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Full text of "Italische landeskunde"

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ITALISCHE 

LANDESKUNDE 



VOH 



HEINRICH NISSEN 



ZWEITER BMD 
DIE STAEDTE 



ERSTE HAELFTE 



BERLIN 

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG 
1902 



Haec est Italia diis sacra, hae gentes eins, haec oppida populorimi. 

Plinius 



INHALT 



EINLEITUNG 

Seite 

1. Gröfse und Eintheilung 3 

2. Die Landgemeinden 7 

3. Die Municipien 15 

4. Die Colonien 24 

5. Die Entwicklung der Städte 34 

6. Die Landstrafsen 49 

7. Mafs und Münze 61 

8. Die Volkswirtschaft 80 

9. Die Bevölkerung 99 

KAPITEL I 

Ligurien 

1. Die Provinz der Seealpen 134 

2. Die Riviera 139 

3. Das Reich des Cottius 148 

4. Das ßinnenland 152 

KAPITEL U 

Die Transpadana 

1. Die Tauriner 163 

2. Die Salasser 167 

3. Die Libiker 173 

4. Die Insubrer 177 

KAPITEL III 

Venetia und Histria 

1. Die Cenomanen 195 

2. Die Veneter 211 

3. Die Carner 225 

4. Die Histrer 237 



IV Inhalt. 

Seite 
KAPITEL IV 

Die Aemilia 

1. Die Küste .245 

2. Das Binnenland 256 

KAPITEL V 

Etrurien 

1. Die Nordmark 282 

2. Das Erzgebirge 297 

3. Der Osten 313 

4. Das Tafelland 326 

5. Die Södmark 345 

KAPITEL VI 
Umbr i en 

1. Die Gallische Mark 376 

2. Das westliche Umbrien 389 

KAPITEL VII 

Pi c enum 

1. Die Picenter 411 

2. Die Praetuttier 428 

KAPITEL VIII 

Der Hoehappennin 

1. Die Vestiner 437 

2. Die Marruciner 442 

3. Die Paeligner 445 

4. Die Marser 450 

5. Die Aequer 457 

6. Die Sabiner 463 



EINLEITUNG. 



Die politische Beschreibung Alt Italiens geht von der Zeit des 
Augustus aus. Ein tausendjähriges Ringen der Stämme unter ein- 
ander, zwischen Bürgern und Bauern, Republik und Königtum, von 
Stadt gegen Stadt, Einheitstaat gegen Bundesstaat ist beendet, über 
dem Kampfplatz breitet der Friede seine Fittiche aus. Im Mittel- 
punct der Halbinsel gelegen, hatte Rom mit rastloser Kraft Kreis 
auf Kreis gezogen , mit unvergleichlicher Weisheit Sieger und Be- 
siegte versöhnt, schliefslich das ganze Land in den Rahmen seiner 
Verfassung aufnehmen können. Das römische Bürgerrecht wurde 
89 v. Chr. bis an den Po , 49 v. Chr. bis an den Fufs der Alpen 
ausgedehnt, der Gebirgswall selbst 15 v, Chr. bezwungen. Nunmehr 
fällt die politische Grenze mit der natürlichen annähernd zusammen, 
das festländische Italien ist ein einziges Stadtgebiet geworden; 
dessen Bürger wandern nach Rom um ihr Herrscherrecht in der 
Volksversammlung auszuüben, um ihre Händel vor dem Praetor zum 
Austrag zu bringen. Die Zügel der staatlichen Gewalt ruhen in der 
Hand des Senats und der hauptstädtischen Magistratur, aber das 
Land geniefst eine bedeutende Geraeindefreiheit, ist dem Reiche 
gegenüber durch seltene Vorrechte ausgezeichnet. In den nächsten 
drei Jahrhunderten wird die Verfassung der Republik durch eine 
unumschränkte Monarchie, die Selbstverwaltung durch ein Beamten- 
tum verdrängt, Italien allmählich den Provinzen gleichgestellt. 
Währenddem schreitet der allgemeine Verfall unaufhaltsam fort und 
leitet die neueEntwickelung ein, die man als Mittelalter zu bezeichnen 
pflegt. „Wie Italien zur Römerzeit aussah, soll in diesem Hand- 
buch beschrieben werden." Unser Leitsatz an der Spitze des ersten 
Bandes bedingt auch die Auswahl des Stoffs für den zweiten. Die 
nachfolgende Darstellung verzichtet auf den Versuch die einzelnen 
politischen Bildungen, die in buntem Wechsel einander abgelöst 
haben, nach ihrer geschichtlichen Ordnung vorzuführen. Sie schildert 

Nissen, Ital. Landeskunde. IL 1 



2 Einleitung. 

das augusteische Zeitalter, wo das Land seine ansteigende Bahn voll- 
endet hat und zum Abstieg rüstet, wirft von solcher Höhe aus 
Rückblicke auf die Vergangenheit, Ausblicke in die Zukunft. Ein 
anderes Verfahren einzuschlagen wird überhaupt durch die Dürftig- 
keil des verfügbaren Materials verwehrt. Freilich vermögen die 
einförmigen Zustände der Kaiserzeit nicht die Aufmerksamkeit in 
gleichem Mafse zu fesseln wie die Blüte der griechischen Hansa 
oder der samnitische Bauernkrieg, wie der Aufbau der römischen 
Macht und die Stürme die an ihren Grundfesten rüttelten. Aber 
für die älteren Jahrhunderte spendet die Ueberlieferung weder reine 
noch reichhaltige Quellen , ihr Verständnifs kann allein von dem 
sicheren Boden aus, den gleichzeitige Schriftwerke und massenhafte 
Denkmäler bereiten, erschlossen werden. Unter den erhaltenen 
Darstellungen nehmen zwei für itahsche Landeskunde eine besondere 
^A'ichtigkeit in Anspruch. Aus dem Jahre 18 n. Chr. stammt das 
anmutige Gemälde das Slrabo (im V. und VL Buch seiner Geographie) 
von Italien entworfen hat: an der sonnigen Stimmung mag der 
Beschauer sich erwärmen, an der künstlerischen Gestaltung erfreuen, 
ohne zu vergessen dafs es den Bedürfnissen und Forderungen der 
Gegenwart nicht genügt. Die heutige Wissenschaft leiht allen Lebens- 
erscheinungen einen zahlenmäfsigen Ausdruck und ist bestrebt den 
fafslichen unanfechtbaren genauen Mafsstab, den die Zahl gewährt, 
auch zur Erklärung des Altertums zu verwenden. Demgemäfs 
wird ihr die treue Wiedergabe des Thatbestandes zur obersten 
Pflicht, und gewinnt die Beschreibung im HL Buch der plinianischen 
Encyclopädie den urkundlichen Wert der bei Strabo zurücktritt. Es 
handelt sich um denjenigen Theil der Beschreibung, der die Liste 
der Gemeinden enthält, nach welcher Augustus den Census 14 n. Chr. 
abgehalten hatte. Der Text ist nicht fehlerfrei, doch im Ganzen 
zuverlässig überhefert; die spätere Verwaltung hat an der Liste 
keine erheblichen Aenderungen vorgenommen. Indem derart das 
administrative Schema der Kaiserzeit gegeben ist und durch eine 
Masse von Inschriften erläutert wird , gewinnt die Forschung eine 
feste Grundlage um die älteren pohtischen Bildungen zu begreifen. 
Dies ist der Wegweiser bei unserer Wanderung durch die italischen 
Landschaften. Vor dem Antritt der Wanderung müssen einige all- 
gemeine Verhältnisse besprochen werden. 



§ 1. Gröfse und Eintheilung. 3 

§ 1. Gröfse und Eintheilung. 
Das alte Italien umfafste den festländischen Bestand des heutigen 
Königreichs his auf einen westlichen Strich von Piemont ga^nz, 
ein Stückchen der an Frankreich abgetretenen Grafschaft Nizza," den 
Canton Tessin, Südtirol, Görz , Triest und die istrische Westküste. 
Der Lauf der Grenze steht nur in den allgemeinen Umrissen fest 
die früher gezogen worden sind (I 79); auf Einzelfragen wird noch 
zurück zu kommen sein. Bei der obwaUenden Unsicherheit kann 
der Flächeninhalt nur in runder Ziffer angegeben werden. Immer- 
hin verdient Beachtung, dafs die I 80 genannte Gröfse 4600 Qnadrat- 
meilen 253 290 Dkm nach den neueren planimelrischen Berech- 
nungen 1) auf 250 000 Dkm zu ermäfsigen ist. Auch für die elf 
Regionen in die Augustus das Land theilte, lassen sich nur genäherte 
Werte aufstellen. 2) Die folgende Uebersicht beginnt im Norden und 
schliefst sich der geographischen Ordnung an: 

Dkm Gemeinden Colonien 

Transpadana XI 32 000 12 2 

Venetien X 51000 25 7 

Ligurien IX 14 000 17 1 

Aemilia VIII 19 500 26 6 

Etrurien VII 31000 49 7 

Umbrien VI 10 000 49 4 

Campanien I 15 500 86 9 

Valeria IV 18000 43 1 

Picenum V 6 500 23 4 

Lucanien III 27 500 24 

Apulien II 25 000 76 3 

250000 43Ö 44 

1) General Strelbitsky, Superücie de l'Europe, Petersburg 1882, wies 
nach, dafs die amtliche Statistik den Flächeninhalt des Königreichs' gegen 
8000 Dkm zu hoch ansetze. Die Nachprüfung des mililär-geographischen 
Instituts, Superficie de! Regno d'llalia valutata nel 1884, Firenze 1885. ergab 
sogar einen Fehler von 10 000 Dkm. Daher rührt es dafs die Gröfsenangaben 
in ß. I vielfach ermäfsigt werden müssen, z. B. S. 345 Sicilien von 29 240 auf 
25 461 Dkm. Der Fehler steckt in den ehemals bourbonischen Landestheilen 
von denen genaue Aufnahmen vermifst wurden (S. 54). 

2) J. Beloch, die Bevölkerung der griechisch-römischen Weit, Leipzig 1886, 
p. 391. Die Abweichung unserer Ansätze stützt sich auf die Berechnung im' 
Annuario Statistico von 1898. 



4 Einleitung^. 

Die Eiutheilung stammt aus den Jahren 13 und 14 n. Chr., als 
der Kaiser, um den Widerstand gegen die Erbschaltsteuer zu brechen, 
mit Einführung der Grundsteuer drohte und den Kataster neu auf- 
nehmen hefs (I 81). Während der republikanische Censor die Bürger 
und ihr Vermögen nach Tribus geschätzt hatte, nahm Augustus in 
Italien wie in den Provinzen den Census nach Landschaften vor. 
Die Drohung erfüllte ihren Zweck, bis 292 bheb der italische Boden 
steuerfrei. In der Zwischenzeit, bevor die Umwandlung der Be- 
gionen in Provinzen erfolgte, also von Augustus bis Diocletian haben 
jene Bezirke für verschiedenartige Aufgaben der Staatsverwaltung 
gedient die der Natur der Sache nach nur im örtlichen Zusammen- 
hang gelöst werden konnten, i) Nach Regionen hielt auch Ves- 
pasian den Census ab, wurden indirecte Steuern wie Erbschaft- 
und Freilassungsteuer eingezogen, Rekruten ausgehoben, die Domänen 
verpachtet, seit Traian die kaiserliche Fürsorge für arme Kinder 
geregelt, seit Marc Aurel die Vormundschaftsgerichte eingeführt. 
Allmälich im Lauf der Zeiten hat sich aus der Praxis heraus die 
neue Eintheilung im Volksbewufstsein eingelebt und die Benennung 
der einzelnen Bezirke veranlafst; denn von Hause aus sind die 
11 Regionen Italiens ebenso wie die 14 Regionen Roms, deren 
Einrichtung 7 v. Chr. gleichfalls monarchische Ziele verfolgte, 
allein durch Ziffern bezeichnet gewesen. Die Namen sind in 
8 Fällen alten Volksstämmen entlehnt, für 2 von der den Bezirk 
durchziehenden Hauptstrafse abgeleitet, ein einziger nach örtlichen 
Merkmalen gebildet. Die Wissenschaft hat sich gegen die Neuerung 
des Augustus ablehnend verhalten. Von Strabo, der wenige Jahre 
darauf schrieb, ist dies leicht begreiflich. Plinius selbst hebt es als 
«inen Bruch mit dem Herkommen hervor, dafs er sie zu Grunde 
legt, und mag zu diesem Schritt durch seine Beziehungen zur fla- 
vischen Regierung veranlafst worden sein, wie er auch sonst amt- 
liches Material den Aufnahmen des Census von 73 n. Chr. verdankt. 
Aber Ptolemaeos nimmt nicht die mindeste Rücksicht auf die be- 
stehenden Regionen und ordnet die Ortschaften ausschUefslich nach 
ehemaligen Stammgebieten, die vielfach recht unglücklich bestimmt 
werden. Es ist also im alten Itahen ähnlich gegangen wie im 
heutigen: mit den 69 Provinzen in die das Königreich nach der 



1) Mommsen, die italischen Regionen, in der Festschrift für Kiepert, 
Berlin 1898, p. 104. 



§ 1. Gröfse und Eintheilung. 5 

1861 angewandten fremden Schablone zerfällt, weifs die Volkswirt- 
schaft nichts anzufangen, in staatlicher Hinsicht gilt ihre Schöpfung 
als verfehlt. Dagegen wird das Urtheil über die Mafsnahme des 
Augustus günstiger lauten. Für die Ordnung der 6 nördlichen 
Regionen hat er den natürlichen und geschichtlichen Verhältnissen 
volle Rechnung getragen; in demjenigen Theil jedoch der die 
reichste Vergangenheit aufwies, in der mittleren und südlichen 
Halbinsel hat er die Grenzen nach Erwägungen gezogen, die man 
nur halb begreift und denen kein Geograph oder Historiker zu- 
stimmen kann. Demnach wird die Reschreibung der Landschaften 
in der ersten Hälfte seiner Führung folgen, in der zweiten eigene 
Wege einschlagen müssen. 

Ris zu ihrer Umwandlung in Provinzen kommt den Regionen 
eine politische Redeutung im eigentlichen und strengen Sinne des 
Wortes nicht zu. Politisch war das Land in Tribus getheilt, nach 
den 35 Stimmbezirken in denen die Rürgerschaft ihr Herrscherrecht 
in Rom zum Ausdruck brachte. ThatsächUch jedoch hat die Volks- 
versammlung seit Tiberius und lange vor Tiberius nichts zu sagen. 
Wenn der Freigeborene bis ins dritte Jahrhundert n. Chr. die Tribus 
seinem Namen hinzufügt, so trägt er dem Freigelassenen gegenüber 
jenen Classenstolz zur Schau, der im Altertum dem Menschen eine 
noch höhere Refriedigung gewährte als gegenwärtig. Der Rewerber 
um ein Staatsamt brauchte nicht mehr wie ehedem die Vertheilung 
der Tribus seinem Gedächtnifs einzuprägen.') Ganz leicht kann dies 
auch nicht gewesen sein. Die ursprünglichen Tribus waren ein- 
heitliche Orlsbezirke, deren Zusammenhang wohl gelockert, aber 
durch Errichtung neuer nach Möglichkeit gewahrt wurde. Nachdem 
indessen die Reihe 241 v. Chr. geschlossen, vollends nachdem das 
ganze Land des Rürgerrechts theilhaftig geworden war, erscheinen 
die verschiedenen Landschaften in den einzelnen Stimmkörpern 
bunt durcheinander gemischt. 2) Selbst wenn die Anordnung nebst 
den dabei mafsgebenden Gesichtspuncten besser bekannt wäre als 
wirklich der Fall ist, würde sie einer Landesbeschreibung nicht zu 
Grunde gelegt werden können. Und dies gilt erst recht von der 
Zeit vor dem marsischen Kriege, als der gröfsere Theil des Landes 
aufserhalb des römischen Rechtsverbandes stand (I 69). Die Tribus- 



1) Q. Cicero, de pet. cons. 30. 

2) Kubitschek, Imperium Romanum tributim discriptum, Vindob. 1889. 



6 Einleitung. 

vertheilung und der italische Bund lassen sich annähernd durch 
Kartenbilder zur Anschauung bringen ; aber einer Darstellung durch 
das Wort versagen die Quellen. 

Aus äufseren wie aus inneren Gründen fällt das Schwergewicht 
der Landeskunde auf die Gliederung der Bürgerschaft in Gemeinden. 
Der römische Staatsgedanke ist über den Begriff der Stadt nicht 
hinaus gekommen: trotzdem er schhefslich einen Umkreis von 
100000 Quadratmeilen bemeistert, hat keine Scheidung zwischen 
städtischem und staatlichem Beamtentum, Haushalt, Verwaltung 
stattgefunden. Das Geheimnifs seiner Erfolge ruht in der Einheit 
des üffentlichen Lebens, die von Anbeginn an mit Strenge durch- 
geführt wird. Die Einheit erleidet dadurch keine Einbufse, dafs 
Rom im Fortgang seiner Eroberungen vorhandene Gemeinden ein- 
verleibt und neue schafft, vermittelst der Anlage von Städten die 
bäuerlichen Landschaften bezwingt und den Zusammenhang der 
Stammbunde sprengt. Das eine wie das andere war nicht möglich, 
ohne dafs diesen Theilen eine gewisse Freiheit der Bewegung und 
die Regelung eigener Angelegenheiten belassen blieb. Im 4. Jahr- 
hundert fanden eine Anzahl von Städten Aufnahme in den Staats- 
verband die ihre bisherige Sprache und Verfassung behielten. Auf 
beides mufsten die Bundesgenossen, die durch den marsischen Krieg 
zum Bürgerrecht gelangten, Verzicht leisten ; denn das Lateinische 
hatte mittlerweile einen weilen Vorsprung vor den Landessprachen 
und den Rang einer Weltsprache errungen. Aber wenn nun auch 
die staatliche Einheit manche Anforderungen, namentlich in der 
Rechtsprechung stellte, die heut zu Tage als unerträghch empfunden 
werden würden, hat sie in anderen Richtungen der Selbstverwaltung 
einen weiteren Spielraum gewährt. In Folge dessen besitzt der 
aufserhalb der Hauptstadt ansässige Römer ein doppeltes Bürger- 
recht, sowol in Rom der communis patria ^) als in seiner Sonder- 
heimat domus'^}: letztere stellt als verkleinertes Abbild von Rom 
eine res publica dar, die eigenes Vermögen hat und verwaltet, ihren 
eigenen Gottesdienst, ihre Beamten selbst wählt und die niedere 
Gerichtsbarkeit durch sie ausübt. Innerhalb dieser Grenzen hat 
das Bürgertum seine Kräfte regen können und eine Thätigkeit 
entfaltet, die am Sitz der Caesaren ausgeschlossen war; ein Abglanz 



1) Dig. L 1,33 XXVII 1,6, 11. 

2) Cic. Verr, I 45 Liv. VIII 19. 



§ 2. Die Landgemeinden. 7 

der alten Volksfreiheit leiht dem Kleinleben seineu eigentümlichen 
Reiz. Die Censusliste führt ungefähr 430 Gemeinden mit Selbst- 
verwaltung in ItaUen auf: mit voller Sicherheit läfst sich die Zahl 
nicht ermitteln. Die Uebersicht S. 3 lehrt, dafs sie sehr ungleich- 
mäfsig vertheilt, in einzelnen Landschaften dünn, in anderen so 
dicht gesäet sind, dafs nach räumlichem Durchschnitt das Verhältnifs 
zwischen 1 und 14 schwankt. Ferner sind es mit vereinzelten Aus- 
nahmen lauter Städte; aber die Ausnahmen verdienen erhöhte Auf- 
merksamkeit, insofern sie darthun, dafs die Umbildung, welche den 
Hauptinhalt der Landesgeschichte ausmacht, noch nicht ganz be- 
endigt ist. Wie Italien im Laufe der Zeiten sein Pflanzenkleid ver- 
ändert, hat es auch die ehemaligen bäuerhchen Lebensformen gegen 
städtische umgetauscht. Hellenen und Etrusker haben das Werk 
begonnen , die Romer haben planmäfsig am Ausbau fortgearbeitet. 
Als es zuletzt an Altersschwäche zu Grunde ging, gelangte das 
Bauerntum durch die Germanen wieder zu Ehren. Aber das 
römische Städtewesen feierte seine Auferstehung und machte Italien 
abermals zu einem Land der Städte. Die daraus erwachsenen Vor- 
züge und Gebrechen liegen klar vor unseren Augen und verbreiten 
Licht über die Entwicklung die in diesem Handbuch beschrieben 
werden soll. 

§ 2. Die Landgemeinden. 

Der Begriff der politischen Gemeinde hat im Altertum eine 
ähnliche Entwicklung durchgemacht wie in der Neuzeit: die Städte 
werden immer gröfser und unterwerfen allmälich das ganze flache 
Land. Nach einer Angabe zählte Itahen einstmals 1197 Gemeinden 
{uoleig), nahezu das Dreifache wie 14 n. Chr.i) Der amtliche Ur- 
sprung dieser Zahl wird nicht verbürgt, an sich klingt sie voll- 
kommen glaubhaft. Die 1. und 6. Region, Latium und Umbrien, 
weisen die meisten Verwaltungskörper auf, durchschnittlich einen auf 
eine Fläche von 200 Dkm. Aufserdem aber führt Plinius in Umbrien 
12, im alten Latium gar 50 untergegangene Gemeinden namentlich 
auf 2); fügt man diese den erhaltenen hinzu, so kommt eine Ge- 
meinde im Durchschnitt schon auf 150 Gkm. Wenn man den 
gleichen Mafsstab auf jene Angabe von 1197 Gemeinden über- 
trägt, so würde eine Fläche von 180 000 Dkm ungefähr dem 



1) Aelian Var. Hist. IX 16. 2) Plin. III 68 fg. 114. 



8 Einleitung. 

bürgerlichen Gebiet entsprechen , das ItaHen 70 v. Chr. nach dem 
Bundesgenossenkrieg umfafste. Das Mittel wurde von einzelnen 
Städten weit überschritten, von anderen lange nicht erreicht, betrug 
z.B. im alten Latium kaum 50 Dkm. Ferner werden in der 49 v. Chr. 
lUr Oberitalien erlassenen Gerichtsordnung neun Oertlichkeiten 
unterschieden, an denen Klage und ürtheil ergehen kann: oppidnm 
municipium colonia praefectura forum vicus condliabulum castellum 
territoriumve. i) Ein halbes Jahrhundert später sind all die länd- 
lichen Dingstätten am Po verschwunden, und im Mittel kommt auf 
1500 Dkm nur ein Gerichtssitz. Augustus ist der Schöpfer der 
Grofsgemeinde: wie er diese in den gallischen Provinzen verglichen 
mit den älteren Ordnungen Spaniens eingerichtet hat, so verfährt 
er nach dem nämlichen Grundsatz in Italien, soweit die geschicht- 
lichen Verhältnisse es gestatteten. Da in dem Colonistenland das 
Städtewesen entfernt noch nicht so weit vorgeschritten war wie im 
Süden, konnten die alten Stammverbände vielfach in Stadtbezirke 
umgewandelt werden und jene Lebenskraft bethätigen, die bis auf 
die Gegenwart sich fortgepflanzt hat. Immerhin fehlt es auch auf 
der Halbinsel ihrer bewegten Vergangenheit ungeachtet keineswegs 
an Spuren älterer Bildungen. 

Alle rechtliche Ordnung geht vom Grenzfrieden, von der Fest- 
stellung des Eigentums gegenüber den Nachbarn aus. 2) Daher 
rührt auch die Benennung der ursprünglichen Gemeinde als tribus 
oder pagus. Beide Worte werden im gleichen Sinne gebraucht 3); 
noch Cato redet von 112 tribus der Boier wie ein Jahrhundert 
später Caesar von 100 pagi der Sueben. 4) Nach der weiten Ver- 
breitung der Bürgerschaft beschränkt man jenes auf den Bürger- 
bezirk, der längst allen räumlichen Zusammenhang eingebufst hatte. 
Dafs aber tribus seiner Herkunft nach solchen in sich schliefst, 
lehren die verwandten Sprachen : im Umbrischen bedeutet es ager, 
im Oskischen domus, eines wie das andere ein Templum oder be- 
friedetes Eigentum. 5) Offenkundig liegt derselbe Begriff in pagus 

1) CIL. I 205. 

2) Rudoiff, Gromatische Institutionen p. 234 fg. in Rom. Feldmesser II, 
Berlin 1852. 

3) Die Tribus Lemonia und Succusana heifsen nach dem Pagus Lemonius 
und Succusanus Fest. 115. 309 Varro LL. V 48. 

4) Cato Plin. III 116 Caes. b. G. I 37 IV 1. 

5) Buecheler, Umbrica, Bonn 1883, p. 95 Zvetaieff inscr. ose. 63. 82. Die 
Ableitung Varro's LL. V 55 von tres hat sich in historischen Kreisen nur so 



§ 2. Die Landgemeinden. 9 

vor, zu dessen Sippe pax pacisci pangere gehört. Die Heiligkeit 
der Grenze gilt als der Eckstein göttlichen und menschlichen Rechts: 
ihre Preisgabe zieht den Untergang aller Dinge nach sich, i) Als 
ländliche Gemeinden mit eigenem Vermögen, Gottesdienst, Verwal- 
tung und Beamten behaupten sich die Pagi innerhalb der Territorien 
bis zum Ausgang des Altertums. Die Unverrückbarkeit der Grenze 
wird alljährbch durch Begang und Entsühnung der Flur zum Aus- 
druck gebracht. 2) Bei der Schätzung eines Grundstücks mufs neben 
der civitas und den anstofsenden Nachbarn auch der pagus, in dem 
es Hegt, namhaft gemacht werden. 3) Aber es hat eine Zeit gegeben, 
wo weder pagus den Theilbezirk eines städtischen Gebiets noch 
pagani Bauern bedeutete, sondern gleich örjiiiog oder Gau, womit 
es zusammen gebracht wird, ein selbständiges Ganzes ausmachte.^) 
Nach römischer Anschauung stellt jeder Gau 1000 Mann ins Feld.s) 
Bei den Umbrern scheint er gröfser^), anderswo kleiner gewesen 
zu sein'^): überhaupt werden die Zahlenschemata der alten Ver- 
fassung, z. B. bei der deutschen Hundertschaft, in WirkHchkeit nicht 
eingehalten. Die Censusliste des Augustus erwähnt im südhchen 
Etrurien Novem Pagi: diese 9 zu einem Verwaltungskörper ver- 
einigten Gaue können die von der Theorie verlangte Bevölkerungs- 
ziffer lange nicht erreicht haben. 

Die geschlossene Ansiedlung, die Tacitus im Gegensatz zur zer- 
streuten Wohnweise der Germanen als römisch bezeichnet, ist in 
Italien so alt wie die geschichtliche Runde. *) Die Gelehrten er- 
klärten irriger Weise pagus aus dem Griechischen , sei es von den 
Gemeindebrunnen (Ttayai)^), sei es von der Bergspitze (riayog), wo 
die Ackersleule in Ruhe schliefen und bei feindlichem Angriff Schutz 



lange behaupten können, als man an die Möglichkeit glaubte die Zahlen- 
schemata der antiken Verfassungen in die sog. indogermanische Urzeit zurück 
verfolgen zu können. 

1) Feldmesser 350 Lachm. Liv. I 55. 

2) Feldm. 164 CIL IX 161S. 5565. 

3) Dig. L 15,4 pr. CIL. IX 1455 XI 1147. 

4) Fest. 72 Müller. 

5) Varro LL. V 89 Caes. b. G. IV 1. 

6) Liv. XXXI 2 XXXni 37; IX 41 wird für Tribus plaga gesagt, ähnlich 
wie bei den Römern regio. 

7) Her. Ep. I 18, 105. 

8) Tac. Germ. 16. 

9) Fest. 221 Serv. V. Georg. II 382. 



10 Einleitung. 

fanden.!) Beide Ableitungen treffen sprachlich nicht zu, wol aber 
sachlich. „Die Alten", bemerkt ein Mann der Praxis 2), „begnügten 
sich wegen der plötzlichen Kriegsgefahr nicht damit ihre Städte mit 
Mauern zu umgürten, sondern wählten auch rauhe unzugängliche 
Oertlichkeiten aus, wo die Natur des Ortes selbst das wirksamste 
Bollwerk bildete," Derart lagen, wie es in der Schilderung des 
älteren Sicihen heifst (l 60), die Burgen der Sikaner auf den steilsten 
Anhöhen aus Furcht vor den Piraten. Aehnlich war es auf dem Fest- 
land im Appennin. Im vulkanischen Theil hat die Zerklüftung des Bodens 
den Niederlassungen eine aufserordentliche Festigkeit gewährt (I 256). 
Wo aber wie im Poland der natürliche Schutz fehlte, ist er durch 
die Kunst ersetzt worden. Der Umschwung der Zeiten, die Ver- 
änderung der Bau- und Lebensweise erschwert es die Gauburgen 
oder -Städte während des Fehdelebens aus jungen Trümmern zu 
veranschaulichen. Indessen gewährt die Untersuchung der nord- 
italischen Terremare dankenswerten Stoff, und wenigstens in einem 
Falle ist der Grundrifs eines altumbrischen Pagus (Castellazzo di 
Fontanellato, Provinz Parma) völhg ermittelt worden 3). Die An- 
lage, ein längliches Viereck mit parallelen Langseiten, bedeckt einen 
Flächenraum von 19,5 ha. Davon gehen 8 ha für die Befestigung 
ab. Diese besteht aus einem am Fufs 15 m breiten nach Innen 
durch Pfahlwerk gestützten Erdwall; ihn umfliefst mit 30 m Breite 
und 3,5 m Tiefe ein Graben, der aus dem benachbarten Bach durch 
einen Canal gespeist wird, während ein zweiter Canal für den Ab- 
flufs sorgt. Der Graben erweitert sich an der Schmalseile auf 60 m, 
da wo die Brücke den einzigen Zugang ins Innere eröffnet. Zwei 
im rechten Winkel einander schneidende Hauptstrafsen theilen die 
Wohnfläche in vier annähernd gleiche Viertel. Die Fläche mifst 
11,5 ha, ungefähr so viel wie die Stadt des Romulus auf dem 
Palatin. Sie reichte bequem aus, um die Gaugenossen mit Weib 
und Kind, 4 — 5000 Köpfe oder mehr zu beherbergen, gegen 
Nacht Unwetter und Feinde zu schützen. Ueber den bescheidenen 
Baum den die altitalischen Hütten beanspruchten , sind wir recht 



1) Dion. H. IV 15 IJäyovs t'vd'a avvdfpevyov ix rcov ayQcöv anavxes 
OTiöxe ytvoiro TioXtfiicov etpoSoe, xal ra TioXXä dievvxT£(fSvov evxavd'a. 

2) Feidm. 178. 

3) Die verstreute Litteratur über diese wichtige Feststellung Luigi Pigo- 
rini's findet sich bei Montelius, la civilisation primitive en Italie depuis 
Tintroduction des metaux, Stockholm 1895, p. 146 fg. 



§ 2. Die Landgemeinden. 11 

befriedigend unterrichtet, namentlich nachdem Zannoni in Bologna, 
der Hauptstadt der Aemilia, ihrer an 600 aufgedeckt hat. Aus Holz 
und Flechtwerk mit Lehm aufgeführt, mit Schilf oder Stroh gedeckt, 
haben sie meistens runde oder ovale Gestalt, aber ihr Durchmesser 
überschreitet nicht 3 — 5 m. Die rechteckigen Hütten sind gröfser 
und erreichen eine Grundfläche von etwa 30 D m. Uebrigens giebt 
es auch in Pompeji alte Steinhäuser, die sich mit 50 D m begnügen. 
Vom innern Raum der Festung sind reichlich 2 ha ausgespart für 
die arx oder Citadelle, i) Diese liegt an der Langseite dem Ab- 
flufscanal gegenüber, unmittelbar am Wall und ist ein Rechteck 
von 120 X 60 m, an allen vier Seiten von einem eigenen 30 m 
breiten Graben eingefafst. In der königlichen Zeit wohnte hier der 
König oder Gaiigraf.2) 

Eine Niederlassung nach Art der beschriebenen heifst gewöhn- 
lich oppidum: die Ableitung des Wortes ist unsicher, die Bedeutung 
jedoch als eingehegter befestigter Platz ist sicher.3) Selten wird 
dafür das mit casa verwandte castrum gebraucht*), häufig die Ver- 
kleinerungsform castellum. Während auch die grofse Stadt ein 
oppidum oder eine Festung ist, versteht man unter castellum das 
befestigte Dorf oder die Gauburg, die einem anderen Gemeinwesen 
untergeordnet ist. 5) Bis auf die Sicherung des Landfriedens durch 
Augustus hat diese Wohnweise im Umkreis des Mittelmeers ge- 
herrscht. So konnte z. B. Pompeius sich rühmen in Spanien 876 
oppida, in Asien 1538 oppida und castella unterworfen zu haben. 6) 
So haben in Italien die Romer 304 v. Chr. innerhalb 50 Tage 31 
Städte der Aequer erstürmt, geplündert und verbrannt^), iu älterer 
Zeit die Etrusker 300 umbrische Städte bezwungen. §) Ein Ge- 
lehrter führt den Ursprung der Gauburgen auf griechische An- 



1) Isidor XV 2,32 arces swit partes urbis excelsae atque munitae; nam 
quaecumque tutissima urbium sunt, ab arcendo hostes arces vocantur, 

2) Piut. Rom. 20,4 Solin 1,21. 

3) Varro LL. V 153 Fest. 184 üig. L 16, 239,7 lex Urson c. 73. 75. 76. 91. 

4) In Italien weist das Ortsverzeichnifs nur 6 Fälle auf. 

5) Isidor XV 2,11 vici et castella et pagi sunt quae nulla dignitate 
civitatis ornanlur, sed vulgari hominum conventu incolunlur et propter 
parvitatem sui maioribus civitatibus atlribuuntur. Liv. IX 41 X 18. 46 
CIL. I 199. 

6) Plin. VII 96 fg. vgl. Strab. III 163. 

7) Diod. XX 101 Liv. IX 45. 

8) Plin. m 113. 



12 Einleitung. 

regUDg und den mythischen Oenotros zurück i): vordem hätten 
die Aboriginer auf den Bergen ohne Mauern dorfartig und zer- 
streut gewohnt.2) In der That setzen die Anlagen der Terremare 
wie die ligurischen und latinischen Castelle entwickelte Lebens- 
formen voraus und passen nur für Ackerbauer. Der Bauer ist an 
die Scholle gebunden, mufs den Garten, den er bepflanzt, das Feld 
das er gepflügt hat, vertbeidigen weil sein Unterhalt davon abhängt. 
Eine Gesellschaft jedoch, deren Habe in Vieh bestand, konnte mit 
derartigen Festungen nichts anfangen weil der Baum fehlte um die 
Habe in Sicherheit zu bringen. Wenn der Feind nahte, zog sie 
mit ihren Heerden in Wald und Sumpf oder in die Wildnifs der 
Berge. 3) So wohnten die Kelten am Po in mauerlosen Dörfern und 
beschränkten ihr Besitztum auf Vieh und Gold, da sie beides jeder- 
zeit ohne Mühe fortschaffen konnten. 4) Auch von Stämmen des 
Appennin bei denen die Viehzucht vorwiegt, wie Sabinern ä) und 
Sammiten^), wird gleiche Wohnweise bezeugt. In allen diesen 
Fällen wo die wirtschaftliche Entwicklung auf einer niedrigen Stufe 
verharrt , sind die Gaue zu grofsen Volksgemeinden vereinigt und 
die Landesgrenzen durch Gebücke oder Landwehren, wie sie in 
unserem Mittelalter häufig begegnen , geschützt gewesen. Das An- 
denken daran lebte in der Benennung des Schutzwaldes als ager 
arcifinius fort '') ; auch sind Spuren solcher Befestigungen erkennbar. 
Sodann hat Roms fortschreitende Macht seinen Bürgern die Zuver- 
sicht eingeflüfst ihr Heim auf freiem Felde aufzuschlagen. Dies 
gilt z. B. von dem 340 gewonnenen falernischen Gau und den 268 
eroberten Theilen von Picenum: beide Landschaften waren von 
römischen Ansiedlern erfüllt und boten 217 dem Angriff Hannibals 
das bequemste vortheilhafteste Ziel.^) Das offene Dorf heifst vicus: 
das Wort, im griechischen olxog und anderen indogermanischen 



1) Dion. H. 1 12 qxiae noXeie /utx^äs xal avvexe^s inl zols oQeaiv, ooTieo 
r,v roTs naXatois xqÖtios oixrjaecjs avvrjd'rje. 

2) Dion. H. I 9 inl rols o^efftv axovv avsv ret^cüv xmjutjSÖv xal 
anoQäSes. 

3) Zonar. VIII 1 Liv. IX 31 vgl. Caes. b. G. V 21. 

4) Pol. II 17, 9 fg. 

5) Cato bei Dion. H. II 49 Plut. Rom. 16,1 Liv. II 62. 

6) Liv. IX 13. 

7) Nach Varro Feldm. 6 ab arcendis hostibus est appellatus vgl. Rudorff, 
Crom. Inst. 250 fg. 

8) Pol. III 86,10 92,8 Liv. XXll 9. 11. 14. 



§2. Die Landgemeinden. 13 

Sprachen wiederkehrend, bedeutet eine zusammenhängende Reihe 
von Wohnungen an beiden Seiten einer Strafse und bedeutet immer 
den Theil eines grofseren Ganzen , sei es eines Pagus, sei es einer 
Stadt wenn von städtischem Anbau gesprochen wird, i) In der 
Gerichtsordnung von 49 v. Chr. geht bei der Aufzählung der Ding- 
stätten der Markt forum voraus. 2) Das Ortsverzeichnifs enthält 33 
in diese Classe fallende Ortschaften Italiens, von denen die meisten 
nachträglich Stadtrecht erlangt haben. Die Entstehung der Märkte 
hängt mit dem Strafsenbau zusammen. Für die Anlagen ihrer 
Mihtärstrafsen pflegten die Romer sich ansehnhche Landstreifen — 
die Breite wird in einem Falle zu 2,2 km bestimmt 3) — abtreten 
zu lassen, deren Ansiedlern {viasiei vicanei)^) die Instandhaltung 
oblag. Die Ansiedler erhielten im Forum einen Ort der Vereinigung. 
Häufig wird es mit conciliahulum zusammen genannt bei Gelegenheit 
von Aushebungen, obrigkeitlichen Bekanntmachungen und Gerichts- 
verhandlungen. s) Vereinzelt begegnen ^pagi fora conciliahula^), 
und agri fora conciliahuW), wobei dann das erste Glied dem un- 
bestimmten terrüorinm der Gerichtsordnung von 49 v. Chr. ent- 
spricht. Einen Unterschied von forum und conciliahulum kann 
man darin erblicken, dafs jenes in der Regel von einem römischen 
Magistrat gegründet ist, während dieses ohne amtliche Mitwirkung 
durch Verkehrsbedürfnisse ins Leben gerufen wird.s) Es kommt 
wol auch seltener vor, dafs ein conciliahulum Stadtrecht erlangt.^) 
Um endlich das Bild der Besiedlung Itahens zu vervollständigen 
bleibt noch zu erwähnen, dafs aufser den befestigten und unbe- 
festigten Dörfern seit Alters zerstreute Gutshöfe begegnen und im 
Laufe der Geschichte mit dem Schwinden des freien Bauernstandes 
sich reifsend vermehren: sie werden als villae den vici oder dem 
ager gegenüber gestellt. lO) 



1) Varro LL. V 145 Fest. 371, dem Pagus untergeordnet CIL. V 7923 
IX 3521 XI 1147. 

2) Test. 84. 

3) Strab. IV 203. 

4) CIL. I 200, 11 fg. 

5) Liv. XXIX 37 XXXiX 14. 18 XL 37 XLIII 14. 

6) Liv. XXV 5. 

7) Liv. XL 19. 

8) Fest. 38 Isidor XV 2,14. 

9) Feldm. 19 Lachm. 

10) Fest. 371 Liv. II 62 XXII 11. 14. 



14 Einleitung. 

Die lateinische Sprache besitzt keinen Namen um die Land- 
gemeinde als solche von der Stadt zu unterscheiden. Sie kann den 
Begriff nur umschreiben, indem sie allerlei Arten von Ortschaften 
die nicht als Städte angesehen werden , aufzählt und vorsichtiger 
Weise am Schlufs noch territorium oder locus hinzufügt. i) Allen- 
falls drückt sie den Begriff negativ aus, wie das Ackergesetz von 111 
V. Chr. durch coloniae sive municipia sive quae pro municipiis colomisve 
sunt.'^) Zur Zeit Cicero's wird kurzweg praefeclura gesagt.^) Das 
Wort bedeutet einen Gemeindeverband der seinen Oberbeamten 
nicht selbst wählt, sondern von der höheren Instanz, sei es von 
Rom, sei es von einer Colonie^), zugesandt erhält. Seit dem 
4. Jahrhundert v. Chr. befanden sich eine Anzahl ansehnlicher 
Städte, deren Bewohner insgesammt oder in der Mehrheit des 
römischen Stimmrechts entbehrten, in solcher Lage. 5) Mit dem 
vollen Bürgerrecht jedoch erlangten die Städte auch die volle 
Selbstverwaltung. Somit bleiben als praefecturae nach dem mar- 
sischen Kriege nur die Landgemeinden übrig, sind unter Caesar 
ziemlich häufig^), unter Augustus und dessen Nachfolgern keines- 
wegs ganz verschwunden. Aber ihr Bestand ist in andauernder 
Abnahme begritfen, und die Municipalverfassung fafst endlich auch 
in den Gebirgslandschaften, die ihr so hartnäckig widerstrebt hatten, 
festen Fufs. Wir vermögen die Umwandlung für Italien nicht 
ziffermäfsig auszudrücken, dagegen für Spanien: in der Tarraconensis 
wurden zur Zeit des Augustus 293 Gemeinden gezählt, 179 mit, 
114 ohne ein städtisches Centrum {oppidum); anderthalb Jahr- 
hunderte später bei Ptolemaeos ist die Gesammtzahl auf 275 gesunken, 
aber davon sind 248 Städte und nur 27 Landgemeinden.'') Immer- 
hin ist das ganze Italien nicht in Stadtgebiete aufgeteilt gewesen. 
Aufserhalb derselben fällt das Staats- bezw. kaiserliche Eigentum, 
Bergwerke Salinen Forsten und Weiden, deren Ausdehnung nach- 



1) CIL. I 205 giebt die S. 8 angefülirten 9 Bezeiclinungen durctiweg, fafst 
aber I 42 die 6 letzten durch locus zusammen, ähnlich Q. Cicero, de pet. cons. 
30 die 5 letzten. 

2) CIL. I 200,3 t. 

3) Gesetzfr. aus Ateste Herrn. XVI 24 fg.; Cic. pro Sest, 32, in Pis. 51, 
Phil. II 58, IV 7, Q. Cic. de pet. cons. 30; Feldm. 135. 163. 

4) Feldm. 26. 49. 55. 80. 159 fg. 171. 

5) Fest. 233. 

6) Caes. b. civ. I 15. 

7) Detlefsen, Phiiologus XXXII 604 fg. 



§ 3. Die Municipien. 15 

weisbar geschwankt hat, aber einen belrächthchen Procentsatz von 
Grund und Boden einnimmt. i) 

§ 3. Die Municipien. 

Friedrich Barbarossa bat einen kraftvollen Versuch gemacht 
das flache Land in Italien vor der städtischen Herrchaft zu schützen; 
in diesem Kampfe ist die Reichsgewalt und das Haus der Hohen- 
staufen das sie trug, unterlegen. Das Königreich Itahen zählte 1896 
8261 Gemeinden mit Selbstverwaltung: darunter befinden sich 
Stadtgebiete (wie das römische mit 2000 Dkm) von der Gröfse 
einer Provinz, andere in denen die Bevölkerung der Stadt nur ein 
Drittel oder Viertel des Ganzen ausmacht. Ferner erreichen 2000 nicht 
die Ziffer von 1000, 700 nicht die Ziffer von 500, 5 nicht die Ziffer von 
100 Einwohnern, Aber ob grofs oder klein, sie haben alle die gleiche 
Verfassung, die gleichen Rechte und Pflichten gegenüber dem Staat. 
Der einzige Unterschied betriff"! die Bildung des Gemeinderats der bei 
250 000 Einwohnern 80 Mitglieder umfafst, dann stufenweise auf 60, 
40, 30, 20, scbliefsHch bei weniger als 3000 Einwohnern 15 Mitglieder 
sinkt; wenn die Wählerschaft überhaupt keine 15 Stimmen auf- 
weist, so gehören ihm alle Wahlberechtigten an. Einen Unterschied 
zwischen Stadt und Dorf giebt es also nicht: wenn die Statistik 
nur eine Ortschaft mit 6000 Seelen als Stadt gelten lassen will, so 
stützt sie sich auf wirtschafthche, nicht auf rechtliche Erwägungen. 
Ferner verdient die Wohnweise Beachtung. Von der Gesammtbe- 
völkerung des Königreichs wohnt ein Viertel zerstreut, drei Viertel 
in geschlossenen Ortschaften. Letzteres gilt namentHch vom Süden, 
wo der Pächter und Tagelöhner häufig einen Weg von 8 — 10 km 
auf das von ihm bestellte Feld zurückzulegen bat. Die einzelnen 
Landschaften weichen in dieser Hinsicht stark von einander ab: in 
Lucanien und Apulien beträgt die zerstreute Bevölkerung 4—6, 
in Ligurien und Transpadana 21 — 25, in Venetien 41, in Etrurien 
56, in Emilia und den Marken (dem von den Römern besiedelten 
ager Galliens et Picenus) 53 — 58 vom Hundert. Wie sich diese für 
den Ackerbau zum Theil äufsersl ungünstigen Verhältnisse geschicht- 
lich entwickelt haben, fällt nicht in den Rahmen dieser Darstellung. 
Aber der Hmweis auf die Gegenwart bietet mancherlei Aufschlüsse 
zum Verständnifs des Altertums. 



1) Feldm. 21. 46. 137 vgl. Kap. XIV 1. 3 XVI 1 u. a. 



16 Einleitung. 

Lehrreich erscheint auch ein Blick auf die Entstehung der 
deutschen Städte. i) Unsere Sprache verfügt von Hause aus nur 
über das Wort Burg, das von bergen herkommt und den geschützten 
befestigten Ort bedeutet. Erst im 11. Jahrhundert, im Annohed 
und den Nibelungen begegnet stat in dem seitdem geläufigen Sinne. 
Burgen heifsen unseren Vorfahren Jerusalem Bethlehem und Jericho, 
Burgen die verfallenen Römerfestungen so gut wie königliche 
Pfalzen, Bischofsitze und ummauerte Klöster. Die gleichzeitigen 
lateinischen Quellen brauchen dafür unterschiedslos civitas oppidum 
urbs castellum. Wenn König Heinrich I. als Städtebauer gepriesen 
wird, so hat das nur seine Richtigkeit insofern man unter den 
ihm zugeschriebenen urbes Burgen versteht. Wol konnte aus der 
Burg eine Stadt erwachsen. Unter ihren schützenden Mauern 
pflegte ein Vorort suburbium sich anzusiedeln: je nach der Gunst 
der Lage und der Blüte des Verkehrs nahm die Einwohnerzahl zu, 
und erfolgte schliefslich die Umwandlung der Dorfschaft in eine 
städtische Gemeinde. Aber die umfassende und planmäfsige Stadt- 
gründung beginnt in Deutschland nicht vor dem 12. Jahrhundert. 
Es ist weder die Gröfse, die Stadt und Dorf von einander unter- 
scheidet, noch die Befestigung: Mauer und Graben gehören erst 
seil dem 13. Jahrhundert zum Begriff einer Stadt. Das eigentliche 
Merkmal ist vielmehr in ihrem Recht enthalten: der König oder 
der Grundherr verleiht ihr Markt- Zoll- und Münzrecht, die Regelung 
von Mafs und Gewicht, endlich die Gerichtshoheit. Auf derartiger 
Grundlage ist die städtische Freiheit aufgebaut worden, seit dem 
Untergang der Staufer nehmen die Städte ihre bedeutende Macht- 
stellung im Reiche ein. Glücklicher Weise jedoch haben sie weder 
das Fürstentum noch Ritter- und Bauerschaft wie im Süden über- 
wältigt; in dem Gleichgewicht von Stadt und Land erblicken wir 
den entscheidenden Vorzug, der die gesellschaftliche Gliederung des 
Nordens auszeichnet. 

Wie das deutsche Slädtevvesen entstanden ist, seit anderthalb 
Jahrtausenden bis zur Gegenwart herab sich um- und fortgebildet 
hat, führt uns eine gleichzeitige reichhaltige Ueberlieferung vor 
Augen. Für das Altertum wo die Quellen spärhch fliefsen, gewährt 
der Vergleich einen erwünschten Anhalt um die entsprechende Ent- 
wicklung, wenigstens in ihren HauptzUgen zu begreifen. An der 



1) Hegel, Die Entstetiung des deutschen Städtewesens, Leipzig 1898. 



§ 3. Die Municipien. 17 

Spitze steht; das sog. mykeuische Zeitalter, dessen Spuren auch an 
den Gestaden der italischen Inseln und des südlichen Festlandes 
angetroffen werden, i) Gewaltige Burgen wie in Hellas mit ausge- 
dehnten Vororten die vor die dorische Wanderung zurück reichen, 
werden allerdings im Westen vermifst, die INuraghen können mit 
den Königsgräbern von iMykenae nicht wetteifern. Aber dafs 
Sicihen einst von Burgen bedeckt war, deren jede ihren eigenen 
Herrn hatte, wird glaubhalt überliefert (160); die Erinnerung an 
ähnhche Verhältnisse hat sich in Latium dauernd erhalten. Mit 
der fortschreitenden Arbeitstheilung, mit der Ausbildung von Hand- 
werk und Handel erwächst im Lauf der Zeiten aus der Büro- eine 
Stadt, die ihre schwächeren Nachbarinnen zum Anschlufs zwingt 
oder unterwirft und, soweit die gegebenen Bedingungen es gestatten, 
erobernd um sich greift. Man könnte von einem allgemein gültigen 
Gesetz reden, das in der Geschichte der verschiedenen Länder den 
gleichen Ausdruck gefunden hätte. Im Einzelnen jedoch verleiht 
die Eigenart des Landes dem Hergang sein besonderes Gepräge. 
Bei den Hellenen heifst no/ug Burg Stadt und Staat: der eine 
Begriff hat sich aus dem anderen naturgemäfs entwickelt. Auch 
viele deutsche Städtenamen tragen ihren Ursprung aus einer Burg 
oder einem Dorf an der Stirn. Die lateinische Sprache kennt der- 
artigen Zusammenhang nicht, besitzt wol Bezeichnungen für ein- 
zelne Arten von Städten, aber keine für die Galtung als solche 
Die Ueberlieferung setzt die Gründung der Städte in engste Be- 
ziehung zur Einführung des Ackerbaues und zur Auftheilung von 
Grund und Boden. 2) Dies ist in gewissem Sinne vollkommen 
richtig: unter der Herrschaft des Faustrechts braucht eine Gemeinde 
die vom Ertrag des Ackers lebt, den Schutz einer Festung die ihren 
Ghedern gegen feindhchen Ueberfall Freiheit und Leben verbürgt. 
Allein wie das spätere Recht die Masse der pagi in abhängige Dorf- 

1) Dafs Sarden, Etrusker und andere europäische Völker in ägyptischen 
Berichten des U.Jahrhunderts erwähnt werden, ist 1 116 und sonst behauptet 
worden. Die Dcnkmälerforschung hat inzwischen diese zuerst von de Rouge 
aufgestellte Ansicht vollkommen bestätigt, vgl. E. Meyer, Geschichte des Alter- 
tums II 208 fg.; A. Wiedemann, Bonner Jahrbücher XGIX (1896) 2; J. Krall- 
Grundrifs der altorientalischen Geschichte I 84, Wien 1899- 

2) So die Gründungssagen von Rom, Praeneste, König Italos, den Samniten, 
Brettiern usw.; vgl. Vegetius IV 1 agreslem incuUamque Iwminum in initio 
saecuh vitam a commimione mutorum animalium vel ferarum vrbium co7i, 
stitutio prima discrevit. in his notnen reipublicae repperil communis utilitas. 

Nissen, Ital. Landesliunde. II. 2 



18 Einleitung. 

gemeinden umgewandelt hat, so sind auch die von ihnen bewohnten 
oppida ursprünglich rein bäuerliche Ansiedlungen: die Macht und 
Grüfse des Stadtstaats fehlt, und worauf beides beruht, Gewerbe und 
Verkehr stecken in den Anfängen. Die erste Stufe in der Ent- 
wicklung des italischen Städtewesens erinnert also an den Burgen- 
bau des frühen Mittelalters in Deutschland. Wie letzterer durch 
den Einbruch der Ungarn befordert worden ist, so mögen die 
wiederholten Umwälzungen, die das älteste Itahen durch einwandernde 
Völker erlitt, zur Befestigung der Dürfer gedrängt haben. Im 
Uebrigen treten die Unterschiede der beiderseitigen Entwicklung 
mehr in den Vordergrund als ihre Berührungspuncte. Bei den 
Deutschen wird von Innen heraus, durch den wirtschaffhchen Um- 
schwung die Burg zur Stadt erweitert, in Italien durch äufseren 
Druck und fremde Eroberung. 

An der Küste hat die Wiege des Stadtstaats gestanden, die 
Hellenen haben sie aufgeschlagen. Aehnlich wie der deutsche 
Grundherr der einen Markt errichten wollte, Kaufleute von auswärts 
berief, räumten einheimische Fürsten den Einvvanderein ans dem 
Osten freiwillig eine Heimstätte ein.i) Oefter noch mnfsten sie vor 
den landenden Schaien weichen, weil die Macht zur Abwehr fehlte. 
Dann wiederholt sich das Schauspiel aus dem Thieneich vom Sing- 
vogel, der das Ei des Kuckucks ausbrütet und den Gauch füttert, bis 
dieser das Nest allein beansprucht und die rechtmäfsigen Insassen 
hinaus wirft. Im Norden der Halbinsel haben andere Wege zum 
gleichen Ziel der Ausbildung der Stadtherrschaft geführt. Die Aus- 
grabungen in der Romagna lehren, wie über der ältesten umbiischen 
Schicht eine etruskische sich ausbreitet, alsdann eine keltische folgt, 
endlich eine römische den Abschlufs bildet. Die Kelten zwar haben 
es ebenso wenig wie die Germanen zur Zeit der Volkerwanderung 
geliebt durch Mauern eingepfercht zu werden. Aber als der Reich- 
tum des toscanischen Erzgebirges an Metallen ein blühendes Ge- 
werbe ins Leben rief, ist ein etruskischer Stadtadel und sind etrus- 
kische Grofsslädte entstanden die über das flache Land geboten. 
Um den Hergang schrittweise zu verfolgen, versagt die Ueherlieferung 
für den Süden sowol als für den Norden. Man kann etwa das 
6. vorchristliche Jahrhundert als das der planmäfsigen Städtegründung 



1) So in Megara Hyblaea (Thukyd. VI?.), LoUri fPol.XIl 6), Massalia (Justin 
XLlll 3), Kaiiliago (Justid XYJIl 5). 



§ 3. Die Municipien. 19 

für Italien hinstellen wie das 12. nachchristliche für Deutschland. 
Damals haben sich nachweislich eine Reihe von Niederlassungen, 
die einst den Raum einer Faclorei oder Rurg einnahmen, zum 
Rang von Grofsstädten erhoben z. R. Syrakus, Kroton, Kyme, Rom, 
damals sind z. R. Akragas, Posidonia, Pompeji aus einem Gufs ge- 
schaffen worden. Die Anregung pflanzt sich zu den unabhängigen 
Stämmen fort: an allen Gestaden von den Pomündungen bis zum 
Arno und landeinwärts soweit der Hauch des Meeres verspürt wird, 
treten Gemeinwesen in die Erscheinung die neben dem Ackerbau 
Gewerbe und Handel treiben. In ihrem Aeufseren streifen sie das 
Gewand der alten Pfahldörfer Stuck für Stück ab, ersetzen den 
Holzwall durch eine Steinmauer, die Lehmhütte durch ein festes 
Haus, eignen sich allmähch die baulichen Erfindungen an, deren 
eine dichtgedrängte Menschenmenge zum Wolsein bedarf. Im 
Innern bahnt der wirtschaftliche Umschwung den Sturz des König- 
tums an. Die Einführung der Repubhk hängt im Einzelnen von 
den örthchen Redingungen ab. Um 500 herrschten noch Konige 
in Tarent, die nicht nur aus den übrigen hellenischen Colonien 
sondern auch aus Rom vertrieben waren. Um 400 erscheinen sie 
bei den Etruskern beseitigt; nur Veji hält an der alten Verfassung 
fest. Aber vor dem Siegeszug der Cultur verschwindet das erbliche 
Fürstentum auch in denjenigen Landschaften, die das Städtewesen 
aufs leidenschaftlichste bekämpfien. Im Zeitalter der Samnitenkriege 
ist keine Spur davon auf der ganzen Halbinsel vorhanden. Rei den 
Kelten am Po erhält es sich bis zur römischen Eroberung am Aus- 
gang des 3. Jahrhunderts. Als Caesar das jenseitige Gallien unter- 
warf, fand er das Königtum bei den Reigen noch vor, in dem 
fortgeschrittenen Süden seit einem Menschenalter abgeschafft. Unter 
Augustus fristet es sein Dasein in den Alpen und auf den britischen 
Inseln, unter ähnlichen örthchen Verhältnissen wie die einheimische 
Flora den nachdrängenden Cullurpflanzen widersteht. 

Die Ohnmacht der einzelnen Gaue hatte der Fremdherrschaft 
in Italien den Roden bereitet. Die ihrer Freiheit drohende Gefahr 
belebte das Gefühl der Zusammengehörigkeit, vereinigle die Stammes- 
genossen zu gemeinsamer Abwehr. Noch mehr: die Stämme 
schritten zur Schöpfung kräftiger Rundesstaaten fort, deren gröfster 
der samnitische Rund etwa ein Dutzend Theilnehmer umfafste. Im 
Gebirge giebt die Viehzucht den Kern der Volkswirtschaft ab, be- 
fördert die Tapferkeit aber auch die Wildheit seiner Rewohner; 

2* 



20 Einleilung, 

ein natürlicher Gegensatz gelangt in ihrem Vordringen gegen flie 
Küste zum Ausdruck (1 227). Seit dem 5. Jahrhundert können wir 
die lange Fehde die zwischen den Bergstämmeu und Hellenen tobte, 
verfolgen. Sie führt die Blüte der oskischen Cultur herbei , aber 
bleibt in poUtischer Hinsicht ohne Ergebnifs (I 538j. Die samni- 
tischen Scharen die sich in den Städten Aufnahme erzwingen, 
werden dadurch der Heimat entfremdet. Ob sie die Sprache ihrer 
Väter beibehalten oder mit der griechischen vertauschen, so tritt 
bei den Nachkommen gar rasch das Stammesbewufstsein vor der 
Verschiedenheit der Bildung und Lebenshaltung in den Hintergrund. 
Und dann haben auch sie von den beutelustigen Gesellen , die als 
heiliger Lenz in die Welt hinaus ziehen , schwer zu leiden. Im 
Norden Italiens war der Friede nicht minder gefährdet als im 
Süden. Seit dem 6. Jahrhundert hatten die Kelten grofse Gebiete 
in Besitz genommen, andere Schwärme drängen um Land zu ge- 
winnen nach, die Gefolgschaften plündern weit und breit (I 480). 
Wiederum ist es eine urwüchsige Volkskraft, die eine hoher ent- 
wickelte Gesellschaft bedrängt; denn bei den Kelten wiegt die Vieh- 
zucht in gleicht^r Weise vor wie im Appennin. Der Schauplatz 
wechselt und mit ihm das Feldgeschrei, aber von den Alpen bis 
zum Meer gilt die nämliche Losung: Acker und Garten, Haus und 
Hof gegen zügellose Gewalt zu schirmen. 

Rom macht dem Treiben ein Ende, zwingt die schweifenden 
Stämme sefshaft zu werden und Buhe zu halten, befriedet das ganze 
Land. Mit der Gesittung begründet es zugleich die eigene Herr- 
schaft, theils durch Mehrung seines Gebiets theils durch Bündnifs. 
In der einen wie der anderen Hinsicht erstrebt es die allgemeine 
Durchführung der Stadtverfassung. Von den Colonien, die auf den 
eroberten Gebieten angelegt wurden, soll im nächsten Abschnitt die 
Rede sein. Die Masse der in der Censusliste aufgezählten Ge- 
meinden verdankt den Hümern ihr Recht, nicht ihre Entstehung. 
Für diese wird nach der Ausdehnung des Bürgerverbandes bis an 
den Po und die Alpen die Bezeichnung municipia üblich. Wenn 
gegenüber dem Staat, d. b. Rom, vom Lande die Rede ist, so sagt 
man .»tatt cuncta Italia, tota Italia entweder municipia et coloniae^), 
oder da jene an Zahl durchaus überwiegen, schlechtweg municipia.^) 

1) Cic. post red. in sen. 38, ad Quir. 10. 16, de domo 5, in Pis. 41, pro 
Mil. 20. 

2) Cic. de domo 142, pro Sest. 129, in Pis. 53, pro Plane. 97, Phil. II 57. 61. 



§ 3. Die Municipien. 21 

Vollends in Her Kaiserzeit als der Name Colonie in Italien zu einem 
wesenlosen Titel herabsinkt, erlangt das Wort die allgemeine Be- 
deutung einer sich selbst verwaltenden Landstadt und wird in 
diesem Sinne auch von latinischen Gemeinden in den Provinzen 
gebraucht. 1) Vor dem durch den marsischen Krieg bewirkten Aus- 
gleich schliefst es die unabhängigen fremden Staaten, die foederati oder 
socii die nur im Vertragsveihältnifs zu Rom stehen, also die grüfsere 
Hälfte Italiens aus. 2) Gemäfs der Ableitung von munus oder munia 
und capere ist munkeps von Hause aus der zur Theilnahme an den 
Lasien des römischen Bürgertums Verpflichtete: er geniefst in 
Krieg und Frieden manche Vorrechte des Bürgers als Entgelt, aber 
weder alle noch die höchsten.'^) Demnach reicht dieser Begriff 
nicht weiter als die Geltung des römischen Rechts. In älterer Zeit 
ist er auf das nomen Latinum, die durch Gemeinschaft der Sprache 
mit Rom eng verbundenen Gemeinden beschränkt. 4) Als aber nach 
dem Gallischen Brande Rom als Vorkämpfer an die Spitze der 
italischen Städte tritt, hat es zuerst dem etruskischen Caere, sodann 
einer Menge von oskischen latinischen sabinischen Gemeinden 
minderes Bürgerrecht verliehen. s) Zwar ist diese Classe von Muni- 
cipien eine vorübergehende Erscheinung gewesen, aber der Name 
verbleibt ihnen und geht auf alle Bürgergemeinden über, die bereits 
urkundlich 111 v.Chr. in der oben angegebenen Weise als co/onme 
et munkipia zusammen gefafst werden (S. 20). Die wechselnde 
pohlische Lage hat eine Fülle von Abstufungen in den Rechten 
der einzelnen Städte veranlafst. Auch haben sie bei ihrem üeber- 
tritt in den Bürgerverband manche Besonderheiten aus der selb- 
ständigen Vergangenheit gerettet. Indefs hat die Slaatsregierung 
dafür gesorgt, dafs die verschiedenen Städteordnungen in allen 
wesentlichen Dingen übereinstimmten. 

Seit der Auflösung des alten Latinerbundes 338 v. Chr. ist es 
ein leitender Gedanke der römischen Politik gewesen, den Zusaramen- 



1) Dig. Ll,l, Plin. III 7. 138 XXXIII 53 XXXIV 17 XXXV 158, Tac. Ana. 
IV 3 Hist. I 67, Juvenal 8, 238. Salpensa und Malaca heifsen in den erhaltenen 
Stadlrechlen municipia Flavia. 

2) Gell. XVI 13,6 wirrt das Rechtsverhäitnifs vor und nach dem Bundes- 
genossenkrieg durch einander, ebenso X 3,2. 

3) Varro LL. V 179, Dig. L 1,1 (üipian) 16,18 (Paulus), Geil. XVI 13,6. 

4) bo nennt das Ackergesetz von 111 v. Chr. CIL. 1 200 Z. 31 municipia 
nnminis Laiini neben civiiim Romanorum. 

5) Slrab. V 220, Gell. XVI 13,7, Fest. 127. 131. 142 M. 



22 Einleitung. 

hang der Stämme zu sprengen. ') Aber erst nachdem der Bundes- 
staat in dem blutigen Wallengang von 90 — 88 den Kürzeren ge- 
zogen hatte, konnte der Gedanke folgericlitig verwirklicht werden. 
Die Durchführung wurde den Verhältnissen angepafst. Kleine 
Stämme fügte man in ihrer Gesamtheit dem Rahmen einer Stadt- 
verfassung ein: z. B. gingen die Rutuler in Ardea, die Sidiciner 
in Teanum, die Marruciner in Teate auf, desgleichen ein Dutzend 
ligurische Cantone in ebenso viel gleichnamige Municipien. Bei 
Volkerschaften die auf eine ruhmvolle Geschichte im römischen 
Heerdienst zurück blickten, bleibt zwar eine religiöse Verbindung 
bestehen und hält das Stammesbewufstsein wach, aber sie werden 
willkürlich aus einander gerissen wie die Marser in 4, die Paeligner 
in 3, die Vestiner in 3 oder 5 Theile. Die Willkür hat zur Folge, 
dafs im Hochappennin die Gemeindebildung unter Augustus noch 
nicht zum Abschlufs gelangt ist. Weit leichter als in diesen Vieh- 
zuclit treibenden Gegenden ist die Umwandlung der Landesgemeinde 
in eine Reihe von Stadtgemeinden dort gewesen, wo der Ackerbau 
seit Alters den Schutz einer Festung aufgesucht und hinter den 
Mauern ein Pfahlhürgertum grofs gezogen hatte. Unter der Fülle 
von Verwaltungskörpern, die zumal in der 1. 2. 6. Region begegnen, 
werden viele nichts anderes als ehemalige Pagi vorstellen. Die 
Mehrzahl der Pagi war längst von gröfseren Gemeinden aufgesogen 
worden, nur der Gottesdienst hatte mit der ihm eigentümlichen 
Zähigkeit ihr Andenken erhalten. — Augustus ist eifrig bemüht ge- 
wesen das Alte zu neuem Leben zu erwecken, sein Volk und sein 
Haus mit dem Kranz einer ehrwünhgen Voizeit zu schmücken. 
Antiquarischer Liebhaberei verdanken manche Namen in der uns 
vorliegenden Censushsle ihren Platz. Während der Halbinsel ein 
geschichtliches Gepräge bewahrt bleibt, gelangen die Bedürfnisse des 
Tages im Norden zum Ausdruck. In der Ebene die so oft den 
Herrn gewechselt hatte, stand es den Römern frei nach Gutdünken 
zu schalten. Sie haben ein wesentlich anderes Verfahren diesseit 
und jenseit des I*o eingeschlagen. Das starke Volk der Boier, dem 
112 Gaue zugeschrieben wurden, verschwindet völlig und wiid an 
einige 20 Stadtgemeinden aufgetheilt. Die nicht minder mächtigen 
Völker der Transpadana dagegen, Tauriner Salasser Jnsubrer 
Ciiiomanen u. s. w. haben als Colonien oder Municipien im Wesent- 



1) Die Darlegung Liv. VIII 14 hat den Wert eines Paradigma. 



§ 3. Die Municipieii. 23 

liehen ihre Feldmarii iinveiküizt behauptet. Es ist nur ein schein- 
barer Widerspruch wenn Augustus im Umkreis der Hauptstadt 
abgestorbene winzige Bildungen hegt, im Angesicht der Alpen als 
Uriieber der Grofsgemeinde auftritt (S. 4). In beiden Fällen be- 
zweckt er die eigene wie die nationale Macht zu stützen: dort 
durch die Religion, hier durch die Waffen (I 82 A. 1), Aus 
diesem Gesichtspuncl erklärt sich das buntscheckige Aeufsere unseres 
Verzeichnisses das an die Eingangs berührten Verhältnisse der 
Gegenwart erinnert: neben Gemeinden mit einer Gemarkung von 
3 — 6000 Qkm stehen Namen die kaum den Umfang von 100 ha 
bedeuten. Wir stofsen einerseits auf Städte deren Hoheit den 
Mauerring nicht überschreitet, anderseits auf solche denen weite 
Landstrecken minderen Rechtes unterstellt, oder wie es technisch 
heifst, attribuirt sind. Worin alle die 430 Körperschaften Italiens, 
grofse und kleine übereinstimmen, ist die Selbstverwaltung in die 
der Stnat allein drein reden kanri.i) 

Die ganze Entwicklung hebt mit kleinen Einheiten an die zu 
gröfseren fortschreiten und dabei in ihrer freien Bewegung be- 
hindert werden. Wie die in Städte und Stammbünde eingeordneten 
Gaue ihr Kriegsrecht verloren hatten, so war der Eintritt jener in 
ein ewiges Bündnifs mit Rom durch ähnliche Opfer erkauft worden. 
Zwar wurde den Bundesgenossen nach Verzicht auf die Kriegsho- 
heit volle Selbständigkeit verlragsmäfsig gewährleistet (I 68 fg). Aber 
die gemeinsame Wehrpflicht war ohne übereinstimmende Schätzung 
auf die Dauer nicht denkbar 2j; feiner bot die Aufrechthaltung des 
Landfriedens, welche Sorge dem Senat oblag, eine bequeme Hand- 
habe zu EingrilTen in die Autonomie. 3) Nach dem bannibalischen 
Kriege scheinen sich solche nicht auf die Grenzen des Notwendigen 
beschränkt zu haben: die Ueberlieferung räumt ausdrücklich ein, 
dafs die W^egiiahme des den Bundesgenossen überlassenen Geniein- 
landes eine schwere und unbillioe Schädigung eiuscblofs. Vom 



1) E. Kuhn, die städtische und bürgerliche Verfassung des römischen 
Reichs bis auf die Zeilen Justinians, 2 ß, Leipzig 1864.65. W. Liebenam, 
Städteverwaltung im römischen Kaiserreiche, Leipzig 1900. 

2) Die allmäliche Ausbildung der ßundesmatrikel (formula toi^atorum) 
lehrt das 225 und 209 eingeschlagene Verlahren Pol. It 23,9, Liv. XXVll 10 
XXIX 15. 37. 

3j Pol. VI 13,4, erläutert durch das bekannte Vorgehen gegen die Baccha- 
nalien 18G CIL. I 196. 



24 Einleitung. 

Zwang abgesehen üben grofse Verhältnisse eine ausgleichende Wir- 
kung aus, mufsten die von Rom kommenden Anregungen vielfach 
beachtet werden. Wenn derart der Aufnahme der Bundesgenossen 
in die Bürgerschaft seit langem vorgearbeitet war, so hat doch der 
Uebergang geraume Zeit erfordert und viele Schwierigkeiten zu be- 
wältigen gehabt. Verständiger Weise sah der Staat von einer 
mechanischen Gleichmacherei ah. Neapel und Regium behielten 
sogar ihre griechische Sprache und Verfassung hei. Camerter und 
Capenalen bezeichnen sich selbst als foederati, werden also vermut- 
lich allerlei Privilegien ihres früheren Vertrags gerettet haben. In 
der Regel verfuhr man so, dafs ein staatlich bestellter Gesetzgeber 
aus dem Ortsrecht dasjenige auswählte, was den Grundsätzen des 
neuen Rechtes nicht widersprach, und mit letzterem zu einer ein- 
heitlichen Gemeindeverfassung {lex mtmidpii) verschmolz. Die daraus 
entsprungenen Abweichungen sind, soweit ihnen thatsächliclie Be- 
deutung zukan), immer mehr abgeschliffen worden. Es ärgerte zwar 
den Hauptstädter, wenn der Rat eines Municipium mit dem Titel 
senatus statt decuriones, die Oberbeamten mit dem Titel dictator 
oder praetor statt quatiiiorvir oder duovir prunkten, aber die Gae- 
saren haben derartige Spielerei geduldet, um nicht zu sagen be- 
fördert.') Unter Augustus zeigt das Städtewesen Italiens im Wesent- 
lichen übereinstimmende Züge. Gerade wie heutigen Tages die 
Zusammensetzung des Gemeinderats sich nach der Einwohnerzahl 
richtet (S. 15), so sinkt die Norm von 100 Decurionen in kleinen 
Municipien auf 30 und vielleicht noch tiefer herab. 2) Dafs Beamten- 
und Priestertum in einem grofsen Gemeinwesen reicher ausgestattet 
war als in einem Duodezstädtchen, versieht sich von selbst. In- 
dessen wird die alte Ueberlieferung hier wie dort von den Neue- 
rungen, welche die Monarchie auf politischem, religiösem und 
socialem Gebiet veranlafsle, gleicher Mafsen verdunkelt. 

§ 4. Die Colonien. 

Die Ortsforschung weist eine überraschende Beständigkeit in 
den Agrarverhältnissen Deutschlands nach. Auf einem so zer- 
stückelten und schicksalreichen Boden wie es der rheinische ist, 



1) Cic. de lege agr. II 93, in Pis. 24, pro domo 60, Hör. Sat. I 5,34; lex 
Julia mun. 83 fg. vila Hadr. 19, t. 

2) CIL. XIV 2458. 66. 



§ 4. Die Colonien. 25 

kann vielfach durch Urkunden erhärtet werden, dafs die Flurgrenzen 
im letzten Jahrtausend keine Aendorung erlitten haben. Freihch 
wenn man bedenkt, dafs die Siedlungen von natürlichen Bedingungen 
abhängen und die Summe lang fortgesetzter Arbeit umschliefsen, 
so befremdet die Thafsache nicht, entspricht vielmehr der Regel, 
dem gesetzmäfsigen Walten das die menschliche Gesellschaft er- 
füllt, i) In Itahen begegnen die Spuren der Römerzeit auf Schritt 
und Tritt: nicht hlos in Stadtanlage und Strafsenbau, sondern 
auch in der Flurtheilung. Die I 204 erwähnte Entdeckung Lom- 
bardini's, nach welcher die römische Centurie von 50,5 ha als 
Grundlage des Wegenetzes in vielen Gemarkungen der Aemiha und 
Venetiens wiederkehrt, ist seither verschiedentlich nachgeprüft und 
bestätigt worden. 2) Ferner kann bei einer Reihe von Territorien 
die Annahme als wahrscheinlich gehen, dafs ihre Grenzen dieselben 
gebheben sind wie unter den Kaisern. Ob es dagegen möglich 
sein wird Reste des ursprünghchen Gepräges, das die früheren 
Herren dem Lande aufgedrückt hatten, mit Sicherheit zu unter- 
scheiden, steht dahin. Das Verzeichnifs der staatlichen Ackeran- 
weisungen das die Schriften der Feldmesser von den Regionen der 
Halbinsel beibringen, bemerkt nur ganz vereinzelt, dafs die ältere 
etruskische, latinische, griechische Flurtheilung verschont worden 
sei, und begründet die Ausnahmen durch religiöse Rücksichten. 3) 
Wie wenig die Römer darauf bedacht waren bestehende Verhält- 
nisse zu erhalten, lehrt die Alimentartafel von Veleia: unter den 
17 Gauen die sie dieser Gemeinde zuschreibt, ist ein Drittel durch 
die Grenze zerrissen und theilweise zu den anstofsenden Territorien 
geschlagen worden. Wol gilt die Heiligkeit der Grenze als oberster 
Glaubenssatz (S. 9). Der Krieg jedoch hebt sie auf, der Sieger 
kann nach freiem Ermessen über das eroberte Gebiet verfügen. 
Nach der ausführlichen Formel übergiebt der Unterworfene auf 
Gnade und Ungnade mit seiner eigenen Person urbem agros aquam 
terminos delubra ntensilia divina humanaque omm'aJ) Nach römischem 



1) A. Meitzen, Siedelung und Agrarwesen der Westgermanen und Ost- 
germanen, der Kellen, Römer, Finnen und Slawen, 3 B., Berlin 1895. 

2) Ad. Schulten, die römische Flurtheilung und ihre Reste, Abh. d. Ges. d. 
Wiss. zu Göttingen II 7, Berlin 1898. 

3) Feldm. 225. 229,6. 234.21 lege et consecratione veteri manet; 235,16. 
237,1. 

4) Liv. I 38 VII 31, Pol. XXXVl 4 vgl. XX 9 fg. 



26 Einleitung. 

Recht entsteht das private Bodeneigentum durch Uebertragung von 
Seilen des Staates, ist steuerfrei und in vieler Hinsicht bevorzugt. 
Aeufserhch trägt es das Merkmal dieser bevorzugten Stellung in seiner 
Linnlation zur Schau, indem es nach römischen Grundsätzen neu 
vermessen und bekundet wird. Seit undenklichen Zeiten bewohnen 
die deutschen Stämme das Erbe ihrer Väter: daher rührt die oben 
betoute Stetigkeit des Besitzes. Das alte Italien hat eine Umwälzung 
nach der anderen durchlebt, seine Geschichte offenbart einen gerade- 
zu unheimlichen Wandel des Eigentums. Der Feldmesser der dem 
Wandel sichtbaren Ausdruck lieh, hat die von seinen Vorgängern 
gezogenen Linien verwischt. Was die Ueberlieferung vom Umfang 
seiner Thätigkeil meldet, soll zunächst betrachtet werden. 

Romulus, sagt man, theilte jedem Bürger aus dem Gemeinbe- 
sitz 2 Morgen V2 ha Gartenland als Erb und Eigen zu.i) Dies 
Mafs kehrt noch bei Verleihungen des 4. Jahrhunderts vvieder'^) 
und lehrt, wie lange die Feldgemeinschaft bei den Römern fortge- 
dauert hat"^); denn ohne Antheil an der Allmende hätte der auf 
den Ertrag von 2 Morgen angewiesene Bürger verhungern müssen. 4) 
Wie der Staat als Vermögenseinheit res publica heifst, so wird die 
von ihm gestiftete Ansiedlung colonia Bauerngut wegen des gemein- 
schafthchen Wirtschaftbetriebs benannt.^) König Ancus hat mit der 
Anlage von Ostia den Anfang gemacht. Andere Gründungen die 
in die Königszeit fallen , sind bei dem Zusammenbruch der dem 
Sturz der Tarquinier auf dem Fufse folgte, wieder verloren ge- 
gangen. Nachdem Rom durch die Bündnisse mit Latinern und 
Hernikern gestärkt seine Macht neu errichtet, hat es zuerst gemein- 
schaftlich mit den Verbündeten, alsdann aus eigenem Entschlufs 
bis 177 v. Chr. im Ganzen 40 latinische Colonien nach eroberten 
Ländereien ausgeführt. Davon sind 5 aufgehoben oder dem Bürger- 
verband einverleibt worden. Ihrer 30 wurden im hannibalisclien 
Krieg gezählt, nachher kamen 5 hinzu, 89 v. Chr. erhielten alle 
Bürgerrecht, Sie sind als unabhängige Städte gegründet, aber 
durch Sprache Verkehr und Recht eng an Rom geknüpft. Dafs sie 



1) Mommsen, Staatsiecht III 23. 

2) Liv. IV 47 VI 16 Vlll 11. 21. 

3) Von der Zeit des Romulus und Cato meint Horaz Od. II 15 privatus 
Ulis census erat brevis, commune magnum. 

4) Meitzen I 252. 

5) Serv. V. Aen. I 12. 



§ 4. Die Colonien. 



27 



dessen Kriegshoheit anerkennen mufsten, versteht sich von selbst; 
auch haben ihre Rechte im Laufe der Zeiten Einbufsen eriitten. 
Die folgende Uebersicht, für deren Ansätze die Beschreibung die 
Belege enthält, soll den Bodenwechsel veranschaulichen den die 
Einigung Italiens vcranlafste. 

Jahr der Gpündung Colonisten Ackerlose in Morgen 



Signia I 


495 


Velitrae I 


494 seit 338 römisch 


Norba I 


492 


Antium I 


467 seit 338 römisch 


Ardea I 


442 


Labici I 


418 später römisch 


Vitellia I 


395 bald zerstört 


Circei I 


393 


Satricum I 


385 bald zerstört 


Sutrium VII 


383 


Nepet VII 


383 


Setia I 


382 


Cales I 


334 


Fregellae I 


328 


Luceria II 


314 


Suessa I 


313 


Pontiae I 


313 


Saticula IV 


313 


Interamna I 


312 


Sora I 


303 


Alba IV 


303 


Narnia VI 


299 


Carsioli IV 


298 


Venusia II 


291 


Hadria V 


289 


Cosa VII 


273 


Paeslum III 


273 


Ariminum VIII 268 


Beneventum 


II 268 


Firmum V 


264 


Aesernia IV 


263 


Brundisium 


II 244 


Spoletium VI 241 



1500 



2500 



2500 



4000 
4000 
6000 

4000 
20000 



28 Einleitung. 



Jahr der Gründung 


Colonisten 


Ackerlose in Morj 


Placentia VIII 218 


6000 




Cremona X 218 


6000 




Copia III 193 


3300 


20 (40) 1) 


Vibo III 192 


4000 


15 (30) 


Bononia VIII 189 


3000 


50 (70) 


Aquileia X 181 


3000 


50 (140) 


Luca VII 177 


3000 





Das Gebiet das den 35 Colonien die Bestand hatten, überwiesen 
worden ist, kann kaum unter 300 d. DM. veranschlagt werden. 
Die grüfste Umwälzung hat sich innerhalb zweier Menschenalter 
vollzogen, die Hauptkosten hat Samnium zu tragen gehabt: für die 
Anlage von Venusia wurden gegen 30 d. GM., für Saticula Bene- 
vent und Aesernia zusammen nicht weniger den alten Besitzern 
genommen. Bis zur Herstellung des Landfriedens haben schwere 
Stürme an den Mauern dieser Städte gerüttelt, viele von ihnen 
haben Nachschub erhalten, um die in den Reihen der Ansiedler ge- 
rissenen Lücken zu füllen. Während es sich hier um grofse 
Festungen handelt die nach ihrer Errichtung aus dem romischen 
Slaatsverband ausscheiden, werden umgekehrt die gleichzeitigen 
Bürgercolonien zum unmittelbaren Schutz des Staatsguts gegründet. 
Sie sind bis 183 auf Küstenplätze beschränkt und auf die be- 
scheidene Zahl von 300 Ansiedlern die von der gewöhnlichen Aushe- 
bung befreit, eine stehende Besatzung bilden. Die zunehmende Grofse 
der Ackerlose deutet auf die langsame Abnahme der Sammtwirt- 
schaft hin. 

Ackerlose in Morgen 





Jahr der Gründung 


Colonisten 


Ostia I 




630? 




Antium I 




338 




Tarracina I 




329 


300 


Pyrgi VII 




300? 




Minturnae 1 




296 




Sinuessa I 




296 




Castrum novum 


VII 


289 




Sena GalUca VI 




283 




Castrum novum 


V 


264 




Aesulum VI 




247 





1) Die Ziffer in Klammern giebt das Los der Reiter an. 



§ 4. Die Colonien. 29 

Ackerlose in Morgen 



Jahr 


der Gründung 


Colonisten 


Alsium VII 


247 




Fregenae VII 


245 




Caslra Hannibalis III 


199 


300 


Volturnum I 


194 


300 


Liternum I 


194 


300 


Puleoli I 


194 


300 


Salernum I 


194 


300 


Buxentiim III 


194 


300 


Sipontiini II 


194 




Tempsa III 


194 




Croton III 


194 




Potentia V 


184 




Pisaurum VI 


184 




Mutina VIII 


183 


2000 


Parma VIII 


183 


2000 


Saturnia VII 


183 




Graviscae VII 


181 




Luna VII 


177 


2000 


Aiiximum V 


157 




Florentia VII 


154? 




Fabrateria nova I 


124 




Tarentum II 


122 




Scolacium III 


122 




Dertona IX 


? 




Eporedia XI 


100 





6 
6 
5 

8 

10 
5 

51 V2 



Der Flächenraum der für diese Ansiedlungen beansprucht 
wurde, reicht entfernt nicht an den für die latinischen Colonien 
verwandten hinan. Rom hat bis zum Bundesgenossenkrieg ver- 
mieden durch Anlage grofser Städte die Einheit der Bürgerschaft 
zu lockern. Es stiftet auf den eroberten Gebieten Landgemeinden 
die in Dörfern und Flecken ihren Mittelpunct erhalten. Hierzu 
gehören die S. 13 erwähnten 33 Märkte von denen uns später 23 
als Municipien begegnen. Die Zahl der mit Stadtrecht begabten 
Dörfer läfst sich nicht bestimmen. Indessen lehrt die Vermehrung 
der rumischen Tribus, dafs weite Strecken Landes in Frage kamen. 
Auf der vejentischen Feldmark wurden 387 4 neue Tribus errichtet, 
bis 241 folgten 10 andere nach. Wenn nun die Censusliste von 
241 trotz der Verluste im punischen Krieg 18000 Bürger mehr 



80 Einleitung. 

aufweist als die vorhergehende von 247, so rührt der Zuwachs 
grofsentheils von den inzwischen geschaffenen Tribus Vehna und 
Quirina her. Allerdings sind die beiden jüngsten auch die ausge- 
dehntesten Tribus gewesen. Aber im Grofsen und Ganzen werden 
die Anweisungen an die Bürger schwerlich hinter dem Mafs das 
den Latinern bewilligt wurde, zurück geblieben sein. Der siegreiche 
Staat griff herzhal't zu, nahm z. B. den Brettiern 275 den halben 
Silawald, den Boiern 191 die halbe Feldmark ab, in manchen Fällen 
auch die ganze. Nach dem hannibalischen Kriege erreichte das 
römische Gemeindeland einen derartigen Umfang, dafs es zum guten 
Theil nicht vergeben, sondern privater Nutznielsung überlassen 
wurde. Um dem andauernden Verfall der römischen Bauerschaft 
zu steuern, haben die Gracchen nach heifsen Kämpfen durchgesetzt, 
dafs dies Gemeinland eingezogen und an Bedürftige vertheilt würde. 
Wie tief die Mafsregel in den Vermögensstand der damaligen Ge- 
sellschaft einschnitt, erhellt aus folgender Rechnung. Laut den 
Censusziffern sind in dem Zeitraum 131 — 125 die Steuerfähigen 
um rund 76000 Köpfe gestiegen. Setzt man das einzelne Acker- 
los im Mittel zu 30 Morgen ani), so sind über 100 d. DM. Acker- 
land den Reichen genommen und den Armen verliehen worden. 
Bis auf das campanische Feld , das noch lange als Spielball der 
Parteien diente und erst 59 an 20 000 Familienväter überlassen 
wurde, ist das zum Ackerbau geeignete Staatsland duich die grac- 
chische Bewegung beseitigt worden. — In seiner Uebersicht über 
die Colonien der Republik bemerkt Velleius, dafs die bürgerhche 
Thätigkeit 100 v. Chr. beendet und fortan durch die militärische 
Colonisation verdrängt worden sei.^j Zu den löblichen Gepflogen- 
heiten des Freistaats gehörte es die Soldaten nach dem Triumph 
mit Geld oder Land zu bedenken: beides war vom Feind mit den 
Waffen erworben. Im Zeitalter der Bürgerkriege lieferte die Gegen- 
partei ersehnte Beule, nicht selten auch wurde die friedliche Be- 
völkerung von Haus und Hof getrieben um der Habgier des Siegers 
zu fröhnen. Sulla hat 120 000 Ackerlose vertheilt 3) und 12 Colo- 



1) Dies Mafs ist angenommen nach dem Ackergesetz von 111 CIL. I 200,14, 
vgl. Liv. LVIII. 

2) Veli. I 15,5. 

3) Appian b. civ. I 104. Derselbe c. 100 giebt die Zahl der bedachten 
Legionen ;iuf 23, Liv. LXXXIX auf 47 an. 



§ 4. Die Colonien. 



31 



nicD gestiftet.') Während nach Madvi^is und Mommsens Unter- 
suchungen über die älteren Colonien keine wesentliche Unsicherheit 
herrscht-), ist dies um so mehr bezüglich der jüngeien der Fall. 3) 
Deshalb werden die Beweisstellen in der Liste beigefügt. 
Abellinum 1? CIL. X 1117 Heiname Veneria. 
Ariminum VIII Cic. pro Caec. 102, Verr. II 1,36, Appian b. civ. I 87. 
Arrelium VII Cic. pro Caec. 97, pro Mur. 49, ad Att. I 19,4, 

CIL. XI p. 336. 
Clusium VII Plin. III 52, CIL. XI p. 372. 

Faesulae VII Cic. Cat. 111 14, pro Mur. 49 u. a., verbunden mit 

Florentia. 
Grumentum III? CIL. X 221. 228. 
Hadria V? CIL. IX 5020 Beiname Veneria. 

Interamnia Pr. V Flor. II 9,27, CIL. IX p. 485. 
Nola I Feldm. 236, CIL. X 1244. 73, Beiname Fehx. 

Pompeii I Cic. pro Sulla 60. Beiname Veneria Cornelia. 

Praeneste I Cic. Cat. I 8, Flor. II 9,27, CIL. XIV p. 289. 

Spoletium VI? Flor. II 9,27. 
Suimo IV? Flor. U 9,27. 

Urbana I Plin. XIV 62. 

Die Uebersicht lehrt, dals 9 oder 10 Gemeinden die bis 90^ 
zii den italischen Bundesgenossen gehört hatten, von der Umwälzung 
betroffen wurden. Die Auftheilung der campanischen Domäne durch 
Caesar kann in diesem Zusammenhang übergangen werden. Nach 
Caesars Tode beschlossen die Triumvirn 18 der blühendsten Städte 
ihren Soldaten zum Lohn auszuliefern: davon kamen 2 frei, aber 
wirklich wurden 170 000 Mann nach der Schlacht bei Philippi in 
Italien angesiedelt, ohne dafs die bisherigen Besitzer entschädigt 
worden wären. ^) Milder verfuhr Octavian 30 v. Chr., indem er um 
120000 Veteranen mit Land auszustatten, 600 Millionen Sesterzen 



1) Die Zahl ergiebt sich aus Cic. pro Caec. 102, da Sulla den Volaleiianern 
die gleiche Rechtsleilung angewiesen halle wie den Aiiminensern: quos quis 
ignorat duodecim coloniaritm fuisse? Die Worle können !«ich nicht mit 
Monnmsen Rom. Gesch. H 424 A. Staatsrecht III 624 n. A. auf das Recht, das 
Ariminum als latinische Gemeinde gehabt halte, beziehen. Sie beziehen sich 
auf das Recht, das Sulla ihm zur Strafe verliehen halle. 

2) iMaiquardt, Staatsverwaltung 1 35 fg. 48. 

3) Mommsen, die italischen Bürgercolonien von Sulla bis Vespasian, Herrn. 
XVIII 161 fg.; Korneraann in Pauly-W'issowa Realencyclopädie. 

4) Appian b. civ. IV 3 V 5. 12 fg. 



32 Einleitung. 

(130 Mill. Mark) aiihvaiulte, also wenigstens einen Theil des Schadens 
verjjütete. In seiner Grabschrift 14 n. Chr. rühmt der Kaiser dals 
in Italien 28 blühende volkreiche Colonien unter seinen Anspielen 
gegründet seien. In der Censusliste führt er 44 auf, indem die 
Anlagen der Triumvirn mitgerechnet werden. Da nur ein Jahr- 
zehnt zwischen den Umwälzungen von 41 und 30 in der Mitte 
hegt, reichen unsere Mittel zur reinlichen Scheidung der von 
beiden betroffenen Städte nicht aus. Die jüngeren wie die älteren 
Colonien wurden von Augustus als Stützen seiner Macht betrachtet 
und durch erhebliche Vorrechte ausgezeichnet, i) So durften die 
Stadträte ihre Stimmen für die staatlichen Wahlen schriftlich nach 
Rom einschicken: ein Ansatz zum modernen System der freilich 
bald mit dem Aufhören der Volkswahlen wieder verschwand. Ein 
nach Regionen geordnetes Verzeichnifs dieser bevorrechteten Colonien 
wird für das Verständnifs des auguslischen Italien (S. 3) von 
Nutzen sein. 



Region 


Name Jal 


ii- der Gründung 


Feldmark i 


XI 


Augusta Ta 


urinorum 


nach 28 


50 


— 


Aug. r^raet. 


Salassorum 


25 


60 


X 


Brixia Aug. 


civica 


nach 28 


100 


— 


Crem na 




41 


20 


— 


Ateste 




30 


15 


— 


Julia Concordia 


35 


40 


— 


Aquileia 




35? 


50 


— 


Tergeste 




33 


30 


— 


Pola 




33 




IX 


Dertona 




vor 28 




VIII 


Brixellum 
Placentia 






30 


— 


Parma 




nach 28 


25 


— 


Mutina 








— 


Bononia 




nach 28? 


40 


— 


Ariminum 




nach 28 


9 


VII 


Luca 




41 


30 


— 


Pisae 




vor 28 


20 


— 


Rusellae 








— 


Saena 




vor 28 





1) Suelon Aug. 46. 





§ 4. 


Die Colonien. 


Region 


Name 


Jahr der Gründun» 


VII 


Sutrium 


41 


— 


Falerii 


41? 


— 


Lucus Feroniae 


41 


VI 


Pisa ur um 


41 


— 


Fanum Fortiinae 


41 


— 


Hispellum 


41 


— 


Tuder 


41 


V 


Ancona 


41 


— 


Firmum 


41 


— 


Asculum 


41 


— 


Hadria 


41? 


IV 


Bovianum Vetus 


41 


II 


Luceria 


41 


— 


Venusia 


41 


— 


ßeneventum 


(41) 28 


I 


Antium 


41 


— 


Minlurnae 




— 


Sora 


41 


— 


Aquinum 
Teanum 


41 


— 


Suessa 


41 


— 


Venafrum 


nacii 28 


— 


Capua 


36 


— 


Noia 





33 

Feldmark in d. QM. 



30 
20 
10 



9 
15 

6 

Diese Liste von 44 Städten i) stellt den zehnten Theil der 
Verwaltungskörper Italiens dar, umfafst aber ungefähr ein Fünftel 
der gesammlen Bodentläche. Eine genaue Berechnung der Stadt- 
gebiete ist nicht möghch: wenn man indefs bedenkt, dafs Brultium 
und Apulien mit ihren Domänen von mehreren hundert Quadrat- 
meilen Umfang in Abzug zu bringen sind, so erscheint das Ver- 
hältnifs des von der Colonisation betroffenen Landes zu dem ver- 
schont gebhebenen eher zu niedrig als zu hoch gegriffen zu sein. 
Die Nachfolger des ersten Kaisers, Tiberius, Claudius, Nero, dann 



1) Unberücksichtigt bleiben aus der Küstenbeschreibung bei Plinius 111 51 
Cosa Folcientium a populu Romano deducla, 56 Ostia colonia a Romano rege 
deducta, 61 Puteoli colonia Dicaearchea dicti, da die Zusätze schon andeuten 
dafs diese Gründungen nicht von Augustus stammen. Dies gilt auch von 
Puleoli nach allem was wir von dessen Geschichte kennen. 

Nissen, Ital. Landeskunde. IL 3 



34 Einleitung. 

die Flavier und Antonine bis Diocletian und Conslantin haben da- 
mit fortgefahren Municipien in Colonien , umgekehrt auch ehe- 
mahge Colonien in Municipien umzuwandeln. Die Stellung einer 
Gemeinde als Colonie galt für ehrenvoller, als Municipium für 
freier und vortheilhafter, ohne dafs wir im Stande wären die recht- 
lichen Vor- und Nachtheile deutlich zu erkennen. i) Im Ganzen 
sind etwa 35 Städte seit Augustus mit Colonialrecht bedacht worden: 
jedoch mag die Zahl bedeutend grülser sein als die zufällig erhaltenen 
Nachrichten ergeben. Nach diesen handelt es sich theils um die 
Verstärkung vorhandener Colonien , theils um Ansiedlung von 
Veteranen in bestehenden Municipien. Eine liefgreifende Umgestal- 
tung des Besitzstandes, wie sie im letzten vorchristlichen Jahrhundert 
so gewahsam ins Werk gesetzt wurde, hat sich unter der Herrschaft 
des Friedens nicht wiederholt. Vielfach stehen diese späteren 
Gründungen auf derselben Stufe wie die Verleihung eines Titels. 
Immerhin haben auch sie dazu beigetragen das vorrömische Gepräge 
des Landes zu verwischen. 

§ 5. Die Entwicklung der Städte. 

Die wechselnden Schicksale, die über das Land hingezogen 
sind, haben einen greifbaren Ausdruck in den Städten hinterlassen. 
Um die Fülle der Erscheinungen zu erläutern, gehen wir von der 
Bestimmung ihrer Grofse aus. Die Alten verschlossen sich durch- 
aus nicht der Einsicht, dafs die Macht eines Gemeinwesens von der 
Ausdehnung seines Gebiets abhinge.'^) Trotzdem ist ihnen die 
Vergleichung der Städte unter einander ohne Rücksichtnahme auf 
das zugehörige Gebiet geläufig, wobei als Mafsstab der Umfang der 
Ringmauer dient. Die Berechtigung dieses Mafsstabs ruht in dem 
Umstand, dafs die Mauerlänge der Zahl der Vertheidiger entsprechen 
mufs, also auf die Stärke der Bürgerschaft einen Schlufs gestaltet. 
In der griechischen wie der römischen Schlachtordnung nimmt der 
einzelne Mann 3 Fufs 89 cm Front ein.'^) Allem Anschein nach 
ist bei der Stadtanlage das gleiche Verhällnifs zwischen der Mauer- 
länge und der Zahl der Bürger als Norm betrachtet worden. In 
einem Falle wenigstens leuchtet die Sache unmittelbar ein: das 25 

1) Gell. N. A. XVI 13. 

2) Ti.ukyd. 1 10 Pol. IX 21 Hultsch. 

3) Pol. XVIII 29,2 3ü,6 Hu. 



§ 5. Die Entwicklung der Städte. 35 

V. Chr. gegründete Aosta erhielt 3000 Colonisten und nach Promis 
Messung einen Umfang von S766 Fufs. Ein annähernd gleicher 
Umfang begegnet bei itahschen Mittelstädten denen dieselbe Zahl 
von Bürgern beigelegt werden kann , häuOg. Damit soll keines- 
veegs gesagt sein dafs der Bestand an Waffenfähigen gefunden 
wird, indem man die Fufslänge der Mauer durch drei dividirt. So hat 
z. B. Alba am Fuciner See 10 000 Fufs Umfang und 6000 Colo- 
nisten, Sora 9300 Fufs Umfang und 4000 Colonisten. Die oriHchen 
Bedingungen, die natürliche Deckung durch Wasserläufe und steile 
Abhänge sprechen bei der Anlage ein entscheidendes Wort. Aber bei 
aller Älannichlaltigkeit die hierdurch veranlafst wird, gilt doch für die 
gesammte Befestigungskunst des Altertums und Mittelalters der Satz 
Machiavelli's : quanto minore era una cosa, meglio st difendeva. Des- 
halb kann die Zahl der Vertheidiger bedeutend höher sein als das oben 
aufgestellte Verhältnifs zum Mauerring anzeigt, jedoch kaum niedriger. 
— Der Lauf der Mauer richtet sich nach der Gestaltung des Bodens 
und wird von dem Streben die Annäherung des Feindes zu erschweren 
bestimmt. So wünschenswert es auch ist einen mögUchst grofsen 
Raum einzuschliefsen, kommt diese Rücksicht nur an zweiter Stelle in 
Betracht. Daraus erklärt sich , dafs Umfang und Inhalt nicht mit 
einander stimmen, dafs bei gleichem Umfang die Wohnfläche in 
dem einen Falle die doppelte Ausdebnung hat wie im andern. 
Man erkennt sofort, dafs zwei getrennte Grofsen vorliegen, die ver- 
schiedenartige Fragen beantworten. Zur Vertheidigung der Ringmauer 
sind alle Bürger berufen, ob sie innerhalb derselben wohnen oder 
aufserhalb. Dagegen läfst sich die städtische Bevölkerung allein aus 
dem vorhandenen Wohnraum ermitteln. Ursprünglich hat eine 
solche Scheidung nicht bestanden. Das Haus oder die Hütte ge- 
währte Schutz bei Nacht und Unwetter, die Burg Schutz bei 
feindlichem Angriff (S. 10 A. 1), das eigentliche Leben spielte sich 
draufsen in Feld und Wald ab. Die Kleinheit des Hauses und die 
Enge der Burg haben die antike und mittelalterliche Wohnweise 
gekennzeichnet, so lange die Städte befestigt waren. Freilich ge- 
nügten die S.ll erwähnten winzigen Hütten den Ansprüchen nicht 
mehr, als die Gesellschaft sich gliederte und den Gegensatz von 
Ann und Reich ausbildete. Die herrschende Classe, sei es einge- 
borener Adel oder fremde Eroberer, behält die Festung in der 
Hand und verdrängt die bäuerhchen Mitwohner. Im weiteren Ver- 
lauf entfalten sich Handel und Gewerbe vor den Thoren , werden 

3* 



36 Einleitung. 

durch Wall und Graben notdürftig geschützt und führen schliefslich 
zur Erweiterung des Mauerrings. Derart entstehen Mittel- und 
Grolsstädte die zur Aufnahme der bäuerlichen Bevölkerung aus- 
reichen, wenn diese ihre Heimstätten dem Feinde preisgeben mufs. 
Die Schilderung die Thukydides von der Räumung Attika's 431 
entwirft^), erläutert den Hergang in vorbildlicher Weise. Immerhin 
ist der Raum den die Mauer umschliefst, weder allein noch vor- 
zugsweise auf die Bedürfnisse der Landschaft in Kriegsfällen be- 
rechnet, sondern in erster Linie auf die ansässigen Bewohner. 
Die Ueberlieferung bestätigt den monumentalen Thatbestand, io 
sofern sie die geräumigsten Städte als Sitze von Gewerbe und 
Handel, sowie einer starken Bevölkerung bezeichnet. — Da keine 
anderen Mittel zur Vergleichung der Gröfsenverhältnisse zu Gebote 
stehen, wird im Folgenden von einigen 60 italischen Städten der 
Mauerumfang in Kilometern, die Grundfläche in Hektaren, endlich 
das Jahr des Mauerbaues aufgeführt, soweit es sich bestimmen 
läfst. Die Ziffern sind durchweg abgerundet, um den falschen 
Schein einer nicht vorhandenen Genauigkeit zu vermeiden. 2) Trotz 
dieser Mängel und trotz seiner Unvollständigkeit genügt das Material, 
um einige bedeutende Thatsachen der Geschichte ins richtige Licht 
zu rücken. Wir unterscheiden drei Classen: Grofsstädte mit min- 
destens 80 ha Grundfläche und 4 km Umfang, Mittelstädte mit 
mindestens 30 ha Grundfläche und 2,5 km Umfang, nennen Klein- 
städte was darunter bleibt. Zunächst wird der Stadtstaat der 
Hellenen durch nachstehende ZifTern erläutert: 





Jahr 


Grundfläctie in ha 


Umfang in km 


Tarentum 


400 


570 


15 


Sybaris 


600 




9 


Thurii 


443 


250 


7 


Croton 


500 




18 


Locri 


385 


245 


7 


Vibo 


379 


200 


6,67 


Velia 


530 


HO 


5 


Posidonia 


550 


126 


4,9 



1) Thukyd. II 16. 17. 

2) L)ie Grundfläche von 27 Städten wird der Messung Belochs, Bevölke- 
rung p. 486 fg. verdankt. In anderen Fällen liegt nur eine annähernde Berech- 
nung vor. 



§ 5. Die Entwicklung der Städte. 37 

Das Vorbild der Hellenen hat im Südosten der Halbinsel, in 
den apulischen Landen Nachahmer gefunden. Wahrscheinlich ge- 
hörten zur ersten Classe Manduria, Canusium, Arpi: der Umfang 
der an erster Stelle genannten Stadt wird auf 4 km angegeben; 
über die Ausdehnung der beiden anderen ist nichts Näheres be- 
kannt. Besser sind wir über Campanien unterrichtet und lesen 
aus den Ziffern von dem Wettstreit dreier Völker unter einander, 
der Hellenen Etrusker und Osker. 





Jahr 


Grundfläche in ha 


Umfang in km 


Cumae 


600 


60 


3 


Neapohs 


450 


106 


4 


Capua 


470 


182 


5,5 


Calatia 


400 


20 


2 


Nola 


470 




4,5? 


Pompei 


580 


65 


3 


Surrentum 


600 


22 


2 



Ueber den Ursprung und das Wachstum der Etrusker läfst uns 
die Litteratur im Stich. Aber die Ueberreste ihrer Mauern ver- 
künden die Gröfse ihrer Stadtherrschaften und beweisen , dafs sie 
mit den Hellenen wetteifernd von den Alten nicht ohne Grund als 
Städtebauer angesehen worden sind. Angaben in Betreff des Mauer- 
baus fehlen gänzlich: doch ist im Allgemeinen das sechste Jahr- 
hundert V. Chr. als die Epoche des höchsten Aufschwungs dieses 



Volkes zu betrachten. 


Grundfläche in ha 


Umfang in km 


Felsina (Bonc 


)nia) 


83 


3,6 


Faesulae 




35 


2,57 


Volaterrae 




130 


7,28 


Populonium 




25 


2,5 


Vetulonium 




120 


5 


Rusellae 




60 


3,15 


Saturuia 




50 


3 


Cortona 




40 


2,7 


Perusia 




32 


2,8 


Volci 




180 


6 


Tarquinii 




150 


8 


Volsinii 




120 


5 


Caere 




117 


5 


Veii 




400? 


9 


Falerii 




35 


2,8 



38 Einleitung. 

Der Zweifel ist ein nützlich Ding: verleitet er seine Jünger 
dazu den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, so wird er vom 
Uebel. Die Ueberlieferung schreibt die grofse Erweiterung Roms 
den letzten Königen zu, neuere Gelehrte sind geneigt sie ein paar 
Jahrhunderte tiefer in das Zeitalter der samnitischen oder punischen 
Kriege herab zu rücken. Wer mit Zahlen klare Vorstellungen zu 
verbinden weils, erkennt alsbald, dafs die Tradition Recht hat und 
die Skepsis Unrecht. Dafs eine Mauer von der Ausdehnung der 
servianischen im Laufe der Jahrhunderte vielfacher Herstellung be- 
durfte, leuchtet von selbst ein. Aber ohne diese Anlage seiner 
Könige bliebe die ältere Geschichte Roms ein reines Rätsel. Wir 
sehen, wie zwei das Mittelmafs weit überragende Grofsstädte, Veji 
als Haupt des rechten Tiberufers, Rom als Haupt des linken zum 
Kampf auf Leben und Tod berufen sind, da die Landschaften an 
beiden Seiten des Stroms eine natürliche Einheit bilden. Das Ver- 
zeichnifs lehrt den Wettbewerb der lalinischen Küste, den Trotz 
der binnenländischen Festungen verstehen und erklärt, warum un- 
geachtet aller Wechselfälle schliefslich doch die Wucht der Masse 
den Ausschlag giebt. 





Jahr 


Grundfläche in ha 


Umfai 


■^§ in km 


Roma 


550 


426 




9,8 


Ardea 


500 


85 




4,5 


Antium 


500 






4,5 


Velitrae 


400 






4,5 


Tusculum 


600 


14 




2,3 


Tibur 


600 






2,5 


Praeneste 


500 


32 




4,5 


Aletrium 


500 


25 




2 


Fundi 




16 




1,7 


Arpinum 


500 


50 




3 



Der gröfsere Theil Italiens ist vor dem Eingreifen der Römer 
arm an Städten gewesen. Dies gilt von dem inneren Lucanien, 
Samnium, den Cantonen des Hochappennin, der Sabina, Picenum 
und Umbrien. Einzelne Anlagen, z. B. Ameria Tuder Iguvnim 
können vielleicht nach der aufgestellten Scala noch eben die zweite 
Stufe erreicht haben. Die Mehrzahl jedoch überschritt nicht den 
Umfang von Gauburgen. Was den Norden betrifft, so sind im 
INiederland wirkliche Städte erwachsen, halten sich jedoch in ziem- 
lich bescheidenen Grenzen. Als Haupt der Veneter gilt Patavium 



§ 5. Hie Entwicklung der Städte. 39 

das mit 65 ha luhalt nur den Rang einer ansehnlichen Mittelstadt 
beansprucht. Die Römer waren es die das Städtewesen in den 
bäuerlichen Landschaften zur Durchführung brachten. Indem sie 
das Land planmäfsig mit einem Netz von Festungen überspannen, 
wurden sie von mihtärischen Erwägungen geleitet. Unter allen 
Colonien nehmen Vejinsia und Brundisium den grofsten Raum ein: 
letzteres bedeckt etwa eine Fläche von 80 ha, die Ausdehnung von 
Venusia bleibt noch zu ermitteln. Beide liegen im Bereich von 
Städte- gewerb- und verkehrreichen Gegenden. Aber im Uebrigen 
sind die Colonien im Verhältnifs zu ihren Gebieten klein; erst die 
Friedenszeit hat einzelne unter ihnen bedeutend erweitert. 





Jahr 




Grundfläche in ha 


Umfang in km 


Signia 


495 




16 


2 


Norba 


492 




35 


2,5 


Tarracina 


329 






1,5 


Suessa Aur. 


313 






2,5 


Alba Fuc. 


303 




34 


3 


Sora 


303 






2,8 


Cosa 


273 




14 


1,47 


Ariminum 


268 




34 


2,6 


Beneventum 


268 






3 


Aquileia 


181 




64 




Falerii 


241 




29 


2,1 


Florentia 


154 




25 


2 


Tergeste 


33 




20 




Pola 


33 




16 




Telesia 


9 




25 


2 


Augusta Taur. 


25 




45 


2,7 


Augusta Saj. 


25 




41 


2,6 


Saepinum 







14 


1,5 


Urbs Salvia 


9 






2,5 


Verona 


265 n. 


Chr. 


46 


2,8 


AUifae 


350 n. 


Chr. 




2 



Die ganze Entwicklung, die bisher ziffermäfsig zusammengefafst 
wurde, nimmt ihren Ausgang von jenen Gauburgen von denen S. 10 
die Rede war. Manche Terremare sind bis tief in historische Zeiten 
hinunter bewohnt gewesen: dies lehrt der Weizen den die An- 
siedler bauten, lehren die Funde von Ohven und anderen Erzeug- 
nissen eines fortgeschrittenen Verkehrs. Ueberhaupt ändert ein 



40 Einleitung. 

Land seine heimische Wohnweise ehenso langsam wie sein Pflanzen- 
kleid. Wenn der Schwabenspiegel deutsche Städte kennt die nur 
durch Pfahlvverk oder Graben geschützt waren i), so nimmt es nicht 
Wunder, dafs Sulla 89 v. Chr. die Holzmauer des hirpinischen 
Aeclanum in Brand stecken konnte.'^) Indessen, ob alt oder jung, 
ohne Zweifel geben jene Anlagen aus der Poebene den ältesten 
Typus geschlossenen Siedeins in Italien treu wieder. Der Typus 
trägt bereits die Vorliebe für die rechteckige Foim, die planmäfsige 
Absteckung und Vertheilung der Wohnfläche zur Schau die dem 
Verfahren der Römer in historischen Zeiten eigentümlich erscheint. 
Den Zusammenhang zeigt die Sprache deutlich an : während die auf 
Haus- und Städtebau bezüglichen deutschen Ausdrücke zumeist aus 
dem Lateinischen entlehnt sind, haben die Romer eigenes Sprach- 
gut verwandl.3) In ferne Vergangenheit weist auch der Ritus zu- 
rück durch den die Römer ihre Städte gründeten : wenn die 
Pflugschar, mit welcher der zur Anlage ausersehene Raum um- 
pflügt wird, aus Erz sein mufs, so kann die Sitte nicht aufgekommen 
sein, als das Eisen bereits im allgemeinen Gebrauch war. Der Ritus 
greift so tief in das Rechts- und Verfassungsleben ein, dafs Varro 
urbs von der Pflugschar (urvus) ableitet und nur umpflügten Plätzen 
den Namen urbes zugesteht^): was auch begreiflich genug ist, da 
das Ziehen der Furche (urvare) die Grenze des Stadtfriedens be- 
zeichnen soll. Varro läfst den Ritus, desgleichen die ganze Limitation, 
d. h. die Vermessung von Stadt und Land, von den Etruskern er- 
funden sein.^) Die Annahme bedarf einer wesenthchen Einschrän- 
kung: die Elemente der Geometrie waren den Italikern im Poland 
wie allen den Acker bebauenden Völkern vertraut; es würde aller 
geschichtlichen Erfahrung widersprechen, wenn die nationale Wohn- 
art mit einem Schlage vom Boden hinweg gefegt worden wäre. 
Aber allerdings ist das beliebte Bild, das die Stadt aus dem Pfahldorf 
hervorgehen läfst wie die Pflanze aus der Zelle, geeignet Mifsver- 
ständnisse zu erwecken. In technischer Hinsicht hat sich zwischen 



1) Moriz Heyne, Das deutsche Wohnungswesen von den ältesten geschicht- 
lichen Zeiten bis zum 16. Jahrhundert, Leipzig 1899, p. 317. 

2) Appian b. civ. I 51, vgl. Vitruv II 9,15. 

3) H.Nissen, Das Templum antiquarische Untersuchungen, Berlin 1869, 
p. 88 fg. 

4) Tenaplum p. 56 vgl. 97. 

5) Varro LL. V 143, Liv. I 44, Plut. Rom. 11, Feldm. 27, vgl. Templum 
p. 10. 57. 



§ 5. Die Entwicklung der Städte. 41 

beiden Stufen der Entwicklung ein Bruch vollzogen der durch 
fremde Muster herbeigeführt wurde. Das INämliche gilt von der 
gesellschaftlichen Gliederung die in der Stadt und dem vom römischen 
Lager dargestellten Stadtschema verkörpert ist. Unsere Vorfahren 
haben den Sleinbau von den Römern erlernt. Wem diese ihren 
nationalen Tempel und ihr städtisches Wohnhaus der Blütezeit ver- 
danken, deutet das beiden verliehene Beiwort tuscanisch an. Eine 
Schöpfung wie das servianische Rom ist ohne den Aufschwung und 
die Einwirkung der nördlichen Nachbarn einfach undenkbar. 
Lehrmeister im Süden Italiens waren die Hellenen. Sicherhch 
haben diese auch den Etruskern die wichtigsten Anregungen über- 
mittelt. Indessen wäre es bei dem heutigen Stand der Forschung 
ein müfsiges Unterfangen den Antheil der den einzelnen Völkern 
an der Gestaltung des italischen Städtewesens zukommt, scharf ab- 
grenzen zu wollen. 

Im Mittelalter holte der deutsche Bürger, wenn er bauen wollte, 
das Material aus dem Stadtwald. Nachdem unsere Vorfahren in der 
Völkerwanderung den Sleinbau kennen gelernt, dauert es ein volles 
Jahrtausend, bevor sie sich die fremde Kunst angeeignet hatten. 
In Alt Italien ist es ähnlich gegangen. i) Mit der fortschreitenden 
Rodung wird das Holz knapp, aber doch noch zur Kaiserzeit in 
einem Umfang gebraucht den die Gegenwart nicht kennt (1 434). 
Der ärmhche Hausrat der Alten erklärt zum Theil, warum sie die 
verheerenden Feuersbrünste so lange ertrugen, ohne die ererbte 
Bauweise aufzugeben. Zuerst wird die Schutzwehr gegen den 
äufseren Feind aus Stein errichtet. Für Brunnen und Abzugscanäle 
kommt dasselbe Material früh zur Anwendung, dagegen für Brücken 
spät. Unter den Wohnungen machen die den Göttern geweihten 
den Anfang. Der Abstand zwischen den hoch ragenden Tempeln 
und den winzigen Bürgerhäusern mufs das uns geläufige Mafs 
überschritten haben. Auch die Höfe des Adels mögen ursprünghch 
nur durch eine gröfsere Grundfläche ausgezeichnet gewesen sein. 
Sodann wird das Strohdach durch Schindeln, die Schindeln durch 
Ziegel verdrängt; man ersetzt die Holz- durch Steinpfosten, das 
Flechtwerk der Wände durch Luftziegel; Raumersparnifs führt da- 
zu den Häusern gemeinsame Mauern zu geben und das Dach nach 



1) H. Nissen, Pompeianische Studien zur Städtekunde des Altertums, 
Leipzig 1877. 



42 Einleitung. 

einer inneren Lichtüffnung zu neigen. Allen diesen Neuerungen 
hat der Gallische Brand in Rom Eingang verschafft; anderswo, in 
Etrurien wie im Süden, waren sie längst verbreitet. Der grofs- 
städtischen Entwicklung durch den Hochbau, der Erweiterung des 
Wohnraums durch obere Stockwerke trat vorläufig der Mangel eines 
haltbaren Bindemittels in den Weg. Als solches diente ursprünglich 
nur Lehm. Der Kalkmörtel begegnet bereits an den Pyramiden,' 
ist von Aegypten aus gewandert und ist etwa um 300 v. Chr. durch 
Vermittlung der Karthager auf das italische Festland gelangt. Diese 
Erfindung, eine der wichtigsten welche die Geschichte der Technik 
kennt, eröffnete die Möglichkeit die engen Festungen den Bedürf- 
nissen einer neuen Zeit anzupassen. Die Zunahme des Verkehrs, 
die zweckmäfsige Theilung der Arbeit, die Ausbildung des Hand- 
werks künden die Wandlung an. Die Ackerwirtschaft weicht aus den 
Thoren, die Ställe die ehedem den Zug der Strafsen eingefafst hatten, 
räumen Kaufläden und Werkstätten ihren Platz. Der reiche Mann 
dehnt sein Heim durch den Erwerb der Nachbarhäuser aus, schafft 
sich mit dem wachsenden Gesinde gröfsere Freiheit der Bewegung 
und Behaglichkeit. Der mittellose Bürger mietet einen Laden oder 
ein Gelafs in den oberen Geschossen, die der Hausherr selbst zu 
bewohnen verschmäht, aber des Gewinns wegen aufsetzt. Je nach 
den örtlichen Verhältnissen wird der wirtschaftliche Umschwung zu 
verschiedenen Zeiten und in ungleicher Stärke auftreten , in den 
alten Handelsstädten früher, in den abgelegenen Landschaften nach 
Jahrhunderten. Im Allgemeinen kann man die Niederlage Hanni- 
bals als den entscheidenden Wendepunct betrachten. Der Friede 
hält auf den verwüsteten Fluren seinen Einzug, macht auch vor 
den Thoren der Festungen nicht Halt. Wie er aus ganz Italien 
nach Varro's Worten einen Baumgarten schuf und dadurch dessen 
Wehrlosigkeit beförderte, ist in anderem Zusammenhang (1 455) 
dargelegt worden. Wie er die Wehren selbst unterhöhlte, bleibt 
hier nachzuholen. 

Unter den Zeugen einer fernen Vergangenheit sind keine in 
gleicher Zahl vorbanden wie die verwitterten Ringmauern die noch 
jetzt so viele Ortschaften des Appennin umgürten (139). Staunend 
überschlägt der Beschauer die Summe der Arbeit die für die Er- 
richtung gefordert wurde. Der alte Staat stellte an die persönliche 
Leistung seiner Angehörigen hohe Ansprüche: nach dem caesarischen 
Stadtrecht von Urso steht es noch dem Gemeinderat frei jeden 



§ 5. Die Entwicklung der Städte. 43 

erwachsenen Einwohner zu 5, jedes Gespann zu 3 Tagen Frohn- 
leistung im Jahr heranzuziehen. Wie die Deichlasten den Marschbauern 
drücken (I 210), hat der Latiner der Vorzeit über die Arbeit ge- 
seufzt die ihm die Schutzwehr gegen den Feind bereitete. Ein 
Nachklang davon tönt aus der Sprache entgegen: munus und murus 
kommen von derselben Wurzel, so dafs die Mauerlast als die wich- 
tigste der dem Bürger obliegenden Frohnden die allgemeine Be- 
deutung der Bürgerlast schlechthin erhält ; der Plural moenia weist 
auf die Vielheit der geleisteten Arbeiten hin, endlich die Wurzel 
nm binden , flechten , auf die Technik in der die Holzwälle des 
Feldlagers und der ältesten Gauburgen hergestellt wurden. Der 
aufgewandten Mühe entspricht die Wertschätzung deren die Mauer 
geniefst, Sie steht unter gottlicher Obhut und ist unverletzlich; 
wer sie beschädigt oder übersteigt, verwirkt sein Leben nach dem 
warnenden Beispiel das der Gründer Roms mit dem Todtschlag des 
eigenen Bruders gegeben hatte. Die Mauer gilt als Sinnbild staat- 
hcher Freiheit: wird sie vom Sieger geschleift, so raubt er der 
Gemeinde die Selbstbestimmung. Freilich seitdem die römische 
Herrschaft den Frieden im Lande verbürgte, läfst die Strenge der 
Vorfahren nach und wird ihre Sorge auf die leichte Schulter 
genommen. Dann treibt im Lauf der Jahre die Erdnässe von der 
inneren Böschung her die Quadern aus ihren Fugen , der Graben 
wird mit Schult und Unrat angefüllt. Ziehen nun am heiteren 
Himmel die Kriegswolken drohend auf, so mufs die lange Versäum- 
nifs in aller Eile wieder gut gemacht werden. In Pompeji, sehen 
wir, war ein paar Menschenalter nach Hannibals Abzug die Mauer 
so verfallen, dafs ungefähr ein Achtel des ganzen Rings der Er- 
neuerung bedurfte, als die Bundesgenossen auf Selbsthilfe sannen. 
In dem nämlichen Zeitraum schwoll die Bevölkerung Roms lawinen- 
haft an, baute von Aufsen und Innen an die Königsmauer, die 
Weltherrscherin wurde eine offene Stadt und sah sich 87 v. Chr. 
auf den Schutz von Feldschanzen verwiesen. Im Zeitalter der 
Bürgerkr'ege, ja noch unter der Regierung des Augustus sind Ge- 
meinden der Halbinsel mit der Ausbesserung ihrer Werke beschäftigt. 
Namentlich werden diese durch Thürme verstärkt die in der älteren 
Epoche entbehrlich schienen, aber mit der Ausbildung des Geschütz- 
wesens je länger desto mehr die eigentlichen Stützen der Vertheidigung 
abgeben. Erwähnung verdient, dafs Festungsbanten besonders von 
Bergstädten gemeldet werden: von Seiten der halbwilden Hirten- 



44 Einleitung. 

Sklaven waien am Ersten Ausschreilungen zu befürchten. Aber 
nach dem Tode des Augustus wird es von Befestigungsarbeiten in 
Italien still: so grofs auch die Menge der erhaltenen Bauinschriften 
ist, davon redet keine. 

Dem Buchslaben nach sind alle Städte mit Ausnahme Roms 
ummauert, der Kaiser führt die Aufsicht über die Werke, die inner- 
halb der Thore wohnenden Bürger geniefsen manche Vortheile vor 
den Aufsenwohnern. Aber schon das Stadtrecht von Urso gestattet 
den Würdenträgern der Colonie ihren Wohnsitz eine Millie im Um- 
kreis zu nehmen. Das Streben nach Luft und Licht das mit der 
Verfeinerung der Sitten stetig wächst, lullte diesen Kreis früh mit 
Landhäusern an. Die massigen Denkmäler, mit denen die fieberhaft 
gesteigerte Ruhmsucht die Strafsen vor den Thoren einrahmte, trugen 
das Ihrige dazu bei dem Feind die Annäherung zu erleichtern. Wie 
schlielslich die Staatsbehörde ihre Aufsicht handhabte, lehrt ein Blick 
auf Pompeji, dessen Mauer auf der ganzen Seeseite eingerissen, auf 
anderen Strecken überbaut ist. Was sollte auch dies genufsfreudige 
Geschlecht sich um die W^ehr seiner Väter bekümmern? „Als die 
Alleinherrschaft auf Augustus übergegangen war — bemerkt ein 
Geschichtschreiber i) — enthob er die Einwohner Italiens der 
Kriegslast und entkleidete sie der Rüstung. Er schützte das Reich 
durch Castelle und Lager, stellte um festen Satz gemietete Söldner 
als Mauer des Reichs der Römer zu dienen auf, umhegte und 
sicherte es durch grofse Ströme und Gräben oder durch Gebirge 
und ungangbare Wüsten." Wenn dann der seltene Fall eintrat, 
dafs die Kriegsdrommete den tiefen Schlaf verscheuchte, war das 
Land ratlos. Als im Vierkaiserjahr 69 die Flavianer Verona zum 
Waffenplatz erheben wollten, gingen sie zunächst daran es zu be- 
festigen^): und doch sperrt der Platz die Brenn erstrafse und den 
Austritt der Etsch in die Ebene. Als 193 Septimius Severus von 
Wien nach Rom zog, wurde sein Eilmarsch lediglich durch die 
Feslhchkeiten verzögert die ihm unterwegs die Städte veranstalteten. 
Als die Regierung 238 die ganze Bürgerschaft gegen den wilden 
Maximinus zu den Wallen rief, lag die Mauer der Grenzfestung 
Aquileia in Trümmern. Ein Menschenalter darauf lernten die Ger- 
manen den Weg nach Italien finden: nunmehr werden die Städte 



1) Herodian II 11,5 vgl. VIII 2,4. 

2) Tac. Hist. III 10. 11. 



§ 5. Die Entwicklunsf der Städte. 45 

nach dem Vorgang Roms, was sie so lange nur dem Namen nach 
gewesen waren, wieder befestigt. Freihch nötigte die einreifsende 
Entvölkerung dazti den Maiiergürtel enger m ziehen, fehlte den 
Vertheidigern die Manneskraft früherer Zeiten die unter der er- 
schlaffenden Wirkung des Friedens ausgestorben war. 

Die Wandlung die sich an den Städten von ihrer Entstehung 
bis zum Ausgang des Altertums vollzieht, kann verschieden beur- 
theilt werden. Betrachtet man das Leben von der äufseren Seite, 
so ist es sehr viel reicher anmutiger und gesitteter geworden. Ur- 
sprünglich waren die Gründungen der Griechen und Römer ebenso 
schmutzig wie die mittelalterlichen. Die ersten schüchternen Au- 
ffinge die Strafsen zu pflastern und mit Gangsteigen zu versehen, 
berichtet die römische Chronik 296 und 293. Aber es vergeht 
ein reichhches Jahrhundert, bevor die Arbeit in bedeutendem Um- 
fang unternommen wird. Das von Caesar 46 erlassene Stadtrecht 
ordnet ihre Durchführung in allen römischen Städten an. Wenn 
man auch glauben darf, dafs das Gebot in blühenden Gemeinden 
befolgt wurde, so sind andere aus Mangel an Mitteln ihm langsam 
und schrittweise nachgekommen: z. B. war Abella in Campanien 
332 n. Chr. noch ungepflastert. Früher und erfolgreicher haben 
die Alten <lie Entfernung des Unrats und die Zuleitung gesunden 
Wassers betrieben. Was die Wasserversorgung betrifft, so ist ihr 
Vorbild von der heutigen Cultur kaum erreicht, geschweige denn 
übertroffen worden. Was die öffentliche Sauberkeit betrifft, so bleibt 
Italien in der Gegenwart hinter der Vergangenheit erheblich zurück. 
— Die Zunahme der Reinlichkeit geht mit dem oben (S. 42) be- 
rührten wirtschaftHchen Umschwung Hand in Hand. Dieser bedingt 
die bauHche Umgestaltung der Städte. In den Anfängen zeigte ihr 
Aeufseres ein gar einfaches und einförmiges Gepräge. Nach sorg- 
fältig bemessenem Plan sind die Strafsen in den Boden eingeschnitten 
und werden in fortlaufenden Zeilen von kleinen Häusern eingefafst, 
deren eines ebenso ärmlich und feuergefährlich ist wie das andere. 
Ursprünglich, z. B. im ältesten Rom fehlten die Tempel. Es giebt 
nur geweihte Höfe oder Haine mit einem Altar, wo der Bürger 
schlachten oder nach antikem Ausdruck opfern kann. Darüber war 
man 450, als Hippodamos von Milet die Theorie des Städtebaus 
ausbildete, längst hinaus. Auch die etruskische Lehre erkannte 
keinen Platz als Stadt an der nicht mindestens 3 Thore und eben- 



46 Einleitung. 

so viel Tempel aufzuweisen hätte J) Die Tempel sind nicht aus- 
schliefslich für den Gollesdienst bestimmt, sondern auch für staat- 
liche Zwecke: in ihnen wird der Schatz und das Archiv aufbewahrt, 
hält der Rat Sitzungen ab und feiert seine Feste. Mit der Arbeits- 
theilung und dem gesteigerten Verkehr vermehrt sich die Zahl der 
Gotteshäuser stetig. Aber im Grofsen und Ganzen schlägt das ötfent- 
liche Bauwesen eine neue Richtung ein. — Aehnlich wie bei uns 
seit dem Ende des Mittelalters der Kirchen- von dem Profanbau 
abgelöst wird, wenden die Alten ihre Thätigkeit den Bedürfnissen 
des Tages zu. Während die Frömmigkeit der Vorfahren ihre Be- 
friedigung darin fand den hohen Himmelsmächlen würdige Wohn- 
sitze zu bereiten , entstehen jetzt gemeinnützige Anlagen in fast 
unübersehbarer Menge. Zum guten Theil werden sie durch den 
Zwang der Verhältnisse herbeigeführt. Wenn der Besitz eines eigenen 
Hauses und Brunnens zum Vorrecht einer kleinen Minderheit ge- 
worden ist, mufs die Gemeinde wol oder übel durch eine öffent- 
liche Leitung ihre Angehörigen mit Wasser versorgen. Wir können 
es nicht zifl'ermäfsig belegen, aber nach dem hanuibalischen Kriege 
nimmt die städtische Bevölkerung reifsend zu: theils durch Ver- 
mehrung der Sklavenschaft, hauptsächlich durch Zuzug vom Lande. 
Der stärkste Strom gehl begreiflicher Weise nach Rom, schwächere 
nach anderen Verkehrscentren: 177 v. Chr. führen Samniten und 
Paeligner im Senat darüber Klage, dafs 4000 Familien aus ihrer 
Mitte nach Fregellae ausgewandert seien. 2) Es war die Zeit wo 
das grofsc Capital den Bauerstand zu Grunde richtete, wo die Bauer- 
hulen von den Gütern verschlungen wurden. Durch Urkunden er- 
hält der Vorgang kein Licht. Um so belehrender ist es zu ver- 
folgen, wie er sich in gleicher Weise innerhalb der Städte abspielt: 
die I'aläsle l'ompeji's sind nachweisbar aus der Einschiachtung kleiner 
Bürgerhäuser entsprungen, dadurch ist die Zahl der Häuser etwa 
auf ein Fünftel des ursprünglichen Bestandes gesunken. Aber seit- 
dem die Masse auf Mietswohnungen beschränkt war, fand das öffent- 
liche Bauwesen ein weites Feld für seine Thätigkeit. Die Zunahme 
der Geschäfte, die Steigerung des Schreibwerks nötigte zur Errich- 
tung eines eigenen Hauses für den Rat, von Amfsgebäuden für die 
einzelnen Magistrate, einer Basilica für Gerichtsverhandlungen. In 



1) Serv. V. Aen. 1 422 vgl. Fest. 285 M. 

2) Liv. XL! 8. 



§ 5. Die Entwicklung der Städte. 47 

alten Tagen als das Landvolk nur an den Nundinen und den grofsen 
Messen zu Markt ging, hatte der Verkehr sich mit aufgeschlagenen 
Bretterbuden behollen. Jetzt wo Jeder am Morgen sein Brot vom 
Bäcker holte und der kleine Mann des Leibes Notdurft vom Krämer 
bezog, wurden die Strafsenfronten dem Kleinhandel und Handwerk 
in den Tabernen eingeräumt. Den Besuchern des Marktes spendeten 
weiträumige Hallen Schalten und Schutz, der ehedem durch aufge- 
spannte Segel unzureichend geboten war. Das Gewühl in den engen 
Gassen rechtfertigte das Verbot von Sonnenaufgang bis zur zehnten 
Tagesstunde innerhalb der Thore zu fahren oder zu reiten. Das 
einflutende Leben drängte an die Oeffentlichkeit, weil das Heim des 
Plebejers den Raum einer Schlafstelle kaum überschritt, und bewirkte 
die weitere Umgestaltung der Festungen. Ihr baulicher Träger ist 
die Säule die Irüher dem Schmuck der Göttertempel vorbehalten 
gewesen war. Die Anwendung im Privatbau ermöglicht die Schöpfung 
jener glänzenden Peristyle, in denen die aristokratische Gliederung 
der Gesellschalt verkörpert ist. Die Stadt selbst wird mit einem 
schimmernden Säulenwald angefüllt der fortan einen Hauptzug des 
Stadtbilds abgiebt. — So lange das Volk im Besitz des Wahlrechts 
war und dadurch den Haushalt der Gemeinde beeinllufste. wird es 
nach Kräften Anlagen befördert haben die augenfällig das allgemeine 
Behagen erhöhten. Auch nachdem durch Kaiser Tiberius das Wahl- 
recht auf den Stadtrat übertragen worden war, hat die öffentliche 
Meinung den nötigen Druck ausüben können. Dazu kam der Ehr- 
geiz der leitenden Beamten ihren Namen an einem stattlichen Bau 
zu verewigen , kam endlich die nachbarliche Eilersiicht i), da jede 
Stadt den Aufwand der anderen zu überbieten trachtete, um jene 
mächtige Fülle von Werken zu erschaflen, deren Reste die Gröfse 
des Römertunis verkünden. Gern erkennt der Beschauer den Ge- 
meinsinn an den die Stadtverwaltungen wie der regierende Adel 
zum Besten ihrer Mitbürger durch diese Schöpfungen bethätigt haben. 
Immerhin wird ihm die reine Freude durch den hippokratischen 
Zug vergällt der die Cultur der Kaiserzeit in der Regel entstellt. 
Theater und Odeen, Palästien und Thermen, Schlachthäuser und 
Markthallen und ähnliche löbliche Dinge trugen zur Hebung der 
Arbeitsamkeit nicht bei. Aus einem berechtigten Streben nach 
besserer Körperpflege hervorgegangen, wurden die Thermen zu 



1) Tac. Hisl. H 21, Dig. L. 10,3. 



48 (Einleitung. 

wahren nnolischulen des Müssigganges erhoben. Es ist bezeichnend 
für den Geist der Zeit, dafs Pompeji nach dem Erdbeben von 6^ 
seine bescheidenen Mittel braucht, um den beiden vorhandenen An- 
stalten eine dritte anzureihen ; noch bezeichnender wie mit der 
raschen Abnahme der Bevölkerung die Thermen Roms in riesenhaften 
Ausdehnungen anschwellen. Endlich sei daran erinnert, dafs die 
Amphitheater, in denen die Eigenart und der .aufwand des Hömer- 
lums besonders zu Tage tritt, der Mehrzahl nach dem Zeitalter der 
Antonine angehören, wo der allgemeine Verfall sich bereits deutlich 
fühlbar machte. 

In der ersten Periode des Städtebaus hatten die hellenischen 
Colonien und die Herrschersitze der Lucumonen als Vorbilder ge- 
dient, in der zweiten die Anlagen Alexanders und seiner Nachfolger, 
seit AugustJis giebt Rom den Ton an. Aus dem Schweifs der 
Provinzen zog Rom seinen Lebensunterhalt, der Reichsadel mit den 
gröfsten Vermögen war im Weichbild ansässig, mehr als die Hälfte 
der Rürgerschaft wurde auf Staatskosten ernährt. Dies Beispiel 
schwebte den Municipien vor Augen und übte eine schädliche Wir- 
kung auf ihre Moral aus. Wie die aufblühenden Freistädle des 
neuen Italien den Landadel zum Verlassen seiner Schlösser nötigten 
und in einen Patriciat umwandelten , so war wie bemerkt (S. 44) 
im Altertum dem Rat ein städtischer Wohnsitz gesetzlich vorge- 
schrieben. Dies hatte namentlich in ausgedehnten Genu!inden zur 
unausbleiblichen Folge, dafs die Grundberren ihre Güter nicht mehr 
bewirtschafteten, sondern verpachteten. Auch die Städte selbst 
waren vielfach mit Landeigentum reich ausgestattet, für dessen 
Nutzung die Dörfer Zins zahlten. Das militärische und p(ditiscbe 
Uebergewicht das die Städte während der Republik gegenüber dem 
flachen Lande behauptet hatten, verschwindet in der Kaiserzeit all- 
mälich ganz: das wirtschaftliche Uebergewicht tritt an die Stelle. 
Wie Rom vom Reiche, so werden die italischen Municipien von 
ihren Territorien ernährt. Auf die ehrliche Arbeit des Bauern sah 
und sieht der Städter im Süden mit einer Verachtung herab die 
kaum glaublich erscheint. Es ist der noch immer fortzeugende 
Fluch der antiken Bildung gewesen, dafs sie den Segen der Arbeit 
nicht hegrilfen hat. Was wir von schaffender Thätigkeit der Städte 
sowie ihrer Einwohnerzahl unter den Kaisern wissen, soll in anderem 
Zusammenhang erwogen werden. Hier schUefsen wir mit der Be- 
merkung, dafs der Müfsiggang der höheren Stände, dem die gemeinen 



§ 6. Die Landstrafsen. 49 

Pflastertreter als liOchstem Lebensideal nach Kräften nachstrebten, 
mit der Verbreitung städtischer Herrschaft und Cultur zur unheil- 
baren Volkskrankheit geworden ist. 

§ 6. Die Landstrafsen. 

Durch die Herrschaft der Römer ist die Kenntnifs des ganzen 
Westens der Wissenschaft erschlossen worden, dies gilt auch von 
Italien (1 12). In früheren Zeiten, erklärt Polybios,i) hatte der 
Forschungsreisende n)it zahllosen Gefahren zu Wasser und zu Lande 
zu kämpfen gehabt. Um den Umschwung zu erläutern, sei daran 
erinnert dafs die Wegsamkeit des heuligen Europa eine Errungen- 
schaft des scheidenden Jahrhunderts ist. Noch vor einem Menschen- 
alter brauchte der Fremde im inneren Sardinien einen Viandante, 
der ihn durch den Busch von Dorf zu Dorf geleitete, mufste auf 
Sicilien an den Flüssen Halt machen, bis ein Fährmann ihm durch 
die Furt vorausschrilt : der Mangel an Fahrstrafsen war ein Grund 
und ein Ausdruck der Verwahrlosung, die das ehemalige Reich der 
Bourbonen erfüllte. Ueber den vorrömischen Wegebau sind wir 
nicht näher unterrichtet und können lediglich durch Rückschlufs 
eine ungefähre Vorstellung davon gewinnen. Der einzelne Staat hat 
für die Verbindung seiner Angehörigen unter einander zu sorgen, 
ein planmäfsiges Wegenetz giebt zugleich die Grundlage für die Ein- 
Iheilung der Gemeindeflur ab. Damit ist seine nächste Aufgabe ge- 
löst: bevor er sich entschliefst durch den schutzenden Grenzwald 
hindurch einen Weg zum Nachbar zu bahnen, wird er durch feier- 
lichen Vertrag Sicherheil suchen. Die Vielheit der Staaten und ihre 
Absperrung gegen einander hat noch vor hundert Jahren in Deutsch- 
land den Verkehr hauptsächlich erschwert: im Altertum waren die 
trennenden Schranken ungleich stärker. Immerhin hat das Bedürl- 
nifs schon früh zu Vereinbarungen der Stämme und zur Herstellung 
einzelner Durchgangstrafsen geführt. Dahin gehört die uralte Salz- 
strafse von der Tibermündung nach dem Appennin (I 108), gehören 
die Triftwege, auf denen die Heerden vom Hochgebirg zur Winter- 
weide in Apulien ziehen. Je nach der Lebhaftigkeit des Verkehrs 
und den daraus erwachsenden Vortheilen werden die Anwohner den 
Weg in Stand hallen und ausbessern. Aber im Allgemeinen darf 
man von ihren Leistungen nicht allzu hoch denken. — Die Hauplwege 



1) Pol. in 58,6. 
Nissbn, Ital. Laadeskunde. 



60 Einleitung. 

nämlich sind aufserordentlich breit: 100 oder 120 Fufs, die apu- 
lischen Triften sogar 350 Fufs. Gerade so war es bei unseren alten 
Land- oder gemeinen AVegen, wo die Fahrbahn häufig gewechselt 
wurde, indem der natürlichen Wirkung von Sonne und Frost über- 
lassen blieb die ausgefahrenen Strecken wieder einzuebnen. Im 
Unterschied hiervon beschränkt sich die Kunststrafse auf die halbe 
oder Drittelbreite, und zwar deshalb weil der Fahrdamm stets fahr- 
bar erhalten wird, seine Herstellung jedoch bedeutende Kosten ver- 
ursacht. Wie das geläufige Fremdwort anzeigt, ist die Entwicklung 
der Neuzeit seit dem 18. Jahrhundert von Frankreich ausgegangen: 
die erste deutsche Chaussee ward 1753 von Nördlingen nach Oet- 
tingen geführt. Es liegt in den Dingen selbst begründet dafs der 
Strafsenbau grofsen Stils nur in ausgedehnten mächtigen Staaten 
ausgebildet werden kann. Deshalb ist für das Altertum seine Hei- 
mat in den Reichen der Assyrer und Perser zu suchen. Dann wurde 
er von den Karthagern übernommen und durch deren Vermittlung 
von den Römern :i) 312, etwa gleichzeitig mit der Einführung des 
Kalkmörtels (S. 42) erhielt Italien die erste uns näher bekannte 
Chaussee, die Rom mit Capua verbindende Via Appia. 

Die dem römischen Wegebau gezollte Rewunderung ist vollauf 
verdieDt.2) Das grofsartige Strafsennetz, welches das ganze Reich 
überspannte (1 23), bietet manche Vergleichspuncte mit den heutigen 
Eisenbahnen. Auch die Römer wählen gerade Linien und scheuen 
vor keinem Aufwand zurück, um durch Rrücken Dämme Durch- 
stiche die Entfernungen möglichst abzukürzen. In beiden Fällen 
halten, wie sich von selbst versteht, die Hauptlinien im Wesentlichen 
gleiche Richtungen ein. Aber das Altertum hat auf diesem Gebiet 
keine weltumwälzendcn Erfindungen nach Art der Dampfkraft her- 
vorgebracht, hat für die Vollendung seines Strafsenn etzes ebenso 
viele Jahrhunderte gebraucht, wie die Gegenwart für ihr Schienen- 
netz Jahrzehnte. Rergier berechnet die Gesamtlänge der Reich- 
strafsen auf 51000 Millien, wovon 9000 auf Italien kommen. Ohne 
Grunderwerb kostete unter Hadrian die Chaussirung einer Millie 
110 000 Sesterz:^) nach diesem Anschlag wäre für das ganze Land 
eine Milliarde (217 '/''2 Millionen Mark) nötig gewesen. Um wie viel 



1) Isidor Gr. XV 16. 

2) N. Bergier, Hisloire des grands chemins de l'empire Romain, 2 vol. 1612, 
übersetzt in Graev. Thes. anf. rom. X., neu gedruckt Bruxelles 1728. 

3) Pomp. Stud. 523 A. 2. 



§ 6. Die Landstrafsen. 51 

der Betrag für Brücken, Kunstbauten und Pflasterung — letztere 
greift langsam immer mehr um sich — zu erhöhen sei, wissen wir 
nicht. Aber sicherlich handelt es sich um gewaltige Summen. Man 
begreift, wie das Strafsenwesen immer ein Schmerzenskind im staat- 
lichen wie im städtischen Haushalt gewesen ist. — Die Rücksicht 
auf den Kostenpunct veranlafste zunächst die Beschränkung der An- 
lage auf das notwendigste Mafs: der Fahrdamm der Hauptstrafsen 
ist im Durchschnitt etwa 4 m, die Gangsteige eingerechnet 6 — 7 ra 
breit, sinkt aber im Gebirge auf die Hälfte dieses Betrages herab 
(I 153). Die Anlage selbst bekundet die höchste Sorgfalt und ver- 
schwenderische Kraftentfaltung: es ist, als ob sie für die Ewigkeit 
bestimmt wäre. Aber wenn der Staat seine Aufgabe damit als gelöst 
betrachtete und die Unterhaltung der Slrafsen den anstofsenden 
Grundbesitzern überliefs, so wurden seine Erwartungen bitter ge- 
täuscht. Nach einigen Menschenaltern waren regelmäfsig die wich- 
tigsten Verkehrswege bis zu einem Grade verwahrlost und verfallen, 
dafs die Regierung mit aufserordentlichen Mitteln einschreiten mufste. 
Von solchen Herstellungen melden zahlreiche Inschriften. Wohin 
eine liederliche Verwaltung führte, kann man zwar nicht an den 
Ueberresten römischer Landstrafsen beobachten, um so weniger als 
solche in jüngster Zeit rasch vom Boden verschwinden. Aber inner- 
halb der Städte wiederholt sich die nämliche Erscheinung: der 
schauderhafte Zustand, den das Pflaster stellenweise in Pompeji zeigt, 
ist ein redendes Zeugnifs von der neronianischen Mifswirtschaft. In 
Rom sah es ungefähr ebenso aus, nur dafs Vespasian sofort an die 
Besserung der Schäden Hand anlegte. *) Dies Beispiel soll daran 
erinnern dafs auch der römische Wegebau aller Bewunderung un- 
geachtet eine geschichtliche Betrachtung fordert, weil er die wech- 
selnden Schicksale des Landes wiederspiegelt. 

Die Wegefreiheit ist im Altertum wie in der Neuzeit spät er- 
reicht worden. Vor hundert Jahren halte bei uns der Reisende sich 
im Voraus zu unterrichten, welchen Weg ein Landesherr ihm durch 
sein Territorium vorschrieb, und hatte für dessen Benutzung zu 
zahlen. Die viae pubUcae popnli Romani waren von je abgabenfrei 
geöffnet wie seit 1867 die deutschen Slaatstrafsen. Aber von den 
Gemeindestrafsen gilt dies nicht. Erst die Gracchen haben bei ihren 



1) Vgl. die Widmung vom J. 71 Dessau 245 = CIL. VI 931 quod viat 
urbis neglegentia superiorum temporum corruptas inpensa fua restituit. 

4* 



62 Einleitung. 

Landanweisungen Haupt- uud INebenwege gleiclimälsig dem Verkehr 
preisgegeben, diesem Beispiel sodann sind Sulla und Augustus ge- 
folgt. Wenn nun auch ein bedeutender Theil Italiens von der 
Umwälzung der Besitzverhältnisse betroffen wurde, so vermerken 
anderseits die in der Sammlung der Feldmesser enthaltenen Register 
bei vielen Gemeinden, ja selbst von einzelnen Landschaften, dafs 
deren Wege mit keiner Servitut zu Gunsten der Allgemeinheit be- 
lastet seien. Wir wissen nicht, ob die Gemeinden von ihrem Recht 
haben Gebrauch machen und Wegegeld erheben künnen, halten es 
indessen für wenig wahrscheinlich. i) Wie die Gemeindewege seit 
dem Ausgang der Republik immer mehr chaussirt werden, so nähern 
sie sich auch darin den Staatstrafsen, dafs sie jedermann zugänglich 
sind: bei den Rechtslehrern der Kaiserzeit verwischt sich allmähch 
die Unterscheidung zwischen beiden.'^) Aber früher mufs der Unter- 
schied eine grofse Tragweite gehabt haben. — Das wesentliche Merk- 
mal der viae praetoriae oder consulares d. h. der Staatstrafsen liegt, 
rechtlich betrachtet, darin dafs Grund und Boden Eigentum des 
romischen Volkes ist und bei der Anlage der Strafse dem Volke 
für alle Ewigkeit zugesichert wurde. Dieser Satz erklärt die lang- 
same Entwicklung des römischen Strafsenbaus. Unsere Nachrichten 
fliefsen spärlich: aber so lange die Unabhängigkeit der Bundesge- 
nossen durch eine Achtung gebietende Macht beschützt war, bot 
diese einem kräftigen einheitlichen Vorgehen schwer überwindliche 
Hindernisse dar. Die Via Appia führte 312 durch lauter römisches 
Gebiet: klärlich hat der Ausbau einer 132 Millien messenden Strecke 
einen tiefen Eindruck hinterlassen, weil er in der Chronik seinen 
Platz fand. Dann verstreicht nahezu ein Jahrhundert, bis 220 ein 
Werk von ähnhcher Bedeutung, die 212 Mühen lange Via Flamiuia 
der gleichen Ehre theilhaftig wird. Hierfür haben allerdings um- 
brische Gemeinden mehrfach Grund und Boden abtreten müssen 
(I 508) und sind vermutlich aus den Eroberungen jenseit des Appen- 
nin entschädigt worden. Es ist nicht ausgeschlossen, dafs solche 
Abtretungen auch anderswo vor dem hannibalischen Kriege einge- 
fordert wurden, dafs berühmte Strafsen wie die aurelische, clodische, 
valerische Ursprung und INamen alten Censoren verdanken, aber es 



1) Seltene Ausnahmen mögen wie gegenwärtig zur Bestätigung der Regel 
vorgekommen sein : doch stammt die einzige einwandfreie Nachricht aus der 
Provinz, Marquardt Staalsverw. II 89. 

2) Dig. XLIII 8, 2, 21 fg. 



§ 6. Die Landstrafsen. 63 

ist wenig wahrscheinlich. Man könnte meinen dafs die Colonien 
sofort bei ihrer Gründung an das römische Strafsennetz angeschlossen 
worden wären, und daraus Daten für dessen Erweiterung gewinnen 
wollen. In Wirklichkeit fehlt ein solcher Zusammenhang: die fla- 
minische Strafse ist zwei Menschenalter nach der Eroberung der 
Gallischen Mark und der Stiftung von Ariminum erbaut und durch 
das Vorrücken der Grenze an den Po veranlafst worden. So viel 
wir ersehen, hat Rom während der punischen Kriege an der Wege- 
hoheit seiner italischen Verbündeten nicht gerüttelt und sich mit 
dem vertragsmäfsigen Durchzugsrecht begnügt. Erst als die Welt 
ihm zu Füfsen lag, hat es mit den Rücksichten auf die Empfind- 
lichkeit der Bundesgenossen gebrochen. — Im Norden macht die auf 
römischem Gebiet laufende Aemilia den Anfang zur Herstellung des 
padanischen Wegenetzes. Damit ist es durchaus nicht so rasch ge- 
gangen , wie man glauben sollte: Aquileia ist 181 gegründet und 
selbstverständlich vom Mutterland aus zugänglich gewesen, aber seine 
Verbindungen mit den rückwärtigen Festungen Cremona und Ari- 
minum sind nicht vor 148 und 132 kunstmäfsig ausgebaut worden. 
Und doch konnten die Beamten hier wo Kriegsrecht herrschte, mit 
ganz anderer Willkür schalten als im befriedeten Inland. Auf der 
Halbinsel verwendet der Staat seinen Reichtum zunächst zur Besse- 
rung seines vorhandenen Besitzes: 174 werden die Strafsen inner- 
halb Roms gepflastert, aufserhalb chaussirt und mit Gangsteigen 
versehen. Sodann schreitet er zu neuen Anlagen fort, die mit um- 
fassenden Enteignungen verknüpft waren und scharf in die Auto- 
nomie der Bundesgenossen einschnitten : dahin gehört die 321 
Millien lange Via Popilia von Capua nach Regium aus dem J. 159, 
die Cassia von Rom nach Florenz aus 154 oder 125, die Valeria 
aus 154, die Caecilia von Rom nach Hadria aus dem letzten Drittel 
dieses Jahrhunderts. Den Verdiensten des Gaius Gracchus um den 
römischen Wegebau widmet Plutarch ein begeistertes Kapitel: in 
der That hat der kühne Neuerer, wie oben bemerkt, zuerst die Frei- 
heit des Verkehrs gegen die Absperrung der Gemeinden verfochten. 
Die mächtige Strömung macht sich auch bei den Bundesgenossen 
fühlbar: wir erfahren z. B. dafs Alatri und Pompeji ihre Strafsen 
nach römischem Muster umgestalten. Aber erst die Ertheilung des 
Bürgerrechts hat die politischen Schranken beseitigt, die in den bunt 
durch einander gewürfelten Staatsgebilden der Halbinsel jede plan- 
mäfsige Regelung erschwerten. 



64 Einleitung. 

Etwa seit der Periode der Gracchen werden senatorische Be- 
amte mit der Sorge für die Landstrafsen betraut und haben ihre 
Namen durch den Bau von Brücken, auch wol von Nebenstrafsen 
verewigt. Bei dem zunehmenden Umfang der Geschäfte reichte die 
Censur, der von Hause aus das gesamte öffentliche Bauwesen unter- 
stellt war, zur Bewältigung dieser Aufgabe nicht aus. Freihch ver- 
mochte die Vermehrung des Beamtentums, da der Freistaat in die 
Brüche ging, dem gemeinen Besten nicht allzu viel zu nützen. Erst 
mit dem Ende der Bürgerkriege hebt der Verkehrsaufschwung an, 
dessen Grofsartigkeit lange ohne Gleichen gebUeben ist. Augustus 
übernahm 20 v. Chr. die Oberaufsicht über das Strafsenwesen und 
errichtete den goldenen Meilenzeiger auf dem Forum, der die Namen 
und Längen der italischen Heerslrafsen angab. Er selbst hatte be- 
reits 27 die Via Flaminia prachtvoll erneuert, besorgte 14 Jahre später 
die Fortsetzungen bis zur Landesgrenze oberhalb Nizza 604 Mühen 
von Bom, hatte auch siegreiche Feldherren veranlafst aus der Beute 
andere italische Strafsen zu erneuern. Seit 20 v. Chr. wird die 
cura viarum als besonderes Amt eingerichtet das bis Constantin 
vorkommt: die Aufsicht über die Heerstrafsen liegt gewesenen Prae- 
toren und Consuln, über Nebenstrafsen bei Bom Männern ritterlichen 
Banges ob. Da die öffentlichen Wege dem Volke gehören, so müssen 
die erwachsenden Kosten von ihm getragen werden. Indessen ver- 
mag die Staatskasse ihren Pflichten nicht zu genügen und ist auf 
Zuschüsse von Seiten des Kaisers angewiesen. Den angrenzenden 
Gemeinden nimmt der Kaiser die Unterhaltungskosten ab, bürdet 
ihnen aber dafür die nicht minder drückend empfundene Last auf 
der Beichspost unentgeltlichen Spanndienst zu leisten. Im Laufe 
der Jahre drängt die kaiserliche Verwaltung immer weiter vor und 
reifst schliefslich, wie aus den Itinerarien ersichtlich ist, alle wich- 
tigen Verkehrswege an sich. Einzelne Caesaren wie Claudius, Traian, 
Dioclelian haben durch neue Anlagen die Erschliefsung der Land- 
schaften des inneren Appennin nach Kräften gefördert. Noch König 
Theoderich hat die Via Appia wieder gangbar gemacht (I 328). Von 
der Eigenart des jeweiligen Herrschers und den Erfolgen seiner 
Begierung hing der Zustand des Strafsenwesens ab: die Klagen da- 
rüber beschränken sich keineswegs auf die Zeiten des Verfalls, son- 
dern kehren in allen Jahrhunderten wieder. 

Die 100 Fufs breiten Landwege alten Stils sind zu Anfang 
unserer Zeitrechnung im Verschwinden begriffen. Für die umfassen- 



§ 6. Die Landstrafsen. 55 

den Ackeranweisungen die von ihm ausgingen, schrieb Auguslus als 
Mafs des Hauplwegs 40, des diesen im rechten Winkel schneidenden 
Nebenwegs 20, endlich der parallelen Zwischenwege 12 Fufs vor. 
Daran halten in der Folge die Feldmesser fest. Die Herabsetzung der 
Breite auf einen ßruchtheil des früher üblichen Mafses war nur 
dadurch möglich, dafs die Wege dauerhaft nach allen Regeln der 
Kunst hergestellt wurden. Es fehlt auch nicht an Zeugnissen, die 
von der fortschreitenden Chaufsirung der Gemeindewege melden. 
Durch einmaligen Aufwand gewann man nutzbares Land. Aber be- 
merkenswerter erscheint uns, dafs die dem jüngeren Griechen- und 
Rümertum eigentümliche Sitte die Todten an der Stralse zu bestatten 
und durch glänzende Denkmäler im Gedächtnifs der Lebenden zu 
erhalten, allein dem kunstmäfsigen Wegebau ihre Verbreitung ver- 
dankt. Die bei der Chaussirung überflüssig gewordenen Streifen zu 
beiden Seiten des Dammes wurden von der Gemeinde durch Schenkung 
und Kauf zu diesem Zweck veräufsert. Die anmutige Gemeinschaft 
zwischen Leben und Tod ist von Athen nach Rom, von Rom über 
das ganze Reich getragen und gepflegt worden, bis der neue Glaube 
den Zusammenhang zerrifs, gesonderte Friedhöfe schuf und dem 
Lärm des Tages entrückte. 

Militärischen und politischen Erwägungen verdankt das römische 
Strafsennetz seinen Ursprung, wirtschaftlichen Erwägungen seine 
andauernde Erweiterung und Vervollkommnung. Die Steinwege 
sichern in erster Linie dem Soldaten und Reamten rasches Fort- 
kommen , leisten aber dem bürgerlichen Verkehr noch gröfsere 
Dienste.!) In Rom wird der ganzen Bürgerschaft Recht gesprochen, 
hat die oberste Verwaltung eines Gebietes von 80 — 100000 d. 
Geviertmeilen ihren Sitz, ist der gröfste Geldmarkt der VVelt aufge- 
schlagen. Der stelig aus- und einflutende Menschenstrom wurde 
durch Touristen, Geschäftsreisende und fahrendes Volk verstärkt. 
Die Abneigung der Alten gegen Seefahrten trug zur Relebung der 
Strafsen bei (I 132). Nur in den Zeiten staatlichen Verfalls griff das 
Räuberwftsen um sich, nach allgemeinem Urtheil genofs der Reisende 
mehr Sicherheit und Bequemlichkeit zu Lande als zur See. Aber 
nicht blos die Freizügigkeit, über die seit dem hannibalischen Kriege 
geklagt wird (S. 46), auch der Austausch der Güter und damit der 

1) L. Fiiedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms, II. das Ver- 
kehrswesen, Leipzig^ 1889. Hudemann, Geschichte des Rom. Postwesens während 
der Kaiserzeit, Reilin^ 1878. 



56 Einleitun(j. 

Wolstand ist durch den Wegebau mächtig gefördert worden. Bezüg- 
lich der Alpengrenze wurde dies bereits früher geschildert (I 150 fg.); 
bezüglich des Inlands soll die wirtschaftliche Bewegung hier kurz 
erwogen werden: für breite Ausführungen fehlt ohnehin der Stoff. — 
Ein Blick auf die Karte lehrt, dafs Italien mit seinen langgestreckten 
Küsten für die Ausfuhr eigener und die Einfuhr fremder Erzeug- 
nisse vorzugsweise an die See gebunden war und gebunden blieb. 
Die Zugänglichkeit der Häfen ward seit Augustus durch den Bau 
von Molen, Docks, Leuchtlhürmen erhöht und durch eine kräftige 
Seepolizei beschützt. Aber während ehedem die Wechselwirkung 
zwischen Küste und Binnenland durch die staatliche Trennung und 
die schlechten Wege gehemmt war, ist die Bahn für den Ausgleich 
nunmehr frei geworden. Die Beschreibung der Flüsse im ersten 
Bande hat oft darauf hinweisen müssen, dafs den natürlichen und 
künstUchen Wasserstrafsen Italiens eine Bedeutung im Altertum zu- 
kam, die durch die Waldverwüstung unrettbar verloren ging. Wo 
die Wasserstrafse versagte, waren die Landschaften in vorrömischen 
Zeiten für den Waarenhandel auf den Bücken des Saumthiers ange- 
wiesen und benutzten als Geld das Vieh. Denn die Heerden lassen 
sich ohne Schwierigkeit forttreiben, und wie um 50 n. Cbr. die 
Gänse von der Bheinmündung die weite Strecke bis Born zu Fufs 
wanderten,^) so stammten die Schweine die 150 v. Chr. in ganz 
Italien geschlachtet wurden, zumeist aus den Züchtereien vom Po. 2) 
Während damals der padanische Bauer sein Vieh mit Nutzen zu Geld 
machte, erlöste er oft für Getreide und Wein nur ein Zehntel von 
dem Preise den man auf dem Weltmarkt zahlte. Als I'olybios 151 
V. Chr. das Poland durchzog, galt der Scheffel (52 l) W'eizen 58 
Pfennig, halb so viel der Scheffel Gerste und der Krug (391) Wein; 
für Quartier und Zehrung rechnete der Gastwirt in Bausch und 
Bogen 72 As 4 Pfennig auf den Kopf. Der Ausbau der Strafsen 
gestattete eine vortheilhaftere Verwertung der Erzeugnisse. Wir 
wissen wenig davon; indefs ist die Thatsache lehrreich, dafs Gegen- 
stände nach Born geschafft wurden, die rasche Beförderung verlang- 
ten um nicht zu verderben, wie Pfirsiche von Verona, Spargel von 
Ravenna, Bösen von Paestum, Austern von Brundisium (I 113. 457). 
Die Schnelligkeit in der Bewegung von Gütern und Personen hat 
gleicher Mafsen zujjenommen. 



1) Plin. X 53. 

2) Pol. II 15,3. 



§ 6. Die Landstrafsen. 57 

Der wirtschaftliche Umschwung hat das Leben äiifseilich und 
innerUch umgestaltet. Aus dem Ortsverzeichnifs das diesem Bande 
angefügt ist, tritt die Aenderung, welche die Karte des alten Italien 
erfahren , im Einzelnen entgegen. Es enthält Schichten gar ver- 
schiedenen Alters neben einander, wie die Folge des Alphabets mit 
sich bringt. Aus der Südhälfte sind durch die griechische Littera- 
tur eine Fülle von ^amen auf uns gelangt die der Zeit angehören, 
als die Hellenen mit den eingebornen Stämmen um den Boden 
rangen. Aber wir sind meistens aufser Stande ihre Oertlichkeit zu 
bestimmen. Die römischen Annalen erwähnen eine Menge von Städten, 
deren Lage sich nicht erraten läfst, und lassen damit den Leser über 
wichtige Züge der Kriegsgeschichte, ja der früheren Entwicklung 
Roms überhaupt im Dunkel. Der hannibalische Krieg hat den Schnitt 
durch das Bild des Landes gezogen. Wenn der Sieger die Zerstö- 
rung von 400 Städten auf sein Verlustconto schrieb, i) so erscheint 
die Ziffer kaum zu hoch gegriffen; denn unter Städten sind jene 
kleinen Gauburgen zu verstehen, von denen S. 9 die Rede war. Der 
Verlust hat insonderheit die südlichen Landschaften, Samnium, Apu- 
lien, Lucanien, Bruttium betroffen : die umfassenden Gebietstrecken 
die der römische Staat hier einzog, wurden dem Grofsbetrieb und 
einzelnen begünstigten Gemeinden ausgeliefert. Auch im Norden 
der Halbinsel, in denjenigen Theilen die von der Kriegsfurie ver- 
schont geblieben waren, schmolz der Bauersland unter den Angriffen 
des Capitals zusammen, gleich dem Schnee im Märzen : die Stätte von 
Gaufestungen die einst dem Schwert der Legionen getrotzt hatten, 
wurde von Gutshöfen in Besitz genommen; für die ehrwürdigen 
Bundesfeste, an denen ilie Umwohner gemeinschaftlich opferten, 
hielt es gelegentlich schwer Vertreter der einzelnen Gemeinden zu 
beschaffen, — Durch den fortschreitenden Ausbau des Strafsennetzes 
erhalten die Bedingungen, an welche die Blüte der Ortschaften ge- 
knüpft war, neue Werte. Unter der Herrschaft des Landfriedens 
büfst die natürhche Festigkeit der Lage die während des Faust- 
rechts als oberstes Eifordernifs einer Ansiedlung betrachtet wurde, 
ihre bisherige Geltung ein. Fortan giebt die Verkehrslage den Aus- 
schlag. Der Kreislauf des Blutes wird vom Herzen geregelt, alle 
Heerstrafsen führen in kürzester Richtung nach Rom und sind ge- 
waltsam auf dies Ziel hingelenkt worden. Deshalb wird das Gedeihen 



1) Appian Lib. 63. 134. 



58 Einleituug. 

der Städte von ihrem Verliältnifs zu den grofsen durchlaufenden 
Verkehrsadern abhängig. Den Wandel der damit eingeleitet wurde, 
mag die Gegenwart veranschauUchen. Wer auf einem der Schienen- 
stränge einher fährt die eilfertig geschmiedet wurden, um die ge- 
trennten Appenninlandschaften mit eisernen Klammern an einander 
zu ketten, sieht in stundenweiter Ferne die Städte ragen, deren 
Namen er an den Stationen liest: die Furcht vor dem Fieber und 
dem Ueberfall des Feindes hat die Bewohner aus der Ebene ge- 
scheucht und hält sie auf der Hübe fest. Der Reisende, der aus- 
steigt und einen dieser malerischen Orte aufsucht, wird plötzlich in 
Gedanken um Menschenalter, ja um Jahrhunderte zurück versetzt 
und kaum durch Erinnerungen an den Tag in seinem Sinnen ge- 
stört werden. 

Der Widerstreit zwischen den Forderungen einer neuen Zeit 
und tiefgewurzelten Gewohnheiten hat im Altertum mancherlei Wir- 
kungen auf die Wohnart hervorgebracht. Die gründüchste Abhülfe 
wurde erreicht, wenn man den Sitz auf der Höhe aufgab, also die 
Einwohner nach der Ebene verpflanzte und an einem günstigen Ort 
ansiedelte. Ein solcher Platzwechsel wiederholt sich von Homer bis 
in die Kaiserzeit, i) kommt auch in Itahen vor: die Erbauung von 
Florenz unterhalb Fiesole's pflegt seit Dante als Beispiel angeführt 
zu werden. Immerhin ist die alle Stadt nicht einfach verlassen und ab- 
gebrochen worden. Die Summe von Arbeit die in einer derartigen 
Anlage steckt, die Weihe der Religion die auf ihr ruht, können im 
Kriege mit einem Schlage vernichtet werden, leisten dagegen den 
zerstörenden Mächten des Friedens zähen Widerstand. Im Schatten 
der Vergangenheit dämmern die Bergfestungen hin, veröden lang- 
sam, weil der Verkehr aus ihren Mauern entweicht und neue Stätten 
aufsucht. Die Wahl wird durch den Gang der grofsen Strafse be- 
stimmt: läuft diese in der Nähe vorbei, so entsteht ein Vorort, läuft 
sie abseits, so entsteht ein Weiler oder Flecken. Namentlich an 
einer Strafsenkreuzung kann sich der Weiler zu einem stattlichen 
Umfang auswachsen. Den Kern der Ansiedlung giebt die Posthalterei 
ab, wo der mit Freipafs versehene Beamte Unterkunft und Beförde- 
rung ohne zu zahlen erhält, der gewöhnliche Sterbliche für sein 
gutes Geld. Die Cursbücher unterscheiden mutationes wo nur auf 

1) Hom. II. XX 216, Vespasian an die Saborenser CIL. 11 1423 cum muUis 
diffteuUalibus infirmüutem veslram premi mdicelis, permillo vobis oppidum 
sub nomine meo ut voltis in planum exlruere. 



§ 6. Die Landstrafsen. 59 

Gespann, und mansiones wo zugleich auf Nachtquartier zu rechnen 
war. Wir haben bereits bemerkt dafs die Post ledigHch den Zwecken 
des Staats diente, dafs aber für das grofse Publicum durch private 
Unternehmer gesorgt war (I 23): aus einer Reihe von Städten sind 
Fuhrmannsgilden inschriftlich bezeugt, der Reisende mietete für 
kürzere oder längere Strecken ein Reitthier oder einen Wagen, wie 
das auch im neuen Italien vor Eröffnung der Eisenbahnen allgemein 
übhch war. — Ueber die Gasthäuser wird viel geklagt: indessen be- 
ansprucht dies Gewerbe bei der Schilderung des Landes einen be- 
vorzugten Platz. Schon in republikanischer Zeit nutzen Gutsbesitzer 
deren Ländereien an eine belebte Slrafse stofsen, die Lage aus 
durch Errichtung und Verpachtung von Wirtschaften.!) Daraus er- 
klärt sich dafs viele Stationen durch Gutsnamen bezeichnet sind — 
denn der Name des ersten römischen Eigentümers bleibt an dem 
Grundstück für immer hängen — z. B. Anneianum (2 mal) Baebiana 
Caelianum Domitiana Manliana (2 mal) Marcelliana Papiriana. Dafs 
aus einem Wirtshaus eine Stadt entstehen kann, ist uns in Deutsch- 
land durch Elsafszabern und Rheinzabern geläufig. In Italien be- 
gegnet Tres Tabernae 3 mal, ad Novas (nämlich tabernas) 5 mal, ad 
Pictas usw.; im letzten Falle lehrt Strabo, dafs bunt bemalte Taber- 
nen zu verstehen sind, eine Station ad Novas wird auch als vicus 
Novanetisis angeführt. Gewöhnlich dienen Wirtshauszeichen oder 
-Schilder zur Benennung der Stationen : ad Joglandem Malum Pinum 
Pirum (2 mal) Punicum, zum Nufs- Apfel- Pinien- Birn- Granatbaum, 
ad Aquilam Ensem Lamnas Mensulas Rotas (2 mal) Süatios Sponsas 
Solana Statuas (3 mal) Titnios Victoriolas usw. Ferner giebt die 
Oertlichkeit das unterscheidende Merkmal ab, z. B. die Lage an 
einem Flufs: ad Bradanum Calorem Conßuentes (2 mal) Padum Sa- 
batnm Tanarum Tarum. An die ausgedehnte Gewinnung von See- 
salz werden wir erinnert durch das 4 mal wiederkehrende ad Salinas. 
Noch häufiger erscheint ad Turres: diese Thürme waren einst als 
Grenzwehren und vor allem als Zuflucht vor den Piraten errichtet 
(I 114j. Nicht selten hat ein Tempel zum Aufschwung beigetragen, 
wie ad Herculem ad Martis (4 mal) ad Matrem magnam zeigen. 
Aber dafs der Durchgangsverkehr auf den Heerstrafsen die Haupt- 
sache ist, daran gemahnt die nüchterne Benennung der Stationen 
nach der Zahl der Meilensteine die bis zur nächsten Stadt, verein- 



1) Vairo RR. I 2,23, Sueton Claud. 3S, Vitruv VI 8,2. 



60 Einleitung. 

zeit auch bis Rom stehen: z. B. ad Sexlnm (2 mal) Octavnm (3 mal) 
Nonum (3 mal) Decimvm (4 mal) Undechnnm (3 mal) Dnodecimum 
(3 mal) Quintumdedmum (2 mal) Vicensimum (2 mal) Centesimum. 
Vielfach erweitern sich auch solche Stationen zu Ortschaften und 
die Zahlwörter leben als Ortsnamen in der heutigen Sprache fort. 
Es kommt sogar vor, dafs der Sitz eines Municipium nach einem 
Wegedorf übertragen wird und seinen ererbten Namen mit der 
Ziffer des Meilensteins vertauscht. Aus der Litteratur lernen wir 
nur einen Bruchtheil der Wegedörfer kennen: wie verbreitet diese 
Form der Ansiedlung war und für die entwickelte römische Cultur 
charakteristisch, läfst sich schon aus der S. 13 angeführten Erklä- 
rung von vicus entnehmen. 

Die besprochenen Erscheinungen sind nicht auf den Rahmen 
Itahens beschränkt, sie wiederholen sich im Reich. Es bedarf keiner 
Worte, dafs der Verkehr unablässig die nationalen Besonderheiten 
abschliff, zu der politischen auch auf eine sprachliche und religiöse 
Einheit hinarbeitete. Wol aber lohnt von der durchsichtigen Namen- 
gebung des Wegehaus ein Rückblick in die unwegsame Vergangen- 
heit. Die Hellenen benannten ihre Gründungen in Italien nach 
Naturmerkmalen, mit Vorliebe nach Flüssen und Quellen : ') z. B. 
QovQioi Med/iia Uv^ovg ^igig ^vßagig Tägag Tegiva; in jün- 
gerer Zeit, als es solche gab, auch nach Nationalgöttern : Iloosiöiovla 
^ HgÖTiXeia. Nach Menschen benannte das freie Hellas seine Städte 
nicht. Dazu gab der Orient dem seit Alters die Begriffe von Gott und 
König sich vermischten, den Anstofs. König Phihpp macht auf 
europaeischem Boden den Anfang, und als nun so viele blühende 
Städte den Ruhm seines grofsen Sohnes kündeten, war ein Vorbild 
geschaffen, dessen Wirkung nicht auf die monarchische Welt be- 
schränkt bheb. Nur 20 Jahre nach der Gründung Alexandria's er- 
baute Censor Appius die Slrafse und das Forum, die sein Andenken 
verewigen sollten. Die Nachfolger im Consulat und der Censur 
ahmten das üble Beispiel nach. Die lange Liste von Strafsen und 
Märkten, die den Namen repubhkanischer Beamten tragen, erläutert 
an ihrem Theil, wie sehr der Hochadel im Genufs königlicher Ehren 
schwelgte. Freilich haben die Märkte erst nachträglich seit 89 v. 
Chr. Stadtrecht erlangt: bis dahin hat der Freistaat nicht erlaubt, 
dafs eine vom Volk beschlossene Gründung nach einem einzelnen 



1) Strab. VI 262. 



§ 7. Mafs und Münze. 61 

Bürger benanot würde. Vielmehr haben Italiker und Römer der- 
selben Anschauung gehuldigt wie die Hellenen, nur dafs bei jenen 
die Gruppe der Gütternamen von Hause aus zahlreicher vertreten 
ist. Dies gilt sowol für die Stämme (I 63) als für die Städte. Aus 
älterer Zeit gehen unter anderen zurück : auf Flüsse Amiternum 
Aternum Interamna Ostia Tifernum, auf die Oertlichkeit Alba Ancon 
Genua Ocriculum Praeneste Sinuessa Tibur, auf Gütter Bovianum 
Consentta Cupra Luchs Feroniae üerculaneum Horta Iguvium Luceria 
Mantua Populonium. Aus römischer Zeit nach 300 v. Chr. gehen 
zurück: auf Flüsse Aesis Ariminum Narnia Parma Pisaurum Tici- 
num Volturnum, auf Götter Copia Faventia Fidentia Florentia In- 
dustria Luna Minervia Neptunia Placentia Pollentia Potentia Satumia 
Venusia. Das Vorrecht der Unsterblichen wurde mit dem Fort- 
schreiten der Revolution von den grofsen Generalen in Frage ge- 
stellt: zunächst in den Provinzen. In Corsica ward 100 v. Chr. 
Mariana gestiftet, im Poland 89 Laus Pompeia und Alba Pompeia. 
Innerhalb der Grenzen des befriedeten Italien hat zuerst Sulla den 
von ihm ausgeführten Colonien neben einem Götlernamen auch 
seinen eigenen verliehen. Anfangs hält Caesars Sohn es ebenso 
{Julia Concordia, Pietas Julia); nachdem sein götthcher Beruf 27 
durch den Beinamen Augustus von Staatswegen Anerkennung ge- 
funden hatte, sieht er von der Hinzufügung einer Gottheit ab und 
nennt seine Colonien schlechtweg Augusta. Je mehr die Selbstver- 
waltung verfällt, desto prunkender werden die Titel, mit denen die 
Gemeinden ihren ehrlichen Namen amthch verschnörkeln. Es ent- 
sprach der herrschenden Zeitströmung, wenn des weisen Marcus 
ungeratener Sohn Rom colonia Commodiana umtaufen wollte. Der 
verhängnifsvolle Einflufs des Orients endigle damit dafs der oberste 
Beamte des römischen Volkes in einer Person dessen Herr und Gott 
wurde. Die ersten greifbaren Spuren treten im Wegebau entgegen, 
und der Wegebau hat wesentlich zur Ausbildung der Weltherrschaft 
einer- der Monarchie anderseits beigetragen. 

§ 7. M a f s u n d M ü n z e. 

Mit anderen Elementen der Cultur wie Schrift und Zeitrech- 
nung stammt auch die Mefskunsl aus dem Morgenland. Die Ueber- 
tragung und Einbürgerung dieser Kunst, die mannichfachen Wand- 
lungen die sie durchgemacht hat, würden helles Licht über die 
Geschichte Italiens verbreiten, wenn die Quellen reichlicher flössen 



62 Einleitung. 

als der Fall ist. Immerhin fügt die Sammlung der bekannten That- 
sachen dem Bilde das vom Leben des Landes entworfen werden soll, 
einen wesentlichen Zug hinzu. i) — Den Römern war es vollkommen 
geläufig dafs ihre V'orfahren einst als Tauschwert oder Geld das 
Vieh verwandt und ein Rind gleich zehn Schafen gerechnet halten. 
Eine Gesellschaft die auf einer derartigen Stufe der Entwicklung 
verharrt, braucht kein genau normirtes Mafssystem. Der Viehzüchter 
zimmert sein Blockhaus nach dem Mafsstab den er am Leibe mit 
sich herumträgt, Finger- und Handbreite, Spanne, Elle und Klafter, 
schreitet rings darum die Hofstatt ab, schätzt im Tauschverkehr die 
Schwere und den Umfang eines Gegenstandes mit dem Auge und 
mit dem Gefühl. Der Betrieb des Ackerbaus ändert daran zunächst 
nicht viel: in älterer Zeit wirtschaften die Bürger gemeinsam, das 
Eigentum an Grund und Boden tritt ganz zurück (S. 26). Dem 
entspricht die anfängliche Unbestimmtheit der Feldmafse: die Strecke, 
welche die Ochsen in einem Antrieb ohne zu ermüden den Pflug 
ziehen können, giebt den vorsus oder actus zu 100 bezw. 120 Fufs 
Länge; die Fläche, die ein Joch Ochsen an einem Tage umpflügen 
kann, giebt das iugerum oder Tagewerk. Das Getreide scheint ur- 
sprünglich nach der Last die ein Mann bequem fortträgt, gehandelt 
worden zu sein. Verschiedenartige Umstände sind auf den einzelnen 
Lehensgebieten wirksam um die schwankenden durch feste Mafs- 
gröfsen zu ersetzen. — Mit der allmälichen Einführung des Stein- 
baus (S. 41) geht das Aufkommen eines Bauhandvverks Hand in 
Hand: ohne Zollstock kann der Steinmetz nicht schaffen. In den 
griechischen und italischen Städten haben die Häuser um Raum zu 
sparen gemeinsame Zwischenmauern : für Rom war eine Elle als 
Dicke vorgeschrieben, im oskischen Pompeji das ohne Ausnahme 
nach diesem Princip gebaut ist, kehrt dasselbe Mafs wieder von den 
ältesten ohne Kalk geschichteten Wänden bis hinab zur Verschüttung. 
Auch auf den Dörfern sind in römischer Zeit die Häuser zusammen 
gerückt, so dafs Tacitus das geschlossene Wohnen als Merkmal der 
römischen Weise im Gegensatz zur germanischen hervorhebt. Es 
unterliegt keinem Zweifel, dafs all die (S. 36 fg.) aufgezählten Grofs- 
und Mittelstädte nach einem bestimmten gesetzlich anerkannten Mafs 
angelegt sind. Die Nachricht die für Rom den König Servius als 



1) H. Nissen, Griechische und römische Metrologie in Iwan Müllers Hand- 
buch d. klass. Altertw. I« München 1892. 



§ 7. Mafs und Münze. 63 

Schöpfer von Mafs und Gewicht nennt, khngt ganz verständig;') 
auch weisen die Quadern der grofsen aus königlicher Zeit stammen- 
den Stadtbefestigung in der Regel eine Schichthöhe von zwei Fufs 
(592 mm) auf. Nach Aeufserungen Pigorini's sind ferner die Pfahl- 
dörfer am Po nach römischem Mafs errichtet. Wenn die Thatsache 
verbürgt ist, so liefert sie einen neuen Beweis gegen das über- 
triebene Alter das gemeinhin diesen bäuerlichen Ansiedlungen zu- 
gesprochen wird ; denn das zunächst aus Etrurien, weiterhin aus 
dem Orient entlehnte Mafssystem der Romer gehört einer vergleichs- 
weise jüngeren Stufe der Entwicklung an. Ueberhaupt ist der Bauer 
allen Neuerungen abhold: erst die Verdrängung der Gemein- durch 
die Samtwirtschaft kann ihn von der Notwendigkeit einer einwand- 
freien Abgrenzung des Eigentums überzeugt haben. Die Ausbildung 
der Baumzucht, namenthch die Pflege des Oelbaums zwang zur 
feineren Ausgestaltung der Hohlmafse. Aber der Oelbaum ist frühes- 
tens im 6. Jahrhundert nach Italien verpflanzt worden (I 441); noch 
lange nachher bezog Toscana nebst anderen Landschaften die gegen- 
wärtig im Schmuck von Olivenhainen prangen, Oel als kostbares 
Erzeugnifs aus der Fremde. Was endlich das Gewicht anlangt, so 
hat die Metallarbeit den Anlafs zu dessen Normirung geliefert: es 
lag nahe ein für Jedermann so brauchbares Ding wie Rupfer als 
Tauschmittel zu verwenden, und damit wurde die Wage dem Ver- 
kehr einverleibt. Das italische Kupfer war auch für die fremden 
Kaufleute ein begehrenswerter Artikel, etruskische Erzarbeiten wur- 
den früh nach dem Osten ausgeführt, von dort ist sowol die Wage 
als das Pfund, mit dem man wog, übernommen worden. 

Der fruchtbare Gedanke den die französische Revolution ver-^ 
wirklichte, aus der Länge nicht blos das Flächen- sondern auch 
das Hohlmafs und das Gewicht abzuleiten, ist dem Altertum geläufig 
und schon in grauer Vorzeit am Nil und Euphrat bethätigt worden. 
Er Hegt auch dem römischen System zu Grunde, da ein Gesetz den 
Rauminhalt und das Wein- (oder Wasser-) gewicht nach dem Cu- 
bikfufs bestimmt. Freilich entspricht die Gleichung keineswegs den 
berechtigten Anforderungen hinsichtlich ihrer Genauigkeit. Der rö- 
mische Fufs ist 296 mm lang, das Wassergewicht seines Cubus 
beträgt 25,93 kgr, aber 80 Pfund die das Gesetz dem Cubikfufs 
Wein beilegt, wiegen 26,196 kgr. Um eine üebereinstimmung 



1) Aar. Victor vir. ill. 7,8. 



64 Einleitung. 

zwischen diesen Ansätzen zn erzielen, hat man die Wahl entweder 
den Fufs auf 296,9 mm zu erhohen oder das Pfund von 327,45 gr 
auf 324,5 gr zu ermäfsigen. Allein der eine wie der andere Aus- 
weg ist ahgeschnitten, da beide Grofsen durch Tausende von Mes- 
sungen und Wägungen unerschütterlich fest stehen. Vielmehr mufs 
die Unvollkonmienheit des Systems einerseits der geringen Begabung 
der Romer für physikalische Fragen in Rechnung gestellt werden, 
anderseits jedoch und vor allem den durch den Welthandel ge- 
schaffenen Verhältnissen. Allerdings schreibt der Staat für die Be- 
grenzung des Eigentums wie den Bau des Hauses, für Kauf und 
Verkaul Normen vor die alle seine Angehörigen binden und Streit- 
fällen vorbeugen sollen. Aber kein Staat vermag die einmal ge- 
troffenen Normen im Wandel der Zeiten zu behaupten, ohne durch 
politische Einflüsse und den Umschwung des Verkehrs zu tief grei- 
fenden Aenderungen genötigt zu werden. So stark auch naturgemäfs 
auf diesem Gebiet das Beharrungsvermögen ist, noch stärker ist die 
Macht geschichtlicher Ereignisse. Daraus entspringt jene Mannich- 
faltigkeit der Erscheinungen, die bei der Vielheit der antiken Staaten- 
gebilde und der verschiedenen Bezeichnungsweise der Mafse geeignet 
ist den grofsen Zusammenhang zu verdunkeln. — Zwei Hauptströ- 
mungen, eine ältere und eine jüngere sind in Italien auf einander 
gestofsen, haben sich bekämpft durchkreuzt und ausgeglichen. Der 
Ursprung beider geht auf Euphrat und Nil zurück; aber jene nimmt 
ihren Weg über Syrien , diese über Kleinasien. Die Phoenizier 
haben im Westen die Elle von 412,5 mm und das in 12 Unzen 
gelheilte Pfund von 273 gr^ das eng an die aegyptischen Gewichts- 
Dormen auschliefst, eingeführt. Dagegen wurde eine völlige Um- 
wälzung eingeleitet, als um 700 das Reich Lydien und dem Beispiel 
folgend die hellenischen Seestädte anfingen Gold- und Silbermünzen 
zu schlagen. Die Prägung der Edelmetalle erforderte eine kleinere 
Gewichtseinheit als die Unze, man zerlegte das Pfund in 50, später 
gar in 100 Tlieiie. Für einen logischen Aufbau des Systems war 
die Elle zu grofs und wurde durch den Fufs verdrängt. Der all- 
gemeinen Veifeinerung der Mafse mufsle endlich auch die Wegebe- 
slimmung nach Stunden und Viertelstunden weichen, um dei' Rech- 
nung nach Stadien oder Doppelminuten Platz zu machen. Alle 
diese Neuerungen haben sich in Hellas langsam Bahn gebiocl»en 
und stiefsen im Westen auf den zähen Widerstand der phoenizisclien 
Nebenbuhler. Obvvol im Culturleben der Sieg der Münz(! über die 



§ 7. MaTs und Münze. 65 

Wage durch den Perserkönig Darius entschieden worden war, zö- 
gerte Karthago länger als ein Jahrhundert, bevor es sich dem 
Fortschritt anbequemte: 409 schlug es seine ersten Münzen in 
Sicilien, um 350 in Africa. Auf der heifs umstrittenen Insel wurde 
ein Ausgleich zwischen alten und neuen, phoenizischen und helle- 
nischen Normen erreicht der weite Geltung gewann: im 2. Jahr- 
hundert V. Chr. gab der sicilische Medimnos (52,4 1) das Mafs für 
den Weizenmarkt in Spanien wie am Po und auf der italischen 
Halbinsel ab. Auch das römische System das nach langem Schwan- 
ken 217 V. Chr. zum Abschlufs gelangte, ist dadurch wesentlich 
beeinflufst worden. 

Nach dem hannibalischen Kriege arbeitet Rom auf die Unter- 
drückung der italischen Münzstätten hin und ist mit der Niederlage 
der Bundesgenossen am Ziel angelangt. Wie die Münzeinheit wurde 
auch die Einheit von Mafs und Gewicht erstrebt, aber mit minde- 
rem Erfolg: der Umlauf des Geldes läfst sich durch ein Gesetz 
binnen kurzer Frist ändern, die alten Mafse wurzeln im Boden 
und können nur ganz allmälich ausgerottet werden. — Das amtliche 
Ackermafs war das lugerum zu 28800 Quadratfufs (2523 Gm) und 
war durch zahllose umfassende Landanweisungeu in allen Gauen 
Italiens verbreitet worden. Nichtsdestoweniger rechnete man noch 
in der Kaiserzeit vieler Orten nach einem Vorsus zu 10000 Qua- 
dratfufs (757 Dm) der sich zum lugerum verhält wie 3:10. Von 
unerheblichen Schwankungen abgesehen mifst der zu Grunde he- 
gende Fufs 275 mm. Er ist aus der oben erwähnten phoenizischen 
Elle von 412.5 mm abgeleitet und zu weiter Gellung gelangt. Was 
Italien betrifft, so sehen wir ihn ganz allgemein in Campanien von 
Hellenen Etruskern Oskern gebraucht, ferner von Volskern (Sora) 
Hernikern (Aletrium Anagnia Ferenlinum) Latinern (Ardea Lanu- 
vium). Ausdrücklich wird er den Umbrern zugeschrieben, galt ver- 
mutlich einst auch in Tarenl bis zur grofsen Münzreform um 300 
V. Chr. Wegen seiner Verbreitung im bundesgenössischen Gebiet 
hat man 'hn gelegentlich im Ausland als italisch bezeichnet. Im 
Unterschied davon heifst der römische Staatsfufs von 296 mm pes 
monetalis nach dem Tempel der Juno Moneta auf der Burg zu Rom, 
wo Aich- und Münzamt sich befanden. Die Tarquinier haben ihn 
bezw. die Elle von 444 mm den Etruskern entlehnt, diese mitsamt 
der Münzprägung aus Kleinasien. — In bemerkenswerter Weise tritt 
der Gegensatz zwischen Römern und Italikern zu Tage im Wege- 
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 5 



66 Einleitung, 

mafs. Wie Rom den Bau seiner Kunststrafsen den Karlliagern ab- 
sah, so beslimmte es auch nach ihrem Muster die Enlferniingen. 
Die römische iMeile zu 1000 Doppelschrilt oder 5000 Fnfs 1,48 km 
ist nahe verwandt mit dem Sabbatweg der Juden. Es ist ein Vier- 
tel des Stundenwegs der in Babylon festgestellt, auf den persischen 
Reichstrafsen eingeführt und den Hellenen unter dem Namen Para- 
sang vertraut war. In Kleinasien scheint die Einheit auf drei Viertel 
oder drei Achtel herabgesetzt worden zu sein: wenigstens haben 
die Phokaeer von Massalia dies iMafs nach Gallien übertragen, allwo 
es sich als lietie de France 1,45 km bis in die Neuzeil erhalten 
halte. Die Hälfte davon taucht als leuga zu 2,22 km unter den 
späteren Kaisern in den gallischen Provinzen scheinbar unvermittelt 
auf. Indessen mufs diese gallische Leuga ehedem auch innerhalb 
der italischen Grenzen bekannt gewesen sein: von den Ligurern 
wurde im 2. Jahrhundert v, Chr. für einen Landstreifen dieser 
Breite nach langen Kämpfen das Durchzugsrecht eingeräumt. Auf 
der Appenninhalbinsel dagegen, jedesfalls im Süden fand die jüngere 
Rechnung nach Stadien Eingang. Es leuchtet sofort ein bei dem 
überwältigenden Einflufs, den das römische Strafsennelz auf die 
Verwischung landschaftlicher Besonderheiten geübt hat, dafs nirgends 
vorrömische Spuren weniger zu erwarten sind als in Bezug auf 
das Wegemafs. Immerhin fehlen sie nicht ganz. Eine Inschrift 
guter Zeit aus Baiae, also auf cumanischem Boden, giebt die Länge 
einer Porticus zu 556 Fufs 164,6 m an d. h. zu einem itahschen 
Stadion.') Der Durchmesser des von den Elruskern 470 v. Chr. 
gegründeten Capua ist 1650 m 10 italische Stadien lang. Die rö- 
mische Meile bleibt nur um 5 m hinter 9 solcher Stadien zurück. 
In der erhaltenen Lilteralur kommt dies Stadion nur vereinzelt 
vor. Dagegen wird aus der späteren Kaiserzeil bezeugt, dafs auf 
See nach einem kürzeren Stadion von 148 m gerechnet wurde: 
so geschieht auch in den meisten Stücken des Itinerarium mariti- 
mum das auf uns gelangt ist (I 24). Aeltere Schriftsteller wie 
Herodot und Xenophon haben sich seiner für Entfernungen zu Lande 
bedient. In der Beschreibung wird mehrfach darauf hinzuweisen 
sein, dafs manche Angaben bei Strabo und Dionys nach eben dem- 
selben Mafs gemacht sind. Die Thatsache wird am Einfachsten 

1) Eph. epigr. VIII p. 100 n. 374. Das Verhältnifs des italischen zi;m 
römischen Fufs 139: 150 kehrt auf den Tafeln von Heraklea wieder, nornnal 
«ärde es 139,4: 150 lauten. 



§ 7. Mafs und Münze. 67 

durch die Annahme erklärt, dafs das Schriltstadion von 148 m an 
der kleinasialischen Rüste zu Hause war und von Artemidoros aus 
Ephesos, dem nächsten Vorgänger und Gewährsmann Strabo's (I 14), 
seiner Darstellung zu Grunde gelegt wurde, wofür es sich vortreff- 
Hch eignete. Aber Eratoslhenes und Polybios bestimmen das Sta- 
dion nach dem verbreiteten Fufs von 296 mm zu 177,6 m. In der 
Regel setzt man es aus Bequemlichkeit einem Achtel der Millie 
gleich, also 185 m, in der Kaiserzeit aber auch 198 m und 210 m. 
Aus dieser heillosen Verwirrung, wo der Wert des Mafses zwischen 
148 und 210 m schwankt, heraus zu finden, ist unseren Bericht- 
erstattern selten geglückt. 

Wie einen eigenen Fufs haben die Italiker ihr besonderes 
Hohlmafs gehabt und bis auf Augustus gebraucht. Erst in den 
zwanziger Jahren v. Chr. sind die auf dem Markt zu Pompeji (Bür- 
gercolonie seit 82) und Minturnae (BUrgercolonie seit 296) ausge- 
stellten Normalmafse nach den staatlichen umgeändert worden. Beide 
führen ihren Ursprung auf jenen in Sicilien getroffenen Ausgleich 
zurück von dem S, 65 die Rede war, weichen aber in der Theilung 
von einander ab. Ebenso ist das itaHsche Pfund vom römischen 
verschieden: es wiegt 341 gr und wird nach griechischer W^eise in 
100 Drachmen gelheilt. Demgemäfs stellt sich das Talent nach dem 
Münzgewicbt auf 20,46 kgr, nach dem Wassergewicht des Cubik- 
fufses von 275 mm auf 20,8 kgr. Die Ungenauigkeit ist noch gröfser 
als beim römischen System (S. 63), aber der mangelnden politischen 
Einheit dieser Bundesgenossenschaft gegenüber viel leichter erklär- 
bar. — Das römische Hohlmafs weist die seltsame Anomalie auf, 
dafs es nach einem andern Gewicht bestimmt ist als die Münze. 
Man schrieb dem Scheffel modius (8,73 1) ein Wassergewicht von 
32, dem geläufigsten Hohlmafs sextarius (0,546 1) ein solches von 
2 Pfund zu. Aber dies ist das altphoenizische Pfund von 273 gr 
(gleich 3 aegyptischen Deben): auf ihm sind alle Hohlmafse vom 
kleinsten cyathns Ye (0,0455 I) bis zum gröfsten amphora 96 (26,2 I) 
aufgebaut. Das gewöhnliche Pfund ist 327 gr schwer und verhält 
sich zu jenem wie 6:5. Das eine wie das andere stammt aus Sici- 
lien. Hier hatte Karthago die alten und neuen Normen mit einan- 
der verschmolzen, indem die jüngere Elle von 444 mm dem System 
zu Grunde gelegt wurde. Ihr Cubus von 87,5 kgr befafst 10 Modien 
373 Amphoren nach römischer, 1 2/3 Medimnen 2^/9 Metreten nach 
sicilischer Rechnung, 320 bezw. 266,66 Pfund. Geschichtlich be- 



68 Cioleitung. 

trachtet ist das grölsere Pfund jünger als das kleine. Daraus folgt 
jedoch keineswegs d;ifs es auch in Rom später eingeführt worden 
sei. Im Gegentheil schreibt eine glaubhafte Nachricht dem König 
Servius die Feststellung des Gewichts zu (S. 63), nach dem aus- 
drücklichen Zeugnifs Varro's wog der alte As 288 Scrupel d. h. 
327,45 gr, und das Zeugnifs wird durch den Thatbestand durchaus 
bestäligl.i) Dies Pfund ist die Hälfte der euboeischen Marktmine 
die durch Selon in Athen zur Annahme gelangte, deren Talent dem 
Metretes gleich kommt. Durch den Oelhandel wurde es im Westen 
bekannt und fand mitsammt der Elle von 444 mm über Etrurien 
seineu Weg nach Rom. — 344 v, Chr. wird der Tempel der Juno 
Moneta eingeweiht; dies Jahr bezeichnet den Anfang der römischen 
Kupfermünze.2) Der As wird thatsächlich ein Pfund schwer aus- 
gebracht, hält sich aber nur einige Jahrzehnte auf dieser Höhe. 
Dann sinkt er auf 10 Unzen, nach dem vorhandenen Refund hat 
das Gewicht von 273 gr lange Zeit als Münzpfund gegolten. Die 
Aenderung wird daraus zu erklären sein, dafs Rom während der 
samnitischen Kriege, als es in enge Reziehungen zu Karthago ge- 
treten war, das auf jenem Pfund von 273 gr ruhende karlhagisch- 
sicilische System der Hohlmalse angenommen hat. 269 v. Chr. 
geht es zur Silbermünze über: der Denar wiegt ursprünglich 4,55 
gr 1/60 Pfund. Dergestalt sind ein halbes Jahrhundert Markt- und 
Münzpfund zusammen gefallen. Allein am Ende des ersten puni- 
schen Kriegs, nachdem Rom eine Weltmacht geworden war, setzt 
es den Retrag des Denars auf 3,90 gr herab und kehrt für die 
Münze zum alten Pfund von 327 gr zurück. Der Grund der Rück- 
kehr leuchtet ein: das Pfund von 327 gr ist gleich 3/4 euboeischer 
Mine und gestattet eine bequeme Umrechnung in eine auf dem 
Geldmarkt des Mittelmeeres allbekannte Währung. Seit 241 v, Chr. 
ist an den römischen Gewichtsnormen fürder nicht gerüttelt wor- 
den. Wenn im Kleinhandel ein Pfund im Gebrauch blieb das statt 
12 nur 10 gesetzhche Unzen hatte, so nehmen wir daran ohne 



1) Varro RR. I 10,2; Samwer-Bahrfeldt , Geschichte des älteren römischen 
Münzwesens, Wien 1883, p. 45fg. 

2) Samwer-Bahrfeldt p. 43 setzen auf inductivem Wege den Beginn der 
Herstellung des römischen Schwerkupfers gegen 350 v. Chr. Er läfst sich aber 
kaum von der Errichtung des Tempels trennen Liv. VII 28 vgl. VI 20. Die 
Nachricht bei Suidas Movrjxa bezieht sich auf die Einführung der Silbermünze 
(Mommsen, Münzwesen 301). 



§ 7. Mafs und Münze. 69 

Not Anstofs: auch in Athen sind seit Solon Markt- und Münzge- 
wicht verschieden gewesen. 

Aus den vorstehenden Erörterungen folgt dafs die Verfeinerung 
des Lebens in Rom am Ausgang des 4. Jahrhunderts v. Chr. einen 
entscheidenden Schritt gethan hat. Die Aufnahme des Hohln)afses 
mit seinen griechischen Bezeichnungen cyalhus hemina modtus am- 
phora und die bis 4 V2 Centihter durchgeführte Theihing lehrt uns 
dafs das Oel in den Haushalt des Kleinbürgers eingezogen sei. In 
anderem Zusammenhang ward bereits ausgeführt, dafs der Oelbaum 
zur Verdrängung der Viehzucht wesentlich beigetragen hat (I 441). 
Mit der entwickelten Arbeitstheilung hörte das Vieh auf einen pas- 
senden Tauschwert im Verkehr abzugeben und wurde durch Metalle 
ersetzt. Der Uebergang jedoch von der reinen Bodenwirtschaft zur 
Geldwirtschaft hat sich in langen Zeiträumen vollzogen. Der An- 
stofs kommt von Aufsen. In den Culturstaaten des Orients war 
schon seit etwa 2000 v. Chr. die Rangstufe der Metalle nach der 
Seltenheit oder Häufigkeit ihres Vorkommens bestimmt worden: 
Gold Mischgold Silber Kupfer Eisen Blei folgen der Reihe nach 
auf einander. Durch den Handel ist die Kunde verbreitet und die 
Wertscala zur Anerkennung von Seiten der Barbaren gebracht wor- 
den. Damit wurde der Verkehr von Volk zu Volk ungemein er- 
leichtert. An sich ist das Metali eine Waare wie jede andere; aber 
wenn es aller Orten gleich willig genommen wird, erlangt es die 
Bedeutung eines allgemeinen Tauschmittels, oder wie wir zu sagen 
pflegen von Geld. Die verschiedene Wertung der Metalle, nament- 
lich die Kostbarkeit von Gold und Silber, verglichen mit Kupfer 
Eisen oder Blei, veranlafst mit Notwendigkeit ein festes Gewichts- 
system. Die Theilung wechselt in den einzelnen Staaten, durch die 
verwirrende Menge von Theilgröfsen jedoch scheinen die ursprüng- 
lichen in Aegypten festgestellten INormen, das Deben 91 gr und 
Ket 9,1 gr, hindurch. Vermittelst der Wage hat der Grofshandel 
mit dieser Schwierigkeit leicht fertig werden können. Das Preis- 
verhältnifs der Metalle dagegen zu einander regelte sich nach An- 
gebot und Nachfrage. Anders innerhalb der Staatsgrenzen. Wenn 
der Staat dem Bedürfnifs seiner Bürger gehorchend sich entschliefst 
anstatt des Viehs ein bequemeres gesetzliches Zahlungsmittel einzu- 
führen, so mufs dies ein einziges Metall sein nach dem die übrigen 
sich richten. Zwar wird der Versuch gemacht zwei nach einem 
gesetzhch bestimmten Verhältnifs gleichberechtigt neben einander 



70 Einleitung. 

zu verwenden, jedoch ist die Doppelwährung auf die Dauer nicht 
aufrecht zu hallen. Ueherblickt man die Gesammtenlwickelung die 
das Geldwesen Italiens durchmessen hat, so stellt sie nach einander 
einen Fortschritt dar von Vieh zu Gewichtskupfer (aes rüde), Kupfer- 
münze {aes signatnm), Silber- und Kupferwährung, reiner Silber- 
währung, gemischler Gold- und Silberwährung, reiner Goldwährung. 
Die einzelnen Theile des Landes aber haben als das Licht geschicht- 
licher Ueberlieferung auf sie fällt, von dem weilen Wege der zwi- 
schen Natural- und Geldwirtschaft in der Mitte liegt, gar ungleiche 
Strecken bewältigt. Den klimatischen und Culturzonen (I 380) ent- 
sprechend lassen sich drei Hauptabschnitte unterscheiden.!) 

Der Norden weist keine einzige Münzstätte auf, höchstens hat 
man hie und da in roher Weise fremde Münzen nachgeahmt. W^enn 
aber Handelsplätze wie Patavium und Genua sich nicht zu eigener 
Prägung aufgeschwungen haben, so kann der Grund nur in dem 
mangelnden Bedürfnifs gefunden werden. In Heerden und Gold 
legte der Kelle sein Vermögen an (S. 12). Das gleifsende Metall 
entnahm er den Alpen (I 167). Die Ausbeute war so ansehnlich, 
dafs die Römer nach der Eroberung des Polands 217 v. Chr. vorüber- 
gehend zur Goldprägung geschritten sind. Freilich nimmt solche 
erst einen grofsen Umfang an, nachdem Caesar die vom Rhein und 
anderen Flüssen abgelagerten ungleich reicheren Schätze des Nordens 
eröffnet halte. Immerhin hat die Ausbeute der Südalpen dem ita- 
lischen Grofsverkehr seit früher Zeit sich des Goldes zu bedienen 
ermöglicht. Um 1000 Pfund Gold räumten die Gallier 389 v. Chr. 
das eroberte Rom : der Bericht über den Loskauf zeigt ihre Ver- 
trautheit mit der Wage. Der Kleinverkehr hat sich mit elruskischem 
Kupfer und fremden Münzen behelfen müssen. Aehnlich wie seit 
Augustus der römische Denar bei den Germanen, war während der 
Republik die Drachme von Massalia im Umlauf am Po. Wie hoch 
der Wert des Geldes, wie niedrig der Wert der Bodenerzeugnisse 
hier um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. stand, haben wir 
oben (S. 56) gesehen. 



1) Mommsen, Geschichte des römischen Münzwesens, Berlin 1860. Head, 
Historia numorum, a manual of Greeit numismalics , Oxford 1887. Saaibon, 
Recherchcs sur les monnaies de la presqu'ile ilalique depuis leur origine 
jusqu' ä la bataille d'Aclium, Naples 1S70. Garrucci, Le monete dell' Italia 
anlica, Ronna 1885: dazu Dressel in Sallet's Zeitschrift XIV und Beschreibung 
der antiken Münzen der Kön. Museen III 1, Berlin 1894. 



§ 7. Mafs und Münze. 71 

Der zweite Abschnitt umfafst die nördliche Hälfte der Halbinsel, 
allwo die Kupferwähning mit überraschender Zähigkeit sich lange 
dem Silber gegenüber behauptete. Zwar schlägt der römische Staat 
seit 269 v. Chr. Silber und drückt das Kupfer immer mehr zur 
Scheidemünze herab. Trotzdem ist es bis ungefähr 180 herrschen- 
des Courant in diesem Theil Italiens geblieben : solches lehren die 
Angaben der Annalen über die aus dem Verkauf der Beute erlösten 
Summen und die beim Triumph den Soldaten gemachten Geschenke; 
eine monumentale Hestätigung liefern die vergrabenen und durch 
Zufall aufgefundenen Schätze, die in älterer Zeit bis zum Bundes- 
genosseukrieg fast ohne Ausnahme aus Kupfergeld bestehen. Seinen 
Reichtum an diesem Metall verdankte Italien vor allem den etruri- 
schen Gruben, Aber die Forderung wird durch den Wettbewerb 
der Provinzen erstickt, nach einer Mittheilung des Polybios bezog 
der Staat aus den Silberbergwerken bei Neu Karthago eine tägliche 
Pacht von 100 000 Sesterzen (21750 M). Italien selbst weist ein- 
zelne nicht sehr ergiebige Silberadern auf, die Fremde hat ihm die 
Mittel gewährt sein heimisches Geld mit einem handlicheren zu 
vertauschen: zum letzten Mal erhalten die Soldaten 179 v. Chr. 
beim Triumph ihren Antheil in Kupfer ausgezahlt. — Einstens hatte 
die Kupferwährung sich über die ganze Halbinsel nebst Sicilien 
erstreckt. Ihr Ursprung reicht in die Epoche hinauf als die Phoe- 
nizier in den westlichen Gewässern geboten. Deshalb liegt ihr von 
Hause aus phoenizisches Gewicht, das Pfund von 273 gr zu Grunde, 
davon geht auch die älteste Silberprägung der chalkidischen Städte 
aus. Aber mit dem Aufschwung der Hellenen im 6. Jahrhundert 
beginnt der ^Yetlbewerb der euboeischen Mine und des Pfundes von 
327 gr. Das Ttevtcöyyuov, eine sachlich wie sprachlich fremdartige 
Erscheinung, schlägt zwischen alter und neuer Rechnung im Klein- 
handel die Brücke. Bei der Erörterung der zwischen Sikelern und 
Laliuern obwaltenden Sprachverwandtschaft ist die Frage offen ge- 
lassen worden, ob die Kupferwährung auf der Insel oder auf dem 
Festland entstanden, in dieser oder jener Richtung übertragen sei 
(I 549). Da das Gewicht und dessen Theilung dem semitischen 
Culturkreis entstammt, läfst sich auch jetzt keine bündige Antwort 
auf die Frage geben. Sicher dagegen ist, dafs unter den festlän- 
dischen Städten die latinischen nicht den Anspruch erheben dürfen 
die Währung zuerst eingeführt zu haben. Rom hält am Alten fest, 
sperrt sich gegen alle Neuerungen auf diesem Gebiet ebenso hart- 



72 Einleitung. 

nackig wie Karthago. Unter der Regierung der Tarquinier hatte 
es das Pfund von 327 gr angenommen, 454 heslinimt ein Gesetz 
die Bufsen nach Rindern und Schafen, so geschieht auch 430, ob- 
wol mittlerweile das Land recht von 450 Kupfer als Geld anstatt des 
Viehs nennt. Endlich geht Rom 344 zur Münze über, indem das 
Metall in Formen gegossen, mit Marken, Gewichtszeichen und Auf- 
schrüten versehen wird. Die Einheit, der As wiegt anfanglich 12 
Unzen 327 gr, sinkt mit der Einführung der Hohlmafse (S. 69) auf 
10, 269 bei der Silherprägung auf 2, schUefslich 217 auf 1 Unze 
27,3 gr und darunter. Man liest in den Annalen, dafs bei der 
Kriegserklärung an Veji 406 einige Adliche ihre Steuern in den 
Staatsschatz zu Wagen befördern liefsen. In der That konnte eine 
Summe von 1000 As (etwa 400 Mark) kaum anders fortgeschafft 
werden. Da als Wertverhältnifs beider Metalle 269 1:120, 217 
1:112 angenommen wurde, so bedeutete die Silbermünze eine ge- 
waltige Entlastung des Binnenhandels. Ein Blick auf die Pfundas 
mit ihren Vielfachen, die bis 1,8 ja 2,4 kgr wiegen, gelegentlich 
auch während des Umlaufs halbirt worden sind, überzeugt den Be- 
schauer, dafs jenem alten Kupfergeld eine grofse Kaufkraft inne- 
wohnte. In Rom wurde bei den auf Vieh lautenden Bufsen das 
Schaf zu 10 As (etwa 4 M), das Rind zu 100 angesetzt; im Inneren 
hat vermutlich der Preis der Bodenerzeugnisse sich lange auf dem 
niedrigen Stand gehalten der für Oberitalien bezeugt wird (S. 56). 
Was die Verdrängung des Kupfers durch Silber betrifft, so schliefsen 
die für Rom überlieferten Daten keineswegs die hinnenländischen 
Münzstätten ohne Weiteres ein. Wie diese vielfach anderes Ge- 
wicht brauchen, so mögen sie nach den in der Hauptstadt erfolgten 
Hei absetzungen noch Jahrzehnte lang fortgefahren haben ihre schwe- 
ren As zu giefsen. Die eigentliche Hochburg dieses rückständigen 
Tauschmittels ist der Appennin von der gallischen bis zur lucani- 
schen Grenze, das Gebiet wo die Viehzucht vorherrscht. Eine Auf- 
zählung der bekannten Münzstätten wird dienhch sein um über die 
Cultur der einzelnen Landschaften Licht zu verbreiten. Erschöpfend 
ist sie nicht, weil mehrere Münzreihen sich nicht ohne Willkür 
einer bestimmten Stadt zuweisen lassen. 

Gallische Mark: Ariminum, 268 lalinische Colonie, Schwerkupfer 
nach einem Pfund von 400 gr oder mehr, dann 
Kleinkupfer mit lateinischer Aufschrift. 



Mafs und Münze. 



73 



Umbrien : Iguvium Schwerkupfer mit umbrischem Stadlnameo, 

As etwa 200 gr. 

Tuder Schwerkupfer mit umbrischem Stadtnameo, 
As io vielen Abstufungen von 400 bis 40 gr sin- 
kend, geprägtes Kleinkupfer. 

Picenum: Ancoiia geprägtes Rleinkupfer mit griechischem 

Stadtnamen. 
5. Firmum, 264 lalinische Colonie, Schwerkupfer nach 
einem Pfund von 400 gr mit lateinischem Stadt- 
namen. 

Praetuttier: Hairia, 289 latinische Colonie, Schwerkupfer nach 

einem Pfund von 5 — 600 gr mit lateinischem Sladl- 
namen. 

Vestiner: Schwerkupfer nach einem Pfund von 4 — 500 gr 

mit lateinischem Volksnamen. 

Apulien : Lnceria, 314 latinische Colonie, Schwerkupfernach 

einem Pfund von 350 gr und weniger, dann ge- 
prägtes Kleinkupfer mit lateinischem Stadtnameo. 
Venusia, 291 latinische Colonie, Schwerkupfer nach 
romischem Gewicht, dann geprägtes Kleinkupfer mit 
lateinischem Stadtnamen. 

Etrurien:') Die Prägung von Gold und Silber ist ursprünglich 

einseitig und reicht ins 6. Jahrhundert hinauf. Sie 
legt Anfangs das phoenizische Pfund zu Grunde, 
vertauscht es aber bald mit der halben euboeischen 
Mine. Die Münzstätten sind nur theilweise bekannt. 
10. Volaterrae prägt anscheinend in ältester Zeit Gold, 
giefst später Kupfer nach einem abgeminderten Pfund 
von 218 gr mit etruskischem Stadtnamen. 
Popidonia prägt Silber und Kleinkupfer mit etrus- 
kischem Stadtnamen. 

Velulonia prägt Kleinkupfer mit etruskischem Stadt- 
namen. 

Telamon prägt Kleinkupfer mit etruskischem Stadt- 
namen. 

Cosa, 273 latinische Colonie, prägt Kleinkupfer mit 
lateinischem Stadtnamen. 



1) W. Deecke, Etruskische Forschungen II, das Münzwesen, Stuttgart 1876. 



74 Einleitung. 

15. Clushim mit älterem Namen Camars wovon die An- 
fangsbuclistahen aui' Scli\\erkui)rer erscheinen. 
Peilhesa prägt Kleinkiipfer mit etruskischem Stadt- 
iiamen der weder anderweitig vorkommt noch ürt- 
hch bestimmt ist. 

Volsinü schlägt Gold mit etruskischem Stadtnamen 
vor 265. 
Lalium: Coja schlägt Silber (und Kupfer?) mit lateinischem 

Stadtnamen. 

Signia, 495 lalinische Colonie, schlägt Silber mit 
laleinischem Stadtnamen. 
Aequer: 20. Alba, 303 lalinische Colonie, schlägt Silber mit la- 
leinischem Stadtnamen. 
Volsker: Aquinnm prägt Kleinkupfer mit lateinischem Stadt- 

namen. 
Aurunker: Snessa, 313 latinische Colonie, prägt Silber und 

Kupfer mit laleinischem Stadtnamen. 
Falernergau 1) : Schwerkupfer seit 340 wo der Gau von römischen 
Bürgern besiedelt wurde, in 6 verschiedenen Reihen 
mit einem Pfund von 327 gr das auf 273 gr und 
tiefer sinkt. 

Yelecha Schwer- und Kleinkupfer mit dem Namen 
einer unbekannten Stadt in griechischer Schrift. 
Der dritte Hauptabschnitt umfafst den Süden der Halbinsel nebst 
Sicilien. Hier ist die Kupfer- der Silberwähruug ein paar Jahr- 
hunderle früher erlegen. Schvverkupfer fehlt: das schwerste erhal- 
tene Stück, eine Lilra von Lipara wiegt 108 gr ein Viertel euboeische 
Mine. Im Uebrigen verläuft der Hergang ähnlich wie in Rom. In- 
dem das Silberstück gleich so und so viel Pfund Kupfer gesetzt 
wird, bleibt die alte Währung rechnuugsmäfsig erhallen, aber that- 
sächlich tritt das Silber an ihre Stelle und drückt das ältere Metall 
zur Scheidemünze herab. Solches wird schrittweise erreicht und des- 
halb kommt Kupfer in den früheren Prägungen überhaupt nicht vor. 
Campanien : 25. Cumae von etwa 500 bis 420 Silber und vereinzelt 
Gold mit griechischem Stadtnamen. 
Fistlus der oskische Sladtname (auch wol griechisch 



1) J. Friedländer, Nnmism. Zeitsclir. I 257, Wien 1870, weist die canipa- 
nisclie Herkunft tiacii: die im Text gegebene Einschränkung ist historisch ge- 
boten. 



Mafs und Münze. 



75 



Sidiciner: 



Samnium: 



Phislelia) des späteren Puteoli i) prägt Silber bis 216. 
Neapolis mit griechischem Stadtoamen prägt seit 440 
Silber, seit 300 auch Kleiokupfer, beides in Masse. 
Hyria älterer Name für Nola, jener steht nur auf 
Silber, dieser auch aul Kupfer, beide in griechischer 
Schrift. 

Nuceria Alfalerna in oskischer Schrift, münzt Silber 
und Kupfer. 

30. Fensernia in oskischer Schrift, unbekannter Lage 
(= Veaeris?) münzt Silber. 

Irnthie unsicherer Lesung und Lage, prägt Klein- 
kupfer. 

Atella mit oskischem Stadinamen, münzt römisches 
Kleinkupfer bis 210. 

Calatia mit oskischem Stadinamen, münzt römisches 
Kleinkupfer bis 210. 

Capua prägt Silber mit oskischem Stadtnamen, seit 
338 Silber Gold und Mischgold mit der Aufschrift 
Roma Rotnanom, während das Kleinkupfer meist den 
oskischeu Stadtnamen bewahrt. Die Prägung er- 
lischt 211. 

35. Cales, 334 lalinische Colonie, prägt Silber und Klein- 
kupfer mit lateinischem Stadtnamen. 
Teanum prägt Silber und Kupfer, die oskische Auf- 
schrift giebt anfänglich Volks- und Stadtnamen, 
dann letzteren allein, so auch die lateinische auf 
Kupfer. 

Caiatia prägt Kupfer mit oskischer und lateinischer 
Aufschrift. 

Telesia prägt Kupfer mit oskischer Aufschrift. 
Cubnlteria prägt Kupfer mit oskischer Aufschrift. 

40. Allifae prägt Silber im 4. Jahrhundert mit theils 
griechischem theils oskischem Stadtnamen. 
Aesernia, 263 lalinische Colonie, prägt Kupfer, die 
Aufschrift ist lateinisch mit oskischen Anklängen. 
Aquilonia prägt Kupfer mit oskischem Stadtnamen. 
Beneventum, 268 latinische Colonie, prägt Kupfer 



1) J. Fiiedländer, Die oskisclien Münzen, Leipzig 1850. 



76 



Einleituns 



mit lateinischer, vor 268 griechischer und oskischer 
Aufschrift. 

Freotaner: Frentrum (Anxanum) prägt Kupfer mit oskischer 

Aufschrift. 
45. Larinum prägt Kupfer mit lateinischem Stadtnamen. 

Lucanien: Die Volksgemeinde prägt zwischen 320 und 210 

Silber und Kupfer mit griechischer Aufschrift. 
Posidonia von etwa 500 reiche Silberprägung, seit 
273 latinische Colonie Paestum Anfangs noch Silber, 
bald auf Kupfer beschränkt das noch unter Tiberius 
gemünzt wird. Die Aufschrift erst spät lateinisch. 
Hyele (Velia) von etwa 530 reiche Silber-, seit 350 
auch Kupferprägung mit griechischem Stadtnamen. 
Pyxus münzt Silber um 500. 
50. Laos münzt Silber im 6. und 5. Jahrhundert, Kup- 
fer seit 390 mit griechischem Stadtnamen. 
Syharis reiche Silberprägung im 6. Jahrhundert, 
wieder vorübergehend um 450. Hierauf entfaltet 
die Nachfolgerin Thurii eine entsprechende Thätig- 
keit 443 — 282 in Silber und Kupfer, endlich schlägt 
Copia, 193 latinische Colonie, Kupfer mit lateini- 
schem Stadtnamen. 
Siris münzt Silber um 500. 

Heradea prägt seit 432 Silber, vereinzelt Gold, nach 
330 auch Kupfer mit griechischem Stadtnamen. 
Metapontum reiche Silberprägung 550 — 300, seit 
350 auch Kupfer mit griechischem Stadtnamen. 

Bruttium: 55. Die Volksgemeinde münzt im 3. Jahrhundert Gold 
Silber und Kupfer mit griechischer Aufschrift. 
Nuceria prägt Kupfer mit griechischem Stadtnamen. 
Temese münzt Silber um 500. 
Terina prägt 480 — 380 Silber, dann ein Jahrhun- 
dert lang Kupfer mit grieehischem Stadtnamen. 
Vibo (Hipponmm) prägt Kupfer seit 356 mit oski- 
scher oder griechischer Aufschrift, seit 192 latini- 
sche Colonie Valentia auf romischen Fufs mit latei- 
nischem Stadtnamen. 
60. Mesma prägt Kupfer um 340 mit griechischem 
Stadtnamen. 



§ 7. Mafs und Münze. 



77 



Reghm münzt Silber 530—200, Kupfer 400—89 

mit griechischem Stadtnaraen. 

Locri münzt Silber und Kupfer seit 344 mit grie- 
chischem Stadtnamen. 

Caulonia reichhaltige Silberprägung 550 — 388 mit 

griechischem Stadtnamen. 

Mysiiae und Hyporon münzen um 300 Kupfer. 
65. Croton 550 — 300 sehr reiche Silber-, seit 440 auch 

Kupferpräguug mit griechischem Stadtnamen. 

Petelia münzt Kupfer 280 — 89 mit griechischem 

Stadtnamen. 

Pandosia prägt 450 — 400 Silber und Kupfer mit 

griechischem Stadtnamen. 

Consentia prägt 400 — 330 Kupfer mit griechischem 

Stadtnamen. 
Calabrien: Tmentum 530 — 212 reichste Münzstätte Italiens 

in Gold Silber Kupfer mit griechischem Stadtnamen. 
70. Aletinm münzt Silber um 350 mit messapischer 

Aufschrift. 

Uzentum münzt römisches Kleinkupfer mit messa- 
pischer Aufschrift. 

Brnndisium, 244 latinische Colonie, münzt 244 — 89 

römisches Kleinkupfer mit lateinischem Stadtnamen. 

Graxa unbekannter Lage münzt römisches Kupfer 

mit griechischem Stadinamen. 

Stulnium"? unbekannter Lage münzt römisches Kup- 
fer mit griechischer Aufschrift. 
75. Orra (Uria) münzt römisches Kupfer mit messapi- 

schem Stadinamen. 

Äzetium münzt im 3. Jahrhundert Kupfer mit grie- 
chischem Stadtnamen. 

Grumum münzt um 300 Kupfer mit griechischem 

Stadtnamen. 

Butonti münzt um 300 Kupfer mit griechischem 

Stadtnamen. 
Apuliea: Neapolis münzt um 300 Kupfer mit griechischem 

Stadtnamen. 
80. Caelia prägt 300—269 Silber, 269—200 Kupfer 

mit griechischem Stadtnamen. 



78 Einleitung. 

Barium prägt um 200 römisches Kleinkiipfer mit 

griechischem Stadtnamen. 

Rnhi prägt um 300 Silber, bis 200 Kupfer mit 

griechischem Stacitnamen. 

Canusium prägt um 300 Silber, bis 200 Kupfer 

mit griechischem Stadtnamen. 

Salapia prägt 250—210 Kupfer mit griechischem 

Stadtnamen. 
85. Ausculum prägt vor und nach 300 Kupfer mit os- 

kischem Stadtnamen. 

Herdom'ae prägt vor 210 Kupfer mit griechischem 

Stadtnamen. 

Arpi prägt von 300—213 Silber und Kupfer mit 

griechischem Stadtnamen. 

Teate prägt vor 300 Silber bis 210, und Kupfer 

noch nach 217 mit oskischem Stadtnamen. 

Hyrium prägt nach 250 Kupfer mit griechischem 

Stadinamen. 
90. Matinum? prägt römisches Kupfer vor 217. 
Die vorstehende Liste führt 90 Münzstätten auf: die namen- 
losen eingerechnet, wird das Hundert erreicht oder gar überschritten. 
Ihre Bedeutung im Einzelnen ist sehr ungleich. Nahezu die Hälfte 
beschränkt sich auf Kleinkupfer, also auf die engen Grenzen eines 
Stadtgebiets und veranschauUeht, wie im Laufe des 4. und 3. Jahr- 
hunderts das Geld für den inneren Verkehr der südUchen Land- 
schaften allgemeines Bedürfnifs geworden ist. Die Prägung der 
Edelmetalle reicht weiter zurück. Sie wird ungefähr gleichzeitig in 
der letzten Hälfte des 6. Jahrhunderts von 12 hellenischen und 3 
etruskischen Städten aufgenommen; im nächsten Jahrhundert kommen 
4 hellenische hinzu. Um den Handel zu erleichtern und die gegen- 
seitige Annahme ihrer Münzen zu verbürgen, treten die Städte zu 
gröfseren Vereinigungen zusammen die sich gleicher Gewichtsnormeo 
bedienen. Derartige Münzconventionen haben im Norden für Etru- 
rien, im Süden für Grofsgriechenland gegolten. Immerhin beginnt 
die gröfsere Verbreitung des Geldwesens erst mit dem Niedergang 
der hellenischen und dem Aufschwung der oskischen Nation. Wie 
Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden schiefsen einhei- 
mische Prägstätten hervor und erfüllen die Landschaften bis in die 
Nähe des alten Latium. Man könnte meinen dafs Rom sich 344 



§ 7. Mafs und Münze. 79 

zur AusmUnzuDg seines Seh werkiip fers verstanden habe, weil es von 
der nämhchen Strömung ergriffen ward. In Wirklichkeit sucht es 
durch diese Mafsregel sich ihrer zu erwehren. Wenn die Colonisten 
von Venusia und Luceria ihre Pfundas, die Bauern im Falernergau 
ihre mehrpfündigen Barren gössen, während bei den Nachbarn im 
Umkreise handHche Tauschmittel umliefen, so hat die Einrichtung 
ähnhch wirken müssen wie das Eisengeld in Sparta. Die römische 
Regierung sicherte ihren Schutzbefohlenen den inneren Markt durch 
die Verschiedenheit der Währung, erschwerte Verkehr und Gemein- 
schaft mit den Umwohnern nach besten Kräften. Capua war unter 
Fortdauer seiner Gemeindeverfassung in den römischen Bürgerver- 
band eingetreten. Es prägte Gold und Silber. Da hierin nach der 
Anschauung des Altertums ein Oberhoheitsrecht zum Ausdruck ge- 
langt, so trugen die Stücke folgerichtig den römischen Stempel. 
Aber als nun Rom 269 nach der Unterwerfung des Südens notge- 
drungen Silbermünzen schlug, folgte es nicht etwa dem campani- 
schen oder tarentinischen Fufs. Beileibe nicht: der leitende Grund- 
satz seiner Münzpolitik kommt immer und unter allen Umständen 
darauf hinaus, dafs Rom nur dem eigenen Gelde gesetzliche Gültig- 
keit zuerkennt, das Geld seiner Verbündeten dagegen als Waare 
behandelt und nach Belieben einschätzt. Was die Edelmetalle be- 
trifft, hatten die etruskischen und die meisten griechischen Prägstätten 
ihre Thätigkeit schon vor dem Ausbruch der punischen Kriege 
eingestellt. 3Iit der Niederlage Hannibals schieden Tarent Capua 
Phistelia Arpi der brettische und lucanische Bund aus. Um die 
übrig gebliebenen Schmelzöfen auszublasen bedurfte es keiner Ge- 
walt oder Drohung: im Zeitalter der makedonischen Kriege mufste 
jeder halbwegs zurechnungsfähige Stadtrat sich sagen, dafs auch der 
bescheidenste Wettbewerb mit der Herrin der spanischen Silber- 
gruben unthunlich wäre. Einige wenige prägten noch kupferne 
Scheidemünze für den eigenen Gebrauch, und Paestum hat damit, 
einer unerklärten Laune des Schicksals gemäfs, bis in die Anfänge 
unserer Zeitrechnung fortgefahren. Wie völlig aber das Land vom 
römischen Gelde unterjocht wurde, zeigt das Verhalten der Bundesge- 
nossen bei der Erhebung von 91: ihre Denare unterscheiden sich 
von denen des Feindes ledighch durch die Aufschrift, manchmal 
auch das Gepräge. Italien wurde mit dem Erwerb der Weltherr- 
schaft durch die Macht der Thatsachen zu einer Münzeinheit um- 



80 Einleitiingr- 

gebildet ; die Ausdehnung des Bürgerrechts an den Po und die 
Alpen verlieh dieser Entwicklung ihren gesetzlichen Abschlufs. 

§ 8. Die Volkswirtschaft. 

In einer 1893 erschienenen und zum Gebrauch der Volks- 
schule bestimmten Landeskunde wird der Stoff in drei Abschnitte 
getheilt: der erste giebt unter dem Titel lialia hella die Beschrei- 
bung, der zweite handelt von den Bodenerzeugnissen und ist über- 
schrieben Italia ricca, der letzte enthält einen geschichtlichen Abrifs, 
Italia gloriosaA) Die Vorstellung von dem natürlichen Beichtum 
Italiens stammt aus dem Altertum. Sie ward ins Leben gerufen 
durch die Erfolge der hellenischen Colonien (I 59 fg.)^ von Sophokles 
und Herodot verkündet, nährte jene überspannte Politik die für 
Athen und Hellas ebenso verhängnifsvoll ausfiel wie die Römerzüge 
unserer Kaiser für Deutschland. Sodann wurde zunächst durch 
Alexander den Grofsen die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt auf 
lange hinaus vom Westen abgelenkt (I 11). Erst nachdem die Herr- 
schaft ihren Sitz am Tiber aufgeschlagen hatte, wurde das verblafste 
Bild aus der Erinnerung hervor geholt und neu aufgefrischt. Poly- 
bios spannt den Rahmen weiter, schliefst die Ebene am Fufs der 
Alpen ein. Die grofsen Flüfse und Wälder, der Segen an Wein 
und Korn, die kräftigen kampfesfrohen Männer, die Weisheit der 
Staatsleitung — das sind die Farben die er mischt. Dem Meister 
eifern die Schüler nach. Sie entlehnen nicht blos: wenn die Ge- 
lehrten des Ostens in diesem grünen waldfrischen von Behagen 
strotzenden Lande weilten, so flöfste der unwillkürliche Vergleich 
mit der eigenen dürren abgewirtschafteten Heimat ihren Schilde- 
rungen die überzeugende Sprache der Wahrheit ein. Aber der 
wirksamste Zug ist dem Preise Italiens von dessen Sühnen einge- 
fügt worden, und nicht im Gegensatz zum Orient sondern zum 
unholden INorden. Wer unter dem trüben Himmel Germaniens 
acht Jahre lang ein Reiterregiment befehligt, die friesischen Moore 
und die Watten der Nordsee kennen gelernt hatte, wie der alte 
PUnius, konnte füglich nicht umhin sein Vaterland für das schönste 
und beste auf Erden zu erklären. Die Gründe, welche Varro Ver- 
gil Phnius zum Beweise ihrer Ansicht vorbringen (I 372), mögen 



1) Angelo De Gubernatis, La patria nostra, Roma 1893. 



§ 8. Die Volkswirtschaft. 31 

UDS an der Wende eines grofsen Jahrhunderts zum Lächeln nötigen, 
sie sind ehrlich gemeint und haben bei den Nachfahren aufrichtigen 
Glauben gefunden. In all den langen Zeiten der Unterdrückung 
und Knechtschaft bot die Vergangenheit den festen Anker dar, au 
dem die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft emporrankten. Das 
ganze Unheil der Gegenwart, die schweren Schäden die das Land 
offensichtlich zur Schau trug, wurden den Barbaren und ihrem 
Helfersheller, dem Papsttum Schuld gegeben. i) Die Sonne der Frei- 
heit ist endlich über dem Appennin aufgestiegen, aber ihre Strahlen 
haben statt zu heilen die Krankheil in das grelle Licht des Tages 
gerückt. Keine Rhetorik vermag die Thatsache zu entkräl'ten dafs 
die Hälfte des italischen Bodens unbebaut oder unbebaubar ist, dafs 
das arbeitende Volk trotz Fleifs und Geschick, Geduld und Mäfsig- 
keit buchstäbhch am Hungertuch nagt. Durch die Entfesselung der 
Wildwässer (I 294) die Ausbreitung der Malaria (I 416) die greu- 
liche Waldverwüstung (i 435) hat Italien an seiner natürlichen Aus- 
stattung unermefsliclien Schaden genommen. Die Tribute der unter- 
worfenen Nationen, die Ablafsgelder der Christenheit, aus denen 
Colosseum und Peterskirche aufgethürmt wurden, fliefsen nicht mehr. 
Wenn die Barbaren als Touristen mit einem Betrage steuern der 
den Wert der Gelernte übertrifft, so bringen sie durch ihre Capi- 
talmacht die erlittene Einbufse mit Zins und Zinseszinsen heim. 
Die Rollen sind vertauscht: in den Provinzen deren ganzen Geld- 
verkehr die Römer an sich gerissen hatten, suchen jetzt die Enkel 
durch harte Handarbeit ihr Brot zu verdienen. Der Traum ist 
verflogen dafs die Freiheit mit einem Zauberschlag das goldene Zeit- 
alter des Saturn zurückführen würde. Indem das Auge der Wirk- 
lichkeil ins Antlitz schaut, wird es zugleich geschärft um die bunte 
Hülle der Dichtung zu durchdringen, die Nord und Süd mit einander 
welleifernd um die Geschichte jenes Zeitalters gewoben haben. 



1) In den Clemens VII. gewidmeten Istorie Fiorentine schreibt Machiavelli 
bei Gelegenheit des päpstlichen Hiiifsgesuchs an die Franken 752: dimodoche 
tutte le guerre che dopo questi tempi furono da' barbari falle in Italia, furono in 
maggior parte dai Pontefici causate, e tutti i barbari che quella inondarono, 
furono il piü delle volle da quelli chiamati. II quai modo di procedere dura 
ancora in questi nostri tempi, il che ha tenuto e liene Tllalia disunita ed in- 
ferma. Ein Jahrhundert später schliefst Cluver p. 37 von seiner Bewnndernng 
Italiens den Süden mit der Erklärung aus: sed Neapolitanum regnum non 
tarn civilia bella jtosterioribut hisce saeculis quam varia exterorum imperia 
divexarunt. 

Nissen, Ital. Landesktmde. II. 6 



82 Einleitung. 

Die wirtschaftliche Entwicklung Italiens ist von der Viehzucht 
ausgegangen und trägt in Sprache und Recht diesen Ursprung an 
der Stirn. 1) Das private Eigentum wird durch familia pecuniaque 
d. h. Sklaven und Vieh ausgedrückt, der Eigenlumserwerb durch 
mancipium d. h. HandgrilT, das Machtverhältnifs in dem der Herr 
zu seinem Eigentum steht, durch potestas manus mancipium. Alle 
diese Ausdrücke sind auf bewegliche Dinge, zunächst auf lebende 
Wesen gemünzt, werden nur künstlich auf unbewegliche Dinge über- 
tragen. Die Natur weist den Viehzüchter auf ein Wanderleben hin : 
er zieht im Sommer zu Berg, im Winter zu Thal, je nachdem die 
Flur den Heerden Nahrung beut. Wol nimmt der einzelne Gau, 
das einzelne Geschlecht bestimmte Weidegründe für sich in An- 
spruch, und so schwankend auch die Grenzen sein mögen, werden 
die Ansprüche von den Nachbarn anerkannt. Aber das Nutzungs- 
recht steht allen Genossen zu, ein Sondereigentum an Grund und 
Boden ist auf dieser Stufe der Entwicklung ausgeschlossen. Die 
Ueberlieferung läfst das Sondereigentum an Grund und Boden zu- 
gleich mit der Einführung des Ackerbaus und der Schöpfung des 
Staats entstehen. Ein Göttersohn, Italus Romulus Caeculus oder 
wie er heifsen mag, sammelt Hirten und heimatlose Leute um sich, 
gründet eine Stadt und theilt jedem Bürger 2 Morgen als Erbgut 
zu. Die betreffenden Legenden sind nicht sehr alt und verlegen 
bekannte geschichtliche Verhältnisse in die Vorzeit zurück. Indefs 
kann nicht bezweifelt werden dafs der Ackerbau in Italien von Hause 
aus auf Feldgemeinschaft beruhte. Die an die Colonisten ausge- 
Iheilten Landlose reichen noch im 4. Jahrhundert für den Unterhalt 
einer Famihe entfernt nicht aus (S. 26) und erlangen nicht vor 
dem 2. das erforderliche Mafs (S. 28). Damit hängt zusammen dafs 
der Staat wie die Gemeinde von den Römern als eine vermögens- 
rechtliche Gemeinschaft aufgefafst wird, an der alle Bürger beiheiligt 
sind. Die Auffassung ist immerdar festgehalten worden, obwol sie 
zu verhängnisvollen Ergebnissen führte; denn nach ihr gehört der 
Grund und Boden in den Provinzen dem römischen Volke und wird 
den bisherigen Inhabern nur auf Widerruf gegen eine Abgabe zur 
Benutzung überlassen: anderseits ist es ganz folgerichtig wenn der 
Reinertrag aus diesen Landgütern des Volks (praedia populi Romani) 
zu dessen Gunsten verwandt, sogar in der Form einer Staatsrente 



1) Mommsen, Staatsrecht III 1,22. 



§ 8. Die Volkswirtschaft. S3 

an die Bürger ohne die mindeste Gegenleistung gezahlt wird. Wie 
die Samtwirtschaft in der durch ihren riesenhaften Umfang beding- 
ten Entartung von der römischen Gemeinde betrieben wurde, schil- 
dert eine reichhaltige Ueberlieferung; für die Anfänge jedoch aus 
denen sie hervorgegangen, die einfachen Verhältnisse auf die sie 
berechnet war, versagen die Quellen völlig. Dagegen ist die Um- 
wandlung der Allmende in Privatbesitz, die Verdrängung der ge- 
meinsamen durch Einzelwirtschaft ohnehin verständlich. Wenn die 
Legende keinen Staat ohne Ackerbau und Sondereigentum anerkennt, 
so leiht sie dem durchaus zutreffenden Gedanken Worte dafs beides 
untrennbar zusammen gehört: der Bauer geht mit dem Boden den 
er urbar gemacht, mit dem Garten den er bepflanzt hat, einen in- 
nigen Bund ein. Deshalb wird die zunehmende Verbreitung des 
Ackerbaus und namentlich der Baumzucht die Feldgemeinschaft 
immer mehr einschränken und verdrangen ; dazu kommt das Ueber- 
gewicht des Adels. Vor dem Gesetz sind alle Römer gleich. Dies 
hindert nicht dafs bei Coloniegründungen der Centurio und Reiter ein 
doppelt und dreimal so grofses Ackerlos erhält wie der gemeine 
Soldat (S. 28). Als das claudische Geschlecht 504 in den Staats- 
verband aufgenommen ward, erhielt jeder Gentile 2, der Führer 
Appius 25 Morgen angewiesen. i) Die aristokratische Gliederung 
der Gesellschaft, die bei den Römern stärker ausgebildet ist als bei 
anderen Völkern, wurzelt in der Vorzeit. Nach der Legende setzt 
Romulus den Rat der Aeltesten ein, der für alle Zukunft als Träger 
der Regierungsgewalt galt. In Wirklichkeit ruht die italische wie 
die griechische Verfassung auf dem Geschlecht: von den 17 Tribus, 
welche die römische Feldmark zu Anfang der Republik umfafste, 
sind 16 nach Geschlechtern benannt. Man kann den Vorstehern 
dieser Geschlechtsdörfer oder Gaufürsten eine ähnhche Stellung zu- 
schreiben, wie die Könige bei Homer und Hesiod oder die Häupt- 
linge keltischer Clans einnehmen. Sie überragen die Genossen 
weitaus an Besitz von Knechten und Heerden, ziehen aus der All- 
mende ungleich gröfseren Nutzen als jene. Zahlenmäfsig läfst sich 
das nicht belegen; aber der Grundrifs des S. 10 beschriebenen 
Pfahldorfs aus der Provinz Parma klärt uns über die Ausdehnung 
der Wohnfläche auf, die dem Fürsten innerhalb der Befestigung ein- 
geräumt wird : sie umfafst ein Sechstel des ganzen Areals, volle 2 ha. 



1) Plut. Publ. 21,6. 



84 Einleitung. 

während die Hülle eines gewöhnlichen Bürgers auf 20—30 Gm 
beschränkt bleibt. 

Im Lauf der Geschichte ist ItaHen aus einem Wald- ein Korn- 
land (I 431), aus einem Korn- ein Wein- und Oelland geworden 
(l 450). Damit geht ein Wechsel der politischen und wirtschaftlichen 
Lebensformen Hand in Hand. Auf politischem Gebiet wird die Gau- 
durch die Stadtveifassung verdrängt, auf wirtschaftlichem Gebiet 
wird das Sondereigentum an Grund und Boden rücksichtslos durch- 
geliihrt, so dafs es an Beweglichkeit der fahrenden Habe gleich- 
küiniDt. üeber viele Jahrhunderte erstreckt sich diese Bewegung, 
gelaugt hier früher dort später ans Ziel, im Norden erst unter Au- 
gustus. Sie geht aus von der Küste. Die aufblühenden Städte üben 
die nämliche Wirkung auf das umliegende Land aus, die unter ver- 
änderter Weltlage seit den Staufern sich wiederholen sollte. Sie 
ziehen mit Güte und Gewalt die Gaufürsten in den Bereich ihrer 
Mauern, wandeln den Landadel in einen städtischen Patriciat um, 
bilden den Typus der herrschenden Classe aus der dem Süden im 
Gegensatz zum Norden eignet. Der Patricier ist nicht nur Grofs- 
grundbesitzer sondern auch Grofskaufmann. Ein Volksbeschlufs von 
219 untersagte ihm den Handel. i) Aber das Gesetz blieb ein todter 
Buchslabe: das Institut der Clientel bot die bequemste Handhabe 
um den äufseren Anstand zu wahren ohne den Gewinn zu ver- 
schmähen; vor und nach jenem Gesetz hat der regierende Adel in 
Geriebenheit und Härte mit dem gewerbsmäfsigen Wucherer gewett- 
eifert. Zunächst wird der Bodenertrag durch die Städle bedeutend 
gesteigert, Acker und Garten auf Kosten von Wald und Weide er- 
weitert, durch neu eingebürgerte Culturen gehoben, endlich von 
dem Bann der Feldgemeinschaft befreit. In Rom ist der Uebergang 
der Allmende in PrivatbesiU unter den Tarquiniern weit gediehen. 
Die dem Servius Tullius beigelegten Censussätze stammen freilich 
aus der Zeit der punischen Kriege, und es wäre verlorene Mühe 
erraten zu wollen wie sie vorher und anfänglich gelautet haben. 
Aber die Eintheilung der Bürgerschaft nach dem Vermögen ist ohne 
durchgeführte Privatwirtschaft undenkbar, und ein Erbgut von 2 
Morgen genügte keinesfalls um dem Inhaber Stimmrecht in der ersten 



1) Liv. XXI 63 ne quis Senator cuive Senator pater fuisset, maritimam 
navem quae plus quam, trecentarum amphorarum esset [7,86 Tons] haberet. id 
satis habitum ad fructus ex agris vectandos : quaestus omnis patribus indeco- 
rus VISUS. 



§ 8. Die Volkswirtschaft. 85 

(blasse zu verleihen. Urkundlich tritt denn auch im Landrecht von 
450 der Geist des crassesten Capitalismus verkörpert entgegen. — 
Durch die ganze Geschichte der Repubhk zieht sich der Kampf 
zwischen Adel und Volk hin, der weit mehr socialer als politischer 
Natur ist. Als vornehmste Streitobjecle kehren die Schuldenlast und 
das Gemeinland immer wieder. In älterer Zeit handelt es sich bei 
der Verschuldung besonders um Waaren: noch unter den Kaisern 
hören wir von einem Geschäft, wo der Bauer im Winter 10 Scheffel 
Korn entleiht und nach der Ernte 15 zurück erstattet. Für Geld- 
darlehen beschränkt das Landrecht der 12 Tafeln den Zinsfufs auf 
10 Procent. Er ward 347 um die Hälfte ermäfsigt, stand 54 auf 
4 Procent und stieg wieder auf das Doppelte. Ein fafslicher Durch- 
schnitt läfst sich nicht angeben, aber unter allen Umständen ist der 
Zins in der republikanischen Epoche hoch und wird wenn der Zahlungs- 
termin verstreicht, zum Capital geschlagen, so dafs dieses in wenig 
Jahren lawinenhaft anschwillt. Im ersten Jahrhundert nach Ver- 
treibung der Könige haben die römischen Waffen oft ohne Glück 
gefochten: es ist verständlich wie die Verwüstuügen des Krieges und 
die schweren Steuern die er im Gefolge hatte, den Bauern in Schul- 
den stürzen mufslen. Die Schulden trieben ihn von Haus und 
Hof, beraubten ihn auch der Freiheit; denn die Schuldknechtschaft 
alten Rechts ist erst 326 abgeschafft worden. So bescheiden auch 
die Masse der Capitalien mit späteren Zeiten verglichen damals sein 
mochte, darf man sie gleichwol nicht unterschätzen. Das Lösegeld 
für die GalHer im Betrage von 1000 Pfund Gold ist 389 ohne 
Mühe beschafft worden; gegen den Aulwand bei Leichenbegäng- 
nissen mufste das Landrecht bereits 450 einschreiten. Zum Schutz 
gegen den Patriciat hat die Bauerschaft 494 auf dem heiligen Berg 
die Einsetzung der Volkstribunen erzwungen. 

Die Verwaltung des Gemeindevermögens liegt dem Rat und der 
Magistratur ob. In einem jüngeren Sladtrecht wird der Bewerber 
um Duovirat und Quaestur, d. h. die beiden Aemter die mit der 
Leitung der Gasse betraut waren, verpflichtet vor der Wahl Bürg- 
schaft zu stellen und zu schwören dafs er sich nicht an öffentlichem 
Gelde vergreifen werde. i) Anderswo wird statt der Bürgschaft die 
nötige Sicherheit in dem Census gesucht an den der Eintritt in den 
Stadtrat geknüpft ist: dieser beträgt für Comum 100000 Sesterzen, 



1) Lex. Mal. c. 60. 57. 



86 Einleitung. 

für Rom 1 Million (218 000 Mark). Das Gemeindevermögen er- 
reicht in der Regel eine solche Höhe, dafs mit den Einkünften der 
laufende Haushalt bestritten werden kann. Dies gilt auch nach Auf- 
iheilung der Allmende von Rom zur Zeit des Ständekampfes. Inner- 
halb der servianischen Mauer gehört dazu der ganze vom Pomerium 
ausgeschlossene Raum, also z. R. der Aventin bis 456 wo er an 
die Plebs aufgetheilt ward, ferner die Liegenschaften am Capitol 
deren Verkauf für die Rüstungen gegen Mithridrates 88 v. Chr. 
einen Erlös von 9000 Pfund Gold (8 Millionen Mark) einbrachte. 
Auch das Häusermeer der Kaiserstadt stand zum Theil auf öffent- 
lichem Grunde und hatte demgemäfs Bodenzins an den Staat zu 
entrichten. Aulserhalb der Mauer hat die Gemeinde seit Alters Weiden 
Wälder Salinen und Ackerland besessen. Obgleich genauere An- 
gaben fehlen, kann der Besitz nicht gering gewesen sein; denn 200 
V. Chr. ist im Umkreis von 50 Millien Gemeinland genug verfüg- 
bar um eine 10 Jahr zuvor aufgenommene Kriegsanleihe zu decken. 
— Die endlosen agrarischen Streitigkeiten nun die sich von Sp.Cassius 
bis Caesar hinziehen, sind alle auf dieselbe Melodie gestimmt. Die 
Plebs fordert Antheil an dem Gemeinland in Gestalt von Ackerlosen 
die ihr zum erblichen Eigentum überwiesen werden. Der Adel 
sucht aus allen Kräften dies zu hintertreiben, zum Besten der Stadt- 
casse und zum eigenen Besten. Nach der Eroberung eines feind- 
lichen Gebiets pflegen beide Parteien ein Abkommen zu treffen. 
Den VolkswUnschen willfahrt die Regierung einerseits durch Anlage 
von Colonien. Zu den Gründungen latinischen Rechts können auch 
römische Bürger herangezogen werden; aufser den Landlosen für 
die Ansiedler wird das neue Gemeinwesen mit ausreichendem Grund- 
besitz ausgestattet um selbständig wirtschaften zu können. Die Lose 
in den Bürgercolonien sind in der älteren Zeit viel kleiner (S. 29), 
aber die Colonisten nehmen in den von ihnen besetzten Städten den 
Rang von Palriciern ein und ziehen aus dem Gemeindevermögen 
einen Nutzen der die Beschränkung ihres Sonderguts aufwiegt. Immer- 
hin ist der Plebejer keineswegs immer mit Begeisterung dem Rufe 
gefolgt, der ihn in die Ferne auf einen gefährdeten Posten führte. 
Beliebter war die Landanweisung die aufser Beziehung zu einer 
Colouie stand; denn beim ager viritanus oder viritim assignalus 
werden die Lose reichlicher bemessen und können leichter ver- 
äufsert werden. Wie S. 29 bemerkt, ist die Hauptmasse der römi- 
schen Empfänger auf diesem Wege bedacht worden. Bei aller Frei- 



§ 8. Die Volkswirtschaft. 87 

giebigkeit gegen den gemeinen Mann durfte das Ganze keinen 
Schaden leiden : die Regierung hat unverbrüchlich an dem Grund- 
salz fest gehalten dafs der Staat aus dem eroberten Lande ebenso 
gut Gewinn zöge wie die Plebs. Selbst die Gracchen und Sulla 
haben trotz aller Schroffheit ihres Vorgehens den Grundsatz aner- 
kannt und aus Rücksicht auf den öffentlichen Haushalt die einträg- 
liche campanische Domäne verschont. Erst Caesar vertheilte sie im 
Hinblick auf die neu eröffneten Einkünfte aus den Provinzen. Seinen 
Gewinnantheil verwertet der Staat auf verschiedene Weise: er ver- 
kauft Land das damit in Privatbesitz übergeht, oder läfst es bei der 
alle 5 Jahre wiederkehrenden Feststellung des Budgets durch die 
Censoren verpachten, stellt es endlich zur vorläufigen Nutzniefsung 
frei. — Das zuletzt erwähnte Verfahren hat den Anlafs zur Revolu- 
tion der Gracchen gegeben, ist aber von Hanse aus ganz verständig 
und berechtigt. INach der vorzüglichen Darlegung die Appian von 
diesen Dingen bewahrt hat i), wurde das bebaute Land vertheilt 
verkauft und verpachtet. Das unbebaute, das in Folge der Verwüs- 
tungen des Krieges in Masse vorhanden war, bis auf Widerruf in 
Besitz zu nehmen forderte eine öffentliche Bekanntmachung Lieb- 
haber auf. Die Occupanlen hatten den Zehnten vom Korn, ein 
Fünftel vom Ertrag der Baumpflanzung, aufserdem ein Weidegeld 
für jedes Stück Vieh alljährlich an den Staat abzuführen. Es leuch- 
tet ein, dafs nur vermögende Leute ein solches Geschäft wagen 
konnten: zur Einrichtung verwüsteter Ländereien gehörte Capital, 
und dies ging verloren wenn der Staat nach beliebiger Frist von 
seinem unverjährbaren Recht Gebrauch machte und das Land wieder 
einzog; ob er in solchem Falle eine Entschädigung für Gebäude und 
Verbesserungen bewilligen würde, hing ledigUch vom guten Willen 
ab, einen Anspruch hatte der Besitzer nicht. Die ungeheuere Aus- 
dehnung dieser Occupationen haben wir S. 30 kennen gelernt: sie 
befafsten 130 v. Chr. 100 deutsche Quadratmeilen die zu Unrecht be- 
sessen wurden. Wie hoch aufserdem der Betrag der durch das 
Gesetz gestatteten Occupationen zu veranschlagen sei, bleibt ganz 
im Dunkeln. Die Beschränktheit des ältesten Freistaats setzte der 
Entwicklung des Grofsgrundbesitzes ziemlich enge Grenzen; die 
Eroberung Veji's die nahezu den doppelten Zuwachs brachte, öffnete 



t) Appian b.civ.I 7. 



88 Einleitung. 

die Baho.i) Allen die sich meldeten, Hausvätern wie -söhnen wurden 
Ackerlose von 7 Morgen angewiesen: ein Mafs das auch 290 und 
280 wiederkehrt und als die Norm bei den Viritanassignalionen der 
allen Repuhhk gegolten hal.2) Auf das unvertheilte Gemeinland 
warf sich das Capital mit solcher Gier, dafs Licinius Slolo ein Ge- 
setz 377 ein- und 367 durchbrachte, das die Occupation von mehr als 
500 Morgen und mehr als 100 Stück Grofs- oder 500 Stück Klein- 
vieh auf die Weide zu treiben verbot. Sein Urheber ward 357 ver- 
urtheilt weil er es selbst übertreten hatte.^) Man kann vermuten 
dafs Gaius Flaminius bei der 232 entfesselten agrarischen Bewegung 
an das Gesetz angeknüpft habe. Aber bald wurde es durch die 
Ereignisse wieder überholt: die Grenze rückte an den Po vor, im 
Süden zog Rom nach der Niederlage Hannibals grofse Gebietstrecken 
ein, erweiterte seinen Besitz in Italien auf rund 1000 deutsche Quadrat- 
meilen, das Fünfziglache von dem was er zu Anfang der Republik 
betragen hatte. Die Regierung konnte die Masse des erworbenen 
Neulands so wenig bewältigen dafs sie, was gar nicht römische Art 
war, den verbündeten Gemeinden einen ansehnlichen Theil überhefs: 
z. B. erhielten Atella und Arpinum Grundbesitz im Poland, Cales 
in Lucanien, Luca im ligurischen Appennin^}; viele Verleihungen 
sind von den Gracchen zurückgefordert worden. Dafs der römische 
Adel bei den Occupationen sich selbst nicht vergafs, ist klar. In- 
dessen hat der Ervverb der Provinzen mehr zur Ausbreitung der 
Latifundien beigetragen als die Unterwerfung Itahens. 

In den beiden Menschenallern die auf den hannibalischen Krieg 
folgen, hat die Appenninhalbinsel den Uebergang zur Geldvvirtschaft 
vollendet. Der Grundsatz alle Einnahmen und Ausgaben des Staates 
ötfenlhch auf dem Forum zu verdingen macht Rom zur Weltbörse 
und zieht in deren Strudel die vermögenden Kreise, ja auch die 



1) Nach Beloch, Der italische Bund p. 69., umfafste das römische Gebiet 
500 V. Chr. 983 Dkm. Aus den Eroberungen in Südetrurien wurden 383 die 
laleinischen Colonien Sutrium und Nepet mit 298 D^m ausgestattet. Den 387 
eingerichteten 4 Tribus schreibt Beloch p. 75 je 200 Dkm zu. Dies ist hoch 
gerechnet; denn darnach wären mindestens 40 000 Ackerlose ausgelheilt worden. 
Aber selbst bei solchem Ansatz bleiben nach p. 70 noch 420 Dkm Gemeinland 
übrig und boten für Occupationen einen weiten Spielraum. 

2) Schwegler, Rom. Gesch. II 418 fg. 

3) Liv. VII 16; auch später kommen häufige Verurtheilungen auf Grund 
des Gesetzes vor, Liv. X 13. 23. 47 XXXIII 42 XXXV 10 Ovid Fast. V 285. 

4) Cic. ad Fam. XllI 7. 11 CIL. X 3917 XI 1147. 



§ 8. Die Volkswirtschaft, 89 

unteren Schichten der Nation hinein. Am Ende dieses Zeitraums 
stellt Polybios die römische Verfassung als eine Mischung von mo- 
narchischen aristokratischen und demokratischen Gewalten dar, die 
harmonisch in einander gefügt sich gegenseitig bedingen. Die De- 
mokratie schildert er also^): ,,Der Senat hängt ganz vom Volke ab, 
umgekehrt ist aber auch das Volk dem Senat verpflichtet und mufs 
sich nach diesem in öflentlichen und privaten Dingen richten. Denn 
da viele Arbeiten in ganz Italien von den Censoren für die ver- 
schiedenartigsten Staatsbauten vergeben , desgleichen viele Flüsse 
Häfen Pflanzungen Bergwerke Ländereien, kurz was in die Hand 
der Römer gefallen ist, verpachtet werden, liegt die ganze Ausfüh- 
rung und Verwaltung davon bei den Gemeinen, und nahezu Alle 
sind durch die Pachtungen und den daraus entspringenden Gewinn 
gebunden; denn die einen treten bei den Censoren als Unternehmer 
auf, die anderen sind Partner, wieder andere leisten Bürgschaft für 
die Unternehmer oder verpfänden auch dem Staat ihr Vermögen. In 
allen diesen Fragen hat der Senat die letzte Entscheidung: er kann 
den Zahlungstermin verlängern, bei Unglücksfällen Nachlafs gewäh- 
ren und wenn eine höhere Macht die Leistung verhindert, den 
ganzen Vertrag auflösen. Und es giebt viele Gelegenheiten, wo der 
Senat den Steuerpächtern empfindlichen Schaden oder Nutzen zu- 
fügt; denn er bildet die oberste Instanz. Was aber die Hauptsache 
ist, aus ihm werden die Richter genommen für die meisten Pro- 
cesse des Fiscus wie der Privaten, wenn es sich um ein grofses 
Streitobject handelt". Der Stand der Steuerpächter begegnet schon 
im hannibalischen Krieg und wird bei steigendem Einflufs immer 
mehr gleichbedeutend mit dem sogen. Ritterstand d. h. den Bürgern 
die einen Census von 400000 Sesterzen (87000 Mark) besafsen. 
Sie brachten nach und nach das Geldgeschäft im Umkreis des Mittel- 
meers an sich. Ein Zins von 12 Procent galt aufserhalb Italiens 
als mäfsig, Verres nahm in Sicilien 24, M. Brutus (der Befreier) in 
Cypern gar 48. Unter derartigen Umständen konnte eine Anleihe 
von 20 000 Talenten (90 Millionen Mark), welche die Provinz Asien 
84 v. Chr. um die von Sulla ausgeschriebene Kriegssteuer zu decken 
bei römischen Bankiers aufgenommen hatte, im Verlauf von 14 
Jahren auf die sechsfache Höhe wachsen. Der goldene Segen lockte 
zahllose Scharen in die Fremde, das Bürgerrecht gewährte seinem 

1) Pol. VI 17. 



90 Einleitung. 

Träger innerhalb wie aufserhalb des römischen Machtbereichs wesent- 
liche Vortheile.i) Der mercanlile Sinn der Nation wird durch die 
Nachricht erläutert, dafs die Soldaten 196 v. Chr. ihren Urlaub be- 
nutzten um in Griechenland undier zu ziehen und zu schachern 2) | 
desgleichen durch die 46 von Caesar erlassene Verfügung die jedem 
Bürger zwischen 20 und 40 Jahren untersagte mehr als 3 Jahre 
hinter einander von Italien abwesend zu sein. 3) Wenn er sich auch 
nicht berechnen läfst, war der Procentsatz der im Ausland thätigen 
Römer sehr beträchtlich: bei dem Blutbad das 88 v. Chr. Mithrida- 
tes unter ihnen anrichtete, wurden an einem Tage 80 oder gar 
150000 Menschen italischen Stammes in Kleinasien hingemetzelt 
bald darauf weitere 20 000 in Delos. Italische Kaufleute weilten 
112 in Cirla der Hauptstadt Numidiens in solcher Menge, dafs sie 
den Platz mit Erfolg gegen lugurtha verlheidigten, freilich nach der 
unbedachten Uebergabe über die Klinge springen mufsten. Nach 
allen Himmelsgegenden hin eilt der Kaufmann als Pionier den 
Legionen weit voraus, dringt an der norwegischen Küste bis zum 
Polarkreis, in Germanien bis nach Samland, Nilaufwärts bis zu den 
grofsen Seen ja bis zur Breite von Madagascar vor, spielt sich an 
indischen Fürstenhöfen und schliefslich in China als kaiserlicher 
Gesandter auf. Es ist sein Werk und sein Verdienst, wenn am Aus- 
gang des Altertums das Erdwissen zwei Drittel der östlichen Halb- 
kugel umspannt. 

Das Geldgeschäft beherrscht nach Polybios die Comitien, man 
kann getrost hinzufügen die ganze grofse Politik. Die meisten aus- 
wärtigen Kriege, die Zerstörung Karthago's wie die Eroberung Gal- 
liens^), sind ohne triftige Gründe und weniger aus Ehrgeiz als aus 
Gewinnsucht unternommen worden. Nach der Herrenmoral der 
Allen stand es dem mit der Majestät des römischen Namens um- 
kleideten Statthalter durchaus frei, draufsen die Kosten einzubringen 
die er daheim für die Erlangung des Amtes aufgewandt hatte. Bei 
der Verwaltung der Provinzen waren allerdings die Vorschriften 
einer einsichtigen Wirtschaft zu beobachten, die Kaiser Tiberius tref- 
fend mit den Worten wiedergiebt: „Ein guter Hirte scheert die Schafe, 
schindet sie nicht". Aber die Versuchung war zu grofs, und obwol 



1) Cic. Verr. V 166 fg. 

2) Liv. XXXIII 29 vgl. V 8 Paul, an Timoth. II 2,4. 

3) Sueton 42. 

4) Bonner Jahrb. XGVI (1895) 4 fg. 



§ 8. Die Volkswirtschaft. 91 

seit 149 ein eigener stark in Anspruch genommener Gerichtshof 
die Klagen der Unterthanen wegen Erpressung aburtheilte, sind die 
Schuldigen vielleicht meistens, sicher oftmals straflos ausgegangen. 
Dem regierenden Adel flofs der Löwenantheil aus dem Ertrag der 
Herrschaft zu. Durch Gesetz und Herkommen war der Adel ge- 
halten den Hauptstock seines Vermögens in Land anzulegen. Selbst 
ein Speculant wie M. Crassus hat Güter im Wert von 200 Millionen 
Sesterzen (43,6 M Mark) besessen. i) Rechnet man den Morgen zum 
hohen Satz von 1000 Sesterzen 2), so ergiebt die Summe eine Acker- 
fläche von 500 D km ; das Inventar ist dabei nicht berücksichtigt, 
doch wird dieser Posten reichlich durch den Umstand aufgewogen 
dafs die Weide, woran es nicht gefehlt haben kann, viel billiger 
kam als Ackerland. Also mag die Zahl als Beispiel für die Anhäu- 
fung von Grundbesitz in einer Hand zur Zeit der Repubhk dienen. 
L. Domitius der 49 v. Chr. 30 Cohorten Mann für Mann 4 Morgen 
aus seinen Gütern verhiefs, läfst schliefsen dafs solche Anhäufung 
nicht selten vorkam. 3) Als Beispiel für den Umfang der Weidewirt- 
schaft wird ein Freigelassener Caecilius Isidorus angeführt der nach 
seinem Testament 8 v. Chr. hinterhefs: 4116 Sklaven 3600 Gespann 
Ochsen 257 000 Schafe (ungefähr so viel wie heute in der apuli- 
schen Ebene weiden) an baarem Geld 60 Millionen Sesterzen (13 Mill. 
M.).'*) — Der Kauf und die Occupation von Gemeinland ist die 
eine Ursache für dieEntstehung der Latifundien gewesen, verhängnifs- 
voller hat die zweite, das Legen der Bauern gewirkt. Das Legen 
wird begünstigt durch die allgemeine Landflucht, die nach dem lian- 
nibalischen Kriege einreifst und theils in die Städte (S. 46) theils 
in die Provinzen (S. 90) gerichtet ist, begünstigt durch den wirt- 
schaftlichen Umschwung, aber in vielen Fällen mit List und Gewalt 
erzwungen. Die Gutswirtschaft wird ausschliefslich im kaufmänni- 
schen Sinne geführt, und zwar mit einer Umsicht und Folgerichtig- 
keit die Achtung abnötigen müfste, wenn sie nicht jeder sittlichen 
Unterlage entbehrt halte. Sie arbeitet nur mit Sklaven, weil diese 
von der Aushebung befreit sind und wie das übrige Inventar mit 
einer bestimmten Summe in Rechnung gebracht werden können. 
Freie Tagelöhner finden in ungesunden Gegenden (1 416) und allen- 



1) Plin. XXXIII 134, niedriger Plut. Grass. 2,2. 

2) Colum. 111 3,8. 

3) Caes. b.civ. 1 17 vgl. 44. 56 Dio XLI 11. 

4) Plin. XXXIII 135. 



92 Einleitung. 

falls bei der Ernte Verwendung. — Als die vorlheilhafteste Capital- 
anlage ist vom alten Cato wie seinen Nachfolgern die Viehzucht 
betrachtet worden i): die Wolle lieferte nämhch dem rasch aufblü- 
henden Tüchmachergewerbe den Rohstoff. An zweiter Stelle kam 
der Weinbau, von dessen grofsartiger durch staatliche Mafsnahmen 
geforderter Entwicklung früher die Rede war (I 452). Sodann 
nennt Cato Gemüsebau (I 457), ferner den auch heule (z. R. am 
Rhein) sehr einträglichen Weidenbau. Wenn derselbe Fachmann 
dem Oelbaum erst den fünften Platz einräumt 2), so mufs sich das 
Verhältnifs ein Jahrhundert später wol geändert haben, als das ita- 
lische Oel einen wichtigen Ausfuhrartikel abgab (I 454). An sechster 
Stelle folgt Getreide das wegen Mangels an Strafsen (S. 56) an 
manchen Orten fast umsonst zu haben war, an anderen durch die 
Einfuhr aus den Provinzen im Preis gedrückt wurde. Auf letztere 
blieb Italien anch späterhin angewiesen (I 450): immerhin erscheint 
nach unseren Regriffen der Kornbau nicht schlecht zu rentiren, da 
das Retriebscapital mit 6 Prozent verzinst wird. 3) Weiter führt Cato 
Schlagwald und Obstgarten auf: letzterer brachte in der Kaiserzeit 
hohen Gewinn (1 455.57). Am wenigsten warf der Eichenwald ab, 
dessen Frucht zur Schweinemast diente. Daraus erklärt sich dafs 
die Rodung zum allgemeinen Schaden eifrig fortgesetzt wurde (I 434). 
Im ersten Theil unserer Darstellung haben wir immer und wieder 
auf die schweren Wunden hinzuweisen gehabt, die der römische 
Capitalismus dem Lande schlug. Zum Theil sind sie von den Alten 
selbst richtig erkannt worden, aber Jahrhunderte später als der Tanz 
ums goldene Kalb begonnen hatte. Dagegen ist schon zwei Men- 
schenalter nach dem hannibalischen Kriege die Einsicht durchge- 
drungen, dafs der Staat durch die neue Wendung der Dinge in den 
Wurzeln seiner Kraft bedroht sei. 

Im Altertum beruhte die Wehrkraft auf dem Grundbesitz, der 
Dauer füllte die Reihen der Legionen. *) Seit dem Erwerb der 
Weltherrschaft nimmt bis 159 die Zahl der Waffenfähigen zu, um 



1) Cic. Off. II 89 Colum. VI praef. Plin. XVIII 30. 

2) Cato RR. 1. 

3) Colum. III 3,9. 

4) In der Einleitung preist Cato die Vorzüge des Ackerbaus gegenüber 
dem Handel: at ex agricoUs et viri f'ortissimi et milites strenuissimi gignun- 
tur, maximeque pius quaestus stabilissimusque consequilur minimeque invi- 
diosus ; minimeque male cogitanies sunt qui in eo studio occupali sunt. 



§ 8. Die Volkswillschaft. 93 

fortab zu sinken. Die Ursache ist klar. Auf ein Ackergut von 200 
bis 240 Morgen das Gate als Norm hinstellt, rechnet er 10—15 
unverheiratete Knechte, je nach dem Betrieb. Dasselbe Grundstück 
reichte bequem aus, um ebenso viel mittlere oder doppelt so viel 
kleine Bauern nebst Kind und Kegel zu ernähren. Bei einem aus- 
schhefslich auf Viehzucht berechneten Gut, dessen Gröfse von 800 
Morgen ab durch keine obere Grenze beschränkt ist, wird das Ver- 
hältnifs noch viel schreiender. Man könnte meinen, dafs die vom 
Lande verdrängte freie Bevölkerung ähnlich wie in der Neuzeit bei 
der Industrie beschäftigt worden wäre. Allein diese ist entweder 
ein Anhängsel der Gutswirtschaft, wie Ziegelei Kaiköfen Walker- 
gruben, oder wird auch in der Stadt von Sklaven und Freigelassenen 
betrieben. Für den römischen Bürger kennt Cato zwei Ervverbs- 
arten, Handel und Landwirtschaft: das Handwerk bleibt aufser Frage. 
Der Handel hat eine Masse und zwar die strebsamsten Kräfte der 
Plebs aufgesogen. Was übrig blieb und durch die Last der Schul- 
den sowie die Arglist des Gutsnachbarn aus seinem Erbe gestofsen 
wurde, verfiel dem Lose des Landstreichers. Tiberius Gracchus hat 
es in ergreifenden Worten geschildert: „Die Thiere des Feldes in 
Italien haben ihr Lager und ihre Höhlen. Den Männern die für 
Itahen kämpfen und fallen, gönnt man Luft und Licht, sonst nichts. 
Mit Weib und Kind irren sie umher ohne Haus und Heerd. Die 
Feldherren lügen, wenn sie vor der Schlacht ihre Soldaten anfeuern 
Gräber und Heiligtümer gegen den Feind zu schützen. Keiner von 
so viel lausend Bömern hat einen Altar seines Vaters oder ein Grab 
seiner Vorfahren gerettet. Sondern für fremden Beichtum und 
fremde Schwelgerei ziehen sie in Kampf und Tod, heifsen Herren 
der Welt und haben keine einzige Erdscholle zu Eigen ". — Im 
ganzen Verlauf seiner Geschichte hat der Freistaat daran gearbeitet 
einen freien Bauerstand zu erhalten. Der fortgesetzten Colonisation 
verdankt er seine Wehrkraft und seine Erfolge. Aber wie die stei- 
gende Sonne den gefallenen Begen verzehrt und das Erdreich aus- 
dörrt, werden alle zur Hebung des Volkes gemachten Anstrengungen 
schwäcner und aussichtsloser, je mehr der Beichtum in Italien an- 
wächst. Die Schuld liegt nicht ausschliefslich auf Seite der Beichen. 
Die Begierung hat zu den verschiedensten Mitteln gegriffen um die 
Ansiedler dauernd an die Scholle zu fesseln. Sie hat die Gröfse der 
Ackerlose von 7 auf 10, 15, 20, 30, 50 Morgen erhöht, so dafs 
der Empfänger nicht mehr wie der alte Gincinnatus den Pflug mit 



94 Einleitung. 

eigener Faust zu lenken braucht, sondern als Herr die grobe Arbeit 
seinem Knecht überläfsf. Sie hat die Lose auf Erbpacht verliehen, 
für unveräufserlich erklärt, den Verkauf vor Ablauf von 20 Jahren 
verboten — bald sind die Gesetze entweder wieder aufgehoben oder 
von Niemand beachtet worden. Der berühmte Falernergau war 340 
v. Chr. in Stücken von 3 Morgen an die römische Plebs aufge- 
theilt worden. Dafs die Ansiedlung in den folgenden Kriegsstürmea 
zusammen schmolz, ist leicht verständlich. Dann aber hat Sulla 
hier eine neue Colonie gestiftet und diese wird in kurzer Frist von 
grofsen Weingütern verschlungen, die dem Namen seinen Weltruf 
errangen. Praeneste ward durch Sulla von Grund aus neu besie- 
delt: seine Feldmark befindet sich 17 Jahr darauf in wenigen Hän- 
den. Mit den Veteranen der Kaiserzeit die bei ihrer Entlassung in 
Italien Land erhielten, machte man dieselbe Erfahrung. — Der Unter- 
gang der Bauerschaft ist hier früher, dort später eingetreten und 
hängt im Allgemeinen von der städtischen Entwicklung ab. Die 
Landschaften alter Cultur, Grofsgriechenland Apulien Latium Etru- 
rien sind ihm verfallen , während der Norden und das ehemals 
bundesgenössische Gebiet im Appennin vergleichsweise weniger be- 
rührt wird. Auch die Ausdehnung des Bürgerrechts und die Um- 
wälzungen der Bürgerkriege haben den Unterschied nicht ganz 
verwischt. In dieser Hinsicht sind die beiden Alimentartafeln, die 
ligurische aus Samnium von 101 n. Chr. und die wenig jüngere 
von Veleia bei Placentia recht lehrreich, nebenbei bemerkt die 
einzigen Urkunden die einen Einblick in die Vertheilung des Grund- 
besitzes innerhalb italischer Gemeinden verstatten. i) Sie führen uns 
eine Anzahl Besitzer vor, die für empfangene Darlehen des Kaisers 
Grundstücke unter Angabe des Schätzungswertes verpfänden. Auf 
der ligurischen Tafel schwankt der Wert zwischen 14 000 und 
501000 Sesterzen, von den 50 Eigentümern sind nur 10 höher 
als 100000 Sesterzen eingeschätzt. Viel weiter ist die Bildung von 
Latifundien in der Aemilia gediehen: von 52 Eigentümern bleiben 
nur 25 unter der Grenze von 100000, die andere Hälfte geht auf- 
wärts bis über 1 ^[2 Millionen. Die einzelnen Grundstücke tragen 
im Kataster den Namen des ursprünglichen Besitzers, der sie vom 
römischen Staat durch Schenkung oder Kauf erworben hat. Die 
Eintragung kann im vorliegenden Fall spätestens am Ausgang der 



1) Mommsen Herrn. XIX 393 fg. 



§ 8. Die Volkswirtschaft. 95 

Republik erfolgt sein. In der Zwischenzeit bis Traian ist die Zahl 
der Besitzer in Samnium von 90 auf 50 zurückgegangen, in der 
Aemilia viel stärker: letzteres durch die bessere Verkehrslage und 
Fruchtbarkeit der Landschaft veranlafst. Uebrigens hat, wie später 
zu erwägen sein wird, die Abnahme der Bevölkerung einen wesent- 
lichen Antheil an der Verschiebung der Besitzverhältnisse gehabt. 
Während der blutigen Wirren die den Freistaat zur Monarchie 
hinüber leiteten, wächst das Machtgebiet des römischen Volkes 
stetig an, erreicht unter Augustus das Vierfache des ümfangs den 
es zur Zeit der Gracchen eingenommen hatte. Entsprechend wächst 
auch das Nationalvermögen. Hatte ein Volkstribun um 104 v. Chr. 
behaupten können es gäbe in der ganzen Bürgerschaft keine 2000 
wolhabenden Leute i), so traf dieser Ausspruch zu Anfang unserer Zeit- 
rechnung nicht mehr zu. Rom beherbergte einen Senat von 600 
Millionären, eine Ritterschaft von über 5000 Mitgliedern, also eben- 
so viel Vermögen von mindestens 400 000 Sesterzeo (87 000 Mark). 
Letztere sind auch im Lande ausgiebig vorhanden, zählte doch allein 
Patavium ihrer 500. Ferner kann man rund 40000 italische Stadt- 
räte mit einem Census von 100 000 Sesterzen in Ansatz bringen, 
zum Beweise dafs der Mittelstand nicht ganz gefehlt hat. Allein der 
Mittelstand wird durch das Magnatentum an die Wand gedrückt. 
Es hält nicht schwer aus der neueren Geschichte Beispiele von der 
Anhäufung gröfserer Schätze, von ähnlicher Thorheit und Ver- 
schwendung zu sammeln wie sie das alte Rom in solcher Fülle 
darbietet. Aber die damalige Welt befafste nur einen kleinen Bruch- 
theil der heutigen, die Erscheinungen die auf einer beschränkten 
Bühne gespielt haben, müssen im Zusammenhang mit ihrer Umge- 
bung erklärt werden. In der That läfst sich kein Mafsstab zum 
Vergleich des Geldwertes zwischen einst und jetzt auffinden, so ein- 
leuchtend es auch ist dafs die 300 Millionen des Philosophen Seneca 
und die 400 Millionen Sesterzen seines Zeitgenossen, des kaiser- 
lichen Freigelassenen Narcissus, unter Nero mehr bedeuteten als 
nach dem Goldwert umgerechnet 65 und 88 Millionen Mark in der 
Gegenwert. Von dem Reichtum der hohen Gesellschaft gewährt die 
Sitte die sich ausgebildet hatte alle Freunde und Bekannte letzt- 
wiUig zu bedenken, einen selbst für moderne Anschauungen über- 
raschenden Eindruck: aus derartigen Vermächtnissen hat Augustus 



1) Cic. Off. II 73. 



96 Einleitung. 

in den letzten 20 Jahren seines Lebens 1400 Millionen (305 Mil- 
lionen Mark) bezogen. Es sei lerner daran erinnert dafs Tiberius 
Ersparnisse im Betrag von 2700, nach anderer Angabe 3300 Mil- 
honen Sesterzen (587 bezvv. 718 Million Mark) hinterhels, die Cali- 
gula im Verlauf von 9 Monaten vergeudete. Der gröfste Geldsack 
hatte Anspruch auf den Thron, bei der Besetzung pflegten die 
ßetheiligten, Adel Armee FMebs ein gutes Geschält zu machen. Es 
ist sogar vorgekommen dafs der Thron in öffentlicher Auction an 
den Meistbietenden losgeschlagen wurde: was trotz der anstöfsigen 
Form dem Wesen des kaiserlichen Staatsrechts einen zutreffenden 
Ausdruck lieh. So grofse Vorsicht nun auch in der Abwägung von 
Altertum und Gegenwart gegen einander geboten erscheint, hegt es 
doch auf der Hand, dafs Italien unter dem Hause Savoyen viel ärmer 
ist als da ihm die Provinzen steuerten, unter den Caesaren. — Aber es 
hat seinen Reichtum durch üeppigkeit und Schwelgerei verschwendet. 
Was an Edelmetallen für Bernstein Pelzwerk Daunen über die Nord- 
grenze des Reiches, für Elfenbein über die Südgrenze abflofs, fiel 
nicht ins Gewicht. Bedenklicher war der Passivhandel mit Indien 
und China 1): das Reich bezog Pfeffer und Gewürze, Perlen, etwas 
Elfenbein, chinesische Seide, wolriechende Oele, Diamanten und 
Saphire, endlich Schildpatt; führte Juwelen, Stickereien, Korallen, 
Glaswaaren, Kupfer, Zinn, Blei, ein wenig Wein und grobes Leinen 
aus, dazu an baarem Geld eine Summe welche die niedrigste Schät- 
zung um 70 n. Chr. jährlich auf 100 MiUionen Sesterzen (22 
Millionen Mark) bezifferte. Der Bergbau des Reiches brachte den 
zur Erhaltung des Gleichgewichts erforderlichen Ueberschufs nicht 
hervor, die Ausluhr der Edelmetalle nahm ständig zu: chinesische 
Seide, die noch im 3. Jahrhundert mit Gold aufgewogen wurde, 
mithin reichlich das Fünfzigfache kostete wie heute, hatte im 4. 
Jahrhundert aufgehört ein Vorrecht des Adels zu sein. Die Regie- 
rung hat den Ausfall einzubringen versucht durch Verschlechterung 
der Münze. Damit machte Nero den Anfang und setzte den Denar 
von 3,9 gr Gewicht auf 3,41 gr herab. Von seinem Nachfolger Ves- 
pasian wird die Aeufserung überliefert, er brauche 40 Milliarden 
Sesterzen (8700 Millionen Mark) um den Staat auf feste Füfse zu 
Stelleu. Traian führte mit der Eroberung Daciens dem Reiche neue 
Goldquellen zu, dauernde Hülfe war hierdurch nicht geschaffen. 



1) Bonner Jahrb. XCV (1894) 17%. 



§ 8. Die Volkswirtschaft. 97 

Der Feingehalt der Münzen wurde immer geringer, man lebte im 
3. Jahrhundert unter einem fortgesetzten Staatsbankerott. Die all- 
gemeine Verarmung machte nur vor dem grofsen Capital Halt. Zur 
Zeit des tiefsten Verfalls besafs Tacitus bei seiner Wahl zum Kaiser 
ein Erbgut von 280 MiUionen Sesferzen (61 Millionen Mark); nach 
Verlegung der Hauptstadt wies der römische Senat zu Anfang des 
5. Jahrhunderts noch Häuser auf die jährhch 40 Centner Gold 
(3 650 000 Mark) aufser Naturalien im Wert von einem Drittel dieser 
Summe bezogen, an zweiter Stelle Häuser mit einem Einkommen 
von 10 bis 15 Centnern (913 600—1370 000 Mark).i) 

Italien bildete den Provinzen gegenüber einen besonderen 
Zollbezirk, war auch durch Befreiung von der Grundsteuer und 
handelspohtische Vortheile sehr begünstigt (I 82). Trotzdem wird 
die Bilanz zwischen dem herrschenden und den unterworfenen Län- 
dern nicht besser gewesen sein als zwischen dem ganzen Reich und 
Indien. Allzu viel kam darauf freilich zunächst nicht an; denn das 
für Waaren abströmende Geld kehrte in Gestalt von Zinsen und 
Steuern wieder zurück. An dem Hauptgewerbe der Landwirtschaft 
zehrte der alte Krebsschaden fort, dafs die Grundherren einzig be- 
dacht waren eine hohe Rente aus ihren Gütern herauszuschlagen. 
Das Uebel wurde noch wesentlich durch die Unsitte verschlimmert 
Sklaven Mietern und Altermietern den Betrieb zu überlassen: was 
wiederum bei dessen Ausdehnung und der für einen reichen Römer 
obwaltenden Unmöglichkeit sein ganzes Hauswesen selbst zu über- 
sehen unvermeidlich geworden war. Die Wirkungen die das Sys- 
tem auf die Bevölkerung geübt hat, sollen im nächsten Abschnitt 
erwogen werden. Aber über den tiefen Schatten darf man auch 
die Augen nicht gegen die Lichtseiten verschliefsen. Die Klagen 
der Vaterlandsfreunde über die Abhängigkeit der Hauptstadt von der 
Kornzufuhr aus Aegypten und Africa entbehren nach den Erfah- 
rungen des heutigen Wellverkehrs einer stichhaltigen Begründung.^) 
Der itahsche Landwirt war ganz aufser Stande sein Getreide zu 
annähernd gleichem Preise nach Rom zu liefern wie die Provinzen: 
aus zwei Ursachen. Einmal war der Bodenwert durch die Masse 
der Capitalien die nach Gesetz und Sitte in Italien angelegt werden 
mufsten, unverhältnifsmäfsig gestiegen. 3) Sodann wird nach der 

1) vita Tac. 10 Olympiodor fr. 44 (FHGr. IV 67). 

2) Tac. Ann. III 54 XII 43. 

3) Plin.Ep. VI 19 vita Marci phil. 11,8. 

Nissen, Ital. Landeskunde. II. 7 



98 Einleilung. 

üblicheu Lebenshaltung die Arbeit in Italien theurer bezahlt worden 
sein. Der Tagelohn stand hier im Altertum viel höher als in der 
Gegenwart. 1) Unter solchen Bedingungen war dem Landwirt der 
Weg gewiesen : er baute Getreide für den eigenen Bedarf und das 
nächsthegende Absatzgebiet, nahm auf dem Wein- und Oelmarkt 
den Wettbewerb mit den Provinzen auf und errang den Sieg (I 450. 
52.54). Wie in der Baumzucht sind auch in der Veredelung der 
Viehracen gewaltige Fortschritte gemacht worden. Die italische 
Wolle wurde die beste der Welt und rief eine blühende Industrie 
ins Leben. Die Eroberung des Nordens eröffnete einen gewinn- 
reichen Markt, nicht nur für Wein und Oel sondern für die man- 
nichfachsten Erzeugnisse des Gewerbfleifses. Die Stempel der Ziege- 
leien in der Gallischen Mark kehren an allen Küsten der Adria 
wieder. Thongeschirr aus Arretium findet seinen Weg an den Rhein 
und die Donau, Erz- und Silbergeschirr auch darüber hinaus. Mit 
ihrer allmälichen Romanisirung machten sich die Provinzen nach 
Kräften von fremden Bezugsquellen unabhängig. Selbst nach seiner 
Entthronung jedoch kann die Ausfuhr Italiens nicht ganz unerheb- 
lich gewesen sein. Der Maximaltarif Diocletians von 302 führt 
unter den in der östlichen Reichshälfte gangbaren Artikeln aus 
Itahen auf: Edelwein in 7 Marken, Tuche aus Mutina und Canu- 
sium, Wolle von Tarent, lucanische Würste, marsische Schinken. 
Was die Einfuhr betrifft, so befafst sie in erster Linie Korn und 
Sklaven, sodann aber aus allen Himmelsgegenden in unabsehbarer 
Fülle Gegenstände die dem Sinnengenufs dienen, für Nahrung und 
Kleidung Wohnung und Schaulust. Es ist unnötig bei der mafs- 
losen Prunksucht und Schwelgerei die den Verfall des Römertums 
begleiten, zu verweilen. Das Jahrhundert von der Schlacht bei Actium 
bis zum Sturze Nero's wird von Tacitus als die Zeit des ärgsten 



1) Nach Cic. pro Roscio com. 28 betrug der gewöhnliche Tagelohn 12 As 
65 Pfg., in der östlichen Reichshälfte Luc. Timon 6. 12 4 Obolen 58 Pfg. oder 
Ed. DiocI. 7,1 25 Denar 45 Pfg. dazu im letzten Fall die Kost. In den unge- 
sunden Reisfeldern am Po verdient heute eine Familie 450, höchstens 600 Lire 
im Jahr. Der durchschnittliche Tagelohn des Landarbeiters wird auf weniger 
als 1 Lira geschätzt. In einem Ort Apuliens entstanden im Frühjahr 1900 Un- 
ruhen, weil die Bauern nicht länger für 35 c arbeiten wollten: der Führer der 
bewafTiieten Macht liefs nicht auf die Menge schiefsen, sondern vermittelte zu 
grofser Zufriedenheit einen Ausgleich der den Lohn auf 50 c erhöhte. Dabei 
ist zu bedenken dafs die Besteuerung durch Staat und Gemeinde ein reichliches 
Drittel des Lohns verschlingt. 



§ 9. Die Bevölkerung. 99 

Luxus betrachtet.!) Uns gilt es als die Zeit des gröfsten Reichtums 
über den Italien jemals verfügt hat. Nunmehr meldet sich der 
Rückgang in der fühlbaren Abnahme der Bevölkerung an. Die 
Regierung hat dagegen angekämpft durch milde Stiftungen und 
Ansiedlungen für die unteren Schichten, durch Ergänzung des 
Reichsadels aus den Provinzen. Aber die neuen Geschlechter blieben 
in der Heimat wurzeln und behandelten Rom als ihr Absteigequar- 
tier. Der Aufwand geht fortan weit über die Mittel des Landes 
hinaus. Die riesigen Bauten der folgenden Jahrhunderte sind aus 
Herrscherlaune entsprungen, nicht aus Ueberschufs an xlraft. Und 
wenn die grofsen Vermögen den Sturm der Zeiten bis zum Aus- 
gang des Altertums überdauerten, so liegt darin nichts weniger als 
ein Beweis von innerer Gesundheit des Landes. Denn die Gemein- 
den ächzen seit dem 3. Jahrhundert unter der Last der Steuern 
und büfsen ihre Selbstverwaltung bis auf den letzten Rest ein. Was 
früher jedem wackern Kleinbürger als höchstes Ziel seines Ehr- 
geizes vorgeschwebt hatte, die Aufnahme in den Stadtrat ist eine 
harte Strafe geworden. Die Waffen zur Vertheidigung gegen die 
Barbaren zu erheben gebrach es diesem verkümmerten Volke eben- 
so sehr an Lust und Reruf wie an dem erforderhchen Mut. 

§ 9. Die Bevölkerung. 

Der Hochwald der in alten Tagen Italien erfüllte, hat niedrigen 
Fruchtbäumen weichen müssen (1 430), ähnlich ist es mit den Men- 
schen gegangen. Am Ende der Repubhk machte das Land den 
Eindruck ein grolser Garten zu sein (1 453), aber die Verlheidiger 
die es gegen fremden Angriff hätten schützen können, waren dünn 
gesäet. Livius stellt unter dem J. 385 v. Chr. eine Betrachtung 
darüber an, woher Aequer und Volsker nach so viel Niederlagen 
immer wieder Soldaten auf die Beine gebracht hätten, er bezeichnet 
als mögliche Erklärung dafs eine zahllose Menge von Freien in 
Gegenden vorhanden gewesen wäre, die jetzt nur ein paar Rekruten 
für die Aushebung bereit hätten und allein durch römische Sklaven- 
horden vor der Verödung bewahrt blieben. Wo derselbe Gewährs- 
mann 349 V. Chr. das Aufgebot von 10 Legionen, 42000 Mann 
zu Fufs und 3000 Reitern berichtet, fügt er die Bemerkung hinzu, 
der jetzige nahezu den Erdkreis umfassende Staat wäre bei plötz- 



1) Tac. Ann. UI 55. 



100 Einleitung. 

lieh eintretender Gefahr mit Mühe einer solchen Machtleisiung fähig: 
adeo in quae laboramus sola crevimus, divitias luxuriamqueA) In 
der That tritt die miUtärische Schwäche Roms unter Augustus grell 
zu Tage: bei dem pannonischen Aufstand und der Teutoburger 
Schlacht 6 und 9 nach Chr. müssen die erforderlichen Verstärkun- 
gen durch Veteranen Sklaven und Freigelassene beschafft werden, 
weil die Pflichtigen Bürger den Dienst verweigern. 2) Als die Epoche 
höchster Volkskraft sieht Polybios die Zeit des ersten punischen 
Krieges an : ein Jahrhundert später nach Erwerb der Wellherrschaft 
sei liom aufser Stande gewesen solche Flotten zu bemannen. 3) Im 
vorigen Abschnitt ist die zersetzende Wirkung die der Reichtum 
auf die Bürgerschaft ausübte, dargelegt worden. Der Hergang bietet 
im Allgemeinen nichts Unverständüches oder Rätselhaftes; aber ihn 
in wissenschaftlicher Weise d. h. zahlenmäfsig zu verfolgen ist uns 
versagt. — Was die Ueberheferung an statistischen Angaben ent- 
hält, ist wenig, und dies Wenige wird sehr verschieden gedeutet. 
Ein auf diesem Gebiet so verdienter Forscher wie Beloch hielt es 
1880 für möghch dafs der magere Boden der römischen Feldmark 
459 V. Chr. 400 Köpfe auf den Quadratkilometer ernährt habe, 
verfiel aber 6 Jahre darauf in das entgegengesetzte Extrem der Be- 
völkerung Italiens unter Augustus nur eine Dichtigkeit von 22 
Köpfen auf demselben Flächenraum zuzuschreiben. *) Er zieht das 
heutige Sardinien mit 28 Bewohnern auf den Quadratkilometer zum 
Vergleich heran, ohne zu bedenken dafs die Insel gegenwärtig eben- 
so arm und herabgekommen ist, wie das kaiserliche Italien reich 
und blühend war. Viel Beifall hat die Ansicht C. G. Zumpt's ge- 
funden nach der die antike Menschheit und im Besonderen die 
Bevölkerung Italiens seit dem hannibahschen Kriege in beständiger 
Abnahme und allmälichem Aussterben begriffen gewesen wäre. 5) Aber 
es khngt wenig glaubhaft, dafs ein aussterbendes Volk die Kraft 
besessen haben soll nach und nach Oberitalien, Spanien, Gallien, 
Britannien, die Donauländer, Nordafrica nicht blos zu unterwerfen, 
sondern auch zu latinisiren. Und was die vermeinte Volksleere 



1) Liv. VI 12 VII 25. 

2) Vell. II 111 Suet. Aug. 23. 24 Dio LV 31 LVI 23 Plin.VH 149. 

3) Pol. I 64. 

4) Itai. Bund 92 Bevölkerung 442. 

5) C. G. Zumpt, Über den Stand der Bevölkernng und die Volksvermehrung 
im Altertum, Abb. d. Berl. Akademie 1840. 



§ 9. Die Bevölkerung. 101 

Italiens in der Kaiserzeit betrifl't, so bemerkt schon E. v. Wieters- 
heira: wer die Ruinen der Städte kenne, dem werde sie nur ein 
ungläubiges Lächein abzunötigen vermögen. i) Dieser Geschicht- 
schreiber kommt zu dem Ergebnifs dafs die Bevölkerung unter den 
Kaisern mindestens 11 MilUonen betragen habe, während der Statis- 
tiker Dureau de la Malle sie nach dem Kornverbrauch auf 9^/2 
Millionen bestimmte.^) Mommsen ist geneigt viel höher zu greifen 
und keinen wesentlichen Abstand von der Gegenwart anzunehmen: 
eine Auffassung die auch von Anderen getheilt wird. 3) Damit würde 
die Volkszahl Italiens im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung 
die Beloch auf 5 V2, höchstens 7 Millionen beschränkt, um das 
Vierfache erhöht werden. Wenn die Gelehrten so weit von einander 
abweichen, verspricht der Versuch eine Verständigung anzubahnen 
geringen Erfolg. Trotzdem niufs der Versuch gemacht werden, 
nicht so sehr deshalb weil die Bevölkerungsziffer den geläuGgen 
Mafsstab bei der Beurtheilung eines Landes abgiebt, als weil die 
Geschichte der Bevölkerung über den Gang der Begebenheiten Licht 
verbreitet. Damit ist schon gesagt dafs die Zeiten streng zu son- 
dern, die einzelnen Nachrichten in ihrem jeweiligen Zusammenhang 
zu prüfen sind. Es kommt darauf an die Zeugnisse der Alten nach 
Gebühr einzuschätzen, ferner dem Meinen und Beheben gegenüber 
das Thatsächhche in sein Recht einzusetzen. 

In der Geschichte der italischen Bevölkerung sind zwei Perio- 
den zu unterscheiden, als deren Grenze das Jahr 200 v. Chr. dienen 
kann. In der älteren wiegt wirtschafthch betrachtet der Kleinbetrieb 
und die freie Arbeit vor: berühmte Heerführer wie Dentatus, Fahri- 
cius, Regulus nennen nur ein Grundstück von 7 Morgen ihr Eigen 
(S. 88). Zwar ist auch der Grofsbesitz für das 4. Jahrhundert 
sicher bezeugt und kann mit hoher Wahrscheinhchkeit den An- 
fängen der Repubhk, ja der Königszeit beigelegt werden. Jedoch 
verwendet auch er in seinen Clienten und Knechten vornehmlich 
einheimische Arbeiter. Nach dem hannibalischen Kriege tritt die 
entscheidende Wandlung im Volksleben ein: die Naturalwirtschaft 



1) Geschichte der Völkerwandenuig 1 190 fg.: so ungenügend aucii die 
Ausführung ist, vermifst man sie in der neuen von F. Dahn besorgten Auflage 
ungern. 

2) Economie politique des Romains I 299, Paris 1840. 

3) Mommsen Rom. Gesch. 11" 403, Nissen Hislor. Zeitschr. XIX 247, Schiller 
Gesch. Nero's 500, Ihne Rom. Gesch. II 138. 401. Ebenso bereits Zumpt a. 0. 20. 



102 Einleitung. 

wird durch Geldwirtschaft verdrängt, der einströmende Reichtum 
veranlafst die Bildung von Latifundien und den Grofsbetrieb mit 
Sklaven, die letzten Reste der alten Samtwirtschaft verschwinden, 
die Ansprüche des Bauern, wie aus dem Umfang der vertheilten 
Ackerlose hervorgeht (S. 28. 29), sind derart gestiegen dafs er nicht 
mehr allein mit Weib und Kind sein Gut bestellt, sondern einen 
oder mehrere Knechte braucht. Es ist klar dafs diese beiden 
Perioden in der Betrachtung streng aus einander zu halten sind. 
Den Gegensatz heben für viele Landschaften die oben erwähnten 
Worte des Livius treffend hervor: innumerabüem multüudinem lihe- 
rornm capünm in eis fuisse locis quae nunc vix seminario exiguo 
militum relicto servitia Romana ab solitudine vindicant. In der That 
mufs die Bevölkerungsdichtigkeit unter der Herrschaft des Kleinbe- 
triebs eine überraschende gewesen sein. — Das Mafs der Ackerlose 
verstattet nur einen allgemeinen Schlufs; denn ihr Verhältnifs zur 
Allmende, die Ausdehnung von Wald und Weide ist gänzhch un- 
bekannt. Dagegen gewährt der Vergleich der latinischen Colonien 
mit den ihnen zugewiesenen Gebieten einen festen Boden für statis- 
tische Erörterungen. Da es sich um die Anlage von Festungen in 
Feindes Land handelte, so sind unter den Colonisten weder Knaben 
noch Greise, sondern Männer kräftigsten Alters zu verstehen; mit- 
hin beträgt die Kopfziffer im heutigen Sinne das 4 — 5 fache der 
Zahl der Ansiedler. Der Flächeninhalt der Stadtgebiete ist aller- 
dings nur annähernd gegeben. Das militär-geographische Institut 
hat die Berechnung der Kreise die es im Anschlufs an seine Arbeit 
über das Königreich (S. 3 A. 1) unternommen, noch nicht beendet; 
einstweilen ist man auf die vorläufigen Angaben des statistischen 
Amtes angewiesen.^) Diese üngenauigkeit ist ohne Belang. Schwerer 
fällt ins Gewicht dafs Grenzverschiebungen stattgefunden haben, die 
aufzudecken Sache einer von der Gegenwart rückwärts aufsteigenden 
geduldigen Ortsforschung wäre. Mit solchen Arbeiten haben wir in 
Deutschland kaum erst den Anfang gemacht; es ist nicht zu hoffen, 
dafs sie in Italien bald in Angriff genommen und rasch gefördert 
werden sollten. 2) Das Ziel dem die Landeskunde zustrebt, schwebt 

1) Annuario Statistico Italiano 1897 p. 6 1898 p. 8. 

2) Auf meine Anregung hin beschlofs der Provinzialverband 1886 einen 
Geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz (eines Gebietes von rund 500 d. QM.) 
herstellen zn lassen. Trotzdem es weder an äufseren Mitteln noch an tüch- 
tigen Arbeitern fehlt, ist die Bearbeitung 1900 erst bei der Reformationszeit 
angelangt. 



§ 9. Die Bevölkerung. 103 

also noch in weiter Ferne; vorläuOg ist sie zu einem ähnlich sum- 
marischen Verfahren genötigt, wie es bei der Anordnung der latei- 
nischen Inschriften eingehalten wurde. Dabei sind erhebliche Fehler 
unvermeidlich. Ferner entbehren auf der anderen Seite die abge- 
rundeten Zahlen der üeberlieferung gleichfalls der Bestimmtheit 
welche die heutige Wissenschaft fordert. Die beiden Fehlerquellen 
können einander aufheben , aber auch zusammenfallen und ver- 
stärken. Wir können daher lediglich ungefähre Ergebnisse über 
die Bevölkerungsziffer einzelner Territorien beibringen: nichts desto 
weniger reichen sie zum Beweise für den obigen Satz aus. 

Der Kreis Melfi mit dem Vulturgebirg (I 271) umfafst einen 
bunten Wechsel von Hügeln tertiärer und vulkanischer Bildung, 
mifst 1583 Dkm und ernährt durch Ackerbau rund 110 000 Seelen. 
Er entspricht der Mark von Vennsia die 291 v. Chr. mit 20 000 
Colonisten besiedelt ward. Damals kamen 12 — 13 Waffenfähige 
50 — 60 Köpfe auf den Quadratkilometer, heute werden 72 gerechnet. 
— Der Kreis Avezzaoo umschliefst die beiden Colonien Alba und 
Carsioli die 303 und 298 auf aequischem Boden mit zusammen 
10000 3Iann angelegt wurden. Er mifst 1925 Ckm: davon kommt 
die gröfsere Hälfte für das Fuciner Becken und die marsischen Ort- 
schaften Cerfennia, Marruvium, Supinum, Lucus in Abzug. Somit 
wiederholt sich die Bevölkerungsziffer von Venusia oder ist unbe- 
deutend geringer: 11 — 13 Waffenfähige 45 — 60 Köpfe auf den 
Quadratkilometer, gegenwärtig 64. — Nicht mit Unrecht redet Livius 
von der streitbaren Jugend der Volsker ohne Zahl. Dies bestätigt 
ein Blick auf den Kreis Sora der 1381 Dkm 139000 Einwohner ent- 
hält. Im Altertum lagen innerhalb seiner Grenzen 4 volskische 
Municipien von hervorragender Bedeutung: Alma mit Cominium, 
Arpinum mit Cereatae, Aquinum, Casinum; weiter die beiden lati- 
nischen Colonien Interamna und Sora 312 und 303 gegründet, 
jede mit 4000 Colonisten ausgestattet. Auf die beiden an erster 
Stelle genannten Municipien deren Wehrkraft noch Cicero preist, 
kommen rund 600 Dkm. Die Gemeindeflur des heutigen Sora wird 
zu 78 Dkm angegeben. Theilen wir der antiken Vorgängerin 
200 Dkm und ebenso viel der Schwestercolonie Interamna zu, so 
würden beide die jetzige Dichtigkeitsziffer 100 erreichen. Zu hoch 
ist das nicht gegriffen, eher zu niedrig. — 180 v, Chr. wurden 
47000 Köpfe vom Stamme der ligurischen Apuaner in Samnium 



104 Einleitung. 

angesiedelt und bildeten hier zwei Gemeinden. Ihr Gebiet ent- 
spricht dem Kreise San Barlolonimeo in Galdo mit 654 Dkm und 
59 000 Einwohnern. Mithin kommen im Altertum 72, heute 90 
auf den Ouadratkilometer. — Bereits I 512 ist der Nachricht gedacht 
worden, dafs das Volk der Picenter 268 bei seiner üebergabe 
360 000 Köpfe zählte: quinta regio Piceni est quondam uberrimae 
multitudinis heifst es in der üebersicht bei Plinius. Die 5. Region 
umfafst die Kreise Ancona, Macerata, Fermo, Ascoli Piceno, Teramo 
mit 6482 Dkm und einer zwischen 89 und 139 schwankenden 
Einwohnerziffer. Wollte man jene Angabe auf die ganze Region 
beziehen , so würden im Altertum 55 Köpfe auf den Quadratkilo- 
meter entfallen. Allein dies ist nicht möglich, weil der Süden, das 
Gebiet der Praetuttier bereits 290 v. Chr. von den Romern unter- 
worfen worden war. Der Kreis Teramo ist folglich bei Seite zu 
lassen, der Flächeninhalt der vier anderen beträgt 4703 Dkm, die 
antike Einwohnerziffer 77 und das nach einem unmittelbar voraus- 
gegangenen Krieg. — Picenum ist ein fruchtbares Hügelland und 
naturgemäfs dichter bewohnt als der Appennin, Wir erwarten eine 
weitere bedeutende Steigerung in Campanien als dem gesegnetsten 
Theil Italiens anzutreffen und finden uns nicht getäuscht. Beloch 
setzt das Gebiet von Capua und den verbündeten Gemeinden auf 
rund 1000 Dkm an. Zum Felddienst waren 216 v. Chr. 30 000 Mann 
zu Fufs 4000 zu Pferde verpflichtet. Da auf den Ritterbürtigen 
ein paar Knechte zu rechnen sind, so entfallen auf den Quadrat- 
kilometer mehr als 150 Köpfe. Wahrscheinlich viel mehr; denn die 
Unfreien müssen unter den Handwerkern stark vertreten gewesen 
sein. In der That wurde 59 v. Chr. der Rest der campanischen 
Domäne von rund 500 Dkm an 20 000 römische Bürger die 3 und 
mehr Kinder hatten, aufgetheilt: dies ergiebt eine ländliche Be- 
völkerung von reichlich 200 Köpfen auf den Quadratkilometer, 
während der Kreis Caserto heute 213 zählt. — Die angeführten 
Beispiele lehren, dafs die Volkszifler im Altertum unerheblich, 
höchstens 20 — 25 Procent hinter der Gegenwart zurückbleibt. In- 
dessen wäre es voreilig dies Ergehnifs zu verallgemeinern und auf 
die ganze Halbinsel zu übertragen. 

Aus dem Jahre 225 v. Chr. ist ein Verzeichnifs der italischen 
Wehrmänner, d. h. der durch ein Alter von 18 — 46 Jahren zum 
Felddienst befähigten, sowie durch ihren Besitz dazu berechtigten 



§ 9. Die Bevölkerung. 105 

Bürger und Bundesgenossen erhalten. i) iNach Abzug der Veneier 
und Cenomanen verbleiben für den italischen Bund rund 680 000 
Mann zu Fufs und 70 000 Reiter. Das Bundesgebiet befafst die 
Halbinsel vom Rubicon und Arno ab, mit Ausschlufs von ganz 
Bruttium und einigen hellenischen Städten wie Neapel und Velia, 
nach heutiger Einlheilung die Landschaften Toscana (ohne die Kreise 
Lucca und Massa-Carrara) Marken (mit Rimini) Umbrien, Latium, 
Abruzzen, Campanien, Apulieu, Basilicata, an Flächeninhalt in runder 
Ziffer 120 OÜO rkm. Mithin kommen auf den Quadratkilometer 
6V4 Wehrmänner 31 Kopfe, auf den ganzen italischen Bund eine 
freie Bevölkerung von 3,75 3Iillionen, während die Volkszählung 
1881 11,46 Millionen ergab. Daraus darf man jedoch nicht den 
Schlufs ziehen, dafs die Volksdichtigkeit 225 v. Chr. nur ein Drittel 
der heuligen betragen habe; denn wir wissen weder wie hoch die 
Sklaven noch die zum Heerdienst nicht berechtigten Freien io An- 
satz zu bringen sind. Wenn die Liste 70 000 Reiter angiebl, so 
sind darunter ebenso viel ritterliche Vermögen zu verstehen, üb 
diese damals wie später zu 400 000 Sesterzen (87 000 Mark) normirt 
waren, ist ungewifs: immerhin erforderte die Bewirtschaftung fremde 
Arme. Am Stärksten sind die ritterlichen Vermögen in ApuHen- 
Calabrien und den Abruzzen vertreten: dort verhallen sie sich zu den 
bürgerlichen wie 1 : 3, hier wie 1 : 5. Beide landschaftlichen Gruppen 
sind durch den gemeinsamen Betrieb der Schafzucht, den Wechsel 
zwischen Winter- und Sommerweide eng mit einander verbunden: 
bezeugter Mafsen gehörten die Hirten im 2. Jahrhundert v. Chr. dem 
Stande der Unfreien an, vermutlich auch schon im 3. In den 
Städten Apuliens blühte das Tuchmachergewerbe und behauptete 
sein Ansehen bis zum Ausgang des Altertums (S. 98). Die grofse 
Menge der Münzstätten (S. 77) lehrt wie sehr im Südosten Italiens 
Geld und Verkehr zur Herrschaft gelangt waren. Damit steht das 
Vorwiegen der ritterlichen Vermögen im besten Einklang und als 
Kehrseile hiervon die militärische Schwäche. W'ir bedauern dafs 
Polybios oder sein Gewährsmann nicht mehr ins Einzelne gegangen 
ist, vermissen namentlich ein W^ort darüber aus welchen Theilen die 
zur Fahne einberufenen Bundesgenossen stammten. Aber auch in 
ihrer lückenhaften Fassung bestätigt die Urkunde eine in der Ge- 



1) Fol. 11 2A u. a. Die Grundlage für die kiilische Verwertung des Ver- 
zeichnisses ist klar und bündig von Mommsen Rom. Forsch. II 382 fg. gesichert 
worden. 



106 Einleitung, 

schichte des Altertums oft wiederholte Erfahrung, dafs nämlich Ab- 
nahme der Wehrkraft mit fortschreitender Arbeitstheilung Hand in 
Hand gehl. Den tiefsten Stand zeigt Etrurien an. Das gesamte 
Aufgebot der Sabiner und Etrnsker beläuft sich auf 50 000 Fufs- 
gänger 4000 Reiter; wer unter den Sabinern gemeint und wie 
stark sie waren , wissen wir nicht. Immerhin hat Etrurien mit 
25 000 Dkm nicht mehr als 1 — 2 Wehrmänner vom Quadratkilo- 
meter gestellt. Günstiger lautet die Ziffer für Lucanien, nämlich 
3 — 4. Die Stammrolle enthielt 30 000 Fufsgänger 3000 Reiter: 
ob dazu Feldtruppen kamen, ist zweifelhaft. i) Anderseits ist das 
Gebiet I 535 vielleicht zu niedrig mit 10000 Dkm angesetzt worden : 
es können auch 1 — 2000 mehr gewesen sein. Dann folgt Apulien- 
Calabrien das nach Abzug der Stadtgebiete von Luceria und Brun- 
disium rund 17500 Dkm befafst. Die Stammrolle enthielt 50 000 
Fufsgänger 16 000 Reiter: von Feldtruppen ist nichts bekannt. 2) 
Die Zahl der auf den Quadratkilometer entfallenden Wehrmänner 
kann sich nicht weit von 4 entfernen. Indem wir das Gebiet der 
mit den Etruskern vereinigten Sabiner um abzurunden mit 2500 
Qkm in Rechnung setzen, so machen die drei aufgeführten Land- 
schaften die unkriegerische Hälfte des Bundes aus: 55000 Dkm 
130 000 Fufsgänger 24000 Reiter. Die wehrhafte Hälfte umfafst 
Römer, Latiner, Samniten, Campaner, Abruzzesen, Umbrer: 65 000 
D km 550 000 Fufsgänger 46 000 Reiter. Jene bietet kaum 
3, diese 9 — 10 Wehrfähige auf den Quadratkilometer. Soll man 
nun dies Verhältnifs auf die Dichtigkeit der Bevölkerung übertragen 
und glauben , dafs die Culturlandschaften bereits 225 v. Chr. ver- 
ödet gewesen wären? Etrurien hätte nach Mafsgabe seiner miU- 
tärischen Leistung 5 — 10 Einwohner auf den Quadratkilometer, 
3 — 500 auf die deutsche Quadratmeile gehabt, während die Ma- 
remmen heute das Vierfache aufweisen und die Gegend am Arno 
217 in üppiger Fülle prangte.^) Für Apulien reichen 1100 Ein- 

1) Aeliiilicii wird die Släike der Lucaiier 390 auf 30 000 Fufsgänger 4000 
Reiter angegeben Diod. XIV 101,4. 

2) Der Sachlage nach sind die beiden in Tarent und Sicilien postirten 
Legionen darauf angewiesen ihre bundesgenössischen Hülfstruppen aus Luca- 
nien und Apulien zu beziehen. Vielleicht fehlt deren Erwähnung bei Polybios 
weil sie in den Hauplsummen der Stammrolle stecken. Die Mannschaft der 
Tarentiner (Liv. XXIV 13) ist unter den Apnlo-Messapiern mit einbegriffen. 

3) Liv. XXII 3 7-egio erat in primix Italiae fertilis, Etnisci campi qui 
Faesulas inter Arreliumque iacent, frumenti ac pecoris et omnium copia 
rerum opulenti. 



§ 9. Die Bevölkerung. 107 

wohner auf flie Quadratmeile entfernt nicht aus: seine 4 Grofsstädte 
(S. 37) lagen noch nicht in Trümmern, die oben hervorgehobene 
Regsamkeit des Verkehrs ist mit der vermeintlichen Menschenarmut 
unvereinbar. Wir wissen nicht nach welchem Census die Dienst- 
pflicht bei den einzelnen Bundesgenossen geregelt war, dürfen in- 
defs die Zahl der Ausgeschlossenen und Unfreien ziemlich hoch 
rechnen. Vielfach wird die Ausdehnung der Sklaverei im 3. Jahr- 
hundert V. Chr. unterschätzt, obwol Ronig Philipp 214 bezeugt, dafs 
die Römer durch Freilassung die Mannschaft zur Gründung von 
70 Colonien gewonnen hätten ([ 555). Was für Rom gilt, trifft 
selbstverständlich auf alle Verkehrstädle zu. Bei den Helvetiern 
machen die Waffenfähigen nach Caesar ein Viertel der Volksmenge 
aus, im jetzigen Königreich Italien ein Zehntel.') Es wäre gleich 
verkehrt diese oder jene Verhältnifsziffer zur Ermittelung der Ein- 
wohnerschaft aus den Stammrollen von 225 zu verwenden; denn 
damals hatte Italien die Culturstufe der Helvetier überschritten und 
diejenige der Gegenwart lange nicht erreicht. Beloch veranschlagt 
die Gesamthevolkerung der italischen Halbinsel im 3. Jahrhundert 
auf höchstens 3V2 Millionen. 3Ian kann den Ansatz getrost ver- 
doppeln: in diesem Falle kämen 6 Millionen aaf das eigentliche 
Bundesgebiet, 1 auf Briittium nebst Neapel, Velia usw. Die Blüte 
der Griechenstädte in Bruttium war längst dahin, aber diese Land- 
schaft befindet sich auch jetzt in üblen Heften (I 336) und birgt 
doch auf 15000 Dkm 1 1/3 Millionen Einwohner. Livius nennt den 
hannibalischen Krieg den denkwürdigsten aller Kriege: von seinem 
Standpunct aus mit vollem Recht. Es heifst die Geschichte ver- 
zerren, wenn die Bevölkerungsziffer zu den militärischen Leistungen 
Italiens in unlösbaren Widerspruch gebracht wird. Rom hat ein 
Jahrzehnt und länger 20—23 Legionen im Felde und an 200 Deck- 
schifTe in See gehalten. Zu den Streitern kam der Trofs der ge- 
legenthch die Stärke jener erreichte.-) Von den Bundesgenossen 
focht die Hälfte auf Seiten des Feindes und der Schauplätze waren 
viele. Es mögen leicht an 4 — 500000 italische Männer ständig 
mit dem Kriegshandwerk zu thun gehabt haben. Um eine Vor- 
stellung von dem Menschenverlust zu erhalten genügt es nicht die 



1) Gaes. b. Gall. I 29. Die Einwohnerzahl wird 1897 berechnet zu 31479 217, 
die Controlstärke von Armee und Miliz zu 3 364 605: davon ist aber nur ein 
Drittel kriegsmäfsig ausgebildet. 

2) Pol. III 82,8 vgl. Liv. XXII 58. 



108 Einleitung. 

Ziffern der in den einzelnen Schlachten Gefallenen zu summiren. 
Was im kleinen Krieg zu Grunde gingi), den Krankheiten und 
Wunden erlagt), in die Sklaverei wanderte, mufs viel mehr betragen 
haben. Es ist vollkommen begreiflich, dafs die Bürgerschaft er- 
schöpft wurde, dafs Rom die unteren Stände, die Unfreien einge- 
schlossen, ausgiebig zu Wasser wie zu Lande verwandt hat. 3) 

Der Ausgang des Kampfes und die fernere Entwicklung Italiens 
ist durch die Thalsache bedingt worden dafs der Norden, insonder- 
heit das mit Hannibal verbündete keltische Flachland dünner be- 
völkert war als die Halbinsel (I 74). In anderem Zusammenhang 
wurde der Anstrengungen gedacht durch welche die Römer die 
Niederungen urbar zu machen suchten (I 208). Ein Gesamtbild 
wie jenes Verzeicbnifs von 225 für den Süden liefert, läfst sich 
nicht entwerfen. Nur ein paar Daten dienen zur Erläuterung des 
Gesagten. — Die beiden Pofeslungen Cremona und Placentia wurden 
218 v. Chr. mit je 6000 Colonisten ausgestattet, was einer bürger- 
lichen Einwohnerschaft von 30000 entspricht. Der erstere Kreis 
mifst 979 Dkm mit 178 Seelen auf den Quadratkilometer, im 
Altertum nur 31. Jedoch stellt sich die Dichtigkeitsziffer vielleicht 
günstiger, weil die Flur von Cremona 41 v. Chr. auf Kosten Man- 
tua's erweitert ward. Der Kreis Piacenza mifst 1623 Gkra mit 
einer Dichtigkeit von 102 die 218 v. Chr. auf 17 herabgeht. Dabei 
ist zu beachten dafs sich südlich vom Po grofse Sümpfe hinzogen,^) 
sowie dafs vermutlich im Appennin eine Anzahl ligurischer Dörfer 
der Colonie zugetheilt waren. Augenscheinlich waltet ein derartiges 
Verhältnifs bei den anderen Gründungen in der Aemilia ob. Parma 
erhielt 183 v. Chr. eine Colonie von 2000 Bürgern denen 4000 ha 
Ackerland zugewiesen wurden. Der heutige Kreis umfafst 1590 Ckm 
mit 100 Seelen auf den Quadratkilometer. Wenn er nun auch 
ein kleines Municipium Forum Novnm umschlofs, so bleiben doch 
13 — 1400 Dkm übrig die schwerlich als unbewohnter Wald ange- 
sehen werden können. Aehnlich steht es mit der Schwestercolonie 
Mutina. An die 3000 latinischen Ansiedler von Bononia gelangten 
189 V. Chr. 400 Dkm zur Vertheilung. Der heutige Kreis mifst 
2237 Dkm mit einer Dichtigkeit von 162. Letzlere Ziffer für das 



1) Pol. III 86,10. 

2) Liv. XXVII y. 

3) Liv. XXII 57 XXiV 11. 16 XXVI 35 XXVII 38. 

4) Suab. V 217 Liv. XXXIV 48. 



§ 9. Die Bevölkerung. 109 

Altertum auf 7 herunter zu drücken wäre diesem alten Culturboden 
gegenüber reiner Unsinn. Indessen legt die heutige Mundart un- 
trügliches Zeugnifs dafür ab dafs die Aemilia in den Römern wol 
ihre Herren, nicht den Hauptstock ihrer Bewohner empfangen hat: 
das lautliche Gepräge ist ein ausgesprochen gallisches (I 482). — 
Das Küstenland im Osten liefs in seiner Entwicklung die nach den 
Galliern benannte Mitte weit hinter sich. Strabo erwähnt dafs 
Patavmm einst Heere von 120 000 Mann aufbieten konnte (I 491). 
Man braucht die Nachricht keineswegs in das Gebiet der Fabel zu 
verweisen. Wie auch sonst üblich steht die Hauptstadt für das 
ganze Volk. Dafs aber die Veneter in den Tagen der Vorzeit, als 
sie ihre Grenze gegen die Kelten zu vertheidigen hatten, eine solche 
Menge von Streitern oder eine freie Bevölkerung von 5 — 600 000 
gezählt hätten, liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Die von 
ihnen bewohnten Kreise Belluno Padua Rovigo Treviso Venedig 
Vicenza enthalten rund 15000 Gkm, auf den Quadratkilometer kämen 
also 40 Seelen, heute 152. Es ist ja richtig dafs Veneter und 
Cenomanen 225 v, Chr. nicht mehr als 20 000 3Iann aufbrachten: 
aber beide Volker gehurten nicht zu den abhängigen Bundesgenossen 
Roms, die Veneter liefsen, soweit unsere Kunde reicht, Rom seine 
Kriege allein ausfechten uud beschränkten ihren Beistand auf eine 
wolwollende Hallung. Dies Beobachtungsheer hat mit der von den 
Streitkräften der Halbinsel gegebenen Uebersicht nichts zu schaffen. 
— Was den Westen betiiflt, so wird eine Menge ligurischer Cantone 
namentlich erwähnt, und die Kopfzahl kann nicht ganz gering ge- 
wesen sein. Dies be weifst schon die Verpflanzung der 47000 
Apuaner nach Samnium deren S. 103 gedacht wurde. Das keltische 
Volk der Salasser wurde 25 v. Chr. ausgerottet, indem es in Bausch 
und Bogen 44000 Köpfe auf den Markt kam. Der Kreis Aosta 
an dem ihr Name vermöge der alsbald erfolgten Gründung von 
Angusta Praetoria Salassorum haftet, enthält 3266 Dkm 83 000 Ein- 
wohner. Daraus ergiebt sich eine Dichtigkeit von 13 für das Alter- 
tum, 25 für die Gegenwart. Wenn nur 3000 Praetorianer das Erbe 
des Stammes antreten, so haben diese klärlich mit Knechten ge- 
wirtschaftet. — Aus den besprochenen Einzelposten zu einem zu- 
sammenfassenden Ergebnifs zu gelangen ist hinsichtlich des Nordens 
noch schwieriger als bei der Halbinsel. Beloch schätzt die Be- 
völkerung vor dem hannibabschen Krieg zu V2— 1 Million, so dafs 
von 115 000 Gkm die des Augustus Grenzen umschhefsen, im 



110 Einleitung. 

Mitlei der Quadratkilometer von 4—9 Menschen bewohnt gewesen 
wäre. Für das jenseitige Gallien giebt Caesar 2 — 4 mal so viel an. 
Wenden wir in Ermangelung eines besseren den Mafsstab an den 
Caesar darbietet, so kommt Belgica mit 94000 Dkm an Umfang 
der für Oberitalien bestimmten Ziffer nahe. Diesem würde mithin 
225 V, Chr. eine Bevölkerung von reichlich 2 Millionen zugeschrieben 
werden, deren Dichtigkeit sich zu derjenigen der Halbinsel wie 1 : 3 
verhält. Die lange Friedenszeit die mit dem 2. Jahrhundert v. Chr. 
anbricht, hat das Verhältnifs der beiden Landeshälfien zu einander 
von Grund aus umgestaltet. Darüber belehren uns urkundhche 
Quellen. 

Die rsachrichten über die Stärke der römischen Bürgerschaft 
in älteren Jahrhunderten sind allem Anschein nach erdichtet. i) 
Auch der von Niebuhr empfohlene Ausweg die Ziffern sowol Bundes- 
genossen als Bürger umfassen zu lassen führt auf keinen festen 
Boden : von dem Widerspruch der Gewährsmänner abgesehen, ergäbe 
sich noch immer eine unglaubHche Dichtigkeit der Bevölkerung. 
Die Annalisten, Fabius an der Spitze, verstehen die Zahlen ausdrück- 
lich von den waffenfähigen römischen Bürgern 2), nach Dionys 
machen diese ein Viertel der gesamten Einwohnerschaft aus.^) 
Neben der übertreibenden Geschichtschreibung jedoch, die sorglos 
die Einrichtungen der punischen Kriege den Königen beilegt, fehlt 
es nicht an Aeufserungen nüchterner Kritik, welche die Census- 
ziffern auf die ganze freie Bevölkerung bezieht. 4) Solche Auffassung 
giebt die einzige Möglichkeit an die Hand um die Tradition zu 
verlheidigen: 
550 v. Chr. 80000 Fabius Liv. I 44, 84000 Eutrop I 7, 84700 

Dion. H. IV 22. 
508 130 000 Dion. H. V 20. 

503 120000 Hieronymus a. Abr. 1513. 

498 150 700 Dion. H. V 75. 

493 110 000 Dion. H. VI 96. 

474 133 000 Dion. H. IX 36. 

465 104 714 civium capita censa dicuntur praeter orbos or- 

basque Liv. III 3. 



1) Schwegler Rom. Gesch. JI 679 fg. 

2) Liv. I 44 111 3. 4 VI 6 Dion. H. IV 22 V 20. 75 VI 63 IX 25. 36. 

3) Dion. H. IX 25. 

4) Plin. XXX 111 16 capita libera. 



§ 9. Die Bevölkerung. 111 

459 117 319 Liv. III 24. 

392 152 573 Plin. XXXIII 16. 

Die Helvetier die auf einer niedrigeren Stufe der Entwicklung 
standen, haben 58 v. Ciir. eine Volkszählung veranstaltet. Man 
darf nicht bestreiten dafs solches im 5. und 6. Jahrhundert bereits 
zu Rom geschehen sei, ebenso wenig dafs Berichte darüber den 
Gallischen Brand überdauern konnten. In Erinnerung freilich an 
die ungeheuerlichen Verlustangaben welche die Annalisten bei ihren 
Schlachtbeschreibungen sich aus den Fingern sogen, wird das 
äufserste Mistrauen rege. Nichts desto weniger verdient der Alter- 
tumsforscher dem Plinius gefolgt ist, aufmerksames Gebor: er ver- 
fügte über ein ungleich reicheres Material als wir, und der Zu- 
weis von 152 713 freien Bewohnern an eine Grofsstadt mit einem 
Gebiet von 983 Dkm (S. 88 A. 1) pafst zu den gegebenen Ver- 
hältnissen vortrefflich. — Nach dem jähen Zusammenbruch seiner 
Macht hat Rom in freigebigster Weise das Bürgerrecht ausgetheilt, 
387 aus Vejentern Capenaten Faliskern 4 neue Tribus gebildet, 358 
im Süden 2 weitere hinzugefügt.!) Die gewaltige Politik die es in 
diesen Jahrzehnten einschlug, beruhte allein auf der Vermehrung 
der Volkskraft. Es ist daher nicht zu verwundern wenn der nächste 
Census auf den vierfachen Betrag des letztvorhergehenden anwächst; 
denn die nach dem Gallischen Brande überlieferten Zahlen lassen 
keine andere Deutung als auf die Waffenfähigen zu: 
339 V. Chr. 160 000 Hieronymus a. Abr. 1677. 
318 250 000 Liv. IX 19, irrig 150000 Oros. V 22,2. 

Seit dem 3. Jahrhundert wird die Ueberlieferung reichhaltiger, 
die Zweifel gegen ihre Zuverlässigkeit verstummen. 2) Wol konnten 
in der handschrifthchen Fortpflanzung von Zahlen sich leicht Fehler 
einschleichen die kein Scharfsinn aufspürt, desgleichen versagen 
unsere Quellen die erwünschte Auskunft wie die Schwankungen 
zwischen den einzelnen Aufnahmen zu erklären seien, aber im 
Grofsen und Ganzen hat die Liste den Wert eines Actenstücks. 
294 V. Chr. 262321 Liv. X 47. 
289 272000 Liv. XI. 

280 287 222 Liv. XIIL 



1) Liv. VI 4. 5. VII 15. 

2) Für die einzelnen Ziffern ist nur das entscheidende Zeugnifs beige- 
bracht; das ganze Material bei C. de ßoor, Fasti censorii, diss. ßerl. 1873, vgl, 
ßeloch Bevölkerung 339 fg. 



112 Einleitung^. 

275 271234 Liv. XIV. 

265 29-2 331 Entrop H 18, irrig 382234 Liv. XVI. 

252 297 797 Liv. XVlIl. 

247 241712 Liv. XIX. 

241 260000 Hieron. a. Ahr. 1773. 

233 270 713 Liv. XX. Mommsen Rom. Forsch. II 398. 

225 291300 Mommsen a. 0. 401. 

208 137108 Liv. XXVII 36 minor aliquanto nnmerns quam 

qui ante helbim fnerat; Ep. XXVII ex quo 

nnmero apparnit quantmn hominum tot proelio- 

rum adversa fortuna populo Romano abstulisset. 

204 214 000 Liv. XXIX 37. 

Was bedeuten diese Zahlen? Sie geben, lautet die Antwort, 
die Summe der in den tahulae iuniorum verzeichneten Dienst- 
pflichtigen an, aus denen die Legionen gebildet wurden. i) Die 
Dienstpflicht beginnt mit dem vollendeten 17. und hört mit dem 
abgelaufenen 46. Lebensjahr auf. Innerhalb dieses Zeitraums von 
29 Jahren wird der Bürger zu 20 gewöhnlichen d. h. halbjährigen, 
wenn Not an den Mann geht, zu 20 ganzjährigen Dienstleistungen 
herangezogen. Aber nur der Besitz berechtigt zum Dienst in der 
Legion: im 3. Jahrhundert wurde ein Vermögen von 11000 As 
(957 Mark) verlangt, im 2. genügten 4000 As (348 Mark), seit 
Marius kam auch diese Forderung in Wegfall. Was unter der an- 
gegebenen Vermögensgrenze blieb, wurde zur Bemannung der Flotte 
verwandt. 2) Man hat gemeint dafs die oben zusammengestellten 
Ziffern auch die sem'ores, die älteren Jahrgänge von 48 — 60 mit 
umfafst hätten : aber da diese sowol nach der Natur der Sache als 
den Zeugnissen der Alten^) den Anstrengungen eines regelmäfsigen 
Feldzugs nicht gewachsen waren, hätte ihre Aufnahme die praktische 
Brauchbarkeit der Listen gestört. Nun hat Mommsen erkannt 
dals die in der Uebersicht der italischen Wehrfähigen von 225 ent- 
haltene Summe der römischen Bürger aufs Beste sich den über- 
beferten Censuszahlen einfügt, und bat damit deren Deutung fest- 
gestellt. Die ansehnliche Steigerung gegenüber dem vorausgehenden 
Census um mehr als 20 000 Köpfe erklärt sich aus der Landan- 

1) Liv. XXIV 18 Pol. VI 19 fg. 

2) Liv. I 43, Dion. H. IV 18, Cassius Hemina fr. 21 Peter, Gell. N. A. XVI 
10,11, Pol. VI 19,3. 

3) Varro bei Censor. 14,2. 



§ 9, Die Bevölkerung. 113 

Weisung des Gaius Flaminiiis: die Ackergesetze des Tiberius Grac- 
chus haben, wie S. 30 bemerkt, eine ähnliche Wirkung gehabt. Man 
wendet gegen die hier vertretene Auffassung ein dafs bei solcher 
Stärke der jüngeren Altersclassen der Mangel an Mannschaften un- 
begreiflich wäre, den Rom im Verlauf des hannibalischen Krieges mit 
allen Mittel zu bekämpfen hatte. Der Einwand ruht auf schwachen 
Füfsen; denn Dienstpflicht und Tauglichkeit sind zwei verschiedene 
Dinge, über jene entscheidet der Censor, über diese der Consul bei 
der Aushebung. Im heutigen Italien werden von den Gemusterten 
20 Procent als untauglich erklärt, ebenso viel zeitweise gleichfalls 
wegen körperlicher Mängel zurückgestellt, ein in die Augen fallender 
Theil (vor 1891 volle 27 Procent) aus Familienrücksichten befreit. 
Im Altertum sind sicherlich nicht zwei Drittel der Gestellungspflich- 
tigen sofort ausgeschieden: immerhin mufs die Stammrolle einen 
grofsen Satz von Halb- und Ganzinvahden aufgewiesen haben. i) 
Es wird erzählt dafs Rom in seiner Redrängnifs die untere Alters- 
grenze nicht beachtete2), auch die gesetzhche Freiheit von der Aus- 
hebung aufhob. 3) Für die Annahme aber dafs die Legionen aus 
alten Männern zusammengesetzt gewesen wären, fehlt es an Zeug- 
nissen.^) Hätten die Censusziffern wirklich, wie man meint, die 
Summe von 43 Jahrgängen ausgedrückt, so möchte davon kaum 
die Hälfte für den Felddienst brauchbar gewesen sein. Den tiefsten 
Stand der Wehrkraft zeigt das Jahr 208 an: dabei ist indessen zu 
beachten dafs das Ausschwärmen der Rürger in die Provinzen das 
später sich so stark bemerkbar macht (S. 90), die Niedrigkeit zum 
Theil erklärt. 5) Eine Schätzung der Verluste ist nicht möglich, aber 
erst ein Menschenalter nach dem Kriege ist die Zählung von 225 
überholt worden. 

194 V. Chr. 143 704 Liv. XXXV 9 verschrieben für 243 704. 
189 258 318 Liv. XXXVIH 36. 

179 258 794 Liv. XLI. 

174 269015 Liv. XLH 10. 



1) Liv. XXIV 18. 

2) Liv. XXII 57 XXV 5. 

3) Liv. XXVII 38. 

4) Liv. XLII 32 fg. machen die aushebenden Beamten vor dem 50. Lebens- 
jahr nicht Halt; aber es handelt sich um Offiziere, die länger dienstfähig 
bleiben, weil sie von der Last des Gepäcks verschont sind. 

5) Liv. XX Vm 11 XXIX 37 Pol. III 82,8. 

Nissen, Ital. Landesknnde. IL 8 



114 Einleitung. 

169 312805 Liv. XLV. 

164 337 022 Liv. XLV], 337 452 Plut. Aem. P. 38. 

159 328316 Liv. XLVIL 

154 324000 Liv. XLVIIL 

147 322000 Hieron. a. Abr. 1870. 

142 327 442 Liv. LIV. 

136 317933 Liv. LVL 

131 318823 praeter pupillos et viduas Liv. LIX. 

125 394 736 Liv. LX. 

115 394 336 Liv. LXIIL 

Um die Liste für das 3. und 2. Jahrhundert zur Ermittelung 
der Volksdichtigkeit verwenden zu können, mufs zunächst die Frage 
entschieden werden ob nur die Vollbürger oder auch die Bürger 
ohne Wahlrecht in ihr enthalten sind. Die letzteren wurden von 
den Censoren in einem besonderen Verzeichnifs {tabulae Caeritum) 
geführt und konnten ebenso gut aus- wie eingeschlossen sein. Für 
jene Annahme beweist die nach "fribus geregelte Aushebung, wie 
Polybios sie schildert, nichts; denn als er schrieb, hatten die fiüheren 
Halbbürgergemeinden Aufnahme in die Tribus erlangt. Dagegen 
fällt ins Gewicht dafs die Cam))aner die doch minderes Bürgerrecht 
besafsen, bei dem Census von 225 nicht mitzählen, vielmehr eigene 
Truppenkörper bilden. i) Allein die Campaner nehmen eine so un- 
abhängige Sonderstellung ein, dafs sie nicht selten geradezu als 
Bundesgenossen bezeichnet werden. Campanische Legionen sind be- 
zeugt; der Masse der Volsker, Etrusker, Sabiner usw. die des Wahl- 
rechts entbehrten, läfst sich eine gleiche Selbständigkeit schwerlich 
zuschreiben. 2) Wie dem auch sei, liefern die Censusziffern für sich 
den Beweis dafs die Halbbürger mit Ausnahme der Campaner ein- 
begriffen sind. Das römische Gebiet (mit Ausschlufs von Capua 
und Bruttium) umfafste 225 v. Chr. rund 25000 Dkm und zählte 
12 Waffenfähige auf den Quadratkilometer. Dafs es an Wehrkraft 
nicht nur den italischen Bund in der Gesamtheit sondern auch 
dessen stärkere Hälfte (S. 106) überragte, ist in der Ordnung; denn 
die Bömer hatten sich mit Vorliebe fruchtbare Landstriche ange- 
eignet, während das freie Hochgebirg weniger Menschen ernähren 
konnte. Die Zählungen vor 225 steigen in ihren Ergebnissen auf 



1) Pol. II 24,14 Fabius Gros. IV 13,7. 

2) Dion. H. XX 1 scheint dies zu thun: ob mit Recht, steht dahin. 



§ 9. Die Bevölkerung. 115 

und ab. Die oiedrigen Ziffern 275. 247 verraten die Wirkung der 
blutigen Kriege mit Pyrrhos und Karthago. Wenn sie umgekehrt 
in die Höhe schnellen, geht eine bedeutende Erweiterung des Ge- 
biets voraus. So hat der Latinerkrieg, die Zuverlässigkeit der über- 
lieferten Angaben vorausgesetzt, die Bürgerschaft um 90000 ver- 
mehrt. Die Eroberung der Sabina brachte einen Zuwachs von 
10000, der gallischen Mark 15000, Picenums 21000. Seit dem 
Tiefstand von 247 dagegen ist der Staat bemüht gewesen durch An- 
weisungen aus dem Gemeinland das Bürgertum wieder zu heben. 
Die Gründung der drei S. 28. 29 genannten Colonien sowie die Er- 
richtung von zwei neuen Tribus 241 erklären die nächste Steigerung, 
das Ackergesetz des Flaminius, wie S. 112 gesagt, die folgende die 
den Niedergang nach Ausbruch des karthagischen Krieges nahezu 
ausgleicht. So viel über die Schwankungen der Liste. Dafs sie 
aber die Masse der etruskischen sabinischen latinischen hernikischen 
volskischen ausonischen Halbbürger mitzählt, lehrt ein Blick auf die 
Karte. Welcher Bruchlheil des zu 25 000 Dkm angenommenen 
römischen Gebiets von ihnen bewohnt wurde, läfst sich nicht be- 
stimmen. Beloch rechnete früher 85 Procent. Man mag den An- 
satz für die Vollbürger von 15 auf 30, selbst 50 Procent erhöhen, 
so wird die behauptete Thatsache nicht erschüttert. Sollen die 
Censusziffern nur die Wahlberechtigten bezeichnen, so kämen 20 — 30 
Wehrfähige, eine freie Bevölkerung von 100 — 150 Köpfen auf den 
Quadratkilometer: eine Dichtigkeit die dem gesegneten Campanien 
(S. 104), aber nicht den Bodenverhältnissen Miltelitaliens ansteht. 
Der Sieg über Hannibal und dessen Verbündete verdoppelte 
den Umfang des bürgerlichen Gebiets. In den nächsten 50 Jahren 
sind 18 Bürgercolonien ausgesandt worden, wovon die nördlichen je 
2000 Ansiedler erhielten. Die Annalen übergehen die vielen Markt- 
flecken deren Ursprung gleichfalls mit Landvertheilungen zusammen- 
hing. Die Campaner ferner, die Ligurer von Samnium fanden in 
den Censuslisten Aufnahme, Latiner suchten sich einzuschmuggeln. i) 
Der Vermögenssatz endUch wurde ermäfsigt (S. 112). Die Gründe 
warum alle diese Mafsregeln keine raschere und entschiedenere 
Steigerung der Censusziffern bewirkten, sind in dem S. 88 fg. er- 
örterten wirtschafthchen Umschwung gegeben. Bei Pydna gewann 

1) Liv. XLII 10. 

s* 



116 Einleitung. 

Aemilius Paullus 168 die Schlacht die den Römern die Weltherr- 
schaft verschaffte, derselbe trug 4 Jahre darauf die gröfste Zahl in 
die Liste der Wehrmänner ein welche ein Censor bisher erreicht 
hatte. Dann geht es langsam abwärts, bis die Gracchen rücksichts- 
los eingriffen. Auf das plötzliche Emporschnellen scheint wieder 
ein Sinken der Censusziffer zu folgen. Darüber werden wir nicht 
unterrichtet, weil die Ueberlieferung erst bei dem grofsen durch die 
Revolution herbeigeführten Wandel einsetzt. 
86 V. Chr. 463 000 Hieron. a. Abr. 1932. 

7U 900 000 Liv. XCVIU, 910000 Phlegon Phot. cod. 97. 

2S 4 063000 Mon. Ancyr. c. 8. 

8 4233000 eb. 

14 n.Chr. 4937 000 eb. 

47 5 984 072 Tac. Ann. XI 25, 6 944 000 Hieron. a. Abr. 2064. 

Die an erster Stelle aufgeführte Ziffer ist zu unsicher über- 
liefert um eine Erörterung zu gestatten. Dagegen steht die zweite 
vollkommen fest. Mit dem Jahre 225 verglichen ist die Summe 
der Wehrfähigen nur um 20 Procent gestiegen, obwol das bezügliche 
Gebiet damals 120000 Dkm, jetzt ungefähr 180000 Dkm italischen 
Rodens umfafste. Wenn man ferner erwägt dafs die Proletarier 
seit Marius in der Legion dienten, also auch bei dem Census 70 v. 
Chr. in die Stammrolle eingetragen wurden, so erscheint der Nieder- 
gang der Volkskraft dem dritten Jahrhundert gegenüber in noch 
grellerem Licht. Zwar haben die Wirren der beiden letzten Jahr- 
zehnte, der Bundesgenossen- Bürger- und Sklavenkrieg breite Lücken 
in der Bevölkerung Italiens gerissen. i) Aber die ganze Erscheinung 
erhält doch erst durch den früher betrachteten wirtschaftlichen Um- 
schwung ihr volles Verständnifs. — Durch die Aufnahme der Trans- 
padana 49 v. Chr. wurde das Bürgergebiet in Italien abermals 
(nach Abrechnung der Gebirgsdistricte minderen Rechtes) um rund 
60000 Dkm erweitert. Aufserdem gab es bei dem ersten Census 
des Augustus gegen 120, bei dem letzten gegen 150 Gemeinden 
römischer Bürger innerhalb der Provinzen. Dieser zwiefache Zu- 
wachs würde wol erklären dafs der Census von 28 trotz der vor- 
ausgegangenen Bürgerkriege eine bedeutende Vermehrung aufwiese. 
Aber er reicht keineswegs aus den Abstand zwischen beiden Zahlen 
auszufüllen. Die Annahme dass es unter Augustus 4 — 5 Millionen 



1) Vell. II 15 Diod. XXXVIII 15 Appian b. civ. I 93 Dio. XLIII 25. 



§ 9. Die Bevölkerung. 117 

wehrfähiger Bürger gegeben habe, von denen 3 Procent ihrer 
Dienstpflicht genügten, fällt aufserhalb des Bereichs der Möglichkeit. 
Deshalb müssen die kaiserlichen Censusziffern eine andere Bedeutung 
haben als die republikanischen. Beloch meint: Augustus habe eine 
Zählung der bürgerlichen Bevölkerung nach heutiger Weise unter 
Einschlufs der Frauen und Kinder veranstaltet, und gelangt damit 
zu jenem niedrigen Ansatz von dem S. 110 die Rede war. Allein 
die Mittheilungen aus den Listen des Census von 74 n. Chr. der 
sich ganz nach dem Vorbild des Augustus richtete, lehren dafs dieser 
ein wesenthch anderes Verfahren eingeschlagen hatte. Unter den 
Langlebigen der 8. Region Aemilia werden 52 Männer und 17 
Frauen mit Namen aufgeführt, i) Aus dem Verhältnifs der beiden 
Geschlechter zu einander ersieht man sofort dafs nur selbständige 
Personen eingeschätzt worden sind: dafs Wittwen und Waisen eine 
eigene Rubrik bildeten, wird schon 465 und 131 v.Chr. ange- 
merkt. Die Annalen der Republik haben die tabulae iuniorum, die 
Aushebungsliste überliefert. Seitdem die Bürgerschaft Italiens vom 
Kriegsdienst thatsächlich befreit war, hatte es keinen praktischen 
Zweck mehr über die Wehrpflichtigen besonders Buch zu führen. 
Wol aber konnte die Hauptliste welche die Aufnahme des Vermögeos 
enthielt, der Verwaltung wesentliche Dienste leisten, so z.B. für 
die Durchführung der Ehegesetze, die Regelung der Koruzufuhr, die 
öfl'entliche Wollhätigkeit. Unsere Nachrichten beschränken sich auf 
Rom: indefs hegt auf der Hand dafs keine Gemeinde ohne einen 
Ueberblick über ihre Glieder und deren Habe zu wirtschaften im 
Stande war. Eine Zählung der Kinder hat aber sicherlich nicht 
statt gefunden. Erst als die Menschenarmut in erschreckender 
Weise sich fühlbar machte, hat Marc Aurel die Anmeldung der Ge- 
burten innerhalb 30 Tage nach der Geburt befohlen. 2) Ungefähr 
gleichzeitig und aus derselben Ursache wird das Recht des Vaters 
die Kinder auszusetzen aufgehoben und die Aussetzung als ein Ver- 
brechen betrachtet. 3) Mithin befassen die ca^pita civium Romanorum 
des kaiserlichen Census annähernd 35 — 40 Procent der bürgerlichen 



1) Phlegon ed. Keller p. 85 fg. Plin. VII 162 fg. Es liegt kein Grund vor 
die allgemeine Richtigkeit dieser Angaben zu beanstanden. 

2) Die Nachricht der Vita 9,7 wird durch die Inschriften bestätigt, wie 
die umsichtige Untersuchung von Wilhelm Levison, Die Beurkundung des Civil- 
standes im Altertum, Bonner Jahrb. ClI (1898) 1—82, gezeigt hat. 

3) Paulus Dig. XXV 3,4 Mommsen Strafrecht 619. 



118 Einleitung. 

BevölkeruDg, Dämlich 1. alle Männer vom Eintritt der Mündigkeit 
d. h. vom 15. — 18. Jahr ab, 2. verwittwete oder (wenn es solche 
überhaupt gab, denn erwähnt werden sie nicht) unverheiratete 
Frauen, 3. begüterte Waisen. Nach der Zahl der Gemeinden (wir 
haben keinen anderen Vergleich) steht die aufseritalische Bürger- 
schaft zur italischen im Verhällnifs von 1 : 3. Daraus folgt dafs 
Italien zur Zeit des Augustus eine bürgerliche Bevölkerung von 
9 — 10 Millionen enthielt. Die einzelnen Posten aus denen die 
Rechnung aufgebaut ist, mögen noch so schwankend erscheinen, 
das Endergebnifs ist nicht zu hoch gegriffen. Indem weiter die 
Menge der im Lande lebenden Peregrinen berücksichtigt wird, d. h, 
einerseits der fremden Händler und Handwerker in den Städten, 
anderseits der attribuirten ßergstämme im Norden, so wird inner- 
halb des rund 250000 Dkm betragenden italischen Gebiets eine 
freie Einwohnerschaft von mindestens 10 Millionen anzunehmen sein. 
Für die Ermittelung der unfreien Einwohnerschaft stehen keinerlei 
zahlenmäfsige Angaben zu Gebote. Aus verschiedenen Aeufserungen 
der Zeitgenossen wird geschlossen dafs sie an Umfang die freie 
übertroffen habe.i) Auf viele Gegenden Italiens trifft der Schlufs 
in der That zu. Die ausgedehnte Weidewirtschaft in Apulien Cala- 
brien Lucanien und Bruttium wird seit Alters mit Sklaven betrieben 
(S. 105); die Gesetzgebung hat verlangt dafs ein Drittel der Hirten 
aus freigebornen Leuten bestehen müsse, aber ohne Erfolg. 2) Die 
reichen Weizenfelder Etruriens werden von Unfreien bestellt. 3) In 
Latium Campanien (S. 94) dem Volskerland (S. 99) ist der unab- 
hängige Bauerstand nahezu ausgerottet. Wo er sich behauptet 
hatte, wie im Appennin und dem Norden, ist auch er auf die Arbeit 
von Knechten angewiesen (S. 93). Das Verhältnifs von Grofs- und 
Kleinbesitz zu einander läfst sich nicht bestimmen: das Land als 
Ganzes genommen, wiegt jener ohne Zweifel vor. Im Einzelnen 
gelangt die geschichtliche Vergangenheit zum Ausdruck: so hat die 
etruskische Plantagenwirtschaft auf ehemals keltischem Boden keinen 
Eingang gefunden (I 438). — Um die Dichtigkeit der ländhchen 
Bevölkerung aber nicht zu unterschätzen, mufs ein wichtiger Wandel 
im Gutsbetrieb Berücksichtigung finden. Der alte Cato verwandte 



1) Seneca de dem. I 24,1 Tac. Ann. IV 27 XIII 27. 

2) Sueton Caes. 42 Appian b. civ. 1 8. 

3) Liv. XXXIH 36 Piut. Tib. Gracch. 8,7 Martial IX 22,4 et sonet innumera 
compede Tuscus ager. 



§ 9. Die Bevölkerung. 119 

nur ledige Knechte (S. 93). Dies war die Zeit wo das Legen der 
Bauern blühte und auf Delos täglich die Menschenvvaare Myriaden- 
weise nach Italien verschifft wurde. i) Die Creatur forderte ihr Recht, 
die rohe Kraft zerschlug ihre Fesseln, durchbrach den Zwinger und 
stürzte die Gesellschaft in ernsthafte Gefahr. Schliefslich mufste der 
Aufstand des Spartacus 71 v. Chr. in Strömen von Blut erstickt 
werden. Seitdem hören wir von derartigen bedeutenden Erhebungen 
nicht wieder und fragen nach dem Grund dieses bemerkenswerten 
Umschwungs. Er liegt augenscheinlich darin dafs dem ländlichen 
Gesinde die Ehe in der Regel freigegeben wurde 2) : nicht etwa aus 
Humanität, sondern weil der einsichtige Landwirt aus der Kin- 
derzeugung gleichen Nutzen zog wie aus der Vermehrung seines 
Viehstandes. •*) — In den Städten wird die öffentliche Arbeit ganz, 
die gewerbliche gröfsten Theils von Sklaven geleistet (S. 93). Von 
den Bedürfnissen des eigenen Marktes abgesehen, ist die Ausfuhr 
gewerblicher Erzeugnisse als eine bedeutende zu betrachten (S. 98). 
Dabei darf man nicht vergessen dafs die antike Industrie ebenso 
verschwenderisch mit der Menschenkraft schaltet wie die antike 
Marine (I 125), weil beiden vollkommene Maschinen fehlen. Endhch 
kommt der Luxus in Rechnung. V^^as Staat und Gemeinde an 
Fechtern und fahrendem Volk zur Kurzweil der Bürger brauchten, 
stellt nach heutigen Begriffen einen hohen Posten dar, verschwindet 
aber gegenüber den Ansprüchen die der Einzelne, soweit seine 
Mittel es ihm erlaubten , an die Würde und Bequemlichkeit des 
Haushalts erhob. Die Behauptung dafs viele Römer ihren 10 und 
20000 Sklaven übersteigenden Besitz lediglich benutzt hätten um 
glänzend aufzutreten, ist allerdings stark aufgetragen.^) Immerhin 
geht der mit der Bedienung getriebene Aufwand ins Ungemessene.^) 
Das Fehlen eines Sklaven ist ein Kennzeichen der Armut. 6) Der 
Bedarf zum anständigen Leben schwankt zwischen 10 und 200.') 
Den Verbannten werden 12 n. Chr. durch Gesetz 20 gestattet. 8) 

1) btrab. XIV 668. 

2) Varro RR. II 10 vgl. 1,26; anders der ältere Cato Plut. 5. 21,2. 

3) Di[j. IX 2,2 Golum. I 8,19 Appian b. civ. I 7 (psQovarjs a/ia xal rrjaSs 
rr/S üTTjGecos avroTs noXv xbqSos ex noXvnaiSias d'eqanövroiv. 

4) Athen. VI 272 e. 

5) Friedländer, Sittengeschichte III ^ 137 fg. 

6) Lucil. fr. VI 22 Catull 23,1 24,5 Epiktet diss. III 22,45 Did. 

7) floraz Sat. I 3,11. 

8) Dio LVI 27. 



120 Einleitung. 

Wir erfahren gelegentlich dafs die Dienerschaft eines vornehmen 
Hauses zu Rom 400 Kopfe umfafste.i) Wenn das ganze Land in 
der ersten Kaiserzeit 600 senatorische, etwa 10 000 ritterliche und 
40000 kleinere Vermögen aufwies (S. 95), so kann das zu persön- 
lichen Diensten verwandte Gesinde gewifs nicht niedriger als eine 
halbe Million veranschlagt werden. In Betreff der Menge der Er- 
werbsklaveu tappen wir im Düstern, hegen jedoch gegen die neuer- 
dings empfohlenen kleinen Zahlen ein berechtigtes Mistraueu. 
Die Bevölkerung Italiens wurde für 225 v. Chr. auf 9 MiUionen ge- 
schätzt, wovon 2 dem Norden (S. 110), 7 der Halbinsel zuzuschreiben 
waren (S. 107). Seitdem hat ein steter Austausch an Menschen 
zwischen dem herrschenden und den beherrschten Ländern an- 
gehalten. Handel und Colonisation entführen jenem eine Masse 
tüchtiger Kräfte die in der Fremde römische Sprache und Sitte ein- 
bürgern. Umgekehrt arbeitet die Einwanderung, insonderheit die 
Sklaveneinfuhr aus dem Orient an der Zersetzung des italischen 
Volkstums (1 412. 420). Der zuströmende Reichtum hat den kernigen 
wehrhaften freiheitlichen Sinn einfacherer Zeiten untergraben. Es 
ist kein erhebendes Bild das die Staatsleitung nach der Niederlage 
des Varus darbietet: kaum 15000 Römer waren gefallen , nicht ein 
Hundertstel der dienstpflichtigen Bürgerschaft; aber statt eine Aus- 
hebung anzuordnen und die befleckte Waffenehre in Blut rein zu 
waschen , rannte der alte Kaiser wehklagend mit dem Kopf gegen 
die Wand. Freilich war die allgemeine Wehrpflicht in Italien längst 
ein leerer Schall geworden: und wenn die Quinten während der 
Todeskämpfe der Republik zu Hause im Soldatenmantel einher- 
stolzierten, so spielten sie Komödie. Den körperhchen Anforderungen 
des Felddienstes konnten die Städter mit seltenen Ausnahmen über- 
haupt nicht genügen. Aber auch die Bauern aus denen seit Alters 
die Legionen ihren Ersatz bezogen (S. 92), folgten den Lockungen 
des Werbeofficiers an die Grenze je länger desto spärlicher (I 84). 
Schhefslich wird die Armee selbst durch den langen Frieden ver- 
weichlicht: je üppiger die Ausstattung der Casernen im 2. Jahr- 
hundert erscheint, desto niedriger die Tüchtigkeit der Insassen. 
Der mihtärische Verfall Italiens beginnt seit dem hannibalischen 
Krieg und erreicht durch die Begründung der Monarchie seine Höhe. 



1) Tacit. Ann. XIV 43, vgl. Gic. pro Mil. 55 Seneca Dial. XII 11,3 Plin. 
XXXIII 26. 



§ 9. Die Bevölkerung. 121 

Dafs die Abnahme der freien Bevölkerung mit diesem Verfall Hand 
in Hand gegangen sei, wird vielfach geglaubt (S. 100): allein die 
geschichtliche Erfahrung, ein Hinhlick auf die alten Culturreiche 
Asiens, um von europäischen Verhältnissen abzusehen, straft die 
Annahme Lügen als ob die Volksziffer eines Landes unmittelbar 
mit dessen Wehrhaftigkeit zusammenhinge. Am Po betraten die 
Römer jungfräulichen Boden: nach dem Empfang des Bürgerrechts 
und der Unterwerfung der Alpen (1 75) entfaltet er eine prächtige 
Blüte. Auch die Halbinsel bekundet in der Ausbreitung des Garten- 
baus, der Veredlung von Wein Oel und Wolle entschiedene Fort- 
schritte. Damit vollzieht sich ein Umschwung in der Wirtschaft 
der bei Betrachtungen über die Volksdichtigkeit berücksichtigt 
zu werden verdient. Nicht nur wird das Los der Sklaven 
durch die Gewährung der Ehe gemildert (S. 119), sondern das von 
Cato empfohlene rohe System der Ausbeutung auf den Gütern 
macht immer mehr dem Colonat d. h, der Kleinpacht Platz. Zeitlich 
betrachtet ist die Kleinpacht so alt wie die Clientel. Vom rein 
kaufmännischen Standpunct gilt sie als weniger vortheilhaft.i) Aber 
die bitteren Lehren des grofsen Sklavenkriegs hatten ihr am Aus- 
gang der Republik eine weite Verbreitung verschafft.-) Sie dehnt 
sich immer mehr aus und wird im 2. Jahrhundert n. Chr. als die 
gewöhnliche Form des landwirtschaftlichen Betriebes hingesteUt.'^) 
Sicherlich wird Niemand den Colonat eine mustergiltige Einrichtung 
nennen, weder in seiner heuligen noch in seiner antiken Gestalt. 
Immerhin leuchtet ein dafs die Volksvermehrung durch ihn befördert 
worden ist. 

Unter Auguslus hat sich die Einwohnerzahl Italiens dem Be- 
stand von 225 V. Chr. gegenüber ungefähr verdoppelt. Der Zuwachs 
kommt in erster Linie auf Rechnung der padanischeu Landschaften. 
Das Vorrücken der Reichsgrenze an Rhein und Donau brachte ihnen 
den unmittelbarsten Nutzen (S. 98). Die heutigen Mundarten legen 
Zeugnifs ab von der Erhaltung der Stämme. Römische Cultur und 
römisches Capital vermochten im Bunde mit einem kräftigen Bauertum 
diesen Gegenden einen hohen Aufschwung zu verleihen. Dabei 
wird die Periode der Unabhängigkeit zum Vergleiche herangezogen ; 



1) Colum. IT vgl. Piin. Ep. III 19,7 VII 30,3 IX 37,2. 

2) Cic. pro Caec. 94 Gaes. b. civ. I 34. 56 Horaz Ep. I 14 Seneca Ep. 123,2 
Lucan 1 170 Tacit. Germ. 25 Marlial I 17 lU 58,33 XI 14 Xlll 121. 

3) Dig. XX 1,32 XXXIII lit. 7 12,3 20,1. 



122 Einleitung. 

denn was die Gegenwart betrifft, so haben die vier padanischen 
Regionen dessen Volksmenge schwerlich mehr als zur Hälfte er- 
reicht. Im Unterschied von dem aufstrebenden Colonistenland am 
Po gewährt die Halbinsel ein ungleichartiges Bild. Der eigenthche 
Süden, Lucanien Bruttium nebst Samnium hat sich von den im 
hannibalischen Kriege erlittenen Schäden nie wieder erholt. Besser 
sieht es in den Abruzzen Picenum Umbrien Etrurien aus. Die 
gröfste V'olksdichtigkeit weist die erste Region auf: Campanien bleibt 
kaum hinter der heutigen zurück, Rom mit Latium übertrifft sie 
mindestens um das Doppelte. — So unsicher und ungenau auch 
derartige Schätzungen sein mögen , erscheint es doch nützlich das 
Verhältnifs der Hauptstadt zum Lande durch Zahlen zu veranschau- 
lichen. Setzt man die Gesamtzahl der Bewohner mit 16 Milhonen 
an, so fallen auf Norditalien 7, die erste Region 3 — 4, die übrige 
Halbinsel 5 — 6. Rom umfafst etwa ein Zwölftel der italischen Be- 
völkerung (Kap. IX 4), besitzt also nicht das Uebergewicht wie heut 
zu Tage London in England oder Kopenhagen in Dänemark. Aber 
die Sache gewinnt ein anderes Ansehen, wenn wir uns daran er- 
innern dafs die modernen Grofsstädte in rastloser Thätigkeit neue 
Werte schaffen, während die Weltherrscherin am Tiber faullenzte. 
Dazu kommt ein Zweites. Rom hatte die Mitte der Halbinsel unter 
seiner Führung geeinigt, weil es die Mitbewerber an Ausdehnung 
weit übertraf (S. 38). Diese seit den Königen eingenommene 
Stellung ist im Lauf der Jahrhunderte verstärkt worden. Das 
italische Festland besitzt gegenwärtig (Triest eingerechnet) 10 Städte 
mit 100 — 500 000 Einwohnern. Für das Altertum fehlt ein fester 
Mafsstab um die Grofsstädte aus der Masse der Municipien auszu- 
scheiden. Der Mauerring der für die Kämpfe um die Hegemonie 
zum Anhalt diente, hat nach der Entfestigung einerseits, der Ver- 
ödung so vieler Orte anderseits seine Bedeutung in dieser Hinsicht 
verloren. Nach den Aussagen der Schriftsteller und Denkmäler 
mufs die Stufe welche den einzelnen Städten in der Bevölkerungs- 
scala zukommt, bestimmt werden. Dabei sind Irrtümer kaum zu 
vermeiden, und nur unter Vorbehalt können um den Beginn unserer 
Zeitrechnung folgende Namen der obersten Classe zugetheilt werden : 
Patavium Verona Mediolanum nördlich vom Po, Ravenna Bononia 
Mutina in der Aemilia , Ostia bei Rom, Capua Puteoli Neapolis in 
Campanien. Der Obergrenze kommen Aquileia Cremona Placentia 
im Norden, Brundisiuni Canusium Beneventum auf der Halbinsel 



§ 9. Die Bevölkerung. 123 

nahe. Fragt man bei welcher Einwohnerziffer die Grenze zu ziehen 
sei, so mufs man im Auge behalten dafs die Alten dicht gedrängt 
wohnten, nicht blos innerhalb der Festungsmauern sondern auch 
im Freien, ferner dafs z. B. für Neapel der Hochbau mit 4 — 5 Stock- 
werken bezeugt wird. Dem ungeachtet ist in der Kaiserzeit eine 
jede italische Stadt die 50 000 Bewohner zählt, als Grofsstadt an- 
zusehen. Einzelne unter den genannten wie Capua und Puteoli 
mögen 100000 erreicht, selbst überschritten haben: von der Mehr- 
zahl — das spätere Wachstum von Mailand und Ravenna bleibt 
aufser Betracht — gilt dies sicherlich nicht. Daraus entspinnt sich 
eine anziehende Erwägung. Die heutigen Grolsstädte enthalten rund 
3 MiUionen Menschen, wovon die eine Hälfte ziemlich gleich auf 
Neapel Rom Mailand, die andere Hälfte mit Abstufungen auf Turin 
Genua Florenz Venedig Bologna Triest Livorno entfällt. Die Ein- 
wohnerschaft der antiken Grofsslädte stellt sich auf 2 — 21/4 Millionen: 
von dieser Summe nimmt Rom annähernd drei Fünftel in Anspruch, 
der Rest geht wie oben gesagt in 10 Theile. Vor dem hanuibalischen 
Krieg konnte von einem Gleichgewicht der Landschaften und Städte 
die Rede sein. Seitdem giebt es in Italien eine einzige urbs, mit 
der in den Wettbewerb einzutreten den Municipien erst in der Zeit 
des Verfalls möghch geworden ist. Im Uebrigen hat die römische 
Politik aus allen Kräften die städtische Entwicklung auf Kosten des 
flachen Landes befördert (S. 22). Dadurch wurde der geschäftige 
Müssiggang vom Tiber in die Thäler des Appennin und an den 
Fufs der Alpen verpflanzt (S. 48). Von örtlichen Bedingungen, 
namenthch der Entfernung von Rom hing es ab wie rasch der 
Krankheitstoff" um sich griff und seine Umgebung verseuchte. 
Aufserdem bewiesen Gegenden die von dem unaufhörUchen Wechsel 
des Grundbesitzes verschont geblieben waren (S. 26), eine ganz 
andere Widerstandskraft als solche wo eine Colonie Veteranen die 
andere abgelöst hatte. Im Allgemeinen tritt der grofse Unterschied 
zwischen dem Norden und der Halbinsel zu Tage: dort machen die 
Städte etwa ein Fünftel, hier die volle Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. 
Die von Augustus veranstalteten Zählungen erstrecken sich über 
42 Jahre und zeigen in diesem Zeitraum ein Wachstum der Bürger- 
schaft um 21 Procent. Das Königreich Italien hat in den letzten 
27 Jahren 18 Procent, also etwas mehr zugenommen, nämhch statt 
1/2 Procent jährlich 2/3. In beiden Fällen sind die äufseren Be- 
dingungen für eine bedeuteude Zunahme der Bevölkerung gegeben. 



124 Einleitung. 

in viel stärkerem Mafse für das Altertum als für die Gegenwart. 
Trotzdem verhält sich nach den angeführten Zifl'ern der Ueberschufs 
der Geburten zwischen ihnen höchstens wie 3:4, in Wahrheit aber 
viel ungünstiger für jenes. Denn zur Vermehrung der Bürgerschaft 
liefern Heer und Flotte einen wesentlichen Beitrag, da die einge- 
stellten Fremden entweder beim Eintritt oder beim Abschied Bürger- 
recht erlangen. Noch höher ist der Posten den die Freilassungen 
in Ansatz bringen. — In dem weitherzigen Verfahren mit dem die 
Römer freigelassene Sklaven in den Bürgerverband aufnahmen, er- 
blickte König Philipp 214 v, Chr. die Ursache ihrer Volksmenge 
(S. 107). Söhne von Freigelassenen gelangten 312 in den Senat, 
das Schwergewicht das diese Classe in den Comitien beanspruchte, 
erhellt aus der Thatsache dafs die Landpartei 304 sie auf die vier 
städtischen Tribus beschränkte.^) Seit 357 wurde eine Steuer von 
5 Procent vom Wert der freigelassenen Sklaven erhoben und daraus 
eine Rücklage für den äufsersten Notfall des Staates gebildet: als 
man sie 209 angreifen mufste, enthielt die Rücklage 4000 Pfund 
Gold (3 654 000 Mark). 2) Demgemäfs sind in der Zwischenzeit all- 
jährlich im Durchschnitt etwa 1200 Sklaven zur Freiheit gelangt. 
Das macht kaum ein Tausendstel der bürgerlichen Bevölkerung und 
nach der heutigen Fruchtbarkeil berechnet ein Vierzigstel der freien 
Geburten aus. Am Ausgang der Repubhk ist dieser Ansatz weit 
überschritten. Die Haussklaven pflegte man nach sechsjähriger guter 
Führung frei zu lassen. 3) Die humane Sitte griff bis zu einem 
Grade um sich, dafs sie als Unfug betrachtet 4) und von der Gesetz- 
gebung wiederholt bekämpft wurde. 5) Ein Gesetz 8 n. Chr. be- 
schränkte die Zahl der testamentarisch gestatteten Freilassungen bei 
3—10 Sklaven auf die Hälfte, bei 11—30 auf ein Drittel, bei 
31 — 100 auf ein Viertel, darüber bis 500 auf ein Fünftel, indem 
es über 100 hinauszugehen untersagte. Dergestalt wird das Bürger- 
tum in steigender Fülle aus dem vierten Stand ergänzt, aber der 
natürliche Nachwuchs nimmt mit dem eindringenden Reichtum lang- 
sam ab. — Polybios stellt eine einsichtige Erörterung über die 
damalige Kinderlosigkeit und Menschenarmut in Hellas an, die die 



1) Liv. IX 46 Diod. XX 36, vgl. Appian b, civ. I 8. 

2) Liv. VII 16 XXVIi 10. 

3) Cic. Phil. VIII 32 vgl. Dio LVI 7,6. 

4) Dion. H. IV 24 Suel. Aug. 42. 

5) Gaius I 36fg. II 228 Justinian Inst. I 7 Sueton Aug. 40. 



§ 9. Die Bevölkerung. 125 

Städte verödete und das Feld unfruchtbar machte. Er findet die 
Ursache nicht in Krieg Pestilenz oder äufseren Zufälligkeiten, sondern 
in den Menschen selbst. Diese haben sich der Prahlerei Geldgier 
und Vergnügungssucht in die Arme geworfen, scheuen entweder 
überhaupt die Ehe, oder wollen, wenn sie heiraten, die Rinder 
nicht aufziehen bis auf eins oder zwei, um solche reich zurück zu 
lassen und in Ueppigkeit zu erziehen. Geht davon das eine durch 
Krieg oder Krankheit zu Grunde, so müssen die Häuser notwendig 
aussterben. Dagegen vermag nur die Umkehr der Sitten oder ein 
Gesetz das die Aufzucht der Geborenen vorschreibt. Abhülfe zu 
schaffen. Der Schriftsteller deutet verschiedentlich an dafs die hier 
berührten Laster auch in Rom Fufs gefafst hatten. i) In der That 
hat ein Zeitgenosse, der Gensor Metellus Macedonicus 131 die Ehe- 
losigkeit von Amtswegen bekämpft.2) Wenn freilich der Sitten- 
meister in einer berühmten Rede die Ehe als drückende Last kenn- 
zeichnete, welcher der Bürger aus Rücksicht auf das Staatswol sich 
unterziehen müfste, wenn diese Auffassung von der Nachwelt all- 
gemein getheilt wurde, so versteht man warum die Ermahnungen 
wenig fruchteten. Mit wirksameren Mitteln griff Augustus das Uebel 
an, als er die Ehe- und Kinderlosen durch Vermogensnachtheile 
und Ehrenstrafen zur Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten 
anzuhalten suchte. Die Notwendigkeit solcher Mafsregeln wird durch 
die Nachricht erläutert dafs die Consuln 9 n. Chr. deren Namen die 
lex Papia Poppaea trägt, mitsamt der grofsen Mehrheit der römi- 
schen Ritterschaft dem Gesetz verfallen waren. 3) Das Reispiel der 
oberen Zehntausend hat die breiten Schichten, nicht nur der Ge- 
treideerapfänger und Bummler in der Hauptstadt, sondern auch der 
Municipien angesteckt. Auf seinen Reisen durch Italien pflegte 
Augustus arme Bürger mit 1000 Sesterzen (218 Mark) für jedes 
vorgeführte Kind zu belohnen.^) Freilich war die alte Fruchtbar- 
keit dem Lande keineswegs abhanden gekommen. Am 11. April 

5 V. Chr., wie in der Zeitung zu lesen stand, zog ein freigeborener 
Mann aus Faesulae zum feierlichen Opfer aufs Capitol, gefolgt von 

6 Söhnen und 2 Töchtern, 27 Enkeln und 8 EnkeUnnen, 18 Ur- 



1) Pol. XXXVII 9, vgl. XXXII 11 I 64 II 21,8 VI 9,6 fg. 12,10. 

2) Liv. LIX Suet. Aug. 89 Gell. N. A. I 6 Dio LVl 8,2. 

3) Dio LVI 1—10 Suet. Aug. 34. 

4) Suet. Aug. 46. 



126 Einleitung. 

enkeln.') Wir können es nicht ziffermäfsig nachweisen, aber trotz- 
dem ebenso wenig bezweifeln dafs der Ueberschufs der Geburten 
einen wesentlichen Antheil an der Volksvermehrung unter Augustus 
gehabt hat. Immerhin lagen die Wurzeln des Uebels tiefer als dafs 
Regentenweisheit sie auszurotten vermocht hätte.2) 

Der unheimliche Wechsel des Grundeigentums bildet einen 
Haupizug der italischen Bodengeschichte (S. 26). Damit geht Hand 
in Hand der Wechsel in der Zusammensetzung der Bewohner. In 
den älteren Jahrhunderten arbeitet Rom an der Auflösung der 
Stämme und hat zu diesem Zweck ein paar Millionen Menschen 
vernichtet vertrieben verpflanzt und angesiedelt. Und noch bevor 
das Ziel erreicht ist, hebt im Schofs der Gemeinde die wilde Raserei 
an die unter den Besten gründlich aufräumte. Aus dem alten Adel 
der Republik hatten wenige Familien die Stürme der Bürgerkriege 
überdauert, auch der neugebackene kaiserliche Adel schmolz rasch 
zusammen. 3) Die Abneigung gegen die Bande der Ehe erwies sich 
stärker als die Furcht vor dem Gesetz.4) Die Lücken wurden von 
unten her ausgefüllt: der vom Gewinn gesättigte Kaufmann legt 
sein Vermögen in Grundbesitz an und schafft damit das Sprungbrett 
von dem aus der Sohn sich zu den Höhen des Lebens empor- 
schwingen kann, s) Ein krankhafter Standesstolz beherrscht die 
damalige Welt: der Senator sieht auf den Ritter, der Ritter 
auf den Plebejer, der Stadtrömer auf den Municipalen, der Italiker 
auf den Bürger in den Provinzen, der Bürger auf den Peregrinen, 
der Freigeborne auf den Freigelassenen, der Freigelassene auf den 
Sklaven als ein Wesen herab das einer fremden niederen Gattung 
angehört. Alle streben nach oben. 6) Aber die lange Leiter wird 
nicht schrittweise erstiegen, oft reifst eine Laune des Schicksals 
den verachteten Knecht zum Gipfel des Reichtums hinauf. Vom 
Kaiser angefangen lassen alle Magnaten ihr Vermögen durch ihr 
Gesinde verwalten; wer aus diesem durch gute und schlechte Eigen- 
schaften die Gunst seines Herrn zu gewinnen versteht, hat sich und 
seinen Nachkommen eine glänzende Zukunft gesichert: der Frei- 



1) Plin. VII 60. 

2) Tac. Germ. 19 Bist. V 5. 

3) Tac. Ann. I 2 Xill 27 Juvenal 1,34. 

4) Tac. Ann. 111 25 Plin. Ep. IV 15,3 vgl. Plut. de amore prolis 2. 

5) Cic. Off. I 151. 

6) Epiklet diss. IV 1,33 fg. 



§ 9. Die Bevölkerung. 127 

gelassene wird Grofshändler, der Sohn Ritter, der Enkel Senator, i) 
Durch den unablässigen Nachschub aus solchen Kreisen erklärt sich 
warum die Haltung der hohen Gesellschaft unter dem Regiment 
der Caesaren je länger desto bedientenhafter wird. In anderem 
Zusammenhange ist ausgeführt worden wie die massenhafte Ein- 
wanderung aus dem Orient die seit dem hannibahschen Krieg theils 
mit theils ohne Zwang fordauert, das Volkstum in seinen Tiefen 
ergreift und umbildet (I 410 fg.)- Dies gilt zunächst von den 
grofsen Städten, länger erhält sich das abendländische Rlut auf dem 
Lande. Aber die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Städten (S. 48), 
der Druck des Grofscapitals (S. 91) hat unter den iuhschen Kaisern 
nicht minder auf dem Bauernstand gelastet als im Zeitalter der 
Scipionen. Wir sahen (S. 95) dafs reichlich in einem Jahrhundert 
die Zahl der Grundbesitzer bei den Ligurern in Samnium wie bei 
den Veleiaten in der Aemilia um die Hälfte abgenommen hatte. 
Die Verdrängten, die jüngeren Sohne wanderten aus, suchten und 
fanden ihr Glück in den Provinzen. Ein Blutbad ähnlichen Um- 
fangs wie einst Mithridates in Asien (S. 90) richteten die aufstän- 
dischen Briten 61 n. Chr. unter den römischen Einwanderen an. 
Wer das Geld dazu hat, kauft in Italien Grundstücke zusammen ohne 
Mafs und Ziel, d']e pulchrüudo iungendi'^) veranlafst den Grolsen an 
den Kleinbesitz Hand anzulegen. Gerade so strebt der Staat nach 
Erweiterung seiner Grenzen um seine Angehörigen zu ernähren. 
In alten Zeiten war der Bürger zufrieden gestellt, wenn er das täg- 
liche Brot für Weib und Kind mit saurem Schweifs dem Boden ab- 
gewann. Aber nachdem seine schwielige Faust alles was ihr in den 
Weg kam niedergeschlagen hatte, nachdem die unselige Phrase von 
der Wellherrschaft ihm in Fleisch und Blut übergegangen war, über- 
läfst er den Knechten die Arbeit und widmet sich dem neuen 
Herrscherberuf. Als dessen Ausübung einem Einzelnen anvertraut 
wurde, bleibt für ihn kein anderer Lebensinhalt übrig als der Genufs. 
Mit dem Sinken jedoch des Pflichtgefühls und der Leistungen für 
den Staat wachsen seine Ansprüche ans Leben , und wächst der 
Andrang der Bewerber die von den Früchten der Herrschaft mit- 
zehren wollen. Augustus glaubte den Landhunger der Römer für 
immer gestillt zu haben. In der Thal haben die Ungeheuern Er- 



1) Juvenal 3,72 viscera magnarum domuum dominique futuri. 

2) Plin. Ep. III 19,2. 



128 Einleitung. 

Werbungen die ihm und seinem Vater verdankt wurden, den glänzen- 
den Aufschwung nach der Schlacht bei Actium ermöglicht. Frei- 
lich die Eibgrenze liefs sich seit 9 n. Chr. nicht behaujjlen und der 
Verzicht bedeutet zugleich die Wende der bisherigen Entwicklung. 
Dem äufseren Schein nach entfaltet die von Augustus begrün- 
dete Ordnung auch unter den nächsten Nachfolgern eine immer 
reichere Blüte. Die ein Menschenalter nach seinem Tode abge- 
haltene Zählung, die letzte deren Schlufssumme uns überliefert ist, 
zeigt eine weitere Zunahme der Bürgerschaft um 20 Procent an 
(S. 116). Ob und inwieweit Italien zur Vermehrung beigetragen 
habe, läfst sich nicht ausmachen; vermutlich kommt der Hauptan- 
theil auf die Ausdehnung des Bürgerrechts in den Provinzen. Wirt- 
schaftlich geht nämlich das Stammland zurück. Bereits Augustus 
halte zur Hebung des Ackerbaus daran gedacht die Kornspenden 
in Bom aufzuheben. i) Unter Tiberius wird 33 n.Chr. verfügt dafs 
die Gelddarleiher zwei Drittel ihrer Capitalien in italischem Grund- 
besitz anzulegen hätten. 2) Die Klagen über Erschöpfung des Bodens 
mehren sich (I 435): während Varro als Ertrag des Weizens das 
10-, stellenweise das 15. Korn rechnet, erinnert sich Columella kaum 
einer Ernte die für den grofseren Theil Italiens das 4. gebracht 
hätte. 3) Dies Ergebnifs ist in der That höchst unbefriedigend 
(I 449), findet aber nicht in der Abnahme der Fruchtbarkeit, son- 
dern im Baubbau, der Unwissenheit und Trägheit der Stadtherren, 
der Lotterwirtschaft auf den Gütern seine volle Erklärung.^) Mit 
Neid blicken die italischen Senatoren 48 n. Chr. auf den Beichtum 
der Barone in Gallien 5): der Aufschwung der Provinzen bereitete 
ihnen schwere Sorgen. Die alte Bepublik hatte zum Vortheil ihrer 
Bürger den Anbau von Weinslock und Oelbaum jenseit der Alpen 
verboten. ö) Mit der fortschreitenden Bomanisirung wurde das 
Monopol durchbrochen. Durch eine unausführbare Gewaltmafsregel 
suchte Domitian es neu zu beleben, indem er die in den Provinzen 
vorhandenen Weinberge mindestens zur Hälfte auszurotten befahl. 
Allein wie vordem der italische Kornbau, so vermag jetzt auch der 



1) Suet. Aug. 42. 

2) Tac. Ann. VI 17 Suet Tib. 48. 

3) Varro RR. I 44,1 Golum. III 3,4. 

4) Colum. 1 praef. I 8. 

5) Tac. Ann. XI 23. 

6) Gic. Rep. III 16. 



§ 9, Die Bevölkerung. 129 

Weinbau den Wettbewerb der Provinzen nicht auszuhalten, i) Frei- 
lich behaupten die Edelweine ihr Ansehen bis zum Ausgang des 
Altertums (S. 98). Dagegen erobert Spanien den gallischen germa- 
nischen britischen Markt und versorgt über ein Jahrhundert lang 
Rom: die Krüge aus deren Scherben der M. Testaccio entstanden 
ist (I 452), stammen aus Spanien und zwar aus den Jahren 140 — 251 
n. Chr. 2) — Wirtschaftlicher und sittlicher Rückgang sind untrennbar 
mit einander verbunden. Einsichtige Herrscher haben ihn bekämpft, 
ein Caligula und Nero mächtig gefördert. Wann die Bevölkerungs- 
ziffer zu sinken beginnt, läfst sich nicht genau ermitteln : nach dem 
Sturz des iulisch-claudischen Fürstenhauses tritt die Abnahme des 
Wolstandes wie der Bevölkerung fühlbar in die Erscheinung. Das 
Neuland das die Flavier am Oberihein erwarben, wird von Galliern, 
nicht von Italikern besiedelt. 3) Am Ende des Jahrhunderts spricht 
Plutarch von der allgemeinen Menschenarmut auf Erden. *) Dies 
mag, durch die Zustände Griechenlands veranlafst, übertrieben sein. 
Aber wirklich ersehen wir aus den Alimentartafeln traianischer 
Zeit dafs die Zahl der Eigentümer unter dem Regiment der Caesaren 
auf die ursprüngliche Hälfte zurückgegangen ist (S. 95), hören 
gleichzeitig nicht nur von der Entwertung der Güter sondern auch 
von der Schwierigkeit Pächter für sie zu gewinnen. 5) Dem näm- 
lichen Zusammenhang gehört es an dafs Nerva 96 v. Chr. 60 Millionen 
Sesterzen (13 Mill. 31.) auswarf um arme Bürger mit Land zu ver- 
sorgen. ß) Und beredter als alle sonstigen Nachrichten sprechen 
die Stiftungen die seiner kurzen Regierung zur besonderen Zierde 
gereichen. Von Nerva rührt der Plan her in einzelnen italischen 
Gemeinden Capitalien hypothekarisch festzulegen, aus deren Zinsen 
bestimmte Unterstützungen für freigeborene Kinder bis zur Mann- 
barkeit gezahlt werden sollten. Traian hat den Plan ins Werk ge- 
setzt, andere Kaiser haben ihn fortgeführt, Privatleute sind dem 
kaiserhchen Beispiel gefolgt. Traian hat auch versucht durch Er- 
oberungskriege grofsen Stils dem alternden Reiche neues Leben 
einzuQöfsen. Aber gar bald versagte die für derartige Pohtik er- 



1) Suet. Dom. 7. 14 Stat. Silv. IV 3,11. 

2) Dressel CIL. XV 3691 fg. Bonner Jahrb. XCV (1894) 66fg. 

3) Tac. Germ. 29. 

4) Plut. de defectu orac. 8. 

5) Plin. Ep. III 19 VI 3. 

6) Dio LXVIII 2,1. 

Nissen, Ital. Landeskunde. II. 9 



130 Einleitung. 

forderliche Kraft. Die kriegerische Aufwallung machte unter Hadrian 
und Antoninus Pius tiefem Frieden Platz; dann kam die Pest und 
scheuchte die Menschheit von ihrem beschaulichen Genufs auf.*) 
Um 200 beträgt die Einwohnerschaft Roms noch nicht die Hälfte 
des Bestandes unter Augustus (Kap. IX 4). Da aber Rom durch 
den Zuzug aus allen Provinzen verstärkt wurde, hat aller Wahr- 
scheinlichkeit nach die Bevölkerung Italiens in noch höherem Mafse 
abgenommen. Pertinax stellte 193 Jedem frei Oedland sich anzu- 
eignen, gleichviel ob es dem Kaiser oder Privatleuten gehörte, und 
sprach es dem Bebaucr in aller Form zu, 2) Urkunden über Schen- 
kungen die im 2. Jahrhundert in Spoletium Ferentinum Rudiae ge- 
macht wurden, sind erhalten: die Ausführungsbestimmungen weisen 
auf eine geringe Einwohnerzahl hin. Und als die Furcht vor den 
Barbaren die offenen Städte zur Befestigung nötigte, entsprachen 
die Mauerringe nicht mehr dem Umfang zur Zeit der Blüte. Um 
400 ist die Bevölkerung Roms auf ein Zwölftel des ehemaligen Be- 
standes gesunken , und sinkt immer weiter bis auf einen winzigen 
Bruchtheil herab. Den Grad der Verödung der schliefslich das 
ganze Land befallen hatte, zifTermäfsig auszudrücken fehlen die Mittel. 



1) Gros. VII 15,5 Eutrop VIII 12 vita Marci ph. 17,2. 

2) Herodian II 4,6. 



KAPITEL I. 

Ligurien. 

Das alte Volk oach welchem die neunte Region benannt ist, 
bewohnte in den letzten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung 
das Küstenland von der Rhone bis zum Arno (I 470). Sein poli- 
tischer Zusammenhang der übrigens nie sonderlich stark gewesen 
zu sein scheint, wurde durch die Ordnung der italischen Grenze 
zerrissen. Die Römer huldigten der verbreiteten Auffassung die 
Flufsläufe als Landmarken hinzustellen, seit Caesar vollzieht im 
Volksbewufstsein der Var die Scheidung zwischen Italien und der 
Provinz Gallia Narbonensis (I 77. 79). Da jedoch der römische 
Resitz sich auf einen schmalen Küstensaum beschränkte und die 
Seealpen erst 14 v. Chr. unterworfen wurden, konnte von einer 
genau gezogenen Grenze zwischen beiden Ländern vorläufig keine 
Rede sein. Die Geographen der Kaiserzeit betrachten als solche 
den Kamm der Alpen. i) Aber politische Rücksichten veranlafsten 
Augustus von dieser nahe liegenden Restimmung abzuweichen (I 79 
82) und beide Abhänge des Gebirges bis zum M. La Levanna hin- 
auf in zwei Provinzen Alpes Maritimae nnd Alpes Cottiae zu ver- 
einigen. Damit mufste auch der Var auf sein Grenzamt, das der 
Neuzeit lange (bis 1860) vertraut war, wieder verzichten. V^^o der 
vom M. Viso kommende Po unweit Saluzzo in die Ebene hinaus- 
tritt (I 184), bis etwa 10 km oberhalb der Einmündung des Tessin, 
auf einer Strecke von 260 km bildet der Flufs die Nordgrenze der 
neunten Region, zuerst gegen das Reich des Cottius, dann gegen 
die Transpadana. Endlich von der siebenten Region Etrurien wird 
die neunte im Südosten den natürlichen Verhältnissen entsprechend 
(I 231) durch die Macra getrennt2), so dafs die Stadt Luna jener, 

1) Strab. IV 179 Plin. lll 31. 

2) Strab. V 222 Plin. III 49. 50 Ptol. III 1,3 Flor. I 19,4; Dante Paradiso 
IX 89 Macra che per cammin corto lo Genovese parte dal Toscano. 

9* 



132 Kapitel 1. Ligurien. 

ihr Hafen dieser angehören würde. Von der Macramündung bis 
zum Po steht die Grenzhnie nur im Grofsen und Ganzen fest. Das 
derart umschlossene Gebiet, welches bürgerliche Freiheit genofs, 
(die heutigen Provinzen Porto Maurizio, Genua, Alessandria und zum 
Theil Cuneo) nimmt einen Flächeninhalt von annähernd 14 000 Dkm 
250 d. D IVI ein. — Die Ordnungen des Augustus erlitten am Aus- 
gang des Altertums mehrfache Abänderungen.!) Diocletian hob die 
Alpenprovinzen auf und machte die Wasserscheide zur Grenze 
zwischen Gallien und Italien (I 85). Demgemäfs fielen die Seealpen 
mit der Westhälfte der Cottischen an Gallien, die kleinere Ost- 
hälfte der letzteren an Italien. In der Folge hat, durch uns unbe- 
kannte Theilungen und Zusammenlegungen der Landschaften veran- 
lafst, ein wunderlicher Namenwechsel stattgefunden. Schon am 
Ende des 4. Jahrhunderts wird Liguria auf die Transpadana über- 
tragen , und heifst Mailand Hauptstadt dieser Provinz. Die alte 
Heimat des Namens gehört dazu, wird aber im 6. Jahrhundert ab- 
getrennt und bildet bei den Langobarden unter der Bezeichnung 
Alpes Cottiae die 5. der italischen Provinzen. 2) — Wir fassen hier 
das Gebiet nach den Bestimmungen des ersten Kaisers ins Auge. 
Die Seealpen und der sie fortsetzende Appennin sondern es in 
zwei verschiedenartige Hälften: das schmale etwa 5000 Dkm um- 
fassende Küstenland mit warmem Klima und das gröfsere dem Po 
zugewandte Binnenland, welches einen weit mehr nordischen Charak- 
ter aufweist (I 230). Unter den italischen Begionen eine der 
kleinsten, hat sie an dem geschichtüchen Leben des Altertums ge- 
ringen Antheil nehmen können. Das Gebirge das sie bis auf die 
beiden Ebenen bei Alessandria und Cuneo ganz erfüllt, erschwerte 
das Eindringen der Cultur. Die Schilderung welche Posidonios 
von seiner Wildheit entwirft, ist früher (I 470) mitgetheilt worden. 
Auch nach seiner vollständigen Unterwerfung unter Augustus er- 
scheint es als Waldland (I 434) und bringt aufser Bauholz nur 
die Erzeugnisse einer auf niedriger Stufe befindlichen Wirtschaft 
auf den Markt. Strabo führt Vieh Felle und Honig an, ferner 
Ponies und Maullhiere, endlich Mäntel und Böcke. Darnach mufs 
die Schafzucht eine ziemlich ausgedehnte gewesen sein, erzeugte 



1) Marquardt, Staatsverwaltung 1 81 fg. 127. 

2) Paul. h. Lang. II 16 i Alter und Ursprung der Umnennung sind unbe- 
kannt, Mommsen Ghron. min. I 536 (Mon. Germ. bist. auct. ant. IX). 



Ligurien. 133 

zwar nur eine grobe braune Wolle*), aber einen geschätzten Käse, 
der in riesenhaften bis tausend Pfund schweren Laiben verschickt 
wurde. 2) Oel und Wein mufsten eingeführt werden, nach Strabo 
brachte das Land nur wenigen wegen seines herben Pechgeschmacks 
auch später verrufenen Wein hervor.^) Die Rebe deren Anbau 
für das zweite Jahrhundert v. Chr. bezeugt wird 4), hat dem ein- 
heimischen Bier langsam den Boden abgewonnen, Phnius erachtet 
die hier geübte Behandlung der Traube beachtenswert.^) Wann 
der Oelbaum, der gegenwärtig nahezu ein Achtel des Areals ein- 
nimmt und die reichsten Erträge liefert (1 436. 454), an der Riviera 
eingebürgert wurde, darüber versagt die Ueberlieferungß.) Aber 
mancherlei Anzeichen deuten darauf hin dafs die Oelgärten, welche 
nach Hehns Worten „die ganze Küste wie ein endloses graues 
schwellendes Meer bedecken", in ihren Anfängen bis in die Kaiser- 
zeit hinaufreichen. — Bedeutende Städte hat diese Region nicht auf- 
zuweisen, die Ligurer wohnten durchweg in Dörfern'^), die zahl- 
reichen Stämme deren Namen wir kennen, lassen sich nur zum 
Theil auf der Karte unterbringen. Die Censusliste weist 17 Ver- 
wallungskörper auf_, so dafs im Durchschnitt auf den einzelnen 
800 Dkm kommen. Ein einziger behauptet den Rang einer Colonie. 
Der Schöpfung von Grofsgemeinden standen dte natürlichen und 
geschichtlichen Verhältnisse im Wege. Die ligurischen Cantone 
waren zu ganz verschiedenen Zeiten unterworfen und dem Rahmen 
einer Municipalverfassung eingefügt worden. Im Uebrigen hat 
Augustus nach Kräften sein im Norden eingeschlagenes Verfahren 
(S. 8) auch hier festgehalten. — Die Beschreibung zerfällt natur- 
gemäfs in zwei Abschnitte, zu denen wir einleitend die Provinzen, 
insoweit sie innerhalb der natürlichen Grenzen Italiens fallen, hin- 
zufügen; denn politisch sind sie wie gesagt während der Blütezeit 
mit demselben nicht vereinigt gewesen.^) 



1) Strab. IV 202 Colum. VII 2 Martial XIV 157. 58 Sil. It. VIII 597. 

2) Plin. XI 241. 

3) Martial 111 82,22. 

4) Liv- XL 41 CIL. I 199. 

5) Plin. XIV 68. 125 XV 66. 

6) Dagegen verbreitet sie sich ausführlich über einen geschätzten dem 
Bernstein ähnlichen Stein der hier gefunden wurde Strab. IV 202 Plin. XXXVII 
33 fg. 99. 

7) Strab. V 218. 

8) Quellen: Strab. IV 201-3 V 218 Mela II 72 Plin. III 47-49. PtoL III 



134 Kapitel I. Ligurien. 

§ 1. Die Provinz der Seealpen. 

Die ligurische Küste war den Einflüssen der Cultur leichter 
zugänglich, früher und stärker ausgesetzt als das Binnenland: 
Massalia halte eine Reihe von Niederlassungen an ihr gegründet, 
die bequemste Verbindungstrafse zwischen Gallien und Italien lief 
an ihr hin. Daher rührt die Unterscheidung zwischen Küsten- und 
Gebirgsbewohnern die auch einen sprachlichen Ausdruck gefunden 
hat. Die letzteren heifsen Capillati (I 474) ähnlich wie die Galli 
Comati, oder auch MontaniA) Die Bezeichnung Montani ist in der 
Kaiserzeit öfl"entlich anerkannt, da sie von einer in den Donau- 
provinzen stehenden Cohorte geführt wird, die ursprünglich aus 
dieser Landschaft recrutirte.2) Aeltere Annalen benennen die Berg- 
bewohner zwischen den Bagienni und Ingauni ebenso.^) Die end- 
giltige Unterwerfung erfolgte 14 v. Chr. und veranlafste die Er- 
richtung einer Provinz.^) Der gröfsere Theil der Provinz erstreckt 
sich am weslUchen Abhang der Alpen über die Departements Alpes 
Maritimes und Basses Alpes bis in die Nähe der Durance. Ptolemaeos 
weist ihr 4 Städte zu, deren Lage sämthch bekannt ist: im Canton 
der Vediantii Cemenelum Cimella, und Sanitium Senez, im Canton 
der Nerusii Vintium Vence, im Canton der Suetrii Salinae Castellane.^) 
— Für uns kommt es darauf an die GrenzHnie zwischen der Pro- 
vinz und Italien mögUchst genau zu ziehen. Sie beginnt an der 
Küste zwischen Monoecvs Monaco und Albintimilium Ventimiglia. 
Da das Flufsgebiet des Rutuba Roia zu der letztgenannten Stadt 
gehört, ist es nicht ausgeschlossen dafs das Siegesdenkmal auf der 



1,1—3. 37-41. — Mommsen CIL. V p. 825fg. H. Pais CIL. supplementa Italica 
1 p. 126fg., Rom 1884. — Carta degli ex Stall Sardi In terraferma 91 Bl. 
1852-71 mit Nachträgen 1:50000. Dieselbe in 6 Bl. 1841 mit Nachträgen 
bis 1874 1:250000. Dies, in 1 Bl, 1846 1:500000. Die vom italienischen 
Generalstab im Mafsstab 1:100 000 bearbeitete Carta topografica del Regne 
d'ltaiia behandelt diese Landschaft auf 27 Blättern (54-59 66—71 78—84 
90—96 102.3) und liegt seit 1896 vor. Sie dient im ganzen Umfang dieses 
Bandes als Hauptquelle. Leider sind die im Handel befindlichen Blätter nicht 
gleichmäfsig hergestellt und lassen manchmal an Deutlichkeit zu wünschen 
übrig. 

1) Plin. in 135 Tac. Hist. II 12. 

2) CIL. III 4844 fg. p. 1152. 

3) Liv. XXVIII 46 (Valerius Antias) XL 41. 

4) Dio LIV 24. 

5) Hirschfeld CIL. XII p. XIII p. 1 fg. 



§ 1. Die Provinz der Seealpen. 135 

Pafshöhe bei Turbia noch auf italischem Boden steht. Ausdrück- 
lich bezeichnet das Reisebuch Alpe summa als den Punct wo Italien 
aufhört und Gallien beginnt. i) Nördlich vom Col di Tenda stehen 
zwei feste Anhaltspuncte zu Gebote: in der INähe von Borgo S. 
Dalmazzo bei dem Austritt der Stura in die Ebene und in der Nähe 
von Piasco bei dem Austritt der Varaita befanden sich Zollslätten.2) 
Die Seealpen wie das Reich des Cottius waren nämlich dem gallischen 
Zollbezirk zugetheilt, an dessen Grenzen die quadragesima Galliarum, 
eine Eingangsteuer von 2V2 Procent erhoben wurde. Somit leuchtet 
ein dafs das italische Gebiet nicht die grofse Einsenkung von Cuneo 
überschreitet, welche die Westalpen von dem hgurischen Hügelland 
trennt. Leider fehlen die Mittel um nach Norden die Provinz der 
Seealpen von der cottischen mit urkundHcher Sicherheit zu scheiden. 
Man pflegt den M. Viso als Grenze für die Anwendung der beiden 
Benennungen auf den Gebirgszug hinzustellen (I 146). Der An- 
satz rührt von Cluver her und hat in der Litteratur Bürgerrecht 
erlangt.3) Aber es geht nicht an ihn als historisches Zeugnils zu 
behandeln, z. B. mit Mommsen und Kiepert die Provinz der See- 
alpen nach Norden bis 50 km Abstand von Turin vorzurücken. 
Der zum Reich des Cottius gehörende Stamm der Vesubiani läfst 
sich von dem Namen der 60 km langen Vesubia die hnks in den 
Var einfliefst, nicht trennen : Lantosca ist Hauptort des Thals. Da- 
raus folgt dafs die fragliche Provinz sich nicht bis zum Col di Tenda, 
geschweige denn bis zum M. Viso, sondern kaum 30 km von der 
Varmündung nordwärts erstreckt hat. Indem ferner nur ein paar 
hundert Quadratkilometer Provinzialland östlich vom Unterlauf des 
Var fallen, ist Augustus von der Volksanschauung die diesen Flufs 
als Grenze betrachtete, nicht allzuweit abgewichen. — Der Flächen- 
inhalt der Provinz mit 5 — 6000 Dkm wird von einzelnen Stadtge- 
bieten Italiens erreicht. Hier wie dort ist die römische Politik 
ihrem Grundsatz durch Abstufung der Rechte die Unterworfenen 
zu theilen treu geblieben. Einzelne Stämme erhielten sofort la- 
tinisches Recht, das dann 64 n. Chr. auf alle ausgedehnt wurde.*) 
Ob das Bürgerrecht lange auf sich hat warten lassen, wissen wir 



1) It. Ant. 296. 

2) CiL. V 7852. 7643. 
3' It. antiqua 336. 

4) Plin. lU 135 Tac. Ann. XV 32. 



136 Kapitel I. Ligurien. 

nicht. 1) Durch Diocletian ist die Provinz nach Norden und Westen 
vergröfsert, ihre Hauptstadt nach dem ehedem zum cotlischen Reich 
gehörigen Eburodunum Embrun verlegt worden. Sie verbheb auch 
damals mit Gallien, genauer der dioecesis Viennensts vereinigt. 

Die Provinz umschlofs massaliotisches Gebiet, das so ziemlich 
den ganzen Küstenstrich vom Var bis zur italischen Grenze befafst 
zu haben scheint. Der Hauptort desselben NUaia Nicaea Nizza, 
während des machtvollen Aufschwungs der Hellenen gegründet, 
wird zuerst 154 v. Chr. erwähnt, als seine Bedrängnifs durch die 
Ligurer den römischen Senat zum Einschreiten veranlafsle.^) Am- 
mian gedenkt seiner in der geographischen Uebersicht die er von 
Gallien giebt^), aber wol mehr des griechischen Ursprungs als der 
Bedeutung wegen. Die FeldQur kann nicht weit landeinwärts ge- 
reicht haben, und von Massalia abhängig, besals es kein eigenes 
Gemeinderecht. Naturgemäfs vermittelte sein Hafen den Verkehr 
der nur 5 km entfernten Hauptstadt der Provinz Cemenelum. Wir 
erfahren aus kirchlichen Quellen , dafs der Hafen sich unabhängig 
zu machen suchte und im 5. Jahrhundert Sitz eines Bischofs 
wurde.4) Schliefslich hat er das volle Erbe der Hauptstadt ange- 
treten, als die Festigkeit der Lage am Ausgang des Altertums die- 
selbe Wichtigkeit erlangte wie vor der römischen Herrschaft. Am 
linken Ufer des Palo oder Paulo (I 302) 8 km vom Var entfernt 
erhebt sich ein 97 m hohes Vorgebirge, das eine 1706 zerstörte 
Burg, ehedem die Niederlassung der Phokaeer trug. Oestlich be- 
grenzt die Hafenbucht Limpia, westlich das breite Kiesbett des 
Baches den Fufs des Burghügels, der im Süden gegen die See, 
mit seiner Nordspitze gegen die Ebene steil abfällt. Man kann 
nicht absehen wie weit der Bach durch seine Kiesmassen die Küste 
seit dem Altertum vorgerückt hat: wo die jetzige Altstadt steht, mag 
damals zum Theil Meeresboden und die natürliche Festigkeit des 
Platzes eine noch gröfsere gewesen sein, als sie dem heutigen Be- 



1) Aus der Heimat der Soldaten (Epti. ep. V 176) sowie den verschiedenen 
cohortes I Montanorum (Gichorius, Pauly-Wissowa IV 316) ist kein sicherer 
Schlufs möglich. Bei der erstmaligen Bildung dieser Truppen können ja auch 
aus den an italische Municipien attribuirten Bergdistricten Montani ausgehoben 
worden sein. 

2) Strab. IV 180. 184 Pol. XXXIII 7 Liv. XLVII. 

3) Amm. XV 11,15. 

4) Mansi coli. conc. II 476 VII 930. 



§ 1. Die Provinz der Seealpen. 137 

schauer entgegentritt. Von der althellenischen Festung und ihren 
Hafenanlagen sind keine Spuren vorhanden. — Aber 4 — 5 km 
nördlich von Nizza am rechten Ufer des Paulo erstrecken sich die 
Ruinen von Cemenelum Cimella Cimiez.i) Unter ihnen befindet sich 
ein AnDphitheater (84 X 35 m) das nach neueren Berechnungen 
6 — 7000 Zuschauer fafste, also klein aber immerhin die einzige 
derartige Schaustätte in der Provinz war. Die Ortschaft gehörte 
dem Gau der Vedtatitn, der bei der allgemeinen Unterwerfung 14 v. 
Chr. bereits befriedet war. Sie erhielt latinisches Stadtrecht und 
durch Claudius oder ISero romisches Bürgerrecht. Ihre Lage an 
der grofsen Heerslrafse verschaffte ihr die Ehre rehgiöser Mittel- 
punct der Provinz und Sitz des Statthalters zu werden, der als 
kaiserlicher Hausbeamler ritterlichen Ranges den Titel Praefect, seit 
Nero Procurator führt.^) Eine geringe Truppenmacht, die sich in 
der Regel auf eine einzige Cohorte beschränkte, genügte um die 
Ruhe der Bergdistricte aufrecht zu erhalten. 3) 

Nur 4 km von Nizza entfernt bietet der tiefe von dem Vor- 
gebirge M. Boron und der weit nach Süden vorspringenden Land- 
zunge von Cap Ferrat oder Malalingua eingefafste Golf von Villa- 
franca einen geräumigen und sicheren Ankerplatz, der zwar dem 
Südwind ausgesetzt aber noch jetzt die beste Rhede auf der ganzen 
Strecke von Toulon bis Genua ist. Partus Herculis hiefs sie den 
Alten, wir hören dafs republikanische Heere sich hier nach Spanien 
eingeschifft haben. ^j Indessen die Lage zum Binnenland war un- 
günstig und dem Entstehen einer Stadt nicht förderlich. Der Name 
Olivula, den der Hafen im Itinerariuni maritimum führt, deutet auf 
Oelbau, der gerade hier einen vorzügUch geeigneten Boden findet.^) 
Die nämliche Quelle zählt vor Monaco die beiden Häfen Anaone 
und Avisione auf, ohne dafs wir sicher zu sagen wüfsten welche 
Buchten gemeint sind. — Dagegen hat Monaco seinen uralten 
Namen bewahrt: MovoUov Xi(xrjv portus Herculis Monoeci oderkurz- 



1) CIL. V p. 915 Pais suppl. p. 138. Die Annahme einer etruskischen 
Niederlassung an diesem Ort (1 473. 494) ist hinfällig, weil die bezüglichen 
Inschriften, wie mir Pais schrieb, zweifellose Fälschungen sind. 

2) CIL. V p. 902 Strab. IV 203. 

3) Tac. Hist. II 14 CIL. V p. 903. 

4) Ptol. III 1,2 Valer. Max I 6,7 Obs. 24 It. marit. 504. 

5) It. mar. 504. 



138 Kapitel I. Ligurien. 

weg portus Monoeci, den schon der angebliche Hekataeos kennt. i) 
Die Fabel von der Wanderung des Herakles aus Hesperien und 
seinen Kämpfen mit den Ligurern ist an die früh bekannte Rüsten- 
slrafse (1 150) verlegt und die Gründung der Burg dem Heros zu- 
geschrieben worden. Der Name wird entweder auf die Einsamkeit 
des Ortes oder auf den Tempel gedeutet, in welchem der Gott 
ohne Mitwohner verehrt sein sollte.'-) Ein Vorgänger Strabo's liefs 
hier die Alpen ihren Anfang nehmen, und auch in später Zeit, als 
von irgend einer Bedeutung des IMatzes längst nicht mehr die Rede 
war, wirkt sein Ansehen in der Litteralur fort. In der That war 
dies Vorgebirge von derjenigen Beschaffenheit welche die Seevölker 
in den Anfängen des geregelten Veikehrs für die Anlage ihrer 
Factoreien liebten : ein schroff abfallender Fels von etwa 400 m 
Länge und 50 — 60 m Höhe. Den Hafen am Fufs erklärt Strabo 
mit Recht weder für grofse noch für viele SchifTe geeignet: er ist 
seicht und hat nur einen Flächeninhalt von 25 Hektaren. Dafs 
der Mistral allein seine Sicherheit beeinträchtigt, wird von Lucan 3) 
treffend hervorgehoben : 

quaque sub Herculeo sacratus numine portus 
urget rupe cava pelagus: non corus in illum 
ius habet aut zephyrus, solus sua litora turbat 
circius et tuta prohibet statione Monoeci. 

Ptolemaeos läfst das Gebiet der Massahoten landeinwärts von 
Monaco bis auf die Pafshöhe der Seealpen sich erstrecken und 
Tropaea Augusti Turbia einschliefsen.^) Von dem Dorf das nach 
dem Siegesdenkmal fortan genannt wurde, mag dies seine Richtig- 
keit haben. Aber das Denkmal welches Senat und Volk von Rom 
7 oder 6 v. Chr. dem Kaiser zum Dank für die Unterwerfung der 
Alpen errichteten, kann füglich nur auf italischem Boden, etwa 
unmittelbar an der Grenze gestanden haben (S. 135). Der Platz war 
weislich ausgesucht: bei einer Meereshöhe von 486 m fiel es weit- 
hin in die Augen, wird doch an hellen Tagen Corsica von hier aus 



1) Steph. Byz. Mövoixoe nöXts ^lyvaxixr]^ Exaraloe Ev^cönr], ro e&vixbv 
Movoiy.ios. Strab. IV 201. 202 Ptol. III 1,2 Movoixov kifi^v. Pi'in. III 47 Tac. 
Hisl. 111 42 It. marit. 503 portus Herc. Mon. Verg. Aen. VI 830 Lucan I 408 
Sil. It. I 586 Amm. Marc. XV 10,9 Paneg. Lat. HI 4 arx Monoeci. 

2) Serv. zu V. Aen. VI 831. 

3) Lucan I 405. 

4) Plin. III 136 CIL. V 7817 Ptol. 111 1,2. 



§ 2. Die Riviera. 139 

erblickt. Der Bestimmung in die Ferne zu wirken entsprach der 
wuchtige Bau: auf einem 42 Schritt im Geviert messenden Sockle 
ruhten zwei sich verjüngende Stockwerke, darüber eine von Säulen 
getragene Kuppel, deren Spitze das colossale Kaiserbild einnahm. 
Im Mittelalter in ein Castell umgewandelt, ist er jetzt bis auf un- 
förmliche Trümmer verschwunden. Auch von seiner Inschrift, die 
Plinius zum Glück mittheilt, sind nur wenige Buchstaben erhalten. 
Sie nennt 46 bezwungene Völkerschaften, von denen Gallitae Guil- 
lestre Nerusii Vence Suetrii Castellane in diese Provinz, aber aufser- 
halb der natürhchen Grenzen Italiens fallen. 

§ 2. Die Biviera. 

Der Bogen den das Gebirge vom Var bis zur Macra beschreibt, 
ist über 300 km lang, aber der Abfall zum Meer so schroff, dafs 
die Breite des Küstenlandes im Mittel 12 km, an den Enden bis 36, an 
vielen Orten nur 5 km beträgt. Seine Bewohner müssen auf der 
See ihren Unterhalt suchen und haben sich hier früh einen Namen 
gemacht (I 115. 468). ,, Ein braunes Sonnen- und Lichtland" nennt 
es V. Hehn.i) ,,Der Sommer ist heifs und trocken, mit dem ersten 
Gewitter im Herbst beginnen erquickende Begenschauer; nicht in 
den Sommer wie bei uns, sondern in den Herbst und Frühling, ja 
in den Winter fällt das Leben der Vegetation; breite Flufsbetten, 
dicht voll Kies- und Kalkgeröll, ohne einen Tropfen Wasser, ziehen 
quer aus den Bergen dem Meere zu; den Weg säumen riesige Agaven 
mit halbabgebrochenen blauen Blättern und baumartigen Blüten- 
spindeln; Stachelkraut aller Art, vom Staube unkennthch, hängt an 
der Mauer und bricht aus den Bitzen heifser Felswände. Führt die 
weifse blendende Chaussee im Auf- und Absteigen auf einen höhern 
Punct, dann zeichnet sich tief unten im Lichtglanz eine gezackte 
Landzunge, eine schwimmende runde Insel, ein vorspringendes 
Vorgebirge . . . Die Bevölkerung führt ein Gärtnerleben, pflanzt 
gräbt und schneitelt, mauert Terassen an felsigen Abhängen hin und 
bewegt in der Abenddämmerung den Brunnenschwengel auf und ab, 
um die Canäle zwischen den Beeten und um die Stämme der Frucht- 
bäume herum mit W^asser zu füllen. W'ie Vogelnester drängen sich 
die runden Ortschaften zusammen, bald unten in der Marina im 
Grunde halbkreisförmiger Golfe, bald hoch oben auf den Gipfeln 



1) Italien p. 3 fg. (Petersburg 1867, Berlin* 1892). 



140 Kapitel I. Ligurien. 

der Vorberge; drionen die Häuser mit zerbröckelnden Steintreppen, 
ofl'enen Fensterhöhlen, feuchten Mauern und dunkeln Räumen; auf 
den Gassen aber, an den Hecken, längs den Wegen geht das Menschen- 
leben vor sich, jedem Blick offen, in mannichfachen Verrichtungen, in 
wechselnden Scenen, bald naiv rührend, bald lächerlich, wol auch 
anstöfsig durch Natürlichkeit." Für die spätere Kaiserzeit treffen 
wesentliche Züge dieses anziehenden Bildes aus der Gegenwart zu; 
je weiter wir uns in Gedanken zurückversetzen, desto mehr werden 
Oel- und Weingärten durch Wälder, die Baumzucht durch Viehzucht 
und Jagd verdrängt erscheinen. Das spärliche Auftreten römischer 
Inschriften an der ganzen Hiviera gewährt einen Fingerzeig, dafs 
von einer dichten Besiedlung wie heut zu Tage keine Rede war. 
Die Beschreibung schliefst sich ungezwungen an die alte Küsten- 
strafse an, um welche die Römer im 2. Jahrhundert v. Chr. mit den 
Ligurern kämpfen mufsten (I 157). Die Römer haben zunächst die 
besten Häfen in ihre Gewalt zu bringen gesucht: den Golf von 
Genua in der Mitte, die Golfe von Spezia und Villafranca an den 
beiden Enden des hgurischen Busens. Den allmählichen Fortgang 
der Eroberung der dazwischen liegenden Landstriche erkennt man 
aus der Wahl der Ortschaften, wo die nach Spanien bestimmten 
Heere sich einschifften. Bis zum Ende des hannibalischen Krieges 
geschieht dies in Pisa, 195 v. Chr. in Spezia, 137 in Villafranca. 
Der Durchzug ist oft bestritten worden. Die Slrafse zerfällt in 
mehrere Abschnitte, die zu verschiedenen Zeiten ausgebaut, mit ver- 
schiedenen Namen benannt wurden. Das erste Stück gehört zu der 
13 V. Chr. von Placenlia über Vada nach dem Var geführten, nach 
Gallien und Spanien fortgesetzten via Julia AugustaJ) Einige 20 
Meilensteine, theils vom Erbauer theils von den Wiederhersteilern 
Hadrian (125 n. Chr.) und Antoninus Pius herrührend, sind erhalten, 
ebenso grofse Strecken des alten Slrafsendammes. Augustus zählt 
bis zur Grenze bei Turbia von Rom 604 Millien, womit nicht die 
nächste Entl'ernung sondern der Umweg über Ariminum und Pla- 
cenlia auf der Via Flaminia und Aemilia angegeben wird; Hadrian 
zählt von Placentia bis zur Grenze 215 Milben. Das Poslbuch 
rechnet 6 Milben vom Var bis Cemenelum, von hier bis zur Grenze 
Alpe summa 9 Millien.^) Die Strafse lief von Cemenelum nach dem 

1) CIL. V p. 828. 95.3. 

2) lt. Anl. 296. 



§ 2. Die Riviera. 141 

Pafs durch das Thal von Laghetto nördlich von der heutigeo, der 
berühmten Corniche. Auf der Höhe bei Turbia treffen beide wieder 
zusammen und senken sich alsdann nach der Rüste hinab. — Das 
erste italische Municipium ist Album Intmilium, auch Albintimilium 
oder Intimilium genannt, östlich vom Rntuba Roia (I 302). zwischen 
diesem und der Nervia gelegen. i) Es heifst im Itinerarium maritimum 
Vintimilio, jetzt Ventimiglia.2) Die heutige Stadt liegt 1 — 2 km von 
der antiken nach Westen, am rechten Ufer der Roia, nicht wie 
diese am linken. Der Wolstand der allen Stadt wird im Gegensatz 
zum Gebirg hervorgehoben, Strabo nennt sie ansehnlich: unter 
ihren Ueberresten auf der Pianura di Nervia ist ein Theater er- 
wähnenswert. Ihr Gebiet, das sich über 30 km an der Küste hin 
und ebenso weit das Thal der Roia hinauf bis an den Tenda er- 
streckte, mag an 1000 Dkm befafst haben. Es stellt den alten 
Gau der Intimilii dar. Wir hören dafs der Gau noch 49 v. Chr. 
in Fehde lebte. Wann er Rürgerecht erlangte und der falerniscben 
Tribus zugewiesen wurde, entzieht sich unserer Runde. — Auf das 
Thal der Nervia folgt dasjenige des Tavia Taggia, das entweder 
den Intimiliern oder den benachbarten Ingaunern gehörte.^) An der 
Mündung nahm ein inschrifthch erwähntes aber nicht benanntes 
Castellum die Stelle des heutigen Caslel dell' Arma ein,^) Das Itinera- 
rium maritimum allein erwähnt den porhis Maurici, noch jetzt 
Porto Maurizio auf einem kühn aufstrebenden Vorgebirge (43 m) 
mit kleinem Hafen. s) — In den anderen Itinerarien ^) werden die 
Stationen Costa balenae (Walfischrippe, ein Wirtshauszeichen) und 
Luco Bormani (die Verehrung dieses Gottes ist in Hgurischen Landen 
weit verbreitet) angeführt, hierauf 47 Milben von InlimiUum ent- 
fernt Album Ingaunum oder Albingaunum Albenga.') Die zahl- 
reichen Wasserläufe welche die Strafse seit der Roia überschritten 



1) Liv. XL 41 Cic. Fam. VIII 15,2 Strab. IV 202 Plin. III 48 Tac. Bist. II 
13 Agric. 7 Varro RR. III 9; CIL. Vp. 900, Pais suppl. p. 132 Kaibel inscr. 
Gr. 2276. 

2) it. marit. 503. Guido 35 Avintimilium 79 Figentimüium. 

3) It. marit. 503. 

4) CIL. V 7809. 

5) It. mar. 503. 

6) It. Ant. 295 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 Guido 35. 79. 

7) Strab. IV 202 Mela II 72 Plin. III 48 Tac. Bist. II 15 vita Proc. 12,1 
13,5 CIL. V p. 894. 



142 Kapitel I. Ligurien. 

hat '), sind unbedeutend. Hier zuerst begegnet wieder eine ent- 
wickelte Thalschaft, welche an diejenige von Ventimiglia erinnert 
und deshalb in gleicher Weise den Mittelpunct eines grofsen Gaus 
zu liefern geeignet war. Gabelförmig vereinigen sich die von Westen 
kommende etwa 40 km lange Arosia und die von Nordwest kommende 
halb so lange Genta um nach 3 km das Meer zu erreichen. Sie 
halten auch im Sommer Wasser, treten häufig aus und versumpfen 
ihre Ufer, so dafs die Malaria hier einen Sitz hat. Solcher Aus- 
schreitungen gedenkt die poetische Inschrift welche die Herstellung 
und Befestigung der Stadt durch Constantius (bald nach 353 n. 
Chr.) schildert 2): 

Constanti virtus Studium victoria nomen 

dum recipit Gallos, constäuit Ligures, 

moenibus ipse locum dixit, duxitque recenti 

fundamenta solo, iuraque parta dedit, 

cives tecta forum, portus commercia portas 

conditor extructis aedibus instituit; 

dumque refert orbem, me primam protulit urbem, 

nee renuü titulos limina noslra loqui, 

et rabidos contra ßuctus gentesque nefandas 

Constanti m,urum nominis opposuit. 
Eine Brücke (Ponte Lungo) ist das ansehnlichste Denkmal aus 
römischer Zeit. Nach Strabo war die Stadt klein. Der Flufs an 
dem sie lag, bot an seiner Mündung nur eine dürftige Rhede. Ihr 
gegenüber hegt das nach seinen Wildhühnern benannte Eiland 
Gallinaria (90 m).3) Die Stadtgemeinde war in der Tribus Publilia 
eingetragen. Ihr Gebiet befafste nur einen Theil der alten Gau- 
grenzen, innerhalb deren nicht weniger als dreifsigmal Ansiedlungen 
von den Rumern vorgenommen sein sollen. 4) Die Ingauni, eines 

1) Wie den I 302 nach Plin. 111 48 erwähnten Merula. 

2) CIL. V 7781 Buecheler carm. lat. epigr. 893. 

3) Varro RR. III 9 Golum. Vlll 2 Sulp. Sev. v. S. Martini 6,5 Sozom. Bist, 
ecci. III 14,40. Diel 444 A. 1 erwähnte Deutung der gallinae rusticae als ver- 
wilderte Haushühner stützt sich zwar auf ein antikes Zeugnifs bei Varro, aber 
die Stütze ist morsch. Nach dem bewährten Uitheil Uiyssis Aldrovandi, 
Ornilhologia Bonon. 1599, üb. XIll cap. 11 ist darunter Gallina corylorum, nach 
heuliger Nomenclatur Bonnsa sylvestris, das Haselhuhn zu verstehen, wie mir 
H. Ludwig mittheilt. 

4) Plin. Ill 46 nee silus originesque persequi facile est Ingaunis Liguribus 
(ut ceteri omiltantur) agro Iricies dato. 



§ 2. Die Riviera. 143 

der wichtigsten Völker Liguriens, nahmen einstens die gröfsere 
Hälfte der Riviera di Ponente bis nach Genua hin ein.i) Sie 
schlössen sich 205 v. Chr. dem Karthager Mago an, machten 201 
mit Rom ihren Frieden, wurden 185 von Neuem bekriegt, endlich 
181 durch Aemilius Paulus unterworfen. Bis dahin hatten sie zur 
See den Handel von Massalia durch Piraterie arg belästigt. — Als 
Stadt der Ingauner wird ein einziges Mal 205 v. Chr. das etwa 
30 Mühen von Genua, 34 von Albenga entfernte Savo Savona er- 
wähnt. 2) Seine heutige Blüte steht im Gegensatz zum Schweigen 
der Ueberlieferung. Der Verkehr zog sich in römischer Zeit nach dem 
4 Millien westUch gelegenen Vada Sabatia oder Sabata dem Strand- 
see von Sabate.3) Den Namen erklärt Lucan ^) der nach der Be- 
schreibung von Monaco fortfährt: 

quaque tacet Htm dubium quod terra fretumque 
vindkat alter nis vicibus, cum funditur ingens 
Oceanus vel cum refugis se fluctibus aufert. 
Als Knotenpunct des römischen Strafsennetzes nahm es in der 
Geschichte des Wegebaus einen wichtigen Platz ein. Bis hierhin 
wurde die Küslenstrafse von Rom aus 109 v. Chr. chaussirt. Von 
hier führte über den Col di Cadibona oder dell' Altare die gleich- 
zeitig erbaute Stiafse nach Placentia, von der später eine Strafse 
nach Turin abzweigte. Der niedrige Pafs (490 m) galt den Alten 
mit Recht als Grenze zwischen Alpen und Appennin (I 141. 220). 
Der wichtigen Verkehrslage ungeachtet scheint die Ortschaft kein 
Stadtrecht gehabt zu haben; wir wissen nicht welchem Gemein- 
wesen sie zugetheilt war.^) In christlicher Zeit ist sie Bischofsitz 
gewesen, aber durch Savona zurückgedrängt worden, jetzt ein blofses 
Dorf Vado. 

Die Küstenstrafse von Vada ab ist ein Theil der via Äemilia, 
die vom Censor M. Aemilius Scaurus 109 v. Chr. über Pisa und 
Luna am Meer hin bis Vada, sodann über den Appennin nach 

1) Liv. XXVIIl 46 XXIX 5 XXX 19 XXXI 2 XXXIX 32 XL 18. 25-28. 
34 Plut. Aem. P. 6 Flor, I 19. 

2) Liv. XXVIIl 46,10 XXIX 5,1. 

3) rada Cic. Farn. XI 10,3 13,2, Sabatia Mela II 72 Steph. Byz. r. Sabatia 
vita Pert. 9,4 13,4; portus Fadorum Sabatinm Plin. III 48, Sabata Strab. IV 202 
V216. 217 Ptol. III 1,41, Fadis Sabatis Hin. 

4) Lucan I 409 Strab. IV 201 tä xah)ifuva 2aßarova8ae oneQ iari 
rwäyr]. 

5) CIL. V p. 892. Steph. Byz. ^aßßtnla Kafiri KaXrtxri. 



144 Kapitel I. Ligurien. 

Dertona angelegt wurde. >) In Dertona mündele sie in die von 
Genua nach Cremona lülirende via Postumia ein. Vom Consul 
Sp. Fostumius 148 v. Chr. angelegt, ist dies die älteste Kunststrafse 
welche die Rümer zur Verbindung des Polands mit der ligurischen 
Küste erbaut haben. Man begreift dies ohne weiteres. Einerseits 
läuft hier die kürzeste Linie zwischen Po und Miltelmeer, sinkt 
die Kammhühe des Appennin am Pafs des mons loventio Colle de' 
Giovi2) am tiefsten (472 m) ein. Anderseits stellt Genua, am 
Schlufs des grofsen Bogens den das Gebirge beschreibt gelegen, 
den natürlichen Mittelpunct des ganzen Küstenlandes dar. — Die 
Mündung des Porcobera Polcevera (I 303) an dem die Postumia 
ansteigt, im Westen ist von derjenigen des kleineren Fertor Bisagno 3) 
im Osten 6 km entfernt. Das von ihnen eingeschlossene Hügelland 
dacht sich von einer Höhe bis zu 516 m ziemlich rasch nach dem 
Meer ab. Seine Ausläufer lassen eine halbkreisförmige Hafenbucht 
frei, die zwar dem Südwest und der ihn begleitenden Brandung 
ausgesetzt, aber im üebrigen sicher tief und geräumig ist. An ihr 
liegt Genua^) Genova, das ähnlich wie Ancona vom Ellenbogen, von 
genu dem Knie das die Küste hier bildet, benannt zu sein scheint. 5) 
Der IName deutet auf eine italische Niederlassung hin, die unter 
dem Schutz der römischen Waffen erfolgt sein mag. In den Kriegen 
gegen Kellen und Ligurer diente es diesen im 3. und 2. Jahr- 
hundert als Stützpunct (I 473). Durch Mago 205 v. Chr. zerstört, 
wurde es mit römischer Hülfe nach zwei Jahren wieder hergestellt. 
Aber mit dem Vorrücken der römischen Eroberungen nach Westen 
verschwindet es aus der Geschichte. Wir wissen weder wann Genua 
Bürgerrecht erlangte, noch wie seine Verfassung geordnet war. 
Denkmäler und Inschriften lassen uns gleichfalls im Stich. Zwar 
war es nach Strabo der Marktplatz von Ligurien , und wird seine 
günstige Handelslage noch im 6. Jahrhundert n. Chr. betont. 6) 

1) Stiab. V217 Aur. Victor d. vir. ill. 72. 

2) CIL. I 199,17. 

3) Plin. III 48 vgl. I 303. 

4) Bewohner insclirifllich Genuates oder Genuenses. — Liv. XXI 32 XXVIII 
46 XXIX 5 XXX 1 XXXII 29 Val. Max. 1 6,7 Strab. IV 202. 3 V 211 Meia U 
72 Plin. III 48 Plol. III 1,3 Steph. Byz. Hin. CIL. V p. 884 fg. 

5) Im Mittelalter (z. B. Liudprand antap, IV 5) Janua und deshalb von Janus 
abgeleitet. Diese Form Prokop. b. Goth. III 10 ist zu beseitigeu, da eb. II 12 
die richtige handschriftlich überliefert wird. 

6) Prokop I). Goth. II 12 Tovaxias fiev iaxiv ia^fi^rr], naqaTtXov 8e naX<Ss 
raXXcav TB xal ' lanavüv xslrat. 



§ 2. Die Riviera. 145 

Allein das Hinterland war zu ärmlich und klein. 3Iit dem gewal- 
tigen Aufschwung den die padanische Ebene unter Roms Herrschaft 
nahm, gewinnen die dem Flufslauf folgenden Verkehrslinien nörd- 
lich vom Appennin eine überwiegende Bedeutung. Für die Reise 
nach Galüen und Spanien war der Weg über die cottischen Alpen 
ungleich bequemer als die alte Küstenstrafse mit ihrem ewigen An- 
und Abstieg. 1) So blieb Genua im Altertum auf den Verkehr seiner 
Landschaft beschränkt, wurde von den Küstenfahrern angelaufen 
die Schutz suchen oder Wasser einnehmen wollten. Welthafen ist 
es erst seit seinen Kämpfen wider die Saracenen geworden. Wie 
weit das Stadtgebiet sich im Altertum erstreckte, ist nicht zu sagen. 
Eine Urkunde von 117 v, Chr. nennt 5 von Genua abhängige Ort- 
schaften, von denen aber nur das hauptsächlich in Frage kommende 
Castellum der Langenses Viturii in dem 10 Millien oberhalb unweit 
der Polcevera gelegenen Langasco mit Sicherheit erkannt ist. Rö- 
mische Schiedsrichter stellen zu dessen Gunsten die Grenzen der 
steuerfreien und steuerpflichtigen Flur genau fest (S. 48). Die 
Fülle von Ortsangaben welche in der Urkunde vorkommen , hat 
ausführliche Untersuchungen angeregt, deren Ergebnisse der Natur 
der Sache nach sowol mancherlei Zweifel hervorrufen, als über- 
haupt nicht in eine allgemeine Darstellung gehören,'-) Es steht fest 
dafs die Oberhoheit von Genua bis auf die Pafshöhe des m. loventio 
Colle de' Giovi reichte, minder fest dafs sie den Kamm des Appennin 
überschritt. Aber die gröfste Ausdehnung des Gebiets mufs an der 
Küste westwärts wie ostwärts hin gesucht werden. Man darf 
schliefsen dafs die Langenser 197 v. Chr. durch Consul Minucius, 
dessen Nachkommen den Spruch zu ihren Gunsten fällen, in die 
Abhängigkeit von Genua gebracht worden sind. Darin Hegt ein 
Zeugnifs für die Vortheile welche die Stadt aus ihrem Anschlufs 
an Rom zog, zugleich auch für den bescheidenen Umfang der 
Grenzen die ihr anfänghch um 200 v. Chr. gesteckt waren. 

Die Riviera di Levante, die Küste von Genua bis Spezia bot 
der städtischen Entwicklung noch gröfsere Schwierigkeiten als der 



1) Um die Steilheit des Berges im Purgatorio zu schildern zieht Dante III 
49 dieselbe an: Tra Lerici e Turbia la piü diserta la piü romita via e una 
scala verso di quella agevole ed aperta. 

2) CIL, I 199 V 7749. Topographisch erläutert von Serra, Memorie dell' 
academia imp. di Genova 1809 II p. 89fg., am eingehendsten von Sanguineti 
Grassi und Desimonis, Atti della societä Ligure di storia palria III p. 357 — 744. 

Nissen, Ital, Landeskunde, ü. 10 



146 Kapitel I. Ligurien. 

bisher betrachtete Abschnitt. Die Berge treten näher an die See, 
die Strafse hat bedeutende Steigungen zu überwinden. Von Genua 
15 Millien entfernt springt das breite Vorgebirge von Portofino vor 
(610 m), den Golf von Rapallo im Westen einschhefsend. An seiner 
Südspitze am Ausgang des Golfs hat der kleine geschützte Hafen 
von Portofino seinen alten Namen portus Delphini bewahrt. i) Die 
gegenüber liegende Küste ist auf 10 Millien hin eben. Hier findet 
sich die einzige bemerkenswerte Thalschaft, durch den 40 km langen 
Enteila Lavagna mit seinen Zuflüssen gebildet. 2) Sie ist wegen 
ihres vortrefflichen Schiefers berühmt, der die ligurischen Küsten 
mit Dachplatten versorgt und solchen Ruf geniefst, dafs der Name 
des Hauptorts den Italienern zur Bezeichnung des Materials dient 
(lavagna). Die Ausbeute hat bereits im Altertum stattgefunden 3): 
eine Ortschaft Tigulia oder Tegulata Ziegelbruch wird erwähnt"*): 
ihr Ausfuhrhafen Segesta Tiguliorum ist das heutige Sestri Levante. &) 
Ueber die politischen Verhältnisse des ganzen Strichs bleiben wir 
ohne Nachricht. 6) — Nunmehr steigt die Strafse den das Thal des 
Boactes Vara einfassenden Bergrücken hinan : die Pafshöhe in Alpe 
Äpennina mifst 568 m.') Der Bergzug läuft in zwei Arme aus, die 
den Golf von Spezia, einen der vorzüglichsten Häfen Europa's ein- 
schliefsen. Portus Lunae hiefs er den Römern, die seine Gestalt 
einer Mondsichel verglichen und hiernach auch ihre benachbarte 
Colonie benannten. 8) Als Kriegshafen wird er zum ersten Mal 
195 V. Chr. erwähnt und hat die Bewunderung der Zeitgenossen 
erregt ^) : 



1) Plin.III 48 Hin. marit. 502 It. Ant. 294. 

2) Ptol.m 1,3. 

3) Schieferdacli im Norden bekannt Plin. XXXVI 159, findet sich wenn 
auch nicht häufig in Römerlagern am Rhein. 

4) Tfgulata It. Ant. 294, Ligulia Mela II 72, Sigulia Plin. III 48, TiyovXUa 
{Tiyovlla) Ptol. III 1,3. — TigtUa fl. Tab. Peut. einer der südlich von Sestri 
mündenden Bäche. 

5) Plin.III 48 It. marit. 501. 

6) CIL. V p. 883. 1091 Pais suppl. p. 131. 

7) Tab. Peut. in Alpepennino Geogr. Rav. IV 32 V 2 Guido 35. 79 Äpennina 
{aspinina). 

S) Strab. V 222 Martial XIII 30 Rutil. Nam. II 64 Schol. Pers. 6,1. 

9) Pers. Sat. 6,6 Nepos Gate 1. Liv, XXXIV 8 XXXIX 21. 32 Strab. V 
222, Plin. III 50 oppidum Luna portu nobile, Sil. It. VIII 480 Scrib. Larg. med. 
comp. 163. 



§ 2. Die Riviera. 147 

mihi nunc Ligus ora 
intepet hibernatqiie meum mare, qua latus ingens 
dant scopuli et multa litus se valle receptat. 
Lunai portum, est operae, cognoscite cives: 
cor iubet hoc Enni. 
Ennius wird ihn gesehen haben , als er 204 v. Chr. von Sar- 
dinien nach Rom gebracht wurde. Es ist nicht zu bezweifeln dafs 
die Römer im Lauf des ersten punischen Krieges oder bald nachher 
sich hier festsetzten, wenn auch ihre Herrschaft erst durch die Ver- 
treibung der Apuaner und die Gründung von Luna (I 474) endgültig 
gesichert worden ist. Wie der Hafen heutigen Tages der Haupt- 
sitz der Kriegsmarine Italiens ist, bot er im Altertum während des 
3. und 2. Jahrhunderts v. Chr., so lange die Römer um das west- 
liche Mittelmeerbecken zu kämpfen hatten, unschätzbare Vorlheile 
dar. Mit der Unterwerfung der Gallier und Iberer sowie dem zu- 
nehmenden Verfall des römischen Seewesens geht diese Redeulung 
verloren. Die Lage zum Binnenland schliefst aber die Möglichkeit 
aus, dafs ein friedlicher Verkehr in grofsem Umfang sich an dem 
Golf entfalten konnte. Silius nennt Luna 

insignis portu quo non spatiosior alter 
innumeras cepisse rates et claudere pontum. 
„Der einzig grofse und schöne Hafen, sagt Strabo, umfafst in 
sich mehrere Häfen alle am Strande tief, wie nur der Stülzpunct 
einer so weiten und langdauernden Seeherrschaft sein könnte. 
Eingeschlossen wird der Hafen von (6 — 700 m) hohen Bergen, von 
denen die Meere und Sardinien und ein grofses Stück der Küste 
nach beiden Seiten hin sichtbar ist." Spuren der Etrusker an 
welche Strabo bei diesen Worten denkt, sind in dem ganzen Land- 
strich so gut wie nicht zu Tage getreten; im Uebrigen trifft seine 
Beschreibung zu. Das Vorgebirge welches den Golf nach Südwest 
schützt, ist in der Luftlinie 6 km lang und wird durch die marmor- 
reiche Insel Palmaria (188 m) fortgesetzt. An der jetzt versandeten 
Durchfahrt (I 303) lag und liegt portus Veneris Porto Venere.^) Auf 
den äul'sersten Vorsprung, wo jetzt die verfallene Kirche S. Pietro 
weithin sichtbar in das Meer hinausragt, verlegt die Tradition den 
Tempel der schaumgeborenen Göttin: sicherhch könnte keine an- 
gemessenere Lage gedacht werden. 2) 

1) It. marit. 502 Gregor Mag. registr. V 17. 18. 

2) In dem an der anderen Seite des Golfes liegenden Lerici H'ill man, wie 

10* 



148 Kapitel I. Ligurien. 

Die Romerstrafse berührte den Golf uicht, sondern senkte sich 
in das Thal des Boactes Vara i), folgte ihm bis unterhalb seines Zu- 
sammenflusses mit dem Macra Magra. Dieser reifsende Bergstrom 
(1 303) gilt seit Augustus als Grenze zwischen Ligurien und Etrurien 
(S. 131); wir brechen demgemäfs ab, die Beschreibung von Luna und 
seinen Marmorbrüchen auf einen späteren Abschnitt (Kap. V 1) ver- 
schiebend. 

§ 3. Das Reich des Cottius. 

Unter allen Alpenstrafsen war seit dem Ausgang der Republik 
die über den M. Genevre führende die wichtigste (I 157). Der 
Widerstand den Caesar 58 v. Chr. bei seinem Uebergang antraf 2), 
hat sich während seiner Statthalterschaft nicht wiederholt, in deren 
Verlauf er den Weg wol 10 — 15 mal zurücklegte. Der hier re- 
gierende König Donnus scheint in ein Freundschaftsverhältnifs zu 
ihm getreten zu sein, das späterhin von den beiderseitigen Erben 
erneuert wurde. Die Söhne des Donnus erhielten durch Augustus 
römisches Bürgerrecht und Aufnahme unter den römischen Adel.^) 
Einer von ihnen hat 9 oder 8 v. Chr. in Gemeinschaft mit den ihm 
untergebenen Stämmen dem Kaiser in Susa einen noch vorhandenen 
Ehrenbogen errichtet, auf dem er sich selbst bezeichnet als M. Julius 
regis Donni filius Cottius praefectus civitatium quae subscriptae sunt. 
Cottius wufste demnach dem Schicksal so vieler anderer Fürsten 
zu entgehen und auf den Königstitel verzichtend, die angestammte 
Macht auch nach der Unterwerfung der Alpen zu bewahren, viel- 
leicht sogar zu vergröfsern. Durch Kaiser Claudius erhielt sein 
Nachfolger mit weiteren Vergröfserungen den Königsnamen zurück, 
aber unter Nero wurde das Reich nach dem Tode des letzten Cottius 
in eine Provinz verwandelt und einem Procurator als Statthalter 
unterstellt. 4) Den Bewohnern hatte bereits, wie es scheint, Augustus 
latinisches Recht verliehen; wann sie in den Bürgerverband aufge- 

1470 A. 1 erwähnt, einea porius Ery eis erkennen. Aber der heutige Name 
scheint vielmehr von Hex abgeleitet (Promis, Luni p. 33); bei Ptol. Ill 1,3 
fehlt er in den griechischen Handschriften, wird deshalb von dem neuesten 
Herausgeber als interpolirt angesehen. 

1) Die Namensform steht nicht fest: Boactes Ptol. IH 1,3, Boaceas iL kni 
293, Boron Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 Guido 35. 78. 

2) Gaes. b. Gall. I 10. 

3) Ovid ex Ponto IV 7 Plin. Ep. III 1. 10. 

4) Dio LX 24 Suet. Nero 18 vita Aurel.21. 



§ 3. Das Reich des Cottius. 149 

nommen wurden , ist nicht überliefert. Die Provinz heifst Alpes 
Cottiae oder Cottianae, aber daneben behauptet sich der Name 
regnum Cottii, wie auf der Peutingerschen Tafel steht. i) Das An- 
denken des ersten Cottius wurde noch in späten Jahrhunderten in 
Ehren gehalten und blieb mit der von ihm gebauten Strafse und 
dem ganzen Strich dieser Alpen unauflöslich verbunden. Mit der 
Bestimmung seines Gebiets hängen verschiedene geographische Fragen 
zusammen. 2) 

Dafs der M. Viso nicht die Grenze der beiden Alpenprovinzen 
abgegeben habe, ward S. 135 ausgesprochen. Plinius sagt dafs die 
14 cottischen Gaue auf der Siegesinschrift von Tropaea fehlen, weil 
sie nicht zu den Feinden gehört hätten. 3) In Wirklichkeit gilt dies 
nur von der Mehrzahl: ihrer 5 werden unter den besiegten aufge- 
führt. Es ist nicht unmöglich dafs Augustus diese erst dem Reich 
des Cottius hinzugefügt hat.'*) Unter ihnen sind die Vesubiani durch 
das Fortleben ihres Namens im Thal der in den Var einmündenden 
Vesubia sicher bestimmt. Daraus erhellt dafs das Gebiet dieses 
Fürsten über die Wasserscheide hinüber mehr als 80 km in der Luft- 
linie weiter nach Süden reichte als man gewöhnhch annimmt. Wenn 
es ferner von Strabo der ligurischen Nation zugerechnet wird_, so 
trifft dies auf den südlichen Theil unzweifelhaft zu (I 472). — Jen- 
seit der Wasserscheide ist die politische Grenze des Fürstentums 
gegen Italien mit der im Allgemeinen bekannten Zollgrenze gegeben. 
Nun befand sich ein Zollamt in Pedo Borgo S. Dalmazzo. Die Stadt 
lag an der Kreuzung zweier Verkehrswege : einerseits führt der Weg 
das Thal der Stura di Demonte hinauf über den bequemen Pafs 
des Col deir Argentera (I 157) nach Gallien, anderseits über den 
Col di Tenda (1875 m) naeh der ligurischen Küste. Die Stadt 
wird von keinem Schriftsteller aufser Cassiodor, dagegen in mehreren 
Inschriften erwähnt. 5) — Ein in der Nähe von Piasco bei dem 
Austritt der Varaita in die Ebene gefundener Stein nennt ein zweites 



1) VitruvVIII 3,17 Suet. Tib. 37. 

2) Strab.IV204 Plin. 111 138 Ptol. 111 1,34-36 Ammian XV 10,2— 8 CIL. V 
p. 808 fg. Pais suppl. p. 125. R. Rey, le royaume de Cottius, Grenoble 1898. 

3) Irrig sind 15 Gaue statt 14 genannt; ferner ist § 137 Esubiani zn ver- 
bessern in Fesubiani. 

4) Strabo unterscheidet das Land des Donnus {iSeövvov oder dovdvov die 
Handschriften) von dem des Cottius, als ob beide neben einander regiert hätten. 
Der Hergang läfst sich nicht mehr enträtseln. 

5) Cassiod. Var. 1 36 CIL. V p. 912. 



150 Kapitel I. Ligurien. 

Zollamt. 1) Der Pafs welcher aus dem Thal der Varaita in dasjenige 
des Gull hinüber führt (Col di Agnello), liegt zwar 2744 m hoch, 
wird aber viel begangen. — In dem folgenden Einschnitt der durch 
das obere Thal des Po gebildet wird , dringt das italische Gebiet 
weit ins Gebirge hinein, da die Quelle bei 1952 m Meereshöhe von 
der Feldmark der Bagienni umschlossen wird.'-^) — Dann findet 
sich noch eine Grenzangabe für das Thal der Dora Riparia. 

Die Hauptstrafse des Reiches die I 157 beschrieben wurde, 
durchschneidet dasselbe von Ost nach West. Dem rechten Ufer 
des Dujia Dora Riparia 3) folgend, erreicht sie 16 oder 18 Milben 
von Turin ad Fines das Zollamt an der Grenze 4), 20 Millien von 
Turin den Grenzort Ocelum. Von hier wurde das Ende Itahens 
gerechnet, insofern das Thal sich verengt und die Ebene der Tauriner 
aufhört. 5) Das Dorf Chiusa de' Longobardi bezeichnet die Stelle, 
Desiderius hat sie 774 durch Schanzlinien abgesperrt, Karl der 
Grofse 806 zur Grenze zwischen Italien und Frankreich erhoben. 
— Nach weiteren 20 Millien erreicht die Strafse Segusio Susa die 
Hauptstadt des Reiches, von welcher aus die Entfernung auf den 
Meilensteinen gezählt wird, an der Vereinigung der beiden Wege 
über den M. Cenis (I 158) und den M. Genevre.^) Ihrer militärischen 
Wichtigkeit entsprechend war sie im Altertum stark befestigt und 
wird Italiae claustrum genannt. Die aus ein paar Cohorten be- 
stehende Truppe, welche die Sicherheit des Verkehrs durch die 
Wildnifs verbürgte, gab die Besatzung ab.') Die Könige, späterhin 
die Statthalter hatten hier ihren Wohnsitz. Der 13 m hohe Ehren- 
bogen den Cottius errichtete (S. 148), steht noch, sein Grabmal das 
Ammian betrachtete, nicht mehr. Aber viele Inschriften zeugen von 
der Stärke der römischen Cultur. Nach der Einziehung des Reichs 
durch Nero hat Susa Bürger- und Stadtrecht erhalten. — Von Susa 
(503 m) steigt die Strafse und erreicht nach 8 Millien das Dorf 
Scingomagus in der Gegend von Exilles (Dorf 876 m Fort 1166 m), 

1) CIL. V 7643. 

2) Plin.IlI 117. 

3) I 185. Strab. V 217 Plin. III 118 Geogr. Rav. IV 36. 

4) Die Itinerarien sind zusammengestellt CIL. Vp. 811. 

5) Caes. b.Gall. I 10 Strab. V 217 IV 179 Ptol. III 1,34 Geogr. Rav. IV 30 
Guido 11. 

6) Plin.IlI 123 Ptol. III 1,36 Paneg. Lat. IX 5 X 17. 21. 22 Ammian XV 
10,3. 7 Hin. CIL. V p. 814. 

7) Suet. Tib. 37. 



§ 3. Das Reich des Cottius. 151 

wo Artemidor die natürliche Grenze Italiens angesetzt hatte 519 
Milhen von Rom entfernt J) Aber neben dieser auch bei Ammian 
begegnenden Anschauung über den Punct wo Italien anfängt, findet 
sich noch eine dritte in dem Pilgerbuch von 333, welches ihn 
östlich von Susa zwischen dieser Stadt und dem 12. Meilenstein 
sucht. 2) Nun durchmifst die Strafse eine ebene Thalfläche von 
7 — 8 Millien Ausdehnung bis zur Station ad Mortis Oulx (1071 m)^) 
an der Einmündung der Bardoneche in die Dora. Der letzteren 
folgend steigt man nach Gaesaone Cesanne (1560 m)4) und gewinnt 
endlich die Pafshöhe (1865 ra) in Alpe Cottia, früher Julia, später 
auch nach den hier verehrten Matronae benannt.^) Ammian bezieht 
den Namen mifsverständlich auf eine verunglückte vornehme Dame; 
richtiger wird er auf den in keltischen Landen weit verbreiteten 
Cultus der Matronen gedeutet. Die Ortsnamen an dieser Strafse 
tragen wie bemerkt (I 472 A. 2) mehrfach ein keltisches Gepräge. 
Trotz des regen Verkehrs ist die Strafse bis zum Bau der heutigen 
(1802) äufserst beschwerlich gewesen, wie aufser von Ammian in 
der poetischen Reisebeschreibung des Ennodius ausgeführt wird: 
Matronas taceo scopulos atque invia dictas 
in foribus blandas cetera diffiiciles. 
Die Itinerarien rechnen von der Pafshöhe bis Eburodunum 
Embrun (854 m) 41 Millien. Dies ist die Grenzstadt des Reiches 
gegen Gallien, seine Ausdehnung von Ost nach West wie sie der 
Reisende durchmafs, betrug 99 Millien. 6) Wie weit es sich nach 
Norden hin erstreckte und in welchen Thälern die am Ehrenbogen 
namhaft gemachten Gaue wohnten, ist nicht genau zu sagen. Caesar 
hatte 58 v. Chr. den Uebergang über den M. Gen^vre gegen Ceu- 
trones et (rraioceli et Caturiges zu erkämpfen. Der Name der letzleren 
lebt in dem heutigen Chorges fort; ihnen gehört die Stadt Eburo- 
dunum an.') Die Ceutronen bewohnten das obere Thal der Isöre. 



1) Strab. IV 179 Plin. II 244 Agath. Geogr. 4,17. 

2) Ämm. XV 10,6 It. Hier. 556. 

3) Amm. XV 10,6 und lliner. 

4) It. Gaditana Goesao und Gaesaeone Tab. Peut. Gadaone It. Hier. 556 
Gesdaone. 

5) Tab. Peut. m Alpe Cottia It. Hier. 556 Amm. XV 10,6 Ennod. carm. I 1,23. 
Die Bezeichnung Julia Alpis Liv. V 34,8 steht allein, ist aber ganz richtig 
nach dem römischen Namen des Königs gebildet. 

6) Strab. IV 179 in Uebereinstimmung mit den Itinerarien. 

7) Caes. s. Call. I 10 Ptol. III 1,35. 



152 Kapitel I. Ligurien. 

Der ISame der westlich von beiden sitzenden Graioceli hängt augen- 
scheinhch mit den Alpes Graiae zusammen : er kommt nur bei 
Caesar vor i), und es läfst sich nicht bestimmen ob der Kamm der 
Alpen vom M. Cenis bis zum kleinen Bernhard dem Reich des Cottius 
oder den Colonien Turin und Aosta zufiel. Rey setzt den M. La 
Levanna (3669 ni) als Nordgrenze an. Da aber die Medulli in den 
höchsten Erhebungen der Alpen dazu gehörten 2) , so hat es noch 
einen Theii von Savoyen umfafst. Man wird den gesamten 
Flächeninhalt nicht unter 15000 Dkm schätzen dürfen. 

§ 4. Das Binnenland. 

Der Bogen in welchem Alpen und Appennin den hgurischen 
Busen umziehen, hat im Westen eine Kammhöhe von 3000 m, in 
der Mitte 8—900 m, im Osten 15—1600 m. Mauerartig nach der 
See abfallend, ist er allmälich zum Po hin abgedacht. So entsteht 
ein Hügelland das im Westen an 120 km, weiterhin nur die Hälfte 
sich von Süd nach Nord erstreckt. Eine etwa 70 km lange und 
40 km breite Einsenkung trennt dasselbe von der Hauptkette der 
Alpen. Po und Tanaro durchströmen die Senke in nördlicher 
Richtung. Bei Turin biegt der Po (137 m) ostwärts um und be- 
schreibt bis Valenza einen 110 km langen flachen Bogen, dessen 
Sehne durch die Hügel von Monferrato dargestellt wird. Diese 
Hügel voll mariner Bildungen und sandiger Strecken erreichen in 
der Superga bei Turin eine Höhe von 653 m, in la Maddalena 
712 m. Sie werden im Süden durch das Thal des Tanaro begrenzt, 
der dem Po parallel gleichfalls in einem grofsen Bogen nach Osten 
fliefst (I 186). Wo unterhalb Valenza bei 82 m Meereshöhe beide 
Ströme sich vereinigen , hören die Hügel die bis dahin den Süd- 
rand des Po eingefafst hatten, auf; eine weite Niederung dringt 
golfartig in den Subappennin ein, so dafs hier au seiner schmälsten 
und niedrigsten Stelle bei Genua die Breite des Appennins nur 
35 km milst. Alsbald nach Südosten umbiegend wächst mit der 
Höhe zugleich auch die Breite. Aus dem Gesagten wird die Ghederung 
des Landes und der Lauf seiner grofsen Verkehrswege ersichthch. 
An der Polinie nahmen Turin und Placentia beherrschende Stellungen 
ein, dazu trat Mailand als Mittelpunct der lombardischen Ebene 



1) Plin. III 134 Grai nach unbekannter Quelle. 

2) Strab. IV 185. 203 Vitruv VIII 3,20. 



§ 4. Das Binnenland. 153 

hinzu. Die Hauptstrarseii setzen diese Plätze mit dem ligurischen 
Meer in Verbindung, an ihnen liegen die von den Römern gegrün- 
deten Städte. Die beiden Hälften und Gegensätze Liguriens haben 
wiederholt ihre Rollen auf der geschichtlichen Rühne mit einander 
vertauscht: in den Anfängen und seit den Kreuzzügen führt die 
Küste das grofse Wort, unter den Caesaren das Rinnenland das eine 
unverächtliche Reihe blühender Gemeinwesen aufweist. 

Der Pafs des Colle di Tenda (1875 m von Mai bis September 
schneefrei) verbindet auf kürzestem sicherstem Wege die Hgurische 
Ebene im Westen mit der Küste. Der Weg führt von Älbintimilium 
(S. 141) das Thal der Roia hinauf, dann der Vermenagna die in 
den Gesso mündet, folgend hinunter nach Pedo (S. 149). Es 
läfst sich nicht mit Restimmtheit sagen, ob diese Stadt zum cottischen 
Reich oder zu Italien gehörte. — Einige 20 km nördlich, wir ver- 
muten bei Rusca an der Ausmündung der beiden Thäler der Maira 
und Varaita, lag eine nur inschriftlich erwähnte Stadt Forum Germa[ 
natium, orum, ici] deren letzte Namenshälfte unbekannt ist. i) 
Mommsen ergänzt Germanorum. Da an eine Verpflanzung von 
Deutschen in diese Gegend nicht vor Marc Aurel zu denken ist, 
so müfste ein sonst verschollener einheimischer Stamm verstanden 
werden. 2) Näher liegt es den Markt mit der Gründung einer 
Strafse zusammen zu bringen und nach dem Urheber benennen zu 
lassen. Allein die Ueberheferung versagt gleichermafsen für die 
eine Annahme wie für die andere. — Von hier lief die Strafse am 
Fufs der Alpen weiter über die zur Transpadana gehörenden Städte 
Forum Vibi und Caburrmn (S. 164) nach Turin. Ihre Gesamt- 
länge beträgt ungefähr 200 km. Die Anlage der beiden Fora, 
welche nach den Inschriften dem letzten vor- oder dem ersten nach- 
christlichen Jahrhundert zugewiesen werden mufs, hängt mit dem 
Ausbau der Strafse zu einer Zeit zusammen, wo diese nur eine 
landschaftliche Redeutung in Anspruch nehmen konnte.^) Als aber 
der Schwerpunct des römischen Reiches von der Halbinsel nach der 
Poebene, von Rom nach Mailand sich verschob, wurde sie eine 



1) CIL. V p. 910 Pais suppl. p. 137. Ueberlieferl ist Foro Ger und rei- 
publicae Gerina. 

2) Wenn man will, ein Rest jener Germanen über die 222 v, Chr. die 
Fasten einen Triumph verzeichnen. 

3) Uebrigens deuten auf Wagenverkehr die plostralia (Kutscherfest) einer 
Inschrift aus dem Sturathal CIL. V 7862. 



154 Kapitel I. Ligurien. 

wichtige Verkehrsader und durch kaiserhche Fürsorge in Stand 
gesetzt. 1) 

Ein anderer Weg über den Col di Cadibona (490 m) setzte die 
hgurische Ebene mit Vada (S. 143) in Verbindung. Auf ihm suchte 
M. Antonius im Mai 43 v. Chr. nach der Schlacht bei Mutina die 
Poebene zu gewinnen; aber seine Reiter kamen vor PoUentia zu 
spät an , das die Cohorten des D. Brutus von Aquae Statiellae aus 
vermittelst einer kürzeren Querstrafse eine Stunde zuvor besetzt 
hatten. 2) In der That ist der Weg für den Marsch von Reiterei 
nicht günstig. Jenseits des Passes verläfst er im Thal der öst- 
lichen Bormida die via Aemilia, steigt hinüber ins Thal der westlichen 
Bormida, aus diesem ins Thal des Tanarus'^) (1 186) nach Ceva dem 
Mittelpunct einer früheren Markgrafschaft. Der Käse der Gegend 
ist berühmt und war es auch im Altertum ; denn man wird nicht 
anstehen den gerühmten caseus Cebanus oder Coebanus auf diesen 
Ort zu beziehen. 4) — Den Tanaro entlang senkt sich die Strafse 
nach (349 m) Augusta Bagiennorum Bene (seit 1862 Bene Vagienna) 
etwa 90 km von Savona entfernt. 5) Die Bagienni werden in der 
Kriegsgeschichte nicht erwähnt.^) Ihr Gebiet dehnte sich mindestens 
60 km von Ost nach West bis zu den Quellen des Po am M. Viso 
aus (S. 150). Die Bergdistricte — sparst per saxa Bagenni'^) — 
hatten nur latinisches Recht und waren der in die Tribus Camilia 
eingetragenen Stadt in der Ebene untergeordnet. Augustus ver- 
fuhr wie im übrigen Umkreis der Alpen, verheb auch der Gemeinde 
seinen Namen, aber nicht das Recht einer Colonie: dafür reichten 
Macht und Volkszahl nicht aus.^) Die Stadt lag 1 km von der 

1) Auf der Strecke von Turin nach Cavour ist ein Meilenstein Gonstantins 
erhalten CIL. V 8081; von demselben bei Genua 8082 und Nizza 8108. 

2) Cic. Fam. XI 13 a vgl. Philipp. XI 14. 

3) Plin. 111 118 Aelian de anim. XIV 29. 

4) Plin. XI 241 Gluver p. 83 CiL. V p. 895, Cebula an der Riviera di Le- 
vante Geogr. Rav. V 2 Guido 78. 

5) Varro RR. I 51 Plin. III 47. 49. 117. 135 Ptol. III 1,31 CIL. V p. 873. 
Pais suppl. p. 131 JVIuratori Atti delf Acc. di Torino 1865/66 p. 240 fg. 327 fg. 

6) Wenn die Angabe Vell. I 15,5 dafs Eporedia Ivrea in Bagiennis ge- 
gründet sei, nicht auf blofsem Versehen beruht, so hat dieser ligurische Stamm 
einstmals das westliche Piemont inne gehabt, ist von den Kelten gesprengt 
und grofsentheiis unterworfen worden. Aber auf die alten Völkerkämpfe am 
oberen Po fällt kein Strahl der Ueberlieferung. 

7) Sil. It. VIII 605. 

8) Eph. ep. V p. 252. 



§ 4. Das Binnenland. 155 

heutigen entfernt und war planmäfsig errichtet, den Erfordernissen 
und dem Geschmack der Kaiserzeit angepafst: mancherlei Ueber- 
reste von einem Amphitheater (104 X 78 m) Theater Aquaeduct Bädern 
und anderen BauHchkeiten bekunden einen gewissen Wolilstand.i) 
— Indessen wurde sie von dem 16 km nördlicheren Pollentia 
PoUenzo übertrofFen.2) Am Unken Ufer des Tanaro 2 km unterhalb 
der Mündung der Stura di Demente bei dem Dorf Pollenzo (198 m) 
breiten sich die stattHchen Ruinen eines Amphitheaters Theaters 
Tempels aus, welche der von den Schriftstellern der Stadt beige- 
legten Wichtigkeit entsprechen. Am Eingang der Thalrinne des 
Tanaro, welche die Hügel von Monferrato und den Stock des hgu- 
rischen Berglands von einander scheidet, beherrscht sie die nächsten 
Verbindungen der Ebene mit dem mittleren Po (Ticinum Mailand 
Placentia) , beherrscht anderseits die Strafse von Vada nach Turin. 
Deshalb wird ihr Name in der Kriegsgeschichte erwähnt. Durch 
die Besetzung Pollentia's zwang D. Brutus seinen Gegner den Küsten- 
weg nach GaUien einzuschlagen. Hier lieferte Stilicho am Ostertag 
402 die von Claudian verherrlichte Schlacht, welche die Gothen zur 
Räumung Italiens bewog.3) Die günstige Lage rief einen namhaften 
Handel und Gewerbfleifs ins Leben: hier wurde die braune Wolle 
der hgurischen Heerden verarbeitet, hier Thongeschirr von vorzüg- 
hcher Feinheit erzeugt. Von dem Uebermut und der Schaulust der 
Bevölkerung wird berichtet dafs sie Kaiser Tiberius zu militärischem 
Aufgebot nötigte.4) Die Stadt gehörte zur Tribus Pollia; ihre Ent- 
fernung von Turin wird auf 35 Milben angegeben.^) 

Dem Lauf des Tanaro folgend erreicht man nach 8 Millien das 
am rechten Flufsufer (173 m) gelegene Alba Pompeia Alba.t^) Die 
Bewohner Albenses Pompeiani waren in die Tribus Camilia einge- 
tragen. Den Beinamen scheint die Stadt vom Consul des J. 89 



1) Atti della Societä di Archeologia di Torino VII p. 38fg. 69fg. — eb. 
p. 76 wird ein vicus Baginas bei Bastia 12 km S von Bene erwähnt. 

2) Cic. Fam. XI 13a Pliilipp. XI 14; Colum. VII 2 Plin. III 49 VIII 191 
XXXV 160 Sil. It. VIII 597 Martial XIV 157. 158 Ptol. III 1,41 Not. Dign. Occ. 
121 CIL. V p. 866 ; Franchi-Pont, autichilä di Pollenzo, Atti dell' Acc. di Torino 
1805/8 p. 321— 510. 

3) Gros. VII 37,2 lord. Get. 154 Prosper und Cassiodor a. 402 Claudian b. 
Get. 635 VI cons. Honorii 127. 202. 281. 

4) Suet. Tib. 37. 

5) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33. 

6) Plin. III 49 XVII 25 Ptol. lll 1,41 Peut. CIL. V p. 863. 



156 Kapitel I. Ligurien. 

V. Chr. Pompeiiis Strabo entlehnt zu haben (S. 61). Die Feldmark 
kann nicht gering gewesen sein. Auf einem Gut im Appennin ward 
Kaiser Pertinax als Sohn eines Holzhändlers geboren. i) Die hier 
gebrochene Kreide und Thonerde galt als vorzüglicher Dung für die 
Reben. — Heutigen Tages ist das 16 Millien entfernte Hasta Asti 
(126 m) weinberühmt, im Altertum hatte sein Thongeschirr guten 
Ruf. 2) Die Stadt gehörte zur Tribus PoUia. Ihr Ursprung ist un- 
bekannt: Ptolemaeos nennt sie Colonie. Der erfolgreiche Wider- 
stand den sie König Alarich 402 leistete, zeugt für ihre Stärke.^) 
Sie liegt am linken Ufer des Tanaro. — Dann folgt 22 Mühen 
weiter am rechten Ufer zwischen den Mündungen des Relbo und 
der Bormida (97 m) Forum Fulvii Villa del Foro.4) Sein Ursprung 
hängt mit dem Bau der via Fulvia, der Strafse von Dertona nach 
Pollentia, die in der Peutingerschen Tafel verzeichnet ist, zusammen 
und ist vielleicht auf den Consul des J. 179 v. Chr. zurückzuführen.^) 
Die Lage wies ihm eine ähnliche Bedeutung zu, wie sie das 1168 
gegründete Alessandria seither gehabt hat. Man erreichte von Forum 
Fulvii ostwärts nach 20 Millien Dertona und den Anschlufs an 
die Hauptlinie Genua-Placentia, nordwärts nach 14 Millien den Po 
bei Valenza und weiter den Anschlufs nach Ticinum und Mailand. 
Die Stadt war in die Tribus PoUia eingetragen und wird noch im 
12. Jahrhundert unter dem Namen Forum erwähnt. Die Anlage 
Alessandria's, zu der sie zahlreiche Mannschaft stellte, hat sie für 
immer zum Dorf herabgedrückt. Nach Plinius hatte Forum Fulvii 
den Beinamen Valentinum, welcher sich in der heutigen Stadt Va- 
lenza am Po fortgepflanzt hat. Ob Valentia eine Zeit lang mit 
Forum Fulvii vereinigt und später selbständige Gemeinde gewesen, 
ist unsicher. 

Die von der eben beschriebenen Strafse und dem Po einge- 
lafsten Hügel von Monferrato enthalten mehrere antike Städte. 
Eine solche findet sich nach Aussage der Inschriften im Westen 
des bezeichneten Gebiets bei Chieri, das mit einiger Wahrschein- 

1) Dio LXXIII 3 vita Pert. 1 Aur. Victor ep. 34. 

2) Plin. III 49 XXXV 160 Ptol. III 1,41 Tab. Peut. Cassiodor Var. XI 15 
CIL. V p. 857, Pais suppl. p. 130. 

3) Claudian VI cons. Hon. 203. 

4) Plin. III 49 Tab. Peut. Not. Dign. Occ. 121 Paul. Diac. bist. Lang VI 58 
CIL. V p. 840 no, 7532—36. 

5) Liv. XL 53 Q. Fulvms consul deditos in campestres agros deduxit 
praeridiaque montibus imposuit vgl. Flor. I 19. 



§ 4. Das Binnealand. 157 

lichkeit für Correa mit dem Beinamen Potenlia erklärt wird.i) — 
Am Po 20 Millien von Turin bei Monteü da Po, lag Industria, 
welches Plinius unter die angesehenen Städte dieser Region rechnet, 
mit ligurischen Namen der die Tiefe des Flufses andeutet (l 183) 
Bodincomagum , zur Tribus Pollia gehörig. 2) Die Ausgrabungen 
lehren dafs Industria unmittelbar an den Flufs stiefs, der sein Bette 
jetzt 2 km nach Norden hin verrückt hat, bezeugen ferner die 
Blüte der im 4. Jahrhundert, wie es scheint, verödeten Stadt, aber 
lassen uns über die Zeit ihrer Entstehung in Stich, 3) — Südlich 
von Casale bei Terruggia (198 m) lag die Stadt Vardagate '^) ; ver- 
mutUch gleichfalls im Monfenalo die nur in Inschriften genannte 
Stadt Dripsinum'' ) , deren Selbständigkeit sich aus der Zeit nach 
Auguslus herschreibt. 

Die dritte Hauptstrafse zwischen Mittelmeer und Po ist die von 
Vada nach Placentia laufende 131 Milben lange via Julia Augusta 
(S. 140). So heifst sie seit 13 v. Chr. 6): vordem gehörte das erste 
79 Milben lange Stück zu der 109 v. Chr. bis Dertona geführten 
via Äemilia, das zweite 52 Milben lange Stück von Dertona bis 
Vhcenüa züY via Postumia die 148 v. Chr. erbaut wurde (S. 143.4). 
Jenseits des Passes folgt sie, während der Weg nach Pollentia links 
abzweigt (S. 155), dem Thal der östlichen Bormida und langt nach 
50 Millien bei Aquae Statiellae Acqui (164 m) an.") Der Stamm der 
Statellates oder Statielli dessen Andenken diese Stadt bewahrt, hatte 
sich früh den Römern angeschlossen, ward trotzdem 173 v. Chr. 
vom Consul M. Popillius überfallen und dann als Entgelt zum Theil 



1) CIL. V p. 848 Plin. 111 49, Carreo [Leid. Correa] quod Potentia cogno- 
minatur. 

2) Plin. III 49. 122 CIL. V p. 845 Pais suppL p. 127 A. Fabretti, Atti della 
Societä di Archeologia di Torino III p. 17 fg. 

3) Die Inschriften zeigen dafs Bodincomagum ein eigenes Gemeinwesen 
bildete und bestätigen scheinbar die Ueberlieferung der bessern Codices bei 
Plinius oppidum iuxta Induitriam [al. Industria] vetusto nomine Bodincomagum. 
Aber die Gensusliste kennt den Namen nicht; man mufs daher der minder be- 
glaubigten Lesart den Vorzug geben und schliefsen dafs die Umtaufe vor 14 
n. Chr. stattgefunden hat. 

4) Plin. III 49 CIL. V p. 841, Pais suppl. p. 126. 

5) CIL. V 4484 VI 2379, 6,43 Eph. ep. IV 887, 1,4. 

6) CIL. V 8102. 3. 

7) Strab. V 217 Plin. HI 49 XXXI 4 It. Ant. 294 Tab. Peut. Paul. bist. 
Lang. II 16 Not. Dign. Occ. 121 CIL. V p. 850 Pais suppl. p. 130. Atti d. Soc. 
di Torino V p. 30 fg. 



158 Kapitel I. Ligurien. 

mit Land nördlich vom Po bedacht, i) Wie weit seine ehemaligen 
Gebietsgrenzen gereicht haben , läfst sich nicht erraten : jedesfalls 
umfafsten sie die Thäler der beiden Bormida deren antiken Namen 
wir nicht kennen, sowie das Thal der Orba die den Römern durch 
den Namen Urbs auffiel.^) Warme und mächtige schwefelhaltige 
Quellen haben die Ansiedlung hervorgerufen die von den Römern 
Stadtrecht und Aufnahme in die Tribus Tromentina erlangte. Ueber- 
reste römischer Badeanlagen sind noch vorhanden. 3) Im üebrigen 
ist auch die Verkehrslage nicht ungünstig. Eine in der Peutinger- 
schen Tafel verzeichnete Seitenstrafse verband die Stadt mit Alba 
Pompeia und PoUentia: bei Gelegenheit der Operationen des D. Bautus 
43 V. Chr. ward ihrer schon gedacht (S. 154). Die Entfernung von 
Alba beträgt 32, von Dertona 28 Millien. 

Die vierte und älteste Hauptstrafse ist die 147 v. Chr. erbaute 
via Postumia von Genua nach Placentia, die sich von hier nach 
Cremona und Verona fortsetzt (S. 144). Nachdem sie dem Thal der 
Polcevera entlang den Col di Giove erstiegen hat (S. 144), folgt sie 
der Scrivia (I 186). Wo diese in die Ebene hinaustritt, 26 Milben 
von Genua bei dem Dorf Serravalle lag LibarnaJ) Die Stadt ge- 
hörte zur Tribus Maecia und heifst auf einer Inschrift Colonie; 
wem sie diese Eigenschaft verdankte, ist unbekannt. Ein kleines 
Amphitheater weist ihr eine gewisse Blüte zu; auch erstreckte sich 
ihr Gebiet nach Osten etwa bis zur Trebia, da es an dasjenige von 
Veleia grenzte (Kap. IV 2). Die Alimenlartafel erwähnt von seinen 
Gauen den pagus Eboreus und Martins, als zu beiden Städten ge- 
hörend p. Moninas. — Immerhin gebührte der Vorrang dem 14 Millien 
entfernten Dertona Tortona.s) Als Knotenpunct der Via Postumia 
Aemilia und Fulvia die von hier nach 4 verschiedenen Richtungen 
ausliefen, hat es vielleicht schon im zweiten Jahrhundert v. Chr., 
später durch Augustus eine Colonie erhalten und durch alle Wechsel- 



1) Liv. XLII 7. 8. 22 Slatellates, D. Brutus bei Cic. Farn. XI 11 Statiellenses, 
Piin. III 47. 49 StatielU, inschriftlich auch Statelli. 

2) Glaudian b.Get. 555. 

3) Liudprand antap. II 43 erwähnt sie als noch bestehend; über die Reste 
Not. d. Scavi 1899 p. 417. 

4) Pilo. III 49 Ptol III 1,41 It. Ant. 294 Tab. Peut. CIL. V p. 838. 

5) Artemidor bei Sleph. Byz. Jsqxa'v Strab. V217; Cic. Fam. XI 10,5 
Vell. I 15 Plin.lII 49; It. Ant. 286. 88. 94 Tab. Peut.; Not. Dign. Occ. 121 Ter- 
tona; Cassiod. var. I 17 X 27 XII 27 Paul. bist. Lang. II 16; CIL. V p. 831 
Pais suppl. p. 126. 



§ 4. Das Binnenland. 159 

fälle des Mittelalters hindurch sich als Stadt behauptet. Inschriften 
wie Schriftsteller bekunden gleicher Mafsen dafs es an Alter und 
Ansehen unter den Städten Liguriens eine der ersten Stellen ein- 
nahm. — Von Dertona 10 Miliien entfernt folgt Iria Voghera 
(95 m)i), am linken Ufer des Ira Staffora^), von dem die Stadt 
wie so oft den Namen erhalten hat. Inschriftlich heifst sie colonia 
Forum Julii Iriensium, indem Augustus hier das Forum der von 
ihm erbauten Strafse von Placentia an den Var (S. 140) einrichtete. 
Der Titel Colonie ist von einem späteren Kaiser verliehen worden, 
von wem wissen wir nicht. Trotz solcher Auszeichnung hat der 
Ort nicht gedeihen wollen, im 5 Jahrhundert rechnen die Schrift- 
steller seine Feldmark zu Dertona. 



1) Plin. III 49 Ptol.lll 1,31 CIL. V p. 828. 

2) Jord. Get. 236 Chr. Rav. Marceil. unter d. J. 461 (Chron. min. I p. 305 
II p. 88). Hist. Miscella XVI 1. 



KAPITEL 11. 



Die Transpadana. 

Die Ebene am Südfufs der Alpen wird in älterer Zeit nach 
ihren Bewohnern Gallia, von hellenischen Geographen auch nach 
ihrem Hauplflufs benannt.*) Aus beiden Benennungen hat man in 
der Neuzeit eine Unterscheidung von Gallia cispadana und trans- 
padana abgeleitet welche den Alten schlechterdings unbekannt ist 2): 
das Beiwort cispadanus kommt im Lateinischen überhaupt nicht vor, 
transpadana nur in Verbindung mit Italia.^) Die wichtigen Gesetze 
der Jahre 90 und 89 v. Chr. trennten allerdings die Provinz in 
zwei ungleich gestellte Hälften, insofern die Landschaften südlich 
vom Po in den Bürgerverband aufgenommen, die nördlichen nur 
mit latinischem Recht bedacht wurden (I 75 fg.). Das Streben nach 
vollem Bürgerrecht hat die nördlichen Landschaften zu treusten 
Stützen Caesars gemacht. In den Jahren wo die Frage der Ver- 
leihung drohend am politischen Himmel stand, taucht der Name 
der Transpadani mit der Geltung eines Volksnamens auf, von dem 
sich in der bisherigen Litteratur keine Spur findet.*) Während die 
alte Bezeichnung Gallia seit 49 v. Chr. aus dem Sprachgebrauch 
rasch verschwindet'»), hält die neue Stand fi) und wird von Augustus 



1) Pol. 11 17,3 111 34,2 i] TisQi rov HaSov %cöqa; öfter II 19,13 III 39,10 
44,5 47,4 48,6 54,3 56,3.6 61,11 t« tieqI rov näSov neSia. 

2) Strab. V 212 giebt dafür einen schwachen Anhalt. In den Jahren 
306 — 320 kommt vorübergehend ein corrector utriusque Itallae vor, worunter 
die Ebene diesseits und jenseits des Po verstanden wird, Böcking Not. Dig. 
Occp. 1181. 

3) Plin. XVI 66 XVII 201 XVIII 66. 182 XIX 16 CIL. VI 1418. 

4) Catull 39,13 Cic. Att. V 2,3 11,2 VII 7,6 Farn. II 17,7 VIII 1,2 XU 5,2 
XVI 12,4 Off. III 88 Phil. X 10 Caes. b. civ. III 87 Liv. CX. 

5) Vgl. I 78 A. 2. Mifsverständlich wendet Ptolemaeos III 1,42 den Aus- 
druck Gallia togata auf die Aemilia an, 

6) Plin. XVII 49 XVUI 127. 205 XXXVII 44 Solin 20,10. 



Die Transpadana. 161 

auf die elfto Region Italiens übertragen. i) Neben der üblichen 
Adjectivbildung braucht man vereinzelt im 3. Jahrhundert als Haupt- 
wort Transpadnm^) , das aber bald den Namen Itaha (I 86) und 
Lignria (S. 132) Platz macht. — Die Grüfse des nordlich vom Po 
belegenen Landes (1500 d. DM) veranlafste dessen Theilung in 
zwei Regionen, was spvvol den natürlichen als den geschichtlichen Ver- 
hältnissen entsprach. Wo der Po sich in mehrere Arme spaltet, 
hört er auf ein dies- und jenseitiges Ufer zu scheiden, das Mündungs- 
gebiet hängt in sich zusammen. Mit diesem venetischen Niederland 
hat Aiigustus die Cenomanen vereinigt, welche als Verbündete Roms 
seit Alters die keltischen Stammesgenossen bekämpft hatten. So 
wurde der Name Transpadana auf die Gebiete der Tauriner Salasser 
Insubrer um von den kleineren Stämmen zu schweigen beschränkt, 
die heutigen Provinzen Turin Novara Pavia Mailand Como Sondrio 
Bergamo und den Canton Tessin. Der Po bildet die Grenze im 
Süden gegen Ligurien und Aemilia. Wie das obere Pothal am 
M. Viso zu Ligurien, so scheinen die Thäler des Pehce und Clusone 
zur Transpadana gehört zu haben. An der Dora Riparia befindet 
sich die Grenze gegen das cottische Reich bei Avigliana 18 Milben 
von Turin (S. 150). Im Thal der Dora Baltea reicht das italische 
Gebiet bis an den Kleinen und Grofsen Beruhard. Die Angaben 
über die Nordgrenze sind früher mitgetheilt worden (1 80). End- 
lich im Westen gegen Venetien wird die Scheidung durch den I^o- 
see den Mittellauf des Oglio und die Mündung der Adda bezeichnet. 
In runden Ziffern befafst die elfte Region einen Flächeninhalt von 
32000 Dkm 580 d. DM. — Dem Meer entrückt ist sie der Cultur 
weit später erlegen als Venetien oder die Aemilia. unter den Re- 
gionen Itahens nimmt sie an äufserem Umfang die zweite, nach der 
Zahl der Städte die allerletzte Stelle ein. Im Ganzen lassen sich 
ihrer nur 12 mit selbständiger Verwaltung nachweisen: davon haben 
4 eine Feldmark gewöhnlicher Ausdehnung, während auf die 8 
anderen Gebiete von durchschnittlich 3 — 4000 Ckra kommen. Der 
Grund dieser aufserordentlichen Erscheinung liegt einmal darin dafs 
die Nordalpen nicht im langsamen Verlauf der Zeiten wie Ligurien, 
sondern 15 v. Chr. mit einem Schlage unterworfen und den an- 
stofsenden Städten unterstellt wurden. Sodann aber hat Augustus 

1) PliD. III 123 XIV 12 Tac. Bist. I 70 Plin. Ep. IV 6 CIL. V 1874. 3351. 
4332. 4341. 8659. 8921. 

2) CIL. III 249 VIII 822. 

Nissen, ItaL Landeskunde. IL 11 



162 Kapitel II. Die Transpadana. 

planmäfsig die keltischen Stämme dem Rahmen eines städtischen 
Gemeinwesens eingefügt und lebenskräftige Grofsgemeindcn ge- 
schaffen (S. 22). Die Auswahl der Centren ward durch natürliche 
Verhältnisse bestimmt. Die Städte liegen in der Regel nicht am Po, 
sondern landeinwärts von den Ueberschwemmungen und Süinpfen 
entfernt (I 208). Die Ufer der Ströme waren von gewaltigen 
Forsleu eingerahmt, wie z. R. der Urbs Silva bei Pavia in welcher 
die langobardischen Könige pirschten. i) Die Wirtschaft mit ihrer 
Schweine- und Schafzucht ihrem Flachs und Hirsebau steht hier 
auf keiner höheren Stufe als diejenige Liguriens.^) Die Fundorte 
der lateinischen Inschriften geben den verschiedenartigen Anbau und 
Culturstand wieder. Sie fehlen in den Alpenthälern fast ganz, be- 
gegnen in den Niederungen selten, dagegen häufig in dem zwischen 
beiden befindlichen Hügelland, welches die vollkommeneren Wirt- 
schaftsformen des Südens, die Raumzucht und den Gartenbau 3) sich 
rasch angeeignet hat. Das Gesamtbild ist ein erfreuhches; der rö- 
mischen Herrschaft zum Trotz blieb die bäuerliche Freiheit und 
Wehrkraft lange erhalten (I 483). Das Land erscheint in stetem 
Fortschritt begriffen, der vom Ausgang des Altertums durch Mittel- 
alter und Neuzeit hindurch sich steigern sollte. — Die Reschreibung 
schliefst sich der natürlichen Gliederung an, welche durch die in 
den Po einmündenden grofsen Alpeuströme hervorgerufen wird 
und soweit wir sehen den Wohnsitzen der verschiedenen Stämme 
entspricht.^) 



1) Paul. h. Lang. V 37, 39 ad Urbem uastissimam silvam VI 58, der Name 
kehrt bei dem Flufs Orba wieder (S. 158). Verg. Georg. I 481 Lucan II 409 Sid. 
Ap. ep. I 5,4. Die grofse Ausdehnung des "Waldes im Mittelalter wird durch 
Urkunden und Ortsnamen (Roboretum Carpinetum usw.) bewiesen vgl. Promis, 
Torino p. 38. 

2) 1 446 Strab. V 218 Pol. II 15 Varro RR. II 4. 

3) Paulus h. Lang. II 15 erklärt den späteren Namen dieser Provinz Liguria 
a legendis id est eolb'gendis leguminibus quoru?n satis ferax est. 

4) Quellen: Pol. II 14-35 Strab. V 212. 13. 18 Plin. III 123fg. Ptol. lil 
1,29—32; CIL. V p. 545-807 Pais suppl. p. 93— 124. In Betre« der Karten für 
die piemontesischen Landschaften vgl. S. 134. Von der österreichischen General- 
stabskarte Lombardo-Venetiens, Wien 1851, (1:86400) wurde ein handlicher 
Auszug im halben Mafsstab auf 56 Bl. (Mailand o. J.) veröffentlicht. Die neue 
italienische Generalslabskarle behandelt diese Region auf Bl. 5 — 8 15—19 
•27-34 41—46 55—60, 67.68. 



» § 1. Die Tauriner. 163 

§ 1. Die Tauriner. 

Die keltische Bezeichnung für Hochgebirge (l 138) hat dem 
Volk am Fufs der cottischen Alpen den Namen verliehen, der in 
der älteren nachträglich auf Noricum beschränkten Form Taurisci •), 
in der jüngeren üblichen Form Taurini lautet.^) Unter allen kel- 
tischen Stämmen ist dieser zuerst an den Po vorgedrungen, ge- 
raume Zeit bevor die von der Sage aufgezählten Züge die Ebene 
ostwärts in Besitz nahmen. Wenn er von einigen Schriftstellern 
der alteinheimischen Nation der Ligurer zugezählt wird 3), so er- 
klärt sich das aus dem Umstand dafs zahlreiche ligurische Gaue 
unter gröfserer oder geringerer Abhängigkeit im westlichen Piemont 
sitzen geblieben sind (I 472). Aber die keltischen Herren haben 
schliefslich dem ganzen Lande den Stempel ihrer Eigenart aufge- 
drückt. UrsprüngUch bedeutet ihr Name die Gebirgsbewohner und 
wird von Cato auf Salasser und Lepontier ausgedehnt^); später er- 
scheint er auf das Volk beschränkt das vom Clusone an die Thäler 
des Duria Dora Riparia Stura'") Stura (I 185) und Orgm'^) Orco 
(I 185) bis zur Einmündung dieser Flüsse in den Po bewohnte. 
An dem grofsen Zug der Kelten gegen Rom im J. 225 v. Chr. nahm 
es Antheil, stand aber beim Ausbruch des hannibalischen Krieges 
auf römischer Seite. Fortab verschwindet es aus der Ueberlieferung 
und lebt allein im Namen seiner Hauptstadt der colonia Julia Augusta 
Taurinorum fort, die vermöge ihrer Lage an der Einmündung der 
Doria Riparia in den Po den natürlichen Mittelpunct des west- 
lichen Polands abgiebt.') Nach Plinius beginnt hier die Schiflbar- 
keit des Po (I 213).^) Wichtiger war es dals von den verschie- 
denen Weltgegenden aus Hauptstrafsen bei Turin sich vereinigen. 
Die Eigenschaft der Stadt als Knotenpunct des Verkehrs soll zu- 
nächst ins Auge gefafst werden. 

1) Pol. II 15,8 28,4 30,6 dagegen III 60,8 TavQlvot, Steph. Byz. TavQlaxoi. 

2) Taurinates zuerst Pan. Lat. IX 6. 7, bei Paulus neben Taurini Taun- 
naies auch Taurinenses. 

3) Strab. IV 204 Plin. III 123 gegen Polybios (vgl. Liv. V 34 XXI 38. 39) 
im Widerspruch mit Orts- und Personennamen sowie den heutigen Dialekt- 
grenzen. 

4) Plin. m 134 vgl. Ammian XV 10,9. 

5) Plin. III 118 Geogr. Rav. IV 36 Ennod. carro. I 1,39. 

6) Plin. HI 118 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 Ennod. I 1,39. 

7) C. Promis, Storia dell' antico Torino, Torino 1869. 

8) Plin. III 123. 

11* 



164 Kapitel 11. Die Transpadana. 

Die über den Col di Tenda führende Strafse, die kürzeste 
Verbindung zwischen der westhchen Poebene und dem Mittehneer 
ist oben S. 153 bis zum Po beschrieben worden. NürdHch vom 
Po wu dieser in die Ebene hinaustritt, in der Gegend von Revello 
lag Forum VibiiJ) Die Lage ist durch das Zeugnifs des Plinius 
(I 185) annähernd bestimmt; die Gründung scheint auf C. Vibius 
Pansa zurückzugehen, der 44 v. Chr. Oberitahen verwaltete. Es 
gehörte zur Tribus Stellatina, ebenso wie das vor dem Thal des 
Police belegene Caburmm'^) das heutige Cavoiir oder Cavorre, das 
sich an einen isolirt aus der Ebene 150 m aufsteigenden Hügel 
(459 m) anlehnt. Die Stadt kommt nur inschriftlich vor, aber be- 
wahrt das Andenken der Caburriates, eines ligurischen Stammes der 
179 v. Chr. vom Consul Fulvius Flaccus (S. 156) unterworfen 
wurde. ■^) Caburrum ist 45 km von Turin entfernt. Ferner mündet 
hier von dem 55 km entfernten Pollentia die Strafse ein, welche 
einerseits nach Vada an der Rüste läuft (S. 155), anderseits nach 
Aquae Statiellae abzweigt (S. 158). Von Osten her kommt die 
grofse Reichstrafse , seit dem letzten Jahrhundert v. Chr. die wich- 
tigste Verbindung zwischen Itahen und seinen westlichen Provinzen, 
um bei Turin den Po zu verlassen und der Dora Riparia zu folgen, 
welche zu den beiden Pässen über den M. Cenis und M. Gen^vre 
hinleitet (S. 150). Endlich sind die drei Alpenthäler welche die 
Stura entwässert, auf diesen Ort hingewiesen, der nur ein paar Kilo- 
meter von der Mündung des Flusses in den Po abliegt. Dergestalt 
ist ein natürliches Centrum für ein Gebiet gegeben das sich vom 
M. Levanna bis Tenda in der Luftlinie reichlich 150 km von Nord 
nach Süd^ vom Kamm der Alpen bis zu den Hügeln von Monferrato 
etwa 110 km von West nach Ost erstreckt. 

Diese Verhältnisse schufen frühzeitig eine Stadt und zwar die 
Hauptstadt der Tauriner, welche unter dem Volksnamen Taurasia 



1) Plin. in 117. 123 Solin 2,25 CIL. V p. 825. 

2) CIL. V p. 825. 

3) Die Lesung der Handschriften Plin. III 47 Cuburriates ist klärlich in 
Caburriates zu ändern : Piiniu'; benutzt für diese Region das Verzeichnifs des 
Augiistus nur als nebensächliche Quelle und greift in der Aufführung der 
ligurischen Stämme weit über die Grenzen der 9. Region hinaus. Ferner ist 
der Name bei Florus I 19 (Jord. Rom. 177) für el buriates (so der Bamber- 
gensis) einzusetzen. Bei Livius XL 53 ist er in der Lücke unseres Textes aus- 
gefallen. 



§ 1. Die Tauriner. 165 

bei Hannibals Einfall 218 v. Chr. erwähnt wird.') Freihch kann 
sie weder grofs noch stark befestigt gewesen sein, da eine drei- 
tägige Belagerung hinreichte sie zu bezwingen. Auch haben keinerlei 
Spuren vorrümischer Ansiedlung sich erhalten. Um so bedeutsamer 
steht die letztere vor unseren Augen. Denn so regelmäfsig und 
modern die Bauart des heutigen Turin erscheint, hat der Kern des- 
selben den Grundpian der Colonie des Augustus treu bewahrt. 2) 
Die Bauthätigkeit des Mittelalters die anderswo die antiken Züge 
bis zur Unkenntlichkeit verwischte, ist unerheblich gewesen: zudem 
haben die Keller welche die Häuser dem nordischen Klima ent- 
sprechend seit Alters her besafsen, das Vorrücken der Neubauten 
sehr erschwert. Der ganze Umfang der romischen Mauer stand bis 
1600 und mufste erst von da ab den Erweiterungen der piemon- 
tesischen Fürsten zum Opfer fallen: um 1600 an der Süd-, 1650 
an der Ost-, 1700 an der Westseite. Ansehnliche Strecken sind noch 
jetzt nachweisbar, namentlich an der Nordseite mit einem prächtigen 
Thor, der sogenannten Porta Palatina oder Romana. Ferner ist das 
antike Polygonalpflaster an vielen Stellen in der Tiefe von 1 V2 — 2 m 
unter dem heutigen angetroffen worden: ein urkundhches Zeugnifs 
dafür dafs das Strafsennetz unverändert geblieben ist. Und so dient 
diese Stadt geradezu als Muster um die Anlage einer Stadtfestung 
des Augustus zu veranschaulichen. In keltischen Landen hebt mit 
der Umwandlung der Gau- in die Stadtverfassung eine neue Periode 
der Baugeschichte an. Der Lehm- wird durch Kalkmörtel, der 
Holz- durch Steinbau ersetzt. Die Gründung erfolgt nach einheit- 
lichem Plan auf gesäubertem Boden. Die Strafsen werden breiter 
abgemessen als in den schicksalreichen Städten der Halbinsel üblich 
war. Das Streben nach Licht und Luft das den Städtebau der 
Kaiserzeit in ausgesprochenem Gegensatz zur Republik kennzeichnet, 
tritt uns aller Orten entgegen. Die Caesaren hatten auf diesem 
Felde in Alexander und den Diadochen ihre Vorgänger. 

Der nach Nordnordosten fliefsende Po hat bei Turin eine Meeres- 
höhe von 137,4 m, eine Breite von 160 m und einen mittleren 
Abflufs von 140 Cubikmetern in der Secunde; die von Westen ein- 
mündende Dora Riparia einen solchen von 57 (I 185). Dem Po 
parallel zieht sich in 1 km Abstand eine Erhöhung hin, welche in 

1) Pol. 111 60 Liv. XXI 39 Sil. lt. 111 646; den Namen bringt allein App. 
Hann. 5. 

2) vgl. Promis a. 0. dazu die Bemerkungen Rh. Mus. XXV 418 fg. 



166 Kapitel II. Die Transpadana. 

Urzeiten den linken Uferrand des Flufsbettes bildete und 25 m über 
dem Flufsspiegel liegt. Sie setzt sich an der Dora hin fort, welche 
gleichfalls einstmals an ihrem Fufs hinströmend auf kürzerem Wege 
den Po erreichte als gegenwärtig. Dieser Erdrücken nahm die 
nördliche und östliche Mauer der Stadt auf und zwang zugleich die 
Nordost-Ecke nicht rechtwinklig anzusetzen sondern abzurunden. 
Nach West und Süd senkt sich der alte Flufsrand und geht all- 
mälich in die Ebene über. Diese beiden Seiten fordern zum An- 
griff auf, während die Nord- und Ostseite durch die Flüsse und die 
Höhenlage der Mauer vorzüglich geschützt sind. Die Colonie wurde 
in einem regelmäfsigen Rechteck angelegt, in welchem nur der 
nordöstliche vielleicht auch der südwestliche Winkel abgestofsen ist. 
Sie läfst sich aus dem Plan des heutigen Turin einfach heraus- 
schälen: im Westen stellt die Via della Consolata mit ihrer Ver- 
längerung dem Corso, im Süden die Via Sa Teresa die Grenze dar, 
im Norden eine von der Via Giulio aus, im Osten eine über Piazza 
Carignano und Piazza Castello gezogene Parallele. Die Länge von 
West nach Ost beträgt annähernd 2400 röm. Fufs 720 m, die Breite 
669 m etwa 2220', der Flächeninhalt 45 ha 180 iugera. Eine Haupt- 
sirafse der heutigen Stadt, die Via di Dora Grossa scheidet als De- 
cumanus maximus die Fläche in zwei gleiche Hälften. Der Lauf 
des Kardo maximus ist durch das oben erwähnte Thor, die Porta 
Palatina bezeichnet. Ein Netz von 7 Decumani und 8 Kardines, 
die in gleichen Abständen einander unter rechtem Winkel schneiden, 
theilt Häuserblöcke von je 240' im Geviert oder 2 Juchert ab. 
Derartige Blöcke scheint die Colonie 60 enthalten zu haben, so dafs 
der dritte Theil der Grundfläche auf Strafsen Intervallum und öffent- 
liche Gebäude entfiel. Die letzleren, spurlos verschwunden, werden 
den nordöstlichen Theil, wo jetzt der Dom liegt, eingenommen haben.') 
Die colonia Julia Augusta Taurinorum^) ist nach Ausweis ihres 
Namens später als 28 v. Chr. gegründet worden, im Hinbhck auf 
die Unterwerfung der Alpen welche der Kaiser sich als Ziel gesteckt 
hatte. Sie beherrscht die Strafse über den M. Gen^vre, ähnlich wie 
Aosta die Strafsen über den Grofsen und Kleinen Bernhard, wird 
auch eine entsprechende Zahl (3—4000) Colonisten empfangen 

1) Ein Theater Not. d. Scavi 1900 p. 3. 

2) Gewöhnlicii sh^^kmzi Augusta Taurinorum so Plin. III 123 Tac. Hist. 
II 66, seit dem 2. Jalirliundert Taurini so Ammian XV 8,18, Ernwohner Tatirini 
und später auch Taurinates: die zahlreichen inschriftlichen Belege CIL. V p. 779. 



§ 2. Die Salasser. 167 

haben. Ibre strategische Bedeutung gab den Anlafs dafs sie ein 
paar mal in der Kriegsgeschichte erwähnt wirdi): 70 n. Chr. kam 
es hier zu Händeln unter den Truppen des Vitellius, wobei ein 
Theil der Stadt eingeäschert ward ; 312 schlug Conslantin vor ihren 
Mauern das Heer des Maxentius. In den Inschriften wiegt das 
Militär entschieden vor, die Bürger sind in der Armee stark ver- 
treten. 2) Aufserdem scheint Turin seit dem 3. Jahrhundert eine 
Besatzung gehabt zu haben ; später war es Hauptquartier für die in 
der Gegend angesiedelten Sarmaten.3) Im Uebrigen schweigt die 
Ueberheferung, von den Itinerarien abgesehen.'*) In Betreff des 
bürgerlichen Lebens ist daher wenig zu sagen: die Stadt gehörte 
zur Tribus Slellatina und hatte die herkömmliche Verfassung einer 
Colonie.5) Die Mittel fehlen um die Grenzen ihrer Feldmark genau 
zu umschreiben. Sie mögen an 50 d. D Meilen oder mehr be- 
fafst haben: der heutige Kreis enthält 2657 Dkm. Und wenn auch 
der gröfsere Theil auf Weidewirtschaft beschränkt war, entspricht 
doch der äufsere Glanz der Stadt durchaus nicht dem Umfang des 
Gebiets. In diesen entlegenen Landschaften hat eben die städtische 
Cultur mit ihrem Aufwand und verfeinerten Leben nur laugsam und 
allmälich Fufs fassen können. 

§ 2. Die Salasser. 

Die italischen Alpenthäler dringen senkrecht auf die Axe des 
Gebirges ein und sind deshalb in ihrer Ausdehnung beschränkt. 
Von dieser Begel giebt es im Ganzen nur zwei Ausnahmen: das 
Veltlin und das Thal der Salasser. 6} Die höchste Erhebung der 
Alpen vom Mont Blanc bis Monte Rosa, die Alpes Poeninae"^) fassen 
das letztere an der nördlichen, die ihr wenig nachstehende Kette 
des Gran Paradiso (4061 m) an der südlichen Seite ein, Die Alpes 
Graiae (I 147) stellen zwischen beiden die Verbindung her. Die 
gewaltigen Schneefelder welche die Dora Baltea (I 185) speisen, 

1) Tac. Bist. II 66 Pan. Lat. IX 6. 7 X 22. 

2) Eph. ep. V p. 252. 

3) Not. Dign. Occ. 121 vgl. CIL. V 6998 fg. 

4) Ptol. III 1,31 It. Ant.34l. 356 Hier. 556, Gaditana, Tab. Peut., Geogr. 
Rav. IV 30. 

5) CIL. V p. 770 Pais suppl. p. 123, 249 Kaibel inscr. Gr. 2278. 

6) C. Promis, le antichitä di Aosta, Torino 1862. 4. Atti dell' acc. d. T. XXI. 

7) Plin. III 123 Tac. Bist. I 87 IV 68 CIL. IX 5439. 



168 Kapitel 11. Die Transpadana. 

bewirkeu dafs ihre Wassermasse bei halb so grofsem Stromgebiet 
(79 d. D M.) derjenigen des Po, da wo sie sich vereinigen, nahezu 
gleich kommt. Der Beiname den der Fliifs von dem bei Aosta 
einmündenden am iMalterhorn entspringenden ßuttier empfängt, 
begegnet zuerst als Duria Bautica in der ravennatischen Kosmo- 
graphie. 1) Der Umstand dafs die beiden Pässe über den Kleinen 
und Grofsen Bernhard (l 158 fg.) aus dem Thal hinüber führen in 
das Gebiet der Rhone, ist für seine Geschichte von entscheidender 
Wichtigkeit gewesen. — Die Salasser werden zuerst von Cato er- 
wähnt der sie dem tauriskischen Stamm d. h. den keltischen Ge- 
birgsbewohnern zuzählt (S. 163). Andere nennen sie Kelten; ihre 
Zugehörigkeit zu dieser Nation steht zweifellos fest (I 478). Das Thal 
von Aosta hat den Namen der Salasser bewahrt; ob es den ge- 
samten Umfang ihres Gebiets darstellt, ist nicht mit Sicherheit zu 
sagen. Bei der Vernichtung des Stammes 25 v. Chr. wurden 44000 
Köpfe, darunter 8000 Waffenfähige, zu Eporedia in die Sklaverei 
verkauft: eine Menschenzahl die das Thal von Aosta bei den da- 
maligen Culturverhältnissen recht wol ernähren konnte (S. 109). 
Strabo berichtet nämlich von der Goldwäscherei der Salasser 2): „sie 
hätten den Duria in Canäle abgeleitet und damit den unterhalb 
wohnenden Bauern das W'asser für die Berieselung ihrer Felder ent- 
zogen; dies habe den Anlafs zu unaufhörlichen Kämpfen gegeben; 
als aber die Römer sich der Goldgruben bemächtigt hatten, mulsten 
die Grubenpächter das Wasser von den Gebirgsleuten kaufen und 
so dauerte der Streit fort und lieferte den Statthaltern nach Belieben 
Anlafs zum kriegerischen Einschreiten". Gold ist noch jetzt bei 
S. Marcel vorhanden und ist früher bei Courmayeur, Challant und 
Bard gesucht worden. Aber das Bett der Dora liegt viel zu tief, 
als dafs der Flufs zum Frommen der Goldgräber hätte abgeleitet 
werden können. Eher mag die berichtete Thatsache auf den Cervo, 
einen Nebenflufs der Sesia bezogen werden; denn bei Biella ist das 
Metall in viel ausgedehnterem Mafse gefördert worden. Unter allen 
Umständen weist die strabonische Schilderung auf eine aufserhalb 
des Thals von Aosta belegene Oertlichkeit hin. Immerhin lehrt 
sie dafs es den Salassern an einem lohnenden und viele Hände be- 
schäftigenden Erwerb nicht gefehlt hat. Aber wie einstens die alten 

1) Geogr. Rav. IV 36 Plin. III 118. Bautica in mittelalterlichen Urkunden, 
Bautia ina heutigen Dialekt. 

2) Strabo IV 205 Dio fr. 74,1. 



§ 2. Die Salasser. 169 

Stammgreozen gegen die Tauriner im Süden und Libiker Im Osten 
gelaufen sind, entzieht sich unserer Kunde. — Der erste Kampf 
mit den Römern wird unter dem J. 141 v. Chr. gemeldet; in ihm 
erlitt Consul Appius Claudius eine schwere Schlappe die sein Triumph 
nicht beschönigte. 1) Um die Salasser im Zaum zu halten, wurde 
100 V. Chr. die Colonie Eporedia gegründet ohne viel auszurichten. 
Während der Verwirrung die auf den Tod Caesars folgte, scheint 
der Ueberniut des Völkchens seinen Gipfel erreicht zu haben (I 78). 
In den dreifsiger Jahren hat es geraume Zeit die Feldherren Octavians 
beschäftigt, bis endlich Varro Murena 25 v. Chr. alle Ueberlebeuden 
(thne Rücksicht auf Alter und Geschlecht der Knechtschaft über- 
lieferte. Fortan knüpft sich das geschichtliche Interesse ausschliefs- 
Uch an die das Thal der Salasser durchziehenden Stralsen. 

Die Reichstrafsen welche von Mailand oder Pavia aus nach 
Vienna Strafsburg und Mainz führen, vereinigen sich in Vercellae.'*) 
Die Reisebücher rechnen 33 Millien von hier nach Eporedia Ivrea.*) 
Der keltische Name soll einen guten Pferdebäodiger bedeuten; um 
die Salasser zu bändigen war wie gesagt die Colonie 100 v. Chr. 
gegründet worden. Sie liegt fest an und auf einem Hügel (269 m) 
und beherrscht den Ausgang der Dora , welche hier bei 234 m 
Meereshöhe durch eine Enge sich hindurch zwängt nach der Ebene 
zu. Die Rlüle der Stadt hebt mit der Vernichtung der Salasser an, 
Tacitus rechnet sie zu den tüchtigsten (firmissimis) Municipien der 
Transpadana. Ihr Gebiet kann nicht gering gewesen sein: heute 
mifst der Kreis Ivrea 1515 Gkm. Sie gehörte der Tribus PoUia 
an. Ein Theater dessen Bauart auf die Epoche der Antonine hin- 
deutet, ist unter dem heutigen Haupiplatz am Fufs des StadthUgels 
nachgewisen worden. 0) Der Unterbau einer zu Anfang des 18. Jahr- 
hunderts zerstörten Steinbrücke welche die Stadt mit dem rechten 
Ufer der Dora verband, ist noch sichtbar. Auch scheinen die Fels- 
ufer die den Strom einengen, von den Römern künstlich erweitert 
worden zu sein. 

1) Liv. LUI Obseq. 21 üios. V 4,7 Dio fr. 74 Pliri. XVIII 182. 

2) App. 111. 17 Dio XLIX 34. 38, Llll 25 Strab. IV 2Ü5 Liv. CXXXV Cassiodor 
a. 729 u. c. Suet. Aug. 21 Plin. 111 137. 

3) It. Ant. 344. 347. 350 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 30. 

4) Vell. I 15 {in Bagietmis vgl. S. 154 A. 6) Plin. III 123 Strab. IV 205 Cic. 
Farn. XI 20. 23 Tac. Hist. I 70 Ptol. 111 1,30 Not. Dign. Occ. 121; CIL. V p. 751, 
Pais suppl. p. 119. 

5) Atti d. Soc. di Arch. di Torino IV p. 87 fg. 



170 Kapitel II. Die Transpadana. 

Die alte Strafse von Ivrea nach Aosla niafs 46 Millien. Sie 
lief am linken Ufer der Dora, durchweg hüher als die heutige, war 
auch schmäler (16' rüm. der Fahrdamm, 20' mit den Gangsteigen) 
und steiler, aher nicht hlofs kürzer sondern mit grofserer Vorsicht 
angelegt. IVomis dem wir eine genaue Beschreibung verdanken, 
will sie der Zeit der Gracchen zuschreiben. Indessen kann den von 
ihm angeführten technischen Gründen keine Beweiskraft zugestanden 
werden. Dagegen ist die Thatsache entscheidend dafs ein erhaltener 
Meilenstein, ähnlich wie bei Susa (S. 150), die Meilen von Aosta 
aus rechnet, also die Gründung dieser Stadt voraussetzt. Wir wer- 
den mithin den kunstmäfsigen Ausbau der Strafse der nämlichen 
Epoche, d. h. den zwanziger Jahren v. Chr. beilegen müssen. Unter 
den erhaltenen Brücken verdient diejenige von Ponte S. Martino 
mit einer Spannung von 35,64 m erwähnt zu werden. Bald darauf 
binter Donnaz beginnt die Flufsenge von Bard: ein Meilenstein 
giebt die Entfernung von Aosta auf 36 Millien an. Die Strafse ist 
auf einer Strecke von 221 m bis zur Höhe von 12 m und darüber 
aus dem Felsen ausgehauen. Dies schone Bömerwerk wurde im 
Mittelalter dem Hannibal beigelegt und auf die Sprengung bezogen 
welche von dessen Alpenmarsch berichtet wird i) : allein von einer 
an sich wol denkbaren Sprengung des Felsens mit Feuer ist hier 
keine Bede, sondern lediglich von einer Arbeit des Meifsels. Jen- 
seit der Enge erreicht die Strafse 21 Millien von Ivrea das Dorf 
Vüricium Verrez.2) Ungefähr 5 Millien weiter ändert der Flufs seine 
Richtung: während er von hier bis zu seiner Einmündung in den 
Po eine südsüdiistlicbe Richtung einhält, strömt er in seinem Ober- 
lauf vom M. Blanc bis zu den Ausläufern des Malterhorn geradewegs 
von West nach Ost. Die Ufer sind vielfach versumpft, unter den 
Anwohnern der Cretinismus stark verbreitet (vergl. 1 172): jedoch 
mifst die Thalsohle an der breitesten Stelle kaum mehr als 2 km. 
Diese wird durch den Zusammenflufs des Bultier und der Dora be- 
zeichnet, stellt die natürliche Mitte der Thalschaft und zugleich einen 
Punct von hoher strategischer Wichtigkeit dar. 

Zwischen dem Simplon und Grofsen Bernhard auf einer Strecke 
von 120 km ist das Gebirge nur auf schwierigen Gletscherpässen 
zu überschreiten. Durch diesen Umstand gewinnt der zwar steile 

t) Liv. XXI 37 App. Hann, 4 Juvenal 10,153 Ammian XV 10,11 Plin. XXIII 
57. — Liudprand Antap. I 35 Arnulf Gesta arcliiep. Mediol.ll 8 (MGH. SS, VIII). 
2) It. Ant. 345. 47. 51 Tab. Peut., im Mittelalter Verecium. 



§ 2. Die Salasser. 171 

aber die kürzeste Verbindung mit dem Genfer See und dem Rhein- 
thal von Basel abwärts bildende Saumplad per Alpes Poeninas über 
den Grofsen Bernhard eine erhöhte Wichtigkeit. An dem Ort wo 
der Pfad von der Fahrslrafse per Alpes Graias über den Kleinen 
Bernhard abzweigt , hatte Varro Murena als er die Salasser aus- 
rottete, sein Hauptquartier aufgeschlagen. Aus dem Lager schuf 
Augustus 25 V, Chr. die colonia Aitgusta Praetoria Salassorum und 
siedelte in ihr 30Ü0 Praetorianer an.') Die Stadigemeinde war 
der Tribus Sergia einverleibt. — Das heutige Aosta (583 m) hat 
nicht nur den alten Namen sondern auch die Mauer nebst ansehn- 
lichen Resten aus der Epoche seiner Gründung bewahrt. Es stellt 
ein regelmäfsiges Rechteck von 724 X 572 m (ca 2400 X 1920' 
röm.) mit 41 ha Flächeninhalt dar. Der gewählte Platz ist vor 
Hochwasser gesichert, geniefst aber von den Flüssen wirksamen 
Schutz, indem die ostliche Schmalseite durch den Buttier, die süd- 
hche Langseite durch die Dora gedeckt wird. Im Altertum hat 
man es nicht für notwendig befunden die Festung gegen eine regel- 
rechte Belagerung in Vertheidigungsstand zu setzen; denn ein 
Graben fehlt. Um Ueberfälle der Gebirgsstämme abzuwehren, mit 
denen der Gründer zunächst zu rechnen hatte, reichte die 8,57 m 
(mit dem Zinnenkranz 10,37 ni) hohe Mauer vollständig aus. Sie 
ist aus Gufswerk mit kleinen Quadern verkleidet und oben nur 6' 
röm. dick. Die vier Ecken der Umfassung sind nicht abgerundet, 
sondern von Thürmen eingenommen. Mit einem mittleien Abstand 
von 169 m liegen an den Langseiten je 5, an den Schmalseiten je 
6, mithin im ganzen Umkreis 14, die vier Thore eingerechnet 22 
Thürme. Sie messen im Mittel 32' im Geviert und springen 14' 
vor der Mauer vor. Die Thorthürme sind bei gleicher Fronlbreite 
(10,2 m) 80' 23,52 m tief. Die Bestimmung dieser Festung als 
Wegesperre zu dienen drückt sich in ihrer Anlage mit sprechender 
Deutlichkeit aus. Promis hatte sogar angenommen dafs sie im 
Unterschied von dem herkömmlichen Schema des Feldlagers und zur 
grofsen Unbequemlichkeit ihrer ehemaligen Bewohner ursprünglich 
nur an den Schmalseiten je ein Thor durch welches die Alpenstrafse 
ein- und ausmündete, gehabt habe: erst im Mittetalter seien an den 
Langseiten vier weitere Thore durchgebrochen worden. In Wirk- 



1) Strabo IV 206 Dio Uli 25. 26 Plin. Ill 123 Ptol. III 1,30 CIL. V p. Töefg. 
Pais suppl. p. 119 fg. 



172 Kapitel II. Die Transpadana. 

lichkeit aber entspricht die Anlage der Regel und mündet im letzten 
Drittel die via principalis nach Nord und Süd durch Thore ausJ) 
Den Thoren hat der Erbauer seine besondere Sorgfalt zugewandt. 
Wenn der Angreifer auch die äufseren Fallgitter gesprengt halte, so 
gelangte er damit zunächst in einen an beiden Seiten von mehr- 
stückigen Thürmen bestrichenen und eingefafsten Hof den nach der 
Stadt zu ein zweites Gilter verschlofs. Das westliche Thor ist seit 
181U verschwunden, das östliche (von den Neueren mit Recht Porta 
Praetoria benannt) mit drei Durchgängen steht noch als leuchtendes 
Beispiel augustischer Baukunst da. Auch die alte Brücke über den 
Buttier ist vorhanden, ferner zwischen ihr und dem Thor ein Ehren- 
bogen: nach Promis' Vermutung derselbe den Roms Senat und Volk 
nach der Unterwerfung der Salasser dem Kaiser weihte. Die Land- 
slrafse durchzieht in der stattlichen Breite von 32' 9,46 m die 
Stadt von Ost nach West und theilt sie als Decumanus maximus in 
zwei gleiche Hälften. Der Decumanus wird unter rechtem Winkel 
von den Kardines geschnitten welche die Thore und Thürme der 
Langseiten mit einander in Verbindung setzen. Im Uebrigen ent- 
zieht sich der Bebauungsplan unserer näheren Kunde: wir mögen 
ihn nach der Art Turins ausgeführt denken. Die öffentlichen An- 
lagen scheinen der Nordhälfte anzugehören: ein etwa 300' im Ge- 
viert hallender an drei Seiten von Magazinen (horrea) umgebener 
Marktplatz, Thermen, ein Theater, endlich in der nordöstlichen Ecke 
der Umfassung ein Amphitheater (86,14 X 73,86 m). 

Das Gebiet der Stadt wird wie der heutige Kreis 3266 Dkm, 
an 60 d. D M. befafst und scheint wie bemerkt (1 80) bis auf die 
Pafshöhe gereicht zu haben. Der Gang der Slrafse nach dem 
Grofsen Bernhard ist unsicher: vermutlich stieg sie vom nördlichen 
Stadtthor aus der heutigen Fahrstrafse entsprechend am rechten 
Ufer des Buttier an. Von S. Remy ab, wo die in der Peutinger- 
schen Karle verzeichnete Station Eudracmum gesucht wird, fällt sie 
mit dem jetzigen Saumpfad zusammen: diese letzte steilste Strecke 
ist auch heule nicht fahrbar. Die Entfernung von Aosla bis zum 
Summus Poeninus wird richtig auf 25 Millien bezilfert.2) — Von 
der Fahrstrafse nach dem Kleinen Bernhard sind verschiedene üeber- 
reste, Brücken Felsdurchschnitte Unterbauten sichtbar. Sie ging 

1) Not. d. Scavi 1894 p. 367, 1895 p. (J7, 1899,p. 108 mit verbessertem Plan. 

2) It. Aiit. 351; Tab. Peut. fügt irrig weitere 13 Millien ein. 



§ 3. Die Libiker. 173 

bei Villeneuve auf das rechte Ufer dor Dora über, erreichte 25 Millien 
von Aosta die Station Arebrigium Derby ^), wandte sich bei S. Didier 
südwärts über Ariolicum Thiiile-) auf das Joch in Alpe Graia AI 
Millien von Aosta. Von dem Namen des Jochs war I 147, von der 
Strafse I 159, von der Ungevvifsheit wie die Grenze zwischen dem 
cotlischen Joch und der Feldmark von Aosta zu ziehen sei , oben 
S. 152 die Rede. 

$ 3. Die Libiker. 

Die poeninischen Alpen vom Mont Blanc (45" 50') bis zum 
Monte Rosa (45'' 56') streichen in vvestüstlicher Richtung; von hier 
bis zum S. Gotthard (46*^ 33') wendet sich die Hauptkette nach Nord 
und Nordost. In Folge dessen sind die Thäler gen Süden geöffnet, 
strömen die Flüsse nach derselben Himmelsgegend, nur dafs sie bei 
ihrem Eintritt in die Ebene der allgemeinen Bodensenkung ge- 
horchend ostwärts abgelenkt werden und unter spitzen Winkeln in 
den Po einfallen. Unter allen Nebenflüssen des Po ist der JjcmMs') 
weitaus der mächtigste (I 187). Seit dritthalb Jahrtausenden wird er 
in der Kriegsgeschichte genannt 4): nach der keltischen Sage ward 
in seiner Nähe die Schlacht geschlagen welche den Etruskern die 
Lombardei entrifs; sein breites und tiefes Bette deckte 218 v. Chr. 
den Rückzug der Römer nach der Niederlage die ihnen Hannibals 
Reiterei beigebracht hatte. Er stellt einen natürlichen Abschnitt in 
der padanischen Ebene dar. Wie er politische Bildungen der Neu- 
zeit, Piemont und Lombardei, Mailand und Novara von einander 
trennte, so spricht auch alle Wahrscheinhchkeit dafür dafs er einst 
als Völkergrenze gedient hat. Freihch können wir nicht daran 
denken die Sitze der alten Stämme genau zu umschreiben : aber die 
Ueberlieferung gestattet die Ebene zwischen Dora und Ticino als 
eine Einheit zu betrachten. — Als Hauptvolk diesseit der Alpen 
nennt Polybios neben den Tauriskern die Agones.^) Man sieht den 
Namen zu Unrecht als verderbt an; denn er hängt augenscheinlich 
mit dem Flufs Agunia Agogna, an dem Novaria hegt, zusammen. 



1) It. Ant. 345. 47 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 30 Guido 12. 

2) Tab. Peut. 

3) Polybios bei Strab. IV 209 nennt ihn fieyar. Die Schilderung Sil. lt. 
IV 81 entspricht der Wirklichkeit nicht. 

4) Liv. V 34,9 Pol. III 64fg. Liv. XXI 45fg. 

5) Pol. II 15,8. 



174 Kapitel II. Die Transpadana, 

Aber das weitere Gedächtnifs dieses Volkes ist durch andere Stämme 
verdrängt worden. An seiner Stelle treten die Libici oder Libui 
um Vercellae und Laumellum hervor, Abkömmlinge der keltischen 
Salluvier.i) Der Sage nach sind sie mit den Laevern am Tessin 
zusammen eingewandert. Die Gründung von Novaria aber wird den 
keltischen Vertamacori beigelegt 2) : ihr Name kehrt bei einem Gau 
der Vocontier wieder und wird dort in dem heutigen Vercors ge- 
sucht. In Novaria ist sowol eine keltische als eine griechische In- 
schrift guter Zeit aufgefunden worden 3), zum vollgültigen Beweise 
dafs die Cullur hier verhältnifsmäfsig früh Fufs gefafst hatte. — 
Den Anlafs bot das Gold das nach den vorhandenen Spuren einst 
bei Biella (410 m) gebaut wurde. Die Gruben waren, wie das Vor- 
kommen dieses Metalls mit sich bringt, unter Augustus erschöpft: 
für ihre vormalige Ergiebigkeit zeugt ein von den Censoren an die 
Grubenpächter ergangenes Verbot mehr als 5000 Arbeiter zu be- 
schäftigen. 4) Der römische Staat hat diesen Schatz erst nach dem 
hannibalischen Kriege sich dauernd aneignen können, aber bereits 
vorher zu erfassen gesucht, wie auch die 218 aufgenommene Gold- 
prägung bekundet. In dem 225 — 22 v. Chr. geführten Kriege welcher 
die Eroberung des Polandes einleitete, halten die Römer den Markt 
Victumulae befestigt, wo alsbald zahlreiche Ansiedler verschiedener 
Stämme sich niederliefsen.ö) Hannibal zerstörte denselben im Winter 
218/17 von Grund aus. In der Folge wird der Ort noch als Mittel- 
punct des Minendistricts genannt, erlangte aber kein Stadtrecht und 
mufste wie es scheint seine Bedeutung an die 100 v. Chr. ge- 
gründete Colonie Eporedia abtreten. Es wäre namentlich für das 



1) Pol. II 17,4 yteßsxioi, Plin. lil 124 Fercellae Libiciormn ex Salluis 
ortae, Ptol. III 1,32 ylißixoi. Liv. V 35,2 (vgl. I 477 A. 1) XXI 38 XXXIII 37 
Libui. Poiybios und Livius betonen die keltische Nationalität der Libiker. 
Wenn die Stammväter die Salluvier Ligurer heifsen (Plin. III 47), bei Anderen 
Gallier (Liv. LX), so rührt dies entweder daher dafs die älteren Hellenen die 
Kelten unter dem Namen Ligurer mitbegreifen (I 468) und erst in jüngerer Zeit 
beide Nationen unterschieden werden Strab. IV 203, oder auch daher dafs die 
Ligurer als Unterthanen den Hauptstock der Bevölkerung ausmachten. 

2) Plin. 111 124, Cato weist sie nach dem älteren Sprachgebrauch (S. 163) 
irrtümlich den Ligurern zu. 

3) CIL. V p. 720. 

4) Strabo V 218 Plin. XXXIII 78. 

5) Liv. XXI 57 handschriftlich Fictumvias zu verbessern nach Diod. XXV 
n OvDtTOfisXav; Liv. XXI 45 Ficotumulis ; Strab. V 218 ' IxrovjuovXaiv; Plin. 
XXXIII 78 Fictumularum ; Geogr, Rav. IV 30 Fictimula. 



§ 3. Die Libiker. 175 

Verstäodnifs der Kriegsereignisse von 218 von Wert die Lage genau 
zu ermitteln: leider fehlen jedoch inschriftliche Zeugnisse und lauten 
die Angaben der Schriftsteller unbestimmt. Der Name erinnert an 
den ßuvius Victium (Cervo?) welchen die Peutingersche Karte öst- 
lich von Vercelli verzeichnet. Ferner versetzt der Geograph von 
Ravenna den Ort in die Mähe von Ivrea.i) Darnach wird man 
ihn in nordwesthcher Richtung von Vercelli nach Biella hin zu 
suchen haben. Er gehörte späterhin zur Feldmark von Vercellae, 
wird aber von Livius nicht mit Unrecht dem Gebiet der Insubrer 
zugewiesen, insofern die Hegemonie dieses Volks im J. 218 sich 
bis an die Grenzen der Tauriner erstreckte. Der damals zwischen 
Taurinern und Insubrern tobende Krieg war für Hannibals Ver- 
halten mafsgebend-): nach der Erstürmung Turins rückte er zu- 
nächst auf VicLumulae zu, mufste aber vorläufig diese Beute in Stich 
lassen, als das römische Heer von Placentia her den Ticinus über- 
schritten hatte. Die erhaltenen Berichte gestatten nicht die Be- 
wegungen Schritt für Schritt zu verfolgen , noch das Schlachtfeld 
ausfindig zu machen auf dem die rönniscbe Reiterei von der kar- 
thagischen geworfen wurde. Die nämliche Unsicherheit herrscht in 
Betreff des campus Raudius den Gaius Marius am 30. Juli 101 v. 
Chr. mit dem Blut der Kimbern düngte: er lag im Gebiet von Ver- 
cellae und war für die Entfaltung von Reiterei geeignet. 3) 

Das Gebiet zwischen Dora Baltea und Tessin entspricht der 
heutigen Provinz Novara und begreift einen Flächeninhalt von 
6613 Dkm 120 d. QM. Davon entfällt reichUch die Hälfte auf die 
Ebene. Die ausgedehnten Reisfelder welche Vercelh und Novara 
umgeben, verkünden die Beschaffenheit derselben (I 415). Ohne 
Zweifel ist die Niederung im Altertum weit sumpfiger gewesen als 
heut zu Tage und hat die städtische Entwickelung vielfach gehemmt. 
Die grofse Durchgangstrafse welche Italien mit Gallien verband, 
läuft am nördlichen Uferrand des Po.^) Sie erreicht 23 iMillien 
von Turin bei der Mündung der Dora Baltea die Ortschaft Qua- 



1) G. R. IV 30 iuxta Eporeiam non longe ab Alpe est civitas quae dicilur 
Fictimula, Guido 14. 

2) Pol. III 60,8 Liv. XXI 39. 

3) Plut. Mar. 25; ohne Angabe des Stadtgebiets Veil. II 12 Flor. I 38; un- 
genau Oios. V 16,14, Hieron, ehr. a. Abr. 1915, Glaudian b. Get. 642. 

4) It. Gadit. Anton. 340. 356. Hieros. 557. Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 30 CIL. 
V p. 950. Atti d. Societä di Arch. di Torino 111 p. 232 fg. 



J76 Kapilpl 11. Die Transpadana. 

drata^), nach weiteren 16 Millien Rigomagus Trino, überschreitet 
den Sesites Sesia^) und trifft bei Cuttiae oder Cottiae^) Cozzo 63 
Milli«'n von Turin mit der vom S. Bernhard herkommenden Strafse 
zusammen. Von Cuttiae zahlt man 12 Millien bis Lanmellurn Lo- 
mello.4) Nach diesem Ort wird zwar der ganze District Lomellina 
genannt; jedorli hesafs er unter Augustus kein Stadtrecht, und es 
ist keineswegs sicher dafs er solches von dessen Nachfolgern er- 
langte. Den Alten hiefs die Gegend zwischen Tessin und Po regio 
Aliana und war wegen ihres Flachses berühmt''): der Name lebt in 
dem einige Millien nordöstlich von Lomello gelegenen Dorf Alagna 
fort. Von Laumellum nach Ticinum werden 21 Millien gerechnet 
(Turin — Ticinum 96). 

Die Dora Baltea bei ihrem Austritt in die Ebene hat, wie 1 182 
bemerkt wurde, ihren Lauf verändert. Aller VVahrscheinhchkeit 
nach bestand hier im Altertum ein grOfserer See dessen Namen wir 
nicht kennen. Nördlich von demselben lief die aus dem Thal der 
Salasser kommende Alpenstrafse ') und erreichte 33 Millien von 
Eporedia die Stadt Vercellae Vercelli (131 m).') Am rechten Ufer 
der Sesia, die kurz vorher den Cervo und Elvo aufgenommen hat, 
gelegen beherrscht sie ein weites Hinterland, das durch die Erhebung 
«ler Alpenketle vom Verkehr nach Norden abgesperrt war. Die 
Goldscliälze lockten die Fremden in diese Bergthäler, Die Cultur- 
verhältnisse des Altertums werden durch den Umstand angedeutet, 
dals römische Inschrilten im Gebirg zahlreicher angetrofl'en werden 
als in der Niederung. Jedoch beschränkt sich das Gebirg nalur- 
gemäfs auf Dörfer oder Flecken: wir kennen die Namen einzelner 

1) Nach der Not. Dign. Occ. 121 waren Sarmafen hier angesiedelt. 

2) Flin. III 118 Sesites Ennod. carm. I 1,39 Sessis torrens (vgl. I 180) Geogr. 
Rav.IV36A7*/V/o. 

3) Cnltiae It. Gad. CIL. XI 3281—84 Tab. Pent., Cottiae It. Ant. 340 Hieros. 
557, Cosliae Geogr. Rav. IV 30. 

4) Ptol. III 1,32 Ammian XV 8,18 Paul. h. Lang. III 35 Itinerarien CIL. V p. 
715, Pais suppl. p. 115. 

5) Plin. XIX 9. 

ti) It. Anton. 344. 347. 350 Tab. Peut. 

7) Cic. Farn. XI 19 Slrab. V 218 Plin. III 124 Ptol. III 1,32 Tac. Bist. 1 70 
Plnt. Mar. 25 Martial X 12 Sil. It. VIII 597, Ammian XXII 3,4 rercellum Not. 
Dign. Occ. 121 Hieron, Episl. I 3 CIL. V p. 735 Pais suppl. p. 118. Der Name 
der Stadt kehrt im pagus f^ercellensis des Gebiets von Placentia wieder CIL. 
XI p. 225. 



§ 4. Die Insubrer. 177 

wie pagus Agaminus Ghemme i) , die gesamte Landschaft zwischen 
Dora Baltea und Tessin enthält nur zwei städtische Gemeinwesen 
die als solche sicher bezeugt sind. Daher mag das Stadtgebiet an 
60 — 80 d. DM. befafst haben. Nichts desto weniger heifst Vercelli 
dem Strabo ein Dorf und erscheint erst bei Tacitus unter den an- 
sehnlichsten Municipien der Transpadana. Als Hieronymus schrieb, 
war es wiederum verödet. Die Bürgerschaft gehörte zur Tribus 
Aniensis. Als Hauptgolt wurde Apollo verehrt.2) — Die günstige 
Verkehrslage hat die Entstehung der Stadt bedingt: von hier läuft 
die Alpenstrafse in südöstlicher Richtung nacli dem 14 MiUien ent- 
fernten Cuttiae und weiter nach Ticinum, während sie sich ostwärts 
nach Mailand wendet. An der letzteren Strecke 16 Millien von 
Vercelli 33 von Mailand entfernt 3) liegt Novaria Novara (164 m) 
das zweite Municipium welches der besprochene Bezirk aufweist. *) 
Seines keltischen Ursprungs ward oben S. 174 gedacht. Es liegt 
am Agunia Agogna der westlich an seiner Mauer vorbeiströmt.-^) 
Der in der Nähe des kleinen Sees von Orta entspringende Flufs 
steht zwar an Länge (140 km) der Sesia gleich, aber an Gebiet 
(2190 Dkm) um ein Viertel nach. Dies natürliche Verhältnifs drückt 
zugleich die gegenseitige Bedeutung von Vercellae und Novaria aus. 
Beide werden von Tacitus zu den hervorragenden Municipien der 
Transpadana gerechnet, aber jenes begegnet öfter in der Üeber- 
lieferung. Novaria gehörte zur Tribus Claudia. Wie weit seine 
Feldmark sich nach Norden erstreckt haben mag, ist nicht zu sagen. 

§4. Die Insubrer. 

Der westliche Teil der Centralalpen vom M. Blanc bis zum M. 
Rosa den wir nach dem Poeninns benennen , sperrt einer un- 
übersteigbaren Mauer gleich Italien gegen die Atifsenwelt ab.*») In 

1) CIL. V 6587. 

2) iMartial X 12 Apollineas Fercellas vgl. Stat. Silv. I 4,58. 

3) It. Ant. 344. 350 Geogr. Rav. IV 30. 

4) Plin. III 124 XVII 212 Tac. Bist. I 70 Suelon d. cl. rhet. 6 Ptol. III 1,29. 
Not. Digr. Occ. 121. Prokop b. Goth. II 12. CIL. V p. 718. Pais suppl. p. 116. 

5) Einen Flufs Novaria erwähnt die Peutingersche Karte irrig statt der 
Stadt. Den alten Namen hat Geogr. Rav. IV 36 erhalten vgl. S. 173. 

6) Freilich sind in der späteren Kaiserzeit auch Glelscherpässe begangen 
worden, wie der am 24. August 1895 auf der Höhe des Matterjochs (3322 m) 
gemachte Fund von 22 um 350 verlorenen Kupfermünzen zeigt (Edward 
Whymper, Museum in Zermatt). V 

Nissen, Ital. Landeskunde 11 . t2 



178 Kapitel II. Die Transpadana. 

den raeliscliLMi Alpen sinkt die Gipfel- und Kammhöhe beträchtlich. 
Auf der 400 km langen Strecke vom M. Rosa bis zum Ortler finden 
sich eine Reihe gangbarer Pässe, Simplon St. Gotthard Lukmanier 
St. Bernhardin Splilgen Septimer Julier Bernina Stilfser Joch, von 
denen (wie I 161 fg. ausgeführt wurde) fünf nachweisbar im Alter- 
tum ausgebaut worden sind. Alle in diesem weiten Umkreis nach Italien 
hineinführenden Strafsen münden in den beiden tiefen Einschnitten 
aus, welche durch den Verbanus und Larius ausgefüllt werden und 
nicht mehr als 50 km von einander abliegen. Die Landschaft die 
von den Abflüssen der Seen , von Tessin und Adda umschlossen 
wird, gewinnt hierdurch die Bestimmung als Durchgangsland zwischen 
Nord und Süd zu dienen. Räumlich betrachtet fällt die Mitte der 
langgestreckten Ebene von den Quellen bis zur Mündung des Po 
weiter OslHch in die Gegend am Oglio und Mincio. Allein der ge- 
samte Abschnitt zwischen Adda und Mincio hat kernen Ausweg 
nach Norden. Ferner steht die von Tessin und Adda umflossene 
Landschaft durch die Einsenkung des Appennins bei Genua in kürze- 
ster und bequemster Verbindung mit der italischen Südsee. — Die 
aufserordentliche Gunst der Verkehrslage wird durch den Reichtum 
des Bodens unterstützt. Die mächtigen Alpenströme verleihen ihm 
unerschöpfliche Fruchtbarkeit und werden zugleich durch die grofsen 
Sammelbecken die ihre Gewässer aufnehmen, daran verhindert in 
der Regenzeit verheerend über die Fluren der Niederung einzu- 
brechen. „Dieses Herzogthumb — heifst es in einer Weltbeschreibung 
von 1576 — wirdt für das beste Herzogthumb der ganzen Christen- 
heit, gleichwie Flandern für die beste Graffschafl"! geacht." Die 
natürlichen Verhältnisse erklären uns warum diese Landschaft von 
den Völkern am heftigsten umstritten worden ist, warum sie das 
machtvollste geschichlhche Leben aufzuweisen hat: in ihr schlägt 
das Herz der padanischen Ebene. Während der älteren Jahrhun- 
derte, als der ganze Norden in unabhängige Stammbünde zerfiel, 
nahm ihr Bund den obersten Rang ein. Durch die römische Er- 
oberung wird sie geraume Zeit in den Schatten gedrängt, da die 
Politik Roms nach allen übrigen Weltgegenden, nur nicht nach 
Mitteleuropa ausschaute. Aber nachdem 15 v. Chr. die Reichsgrenze 
an die Donau vorgeschoben war, hebt ein stetiger Aufschwung an, 
der politische Schwerpunct verschiebt sich allmälich von der Halb- 
insel an den Po, Mailand wird für reichlich ein Jahrhundert die 
Hauptstadt von Itahen. Später errichten die Langobarden ihre 



§ 4. Die Insubrer. 179 

Herrschaft und verleihen der Landschaft den Namen den sie seither 
trägt. Fortab ist der Besitz der Lombardei in den wechselnden 
Kämpfen von Mittelaller und Neuzeit für das Schicksal ganz Italiens 
von entscheidender Bedeutung geblieben. 

Die verschiedenen Nationen welche einander ablösten, haben 
Spuren ihres Daseins zurückgelassen: Raeto-Etrusker, Kelten, Römer, 
Germanen. In den. Alpenthälern sind etruskische Inschriften auf- 
getaucht (I 487). Die heutige Volkssprache weist einen erhebUchen 
Bestand altgermanischer Lehnwörter auf, aber ihr Grundcharakter 
ist durchaus kelto-romanisch (I 475). Unter den gallischen Stämmen 
haben die Insubres die Führung: die Sage zählt all die einzelnen 
Bestandtheile auf aus denen diese Einwanderung zusammen gesetzt 
war, und leitet den Namen von einem Gau der Aeduer her.i) Im 
engeren Sinn wird er von den Schriftstellern auf die Stadt der 
Insubrer und ihr Gebiet d. h. Mediolanum bezogen, im weiteren 
Sinn auf den ganzen Umfang ihrer Hegemonie ausgedehnt. Wir 
sahen (S. 175) dafs dieselbe 218 v. Chr. westwärts bis an die Grenze 
der Tauriner reichte. Ptolemaeos schreibt den Insubrern die Städte 
Novaria Mediolanium Comum Ticinum zu 2): aber nach besseren 
Gewährsmännern werden drei davon anderen Stämmen beigelegt. 
Wenn also Polybios die Insubrer das gröfste Volk der italischen 
Kelten nennt, so ist dies von ihrer Clientel zu verstehen. Immer- 
hin ist 222 v. Chr. der Widerstand der Transpadaner durch den 
Fall von Mailand gebrochen, und gleichfalls 194 im Weichbild dieser 
Stadt die Unterwerfung endgültig besiegelt worden. 3) — Am unteren 
Tessin um Ticinum safsen die Laevi und Maria, die von Livius 
und Plinius für Ligurer erklärt werden, während Polybios die Laever 
mit den anderen Kelten einv^-andern läfst.*) OestHch davon um Lodi 
safsen Boii, ein Zweig des mächtigen Stammes der in der Aemilia 
wohnte. 5) Die nördlichen Nachbarn der Insubrer, die Comenses 
werden in der Kriegsgeschichte selbständig neben jenen aufgeführt 
und von Cato einem gröfseren Stamm der Orobii beigezählt dem 
auch Bergomum Forum Licini und andere Berggemeinden angehört 



1) Liv. V 34 Pol. U 17. 

2) Ptol. III 1,29. 

3) Pol. II 34 Liv. XXXIV 46. 

4) Pol. II 17,4 yiäoi Liv. V 35,2 Plin. III 124 vgl. 1 473 A 2 477 A 1. 

5) Plin. III 124. 

12* 



180 Kapitel IL Die Transpadana. 

haben sollen.') Eine strenge Scheidung der Alpenvölker nach ihrer 
Ikrkunit ist nicht durchführbar; soweit wir sehen, sind die Lepontti 
Kelten (I 478). die oestlich vom Thal des Tessin wohnenden da- 
gegen Haeter. 

Seit der 396 v, Chr. erfolgten Zerstörung des etruskischen 
Melpum (I 498) ist MedioJanium oder Mediolanum die Hauptstadt 
des Land«»s.2) Der Sage nach wurde sie von den Insubrern sofort 
bei ihrer Einwanderung gegründet: der Name ist keltisch und kehrt 
bei einer ganzen Reihe von Völkerschaften im jenseitigen Gallien 
und Britannien wieder. Bei späten Dichtern wird er von einem 
Wolle tragenden Eber abgeleitet, ohne dafs wir über die zu Grunde 
liegende V^orstellung näheres wüfsten.^) Die Oertlichkeit wurde im 
Hinblick auf die Mündungen der Alpenthäler gewählt: sie ist 50 km 
vom Süd-Ende des Verbanus, 35 km vom Süd-Ende des westlichen, 40 km 
von dem des östlichen Arms des Larius entfernt; sie liegt am linken 
Ufer des Olona^) der vom Lago di Varese herkommt, nicht weit 
von dem Lambrus Lambro s) der aus dem lacus Eupilis (I 182) 
kommt und jenen unterhalb aufnimmt (I 188). Vom Dach des 
Mailänder Doms überschaut man das Hochgebirge in seiner ganzen 
Ausdehnung vom Monte Viso bis zur Ortlerspitze, im Süden die 
Ebene und den Appennin. Derart ist hier ein Mittelpunct des Ver- 
kehrs gegeben von dem die Strafsen nach allen Weltgegenden hin 
auslaufen. Der Abstand der nächsten Städte im Umkreis wird von 
den Itinerarien so bestimmt: nach Novaria 33, Ticinum 22, Laus 16, 
Bergomum 33, Comum 18 (28?) Millien. Die Grenzen des Stadtgebiets 
diesen Nachbarn gegenüber genau festzustellen fehlen die Mittel. 
Da Mediolanum sowohl als Comum zur Tribus Ufentina gehören, so 
versagen die Inschriften, so zahlreich sie auch in dem Hügelland 
südlich von den Seen begegnen, um das beiderseitige Eigentum zu 
scheiden.^) Jedoch erfahren wir von dem Comenser Plinius dafs 



1) Liv. XXXni36. 37; Piin. III 124 die Form des Namens den Alexander 
Polyhistor mit o^oe und ßloe zusammenbrachte, ist nicht sicher überliefert. 

2) Ueber das Schwanken der Namensform CIL. V p, 633. 

3) Sidon. Ap. ep. Vil 17,20 lanigero de sue nomen habent; Claudian nupt. 
Hon. Aug. 182 moenia Gallis condita lanigeri suis ostentantia pellem. 

4) Das Alter des heutigen Namens wird allein durch Geogr. Rav. IV 36 
bezeugt, aber durch ähnliche Flufsnamen beslätigl. 

5) Piin. III 118. 131 Sidon. Ap. ep. I 5,4 ulvosum L. Tab. Peut. Geogr. 
Rav. IV 36. 

6) CIL. V p. 587. 1084 Pais suppl. p. 109 fg. 247. 



§ 4. Die Insubrer. 181 

die Insubrer d. h. Mailänder Feldmark bei 8 Millien Abstand vom 
Larius aufhörte, i) Desgleichen ist das Hügelland westlich vom See 
von Como bis zu dem von Varese der letzteren, nicht der Mailänder 
Gemeinde zugewiesen. 2) Eine gewaltige Erweiterung wurde dieser 
dagegen 15 v. Chr. zu Theil: wir müssen nämlich schliefsen dafs 
der Verbanus und alle Thäler bis zum St. Gotthard hinauf an Mai- 
land fielen, da nirgends eine selbständige Sladtgemeinde begegnet. 
Der Flächeninhalt des Gebiets mag sich hierdurch auf 4500 Dkm 
gestellt haben. 

Das Wachstum Mailands war durch die allgemeinen geschicht- 
lichen Verhältnisse bedingt. Als Hauptort der Insubrer ragte es in 
dem städtelosen verkehrsarmen Lande bereits während der Epoche 
der Unabhängigkeit hervor 3), konnte aber doch mit dem im Süden 
geltenden Mafsstab gemessen für ein Dorf geachtet werden. 4) Der 
Friede den die romische Herrschaft brachte, hob den Ort unmerk- 
lich in die Höhe. Entscheidend wurde die Verleihung latinischeu 
Rechts im J. 89 v. Chr.; denn damit war die Umwandlung der 
Landes- in eine Stadtverfassung, die Abhängigkeit aller insubrischen 
Dorfschaften von Mailand gegeben. Dann folgte 49 v. Chr. die Er- 
theilung des Bürgerrechts und endlich die Erschliefsung der Alpen, 
als Augustus hier gelegentUch sein Hauptquartier aufschlug.^) Dem 
stufenweisen Fortgang angemessen nennt Strabo am Beginn unserer 
Zeitrechnung Mailand und Verona ansehnliche Städte, gröfser als 
Brescia Mantua Bergamo Como, mit Padua freihch nicht vergleichbar. 
Im J. 70 n. Chr. erscheint Mailand an der Spitze der kräftigsten 
Municipien der Transpadana.ß) Seine Bildungsanstalten werden von 
der Jugend anderer Städte aufgesucht.^) Der Angriff der Germanen 

1) Plin. N. H. X 77 vgl. vita Did. Jul. 1,2. 

2) CIL. V p. 587. 

3) Pol. II 34 MeSioldviov . . oansQ äari xv^tcöruTOS rönos ttjs xd>v 
^ Jvaöußqatv xoiQas. Plut. Marc. 7 nohv /ueyiaTTjv xal TtoXvavd'QconordTriv täv 
rahtti.y.öiv. MsSioXavov xaleirai xal firjrgonohv airfjv ol Trße KeXroi 
vofiit,ovaiv. Oros. IV 13,15 ijiler mulla Insubrium oppida Mediolanium 
quoque urbem florenlissimam cepit. 

4) Slrab. V 213 'IvaovßQOi Se xal vir siai. MsSwXdviov S^ s'axov 
ftrjzgojtoXtv, 7td?.ai fiav xcöfii]v {anavrse yaQ coxovv xoifirjSöv) vvv S' a^iöXoyov 
nöXtv. 

5) Sueton Aug. 20 vgl. de gramm. 30 p. 126 Reiff. 

6) Tac. Bist. 1 70. 

7) Plin. Ep. IV 13. Bereits Vergü scheint zum gleichen Zweck nach Mai- 
land gegangen zu sein Suet. p. 43. 55 Reitf. 



182 Kapitel II. Die Transpadana. 

aut die nördliche Reichsgienze erhöht die Wichtigkeit des Platzes. 
Die erste Anerkennung davon äufsert sich in dem Umstand dafs 
zwei Kaiser nach einander — wir wissen nicht welche — das bis- 
herige Municipium mit dem Rang und Titel einer Colonie aus- 
statteten.') Ferner wird Mailand bei der Eintheilung Italiens in 
Provinzen Hauptstadt von Ligurien (S. 132)2), nach der Reichs- 
ordnung Diocletians Sitz des praefectus praetorio und vicarius Italiae ^) 
und eins der grofsen Münzämler. Von dem nämlichen Kaiser unter 
die Residenzstädte erhoben, sah es im Laufe des vierten Jahrhunderts 
von Maximian bis Honorius den Hof weit häufiger in seinen Mauern 
als Rom.^) Der weltlichen Macht entsprach die unabhängige Stellung 
welche seine Kirche unter Ambrosius eingenommen und in der 
Folge behauptet hat. Natürlicher Weise hat die Bedeutung der 
Stadt sich in ihrem Aussehen offenbart. Beloch berechnet den von 
der Mauer umschlossenen Raum zu 133 ha: freilich ist die Grund- 
lage der Rechnung unsicher und das Ergebnifs wol viel zu niedrig. 
Nach herkömmlicher Sitte gingen die Mitregenten Diocletians sofort 
daran sie mit Prachtbauten zu schmücken.^) Den Glanz der Kaiser- 
stadt malt Ausonius in seinem ordo urhium nobilium um das J. 390 
aus und weist ihr nach Rom Konstantinopel Karthago Trier, vor 
Capua und Aquileia ihren Platz an: 

Et Mediolani mira omnia, copia verum 
innumerae adtaeque domus facunda virorum 
ingenia et mores laeti, tum duplke muro 
amplificata loci species populique voluptas 
circus et indusi moles cuneata theatri, 
templa Palatinaeque arces opulensque moneta 
et regio Herculei celebris sub honore lavacri: 
cunctaque marmoreis ornata peristyla signis 
moeniaque in valli formam circumdata limbo. 
omnia quae magnis operum velut aemula formis 
excellunt nee luncta premit vicinia Romae. 



1) CIL. V p. 034. 

2) Die Hunnen verwüsten .lord. Get. 222 Mediolanum quoque Liguriae 
metropolim et quondam regiam urbem. 

3) Gothofredus Topogr. cod. Theod. unter Med. Böcking zu Not. Dign. 
<lcc. 440. 

4) Gothofredus a. a. 0. Ammian XIV 10,16 u. o. Eutrop IX 27. 

5) Aur. Victor Caes. 39,45. 



§ 4. Die Insubrer. 183 

Die Verlegung der Residenz nach Ravenna erfolgte 402 n. Chr., 
die Plünderung durch die Hunnen 452. Aber noch im Golhen- 
krieg meldet Prokopi): „Mailand in Ligurien zwischen Ravenna 
und der Alpengrenze, von beiden 8 Tagemärsche entfernt gelegen, 
nimmt unter den Städten des Westens an Grüfse Einwohnerzahl und 
Wolstand den obersten Rang nach Rom ein, ein Rollwerk des ganzen 
romischen Reichs gegen Germanen und andere Rarbaren". Als die 
Gothen 539 dasselbe bezwangen, metzelten sie die männlichen Re- 
wohner, angeblich 300000 an der Zahl nieder, sandten die Weiber 
in die Sklaverei und machten die Stadt dem Erdboden gleich. 
Durch diesen vernichtenden Schlag wird sie geraume Zeit in den 
Hintergrund gedrängt. 

Mailand liegt in der Ebene 123 m ü. M. und war für seine 
Rauten wesentlich auf Rackstein angewiesen. Es ist zu wiederholten 
Malen, namentlich 1162 durch Friedrich Rarbarossa von Grund aus 
zerstört worden und in unverwüstlicher Lebenskraft immer von 
neuem aufgeblüht. Diese Umstände erklären warum von der alten 
Herrlichkeit so wenig übrig gebUeben ist. Das hervorragendste 
Denkmal ist eine Halle von 16 korinthischen Säulen bei S. Lorenzo 
die wahrscheinlich zu den von Ausonius besungenen Hercules- 
thermen gehörte. Die genannte Kirche scheint auf den Trümmern 
dieser Anlage errichtet zu sein, wie auch die Gründung von S. Am- 
brogio und S. Eustorgio ins 4. Jahrhundert zurückreicht. Ein be- 
redtes Zeugnifs für den Wolstand des alten Mediolauum legen die 
in grofser Zahl erhaltenen Inschriften ab.'-) Zugleich tritt aus ihnen 
der keltische Charakter der Revölkerung entgegen, der sich einer- 
seits in den Personen- und Ortsnamen anderseits in der eifrigen 
Pflege des Matronen- und Mercurcults äufsert. Man hat die in der 
Lombardei häufigen Ortsnamen welche auf ate endigen — sie kommen 
bei mehr als 100 Gemeinden vor — aus dem Germanischen ab- 
leiten wollen. Ihr keltischer Ursprung wird durch die Inschriften 
erhärtet: die Einwohner von Modicia dem später als Krönungsstadt 
berühmten Monza heifsen Modiciates 3), diejenigen des südlich vom 
See von Varese belegenen Dorfs Montonate Montunates ^) , eines 
anderen Dorfs unbekannter Lage Corogennates'^) usw. Eine keltische 



1) Prokop b. Goth.117. 21. 

2) CIL. V p. 617. 1086 Pais suppl. p. 112. 247. Kaibel inscr. Gr. 2293— 99. 

3) Paul. h. Lang. IV 21 u. o. CIL. V 5742. 

4) CIL. V 5604. 5) CIL. V 5907. 



134 Kapitel II. Die Transpadana. 

Ansiedliing am westlichen Ufer des Verbanus bei Chignolo der 
Isüla bella gegenüber wird durch 5 Grabschriften erwiesen. i) Ferner 
führt uns die Verbreitung der Inschriften die verschiedene Art des 
Anbaus und der Besiedking in der Mailänder Feldmark anschauUch 
vor Augen: sie begegnen in dem lieblichen für Baumzucht vor- 
züglich geeigneten Gelände das südlich von den Seen hingelagert 
ist, ebenso zahlreich wie in der auf Weidewirfschaft angewiesenen 
Niederung selten. Die Lage folgender Ortschaften ist bekannt: 
Modicia Monza 12 Millien Nordost von Mailand, Argentia an der 
Strafse nach Bergamo in der Gegend des heutigen Gorgonzola 2), 
Sibrium Castel Seprio südlich vom See von Varese^), Sebuinum 
Angera am Ost-Ufer des Verbanus. 4) 

Der lacus Verbanus wird selten von den Alten erwähnt''), weil 
er vom grofsen Verkehr abseits lag. In Folge dessen giebt Polybios 
die Länge zu klein auf 300 Stadien 53 km an : sie beträgt gegen- 
wärtig noch 64,6 km (I 181. 87). Die auf ihn ausmündenden Thäler 
sind erst 15 v. Chr. unterworfen worden. Mit den in der Sieges- 
schrift genannten Focunates bringt man den Namen der Ortschaft 
Vogogna im Thal des Toce (l 187) vermutungsweise in Verbindung. 
Das Thal ist arm an Inschriften •>) ; doch befindet sich darunter die 
wichtige welche für die Begehung des Simplon einen Anhalt ge- 
währt (I 161). Das Hauptthal des am St. Gotthard entspringenden 
Ticinus heifst Valle Leventina und bewahrt in diesem Namen das 
Andenken an die Lepontü die gleichfalls 15 v. Chr. besiegt wurden.') 
Nach Aussage der Alten entsprangen Rhein und Rhone in ihrem 
Gebiet, Plinius betrachtet die in der Siegesinschrift selbständig auf- 



1) Atti della Societä di Archeologia di Toiino VII p. 56. Die Inschriften 
bedienen sich theils des einheimischen theils des lateiuischen Alphabets. 
Lateinische Inschriften derselben Gegend CIL. V p. 732. 1088 Pais suppl. p. 
118. 248. 

2) It. Hier. 558. 

3) Geogr. Rav. IV 30 CIL. V p. 610. 

4) CIL. V p. 590. Pais suppl. p. 110. 

5) Strabo IV 209 Plin. II 224 III 131 1X69, die Schreibung schwankt 
zwischen Ferbatinus und f erbanus. 

6) CIL. V p. 734. Den Namen des Thals Ossola mit dem Hauptort Domo 
d' Ossola will man in Ptol. III \,'i^ ylrjTiovTiwv iv Koriiais'AXneaiv'OaxeXa 
wieder erkennen. Allein in dieser verwirrten Angabe ist offenbar das cottische 
Ocelum (S. 150) gemeint. 

7) Caes. b. Call. IV 10 Slrab, IV 204. 20G. Plin. HI 134. 5. 7. 



§ 4. Die Insubrer. 185 

geführten Uberi an der Rhonequelle als einen Zweig der Lepontier: 
mithin mufs sich dieser Stamm ziemlich weit erstreckt haben. 
Einen anderen Zweig desselben dürfen wir in den Mesiates ') im 
Val Mesocco, dem Thal der Moesa suchen, aus welchem die Römer- 
strafse über den Bernhardin nach Chur führt (I 162). Unterhalb 
der Vereinigung von Moesa und Tessin liegt Bilitio Bellinzona^), 
die sich ausbreitende theilweise sumpfige Ebene hiefs campi Canini.^) 
Zum Gebiet von Mailand gehörte auch der lacus Ceresiiis See von 
Lugano ^) der durch die Tresa nach dem Verbanus abfliefsl. Die 
Umgegend hat wenige lateinische aber mehrere etruskische Grab- 
schriflen ans Licht gefordert: zum Beweis dafs hier die raetische 
Nation sich behauptete (I 487). Am Südost-Ende des Sees bei 
Riva S. Vitale lag eine Ortschaft der Subinates.'^) Von den Kelten 
am Verbanus war oben die Rede. 

Wichtiger als der Verbanus ist für die Alten der Larius ge- 
wesen, da von ihm die drei Rümerstrafsen über Splügen Septimer 
und JuUer ausliefen. Die Comenses wurden 196 v. Chr. in Gemein- 
schaft mit den Insubrern vom Consul M. Claudius Marcellus be- 
zwungen. 6) Die Stadt Comum soll von den Galliern nach Ver- 
treibung der Etrusker gegründet sein ''), nach Cato von dem Stamm 
der Orobier (S. 179). Sie hatte von den raetischen Bergstämmen 
andauernd viel zu leiden. Gnaeus Pompeius Strabo siedelte hier 
89 V. Chr. oder bald darauf eine latinische Colonie an, die nach- 
träglich um 3000 Manu verstärkt wurde ohne dem Uebel steuern 



1) Allein auf der Peutingerschen Karte erwähnt: trotz der Verzeichnung 
derselben ist an der Richtigkeit der von Cluver p. 100 aufgestellten Gleichung 
nicht zu zweifeln. 

2) Gregory. Tours X 3, darnach Paul. Diac. h.Lang.III 31 ; Bellitiona Geogr. 
Rav. IV 30, Bellinciona Guido 14. 

3) Gregor v. Tours X 3 Sidon. Apoll, carm. 5,376; irrig an den Bodensee 
verlegt von Ammian XV 4,1. 

4) Die Beschreibung bei Gregor v. Tours X 3 ist mit Recht von Cluver 
auf diesen See bezogen worden , da sie auf keinen anderen zutrifft. Die 
Langobarden erwarten den von Beliinzona vorrückenden Feind in vortrefflich 
gewählter Stellung an der Tresa die aus dem Luganer in den Langen See 
einfliefst. Die Schreibung schwankt zwischen Cevesius und Coresius. Der 
lacus Clisius der Peutingerschen Karte kann auf verschiedene andere Seen 
gehen, nur nicht auf diesen. 

5) Pais suppl. 1287. 

6) Liv. XXXIU 36. 37. 

7) Justin XX 5,8. 



136 Kapitel II. Die Tianspadana. 

ZU können J) Dann liat Caesar während seiner Statthalterschaft 
eine Bürgercolonie angelegt, in deren Listen 5000 Ansiedler, darunter 
500 angesehene Hellenen sich eintragen liefsen. Die Gegner haben 
51 V. Chr. das Bürgerrecht der Leute bestritten, aber ohne Erfolg, 
Seit dieser Umwandlung führt die Stadt bei den Zeitgenossen den 
Namen Novum Comum'^) wie in den bekannten Versen CatuUs: 

Poetae tenero meo sodali 

velim Caecilio papyre dicas: 

Veronam veniat Novi relinquens 

Comi moenia Lariumque litus. 
Den Zusatz läfst sie wiederum fallen , nachdem sie durch die 
Ordnungen des Augustus nur als Municipium anerkannt wurde. 3) 
Ihren Ruhm in der Kaiserzeit verdankt sie zwei in der Litteratur 
ausgezeichneten Sühnen, dem älteren ^) und jüngeren Plinius. Der 
letztere hat bedeutende Mittel zu gemeinnützigen Zwecken ver- 
Avandt und in der Bethätigung seiner Heimatsliebe auch Nachahmer 
gefunden.^) Die Bewohner der Gegend sind durch ihre Leistungen 
im Bauhandwerk bekannt, in dem Grade dafs der Name Comacini 
bei den Langobarden die allgemeine Bedeutung von Maurer an- 
nimmt.^) Endlich war Haustein bequem genug zur Hand. Trotz 
alledem sucht man in der anmutig am Seeufer gelagerten Stadt 
(199 m) vergebens nach antiken Bauwerken: die in Menge ans Licht 
geforderten Inschriften zeugen allein von der Römerzeit. 7) Am 
Ausgang des Reiches Grenzfestung §), ist sie wiederholt erobert und 
zerstört worden , hat aber auch in friedlichen Jahrhunderten ihrer 
ganzen Lage nach nur ein Durchgangsplatz, nicht Sitz des grofsen 
Verkehrs sein können. Um 400 n. Chr. befehligte in Comum ein 
kaiserlicher Admiral.^) Aeltere Inschriften lehren uns eine Schiffer- 

1) Strabo V 213. IV 206. 

2) Cic. an Alt. V 11,2 Farn. XIII 35,1, Catull. 35 vgl. fr. 4, Strab. V 213, 
Suet. Gaes. 28, Plut. Caes. 29, App. b. civ. II 26. 

3) Gleichmärsig bei den Schriftstellern wie auf Inschriften der Kaiserzeit. 
Vereinzelt Novocomensis im Leben des Plinius Suet. p. 92 Reifferscheid. 

4) Plin. II 232 ill 124. 131. 132 IX 69 X 77 XXXIV 144 XXXVI 159. 

5) CIL. V 5262. 79 Plin. ep. I 3 IV 13 V 11. 

6) vgl. das edictum Liutprandi regis de mercedibus comacinorum, Mon. 
Germ. bist, leges IV 176. 

7) CIL. V p. 566 fg. 1083. Pais suppl. p. 94-109. 

8) Cassiod. var. XI 14 munimen clauslrale provinciae. 

9) Not. Dign. Occ. 118 dazu Böcking. 



§ 4. Die Insubrer. 187 

gilde, Weihungen an Neptun und die Wassergötter, sowie ein jährlich 
dem Neptun gefeiertes Hauptfest kennen, i) In der That war der 
See und die grofse Naturslrafse die er darbietet, für das Gedeihen 
der Stadt von entscheidender Bedeutung. 

Der lactis Larius, zuerst bei Cato und Polybios erwähnt 2), 
heifst seit dem späten Altertum lacus Comacinus oder Comacenus.^) 
Der Reisende welcher von Mailand nach dem Norden wollte *), be- 
stieg in Comum, wenn er die umgekehrte Richtung einhielt, in 
Summo lacu Samolaco s) ein Schiff. Die Länge der Fahrt wird von 
allen Gewährsmännern von Cato bis Cassiodor^) auf 60 Millien 
89 km angegeben statt 64 km. Polybios ermäfsigt zwar die Zahl 
mit Recht auf 400 Stadien 71 km, theilt aber auch seinerseits den 
verbreiteten Irrtum wonach der Larius gröfser sein sollte als der 
Verbanus.'') Wie stark beide, insonderheit der erstere durch die 
Thätigkeit der Flüsse im Lauf der Jahrhunderte verkürzt worden 
sind, haben wir früher (I 180) dargelegt. Die den Larius einfassen- 
den Berge steigen bis 2200 m an und fallen vielfach so schroff zum 
Seethal ab, dafs der Landweg am Ufer von den Allen gar nicht 
kunstmäfsig ausgebaut worden ist. Die Fahrt wird um den Anfang 
des 5. Jahrhunderts®) so geschildert: 

protinus, umbrosa vestit qua litus oliva 
Larius et dulci mentitur Nerea ßuctu, 
parva puppe laciini praetervolat ; ocius inde 
scandit inaccessos hrumali sidere montes 
Uli hiemis caelive memor. 
Der Oelbaum dessen Pflege am Larius auch anderweitig ver- 
bürgt wird 9), bedarf hier im Winter des künstlichen Schutzes: 



1) CIL. V 5258.79.95.5911. 

2) Strab. IV 209 Cato bei Servius V. Georg. II 159. 

3) Zuerst It. Ant. 278, dann Paul. h. Lang. V 39. 

4) Die Entfernung von Mailand nach Comum wird mit 18 Millien (It. Ant. 
278) zu niedrig, mit 35 (Tab. Peut.) zu hoch angesetzt vgl. S. 180. Ein Meilen- 
stein dieser Strafse CIL. V 8056. 

5) It. Ant. 277. 

6) Cato bei Servius Georg. II 159. It. Ant. 279. Tab. Peut. mit verstellter 
Zahl. Cassiod. var. XI 14. 

7) Vgl. S. 184 Verg. Georg. II 159 an erster Stelle te Lari maxime. 

8) Claudian b. Get. 319. 

9) Ennod- Ep. I 6 p. 14 Hartel riparum Larii conßnia canis ornasse 
nemoribus. Cassiodor a. 0. 



188 Kapitel II. Die Tianspadana. 

nach Ansicht der Alten war sein Gedeihen an die Nähe des Meeres 
gebunden (I 422). AVenn er nichts desto weniger am Ausgang des 
Altpptums an lombardischen Seen eingebürgert erscheint, so erkennt 
man darin die Ausdauer und das Geschick der römischen Pflanzer. Die 
Schönheit der Ufer übte in der Kaiserzeit eine wachsende Anziehung 
aus. IMinius meldet von Landhäusern auf der Höhe wie am Gestade: 
die Angel wurde aus dem Fenster in den fischreichen See ge- 
worfen.') Jedoch läfst er ihn noch von mächtigen Wäldern ein- 
gefafst sein.-) Die Umwandlung der Walder in Gärten ging mit 
dem Aufschwung Mailands Hand in Hand: die Weltstadt suchte in 
dieser lieblichen Natur ehedem wie jetzt ihre Erholung. 3) Von den 
Ortschaften des Larius erinnert Ossuccio an die Ausuciates^); ferner 
Galliano an die Braecores Gallianates. •^) Ersteres liegt unweit der 
kleinen insula Comacina die in der Geschichte der Langobarden als 
Festung eine Rolle spielt.*^) 

Das Gebiet von Comum ist 15 v. Chr. bis zur Kammhöhe der 
Alpen ausgedehnt worden. Wir hören dafs das Volk der Bergalei, 
dessen Name im heutigen Val ßregaglia Bregell oder Bergell, dem 
Thal der Maira sich erhalten hat, von Comum abhängig war und 
wie solches in vielen anderen Fällen wiederkehrt, unter der Regie- 
rung des Tiberius und Claudius einen lange andauernden Rechts- 
streit mit der Stadt führte.') Am Ausgang des Thals wo dieses mit 
dem nach dem Splügen führenden Thal des Liro, Valle S. Giacomo 
sich vereinigt, liegt Clavenna Chiavenna Cläven 8) (332 m ü. M.) als 
Knotenpunct der Strafsen über Splügen Septimer und Julier von 
Wichtigkeit (I 162). Die Ebene von hier bis Samolaco ist 10 km 
lang; sie hat von den üeberschwemmungen des Liro und der Maira 
viel zu leiden. Von der Thätigkeit des Äddua Adda^) war früher 



1) Plin. NH. II 232 IX 69 X 77. Plin. Ep. I 3 II 8 IV 30 VI 24 VII 11 IX 7. 

2) Plin. Ep. II 8 vgl. Ennod. p. 387 Hartel. 

3) Ammiaii XV 2,8 läTst Constantius in Comum verweilen procudendi 
iiigenii causa. 

4) CIL. V 5227. 

5) Pais suppl. 847. 

6) Paul. h. Lang. IV 3 VI 19.21. 

7) CIL. V 5050 Hermes IV 108fg. 

8) lt. Ant. 278 Tab. Peut. Paul. h. Lang. VI 21. 

9J Pol. II 32,2 XXXIV 10,20, Strab. IV 192. 204 V 213 (vgl. I 148 A. 3), Plin. 
II 224 III 118. 131 , Tac. Hist. II 40, Sid. Apoll. Ep. I 5,4 caerulum Adduarn, 
ClaudiaD VI cons. Honor. 195 Addua visu caerulut, Ennod. Ep. I 6 p. 15 Hartel. 



§ 4. Die Insubrer. 189 

die Rede (I 180. 88). Wie das grofse von ihm durchflossene 
Veltliner Thal das durch den Berninapafs mit dem Engadin, durch 
das Stilfser Joch mit dem Vintschgau in Verbindung steht (I 163), 
im Altertum geheilsen habe, wissen wir nicht. Ein hier gefundener 
etruskischer Grabstein (I 487) zeigt die Herkunft der Bewohner an. 
Die berühmten Heilquellen von Bormio die am Fufs des Stilfser 
Jochs 1450 m hoch entspringen, werden als Aguae Bormiae erwähnt '): 
der voo einer Gottheit, wie es scheint, herrührende Name kehrt im 
ligurischen Sprachgebiet wieder (S. 141). 

Von Mailand nach Bergamo werden 33 Millien gerechnet."^) Die 
Strafse überschreitet 20 Millien von Mailand die Adda. Die Brücke 
mit einer anliegenden Poststation erhielt den Namen Pons Aureoli. 
nach dem Gegenkaiser welcher hier 268 n. Chr. von Claudius ver- 
nichtet wurde. 3) Das Dorf Pontirolo hat den Namen bis heute 
bewahrt. Bergomum *) ist von den Kelten nach Vertreibung der 
Etrusker gegründet und vielleicht nach einem Gott Bergimus, dessen 
Verehrung in dem benachbarten Brixia Inschriften bezeugen, benannt 
worden. Ptolemaeos theilt die Stadt den Cenomanen zu, Cato den 
Orobiern: letzterer leitet die Bewohner von einer untergegangenen 
Bergstadt Parra her. Wenn ihm die Lage von Parra mehr hoch 
als glucklich zu sein schien, so läfst sich im Hinblick auf die lom- 
bardischen Schwesterstädte das Gleiche von Bergamo aussagen. Es 
thront hoch und fest mit weitem Ausblick auf einem Hügel (380 m, 
die heutige Unterstadt 240 m ü. M.) und wird trotzdem kaum in 
der Kriegsgeschichte erwähnt.'») Dies rührt daher dafs es keine 
grofsen Verbindungstrafsen beherrschte. Immerhin hat die aus- 
gedehnte Landschaft in alter wie neuer Zeit die Blüte des Gemein=- 
wesens bewirkt, von der zwar keine römischen Bauwerke wol aber 
Inschriften melden. 6) Bergomum war Älunicipium und gehörte zur 
Tribus Voturia. Der umfang seines Gebiets war beträchthch: es 
befafste das Hügelland zwischen Adda und Oglio vom östlichen 
Arm des Larius bis zum Iseosee, die Thäler des Brembo und Sarins 



1) Cassiodor var. X 29. 

2) It. Ant. 127 Hieros. 558. 

3) Vita XXX tyrann 11 Aur. V. Caes. 33 It. Hier. 558. 

4) Streb. V 213 (wo Cluver 'Pr^yiov in BsQyofiov verbessert hat) Plin. III 
124.25 Justin XX 5,8 Ptol. HI 1,27 CIL. V p. 548. Die heutige Form Bergamo 
begegnet zuerst It. Hier. 558, sodann bei Paulus Diaconus neben Pergamus. 

5) Bist, miscella XV 7 XVI 1 Prokop. b. Goth. 11 12. 

6) CIL. V p. 547. 1081 Pais suppl. p. 93. 



190 Kapitel II. Die Transpadana. 

Serio ') Val Brembana und Seriana. Nach den Inschriften zu schliefsen 
isl Clusone im Val Seriana vermutlich in Folge des Bergbaus auf- 
geblüht: wir erfahren dafs in dieser Gegend Galmeigruben im 
Betrieb waren. ^) Von bergomaüschen Dorfgemeinden sind bekannt 
die Anesiates jetzt Nese und Bro{manenses\ jetzt Brumano, beide 
oberhalb Bergamo 3), ferner Tellegatae Teigale 12 Millien östhch an 
der Strafse nach Brixia.4) Das Forum Licini welches Cato den 
Orobiern zuschreibt, ist verschollen»), ebenso das von Ptolemaeos 
allein erwähnte Forum Jutuntornm.^) 

Die Reisebücher zählen 22 Millien von Mailand nach TicinumJ) 
Die Stadt liegt (82 m) am linken Ufer des Ticinus wenig oberhalb 
der Einmündung in den ]*o über den im Altertum eine Brücke 
führte S), an zwei Seiten durch die mächtigen Flüsse gedeckt, ein 
ebenso fester als für die Kriegführung wichtiger Platz. Seit dem 
5. Jahrhundert wird die Form Ticinus gebraucht 9), der dem Flufs 
entlehnte Name weicht sodann in langobardischer Zeit dem heutigen 
Papia Pavia.io) Der Wechsel wird mit der Tribus Papiria der das 
Municipium angehörte, schwerlich etwas zu thun haben, sondern 
aus dem Fortleben einer alten keltischen Ortsbezeichnung im Volks- 
mund zu erklären sein. Von Laevern und Marikern gegründet 
(S. 179), hat der Ort lange Zeit wenig zu bedeuten gehabt, wird 
in <ler äUeren Kriegsgeschichte mit keiner Silbe erwähnt. Sein 
Gebiet ist für oberitalische Verhältnisse beschränkt und beträgt nur 
3 — 500 Dkm. Immerhin mufste der grofse Verkehr ihn in die 
Hohe bringen: er lag 36 Millien von Placentia entfernt ^i), an der 
Strafse welche über die cottische graische und poeninische Alp sich 

1) Geogr. Ray. IV 36. 

2) Plin. XXXIV 2 CIL. V 557. 

3) CIL. V 5203. 

4) lt. Hieios. 558. 

5) Plin. 111 124. 

6) Ploi.lll 1,27 dieLesung schwankt q>.' lovrovvrav* lovyovvrtov ^ Ivrovvxtov 
JiovyowTciv. 

7) It. Ant. 340. 347. 356. Hier. 557 nur 20 Millien. 

8) Prokop. b. Golh. II 25 ; eine Brücke über den Ticinus wird nachgewiesen 
Not. d. Scavi 1894 p. 73. 

9) Namentlich von Ennodius der hier zu Hause war (seine Grabschrift CIL. 
V 6464), Paulus Diaconus Stephanos v. Byzanz u. a. 

10) Paul. Ii. Lang. II 15 Ticinus quae alio nomine Papia appellatur Geogr. 
Kav. IV 30. 

11) Strab. V 217 It. Gadit. Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 30 CIL. V. p. 950. 



§ 4. Die Insubrer. 191 

verzweigend, Italien mit den westlichen und nördlichen Provinzen 
verband; aufserdem begann hier mit dem Unterlauf eine regere Schif- 
fahrt auf dem Po.i) In Folge dessen begegnet er seit Errichtung 
der Monarchie mehrfach in der üeberheferung: ein dem Augustus 
und dessen Angehürigen geweihter Ehrenbogen, von dem wir die 
Aufschrift kennen, beweist dafs es an slatthchen Bauwerken nicht 
gefehlt haben kann. 2) Aber etwa von der Angabe abgesehen dafs 
hier um 400 n. Chr. eine kaiserliche Fabrik von Bogen bestand, 
erfahren wir von dem städtischen Leben nichts Näheres als die 
gewühnhchen Einrichtungen eines Muiiicipium.^) Von den Hunnen 
452 zerstört ^) feierte es seine Auferstehung durch die Gothen. 
Der festen centralen Lage wegen machte Theoderich es zum Boll- 
werk seiner Herrschaft, erbaute eine neue Stadtmauer einen Palast 
ein Amphitheater Thermen. 5) Später zwei Jahrhunderte lang König- 
stadt der Langobarden, im Mittelalter die Stadt der hundert Thürme 
hat Pavia in bewegten Schicksalen die Erinnerung an die bescheidene 
Vergangenheit von Ticinum völlig eingebüfst: nur der regelmäfsige 
Grundplan mit quadratischen Häuserblöcken gemahnt an eine römische 
Anlage. 

Von Mailand sind 16 Millien nach Laus Pompeia.^) Den Namen 
welchen ihm die Boier bei der Gründung beilegten, kennen wir 
nicht; seinen römischen') erhielt es 89 v.Chr. zu Ehren des Pompeius 
Strabo (S. 61). Derselbe nimmt am Ausgang des Altertums die 
Form Laude an, woraus das heutige Lodi entstanden ist.*) Die 
heutige 1158 von Friedrich Barbarossa erbaute Stadt liegt am 
rechten üfer der Adda, in der Nähe wo einst nach Ausweis der 
Weihinschriften ein berühmter Tempel des Hercules sich befand. 



1) Sidon. Apoll, ep, I 5,3 Cassiod. var. IV 45; vgl. Liudprand bist. Ott. 6 
anlap. VI 4. 

2) CIL. V 6416 Tac. Ann. III 5 Bist. II 17. 27. 30. 68. 88 Ammian XV 8,18. 
Aur. Vict. Gaes. 33,28; Plin. III 124 Ptol. III 1,29. 

3) Not. Digii. Occ. 43 CIL. V p. 707 Pais suppl. p. 114. 

4) Jord. Gel. 222. 

5) Exe. Vales. 71 vgl. CIL. V 6418; Chron. min. I p. 300. 18. 19. 24. 28. 34. 
36. 37. 38 III p. 321 ; Cassiod. var. X 27 XII 27, Prokop b. Gotb. II 12. 24. 25. 30. 
III 1. 3. 4 IV 33. 34. 35. 

6) It. Ant. 98. 127. Hier. 617 (wo wegen des ad nonum VII in Villi zu ver- 
bessern ist) Tab. Peut. CIL. V p. 949. 

7) Plin. III 124 CIL. V p. 696 Pais suppl. p. 112. 

8) Itinerarien, Paul. h. Lang. V 2 VI 20. 



192 Kapitel II. Die Tianspadana. 

Die alte von den Mailändern 1151 zerstörte Stadt lag 4 Millien 
westlich davon, jetzt Lodi vecchio (82 m). Sie war Municipium und 
gehorte der Tribus Pupinia an. Die Gegend besitzt vorzügliche 
Wiesen die fünf- ja bis neunmal im Jahr geschnitten werden; aber 
der Umfang des Gebiets ist ähnHch wie bei Ticinum beschränkt 
gewesen. In der üeberlieferung spielt Laus keine Rolle. — In 
Laus trafen mehrere Strafsen zusammen i): nach Placentia 24 Millien 2), 
von dieser abzweigend nach Ticinum 23 Millien 3), endlich nach 
Cremona 35 Millien. 4) An der letztgenannten 22 Millien von Laus, 
13 von Cremona entfernt verzeichnet die Reisekarte Acerrae,^) Der 
Name hat sich in Gera und der Niederung Gerondo (I 182 A.) er- 
balten, ersteres bei Pizzighettone an der Adda gelegen ; die Angabe 
der Entfernungen stimmt. Pizzighettone (46 m) beherrscht den 
Uebergang über die Adda und ist als Bollwerk gegen Mailand von 
den Cremonesen angelegt worden. Acerrae war in dem entschei- 
denden Feldzug 222 v. Chr. Waffenplatz der Gallier, diente nach 
der Einnahme wegen seiner günstigen Lage und Festigkeit den 
Römern in gleicher Eigenschaft. In Friedenszeiten war der Ort 
mit ungesunder Umgebung minder begünstigt, hat auch kein Stadt- 
recht erlangt, sondern vermutlich zu Cremona und somit zur 
10. Region gehört. 



1) CIL. V p. 949. 

2) It. Ant. 127 Hier. 617. 

3) It. Ant. 283. 

4) Tab. Peut. vgl. Geogr. Rav. IV 30. 

5) Pol. U 34 Plut. Marc. 6 Zonaras VIIl 20 Strab. V 247. 



KAPITEL in. 

Yenetia und Histria. 

Während die neunte und elfte Region des Augustus dem näm- 
lichen Stamm, jene dem ligurischen, diese dem keltischen angehören, 
ist von einer Stammeseinheit bei der zehnten nicht die Rede. Sie 
befafst die Nationen der Kelten, Veneter, Raeter, Histrer in ziemhch 
gleichmäfsiger Vertheilung neben einander. Die amtliche Bezeichnung 
lautet Ve7ietia et Histria J) Es lag nahe den IVamen eines so alten 
und angesehenen Culturvolks, wie die Veneter waren, über dessen 
politische Grenzen hinaus auf das gesammte Mündungsland vom Po 
bis zum Isonzo auszudehnen 2) und ihn dann weiter auf die neu- 
gebildete Region zu übertragen. Minder begründet erscheint derZusatz 
et Histria; denn durch die Zutheilung der istrischen Halbinsel bis zum 
Flufs Arsia erhielt Italien nur einen Zuwachs von etwa 50 d. DM. 
Aber vielleicht war der Zusatz ursprünglich in weiterem Sinne be- 
rechnet: die illyrische Küste ist unter der Republik nicht als selbst- 
sländige Provinz, sondern als Anhängsel von Oberitalien verwaltet 
worden^) ; noch in den von Plinius benutzten Censuslisten werden eine 
Anzahl von Bürgergemeinden Illyriens als zur zehnten Region ge- 
hörig aufgeführt.^) ^'acbdem nun 14 n. Chr. die Landesgrenze an 
den Arsia vorgerückt und Illyricum endgillig als Provinz eingerichtet 



1) CIL. V 1582. 2818. 3332. 4327. 4328. 8987. 

2) Skylax 20 Skymn. 391. Nach Liv. XXXIX 22 XLI 27 liegt nicht nur 
Patavium sondern auch Aquileia in f'enetia. 

3) Mommsen, Res gestae Divi Aug.- p. 98. 121. 

4) Plin. III 130 Alutrenses Asseriatcs Flanonienscs Vanienses et Curici 
Nedinates Farvari^ die dann unter etwas anderen Nanaensformen und nach 
anderer Quelle bei Liburnien § 139 wiederkehren. Eine reinliche Scheidung 
der plinianischen Quellen oder Zurückführung der einzelnen Nachrichten auf 
bestimmte Gewährsmänner ist unmöglich, weil alle Anhaltspuncte fehlen. 

Nissen, Ital. Landeskunde. IL 13 



194 Kapitel III. Venetia und Histria. 

wurde, blieb der einmal gewählte Doppelname im Gebrauch und 
läfst sich bis zum Ausgang des Altertums verfolgen. — Die Grenze 
der zehnten Region wird im Süden durch den Po und nach der 
Stromspaltung durch den nördlichen Hauptarm (S. 214) gebildet; 
reicht im Westen an den untern Lauf der Adda^) Acerrae ein- 
schliefsend (S. 192), befafst das Stromgebiet des Oglio; durchschneidet 
im Norden das Thal der Etsch bei Partschins wenig oberhalb Meran, 
das Thal der Eisack bei dem Engpafs Klausen (I 80), folgt hierauf 
der Wasserscheide zwischen dem adriatischen und schwarzen Meer; 
wird endlich nach Osten durch die Adria und den Kiistenflufs Arsia 
bestimmt. Zu der Region des Auguslus gehören ganz oder theil- 
weise vom heutigen Königreich Italien die Provinzen Cremona 
Manlua Rovigo Ferrara Rrescia Verona Vicenza Padua Venedig Tre- 
viso Relluno Udine, von Oesterreich Südtirol Gorz Triest und Istrien. 
Der Flächeninhalt beträgt in runder Ziffer 51000 Dkm 930 d. DM., 
mithin ein Fünftel des ganzen Landes. In jüngerer Zeit gehört 
auch Rergamo zu Venetien, so dafs die Adda vom Comer See ab 
es gegen Ligurien begrenzt. 3) — So sehr diese Region alle übrigen 
an Gröfse überragt, steht sie an Städten zurück. Sie zählt deren 
einige zwanzig wie die achtmal kleinere fünfte, halb so viel wie 
die fünfmal kleinere sechste. Freilich entfalten diese Städte mit 
ihren ausgedehnten Feldmarken eine Lebenskraft, von der man in 
Umhrien und Picenum nichts wufste. Nördlich vom Po standen der 
Schöpfung von Grofsgemeinden keine Schranken hemmend im Wege. 
Aber die Erfolge dieses Verfahrens treten in der zehnten Region 
früher zu Tage als in der elften. Der Glanz welcher in der Kaiser- 
zeit über dem italischen Norden liegt, strahlt zunächst von Venetien 
aus. Es war mehrere Jahrhunderte früher als die Transpadana den 
Einwirkungen der Cultur geöffnet gewesen, hatte römische Sprache 
und Sitten früher und gründlicher sich angeeignet (l 492). Es war 
auch von Natur weit günstiger gestellt als jene: nicht nur durch 
die Nähe der See und die vielfachen Anregungen, welche der See- 
handel mit sich brachte, sondern auch durch sein Verhältnifs zum 



1) Paul. h. Lang. II 14 Fenetiae etiam Histria conectitur et utraeque pro 
iina provincia liabentur. 

2) Paul. h. Lang. II 14 Fenetia enim non soluin in paucis insulis quas 
7iunc l nnetias dicimus conslat, sed eins terminus a Pannoniae ßnibus usque 
yldduam fluvium. protelatur. 

3) Paul. h. Lang. II 14 Bist. misc. XV 7 XVI 1. 



§ 1. Die Cenomanen. 195 

Binnenland. In der ganzen Alpenkette von Westen aus gerechnet 
kommt, wenn man von der Küstenslrafse absieht, kein einziger Pafs 
an Leichtigkeit dem Brenner gleich; noch bequemer als der Brenner 
sind die Uebergänge nach Pannonien (I 150). Derart trug zur Blüte 
der venetischeo Seestädte ein grofses reiches Hinterland bei das 
den transpadanischen fehlte. Erst nachdem der Schwerpunct der 
Vertheidigung gegen die Angrifle der Germanen sich an die obere 
Donau verschob, hat Mailand kraft seiner centralen Lage Padua 
Verona und Aquileia den Bang abgewonnen. — Wir theilen den 
Stoff nach den oben genannten Völkern in vier Abschnitte: im 
Ganzen genommen stimmen die Völkersitze mit der natürlichen 
Gliederung des Landes überein. i) 

§1. DieCeuomanen. 

Nach der keltischen Wandersage hat Etitovius die Cenomani 
über den M. Gen^vre geführt.^) Ihr Name kehrt in der alten Hei- 
mat bei einem Stamm der Aulerker in der Gegend von Le Mans 
wieder.3) Von den Schriftstellern wird er in engerem und weiterem 
Sinne gebraucht. In engerem Sinn bezeichnet er den leitenden 
Gau dessen Hauptstadt Brixia war 4)^ ähnlich wie Insubrer die Stadt 
Mediolanium (S. 179), in weiterem Sinn den Bund an dessen Spitze 
dieser Gau stand. Der Bund befafste im Allgemeinen das Gebiet 
zwischen Venetern und losubrern oder von der Adda bis zur Etsch; 
im Einzelnen mag sein Umfang starken Schwankungen unterworfen 
gewesen sein. Ptolemaeos rechnet im Westen Bergomum (S. 189) 
und Cremona dazu, letzteres auch wie es scheint Plinius.^) Allein 

1) Quellen: Pol. II 17,5 18,3 23,2 24,7 Strab. V 212—218 Mela !I 59—63 
Plin. 111 126—138 Ptol. III 1.21—28 Paul. li. Lang. II 14; CIL. V p. Ifg. Pais 
suppl. p. 7fg:. C. Pauli, Allitalische Forschungen III, die Veneter und ihre 
Schriftdenkmäler, Leipzig 1891. — lieber österreichische Karten vgl. S. 162. 
Von der italienischen Generalstabskarte liegen vor Bl. 9. 11 — 14. 20 — 22. 
24—26. 35—37. 39. 40. 47—53. 61—65. 73—77. 89. 

2) Pol. II 17,4 Liv. V 35.1. Poiybios II 17,4 23,2 24,7 32,4 braucht die 
Form rotofidvoi, Diod. XXIX 14 Stiab. V 216 Ptol. III 1,27 Kevofiavoi. Kel- 
vins Cinna Gell. XIX 13,5 Genumana per salicla. 

3) Caes. b. Gall. VII 75 Plin. IV 107 Ptol. II 8,8. Nach Cato bei Plin. III 130 
ist der Stammsitz der italischen Cenomanen in der Nähe von Massilia gewesen. 

4) Liv. XXXII 30 Brixia Caput gentis. Die römischen Hülfstruppen heifsen 
XXI 25 ßrixiani, eb. 55 Cenomani. 

5) Ptol. 111 1,27 Plin. 111 130. ßergomum wird auch später zur venetischen 
Region gerechnet S. 194. 

13* 



196 Kapitel Hl. Venetia und Histria. 

aus der Kriegsgeschichte erhellt dafs der untere Lauf des Ollius^) 
Oglio 223 V. Chr. Insubrer und Cenomanen trennte.2) Im Osten 
gehört Verona den letzteren, sie sind auch die Etsch erobernd vor- 
gedrungen (1 479). Die Geschichte des Stammes beschränkt sich 
auf seine Waifengemeinschaflt mit Rom; in den langen Kämpfen 
welche seit 225 v. Chr. das letzte Viertel des Jahrhunderts aus- 
füllen, hat er gegen seine kellischen Landleute gefochten. ^j Nach 
der Niederlage Hannibals scheint auch bei ihm das Nationalgefühl 
erwacht zu sein und Freiwillige in die Reihen der Insubrer getrieben 
zu haben; aber die Regierung hielt an der römischen Freundschaft 
fest.^) Während des nachfolgenden Friedens machte die Gesittung 
rasche Fortschritte, bis die Unterwerfung der Alpen 15 v. Chr. den 
Städten einen grofsen Zuwachs an Gebiet und einen entsprechen- 
den Aufschwung des Verkehrs brachte. 

Die Lage der Hauptstadt schildert CatuU ■'') mit den Worten: 

Brixia Cycneae siipposüa speculae, 
fuwos quam molli praemrrü flumine Mella, 

Brixia Veronae niater amata meae. 
Sie lehnt sich an die Vorhühen der Alpen an, wird im Norden 
von dem Castell (245 ni) der alten Arx (Cycnea specula) überragt, 
geht nach Westen und Süden auf ebenen Boden (140 m) über. 
Die Mella (liefst 2 km von ihren Mauern westlich entfernt vorbei, 
den alten Namen bewahrend.*») Die Gründung wird übereinstimmend 
den Kelten zugeschrieben.') Der Name Brixia (in langobardischer 
Zeit bei Paulus Brexia, jetzt Brescia) wiederholt sich u. a. in Bri- 
xellum am südlichen Ufer des Po (Kap. IV 2) und der Völkerschaft 
der Brixentes Brixen in Tirol. Es war die einzige Stadt in dem 



1) Plin. II 224 III IIS. 131 Geogr. Rav. IV 36. 

2) Die Römer ziehen sich von der Addamündung ostwärts in der Richtung 
der späteren Via Poslumia über einen Flufs in das Gebiet der Cenomanen 
zurück. Poiybios II 32,4 nennt den Flufs Klovaiov Tab. Peut. Cleusis Geogr. 
Rav. IV 36 Clesus jetzt Ghiese, überträgt also augenscheinlich auf den Haupt- 
flufs den Namen des nicht viel kürzeren Nebenflusses (I 189): ob irrtümlich 
oder einem allen Sprachgebrauch folgend, ist nicht zu entscheiden. 

3) Pol. II 23. 24. 32 Strab. V 216 Liv. XXI 25. 55. 

4) Liv. XXXI 10 XXXII 30 XXXIII 23 XXXIX 3 Diod. XXIX 14. 

5) Cat. 67,32 mit falscher Lesung percurrit flumme Mella, Gluver It. ant. 
412 verbessert sie. 

6) Verg. Georg. IV 278 dazu Schol. Geogr. Rav. IV 36. 

7) Liv. V 35,1 Justin XX 5,8. 



§ 1. Die Cenomanen. 197 

Landstrich zwischen Oglio und Mincio i): in Folge dessen wurden 
bei der Verleihung latinischen Rechtes 89 v. Chr. sämmtliche Dorf- 
schaften dieser Gemeinde einverleibt. Augustus siedelte eine Colonie 
an, die nach Aussage ihres Namens colonia civica Augusta Brixia 
nicht dem Heer, sondern der bürgerlichen Bevölkerung entstammte.^) 
Wir erfahren dafs derselbe Kaiser und sein Sohn Tiberius die 
Colonie mit Trinkwasser versorgten: auch das heutige ßrescia wird 
in der Güte und dem Reichtum seiner Quellleitungen vun keiner 
italienischen Stadt aufser von Rom übertroffen. — Den unmittel- 
baren Anlafs zur Verstärkung des Romertums scheint die Eroberung 
der Alpenlhäler gewährt zu haben. Die Bewohner derselben, der 
euganeischen oder raetischen Nation zugerechnet, erhielten latinisches 
Recht und eine gewisse Selbstverwaltung, wurden aber der Hoheit 
von Brixia unterstellt. Dies gilt von den Camunni deren Name im 
Val Camonica fortlebt 3): der Oglio durchströmt das Thal in einer 
Länge von 81 km um alsdann in den lacus Sebinus*) Iseo See 
(I 189) einzumünden. Die Camunni werden in der Siegesinschrift 
von Tropaea (S, 138) 7/6 v. Chr. aufgeführt. — Ebenso die Trum- 
flini im Thal der Mella das noch jetzt Val Trompia heifst.^) In 
Betreff der letzteren wird berichtet, sie wären mitsammt ihrem Ge- 
biet verkauft worden. Dies ist jedoch nicht buchstäbhch zu nehmen, 
da nach den Inschriften ein Gemeinwesen des Namens fortbesteht, 
auch vereinzelt eine in demselben ausgehobene Cohorle vorkommt.^) 
— Einen dritten Canton die Sabini im Thal des Chiese Val Sabbia 
lernen wir allein aus Inschriften kennen.") Der Ort Idro der dem 
kleinen vom Chiese durchflossenen See (I 189) den Namen verleiht, 
scheint im Altertum Edrum geheifsen zu haben. S) — Ein vierter 
zu Brixia gehöriger Canton sind die Benacenses am westlichen Ufer 



1) Liv. XXXII 30 schickt der Gonsul 197 v. Chr. in vicos Cenomanorum 
Brixiamque quod Caput gentis erat. 

2) CIL, V 4212. 4309 vgl. Momnisen a. 0. p. 439 Pais, suppl. 1273. Brixia 
war in die von Augustus begünstigte Tribus Fabia (Suet. 40) eingetragen. 

3) Dio UV 20. Nach Cato bei Plin. III 134 Euganeer, nach Strabo IV 206 
Piaeter. CIL. V p. 519 über die Rechtsstellung. Pais suppl. 1284. 

4) Plin. II 224 111 131, die Lesung schwankt Sevinnus Sevinus Sebinnus. 

5) Plin. III 134. 136 CIL. V p, 515. Nach den Inschriften steht als Namens- 
form Trumplini oder Tnumpilini fest. 

6) Allein bezeugt CIL. V 4910. 

7) CIL. V p. 512. 

8) Wie Cluver p. 108 aus CIL. V 4891 schliefst. 



198 Kapitel III. Venetia und Histria. 

des Benacus; sie hatten zahlreichen Inschriften zufolge in Toscolano 
den Sitz ihres Gemeinwesens. 9 — Etidlich kommt ein fünfter Canton 
dessen Namen wir nicht kennen, am nördlichen Seeufer und im 
Sarcalhal hinzu: in Riva dem natürlichen Hafen für die obere 
Hälfte des Sees wird eine Gilde der Schiffer von Brixia erwähnt.2) 

Obwol eine scharfe Bestimmung der Grenzen nicht möglich ist, 

ersieht man doch dafs das Stadtgebiet von Brixia 100 d. D M. oder 
darüber befafste: ein Flächeninhalt der von keiner andern Stadt 
Italiens erreicht wird. Nichtsdestoweniger zählte sie nur zu den 
Städten zweiten Ranges wie Mantua Bergomum Comum, kam weder 
Verona noch Mailand gleich.'^) Der Grund hierfür ist durch ihre 
ungünstige Verkehrslage gegeben. Die nach Norden laufenden 
Alpenthäler führen zu keinem leichten oder bequemen Pafs: vom 
Oglio aus gelangt man an den M. Tonale (1875 m) oder durchs 
Velllin an das Stilfser Joch (2797 m), die beide unseres Wissens 
von den Alten nicht begangen worden sind (I 163), vom Chiese 
aus auf langem Umweg nach Trient an die Brenn erstrafse. Im 
Altertum waren die grofsen Verkehrslinien nach Süden auf Rom zu 
gerichtet. Wol lief eine Reichslrafse von Mailand über Bergomum 
und Brixia nach Verona — Brixia ist von Bergomum 32, von Verona 
42 Millien entfernt^) — aber sie ist erst seit der letzten Hälfte des 
dritten Jahrhunderts von den Kaisern hergestellt und damit als eine 
Hauptverbindung betrachtet worden. In Folge davon schweigt die 
Litteratur von der Stadt. — Freilich genügen die Denkmäler für 
den Nachweis dafs sie zur Römerzeit ein reiches blühendes Leben 
entfaltete. Bauwerke treten weniger zu Tage, weil der heutige 
Boden sehr ansehnlich erhöht ist. Man unterscheidet ein Theater, 
mehrere Kirchen sind über ehemaligen Tempeln errichtet. Am 
Meisten fällt ein dreizelliger Tempel am Abhang der Arx in die 
Augen der 1822 fg. aufgedeckt wurde. Die bei diesen Ausgrabungen 
gefundene schöne Victoria aus Erz kündet in stummer Weise den 
Kunstsinn der Brixianer. Gesprächiger sind die überaus zahlreichen 
Inschriften, ') Wir hören dafs die Bürgerschaft zur Tribus Fabia 
gehörte, wie üblich von Duovirn regiert wurde, den Cultus der ver- 



1) CIL. V p. 507. 1080. 

2) CIL. V p. 524, Pais suppl. p, 89. 

3) Strab. V 213. 

4) It. Ant. 127 Hier. 558 Tab. Peut. CIL. V p. 9421g. 

5) CIL. V p. 426. 1079 Pais suppl. p. 87. 243. Kaibel inscr. Gr. 2302 fg. 



§ 1. Die Cenomanen. 199 

götterten Kaiser eifrig pflegte. Wir hören von mancherlei Zünften, 
z. B. Filzmachern (lanarii coaclores) Wollkrämplern (lanarii pecti- 
narii) Apothekern (pharmacopolae publici), auch von einer jüdischen 
Gemeinde.!) Am Bemerkenswertesten ist das lange Fortwirken 
der keltischen Nationalität, die sich in den Eigennamen und be- 
sonders im Gottesdienste äufsert: nicht nur begegnen Mercur und 
die Matronen in den Weihungen , sondern ganz unbekannte Gott- 
heiten wie Bergimus (S. 189) und Alus oder Dens Alus Saturnus. 
Auch ist die einheimische Sprache noch in römischer Zeit geschrieben 
worden (I 479). Unter den Langobarden Sitz eines Herzogs, im 
Mittelalter kraftige Freistadt hat Brescia den ihm gebührenden Rang 
allzeit behauptet. 

Die Gunst der Verkehrslage kam seinen Nachbarn im Osten und 
Süden zu statten. Den besiegten Insubrern nahmen die Römer 
den Landstrich zwischen Po Oglio und der untern Adda ab um Cre- 
tnona (47 m) zu gründen, das auch in den Kämpfen der Hohen- 
staufen seine ererbte Feindschaft gegen Mailand bethätigt hat. Der 
Name sieht keltisch aus und ist möglicher Weise einer bereits be- 
stehenden Ortschaft entlehnt.2) Placentia und Cremona wurden 
218 V. Chr. bei Ausbruch des hannibahschen Kriegs in grofser Eile 
angelegt 3) als Colonien latinischen Rechts^) mit je 6000 Mann Be- 
satzung. Ihre Aufgabe war die Polinie zu decken und die Ver- 
bindung zwischen Insubrern und Boiern zu zerreifsen.^) Sie haben 
der Aufgabe in dreifsigjährigen Kämpfen vollauf genügt, wenn auch 
unter so schwerer Einbufse dafs 190 v. Chr. 6000 Familien zum 
Ersatz in die beiden Städte gesandt werden mufsten.*^) Cremona 
war ein Knotenpunct des römischen Strafsennetzes: hier mündete 
die 148 v. Chr. erbaute von Genua aus 122 Millien lange via 
Postumia (S 144) ein und setzte sich alsdann über Mantua ostwärts bis 



1) CIL. V 4411 Coeliae Paternae malri synagogae Brixianorum. 

2) Strab. V 247 App. Hann. 7 KQBfioiv, Strab. V 216 Pol. III 40,5 u. A. 
KQSficövri, Ptol. III 1,27 KQeutovia. Der Name erinnert an Cremonis iugum 
(I 147). 

3) Pol. III 40 Liv. XX XXI 25 Vell. I 14 Tac. Hist. I!I 34. 

4) Liv. XXVII 10 XLIV 40. 

5) Liv. XXXI 48 velut clauslra ad cohibendos Galileos tumuUus oppo- 
sitae Tac. Hist. III 34 (Cremona) condita erat . . . propugnaculum adversus 
Gallos trans Padurn agentes et si qua alia vis per Alpes rueret. 

6) App. Hann. 7 Liv. XXVII 10 XXVIII 11 XXXI 10. 21 XXXIV 22 XXX VII 
46. 47. 



200 Kapitel 111. Venelia und Histria. 

A<|iiili'ia fort'); <lie jüngeren Reisebücher verzeichneo eine von Mai- 
land ül)er Laus Acerrae kommende, sowie eine über Brixelliim 
Regium Mulina nach Roiionia gebende Strafse.2) — Eine vielbesuchte 
Herbstmesse wurde und wird noch heutigen Tages in Cremona ab- 
gehahen. ') An der Verbreitung romischer Cultur nahm es hervor- 
ragenden Antheil; seine Bildungsanstalten wurden von der Jugend 
benachbarter Städte aufgesucht. 4) Durch dasjulische Gesetz 90 v.Chr. 
in den Bürgerverband und die Tribus Aniensis aufgenommen, wurde 
Cremona sei es wegen seiner INeutralitäi nach Caesars Tode, sei 
es wegen seiner Parteinahme für die Republik, den Veteranen der 
Triumvirn 41 v. Chr. ausgeliefert^) und führt fortan den Titel 
Tolonie.*) In der Kaiserzeit galt es als eine reiche grofse und 
glänzende Stadt: die schweren Goldgeräte der Tempel, die hohen 
die Mauer überragenden Häuser, die anmutigen Villen vor den 
Thoren legten davon Zeugnifs ab.') Die Herrlichkeit ward von dem 
Strudel des Bürgerkriegs 69 n. Chr. verschlungen. Die strategische 
Wichtigkeit des Platzes forderte im Frühjahr den Angriff der Rhein- 
armee des Vitellius, im Herbst den Angriff der Donauarmee des 
Vespasian heraus. In der Nähe wurden die beiden Schlachten ge- 
schlagen, welche den Thron des Otho wie den des Vitellius stürzten. 
Nach der letzten Schlacht erstürmten dieVespasianer Ausgang October 
die Stadt, die Soldateska schwelgte in Raub und Mord und Brand. 
Vier Tage lang dauerte es, bis die Flamme alle Gebäude, den vor- 
städtischen Tempel der Melitis ausgenommen, zerstört hatte. „Dies 
war das Schicksal Cremona's — fügt Tacitus hinzu — im 286. Jahre 
seines Bestehens. Es war unter dem Consulat des Tib. Sempronius 
und l\ Cornelius da Hannibal Italien bedrohte, gegründet worden 
als Bollwerk gegen die transpadanischen Gallier und sonstigen über 
die Alpen einbrechenden Angrifl'. So wuchs es heran und blühte 
durch die Menge der Ansiedler, die günstige Flufslage, die Frucht- 
barkeit seines Gebiets, durch Verkehr und Verschwägerung mit den 



1) CIL. V 8U45. 7749,8 fg. p. 827. Pais suppl. 125. Tac. Hist. III 21. 

2) Tab. Peul. II. Ant. 283. 

3) Tac. Hist. III 30 magna pars llaliae slato in eosdem dies [Ende Oclober 
ti9 n. Chr.] mercatu congregata vgl. c. 32. 

4) Leben Vergils Suet. p, 55 ReifT. 

5) Probus zu V. Ecl. p. 6 Keil Servius Vorr. zu Bucol. u. Aeneis. 

6) Plin. III 130 Tac. Hist. 111 19. 32 Ptol. III 1,27 Feldm. p. 30. 170 Lachm. 

7) Slrab. V 216 Plut. Otlio 7,1 Tac. Hist. 111 30 fg. Dio LXV 15. 



§ 1. Die Cenomanen. 201 

umwohnenden Vülkerschaften, von äufseren Kriegen unberührt, im 
Bürgerkrieg vom Glück verlassen." Wol ist die Stadt nach jenen 
Schreckenstagen wieder aufgebaut worden, aber die spärhche Zahl 
der erhaltenen Inschriften deutet an, dafs der ehemahge Wolstand 
nicht zurückkehrte. 1) Später wurde sie 603 von den Langobarden 
dem Erdboden gleich gemacht.^) Die Kämpfe des Mittelalters, das 
Fehlen von Haustein erklären warum antike Ruinen vermifst werden. 
Das Gebiet von Cremona läfst sich zwar nicht genau um- 
schreiben, mufs aber zuletzt mindestens einige 20 d. D M. enthalten 
haben, da es die ganze Niederung zwischen Adda (S. 192) und Ogho 
befafste und 41 v.Chr. auf Kosten Mantua's bedeutend erweitert wurde. 
Für die Zeit der Gründung nahmen wir (S. 108) einen geringeren 
Umfang an. — Die Zwillingstadt Placentia ist auf der Via Fostumia 
20 Millien entfernt; ob letztere mittelst einer festen Brücke den 
Po bei Cremona überschritt, wird nicht überliefert. Der Poübergang 
bei Brixellum ist 30, derjenige bei Hoslilia 63 Millien von Cremona 
entfernt; ferner nach Norden Brixia 34 Millien. 3) Die Via Postumia 
nimmt in den Kämpfen des Vierkaiserjahres, die Tacitus nicht ohne 
arge Flüchtigkeiten schildert 4), eine wichtige Stelle ein. Die Be- 
wegungen der Heere waren um so mehr an sie gebunden, als die 
anstofsende Niederung dem Durchmarsch vielfach Schwierigkeiten 
bereiten mufste.^) Am 12. Meilenstein bei Cremona lag im Walde 
ein Tempel des Castort*), am 20. oder nach genauerer Angabe 22. 
das Dorf Bedriacum oder Betriacum unweit des Oglio, das mit Recht 
in der Nähe des heutigen Calvatone (30 m) gesucht wird.') Dafs die 
beiden Schlachten des April und October 69 n. Chr. nach ihm be- 



1) CIL. V p. 413 Pais suppl. p. 242. Soldaten häufig Eph. ep. V p. 253. 

2) Paul. h. Lang. IV 28 vgl. Zosim. V 37,3, Exe. Val. 53, Chron. min. I p. 339. 

3) Tac. Hist. III 27 Brixiana porta. 

4) Hagge, Bemerkungen zu dem Feldzuge des Vitellius und Olho, Kiel 
1864.4. Mommsen, Hermes V 161 fg. 

5) Tac. Hist. III 17. 21. 23. 

6) Tac. Hist. 11 24 Suet. Otlio 9 Gros. VII 8,6. 

7) Bedriacum Tac. Hist. II 23 fg. (an 15 Stellen) Plin. X 135luvenal 2,106 
Gros. VII 8,6 Joseph, b. Jud. IV 9,9; Betriacum Suet. Gtho 9 Vit. 10. 15Vesp. 5 
Plut. Gtho 8. 11. 13 Eutrop. VII 17 Aur. Viel. ep. 15; Velriacum Hieron. ehr. p. 
157 Schoene; Brediaco Geogr. Rav. IV 30; Beloriaco Tab. Peut.; Bebriacum 
Schol. Juv. 2,99. 106. Der Sclioliast giebt die Entfernung zu 20, die Reise- 
karte zu 22 Millien von Crcmona an. Inschriften aus Calvatone CIL. V p. 411 
Pais suppl. p. 86. 243. 



202 Kapitel III. Venelia und Histria. 

naiint sind, erklärt sicli aus der strategischen Lage des Ortes, der 
zwei StralseDübergänge über den Oglio beherrschte. Von der Via 
Poslumia die nach dem 40 Millien entfernten Hostilia führte, zweigte 
hier nämlich eine ebenfalls 40 Millien lange Strafse nach Verona 
ab: auf ihr rückten die Donaulegionen gegen Cremona an.*) 

Bei Cremona beginnen die fortlaufenden Deiche welche die 
Flufsufer bewohnbar machen. Auf ihre erste Anlage durch die 
Eingeborenen , ihren weiteren Ausbau durch die Römer fällt kein 
Strahl der Ueberlieferung (I 208 fg.). Die eigentümlichen Formen 
der Ansiedlung welche dies Sumpfland ins Leben rief, treten in 
Mantua (20 ni) anschaulich entgegen. 2) Gleichwie die Bewohner 
der Alpen um der Sicherheit willen ihre Dorfer auf Pfahlgerüsten 
in den Seen anlegten, haben die allen Elrusker eine Insel ausge- 
sucht die nach Westen Norden und Osten durch seeartige Erwei- 
terungen des Mincius 3), im Süden durch Sümpfe gedeckt 
propter aquam, tardis ingens ubi ßexihus errat 
Mincius et tenera praetexit harundine ripas, 
und nur durch lange Holzbrücken zugänglich war. Die Festigkeit 
gab für die Wahl des Ortes den Ausschlag, bewirkte auch dessen 
Fortbestand bis auf die Gegenwart herab (I 182) allen Fiebern 
und allen Nachtheilen der Verkehrslage zum Trotz. In den Kriegen 
des Altertums wird die Festung nicht erwähnt. Es wäre wenig 
von ihr zu sagen, wenn nicht Vergil ihren Namen der Vergessen- 
heit entrissen hätte. Den etruskischen Ursprung feiert er in den 
Versen *): 

nie etiam patriis agmen ciet Ocnus ab oris, 
fatidicae Mantus et Tusci filius amtiis, 
qui muros matrisque dedit tibi Manttia nomen 
(Mantua dives avis, sed non genus omnibus unum : 
gens Uli triplex, populi sub gente quaterni, 
ipsa Caput populis, Tusco de sanguine vires). 
Dem Dichter scheint die regelmäfsige Anlage seiner Vaterstadt 



1) Tac. HisU III 15 II 23 B. itiler Feronam Cremonamque situs est vicus 

2) Slrab. V 213 Plin. 111 130 Ptol. III 1,27 CIL. V p. 406. 1078 Pais suppl. 
p. 85. 

3) Strab. IV 209 Plin. II 224 Hl 118. 131 IX 75 Liv. XXIV 10 XXXII 30 
Verg. Ecl. 7,13 Georg. III 15 Aen. X 206 Sidon. Ap. ep. I 5,4 pigrum Mincium 
Claudian epilii. Pall. 107 avine quieto. 

4) V. Aen. X 198fg. mit Scliol. 



§ l. Die Genomanen. 203 

die wie andere alte Grüadungen durch das Netz von Decumani und 
Kardines in 3 Drittel, jedes zu 4 Quartieren zerfallen sein wird, 
vorgeschwebt zu haben. Der Name mag von dem etruskischen 
Todtengott Mantus abgeleitet sein. Indessen ist uns nicht gestattet 
bei den Lösungsversuchen zu verweilen, zu denen alte und neue 
Erklärer durch jene Rätselworte aufgefordert worden sind. So sehr 
auch der Ort geeignet war die Erinnerungen der Vergangenheit zu 
pflegen, hat doch lange vor der Geburt Vergils romische Art ihren 
Einzug gehalten. Wenn nicht alles trügt, haben die Römer in den 
grofsen Keltenkriegen des 3. Jahrhunderts diese uneinnehmbare 
Festung durch eine Riirgercolonie in Resitz genommen.') Sie ge- 
hörte zur Tribus Sabatina. Die Einziehung der Cremoneser Feld- 
mark 41 V. Chr. verurtheilte sie zur Mitleidenschaft: Mantua vae 
miserae nimium vicina Cremonae. Nach verschiedenen VVechselfällen 
wurde der gröfsere und bessere Theil ihres Gebiets der benach- 
barten Veteranencolonie zugesprochen. Ein Jahrzehnt später widmete 
ihr Vergil die schöne Schilderung 2J: 

et qualem infelix amisit Mantua campum 

pascentem niveos herboso flumine cycnos: 

non liquidi gregibus fontes, non gramina derunt; 

et quantum longis carpent armetita diebus, 

exigua tantiim gelidus ros nocte reponet. 
Der vom Dichter genannte Flufs ist der Mincio: nach den 
Erklärern wurde die Grenze um 15 Millien bis in die unmittel- 
bare Nähe der Stadt zurückgeschoben.'^) Damit stimmt die durch 
ihr Alter, nicht durch Urkunden verbürgte örtliche Ueberlieferung 
welche den Geburtsort Vergils Andes in dem 2 Millien südöstlich 



1) In den Annalen steht das nicht: viele Gründungen fehlen in unserer 
lückenhaften Ueberlieferung, deren Dasein unzweifelhaft bezeugt ist. Dagegen 
wird 214 v.Chr. aus .Mantua ein Prodigium berichtet (Liv. XXIV 10), was be- 
kanntlich nur aus Bürgergemeinden geschieht. Ferner vermag ich mit Cluver 
p. 256 das 17. Gedicht Catulls o colonia quae cupis ponte ludere longo 
schlechterdings auf keine andere Stadt zu beziehen. Der Titel wird unge- 
wifs wann durch Augustus beseitigt: CIL. V 4059 nennt noch Duovirn. Endlich 
verdient Erwähnung dafs der Keltenkrieg 197 v. Chr. am Mincio spielt Liv. 
XXXU 30, sowie dafs Polybios unter dem J. 201 oder 200 der Stadt als 
einer römischen gedenkt XVI 40,7: übrigens giebt die neuere Geschichte für 
Mantua's militärische Bedeutung Belege in Fülle. 

2) V. Georg. II 198 fg. vgL Ecl, 9,27 fg. Aen. XI 458. 

3) Serv. V. EcL 9,7 fg. Donat praef. buc. p. 5 Müller. 



204 Kapitel III. Venetia und Histria. 

vun Mantiia gelegenen Pietole sucht. •) iNach diesem vernichtenden 
Sciilage wird das Municipiiim nur von Litteraturfreunden erwähnt-) : 
tantum magna suo debet Verona Catullo, 
qiumhim parva suo Mantua Vergüio; 
bis ein kriegerisches Zeitalter anhebt, das die Vorlheile seiner Lage 
zu erneuter Geltung bringen sollte.'*) Antike Bauwerke sind gar 
nicht, Inschrilten spärlich erhalten. 

Mantua galt als kleine Stadt gegenüber dem 40 km nach 
.Norden zu entfernten Verona.*) Der Name ist keltisch^): von 
IJrixia aus haben die Cenomanen sich des Platzes bemächtigt. 6) 
Aber mit gutem Grund wird sein Ursprung hoher hinauf gerückt 
(1 479. 486).") Die Nachricht dafs das Bergland bei Verona von 
llaetern bewohnt war, erhält durch die Inschriften volle Bestätigung.^) 
— Etwa 12 km nordwestlich von Verona liegt der weinberühmte 
Landstrich Val Policella, in welchem einst die Octavier begütert 
waren : den raetischen Wein, den Auguslus bevorzugte (I 168), wird 
er aus den väterlichen Besitzungen von hier bezogen haben. Die 
eingeborene Bevölkerung bildete der von Verona abhängige pagus 
Arusnatium, der neben dem neuen Kaisercultus den altväterlichen 
Glauben eifrig pflegte; in den Weihungen begegnen ganz uner- 
hörte an etruskische anklingende Götternamen: Cuslanus, Juppüer 
Felvennis, Ihamnagalle, Sqnnagalle, der raetische Saturnus, ferner 
unter den Priestertümern ein mannisnavins, ein pontifex sacrorurn 



1) Donat (Suet. p. 51 Reifi") Hieron. a. Abr. 1948: in pago gut Andes 
dicilur et abäst a Mantua 7ion procut. Probus : vico Andibus qui abest a 
Mantua milia passuum XXX, weil verschrieben für III; denn es ist ganz un- 
glaublich dafs die Feldmark nach irgend einer Richtung und vollends nach 
Cremona hin sich je so weit erstreckt habe. Dante Purg. XVIII 82: queW 
ombra genlil, per cid si noma Pietola piii che viila Ma?itovana. 

2) Martial XIV 195 I 61 Ovid Am. III 15,7 Stat. Silv. IV 2,9 Sil. It. VIII 
593 Auson. Mos. .375 Paul. h. Lang. II 23. 

3) Chron. min. I p. 339. Prokop b. Goth. HI 3 Paul. h.Lang. II 14 IV 28. 

4) Scipione MalTei , Verona illustrata, 4 voll. fol. und 8., V. 1731 (Opere 
IV— VIII, Venezia 1790 und andere Ausg.). CIL. V p. 327. 

5) Strab. IV 206 V 213 Ovr,Qa>v, Prokop. b. Goth. II 29 III 3 IV 26. 33 
Beqoivri. vgl. die keltischen B^qwves Str. III 158. 162 b. Alex. 53 Ptol. II 6,55 
Liv. fr. XCI und die zahlreichen mit Fero oder Firo anhebenden keltischen 
Ortsnamen. 

6) Gatull. 67,34 Liv. V 35,1 Justin XX 5,8. 

7) Plin. III 130. 

8) Strab. IV 206 CIL. V p. 390. 1077 Pais suppl. p. 84. 241. 



§ 1. Die Cenomanen. 205 

Raettcorum; ein Gebäude lieifsL udisna Angusta. Dafs die Nation 
deren Spuren wir in diesen Spracliresten wahrnehmen, ehemals 
nicht nur die Umgegend sondern auch die Stadt selbst innegehabt, 
läfst sich kaum von der Hand weisen. — Wo die Etsch aus den 
Bergen in die Ebene hinaustritt und ihren Unterlauf beginnt, ist 
ein natürlicher Mittelpunct des Verkehrs gegeben. Hier kreuzen 
sich zwei Hauptsfrafsen: von Norden her die Brennerstrafse (I 164), 
die kürzeste und sicherste Verbindung zwischen Po und Donau, 
lange vor der römischen Eroberung begangen, seit 15 v. Chr. zu 
den Reichslrafsen gezählt; von West nach Ost der Richtung des 
Landes folgend der alte Handelsweg der padauischen Völker, der 
erst spät von der römischen Regierung ausgebaut (S. 198), nament- 
lich in frühen Zeiten belebt sein mufste, da er die sumpfigen Flufs- 
ufer meidend, die höher gelegenen und dichter bewohnten Gegen- 
den durchschnitt. Zugleich ist dieser Ort von seltener Festigkeit: 
im Besitz des Südens die gewiesene Stütze der Vertheidigung gegen 
den über die Alpen einbrechenden Feind, im Besitz des Nordens 
eine Zwingburg für das zu Füfsen liegende Flachland. Die Etsch 
bei ihrem Austritt in dasselbe (50 m ü. M.) beschreibt einen spitzen 
Bogen nach Norden zu, dessen Sehne 900 m, dessen Höhe 1200 m 
mifst. Der 112 m breite 3 — 4 m tiefe Flufs schützt den Umkreis; 
an der offenen Seite konnte man ohne sonderliche Mühe, wie König 
Theoderich that, einen Graben ziehen, vom Flufs anfüllen lassen 
und derart die Halbinsel in eine Insel umwandeln. i) Während der 
Boden nach den übrigen Himmelsgegenden eben ist (59 m), treten 
im Nordosten beherrschende Hügel hart an den Flufs heran, die 
etwa 100 m von seinem Spiegel ansteigen. Diese Abhänge am 
linken Ufer sind allem Anschein nach stets mit der Insel verbunden 
gewesen: die Höhe wird die Arx der Raeter und Gallier getragen 
haben, wie sie später die Burg Theoderichs trug und gegenwärtig 
die Castelle der Neuzeit trägt. 

Verona erhielt 89 v. Chr. durch Pompeius Strabo, wie es heifst^) 
eine Colonie, jedesfalls latinisches Recht. CatuU und Aemilius Macer 
haben ihm alsbald einen Namen gemacht. 3) Mit dem Vorrücken 



1) Vgl. I 192. — Sil. It. Vill 595 f^erona Atesi circumßua Sid. Ap. ep. 
I 5,4 Glaudian VI cons. Hon. 196 velox Atesin. Seine militärische Bedeutunsf 
Paneg. iat. IX 8. 

2) Paneg. Iat. IX 8. 

3) Suet. Caes. 73 rel. p. 39. 43 ReilT. 



206 Kapitel DI. Venetia und Histria. 

der Iloiclisgrenze an die Donau beginnt seine Blüte: Strabo nennt 
sie eine grofse, Tacitus eine reiche Stadt. i) Sie geborte zur Tribus 
PobHUa und wurde in der ersten Kaiserzeit mit dem Titel einer 
(Kolonie beehrt, der durch Gallienus erneuert 265 n. Chr. colonia 
Augusta Verona nova Gallieniana lautet. 2) Die Aussage der Schrift- 
steller wird durch die Denkmäler bestätigt: durch die Zahl der In- 
schrilten-^) und noch mehr die Pracht der Bauwerke, welche in 
Oberitalien ihres Gleichen nicht findet. Für ihre Erhaltung fiel der 
Umstand ins Gewicht, dal's ein schöner rötlicher Marmor in der 
.Nähe bricht — Verona macht einen stattlichen Eindruck, der ge- 
krümmte reil'seude Flufs, die drohenden Hügel deren Fufs er be- 
spült, im Vordergrund die wellige Ebene, weit hinten die grauen 
Bergspitzen umrahmen es in wirksamer Weise. Wir vermögen das 
Bild das die alte Stadt darbot, in seinen Hauptzügen uns zu ver- 
gegenwärtigen. Aul' der Höhe des Castel S. Pietro (155 m), wie 
vermutet der alten Arx, lag das Capitolium mit dem Juppitertempel 
und anderen Heiligtümern; am Abhang nahe beim Flufs ein grofses 
Theater, das heute überbaut aber noch kenntlich ist. Die Brücke 
welche die Höhe mit der Insel verbindet (Ponte della Pietra), ruht 
zum Theil auf antiken Pfeilern. 4) Als Wahrzeichen seiner Gröfse 
hat Verona bereits im Mittelalter das am südlichen Ende der Insel 
befindliche mit Marmor bekleidete Amphitheater (154 X 123 m 
Arena 76 X 44 m) angesehen. Von den 72 Bogen der äufseren 
Umfassung (480 m) sind nur 4 vorhanden, die Sitzreihen im Inneren 
zwar vollständig, aber neueren Ursprungs: man berechnet die Zahl 
der Sitzplätze auf 25 000. Maffei setzt die Erbauung, wie ich glaube 



1) Stral). V 213 Tac. Bist. III 8. 

2) Colonie 69 n. Clir. bei Tacitus a. 0., in der Censusliste Plin. III 130 
vou Auguslus als Municipium aufgeführt. 

3) CIL. V p. 319. 1074 Pais suppl. p. 79. 240. Kaibel inscr. Gr. 2305—13. 

4) Liudprand antap. II 40 fluvius Athesis sicut Tiberis Romam mediam 
civilatem Vcronam percurrit. super quem ingens marmoreus miri operis 
miraeque magniludinis pons est fabricalus. a leva autem parte flumijiisy 
quae est aquiloneTii versus posita, civitas est difficili arduoque colle munita, 
adeo ut si ea pars civitatis quam memoratiis ßuvius dexteram alluit, ab 
hostibus capiatur, ea tarnen viriliter possit defendi. m huius vero collis 
summitate preciosi operis est aeclesia fabricata^ in honore beatissimi Petri 
apostolorum pvincipis conseerata, ubi et prupter aeclesiae amomilatem 
locique munitionem Hulodoicus rnanebat (a. 905). lieber das Capitol Maffei 
IV 228 VIII 2 Venedig. 



§ 1. Die Cenomanen. 207 

mit Recht, an den Ausgang des ersten Jahrhunderts n. Chr. Da- 
mals hatte die Stadt ihre Rüstung ahgelegt, sich mit Villen und 
Gärten umgeben: als die Donaulegionen sie 69 n. Chr. zum Waffen- 
platz erkoren, mufsle eine Feldbefestigung den erforderlichen Schulz 
gewähren. 1) — Zwei Jahrhunderte später, naclidem die Alamannen 
Italien verwüstet hatten, wurde sie wieder ummauert. In der Haupt- 
strafse steht ein Ehrenbogen (Porta de' Borsari) mit der nachträg- 
lich eingehauenen Meldung dafs die Mauer auf kaiserlichen Befehl 
in der Zeit vom 3. April bis zum 4. December 265 errichtet worden 
sei. 2) Das Werk entspricht der eilfertigen Ausführung: der Ehren- 
bogen wurde in ein Stadtlhor umgewandelt, ebenso an der östlichen 
Flufsseile ein anderer Ehrenbogen (Arco de' Leoni); die Mauer 
massig aber roh aus den Steinen des Amphitheaters und zerstörter 
Denkmäler aufgeschichtet. Die Mauer springt in rechtem Winkel 
bis an das Amphitheater vor, das den Winkel als riesiger Eckthurm 
deckt. Sie umschliefst nach Belochs Berechnung nur einen Flächen- 
raum von 45,6 ha: ein merkwürdiges Anzeichen für die gesunkene 
Zahl der Einwohner im dritten Jahrhundert (S. 130). Später als 
Verona Dietrichs Bern wurde, hat die Einwohnerzahl sich wieder 
gehoben. Der Konig rückte die Mauer bis dahin wo die Flufs- 
krümmung beginnt (Castel vecchio) vor, verstärkte sie durch einen 
aus dem Flufs abgeleiteten Graben (Adigelto), befestigte auch den 
Höhenzug am östlichen Ufer: S. Stefano liegt aufserhalb der Be- 
festigung, der Umkreis der Insel bheb nach wie vor offen. Theoderich 
hat hier öfter Hof gehalten, für sich einen Palast, für die Bürger 
Thermen erbaut und die seit langem zerstörte Wasserleitung her- 
gestellt.3) INach ihm haben langobardische Herzöge und Könige den 
Palast bewohnt. Die Wassersnot am 14. Oct. 589 (I 210) und 
zwei Monate darauf eine Feuersbrunst verheerte die Stadt, ohne ihr 
Gedeihen dauernd zu gefährden. In der Kriegsgeschichte der Re- 
publik wird ihr Name nicht genannt, um so häufiger während 
unserer Zeitrechnung. Verona wurde u. a. 312 von Constantin, 
542 von den Byzantinern belagert.*) Die Umgegend, wie die Alten her- 
vorheben^), war für Entfaltung von Reiterei geeignet und lieferte 



1) Tac. Hist. III 10. 11, das Hauptquartier in hortis. 

2) CIL. V 3329. 

3) Exe. Val. 50. 71. 81fg. Paul. ti. Lang. II 28fg. lU 23.30. 

4) Paneg. lat. IX 8 Prokop b. Gotli. III 3 IV 33. 

5) Tac. Hist. III 8 Prokop b. Gotti. III 3. 



208 Kapitel III. Venelia und Histiia. 

mehr als ein Schlachtfeld: Conslantiii hesiogte hier 312 die Truppen 
des Maxentius, Theoderich 489 den Odoaker.i) 

Das Gebiet von Verona kann kaum weniger als 80 d. D M. 
betragen haben, wovon reichlich die Hälfte auf die Ebene entfiel. 
Es reichte südwärts bis an den Po und befafsle den 30 oder 33 
Miilien enlfernlen Vicus Hostilia der noch jetzt Ostiglia heifst (13 m).*) 
Der Ort liegt an einem wichtigen Flufsilbergang: Strafsen von Cre- 
mona und iMantua (S. 202) sowie Verona mündeten hier ein um 
sich jenseits nach ßononia fortzusetzen. Aufserdem bestand hier 
eine viel benutzte Schiffstation für die Fahrt nach Havenna.^) Der 
Flecken wird durch die Erzählung gekennzeichnet, dals seine Be- 
wohner zu Schiff Bienenzucht trieben und stromauf fuhren um den 
Bienen die Nahrung zu bieten welche der sumpfige Boden der Heimat 
versagte. — im Westen trennte der Mittellauf des Chiese die Sprengel 
der Bischöfe und auch die Stadtgebiete von Verona und Brixia.^) 
Der Oberlauf ferner und das Westufer des Benacus gehören der 
letzteren, .das südliche und ein Theil des Ostufers der ersteren 
Stadt an, so dafs der ganze See unter diese beiden vertheilt war. 
Halbwegs zwischen ihnen verzeichnet das Reisebuch eine Poststation •>) 
benannt nach der Landzunge die Catull besungen hat: 
Paemnsularum Sirmio insularumque 
ocelle quascumque in liquentibus stagnis 
marique vasto fert nterque Neptmms, 
quam te libenter quamque laetus inviso. 
V^on Landhäusern die diesen lieblichen Erdenflieck seit des Dichters 
Tagen einnahmen, sind ausgedehnte Reste erhalten. Vermutlich lag 
auch hier ein Fischerdorf wie das heutige Sermione. Die Festung 
Peschiera am Ausflufs des Mincio aus dem See vertritt die Stelle 
des alten Arilica, dessen Schiflergilde den Verkehr auf dem Flufs 
(I 190) wie auf dem See besorgen konnte, aufserdem ein äufserst 



1) Paneg. lat. IX 8 Cassidor chion. (dir. min. II p. 159) Jord. Get. 293. 

2) IL Ant. 282 Tab. Peut. Plin. XXI 73 Tac. Hist. II 100 III 9. 14. 21. 40. 
Not. d. Scavi 1884 p. 289 fg. 

3) Tab. Peut. aO Hoslilia per Padum Ravenna Rescript Theoderichs 
Gassiod. var. 11 31. 

4) CIL. V p. 403. 940. 

5) lt. Ant. 127 Catull 31 CIL. V p. 402. 943. 



§ 1. Die Cenomanen. 209 

ergiebiger Platz für Fischerei, i) Der lacus Benacus -) wird zuerst von 
Polybios erwähnt, der wie die Alten iusgesammt dessen Ausdehnung 
überschätzte (500x130 Stadien = 88,7 x 23 km, in Wirklichkeil 
52 X 16,5 km vgl. I 190). Das Westut'er ist geschützter und war 
in Folge dessen im Altertum dichter bewohnt als das östliche, 
welches von dem laugen Rücken des Moute Baldo (2200 m) ein- 
gefafst wird. Am Südfufs des M. Baldo liegt die Ortschaft Garda, 
von der der See jetzt den Namen führt. 3) Die genannte ßergmasse 
scheidet den See und das von der Brennerstrafse durchzogene Thal 
der Etsch; die Veroneser Feldmark erstreckt sich jenseit der Klause 
(1 193) noch ziemlich weit nach Norden, etwa bis Ala oder Mori, kann 
aber nicht mit Sicherheit gegen die Tridentiner abgegrenzt werden. *) 
Ebenso wenig ist dies nach Osten gegen Vicetia und Ateste möglich. 
Die Brennerstrafse (I 164) erreicht 60 oder 62 Millien von 
Verona ») Tridentum, auch wol Tridente^) genannt (218 m). Dasselbe 
bildete gewisser Mafsen ein Vorwerk 'der Etschfestung und geht auf 
den nämlichen Ursprung zurück: von den Raetern gegründet, kam 
es späterhin in die Hände der Cenomanen.'') Die raetische Natio- 
nalität der Gegend äufsert sich in den zahlreichen Weihungen an 
Saturnus: von diesem Stamm abgesehen, wird der Gott fast nur 
noch auf africanischen Inschriften erwähnt; in Africa stellt er den 
Bai Moloch dar, sein raetischer Name ist verschollen. 8) Die Stadt 
war bereits 24 v. Chr. von den Römern besetzt 9) und wird ver- 
muthch als Waffenplatz für die Unterwerfung der Alpen gedient 



1) Die Inschriften CIL. V p. 400 haben die Form Arilica und Arelica, 
Tab. Peut. ArioUca, Geogr. Rav.IV30 Ariolita; vgl. Piin. IX 75, Ver^. Aen. X 206. 

2) Strab. IV 209 Schol. V. Georg. II 160. Aen. X 205 Plin. II 224 III 131 
IX 75 Aur. Victor ep. 48 vita Probi 24,1 Glaudian carm. min. 20,18 25,107. 

3) Geogr. Rav. IV 30. 

4) CIL. V p. 398. 1078 Pais suppl. p. 84. 242. P. Orsi, La topografia del 
Trentino all' epoca romana, Rovereto 1880. 

5) It. Ant. 275 giebl 60, Tab. Peut. 62 Millien; auf der Eisenbahn sind es 
92 km. 

6) Ptol. III 1,27 und zwei Inschriften CIL. V p. 530, Iredente Tab. Peut. 
Bei Paulus Diac. kommt neben Tridentum auch Trientum und Tredentum als 
Uebergang zum heutigen Trento vor. 

7) Den Raetern schreibt sie Plin. III 130, den Galliern Justin XX 5,8, den 
Cenomanen Ptol. III 1,27 zu. 

8) Jordan zu Preller, Rom. Myth. IP 10. Jung, die roman. Landschaften 
des RR. p. 425. 

9) CIL. V 5025. 

Nissen, Ital. Landeskaade. IL 14 



210 Kapitel III. Venetia und Histria. 

haben. Sie gewann dadurch einen gewissen Rnf, so dafs das um- 
hegende Gebirge als Alpes Tridentinae (I 149) und die Bergvölker 
als Tridentini^) bezeichnet werden. Sie ist in Gestalt eines Halb- 
kreises am 1. Ufer der Etsch erbaut, die hier früher einen Bogen 
beschrieb (I 193): von ihrer unter Theoderich aufgeführten Mauer 
sind noch grofse Stücke erhalten. 2) Als Municipium in die Tribus 
F'apiria eingetragen, hat Trient etwa im Laufe des 2. Jahrhunderts 
den Titel Colonie bekommen. Kaiser Claudius beehrt das Muni- 
cipium zwar mit dem Beiwort glänzend (splendidum municipium), 
auch beziffert sich der Flächeninhalt seines Gebiets auf etwa 60 d. DM.: 
nichts desto weniger tritt es im Altertum ähnlich wie die unter 
entsprechenden Verhältnissen gegründeten Colonien Turin und Aosta 
durchaus in den Hintergrund, wird in der Ueberlieferung selten 
erwähnt und hat einen bescheidenen Bestand an Inschriften auf- 
zuweisen. 3) Unter den Langobarden lenkt es als Herzogsitz die 
Blicke auf sich. 

In Trient vereinigt sich die von Altinum kommende via Claudia 
Äugnsta (I 163) mit der Brennerstrafse: an jener hin hat die Feld- 
mark kaum die Wasserscheide überschritten, da das Suganathal zu 
Fellria gehurt. Um so weiter erstreckt sie sich nach ^'orden und 
Westen. — Erwähnung verdient das Val di Non 4) oder Nonsberger 
Thal , das von der Noce durchströmt und durch den Tonalpafs 
(1875 m) vom Val Camonica (S. 197) getrennt wird. Hauptort ist 
Cles (652 m), war es auch ehedem als hier ein Saturntempel 
stand •''); die Märtyreracten schildern anschaulich wie der Gott im 
Frühling (29. Mai) durch Bittgang Gesang und Opfer gefeiert wurde. 
Aus dem Tempel ist ein Erlafs vom J. 46 auf uus gelangt, durch 
welchen Kaiser Claudius den Anauni Tulliasses und Sinduni, die 
bisher theils Unterlhanen des Kaisers theils der Tridentiner gewesen 
waren, das längst angemafste und thatsächlich ausgeübte Bürgerrecht 
in aller Form bestätigt. Der heutige Name Non ist aus demjenigen 



1) Strab.lV204. 

2) Cassiodor var. V 9. 

3) Phlegon fr. 53 (III 623 Müller) Ammian XVI 10,20 XXIX 2,22 CIL. V 
p. 531 Pais suppl. p. 90. 

4) CIL. V p. 537. 1081 Pais suppl. p. 91 Acta Sanctorum zum 29. Mai 
p. 38 fg. Hermes IV p. 99fg. 

5) Arch.- epigr. Mitth. aus Oesterreich XVI p. 69 fg. 



§ 2. Die Veneter. 211 

der Anauui entstanden i), die beiden anderen Cantone sind ver- 
schollen, mögen sie nun ini Hauptthal oder Seitenthälern gewohnt 
haben. Das westlich abzweigende Seitenthal von Vervö bewahrt 
das Andenken an die Vervasses deren castellum in demselben lag.2) 
— Von Trient geht die Brennerstrafse über Salurnis Salurn 3) 
Endidae Egna (deutsch INeumarkt) 4) nach dem Thalkessel von Bau- 
zanvtn Bozen. s) Während sie von Verona ab sich ununterbrochen 
auf dem 1. Ufer gehalten hatte, folgt sie nunmehr dem Isargus 
Eisack (1 192)6), überschreitet bei der Station Pons Dnisi Blumau "^ 
denselben, durchbricht die den Flufs einengenden Porphyrfelsen 
auf einer Strecke von 10 Millien und erreicht bei Sublavio Sehen 
bei Klausen ^) das Zollamt und die etwa 60 Millien von Trient ent- 
fernte Grenze. — Die Via Claudia Augusta läuft von Bozen ab mit 
der Etsch weiter durch den nach den Yenostes benannten Vintschgau 
Val Venosta 9) ; ungefähr bei Partschins wenig oberhalb Meran war 
die Grenze. 

§2. Die Veneter. 

Die Mitte der zehnten Region nimmt der Stamm ein der ihr 
den Namen verüehen hat. Seit Alters bewohnt er die Niederlande 
von der nördlichen Mündung des Po bis zu den Lagunen von Con- 
cordia. Die heulige Grenze zwischen der venezianischen und fur- 
ianer Mundart fällt annähernd mit der ehemaligen Grenze zwischen 
Venetern und Carnern zusammen (I 484); Strabo bestimmt sie 
durch den Tagliamento, aber Concordia liegt nach der richtigen 
Angabe des Ptolemaeos auf carnischem Gebiet ^o); (jjes ist eben eine 
Gründung der Römer, die innerhalb des eigentlichen Venetiens 



1) Ptol. III 1,28 'udvaivtov Paul. h. Lang. III 9 Anagnis castrum quod 
super Tridentum in confinio llaliae positum est, jetzt Nano am rechten Ufer 
der Noce. 

2) CIL. V 5059. 

3) Paul. h. Lang. III 9. 

4) It. Ant. 275, 24 Millien von Trient. 

5) PeuI. h. Lang. V 36. 

6) Gonsol. ad Liviam 386 nach der Verbesserung von Zeufs, die Deutschen 
p. 237. Das Volk heifst nach den Handschriften Plin. 111 137 Isarchi. 

7) Tab. Peut. I 

8) It. Ant. 275 Tab. Peut. beide mit verderbten Zahlen, Paul. h. Lang. III 
26. 31 Sabio oder Savio, CIL. III p. 707 V p. 542. 949. 

9j Plin. III 136 CIL. V p. 543 v^l. ßöcking, Not. Dign. Occ. 779. 
10) Strab. V 214 Plin. 111 126. 130 Plol. IIl 1,25. 26. 

14* 



212 Kapitel III. Venetia und Histria. 

keinen Platz hatte. Die Veneter sind alterprobte Bundesgenossen 
denen Landabtretungen nicht zugemutet werden konnten, daher auch 
die Namen ihrer Städte einheimischen Ursprungs. Die südliche 
Sprachgrenze am jetzigen Hauptarm des Po (I 475) entspricht der 
antiken: nach Skylax sitzen in diesem Theil des Delta Kelten, die 
Eigennamen der hier gefundenen Inschriften bestätigen die Aus- 
sage, i) Wie die Stammgrenzen dem Binnenland gegenüber verlaufen 
sind, läfst sich um so weniger sagen, als die venezianische Mundart 
in neuerer Zeit eine weite V^erbreitung gewonnen hat (I 488). — 
Die frühe Blüte der Nation welche die Bewunderung der Hellenen 
hervorrief, ist in anderem Zusammenhang geschildert worden. Der 
Anschlufs an Born hat dieselbe erhöht. Indem die Veneter dessen 
Oberhoheit anerkannten, Kriegsfolge leisteten, ihm das Durchzugs- 
recht durch ihr Land und die Schlichtung innerer Streitigkeiten 
überliefsen, bezog Bom die Wacht gegen die Barbaren. Damit erhielt 
das Leben einen anderen Anstrich. Zu einer Zeit, als sie jeden 
Augenblick bereit sein mufsten an die ringsum bedrohte Grenze zu 
reiten, haben die Veneter als Pferdezüchter grofsen Buhm erlangt. 
Davon erzählte man unter Augustus wie von einer verklungenen 
Sage. Aus den Bittern sind Patricier geworden, desgleichen in den 
neueren Freistaaten Italiens leibhaftig vor unseren Augen stehen, 
Kauf- und Fabrikherren, die ihre Tuche nach allen Märkten ver- 
senden und aus Grund und Boden die höchsten Erträge erzielen. 
Der Wechsel spricht sich in deutlicher Weise darin aus, dafs zur 
Kaiserzeit die Bossezucht in den verödeten Landschaften des Südens 
gedeiht, die einst Weizen gebaut hatten, während die Binder und 
Schafe Venetiens gelobt werden und seine Fabrikate massenhaft den 
Weg nach Bom finden. 2) 

Die Grenzfestung Aquileia wurde 181 v. Chr. angelegt und wie 
ihre Sicherheit erheischte, an das italische Strafsen- und Festungs- 
netz angeschlossen. Die kürzeste Verbindung lief an der Küste hin 
nach Ariminum als dem Centrum für die Vertheidigung gegen Norden. 
Die Strafse ist alsbald abgesteckt und ausgemessen worden : Polybios 
giebt die Entfernung richtig auf 178 Millien an. 3) Kunstmäfsig aus- 



1) Skyl. 18 CIL. V 2380 fg. Die Widmung an Saturn 2382 deutet auf 
raetischen Einflufs hin (S. 209). 

2) Colum. VI 24 VII 2 Strab. V 213 Martial XIV 143. 155. 

3) Polybios giebt nach Strab. VI 285 die Entfernung vom iapygischen 
"Vorgebirge eis UCkav vtoXiv auf 562, von hier bis Aquileia auf 178 Millien 



§ 2. Die Veneter. 213 

gebaut wurde sie 132 v. Chr. vom Consul P. Popillius, was ein bei 
Atria aufgefundener Meilenstein mit der Ziffer 81 bezeugt. i) Von 
Ariminum führte sie auf dem Lido nach dem 33 Millien entfernten 
Ravenna. Hier bestieg der Reisende in der Kaiserzeit ein Schiff, 
um auf den von Augustus und Vespasian eröffneten Canälen bis 
Altinum zu fahren (I 200), so dafs der Landweg auf dieser Strecke 
kaum benutzt wurde. Immerhin verzeichnet die Reisekarte die einzelnen 
Poststationen, auch vollführte Narses auf ihm 552 den von den 
Gothen für unmöglich gehaltenen Marsch von Aquileia nach Ravenna.^) 
Im Uebrigen war der Gang der via Popillia durch den alten (nicht 
den heutigen) Uferstreifen bestimmt (I 204). 

Rei TrigaboU in der Nähe von Ferrara 3) theilte sich der Po 
(I 191), der südliche Hauptarm Padua oder Padusa Po di Primaro ^) 
hatte zwei Mündungen: Messanicus oder Padusa bei Ravenna und 
etwa 12 Millien nördlich bei S. Alberto ostium Eridanum oder 
Spinetkum. Die letzteren Namen weisen darauf hin dafs Hellenen 
hier in frühen Zeiten verkehrt haben. Spina war dem Hellanikos 
und Eudoxos bekannt, besafs in Delphi ein eigenes Schatzhaus, galt 
sogar als eine griechische Gründung.^) Die Auffahrt von der See 
auf dem ^rclvog oder ^Ttivrjg Ttorafxog betrug nach damaliger 
Rechnung im 4. Jahrhundert ß) 20 Stadien 372 km, zu Strabo's 
Zeit lag die Stadt 90 Stadien 16 km von der See als Dorf im 
Rinnenland, wie man annimmt bei Longastrino: doch ist der Ort 
durch Funde noch nicht sicher gestellt (I 205). — Nach der allen 
Küstenbeschreibung wohnten nördlich von Spina bis Atria Kelten. 



an. Nach Cluver p. 608 wird für das sinnlose e. UiXav 7t. etq Ilfivav nöXiv 
geschrieben. Allein es handelt sich hier um eine zuverlässige amtliche Mes- 
sung, für welche lediglich ds " ^Qifiivov (vgl. III 61,11) pafst. Damit wird 
auch die Abweichung gegen die auf anderem Material beruhende Berechnung 
II 14,11 angemessen vermindert, bleibt aber gerade grofs genug. Die palaeo- 
graphisch nahe liegende Aenderung eis ^TiTvav n. ist sachlich kaum an- 
nehmbar. 

1) CIL. V p. 939 It. Ant. 126 Tab. Peut. 

2) Prokop b. Goth. IV 26. 

3) Pol. II 16,11 CIL. V p. 225 Pais suppl. p. 62. 

4) naSöa Pol. H 16,11, Padua Catull 95,7, Padusa Verg. Aen. XI 457 
Plin. 111 119, vgl. Jord. Get. 150. 

5) Stcph. Byz. Dion. Hai. I 18. 28 Slrab. V 214 Justin XX 1,11 Fun. III 
120. 125. 

6) Der Name Spina ist Skyl. 17 nur nach einer wahrscheinlichen Ver- 
mutung eingefügt. 



214 Kapitel III. Venelia und Histria. 

Die fossa Augusta lief von Ravenna nordwärts, durchschnitt den 
Arm von Spina, folgte hierauf dem Landstreifen zwischen Valle del 
Mezzano und Valle Fossa di Porto, mündete schliefslich in den Sagis 
ein (l 205). Der Sagis zweigte von dem zweiten Hauptarm Volane 
Po di V^olano in der Nähe von Ostellato ab, flofs mit reichlichem 
Wasser in südöstlicher Richtung auf die Insel von Comacchio (0,8 m) 
zu, die nach deu Inschriflenfunden zu schliefsen in römischer Zeit 
bewohnt war (I 205), mündete endlich in dem ostium Caprasiae 
Porto di Belocchio und Sagis Porto di Magnavacca aus. Am Sagis') 
befand sich die Station ad Padum 24 Millien von Ravenna: von 
dieser Station fuhr man in der Kaiserzeit stromauf nach Hostilia 
(S. 208) Placenlia Ticinum. — Dagegen führte nach Norden ein 
Canal der ursprünglich von den Eingebornen angelegt, von Nero^) 
und Vespasian erneuert wurde und seitdem fossa Flavia heifst. 
Seine Richtung steht nur im Allgemeinen fest. Er traf zuerst 
(Argine Trebha?) auf den nach Polybios allein schiffbaren Hauptarm 
Olana oder Volane Po di Volano^j der in der Nähe von Pomposa 
mündete (I 205). Sei es der Volane oder sein Ableger Sagis hiefs 
im Altertum Padus Magnus, ähnlich wie der Po di Venezia gegen- 
wärtig Po Grande oder della Manstra heifst. *) Der Canal lief weiter 
wie der heutige Canale di Mezzogoro zwischen den Valli d' Ambrogio 
und Valli di Mezzogoro auf Ariano zu und traf auf einen neuen 
Arm, den Po di Ariano oder di Goro, dessen verstopfte Mündung 
Carbonaria hiefs, endlich auf den Wasserlauf der Atria mit dem 
Meer verband. 

Die Grenze zwischen den Stadtgebieten von Ravenna und Atria, 
damit zugleich zwischen der achten und zehnten Region wird ge- 
bildet durch Sagis und Volane, die reichste Wasserader der römischen 
Zeit. Die Laguuen von Atria, Septem Maria genannt, beginnen am 
Sagis und enden an der Etsch.^) Der Vergleich mit dem Delta 

1) Und zwar wenn die Tab. Peut. genau ist, am südlichen Arno Caprasia. 

2) Man darf die Theiinahme dieses Kaisers aus dem Namen der Station 
Neronia folgern welche die Reisekarte am Volane ansetzt: sie kann auch 
weiter nördlich liegen, da auf der Karte Stationen ausgefallen sind. 

3) Pol. II 16,11 Plin. 111 120 Volane quod ante Eolane vocabatur. 

4) Mela 11 62. 

5) Plin. III 119 qua largius voviit Septem Maria dictus. 120 iii Atria- 
norum paludes quae Septem Maria appellantur. Nach Tab. Peut. lag die 
Station Septem Maria an der Etsch. Uebrigens bestätigen die Inschriften dafs 
das Gebiet von Ravenna bis in die Gegend von Ferrara reichte CIL. V 2381 
vgl. mit CIL. XI 199. 



§ 2. Die Veneter. 215 

des Nil ist ursprünglich in Atria aufgestellt worden und auf die 
Gemarkung dieser Stadt beschränkt; später übertrug man ihn auf 
die sieben Mündungen des Pol) oder auf das gesamte Gebiet der 
Lagunen von Ravenna bis Aliinum.'-) Im Hinblick auf die Ver- 
änderungen, welche die Oertlichkeit seit dem Altertum erfahren 
hat, nehmen wir biUiger Weise von jeder Erörterung darüber Abstand, 
welche 7 Lagunen die Atriaten und welche 7 Mündungen die 
Römer im Sinne gehabt haben mögen (I 204). Das heutige Adria 
ist im kürzesten Abstand 22 km vom Meer entfernt und liegt im 
Binnenland (4 m). Der Boden des alten Atria ^) ist über 3 m, ja 
bis 6 m unter den heutigen gesunken.^) Es lag am Westrand 
einer Lagune 12 km vom Meer entfernt 3): dafs östlich von der 
Stadt im Altertum Lagune war, kündet das Fehlen antiker Funde 
deutUch an. Der Lido hatte zwei Einfahrten: fossiones und nördlich 
davon fossa Philistina oder Tartarus Porto di Loreo oder Porto 
Viro (1 206). Der Tartarus Tartaro oder Canale Bianco 6) entwässert 
die Niederungen zwischen Po und Mincio auf der einen, Etsch auf 
der anderen Seite, fliefst bei Atria vorbei und wird danach in 
seinem Unterlauf auch i/nanws genannt.') Der Name der Stadt hat 
eine weite Geltung erlangt: mit ihm bezeichnen wir die italische 
Nordsee (1 89), bezeichneten die äheren Hellenen das Land der Veneter *). 
Ihre Gründung wird von den römischen Gelehrten den Etruskern ^), 
von griechischen entweder Dionys I von Syrakus^oj oder den Kelten 
und zwar den Boiern^i), endlich von Theopomp dem zeitlich ersten 



1) Mela II 62 Herodian VIII 7,1. 

2) Herodian a. O.It. Ant. 126. 

3) lieber die Namensform I 91 A. 4. 

4) Not. d. Scavi 1879 p. 88 fg. 

5) Wie Strabo V 214 richtig andeutet. 

6) Plin. III 121 Tac. Hisl. lU 9 Geogr. Rav. IV 36. 

7) Ptol. III 1,21 Tab. Peut., vgl. Hekataeos fr. 58 bei Stepli. Byi.WSQ. 
Theopomp bei Strab. VII 317. 

8) Steph. Byz. Herod. I 163 IV 33 V 9 Eurip. Hippol. 736 Arist. hist. anim. 
VI 1 de gen. anim. III 1 Theophr. hist. plant. IV 5,6 Theopomp fr. 143 
M. Athenaeos VII 285 d. 

9) Varro LL. V 161 Fest. p. 13 M. Liv. V 33 Plin. III 120 Piut. Cam. 16,1. 
Das mare Tiiscum und das atrium tu$canium legten die Annahme sehr nahe. 

10) Etym. M. 'iSQias Justin XX 1,9; vgl. Schöne, le antichitä del museo 
Bocchi di Adria, Roma 1878, p. IX. 

11) Hesych 'AS^iavoi Steph. Byz. l^r^ta. 



216 Kapitel III. Venetia und Histria. 

unserer Gewährsmänner den lllyriern i) zugeschrieben. Da die 
Veneter nach Ansicht Ilerodots, der dem Theopomp als Vorbild 
diente, lllyrier sind, so wird damit die Zugehörigkeit der Stadt zu 
diesem Volke ausgesprochen. Solche kann auch füglich nicht in 
Zweifel gezogen werden, denn in Adria finden sich keine etrus- 
kischen, sondern die nämlichen venetischen Inschriften wie in Padua 
(1 492); so auch wird die Gleichsetzung von Stadt und Land bei 
den altgriechischen Schriftstellern befriedigend erklärt; mit gutem 
Grund endlich rechnen jüngere Geographen Atria zu den venetischen 
Städten.-) Ob es vorübergehend von den Kelten erobert worden, 
ist nicht zu sagen. Dagegen gewähren die beschriebenen Vasen 
den urkundlichen Beleg für die Anwesenheit hellenischer Kaufleute 
seit der letzten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. (I 491). Der 
Verkehr der Hellenen reicht aber viel weiter zurück (I 174.183): 
in dem frühen Auftreten der Hühnerzucht (I 444) und der be- 
sonderen Race, welche die Aufmerksamkeit des Aristoteles erregte 3), 
erkennen wir ein vereinzeltes Beispiel von dem Einflufs dieses alten 
Verkehrs auf die Volkswirtschaft. Die grofsen Wasserbauten, die 
Canäle nach dem Sagis, der Etsch und dem Meer bekunden, wie 
kraftvoll die Stadt die feindlichen Naturmächte bekämpft hat. In 
der Kaiserzeit befafs sie noch freien Zutritt zum Meer und eine 
eigene Schiffergilde'), war aber inzwischen mit dem Fortschreiten 
der Anschwemmung von anderen Häfen völlig überflügelt worden. 
Die lateinischen Inschriften sind an Zahl gering, ihrer Form nach 
schlicht und altertümlich ^): sie verraten die gesättigte Bildung, aber 
auch den Stillstand und Rückgang eines ehedem blühenden Gemein- 
wesens. Es war Municipium und gehörte zur Tribus Camilia.ß) 

Sein Gebiet mag eine Fläche von 20 d. D M., meist Sumpf 
und Lagune umfafst haben. Es stöfst im Westen und Norden an 



1) Theop. fr. 140 und die Zeugnisse bei Schöne a. 0. p. VIII; ähnlich 
Eudoxos V. Rhodos Möller IV 407, 

2) Strab. V 214 Plol. III 1,26. Dafs der Pataviner Livius der stadtrömischen 
Ansicht huldigend die Nachbarstadt den Etruskern zuweist, ist allerdings merk- 
würdig, kann aber auf mancherlei Weise erklärt werden, fällt jedenfalls den 
angeführten Gründen gegenüber nicht ins Gewicht. 

3) Arist. bist. anim. VI 1 de gen. anim. III 1 Steph. ßyz. Fun. X 146 u. a. 
vgl. I 491. Weinhandel von Atria Plin. XIV 67 XXXV 161. 

4) Strab. V 214 Tac. Bist. III 12 CIL. V 2315. 

5) Die Namen sind zum Theil illyrisch: Mommsen zu n. 2327. 

6) CIL. V p. 220. 1072 Pais suppl. p. 61. 



§ 2. Die Veneter. 217 

dasjenige von Ateste Este. Der Atesis welcher im Lauf der Zeiten 
sich immer weiter südwärts wandte (I 193), scheint der Stadt den 
Namen verliehen zu haben. Sie liegt (13 m) am Südfufs jener 
vulkanischen Hilgelgriippe die in der Neuzeit den Namen Colli Eu- 
ganei erhalten hat (I 253. 486. A. 5.). Das Alter der Ansiedlung 
wird durch ausgedehnte Grabfelder bekundet. i) Auch ersehen wir 
dafs die einheimische Schrift sich neben der lateinischen behauptet 
und nur allmälich den Platz geräumt hat. 2) Der Name der Stadt 
erscheint zuerst auf den Grenzsteinen, welche angeben wie nach 
Beschlufs des römischen Senats die Proconsuln 141 v. Chr. gegen 
Patavium, 135 v. Chr. gegen Vicetia die beiderseitige Gemarkung 
abstecken. 3) Die Grenze reicht im Nordwesten bis Lobia bei Lonigo 
westlich von den Mouti Berici, wird im Westen gegen Verona durch 
die Etsch gebildet, dringt im Süden weit über diesen Flufs vor, 
wird im Osten durch die Feldmarken von Atria und Patavium von 
der Lagune ferngehalten und läuft endlich auf der Höhe der sog. 
euganeischen Hügel hin. Das umschriebene Gebiet wird 15d. DM. 
oder mehr betragen haben. In demselben sind nach der Schlacht 
bei Actium Veteranen aus verschiedenen Legionen versorgt worden, 
wonach Ateste Colonie heifst (S. 32). Im üebrigen wird es selten 
erwähnt. 4) Dem grofsen Verkehr war es angeschlossen durch die 
Strafse die von Aquileia über Patavium nach Mutina und Bononia 
lief. Die Entfernung von Patavium nach Ateste wird ziemlich genau 
zu 22 Millien angesetzt: für die folgenden Stationen aber zu hoch. 
Die Strafse, ungefähr dem Lauf der Eisenbahnlinie Padua-Bologna 
entsprechend, mündet nicht in Hostilia (S. 208), sondern langte 
weiter üsthch am Po wenig oberhalb Ferrara an, wo damals die 
Stromspaltung war. Auf dieser Linie ist das allein von Tacitus bei 
Gelegenheit des Feldzuges von 69 n. Chr. erwähnte Forum Älieni 
(etwa bei Lendinara an der Etsch) zu suchen. •'^) Das heutige Mon- 
selice scheint die Stelle eines antiken Vicus einzunehmen ; es kommt 



1) Prosdocimi, Not. d. scavi 1882 p. 5 fg. mit Plänen. 

2) CIL. V p. 241 fg. Pais suppl. p. 62 fg. 239. Ghirardini seit 1883 und 
Prosdocimi berichten in den Notizie, fast in jedem Jahrgang, über den gedeih- 
lichen Fortgang der Eslenser Ausgrabungen. 

3) CIL. I 547—49 V 2490—92. Die Grenzen des Gebiets werden von 
Mommsen a. 0. im Einzelnen bestimmt. 

4) Plin. in 130 XVII 122 Tac. Bist. III 6 Martial X 93 Ptol. III 1,26. It. 
Ant. 281. 

5) Tac. Bist. III 6. 



218 Kapitel III. Venetia und Histria. 

als Moiis Silicis schon 569 u. Chr. vor.i) Atesle war in die Tribus 
Romiha eingetragen. 

Der Trihns Menenia gehört das benachbarte Municipium Vicetia 
an 2): seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. wird daraus in Anlehnung 
an die auf entia auslautenden Städtenameu welche südlich vom Po 
so häufig begegnen, Vicentia gemacht'^), jetzt Vicenza. Es liegt 
(36 m) am Nordlufs der BasalthiJgel M. Berici (1 253) am Bacchig- 
lione, der hier aus der Vereinigung mehrerer Bäche entsteht, an 
Padua voibeifliefst und von Vicenza an schifTbar (1 194) ist. Eigentlich 
ist der Ostliche Quellarm Astagus Astico länger und bedeutender. Mit 
derselben Willkür sah man im Altertum den kleinen von Westen her 
bei der Stadt einfliefsenden Eretetms Reteyio Retroji Relrone, durch 
den Sprachgebrauch der Vicetiner veranlafst, als Hauptstrom an: 
eine Schilderung des in demselben betriebenen Aalfangs ist erhalten.^) 
Auf den Unterlauf oder Bacchiglione ist der Name Togisonus zu be- 
ziehen.^) Die Gründung Vicetia's wird vereinzelt den Kelten zuge- 
schrieben 6) ; gemeinhin und mit Recht gilt es als venetisch. 7) Gelegent- 
lich eines Streites zwischen der Bürgerschaft und ihren Unterthanen wird 
die Stadt zuerst 43 v. Chr. erwähnt^), zählte in der Folge nur zu den 
Plätzen dritten Ranges. 9) Von Gebäuden ist ein Theater aufgefunden 
worden. 

Vermöge seiner centralen Lage war Patavium zum Haupt der 
venetischen Städte bestimmt. Die grofse Strafse von Verona mifst 
33 Millien bis Vicetia, von hier 22 bis nach Patavium: die halb- 
wegs auf der letzteren Strecke befindliche Station ad Finem zeigt 
die Grenze der beiderseitigen Feldmark an.i^) Die Strafse setzt sich 

1) Paul. h. Lang. II 14 IV 25. 

2) So durchweg in den Inschriften und bei den älteren Autoren, Mommsen 
CIL. V p. 306. 

3) Ptol. 111 1,26 Justin XX 5,8. — It. Ant. 128 Hieros. 559 Tab. Peut. Paul, 
h. Lang. II 14 V 23 auch Fincentia. 

4) Aelian de nat. anim. XIV 8. Venant. Fort. Vita Mart. IV 677 Reteno, 
Geogr. Rav. IV 36 Retron quod Redenovo dicebatur. Ders. bezeugt allein den 
antiken Namen Astaf^us, übergeht aber Togisonus. 

5) Plin. 111 121. In seinem Bereich sind vielleicht die unbekannten Togienses 
Plin. III 130 zu suchen. 

6) Justin XX 5,8. 

7) Plin. Ill 130. 132 VI 218 Ptol. III 1,26. 

8) Cic. ad Fam. XI 19. 

9) Strab. V 214 Tac. Hist. Ill 8 Plin. Ep. V 4. 13 Suet. de grannm. 23. 
CIL. V p. 304. 1074 Pais suppl. p. 77. 240 Kaibel inscr. Gr. 2314. 

10) If. Ant. 128 Hieros. 559 Tab. Peut. CIL. V p. 940. 



§ 2. Die Veneter. 219 

nach dem 33 Millien entferolen Allinura fort. Vou der südwärts 
über Ateste nach Mutina führende Strafse war S. 217 die Rede. 
Aufserdem war die Stadt zu Wasser zugänglich. Ihr gehörten die 
Lagunen an, welche niirdlich auf diejenigen von Atria folgen. Zu- 
nächst schliefst an die fossa Philistina (S. 215) die Einfahrt von 
Brundulum Brondolo *) an, durch welche die Etsch ausmündete 
(I 206); die betreffende Lagune ist in der Neuzeit durch die Brenta 
ausgefüllt worden (I 203). Dann kommt der portus Aedro"^) Chioggia 
mit der fossa Clodia, die beiden Mündungen des Mednacus: minor 
Porto Secco (?) und maior Malamocco. Es ist früher (I 202) dar- 
gelegt worden, wie die Beschreibung welche Livius von der seiner 
Vaterstadt benachbarten Lagune giebt, im Wesenthchen noch jetzt 
zutrifft. Die Auffahrt vom Meer aus zur Stadt wurde zu 30 Millien 
45 km gerechnet. — Die Altstadt (12 m ü. M.) lag und liegt auf 
einer vom BacchigHone (S. 218) umflossenen Halbinsel die ungefähr 
1 km lang und am Fufs 650 m breit ist. Eine von Nord nach 
Süd laufende Hauptstrafse scheidet sie in zwei Hälften ; die weitere 
Einlheilung scheint in derselben Weise planmäfsig gewesen zn sein. 
Die offene Südseite war durch einen querüber gezogenen Canal 
gedeckt, so dafs das Wasser den ganzen Umkreis der Stadt schirmte. 
Der Meduacus oder Brinta welcher im Altertum in gröfserer Nähe 
als gegenwärtig an der Nord- und Ostseite vorbeiflofs (I 194), er- 
höhte die Festigkeit der Lage. Das heutige Padua ist mit einem 
Netz von Wasserläufen übersponnen: von seinen 46 Brücken gehen 
4 auf antiken Ursprung zurück. 3) Ein Flächeninhalt von 65 ha 
weist bereits der venetischen Stadt nach den Verhältnissen des 
Nordens eine hervorragende Bedeutung zu (S. 38). In der Friedens- 
zeit unter den Römern dehnt sie sich weiter aus: dies lehrt z. B. 
das Amphitheater dessen Umfang noch wahrnehmbar ist (99,26 X 
62,56 m Arena 74,3 X 36 m).4) Im Uebrigen hat die wiederholte 
Zerstörung unter den alten Bauwerken gründhch aufgeräumt. 

Die Stadt beansprucht ein hohes Aller.») Sehen wir von der 

1) Plin. III 121. 

2) So Plin. III 121, Ebrone Tab. Peut. Die Inschriften von Chioggia CIL. 
V p. 219. 

3) Vgl. CIL. V 2845. 

4) Not. d. Scavi 1881 p. 154. 225. 

5) Der Nanae hängt, wie I 183 A. 1 bemerkt, wahrscheinlich mit Padus 
zasammen. Ebenso Servius V. Aen. I 247 der noch zwei andere Ableitungen 
beifügt. 



220 Kapitel III. Venetia und Histria. 

Fabel ab welcbe den troischen Antenor als Gründer feierte (I 490), 
so erinnerten lakonische Beutestücke im Tempel der Juno und ein 
alljährlicher Wettkampf auf dem Fliifs in der Stadt ') an die 301 
V. Chr. gelungene Abwehr des Königs Kleonymos (I 175). Was 
von ihren Kämpfen mit den Kelten berichtet wird, ist in anderem 
Zusammenhang, da die ältere Geschichte der Stadt mit der Geschichte 
der Nation zusammenfällt, mitgetheilt worden (I 491 fg.) Aus dem 
Jahre 174 v. Chr. hören wir von inneren Streitigkeiten, die durch 
das Eingreifen Roms geschlichtet werden mufsten.2) Sie wurde 
49 V. Chr. römisches Municipium und in die Tribus Fabia aufge- 
nommen. Sie entrann glücklich den Wirren des Bürgerkriegs 3), 
galt unter Augustus als die reichste Stadt Italiens nach Rom und 
fand in dieser Hinsicht innerhalb der Bürgerschaft ihres Gleichen 
nur in dem spanischen Gades.*) „Patavium — schreibt Strabo — 
in der Nähe der Lagunen gelegen, übertrifft alle Städte des Nordens. 
Bei dem jüngsten Census (14 n. Chr.) wurden, heifst es, 500 Männer 
ritterlichen Vermögens (400000 Sesterzen = 87 000 M.) hier geschätzt, 
vor Alters steUte es 120 000 Mann ins Feld. Auch zeigt die 
Masse der nach Rom versandten WoU-'') und sonstigen Waaren 
die Dichtigkeit und Kunstfertigkeit der Bevölkerung an. Die Auf- 
fahrt von der See auf einem durch die Sümpfe fliefsenden Flufs 
ist 250 Stadien (45 km) lang und geht von einem grofsen Hafen 
aus, der ebenso wie der Flufs Meduacus heifst." Patavium hat 
nichts von dem Wesen eines Emporkömmlings das so viele römische 
Städte kennzeichnet, erinnert an manche Reichsstädte unserer 
Heimat. In seinen altgefestigten Verhältnissen bewahrte es die 
Ehrbarkeit der Sitten «), mied kleinbürgerliche Prahlerei^), führte 



1) Liv. X 2 Patavii monumentum 7iavaH$ pvgnae eo die quo pugnatum 
est, quotannis solenmi certamine navium in flumine oppidi media exercetur: 
zugleich ein Zeugnifs für die zu Livius Zelt vollzogene Erweiterung der Stadt 
vgl. CIL. V 2856. 2878. 

2) Liv. XLI 27. 

3) Plut. Caes. 47 Gell. N. A. XV 18 Dio XLI 61 Lucan VII 193 CIc! 
Philipp. XII 10. 

4) Strab. V 213 III 169, Mela II 60 opulentissima. 

5) Martial XIV 143 Strab. V 218. 

6) Plin. Ep. I 14,6 Martial XI 16,8. 

7) Mommsen a. 0. p. 268 id ipsum eliam tituU lestantur numero multi, 
sed anliquae fere simplicilatis, item mira paucilas tituloTnim honorariorum. 
CIL. Vp. 263. 1073 Pais suppl. p. 75. 239 Kaibel 2315—17. 



§ 2. Die Veneter. 221 

bei dem alle 30 Jahr zu Ehren Antenors gefeierten Gründungsfeste 
Tragoedien auf.^) Den ehrenhaften Charakter der Vaterstadt spiegeln 
Livius, Asconius, Thrasea in der Litteratur wieder: die Selbständig- 
keit mit der er in Worten und Wendungen (I 492) vor allem in 
seiner ganzen Haltung auftrat, galt hauptstädtischem Dünkel als Pata- 
vinitas.'^) In dem Krieg 69 n. Chr. erwähnt 3), wird Patavium in 
der Folge von anderen Städten, namentlich Mailand und Aquileia 
überholt.4) Die Langobarden zerstörten es mit Feuer und Schwert. 5) 
Aus der Menge der erhaltenen Inschriften geht hervor dafs 
die Umgegend dicht bewohnt war; auch in den Niederungen wurde 
Weinbau getrieben.®) JNach den Alpen zu versagen die Inschriften: 
das Gebiet von Patavium scheint sich bis zu den Quellen des Astico 
erstreckt '') und einen Flächenraum von 40 — 50 d. D M. enthalten 
zu haben. — Am Ostfufs der sog. euganeischen Hügel entspringen 
in Abano, S. Pietro, Monte Grotto, Battagha warme Schwefelquellen 
die im Altertum wie in der Gegenwart starken Zuspruch fanden. 
Der erstgenannte von Padua 11 km entfernte Badeort ist der be- 
suchteste, in seinem griechischen Namen Aponus an die alte Bildung 
dieser Landschaft erinnernd. 8) Herakles hatte mit dem Pflug den 
schmerzstillenden Quell ans Licht gebracht. Ein Orakel das man 
mit Würfeln befragte, war mit der Heilstätte verbunden. 9) Claudian 
hat sie besungen, Cassiodor ausführlich beschrieben. — Der Ort wo 
Antenor zuerst gelandet sein sollte, hiefs nach Livius Troia und 
danach eine Dorfschaft pagus Troianus; derselbe erwähnt ohne 
Namenangabe drei patavinische Dörfer an der Lagune.io) 

1) Tac. Ann. XVI 21 Dio LXII 26 vgl. CIL. V 2787 Pais 599. 

2) Ouintil. 15,56 VIII 1,3. 

3) Tac. Hist. 11 100 III 6 fg. 

4) Es wird seit dem 2. Jahrhundert kaum genannt: Not. Dign. Occ. 121. 

5) Paul. h. Lang. II 14 IV 23. 

6) Plin. XIVllO. 

7) Plin. III 121 accedentibus Atesi ex Trideniinis Alpibus et Togisono 
ex Patavinorum agris. 

8) Lucan VlI 192 Sil. It. XII 218 Martial VI 42,4 AnthoL lat. 36 Riese 
Auson.XIX 161 Claudian carm. min. 26,89 felices proprium qui te meruere coloni 
fas quibus est Aponon iuris habere su>. Cassiod. Var. II 39 Aponum Graeca 
lingua nominavit antiquitas, Plin. II 227 XXXI 61. 

9) Suet. Tib. 14 vgl. CIL. I p. 267 fg. Die Formel A. A. in den Weihin- 
schriften CIL. V 2783 fg. 8990. 3101 ist doch wol nach den Veroneser Scholien 
zu Aen. I 247 Apollini Apono aufzulösen; Mommsen zieht Apono Augusto 
oder aquis Aponi vor. 

10) Liv. I 1,3 X 2,7. 



222 Kapitel 111. Venetia und Histria. 

Die Reisekarte verzeichnet die einzelnen Wegstrecken auf dem 
Lido die hei den zahlreichen Mündungen kurz ausfielen und durch 
Fähren unterhrochen waren. Sie rechnet von der Mündung des 
Meduacus Maior 3 Millien bis ad Porhim den oben von Strabo er- 
T^rähnten Hafen Pataviums, vermutlich die heutige Ortschaft Mala- 
mocco im Unterschied von der Einfahrt gleichen Namens; von hier 
16 Mdlien bis Altinum. So heifst noch jetzt die nördUch von 
Burano am Rand des Festlands unweit des Suis Sile i) befindliche 
Trümmerstätte (2 m). Der kleine Flufs (I 194) hat rüstig an der 
Ausfüllung der Lagune geschafft; denn die alte Stadt war auf einem 
Pfahlrost innerhalb der Lagune erbaut, wie das damalige Ravenna 
und das heutige Venedig.'^) Von Hause aus wahrscheinlich ein 
Fischerdorf — seine Muscheln halten späterhin weiten Ruf^) — 
erscheint es am Ausgang der Republik als Municipium der Tribus 
Scaptia.4) Die nordische Politik des Augustus und seiner Nach- 
folger hat dessen Aufblühen mächtig gefördert. Seit der Anlage des 
Kriegshafens zu Ravenna und der Herstellung der Wasserstrafsen 
führte die kürzeste und bequemste Verbindung zwischen dem Nord- 
osten und der Halbinsel über Altinum (S. 213). Ungefähr gleich- 
zeitig wurde von hier aus die Via Claudia Augusta erbant, welche 
die Rrennerstrafse schneidend und wie es scheint am Bodensee aus- 
mündend (I 163), die kürzeste Verbindung zwischen dem oberen 
Rhein- und Donauthal einerseits, der Adria und Rom anderseits 
herstellte. Derart liegt Altinum an der Kreuzung der von Nord 
nach Süd und von Ost nach West laufenden Hauptstrafsen, von hoher 
Bedeutung für den Handelsverkehr wie für kriegerische Unter- 
nehmungen. s) Seine Feldmark kann nur eine bescheidene Aus- 
dehnung gehabt haben: wenn deshalb von seiner Schaf- und Vieh- 
zucht die Rede ist 6), wird dies vorwiegend auf die Ausfuhr des 
Hinterlandes zu beziehen sein. Die Machthaber wandten der durch 
Tüchtigkeit ausgezeichneten Gemeinde ihre persönliche Gunst zu ^) : 

1) Plin. III 126 Geogr. Rav. IV 36. 

2) Vitruvl 4,11 Slrab. V 214. 

3) Plin. XXXII 150. 

4) Veil. II 76,2 Plin. III 119 VI 218 Ptol. III 1,26 CIL. V p. 205. 1070 Pais 
p. 58. 238 Einwohner Allinntes. 

5) Vell. 11 76,2 Tac. Hist. III 6 Herodian VIII 7,1 vita Ver. 9,11 Zosim. 
V 37,2. 

6) Colum. VI 24 Vil 2 Martial XIV 155. 

7) CIL. V 2419 Plin. Ep. III 2. 



§ 2. Die Veneter. 223 

das milde Klima mochte sie fesseln, wenn sie gezwungen waren 
den Winter im Norden zu verbringen. Die Umgebung wurde mit 
Landhäusern bedeckt, deren Pracht mit Baiae wetteifern konnte. i) 
Altinum ward 452 durch Attila zerstört 2): die geflüchteten Bewohner 
siedelten sich auf geschützteren Inseln an und legten damit den 
Grund des heutigen Venedig.^) 

Nach Aussage der Meilensteine verband die Via Claudia Augusta 
Altinum oder den Po mit der 350 Millien entfernten Donau. Sie 
führte zunächst nach dem 12 Millien landeinwärts am Sile (15 m) 
gelegenen Tarvisium Municipium der Tribus Claudia, jetzt Treviso.^) 
Es wird erst am Ausgang des Altertums in der Kriegsgeschichte 
mehrfach erwähnt und war Sitz eines langobardischen Herzogs. — 
Noch weniger ist über das 25 Millien von Treviso in nordwestlicher 
Richtung entfernte Municipium Acelum Asolo (207 m) zu sagen. ^) 
Dasselbe wird ausdrücklich den Venetern zugeschrieben und scheint 
nicht ganz unbedeutend gewesen zu sein. — Von Treviso bis Feltria 
Feltre (327 m) sind ungefähr 40 Millien. Die Strecke von Altinum 
bis hierher wird in den Itinerarien nicht erwähnt, so dafs die durch die 
Via Claudia Augusta eröffnete Verbindung nicht in dem Mafse benutzt 
zu sein scheint wie man hätte erwarten sollen. Am Plavis Piave, 
von dessen Veränderungen früher die Rede war (I 195), vereinigt 
sich die Strafse mit der von Opitergium kommenden. Feltria 
war venetischen Ursprungs und gehörte als Municipium der Tribus 
Menenia an.^) Sein Gebiet dehnt sich über das Suganathal bis zur 
Wasserscheide gegen Trient hin aus.') Das von der oberen Brenta 
(I 194) durchflossene Suganathal heifst in langobardischer Zeit 
Alsuca; das Reisebuch nennt 30 Milben von Feltre, 23 von Trient 



1) Martial IV 25 aemula Baianis Altini litora villis, Cassiod. var. XII 22. 

2) Bist. Miscella XV 7 vgl. Jord. Get. 222, Geogr. Rar. IV 30 Guido 20.' 

3) Erste Erwähnung Paul. h. Lang. II 14. 

4) Plin. III 126. 130 Geogr. Rav. IV 30 Venant. Fort. v. S. Mart. IV 665 
(Tarvisvs) Cassiod. var. X 27 {Tarvisiani) Prokop b. Golh. II 29 III 1. 2 Paul. h. 
Lang. IV 3 V 39 CIL. V p. 201 Kaibel 2322. 23. Die Einwohner Tarvisani, ver- 
einzelt Tai'visiüJii. 

5) Plin. III 130 Ptol. III 1,26 "AxsSov, Bischofsitz nach Paul. h. Lang. III 26 
Acilium, CIL. V p. 198. 1068 Pais p. 56. 238. 

6) Plin. III 130 Fertini, zu lesen Feltrini , so Cassiod. var. V 9 Paul. h. 
Lang. III 26. It. Ant. 280 Geogr. Rav. IV 30. Die Inschriften sowol Feltria als 
Feltriae CIL. V p, 196. 1068 Pais p. 56. 238. 

7) Wie bezeugen Cassiod. var. V 9 Paul. h. Lang. III 31. 



224 Kapitel III. Venetia und Histiia. 

Ausugum, was auf den Ilauptort Borgo di Val Sugaoa (375 m) zu- 
trilTt.') — Das obere Thal der Piave hat seinen Miltelpunct in 
Bellunnm Belluno'-^), das an der Vereinigung von Ardo und Piave 
hegt (385 m). Es wird den Venetern beigelegt und war als Muni- 
cipium in der Tribus Papiria eingetragen. Weiter aufwärts im Val 
Cadore hewahrt Castell Lavazzo seinen alten Dorfnamen : dies lehrt 
eine Inschrift^), laut welcher zu Ehren des Kaisers Nero den Dorf- 
genossen eine Sitzbank mit daran angebrachter Sonnenuhr gestiftet 
wird (horilogium cum sedibus pagam's Laebactibus dederunt). 

Die Liquentia Livenza (I 195)^), bildete die Grenze zwischen 
Venetern und Carnern: an ihrer Mündung befand sich ein Hafen 
gleichen Namens, jetzt Caorle.^) In dem von Piave und Livenza 
umrahmten Landstrich ist Opüergium Oderzo (16 m) die Haupt- 
stadt ♦>), von Altinum und Concordia je 20 Millien entfernt, Das 
Reisehandbuch erwähnt die Verbindung mit diesen beiden Städten 
nicht, statt dessen eine Strafse nach Feltria die an die Via Claudia 
Augusta anschlofs: es giebt die Entfernung nach Feltria zu 56 MiUien 
an, das ist um 10 zu hoch. Die Reisekarte läfst eine Strafse von 
Vicelia über Opitergium nach Concordia und Aquileia gehen. Die 
Gemeinde wird zum ersten Mal in dem Bürgerkrieg 49 v. Chr. er- 
wähnt wegen des Heldenmuts mit dem ihre Söhne gegen die Pom- 
peianer fochten. Da alle den Tod der üebergabe vorzogen, ge- 
währte ihr Caesar Freiheit von der Aushebung für 20 Jahre und 
eine Gebielsvergröfserung von 151 Dkm. Die Stadt gehorte der 
Tribus Papiria an. Sie wird unter Marc Aurel von den Marco- 
manen, im 7. Jahrhundert von den Langobarden von Grund aus 
zerstört, — Etwa 20 Millien nördlich von Opitergium liegt Ceneta 
Ceneda.^) Dasselbe wird im 6. Jahrhundert als Bistum genannt, 

1) It. Ant. 280 Paul. h. Lang. III 31 CIL. V p. 536. Pais 1065 p. 91. 

2) Plin. in 130 Felunum, Ptol. III 1,26 BeXoivov , Paul. h. Lang. III 26 
VI 26. Die Namensfoi m steht durch Inschriften fest CIL. V p. 192. 1068 Pais p. 55. 238. 

3) CIL. V p. 191. 1068. 

4) Plin. III 126 Serv. V. Aen. IX 679 Tab. Peut. (Licenna) Paul. h. Lang. 
V 39 Geogr. Rav. IV 36. 

5) Plin. 11! 126 CIL. V p. 185. 

6) Liv. CX Lucan IV 462 dazu Schol. Bern. Flor. 11 13; Strab. V 214 Plin. 
III 130 Ptol. III 1,26; Tac. Hist. III 6 Ammian XXIX 6,1; It. Ant. 280 Tab. 
Peut. Geogr. Rav. IV 30; PauL h. Lang. IV 38. 45 V 28; CIL. V p. 186. 1066 
Pais p. 54. 234. 

7) Venanl. Fort. v. S. Marl. IV 668 Agathias II 3 Geogr. Rav. IV 30 Paul, 
h. Lang. II 13 V 28 VI 24 CIL. V p. 1067. 



§ 3. Die Carner. 225 

kann aber erst in der späten Kaiserzeit Stadtrecht erlangt haben, 
da es bei älteren Schriftstellern nicht vorkommt. — Unbekannt 
ist die genaue Lage der Stadt Berua der Plinius raetischen Ursprung 
beilegt. 1) Da sie in Verbindung mit Feltria und Tridenlum auftritt, 
wird die Gegend, wo sie zu suchen, wenigstens angedeutet. 

§ 3. Die Carner. 

Die Landschaft zwischen den Carnischen Alpen und dem Meer, 
der Livenza sowie der oberen Piave im Westen und dem Isonzo 
im Osten heifst FriauK benannt nach Forum Julii, wo die Lango- 
barden bei ihrer Einwanderung 569 ihr erstes Herzogtum einge- 
richtet hatten. Etwa 125 d. □ M. grofs bildet sie, von einem 
venezianischen Bruchtheil zwischen Livenza und Tagliamento, ferner 
einem slavischen Bezirk im Nordosten abgesehen, eine Sprachein- 
heit, die wir nach der Ansicht Ascoh's und anderer namhafter 
Sprachforscher der raetischen Familie zugewiesen haben (I 484). 
Um diese Thatsache zu erklären bleibt kein anderer Ausweg übrig 
als den Grundstock der Bevölkerung für raetisch zu halten. Neuer- 
dings ist vermutet worden, die Raeter seien aus Tirol seit Karl dem 
Grofsen in das verödete Land eingewandert: jedoch fehlt bislang 
ein Versuch die Vermutung irgendwie zu begründen.^) Wir haben 
keinen Anlafs von der früher (I 487) aufgestellten Meinung abzu- 
gehen, dafs die Gallier in Friaul den herrschenden Theil, die Raeter 
die unterworfene Masse ausmachten. 3) Gleicher V^'eise sind die an- 
stofsenden Japudes deren Name keltisch ist, nach dem Zeugnifs der 
Alten aus Illyrern und Kelten gemischt.^) Aehnlich scheint es im 
westlichen Piemont mit Ligurern und Kelten gewesen zu sein (S. 163). 



1) Plin. in 130 CIL. V p. 537. 

2) Carl Freiherr v. Czoernig, die alten Völker Oberitaliens, Wien 1885, 
p. 54. Der Beweis müfste sich aus den Ortsnamen führen lassen, wenn die 
Vermutung richtig wäre. Freilich erscheint die Annahme des Verf. dafs Friaul 
186 v. Chr. und abermals in langobardischer Zeit unbewohnt gewesen wäre, 
recht unglaublich. Eher würde man an eine ausgedehnte Verpflanzung raetischer 
Bevölkerung durch Augustus denken können, nach Dio LIV 22. 

3) Eine eingehende Untersuchung über die inschriftlich erhaltenen Eigen- 
namen Oberitaliens würde für die Aufhellung der Stammesverhältnisse von 
Nutzen sein. Es fehlt nicht an Bezügen zwischen raetischen und furlaner 
Namen z. B. Clavenius CIL. V 1920 Clavenna ; Truttidia eb. 1946 in Ateste 
und Verona wiederkehrend. 

4) üeber den Namen I 507 A. Strab. IV 207 VII 313. 315. 
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 15 



226 Kapitel lil. Venetia und Hislria. 

Das Einilringcn der Germanen in das römische Reich kann der- 
artige Hergänge veranschaulichen und zeigen wie das herrschende 
Volk die Sprache und Art des besiegten annimmt. Im Jahre 186 v. 
Chr. wanderte eine Schar von 12 000 waffenfähigen Galliern in die 
Nähe von Aquileia und begann sich hier anzusiedeln, räumte aber 
auf den Befehl Roms hin das besetzte Land.i) Frühere Versuche 
mögen von besserem Erfolg begleitet gewesen sein. Die Besitz- 
nahme des Friaul durch Gallier ist allem Anschein nach spät er- 
folgt: es ist wol möglich dafs, wie behauptet wird (S. 225 A. 2), die 
Veneter einst bis zum Timavus reichten und durch den Druck der 
kellischen Massen zum bedingungslosen Auschlufs an Rom getrieben 
wurden. — Die Carner werden bei Erwähnung eines 115 v. Chr. 
über sie gefeierten Triumphes als GaUier bezeichnet. 2) Zeufs leitet 
den IVamen vom keltischen carn (lat. cornu deutsch Hörn) ab'^), 
das ähnlich wie das deutsche Hörn (Breithorn Matterhorn Schreck- 
horn usw.) von Bergspitzen gebraucht wird: mithin würde er das- 
selbe bedeuten wie Taurisker Tauriner (S. 163), die Bergbewohner. 
Die Ausdehnung des Volkes steht im Allgemeinen fest: es wird im 
Westen durch die Livenza von den Venetern (S. 224), im Norden 
durch die Alpes Carnicae auf denen die Save entspringt, von den 
Norikern geschieden, umfafst im Osten noch Tergeste.*) Dafs Carner 
im Gebiet der letzteren Stadt wohnten, wird urkundlich bezeugt. 
Trotzdem ziehen Plinius und Plolemaeos in ihrer Darstellung die- 
selbe nicht zu den carnischen Städten. Wir folgen ihnen; denn 
einmal erhält Italien am äufsersten Nordende der Adria, dem Busen 
von Monfalcone, wo das Niederland aufhört und das Gebirge hart 
an das Ufer tritt, seinen natürlichen Abschlufs; sodann ist hier bis 
auf Caesar die politische Grenze gelaufen (I 77 A. 3). Während 
der Republik war Aquileia Grenzstadt und Zollamt : kurz hinter 
dem Timavus, bei Duino sul Carso am Golf von Monfalcone befand 
sich die Zollstätte und damit auch die Grenze Italiens.^) 



1) Liv. XXXIX 22. 45. 54.55. Plin. III 131, 

2) Fasten (CIL. I p, 460) de Galleis Karneis; Liv, XLIII 5 scheint Carner, 
Hislrer, Japuden von den Galliern zu unterscheiden. 

3) Zeufs p. 248. 

4) Liv. XLlll 5 Mela II 59 Plin. III 127. 147 Strab. IV 206 VII 292. 314Ptol. 
III 1,25. 

5) Caes. b. Call. I 10 Cic. pro Font. 2 CiL. V 703. 704. 792. Strabo V 215 
bezeugt die Grenze zwischen Italien und Istrien. 



§ 3. Die Carner. 227 

Die Städte in Friaul tragen romische Namen und führen ihren 
Ursprung auf die Römer zurück. Daraus geht schon hervor, dafs 
die Entwicklung einen wesenthch anderen Gang genommen hat als 
bei den Insubrern Cenomanen und Venetern. Der Plan Künig 
Phihpps von Macedonien, einen grofsen Einfall barbarischer Völker 
in Italien von Osten her ins Werk zu setzen i) , hat die römische 
Regierung genötigt eine feste Stellung am Fufs der Ostalpen ein- 
zunehmen. Angeblich soll bereits 187 v. Chr. der Consul M. Aemi- 
lius Lepidus mit Umgehung der Niederungen am Saum der Alpen 
hin eine Slrafse von Rononia nach Aquileia erbaut haben. 2) Dies 
kann nicht richtig sein, da Aquileia erst 181 v. Chr. gegründet 
wurde. Aber die im Reisebuch verzeichnete Strafse zwischen beiden 
Städten kann füglich im zweiten Consulat des Lepidus 175 v. Chr. 
entstanden sein. Sodann wurde die Grenzfestung 148 v. Chr. mit 
Genua in Verbindung gesetzt durch die Anlage des Sp. Postumius, 
deren Renennung für den Anfang bei Genua, für die Strafse von 
Cremona nach Redriacum, endlich für die Einmündung in Aquileia 
überliefert wird (S. 200 A. 1). In Altinum nahm sie die 132 v. Chr. 
erbaute Via PopilHa auf. Die Entfernung von Altinum beträgt 60 
oder 62 Millien.3) Während der Republik hat hier ein ähnliches 
Verhältnis obgewaltet wie an der ligurischen Küste (S. 140): die 
Herrschaft erstreckt sich nicht weit über den Strafsendamm hinaus, 
und das ganze binnenländische Friaul geniefst der Unabhänigkeit. 
Es liegt in der Natur der Dinge dafs Uebergriffe von der einen wie 
der anderen Seite nicht ausgeblieben sein können. Wo ihr Name 
zum ersten Mal auftaucht, 170 v. Chr. führen die Carner im Senat 
Reschwerde, 115 v. Chr. werden sie besiegt, 52 v. Chr. überfallen 
sie Tergeste.4) Die üeberheferung bekümmert sich kaum um das 
Völkchen. Aber wir erkennen doch dafs Octavian das Schicksal 
desselben endgiltig bestimmt hat. Nachdem Caesar im Westen die 



1) Liv. XXXIX 35 XL 21. 57. 

2) Strab. V 217 hat vielleicht Aquileia mit Placentia, Alpen mit Appennin 
verwechseU. Aber da Aquileia aller Wahrscheinlichkeit nach bald an das 
italische Strafsennetz angeschlossen wurde, da anderseits Lepidus zu den 
Venelern Beziehungen hatte (Liv. XLl 27), so hat man guten Grund ihn als 
ersten Urheber der lt. Anton. 281 beschriebenen Strafse anzusehen. Der kunst- 
mäfsige Ausbau mufs aber viel später erfolgt sein (S. 53). 

3) It. Ant. 126. 128. 281 Hieros. 559 Tab. Peut. CIL. V p. 935 fg. 

4) Liv. XLIII 1.5, Triumphalfasten, Hirt. b. Call. Vlll 24, Strab. IV 206 
V 216. 

15* 



228 Kapitel III. Venetia und Histria. 

Reichsgrenze an den Rhein und Canal vorgeschoben hatte, ging 
sein Sohn, sohahl die Umstände es gestatteten, daran Italien nach 
Osten hin zu sichern. Er unterwarf die Carner 35 v. Chr. und 
führte alsbald diejenigen Einrichtungen durch, welche wir in der 
Kaiserzeit antreffen. ') 

Halbwegs zwischen Altinum und Aquileia gründete Octavian 
unter den Namen Julia Concordia eine Colonie die er mit der 
Herrscliaft über das westliche Friaul zwischen Livenza und Taglia- 
mento betraute. 2) Ein älterer römischer Vicus lag an der Stelle, 
wie begreiflich durch den Verkehr ins Leben gerufen. =^) Jedoch 
zeugt der Grundplan der Colonie von grofser Regelmäfsigkeit.4) 
Die Stadt hat ihren Namen bis auf die Gegenwart bewahrt, ist aber 
wieder zum Flecken herabgesunken (2 m). Das Flüfschen Lemene 
— wie es einst hiefs, wissen wir mit Sicherheit nicht'') — setzt 
sie mit dem anstofsenden Lagunengebiet in Verbindung. IVach dem 
Binnenland laufen zwei Strafsen von ihr aus: erstens nach dem 
20 Millien entfernten Opitergium •>) und damit weiter über Feltria 
(S. 223) und Trient nach Rhein und Donau; sodann hat Augustus 
2/1 V. Chr. von Concordia eine Strafse erbaut die sich mit der von 
Aquileia ausgehenden vereinigt und vom oberen Thal des Taglia- 
raenlo über M. Croce wie über den Saifnitzpafs (I 165) nach 
Noricum verzweigt."^ Daraus erhellt sofort dafs der Platz eine 
militärische Bedeutung gehabt hat. Solche tritt namentlich im 4. und 



1) Appian III. 16. Dafs die Unterwerfung erst 15 v. Chr. vollendet wurde, 
darf man nicht aus Strabo IV 206 schliefsen : die Carner werden in der Sieges- 
inschrift nicht genannt und die Stadtgründungen in Friaul fallen vor 27 v.Chr. 
Ebensowenig darf man sie Caesar beilegen, da nichts von seinem Vorgehen 
in diesen Gegenden bekannt und eine Befriedung derselben vor dem Jahr 35 
ausgeschlossen ist. 

2) Strab. V 214 Mela II 61 Plin. III 126 Ptol. III 1,25 CIL. V p. 178. 1035 
Pais p. 50. 237 Kaibel inscr. Gr. 2324-36. 

3) CIL. V 1890 dazu Pais. 

4) Not. d. Sc. 1880 p. 411 tav. 12, leider ohne Mafsstak 

5) Wie I 196 A. 1 bemerkt, ist das flumen ReaUnuvi Plin. III 126 wahr- 
scheinlich der Lemene, der Hafen gl. N. vielleicht Porto di Falconera. 

6) Bezeugt durch einen Meilenstein CIL. V p. 937. 

7) Nach den Meilensteinen CIL. V p. 936. Die beiden Strafsen von Con- 
cordia und von Aquileia sind nahezu gleicher Länge und vereinigen sich in 
der Gegend von Pers (166 m) bei S. Daniele unweit des Tagliamento. Im CIL. wird 
Pers (495 m) am Fufs des M. Chiampon (1709 m) östlich von Gemona ver- 
standen, was in mehrfacher Hinsicht unmöglich ist. 



§ 3. Die Garner. 229 

5. Jahrhundert zu Tage, als hier eine kaiserhche Fabrik von Pfeilen 
bestand, und wie die kürzlich entdeckte Gräberstätle beweist, ver- 
schiedene Truppenkürper lagerten. i) Die Feldmark der Gemeinde 
mag an 40 d. D M. enthalten haben.'-) Jedoch hat sie den Ver- 
kehr der Nachbarn in Altinum und Aquileia lange nicht erreicht. 
Sie war der Tribus Claudia einverleibt; über ihr Stadtrecht werden 
wir durch Fronto unterrichtet. 3) 

Der Tiliaventus Tagliamento *) scheidet die West- von der Ost- 
hälfte Friauls (I 195). In dieser nimmt Aquileia eine ähnliche 
Stellung ein wie Concordia in jener, hat aber als Ausfuhrhafen 
der Alpenländer einen ganz anderen Aufschwung genommen, ja 
den Rang einer Grofsstadt im römischen Reich bekleidet. Um 390 
singt Ausonius^): 

Notia inter ciaras Aquileia cieberis urbes 

Itala ad Illyricos obiecta colonia montes 

moenibns et portu celeberrima. 

Sie hegt am Rand der Lagune (5 m) ungefähr 10 km vom 

Meer entfernt.**) Mehrere Flüsse münden in die Lagunen ein: im 

Westen der kleine Alsa Ausa'), im Osten der Natiso Natisone^) 

mit dem Turrus Torre.'J) Es wurde früher bemerkt (I 196) dafs 

der Natiso nicht wie jetzt in den Sontius Isonzo lO) einmündete, 

sondern nahe bei Aquileia vorbeiflofs: er schützte dasselbe gegen 



1) Not. Dign. Occ. 43 CIL. V p. 1035 Kaibel 2324—36; vgl. Cod. Theod. 
XI 39,1 1 XVI 7,5 Eutrop VllI 10 Zosim. V 37 Nol. d. Scavi 1883. 86. 93. 
94. 95. 

2) Cassiod. var. XII 26. 

3) Fronto ad amicos II 6. 7. 

4) Plin. III 126, Ptol. I 15. 4 111 l,t. 22 Tilavenlus, Tab. Peut. Tiliabfnte, 
Venant. Fort, praef. 4 vita S. Mart. IV 655 Teliamentus , Paul. h. Lang. II 13 
Tiliamentus, Geogr. Rav. IV 36 Taliamentus. 

5) Auson. ordo urb. nobil. 65. Voraus gehen Rom Constantinopel Gar- 
thago Antiochia Alexandria Trier Mailand Capua; es folgen Arelate Hispalis 
Athen usw. 

6) Strab. V 214 richtig 60 Stadien, während Plin. III 126 irrig die Zahl 
verdoppelt. 

7) Plin. III 126 Hieron. a. Abr. 2356 vgl. Eutrop. X 9 Bist, misceiia XI 17. 

8) Strab. V 214 Mela II 61 Flin. III 126 Ptol. lil 1,22 Annmian XXI 12,8; 
Hist. niisc. XV 7 Jord. Get. 219 Natissa; Paul. h. Lang. V 23 Natisio. 

9) Plin. III 126. 

10) Vgl. 1 196 A.2Tab. Peut. Cassiod. var. I 18 Jord. Get. 293 Exe. Vales. 50; 
Cassiod. ehr. a. 489 Isontius (Chr. min. II 159. 233). 



230 Kapitel III. Venetia und Histria. 

den von Osten her anrückenden Feind und setzte es in unmittel- 
bare Verbindung mit dem Meer. Das alte Flufsbett bei der Stadt 
ist noch in dem wasserreichen Bach Natissa vorhanden. Dieser 
natürUche Graben , dazu die Feuchtigkeit des Bodens welche die 
Anliige von Minen uimiOglich machte, gewährte eine ungewöhnliche 
Festigkeit'), die mehrfache Proben bestanden hat 2): unter Marc 
Aurel gegen Quaden und Marcomannen, 238 gegen Maximious, 
361 gegen Julian, 452 gegen Attila. Nach neueren Berechnungen 3) 
betrügt der von der Mauer umschlossene Raum nur 64 ha: ebenso 
viel wie in Pompeji (S. 37), halb so viel wie in Mediolanum (S. 182). 
Indefs sieht der Umfang keineswegs völhg fest, und die aufgedeckten 
Mauerstrecken stammen frühestens aus der Zeit Marc Aureis. 
Uebrigens würde der angegebene Flücheninhalt für die ursprüng- 
liche Zahl der Ansiedler sehr gut passen. Der Senat beschlofs 
183 V. Chr. die Anlage einer latinischen Colonie, die 181 v. Chr. in 
der Stärke von 3000 Mann aufser Centurionen (60) und Beilern 
(300) entsandt wurde. ^) Der Mann bekam 50, der Centurio 100, 
der Reiter 140 Juchert zugelheilt: mithin sind im Ganzen an 
50 000 ha 9 d. DM. Ackerland angewiesen worden. Auf wieder- 
holte Vorstellungen erhielten die Ansiedler 169 v. Chr. eine Ver- 
stärkung von 1500 Familien.^) Wenn nun Aosta mit 41 ha Flächen- 
inhalt auf 3000 Praetorianer berechnet war, so würden 64 ha einer 
Besatzung von gegen 5000 Mann entsprechen. Ein Adler der 
Glück verheifsend bei der Gründung erblickt wurde, hat der Stadt 
den Namen verliehen. 6) Ihre Gemarkung war zunächst dasjenige 
Land, welches die oben erwähnte keltische Wanderschar 186 v. Chr. 
in Besitz genommen und wieder geräumt hatte. Durch Octavian 
ist das Gebiet auf ungefähr 50 d. D M. erweitert worden. Die 
Bedeutung Aquileia's in Krieg und Frieden wird durch den Um- 
stand gekennzeichnet, dafs nicht weniger als 6 Hauptstrafsen von 
hier auslaufen: 1. die via Postumia nach Allinum welche den Ver- 



1) Ammian XXI 11,2 12,8 Herodian Vlil 2,6. 

2) Lukian. Alex. 48 Ammian XXIX 6,1; Herodian VIII 2 fg. vita Maximin. 22; 
Ammian XXI 12: Jord. Get. 219fg. Hist. misc. XV 6 Prokop b. Vand. I 4; vgl. 
Tac. Hist. H 46. 85 III 6. 8. 

3) Belocli, Bevölkerung p. 488. 

4) Liv. XXXIX 55 XL 34 Vell. I 15 CIL. V 873. 

5) Liv. XLHl 1. n vgl. XLI 1. 5. 
R| Julian or. II 72a. 



§ 3. Die Garner. 231 

kehr mit Italien vermittelt i); 2. über ad Trkesimum Tnge&imo Julium 
Carnicum Zuglio nach Yeldidena Wüten bei Innsbruck (I 165, 13); 
3, über den Tarvispafs nach Virunum Klagenfurt und weiter Lauri- 
acum Lorch an der Donau'^); 4. über den Birnbaumer Wald nach 
Emona Laibach und Sirmium Mitrovvitz '^j ; 5. nach Tarsalica bei 
Fiume und weiter Siscia Sissek*); 6. nach Ter^es/e Triest und der 
islrischen Küste. s) 

Die um 150 v. Chr. fallende Entdeckung der Goldfelder bei 
Klagenfutt (I 167) brachte die Stadt in Aller Mund.^) Jedoch ist 
sie während der Republik zu keiner friedlichen Entwicklung ge- 
langt und von den Japuden noch während Caesars Statthalterschaft 
heimgesucht worden.'} Erst nach den Eroberungen Octavians 
35 V. Chr. konnte sie die Gunst ihrer Lage voll ausnutzen. — Die 
ganze Umgegend war vortrefflich angebaut (I 453 A 5), sandte Aepfel 
nach Rom *), Wein nach Pannonien.'') Die hölzernen Weinfässer 
welche zu Wagen über die Ocra (I 149) von Maullhieren geschleppt 
und in Nauportus auf der Save verschifft wurden, haben die be- 
sondere Aufmerksamkeit der südlichen Berichterstatter auf sich ge- 
lenkt. Aus Italien werden Wein Oel und die Erzeugnisse des 
Gewerbfleifses , aus den Donauländern Sklaven Vieh Häute aus- 
geführt. Dieser Handel sammelte in Aquileia ungezählten Reichtum. lO) 
Die oben mitgelheilte Angabe über den von der Mauer umschlossenen 
Flächenraum entspricht der wirklichen Grüfse durchaus nicht. ^i) 
Die alte Mauer war 238 u. Chr. niedergerissen und wurde eilfertig 
hergestellt, indem man die Vorstädte preisgab. Namentlich nach 
der Lagune hin müssen diese sehr ansehnlich gewesen sein. Ein 



1) lt. Ant. 126. 128. 281 Hieros. 559 Tab. Peul. vgl. S. 200 A. 1. 

2) Vgl. I 165,14; It. Ant. 276 Tab. Peut. Mommsen CIL. Vp. 935 ver- 
mutet in ihr die n. 1008a. 7992 erwähnte Fia Amiia und schreibt dem Consui 
von 153 oder 128 v. Chr. den Bau zu. 

3) Vgl.I 166,15; lt. Ant. 129 Hieros. 560 Tab. Peut. 

4) Vgl. I 166,16; It. Ant. 272 Tab. Peut. 

5) lt. Ant. 270. 

6) Polybios bei Strab. IV 208. 

7) Appian 111. 18 Caes. b. Gali. 1 10 Cic. in Vatin. 38. 

8) Athen. III 82 c. 

9) Strab. IV 207 V 214 VII 314 Herodian VIII 2,3 4,4. 5 Julian or. II 72 a. 

10) Mela II 61 ditem Aq. Julian or. II 71 d eftnoQtov nQoe d'aXärrri fiaXa 
evSatfiov xai nXovioJ ßgiov. 

11) Herodian VIII 2,3 /xeyioTTi nö/.is iSiov St]fiov Ttolvävd'^cojto, , Prokop 
b. Vand. I 4. 



232 Kapitel III. Venelia und Histiia. 

redendes Zeiignifs für die Ilülie der Bevölkerung liel'eru die erhaltenen 
InsclirÜten, deren Zahl uiigeLlhr 2000 beträgt. i) — Als latinische 
Colonie gestiftet, hat Aqiiileia 90 v. Chr. das Bürgerrecht und Auf- 
nahme in die Tribiis Velina erlangt. Durch Augustus wurde es 
zum Hang einer Colonie erhoben, büfste denselben aber wieder 
ein und erlangte ihn später zurück 2): seine höchsten Beamten 
lieifsen durchweg Quattuorvirn. Die Fülle von Gottheiten welche 
in den \yeihiiischriften begegnet, spiegelt die bunte Zusammen- 
setzung der durch den Handel vereinigten Einwohnerschaft wieder. 
Ilaupigolt ist der als Apollo bezeichnete Belenus oder Belinus dessen 
Verehrung die Grenzen der Carner nicht überschreitet, deshalb auch 
innerhalb derselben entstanden sein wird.*) Der Schutz den er 
238 gegen Maximin geleistet haben soll, hat ihm einen geschicht- 
lichen Ruf verschafft. ') Sein Tempel stand südöstlich von Aquileia 
bei Beligna das vom Gott den Namen führt. — Während die meisten 
Städte am Ausgang des Altertums im Sinken begriffen sind, ist hier 
das Gegentheil der P'all. Aquileia wird Hauptstadt der Provinz 
Venetien^), Kriegshafen und Münzamt"), erhält einen Palast in 
welchem die Kaiser seit Diocletian häufig weilten ") , sein Bischof 
wird Patriarch. Mit der Zerstörung durch Attila 452 ist die Blüte 
für immer dahin; bei dem Einfall der Langobarden 568 siedelt 
der Patriarch nach der Insel Gradus^) über, von wo er 1450 seinen 
Sitz nach Venedig verlegte. Dafs auf der Insel Grado bereits im 
Altertum ein Hafenort lag, ist so gut wie gewifs, aber fraglich ob 
er denselben Namen hatte. Mit seinem Aufschwung im Mittelalter 
geht der Verfall Aquileia's Hand in Hand. Im Umkreis der zu 



1) CIL. V p. 83. 1023. 1096 Pais p. 14. 225 Kaibel inscr.Gr. 2337—78 Arch.- 
epigr. Mitlh. aus Oesterreich I 36 fg. IX 248 XIX 205. 

2) Colonie Plin. III 126 Ptol. III 1,25 CIL. V 1084. 1127 Pais 93. 198. 211. — 
Municipium Vitruv I 4,11 CIL. V 903. 968. 

3) Mommsen zu CIL. V 732. Tertullian apolog. 24 ad. nat. II 8 nennt ihn 
einen norischen, Ausonius prof. 5,9 11,24 einen keltischen Gott, vgl. Ihm, 
Pauly-Wissowa Encycl. III 199. 

4) Hcrodian VIII 3,8 vila Maxim. 22. 

5) Jord. Get. 219 Paul. h. Lang. II 14. 

6) Not. Dign, Occ. 47. 48. 118 Tab. Peut. Die Münzstätte .hat eine um- 
lassende Thäligkeit entfaltet, Mommsen Salicis Zeitschr. XV 239 fg. 

7) Paneg. Lat. VI 6 Gothofredus Top. Cod. Theud. Justinian Nov. XXlX 
praef. Bevejias iv ah Stj xal ^^KvXrjia nöXii roöv inl rijs eansQas fieyCotr] 
y.aTujxiaTai xal ßaaihxrjv noXkäxis Süuxav Se^a/ievrj. 

8) Paul. h. Lang. 11 10 III 26 IV 4. 33 V 17. 



§ 3. Die Carner. 233 

einem ärmlichen Dorf gewordenen Stadt hat die Malaria, befördert 
durch den Reisbau, sich eingenistet. Seit Jahrhunderten haben 
die alten Prachtbauten Tempel Circus Amphitheater Theater usw. 
als Steinbruch gedient.^) 

Von Aquileia bis Triest sind 26 Minien.2) Halbwegs bei S. 
Giovanni di Duino entspringt der Timavus, welcher die Einbildungs- 
kraft der Alten viel beschäftigt hat.^) Das Karstgebirge (I 149) ist 
eine einförmige Hochfläche, die mit einem Absturz von 350 m am Golf 
von Triest endigt. Innerhalb derselben ist die Bildung von Längslhälern 
in der Richtung von Nordwest nach Südost zwar begonnen, aber 
nicht vollendet worden. Die Flüsse strömen in unterirdischen Ein- 
senkungen, deren Decke nur stellenweise eingebrochen ist. So der 
Reka oder Recca, dessen Quellen nördlich von Fiume liegen: er 
läuft 5 d. Meilen über der Erde, verschwindet zeitweilig, wird 
wieder sichtbar, fällt bei S. Canzian (253 m) in eine tiefe Schlucht, 
um 5 Meilen weiter am Rand des Gebirges bei S. Giovanni 2 km 
vom Meer entfernt hervor zu brechen. Die Alten reden von 7 oder 
9 Quellen des Timavus.^) Cluver zählt 6 bei S. Giovanni; eine 
siebente kommt aus einem Sumpf, aufserdem achtens der Abflufs 
des 4 km entfernten Lago di Pielra Rossa latus Timavi-^) hinzu: 
alle ergiefsen sich in einem Bett vereint ins Meer. Polybios be- 
hauptet dafs die Quellen bis auf eine einzige salziges. Andere be- 
haupten dafs alle süsses Wasser hätten. Beide Theile haben Recht: 
bei niedrigem Seestand sind die Queilen süfs; bei hohem Seestand 
dringt das Seewasser durch unterirdische Verbindungspalten in die 
Quellen und macht sie brakisch, die eine ausgenommen, welche 
oberhalb der genannten Kirche entspringt. Zu diesen Naturwundern 
kam noch hinzu, dafs etwa 2 km nach West entfernt heifse Quellen 
am Meer zu Tage treten (Bagni di Monfalcone), die von den 
Römern wie ihren Nachkommen zu Badezwecken benutzt wurden.^) 

1) Maionica, Aquileia zur Römeizeit, Görz 1881; ders. Fundkarte von 
Apuileia, Görz 1893, 

2) lt. Ant. 270. 273 rechnet je 12 vom Timavus nach Aquileia und Triest, 
Tab. Peut. richtiger 14 nach Triest. Strab. V 215 180 Stadien zu niedrig, 
Flin.III 127 33 Millien zu hoch. 

3) Ausführlich und einsichtsvoll behandelt von Cluver It. ant. I89fg. 

4) Polybios bei Strab. V 214 Martial IV 25,6 Serv. V. Aen. I 244 geben 7, 
Vergil a. 0. Mela II 61 Claudian VI cons. Hon. 197 geben 9 an. 

5) Liv. XU 1 Claudian III cons. Hon. 120. 

6) Plin. II 229 HI 151 verlegt sie lalschlich auf eine Insel statt einer Halb- 
insel. Tab. Peut. 



234 Kapitel III. Venetia und Histria. 

In Anlehnung an alte weit verbreitete Anschauungen (I 103) suchten 
die Lniwohner an dieser Stelle die Quelle und Mutter des Meeres.') 
Den Geographen gab sie den Anlafs zu jenem Zerrbild von der 
Gabelung «ler Donau, welches vom vierten Jahrhundert v. Chr. bis 
in die Kaiserzeit hinein in der Lilleratur begegnet (I 10). Die 
Dichter verknüpfen den Timavus mit den Fahrten der Argonauten 
und der Helden von Troia.^j Mit dem Vordringen der römischen 
Waffen wird der wahre Zusammenhang der merkwürdigen Er- 
scheinung den Naturkundigen im letzten Jahrhundert v. Chr. ge- 
läufig.^) Die Heiligkeit des Ortes (and in einem dem Timavus 
geweihten Tempel seinen Ausdruck; aus Inschriften erfahren wir 
dafs in römischer Zeit der Minerva und Spes Augusta Capellen 
errichtet worden sind.^) Der Timavus wird noch vom Gebiet 
Aquileia's eingeschlossen ^), liegt aber nahe bei der Grenze gegen 
Istrien, der alten Landesgrenze Italiens (S. 226 A. 5). Am Timavus 
zweigt von der Küsten- die binnenländische Strafse nach Finme 
ab (S. 231). 

Die grofse pannonische Strafse*») läuft am rechten Ufer des 
Isonzo und überschreitet ihn auf dem Pons Sonti 16 Millien von 
Aquileia wenig oberhalb der Einmündung der Wippach.') Dem 
Thal des Frigidus fluvius der Wippach **) folgend , steigt sie zur 
Pafshöhe in Alpe Julia an. 9) In der Kriegsgeschichte wird die 
Strafse häufig erwähnt: der Isonzo dessen Brücke die Aquileienser 
238 zerstört halten, hielt den Maximin 3 Tage lang auf; an dem- 
selben erfocht Theoderich 489 seinen ersten Sieg über Odoaker; 
an der Wippach wurde Eugenius 394 von Theodosius geschlagen. 



1) Polybios bei Strab. V 214 Varro bei Serv. V. Aen. I 246. 

2) Strab. 1 46 (Arisl.) de mirab. ausc. 105 Veig. Aen. 1 244 Ecl. 8,6 Georg. 
III 475 Martial IV 25,6 VIII 28,7 Lucan VII 194 Auson. ordo uib. nob. 162. 

3) Posidonios bei Strab. V 215 Plin. II 225. 

4) Strab. V 214 CIL. V 706 fg. Eine Weihinschrift an Timavus in der 
Fremde Pais 380. 

5) Plin. II 225 iMartial IV 25,5 Vib. Sequ. fontes. 

6) Alfons Müllner, Emona, Laibach 1879, p. 109 fg. 

7) CIL. V 79S9 Tab. Peul. Herodian VIII 4,1 vita Maximin. 22,4; Gassiod. 
var. I 18 ehr. a. 489 Exe. Vaies. 50 Jord. Gel. 293. 

8) It. Ant. 128 Tab. Peut. Glaudian III cons. Hon. 99. Sokrates h. eccl. V 25 
Pbilostorg. h. eccl. XI 2 Hist. misc. XIII 14. 

9) Die Grabschrift eines im Kampf mit den Räubern in ^l/jes Jul{ias) loco 
qtind apellatur Scelerata gefallenen Soldaten ist erhalten Pais 58 = 1110. 



§ 3. Die Carner. 235 

Der Pafs wie die anstofsenden Alpen sind nach Octavian benannt 
(I 149). Das Pilgerbuch von 333 verzeichnet auf der Pafshöhe 
eine Station ad Pirum zum Birnbaum ^): an dies "Wirtshauszeichen 
(S. 59) knüpft die heutige Benennung Birnbaumer Wald an, 
welche die ehemalige Ocra'^) verdrängt hat. Jenseit der Pafshöhe 
folgt die Station Longaticum Loitsch, dann Nauporttis Oberlaibach 
und Emona Laibach (F 166). Wie weit die Feldmark Aquileia's auf 
der Hochfläche sich erstreckt habe, ist nicht zu sagen. Zwischen 
derselben und der Station ad Fines 20 Milben westlich von Siscia 
befindet sich ein Bezirk mit der Hauptstadt Emona, welcher eine 
ähnliche Sonderstellung zwischen Pannouien und Italien einnimmt 
wie die Seealpen und das cottische Reich zwischen diesem und 
Gallien. 3) Er hat in langobardischer Zeit den Namen Carniola 
Kleincarnia, von seinen slavischen Bewohnern den Namen Rrain 
(Grenzland) erhalten.'*) Im dritten Jahrhundert wird er unzwei- 
deutig als zu Italien gehurig betrachtet; ob und seit wann er dessen 
Rechtstellung getheilt hat, lassen wir auf sich beruhen, da in der 
früheren Kaiserzeit solches nicht der Fall war.^) 

Die norische Strafse verband Aquileia mit Virunum und der 
Donau (S, 231). Ihr Gang läfst sich genauer bestimmen als I 165 
geschehen ist. Sie führte den Natiso aufwärts nach dem 30 Millien 
entfernten Forum Julii Cividale d' Austria oder del Friuli (135 m), 
dessen Name deuthch mit einer Strafsenanlage zusammen hängt. ß) 
Diese Gründung Octavians welche zur Unterscheidung von Iria in 
Ligurien (S. 159) den Beinamen Transpadanorwn bekommen hat, 
fällt 35 V. Chr. oder kurz darauf, hat aber nach dem Vorrücken 
der Reichsgrenze an die Donau ihre Wichtigkeit verloren. Wenn 
daher Ptoiemaeos die Stadt Colonie nennt, so kann dieser Rang 
höchstens von den Mafsnahmen eines späteren Kaisers herrühren. 



1) It. Hieros. 560. 

2) Strab. IV 202. 207 V 211 VII 314 Ptol. II 12,1 III 1,1. Plin. III 131 
bezieht den Namen wol mirsverständlicii auf eine untergegangene Stadt der 
Carner. 

3) Ptol. II 14,5 Mommsen CIL. III p. 483. 489 Detlefsen Herrn. XXI 552 fg. 

4) Zeufs, die Deutschen 620. 

5) Emona fehlt in den augustischen Gensuslisten von Italien die Plinias 
giebt, steht vielmehr unter Pannonien III 147. Zu Italien gerechnet Herodian 
"VII 12,8 VIII 1,4. 

6) Plin. III 130 Ptol. in 1,25 Cassiodor var. XII 26 Geogr. Rav. IV 30. 31 
V 14 Paul. h. Lang. II 14 und oft. CIL. V p. 163. 1051 Pais p. 47, Kaibel 2379. 



236 Kapitel III. Venetia und Histria. 

Die Bilrgerschalt war in die Tribus Scaptia eingetragen. Dafs die 
I>angobarden den Ort berühmt machten, wurde S. 225 angedeutet. 
— Das Reisebuch giebt die Entfernung von Aquileia nach Viruuum 
zu 108 Milben an. Dies Mals ist lür den Weg aus dem Thal des 
Tagliamenlo und Fella über den Saifnitzpafs nach Tarvis zu klein. 
Dafs der letztere einer Romerstrafse entspricht, wird nicht be- 
stritten: aber das Reisebuch bezieht sich auf eine andere. Von 
Forum Jiilii läuft nämlich eine Strafse den Naliso hinauf, auf be- 
quemem Uebergang an den Isonzo, von diesem über den Predilpafs 
(1165 m) nach Raibl und das Schlitzathal abwärts nach Tarvis. 
Diese kürzeste Verbindung zwischen Aquileia und Virunum triflt 
allein auf die Angaben des Reisebuchs zu ; die angeführten Stationen 
sind bisher noch nicht ermittelt worden. i) — Der Zug den die 
Reisekarte verzeichnet, ist auf einen Umweg sei es durch das Thal 
des Tagliamento oder wol eher des Isonzo zurückzuführen. 

Die raetische Strafse wird bei Venantius von Aguontum Lienz 
an der Drau ausgehend so beschrieben: 

hinc pete rape vias uhi Julia tendüur Alpes 
altivs adsurgens et mons in nubila pergit. 
inde Foro Juli de nomine principis exi 
per rupes Osope tuas, qua lamhilur nndis 
et super instat aquis Reunia Teliamenti. 
hinc Venetum saltus campestria perge per arva 
submontana quidem castella per ardua tendens 
aut Aquiliensem si forte accesseris nrbem ... 
Von dem Irrtum abgesehen dafs der Dichter Julium Carnicum 
mit Forum Juhi verwechselt, ist seine Schilderung vollkommen 
klar,2) Das Reisebuch erwähnt als erste 30 Millien von Aquileia 
entfernte Station ad Tricesimum die ihren alten Namen Tricesimo 
(197 m) nördlich von Udine bewahrt hat.-^) Von hier wendet sich 
die Strafse nach West dem Tagliamenlo zu und vereinigt sich mit 



1) F. Pichler, Virunum p. 106 fg., Graz 1888. — Als erste Station von 
Aquileia 30 Millien entfeint wiid genannt ^lawi öeleio f . heloio F. bellono: 
es mufs Forum Julii heifsen. Wie die Verderbnils entstanden sei, läfsl sich nicht 
erraten. Die zweite Station Aarrce fällt an den oberen Isonzo ; der Name mag 
ähnlich wie ad Pirum (S. 235) von einem Wirtshauszeichen herrühren. 

2) Venant, vita S. Martini IV 651 fg. Paulus der den Inhalt dieser Verse 
h. Lang. II 13 wiedergiebl, hat den Irrtum bemerkt; denn er läfst bei der Auf- 
zählung der berührten Ortschaften verständiger Weise Forum Julii weg. 

3) II. Ant. 279 CIL. V p. 167 Pais p. 48. 



§ 4. Die Hislrcr. 237 

der von Concordia kommenden (S. 228 A. 7). Die von Venanlius auf- 
gezählten Ortscliaften Reunia Ragogna (235 m) am Tagliamento bei 
S. Daniele und Osopus Osoppo (185 m) nürdlich davon kommen bei 
älteren Schriftsteilern nicht vor.') Abseits von der Strafse liegt 
das gleichfalls von keinem antiken Schriftsteller erwähnte Glemona 
Gemona (307 m) das nach einer Inschrift später Stadtrecht erlangt 
zu haben scheint. 2) Weiler gabelt sich die Strafse: der rechte Arm 
führt über den Saifnitzpafs (I 165, 14) und erreicht bei Pontebba 
die Zollgrenze gegen Illyrien^); der linke Arm erreicht 60 Millien 
von Aquileia Julinm Carnicum Zuglio (430 m) 6 km nördlich von 
Tolmezzo.^) Nach der ausdrücklichen Angabe des I'tolemaeos nimmt 
die Stadt eine Sonderstellung zwischen Italien und Noricum ein.^) 
Bei der Unterwerfung der Carner 35 v. Chr. hat Octavian in diesem 
castellum oder conciliabulum — auf eine derartige Eigenschaft deutet 
die neutrale Form des Namens hin — das Centrum für die Ver- 
waltung des Gebiets am oberen Tagliamento geschaifen. Als Kaiser 
hat er ihm Stadtrecht verliehen, da der Ort in den Censuslisten 
bei Plinius vorkommt. Weiter wird er vor Claudius' Tod colonia 
Julium Carnicum und Sitz des procurator in Norico; seine Beamten 
heifsen Duovirn, seine Bürger geboren der Tribus Claudia an. Das 
Gebiet wird im Norden durch die Wasserscheide begrenzt und stiefs 
im Süden an dasjenige von Aquileia. In der Langobardenzeit war 
Julium Carnicum noch Bischofsitz, ist aber jetzt nur ein Dorf. 
Von hier läuft die alte Strafse den But aufwärts auf die Höhe des 
M. Croce (1 165, 13) und erreicht die Zollgrenze.'-) 

§ 4. Die Histrer. 

Die 64 d. GM. grofse Halbinsel welche dem venetischen Niederland 
gegenüber vorspringt, trägt denselben Charakter wie das angrenzende 
Karstgebirge. Ihre höchsten Erhebungen liegen an der Ost-Seite, 



1) Wol aber bei Paulus b. Laug. IV 37 II 13 der auch Arlenia Artegna 
(189 m) in der Nähe anführt. 

2) Paul. h. Lang. IV 37 CIL. V p. 169. Die Uebereinstimmung der Tribus 
zeigt dafs es früher zu Julium Carnicum gehörte. 

3) CIL. V 8650. 

4) Piin. m 130 Ptol. II 13,3 VIII 7,5 It. .\nt. 279 Paul. h. Lang. II! 26 CIL. 
V p. 172. 1053 Pais p. 49. 

5) Detlefsen Herrn. XXI 547 fg. 

6) CIL. V 1864. 



238 Kapitel 111. Venelia und Histria. 

wo tier M. xMaggiore 1396 ni ansteigt. Von hier fällt sie stufen- 
lörniig ohne durchgefüinte Thalhildiing nach Westen ab: die Flüsse 
verlieren sich streckenweise iu unterirdischen Betten, das Meer 
dringt in schmalen Führden tief in das Land ein. Der Kalkboden 
aus dem es besteht, ist dem Oelbaum dienlich : durch seine Pflege 
hat die istrische Halbinsel (I 454) wie die verwandte apulische ihren 
Wolstand begründet. Freilich mufs die Schilderung welche das 
Klima loht, den Reichtum an Oel Wein und Weizen hervorhebt, 
Istrien als das Campanien Ravenna's bezeichnet^), auf den West- 
Rand beschränkt werden: die Hochflächen im Innern haben von 
der Bora (I 384) viel zu leiden. — Der Zusammenhang des illyrischen 
Stammes, dem Hislrer wie Veneter angehörten (I 493), ist durch 
das Vordringen der Kelten zerrissen worden. Auf der Halbinsel 
eingeengt, machten die histrischen ähnlich wie die ligurischen oder 
die anderen illyrischen Gaue die See unsicher, bis ihnen von Rom 
das Handwerk gelegt wurde. Da die römische Herrschaft von der 
Liveriza ab über einen schmalen Küstensaum nicht hinausreichte, 
so sah die Regierung der Republik in der Regel davon ab einen 
eigenen Statthalter nach Illyrien zu entsenden. Am Timavus war 
die italische Grenze: Aquileia war die erste italische (S. 226), Ter- 
geste die letzte iflyrische Stadt.^) Caesar rückte die Grenze Italiens 
6 Mühen südlich von Tergeste an den kleinen Formio Risano oder 
Reka^) bei Capo d' Istria an den Fufs der Halbinsel vor (1 77 A. 3). 
Im Anschlufs an die Ordnungen der Republik lassen Strabo und 
Ptolemaeos Istrien am Timavus beginnen, während Plinius der durch 
Caesar veranlafsten Aenderung folgend, den Formio für den Timavus 
einsetzt. Als Ostgrenze Istriens g<'gen Liburnien betrachten alle 
drei den Arsia Arsa^), der nach einem von Nord nach Süd gerich- 
teten Lauf von 40 km durch einen an der Mündung nur 600 m 
breiten, aber nicht weniger als 17 km in das Land einschneidenden 
Meerescanal fortgesetzt wird. Diesen Einschnitt hat Augustus kurz 
vor seinem Tode (I 81 A. 1), als gleichzeitig die illyrischen Provinzen 
neu eingerichtet wurden, zur Grenze von Italien gemacht, die auch 
im Altertum nicht überschritten worden ist. 



1) Cassiodor var. XII 22. 

2) Mela II 57. 

3) Plin. III 127 Ptol. III 1,23; Geogr. Rav. IV 36 Rusano. 

4) Flor. I 21,1 Plin. III 44. 129. 132. 139. 150. 



§ 4. Die Histrer. 239 

Nicht weit vom Timavus — Cluvcr vermutet an der Stelle von 
Castel Duino — lag castellum Pucinum, dessen vorzüglichem Wein 
die Gemahlin des Augiistus ihre S2 Lebensjahre zuschrieb. i) Die 
Strafse von Aquileia erreicht nach 26 Millien (S. 233 A. 2) Tergeste 
Triest.2) Die Stadt liegt am Abhang des vom Castell gekrönten 
Hügels (94 m) an einer nach Nordwest geöffneten Bucht. Der gute 
Hafen hat naturgemäfs den Verkehr angelockt: eine alte Strafse 
führte über die Ocra hinüber nach Nauportus^), sich mit derjenigen 
von Aquileia vereinigend. Um 100 v. Chr. wird der Ort zum ersten 
Mal von Artemidor genannt.^) Wie der Ueberfall 52 v. Chr. lehrt ^), 
hatte er die benachbarten Alpenvölker zu fürchten. Von solcher 
Furcht wurde er durch die Siege Octavians befreit. Octavian 
stiftete hier eine Colonie, errichtete 33 v. Chr. Mauer und Thürme 
zu ihrem Schutz, verlieh ihr die Herrschaft über Stämme der Carner 
und Cataler.6) Der Eigenschaft als Colonie entsprechend heifsen 
die Beamten Duovirn; die Bürger gehören der Tribus Pupinia an. 
Dergestalt wurde Tergeste in den Gürtel von Festungen ein- 
gefügt, welche der Kaiser nach und nach zur Sicherung Italiens 
und zur Wahrung der eigenen Macht gegründet hat. Allerdings 
kam es der Mehrzahl weder an Bedeutung noch an Gebiet gleich. 
Die Feldmark mit etwa 30 d. DM. erstreckte sich über das Ge- 
lände vom Timavus bis zum Formio, weiter über die tributpflich- 
tigen und erst durch Antoninus Pius mit latinischem Recht be- 
dachten Stämme der Catali im Innern der istrischen Halbinsel und 
der Carni auf dem Karst.') Davon kann aber nur der kleinere 
Theii als fruchtbar gelten. Als Ausfuhrhafen stand Tergeste eben- 
so weit hinter Aquileia , wie im Mittelaller hinter Venedig zurück. 



1) PÜD. III 127 XIV 60 XVU 31 Ptol. III 1,24. 

2) Artemidor (bei Steph. Byz. Te'yeaT^a) Ptoi.III 1,23 T^'^/eaT^«)»' Marinos 
bei Ptol. I 15,4 TsoyeoTOv Dion. Per. 382 Tsyear^dioi. Bei den Römern Ter- 
geste Tergestini. 

3) Strab. VII 314 eis SXoe Aovyeov xahivftsvov d. h. das grofse Laibacher 
Moos, vgl. Veli. II HO. 

4) Bei Steph. Byz., nach ihm Stiab. VII 314 xio^r} Kuqvixti V 215 

tpQOVQlOV. 

5) Hirt. b. Call. VIII 24. 

6) Plin. III 127 Ptoi.III 1,23 CIL. V p. 53. 1022 Kaibel 2383. 

7) Plin, III 133 CIL. V 532. Der Name des zwischen Görz und Fiume 
liegenden Gebirges m. Carmadins Carso Karst scheint von den Carnern her- 
zurühren. 



240 Kapitel III. Venelia und Histria. 

Der von ilim bedeckte Flächenranm, die heulige Altstadt über- 
schreitet kaum 20 lia. Sein Aufschwung beginnt erst im 18. Jahr- 
hundert. 

Von Triest führt die 78/79 n. Chr. erbaute via Flavia nach 
dem 78 Milben entfernten Pola, wo sie endigt. •) Unter den Küsten- 
plätzen wird von fMinius Agida als von römischen Bürgern bewohnt 
erwähnt: darunter scheint das auf einer Insel befindliche mit dem 
Festland durch einen Damm verbundene Capodistria verstanden 
werden zu müssen, weil es den gröfsten Bestand an Inschriften auf- 
weist. 2) — An der Mündung des 48 km langen Quieto liegt Neapolis 
Cittanuova, das nach den Inschriften zu schliefsen in der späteren 
Kaiserzeit Stadtrecht besafs.^) — Die Via Flavia die sich vom Formio 
ab landeinwärts gehalten hatte, tritt bei Parentimn Parenzo wieder 
an die Küste.'*) Die Stadt heifst colonia Julia: Pliuius kennt sie nur 
als oppidum, mithin wird wol die Erhebung zur Colonie dem Kaiser 
Tiberius verdankt. Die Bürgerschaft war der Tribus Lemonia zuge- 
theilt. Der Hafen ist im Altertum wie im Mittelalter viel besucht 
worden; an ihm erhob sich ein Tempel des Neptun. — Von Parenzo 
bis Pola werden 31 Millien gezählt. Die Strafse berührt südUch 
von der Mündung des 43 km langen in engem und tiefem Spalt 
fliefsenden Lerne den blühenden Ort Bovigno der durch seine Oel- 
und Weinausfuhr bekannt ist. Er wird als Ruginium Ruignum 
Revingum in der ravennatischen Rosmographie erwähnt und gehörte 
zum Gebiet von Pola.'') — Ein dichter Saum von Eilanden und 
Klippen fafst die ganze Küste ein, die überlieferten Namen lassen 
sich nicht auf der Karte mit Sicherheit unterbringen. ,,Pola, schreibt 
Strabo, ist an einem Golf der einem Landsee gleicht und kleine 
Inseln mit guten Ankerplätzen und fruchtbarem Boden enthält, ge- 
gründet." Die grüfste Insel heifst jetzt Brioni, bei den Alten 
Pullaria.*') Ein mit Sklaven und anderem Besitztum ausgestatteter 
Tempel der Minerva lag auf der insula Minerma wo den Apsyrios 
Jason getödtet und Medea bestattet hatte: sie stiefs an die Insel 



1) It. Ant. 271 Tab. Peut. CIL. V p. 934. 

2) Plin. III 129 CIL. V p. 49. 1022 Pais p. 13. 224. 

3) Geogr. Kav. IV 30. 31 V 14 CIL. V p. 39. 1021 Pais p. 11. 

4) Plin. III 129 Ptol. III 1,23 Steph. Byz. H. Anl. 271 Tab. PeuL Geogr. Rav. 
IV 30. 31 V 14 CIL. V p. 35. 1020 Pais p. 10. 223. 

5) Geogr. Rav. IV 30. 31 V 14 CIL V p. 33. 1020 Pais p. 10. 
ii) Plin. III 151 Tab. Peul.: Strab. V 215. 



§ 4. Die Histrer. 241 

CanlaJ) Welche aus der Brioni umgebenden Gruppe gemeint sind, 
wissen wir nicht. Dagegen begegnet die derselben angehörige Orzera 
als Ursaria auf der Reisekarte verzeichnet, Man kann den Namen 
Absyrtides auf die Brioniinseln beziehen, aber mit gleichem Recht 
auf andere Orte des illyrischen Archipel an denen die Medeafabel 
haftet. 2) Noch unbestimmter sind die in ihre Nähe verlegten 
Electrides oder Bernsteininseln, die in älterer Zeit an den Po- 
mündungen gesucht wurden. 3) 

Die Fahrten der Argonaulen in denen das Erdwissen des alten 
Hellas seinen dichterischen Ausdruck erhielt, wurden seit dem 
Wachstum des Verkehrs im vierten Jahrhundert über das Nordende 
der Adria ausgedehnt. Die verfolgenden Kolcher verzichteten auf 
Heimkehr und gründeten am sinns Polaticus *) Tlölai wie Kalli- 
machos sagt^): 

Ol (.iBV STt ' IkkvQioio nÖQov oxoioaavreg kgerfia 

Xäa naga ^avd^fjg '^Q/novitjg räcpiov 
aatvQOv tKTiaaavTO, x6 x€v g)vyädojv rig eviOTtoi 
Fguixog, araq xslviov ylwao^ ovofxrjve IloXag. 

Wol war es nach den Worten des Dichters ein Städtchen; denn 
die von der Mauer umschlossene Fläche mifst wenig über 16 ha. 6) 
Heute ist es auf denselben Stand zurückgekehrt und nur wegen 
seiner vorzüglichen Rhede die von keiner anderen an der oberen 
Adria erreicht wird, als oesterreichischer Kriegshafen bekannt. 
Dagegen hat es in der Kaiserzeit eine Epoche des Glanzes durch- 
lebt von der die Schriftsteller schweigen, die Denkmäler reden.'') 
Den Römern hiefs die Stadt Pola, die Einwohner Polates^) später 
Polenses. Etwa gleichzeitig mit Tergeste 34 v. Chr. wurde sie zur 
Colonie erhoben, nach Piinius unter dem Namen Pietas Julia, nach 
einer Inschrift colonia Julia Pola Pollentia Herculanea, wozu die 
Bezeichnung der städtischen Freigelassenen Pollentii stimmt. 9) Aus 



t) CIL. V 8139 vgl. 170. 244 Hygin fab.23. 

2) Smb. VII315 Plin. 111151 ApoUon. IV 4SI. 

3) PliD. III 152 Strab. V 215 Skylax 21 Skymnos 374. 

4) Mela II 57. 

5) Bei Strab. I 46 V 215 vgl. Lykopli. AI. 1021 fg. Mela li 57 Fliii. lU 129. 

6) Kandier, Notizie di Pola, Parenzo 1876. 

7) CIL. V p. 3. 1016 Pais p. 8. 222 Kaibel 2384—88. 

8) Steph. Byz. CIL. V 8184. 

9) Plin. HI 129 Mela II 57 CIL. V 8139. 

Nissen, Ital. Landeskunde. IL 16 



242 Kapitel III. Venetia und Histria. 

deo Inschriften geht hervor dafs eine ausgedehnte Doniänenver- 
wahung in Pola ihren Sitz hatte, dafs Pola hohen Gefangenen zum 
Aufeiilhalt diente, endlich seine Ergehenheit gegen den Kaiser jeder- 
zeit beflissen kund gab. Die spärhchen Erwähnungen in der Littera- 
lur nehmen ausschhefslich auf seine Eigenschaft als Hafenplatz Be- 
zug.i) Als solcher halte es für den Verkehr zwischen Italien und 
der dalmatinischen Küste eine ungleich gröfsere Wichtigkeit als 
Tergeste. Von seiner Blüte zeugt am Lautesten das stattliche Amphi- 
theater aus istrischem Marmor (Umfang 138 X 1^3 m Arena 70 X 
45 m) das zu den bedeutendsten Bauwerken dieser Gattung zählt. 
Erhalten ist ferner ein nach 2 v. Chr. der Roma und Augustus er- 
richteter Tempel, ein anderer zum Rathaus umgebauter Tempel, ein 
Ehrenbogen aus augustischer Zeit, ein Theater, zwei Thore. Die 
Stadt dehnte sich weit über den ihr durch die Mauer angewiesenen 
Raum hinaus. Ihr Niedergang war entschieden, sobald der politische 
Schwerpunct von der italischen Halbinsel fortgerückt wurde. Im 
Mittelalter diente sie den neu erblühenden Seestädten als Steinbruch. 
Die Halbinsel endigt im promunturium Polaticum'^) Punta di 
Promontore 45^ 14'. An der Ostseite in der Nähe von Altura am 
Val Bado lag Nesactium, sei es von Pola abhängig oder ein selbst- 
ständiges Gemeinwesen. 3) Im Inneren wohnten von Pola bis Tergeste 
die Stämme der Fecusses, Siibocrini, Catali, Menoncaleni, Carni*): 
Cataler und Carner waren bezeugter Mafsen Unlerthanen von Ter- 
geste (S. 239); in ähnlicher Weise werden die übrigen Pola und 
Parentium zugelheilt gewesen sein. Einer von ihnen hatte in Pi- 
quenlum Pinguente eine städtische Vereinigung.^) Die zahlreichen 
Grabschriflen mit ihren barbarischen Namen zeigen anschauUch, dafs 
die illyiische Nationalität in diesem abgelegenen Landstrich bis tief 
in die Kaiserzeit sich behauptete. 



1) Ptin. 111 129. 140 It. Ant. 271. mar. 496 Tab. Peut. Geogr.Rav. IV 30.31 
V 14 Plol. III 1,23 Prokop. b. Golh. III 10. 

2) Sleph. Byz, Strab. VII 314. 

3) Piin. III 129. 14U Ptol. III 1,23 Geogr. Rav. IV 31 V 14 CIL. V p. 2. 1015 
Pais p. 7. Bei Liv. XLI 11 mit einiger Wahrscheinlichkeit aus et maltius 
hergestellt. 

4) Piin. III 133. 

5) Ptol.IU 1,24 CIL. V p. 44. 1022 Pais p. 12. 



KAPITEL IV. 



Die Aemilia. 

Die achte Region wird im Norden vom Po und nach der Strom- 
spaltung vom Hauptarm Volane (S. 214), im Osten von der Adria, 
im Süden durch den Flufs Crustumium Conca i), im Westen durch 
den Appennin und den Ira StalTora (S. 159) begrenzt. Sie ent- 
spricht annähernd der heutigen Landschaft Emilia mit den Provinzen 
Piacenza Parma Reggio Modena Bologna Ferrara (zum Theil) Ravenna 
Forli und einem Flächeninhalt von rund 355 d. Q M. 19500 Dkm. 
Sie reicht so weit nach Süden wie die Ebene des Po und endigt 
ungefähr da, wo der Subappennin an die Küste herantritt. Ihre 
grofse Verkehrsader ist die Strafse deren Namen sie trägt. Die 
via Aemilia 187 v. Chr. vom Consul M. Aemilius Lepidus erbaut, 
verbindet die Grenzfestung der Halbinsel Ariminum mit der Pofestung 
Placentia.2) Diese 176 Millien lange Strafse einem riesigen Decu- 
manus vergleichbar scheidet das Land in zwei Hälfien: rechts nach 
Nordost die dem Meer zugeneigte Ebene, links nach Südwest das 
ansteigende Hügelland des Appennin. Die Ebene theilt die Frucht- 
barkeit der venelischen und transpadanischen, ist aber der Halbinsel 
viel näher gerückt. Während die Gewässer nördlich vom Po den 
Alpen entströmen und in die fremdartige Gebirgswelt Mitteleuropa's 
hineinführen, schneiden zahllose Querlhäler in den Stamm des 
Appennin ein und erleichtern den Uebergang zu den Gestaden der 
tyrrhenischen See. Der Umstand dafs die Aemiha einen Breilengrad 
südlicher liegt als die Transpadana, offenbart sich in der geschicht- 
lichen Entwicklung. — Sie weist uralte Städte auf, wie Spina 



1) Plin. III 115, Lucan II 406 rapax, Tab. Peul., Vib. Sequ. p. 147 Riese. 

2) Strab. V 217 It. Gadit. Ant. 99. 126. 286 Hier. 615 Tab. Peul. CIL. I 
535—37 Liv. XXXIX 2; die Angabe Strab. V 217 von dem Lauf der Via Aemilia 
nach Aquileia beruht auf Verwechslung (S. 227). 

16* 



244 Kapitel IV. Die Aemilia. 

RavoDDa Bononia Ariminum, die voo der erstgenaunteu abgesehen 
alle Slilrme überdauert haben. Die See übt ihre bildende Kraft 
aus. Ein Durchgangsland für alle Wanderscharen ist es von Um- 
brern und Elruskern umstritten worden, bis die Kelten in breiten 
Massen im fünften Jahrhundert v. Chr. Besitz ergriffen: die Änamari 
im Nordwesten am Po, die 112 Gaue der Boii, die Lingones in den 
Niederungen am Meer, die Senones südlich vom Ulis Montone 
(1 477), Daneben erhielten sich einzelne ligurische umbrische und 
etruskische Gemeinden. Im dritten Jahrhundert dringen die Römer 
erobernd vor, fassen 268 mit der Gründung einer Colonie in Ari- 
minum am Südende, 218 mit der Gründung von Placentia am 
Nordende festen Fufs, nehmen den Boiern 191 ihre halbe Feldmark 
ab und verleihen durch umfassende Ansiedlungen dem Lande das 
romanische Gepräge welches seitdem Stand gehalten hat (I 76. 482). 
Damit geht die Anlage von Städten Hand in Hand. Die Census- 
listen des Augustus zählen 26 selbständige Gemeinden in dieser 
Region, so dafs sie die Mitte hält zwischen den grofsen Verwaltungen 
des Nordens und den kleinen der Halbinsel, zwischen der Armut und 
dem Reichtum an Städten. Auch ist das römische Btirgerrecht bereits 
90 V. Chr. bis an den Po ausgedehnt worden, 40 Jahre früher als 
es den Fufs der Alpen erreichte. Die Blüte der Städte eilt der- 
jenigen in der Transpadana zeitlich weit voraus und wird erst im 
Lauf der Kaiserzeit von jener übertroffen. Zum Schlufs wechselt 
das Blatt wieder: im fünften Jahrhundert mufs Mailand hinter Ra- 
venna zurücktreten, aus dem allgemeinen Verfall der italischen 
Städte leuchtet Ravenna in strahlendem Glänze. — Ein unter- 
scheidender Name hat dieser Landschaft lange gefehlt. In älterer 
Zeit heifst dem Römer das von Kelten bewohnte Land innerhalb 
der Alpen schlechthin Gallia oder provincia Ariminum.^) Die ein- 
zelnen Theile werden nach den Stämmen bezeichnet, der südlich 
vom Po gelegene Theil nach den Boiern, dem mächtigsten Stamm, 
ohne dafs doch ein fester Sprachgebrauch sich ausgebildet hätte.2) 
Vorübergehend von Sulla bis Caesar hat der Rubicon Italien und 
Gallien getrennt (I 76). Die Eintheilung des Augustus entsprach 
den natürlichen Verhältnissen besser; auch mag wol ihr Urheber 



1) Liv. XXIV44XXVIII 38. 46 XXIX 5 XXX 1 XXXII l XXXVIII 42 XL 18. 

2) Wunderlicher Weise schreibt Ptolemaeos III 1,20 die Küste vom Rubicon 
bis zur Pomündung den Boiern zu und bezeichnet eb. 42 das Binnenland als 
Gallia Togata. 



§ 1. Die Küste. 245 

absichtlich mit der von Sulla herrührenden Tradition gebrochen 
haben. Im Volksmund kommt sodann die Uebung auf die Region 
nach ihrer Hauptslrafse zu benennen: in amtlicher Sprache wird 
sie im zweiten Jahrhundert angenommen, i) Durch Marc Aurel oder 
Diocletian wurde der Küstenstrich um Ravenna abgetrennt und nur 
kurze Zeit um 399 n. Chr. wieder mit ihr vereinigt.^) In der 
Langobardenzeit gilt die Aemilia als zehnte Provinz Italiens. — Die 
heulige Mundart erinnert durch ihr ausgesprochen gallisches Ge- 
präge daran dafs die Gallier den Hauptstock der Revölkerung gestellt 
haben. Aber im Unterschied von der Transpadana (S. 22) ist der 
Zusammenhang der Stämme südlich vom Po durch die Politik Roms 
völlig zersprengt worden. Deshalb läfst sich die in den vorigen Kapiteln 
eingehaltene Gliederung des Stoffes nach Stammgebieten bei dieser 
Region nicht durchführen. Die natürlichen Verhältnisse geben eine 
Zweitheilung an die Hand. Die gesonderte Rehandlung von Küste 
und Binnenland erscheint um so mehr gerechtfertigt, als diese 
beiden Naturgegensätze zu wiederholten Malen verschiedene Bahnen 
in der Geschichte eingeschlagen haben. 

§ 1. Die Küste. 

Die Aemilia wird auf einer 100 km langen Strecke vom Meer 
bespült; die grüfsere Hälfte ihrer Küstenentwicklung gehört dem 
adriatischen Lagunengebiet an. Die Thätigkeit der Flüsse hat dessen 
Aussehen gründlich verändert und die hohe Bedeutung die ihm einst 
zukam, für den flüchtigen Betrachter verwischt (1 200). Zu An- 
beginn der Geschichte ging der Abflufs des Po nicht wie jetzt nach 
Ost sondern nach Südsüdost, eine seitdem ausgefüllte Lagune, aus- 
gedehnter als die von Comacchio (I 204) , reichte bis in die Nähe 
des Rubicon. Die Fischerei und der von Natur gebotene Schutz 
hat die Besiedlung der Laguneninseln veranlafst (I 207). An den 
Orten wo die grofsen Verkehrswege zusammenstiefsen, sind die 
Fischerdörfer zu Städten angewachsen. Dies war an den südlichsten 
Lagunen der Fall, insofern der Po auf der einen, die Appennin- 



5) Martial III 4 VI 85,6; CIL. VI 332 VIII 597.5354 X 5178. 5398. 

6) Paul. h. Lang. 11 18 CIL. VI 1715. 

7) Quellen: Strab. V 216—18 Plin. III 115. 16 Ptol. III 1,20.42 CIL. XI 1. 
Galindri, Dizionario topografico della provincia ßolognese, 6 vol. Bologna 
1781 fg. Von der italienschen Generalslabskarte kommen in Betracht die Biälter 
59-65. 71—77. 84-89. 98—101. 



246 Kapitel IV. Die Aemilia. 

thäler auf der anderen Seite hier ausmündeten. Der Aufschwung 
dieser Städte fallt in sehr frühe Zeil: Spina war bereits dem Hella- 
nikos bekannt (S. 213), seine Gründung wie diejenige Ravenna's 
wurde den Hellenen beigelegt. Ihre Macht kann nicht ganz gering 
gewesen sein: wenn auch die Kelten den Zugang zum Meer er- 
kämpften (S. 212), scheinen einzelne ihre Unabhängigkeit gerettet 
zu haben. Hom fand in den erhaltenen umbrischen und etrus- 
kischen Gemeinden natürliche Verbündete, gewann zunächst die 
Küste, um seiner aller Orten befolgten Politik gelreu von dieser aus 
in das keltische Binnenland vorzudringen. In der Zwischenzeit 
welche nach der Colonisirung Ariminums 268 und vor dem Aus- 
bruch des grofsen Kriegs 225 v. Chr. fällt, hat es das Ziel erreicht 
das Mündungsgebiet bis zur carnischen Grenze seiner Bundes- 
genossenschaft einzuverleiben. Als seine Waffen sodann den Sieg 
errungen hatten, und seit dem Anfang des zweiten Jahrhunderts 
V. Chr. der Friede im Korden heimisch wird, konnten die Seestädte 
ungestört alle die Vortheile geniefsen, welche die Ausfuhr eines 
reichen Hinterlandes ihnen verschaffte. In demselben Mafse wie 
der Po die nordlichen Flüsse an Länge und Verzweigung seines 
Systems überragte, waren auch die aemilianischen Häfen vor den 
venelischen bevorzugt. Ravenna wird der beherrschende Platz an der 
nördlichen Adria, mit der Auflösung des Reichs die Hauptstadt Italiens. 
Die Erscheinung dafs Küste nnd Binnenland abgesonderte Bahnen 
beschreiben, begegnet wo die geschichtliche Kunde anhebt, und 
wiederholt sich am Schlufs einer tausendjährigen Entwicklung. 
Jene wird vom römischen Kaiser in Byzanz bis zur Mitte des achten 
Jahrhunderts behauptet. 

Unter den Gewässern welche in zahlloser Menge vom Appennin 
herabkommen , hat keines die Aufmerksamkeit in alter und neuer 
Zeil so gefesselt wie der Rubicon: nicht so sehr weil er ein Menschen- 
alter lang (I 76) Italien und Gallien begrenzte i), als weil Caesars 
Uebergang die Vernichtung der Republik einleitete und als die 
Wende in den Geschicken Roms betrachtet wurde.2) Die Alten 
leiten den Namen von der Farbe seines Kiesbettes her 3); 



1 ) Cic. Phil. VI 5 VII 26 Sirab. V 217. 227 Plin. III 1 15 Ptol. III 1,20 Tab. 
Peut. Vib. Sequ. p. 150 Riese. 

2) Piut. Pomp. 60,2 Caes. 20,1 32,4 Appian b. civ. II 35 III 61. 88 Suet. 
Caes. 31. 81 Vell. II 49. 

3) Liican I 214 Sidon. Ap. ep. I 5,7. 



§ 1. Die Küste. 247 

Fönte cadit modico parvtsque impellüur undis 
puniceus Rttbicon, cum fervida canduü aestas, 
perqne imas serpü volles et Gallka certus 
limes ab Ausoniis disterminat arva colonts. 

Zwischen RimiDi und Cesena fliefsen 3 Bäche welche um die 
Ehre streiten der wahre Rubicon zu sein : der Uso bei S. Arcangelo, 
der Fiumicino bei Savignano, der Pisciatello unweit Cesena. Die 
Ansprüche der verschiedenen Gemeinden sind in einem Dutzend 
Schriften, sogar vor Gericht verfochten worden und haben viel 
Staub aufgewirbelt, ohne dafs doch eine derselben unbedingt Recht 
behalten hätte. Der Uso (dem die Generalstabskarte rälschiich den 
Beinamen Hubicone zuschreibt) kommt überhaupt nicht in Betracht; 
mit den beiden anderen sind erhebliche Aenderungen vorgegangen. 
Der Oberlauf des Pisciatello heifst ürgone oder Rugone, noch in 
Urkunden des 11. und 12. Jahrhunderts Rubigone, hing aber ehe- 
dem mit dem Pisciatello genannten Unterlauf gar nicht zusammen. 
Vielmehr wandle sich der Urgone unterhalb Montiano ostwärts (die 
Generalslabskarte bezeichnet ein Pisciatello und Fiumicino verbin- 
dendes Bette als Rubicone Cesenate), nahm den Rigossa oder Rubi- 
cossa, endlich den Fiumicino auf und mündete in dem vom letzteren 
inne gehabten Bett ins Meer. An der Via Aemilia 12 Millien von 
Ariminum verzeichnet die Reisekarle eine Station ad Conßuentes, 
so benannt nach der Vereinigung von Rubicon und Fiumicino. 
Unterhalb derselben bei Savignano ist eine aus 3 Bogen bestehende 
Brücke der Aemilia erhallen, die auf ganz andere VVassermengen 
berechnet erscheint, als der Fiumicino gegenwärtig mit sich führt. 
Ferner bestimmt die Reisekarle an der Küslenstrafse den Rubicon 
durch die Angabe der Entfernung von Ariminum zu 12 Millien. 
Auch diese Angabe trifft genau zu, wenn man berücksichtigt dafs 
die antike Strafse 4 km mehr landeinwärts lief als die heutige. 
Endlich erklärt sich in befriedigender Weise wie Strabo den Flufs 
in die Nähe von Caesena, Vibius in die Nähe von Ariminum ver- 
legen konnte: jenes ist vom Oberlauf, dieses vom Unterlauf gesagt 
vollkommen richtig. Die Gesamtlänge des Rubicon im Altertum 
betrug etwa 30 km. 

Die ehemalige Landesgrenze am Rubicon und die spätere Re- 
gionengrenze am Crustumium (S. 243) schliefsen die Feldmark von 



248 Kapitel IV. Die Aemilia. 

Ariminum ein deren Grüfse 513 Ci^m 9 d. D M, belrägtJ) Die 
Stadt lag am Meer welches seitdem nahezu 1 km zurückgewichen 
ist. Ihr Hafen wird in der Geschichte öfters erw;ihnt2): die leichte 
Ziigänglichkeit desselben bezeugen die erhallenen Rümerbauten, die 
Hrücke und der Bogen desAuguslus, für welche die Quadern aus 
Istrien herbei geholt worden sind. Zwei Flüsse die bei ihrer 
Mündung einander bis auf den geringen Absland von 300 m nahe 
kamen, bestimmten den Platz der Ansiedlung: der 60 km lange 
Ariminus (MaricIa) Marecchia nach dem die Stadt benannt ist (S. 61), 
im Westen ^), der kleine Aprusa Ausa im Osten. 4) Die Hauptslrafse 
des heutigen Rimini in der Länge von 880 m 3000 rom. Fufs stellt 
den Dccumanus maximus dar: im Osten durch den Ehrenbogen den 
die römische Regierung dem Augustus 27 v. Chr. für die Herstellung 
der Via Flaminia weihte 5), im Westen durch die von demselben 
Kaiser begonnene, von seinem Nachfolger 20 n. Chr. vollendete 
prächtige Brücke über die Marecchia (5 Bogen mit 8,75, der mitt- 
lere 10,5 m Spannung) bezeichnet. Am Schnittpunct von Decumanus 
und Kardü maximus war das Forum, die jetzige Piazza. Im üebrigen 
ist der Grundplan durch das Mittelalter regellos geworden. Nicht 
einmal der Umfang steht fest. Zwar ist eine Mauer die bei 2600 m 
Länge eine Fläche von 34 ha einschliefst, erkennbar, aber die gröfsere 
Nordhälfte derselben ist mit Steinen vom Amphitheater und anderen 
antiken Gebäuden errichtet, so dafs solche frühestens dem Ausgang 
des Altertums entstammen kann. Ueberhaupt hat es den Anschein 
dafs ursprünglich nur die Süd- oder Landseite ummauert war, 
während sonst die Flüsse und das Meer genügende Deckung ge- 
währten, die bei einer Belagerung leicht durch Pfahivverk verstärkt 
werden konnte. Es giebt keine Festung des alten Italiens die so 
oft in der Kriegsgeschichte dem Leser begegnet: am Ende der pa- 
danischen Ebene gelegen, beherrscht sie die Küsten- (Via Popillia) 



1) Luigi Tonini, Rimini avanli il principio dell' era volgare, Rimini 
1848. R. dal principio dell' era volgare all' anno 1200, R. 1856. CIL. 
XI p. 73fg. 

2) Liv. XXI 51,7 Eulrop V8 Appian b. civ. I 91 Strab. V 217 Tac. Bist. III 
42 Ravenn. Chr. a. 492 (Chr. min. 1 p. 319). Den Verkehr mit Aquileia deutet 
die Weihinschrift an Belenus an CIL. XI 353. 

3) Fest. 25 Müller Strab. V 217 Plin. III 115 Sfeph. Byz. Maricia 8chon 
Geogr. Rav. IV 36. 

4) Plin. 111 115. 

5) CIL. XI 365 Dio LIII 22 Suct. Aug. 30 Mon. Ancyr. c. 20. 



§ 1. Die Küste. 249 

wie die Binnenland&trafse (Via Aemilia), aufserdem mit der Via 
Flamioia den Zutritt zur Halbinsel. Aber dies zum Ausfall wie zur 
Verlheidigung gleich geeignete Bollwerk ist von Hause aus auf keinen 
seemächtigen Feind berechnet. Als man die Seeseite durch eine 
Mauer sicherte, war es mit der römischen Seeherrschaft längst vorbei. 
Eine Gründung der Umbrer ') ist Ariminum 268 v. Chr. in eine 
latinische Colonie umgewandelt worden.-) Als solche hat es in 
Kupfer gemünzf^), ist überhaupt die nordhchste der autonomen 
Münzstätten Italiens (S. 72). Diese Thalsache weist darauf hin 
dafs es nicht nur ein Waffen- sondern auch ein Handelsplatz werden 
sollte. Von seinem Handel wissen wir wenig: in der Kaiserzeit 
unterhielt es ^Yeinlager in Rom und verschiffle die Erzeugnisse 
seiner Ziegeleien an alle Küsten der Adria.*) Der fortschreitende 
Ausbau der Heerstrafsen, der Flaminia 220, der Aemiha 187, der 
Popillia 132 v. Chr. kam dem Verkehr zu statten. Die weit über- 
wiegende Masse des Landverkehrs zwischen Rom und den europä- 
ischen Provinzen schlug den Weg über Ariminum ein: deshalb 
wird dasselbe ungemein häufig erwähnt '") >achdem die Stadt in 
den ^cUen des hannibalischen Kriegs treu ausgehallen hatte, erlangte 
sie 90 V. Chr. das Bürgerrecht und Aufnahme in die Tribus Aniensis.^) 
Im Bürgerkrieg 82 von den Marianern besetzt, wurde sie von den 
Sullanern geplündert und durch die Ansiedlung einer Militärcolonie 
bestraft (S. 31 A. 1).") Mit der Ueberrumpelung Ariminums 49 
bahnte sich Caesar den Zugang zur Halbinsel. Unter den 18 reich- 
sten Städten derselben welche die Triumvirn 43 zur Relohnung 
ihrer Truppen auswählten , befand sich auch diese.^) Augustus 
machte sie zu einer der Säulen seiner Macht in Italien und ver- 
ewigte in ihr seinen Namen. Man sieht dafs er die Stadt nach 
27 neu colonisirte, insofern sie den Titel colonia Äugusla Arminensis 

1) Strab, V 217. Herkömmlich wird der Tyrrhenerkönig Arimnestos Paus. 
V 12,5 mit der Stadt in Verbindunng gebracht, aber ohne Gewähr. 

2) Vell. I 14 Liv. XV Eulrop II 16. Der oberste Beamte heifst Consol 
CIL. XIV 4269. 

3) Mommsen, Rom. Münzwesen 250 fg. 

4) CIL. VI 1101. Xi p. 1023fg. 

5) It. Gadit. Hieros. 615, Cic. Alt. V 19,1 Farn. VIII 4,4 Quint. fr. II 12,1, 
Sidon. Ap. ep. I 5,7. 

6) Liv. XXVII 10 Plin. X 50 CIL. XI p. 76. 

7) Appian b. civ. I 87 Cic. Verr. II 1,36 pro Caecina 102. 

8) Appian b. civ. IV 3. 



250 Kapitel IV. Die Aemiiia. 

annahm. Von ihm wird auch die Einlheilung der städtischen Plebs 
in 7 vici herrühren, deren Namen aus Rom entlehnt sind (wir 
kennen ihrer 5: vicus Aventinensis Dianensis Cermalus Velabrensis 
For\ensisl]) und an die neue Ordnung der Hauptstadt erinnern. 
Seiner grofsartigen Bauten ist bereits gedacht worden. Von dem 
jungen Gaius Caesar meldet eine Inschrift dafs er sämtliche 
Strafsen 1 n. Chr. pflastern liefs. Im Bürgerkrieg 69 n. Chr. ward 
Ariminum von den Flavianern angegrifl'en , in den Gothenkriegen 
wiederholt belagert. i) — Während der langen Friedensepoche war 
die Stadt bedeutend angewachsen. Das in derselben erbaute Amphi- 
theater (120 X 91 m, Arena 76 X 47 m) dessen steinerne Stufen 
an 12000 Sitzplätze enthalten, giebt eine richtigere Vorstellung von 
der Einwohnerzahl als die in den Zeiten des Verfalls und der Ent- 
völkerung aufgeführte Ringmauer. Aus einer im zweiten Jahrhundert 
gemachten Stiftung darf man schliefsen dafs die städtische Plebs 
damals 17 — 1800 freie Männer befaföte.2) Für das Ansehen der 
Stadt zeugt der Umstand dafs der aus der Flaminia Umbrien und 
Picenum gebildete Gerichtssprengel hier seinen Mittelpunct halte 3j, 
sowie dafs ein viel besuchtes Concil 358 hier tagte. Ariminum 
war eine der 5 Seestädte die den Byzantinern bis auf König Pipin 
verblieben. 

Die Via Popillia verbindet Ariminum mit dem 33 Millien ent- 
feroten Ravenna.*) Sie läuft einige Kilometer hinter der jetzigen 
Küste, um welchen Betrag diese seit dem Altertum vorgerückt ist. 
Nördlich vom Rubicon hei Bagnarola (1 204) begann der über 50 km 
lange Strandsee, den die einmündenden Appenninflüsse mitsammt 
dem Po inzwischen ausgefüllt haben: der Sapis Savio s) Bedesis 
RoDco *>) Ulis oder Utens Montone ") Anemo Lamone '') Sinnius Senio ^) 



1) Tac. Bist. III 41. 42 Prokop b. Gotli. II 10. 17 III 37 IV 28 Zosim. V 37,3. 

2) CIL. XI 379 den Zinsfufs wie in Veleia zu 5 p. C, die normale Spende 
nach der Inschrift zu 4 Sesterz gerechnet. 

3) CIL. XI 376. 377. 

4) It. Ant. 126; 37 Millien nach Tab. Peut. wo die einzelnen Stationen auf- 
gezählt werden; 30 Millien nach Zosim. V 48,2. 

5) Strab. V 217 Plin. III 115 Lucan II 406 Sil. lt. VIII 448 Geogr. Rav. IV 
36; Tab. Peut. Sabis. 

6) Plin. III 115, An. Vales.54 Bedeute. 

7) Liv. V 35 ab Ulenle, Plin. III 115 rHet. 

8) Plin. III 115, Tab. Peut. /inimo an falscher Stelle. 

9) Tab. Peul. Sinnum. 



§ 1. Die Küste. 261 

Vatrenus oder Satenms Santerno.i) Die unablässig fortschreitende 
Umgestaltung des Bodens, die durch dessen Erhöhung und den 
Wechsel der Abflüsse und Canäle bedingt wird, erschwert die Er- 
kenntnifs der ehemaligen Verhältnisse. „Ravenna — schreibt Strabo'^ 
— ist die gröfste Stadt in den Lagunen, ganz aus Holz erbaut und 
von Wasser durchflössen, in seinem Verkehr auf Brücken und 
Fähren angewiesen. Es nimmt nicht wenig Meerwasser bei der 
Flut auf, so dafs sowol von der Flut als von den Flüssen aller 
Unrat fortgespült und die Luft gereinigt wird. Die Gesundheit des 
Ortes ist durch Erfahrung so erprobt, dafs die Fürsten ihre Gladia- 
toren hier aufziehen und ausbilden lassen." Im 6. Jahrhundert 
war Ravenna 400 m vom Rand der Lagune, 6,4 km vom freien 
Meer abgerückt, heutigen Tages nach Ausfüllung der Lagune 8 — 9 km. 
Die Küste ist gegenwärtig von der Pineta, dem berühmten Pinien- 
wald eingenommen, der bei 4 — 5 km Breite sich 50 km entlang 
zieht und wesentlich die jetzt sehr schlechte Luft der Gegend ver- 
bessern soll. Der Wald war, wenn auch nicht in der heutigen 
Ausdehnung, bereits im Altertum vorhanden; die Pineta d. h. der 
alte Lido war ungefähr 3 Milben 4 — 5 km von der Stadt entfernt.^) 
Da auf dem Lido die einzige Kunststrafse lief, welche die Stadt mit 
dem italischen Strafsennelz in Verbindung setzte, hat derselbe in 
der Kriegsgeschichte eine hohe Bedeutung gehabt. Auf ihm rückte 
Caesar 49 v. Chr. in den Bürgerkrieg, Theoderich 490 und Narses 
552 gegen Ravenna; er stellte die natürliche Basis für jeden An- 
griff gegen die Meereskönigin dar. Vom Festland führte nur ein 
schmaler gangbarer Streifen der wie ein Thor abgesperrt werden 
konnte, durch die Sümpfe zu ihr. Man sieht, die Hauptzüge des 
Bildes kehren in Venedig wieder und dürfen danach im Einzelnen 



1) Plin. III 120, Tab. Peut. Satemum an falscher Stelle. 

2) Strab. V 213 Vilruv I 4,11 II 9,11. 16 Plin. III 115. 119 Ptol. III 1,20 
Sidon. Ap. ep. I 5,5 I 8 Prokop b. Golh. 11 II 29 Jord. Get. 148 fg. 293 Geogr. 
ßav. IV 31 V 1. Annalen v. Ravenna a. 379 — 572 hergestellt von 0. Holder- 
Egger, Neues Archiv f. d. G. I p. 347 fg. vgl. Mommsen Chron. min. I p. 249 fg. 
(M. G. H. auclores antiquissimi IX). CIL. XI 1 fg. Kaibel 2280. 81. — Hiero- 
nymi Rubel Italicarum et Ravennatum historiarum libri XI, Venedig 1571, 
Graev. Thes. VII 1. Fiebiger, Leipziger Studien XV (1894). 

3) Jord. Get. 293 An. Vales. 37. 53. 54 Ravenn. Chr. a. 476. 491 vgl. Snet. 
Caes. 31. In griechischer Uebersetzung Strovilia Peucodis Agnellus Chron. 
min. I p. 313. 



262 Kapitel IV. Die Aemilia. 

ausgemalt »erden; in Bezug auf ihr Verhallen zu den FiUsseu 
jedoch gleichen sich die beiden Städte nicht (I 203). 

In ältester Zeit mündete die Masse des Po in zwei Armen aus: 
Messanicus oder Padusa bei Ravenna und etwa 12 Millien nürdlich 
Eridanus oder Spines bei Spina (S. 213). In der Kaiserzeit war 
Ravenna der Ilauplhafen für die Holzausfuhr der Alpen (I 170): 
da die Flofse füglich nicht durch Canälc gefördert werden konnten, 
mufs der Flufsarm damals noch ofl'en gewesen sein. Wie Spina 
soll auch Ravenna von Hellenen und zwar von Thessalern gegründet 
sein; indem sie aber die Unbilden der Etrusker nicht ertrugen, 
heifst es^), nahmen sie freiwillig umbrische Mitwohner auf, über- 
liefseu diesen das Gemeinwesen und fuhren selbst nach Hause. Des- 
halb gilt es gemeinhin als italischen Stammes.'^) Den Kellen gegen- 
über behauplele es seine Selbständigkeit und schlofs sich wie die 
übrigen Seestädte an Rom an. Sein altes Bündnifs ist vermutlich 
erst 49 v. Chr. mit dem Bürgerrecht verlauscht worden.^) Die Er- 
oberung des Polands befürderle den Aufschwung der Stadt: während 
seiner Stalthalterschalt hielt sich Caesar im Winter öfters in ihr 
auf und errichtete eine Gladiatorenschule 4); aus dieser Zeit mag 
die Statue des Marius stammen, die Plulaich hier sah und beschrieb.^) 
Immerhin lag sie von der grofsen Wellslrafse abseits, solange die 
römische Politik ihre Thätigkeit fast ausschliefslich dem Westen zu- 
wandle. Dies änderte sich als Oclavian seine Waffen siegreich nach 
Osten trug: die kürzeste Verbindung mit den Donauländern führte 
eben über Ravenna. Bereits 38 v. Chr. hatte er an diesem grofsen 
und geschützten Holzmarkt eine Flotte ausrüsten lassen.**) Nach 
der Schlacht bei Aclium schuf er sodann den grofsen Kriegshafeu 
für die Adria und das gesamte östliche Mittelmeer.') Der Ort 
war im Hinblick auf die Reichsgreuze gewählt, da er im Mitlel- 
punct eines vom ßodensee bis nach Macedonien reichenden Kreises 
liegt, von allen durch Augustus eroberten Provinzen gleichmäfsig 
entfernt ist. Der Hafen bot Unterkunft für 250 Kriegsschiffe, die 

1) Strab. V 214 Zosim. V 27. 

2) Piin. 111 115 schreibt es den Sabinern zu, Strab. V 217 den Umbrerii. 

3) Es blieb &9 foederirt Cic. pro Balbo 50. 

4) Cic. Farn. 1 9,9 VllI 1,4 Alt. Vll 1,4 Caes. b. civ. I 5 Suet. Caes. 31. 

5) Plut. Mar. 2. 

ti) Appian b. civ. V 8U. • 

7) Suel. Aug. 49 Tac. Ann. IV 5 Vegel. IV 31. 32. 



§ 1. Die Küste. 253 

Besatzung der classis praetoria Ravennas war in 10 Cohorten ge- 
theilt, deren Sollstand 10000 Mann betrug. Zur sicheren Ver- 
bindung mit den venetischen Lagunen einer- dem Mittellauf des Po 
anderseits liefs der Kaiser die fossa Augusta graben. Dieser 40 km 
lange Canal führte vom Sagis an in südlicher Richtung durch die 
Lagune von Comacchio (S. 214), durchschnitt den Po von Spina, 
führte an der Landseite von Ravenna vorbei und mündete im Süden 
von der Stadt, da wo die 5 km entfernte Basilika S. Apollinare in 
Classe die Stelle des ehemaligen Kriegshafens anzeigt. Nördlich von 
der Stadt lief die fossa Asconis i), vielleicht ein ursprünglicher Arm 
des Po der nachher, wir wissen nicht durch wen, ausgebaggert 
wurde, und leitete zu dem Handelshafen dessen Stelle gegenwärtig 
durch die Basilika S. Maria in Porto fuori 3 km vom Thor bezeichnet 
wird. Die Einfahrt durch den Lido wurde durch einen Leucht- 
thurm erbellt, den einzigen der im Norden des alten Italien nam- 
haft gemacht wird.^) Man begreift ohne weiteres wie aus den 
Anlagen des Kriegshafens eine Stadt erwuchs, die bei den späteren 
Schriftstellern seit Prokop kurzweg den Namen Classis führt. Alt- 
und Neustadt sind in dem Mosaik von S. Apollinare nuovo dargestellt. 
Sie waren mit einander durch die vta Caesaris verbunden, die 
als dritte Stadt Caesarea betrachtet wurde 3) und bis in die Neuzeit 
in der Kirche S. Lorenzo in Cesarea fortlebte: jetzt erinnert eine 
Säule (la Crocetta) an die 1553 abgebrochene Kirche. Die An- 
schwemmung machte sich allerdings nach einigen Jahrhunderten 
fühlbar, so dafs ein unbekannter Gewährsmann des Jordanes sagen 
konnte: was einst Hafen gewesen, sei jetzt ein geräumiger Obst- 
garten. Doch ist der in stetem Vorrücken begriffene Hafen (Porto 
Candiano)4) in dieser Gegend bis zum 18. Jahrhundert verblieben 
und erst 1737 der heutige Porto Corsini 10 km weiter nördlich an- 
gelegt worden. 

Durch Augustus war Ravenna ein Waffenplatz geworden der 
in den ivriegen der Kaiserzeit mehrfach erwähnt wird, auch zur 



1) Allein Jord. Get. 149 und Agnellus 79 (Chr. min. I p. 335) erwähnt. Die 
Verzweigung der Canäle in und um die Stadt bestätigt Sidon. ep. I 5,5. 

2) Plin. XXXVI 83. 

3) Sidon. ep. I 5.5 Jord. Get. 151 Geogr. Rav. IV 31 Prokop b. Goth. II 29. 

4) Cassiodor (II p. 159) Jordanes Get. 147 a. 491 erwähnen einen poTis Can- 
didiani, Agnellus (I p. 319) einen campus Candiani vgl. Cluver p. 306. 



264 Kapitel IV. Die Aemilia. 

Unterbringung von Gefangenen diente, i) Hiervon ist die bürger- 
liche Freiheit nicht unberührt gebheben. Die Stadt gehörte zur 
Tribus Camiha und hatte die herkömmUche Municipalverfassung, nur 
dafs die obersten Beamten fehlen: die Gerichtsbarkeil scheint des- 
halb, was bei der starken Garnison sich empfeldcn mochte, den 
Händen des Admirals anvertraut gewesen zu sein. 2) Die Feldmark war 
nicht eben ausgedehnt 3), aber IrefTlich angebaut*): mit berühmter 
Spargelzucht (I 457) und reich an Reben, die freilich alle 4 — 5 
Jahre erneuert werden mufslen.^) Dafs die Fischerei blühte, ver- 
steht sich von selbst.^) Das Handwerk war stark vertreten: der 
Flachs des Folands wurde in einer kaiserlichen Fabrik verarbeitet 
(I 449); nirgends zählt die Zunft der Zimmerleute so viele Ab- 
Iheiluiigen wie hier.') Prokop schildert den regen Verkehr der 
mit Flut in die Stadt einlaufenden Schiffe. Der Wechsel der Ge- 
zeiten wurde den Südländern hier vertraut 8); 

Dtxü et antiquae muros egressa Ravennae 
Signa movet; iamque ora Padi porlusqiie relinquit 
fJummeos, certis übt legibus advena Nereus 
aestuat et yronas piippes nunc amne secundo 
nunc redeunte vehit, nudataque litora flnctu 
deserit, Oceani lunaribus aemnia damnis. 
Der Mangel an Trinkwasser, die Mücken und Frösche prägten 
sich gleichfalls dem Gedächtnifs der Reisenden ein.'J) Es war ein 
wertvolles Geschenk das Traian der Stadt mit einer Wasserleitung 
machte, die aus reichlich 30 km Entfernung von Süden, von Teo- 
dorano her ihr Quellwasser zuführte. Die Leitung verfiel im Laufe 
der Zeiten und ward 503 von Konig Theoderich erneuert^*); einige 

1) Tac. Ann. I 58 II 63 IV 5. 29 XIII 30 Hist. II 100 III 6. 40. 50 Dio LXXI 
11 LXXill 17 Vita Maximini 24. 

2) Böcking zu Not. Dign. Occ. 118. Aehnlich in Köln, Bonner Jahrb. 
XCVIII 163. 

3) CIL. XI p. 70. Ob sie den fruchtbaren ager Uritanu» Appian b. civ. I 
89 Feldm. p. 29. 262 Lachm. umfalste, ist sehr fraglich. 

4) Colum. III 13 Fallad. 11 13. 

5) Sliab. V 214 Fun. XIV 34 Martial 111 56. 

6) Plin. IX 169. 

7) CIL. XI p. 6. 

8) Claudian VI cons.HonAM Prokop. b.Golh. 1 1 Sidon. ep. I 5,6 Cassiodor 
var. XII 24. 

9) Mailial 111 56 Sidon. ep. I 5,6 8,2 carm. IX 298. 
10) Cassiodor chron. An. Vales. 71. 



§ 1. Die Küste. 255 

Bögen sind im Bett des Ronco noch vorhanden. — Fafst man die 
Gesamtentwicklung ins Auge, so bewegt sich diese in aufsteigender 
Linie. Während Ravenna unter Caesar nur auf den Namen einer 
blühenden Mittelstadt Anspruch machen konnte, wird sie nach dem 
für das Altertum giltigen Mafsstab (S. 122) durch Augustus zur 
Grofsstadt erhoben. Den Wechsel ihrer Schicksale in den nächsten 
Jahrhunderten vermögen wir nicht im Einzelnen zu verfolgen. In 
einer Inschrift von 399 heifst Ravenna Hauptstadt von Picenum.i) 
Als 404 das Kaisertum in ihren Sümpfen Schutz suchte, wurde sie 
die Hauptstadt von Italien, an Rang Rom gleichgestellt, an Bedeutung 
dasselbe übertreffend. Diese Periode höchsten Glanzes hat andert- 
halb Jahrhunderte gedauert: sie ist es die zu dem Besucher redet. 
Allein die märchenhafte Pracht der erhaltenen Bauwerke welche 
römische Kaiser, deutsche Könige, byzantinische Statthalter aus dem 
edelsten Material des Miltelmeers errichtet haben 2), ist nicht ge- 
eignet das Bild der antiken Stadt zu veranschaulichen. Wir ziehen 
Venedig zum Vergleich heran und erinnern uns dafs die Konigin 
der Adria ihre Gröfse eigener Kraft verdankte, Ravenna seinen 
Herrschern. Und dann hat in dem Jahrtausend das zwischen dem 
baulichen Aufschwung beider Städte in der Mitte liegt, die Ent- 
waldung im Süden gewaltige Fortschritte gemacht. Mit gutem 
Grund erscheint nach den Inschriften die Feuerwehr in Ravenna 
besonders zahlreich. Wenn es in der Chronik heifst: „455 am 15. 
März brannte Ravenna, und viele Güter wurden vom Feuer ver- 
zehrt" oder „489 in der Osternacht brannte die Apollinarisbrücke 
ab", so folgern wir dafs die Rrücken von Buden eingenommen 
waren wie am Rialto in Venedig und Ponte vecchio in Florenz, 
dafs der Holzbau im 5. Jahrhundert noch ebenso vorherrschte wie 
nach Strabo's Aussage im ersten. Es hält schwer in den weilen 
von Gärten erfüllten Mauern der heutigen Stadt das Gedränge der 
alten dem geistigen Auge vorzuführen. Als die Langobarden 761 
den oströmischen Statthalter vertrieben und Classis dem Erdboden 
gleich gemacht hatten, war der frühere Glanz für immer verblichen. 
Die Reisekarte setzt 6 Millien nördlich Butrium an, auch eine 
Gründung der Umbrer und in der Kaiserzeit selbständiges Muni- 

1) CIL. VI 1715. 

2) Ueber die Baugeschichte vom 5. Jahrhundert ab Agnellus (um 840) 
Über ponlificalis ecclesiae Ravennatis, M. G. H. scr. Langob, p. 265—397. — 
Zirardini, degli, antichi edifizj profani di Ravenna, Faenza 1762. 



256 Kapitel IV. Die Aemilia. 

cipium, aber durch Ravenna völlig in den Schatten gedrängt. i) Die 
Lage ist noch unermillelt. Dafs mit Spina das Gleiche der Fall 
sei, haben wir oben (S. 213) angemerkt. 

§ 2. Das Binnenland. 

Die Mannichlaltigkeit welche bei aller Uebereinstimmung in den 
Hauptzügen dem nördlichen Poland eignet, wird im südlichen ver- 
mifst. Die Gliederung des einen ist durch die Alpen, die Gliederung 
des anderen durch den Appennin bestimmt. Die Ost- oder Aufsen- 
seite des italischen Gebirges bekundet einen ermüdend regelmäfsigen 
Aufbau. Die politische Eintheilung des Augustus schliefst sich an 
die natürliche an: südlich von Ariminum beim Flufs Crustumium 
tritt der Appennin hart an die Küste, und mit dem Ende der Po- 
ebene fällt zugleich die Grenze der Region zusammen; das Gleiche 
ist westlich von Placentia der Fall, wo ein Ausläufer des Gebirgs 
an den Flufs vorspringend, die aemilische von der ligurischen Ebene 
scheidet. Auf dieser 300 km langen Strecke streicht die Hauptkette 
mit Gipfeln von 1600—2000 m in Südost-Richtung; davor dacht 
sich der Subappennin in einer Breite von 50 km nach der Niede- 
rung ab. In das Gebirge schneiden etwa 30 Querthäler ein, Bäche 
und Flüsse entsendend welche nach Nord ©der Nordost dem Po zu- 
strömen. Indem wir uns vergegenwärtigen dafs im Altertum der 
Strandsee von Ravenna noch nicht ausgefüllt, sowie dafs der Po 
nach Südost gewandt war, dürfen wir den Lauf desselben als einen 
flachen um das Gebirge beschriebenen Bogen betrachten. In der 
Mitte an breitester Stelle mifst die Niederung zwischen Gebirg und 
Flufs etwa 70 km, an den beiden Endpuncten bei Placentia und 
Ariminum sinkt die Ausdehnung auf 5—10 km herab. — Der Ein- 
förmigkeit in der Bodengestallung entspricht das geschichtliche Leben. 
Als die Römer festen Fufs fafsten, war die Ebene noch zum grofsen 
Theil mit Wald und Sumpf bedeckt^): die silva Litana brachte 
einem römischen Heer den Untergang 3); die Dörfer waren zum 
Schutz gegen die Feuchtigkeit des Grundes auf Pfahlrosten errichtet, 

1) Streb. V 214 Plin. III 115 Ptol. III 1,27 Stepli. Byz. Tab. Peut. CIL. VI 
2379 a 5,51 XI p. 70. 

2) Pol. II 15,3 III 40,12 Strab. V 217 Liv. XXI 25 XXXIII 37 XXXIV 48 
Fronlin Strat. II .S,39. 

3) Liv. XXIII 24 XXXIV 22. 42 (daraus Frontin Strat. I 6,4 Zonar. IX 3), die 
Lage ist ungewifs. 



§ 2. Das Binnenland. 257 

der Verkehr hatte nur spärliche Städte hervorgebracht. Fast zwei 
Jahrhunderte lang, von der Gründung .\riminums 268 bis zur Er- 
theilung des Bürgerrechts 90 v. Chr. hat die römische Cultur damit 
zugebracht die Wildnifs zu bändigen, bevor ihre Arbeit einen ge- 
wissen Abschlufs erreichte. Trotzdem erscheint das Ergebnils wie 
nach einem einzigen zielbewufsten Plan vollendet. Mit wenig Ab- 
sätzen zieht die 176 Millien lange Via Aemilia in schnurgerader Linie 
durch das Land, bildet die Basis für die Vertheilung der Aecker 
wie für die Anlage der städtischen StrafsenJ) Das Walten der 
römischen Feldmesser ist noch heutigen Tages zu verspüren : die 
Flurgrenzen zeigen vieler Orten das Mafs der Centurie (I 204), die 
Städte werden durch die aemilische Strafse nach alter Regel in 
gleiche Hälften zerlegt. Die Städte haben alle ein gleichmälsig 
nüchternes Aussehen, und so wenig sichtbare Reste des Römertums 
dem Beschauer entgegen treten, um so mehr fühlt er sich inner- 
halb dieser Mauern vom Geist desselben angeweht. Ihre Zahl ist 
ziemlich grofs, die Zahl sowol als die Lage durch die ausmündenden 
Appenninthäler gegeben. Wo die Via Aemilia von anderen Ver- 
kehrstrafsen gekreuzt wird, die zu bequemen Uebergängen über den 
Po einer- den Appennin anderseits hinleiten, finden sich die ältesten 
und wichtigsten Gründungen. Im Uebrigen haben die römischen 
Feldherren im Lauf der Zeiten der fortschreitenden Gesittung durch 
Anlage von Marktflecken Rechnung getragen, die entweder Stadt- 
recht erhielten oder sich solches anmafsten, jedenfalls in seinem 
Besitz von Kaiser Augustus anerkannt worden sind. Unsere Be- 
schreibung beginnt im Süden. 

Der Utis Montone schied die keltischen Stämme der Senonen 
und Boier von einander. Mit der Vernichtung der Senonen und 
der Gründung einer Colonie in Ariminum ist die römische Macht 
um 268 V. Chr. bis zu dieser Grenze vorgedrungen. Im Gebirge 
oberhalb des bezeichneten Landstrichs halte sich ein umbrischer 
Gau, die tribus Sapinia behauptet, dessen Wohnsitze gemäfs der 
Namensgleichheit im Thal des Sapis Savio (S. 250) zu suchen sind, 
aber auch in die 6. Region hineinreichen. 2) Demselben gehört 



1) Die Stationen sind in 11 Itinerarien überliefert: den 4 Silberbecliern von 
Gades (CIL. XI 3281—4) It. Ant. 99. 126. 2S6 Hieros. 615 Tab. Peut. Geogr, Rav. 
IV 33 Guido 37. Mit den erhaltenen Meilensteinen, deren älteste der Erbau- 
ung IS" V. Chr. angehören, zusammen gestellt CIL. XI p. 1001 fg. 

2) Liv. XXXI 2 XXXIII 37. 

Nissen, Ital. Landeskunde U. 17 



268 Kapitel lY. Die Aeroilia. 

vielleicht das am Ausgang des Thals gelegene Caesena Cesena an.i) 
I)ie Stadt ist von Ariminum 20 Millien entfernt. Sie lehnt sich an 
einen Hügel an, so dafs die Reisebücher ihr das Beiwort bucklig 
Curva Caesena anheften 2), wird in ruhigen Zeiten ihrer Weine, in 
den Gothenkriegen ihrer Festigkeit wegen erwähnt. ümbrisch 
scheint ferner das in den Kämpfen mit den Boiern erwähnte castrum 
Mutibim gewesen zu sein, das Cluver in Meldola am Eingang in 
das Thal des Bedesis Ronco (S. 250) wiederfinden will. 3) — Hinter 
Caesena durchläuft die Via Aemilia vier Städte deren Name sofort 
den römischen Ursprung ankündet. Zuerst Forum Popili Forhm- 
popoli im 2. Jahrhundert v. Chr. von einem der Consuln dieses 
Geschlechts (173. 172. 132) angelegt.*) — Sodann 13 Millien von 
Caesena entfernt Forum Livi ForlL^). Am Ulis Montone gelegen, 
ist der Platz für den Verkehr geeignet: flufsaufwärts führt ein Weg 
über den bequemen Pafs von S. Godenzo ins Arnothal (1 231), flufs- 
abwärts ein Weg nach Ravenna. In der Kriegsgeschichte scheint 
derselbe eine Rolle gespielt zu haben : ihn schlug vermutlich An- 
tonius für die Ueberrumpehing von Arretium am 14. oder 15. Januar 
49 V. Chr. ein. 6) Die Anlage des Forums wird man dem Consul 
von 188 C. Livius Salinator zuschreiben dürfen.'') — Häufiger be- 
gegnet in der Ueherlieferung das 10 Millien entfernte Faventia 
Faenza^) am linken Ufer des Ayiemo Lamone (S. 250). Von hier 
führt das Thal hinauf über den Pafs von Casa Alpe eine von den 
Römern ausgebaute Strafse an die Sieve nach Florenz und Luca: 
der Abstand zwischen Faventia und Luca wird zu 120 Millien an- 



1) Cic. Farn. XVI 27; Strab. V 217 Plin. III 116 XIV 67 Ptol. III 1,42; lt. 
Gadit. Anton. 100. 126. 286 Hier. 615 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33; Sidon. Ap. 
ep. I 8 Prokop b. Goth. I 1 II 11. 19. 29 III 6; CIL. XI p. 108. 

2) It. Gadit. IV Anton. 286 Tab. Peut. 

3) Liv. XXXI 2 XXXIII 37 Cluver p. 279. 

4) Plin. III 116 CIL. XI p. 111. Im Uebetgang zur heutigen Form Forum 
Populi It. Hier. 616 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 Paul. h. Lang. V 27. 

5) Plin. III 116 It. Gadit. Anton. 287 Hieros. 616 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 
33, CIL. XI p. 115. 

6) Caes. b. civ. I 11 Lucan II 462 Flor. II 13,19 Eutrop VI 19 Bist. Zeitschr. 
N. F. X 98. 

7) Liv. XXXVIII 35 ohne von seiner Amtsthätigkeit in Gallien etwas zu 
berichten. 

8) Strab. V 217 Plin. III 116 VII 163 Phleg. macrob. 1. 2 Ptol. Hl 1,42; vita 
Hadr. 7 Helii 2,8 Ver. 1,9; Jord. h. Rom. 379 Prokop b. Goth. III 3; Steph. By^. 
It. Gadit. Anton. 100. 126. 287 Hieros. 616 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33. CIL. 
XI p. 120. 



§ 2. Das Binnenland. 259 

gegeben: die ersten Stationen sind noch nicht bestimmt.i) Die 
Strafsenkreuzung bewirkt dafs die Umgebung der Stadt mehr als 
einmal das Schlachtfeld geliefert hat: am bekanntesten ist die Nieder- 
lage die Metellus 82 v. Chr. den Marianern hier beibrachte.2) Eine 
römische Bürgergemeinde war in dieser fruchtbaren Feldmark 
bereits vor dem Bundesgenossenkrieg angesiedelt worden : der Zeit- 
punct ergiebt sich aus dem Umstand dafs sie zur Tribus PoUia 
gehörte, in die des guten Omens wegen älterer Zeit die Gemeinden 
an der gallischen Grenze eingetragen wurden. 3) Der überschweng- 
liche Ertrag ihrer Reben wird gepriesen 4), desgleichen ihr Flachs 
und ihre Pinien 

undique sollers 
arva coronantem nutrire Faventia pinum. 

INach 10 Millien folgt Forum Corneli Imola dessen Gründer von 
Prudentius^) erwähnt wird: 

Sulla forum statuit Cornelius, hoc halt urbem 
vocitant ab ipso conditoris nomine. 

Die Stadt auch Forum Comelium genannt gehörte zur Tribus 
Pollia.6) Sie liegt am linken Ufer des Vatrenus Santerno (S. 251) 
und wird zuerst 43 v. Chr. bei Gelegenheit des Kriegs gegen An- 
tonius erwähnt.') In der Langobardenzeit heifst ihre Burg Imolas^): 
durch diese Bezeichnung ist die frühere verdrängt worden. — Die 
Via Aemilia überschreitet den Silarus Silaro^) und erreicht 13 Millien 
von Imola, 10 von Bologna das in der Tribus Pollia eingetragene 
Municipium Claterna oder Claternae, zuerst 43 v. Chr. erwähnt. i<>) 



1) It. Ant. 283 vgl. Appian b. civ. I 91. 

2) Liv. LXXXVIII Vell. II 28 App. b. civ. I 91. 

3) Bormann, Arch.- ep. Mitlh. a. Oesterr. X (1886) 227 fg. Kubitschek 
imp, Rom. 93. 

4) Varro RR. I 2,7 (Colum. III 3,2) vgl. Appian b. civ. I 91; Plin. XIX 9 
Sil. It. Vm 595. 

5) Prud. passio Gassiani Forocorn. peristephanon 9,1. 

6) Plin. III 116. 120 Martial III 4 Phlegon macrob, 1. 2. 3; Strab. V 216 
Ptol. III 1.42; Prokop b. Goth. II 19 Hist. misc. XIII 28; It. Gadit. Anton. 100. 
127. 287 Hieros. 616 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33; CIL. XI p. 126. 

7) Cic. Fam. XII 5,2 Dio XLVI 35. 

8) Paul. h. Lang. II 18 Agnellus 1. pont. S. Petr. XXI 47. 

9) Tab. Peut. 

10) Cic. Fam. XII 5,2 Phil. VIII 6; Strab. V 216 Plin. III 116 Ptol. III 1,42; 
lt. Gadit. Anton. 287 Hieros. 616 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33; Ambros. ep. II 8 
CIL. XI p. 128. 

17* 



260 Kapitel IV. Die Aemilia. 

Die Nachbarschaft von Bologna hat seinen Aufschwung gehemmt. 
Nach Slrabo unbedeutend, ist das Städtchen später untergegangen 
und hat seinen Namen nur in dem FluTs Quaderna und der Kirche 
S. Maria di Quaderna fortgepflanzt. i) 

NVo die Ebene sich verbreitert, werden die Aenderungen in 
den Flufsläufen bedeutender. Der kleine Idex Idice 2) strömte ehe- 
dem gerades Weges zum Po. Ebenso mündete der ÜÄemts Reno ^) 
mit dem Scultenna Panaro (1 190)4) vereint oberhalb Ferrara in 
den Po ein (I 191). Unter den Bächen welche der Reno an seinem 
linken Ufer aufnimmt, wird der Lavinius Lavino erwähnt. s) Bei 
seiiitr xMündung apud Confluentes zwischen Perusium[?] und Bononia 
schlössen Octavian und Antonius im October 43 v. Chr. ihren Bund. 
So lautet die genaueste Ortsangabe; Appian setzt dafür eine kleine 
niedrige Insel des Lavinius in der Gegend von Mutina, Dio eine Insel 
des bei Bononia vorbeifliefsenden Flufses, Dio wie Plutarch die 
Gegend von Bononia.*) Die Frage wo denn eigentlich die bedeu- 
tungsvolle Zusammenkunft stattgefunden habe, ist in der Neuzeit 
vielfach erörtert worden. 7) — Sie läfst sich ohne Schwierigkeit 
lösen, wenn man die scheinbaren Widersprüche der Schriftsteller 
in Uebereinstimmung mit einander bringt. Zunächst ist klar dafs 
die betreffende Insel von einer Strafse durchschnitten war, da von 
beiden Seiten Brücken hinüberführten. Diese Strafse ist aber nicht 
die aeniilische, sondern die von Aquileia kommende, deren Lauf 
wir S. 217 bis zum Po begleitet haben. 8) An ihr lag 18 Millien 



1) Not. d. Scavi 1892 p. 133 1898 p. 233. 

2) Tab. Peut. verschrieben hex. 

3) Plin. III 118 XVI 161 Sil. It. VIII 599. 

4) Plin. III 118 Liv. XLI 12. 18 Strab. V 218 Frontin Strat. III 13,7 14,3 
Paul. h. Lang. IV 45. 

5) Appian b. civ. IV 2. 

6) Flor. II 16 Perusium cod. Bamberg. Perusiam cod. Nazar. Appian b. 
civ. IV 2 Dio XLVI 55 Plut. Cic. 46 Ant. 19 vgl. Suet. Aug. 96. 

7) Calindri, Dizionario VI vertritt zuerst die übliche Meinung dafs der 
Zusannmenflurs von Reno und Lavinio nicht wie jetzt 23 km Nord von Bologna, 
sondern in gröfserer Nähe war. 

8) Die Kenntnifs dieser Strafse verdanken wir allein It. Ant. 281, wo 
freilich die richtige Einsicht in den Gang derselben durch Schuld der Ab- 
schreiber verdunkelt ist. Sie lassen die Strafse sinnloser Weise von Padua 
nach Bologna gehen. Vielmehr hat sie sich bei f^ico Sernino getheilt, so 
daTs ein Arm nach dem 23 .Millien entfernten Mutina, der andere Arm nach 
dem IS .Millien entfernten Bononia führte. Nach diesen Mafsangaben mufs 



§ 2. Das Binnenland. 261 

nördlich von Bononia bei Galliera, wo die Inschriften das Dasein 
eines alten Vicus erwieseo haben ^), der Vicus Sernmus; von hier 
10 Millien weiter Vicus Varianus Vigarano 2) wahrscheinlich am 
früheren F'o und zwar am rechten Ufer bei Vigarano Mainarda, 
wenig oberhalb der Stromspaltung bei Ferrara (I 191). Bei dem 
Vicus Serninus gabelte sich die Strafse, insofern ein Arm nach 
Bononia, ein zweiter nach dem 23 Millien entfernten Mutina lief. 
Der letztere mufste zuerst den Reno hierauf den Lavino oder die 
Samoggia überschreiten. Es ist bereits anderweitig nachgewiesen 
worden, dals in der unmittelbaren Nähe von Bologna keine wesent- 
lichen Aenderungen'der Flufsläufe eingetreten sind.^) Unsere Er- 
wägung führt zum nämlichen Ergebnifs. In der Gegend von Bagno, 
südlich von welchem noch jetzt ausgedehnte Sümpfe vorhanden 
sind, wird die Errichtung des Triumvirats anzusetzen sein. Der 
Weg von Mutina hierher ist nur 5 Millien weiter als von Bononia. 
Ein Gewährsmann im Lager des Antonius — aus einem solchen 
hat Appian geschöpft — bestimmte die Oertlichkeit naturgemäfs 
nach Mutina seinem Hauptquartier und nach dem überschrittenen 
Flufs Lavinius. Mit gleichem Rechte benannten die auf Octavians 
Seite stehenden Geschichtschreiber die Insel nach dem Rhenus und 
Bononia. Die Lesung apud Confluentes inter Perusium [Periisiam] 
et Bononiam ist vielleicht richtig, da ein Ort des INamens in der 
Gegend von Modena gelegen zu haben scheint 4), vielleicht verderbt. 
Dem Sinn nach würde auch passen tnter Otesiam et Bononiam; denn 
dies halb verschollene Municipium lag bei S. Agata Ost von Modena.^) 



die Strafsentheilung bei Galliera stattgefunden haben. Der Umstand dafs die 
Handschriften die letzten Ziffern genau erhalten haben (die Entfernung von 
Mutina nach Bononia beträgt 25 Milien) ermöglicht eine sichere Deutung. 
Der Strecke Vicus Serninus-Mutina gehören die Meilensteine 6646.47 an: sie 
scheinen von Patavium aus zu rechnen. 

1) CIL. XI 804 fg. Die Ortsbezeichnung macht nur auf annähernde Genauig- 
keit Anspruch. 

2) Es giebt zwei Vigarano nördlich und südlich vom alten Po. Die Lage 
des Vicus Varianus wird durch Zosim. V 37,2 bestimmt: eis ti t^s Bovoiviae 
OQfirj'irjQiov TjX&ev o xaXovaiv Otxovßa^iav. Das Reisebuch giebt irrig 20 
statt 10 Millien. 

3) Frati, Atti della deputazione di storia patria per le province di 
Romagna, 1868 p. 1. Not. d. Scavi 1896 p. 125. 

4) Darauf führt die uva Perusinia Plin. XIV 39. 

5) Plin. III 116 Phlegon macrob. (fr. 29,1 Müller III 608) 'O^jiota ^ircu'aia 
CIL. V 5126 XI p. 151 an. Calindri, Dizionario VI 19 fg. 



262 Kapitel IV. Die Aemilia. 

Dafs die Strafse von Bouonia nach Aquileia 175 v. Chr. erbaut 
wurde, haben wir S. 227 vermutet. Die Strafse von ßononia nach 
Arrelium, als deren Fortsetzung sie betrachtet werden kann, stammt 
aus dem Jahre 187 v. Chr. und ist vom Consul Gaius Flaminius, 
dem Collegen des Aemihus Lepidus angelegt.') Die kürzeste Ver- 
bindung mit Arretium ungefähr 150 km läuft die Savena aufwärts 
über den Pafs la Futa (975 m) und Faesulae. Aus der Litteralur 
läfst sich ihre Benutzung nicht vor dem 9. Jahrhundert belegen. 
Dieser Umstand berechtigt indefs keineswegs zu dem Schlufs das 
Dasein der Strafse im Altertum zu leugnen. — Bequemer aber 
länger ist der Weg welcher durch das Thal dfes Reno die Wasser- 
scheide (1007 m) oberhalb Pistoria am Nordende des Beckens von 
Florenz erreicht. Am Reno ist bei Marzabotto 27 km von Bologna 
eine etruskische Niederlassung entdeckt worden die leider für uns 
namenlos bleibt. 2) Jenseit des Reno unterbricht der im M. Cimone 
2165 m aufsteigende Gebirgsstock den Verkehr zwischen Etrurien 
und der Aemilia. Demnach lag Bononia (55 m) am Ausgang der 
beiden an den mittleren Arno führenden Appenninstrafsen, von der 
Theilung des Po etwa 45 km entfernt und stellt die natürliche Ver- 
mittlerin zwischen beiden Flufsgebieten dar. In alten Zeiten, heifst 
es 3), war sie als Felsina das Haupt der etruskischen Städte des 
Nordens, von Aucnus aus Perusia gegründet: 

Ocni prisca domus parvique Bononia Rheni. 

Die reiche Ausbeute innerhalb der Stadt (S. 11) und besonders 
aus der bei der Certosa aufgefundenen Gräberstadt, welche jetzt 
das stattliche Museum füllt, beweist die frühe Blüte des Gemein- 
wesens.*) Wann dieselbe geknickt wurde, ist nicht zu sagen. Wo 
die geschichtliche Ueberheferiing anhebt, 196 v. Chr. erscheint 
Felsina im Besitz der Boier, welche die Elrusker vertrieben hatten. 
Die Boier ihrerseits mufsten den Römern Platz machen: 189 v.Chr. 
wurde eine latinische Colonie in der Stärke von 3000 Mann ange- 
siedelt, der Reiter mit je 70, der Fufsgänger mit 50 Juchert aus- 
gestattet. 5) Also sind über 40 000 ha Ackerland vertheilt worden, 



1) Liv. XXXIX 2,6. 

2) Gozzadini in mehreren Abhandlungen, Bologna 1865. 70. 

3) Piin. III 115 Bononia Fehina vocitatum cum princaps Etruriae esset 
Serv. V. Aen. X 198 Sil. It. VIII 599. 

4) Zannoni, gli scavi della Certosa, 2 v. Bologna 1876 fg. 

5) Liv. XXXIII 37 XXXVII 57 Vell. 1 15. 



§ 2. Das Binnenland. 263 

zu deren Bestellung die Ansiedler nicht ausreichten, sondern augen- 
scheinlich die bisherigen Inhaber, kellische Bauern herangezogen 
werden mufsten. Fortan wechselt die Stadt ihren Namen , der in 
keltischen Landen mehrfach begegnet, also weder von bonus noch 
von den Boiern abgeleitet scheint. Die Ringmauer umschliefst einen 
Flächenraum von 83 ha, doppelt so viel als in Aosta: man könnte 
daraus folgern dafs neben den Colonisten eine an Zahl gleiche ältere 
Bevölkerung sefshaft gewesen sei, wenn das Alter der Umwallung 
sicher verbürgt wäre, i) Nach der Ueberwältigung der Bergstärame2) 
und der Anlage der grofsen Verkehrstrafsen ist Bononia so rasch 
emporgeblüht, dafs es der lateinischen Litteratur Vertreter schenkte.-*) 
Mit dem Bürgerrecht 90 v. Chr. begabt, wurde es der Tribus Lemonia 
zugetheilt.4) Beziehungen zum Hause der Antonier haben bedeutsam 
in seine Geschicke eingegriffen. M. Antonius machte die Stadt 
43 V. Chr. im Krieg mit D. Brutus zu seinem wichtigsten Waffen- 
platz ^), siedelte hierauf in ihr Colonisten an, zu denen Octavian 
später neue hinzufügte. 6) Der Eigenschaft als Colonie entsprechend 
heifsen die obersten Beamten des Gemeinwesens Duovirn. Reiche 
Gunstbezeugungen sind aus dem Verhältnifs zum Kaiserhause ge- 
flossen. Augustus verheb eine 18 km lange Wasserleitung aus dem 
Setta, einem Nebenflufs des Reno, die neuerdings hergestellt worden 
ist.^) Claudius gewährte nach einem Brande 53 v. Chr. eine Unter- 
stützung von 10 Millionen Sesterzen (2 175000 M.).*) Unter den 
binnenländischen Städten der Aemilia nahm Bononia wenn nicht 
die erste, so doch eine der ersten Stellen ein. Dies erhellt sowol 
aus den Aussagen der Schriftsteller 9) als daraus dafs das Reisebuch 
willkürlich die Strafsen nicht nur nach Aquileia, sondern auch 



1) Gozzadini, studi archeologico - topografici sulla cittä di Bologna, 
B. 1868. 

2) Liv. XXXIX 2 Oros. V 6,2. 

3) Suet. p. 38,13 Reiff. Cic. Brut. 169. 

4) Fest. p. 127 Müller CIL. XI p, 132. 

5) Cic. Fam. XII 5,2 XI 13,2 Dio XLVI 36 Appian b. civ. III 69. 73. 

6) Suet. Aug. 17 Dio L 6 Plin. XXXllI S3 Hl 115. CIL. XI 720 divtu 
Augustus parens (coloniae), 

7) Gozzadini, intorno all' acquedotto ed alle terme di Bologna, B. 1864. 

8) Tac. Ann. XII 58 Suel. Nero 7. 

9) Strab. V 216 Mela II 60 urbium. quae procul a mari hobitantur, 
opulentistimae sunt ad sinistram Patavium Mutina et Bononia, ad dextram 
Capua. Tac. Bist. II 53 Plin. VII 159. 163 Phlegon fr. 29,1. 2. 4 Ptol. III 1,42. 



264 Kapitel IV. Die Aetnilia. 

nach Verona und Cremona von ihr statt von Mutina ausgehen 
lälstJ) Es unlerhegt keinem Zweifel, dafs Bononia im Altertum 
wie in der Gegenwart zu den Grofsstädten Itahens zählte (S. 122). 
Die Lust der Bewohner an Fechterspielen hebt der mit dieser Land- 
schalt vertraute Martial hervor 2): 

Stit07' cerdo dedit tibi culta Bononia munus, 
fullo dedit Mutinae: nunc nbi copo dabit? 

Die nicht gerade reichlich vorhandenen Inschriften 3) lehren 
die Verbreitung grofsstädlischer Gottesdienste kennen; z. B. stand 
ein Tempel der Isis in der Nähe von S. Stefano. Die Feldmark 
erstreckte sich an der Via Aemilia nur über eine Breite von etwa 
25 km vom Idice bis zur Samoggia, dagegen bezeugter Mafsen 
(S. 261 A. 2) bis an den Po und vermutlich bis auf die Hohe des 
Appennin, so dafs sie an 40 d. D M. enthalten haben mag (S 108); 
der heutige Kreis enthält 2237 Dkm. Die Stadt hat in den Zeiten 
des allgemeinen Verfalls sich zu behaupten gewufst, widerstand 410 
dem Konig Alarich und wurde von Paulus zu den wolhahendcn 
Gemeinwesen der Aemilia gerechnet.^) 

Mit der gröfseren Erhebung welche der Appennin nordwest- 
lich vom Reno annimmt, werden auch die Pässe schwieriger (I 231). 
Aus dem Thal der Scullenna führt um den M. Cimone herum der 
Pafs von Fiumalbo (1388 m) nach Luca ; aus dem Thal des Gabellus 
Secuta oder Secia Secchia &) (I 190) der Pafs von Sassalbo (1261 m) 
nach Luna. In der Mitte zwischen beiden Flüssen liegt Mutina 
Modena (34 m) an der aemilischen Strafse, 75 Mühen von Placentia, 
25 von Bononia, 101 von Ariminum entfernt. Denkt man sich 
die sildpadanische Ebene als eine halbe Ellipse deren Durchmesser 
die Via Aemilia bildet, so werden die beiden Brennpuncte durch 
Mutina und Bononia bezeichnet. Diese Stadt ist durch ihre bessere 
Verbindung mit Etrurien bevorzugt, jene beherrscht drei Slrafsen- 
ilbergänge über den Po. — Die Stralse von Aquileia welche nach 



1) It. Ant. 281.282.283. 99Hieros. 616 It. Gadit.Tab. Peut. Geogr. Rav.lV33. 

2) Marl. III 59 Tac. Bist. II 67. 71. 

3) Naciiträge zum CIL, Not. d, Scavi 1896 p. 146 1897 p. 330; griechische 
Kaibel 22S2fg. Soldaten sind zahlreich Eph. ep. V p. 252. 

4) Zosim. V31.33.37VI10Prokopb.Golh.IIlll Paul.h.Lang.II 18 VI49.54. 

5) CIL. XI 826 meldet die von den Kaisern 260 vollzogene Herstellung 
an der Aemilia des pons Secul\ae] vi ignis constimplus. Reste des Neubaus 
sind noch vorhanden. It. Hieros. 616 mulaiio Ponte Secies, Plin. III 118 
Gabellus nach einem anderen Dialekt. 



§ 2. Das Binnenland. 265 

beiden Städten auslief, haben wir oben S. 261 betrachtet. Von 
dem Uebergang bei Vicus Varianus bis zu dem von Hostiiia (S. 208) 
sind 40 km in der LuflHnie. In dem Zwischenraum darf man die 
in den Censuslisten des Augustus stehende Gemeinde der Padinates 
suchen: Cluver hält das heutige Bondeno für PadinumA) Die Wich- 
tigkeit von Hostiiia als Knotenpunct des Verkehrs ist früher dar- 
gelegt worden. Auf dasselbe führt von Mulina eine Strafse die 
nach Ausweis eines Meilensteins von Augustus ausgebaut worden 
ist. Das Reisebuch giebt die Entfernung mit 50 Millien um 10 zu 
hoch an. Es nennt halbwegs den Ort Colicaria dessen Lage durch 
die Kirche S. Possidonio (zwischen Mirandola und Concordia), wo 
Inschriften zufolge ein antiker Vicus war, angezeigt wird.'^) Von 
Hostiiia bis zum nächsten Uebergang bei Brixellum mifst man in 
der Luftlinie ungefähr 50 km. Der Po machte im Altertum bei 
Guastalla nicht jene scharfe Wendung nach Norden wie jetzt, sondern 
flofs bei Gonzaga vorbei (1 189). In dieser Gegend wird die eine 
oder andere von den verschollenen Gemeinden des plinianischen 
Verzeichnisses gelegen haben. 3) In Brixellum mündete die Strafse 
von Cremona ein und erreichte von hier aus über Regium nach 
35 Millien Mutina. Nach dem Gesagten begreift man ohne weiteres 
warum dieser Name in der Kriegsgeschichte so oft begegnet. — 
Verschiedene Stämme stiefsen bei Mulina auf einander. Die Appennin- 
thäler befanden sich im Besitz der Ligurer.*) Am Austritt der 
Secchia in die Ebene lagen die Campi Macri, deren Name in 
dem heutigen Dorf Magreta 7 km westlich von Modena fortlebt. Sie 
werden mehrfach erwähnt, des berühmten Viehmarkts wegen der 
hier alljährlich bis zur Regierung Nero's abgehalten wurdc^) Die 
Boier hatten die Ebene an sich gerissen, während Mutina wie es 
scheint etruskisch geblieben war.^) Es schlofs sich vor dem hanni- 
balischen Kriege an die Römer an, erhielt 183 v. Chr. eine Colonie 
von 2000 römischen Bürgern und ward nach damaliger üebung 
(S. 259) der Tribus Pollia zugetheilt. In den ersten Jahrzehnten 

1) Pliii. III 116 Cluver p. 282. 

2) It. Anton. 282 CIL. XI p. 170 eb. 665U. Dieser Stein (bei S. Martino 
Carano 2 km W von Mirandola gefunden) giebt mit lier Ziffer 19 die Ent- 
fernung von Mutina an. Auf dieselbe Strafse beziehen sich 6651. 52. 

3) CIL. XI p. 171. 

4) Liv. XLI 12. 18. 

5) Liv. XLI 18 XLV 12 Vaiio RR. II praef. 6 Colum. VII 2,3 Strab. V 21G 
CIL. X 1401 XI p. 170 A. 6) Liv. XXXIX 55. 



266 Kapitel IV. Die Aemilia. 

nach der Niederlage Hannibals ist oft in seiner Umgebiiog gekämpft, 
ja die Stadt selbst 177 von den Ligurern erobert worden, bevor 
die Verbältnisse sich beruhigten. i) Man erkennt, unter wie ganz 
anderen Bedingungen Mutina colonisirt worden ist als Bononia: 
die Ansiedler wurden in ein bereits bestehendes Gemeinwesen ein- 
geschoben und bekamen nur je 5 Juchert Land. Mithin sind hier 
nicht mehr als 250U ha welche die Boier ehedem den Etruskern 
abgenommen hatten, eingezogen und vertheilt worden, während in 
Bononia 40 000 verfügbar waren. In der That blieb das Stadtge- 
biet auch späterhin ein beschränktes.'-^) Gegen Regium bildet die 
Seccbia die Grenze. Nach Norden lag in der Gegend von Carpi 
ein Gemeinwesen dessen Name verschollen ist; nach Osten Otesia 
bei S. Agata (S. 261). An der Via Aemilia reichte nach Südost 
die Feldmark bis zur Samoggia welche sie von der bologneser 
trennte. Sie umschlofs nach dieser Seite den 8 Millien von Mutina, 
17 von Bononia gelegenen Vicus Forum Gallorum bei dem heutigen 
Castelfranco, wo Antonius im April 43 v. Chr. siegte und geschlagen 
ward. 3) Nach Südwest erstreckte sie sich sicher bis Sassuolo, wo 
Erdülquellen und ein erloschener Krater (Salsa nach Montegibbio 
zu) sind: der Ausbruch dem der letztere seine Entstehung 91 v. 
Chr. verdankt, wird ebenso wie andere vulkanische Erscheinungen 
ausdrücklich dem Gebiet von Mutina zugeschrieben. 4) Aber da das- 
selbe aufserdem eine schwimmende Insel enthielt^), und Seen sich 
nur in der Nähe der Hauptkette fanden, wird man annehmen 
müssen dafs die ligurischen Stämme von der Seccbia und Scoltenna 
bis zur Wasserscheide der Stadt unterstellt gewesen sind. Sie be- 
trieb ansehnlichen Weinbau, fertigte geschätzte Thonwaaren und 
lieferte nach Strabo die feinste Wolle (S. 98) in ganz Italien. f') 
Durch ihre günstige Verkehrslage erwarb sie einen Reichtum der 
mit demjenigen Bononia's wetteiferte''), sah ihn aber oftmals ge- 

1) Pol.Ill40,8Liv.XX125XXVlI 21 XXXV 4. 6 XXXIX 55 XLl 12. 14. 16.18. 

2) CiL. XI p. 151. 

3) Cic. Farn. X 30 Appian b. civ. 111 70 Frontin Strat. II 5,39 Tab. Peut. 
Geogr. Rav. IV 33. 

4) Pliu. II 199. 240. 

5) Plin. II 209. 

6) Plin. XIV 39 XXXV 161 Slrab. V 218 vgl. Martial III 59 Blümner zu Ed. 
Diocl. 19,13. 

7) Mela II 60 Cic. Philipp. V 24 firmüsima et splendidissima populi 
Romani colonia Appian b. civ. III 49 nöXiv elSaifiova. Griechische Inschriften 
Kaibel 2287. 88. Soldateninschriften Eph. ep. V p. 255. 



§ 2. Das Binnenland. 267 

fährdet. In ihren Mauern setzte sich Gnaeus Pompeius 78 v. Chr. 
gegen Brutus fest, Cassius 72 gegen Spartacus, D. Brutus 43 gegen 
Antonius, Maxentius 312 n. Chr. gegen Constantin, tagte der Senat 
69 n. Chr. während des Krieges zwischen Olho und VitelHus.i) Sie 
gehörte zu den Städten welche von den Triumvirn den Truppen 
nach der Schlacht bei Phihppi (S. 32) ausgeliefert wurden. 2) Wir 
tragen kein Bedenken der Liste italischer Grofsstädte ihren ISamen 
einzureihen (S. 122). In der Langobardenzeit war sie ganz ver- 
ödet, ein Gedicht aus dem Ende des 7. Jahrhunderts preist ihre 
Herstellung durch König Cunincpert.3) 

Der Erbauer der aemilischen Strafse legte 17 Millien von 
Mutina, 18 von Parma ein Forum an, das vereinzelt Forum Lepidi, 
öfter Regmm Lepidum oder Lepidum Regium, gewöhnlich kurzweg 
Regium, jetzt Reggio (53 m) genannt wird. 4) Die Entstehung des 
Namens bleibt dunkel. Mit dem Lateinischen hat er nichts zu 
thun, sondern ist der Landessprache entnommen, wie denn die 
Veleiates (S.275) Regiates heifsen. Die Gemeinde gehörte zur Tribus 
Pollia und erlangte nach dem Zeugnifs des Ptolemaeos den Titel 
Colonie, den sie in der Censusliste des Augustus noch nicht führt. 
Strabo rechnet Regium zu den kleinen Städten ; auch kann sein 
Gebiet nicht ausgedehnt gewesen sein, aber da die Strafse von 
Cremona hier iu die aemiüsche einmündet, ist es einerseits von 
kriegerischen Ereignissen berührt worden, hat anderseits einen 
gewissen Wolstand erworben , der bis in langobardische Zeit fort- 
dauerte.^) — Es liegt im gleichen Abstand wie von Parma und 
Mutina so auch von Brixellum Brescello (24 m). ^) Diese der 



1) Plut. Pomp. 16; Flor, II 8,10; Appian b. civ. 111 49 Frontin Strat. III 
14,3 13,7 Dio XLVI 35 fg. u. a.; Tac. Hist. II 52; Pan. Lat. X 27. 

2) Plin.lll 115. 

3) Carmen de synodo Ticinensi (Anhang zu Paul. h. Lang. Hannover 1878). 
Paulus erwähnt die Stadt nicht. 

4) Forum Lapidi Fest. 270 M. ; Regium Lepidum Strab. V 216 Tac. Hist. 
II 50 Ptol. III 1,42 CIL. XI 972; Lepidum Regium CIL. XI p. 173 It. Gadit. I. 
m Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33; Regium Lepidi Cic. Fam. XII 5,2 It. Gadit. II ; 
Regienses a Lepido Plin. III 116; nöXecos Baadsiae Phlegon fr. 29,1; 
Regium Cic. Fam. XI 9,2 Fest. 270 Ammian XXXI 9,4 Üros. V 22,17 It. Ant. 
99. 127. 283. 287 Gadit. IV Hier. 616 u. a. 

5) Oros. V 22,17 vgl. Plut. Pomp. 16; Cic. Fam. XII 5,2 XI 9,2; Paul. h. 
Lang, n 18. 

6) It. Ant. 283 giebt irrig 40 statt 18 Millien an. 



268 Kapitel IV. Die Aemilia. 

Namensform ') nach kellische Stadt heifst in der Censusliste des 
Augustus Colonie — ein Beweis dafs ihre Feldmark ziemlich er- 
heblich Nvar — und gehörte der Tribus Arnensis an. 2) Die Po- 
schifler hielten hier Rast, indem bei der Thalfahrt der aemilische 
Ruderer den venetischen ablöste.^) Sodann führte vom jenseitigen 
Ufer eine Strafse nach dem 30 Millien entfernten Cremona (S. 200). 
Die militärische Wichtigkeit des Platzes tritt in der Ueberlieferung 
des Jahres 69 n. Chr. zu Tage, als Otho in demselben sein Haupt- 
quartier aufgeschlagen hatte. Nachdem die Entscheidung bei Betria- 
cum (S. 201) gefallen war, gab sich der Kaiser in Brixellum den 
Tod: Plutarch beschreibt sein bescheidenes Denkmal.^) 

Von gröfseren Gewässern folgt auf die Secchia der Flufs Inda 
Enza.ä) Vor dem Flufs erreicht die Via Aemilia 10 Millien von 
Regium Tannetum, jetzt ein kleines Dorf Taneto bei S. llario, das 
bereits 218 v. Chr. als befestigter den Römern freundlicher Ort vor- 
kommt f»), später Stadtrecht besafs.^) Der nächste Flufs ist der 
Parma Parma«), sodann der Tarus Taro 9) mit einem Stromgebiet 
von 38 d. D M. (I 189). — Am rechten Ufer der Parma 35 Millien 
von Mutina, 40 von Placentia, wie alle diese Städte von der Via 
Aemilia in der Mitte durchschnitten — die alte Brücke auf welcher 
sie die Stadt verüefs, ist noch erkennbar — liegt die nach dem 
Flufs benannte Colonie Parma. Die Colonie sperrt nicht nur die 
Via Aemilia, sondern auch eine bequeme Verbindung zwischen dem 
Po und dem tynhenischen Meer. Ihr Abstand von Biixellum am 
Po beträgt 18 Millien, von Forum novum Fornovo am rechten Ufer 
des Taro wo der Ceno in ihn einmünder, 14 Millien. Dies letztere 
allein durch eine Inschrift bekannte Municipiumio) hängt seiner Ent- 



1) Regeimäfsig Brixellum, vereinzelt ßrixillum, Paul. III 18. 19 IV 28 
Brexillus. 

2) Plin. III 115 VII 163 Phlegon fr. 29,1.3 Ptoi. III 1,42 Geogr. Rav. IV 33 
CIL. XI p. 183. 

3) Sidon. Ap. ep. I 5,5. 

4) Plut. Oth. 5. 10. 18 Tac. Bist. II 33. 39. 51. 54 Suet. Oth. 9. 

5) Plin. III 118 Geogr. Rav. IV 36 Entiajni/s. 

6) Pol. III 40,13 Liv. XXI 25. 26 XXX 19. 

7) Plin. III 116 Phlogon fr. 29,2 Plol. III 1,42 It. Ant. 287 Hieros. 616 
Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 CIL. XI p. 181 Paul. h. Lang. II 2 (?). 

8) Geogr. Rav. IV 36 Tab. Peut. verschrieben Paala. 

9) Plin. III 118 Geofir. Rav. IV 36. 

10) CIL. XI p. 201. Plin. III 116 nennt es nicht, dafür aber zwei unbe- 
stimmte Fora Forum Cloäi und Licini, mit deren einem es vielleicht identisch 



§ 2. Das Binnenland. 269 

stehung nach mit der Strafse zusammen die von Parma über den Pafs 
la Cisa (1040 m, auch nach PontremoH benannt) in das Thal der Macra 
nach Luna und Luca führt. Ihre Länge von Parma nach Luca be- 
stimmt das Postbuch zu 100 MiUien.i) — Ehedem haben die Etrus- 
ker an beiden Seiten des Appennin geboten, sind aber in der Folge 
im Westen von den Ligurern, im Osten von den Boiern bedrängt 
worden. Aehnhch wie Mutina wird auch Parma als etruskische 
Gründung zu betrachten sein. Zuerst 183 v. Chr. erwähnt, wurde 
sie gleich jener römische Biirgercolonie in der Tribus Pollia.2) Die 
2000 Ansiedler bekamen je 8 Juchert, so dafs im Ganzen 4000 ha 
den Boiern abgenommenen Ackers vertheilt wurden (S. 108). Die 
Feldmark erstreckte sich zwischen Taro und Enza bis an den Po, 
stiefs landeinwärts am Taro an diejenige von Forum novum; ihre 
Ausdehnung thalauf an der Parma ist nicht bekannt. Immerhin 
hat sie genügt um eine grofsarlige Schafzucht ins Leben zu rufen, 
die dem Martial als Beispiel zur Veranschaulichung des Beichtums 
dient, während er an anderer Stelle die Feinheit ihrer Wolle lobt 3); 

magnaque Niliacae sermt tibi gleba Syenes 
tondet et innumeros Gallica Parma greges. — 

velleribus primis Appulia, Parma secundis 
nobilis: Altinnm tertia laudat ovis. 
Von den Schicksalen der Stadt hören wir wenig*): 176 v. Chr. 
ist sie Hauptquartier des römischen Statthalters gegen die Ligurer; 
43. V. Chr. wird sie von L. Antonius bei dem Abzug von Mutina 
grausam geplündert. Mit der Ansiedlung neuer Bürger durch 
Augustus nimmt die colonia Julia Augusta Parmensis ihren Platz 
unter den bevorzugten Gemeinwesen Italiens ein^): Theater und 
Amphitheater welche Ausgrabungen am Südende bei S. Udalrico 
kennen gelehrt haben 6), bekunden den äufseren Glanz des Lebens. 



ist. Auch das unbestimmte Fonnn Druentinorum wird nach der Inschrift 
CIL. XI 1059 in dieser Gegend eher als bei Bertinoro CIL. XI p. 112 zu 
suchen sein. 

1) It. Ant. 284. 

2) Liv. XXXIX 55 CIL XI p. 188. 

3) Mart. V 13,7 XIV 155 Colum. VJI 2,3. 

4) Liv.XLI17; Plut.IVlar.27; Cic. Phil.XIVSfg. Fam.X 33,4 XI 13b. XII5,2. 

5) Strab. V 216 Plin. III 115 VII 163 Phlegon fr. 29,1. 2_Ptol. III 1,42 
Steph. Byz.; Geogr. Rav. IV 33 Julia Chrisopolis quae dicitur Parma. Dem 
kaiserlichen Heer liefert sie viel weniger Rekruten als Mutina t-ph. ep. V p. 25S. 

6) Bull, deir Instituto 1844 p. 168. 



270 Kapitel IV. Die Aemilia. 

Während Mulina verfiel, wird Parma von Paulus zu den begüterten 
Städten der Aemilia gezählt i) , von den Byzantinern Chrysopolis 
benannt. 

Der Tarus empfängt in seinem Unterlauf von links her mehrere 
Zuflüsse unter denen der Sesterio Stirone') der gröfste ist. Am 
rechten Ufer des Stirone 15 Millien von Parma erreicht die Via 
Aemilia eine nach Ausweis ihres Namens von den Römern gegründete 
Stadt Fidentia. Der Sieg den M. LucuUus hier 82 v. Chr. über 
die Demokraten unter Garbo erfocht, hat ihr ein Andenken in der 
Ueberlieferung verschafl't."*) Ihre Feldmark kann nur eine geringe 
Ausdehnung gehabt haben. Noch unter Vespasian selbständig'*), 
ist das Gemeinwesen wie es scheint bald darauf aufgehoben und 
als vicus Fidentiola dem benachbarten Parma einverleibt worden.") 
Borgo S.Donnino nimmt gegenwärtig dessen Stelle ein. — 10 Millien 
weiter folgt der Ort Florentia oder Florentiola Fiorenzuola^) an der 
Arda. Sodann überschreitet die Strafse den Clenna Chiavenna') 
und dessen Zuflufs Rtgonus Riglio®), hierauf den Nure Nure^) und 
langt endlich 40 Millien von Parma bei Placentia Piacenza an. Da 
Ueberreste von Bauwerken nicht vorhanden sind^o), erinnert allein 
der regelmäfsige Grundplan an die alte Römerfestung. Ihr Abstand 
von der Nure im Osten beträgt ungefähr 8, von der Trebia im Westen 4, 
vom Po im Norden kaum 1 km. Wir wissen nicht ob der Po sein 
altes Bett genau bewahrt hat, doch kann der Hafen von der Stadt 
nicht wesentlich weiter abgelegen haben. Der Hafen war befestigt; von 
ihm aus wurde eine ziemlich lebhalte Schiffahrt betrieben. '') Die 



1) Paul. h. Lang. II 18 IV 20. 28 Ammian XXXI 9,4 Agathias b. Goth. I 14 fg. 

2) Der Name zuerst bezeugt Liudprand antapod. I 41 und Acta S. S. 
zum 9. October. 

3) Liv. LXXXVIII Vell. II 28,1 Plut. Sulla 27,7 vgl. Appian b. civ. I 92. 

4) Piin. III 116 Phlegon fr. 29,1 Ptol. III 1,42. 

5) It. Anton. 99. 127 Hieros. 616 ; It. Ant. 288 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33; 
CIL. XI p. 202. 

6) It. Gadit. Anton. 288; das Deminutiv Geogr. Rav. IV 33; Hieros. 616 
7nansio ad Fonteclos; CIL. XI p. 203. 

7) Geogr. Rav. IV 36. 

8) Tab. Peut. 

9) Geogr. Rav. IV 36. 

10) Not. d. Scavi 1899 p. 124 über den Juppitertempel. 

11) Liv. XXI 57 Tac. Bist. II 17. 22 Appian Kann. 7 Strab. V 217 vgl. 
Plin. III 119 Sidon. Ap. ep. I 5,3 Cassiod. var. IV 45 Liudprand bist. Ott. 6 
antap. VI 4. 



§ 2. Das Binnenland. 271 

Stadt (61 m) liegt an einem der wichtigsten Knotenpuncte des 
italischen Strafsennetzes: einmal endigt hier die Via Aemilia und 
wird jenseits des Po (über den keine Brücke führte) nordwärts 
über Laus nach Mailand (40 Millien S. 191) westwärts über Laus 
nach Ticinum (47 Mühen S, 192) fortgesetzt; sodann wird diese 
Haupthnie von Nord nach Süd durch die West und Ost, Genua 
mit Aquileia verbindende Via Postumia (S. 199) geschnitten. — 
Wir haben S. 158 den Gang der Via Postumia von Genua bis Iria 
Voghera verfolgt. 7 Milben weiter in Clastidium Casteggio (90 m) 
befinden wir uns innerhalb der achten Region und der Feldmark 
Placentia's, zu welcher dieser Vicus gehörte, i) Er war wie die Um- 
gegend von Hause aus von dem Volk der Anamaren bewohnt, das 
223 V. Chr. die römische Partei ergriff (l 473 A. 2 477). Unter 
seinen Mauern erfocht M. Marcellus im nächsten Jahr einen glän- 
zenden von Naevius verherrlichten Sieg.^) Die Römer hatten dort 
21.8 grofse Getreidevorräte aufgespeichert, die Hannibal wegnahm. 3) 
Der Ort diente ihm nun als Stützpunct in dem Winterfeldzug, 
der mit der Schlacht an der Trebia abschlofs, wurde erst 197 von 
den Römern zurück gewonnen und in Brand gesteckt.'*) Bei dieser 
Gelegenheit, darf man annehmen, erfolgte seine Zutheilung an Pla- 
centia. Von späteren Schriftstellern wird er kaum noch erwähnt ^), 
auch in den Reisebüchern übergangen, die statt seiner 16 Millien 
von Iria, 25 von Placentia Comillomagus Broni (88 m) nennen. 6) 
Immerhin mufs Clastidium ziemlich belebt gewesen sein : es liegt 
etwa 8 Millien vom Po entfernt, über den im Altertum eine feste 
Brücke nach Ticinum führte (S. 190). Die Entfernung Ticinums 
von Placentia betrug auf der Via Postumia über Clastidium 47 Millien: 
ebenso viel wie über Laus am nördlichen Flufsufer. — Da der 



1) CIL. V p. 828. 

2) Fast, triumpli. Gapit. Pol. II 34,5 Plut. Marc. 6,3 Liv. XXIX 11,14 Cic. 
Tusc. IV 49 Val. Max. I 1,8 Varro LL VII 107 IX 78. 

3) Pol. III 69,1 Liv. XXI 48,9 Nepos Mann. 4. 

4) Liv XXXII 29. 31. Die neben Clastidium genannte ligurische Stadt 
Litubium bringt Cluver p. 78 mit den lina Retovina Plin. XIX 9 zusammen. 
Die Lage der Gegend ist durcti die Nachbarschaft von Alagna (S. 176) bestimmt. 
Cluver findet den Namen in Retorbido (170 m) S von Voghera SW von Casteggio 
wieder: was in der That recht gut pafst. 

5) Strab. V 217. 

6) Tab. Peut. Cameliomagus und Comeli jnagus , lt. Ant. 288 Comillo- 
magus, CIL. V p. 827. 



272 Kapitel IV. Die Aemilia. 

Ticirius bei seiner EinmUnduog in den Po diesem an Wassermenge 
ziemlich gleich kommt (1 187), so begreift man dafs oberhalb ihrer 
Vereinigung der gewiesene Ort für den üebergang vom nördlichen 
nach dem südlichen l*oul'er war.*) Ihn haben die Insubrer 222 v. 
Chr. ausgesucht, als sie sich auf ClasUdium warfen und die Rück- 
zugslinie der Römer nach Genua bedrohten. Hier schlug 218 v. 
Chr. Hannibal eine Schiffbrücke, nachdem er den Consul Scipio zum 
Rückzug nach Placentia gezwungen hatte. Die späterhin bei Ticinum 
befindHche stehende Brücke ermöglichte 539 n. Chr. den Einfall der 
Franken in die Aemilia. Heutigen Tages hören am Lambro die 
Furten im Pobett völlig auf (I 183). Durch die Tiefe des Flusses 
war Placentia gegen einen Angriff von Norden her gut geschützt. 
Ferner war es im Osten durch Cremona gedeckt. Dagegen bot 
sich von Westen eine natürliche Marsclilinie für den Angreifer dar. 
Bald hinter dem oben erwähnten Ort Comillomagus, bei Stradella 
treten die Hügel des Subappennin bis auf 3 km an den Po heran. 
Dann wird die Ebene wieder breiler und erreicht bei Placentia eine 
Ausdehnung von 15 km vom Flufs bis an den Fufs der Hügel. 
Dies flache Schwemmland ist von einer Reihe von Bächen durch- 
zogen, die mit ihren Kiesmassen tiefe und breite Betten ausge- 
waschen haben. Der bedeutendste unter ihnen ist die Trebia 
Trebbia.2) Die früher (I 188) angeführten Daten kennzeichnen 
dies Wild Wasser: die Brücke auf welcher die heutige der Via Postu- 
mia entsprechende Strafse es überschreitet, mifst 425 m. Das 
mehr als 1 km ausgebreitete Flufsbelt umschliefst ebenso wie die 
benachbarten Bäche zahlreiche mit Buschwerk bestandene Werder, 
die zum Hinterhalt vorzüglich geeignet sind.^) Es vermag ein feind- 
liches Heer wegen der geringen Wassermenge nicht aufzuhalten; 
doch bietet der hohe Uferrand dem Vertheidiger unschätzbare Vor- 
theile. Die Bewegungen welche dei' blutigen Niederlage der Römer 
im December 218 v. Chr. vorausgingen, sind vollkommen deutlich; 
auch stimmen die Schlachtbeschreibungen mit der Oerthchkeit gut 



1) Pol. II 34,5 111 64,1 66,1 fg. Liv. XXI 45,1 fg. 47,2 fg. Prokop h. Goth.II ?5. 

2) Pol. 111 67 fg. Liv. XXI 48 fg. Appian Kann. 6 Strab. V 217 Plin. III118 
Trebi'am Placentirium u. a. 

3) Liv. XXI 54 erat in medio rivus pej-altis utrimqiie clausus ripis et 
circa obsilus palustribus lierhis et quibus incuUa forme vesliuntur, virgultis 
vepribuxque, vgl. Pol. lil 71,1. 



§ 2. Das Binnenland. 273 

tiberein, wenn man von einem vereinzelten Irrtum absieht.^) Consul 
Scipio hatte Anfang October westlich von Placentia (etwa bei 
Stradella) eine Brücke über den Po, sodann (etwa bei Pavia) über 
den Tessin geschlagen und nach dem unglücklichen Reitergefecht, 
dessen Platz auf der Karte sich nicht näher angeben läfst (S. 175), 
seinen Rückzug auf das südliche Poufer auf dem nämhchen Wege 
bewerkstelligt. Er blieb zunächst in ziemlicher Entfernung von 
Placentia stehen, um die Verbindung mit Clastidium und zugleich 
mit Genua offen zu halten, mufste aber wiederum weichen und über 
die Trebia zurück gehen. Er bezog jetzt etwa 10 km südlich von 
Placentia auf den Anhohen am rechten Ufer der Trebia ein Lager, 
das den Anmarsch gegen die Festung zwar frei gab, aber die offene 
Flanke und den Rücken des Angreifers bedrohte. Von hier aus 
hat sich der Verlauf der Dinge in übersichtlicher Weise abgespielt. 
Die Anwohner suchen das Schlachtfeld bei Campremoldo und den 
Hinterhalt der Karthager in einem der Betten des Lurettabaches. 
Im Einzelnen wolle man sich daran erinnern dafs alle diese Geröll- 
betten mannichfachen Aenderungen unterworfen und damals weit 
schmäler gewesen sind als heut zu Tage. In den Quellen wird 
nicht ausdrücklich erwähnt dafs die Abtheilung des römischen Heeres 
welche sich nach Placentia durchschlug, die Trebia durchschreiten 
mufste: in der Nähe der Mündung war dieselbe ohne Schwierig- 
keit zu durchwaten. Ob hier eine Holzbrücke für die grofse Strafse 
nach Genua und Pavia im Jahre 218 sich befand, ist nicht zu sagen; 
gab es eine solche, so wird sie vor der Schlacht von den Römern 
zerstört worden sein. — Während die Placentiner Feldmark nach 
Westen das 34 Millien entfernte Clastidium umfafst, reicht sie im 
Osten bis Cremona das 20 Millien abliegt, vielleicht noch weiter am 
Po entlang. Desgleichen scheint ihre Grenze nach Südost an der 
Via Aemilia jenseit Florentia (S. 270) bei 20 oder mehr Millien 
Abstand gewesen zu sein. Somit wird sie 15 — 20 d. D M. ebenes 
Land enthalten haben, von dem freihch Sümpfe einen guten Theil 
einnahmen. 2} Dazu kam ein Saum der subappenninischen Hügel, 
dessen Ausdehnung wir wenigstens an einer Stelle bestimmen können. 



1) Liv. XXI 56,8 läfst die Besatzung des römischen Lagers nach der 
Schlacht auf Fiöfsen die Trebia überschreiten um nach Placentia zu gelangen : 
eine arge Flüchtigkeit die bei den neueren Gelehrten viele Verwirrung ange- 
stiftet hat. 

2) Strab. V 217 Liv. XXXIV 48. 

Nissen, Ital. Landeskunde. II. 18 



274 Kapitel IV. Die Aemilia. 

Im Thal der Trebia 20 Millien aufwärts sliefs das Gebiet von Pla- 
cenlia an dasjenige von Veleia. Hier lag bei Travo oder Travi 
(171 ni), vermutlich an der Stelle der berühmten Kirche S. Maria 
di Travi, ein gefeiertes Heiligtum der Minerva memor oder medica 
Cabardiacensis, wie sie in den Weihinschriften heifst.i) Das Beiwort 
das auch in einem fundus Cabardiacus begegnet-), hat sich in dem 
heutigen Caverzago erhalten. Die veleiatische Alimentartafel nennt 
als zu IMacentia gehörend die pagi Apollmaris Briagontinus Cerialis 
Farraticanus Herculanius Julius Mitiervius Noviodunus Sinnensis 
Yalentinus Vercellensis Yeronensis. während Salutaris Valerius Vene- 
rius von der Grenze beider Städte durchschnitten wurden. Der Kreis 
Piacenza mit seinen 1623 Qkm ist ungleich dichter bevölkert als 
im Altertum (S. 108). 

Immerhin entspricht der Ausdehnung der Feldmark die Wich- 
tigkeit der Stadt. Sie ist 218 v. Chr. gemeinschaftlich mit Cremona, 
aber nicht wie diese an einem von Kellen bewohnten Ort (S. 199), 
sondern nach Ausweis ihres Namens von Grund aus neu angelegt 
worden. 3) Zur Beherrschung des Polaufs bestimmt und mit 6000 
Ansiedlern (darunter 200 Reitern) ausgestaltet, hatte sie alsbald die 
Angrille Hannibals und Hadrubals sowie der mit ihnen verbündeten 
Kelten auszuhalten 4), wurde schliefslich 200 v. Chr. von den letzteren 
genommen und zerstört. &) Sie erhob sich schnell wieder aus ihrer 
Asche, hatte indessen in den drei ersten Jahrzehnten ihres Bestehens 
die volle Hälfte ihrer Einwohnerschaft eingebüfst, so dafs 190 v. Chr. 
eine aufserordentliche Ergänzung nötig wurde. ^) Mit dem Bau der 
Via Aemilia und der Sicherung des Friedens beginnt ein entschie- 
dener Aufschwung: die Bürgerschaft nimmt Gallier in ihre Mitte 
auf) und stellt Vertreter zur lateinischen Litteratur.^) Das Jahr 
90 brachte ihr das römische Bürgerrecht und die Zutheilung zur 
Tribus Voturia.^) Im Bürgerkrieg 87 fiel Placentia den Demokraten 



1) CIL. XI p. 253. 

2) CIL. XI 1147. 2,48. 

3) Pol. III 40 Liv. XX XXI 25 Ascon. Pis. 2 Kiefs. Vell. I 14 Plaut. 
Caplivi 162. 

4) Pol. III 66. 74 Liv. XXI 56. 57. 59. 63 XXVII 10. 39. 43 Appian. Kann. 
5. 7 Plin. VII 105. 

5) Liv. XXXI 10.21. 

6) Liv. XXVIII 11 XXXIV 22. 56 XXXVII 46. 47 vgl. XLI 1 XLIV 40. 

7) Cic. in Pis. 53. 67 Ascon. Pis. 3. 

8) Cic. Brut. 172 Quintilian I 5,12. 9) CIL. XI p. 242. 



§ 2. Das Binnenland. 275 

in die Hände •), die fünf Jahr später bei Fidentia von Luculi ge- 
schlagen wurden (S, 270). Es verwandte sich für den verbannten 
Cicero 2) und ward von den Märschen der caesarischen Truppen oft 
berührt. 3) Augustus machte es zur Colonie und damit zur Stütze 
seiner Macht.*) Der Glanz der Stadt wird mehrfach erwähnt 5): 
als das Amphitheater vor den Thoren bei den Kämpfen zwischen 
Otho und Vitellius 69 n. Chr. in Flammen aufging, meinte man 
neidische Nachbarn hätten es angezündet, weil ganz Italien kein 
Gebäude gleicher Gröfse aufzuweisen habe. 6) Die spätere Kriegs- 
geschichte bietet gleichfalls Anlafs genug des Namens zu gedenken: 
hier schlug Aurelian 271 mit den Marcomannen/); hier ward 
Orestes 476 auf Odoakers Befehl enthauptet 8); die starke Festung 
mufste sich 546 den Gothen ergeben. 9) Zeitweise verfallen, wird 
sie unter den Langobarden zu den ansehnhchen Städten der Aemiha 
gerechnet. lOj 

Von den Gemeinden im Gebirg haben mehrere ihre Unab- 
hängigkeit bewahrt und werden als selbständige Verwaltungskörper 
fortgeführt. Plinius erwähnt unter den Hgurischen Stämmen die 
Veleiates^ unter den Municipien der achten Region dieVeletatescognomine 
veteri RegiatesJ^) Darnach scheint ein Theil des Stammes mit dem 
nämlichen Beinamen den wir bei Forum Lepidi kennen lernten 
(S. 267), als eigenes Gemeinwesen eingerichtet und der Tribus 
Galeria zugetheilt worden zu sein. Desselben geschieht nur noch 
bei der Volkszählung Vespasians Erwähnung, wegen der vielen alten 
Leute die sich hier vorfanden. Erst als 1747 in der Nähe von 
Macinesso am rechten Ufer der Chiavenna oder wie sie im Ober- 



1) Val. Max. IV 7,5 VI 2,10 App. b. civ. I 92. 

2) Cic. in Pis. fr. 3. 

3) Cic. ad Qu. fr. II 13,1 ad Att. VI 9,5 Suet. Gaes. 69 App. b. civ. II 47.48 
Dio XLI 26 XLVIII 10. 

4) Plin. III 115 Tac. Hist. II 19 coloniam virium et opum validam 
CIL. XI 1217. Es ist im Heer vertreten Eph. ep. V p. 256, aber schwächer als 
Cremona Mutina und Bononia. 

5) Streb. V 216. 17 Plin. VI 218 VII 163 VllI 144 Tac. Ann. XV 47 Phlegon 
fr. 29 It. Gadit. Ant. 98. 127. 288 Hier. 616 Tab. Peut. 

6) Tac. Hist. 11 21. 36. 49. 

7) vita Aur. 21 Hist. misc. X 35. — 

8) An. Vales. 37 Hist. misc. XVI 10 Ennod. p. 356 Hartel. 

9) Prokop b. Golh. III 13. 16. 

10) Ambros. Ep. 1 39 Paul. h. Lang. II 18 IV 51 V 39. 

11) Plin. m 47. 116 Vn 163 Phlegon fr. 29 CIL. XI p. 204. 

18* 



276 Kapitel IV. Die Aemilia. 

lauf heifst Chero, etwa 35 km südlich von Placentia die Alimentar- 
tafel entdeckt wurde, tauchte der Name von Veleia aus der Ver- 
gessenheit auf. Diese gröfste aller beschriebenen Erztafeln des 
Altertums (1,38 X 2,86 m) enthält das Verzeichnifs der für ein 
kaiserliches Darlehen zum zehnten Theil ihres Wertes verpfändeten 
Güter aus den Gemarkungen von Veleia Libarna (S. 158), Placentia 
Parma und Luca (S. 288). Traian hat zuerst (vor 102 n. Chr.) 
72000, dann aber (nach 102 und vor 113 n.Chr.) 1 044 000 Sesterzen 
hergegeben, die mit 5 vom Hundert verzinst zum Unterhalt von im 
(ianzen 266 Knaben und 36 Mädchen dienen sollten: jene erhalten 
16 diese 12 Seslerz monatlich; unter der Zahl befinden sich je ein 
unehelicher Knabe und Mädchen die 12 bez. 10 Sesterz bekommen. 
Das Vorhandensein ähnlicher Stiftungen am Ort wird durch Bruch- 
stücke von Erztafeln erwiesen. Von ihrer Zweckbestimmung war 
S. 129 die Rede, desgleichen S. 94 von den Aufschlüssen über 
die Bildung von Latifundien, die wir der umfangreichen Urkunde 
verdanken. Aufserdem aber enthält sie eine wahre Fülle von Orts- 
angaben, u. a. die Namen von 32 pagi. Die zu Placentia gehörigen 
wurden S. 274 aufgeführt; veleiatisch sind Albensis (an der Grenze 
von Libarna und Luca) Ambitrebius (an der oberen Trebia) Bagiennus 
Dianius Domitius Floreivs Junonius Laras Medutius Moninas (theil- 
weise hbarnisch) Salvius (theilweise parmensisch) Salutaris (theil- 
weise placentinisch) Slatiellus Sulcus Valerius (theilweise placentinisch) 
Velleius Venerius (theilweise placentinisch). Der Versuch die Gaue 
nebst 12 Vici und reichlich 500 Gutsbezeichnungen topographisch 
fest zu legen bietet geringe Aussichten auf Erfolg, würde auch 
wenn dies anders wäre, die Aufgabe dieses Handbuchs überschreiten. i) 
— Die Auffindung der Alimentartafel gab den Anstofs zu Aus- 
grabungen 1760 — 65 die das Museum von Parma mit reichem In- 
halt anfüllten, später oftmals (zuletzt 1876) ohne wesentUche Aus- 
beute wieder aufgenommen worden sind. Sie gewähren ein anschau- 
liches Bild von der Stadtanlage, welche die Ligurer etwa im letzten 
vorchristlichen Jahrhundert als Mittelpunct ihres Gemeinwesens nach 
allen Regeln der Kunst geschaffen haben. 2) Das Forum ist nach 
Vitruvs Vorschrift anderthalb mal so lang als breit (30 X 20 m), 

1) Die neuere Litteratur führt Bormann CIL. XI p. 219 an und beurtheilt 
sie p. 222 in gleichem Sinne. 

2) Giov. Antolini, le rovine di Veleia misurate e disegnate 2 p. fol. 
Milano 1819. 22. 



§ 2. Das Binnenlantl. 277 

mit Statuen geschmückt, von einem Tempel einer Basilica und an- 
deren öffentlichen Gebäuden eingefafst. Freilich zeigt die Kleinheit 
der Verhältnisse, die ungefähr ein Achtel derjenigen von Pompeji 
betragen, dafs für die freie Entfaltung von Handel und Verkehr in 
diesen Bergen keine Stätte war. Das älteste datirle Denkmal ist 
die 49 v. Chr. oder bald nachher erlassene Gerichtsordnung für 
Oberitalien (S. 8), das jüngste eine Inschrift von 276 n. Chr. 
Der Untergang des Ortes wird herkömmlich auf einen Bergsturz 
zurückgeführt (I 297); die Richtigkeit der Annahme ist neuerdings 
bestritten worden. i) 

In ähnlicher Weise wie die Veleiaten sind andere Gemeinden 
nach den augustischen Censuslisten als Saltus Galliani qui cognomi- 
nantur Äquinates zu einem Municipium vereinigt worden.'^) Die 
Lage ist unbekannt; dafs sie im Gebirg zu suchen sei, beweist der 
Name. Das Gleiche gilt von den Solonates die wir im Süden dieser 
Region in der Nähe von Ariminum und Sassina ansetzen müssen^): 
der zwischen beiden Städten gelegene Ort Sogliano den man in 
Vorschlag gebracht hat, pafst recht gut. 



1) Not. d. Scavi 1876 p. 98 1877 p. 158 mit Plan. 

2) Plin. III 116. 

3) Plin. III 116 CIL. XI 414. 



KAPITEL V. 



Etriirien. 

Das Volk der Etrusker hat der siebenten Region den Namen 
verliehen. Der Name Rasenna den das Volk sich selbst beilegte, 
ist verschollen'); den italischen Anwohnern (1496) hiefs es Tusci 
Etrusci. Während die Römer beide Formen gleichmäfsig neben ein- 
ander verwenden, wird für das Land ausschliefslich die Bezeichnung 
Etruria gebraucht, die Bezeichnung Tuscia geradezu verpünt.2) Aber 
am Ausgang des zweiten Jahrhunderts n. Chr. ist die letztere aus 
dem Volksmund in die amtliche Sprache eingedrungen 3), greift auch 
in der Litteratur um sich ■*) und verdrängt am Ausgang des Alter- 
tums das classische Etruria völlig.^) Den wechselnden politischen 
Verhältnissen des Mittelalters angepafst, ist sodann Tuscien auf das 
heutige Toscana beschränkt worden. Augustus hatte ihm weitere 
Grenzen gesteckt. Die Macra trennt die siebente Region von 
Ligurien, der Appennin von der Aemilia, der Tiber von Umbrien 
der Sabina und Latium. Sie umfafst das heutige Toscana (24 104Dkm) 
ganz, ferner Theile des heutigen Ligurien (Sarzana) Umbrien (Perugia) 
und Latium (Civitavecchia Viterbo). Sie steht mit 31000 Dkm 
560 d. DM. Flächeninhalt der Transpadana ungefähr gleich. — Der 
in bedeutender Höhe nach Südost streichende Appennin schützt das 
Land gegen die Rauheit des Nordens (I 379); die ihn begleitenden 



1) Allein bezeugt durch Dion. H. I 30. 

2) Serv. V. Aen. X 164 Isidor XIV 4,32. 

3) Aeltesle Beispiele CIL XI 2106 XIV 2922 III 1464. 

4) Varro LL. V 32 hat Scaliger Tuscia in Tusci verbessert. Zuerst findet 
eich Tuscia unter Claudius bei Scrib. Larg. med. comp. 146, sodann Flor. I 5,5 
Tertull. Apol. 40, Ammian XXI \.,\.Q Etruria nach alten Quellen, 5,12 und sonst 
von seiner Zeit Tuscia; Eutrop. I 11 111 9 VII 3. 

5) Paul. h. Lang. 11 '20 f^aleriae pars occidua quae ab urbe Roma initium. 
capit, olim ab Elruscorum populo Etruria dicta est. 



Etrurien. 279 

Züge des Antiappennin (I 232 fg.) bewirken dafs die Halbinsel bier 
ibre grofste Breite von 3ü d. M. und darüber erreicbt. Aber eine 
natürlicbe Einheit feblt durcbaiis. Vier Hauptabscbnitte sind zu 
unterscbeiden. Die Abbänge des Appennin mit dem Tbal des Arnus 
stellten eine Grenzmark dar die sich grofstentbeils in liguriscben 
Händen befand: die Etrusker vermocbten allein von Faesulae und 
Arretium aus die binüenländiscben Verbindungen mit ihren Stammes- 
genossen in Felsina und Mutiua zu behaupten. Die Einsenkungen 
des Arnus- und Clanisthals umscbliefsen im Norden und Osten das 
toscanische Hügelland mit seinen Metallschätzen (I 233), welches 
im Süden an das in weit jüngerer Epoche durch vulkanische 
Thätigkeit entstandene Tafelland (I 254) anstöfst. Der vulkanische 
Theil, durch gröfsere Fruchtbarkeit des Bodens und übersichtliche 
Gestaltung vor seinem Nachbar ausgezeichnet, hat den Alten als die 
Wiege der etruskischen Cultur gegolten, ist jedenfalls der wichtigste 
Sitz der etruskischen Macht gewesen , deren Verwicklung mit der 
Geschichte Roms einen erhöhten Reiz ausübt. Immerbin zerfällt 
dieser Theil in zwei gesonderte Abschnitte, das Tolfagebirge und 
der ciminische Wald bilden die Grenze. Die Landschaft welche 
sich von den genannten Bergzügen nach dem Tiber hin abdacht 
(1 259), ist den etruskischen Waffen nie vollständig erlegen, von den 
Römern als Weichbild ihrer Stadt mit Recht betrachtet und früh- 
zeitig erobert worden. — Die Censuslisten weisen dieser Region 
49 selbständige Verwaltungskorper zu, von denen nach Abzug der 
römischen Gründungen einige dreifsig auf etruskischen Ursprung 
zurückgeben. Das angrenzende ümbrien enthält ebenso viele Ge- 
meinden und doch nur ein Drittel der Bodenfläche. Aber mit 
gutem Grund haben alte Gelehrte Tvqoi]voI als die Städtebauer er- 
klärt i); denn die Etrusker haben, wie die S. 37 gegebene Ueber- 
sicht lehrt, Grofsstädle geschaffen und die Landschaften diesen unter- 
stellt. Aehnlich wie bei den loniern in Kleinasien nahm ein Bund 
von zwölf Städten die Leitung der Nation in Anspruch 2); dessen 
Vertreter kamen beim Tempel der Voltumna im Gebiet von Volsinii 
zur Beschlufsfassung über Bundeskriege und gemeinsame Ange- 
legenheiten zusammen. Das Fest und die Messe welche mit der- 



1) Dion. H. I 26. 30, während Ttisci von d-vaiv abgeleitet wird Plin. III50 
und die S. 278 A. 2 angeführten Stellen. 

2) Dion. H. VI 75 TvQQTjviav anaaav eis dcöSexa vsrs/xrjfievrjv rjyefiovias, 
Liv. 18 IV 23 V 1. 33. 



280 Kapitel V. Etrurien. 

artigen Vereinen gewöhnlich verbunden waren, bestanden noch im 
4. Jahrhundert nach Chr., aber die Zahl der theilnehmenden Städte 
war in der Kaiserzeil auf fünfzehn, vielleicht in Folge der Scheidung 
von Arreliuni in drei, von Clusium in zwei Gemeinden erhöht 
worden.') Mit Wahrscheinlichkeit kann für die Epoche der Unab- 
hängigkeit die Liste der zwölf berechtigten folgender Mafsen bestimmt 
werden : Arrelinm -) Caere 3) Chtsium ^) Cortona ■') Perusia ^) Rusellae ') 
Veii^) Vetulontum^) Fo/«'**) VoJaterrae^^) Volsinii^'^) Tarquinii i^). 
Ihre geographische Anordnung ist beachtenswert. Die eine Reihe 
liegt im Bereich der Küste: Volaterrae Rusellae Vetulonium Volci 
Tarquinii Caere, die zweite im Bereich des Clanis: Arretium Cortona 
Clusium Vülsinii (Orvieto) und Tiber: Perusia Veji, während das 
innere Hügelland vergleichsweise wenige, auf weiten Strecken gar 
keine Ueberreste etruskischer Cultur zu Tage fördert. Mit der ver- 
einzelten Ausnahme von Perusia sind alle diese Stadtgebiete der 
Malaria entweder noch jetzt verfallen oder erst seit dem 18. Jahr- 
hundert (I 299) entrissen worden. Wie sehr haben die Lebens- 
bedingungen des Landes sich verändert! Mit zäher Kraft hatten 
Umbrer und Etrusker in unvordenklichen Zeiten die Niederungen 
bemeistert deren fetter Boden fünfzehnfaltigen Weizen trug, i^) 
Toscana wird von den Alten als Kornland betrachtet i^), Wälder 



1) An der Spitze des Festveibandes steht ein Praetor und Aedil CIL. XI 
2116. 3364. 3257, praetor Elruriae XV yopulorum 2114. 2699. In der späteren 
Kaiserzeit nahm Umbrien an der Feier Theil CIL. XI 5265. 83. 

2) Liv. IX 37 a. 308 Perusia et Cortona et Arretium . . ferme capita 
Etruriae populorum ea tempestate erant Diod. XX 35 Dion. H. III 51. 

3) Herod. 1 167. 

4) Liv. II 9 Dion. H. III 51 V 21. 

5) Liv. IX 37 Diod. XX 35. 

6) Appian b. civ. V 49 nennt es ausdrücklich eine der Zwölfstädte 
vgl. A. 2. 

7) Dion. H. III 51. 

8) Liv. V 1 Dion. H. IX 18. 

9) CIL. XI 3609 Dion. H. III 51. 

10) CIL. XI 3609. 

11) Dion. H. III 51. 

12) Liv. X 37 Etruriae capita Folsinii Perusia Arretium Val. Max. IX l 
ext. 2 Plin. 11 139. 

13) CIL. XI 3609. 

14) Varro RR. I 9. 44. Plin. XVIII 66 vgl. Golum. II 6 Strab. V 226. 

15) Diod. V 40,3 Liv. II 34 IV 12 XXVIII 45. 



Etrurien. 281 

nahmen die Stelle der heutigen Wein- nnd Oelgärten ein.^) Durch 
Ackerbau sind die Etrusker grofs geworden -), ihre Sage läfst Tages 
den Schopfer der Cullur durch den Pflug ans Licht gezaubert 
werden. Freilich würde die Fruchtbarkeit des Bodens ihnen nicht 
diejenige Bedeutung verschafft haben, welche sie für die Entwicklung 
Italiens beanspruchen. Solche wird vielmehr zunächst den unter- 
irdischen Bodenschätzen verdankt. Auf dem Bergbau der später 
beschrieben werden soll, beruhte der grofsarlige Aufschwung 
von Gewerbe und Handel der die Schrift mit so vielen anderen 
Elementen der Gesittung verbreitet hat. 

Die Ursachen welche den Zusammenbruch der etruskischen 
Macht veranlafsten , liegen klar zu Tage. Dem Stammland fehlte 
die beherrschende Mitte; statt einträchtig gegen Rom und die Kelten 
zusammen zu halten gingen Ost und West ihre eigenen Wege. 
Das Beispiel der Hellenen in Lydien wie in Lucanien lehrte dafs 
ein Städtebund gegen die nachhaltige Kraft eines freien Bauern- 
volks einen schweren Stand hat. Im Altertum beforderten Handel 
und Gewerbe aller Orten das Wachstum der Sklaverei, bei den 
Etruskern bot kein freier Bauernstand das erforderhche Gegen- 
gewicht, herrschte ausschhefslich der Adel und bewirtschaftete seine 
Güter mit umbrischen Leibeigenen (I 499). Daraus entsprang die 
mihtärische Schwäche der >'ation: 225 v. Chr. betrug der vereinigte 
Landsturm der Etrusker und Sabiner nicht mehr als 4000 Reiter 
und 50 000 Mann zu Fufs^); auf der ganzen Halbinsel stand die 
W'ehrkraft nirgends so lief wie hier (S. 106). Unter den Fittichen 
Roms ergab sich die Nation jenem früher (I 501) geschilderten 
Stillleben, das nur gelegentlich durch einen Sklavenaufstand gestört 
wurde. 4) Nachdem Rom die Grenzwacht im Norden übernommen 
hatte, ging der Grofshaudel in dessen Hände über; die Eroberung 
Sardiniens und Spaniens entwertete die Bergwerke der Maremmen. 
Als Tiberius Gracchus 137 v. Chr. diesen Strich durchreiste, waren 
Hirten wie Ackersleute lauter aus der Fremde eingeführte Knechte, 
rief die Einöde den Plan der socialen Reform in seiner jungen 



1) Strab. V 222 Liv. XXVIIl 45. Oelbau wird nicht erwähnt, Weinbau 
Dion. H. 1 37 Plin. XIV 67 Athen. XV 702 b. 

2) Verg. Georg. II 533 sie foriis Etruria crevit. 

3) Polyb. II 24,5. 

4) Bürgerkrieg in Arretium 301 Liv. X 3, in Volsinii 265 Zonar. VIII 7, 
Sklavenaufstand 196 Liv. XXXIII 36. 



282 Kapitel V. Etruiitn. 

Seele wach.') Die Eriheiluag des Bürgerrechts 89 v. Chr. leitete 
die vollige Latitiisirung des Landes ein (1 495) , aber der nach- 
folgende Bürgerkrieg schlug ihm entsetzliche Wunden, Die demo- 
kratische Sache ist in Etrurien am hartnäckigsten verlheidigt, die 
Umwälzung der Besitzverhältnisse durch den siegreichen Sulla am 
gründlichsten betrieben worden, die Schilderhebung Catihna's fand 
hier 63 v. Chr. geeigneten Boden.^) Mit der Monarchie hebt eine 
Nachblüte an. Freilich gestattete die veränderte Weltlage nicht die 
grofse Vergangenheit früher Jahrhunderte ins Leben zurück zu 
rufen, die Sklaverei bleibt in voller Härte bestehen (S. 118), in 
ihrem Gefolge schleicht die Malaria geräuschlos heran um von den 
Stätten die eine alte Cultur künden, dauernd Besitz zu ergreifen. — 
Die Beschreibung ist, wie oben angedeutet ward, in 5 Theile ge- 
gliedert.3) 

§ 1. Die N ordmark. 

Der Zug nach Norden welchen die italische Geschichte im 
Grofsen offenbart, wiederholt sich im Kleinen an Etrurien. Der 
Arno ist seit dem Mittelalter die Lebensader Toscana's, bildete da- 
gegen in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten dessen politische 
Grenze (I 71) und Schutzwehr (I 303). Ehedem als sie auf der 
Hohe ihrer Macht standen, hatten die Etrusker darüber hinaus ge- 
griffen und ebenso wie die nordlichen Abhänge des Appennin bei 



1) Plut. Tib. Gr. 8,7. 

2) Sali. 28,4 56 Cic. in Cat. 11 20 fg. 

3) Slrab. V 219-227 zum Theii als Augenzeuge, Plin. III 50—52, Plol. III 
1,4. 43. CIL. XI (Bormann) p. 258-594. C. I. Etrusc. ed. C. Pauli (und 
A. Danielsson) Lips. 1893 fg. (bis jetzt 9 Hefte und 4737 Nummern). — Tar- 
gioni Tozzetti, Relazioni d' alcuni viaggi fatti in diverse parli della Tos- 
cana per osservare le produzioni natural! e gli antichi monumenti dl essa 
11 vol. ed. 2 Fir. 1768 fg. E. Repetti , Dizionario geografico fisico storico 
della Toscana 6 vol. Fir. 1833 fg. Micali, Italia avanti il dominio dei 
Bomani Fir. 1810 und Storia degli antichi popoli Italiani 3 vol. mit Atlas 
Fir. 1832. L. Canina, L'antica Etruria marittima, 2 vol. fol., Roma 1846.51. 
George Dennis, Tlie cities and cemeteries of Etruria 2 vol. (1848) 3 ed. 
London 1883. Noel Des Vergers, 1' Etrurie et les Etrusques 2 vol. Paris 1865. 
0. Müller s. I 493 A. 11. — Die italienische Generalstabskarle stellt diese Region 
dar auf Bl. 95—98. 104-107. 111—114. 119 — 122. 126—130. 135 — 137. 
142—144. 149. 150. Im Anschlufs daran war vor Jahren eine archaeologische 
Fundkarte Etruriens von der Generaldirection der Ausgrabungen in Angriff ge- 
nommen worden. 



§ 1. Die Nordmark. * ' 283 

Parma Modena Bologna (S. 262) auch die südlichen besetzt: der 
Golf von Spezia (S. 147) und die Küstenebene zwischen Macra und 
Arno waren einst in ihren Händen. i) Aber der ligurische Stamm 
dev Apuani hat ihnen den Besitz wieder entrissen 2): die etruskische 
Cullur konnte in dem ganzen Gebiet so wenig tiefe Wurzeln schlagen 
dafs einzig und allein eine Inschrift aus dem Thal der Vara (I 303) 
von ihr Zeugnifs ablegt.^) In der That hat erst das Schwert der 
Römer eine dauernde Herrschaft begründet, ^^achdem sie sich 
während der punischen Kriege am Golf von Spezia eingenistet und 
180 V. Chr. 47000 Apuaner nach Samniura abgeführt hatten, 
gründeten sie 177 die Bürgercolonie Luna.*) Die der Tribus 
Galeria angehörenden Ansiedler waren 2000 Mann stark und er- 
hielten Jeder 5IV2 Juchert zugewiesen. Um 25 750 ha Ackerland 
zu beschaffen mufste die Feldflur weithin an der Küste ausgedehnt 
werden; da diese durch die andauernden Ueberfälle der Bergbe- 
wohner zu leiden halte und sich vermuthch in arg verwüstetem 
Zustand befand, konnten Grenzstreitigkeiten mit den Pisanern ent- 
springen, deren Austrag 168 v. Chr. den römischen Senat beschäf- 
tigte. In den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens hat die Colonie 
den Feind oft auf ihren Fluren gesehen: eine erhaltene Inschrift 
ist dem Consul Marcellus geweiht der 155 v. Chr. einen Triumph 
über die Apuaner feierte.^) Die geschichtlichen Verhältnisse er- 
klären die Wahl des Orts die von den Römern für ihre Ansiedlung 
getroffen wurde. Sie führt den Mond im Stadtwappen und ist nach 
der sichelförmigen Gestalt des Golfs von Spezia benannt.**) INichis- 
destoweniger ist sie durch einen Bergrücken der im ■promunturium 
Lunae Punta Bianca '^) ausläuft, und eine Entfernung von 8 km dem 
Golf entrückt. Am linken Ufer des Macra (I 303) 3 km von dessen 
Mündung gelegen beherrschte Luna (4 m) das ganze Stromgebiet, 
namenthch auch die nach Parma und Reggio hinüber leitenden 
Pässe (I 231). Wie der Augenschein lehrt, als Zwingburg des Ge- 



1) Liv. XLl 13. 

2) Liv. XXXIX 2. 20 XL 1. 38. 41 Triumphalfasten d. J. 599 u. c. 

3) Fabretti Gl It. 101. 

4) Liv. XLI 13 CIL. XI p. 258fg. C. Promis, Memoiie dell' antica cittä 
di Luni, Turin 1839, 2. Ausg. Massa 1857. 

5) Liv. XXXIV 56 XLI 19 XLIII 9 XLV 13 CIL. XI 1339. 

6) Martial XllI 30 SchoL Pers. 6,1 Rutil. II 64. 

7) Ptol. 111 1,4. 



284 • Kapliel V. Etrurien. 

birgs gegrüodet, ist sie mit dem Namen des bekämpften Volkes so 
eng verwaclisen dafs die Umgegend vielfach auch dann noch als 
ligurisch bezeichnet wird, seitdem sie durch Augustus politisch mit 
Etrurien vereinigt war.') Sie hat ihre Bestimmung den Frieden im 
Gebirge heimisch zu machen erfüllt und tritt fortab weniger in der 
Ueberlieferung hervor, als man ohnehin zu erwarten geneigt wäre. 2) 
Luna heifst in den Berichten der Kaiserzeit eine kleine oder gar 
verlassene Stadt. 3) Die 1 — 2 m unter der heutigen Oberfläche be- 
findlichen Ueberreste, ein Amphitheater (Arena 63 X 37 m) und 
Theater, die aus der Epoche des Augustus der Antonine und Dio- 
cletians gefundenen Münzen bekunden zwar einen gewissen Wol- 
stand. Allein die Vorbedingungen für eine kräftige Entfaltung 
städtischen Lebens fehlten: der grofse Landverkehr nach Norden 
und Westen mied die unbequeme KUstenstrafse (S. 145), in unmittel- 
barer Nähe der Stadt war kein Hafen für die Verschiffung der 
wertvollen Bodenerzeugnisse vorhanden. Und wenn Rutilius den 
Marmorglanz ihrer Mauern preist, so strafen die Ausgrabungen den 
Dichter Lügen; denn durchweg ist ein gewohnlicher brauner Bruch- 
stein verwandt. Nach mehrfacher Heimsuchung durch Langobarden 
Saraceuen und Normannen siechte Luna langsam dahin, bis die 
Malaria im 13. Jahrhundert die Üebertragung des Bischofsitzes nach 
dem 5 km entfernten Sarzana und die Verödung der Stätte ver- 
anlafste.4) 

Die Feldmark umfafste soviel wir sehen das Stromgebiet der 
Macra nebst der Küste etwa bis Pietrasanta, d. h. einen Flächen- 
inhalt von 30 — 40 d. D M, Ihre Ausdehnung lockte die Triumvirn 
zur Ansiedlung von Veteranen s): in Folge dessen nennen sich die 
Bürger in der Kaiserzeit Colonisten, ihre Vorsteher Duovirn; auf 
einer Inschrift heifst der Triumvir Octavian Patron. Als Allein- 
herrscher jedoch hat Augustus Luna nicht zu seinen Colonien ge- 
rechnet: in der Censusliste steht es als Municipium.^) Die Berg- 
weiden ernährten zahlreiche Herden : die mit dem Mond gestempelten 



1) Mela II 72 Juvenal 3,257 Stat. Silv. IV 3,99. 

2) Obseq. 22. 27. 43 Plin. III 50 VI 217 Ptol. 111 1,4 Serv. V. Aen. VIU 720 
Paul. h. Lang. IV 45. 

3) Strab. V 222 Lucan I 586 desertae moenia Lunae, 

4) Dante Paradiso XVI 73. 

5) Feldmesser 223 CIL. XI 1330. 31 fg. 

6) Plin. III 50. 



§ 1. Die Nordmark. 285 

Käse fielen diircli ihre Gröfse auf dem römischen Markt in die 
Augen, da einzelne Laihe tausend Pfund (327 kg) wogen. i) Auf 
den Vorbergen wurde der beste Wein in ganz Etrurien gebaut. 2) 
Aber seinen Weltruf verdankte Luna dem Marmor. Die Apuaner 
Alpen sind vermöge ihrer W'ildheit der Cultur spät erschlossen 
worden (I 232): ein sprechender Beweis hierfür liegt in dem Um- 
stand dafs kein Stück carrarischen Marmors in einem etruskischen 
Grabe gefunden wird. Als die römischen Grofsen im letzten Jahr- 
hundert V. Chr. anfingen ihre Paläste mit marmornen Säulen und 
Wandtafeln zu schmücken, hat man diese Bezugsquelle entdeckt die 
durch gröfsere Nähe den Vorzug vor Africa und Griechenland ver- 
diente: um 50 V. Chr. wird zum ersten Male ihre Verwendung be- 
zeugt. 3) Mit der Monarchie steigt der Verbrauch in gewaltigem 
Umfang, und wenn Augustus sich rühmen konnte Rom aus einer 
Lehm- in eine Marmorstadt umgewandelt zu haben, so haben ihm 
die Brüche von Luna die Mittel dazu gewährt. ,, Brüche von 
weifsem und bläulichem Stein — schreibt Strabo — die Quadern 
und Säulen aus einem Stück liefern , sind in solcher Menge und 
Ausdehnung vorhanden, dafs die meisten hervorragenden Bauten in 
Rom und anderen Städten von hier das Material beziehen; denn 
der Stein läfst sich auch leicht ausführen, da die Brüche oberhalb 
in der Nähe des Meeres liegen, vom Meer aus aber der Tiber die 
Zufuhr vermittelt." Von den beiden unterschiedenen Arten ist der 
weifse oder Statuenmarmor später zur allgemeinen Anerkennung 
gelangt, als der gewöhnliche der einen Stich ins BläuHche zeigt. Erst 
seitdem in der Zeit des Plinius Gänge aufgeschlossen wurden deren 
Glanz den parischen übertraf, erringt derselbe in der bildenden 
Kunst jene Herrschaft die er noch immer behauptet: der Apollo 
von Belvedere ist aus ihm gearbeitet. Dafs Italien und manche 
Provinzen aus Luna Marmor bezogen, berichten die Schriftsteller*) 
und noch deutlicher die Denkmäler selbst. Juvenal hat so Unrecht 
nicht wenn er ligurische Berge durch Rom schleppen läfst, enthält 
doch allein die Grabpyramide des Cestius 2300 Cubikmeter dieses 
Gesteins Das Pantheon ist der älteste erhaltene Bau an dem es 



1) Fun. XI 241 Marlial XIII 30. 

2) Plin. XIV 68 CIL. IV 2599 fg. Lun(ense) vet(us). 

3) Plin. XXXVI 48. 135 vgl. 14. Bruzza, Ann. dell' Inst. d. corr. arch. 
1870 p. 166 fg. 

4) Strab. V 222 Serv. V. Aen. VIII 720 Suet. Nero 50 Sil. It. VJII 480 Juvenal 
3,257 Stat. Silv. IV 2,29 3,99. 



286 Kapitel V. Etrurien, 

verwandt wurde. Weiter begegnet lunensischer Marmor am Tempel 
der Concordia und auf dem Palatin, vor allem aber auf dem Forum 
Traians: das Gewicht der aus demselben gebildeten Säule berechnet 
Promis zu 28295 Centner. In der Epoche von Vespasian bis 
Commodus steht die Nachfrage auf der Hübe; unter Septimius 
Severus wendet sich der Geschmack bunten Steinarten des Aus- 
landes zu, seit Constantin wird der Bedarf durch Zerstörung älterer 
Bauwerke befriedigt. — Den plötzlichen Abbruch der Arbeiten in 
den Bergen Luna's kündeten die vielen Säulen und Blöcke an, die 
nach Biondo's Angabe im 15. Jahrhundert herrenlos umher lagen, 
da Jeder die Kosten des Transports scheute. Der Marmor wird 
heutigen Tages im Thal der Avenza an Carrara und Avenza vorbei 
an den Strand hinabgeschleift und hier verschifft: anders kann es 
im Altertum nicht gewesen sein; der Name des Flüfschen Aventia 
steht auch auf der Peutingerschen Karte. Die Ausbeute beschränkte 
sich indefs auf einen kleinen Theil der verfügbaren Naturschätze. 
Die auf der Insel Palmaria und im ganzen Umkreis des Golfs von 
Spezia vorhandenen Adern sind von den Römern unberührt ge- 
hliehen. Nachweisbar wurden hauptsächlich die vier Gruben von 
Poggio Domizio, del Polvaccio, Canal grande und Fanti scritti aus- 
gebeutet, von denen die beiden erstgenannten Statuenmarmor, die 
beiden anderen gewöhnlichen Marmor Ueferten. Die Werkzeuge 
und das Vorgehen der Alten weicht von dem heutigen nicht wesent- 
lich ab, nur dafs jene die fehlenden Sprengstoffe durch bedeutende 
Vermehrung der Menschenkraft ersetzen mufsten. Da ferner die 
Ausfuhr aus Carrara in der Kaiserzeit die gegenwärtige vielleicht 
übertrifft, so wird die Zahl der damals in den Gruben beschäftigten 
Arbeiter hinter der heuligen Ziffer von 6000 gewifs nicht zurück 
geblieben sein. Auch das Sägen Schleifen Aushauen der Marmor- 
blöcke das fast ganz Carrara und zum guten Theil die Umgegend 
bis Massa und Serravezza hinunter beschäftigt, ist nach Ausweis 
unvollendeter Statuen und Bauglieder geradeso an Ort und Stelle 
betrieben worden wie heute. Das Volk von Steinmetzen und Berg- 
leuten das in diesen Thalschluchten zusammengepfercht war, bestand 
begreiflicher Weise aus Sklaven, denen man eine bescheidene Selbst- 
verwaltung gönnte. Die Gruben sind aus dem Privatbesitz dem sie 
nach Ausweis der Inschriften ursprünglich angehörten, in llavischer 
Epoche wenigstens zum Theil an den Fiscus übergegangen. i) 

Ij OIL. XI 1 3 19. 20. 27. 56 VI 8484. 85. 



§ 1. Die Nordmark. 287 

Die 109 V. Chr. von Aemilius Scaurus erbaute Kilstenstrafse 

verbindet Luna mit dem 35 Millien entfernten Pisa. Dazwischen 

liegen die Stationen Taberna frigida ^) bei Massa und Fossae Papi- 

rianae-) bei Viareggio. Südlich von diesem Ort ziehen sich sumpfige 

Niederungen (Lago di MassaciucoH) nach dem Arno hin : der Name 

bewahrt das Andenken an einen Canal der während der Republik 

wir wissen nicht wann zur Entwässerung der Gegend angelegt 

wurde. — Zum Schutz der Nordmark führten die Römer eine 

33 Millien lange Strafse von Luna nach Luca 3); das halbwegs 

zwischen beiden Colonien befindliche Forum Clodii kündet den 

Namen des Erbauers der vielleicht für den Sieger des Jahres 155 

v. Chr. (S. 283) gehalten werden darf. Der Flecken wird allein von 

der Peutingerschen Karte erwähnt, ist auch nicht durch Denkmäler 

nachgewiesen; jedoch fehlt das Recht an seinem Dasein zu zweifeln. 

— In demselben Jahr 177 v. Chr. wo Luna eine Bürger-, erhielt 

Luca eine latiniscbe Colonie.^) Die Lage beider Festungen zeigt 

eine bemerkenswerthe Aehnlichkeit: wie jenes den Lauf der Macra, 

beherrsrht dieses den Lauf des Ausar Serchio (I 306). Es liegt 

(16 m) am linken Ufer bei dem Austritt des Flusses in die Ebene. 

Die Wichtigkeit welche es in den Augen der Alten hatte, leuchtet 

sofort aus dem Reisebuch ein das nicht weniger als fünf Strafsen 

von hier ausgehen läfst^): 1. nach Pisa 14 Millien; 2. nach Luna 

33 Millien; 3. nach Parma 100 Millien; 4. nach Faventia 120 Millien; 

5. nach Rom 239 Millien. In Wirklichkeit sind es nur drei; denn 

4 und 5 laufen bis Florenz zusammen und die Strafse nach Parma 

bat über Luna und den Cisapafs (S. 269) geführt. 6) Aber trotz 

dieser Einschränkung bleibt Luca ein Kreuzpunct in den nordsUd- 

lichen und westüstlichen Verbindungen der Halbinsel. Die erste 

Erwähnung stammt aus dem Jahr 218, als Consul Sempronius seinen 

1 ) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2. 

2) Ptol. III 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2, Papiriana It. Anl. 293. 

3) It. Ant. 289 Tab. Peut. 

4) Vell. I 15 Liv. XL 43. Durch die Namensähnlichkeit verführt hat 
Velleius die eine, Livius die andere Colonie ausgelassen, wie Bormann CIL. XI 
p. 295 richtig ausführt. 

5) lt. Ant. 283. 284. 289 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36. 

6) So sehr auch die Appenninstrafsen noch der Aufhellung durch topo- 
graphische Specialstudien bedürfen, scheint eine andere Deutung kaum möglich, 
da der Weg durch das Thal des Serchio und den Pafs von Sassalbo das an- 
gegebene Mafs erheblich übersteigt. 



288 Kapitel V. Etrurien. 

Rückzug von Placentia hierhin richtete. i) Der Ort scheint zu Pisa 
gehört zu haben und 180 für die Gründung einer lalinischen Colonie 
abgetreten worden zu sein. Diese erhielt 89 Bürgerrecht und damit 
Aufnahme unter die Municipien^), verbHeb aber aufserhalb der Grenze 
Italiens (I 76). Die Zusammenkunft welche die Triumvirn 56 in 
ihr abhielten, brachte die Stadt in Aller Mund. 3) Der Umstand dafs 
Caesar sie zum Winterquartier auswählte sowie dafs sein Sohn sie 
den Veteranen zweier Legionen überwies (S. 32), beweist genugsam 
ihre Blüte. Luca heifsl seitdem Colonie und gehört zur fabischen 
Tribus.4) In der UeberHeferung wird endlich noch der tapferen 
Vertheidigung aus dem Gothenkrieg 553 n. Chr. gegen Narses ge- 
dacht. 5) Das heutige Lucca bewahrt Ueberreste eines Theaters und 
eines grofsen Amphitheaters aus der ersten Kaiserzeit (124x96 m 
Arena 80X53 m): das letztere ein mächtiger Steinbau lag aufser- 
halb der Thore. In den Kirchen sind antike Säulen in grofser Zahl 
vorhanden als sprechender Beweis für die glänzende Entfaltung des 
städtischen Lebens. Auch ist in dem Grundplan die römische An- 
lage noch kenntlich : sie bildet ein regelmäfsiges Rechteck (von an- 
nähernd 800 X 1200 m) mit zwei in rechtem Winkel sich schneidenden 
Haupt- und entsprechenden Nebenstrafsen ; die Mitte nimmt das 
Forum die Piazza S. Michele ein. — Das Stadtgebiet hat an Um- 
fang demjenigen Luna's schwerlich nachgestanden: es umschlofs 
die Niederungen zwischen den Monti Pisani und dem M. Albano 
(I 305) und das Thal des Ausar nebst den angrenzenden Bergzügen. 
Nach der Alimentartafel besafs die Gemeinde aufserdem Weiden in 
der Gegend von Veleia (S. 276): diese müssen indefs eine abge- 
sonderte Enclave gebildet haben, weil es ganz undenkbar ist dafs 
die Feldflur sich zusammenhängend über den Kamm des Appennin 
120 km von der Stadt nach Norden erstreckt haben sollte. 

Seit 177 V. Chr. fiel die Grenzwacht gegen die Ligurer den 
Colonien Luna und Luca zu, vordem der alten Stadt Pisae.^) Sie 
bildet das Gegenstück zu Ariminum: wie in den Annalen das öst- 
liche Armeecommando provinda Gallia oder Ariminum, heifst das 

1) Liv. XXI 59. 

2) Fest. 127 Cic. Fam. XIFI 13. 

3) Cic. Fam. 1 9,9 Suet. Caes. 24 Plut. Caes. 21 Grass. 14 Pomp. 51. 

4) Plin. III 50 VI 217 Ptol. III 1,43 Strab. V 222 CIL. VI 1460 XI p. 296. 

5) Agathias I 12 fg. 

6) Targioni Tozetti a. 0. 11 1 fg. IX 271 fg. CIL. XI p. 273. 



§ 1. Die Nordmark. 289 

westliche provincia Lignres oder Pisae (I 74). Die natürliche Festig- 
keit des Platzes leuchtet dem Besucher nach den grofsen durch die 
Thätigkeit der Flüsse und der Menschen bewirkten Veränderungen 
nicht ohne Weiteres ein. Er lag am rechten Ufer des Arno an 
der Stelle der jetzigen Altstadt (3 m). Freilich sind die Bauten der 
Romer durch die ruhmreiche Entwicklung des mittelalterlichen Frei- 
staats hinweg gefegt worden: doch sieht man noch Reste von 
Thermen bei dem nach Lucca führenden Thor, Reste eines Tempels 
im Archivio del Duomo; die Umgebung der Piazza de' Cavalieri auf 
alten Fundamenten ruhend entspricht genau den Aufsenmauern eines 
Theaters, das in den Hauptplatz der mittelalterlichen Stadt umge- 
wandelt ward. Aber während diese nur durch eine Mauer geschützt 
ist, war die alte Stadt an drei Seiten vom Arno und Serchio um- 
flossen und entbehrte nur nach Osten des natürlichen Schutzes. i) 
So schildert es Rutilius: 

Alpheae veterem contemplor originis urbem 

quam cingnnt geminis Arnus et Ausur aqiiis; 
comim pyramidis coeuntia ßumina dncunt, 

intratur niodico frons patefacta solo: 
sed proprium retinet commnni in gurgite nomen 

et pontum solus scilicet Arnus adit. 
Märchenhafte Kunde drang über den Zusammenflufs zu den 
Hellenen: in solch'er Wildheit sollten die Ströme aufeinander stofsen 
und solche Schaummassen aufwirbeln dafs man nicht vom einen 
zum anderen Ufer hinüber sehen könne. In Wirklichkeit war die 
Marsch durch die der Arno in drei Armen ausmündete, von Ueber- 
schwemmungen bedroht und der Plan den Ausar abzuleiten , wie 
er seit dem 12. Jahrhundert 8 km nördlich von Pisa sein eigenes 
Bette bewahrt, den Alten nicht unbekannt. Die Anschwemmung 
hat im Lauf unserer Zeitrechnung den Boden erhobt und um 6 km 
gegen das Meer hin vorgeschoben (I 306). Greifen wir zwei Jahr- 
tausende zurück, so war Pisa auf einer 4 km langen Flufsfahrt von 
der See zu erreichen und bot ein Bild ähnlicher Festigkeit und 
ähnlicher Lebensbedingungen wie wir im Podelta kennen gelernt 
haben. Unter Augustus führt es Weizenmehl von hervorragender 
Güte, Speltgraupeu, Wein, Marmor aus den Monti Pisani, Bauholz 



1) Rutil. I 565 Strab. V 222 (Arist.) de mirab. ausc. 92 Plin. III 50. 

Nissen, Ital. Landeskunde. 11. 19 



290 Kapitel V. Etrurien. 

für Rom und dessen Villen ausJ) Der Verkehr folgte damals nicht 
dem kürzesten sondern dem südlichsten 12 km langen Arm des 
Arno, Der Portus Pisanns hefand sich noch im Mittelalter nördlich 
VCD Livorno bei der Kirche S. Stefano und ist inzwischen völlig 
verlandet. 2) Ein Meilenstein der ihn mit der Stadt verbindenden 
Nebenstrafse ist bei S. Pietro in Grado 3), an Ort und Stelle aufser 
anderen Ueberresten eine Anzahl römischer Inschriften aufgefunden 
worden. Rulilius beschreibt den Hafen als ganz offen und nur 
durch Bänke von Seetang gegen den Anprall der Wogen geschirmt. 
Er erwähnt ferner eine daran stofsende Villa Triturrita deren Bau- 
grund dem Meere abgewonnen war; dieselbe hat als Turrita^woh auf der 
Reisekarte Aufnahme gefunden. Aufser der Hafenstrafse liefen solche 
von Luna (S.287) Luca (S. 287) Florenz (S. 292) und Rom (S. 299) in 
Pisa ein. — An dem Punct wo das ganze 180 d. Geviertmeilen 
grofse Stromgebiet mit dem Meer in Verbindung trat, mufste früh 
eine Ansiedlung entstehen und aufblühen. Welchem Volk dieselbe 
ihren Ursprung verdankte, läfst sich nicht sagen. Der alle Cato 
bekannte seine Unwissenheit 4); die Uebereinstimmung des Namens 
mit dem elischen Pisa verlockte die Griechen in verschiedener Weise 
die Gründung mit ihrer mythischen Geschichte zu verflechten. s) 
Die griechischen Vasen alten Stils welche in den Gräbern gefunden 
wurden, lehren dafs der Verkehr mit Hellas hoch hinauf reicht. 6) 
„Die Stadt — schreibt Strabo — scheint einst vom Glück begünstigt 
gewesen zu sein, hat auch jetzt noch Ruf wegen ihrer Feldl'rüchte 
Steinbrüche nnd Bauhölzer. Das Holz verwandten sie in alten 
Zeiten für ihre Flotte; denn sie waren streitbarer als die Elrusker, 
dazu nötigte die schlechte Nachbarschaft der Ligurer aus nächster 
Nähe." Pisa für etruskisch zu erklären oder gar den Zwölfstädten 
zuzurechnen, wie oft geschieht, gestatten weder die Denkmäler noch 
die Geschichtschreiber. Nach der älteren Ueberlieferung liegt es 



1) Strab. V 223 Plin. XIV 39 XVIII 86fg. 109; CIL. XI 1415 marmorari, 
1436 collegium fabruyti navalium Pisanorum. 

2) Cic. ad Qu. fr. II 5,3 It. marit. 501 Tab. Peut. Rutil. I 531 Claudian b. Gild. 
483 CIL. XI p. 293. 

3) CiL. XI 6665. 

4) Cato Or. II 13 Jord. Dion. H. I 20 schreibt sie den Pelasgerii zu. 

5) Lykophr. AI. 1241. 1359 Verg. Aen. X 179 dazu Serv. Strab. V 222 
Justin XX 1,11 Plin. III 50 Rutil. I 565 Claudian b. Gild. 483. 

6) Bull, deir Inst. 1849 p. 22. 



§ 1. Die Nordmark. 291 

in Ligurieni), nach der späteren in Etrurien.2) Wenn seine Er- 
oberung durch die Etrusker gemeldet wird 3), so hat solche ebenso 
wenig Bestand gehabt wie deren Herrschaft am Busen von Luna; 
denn weder wird Pisa's Name in den Bundeskriegen mit Rom er- 
wähnt, Docli sein Gebiet von der italischen Grenze umschlossen 
(1 71). Seit wann Pisa mit Rom verbündet war, wissen wir nicht: 
im Zeitalter der punischen Kriege, zuerst im Jahre 225 erscheint 
der Hafen als wichtiger Stützpunct für maritime Unternehmungen.^} 
In der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts verheerten die Ligurer 
oftmals die Fluren, bedrohten sogar gelegentlich die Mauern der 
Stadt.») Die römischen Waffen gewährten zwar wirksamen Schutz, 
aber auf Kosten bedeutender Gebietsabtretungen für die Colonien 
in Luna und Luca. Damit ist die selbständige Rolle Pisa's in der 
alten Geschichte ausgespielt. Es wird eine behäbige Landstadt, er- 
hält 89 V. Chr. mit dem Bürgerrecht Aufnahme in die Tribus Galeria, 
durch Augustus eine Colonie.^) Die Beschlüsse welche die colonia 
Opsequens Julia Pisana zu Ehren von dessen Söhnen , ihren ver- 
storbenen Patronen L. und C. Caesar gefafst hat, eröffnen einen 
Einbhck in die Verhältnisse dieses blühenden Gemeinwesens.') 
Seine Feldmark reichte etwa 70 km bis zum Grenzflufs Eine an der 
Küste hin ohne doch sich landeinwärts entsprechend auszudehnen. 
Gegen Luca stellten die Monti Pisani eine natürliche Scheidewand 
dar. 8) Am westlichen Fufs befinden sich die aquae Pisanae die 
Bäder von S. Giuliano (10 m).^) Nach Ausweis der Inschriften lag 
eine Ortschaft bei S. Pietro in Grado: diese alte Kirche wird von 
der Tradition mit einem Hafen, vermutlich also einer der drei 
Mündungen des Arno in Verbindung gebracht. 

Wir haben am Po gesehen dafs die älteren Ansiedlungen seine 
Ufer meiden. Die gleiche Erscheinung wiederholt sich am Arno: 
von Pisa aufwärts ist Florenz die einzige Stadt in unmittelbarer 



1) Justin XX 1,11 (Arist.) de mirab. ausc. 92 Lykophr. AI. 1359. 

2) Pol. 1116,2 Mela II 72. 

3) Lykophr. AI. 1359 vgl. Serv. Veig. Aen. X 179. 

4) Poi.I! 27,1 28,1 III 41,4 56,5 96,9 Liv. XXI 39. 

5) Liv. XXXIII 43 XXXV 3 XXXIX 2 XL 17. 43 XLI 9 XLIII 11 XLV 13. 

6) Fest. 127 Fun. VII 181 Ptol. III 1,43 Ciaudian b. Gild. 483 Agathias 1 11. 

7) CIL. XI 1420. 21. 

8) Dante Inferno XXXIII 30 raonte, per che i Pisan veder Lucca 
non ponno. 

9) Plin. II 227 CIL. XI 1418. 

19* 



292 Kapitel V. Etrurien. 

Nähe des Stroms und Florenz ist von den Römern gegründet. 
Die Thalsohle wird aller Orten durch den abgelagerten Schutt den 
die Gebirgsbäche mit sich führen, erhobt, aber es bedarf langer 
ungestörter Arbeit um die Wildwasser zu bändigen und die Sümpfe 
auszutrocknen. Als Hannibal 217 in Etrurien einfiel, brauchte er 
4 Tage und 3 Nächte um den in der Lulllinie 35 km langen Marsch 
vom Fuls des Appennin bis zu den Höhen am Arno zurück zu 
legen: in einen so grundlosen Zustand war die Florentiner Ebene 
durch die Frühjahrsregen versetzt worden J) Erst nachdem der 
Bauer die P'urcht vor den Unholden des Gebirgs verlernt hatte, 
konnte geduldige Arbeit Wandel schalTen.^) Die Thalkessel von 
Lucca Pescia und Florenz (I 305) wurden durch die Römer für die 
Cultur erobert. Freilich deutet das s|)ärliche Auftreten römischer 
Inschriften darauf hin dafs sie ihre Blüte erst in einer jüngeren 
Epoche entfalten sollten. — Zwei Strafsen heutigen Eisenbahnlinien 
entsprechend erschliefsen dies Neuland, indem sie von Pisa aus- 
laufen, in Florenz wieder zusammen treuen. Die kürzere ist 123 
V. Chr. ausgebaut worden. 3) Ihren Gang kennen wir allein aus den 
unvollständigen Angaben der Karten 4): sie mifst 75 km, folgt dem 
südlichen Ufer des Arno über Yalvata Cascina? Inportti (Emporium 
Empoli?)^) und geht bei der Golfolina 15 km von Florenz auf das 
nördliche Ufer über. Die zweite Strafse verhält sich zur ersten 
wie der Bogen zur Sehne. Sie führt zunächst von Pisa nach dem 
14 Milben entfernten Luca (S. 287); erreicht von hier über die 
halbwegs in der Gegend von Pescia gelegene Station ad Martis^) 
nach 25 Milben Pistoriae Pistoia (65 m).^) Trotz der überaus 
spärlichen Funde scheint die alte Stadt keine andere Stelle als die 
heutige eingenommen zu haben. Sie liegt am Ombrone dessen 
Name vermutlich aus dem Altertum stammt und der ebenso wie der 



1) Pol. m 79 Liv. XXII 2, dazu meine Ausführung Rhein. Mus. XXII 574. 

2) Liv. XXXIX 2 unter dem J. 187 Iranslalum ad A/manos Ligures 
bellum , qui in agruvi Pisanum Bononiensemquc ita incursaverant ut coli 
71071 passet. 

3) CIL. XI 6671. 

4) Tab. Peut. Geogr. Kav. IV 36. 

5) Die Gleichung rührt von Cluver 511 her. 

6) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36; vom lt. Ant. 284. 285 übergangen. 

7) Diese Form scheint durch die Inschriften bezeugt CIL. XI p. 298. Plin. 
111 52 Pisloriu?/!, Ptol. III 1,43 JJiaxcoQia, It. Ant, 284. 85 Pistures, Tab. Peut. 
Pistotns, Geogr. Rav. IV 36 Pislurias. 



§ 1. Die Nordmark. 293 

Bisemio (Visentus 2) den Thalkessel von Florenz durchströmt, liegt 
ferner am Ausgang der bequemen Strafse welche durch das Thal 
des Reno nach Bologna läuft (S. 262). Man darf annehmen dafs 
in diesem Theil des Appennin wie am Fufs von Hause aus um- 
brische Stämme safsen. Das Alter des Orts erhellt aus dem Scherz 
des Plautus: 

multis ei muUigeneribus opus est tibi 
militibus: primumdum opus Pistoriensibust; 
eorum aliquot genera sunt Pistoriensium ; 
Paniceis opus est, opus Placentinis quoque, 
opus Tnrdetanis, opus est Ficedulensibus. 
Die Erklärung des Namens als Bäckersheim mag auf sich be- 
ruhen. Eher denken wir an einen umbrischen Gau der seine 
Selbstverwaltung dauernd rettete und als Municipium in den Census- 
listen steht. Die Stadt wird kaum erwähnt') aufser bei der Ver- 
nichtung Calilina's 62 v. Chr. Dieser Bandenführer ward bei einem 
Versuch den üebergang nach Bologna zu gewinnen von zwei Heeren 
der Regierung in die Mitte gefafst, da Metellus Celer das Thal des 
Reno besetzt hielt, Antonius von Süden heranrückte. Die Ent- 
fernung von Pistoia nach Florenz geben die Reisebücher derjenigen 
von Luca nach Pistoia gleich zu 25 Millien an 2); die heutige Eisen- 
bahn rechnet unbedeutend weniger 34 km. 

Die älteste 187 v. Chr. ausgebaute Kunststrafse zwischen der 
Aemilia und Etrurien umgeht die sumpfige Niederung und hält die 
gerade Richtung über den Pafs la Futa und die Berge des Mugello 
ein (S. 296). Diese Berge im M. Giovi 979 m ansteigend scheiden 
das Florentiner Becken von dem Thal der Sieve. Wo sie nach 
Süden gegen den Arno abfallen, thront das alte Faesulae Fiesole. 3) 
Die Lage ist sehr fest 4): der Stadthügel erhebt sich etwa 150, an 
seinem höchsten Punct 200 m über der Thalsohle und besitzt nach 
allen Seiten natürliche Deckung, die stärkste nach Nordwesten wo 
der Mugnone in tiefer Schlucht sein Bett bereitet hat. Die Mauer 



1) Plaut. Captivi 160 Sali, Cat. 57 Ammian XXVII 3,1 Priscian IV 28. 

2) It. Ant. 284. 285 Tab. Peut. Geogr, Rav. IV 36. 

3) Flor. I 5.8 II 6,11 Obseq. 49. 51. 53 Plin. MI 52 VII 60 Ptol. III 1,43 Geogr. 
Rav. IV 36 CIL. XI p. 298. 

4) Prokop b. Goth. II 24 ol Se . . noho^xoivres tw fiiv TtsQtßöXco ngoa- 
ßäXXeiv rj äyxtaxd nov avrov Wvat oiSafirj el^ov SvanQoaoSov yao rovro 
TiavTaxod'ev to ipgovQiov tjv. 



294 Kapitel V. Etrurien. 

aus hartem Sandstein (Macigno) in unregelmäfsiger Quaderform 
errichtet, steht zum Theil und läfst sich in ihrem ganzen 2570 m 
messenden Umfang verfolgen. Sie zeigt annähernd die Gestalt eines 
Trapez dessen Basis (950 m) dem Appennin in gerader Linie zu- 
gekehrt ist, während die Südseile sich dem Abhang anschmiegt. Die 
Schmalseiten messen jede gegen 400 m. Die Ecken sind nicht ab- 
gerundet, Thürme fehlen. Der umschlossene Raum von 35 ha In- 
halt gliedert sich in zwei Kuppen mit verbindendem Sattel den das 
ärmliche Städtchen der Gegenwart einnimmt. Die West- Kuppe 
(345 m) trägt ein Franciscanerkloster und lockt den Besucher durch 
ihre Aussicht an. Sie stellt die Arx dar, die unerachtet des jähen 
Absturzes nach dem Mugiione stellenweise durch eine dreifache 
Mauer geschirmt ist. Unterhalb des Klosters liegt die Kirche 
S. Alessandro mit antiken Cipollinsäulen vermutlich auf der Stätte 
eines Tempels. Endlich verdient das jüngst ausgegrabene Theater 
Erwähnung. — >Yenn die Annalen schweigen, reden die Steine. 
Faesulae ist als Bollwerk Etruriens im ISorden um das Gebirge zu 
beherrschen und die Verbindung mit Felsina zu sichern gegründet 
worden : sicherlich nicht als eine der zwölf Städte sondern als 
Colonie des Bundes oder einzelner seiner Glieder (S. 37). In der 
Eigenschaft einer Sperrfestung begegnet es 225 v. Chr. bei dem Ein- 
fall der Kelten, 217 bei dem Einfall Hannibals, 405 n. Chr. bei dem 
Einfall des Radagais. i) Sodann wird es unter den Städten aufge- 
zählt, welche im Bundesgenossenkrieg mit Feuer und Schwert ver- 
wüstet wurden. Den von Sulla 78 entsandten Colonisten leisteten 
die ihrer Aecker beraubten Eigentümer bewaffneten Widerstand. 
Grofse Räuberbanden suchten die Gegend heim. Die Zerrüttung 
aller Verhältnisse machte 63 Faesulae zum Hauptquartier für die 
Schilderhebung CatiHna's.2) Endlich hat sich 539 n. Chr. die Festig- 
keit seiner Mauern erprobt, als die Gothen nur durch Hunger zur 
Uebergabe genötigt werden konnten. 3) Die Gemeinde gehörte zur 
Tribus Scaptia. 

Unter der Herrschaft des Faustrechts suchen die Städte die 
schirmende Berghöhe auf, unter der Herrschaft des Landfriedens 
das dem Verkehr zugängliche Thal (S. 58). Die mittelalterliche 



1) Pol. II 25,6 III 82,t Liv. XXII 3 Sil. It. VIII 476 Oros. VII 37,13. 

2) Flor. II 6,11 Gran. Licin. p. 42 Bonn Gic. Cat. II 14. 20 fg. III 14 pro 
Mur. 49 Sali. Cat. 24. 27. 28 Appian b. civ. II 2 Dio XXXVU 30. 33. 39. 

3) Prokop b. Goth. II 23. 24. 27. 



§ 1. Die Nordtnark. 295 

Tradition welche den Ursprung von Florenz auf Fiesole zurück 
führt, drückt diesen auf den ersten Blick einleuchtenden Gedanken 
aus.i) Die Geschicke beider sind unzertrennlich verwoben, der 
Aufschwung der einen bedeutete den Niedergang der anderen. Nach 
Ausweis des Namens ist das etrurische Florentia ebenso wie das 
aemilische (S. 270) und die vielen anderen auf -entia auslautenden 
Städte von den Römern gegründet worden. 2) Mit einiger Wahr- 
scheinhchkeit darf die Gründung zu der 154 oder 125 v. Chr. er- 
folgten Anlage der Via Cassia in Beziehung gesetzt werden, welche 
nach einem Meilenstein Hadrians hier endigte. 3) Die Gunst der 
Lage hat ihr Wachstum im Altertum wie im Mittelalter bedingt. 
Aehnlich wie in Mailand die Strafsen der Alpen, laufen von einem 
150 km langen Bogen des Appennin alle Strafsen in Florenz als 
dem gegebenen Centrum ein. Die Reisebücher führen an die von 
Pisa und Luca (S. 292) sowie die von Faenza (S. 258) und von 
Rom über Arezzo kommenden Strafsen 4): zu diesen vier fügen wir 
drei Appenninstrafsen eine von ForÜ (S. 258) und zwei von Bologna 
(S. 262) hinzu, deren eine nach der Ueberlieferung von den Romern 
ausgebaut worden ist. Trotz ihrer Lage in der Ebene entbehrte 
die Stadt keineswegs des natürlichen Schutzes. Der Arno war noch 
im Mittelalter nicht in ein einziges Bett gezwängt, sondern bildete 
Sümpfe und Werder. Florenz (55 m) lag am rechten Ufer des 
Hauptarms; aus diesem zweigte sich nach einer mittelalterlichen 
Chronik bis 586 n. Chr. ein Nebenarm ab, der an der Nordseite 
mit dem Mugnone zusammen sliefs. Der Mugnone aber hat seine 
Mündung gegen 5 km nach Westen verschoben: während er jetzt 
unterhalb der Cascinen mündet, flofs er ehemals an der Stadtmauer 
hin zwischen Ponte S. Trinitä und Ponte Carraia in den Arno ein. 
Derart war die Ansiedlung rings von fliefsenden Gräben umgeben. 
Anderseits verstehen wir dafs den Florentinern 15 n. Chr. die Ver- 
mehrung der Wassermenge durch Ableitung des Clanis in den Arno 
(1321) als eigenes Verderben erscheinen konnte. 3) Der Grundplan 

1) Dante Inferno XV 60 ma quell' ingrato popolo maligno, 

che discese di Fiesole ab antico 

e tiene ancor del monte e del macigno. 

2) CIL. XI p. 302 fg. 0. Hartwig, Quellen und Forschungen zur ältesten 
Geschichte der Stadt Florenz 1 p. 73 (Marburg 1875) Plan II (Halle 1880). 
Milani Mont. ant. d. Lincei VI l fg. 

3) CIL. XI 6668. 

4) It. Anton. 284 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36. 5) Tac. Ann. I 79. 



296 Kapitel V, Elrurien. 

der Römerstadt läfst sich in den Hauptzügen herstellen: sie bildete 
ein Rechteck von annähernd 400 X 600 m und 25 ha Flächen- 
inhalt, hatte 4 Thore an den Enden des Decumanus (Via Strozzi 
Via del Corso) und Kardo Maximus (Via Calimara), in der Mitte am 
Schnittpunct lag das Forum (Mercato vecchio). Zu diesem ver- 
hältnifsmäfsig beschränkten Kern sind Ansiedlungen vor den Thoren 
hinzugekommen , wie das ausgedehnte in der Nähe von S. Croce 
gelegene Amphitheater vor dem Ost-Thor beweist. Der Grund und 
Roden von Florenz gehörte von Hause aus zur Feldmark von Faesulae. 
Zwischen beiden Gemeinden blieb eine engere Verbindung bestehen: 
sie waren beide in der Tribus Scaptia eingetragen, hatten Heilig- 
tümer und Priestertümer mit einander gemein. Wenn es nun in 
der ältesten Erwähnung von Florenz heifsti): Sulla habe die 
blühendsten Landstädte Italiens Spoletium Interamnium Praeneste 
Florentia versteigert, so ist dasselbe klärlich den nach Faesulae 
entsandten Veteranen ausgeliefert worden, die nach einer bestimmten 
Angabe in Dörfern oder Flecken der Feldmark angesiedelt wurden. 
Von dem Veikommen dieser Colonie liefern die Rerichte über 
Catilina's Verschwörung ausreichende Kunde. Nach der Schlacht 
bei Philippi hat Octavian eine neue Vermessung und Vertheilung 
der Flur an Veteranen vorgenommen und Florenz hat Colonialver- 
lassung gehabt, wenn es auch in der Censusliste unter den bevor- 
rechteten Colonien fehlt. 2) In der Ueberlieferung begegnet sein 
Name selten, zuletzt im Gothen krieg wo es 542 den Gothen wider- 
stand, später die Thore öffnete, 553 sich dem Narses ergab. 3) 
Die Ausdehnung der Feldmark zu bestimmen oder gar zwischen 
Faesulae und Florenz abzugrenzen sind wir aufser Stande. Das 
Mugello oder Sievethal durch das die Strafse nach Faenza führte, 
als Mucella in den Gothenkriegen erwähnt, gehörte dazu.*) Der 
Name des oberen Arnolhales Casentino (1 304) rührt vermutüch 
von der zur sechsten Region gehörenden umbrischen Gemeinde der 
Casuentillani her.^) 



1) Flor. II 9,27. 

2) Feldm. 212. 213. 214. 223. 225. 349 Plin. III 52 XIV 36 Ptol. III 1,43. 
Colonie Tac. Ann. I 79 CIL. XI 1617. 1600. 

3) Prokop b. Golh. III 5. 6 Agath. I 11. 

4) Prokop b. Golh. III 5. Mucelli auct. Marc. Chr. min. II p. 107,5. 

5) Plin. III 113. 



§ 2. Das Erzgebirge. 297 



§ 2. Das Erzgebirge. 

Die Bildung des toscanischeo Hügellands ist früher (I 232) 
beschrieben worden. Mit dem Auftreten von Bruchstücken aus der 
ursprünglichen zertrümmerten Hauptgebirgszone (1 222) hängt der 
verhältnifsmäfsig grofse Reichtum an Metallen zusammen der diesen 
Theil Italiens vor allen anderen auszeichnet. i) An erster Stelle ist 
als das verbreiteste Nutzmetall des Altertums das Kupfer zu nennen. 
Es kommt im Gefolge basischer Eruptivgesteine (Gabbro rosse und 
Serpentin) vor. Beyer unterscheidet vier Formen des Auftretens von 
Kupfererzen: „1, man trifft sie eingesprengt in den Eruplivmassen; 

2, als Ausfüllung von Verwerfungen in den Eruptivgesteinen (Gänge); 

3, im Contact zwischen zwei Eruptivmassen (Conlactgänge); 4, im 
Contact zwischen den Eruptivkuppen und den überlagernden Sedi- 
menten (Contactlager). Die Vorkommnisse 2. 3. 4. sind oft durch 
nachträgliche Verschiebungen im Gebirge zerrüttet und zertrümmert. 
Gerade diese Brecciengänge und Lager sind besonders reich." Die 
Minen Hegen in der Gegend von Volterra Massa Marittima und 
Campiglia d. h. in den alten Stadtgebieten von Volaterrae Populonium 
Vetulonium, möglicher Weise auch — da scharfe Grenzen sich nicht 
ziehen lassen — Rusellae: in den genannten Städten haben wir die 
Sitze des etruskischen Bergbaus zu suchen. Die ergiebigste Grube 
unseres Jahrhunderts ist diejenige von Monte Catini bei Volterra 
welche jährlich 1—2000 (1860 sogar 3000) Tonnen Erze mit 
30 p.c. Gehalt, also 3 — 600 Tonnen Kupfer liefert. Sie ist den 
Alten schwerlich unbekannt geblieben; alle Anzeichen führen in- 
dessen darauf dafs die reichste Ausbeute von ihnen bei Campigha 
und Massa gewonnen wurde. Beyer beschreibt ihr Verfahren wie 
folgt: „die etruskischen Verhaue zeichnen sich vor denen des Mittel- 
alters durch besonders enge und unregelmäfsig verlaufende Schachte 
aus. Auch die Strecken (enge tunnelartige Gänge im Berg) folgen 
regellos dem Verlauf der Erzvorkommnisse. Wo grüfsere Massen 
harter Gesteine von Erz durchschwärmt waren , da wurde Feuer 
gesetzt. Grofse Hohlräume sind durch diese Methode des Abbaues 
entstanden. Die Männer welche in neuer Zeit die alten Bergwerke 



1) E. Reyer, Aus Toscana, geologisch -technische und kulturhistorische 
Studien, Wien 1884. G. vom Rath, Zeitschrift der deutschen geologischen 
Gesellschaft 1865. 68. 7o. 73. 



298 Kapitel V. Etrurien. 

wieder aufgenommen haben, waren beim ersten Betreten dieser 
Räume überrascht von der Ausdehnung der alten Arbeiten und von 
der Pracht des Anblicks. Die Brandweilungen waren ausgekleidet 
mit schönen blauen Stalaktiten, der Boden war in gleicher Weise 
von blauem Sinter (Gips durch Kupfersalz blau gefärbt) überdeckt 
und überwuchert. Auf einer Strecke von mehreren hundert Metern 
und in einer Breite von 10—30 m beherrschen diese prächtigen 
Abbauräume das ganze Gebiet der Cava del Temperino bei Campiglia. 
All diese Gesteinsmassen deren Härte selbst unseren modernen Werk- 
zeugen bedeutenden Widerstand entgegengesetzt, sind in jenen frühen 
Zeiten durch die Gewalt des Feuers bezwungen worden. Noch 
heute lassen sich die Schlackenhalden II/2 km weit verfolgen, viele 
kleine Schmelzöfen wurden im selben Gebiet aufgefunden. Soweit 
man aus den Besten der Erze und aus dem Befund der Halden 
schliefsen kann , haben die Etrusker selbst ziemlich arme Erze zu 
Gute gemacht, eine Erscheinung welche Hand in Hand gehl mit 
dem hohen W'ert des Kupfers in der allen Zeit. Anderseits ist es 
charakteristisch für jene frühe Cultur dafs der Abbau sich immer 
nur auf die obersten Horizonte beschränkt hat. Die schlechten engen 
Schachte und Strecken und die mangelhaften Mittel der Wasser- 
hebung und Ventilation gestatteten ein Vordringen in die Tiefe nicht." 
Von der hohen Vollendung zu der die elruskische Metallarbeit ge- 
dieh, zeugen die noch erhaltenen Werke. Ihr Absatz reichte zu 
Lande bis nach Dänemark und Schweden, bis Ungarn und Irland, 
eroberte sich auf den alten Kunstmärkten des Ostens einen Platz. 
Im fünften Jahrhundert v. Chr. rühmt sich ein reicher Athener alles 
Erz das zu irgend einem Gebrauch sein Haus schmücke, sei etrus- 
kischer Herkunft.i) In allen Ländern, bemerkt Plinius^), sind tus- 
canische Bildsäulen aus Erz zerstreut; ihrer 2000 sollen die Römer 
in Volsinii erbeutet haben. Der Bergbau mufs mit vielem Eifer 
betrieben worden sein um den nötigen Rohstoff für dies blühende 
Gewerbe zu beschaffen. Aber nach der Eroberung Sardiniens und 
Spaniens kam er in Etrurien wie in anderen Landschaften Italiens 
zum Stillstand , weil das Erzeugnifs der provincialen Gruben viel 
reichhaltiger und billiger ausfiel.^) Strabo sah bei Populonium ver- 



1) Alhenaeos I 28b. XV 700c. 

2) Plin. XXXIV 34 Hör. Ep. II 2,180. 

3) Streb. V 218. 223 Verg. Georg. II 165 Plin. XXXVII 202. 



§ 2. Das Erzgebirge. 299 

lassene Werke. Dies isl die einzige Notiz welche die antike Litteratur 
über diesen wichtigen Erwerbszweig enthält. — Auch Silber ist 
nach den vorhandenen Spuren von den Etruskern gefordert worden : 
silberhaltiger Bleiglanz tritt im krystallinischen Kalk bei Montieri 
und Massa auf. Während die Kupfergruben durchweg ruhten, war 
das Silberwerk von Montieri seit dem frühen Mittelalter in Betrieb. 
Die mittelalterliche Arbeit übertriflt in technischer Hinsicht die 
etruskische, wird doch sogar die für die damaligen Mittel erstaun- 
hche Tiefe von 90 m erreicht. Die ins sechste Jahrhundert v. Chr. 
hinauf reichende Silberprägung des Bundes wie einzelner Städte 
(S. 73) ist als Ausflufs des Bergbaus zu betrachten. Wenn da- 
gegen gleichfalls alte Goldmünzen vorkommen, so ist das Gold wol 
eher aus den Alpen eingeführt (I 167) als im Lande selbst gegraben 
zu denken. — EndHch verdient der Betrieb der Eisengruben Elba's 
(I 367) Erwähnung. Wegen der Schwierigkeit seiner Bearbeitung 
ist das Eisen später als das Kupfer in den allgemeinen Gebrauch 
gelangt. Diese bekannte Thatsache erhält in der Ueberlieferung dafs 
die Gruben Elba's zuerst Kupfer, späterhin nach dessen Erschöpfung 
Eisen geliefert hätten, ein mythisches Gewand.') In Wahrheit gehört 
die Insel zu den jüngeren Eroberungen der Etrusker. Wenn ihr 
Name Ilva bei dem liguriscben Stamm der Ilvates in der Gegend 
von Placentia wiederkehrt 2) , so wird man dieser Nation den ur- 
sprünglichen Besitz zuweisen müssen. Auch ist die Stadt Populonium 
welche die Erze verhüttete, nach der Errichtung des etruskischen 
Bundes gegründet worden. Ungleich der Gewinnung von Kupfer 
hat diejenige von Eisen in römischer Zeit fortgedauert und den 
Wellmarkt beherrscht. Aber das Metall wurde zur Verarbeitung 
nach anderen Städten verschickt, und die Schmelzhütten haben das 
Bild des Verfalls welches der einst so blühende Minendistrict dem 
Besucher unter der Regierung des Augustus darbot, nicht wesentlich 
beleben können. 3) 

Die grofse Strafse welche die etruskische Küste durchzieht, ist 
die Via Aurelia nach dem Censor des J. 241 C. Aurelius Cotta be- 
nannt.*) Sie reichte anfänglich von Rom wol nur bis Cosa (S. 311), 



1) (Aristot.) de tnirab. ausc. 93. 

2) Liv. XXXI 10 XXXIl 3t. 

3) Diod. V 13 Strab. V 223. 

4) Cic. Gatil. II 6 Phil. XII 22. 



300 Kapitel V. Etrurien. 

wurde später bis Pisa, 109 v. Chr. bis Genua und Dertona (S. 143) 
geführt. Der ursprüngliche Name wurde auf diese Fortsetzungen, 
ja sogar auf die ganze Strecke bis Arles in Gallien ausgedehnt. i) 
Unter den von Pisa ab verzeichneten Stationen gedenken wir der 
auf der Reisekarte erhaltenen ad Eines welche die alte Landesgrenze 
Italiens anzudeuten scheint (I 71). Sie ist ungefähr 24 Milben von 
Pisa entfernt; 30 Milben von Pisa Hegt Vada Volaterrana, wie der 
Name besagt, der Hafen der mächtigen Etruskerstadt.2) Das heutige 
Torre di Vada (2 m) nördlich vom Flufs Cecina bewahrt sein An- 
denken, aber im üebrigen hat die Gegend ihr Aussehen sehr ver- 
ändert (I 306). Der von Ost nach West strömende 78 kui lange 
Caedna'^) entwässert ein Gebiet von 937 Dkm. Die Hügel welche 
dasselbe zu neun Zehntel einnehmen, steigen gegen das Meer hin 
bis 619 m an. Die höheren Kuppen sind durch eruptive Massen 
gebildet, an deren Flanken sich Sedimente zumeist Mergel abgelagert 
haben. Den Charakter der Landschaft beschreibt Reyer also: „zu- 
hüchst ragen die dunklen eruptiven Waldkuppen , die oberen Ge- 
hänge bestehen aus harten Mergeln und sind von Cultur überkieidet, 
tiefer unten folgt das flache junge Mergelland schlecht bewachsen 
misfarbig und zerrissen. VVeifsgrau ist dieser Mergelboden, weich 
und schlammig wenn es regnet, hart und rissig nach langer Dürre. 
Jeder Bach , ja jeder Wasserfaden reifst in diese Massen tiefe 
Schrunden. Dann werden die Gehänge lose und rutschen nach. 
Die Wasser stauen sich und dringen tiefer ein. Da wird das ganze 
Erdreich breiig und bewegt sich als träger Schlammstrom durch die 
Schrunden. Der Pflanzenwuchs kann gegen diese unaufhörliche 
Verwüstung nicht aufkommen und so trägt das ganze Land jahraus 
jahrein den Stempel der Aenderung und Zerstörung." Aus dem 
Gesagten erklärt sich die Mächtigkeit der Anschwemmung, indem 
der kleine Caecina eine Bucht von 30 km Länge und 5 km mittlerer 
Breite ausgefüllt hat. Im Altertum war der Hafen nach Ausweis 
seines Namens noch von Lagunen umgeben. Ich kann mir nicht 
versagen die nalurwahre Schilderung die Rulilius von der Einfahrt 
giebt, an dieser Stelle zu wiederholen: 



1) lt. Ant. 289. 

2) Cic. pro Quinct. 24 Plin. III 50 Rutil. I 453 It. knL 292 It. mar. 501 
Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 CIL. XI p. 325. 

3) Plin. III 50; von Mela II 72 fälschlich als Stadt aufgefafst. 



§ 2. Das Erzgebirge. 301 

in Volaterraniim vero Vada nomine trachim 
iyigressns duhii tramitis dita lego. 

despectat prorae custos davumque sequentem 
dirigit et puppim voce monente regit. 

incertas gemina discriminat arbore fauces 
defixasque offert limes nterque sudes: 

Ulis proceras mos est adnectere lauros 
conspicuas ramis et fruticante coma, 

ut praehente viam densi symplegade limi 
servet inoffensas semita clara notas. 
Die Verse welche die in den Lagunen von Volterra betriebene 
Gewinnung von Seesalz beschreiben, sind früher (I 107) mitgetheilt 
worden. — Der traurige Anblick den die Gegend jetzt darbietet, 
kann ihr im Altertum nicht geeignet haben. Erst durch die Aus- 
rottung des Waldes sind die Abhänge entblüfst und den Angriffen 
des Regens schulzlos preisgegeben w^orden. Mag auch der Salz- 
gehalt des iMergels an vielen Orten zur Verkümmerung der Pflanzen 
beitragen, so hat doch Volterra im hannibalischen Kriege den Scipio 
Africanus mit Weizen unterstützt und hätte ohne ergiebigen Acker- 
bau niemals seine stolze Hübe erringen können. Zwischen dem 
Caecina und der nordwärts zum Arno fliefsenden Era, 20 Millien 
von der Küste entfernt erhebt sich 531 m der Stadthügel welcher 
auf seinem Scheitel Volaterrae, etruskisch Velaihri, Volterra trägt.i) 
Die Stadt ist von allen Seiten viele Meilen weit sichtbar, ihr Ge- 
sichtsfeld umfafst im Norden die Apuaner Alpen, im Westen die 
tyrrhenische See mit zahlreichen Inseln und dem Gebirgsrücken 
Corsica's. „Die Feldmark von Volterra — schreibt Strabo — wird 
vom Meer bespült, die Stadt nimmt den oberen Gipfel eines aus 
tiefer Schlucht hoch aufsteigenden abschüssigen Hügels ein. Der 
Aufstieg zu ihr vom Fufs ist 15 Stadien lang, ganz steil und 
schwierig." Die heutige Fahrstrafse vertheilt die Steigung nicht 
wie die Alten auf 2660 m sondern auf mehr als die dreifache Länge 
(8 — 9 km). Der Umfang der Mauer mifst 7280 m, annähernd das 
dreifache der gewöhnlichen Durchschnittslänge italischer Stadtmauern 
(S. 39). Die unregelmäfsige Form des Hügels bewirkt freilich 
dafs der eingeschlossene Raum den Umfang an entsprechender 
Gröfse nicht erreicht, da er nur etwa 130 ha beträgt. Von der 



1) Strab. V 223 Plin. 111 52 X 78 Plol.III 1,43 CIL XI p. 324. 



302 Kapitel V. Etruiien. 

Mauer sind zwei Thorburgen und viele Stücke bis 12 m Höhe und 
4 m Dicke erhalten: sie ist aus rechtwinkligen Blöcken eines gelb- 
lichen Kalksteins (Panchina) geschichtet der an Ort und Stelle 
bricht; denn eine Kalkplalte bedeckt auf dem ganzen Höhenzug 
die tertiären Mergel. Ferner werden aus römischer Epoche eine 
Piscina, unbedeutende Reste von Thermen sowie einem Theater 
oder Amphitheater gezeigt. — Das Stadtbild hat seit dem Altertum 
seine Züge mannichfach verändert. Die Scheitelfläche war ehedem 
ausgedehnter: namentlich an der West- doch auch an der Nordseite 
wäscht das Wasser den Mergel aus und bringt die unterhöhlte 
Kalkplatte mit den aufstehenden Gebäuden zum Einsturz; stellen- 
weise gähnen 100 m tiefe Abgründe. Aber wenn auch minder 
stark als der Augenschein des heutigen Tages lehrt, besafs der 
Platz doch eine Festigkeit die allen Angriffsmitteln einer früheren 
Zeit Hohn sprach. Angesichts ihrer Mauern begreifen wir alsbald 
wie diese königliche Stadt ein Gebiet beherrschte, dem an Aus- 
dehnung kein anderes in Etrurien gleich kam. Dasselbe wird kaum 
weniger als 50 d. D M. befafst haben: landeinwärts begegnet bis zu 
dem in der Luftlinie 80 km entfernten Arretium keine etruskische 
Stadt; nach Norden reichte es noch in römischer Epoche bis an 
oder über den Arno^J Jna Süden ist Populonium eine Colonie 
Volaterrae's, hat sich aber früh losgerissen. Für die Begrenzung 
im Süden gewährt die Münze einen wichtigen Anhalt; Kupferstücke 
mit dem etruskischen Stadtnamen sind ziemlich häufig, auch mögen 
die seltenen Goldmünzen einseiliger Prägung und ohne Aufschrift 
aus Volaterrae stammen, aber Silber ist hier nicht geschlagen worden 
(S. 73): ein deutlicher Beweis dafs die Silbergruben bei Montier! 
und Massa anderen Herren angehörten. — Die römische üeber- 
lieferung erwähnt Volaterrae in der Epoche der Könige, läfst die 
Römer 298 v. Chr. in der Nähe eine Schlacht gewinnen, berichtet 
205 dafs Scipio Weizen und Holzwerk für seine Schilfe geliefert 
erhielt. 2) Sodann ist die Stärke der Mauer 82 — 80 erprobt worden, 
als Geächtete und Etrusker in ihnen eine zweijährige Belagerung 
aushielten und schliefslich unter Vertrag abzogen. 3) Ein Gesetz 
Sulla's nahm den Volaterranern das Bürgerrecht und einen grofsen 



1) CIL. XI 1745 p. 325. 

2) Dion. H. III 51 Liv. X 12 XXVIII 45 interamenla navium. 

3) Cic. pro Kose. Amer. 20. 105 Liv. LXXXIX Gran, Lic. p. 38 Bonn 
Strab. V 223. 



§ 2. Das Erzgebirge. 303 

Theil ihrer Feldmark. Das Bürgerrecht in der Tribus Sabatina 
blieb unaogetastet, aber das Schicksal des Gebiets ist erst nach 
langen Streitigkeiten, in denen Cicero 63 und Caesar 59 beide als 
Consuln für die Geschädigten eintraten, endgültig geregelt worden, i) 
Die Colonie Saena wurde mit den eingezogenen Ländereien aus- 
gestattet (S. 312). — Das verbreitetste Geschlecht der Stadt führte 
vom nahen Flufs Caecina den Namen : drei Grabstätten desselben 
mit etruskischen und lateinischen Inschriften sind im 18. Jahrhundert 
aufgefunden worden. Der Name wiederholt sich Öfter in der Ueber- 
lieferung2): Cicero hat in der erhaltenen Rede den A. Caecina ver- 
theidigt und war mit dessen Sohn befreundet der Streitschriften 
gegen Caesar und theologische Tractate verfafste; ein anderer wird 
als Gefolgsmann Octavian's erwähnt; für die verschiedenen Träger 
des Namens im ersten Jahrhundert n. Chr. fehlt das ausdrückliche 
Zeugnifs volaterranischer Herkunft; aber der Stadtpraefect von 414 
war noch in der Heimat begütert und wurde 416 von Rutilius 
auf seiner Villa besucht. In der romischen Dichtung wird ferner 
als ihr Bürger Persius aufgeführt: Grabschriften von Geschlechts- 
genossen sind erhallen. 3) Im Uebrigen wissen wir wenig von 
Volaterrae zu sagen. Die Umgegend birgt Lager weifsen und 
bunten Alabasters, dessen Verarbeitung gegenwärtig den Gewerb- 
fleifs des Städtchens beschäftigt. Aus ihm sind zumeist die 1 m 
langen Aschenkislen gefertigt welche Grabungen in der nahen Ne- 
kropoHs zu Hunderlen an den Tag gefordert haben. Sie ent- 
stammen der jüngsten Entwicklung der etruskischen Kunst, etwa 
dem 2. Jahrhundert v. Chr., die Darstellungen gewähren lehrreiche 
Aufschlüsse über das Eindringen griechischer Mythen wie über die 
einheimischen Anschauungen. Während der Kaiserzeit wird die 
von den grofsen Verkehrswegen abseits gelegene Stadt kaum ge- 
nannt, von ihrer Uebergabe an Narses 511 abgesehen. 4) Auch als 
sie im Mittelalter wieder aufblühte, hat sie nur ein Drittel der von 
den Etruskern errichteten Ringmauer ausgefüllt. 



1) Cic. pro domo 79 pro Caec. 18. 102 ad Alt. I 19 Fam. XIII 4. 

2) Cic. pro Caec. Ifg. Orat. 102 Fam. VI 6,3; Cic. Fam. VI 5—8 X 25,3 
XIII 66 Suet. Caes. 75 b. Afric. 89 Plin. I 2 XI 197 Sen. Nat. Qu. II 39,1 49,1 
56,1; Cic. Alt. XVI 8,2 Appian b. civ. V6Ü; Plin. X 71 Tac. Ann. I 72 XIII 20 
Hist. I 52 u. a. — Rutil. I 466. 

3) Sueton p. 50. 72 Reiff. CIL. XI 1784. 85. 

4) Agath. 111. 



304 Kapitel V. Etrurien. 

Von Vada bis Popdonium sind 30 Millien.') Dies 286 m 
ansteigende 9 km lange Vorgebirge ist durch die Thätigkeit der 
Cornia deren antiken Namen wir nicht kennen, landfest geworden 
(I 306). Aehnlich wie der M. Argentaro hing es ehedem durch zwei 
Nehrungen mit dem Continent zusammen. Die dazwischen befind- 
liche Lagune deren Fischreichtum Rutilius und Cluver rühmen, ist 
verschwunden, ebenso die Hafenbucht von porlus Faleria oder Falesia 
Porto Falese 1 Millie nördlich von Piombino.^) Auf der Nordspitze 
(79 m) wo das Vorgebirge nach drei Seiten steil zum Meer abfällt, 
thront die demselben gleichnamige Stadt Popnloniwn, etruskisch 
Pupluna.^) Die Aussicht scheint durch die kaufmännischen Be- 
sucher in der hellenischen Welt Ruf erlangt zu haben. Während 
Eratosthenes die Sichtbarkeit Sardiniens und Corsica's vom Fest- 
land aus leugnet, Artemidor ihre Entfernung auf 1200 Stadien 
erhöht, behauptet Strabo er habe Corsica in einem Abstand 
von 600 Stadien deutlich, in gröfserer Ferne Sardinien schwach 
mit eigenen Augen wahrgenommen. Die erste Hälfte seiner 
Aussage trifft zu, die zweite beruht auf einem Irrtum: wenn auch 
das Auge bei hellem W'etter die 20 d. M. entfernten Berge von 
Spezia erspäht, so wird doch die Richtung nach dem 30 d. M. 
entfernten Sardinien durch das massige Elba völlig verdeckt. Der 
Umkreis der Mauer mifst reichlich 272 km und läuft in einer ziem- 
lich unregelmäfsigen birnenföimigen Gestalt 25 ha umschliefsend 
(S. 37). Die insulare Lage der Stadt welche in Etrurien ohne 
gleichen ist, weist klar darauf hin dafs sie nicht von Ackerbauern, 
sondern als Seeburg zur Beherrschung des benachbarten Elba das 
ein an schmälster Stelle 9 km breiter Sund vom Festland trennt, 
gegründet ward. Damit stimmt die Ueberlieferung in ihren ver- 
schiedenen Fassungen überein: die eine läfst Populonium nach Er- 
richtung des Zwölfstädtebundes von einem aus Corsica kommenden 
Stamm, die andere als Colonie Volaterrae's erbaut, eine dritte den 
Corsen durch Volaterrae entrissen werden. Die Erwähnung der 

1) So It. mar. 501; It. Ant. 292 giebt 25, Tab. Peut. nur 12 an. Geogr. 
Rav.IV32 V2. 

2) Rutil. I 371 f?. It. mar. 501 Cluver 475. 

3) Ptol. 111 [,A no7T?.Cbviov nöXi-s nonlciviov äxoov; (Aristot.) de mir. ausc. 
93 Diod. V 13 Strab. V 222 fg. Steph. ßyz.; Liv. XX VIII 45 XXX 39 Plin. III 
50. 81 XIV 9. Die Form Populonia findet sich Mela II 72 Verg. Aen. X 172 
dazu Serv. Rutil. I 401; Frontin Str. I 2,7 nur durch Conjeclur die sachlich 
verfehlt ist (S. 306 A. 5). CIL. XI p. 412. 



§ 2. Das Erzgebirge. 305 

Corsen wird verständlich, wenn wir daran erinnern dafs die Ueber- 
fahrt nach dem den Etriiskern vom 6. bis 4. Jahrhundert zins- 
pflichtigen Waldland (I 365) von diesem Hafen aus stattfand. i) Von 
der Mutterstadt Volaterrae mufs sich Populonium bald unabhängig 
gemacht haben. Darauf führt die auf seinen Namen geschlagene 
altertümliche Münze, wie es denn die wichtigste Prägstätte Etruriens 
in Silber und Kupfer gewesen ist (S. 73). Im Kampfe mit den 
Hellenen, z. B. 453 als eine syrakusische Flotte vorübergehend Elba 
eroberte 2), Gel ihm die Rolle eines Vorkämpfers zu. Am Fufs des 
Stadthügels öffnet sich die geschützte Hafenbucht Baratti, wo die 
fremden Kauffahrer das jedem Wettbewerb trotzende Eisen von 
Elba einluden. Dafs die Hellenen auch unmittelbar von der Insel 
Erze geholt haben, lehrt der von ihnen benannte portus Argous 
Porto Ferraio (I 368). Aber in den erhaltenen Berichten hat 
Populonium durchaus den Betrieb der Gruben in der Hand und 
liegen die Schmelzen auf dem Festland. 3) Aufserdem besafs es einen 
guten Theil des festländischen Minendistricts: 10 km entfernt bei 
der Eisenbahnstation Campiglia liegen die heifsen Quellen le Caldane 
Aquae Populoniae, noch jetzt zu Badezwecken verwandt. *) Wie 
weit sich indessen sein Gebiet erstreckte, läfst sich bei der äufser- 
sten Seltenheit lateinischer Inschriften in diesen wenig durchforsch- 
ten Strichen nicht bestimmen. — Nach Vergil kamen dem Aeneas 
600 Mann von Populonium, 300 von Ilva zu Hülfe; 205 ward für 
Scipio's Rüstung das erforderliche Eisen beigesteuert. Wie in Vo- 
laterrae haben die Gegner SuUa's auch hier hartnäckigen Wider- 
stand geleistet: von der Zeit schreibt sich der Niedergang der 
Stadt her. Strabo fand sie bis auf die Tempel und wenige Häuser 
verlassen, dagegen den Hafen mit zwei Werften ziemlich belebt. 
Er sah die Schmelzöfen für die ilvatischen Erze in Thätigkeit, er- 
wähnt auch eine Warte zur Ausschau nach den Zügen des Thun- 
fisches (I 111). Vier Jahrhunderte später schildert Rutilius die 
Verödung: agnosci tiequennt aevi momimenta prioris, 
grandia C07isumpsit moenia tempus edax. 
sola manent intercepti's vestigia muris, 



1) Liv. XXX 39 Slrab. V 223 lt. mar. 513 wo die Entfernungsangabe von 
600 Stadien zeigt dafs Gorsica ausgefallen ist. 

2) Diod. XI 88. 

3) (Aristot.) de mir. ausc. 93 Varro bei Serv. V. Aen. X 174 Strab. V 223. 

4) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36. 

Kissen, Ital. Landeskunde. II. 20 



306 Kapitel V. Etruiien. 

ruderihus latis tecta sepnlta iacent. 
non indignemur mortalia corpora solvi: 

cernimus exemplis oppida posse mori. 
Der HafeDort hat sich länt^er behauptet und ist Bischofsitz ge- 
wesen 1), bis die Wildheit der Zeiten den Schutz der Hohe aufzu- 
suchen nötigte: ein mittelalterhches Castell liegt jetzt innerhalb der 
Etruskerfeslung. 

Von der Via Aurelia zweigte eine Strafse über Aquae Populo- 
niae nach dem 56 Millien entfernten Siena ab. Dieselbe durch- 
schnitt den eigentlichen Bergwerksdistrict von Campiglia Massa 
Marittinia und Montieri; aber die antike Topographie der ganzen 
Gegend liegt im Unklaren, und die zweite dieser Ortschaften für 
Massa Veternensis auszugeben ist reine Willkür, da der IName Massa 
an vielen Stellen Toscana's wiederkehrt. 2) Das Vorgebirge Popu- 
lonium begrenzt nach INordwesten den halbkreisförmigen Golf von 
Piombino oder FoUonica; ihm gegenüber bei 20 km Abstand im 
Südosten springt das Vorgebirge Troia vor. 3) Der letztere Stock 
steigt im M. Ballone 630 m, weiter westlich im Hügel von Colonna 
12 km vom Meer 345 m an. Neuere Forschungen haben gelehrt 
dafs der Hügel von Colonna eine ansehnliche elruskische Stadt trug, 
die bei einem Mauerring von rund 5 km und einem Flächeninhalt 
von 120 ha unbedenklich den Grolsslädlen Etruriens wie Italiens 
(S. 37) zuzurechnen ist. 4) J. Falchi hat 1881 zuerst in ihr das 
lange vermifste und an vielen Orten gesuchte Vetulonmm erkannt 5): 
die spärlichen Anhaltspuncte zur Bestimmung der Lage trelfen zu, 
das entscheidende Zeugnifs einer Inschrift steht noch aus. Seinen 
Ruhm bei der Machwelt verdankte Vetulonium dem Silius der den 
Verfall innerhalb der verödeten Mauern vielleicht aus eigener An- 



1) Gregor M. Reg. 1 15. 

2) Animian XIV 11,27. 

3) Ptol. III 1,4 nennt an dieser Stelle Tqdiavov Xifiiyv; jedoch ist der 
Name vermutlich verschoben und auf Centumcellae oder Porliis, nicht auf Troia 
zu beziehen. 

4) Notizie degli Scavi 1882 p. 251 fg. 1885 p. 9Sfg. mit Plan. 

5) Der Name der Bürger Vetulonenses steht inschriftlich fest CIL. XI p, 
414, nicht der Stadtname: Vetulonü Plin. II 227 Vutulonia Sil. It. VIII 483 
Velulonhim Ptol. III 1,43. Der Name wird Frontin Str. I 2,7 für das hand- 
schriftliche oppidiim vel coloniam einzusetzen sein. Der erzählte Vorgang 
bezieht sich auf den Feldzug von 225 der bei Telamon zum Abschlufs kam 
(S. 309). 



§ 2. Das Erzgebirge. 307 

schauuDg kannte und nun zur Steigerung des Gegensatzes die In- 
signien der römischen Magistratur, Lictoren curulischen Sessel Pur- 
purtoga und Kriegstrompete von hier ableitete, i) Sein Rang als 
Zvvolfstadt ist unbestritten (S. 280), auch ist es Municipium in der 
Tribus Scaptia gewesen und hat Rekruten zur Besatzung des kaiser- 
lichen Rom gestellt 2); aber da seiner in der Ueberlieferung histo- 
rischer Zeiten nirgends gedacht wird, mufs die Bedeutung früh auf- 
gehört haben. 3) Seit dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung 
(I 417 A. 7) hat das Fieber von der ganzen Gegend Besitz ergriffen 
und die Beute nicht wieder fahren lassen. Die Oede und Schreck- 
nifs der Maremma hat die Herrlichkeit der alten Etrusker in einem 
Grade unversehrt erbalten der sich nirgends wiederholt. Nachdem 
der Schleier des Geheimnisses gelüftet ward, haben die fortgesetzten 
Ausgrabungen das Museum von Florenz um eine schier unüberseh- 
bare Fülle von Gerätschaften bereichert.*) Der bereits (I 44) vor- 
gesehene Fall dafs der monumentale Thatbestand das fehlende 
Zeugnifs der Schrift ersetzen kann, liegt hier zweifellos vor. In- 
dessen beschränkt sich der geschichtliche Gewinn der den Gräber- 
schätzen enthoben wird, auf ein paar allgemeine Umrisse. Die 
etruskische Cultur zeigt in Vetulonium die altertümhchsten Formen. 
Ihre Blüte ist vor dem Eingreifen der Römer geknickt worden. 
Man erstaunt über die Masse von Goldschmuck die den Todten als 
Mitgift gesteuert wurde^): im Leben ist das edle Metall nicht in 
den Dienst des Verkehrs gestellt worden wie andere Schwesterstädte 
gethan haben. Vetulonium hat nur Kleinkupfer gemünzt (S. 73). 
Daraus läfst sich der Scblufs ziehen dafs es bereits früh im 5. Jahr- 
hundert von schweren Schlägen heimgesucht und ins Hintertreffen 
gedrängt wurde. 

Zwischen den Vorgebirgen von Troia und Talamone drang 
ehedem eine Bucht von etwa 20 km Länge und Breite ein die 



1) VIII 483 Maeoniaeque decus quondam VeUdonia genlis. 

2) Epii. ep. V p, 258. 

3) Diori. H. IJI 51 Plin. III 52. 

•1) Die ziemlich umfassende Litleratur beginnt mit Falchi, Ricerche di 
Vetulonia, Piato 1881, und setzt sicli in den Zeitschriften, namentlich den 
Not. d. Scavi 1882 — 1900 fort. Seine Berichte aus den Notizie hat Falchi 
Firenze 1892 gesondert herausgegeben. 

5) G. Karo, Le oreficerie di Vetulonia in Milani's Studi di Archeologia, 
Firenze 1901. 

20* 



308 Kapitel V. Etrurien. 

nachgerade fast völlig ausgefüllt oder in Sumpf umgewandelt ist. 
Daran arbeiten im Norden die kleine Bruna (Prilis?) im Süden der 
reifsende Umbro Ombrone (I 307)J) Der erstgenannte Flufs mündete 
in den lacus Prilins die grofse Lagune von Castiglione ein. An 
der Mündung des Ombrone befand sich im Altertum ein sicherer 
Hafen. In dem zwischen beiden Flüssen vorspringenden Höhenzug 
nahm Rusellae auf einem abgestumpften Kegel (184 m) gelegen eine 
die Umgegend beherrschende Stellung ein. 2) Es ist in der Luft- 
linie nur 15 km von Vetulonium entfernt und scheint, obwol nur 
halb so grofs, diesem in historischen Zeiten den Rang abgelaufen 
zu haben. Die Ringmauer in verschiedener Bauart und zum Theil 
aus gewaltigen Blöcken geschichtet, steht stellenvveis bis zur Höhe 
von 7 — 10 m. Ihr Umfang mifst 3150 m. Sie beschreibt ein 
längliches Viereck mit verschiedenen Ausbuchtungen und umschUefst 
eine Fläche von reichlich 60 ha. Sechs Thore sind kenntlich, ferner 
Ruinen aus römischer und Gräber aus etruskischer Zeit vorhanden. 
Rusellae wird unter den Zwullstädten genannt und hat an den 
Kämpfen gegen Rom Theil genommen : 294 v. Chr. hören wir ward 
sie mit grofser Einbufse an Menschen von den Römern erobert. 
Die von ilir 205 dem Scipio geleistete Beisteuer von Getreide und 
Bauholz läfst Ackerbau und Waldwirtschaft als ihre vornehmsten 
Erwerbszweige erkennen. Für die Ausdehnung und Güte der Feld- 
mark zeugt der Umstand dafs eine Colonie sei es von den Triumvirn 
sei es von Augustus hier angesiedelt wurde (S. 32). Die Ueber- 
heferung schweigt über deren Sciiicksale, aber die langsame Zu- 
nahme der Malaria (1417) kündet nichts Erfreuliches.^) Bis 1138 
hat die Stadt fortbestanden: damals ward das Bistum nach dem 
5 Millien entfernten Grosseto übertragen und der alte Cullursitz 
der Wildnifs des Waldes preis gegeben. 

Südlich vom Ombrone streicht an der Küste 15 km lang eine 
Bergkette hin die bis 415 m ansteigt und im promnntiirium Telamon 
Punta di Talamoue (35 m) endigt.4) Das Vorgebirge wird nach 
dem gleichnamigen Hafen bezeichnet. Talamoue ist gegenwärtig 



1) Plin. 111 51 Rutil. I 337 Steph. Byz. II. mar. 50ü Tab. Peut. Geogr. Rav. 
IV 32 V 2. 

2) Dion. H. III 51 Liv. X 4. 37 XXVIII 45 Plin. III 51 Plol. III 1,43 CIL. 
XI p. 414. 

3) Gregor M. Reg. 1 15 V 57 a subscr. 

4) Ptol. III 1,4. 



§ 2. Das Erzgebirge. 309 

ein armseliges Nest mit versandeter Rhede. Die aus römischer Zeit 
vorhandenen Ruinen beu'eisen dafs dieser verfieberte Strand einst 
mit Villen bedeckt war. Wenn die Kupfermünzen mit der etrus- 
kischen Aufschrift Tla^ wie man mit gutem Grund annimmt (S. 73), 
wirklich Telamon angehören, so kann die Stadt nicht unbedeutend 
gewesen sein. Zum gleichen Ergebnifs führt die Ueberlieferungi): 
Timaeos kannte den Ort und brachte ihn mit der Fahrt der Argo- 
nauten in Verbindung; in der Nähe ward 225 v. Chr. der grofse 
Sieg über die Kelten erfochten; in diesem Hafen landete Marius 
87 bei seiner Rückkehr aus Africa. Von den Erwähnungen bei 
den Geographen abgesehen, verschwindet er sodann bis zum 14. 
Jahrhundert. Freilich kann der Hafen in romischer Zeit kein selbst- 
ständiges Gemeinwesen gebildet haben, das ihm von Stephanos von 
ßyzanz beigelegt wird. Allein grofse Umwälzungen haben in dieser 
Gegend stattgefunden. Eine verschollene Stadt lag 10 km von der 
Küste bei Magliano, wo Dennis die Spuren einer grofsen etruskischen 
Anlage entdeckt hat. 2) — In dem durch das Vorgebirge von Tala- 
mone und dem M. Argentaro begrenzten Golf ergiefsen sich das 
Flüfschen Osa Osa 3) und die Albinia Albegna ^) : Ueberreste der 
Römerbrücke sind in der Osa noch sichtbar. Der mons Argenta- 
rius^) ist der letzte unter jenen Gebirgstocken der etruskischen 
Küste, die vermöge ihrer älteren Gesteinbildung als Trümmer der 
teklonischen Hauptaxe Italiens betrachtet werden (I 222). Er steigt 
steil in zwei Gipfeln bis zur Höhe von 635 m an. Rutilius hat 
seinen Umfang nahezu um das doppelte überschätzt: 

tenditur in niedias mons Argentarius undas 
ancipitt'que iugo caerula curva premit; 

transversos colles bis ternis milibus artat, 
circuitu ponti ter duodena patet. 



1) Diod. IV 56,6 (aus Timaeos); Pol. II 27,2; Plut. Mar. 41,2; Steph. Byz. 
Mela II 72 Plin. III 51, It. mar. 500 Talamon, Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2. 

2) Dennis II 263 fg. nimmt sie für Vetulonium in Anspruch. Eher wäre 
an Calelra zu denken Plin. HI 52 Liv. XXXIX 55. 

3) Dafs Ptol. III 1,4 unter den Flüssen Elruriens aufser dem Arno nur 
diesen winzigen Bach namhaft macht, ist Zufall, die Nennung indefs ein be- 
merkenswertes Zeugnifs für die Ausführlichkeit seiner Vorlagen. 

4) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2; It. mar. 500 Alminia. 

5) Rutil. I 315. Nach Gluvers Vermutung Cosanum promunturium Tac. 
Ann. 11 39 (cod. coram, Lipsius Cosam). 



310 Kapitel V. Etrurien. 

Von den Nehrungen die ihn mit dem Festland verbinden und 
der von diesen umschlossenen Lagune ward schon früher (I 307) 
berichtet. Auf der Spitze der mittleren liegt, an drei Seiten vom 
Wasser geschützt (der Damm nach dem Argenlaro stammt aus neuerer 
Zeit), das Städtchen Orbelello. Es hat eine antike Mauer im Poly- 
gonalstil, antike Gräber werden auf dem Isthmus wie innerhalb 
der Stadt selbst gefunden : den Namen der antiken Ortschaft wissen 
wir leider nicht. An der Nordspitze des Argentaro liegt der portus 
Incüaria Porto S. Stefano i), an der Südspilze der portus Cosatms'^) 
oder portus Hercuh's ^) Porto Ercole genannt. Letzterem gegenüber 
auf dem Festland wo der Lido, Tombolo di Feniglia an dasselbe 
stufst, erhebt sich ein 114 m hoher Kegel mit den Ruinen von 
Cosa.*) Wiewol die Tradition seit Karl dem Grofsen ihnen den 
Namen Ansedonia beilegt, gestattet die Beschreibung Strabons keinen 
Zweifel über ihre Zugehörigkeit. „Nach Populonium folgt Cosa eine 
Stadt ein wenig oberhalb des Meeres; es befindet sich am Golf ein 
hoher Hügel, auf diesem die Anlage; darunter liegt Herculeshafen 
und in der Nähe eine Lagune und an dem Vorgebirge über dem 
Golf eine Warte zur Ausschau nach den Zügen der Thunfische." 
Die Anlage bildet ein unregelmäfsiges Viereck von 1470 m Um- 
ang und 14 ha Flächeninhalt (S. 39). Die 2 m dicke Mauer steht 
noch stellenweise in einer Hohe von 10 m; sie ist aus vieleckigen 
Blöcken die in den oberen Schichten in Rechtecke übergehen, mit 
höchster Sorgfalt errichtet. Die Angriffseite nach dem Meer zu 
wird durch 8, die Südseite durch 6 Thürme verstärkt; aufserdem 
linden sich ihrer an der Ost- 2, an der schmalen Nordseite 1 ; von 
2 von Innen an die Mauer angelehnten Rundthürmen abgesehen, 
sind die übrigen viereckig in die Mauer eingebaut und springen 
4 — 5 m aus der Flucht vor. Die Stadt hat 3 Thore, jede Seite 
eins, nur die Seeseite bietet eine ununterbrochene Wehr. Die Aus- 
rüstung mit Thürmcn weist die Mauer einer jüngeren Epoche zu; 
wir dürfen ihre Entstehung den Römern und der ersten Hälfte des 
dritten Jahrhunderts v. Chr. unbedenklich zuschreiben. Das Gebiet 



1) it. mar. 499. 

2) Liv. XXII 11 XXX 39 Geogr. Rav. IV 32 V 2. 

3) Sirab. V 225 Rutil. I 293 It. mar. 499 Tab. Peut. 

4) Streb. V 222. 225 Mela 11 72 Plin. 111 51. 81 Solion 14 (FHGr. IV 437); 
Ptol. III 1,4 Köaaai Verg. Aen.X 168 Cosac dazu Serv. u. Macrob. Sat. V 15,4. 7; 
It. Ant. 292. 300 lt. mar. 514 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 CIL. XI p. 415. 



§ 2. Das Erzgebirge. 311 

ist den 280 besiegleu Volcienteru abgenommen, die Stadt 273 als 
latinische Colonie gegründet worden. i) Der Augenschein lehrt dafs 
die Stadt nicht die Gesamtheit der Ansiedler aufnahm, sondern 
vielmehr als Waffenplatz zur Beherrschung der Häfen des Argeniaro 
dienen sollte. Für die ihm zuerkannte Wichtigkeit zeugt der Um- 
stand dafs er durch die Via Clodia unmittelbar mit Rom verbunden 
war; für seine politische Bedeutung zeugt der Umstand dafs er in 
Kupfer gemünzt hat (S. 73). Die Stürme des hannibalischen 
Krieges hindurch hielt die Colonie standhaft zu Rom und schmolz 
schhefslich so zusammen dafs sie nach einer 199 vergeblich vorge- 
brachten Bitte um Verstärkung 197 wirklich 1000 neue Ansiedler 
zugestanden bekam. 2) In der Folge werden nur die Häfen und 
zwar ziemhch oft erwähnt.^) Inschriften der Gemeinde aus dem 
3, Jahrhundert n. Chr. sind erhalten, aber die Stadt sah Rutilius 
verödet: ceinimus antiqnas nullo custode ruinas 

et desolatae moenia foeda Cosae. 

Am Fufs des Stadlhügels künden romische Ruinen den Ort 
Succosa an, wo die binnenländische Via Clodia mit der an der Küste 
hinlaufenden Via Aureha zusammen traf.^) 

Der Flufs Armenta Fiora^) stellt die ungefähre Grenze des 
vulkanischen Gebiets dar (I 257). Durch das zu der eben be- 
schriebenen Küste gehörende Hinterland führte keine grofse Römer- 
strafse von Süden nach Norden; auch hat die Natur solche weiter 
ostwärts in der Einsenkung des Tiber und Clanis vorgezeichnet. 
Dem toscanischen Hügelland fehlt die übersichthche Ghedernng 
(1233): demgemäfs sind die binnenländischen Städte durch Neben- 
strafsen die den Flufsläufen folgen, mit den Haupllinien verbunden. 
Unsere Kenntnifs dieser wenig besuchten Gegenden ist recht dürftig. 
— Am linken Ufer der Albegna 30 km von der Küste nimml Saturnia 
einen Bergkegel (290 m) ein.ß) Der heutige kümmerliche Ort bean- 



1) Vell. I 14 Liv. XIV Plin. 111 51. 

2) Liv. XXVII 10 XXXII 2 XXXIII 24. 

3) Vgl. S. 310 Ann. 1—3. Sallust Hist. fr. I 82 (p. 22. 37 Maurenbrecher), 
Caes. b. civ. 1 34 Cic. Alt. IX 6,2 9,3. An die Güter des Domitius erinnert die 
Domitiana positio am nördlichen Lido, Tombolo della Giannella It. mar. 499 
sowie CIL. XI 2638. 

4) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2. 

5) Geogr. Rav. IV 82 V 2; Armenita Tab. Peut.: Amine It. mar. 499. 

6) Plin. III 52 Ptol. III 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 V 2 CIL. XI p. 419 
Not. d. Scav. 1882 p. 53 fg. 



312 Kapitel V. Etrurien. 

sprucht nur einen kleinen ßruchtheil der alten Umwallung. Diese 
in der Länge von 3 km sclilofs ein uuregelmäfsiges Viereck mit 
50 ha Fläche (S. 37) ein. Die vorhandenen Mauerreste weisen die 
nämliche Bauart wie in Cosa auf. Allerlei Ruinen aus römischer 
Zeit sowie ein ausgedehntes Gräberfeld mit eigentümHchen rohen 
Steinsärgen sind vorhanden. Aus den Thoren führen Sirafsen mit 
tlieilweise erhaltenem antiken Pflaster südwärts nach Rom zu, in 
südweslUcher Richtung die Albegna hinunter, in nordwestlicher nach 
Rusellae, in nördlicher nach Siena, in östlicher nach Volsinii. Es 
ist klar, die Stadt kann nicht unbedeutend gewesen sein. Nach 
der Ueberheferung i) stammt sie aus der Epoche vor Ankunft der 
Etrusker und ist von diesen später erobert worden. Immerhin 
schreibt sich der Name Saturnia von der römischen Colonie des J. 
183 v. Chr. her, während er vordem Anria gelautet halte. Auch 
ist sie vordem nicht selbständig, sondern von Caletra (S. 309 A. 2) 
abhängig gewesen. Die römische Colonie bestand aus Bürgern der 
Tribus Sabatina, von denen Jeder ein Los von 10 Juchert zuge- 
wiesen bekam. Dafs die Colonie einem fremden Gemeinwesen ein- 
gefügt wurde, erhellt auch daraus dafs nicht von Beamten eigener 
Wahl, sondern von Praefecten die der Praetor aus Rom alljährlich 
entsandte. Recht gesprochen wurde. Wie lange die Scheidung in 
zwei Gemeinden innerhalb derselben Mauer gedauert habe, ist nicht 
zu sagen: jedesfalls hörte sie mit der allgemeinen Erlheilung des 
Bürgerrechts an die Italiker auf. In den Listen des Augustus steht 
Saturnia unter den Municipien, erhielt aber später den Titel Colonie. 
— Zwischen dem Quellgebiet des Ombrone einer- und der nach 
Norden in den Arno fliefsenden Elsa anderseits auf einem Hügel- 
rücken liegt Saena oder colonia Julia Saena Siena 319 m ü. Meer. 2) 
Von einer älteren etruskischen Ansiedlung fehlt jede Spur; alle 
Wahrscheinlichkeit spricht dafür dafs die Stadt auf dem den Vola- 
terranern abgenommenen Gebiet (S. 303) von Octavian gegründet 
worden sei (S. 32). Wie eine Erzählung bei Tacitus beweist, hat 
es den Bewohnern an Selbstgefühl nicht gebrochen. Sie gehörten 
zur Tribus Ufentina. Mit den Ueberresten des Altertums hat im 
Uebrigen der glorreiche Aufschwung des Mittelalters gründlich auf- 
geräumt. 

1) Dion. H. 1 20 Liv. XXXIX 55 Fest. 233 iM. App. b. civ. I 89. 

2) Plin. III 51 Tac. Bist. IV 45 Ptol. III 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 
CIL. XI p. 332. 



§ 3. Der Osten. 313 



§ 3. Der Osten. 

Das toscanische Hügelland wird im Norden durch das Arno-, 
im Osten durch das Chianathal begrenzt (! 232). Der Arno flofs 
ehemals nach Süden und vereinigte sich mit dem Tiber bei Orvieto 
(I 304). In Folge dessen hängen die grofsen inneren in der Rich- 
tungsaxe des Appennin streichenden Längenthäler unter einander 
zusammen und bestimmen damit zugleich den Gang des Verkehrs. 
Drei Hauptstrafsen führten und führen von Rom nach iNorditalien: 
die Via Aureha an der tyrrhenischen, die Flaminia an der adriatischen 
Küste, in der Mitte durch Etrurien die Cassia.i) Die letztgenannte 
ist die jüngste unter ihnen: während die Küstenstrafsen aus den 
Jahren 241 und 220 v. Chr. stammen, ist diese sei es 154 oder 
wahrscheinlicher 125 vom Censor Cassius gebaut worden. Die 
Römer haben der Flaminia als der bequemsten den Vorzug ge- 
geben 2), da sie nur den Pafs von Scheggia zu überwinden hat und 
sonst ohne plötzhche Steigungen in der Ebene hin läuft. Aber sie 
macht einen Umweg von etwa 40 km gegenüber der Cassia. Wenn 
daher in der Gegenwart die kürzeste und wichtigste Verbindungs- 
linie zwischen Rom und dem Norden die Mitte der Halbinsel ein- 
hält, so mufs solche auch für das Altertum von hervorragender 
Wichtigkeit gewesen sein. Insonderheit erhellt dies aus der Kriegs- 
geschichte: von Brennus bis auf Hannibal sind all die gallischen 
Heerscharen welche die Freiheit Itahens bedrohten, durch das Chiana- 
thal gezogen. Der W^eg selbst konnte nach Beute lüsterne Gesellen 
iinlocken; was 217 v. Chr. von dem Anfang ausgesagt wird, gilt 
vom Ganzen'^): „die Gegend gehörte zu den fruchtbarsten Italiens, das 
etruskische Gefilde zwischen Faesulae und Arretium, mit Getreide 
und Heerden und allen Bedürfnissen reichUch ausgestattet." In 
wechselnder Breite von 4—10 km erstreckt sich das Thal 70 km 
von Nord nach Süd: auf seiner Fruchtbarkeit beruhte vornehmhch 
der Ruf dessen Etrurien als Kornland bei den Allen genofs (S. 280). 
Wenn es durch lange Verwahrlosung versumpft, im Mittelalter ein 
einziger Fieberherd geworden war (I 299), so stand es zur etrus- 
kischen Zeit in kräftiger Blüte: eine Fülle von Nekropolen kündet 



1) Cic. Philipp. XII 22. 

2) Strab. V 226. 

3) Liv. XXII 3 von Pol. III 80,3 82,1 auf das Chianathal bezogen. 



314 Kapitel V. Etrurien. 

(las Dasein von Ortschaften deren Namen wir nicht kennen, deren 
Wolstand durch die Ausstattung der Gräber bezeugt wird. Die 
günstige Verkehrslage rief einen bedeutenden Gewerbfleifs ins Leben, 
der noch in der Kaiserzeit auf dem Weltmarkt seine Geltung be- 
hauptete. Ein volles Drittel von den zwölf herrschenden Städten 
fällt auf diesen Theil des Landes. Sie verfolgen in der Regel eine 
Sonderpolitik, von den Seestädten durch die ausgedehnten Waldungen 
der toscauischen Hügel geschieden und darauf angewiesen sich der 
andrängenden ümbrer und Kelten zu erwehren. 

Die Via Cassia von Florenz bis Arezzo mifst 50 Millien. Halb- 
wegs bei S. Giovanni verzeichnet das Heisebuch die Station ad 
Fines sive Casas Caesarianas ^) : die erste Bezeichnung erinnert an 
die alte Grenze des italischen Bundes (I 71), die zweite an die 
Landanweisungen Octavians (S. 296); zugleich wird hier die Grenze 
zwischen den Gemarkungen der beiden genannten Städte anzu- 
setzen sein. Die übrigen Gewährsmänner theilen den Weg nach 
anderen Stationen ab: ad Aquilam Wirtshaus zum Adler^j und einer 
Ortschaft unsicherer Lesung.^) — Während der römischen Herrschaft 
nimmt Arretium unter den ostetrurischen Städten den obersten 
Platz ein.-i) Die Bodengestaltung sicherte ihm eine hervorragende 
Wichtigkeit im Krieg wie \n\ Frieden. Am Nordende des Chiana- 
thals wo der Arno seine rückläufige Wendung um den Stock des 
I'ratomagno beginnt (I 304), lehnt es sich an den Gebirgszug der 
die Chiana von dem oberen Tiber scheidet. Indem derart zwei 
Einsenkungen wie die Zinken einer Gabel au den langen südwärts 
gerichteten Spalt der Chiana ansetzen, hat die kürzere, das Casen- 
tino, keine bequemen Pässe nach der adriatischen Küste aufzu- 
weisen. Dagegen münden alle Uebergänge welche an die Sieve und 
an den mittteren Arno führen, naturgemäfs in das Chianathal aus: 
zumal in einer Epoche als die Ufer des unteren Arno noch ver- 
versumpft waren (S. 292) und keine grofse Heerstrafse die tosca- 
nische Waldlandschaft durchschnitt. Aufserdem aber sinkt der den 



1) IL Ant. 285. 

2) Tab. I^eut. ad Aquileia Geogr. Rav. IV 36 Equilia Ptol. III 1,43 
"AxovovXa (Paris. A). 

3) Tab. ^evii. Bituriza Geogr. Rav. IV 36 Delurnis Ptol. III 1,43 BirovQyia 
Guido 52 Veturris. 

4) Strab. V 222. 226 Plin. IM 52 Ptol. III 1,43 Steph. Byz. It. Ant. 285 Tab. 
Peut. Geogr. Rav. IV 36 CIL. XI p. 336. 



§ 3. Der Osten. 315 

Tiber und Clanis trennende Bergzug bei Arezzo lief ein, so dafs 
man ohne wesentliche Steigung sei es nach Anghiari und Borgo 
S. Sepolcro (beides wie es scheint antike Ortschaften unbekannten 
Namens) sei es weiter unterhalb geradewegs nach Tifernum gelangt. 
Da begangene Pässe vom oberen Tiber an den Ariminus und Me- 
taurus hinüber leiten, so führt eine ununterbrochene Verbindung 
zwischen den beiden italischen Meeren an den Mauern Arretiums 
vorbei. Nach dem Gesagten versteht man dafs dasselbe für die 
Vertheidigung der Halbinsel einen ähnlichen Stützpunct im Westen 
wie Ariminura im Osten des Appennin abgab. Im 3. Jahrhundert 
V. Chr. war es Grenzfestung gegen den feindlichen Norden , unter 
deren Schutz die Römer 283 und 217 den Angriff der Kelten er- 
warteten, i) Die Grenzfestung ward 49 von Caesar besetzt, um nach 
der Ueberrumpelung von Ariminum auch die zweite Anmarschlinie 
auf Rom in seine Gewalt zu bringen. 2) Sie diente 82 den Marianern, 
40 dem Octavian als Waffen platz. 3) — Ihr Gebiet hat sich weithin 
erstreckt. Nach Norden behaupteten zwar die Umbrer im Casentino 
ein selbständiges Gemeinwesen (S. 296); aber im Nordosten ent- 
sprang der Tiber auf Arretiner Grund und Boden der auch ein gut 
Stück abwärts nach Tifernum zu reichte.^) Im Nordwesten nahmen 
wir die Grenze gegen Florenz bei S. Giovanni am Arno an (S. 314); 
indessen ist recht wol möglich dafs sie in etruskischer Zeit viel 
weiter hinausgriff, sogar Faesulae als Colonie einschlofs (S. 294). 
Nach Westen stiefs sie mit derjenigen von Volaterrae zusammen 
(S. 302). Endlich gehörte ein ziemlicher Theil vom Chianathal hinzu. 
Im Jahre 108 v. Chr. richtete eine Ueberschwemmung des stagnum 
Arretimim schweres Unheil an 5): diese Niederung wird am Clanis 
zu suchen sein. Letzterer heifst bei Pliuius Arretinus^): der Ab- 
flufs nach dem Tiber mufs also jedenfalls nördlich von Cortona 
begonnen haben. Aber bei der völligen Umgestaltung des Bodens 
im vorigen Jahrhundert (I 305) wird es schwer halten das ehemahge 
Verhältnifs von Sumpf- und Ackerland zu einander festzustellen. 



1) Pol. II 16,2 19,7 III 77,1 80,1 Liv. XXII 2. 3 Gic. Div. I 77. 

2) Caes. b. civ. I 11 Gic. Fam. XVI 12,2 Lucan II 462 Flor. II 13,19. 

3) Appian b. civ. I 91 III 42. 

4) Plin. III 53 CIL. XI 1843. 

5) Obseq. 40 vgl. 49. 52. 53. 54. 

6) Plin. III 54. Der Aulaut schwankt zwischen Media undTenuis: Glanis 
Plin. a. 0, App. b. civ. I 89 Clanis Strab, V 235 Tac. Ann. I 79. 



316 Kapitel V. Etrurien. 

Die Fruchtbarkeit ist die gleiche wie am oberen Tiber (I 463): der 
Weizen der im Altertum hier Jahraus Jahrein gebaut wurde (I 449), 
war berühmt; auch der auf den Hügeln gezogene Wein stand in 
gutem Ansehen.^) — Neben dem Ackerbau unterhielt Arretium ein 
ausgedehntes Gewerbe: 205 v. Chr. lieferte es an Scipio 3000 Schilde, 
ebenso viel Helme, 50 000 Lanzen und Wurfspiefse , Aexte Spaten 
Sicheln Kürbe Älühlen für 40 Schiffe, 120 000 Scheffel Weizen nebst 
einer Beisteuer für das Zehrgeld der Ruderer. 2) Dafs die Metalle 
des Erzgebirges hier verarbeitet wurden, hat offenbar darin seinen 
Grund dals die Stadt einen Hauplmarkt der inneren Halbinsel dar- 
stellte. Dem entsprechend hat sie auch aller Wahrscheinlichkeit 
nach in Kupfer gemünzt. Das Florentiner Museum bewahrt be- 
achtenswerte Beispiele (Chimaera, Minerva) der in der Metallarbeit 
erreichten Vollendung. Mit dem Aufhören des etrurischen Berg- 
baus wendet Arretium sein ganzes technisches Können der Töpferei 
zu. Der Diluvialboden der Umgegend birgt reiche Thonlager vor- 
züglicher Güte. Daraus ist jenes rote Arretiner Geschirr gefertigt, 
das in der römischen Welt eine ähnliche Verbreitung erlangte wie 
bei uns in Deutschland Meifsner Porcellan.3) Die getriebene Arbeit 
in Silber wird hier von griechischen Künstlern mit Glück auf Thon 
übertragen : einzelne Stücke zeugen von wahrer Schönheit. Ein 
Dutzend gröfsere Werkstätten sind im Umkreis der Mauer, auch 
wol in weiterer Entfernung, festgestellt worden. Ihre Thätigkeit 
läfst sich vom zweiten vor- bis ins erste nachchristliche Jahrhundert 
verfolgen. Ihr Absatzgebiet umfafst Italien Spanien Südfrankreich 
Rheinland, weniger die übrigen Provinzen.'*) — Die Ueberlieferung 
erwähnt die Stadt in der Epoche der römischen Tarquinier.^) Die 
Furcht vor den Kelten hat sie vermutlich von der Betheiligung an 
den Bundeskriegen gegen Rom abgehalten. Der 310 v. Chr. abge- 
schlossene Vertrag wurde zwar 301 durch einen Aufstand der das 
Herrschergeschlecht der Cilnier zu stürzen suchte, gestört aber 
bereits 294 wieder erneuert. c) Als der hannibalische Krieg sich in 

1) Plin. XVllI 87 XIV 36 CIL. X 8056,1. — Plin. XXVI 87 Nepos AU. 14,3 
Tibull IV 8,4. 

2) Liv. XXVIII 45. 

3) Plin. XXXV 160 Martial I 53,6 XIV 98 Isidor Or. XX 4,5 Antli. Lat. 259 
Riese Macrob. II 4,12 iaspi figulo/'um. 

4) Ihm CiL. XI p. 1081 — 1160. Ders. Bonner Jalub. GII (1898) p. 106fg. 

5) Dion. H. III 51. 

6) Liv. IX 32. 37 Diod. XX 35 Liv. X 3. 37. 



§ 3. Der Osten. 317 

die Länge zog, drohte der Abfall und mislang nur durch das 
schleunige Eintreffen römischer Truppen.') Arretium ergriff in der 
Folge die Partei der Marianer und wurde mit Gebietsverlust sowie 
der Entziehung des Bürgerrechts bedroht. Letztere kam nicht zur 
Ausführung, dagegen hat Sulla Veteranen angesiedelt und mit Land 
ausgestattet.2) Somit war ein neuer Nährboden für Catilina's Um- 
triebe bereitet.3) Späterhin hat Octavian gleichfalls Colonisten her- 
geführt, so dafs die Stadt in die drei Sondergemeinden der Arretini 
Veteres Arretini Fidentiores Arretini Julienses zerfiel.^) Die Ab- 
grenzung der Sonderrechte innerhalb der gemeinsamen Verfassung 
ist unbekannt: die Vertretung durch Duovirn und Decurionen, die 
Zugehörigkeit zur Tribus Pomptina erstreckt sich auf alle gleich- 
mäfsig. Unter der Monarchie hat Cilnius Maecenas Arretium berühmt 
gemacht; gelegentlich wird das Selbstgefühl seiner Bewohner ver- 
spottet. 5) — Die Topographie bietet eine wesentliche Schwierigkeit. 
Arretium war nach Vitruv's Zeugnifs von einer alten Mauer aus 
Luftziegeln umgeben 6); dafs diese spurlos verschwunden ist, kann 
die Vergänglichkeit des Materials sowie wiederholte Zerstörung und 
Neubau im Mittelalter erklären. Das heutige Arezzo liegt in der 
Ebene und steigt nur nach Norden beim Dom 30—40 m an. 
Mancherlei Ueberreste zu denen ein Amphitheater gehört, beweisen 
unzweideutig dafs die römische Stadt die nämliche Stelle einnahm. 
Nicht minder beweisen zahlreiche etruskische Gräber die innerhalb 
derselben aufgedeckt wurden, dafs dieser Boden in älterer Zeit nicht 
ummauert war. Nun hat der verdiente Localforscher Gamurrini 
Beste einer Quadermauer entdeckt, die in unregelmäfsiger Gestalt 
um die heutige Fortezza streicht und eine Länge von ungefähr 
2 km erreicht.") Die Bichtigkeit der Beobachtungen vorausgesetzt, 
wird man in dieser Citadelle die Altstadt mit etwa 15 ha Flächeninhalt, 
den Sitz der herrschenden Geschlechter, der Cilnier und später der 



1) Liv. XXVII 21.22.24. 

2) Cic. pro Caec. 97 pro Mur. 49 Att. I 17,4. 

3) Sali. Cat. 36 Cic. pro Mur. 49. 

4) Feldm. 215 Laclim. Plin. III 52. CIL. XI 1849 decuriones Arretinorum 
veteriian) eb. 6675,1 Ziegelstempel {reipublicae) col{onorum) F id(entiorum). 

5) Sil. It. VII 29 Pers. 1,129. 

6) Vitr. II 8,9 daraus Plin. XXXV 173. 

7) Vgl. die Kartenskizze CIL. XI p. 1082 Not. d. Scavi 1883 p. 262 
1887 p. 437. 



318 Kapitel V. Etriiiieii. 

romischen Coloiiisten zu erblicken haben. Dazu müfsle denn in 
etruskischer Zeit eine bedeutende Stadterweiterung gekommen sein, 
zu deren Schutz die erwälinte Lehmmauer diente. Andere haben 
den Ort wo die Zwülfstadt in ihrer Machtfülle gestanden hat, in 
der Ferne gesucht: der von Dennis in Vorschlag gebrachte 4 km 
nach Südost gelegene Hügel Poggio di San CorneHo genügt den 
Erwartungen nicht. Eine Verlegung kann wie in anderen Fällen 
sei es auf Rechnung der römischen Politik, sei es auf die in Folge 
des Landfriedens gesteigerten Bedürfnisse des Verkehrs geschoben 
werden. Der ortlichen Untersuchung bleibt eben eine wichtige 
Aufgabe zu lösen übrig. 

Abseits der grofsen Landstrafse 28 km südlich von Arezzo liegt 
die ßergstadt CortonaJ) Mit einem Umfang von etwa 2700 m und 
einem Inhalt von 40 ha (S. 37) ein langgezogenes Rechteck bildend, 
steigt ihre aus grofsen Sandsteinbl()cken wagerecht geschichtete 
Mauer bis zum Gipfel der Anhöhe hinaul', den die Arx die heutige 
Fortezza einnimmt (660 m). Von der Mauer abgesehen sind nur 
geringfügige Baureste erhalten; aber ein Kronleuchter im Museum 
von Cortona liefert einen neuen Beweis für die Vortrefflichkeit 
etruskischer Erzarbeit. Der Name der Stadt ist von den Hellenen 
ihrer mythischen Geschichte früh einverleibt worden : Theopomp 
läfst den Odysseus hier seine Tage beschliefsen 2) ; nach den Dichtern 
hat Corylhus der Sohn Juppiters die Stadt besessen, Corythus Sohn 
ist Dardanus der Gründer Troia's.^) Wie ihr etruskischer Name 
gelautet habe, wissen wir nicht: die Kupfermünzen die ihr ver- 
mutungsweise beigelegt werden, sind nur durch den Anfangsbuch- 
staben C bezeichnet. Die älteren Hellenen geben ihn durch die 
ihnen geläufige Form Kqotiov wieder.'*) Nach der durch Hellanikos 
vertretenen Ueberlieferung des 5. Jahrhunderts v. Chr. haben die vom 
Po einwandernden Etrusker die Stadt den Umbrern entrissen und 
zum Stützpunct für die Eroberung des ganzen Landes gemacht.'') 



1) Pün. III 52 Ptol. III 1,43. 

2) Lykophr. AI. 8ü5f^. dazu Scliol. Theopomp fr. 114 wie Lykophron geben 
die Form roQXvpaia. 

3) Verg. Aen. lil 170 VII 209 IX 10 X 719 dazu ScIiol. Sil. It. IV 720 
V 123 Rutil. I 600. 

4) Dion. H. (Hellanikos) I 20. 26. 28. 29 Theopomp. (A. 2) Poorwaia Pol. IH 
82,9 KvQrcüviov. 

5) Dion. H. a. 0. Steph. Byz. TvQprjvias ftrjxQonoXi?. 



§ 3. Der Osten. 319 

Sie gehörte wie Perusia und Arretium zu den herrschenden Bundes- 
gliedern und schlofs gleich jenen 310 v. Chr. Frieden mit Rom.i) 
In der Folge wird sie nicht mehr erwähnt, fehlt auch unter den 
Gemeinwesen welche 205 die Rüstung Scipio's unterstützten: ein 
deutlicher Beweis dafs sie weder durch Gebiet noch durch Reichtum 
hervorragte. Ob Cortona gleich seinen Nachbarn zu den Marianern 
hielt und zur Strafe Veteranen Sulla's aufnehmen mufste, ist zweifel- 
haft. 2) Die spärlichen Inschriften weisen die Bürgerschaft der Tribus 
Stellatina zu. 3) 

Bei Cortona gabelt sich die Einsenkung des Chianathales: der 
längere und schmälere Westarm reicht bis zum Tiber, der kürzere 
Ostarm endigt im Trasimener Becken. Der lacns Trasumenus be- 
deckt eine Fläche von 120 Dkm. 4) Seine rundliche und durch 
Buchten belebte Gestalt mifst in gröfster Ausdehnung von Nord 
nach Süd und von West nach Ost je 15 km. Zwei Vorgebirge, 
die Landzunge von Castiglione von Westen , der Monte del Lago 
von Osten her engen ihn in der Mitte ein: in der südlichen Hälfte 
liegt die Isola Polvese, in der nordlichen die Isola Maggiore und 
I. Minore. Die Schwemmstoffe der einmündenden Bäche haben die 
Tiefe nachgerade auf 7 m vermindert, so dafs seine bereits von 
Napoleon I, geplante Austrocknung nur eine Frage kurzer Zeit ist 
(I 298). Bei einer Meereshohe von 257 m ist das Becken rings 
von Hügeln eingefafst die mit Olivenhainen bepflanzt, im Süden bis 
600 , im Norden bis 670 m ansteigen. Nur im Nordwesten bei 
Borghetto reicht in einer Breite von 3 km das Chianathal unmittel- 
bar an den See; sonst stellt er sich dem Auge des Beschauers der 
ihn von einem höheren Standort überblickt, durchaus als einge- 
schlossenen Kessel dar. Da ein natürlicher Abflufs fehlt, ist sein 
Wasser auf Verdunstung angewiesen; um den Ueberschufs zur 
Regenzeit abzuführen ist an der Südostecke ein unterirdischer 
Stollen gegraben worden (I 298). — Der Name des Sees rief den 



1) Diodor XX 35,5 Liv. IX 37. 

2) Allenfalls aus Dion. H. I 26 zu folgern, wenn nicht eine Verwechslung 
mit Kroton vorliegt. 

3) CIL. X! p. 349. 

4) Pol. III 82,9 TaQotfievrj; die Schreibung der besten Handschriften ist 
Trasumenus oder Trasumenntis Cic. Brut. 57 pro S. Roscio 89 de deor. nat. II 8 
de divin. II 21 Liv. XXII 4 Strab. V 226 Quintil. 1 5,13; daneben Trasymenus 
und Ti-asimenus Flor. 1 22,13 Val. Max. I 6,6 III 7 ext. 6 IV 8 ext. 1 IX 11 
ext. 4 12,2 Oros. IV 15,5 fg. SiL It. V 8 fg. Plin. H 200. 241. 



320 Kapitel V. Etrurien. 

Römern die Mederlage ins Gedächtnifs, der Consul FInminius mit 
seinem Heere im Frühjulir 217 zum Opfer fiel. Das Schlachlfeld i) 
ist am Nordufer zu suchen, an dem die Strafse von Cortona nach 
Perusia hinläuft. 2) Hier haben die Bergwasser mit ihren Schult- 
massen eine ehemalige Seebucht ausgefüllt und eine kleine Ebene 
geschaffen. Die Ebene im Westen vom M. Giialandro, im Osten 
von der Anhöhe mit dem Capuzinerkloster vor Passignano begrenzt, 
ist 6 — 7 km lang und 1 — 3 km breit. Ihre Form kann man einem 
Bogen vergleichen; denn wie bei diesem der Handgriff zwischen 
zwei gekrümmten Bogenarmen vorspringt, so schnürt die Berghöhe 
welche das Dorf Tuoro trägt, den Thalgrund in der Mitte zusammen, 
zu beiden Seiten zwei gröfsere Ausbuchtungen frei lassend. Wenn 
man verfolgt wie die Bäche (namentlich der grüfste unter ihnen, 
der Macchiarone oder Sanguinetlo zwischen M. Gualandro und Tuoro) 
dem See andauernd Boden abgewinnen, zunächst in schilfbewach- 
senen Sumpf umwandeln, allmählich erhöhen und austrocknen, so 
erscheint es unzweifelhaft dafs der Uferrand vor zwei Jahrtausenden 
weit schmäler war als er gegenwärtig ist. Das Verständnifs der 
Schlacht bietet keine Schwierigkeit. Hannibal war an dem römi- 
schen Lager vorbeigerUckt, halte das Chianathal verwüstet und sich 
scheinbar am nördlichen Ufer des Trasimeniis nach Umbrien zu 
gewandt um die von Ariminum her im Anmarsch begriffene Ost- 
armee der Römer abzufassen. Wie seine Pflicht war, folgte Flami- 
nius dem Feinde, wurde aber frühmorgens, am freien Umblick durch 
einen über dem See lagernden Nebel verhindert, bei dem Durch- 
zug zwischen M. Gualandro und Tuoro überfallen. Hannibal hatte 
seine Kernlruppen auf der Höhe von Tuoro, daran anschliefsend 
nach Osten die Leichlbewaflneten aufgestellt, während die Kelten 
mit der Reiterei am M. Gualandro standen. Der gröfste Theil der 
römischen Marschcolonne hatte bereits den Durchgang zwischen M. 
Gualandro und dem See passirt und näherte sich dem Centrum 
Hannibals, als dieser das Zeichen zum Angriff gab. Seine Reiterei 
warf sich auf den Nachtrab in der Ebene bei Borghetto aufserhalb 

1) Rliein. Mus. XXII 580 fg. 

2) Dennis II 2 413: happy tlie man who witli mind open to Ihe influences 
of Nature journeys on a briglit day froin Cortona to Perugia! He passes 
ttirougli some of ihe most beauliful scenery in all beautiful Italy, by the most 
lovely of lakes, and over ground hallowed by events among ttie most memo- 
rable in the history of the ancient world. 



§ 3. Der Osten. 321 

der Enge und trieb ihn in die Enge hinein. Sein Fufsvolk fiel 
den Legionen in die Flanke, deren tapferer Widerstand an dem 
Schicksal des Tages nichts zu ändern vermochte. Solches war durch 
die Oertlichkeit von vornherein besiegelt. ^ 

Der Trasimenus liegt an der Grenze der Stadtgebiete von Cor- 
tona Clusium und Perusia. Die Entfernung von Cortona nach 
Perusia beträgt reichlich 30 Millien. Der Weg läuft das ganze 
INordufer des Sees entlang, überschreitet dann den Monte del Lago 
und langt im Thal des Caina an, von dem aus der lange Anstieg 
beginnt. Perusia'^), die Altstadt des heutigen Perugia, thront auf 
einem Hügelknoten 520 m ü. M., während der Tiber an seinem 
Fufs bei Ponte S. Giovanni, der nach Umbrien hinüber führenden 
Brücke, eine Meereshöhe von 166 m hat. Die Länge der alten 
Mauer mifst ungefähr 2800 m; viele Reste davon, vereinzelt bis zur 
Höhe von 10 — 15 m, sind vorhanden, auch 6 Thore kenntlich. 
Die unregelmäfsige Form der Stadt wird durch das Zusammenstofsen 
zweier Hügel bewirkt: sie nimmt einen von INNO nach SSW ge- 
richteten Rücken mit ungefähr 750 m Länge und 300 m Breite ein, 
dazu einen zweiten nach Wi\W gewandten mit einer quadratischen 
Erweiterung von 300 m Seitenfläche. Der von der Mauer um- 
schlossene Raum stellt sich auf etwa 32 ha: wahrscheinlich kamen 
ausgedehnte Vorstädte hinzu. Die hochragende Stadt ist in den 
umbrischen Gauen weithin sichtbar. Dafs der Tiber sie von diesen 
ausschliefsen soll, beruht auf Willkür; die Stellung als Hauptstadt 
Umbriens die sie im Mittelalter wie der Gegenwart einnimmt, kommt 
ihr von Natur zu. In ihrem Bereich trifft das grofse umbrische 
Thal mit dem des Tiber zusammen; von hier gehen wichtige V^er- 
kehrswege nach allen Richtungen der Windrose aus: nordwärts die 
beiden Strafsen nach dem Chianathal, südlich vom Trasimenus nach 
Clusium, nördlich vom Trasimenus nach Cortona, sodann nordwärts 
nach dem oberen Tiberthal, nordöstlich nach Iguvium und dem 
Appenninübergang von Scheggia, südöstlich durch die städtereiche 
umbrische Ebene, südwärts den Tiber hinab. Damit ist zugleich 
die strategische Wichtigkeit des Platzes ausgesprochen, die durch 
eine ungewöhnliche Festigkeit gesteigert wurde. Die Ueberlieferung 



1) Pol. m 82 fg. Liv. XXII 4 fg. App. Hann. 10 Ov. Fast. VI 765 Plin. II 
241 Sil. It. V 1 fg. 

2) Strab. V 226 Plin. III 52. 53 Ptol. III 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 
CIL. XI p. 352. 

Nissen, Ital. Laadeskonde. IL 21 



322 Kapitel V. Etrurien. 

welche seine Besiedlung den Sarsinaten, dem grofsen nördlichen 
Ast des umbrischen Stammes zuschreibt, verdient allen Glauben. i) 
in der Folge haben die Etrusker sich seiner bemächtigt und eine 
Zwingburg der umbrischen Lande daraus gemacht. Dies erhellt 
aus der Geschichte der Samniterkriege.^) Durch das verbündete 
Umbrien dringt Consul Fabius 310 v. Chr. gegen die ostetrurischen 
Städte vor und nötigt sie durch harte Schläge zum Frieden. Perusia 
bricht ihn sofort, mufs sich aber nach einer neuen Niederlage 309 
ergeben und römische Besatzung aufnehmen ; 295 ist es wieder unter 
Waffen und läfst erst nach blutiger Lehre vom Widerstand 294 ab. 
Die Herrschaft über die kleinen Nachbargemeinden jenseit des Tiber, 
Arna Asisium ürvinum Vettona usw. war damit zu Ende. Immerhin 
verbheb der alten Zwölfstadt (S. 280) ein ansehnliches Gebiet; sie 
stellte 216 eine Cohorte von 460 Mann zum Bundesheer, unter- 
stützte Scipio 205 mit Getreide und Bauholz. 3) Die umliegenden 
Gräber, unter denen dasjenige der Volumnier besonders bekannt ist, 
zeugen von Wolstand wie zähem Festhalten an heimischer Sprache 
und Sitte. Die Etruskerstadt ging ini März 40 v. Chr. zu Grunde. 
L. Antonius nahm im Herbst 41 in der Festung seine Zuflucht, 
wurde von Octavian mit 7 Millien langen Werken eingeschlossen 
und durch Hunger bezwungen. Die Stadt ward mit einziger Aus- 
nahme der Tempel des Vulcan und der Juno eingeäschert, der Bat 
dem Henker überantwortet, die Bevölkerung gröfstenteils vernichtet. 
Der Sieger gab die Brandstätte nebst einem Umkreis von einer Millie 
zur beliebigen Besitznahme preis. 4) Nach dem Ausweis von In- 
schriften hat er später als Kaiser das Gemeinwesen wieder her- 
gestellt.^) Andere Inschriften lehren dafs der von hier gebürtige 
Kaiser C. Vibius Trebonianus Gallus (251 — 53) die Heimat zum Bang 
einer Colonie erhob: Colonia Vibia Augusta Perusia heifst sie auf 
einem Stadllhor.6) Schon vorher führten die Bürgermeister den 



1) Serv. V. Aen. X 201, eb. 198 etruskischer Gründer. Justin XX 1,11 
führt den Ursprung auf die Achaeer zurück. 

2) Diod. XX 35. 44 Liv. IX 35. 37. 40 X 30. 31. 37. 

3) Liv. XXIIl 17 XXVIII 45. 

4) App. b. civ. V 32—49 Dio XLVIII 14 L 9 Liv. CXXVI Flor. II 16 Oros. 
VI 18,2 Vell. II 74 Suet. Aug. 14. 15. 96 Tib. 4 Tac. Ann. V 1 Hist. I 50 Plin. V I 
148 Seneca de dem. I 11,1 Prop. II 1,29 Lucan I 41 Serv. V. Aen. VI 833 und 
die Schleuderkugeln Ephem. ep. VI p. 52 fg. 

5) CIL. XI 1922.23. 

6) CIL. XI 1926 fg. 



§ 3. Der Osten. 323 

Titel Duovirn ; die Gemeinde gehürt zur Tribus Tromentina ; von 
anderen Einzelheiten sehen wir ab.i) Im 6. Jahrhundert, als Gothen 
und Oströmer um den Besitz kämpften, wird Perusia die erste Stadt 
Tusciens genannt 2); unter den Langobarden Herzogtum wird es zu 
Umbrien gerechnet, mit dem wie oben bemerkt ursprüngliche Stammes- 
gemeinschaft bestanden hatte. 3) 

Die Peutingersche Karte verzeichnet eine Strafse die von Clusium 
über Perusia am linken Tiberufer hinab nach Tuder und Ameria 
führt; die Entfernung der beiden Zwölfstädte von einander beträgt 
38Millien. Der westliche Arm des Chianathals, durch einen 3 — 400m 
hohen Rücken vom Trasimenus getrennt, schrumpft nach Süden 
zu bis auf eine Breite von 2 km ein. Zwischen den länglichen 
Seen von Montepulciauo (3 Dkm) und Chiusi (8 Gkm) ist gegen- 
wärtig die Wasserscheide zwischen Arno und Tiber künstlich herge- 
richtet (I 305). Der von Strabo erwähnte lacus Clusinus umfafste 
beide Becken und stellte eine natürliche Thalsperre dar die der 
Stadt ihren lateinischen Namen verlieh.^) Chisntm hiefs ehedem 
Camars ^): die ihm beigelegten etruskischen Kupfermünzen (S. 74) 
tragen die Anfangsbuchstaben Cha; die Uebereinstimmung des 
Namens mit demjenigen der Camerter weist ihm einen umbrischen 
Ursprung zu (I 506). In der ältesten annalistischen Ueberlieferung 
ist er noch gebraucht, aber um die Mitte des zweiten Jahrhunderts 
V. Chr. durch den lateinischen verdrängt gewesen. Wie weit sich 
der See ehedem über seine jetzige Ausdehnung hinaus nach dem 
Stadthügel zu erstreckt habe, ist nicht zu sagen. Die Stadt Hegt 
147 m höher als der See auf einem von Nordwest nach Südost 
lang hingestreckten Rücken der sich nach einer Einsattlung weiter 
nach Norden fortsetzt. — Die Stadt beherrscht den Durchzug durch 
das Chianathal und damit überhaupt den geraden Weg nach Rom. 
Man kann sie nur mit grofsem Zeitverlust umgehen. Nach Westen 
erheben sich die Berge von Cetona (1142 m) und daran anschliefsend 
derM. Amiata (1732 m), die Strafse welche heute dies unruhige Berg- 



1) Plin. XXVI 3 CIL. XI p. 353. 

2) Prokop b. Goth. I 16. 17 II 11 III 6. 12. 23. 25. 35 IV 33. 

3) Panl. h. Lang. II 16 IV 8 VI 54. 

4) Strab. V 226. Die gleiche Namenbildung am Velinus Clusiolum supra 
Interamnam Plin. III 114, an der latinischen Küste Clostra Romana eb. 57. 

5) Liv. X 25 Pol. II 19,5. Der letztere hat die Identität der KafisQxicov 
xdqa mit dem c. 25,2 erwähnten KXov<hov nicht erkannt. 

21* 



324 Kapitel V. Etrurien. 

land (I 254) von Nord nach Süd durchschneidet, hat eine Höhe von 
910 in zu überwinden. Ini Osten bietet die Hügehnasse zwischen 
Chiana und Tiber ein Hindernifs. Wenn im Altertum der Weg bei 
Clusium verlegt war, blieb einem auf Rom zu rückenden Feind 
nichts übrig als entweder nach der etrurischen Seeküste oder nach 
Umbrien abzuschwenken. Die strategische Bedeutung wird durch 
die Kriegsgeschichte erläutert. Als die Kelten 391 Clusium be- 
lagerten , mischten sich die Römer ein und lulirten dadurch die 
Zerstörung der eigenen Vaterstadt herbei. i) Der innere Zusammen- 
hang der Operationen des entscheidenden Jahres 295 wird nicht 
überliefert; aber das erste Treffen vor der Schlacht bei Sentinum 
erfolgt bei Clusium.2) Bis hierher gelangen die Kelten bei dem 
grofsen Einfall 225.'') Im Bürgerkrieg 82 haben die Marianer bei 
Clusium Stellung genommen und zwei blutige Schlachten geliefert.'*) 
Endlich im Gothenkrieg spielt die Festung wieder eine Rolle. ^) 
Ihre Entfernung von Rom beträgt auf der Via Cassia 102 Millien.^) 
— Von der alten Mauer sind Reste vorhanden; jedoch reichen sie 
nicht aus um den Umfang von Clusium zu bestimmen der den- 
jenigen des heutigen Chiusi weit übertraf. Im Mittelalter hatte das 
Fieber das in der ganzen Thalspalte seinen Hauptsitz aufgeschlagen, 
den Ort entvölkert (1 299); auch jetzt noch tragen die Ausdünstungen 
der Seen keineswegs zur Gesundheit bei. Aber die Fruchtbarkeit des 
Bodens ist aufserordentHch : Getreide trägt in der Regel 10 — 12 fach; 
es kommen auch Ernten von 20, ja Ausnahmsweise von 40 Körnern 
vor. Im Altertum wurde vortrelflicher Spelt gebaut, war ferner 
der Wein bekannt.'') Von der Dichtigkeit der Besiedlung gewähren 
die Nekropolen ein überraschendes Bild. Nach ihrem Ausweis haben 
Ortschaften in Montepulciano Chianciano Sarteano Cetona bereits in 
früher Zeit bestanden. Es würde zwecklos sein all die einzelnen 
Fundstätten im Chianathal die das Dasein von Dörfern oder Flecken 
bezeugen, aufzuzählen , da wir deren Namen nicht kennen. Aber 
Erwähnung verdient dafs die neue Sammlung der etruskischen In- 



1) Diod. XIV 1 13 Liv. V 33 fg. Dion. H Xlü 11 Plut. Cam. 17 App. Kelt. 2. 

2) Liv. X 25 Pol. II 19,5. 

3) Pol. 11 25,2. 

4) App. b. civ. 1 89. 92 Vell. II 28 Liv. LXXXVIII Plin. VIH 221. 

5) Piokop b. Golh. II 11. 13. 

6) Strab. V 226 II. Ant. 285 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36. 

7) Colum. II 6 Plin. XIV 38 XVIII 66. 87 Martial XIII 8. 



§ 3. Der Osten. 325 

Schriften unter Chiusi die unerhörte Zahl von nahezu 3000 ver- 
zeichnet. Nicht minder bekundet die Ausstattung der Grabkammern 
den von den Alten gepriesenen Reichtum der Landschaft. Von dem 
mafslosen Aufwand mit dem die Etrusker die äufsere Erscheinung 
der Gräber schmückten^ dient die ausführliche Beschreibung die 
Varro von dem sog. Labyrinth, dem Denkmal des Königs Porsena 
entworfen hat, als Beispiel. i) Dasselbe war schon zur Römerzeit 
verschwunden; für uns gilt dies von allen ähnlichen Prachtbauten. 
Dankbar begrüfsen wir die althellenischen Vasen die den Todten 
mitgegeben wurden, als Denkmäler der Kunst sowol als des Ver- 
kehrs. Die Culturentwicklung die aus den Grabfunden erschlossen 
wird, reicht hoch hinauf, sichere Zeitbestimmungen fehlen. Immerhin 
steht die monumentale Ueberlieferung im besten Einklang mit der 
litterarischen und bestätigt den hohen Rang den diese der Stadt in 
der Epoche als die Könige zu Rom herrschten , zuschreibt.^) — 
Es genügt die einzelnen Daten anzudeuten. Clusium gehörte zu 
den Zwölfstädten (S. 280). Sein König Porsena stand an der Spitze 
des Heerzugs der Rom demütigte 3), wird sogar geradezu König der 
Etrusker genannt.*) An den Kämpfen des Jahres 295 nahm es 
Theil, lieferte 205 dem Scipio Holz und Getreide.^) Nach Ver- 
leihung des Bürgerrechts der Tribus Arnensis zugewiesen, wurde 
die Stadt von Sulla mit Gebietsverlust bestraft und zerfällt fortan 
in die beiden Gemeinden Clusini novi und Clusini veteres, die in- 
defs später verschmolzen zu sein scheinen. 6) Die Inschriften welche 
die hohe Ziffer von 500 erreichen, erwähnen u. a. einen Schiffbauer 
und Purpurfärber: für die Blüte von Handel und Gewerbe spricht 
noch mehr das Auftreten des Christentums. Die Grabschrift eines 
322 verstorbenen Bischofs ist erhalten.') Chiusi besitzt zwei Kata- 
komben die gleich den römischen im Tuff ausgehauen, freilich von 
viel bescheidenerem Umfang sind: die Katakombe von S. Mustiola 



1) Plin. XXXVl 90 fg. 

2) Inghirami, Monumenti etruschi, Fiesole 1826fg., 10 vol.; zahlreiche 
Berichte in den Schriften des Arch. Instituts und den Not. d. Scavi. Dennis IP 
p. 290—373. 

3) Liv. II 9fg. Dion. H. V 21 fg. Plut. Publ. 16fg. Sil. It. VIII 478. — Aeitere 
sagenhafte Erwähnungen Verg. Aen. X 167.655 Dion. H. Iil 51. 

4) Flor. I 4 DioD. H. V 26. 28. 36 VI 74. 

5) Liv. X 25. 27. 30 XXVIII 45. 

6) Plin. III 52 CIL. XI p. 372. 

7) CIL. XI 2548. Gregor M. Reg. X 13 XI 3. 



326 Kapitel V. Etrurien. 

der Schutzpatronin aus dem 4. und von S. Caterina aus dem 3. Jahr- 
hundert, jene 1 km Ost diese 1^2 km Süd von der Stadt.i) Die- 
selbe ist und war ein Knotenpunct des Verkehrs. Aufser den schon 
erwähnten Strafsen nach Perusia und Rom verzeichnet die Reise- 
karte drei weitere: 1, nach Saena 57 Mühen und weiter nach Popu- 
lonium (S. 306); 2, von der Westseite des Chianathals ohne Arezzo 
zu berühren nach Fh)renz das laut der Aussage eines Meilensteins 
82 Millien von der clusinischen Feldmark entfernt war; 3, mit dem 
Umweg über Arezzo nach Florenz 87 Millien. 2) 

§ 4. Das Tafelland. 

Die Fiora im Westen und die Paglia im Osten dienen zur 
Grenzbestimmung des vulkanischen Etrurien. Seine Entstehungs- 
geschichte (I 254 fg.) erklärt die gröfsere Fruchtbarkeit des Rodens 
und das zahlreiche Vorkommen von Städten gegenüber dem los- 
canischen Hügelland. Von den herrschenden zwölf Städten ent- 
fallen nicht weniger als fünf auf den vulkanischen Theil, obwol 
derselbe kaum ein Fünftel des Rundesgebiets ausmacht; der Mauer- 
ring dieser Städte übertrifft denjenigen der nördlichen an Aus- 
dehnung weitaus. Von den selbständigen Gemeinden aber welche 
die Censuslisten des Augustus aufführen, gehört ihm reichlich die 
Hälfte an. Wir haben früher daran erinnert dafs die Zerklüftung 
des Rodens das Zusammensiedeln befördert und zugleich den ein- 
zelnen Anlagen ein übereinstimmendes Gepräge verliehen hat. Die 
Städte liegen durchweg auf Landzungen die durch zwei unter 
spitzem Winkel sich vereinigende Räche gebildet werden. Die senk- 
recht bis zu bedeutenden Tiefen ausgewaschenen Schluchten ge- 
währen einen starken natürlichen Schutz (I 256), freilich auch ein 
nicht zu unterschätzendes Hindernifs für den Verkehr. Der Wanderer 
erblickt eine Stadt in absehbarer Entfernung und vermeint sie in 
einer kurzen Spanne Zeit zu erreichen, bis er an der Schlucht 
angelangt wider Erwarten zu einem stundenlangen Umweg genötigt 
wird um zum Ziel zu gelangen das ihm schon so lange greifbar 
vor Augen gaukelte. In Folge dessen ist die Richtung der Verkehrs- 
strafsen weit mehr durch die Wasserläufe eingeengt als man in 
einem anscheinend so ebenen Lande bei oberflächlieher Retrachtung 



1) CIL. XI p. 403. — Andere Erwähnungen Hör. Ep. I 15,9 Ptol. III 1,43. 

2) It. Ant. 285 CIL. XI p. 1011. 



§ 4. Das Tafelland. 327 

glauben sollte. — Das südliche Etrurien ist eio Land der Todten: 
seine ehemalige Herrlichkeit vermelden die Gräber welche der 
Spaten des Schatzfinders myriadenweise im verflossenen Jahrhundert 
geöfl'net hat. Die Ausbeute an Thongeschirr Schmuck und Waffen 
die frommer Sinn den Geschiedenen in ihre Gruft gestiftet, erregt 
durch ihre Massenhaftigkeit um so mehr Erstaunen, als die Nekro- 
polen noch immer schier unerschöpflich sind. Die statistischen 
Theorien welche die Bevölkerungsziffer der alten Welt möglichst 
herabzudrücken suchen, werden hier nachdrückhch Lügen gestraft. 
Mit dem Eintritt der römischen Herrschaft beginnt die Blüte der 
Städte zu welken; im Laufe des Mittelalters gehen die meisten, 
grofse wie kleine zu Grunde; in der weiten dem Fieber verfallenen 
Einüde begegnen nicht wenige Stätten die im Altertum nach dem 
Befund der Gräber ansehnliche Ortschaften trugen, ohne dafs wir 
im Stande wären deren Namen zu ermitteln. 

Wir beschreiben in diesem Abschnitt die vulkanische Land- 
schaft bis zu der Scheidewand die im Ciminer Wald und Tolfa- 
gebirge aufgerichtet ist. Auf die jenseit gelegene Grenzmark trifft 
zwar die oben gegebene Charakteristik auch zu; indefs erheischt 
dieselbe aus historischen Gründen eine abgesonderte Behandlung. 
Das bezeichnete Gebiet in seinem nördlichen Theil 3 — 500 m ü. M., 
fällt gegen das Tiberthal schroff", gegen die Rüste allmäUch ab 
(I 257). Es wird von drei römischen Heerstrafsen durchzogen, an 
welche unsere Darstellung sich unmittelbar anschUefst. — Wir 
beginnen mit der Küstenstrafse der Via Aurelia, die in Succosa von 
der Clodia abzweigt (S. 311). Die Reisebücher nennen 25 Millien 
von Cosa das vom Erbauer der Strafse gegründete Forum iwre?«».') 
Stadtrecht hat der bei der Abreise Catilina's von Rom erwähnte 
Ort nicht erlangt. Er mufs in der Nähe von Montalto am linken 
Ufer der Fiora nach dem Bach Arrone zu gelegen haben. — Land- 
einwärts in der Lufthnie 10 km von der Küste entfernt, ist die 
Stätte von Yolci der ehemaligen Herrin eines ausgedehnten Gebiets.2) 

1) lt. Ant. 291 Tab. Peut. Cic. Catil. 1,24. 

2) Als ältestes geschichtliches Zeugnifs sind die Wandmalereien eines 1857 
aufgedeckten Grabes aus dem 4. Jahrhundert zu nennen, die Kämpfe mit den 
Römern in der Königszeit darstellen, G. Körte Jb. d. D. arch. Inst. XII (1897) 
p. 57 fg. Fest, 355 (nach Müllers durch diese Malereien bestätigter Ergänzung) 
Arnob. adv. nat. VI 7 ; Pol. bei Steph. Byz. "OXxiov fast. Gap. a. 280 Plin. III 
51. 52; Plol. III 1,43 CIL. XI p. 447. Das Ethnikon Folcientet, seltener 
yolcentani. 



328 Kapitel V. Etrurien. 

Sie nimmt am rechten Ufer der Fiora eine mäfsige Anschwellung 
des Bodens (etwa 73 m ü. M.) ein und besitzt nur an der Flufs- 
seite natilrliclien Schulz, ihr Umfang mifst etwa 6 km, Reste der 
Ringmauer und Spuren von 5 Tiioren werden unterschieden. Die 
zu Tage tretenden Gebäude gehören der römischen Epoche an. 
Erwähnung verdient der Ponte della Badia (80 m) oberhalb der 
Stadt, welcher zugleich Brücke und Wasserleitung in kühnem Bogen 
die Fiora überspannt (Höhe über dem Wasser 30 m Spannung 
20 m Gesamtlänge 80 m Breite 3 m). Freilich werden die sicht- 
baren Ueberreste an Bedeutung weit überlroffen durch die in der 
Erde verborgenen Schätze. Mit der 1828 begonnenen Ausbeute 
der Nekropole die sich oberhalb über beide Flufsufer erstreckt, 
hebt die griechische Vasenkunde an; denn das den Todten mit- 
gegebene Geschirr ist grofsentheils aus Griechenland eingeführt. i) 
Die Ausdehnung des Todtenfeldes mag eine Schätzung des Jahres 
1856 veranschaulichen, nach der bis dahin über 1500U Grab- 
kammern geöffnet worden waren. Das Andeuken dieser reichen 
kunstliebenden Etruskerstadt ist in der Ueberlieferung nahezu ver- 
schollen. Auf die nackten Tlialsachen dafs sie zur Königszeit Be- 
ziehungen mit Rom unterhalten , 280 in Gemeinschaft mit Volsinii 
im Kampf gegen Rom den kürzeren gezogen, für die römische 
Colonie Cosa (S. 310) Land abgetreten hat, beschränkt sich unsere 
litterarische Kunde. Ihren Rang unter den zwölf Hauptstädten 
Etruriens bezeugt ein unserer Zeitrechnung angehöriges Denkmal 
(S. 280). Aber nach Ausweis der spärlichen Inschriften konnte sie 
damals keinesfalls zu den blühenden Gemeinwesen gerechnet werden. 
Die Bürgerschaft war in der Tribus Sabatina eingetragen. Der Ort 
wird noch als Bischofsitz erwähnt 2) und hat nach völligem Verfall 
wenigstens den Namen g(;rettet: Piano di Voce. — Nach Nordost 
in einer Entfernung von 8 km steigt der M. Canino, eine Kalk- 
steinmasse aus der vulkanischen Umgebung 434 m auf: nach den 
Gräbern zu schhefsen lag an seinem Fufs eine etruskische Ortschaft. 
Der nächsleansehnlicheW^asserlaufist der mit seinen Krümmungen 
zu 75 km geschätzte Abflufs des Sees von Bolsena, jetzt wie im 



1) Berühmt ist E. Gerhard's Rapporto intorno i vasi Volcenli, Ann. dell' 
Inst. III (1831). Neuerlich St. Gsell, Fouilles dans la N<^cropole de Vulci 
Paris 1891.4. 

2) Holste zu Cluver 515,10. 



§ 4. Das Tafelland. 329 

Altertum Marta benaunt.^) Er durcliströmt in ganzer Länge das 
Gebiet des mächtigen Tarquinii das sich noch in römischer Zeit bis 
an den See von Bolsena erstreckte 2) und vordem an die Gebiete 
von Volci und Caere grenzend 40 d. DM. und mehr umlafst haben 
mag. Am hnken Ufer des Flusses bei 8 km geradem Abstand von 
der Küste liegt die Stadt. Die Lage entspricht dem allgemeinen 
Typus den wir für diese Gegenden aufgestellt haben. Ein läng- 
hcher 169 m ü. M. ansteigender Hügelrücken wird von zwei Thälern 
eingefafst die gabelförmig an der Marta zusammenstofsen und von 
Bächen durchzogen sind. Der Rucken mifst an seinem breiten Ost- 
ende etwa 1 km und läuft bei 3 km Länge nach Westen spitz zu. 
Seit 1307 völlig verlassen, bewahrt er noch den Namen Turchina 
oder Piano di Civita. Die Mauer dem Absturz des Hügels folgend er- 
reicht ungefähr einen Umfang von 8 km. Am höchsten Ort im 
Osten (er heifst Ära della Regina) wird die Arx anzunehmen sein. 
Die vorhandenen Reste der Mauer und öflentlicher Gebäude fallen 
wenig in die Augen. Aber die Gröfse der Stadt drückt sich deulhch 
durch ihre Ausdehnung aus. Sie besafs auch aufserhalb des Rings 
mehrere gesonderte Vorwerke: so nach Nordost auf der Höhe la 
Castellina^), nach Südwest im heutigen Corneto. Im Süden durch 
den Thalgrund getrennt, zieht sich der lange Rücken Monterozzi 
(157 m) hin, bedeckt mit prächtigen Grabkammern, nach der Marta 
zu in einem Vorsprung (149 m) endigend, auf dem die Bewohner 
Tarquinii's vor den Saracenen Schutz suchten und Corneto grün- 
deten. Die Ihurmreiche mittelalterliche Stadt nimmt wie bemerkt 
die Stelle einer etruskischeu Niederlassung ein. Es scheint sogar 
dafs dies der ursprüngliche Herrschersitz war und dafs die Grofs- 
sladt auf Piano di Civita (S. 37), dem servianischen Rom vergleich- 
bar, einer Neuschöpfung ihr Dasein verdankt.^) Corneto ist die 
Königin der römischen Maremma, wie einst Tarquinii gewesen war. 
Weit reicht der Blick von der verlassenen Trümmerstätte, bei klarem 



1) It. Ant. 291 Tab. Peut. Auch der Landeplatz It. mar. 499 wird statt 
des überlieferten Maltanuvi vielmehr Martanum geheifsen haben. 

2) Der See heifst lacus Tarquiniensis Plin. II 209, bestätigt durch Vitruv 
11 7,3 Plin. XXXVI 168. 

3) Westphal, Ann. dell' Inst. 1830 p. 37. 

4) Cozza und Pasqui, Not. d. Scavi 1885 p. 513 fg. Die Annahme dafs 
Corneto die alte etruskische Stadt sei und die Ansiedlung auf Turchina erst 
unter römischem EinfluTs gegründet sei, erscheint ganz unglaublich. 



330 Kapitel V. Etrurieii. 

Weller die Berge von Elba, landeinwärts Monlefiascone und den 
Ciminer Wald, im Süden das Tolfagebirg umspannend. — Die Sage 
hat die Vorzeit Roms aufs Engste an diesen Ort geknüpft, läfst von 
ihm das Geschlecht seiner mächtigsten Könige abstammen, von 
ihm die äufsere Ausstattung der Magistratur, den Triumph, die 
Lictoren, die Trompete, die ofTenlliche Einrichtung des Opfers, 
Mantik und Musik entlehnt sein.') Folgerichtig weist sie Tarquinii 
unter den Zwülfslädlen (S. 280) den vornehmsten Plalz zu: der 
Eponymos Tarchon wird Sohn oder Bruder des Tyrsenos der die 
hungernden Lyder nach Italien führte, genannt und soll aufser 
Tanjuinii auch die übrigen Zwölfslädte erbaut haben. 2) Daneben 
begegnet eine Nachricht die den Thessalern den Ursprung der Stadt 
zuschreibt. 3) Aber bedeutsamer als derartige Fabeln ist die That- 
sache dafs die etruskische Theologie auf ihren Boden die Offen- 
barung der Zeichenschau verlegte: in der Kaiserzeit bestand hier 
noch ein Collegium von 60 Ilaruspices.^) — Der einheimische Name 
dieser allen Gründung ist nicht überliefert: von den Griechen wird 
er vereinzelt Tag/coviov ^), gewohnlich im Anschlufs an die latei- 
nische Form durch Taq-Kwia TaQy,vvLOL wiedergegeben. Sie stand 
bereits, heifst es, in voller Blute, als Demaralos aus Korinlh mit 
einer Schar von Handwerkern einwanderte und griechischen Kunst- 
fleifs einbürgerte.*') In Gemeinschaft mit Veji machte sie 509 den 
Versuch dem vertriebenen Tarquinius Superbus den Thron zurück 
zu gewinnen.") Dann schweigt die Ueberlieferung bis zu der ein- 
silbigen aber darum nicht minder beredten Schilderung der im 
4. Jahrhundert geführten Kriege s): im Jahre 358 fallen 307 römische 
Soldaten den Tarquiniensern in die Hände und werden den Göttern 



t) Strab. V 220 vgl. Posidonios bei Dlod. V 40 Liv. I 8 Flor. I 1,5 Sali. Cal. 
51,38 Dion. H. III 61 u.a. 

2) Cato bei Serv. V. Aen. X 179. 198 Strab. V 219 Eustath z. Dion. 
Per. 347. 

3) Justin XX 1,11. Tarchon heifst Enkel des Herakles Lyk. AI. 1248 
Steph. Byz. Taq%üüvtov . 

4) Cic. Divin. II 50 Censorin. d. die nat. 4,13 Lydus Ostent. 3 CIL. XI 3382 
vgl. 3370. 

5) Steph. Byz. Ellinikon Taoxoivlvos laoxoviEve. Derselbe Tagxvvia mit 
TaQxi/vios TaQxvvievs, lat. stehend Tarquiniensis. 

6) Cic. Rep. II 34 Strab. V 220 Liv. I 34 Dion. H. III 46 Plin. XXXV 152. 

7) Liv. II 6 Dion. H. V 3. 14 fg. 

8) Diodor XVI 45 XX 44 Liv. V 16 VI 4 VII 12. 15. 17. 19. 2^^ IX 41. 



§ 4. Das Tafelland. 331 

auf dem Markt geopfert; zur Sühne werden vier Jahre nachher 
358 tarquinische Adhche in Rom gestäupt und enthauptet. Durch 
planmäfsige Verwüstung wird die Stadt 351 mürbe und erlangt einen 
vierzigjährigen Waffenstillstand, der ohne dafs wir von einer Auf- 
lehnung hören, 308 für die gleiche Frist erneuert wird. Vermutlich 
hat sie an dem Aufstand welcher der Landung des Pyrrhos voraus- 
ging, Theil genommen; denn sie wurde durch Gebietsabtretungen 
bestraft. Damit wurde die Colonie Graviscae ausgestattet, auch 
später von den Gracchen eine Ansiediung armer Bürger versorgt. i) 
— Ob Tarquinii selbst mit minderem Recht in den romischen 
Bürgerverband eintrat 2) oder bis 90 v. Chr. zu den Bundesgenossen 
zählte, ist unsicher. Seit der Ertheiluug des Bürgerrechts gehört 
es zur Tribus Stellatina. 3) Die Inschriften erläutern das allmäliche 
Erlöschen der heimischen Sprache. Sie zählen fast 200 Nummern 
und beweisen die Fortdauer eines gewissen Wolstands. Bei den 
Schriftstellern ist von dem römischen Municipium selten die Rede*) : 
es lag einige Millien von der Küstenstrafse abseits, war dagegen 
durch die hier einmündende Via Clodia mit Rom verbunden. s) Er- 
wähnt wird der Flachsbau sowie der Waldreichtum seiner Feld- 
mark.6) Ein halbes Dutzend Ortschaften die ansehnliche ausgedehnte 
Nekropolen und gelegentlich auch Festungswerke besitzen, lassen 
sich innerhalb derselben nachweisen. Aber leider bleiben sie für 
uns namenlos. Nur das 50 Millien von Rom entfernte castellum 
Axia ist mit Wahrscheinlichkeit auf das durch seine stattlichen Grab- 
fafaden ausgezeichnete Castellaccio oder Castel d' Asso (8 km westlich 
von Viterbo) bezogen worden.") 

Auf dem abgetretenen Rüstensaum gründeten die Romer 181 
V. Chr. die Bürgercolonie Graviscae; die Ansiedler erhielten je 
5 Juchert 1^4 ha angewiesen.^) Dafs Vergil den Ort schon zur Zeit 
des Aeneas bestehen läfst, scheint nur auf Willkür des Dichters zu 
beruhen.^) Cato ein Zeitgenosse der Gründung leitet ihren Namen 

1) Feldmesser 219. 

2) Liv. XXVI 3 XXVII 4. 

3) aL. XI p. 510 fg. 

4) Cic. pro Gaecina 11 Val. Max. V 3,3 Plin. III 52 Plol. III 1,43. 

5) It. Ant. 300 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36. 

6) Liv. XXVIII 45 Vairo RR. lil 12 Plin. VIII 211 IX 173 Stat. Silv. V 2,1. 

7) Cic. pro Gaecina 20 Steph, Byz. 'A^ia. 

8) Liv. XL 29 XLI 16 Vell. I 15 CIL. I p. 279. 

9) V. Aen. X 184 Macrob. Sat. V 15,4 Sil. It. VIII 473. 



332 Kapitel V. Etnirieii. 

von der schweren Luft die über ihr la^rert, ab.i) Unter Augustus 
und Tiberius sind neue Ansiedler zugeführt worden.^) Aber unbe- 
achtet einer bedeutenden Weinausfuhr und der von ihr betriebenen 
Korallenfischerei hat die Stadt in der ungesunden Umgebung nicht 
gedeihen wollen. Sie gehörte zur Tribus Slellatina.^) _ Man hat 
sie theils am Nordufer der Marta halbwegs zwischen Corneto und 
dem 3Ieer, theils südlich vom Flufs bei Porto Clementino am Meer 
gesucht: beide Stätten weisen antike Ueberreste auf. Die zweite 
Annahme verdient den Vorzug, da Graviscae abseit von der Via 
Aurelia, nach Strabo 300 Stadien = 30 Millien von Cosa, 180 Stadien 
= 18 Millien von Pyrgi entfernt, endlich am Meer zwischen den 
beiden Flüssen Mignone und Maria gelegen war.'') Rutilius erwähnt 
den verödeten Ort^): 

inde Graviscarnm fastigia rara videmus 

qnas premit aestivae saepe paludis odor: 
sed Jiemorosa vir et densis vidnia lucis 
pineaque extremis ßucluat umhra fretis. 
8 km von der Marta überschreitet die Via Aurelia den Minio 
Mignone der vom Ciminerwald herkommend in grofsem nach Norden 
gewandten Bogen das Tolfagebirge umfliefst.^) 10 km weiter er- 
reicht sie Centumcellae CWxld. vecchia.'^) Der Mangel an natürhchen 
Hsfen an dem die ganze Küste vom Argentarius bis zum Vorgebirge 
der Circe herab leidet, hat zu künstlichen Anlagen aufgefordert. 
Unter diesen gilt eine noch immer als Muster, ist von dauerndem 
Erfolg gekrönt worden, giebt auch heuligen Tages den Ausfuhr- 
hafen Roms ab: das von dem baulustigen Kaiser Traian um 106/7 
ins Leben gerufene Centumcellae. UrsprüngHch befand sich hier 
nur eine oflene Bucht, in der Nähe eine von den Kaisern im 2. Jahr- 
hundert viel besuchte Villa.*') Dies bot den Anlafs und den Anhalt 

1) Serv. V. Aen. X 184. 

2) Feldmesser 220. 

3) CIL. XI p. 511 Plin. XIV 67 XXXII 21. 

4) Dig. XXXI 30 Slrab. V 225. 26 Plin. III 51 Mela II 72 Ptol. III 1,4 It. 
mar. 498. 99 Tab. Peul. Geogr. Rav. IV 32. 

5) Rul. Nam. I 281. 

6) Verg. Aen. X 183 dazu Serv.; Vib. Sequ. Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 
V 2. — Rutilius I 279 hat die Form Mjinio. 

1) Plin. Ep. VI 31 Rutil. Nam. I 237 fg. It. Ant. 291. 300 It. mar. 498 Tab. 
Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 Gregor M. Registr. I 13. 
8) Fronto an Marcus III 20 V 59 vita Comm. 1. 



§ 4. Das Tafelland. 333 

für die Schöpfung eines unmittelbar für die Aufnahme der Kriegs- 
marine, weiterhin auch Handelszwecken dienenden Hafenbeckens, 
das mit 6 m Tiefe eine Überfläche von 13 ha aufweist. Bei der 
Anwesenheit des jüngeren PHnius war der Süd-iMolo fertig, der 
nordUche sowie die den Eingang deckende Insel im Bau begriffen. 
Butihus schildert den Hafen also: 

ad CentumceUas forti defleximus austro : 

tranqinlla puppes in statione sedent. 
molihis aequoreum concluditur amphitheatrnm 

angustosqne adilus insula facta tegit; 
attollit geminas tnrres hißdoque meatu 

faucibus artatis pandit ntrumque latns. 
nee posuisse satis laxo navalia portu, 

ne vaga vel tntas ventilet aura rates, 
interior medias simis invitatus in aedes 
instabilem fixis aera nescit aquis. 

Von den 100 Docks oder Anlegestellen abgesehen, die ihm den 
Namen verliehen, trifft die Beschreibung noch jetzt zu; denn die 
Grundmauern der heutigen Anlage stammen aus traianischer Zeit. 
Grabschrilten lehren , dafs Abtheilungen der Flotten von Misenum 
und Ravenna hierhin commandirt waren. ^) Daraus erklärt sich auch 
dafs dieser Platz ebenso wenig wie die beiden anderen eine eigene 
Selbstverwaltung gehabt hat. Seine Bedeutung mufste sich freilich 
andauernd heben, je weiter die Versandung der Tibermündung fort- 
schritt, indem er an Stelle von Ostia und Portus der eigentliche 
Hafen der 47 Millien entfernten Hauptstadt wurde. Centumcellae 
heifst im sechsten Jahrhundert eine grofse und volkreiche Seestadt, 
deren Besitz von Gothen und Byzantinern hart umstritten worden 
ist. 2) Von den Saracenen 812 zerstört und von seinen Bewohnern 
verlassen erhielt es seinen heutigen Namen, als nach vierzigjähriger 
Verödung wieder Ansiedler sich einfanden. 3). Mancherlei Spuren 
von Traians Thätigkeit sind noch vorhanden: namentlich eine 
Wasserleitung die aus 20 Millien Entfernung den Hafen mit treff- 
lichem Ti'inkwasser versorgt. In politischer Beziehung hat dieser 



1) CIL. XI p. 525 fg. 

2) Prokop b. Goth. II 7 III 13. 36. 37. 39 IV 34 Agath. I 11. 

3) Nach Alberti p. 36 hat sich im 16. Jahrhundert der Name Cincelle noch 
behauptet, verschwindet aber im 17. nach Cluver p. 482. 



334 Kapitel V. Etrurien, 

Landstrich ehedem zur Gemeinde der Aquenses Taurini gehört, die 
im Verzeicbnifs des Augustus aufgeführt vvird.i) Den Mittelpunct 
der Gemeinde gab der Badeort Aq%iae Tauri ab, der drei Millien 
oberhalb Civita vecchia's nach dem Tolfagebirg zu gelegen ist. 
Ruinen (147 m) sind erhalten, er führt jetzt den Namen Bagni di 
Ferrata, seine Schwefelquellen werden geschätzt.^) Dieselben sollen 
nach Rulilius von einem Stier zu Tage gescharrt worden sein; 
solche Fabel wurde durch den Namen nahe gelegt. Woher der Name 
rührt, wissen wir nicht. Aber nach Ausweis der Gräber ist der 
frühere Sitz der Gemeinde in etruskischer Zeit weiter landeinwärts 
im Gebirge bei Tolfa zu suchen. 

Die Rüste streicht bis zum Cap Linaro nach Südost oder Süd- 
südost und nimmt alsdann eine östliche Richtung an, so dafs dies 
Vorgebirge passend als Grenze zwischen Mittel- und Südetrurien 
betrachtet werden kann. Eine Landsenkung hat hier stattgefunden 
da die Mauern römischer Bauten bei Torre Chiaruccia unter Wasser 
liegen. Dieselben gehören der römischen Colonie Castrum novum 
an die 4 — 5 Millien von Centumcellae die Nordseite des Vorgebirges 
einnahm.^) Ehemals müssen in dieser Gegend die Herrschaften 
von Caere und Tarquinii zusammen geslofsen sein. Die Römer 
haben sich zu Anfang des dritten Jahrhunderts anscheinend die 
ganze Rüste abtreten lassen und nicht lange nach 290 Bürger in 
der genannten Festung angesiedelt. Die Bezeichnung neu hefs an 
einen älteren vorausgegangenen Ort denken, als welchen die Er- 
klärer Vergils fälschlich das in der Aeneis beiläufig erwähnte und zu 
Ardea gehörige Castrum Inui ausgaben *): Dennis weist nach dafs 
der alte Ort ein wenig landeinwärts auf dem Puntone del Castrato 
(auch Guardiola genannt) zu suchen sei. Viel bedeutet hat die 
Colonie zu keiner Zeit: Augustus erkennt ihren Rang als solche 
nicht an, obwol sie von Caesar oder einem der ersten Nachfolger 
durch Ansiedler verstärkt worden ist und seitdem colonia Julia 
Castronovom auf Inschriften heilst. Zu Anfang des 5. Jahrhunderts 
war sie verödet, wie Rutilius bezeugt: 



1) Plin. III 52 Rutil. Nam. 1 249 fg. Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 Aquepurgo 
Gregor M. Dial. IV 55. 

2) Hierauf bezieht sich Scrib. Larg. med. comp. 146. 

3) Liv. XI XXXVI 3 Mela II 72 Plin. III 51 Ptol. III 1,4 It. Ant. 291. 301 
lt. mar. 498 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 CIL. XI p. 530. 

4) Verg. Aen. VI 775 dazu Serv. Rutil. Nam. I 227 fg. 



§ 4. Das Tafelland. 335 

stringimus hinc canens et fluctu et tempore Castrum: 
index semiruti porta vestusla loci. 
Die Mitte des Tafellandes nimmt der runde fischreiche locus 
Volsiniensis Lago di Bolsena eiu.i) Bei einer Meereshöhe von 
305 m und einer Tiefe von 140 m bedeckt er einen Flächenraum 
von 114 Ckm. Diese vulkanische Einsenkung (I 258) wird von 
einem 15 — 20 km im Durchmesser haltenden Randgebirge eingefafst, 
das im Süden wo die Marta aus dem See ausfliefst, sich verflacht, 
dagegen im Südosten bei Montefiascone 633 m, im Westen 639 m 
ansteigt. Von dem Bergrund laufen strahlenförmig in tief ausge- 
waschenen Betten die Bäche nach West Südwest und Süd dem Meer 
zu, nach Ost in den Tiber. Auf der Wasserscheide zwischen Meer 
und Tiber ist die Via Cassia angelegt. — Die Landschaft westlich 
vom See nach der Fiora hin wird von keiner grofsen Strafse durch- 
zogen 2) uad hat wenig römische Ueberreste aufzuweisen. Wol 
finden sich Nekropolen bei Castro, Farnese, Ischia, Piansano, aber 
wir wissen diese Niederlassungen weder auf einen etruskischen noch 
einen lateinischen Namen zu taufen. In ihrem Bereich hat die 
Gemeinde der Statonienses gewohnt die als Praefectur bezeichnet 
wird: das Städtchen Statonia gab den Mittelpunct des Sprengeis 
ab. 3) Die Lage wird annähernd bestimmt durch den locus Stato- 
niensis der kein anderer sein kann als der kleine Lago di Mezzano 
(455 m) 9 km West vom See von Bolsena.4) Vom Lago di Mezzano 
14 km weiter westlich ist jüngst bei Pitighano eine kleine etrus- 
kisch-römische Stadt entdeckt worden, für die man mit allem Grund 
den Namen Statonia in Anspruch nimmt. 5) Der Weiu den die Ge- 
meinde auf den Markt brachte, war gut angesehen. — Nur 4 km 
nördlich von Pitigliano liegt durch tiefe Schluchten geschirmt Suana 
Sovana.6) Sein Umfang von IV2 km weist auf einen ehemahgen 

1) VitruvII 7,3 Colum. VIII 16 Streb. V 226 Plln. XXXVI 168 Liv. XXVll 23. 

2) Die Peutingersche Tafel läfst die Via Clodia über Tuscana u. Muternum 
(sonst nirgends genannt) nach Saturnia (S. 312) und Succosa (S. 311) laufen : 
was geographisch betrachtet sinnlos ist. 

3) Varro RR. III 12 Vitruv II 7,3 Strab. V 226 Plin. III 52 XIV 67 
XXXVI 16b. 

4) Sen. Nat. quaest. III 25,8 Plin. II 209. Cluver p. 517 weist mit Recht 
darauf hin. 

5) Pellegrini Not. d. Scavi 1896 p. 263 1898 p. 432 vgl. Jb. d. D. arch. 
Inst. XV (1901) p. 155. 

6) Plin. III 52 Ptol. III 1,43 Gregor M. Reg. II 33 CIL. XI p. 422 
Dennis II 1 fg. 



336 Kapitel V. Etrurien. 

Pagus; allein es steht in der Censusliste, hat also Municipalrecht 
gehabt. Auch sind die Denkmäler der etruskischen Epoche glänzend 
und zahlreich, um so spärlicher die romischen. Als Geburlsort 
Gregors VII ist Sovana berühmt geworden, aber gegenwärtig nahezu 
verlassen. — An der Westseite des Sees von Bolsena weithin sichtbar 
erhebt sich ein steiler in den See vorspringender und nach ihm 
abfallender Hügel (409 m), der ehedem die Stadt Visentum trug.') 
Eine einsame Landkirche hält ihr Andenken wach, Trümmer aus 
dem Mittelalter und Altertum kennzeichnen ihre Ausdehnung, im 
Uebrigen ist die Stätte wie die ganze westliche Seite des Sees ver- 
lassen. Die Gemeinde wird in der pHnianischen Liste aufgeführt, 
eine anderweitige Erwähnung in der Litteratur fehlt. Aus den In- 
schriften erhellt dafs sie der Tribus Sabatina angehorte, Senat 
Augustalen und Duovirn hatte, an Würde und Selbstbewufstsein 
keiner anderen nachstand. — Von den beiden Inseln die der See 
umschHefst, heifst die nördliche Isola Bisentina (361 m). Sie ist 
nach Süden und Osten felsig, nach den anderen Seilen eben. Die 
zweite Isola Martana ist ein wenig bebauter Felsen (377 m). Er 
trug ehedem eine Burg, in der Amalasuntha Theoderich des Grofsen 
Tochter von ihrem Vetter gefangen gehalten und 534 ermordet 
ward. 2) — Unter den Städten dieses Landstrichs hat sich einzig 
Tuscana Toscanella (166 m) am rechten Ufer der Maria, halbwegs 
zwischen dem volsinischen See und Tarquinii an alter Stelle und 
mit altem Namen erhalten. 3) Die mittelalterlichen Denkmäler und 
die Grabfunde der Campanari verleihen Toscanella in den Augen 
des heutigen Besuchers einen Glanz, der ihm für die Epoche des 
Altertums nicht zukommt. Die antike Ueberheferung gedenkt seiner 
nicht; vermutlich ist es ehedem von Tarqninii abhängig gewesen, 
in römischer Zeil dagegen selbständiges Municipium. Bömisches 
Mauerwerk tritt namentlich auf der Höhe mit der lombardischen 
Kirche S. Pietro zu Tage, wohin die Arx verlegt wird. Ueherhaupt 
dehnte sich die römische Stadt behaglicher aus als ihre in einen 
Mauergürtel gezwängte mittelalterliche Nachfolgerin. Unter den 
Gräbern begegnen Columbarien. 



1) Plin. III 52 CIL. XI p. 444. Das Ethnikon lautet Fisens uud Fisentinus, 
der Stadtname Fisenltim oder -tium oder -tia. 

2) Piokop b. GoUi. I 4. 

3) Plin. III 52 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 CIL. XI p. 450. 



§ 4. Das Tafelland. 337 

Wir haben die grofse bionenländische Verkehrsader Etruriens 
die Via Cassia (S. 313) bis Clusium verfolgt (S. 323). 40 km unter- 
halb dieser Stadt fliefsen Clanis Chiana i) und Pallia Paglia^) zu- 
sammen um nach einem Lauf von 7 km in den Tiber einzumünden 
(I 311). Das Thal der Paglia bildet die Naturgrenze zwischen dem 
etrurischen Bergland und dem vulkanischen Tafelland ([ 254). Die 
Thalsohle am Zusammeuflufs von Chiana und Paglia liegt 111 m U. M. 
Von ihr steigt auf der vulkanischen Seite ein vereinzelter Tuffhiigel 
bis 315 m an. Er ist 1600 m lang, halb so breit und fällt rings 
schroff ab. Die auf ihm gelegene Stadt heifst seit dem Ausgang 
des Altertums Urbs vetus Orvieto 3) und kommt wegen ihrer aufser- 
ordentlichen Festigkeit in dem Gothenkrieg wie den Kämpfen des 
Mittelalters oft vor. Prokop schildert sie bei Gelegenheit der Aus- 
hungerung durch Belisar 539 folgender Mafsen : „ein isolirter Hügel 
steigt aus dem Thal auf, mit flachem ebenem Gipfel, mit steilem 
Absturz am Fufs. Den Hügel umgeben rings im Kreise Felsen von 
gleicher Ausdehnung, jedoch nicht in unmittelbarer Nähe sondern 
einen Steinwurf entfernt. Auf diesem Hügel erbauten die Alten 
die Stadt ohne Mauern herumzuführen noch eine andere Befestigung 
anzubringen, da der Ort ihnen von Natur uneinnehmbar zu sein 
schien. Denn ein einziger Zugang zu ihm ist von den Felsen her 
vorhanden, wenn dieser von den Bewohnern bewacht wird, brauchen 
sie keinen feindlichen Angriff auf irgend einer anderen Seite zu 
fürchten. Denn abgesehen von dem Puncte wo die Natur wie ge- 
sagt den Zugang zur Stadt gebahnt hat, fliefst ein stets grofser un- 
durchschreitbarer Flufs zwischen dem Hügel und den oben erwähnten 
Felsen. Deshalb haben auch die Römer an diesem Eingang ein 
kleines Werk errichtet und darin ist ein Thor." Die Grundzüge 
der Beschreibung sind vollkommen richtig, aber von Prokop falsch 
zusammengefügt und übertrieben worden: die umgebenden Hügel 
nähern sich der Stadt nicht bis auf einen Steinwurf, sondern im 
Westen bis auf einen, an den anderen Seiten mehrere Kilometer; 
der Anmarsch ist zwar fast im ganzen Umkreise durch Wasserläufe 
erschwert, aber nur von Norden her durch die Paglia , nach West 



1) Strab. V 235 Plin. III 53 Tac. Ann. l 79 App. b. civ. I 89 Steph. Byz. 
rlävis Sil. It. VIII 453. 

2) Tab. Peuf. Geogr. Rav. IV 36. 

3) Paul. h. Lang. IV 32; Ovgßißsprös Prokop. b. Goth. II 11. 18. 19. 20: 
Gregor M. Registr. I 12 II 11 VI 27; Geogr. Rav. IV 36 Orbevehts. 

Nissen, Ital. Landeskonde. II. 22 



338 Kapitel V. Etrurieo. 

und Ost durch blofse Bäche. Imnierhiu wird zutreffend bemerkt 
dafs die Stadt von Südwest allein wo der Aufgang war, angegriffen 
werden konnte, im ganzen übrigen Umkreis keines künstlichen 
Schutzes bedurfte. Zu der Festigkeit kommt die hohe Bedeutung 
der Lage hinzu: die Stadt erscheint als vorgeschobenes Bollwerk 
der vulkanischen Hochebene gegen das Bergland im Norden und 
Osten, hat ferner den Einblick in vier grofse Thäler. An ihrem 
Fufs stofsen von Norden her die Chiana, von Westen her die Pagha 
zusammen ; in einem Abstand von 7 km wo beide in den Tiber 
münden, beschreibt dieser einen rechten Winkel indem der obere 
Lauf ONO auf das umbrische Tuder zu gerichtet ist, während der 
untere SSO dem Meer entgegeneilt. Die Bezeichnung „alte Stadt" 
deutet an dafs ihr ursprünglicher Name auf einen andern Ort über- 
tragen worden ist. Olfried Müller hat zuerst die Vermutung aus- 
gesprochen dafs die altetruskische Zwülfstadt Volsinii hier gestanden 
habe. Nachdem am nordlichen Fufs des Stadthügels seit 1874 ein 
reicher Begräbnifsplatz der etwa aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. 
stammt, aufgedeckt worden, ist die Vermutung zur allgemeinen An- 
nahme gelangt.!) sje reicht übrigens bis ins 6. Jahrhundert zurück 
(S. 340 A. 4), kann auch nicht durch den 8 — 9 Millien betragenden 
Abstand des römischen Volsinii erschüttert werden; denn auf alle 
Fälle hat einst eine königliche Stadt die beherrschende Hohe ein- 
genommen. Die einheimische Namensform wird durch Goldmünzen 
mit der Aufschrift velsu und velznani die ihr mit Recht zugeschrieben 
werden (S. 74), bezeichnet. Bei den Romern lautete sie Volsinii, 
das Elhnikon Volsinienses , vereinzelt Volsones.'^) Ihr Machtgebiet 
gegenüber den Nachbarn in Clusium Volci Tarquinii abzugrenzen 
ist nicht möglich: aber sie wird zu den mächtigsten Städten Elruriens 
gezählt. 3) Den Aufschwung des Gewerbes bezeugt die Nachricht 
dafs die Mühle hier erfunden sei, sowie die Nachricht dafs bei der 
Eroberung 2000 eherne Bildsäulen von den Römern erbeutet 
wurden. 4) Unter den zu Volsinii verehrten Göttern wird Vertumnus 
angeführt, sowie die Nortia die auch nach der Verpflanzung an den 



1) Ganiurrini Ann. dell' Iiistit. d. c. a. 1881 p. 28 fg. 

2) Triuniphalfasteii des J. 460 u.c, die freilich auch unter den J.474 u. 490 
die schlechte Form VuLsinienses bieten. 

3) Liv. X 37 Ires validissimae urbes Elruriae capita f^olsiriii Perusia 
Arrelium. 

4) Plin. XXXVJ 135 XXXIV 34. 



§ 4. Das Tafelland. 339 

See von Bolsena ihr Ansehen behauptetet) In der Chronik war 
zu lesen dafs Volsinii, die reichste Stadt von Etrurien, durch den 
Bhtz eingeäschert ward, an anderer Stelle dafs ihr König Porsina 
den Bhtz auf ein Ungeheuer herabrief das nach Verwüstung des 
Landes die Stadt mit gleichem Schicksal bedrohte. 2) 

Nach dem Fall Veji's beginnen die Kriege mit Rom. 392. 91 
leisten die Salpinates Beistand 3), deren Sitze nordwestlich vom See 
gesucht werden mögen: der Wame kommt nur bei dieser Gelegen- 
heit vor, die Lage ihres Hauptortes der die Gemeinde schützend 
aufnahm, ist unbekannt. Gleiches ist von Trossubim zu sagen das 
9 Millien Süd von Volsinii belegen durch römische Reiter ohne 
Fufsvolk eingenommen ward. 4) Im Lauf der samnitischen Kriege 
werden volsinische Dörfer 307 erstürmt, erleiden die Bürger 294 
unter den eigenen Mauern eine Niederlage und müssen den Frieden 
erkaufen. 5) Kurz vor Pyrrhos' Landung ergreifen sie in Gemein- 
schaft mit Volci die Waffen. 6) Das Mifsgeschick im Felde führt im 
Innern zum Sturz des Adels, die zum Kriegsdienst aufgebotenen 
unteren Stände bemächtigen sich der Herrschaft, die dabei verübte 
Ungebühr wird in grellen Farben ausgemalt.') 

Die Römer wurden vom Adel 265 herbeigerufen , bezwangen 
die Stadt durch Hunger, zerstörten sie und verpflanzten die Ein- 
wohnerschaft an den See. Damit schied aus den Reihen der Zwölf- 
städte die reichste aus, die Gemeinde wurde dem Bürgerverband 
ohne Stimmrecht wie es scheint einverleibt, nachträglich der pomp- 
tinischen Tribus zugetheilt.S) Das römische Volsinii liegt 30 Millien 
von Clusium an der Nordostecke des Sees und bedeckt vom Ufer 
an dem das heutige Bolsena sich hält, aufwärts steigend den Hügel- 
rand. ^) Ein kleines Amphitheater, der bemerkenswerteste unter den 

1) Properz V 2,4. — Liv. VII 3 Juvenal 10,74 Tertullian Apol. 24 ad nat. 
II 8 CIL. XI 2686. 

2) Plin. II 139. 140. Tertullian de pallio 2 Apol. 40 ad. nat. I 9. 

3) Liv. V 31. 32. 

4) Plin. XXXÜI 35 Fest. 367 M. Schol. Pers. 1,82 Varro bei Non. p. 49,1. 

5) Liv. IX 41 X 37 Triumphfast. 

6) Liv. XI Triumphfast. 474 u. c. 

7) Zonaras Vlll 7 Liv. XVI Flor. I 16 Valer. Max. IX 1 ext. 2 Oros. IV 5,3 
de vir. ill. 36 Triumphfast. 490 u. c. 

8) Obseq. 43. 51. 52 CIL. XI p. 424. Sie fehlt unter den etruskischen 
Gemeinden die Scipio unterstützen Liv. XXVIII 45. 

9) Strab. V 226 Plin. III 52 Ptol. III 1,43 It. Ant. 286 Tab. Peut. Geogr. 
Rav. IV 36. 

22* 



340 Kapitel V. Etrurien. 

vorhandenen Ueberresten, ist ungelähr eine Millie oberhalb des 
Städtchens erkennbar. Die Hügel sind mit Oliven und darüber mit 
Kastanien bepflanzt, das gleiche Bild wird dem Juvenal vorgeschwebt 
haben wenn er Volsinii zwischen bewaldeten Höhen gebellet sein 
läfst.i) In der Kaiserzeit wird es als Geburtsort des mächtigen 
Seianus und des Stoikers Musonius genannt.2) Die Denkmäler 
lehren dals es zu den ansehnlichen Städten dieser Uegion gehörte. 
Das Christentum fand verhältnifsmäfsig früh Eingang: die älteste 
datirte GrabschriCt von dem Coemeterium der h. Christina stammt 
aus dem J. 376. 3) Dann aber hat das einbrechende kriegerische 
Zeitaller den Niedergang des römischen und die Erneuerung des 
etruskischen Volsinii bewirkt.^) 

Neben Orvieto wird 605 n. Chr. Balneum Regis in der Kriegs- 
geschichte erwähnt, von jenem in der Luftlinie 10 km nach Süd, 
mittwegs zwischen dem See und dem Tiber gelegen. 5) Der Ort 
führt die Thätigkeit des Wassers in anziehender Weise vor Augen. 
Er nimmt die höchste Erhebung (512 m) eines von West nach Ost 
streichenden, im Norden und Süden von tief eingeschnittenen Thälern 
begrenzten Rückens ein. Der vulkanische Boden auf dem der Ort 
ruht, wird durch den Regen erweicht und stürzt herab; man kann 
den Verfall von Jahr zu Jahr, ja von Monat zu Monat verfolgen. 
Der Stadthügel schrumpft in Folge dessen ein: er hing 1864 nur 
durch einen schmalen Isthmus der in Bälde vöUig durchsägt sein 
wird , mit der breiten Hochfläche zusammen ; die Einwohner (bis 
auf 150 Seelen) hatten auf gesicherte Stätte nach dem heutigen 
Bagnorea übersiedeln müssen. Wie die Halligen unseres heimat- 
lichen Meeres geht die Civita oder Civita antica ihrem Untergang 
durch unerbittliche Naturgewalten entgegen. Dafs einst Etrusker 
in dieser Festung gehaust, beweisen die zahlreichen Gräber in den 
nahen Felswänden. Auch an römischen Inschriften und Trümmern 
ist kein Mangel; aber wie die Ansiedlung geheifsen habe und der 
wunderliche Name am Ausgang des Altertums entstanden sei, läfsl 

1) Juv. 3,191 positis yieinorosa inier iuga Folsiniis. 

2) Tac. Ann. iV 1 VI 8 XIV 59 Juvenal 10,74 Suidas u. Mova. CIL. VI 537. 

3) CIL. XI 2834 Not. d. Scavi 1880 p. 262 fg. 

4) Der Bischof von Orvieto unterschreibt sich 595 als episcopus civitatis 
Bultinensis Gregor M. Registr. V 57 a vgl. II 11 VI 27. 

5) Paul. h. Lang. IV 32 Balneut regis Gregor M. Registr. X 34 Geogr. 
Rav. IV 36 Baineon regis CIL. XI p. 443. 



§ 4. Das Tafelland. 341 

sich nicht errateo. — In der Kaiserzeit versammelten sich die Ver- 
treter der führenden Städte (S. 280) in der Nähe des römischen 
Volsioii.i) Es kann nicht wol bestritten werden dafs diese Fest- 
t'eier sich aus der Epoche der Unabhängigkeit herschrieb und am 
Fanum VoUumnae dem Heiligtum des Zwölfstädtebundes abgehalten 
wurde. '-^j Die Lage ist unbestimmt: ansprechend denkt Dennis an 
den 8 Millien von Bolsena am Südostrand des Sees 633 m auf- 
steigenden Hügel von Monteüascone (I 259). Aehnlich wie der 
latinische Juppiter vom Albaner Berg Latium überschaut, würde die 
etruskische Bundesgöttin das ganze Land vom M. Amiata bis zum 
Ciminerwald mit ihren Blicken von hier aus umspannt haben. Aber 
bequem erreichbar wäre der Ort nicht gewesen; gleichwie die 
Latiner in der Ebene zusammenkamen, wird solches auch bei den 
Etruskern anzunehmen sein. 

Die 3 — 400 m ü. M. liegende Ebene zwischen dem volsinischen 
See und dem Ciminer Wald weist zahlreiche Ueberreste aus römi- 
scher Zeit auf die gegen die jetzige Oede stark abstechen. Unge- 
fähr 14 MiUien von Volsinii erreichte die Via Cassia den Badeort 
Aquae Passeris oder Passerianae"^) : die ausgedehnten Ruinen 5 Millien 
nördlich von Viterbo heifsen gegenwärtig le Casaccie del Bacucco. — 
Abseits von der Strafse 5 km nach Ost, 9 km Nord von Viterbo nimmt 
Ferentum auf drei Seiten durch tiefe Thäler geschützt einen von 
West nach Ost streichenden Rücken (305 m) ein.'*) Seine Feldflur 
grenzte an diejenige von Tarquinii und Volsinii und wurde bereits 
in die Landauftheilung der Gracchen hineingezogen. 5) Die Bürger- 
schaft war in der Tribus Stellatina eingetragen. Der von hier ge- 
bürtige Kaiser Otho hat die Stadt vorübergehend ins Gerede ge- 
bracht. 6) Sie ward im 11. Jahrhundert von Viterbo aus zerstört, 
ihre Trümmer führen noch immer den alten Namen Ferento. Unter 
ihnen sind Stücke der Ringmauer, besonders aber ein mehrfach 
umgebautes Theater hervorzuheben. — Weiter ostwärts liegt auf 



1) CIL. XI 5265 aput Fulsinios. 

2) Liv. IV 23. 25. 61 V 17 VI 2. 

3) Tab. Peut. CIL. XI 30U3 Martial VI 42,5. 

4) Strab. V 226 Plin. III 52 Ptol. III 1,43. Die handschriflliche Namens- 
form schwankt zwischen Ferenlum-ium-ia- injim, das Elhnikon Ferentiensis 
CIL. XI p. 454. 

5) Vitruv. II 7,4 (daher Plin. XXXVI 168) Feldm. 216. 

6) Tac. Bist. II 50 Suet. Otho 1 Vesp. 3. 



342 Kapitel V. Etrurien. 

Steilem Felsen (263 m) über dem Tiberlhal Polimartium Bomarzo.^) 
Gräber aus römischer und vornehmlich etruskischer Zeit bezeugen 
das Alter des Orts. Er wird aber erst am Ausgang des 6. Jahr- 
hunderts n. Chr. erwähnt: wie er ursprünglich geheifsen habe, ist 
nicht zu sagen. — Bei Bomarzu reichen die vulkanischen Höhenzüge 
nahe an den Tiber, bis dieser einige Millien abwärts nach Norden 
gekrümmt auf der etruskischen Seite beim heutigen Bassano eine 
Ebene (64 m) frei läfst. In ihr zeigt ein mit Schilf und Binsen 
bewachsener Pfuhl die Stelle des berühmten lacus Vadimonis an, 
der nach irgend einer unbekannten Gottheit benannt zu sein scheint. 
Einen bedeutenden Baum kann dieser See nie eingenommen haben. 
Der jüngere Plinius beschreibt ihn als einen rund abgecirkelten 
Teich mit weifslichem Schwefelwasser, auf dessen Geruch und Ge- 
schmack die Heiligkeit des Ortes zurückgeht. Wegen seiner Heilig- 
keit durfte der Teich von keinem Nachen befahren werden, war 
dagegen durch eine schwimmende Insel belebt. Plinius verweilt 
ausföhrlich bei dem eigenartigen Schauspiel. 2) Die Alten haben 
dasselbe auch anderswo z. B. an den Seen von Statonia und Cutiliae 
beobachtet (heutigen Tages wiederholt es sich an dem Lago delle 
Isole natanti bei Tivoli) und richtig erklärt. Schilf trockene Gräser 
und äiinliche Gewächse von leichtem Gewicht die auf dem minera- 
lischen Wasser schwimmen , werden durch den Ansatz von Kalk 
und Schwefel an einander gekittet, der Wind weht Staub und Pflanzen- 
samen darauf, die lockere Decke begrünt. In buntem Spiel treiben 
die Schollen herum und bleiben schliefslich am Ufer hängen, das 
Becken allmälich einengend und versumpfend. Die Frage nach 
dem vadimonischen See hat die früheren Topographen viel be- 
schäftigt: Cluver erzählt dafs er keine Fische sondern Schlangen 
und Schildkröten ernähre, von unermefslicher Tiefe sei, durch unter- 
irdische Luftströmungen erregt werde, bisweilen ein ganzes Jahr 
keinen Abflufs habe, dann aber einen mächtigen Bach zum Tiber 
ergiefse, der in seinem kurzen Lauf mehrere Mühlen treibe. Nicht 
gerade wegen solcher ungenügenden Naturbeobachtungen zieht die 
Gegend unsere Aufmerksamkeit an, sondern als Schauplatz der ent- 
scheidenden Niederlagen welche die Bömer 308 den Etruskern, 283 
den vereinigten Boiern und Etruskern beibrachten. 3) Die Wahl des 

1) Paul. h. Lang. IV 8. CIL. XI p. 461. 

2) Plin. Ep. VIII 20 Seneca nat. qu. III 25,8 Pün. II 209 Sotion 38. 

3) Liv. IX 39; Pol. II 20 Flor. I 8. Cluver 552. 



§ 4. Das Tafelland. 343 

Schlachtfeldes wird durch die Bodengestallung erklärt. Seitdem 
Sutrium in römischen Händen sich befand, war den binnenländischen 
Etruskern das Ausfallsthor nach Süden gesperrt (I 257 fg.); da die 
üeberschreiluag des hohen Gebirgskamms unthunlich war, blieb für 
einen Anmarsch auf Rom nichts übrig als dem Tiber folgend das 
Gebirge zu umgehen. Die natürliche Verbindungslinie zwischen 
Rom und dem cisappennischen Norden läuft im Tiber- und dem 
damit zusammenhängenden Chianathal aufwärts (I 304); ihr folgt 
die heutige Eisenbahn. In der älteren Kriegsgeschichte sehen wir 
die Kellen und Etrusker diesen Weg ziehen. Auf den ersten Blick 
befremdet es dafs der Weg in der Folge nicht ausgebaut ward, dafs 
keine römische Kunststrafse den Flufs begleitet. Aber mit gutem 
Grund führten die Römer die Via Cassia von Orvieto aus durch 
das Binnenland, nicht nur weil die eingehaltene Richtung kürzer, 
sondern auch weil sie trockner und bequemer war: am Tiber ist 
die [Niederung zu feucht (I 320), der am Höhenrand hinführende 
Weg wird durch die vielen ausmündenden Thäler genötigt in er- 
müdendem Wechsel bergauf bergab zu laufen ; während der auf Ge- 
winnung einer wagerechten Bahn gerichtete Bau der Gegenwart 
solche Schwierigkeiten durch Durchstiche und Brücken überwindet, 
war für die Alten die vor starker Steigung nicht zurückscheuten, 
überhaupt kein Anlafs vorhanden mit grofsem Aufwand von Mitteln 
eine Weltstrafse den Flufs entlang zu führen. Pflaster der hier 
laufenden Nebenstrafsen kann man gelegentlich antreffen. 

Hauptstadt der mittelelrurischen Ebene ist seit dem Mittelalter 
Viterbo (327 m). Der Name „alte Stadt" der schon am Ausgang 
des Altertums begegnet i), deutet an dafs sie eine Doppelgängerin 
gehabt habe. In der That war hier ein Knotenpunct des Verkehrs 
gegeben. Von der Cassia zweigt die Via Ciminia ab um den Ge- 
birgskamm (Pafshöhe 839 m) zu überschreiten und über Ronciglione 
bei Sulrium Avieder in sie einzumünden^); desgleichen die Via 
Ferentiensis ^) die nach Ferentum führt und nach den Tiberort- 
schaften sich fortsetzt. Etruskische Gräber sind bei Viterbo in 
grofser Zahl vorhanden , römische Badeanlagen bei der 1 km ent- 
fernten Schwefelquelle Bullicame. Nach Aussage der Inschriften 
erscheint es unzweifelhaft dafs die Gemeinde der Sorrinenses (oder 



1) Geogr. Rav. IV 36 Beturbon Guido 51 Felui'bo. 

2) Sie gehört zu den Staatstrafsen, Curatoien z. B. CIL. IX 5155.5833 
X 6006. Auch die Form Cimina kommt inschriftiich vor. 3) CIL. XI 3003. 



344 Kapitel V. Elrurien. 

Surrinenses) hier gewohnt hahe. ') Zwei Inschril'ten hahen den 
Namen ohne, zwei mit dem Beiwort Sorrinenses Novenses. Mög- 
hcher Weise geht das Beiwort auf eine gesonderte Verwaltung wie 
in CUisium (S. 325) Arretium (S. 317) und anderen Slädten zurück. 
Da Viterbo zwischen VVasserläufen dem Typus einer etruskischen 
Ansiedhing entspricht, wird die Neustadt an der westhch bei den 
erwähnten Bädern vorheifühienden Via Cassia gestanden haben. In 
der Litteratur kommt ein Sorrinum überhaupt nicht vor; jedoch 
scheint es in dem von Ptolemaeos zwischen Volsinii und Ferentum 
gesetzten ^oideQvov zu stecken. Das Fehlen in den) Gemeinde- 
verzeichnifs des Augustus nuifs man denn so erklären dafs entweder 
der Name bei IMinius ausgefallen, oder dafs das Stadtrecht erst von 
einem späteren Kaiser verliehen worden sei. Bormann vermutet 
dafs die in jenem Verzeichnifs stehenden Suberlani mitsamt dem 
bereits 211 v. Chr. erwähnten Forum Subertatmm nur eine andere 
Namensform von Sorrinum wiedergeben. 2) Allein da beide Namen 
in gleichzeitigen Inschriften vorkommen , erscheint eine so fremd- 
artige Gleichstellung im amthchen Sprachgebrauch nicht möglich ; 
deshalb becjuemen wir uns zu dem Geständnifs die Lage jenes Forum 
nicht zu kennen. — Am Ostabhang des Ciminerwaldes nimmt Soriano 
(510 m) die Stätte einer alten Ortschaft ein die dem Pagus Stella- 
linus zugeschrieben werden darf. 3) — Die Cassia erreicht 9 Mdlieu 
von Viterbo das nach dem Erbauer benannte Forum Cassit dessen 
verlassene Stätte die Kirche S. Maria di Forocassi anzeigt 4): das 
eine Millie nordöstlich entfernte Vetralla (343 ni) ist nach etrus- 
kischer Art von zwei Wasserläufen eingefaf^t und nach Ausweis 
der Gräber von Etruskern bewohnt gewesen. Stadtrecht hat Forum 
Cassii nicht besessen. Von hier läuft die Cassia nach dem 11 Mühen 
entfernten Sutrium durch einen natürlichen Gebirgseinschnitl der 
so eng ist dafs er früher durch eine noch stehende Mauer gesperrt 
werden konnte. An der Wasserscheide (465 m) 4 Millien von Forum 
Cassii liegt Victis Malrini le Capannaccie.^) 

Die Verbindung des mittleren und südlichen Elrurieos ist am 

\)^\L/k\ p. 454 Ptol. III 1,43. 

2) Liv. XXVI 23,5 Pliii. III 52 Aelliicus Cosmogr. I 19 Foro Subverle 
CIL. VI 2404 a I 11 Bormann CIL. XI p. 454. 

3) CIL. XI 3040. 

4) It. Ant. 286 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 Aethcius Cosmogr. I 19 
(p. 80 Riese) CIL. XI p. 505. 

5) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 entstellt Magnensis CIL. XI p. 505. 



§ 5. Die Südmark. 345 

Ausgang der Republik durch Anlage der Via Clodia gefördert worden. 
Obwoi sie zu den Slaatslrafsen der Kaiserzeit gehört, steht ihr 
Gang keineswegs fest.i) Von dem mit der Strafse zugleich errichteten 
Forum Clodii am Sabalinersee rechnet die Reisekai te richtig 16 
Millien bis Blera Rieda.^) Diese Sladt bietet ein hervorragendes 
Muster der Ansiedlungen im Tafelland: sie nimmt eine schmale 
von zwei zusammei>stofsenden liefen Schluchten geschützte Land- 
zunge ein; die Wände der Schluchten sind von rcgelmäfsig ge- 
ordneten Grabkammern durchlöchert; zwei alte RrUcken, Spuren 
der Befestigung werden wahrgenommen. Die Gemeinde war der 
Tribus Arnensis einverleibt. Blera ist 5 Millien von Forum Cassii 
entfernt. >'ach der Reisekarte lülirt die Via Clodia von Rlera nach 
Tuscana; halbwegs 8 Millien von einer jeden ist die stattliche unter 
dem i\amen ISorchia bekannte Nekropole (155 m). Sie gehorte zu 
einer kleinen verödeten Ortschaft von der wir nichts Näheres wissen. 

§ 5. Die Sudmark. 

Die Bodengestaltung der Landschaft die vom Ciminerwald und 
Tiber begrenzt wird, ist im ersten Theil beschrieben worden (l 259): 
sie liegt niedriger als das Tafelland und weist im Unterschied von 
diesem zahlreiche Maare auf. Ihre geschichtliche Stellung erinnert 
an die Nordmark: wie dort mit den Ligurern haben die Etrusker 
hier mit italischen Stämmen um den Besitz zu kämpfen gehabt. 
Freilich treten sie im Süden mit ganz anderer Wucht auf. Nörd- 
lich vom Arno haben sie nur die Grenzfestimg Faesulae, südlich 
vom Ciminerwald die mächtigen Zwolfstädte Veji und Caere be- 
hauptet. Immerhin ist ihnen in keinem von beiden Fällen gelungen 
die Eingeborenen zu erdrücken: im Osten wo der Tiber einen 
grofsen Bogen um den Soracle beschreibt, bewahren Falisker und 
Capenaten eine gewisse Selbständigkeit. Der Kampf der im Schofse 
dieser Gemeinden zwischen einheimischem und etruskischem Wesen 
geführt wird, wäre zu Gunsten des letzteren entschieden, das aus- 
schliefsliche rein etruskische Gepräge das jenseits des ciminischen 
Gebirges herrscht, wäre den diesseitigen Landen aufgedrückt worden, 



1) It. Anl. 284 wird der Name irrtümlich auf die Cassia übertragen. Die 
Peulingersctie Tafel läfst sie wie S. 335 A. 2 bemerkt, unmöglicher Weise von 
Tuscana über Saturnia nach Succosa laufen. 

2) Strab. V 226 Plin. III 52 Ptol. III 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 
Aethicus Cosm. I 19 CIL. XI p. 507. 



346 Kapitel V. Etrurien. 

wenn nicht Rom die Fremdherrschaft innerhalb der eigenen Mauern 
gestürzt und fortan in unablässigem Ringen ein Jahrhundert lang 
auch aufserhalb niedergeworfen hätte. Als dies zu Anfang des vier- 
ten Jahrhunderts erreicht und Rom damit italische Grofsmacht ge- 
worden war, hebt das stete Zurückweichen der etruskischen, das 
stete Vordringen der lateinischen Sprache au. Wie das Land zum 
Theil von den Sieben Hügeln aus übersehen wird, erscheint es als 
Weichbild der Hauptstadt, die erhaltenen Denkmäler gehören ihrer 
Masse nach der römischen Epoche an. Sieben Heerstrafsen durch- 
ziehen dasselbe vom Mittelpunct aus und gewähren einen festen 
Anhalt für die Aufzählung der Städte und Ortschaften.') 

xNachdem die Via Aurelia die Biegung des Cap Linaro hinler 
sich gelassen hat, trifft sie auf die Station Punicum „zum Granat- 
apfel" Sa. Marinella 2j, dann 8 Millien von Castrum novum auf die 
uralte Hafenstadt Pyrgi Sa. Severa.3) Die Fundamente der Ring- 
mauer aus hartem vieleckigem Kalkstein zeigen die aufserordentliche 
Dicke von 3 — 5 m. Sie ergeben ein regelrechtes Trapez von 200 m 
Breite und 220 m grofster Länge; doch bleibt die Möglichkeit dafs 
ähnlich wie in Castrum novum (S. 334) das Meer ein Stück von 
der Läugenausdehnuug verschluckt bat. Aber mehr als 4 — 5 ha 
kann der Flächeninhalt innerhalb der Mauer nicht betragen haben; 
wie weit die Vorstädte sich erstreckten, ist unbestimmbar. Vergii 
zeichnet den Ort durch das Beiwort all aus; sein Name ist griechisch 
und kehrt gerade wie der ISame ven Pisa in Elis wieder.^) Die 
Kleinheit des Berings weist in eine Zeil zurück, als die Seevülker 



1) I, H. Weslphal, Die Römische Kampagne in lopographisclier und anti- 
quarischer Hinsicht, nehst Karte, Berlin und Stellin 1S29: eine hervorragende 
Leistung wissenschaftlicher Wanderlust. A. Nibby, Analisi storico-topografico- 
aniiquario della carta de' dintorni di Roma 3 vol. Roma 1837 2 ed 1848: die 
Karle wurde 1822 fg. in Gemeinschaft mit Sir William Gell aufgenommen und 
zuf-rsl 1827 veröffentlicht. W. Gell, Topography of Roma and its vicinity, 
2 ed. London 1846. Vgl. die Litleratur zu Kap. IX. 

2) Tab. Peul. Geogr. Rav. IV 32 V 2. Der Name hat gewifs nicht das An- 
denken einer phoenikischen Factorei festgehalten 1 122 (Mommsen Rom. Gesch. 
I 130 u. a.), sondern rührt wie so viele ähnliche von einem Wirtshausschild 
her (S. .59). 

3) Strab. V 225. 26 Mela II 72 Plin. 111 51 Ptol. III 1,4 It. Ant. 290. 301 
mar. 49S Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32. 36 CIL. XI p, 546. 

4) Bei den Griechen JJvgyoi, vereinzelt Steph. ßyz. Ilv^yrjaaa. Pyrgensis 
Liv. XXV 3 Cic. de er. 11 287. — Verg. Aen. X 184 dazu Serv. Macrob. V 15,4. 
CIL. XF 3710 nennt als Stadtgründer den Pater Pyrgensis. 



§ 5. Die Südmark. 347 

an fremden Gestaden ihre Burgen oder Factoreien gründeten. Der- 
selbe umschlofs einen reichen Tempel der Leukothea oder Ilithyia 
dessen Stiftung den Pelasgern zugeschrieben wird: Dionys d. ä. über- 
fiel 384 V. Chr. das Heiligtum und erbeutete darin 1000 Talente, i) 
In der Folge geriet Pyrgi in Abhängigkeit von Caere, wird in den 
griechischen Quellen geradezu als dessen Hafen bezeichnet; doch 
lehrt ein Blick auf die Karte dafs es diesem Zweck ursprünghch 
nicht gedient haben kann. Allen Glauben beansprucht dagegen 
die Nachricht dafs es ein Sitz der etruskischen Piraterie gewesen 
sei. Nachdem die Römer die ganze Küste sich hatten abtreten 
lassen, verpflanzten sie eine Bürgercolonie hierher, deren zuerst 
191 V. Chr. beiläufig Erwähnung geschieht.^) In den Friedenszeiten 
versorgt es den hauptstädtischen Markt mit Seefischen und wird als 
Sommerfrische aufgesucht.^) Es bewahrt seine Selbstverwaltung, 
bis das städtische Leben allmälich erlischt; um mit Rutilius zu 
reden : Alsia praelegitur tellus Pyrgique recedunt, 

7iunc villae grandes, oppida parva prius. 

Von der Küstenstrafse abseits, im geraden Abstand 4 iMillien 
von der See liegt die alte Zwölfstadt Caere*), unmittelbar daneben 
das Dorf Ceivetri (81 m), zur Unterscheidung von dem Anfang des 
13. Jahrhunderts 3 Millien weiter ostlich erbauten Ceri „das alte" 
zubenannt. Caere nimmt einen von Nordost nach Südwest lang 
gestreckten Tuffhügel ein , der von Norden her wo er mit dem 
Grundstock des ansteigenden Binnenlandes zusammenhängt, zugäng- 
lich, an den Lang- wie auch der Seeseite durch Thäler geschützt 
ist. Den wirksamsten Schutz gewährt der im Osten vorbeifliefsende 
Caeretamis amnis Fosso della Vaccina^); der in ihn einmündende 
Bach der den Stadthügel im Westen unifafst und von der Nekro- 
polis scheidet, ist unbedeutend. Aufser einigen geringfügigen Resten 
der Ringmauer tritt von der alten Anlage nichts mehr zu Tage: 
man will 8 Thore unterscheiden und den Umfang zu 5 km oder 
darüber annehmen (S. 37). Um so bedeutsamer erscheinen die 
Gräber die im ganzen Umkreis, vornehmlich auf dem ßanditaccia 



1) Diod. XV 14 Arislot. Oek. II 20,9 Slrab. a. 0. 

2) Liv. XXXVI 3. 

3) Athen. VI 224 c Lucilius bei Serv. V. Aen. X 184 Sueton Ner. 5 Martial 
XII 2 Rutil. Nam. I 223. CIL. XI p. 546. 

4) Strab. V 220 Plin. III 51 Ptol. III 1,43 CIL. XI p. 533. 

5) Verg. Aen. VIII 597 Plin. III 51. 



348 Kapitel V. Efrurien. 

benannleo jeoseit des westlichen VVasseilaiifs belindlichen Hügel- 
rücken entdeckt worden sind. Unter ihnen übt die Grotta delle 
Iscrizioni eine besondere Anzichuiiff aus. Die Kammer 12 m im 
Geviert, durch zwei IMeiler gestützt, ist 16 m unter die Oberlläclie 
herabgetrieben. In den Wänden sind 13 Betten ausgehöhlt, an 
ihnen lauten Bänke hin, beides l'iir die Aufnahme der Leichen be- 
stimmt. Auf dem Stuck der Wände ist 31 mal in etruskischer 
Schrift der Name Tarchnas, 4 mal in lateinischer Tarqiiitius ange- 
malt. Da nun zwei Sohne des letzten römischen Königs nach dessen 
Vertreibung Zutlucht in Caere gesucht haben, so ist die Möglichkeit 
gegeben dies Grab ihrer Nachkommenschaft zuzuweisen.') Der Ge- 
brauch der lateinischen Sprache widerrät einen gar zu IrUhen An- 
satz, andere Gräber reichen nach ihrer Ausstattung mindestens ins 
sechste Jahrhundert hinauf. So schwer es auch hält einen gültigen 
Mafsslab zu finden, scheint doch bei der Ausstattung der Todten 
anderswo z. ß. in Tarquinii und Volci eine gröfsere Pracht entfaltet 
worden zu sein. — Bei den Hellenen hiefs die Stadt "AyvlXa.'^) 
Den Gelehrten galt sie als Gründung der Pelasger, die später von 
den Etruskern erobert und Caere umgenannt worden sei. 3) Die 
Sage erzählte von ihrem Tyrannen Mezentius dessen Arm schwer 
auf Latium lastete^): 

haut procul hinc saxo incolitur fundata vetusto 

urbis AgyUinae sedes, ubi Lydia quondam 

gens bello praedara iugis insedü Etruscis. 

haue multos florentem annos rex deinde superbo 

irnperio et saevis temitt Mezentius armis. 
In der geschichtlichen üeberlieferung ist es diese Stadt die im 
Bunde mit Karthago 532 v, Chr. die Phokaeer bei Alalia schlägt 
und Corsica zu räumen nötigt. Wenn damals die Gefangenen auf 
ihrem Markte zu Tode gesteinigt wurden, unterhielt doch Agylla 
auch Iriedliche Beziehungen mit den Hellenen, hatte ein eigenes 
Schalzhaus in Delphi und stand in dem Buf den Seeraub zu meiden. 
Den Kunstkennern der Kaiserzeit bezeugten Gemälde das Alter des 



1) Dennis Bull, dell' Inslit. 1847 p. 56 fg. CIL. XI 3626 Liv. I 60. 

2) Herodot I 167 Lykophr. AI. 1355 Steph. Byz. Diod. XV 14 Dion.H.I 20 
Dio fr. 33. 

3) Dion H. 111 58 Strab. V 220 Verg. Aen. VII 652 VIJJ 478 XII 281 Plin. 
III 51 Rutil. Nam. I 225 Serv. V. Aen. VIII 600. 

4) Verg. Aen. Vill 478 Calo Or. frg. I 10 fg. Jordan Fest. 194 M. 



§ 5. Die Südmark. 349 

Verkehrs. 1) Auch mit Rom, wenn wir von angehlichen Kriegen 
der Königszeit absehen 2), lebte Caere in guter Nachbarschaft, nahm 
bei dem üeberfall der Gallier 390 die geflüchteten Heiligtümer in 
seine Hut und erhielt zum Dank einen öfl"entlichen Gastvertrag. 3) Es 
wird berichtet dafs im 4. Jahrhundert vornehme Römer für die 
Ausbildung ihrer Söhne in etruskischer Sprache und Wissenschaft 
davon Gebrauch machten."*) Jedoch ging es damals schon mit der 
Stadt abwärts: sie vermochte 384 den Raubzug des Dionys (S. 347) 
nicht abzuwehren und sah sich 353 veranlafst den drohenden An- 
griff der Römer durch bedingungslose Unterwerfung abzuwenden. 5) 
Nach einer Angabe die undalirt ist und möglicher Weise einem 
späteren Jahrhundert angehört, mufste sie die Hälfte ihres Gebiets 
abtreten : in der That ist die ganze Küste in römischen Resitz über- 
gegangen. Im Zusammenhang damit erhielten die Caeriten Bürger- 
recht ohne Wahlrecht: als die älteste unter den Halbbürgergemeinden 
diente ihr Name zur Bezeichnung dieser Classe überhaupt.^) Sang- 
und klanglos ist die Zwölfstadt dem römischen Unterthanenverbande 
einverleibt worden.') Immerhin hat sie ihre Selbstverwaltung nicht 
völlig eingebüfst: in Gemeinschaft mit den übrigen Etruskern unter- 
stützt sie 205 den Scipio durch Lieferung von Getreide und 
andere Zufuhr; nach Ausweis der Inschriften führt der oberste Re- 
amte den altertümlichen Titel Dictator, neben ihm ist ein Aedil mit 
der Rechtsprechung betraut.*) Wann Caere volles Rürgerrecht er- 
langte und welcher Tribus es zugetheilt wurde, ist nicht bekannt. 
Strabo erklärt dafs nur noch ein Schatten der einstigen Gröfse vor- 
handen, dafs der benachbarte und stark besuchte Radeort Aquae 
Caerües oder Caeretanae — die Bäder hegen 6 Millien nach Nord- 
west und heifsen jetzt Ragni del Sasso^) (247 m) — besser be- 
völkert gewesen sei. Indessen stand sein Weinbau in hoher Rlüte ^^) ; 



1) Plin. XXXV 18. Nach Rhianos bei Stepli. ßyz. '^/vAAn Exportplatz 
von Erz. 

2) Dion. Hai. 111 58 IV 27 Liv. I 60 IV 61,11. 

3) Liv. V 40. 50 Vli 20 Val. Max. I l.tO Fest. 44 iM. 

4) Liv. IX .36. 

5) Liv. VII 19 fg. Bio Cassius fr. 33. 

6) Strab.V220 Gell. N.A. XVI 13 Hör. Ep.I 6.62 mit Schol. Fest. 127. 233 M. 

7) Liv. XXI 62 XXII 1 XXVII 23 XXVIII 11 XLI 21. 

8) Liv. XXVIII 45 CIL. XI 3593. 3614. 15. 

9) Liv. XXII 1 Val. Max. I 6,5 Strab. V 220. 
10) Coiumella UI 3 Martial XIII 124 VI 73. 



350 Kapitel V. Etrurien. 

auch beweisen die aufgefundenen Bildwerke und Bauten (z. B, ein 
Theater) in üebereinstimmung mit den Inschriften dafs man sich 
den Verfall in ilen ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung nicht 
allzu grell vorstellen darf. 

Als natürlicher Hafen von Caere ist das 5 Millien entfernte 
Alsium Palo anzusehen, i) Der Name hatte wie derjenige von Pyrgi 
einen griechischen Klang und wurde von den Alten auf die Pelas- 
ger zurückgeführt."^) Einzelne sehr alte Gräber sind allerdings in 
der IVähe aufgedeckt worden, aber unsere Kunde hebt doch eigent- 
lich erst mit der römischen Epoche an. Nach seiner im 4. oder 3. 
Jahrhundert erfolgten Abtretung wurde der Ort 247 einer Bürger- 
colonie überantwortet 3) deren Besitzungen — wie der locus Alsie- 
tinus Lago di Martignano (I 260) beweist-*) — bis 20 Millien land- 
einwärts reichten. Noch unter Caracalla bezeichnet sich die Ge- 
meinde mit dem anspruchsvollen Titel Colonie , obwol das Städt- 
chen von den vornehmen Landhäusern verdunkelt und schliefshch 
erdrückt wurde. Nachweisbar seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. ist 
dieser Strand ein Lieblingsaufenthalt der Grofsen gewesen: des 
jüngeren Plinius Schwiegermutter fand hier senectutis suae nidulum, 
der Prinzenerzieher Fronto maritimum et voluptarium locum; unter 
den Villenbesitzern werden z. B. Pompeius, Caesar, Verginius Rufus, 
Kaiser Marc Aurel erwähnt.^) Man kann die Trümmer ihrer An- 
lagen Ost von Palo eine ganze Millie den Strand entlang ver- 
folgen. — Alsiimi ist durch eine nach 6 Millien von der Via Aureha 
abzweigende Nebenslrafse mit dem 18 Millien entfernten Ostia ver- 
bunden. Halbwegs erreicht dieselbe Fregenae Macarese am rechten 
Ufer des Arrone der aus dem See von Braciano abfliefst.^) Mit 
den Worten obsessae campo squalente Fregenae kennzeichnet Sihus 
die sumpfige Umgebung: nach dem Tiber hin zieht sich eine aus- 
gedehnte Lagune Stagno di Ponente. Die Römer haben 245 v. 
Chr. eine Bürgercolonie in dem Orte angesiedelt die noch unter 



1) Slrab. V 225. 26 Plin. III 44. 51 Ptol. III 1,4 It. Ant. 301 Tab. Peut. 
Geogr. Rav. IV 32 V 2 CIL. XI p. 547. 

2) Dion. H. I 20 Sil. lt. Vlll 474. 

3) Flor. 1 5 unbestimmbar; Velleius I 14,8 Liv. XXVII 38. 

4) Frontii) de aqu. 11. 71. 

5) Val. Max. VIII 1 daran. 7 Cic. pro. Mil. 54 ad Farn. IX 6,1 Alt. XIII 
5ü,3fg.; Plin. Ep. VI 10; Fronto de feriis Alsielinis p. 223fg. Naber; Rutil. 
Nani. 1 223. 

6) Strab. V 225. 26 Plin. III 51 It. Ant. 300 CIL. XI p. 549. 



§ 5. Die Südmark. 351 

den Kaisern bestand, aber doch früher als ähnliche Gründungen 
verscholl. 1) — An der Via Aurelia 11 Millien von Alsium, 12 von 
Rom lag die Ortschaft Lorium.'^) Ausgrabungen in dieser Gegend 
auf den Gütern Castel di Guido und Bottaccia haben eine beträcht- 
liche Zahl von Inschriften ergeben und gelehrt dafs die hier im 
2. Jahrhundert aufgeschlagene Kaisenesidenz viele Bewohner an- 
lockte, Antoninus Pius ist in Lorium aufgewachsen und gestorben; 
der von ihm erbaute Palast wurde gleichfalls von Marc Aurel 
oft benutzt.3) 

Die Küstenlandschaft wird von den Erhebungen überragt die 
um den See von Bracciano sich reihen und nordlich von diesem 
in der Rocca Romana ihren höchsten Gipfel 602 m aufsteigen 
lassen (I 259). Der See heifst den Alten lacus Sabate oder Saba- 
tinusJ) Die an vielen Seen verbreitete Sage die auf dem Grund 
eine versunkene Stadt erschaut, wird auch von ihm berichtet 5) und 
lebt noch heutigen Tages im Volke. Sie konnte sich um so leichter 
festsetzen, als der W^asserstand bemerkenswerten Schwankungen 
unterworfen gewesen ist. Der Spiegel ist gegenwärtig höher als 
im Altertum: an der Westseite läuft eine gepflasterte antike Slrafse 
unter Wasser. Da nämlich Leitungen für Rom aus dem See ge- 
speist werden, hat man Stauwerke am Arrone errichtet und den 
Abflufs geregelt. Auch im Altertum ist beiläufig von einem Vor- 
rücken des Sees um 10 Fufs die Rede. — Eine gröfsere Stadt darf 
nun freilich an seinen Ufern überhaupt nicht gesucht werden, wol 
aber haben — das beweisen die erhaltenen Ruinen — sowol im 
Norden bei Trevignano als im Osten bei Anguillara Ortschaften ge- 
legen. Das letztere nimmt einen Vorsprung an der Bucht aus 
welcher der Arrone abüiefst, also einen für Fischerei sehr günstigen 
Platz ein. Der an Aalfang erinnernde Name ist durch eine leichte 
Entstellung aus dem lateinischen abgeleitet: ein Rechtsfall erwähnt 



1) Liv. XIX XXXII 29 XXXVI 3 Velleius I 14,8 Sil. It. VIII 475. Uebrigens 
verdient Beachtung dafs die Handschriften der beiden letztgenannten Autoren 
die Deminutivform Fregellae bieten. 

2) It. Änt. 290 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 CIL. XI p. 549. 

3) Vita Ant. 1,8 12,6 Eutrop VIII 8 darnach die Ausschreiber. Fronto an 
Marcus II 15 III 20 V 7 an Ant. 1 1.3 de feriis Als. 1. 3. 

4) Fest. 343 Abi. Sahate Dig. XVIII 1,69 Acc. Sabatenem Strab. V 226 
Nom. ^aßcira; Sil. It. VIII 490 Sabatia stagna; Colum, VllI 16 Fronlin de 
aqu. 71 lacus Sabatinus. 

5) Sotion de mir. fönt. 41 überliefert üäxaros für Häßaros. 



352 Kapitel V. Elrurien. 

njimlicli laaim Snbateuem Angviarinm — wie auch heute der See 
nach Trevignano und An<,Miillaia so gut wie nach Bracciano benannt 
wird — d. h. die angedentele Ausbuciilung; daraus ist zu schliefsen 
dafs der Vicus Sahate Angularia geheifsen haheJ) — Der Name 
Trevignano sclieint allerdings von einem Landgut Trehonianum her- 
zurühren , aber dafs hier einst eine befestigte Ortschaft gestanden, 
lehrt ein Ueberi)leibsel ihrer Ringmauer. Auf diesen Ort darf ver- 
mutungsweise der allein auf der Reisekarte verzeichnete Name Sahate 
bezogen werden. 2) üehrigens ist nicht der See nach dem Ort, 
sondern umgekehrt der Ort nach dem See benannt worden; denn 
der Wortstamm begegnet an der Riviera zur Bezeichnung einer 
Lagune, in Unleritalien zur Bezeichnung von Flüssen verwandt und 
wird demnach wol Wasser bedeuten. — Spuren etruskischer Cultur 
werden im Umkreis des Sees vermifst. Die Bewohner in gröfserer 
oder geringerer Abhängigkeit von Veji sind nach dessen Sturz 387 
als tribus Sabatina in die römische Bürgerschaft aufgenommen 
worden.3) Wie diese nach dem See, scheint die gleichzeitig ge- 
stiftete tribus Arnensis nach dessen Abflufs Arrone benannt zu 
sein. 4) An städtischer Entwicklung steht das vulkanische Bergland 
zurück. Die Censusliste des Augustus führt unter den Gemeinden 
Etruriens Novem Pagi auf d. h. 9 zu einem Verwaltungskörper ver- 
einigte Dorfschalten die wir auf der Karte ebensowenig mit Sicher- 
heit unterzubringen wissen wie die in den ältesten Kämpfen zwischen 
Rom und Veji erwähnten Septem Pagi am Tiber.'') — Am See sind 
von einem Claudier Dorfschaften zu einer Praefectur zusammen ge- 
fügt worden die als Praefectur a Claudia Foroclodi in der Census- 
liste steht. Eine Inschrift unterscheidet die urbani von den übrigen 
Claudienses ex praefectura Claudia. Das städtische Centrum der 
Gemeinde Forum Clodi liegt auf dem westlichen Hügelrand des 
Sees 2 Millien Nord vom heutigen Bracciano.^) Die im 8. und 9. 
Jahrhundert entstandene Kirche der Märtyrer S. Marcus Marcianus 
und Liberatus bezeichnet den Anfang der landeinwärts sich hin- 

1) Mig. XVIII 1,69 CIL. XI 3773-76 Nibby, Analisi P p. 142. 

2) Tab. Peilt. Geogr. Rav. IV 36 CIL. XI 3299 fg. 

3) Liv. VI 5 Fest. 343 M. 

4) Der Name kommt zuerst im 11. Jahrhundert vor s. Nibby l" p. 256 
der an den etruskischen Vornamen /iruns erinnert. 

5) Plin. III 52; Dien. H. II 55 V 31. 36. 65 Plut. Rom. 25. 

6) Plin. III 52 Ptol. III 1,43 It. Anl. 286 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 CIL. 
XI p. 502 Desjardins Ann. dell' Inst. 1859 p. 34 fg. Not. d. Scavi 1889 p. 5 fg. 



§ 5. Die Sädmark. 353 

ziehenden städtischen Anlagen, lieber dem Eingang zur Kirche 
ist die aus augustischer Zeit stammende Aufschrilt einer Villa Namens 
Pausilypon eingemauert: der schöne Blick über den weiten Spiegel 
mit seinem Hilgelkranz rechtleitigt die Bezeichnung. Im ganzen 
Umfang des Sees stufst man auf Trümmer von Landhäusern. — 
Viel früher als deren Entstehung fällt, ist die im Nordwesten 1 km 
vom See befindliche warme Mineralquelle von Vicarello aufgesucht 
worden. Bei einem Umbau des auch jetzt (aber der Malaria wegen 
nur im Frühhng) benutzten Bades wurden 1852 an 1000 kgr Weih- 
gaben aus Kupfer Silber und Gold, darunter die I 23 erwähnten 
Gaditaner Reisebecher aufgefunden. Zu unterst waren Spenden aus 
kleinen Kupferstücken (über 10 000 im Gewicht von 400 kgr) da- 
rüber gegossenes Schwerkupfer und endlich gewöhnliche Münzen 
bis zur Regierung Traians herab: ein Beweis dafs das Bad seit 
der alten Republik in ununterbrochenem Gebrauch stand. Ver- 
schiedene Silberbecher tragen Widmungen an Apollo; es kann nicht 
bezweifelt werden dafs das Bad Aquae Apollinares geheifsen habe, 
so sehr dies auch dem Ansatz der Itinerarien widerspricht.!) Allzu 
viel hat dies nicht zu bedeuten; denn das Strafsennetz in dieser 
Gegend ist so verwickelt dafs die Postbücher es ebenso wenig wie 
die heutige Forschung zu entwirren vermocht haben. Die nächste 
und wichtigste Frage betrifft Lauf und Alter der Via Claudia oder 
Clodia. Das zu ihr gehörige Forum ist älter als die Monarchie, 
aber kein Schriftsteller gedenkt ihrer Erbauung. Nun heifst die 
grofse Strafse von Luca und Florenz nach Rom im Reisebuch Clodia; 
entgegen dem heutigen Sprachgebrauch heifst die bei Ponte Molle 
von der Flaminia abzweigende Strafse nicht Cassia sondern Claudia; 
endlich steht diese in der Aufzählung der südetrurischen Staat- 
strafsen durchaus an erster Stelle.^) Daraus folgt freilich nur dafs 
die Cassia von beiden die jüngere ist. Aber gegen die Annahme 
als ob die das Arnus- und Clauislhal mit Rom verbindende Anlage 



1) CIL. XI p. 496. Bei der Aufzählung bekannter Bäder nennt Martial VI 
42,7 Phoebi vada: das Apollobad mufs entweder am Meer oder an einem 
Landsee gesucht werden. Nun setzen lt. Ant. 300 und die Reisekarte überein- 
stimmend Aquae Apollinares 12 Millien von Tarquinii; aber der Ansatz, mag 
man ihn deuten wie man will, ist irrtümlich da im Umkreis von 12 Millien 
von Tarquinii sich kein Bad vorfindet. Dagegen trifft der Ansatz des It. Ant. 
19 Millien von Gareiae auf Vicarello zu. 

2) It. Ant. 284 Ovid ex Ponto I 8,44 Fast. Praen. April 25 CIL. XI 6338 
vgl. Borghesi oeuvres IV 131. 

Nissen, Ital. LandeskTinde II. 23 



354 Kapitel V. Etrurien. 

ursprünglich von einem Claiulier herrühre, in der Folge von einem 
Cassier umgebaut und theilweise vorändeit worden sei, macht die 
im 3. Jahrhundert gewahrte Autonomie der Bundesgenossen be- 
denklich (S. 52). Wahrscheinlich handelte es sich zunächst darum 
für die zur Zeit des Pyrrhos in Südelrurien erworbenen Gebiete 
eine binnenländische Verbindung nach Rom zu schaden, wie solche 
bereits an der Küste bis Cosa (S. 299) durch Censor Aurelius her- 
gestellt war. Ferner liegt es nahe in dem Censor 225 v. Chr. 
0. Claudius Centho dessen Nachkommen den Patronat der claudischen 
Praef'ectur führen, den Erbauer von Strafse und Forum zu erblicken. i) 
Die Via Claudia hat vermutlich von der Ebene bei Viterbo in ge- 
rader Südrichtung nach Blera (S. 345) und weiter Forum Clodii 
geführt. Von hier läuft sie mit auf weiten Strecken erhaltenem 
allem Pflaster südlich um den See nach Careiae Galera am Arrone.-) 
Das Reisebuch rechnet von Careiae nach Forum Clodii zu hoch 17, 
nach Aquae Apollinares 19, nach Rom richtig 15 Millien. Die 
Reisekarte läfst es durch einen Nebenweg mit Vacanae Baccano 
an der Cassia verbunden sein. Bei Forum Clodii wurde die Via 
Claudia von einer Querstrafse gekreuzt die einerseits über Aquae 
Apollinares nördlich um den See nach der Cassia führte, auf der 
anderen Seite nach West dem Meer zulief. In letzterer Richtung 
läl'sl sie sich etwa 9 Millien bis zu den Bädern von Stigliano ver- 
folgen, heifsen Schwefelquellen die von den Alten benutzt wurden 
ohne dafs wir ihren Namen kennen. Letzteres gilt auch von dem 
verlassenen Dorf Monterano, an dem die Strafse vorbeiführt: es 
nimmt die Stelle einer antiken Ortschaft auf einer vorn Mignone 
und Bicchione umflossenen Landzunge ein, mehrere hundert Fels- 
gräber aufweisend, lieber den weiteren Verlauf der Strafse von 
Stigliano ab ist nichts Bestimmtes anzugeben, 3) 

Viel bedeutender als die Sabaliner sind die Höhen des Ciminer- 



1) CIL. XI 3310a. 

2) Fionlin de aqu. 71 lt. Ant. 300 Tab. Peul. Geogr. Rav, IV 33 CIL. XI 
p, 553, 

3) Die Gegend ist aufserordentlich öde. Der Hirte der uns 1864 nach 
Monterano hinüber führte und nachher in seiner ärmlichen Cnpanna speiste, 
erzählte dafs jene alte Strafse die bei Stigliano sichtbar wird, durch den See 
von Bracciatio gehe, darauf nach Rom und jenseit dem Albanergebirg sich 
fortsetze, alles ganz richtig; in Betreff einer Fortsetzung nach Tolfa oder dem 
Meer zu war iliin nichts bekannt, Ueber alte Gräber Bull dell'Inst, 1884 p. 193, 



§ 5. Die Südmark. 355 

Waldes i), dessen gestreckter Rücken eine unverächtliche Verkehrs- 
schranke darstellte (1 257). Diese wird von zwei Strafsen durch- 
brochen die beide von Sorrinum Viterbo (S. 344) auslaufen und in 
Sutri sich wieder vereinigen. Die Via Cassia folgt dem Engpafs 
der mit unmerklicher Steigung (465 m) vom inneren zum südlichen 
Etrurien führt und das natürliche Ausfalisthor der Etrusker gegen 
das Weichbild Roms abgiebt. Den Ausgang beherrscht Sutrium 
Sutri (291 m).-) Anschaulich kennzeichnet Livius dessen Redeutung 
mit den Worten urbs socia Romanis velut daustra Etruriae erat und 
braucht bei der erstmaligen Erwähnung von ihm und Nepet das 
gleiche Rild ea loca opposüa Etruriae et velut daustra inde portaeque 
erant.^) Es nimmt einen von Ost nach West gestreckten rings von 
Schluchten umgebenen Tuffelsen mäfsiger Ausdehnung ein und 
scheint nur 3 Thore besessen zu haben: Reste der regelmäfsig ge- 
schichteten Mauer sind erhalten. Die wichtige Festung ist im 4. Jahr- 
hundert v. Chr. heifs umstritten worden. Sie geriet gleich nach 
dem Fall Veji's in die Hand der Römer und wurde durch eine 
latinische Colonie gesichert, ging während des gallischen Unglücks 
an die Etrusker verloren, ward wieder erobert und 383 von Neuem 
colonisirt.*) Sutrium ire war sprichwörtliche Redensart: hier stellte 
sich die römische Landwehr im 4. und zu Anfang des 3. Jahr- 
hunderts, wie in der Folge (I 74) nach Eroberung der Halbinsel 
in Ariminum oder Pisae.^) Im grofsen Krieg 310 und 9 wurde 
die Festung von den Etruskern belagert; noch 41 v. Chr. geschieht 
ihrer bei den Kämpfen des Octavian und L. Antonius Erwähnung. ß) 
Mit Nepet und anderen latinischen Colonien vereint erklärte sich 
Sutrium 209 aufser Stande die im hannibalischen Kriege auferlegten 
Lasten länger zu tragen.') Durch das iulische Gesetz erhielt es 
Rürgerrecht in der Tribus Papiria und wurde von den Triumvirn 
mit Veteranen belegt: die amtliche Rezeichnung colonia coniuncta 



1) Gewöhnlicti silva Ciminia Liv. IX 35,8 36,1 37.11 38,4 X 24,5 Frontin 
Str. I 2,2 Plin. II 211 C. saltus Liv. IX 36,14 Flor. I 12,3 C. vwns Liv, IX 36,11 
37,1 Tab. Peut. 

2) Streb. V 226 Plin. III 51 Ptol. 111 1,43 It. Ant. 286 Tab. Peut. Aelh. p. 
80,76 Riese Geogr. Rav. IV 36 CIL. XI p. 489. 

3) Liv. VI 9,4 IX 32,1. 

4) Diod. XIV 98. 117 Liv. VI 3. 9 Vell. I 14 Steph. Byz. 

5) Plaut. Gas. 111 1,9 Fest. 310 M. 

6) Diod. XX 35 Liv. IX 32. 33. 35 Frontin Str. II 5,2; Appian b. civ. V 31. 

7) Liv. XXVI 34 XXVIl 9 XXIX 15 Sil. It. VIII 491. 

23* 



356 Kapitel V. Etrurien. 

Julia Sutrina die auf einer Inschrift begegnet, ist vielleicht so zu 
deuten dafs Octavian zugleich mit den eigenen Veteranen des An- 
tonius angesiedelt hat.i) Auch in der Censusliste bei Plinius er- 
scheint es als kaiserliche Colonie und wird von Strabo zu den 
etrurischen Mittelstädten gerechnet. Die günstige Verkehrslage be- 
wirkte seine Erweiterung vor den Thoren ; für die Leistungsfähig- 
keit der Bewohner legt ein kleines im Felsen ausgehauenes Am- 
phitheater Zeugnifs ab. Unter den bürgerlichen Einrichtungen ist 
die grofse Zahl der Pontifices bemerkenswert, desgleichen die Ver- 
ehrung einer Göttin Hostia.^) Wenn eine im Felsen hergestellte 
Kirche mit anschliefsenden Katakomben aus den ersten Jahrhunder- 
ten unserer Zeilrechnung stammen sollte, so hätte das Christentum 
sehr früh Boden gefunden ; jedoch scheint die Anlage während des 
Mittelalters aus einem Grabe umgewandelt zu sein. — Die Via 
Ciminia (S. 343) steigt von Sutri 4 Mühen nach Bonciglione (441 m), 
sodann den Kraterwall der den lacus Ciminius Lago di Vico ^) im 
Osten umgiebt, hinan der grofsen Poststrafse von Rom nach Florenz 
entsprechend (1 258). Allerdings hat sie eine 400 m gröfsere 
Steigung als die Cassia zu überwinden, aber zum Ersatz dafür den 
Vorzug der Trockenheit: Wasserläufe deren auf der Strecke von 
Viterbo nach Forum Cassii ein volles Dutzend zu überbrücken 
waren, kommen hier kaum in Betracht. Wenn demnach die Cassia 
erst 125 v. Chr. (S. 313) vom Staat kunstmäfsig ausgebaut worden 
ist, so mag die Ciminia eher älter als jünger sein. Der heutige 
Name des Sees ist von einem Vicus abgeleitet der an der Stätte 
von Bonciglione (mit Felsgräbern und Inschriften) oder 3 km weiter 
südlich bei S. Eusebio gesucht werden kann. 

Die Via Cassia erreicht 12 Millien von Sutrium Baccanae am 
Nordrand des ausgetrockneten Sees von Baccano (l 260) 21 Milben 
von Rom.4) Vei oder Veii wird von der Cassia nicht berührt, 
sondern am 12. Meilenstein (von Rom aus gerechnet) zweigt eine 
Nebenstrafse ab die durch die Stadt führt und dann ad Sextum 
beim 6. Meilenstein mit jener wieder zusammentrifft. Die Länge 



1) Fest. 127 M. Feldm. 217 CIL XI 3254 Plin. III 51. 

2) Tertull. Apol. 100; Dig. VIII 3,35. 

3) Strab, V 226 Golum. VIII 16 Ammian XVII 7,13 Sotion 42 Verg. Aen. 
VII 697 mit Schol. Sil. It. VIII 491 Tab. Peut. Vib. Sequ. p. 153 Riese. 

4) It. Ant. 286 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33. 36 Acta S. Alexandri 30. Sept. 
p. 230. 



§ 5. Die Südmark, 357 

ist bei beiden gleich. i) Die Verse des Properz fallen dem Besucher 
unwillkürlich in den Sinn: 

heu Vei veleres! et vos tum regna futstis 
et vestro positast anrea sella foro: 

nunc intra muros pastoris bucina lenti 
cantat et in vestris ossibus arva metunt. 
In Weide und Ackerland ist die Stalte der langjährigen Neben- 
buhlerin Roms umgewandelt; daneben liegt Isola Farnese ein von 
kaum 100 fiebergelben Menschen bewohnter Weiler. Veji war nach 
dem Wiederaufleben der Wissenschaften so völlig verschollen dafs 
die Gelehrten es an den verschiedensten Orten in einem Umkreis von 
60 Milben suchten : der richtige Ort ist erst nach Cluver nachge- 
wiesen und im 19. Jahrhundert durch Ausgrabungen endgiltig ge- 
sichert worden, 3) Nach dem durchstehenden Typus der südetruri- 
schen Ansiedlungen liegt die Stadt auf einer bis auf die Nordwest- 
ecke rings von Bachen umgebenen Tuffmasse (124 m). ,,Veji — 
bemerkt Dionys *) — war die mächtigste Stadt der Etrusker, gegen 
100 Stadien von Rom entfernt, auf einem hohen steilen Felsen 
gelegen, so grofs wie Athen ... an Geräumigkeit — sagt er anders- 
wo — stand es hinter Rom nicht zurück, besafs viel fruchtbares 
Land theils im Gebirg theils in der Ebene, die reinste und der 
Gesundheit zuträgUchste Luft, da weder ein Sumpf in der Nähe 
schwere übelriechende Dünste entsendet, noch ein Flufs in der 
Morgenfrühe kalte Nebel aushaucht, endlich reichliches und vor- 
zügliches Quellwasser." Der Hauplbach heifst den Römern Cremera, 
jetzt unterhalb Veji's Valca, vorher Fosso di Formello und bei 
seinem Ursprung im Kessel von Baccano den er entwässert, Fosso 
del Sorbo, seinen Namen nach den anliegenden Grundstücken 
wechselnd. Von Nord nach Süd fliefsend umfafst er den Stadt- 
hügel im Norden und 3 km lang im Osten. Unter spitzem Winkel 
mündet in ihn der Fosso de' due Fossi ein der wie der Name be- 
sagt aus zwei Armen entsteht: der eine umfafst die Stadt im Westen 
und Süden und trennt sie in tiefer Schlucht strömend von Isola 
Farnese, das in gleicher Art vom zweiten umgeben ist. Unterhalb 



1) Das It. Ant. der Cassia folgend erwähnt Veji nicht, dagegen der Neben- 
strafse folgend Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 erwähnt es wie die Station, 

2) Prop. V 10,27 Lucan VII 392 Flor. I 6,11. 

3) Nardini, 1' antico Veio, Roma 1647 Holsten. ann. ad Cluverii It. ant. 529. 

4) Dion. H. II 54 XII 15. 



358 Kapitel V. Etrurien. 

Veji's erweitert sich das Thal, die Ciemera mündet nach 6 Millien 
in den Tiber dem verbündeten Fidenae gegenüber.*) Die natürliche 
Festigkeit des Platzes ist künstlich gesteigert worden. An der 
Nordseite beim Ponte Sodo fliefst die Cremera durch einen 75 m 
langen unterirdischen Stollen der zu dem Zweck getrieben scheint 
um dem Bach sein Bett unmittelbar am Fufs des Stadthügels zu 
bereiten. Von der Ringmauer sind nur noch spärliche Reste sicht- 
bar, manche im Lauf des 19. Jahrhunderts zerstört worden. Sie 
war aus kleinen Tuffquadern geschichtet und gelegentlich zur Her- 
stellung einer wagerechten Grundfläche auf Luftziegeln fundirt. 
Der Umfang nicht genau bestimmbar beträgt 8 — 10 km (S. 37). 
Der umschlossene Raum hat eine unregelmäfsige Gestalt die sich 
nach SSO dem Zusammenflufs der beiden Bäche zuspitzt und in 
einer kleinen Kuppe endigt. Die Kuppe heifst gegenwärtig 
Piazza d'Armi und wird als die Arx mit dem berühmten Junotempel 
betrachtet, in den die Rümer 396 v. Chr. vermittelst einer Mine 
einbrachen. Die Hauptfläche die mit diesem Vorwerk nur durch 
einen schmalen Nacken zusammenhängt, zerfällt in drei längliche 
Streifen von denen der mittlere und längste von Nordwest nach 
Südost 2 km mifsl. Das römische Municipium beschränkte sich im 
Wesentlichen auf den östlichen Streifen, kaum ein Drittel des 
Ganzen. In der Mauer sind 9 Tliore mit auslaufenden Strafsen 
erkannt worden. Ueber das Verhältnifs der von Isola Farnese ein- 
genommenen Höhe zur Stadt gehen die Ansichten auseinander: einige 
Topographen verlegen hierhin die Arx, andere leugnen die Ver- 
einbarkeit solcher Annahme mit der Erzählung vom Eindringen der 
Römer. Der Einwand trifl^t zu, aber darum behält die Erwägung 
nicht minderes Gewicht dafs die Vejenter eine so starke Citadelle 
die kaum zwei Bogenschufs von ihren Mauern entfernt war, un- 
möglich dem belagernden Feinde als Stützpunct preisgeben konnten. 
Wir werden deshalb in Isola ein gesondertes Vorwerk erblicken 

1) Dieser zuerst von Gluver aufgestellten und allgemein angenommenen 
Gleichung widerspriclit Bunbury (in Smith Dictionary) mit Unrecht. Die An- 
gabe des Dionys IX 15 dafs die Cremera nicht weit von Veji entfernt sei, ist 
oh[ie Belang, weil der Schriftsteller sich nach der oben angeführten Be- 
schreibung in den Kopf gesetzt hatte, dafs kein Flufs in unmittelbarer Nähe 
den Bürgern durch Nebel lästig falle. Entscheidend für die Richtigkeit der 
Gleichung ist die Nähe von Saxa Rubra Liv. II 49; ferner pafst die Schilde- 
rung Ov. Fast. II 205 fg. auf die unbedeutende Acqua Traversa die allein sonst 
in Frage kommen könnte, schlecht. Diod. XI 53 Gell. N. A. XVII 21,13. 



§ 5. Die Südmark. 359 

das die Hauptfestung deckte ähnlich wie das Janiculura Rom. 
MögUcher Weise ist dies die älteste Niederlassung gewesen, die der 
Schöpfung der Grofsstadt vorausgeht. — An Ausdehnung überragt 
Veji alle übrigen etruskischen Städte , auch die beiden gröfsten 
Volaterrae (S. 301) und Tarquinii (S. 329). In der nationalen 
Gemeinschaft nimmt es eine Sonderstellung ein, hielt namentlich 
im Gegensatz zu den Bundesgenossen am Königtum fest.i) Sein 
Reichtum wird hervorgehoben, seine Kunstfertigkeit^): um das 
Tempelbild auf dem Capitol zu fertigen ward ein vejentischer 
Künstler berufen ; die aufgedeckten Gräber bestätigen diese An- 
gaben, wenn sie auch lange nicht die gleiche Pracht wie in den 
Seestädten enthüllen. Nach dem gallischen Brande wollte die 
römische Plebs die verwüstete Heimstätte mit dem viel bequemeren 
besser ausgestatteten und gebauten V'eji vertauschen: aber die Staats- 
männer hatten Recht dem Verlangen gegenüber die Ungeheuern 
Vorzüge der Lage Roms zum Meer wie zum Binnenland zu preisen 
(I 316 A. 7). Die natürlichen Vorzüge der Lage haben in dem 
Kampf auf Leben und Tod der zwischen beiden Städten geführt 
worden ist, das entscheidende Wort gesprochen. — Unter einer 
stammfremden Bevölkerung haben die Etrusker in der Südmark 
eine binnenländische Herrschaft aufgerichtet gleich den Spartanern 
im Thal des Eurotas. Veji mag in seiner Glanzzeit ein Gebiet von 
40 — 50 d. Gevierlmeilen von den Höhen des Ciminerwaldes und 
Soracte bis zum Meer in gröfserer oder geringerer Abhängigkeit 
gehalten habend): südlich vom Tiber ist ihm Fidenae eng ver- 
bündet. Die Annalen berichten von 14 Kriegen die es mit Rom 
ausgefüchlen haben soll. Auf die Einzelheiten ist nicht viel zu 
geben, aber die allmälich von diesem gemachten Fortschritte 
werden in ganz glaubwürdiger Weise gezeichnet. Romulus eröffnet 
den Kampf um die Freiheit der Tiberschiffahrl und gewinnt am 
rechten Flufsufer die Septem Pagi (S. 352): aus dem der Stadt zu- 
nächst gelegenen Erwerb wird die tribus Romulia oder Romilia 
gebildet.4) Unter Ancus Marcius wird die silva Mesia, vermuthch 



1) Liv. V l Fest. 322 M. Namen von K<5nigen Liv. IV 17 Serv, V. Aen. 
VII 697 VIII 285 Cic. Phil. IX 4. 

2) Piin. XXXV 157 Liv. V 20. 24 Plut. Garn. 2. 

3) Das Flufsufer gegenüber dem Marsfeld von Rom heifst noch zur Kaiser- 
zeit ripa yeienlana (Kap. IX 1). 

4) DioD. H. II 53 fg. Plut. Rom. 25. Liv. I 15 Varro LL. V 56 Fest. 271. 



360 Kapitel V. Etrurien. 

ein Küstenwald samt der Tibermündung und den anslofsenden La- 
gunen gewonnen, zur Sicherung des Gewonnenen Ostia gegründet.*) 
Veji war damit von der natürlichen und wichtigsten Verbindung 
mit dem Meer die der Flufs darbot, abgeschnitten. Nach Vertreibung 
der Tarquinier und der blutigen Schlacht bei der silva Arsia un- 
weit der Grenze am Janiculum erlangte es zwar durch den etrus- 
kischen Bund das verlorene Gebiet zurück, vermochte es jedoch 
nicht zu behaupten. 2) Bei dem Auszug der Fabier 479 v. Chr. ist 
die römische Grenze 6 Millien stromaufwärts bis in die INähe der 
Cremera vorgeschoben.-^) Den Punct den die tapfere Schar be- 
festigte, sucht man mit Recht auf dem Hügel (67 m) der au der 
Ausmündung der Cremera in das Tiberthal am rechten Ufer des 
Baches reichlich 50 m über der Thalsohle ansteigt: von hier wird 
sowol die Niederung des Flusses auf- und abwärts als der unmittel- 
bare Verkehr zwischen Veji und Fidenae beherrscht. In der Folge 
dreht sich der Kampf um Fidenae den Brückenkopf der Vejenter 
auf dem linken Tiberufer, der endlich 426 fällt. Seinen Abschlufs 
findet der Kampf durch eine Belagerung der nach dem Vorbild der 
trojanischen zehnjährige Dauer beigelegt wird. 4) Die Sage läfst 
Veji durch eine Mine erobert werden; mit mehr Grund kann der 
Abfall seiner Unterthanen als Ursache des Untergangs betrachtet 
werden. Die Abgefallenen erhielten zum Theil Bürgerrecht und 
»aben durch römische Ansiedler verstärkt den Grundstock ab für 
die 387 gebildeten vier neuen Tribus (S. 88)^). Unter diesen 
befafsl die nach dem campus Tromentus benannte Tromentma das 
Weichbild von Veji.*) — Die Stadt war in feierlicher Weise dem 
Untergang geweiht worden; trotzdem scheint sie als Markt oder 
Flecken fortbestanden zu haben. ^) Jedenfalls blieb ihr Name an 
dem ager Veiens haften. 8) Caesar hatte hier Landanweisungen sei 
es geplant sei es wirklich ausgeführt. 9) Unter seinem Nachfolger 
feierte sie zwar nicht als Colonie, sondern als municipium Augustum 



1) Liv. I 33 Dion. H. III 41. 

2) Liv. II 7. 14fg. Val. Max. I 8,5 Plut. Publicola 9,1 Dion. H. V 14 fg. 

3) Liv. II 49,9 Dion. H. IX 15. 

4) Diod. XIV 16. 43. 93 Liv. IV 58— V 25 Plut. Cam. 2 fg. 

5) Liv. VI 4. 5 Vell. I 14,1. 

6) Fest. 367 CIL. XI p. 557. 

7) Macrob. Sat. lil 9,13 Liv. XXVII 37 XXXII 9 Cic. de leg. agr. II 96. 

8) Liv. XXVI 34 XLI 21 XLII 2 Cic. pro Rose. Amer. 47. 

9) Cic. Fam. IX 17,2 Feldm. 220 fg. 223 Lachm. 



§ 5. Die Södmark. 361 

Vetetis ihre Auferstehung. *) Aus den Inschriften ersehen wir dafs 
die Stadträte Centumvirn, die Bürgermeister Duovirn heifsen, dafs 
der Kaisercult eifrig gepflegt wird und ähnhche Aeufserungen klein- 
bürgerlichen Lebens. Obwol die neue Gründung sich auf einen 
Bruchtheil der alten beschränkte, hat es ihr an äufsereni Glänze 
nicht gefehlt: um von anderen Fundstücken zu schweigen, verdankt 
die Halle an Piazza Colonna in Rom ihre Säulen den hiesigen 1810 fg. 
angestellten Ausgrabungen. Der Bestand der Stadt läfst sich bis 
ins 4 Jahrhundert aus den Denkmälern verfolgen; das heutige Isola 
taucht in einer Urkunde von 1003 zum ersten Mal auf. — Das 
Gebiet war den Römern wegen seines geringen Weins bekannt 2), 
lieferte indefs auch Edelsteine. 3) Seine Ausdehnung in der Kaiser- 
zeit läfst sich nur annähernd umschreiben. Ausdrückhch wird an- 
gegeben dafs es am Tiber aufwärts bis zum 16. Meilenstein von 
Rom, also bis Riano und jenseit Monterotondo refchte.^) 6 Millien 
Nord von Veji erhebt sich 402 m hoch der Monte Musino (I 260): 
der Name scheint alt zu sein, da eine hier gefundene Inschrift dem 
Juppiter Tonans und Hercules Musinus geweiht ist. Am Abhang 
befindet sich ein Feld mit so zähem Erdreich dafs es nach starkem 
Regen von der Pflugschar nicht durchbrochen werden kann: aus 
dieser Uebereinstinimung mit einer Angabe bei Plinius zieht Nibby 
den Scblufs dafs hier die arae Muciae zu suchen seien. &) Auf 
andere Puncte des vejentischen Gebiets kommen wir gelegentlich 
zurück. 

Aus Umbrien führen zwei Hauptstrafsen durch die Südmark 
nach Rom. Die via Amerina nach dem 56 Millien entfernten 
Ameria benannt (Kap. VI 2), mündet am 23. Meilenstein hinter 
Raccanae (S. 356) in die Cassia ein. 6) Möglicher Weise kommt der 
Name nur dem 21 Millien langen Stück von Ameria bis Falerii zu, 
während das Stück von Falerii bis zur Cassia mit 12 Millien via 



1) Strab. V 226 Plin. 111 52 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 Aelh. Gosm. 1 19 

2) Horaz Sat. II 3,143 Fers. 5,147 Martial 1 103,9 II 53,4 111 49. 

3) Plin.XXXVlI 1S4. 

4) Plin. III 53. 

5) CIL. XI 3778 Plin. II 211 Nibby I 216. Die italienische Generalstabs- 
karte hat den M. Musino nicht, sondern giebt als höchsten Punct des Rückens 
bei Scrofano den M. Rroccoleto mit nur 368 m an. 

6) Tab. Peut. CIL. IX 5833. 



362 Kapitel V. Etrurien. 

Aiinia hiefs.i) Es kann aber auch eine in westöstlicher Richtung 
laufende, die Amerina bei Falerii rechtwinklig schneidende Strarse 
darunter verstanden werden, deren Anfang und Ende noch festzu- 
stellen bleiben. Spuren der Tiberbrücke welche vom umbrischen 
auf etrurischen Boden, von Castellum Amerinum nach Horta Orte 
(134 ni) führte, sind wahrnehmbar.^) Horta hatte Stadtrecht und 
gehörte zur Tribus Stellatina. Es liegt hoch über dem Tiber (51 m), 
weist auch Gräber und andere Reste aus dem Altertum auf. Man 
ist versucht diese iNiederlassung den Fahskern zuzuschreiben , da 
der Stamm sich jedesfalls weiter erstreckt hat als die seinen Namen 
tragenden Gemeinden. — Die Falisker haben in der älteren Ge- 
schichte keine unbedeutende Rolle gespielt; die im letzten Jahr- 
zehnt mit Eifer und Erfolg betriebene Erforschung ihrer Cultur 
verleiht ihnen eine erhöhte Anziehungskraft. 3) Nach Cato's Vor- 
gang legt die Geschichtschreibung den Faliskern einen griechischen 
Ursprung bei und leitet sie von dem Argiver Halesus einem Sohn 
Agamemnons als Stammvater her; vereinzelt werden sie mit den 
Nülanern und Abellanern in Campauien zusammen als chalkidische 
Colonisten bezeichnet. *) Vergleichsweise früh sind sie in den Ge- 
sichtskreis der Hellenen eingetreten und haben nach einem durch 
die merkwürdige Uebereinstimmung der Ortsnamen bestätigten Be- 
richt ausgedehnte Eroberungen in Campauien gemacht. Letzteres 
im Bunde mit den Etruskern (I 513). Es ist wol denkbar dafs edle 
Geschlechter dieses Volkes ähnlich wie in Rom Aufnahme landen 
und zur Herrschaft gelangten. Aber im Grofsen und Ganzen be- 
wahren die Falisker Veji gegenüber ihre Selbständigkeit, ergreifen 
in dem langwierigen Duell zwischen Veji und Rom eher für dieses 
als für jenes Partei. Damit steht durchaus nicht im Widerspruch 
dafs sie mehrfach die Waden mit den Römern gekreuzt, den Fall 



1) CIL. XI 3U83. Dafs nicht Annia und Ainerlna verschiedene Namen für 
ein und dieselbe Strafse sein können, wie man annimmt, lehrt CIL. IX 5833. 
In der Inschrift 214 n.Chr. Bull. com. 1884 p.8 wird /innia cum ramulis erwähnt. 

2) Verg. Aen. VII 716 Plin. IIl 52 Geogr. Rav. IV 33 Paul. h. Lang. IV 8 
CIL. XI p. 463. 

3) Der Ertrag der Ausgrabungen füllt das Museum in der Villa di Papa 
Giulio zu Rom, die wissenschaftliche Veröffentlichung liegt in den Monumenti 
antichi dei Lincei IV 1894 vor. W. Deecke, die Falisker, eine geschichtlich- 
sprachliche Untersuchung, Strafsburg 1888. 

4) Gate bei Plin. III 51 Dion. H. I 21 Steph. Byz. ^aXla^os Ovid. Am. III 
13,31 Fa«««. IV 73 Serv. V. Aen. VII 695 Solin 2,7; dagegen Justin XX 1,13. 



§ 5. Die Südmark. 363 

Fidenae's 427 wie denjenigen Veji's 402 v. Chr. zu hindern ver- 
sucht haben. 1} Auf den Friedensschlufs 394 folgt eine Zeit freund- 
schaftlichen Einvernehmens bis 357, wo sie die Tarquinienser mit 
Fieischaren unterstützen. 2) In dem grofsen Krieg jedoch der am 
Ausgang des Jahrhunderts um die Freiheit Italiens entbrannte, stehen 
sie offen auf Seiten der Römer und wechseln erst das Lager 293 
als es schon zu spät war. 3) Uebeihaupt ist es das Verhängnifs der 
faliskischen Politik gewesen dafs die Entscheidung gegen Rom immer 
zu spät von ihr getroffen wurde. Am Stärksten tritt solches in dem 
tollen Aufstand zu Tage der 241, vielleicht durch die damaligen 
Coloniengründungen (S. 350) und Gebietsverschiebungen in Sud- 
etrurien veranlafst, unternommen und in 6 Tagen niedergeschlagen 
ward. 4) Dafs die Resiegten mit besonderer Milde behandelt worden 
seien, wie gelegentlich behauptet wird, kann man eben nicht sagen. 
Nach dem ausführlichsten Rericht wurden ihnen Waffen Pferde 
fahrende Habe Sklaven und die halbe Feldmark abgenommen, nach- 
her die alte auf einem steilen Rerge gelegene Stadt zerstört und 
eine leicht zugängliche erbaut. — Das alte 241 zerstörte Falerii 
ist das heutige Civila Caslellana, der natüiliche Mittelpunct der west- 
lich vom Soracte aus den Abdachungen der Ciminer und Sabatiner 
Höhen nach dem Tiber gebildeten Landschaft. Unter den vielen 
Wasserläufen die in Ost- und Nordost -Richtung den Tuffboden 
durchfurchen, ist die Treia der ansehnlichste. Reichlich 6 km vor 
ihrer Mündung in den Tiber nimmt die nordwärts fliefsende Treia 
links den Rio Saleto oder Ricano und 600 m weiter den Rio Maggiore 
auf. Damit wird ein längliches Plateau von 10 — 1100 m Länge 
und 400 m Breite, der alte Stadtboden durch die drei genannten 
Bäche umschrieben. Bei einer Meereshöhe von 145 m überragt 
derselbe die umliegende Landschaft nicht, ist aber rings durch 
schauerliche 60 — 70 m tiefe Schluchten gedeckt, die im Durch- 
schnitt 100 m breit in der Regenzeit bedeutende Wassermengen 
bergen. Nur die Westseite entbehrt auf 150 m des natürlichen 
Schutzes: diese Strecke war durch Wall und Graben nach Art des 
servianischen Agger in Rom gesichert. Uebrigens war der ganze 
Umkreis der Stadt ummauert und zwar nach den erhaltenen Resten 



1) Liv. IV 17fg. V 8—27 Diod.XIV96.98 Dion.H.XIlI 1 Plut. Cam. 9fg. u. a. 

2) Diod. XVI 31 Liv. VII 16—22. 

3) Liv. X 12. 14. 26. 45 Zonar. VIII 1. 

4) Pol. 1 65 Liv. XlXValer. Max. VI 5,1 Eutropll 2S Zonar. VIII 18. Fast. Gap. 



364 Kapitel V. Elrurien. 

zu schliefsen mit iingewolinlicli grofsen TufTblöcken. Der Maiierring 
hat eine LSnge von 26 — 3000 m, etwa so viel wie Pompeji, aber 
mit viel kleinerem Inhalt (S. 37). Dazu kommt im Nordosten 
eine abgesonderte kleine Kuppe welche die Arx einnahm. Wie sehr 
die freie Bewegung des Angreifers durch die bündelfOrmig hier zu- 
sammen strömenden Bäche eingeengt ist, lernte der Beisende vor 
etlichen 30 Jahren, als eine der beiden zur Stadt führenden Brücken 
eingestürzt war, durch eine Geduldprobe kennen: um nämlich die 
Sladt zu erreichen mufste die Post einen Umweg von 6 Millien 
machen. Aus dem allen erhellt die ungemeine Festigkeit des Platzes, 
die von den Alten treffend hervorgehoben wird.') Die Nekropolen 
in der Umgebung führen das Eindringen etruskischer Sprache, den 
Import griechischer Vasen, die Leistungen des einheimischen Ge- 
werbes vor Augen. Unter den Ergebnissen der jüngsten Ausgrabungen 
ist das lehrreichste die Auflindung eines Tempels innerhalb und 
eines anderen nordöstlich unweit der Stadt am Bio Maggiore, deren 
bunt bemalte Terracottabekleidung den älteren Baustil vor der Ver- 
breitung des Marmors veranschaulicht. Stromaufwärts an der Treia 
ist 9 km von Civita Castellana ein ähnlicher Sitz der Falisker bei 
Calcata an einer Narce genannten Oertlichkeit entdeckt worden: 
leider bleiben wir über den INamen des oppidum im Unklaren. — 
Nach der Unterwerfung 241 verloren die Falisker ihre Selbständig- 
keit und wurden, so scheint es, der Bürgerschaft ohne Stimmrecht 
einverleibt. 2) An die Stelle der alten Stadt trat in geringer Ent- 
fernung ein offener Flecken Aequnm. Fah'scum an der Via Flaminia.^) 
Nur die Tempel der Götter, insbesondere der Tempel der Haupt- 
göttin Juno Curitis oder Quiritis, wie sie auf den Inschriften heifst, 
belebten die verlassene Höhe. 4) Der politische Sitz der Gemeinde 
wurde 5 km weiter westlich an einem neuen Ort aufgeschlagen. 



1) TiöXie iQVfivTi Zonar. VII 22 VllI 18 Plut. Cam. 9 Liv. V 26 Ovid. Am. 
III 13,6. 34. 

2) Liv. XXil 1 Plut. Fab. M. 2 Piin. VII 19. 

3) Verg. Aen. VII 695 mit Schol. Sil. It. Vlil 489. Die Lage des Fleckens 
ergiebt sich aus Stiab. V 226 und Tab. Peut. freilich mit weitem Spielraum; 
denn der Lauf der Flaminia ist auf der Karte völlig verzeichnet. Der Name 
Aequo Falsico ist einfach zu bessern in Aequo Falisco , aber Intermanana 
nicht zu enträtseln und deshalb läfst sich aus den Entfernungsangaben kein 
sicherer Schlufs ziehen. 

4) Ovid. Am. III 13 vgl. Fast. VI 49 Plut. Parall. 35 TertuU. Apol. 24. — 
Ov. Fast. III 837 fg. Macrob. Sat. I9,13Serv. V. Aen. VII 607. — Ov. Fast. III 89. 



§ 5. Die Südmark. 365 

Das Deue Falerii Falleri (203 ra) hat die Form eines Dieiecks mit 
abgestumpften Winkeln.') Die längste die südwestliche Seite wird 
durch den Miccino gedeckt der bei Civita Castellana mit dem Rio 
Maggiore zusammen ttiefst. Die Annäherung von Nord und Ost 
wird zwar auch durch Wasserläufe erschwert, doch befinden sich 
diese in einiger Entfernung, so dafs die Mauer an den beiden ge- 
nannten Seiten im Wesentlichen sich selbst schützen mufs. Die 
Mauer aus regelniäfsigen Quadern (Schichthöhe 2' röm. = 592 mm) 
errichtet, 56' röm. hoch 7 — 9' dick steht noch grofsentheils und 
gewährt ein bemerkenswertes Beispiel der Befestigungskunst des 3. 
Jahrhunderts v. Chr. Bei einem Umfang von nur 7125' (ca. 2100 m) 
weist sie nicht weniger als 80 um 10' vorspringende Thürme und 
8 oder 9 Thore auf (etwa 50 Thürme sind erhalleu); demnach ist 
die Vertheidigung nicht auf ferntragende Geschütze sondern nur auf 
Handwurfwaffen eingerichtet. Es bat geringe Wahrscheinücbkeit 
dafs diese Festung zur Aufnahme der unterworfenen Falisker be- 
stimmt gewesen sei: eher werden wir uns römische Parteigänger 
in ihr angesiedelt denken. Aber N'achricbten fehlen um die 241 
getroffenen Anordnungen im Einzelnen zu erkennen. In der Folge 
ist die Horatia die Tribus der Bewohner. Zur Zeit Cicero 's scheint 
die Gemeinde herabgekommen zu sein^), erhielt aber unter den 
Triumvirn eine Colonie und theilte den allgemeinen Aufschwung 
der die Errichtung der Monarchie begleitete. Der Titel Colonie 
begegnet freilich erst auf Inschriften des 3- Jahrhundert n. Chr., 
mufs also früh bei irgend einer Gelegenheit ihr aberkannt und 
später wieder verliehen worden sein. 3) Im Uebrigen künden die 
Denkmäler den herrschenden Wolstand: ein Theater innerhalb und 
ein Amphitheater (Arena 54,3 X 32,7 m) aufserhalb der Mauer. 
Die Feldmark erstreckte sich vom Soracte bis auf den Cimiuerwald. 
Die Viehzucht war hoch entwickelt: die weifsen faliskischen Rinder 
wurden in Rom mit Vorliebe geopfert, die Raufe an der Krippe, 
die Magenwurst galt als faliskische Erfindung.*) Eine altertümliche 
Inschrift imperatoribus summeis d. h. Juppiter Juno nnd Minerva 



1) Strab. V 226 Plin. III 51 Ptol. HI 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33. 

2) Gic. de leg. agr. II 66. 

3) Feldm. 217 colonia Junonia quae appellatur Faliscos Plin. III 51 
col. Falisca quae cognominatur Elruscorum. 

4) Plin. II 230 Ovid. Am. III 13,13 Fast. 1 84 ex Ponto IV 8,41 ; Gato RR. 
4. 14; Varro LL. V 111 Martial IV 46,8 Stat. Silv. IV 9,35. 



366 Kapitel V. Etrurien. 

geweiht, rührt von einer in Sardinien thätigen Gilde faliskischer 
Köche her.i) Obst- und Weinbau Bienenzucht wird betrieben, 
namentlich aber der Anbau von Flachs und dessen Verarbeitung. 2) 
Eine Anzahl topographischer Daten via Campana v. Augusta v. 
Sacra u. a. werden erwähnt, entziehen sich jedoch genauerer Be- 
stimmung. Im Mittelalter siedelten die Bewohner des neuen Falerii 
nach der ursprünglichen Heimat in Civita Castellana über. Die 
innerhalb der römischen Ringmauern befinilliche im 12. Jahrhundert 
erbaute Abtei S. Maria di Falleri ist nachgerade auch verfallen: Aus- 
grabungen 1821. 59 fg. haben viele Einzelheiten der Römerstadt 
ans Licht gefördert. — Mehrere Hauptfragen hairen noch immer 
ihier Lösung. Die Alten führen Fescennia als zweite Stadt der 
Falisker neben Falerii auf.3) Von ihr werden die römischen Hoch- 
zeitlieder hergeleitet/*) Sie hat in dem augustischen Verzeichnifs 
selbständiger Gemeinden einen Platz, mufs aber trotz ihres litter- 
arischen Ruhmes unbedeutend gewesen und früh verschollen sein. 
Die Lage ist unbekannt: man hat Corchiano an der Via Amerina, 
Gallese unweit derselben und andere Orte in Vorschlag gebracht. 
Von Falerii durchmifst die Via Amerina 5 Millien nach Nepet 
oder Nepete, verkürzt Nepe Nepi (225 m). 5) Die Lage auf einer 
von tiefen Schluchten umgebenen Tuffinsel ist aufserordentlich fest. 
Nur von Westen her wo sie mit der Hochfläche (233 m) zusammen- 
hängt, kann ein Angriff mit Aussicht auf Erfolg unternommen 
werden: an dieser Seite steht noch ein 19 Schichten 38' röm. 
hohes Stück der alten Mauer. Ob der ganze Umkreis von etwa 
2 km ummauert war, läfst sich nicht mit Bestimmtheit behaupten. 
Trotz seiner Festigkeit hat der Ort in der Mitte zwischen Faliskern 
und Vejentern keine unabhängige Hallung bewahren können, sondern 
die Schicksale Sutriums mit dem er mehrfach zusammen erwähnt 
wird (S. 355), getheilt.6) Zu Anfang des 4. Jahrhunderts rang eine 

1) CiL. XI 3078. 

2) Ovid. Am. III 13,1 ; Gell. N. A. XX 8,1; Varro RR. IH 16; CIL. XI 3209 
cnllegimn] llnti(in[nvi quorf consistit] Fale[rüx] Sil. It. IV 223 Gratii Cyn. 40. 

3) Dion. H. I 21 Verg. Aen. VII 695 Piin. III 52 Solin 2,7. 

4) Fest. 85 Serv. V. Aen. Vil 695 Hör. Ep. II 1,1 45 n. a. 

5) Nacli den Grammalikern ist Nepet die richtige Form und indeclinabel 
Charis. I 15 Priscian V 40 VI 22, doch kommt Nepete hänfig vor und seit 
dem 2. Jahrhundert n. Chr. Nepe ; Steph. Byz. Neneroe; Et\M\\kon Nepesinus. 
CIL. XI p. 481. 

fi) Liv. V 19 VI 9. 10. 21 X 14 XXVI 34 XXVII 9 XXIX 15 Vell. I 14 
Sil. It. VllI 489 Fest. 127 Feldm. 217. 



§ 5. Die Südmark. 367 

etruskische Partei der Bewohner mit eiuer römischen um die Ober- 
hand: jene lieferte 386 die Stadt au die Etrusker aus, aber die 
Römer drangen im Sturni ein und hielten blutiges Gericht. 374 
erhielt Nepet eine latinische Colonie, die dem 8 Millien entfernten 
Sutrium als Rückhalt und als Deckung gegen die Falisker diente, 
durch das iulische Gesetz Bürgerrecht und Aufnahme in die Tribus 
Stellatina. Die Triumvirn siedelten hier Veteranen an. Nach den 
Inschriften hat das Städtchen die gewöhnlichen Aemler und Ein- 
richiungen eines Municipium gehabt; in der Lilteratur wird es nur 
beiläufig erwähnt, bis seine mihtärische Stärke in den Gothenkriegen 
erprobt wurde und ihm vorübergehend im 8. Jahrhundert den Sitz 
eines Herzogtums verschaffte.') 

Die Via Amerina hat lediglich eine landschaftliche Bedeutung 
gehabt, die Via Flaminia war eine \Yeltstrafse. Von Ocriculum her 
(Kap. VI 2) überschritt sie 3 Millien oberhalb des heutigen von 
Sixtus V erbauten Ponte Feiice den Tiber. Die Brücke ist wol 
bereits im Mittelalter zerstört worden: ihre Trümmer le Pile 
d'Augusto genannt, erinnerten an die grofsariige Erneuerung der 
Strafse durch Auguslus. Dieselbe hielt durchweg eine kürzere Rich- 
tung ein als die heutige, liefs namentlich das alte Falerii 2 — 3 Millien 
rechts liegen. Von Aequnm Faliscum war oben S. 364 die Rede. 
32 Millien von Rom verzeichnen die Reisebücher die Station Aqua- 
viva wo der heutige Weg nach Civita Castellana von dem alten ab- 
zweigt: der Name stammt von einer reich sprudelnden Quelle und 
ist der Osteria dell' Acqua viva verblieben. 2) — Der Soracte bis 
dahin in verkürzter Gestalt gesehen, enthüllt nachgerade seine ganze 
Ausdehnung. Dieser einsame Berg fesselt den Blick in Latium und 
dem in der Luftlinie 40 km entfernten Rom: wenn sein steiles der 
Mittagsonne ausgesetztes Gehänge den Schnee hält (I 401), so 
herrscht strenge Kälte. Den Umwohnern galt er als heilig wie 
Vergil bezeugt 3): summe deum sancti custos Soractis Apollo. Ein 
losgelöstes Glied des Appennin (l 238) wird der graue Kalkfelsen 
bis zur Höhe von 350 m von Tuff eingefafst. Er streicht als 
schmaler Rücken von Südost nach Nordwest reichlich 4 km lang, 
mit 6 Spitzen ungleicher Erhebung, nach beiden Seiten jäh ab- 

1) Strab. V 226 Plin. III 52 Ptol. III 1,43 T;.b. Peuf. Geogr. P.av. IV 33 
Aelh. Cosm. I 19,75 Prokop. b. Goth. IV 34. 

2) It. Hier. 613 mutalio Tab. Peut. Guido v. Pisa 53. 

3) Verg. Aen. XI 785 Sil. It. V 175 Vll 662 VIII 492. 



368 Kapitel V. Elruiien. 

fallend: Byron vergleicht die Bildung mit einer anbrandenden 
Woge.») Das Dorf S. Oreste im Südosten, welcher Name durch 
Mifsverständnifs aus dem antiken entstanden und auf den Berg 
übertragen worden ist , liegt 444 m , das 746 gestiftete Kloster S. 
Silvestro 646 m, die Kirche auf der höchsten Spitze nach der Tra- 
dition an der Stelle eines Apollotempels 681 (französischer) oder 
691 m (ital. Generalstab). Unterhalb S. Oreste befanden sich Brüche 
die einen travertinartigen Kalkstein lieferten.^) Auch schwache 
Nachwirkungen vulkanischer Thätigkeit werden wahrgenommen: 
an der Ostseite bei Sa. Homana eine Mofette die nach den Alten 
besonders für Vögel tödtlich war 3); in der gleichen Richtung nach 
dem Tiber hin 2 Millien von Ponzano eine aufwallende Quelle 
(Acqua Forte) , deren Wasser dem Gewürm Verderben brachte.^) 
Der Soracte war von Hause aus nicht wie die Dichter sagen, dem 
Apoll, sondern dem Dis pater und den Manen, den Gottheiten der 
Unterwelt geweiht; der Dienst lag in den Händen einer Gilde der 
Hirpi die am Jahresfest barfufs auf glühenden Kohlen wandelten 
ohne die Sohlen zu verbrennen. 5) — Gewöhnlich wird der Berg 
dem faliskischen Gebiet zugeschrieben, ob mit Recht ist fragUch. 
Aber die Gemeindegrenzen der römischen Zeit lassen sich in diesen 
Gegenden nicht genau ziehen, aufserdem sind die ursprünglich hier 
ansässigen Völker durch Stammesgemeinschaft verbunden gewesen. 
Cato bringt die Capetiates in Beziehung zu Veji^); aller Wahrschein- 
lichkeit nach sind sie dem elruskischen Banner, wie besonders aus 
der Eroberung Campaniens hervorgeht, gefolgt: aber im Uebrigen 
werden Spuren etruskischer Cultur in der Umgebung des Soracte 
vermifst. Die Uebeilieferuug ist in Betreff der Capenaten schweig- 
samer als in Betreff der Falisker. Mit diesen vereint suchen sie 
402 fg. den Sturz Veji's zu verhindern, werden aber 395 gezwungen 
um Frieden zu bitten. Ihre Ueberläufer erhalten Bürgerrecht und 



1) Childe Harold IV 75 from out the piain 

heaves lilie a Inng-swept wave about to break 
and on the cuil hangs pausing. 

2) Vitruv II 7,1. 

3) Serv. V. Aen. XI 785 Plin. II 207 vgl. Seneca Nat. Qu. VI 28,1. 

4) Vitruv Vill 3,17 Plin. XXXI 27. 

5) Verg. Aen. XI 785 m. Schol. Sil. It. V 175 Strab. V 226 Plin. VII 19 
Solin 2,26. 

6) Cato Or. II 17 Jordan. 



§ 5. Die Südmark. 369 

werden der 387 gebildeten Tribiis Stellatina einverleibt. i) Der 
Name ist von dem campiis Stdlatinus d. h. dem nördlichen Strich 
des capenatischen Landes hergenommen, der mitsamt dem Tempel 
der Feronia fortan römisch wird, 2) Aber die Hauptgemeinde mufs 
ihre Selbständigkeit bis zum Bundesgenossenkrieg unter günstigen 
Bedingungen bewahrt haben: ähnlich wie die umbrischen Camerter 
hiefs sie auf den Inschriften der Kaiserzeit municipium Capena 
foederatnm oder Capenates foederati] an ihrer Spitze steht ein 
Praetor als Jahresbeamter, nicht deren zwei.^) Die Topographie der 
Landschaft befafst eine Reihe strittiger Fragen. *) 

Die Via Flaminia langt am 28. Meilenstein bei Rignano an: 
hier befindet sich unter der Kirche dei S. Martiri eine christliche 
Katakombe der h. Theodora, die nach den Inschriften im 4. und 
Anfang des 5. Jahrhunderts im Gebrauch war. Von Rignano zweigt 
eine gepflasterte Strafse nach dem Soracte ab und erreicht nach 
1 km die verlassene Kirche S. Abondio die aus antiken Werkstücken 
erbaut ist. Sie Hegt auf einer Anhöhe (260 m), an deren Fufs der 
am Soracte entspringende Fosso di S. Martino oder di Leprignano 
oder Gramiccia, der Capenas der Alten vorbeiströmt s) : 

itur in agros, 
dives nbi ante omnis colitnr Feronia luco 
et sacer umectat Flavinia rura Capenas. 

Neben der Kirche sprudelt eine nie versiegende Quelle. Die Menge 
der in der Nähe gefundenen Inschriften (von den christUchen ab- 
gesehen mehr als 20) und Sculpturen machen es unzweifelhaft dafs 
hier eine alte Ortschaft gestanden hat, die man mit gutem Grund 
als Lucus Feroniae ansehen darf.ß) Ihren Ursprung verdankt sie 
einem im Gebiet der Capenaten am Fufs des Soracte verehrten 



1) Liv. V 8. 10. 12fg. 24 VI 4. 5 Plut. Cam. 5,2 17,3. Fest. 343 M. 
Siellati[na tribus dicta non a campo] eo qui in Campania est, sed eo qui 
[prope übest ab urbe Ca] pena , ex quo Tusei profecti St[ellatinum illum] 
campum appellaverunt. Vgl. den Pagus d. N. bei Soriano S. 344. 

2) Liv. XXn 1 XXVII 4 XXXIII 26. 

3) CIL. XI 3873. 76a. 3932. 36; 3873. 76a. 

4) Galietti, Capena municipio de' Ronaani, Roma 1756. CIL. XI p. 571. 

5) Sil. lt. XIII 85. 

6) So auch Gori, Ann. dell' Inst. XXXVI 129 fg. und bereits Holsten. ann. 
in It. ant. p. 547 uno circiter miiliario sub oppido S. Oreste in planicie magna 
visnntur vestigia Feroniae, 

Nissen, Ital. Landeskunde. II. 24 



370 Kapitel V. Elrurien. 

Heiligtum J) „Bei Latinern und Sabinern — heifst es unter der 
Regierung von TuUus Hoslilius-) — gemeinschaftlich stand das 
Heiligtum im Ruf höchster Heiligkeil. Die Göttin führt den Namen 
Feronia, was man mit blumentragend oder kranzliebend oder Per- 
sephone^) wiedergeben kann. Hierhin kamen aus den umwohnen- 
den Gemeinden viele an den bestimmten Festen zusammen der 
Göttin Gelübde und Opfer darzubringen, viele aber um Geschäfte 
zu machen wegen der Festversamnilung, Kaufleute Handwerker und 
Bauern ; die hiesige Messe war von allen in Italien abgehaltenen 
die berühmteste." Auch zur Zeit des Augustus strömte zur Jahres- 
messe und dem damit verbundenen Auftreten der Hirpi (S. 368) 
viel Volk herbei. Die aufgehäuften Schätze sollen Hannibal ver- 
anlafst haben dem Tempel einen Besuch abzustatten: jedoch ist die 
Plünderung nicht zum Besten beglaubigt.'*) Man begreift dafs eine 
Ortschaft um den Tempel entstand. Die fruchtbaren Aecker des 
capenatischen Gebiets gaben den Demagogen ein passendes Object zur 
Verlheilung ab.^) Durch Octavian wurde der Plan ausgeführt und 
die colonia Julia Felix Lucoferonensis gegründet. 6) Ein Gönner hat 
ihr und den Mefsfremden zur Kurzweil ein Amphitheater gestiftet. 
Bis auf das oben erwähnte Auftreten des Christentums entziehen 
sich die näheren Schicksale der Colonie unserer Kunde. — Neuer- 
dings ist dieselbe in Nazzano (203 m) 6 km Ost vom Soracte am 
Tiber gesucht worden.^) Aber weder liegt Nazzano unterhalb des 
Soracte {vnö r. ^), noch fliefst in seiner Nähe ein Bach der als 
Capenas bezeichnet werden könnte, endlich fehlt, was bei einem 
stark besuchten Markt ganz unglaublich erscheint, die Verbindung 
mit dem römischen Strafsennelz. Zahlreiche Inschriften sind bei 
der alten Kirche S. Antimo zu Tage getreten, auch die Reste eines 
Rundtempels von etwa 20 m Durchmesser. Indessen war nach Aus- 



1) Cato Or. 1 26 Jord. lucus Capenatis Verg. Aen. VII 697 lucos Capenos 
Strab. V 226. 

2) Dion. H. III 32 Liv. I 30 und über die Messe Strabo a. 0.; fälschlich 
auf Tiebula Mutuesca (Kap. VIII 6) bezogen. 

3) Die von mir in S. Abomlio gesehene Widmung Dls Manibus sacrum 
CIL. XI 4012 bestätigt die Angabe des Servius von dem besonderen Cult der 
Manen am Soracte (S. 368). 

4) Liv. XXVI 11 Sil. It. XIII 85 fg. 

5) Cic. pro Flacco 71 de lege agr. 2,66 Verr. II 31 Fam. IX 17,2. 

6) Plin. III 51 Ptol. III 1,43 Feldm. 46 fg. 256 CIL. XI 3938. 

7) Lanciani Bull, deli' Inst. 1870 p. 26 fg. 



§ 5. Die Südmark. 371 

sage der loschrifteo der Tempel der Bona Dea geweiht und gehörte 
einem sonst unbekannten Vicus oder Pagus der Sepernates an.i) 
Die Gemeinde mufs ansehnlich gewesen sein, hat sogar müglicher 
Weise im Laufe der Kaiserzeit Stadtrecht erhalten. — Die Reise- 
bücher führen als Stationen der Flaminia Rostrata villa 24 und 
Ad Vicesimum 20 Mühen von Rom an.^) Die letztgenannte Stelle 
nimmt gegenwärtig der Weiler Monte di Guardia ein: von hier geht 
eine alte 4 Millien lange Strafse nach Capena ab, das 5 Milben 
südlich vom Soracte entfernt ist. Es streckt sich mit einem Um- 
fang von reichlich 2 km auf einem Hügelrücken (163 m) lang hin 
treffbch geschützt; denn an der östlichen Schmalseite fliefst in der 
Tiefe der Capenas Graraiccia, an den beiden Langseiten in diesen 
einmündende Rinnsale, so dafs ein bequemer Zugang nur von 
Westen, von der Flaminia her offen ist. Veteranen sind in seinem 
Gebiet, vorzugsweise wol in der fruchtbaren Niederung am Tiber 
angesiedelt worden. 3) Die datirten Denkmäler reichen bis Aurehan. 
Freilich war die Abgelegenheit des Ortes für die Entfaltung städtischer 
Blüte nicht günstig; doch scheint er bis ins 15. Jahrhundert be- 
wohnt gewesen zu sein. Die verlassene Höhe heifst jetzt Civitucola 
oder nach einem Kirchlein S. Martino und bewahrt nur unschein- 
bare Reste aus dem Altertum. Dafs hier aber einst Capena lag, ist 
von dem Benedictiner Galletti durch Inschriftenfunde bündig 
erwiesen worden. — In dieser Landschaft zwischen Soracte und 
Tiber ist ferner Ametinum zu suchen das in der Kaiserzeit Stadt- 
recht hatte.4) Sein Gebiet hat sich über den Tiber nach Latium 
hinein erstreckt; denn Plinius erwähnt hier wie in anderen Fällen 
eine verschollene Stadt des Namens. Einen Anhalt für den Ansatz 
auf der Karte gewährt der Umstand dafs Vitruv die lapidktnae Arne- 
terninae zwischen dem Tiber und dem Soracte und zwar als Kalk- 
steinbrüche aufführt. 

Vom Soracte ab war das alte Pflaster der Via Flaminia als 
Westphal sie beging, mit einigen Unterbrechungen bis Prima Porta 



1) CIL. XI 3867—70 vgl. 3871. 

2) Erstere It. Ant. 124; letztere It. Hier. 613 Tab. Peut. 

3) Feldm. 216 colonia Capys, 255. 

4) Plin. III 52. 68 CIL. VI 2404 a 12 X 6440 (wo curator ^metinorum 
füglich nicht in das bekannte Amerinorum verändert werden darf) Vitruv II 7,1. 

24* 



372 Kapitel V, Etrurien. 

erhalten. .,Die Strafse — urtheilt der kundige Führer i) — ist 
übrigens sehr gut angelegt; denn sie windet sich auf dem hügehgen 
von tiefen Thälern durchschnittenen Boden, ohne gar zu sehr von 
der geraden Linie abzuweichen, so fort dafs man sie fast ganz eben 
nennen kann." Sie steigt von der Treia ab bis 250 m am Soracte, 
erreicht am 20. Meilenstein 300 m und fällt von hier ständig bis 
25 m im Tiberthal. Am 10. Meilensteine führt eine antike Neben- 
strafse nach Veji durch einen künstlichen Tunnel von etwa 50 m 
Länge (daher der mittelalterliche Mame Petra Pertusa) hindurch. 
9 Millien von Rom hegt die von der roten Farbe des Tuffs be- 
nannte Ortschaft Saxa rubra, in der Kaiserzeit auch kurz Rubrae 
mit der Station ad Rubras.^) Der Ort wird wegen seiner strate- 
gischen Bedeutung mehrfach erwähnt. Die Via Flaminia läuft 
nämlich 10 Milben weit über dem Fosso di Prima Porta einher 
und hat damit eine vorzüghche Flankendeckung gegen das Binnen- 
land, während der Fosso di Frassinetto die Flanke nach dem Tiber 
zu schützt. Die letzten Ausläufer des Hügellandes erheben sich 
noch 50 m über der Flufsniederung. Am Fufs desselben zu dem 
die Flaminia in einem Einschnitt — daher der heutige Name Prima 
Porta — sich stark senkt, öffnet sich landeinwärts ein vom Fosso 
di Prima Porta und anderen Bächen durchströmtes Thal das eine 
Verbindung mit Veji und dem Binnenland herstellt. Auf der 
anderen Seite zweigt die stromaufwärts den Tiber geleitende Via 
Tiberina ab. 3) Dieselbe war ohne Pflaster und lediglich für den 
Verkehr der Niederung bestimmt, aber im Kriegsfall selbstverständ- 
lich von hoher Wichtigkeit. Aus dem Gesagten erhellt dafs die 
Stellung auf den Höhen von Saxa rubra für den Angriff gegen, wie 
die Vertheidigung von Rom schwer ins Gewicht fiel. Die Vejenter 
deren Gebiet sich auch in der Kaiserzeit bis hierhin erstreckte, 
hielten sie 478 besetzt. Umgekehrt erwartete Maxentius 312 n. 
Chr. auf den Höhen den Angriff Constantins der ihm Thron und 
Leben kostete. Der Name ist im frühen Mittelalter zu Lubra ent- 
stellt und seit dem 13. Jahrhundert durch Prima Porta verdrängt 



1) Rom. Kamp. 135. 

2) Saxa rubra Liv. II 49 Cic. Phil. II 77 Tac. Hist. III 79 vita Sept. 
Sev. 8 Aur. Victor Caes. 40; Rubrae Martial IV 64,15 It. Hier. 612 Tab. Peut. 
CIL. XI p. 567. 

3) Der Name kommt allein bei den Regionariern vor. 



§ 5. Die Südmark. 373 

worden. Die einen weiten Rundblick gewährende Anhöhe trug 
eine kaiserliche Villa, deren Ueberreste durch ihre Wandmalerei 
und die schöne Statue des Augustus seit einem Menschenalter dem 
Kunstfreund theuer geworden sind : ad Gallinas hiefs sie nach einem 
den Beruf des Kaisers kündenden Wunder. i) 



1) Plin. XV 136 Suet. Galba 1 Dio XLVIII 52 LXIII 29. 



KAPITEL VI. 



Umbrien. 

An die achte und siebente Region des Augiistus schliefst die 
sechste, an Aemilia und Etruria Umbria an. Vom Grenzflufs Cru- 
stumium Conca reicht sie längs der Küste bis an den Aesis Esino 
oberhalb Ancona der bis auf Sulla Italien und Gallien (I 71), seit 
Augustus Umbrien und Picenum trennte, i) Landeinwärts umfafst 
sie die oberen Thäler des Ariminus Marecchia (S. 248) und Sa'pis 
Savio (S. 250), wird im Westen auf einer Strecke von 220 km durch 
den Tiber von Etrurien geschieden. Im Süden dem Soracte gegen- 
über läuft sie in einer Spitze aus. Die Ostgrenze gegen die Sabina 
und Picenum beschreibt eine unregelmäfsige Linie, welche die Seen 
des Velinus durchschneidend das obere Thal des Nar der Sabina, 
dagegen das nach Picenum abfallende Gebirg Umbrien zuweist. 
Das bezeichnete Gebiet, die heutige Provinz Pesaro-Urbino nebst 
Theilen der Provinzen Perugia Macerata Ancona und Forli enthält 
in runder Ziffer einen Flächenraum von 10000 Dkm 180 d. D M. 
„Im ganzen fruchtbar aber etwas zu gebirgig, meint Strabo, seine 
Bewohner mehr durch Spelt als durch Weizen nährend." Sie 
mufsten zum Theil auswärts als Arbeiter ihr Brot suchen, da die 
Heimat zum Unterhalt nicht ausreichte.^) In der That verschwinden 
die Thalsohlen und -ebenen gegenüber dem Hügel- und Bergland. 
Den Alten galten die Umbrer als Gebirgsleute^); wie der Gang 
ihrer Geschichte durch die Wohnsitze bedingt wurde, ist früher dar- 
gelegt worden. — Der Appennin welcher die Wasserscheide zwischen 
Nord- und Südsee bildet und in der älteren Repubhk den Grenz- 



1) Liv. V 35 Strab. V 217. 227.241 VI 285 (Artemidor) Plin. IH 113 Sil. 
Vm 445. It. Ant. 316. 

2) Suet. Vesp. 1. 

3) Pol. n 16,3 24,7 Martial VII 97 Umbria montana Sil. It. VIII 449. 



Unibrien. 376 

wall Italiens gebildet hat (1218), Iheilt das Land in zwei Hälften, 
die öfter getrennte als vereinigte Bahnen durchmessen haben. Der 
bequemste Pafs der hinüber führt, ist der vom M. Nerone (1527 m) 
und M. Catria (1702 m) eingefafste Pafs von Scheggia: die Höhe 
mag 800 m betragen. Seine Bedeutung wird durch zwei ümstäude 
erhöht: zunächst durch die Aenderung im Bau des Gebirges, inso- 
fern die Hauptkette fortan in die breite Anschwellung des Central- 
appennin übergeht (I 235); noch mehr dadurch dafs er mit der 
Luftlinie zwischen der Tibermündung und der Südspitze des Polands 
zusammen trifft. Nachdem die Römer jenseit der Wasserscheide 310 
mit den Camertern ein Bündnifs geschlossen, 295 die entscheidende 
Schlacht bei Seotinura geschlagen , 285 die Senonen vernichtet 
hatten, gründeten sie 268 v. Chr. die Colonie Ariminum, die Haupt- 
festung Italiens gegen das Poland. Der Censor Gaius Flaminius 
sicherte deren Verbindung mit Rom 220 durch die Anlage einer 
212 Millien lange Strafse über den oben genannten Pafs.i) — Die 
via Flaminia verblieb in alle Zukunft die wichtigste unter den von 
der alten Welthauptstadt nach Norden auslaufenden Slrafsen. Sie 
ist in der Folge wie es scheint durch Gaius Gracchus 123 (S. 383), 
sodann in prachtvoller Weise 27 v. Chr. durch Augustus erneuert 
worden (S. 248). Zahlreiche Brücken zeugen noch heutigen Tages 
von den reichen Mitteln die der Kaiser aufwandte. Auch seine 
Nachfolger wie Vespasiao Hadrian die Mitregenten Diocletians bis 
auf die Gothenkönige^) haben dem Werke ihre Theilnahme be- 
wahrt. Die Via Flaminia ist zugleich die Lebensader des Landes: 
durch sie strömt römische Sprache und Sitte ein und wird den 
entfernteren Thälern übermittelt. ^j — Die römischen Waffen haben 
hier weniger als in anderen Landschaften der Halbinsel zu thun 
gehabt. Die Gewässer der Westhälfte fliefsen sämtlich nach Rom 
und bereiten die Abhängigkeit des Gebirges von der grofsen Küsten- 
ebene in wirtschaftlicher Hinsicht vor. Diesseit wie jenseit des 
Appennin fanden die Umbrer dort den wirksamsten Schutz gegen 
den Andrang der Etrusker und Kelten. Als römische Bundesge- 
nossen retteten sie ihre Eigenart und wurden dann unmerklich 



t) Liv. XX Cassiodor 534 u. c. 

2) Cassiod. Var. XII 18. 

3) Die Stationen sind in 8 Verzeichnissen erhalten: den 4 Gaditanern (CIL. 
XI 3281—4) It. Ant. 125. 310 Hieros. 613 Tab. Peut. Mit den Meilensteinen 
zusammen gestellt CIL. XI p. 995 fg. 



376 Kapitel VI. Umbiien. 

selbst zu Römern. Die Spuren ihres Sontlerlebens haben sich lange 
erhalten. Die Censuslislen zählen in dieser Region 49 selbständige 
Verwaltungen, Plinius fügt 12 untergegangene Cantone hinzu. Die 
Verhältnisse die wir zu schildern haben, stechen sovvol in politischer 
als physischer Beziehung durch ihre Kleinheit von denjenigen des 
Nordens ab. Freilich je weniger von den einzelnen Gemeinden zu 
sagen ist, desto stärker mufs der günstige Gesamteindruck den ihre 
Belrachlung erweckt, betont werden. Wenn man den P'lächeninhalt 
der einzelnen Regionen mit der Zahl der erhaltenen lateinischen 
Inschriften und mit der Zahl der nachweisbar von ihnen zum kaiser- 
hchen Ileer gestellten Soldaten vergleicht, so nimmt die; sechste so- 
wol an Bildung als an Wehrkraft die oberste Stufe ein. Dafs Umbrieu 
von der Cultur minder abgewirtschaftet ist, weniger gelitten hat als 
die anderen Landschaften des Appennin, verrät sein Aussehen noch 
heutigen Tages. Es heilst das grüne, wird wegen seines ßaum- 
und Wasserreichtums gefeiert. Durch den Bau des Landes war 
die geschichtliche Entwickeluug vorgezeichnet, welche ihm diese 
Vorzüge das Altertum hindurch rettete.^) 

§ 1. Die Gallische Mark. 

Vom römischen Gesichtskreis aus stellte sich der Appennin als 
eine Mauer und die Abdachung des Gebirgs nach der Adria als 
Vorland dar. Wenn dasselbe auch geographisch betiachtet der 
Halbinsel angehört, so ist es doch vom Po schneller als vom Tiber 
her erreichbar und hat in Folge seiner Lage die Schicksale der 
nördlich anstofsenden Ebene oftmals getheilt. Der letzte aus Gallien 
einbrechende Völkerschub brachte die Senones^^), welche die Küste 
vom Ulis Montone ab bis zum Aesis Esino in Besitz nahmen (1 477). 
Der Stamm der sie aussandte, hat sich im Muitei lande unter gleichem 
Namen (jetzt Sens) erhalten. Die Einwanderung blieb wesentlich 
auf den Küstensaum beschränkt und hefafste nach Ptolemaeos die 



1) Cjuellen: Sirab. V 227 Plin. III 112—14 Ploi. III 1,19. 44. 46. 47 CIL. XI 
2 (Bormann). Von der italienischen Generalstabskarte entfallen auf diese 
Region Bl. 107— 10 115—17 122—24 130—32 137.38, sind aber nur zum 
Theil erschienen. Für die Provinz Perugia liegt auch ein vom Provinzialver- 
band veranstalteter Nachdruck der oeslerreichischen vor. 

2) Festus 339 iM. Pol. II 17,7 19,10fg. 21,7 Liv. V 35 X 26 XII Diod. XIV 
113 Dion. H. XiX 13 Plut. Cam. 15,2 Appian. Samn. 6 Kelt. 11 Strab. IV 195 
V 212. 216 Plin. III 116. 125 Flor. I 7. 8 Val. Max. VI 3,1 Juvenal 8,234 Stat. 
Silv. V 3,198 Gell. N. A. V 17,2 XVII 21,21 Ptol. III 1,19. 44. 



§ 1. Die Gallische Mark. 377 

Stadtgebiete von Ariminum Pisaurum Fanum Sena, im BiunenlaDd 
Suasa und Ostra; die oberen Flufslhäler wurden von unibrischen 
Völkerschaften behauptet, unter denen die Sarsinalen und Camerter 
besonders hervortreten. Immerhin haben die Senonen ein ganzes 
Jahrhundert hindurch die italische Halbinsel in Schrecken versetzt. 
Ihnen wird die Zerstörung Roms zugeschrieben, 295 vernichteten 
sie eine Legion bei Clusium, 285 ein praetorisches Heer bei Arre- 
tium. Dann folgte die Vergeltung, Curius Dentatus rottete die Erb- 
feinde aus, in ihrem Lande ward die Colonie Sena gegründet. 
Geraume Zeit später in den J. 232 — 28 hat der Volkstribun Gaius 
Flaminius eine umfangreiche Ackervertheilung in dem eroberten 
Gebiet durchgesetzt. i) Da dieselbe sich auch auf das angrenzende 
Ficenum erstreckte, wird der vertheilte Landstrich der ager Pkenus 
et Galliens'^), abgekürzt als ager Pkenus^) bezeichnet. In der 
Regel jedoch wird zwischen beiden Gebieten unterschieden, und 
heifst das nordlich vom Aesis aufserhalb der italischen Grenze ge- 
legene ager Galliens.^) Seine Bewohner auf Vorposten gestellt wie 
sie waren, haben ein starkes Nationalgefühl ausgebildet (I 76) und 
der lateinischen Sprache, wenn auch nicht gerade in mustergültiger 
Gestalt (I 556) , raschen Eingang bei den Umbrern und Galliern 
verschafft. Seit Sulla war die iMark zum Inland gezogen, seit 
Augustus, mit Ausnahme des nördlicheo Zipfels, mit den umbrischen 
Stammesgenossen jenseit der Berge in einer Region vereinigt. 
Gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts wird sie wieder abge- 
trennt und erhält einen eigenen in Nachahmung der nördlich an- 
stofsenden Region von der grofsen Heerstrafse entlehnten Namen 
Flaminia.^) In der VerwaUuug bleibt sie vorläulig mit ümbrien 
zusammen, wird aber spätestens seit Constantiu zu Picenum ge- 
schlagen. 6) Der Aesis scheidet das annonarische von dem suburbi- 
carischen Picenum (I 86j, jenes heifst Flaminia et Picenum Anno- 



1) Pol. II 21,7 nennt das erste, Cic. de sen. 11 das letztere Jahr. Da die 
Angelegenheit sich lange hingezogen haben kann, braucht man die Angabe 
Cicero's nicht ohne weiteres zu verwerfen. 

2) Cic. de sen. 11 Brut. 57 pro Sulla 53 in Gat. II 5. 6. 26 Liv. XXIII 14. 

3) Pol. 1121,7 Liv. XVGolum. 111 3,2 Sali. Cat. 27. 30. 42. 57 vgl. I 512 A.l. 

4) Cato bei Varro RR. I 2,7 Liv. XXIV 10 XXXIX 44 Plin. 111 112 Cic. 
pro Sest. 9 Appian Hann. 8. 

5) Zuerst unter Commodus nachweisbar GIL. VI 1509 Vita Gordian. 4,6. 

6) Mommsen Feldin. II 208 fg. 



378 Kapitel VI. Umbrien. 

narivm^), in der Regel kurzweg Flaminia. Es umfafst Ravenna 
(S. 255) und die Pentapolis.^) 

Der einförmige Bau des Landes ist früher (I 234) hervorge- 
hoben worden. Es zerfällt in 10 Abschnitte durch die vom Stamm 
des Gebirgs aus in paralleler Richtung nach der Adria zulaufenden 
Nebenäste. Die Mitte jedes Abschnitts wird durch ein Flufsthal ge- 
bildet. Der grölste unter diesen Flüssen ist der Metaurus dem die 
Via Flaminia folgt; jedoch nimmt auch er den anderen gegenüber 
keine beherrschende Stellung ein (I 338). Die räumliche Theilung 
hat naturgemäfs das Emporkommen von Städten erschwert und das 
Entstehen bedeutender Städte verhindert, dagegen die Gauverfassung 
verhaltnifsmäfsig lange erhalten. 3) — Unter den untergegangenen 
Gemeinden führt Plinius die Sappinates auf. Zu Anfang des zweiten 
Jahrhunderts wird noch die tribns Sapinia in der Kriegsgeschichte 
erwähnt. 4) Der Name hängt mit dem Flufs Sapis Savio^) zusammen ; 
wie weit der Gau in die spätere Aemilia hineinreichte (S. 257), ist 
nicht zu sagen. Vermutlich wird er zu dem mächtigen Volk der 
Sarsinates gehört haben, die bei der Aufzählung der italischen 
Streitkräfte von 225 v. Chr. gleichberechtigt neben den Umbrern 
stehen. 6) Nicht als ob eine Verschiedenheit des Stammes zwischen 
beiden obwaltete: darüber klärt uns der berühmteste Sarsinate 
Plautus auf: 

nee mihi nmbra usquam est nisi in puteo quaepiam est. — 

quidl Sarsinatis ecqua est si Umbram non habes. 

Das Volk ist 266 v. Chr. mit Waffengewalt der römischen 
Bundesgenossenschaft einverleibt worden. Von den politischen 
Mafsnahmen welche die Unterwerfung im Gefolge hatte, hören wir 
nichts: vielleicht sind damals die abhängigen Gemeinden selbständig 
geworden. Jedesfalls ist die Gemeinde der Sarsinaten mit dem Ge- 
bietsumfang der in der Kaiserzeit entgegen tritt, nur das Bruch- 
stück einer grüfseren Vereinigung die südwärts bis an den Metaurus 



1) Not. Dign. Occ. 65 dazu Böcking. 

2) Prokop b. Goth. I 15 Paul h. Lang. II 19. 

3) Giuseppe Colucci, delle Antichilä Picene, 22totn. fol. Fermo 1786 fg. 

4) Piin. III 114 Liv. XXXI 2 XXXIII 37. 

5) Zu den S. 250 A. 5 angeführten Stellen kommt hinzu CIL. I 1418 = 
XI 6528. 

6) Pol. II 24,7 Plaut. Most. 770 Fest. 238 M. Fast. Gap. Liv. XV Suet 24 
Reiff. Serv. V. Aen. X 201. 



§1. Die Gallische Mark. 379 

und nordwärts weit in die Aemilia hinein gereicht haben mag. Die 
Stadt bei den Schriftstellern meistens Sarsina ^), später besonders 
auf Inschriften Sassina'-) genannt, der Tribus Pupinia zugetheilt, 
liegt am hnken Ufer des Savio und hat ihren Platz wie ihren Namen 
in "der zuerst erwähnten Form bewahrt. Das ihr von Silius ver- 
liehene Beiwort dives lactis bekundet den eifrigen Betrieb der Vieh- 
zucht in diesen Bergen. 3) Damit hängt die im Verhältnifs zum 
Areal grofse Zahl von Rekruten zusammen die diese Gemeinde dem 
Kaiser stellt.*) — Auch das obere Thal des nördlich vom Savio 
fliefsenden Bedesis Ronco (S. 250) hat zu dieser Region gehört. 
Hier lag bei Galeata das in die Tribus Stellatina eingetragene Muni- 
cipium Mevaniola, das kleine Mevania im Unterschied von dem 
westlich des Appennin belegenen gröfseren. Die phniauische Liste 
sowie Inschriften erwähnen dasselbe.^) — Im oberen Thal des 
Äriminus Marecchia (S. 248) ist keine Stadtgemeinde bekannt. Am 
Ausgang des Altertums wird als fester Platz Mons Feretrus oder 
M. Feretratus San Leo südwestlich von S. Marino genannt. 6) Die 
Scheidung zwischen dem Thal des Äriminus und des Pisaurus ist schärfer 
als gewöhnlich ausgeprägt : der trennende Höhenzug steigt 12— 1400 m 
an; wo er am Meer endigt, stellt er den natürlichen Abschlufs der 
grofsen padanischen Ebene dar. 

Auf den unbedeutenden Grenzflufs Crustumium Conca folgt der 
zweitgröfste Flufs der Mark Pisanrus '), im frühen Mittelalter Folia ») 
Fogha, 90 km lang mit einem Stromgebiet von 657 Dkm (l 343). 
Dasselbe enthält drei selbständige Gemeinden : Sestinum Sestino un- 
weit der Quellen zur Tribus Clustumina gehörig 9); Pitinnm Pisau- 
rense am Mittellauf in der Nähe des heutigen Macerata Feltria, ob- 
wol einige Milben vom Flufs entfernt durch das Beiwort von anderen 



1) Pol. II 24,7 Plaut. Most. 770 Fest. 238 Strab. V 227 Suet. 24 Reiff. 

2) Fast. Gap. Plin. lil 114 Marl. IX 58 CIL. XI p. 977. 

3) Plin. XI 241 Sil. It. VII! 462 .Marl. 1 43,7 111 58,3.5. 

4) Eph. ep. V 256. 

5) Plin. III 113 CIL. XI p. 992 Gluver p. 623. 

6) Prokop b. Golh. II 11 Movzefe^sx^ov Geogr. Rav. IV 33 Monte Feletre 
Liudprand h. Ott. 6 m. Feretratus CIL. XI p. 974 Cluver p. 622. 

7) Plin. III 113 Lucan II 406 des Metrums wegen Isaurus Vib. Seq. p. 150 
Riese Feldmesser 52. 157 Lachm. 

8) Geogr. Rav. IV 36. 

9) Plin. III 114 CIL. XI p. 884. 



380 Kapitel VI. Umbrien. 

gleichnamigen Orten unterschieden!); endhch an der Mündung 
Pisaurum Pesaro.^) Die heutige Stadt welche noch einzelne Reste 
der antiken Mauer sowie die antike Brücke über den Pisaurus be- 
wahrt, hegt etwa 2 km von der See entfernt, um welchen Betrag 
die Küste annähernd seit dem Altertum vorgerückt ist. Sie liegt 
zugleich an der Sprachgrenze zwischen der gallischen und mittel- 
itahschen Mundart (I 475). Altertümliche Weihiuschriften lassen 
schliefsen, dafs hier in Folge der Landverlheilung von 232 eine 
römische Niederlassung entstand, die 184 einer derTribus Camilia zu- 
gewiesenen Bürgercolonie Platz machte: die neuen Ansiedler erhielten 
je 6 Juchert Ackerland. 3) Die Stadt wurde wie in anderen Fällen 
nach dem Flufs benannt und durch Aufwendungen aus Staatsmitteln 
unterstützt: die Censoren von 174 bauen hier einen Juppitertempel 
und pflastern eine Strafse. Sie bildet annähernd ein Quadrat von 
beschränkter Aut^dehnung. Sie wird von der an der Küste hin- 
laufenden Via Flaminia berührt, ist 26 Millien von Ariminium 
(S. 248) 8 von Fanum Fortunae (S. 384) entfernt. CatuU stellt der 
Gesundheit ihrer Lage ein schlechtes Zeugnifs aus: 
iste tuus moribunda a sede Pisauri 
hospes inaurala pallidior statua. 
Aber die Denkmäler wie die Schriftsteller widerlegen die Bos- 
heit gleicher Mafsen. Pisaurum gehört zu den häufig genannten 
Städten der Mark 4), ist auf der Rednerbühne Roms vertreten. 5) 
Es vermittelt uaturgemäfs die Aus- und Einfuhr des Hinterlandes, 
betreibt auch wie Ariminum (S. 249) namentlich im ersten Jahr- 
hundert unserer Zeitrechnung eine ausgedehnte Ziegelei: es giebt 
keinen Ort an den Küsten von Dalmatien Istrien Venetien der 



1) Plin. III 114 Pitulani Pisuerles irrig statt Pitinates Pisaurenses. Die 
Lage der zerstörten Stadt, von Cluver und Hoiste richtig vermutet, ist in- 
zwischen inschriftiich festgestellt CIL. XI p.889. Auf sie bezieht sich Ptol.lII 1,46. 

2) Oiivieri, Marmora Pisaurensia, Pesaro 1738, vgl. CIL. XI p. 939. 

3) CIL. I 167—80 XI p. 940 fg. Liv. XXXIX 44 XLI 27 VeU. I 15 Obseq. 
14. 48 Sueton 37 Reiff. Serv. V. Aen. VI 826 Vib. Seq. 150 R. — Ob die 
Nekropole von Novilara zwischen Pisaurum und Fanum (Mont. ant. dei Lincei 
V p. 85) der ersteren oder der letzteren Gemeinde angehört, bleibt unent- 
schieden. 

4) Gatull 81 Caes. b. civ. I 11 Cic. Farn. XVI 12 pro Sest. 9 PhiL XIII 26 
Att. II 7,3 Vitruv II 9,16 Mela II 64 Plin. VII 128 Plol. III 1,19 lt. Gadit. Anton. 
100. 126 Hieros. 615 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 31 V 1. 

5) Cic. Brut. 271 pro Cluent. 62. 65. 84. 156. 



§ 1. Die Gallische Mark. 381 

nicht mit den Krügen und Ziegeln dieser beiden Städte angefüllt 
wäre.i) Die Bedeutung von Pisaurum ward durch Antonius und 
Augustus voll anerkannt die hier ihre Veteranen ansiedelten, die 
colonia Julia Felix Pisaurum zählt zu den Stützen der Monarchie. 2) 
In der Kriegsgeschichte hat es gleichfalls eine Rolle gespielt, wurde 
49 V. Chr. von Caesar besetzt, 539 aus militärischen Rücksichten 
von den Golhen zerstört, 545 von Belisar hergestellt. 3) 

Die Uebersicht der adriatischen Flüsse (l 343) lehrt dafs der 
Metaurus, in späterer Zeit JffafawrMs *), Metauro erst von seinen im 
Centralappennin gespeisten Brüdern erreicht und übertroffen wird. 
Das 1305 Dkm umfassende Stromgebiet weist nicht weniger als 
fünf öemeinwesen auf. Drei Quellarme sind zu unterscheiden. 
Der nordliche Hauptarm der den Namen des Flusses trägt, entspringt 
an der Alpe della Luna (1351 m) bei 1214 m Meereshöhe. Ein 
Pafs (1100 m) führt aus seinem Thal hinüber in dasjenige des 
oberen Tiber nördlich von Tifernum Tiberinum Citlä di Castello 
(S. 394). Am Beiwort allein neben diesem kenntlich (beide Ge- 
meinden gehören zur Tribus Clustumina) ist Tifernum Metaurense 
am rechten Flufsufer durch Inschriften und Trümmer als das heutige 
S. Angelo in Vado sicher gestellt.^) Die gleiche Namenserscheinung 
kehrt bei der zweiten Stadt dieses Flufsarms wieder: Urbinum 
Metaurense, inschrifthch mit einer einzigen Ausnahme immer Urvi- 
num Mataurense, ürbino^); U. Hortense wird uns im westlichen 
Urobrien begegnen (S. 396). Die Festigkeit des 5 km nördlich vom 
Flufs entfernten rings von Bergen umgebenen Platzes hat ihn in 
unruhigen Zeiten wertvoll gemacht. Der Besucher wird die Be- 
schreibung welche Prokop aus Anlafs der Einnahme durch Belisar 
Ende 538 bringt, sofort wieder erkennen : ,, Urbinum liegt auf einem 
runden und sehr hohen Hügel, Indessen ist der Hügel weder von 



1) Freilich wachsen mit dem Material die Schwierigkeiten die einzelnen 
Fabriken örtlich zu bestimmen. Ob die kaiserliche figlina Pansiana hierher ge- 
hört, wie man gewöhnlich annimmt, ist nach Ihm CIL. XI p. 1026 zweifelhaft. 

2) Plin. 111 113 Feldmesser 157. 257 Lachm. Plut. Ant. 60,2 CIL. XI 6335. 77. 

3) Prokop b. Goth. 111 11. 25 Agath. II 2. 

4) Diese Form kommt ausschliefslich auf den Inschriften CIL. XI p. 882. 894 
und der Tab. Peut., nicht bei Schriftstellern vor (S. 384 A. 2). 

5) PliH. III 114 PtoL III 1,46 CIL. XI p. 882. 

6) Plin. III 114 Cic. Phil. XII 19 Val. Max. VII 8,6 Tac. Hist. III 62 Prokop 
b. Goth. II 10. 11. 19 Paul. h. Lang. II 18 CIL. XI p. 894, 



382 Kapitel VI. Umbrien. 

AbgrüDden eingefafst noch vüllig unnahbar, nur schwer zugänglich 
wegen seiner grofsen Abschüssigkeit zumal in unmittelbarer Nähe 
der Stadt. Er hat einen einzigen ebenen Zugang an der Nordseite." 
Der Brunnen aut den nach demselben Bericht die Belagerten aus- 
schliefslich angewiesen waren, betindet sich unterhalb der die Spitze 
krönenden Fortezza. Von der Anlage einer Wasserleitung redet 
eine allere Inschril't.i) Der noch verfolgbare Umfang der Mauer 
war gering; doch hatte sich ehedem am Fufs des Berges eine Vor- 
stadt angesiedelt. Urbinum gehörte zur Tribus Stellatina. 

Der zweite Quellarm ist der nördlich vom M. Nerone ent- 
springende Candigliano, der dritte der von Süden her aus der 
Gegend des Passes von Scheggia kommende Burano: die antiken 
Namen beider sind unbekannt. Die Via Flaminia folgt dem Burano 
und langt ungefähr 10 Millien von der V\^asserscheide bei ad Calem 
Cagli^) an, wo eine im Altertum hergestellte Brücke des Augustus 
den Blick fesselt. Von hier ab hält sich die Slrafse bis zur Küste 
stets auf dem linken Flufsufer. Die Bezeichnung der Reisebücher 
trifft genau zu; denn die antike Ortschaft lag auf der Höhe ober- 
halb der jetzigen und oberhalb der Strafse. Früh Sitz eines Bischofs 
gehörte der Vicus zu dem 4 Millien entfernten Pitinum Mergens.^) 
Dieses in die Tribus Clustumina aufgenommene Municipium wird 
durch Inschriften und andere Funde in die Ebene (Piano di Valeria) 
verwiesen, welche sich am Zusammenflufs von Candigliano und 
Burano bei Acqualagua ausbieitet. Das Beiwort scheint seine tiefe 
Lage anzudeuten. — Die verbundenen Flüsse haben 5 Millien unter- 
halb in Urzeiten einen Durchbiuch durch das Gestein gebahnt: die 
11/2 km lange von schroffen Felswänden (500 m) eingeschlossene 
Klause hat die Aufmerksamkeit der alten Reisenden erregt. An der 
engsten Stelle hat Kaiser Vespasian, wie die Inschrift meldet, 77 n. 
Chr. einen Tunnel (37 m lang 5 — 6 m breit 4 — 5 m hoch) durch- 
schlagen lassen um der Strafse die frühere Steigung auf schmalem 
im Felsen ausgehauenen Pfad zu ersparen. "*) Die hier halbwegs 
zwischen Cales und Forum Sempronii befindliche Poststation heifst 

1) CIL. XI 6068 vgl. 6072. 

2) It. Gadit. Anton. 125 Calle vicus 316 Hier. 614 Tab. Peut. Geogr. Rav. 
IV 33 Guido 37 Gallis Serv. V. Aen. VII 728 CIL. XI p. 876. 

3) Plin. III 114 Pitulani Mergentini irrig statt Pitinates M. CIL. XI p. 876 
Not. d. Scavi 1892 p. 146. 

4) CIL. XI 6106 Aur. Viel. Caes. 9 ep. 18. 



§ 1. Die Gallische Mark. 383 

Intercisa[saxa\, am Ausgang des Altertums Petra Pertusa, jetzt Furlo 
(Sasso forato),^) Ansprechend schildert Claudian den Weg: 
Laetior hinc Fano recipü Fortuna vetnsto, 
despicilnrque vagus praerupta valle Metaurus, 
qua mons arte patens vivo se perforat arcu 
admisitque viam sectae per viscera mpis. 
In den Gothenkriegen war der Pafs befestigt und diente als 
wirksame Wegesperre. „Die Festung — schreibt Prokop — rührt 
nicht von Menschenhand her sondern von der Natur; denn der 
Weg ist gar abschüssig. Zur Rechten dieses Wegs fliefst ein Flufs 
herab wegen der Heftigkeit seiner Strömung nicht zu durchschreiten, 
zur Linken in geringer Entfernung steigt ein Felsen schroff und 
so hoch auf dafs die Menschen auf der Hohe den unten Stehenden 
wie ganz kleine Vögel vorkommen. Weiter voran war in alten 
Zeiten gar kein Ausweg. Der Fels fällt nämlich unmittelbar zum 
Strom ab und gewährt dem davor Stehenden keinerlei Durchkommen. 
Also haben dort die Menschen einen Stollen gearbeitet und eine 
Pforte für die Gegend geschaffen. Nachdem nun auch der andere 
Eingang verrammelt und nur Raum für eine Pforte gelassen worden 
war, haben sie eine natürliche Festung hergestellt und zutreffend 
Petra benannt." Eine Inschrift verkündet dafs 246 n. Chr. eine 
Wache von 20 Flottensoldaten aus Ravenna gegen die Räuber hier 
Schutz bot. 2) — Jenseit der Enge mündet der Flufs in den Me- 
taurus ein , welchen die Strafse auf einer antiken mehrfach er- 
neuerten Brücke überschreitet. Sie langt 18 Millien von Cales 
bei Forum Sempronii an, fast eine Millie unterhalb des heutigen 
Fossombrone bei der Kirche S. Martino al Piano gelegen. 3) Der 
Ursprung dieses zur Pollia gehörenden Municipium wird nicht über- 
liefert, geht aber vielleicht auf Gaius Gracchus zurück. 4) Es erhielt 
durch die Heerstrafse einiges Leben; ein conlegium iummlariomm 
portae Gallicae wird erwähnt. — Hinter dem Ort erweitert sich das 
Thal immer mehr; nach 16 Milben wird Fanum Fortunae Fano er- 



1) It. Hieros. 614 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 Claudian VI cons. Hon. 
500 fg. Prokop b. Goth. II 11 111 6 IV 28. 34. 

2) CIL. XI 6107. 

3) Strab. V227 Plin. III 113 Ptol. III 1,46 It. Gadit. Anton. 126 Hieros. 
615 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 Paul. h. Lang. VI 56. CIL. XI p. 905. 

4) Dessen Thätigkeit in der Mark CIL. 1 583, im Wegebau Plut. 7 bezeugt. 



384 Kapitel VI. Umbrien. 

reicht.^) Die der Tribus Pollia einverleibte Stadt liegt 2 Millien 
vom Metaurus an einem ans diesem abgezweigten Canal nahe hei 
der Küste. Sie ist wie der Name besagt um einen Tempel der 
Fortuna erwachsen, offenbar aus einem Markt der den Verkehr des 
Flufsthals mit der See vermittelte. Sie erhält eine besondere 
militärische Wichtigkeit durch den Umstand dafs die grofse Heer- 
strafse zwischen Po und Tiber hier von der Küste in das Binnen- 
land einbiegt. Freilich kann ein von Norden anrückender Feind 
auch über ürbinum von Pisaurum aus den Metaurus und die Appennin- 
übergänge gewinnen. Deshalb werden in der Kriegsgeschichte 
Fanum und Pisaurum zusammen erwähnt (S. 381) und sind beide 
von Octavian in Veteranencolonien umgewandelt worden. Die colonia 
Julia Fanestris hat ihren Gründer dem sie die Stadtmauer verdankte, 
durch einen noch stehenden Bogen geehrt, der später erhöht und 
Kaiser Constantin geweiht wurde. Der Baumeister Vitruv war hier 
zu Hause: er rühmt die Lärchen aus den Alpen die nach seiner 
Vaterstadt verschifft wurden, und beschreibt eine Basilica die er für 
sie erbaut hatte. — Bekannter als durch diesen Künstler war den 
Alten der Name Fanums und seines benachbarten Flusses durch die 
Niederlage Hasdrubals 207 v. Chr. welche Bom vom drohenden 
Untergang rettete. Man zeigt wol heute als Schlachtfeld den Hügel 
von Pietralata zwischen Fossombrone und dem Furlopafs am linken 
Flufsufer und tauft ihn Monte d' Adrusbale. Richtiger verlegte man 
im Altertum die Schlacht in grüfsere Nähe von Sena und Fanum; 
denn nichts ist sicherer als dafs sie am rechten Flufsufer geschlagen 
ward, M'enn auch von einer genauen Bestimmung der Oertlichkeit 
keine Rede sein kann. Die Schwierigkeit des Uebergangs über den 
Metaurus der nur vereinzelte Furten aufwies, wird von den Gewährs- 
männern in angemessener Weise hervorgehoben.^) 

Der M. Catria (1702 m) trennt das Gebiet des Metaurus von 



1) Caes. b. civ. 1 11 Vilniv II 9,16 V 1,6 Sirab. V 227 Plin. III 113 Mela 
II 64 Tac. Bist. III 50 Aur, Vict. ep. 49 Feldmesser 30. 52. 256 Lachm. Ptol. III 
1,19 It. Gadit. Anton. 126 Hieros. 615 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 31 Vi Clau- 
dian VI cons. Hon. 500 Steph. Byz. Sid. Apoll. Ep. I 5,7 Prokop. b. Goth. III 11 
Agalh. II 2. 3 Paul. h. Lang. VI 56 CIL. XI p. 924. 

2) Sid. Apoll. Ep. I 5,7 Liv. XXVII 46. 47 Gic. Brut. 73 Frontin Strat. II 
3,8 Appian Hann, 52 Val. Max. VII 4,4 Gros. IV 18,1.3 Eulrop III 18 Aur. Vict. 
de vir. ill. 48; Strab. V 227 Mela II 64 Plin. III 113 Vib. Seq. 149 R. ; Hör. Od. 
IV 4,38 Lucan. II 405 Sil. It. VIII 449. 



§ 1. Die Gallische Mark. 385 

demjenigen des Aesis. An ihm entspringt der Cesano, ein Küsten- 
flufs, dessen alter Name nicht überHefert wird. Der Mittellauf be- 
rührt das in die Tribus CamiUa aufgenommene Municipium Stiasa '): 
die Ruinen befinden sich zwischen S. Lorenzo und Castelleone. — 
Der nächste Küstenflufs Sena"^) entsteht aus der Vereinigung der 
beiden durch einen Höhenzug geschiedeneu Bäche Miso und Nigola. 
Jener kommt als Misus bereits auf der Peutingerschen Tafel vor; 
dieser ist der grofsere und wird daher als der Sena der Alten zu 
betrachten sein. An seiner Mündung 15 Millien von Fanum ent- 
fernt liegt Sena 3) im Gegensatz zum etruskischen gelegentlich Gallica 
zubenannt, jetzt Sinigagha.^) Die Römer haben kurz vor 280 diese 
Bürgercolonie gegründet und nach dem Flufs oder wie die Alten 
wollen, nach dem besiegten Volk der Senonen benannt. In der 
Folge hatte sie wegen ihrer Abgelegenheit wenig zu bedeuten. 
Wiederholte Zerstörungen, deren erste 82 v. Chr. im Bürgerkrieg 
gemeldet wird, haben gründlich aufgeräumt: Bauwerke sind gar 
nicht, Inschriften äufserst spärlich vorhanden, so dafs wir nicht 
einmal die Tribus dieses Gemeinwesens kennen. — Zur PoUia ge- 
hörte das landeinwärts an der iXigola 3 km von Montenuovo (Ostra 
vetere) gelegene Municipium Ostra ^), das im 5. Jahrhundert n. Chr. 
verlassen zu sein scheint: Ruinen und Inschriften bezeugen die Stelle. 
Südlich vom Pafs von Scheggia erhebt sich der M. Cucco 
(1567 m), dann folgt der Pafs von Fossato welcher das Thal des 
Aesis Esino^) mit demjenigen des Tinea Topino im Westen ver- 
bindet. Weiter steigt die Hauptkelte über Gualdo Tadino (S. 392) 
1435 m an, durch ein von Süd nach fs'ord gerichtetes geräumiges 



1) Plin. III lU Ptol. III 1,44 CIL. XI p. 914. 

2) Lucan II 407 Sil. It. VIII 453. 

3) Pol. II 14,11 16,5 19,12 Slrab. V 227 Steph. Byz. Liv. XI. XXVII 38.46 
Sil. It. XV 522 Cic.Brut. 73 Nepos Cato 1,2 Zonar. IX 9 Eutrop III 18 Aur. Vict. 
de vir. iil. 48 Appiaa Hann. 52 b. civ. I 88 CIL. XI p. 922. 

4) Plin. III 113 Ptol. III 1,19; Senogallia It. Ant. 100.316 Tab. Peut. Geogr. 
Rav. IV 31 V 1 Feldmesser 226. 258 Lachm. 

5) Plin. III 114 Ptol. III 1,44 Feldmesser 257 CIL. XI p. 914. 918. Auch 
Montalboddo heifst amtlich Ostra, obwol dessen Entfernung von dem antiken 
Situs 10 km beträgt. Dem berechtigten Einspruch von Montenuovo wurde 
schliefslich vor einigen Jahren dahin nachgegeben, dafs dieses den Namen 
Ostra vetere erhielt. 

6) Strab. V 217. 227. 241 VI 285 Plin. III 113 Liv. V 35 Sil. It. VIII 446 
It. Ant. 316 vgl. S. 390 A. 4. 

Nissen, Ital. Landesknnde. IL 25 



386 Kapitel VI. Unabrien. 

Thal von ihr getrennt, der abgesonderte Stock des M. S. Vicino 
1483 m. Das Thal wird von dem etwa 75 km langen Aesis durch- 
strömt, i) Es weist nicht weniger als drei Municipien auf: Matilica, 
das Städtchen Matelica in der Tribus Cornelia 2) ; davon nordöstlich 
Tuficum Ficano bei Albacina^); nordwestlich Attidium Attigio^), 
beide in der Tribus üfentina stimmberechtigt und ein paar Millien 
von einander entfernt in einem von Bergen umsäumten ehemaligen 
Seebecken gelegen. Nachdem der Aesis von Westen her den Giano 
aufgenommen, wird er fortab immer weiter eingeengt und bricht 
sich schliefslich am M. Rosso in einer der wildesten Klausen des 
ganzen Appennin seine Bahn nach Ost dem Meere zu. — Vor der 
Klause welche die Grenze zwischen Ober- und Unterlauf bildet, 
empfängt er den vom Pafs von Scheggia kommenden Scatino. In 
dem Thal des Scatino eine Millie von Sassoferrato liegt das in die 
Tribus Lemonia eingetragene Municipium Sentinum: die Stätte heifst 
noch jetzt Civifa oder Sentino.^) Wir wissen nicht wie weit der 
Stamm der Sentinates sich ehedem erstreckt hat, aber die Nähe der 
Uebergänge von Scheggia und Fossato erklärt das Vorkommen ihres 
Namens in der Kriegsgeschichte. In ihrem Gebiet gewannen die 
Römer 295 den grofsen Sieg welcher den Bund der Samniten mit 
den nördlichen Völkern sprengte und die römische Herrschaft über 
die Halbinsel begründete; 41 v. Chr. wurde die Stadt von Octavians 
Truppen zerstört. Datirte Inschriften sind aus dem 3. Jahrhundert 
n. Chr. vorhanden. — Der Unterlauf des Aesis stellt die Grenze 
gegen Picenum dar. Ungefähr in der Mitte 16 Millien von der 
Küste liegt auf einer Erhöhung am linken Flufsufer die zur Pollia 
gehörende Colonie Aesis Jesi.^) Ob sie bereits 247 v. Chr. von den 
Römern eine Colonie erhalten hat, ist zweifelhaft.^) In einer In- 



1) Die I 343 aus dem Annuario Statistico von 1881 angeführten Angaben 
können unmöglich richtig sein. 

2) Plin. 111 113 Feldmesser 240. 257 CIL. XI p. 819. 

3) Plin. 111 114 Ptol. III 1,46 Feldmesser 259 CIL. XI p. 829. 

4) Plin. III 113 Feldmesser 240. 252. 259 CIL. XI p. 825. 

5) Pol. II 19,6 Liv. X 27. 30; Dio XLVIII 13 Appian b. civ. V 30; Strab. 
V 227 Plin. III 114 Ptoi. III 1,46 Feldmesser 258 CIL. XI p. 838. 

6) Strab. V 227 ^i'aiov Plin. III 113 Aesinates Ptol. III 1,46 CIL. XI p. 92a. 

7) Vell. I 14,8 handschriftlich Aesulum, womit die Ableitung des angeb- 
lichen Volkes der Asili vom Aesisflul's Sil. It. VIII 445 stimmen würde. Den 
Titel Colonie führt Aesis CIL. IX 5831. 32. Mommsen Münzwesen S. 332 hält 
mit Recht für das wahrscheinlichste Aesis zu verstehen. 



§ 1. Die Gallische Mark. 387 

Schrift wird sie durch das Beiwort Picens oder Picentium von ähnlich 
lautenden Städten unterschieden.!) 

Beim Pafs von Scheggia theilt sich der Appennin (I 235). Die 
östliche Haupterhebung wird durch Flufsthäler unterbrochen und 
zerfällt in eine Anzahl abgesonderter Städte. Die Potenza, deren 
antiker Name nicht überhefert wird (1 343), trennt den M. S. Vicino 
(S. 386) vom M. Lelegge (996 m), der gleichfalls unbenannte Chienti 
den M. Lelegge vom M. Fiegni. Zwischen diesen Bergen südlich 
von den Aesisquellen safs der Stamm der Camertes 2) der sich eines 
besonderen Rufes der Tüchtigkeit erfreut hat: 

et armis 
vel rastris landande Camers. 

„Als Consul Fabius 310 v. Chr. vor dem unwirtlichen Ciminer 
Wald lagerte, erbot sich sein Bruder die Gegend auszukundschaften. 
In Hirtenkleidung zog er von einem Sklaven geleitet aus und soll 
bis zu den umbrischen Camertern gelangt sein. Dort wagte er sich 
als Römer zu bekennen, ward in den Senat geführt und verhandelte 
im Namen des Consuls über ein Freundschaftsbündnifs. Als will- 
kommener Gastfreund behandelt, erhielt er den Bescheid den Römern 
zu melden: wenn ihr Heer in diese Gegenden käme, würden Lebens- 
rnittel für 30 Tage demselben bereit und die Mannschaft der um- 
brischen Camerter in Waffen ihres Befehls gewärtig sein." So lautet 
der sagenhafte Bericht über die Einleitung des gleichen unverletz- 
lichen Bündnisses, dessen Privilegien noch 210 n. Chr. von Kaiser 
Septimius Severus bestätigt wurden. 3) Auf dasselbe gestützt 
konnten die Romer 295 v. Chr. es wagen den Appennin zu über- 
schreiten und die italischen Heere anzugreifen. ^) Späterhin haben 
die Camerter dem Scipio eine, dem Marius zwei volle Cohorten ge- 
stellt: das Aufgebot von 1000 Mann gegen die Kimbern zeugt von 
der Wehrkraft wie der Volkszahl des Stammes, dessen Ausdehnung 
sich schwerlich mit den Gemeindegrenzen der Hauptstadt deckt. 
In dieser hatten unter dem Schutz des Bündnisses römische Wucherer 
zu Anfang des zweiten Jahrhunderts ihren Sitz aufgeschlagen ; gegen 



1) In einer Soldatenliste von 141 n. Chr. Eph. ep. IV 887, b. 4. 

2) Sil. It. VIII 461 vgl IV 157. 

3) Liv. IX 36 XXVIII 45 Frontin Str. I 2,2 Plut. Mar. 28,2 Val. Max. V 2,8 
Sali. Cat. 27 Cic. pro Balbo 46 Camertinum foederum sanctissimum atque 
aequissimum CIL. XI 5631. 

4) Pol. II 19,5 vgl. S. 323 A. 5. 

25* 



388 Kapitel VI. Umbrien. 

sie eifert der alle Cato ^) : „unsere Mitbürger in Camerinum hatten 
eine schöne Stadt bestes und schönstes Ackerland lin gesegnetes 
Geschäft; wenn sie nach Rom kamen, stiegen sie geradezu als 
Fremde bei ihren Freunden ab". Mit dem Bürgerrecht 90 v. Chr. 
fand die Gemeinde Aufnahme in der Tribus Cornelia; worin die 
Vorrechte bestanden deren Bestätigung oben erwähnt ward, wissen 
wir nicht. Camerinum hat in dem heutigen Camerino seine ehe- 
malige Stätte bewahrt: die bis 10 m betragende Aufschüttung des 
Bodens erklärt das Fehlen antiker Bauwerke. Die feste Lage auf 
einer Anhöhe an einer Verbindungslinie zwischen der Ost- und 
Westseite des Appennin erklärt die Nennung der Stadt bei kriege- 
rischen Verwicklungen. 3) — Genauer gesprochen liegt Camerinum 
in der Mitte von zwei Uebergängen über den Appennin. Das 
Heisebuch*) läfst eine Poststrafse von Nuceria Nocera an der Via 
Flaminia über Dubios unbestimmter Lage und Prolaqueum Pioraco 
der Potenza folgend nach Aucona abzweigen. Der letztgenannte Ort 
an einem kleinen See der in die Potenza abfliefst, gehört auch jetzt 
zur Diöcese von Camerino: die Entfernungsangaben treffen nur an- 
nähernd zu. Die Enge durch welche die Potenza sich Bahn bricht, 
stellt die natürliche Grenze zwischen Camerinum und Septempeda, 
Umbrien und Picenum dar. — Eine Fahrstrafse führt gegenwärtig 
nicht über den erwähnten Pafs, wol aber aus dem Thal des Chienti 
über den Pafs von Colfiorito nach Fulginium Foligno. Der Pafs 
dessen Höhe bisher nicht bekannt worden, dehnt sich zwischen 
Serravalle und Colfiorito zu einer Einsenkung von etwa 5 Millien 
Länge aus. In diesem noch jetzt Pistia genannten Hochthal lag 
das zur Tribus üfentina gehörende Municipium Plestia.^) Die Kirche 
der Madonna di Pistia bezeichnet den Ort der wie es scheint im 
11. Jahrhundert verlassenen Stadt. Im Altertum befand sich hier 
der Imus Plestinus 6) der später versumpfte und ausgetrocknet 
wurde. Als Schauplatz einer Niederlage wird er in der römischen 
üeberheferung erwähnt, da 217 nach dem Blutbad am Trasimenus 

1) Cato frg. p. 39 Jordan vgl. Liv. XXXV 7. 41. 

2) Strab. V 227 Ka/ue^rje Plin. III 113 Feldmesser 240. 256. 257 CIL. 
XI p. 815. 

3) Cic. pro Sulla 53, AU. XIII 12b,2 Caes. b. civ. I 15, Appian b. civ. V 50, 
Paul. h. Lang. IV 16. 

4) It. Anton. 311 CIL. XI p. 819. 

5) Plin. III 114 CIL. XI p. 812. 

6) Appian Hann. 9, 11 Rhein. Mus. XX 225. 



§ 2, Das westliche Uinbrien. 389 

eine Schar von 4000 Reitern an seinen Ufern von den Karthagern 
ereilt und aufgerieben ward. 

§2. Das westliche Umbrien. 

Oestlich von der Wasserscheide sind keine Denkmäler der um- 
brischen Sprache bisher entdeckt worden (l 504). Was wir davon 
besitzen, stammt aus dem Westen: die Landschaft zwischen Tiber 
und Appennin bat den Gebrauch der Schrift früher gelernt und 
in den Dienst der angebornen Mundart gestellt, hat als Hüterin 
heimischer UeberHeferung die Ehre verdient den Namen des grofsen 
Volkes das einst den Norden der Halbinsel erfüllte, bis auf den 
heuligen Tag zu führen. In die Zeiten vor der römischen Herrschaft 
versetzen uns die Tafeln von Iguvium.i) Bei dem Sühnfest wird 
Heil und Segen auf die Bürgerschaft herabgefleht, Verderben auf 
ihre Feinde: „o Mars, die Stadt der Tadinaten, den Gau der 
Tadinaten, die etruskische nahartische keltische Nation, alle ihre 
Edlen in Krieg und Frieden, alle ihre Männer in Wehr und ohne 
Wehr, erfülle sie mit Furcht und Zittern, mit Flucht und Schrecken, 
mit Schnee und Hagel, mit Lärm und Toben, mit Alter und Knecht- 
schaft". Die nächsten Nachbarn nehmen unter den Feinden die 
oberste Stelle ein: eine Erscheinung, die im Fehdeleben anderer 
Volker häufig genug begegnet. Dann folgen drei Nationen in West 
Süd und Nord, neben Etruskern und Kelten die Naharter am Nar. 
Wir müssen aus dieser Gleichstellung schliefsen dafs die südlichen 
Theile Umbriens in einem Bunde vereinigt waren, dessen Waffen 
am Appennin gefürchtet wurden. Aber leider lassen uns die An- 
nalen für die Erläuterung dieses altertümlichen Gebets im Stich. 
Bei den griechischen Schriftstellern kommt der Name der Umbrer 
ziemlich früh vor, ohne dafs begreifHcher Weise von einer genauen 
Begrenzung die Rede sein könnte (I 505). Den Römern bedeutet 
Umbrien das unabhängige Gebiet dieses Stammes sowol östlich als 
westlich vom Appennin. 2) In der Regioneneintheilung des Augustus 
wurde dasselbe in der Weise bestimmt umschrieben wie S. 374 

1) Umbrica interpretatus est Franc. Buecheler, Bonn 1883. tab. VI B 58. 
Ueber lapuzkuvi nomen vgl, I 507 A. 1. 

2) Pol. II 16,3 24,7 III 86,9 Liv. X I XXII 9 XXVil 43 XXXI 2 Cic. Att. VIII 
12c,l pro Murena 42 pro S. Rose. 48 de Div. I 92. 94 Vitruv II 7, 1 Diod. XX 
35,3 44,9 Piut. Grass. 6,5 Stiab. V 227. 235. 240. 



390 Kapitel VI. Umbrien. 

dargelegt ist.*) Es wurde ferner S. 377 bemerkt, dafs die Ver- 
waltung seit dem zweiten Jahrhundert die beiden Hälften östlich 
und westlich vom Appennin als Flaminia und Umbria unterschied. 
Letztere wird vor Constantin mit dem angrenzenden Etrurien ver- 
einigt und die Umbrer nehmen an der zu Volsinii abgehaltenen 
Festfeier dieser Landschaft theil. Jedoch regte sich dagegen die 
längst verklungene Feindschaft des Stammes oder richtiger gesagt 
die nachbarliche Eifersucht: um das Jahr 330 gestattet der Kaiser 
angeblich wegen des beschwerlichen Weges und der kostspieligen 
Reise den Umbrern einen Tempel der Gens Flavia in Hispellum zu 
errichten und hier unter dem Vorsitz eines jährlich gewählten 
Priesters ihr landschaftliches Fest mit scenischen Aufführungen und 
Gladiatorenspielen zu feiern. 2) In der Langobardenzeit wird Perusia 
zu Umbrien gerechnet, wie auch heutigen Tags geschieht.^) 

Die Ilinerarien zählen von Cales (S. 382) 13 oder 14 Milben 
bis zur Station ad Aesim oder ad Ensem'^): eine Entfernung die an- 
nähernd auf das heutige Scheggia zutriüt, in dessen unmittelbarer 
rSähe römische Ueberreste gefunden wurden. Vielleicht gehörten 
sie dem in jüngeren Quellen erwähnten Castrum Luceoli an.^) Die 
Strafse erreichte II/2 Millien vor der Station den auf einem Vor- 
sprung der Pafshöhe gelegenen Tempel des Juppiter Appenninus, 
dessen Orakel in der Kaiserzeit über den beschränkten Umfang der 
umbrischen Gemeinden hinaus Gellung erlangt hatte.^) Claudian 
fährt nach Erwähnung des Furlopasses (S. 383) fort: 
exsuperans delubra Jovis saxoqiie minantes 
Appenninigenis cultas pastoribus aras. 

Der Tempel ist 8 Millien von Igiwiiim entfernt und auf geradem 
Wege über die Höhe des M. Calvo (905 m) von dort erreichbar. 
Nahe beim Uebergang über das Gebirge, wie Strabo richtig hervor- 
hebt, liegt Gubbio am Rand eines Längenthals das 10 Millien lang 
und 2 — 3 breit von Zuflüssen des Chiascio durchströmt wird, nach 



1) Properz I 22,9 V 1,63. 121 Plin. III 112 VI 218 XI 241 Tac. Ann. IV 5 
Hist. III 42. 52 Suet. Caes. 34 Vesp. 1. 

2) Böcking zu Not. Dign. Occ. 430 CIL. XI 5265. 

3) Paul. h. Lang. II 16. 

4) It. Gadit. Hesim oder Jlaesim Hieios. 616 mutatio ad Ilesis Tab. Peut. 
ad Ensem wol von dem Flufs (S. 385) oder ein Wirtshauszeichen (S. 59). 

5) Geogr. Rav. IV 33 Paul. h. Lang. IV 8. 34. 

6) Claudian VI cons. Hon. 504 Vita Claud. 10 Firm. 3 Tab. Peut. CIL. 
XI 5803. 04 VIII 7961. 



§ 2. Das westliche Umbrien. 391 

Silius infestum nebulis humentibus olim, was ja bei solchen Ein- 
senkuDgen häufig zutrifTt. ') Ein einförmiges Hügelland von 12 Millien 
Breite, durch das der Chiascio sich Bahn bricht, scheidet die Ein- 
senkung von derjenigen des Tiber. Der Platz ist geeignet den Ver- 
kehr der umliegenden Bergdistricte anzulocken. Es giebt keine 
italische Stadt von der so umfangreiche Zeugnisse aus der Epoche 
der Unabhängigkeit vorhanden wären wie von dieser. Aber deren 
Erhaltung deutet schon an dafs Iguvium von dem mächtigen Strom 
der seit dem dritten Jahrhundert auf der Via Flaminia hin und her- 
flutete, nicht unmittelbar berührt wurde. Auch die Verbreitung 
der von demselben geprägten Münzen mit der Aufschrift Ikuvins 
(oder Ikuvini?) fällt ungefähr mit den Grenzen des Stadtgebietes 
zusammen. 2) Die Iguviner sind unter ähnlichen Bedingungen wie 
die Camerter in den Bund mit Rom eingetreten und bei dem all- 
meinen Abfall 90 v. Chr., so scheint es, treu gebheben. Damals 
vertauschten sie ihr Bündnifs mit dem Bürgerrecht und wurden in 
die Tribus Clustumina eingeschrieben. 3) Die Stadt wird als Festung 
genannt^): ihre Wichtigkeit beruhte auf ihrer iVähe am üebergang 
der Via Flaminia über den Appennin und ihrer centralen Lage im 
Gebirg. Die zahlreichen Ortsangaben welche das umbrische Ritual 
darbietet, vermögen wir nicht in einem einheitlichen Bilde anzu- 
ordnen. Die umbrische Stadt hatte nur drei Thore und wird sich 
deshalb in derselben ^Veise steil an den M. Galvo angelehnt haben 
wie die mittelalterliche. In der Friedenszeit unter den Rümern 
breitete sie sich dagegen in der Ebene aus. Die vornehmste Ruine 
ist ein etwa 5000 Zuschauer fassendes Theater, in dessen Umgebung 
die berühmten Tafein gefunden wurden. Die arx Fisia welche 
diese von der tota. der iirbs Iguvina unterscheiden, wird man in 
dem obersten Theil der Stadtanlage suchen. Unter den heimischen 
Gottheiten wird namenthch der Mars Cyprius auch in der Kaiserzeit 
verehrt: sein Tempel lag an der Strafse nach Asisium.^) Der theo- 
logische Geist der umbrischen Zeit hat auch in römischer fortge- 



1) Strab. V 227 Plin. 111 113 Sil. It. VIII 459 Ptol.IlI 1,46 Tab. Peut. Acubio 
Geogr. Rav. IV 33 Egubia. 

2) Mommsen, Münzwesen 221. 279 vgl. Plin. XXIII 95 (XV 31). 

3) Cic. pro ßalbo 46. 47 Sisenna fr. 94. 95 Peter CIL. XI p. 855. 

4) Liv. XLV 43 (für das handschriftliche Igiturvium) Gaes. b. civ. I 12 
Cic. Att. VII 13,7. 

5) CIL. XI 5805. 



392 Kapitel VI. Unibrien. 

(laviert: z. B. nennt eine Inscliril'l einen avispex extispicus sacerdos 
publicus et prwatusj) 

Der M. Calvo trennt das Thal von Iguvinm von dem ähnlichen 
Längenthal das vom Clasius Chinscio (l 310) durchflössen sich am 
Fufs des M. Cucco hinziehl. Es mag als Wahlstatt mancher unhe- 
kannter Kämpfe gedient haben. Der vom Appennin niedersteigende 
Heisende sah die busta Gallorum Grabhügel in grofser Zahl und 
liefs sich erzählen: Held Camillus habe hier die von der Zeistorung 
Roms heimkehrenden Kelten ereilt und vernichtet. 2) In dem Thal 
liegt der Vicus Helvillum, Station der Via Flaminia von der oben 
erwähnten 10 Millien entlernt, ungefähr an der Stelle des heuligen 
Sigillo,3) Cluver nimmt an der Vicus sei hervorgegangen aus der 
ehedem unabhängigen Gemeinde der SwUates, die aufser in den 
Censuslisten des Augustus nicht vorkommt. Die Aehnlichkeit der 
beiden antiken und des modernen Namens ist die einzige Stütze 
für die Vermutung. Es mag wol eine selbständige Gemeinde im 
Thal gegeben haben ; jedoch werden Beweise vermifst um sie be- 
stimmen zu können. — Auch die Gemeinde der Tadinates gegen 
welche das Ritual von Iguvium seine kräftigen Verwünschungen 
schleudert (S. 389), kann obwol von Augustus anerkannt, nur unbe- 
deutend gewesen sein, Tadinae heifst zwar im l'ilgerbuch Stadt, 
bei Prokop aber Dorf: es lag 7 Millien von Helvillum IV2 vom 
heutigen Gualdo Tadino bei der Kirche S. Maria Tadina. *) Die 
Niederlage der Gothen 552 hat den Ort berühmt gemacht. Totilas 
hatte eine vortreflliche Stellung gewählt um den Anmarsch des 
Narses zu erwarten. Oberhalb Tadinae mündet auf der Westseite 
die von Iguvium kommende Strafse, auf der Ostseite der aus dem 
Thal des Aesis hin überführende Pafs von Fossato (S. 388) in die 
von Scheggia herabsteigende Via Flaminia ein. Narses rückte nach 



1) CIL. XI 5824. 

2) Prokop b. Goth. IV 29 Appian Kann. 8. Die Sage knüpft an den Bei- 
namen von Nuceria Camellana an. 

3) It. Gadit. Anton. 125.315, Hieros. 614 Herbelloni, Tab. Peut. Halvillo 
Plin. III 114. Die Inschrift Not. d, Scavi 1891 p. 330 nennt vicaJii He[lvillates]; 
Cluver 617. Das It. Ant. 315 erwähnt eine Strafse von Helvillum über ad 
Calem (S. 382) und ad Pirum nach Sena und Ancona; jedoch ist dieselbe nicht 
nachgewiesen und die Entfernungen ganz entstellt. 

4) It. Hieros. 614 civitas Planias zu verbessern Tadiyias Prokop b. Goth. 
IV 29 ■x.o')firi i\vnEQ oi iniy;,wqiOL TaSivas [cod. Tayivas] xaXovaiv. Plin. 111 
114 Gregor M. Reg. IX 184. 85 CIL. XI p. 823. 



§ 2. Das westliche ünibrien. 393 

Umgehung des befestigten Fiirlopasses (S. 383) auf der letzteren 
an. Die Strafse lief nicht wie jetzt an der östlichen Seite der Ein- 
senkung über Fossato und Gualdo, sondern an der entgegengesetzten 
Seite an Caprara vorbei, dessen Name an den Ort Caprae erinnert 
in dem Totilas sein Leben ausbauchte. i) — Weiter tritt die Strafse 
in das enge Tlial des nach Süden fliefsenden Tinia Topino (I 310)^) 
und langt 8 Milben von Tadinae bei Nuceria an. 3) rs'ach Strabo 
trieb das Städichen Fafsbinderei; nach Plinius wurden zwei po- 
litische Gemeinden unterschieden Nucerini Favonietises und Camellani: 
den letzteren Beinamen giebt auch die Heisekarte an. Bei Ptolemaeos 
heifst Nuceria schwerlich mit Becht Colonie: Cluver vermutet an- 
sprechend dafs dieser Zusatz aus dem Beinamen entstellt sei. Ob 
die beiden Gemeinden einen oder zwei städtische Mittelpuncte ge- 
habt haben, ist nicht zu sagen, Das heutige Nocera alter Bischof- 
sitz 2 Milben vom Topino weist keine Denkmaler des Altertums 
auf: zahlreiche Unglticksfälle die das armselige Dorf durch Feuer 
und Erdbeben erlitten, mögen solches erklären. Ueberhaupt be- 
fremdet das überaus spärliche Auftreten von Inschriften an diesem 
ganzen Strich der Via Flaminia. Von Nuceria zweigte eine Strafse 
nach Ancona ab (S. 388). — Die Flaminia erreicht 12 Milben von 
Nuceria das von dem Erbauer der Strafse gegründete Forum 
FlaminiiJ) Das Städtchen hatte eigene Verwaltung gehabt, wird 
aber schon im Beisebuch als Vicus bezeichnet. Es lag am Aus- 
gang der grofsen umbrischen Ebene bei S. Giovanni Profiamma. 
Halbwegs zwischen ihm und Nuceria ist Ponte Centesimo: eine 
Brücke über den Topino lieferte den Anlafs zur ersten, der hun- 
dertste Meilenstein von Bom zur zweiten Hälfte dieses Namens. 
Ein paar Mdlien weiter treten Flufs und Strafse in die grofse um- 
brische Ebene hinaus. 

Die nordwestliche Grenze Umbriens geht durch das obere 
Tibertbal : die Quellen des Flusses gehören der Feldmark von 
Arretium an 5); der jüngere Plinius besafs 8km nördlich vonTifernum 

1) Proltop b. Golli. IV 32. 

2) Stral.. V 227 Plin. III 53 Sil. It. VIII 452. 

3) Strab. V 227 Plin. Ilt 113 Ptol. III 1,46 It. Gadit, Ant. 311 Hieios, 614 
Tab. Peuf. Nucerio CajneUaria Guido 53 CIL. XI p. 822. Cliiver 630, 

4) Fest 84 M. Strab. V 227 Plin. III 113 Plol. III 1,47 Euseb. a. Abrah. 
2270 Cod. Theod. 1X35,5 lt. Ant. 125 Hieios. 614 Tab. Peut. Guido 53 CIL. 
XI p. 754. 

5) Plin. Ili 53. 



394 Kapitel VI. Unibrien. 

am Fiifs des Appennin eine Villa, deren Benennung Tusci klar an- 
deutet dafs sie auf etruskischem Grund und Boden hgA) Dieser 
hat mithin zwischen Borgo S. Sepolcro und Citta di Castello his 
an die Hauptkelte des Gebirges gereicht. Die Schilderung welche 
IMinius vom Tiberlhal entwirft, ist früher (l 463) mitgetheilt worden. 
Die Fruchtbarkeit ist noch immer ungeschwächt: in ununterbrochenem 
Wechsel süet man das eine Jahr Weizen der mindestens das zehnte 
Korn bringt, das nächste Mais Hafer Bohnen u. s. w. Die Haupt- 
stadt Tifermim Tiberinum'^) lag nahe am Flufs: Inschriftenfunde be- 
weisen dafs Cittä di Castello, welches sonst keine antiken Denk- 
mäler aufzuweisen hat, die Stelle einnimmt. Das der Tribus Clustu- 
mina einverleibte Municipium ist durch seinen Gutsnachbar Phnius 
bekannt geworden der in jungen Jahren zum Patron ernannt, ihm 
101 n. Chr. einen Kaisertempel erbaute. Der Lauf des Flusses 
wurde I 310 beschrieben. Wahrscheinlich hat die eine und andere 
verschollene Gemeinde aus den Censuslisten des Augustus in dem 
Hügelland zwischen Tifernum und Iguvium ihren Sitz gehabt. 

Das 264 Dkm grofse Hanplthal Umbriens das sich von Spoleto 
ab in einer Länge von 60 km bei 4 — 8 km Breite nach Nordwesten 
hinzieht, ist langsam ausgetrocknet (I 311). Dem entsprechend 
meiden die Städte den Thalgrund und lehnen sich entweder an die 
einfassenden Höhen an oder liegen auf den Höhen selbst. Unter 
ihnen kennen wir im Nordwesten auf einem Hügel das zur Tribus 
Clustumina gehörende Arna^) jetzt ein Weiler Civitella d' Arne: 
Cluver vermutet das in der Kriegsgeschichte 295 v. Chr. erwähnte 
Aharna^) sei derselbe Ort. — Ein hellerer Glanz in alter wie in 
neuer Zeit ruht über dem benachbarten Asisium.^) Mit sicheren 
Strichen zeichnet Properz das Bild seiner Vaterstadt samt ihrer 

Umgebung: 

Umbria te notis antiqua penatibus edit, 

(metitior? an patriae tangitur ora tuae?) 
qua nebulosa cavo rorat Mevania campo, 

1) Plin. Ep. III 4,2 IV 1,6 V 6 18,2 IX 15. 36. 40 an Tiaiaa 8. Gamurrini, 
Strena Heibig. (Leipzig 190U) p. 93. 

2) Plin. III 114 Plin. Ep. IV 1 an Traian 8 Geogr. Rav. IV 36 Guido 52 
CIL. XI p. 871. 

3) Plin. III 113 Sil. iL VIII 456 Ptol. III 1, 47 CIL. XI p. 811. 

4) Liv. X 25 Cluver 626. 

5) Properz I 22,9 V 1,63 121 fg. Plin. Hl 113 Ptol. III 1,46 Prokop. b. 
Goth. III 12 CIL. XI p. 784. 



§ 2. Das westliche Umbrien. 395 

et lacus aestivis tntepet Umher aquis, 
scandentisque Asisi consnrgü vertice murus, 

murus ab ingenio nolior ille tuo. 
Von der Höhe von Asisi schaut man zur Linken in etwa 15 km 
Entfernung das in einer Einbuchtung der Ebene gelegene von 
Hügeln überragte Mevania, rechts zu Füfsen um Bastia herum das 
ehemalige Becken des lacus Umher ^), der wie es scheint unter König 
Theoderich völlig entleert ward, freilich nach dem Ausdruck des 
Properz auch früher geringe Tiefe besafs. Bei einer anderen Ge- 
legenheit hat der Dichter zur Umschreibung seiner Heimat das hoch 
thronende Perusia gewählt, welches im Osten das Gesichtsfeld 
abschliefst: 

proxima supposito contingens Umbria campo 

me genuit terris fertilis uherihus. 
Die allgemeine Lage der umbrischen Städte, insonderheit der 
ihm von Kindheit an vertrauten schildert er in der vorhin er- 
wähnten Elegie: 

ut nostris tumefacta superbiat Umbria libris, 

Umbria Romani palria Callimachi. 
scandentes quisquis cernet de vallibus arces, 

ingenio mia^os aestimet ille meo. 
'■ Die Mauern des allen Asisium sind nicht mehr sichtbar. Im 
Uebrigen führt uns die heutige Stadt ihre Vorgängerin anschauhch 
vor die Seele: die verfallene Fortezza welche den Gipfel krönt (407m), 
vertritt die ehemalige Arx; unter der Piazza wandeln wir auf den 
Fliesen des Forums; eine 15 — 20 stufige Treppe führte von ihm 
hinauf zu dem von Goethe gefeierten Tempel (sog. Minerva); In- 
schriften verkünden dafs die Gens Propertia allhier ansässig war.*) 
Die Gemeinde hat, als sie noch unter ihren einheimischen Marones 
stand, sich neben der umbrischen bereits der lateinischen Sprache 
öfifenthch bedient. Nach Ertheilung des Bürgerrechts 90 v. Chr. 
wurde sie der Tribus Sergia zugewiesen. — Aehnlich wie Asisi 



1) Cassiodor Var. II 21 Rhein. Mus. XX 218 fg. 

2) Darunter nennt CIL. XI 5405 den Plin. Ep. VI 15,1 IX 22,1 erwähnten 
Nachkommen des Dichters. In der Neuzeit haben 7 umbrische Städte den 
Anspruch erhoben die Heimat des Properz zu sein. Nachdem Lachmann die 
handschriftliche Lesung scandentisque asis in Asisi verbessert hat, ist der 
Streit für die Wissenschaft erledigt. 



396 Kapitel VI. Umbrien. 

Steigt das 6 Millicn nach Süden entfernte Hispelhim i) Spello den 
Abhang hinan: die heutige Nameiisloim begegnet schon bei den 
Feldmessern. Die der Tribus Lenionia einverleibte Stadt hat im 
Altertum ihre Nachbarin an Bedeutung weit übertroflen. Sie erhielt 
eine Colonie der Triumvirn und nennt sich seitdem colonia Julia 
Hispelhim; ihr Gebiet ward bis zu den Quellen des Clitumnus er- 
weitert. In einem um 330 gegebenen Erlafs (S. 390) verleiht ihr 
Constantin den Titel Flavia Cotistans, genehmigt die Erbauung eines 
Tempels der Gens Flavia und die Abhaltung des umbrischeo Jahres- 
festes alklort. Das Gesuch der umbrischen Landstände auf das dieser 
Bescheid erlblgle, hatte die Wahl Hispellums als Hauptstadt der 
Provinz mit der Nähe der Via Flaminia die in der That nur mit 
2 Millien Abstand vorüber läuft, begründet. Das ehemalige Ansehen 
bestätigen die zahlreichen Inschriften sowie die Denkmäler: ein 
ziemlich grofses Amphitheater und Theater an der Strafse nach Asisi, 
die Stadtmauer von der ein Stück an der Südseite nach der Ebene 
zu steht. 

Der Dreizahl von Städten am nordöstlichen Rand des um- 
brischen Thaies liegen ebenso viele im Südwesten gegenüber. 
Bettona auf einem steilen Hügel oberhalb des Chiascio ist noch von 
dem länglichen Mauerviereck des zur Tribus Clustumina gehörenden 
Vettona umgeben. 2) Aber nur die Grundschichten sind erhalten: 
dem bröcklichten Stein dieser Gegend mangelt die Widerstandskraft 
gegen die Unbilden der Zeit, — 5 Millien weiter bei dem Dorf 
Collemancio folgt Urvimim Eorlense, wie das gleichnamige jenseit 
des Appennin in der Tribus Stellatina eingetragen; von ihm sind 
ein paar Inschriften übrig geblieben.') — Die günstigste Verkehrs- 
lage weist Mevania Bevagna auf. Die Via Flaminia durchschneidet 
das umbrische Thal in südwestlicher Richtung, überschreitet den 
Topino und erreicht 7 Millien von Forum Flaminii die Stadt. *) 
Die tiefe Lage derselben wird nach dem Vorgang des Properz (S. 394) 
von den Dichtern hervorgehoben 5), so von Silius: 

1) Strab. V 227 Plin. 111 113 Ptol. 111 1,47 Sil. It. VllI 457 Plin. Ep. VIII 
8,6 Feldm. 179. 224 Lachm. Spellates Spellatinvs ager CIL. XI p. 766. 

2) Plin. III 114 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 Guido 38 CIL. XI p. 747. 

3) Plin. III 114 CIL. XI p. 747 Bull, dell' Inst. 1864 p. 241. Die In- 
schriften kennen nur die Form Vrvinum. 

4) It. Ant. 311 rechnet 18, die Gaditaner 19 Millien von Nuceria (S. 393), 
Tab. Peut. 16 verschrieben für 6 von Forum Flaminii. 

5) Sil. It. VI 645 VllI 456. 



§ 2. üas westliche Umbrien. 397 

latis 
proiecta in campis nebnlas exhalat inertes 
et sedet ingentem pascens Mevania taurum 
dona Jovi. 

Ihre Wiesen werden gefeiert wegen des ansehnliclien Rinder- 
schlags den sie nährten. i) Der schiffbare Flufs und die grofse 
Heerstrafse die ihn kreuzte, bestimmten den Ort zu einem Sammel- 
punct der umbrischen Gemeinden. Hier sprengte Fabius 309 v. Chr. 
ihren Landsturm, hier erwartete 69 n. Chr. das Heer des Viteliius 
den Anmarsch der Vespasianer.2) Wenn Strabo Mevania zu den 
namhaften Städten an der Flaminia rechnet 3), so führen die Denk- 
mäler zum nämlichen Ergebnifs. Erwähnung verdient ein in den 
Häusern verbautes Amphitheater sowie ein Tempel unweit des nörd- 
lichen Thors. Die verschwundene Stadtmauer war nach altertüm- 
hcher Art aus Luftziegeln aufgeführt. 4) An Inschriften fehlt es 
nicht, doch läfst sich die Tribus der Gemeinde nicht sicher aus- 
machen: die meisten nennen die Aemilia.^) 

Die flaminische Strafse durchzieht von Mevania das Hügelland 
welches die Einsenkung des Chtumnus von derjenigen des Tiber 
trennt und in einem von Nord nach Süd gerichteten Rücken im 
M. Martano 1091 m, im Torre Maggiore oberhalb Terni's 1121 m 
ansteigt. Der erstgenannte Rerg hat seinen Namen von dem an 
seinem südwestlichen Fufs belegenen vicus Mortis Tudertium 6) 
16 Millien von Mevania, 18 von Narnia, 9 von Tuder entfernt. 
Man darf schhefsen dafs derselbe keine geschlossene Ortschaft bildete, 
sondern an der Landstrafse lang hingestreckt war: noch jetzt ist 
in dieser Landschaft zerstreutes Siedeln üblicher als in den meisten 
Theilen Itahens. Die Kirche S. Maria in Pantauo bezeichnet den 
Mittelpunct des Vicus. — Die gegenwärtig nur noch von Reitern 
und Fufsgängern benutzte Strafse weist stattliche Ueberreste aus 
römischer Zeit auf. Eine Rrücke von zwei gewaltigen Rogen fällt 
in die Augen : der Räch der früher unter ihr durchflofs, hat seinen 
Lauf verändert; man benutzte die freistehenden Rogen, ohne einmal 
die Wölbungen auszufüllen, als Unterbau für eine Kirche. — 



1) Coium. III 8 Lucan I 473 Stat. Silv. I 4,128. Auch der Reben gedenkt 
Plin. XIV 37. 2) Liv. IX 41 Tac. Bist. III 55. 59. 

3) Strab. V 227 Plin. III 113 Ptol. III 1,47 Phlegon fr. 36 Müller Suet.Cal. 43. 

4) Plin. XXXV 173. 5) CIL. XI p. 732. 

6) CIL. XI p. 694 It. Gadlt. 16 (17) und 18 (12) It. Ant, 311: 16 und 18. 



398 Kapitel VI. Umbrien. 

8 Millien vom Vicus Martis mündet die stellenweise ihres Kalkstein- 
pflasters un beraubte Flaminia durch das noch stehende Norderthor 
von Carsulae ein.i) Einsam liegt die Kirche S. Damiano an der 
weiten Trümmerstätte, die ehedem eines der blühenden Municipien 
Umbriens trug. Der Boden dacht sich allmälich von hier aus nach 
dem Becken des Nar ab : darum schien der Platz den vespasianischen 
Führern 69 n. Chr. geeignet Halt zu machen, den Aufmarsch ihrer 
Truppen zu vollenden, zugleich den in 10 Millien Abstand bei Narnia 
befindlichen Feind zum Abfall zu verlocken. Carsulae gehörte zur 
Tribus Clustumina. Sein Verfall schreibt sich aus der späteren 
Kaiserzeit her, als der grofse Verkehr den Weg über Interamna 
und Spoletium einschlug (S. 400). 

Die Reisekarte 2) verzeichnet eine Stralse nach Rom welche 
von Perusia aus den Tiber überschritt und Vettona links auf der 
Hohe lassend flufsabwärts nach 32 Millien Tuder Todi erreichte. 
Silius^) schildert dessen Lage: 

collis Umbros atque arva petebat ' 

Hannibal, excelso summi qua vertice montis 
devexum lateri pendet Tuder. 
Der Stadthügel (411 m) steigt in geringer Entfernung vom 
Flufs, dessen Anbhck übrigens durch Höhen verdeckt wird, etwa 
210 m so steil an dafs die oberen Strafsen nicht befahren werden 
können. Zahllose Kömpfe von denen keine Ueberlieferung meldet, 
mögen um diese Grenzwarte getobt haben : die hier gefundene 
keltische Inschrift (I 480) kann als Zeuge dafür dienen. Die Nähe 
des Tiber und die vorüberführende Landstrafse, unter allen Ver- 
bindungen Roms mit dem Norden die kürzeste, verliehen dem Ort 
eine Wichtigkeit die er seiner Festigkeit allein nicht verdankt haben 
würde. Die Verbreitung seiner Münze mit der Aufschrift Tutere 
(S. 73) wird von keiner andern Stadt im Norden der Halbinsel 
übertroffen. 4) Die Feldmark ist nach dem für Umbrien gültigen 
Mafsstab ziemlich ausgedehnt, da sie den Vicus Martis an der Flaminia 
umschliefsend mindestens 15 km in der Breite bei mehr als doppel- 
ter Länge befafste. Die römischen Annalen gedenken der Tuderter 



1) Strab. V 227 Piin. III 113 XVII 213 Tac. Bist. III 60 Plin. Ep. I 4 
CIL. XI p. 664. 

2) Desgleichen mit entstellten Namen Geogr. Rav. IV 33 Guido 38. 

3) Sil. It. VI 644 IV 222 VIII 462 Strab. V 227 eveQXTjS nöXte Ptol. III 
1,47 Steph. Byz. 4) Mommsen, Münzwesen 221. 272 fg. 



§ 2. Das westliche Umbrien. 399 

erst in der Zeit des Mariiis, als sie mit dem Bürgerrecht Aufnahme 
in die Tribiis Clustumina fanden.*) Im Bürgerkrieg fochten sie gegen 
Sulla; ihre Stadt ward von Crassiis erobert und geplündert, 538 n. 
Chr. den Gothen von Belisar abgenommen. 2) Sie erhielt nach der 
Schlacht bei Philippi eine Ansiedlung von Veteranen und den Titel 
colonia Julia Fida TuderJ) Sie scheint früh in der Bebenzucht 
etwas geleistet zu haben, da die in Etrurien übliche Bebe Tudernis 
hiefs.4) Aehnlich wie die Iguviner verehrten die Tuderter vor allen 
Göttern den Mars: Gradivicolam celso de coUe Tudertem sagt Silius. 
Ein Bau aus grofseh Quadern wird von den Nachfahren (schwerlich 
mit Becht) als sein Tempel betrachtet. Von der antiken Mauer 
sind noch Stücke erkennbar. — Die römische Heerstralse schneidet 
den Bogen welchen der Tiber nach Orvielo hin macht (I 311), ab 
und läuft an der Ostseite eines bis 994 m ansteigenden Bergrückens 
der von Nord nach Süd am Flufs hinstreicht, geradeswegs nach 
dem 18 Millien entfernten Ameria Ameha.^) Diese Bergstadt nimmt 
einen steilen Hügel (406 m) ein der im Halbkreis vom Bio Grande, 
dem gröfslen der nach Süden dem Tiber zueilenden Bäche um- 
strömt wird. Am jenseitigen Ufer des Baches thürmen sich wieder 
Felsen auf so dafs ein völlig sicherer Schutz geboten wird: nichts 
desto weniger scheint nachträglich in späterer Zeit auch die ganze 
Hohe mit einer Mauer umgeben worden zu sein. Die Angriffseite 
im Südosten ist durch eine gewaltige Mauer gedeckt; sie steht 
stellenweise noch in einer Höhe von 7 — 8 m und bekundet die 
wechselnde Bauart verschiedener Epochen ; denn theils nehmen die 
Felsblöcke keine Bücksicht auf wagerechte Ghederung, theils sind 
die Vielecke regelmäfsig geschichtet, theils kleinere Steine nahezu 
rechtwinklig behauen. Der Anbhck erweckt unwillkürlich die Vor- 
stellung einer altersgrauen Vergangenheit. Aehnlichen Eindrücken 
haben römische Geschichtschreiber Worte geliehen: Cato läfst 
Ameria 963 Jahre vor dem dritten makedonischen Kriege, 1134 
V. Chr. gegründet sein. 6) Es wurde wie es scheint gleich- 
zeitig mit Tuder zum Bürgerrecht und zur Tribus Clustumina 

1) Sisenna fr. 119 Peter Plut. Mar. 17,4 Plin. II 148 CiL. XI p. 678. 

2) Plut. Grass. 6,5 Prokop b. Golh. )I lt. 13 Paul h. Lang. IV 8. 

3) Feldm. 52. 214 Lachm, Plin. 111 113 CIL. XI 4646. 59. 39. 50. 54. 

4) Plin. XIV 36. 

5) Tab. Peut. 6 Millien nach Ausfall einer Station, die auch Geogr. Rav^ 
IV 33 vermifst wird. 

6) Plin. III 114 Fest. 21 M. 



400 Kapitel VI. Umbrien. 

zugelassen.') Wie die sullanischeu Wirren die Gemeinde in 
Mitleidenschaft zogen , spiegelt die Rede wieder die Cicero für 
Sextus Roscius, ein Opfer derselben 80 v. Chr. hielt. Ueber ihre 
späteren Schicksale ist wenig bekannt. 2) Sie legte auf dem römi- 
schen Markt mit Aepfeln und Birnen Ehre ein 3) , beschickte ihn 
mit Besen^) und versorgte den Winzer mit Weiden s): Amerina 
parant lentae retmacula viti. Wie die Hügel landeinwärts für jenen 
so war das Tiberufer, bis zu welchem die Feldmark reichte ^) , für 
diesen einträglichen Anbau vorzüglich geeignet. Die Entfernung 
von Ameria nach Rom betrug 56 Mühen, nach castellum Amerinum 
12; letzteres lag am Tiber Orte gegenüber.') 

Ein bedeutsames Ereignifs für die innere Geschichte der Land- 
schaft ist die Verlegung der Via Flaminia gewesen. Ueber deren 
ursprünglichen Lauf hätte freilich keine Unklarheit herrschen dürfen. 
Die Strecke von Narnia bis Mevania weist eine ganze Reihe ge- 
waltiger Brücken aus der Epoche des Augustus auf. Diesen Zug 
läföt Strabo die Strafse einhalten, ihm folgte das vespasianische 
Heer auf seinem Marsche nach Rom, den gleichen Weg haben die 
Gaditaner genommen welclie ihre Reisebecher den Nymphen von 
Vicarello weihten. Auch das Postbuch kennt ihn noch unter dem 
Namen Flaminia, aber als Verbindung zwischen Rom und Ancona- 
Brundisium, führt dagegen die grofse Nordstrafse nach Ariminum 
über Interamna und Spoletium. Das Nämliche geschieht im Pilger- 
buch von 333 ^) und seitdem hat der Verkehr diese neue Richtung 
eingehalten, die etwa 5 Mühen länger und durch den M. Somma 
(728 m) aufserdem beschwerlicher ist. Ueber die Gründe der 
Aenderung lassen sich Mutmafsungen ohne Bürgschaft ihrer Richtig- 
keit vorbringen. — Von Forum Flaminii (S. 393) werden 3 Millien 

1) Plin.ll 148 Plut. Mar. 17,4 CIL. XI p. 638. 

2) Strab. V 227 Plin. III 113 Ptol. 111 1,47 Sleph. Byz. Paul. h. Lang. 
IV 8. Irrtümlich macht Feldm. 224 Lachm. Ameria zu einer Golonie des Augusust. 

3) Golum. V 10 Plin. XV 50. 55. 58 Stat. Silv. I 6,18. 

4) Plin. XXIV 67. 

5) Verg. Georg I 265 mit Schol Golum. IV 30 Plin. XVI 177 XXIV 58. 
Körbe Gato RR. 11,5. 

6) Gic. pro Roscio 20 Plin. Ep. VIII 20. 

7) Tab. Peut. vgl. mit Geogr. Rav. IV 33. Die Entfernungsangabe der 
Karte wird bestätigt durch Gic. pro Rose. 19. 

8) It. Anton. 125. 311 Hieros. 613 Claudian VI cons. Hon. 506 fg. vita 
Severi 6,2 Prokop b. Goth. H 11. Dafs Interamna nicht an der Flaminia liege, 
sagt ausdrücklich Tac. Hist. II 64. 



§ 2. Das westliche Umbrien. 401 

gerechnet bis Fulginiae oder Fulginium Foligno. i) Die alte Stadt 
lag bei S. Maria in Campis und S. Maria del Sasso, einige hundert 
Schritt weiter östhch als die jetzige nach den Bergen zu. Ihre 
späte Entstehung deutet Silius an: pahtloque iacens sine moenibus 
arvo Fulginia. Das Fehlen der Mauer beweist dafs der Ort von 
Hause aus kein Stadtrecht hatte: er gehörte zur Classe der Prae- 
fecturen denen ein von Rom geschickter Beamter Recht sprach.2) 
Bei Gelegenheit der Gründung von Forum Flaminii mögen die um- 
brischen Fulginiates^) minderes Bürgerrecht, späterhin Aufnahme 
in die Tribus Cornelia erlangt haben. Der verschiedenartige Ursprung 
der beiden Nachbarorte erhellt schon aus der Thatsache dafs sie 
nicht zu einem einzigen Gemeinwesen verschmolzen sind. In der 
Kaiserzeit hat Fulginium einen entschiedenen Aufschwung genommen, 
während Forum Flaminii zum Dorf herabsank. Seine Verkehrslage 
ist äufserst günstig da eine Strafsenkreuzung hier stattfindet: nach 
dem 21 Millien entfernten Perusia im Westen, nach Picenum über 
den Pafs von Plestia im Osten (S. 388), nach Ariminum nördlich, 
Spoletium südlich. Es scheint ein Amphitheater besessen zu haben. 
— Die Slrafse nach Süden langt 5 Millien von Fulginium bei 
Trehi oder Trebiae Trevi an, das steil an dem Randgebirge des 
Clitumnusthals hinauf gelagert ist.^) Aufser Inschriften sind keine 
Denkmäler vorhanden: vielleicht eine Folge der in dieser Gegend 
häufigen Erdbeben. — Die Ebene zwischen Trevi und FoHgno liegt 
stellenweise sehr tief und wies früher ausgedehnte Sümpfe auf, die 
nach vielen vergebhchen Versuchen endhch 1563 ausgetrocknet 
wurden. Es ist gestaltet an diesem Ort den lacus Clitorius zu 
suchen, den die geographische Uebersicht des Paulus anführt. ^j 
Das etwa 4 km breite 15 km lange Thal (213 m) das sich von Trevi 
nach Spoleto hinzieht, ist überaus wasserreich (I 310). Seine 
üppigen Wiesen ernährten den von Dichtern 6) gefeierten Rinder- 



1) It. Hieros. 613 civüas Fufginis, Sil. It. IV 545 VIII 460 Fulginia, Appian 
b, civ. V 35 'PovXxiviöv rt ;^rw^tOf. 

2) Cic. fr. p. 4,3. 4 Baiter-Kayser e municipio Fulginale, in praefectura 
Fulginate. 

3) So Plin. 111 113 und Inschriften CIL. XI p. 754. 

4) Plin. III 114 Trebiales und Inschriften CIL. XI p. 728, It. Hieros. 613 
und Schol. Juvenal 12,13 Trevis, vgl. Guido 55 Sueton Tib. 31. 

5) Paul. h. Lang. II 16 Rhein. Mus. XX 222. 

6) Verg. Georg. II 146 Properz III 12,25 IV 22,23 Stat. Silv. I 4,129 Sil. It. 
VIII 450 Juvenal 12,13 Claudian VI cons. Hon. 506. 

Nissen, Ital. Landeskunde. LT. 26 



402 Kapitel VI. ümbrien. 

schlag, der die grofsen weilsen Opferthiere für die Triumphe in 
Rom heferte; er wird von Vergil bei seinem Preise Italiens erwähnt: 
hinc albi, Clitumne, greges et maxima taurus 
victima, saepe tno perfusi flumine sacro, 
Romanos ad templa deum duxere triumphos. 
Das Thal wird nach dem Clitumnus benannt und gehörte grofsten 
Theils zur Feldmark von Mevania.i) Es wurde von der alten Strafse 
der Länge nach durchschnitten, während die heutige einen Umweg 
an dem östlich einfassenden Höhenzug hin macht. 4 Millien von 
Trevi lag die Poststation Sacraria'^) le Vene, dieses nach den hier 
vorbrechenden Quellen , jenes nach den an ihnen befindHchen 
Heiligtümern benannt. Der jüngere PHnius entwirft ein zutreffen- 
des Bild der Landschaft: „ein mäfsiger Hijgel steigt an, von einem 
alten Cypressenhain beschattet. An seinem Fufs kommt die Quelle 
zu Tage und wird in mehreren Adern ungleicher Stärke hervorge- 
trieben. Nachdem der Strudel geglättet ist, breitet sie sich so rein 
und krystallhell aus dafs man die Kieselsteine und die hineinge- 
worfenen Opfergaben auf dem Grunde zählen kann. Vom Becken 
wird sie nicht durch das Gefälle des Bodens sondern durch die 
eigene Fülle und Wucht fortgestofsen: noch Quelle und zugleich 
Flufs, dessen Strömung die Barken ohne Ruder mitnimmt, aber den 
Aufwäitsfahrenden zu harter Arbeit zwingt. Die Ufer sind von 
Eschen und Pappeln eingefafst, deren grünes Bild in den durch- 
sichtigen Flufs eintaucht. Das Wasser ist kalt und weifs wie Schnee. 
Daran liegt ein alter ehrwürdiger Tempel mit Clitumnus in purpur- 
verbrämtem Gewände: die Gegenwart des Gottes künden seine 
Orakel an. Rings herum sind mehrere Capellen verstreut, die jede 
ihren Gott und ihre Verehrung, einzelne auch Quellen haben. 
Denn aufser jenem Hauptquell sind kleinere da, die jedoch in den 
Flufs einmünden. Eine Brücke über den Flufs stellt die Grenze 
des heiligen und weltlichen Bezirks dar. Oberhalb darf man nur 
im Boot fahren, unterhalb auch schwimmen. Ein städtisches Bad 
und Gasthaus der Hispellaten ist vorhanden, denen der hochselige 
Augustus den Platz geschenkt hat. Auch Villen fehlen nicht, die 
man durch die Anmut des Flusses angelockt am Ufer errichtete. 
Alle Säulen und Wände sind mit Sprüchen beschrieben, in denen 

1) Suet. Calig. 43 Vib. Sequ, unter flum. und fonles Schol. V Georg. II 
146 Plin. Ep. VIII 8,6. 

2) 11. Hieros. 613. 



§ 2. Das westliche Urobrien. 403- 

die Besucher jenen Quell und Gott lobpreisen." Das mächtige 
Wasser das aus dem geheimnifsvollen Schofs der Erde ans Licht 
trat, forderte unwillkürlich die Andacht der Menschen heraus. Eine 
ganze Anzahl christHcher Heiligtümer hat jetzt die Stelle der heid- 
nischen eingenommen.!) Eines unter ihnen, S. Salvatore kann 
durch seine etwa aus dem vierten Jahrhundert stammende Bauart 
dem Beschauer als Anhalt dienen um sich die plinianische Schilderung 
lebendig zu machen. Diese atmet das idyUische Behagen, welches 
die grüne frische Landschaft im sonnenverbrannten Süden von 
selbst hervorruft. In der Neuzeit hat Poussin zu ihren Verehrern 
gezählt. — Das Thal des Clitumnus wird durch das an seinem 
Ende befindliche, von Trebi 12, von der letzterwähnten Station 
8 Millien entfernte Spoletium Spoleto beherrscht. 2) Diese Stadt 
nimmt einen nach allen Seiten steil abfallenden nur im Westen 
zugänglichen Hügel ein, dessen Spitze die Arx trägt. Die Verkehrs- 
lage ist nicht ungünstig: abgesehen von der Strafse über M. Somma 
welche das Becken des Nar mit dem Clitumnusthal verbindet, zweigt 
ostwärts am Fufs des M. Maggiore (1428 m) entlang eine Strafse 
nach Nursia^) und dem Truentus ab, mit einem Nebenaste nach 
dem Chienti, so dafs von hier ein doppelter Ausgang nach der Adria 
gegeben war. Vor allem jedoch ist es die Festigkeit gewesen, 
welche dem Ort einen geschichtlichen Namen gemacht hat. Die 
Römer siedelten in ihm 241 v. Chr. eine latinische Colonie an 4), 
die im hannibahschen Kriege standhaft aushielt und 217 einen feind- 
lichen Angriff abwehrte.^) Mit dem Bürgerrecht 90 v. Chr. begabt 
und in die Tribus Horatia aufgenommen , hatte die Stadt von den 
Kämpfen der Sullaner und Marianer zu leiden, wurde von Sulla 
öffentlich versteigert. 6) Abermals diente sie im perusinischen Krieg 
den Parteigängern des Antonius als Stützpunct.^) Sie genofs eines 



1) CIL. XI p. 723 fg. 

2) Strab. V 227 Plin. III 114 XI 190 Ptol. III 1,47 It. Anton. 125 Hieros. 613 
Tab. Peut. Guido 53. Der Name Spoletium Spoletinus in guter Zeit, später 
Spoletum Spoletanus Priscian II 56, im 6. Jahrhundert auch Spolüium CIL. 
XI p. 701. A. Sansi, Storia di Spoleto, Foiigno 1869. 

3) Suet. Vesp. 1 erwähnt dieselbe. 

4) Liv. XX Vell. I 14,7 Cic. pro Balbo 48 colonia Latina in primis firma 
tt inlustris. 

5) Liv. XXII 9 XXIV 10 XXVII 10 XLIII 18. 19 XLV 43., 

6) Appian b. civ. I 90 Flor. II 9,27. 

7) Appian b. civ. V 33. 

26* 



404 Kapitel VI. Umbrien. 

solchen Ansehens dafs die seit dem Ausgang des Altertums übliche 
Benennung der umbrischen Ebene nach Spoleto wenigstens für 
das Clitumnusthal bereits in classischer Zeit vorkommt, i) Ihr gold- 
gelber Wein zählt zu den bekannten Marken. 2) Im 3. und 4. 
Jahrhundert wird sie mehrfach vom Kaiser besucht. 3) Immerhin 
beginnt ihr eigentlicher Ruhm erst mit der Fremdherrschaft: Theo- 
derich schmückt sie durch Bauten *) ; in den Gothenkriegen bald 
in dieser bald in jener Hand, werden ihre Mauern von Totilas ge- 
schleift, aber 552 von Narses wieder horgestellt.s) Seit 570 wird 
Spoleto Sitz eines langobardischen Herzogtums, das zeitweise seine 
Macht über ganz Italien erstreckt hat.6) Aus dieser Epoche stammt 
das grofsartigste Denkmal der Stadt, der Ponte delle Torri ein 
Ziegelbau von 206 m Länge und 81 m Höhe, welcher die Schlucht 
an der südöstlichen Seite des Stadthügels überspannt, Wasser vom 
M. Luco hineinführt und zugleich als Brücke dient. Von der 
ältesten Burgmauer im Polygonalstil sind noch Ueberreste sichtbar, 
desgleichen von der Stadtmauer ein Thor im römischen Stil. Ver- 
schiedene Kirchen verraten ihren Ursprung aus ehemaligen Tempeln. 
Die Stadt hatte sich über ihre Befestigungen hinaus erweitert, be- 
safs unter anderem aufserhalb derselben ein von Prokop erwähntes 
Amphitheater (119 X 90 m).^} 

Das Thal von Spoleto wird im Süden durch einen Bergzug 
abgeschlossen, der das umbrische Hügelland mit dem Hochland in 
Verbindung setzt. Er steigt im M. Fionchi 1335 m an, die Pafs- 
höhe des M. Somma mifst 728 m. Er ist mit niedrigem Gestrüpp 
von Steineichen bedeckt, doch wird bis zur Pafshöhe stellenweise 
Korn angetroffen. Von Spoleto bis Interamna werden 18 oder 20 
MiUien gerechnet: der Name einer Poststation Fanum Fugitivi 
deutet an dafs auf dem M. Somma ein Asyl für flüchtige Sklaven war. 8) 



1) Appian b. civ. I 90 Cassiod. Var. II 21, vgl. Cic. Brut. 271 Suet. p. 115 
Reiffersch, Feldmesser 225 Lachm. 

2) Athenaeos I 27 b Martial VI 89,3 XIII 120 XIV 116. 

3) Aur. V. ep. 45 Cod. Theod. XVI 5,2 Xllf 3,5 Ammian XIV 6,24. 

4) Cassiod. Var. II 37 IV 24. 

5) Prokop. b. Goth. 1 16. 17 II 8. 11 III 6. 12. 23 IV 33. 

6) Geogr. Rav. IV 29 Paul. h. Lang. II 16 u. o. Guido 66. 

7) Prokop. b. Goth. III 23. 

8) It. Anton. 125. Hieros, 613. Der Zusatz der Tab. Peut. Adtine Betine 
[hschr, recine] mag einer Aufschrift an der Grenze des Tempelbezirks ent- 
stammen vgl. Guido 53. 



§ 2. Das westliche Umbrien. 405 

— Der Lauf des Nar Nera der in dem südlichsten Theil Umbriens 
so bedeutend hervortritt, ist I 312 beschrieben worden. Nach ihm 
werden von den Iguvinern die feindlichen Stammesgenossen be- 
nannt (S. 389), erhalten auch in römischer Zeit die südlichen Städte 
Beinamen. Zunächst dehnt sich am Fufs des M. Somma ein bis 
5 km breites 10 km langes Thal aus: ein ehemaliges Seebecken 
dessen Wiesen viermal im Jahr geschnitten wurden, i) In den Be- 
sitz theilten sich Interamna und Narnia. Durch den Beinamen 
wird Interamna Nahars Terni von anderen gleichnamigen Städten 
unterschieden. 2) Es hegt (130 m) am rechten Ufer des Nar und 
war ehemals von einem Nebenarm umflossen: daher rührt seine 
Benennung. Laut einer Inschrift beanspruchte es 672 v. Chr. ge- 
gründet zu sein. 3) Von seinen früheren Schicksalen hören wir 
nichts bis auf Sulla, von welchem das 90 v. Chr. nach Verleihung 
des Bürgerrechts der Tribus Clustumina zugewiesene Municipium 
(wenn anders nicht das praetuttische Interamna gemeint ist S. 31) 
eingezogen und versteigert wurde. 4) Als Knotenpunct der nach 
Spoletium und Narnia, ferner nach Carsulae an der Flaminia und 
Beate an der Salaria laufenden Strafsen, hat es in der Folge eine 
Blüte entfaltet, welche sowol durch Schriftsteller 5) als Denkmäler 
bezeugt wird. Unter den letzteren verdient ein Amphitheater Er- 
wähnung. Ferner haben die Wasserfragen, der Streit der Reatiner 
und Interamnaten über die Ableitung des Vehnus (I 313. 321) die 
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. 6) EndUch hat Interamna 
als Geburtstadt des Kaisers, angeblich auch des Geschichtschreibers, 
Tacitus Ruf erlangt.'^) — Das Alter welches Interamna sich beilegt, 
ist mit demjenigen Ameria's (S. 399) verglichen recht bescheiden. 
Die Lage spricht auch dafür dafs es verhältnifsmäfsig spät erbaut, 
wenigstens spät Hauptstadt der ganzen Landschaft geworden sei. 



1) Plin. XVIII 263 Tac. Ann. I 79. 

2) Plin. III 113 Varro LL. V 28 Fest. 17 M. It. Anton. 125Hieros. 613 Tab. 
Peut. Guido 53 CIL. XI p. 611. 

3) CIL. XI 4170. 

4) Flor. II 9,27 Feldmesser 226 Lachm. 

5) Cic. ad. Att. II 1,5 de domo 80 pro Mil. 46 (dazu Asconius) Phil. II 105 
Tac. Bist. II 64 III 61. 63 Quintil. IV 2,88 Vita Severi 6 Aur. V. Caes. ep. 45 
Eutrop IX 5 Hieron. a. Abr. 2270 An. Vales. 6. 

6) Gius. Riccardi, suUa caduta delle marmore, 5. ediz. Roma 1825. 

7) Vita Tac. 15 vgl. 10,3. 



406 Kapitel VI. Umbrien. 

Wit grofser Wahrscheinlichkeit werden wir an und auf den Höhen 
die das Becken des Nar umgehen, andre Gemeinden suchen. Der 
Rest einer allen Mauer im Polygonalslil bei Cesi (437 m) 5 Milhen 
nordwestlich von Terni beweist dafs hier eine solche ihren Sitz 
hatte; über den Namen lassen sich aber nur Vermutungen vor- 
bringen. — Von Interamna sind 8 MilHen bis Narnia Narni. i) 
Der Stadlhügel dessen Spitze (332 m) die Arx einnahm, schhefst 
vorspringend das Thalbecken ab, an seinem Fufs tritt der Kar in 
eine Enge ein. Den von Nord und Ost her Kommenden gewährt 
die Festung einen mächtigen Anblick und sperrt den Weg nach 
Rom. In umbrischer Zeit Nequhmm geheifsen , wurde sie nach 
langer vergeblicher Belagerung 299 v. Chr. von den Römern durch 
Verrat eingenommen, einer iatinischen Colonie überwiesen und nach 
dem Flufs benannt.^) Im hannibalischen Kriege schmolzen die 
Reihen der Ansiedler so zusammen dafs sie 199 Verstärkung er- 
baten und erhielten. 3) Bürgerrecht ward ihnen 90 v. Chr. in der 
Tribus Papiria verliehen. Bei der Herstellung der Via Flaminia 
durch Augustus wurde der Stadt die schönste Brücke zu Theil die 
Italien aufzuweisen hat. Sie ist 128,26 m lang, hat 4 Bögen mit 
16 — 32 m Spannung und liegt 30,02 m über dem mittleren Wasser- 
spiegel. Diese aufserordentliche Höhe dient dazu um die Steigung 
zwischen dem M. Maggiore auf dem die Stadt liegt, und dem M. 
Santa Croce an dessen Abhang die Flaminia nach Carsulae läuft, 
zu überwinden oder richtiger zu erleichtern. Die Brücke stürzte 
im 8. Jahrhundert und endgiltig 1054 in Folge des Hochwassers 
ein: seitdem stehen nur die Pfeiler und ein Bogen am linken Ufer. 
Die Umgebung wird zutreffend von Claudian besungen: 
celsa dehinc patulum prospectans Narnia campum 
regali calcatur equo, rarique coloris 
non procul amnis abest urbi qui nominis auctor, 
ilice sub densa silvis arctatus opacis, 
inter utrumque iugum tortis anfractibus albet. 
Prokop der den Platz für einen der stärksten Tusciens er- 



1) It. Anton. 125 Hieros. 613. Tab. Peut. wo der Name ausgefallen ist. 

2) Liv. X9. 10 Fast. Capit. Plin. III 113 Dion. Hai. XVII fr. Fest. 176 M. 

3) Liv. XXVII 9. 43. 50 XXIX 15 XXXII 2 Flut. Flam. 1,4. 

4) Claud. VI cons. Hon. 515 Sil. It. VIII 458 Martial VII 93. 



§ 2. Das westliche ümbrien. 407 

klärt, beschreibt ihn wie folgt i): „er liegt auf einem hohen Berge. 
Der Flufs Nar von dem auch die Stadt ihren Namen bekam, fliefst 
am Fufs dieses Berges. Zwei Aufgänge führen hinein, der eine im 
Osten, der andre im Westen. Davon hat jener wegen seiner Enge 
und der Abschüssigkeit des Felsens grofse Schwierigkeit; diesen 
kann man nur von der Brücke aus betreten die hier den Flufs 
überschreitet. Die Brücke hat Kaiser Augustus in allen Zeiten er- 
baut, ein sehr bemerkensw-ertes Schaustück; denn von allen Ge- 
wölben die ich gesehen habe, ist dies das höchste". Wenn Strabo 
den Nar durch die Stadt fliefsen läfst, so redet er nicht als Augen- 
zeuge. 2) Freilich wird um die Brücke herum eine Vorstadt ent- 
standen sein, da hier die Strafsen von Ameria und Interamna mit 
der Flaminia zusammen trafen, aufserdem aber ein Verkehr zu 
Schiff mit Rom unterhalten wurde. 3J Immerhin fehlten die Vor- 
bedingungen für den Aufschwung einer Handelsstadt; in der Ueber- 
lieferung wird Narnia fast nur um seiner Festigkeit willen erwähnt.*) 
— Von hier rechnen die Itinerarien 12 Millien bis Ocriculum.^) 
Das heutige Otricoli — die Namensform begegnet schon in der 
Kaiserzeit 6) — liegt 1 Milbe nördlich von dem alten auf der Höhe; 
jenes lag in der Ebene am Tiber.') Die alte verfallene Kirche S. 
Vittore bezeichnet die Stätte die zahlreiche Trümmer bewahrt. Ein 
Amphitheater bekundet das Ansehen der Stadt, vielleicht noch mehr 
die Ausbeute der im 18. Jahrhundert unternommenen Ausgrabungen 
die den Vatikan mit einigen seiner schönsten Schätze bereichert 
haben. Die Gemeinde trat 307 v. Chr. in das römische Bündnifs 
ein, wurde im Bundesgenossenkrieg schwer heimgesucht, bei der 
Ertheilung des Bürgerrechts in die Tribus Arnensis aufgenommen.^) 



1) Prokop b. Goth. I 16. 17 II U IV 33. Er übersieht, dats die Strafse von 
Interamna in den westlichen Aufgang einmündete, ohne die Brücke zu über- 
schreiten. Giov. Eroli, Miscellanea storica Narnese, Narni 1858. 62. 

2) Strab. V 227 Ptol. 111 1,47. 

3) Tac. Ann. III 9 Strab. V 227. 

4) Tac. Hist. III 58. 60. 63. 78 Zosim. V 41 Paul. h. Lang. VI 48. — Cic. 
bei Piin. XXXI 51 Plin. Ep. I 4 Aur. V. ep. 24. 45 TertuUian Apol. 24. CIL. 
XI p. 601. 

5) It. Gadit. Anton. 125. 311 Hieros. 613. 

6) It. Anton. Ulriculi Hieros. Ucriculo Guido 53 Ocricula Hydat. a. 413 
(Ghron. min. II 18) Utrieulo. 

7) Strab. V 227 Plin. III 53. 114 Ptol. III 1,47. 

8) Liv. IX 41 XXII 11 Dion. Hai. XVIII fr. Flor. U 6 CIL. XI p. 595. 



408 Kapitel VI. Umbrien. 

Späterhin geschieht ihrer wegen der Nähe Roms und der Via 
Flaniinia gelegenthch Erwähnung, i) Von der TiherbrUcke welche 
die Strafse vom umbrischen auf das etruskische Gebiet hinüber- 
führte, waren die Pfeiler noch in der Neuzeit sichtbar. Ihre Er- 
bauung würde um 64 v. Chr. fallen, wenn die nahe liegende Ver- 
mutung dafs dies der pons Minucius sei, zutreffen sollte. 2) 



1) Cic. pro Mil. 64 Tac. Bist. III 78 Ammian XVI 10,4 XXVIII 1,22 Plin. 
Ep. I 4 VI 25 Tertull. Ap. 24. 

2) Mon. Anc. c. 20 Cic. ad Att. I 1,2. 



KAPITEL VII. 



Picenum. 

Der Aesis, der alte Grenzflufs Italiens trennt die fünfte von 
der sechsten Region (S. 374). Jedoch gilt dies nur von der unteren 
Hälfte; die oberen Thäler des Esino Potenza Chienti werden von 
den Camertern bewohnt und gehören zu Umbrien (S. 387). Weiter 
südlich bildet der Ilauptkamm des Appennin von der Sibilla bis 
zum M. Vettere die Scheidewand zwischen Picenum und der Sabina. 
Welcher von diesen beiden Regionen das obere Thal des Tronto 
zuzuweisen sei, bleibt unentschieden; das obere Thal des Vomano 
aber gehört sicher zur Sabina. Endlich im Süden wird ungenau 
der Aternus der gröfste und bekannteste Flufs der italischen Ost- 
kiiste als Grenze der Picenter bezeichnet: richtiger setzt Ptolemaeos 
den unscheinbaren Matrinus Piomba dafür ein. Das umschriebene 
Gebiet, die heutigen Kreise Ancona, Macerata, Ascoli Piceno, Fermo, 
Teramo umfassend, begreift einen Flächenraum von rund 120 d. DM. 
6500 Dkm, vielleicht einige hundert Quadratkilometer mehr. Unter 
den von Augustus eingerichteten Regionen ist dies weitaus die 
kleinste, da sie nur zwei Drittel der nächstfolgenden (Umbrien) und 
ungefähr ein Achtel der gröfslen (Venetien) ausmacht. Durch den 
Subappennin die Ausläufer der Centralkette gebildet, erscheint sie 
durchaus als ein Hügelland von 3 — 400 m mittlerer Erhebung, 
worin die unter 150 m eingeschnittenen Thalsohlen kaum ein Zehntel 
des Gesamtareals einnehmen. ,,Die Picenter — schreibt Strabo — 
bewohnen von den Bergen bis zum Meeresstrand ein Land dessen 
Breite zur Länge aufser Verhältnifs steht, das in jeder Hinsicht 
fruchtbar doch zur Baumzucht geeigneter ist als zum Kornbau." 
Heutigen Tages wird im Durchschnitt das 7. Korn geerntet, die 
wichtigen Erträge liefern Seide Wein und Oel. Von den Alten 



410 Kapitel VII. Picenum. 

wird picenisches Oel 1) Wein 2) Obsl^) gerühmt; auf einen ansehn- 
lichen Waldbestand deutet die Erwähnung der Schweinemast hin.*) 
Aus Dinkel wird das Nalionalgebäck bereitet, nicht aus Weizen &): 
ein Zeugnifs für die altertümlichen Lebensformen die diese Land- 
schaft kennzeichnen. — Der Mangel an Häfen (I 93) erschwerte 
den Verkehr mit den Seevölkern, der Bau des Landes das in ein 
Dutzeni durch Ilügelrücken getrennte Flufsthäler zerfällt, erschwerte 
den Verkehr der Stammesgenossen unter einander; beides bewirkte 
dafs die staatliche Einheit in gleicher Weise wie das Aufkommen 
von Stadien im Rückstand blieb. Um so länger erhielt sich die 
Wehrkraft dieser Gaue, Sie sind den älteren Hellenen unbekannt 
(I 511). Mit den Römern haben sie zwei grofse Kriege geführt. 
Der erste 269. 68 v. Chr. endigte mit dem Verlust des halben Ge- 
biets und der Verpflanzung von desäen Einwohnern an den Golf 
von Salerno. Der zweite 91 — 89 fällt mit der Erhebung der Bundes- 
genossen zusammen, die von hier ihren Ausgang nahm. Als die 
römischen Waffen in Picenum die Oberhand behielten, war auch 
das Schicksal der ganzen Erhebung besiegelt. Die Landschaft trat 
in die Clientel ihres Ueberwinders Pompeius Strabo ein ; dessen 
Sohn Pompeius Magnus schuf sich in ihr eine Hausmacht, mit der 
er der sullanischen Reaction 83 zum Siege verhalf und 49 den 
gallischen Legionen Caesars widerstehen zu können hofTte.^) — 
Unter Augustus umschlofs die Region 23 Gemeinden mit Selbst- 
verwaltung, darunter als Stützen der kaiserlichen PoUtik die vier 
Culonien Ancona Firmum Asculum und Hadria. Der Ursprung der 
Städte weist durchweg in junge Zeit: es ist wenig von ihnen zu 
sagen. Hauptstadt ist Asculum an dem gröfsten Flufs den die Land- 
schaft besitzt, am Truentus Tronto gelegen. Durch sein Thal läuft 
die via Salaria die Rom mit der Adria verbindet. Der kunstmäfsige 
Ausbau dieser Strafse wird erst für die Zeit des Augustus bezeugt, 
ihr höheres Alter jedoch das vor die römische Herrschaft zurück- 
reicht, durch den Namen erwiesen. So lange die Bundesgenossen 



1) Plin. XV 16 Martial I 43,8 V 78,20 XIII 36 Auson. Epist. 3,1. 

2) Plin. XIV 37. 39. 67 vgl. Liv. XXII 9. 

3) Horaz Sat. II 3,272 4,70 Jnvenal 11,74. 

4) Martial XIII 35. 

5) Plin. XVill 106 Mart. XIII 47. 

6) Dio fr. 107 Plut. Pomp. 6 Caes. b. civ. I 12. 15 Cic. Ätt. VII 13.1 21,2 
26,1 VIII 8,1 12C,2 IX2a,2. 



§. 1. Die Picenter. 411 

ihre Selbständigkeit bewahrten, haben die Römer den Verkehr mit 
der Colonie Iladria auf dem Wege durch das Thal des Vomanus 
unterhalten: der Weg wurde 117 v. Chr. als via Caecilia hergestellt. 
Weit jünger ist die Slaatstrafse welche die Via Flaminia von Nuceria 
aus (S. 393) mit Ancona in Verbindung setzte. Auch einige binnen- 
ländische Nebenslrafsen die in den Reisebüchern Aufnahme gefunden 
haben, gehören vermutlich der Kaiserzeit an. Dagegen wird die 
Küsteustrafse die schliefslich vom iapygischen Vorgebirge bis Aquileia 
den ganzen Ostrand Italiens entlang reichte, Hand in Hand mit der 
Festsetzung der Römer also in der ersten Hälfte des dritten Jahr- 
hunderts V. Chr. angelegt worden sein. Wie die heutige Eisenbahn 
zeigt, führt an dem flachen Strand der die subappenninischen Hügel 
umsäumt, die bequemste uud natürliche Verbindung zwischen den 
getrennten Thalschaften hin; die Römer aber sind ihrem bewährten 
System von der Küste aus das Binnenland zu bewältigen in Picenum 
treu geblieben. An öffentlichen Strafsen fehlt es also nicht: allein 
auf keiner derselben bewegt sich seit dem Erwerb der Weltherrschaft 
ein grofser Durchgangsverkehr; das Leben das in mächtigen Adern 
von und nach Rom strömt, berührt diese Theile nicht. Daraus er- 
klärt sich das Schweigen der Ueberlieferung, der inschriftlichen wie 
der htterarischen. Der Hochappennin stellt den Hintergrund des 
lang gestreckten Küstenlandes dar. Da seine Erhebung nach Süden 
andauernd wächst, auch die Richtungsaxe sich ändert, bekundet 
der südliche Theil ein rauheres Aussehen als der nördliche. Der 
physische Gegensatz wiederholt sich im geschichtlichen Leben, in- 
sofern die Region zwei verschiedene Stämme, einen gröfseren in 
der Nord- einen kleineren in der Südhälfte umfafst. Wir behandeln 
beide gesondert.^) 

§ 1. Die Picenter. 

Strabo lälst die picentische Küste vom Aesis bis Castrum novum 
sich erstrecken und beziffert ihre Ausdehnung auf 800 Stadien, was 
die römische Meile zu 10 Stadien gerechnet (S. 66) der Wirklichkeit 
entspricht. Dabei bleibt aber unentschieden, ob das Gebiet von 

1) Quellen: Strab. V 240 fg. Plin. III llOfg. Ptol. UI 1,18. 45. 51 CIL. IX 
p. 479 fg. (Mommsen) Eph. ep. VIII p. 51 fg. (Ihm.)- Gius. Golucci, delle Anti- 
chilä Piceae, 22 tom. fol. Fermo 1786 fg. Von der italienischen Generalstabs- 
karte kommen in Betracht Bl. 118. 123—25, 132—34. 140, sind aber nur zum 
Theil erschienen. 



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