn nicht der Wolf hinterher fährt". 
Gill ^=^ Gildir =^^o\il Vergl. Herrmann, Nordische Mythologie, S. 179. 



182 Hrafnkelssaga. 

sich auch die Männer des Jökulsdalr zu Thingmännern. Mit seinen Leuten war er 
nachgiebig und sanft, aber rauh und hart gegen die Männer des Jökulsdalr , und 
diese erlangten von ihm keine BilUgkeit. Er stand oftmals in Zweikämpfen , büsste 
aber keinen Mann mit Geld ; denn keiner bekam von ihm irgendwelche Bussgelder, 
was immer Hrafnkell ihm angetan haben mochte. 

- Hrafnkell liebte keinen Gott mehr als Freyr, und ihm gab er von allen seinen 
besten Schätzen die Hälfte. Darum wurde er Freysgodi , „Priester des Freyr" ge- 
nannt. Er hatte in seinem Eigentum ein Kleinod, das ihm besser als jedes andere 
schien Es war ein Hengst von dunkelbrauner Farbe, mit einem schwarzen Streifen 
über dem Rücken ; er nannte ihn Freyfaxi. Diesen gab er seinem Freunde Freyr 
zur Hälfte. Zu dem Hengste hatte er so grosse Zuneigung, dass er das Gelübde tat, 
er wolle den Mann töten, der ohne seinen Willen auf ihm reiten würde. 

Im Hrafnkelsdalr wohnte ein anderer Bauer , mit zwei Söhnen Sämr und 
Eyvindr auf dem Hofe Höll östlich von Adalböl. In demselben Tale war dessen 
Bruder ansässig , der einen Sohn Einarr hatte. Als dieser sich bei Hrafnkell als 
Hirt verdingte , schärfte er ihm ausdrücklich das Verbot ein : er soll niemals dem 
Hengste auf den Rücken kommen, wie gross ihm auch die Notwendigkeit dazu er- 
scheine, denn er habe hoch und teuer gelobt, den totzuschlagen, der auf ihm ritte; 
die zwölf Stuten aber , die dem Hengste folgten , stünden ihm jederzeit zu Gebote. 
Trotzdem besteigt der Knecht Freyfaxi , als ihm seine Schafherde versprengt ist, 
und das feurige Ross trägt ihn von Tagesanbruch bis zum Abend schnell vorwärts 
und weit umher. Als die verirrte Heerde wieder heimgetrieben ist, trieft Freyfaxi 
ganz von Schweiss, so dass er von jedem Haare tropft, und ist über und über mit 
Schlamm bespritzt und sehr erschöpft. Das Pferd reisst sich los und stürmt den 
weiten Weg von der Weide bis zu Hrafnkels Hause; es macht nicht eher Halt, als 
bis es vor der Türe steht, dann wiehert es laut. Hrafnkel erkennt Freyfaxi am 
Gewieher, ihm ahnt nichts Gutes; er geht hinaus und sagt zu ihm: „Schimpflich er- 
scheint es mir, dass du so arg mitgenommen bist, mein Pflegekind ! aber du hast ver- 
ständig gehandelt , dass du mich davon unterrichtet hast : es soll gerächt werden ! 
gehe du nun zu deiner Schar". Der Hengst tat es sogleich, Hrafnkel aber erschlug 
den Knecht, liess den Leichnam auf eine Bergterrasse bringen und errichtete eine 
Warte bei dem Grabhügel. Da aber der stolze und mächtige Gode Hrafnkell sich 
weigerte, den Vater des Erschlagenen, einen armen, einfachen Bauern, als seines- 
gleichen anzuerkennen und den Getöteten mit Geld zu büssen, nahm- Einars Vetter 
Sämr die Sache in die Hand, um sie vor das Althing zu bringen. Er ritt über die 
Brücke der Jökulsä d Brii, durch die Mödru da Is heidi bis Mödrudalr, wo er über- 
nachtete, dann bis zur Herdubreidstunga^) , einer grasreichen Strecke an der 
Herdubreid , weiter nordwestlich nach den Bläfjöll (südöstlich vom Myvaln) , und 
von da in den Kröksdalr (südwestlich vom Mf/valn), wo das Skjdlfandafljöt in das 
Tal eintritt, und weiter südwärts bis zur Wüste Spre)igisandr , vorüber an den 
Saudafell (westlich von der Blanda) und so bis zur Althingsstätte. 

Diese Stelle ist schon früher als ein Beweis dafür angeführt , dass man im 
Altertum den Weg auch über die Ödungen wagte, um die Reise zu kürzen. Sämr 
überschreitet den nördlichen Teil des Odädahraun. Heutzutage ist diese Strasse 
längst aufgegeben, während sie im 17. Jahrhundert noch bisweilen in der Richtung 
nach Osten zu benutzt worden sein soll. Es heisst, die Bischöfe seien auf ihren Visi- 
tationsreisen nach dem Ostlande über Odädahraun gegangen, und da dieser Weg 
über die höchsten Gebirge und Ödungen führte, haben sich an diese Fahrten der 
Bischöfe verschiedene Ächtersagen geknüpft. Thoroddsen fand 1884 auf dem 
klippenreichen Terrain vom Ferjufjall an der Jökulsä, wo im 16. Jahrhundert eine 
Fähre nach Mödrudalr gewesen sein soll, bis zu den Herdubreidarfjöll zu seiner 



1) Tunga ist eine Landzunge, die sich ins Meer erstreckt, oder ein Stück Land, 
das zwei zusammenfliessende Wasseradern scheidet. 



Hrafnkelssaga. 183 

grossen Verwunderung alte bemooste Steinwarten, die dann weiter in gerader Rich- 
tung vom Nordende der Hentubreidarfjöll zum Ketill in den Fremrinämnr führten. 
Er vermutet, dass dies der Reitweg ist, den Sdmr benutzt hat. Der Weg ist heute 
fast ungangbar, da sich bei der Eruption auf den Mfivainsörctfi 1875 unzählige sehr 
tiefe Risse in der Lava gebildet haben '). 

Hrcifnkell begab sich ebenfalls nach der Althingsstätte, schlug aber folgenden 
Weg ein : Er ritt am Ende des Lagarfljöt vorüber und quer über den Bergrücken 
bis zum Skridudalr, dann aufwärts durch denselben (also denselben Weg, der oben 
beschrieben ist) und südwärts auf der Oxarheidr (heute : Oxi oder Axarhekti) zum 
Beriifjördlir und dann den geraden Thingmännerweg bis Sida. Er gebrauchte 
70 Tage bis zur Thingstätte. Sämr verfocht auf dem Lögberg seinen Prozess nach 
den richtigen Landesgesetzen ohne Formfehler und mit tüchtiger Sachwaltung, so dass 
Hrafnkell geächtet wurde. Hrafnkell aber kehrte nach Adalböl zurück und tat, 
wie wenn nichts geschehen wäre. Hier überfielen ihn die Verwandten des ermor- 
deten Einarr, sie schenkten ihm zwar das Leben, aber zwangen ihn, Sdnir seine 
Godenwürde zu übergeben und Adalböl zu verlassen. Mit geringer Habe und einem 
Spiesse zog Hrafnkell fort quer über den Fljötsdalr, östlich von Lagarfljöt, lich- 
tete den Wald und baute sich einen stattlichen Hof auf, der seitdem Hrafnkels- 
siadir heisst. 

Weil durch Frey faxt soviel Unheil entstanden war, bestimmten die Verwandten 
des Erschlagenen: es solle ihn der in Empfang nehmen, dem er gehöre, d. h. er soll 
in Anerkennung des ihm zustehenden Miteigentums dem Gotte Freyr geopfert werden. 
Man führte den Hengst auf eine schroffe Felswand , zog ihm einen Sack über den 
Kopf, band Steine an seinen Hals und stiess ihn in den Abgrund. Der Ort heisst 
seitdem „/>^/aA:/s-KIippe". Oberhalb stand der Tempel, den Hrafnkell dem Freyr 
errichtet hatte. Die Götterbilder wurden ihres Schmuckes beraubt, und der Tempel 
ward ein Raub der Flammen. 

Als Hrafnkell erfuhr, dass Frey faxt getötet und Freyrs Tempel verbrannt 
war, sprach er: „Ich halte es für eine Abgeschmacktheit, an Götter zu glauben;" er 
erklärte, dass er von jetzt an nimmer an Götter glauben werde, und das hielt er seit- 
dem, indem er nie wieder opferte. Trotzdem wurde der völlig ungläubige Mann, der 
nie mehr opferte, nachdem er wieder mächtig geworden war, später Gode und er 
warb Godenherrschaft über alles Land östlich vom Lagarfljöt. Dieser Godenbezirk 
wurde bald viel grösser und volkreicher als der, den er früher innegehabt hatte; er 
erstreckte sich aufwärts über den Skridudalr und ganz hinauf das Lagarfljöt 
entlang. 

Das Glück begünstigte den willensstarken Mann, so dass er bald ebenso mächtig 
ward wie früher; aber er war jetzt beliebter als zuvor, er war bereitwillig und gast- 
frei, gefügig und zugänglich. 

Seine Aussöhnung mit Sämr war nur scheinbar. Auf den Spott einer seiner 
Mägde überfiel er Säms unschuldigen Bruder in der Fljötsdalsheidi auf einem Moore, 
das ohne Rasendecke und so beschaffen war, wie wenn man im blossen Schlamme 
ritte; man sank stets bis zum Knie oder zur Mitte des Schenkels, zeitweilig bis zum 
Bauche. Trotz mannhafter Verteidigung erlagen Säms Bruder und vier andere 
Männer bald. Dann überfiel Hrafnkell den Sämr und zwang ihn, unter denselben 
Bedingungen von Adalböl fortzuziehen, unter denen er es einst hatte verlassen müssen. 
Hier verbrachte er den Rest seiner Tage, angesehener noch als früher, aber auch 
beliebter als zuvor. Sein Grabhügel liegt im Hrafnkelsdalr, ausserhalb von Adalböl, 
grosse Schätze wurden ihm ins Grab gelegt, seine ganze Waft'enrüstung und sein guter 
Spiess. Seine Söhne übernahmen die Godengewalt; der eine wohnte zu Adalböl 
der andere zu Hrafnkelsstadir, 



1) Thoroddsen, Petermanns Mitteilungen 1885, S. 285,6; Thoroddsen 
Gebhardt II, S. 1134; Thoroddsen, Geogr. Tidsk. XVIII, 1905, S. 26 ff. 



184 Hrafnkelssaga. 

Ich habe diese Saga so ausführUch wieder erzählt, nicht nur 
weil sie eine Perle unter den Geschlechtssagen ist, sondern weil ich 
ihren Schauplatz zum Teil bereist habe, und, gestützt auf Kaalunds 
(II, S. 218 ff.) und Bruuns Untersuchungen, beurteilen kann, wie 
zuverlässig und mit der Wirklichkeit übereinstimmend ihre lokalen 
Angaben sind. Mit einer treuen Anschaulichkeit und realistischen 
Ausführlichkeit wie kaum in einer andern Saga sind die Örtlich- 
keiten und Reisewege beschrieben, der Verfasser muss sie aus eigener 
Anschauung kennen, also im Jökiilsdalr oder Fljötsdalr zu Hause 
gewesen sein. Dass er ein Geistlicher gewesen ist, glaube ich nicht; 
von einem geistlichen Interesse ist schwerlich etwas zu spüren, auch 
nicht in der Art, wie die Zerstörung des Tempels und die Sinnes- 
änderung des Hrafnkell geschildert wird. Die Gewissenhaftigkeit 
des Erzählers geht so weit, dass er bei Einars Grabhügel (Einars- 
varda) nicht zu erwähnen vergisst : ,,man hat auf der Sennhütte 
Vesperzeit {ftiidaptan, 6 Uhr abends), wenn die Sonne gerade über 
Einars Warte steht". Sigurdur Vigfüsson hat die Ruinen eines 
ütibiir (Aussenhaus, Gebäude zur Aufbewahrung von Vorräten) und 
eines skdli (vergl. I, S. 312J in Adalböl entdeckt. Eine halbe Meile 
südlich davon wird die Stelle gezeigt , wo Freyfaxi getötet wurde 
(Freyfaxahamarr) und eine tiefe Kluft (Faxagil), in die das Pferd 
hinabgestürzt wurde. Ungefähr an derselben Stelle, wo einst Hrafnkell 
wohnte, haust heute Elias, ein berühmter Rentierjäger, der in 
wenigen Jahren 200 Rentiere erlegt hat. 

Ilrafnkelsstadir und den 4 Meilen langen Hrafiikelsdahir, ein 
Seitental, das sich östlich von dem Jökulsdalur abzweigt, sahen 
wir nur von weitem ; aber Bessastadir passierten wir und waren so- 
mit auf demselben Wege, den Sä ms unglücklicher Bruder vor seiner 
Ermordung geritten war. Die allerdings wenig glaubwürdige Saga 
von den Droplaugssöhnen erwähnt in Bessastadir eines von einem 
Gehege aus Pfählen umschlossenen Tempels, der von edlen Metallen, 
Gold und Silber erglänzte : darin waren Thors und Freys, Friggs 
und Freyjas Bilder in kostbaren Gewändern'). 

Nicht weit davon entfernt liegt das Gehöft Skriduklaiistur 
(20 Menschen, 22 Pferde, 10 Kühe, 600 — 8cx) Schafe). Hier war 
das letzte Kloster auf Island errichtet, 1494, aber in der Reformation 
wurde es aufgehoben, und seine Besitzungen wurden von der Krone 
eingezogen. Etwas südlich von dem ehemaligen Kloster liegt der 
Pfarrhof Valpjöfstadnr: eine wundervoll geschnitzte Kirchentür von 
hier, die aus der Zeit von 1200 — 1225 stammen soll, besitzt das 
Nationalmuseum in Kopenhagen-). In Hallfredarstadir (1856) und 



1) Eine Münchhausiade, die hier spielt, teilt Gebhard mit, vergl. die Anm. S. 153. 

2) Weinhold, Altnordisches Leben, S. 324. K a a 1 u n d II, S. 226 ff; K a a 1 u n d , 
Fortidslaevninger S. 71, 93; Baumgartner, S. 306 ff. 



über die Fljötsdalsheidi. 185 

später wvi Skridiiklaiistur (1866) lebte der kürzlich verstorbene /V// 
Ölafsson, einer der beliebtesten Dichter Islands, der isländische 
Bellmann. Er ist ein Meister der Form und beherrscht auch den 
Stoff, ein Sänger der Gatten- und Elternliebe, weiss aber auch einen 
guten Trunk zu würdigen. Als am 29. März 1875 die vulkanischen 
Ausbrüche in den Dyngjufjöll und in der Sveinagjd stattfanden, 
wobei ein schrecklicher Äschenregen über den Jökuhdalur und 
Fljötsdahir bis hinab zur Küste herniederfiel, dichtete er das launige 
Lied 1) : 

Am Tage, da die Asche fiel. 

Es dröhnt die See — sie peitscht den Sand 
Und bricht sich an dem Strande. 
Im Westen speit ein Feuerberg 
Nun Bimsstein auf die Lande. 

Der Wind verhext die salz'ge See, 
Bläst immerzu ins Feuer 
Und hüllt in Asche Hof und Gau, 
Es ist nicht mehr geheuer. 

Doch sagt, wie kann ich um Pardon 
Anflehn die graue Asche? 
Drum kämpf ich wider Brandung, Wind 
Und Feuer — mit der Flasche. 

Den ganzen Sommer trink' ich nun 
Tagaus, tagein, — nicht bange, 
Was wohl die Welt darüber spricht. 
Und stütze meine Wange. 

Der Weg durch die Fljötsdalsheidi war überaus öde und eintönig, 
nur isländisch Moos und dürre Rentierflechten kommen hier fort. 
Rentiere sind hier keine Seltenheit (Jireiiin, hreiitdyr), besonders 
im Winter finden sie sich hier ein, da auf der Höhe oftmals weniger 
Schnee liegt als in den Tälern; im Sommer halten sie sich mehr 
in den Schluchten zwischen den einzelnen Gletscherfeldern des 
Vatnajökull auf. Im Frühjahr 1904 traf ein Bauer, der zum Arzte 
nach Brekka ritt, hier eine Stute mit zwei Jungen; das eine lief 
neugierig auf ihn zu und war nicht fortzubringen; er warf schnell 
einen Steinzaun um es herum, nahm es auf dem Heimwege mit 
und zog es mit Milch auf. Ögmundur erzählte mir, dass er auf 
der Halbinsel Reykjanes im Herbst 1 899 ein Rudel von 1 5 — 20 Stück 
gesehen habe. Das Ren ist keineswegs auf Island heimisch , son- 
dern erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eingeführt^). 



1) Pöstion, Eislandblüten, S. 13g. 

2) Islandske Maaneds-Tidender for Aar 1775, S. 55 — 60; Olaus Olayius, 
Öconomisk Reise, Vorwort S. 94; LovsamlLng for Island V, S. 393, 683; Olaflir 



186 Fljötsdalsheidi. Rentiere. 

1771 wurden 13 Tiere aus Finnmarken übergeführt, 10 starben wäh- 
rend der Seereise, die übrigen drei wurden in der Rdngdrvalla sysla 
ausgesetzt, 1777 wurden 25 nach der GullbringK sysla gebr^Lcht, deren 
Reste Ögmundur getroffen hat, 1783 weitere nach der Vadlaheidi 
am Eyjafjördur, ihre Zahl hat sich in 7 Jahren auf 300—400 ver- 
mehrt. NamentHch auf dem Gebirge zwischen der nördlichen 
Mi'ila sxsla und der Pingeyjar sysla, also in der Gegend, wo wir 
uns befanden, nahm ihre Zahl so sehr zu, dass die Bauern sich 
darüber beklagten, die Herden frässen das isländische Moos auf und 
zerträten sogar im Winter die Graswiesen und zerstörten sie. Da sie 
sehr scheu sind und nur selten gesehen werden, hatte man auch 
keinen Nutzen von ihrem Wildbret. Vor allem aber passen die 
Rentiere wohl für Nomaden , wie die Lappen , aber nicht für die 
sesshaften Isländer, und es ist bezeichnend für die Anschauung, die 
man von Island hatte, dass 1787 allen Ernstes vorgeschlagen wurde, 
eine Lappenfamilie auf der Insel anzusiedeln. Der Schaden, den 
die Tiere anrichten, überwiegt weit ihren Nutzen. Durch das Jagd- 
gesetz vom 20. Juni 1849 wurde die Jagd auf Rentiere vollständig 
freigegeben , und heute ist ihre Zahl so zusammengeschmolzen, 
dass sie fast zu zählen sind. Ausser auf Reykjanes und am Nord- 
rande des Vatnajöhill kommen sie heute eigentlich nur noch süd- 
östlich vom Myvatn und beim Sna^fell vor. Thoroddsen erzählt, 
dass 1900 ein verendetes Ren auf dem Breidamerkiirsandur ge- 
funden wurde und zwei lebende im Bezirke Örafi gesehen wurden: 
sie müssen sich quer über die Schneeflächen des ]^atnajöknll so- 
weit nach Süden verlaufen haben V). Von der Herde am Sna-fell, 
die 1888 noch 700 — 800 Stück stark war, sollen noch ca. 150 Tiere 
übrig sein; ich habe früher erzählt, dass Elias in Adalböl allein 
200 davon auf dem Gewissen hat. Die Bauern im Jökiilsdahir 
und //ra/nkelsdaliir hatten eine ganz bedeutende Einnahme durch 
die Rentierjagd; da diese sich oft in starken Rudeln in der Nähe 
des Jöktilsdalur aufhielten, und da sie ihre kranken oder toten 
Gefährten nur ungern verlassen, können mehrere oft mit einem 
Male geschossen werden. Das Fleisch, das im Herbst am besten 
ist, wird verkauft oder für den Winter aufbewahrt, der Preis eines 
Tieres beträgt 10 Kr. Seit dem 17. Mai 1882 ist vom i. Januar 
bis zum I. August Schonzeit für Rentiere, um dem unsinnigen, 
rücksichtslosen Morden durch englische Touristen ein Ende zu 
machen. 

Wir selbst trafen keine Rentiere auf der Fljötsdalsheidi, 



Jösepsson Hjörtr, Um Hreinadyr, in : Rit pess kgl. isl. Lcerdömslistafjelags VII, 
S. 77 — 104. — Sehr sorgfältig hat Gebhardt das Material zusammengestellt in seinem 
Aufsatze „Die Rentiere auf Island". Globus, Bd. 86, 1904, Nr. 16. 
1) Geogr. Tidskr. XIII, 1895, S. 27; XVII, 1903, S. 236, 237. 



Fljötsdalshcifli. Jftkulsä ä Brü. 



187 



während ich in Jotunheim in Norwegen unzähHge gesehen und über 
ein Dutzend Geweihe gefunden hatte. Ohne Lokalführer wäre es 
unmöghch gewesen, den Weg zu finden: kleine Sandstrecken 
wechselten mit nackten Steinen ab, zwischen denen auch nicht ein 
Hälmchen wuchs. Es ging endlos bergauf, bergab, bergauf, bergab; 
alle Stunden sahen wir vielleicht ein verirrtes Schaf, und ordentlich 
eine Freude war es, wenn wir ein dünnes, ängstliches Vogelpicpen 
hörten. Träge schlichen die Pferde dahin, und besonders mein 
wackerer Passgänger, der heute zum Packpferde degradiert war, 
Hess traurig den Kopf sinken. Hoffentlich macht er es nicht so, 
wie das alte Reitpferd des Oddr Eiuarsson von Skdlholt (f 1630), 
das sich aus Kummer und gekränktem Ehrgeiz ertränkte, weil es 
nicht mehr zum Reiten taugte! Der Abstieg zur Jökulsd d Brü 
war geradezu entsetzlich. Wir waren etwas zu weit östlich abge- 
kommen, fast bis zur Mündung der Hölkiid, und mussten nach 
Eyriksstadir abbiegen, wo wir über Nacht bleiben wollten. Es 
ging fortwährend herauf und herunter, über Klüfte, Spalten und 
Erdrutsche, die dem vulkanischen Ausbruche der Askja von 1875 
ihr Dasein verdankten. 

Die Jökulsd d Brü (umgebildet aus at brü = hjd brü, = Glet- 
scherfluss mit der Brücke, K aal und II, S. 203) entspringt in mehreren 
Armen, Kriiigilsd, Jökulsd d Brü und Jökulskvfsl auf dem Eyja- 
bakkajökull, dem 
Nordrande des 
Vatnajökull, und 
nimmt westlich 
noch die Saudd 
auf (Fig. 91), tritt 
bei dem Vioi^-Brü 
in bewohnte Ge- 
genden ein und 
strömt in einem 
engen Kluftbette 
mit überaus stei- 
len Felsen inreis- 
sendem Gefäll 
einher. Die milch- 
weissen Wogen 
• gehen so hoch, dass auch der sicherste Reiter sich nicht auf dem 
Pferde zu halten vermag; dazu ist das mit Flugsand gefüllte Bett 
mit riesigen, glatten, vom Strudel abgeschliffenen Steinen besetzt. 
Wenn die Sonne, wie in diesem Sommer, lange auf die Gletscher 
geschienen hat, wird die Abschmelzung so gross, und der Fluss so 
reissend, dass nicht einmal die mutigen Pferde hinüber schwimmen 
können. 




Fig. 91. Jökulsä ä Brü, entspringt auf dem EyjabakkajölvuU. 



188 Jökulsä ä Brü. Eyriksstadir. 

Der Strom hat seinen Namen „Gletscherfluss mit der Brücke" 
daher, dass über ihn seit alter Zeit eine Brücke führt, und noch 
l88l, als Thoroddsen seine Forschungsreisen auf Island begann, 
war dies auf der ganzen, grossen Insel die einzige Brücke. 

Schon im Pältr af Porsteini hvita (Kph. 1848, S. 40) wird eine Brücke er- 
wähnt, die über den nördlichen Lauf, etwa bei dem Gehöfte Fossvöllttr geführt haben 
muss; nach Kaalund (II, S. 204) hat der Fluss hier eine Breite von 54 Ellen, und die 
Kluft, in der er dahinströmt, hat Wände, die so steil sind wie die der Almannagjd. 
Obwohl der gewöhnliche Wasserstand 15 Ellen unter den Kluftufern beträgt, schwillt 
der Fluss im Frühjahr oder bei Gletscherschmelzen so an, dass er die 60 (dän.) Fuss 
lange Brücke immer gefährdet. Die Brücke bei Fossvöllur ist von deutschen Kauf- 
leuten zuerst gebaut und nachher von den Umwohnern unterhalten worden, bis sie 
1698 erneuert wurde; 1819 ist die Holzbrücke abermals erneuert. Daneben scheint 
eine natürliche Steinbrücke über die Jökulsd geführt zu haben (steinbogi), d. h. eine 
Brücke, die durch Felsen gebildet ist, die den Fluss überwölben; der Name des 
Gehöftes Brit erinnert noch an die alte Steinbrücke, die um 1 700 eingestürzt ist. 
Diese Brücke scheint schon Sämr benutzt zu haben : die Hrafnkelssaga hebt hervor, 
dass zu Hrafnkels Zeiten der Jökulsdalr bis zur Brücke hinauf ganz bewohnt war 
(K. 2). Beide Brücken aber, die hölzerne bei Fossvöllur, und die natürliche bei Brü 
scheint die Droplaugarsonar Saga zu meinen (K. 13): anlässlich eines Mordes im 
Bezirke Fljötsdalr beschloss man, an den Furten wie an den Brücken über die 
Jökulsä Wache zu halten'). 

Da der Fluss also weder durchritten , noch mit dem Boote 
passiert werden kann, haben die Isländer hier eine ganz eigentüm- 
liche, ebenso einfache wie praktische Einrichtung getroffen, um 
nicht von den Bewohnern des andern Ufers abgeschnitten zu 
werden: eine Luftfähre, in der immer nur ein Mann befördert 
werden kann (drdttur oder kldfiir). Der Bauer von Eyriksstadir, 
Einar Eiriksson, ein ungewöhnlich stattlicher und schöner Mann, 
kam zufällig ans andere Ufer und sah uns warten. Er rief mehrere 
Knechte herbei, darunter einen Stelzfuss, dem der Doktor in Brekka 
einen Fuss hatte abnehmen müssen, und die Vorbereitungen zum 
Übergang wurden getroffen. 

Zwischen den Felsen sind zwei Drahtseile über den Fluss ge- 
spannt, an denen eine Holzkiste auf Rädern schwebt, gross genug, 
um einen Menschen und die gewöhnliche Ladung eines Pferdes 
aufzunehmen. In diesen Korb muss der Reisende steigen und sich 
vermittelst eines dritten Seiles entweder selbst über den gähnenden 
Abgrund auf das andere Ufer ziehen oder sich von einem andern 
Manne, der sich daselbst befindet, hinüberziehen lassen. Sobald 
das Seil losgebunden wird, schiesst der Kasten mit wachsender 
Schnelligkeit bis zur Mitte, wo das Seil am tiefsten hängt, gerade 
über dem donnernden Flusse, steht dann plötzlich eine Weile still, 
und man hat unwillkürlich den nicht sonderlich beruhigenden Ge- 



1) Thorsteinn V. Gislason hat die „Jökulsä mit der Brücke" in einem schönen 
Gedichte besungen, das Pöstion gut verdolmetscht hat (Eislandblüten S. 205 — 207). 



Drättur. 



189 



danken, im nächsten Augenblick wird der ganze kostbare Inhalt 
mit einem Ruck in die Fluten geschleudert (Fig. 92). Es ist wahr- 
haftig ein eigentümliches Gefühl, so zusammengekauert in dem 
Kasten zu hocken, mitten über dem schäumenden Strom, wo das 
Wasser brüllt , so dass man nicht einen Laut hören kann , auf 
Gnade und Ungnade der Haltbarkeit der Taue überlassen; zcrreissen 
diese, oder bricht der Boden der Kiste durch, so fliegt man auf 
Nimmer -Wiedersehen in den wirbelnden Fluss. Nervösen oder an 




Fig. 92. Luftfähre (dräüur) bei Eyriksstadir. 



Schwindel leidenden Menschen ist schon der Anblick des hoch über 
dem Abgrunde schwebenden Kastens unerträglich; ein englischer 
Reisender, der verschiedene gefährliche Gletschertouren in Island 
gemacht hatte, machte kurzer Hand wieder Kehrt und ritt einen 
vollen Tag weiter bis zur nächsten Brücke. Kaum hatte ich in dem 
Drättur Platz genommen, da hakte, wohl infolge meiner Schwere, 
das eine Rad aus , und mit Mühe konnte es noch in seine Schiene 
gebracht werden, als ich auch schon der Mitte zusauste. Ich hatte 
aber mit der Zeit solches Vertrauen zu den isländischen Einrich- 
tungen gewonnen , dass mir auch nicht eine Minute das Gefühl 



190 Eyriksstadir. Drättur. 

der Angst kam ; ja ich bemühte mich noch, da der Student am 
andern Ufer seinen photographischen Apparat anlegte, ein möghchst 
freundhches Gesicht zu machen. Von der Mitte aus zieht man sich 
auf der anderen Seite wieder empor, oder lässt sich heraufwinden ; 
vertaut sich selbst und die Kiste und steigt wohlgemut aus '). — 

Die Pferde noch an demselben Abend hinüberzubringen, erwies 
sich als unmöglich. Der Bauer fürchtete, dass sie durch die rasende 
Strömung — der Fluss schiesst mit einer "Geschwindigkeit von 
7 Meilen dahin — von dem Vorsprung am andern Ufer abgetrieben 
oder über einen furchtbaren Wasserfall gegen die vom Wasser 
bedeckten Steine geschleudert und zerschmettert würden. Er hoffte 
aber, dass die Nacht kalt werden würde: die letzten Abschmelzungen 
des Gletschers seien zwischen 3 — 4 Uhr früh zu erwarten, dann 
trete noch einmal eine Anschwellung ein, und um 9 Uhr etwa sei 
der Fluss flach genug, dass man es wagen könnte, die Pferde hin- 
über zu treiben. Sie mussten also während der Nacht auf dem 
südlichen Ufer .bleiben, ihre Füsse wurden aber nicht gefesselt, 
weil das dürre Gelände auf der Heidi sie nicht zum Ausreissen 
verlocken würde. 

Der Bauernhof Exn'ksstadir liegt auf einer Anhöhe, etwa acht 
Minuten vom Fluss entfernt. Waren wir schon von dem stattlichen 
Aussehen des Hofes, dem wohlgepflegten Tihi und den vielen gut- 
erhaltenen kleineren Gebäuden überrascht, so wurden wir es noch 
mehr von der Einrichtung des Innern. An den Fenstern schimmerten 
saubere, weisse Tüllgardinen, die Wohnräume waren behaglich aus- 
.gestattet, in unserem Schlafgemach standen zwei Riesenbetten und 
ein eigener Waschtisch mit einem hübsch gemusterten schweren 
Porzellanservice. Zum erstenmal im Leben bekam ich auch den 
berühmten dänischen Kaffeepunsch vorgesetzt: eine halbe Tasse 
guten, starken Kaffees wird nach Belieben mit Brennivm „ver- 
dünnt"; dazu gab es frischgebackenen duftigen Kuchen, und aus 
einer unerschöpflichen Kiste wurden treffliche Zigarren angeboten. 
Mit listigem Schmunzeln wies mir Einar die Inschrift der Kiste : 
,, Probieren geht über Studieren", auf dem Deckel war ein Bruder 
Studio abgebildet mit Schläger und Bierglas, und als Gegenstück 
dazu ein anderer, der bei den Büchern büffelte; an den Seiten- 
wänden stand ,, Gaudeamus igitur". Es war deutsches Erzeugnis, 
und die Zigarre war wirklich gut. Dass die Schmisse des Studenten 



') Der Drättur ist hübsch verwertet bei Po eck, Islandzauber S. 62, 63, 99. 
— Eine eigenartige Überbrückung lernte Genschow am Ta tien In kennen. „Ein 
Bambusseil war über das Flussbett gezogen und an den Ufern am Felsblock befestigt. 
An dem Seil hing ein Haken, an dem Menschen oder Tiere, die hinüberwollten, be- 
festigt und mittelst einer Leine dann am Seil entlang sich zogen, bezügl. gezogen 
wurden. Es sah dies höchst possierlich aus. Wir brauchten diese Rutschbahn nicht 
zu benutzen." Genschow, Unter Chinesen und Tibetanern, Rostock 1905, S. 247. 



Eyriksstadir. 191 

Aufsehen erregten, lässt sich denken. Kopfschüttelnd betrachtete 
der Bauer sie immer wieder und konnte sich nicht vorstellen, dass 
viele Studenten bei uns so umherliefen. Er muss auch seinem 
Gesinde davon erzählt haben, denn als wir uns das Gehöft besahen, 
stiessen sich die Mägde kichernd an und blickten gebannt nach der 
linken Wange meines Gefährten. Aber vollends glaubte ich nach 
Deutschland entrückt zu sein, als der bildhübsche Bube eintrat und 
uns sein Spielzeug zeigte: ,, Lehmanns Automobil!" Es war ein 
Berliner Dienstmann mit blauer Bluse und roter Mütze, der einen 
zweiräderigen Karren schob. Deutsche Zigarren und deutsches Spiel- 
zeug im einsamen Osten der weltentlegenen Insel — war das nicht 
zum Lachen.^ Und doch scheinen schon in der ältesten Zeit fremde 
Händler mit Spielwaren nach Island gekommen zu sein. Eggert 
Olafsson und Bjanii Pdlsson erzählen, dass im Anfange des 17. Jahr- 
hunderts auf der Insel Flatey im Westen kleine gegossene Kupfer- 
bilder von allerlei Tieren aufgefunden seien (I, S. 327): es war wohl 
der Vorrat eines fremden Händlers, der damit strandete. Eine Saga 
erzählt, wie ein sechsjähriger Junge einem zwei Jahre jüngeren ein 
Messingpferdchen schenkte: er sei zu gross, um noch damit zu 
spielen {Vi'ga Gl. S. 12). 

Voll berechtigten Stolzes führte mich Einar auf seinem Gehöft 
umher. Die Schmiede war mit allem erforderlichen Handwerks- 
zeuge versehen, Hammer, Amboss und Blasebalg fehlten nicht, vor 
ihr lag ein Hestasteinn^ der die Jahreszahl 1675 trug; ein eiserner 
Ring war in ihn eingelassen, und an diesem wird das Pferd fest- 
gemacht, wenn es beschlagen wird. Die Schafe, die zum Melken 
in die Hürde getrieben wurden (kviar), waren entschieden fetter 
als sonst. Ich habe früher erwähnt, dass die Schafe im Osten be- 
sonders gut gedeihen, sie stehen auch höher im Preise als z. B. im 
Südwesten: ein dreijähriger Widder z.B. kostet hier 25 Kr., anders- 
wo 16 Kr. Sie gehen im Winter fast immer auf die Weide, da sie 
genügend Futter finden und der Schnee keine dichte Decke bildet. 
Die Gehöfte in dieser Öde sind zwar spärlich und weit verstreut, 
aber die Bauern sind recht wohlhabend. Dazu kommt, dass sie bei 
der weiten Entfernung von der Küste nur selten nach den Handels- 
plätzen kommen und das verderbliche Kreditsystem nicht zu kennen 
scheinen. Der Bauer in Mö'drudaliir, wohin wir am nächsten Tage 
kamen, hat 40 Pferde, 1000 Schafe, aber nur 6-8 Kühe; denn bei 
dem Laub der kleinen Weiden und dem Strandhafer können wohl 
Schafe bestehen, aber für Kühe findet sich nicht genug Futter. 
Dieser Bauer ist sogar ein ,, Fortschrittsmann": er fährt alle Jahre, 
wie übrigens auch manche andere isländische Bauern, nach Kopen- 
hagen oder Norwegen, ,,um sich auszulüften", und als wir bei ihm 
einkehrten, war er auf ^/4 Jahre nach Amerika gereist. 



192 Eyriksstadir. 

Unter der Grasdecke des Tun lag eine etwa drei Zoll dicke 
Aschenschicht, sie stammt von dem vulkanischen Ausbruche aus 
den Dyjigjufjöll^ 1875. Daher rühren auch die vielen grauen Streifen, 
die die Wiesen bedecken und von weitem wie schmutzige Schnee- 
felder aussehen. Der Auswurf der kolossalen Masse von Bimsstein- 
asche hat das Gras überall verwittert, im Westen von der Liiidad 
an, die etwas nördlich von Mödrudalur in die Jöhilsd d Fjölluni 
mündet, bis zur Jökiilsd d Bri'i. Auf ebenem Boden liegt die 
Asche 15 — 30 cm hoch, in der Nähe der Gebirgsabhänge ist sie 
nach Thoroddsen bis zu 3 — 4 m Dicke herabgeschwemmt. Noch 
jetzt sind fünf Gehöfte in 'jökiihdalur vollständig verödet. Die 
Askja (Schachtel), genannt nach einem kesseiförmigen Tale, das 
von steilen, hohen Felsen umgeben ist, 1 148 m, Islands grösster 
Vulkan, ist eigentlich von mindestens 20 Vulkanen gebildet (mit 
einem Areal von 55 qkm) und liegt südöstlich im Odddahraun, 
mitten in einer Berggruppe, den DyngjiifjölL Der Ausbruch am 
29. jMärz 1875 förderte eine ungeheure Menge liparitischer Bimsstein- 
asche zutage, die ein Areal von 5 — 600 qkm im östlichen Island 
bedeckte, aber merkwürdigerweise keine Lava: die Dampfentwicke- 
lung war so ungeheuer stark, dass der Dampf die geschmolzenen 
Steinmassen nicht als Ströme ausfliessen liess, sondern als Bims- 
steinasche ausgeblasen hat. 

23- Juli. 

In der Frühe kam der Knecht, dem Dr. Jonas das Bein ab- 
genommen hatte, mit der tröstlichen Meldung, dass die Pferde wohl 
über die Jökiilsd gebracht werden könnten. Wir hatten wieder, 
wie während der ganzen Reise, Glück ; das W'asser war ersichtlich 
gefallen, überall traten glatte, scharfe, hohe Steine zutage, die 
gestern nicht zu sehen waren ; wir konnten also den Umweg von 
zwei Tagen bis hinauf zur Brücke und am nördlichen Ufer w'ieder 
zurück, ersparen. Trotzdem war der Übergang der Pferde am 
nächsten Morgen das Gefährlichste und Aufregendste, was ich auf 
Island erlebt habe. Sechs ]\lann traten in Tätigkeit : vier fuhren 
mit dem Drdttiir hinüber, um die Pferde in den Fluss zu treiben, 
zwei blieben zurück, darunter der Bauer selbst. Einer hielt ein 
Pferd an der Hand, um die andern anzulocken und ihnen Mut zu 
machen ; es sollte ihnen durch sein Wiehern sagen : ich bin glücklich 
hinübergekommen, also werdet ihr doch auch so viel Mut haben. 
Sieben von unsern neun Pferden gingen auch ohne weiteres in das 
Wasser hinein, und obwohl die wackern Tiere sofort den Grund 
verloren, obwohl das Wasser minutenlang über ihren Köpfen zu- 
sammenschlug, sie verwirrte und sie weit wegtrieb, erreichten sie 
doch glücklich, mit frohem Aufatmen begrüsst, das andere Ufer. 



Eyriksstadir. Die Pferde werden über die Jökulsä gebracht. 



193 



Die beiden letzten aber wurden vor den schäumenden Wellen scheu 
und ängstlich, kehrten wieder um und suchten sich davon zu machen. 
Zweimal, dreimal wurden sie mit Steinwürfen wieder hineingetrieben 
(Fig. 93), aber sobald der Boden unter ihnen nachgab, schwammen 
sie wieder zurück. Ich war verzweifelt und gab schon alle Hoffnung 




Fig. 93. Die Pferde werden durch Steinwürfe in die Jökulsä getrieben. 



auf. Aber der Bauer tröstete mich. Er nahm ein Seil, das noch 
einmal so lang war , wie der Fluss breit , fuhr schnell auf dem 
Kasten hinüber, befestigte das Tauende an dem Unterkiefer des 
einen Pferdes, kehrte durch die Luft zurück, und von neuem begann 
das aufregende Schauspiel des Hinübertreibens ^). Die schwarzblaue 



^ Auf dieselbe Weise bringt Sven Hedin seine Kamele über einen reissenden 
Fluss (Abenteuer in Tibet, Leipzig 1904, S. 182 83). 

Herrraann, Island II. 13 



]94 



Eyriksstadir. Die Pferde werden über die Jökulsä gebracht. 



Schecke drückte sich auch wirkhch abermals; das andere Pferd 
aber wurde vorn von der Leine gezogen, hinten schrien, prügelten, 
warfen die vier Mann ; jetzt war es an der schlimmen Stelle, wo es 
schwimmen musste ; zurück konnte es nicht mehr, da der Schmerz 
am Unterkiefer zu heftig wurde ; wie ein Pfeil schoss der Bauer, 
der mit eiserner Faust das Tau festhielt, auf dem schmalen, glatten 
Wege dahin, um mit dem von der Strömung abwärts getriebenen 
Pferde Schritt zu halten, und zog gleichzeitig mit Leibeskräften an 




Fig. 94. Satteln der Pferde nach dem Übergang über die Jökulsä bei Eyriksstadir. 



dem Strick, bis der Ausreisser glücklich gelandet war. Wie ein 
Pudel schüttelte er sich ; als er aber seine Kameraden bemerkte, 
legte er alle Angst ab und fing fröhlich zu grasen an. Dasselbe 
Manöver wiederholte sich auch bei dem neunten, letzten Pferde : 
es hatte sich mit dem linken Hinterfusse an einer scharfen Klippe 
gestosscn und blutete heftig. Es war augenscheinlich das schwächste 
und furchtsamste von allen unseren Pferden ; eine lange, lange Zeit, 
so dass ich es schon verloren gab, verschwand es unter den Wellen ; 
aber der Bauer liess mit übermenschlicher Kraft die Leine nicht 
los; endlich tauchten die Ohren auf, der ganze Kopf, und dann 



Jökuldalsheidi. 195 

stampfte es gemächlich die steile Seitenwand empor. Damit war 
auch das letzte Hindernis siegreich überwunden; die Pferde wurden 
gesattelt (Fig. 94) und frohgemut konnte die Weiterreise angetreten 
werden. 

Der Bauer gab uns selbst das Geleit, und ich freute mich auf- 
richtig, mit dem verständigen Manne noch plaudern zu können. 
Die Jökuldalsheidi , etwa 500 m ü. M., liegt zwischen der in den 
Vopnafjördur mündenden Hofsd imd der Jökiilsd d Brü, eine 
steinige öde, wellenförmige Hochebene, aus der sich jedoch mehrere 
parallele Gebirgsketten und einzelne kleine Gcbirgsknoten erheben. 
Die Karte von Björn Giinnlaugsson lässt hier vollständig im Stiche, 
die Lage der Gebirgszüge entspricht nicht der Wirklichkeit, viele 
Täler und Flüsse fehlen, und selbst die Gehöfte liegen nicht an der 
richtigen Stelle. Noch viel unbrauchbarer natürlich ist Björns Karte 
am Nordrande des Vatnajök^Ul, aber selbst das Gebiet zwischen 
beiden Gletscherflüssen ist völlig verkehrt eingezeichnet. Selbst 
Thoroddsen, der die Notwendigkeit einer genaueren Karte er- 
kannte, ist durch besondere Zeitverhältnisse und schlechte Witterung 
verhindert gewesen, alle Fehler zu verbessern. 

Gegenüber der Stelle, wo wir gestern abwärts nach der 
Jökulsd gerutscht waren, stiegen wir heute empor. Eine Menge 
glazialer Seen breitete sich vor uns aus, viel mehr, als auf den 
Karten eingetragen sind : das Anavatn , das durch die Pverd mit 
dem Pverdrvatn verbunden ist, die in die Jökulsd d Bri'i fliesst, 
Mntbrunnavafn, Sccnaiitavatn, Hafsvötn^ Prihyrningsvafu , Grioina- 
vatn. Letzterer See ist durch die Masse von Bimssteinasche 
fast ausgetrocknet. Auf dem von Einar als grösstem See bezeich- 
neten Gripdeild (Diebes-, Räubersee) wiegten sich etwa zwölf stolze, 
silberweisse Schwäne, die sich durch unsere Nähe nicht im ge- 
ringsten stören Hessen, obwohl sie von Mitte Juli bis Anfang Sep- 
tember nicht fliegen können. Die Seen sind überreich an Forellen, 
und die paar Bauern, die hier wohnen, können sie beim besten 
Willen nicht verspeisen. Aber das sind auch ihre einzigen Schätze, 
und an den Häusern sieht man, wie arm ihre Bewohner sind; es 
sind die dürftigsten Behausungen, die ich auf Island angetroffen 
habe, windschief und fast nur aus Grassoden bestehend. 

Diese Heidih\\diQ.t dieGrenze zwischen denPalagonit-Formationen 
und den Basaltbildungen des Ostlandes, in die sich die Jökulsd d 
Bn'i eine tiefe Rinne gegraben hat. Bald umfing uns die öde, 
nackte Steppe mit ihren Todesschauern. Vergebens sucht das Auge 
nach einem freundlichen grünen Fleckchen ; es sieht nichts wie 
Sand und Steine und Staub ; kein Vogel, kein Tier, keine Pflanze, 
kein Leben regt sich, alles ist ausgestorben. Hätte uns Einar nicht 
mit seinem herzlichen Lachen aufgeheitert, ich glaube, wir wären 
melancholisch geworden und hätten kein Wort unter uns gewechselt; 

13* 



196 Jökuldalsheidi. Mödrudalur. 

selbst unsere munteren Pferdchen schlichen gesenkten Hauptes 
träge dahin. Der Boden war 1 — 2 Zoll dick mit Bimsstein bedeckt; 
an anderen Stellen lag der Grus in kleinen Haufen umher, tiefe 
Risse und Spalten zogen bald hier, bald dort durch die Oberfläche : 
diese Bimssteinschichten sind furchtbare Zeugen von der Grossartig- 
keit des Ausbruches in der Askja vom Jahre 1875. 

Je mehr wir nach Westen hinüberbogen, desto eintöniger wurde 
die Gegend, wenn überhaupt noch eine Steigerung der Öde mög- 
lich war. Wolken von feinem Flugsande flogen über uns hin, und wir 
sahen, wie in der Ferpe eine mächtige Staubsäule plötzlich hoch 
in die Luft empor wirbelte, sich mit rasender Geschwindigkeit im 
Kreise drehte und mit einem Male verschwand ; bald darauf wieder- 
holte sich dasselbe Schauspiel an einigen andern Stellen. Auch die 
Einsenkungen des Bodens waren von dem Flugsand ausgefüllt, zu- 
weilen hatte der Wind diese Mischungen von verwittertem Pala- 
gonittuff, vulkanischer Asche und liparitischem Bimssteinstaub aus 
der Askja (niöhella) zu Dünen zusammengefegt, die wie kleine 
Wellen über die Ebene liefen, nur hier und da mit Flechten, Moosen, 
Sandhafer und Weiden bewachsen. Zwei Bergketten, Mödrudals- 
gardar^ die durch eine Ebene, Geitasandur, 500 m ü. M., von ein- 
ander geschieden sind, trennten uns noch von unserem Ziele. Ob- 
wohl sie auf Björns Karte nicht verzeichnet sind, war der 
Weg doch nicht mehr zu verfehlen, Einar nahm daher Abschied 
von uns. 

Als wir von den Bergen niederstiegen, zeigte sich plötzlich, wie 
eine Oase in der Wüste, Mödrudalur vor unseren Augen (Fig. 95); 
der Name ist, wie Mödruvellir bei Ahireyri von iiiadra gebildet, 
„Galium boreale". Mödrudalur mit seinen W' lesen ringsum ist 
gleichsam eine Welt für sich, abgesondert von der übrigen Welt 
durch die Jökulsd d Fjöllum nach Westen, und die Jökuldalsheidi 
und Jökulsd d Brü nach Osten. Das Gehöft machte einen statt- 
lichen, wohlhabenden Eindruck und wird als die Hauptstation für 
die Reisenden zwischen dem Ost- und Nordlande viel von Fremden 
besucht ; doch schien es mir so, als ob durch die vielen Reisen des 
Bauern nach dem Auslande nicht alles so in Ordnung war, wie ich 
es sonst in Island gefunden habe. Mödrudalur, eins der höchst 
gelegenen Gehöfte, 469 m ü. ]\I., ist meteorologische Station, die 
Witterung ist hier bedeutend strenger als an der Küste, die jähr- 
liche Mitteltemperatur ist -hO,8*'C. Salix glauca und Elymus 
arenarius werden im Herbst als Winterfutter verwendet, Kartoffeln 
und Rüben gedeihen nicht. Wir unterzogen uns zunächst einer 
gründlichen Reinigung, unsere Kleider, Ohren und Augen waren voll 
Sand ; denn obwohl wir nur 7 Stunden unterwegs waren, hatte sich 
doch bei der Hitze und dem Staub aus unserem Schweiss und dem 
Flugsand eine förmliche Kruste auf den Gesichtern gebildet, so dass 



Mödrudalur. 



107 



wir wie Räuber aussahen, die aus dem „Räubersec" kamen; dann 
betraten wir die Gaststube, wo Kaffee und Milch unser warteten. 
Das Zimmer war mit verschiedenen deutschen Öldrucken geschmückt, 
darunter war eine Abbildung des Kcmigssees, Bayerische Jäger und 
Schloss Chillon. Ögmundur meinte, sie stammten von Konrad 
Maurer her, der hier 1H58 längere Zeit verweilte. Damals war 
Mödrudalur das „eleganteste" Gehöft in ganz Island, heute ist es 
nur eins der reichsten^). 




Fig. 95. Mödrudalur. 



Der Abend war zu schön, als dass wir in der Stube hätten 
bleiben können. Vor dem Hause, zu dem eine Freitreppe empor- 
führte, lag eine frisch abgezogene, mit Salz eingeriebene Pferdehaut ; 
die Haare des Schweifes und der Mähne hingen am Zaun, zu glatten 
Strähnen geordnet, und sollten später zu Angelschnüren verarbeitet 

werden. 

Feierliches Schweigen lag über der traumversunkenen Land- 
schaft, und die Beleuchtung war so eigenartig und wunderbar, wie 
sie nur das grausilberne Licht und die helle Luft Islands hervorzu- 



1) Zwei interessante Volkssagen, die hier spielen, bei Maurer, Isl. Volkssagen, 
S. 154 — 157 und Lehm ann-Filhes II, S. 214 — 223. 



198 



Mödrudalur. Herdubreid. 



bringen vermögen. Geradeaus vom Hause, so dass man meint, sie 
mit den Händen greifen zu können, erheben sich die steilen, dunkeln 
Wände der Herdiibreid (die Breitschulterige, i66o m.j, auf die oben 
eine flache Schneedecke aufgestülpt ist (Fig. 96). Wir hatten den 
schönen, isolierten Berg schon während des ganzen Tages vor Augen 
gehabt, und Ögmundur verglich ihn wegen seiner Lage mitten in 
der Ebene mit einem riesigen englischen Pudding auf einer flachen 
Schüssel. Der Berg besteht aus sehr grobkörniger Breccie mit ein- 
gelagerten, olivinreichen Basaltblöcken, und ist nicht, wie Keil hack 
angibt (Z. d. Deutschen geol. Ges. Bd. 38. S. 400) ein Vulkan, son- 
dern ein Brecciefelsen, und zwar so steil, dass weder Thoroddsen 




Fig. 96. Herdubreid. 



hat hinaufreiten (!) können, noch sehr geübte MitgUeder des eng- 
lischen Alpenklubs ihn haben ersteigen können; aber er ist auf 
allen Seiten von Lavaströmen umgeben, und die Ausbrüche, die man 
der Herdubreid zugeschrieben hat, haben vermutlich in der Dyng- 
hifjöll stattgefunden. Seinen Gipfel bedeckt eine Firnkappe, aber 
die Wände fallen allzu lotrecht herab, als dass eine eigentliche 
Gletscherbildung stattfinden könnte; in heissen Sommern, wie 1904, 
verschwindet die Schneepyramide des Gipfels zum grossen Teile. 
Nördlich von der Herdubreid ziehen sich die schroffen Tufifspitzen 
der HerdiibreidarJjölL hin, 858 m, südlich die völlig mit Bimsstein- 
grus bedeckten Herdubreidartögl (1077 m); dahinter schimmert der 
gewaltige Schild des Kollötta Z>v«^'(7 -Vulkans empor (1209 m), 
und südlich von ihm steckt der Kamm des Brardrafell, ,,wie ein 
ungeheueres Stachelschwein" seine mächtigen Tuffsäulen empor. 



Mödrudalur. Jökulsä ä Fjöllum. 199 

Bis ZU den Dvng/u//ö// und selbst bis zu den KverkfjöLl und dem 
Dyngju/ökull,' den nördlichsten Ausläufern des VatnajökuU schweifte 
das Auge nach Westen und Süden; der Dyugjujökiill (400 qkm.) 
ist so mit Schlamm, Kies und grossen Doleritblöcken l)edeckt, dass 
er den Eindruck eines Lavastromes macht, obwohl vr)n seiner Firn- 
flcäche keine einzige Bergspitze aufragt; die Oberfläche des Glet- 
schers ist mit Eiszacken und Eispyramiden besetzt. Dahinter lag 
die ausgedehnteste und ödeste aller zusammenhängenden Lavaflächen 
Islands, das Ödddahrauii , das ein Areal von 3400 qkm umfasst. 
Nach Norden zu erhoben sich die Berge des Myvatn, von goldenem 
Schimmer übergössen; kein Berg glich dem andern, bald war es 
eine Spitze, bald eine Pyramide, bald ein breiter Rücken, bald ein 
tiefer Sattel, bald ein spitzer Kegel, bald eine gewölbte Kuppel. 
Die gelbe Färbung am Himmel ging langsam in ein eigentümliches 
Rotbraun über, und in der Ferne stiegen schwarze, dunkelblaue 
Wolken auf, die in ihrem Schoss ein Gewitter zu tragen schienen. 
Als aber gegen 1 1 Uhr der Vollmond durchbrach , wechselte die 
Beleuchtung abermals, ein kaltes Blau legte sich über die fernen 
Firnflächen, und fröstelnd begab ich mich zur Ruhe. 

24. Juli. 

Wir ritten immer der Jökiihd d Fjöllum [= auf den Bergen, 
oder Jökulsd i Axarßrdi genannt, nach dem Meerbusen Axarfjör- 
dur, in dem sie in das Meer mündet) parallel, die zu unserer Linken 
blieb, nach Norden zu. Sie galt früher als der längste Fluss Islands, 
was aber die PJörsd ist, hat ein Gebiet von 94 n-Meilen und führt 
450 km Wasser in der Sekunde; sie entspringt in- einer Einsenkung 
zwischen dem Ostrande des Dyngjujökiill und den Kverkfjöll und 
fliesst bis zum Meere durch Tuff- und Breccieterrain ohne nennens- 
werte Talbildung, die tiefe Kluft unterhalb des Deltifoss ist nach 
Thoroddsen (Island, S. 36) mehr einer vulkanischen Spalten- 
bildung als der Erosion des Wassers zuzuschreiben, sie ergiesst sich 
in die „Axtbucht". Selbst die Jökulsd d Brü und das Lagar- 
fljöt sind nur 5 Meilen kürzer (je 20 Meilen lang), und das 
Skjdlfandafljöt ist fast eben so lang (24 Meilen), hat ein Gebiet 
von 2800 qkm und führt eine Wassermasse von 105 cbm in der 
Sekunde. 

Der Boden war weich und bestand ausschliesslich aus Sand. 
Ohne Beschwerde passierten wir die Skardsd. Im Gänsemarsch 
trotteten wir bei Prallhitze durch das spärliche, dürre, raschelnde 
Gras, spitzgeformte, braune und schwarze Berge entlang, die ohne 
jeden Pflanzenwuchs waren, selbst ohne dürftiges Moos. Kein W'ölk- 
chen bedeckte den blauen Himmel. Fast unerträglich wurde die Glut, 



200 Durch die Wüste. 

als wir in den engen, schmalen, von Bergen rings eingeschlossenen 
Vi'didalur einbogen, kein Lüftchen regte sich, und träumend ritt ich, 
um dem Staub zu entgehen, am Ende des Zuges. Plötzlich blieb mein 
Pferd in dem weichen Sande stecken, in schönem Bogen glitt ich 
vornüber und lag mit meiner Brille mitten im Sande. Regungslos stand 
der Gaul still, erst als ich mich erhob, nahm er Reissaus und galop- 
pierte seinen Genossen nach, bis er von Ögmundur aufgefangen 
wurde. Ich hatte mir nur die linke Hand etwas aufgeschlagen und war 
ordentlich froh, den grossen Apothekerkasten in Anspruch nehmen zu 
können, wenn es auch nur ein Heftpflaster war, das ich ihm entnahm; 
so war das grosse, schw'ere Ding, das so viel Platz im Koffer ein- 
nahm und mich jeden Abend und Morgen beim Aus- und Einpacken 
geärgert hatte, wenigstens einmal nützlich gewesen. Ögmundur 
aber gab mir die weise Warnung: ,,Auf gefährlichen Strecken ist 
man achtsam und behutsam , da kommt nichts vor ; w^o es aber 
harmlos ist, passiert am meisten; mancher hat schon seinen Finger 
beim Bohren in die Nasenlöcher gebrochen". Der Bauer des Ge- 
höftes jydtdalur lud uns freundlich zu einer Tasse Kaffee ein, und 
da wir ganz verschmachtet waren, folgten wir ihm gern in das alter- 
tümliche Haus und tappten durch einen langen dunklen Seitengang 
eine halbe Treppe hoch in die Stube. Auffallend war mir, dass 
das mit Gras gedeckte Dach, das sonst grünt und womöglich blüht, 
hier vollständig ausgetrocknet, dürr und kahl war. So einfach und 
dürftig der Raum auch ausgestattet war, — das eine ausziehbare 
Bett diente zugleich als Tisch — eine Wanduhr, Nähmaschine und 
Barometer fehlten nicht, und der recht gute Kaffee wurde sogar in 
einer silbernen Kanne dargeboten, auf deren Deckel sich ein islän- 
discher Falk erhob, der einen getöteten Drachen zwischen den Fängen 
hielt: wie ich von der Bäuerin erfuhr, eine Versinnbildlichung des 
Gedankens, dass Islands fürchterlichste Krankheit, der Aussatz, im 
Aussterben begriffen ist. Übrigens fand ich derartige Kannen von 
nun an auf jedem Gehöfte bis Akureyri vor. Die geblümten Por- 
zellantassen hatten einen Goldrand, und die schwer beladenen 
Kuchenteller standen auf einem richtigen Präsentierbrette, das mit 
einer weissen Serviette bedeckt war. Es war alles ungemein sauber, 
und als sich gar herausstellte, dass die Hausfrau die Schwester der 
Bäuerin von Exn'kssladir war, wir also direkt Nachrichten von dem 
wackeren Einar und seiner freundlichen Gattin bringen konnten, 
widerstanden wir nur schwer der Einladung, die Nacht über hier 
zu bleiben. 

Wieder begann der Ritt durch die gelbgraue Wüste, in der 
sich lauter Haufen und kleine Hügel von Flugsand wellenförmig er- 
hoben. Von Reitweg ist hier keine Rede mehr, nur ganz vereinzelt 
zeigen kleine Steinpyramiden die Richtung an, meist ist man auf 
gut Glück angewiesen. In den Tälern hat der Flugsand lössartige 



Grimstadir. 201 

Schichten gebildet, die die Isländer viöhella nennen, der Wind hat 
ordentHch Furchen in sie eingegraben, und an den kleinen Plateau- 
flächen sind die einzelnen Lagen von Pflanzenstengeln durchwebt. 
Ich hielt es vor Staub nicht aus, sprengte voran und war so glück- 
lich, den Weg zu finden, wenn man von ,,Weg" reden kann. Durch 
Sandhafer, der vertrockneten Kakteen glich, und zerstreute Exem- 
plare von Silene maritima (Ifohirt, oder Fdlkapnngur), Cerastium 
alpinum (Milsareyra) und Armeria sibirica (Gullintoppa) und dicke 
Bildungen von altem Flugsande kamen wir endlich zu den Ruinen 
des ehemaligen Gehöftes Grimstadir. Als man vor mehr als 
25 Jahren hier einen Brunnen grub, stiess man unter der 6 m tiefen 
Flugsandbildung auf eine 2 ^/a m dicke Schicht Kiessand, die wieder 
auf einer festen Masse von Palagonitbreccie ruhte. Beim Ausbrucii 
der Askja 1875 fiel am 28. März zweimal Asche, darunter eine 
Menge verfilzter, fast i m langer, dunkelbrauner Glasfäden, die wie 
grobe Glasfäden aussahen und auf der Jökulsd schwammen. Diese 
führt nach Heiland hier eine Wassermenge von 450 cbm in der 
Sekunde, und die Masse Gletscherschlamm, die sie mit sich führt, 
beträgt nach demselben Gelehrten nicht weniger als 23328 Tons 
täglich. Von dem alten Gehöfte ragten nur noch ein paar zer- 
fallene Wände traurig empor, aber etwas Gras war wenigstens da, 
dass die Pferde sich erholen konnten. Vor vier Jahren war der 
Bauer von hier fortgezogen, näher an die Jökulsd d Fjölluni heran, 
weil alles versandet war (die Lage von Grimstadir ist demnach auf 
allen Karten zu berichtigen). Eine halbe Stunde später waren wir 
in dem neuen Gehöft Grimstadir , dem südlichsten Bauernhofe 
der Nordiir Pingeyjar sysla. Wieder leuchtete von weitem die 
Kuppe der Herdubreid herüber, und der Bauer sagte mir, dass der 
Berg den Knechten als Tagmesser dient. 

Unsere erste Bitte galt frischem Wasser, aber zweimal musste 
das grosse Becken geleert werden, und erst beim dritten Male kam 
wieder Grund in die Haut und in die Haare. Grimstadir liegt ganz 
ähnlich wie Mödriidalur. Der umsichtige Bauer brachte sogleich 
starken Kaffee und vier verschiedene Sorten Kuchen, darunter 
englische, mit Himbeer-Marmelade gefüllte Kakes. Das Abendessen 
bestand aus lauter isländischen Nationalgerichten , die uns bis auf 
das Walfleisch gut mundeten. Er hatte es kürzlich von der Küste 
mitgebracht , als er 200 Pf. Roggen für 1 7 Kr. eingekauft hatte, 
die Transportkosten für diese berechnete er sich mit 6 Kr. An 
den Wänden der Gaststube hingen das Tausendjahrbild, Thorodd- 
sens geologische Karte, Christus mit der Dornenkrone und die 
Mater dolorosa. Aber von katholischen Gefühlen war bei dem 
Bauern nicht das Geringste zu merken ; seine sehr vernünftige Ant- 
wort lief etwa auf dasselbe hinaus, was Schiller mit den Versen 
ausdrückt : 



202 



Grimstadir. 



Mit der Mutter und ihren Söhnen 

Krönt sich die herrlich vollendete Welt. 

Selber die Kirche, die göttliche, stellt nicht 

Schöneres dar auf dem himmlischen Thron. 

Höheres bildet 

Selber die Kunst nicht, die göttlich geborne, 

Als die Mutter mit ihrem Sohn. 




Vierzehntes Kapitel. 

Reise durch die Noraur und Sudur Mngeyjar sysla. 

25. Juli. 

In Gnmstadir spielt eine der beliebten Äch t er sagen ^). 
Ödddahraun ist, wie früher gezeigt, eine der wenigen Stellen, wo man 
wirklich Beweise für den Aufenthalt findet. Jon Eggertsso7i (1643-89), 
derselbe, der erwähnt, dass sich die Schlange im Lagarfl/öiim Todes- 
jahre Friedrich III. habe sehen lassen, sagt, bei dem Berge Herdu- 
hreid sei ein mächtiges Tal und in diesem viele wilde Schafe; 
wenn im Sommer starker Südwind wehe, so kämen sie gegen 
Norden zu aus dem Tale herab. Ein Geistlicher im Mödrudalur 
fing einst 80 Stück davon ein, die sämtlich sehr schön waren und 
keine Zeichen trugen. Thoroddsen fand hier Ruinen von Hütten, 
die aus Lavaplatten zusammengesetzt waren, die Wände waren mit 
Moos verstopft. Aber auch die Gebirgs-, Eis- und Lavawüsten der 
Umgegend sollen Friedlose beherhergt haben. Im Laufe der Zeit 
wuchsen sie zu Übermenschen heran, wurden gewaltige Zauberer 
und nahmen mancherlei Züge der Elfen und Unholde an. 

Eine halbe Stunde westlich von Grimstadir passierten wir die 
Jökulsd in derselben Weise, wie im Anfange der Reise die Hvitd 
und P/ursd\ zuerst wurden die Koffer und Sättel in einem Boote 
hinübergebracht, dann wir selbst, die Pferde mussten schwimmen. 
Der Fluss führte eine Menge faustgrosser Bimssteine, und am flachen 
Ufer war alles davon bedeckt. Wir ritten heute das westliche 
Ufer der Jökulsd entlang, am äussersten Rande der berüchtigten 
MyvalnörcF/i : diese Wüste liegt östlich von den früher genannten 
Bergen und erstreckt sich die Jökulsd entlang bis zum Meere, ohne 

1) Maurer, Isl. Volkssagen, S. 156; L e h m a nn- F il h es II, S. 228 — 230, vergl. 
S. 95, Anm. 



204 Myvatnsöraefi. Sveinagjä. 

von Bergen unterbrochen zu werden; nur in ihrem südlichen Teile 
kommen einige Kraterreihen vor. vulkanische Klüfte und einge- 
sunkene Landstreifen; die hier befindlichen Lavaströme stehen mit 
dem Odddahraiiii in ^/erbindung. 

Wären wir direkt von Grimstadir nach Reykjahlid am Mijvatn geritten, 
so hätten wir die 22 km lange Kraterreihe der Sveinagjä mit 50 — 60 Kratern pas- 
siert; von diesen Kratern wurde vom 18. Februar bis August 1875 ein Lavasstrom mit 
einem Volumen von ca. 300 Millionen cbm ausgegossen; die nördlichste Kraterreihe 
in den Myvainsönvfi befindet sich in der Nähe des Detiifoss. Vor dem Ausbruche 
befand sich hier eine 400 — 500 m breite und 10 — 16 km lange Senkung zwischen 
senkrechten, 10-20 m hohen Lavawänden; nach heftigen Erdbeben brach die Lava 
an der westlichen Spaltenwand hervor, füllte die Senkung aus und floss weit über 
beide Spalten hinaus'). Knebel, der 1905 mit meinem Führer Ögmundur hier 
war, nennt diese Lava das Trostloseste an Laven, was er gesehen habe; das Lava- 
feld sei fast unpassierbar, und der Übergang über ein etwa 2 km breites Tal davon 
habe vier volle Stunden beansprucht ; die Oberfläche sei völlig rauh und bestehe aus 
lauter geborstenen und übereinander geschobenen Lavaplatten , so dass man jeden 
Augenblick einbräche. 

Obwohl wir nur die letzten Ausläufer der Lavaergüsse der 
„Jünglingsspalte" passierten, war der Weg unangenehm genug. Die 
Unterlage der etwa 5 — 300 m ü. M. liegenden Ödung besteht aus 
Lava. Die breiten schwarzen und bläulichen Platten, deren Ober- 
fläche von verfilzten Lavaseilen bedeckt ist, stehen überall aus dem 
Flugsande heraus, der auf grosse Strecken einen beweglichen 
Teppich über dem Ganzen bildet ; nur hier und da hat Sandhafer 
Wurzel schlagen können. Viele Unebenheiten in den Lavafeldern 
waren von Flugsand ausgefüllt, der aus verwittertem Palagonittuff 
bestand; in anderen Vertiefungen hatte sich schwarze oder graue 
vulkanische Asche abgelagert, die mit Sandhafer bewachsene Dünen- 
partien bildete. Das Passieren der Tausende von kleinen Hügeln, 
die wie hohe Maulwurfshügel aussahen, machte den Pferden unsäg- 
liche Beschwerde, sie stolperten unausgesetzt und bedurften un- 
ablässig der Peitsche. Zum Glück hatte es in der Nacht etwas 
geregnet, die Sonne brannte nicht zu heiss, und ein kühler Wind 
fächelte uns Linderung zu. Trotzdem lag der Staub bald finger- 
dick auf den Kleidern, die Ögmundur in der Nacht mit vieler 
Mühe ausgeklopft hatte. Gegen ^littag sahen wir in der Ferne 
feine Rauchwolken aufsteigen, ich dachte zuerst an den Dampf 
heisser Quellen ; aber der Rauch wuchs zusehends , bald merkten 
wir, dass es ein Sandsturm war, der auf dem östlichen Ufer der 
Jökiilsd dahin wirbelte; eme lange, schmale Säule fegte bis zu 
den Wolken empor, drehte sich ein paarmal im Kreise und war 
plötzlich wieder verschwunden. An Lavagebilden vorüber, die ver- 
streut, wie Burgen und Mauern, auf uns niederblickten, kamen 



t) Thoroddsen, Island I, S. 116. 

-) Globus 1905, Nr. 24, S. 377; hier auch zwei gute Abbildungen. 



Dettifoss. 



•20c 



wir endlich zu einem kleinen Grasfleck, die Pferde fielen gierig 
über das Gras her. Nicht einmal vördur gaben den weiteren Weg 
an; es galt nur, den Fluss nicht aus den Augen zu verlieren. Ge- 
trockneter Pferdedünger aber zeigte, dass doch zuweilen Menschen 
sich hierher verirren f freilich kann es nicht oft der Fall sein, denn 
massenweise lag Wolle von den Schafen umher oder hing an 




Fig. 97. Dettifoss. 



Büschen von Salix glauca; also nicht einmal diese hatte die Bauern 
verlocken können, in die Öde vorzudringen. 

Nach zwei Stunden sahen wir abermals weissen Dampf auf- 
steigen, aber diesmal war es wirklich Wasserdampf, kein Staub. 
Über mächtiges Basaltgeröll, das von Riesenfäusten durcheinander 
geworfen zu sein schien, stiegen wir in die Höhe, Hessen die zu- 
sammen gebundenen Pferde in der Nähe eines kleinen, klaren Sees 



206 Dettifoss. 

zurück und suchten den Weg nach dem Dettifoss (304 m ü. M.). 
Rechts Hessen wir in einiger Entfernung einen kleinen Fall liegen, der 
nicht so hoch ist wie der eigentliche Foss, aber wegen seiner vielen 
Arme wunderhübsch aussieht. Der Dettifoss entspricht seinem Namen 
(aisl. detta ^ schwer und hart niederfallen). Seine Wassermenge ist 
vielleicht nicht so gewaltig wie die des Gullfoss, aber sie ist lehmig 
weiss und stürzt von einer senkrechten Felswand ungeteilt mit ihrer 
ganzen Wucht und unter wildem und furchtbarem Toben in einer 
Höhe von 107 m in die Tiefe (Fig. 97). Unterhalb des Foss fliesst 
die Jökttlsd durch eine 20 km lange und 100 — 150 m tiefe Spalte 
durch Dolerit und Tuff; an den Seitenwänden sieht man die basal- 
tischen Lavaströme im Querschnitt auf Dolerit ruhen. Thoroddsen 
vermutet, dass die Spalte vulkanischen Ursprungs ist ^) ; am Boden 
der Kluft setzt der Strom mit Wasserwirbeln und Kaskaden seinen 
Lauf zum Meere brausend und schäumend fort. Man bemerkt 
deutlich die verschiedenen dicken Doleritbänke, oft mit schönen 
Säulen, von denen die meisten lotrecht nach oben und nach unten 
stehen, während andere schief und einzelne gekrümmt sind. Nord- 
westlich vom Dettifoss befindet sich eine bedeutende, von Lava 
ausgefüllte Einsenkung, die von der Spalte durchklüftet worden ist, 
die sich die Jökitlsd zum Meere bahnt. Westlich \ova Foss ist ein 
Lavatal mit Schlackenkratern und neuerer Lava, schwarze Basalt- 
blöcke heben sich von dem graulichen Dolerit ab ; diese Kraterreihe 
setzt sich am rechten, ganz zerrissenen und wildsteinigen Ufer fort, 
einer der grössten Krater heisst Kveinisödiill (Frauensattel). 

Der Engländer Watts hat den Dettifoss (Across the Vatna 
Jökull, S. 120) mit dem Niagarafall verglichen. Nach Bildern zu 
urteilen, ist in der Tat eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem 
sogenannten ,, amerikanischen Fall" und dem Dettifoss vorhanden. 
Er ist mehrfach von isländischen Dichtern besungen, zuletzt von 
Eiiiar Beiiediktsson {Skt'rnir^ 1905, S. 97 — loo); von keinem aber 
schöner als von Knstjdii Jöiisson, einem armen, zwanzigjährigen 
Bauernknechte (geb. 21. Juli 1S42). Als das Gedicht 1861 in einer 
Rcyk/a7'/'ker Zeitung erschien, erregte es das grösste Aufsehen und 
machte den Sänger mit einem Schlage zum Volksdichter (pfödskald); 
Pöstion hat es übersetzt (Eislandblüten, S. 86/7). 

Der Wasserstaub hat unterhalb des Falles auf einem Seiten- 
rand eine üppige Vegetation hervorgerufen. Bis hierher kann man 
klettern und hat dann den imposanten Foss in seiner ganzen 
Mächtigkeit vor sich ; beugt man sich vorsichtig über den Felsen, 
so kann man ihn bis zum Boden der fökulsd verfolgen, während 
der obere Teil vor Gischt und Refjen nicht lange zu betrachten ist. 



1) Thoroddsen, Vulkane im nordöstlichen Island. Mitt. d. k. k. Geogr. Ges. 
1891. S. 126; Island S. 35, 41. 



Dettifoss. 



207 



Der feine dunkle Sprühregen des Falles zwang uns schon nach einer 
Stunde, wieder fortzugehen; denn da wir, obwohl wir durch den 
Besuch des Giillfoss hätten gewitzigt sein können, kein Ölzeug 
anhatten, war der Staub auf unsern Röcken in eine dunkle, braune 
Brühe verwandelt, und beschmutzt und beschmiert von oben bis 
unten, kletterten wir zurück. . 

Der Führer hatte gedacht, in einer halben Stunde würden w^ir 
ins Quartier kommen, aber es waren fast noch drei Stunden Weges. 




Fig. 98. Wäsche und Abkochen vor Svinadalur. 



Der mahlende Sand hörte zunächst nicht auf, dann aber löste ihn 
ein fürchterliches Steingeröll ab. Grossartig war der Blick nach 
rechts auf das Ufer der Jökulsd\ seltsam geformte Berge bauten 
sich terrassenförmig auf, breite Bergkuppen mit steil abfallenden 
Wänden sahen wie zackige Hahnenkämme aus ; Lavaklippen und 
-Mauern standen wie in Reih und Glied aufmarschiert da, und 
hinter ihnen schimmerten von den Bergen breite Schneefelder 
durch. Die steilen Felswände der Jöknlsd erinnerten in ihrer 
wuchtigen senkrechten Schroffheit an die Ali/iannag/d. Ögmundur 



208 Svinadalur. 

kletterte auf einen Felskegel und spähte nach dem Wege : ein 
schmaler Reitstieg schlängelte sich durch das Stein -Labyrinth; wir 
folgten ihm und befanden uns plötzlich in einer lachenden Au an 
einem munter rieselnden Bache. Der schroffe, unvermittelte Gegen- 
satz zwischen der gelbbraunen Sandwüste, dem öden Felsgewirr 
und der von blauen Blumen geschmückten Wiese war für uns 
geradezu überwältigend. Im Nu waren die Rosse abgepackt, und 
während der Führer, da der kalte Wind ziemlich heftig bhes, in 
einem Koffer die Spiritusmaschine anzündete und eine Konserven- 
büchse wärmte, wusch ich mir gründlich Kopf und Hals. Mein 
Begleiter war heimtückisch genug, uns unvermutet in diesem Augen- 
blicke zu photographieren (Fig. 98). 

Ögmundur forderte uns auf, tüchtig von den Frankfurter 
Würstchen, dem Speck und Käse zuzulangen, denn im Quartier 
gäbe es nichts zu essen. Über zwei Stunden lagen wir in behag- 
licher Ruh im frischen Grase, und hätten wir gewusst, dass wir nur 
noch dreiviertel Stunde Weges bis Svinadalur gehabt hätten, wären 
wir noch länger geblieben. An einem jungen Birkenwalde vorüber, 
in dem manche Stämme wohl jManneshöhe hatten, trabten wir auf 
unser Ziel zu, durchquerten das hübsche Tal, das den prosaischen 
Namen ,, Schweinetal" führt, und bogen durch ein grosses Tun in 
das Gehöft ein. Vor dem Hause war, wie in Gri'instadir, ein ganz 
vertrockneter Baum eingegraben, und die dürren Aste dienten zum 
Aufhängen der Kinderwäsche, Strümpfe und anderer Sachen. In 
der sauberen Stube wurden zwei Betten zurecht gemacht, ein 
angenehmer Duft nach frisch getrockneten Kräutern füllte den 
Raum, Grasbüschel hingen über dem Spiegel, und an den Wänden 
eine grosse Photographie von Jesus und Maria. Bald stellte ein 
Kind noch ein Glas soeben gepflückter Blumen auf die Kommode ; 
Milch, Brot und Butter wurden aufgetragen; Ögmundurs Be- 
fürchtung, wir würden Hunger leiden, war also unbegründet. 



26. Juli. 

Die Landschaft bei Svf)mdahir macht einen ganz eigenartigen 
Eindruck. Die grossen vulkanischen Riesen, die wunderlichen Fels- 
formen und die hübschen, mit lebhaftem Grün geschmückten Fels- 
abhänge geben der Gegend eine wildromantische Schönheit, wie 
man sie auf Island nur selten trifft. Die Mächtigkeit der präglazialen 
Lavaströme etwas südlich beträgt nach Thoroddsen über lOO m. 
Im Flussbett der Jökulsd tritt Palagonitbreccie zutage, und eine 
Menge der eigentümlichen Basaltablagerungen und der unregel- 
mässigen Gänge in der Brecciemasse finden sich , überall ruht der 
Dolerit auf der Breccie. 



Svinadalur. 



209 



Manches Altertümliche hat sich hier noch erhalten, obwohl wir 
uns schon auf der grossen Touristenstrecke befinden, die von 
Akiireyri aus alljährlich abgeklappert wird. Neu war mir der An- 
blick einiger Knechte, die Ohrringe trugen. Die alten Isländer 
haben wohl Ringe um den Hals, Ober- und Unterarm, Hand. Finger 
und Fuss getragen; aber dass die Männer wie Frauen mit Ohrringen 
geschmückt gewesen wären, ist mir nicht erinnerlich. Wirklich 
sehenswert war der Herd. Da ich die Einrichtung eines solchen 




Fig. 99. Alter Herd in Svinadalur. 



früher beschrieben habe, mag die beigegebene Photographie das 
Gesagte erläutern (Fig. 99). Die Aufnahme ist mit jNIagnesiumlicht 
erfolgt, und als es unvermutet aufflammte, stiessen die Knechte 
und Mägde, die vom Flur aus zusahen, einen lauten Schrei aus. 

Die Nähe des IMückensees machte sich bereits unangenehm 
bemerkbar. Die Glücken belästigten nicht nur uns, wenn wir 
draussen standen oder gingen, sondern sie hatten auch die Pferde 
über eine Stunde weit versprengt, und ein Knecht musste aus- 
geschickt werden, sie wieder einzufangen. 

Herrmann. Island II. 14 



210 Hljödaklettar. Asbyrgi. 

Zwanzig ^Minuten hinter dem Gehöfte, zum Teil mitten im 
schäumenden Wasser der yöknlsd, hegt eine Reihe wunderbarer, 
barokker, brandbraunroter und braunschwarzer Basahfelsen, die 
Hljödaklettar (150 — 20oFuss hoch, EchokHppen? weil sie das Echo 
verschiedene Male zurückwerfen und verstärken; oder Klippen des 
Schweigens?). Die Anordnung der Basaltsäulen, die oft im Halb- 
kreise fächerförmig vor kleinen Öffnungen und Höhlungen stehen, 
ist selten so schön zu sehen, wie an dem einen Felsen, von einem 
Krater daneben sind etwa noch drei Fünftel erhalten, während 
zwei Fünftel verschwunden sind ; zuweilen ist etwas Breccie in 
Höhlungen im Felsen eingeschlossen. Die Erosion hat die Palagonit- 
breccie ausgewaschen, aber die harten Basaltgänge sind stehen ge- 
blieben, daher stammen die unregelmässigen, bizarren Formen dieser 
Klippen ^V 

Allmählich näherten wir uns der Küstenebene des Axarfjördur 
und dem ]\Ieere, das wir von weitem auftauchen sahen. Noch ein- 
mal durchritten wir eine kleine öde Sandstrecke, die von einem 
vulkanischen Ausbruche der Kverkfjöll stammen soll, dann aber 
W'Urde die Gegend wieder üppig. Grüne Halden wechselten mit 
stattlichem Birkengebüsch ab, und selbst unser schönes deutsches 
Heidekraut war nicht selten, Empctrum nigrum stand massenhaft 
umher. Gegenüber einer neuen Brücke über die Jokiilsd, an die 
die letzte Hand angelegt wurde, und die noch Sommer 1904 dem 
Verkehr übergeben werden sollte, bogen wir an dem Gehöft As 
vorbei, wo Ögmundur einen Brief abgab, — die Post benutzt 
gelegentlich zuverlässige jMänncr für ihre Dienste — , und ritten von 
Osten in das wegen seiner Schönheit in ganz Island berühmte, 
dreieckige Tal Ash\rgi\(\x\€\n. Ein hufeisenförmiger Streifen Landes 
ist bei einem Erdbeben heruntergerutscht, eine Felseninscl aber, 
wie ein dreieckiger Keil gestaltet, ist dabei stehen geblieben, wie 
von einer Riesenfaust aus dem Zusammenhange mit dem ursprüng- 
lichen Gebirgsstocke herausgerissen; eine Kluft, wie eine mächtige 
römische V, jede Seite ca. 25CX) m lang, mit ein paar hundert m 
breiten Wiesen und mit gutem Wald bewachsen, trennt den Keil 
von der Umgebung. Die Felsmauern erheben sich unmittelbar aus 
dem Tale senkrecht, wie in der Almaujiagjd, in einer Höhe von 
60 — 100 m und bauen sich aus vielen Schichten einer doleritischen 
Lava auf; Schlackenkrusten trennen die mächtigen Doleritbänke, 
und zwischen ihnen liegen Höhlen, die „wie niedrige Fenster im 
Rundbogenstile" geformt sind. Nach der Volksüberlieferung hat 



') Zwei gute Abbildungen von den Hljödaklettar und eine von Asbyrgi finden 
sich in: Verhandlungen der Ges. f. Erdk. zu Berlin 1894; es sind die einzigen, die ich 
von dieser Gegend kenne; leider hat mir Dr. Grossmann eine Wiedergabe seiner 
Bilder nicht gestattet. 



Äsbyrgi. Ziegen. 211 

das Meer einmal ganz in die Felsspalte Äsbyrgi hineingereicht, das 
muss aber in postglazialer Zeit gewesen sein [Sa/n iil sögii 
Islands II, S. 431), und man kann in der Tat noch an den ange- 
griffenen und zerfressenen Felswänden die Spuren der Meerestätig- 
keit hoch über dem jetzigen Wasserspiegel erkennen, das Land 
muss sich in jüngerer Zeit um ca. 40 m gehoben haben. Da die 
Spalte gegen Stürme geschützt ist, so ist der Pflanzenwuchs prächtig 
entwickelt, und das Birkenwäldchen, in dem wir Rast machten, 
wies Stämme von Armesdicke und fast 6 m Höhe auf. „Das 
wunderbare Tal", sagt Kahle treffend, „erinnert an Böcklinsche 
Landschaften, wenn man sich den Wald höher und dichter denkt. 
Prächtig würde hierher die Jungfrau auf dem Einhorn passen, wie 
sie herausreitet aus dem schweigenden Märchental" (S. 243). Nach 
demselben Gewährsmanne gibt es ein stimmungsvolles Gedicht von 
Einar Benediktsson : Odins Ross habe einst auf seinem Ritte jene 
dreieckige Klippe mit seinem Hufe herausgeschlagen. Weder 
Ögmundur noch mir war das Gedicht bekannt, aber der Führer 
behauptete, Einar müsse seinen Stoff aus einer Volkssage entlehnt 
haben, die er sehr wohl kenne; freie Erfindung von ihm sei es 
jedenfalls nicht. Wir gebrauchten etwa 20 Minuten, um wieder aus 
dem Tal herauszukommen, und konnten dabei deutlich bemerken, 
wie das Hufeisen allmählich von unten aufsteigt. Wir erprobten 
dabei unzählige, dreifach wiederschallende Echos und sahen an 
einer Wand in halber Höhe einen aus Reisern hergestellten Adler- 
horst. Über grüne Maulwurfshügel sprengten wir die sich fjord- 
artig erweiternde Jöknlsd entlang, freuten uns über die stattlichen 
Gehöfte und die zahlreichen weidenden Pferde und Rinder, rasteten 
dann am Flusse und verspeisten die letzten warmen Würstchen. 
Während wir damit beschäftigt waren, Messer und Gabel mit dem 
Bimsstein zu putzen, der überall am Ufer umherlag, — bisher 
hatten wir uns damit begnügt, die Esswerkzeuge in die Erde zu 
stossen und dann am Handtuch zu trocknen — , tauchten mit einem 
Male zwölf schwarze und zwei weisse Ziegen vor uns auf, die ersten, 
die wir auf Island zu sehen bekamen. 

Ziegen (geit) kommen heute nur noch in den \i€\A&x^ Piugeyjar 
syshir, in der Eyjafjardar- und Dala sysla im N.W. vor. Wie die 
zahlreichen mit' geit und hafr (Ziegenbock) zusammengesetzten 
Namen zeigen, gab es früher auf Island weit mehr dieser neu- 
gierigen, behenden Klippenkletterer als heute, und um iic» soll 
die Insel ebensoviel Ziegen wie Schafe gehabt haben. Von Hall- 
fr edr, dem Vater des Hrafnkell Freysgodi, haben wir früher gehört, 
dass ihm ein Bergrutsch eine Ziege und einen Ziegenbock erschlug. 
Ein Bauer in Hörgdrddlr hatte 30 Ziegenböcke [Ljösv. S. 14)- 
Wie die übrigen Haustiere trugen sie eine Gutsmarke, und nach 
der Grdgds hatten 8 junge Ziegen, die ihre Lämmer tränken können, 

14* 



212 Vikingavatn. 

den Wert einer Normalkuh, und ein zweijähriger Bock den einer 
Ziege. Aber ihre Naschhaftigkeit machte sie zu gefährhchen Fein- 
den der zarten Baumschösslinge und der Rinde, und darum starben 
sie allmähHch aus, obwohl sie durch grössere Genügsamkeit im 
Futter, einen höheren Ertrag an Milch und stärkere Fruchtbarkeit 
die Schafe übertreffen. 

Gehöft und See Vfkingavaiji sind nur durch einen schmalen 
Landstreifen vom Meere getrennt. Der sehr wohlhabende Bauer 
Björn Pörarinsson, dessen Geschlecht hier seit dem 14. Jahrh. 
wohnt, erinnert sich, dass Prof. Kahle vor 10 Jahren hier war; er 
zeigt mir auch einige Photographien seiner Farm, die Dr. Zugmayer 
aufgenommen und ihm zugeschickt hat, und trägt mir Grüssc an 
beide Herren auf. Auch an den Preisen für Logis und Kost und 
der Güte der Verpflegung merkt man, dass man sich auf der Heer- 
strasse der Touristen und in der Nähe grösserer Handelsplätze be- 
findet: der Preis beträgt von jetzt an bis Akiireyri 2 Kr. für die 
Person, nur in Grenjadarstadiir genoss ich noch einmal unverfälschte 
isländische Gastfreundschaft. 

Björn erzählte mir folgende Sage , für deren Echtheit und Reinheit er mir 
bürgen wollte; ich übersetze sie wörtlich: „Ein Mann namens Vikingr flüchtete aus 
Norwegen vor Harald Schönhaar, weil er sich dessen Feindschaft zugezogen hatte, 
und siedelte sich hier an. Da sandte König Harald viele Leute aus, um ihn zu töten. 
Aber zweimal konnte Vikingr die Häscher selbst töten; erst beim drittenmal töteten 
sie ihn, während er Forellen auf dem See fing. Sein Grab liegt dicht beim Kartoffel- 
felde, aber der Leiche fehlt der Kopf; denn Harald hatte verlangt, dass seine Boten 
ihm das Haupt seines Feindes überreichen sollten. Aber als sie mit dem abge- 
schlagenen Kopfe fortritten, hing die Zunge heraus, und das sah so grässlich aus, 
dass sie schnell den Kopf begruben ; der Ort, wo dies geschah, heisst Höfudreiitar 
und liegt zwischen Hiisavik und Grenjadarstadur, etwas südlich vom Wege"'). 

Der See ist von unzähligen schnatternden Wasservögeln belebt, 
viele grüne Holme liegen in ihm verstreut, seine zahlreichen Buchten 
sind vermutlich durch Senkungen in der darunter liegenden Lava 
hervorgebracht. Zur Linken erstreckt sich die hohe Tiinguheidi, 
und weit im offenen Meere verschwinden die Inseln Äldndreyar 
und Gni/isey unter dem Polarkreis in leisem Dunste. Im Juni kann 
man hier die Mitternachtssonne sehen. Eine Menge Treibholz war 
neben dem Hofe aufgehäuft, stattliche, unbehauene Stämme, die 
ich zuerst für Mastbäume hielt. Noch vor einem Jahre kamen 
Rentiere dicht am Gehöft vor, aber jetzt sind sie ganz aus dieser 
Gegend verschwunden, ein Geweih lag vor dem Hause. Zum Abend- 
essen gab es sowohl selbstgeräucherte, wie frisch gefangene und 
schmackhaft zubereitete Forellen, sowie ein Gemüse von jungen, 
selbst geernteten Erbsen. Der Sonnenuntergang war über alle Be- 



1) Zur Beurteilung derartiger Volksüberlieferungen ist Maurer, Germania 24, 
S. 88 ff. zu vergleichen. 



Vikingavatn. L13 

Schreibung schön : das war wirkHch die Waberlohe, ein Feuerzauber, 
der auf dem purpurroten Himmel aufflammte. 

27. JuH. 

Einarr, Vestmadr und Vemundr fuhren die Nordküste Islands entlang und 
segelten westlich von Slefia in einen Busen hinein. Sie stellten zu Reistargnüpr 
eine Axt auf und benannten danach den Axarfjördiir (Lnd. III, 20,1. — Miwi fuhr 
nach Island und litt am Tjömes Schiftbruch. Einige Monate wohnte er zu Mänä, 
bis er vertrieben wurde (a. a. O.). 

Die Mdndreyjdr im Axar/jörditr sind eine Fortsetzung der 
Halbinsel Tjömes, die sich in einem unterseeischen Höhenrücken 
soweit ins Meer hinauserstreckt. Neujahr 1868 sollen nördlich von 
ihnen vulkanische Eruptionen stattgefunden haben. Nach den isl. 
Annalen ist bei ähnlicher Gelegenheit im Jahre 1372 im Ozean nord- 
östlich von Grivisey eine neue Insel aufgetaucht. Eine nähere 
Untersuchung ist wohl von Thoroddsen zu erwarten. Bei dem 
heftigen Erdbeben am 25. Januar 1885 gingen grosse Bergstürze 
von den Höhen auf der östlichen Seite der Halbinsel Tjörnes nieder, 
und die Flüsse führten eine ungewöhnlich grosse, lehmige Wasser- 
masse. Das Eis auf dem See Vikingavatn^ das eine Stärke von 
M-i—^ji Elle hatte, wurde in unzählige Stücke zerrissen und zu 
hohen Wällen am westlichen Ufer des Sees aufgetürmt. Die Leute 
im Gehöfte konnten sich weder draussen noch drinnen auf den 
Füssen halten. Auf den flachen Sandstrecken nordwestlich vom 
Vikingavatn wurde der Sand in 100—200 m hohen Säulen in die 
Luft geworfen, wie bei einem Ausbruche ; diese Sanderuptionen, die 
im Osten begannen und sich nach Westen fortpflanzten, dauerten 
1 5 Minuten und hinterliessen mehrere Erdsturzlöcher, deren grösstes 
einen Umfang von ca. 140 m hatte. In Husavik war das Erdbeben 
viel schwächer ; doch nahm man leise Erschütterungen bis zum Ey'a- 
fjördnr wahr ^). 

Der Weg führte uns durch das Birkengestrüpp am Fusse der 
mit Moos bewachsenen Tunguheidi entlang. Unsere Pferde scheuch- 
ten zahllose Schneehühner auf, die ängstlich schreiend, die Flügel 
tief herabhängen lassend, vor uns herliefen, um uns irre zu führen 
und den Jungen Gelegenheit zu geben, sich in Sicherheit zu bringen. 
Essbare Pilze standen in ungeheueren Mengen umher. Bei der 
grossen Hitze, die seit Wochen herrschte, und dem üppigen Gras- 
wuchse fielen die ausgedehnten Schneeflächen um so mehr auf; aber 
sie rührten nicht etwa daher, dass wir uns auf einer bedeutenden 
Höhe befanden, sondern der Mai war, wie ich noch in Kopenhagen 
in isländischen Zeitungen gelesen hatte, hier grimmig kalt gewesen, 
nur 5 Nächte waren ohne Frost geblieben, täglich hatte Schnee- 



1) Thoroddsen, Mitt. d. k. k Geogr. Ges. Wien 1891, S. 272/3. 



214 Hüsavik. 

treiben geherrscht, und der Schnee hatte so tief gelegen, dass man 
sich ohne Ski nicht fortbewegen konnte. Man hatte Futtermangel 
und auch das Ausbleiben der Fische im Eyjafjördiir befürchtet, 
der ungewöhnlich warme Sommer jedoch hatte alles wieder gut ge- 
macht. Aber der schöne, blaue Blumenschmuck nahm gar zu bald 
wieder ein Ende, und die öde Hochfläche ReykjaJieidi nahm uns 
auf. In der Ferne konnten wir deutlich die Wassersäule des 
Uxahver sehen, den wir morgen besuchen wollten. Nach sechs- 
stündigem Ritte erblickten wir mit frohem Gefühle das unendliche 
Meer. Ögmundur, der seine klassische Bildung zeigen wollte, 
rief: ,, Thalatta! Thalatta!", und kurz darauf tauchte vor unseren 
Augen die in der Sudiir Pingeyjar sysla gelegene Hafenstadt 
Hüsavik (Hausbucht) auf, die wie ein reizendes Spielzeug am Fusse 
des Hüsavi'ktirfjall liegt. 

Leider machte sich der im Nordlande so berüchtigte Nebel 
auf und verschleierte das Meer und die lange schwarzweisse Kette 
der Kinuarfjöll [Kinn = Wange, Abhang) westlich von Skjdlfanda- 
ffj'flf. Früher muss sich der Aleerbusen Skjdlfandi als vielarmiger 
Fjord bedeutend weiter in das Land hinauf erstreckt haben; 
Thoroddsen hält die Dünen im Laxdrdaliir für alte Strandbil- 
dungen. Wir ritten, zum Teil über Moräne, nach dem Strand hin- 
unter, an einem See vorüber, und dann auf guter, fester Strasse in 
den säubern, freundlichen Handelsplatz hinein, durch dessen Mitte 
sich ein kleiner Bach hinzieht. Überall standen grosse Pyramiden 
von Torf am Wege. Neben kleinen Erdhäusern gibt es auch recht 
stattliche moderne Wohnhäuser, aus Holz gebaut und mit Wellblech 
bedeckt, die sogar mit Gärten versehen sind, deren Wege mit Kies 
bestreut sind. Hüsavik hat im ganzen 50—60 Häuser und 445 
Einwohner. Im N.-O. springt das Land am Fusse des Hüsavi'kur- 
fjall etwas hervor, so dass die einlaufenden Schiffe einigermassen 
Schutz haben. Ein paar Schiffe schaukelten im Hafen, doch war 
von dem Dampfer, mit dem wir die Heimreise von Akureyri aus 
antreten wollten, nichts zu sehen und nichts zu hören. Überhaupt 
werden wir seit acht Tagen damit bange gemacht, dass auf die 
Dampfer, die vom Nordland abfahren, gar kein Verlass sei, abgesehen 
von denen der Vereinigten Dampfschiff-Gesellschaft, und davon ist 
der nächste erst in 14 Tagen fällig. 

Das alte Gasthaus ist geschlossen, da die Wirtin gestorben ist, 
ein neues Hotel soll erst eröffnet werden, doch finden wir recht 
gute Aufnahme in einer Bäckerei bei Sigurjön Porgri'msson. So- 
bald unsere Ankunft bekannt geworden ist, erhält Ögmundur 
wohl von einem Dutzend Leute Besuch, darunter von Bjarni Bene- 
diktsson, einem Kaufmann hier, Bruder der Frau des Arztes in 
Brekka. Es gibt endlich einmal wieder Bier, wenn auch alkohol- 
freies, und Zigarren, aber weder Wein noch Kognak. 



Hüsavik. Schwefel. 215 



28. Juli. 

Islands zweiter Entdecker, der Schwede Gardarr, blieb den Winter über in 
Hüsavik und baute da ein Haus (Lnd. I. i). An diesen Gantarr knüpft eine alte 
Sage an über den Ursprung der Lavaströme im Laxdrdalnr und am Mijvain. 
Thoroddsen ist sie folgendermassen erzählt worden: Gantarr sandte einst einen 
Knecht aus, damit er ausfindig machte, wo die Laxä entspränge. Der Sklave kam 
sehr schnell zurück und erzählte, was er gesehen hatte, nämlich, dass der Fluss aus 
einem Landsee komme. Gardarr aber glaubte nicht, dass der Sklave die Wahrheit 
redete, schalt ihn wegen Trägheit aus und sagte, er habe gewiss versäumt, nach den 
Quellen des Flusses zu suchen. Hierdurch war der Knecht so beleidigt, dass er 
wünschte, es möchte aus jeder Fussstaple, die er auf der Reise gemacht, Feuer aus- 
brechen. Die Verwünschung des Sklaven hatte die Wirkung, dass das Feuer überall 
aus der Erde hervorbrach, wodurch die Krater und Lavaströme am Myvatn und im 
Laxdrdalnr entstanden. 

Eyviiidr aus Hördaland in Norwegen kam in die Hüsavik und nahm den 
Reykjadalr vom Vesiinannsvain landeinwärts, er wohnte zu Helgastadir. Näit- 
fari, der mit Gardarr ausgefahren war, hatte sich früher den Reykjadalr angeeignet 
und Merkzeichen an den Bäumen angebracht; aber Eyvindr vertrieb ihn. Später kam 
auch sein Bruder Keüll aus Hördaland nach Island und wohnte zu Einarsstadir 
(Lnd. III, 19). Grenjadr, nach dem unser heutiges Quartier Grenjadarstadur be- 
nannt ist, nahm den Peigjandadal und die Hraiiiiaheidi , das rorgerdarfell und 
den unteren Laxdrdalr^). 

Als Ausfuhrstation des Schwefels aus den in der Nähe gelegenen 
Schwefelminen hat Htisavfk schon früh eine bedeutende Rolle ge- 
spielt, und diese wird noch beträchtlich gesteigert werden, wenn 
erst die schon lange geplante Eisenbahn von Reykjahlid hierher 
führen wird. 

Der Schwefel von Reykjahlid hat lange Zeit den Bedarf für Nordeuropa 
gedeckt und bildete im 16. Jahrhundert neben dem Stockfisch den Hauptausfuhrartikel 
für die deutschen Islandfahrer, Hüsavik war der Ausfahrhafen für Schwefel"). Der 
Bruttogewinn beim Verkauf betrug für die Hamburger 1600 Prozent! 1561 nahm die 
freie Ausfuhr des isländischen Schwefels durch die Deutschen ein Ende. 

Solange dem Betrieb durch die Schwefelminen auf Sicilien noch keine Kon- 
kurrenz erwuchs, lohnte er sich recht gut. 1284 hatte der Erzbischof von Troildhjeni 
das Privilegium, Schwefel und Falken auszuführen ; später wurde er auch von anderen 
ausgeführt, wenn sie dem Erzbischofe nur einen Zoll dafür bezahlten, wie man aus 
einem Urteile ersehen kann, das im Jahre 1340 von den Chorbrüdern in Trondhjem 
gefällt wurde. Vom Ende des vierzehnten bis zur Mitte des sechzehnten Jahrhunderts 
gehörten alle Schwefelminen im Nordlande einem alten isländischen Häuptlingsge- 
schlecht. Der Schwefel wurde damals, wie auch später, auf Pferden von den Freuiri- 
lldiniir und dem See Alfivatit nach Hlisavik transportiert und die Minen zuweilen 
an andere verpachtet. Im Jahre 1563 kaufte die dänische Regierung die Minen für 
ein Geringes an und liess eine Reihe von Jahren hindurch eine ganze Masse Schwefel 
von Hüsavik ausführen. Derselbe wurde von den umwohnenden Bauern auf Pferden 
nach Hlisavik gebracht, wo sie für jedes Liespfund eine gewisse Entschädigung er- 
hielten. Diese Ausfuhr war damals, wo der Schwefel noch hoch im Preise stand, 



' ) Zwei Volkssagen bei L e h m a n n ■ F i 1 h e s I, S. 108 : Pfarrer Ketill zu Hüsavik 
und I, S. 174: Der Hnsavikiir-Lalli. 

-) Baasch, Islandfahrt der Deutschen S. 78—80; T h or od d s e n- G e b- 
hardt I, S. 151, 223, II, S. 376; Thoroddsen, Das Ausland 1889, S. i6i. 



216 Hüsavik. Erdbeben. Gvendarstein. 

sehr einträglich für die Regierung ; sie bezog z. B. im ersten Jahre %'on einem einzigen 
Schvvefelschift'e einen Reingewinn von loooo Talern, was in jenen Zeiten eine sehr 
grosse Summe war. Als der Schwefel später im Preise fiel, wurden die Minen von 
der Regierung an verschiedene dänische und fremde Spekulanten verpachtet. 

Die Gegend um Hi'isavik scheint mit der Landschaft Ölfiis 
und der Umgebung der IJekla am meisten heftigen Erdbeben 
ausgesetzt zu sein. 

Das erste wird 1260 erwähnt, das zweite 161 8. Dem Ausbruche der Katla 
gingen 1755 starke Erdbeben bei Hüsavik voraus, die 3 Tage anhielten. 13 Gehöfte 
fielen ein, 21 wurden schwer beschädigt. Auch 1868 fanden hier Erderschiitterungen 
statt, die mit einem Ausbruche im Vatnajöknll in Verbindung gestanden haben 
müssen : mehrere Spalten bildeten sich , ein Gehöft stürzte ein, und mehrere wurden 
beschädigt. 1872 erfolgte ein neues Erdbeben, die Leute mussten aus den Häusern 
flüchten, und alles, was lose war, fiel um. Am schlimmsten waren die Äusserungen 
des Erdbebens auf beiden Seiten des Skjdlfaiidi: die Erde bekam tiefe Sprünge, und 
die Lawinen stürzten massenhaft von den Bergen herab, auf emer Farm wurde der 
ganze Schafbestand unter einer Lawine begraben. Auf der Insel Flatey zog sich das 
Meer plötzlich zurück und überschwemmte dann die Strandflächen weit und breit; 
die Spalten, die während des Erdbebens gebildet wurden, ergossen Seewasser und 
Sand, zwei Gehöfte wurden völlig zerstört und alle Häuser auf der Insel mehr oder 
weniger beschädigt'). Das letzte Erdbeben hier war auch das stärkste. Schon am 
2. November 1884 fühlte man auf Island eine ziemlich starke Erderschütterung, worauf 
16 kleinere folgten. Vom 2. — 6. November zählte man 50 grössere und schwächere Stösse. 
Am furchtbarsten aber war der Hauptstoss am 25. Januar 1885 in der Gegend des 
Axarfjöritiir. Die Erde klafl'te auseinander, und das lehmige Wasser wurde mehrere 
Meter in die Höhe geschleudert; alle Spalten füllten sich mit Wasser an, mehrere 
alte Lavarisse wurden durch das Erdbeben abwechselnd erweitert und zusammenge- 
drückt, iMid eine alte Spalte war hinterher eine Elle schmaler als zuvor. 

Auf dem Wege nach dem Gehöfte La.xani\n\ das ich. wie 
Ogmundur erklärte, auf jeden Fall kennen lernen musste, kamen 
wir an dem Gveiidarstein vorüber und warfen, wie jeder, der zum 
ersten ]\Iale hier vorüberreitet, dies tun muss, vom Pferde herab 
einen Stein zu den übrigen auf den grossen Haufen (vergl. I, S. 288 
Anm.; II 89.) 

Bischof Gvendur soll hier einen Wiedergänger {Drang) hineingebannt haben, 
und es ist fromme Pflicht, die Last, die über dem Unholde ruht, zu vermehren, damit 
er nicht wieder umgehen und schaden kann. Versäumt der Reisende diese Pflicht, 
so fügt der Unhold ihm irgend einen Schaden zu. In Deutschland breitet man, um 
die W^iederkehr der im Kindbett verstorbenen Mutter zu ihrem hinterbliebenen Kinde 
zu verhindern, die Windeln des Kindes , mit Steinen beschwert, über das Grab der 
toten Wöchnerin: dann bleibt sie dort"'). Gvendiir ist Koseform für Giutmnndur; 
gemeint ist Bischof Giidmundnr ArasOH von Hölar (1203 — 37). ^n allen Teilen 
der Insel findet sich der eine oder andere Gvettdarbrunnr, der vom Bischof geweiht 
sein soll ; solche Brunnen gefrieren nicht, und ihr Wasser gilt als besonders gesund 
und heilkräftig; auch ein Wasserfall und ein Bad ist nach ihm benannt^). 



1) Thoroddsen, Mitt. d. k. k. geogr. Ges. 1891. W^ien S. 271. 

-) E. H. Meyer, Germanische Mythologie loi ; Tägliche Rundschau, Unter- 
haltungs-Beilage Nr. 82, 1905. 

^) Maurer, Isl. Volkssagen S, 197; Weinhold, Die Verehrung der Quellen 
in Deutschland. Berlin, 1898. 



Laxamyri. -1« 

Laxa///\n\ etwa eine Stunde von IMsavik eniicrn\., liegt unweit 
der Laxd. Diese fliesst in mehreren Armen aus dem Mp'afii heraus, 
da sie sich durch alte Lavaströme hindurchwinden muss, die sie 
zu vielen Krümmungen und Einengungen nötigen. Sie fliesst den 
ganzen Weg bis zum Skjdlfandi auf Lavagrund; die Lava stammt 
jedenfalls aus prähistorischen Kratern längs des Flusses; nach der 
oben mitgeteilten Sage sollen diese allerdings erst entstanden sein, 
nachdem die Besiedelung hier bereits vor sich gegangen war. Es 
finden sich in ihr viele kleine eigentümliche Inseln und Wasserfälle. 
Nach Thoroddsen bildet das Tal der Laxd die Grenze zwischen 
der Basaltformation des Nordlandes und dem Palagonittuff der 
vulkanischen Gebiete, die die Mitte der Insel einnehmen. 

Die Laxd ist neben der Livitd wegen der Menge und Güte 
ihrer Lachse berühmt; die schwarzen Lavablöcke unter dem 
Wasser mit ihren dunkeln Höhlen und Grotten sind ihnen der 
liebste Aufenthalt. Man hat die Beobachtung gemacht, dass, wenn 
der Wind um Johanni bei Vollmond südlich weht, der Lachs mit 
besonderer Vorliebe den Fluss hinauf steigt. (Olaus Olavius, 
S. 278.) 

Laxamyri ist eines der teuersten Gehöfte auf Island und soll- 
einen Wert von looooo Kr. haben. Die beiden grossen Wohnhäuser, 
die Wirtschaftsgebäude und die Windmühle sind durch ein hölzernes 
Staket vom Tun geschieden; über der Tür sind die aus Holz ge- 
schnitzten und mit Farbe lebenswahr angestrichenen Tiere ange- 
bracht, denen der Bauer seinen Wohlstand verdankt: ein Lachs im 
silbernen Schuppenkleide und ein Eiderentenpaar, das Männchen 
mit dunkeln Schulterfedern und hellen Brustfedern und das einfarbige 
Weibchen. Der Künstler ist ein einfacher Laie und hat doch seine 
Sache so gut gemacht, dass K ah le getäuscht schreibt, die Tiere wären 
aus Eisen geschmiedet. Der Bauer Egill Sig2tiyönsso/i fand sich 
mit gutem Humor in unseren Überfall, lud uns, wie üblich, zu 
Kaffee, Kuchen und Zigarren ein und erteilte bereitwillig Auskunft. 

Er nimmt jährlich 3000 Kr. für Eiderdunen ein, durchschnittlich 7 — 10000 Kr. 
für Lachse, in einem Sommer sogar 12000 Kr., ein Handelshaus in Reykjavik kauft 
sie und schickt sie nach Kopenhagen. Egill erhält 40 Öre für das Pfund, bei kleinen 
Tieren 30-35 Öre, i Pfd. geräucherter Lachs kostet 80 Öre. An Eiderenten gibt 
es ca 20000 hier. Die Daunen gehen nach Kopenhagen oder Russland, wo die 
Reichen ihre Pelze mit den zarten Flaumen lüttern , die so gut wie kein Gewicht 
haben. Dieses Jahr (1904) kostet das Pfund Daunen 11 Kr. 50 Öre, er hat 300 Pfd. 
gesammelt, darunter 150 Pfd. allerfeinster Ware. Die Vögel legen ihre Eier sehr un- 
regelmässig, der eine 8, ein anderer nur 2, dann tauscht man, so dass auf jedes Nest 
etwa 4 Eier kommen. Nur die Eier und Daunen der ersten Brut werden genommen. 
Der Bauer holte ein Nest und zeigte mir, wie es gereinigt wird. Das in der Sonne 
getrocknete, schmutzige Nest wird über ein in einen hölzernen Rahmen eingespanntes 
Netz gestrichen, so dass der Dreck herausfällt (vergl. I, S. 327). Nimmt man noch 
hinzu, dass der Bauer ca. 500 Schafe hat, so versteht man, dass er auch für unsere 
Verhältnisse ein wirklich reicher Mann ist und auch genug Arbeit hat. Bitter aber 



218 



Uxahver. 



klagte er darüber, dass er nicht hinreichend Arbeitsleute bekommen könnte: das sei 
eine Folge der törichten Auswanderung nach Amerika; er habe sich daher Arbeiter 
aus Norwegen geholt, die sich schnell eingelebt hätten und billiger seien, als die 
isländischen Knechte. — Zuweilen verirren sich Rentiere hierher. 

Wir ritten zunächst die Laxd entlang und kamen auf schmalem, 
aber erkennbarem Wege zu einigen heissen Springquellen, wenn ich 
nicht irre, sechs. Die kochenden Quellen liegen in einer Reihe von 




Fig. I GG. Uxahver. 



Süden nach Norden in drei Gruppen und kochen und brodeln 
unaufliörlich ; die erste Gruppe hat nur eine Quelle (Uxahver), die 
andern haben zwei bis drei Quellen. Die grösste von ihnen ist der 
Uxa/iver (Ochsenquelle), sie ist ganz wie der Geysir gestaltet, mit 
Springröhre, Becken und flachem Sinterkegel (Fig. loo). Nach der 
Sage ist einmal ein Ochse hineingefallen ; bei dem nächsten Aus- 



Uxhaver. 



219 



bruchc wurde aber nur noch das Knochengerüst herausgeschleudert, 
Haut und Fleisch waren von dem heissen Wasser verzehrt. Jon 
Beiiediktssoii (1747) sagt: Der Uxahver springe 40—50 Klafter 
hoch; er habe einmal ein Viertel Schaf in die Quelle hineingetan, 
und binnen einer halben Viertelstunde war es gar gekocht'). Nach 
dem Erdbeben von 1872 sprang der Hver lange Jahre nicht. Wir 
sahen ihn wieder in Tätigkeit, alle 5 — 10 Minuten wurde aus dem 
Becken eine etwa 10 m hohe Wassergarbe in die Höhe geworfen. 
Das Wasser im Bassin liegt zunächst still und ruhig da, allmählich 




Fig loi. Biüarfoss der Laxä bei Grenjadarstadur. 



beginnt es zu sprudeln und zu bubbeln, in der Mitte quillt und 
siedelt es immer heftiger, sobald das Becken vollgelaufen ist, er- 
folgt dann der mehr breite als hohe Ausbruch, der durchschnittlich 
25 Sekunden dauert. Da die Sonne gerade darüber stand, schimmer- 
ten die Tropfen silberblau ; das Wasser war übrigens so heiss, 
dass wir für unsere Stiefel fürchteten; in den Rand des flachen 
Sinterkegels hatten viele Touristen ihren Namen eingeritzt. Der 
Bauer des Gehöftes Reykir (Rauch) hatte rings um die heissen 
Quellen Kartoffelfelder angelegt und das warme Wasser in Rinnen 
darübergeleitet, so dass die Beete so üppig standen wie selten sonst 
auf Island. 



1) Thoroddsen-Gebhardt II, S. 278; vergl. weiter a. a. O- II, S. 341 2 
und Anderson, S. 16. 



220 Brüarfoss. Grenjadarstadur. 

Überraschend wirkte, als wir nach einer Stunde bergab ritten, 
der BHck auf das weite Lavafeld, das dicht bis an den Pfarrhof 
Grenjadarstadur heranreicht und über die fruchtbaren Wiesen, 
bald hierhin, bald dorthin, einen Block verstreut hat : kleine Seen 
leuchten überall, und viele reizende, grüne Inselchen liegen im 
Flussbette. Kurz vor Grenjadarstadur führen zwei Brücken über 
die Laxd. Der Fluss teilt sich hier und bildet eine lange, schmale 
Insel, so dass zwei Brücken notwendig sind. \'on der ersten hat 
man einen prachtvollen Blick auf den Wasserfall, Bniar/oss (Brücken- 
wasserfall ; Fig. lOi). Die Kaskade erinnerte mich in ihrer Gesamt- 
heit, namentlich mit den beiden Inselchen in der Mitte des Flusses, 
die mit hohen Bäumen bewachsen sind, und um die der Foss 
schäumend und brausend wirbelt, an den Rheinfall bei Schaffhausen. 

Pröfasiiir Benedikt Kristjdnsson war auf unseren Besuch durch 
einen Knecht vorbereitet, den Ögmundur gestern in Hüsavfk ge- 
troffen hatte, und nahm uns mit seiner stattlichen Gemahlin sehr 
herzlich auf. Er ist der Vater des Kaufmanns in Hi'tsavi'k, den wir 
gestern kennen gelernt hatten, und der Schwiegervater des Arztes 
in Brekka: ich hatte somit den grössten Teil der Verwandtschaft 
meines Führers kennen gelernt. Das Pfarrhaus besteht aus zwei 
verschiedenen Teilen, vorn heraus liegt der ganz modern gehaltene 
und mit behaglichem Luxus ausgestattete Teil: die Prunkstube im 
vollen Sinne des Wortes, mit Leonardos Abendmahl und einer 
Nachbildung der Ariadne des Canova, in Biskuit, sowie der Schlaf- 
raum für Gäste; durch einen ,, langen, dunklen und beschwerlichen 
Weg", wie Sira ihn nannte, gelangte man an der Küche vorüber 
zu dem alten, auf gut isländisch eingerichteten Teile, der Studier- 
stube, dem Wohnzimmer und den übrigen Räumen. Beibehalten ist 
auch die altertümliche Küche, weil sie billiger und für isländische 
Verhältnisse praktischer ist (vergl. Fig. 56; I, S. 321 ). Diese Bauart, die 
das Altbewährte in glücklicher Weise mit dem Modernen vereinigt, 
scheint mir für die wohlhabenderen Isländer vorbildlich und nach- 
ahmenswert zu sein. Dem Hause gegenüber liegt das schmucke 
Kirchlein mit einem besonderen Glockenturm; er erinnerte mich 
überraschend an den ,,Klockstapel", den ich vor fünf Jahren in 
Haasjö in Jemtland gesehen hatte. Auf dem Friedhofe liegt ein 
Runenstein, der auf drei Seiten eine Inschrift hat, die längste in 
isländischer Sprache. 

Der Pfarrhof ist alter Sitz der Gelehrsamkeit. Von Porsteinn 
Illugason (f 1335) heisst es z.B.: ,,Noch lange wird man die Werke 
seiner Hand in der Niederschrift von Büchern, in der Malerei und 
in der Holzschnitzerei zeigen". Sigurdiir Jönsso7i gehörte im 15. Jahr- 
hundert hier zu den wenigen Geistlichen, die imstande waren, die 
Söhne der Vornehmen zu unterrichten ^). 

I) Thoro ddsen- Gebhardt I, S. 99, 180. 



Grenjadarstadur. M<vatn. 221 

Die Mückenplai^c fing bereits an, sicii höchst unangenehm be- 
merkbar zu machen. Da Ögmundur hier vor vielen Jahren, als 
er mit Thoroddsen reiste, ein Pferd tageweit entlaufen war, das 
von den Stechmücken rein verrückt gestochen war, wurden die 
armen Tiere für die Nacht in einer Hürde beim Hause untergebracht, 
auf die Weide sollten sie erst am nächsten Morgen. 

Man unterscheidet Rykmy und Bitvargiir {Alyvargur, sing. tant. 
bedeutet „Stechmücken, Mückenplage"); erstere stechen nicht, 
sondern stehen wie Rauchwolken in der Luft und verursachen ein 
eigentümliches Geräusch, das wie fernes Stimmengewirr klingt; die 
anderen (Simulia) sind verhältnismässig weniger zahlreich, aber 
machen sich um so fühlbarer, besonders an den Pferden, die sie 
ganz toll machen. Sie setzen sich den Pferden und Schafen an die 
am wenigsten behaarten Stellen, die Tiere stellen sich dann in einen 
Kreis und wedeln einander mit den Schweifen ins Gesicht, wenn 
die Mücken zu frech werden. Zuweilen reibt man die Tiere mit 
Karbolöl ein und brennt Petroleum in den Hürden (kviar). Bei der 
Heuernte tragen die Bewohner wollene Handschuhe und oft be- 
sondere Kappen (Myvatus-]iett2ir), die bis auf den Hals reichen 
und kurze Schirme und einen Flor vor dem Gesichte haben. 

29. Juli. 

Ögmundur war überglücklich. Er hatte beim Propst zwei 
Briefe von seiner Frau vorgefunden: zu Hause stand alles wohl — 
wie beneidete ich ihn ! Aber in vier Tagen sind wir in Akureyri, 
und dann hoffe ich auch gute Nachrichten von den fernen Lieben 
anzutreffen ! 

Langsam ritten wir über den braunen Sand und roten Kies des 
öden, toten Hölasandur. Die Sonne strahlte, aber der Wind 
brachte uns Kühlung und fegte den Staub auf die andere Seite, 
so dass er uns nicht belästigte. Nach drei Stunden sahen wir die 
SiUur (Säulen), eine 1135 m hohe Bergkette südlich von Akureyri 
am westlichen Ufer der Eyjafjardard und dahinter den Vindheima- 
jökull (1465 m). Zwei Stunden darauf hatten wir den ersten An- 
blick des Myvatn, und obwohl unsere Erwartungen auf das Höchste 
gespannt waren, wurden sie doch von der Wirklichkeit noch weit 
übertroffen. Das Myvatn ist 27 qkm gross, aber nur 5 — 7 m tief; 
das Bassin ist, wie Thoroddsen sagt, zwischen Lavaspalten ein- 
gesenkt, und später sind mehrere Lavaströme in den See hinaus 
geflossen. Das helle durchsichtige Wasser lässt die grottenartigen 
Gebilde der schwarzen Basaltlava deutlich erkennen. Seine Um- 
gebung ist mit Kratern derartig übersät, dass sie wie eine Mond- 
landschaft aussieht. Myvatn ist Islands Feuerherd. Wenige Stellen 
auf der Erde sind von der Tätigkeit des unterirdischen Feuers so 



Mvvatn. 



durchwühlt, wie diese Gegend. Weite, mit Kratern bedeckte Flächen, 
grosse vulkanische Spalten, die sich durch die Berge von einer Seite 
zur andern erstrecken, Schlammvulkane, Solfataren und Fumarolen, 
unübersehbare Lavafelder treten auf allen Seiten hervor. Daher 
haben eine Menge europäischer Geologen seit langer Zeit ihre 
Aufmerksamkeit dieser Gegend gewidmet. Hier hat sich auch 
Thoroddsen seine Sporen verdient. Als 1S76 von Dänemark eine 
Expedition unter Prof. Johnstrup ausgeschickt wurde, um die 
Vulkane des Nordlandes zu untersuchen, befand auch er sich unter 
den Teilnehmern, und acht Jahre später untersuchte er allein vom 
Mi'vatn aus die ,, Lavawüste im Innern Islands"^). 

Das östliche Ufer des Sees, das wir zunächst erreichten, hat 
eine Menge tiefeingeschnittener Fjorde , unfruchtbare Lavafelder 
ziehen sich das Ufer entlang, aber sie sind so wunderbar gestaltet, 
dass sie nie eintönig wirken, und Thoroddsen gesteht, dass er 
auf ganz Island keine Lavaspitzen mit so seltsamen und malerischen 
Gebilden gesehen hat wie hier. In der Lava halten sich unglaub- 
liche Massen von Spinnen auf, die ihre Netze über die Lavalöcher 
spinnen, und in den Lavaspalten kommen üppige Farnkräuter fort. 
In dem See und um den See erheben sich gewaltige Säulen, 
Türme und Felsburgen, wie Ritterschlösscr des Mittelalters, und 
wenn des Abends ein leiser Schleier sich über den See und die 

Berge senkt , und 
alles in phantasti- 
schen Formen ver- 
schwimmt , dann 
treiben spukhafte 
Mächte hier ihr 
Spiel, denen zu be- 
gegnen nicht ge- 
heuer ist. Der Ne- 
bel ballt sich 




zu 



einem ungeheueren 



Fig. 102. Der Nachtkobold in seinem Boote. (Ein eigen- 
tümlich geformter La%'afelsen an der Ostseite des Mvvatn.) 



Riesen zusammen, 
und die an den Lava- 
blöcken und Berg- 
gipfeln zur Abend- und Nachtzeit haftenden und mit Sonnenaufgang 
schwindenden, oder durch den Sturm verscheuchten Nebelgebilde 
riefen und rufen die Yersteinerungssagen von Riesen hervor: der 
nackte, kahle Fels bleibt zurück, während die Nebelgestalten zum 
Himmel entschweben. Ein grosser bootmässiger Lavablock mit 
einer aufrecht stehenden Spitze soll ein versteinertes Riesenweib 



1) Auch der letzte Aufsatz Thoroddsens beschäftigt sich mit dem Myvain. 
Geogr. Tidskr. 1905, XVIII, S. 26 — 46. — Korrektumote. 



M^'vatn. Slütnes. 223 

sein (Fig. 102), und die Sage, die sich daran knüpft, erzählt fol- 
gendes M: 

In einem Berge bei den Sommerweideplätzen, die den Einwohnern am Mijvatn 
gehören, wohnte eine Riesin, ein Nachttroll, in deren Natur es liegt, dass sie nicht 
vertragen können, die Sonne zu sehen. Darum müssen sie ihren Lebensunterhalt des 
Nachts gewinnen. Die Riesin fügte den Leuten am See viel Schaden zu, da sie des 
Nachts die Fische aus dem See stahl. Man sagt, sie habe ein kleines Boot gehabt, 
in dem sei sie auf dem See umhergerudert und habe es dann auf dem Rücken 
wieder nach ihrer Felsvvohnung getragen. 

Eines Sommers war der Fischfang ausserordentlich ergiebig; jede Nacht stahl 
die Riesin die Fische aus dem See, und das verdross die Bauern sehr. Als gegen 
Sommervvende die Riesin wieder fischte, war gerade auch ein Bauer mit Fischen be- 
schäftigt. Sie wagte aber nicht, ihn anzugreifen, denn es waren noch drei andere 
bei ihm ; sie beschloss daher zu warten, bis der Bauer mit dem Fischen fertig wäre. 
Dieser aber zögerte bis gegen Morgen , da er wusste , wie es sich mit der Riesin 
verhielt. Endlich hörte er mit Fischen auf, die Riesin warf sogleich ihre Angel aus, 
und als sie genug gefangen hatte, ging sie heim. Unterwegs aber überraschte sie die 
Sonne. Da setzte sie das Boot auf der Stelle nieder, wo sie stand, stieg selbst 
hinein, und so ist alles zu Stein geworden. 

Die deutlichen Merkmale davon kann man noch heute sehen. Das Boot gleicht 
genau den Fahrzeugen, die man noch jetzt auf dem Mijvatn zum Fischen braucht, 
nur dass es viel grösser ist. „Man kann seine ganze Einrichtung deutlich erkennen 
und noch die Ruder und ihre Befestigung sehen; es sind dazu Einschnitte im Boots- 
rande vorhanden gewesen, nicht die heute gebräuchlichen Klampen. Im Hintersteven 
des Bootes ist eine grosse Erhöhung, und man hält dies für die Riesin, die sich hier 
zur letzten Ruhe niedergelegt hat". 

Einstmals hat das Myvatn mit dem nordwestlich gelegenen 
Sandvain zusammengehangen, und der Berg J^mdbelgur ist damals 
eine Insel gewesen. Mehrere Krater — nach Thoroddsen minde- 
stens 50 — , ragen als Inseln aus der Wasserfläche des Myvatn 
empor, und im Boden sollen tiefe Kessel und Abgründe sein. Die 
seichten Stellen sind mit Wasserpflanzen, besonders mit Myrio- 
phyllum spicatum bedeckt (Vatnaiiiari) ; hier hausen die Larven 
der Myriaden von kleinen Mücken, die dem See seinen berüchtigten 
Namen gegeben haben. Einige der Inseln und Holme sind flach 
und niedrig, unfruchtbar und nur spärlich bewachsen mit Binsen, 
Archangelica und dem auf Island seltenen Erysimum hieracifolium 
(Aronsvöndiir). Andere, ehemalige Krater, sind höher und kegel- 
förmig mit einem Becken in der Mitte, oft halb vom Wasser ein- 
gerissen, mit Gras und Weiden bewachsen (vergl. die Fig. 103). 

Als der Bauer von Griiitstadir merkte, dass wir keine Engländer 
waren und keine Gewehre bei uns hatten, erlaubte er uns, allein 
nach der Insel Shltnes zu rudern. Diese Insel ist die schönste von 
allen Inseln des Myvatn^ ein herrliches, kleines Idyll, ein Robinsons- 
Eiland mit kleinen, kreisrunden, von hohem Schilf eingefassten Seen, 
kleinen Fjorden und einem kleinen Walde. Sie ist nur 800 — 1000 



1) Jon Arnason, Isl. Pjödsögur I, S. 215/16. 



224 



Mfvatn. Slütnes. 



Schritt lang und nur ^;4 so breit, aber die Humusschicht, die die 
basaltische Lava bedeckt, trägt eine üppige Fülle Ampfer, Geranien, 
Schafgarbe und namentlich Wollgras. Das Hevi wird auf der Insel 
gelassen, mit Rasenstreifen zugedeckt und im Winter mit Schlitten 
hinübergebracht. Die Weiden, Birken und Ebereschen erreichen 
eine Höhe und einen Umfang wie selten auf Island, zwischen ihren 
Büschen haben zahllose Enten ihre Nester ; eine strauchartige Eber- 
esche prangte in voller Blüte, die Weidenbüsche gingen uns bis zur 
Brust, und einige knorrige, vielfach hin- und hergewundene Birken 




Fig. 103. Die Insel Slütnes im Myvatn. 



waren wohl von doppelter Manneshöhe, aber das Auffallendste waren 
wohl die Archangelicastauden, die fast 2 m hoch kerzengerade neben 
einander standen (Fig. 104). ]\Ian glaubt wirklich nicht auf Island 
zu sein, wenn man diese Ortlichkeit betritt. 

Slütnes ist ein wahres Eden für die Wasservögel, kein Schuss 
darf hier fallen, kein Tier getötet werden. Wohl keine Stätte in 
ganz Europa bietet dem Ornithologen ein so reiches Feld, um die 
Eigenheiten und Lebensweise der Enten kennen zu lernen. Das 
Vogelleben hier ist untersucht und geschildert von Fr. Faber 
(1819), Th. Krüper (1856), Frey er (1860), Riem Schneider (1895) 
und H an tz seh (1903). Zu den am meisten charakteristischen Vögeln 
gehört der zutrauliche Ohrentaucher (Colymbus auritus , Se/önd)^ 



M^vatn. Slütnes. 



o->r. 



dessen schwininiendc, mit der am Grunde wurzelnden Wasserpflanzen 
verflochtene Nester an der Küste sehr häufig sind. Von Enten sind 
Clangula islandica, l<\iligula marila, Anas hiemalis, Anas crecca, 
Anas boschas und Oedemia nigra die häufigsten, im ganzen brüten 
etwa 20 Arten hier; Mergus merganser und Mergus serrator, Colym- 
bus glacialis und septentrionalis sind ebenfalls häufig, ausserdem 
Seeschwalben, IMöven, Odinshähne und viele andere Wasservtigel. 
Die Hausente {//üsö/id, Spatelente, Clangula isl.) ist sehr zahm 
und hat ihren Namen daher, dass man oft auf den Holmen kleine 
,, Häuser" für sie baut. 




Fig. 104. Im Gebüsch der Insel Slütnes. 



Ebenso berühmt ist das Myvatii durch seine Forellen. Salmo 
alpinus wird in grossen Mengen gefangen und frisch, gesalzen und, 
wie Stockfisch, in der Luft getrocknet {JMyvafns-reidur} verspeist; 
in letzterer Zubereitung ist er geradezu eine Delikatesse. Ausser- 
dem kommen vor : die Bachforelle und Lachsforelle, der Saibling 
und eine von den Isländern krüs genannte Art, die sich in Löchern 
und Lavaspalten aufhält \). Der Fang beginnt gewöhnlich anfangs 
April und dauert bis in den Sommer hinein. In der Laichzeit 
suchen grosse Züge von Forellen die Nähe des Landes und werden 
von Oktober bis Februar von den Umwohnern im Garn gefangen. 



1) Vergl. Reykdcela S. 1881, K. 21; Thoroddsen-Ge bhardt II, S. 2789, 
303, 327/8, 337. 

Herrraann, Island II. 15 



226 Myvatn. Reykjahlid. 

Im Winter werden Löcher in das Eis geschlagen, und man zieht 
ein grosses Zugnetz, eine sogenannte Wathe, unter dem Eise durch 
zwei grosse Löcher. 

Vor dem Bauernhofe Gri'instadir lag mindestens ein Dutzend 
Renntiergeweihe, an deren Zacken Kleidungsstücke aufgehängt waren. 
Die Landstrecke zwischen Gri'instadir und ReykjaJilid, über deren 
Lava wir ritten, soll früher ein Wiesengrund mit kleinen schilfbe- 




Fig. 105. Reykjahlid. 

wachsenen Binnenseen gewesen sein, der zu den umliegenden Ge- 
höften gehörte. Ausser dem Pfarrhofe ReykjaJili'd, wo die Häuser 
unter der Lava begraben wurden, sind drei andere Höfe vollständig 
zerstört worden. 

Reykjalili'd, etwa •';4 Stunde von Gri'instadir entfernt, liegt am 
nordöstlichen Ufer des Sees 292 m über dem Meere (Fig. 105). Das 
Tün^ das bis an den See reicht, wird nach Westen begrenzt vom 
Lavastrom des Leirlini'ikur vom Jahre 1729, nach Osten von alter 
Lava mit Rissen und Höhlen, die z. T. als Schafställe benutzt 
werden. Die neue Lava ist z. T. mit Moosen bewachsen ; wo ein 



Reykjahlid. 227 

wenig Staub sich in den Vertiefungen angesammelt hat, kommen 
vereinzelte Phanerogamen (?) vor. 

In irgend einem dänischen Reiseberichte habe ich gelesen, dass 
sich hier im Laufe des 20. Jahrhunderts sicherlich ein Hotel ,, erster 
Klasse" erheben wird, mit befrackten Kellnern, einem Portier in 
Uniform und Ruderknechten in „Nationaltracht", die den Fremden 
für ein paar Pf. Sterling auf den See zum Forellenfang rudern, 
während andere Engländer gegen horrende Summen die letzten 
Renntiere abschiessen, und noch andere mit der ,, Zahnradbahn" 
nach den Trölladyngjur fahren oder zu den Schwefelquellen pilgern, 
deren Besuch Ah'. Cook nur gegen hohes Eintrittsgeld gestattet. 
Das ist zwar ein Traum der Zukunft, aber ganz in das luftige Reich 
der Phantasie gehört er nicht. Vorläufig muss man allerdings mit 
dem säubern Bauernhofe von Einar Fridreksson für lieb nehmen. 
Ein englischer Ingenieur war da, der das Gelände für die geplante 
Eisenbahn nach Hiisavik untersuchte, und ein paar isländische 
Touristen. Denn auch die Isländer fangen jetzt an, ihr Heimatsland 
zu bereisen : wie die Bewohner von Reykjavik nach Pingvellir, dem 
Geysir und der Flekla, so reisen die Nordländer nach dem Dettifoss, 
Asbyrgi und dem Myvatn. Trotzdem also fünf Fremde da waren, 
erhielten wir doch ein eigenes, grosses Zimmer für uns, und zum 
Abendessen gab es Saiblinge, die nicht minder gut mundeten wie 
die in St. Bartholomä am Königssee. Da wir Nordwind hatten, 
waren alle Mücken auf der Südseite des Sees, wir konnten sogar 
ohne Zigarre im Freien sitzen und umherstreichen. Riesige Lava- 
platten liegen umher, aber um die steinerne Kirche und die Wind- 
mühle ist eine Art Ti'iii angebracht, nach vorn breitet sich die 
zitternde Fläche des Sees, im Hintergrunde stehen Berge aus Tuff, 
und über sie blickt die Liparitspitze der Pyramide des Hli'dar- 
fjall {77s m)i). 

In der Nähe des Hlidarfjall liegt eine der grössten Lavaspalten Islands, eine 
ca. 35 km lange Kraterreihe mit 80—100 Kratern, Leirhnükur (Lehmhöhe) genannt. 
Der nördlichste Teil dieser langen Kraterlinie war 1725 — 29 in heftiger Bewegung. 
Man hat diese Ausbrüche oft der Krafla zugeschoben (828 m, sprich Krabla, d. h. 
Krabblerin, warum?), einem Berg aus Palagonittuff , westlich vom Leirhmtkur ; 
aber die Kraßa hat in geschichtlicher Zeit keine Eruption gehabt, einige kleine 
Krater auf ihrer Nordseite sind vor der Besiedlung der Insel entstanden. Der Aus- 
bruch des Leirhnükur 1729 übertraf noch die vorhergehenden an Furchtbarkeit. 
Bei den unaufhörlichen Eruptionen strömte die Lava vor, bis sie den Hof Reykjahlid 
erreichte. Der Pfarrer musste mit Weib, Kind und Gesinde flüchten, drei Höfe in 
der Nähe gingen in Flammen auf, aber die Bewohner konnten sich retten. Den Tag 
darauf wurde der Pfarrhof selbst von der Lava überschwemmt, aber die Kirche blieb 



1) Von diesem Berge wird eine ähnliche Versteinerungssage erzählt, wie von 
dem Nachtkobold in seinem Boote. Lehmann-Filhes, Isl. Volkssagen I, S. 99; 
andere Sagen aus dieser Gegend a. a. O. I , S. 49, 173, 179, II, 191 flf . ; Maurer, 
Isl. Volkssagen S. 47, 190. 

15* 



228 Myvatn. HverOall. 

verschont ; sie wurde von dem glühenden Strom umkreist , aber da sich die Lava all- 
mähUch über die flache Gegend ergoss , und die Kirche höher stand als die Um- 
gebung, so war es eigentlich ganz natürlich, die fromme Bevölkerung jedoch sah darin 
ein Wunder; noch heute steht die Kirche in einer kleinen grünen Fläche mitten in 
dem kohlschwarzen Lavafelde. Der Lavastrom stürzte weiter in das Mf/vafn , und 
zwischen dem feurigen Strom und dem Wasser entbrannte der fürchterlichste Kampf. 
Alles wurde in Dampf gehüllt, und unter einer unaulTiörlichen Kanonade wurde der 
Kampf lange Zeit fortgesetzt, bis das Wasser Sieger blieb. Das Volumen der Lava- 
ströme von 1725 — 29 beträgt ca. 1018 Mill. ehm., das der älteren Lava derselben 
Spalte wahrscheinlich 3 — 4000 Mill. cbm. Vor dem Ausbruch soll das Wasser des 
Sees bis zu der Höhe hinauf gereicht haben, auf der die Kirche steht. 



30. Juli. 

Da ich früher erzählt habe, wie der deutsche Missionar Dankbrand von 
DjlipWOgur nach dem Althing fährt, will ich seine weiteren Reisen kurz erwähnen. 
Dankbrand brachte mutig das Wort Gottes am Thing vor, scheint aber nicht viel 
Erfolg gehabt zu haben. Da zog er fort und beabsichtigte den östlichen Weg nach 
dem Eyja/jürctur zu nehmen. Er taufte viele Leute im Pangbrandsla'kr iBachi, 
im Axarfjördur, und beim Myvatn im PangbrandspoUr (kleiner Teich). Aber er 
vermochte nicht weiter vorzugehen als bis zum Skjälfandafljöi, wegen der Gewalt 
der Bewohner der um den Eyjafjördur liegenden Landschaft. Da kehrte er zurück 
nach dem Ostlande und lehrte da den Glauben {Krisini S. 7). 

Der Pangbrandslcpkr fällt in die Sandd , die sich östlich von der Jökulsn 
in den Axarfjördur ergiesst und trägt noch heute den Namen. Aber em Pang- 
brandspoUr ist heute am M{ivatn nicht mehr bekannt : nur eine Beschreibung der 
Gegend aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts berichtet von einer Heilquelle, in der 
nach schriftlicher Überlieferung Dank brand getauft haben soll, und diese wird wohl 
mit dem PangbrandspoUr identisch sein (Kahle, Kristni S. 22 1. 

Der Bauer hatte in die-sem Jahre 800 Enteneier eingesammelt, 
die bis Weihnachten aufbewahrt werden können. Seine Heuernte 
betrug 70 ,, Pferde" (ein ,, Pferd" = 150 — 200 Pf.), auch er lässt das 
Heu auf den Inseln und holt es sich nach Bedarf im Winter. Öst- 
lich vom Hofe liegt eine Kluft Störagjd, die mit warmem Wasser 
angefüllt ist, das zu Bädern benutzt wird. 

Da der Himmel bedeckt war, holte ich mein Ölzeug hervor, 
das so lange nicht in Gebrauch gewesen war, und mein Begleiter 
benutzte die Gelegenheit, mich zu photographieren (vergl. Fig. 42). 
Denn wir wollten einen Abstecher nach den berühmten Solfataren 
machen, den ReykjnJdidarndiiiur (ndina Schwefelquelle) und den 
für Island charakteristischen Schlammvulkanen (leirliverj. Zunächst 
ritten wir über Lava, bogen auf Serpentinenwegen in eine passartige 
Einsenkung ein und machten auf der Höhe Halt , um Umschau zu 
halten: hinter uns lag der schimmernde See mit den vielen grünen 
Inseln, vor uns die dunkelblauen Berge, scharf zeichneten sich am 
südlichen Ende des Xdt)iafjall die charakteristische Form des Kraters 
auf dem Hverfjall ab, der wie ein ungeheuerer Becher, wie ein 
ringförmiger Kraterwall aus seiner Umgebung hervorragt und das 
ganze AJyvatn beherrscht i^Fig. io6j. Sein Umfang beträgt nach 



Mvvatn. Hlidarnamur. 



229 



«S<i^ 




Fig. io6. Hverfjall. (Ein grosser Krater an der Ostseite des 
Myvatn; im Hintergrunde Nämafjall, links Lavaströme.) 



Knebel 4140 m, der Durchmesser etwa 1300 m, seine Höhe aber 
nur 150 mM. Nach Knebel ist die aus Preyer-Zirkel entnommene 
Zeichnune etwas überhöht. Die vom Krater ausgeworfenen Massen 
bestehen nach 
Knebel nicht 
in Lavablöcken, 
sondern aus zer- 
sprengtem Ge- 
stein der in der 
Tiefe befind- 
lichen Basalte 
und Tuffe. „Das 
Hverfjall ist ein 
riesenhafter Ex- 
plosionskrater, 
wie kein ande- 
rer auf Island in 
gleicher Vollen- 
dung auftritt." 

Auf der öst- 
lichen Seite des 

Ndniafjall und den ganzen Bergrücken hinauf finden sich die grössten 
Solfataren und Schlammvulkane. Auch auf der westlichen Seite 
findet einige Schwefelablagerung statt: diese Solfataren haben den 
gemeinsamen Namen Hlidarndmur. Schon beim Vorbeireiten hatten 
wir einige Stellen gesehen, wo aus schwefel-inkrustierten Kegeln 
Dampf zischend aufstieg, und widerwärtiger, zäher Schlamm brodelnd 
kochte. Als wir aber abwärts nach der Ebene ritten und den öst- 
lichen Rand des Xdmafjall entlang auf die Hauptschwefelquellen 
zuritten, da ward das Wort Wahrheit, das Sartori us von Wal- 
tershausen gesagt, der 1846 hier gewesen war: „Wenn die Hexen 
des Macbeth für ihre infernalen Beschäftigungen noch nicht den 
rechten Platz aufgefunden hätten, so könnte ihnen der böse Feind 
wahrhaftig nicht besser raten, als in den Ndiinir von Reykjahlid 
ihre Werkstatt aufzuschlagen" (S. 123). 

Die Erde war von den schwefelsauren Dämpfen förmUch durch- 
kocht, schwer und niederdrückend hingen die schwarzen Regen- 
wolken am Himmel, und der leise fallende Regen hüllte alles in 
melancholische Schleier, ohne die Aussicht wesentlich zu beein- 
trächtigen. Um so schärfer hoben sich gerade vor uns die gelb- 
roten Schwefelberge ab, und ihre Wände spielten in allen möglichen 
Farben, gelb, rot, blau, grünlich und weiss; denn die Gesteine sind 
alle in bunten Ton verwandelt. Die Farbenzusammenstellung war 



1) Globus 1905, Nr. 24, S. 376. 



230 Myvatn. Hlidamämur. 

wirklich wunderbar : kleine graue Flecken huschten verstreut mitten 
durch die Lavaklippen, hier waren gedämpl'te braunrote Flächen, 
dort hellgelbe, dort schwarze ; aber diese Farben gingen nie in ein- 
ander über, niemals waren sie in einander auf den Sand aufgekleckst, 
sondern jede Farbe blieb für sich allein, bald überwog die eine, 
bald die andere. Das Auge tat einem förmlich weh beim An- 
schauen dieser in der schreiendsten Disharmonie nebeneinander auf- 
getragenen Farben. Von Pflanzenwuchs war nicht die geringste 
Spur zu bemerken, kein Vogel durchschnitt flüchtig die unheil- 
geschwängerte Luft, nicht einmal die Mücken wagen sich hierher. 
Plötzlich muss ich unwillkürlich die Nase rümpfen und spüre einen 
eigentümlichen prickelnden Reiz am Gaumen: der Wind trägt mir 
einen unangenehmen faden Schwefelgeruch zu, der sich von Minute 
zu Minute schwerer und beklemmender auf die Lunge legt. Nun 
sehe ich auch in einiger Entfernung, bald auch unmittelbar am 
Wege etwa 2 m hohe hellgelbe oder gelbgrüne Schwefelflecken, 
von denen ein weisser Rauch emporkriecht, und weisse Krusten von 
verschiedenen Salzen : all die grossen, gelben Punkte auf den roten 
und braunen Felsen sind Schwefel. Ringsum liegen Pfützen mit 
kochendem Ton in allen möglichen Farben: dunkelblau, hellblau, 
dunkelgrün, gelb und weiss, grau und rot; in den Lehmkesseln 
kocht und blubbert der Ton unter starker Dampfentwicklung, wie 
,,Brei in einem eisernen Topfe". Aus jedem Loch, aus jedem Risse, 
aus jeder Spalte steigen bald grössere, bald kleinere Dampfstrahlen 
in die Luft. Loki, der Feuergott, ist in seiner unterirdischen Werk- 
stätte Tag und Nacht tätig. INIan hört aus der Tiefe ein gedämpftes 
Stöhnen, Pfauchen und Pfeifen heraufdringen, und die Erde scheint 
zu schwanken. Das mag wohl Täuschung sein, aber verräterisch 
genug ist der Boden, die Pferde weigern sich weiter zu gehen und 
stehen von selbst zitternd und prustend still. Unsere Füsse bleiben 
in der schleimigen, klebrigen, weissgelblichen oder bräunlichen Masse 
stecken, mit grösster Mühe und Vorsicht tappen wir uns vorwärts. 
Wehe dem, der in den zähen, heisscn Schlamm, in die glühend- 
heissen Schichten von halbflüssigem Ton und Schwefel versinkt! 
Wenn er sich nicht schnell der Länge nach mit ausgebreiteten 
Armen hinwirft, ist er verloren. Am widerlichsten aber ist der 
Blick in die vier grösseren und mehrere kleine Schlammpfuhle mit 
kraterförmigen Rändern, die, von Süd nach Nord geordnet, dicht 
beieinander liegen: graublauer oder bleischwarzer, ekelhafter 
Schlamm brodelt ununterbrochen in ihnen langsam und schwerfällig 
und vermag es nur zu einigen Blasen zu bringen, die unaufhörlich 
aus der Tiefe aufsteigen, zischend oder mit leisem, dumpfen Knall 
platzen und den Schlamm auseinander und über den Rand empor werfen. 

Da unten aber ist's fürchterlich, 

Und der Mensch versuche die Götter nicht! 



Mi?vatn. Hlidarnämur. 231 

Es- war ein unheimlicher, wahrhaft dämonischer AnbHck, das 
Grauenhafteste, das sich eine Doreesche Phantasie ausmalen kann, 
und doch bleibt sie hier hinter der Wirklichkeit zurück. Nur mein 
Führer behauptete, 1888 mit Thoroddsen in den Kerliitgarjjöll 
am Rande des Hofsjökull Solfataren und Schlammvulkane gesehen 
zu haben, die die lllidarndmur noch weit überträfen. Wenn der 
bekannte Jesuitenpater Baumgartner hier gewesen wäre, würde 
er hier und nicht bei der Hekla geschrieben haben : „Die vulka- 
nischen Erscheinungen der letzten Jahrhunderte zeigen zum wenigsten, 
dass es dem Schöpfer weder an Erfindungsgeist noch an Macht 
gebricht, eine Hölle anzuzünden" — Worte übrigens, die auf die 
Isländer einen eigenartigen Eindruck gemacht haben müssen, denn 
sie wurden mir gegenüber wiederholt zitiert. 

Der Wind trieb uns den Gestank des Schwefelwasserstoffes mit 
solcher Gewalt ins Gesicht, dass wir dem Höllenpfuhl den Rücken 
wandten, die Pferde bestiegen und durch die ausgebrannte Wüste 
zurück nach ReykjaJih'd ritten. Gegen vier Uhr brachen wir von 
hier auf, um ShUustadir zu erreichen, unser nur drei Stunden ent- 
ferntes Ziel am Südwestende des Myvatn. Der Regen hat aufge- 
hört, die Sonne lacht, aber sie hat auch die Mücken lebendig ge- 
macht ; sie setzen sich in die Nasenlöcher und Augen und dringen 
in die Mundhöhle und Ohren ; die Zigarre nützt so gut wie nichts, 
aber wozu ist das Mückennetz so lange mitgeschleppt? jetzt soll es 
zu seinem Rechte kommen ! es wird schnell über das Gesicht ge- 
zogen und verschafft wirklich Ruhe vor den Plagegeistern. Da aber 
kein Lüftchen sich rührt, wird es unter dem langen, breiten Schleier 
unerträglich heiss, und lieber w'ill ich mich von den Mücken um- 
schwirren und umsummen lassen, als in dem Backofen schmoren ; 
die Pferde leiden augenscheinlich viel mehr als wir, sie schnauben 
und prusten in einem fort und eilen, was sie können, obwohl wir 
lieber langsam ritten, um die überaus interessante Landschaft zu 
gemessen. 

Es ist wohl die letzte Lava, die wir auf Island zu passieren 
haben, und soviel wunderbare Lavafelder wir auch passiert haben, 
dieses letzte ist vielleicht das eigenartigste. Es ist mir unbegreiflich, 
wie Baumgartner, der allerdings selbst nicht hier gewesen ist, 
schreiben kann, dass das Mi'vatti in keinem Verhältnisse zu den 
Anstrengungen und Opfern stünde, die eine Reise hierher an den 
Menschen stelle, und des Engländers Burton Schilderung ist ge- 
radezu läppisch : „Wir fanden am Myvatn keinen Platz, w'o Fische 
und Vögel im Überfluss leben, und wo die W^under Islands sich 
vereinigen. Der Grund des Sees ist schwarz und schlammig, das 
Wasser am Ufer ist seicht und voll Unkraut, Schilf und Schlamm; 
von dem letzteren ist das Gestade und der Rand der Inseln weiss . . . 
das richtige Nest für Blutegel" (Ultima Thule or a Summer in Ice- 



232 



Mvvatn. Kälfaströnd. 



land 1875). Die Lava zeigte die unglaublichsten, abenteuerlichsten 
Gebilde : Zacken und Säulen, terrassenförmige Klippen und wild 
zerrissene Blöcke, schroffe Brüche und tiefe Kessel, Kuppeln und 
Kegel, Wände und Schlösser, Portale und Brücken — und zwischen 
dem Labyrinth dieser finsteren, wild durcheinander geworfenen, 
schwarzen, selten rotbraunen ^Massen liegen grüne Wiesen mit zahl- 
reichen Birkengebüschen versteckt, kleine Teiche, Überreste des 
alten Sees, durch die erstarrten Feuermassen vom Hauptsee getrennt. 




Fig. 107. Kälfaströnd am Myvatn. 



Im Myvaiii selbst taucht eine Insel nach der andern auf, manche 
gerade so gross, dass eine Archangelika -Staude darauf Platz hat. 
Die phantastischsten Formen weist die Kälfaströnd auf, wo die 
Lavagebilde weit in den See hineinragen (Fig. 107), und als wir 
lang ausgestreckt im Rasen ruhten, hörten wir ein Gezwitscher wie 
von einer Amsel und sahen eine Rotdrossel (Turdus iliacus, Skögar- 
pröstur) und einen isländischen Leinfinken (Acanthis linaria isl., 
Audinititltugur). Fast in jeder Spalte, in jeder Lavahöhle nisteten 
Enten und Säger, zwischen den Lavaklippen im Wasser wimmelte 
es von Berg- und Eisenten, von Fuligula islandica und Mergus 



Mvvatn. Skütustadir. 



233 



serrator. Hier allein im ganzen Alyvaln nistet nach Riemschneider 
ein Gänsepaar (Anser segetum). Wir klettern einen steilen Fels hin- 
auf, und Ögmundur zeigt mir in der Ferne das Gehöft Hörgs- 
ddlur , wo Olsen und B r u u n vor drei Jahren eine guterhaltene 
heidnische Altaranlage ausgegraben haben. 

Die Westseite des Myvatn hat einen ganz anderen Charakter 
wie die Ostseite : im Osten gehen mehrere Kraterreihen von Süden 
nach Norden, wie ,, Perlen an einer Schnur"; im Westen sammeln 




Fig. io8. .Skütustadir. 



sich die Krater in mehrere unregelmässige Gruppen (Thoroddsen). 
Die grösste Kratergruppe des Westrandes liegt bei dem Pfarrhofe 
Skiitiistadir , der eigentümlichste Krater heisst Arnarbceli ; er ist 
aus Lavaklecksen aufgetürmt, dicht bei ihm ergiesst sich der tiefe 
GrcEfiücrkur in den See ; von der Spitze des Kraters sieht man in 
eine ungeheure Kluft hinunter. Der Pfarrhof liegt auf einer ein paar 
hundert m breiten Bodenerhebung, die den See von einem südlich 
gelegenen Sumpfe trennt ; östlich dehnt sich ein Basaltfeld aus ; 
nördlich erhebt sich der isolierte Kegel des Viiidbelgjarfjall ; west- 
lich ergiesst sich die Krdkd in den See, der See selbst hat eine 



234 Myvatn. Skütustadir. 

tiefe Bucht mit verschiedenen kleinen Inseln (Fig. io8). Kirche 
und Pfarrhof sind mit einer Steinmauer umgeben, die Kirche selbst, 
aus Holz, schwarz angestrichen, erinnert an eine norddeutsche Dorf- 
kirche: sie hat einen richtigen Kirchturm, der mit einer Kuppel 
beginnt und in eine Kugel auf einer Stange endet. Auf einem alten 
Grabkreuz aus Holz lesen wir von einem ]\Ianne, der mit zwei 
Frauen 23 Kinder erzeugt hat: da ist es kein Wunder, dass Islands 
Bevölkerung trotz der Auswanderung nach Amerika nicht abnimmt. 
Neben dem Pfarrhausc steht ein stattliches zweistöckiges Gebäude, 
ganz aus Holz, es dient als Thingstätte (Pingstadur) und Volks- 
schule (Barnasköli). Yxo^'-X Ar)ii Jöiisson, ein stattlicher Mann mit 
einem Lord Byron-Kopfe, nimmt uns sehr liebenswürdig auf, und 
die schlanke Brynhild-Tochter mit zwei langen, dicken Zöpfen — die 
Pfarrerstöchter in Gre/ijadarsfadur vertraten mehr den Kriemhild- 
Typus — , trägt uns bald in der Studierstube ein köstliches Mahl 
auf. Die Bibliothek, die erste grössere, die ich seit Brekka wieder 
sehe, enthält viele naturwissenschaftliche Werke, ausserdem Dickens, 
Byron, Shakespeare, Lie's Hellseher und in deutscher Sprache : 
Frenzel, Im goldenen Zeitalter; Gerok, Pilgerbrot; Schirlitz, Wörter- 
buch zum Neuen Testament. Skütustadir ist ebenfalls ein Eldorado 
für Ornithologen, ausgestopfte Vögel stehen auf den Bücherregalen, 
und Vogel bälge hängen an den Wänden. Da Sira Ami am nächsten 
]\Ioreen in der Frühe zum Gottesdienste fortreiten muss, zeigt er 
uns die nächste Umgebung des Pfarrhofes, vor allem den Ski'ita- 
iiellir, eine Lavahöhle mit schmalem, steilem Eingang, und eine 
kleine Insel Dritey, auf der Sküti den Meuchelmörder ausgesetzt 
hat, der ihm nach dem Leben getrachtet hatte. Prof. Fintnir 
Jönsson aus Kopenhagen, der etwa acht Tage vorher hier war, hat 
die Lokalität untersucht und diese Insel als die in Frage kommende 
bezeichnet ^). 

31. Juli. 

Skütustadir hat seinen Namen von dem kriegerischen, rach- 
süchtigen und doch keineswegs rohen f ^iga-Sküta (f 996 ; Mord = 
Sküta], dem Helden des zweiten Teiles der Reykdcrla-Saga. Aber 
auch mit der ]l'ga-Glü/nssaga , deren Schauplatz, den südlichen 
Eyjafjördur, wir noch kennen lernen werden, steht seine Geschichte 
durch eine Episode in Verbindung (K. 16). Und weil die Gegend 
um das Myvatn so arm an geschichtlichen Erinnerungen ist, bietet 
die Saga ein erhöhtes Interesse. 



1) Darüber, dass Hrauniiiuga im Odädahraun, wie Bruun (Gjennem affolkede 
B3'gder, S. 38) annimmt, das alte Gehöft Skiitustadir gewesen sei, konnte ich keine 
Auskunft erhalten. 



Myvatn. Skütustadir. 235 

Der Gode Porgeirr von Ljösavatn, auf» dessen kluge Rede hin im Jahre looo 
das Christentum angenommen wurde, war Skittas erbittertster Feind und suchte ihn 
durch gedungene Meuchehnörder ums Leben zu bringen. Aber Skiita entrann dem 
Anschlage, fing den Meuchelmörder, führte ihn auf eine öde Schäre im See, zog ihm 
die Kleider aus und band ihn nackt an einen Pfahl ; dann schickte er Botschaft an 
Porgeirr, er solle seinem Manne helfen. Da dieses nicht geschieht, stirbt der Arme 
vor Hunger, bis zum Wahnsinn gepeinigt von den unzähligen Mücken, die gerade hier 
eine fürchterliche Plage sind. Einen zweiten Meuchelmörder tötet Skiita auf die 
gleiche grauenvolle Weise, indem er ihn auf der Hrafnasker aussetzt (heute : Dritey ?). 
Und wie der treue Hund Säinr Leben und Eigentum seines Herrn Giinnarr von 
Hlictarendi bewacht , so vereitelt auch die Wachsamkeit des Hundes Flöki einen 
Anschlag des GliUltr auf Skütas Leben. Eigentlich ist Flöki der Hund des Gantr 
auf dem Gute Gatitlöiid, das dicht bei Hörgsdalr gelegen^), und warnte durch sein 
unaufhörliches Bellen vor Viga-GliiHir , der mit einer starken Kriegsschar gegen 
Skilfa aufgebrochen war. Sküia vergleicht sich mit Porgeirr, und dieser gelobt, 
ihm nicht mehr nachzustellen. Zwei andere Feinde aber erfahren durch Verräterei 
von Skittas künstlich angelegtem Erdhause (einer Höhle in der Erde unter seinem 
Hause), in das er in der Stunde der Gefahr fliehen konnte, dringen durch den unter- 
irdischen Gang in den Schlafraum und töten ihn. Der eine der Gegner wird von 
Skiita bei dem Überfall erschlagen, der andere später ausser Land verwiesen. Nach 
der Tradition ist der erwähnte Skiitahellir jenes unterirdische Haus'^). 

Als sich der Nebel verzog, kamen die Mücken in Ungeheuern 
Massen hervorgeschwärmt ; wir konnten es draussen nicht aushalten 
und überliessen dem Führer und dem Knecht die Mühe des Packens 
und Satteins. Die Pferde waren wie rasend. Sie waren schon in 
aller Frühe durchgebrannt, und wenn nicht zufällig ein Bauer sie 
angetroffen hätte, würden wir sie an diesem Tage kaum wieder- 
gesehen haben. Wir warteten in der wohlverschlossenen Stube, bis 
alles in Ordnung war, schwangen uns nach hastigem Abschied auf 
unsere Reittiere, und fort ging es im sausenden Galopp, was die 
Pferde laufen konnten. Kein vernünftiger Reiter wird ohne Grund 
sein Tagewerk mit Galopp beginnen, aber die Pferde Hessen uns 
gar keine Wahl. Es ist , wie wenn die Mücken nach einem be- 
stimmten Angriffsplane vorgehen : sie teilen sich in verschiedene 
kleine Scharen, jede hat ihren bestimmten Platz, wobei sie dicht 
zusammen kleben und runde Kreise bilden; sobald die Pferde ihre 
Stachel verspüren, schütteln sie die Mähne, schlagen mit dem 
Schweif um sich und vertreiben so auf eine Sekunde ihre blutigen 
Peiniger ; aber im nächsten Augenblicke haben sich diese wieder 
zusammen gezogen und stürzen, gieriger als zuvor, auf ihre Opfer. 
Zum Glück machte sich bald eine kühle Brise auf, die Sonne ver- 
steckte sich, im Nu war der ganze Schwärm verschwunden. 

Wie immer Sonntags begegneten uns eine Menge Reiter, im 
Fluge wurden Frage und Antwort ausgetauscht. In einem silber- 



1) Hier hat man 1855 bei einer Ausgrabung im Tun das Skelett eines Menschen 
und eines Hundes gefunden (Kaalund, Fortidslsevninger, S. 70). 

■-) Skitti ist eine von einem überhängenden Felsen gebildete Höhle. „In der 
Gegend um das Mijvatn sind viele Skuten" (Viga Gl. S. 42). 



236 Godafoss. 

hellen Flüsschen badeten Jünglinge und Knaben, und gern hätten 
wir uns mit ihnen in die kühle Flut gestürzt. Man konnte endlich 
einmal wieder reiten und brauchte keine Rücksicht mehr auf Pferde 
und Weg zu nehmen. Von einer Anhöhe sandten wir den letzten 
umfassenden Blick auf den See. Noch einmal lag er in seiner 
ganzen Ausdehnun^j vor uns, mit seinen Kraterinseln, den blauen 
Bergen ringsum, im Osten das gelbrote Ndmafjall und das die 
ganze Landschaft beherrschende Hverfjall. Nach kaum vier 
Stunden schimmerte von weitem der blaue Spiegel des Ljösavatn 
auf, und bald war das Skjdlfaiidafljöt erreicht (d. h. der zitternde, 
bebende Fluss, vergl. den Zwerg Schilbung im Nibelungen- Liede). 
Wir ritten den sehr breiten, schäumenden und wirbelnden Strom 
eine kurze Strecke hinauf, passierten sein zerrissenes Kluftbett auf 
einer ansehnlichen Brücke, die unten sogar mit Draht umsponnen 
ist, um ein Durchfallen zu verhindern, und standen dem Godafoss 
gerade gegenüber (Fig. 109). Der Wasserfall hat die mächtigen 
porphyritischen Lavaströme durchbrochen, und der Fluss hat 
mehrere Rinnen mit Riescnkcsscln, ausgewaschenen Höhlen und 
Felsentoren gebildet. Der etwa 6 m hohe Foss stürzt in breitem 
Bett hufeisenförmig in sechs verschiedenen Fällen in einen schmalen 
Spalt herab, sein Donnern scheint die Felsen zu erschüttern, auf 
denen wir stehen; von unten aus hat man den besten Eindruck von 
seiner gewaltigen Breite, von oben aber, wohin man nach einer 
halsbrecherischen Kletterei gelangen kann, wobei das Wasser fast 
bis zum Knie reicht, wirkt er in seiner wilden Herrlichkeit am besten 
für das Auge. Er hat seinen Namen „Götter-Wasserfall" der Über- 
lieferung nach daher, dass Porgeirr, der Gode von Ljösavatn seine 
Götterbilder hineingeschleudert hat, aber die Sage passt zu dem 
sonstigen Verhalten des kühnen Mannes wenig ^). 

Der Godafoss ist ungefähr 20 Minuten vom Ljösavatn entfernt 
( Licht wasser), und von dem Gehöfte gleichen Namens, unserm 
nächsten Nachtquartier, können wir noch deutlich seine weissen 
Dampfwolken sehen. In dem grossen zweistöckigen Holzhause 
wohnten früher zwei Bauern, der eine oben, der andere unten, jetzt 
wohnt der Besitzer allein. Auch in Skütiistadir wohnten zwei 



1) An die Höhle beim Godafoss knüpfen sich zwei jüngere Sagen (Maurer, 
Isl. Volkssagen, S. 226, 228) und eine ältere, die Grettissage. Der isländische Natio- 
nalheld Grettir hat hier einen Kampf mit einem Ungeheuer bestanden, etwa da, wo 
auf dem Bilde die beiden Zuschauer stehen; die Stelle wird noch heute gezeigt. Da 
Kahle (S. 224) die Geschichte wieder erzählt hat, begnüge ich mich mit dem Hinweis 
auf ihn und meine nordische Mythologie S. 166 67. Eine Beschreibung dieser Gegend 
von 1747 erwähnt, dass unter dem Fluss eine Höhle war, wo Grettir den Unhold 
besiegte , und dass er von da einen grossen kupfernen Kessel mitnahm , der jetzt in 
dem Bischofssitze Hölar sein soll und allgemein „Kessel des Grettir" genannt wird 
(Kaalund II, S, 425I. 



Godafoss. 



237 




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238 



Ljösavatn. 



Parteien, drei Viertel des Hauses hatte der Propst inne, den Rest 
eine Witwe. Oft wohnt der junge verheiratete Bauer bei seinem 
Vater, bis er etwas Passendes zum Kauf gefunden hat. In Reykjahlid 
wohnten sogar drei Familien: der alte Bauer und seine beiden ver- 
heirateten Söhne; in Vikingavatn war der eine Bauer Bruder von 
der Frau des zweiten. 




Fig. iio. Wassermühle bei Ljösavatn. 

Ljösavatn ist als Wohnsitz des Porgeirr godi bekannt, dessen 
grösste Tat die Durchsetzung der Annahme des Christentums auf 
dem Althing war. Wo heute das TiDi steht, war einst der Tempel 
gelegen^). Ausserdem fand Bruun hier die Ruinen eines alten 
Gehöftes, eines Schafstalles und eines Heuschobers. Eine Basalt- 
säule mit einer Runeninschrift, die lange Zeit als Pfahl benutzt 
wurde, um die Pferde anzubinden, galt früher irrtümlich als Porgeirs 
Leichenstein, sie trägt aber die Inschrift: „Hier ruht Ilalldöra Por- 
gils Tochter". 

Erwähnenswert ist endlich noch eine Wassermühle hier (Fig. iio), 
auf Island kennt man solche seit 1200. 



I. August. 

Wir brachen bereits um 9 Uhr auf, um noch bei Ebbe, zwischen 
2 — 3 Uhr, die Eyjafjardard passieren zu können, und ritten fast 
ganz um den kleinen See herum, der in dem leisen Nebel wie 



1) Beschreibung nach Dan. Bruuns Ausgrabung bei Kahle S. 220. 



Hälsskögur. 



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240 Hälsskögur. 

mattes Silber schimmerte. Wir kamen an einer Gruppe von alten 
Kratern vorüber und Schlackenhöhen, die zum Teil von der aus dem 
See kommenden Djüpd (tiefe Ache) durchschnitten sind. Wo sie 
in das Skjdlfandaßjöt mündet, bildet sie eine grössere Insel, Pingey 
(Thing- Insel), so genannt, weil hier eine von den 13 regelmä.ssigen 
Frühjahrsthingversammlungen der Republik abgehalten wurde. West- 
lich vom See ist eine warme Quelle am Rande eines grasbewachsenen 
Kieshügels ; dicht bei einem kalten Bache sprudelt das warme Wasser 
aus einigen Öffnungen mit verschiedener Wärme hervor, im wärm- 
sten Loche beträgt die Temperatur etwa 53'', in zwei andern 30 
und 40 ^ etwas weiter unten 25 und 26^'^). Die Tiefe des Sees 
beträgt 17 Klafter. 

Dann ging es das Ljösavatnsskard hinauf, das für Geologen 
interessant ist durch seine schalen- oder trichterförmigen Vertie- 
fungen ; diese Kessel sind aller Wahrscheinlichkeit nach am Schlüsse 
der Eiszeit gebildet worden, wo isolierte Eismassen geschmolzen 
sind^). Darauf durchschnitten wir den etwa 37^'2 km langen Fnjöska- 
dalur (fujösknr faules Holz), der von 600—700 m hohen Bergen 
umgeben wird, und machten einen Abstecher nach dem Ildlsskögur^ 
dem berühmtesten Birkenwalde des Nordlandes (Fig. in). Die 
geschützte Lage des Tales, die Bewässerung durch Schmelzwasser 
von den Bergen und die Pflege und Schonung, die die Umwohner 
ihm zuteil werden lassen, haben bewirkt, dass der Wald auch nach 
unseren Begriffen diesen Namen verdient. Ich glaube nicht, dass er 
an Höhe und Stattlichkeit dem Jlal/ori/istadarköeitr nachsteht. 
Nach Eggerf Olafsson haben um die Mitte des 18. Jahrhunderts diese 
Waldungen alle Wälder Islands an Schönheit übertroffen , und sie 
sind noch hundert Jahre früher so hoch gewesen, dass die Stämme 
bis zu den Ästen hinauf 20 Ellen gemessen haben. Der Wald ge- 
hört auch heute noch zu den stattlichsten auf der ganzen Insel ; 
Thoroddsen gibt die Höhe einer Birke auf 8 m an, und den 
Stammumfang auf 21 Zoll, den einer andern, etwas niedrigeren Birke 
auf 37 Zoll. In dem Walde nistet und brütet der Flachsfink (Frin- 
gilla linaria), ein sonst auf Island seltener Vogel, und die Rot- 
drossel (Turdus iliacus); be.sonders aber scheint er dem Wiesen- 
pieper zu behagen (Anthus pratensis, Grdtitlingur). Das fröhliche 
Geschmetter freilich, das bei uns im Walde von Zweig zu Zweig 
jubilierend erschallt, fehlte; aber das plaudernde Gezwitscher der 
Finken , die starartigen Lockrufe der Drosseln , das melodische, 
feine, lerchenartige Tirilieren des Wiesenpiepers däuchte uns die 
schönste Musik, und lange lagen wir im Schatten der dunkelgrünen, 
glänzenden Birken dahingestreckt und lauschten dankbar und an- 



1) Thoroddsen, Mitt. d. k. k. Geogr. Ges. Wien 1891, S. 269. 

2) Thoroddsen, Island S. 45. 



Vor Akureyri. 241 

dächtig dem bescheidenen Konzert. Von unten tönte das Rauschen 
der reissenden Fnjöskd zu uns herauf. Der Staat hat jetzt den Wald 
und das Gehöft Vaglir angekauft (daher auch Vnglaskögur genannt; 
I/dls ist ein Pfarrhof „langer niedriger Bergrücken"), den Wald zum 
Schutze gegen Schafe und Ziegen, von denen es in diesem Tal über 
hundert geben soll, eingefriedet und den Rand mit Ebereschen ein- 
gesäumt. 

Vorsichtig ritten wir durch den Wald bergab bis zur Fnjöskd, 
deren klares, durchsichtiges Wasser wir bequem durchquerten, ob- 
wohl der Grund mit glatten , runden Steinen angefüllt war ; im 
Frühjahr führt der Fluss eine so grosse Wassermenge , und die 
Strömung ist so reissend, dass man ein Boot benutzen muss^). 

Von der Furt (112 m ü. M.) ging es dann auf gutem, bequemem 
Zickzackwege die Vadlaheidi hinauf (709 m ü. M.). Von der Höhe 
des Bergrückens, Jdriihryggiir, hatten wir den ersten Blick auf 
die Schneeberge, die den Eyjafjördiir umsäumen, bald tauchte ein 
langer, schmaler Streifen auf, der sich immer weiter ausdehnte und 
sich zuletzt ins Unermessliche verlor: es war das Meer. Dann lag 
der tiefblaue Fjord vor uns, die Häuser von Akureyri und Oddeyri 
wurden sichtbar, und endlich konnten wir mit einem BHck den 
Fluss, den Fjord, das Meer übersehen. Wir standen am Endziel 
unserer Reise! Mit aufrichtigem Danke denken wir daran, wie 
überaus glücklich alles vonstatten gegangen war. Aber mächtig 
packte uns auch die Sehnsucht nach Weib und Kind: was für 
Nachrichten aus Deutschland würden mich erwarten? was für Bot- 
schaft würde Ö g m u n d u r aus Hafnarfjördur vorfinden ? Ein frohes 
Gefühl durchflutete uns, als wir nun nach der Mündung der Eyja- 
Jjardard in den Fjord abwärts ritten und deutlich auf einigen 
Häusern in Akitreyri bunte Fahnen im Winde lustig flattern sahen, 
und je tiefer wir stiegen, um so mehr Fahnen hoben sich vom 
hellen Himmel ab. ,,Man flaggt in der Stadt und im Hafen", sagte 
ich mit leiser Anspielung auf den Titel eines pädagogischen Romans 
von Björnson zu Ögmundur; „man flaggt zu Ehren unserer 
glücklichen Ankunft", erwiderte er mit vergnügtem Schmunzeln. 
Als ein besonders günstiges Vorzeichen sahen wir es an, dass gerade 
in diesem Augenblicke zwei Odinsvögel mit fröhlichem Krächzen 
rechts von uns aufflogen. 

Von selbst bogen unsere Pferde nach der üblichen Haltestelle 
ab, die alle von Osten Kommenden kurz vor dem Endpunkte noch 
einmal benutzen; sie kannten sie noch von früher her, da sie alle 
schon einmal in Akureyri gewesen waren, und wussten, dass auch 
heute hier gerastet werden würde. Aber unsere Ungeduld gönnte 



1) Sage vom „Thorgeirsbullen" bei Maurer, Isl. Volkssagen, S. 78; Lehman n- 
Filhes I, S. 163, fernere Sagen a. a. O. I, S. 83, 200. 

Herrmann, Island II. 16 



242 Ankunft in Akureyri. 

ihnen keine lange Ruhe. Mit mehr Sorgfalt als sonst wurden die 
Pferde umgesattelt, die Koffer wurden abgestäubt, wir selbst machten 
uns so blank wie möglich. Mein treuer Passgänger, auf dem ich 
Reykjavik zu Beginn der Durchquerung verlassen hatte, sollte mich 
auch auf dem letzten Ritte tragen, und mit stolzem Gewieher be- 
grüsste er mich, als ich ihn streichelte und mich in den Sattel 
schwang. Kurz vor der INIündung durchkreuzten wir die zahlreichen 
Arme oder vadlar (seichte Stellen) des Flusses, die deltaförmig 
mehrere flache, mit Gras bekleidete Holme umgeben, auf denen 
kleine, weisse Zelte stehen für die Leute, die das Heu einbringen. 
Die grösste von diesen Inseln heisst Stadarey, früher Pörunnarey, 
weil hier dem ersten Ansiedler, Ilelgi dem INIageren, ein Töchter- 
chen Pöriinn geboren wurde. Es erschien uns als ein durchaus 
würdiger Abschluss der Reise, dass uns noch einmal das Wasser 
während der zwanzig Minuten, die der Übergang dauerte, bis über 
die Stiefelschäfte ging, dann erreichten wir die feste Landstrasse, 
und lustig klangen die Hufe auf dem harten Gestein. Die losen 
Pferde voraus, die Packgäule hinterdrein, wir drei selbst dicht neben- 
einander, so dass wir fast die Strasse ausfüllten, so hielten wir 
unseren Einzug in dem freundlichen Städtchen, und lustig summte 
ich vor mich hin das hübsche Gedicht von MattJii'as JocJni)iisson, 
den ich hier selbst kennen zu lernen hoffte : 

Heil und Segen, Akureyri, 
Schönste Stadt am Eyjafjord ! 
Nirgends unterm Zelt der Wolken 
Fand ich schöner'n Ruheort. 
Meinen Kindern warst voll Liebe 
Schirm und Schutz du, Hilf und Hort! 

Als wir punkt drei Uhr vor dem stattlichen Hotel hielten, das 
mitten aus Norwegen durch die Luft nach Island getragen zu sein 
scheint, kam uns schon der freundliche Wirt {veitingarniadur) 
Vigfi'is Sigfihson entgegen und rief uns von weitem zu: ,,Die 
Koffer sind da, und eine grosse Menge Briefe!" Mit bebender Eile 
wurden die Umschläge aufgerissen, und der Inhalt überflogen : Gott 
sei Dank, alles stand gut daheim ! Nun erst konnten wir uns von 
ganzem Herzen der Freude hingeben. Da wir uns schon vor fünf 
Tagen angemeldet hatten, fanden wir recht gute Unterkunft, jeder 
erhielt ein besonderes Zimmer, ich sogar noch eine besondere Wohn- 
stube. Denn das Hotel war überfüllt, von Engländern und auch 
von Isländern aus der Umgegend. Jetzt erfahren wir auch den 
Grund, warum Akureyri in so reichem Flaggenschmucke prangt: 
die Handelsgesellschaft feiert ihr Stiftungsfest. Daher die Fest- 
stimmung überall, darum waren auch die Läden geschlossen ; weniger 
angenehm war es, dass der Ball gerade unter unseren Räumen in 
dem grossen Saale abgehalten wurde. Der morgende Tag wird so- 



Ankunft in Akurcyri. 243 

gleich mitgefeiert , es ist der zweite August , der sogenannte 
,, Grundgesetztag", der zur Erinnerung an das Inkrafttreten der 
Verfassung und des Tausendjahr festes der Besiedlung Island ge- 
feiert wird. 

Noch einmal werden die Briefe in Müsse der Reihe nach durch- 
gelesen, dann werden die Koffer geöffnet, der alte Adam wird ins 
Wasser gesteckt, weisse Wäsche und ein ordentlicher Anzug hervor- 
gesucht und mit unbeschreiblichem Behagen angezogen ; das Zeug 
passt nicht mehr so recht, sondern sitzt etwas schlotternd, denn 
wie ich am nächsten Tage auf der Wage mit Wohlbehagen fest- 
stelle, habe ich seit Reykjavi'k 1 5 Pfund abgenommen. Es war ein 
köstliches Gefühl, Kragen, Schlips und Manschetten wieder anzu- 
legen und leichte Stiefel anzuziehen. Ein Blick in den Spiegel zeigt 
uns, wie braun wir gebrannt sind, von der leuchtenden Wäsche 
sticht das Indianerrot des Gesichtes scharf ab. Und wie hell und 
froh blitzen die Augen, die solange keine rote Tinte und keine 
Druckerschwärze gesehen haben ! Wie gesund ich bin, habe ich 
früher gar nicht gewusst, nicht einmal als Soldat habe ich mich so 
frisch gefühlt. Das Mittagessen wird für uns besonders im Salon 
aufgetragen , der geradezu luxuriös ausgestattet war, und kaum 
drei Stunden später wurde schon wieder das Abendbrot aufgetischt. 
Von unten her tönt der Finnländische Reitermarsch, der Altnor- 
wegische Jägermarsch, den ich zuerst für ein isländisches Erzeugnis 
hielt, bis ich in Haugesund merkte, dass er aus Norwegen stammt, 
und die Takte einer Polonaise , denen bald eine Polka und der 
Walzer ,,Wie süss!" folgen. 

Wir warfen nur einen flüchtigen Blick in den Ballsaal und 
sahen kurze Zeit den tanzenden Paaren zu. Nichts erinnerte daran, 
dass wir hoch oben im Norden, dicht unter dem Polarkreise waren, 
man konnte sich nach Dänemark oder Deutschland versetzt wähnen. 
Die Herren trugen schwarze Röcke oder Jacketts, die Damen luftige 
Tüllkleider, seidene Blusen, einige sogar Reformkleider, auch die 
geschmackvolle Volkstracht war vertreten. Nur die eigentliche 
charakteristische Festtracht, der Kopfschmuck (faldiir) fehlte gänz- 
lich. Die Musik wurde von einer Handharmonika ausgeführt, und 
bei besonders gefallenden Stellen fielen die Tänzer mit ein oder 
schlugen nach dem Takte die Hände zusammen. Eine grosse Vor- 
liebe schien mir für Schritttänze zu herrschen, fast jeder zweite 
Tanz war eine Art Polonaise, und sicher und gewandt bewegte sich 
alles im Saale. 

Gegen zehn Uhr zogen wir drei uns in den Salon zurück, um 
bei einer Flasche Sekt den glücklichen Abschluss der Reise zu 
feiern. Es war seit Reykjavik der erste Sekt, den wir tranken, und 
wir glaubten, uns diesen kleinen Luxus wohl gönnen zu dürfen. 
Es war übrigens echter französischer Champagner und kostete 9 Kr., 

16* 



244 Erster Abend in Akureyri. 

die Flasche Rotwein dazu 2 Kr. Ich hielt eine kleine Rede und 
sprach Ögmundur unsern herzlichsten Dank und unsere wärmste 
Anerkennung für seine treuen Dienste und unermüdliche Bereitwillig- 
keit aus. Ögmundur erwiderte darauf: Er sei froh, dass die Reise 
so ausgezeichnet verlaufen sei, dass es mir in seinem lieben Island 
so gut gefallen, und dass ich gastliche Menschen gefunden hätte. 
Das Gegenteil würde ihn auch gekränkt haben, da er überzeugt 
sei, dass seine Landsleute im allgemeinen fühlen konnten, dass sie 
es mit einem verständigen Freunde zu tun hätten, der ihre guten 
Seiten zu schätzen wüsste und ihre Mängel mit Nachsicht ertragen 
würde. Dann knüpfte er an unseren Besuch von Piiigvellir und 
die Besteigung der Hekla an und zitierte das Gedicht, das Jöjias 
Hallgrimssoii an den Franzosen Paul Gaimard gerichtet hatte : 
es passe nicht nur wegen unserer gleichlautenden Vornamen, sondern 
auch nach seinem Inhalte für mich ^). Er bat mich, die Verse nicht 
zu vergessen, auch wenn ich wieder nach Deutschland zurückgekehrt 
sei, Island wie ein Traum hinter mir läge, und mein Besuch in der 
Skapta/elh sxsla den Bewohnern nur wie eine längst verklungene 
Sage im Gedächtnis fortlebe. Er bezog die letzte Strophe direkt 
auf mich und wandte sich dabei unmittelbar an mich: 

Du standest auf der Hekla Schnee ') 
Und sahst das schöne Land sich dehnen, 
Wo hell von grünen Bergeslehnen 
Die Ströme ziehn zur blauen See, 
Und unten Loki, festgeschlossen, 
Begraben unter Eibkolossen — 
O sag, schien dir nicht Island da 
Das Schönste, was dein Aug' je sah? 

Dich trug dein Ross durch Tal und Feld, 
Und stieg auch auf die Berge oben, 
Wo nur des Wasserfalles Toben 
Zwiesprach mit steilen Felsen hält, 
Und wo die Schafe grasend wandern 
Von einer blum'gen Au zur andern — 
O sag, nun glaubst du mir es doch, 
Dass solch ein Land hält jeder hoch? 



1) Joseph Paul Gaimard, geb. 1790, Marinearzt, umsegelte zweimal die 
Erde, reiste 1835 und 1836 nach Island, f 10. Dezember 1858. Er war kein grosser 
Gelehrter und schrieb selbst nichts über die Expeditionen, die er leitete. Auf Island 
hinterliess er einen günstigen Eindruck, und noch vor kurzem sah man sein Bild auf 
Bauernhöfen. Sein Führer war Pastor Jon Atistmann. Gaimard sprach mit seinen 
Führern französisch, auf den Pfarrhöfen meist lateinisch, aber ganz verkehrt und ohne 
sich um die Grammatik zu kümmern. Thoroddsen, Landfrcedissaga III, S. 242 
bis 251. 

2) Bei der Wiedergabe der ersten Strophe habe ich mich etwas an Vetter, 
Vom Fels zum Meer 1889, S. 613 angelehnt. 



Erster Abend in Akureyri. 245 

Zum See kamst du, dem fischereichen, 
Um den die wilde Lava ragte, 
Wo unsres Freistaats Althing tagte, 
In aller Welt einst ohnegleichen. 
Einst blinkten hier der Zelte Wände, 
Jetzt starrt hier Schweigen ohne Ende — 
Beraubt des Althings — sahst du nicht 
Den Schmerz in Islands Angesicht? 

Nun weilst du in der Hauptstadt schon ^), 
Den welschen Gast die Freunde grüssen. 
Du liebst das Land, wie alle wissen, 
Und seine freie Nation. 
Ein Geist beseelt uns trotz der Plage, 
Die auf" uns ruhte lange Tage. 
Ein Trunk aus freier Bildung Born 
Zurück die Kraft gibt, die verlor'n. 

Wohl dem, der Wissen sich gewann! 
Es schärft den Willen, gibt ihm Stärke, 
Erfüllt mit Hoflnung ihn zum Werke 
Und spendet Segen jedermann. 
Unendlich Dank und ewig neuer 
Dem, der das helle Gottesfeuer 
Anfacht und schützend unterhält, 
Dass es durchdringt die dunkle Welt! 

Solch Dank wird dir von uns gezollt, 
Der du, stets eifrig im Entdecken 
Der Schätze der Natur, verstecken 
Den Fund vor uns hast nie gewollt. 
Heil, Paul, dir, Heil ! Von allen Gästen 
Gefielst du unserm Volk am besten. 
Mög' Gott auf deinen Wegen sein — 
Island denkt jede Stunde dein! 



') Gemeint ist Kopenhagen. 




Fünfzehntes Kapitel. 

Akureyri. 



•8. August. 



Von Schlaf war natürlich bei dem Lärm unten nicht viel die 
Rede; als ich aufstand, lag das ganze Hotel noch im Schlummer, 
die letzten Gäste waren erst nach sechs Uhr aufgebrochen. Während 
ich zum Fenster hinaus auf den Fjord blickte und den Eiderv^ögeln 
zusah, die sich am Strande sonnten und zwischen denen die Katzen 
spielten, ohne ihnen etwas zu tun, knatterte und knisterte mit einem 
Male der ganze Holzbau. Ich blickte verwundert in die Stube zu- 
rück und bemerkte, wie das Wasser auf dem Waschtische hin und 
her schwankte, und die Gläser und die Karaffe leise klirrten. Etwa 
V4 Stunde später wiederholte sich das Schwingen und Knacken. 
An ein Erdbeben dachte ich nicht einen Augenblick, und das hätte 
doch am nächsten gelegen. Erst der Führer klärte mich darüber 
auf, als er mich fragte, wie mir der jardskjdlfti gefallen hätte. Es 
war nur eine leichte Erderschütterung gewesen, im Siglujjördiir 
aber waren, wie ich von Kapitän Ivcrsen erfuhr, die Stösse weit 
heftiger gewesen, und die Schiffe hatten bedenklich zu schaukeln 
angefangen. Später hörte ich, dass man das Erdbeben auch in 
Saudarkrökur wahrgenommen hatte, und dass man es mit den 
vielen Ausbrüchen im Alyvat) 1-^0)0x0X0^ zusammen gebracht hat; an 
anderen Stellen des Nord- und Ostlandes hatte man Aschenregen 
beobachtet. 

Akureyri ist im innersten Teile des Eyjafjördur gelegen, etwas 
nördlich von der Stelle, wo die Eyjafjardard in ihn mündet, und 
zieht sich an dessen westlichem Ufer längs der Küste unter einer 
mit Kartoffelfeldern bewachsenen Anhöhe hin ; dahinter und gegen- 
über erheben sich die den schmalen Fjord in seiner ganzen Länge 
umfassenden Basaltberge, die selbst im Hochsommer mit Schnee 
bedeckt sind. Der Eyjafjördur hat seinen Namen ,, Insel bucht" 



Akureyri. 



247 



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248 Lage von Akureyri. 

entweder nach den in nördlicher Richtung gelegenen Inseln Hrisey 
(Strauchinsel) und den weiter draussen liegenden Inseln Flatey 
(flache Inseln) und Grinisey, schon nördlich vom Palarkreise, oder 
von den vielen kleinen Holmen an der Mündung der Eyjafjardard; 
jähe mit losen Kieseln bedeckte Sandbänke zwischen Hrisey und 
dem Lande werden im Altertum erwähnt {}^i'ga Gl. Saga 27). Der 
Fjord ist dem Anscheine nach eine regelmässig und schön ent- 
wickelte Erosionsrinne. Seine Länge beträgt 60 km, die Breite an 
der Mündung 1 5 km, im übrigen ist er verhältnismässig schmal, 
erweitert sich aber nach Norden, wo er mehrere Täler von Westen 
her aufnimmt. Bei Akureyri ist der Fjord gut 2 km, bei Oddeyri 
gut I km breit. Oddeyri, etwa 15 Minuten von Akureyri entfernt, 
liegt auf einer Landzunge, die sich weit nach Osten in den Fjord 
hineinschiebt und den Hafen von Akureyri gegen Stürme ausge- 
zeichnet schützt : dieser so eingeschlossene und abgeschlossene Teil 
heisst Pollurinn (der Teich). Freilich fürchtet man , dass der 
Hafen von Akureyri in absehbarer Zeit vernichtet werden wird; 
denn die Eyjafjardard führt, obwohl sie kein Gletscherfluss ist, so- 
viel Schlamm und Erde mit sich, dass das Meer noch 20 km von 
seiner Mündung schokoladenfarbig aussieht ; und während vor ca. 
75 Jahren oberhalb von Akureyri noch grosse Boote landen konnten, 
können jetzt nicht einmal kleine Fahrzeuge mehr herankommen 
(Thoroddsen). Nicht immer können die grossen Dampfer an der 
Landungsbrücke anlegen, die auf Pfählen in den Fjord führt und 
auf dem mit Steinen angefüllten Wrack eines französischen Segel- 
schiffes endigt, sondern müssen zwischen Akureyri und Oddeyri 
Anker werfen. 

,,Bei Akureyri ist die Küste von hohen Terrassen begrenzt, die 
auf geschrammten Basaltsäulcn ruhen ; diese steilen Ufer bestehen 
zum grossen Teil aus bläulichgrauem, grobkörnigem, schiefrigem 
Ton, der von Sand und Geröll bedeckt ist" (Thoroddsen, Island 
S. 102.) 

Der freundliche Eindruck, den die Stadt beim ersten Blick auf 
uns machte, als wir von der steilen Vadlaheidi zum Strande nieder- 
stiegen, schwand nicht, als wir sie näher kennen lernten. Der erste 
Teil der Stadt besteht aus einer einzigen Häuserreihe, in dem an- 
deren gibt es zwei lange Strassen, aber die an der Küste gelegene 
wird zur Zeit der Flut streckenweise vom Meere bedeckt. Die 
Strassen sind durchweg sauber, obwohl die Kühe auf ihnen pro- 
menieren. Die Strandpromenade nach Oddeyri würde sogar einem 
Badeorte zum Schmucke gereichen und bietet hübsche, abwechs- 
lungsreiche Bilder über den Fjord. Die Häuser, im norwegischen 
Stil und aus norwegischem Holze gebaut, sowie die stattlichen Maga- 
zine ziehen sich fast den ganzen Strand entlang, auf halber Höhe 
der Terrassen stehen einige villenartige Gebäude, über die rote 



Lage von Akureyri. 249 

Volksschule und Realschule, deren Grund gerade gelegt wurde, ragt 
noch das Krankenhaus hinaus. Fast jedes Haus ist mit einem 
Garten versehen ; das ist um so erstaunlicher, als die mittlere Jahres- 
temperatur in AA'Hreyn nur ^/s'^C beträgt. Nelken und Rosenstöcke, 
sowie Geranien lugen hinter der weissen Gardine der mit Teer an- 
gestrichenen Fensterkreuze hervor ; Zierblumen und Gemüse, Rha- 
barber , Kohl , Rüben und Johannisbeeren gedeihen ganz gut. Die 
Abhänge sind förmlich blau von Viola tricolor, und die Kartoffeln 
stehen ausgezeichnet. Man glaubt sich in einen Fjord Norwegens 
versetzt, und dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass 
man auf den Strassen fast eben so viel norwegisch wie isländisch 
sprechen hört. 

In allen Reisebeschreibungen spielen die drei Vogelbeerbäume 
mit ihren stattlichen Laubkronen in Akureyri eine gewisse Rolle — 
zwei stehen in dem jiidalstro'ti neben dem Hotel, der dritte in dem 
Hafnarstrcrti vor dem ,, argentinischen Konsulat" (!), ein vierter 
brannte am 19. Dezember 1901 nieder — , kein Reisender vergisst, 
darauf aufmerksam zu machen, dass dies die einzigen oder höchsten 
Bäume in ganz Island seien. Aber nicht nur sind die Ebereschen 
in Skrida mindestens eben so hoch, sondern die Birken im Hallorm- 
stadarskögiir erreichen eine Höhe von 28 Fuss, und die Eberesche 
bei Skaptafell sogar von 30 Fuss. Aber die Angabe hat sich ein- 
mal von einem Touristen auf den anderen fortgeerbt und wird wohl 
auch nicht ausgerottet werden. 

Drei grosse norwegische Dampfer, mit Heringen beladen, lagen 
im Fjord, darunter ,,Thor" aus Haugesund mit 840 T. Fast hätten 
wir ihn für unsere Rückreise benutzt, nun ist er mit 33 Personen 
am I. März 1905 bei einem furchtbaren Sturm in seinem Heimats- 
orte untergegangen. In der Mitte zwischen Akureyri und Oddeyri, 
die durch einen kleinen Bach voneinander getrennt sind, besitzt der 
Dichter Matthias Jochiimsson ein auf halber Höhe gelegenes Häus- 
chen. Wir trafen ihn auf unserem Orientierungsspaziergange, und 
da ich sein charakteristisches Gesicht sofort nach der Photographie 
wieder erkannte, grüsste ich ihn ; er dankte erstaunt, sagte mir aber 
am Nachmittag, als ich ihn besuchte, dass er sich über diese Auf- 
merksamkeit gefreut hätte. 

In der Nähe liegt das Theater (leikhi'ts), ein einfacher Holzbau, 
für 200 Personen eingerichtet. Es wird nur im Winter benutzt und 
steht im Sommer leer. Die ersten Aufführungen fanden 1860 statt, 
zwei dänische Kaufleute und ein isländischer Arzt hatten sie ins 
Leben gerufen. Dann war der norwegische Konsul jf. V. Havsteeu 
in Oddeyri 25 Jahre lang Vorsteher der Schauspielgesellschaft zu 



') Wacholder- und Vogelbeerbaum im Volksglauben, vergl. Lehmann -Fi 
h e s , Isl. Volkssagen II, S. 29, 30. 



250 Oddeyri. Versuchsstation für Waldanpflanzungen. 

Akureyri\ jetzt ist MaWims die Seele des Theaters, und auf sein 
und Havsteens Betreiben werden nur Stücke in isländischer Sprache 
aufgeführt. 

Oddeyri ^ früher eine Thingstätte, auf der Landzunge gelegen, 
die den Halbkreis abschliesst, den der Pollur bildet, erinnert mit 
seinen kleinen Holzbaracken an Hammerfest und steht entschieden 
hinter Akureyri zurück. Eine grosse Transiederei am Ende des 
Fleckens trägt auch nicht dazu bei, den Aufenthalt besonders be- 
haglich zu machen. Nördlich von Oddeyri mündet die Glerd 
(Glasache), sie stürzt in einem hübschen Falle schmal, aber ziem- 
lich steil zwischen den dunkeln Felsen über die Terrasse her- 
unter und verlohnt wohl den kleinen Spaziergang von Akureyri 
aus. Sehr erstaunt war Ögmundur, als ich ihm vorschlug, bei 
Konsul Havsteen einen Besuch zu machen. Doch die liebenswürdige 
Aufnahme, die wir in den mit grosser Eleganz, aber geschmackvoll 
und behaglich eingerichteten Räumen fanden, Hess nicht das Gefühl 
in uns aufkommen, dass wir fremde Eindringlinge wären, um so 
weniger, als sich herausstellte, dass ich den Bruder des Konsuls bei 
der Gesellschaft des Konsuls Thomsen in Reykjavik kennen ge- 
lernt hatte, und die beiden stattlichen Jünglinge, die das Gymna- 
sium besuchten, erkannten mich vom Hospitieren wieder. Der Vater 
der Frau Konsul stammte aus Hamburg, darum sprach sie eben so 
gut deutsch wie dänisch. Grossen Spass hatte ihr. Kahles Charak- 
teristik bereitet : ,,eine lebhafte Kopcnhagcrin. mit der ich in Erinne- 
rungen an die schöne dänische Hauptstadt schwelgte". Der Konsul 
besitzt, wie schon früher erwähnt, eine prächtige Sammlung von 
alten Taufbecken, eine grossartige Eiersammlung und viele seltene 
Steine. 

Wir wenden uns zum südlichen Stadtteile ! Neben dem Buch- 
ladcn, wo ich mir meinen Bedarf an isländischen Büchern ergänzte — 
u. a. kaufte ich das Neue Testament in isländischer Übersetzung, 
Hid Nya Testai/ieuti Drottins vors, Akureyri 1903, mit reizenden 
farbigen Abbildungen aus dem orientalischen Leben, in Leinwand 
gebunden, für zwei Kr. — , befindet sich seit 4 Jahren eine „Ver- 
suchsstation für Waldanpflanzungen"^). Die Aufsicht 
führt ein alter Tischlermeister, der ,, seine Bäume liebt, wie ein 
Vater seine Kinder". Er erzählte mir, dass der erste Winter für ihn 
sehr beschwerlich und aufregend gewesen war, da er ja nicht die 
geringste Erfahrung besass, aber jetzt wisse er Bescheid und sei 
mit dem Erfolge zufrieden. Die Frühlingssaat stand in langen, 
schmalen Beeten und war mit Erika und Netzen zugedeckt, zum 
Schutze gegen Winde und Vögel ; im Winter wird Holz darüber 



^) Die andern Versuche von Waldanpflanzungen hat man in Pingvellir, Reyk- 
javik und zu Hals gemacht. 



Akureyri. Versuchsgärtnerei. 251 

gelegt. Wie ein Gruss aus der Heimat wehte es mich an, als ich 
einige Lärchenblätter in der Hand zerrieb und den üppigen Harz- 
geruch einzog. Beim Betreten des Gartens überraschte mich ein 
starker Duft von Spiräen, in der Mitte war ein Rundteil von Rosen 
angelegt, die gerade zu blühen anfingen, dazwischen standen Primeln, 
Veilchen, Stiefmütterchen und Kresse, die sogar im Winter draussen 
bleiben. Diesjährige Saat war Pinus montana; die vom vorigen 
Jahre, Abies pectinata und siberica, Birken aus Island und Norwegen, 
Akazien, Pappeln, Erlen, Ulmen und Ebereschen waren etwa eine 
Hand hoch. Die Bäumchen des ersten Versuches, Ebereschen von 
1900, hatten fast Manneshöhe erreicht. Ich glaubte, eine wohlge- 
pflegte Baumschule in Deutschland vor mir zu haben, und freute 
mich, zu hören, dass man von dieser ,, Versuchsstation" in diesem 
Jahre ca. 6000 Schösslinge an andere Stätten, auch an einzelne 
Bauern verschickt habe. Der Professor der Forstwissenschaft an 
der landwirtschafthchen Hochschule in Kopenhagen, C. V. Prytz, 
der 1903 Island bereist hat, um sich von dem Stande der Wälder 
und des Baumwuchses zu unterrichten, wird hieran seine Freude ge- 
habt haben. Nach seiner Ansicht hat der Wald für Island eine hohe 
Bedeutung, er soll nicht nur als Schmuck und Zierde dienen, sondern 
Nutzen bringen, er soll die Erde festhalten und Schutz gewähren, 
damit Wasser und Wind die fruchtbare Humusschicht nicht hin und 
her tragen können^). Er empfiehlt norwegische, amerikanische, vor 
allem isländische Pflanzen, man soll das Tun mit Bäumen bepflanzen, 
denn da sind sie vor dem Vieh sicher ; man soll an den Bergseiten 
grössere Teile mit Birken besäen, damit die Bergabhänge sich mit 
Gras überziehen, weil das Erdreich Schutz erhält und liegen bleiben 
kann ; man soll endlich Zwergbirken säen, um so hoch hinauf wie 
wie möglich Gewalt über die Erde zu erlangen: in Fnjöskadaliir 
erstrecken sich z. B. Streifen Waldes bis zu 1800 Fuss über dem 
Meere. Dem Isländer fehlt natürlich vorläufig Erfahrung und 
Sachkenntnis, aber Dänemark wird gern mit Rat und Beistand 
helfen. 

Etwas südlich von dieser ,, Versuchsstation für Waldanpflanzen" 
befindet sich eine ebenso interessante ,, Versuchsgärtnerei". 
Sie steht unter der Leitung eines jungen Mannes, der eine dänische 
Gartenbauschule besucht hat, also sein Handwerk versteht. Für 
diesen ,, botanischen Garten" hat das Althing 6000 Kr. Unterstützung 
bewilligt, und auch das Rccktunarfjelag Nordicrlands widmet der 
Entwickelung des Gemüsebaues besondere Aufmerksamkeit -). Diese 
„Gesellschaft für Bodenpflege" zählt ca. 800 Mitglieder, die jährlich 



1) Globus 1904, Nr. 16. , 

^) Stofnum Raektunartjelags Nordurlands og log J)ess. Ak. 1903, Arsskyrsla 
Rsektunartjelags Nordurlands. Ak. 1904. 



252 Akureyri. Kirche. Friedhof. 

2 Kr. Beitrag zahlen, so dass hier dem botanischen Garten mit den 
freiwilUgen Gaben für 1904 1 1606 Kr. zur Verfügung standen. Man 
hat Rot-, Grün- und Weisskohl, Radieschen und Erbsen gesät, die 
gerade blühten, Weiden nnd Rosen gepflanzt und 25 ,, Tagesernten" 
mit Hafer besät. Auch Versuche mit Weizen, Gerste, Hafer, 
Lupinen, Runkelrüben, verschiedenen Grassorten und drei Kartoffel- 
arten werden angestellt. Auf einigen jung angelegten Beeten lagen 
Glasfenster. Um den Nutzen des künstlichen Düngers vor Augen 
zu führen (Chilisalpeter und Superphosphat), hat man einige Stellen 
gedüngt, andere nicht, auf der ersteren stand alles doppelt so hoch 
und dicht. Um ferner den Bauern praktisch den Wert der modernen 
Maschinen zu zeigen, stehen in einem besonderen Schuppen Eggen, 
Pflüge, Sämaschinen, zum Teil aus Norwegen und England bezogen? 
zum Teil in Akureyri selbst hergestellt und den isländischen Ver- 
hältnissen, namentlich den viel kleineren Pferden, angepasst. 

Zwischen der Baumschule und dem botanischen Garten ragt 
die stattliche Kirche empor mit je vier Fenstern an der Seite 
und zwei Fenstern vorn. Sie ist eine der grössten auf der ganzen 
Insel, der Unterbau ist Stein, der Oberbau Holz, das Ganze ist 
weiss angestrichen. In der Sakristei stehen zwei schöne, geschnitzte 
Schränke von 1672, der Chor ist hell und luftig, ein riesiger Ofen 
vermag die Kirche im strengsten Winter etwas zu wärmen ; das 
Altarbild ist im Stile von Plockhor.st gemalt: es stellt den Erlöser 
am Kreuze dar, umgeben von Johannes und Maria, Magdalena kniet 
weinend am Fusse des Kreuzes. Noch verschiedene Holzmalereien 
aus dem 17. Jahrhundert werden hier aufbewahrt, aber sie sind 
ohne künstlerischen Wert. 

Der Friedhof liegt hoch oben auf den Bergen, und der Weg 
dahin ist so steil, dass die Särge auf dem Rücken der Pferde fest- 
gebunden werden müssen, während sonst Wagen mit zwei und vier 
Rädern in ^Ikiireyri gar nichts Seltenes sind. Kahl und dürr ist 
der Boden, und eisig fegen die Stürme darüber hin. Und doch hat 
auch hier die Liebe die Stätte, wo die Entschlafenen ruhen, nach 
Kräften geschmückt, und wenn es nur Erbsen und Kohl sind, die 
man auf dem Hügel angepflanzt hat. Die Kränze sind mit Steinen 
beschwert, damit der Sturm sie nicht entführen kann, drei Gräber 
waren wie ein Sarg zurecht gemacht, den Sargboden nahmen 
Pflanzen und Blumen ein, der halbgeöffnete Deckel schützte sie 
vor Wind und Kälte ; ein Grabdenkmal war sogar eine Granitsäule, 
mit einem Relief von Thorvaldsen. Niedergedrückt und in trüber 
Stimmung betrachteten wir schweigend den Ruheplatz der Toten, 
und es dauerte lange, bis die Spannung sich löste. 

Wir gehen weiter auf dem kleinen Hochplateau, kommen an 
der kleinen Bibliothek vorüber {Bökarsafn Nordurajufsiiis, eine 
der drei Amtsbibliotheken), die etwa 3000 Bände aufweist, meist 



Akureyri. Matthias Jochumsson. 



253 



Geschenke von Prof. Willard Fiske, und besuchen das peinlich 
saubere Krankenhaus; es hat Wasserleitung und Wasserheizung 
und ein gut eingerichtetes Operationszimmer. Am Ende von 
/[kiireyri soll die neue Realschule mit Internat zu stehen kommen 
fgagn/rcrda-skdli) , ihr Fundament war fertig gemauert, und mäch- 
tige, aus Norwegen bezogene Balken lagen umher ; die Anstalt befand 
sich früher in Müdnivellir, ist aber, nachdem sie dort durch Feuer 
zerstört ist, nach Akureyri verlegt. 

Unterhalb von ihr wohnt der gro.i&e'DichiQr Matihfas Joc/itii/isson. 
Er war Pfingsten in Kopenhagen gewesen, also zu derselben Zeit, 
wo auch ich mich dort aufhielt, 
um die Vorbereitungen zu meiner 
Reise zu treffen, namentlich nach 
der sprachlichen Richtung hin. 
Als ich ihm meine Aufwartung 
machen wollte, war er schon nach 
Jütland und Schleswig und weiter 
nach Schweden abgereist; ich 
beschloss daher, jetzt das Ver- 
säumte nachzuholen und ihn zu 
besuchen. Man merkt dem sieb- 
zigjährigen Dichter sein Alter 
nicht an, weder in seiner äusseren 
Erscheinung noch in seiner hu- 
morvollen, geistsprühenden Unter- 
haltung (Fig. 113). Auch bei ihm 
fiel mir, wie bei den andern is- 
ländischen Dichtern, die ich ken- 
nen gelernt hatte , die wahrhaft 

grosse und echte Bescheidenheit auf, mit der er von seinen eigenen 
Schöpfungen sprach. Er quittierte dankend und lächelnd einige 
Anspielungen auf seine Gedichte, lenkte dann aber gewandt das 
Gespräch auf allgemeine Fragen. 

Ich wunderte mich darüber, dass das so hochbegabte isländische 
Volk noch nicht einen einzigen Philosophen hervorgebracht habe. 
Ganz richtig bemerkte er, dass die isländische Sprache dazu nicht 
geeignet sei, weil sie überängstlich alle Fremdwörter fern hielte, 
und zum Philosophieren gehöre einmal ein ganz bestimmt ausge- 
prägter Wort- und Begriffsschatz ^). Ein Lieblingsgedanke von ihm 
war eine pangermanische Allianz: Pangermanismus gegen Pan- 
slavismus! Er hoffte, dass sich in England und den Vereinigten 
Staaten, in Holland, Belgien und Luxemburg, in der Schweiz, 




Fig. 113. Matthias Jochumsson. 



1) Ein reHgionsphilosophischer Essay Vegurinil (Der Weg) ist inzwischen von 
Oddur Björnsson erschienen, Akureyri 1904. 



254 Akureyri. Matthias Jochumsson. 

Österreich und Deutschland, in Dänemark, Norwegen und Schweden 
genug verständige Männer finden würden, um einen solchen Bund 
ins Leben zu rufen. Als ich erwiderte : ,,Aber Deutschland muss 
an der Spitze stehen!", rief er überzeugungsvoll: ,,Der deutsche 
Kaiser allein ist der geeignete Mann dazu!" Ich erzählte ihm von 
einem Aufsatze ähnlichen Inhaltes, den ich in den ,, Grenzboten" 
gelesen hatte, und ohne weiteres gab er zu: Die Idee stamme gar 
nicht von ihm, sondern von Björns on, den er 1898 kennen gelernt 
habe ; aber auch der habe nur Gedanken des dänischen Bischofs 
Grundtvig und des norwegischen Historikers P. A. Munch wieder 
aufgegriffen, die für eine Verbrüderung der germanischen Rassen 
eingetreten wären ^). 

Mit dieser Anschauung hängt auch die Reise des Dichters nach 
Dänemark zusammen. Mattliias will eine kurze volkstümliche Dar- 
stellung der beiden schlcswigschen Kriege Dänemarks schreiben — 
ob in Gestalt einer Novelle, vermag ich nicht anzugeben — und 
glaubt, dass ein solches Volksbuch, das die Greuel des Krieges 
aufdeckt und auf eine Waffenbrüderschaft der beiden Reiche hin- 
weist, auf Island eine schöne Mission erfüllen werde. Er hat in 
Kopenhagen dazu vorbereitende Studien gemacht und dann in Süd- 
jütland an Ort und Stelle den Gang der Ereignisse in den Jahren 
1848 — 50 und 1S64 verfolgt 2j. 

MatfJiias ist am ii. November 1835 im nordwestlichen Island 
geboren, als Sohn eines armen Bauern ; er musste in seiner Kind- 
heit die Schafe hüten und manche Nacht unter freiem Himmel zu- 
bringen, die Phantasie des Knaben nahm so früh den Eindruck der 
gewaltigen Natur Islands in sich auf und bevölkerte die Umgebung 
mit allerlei unheimlichen Spukgestalten. Erst spät kam er auf das 
Gymnasium in Reykjavi'k, war im Winter 1856 aber Lehrling bei 
einem Kaufmann in Kopenhagen und benutzte fleissig die Gelegen- 
heit, bei seinen Landsleuten im sogenannten Regenseii, dem staat- 
lichen Konvikt, neuere Sprachen zu lernen. Ein Verwandter bot 
ihm die Mittel zum Studium, im Herbst 1859 kehrte Mattliias nach 
Reykjavik zurück und wurde wegen seiner Sprachkenntnisse in die 
Unter-Sekunda aufgenommen; pünktlich nach 3 Jahren, 1863, be- 
stand er das Abiturienten-Examen und wurde so Student. Er wohnte 
als Schüler bei Jon Ariiason, dem genialen Sammler isländischer 
Volkssagen, Märchen, Rätsel und Spiele, und lernte in dessen Hause 
auch den vielseitigen Kunstmaler Sigurdur Giidniundsson kennen. 



1) Björnson war 1870 für eine Vereinigung Islands mit Norwegen eingetreten, 
vergl. Ibsens Briefe (Sämtl. Werke X, S. 452). 

2) Olaf Hansen, Nyisl. Lyrik S. 134 flf; Dannebrog 1904, Nr. 4271 ; Skirmr 
79. Jahrg. S. 369. — Seine Reise hat Matthias beschrieben in: Frä Danmörku, 
Nokkrir fyrirlesirar iil frödleiks og skemtunar, dsamt kvcedtim og myndum. 
Kph. 1906. Korrekturnoie. 



Akurcyri. Matthias Jochumsson. 255 

die Seele der dramatischen Veranstaltungen in Reykjavik. iS6i 
schrieb er schon sein erstes Drama in fünf Akten, „Die Ächter", 
das er 1898 unter dem Titel Skug g a-Sveinn (der schwarze Sveinn) 
neu heraust^ab. Dieses Drama bildet, wie früher gesagt, den Mark- 
stein für die neuere isländische Dramatik. AlattJit'as studierte am 
Predigerseminar in Reykjaiu'k und kurze Zeit auch in Kopenhagen, 
wo er bei dem gelehrten Konrad Gislason auch altnordische 
Studien trieb. 

Nachdem er kurze Zeit in der Nähe von Reykjaiu'k Pfarrer ge- 
wesen war, nahm er seinen Abschied und kaufte die Zeitung 
Pjödölfiir, deren Redakteur er 1874 — 80 war. Zwischen Sorgen und 
Särgen verlebte der Dichter seine besten Jahre ; die beiden ersten 
Frauen starben ihm nach kurzer Ehe, erst mit der dritten blühte 
ihm sein Glück auf, von elf Kindern leben noch neun. Als er wieder 
ein Pfarramt übernahm, wurde er nach Oddi, einem der berühmtesten 
Pfarrhöfe Islands, versetzt, und mehr als ein fremder Tourist hat 
dort die Gastfreundschaft des Dichter-Pfarrers genossen. 1887 wurde 
er in Akiireyn' Superintendent, 1893 wurde er von seinen Lands- 
leuten zur Teilnahme an dem grossen Religions - Kongress während 
der Weltausstellung in Chicago eingeladen, 1898 reiste er nach 
Norwegen, wo er Björnson und Ibsen kennen lernte und in 
Bergen einen Vortrag über Island hielt; 1900 trat er in den Ruhe- 
stand, bezieht aber seitdem eine ,, Dichterpension" von 2000 Kr. 
jährlich, wie Thorsfeiiin Erlingsson und Valdimar Briem 800 Kr., 
Pdll Olafsson 500 Kr. erhalten. 

Matthias gehört zu den ersten und volkstümlichsten Dichtern 
der Gegenwart, als Lyriker steht er bei vielen an erster Stelle. 
Pöstion charakterisiert ihn so: ,,Er ist überaus vielseitig und 
produktiv, mehr volkstümlich [als Stcingriin2ir\ feurig und kräftig, 
oft von hinreissendem Schwünge, doch bisweilen ... zu phantastisch, 
zu flüchtig; er ist ein virtuoser Sprachkünstler und am grössten in 
seinen Gedichten auf Verstorbene." Wie Steingrimur Thorsteinsson 
hat er ausserordentlich viel übersetzt: Grundtvig, Hauch, Wergeland, 
Ewald; Tegner, Ibsen, Runeberg; Björnson; Shakespeare, Burns, 
Byron ; Longfellow. Den Unterschied zwischen Steingrimur und 
Matt/iias formuliert Olaf Hansen hübsch so: ,,StetugriJnur mnwwi 
das Ohr durch seine sanfte, lockende Stimme gefangen, Sira JMat- 
thias' Organ dröhnt wie Harfenklang und Orgellschall." 

Auch in der Geschichte des jungen erst aufstrebenden Dramas 
gebührt ihm ein Ehrenplatz. Neben den ,, Ächtern" hat er 1S75 
einen Einakter gedichtet: Hinn sanni Pjödvilji (der wahre Volks- 
wille), ebenfalls 1875 die dreiaktige Posse Vestiir/ararnir (die 
Amerikafahrer), 1890 das ,, Sagaspiel in 4 Akten" Helgi htun ?nagri\ 
es ist der erste Versuch eines Saga -Dramas und zur Feier der 
tausendjährigen Besiedelung des Eyja/jördzir durch Helgi den Magern 



256 Akureyri. Matthias Jochumsson. 

gedichtet; 1900 Jon Arason: der letzte katholische Bischof aus 
Island; 1901 Aldamöt (die Begegnung der Jahrhunderte), ein Schau- 
spiel mit Gedichten und Chören. Für das Lcikhüs in Akureyri hat 
er Holbergs „Jeppe paa Bjerget" übersetzt, Hostrups ,,Genboerne", 
,,Den Tredje", Heibergs ,,Nej" und anderes, aber die Übersetzungen 
nicht durch den Druck veröffentlicht. 

Alatthi'as liebt es, Männer zu schildern, die dasselbe kräftige, 
volkstümliche Gepräge haben wie er selbst. Wie er Jon Arason 
in seiner grössten und besten dramatischen Dichtung mit kräftigen 
Strichen leibhaftig vor uns hinstellt, so hat er in dem Liederzyklus 
von Grettir (Grettisljöd) dem beliebtesten Sagahelden Fleisch von 
seinem Fleische, Leben von seinem Leben gegeben : in dem fried- 
losen und verfolgten Recken sahen die Isländer und der Dichter 
ein Bild ihres eigenen Schicksals. Keinen Augenblick bleiben wir 
in Zweifel, dass der Dichter ein Geistlicher und ein Isländer ist : 
die kraftvollen Töne des Psalmisten klingen ebenso mächtig an, 
wie die mythengetränkte Sprache der Skalden und die knappe 
Einfachheit der alten Sagas. In der Hymne ,,zur Erinnerung an die 
looojährige Besiedlung Islands 1874" braust es wie Posaunenton 
mit dem Sänger des 90. Psalmes, zuweilen an Klopstock erinnernd: 

Gott unsers Landes, sei gelobt ; 

Du strahlst in ewigem, ewigem Glanz! 

Deine Heerschar der Zeiten, sie flicht dir zum Ruhm 

Aus Sonnenlichtgarben den Kranz. 

Ein Tag ist für dich so wie tausend Jahr, 

Ein Jahrtausend ein Tag, der verglüht, 

Ein Ewigkeitsblümlein mit zitternder Trän, 

Das Gott anbetend verblüht. 

Islands tausend Jahr, 

Islands tausend Jahr — 
Ein Ewigkeitsblümlein mit zitternder Trän, 
Das Gott anbetend verblüht '). 

Oder Hallgn'mur wird mit David verglichen, der Zehntausend 
schlug, Saul aber nur Tausend : 

Ein Mann ist's, hell umstrahlt von Ruhmesglanz, 
Der König David dieses Gletscherlands, 
Ein Volksheld auf dem Totenbett hier liegt, 
Auch dieser hat Zehntausend wohl besiegt. 

Aber wenn Matthias das Polareis schildert, das einsperrende 
und Hungersnot bringende, dann nennt er die Eisschollen „Heljar- 
diskar" : 



1) Pöstion, Eislandblüten S. 163, 166; in der Charakteristik habe ich manchen 
Zug aus Olaf Hansen geliehen und weiter ausgeführt. Das ganze, sehr schöne Ge- 
dicht „Eggert Ölafsson" hat Pöstion verdeutscht, Eislandblüten, S. 168 — 170. 



Akureyri. Matthias Jochumsson. 257 

Hei steht im Steven vorn — und das heisst Sterben, 
Schon streut die „Hungerteller" sie aufs Meer. 

Jonas J lalign'iiissoii hatte dem Andenken von Eggert Öla/sson, 

dem glühenden Patrioten, bedeutenden Dichter und unvergleichHchen 

Schilderer der geliebten Heimat, in seinem ,,Lied von der Hulda" 

ein poetisches Denkmal gesetzt {(Hnlduljöd), schlicht wie die Stimme 

des Brachvogels vom Steinhügel klingt ; er hatte den Toten wie die 

Wala aus der Tiefe gerufen und sein Volk angefleht, dessen Stimme 

zu hören, wenn es seine Eigenart bewahrt wissen wollte; und der 

Tote hat seine Mission erfüllt, ganz Island kennt nunmehr Eggert 

Ölafssoiis grosse Verdienste. Wenn Sira Matthias Eggert Olafsson 

besingt, dann weiss er, dass jetzt ein leises Anklingen des Akkordes 

genügt, um den unendlichen Schmerz über den zu früh Verstorbenen 

bei allen Landsleuten unnennbar zu erregen. Bei Jonas wird Eggert 

als der ,, kluge Mann" und Sänger der Natur und des Landlebens 

gepriesen : 

Das war Eggert Olafsson, 
Jung und flink, an Ehren reich. 

Matthias aber braucht nur einen Tag aus Eggerts Leben 
herauszugreifen, seinen Todestag, als er im Mai 1768 vom Berge 
Skor nach seinem neuerbauten Gehöft abfuhr und im Brcidifjördiir 
ertrank, und alle Welt auf Island weiss, um wen es sich dabei 
handelt. Dem Fremden ist er nur ein edler Mann, der mutig trotz 
Sturm und Wogenbraus aufs Meer geht; der Isländer zuckt zu- 
sammen, wenn nur der Name ertönt : Eggerts Geist lebt noch unter 
Eggerts Volk : 

„Das war Herr Eggert Ölafsson^\ 

Seufzt Islands Schutzgeist schwer; 
„Wahrhaftig, einen bessern Mann 

Bewein' ich nimmermehr!" — 

Fast eine Woche Zeit haben wir, bis der Dampfer kommt ; da 
können wir getrost das Wichtigste aus der Geschichte von 
Akureyri uns vergegenwärtigen. 

Helgi der Magere, ein Norweger, der Sohn des Ostländers Eyvtndr , siedelte 
890 im Norden, am Eyjafjüräitr, daher stammen die Eyfirdingar (die Bewohner der 
Inselbucht) — so heisst es kurz in Aris Isländerbuch (K. 2). Dieser Helgi war ein 
wunderlicher Heiliger, ein interessantes Gegenstück zu dem Heiden Hrafnkell , der 
es für eine Torheit hielt, an Götter zu glauben und doch einen neuen Godenbezirk 
gründete. Heidnischer und christlicher Glaube wohnen nebeneinander in seiner Brust, 
aber von einem tieferen religiösen Gefühle bei Helgi kann man kaum sprechen, von 
einem seelischen Konflikt vollends ist keine Spur vorhanden; sondern je nach dem 
er Vorteil erwartet , wendet er sich an den weissen Christ oder an den Donnergott 
Thor. Aber für einen modernen Dramatiker müsste sein Schwanken zwischen 
Christentum und Heidentum einen prächtigen Stoff abgeben, etwa wie bei Julian in 
Ibsens „Kaiser und Galiläer" , und es ist auffallend, dass Sira Matthias in seinem 

Herrmann, Island II. 17 



258 Aus der Geschichte von Akureyri. 

Drama „Helgi der Magere" dieses Problem nicht einmal gestreift hat. Helgt war in 
Island und auf den Hebriden erzogen , hatte die Taufe empfangen oder war wenig- 
stens mit dem Kreuze bezeichnet und heiratete in eine christliche Familie hinein ; sein 
Schwager war jener Ketill hinn fiflski, der sich in Kirkjiibcer niederliess, und dessen 
Nachkommenschaft sich das Christentum erhielt, bis in die Zeit, da es durch Dank- 
brand auf Island gepredigt wurde. Dennoch war Helgi nur halbwegs christlichen 
Glaubens: er nannte zwar seine Niederlassung im Kyjafjördur Vorgebirge Christi, 
Krisisnes, wandte sich aber in allen Notfällen, zumal wenn es sich um eine Seefahrt 
handelte, an Thor; er fragte Thor um Rat, wo er sich auf Island niederlassen sollte 
und nahm von dem Lande Besitz vermittelst der altheidnischen Feuerweihe. Seine Söhne 
Hrölfr und Ingjaldr sind wieder völlige Heiden (Lnd. III, 12). 

Die Sagas, die am Eyjafjördiir und östlich davon spielen (Reyk- 
dcela Saga vergl. S. 234 V/ga-Sküfu Saga) berichten zwar auch von 
Kämpfen und Streitigkeiten, aber es fehlt ihnen der heroische Zug der 
Geschichte des Westlandes. Sühne, Ächtung auf Zeit oder Verweisung 
aus dem Bezirke, Geldbusse überwiegen die Verbannung auf Lebens- 
zeit. Ein kleinbäuerlicher Ton zieht sich durch die Erzählungen ^). 
Im Munkapverd Kloster und im Kloster von Saurbccr mögen sie 
entstanden sein, wenn man Geistliche als Verfasser annehmen darf ; 
jedenfalls tritt überall gute Lokalkenntnis zutage. 

Am nordwesthchen Gestade des Eyjafjördur spielt der Kern der Svarfdcela- 
Saga: er behandelt die Fehden des Porsteinn Svörfiidr mit dem Goden Ljötölfr. 
Eine Fortsetzung davon ist die kleine Valla-Ljötssaga : sie lässt den Streit durch 
den Goden Ljöt Ljötölfsson und Halli Sigmundsson wieder aufleben. In 
Mödruvellir an der Eyjafjardard, südlich von Akureyri — nicht in dem von mir 
besuchten Mödruvellir im Hürgdrdalur — lebte Gudmundr der Mächtige (f 1025), 
der im Verein mit seinen beiden Söhnen mit dem Goden Porgeirr und den Leuten 
vom Ljösavatn fortwährend Streitigkeiten hatte ( Ljösvetninga Saga). Die Reyk- 
dcvla-Saga hat die Fehden des Vemundr und Skuta im Reykjadalur, östlich vom 
Eyjafjördur, zum Inhalt '). 

Nördlich von Mödruvellir liegt Pverd oder Munkapverd, das 
zweite Benediktinerkloster auf Island, 1 155 gegründet. Hier siedelten 
sich die Vorfahren des Skalden Viga-Glicmr an, aus dessen Ge- 
schichte wir später mehr erfahren werden. 

Von Kaupangr endlich, südlich von Akureyri, am anderen Ufer des Fjordes, 
erzählt eine Volkssage, dass es früher Bildsä geheissen habe ; hier war es, wo Helgt 
der Magere den ersten Winter zubrachte, zur Zeit einer Hungersnot aber wurde es um 
einen Spottpreis verkauft. Auch von dem südlich gelegenen Gehöfte Grund, das ich 
später besuchte, wird berichtet, dass es aus Not verkauft worden sei, und zwar um 
einen Schafschlegel. Als der frühere Besitzer dann einmal an dem stattlichen Gehöfte 
vorüberritt , auf dem er selbst so manches Jahr gesessen hatte , sprach er seufzend 
den Vers : 

Komme ich vorüber hier, 

Drückt es schwer die Seele mir, 

Grund ist eine wahre Zier : 

Gott weiss, ob der Hof bleibt dir. 

1) Mogk, Geschichte der Norweg.-Isl. Literatur S. 764. 

2) Eine umfangreichere Volkssage „Sigridur, die Sonne des Eyjafjördur" bei 
Lehmann-Filhes, Isl. Volkssagen, II, S. 146—158. 



Aus der Geschichte von Akureyri. Mödruvellir. 259 

Akureyri ist seit 1862 Kaufstadt und verdient mit vollem 
Rechte den Namen „Hauptstadt des Nordlandes". Sic hatte 181 5 
nur drei Kaufmannshäuser und 18 — 20 Fischerhütten, 1871 bis 314 
Einwohner, 1880 bis 545 und heute mit Oddeyri zusammen 1 500 bis 
1600. Sie ist Sitz des Bürgermeisters (BcBJarfögeti), der zugleich 
Sysliuiiadiir ist — früher wohnte dieser im Mö'druvalla Klaushtr, 
jetzt bekleidet Gudlatigur Gudmiindsson aus Kirkjubcrr diesen 
Posten — , hat ein Krankenhaus mit zwei Ärzten, Apotheke, Theater, 
Kirche, Volksschule und Realschule. Eine Woche vor unserer An- 
kunft war auch eine Molkerei auf Anteilscheine gegründet, die Zahl 
der Teilnehmer betrug 23 , aber man erwartete weiteren An- 
schluss; endlich hat sich hier eine Aktiengesellschaft zur Gründung 
einer Tuchfabrik gebildet, die mit Wasserkraft betrieben wird; die 
Maschinen stammen aus Deutschland. Hier legen alle Dampfer an, 
die Island umfahren, hier ist die Hauptstation der zahlreichen Hai- 
fischschiffe des Nordlandes. Aber den glänzenden Aufschwung, den 
Akureyri genommen hat, und der ohne Zweifel noch von Jahr zu 
Jahr zunehmen wird, verdankt sie den Norwegern. 1868 kamen 
die ersten Norweger hierher, 1884 waren etwa 1800 Norweger im 
Nordland ansässig. Der Fang des Herings wird fast ausschliesslich 
von Norwegern betrieben, die meist aus Haugesund stammen. In 
diesem Jahre war der Heringsfang äusserst lohnend, namentlich im 
Siglufjördur wimmelte es geradezu von norwegischen Segel- und 
Dampfschiffen. Sie bauen da auch ein Haus nach dem anderen 
und erhalten von den Isländern das beste Zeugnis. Auch die Boot- 
fischerei war recht verlockend, doch macht sich Mangel an ein- 
heimischen Arbeitskräften bemerkbar. — 

Mit Freuden nahm ich die jMitteilung von meinem Führer auf, 
dass es Herrn Stefan Stefdnsson in Mödruvellir sehr angenehm 
sein würde, wenn ich ihn besuchte. Mödruvellir liegt an der nord- 
westlichen Seite des Hörgdrdalur (Fig. 114). Der Weg dahin führt 
die Küste entlang über ziemlich unebenes Gelände von Basalt- 
terrassen mit dazwischen liegenden Mooren, die Entfernung beträgt 
etwa zwei Meilen. Der Hörgdrdalur erstreckt sich von S. W. zum 
Eyjafjördur , wird durch das Zusammenstossen des Öxnadalur 
(Ochsental) und des eigentlichen Hörgdrdalur gebildet und von 
der Hörgd durchströmt. Diese ist zwar ein ansehnlicher, aber im 
allgemeinen ruhiger Fluss, kann jedoch so anschwellen, dass der 
Übergang lebensgefährlich wird. Der verdiente isländische Gelehrte 
Ölafnr Dav/'dsson, der im Sommer botanische Exkursionen unter- 
nahm, im Winter volkskundliche und literarische Studien trieb. 
Sagen sammelte und ein sehr tüchtiges Werk „hlenzkur Pjödsögur" 
in mehreren Bänden herausgegeben hat, hat in der Hörgsd am 
6. September 1903 den Tod gefunden. Ölafiir war von einem 
botanischen Ausfluge zurückgekehrt, die Botanisiertrommel und eine 

17* 



260 



Mödruvellir. 



Reisetasche waren voller Steine ; das Pferd muss in dem unerwartet 
stark angeschwollenen Strome ausgeglitten sein, die schwere Aus- 
rüstung liess ihn nicht wieder in die Höhe kommen, obwohl er 
sonst ein tüchtiger Schwimmer war, und so musste er. 3 1 Jahre alt, 
elend ertrinken. 

Bei ]\Iödruvellir ist der Hörgdrdahir etwa eine Meile breit und 
wird nach N.W. von etwa 2000 dänischen Fuss hohen Bergen be- 
grenzt, während auf der südwestlichen Seite einige Spitzen eine 




Fig. 114. Mödruvellir. 



Höhe von 3000 Fuss und darüber erreichen. Noch am Ende des 
18. Jahrhunders war, wie zur Sagazeit, der östliche Teil des Tales 
ganz mit Wald bewachsen, jetzt ist dieser völlig verschwunden ; aber 
das Tal ist dicht besiedelt, die Gehöfte machen durchweg einen 
stattlichen wohlhabenden Eindruck. Als Thoroddsen 1896 das 
nördliche Island durchforschte und nach 12 jähriger Abwesenheit 
wieder nach der Stätte seiner früheren Tätigkeit kam — er war 
Lehrer an der Realschule daselbst gewesen und hatte Naturgeschichte, 
Geographie, Dänisch, Geschichte und Rechnen unterrichtet — , war 
er freudig überrascht von den grossen Fortschritten, die er überall 



Mödruvellir. 261 

wahrnahm, neue Holzbauten waren entstanden, und namentlich war 
viel zur Verbesserung des Bodens geschehen ^j. 

In Mödruvellir gründeten die Augustiner 1295 ein Kloster, das bis zu seiner 
Aufhebung 1546 bestand, wo es an die dänische Krone kam. Bei Ausgrabungen, die 
man hier vornahm, fand man, dass die alten Gebäude vom Fundament an aus Grasssoden 
aufgeführt waren, die Aussen- und Innenränder der Mauern ruhten auf einer doppelten 
Reihe von flachen Steinen, die Dicke der Mauern betrug 5 Fuss ^). 1461 besass das 
Kloster ein Exemplar der Skjöl dunga-Sagci (Dipl. isl. V, S. 290), die die Geschichte 
der mythischen Könige Dänemarks enthielt; sie ist uns leider verloren gegangen, doch 
sind uns Auszüge aus ihr erhalten in der lateinisch geschriebenen „Geschichte des 
alten Dänemarks" des Arngrimur Jönsson, desselben Gelehrten, der für die prosai- 
sche Edda die Verfasserschaft Snorris erwies (vergl. I, S. 89). Für die neu er- 
wachte Sa.ro-Forschung und damit für die Literaturgeschichte des Nordens überhaupt 
hat diese Saga insofern noch erhöhtes Interesse, als sie, wie Axel Olrik gezeigt 
hat, eine der wichtigsten Quellen Saxos war. 1783 erhielt hier der Oberamtmann 
des Nord- und Ostamtes seinen Sitz, siedelte aber 1874 nach Akiireyri über, als eine 
Feuersbrunst seine Wohnung zerstörte. 1833 — 41 war Bjarni Thörarensen hier 
Amtmann, der Dichter der isländischen Nationalhymne. Sein Grab ist noch heute auf 
dem Friedhofe bei der Kirche zu sehen, und ehrfürchtig blickten wir auf die Stätte, 
wo der irdische Rest des grossen Mannes ruht, dessen Poesie das Gebirge Islands 
seine Erhabenheit , der Wasserfall seine Energie , der Vulkan sein Feuer und der 
Schnee seine Reinheit verliehen hat, wie Grimur T/lomsen von ihm rühmt (Pöstion, 
Isl. Dichter S. 296). An Stelle des abgebrannten Amtshauses erhob sich am i. Ok- 
tober 1880 eine Realschule, die mit drei Lehrern und 35 Schülern eröffnet wurde. 
Bezeichnend für die Kenntnis, die man in Dänemark damals noch von Island hatte, 
ist, dass man für das Fundament für 400 Kr. Quadersteine aus Norwegen kommen 
Hess, während in dem an Steinen gesegneten Island für 20 Öre Zement genügt 
hätten! Bis 1901 ist die Schule von 330 Schülern besucht worden, 208 davon haben 
hier die Abschlussprüfung bestanden, tüchtige Bauern, Kaufleute, Wanderlehrer, Hand- 
werker, ein Arzt und ein Organist sind aus ihr hervorgegangen. Gelehrt wurde: 
Isländisch, Dänisch, Englisch, Geschichte und Geographie, Chemie, Gesang. Aber ein 
seltsamer Unstern schwebte über den Gebäuden. Seit 1376, wo das Kloster und die 
Kirche abbrannten, hat im ganzen sechsmal das Feuer hier gewütet; nach dem letzten 
Brande, dem das ganze Schulgebäude mit allen Einrichtungen zum Opfer fiel, hat man 
beschlossen, die Realschule nach Akureyri zu verlegen ^). 

Herr Stefan Stefdnsson, der uns gütig eingeladen hatte, ist 
ein vorzüglicher Botaniker, vielleicht der beste auf Island. Er hat 
eine ausgezeichnete ,, Flora Islands" geschrieben mit 127 lebens- 
wahren Abbildungen, eine wertvolle Studie über isländische Futter- 
und Weidekräuter veröffentlicht und dem Dichtergott Bragi durch 
ein Schauspiel in drei Akten gehuldigt, Pröfastsdöttirin (die Propst- 
tochter), das 1882 am Gymnasium zu Reykjavik und 1884 von den 
in Kopenhagen lebenden Isländern aufgeführt wurde. Übrigens sind 
von den Realschülern wiederholt dramatische Aufführungen veran- 
staltet worden, 1890 ist ein Märchenstück ,, Aschenbrödel" aufgeführt 
( Ölnbogabarnid) , eine freie Übertragung der englischen Operette 

1) Thoroddsen, Fra det nordlige Island, Geogr. Tidskr. XIV, 1896, S. 11. 

2) Bruun, Nordboerner Kulturliv I, S. 88; Arkseologiske Undersögelser 
S. 22. 

y) Minnigarrit Mödriivallaskölans. Um timabilid 1800— 1900, R. 1901. 



262 Mödruvellir. Skrida. Dampferverkehr in Akureyri. 

„Cinderella" von Farmen und H. S. Leigh^). Herr Stefan ist 
endlich einer der tüchtigsten Bauern und hat sich den Fortschritten 
nicht verschlossen, die eine höhere Kultur und weiter entwickelte 
Technik gebracht haben. Der für 20 Kühe eingerichtete Stall z. B. 
würde jedem Rittergute bei uns zur Ehre gereichen, und die Ein- 
richtung des Hauses verrät überall den wohlhabenden, feingebildeten 
Mann; das Haus ist sogar mit elektrischer Leitung versehen. Um 
sein Laboratorium würde ihn mancher Kollege in Deutschland be- 
neiden, seine Bibliothek ist nicht nur an naturwissenschaftlichen 
Werken reich, sondern auch an Reisebeschreibungen, von Anderson 
bis Kahle. Statt mit Sherry und Portwein wurden wir mit eng- 
lischem Porter und einem vorzüglichen dänischen Rum (aus St. 
Croix) bewirtet, nur allzu schnell flössen die Stunden dahin. Als 
wir schon zu Pferde gestiegen waren, wurde noch eine Hesiaskdl, 
ein Satteltrunk, kredenzt (deutsch etwa: „aus dem Stegreif", gälisch 
Doch an' Dorrach ,, Steigbügelbecher", wie ich zufällig in Edinburgh 
gelernt hatte). Dabei fiel mein Blick von ungefähr auf ein verrostetes 
Beil, das achtlos vor der Freitreppe lag, die zu dem stattlichen 
Holzhause führte : es war das Beil, mit dem die letzte Hinrichtung 
stattgefunden hatte. Lachend erzählte ich ihm, dass jahrelang in 
Deutschland auf Jahrmärkten das Beil gezeigt sei, mit dem ein be- 
kannter Berliner Scharfrichter die Hinrichtungen vorgenommen hatte, 
und empfahl ihm, die Reliquie einem Budenbesitzer bei uns zu ver- 
kaufen. Bevor er noch Zeit gefunden hatte, sich meinen Vorschlag 
zu überlegen, hatten wir schon die Pferde angetrieben und galop- 
pierten weiter nach dem Gehöfe Skrida, das wir in dreiviertel 
Stunden erreichten. 

Skrida hat einen gewissen Ruf dadurch, dass hier die höchsten 
Bäume Islands stehen sollen, wenigstens die höchsten Vogelbeer- 
bäume; es sind 12, ca. 22 Fuss hohe Bäume, die in einem rechten 
Winkel gepflanzt sind, leider sind drei bereits eingegangen; aber ich 
finde es löblich, dass der Bauer sie hat stehen lassen und nicht zu 
Brennholz abgehackt hat (Fig. 1 1 5). 

Am 3. August war der schmucke ,,Egill" von der Vathne-Linie 
gekommen, am 4. lief die ,,Vesta" ein, in der Nacht soll ,,jModesta" 
von der Tulinius-Linie eintreffen — ein wirklich lebhafter Verkehr! 
Mit der „Vesta" waren auch zwei Schweine gekommen, wir waren 
Zeugen, wie sie von dem Bäcker, der sie bestellt hatte, in ihren 
Stall gebracht wurden, und wie die Kühe mit unwilligem Gebrumm 
die frechen unbekannten Eindringlinge eintreiben halfen. Halb 
Akureyri war auf den Beinen, um sich die Schweine anzusehen, 
besonders die liebe Jugend und die Frauen. Denn Schweinevieh 
und Borstenspeck sind nicht bei den Isländern ein idealer Lebens- 



1) Pöstion, Das isl. Drama. S. 73 Anm. 



Skrida 



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264 Skrida. Viga-Glümssaga. 

zweck, wenigstens heute nicht mehr. Gerade in Akureyri aber war 
es gewesen, wo Helgi dem Mageren beim Landen mehrere Schweine, 
darunter der Eber Sölvi entwischt waren; sie verHefen sich in die 
Wälder und wurden erst nach drei Jahren, fünf Meilen südlicher, 
im Sölvadalr, auf 70 angewachsen, wieder gefunden (Lnd. III, 12). 
Ähnlich erging es dem alten Iiigiumiidr, der zwischen 890 und 894 
nach Island kam, westlich von Eyjafjördiir. Auch ihm entsprangen 
mehrere Schweine, und als man sie im nächsten Jahre wieder fand, 
hatten sie sich auf 120 vermehrt, waren aber arg verwildert 
(Vatnsd. S. 15). 

Zum letzten Male, zum letzten Ritt ins alte romantische Land, 
wurden die Pferde bestiegen, es galt, den Schauplatz der Vi'ga- 
Glüms Saga kennen zu lernen: Mödmvellir im Hörgdrdalr und 
Mödruvellir am südlichen Eyjafjürdur, Hri'sey, Myrkd, die warmen 
Quellen bei Hrafnagil (Hrafnagilslaiig), Myvatn, Mu7ikapverd, 
Kaiipangr, die VadlaJieidi und viele andere Ortschaften, die noch 
heute bestehen, werden in ihr erwähnt. Zwanzig Jahre lang hat 
der Häuptling und Dichter Ghunr mit Gewalt und List die Gegend 
am südlichen Eyjajjördiir beherrscht ; zwanzig weitere Jahre hindurch 
hat es keine mächtigeren Männer gegeben als solche, die ihm eben- 
bürtig waren, von allen waffentüchtigen Leuten im Eyjafjördiir hat 
Gli'imr sich als der tüchtigste erwiesen. Prächtig ist die Charakte- 
ristik , die von ihm entworfen wird. Die germanische Helden- 
dichtung schildert den Helden , bevor er erwachsen Proben seines 
Mutes und seiner Tapferkeit ablegt, gern, wie er während seiner 
Tölpeljahre kaum den Mund zur Rede auftut und blöde im Hause 
oder am Herde herumlungert. So ist auch Gliiiur ein träger Junge, 
schweigsam und teilnahmslos, und kümmert sich wenig um die 
häuslichen Angelegenheiten. Von Wuchs ist er hoch, von Haut- 
farbe etwas dunkel, er hat lichtes Haar, ist schlank, aber unbeholfen 
und meidet die Gesellschaft der Leute. Nach einer schmählichen 
Verhöhnung von selten eines Feindes ,, überfiel ihn ein solcher Lach- 
krampf, dass er ganz blass im Gesichte wurde, und aus seinen 
Augen Tränen gleich grossen Hagelkörnern fielen" (K. 23). Für 
den Kultus des Gottes Ereyr, für Pferdekämpfe, wie sie ganze 
Distrikte gegeneinander ausfochten , und für einzelne juristische 
Fragen, zumal für eine jesuitische Eidesabiegung ist die Saga von 
höchster Bedeutung^). 

Während Glüms Aufenthalt in Norwegen stirbt sein Vater Eyjölfr auf seinem 
Gehöfte Pverä. Porkeil vom Mi'ivatn , der Schwiegervater von Gliims früh ver- 
storbenem Bruder, zieht mit seinem Sohne Sigmundr dorthin und beginnt dem Erbe 



1) Viga-Gltim. Eine germanische Bauerngeschichte der Heidenzeit. Aus 
dem Altisländischen frei und verkürzt übertragen von Dr. Ferdinand Khull, Graz 
1888. 



Akureyri. Viga-Glümssaga. Grund. 265 

der Witwe des Eyjölfr nachzustellen; die Witwe Astridr und Glümr müssen sich 
mit dem Teile begnügen, auf dem kein Haus steht. Sic wird verdächtigt, dem Porkeil 
zwei Färsen gestohlen zu haben und muss auf" einen wertvollen Acker Vitazgjafi, 
verzichten (Sichergeber), der nie ohne Frucht war, obwohl bei der Verteilung der 
Ländercien ausgemacht war, dass beide Teile den „Sichergeber" je einen Monat be- 
nutzen sollten. Glitmr rächt die Vergewaltigung, während alle andern sich vor dem 
mächtigen Porkell ducken und tötet den Sigmundr. Schliesslich gelangt er wieder 
in den Besitz seines Vatererbes. Porkell muss das Land verlassen; da ging er, einen 
alten Ochsen mit sich führend, zum Tempel des Freyr und sprach: „Freyr, Du bist 
lange mein Freund gewesen, wert des vollen Vertrauens, Du hast viele Ochsen von 
mir entgegengenommen und mir wohl gelohnt ! Nun bringe ich Dir diesen Ochsen dar 
mit der Bitte, lass den Glümr ebenso gegen seinen Willen vom Pverärland gehen, 
wie ich es jetzt tue, und gib mir ein Zeichen, ob Du die Gabe nimmst oder nicht." 
Der Ochse aber ward erschlagen, dass er brüllend tot zusammenfiel; dem Porkell 
schien das Zeichen gut, und er ward nun fröhlicher, da er meinte, der Gott hätte 
seine Bitte angenommen. 

Einige Zeit darauf träumte dem Glümr, dass viele Leute zu Pverä Freyr 
zu besuchen kämen (d. h. zum Tempel des Freyr) , und ein grosser Zusammenlauf 
wäre, Freyr aber sass auf einem Stuhle. Er glaubte sie zu fragen, wer sie wären, 
und sie erwiderten: „Wir sind deine verstorbenen Gesippen und bitten jetzt Freyr, 
dass du vom Pverärland nicht vertrieben werdest; aber es hilft nichts, Freyr ant- 
wortet kurz und erzürnt und gedenkt der Rindergabe des Porkell". Da erwachte 
Glümr und behauptete fortan, er stünde jetzt schlechter mit Freyr. 

Glümr muss wirklich seinen Hof an den Bruder des mächtigen Gitdmiindr 
abtreten und darf sich nicht näher niederlassen als im Hörgärdalar. Er kauft sich 
im Oxnadalr an, und damit beginnt der Wendepunkt seines Lebens. Als das Christen- 
tum Eingang findet, nimmt er die Taufe (looo), lebt noch drei Winter, wird im Toten- 
bette vom Bischof eingesegnet und stirbt in den weissen Kleidern. Aber bevor er 
stirbt, fühlt er noch einmal das Verlangen, seine alten Heldenkraft zu zeigen und hilft 
einigen Verwandten, die einen Totschlag begangen haben. Der Streit endet jedoch 
mit einem Vergleiche, der ihm wenig behagt, in der bitteren Klage macht er seinem 
Missmute Luft: 

Leid ist mir das Leben 
Auf der Welt geworden, 
Das Alter ist's. 
Das den Dichter erdrückt. — 

In Grund hatte ich noch einmal Gelegenheit, mich von dem 
Wohlstande zu überzeugen, zu dem ein tüchtiger Landwirt auch auf 
Island gelangen kann. Das Tiiii war völlig geebnet, und der Bauer, 
Magnus Sigiirdsson , hatte mit der zweiten Ernte zusammen 
30000 Pf. Heu eingebracht. Er ist einer der reichsten, jedenfalls 
der wohltätigsten Isländer. Nach der Bewirtung mit Kaffee und 
Whisky führte er uns auf dem stattlichen Hofe umher und sprach 
davon, sich einen Motorwagen anzuschaffen, um seine Waren be- 
quemer nach und von Akureyri transportieren zu können. Er hat 
für die Kirche ein Altarbild, Christi Auferstehung, für 500 Kr. ge- 
stiftet und baut jetzt auf eigene Rechnung ein neues, würdiges 
Gotteshaus für 15 — 16000 Kr. ganz aus Holz, das neben der Dom- 
kirche in der Hauptstadt die schönste und grösste Kirche zu werden 
verspricht. 20 Arbeitsleute waren bei dem Bau beschäftigt, und am 



266 Akureyri. MunkaJ)verä. 

nächsten Tage brachten zwei vierräderige mit je zwei Pferden be- 
spannte Wagen die Fenster für die neue Kirche. Henderson 
erwähnt in der alten ein Porträt des General Monk (I, S. 130), 
aber ich kann nicht sagen, ob das Bild sich noch dort befindet. 

In den älteren Sagas spielt Grund keine grosse Rolle, aber zur Sturlungenzeit 
war Grund der Sitz des Sighvatr, Sohnes des S/nr/a, eines Nachkommen des be- 
rühmten Coden Snorri und Bruders des Geschichtsschreibers Snorri Stiirluson. In 
der Nähe von Grund liegt Helguhöll, der Grabhügel der ebenso reichen, wie hab- 
gierigen und herrschsüchtigen Helga Aruadötiir, die im 16. Jahrhundert hier lebte. 
In diesem Hügel sollen grosse Schätze verborgen sein. Als aber die Leute einmal 
nach diesen zu graben versuchten, sahen sie plötzlich die Kirche zu Grund in hellen 
Flammen stehen. Natürlich liefen sie eiligst hin, das Feuer zu löschen ; es war aber 
ein Blendwerk gewesen, um sie von dem Unternehmen abzuziehen '). 

Gisli Brynjülfsson (1827— 1888) hat eine Volkssage aus Grund dichterisch 
behandelt: Reynividurinn (der Vogelbeerbaum): In der alten Zeit waren in Grund 
zwei Geschwister wegen Blutschande zum Tode verurteilt, vergebens hatten sie stand- 
haft ihre Unschuld behauptet. Auf dem Richtplatz angekommen, beteten sie noch zu 
Gott , dass er wenigstens nach ihrem Tode noch ihrer Reinheit ein Zeugnis geben 
möge. Da sprosste aus ihrem Blute ein Vogelbeerbaum auf. In Gislis Gedicht er- 
scheinen die Geschwister schuldig, und dennoch wächst aus ihrem Blute der Baum ; 
das ist eine Korruption der ursprünglichen Sage ^). 

Von Griiud ritten wir auf der schönen Landstrasse ein Stück 
zurück, überschritten die Eyjafjardard und besuchten Alunkapverd 
am östlichen Ufer. 

In der Nähe muss der Tempel des Freyr gestanden haben. Der erste Abt des 
durch Bischof Björn 1155 gestifteten Benediktinerklosters war Nikulds, der Sohn 
des Bergr. In dieses Kloster zog sich der mächtige Häuptling Porgeirr Hallason 
zurück, der Grossvater des späteren Bischofs Gudmundr Arason; seine Tochter 
Ingibjörg war in zweiter Ehe mit Siurla Pördarson verheiratet. Literarisch tätig 
waren hier die Äbte Bergr Sokkason und Arni Jönsson. 1429 brannte das Kloster 
und die Kirche mit dem ganzen Inventar ab. — Das älteste Exemplar eines mehrstim- 
migen Gesanges des ganzen Nordens, ein Pergamentbiatt, stammt aus diesem Kloster 
vom Jahre 1473. Kurz vor der Reformation, im Anfange des 16. Jahrhunderts, als 
die Wissenschaft auf Island arg darniederlag , war Abt Einarr in Munkapverd bei- 
nahe der einzige der lateinischen Sprache kundige ; hier war es auch, wo Jon Arason 
unterrichtet wurde'). 

Man muss dem Stifter des Klosters nachrühmen, dass der Ort, 
den er aussuchte , nicht nur anmutig gelegen , sondern auch sehr 
fruchtbar ist. Wo früher das Kloster stand, befindet sich seit vielen 
Jahren ein Gemüse- und Kartoffelgarten, den schon Olaus Olavius 



1) Maurer, Isl. Volkssagen S. 71. 

2) Maurer, a. a. O. S. 177. Dieselbe Sage findet sich auf den Vestmanna 
eyjar, Lehmann-Filhes II, S. 27 — 29. — Ein anderer Hügel bei Grund heisst 
Danskihöll, über ihn vergl. Maurer, S. 227. 

'^) Kaalund (Fortidslaevninger S. 120' i), erwähnt auf dem Kirchhof einen 
Runenstein, Bldhosusteinn, den ich nicht gesehen habe. Eine Volkssage bei Leh 
mann-Filhes II, S. 72 — 74. Über die Noten vergl. Aarböger 1899, S. 293 flf. 



Akureyri. Munkapverä. Hrafnagil. 267 

erwähnt, und das Gras hier gilt als das saftigste auf ganz Island. 
Die Pverd (Querachc), nach der das Gehöft seinen Namen hat, 
mündet in die liyja/j'ardarä, nachdem sie sich nach Bildung eines 
ziemlich hohen Wasserfalles, des Godafoss — ,, Götterwasserfall", 
dem man, d. h. den in ihm lebenden Wassergeistern, nach der 
Überlieferung geopfert haben soll — , mit der Äljadmd vereinigt hat. 
Der Bauer führte uns selbst nach den beiden Wasserfällen und dem 
Canon. Der Fluss hat inmitten der hohen, steilen Felsen nur ein 
schmales Bett und schlängelt sich, in verschiedenen Kaskaden herab- 
stürzend, über mächtige Blöcke hin. Von einer Holzbrücke aus hat 
man einen schönen Blick nach oben und unten, jedenfalls kann 
sich der Glerdrfoss bei Oddeyri hiermit nicht messen. Rechts da- 
von sieht man in den langen, schmalen Mjadmürdalur hinein; die 
Mjadmd — wenn ich nicht irre, sagte der Bauer aber Ältdd, 
„mittlerer Fluss" — strömt ganz ähnlich einher und bildet gleich- 
falls einen Wasserfall. \\\ diesen war im Frühjahr ein Schaf hinein- 
geraten und heruntergestürzt, aber heil und gesund unten ange- 
kommen. Hierher hatte einer der von Gliliiis Feinde SkiUa abge- 
schickten Meuchelmörder den Gblmr gelockt : er sollte sich im 
Mjadmdrdalr einfinden, wo GlÜDir seine Sennhütte hatte. Nur 
durch einen Sprung in die Felskluft kann sich der unbewaffnete 
Glninr vor Skiita retten. Als Skiita den Rock seines Gegners im 
Flusse treiben sieht, haut er nach ihm, merkt aber, dass Gliimr 
entronnen ist, indem er auf einen Felsvorsprung gesprungen ist. Die 
ganze Situation ist wenig glaublich^). 

Wir ritten über den Fluss zurück und 2m{ Akureyri z\i^ kehrten 
aber noch einmal in Hrafnagil (Rabenkluft) bei Sira Jonas Jönasson 
ein, um unsern letzten Besuch auf Island zu machen-). 

Hrafnagil kommt , wie die zuletzt erwähnten Ortschaften , wiederholt in den 
Sagas vor, deren Schauplatz der Eyjafjördur ist. In Hrafnagil geschah 1358 ein 
Neidingswerk , das zeigt, wie in der Sturlungenzeit jede Scheu vor Treubruch oder 
irgend einer anderen Schandtat geschwunden war. Porgils skardi wurde hier von 
Porvardr Pörarinsson ohne vorgängiges, ernstliches Zerwürfnis überfallen. Durch 
einen Vertrauten hatte dieser erst ausforschen lassen, wo er übernachten würde, und 
ein zweiter hatte dessen Schlafstelle auskundschaften und zugleich für das Öffnen der 
Tür sorgen müssen ; die Bitte um Frieden wurde dem Überfallenen abgeschlagen und 
sogar der Trost eines anwesenden Priesters ihm verweigert, obwohl dieser selbst für 
ihn mit scharfen Worten eintrat; mit 22 Wunden bedeckt, blieb die Leiche liegen, 
und sogar geraubt und geplündert wurde sofort auf dem Hofe. Ein einziger unter 
Porvards Begleitern hatte sich geweigert, an der Schandtat teilzunehmen und diese 
unverhohlen als ein nidingsverk bezeichnet (Sturl. S. IX, K. 20). 



1) BeiKaalund (II, S. 122, Anm. 2) sehe ich soeben, dass der Text Midärdalr 
hat : Midä und Mjadmä scheinen also denselben Fluss zu bezeichnen. 

^) In Hrafnagil hörte Konrad Maurer das deutsche Märchen von „Schnee- 
witchen" in isl. Gestaltung erzählen: Maurer, Isländische Volkssagen S. 280; Pöstion, 
Isländische Märchen S. 153 ff. 



268 Akureyri. Hrafnagil. 

In der Geschichte von Vt'ga-Glümr wird auch die Hrafnagils- 
laug erwähnt. Eine lauwarme Quelle dieses Namens liegt südlich 
von dem stattlichen, eingeebneten Tiin^ eine zweite, heissere be- 
findet sich nördlich vom Pfarrhofe. ,, Beider Quellen bedienen sich 
die Einwohner, und man will bemerkt haben, dass das letztere Bad 
vorzüglich nicht allein äusserlich als ein kräftig auflösendes Mittel 
bei den gewöhnlichen Schwachheiten der Frauenzimmer gebraucht 
werden kann, sondern dass auch das Wasser, wenn man es ein- 
nimmt, gichtische Schmerzen stillet und eine anodische Kraft be- 
sitzt, entkräftete Menschen wieder zu stärken" (Ol aus Olavius, 
S. 201/2). 

1748 fand man hier beim Ausgraben am Eingang eines Schaf- 
stalles ein Menschengerippe. Egg er t Olafsson hat es 1755 mit 
eigenen Augen gesehen und meint, dass es nicht allein einem mehr 
als mittelmässigen Menschen zugehört hat , sondern dass auch alle 
seine Teile , besonders die Hirnschale , ungemein dick und stark 
waren ^). 

Mein Besuch galt dem Pröfastur und Dichter Jonas Jöriasson, 
von dem ich kurz zuvor in der Zeitschrift ..Eiiiireidinn'-' (Bd. III) 
eine eigenartige, herbe Novelle gelesen hatte. Von Ögmundur 
hatte ich gehört, dass er der Lehrer des Jesuitenpaters Baum- 
gar tn er gewesen war. Der Pater und der ,,Candidatus der 
lutherischen Gottesgelehrtheit" haben als Lehrer wie als Schüler 
einander Ehre gemacht, beide beherrschen die Sprache, die der 
Lernende sich aneignen wollte, gründlich. Wie Baumgartner in 
der isländischen Literatur tüchtig belesen ist, obwohl er darin nicht 
Fachmann ist, so hat Sira Jonas die grösste deutsche Bibliothek, 
die ich auf Island bei Privatleuten gefunden habe ; er kennt nicht 
nur Goethe, Schiller und Heine, sondern auch Lessing, Freytag, 
Spindler, Scheffel, Hauff und selbst Reuter. Ja, ich muss sagen, er 
spricht besser deutsch als dänisch. 

Sira Jonas ist am 7. August 1856 geboren, besuchte 1874 — 80 
das Gymnasium, dann die theologische Hochschule in Reykjavik^ 
wurde 1883 Pfarrer und ist jetzt Superintendent des Bezirks Eyja- 
fjördiir. Er hat nur Novellen geschrieben und ist ein unbedingter 
Anhänger der modernen realistischen Dichtung ; er weilt mehr bei 
den Schattenseiten des Lebens als bei seinen Freuden, selten nur 
schimmert ein Funken Humor durch, und selbst dann ist es noch 
bittere Ironie und scharfe Satire. Seine Erzählungen sind trefflich 
angelegt, und das Problem ist fein durchgeführt, wie jeder aus den 
vier von Küchler gut übersetzten Novellen ,, Lebenslügen" ersehen 
kann (Leipzig, Reclam). 



1) Reise durch Island II, S. 66; K aal und, Fortidslaevninger S. 69. 



Die letzten Tage in Akureyri. 269 

Wäre der Dampfer „Modesta" pünktlich gekommen, wie es 
der Fahrplan vorschrieb, so hätte auch nicht der leiseste Misston 
den langen Aufenthalt auf Island getrübt. Aber mein Urlaub ging 
zu Ende, ich musste unbedingt an einem bestimmten Tage daheim 
sein. ,,Vesta" und ,,Egill" hatte ich mir entgehen lassen, nun sass 
ich da mit den schweren Reisekoffern, untätig und verdrossen, auf- 
geregt und gereizt und fing an, nervös zu werden. Wie Iphigenie 
stand ich am Ufer lange Tage, das Land der Deutschen mit der 
Seele suchend. Heute lache ich über meine Ungeduld, aber damals 
war mir wenig froh zu Mute. Ögmundur blieb mir zuliebe 
noch einen Tag länger, obwohl es ihn mit Gewalt zu seiner Frau 
und den kranken Kindern zog. Aber in der Frühe des 8. August 
hiess es Abschied nehmen von dem wackern, treuen ]\Ianne. Noch 
einmal sah ich die ganze Karawane vor mir, die sechs Wochen lang 
unter meiner Leitung gestanden hatte, noch einmal streichelte ich 
meinem unermüdlichen Schimmel die struppige Mähne, dann ein 
letztes Lebewohl, ein letztes Winken, Ögmundur verschwand mit 
den neun Pferden um die Ecke, und ich war allein. 

Fast verzweifelt kehrte ich ins Hotel zurück. Zum Glück lernte 
ich einen Leidensgefährten kennen, einen in Isafjördur wohnenden 
Norweger, einen Tranhändler, der am 15. August in Bergen sein 
musste, wenn er nicht bedeutende Verluste haben wollte. Da, in 
der höchsten Not, nahte die Rettung. Herr Konsul Havsteen erfuhr 
meine üble Lage und fragte mich, ob ich mit dem Fischdampfer 
,, Harald" nach Sighifjördiir fahren wollte, dort würde ich schon 
einen Heringsdampfer finden, der mich in kurzer Zeit nach Nor- 
wegen zurück fahren würde. Er verhehlte mir das Bedenkliche 
dieses Schrittes nicht, immerhin bliebe mir ja für jeden Fall die 
,,Modesta". Wir gingen sofort an Bord des ,, Harald", der mit 
vollem Wimpelschmuck zum Abdampfen bereit lag. Kapitän So le- 
st ad t aus Kristiansund war sofort bereit, meinen Begleiter, den 
Norweger, und mich mitzunehmen, und zwar fasste er das, wie sich 
später herausstellte, als Einladung auf. Die Rechnung im Hotel, 
die nicht gering war, wurde beglichen, der Wirt lud uns zum Ab- 
schiedstrunke zu Sekt und Portwein ein (welche Mischung übrigens 
gut schmeckt), die Koffer wurden an Bord gebracht, der wacklige, 
hölzerne Verbindungssteg wurde zurückgezogen, ein schriller Pfiff 
gellte, die Maschine stöhnte und ächzte, das Wasser rauschte auf, 
und fort ging es, ins Ungewisse hinaus. 




Sechzehntes Kapitel. 

Heimreise. Rückblicl^ und Ausblick. 

8. — 18. August. 

Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter! Trüb und grau 
hing der Himmel über uns, leichter Regen rieselte, Nebel verbarg 
die Ufer des Fjords, fröstelnd stand ich auf dem Verdeck. Wir 
waren nicht die einzigen Passagiere. Etwa zwanzig Isländerinnen 
Sassen auf des Schiffes Rand, vor Kälte bebend, und hüllten sich 
in ihre Umschlagtücher; sie waren sauber angezogen, und mir fiel 
auf, dass sie alle Handschuhe trugen, meist sogar von Glaceleder. 
Sie waren die Woche über den Norwegern beim Zubereiten und 
Salzen der Fische behilflich gewesen, was recht gut bezahlt wird 
den Sonntag hatte sie der „Harald" zu ihren Angehörigen nach 
Akitreyri gebracht, jetzt ging es „ins Geschäft" zurück. Weniger 
erfreulich war ihr Anblick am nächsten Morgen bei der Arbeit. 
In langen Männerstiefeln, die bis zu den Knieen reichten, und einem 
sackähnlichen Rocke, hoch aufgeschürzt, ein Kopftuch lose über- 
geworfen, so hantierten sie eifrig bei den Fischen, und ich verstand, 
warum sie auf der Reise ihre Hände so ängstlich versteckt gehalten 
hatten, denn das scharfe Salz hatte förmliche Rinnen und Löcher 
in ihre Hände gerissen. Norwegische Frauen mit nach Island zu 
bekommen hält, trotz der guten Bezahlung, sehr schwer; einige 
aber bleiben die ganze ,, Saison" dort; wenn sie ihre Arbeit auf 
einem Dampfer vollendet haben, siedeln sie auf den nächsten über. 

Wir stoppten gegen sechs Uhr kurze Zeit an der Insel Hrisey, 
drei norwegische Fangmänner wurden an Land gesetzt und eine 
Menge Netze ihnen nach in die auf und nieder schiessenden kleinen 
Boote geworfen. Heute ist die ^/4 Meilen lange Insel ganz kahl, 
früher war sie waldbewachsen, aber durch den Unverstand der Be- 
wohner sind die Wälder verschwunden, und die vielen kleinen 
Löcher im Boden, die von alten Kohlenmeilern herrühren, zeigen, 



Hrisey. Siglufjördur. 271 

dass man die Bäume zu Holzkohle verbrannt hat. Noch vor zwanzig 
Jahren ist in Hrisey ein bedeutender Herings- und Dorschfang be- 
trieben. Am II. September 1884 fügte ein Orkan der Fischerflotte 
einen Schaden von ca. 300000 Kr. zu; einige Boote wurden auf 
das Land geworfen, 19 liefen im Nu voll Wasser und sanken, 17 
mussten die Mastbäume kappen, fast alle hatten Havarie gelitten. 
Das Unglück war dadurch so gross geworden, dass das Unwetter 
ganz unerwartet ausbrach, und dass die Fischer ihre Fahrzeuge 
eng aneinander vertaut hatten. Während früher 4 — 6 Gehöfte auf 
der Insel lagen, sind es jetzt nur noch zwei; dafür sind mehrere 
Fischläger mit kleinen Holzhäusern entstanden. Die Eidervögel, die 
es früher hier gab, sind durch den Lärm vollständig verscheucht. 

Nach fünfstündiger Fahrt kamen wir im Sighifjördiir an (Mast- 
baumbucht, Lnd. III, II), der ungefähr in der Richtung von Norden 
nach Süden in die Halbinsel einschneidet, die von dem Skagajjördur 
und dem EyjafjördiLr gebildet wird. Auf der Westseite des Fjords 
liegt der Pfarrhof Hvanneyri, wo der Pfarrer und Komponist Bjarni 
Porsieinsson wohnt. Der Handelsplatz Sigkifjördur mit ca. 40 
Häusern liegt südlich auf der sandigen Küste (im Altertum Por- 
niödserr) unterhalb des Pfarrhofes, rings von hohen Felsen um- 
schlossen, hat einen guten Hafen und ist Postdampferstation. Der 
Hafen friert im Winter niemals zu, ausser wenn mit der heftigsten 
Kälte zugleich das grönländische Treibeis kommt. In diesem Jahre 
lag noch im Juli eine Menge Polareis vor Kap Hörn. Ein Kutter 
von den Faeröern, der westlich um das Land sollte, musste kürzlich 
wieder umkehren. Der grösste Teil des Eises lag noch ca. 2 Meilen 
von der Küste ab. Im 18. Jahrhundert wurde der Hafen besonders 
von den Holländern aufgesucht, dann aber von den Engländern, 
heute ist er Hauptstation der Norweger ^), die sich das isländische 
Bürgerrecht erworben haben und im Sommer hier wohnen^). 

Als wir einfuhren, war fast der ganze Hafen von Segelschiffen 
und Fischerbooten angefüllt, nicht weniger als neun Dampfer lagen 
hier. Wir erfuhren, dass am nächsten Tage der Dampfer ,,Glyg" 
(vorsichtig, scharf ausspähend) nach Haugesund abfahren sollte. Ich 
liess mich sofort dahin rudern, aber der Kapitän machte allerlei 
Ausflüchte: sein Schiff sei nicht für Passagiere eingerichtet, weder 
was Kost, noch Kajüte beträfe. Über zwei Stunden dauerten die 
Unterhandlungen; wenn er mich nicht mitnahm, war ich doch auf 
die ,,Modesta" angewiesen; denn an Land konnte ich nicht gehen, 
da herrschten Masern und Scharlach. Zum Glück kam der Besitzer, 
Herr Bakkevig aus Haugesund, bald an Bord. In bewegten Worten 
schilderte ich ihm unsere Lage und machte kein Hehl von meiner 
Sehnsucht nach meiner Familie; da fühlte er ein menschliches 



1) Olafsen-Povelsen II, S. 66; Olans Olaviiis S. 237. 



272 Siglufjördur. 

Rühren; er selbst sorgte sich um seine Frau und seine sechs 
Kinder, deren AnbUck er fast ein halbes Jahr entbehren musste ; 
er gab uns die Erlaubnis, mitzufahren, ja, er tat noch mehr, in 
guter norwegischer Gastfreundschaft wies er den Kapitän und 
Stewart an, mir den Aufenthalt möglichst behaglich zu machen, 
stellte mir eine Kiste Zigarren zur Verfügung, die, wie er meinte, 
wohl bis Haugesund reichen würde, und deutete fein und vornehm 
an, dass ich sein Gast wäre. 

So sollte ich nicht nur billiger, sondern auch schneller nach 
Norwegen kommen, als wenn ich mit ,,Modesta" gefahren wäre. 
Wieder war mir das Glück hold gewesen, das mich auf der ganzen 
Reise begleitet hatte, und in menschlicher Kurzsichtigkeit hatte ich 
mit dem Schicksal hadern wollen! Ja, wäre ich nicht nach dem 
Siglufjördur gekommen, so wäre mir ein wichtiges Moment ent- 
gangen. Nicht nur bietet der Fjord ein wundervolles Bild mit dem 
Wasserfall und den fünf Terrassenpyramiden — ,, Zermatt, Chamonix, 
das Suldental haben hier eine liebliche Wiederholung", sagt Jäger 
(Die nordische Atlantis, S. 149) — , sondern kaum ein anderer Ort 
auf ganz Island ist zur Zeit so geeignet, einen vollen Einblick in 
das Leben und Treiben beim Fischfange zu verschaffen wie Siglu- 
fjördur. 

Für den ungeheuren Fischreichtum hier mag die nackte Zahl 
sprechen: durchschnittlich werden am Tage iocxd Tonnen Heringe 
gefangen. Da müssen sich die Hände natürlich fleissig regen. Die 
Ausweiderinnen , die in Ölzeug gekleidet und von Kopf bis zu 
Fuss mit Blut beschmiert hantieren, erinnern an Indianer, die in 
ihrer Kriegsbemalung frisch vom Schlachtfelde kommen. Einige 
Frauen setzen das Messer in die Kiemen und schneiden den Fischen 
die Köpfe ab, andere nehmen die Eingeweide aus, andere machen 
Einschnitte in den Leib, wieder andere besorgen das Einsalzen. 
Eine zweite Gruppe, die Packerinnen, ist bei den Tonnen be- 
schäftigt : einige schlagen mit einer Art Sichel Deckel in die 
Tonnen, andere kehren die Abfälle zusammen und fegen sie durch 
eine Luke in das Meer. Ist der Fang gross, so müssen die Weiber 
Tag und Nacht arbeiten, und da oft genug die Boote erst spät 
am Abend wiederkommen, so geht das Geschäft des Ausweidcns 
und Einsalzens die ganze Nacht hindurch; die ganze Nacht hindurch 
rattert die Maschine, saust die Winde, und Tonne auf Tonne wird 
weiter befördert. Rein mechanisch besorgt schliesslich der Körper 
die Arbeit, während der Geist für Augenblicke völlig einschlummert. 
Wenn der Abfall ins Meer geschafft wird, kommen die Möven, die 
gefrässigen Marodeure des Schlachtfeldes zur See, und schnappen 
im Fluge den fettesten Bissen auf, bevor er das Wasser berührt; 
aber noch schneller entreisst ihnen eine andere den Happen wieder, 
und dieser wieder suchen noch andere mit Flügelschlägen und 



Siglufjördur. . 273 

Schnabelhicben ihre Beute zu entreissen. Immer neue Ladungen 
werden von den Segelschiffen herangebracht, kübclweise werden 
die Fische aus ihnen in eine Tonne entleert, bis diese voll ist, 
dann werden sie einfach auf das Deck geschüttet; dass dabei 20-30 
Stück zuviel mit herauspurzeln und klatschend aufschlagen, spielt 
keine Rolle. Alles glitzert und funkelt natürlich von den silbernen 
Schuppen, zumal im Lichte der elektrischen Lampen, die sich auf 
der Oberfläche des Wassers wiederspiegeln : das alles macht einen 
phantastischen Eindruck. Aber es herrscht verhältnismäs.sig Rein- 
lichkeit, und den Gestank hatte ich mir weit, weit ärger vorgestellt; 
im Gegenteil, die aufgestapelte, von Salzwasser triefende Beute ver- 
breitet einen nicht unangenehmen, frischen, stärkenden Duft. Der 
Dampfer ,,Glyg" hatte 3000 Tonnen Heringe an Bord, trotzdem 
war das Verdeck blitzblank, nicht eine Schuppe, nicht ein Hering 
lag umher, nicht der geringste üble Geruch war zu verspüren. 
Ununterbrochen liefen Boote aus der Hafenmündung aus und 
suchten die hohe See, einige liessen sich von schwerfälligen, breit- 
bäuchigen Dampfern schleppen. Die braunen und roten Segel 
hoben sich hübsch vom blauen Fjord und von den grünen Berg- 
wänden ab. Hunderte von schlanken Seglern nahmen ihren Kurs 
hinaus nach den Fischgründen. Allmählich war der ganze Horizont 
mit ihren braunen Segeln betüpfelt, und die äussersten verschwanden 
erst dann in der weiten Wasserwüste, wenn Meer und Himmel in- 
dunstiger Ferne ineinander flössen. 

Früher waren dichte Flüge von Möwen, die auf die Fische Jagd 
machten, oder eine grosse Schar Wale, die die Heringe verfolgten, 
die Vorboten davon, dass sich ein ,,Zug" Heringe in der Bucht 
zeigte. Heute fahren gegen Abend sogenannte ,, Notboote" ins offene 
Meer hinaus, um den Hering zu suchen. ,,Not" ist ein riesiges, 
feinmaschiges Netz, 150 Faden lang und 15 — 20 Faden tief. Während 
das Schiff sich langsam durch das Wasser bewegt, legt die Be- 
mannung im Schlummer des Abends die Netze in die See aus, bis 
ihre ganze Ausrüstung — oft sind es 50 aneinander gebundene Netze, 
die zusammen eine Länge von 1000—2000 m haben — auso-eo-eben 
ist und das Ganze senkrecht im Wasser hängt, an einem Tau auf- 
gereiht, woran Schwimmer und Baken von Fellen oder Metallen 
befestigt sind. In die Maschen dieses wie ein Vorhang ins Wasser 
hängenden Netzes stossen nun die Heringe mit ihren Köpfen und 
können sich nicht wieder herausarbeiten. Dieses zusammengedrängte 
,,Aat" (Futter, Frass) bleibt darin gefangen, bis die Netze an Bord 
gezogen und in den eisernen Bauch des Dampfers geschüttet werden. 
Gern setzt man das Netz mit den gefangenen Heringen noch in 
der Nähe der Küste aus und lässt die Beute 14. Ta^e lane darin 
damit sie mager wird und leichter eingepökelt werden kann. Ge- 
schieht dies unmittelbar nach dem Fange, so ist der Magen noch 

Herrmann, Island II. 18 



274 SigluQördur. Abschied von Island. 

ZU voll , der Fisch hält sich nicht so gut, und die Ware hat einen 
viel geringeren Wert. In diesem ausgesetzten Netze glänzt und 
gleisst es natürlich an der Oberfläche ; am Rande des Netzes 
kreisen habgierige Dorsche und werfen sehnsüchtige Blicke hinein 
nach den gefangenen Heringen ; denn der Hering ist die Lieblings- 
speise des Dorsches. — 

Um 12 Uhr war die letzte Tonne an Bord, alles war verstaut, 
das letzte Glas auf das Wohl des liebenswürdigen Reders und auf 
eine glückliche Heimreise vom Tochterlande Island nach dem 
Mutterlande Norwegen geleert, dann wurden die Anker gelichtet, 
dreimal schrillt die Pfeife des ,,Glyg", dreimal antworten die sämt- 
lichen im Hafen zurückbleibenden Dampfer, dreimal dippte „Glyg" 
zum Abschiede die Flagge, und alle Segelschiffe erwiderten unsern 
Gruss. Und während ich sinnend hinten am Schiffe stand, fielen 
mir die Verse ein, die Jon Olafsson dichtete, als er 1873 nach 
Amerika auswanderte : 

So leb' denn wohl, mein heissgeliebtes Land? 
Ich seh dich wohl, ich fühl's, zum letztenmal. 
Zerrissen, ach, wird unser Herzensband. 
Dies nur zu denken, ist schon Todesqual '). 

Leb' wohl, uralte tsa/old, Felsenweib, ernst und hold, Heim hoch- 
gepreist ! Auch meine Liebe dir glüht, so lange das Leben mir 
blüht, und auch mein Herzenswunsch ist : 

Schicksalshand, segensschwer, 
Stärke dich mehr und mehr, 
Solang' im Sternenheer 
Sonne noch kreist! — 

,,Glyg" legte in der Stunde 8 englische Meilen zurück, aller- 
dings war die See spiegelglatt , und eine leichte Brise im Rücken 
half nach. So war der Aufenthalt an Bord äusserst behaglich, und 
wir kamen kaum vom Verdeck in die Kajüte hinunter. Das Beneh- 
men der Mannschaft war tadellos, und Kapitän Iversen war ein 
musterhafter und gewissenhafter Seemann, dem man sich selbst für 
gefährliche Zeiten ruhig anvertraut hätte. Er war die ganze Nacht 
auf seinem Posten und schloss kaum ein Auge ; er war aber auch 
ein unterhaltender Plauderer, liebenswürdiger Wirt und selbstloser 
Kamerad. Ich stehe nicht an zu erklären, dass wir uns auf seinem 
Dampfer ebenso wohl gefühlt haben , wie bei der Hinreise auf 
,, Laura", und jedenfalls weit, weit behaglicher als an Bord der 
,,Hera", mit der wir von Bergen nach Hamburg fuhren. Denn auf 
dem vielgepriesenen Touristendampfer wurde die Verpflegung von 



1) Pöstion, Eislandblüten, S. 177. 



Heimfahrt. Haugesund. 275 

Tag zu Tag schlechter, und das unmotivierte Lärmen und Singen 
der zahh-eichen deutschen Vergnügungsreisenden war nicht zum 
Aushalten, zumal wenn man fast drei Monate die wundervolle 
Stille auf Island genossen hatte; zum Glück machte ihrem unnützen 
Treiben bald die unruhige See ein Ende. Das Essen war einfach, 
aber schmackhaft ; Hering gab es naturgemäss täglich zu Mittag, 
und ebenso Labskausch zu Abend, aber auch Schinken, Ölsardinen, 
Corned Beef und Käse fehlten nicht. Zum Kaffee buk der Steward 
ausgezeichnete Waffeln. 

In der Frühe des zweiten Tages hatten wir die nordöstliche 
Spitze von Island passiert, Kap Langanes (langes Vorgebirge), und 
mittags zwei Uhr hatten wir den letzten Blick auf Islands Küste. 
Langanes ist wegen des Nebels berüchtigt, doch ist er auf der 
Südseite der Landspitze häufiger als auf der Nordseite. Die äusserste 
Spitze des Kaps ist von steilen, 30 — 40 m hohen Doleritbänken, 
oft mit schönen Säulen, umgeben. Die senkrechten Wände, gegen 
die das Eismeer mit seiner starken Brandung unaufhörlich tost und 
schäumt, sind der Tummelplatz zahlreicher Vögel: es war der 
letzte Vogelberg Islands , den wir zu Gesicht bekamen. Früher 
war die Küste berühmt wegen der unglaublichen Menge von Treib- 
holz, das man hier fand; doch ist der Strand auch jetzt noch 
förmlich weiss von Hölzern. 

Etwa 48 Stunden nach der Abfahrt von Siglufjördnr waren 
wir in der Höhe der Faeröer; da wir aber noch 10 Meilen entfernt 
waren und die Luft unsichtig war, konnten wir mit blossem Auge 
nichts von ihnen wahrnehmen. Während die Farbe des Meeres 
bisher stahlgrau gewesen war, wurde es jetzt dunkelgrün. Wieder 
24 Stunden später dampften wir an den Shetlandinseln vorüber und 
waren gegen 7 Uhr in der Nordsee. Am folgenden Tage war an- 
fangs prächtiger Sonnenschein, die Wellen lagen still und ruhig da, 
am Nachmittage tauchte die norwegische Küste auf; gegen Abend 
aber ward es trüber , feiner Regen rieselte und rann unaufhörlich 
nieder, heulender Sturm packte den kleinen Dampfer und Hess ihn 
auf den aufgeregten Wogen auf und nieder tanzen. Durch Schwingen 
lodernder Pechfackeln wurde der Lotse von der berüchtigten 
Leuchtturminsel Utsire an Bord geholt, alle Lichter wurden ab- 
geblendet, und langsam schob sich „Glyg" in der rabenschwarzen 
Nacht in die Kanäle des norwegischen Venedig ein, um fünf Uhr 
früh gingen wir in Haugesund vor Anker. Ich suchte sofort das 
Telegraphenamt auf, und zwei Stunden später hatte ich schon zu- 
friedenstellende Antwort von daheim. 

Wohl keine Stadt Norwegens ist in den letzten Jahren so 
schnell empor gewachsen wie Haugesund. Vor 20 Jahren noch hatte 
sie nur 5 — 10 Dampfer, dann fing man mit kleinen Spekulationen 
an, man versuchte es mit 20, 50 Tonnen Hering, heute entsendet 

18* 



276 Haugesund. 

sie mehr als loo Dampfer, nach Island wie nach der nördlichen 
Küste von Norwegen, wo der Vaarsild (Frühlingshering, Februar 
bis April | und der wertvollere, köstliche Fedsild (Fetthering, August 
und September) gefangen wird, der dann nach Dänemark, Deutsch- 
land und Russland weiter verkauft wird. 

Keinen schöneren Gesamtabschluss könnte ich mir für meine 
Reise nach Island denken als Haugesund. Hier starb 933 König 
Harald Haarschön, der in der Seeschlacht im Hafsfjord 872 die 
norwegischen Volks- und Kleinkönige besiegte und damit zum 
ersten Male eine Herrschaft schuf, die das ganze Land umfasste. 
Seine Militärmonarchie hatte die Gründung der isländischen Republik 
zur Folge. Viele Kleinkönige, alte Jarlsfamilien und eine Masse 
Bauern wanderten nach Islands soeben entdeckten Lavaklippen, 
Eisfeldern und grünen Wiesen aus, um eine neue, freie Heimat zu 
suchen. Mit dem Besuche der Vestmannaeyjar , wo der erste An- 
siedler, der alte I)igölfr^ der an der Spitze der Unzufriedenen ge- 
standen, den Tod seines Gefährten an den irischen Sklaven rächte, 
hatte die eigentliche Reise begonnen. In Reykjavik , wo ich so 
köstliche, anregende Tage verlebte, hatte Ingölfr seine Nieder- 
lassung gegründet ; Pingvellir und Oddi, die alte Gerichtsstätte 
und der berühmte Sitz isländischer Gelehrsamkeit, waren mir keine 
blassen Namen mehr ; auf der langen Durchquerung der Südküste 
war ich Schritt auf Schritt den Spuren der Ansiedler nachgegangen 
und hatte bei Berufjürdiir das Eindringen des Christentums auf 
dem vulkanischen Eislande verfolgt; im Ostlande hatte ich den 
Schauplatz der Geschichte von Hrafnkell besucht, dessen Vater 
vor König Haralds Strenge gewichen war; in Akureyri hatte ich 
zum letzten j\lale den gewaltigen Aufschwung mit eigenen Augen 
wahrgenommen, den das wrackere, bescheidene Völkchen in den 
letzten 30 Jahren genommen hatte : — reihte sich da der Schluss 
der Reise, der Besuch der Stätte, wo der Mann begraben liegt, 
dem Island sein Eintreten in die Geschichte verdankt, nicht würdig 
an den Anfang und gab so dem Ganzen erst seine schöne Ab- 
rundung ? 

Auf dem Haraldsliaiig , einem kleinen Hügel nördlich von 
der Stadt, wird der Grabstein des Königs noch heute gezeigt. Mag 
auch die strenge Wissenschaft mit gutem Grunde dessen Echtheit 
bezweifeln, ein Isländer, Snorri Stiirliison, hat vor rund 600 Jahren 
den alten Grabstein beschrieben, und seine Darstellung macht den 
Eindruck, dass er selbst in Haugesund gewesen, den Grabstein ge- 
sehen und gemessen hat (Haralds Saga ins hdrfagra K. 42) : „Bei 
dem Kirchhofe nordwestlich ist Haralds Grabhügel, aber im Westen 
der Kirche liegt der Grabstein, der auf seinem Grabe im Hügel lag, 
und der Stein ist vierzehntehalb Fuss lang und fast zwei Ellen breit 
Mitten in dem Hügel war das Grab des Königs ; ein anderer Stein 



Ilaugesund. 



27t 



war zu Häuptcn, ein anderer zu Füssen gesetzt, die Steinplatte war 
oben darauf gelegt, das Grab war auswendig mit Steinen angefüllt 
auf beiden Seiten (d. h. so dass unter den Steinplatten eine Kammer 
gebildet wurde). Die beschriebenen Steine, die in dem Hügel waren 




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1) 

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XI 

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stehen noch daselbst auf dem Kirchhofe." Als der Tag von 
Haralds Sieg zum tausendsten Male wiederkehrte, wurde auf dem 
Haraldshaug 1872 ^\& Haralds-Stötte errichtet, ein fast 20 m hoher 
Obelisk von rotem Granit, auf einem viereckigen Sockel, und rings 
um die „Säule" ragen wohl 20, etwa drei m hohe Steine empor, 



278 Rückblick und Ausblick. 

auf denen die Namen der alten norwegischen Völkerschaften ein- 
gegraben sind (Fig. ii6). 

Noch an demselben Abend fuhr ich mit dem prächtigen 
Dampfer ,,Kong Oskar II." nach Bergen und von da mit der ,,Hera" 
nach Hamburg; genau zehn Tage nach der Abfahrt von ^ikureyri 
betrat ich wieder das Festland, war ich auf deutschen Boden. 



CsJl^i] 



Diese Blätter aber — so will ich in leiser Abänderunij mit 



t> 



Felix Dahns nordischem Roman „Odhins Trost" schliessen — 
diese Blätter, die ich begann auf der Insel, die sie Thule nennen, 
die Blätter, die ich flüchtig mit Bleistift füllte im Lande der Mitter- 
nachtssonne, während der kurzen Rast auf frischem Wiesengrün, am 
Fusse eisiger Gletscher oder auf öden, phantastischen Lavafeldern, 
im Sattel und im wohnlichen Gastzimmer isländischer Bauernhöfe — 
zu Ende schreib' ich sie und überarbeit' ich sie in der traulichen 
Studierstube, wenn still des Nachts die Lampe freundlich brennt. 
Und mächtig überkommt mich dann die Erinnerung an die schönste 
Zeit meines Lebens, dessen Höhepunkt immer die Reise nach der 
fernen Insel bilden wird, die von des Nordmeers schäumender Woge 
umspült wird und mit dem weissen Helme der Gletscherkuppeln 
in das Sonnengewölk emporragt. Dann ersteht sie vor mir im 
Silberkleide, schimmernd, schneeumgürtet, mit dem Brauthelm licht 
und rein , mit den langen , aus Kristall und weissem Schnee ge- 
wobenen Schleiern, Feuerglut im tiefen Busen, trotz der eisum- 
wogten See. Dann beginnt es zu klingen und zu singen in mir, 
dann wird der süsse Wohllaut der wundervollen Worte in mir wach, 
die Islands gefeierter Sänger Jonas Hallgrfmssott ,, Erinnerung an 
Island" genannt hat^): 

Es lieget fern ein lichter Gau 
Mit Schwanenliederschalle, 
Forellcnbächen, blum'ger Au 
Und blankem Wogenschwaiie, 
Mit Gletscherfirnen, Felsen blau 
Und steilem Wasserfalle — 
Beträufl' ihn, Herr, mit Segenstau 
Heut und die Tage alle. 



1) Lehmann-Filhes, Proben isl. Lyrik, S. 25. 



Rückblick und Ausblick. 279 

Dann steigt in mir, während ich Vergangenheit und Gegenwart 
bei mir abwäge, die Frage auf: Wie wird Islands Zukunft sein? 
Nur kurz kann ich sie beantworten, zu lang schon verweilt' ich, und 
der Leser wird ungeduldig. 

Im Verhältnisse zu anderen Völkern wird die Insel immer zu- 
rücktreten müssen, aber ihren bescheidenen Platz unter der Sonne 
wird sie sich gleichwohl behaupten können. Auch in wirtschaft- 
licher Hinsicht wird den Isländern eine fröhlichere Zukunft blühen, 
wenn sie auch naturgemäss mit den grossen Nationen nie mehr in 
Wettbewerb werden treten können. Eine wahre Bebauung des 
Landes ist erst jetzt wieder im Gange, der alte Schlendrian ist vor- 
bei, man nimmt nicht mehr phantastische Träume für Wirklichkeit, 
Island ist nicht mehr Hamlet, dem zu einer frischen mut'gen Tat 
die frische, mut'ge Seele fehlt, und der Monologe hält, lang und 
breit, und in Verse bringt seinen Groll. Was die heutige Generation 
geleistet hat an Wegeanlagen , Brückenbauten , Verbesserung der 
Wohnungen, der Hauswiesen und der Gärten, ist alle Anerkennung 
wert. Möge der warnende Ruf von Jonas Hallgrünsson nicht um- 
sonst erklungen sein: 

Was ist in sechshundert Jahren aus unserer Arbeit geworden? 
Gingen den richtigen Weg wir wohl zum Guten empor? 

Thoroddsen, der wie kein zweiter Isländer seine Heimat 
kennt, ist der festen Überzeugung, dass die natürlichen Reichtümer 
der Insel noch lange nicht in dem Masse ausgebeutet werden, wie 
sie verdienen. Aber ,,seit Island 1874 seine eigene Verfassung er- 
halten hat, kann man grössere oder kleinere Fortschritte nach allen 
Richtungen hin wahrnehmen, und wenn es auch nur langsam geht, 
so ist doch Hoffnung vorhanden, dass diese Fortschritts-Bestrebungen 
mit Erfolg gekrönt werden. Man sieht ein, dass man in den prak- 
tischen Fragen noch weit zurück ist, und dass man mit allen Kräften 
das Versäumte nachholen muss, und damit ist schon viel gewonnen. 
Es gibt kaum eine Gemeinde, wo man nicht in der einen oder 
anderen Weise auf Reform bedacht ist, nur über die Ausführungen 
sind die Ansichten unsicher und schwankend. Jeder, der Island 
kennt, weiss, dass die Landwirtschaft, besonders aber die Fischerei 
trotz des rauhen Klimas noch einen viel grösseren Ertrag abwerfen 
könnte, wenn sie mit der gebührenden Einsicht und Energie be- 
trieben würden. Wenn die Isländer erst die feste Überzeugung in 
sich aufgenommen haben, dass kein wahrer Fortschritt ohne ange- 
strengte Arbeit, Umsicht und Sparsamkeit erreicht werden kann, 
und wenn sie bei der Ausführung die nötige Willens- und Arbeits 
kraft zeigen, so ist kein Zweifel, dass das Land wieder einen Grad 
von allgemeinem Wohlstande erreichen kann, wie es ihn seit Jahr- 



280 Rückblick und Ausblick. 

hunderten nicht mehr gekannt hat" ^). Eindringlich ruft Thorodd- 
sen seinen Landsleuten zu: ,,Wir müssen versuchen, mit den Er- 
rungenschaften der Neuzeit Schritt zu halten, wenn es auch schwer 
werden, und wenn es auch langsamer bei uns gehen wird. Auf der 
anderen Seite müssen wir unsere Nationalität wahren und es lernen, 
die uns von der Natur gebotenen Reichtümer in verständiger Weise 
zu benutzen. Hoffen wir, dass die Tüchtigkeit, Ausdauer und 
Willensstärke unserer Vorfahren uns auch in zukünftigen Jahr- 
hunderten den Weg weisen werden. Verstehen wir die Zeichen der 
Zeit nicht, und ringen wir nicht mit allen Kräfren Leibes und der 
Seele um unsere geistigen und materiellen Fortschritte, so kann es 
sich ereignen, dass wir unsere Nationalität verlieren, unsere Freiheit 
und was sonst uns das Teuerste ist. Denn das Naturgesetz, dem 
Pflanzen und Tiere, einzelne Menschen und ganze Völker unterworfen 
sind, duldet keine Halbheit" ^). — 

Das sind im allgemeinen die Ziele, die Island für die Zukunft 
zu erstreben hat. Gehen wir nun im einzelnen, in aller Kürze, die 
Fortschritte durch, die Island im 19. Jahrhundert gemacht hat; da- 
bei wird sich von selbst ergeben und zur Sprache kommen, was 
künftig noch zu tun übrig bleibt. 

Der gewaltigste Fortschritt ist, dass Island nach fünfzigjährigem 
Kampfe am S.Januar 1874 eine eigene Verfassung erhalten hat, 
nach der es ,,ein untrennbarer Bestandteil des Königreiches Däne- 
mark ist mit eigenen Rechten" ; das Verdienst, diese Zugeständ- 
nisse der dänischen Regierung abgetrotzt zu haben, gebührt lediglich 
Jö7i Sigurdsson und dem Deutschen Konrad Maurer; 1904 
wurde durchgesetzt, dass an Stelle des Landshöfdingi für Island 
ein besonderer Minister ernannt wurde, ,,der seinen ständigen Wohn- 
sitz in Reykjavik hat, die isländische Sprache beherrscht, persönlich 
mit dem Althing, der gesetzgebenden Kammer, verkehren kann und 
für die Gesamthaltung der Regierung verantwortlich ist, soweit sie 
die inneren Angelegenheiten der Insel betrifft". Zwischen dem 
isländischen Radikalismus und den dänischen Ansprüchen geschickt 
vermittelt und so die Verfassungsveränderung ermöglicht zu haben, 
ist ein wesentliches Verdienst von Dr. l^aUyr Giidiiniiidsson. Däne- 
mark hat also anerkannt, dass Island selbständig ist, wenn auch 
der dänische König die Gesetze unterschreiben muss. Gleichwohl 
gibt es noch verschiedene Oppositionsparteien, meist reine Theore- 
tiker — sie nennen sich Laiidvaniari)ieiiii, Landesverteidiger, ihr 
Hauptorgan ist der Ingölfiir in Reykjavik — , die meinen, die Islän- 
der hätten dadurch das Recht des Landes preis gegeben, dass der 



1) Ferd um Austurlatid, Andvari, IX, S. 96. 

2) Andvari, XUI, S- 225. 



Rückblick und Ausblick. 281 

isländische Minister im dänischen Staatsrate sei, die übrigen Minister 
könnten sich so in die Verhähnisse der Insel zu deren Schaden ein- 
mischen. Was diese radikalen Heisssporne erstreben, ist nicht mehr 
und nicht weniger als die völlige wirtschaftliche und politische Los- 
reissung der Insel von Dänemark (skilnadiir) und die Wiederher- 
stellung eines isländischen Freistaates. Aber die „glorious Isolation", 
die sich England wider Willen leisten kann , würde für Island 
schwere Gefahren und grosse Nachteile zur Folge haben. Island 
selbst bringt den Dänen nichts ein, aber die Isländer geniessen von 
Dänemark Beihilfen, die sie auf lange Zeit nicht entbehren können ; 
jeder isländische Student z. B. kostet die dänische Krone eine 
Menge Geld, da ihm durch freie Wohnung und reichliche Unter- 
stützung der Aufenthalt in Kopenhagen möglichst erleichtert wird. 
Wer die Geschichte Islands kennt und weiss, wie man sich in Däne- 
mark früher angewöhnt hatte, Island als eine blosse ,,Dependenz" 
zu betrachten, die man durch die drückendsten Handelsmonopole 
aussaugte, und deren öffentliches Gut man unbedenklich zugunsten 
des dänischen Schatzes verschleuderte, der versteht, dass die Ge- 
fühle der Isländer für die Dänen nicht sonderlich freundschaftlich 
und liebevoll sein konnten. Aber wohin soll es führen, wenn man 
nicht vergeben und vergessen und mit dem geschichtlich Gewordenen 
rechnen will? Um so mehr, da Dänemark aufrichtig bemüht ist, 
die geschlagenen Wunden zu heilen, wieder gut zu machen, was 
es verschuldet hat, und den berechtigten Nationalstolz auf alle Weise 
zu schonen. Eine feine Höflichkeit ist es, dass König Frederik 
das gesamte Althing im Juli 1906 nach Kopenhagen eingeladen 
und auf einem besonders zur Verfügung gestellten Dampfer feierlich 
nach Koperthagen geleitet hat. Im Sommer 1907 will der König 
dann die Insel selbst besuchen, und dann können sich die Isländer 
überzeugen, dass er sogar ihre Sprache spricht. Viele Augen sehen 
sich nach einem Anschluss an England oder Norwegen um, — aber 
dass damit eine Verbesserung erreicht würde, glauben sie selbst 
nicht. Heusler hat vollkommen recht: die höhere Politik könne 
man auf Jahrzehnte ruhen lassen ; die Verfassung, so wie sie sei, 
gebe Raum genug, um an dem wirtschaftlichen Fortschritt, der 
ohne Vergleich wichtigsten Aufgabe, erfolgreich zu arbeiten. Manchem 
von der Oppositionspartei, den ich als liebenswürdigen Wirt und 
feingebildeten Gelehrten schätzen gelernt habe, habe ich den warnen- 
den Rat erteilen müssen, nicht ein doppeltes Spiel zu spielen : auf 
Island selbst werfen sie dem Minister vor, dass er Dänemark gegen- 
über zu schwach und nachgiebig sei ; in Dänemark aber, und von 
da gelangt es in die ausländische Presse, stellen sie die Verhält- 
nisse so hin, als dächte man allen Ernstes nach dem Vorbilde des 
norwegisches Separatismus an eine völlige Losreissung von der 
,, Fremdherrschaft", an eine Trennung vom ,, Ausland" Dänemark. 



282 Rückblick und Ausblick. 

Einen weiteren Fortschritt zeigt das Verkehrswesen. Ab- 
gesehen von der weit häufigeren Dampfverbindung ist der Verbesse- 
rung der Wege (vegabcrtur) die grösste Aufmerksamkeit geschenkt, 
und eine stattUche Anzahl Brücken ist gebaut worden. Eine Eisen- 
bahn gibt es zwar noch nicht, aber die telegraphische Verbindung 
mit dem Auslande und unter den einzelnen Orten der Insel ist seit 
September 1906 Wirklichkeit geworden. 

Das Land ist zwar arm, aber nicht nur völlig schuldenfrei, 
sondern besitzt sogar seit 1871 einen Reservefonds, der am i. Januar 
1904 1820000 Kr. betrug, während er 1876 nur 400000 Kr. hatte. 
Während die Gesamteinnahmen des Staates 1876 ']'] auf 611 000 Kr. 
veranschlagt wurden, betrugen sie 1902/3 2 064 000 Kr. Der Wert 
der einzelnen Häuser in den Kaufstädten ist von 600000 Kr. im 
Jahre 1870 auf 5000000 Kr. 1899 gestiegen. Die erste Sparkasse 
entstand 1872 in Reykjavik mit 13 610 Kr. Einlagen, 1902 betrugen 
sie 2 505000 Kr. Im Juni 1904 ist eine zweite Bank eröffnet (Islands 
banki), die Noten in Umlauf gesetzt hat; sie ist von einer Gesell- 
schaft dänischer und norwegischer Banken und Kapitalisten ge- 
gründet und hat für 30 Jahre das Privilegium , Banknoten aus- 
zugeben. 

Auf literarischem Gebiete sind zu der bereits früher 
blühenden Lyrik die Anfänge der Novellistik und des Romans ge- 
kommen, und selbst die dramatische Kunst zeigt verheissungsvolle 
Ansätze. Musik und Bildhauerkunst stecken in den Kinderschuhen, 
doch zieht ein entschieden begabter Bildhauer und ein tüchtiger 
Maler schon die Aufmerksamkeit auf sich. Für den Unterricht ist, 
so darf man getrost sagen , in keinem Lande so gut gesorgt , wie 
in Island. Der einzigartige Bildungstrieb, der den Isländern immer 
eigen gewesen ist, hat auch jetzt noch nicht nachgelassen: mancher 
einfache Bauer erwirbt sich aus eigener Kraft nicht nur Sprach- 
kenntnisse, sondern auch gediegenes literarisches Wissen, und dieser 
ideale Zug ist es besonders, der uns das Volk in seiner Gesamtheit 
so lieb und wert macht. Die Sprache ist von fremden Elementen, 
namentlich von Danismen gereinigt, die Rechtschreibung verbessert, 
wenn auch noch keine Einheit hier erreicht ist, und der Stil ver- 
vollkommnet^). 



1) „Isländischer Geist und isländische Dichtung, denen die dänische Kultur ihre 
ganze nordische Kultur verdankt, müsste einen Ehrenplatz auch im Kreise der modernen 
Bildung Dänemarks zugesichert werden" (Georg Brandes, Gesammelte Schriften IV, 
S. 364). Aber sein Vorschlag „Die jungen isländischen Dichter müssen die dänische 
Sprache gut genug beherrschen können, um unsere Literatur mit den besten Schöpfungen 
isländischer Dichtkunst zu bereichern" (a. a. S. 361), ist unmöglich; soviel ich weiss, 
hat noch kein isländischer Dichter in dänischer Sprache gedichtet , obwohl er sie 
ebensogut wie seine Muttersprache beherrscht, noch seine Schöpfungen selbst in das 
Dänische übertragen. 



Rückblick und Ausblick. 283 

Ganz besondere Pflege hat man dem Gesundheitswesen 
gewidmet. Die durchschnitthche Lebensdauer hat in den letzten 
25 Jahren um mehr als 10 Jahre zugenommen. Grossartig ist die 
Altersversorgung geregelt. Die Enthaltsamkeitsbewegung 
schreitet rüstig fort, namentlich durch die Tätigkeit der Guttempler- 
loge. Die einzigen, aber erfreulichen Rückgänge, die die Insel auf- 
zuweisen hat, sind das Nachlassen des Aussatzes, der Hundewurm- 
krankheit und vor allem des Gebrauchs an alkoholischen Getränken. 
Während 1S69 auf den Mann 8,94 Topf Branntwein kamen (etwa 
unserem Liter entsprechend), sind es 1902 nur 2,31. Zur Nachahmung 
können folgende gesetzliche Bestimmungen dienen : „Niemand braucht 
geistige Getränke zu bezahlen, die er im Wirtshaus auf Borg erhält, 
die Zöglinge öffentlicher Schulen auch dann nicht, wenn sie Getränke 
im Kaufladen oder anderswo auf Borg entnehmen. Wer Spirituosen 
an Personen unter 16 Jahren oder an solche verkauft, die wegen 
Trunksucht entmündigt sind, ist straffällig". Die Erzeugung alko- 
holischer Getränke im Lande selbst ist untersagt. Auch die Einfuhr 
von Spirituosen ist zurückgegangen; ein Liter Branntwein kostet 
z. B. 45 Öre Zoll. 

Auch die Lebensweise des Volkes zeigt entschiedene Fort- 
schritte, die Errungenschaften der europäischen Kultur finden un- 
aufhaltsam ihren Weg nach der abseits gelegenen Insel. Die Nah- 
rungsverhältnisse haben sich gebessert, die Kleidung ist geschmack- 
voller geworden, die Reinlichkeit hat zugenommen, die Zubereitung 
der Speisen ist besser geworden, Aberglaube und Vorurteile haben 
abgenommen, die Petroleumlampe hat die Teerlampe verdrängt ; 
Nähmaschinen, Strickmaschinen, Zentrifugen, Webstühle, Spinn- 
maschinen, selbst Mähmaschinen, haben Eingang gefunden. Auch 
der Wagen hat sich eingebürgert, während es noch vor kurzer Zeit 
keinen einzigen gab und alles zu Pferde transportiert werden 
musste. 

In Thoroddsens Novelle „Jüngling und Mädchen" sagt eine 
bejahrte Kirchspielsarme, die, da ihr Heimatsort zweifelhaft ist, von 
einer Gemeinde zur anderen abgeschoben wird, hungrig und vor 
Frost erstarrt: ,,Aber Gott vergebe dem König, nun sitzt er und 
trinkt Kaffee und Branntwein und weiss nicht, was hier vorgeht". 
Das wird heute auch dem armseligsten Weibe nicht mehr in den 
Mund kommen, Kaffee und Branntwein gelten auf der Insel nicht 
mehr als königliche Genussmittel ^). 

Die Einwohnerzahl, die 1850 59000 betrug, ist auf rund 
80000 angewachsen, der Überschuss an Geburten betrug 1895 etwa 
1873. Der Ausgewanderten sind 1903 und 1904 zusammen 750, 
1905 und 1906 noch viel weniger, während früher in einem Jahre 



') Kuntze, Island am Beginn des 20. Jahrhunderts. Grenzboten 1905, S. 332. 



284 Rückblick und Ausblick. 

soviel jNIenschen fortzogen. Und doch könnten auf Island, wie 
man sorgfältig ausgerechnet hat, annähernd SoooCXD Menschen woh- 
nen und noch dazu viel besser leben, als es jetzt der Fall ist, 
also fast das Zehnfache der heutigen Bevölkerung'). Dr. Valtyr 
Giidmundsson hat daher vor einigen Jahren dem Althing einen 
Gesetzesvorschlag unterbreitet, nach dem Ansiedler aus den skandi- 
navischen Reichen unter besonders günstigen Bedingungen nach 
Island übergeführt werden sollen. Dieser auf die Kolonisation der 
Insel abzielende Vorschlag ist zum Gesetz erhoben worden. Den 
Ansiedlern wird Ödland überwiesen, wie auch Darlehen aus der 
isländischen Staatskasse zum Hausbau, zum Ankauf von Vieh und 
zur Anschaffung von Gerätschaften gewährt werden. So hofft man 
die grossen Weiden besser auszunützen, dem Meiereibetrieb und der 
Fischerei zu helfen. Auf der Insel selbst fehlt es dazu an Arbeits- 
kraft, und der Arbeitslohn auf Island ist viel höher als in Däne- 
mark oder Norwegen. Welch ein wunderbarer Umschwung! Heute 
will man mehr Menschen auf Island ansiedeln, um es urbar zu 
machen ; vor 1 20 Jahren aber, nach dem furchtbaren Ausbruche der 
Kraterreihe des Laki (1783) entstand bei der dänischen Regierung 
der Gedanke, die Isländer in die unbesiedelte Heide Jütlands zu 
verpflanzen ! 

Die Erwerbsverhältnisse sind zum grossen Teil stark ver- 
bessert. An Rindern gab es 1881 ungefähr 18000, 1902 aber 27000; 
an Schafen 1881 — 414000, 1902— 700000; an Pferden 188 1 — 3 1 000, 
1892 — 45000 Stück. Um die Bodenkultur zu heben, hat man entspre- 
chende Vereine gegründet und von Staatswegen bedeutende Summen 
für Bodenverbesserungen bewilligt. Ödfelder werden urbar gemacht, 
die Hauswiesen geebnet. Wiesen- und Weideland schärfer vonein- 
ander getrennt. Rieselfelder und Bewässerungsgräben angelegt, ja, 
man hat sogar mit der Aufforstung des Landes begonnen, und die 
Regierung hat grössere Summen bewilligt, um den Versuch zu wagen, 
in einzelnen Gegenden wieder Wälder anzupflanzen. Der Wert der 
Heuernte war 1885 ungefähr 2 3 20 000 Kr., 1902 aber 4605 000 Kr., 
der Wert der Kartoffeln 1885 = 2900 Tonnen, 1902 = 15 500 Tonnen. 
Die Einfuhr der Kartofleln und Rüben wird in absehbarer Zeit ganz 
unnötig sein. Leider lässt der träge Zopfgeist in der Landwirt- 
schaft die Moore immer noch in ihrem bisherigen Zustande und 
verschmäht, Gelder von auswärts aufzunehmen. Immerhin bedeckten 
dank der isländischen Gartenbaugesellschaft (Gardyrkßifjelag) die 
Gemüsefelder 1895 einen Raum von 50000 qm (1871 nur 25000 qmj. 
Die Ebnung des Bodens auf dem Wiesenlande (der sogenannte 
Pi(fnasljethir) betrug 1871/75 durchschnittlich im Jahre 13,5 ha, 1895 
aber 122,73 ha. Gedüngte und überhaupt richtig gepflegte Wiesen 



1) Gebhardt, Globus, Bd. 67, S. 385. 



Rückblick und Ausblick. 285 

(rccktiid tun) gab es 1885 gegen 31000 Tagewerk (zu rund 32 ar), 
1895 aber 41000 Tagewerk. Zeit wird es auch kosten, bis das 
richtige Gleichgewicht zwischen dem Betriebe der Landwirtschaft 
und der Fischerei wieder hergestellt ist, nachdem es jahrhundertelang 
zum Nachteile der Landwirtschaft verrückt worden ist. 

Der Fischfang geht rüstig vorwärts: einer Ausfuhr von rund 
fünf Millionen Pfund Fischen 1849 steht 1896 eine solche von rund 
22 Millionen Pfund gegenüber. Der Wert der Fischereiprodukte 
betrug 1885—3375000 Kr., 1902 — 8000000 Kr. Der Gesamtexport 
betrug 1885 ca. 5 '/2 Mill. Kr., 1902 — io\'2 Mill. Kr., der Export 
pro Einwohner 1885 — T"] Kr., 1902 — 132 Kr. Islands Flotte an 
Schiffen über 20 Reg.-T. ist von 84 Schiffen 1895 auf 170 Schiffe 
1902 angewachsen. 

Ausserordentliche Fortschritte hat der Handel gemacht, er 
hat sich in den letzten 50 Jahren fast versechsfacht: er ist allmäh- 
lich mehr in die Hände der Isländer gelangt, und der Tauschhandel 
ist so gut wie völlig geschwunden. Nach Dänemark hat England 
den Hauptanteil am isländischen Handel. Den Hauptausfuhrartikel 
bilden noch immer gesalzene Fische ; die Ausfuhr von Wolle nach 
Norwegen ist, nachdem auf Island selbst Spinnereien und Webereien 
errichtet sind, zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunken. End- 
lich ist der Handel dadurch in neue Bahnen gelenkt, dass sich ver- 
schiedene Bauern und Gemeinden zu gemeinsamem Handel zusammen- 
geschlossen haben. Zu wünschen bleibt immerhin noch eine direkte 
Verbindung Islands mit dem Auslande, nicht erst mit dem Umwege 
über Edinburgh und Kopenhagen, die Einrichtung der Flussschiff- 
fahrt nach Sprengung der Stromschnellen und somit eine Erleich- 
terung des Transportes der isländischen Waren nach der Küste und 
die Instandsetzung und Bemannung eigener isländischer Schiffe. 
Gewinnung von Kapital ist also vor allem für Islands Gedeihen 
nötig, und kann man nicht einheimisches Kapital und einheimische 
Unternehmer aufbringen, so muss man versuchen, solche aus dem 
Auslande zu gewinnen. Dann kann selbst die noch so sehr ver- 
mehrte Bevölkerung Islands nicht nur unter denselben Bedingungen 
des Wohlstandes und Behagens dort leben, sondern sogar noch 
unter viel besseren als die jetzige kleinere ^). 

Gewaltige Fortschritte sind also in den letzten 25 Jahren ge- 
macht, und frohe Hoffnungen kann der Isländer und Isländerfreund 
auf die Zukunft setzen. Immerhin bleibt noch genug zu tun übrig. 
Von dem grossen Aufschwung, bemerkt E. Mogk sehr richtig, den 
die Naturwissenschaften und die davon abhängige Industrie in der 
Neuzeit gewonnen haben, ist Island noch wenig berührt worden-). 



1) Gebhardt, Globus, Bd. 76, S. 385. 

2) Hettners geogr. Zeitschr. Jahrgang XI, 1905, S. 635. 



286 Rückblick und Ausblick. 

Zu Fabrikanlagen fordert die Natur des Landes geradezu heraus. 
aber die wasserreichen Ströme mit ihren Wasserfällen, deren Kraft 
auf lOOO Millionen Pferdekräfte veranschlagt wird, nutzt der Isländer 
nicht aus, sondern verpachtet sie an Engländer. Die reichen Schwefel- 
lager sind nicht mehr in Betrieb, leidliche Kohlenlager sind im Nord- 
und Ostlande gefunden, aber noch nicht auf ihre Ergiebigkeit unter- 
sucht. 

So freudig man vom allgemein menschlichen Standpunkte aus die 
lichteren Aussichten für die Zukunft begrüssen wird — die vorzüg- 
lichen Verkehrsmittel der Gegenwart, die Island allmählich von den 
nachteiligen Wirkungen seiner fernen, isolierten Lage befreit haben, 
bergen dem selbstsüchtigen Freunde, dem Islands Sprache, Sitten 
und Gebräuche immer als die altertümlichsten aller germanischen 
Völker besonders lieb und teuer gewesen sind, auch eine nicht zu 
unterschätzende Gefahr in sich. Mit leisem Bedauern wird er 
fragen, ob nicht unaufhaltsam Island aufhören wird, ein dankbarer 
Boden für die Volkskunde zu sein. Schon das vergangene Jahr- 
hundert zeigt, dass viele charakteristische Züge isländischer Eigen- 
art schwinden, und dass die Berührung mit der heutigen Kultur 
zwar segensreich auf die allgemeinen Verhältnisse einwirkt, dafür 
aber mit den alten Sitten, Einrichtungen und Zuständen unbarm- 
herzig aufräumt. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts konnten 
Magnus Gn'msson und Jon Arnaso?i, sowie Konrad Maurer eine 
reiche Ernte Volkssagcn, Rätsel, Reihengedichte und Spiele unter 
Dach bringen. Wie dürftig ist dagegen der Ertrag, den Daniel 
Bruun und selbst Thoroddsen von ihren vielen Reisen mitge- 
bracht haben! Selbst in die Skaptafells sxsla wird im Laufe der 
Zeit das moderne Leben durchsickern. Eine Darstellung alt- 
nordischen Lebens tut uns Not, bevor alles gleichgemacht ist. Mit 
Zeichenstift und photographischem Apparat muss festgehalten 
werden, was noch von Altertümern vorhanden ist. Noch bietet 
sich uns hier eine Gelegenheit, wie nirgends sonst in germanischen 
Ländern, das Altertum unmittelbar durch die Gegenwart zu erläutern 
— wie bald wird auch sie verschwunden sein! Ans Werk drum, 
ihr nordischen Philologen in Kopenhagen und Island ! Noch ist es 
Zeit, die Aufgabe zu lösen, in 25 Jahren kann sie unwiederbringlich 
dahin sein! 

Gewisse Vorzüge vor allen andern Germanen wird Island immer 
behalten. Ohne das entlegene Eiland wären beinahe alle nordischen 
und viele germanischen Altertümer verloren gegangen, wäre eine 
prachtvolle altgermanische Sprache nicht rein und in voller Alter- 
tümlichkeit bewahrt. Die Isländer sind darum das einzige germa- 
nische Volk, das sich der alten rein germanischen Literatur ohne 
gelehrte Vermittlung erfreuen kann, nur in Island ist eine nationale 
Bildung im eigentlichen Sinne möglich. ,,Wer altgermanische Prosa 



Rückblick und Ausblick. 287 

und altgermanischen Stil kennen lernen will, mu.ss bei den Sagas 
Einkehr halten, wo sich allein eine nationale Prosa entwickelt hat. 
Kein germanisches Volk kann den Isländern etwas Ähnliches an die 
Seite stellen, und selbst bei den stammverwandten Norwegern, 
Schweden und Dänen findet man diesen Zweig der Literatur 
nicht" ^). Nirgends in der Welt, um nur einige Hauptpunkte her- 
vorzuheben, haben wir eine so eingehende und zuverlässige Kunde 
von der Besitznahme und Besiedlung eines Landes, wie von den 
Norwegern, die am Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts 
sich auf Island festgesetzt haben. Bei keinem anderen germanischen 
Stamme ausser bei den Isländern finden wir eine grammatische 
Behandlung der heimischen Sprache im Mittelalter. ,, Diesem Volke 
endlich ist, sagt Heus 1er, die Schriftstellerei inneres Bedürfnis. 
Für Island ist die literarische Beschäftigung nicht ein Luxus, eine 
Spielerei, die üppigeren Völkern überlassen werden könnte. Die 
Eigenart des Volkes, seine Stellung in der Welt beruht auf diesem 
Boden. Man spricht auch wohl anderswo von literarischen Nationen. 
Aber dabei sind es die oberen Zehntausend, für die das Schrifttum 
vorhanden ist. Auf Island ist das ganze Volk das Publikum. Das 
ganze Volk lebt in seiner Literatur. Zustände, die bei uns mit 
Hans Sachsens Zeit aufgehört haben, blieben auf Island bestehen" ^J. 
Dass eine Einbusse an altem nationalen Eigentum unvermeidlich 
ist, wissen auch die Isländer selbst. Aber ich glaube, Thoroddsen 
hat richtig erkannt, dass die Isländer die Frage nicht so stellen 
müssen: sollen wir alle Kraft einseitig auf unser wirtschaftliches 
Emporkommen verwenden? oder sollen wir die Hände in den 
Schoss legen und uns nur in unserer ruhmreichen Vergangenheit 
sonnen? sondern er weist mit Recht nachdrücklich darauf hin, dass 
man beides sehr wohl miteinander vereinen kann. Die Isländer 
sollen ihre Nationalität, ihre Eigenart nicht aufgeben, sie sollen das 
glückliche Volk bleiben, das dank seiner abgeschiedenen Lage es 
sich gönnen kann, in den Literaturschätzen der Vergangenheit und 
Gegenwart zu leben, wie kein zweites Volk auf der ganzen Welt, 
sie sollen der germanische Stamm bleiben, der das schöne Lob des 
Tacitus, das er einst allen Deutschen gespendet hat, mit Stolz auf 
sich beziehen kann: es bleibe das eigentümhche, unverfälschte, nur 
sich selbst gleiche Völkchen ! ,, Solange die Isländer, sagt Heusler, 
ihre eigensten Güter , die Werke in ihrer Sprache , als lebendigen 
Besitz festhalten, werden sie, in Zukunft wie bisher, ihre geistige 
Persönlichkeit wahren und dem Namen ihrer Insel den edlen, hellen 
Klang sichern." ,,Der Blick auf die eigene Vorzeit ist immer der 
Schutzgeist der Isländer gewesen. Ohne ihn hätten die Vaterlands- 



1) Mogk, Norw.-Isl. Literaturgeschichte S. 176. 

2) Deutsche Rundschau, XXII, S. 406. 



288 Rückblick und Ausblick. 

liebe, die Sprache, das Volkstum die zwei Jahrhunderte des Elends 
nicht überdauert." Aber damit sie nicht aussterben, damit sie in 
dem zwischen den Völkern der Erde geführten Wettstreit ihren 
Platz dauernd ausfüllen, müssen sie auch mit den Fortschritten der 
übrigen Menschheit mitzukommen suchen und dürfen sich nicht 
querköpfig und störrisch der Neuzeit und Aussenwelt verschliessen. 
Schon Jon Th. TJiöroddseii hat erkannt, dass allein diese Ver- 
einigung Island zum Segen gereichen kann : 

Halte dein Volkstum zu höchst 

und such' es zu bilden, denn unterm 
Mantel des Auslands verbirgt 

oft sich ein schneidiges Schwert, 
Eben das Schwert, das zu Tode 

verwundet dein Bestes und Schönstes: 
Heimische, treffliche Art, 

heimischen Alters Geschmack. 
Folge du jenen getrost, 

die dich führen wollen die Wege 
Zu gedeihlichem Ziel: 

Fortschritt und Freiheit und Glück*). 

Dann wird das prophetische Wort in Erfüllung gehen, das der 
greise Dichter Benedikt Gröndal seinen Landsleuten im Über- 
schwang der Begeisterung zugerufen hat: 

Herrlich seh ich schreiten dich 
In der Zukunft Weite, 
Schirmend legt die Woge sich 
Rings an deiner Seite. 
Schimmernd reihen sich zum Kranz 
Deine alten Sterne, 
Und des Nordlichts Zauberglanz 
Flutet in die Ferne. 

Die bange Frage, die derselbe Dichter vor langen Jahren auf- 
geworfen hat, kann verstummen : 

Wird auch uns die Stunde schlagen. 
Wo der Knechtschaft Nacht zerfliesst, 
Wo der Blumen schönste Fülle 
Aus dem freien Boden spriesst? 

Frohgemut kann er heute triumphieren : 

Ja, der Tag, er ist erschienen, 
Wo das Recht zum Szepter greift, 
Und der Tag geht erst zu Ende, 
Wenn mein Volk zum Grabe reift! 



1) Von den folgenden Gedichten ist das i., 4. und 5. von Pöstion übersetzt, 
Eislandblüten S. 85, 157/8, 1989, das 2. und 3. von Baumgartner, Island und die 
Färöer, S. 434, 454. 



Rückblick und Ausblick. 289 

An alle Isländer aber, an hoch und gering, an arm und reich, 
an alte wie an junge, an die, die auf der meerumbraustcn Insel 
geblieben sind, und besonders an die, die der Heimat den Rücken 
gekehrt haben, richtet sich eine eindringliche Mahnung von Siein- 
grtmur lliorsteinsson aus seinem Festgesange zur Feier der tausend- 
jährigen Besiedelung Islands : 

Lasst wirken uns stets für ein ruhmvoll Gedeihn 

Des geliebten Landes, des kalten, 

Das uns schenkte des Lebens rosigen Schein 

Und dereinst uns das Bahrtuch wird falten. 

Es ist zu gut für Elend und Roheit 

Und noch nicht zu schwach für Adel und Hoheit. 

Gott stärke die Wackern, die klug sich geweiht 

Dem wahren Fortschritt im Lande, 

Fürs Volk sich wehren im tätigen Streit^ 

Bis gefallen die letzten Bande, 

Bis das Volk durch die Gluten der Wahrheit gedrungen, 

Der alte Ruhm und die Freiheit errungen ! — 

Als Hannes Ha/siemn, der reichbegabte Lyriker und der erste 
isländische Minister, auf der Heimfahrt nach Island an Schottlands 
Küste vorbeifuhr, wimmelte es im Fjord von Schiffen, des Landes 
Adern sind voller Leben. Wie gern sähe er einen Teil dieser 
Schätze im Besitze der geliebten Heimat ! Im Geiste schaut er 
Tausende von Schiffen an Islands Küste versammelt, mit Jung- 
islands besten Söhnen bemannt, isländisch erschallt das Kommando: 
Volldampf voraus! Schlaffheit und Schläfrigkeit, die alten Erbübel, 
sieht er im Geiste für immer verbannt, und eine neue helle Morgen- 
röte bricht dem Vaterlande an. Und wie alle Deutschen sich um 
die schmetternden Klänge der ,, Wacht am Rhein" scharen, so 
stimmt Hannes Hafsteinii nach derselben Melodie ein neues Natio- 
nallied an, das die Zagen und Schwachen vorwärts reissen und jeden 
anspornen soll, seine Pflicht und Schuldigkeit mit Einsetzung aller 
Kräfte und bis zum letzten Atemzuge zu tun. Als ein stimmungs- 
voller Rückblick auf die Vergangenheit, ein ernster Mahnruf an die 
Gegenwart, ein froher Ausblick in die Zukunft mag sein Gedicht 
,, Island" dieses Buch beschliessen, da es am besten all das aus- 
drückt und wiedergibt, das dem Verfasser selbst auf den vor- 
liegenden Seiten als Leitmotiv und Grundakkord vorgeschwebt hat : 

Du unsers Erdteils jüngstes Land, 

Du unser Land, o Heimatland! 

Hoch ragst Du, wie des Jünglings Stirn, 

Vom Meer umrauscht, mit Berg und Firn. 

Drückt dich auch schwer des Schicksals Hand, 

Du musst doch immer vorwärts, vorwärts, Land! 

Herrmann, Island II. 19 



290 Rückblick und Ausblick. 

Jed' Ding hat seine Werdezeit, 

Hart war die Deine und voll Leid ; 

Die Jugend, schläfrig, kinderhaft. 

Birgt doch gar oft verborgne Kraft ; 

Drauf kommt die Zeit der Männlichkeit, 

Dann gilt's, voranzugeh'n im Kampf der Zeit. 

Vorwärts all Deine Berge schaun, 

Vorwärts zeigt jedes Kap, — und, traun, 

Auch Du willst nimmer schläfrig sein. 

Wagst in den Zeitstrom Dich hinein. 

Geh stolz, von Feigheit unberührt, 

Den rechten Weg, der Dich zur Freiheit führt 

Du unsers Erdteils jüngstes Land, 

Du unser Land, o Vaterland! 

Du gabst uns unsre Sprache hold, 

Du prägtest unsrer Seele Gold, 

Du nährst all, die wir leben hier. 

Und was wir haben, haben wir von Dir! 

Wie sollten wir Dich lieben nicht, 

Da alles uns mit Dir verflicht 

Und Deine Zukunft unsre ist? 

Uns trifft's, wenn Du im Rückschritt bist. 

Drum heb' das Felsenhaupt hinan. 

Denn tun wird jeder, jeder, was er kann! 




Verzeichnis der Abbildungen. 



(Die Vollbilder sind durch gesperrten Druck hervorgehoben.) 

Teil I. 

Titelbild: Benedikt Gröndal „Gedenkblatt an die tausend- 
jährige Jubelfeier der Besiedlung Island s". 

Seite 

Bild I. Erster Anblick von Islands Südküste g 

2. Dyrhölaey und MyrdalsjökuU 34 

3. Heimaey (Vestmannaeyjar) 37 

4. Vogelfang auf der Vestmannaeyjar 40 

5. Ein Trawler , 45 

6. Geologische Karte von Island 49 

7. KraterreihedesLaki 5g 

8. Der Vulkan KverkQöll 76 

9. Einar Jönsson, Utilegumadurinn 81 

10. Ögmundur Sigurdsson und f'orvaldur Thoroddsen 97 

11. f'ingvellir. Blick vom Beginne der Almannagjä . 105 

12. Hannes Hafsteinn 126 

13. Reykjavik 12g 

14. Zwei Frauen in Festtracht, eine in Alltagstracht 136 

15. Pferd im Winterpelz 13g 

16. Die heissen Quellen bei Reykjavik 145 

17. Gymnasium mit Bibliothek in Reykjavik 153 

18. Björn Magnussen Olsen 158 

19. Deckel auf einem gekerbten Kasten 166 

20. Geschnitzte Hornlöffel 168 

21. Bänder aus Island i6g 

22. Isländische, in Flach- und Kreuzstich ausgeführte Handarbeit 171 

23. Einar Jönsson, Entwurf eines Nationaldenkmals für den Fasring 
Poul Nolsö 179 

24. Tragbare Hürde (zum Melken der Schafe) . . . . 195 

25. Einbringen des Heus igg 

19* 



2{)2 Verzeichnis der Abbildungen. 

Seite 

Schafe aufderWeide 201 

Lämmerhürde 203 

Höhle mit Umzäunung, zugleich Höhle für Hirten 206 

Einsammeln der Schafe im Herbste 207 

Schafhürde im Südlande 208 

Grosse Schafhürde 209 

Sortieren der Schafe in einer grossen Hürde . . . 211 

Natürliche Rinne in einem Lavafelde, als Schafstall benutzt . 214 

Alte Zufluchtsstätte für Schafvieh 215 

Bienenkorbartige Zufluchtsstätte für Schafe 216 

Kuhstall, darüber eine Badstofa 219 

Reitpeitsche 224 

Die letzte Reise 225 

Schutzhürde für den Winter (für Pferde) 226 

Pferdekämpfe in alter Zeit 231 

Hvalfjördur, gesehen vom Reynivallahäls 265 

Im Regen bei Reykjahlid 274 

Holztransport 275 

Stafholtsey 280 

Satteln der Packpferde 282 

Rast in einem Lavafelde — kein Gras 283 

Bad Snorris (Snorralaug) 287 

Grundriss von Pingvellir . 300 

t'ingvellir. Die Öxarä stürzt in die Almannagjä 

nieder 301 

Der „Gesetzesfelsen" und Hngvallavatn 307 

Bauernhof im Eyjafjördur 311 

Grundriss des ältesten isländischen Wohnhauses 312 

Gehöft im Südlande (Rückseite) 314 

Dasselbe Gehöft (Grundriss) 315 

Eine Badstofa 318 

Altertümliche Küche in Grenjadarstadur 321 

Alte Kirche bei Sandfell 324 

Ragnheidar-hellir 329 

Siegel der Islandfahrerbrüderschaft in Hamburg 344 

Indridi Einarsson 353 



Teil IL 

Titelbild in Earbendruck „Blick auf Kir kjubaer". 

Seite 

Aufbruch zur Reise 2 

Eingang zur Almannagjä 3 

Das Geysirgebiet 7 

Gullfoss 14 

Unterhalb des Gullfoss 15 

Übergang über die Hvitä 17 

Störinüpur zi 



Bild 26. 


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Verzeichnis der Abbildungen. 293 

Seite 

Hekla 25 

Oddi 35 

Storölfshvoll 40 

Blick von Hlidarendi nach den Vestmannaeyjar . 45 

Am Eyjafj allajökull 47 

f'orvaldseyri 64 

Skögafoss 66 

Vik i Myrdal 82 

Brandung bei Vik (Reynisdrängar) 83 

Hjörleifshöfdi 88 

Ritt durch das Eldvatn loi 

Kirkjubasr ä Siclu 103 

Sigurdur Jönsson, Bauer von Orrustustadir mit Frau und 

Tochter 116 

Nüpstadur 122 

Inneres der Kirche zu Sandfell 139 

Übergang über den BreidamerkurjökuU 147 

Hof I Alptafirdi 160 

Djüpivogur 165 

Brüarjökull am Nordrande des VatnajökuU 173 

Nordostrand des VatnajökuU 173 

Am Nordrande des VatnajökuU 174 

Birkenwald bei Hallormstadahäls 176 

Hengifoss 179 

Jökulsä ä Brü, entspringt auf dem EyjabakkajökuU .... 187 

Luftfähre (drattHr) bei Eyriksstadir 189 

Die Pferde werden durch Steinwürfe in die Jökulsä getrieben 193 
Satteln der Pferde nach dem Übergang über die Jökulsä bei 

Ej^riksstadir 194 

Mödrudalur 197 

Herdubreid 198 

Dettifoss 205 

Wäsche und Abkochen vor Svinadalur 207 

Alter Herd in Svinadalur 209 

Uxahver 218 

Brüarfoss der Laxä bei Grenjadarstadur 219 

Der Nachtkobold in seinem Boote 222 

Die Insel Slütnes im Myvatn 224 

Im Gebüsch der Insel Slütnes 225 

Reykjahlid 226 

Hverfjall 229 

Kälfaströnd am Myvatn 232 

Skütustadir 233 

Godafoss 237 

Wassermühle bei Ljösavatn 238 

Hälsskögur i Fnjöskadal . 239 

Akureyri 247 

Matthias Jochumsson 253 

Mödruvellir 269 



294 Verzeichnis der Abbildungen. 

Seite 

Bild 115. Ebereschen in Skrida 263 

„ 116. Der Haraldshaug bei Haugesund 277 

Am Ende des zweiten Teiles: Übersichtskarte, Herrmanns Reiseroute 
in Island. 

Die von fremden Vorlagen entnommenen Bilder sind folgenden Werken 
entliehen: Nr. 5, 10, 24, 27, 28, 30, 31, 33, 34, 35, 36, 38, 39, 40, 43, 45, 46, 
48» 53» 54. 55- 65, 71, 72, 86, 87, 88, 89, 91, iio, stammen von Daniel 
Bruun; Nr. 2, 50, 77 von Collingwood; Nr. 3, 15, 19, 22 von Ann an - 
dale; Nr. i, 8, 102, 106 von Thoroddsen; Nr. 6 von Löffler; Nr. 96 von 
Paijkull; Nr. 59 von Baasch; Nr. 7 von Heiland; Nr. 21 von der „Zeit- 
schrift des Vereins für Volkskunde" (Berlin 1899, Asher & Co). Die übrigen 
Abbildungen sind nach photographischen Aufnahmen hergestellt; die Vorlagen 
für Nr. 4, II, 13, 16, 49, 61-64, 68 lieferte Sigfiis Eymitndsson in Reykjavik; 
für Nr. 14, 24, 26, 29, 32. 51, 109, III, 112, 115 H. Schtöth in Akitreyri; Nr. 25, 
41, 42, 44, 47, 56, 57, 58, 66, 69, 70, 73, 74, 75, 76, 78—84,91-95,97—101, 103, 
104, 105, 114, 115 Günther Eberhardt in Torgau; von diesem rührt auch 
das farbige Titelblatt her. 




Verzeichnis der Proben aus der isländischen 

Literatur. 



I. Ausführlicher besprochene Stellen aus den Sagas. 

Allgemeines über die Sagas S. io8 ff. 
Egilssaga. Allgemeines: 159, 257, 286. 

K. 8—279; K. 29—189, 237; K. 62—189; K. 65—190; K. 86—258, 259. 
Grettissaga. Allgemeines: 79, 80. 

K. 12— II 79; K. 53 — 290; K. 61—67; ^- 64, 65, 66—11 236 Anm. 
Gunnlaugssaga Ormstungn. Allgemeines: 257, 259, 288, 302. 
Hcensna Pörissaga. Allgemeines: 15, 278, 279, 281, 288. 
Hrafnkelssaga Freysgoda. Allgemeines: iio; II 170, 181- 184. 

K. i-II 172; K. 2-II 188; K. 2, 3-II 181, 182; K. 5-11 182; K. 7 -II 182; 

K. II, 12, 13, 14-II 183; K. 18-II 183. 
Landnämabök . Allgemeines: 100, loi, iii, 159, 327; II 69. 

Prolog. I, i - 10, II, II 166, 215; I, 2-235, 323; I> 6—130; II 89; I, 8-130; 

I, 9-329; I, 18-287; II, 5—48; II, 6-152; II, 7—48; II, 30-288; 

III I— 189; III, 6—289, II 90; III. 6, 7, 8-83; III, 8—231, 232; III, II— II 

271; III, 12— II 257, 258, 264; III, 18—83; III, 20— II 213; III, 107-65; 

IV, 3-II 172; IV, 4-173; IV, 5-II 67, 80; IV, 7-II 161, 168; IV, 9-U 
153; IV, II— II 95, 96, 99, 104; IV, 12-II 189; IV, 13-II 69, 87, 89; 

V, 5 -39. 235, II 47. 

Njälssaga. Allgemeines: 104, iio, i6x, 304, 305, 308, 312, 314, 333; II 34, 38, 

39, 44> 46, 49, 54, 55, 58, 59, 77, 9i, 93, 107, 133, 134. 

Kap. I— 81 = II 49 51 ; K. 16, 17 — 212; K. 19— II 48, 49; K. 36 — II 62; 

K- 41— II 58; K- 44-94; K- 45-II 55, 56; K. 47 f — 219, 220, 11 50; 

K- 53—189; K- 59-232, 233. — Kap. 82-159 = II 59-6i; K. gi-\l 62; 

K. loi— II 60, 155, 163, 168; K. 102— II 90. 91; K. III — 189; K. 119— 165; 

K. 126 -II 132, 133; K. 128-11 59; K. 129-II 59; K. 138 ff -II 134; 

K. 149-II 91; K. 156-II 134. 
Saxo Grammaticus. Allgemeines : 6g, 89 ; II 12, 167, 261. 

pag. 6 — II 12; pag. 6— II 30; pag. 7—66, 68, 69, II 126. 
Viga-Glümssaga. Allgemeines: II 264. 

K. 9— II 265, 266; K. 12 -II 191; K. 16— II 234, 235, 267; K. 19— II 267 

K. 23-11 264; K. 26-11 265; K. 27-II 248; K. 28-II 265. 



29G Proben aus der isländischen Literatur. 

2. Gedichte der Neuzeit. 
Teil I. 

Seite 

I. Bjarni Thörarensen, Das isländische Nationallied „Uralle Isafold" 23 

2 Bjanü Thörarensen „Island" 55 56 

3. Bjarni Thörarensen „Svein Pälsson" (Bruchstück) 71 

4. Grimiir Thomsen „In der Sprengisand-Wüste" 84 

5. Benedikt Gröndal „Gedenkblatt" 125 

6. Ein Danz 181 

7. Bjarni Thörarensen „Küsse mich!" 184 

8. Steingrimiir Thorsteinsson „Schwanengesang auf der Heide" . . 279 280 

9. Jonas Hal/grimsson „Island" (Bruchstück, vergl. auch S. 180) . 304, 308 

10. Volkslied „Die Handelsreise nach Hamburg" 317, 318 

11. Volkslied „Lied von Kaiser Friedrich Rotbart" 349-35^ 

12. Indridi Einarsson „Ballade" 35^ 357 

13. Hannes Hafsteinn „Trinklied" 368 369 

14. Björn Magniisson Olsen „Die Entdeckung von Vinland dem guten" 369 370 

15. Björn Magniisson Olsen „Mittwinteropfer" 371 372 



Teil II. 

Seile 

16. Hannes Hafsteinn „Beim Geysir" 10 11 

17. Gudniundur Magniisson „Der Gullfoss" 16 

18. Fäll üla/sson „Der kleine Brachvogel" 42 

19. Jonas Hallgritnsson „Brachvogels Lied" 43 

20. Benedikt Gröndal „Im Herbst" * 43 

21. Faeröisches Volkslied „Gunnars Lied" 51 '52 

22. Isländisches Volkslied „Gunnars Lied" (Bruchstück) 52 

23. Bjarni Thörarensen „Fljötshh'd" 53 

24. Jonas Hallgrimsson „Gunnarshölmi" (Bruchstück) 53 54 

25. Sieingrimur Thorsteinsson „In der Lavawüste" (Bruchstück) . . 57 

26. Grimur Thomsen „Sölheimasandur" 8081 

27. Jon Th. Thöroddsen „Island" 109 

28. Indridi Einarsson „Islands Freiheit geht verloren" m 

29. Päll Ölafsson „Am Tage, da die Asche fiel" 185 

30. Matthias Jochiimsson „Akureyri" (Bruchstück) 242 

31. Jonas Hallgrimsson „An Paul Gaimard" 244 245 

32. Matthias Jochumsson „Hymne zur Erinnerung an die looojährige 
Besiedlung Islands 1874" (Bruchstück) • 256 

33. Jonas Hallgrimsson „Erinnerung an Island" 278 

34. Jon Th. Thöroddsen „An die Isländer" (Bruchstück) 288 

35. Benedikt Gröndal „Lied zum Millenialfest 1874" (Bruchstück) . . 288 

36. Benedikt Gröndal „Südfahrt" (Bruchstück) 288 

37. Steingrimur Thorsteinsson „Gesang zum Volksfeste auf f*ingvellir" 
(Bruchstück) 289 

38. Hannes Hafsteinn „Island" 290,291 



Proben aus der isländischen Literatur. 297 

3. Drama, 

Seite 

Ausführliche Inhaltsangabe des Schauspieles „Das Schiff sinkt", 

von Indridi Einarsson I, 354 — 358 



4. Kompositionen. 

1. Ein alter Zwiegesang 184 

2. Zwei Melodien zu „Lied von Kaiser Friedrich Rotbart" . . 349 

3. Bjarni Porsteinsson „Islands Freiheit geht verloren" . . . .II, 112— 114 

Von den Gedichten sind Nr. i, 33 von Lehmann-Filhes übersetzt, 
Nr. 35, 36 von Baumg artner, Nr. 2, 3, 8, 16, 18, 19, 20, 23, 24, 25, 29, 32, 
34> 37> 38 von Pöstion, die übrigen 19 vom Verfasser. 




Namenverzeichnis. 



(Die Seitenzahlen des zweiten Teiles beginnen mit einer römischen II.) 



Adam von Bremen 30, 85, 313, 343. 

Adalböl II 181 f. 

Affoll II 59, 62. 

Ahasver (auf Island) 347. 

Akranes 345. 

Aknreyri22^, 248, 362, 363, 375; 11 40, 

241—270. 
Alar II 62. 
Alberich von Troisfontaines 87 ; II 30, 

31. 69, 94. 
Alntannaßjüt II 95, 96. 
Almnnnagjä 105, 124, 300 ff. ; II 2, 3, 

4,. 60, 134, 157, 207. 
Almannaskard II 152, 153. 
Alptafjördiir II 158, 160, 161, 163, 167. 
Alptanes 128. 
Alptaver 60; II 89, 94. 
Alsey 37. 
Alt Heidelberg 146, 259, 260, 351, 352, 

361; II 169. 
Amerika 106, 250, 295, 296. 
Anderson 28, 89, 90, 161, 253, 328; 

II 262. 
Annandale 165 ff. 
Arhver 284. 
Ari der Kundige iio, iii, 113, 159, 

277. 
Armannsfell 297, 298, 307. 
Arnaldr Porvaldsson 68; II 12. 
Arnarstakksheidi II 84, 87, 90, 91. 



Arnas Magnaeus 163. 

Arnes sf/sla II 18, 19. 

Arngrimr (Abt) 41, 87, 277; II 68. 

Arngrimur Jönsson Vidalin 31 , 69, 

89, 336; II 261. 
Ami Magnüsson 89, 163, 336; II 143. 
Arni von Skdlholt 112. 
Asbyrgi II 210, 211. 
Asgrimur Jönsson 19, 174, 175, 180; 

II 20, 22, 23. 
Askjn 57, 60, 61, 75, 94; II 164. 187, 

192, 196, 201. 
Augustiner Orden II 261. 
Axarfjördur II 199, 210, 212, 213, 216, 

228. 

B. 

Bach 185. 

Barbarossa 349 ff. 

Bcrjarös II 154. 

Bcejarstadarskögur II 131. 

Baula 52, 281. 

Baumgartner 5, ii6, 172,266; II 231, 268. 

Benedikt Gröndal (d. ältere) 341. 

(d.jüngere)i24, 125, 

162, 316, 331, 338, 339, 363—365; n 9, 

43. 288. 
Benediktiner Orden 324; II 105, 266. 
Bergen 9; II 278. 
Bergpörshvoll 194, 304, 312, 314, 333; 

II 46, 49, 50, 58-62, 91, 133, 134. 



Namenverzeichnis. 



299 



Beruf jördur 54, 55; II 90, 166, 167, 

168, 169. 
Beruf jardarskard II 170. 
Bessastadir 286, 331, 332, 338. 
Bessastadir (Miila s.j II 184. 
Bjarni Pälsson 73, 90. 
Bjarni Thörarensen 20, 55, 56, 70, 71, 

124, 177, 183, 184, 338, 339, 340; II 

53, 54, 261, 274. 
Bjarni Porsfeinsson 186; II 112, 113. 
Björn Gimnlaugsson 67, 73, 75, 80, 

91, 125, 275; II 70, 195, 196. 
Björn Mngniisson Olsen 78, 141, 157 — 

159, 286, 299, 306, 328, 349, 366, 367, 

369—372, 375; II 4, 39, 123, 233. 
Björnson 20, 361 ; II 60, 241, 254, 255. 
Bläfellsjökuü 52; II 10. 
Blefken 88, 300, 344, 345. 
Blesaklettur II 141, 142. 
Blesi II 6, 8, 13. 
Boden 13, 14, 102, 258, 278. 
Bogi Th. Meisted 99. 
Borgarf jördur 278 f. 
Borgarhöfn II 72, 143, 148, 155. 
Borgir II 124, 148, 151. 
Brandes, Georg 125, II 282. 
Brandr Jönsson II 92, 93, 134. 
Breidabölstadttr [Bgf.) 288. 
BreidamerkiirjökiiU 69, ^ i ; II 132, 140, 

144 ff. 
Breidanierkursandur 202; II 71, 126, 

144 f., 186. 
Breiddolur II 170, 171, 172. 
Breiddalsheidi II 171. 
Breidif jördur 5c ; II 257. 
Brekka 209; II 177 — 181, 220. 
Brennissfeinsfjöll 60. 
Brennugjä 302. 
Brockhaus 174. 
Brüarä 290; II 5, 6. 
Brüarfoss II 219, 220. 
Brüarjökull 77; II 173, 174. 
Brunnasa)idur II 120. 
Bruun, Daniel 6, 77, 78, 84, 96, 97, 

104, 289, 306; II 19, 71, 181, 233,286. 
Brynjölfur Sveinsson 163; II 31. 
Biilandseyjar II 164. 
Bulandstindur II 165, 167. 
Bunsen 91 ; II 12. 



Bürger 337. 
Byrgisbud 306. 
Byron 30; II 255. 

C. 

Chamisso II 142. 
Christian IX. 122, 123. 
Chronicon Norveg. 87. 
Collingwood II 36. 

D. 

Dahn 2, 30; II 181, 278. 

Dankbrand ic6, 107, 333; II 60, 77, 

90, 91, 155» 158 ff. 168, 228. 
Deildartunga 284. 
Dettifoss II 199, 204—206. 
Dimon II 44, 57, 62. 
Ditlev Thomsen 133, 157, 177, 372 ff., 
• II 117— 120. 
Djüpä II 120, 121. 
Djüpä (Ping. s ) W 240. 
Djüpivogur 33, 43; II 166—169, 228. 
Drängar II 44. 
Dränghlid II 66. 
Drekkingarhylur 302. 
Drifandifoss II 63. 
Dritey II 234, 235. 
Dufpaksholt II 41. 
Dyngjufjöll 58, 80, 93; II 185, 192, 

198. 
Dyngjujökull 71, 76; II 198, 199. 
Dyrhölaey 34; II 64, 81. 



E. 

Edinburgh 22 ff. 

Effersey 45. 

Eggert Brim 357, 360. 

Egger/ Ö/afsson 70, 73, 90; II 70, 175, 

240, 257, 268. 
Egi// Skallagrimsson 4, 173, 189, 257, 

258, 259, 286; II 54. 
Egi/s saga 257. 
Einar Hjörleifsson 126. 
Einar Jönsson 81,82, 175—180; II 22. 
Eiriksjökull 281, 296. 



300 



Namenverzeichnis. 



Eirikr (d. Rote) 104, 125 
Eidborg 48. 
Eldey 42. 

Eldeyjar 42, 43 ; II 96. 
Eldgjä 58, 75; II 69, 70, 94, 104. 
Eldvatn II 95. 
Ellidaä 258, 329. 
Ellidavatn 259. 
^s/Vjr 135, 258, 259. 
Eskifjörditr II 169. 
Eydar 191. 

Eyjahakkaä II 173, 174. 
EyjabakkajökuU 77; II 174, 187. 
Eyjafjallajökull 33, 57 ; II 19, 29, 44, 
46, 47, 48, 53, 63, 64, 67, 69, 81, 133. 
Eyjafjnrdarä II 238, 241 f., 246 f. 
Eyjafjördur 12; II 241 f., 246 f. 
Eyjasandur 39. 
Eyrarbakki 39. 

Eyriksstadir 320; II 188—195. 
Eysteinn Asgrimsson 132; II 92. 



F. 



Fabricius 88, 344; II 30, 31. 

Faeröer 32, 33, 48, 118, 178; II 51, 275. 

Fagurhölsmyri 700; II 116, 130, 141 f., 

156. 
FalljökuU II 139, 140. 
Fdskrudsfjördtir 148, 238, 252, 253, 

255; II 168, 170. 
Fafa II 6, 8. 

Faxafjörditr 43 f., 50, 128, 345. 
Faxagil II 184. 
Faxt 44. 
Finnur Jönsson lOi, 140, 161; II 134, 

234- 
Finnur Magnüsson 340. 

Einsen, N. R. 151. 

Fiske 131, 337, 363; II 253. 

Fiskivötn II 23, 133, 134. 

Fjardarä II 104. 

Ejölnir 339. 

Fldajökull II 149. 

Flatey II 91. 

Flemming, F. F. 22. 

Fljötsdalr II 172, 173, 184, 185. 

Fljötsdalsheidi II 173, 181 f., 185 f. 

Fljötshlid II 4t fr., 53, 56. 



Fljötshverfi II 121, 135. 

Flöki 55. 

Elosagjd 306, 308. 

Flosaskard 74. 

Floshöll II 58. 

/Vos/ 304, 308; II 46, 60, 61, 91, 132, 

133, 134- 
Fnjöskd II 240. 
Fnjöskdrdalur 233; II 239, 240, 241, 

251. 
Fossdlar II 120. 
Fossvöllitr II 188. 
Füuque 157, 340, 341. 
Fox-Expedition 290, 291 ; II 70, 168. 
Freyfaxagil II 183, 184. 
Freyfaxahamarr II 183, 184. 
Freiligrath i, 2. 
Erernrinämiir II 183, 215. 
Frenzel II 234. 

Freytag, Gustav 341, 353; II 60, 268. 
Friedrich Albert (Fischdampfer) 146, 

147, 255, 372, 373; II 65, 79, 103, 

115- 120, 143, 148, 151. 
Friedrich (BischoO 106. 
Friedrich Rotbart (Kaiser) 348—351. 
Friesak 72; II 140. 
Fuglasker 42, 43, 251 ; II 96. 
Fulda, Ludwig 353, 361. 
Fulilcekiir 88; II 67, 68. 



Gaimard, Paul 90; II 244. 

Galtalcekur II 23 ff. 

Gardarr 55; II 215. 

Gautlönd II 235. 

Gebhardt 5, 95, 172, 337, 353. 

Geibel 341. 

Geirfuglasker (V) 37, 43. 

{SM) 43; II 167. 
Geirlandsä II 95, 120. 
Geitdalur II 171, 172, 181. 
Geitland 67, 78. 
Geldingasker 41. 
Gerhard, Paul 172, 337. 
Gerok 339; II 21, 234. 
Gestur Pdlsson 3, 4, 125. 
Geysir 2, 68, 125, 134, 176, 214; II 6—13 



Namenverzeichnis. 



301 



Gildruhagi II i8. 
Giraldus Cambrensis 86. 
Gisli Brynjiilfsson 338, 339; II 266. 
Gisli Magnüsson II 56. 
Gissurr der Weisse 39, 107. 
Gissurr Einarsson 116, 335. 
Gissurr Isletfsson 107, 334. 
Gissurr Porvaldsson it2, 113, 181, 
186, 286, 327, 356, 360; II III — 113. 
Gleni II 250, 267. 
Glu/rafoss II 63. 
Gljnfursä II 141. 
Gnüpa-Bärdr 75, 83; II 126. 
Godafoss II 236, 237; 267. 
Godalandsjökull II 46, 133. 
Goethe 30, 157, 337 f. ; II 22. 
Gories Peerse 31, 88, 89, 319, 336, 

344, 346, 353- 
Grabein 3. 
Grenadiermütze 43. 
Grenjadarstaditr 2,2.1; II 212, 215, 220, 

221. 
Grettir 67, 68, 78; II 256. 
Grimr geitskör 103. 
Grimsä 278, 293, 295; II 89. 

„ (Mula s.J II 171. 
Grimsey 38, 366; II 167, 212, 248. 
Grimstadir (Mijvatn) II 223 f. 

„ 74; II 122, 201-203. 

Grimsvötn 57; II 69, 127. 
Grimur Thomsen 82, 83, 84, 245, 331, 

337; 341; II 80, 81, 261. 
Grönland 48, 85, 98, 104, 118. 
Grund 114, 196, 200, 362; II 258, 

265 — 267. 
Gudbrandur Porläksson 335. 
Gudlaugiir Gudmiindsson 216, 373, 

375; II 102 ff., HO, 177, 259. 
Gudmundur Arason II 216. 
Gudmiindur Helgason 284 ff. ; II 20, 

123. 
Gudmundur Magnüsson II 16. 
Gullfoss II 13 — 16. 
Gunnarr von Hlidarendi 144, 189, 

212, 219, 232, 233, 304 ; II 39, 48 bis 

54, 62, 107. 
Gunnarshölnn II 50, 52, 53, 54, 62. 



Gunnbj arnarsker 104. 

Gunnlaugs saga z^'], 259, 288, 302. 

Gvendarstein II 216. 

H. 

Hafnarfjördur 114, 128, 144, 330 bis 

333. 336, 342 f. 
Haflidarskrä iio. 
Hafursä II 8t. 
Häkon d. Alte 112. 
Hall Caine 3, 185, 186, 187, 240, 361 ; 

II 4, 5- 
Halldör Jnkobsson 92. 

Hallfredr II 172, 181. 

Hallgerdr 144, 212, 219, 220; II 49 bis 

51, 59, 62, 107. 
Hallgrimur Pjetursson 131, 172, 266, 

337; II 20. 
Hallormstadahäls II 172, 176. 
HallormstadarskögurW. 176, 177, 240, 

249. 
Hallr Pörarinsson iio. 
Hallshellir 82; II 4, 5. 
Hals 191 ; II 241. 
Hälsaös II 149. 
Hdlsskögur II 239, 240, 241. 
Hamarsfjördur II 163, 164, 166. 
Hamburg 343 ff. ; II 168. 
Hamburg- Amerika -Linie 3, 12, 13, 

185. 
Hammerich, Angull 182 fif. 
Hannes Hafsteinn 126, 127, 135, 292, 

338, 34 1; 365. 366-369, 372; 11 9 bis 

II, 289, 290. 
Hansa 88, 343 ff. 
Hantzsch 36. 
Harald Gormsson 125. 
Harald Haarschön 100; II 212, 276 bis 

278. 
Haugesund II 275—278. 
Haukr Erlendsson loi. 
Haukadalur iio, 334; II 4, 10. 
Hauptmann, Gerhard 353. 
Hawthornden 27. 
Heimaey 35 f , 167. 
Heimaklettur 37. 
Heimskringla 112, 336. 
Heinabergsjökull II 149. 



302 



Namenverzeichnis. 



Heinabergssandur II 149, 155. 
Heinabergsvötn II 149. 
Heine 126, 157. 339, 34°, 34^ ; II 22. 
Hekla2, 33. 57, 61, 68, 86, 93, 247; 

II 9, 10, 19, 23—32, 53, 244. 
Helgafell (Kloster) II 91. 
Helga feil (Vestm.) 37, 38. 
Helgi (der Magere) II 242, 255, 257, 

258, 264. 
Helgi Pjetursson 93. 
Heiland, Amund 59, 90, 92; II 70 
Hellirey 41, 215. 
Helluland 85. 
Henderson 90; II 70. 
Hengifoss II 179 — 181. 
Hengill II i, 13. 
Henzen 5, 352. 

Herbert von Vauclaire 68, 86. 
Herdubreid Q2; II 182, 198, 201, 203. 
Heusler 185, 264, 285, 317. 
Heyse, Paul 342. 
Hjalti Skeggjason 39, 107. 
Hjalti Porsteinsson 173. 
Hjörleifr 39, 100, 125; II 89. 
Hjörleifshöfdi II 76, 88, 89. 
Hlidarendi 70, 162, 189, 192, 212, 219, 

220, 294; II 43—57- 
Hlidarfjall 227. 
Hlidarnämur II 228 — 231. 
Hljodaklettar II 210. 
Hnappavellir II 144. 
Hnappur 72; II 140. 
Hof (Müla s.) II 160 f. 
Höfdabrekka II 70, 89, 90, 91. 
Hofsjökull (östl.) 73; II 160, 161. 
Hofsjökull (westl.) 76. 
Hölar 107, 161, 191, 317, 334 366. 
Hölärjökull II 140, 144. 
Hölmsä II 72, 89, 99, 149 
Horaz II 22, 108. 142. 
Hornafjardarßjöt II 150, 152. 
Hornafjördiir\i.^Q,i^, 143, 152. 153, 

155- 
Hörn <Cap Nord) 272. 

Horrebow 70, 90. 

Hörgärdalur II 259 f. 

Hörgsdaliir II 233, 236. 

Höskuldstadir II 171. 

Howel 72, 73, 74, 77; II 140. 



Hrafnagil II 264, 267, 268. 
Hrafnagjä 300, 304; II 4. 
Hrafnkell Freysgodi iio; II 172, 18 c 

-184, 257. 
Hrafnkelsdalur 78; II 172, 173, 181 f., 

186. 
Hrafnkelstadir II 181/. 
Hrisey II 248, 264, 270, 271. 
Hrollaugseyjar II 147. 
HrossJiylur II 23. 
Hruui II 18. 
Hrutärjökull II 140. 
Hrutshellir 11 65, 66. 
Hundstagekönig 120. 
Hühner-Thorir 15, 278, 279, 281, 288. 
Hüsavik 66; II 214—218, 227. 
Hvaleyri 330. 

Hvalfjördiir 106, 265 f., 275. 
Hvaiutadalshnukiir 72, 73; II 140. 
Hvanneyri 191. 

Hverßsfljöl 75; II 70, 95, 96, 104, 120. 
Hverfjall II 228, 229, 236. 
Hvifd {Bgf.) 78, 278, 276, 280. 
Hvitä (Arnes syslo) II 13, 15, 17 f. 
Hvitärvellir 279. 



Ibsen 286, 352, 353, 357, 361; II 54, 

55, 60, 61, 142, 255, 257. 
Ilias 337. 
Indridi Einarsson 4, 65, 82, 181, 351 ff., 

3.59. 361, 363; II 5» 1 10 -1x3- 
Ingölfr Arnarson 39, 100, 123, 125, 

130, 180, 329; II 89, 143. 
Ingölfs/iöfdiW-ie, 116, 119, 134, 141,143- 
Isafjördur 243, 265. 
isleifr 85, 107, 334. 

J. 

Jäger 175. 

JarlhetUir II 10. 

Jökuldalsheidi II 195 ff. 

Jökulsä d Breidamerkursandi 69; 

II 74, 86, 144 ff. 
Jökulsd d Bnt 58, 77, 290, 326; II 173, 

174, 181 f., 187—195- 199 



Namenverzeichnis. 



303 



Jükn/sd ä SölheimasancU 67, 68, 69; 

II 70, 71, 80. 
Jöknlsä ä Fjöllum, i Axarßrdi II 124, 

192, 199—208, 210, 211, 212. 
Jükn/sd i Fljötsdol II 174, 175. 
Jöknlsä i Löni II 154. 
Jökulsdalur 75, 78, 83; II 181 i., 186. 
Jökiilskvisl II 174, 187. 

Johannes Magnus 88. 

Johnstrup 92, 93, 94 ; II 222. 

Jon Arason (Bischof) 116, 117, 360; 

II 256, 266. 
Jon Arnason 94; II 254, 286. 
Jon Jönsson II 154 f. 
Jon Ögmundarson 324. 
Jon Sigurdsson 121, 122, 125, 132, 

177, 180, 316 ; II 280. 
Jonas Hallgrimsson 91, 92, 126, 175, 

193, 245, 296, 300, 304, 308, 336, 

338, 340, 341, 351; 1143^ 52-54, 

244, 245, 257, 278, 279. 
Jonas Helgason 184. 
Jonas Jönasson 4, 341 ; II 267, 268. 
Jonas Krisfiänsson II 177 fr. 
Jon Loptsson 1 1 1 ; II 37. 
Jon Olafsson 341 ; II 274. 
Jon Pördarson Thöroddsen 3, 94, 140, 

186, 212, 213; II 109, 283, 288. 
Jon Porläksson 2ri'2 337. 
Jon Porleifsson 338. 
Jon Porsfeinsson 38, 39. 
Jörgensen Jörgen 120. 
Jörundur Jörundarson 120. 
Josephs-Hospital 134, 146 f. 

K. 

Kaalund 7, 93, 275, 277; II 70, 93, 133. 
Kahles, 258, 285; II 178, 212, 217, 250, 

262. 
Kälfä II 19. 

Kälfaströnd II 232, 233. 
Käragröf II 59. 
Karl 42. 
Karlsä II 154. 

^»fla 53, 57, 60, 68, 78; II 69, 73, 75, 
^ 88, 89, 93. 

Keilhack 73, 157; II 70. 
Keilir 42, 134. 



Kerlingardalsd II 87, 89. 

Kerlingardalttr II 87, 89, 90, 91. 

Kerlingar dyngja 57. 

Kerlingarfjöll II 76, 78, 231. 

Kerlingarfjördr II 87, 89. 

Ketill 60. 

Kdill (der Närrische) II 90, 104, 258. 

Kettll Porsfeinsson iio. 

Kinnarfjöll II 214. 

Kirkjitba'r 216, 219, 324; II 50, 60, 72, 

11, 90, 93> 94, 96, 102-120, 124, 133, 

258. 
Kirkjiiba'jarheidi II 106, 107, 115. 
Kisfiifell II 76. 
Kjalvegiir 83. 
Kjerulf 91. 
Kjölitr 83. 
Klifandi II 81. 
Klopstock 272. 
Knebel, Walther von 92; II 46, 204, 

229. 
Kolgriina II 149. 
Kollötta Dyngja 57; II 198. 
Kolumbus 106, 265. 
Kopenhagen 9, 13, 14, 117, 215, 337, 

338, 345- 
Kossak 3. 

Königsspiegel 66, 69, 86, 237; II 13. 
Kötliigjd II 70, 81. 
Kotä II 141. 
Kotdrjökiill II 140. 
Krafla II 227. 

Kristjdn Jönsson 339, 341; II 206. 
Krisiivik 57, 134; II 12. 
Küchler 3, 4, 353, 358; II 70, 268. 
Kiidafljöt II 87, 89, 95, 96, 99, 100. 
Kvennsödiill II 206. 
Kverkfjöll 58, 75, 76, 77; II 173, 174, 

198, 199, 210. 
Kvid II 144. 
Kvidrjökull II 140. 



Lagarfljöt II 171, 172, 174 — 176, 199, 

203. 
Laki 58, 59, 60, 61, 119; II 69, 70 

74, 55 ff-, 281. 
Lonab>ot II 94, 96, 102, 105, 106. 



304 



Namenverzeichnis. 



Landeyjor II 35, 44, 48. 
Landvatn II 149. 
Langanes (Cap.) 65; II 275. 
Langjüktill 65, 66, 67, 69, 73, 76, 78, 

296; II 10. 
Langisjör 75; II 70. 
L'Arronge 361. 

Laugarnes 143—145, 148; II 61. 
Laugarvatnshellir II 5. 
Laurenfius Kälfsson II 92. 
Laxä (KJ.) 261. 
Laxä (bei Reykj) 328. 
Laxä (Arnes s.) II 19. 
Laxä (Ping. s.) II 214, 216, 217, 218, 

220. 
Laxamfiri II 216, 217. 
Laxärdaliir II 214 f. 
Lehmann-Filhes, Frl. 95, 196. 
Leifr 106, 125, 333, 369, 370. 
Leirä 324, 336. 
Leirä ( V. Skapt. s.) 99. 
Leirhnükur 60; II 226 f. 
Leith 9, 21 f. 
Ljösavatn II 236 f. 
Lodmundr 48, 80. 
Löniai^nitpiir 210; II 121. 
Zö« II 135, 140, 153, 154. 
Lönsheidi II 157, 167. 
Loptsalahellir H 63. 
Loti, Pierre 3, 251 ff. 
Lundareykjadalur 278 f., 293, 295. 
Limdur 293^.; II 55. 
Luther 116 ff., 335, II 22, 56, 57. 

M. 

Mcelifellssandr II 133. 

Mäfabygdir 82; II 132, 136. 

Magnus Eyjölfsson 106. 

Magnus Häkonarson 112. 

Magnus Stephensen 180, 324, 327, 339; 

n 95- 

Mdndreyjar II 212, 213. 

Maria Stuart 25. 

Markarfljöt II 24, 35 43, 44, 46, 48, 

53, 59, 62, 133. 
Matthias Jochumsson 82, 117, 124, 185, 

338, 339, 353, 357, 359- 360, 363, 372; 

II 36, 40, 57, 136, 142, 242, 249, 253 ff. 



Medalland II 94, 96. 100, 105. 
Maurer, Konrad 84, 121, 158, 161, 191, 

349; II 197, 280, 286. 
Merigarto 85, 333. 
Merkiä II 46. 
Merkurjökull II 46. 
Mej'er-Förster (s. a. Alt-Heidelberg) 

146, 259, 260, 351, 352, 361. 
Midä II 267. 
Milton 272, 337. 
Mödrudalur 70; II 182, 191, 192, 196 

bis 199. 
Mödrudalsheidi 182, 195, 196. 
Mödruvellir 94, 97, 196, 218; II 91, 

196, 253, 258, 259-262, 264. 
Mosfell 258 f. 
Mit lad II 171. 
Mulakvisl II 87, 89. 
Müla sysla II 158 - 202. 
Muli II 161, 171. 
Munkapverä 192, 334; II 92, 258, 264, 

266, 267. 
Mijrar (.Pfarrhof) II 94 ff. 
Myrar (A. Skapt.) 250; II 135, 149 ff- 
Myrda/ur II 68, 80 ff. 
Myrdalsjökull2,'i- 34, 58; H 48, 67, 71,81. 
Myrdalssandur II 87 ff., 126. 
Myvatn II 163, 221—236, 246, 264. 
Myvatnsörceß II 203, 204. 



N. 

Naddodr 55. 

Nämafjall II 228 f. 

Nes II 135, 152, 153. 

Nesjasveit II 151. 

Neue Insel 42. 

Nikuläsargjä 306, 308. 

Nikuläs Bergsson 334, 335; II 266. 

Njäll 104, 304, 305 ; II 46, 49 f., 59 bis 

61, 62, 91, 134. 
Njäls saga vergl. S. 295 
Nolsö 178, 179. 
Nordkap 225, 226. 
Nüpstadarskögar 210, 211; II 123. 
Nupstadur 74; II 12 t — 124. 
Nupsvötn II 71, 96, 123, 125, 126, 127, 
Nykomi II 104. 



Namenverzeichnis. 



305 



O. 

Ödädahraiin 52, 57, 58, 66, 80, 82, 83, 

II 182, 192, 199, 203, 204. 
Oddeyri 243, 363; II 241, 248, 250. 
Oddi 223, 285, 334; n 34—39. 124, 255. 
Oddur Gottskälksson 116, 335. 
Odyssee 337, 365. 
Ögmimdnr Sigurdsson 97, 98, 162, 

228, 257, 282, 283, 298, 309, 332; 

II 16, 68, 170, 204, 244, 269. 
Ok 293. 
Ölfitsä II 17. 

Ölafr Tryggvason 106, 107, 324, 333. 
Ölafsdalur 191, 198. 
Ölafiir Davidsson II 259, 260. 
Ölafur Egilsson 39. 
Olaiis Magnus 88, 322. 
Olaiis 0/aviiis 90, 345. 
0/e Worin 89, 165. 
Olsen, s. Björn M. Ö. 
Orkaden 29. 

Öra'fajökidl 53, 57, 68, 72, 78; II 69, 
70, 71, 75, 102, 116, 132, 139, 140, 

14^. 153- 
Örcefi II 72, 127, 130, 135, 142, 186. 

Örlygr 130, 259, 323. 

OrrusfHstadir II 65, 116. 117, 120. 

Öskjiihlid 124, 143. 

Öxarä 105, 174, 259, 300 fl'.; II 134. 

Öxarärholmr 302. 

Öxarheidr II 169, 183. 

Öxnadalur 259, 265. 



Päll Bjarnason Vidalin 69, 336. 
Pdll Jonsson 322, 336, 372. 
Päll Ölafsson II 42, 185, 255. 
Pälsfjall 74. 
Papnfjördur II 154, 155. 
Papar II 104, 154. 
Papey II 164, 166, 167, 168. 
Papös II 71, 86, 132, 154. 
Papyli II 104. 
Paradisarhellir II 63. 
Poeck I, 3. 
Portland 34, 251. 

Herrmann, Island II. 



Pöstion 4, 342. 
Preyer 84, 92; II 70. 
Prytz 277; IT 251. 
Pytheas 30. 

R. 

Ragnheidarhellir 212, 328, 329. 
Rängä II 24, 33, 34, 35. 
Rängärsandur 12. 
Rängärvälla sysla 38; II 18, 19, 33, 

186. 
Rängärvellir II 34. 
Raptaloikiir II 96. 
Raiutaskridur II 62. 
Reginprecht 85, 333. 
Reichenau 85, 334. 
Reidarä II 154. 

Reykholt 78, 132, 220, 284 ff.; II 37. 
Reykir II 219. 
Reykjadalsd 284. 
Reykjadalitr 212. 
Reykjaheidi II 214. 
Reykjahlid 200; II 20, 215, 226—234, 

238. 
Reykjanes 41, 42; II 185. 
Reykjavik 9, 45, 46, 54, 55, 66, 120, 
128-163, 191, 231, 233, 240, 242, 309, 
326-333, 351» 352, 353, 357; 358» 
359; 362, 363—376; n 68. 

Reynis-drängar 34; II 44, 83. 

Reynisfjall II 81, 82, 83. 

Reyniva IIa hals 265. 

Reynivellir (Kj.) 185, 261 f. 

Reynivellir (A. Skapt. s.J II 136, 147, 148. 

Rögnvaldur Ölafsson 19. 

Rosegger 343. 

Roslin 22 f. 

Rosmhvalanes 237. 

Runölfr Sigmundsson II 92, 93. 

S. 

Sacher Masoch 342. 

Sa'mundr Slgfüsson iii; II 31, 32,36. 

37, 38, 39- 
Salis (Gaudenz, v. S.-Seewis) 341. 

Sandä II 228. 

20 



306 



Namenverzeichnis. 



Sandfell ^2,^2>,?ßi,; II 139, 140,141,143. 

Sandklettavatn 298. 

Saxo Grammaticus 66, 68, 69, 85, 87, 

89; II 69. 
Sanrbcer 266, 267, 362. 
Saurbcer (bei Akureyri) II 258. 
Scheflfel, Viktor v. 2, 30, 368. 
Schierbeck 72, 73; II 140. 
Schiller 15, 157, 337 ff-; ^ 22. 
Schubin, Ossip 342. 
Schythe 75, 91, 93. 
Scott 24, 25, 28, 30. 
Seljalaiulsfoss II 46, 63. 
Seltjarnarnes 128. 
Se^i^ 345. 

Seydisfjördtir g,2\g, 292, 293, 360; II 177. 
Shakespeare 338, 360; II 255. 
Shetlandinseln 29, 30, 292; II 275. 
Sida 215; II 96. 
Sidii-Hallr II 77, 158-163. 
Sidujökiill II 69, 96, 127. 
Sigfüs Einarsson 83, 186. 
Sighvatr Slurluson in; II 266. 
Siglufjördiir II 246, 259, 269 f. 
Sigitrdiir Breidfjörd 126, 262, 339. 
Sigurdur Gitdinundsson 135, 136, 173, 

174» 359; n 254. 
Sigurdur Jönsson II 65, 68, 116, 117. 
Sigurdur Sle/chisson II 6. 
Skagi 43. 

Skälholt 107, 334, 335; II 6. 
Skallagrimr 189, 237, 278, 279, 287. 
Skälm II 87, 95, 97, 98, 99. 
Skäney 288. 
Skaptd 42, 58, 75; II 70, 72, 94, 95, 

96, 99, 102, 107. 
Skaptafell II 127, 130, 249. 
Skaplafellsd II 130. 
Skaptafellsjökull II 130. 
Skaptafells sysla 51, 53, 69, 70, 161, 

215, 216, 219, 221, 245, 246, 289, 290, 

317; 319, 322, 373; II 69—157, 286. 
Skardsfjördur II 152, 153. 
Skardsheidi 275. 
Skarphedinn 189, 232, 233, 304 ; II 39, 

55, 60, 61, 62. 
Skeid 224. 
Skeidardrjökull 52, 53, 57, 68; II 68, 

69» 77) 96, 126, 127, 130, 132. 



Skeidarärsandur 96, 147, 373; II 71, 
74, 117, 118, 119, 120, 125«., 132, 

135- 
Skerjafjördur 128, 143. 

Skjaldbreidur 42, 57, 67, 296, 299, 304, 

307- 
Skjälfandafljöt II 199, 214, 216, 236, 

240. 

Skjöldunga Saga 89; II 261. 

Skögafoss II 66, 67. 

Skögasandur II 67. 

Skorradalsvatn 212, 276, 278. 

Skrida (bei Akureyri) II 249, 262, 263. 

Skrida 324; II 91, 93. 

Skriddalur II 171. 

Skridudaliir II 169. 

Skriduklauslur 192; II 91, 184, 185. 

Skrißa 286-288. 

Sküli Magnüsson 119. 

Skiitusladir II 231 f. 

Sliitnes II 223 f. 

Sncefell 75, 77. 

Sncefell (östl.) II 172, 173. 

Siurfellsjökull 44, 45, 57, 375. 

5;7rt/<'//s«<?6'-Halbinsel 44, 48. 

Snorralaug 286 — 288. 

Snorri godi jfi, 107, 111,157,213,285, 

304- 
Snorri Sturluson in, 112, 132, 178, 

285 ff., 303. 304. 332, 333» 363; II 36, 

37, 261, 266, 276. 
Sölheimasandur 48; II 67, 80, 81, 89. 
Spielhagen 342. 

Sprengisandur 78, 83, 84, j86; II 182. 
Staf afeil II 90, 154 f. 
Stafholtsey 280 ff., 319. 
Starniiirardalur 158. 
Stefan Slepdnsson 196, 197, 275; II 

259—262. 
Stefnir Porgilsson 106. 
Steinavötn II 148, 149. 
Steinasandur II 148. 
Steingriniur Thorsteinsson 62, 124, 

135, 159, 279, 326, 338, 339, 34i> 360; 

II 57» 255. 
Stigärjökull II 140, 144. 
Storinüpur 174; II 19—22. 
Störölfshvoll 220; II 34, 35, 39 ft. 
Strokkur II 6 f., 18. 



Namenverzeichnis. 



B(J7 



Sturla Pördarson loi, 113; II 266. 

Stnjtur 57. 

Sturliinga Saga 113, 159; II 266, 267, 

Styrmir loi, 327. 

Sudermann 353, 361. 

Sudursveit II 135, 144 f., 149. 

SudursveUarfjöll II 144. 

Süla II 96. 

Sülnasker 36. 

Sil Zur II 221. 

Surtshellir 65. 

Sveinagjä 60, 93; II 185, 204. 

Sveinbjörn (Musiker) 185. 

Sveinbjörn Egilsson 337, 338. 

Sveinn Pdlssoii 67, 70, 71, 72, 90, 238, 

359> 360; II 48, 70, 82, 140. 
Svend Foyn 256. 
Svinadalur [Kj.) 261. 
Svinadalur (Ping . s.) II 208, 209, 210. 
Svinafell II 60, 61, 90, 91, 120, 123, 

125, 130-139- 
Svinafellsä II 130. 
Svinafellsjökull II 130, 140. 
Svinaskard 260. 
Systrastapi II 96, 107. 
Systravatn II 107. 



T, 

Tacitus 32, 261, 264, 313; II 287. 

Thomsen, s. DUlev Thomsen. 

Thoroddsen, s. Porvaldur Th. 

Thorvaldsen 106, 130, 131, 175 ff. 

Thule 9, 30, 340. 

Tieck 338, 340. 

Tiedge 341. 

Tindfjallajökull II 19, 29, 46, 53. 

Teitr Isleifsson iio. 

Tjörnes II 213. 

Tomas Scemundsson 339. 

Torfajökull 52. 

Torfi Bjarnason 191, 198. 

Trollkonustigur II 171. 

Trö/ladyngja (ReykJ.) 42, 57. 

Trölladyngja (Oddd.) 57; II 227. 

Tröllahäls zg^. 

Tungnä 75. 

Tungufljöt 11 13, 17. 



Tunguheidi 11 212, 213. 
Tvisker 238. 
Tyrkir 106, 370. 

U. 

Uhland 337. 

Ulfljötr 102, 103, 304. 

Unst 30, 31. 

Uppsalir II 143, 149. 

Uxahryggir 80, 222, 223, 294—297. 

Uxahver 192; II 214, 218, 219. 

Uxavafn 297. 



Vadlaheidi II 241, 248, 264. 
Valdimar Briem 176; II 22, 23, 255. 
Valtijr Gudmundsson 6, 7, 39, 125, 292, 

342; II 280, 284. 
Valpjöfstadir 165; 184. 
VatnajökuU 54, 57, 66, 71, 72 ff., 94, 

95; II 29, 46, 144, 150, 160, 172—174. 
Vatnajükulsvegur 75. 
Vellindishver 284. 
Verdandi 126. 
Verne, Jules 3, 28, 45. 
Vestmanna eyjar 9, 12, 34—41, 48, 

251, 364; II 28, 35, 48, 81. 
Vestrarhorn II 152. 
Vidalin 69. 

Videy 45, 130, 156, 326—328; II 91. 
Vididalur 89. 

Vididalur (Ping. sj II 199, 2CX). 
Vißlstadir 329. 
Viga-Skiita II 234, 235. 
F«^2/r II 154, 155, 164. 
F2/& 39; II 72, 82 ff., 132. 
Vikingavatu II 212, 213, 238. 
Vikurkkttur II 84. 
Villijdlmur Fiiisen 19, 257, 283. 
Viitdheinuyökull II 221. 
Vinland 106, 125, 368, 368, 370. 
Virkisd II 139. 
Virkisjökull II 140. 
Vonarskard 75, 83. 



20 ■ 



308 



Namenverzeichnis. 



W. 

Waltershausen, Sart. von 91; II 229. 

Wathne 12, 249. 

Watts 74; II 122. 

Wieland 337, 339. 

Wildenbruch II 115, 116. 

Wilhelm, Bischof der Orkaden 87. 

Worm, Ole 89, 165. 



Z. 



Zieten (Kl. Kreuzer) 38, 156, 185, 255, 

326, 372—376; II 64, 81, 84, 168. 
Zirkel 84, 91, 92; II 70. 
Zugmayer 6, 19, 84, 257; II 212. 



P. 

Pangbrandr s. Dankbrand. 

Pangbrandshvkr II 228. 

Perney 130. 

Pidrandi II 161, 162. 

Pingey II 240. 

Pmgeyjar sysla II 203—241. 

Pingey rar 324. 

Pingniüli II 171. 

Pingnes 278, 279. 

Pingvallavatii ■^i, 42, 300,308; II 1,2, 

245- 
Pingvellir 103, 105, 124, 171, 174, 185, 

191, 298-309; II 2, 3, 4, 49, 244,245. 

Pjöfalmiikar II 172, 173. 

Pjörsä 75, 78; II 19, 23, 35, 44, 199. 

P/örsdrdalur 78; II 10. 



Pörarinn Porläksson 174. 

Pördr Andresson 181; II iii — 113. 

Pördr Stiirliison iii. 

Pördiir Vidalin 69: II 155. 

Pördtir Pördarso}i II 116, 117, 148, 154. 

Porgeirr 107, 304; II 235, 236, 238. 

Porgrimur Gudmitndsen 139, 140. 

Pörisvatn 75. 

Porläkr Runölfsson iio. 

Porläkur Pörhallsson II 92, 105. 

Pormödr Torfason 89, 140, 163. 

Pörsmörk 78; II 44 ff., 11 1. 

Porsteinn Egilsson 120, 360; II 255. 

Porsteinn Illugason 163. 

Porvaldr Kodränsson 106, 323. 

Porva/dseyri 320; II 63—65. 

Porvaldiir Bödvarsson 337. 

Porvalditr Thöroddsen 6, 50, 52, 56 
58, 60, 67, 70, 71, 72, 73, 75, 76, 82, 
84, 92, 94-97, 140, 225, 237, 275, 
290; II 16, 67, 69, 70, 71, J2I, 134, 
213, 222, 260, 279, 280, 286, 287. 

Prändarjökidl II 160, 161, 170. 

Prasi II 67, 80. 

Prihyrningur II 29, 60, 61, 133. 

Piirrärhraiin 41. 

Pverä (Bgf.) 280. 

Pverä (Rdngdrv. s.) II 41, 43, 44, 53, 

54» 55) 58- 
Pverä ^bei Akureyri) 267. 
Pverfell 295. 
Pvottä II 158, 160, 163. 
Pvottäreyjar II 164. 
Pykkvibcer II 77, 81, 90—93, 106. 
Pyrill 266; II 169. 




Sachregister. 



A. 

Aberglaube 90 f., 205; 11 136 ff., 156. 

Abiturienten-Examen 156, 157. 

Ächter 67, 79 ff., 177, 205, 296, 353, I 

359; II 5. 136. 203, 255. 
Ackerbau 188 ft., 327; II 56. 
adalkirkja 325. 
Administrative Einteilung Islands 122, 

123; II 141. 
afrjettir 202, 205—209, 315; II 58. 
Alpenstrandläufer 269; II 42. 
almenningur 208 f. 
Altersversorgung II 142. 
Altertumsmuseum 162, 170, 174, 324, 

325- 
Alpingi 103, 113, 117, 119, 122. 

Amerikanische Fischer 259. 

Amtmann 118, 126, 331, 332; II 261. 

Anamesit 50. 

Annalen 85. 

annexia 273, 325; II 39. 

Apalhraiin 63 f. 

Archangelica officinalis 74, 193 ; II 224, 
232. 

Armenpflege II 141, 142. 

Arnamagnäanische Handschriften- 
sammlung 163. 

Ärzte 146—152, 280, 281, 319, 345; 

II 115-117. 154, 259. 
askiir 149, 164, 317. 
Autklärung 180, 327. 
Augenkrankheit II 148. 



Auslandsreisen 84 f. ; 11 igi. 
Ausrüstung für die Reise 274, 275. 
Aussprache des Neuisländischen 267, 

268, 352; II 78. 
Auswanderung 122, 123, 295, 296; 

II 218, 234, 283, 284. 
Automobil 267, 290, 373; II 265. 



B. 



badstofa 219, 244, 262, 313, 318, 319, 335. 

bcejarfögeti 122; II 177, 259. 

Bär II 143. 

Beer, s. Haus. 

Bank von Island 14, 18; II 282. 

Basalt 50. 

baulusieinn 52. 

Befehlshaber 331, 332. 

Begräbnis 225, 226; II 252. 

Begrüssungen 263, 264. 

Bergengelwurz 193. 

Berggang 205 ff., 210. 

Bergkönig 206. 

Besiedlung Isl ands 100 ff.; II 343, 276, 287. 

Bettler 149, 262; II 141, 142. 

Bezirksverfassung 103; II 141. 

Bibel, übersetzt 272, 335; II 92, 250. 

Bibliotheken 131, 153, 154, 233; II 22, 

234, 252, 268. 
Bischöfe 107 fi. 
Biskupaveldi 115, 
blägrijti 50. 



310 



Sachregister. 



Blumen s. a. Flora 6i ff., 196, 197, 
276, 278, 325, 330; II 33, 72, 108, 
109, 201, 210, 223, 224, 249. 

Bodenverbesserung 190 f.; II 261, 284. 

Brachvogel 266; II 42, 257. 

Branntwein 118, 269, 270, 299; II 283. 

Brettchenweberei 169, 170. 

Brücken 95, 290, 336; II 5, 72, 103, 
210, 220, 236, 248, 282. 

biict 303, 304. 

bümannskhikka II 138. 

bünadarfjelag 190 f. 

bür 312 ff.; II 107. 

Butter 191, 220; II loi. 

C. 

Christenrecht 107. 

Christentum, seine Einführung 106 ff., 
333; II 158 fl., 161—163, 257, 258. 

D. 

Dampferverbindung mit Island lof.; 

II 214, 259, 262, 269, 282, 285. 
dansar s. Tanzgedichte. 
Dänemarks Beziehungen zu Island 

113 ff., 234, 267, 353, 361 ; II 130-132, 

186, 261, 281, 282. 
Deutschlands Beziehungen zu Island 

69, 114, 159, 160, 217, 253 ff., 267, 

33.3-35i> 353» 361, 367, 372; II 21, 

22, 38; 115, 117-120, 152, 168, 190, 

191- 254, 259. 
dagsldtta 198; U 285. 
Dichterpension II 255. 
dilkiir 202, 208, 209 f. 
Dolerit 50, 52. 
Doppelspat 15; II 169. 
Dorsch 236, 241, 242; n 271. 
Drama, Geschichte des isl. 351—363: 

n 255. 

Dramatische Aufführungen 146, 15g, 
174, 259, 351, 235, 358 f.; II 52, 57, 
249. 250, 255, 256, 261, 262. 

drättur II 188—150. 

Draussenlieger s. Ächter. 

Düngen 194: II 149, 252. 

dyngja (Lavakuppe) 57. 

dyngja (Frauenstube) 313. 



E. 

Ebereschen II 249, 262, 266. 
Eddalieder 163; II 31, 36, 37, 55. 
Eier 39 f., 43, 269. 
Eiderdunen 327, 346; II 217. 
Eidergans 326—328; II 217, 246, 271. 
Einokunartimabil 117 f 
Einwohnerzahl II 283. 
Eis 54: II 213. 
Eisenbahn II 215, 227, 282. 
Eissturmvogel 33; II 84, 86, 87, 90 

143, 168. 
Eiszeit 48; II 76, 240. 
eldhiis 310 ff. 
Elfen 176, 308, 336; II 109, iio, 136, 

153, 203. 
Elymus arenarius (s. a. Sandhafer) 62, 

190. 
Englands Beziehungen zu Island 88, 

114, 250, 251, 331, 332, 342 f.; II 227, 

271, 281. 
Entdeckung Amerikas 106. 
Entdeckung Grönlands 104. 
Entdeckung Islands 55, 99 ff. 
Enten 11 224 f., 232 f. 
Enthaltsamkeitsbewegung II 283. 
Entwöhnen der Lämmer 202 ff. 
Erdbeben 37, 66; II 18, 19, 20, 36, 213, 

216, 219, 246. 
Erwerbsquellen 188-256: II 284, 285. 
Erziehungswesen 152—162, 334—336, 

n 37; 77, 91» 92, 93, 186, 148, 260; 

261, 266, 282. 
Export 15 f., 191, 200, 220, 238, 239, 

241, 243, 251, 327, 346; II 215, 285. 



fcFrikviar 194 f 

Falken 15, 86, 346; II 215. 

Familienleben 162, 264. 

Fata morgana II 57, 81. 

Fauna II 72, 224, 225, 232, 233, 240. 

Fische 241 ff., 269, 345 f ; II 272 ff.j 

Fischerei 39, 45, 118, 233-256, 345 f. 

II 270 f 
Fischfang, Betrieb 233 ff., 243 ff.; II 

149, 154. 225, 226, 270 ff. 



Sachregister. 



Hll 



fjallagrös 193. 

fjarborg 215, 2t6. 

Flaschenpost 38. 

Flora s. a. Blumen 96, 197; II 72, 108, 
126, 144, 223. 

Flugsand 61 ; II 70, 98, 196, 200, 904. 

Flurwiese 197. 

Flussübergänge 290 ; II 17, 18,23,58, 68, 
72, 74, 76, 97, 98, 92, IOC, loi, 210, 
121, 126, 127-129, 130, 145, 149, 154, 
187-190, 192—195, 203, 242, 259, 260, 

Forellen 233, 242, 308; II 195, 212, 
225, 226. 

det Forenede Dampskibsselskab 11, 
12. 

formansvistir 245. 

Forngripasafn 78, 162, 170, 324, 325. 

Fornleifafjelag 78. 

fösiur II 148. 

fräfa'rur 202. 

Frankreich 251 ft'. ; II 100. 

Frauen 125, 135-137. 

Freistaat 103— 113. 

frelsisbardtta 120 fT. 

Fuchs 62, 205; II 179. 

fylgdarniadur 282—284. 

fylgja II 58, 137, 162, 163. 



G. 

gaddur II 97. 

Gärten 190 ff.; II 56, 251, 252, 266. 

Gartenbaugesellschaft 199 ff.; II 251, 

284. 
Gastfreundschaft 261 ff., 319; II 78, 

200. 
Gefängnis 144, 146. 
geirfiigl 37, 43. 
Geistlichkeit, katholische 109, 148, 270; 

II 91—93, 201, 266. 
Geistlichkeit, lutherische 109, 270 fi". , 

319, 345; II 155, 268. 
Gemäldesammlung 131, 132. 
Generalstab 36, 227, 228; II 71, 85, 86, 

102, 130—132, 140, 144. 
Geologischer Bau Islands 48 ff.; II 76. 
Gericht 104, 119, 123, 304, 305. 
Gesang 185, 273; II 22, 56, 57, iio ff., 266. 



Geschichte Islands 99 — 127. 
Gesundheitsverhältnisse 146—152; II 

148, 283. 
Getränke 208, 220, 269, 270 ; II 82, 131, 

169, 190, 214, 243, 244, 262, 269, 283. 
Gletscher 66 — 77, 87, 222; 11 46, 130, 

136, 141, 144 f, 155. 
Gletscherflüsse 279; II 13, 74—76, 145, 

187. 
Gletschergestank II 67, 68, 127. 
Gletscherlöcher 69; 11 48, 126, 147. 
Gletschersturz 48, 67; II 68, 71, 89, 

121, 127, 141, 152. 
Gletscherwasser 197, 270; II 177, 178- 
glima \(i2.. 

gU" 44- 

godi 102, 303, 305; II 183, 

Goldregenpfeifer II 42, 43. 

Golfstrom II 78. 

Grdgäs 113. 

Gras iq6, 197. 

Grösse Islands i, 49, 95, 261. 

Gymnasiai-Bibliothek 153, 154. 

Gymnasium 1520:, 331, 332, 338, 358, 

359- 

H. 

Haar der Pele 61; II 201. 

Habicht 86. 

Haflidaskrä iio. 

Haifischfang 243. 

Handel 15 ff., 275, 276, 343 f; II 84, 

85; 145» 146, 152, 191. 201, 214, 215, 

285. 
Handelsmonopol 16, 114, 117 ff. 
Handwerkerhaus 132. 
Haus, das isl. 104, 219, 310 — 325; 

II 20, 51, 64, 65, 130, 136, 144, 149, 

178, 195, 200, 217, 220, 236, 238, 262. 
Hauswiese, s. tun. 
Helluhraun 63 f 
Herd 320; 209. 

Heringsfang 236, 248 flf.; II 259, 271 f. 
Jiestarjett 227, 273. 
hestasteinn 227; II 191. 
hestavig 232 ff. 
Heu 196, 197. 



312 



Sachregister. 



Heuernte 198 ff.; II 73, 178, 228, 263, 

284. 
Hexenglaube 336. 
hirdstjöri 113. 
Hirt 202, 204, 216. 
hjallur 242, 315. 
Hochland 77 ff. 
Hochweiden 205 ff. 
Hölle II 30, 31. 
höfdaleUir 168. 
höfiidsmadur 113. 
Höhlen s. a. Lavahöhlen 65, 208, 214, 

215; II 63. 
holt 143. 

Hornlöffel 168, 169. 
Holzschneidekunst 1635. II 184, 217, 

252. 
Holztransport 275, 276. 
hrann 63 ff. 
Hungersnot 118. 
hreppstjöri 122, 210; II 141. 
hreppur 141. 

Hundebandwunn 149, 150,317; II 78. 
Hühner 281. 
hüsagarditr 322. 
hver 66, 144; II 219. 
hvönn 193. 



Import 15, 189, 190, 192, 322, 346; n 285. 
Iren 29; II 104, 154, 166. 
islendingobök 11 1. 
Islendingasaga 113. 
Isländer-Sagas loi, 108, 109; 11 295. 

J. 

jardabcetiir 191, 197. 
jardhüs 314; II 235. 
Järnsida 113, 114. 
jökulhlaup 68. 
jökull 66. 

Jökulsä II 13, 74—76. 
Jönsbök 114. 

K. 

Kabelverbindung 127, 290 ff. 
Kaffee 208, 320; II 283. 



Kalte Pein 30. 

Kartoff'el 192; II 249, 266, 284. 
Käse 219, 220. 
Kaufmann 17 f 
Kegelförmige Vulkane 56, 57. 
Keltische Einflüsse loi, 181; II 77. 
kerling 289; II 28. 
Kesselbruch 44. 

Kirchen 259, 294, 308, 317, 323-325, 
345; n 79, 139. ^55, 156, 161, 228, 
234, 252, 263. 
Kirchhöfe 133, 273, 325; II 20, 123, 

252. 
kläf'ur II 188—190. 
Khrkaveldistimabtl 115. 
Klima 49, 54, 55; II 23, 84, 139, 154, 
167, 196, 213, 214, 271, 275. 

Klippfisch 239, 242. 

Klöster 324; II 79, 91, 266. 

König auf Island 123, 124. 

kofi 208, 297. 

Kohl 192. 

Kommersbuch 367 f 

Konsumvereine 18; II 285. 

Kosten des Reisens auf Island 263. 

Krankenhäuser 146 ff. ; II 178, 249, 253. 

Krater 56 ff'. 

Kraterreihen 58 ff. 

Kuckuckslichtnelke 62. 

Küche 244; II 209. 

Kühe 217 ff.; II 284. 

Künste auf Island 163 — 187. 

Küssen 264. 

Kuhställe 218, 219, 315; II 262. 

Kunstgewerbe 163 ff'. 

kviar 204. 



Lachs 235, 242; II 217. 
Lagunen II 73. 
Landbau 188 — 193. 
Landesarchiv 132. 
Landesbibliothek 131, 233. 
Landnahmezeit 100 f 
Landnämabuk 190, loi, 11 1, 327. 
landnämsöld 100 — 103. 
Landwirtschaft 118, 188 flf., 240; II 284, 
285. 



Sachregister. 



313 



Landwirtschaftliche Schulen i6o. 

Ländliche Verfassung 122, 123. 

Länge der Überfahrt nach Island 9 f. 

landfögeti 118, 322. 

hmdshöfdingi 122, 125, 126; IT 280. 

lang 66, 144. 

Lava 60 ff., 86, 299, 300; II 231 ff. 

Lavafelder 60 ff., 283. 

Lavahöhlen 41, 329; II 2. 

Lavakuppen 57, 58. 

Lavavegetation 61 ff., 330; II 222, 

231 f. 
Leibesübungen 162; II 138. 
Leinfink II 232, 240. 
Leithammel 213, 214. 
Lepra 148, 149; II 78, 200. 
Lilja n 92. 
Liparit 52, 281. 
Lögberg 103, 107, 303, 305 fif., II 49, 

134, 183. 
lögmadr 113, 138. 
lögrjeit 208. 

lögrjetta 103, 300, 305 ft: 
lögsögumadr 103, 113, 303, 305. 
lokhvila 165, 288, 312. 
lopt 312. 

M. 

Maccaluben 229 f 

Mädchenschulen 160. 

Malerei 173-180, 294, 325, 352; II 20, 

156, 251, 263, 264. 
Malverkasofn 131, 177. 
mark (Erkennungszeichen) 203, 210, 

212, 213, 218, 236; II 211. 
Marschall v. Island 113. 
Mangelhölzer 166, 167. 
Meerelster 178. 
nieliir 62, 143. 
Mineralien II 169. 

Minister 122, 126, 127, 133; II 280, 281. 
rnistiir II 125. 
Mitternachtssonne II 212. 
mjölba'titr 119. 
möberg 50. 
möhella II 196, 200. 
Monopolhandel 117 f., 125, 336, 344 f. 
Moos 63. 



Moos, isländisches 2, 193 (338). 
Mücken 11 100, loi, 209, 221, 223, 227, 

23', 235. 
Mühle II 103, 238. 
Musik 180—187, 349; If 56, 57, HO bis 

113, 243, 266. 
myri 142, 197 ; II 89. 
Mythologisches 29, 47, 48, 164, 165, 

173, 176, 259, 298; II 38, 4r, 58, 102, 

123, 136, 137» 153, 18 L f, 184, 222, 

230, 264, 265. 

N. 

Name „Island" 55, 100. 
Namengebung 140 — 142; II 138. 
nämur II 228 f. 
Nationallied 20, 21, 34, 125, 367; II 4, 

27, 289, 290. 
Nationalgerichte 28, 220, 246, 256, 267 f., 

366, 367; II 64, 201, 212. 
Nationaltracht 135 ff. ; II 209, 221, 243. 
Nationalversammlung 122. 
Natur Islands 47 ft; ; II 285, 286. 
Naturwissenschaftliches Museum 162. 
naust 315. 
Nonnen II 105, 106. 
Norwegens Beziehungen zu Island 

loi, 102, 113 ft:, 248 ff.; II 249, 259, 

271 f., 281. 



O. 



Obsidian 52. 
ölkelda 66. 
örfoka II 125. 



Packpferd 228 ff. 

Palagonit 51 f. 

Passgänger 224. 

Peitsche 224, 225, 263. 

Pest 78, 115, 343. 

Petroleum 244. 

Pfänderspiel 317. 

Pferd 138, 139, 221-234, 263; II 63. 

167, 168, 169, 187, 197, 284. 
Pferd (Last) 199, 200; II 65, 228. 



314 



Sachregister. 



Pferdehetzen 231 — 233. 
Pferderennen 231, 232. 
Pferdeställe 226 f , 315. 
Pinguin (geirfitgl) 37, 43. 
Polizei 80, 138. 

Postverkehr 45, 346; II 124, 210. 
Programme der Lateinschule 156. 
Psalmen 38. 

Quellen, heisse 66, 279, 284, 286; 
II I, 4, 5, 6tT., 18, 218, 219, 228, 240, 
268. 

— kohlensäurehaltige 60. 

— schwefelhaltige 66; II 228 ff. 

R. 

Rabe 62. 

Radium II 12, 13. 

rauchen II 135. 

Realschulen 160, 332; II 249, 253, 260, 

261. 
Regensen (Collegium regium) 254. 
Reformation, Einführung 116 ff., 335, 

336; II 91, 93, 106. 
Refornigymnasium 159, 160. 
Reinlichkeit 317; II 78, 136, 236. 
Reisen, Art. d. R. auf Isl. 96, 229, 230, 

282, 283. 
Reitzeug 229 f 
Religionsbekenntnis 117, 335; II 201, 

234- 
Rentier 77, 203; II 185, 186, 212, 218, 

226, 227. 
Retirade 3x5, 317. 
reykjamöänhardindi II 97. 
riklingur 28, 269. 
rimur 115, 116, 161. 
Rindviehzucht 217 — 220; II 284. 
Ringkampf 162, 212, 303. 
ritöld 109. 
rjett 204, 208 ft'. 
Romane 116; II 282. 
Romantiker 339 f. 
rosabaugur II 180. 
Rotdrossel 62, 133, 277; II 232, 240. 
Runen 158, 163, 287; II 108, 122, 220, 

238, 266. 



Saiii/iiis 297; II 117, 118. 

Saeter 198. 

safn-rjett 209, 210. 

Sagas {sögnr) 108 f 161 ; II 55, 59, 77, 

184, 258, 287. 
säluhlid II 123 
Salzfisch 242. 

Sandhafer 62, 143, 190; II 196, 201. 
Sandsturm II 196, 204, 213. 
sandur 33; II 44, 48, 70, 120, 124, 

125 «F., 132, 144, 199. 
Schach 238, 365, 366. 
Schafe 80, 81, 194 ff-, 200, 217, 284; 

11 191, 203, 284. 
Schafställe 213 f, 315, 322,329; II 226, 

238. 
Schafzucht 2ooff. 
Schellfisch 243. 
Schläge i6[, 162. 
Schlammvulkane 229 f 
Schmiede 315. 
Schmuck II 209. 
Schnaps 17, 118. 
Schneeammer 61. 
Schneehuhn 63; II 213. 
Schnupfen II 135. 
Schornsteine 320. 
Schreitgletscher s. skridjökull. 
Schulden 17, 18; II 282. 
Schwan 279, 280; II 94, 195. 
Schutzhütte des Konsul Thomsen 375; 

II 117 — 120. 
Schwarzer Tod 78, 115, 343. 
Schwefel 15, 344, 345; II 215, 216. 
Schwefelquellen II 228 f 
Schweine II 26, 262, 264. 
Schwindsucht 149, 150. 
Seehund 238, 246 f, 280; II 123, 154, 

i55> 175- 
Seemannsschule 160, 240. 

Seepapagei 35, 36, 39; II 87. 

Seeräuber (algierische) 38, 39, 120, 

331- 
Sense 198, 315. 
Sidaskipfi 116. 
singen 185; II 243. 



Sachregister. 



315 



Sira 264. 

skdli 3L0 ff. 

skjäluggi 320. 

skoptäreldur 119; II 72, 95, 

skemnia 286. 

skjölgantur 226. 

skridjökull 69; II 71. 

skyr 220; II 59. 

söguöld 108 f. 

50/ 193, 202. 

Snorra Edda i\-2.; II 36, 37, 261. 

Sparkassen II 282. 

Sprache 253, 267, 268; II 167, 282. 

Soldaten 19, 138; II 85. 

Solfataren II 67, 174, 228 f. 

Sommertag, der erste 154, 362. 

Sonnenuntergang 134, 135; II 94, 150, 

197, 199, 212, 213. 
Spielzeug II 191. 

Sprichwörter II 33, 107, 138, 200. 
Staubsäulen II 196, 204. 
Steinschmätzer 62. 
stekkiir 202 f. 
Stickereien 170 ff. 
Stiftsamtmann 118, 126. 
Stockfisch 239, 242. 
Störidömur 79. 
Stiirlungaöld 11 1 f 
Stiirliinga saga 113. 
Stonehenge 29. 
Student 154, 157. 
stimarhits 323. 
Sumpf 142; II 284. 
Surfttrbrandur 48; II 180. 
sysla 113; II 141, 
syslitmadnr 113, 122; II 141. 

T. 

Tabak 294; II 135. 
Tageseinteilung II 137, 184. 
Tanz 181, 182; II 343. 
Tanzgedichte 182. 
Taubstummenanstalt 160. 
Taufbecken 346, 347. 
Tauschhandel 16; II 285. 
Telegramm 290, 292. 
Telegraph 127, 290—292; II 70, 115, 
282. 



Telephon 267, 290, 292, 330. 

Tempel 266, 293. 

Theater 132, 351, 352, 362, 363; II 57, 
102, 240, 250, 256. 

Thingstätten 258, 278, 299 ff.; II 12, 
171, 234, 240, 250. 

Tonnenfisch 242, 243. 

Torf II 177. 

Totenklage 4. 

Touristen, Bemerkungen für 12, 96, 
223, 229, 230, 261 ff., 274, 275, 282 bis 
284, 289, 294, 298, 299; 11 76, 82, 85, 
109, 167, 208, 211, 212, 227, 243. 

Tracht der Frauen 135—137, 17^, 299; 
II 243, 267. 

Tracht der Männer 137, 138, 299. 

Tran 243, 244, 346; II 250. 

Trawler 45, 250; II 149. 

Treibeis 54, 87; II 143, 256, 257, 271. 

Treibholz II 65, 78, 79, 136, 212, 275. 

Trinksitten 367. 

Trunksucht 118, 270, 299, 346. 

Triangulierung (vergl. auch General- 
stab) 36; II 131— 133. 

Tuff 50 f. 

Tulinius 12. 

ti'm 104, 138, 163, 191, 194—197, 240, 
266, 315; II 144, 149, 155, 251. 

tvisöngiir 182 — 185, 367. 

tüngardnr 322. 

U. 

Uhren II 137, 138. 

Umsatz 18. 

Unterrichtswesen 152—164, 285; II 77, 

91-93, 282. 
Uppgangur konirngsvaldsins 117 ff. 
Urbevölkerung Islands 29, loi, 102; 

II 77. 
üthey 196, 197. 
ütilegumaditr s. Achter. 



vadmäl 2,2f), 303, 346. 
varda 289; II 184, 205. 
vatnahestitr 221, 222. 
vegabatiir 289; II 282. 



316 



Sachregister. 



Verdandi 126. 

Verfassung 113. 125 ff. , 279, 280, 281. 

Verkehrsverhältnisse 221, 225, 290 bis 

292, 299, 300; II 90, 124, 146, 282. 
Versicherungswesen 218, 240, 313. 
Versuchsgärten 308, 309; II 251, 252. 
vertid 235, 244. 
vetrarJms 322. 
Vidreisnartimabil 120 ff. 
Viehzucht 438, 200 ff. 
Vogelberge 21, 35, 39 f, 43, 247; II 66, 

84, 86, 87, 136, 143, 275. 
Volksbräuche und Volkssagen 38, 65, 

131, 176, 280, 289, 302, 308, 327, 372; 

11 31, 32, 39, 43, 61, 65, 67, 80, 81, 

83, 89, 104, 106, 107, 122, 136—138, 
141, 152, 164, 166, 171,175,211,212, 
215, 216, 218, 222, 223, 241, 258, 262, 
286. 

Volkscharakter 19, 102, 161, 162, 267, 
270, 285, 296, 316, 319; II 53, 62, 77, 

84, 109, 136, 148, 154, 167, 171, 279, 
281, 287. 

Volkslied II 51, 52. 

Volksschulen 160; II 93, 106, 234, 249. 

Vulkane 37, 38, 42, 50, 51, 56 flf., 95; 

II 19, 33, 69, 73, 93. 95 f', 127, 140, 
185, 187, 192, 210, 213, 221 f, 227, 
228. 

W. 

Wal 235, 237, 255, 256; II 65. 

Wald 27 — 191, 276—278; II 123, 131, 



155, 176, 177, 208, 211, 224, 240, 250, 

251, 269, 270, 284. 
Walross 132, 237, 238. 
Wanderlehrer 160. 
Wappen Islands 13, 344. 
Warten 84, 289; II 28, 124, 144, 184, 

205. 
Wasserfälle 302 ; II 13 ff., 46, 63, 66, 

103, 130, 131, 179, 180, 206, 236, 250, 

267, 286. 
Wassermühle II 103, 238. 
Weidewirtschaft 193 ff; II 284. 
Wettervoraussage 291 ; II 148. 
Wiesen 193 ft'.; II 284. 
Wiesenpieper 61, 277; 11 240. 
Windmühle II 217, 226. 
Wolle 200, 204, 284; n 205, 285. 
Wrackrecht II 79. 



Zeichenkunst 173. 
Zeiteinteilung II 137. 
Ziegen II 172, 211, 212, 241. 
ZoU 270; II 283. 
Zweikampf 259, 302, 305. 



Zwiegesang 182- 



185. 



Pjödjardir 2,-ji. 
Porrablötsvisiir 371 72. 
Püfa 142; II 284. 




Lofeei», Polarkreis 



20 WesUic 





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Abküpzungen : 
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Ö^ • " flj°t stdr. - stadlp 

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Maßstab l: 1750 000 
10 20 30 w ao 



IClometer. 



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