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Full text of "Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande"

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JAHRBÜCHER 



DES 



VEREINS VON ALTERTHUMSFREUNDEN 



IM 



KHEINLANDK 



HEFT LIU n. LIV. 



KT 17 LITHOeiUPfllSTfiN TAFELN ÜHD 7 HOLZSCHKITTBK. 



BONN. 

GEDRÜCKT AÜP^ KOSTEN DES VEREINS, 

BONN, BEI A. MARCUS. 
1879. 




Inhaltsverzeichniss. 



L Geschielite und Denkmäler. 

Seite 

1. Ueber einige Bronzebilder des Ares. Hierzu Taf. I— XIL Vom Prof. 
Dr. Diltbey in Zürich 1 

2. Die kunstgeschiobtlichen Beziehungen zwischen dem Rheinlande und 
Westfalen. Vom Privat-Doc. Dr. Nordhoff in Münster 48 

3. Ein römischer Fund in Bandorf bei Oberwinter. Hierzu Taf. XIH und 
XIY. Vom Geh. Med.-B. Prof. Schaaffhansen in Bonn .... 99 

4. Römische Inschriften Yom Mittelrhein. Vom Prof. Dr. Becker in 
Frankfurt .142 

5. Römische Alterthüm^r in Lothringen. Vom Prof. Dr. Hüb n er in Berlin 169 

6. Römische Inschriften aus Rohr bei Blankenheim und Bonn. Vom Prof* 
Dr. Freudenberg in Bonn 172 

7. Alterthümer am Oberrhein, Vom Oberbibliothekar Prof. Brambach 

in Carlsruhe 188 

8. Die an der Ost- und Nordseite des Domes zu Köln entdeckten Reste 
röm. und mittelalt. Bauten. I. Vom Dombaumeister Hrn. Voigt ei. 

n. Vom Prof. Dr. Düntzer. Hierzu Tafel XV und XVI 199 

9. Epigraphische Mittheilungen aus Gleve. I. Die Turok'sclie Chronik. Vom 
Director Dr. Fulda in Smgershausen 229 

10. Zur Staurologie. Von Pastor Otie in Fröhden 253 

11. Fund römischer Eaisermünzen in der Nähe von Bonn. Von Dr. Cuny 
Bouvier. Hierzu Tafel XVII, Fig. 1-4 261 

12. Zwei nnedirte Kaiser-Münzen. Von F. van Vleuten. Hierzu Tii. XVH, 
Fig. 5. 6. . 268 

IL Litteratnr. 

1. a) Histoire de la peinture au pays de Li^ge — parM. Jules Hei big. 
b) Charles G6rard, les artistes de l'Alsace pendant le moyen-4ge. 
T. I. Colmar 1872. c) Dr. Rahn, Geschichte d. bild. Künste in der 
Schweiz. I. B. 1. Abth. Zürich 1873. Angezeigt vom Obertrib.-R. Dr. 
Schnaase in Wiesbaden 271 

2. Julius Cäsar am Rhein. Von Prof. D ed e r i eh. Angez. von Prof. Fiedler 

in Wesel 287 

in. Miscellen. 

1. Bömisohe und germanische Alterthümer im Bergisohen. Von F. W. 
Oli^Bchlager 293 

2. Zwei röm. Inschriften aus Alzey. Von Reallehrer Schwabe . . . 295 

3. Zur rheinischen Epigraphik. Von Dr. Kamp 296 

4. Römischer Grabstein in Jülich. Von demselben 296 

5. Eine gallische Goldmünze aus Leichlingen. Von Dr. Crecelius . . 298 

6. Rom. Alterthümer in Poppeisdorf. Von J« Freudenberg. . , . 298 



Seite 

7. Analyse eines röm. Metallspiegels. Von demselben 299 

8. Röm. Alterthümer in Aachen. Von demselben 300 

9. Röm. Alterthomsfande zwischen Mülheim a. d. R. und Witten. Von 
Hofrath Essellen 300 

10. Oefifnnng des Grabmals von Eginhard in Seligenstadt. Fr. J. • . . 302 

11. Aus 2 Vortragen des Prof. Becker über den Taunus und. die Aus- 
grabungen auf der Saalburg bei Homburg a. d. Höhe .... 303 

12. Mittheilungen des Hm. Pfarrer Grün in Betr. des Bleisiegels des Köln. 
Erzb. Piligrimus 306 

13. Antikes &zffefass von Münstermaifeld '. 309 

14. Röm. Alterthümer am Apollinarisbrunnen 310 

15. Rathselhafbe Inschrift eines röm. Salbenfl&schohens und Töpfemamen 
aus Neuss. Von J Freudenberg 310 

16. Aus d. 12. Ber. d. ant.-hist. Ver. für Nahe und Hunsrüok; Töpfer- 
inschriften. Von J. Freudenberg ,311 

17. Röm. Grabstatten in Trier 313 

18. Die alte Burg in Honnef. Vom Geh. Med.-R. Schaaffhau^en . . 314 

19. Manerreste des röm. Gastrums in Coblenz. Von demselben . . . 314 

20. Alterthumsfunde in Pfalzfeld, Malberg and Hunzel. Von demselben 316 

21. Antiker Steinblook in Coblenz (Taf. XVH, Fig. 6). Von demselben 315 

22. Germanische Gräber im Elsass. Von demselben 316 

23. Germanische Urnen aus Dahlen (Kr. Gladbach), Von demselben • 317 

24. Eine Abraxas-Plombe. Taf. XVII, Fig. 7. Von F. van Vleuten . .317 

25. Amulet mit griech. Inschrift. Taf. XVII. Fig. 8. Von demselben. . 318 

26. Römische Grabfunde in Bonn. Von Dr. Bouvier 319 

27. Der röm. Pfahlgraben östl. und südöstl. von Linz. Von Dr. Pohl . , 322 

28. Fundstätten röm. Alterth. bei Billig. Von demselben 324 

29. Römische Baureste bei St. Vith 830 

30. Mercurius und Rosmerta. Von 0. Robert 331 

31. Altdeutsche Inschrift in ünkelbach. Vom Geh. Med.-R. Schaaff- 
hausen 383 

32. Röm. Münze aus dem Bergwerk von Call. Von demselben . . 333 

33. Der Genlok von ühland 333 

IV. 

Chronik des Vereins fBr das Vereinsjahr 1872 (resp. Pfingsten 1872—73) . 884 

V. 

VerzeichnisB der Mitglieder 342 



L Oeschiclite nnd Denkmäler. 



I. Ueber einige Bronzebilder des Ares. 

Hierzu Taf. I— XII. 

Es waren nicht mehr als drei Kunstdarstellungen des Ares, auf 
die Winckelmann den Satz gründete : die Züge des Mars offenbaren in 
den ruhigen Mienen einen jungen Helden von sanfter und menschlicher 
Natur ^). Seitdem ist öfters Klage geführt worden über unsere Armuth 
an sicheren Bildnissen des Ares^) und die Versuche, welche unternom- 
men worden, den plastischen Typus des Oottes zu charakterisiren, 
weichen so sehr von einander ab, dass sie unsere Unklarheit über dies 
Kapitel der sogenannten Kunstmythologie nur zu bestätigen scheinen. 
Winckelmann wollte keinen bärtigen Ares anerkennen "), die italienischen 



') Kunst der Zeichnung, Winckelmanns Werke her. von Meyer und 
Femow VII 86 = Monum. ined. S. XLI, vgl. Kunstgesch. B. V Gap. I § 18. 
Die drei Aresbilder, auf welclie sich Winckelmann beruft, sind die sitzende 
Statue der Villa Lndovisi, die Reliefdarstellungen am Kandelaber Barberini und 
an der Kapitolinischen Brunnenfassungf. Er unterlässt, den sog. Achill Borghese 
heranzuziehen, obwohl er (Monum. ined. S. 33) für wahrscheinlich erklärt, dass 
diese Statue den Ares darstelle. 

•) VgL Hirt Bilderb. für Mythol. I 51, Baoul Rochetto monum. ined. S. 51. 

^ Den bärtigen Marskopf römischer Münzen ist er geneigt ^Evvahog zu 
nennen, an der angeführten Stelle der Kunstgeschichte« welcher die Erklärer 
der antich. d'Ercol. VI S. 68 zu folgen scheinen; B. X Cap. 2 § 18 behauptet 
er: Mars findet sich allezeit ohne Bart in allen seinen Bildern in Marmor und 
aaf Münzen. 

1 



2 üeber einige Broncebilder des Ares. 

Archaeologen widersprachen ^). 0. MttUer urtheilt, dass die ausgebildete 
Kunst ihn lieber bartlos gebildet^), Raoul ßochette, dass er meist 
bärtig®), und Preller, dass er bisweilen unbärtig dargestellt worden 
sei^). Hatte Winckelmann, unter dem Einfluss seiner philosophischen 
Kunstlehre, die Züge des Ares menschlich, ruhig, jugendlich sanft gi^ 
nannt, so fand Visconti in ihnen Schönheit zwar, aber eine Schön- 
heit derberer nüchterner Art; er behauptet, dass in der Kunst 
sein Haar stets kurz und kraus sei^). Aehnlich urtheilten liaoul Ko- 
chette®) und 0. Müller. Nach der Ansicht des Letzteren bezeichnen 
Ares durchgängig eine derbe und kräftige Muskulatur, ein starker 
fleischiger Nacken, kurzgelocktes und gesträubtes Haar; er hat 
kleinere Augen, eine etwas stärker geöffnete Nase, weniger heitere 
Stirn als andere Zeussöhne; dem Alter nach erscheint er männ- 
licher als ApoUon und Hermes. Im 'Uebrigen war doch sein Wesen 
zu sehr bioser Begriff, um ein Hauptgegenstand der plastischen 
Kunst zu werden'; so komme es dass über den plastischen Charakter 
des Gottes manche Zweifel obwalten. Anders wiederum begründet 
K Braun den Umstand, dass Ares durch die griechische Kunst ver- 
hältnissmässig selten behandelt worden sei^). Er glaubt, dass sie ins- 
gemein ihn gescheut habe als ungethümes .Wesen, in dessen Gefolg 
Todesgrauen und Schrecken sind, und fast überall, wo sie ihn zum 
Gegenstand selbständiger Darstellung gemacht, erscheine er durch 
die Verbindung mit Aphrodite gebändigt und verwandelt; in den 
bessten Zeiten habe die Kunst ihn gefasst als Heldenjüngling, kampf- 
lustig und zugleich sentimental. Neuerdings schien der verdienstvolle 
Aufisatz von Stark ^) über ein von ihm als Ares Soter bezeich- 
netes Fragment in Madrid dem Gott eine Reihe von Statuen und 
Büsten mit gutem Rechte zugewiesen und unsere Einsicht in seine 



') Fea Eur röm. Ausgabe der Kanstgeschiohte Bd. III S. 466, Visconti 
Mus. Pio- Clem. Bd. II eu Uv. 49. 

') Haadb. der Arohaeol. § 372 S. 673. 

') Monum. in^ S. 68. 

^) Dieser durohaus schiefe, wohl aus Raoul Boohetie entnommene Satz ist 
auch in der neuen Ausgabe ohne Berichtigung wiederholt, I S. 270. 

^) Monum. scelti Borghes. S. 34 fg. der Mailänder Ausgabe. 

*) A. a. 0., S. 49 ff. Seine ganse weitschweifige Darlegung ist voll von 
grundlosen Behauptungen, Oberflächlichkeiten und Irrthümern. 

') Vorschule d. Kunstmythol. S. 64 fg. 

•) Berichte d. s&chs. Ges. d. Wissensch. 1864 S. 173 ff. 



Üeber einige Broncebilder des Ares. 8 

kfinsüerische Erscheinung nicht wenig gefördert zu haben. Oleich da- 
rauf hat wiederum Urlichs den gesammten Typus, welchem jene 
Werke angehören, auf Achill bezogen; uud einzelne Bepräsentanten 
desselben erfahren immerfort die verschiedensten Benennungen. 

Der nachfolgenden Besprechung wird es vielleicht gelingen, die 
schwankende Terminologie einer ausgebreiteten Gattung van Ideal- 
büdnissen zu befestigen, und durch neues gesichertes Material den 
plastischen Typus des Ares in seiner jüngeren und geläufigsten Er- 
scheinung deutlicher zu macheu. Jedenfalls wird man der Redaktion 
dieser Zeitschrift Dank wissen für die reiche Publikation, die auf Taf. 
I — XII eine zusammengehörige Reihe von Bronzen vereinigt, von 
denen nur zwei schon frQher veröffentlicht worden, und einige bis jetzt 
ganz unbekannt gewesen sind. 

1. Sie nahm ihren Ausgang von der auf Taf. I II in der Grösse 
des Originals abgebildeten Büste. Dieselbe wurde im Jahre 1869 
an der Mosel beim Orte Wehr gefunden, nicht weit von der Stelle, 
wo in römischer Zeit eine Fürth die beiden grossen Militärstrassen 
verband, die zur Rechten und Linken des Flusses von Trier nach 
Hetz führten'). Am selben Ort stiess man im Wasser auf ein grösse- 
res Relief, das im Nenniger Mosaikgebäude aufbewahrt wird, auf ein 
Kapitell und Reste von Mauern, welche sich vom erhöhten Ufer bis 
hinunter in die Mosel ziehen. Die kleine Bronzebüste erwarb Herr 
von Musiel auf Schloss Thoren bei Nennig. Er überliess sie bereit- 
willig dem Verein zur Publikation, und ich hatte Gelegenheit, das 
Original ^Iber zu prüfen. 

Kopf und Büste sind intact erhalten, es fehlt nur die Spitze des 
Helmbügels. Der Rücken ist von oben i^ach unten schräg abgeplattet, 
seine Höhlung ausgegossen mit Blei und in diesem steckt noch das 
Ende eines Metallzapfens. Hieraus ergiebt sich, dass die Büste als 
Affix zum Schmuck irgend eines Geräthes diente, an welchem sie der- 
artig aufgesetzt war, dass sie gleich den Hochreliefen der imagines 
clupeatae von unten nach oben aus der Fläche heraussprang. Auf 
solche Verwendung deutet auch die untere Begrenzung der Büste 
durch ein Blattornament, welches den Uebergang in die Fläche zu ver- 
mitteln hatte. 

') Ueber dio Gruppe des PaBquino, nebst einem Anhang über den Achill 
Borghese (Winckelmannsprogramm des Vereins, 1867) S. 35 ff. 

>) Vergl. Lafontaine in der Zeitschr. d. Luxcmb. Ges. t. XXIII (II) S. 164 
ff., Jahrb. des Vereins XXXI S. 22. 29. 



4 Uiber emige Bronsebilder des AreB. 

Büsten dieser Art aus getriebenem Silberblech dienten unter dem 
besonderen Namen ' emblemata und dem allgemeineren der sigilla ^) 
besonders häufig zum Schmuck silberner Trinkschalen, auf deren 
Boden sie festgelöthet wurden. Ich brauche nur zu erinnern an die 
Schalen mit den Büsten des schlangenwürgenden kleinen Herakles, des 
Attis und der Kybele aus dem Hildesheimer Silberfund'). In einer 
jetzt im Louvre aufbewahrten Silberschale, die in Berthouville gefun- 
den wurde, sind, durch Blattomament abgeschlossen, die Büsten des 
Hermes und der Aphrodite angebracht <) ; ein Brustbild des Harpokrates 
schmückt den Boden einer im Leidener Museum aufbewahrten Schale^). 
Goldene Emblemata zusammen mit einer silbernen Phiala werden der 
Lokalgottheit Noreia geweiht in einer Inschrift aus dem alten Noricuro, 
auf die jüngst Hübner hingewiesen hat ^). An soU±es Tafelgeräth denkt 
auch Valerius Flaccus, wenn er erzählt vom Knaben Achill, der zu 
Peleus und den schmausenden Argonauten kommt (I 260) : 

illum nee valido spumantia pocula Baccho 

soUicitant veteri nee conspicienda metallo 

Signa tenent. 
Diesen Schalen mit ihrem Innenschmuck entsprach die Gestalt 
der römischen Phalerae; darum auch wurde der > runde Schild von 
Silberblech, welcher die einfachste Form dieses militärischen Ehren- 
schmuckes war, g>takf] geheissen*). 



>) Vgl. Beoker-Marquardt Handb. d. röm. Alterth. I S. 276» 0. Jahn xu 
Penias S. 132, MicbaeÜB das corsinische Silbergefius S. 4 S., Semper der Stil 
n S. 24 f. 

>) Wieseler der Hildesh. Süberfand Ta£ IH, Holzer der Hildesh. ant 
Silberfand Taf. H. Dass die beiden letzteren Büsten mit Recht auf Attis und 
Kybele bezogen werden, weist R. Schöne nach, Hermes III S. 477, 2. Das 
Emblema der Kybele ist nachträglich innen mit Blei ausgegossen (replumbatum) ; 
Tgl. Schöne a. a. 0. and im PhUoL 1869 S. 369 f. 

*) Le Pr^vost memoire sar la ooUeot. de vases ant. tronv^e en mars 1880 
k BerthouTiUe PL III 2. 3, Text S. 27 (aus dem Mem. de la soo. des antiqu. de 
Normandie t VI); vgl. Ch. Lenormant buUett dell' Inst. 1830 S. 110, Cha- 
bouillet catal. g6ner. S. 440 n. 2823. Le Prevost S. 15 n. 4 erwähnt auch einer 
Büste des Mercur aus massivem Silber, die bestimmt gewesen, den Boden einer 
Patera einzunehmen, vgl. Lenormant a. a. 0* S. 99. 

^) Leemans monum. Egypt. du mos. d'ant. ä Leyde taf. LXX n. 490. 

») ArohaeoL Zeit. 1870 S. 89. 

•) Vgl. 0. Jahn die Ijauersforter Phalerae S. 2 f. 



Ueber einige Bronzebilder des Ares. 5 

Von solchen Gefässzierrathen waren die Götterbüsten der imagi- 
nes clapeatae in Nichts verschieden. Eine kürzlich bei Nemi aufge- 
fandene Inschrift % welche das Inventar zweier Tempel enthält, zählt 
auf unter Anderem Signa n. XYII, caput solis I, imagines argenteae IUI, 
clapeos I. Wie in der oben erVrähnten Norischen Inschrift, werden 
hier Geiikth und Schmuck unterschieden; offenbar waren die imagines 
bewegliche kleine Götterbüsten, welche auf dem Schildrund erst dann 
befestigt wurden, wann dieser seiner Bestimmung gemäss als architek- 
tonischer Zierrath zur Verwendung kam ^). So heisst es auch in einer 
Weihinschrift, die bei diesem Anlass von Henzen erwähnt wird, 
^imago argentea cum aereo clipeft'') und in einer anderen 'clupeus 
argenteus cum imagine aurea'^). Mit Recht deutete Henzen die 
Mmagines argenteae deorum Septem', die anderwärts erwähnt werden^), 
auf die nämliche Gattung von Büsten: es ist hinzuzusetzen, dass offen- 
bar die sieben Pianetengötter gemeint sind, nach denen die Wochen- 
tage ihre -Namen haben ^). 

Vielfältigste Verwendung hatten ganz analog geformte Büsten 
aus Bronze. Es finden sich solche an einer vor wenigen Jahren in 
Pompei ausgegrabenen mit Bronzeblech gedeckten Holzkiste; auf der 

'} BuUet. deU' Inst. 1671 8. 66, HenneB vi S. 6 ff. Von den imagines 
(emblemsia) sind die signa (Statuen) verschieden, wie sonst 'imagines et statuae* 
unterschieden werden (vgl. Benndorf und Schöne d. lateran. Mus. S. 210), und 
unter dem caput Solis haben wir uns vielleicht eine selbständige Büste zu 
denken. Die Corona analempsiaca i cum gemmis topazos n. xxi et carbuncnlos 
D. Lxxxim, welche hier unter den Inventarstücken des Isistempels vorkommt, 
and auch sonst auf diese Göttin bezogen erscheint (Vercellono dissertazioni accade- 
miche S. 339), hat Mommsen aufgefasst als einen Kranz der aufgesetzt und 
abgenommen werden konnte. Indessen scheint mir selbstverständlich, dass ein 
gesondert aufgeführter Kranz diese Eigenschaft besass, und zugleich dürfte 
Mommsens Erklärung sprachlich schwer zu rechtfertigen sein. Das Beiwort führt 
mich auf die Vermuthung, dass dieser Keif vermöge der eingesetzten Steine 
Heilkräfte ausüben sollte und medizinische Bestimmung hatte. Ueber die Wort- 
form vgl. Joh. Schmidt zur Oesoh. des indog. Voc. S. 118 f. 

') Aehnlich entsprechen sich in der Inschrift von Noricum, die oben er- 
wähnt wurde, phiala argentea und emblemata aurea, und Schale und Em- 
blemata sind gesondert gewogen. (Jeher die imagines clupeatae s. Jahn a. a. 
O. S. 8, 32 und 6er. der säehs. GeseUsch. d. Wissensch. 1861 S. 299. 

•) Mnratori 718, 6. 

*) Marini atti e monum. de* frat. Arv. S. 408. 

«) Gniter 175, 9, vgl. Henzen buUett. dell' Inst. 1866 S. 100. 

•) Vgl unten 8. 7 und S. 17. 



6 Ueber einigu Bronsebilder des Ares. 

im Einzelnen undeutlichen Abbildung bei Niccolini') erblickt man, so 
scheint es, Apoll und Artemis, zwischen ihnen einen Thierkopf, 
darunter, rechts, und links von der Maske eines Dionysos, wohl 
die geflügelten Büsten des Frühlings und des Herbstes. Der 
gleiche plastische Schmuck fand sich an Bettstellen^), zuweilen auch 
an Dreifüssen^) angebracht. Ein Brustbild der Athene von Bronze, 
aus einer runden Platte vorspringend, die an zwei zusammenlaufende 
Bronzewangen befestigt ist, zierte als Hutela' den Bug eines römischen 
Kriegsfahrzeuges ^). Eine Reihe von Bronzebüsten, wie die unsrige 
geformt, und jede auf einer runden Platte befestigt, wurde in Resina 
gefunden^ zusammen mit bronzenem Pferdegeschirr und den Resten 
bronzener Pferde; hieraus ergab sich mit Gewissheit ihre Bestimmung 
als Phalerae für Pferde. Es sind ausser einem nicht näher zu be- 
stimmenden weiblichen Kopf*), Athene«), Nike''), Ares^), Athene •) 
dargestellt. Gleichartiger Zierrath ist auch an Bronzerüstungen an- 
gebracht >^). Eine Votivhand von Bronze, in Avenches gefunden und 
aufbewahrt, ist mit mehreren dieser Götterbüsten ausgestattet). An 



^) Gase die Pompei fascic. 89, descriz. gen. tav. 88. 

') Niocolini a. a, 0. fascic. 40 tov. 36; Mus. Borb. II. tav. 31 =Overbeck 
Pompei n* S. 46 = Semper der Stil I S. 379 = Guhl und Koner Leben der 
Griechen und Körner (3. Aufl.) S. 543.~ Häufiger noch mochten diese Zierrathen 
der Bettstellen aus Elfenbein gearbeitet sein; s. die Erklärer zu Properz V 5, 
24 sectaque ab Attalicis putria signa toris, wo man hinzufuge Choric. ecphras. 
imag. S. 161 Boissonade 17 Sk (xXivri) iXiipavri xal XQvat^ xal NCxrji x^xoafAfßvu^ 
ylvfAfAaat div^qififAivuig m^Qv^iv axQ(f r^ x£(paXj rrjv xUvijp avixpvüi. Doch wohl 
Nlxrig xexoafdrpai yXv/4fÄaatf Sir^Qtifjiivcug tu^qv^i xai axftif ry xiipal^ riiv xUvfiv 

s) Vgl. z. Q. mem. deU' accad. di Torino xxxin (1829) Taf. zu S. 138. 

*) Archaeol. Zeit. 1872 Taf. 62. 

«*) Antich. d'Ercol. V S. 18 = S. 139 = S. 145. 

«) Ant. d'Erc. S. 7 = S. 31 ; S. 1 = S. 126. 

') Ant. d'Erc. V S. 7 = S. 131. 

») Ant. d'Erc. VI S. 71 = 8. 166 = 8. 265 = S. 341. 

•) Ant. d'Erc. VI S. 76 = S. 169 =1 S. 259 = 8. 346. ^ Aehnliche Pha- 
lerae, bei Mors gefunden, weisen Büsten aus dem dionysischen Kreise: 0. Jahn 
d. Lauerforter Phal. Taf. I 6. 6. 7. 8, vgl. S. 8 f. 

^^) Ant. d'Erc. VI S. 39= S. 171; Niccolini a. a. 0., caserma dei Gladia- 
tori tav. IV 2. 6. 
^ ") Mittheil. d. antiquar. Ges. in Zürich XI taf. 3, XVI taf. 18; vgl. 0. Jahn 

Ber. d. sächs. Ges. d. W. 1855 S. 101 und Taf. IV 2a. Ueber den Gestus der 
Votivhande s. H. üsener rhein. Mus. n. F. xxvra (1873) S. 407 flf. 



Üeber elhige Bronzebilder des Ares. . 7 

einer in der Themse gefundenen Bronzezange sind nicht weniger als 
zehn emblemata angebracht: an den Schenkeln die BUsten der sieben 
Wochengötter, denen eine achte angereiht ist, oben über dem Chamier 
die der Venus und Kybele^- An einer bronzenen Inschrifttafel des 
kapitolinischen Museums sind oben die Brustbilder des Septimius 
Sevems, des Geta und CaracaJla befestigt'). 

Für ejne SchlusshQlse möchte ich ein .Bronzegeräth des Museum 
Kircherianum halten, über welches Herr A. Trendelenburg die folgende 
Mittheilung mir zu machen die Güte hatte : Eine genaue Wiederholung 
des Kopfes von der Mosel ist im Museum Kircherianum nicht vor- 
handen, dagegen findet sich dort ein in wesentlichen Punkten ähnlicher 
Bronzekopf. Derselbe schmückt den äusseren Boden eines in seiner 
Bestimmung mir nicht deutlichen becher^hnlichen Geräthes von etwa 
1 Zoll Höhe uud 3 Zoll Durchmesser (die Maasse beruhen auf un- 
sicherer Schätzung, da das Geräth hoch in einem Glaskasten hängt), 
das oben eine runde, unten eine viereckige Oese hat. Der Kopf ist 
mit einem Helme bedeckt, dessen Busch ausnehmend gross ist. Locken- 
striemen fallen zu beiden Seiten auf die mit einem faltenreichen Ge- 
wände bedeckte Brust (keine Aegis, kein Gorgoneion) herab. Die 
Brust findet unten ihren Abschluss ganz in der Weise des vorliegenden 
Kopfes in einem Blätterrande, der in seiner Bildung mit dem der Pho- 
tographie übereinstimmt. Kopf und Helm springen vollständig körper- 
lich aus dem Behef, das die Brust bildet, heraus. 

Ungleich häufiger finden diese Affixe sich getrennt von dem 
Grund welchem sie angehörten. Die Zahl der kleinen Bronzebösten, 
welche nach ihrer Form und manchen äusseren Merkmalen ähnliche 
Verwendung wie die unsrige gehabt haben müssen, ist weit grösser 
als ' man glauben sollte ; denn die Kunsterklärer haben sich meist be- 
gnügt, die betreffenden Bronzen als Büsten zu registriren. Wenn an 
den Originalen selber die Beachtung der Rückseite in den meisten 



*) Arcbaeologia ormiscellan. traots relat. to antiqu. vol. xxx (Lond. 1844) 
p1. 24 S. 648. 

*) Vgl. Fabretti columna Traj. 87, Maffei Mos. Ver. 309, Donati 175,3, 
Guasoo Mus. Gapit. 95, Eellermann vig. Rom. lat. 12. Auch kleine Marmor- 
bdsten der nämUchen Form hat man in genau entsprechender Weise verwendet. 
So findet sidi an einem Florentiner Kriegerrelief das Porträt des Hadrian, 
dessen Pendant verloren gegangen; vgl. arch. Zeit. 1870 Taf. 29, dazu Hübner 
S. 82. 



% 



8 lieber einige Bronzebilder ^es Ares. 

Fällen die früheren Applike wird erkennen lassen, so verrathen in 
vielen Fällen doch auch die Abbildungen durch bestimmte Indicien 
diese dekorative Bestimmung. Einmal pflegen diese Büsten durch eine 
mehr oder minder starke Biegung des Kopfes nach oben, mit der 
meist eine seitliche Wendung verbunden ist, anzuzeigen dass sie auf 
eine gewöhnlich vertikal gestellte Fläche befestigt werden sollten, aus 
der sie als Hochrelief hervorsprangen *)• Ferner scheint die untere 
Begrenzung der Büste durch vegetabilisches Ornament regelmässig auf 
den dekorativen Zweck hinzuweisen, ohne dass doch dieser nur da an- 
zunehmen wäre, wo wir am Band des Bruststückes diesen Abschluss 
gewahren^). Als schönes Beispiel dieser ungemein häufigen Form der 
Büste, die unter den Bronzewerken in allen grösseren Publikationen 
zahlreich vertreten ist, führe ich eine zu Brunault in Belgien gefundene 
und von Boulez veröffentlichte Herabüste an, die aus einem glocken- 
blumenartigen Kelch hervorkommt^). 



') Hier muss freilich darauf hingewiesen werden, dass auch gewisse kleine 
Bronzebüsten anderer Bestimmung diese, Eigenthümlichkeit besitzen, nämlich 
die als Hängegewichte an den römischen Schnellwagen verwendeten Büsten, 
welche überhaupt durchaus analoge Fabrikate sind. Dieselben verrathen zwar 
durch das meist auf der Höhe des Kopfes, bei behelmten Büsten auch im Helm- 
bügel befindliche Loch, da* einen zum Aufhängen dienenden Haken aufnahm 
— zuweilen ist dieser mit erhalten —ihre Bestimmung, es ist aber in denPnblikatio* 
neu und Beschreibungen namentlich aus älterer Zeit nicht immer auf dieses Merk- 
mal geachtet worden. Das Bruststück dieser Gewichtbüsten pflegt hinten hohl und 
mit Blei ausgegossen zu sein zur Regulirung des Gewichtes. Vgl. Friedrichs 
kleinere Kunst und Industrie im Alterth. S. 206 ff., Mus. Borb. 1 55, YUI 16, Over- 
beck Poropei H S. 72, Guhl und Koner Leben der Griechen und Römer S. 672. 

^) Nur eine aus Blattomament sich erhebende Büste ist mir bekannt, 
deren ^ienende dekorative Funktion fraglich erscheinen kann in Anbetracht 
ihrer Grösse und feinen und freien Ausführung. Es ist die Marmorbüste der 
sog. Glytia im brittischen Museum, abgeb. Townley gall. U & 90, besprochen 
archaeol. Anz. 1867 S. 55* ff. und Friederichs Bausteine n. 818. Die Analogien, 
welche Letzterer beibringt sind nicht zutreffend. Denn dass kleine Marmor- 
köpfe dekorativer Natur, meist Fragmente von Tischfussen, Marmorsesseln und 
dergl, häufig diese Blattbegrenzung aufweisen, ist bekannt genug; ich habe 
deren mehrere im römischen Kunsthandel gesehen. Leider hat kühner seine in 
der archäolog. Gesellschaft kürzlich vorgetragenen Bemerkungen über das Motiv 
des Blattkelches an antiken Büsten nicht veröffentlicht, vgl. arch. Zeit. 1872 
S. 41. Ueber Yerknüpfung menschlicher Figur mit Pflanzenomament s. Benn- 
dorf und Schöne das lateran. Mns. S. 40. 

») Bullet, de l'acad. de Brux. tome X, zu S. 68. Boulez :'les trois feuilles, 



Ueber einige Bronsebilder des Aret. 9 

Seltener finden sich im Bruststück oder unter den Achselhöhlen 
Nietlöcher vor für die Stifte, mit welchen das Affix angeheftet wurde ; 
mitunter auch ist ein mit Löchern versehener Rand herausgetrieben, 
der das Ganze als Beschlägeplattchen erkennen lässt ^), oder die Büste 
läuft nach unten gabelförmig auseinander, und erscheint als Bekrönung'). 

Hiernach ist wahrscheinlich, da^ weitaus die Mehrzahl der er- 
haltenen kleinen Bronzebüsten als Appliken fungirt hat; wer die Ab- 
biUungen im ftlnften und sechsten Band der Antichita d'Ercolano, in 
den Sammlungen von Mont&ucon und Gaylus, den kürzlich von 
Sacken herausgegebenen ersten Band der Bronzen des kk. Münz- und 
Antikenkabinets in Wien durchmustern mag, wird sich leicht hiervon 
überzeugen. 

Bisweilen tritt sehr charakteristisch das Bestreben zu Tag, 
durch Beifügung eines Attributes oder auch eines Bewegungsmotives 
den Kopf zu kennzeichnen; und so kommt es, dass öfters ein Arm 
oder beide, meist in etwas verkümmerten Verhältnissen, hinzugefügt 
sind. In diesem Falle vermögen wir mitunter das Verfahren deutlich 
zu erkennen, mittelst dessen bekannte Darstellungen zu solcher Büsten- 
form abbreviirt worden sind. Besonders lehrreich ist in dieser Be- 
ziehung die von Ritschi als 'Ino Leukothea' herausgegebene Büste, 
die vielmehr Amphitrite zu benennen sein dürfte^). Die gesammte 



qm fofit saiUie ä sa base et enr lesquelles ii (le broDze) repose,- semblent indi- 
qner qü'il a appartenu k un meuble, anquel 11 servait d'ornement, et la brisure . 
qai Be voit par derriere ä la partie inferieure, no laisse meme aucun doute 
8ur oette destiDation. Mais quelle peat avoir ete la nature de ce meuble; etait- 
ce un siege, oa an tröpied, etc.?* Eine andere bemerkenswertho Bronzebüste 
der Hera,, gefunden in Baden (Ganton Aargau) und publicirt im Anzeiger 
f. schweizer. Alterthunisk. 1872 Taf. XXYUI (vgl. S. 310), diente gleichfalls als 
Applike ; sie ist inwendig hohl, der Hinterkopf fehlt. Die erwähnte Abbildung 
giebt keine richtige Vorstellung des Originals, von dem eine Photographie mir 
Torliegt; es ist eines der Herabildnisse, welche dem Typus der Aphrodite nahe 
stehen. Eine werthlose kleine Herabüste, von Blattomament begrenzt, wurde 
zugleich mit der Aresbaste von YTehr aufgefunden. Overbeck in seiner eben 
erschienenen 'Kunstmythologie* der Hera übergeht die Bronzebasten der Göttin, 
ich weiss nicht mis welchem Grande, mit StillscWeigen. 

*) Z. B. Speoim. of ano. sculp. U 34, Sacken Bronzen d. kk. Münz- und 
Antikenkabinets in Wien I Taf. 28, 2; 31» 5; 48, 3 und 5. 

*) S. Friederichs kleinere Kunst und Industrie S. 333 n. ^562 1^^* und 
öfter. 

■) Bitsohl Ino Leukothea (1865) Ta£ I 1, U 1. Gegen Ritschis Deutang 



10 Ueber einige Bronsebilder des Ares. 

von Ritschi gänzlich missverstandene Haltung and Bewegung ist 
bedingt durch den Umstand, dass diese Büste kopirt ist nach einer 
jener Figuren von Wassergottheiten, welche auf Seewesen gelagert 
sind, während sie den Kopf auf die Hand stützen und den Blick über 
die Meeresfläche schweifen lassen. Hier ist das Seethier, ein Delphin, 
zum Attribut zusammengeschrumpft, welches gleichzeitig die Büste 
omamental abschliesst *) ; aber das Bewegungsmotiv ist einfach beibe- 
halten worden. 

Diese Büsten sind, ihrer dekorativen Bestimmung gemäss, meist 
von geringerem Eunstwerth, die physiognomische Charakteristik ist 
mehr oder minder abgeflacht. Bisweilen kam dem Verständniss ein 
kennzeichnendes Attribut zu Hülfe; meist aber pflegte die Bedeutung 
dieser Köpfe durch die Zusammenstellung klar zu werden. Denn 
Alles lässt vermuthen, dass es fast regelmässig Gottheiten waren, 
welche in diesen ornamentalen Büsten dargestellt wurden, und dass 
diese in paarweiser Entsprechung oder in umfänglicherem Cyklus ver- 
bunden wurden. 

Schon dieser Gesichtspunkt leitet auf die Annahme, dass viel 
eher Ares, als etwa Achill oder Alexander in der Büste von der 
Mosel zu erkennen sei. Nicht minder stark spricht eine zweite ausser- 
liehe Erwägung zu Gunsten des Kriegsgottes. So mangelhaft auch ge- 
sorgt ist für Publicirung und Beschreibung der In den öffentlichen Samm- 
lungen und im Privatbesitz verstreuten kleinen Bronzen, und so schwer 
es hierdurch gemacht wird, einem einzelnen Typus auf diesem Gebiete 
nachzugehen, so war es mir doch ohne grosse Mühe möglich, fünf 
dieser kleinen Bronzebüsten aufzufinden, die mit der von der Mosel 
mehr oder minder übereinstimmen, und augenscheinlich in eine Reihe 
mit ihr zu stellen sind. Hiernach muss die Zahl der vorhandenen 
Wiederholungen eine sehr grosse sein. Eine so populäre Verwendung 



erklärten rioh Michaelia anaglyphi Vatia explic. S. XIX ff. und Gonze Gott, 
gel. Anz. 1866 S. 1182 ff., welche die Büste Thalassa benennen. 

') Gonse a. a. 0. S. 1135 vergleicht das Attribut des Blitses an einer 
ßronzebüste des Zens, Müller- Wieseler Denkm. d. a. K. II Taf. II 29. Auf 
Tafel CXLIII der Probedrucke für die gescheiterte Fortsetst^g von Gerhards 
antiken Bildwerken (der Band ist gegenwärtig im Besitz des archaeologischen 
Instituts in Rom) ist die Büste Plntons abgeschlossen dnrch die drei Köpfe des 
Kerberos. l5ie in ihrem Armarinm stehende imago im Lateran (Benndorf 
und Schöne S. 209 n. 848) wird unten begrenzt durch das Todtensymbol der 
Schlange. 



Ueber einige BroDzebilder des Ares. 11 

im dekorativen Gebrauch konnte wohl das Bildniss des Ares finden, 
den die Römer identificirten mit dem 'Hanpt- und Stammgott der 
italischen Bevölkerung', aber nimmermehr das des Achill oder Alezander. 
2. Es wird zunächst Niemand leugnen mögen, dass die auf 
Taf. III rv abgebildete Bronzebttste des Berliner Antiquariums mit 
der von der Mosel zusammenzustellen ist ^). Auch hier weist die Be- 
schaffenheit des hinten ausgehöhlten und mit Blei ausgegossenen Brust- 
stückes auf entsprechende Verwendung hin ; der Rand desselben, da er 
auf irgend einem Grund fest aufsass, ist theilweise ausgebrochen. Es 
sind Spuren ,von Vergoldung wahrnehmbar. Der Kopf blickt nach 
rechts, während die Büste von Wehr nach ihrer linken Seite gewendet 
ist ; der Helm sitzt vom etwas höher als dort. Sonst herrscht zwischen 
den beiden Büsten ein Grad der Uebereinstinimung, welcher zwingt^ 
sie von demselben Vorbild herzuleiten. Die Maasse sind gleich ; der 
Helm hat hier und dort die nämliche Form, der Schwertriemen durch- 
schneidet in übereinstimmender Weise quer die Brust. Wesentlich 
erscheint die bis ins Einzelne gehende Aehnlichkeit in Anlage und Ver- 
theilung der vollen weichen Haarmassen. Der Eindruck des Gesichtes ist 
einigerinassen verschieden, aber die Grundformen sind dieselben: in 2 
entwickelter und lebensvoller, in 1 abgeplattet zu einer leeren und banalen 
Noblesse. In 2 sind gewisse Züge treu bewahrt, welche auf die Lysippische 
Schule zurückweisen; namentlich entspricht der Bau der Stirne und 
ihr Debergang in die Nase den Eigenthümliehkeiten, welche vornehm- 
lich am Schultypus des Lysipp beobachtet werden. Der Ausdruck 
des fein modellirten Gesichtes ist sehr schmerzlich und verräth zu 
gleicher Zeit ein zommüthiges Temperament'). Die hinaufgezoge- 
nen Augensterne geben beiden Gesichtern einen verschwommenen 
languideh Blick. Diese Eigenthümlichkeit entspricht einer Modelieb- 
haberei der späteren zur Sentimentalität neigenden Kunst. Und allein 
aus dieser Geschmacksrichtung, nicht aus der Absicht individueller 



') Vgl. Friederichs kleinere Kunst and Industrie S. 898 n. 1861. Schon 
Hirt Bilderb. I 51 erwähnt derselben und rühmt ihre Schönheit. 

') ^vfjof U^iis anth. append. 40, 11, in einem Epigramm auf die sieben 
Planetengötter, welches Theon zugeschrieben wird. Theodoret graec. äff. cur. III. 
p. 46 (p. 877 Migne) !k^ia dk i6v ^vfiov ovofiaCovai; Gregor, or. in lul. I c. 122 
imxoTnira) rbv ^vfiov jtQr^q, Panyasis bei Clem. Alex. Protr. p. 22 d, und hymn. 
Hom. 8, 2 oßqtfAo^vftoQ Uqh^^ 'ipse furor Mars' Dracont. VII 21 Duhn. Hera 
schilt Ares aff>qmv U. E 761. 



12 lieber einige Bronzebilder des Ares. 

Charakteristik, möchte ich jenen klagenden Zug der Berliner Büste 
erklären, dem auch die seitliche Neigung zu Hülfe kommt 0- Dieser 
pathetische Ausdruck findet sich an einem guten Theil der dekorativen 
Bronzeköpfe, und er ist mit bedingt durch die emporgerichtete Hai- 
tung und die Neigung zur Seite, welche ihnen eigenthümlich zu sein 
pflegt. 

Die Beziehung dieser Büste auf Ares wird bekräftigt durch die 
Aeimlichkeit der Aresköpfe auf kampanischen Kupfermünzen; zwei 
derselben aus der Sammlung des Herrn Imhoof- Blumer in Winter- 
thur sind hier abgebildet'). 





3. In dieselbe Reihe ist die auf Taf. V VI abgebildete Bronze- 
büste des Münchener Antiquariums zu stellen. W. Christ *) beschreibt 



') Ueber diese Erscheinung s. die treffenden Bemerkungen von Conze in 
der ermähnten Besprechung von Ritschis Ino Leukothea 8. 1188 -ff. Nur scheint 
mir, als sei dort einer an sich sehr richtigen Beobachtung viel zu weite Aus- 
dehnung gegeben. Von der stumpfen, gedankenleeren, gegenstandlosen Sehwer- 
muth dieser Köpfe liegt fernab das dramatische Pathos des Laokoon, der 
Niobidengruppe, jener sterbenden Mutter, die Aristides gemalt hatte, und ver^ 
wandter Werke. Sehr stark ausgeprägt ist dieser klagende Zug z. B. an der 
Bronzestatnette des Herakles anc. marbl. of the brit. Mus. III pl. 2 ; er findet 
sich aber auch, zu pathetischer Sohwermuth herabgestimmt, und mit Seitenwen- 
dung und Anfblick verbunden, selbst an Marmorbüsten der Athene, z. B. dem 
in Glienike befindlichen Kopf (Monum. delP Inst. lY 1, Müller- Wieseler Denkm. 
a. K. II 19, IdSa) und einem entsprechenden des Vatikanischen Musetnns, 
von dem mir eine Photographie vorliegt. Es würde nicht schwer fallen, in der 
Literatur analoge Erscheinungen nachzuweisen. Namentlich ist die Erz&hlung 
in der alexandrinischen Poesie mit einer lyrischen Stimmung verwandter Natur 
durchdrungen worden. 

^ Dieselben Münzen s. bei Cohen monn. de la rep. pl. xliv 11, 12; die 
Abbildungen sind aber dort ungenügend. 

') W. Christ und J. Lanth Führer durch das königl. Antiqnarium in 
MüiMDhen (1870) S. 22. Es ist anzunehmen, dass auch diese Aresbüate altrApplike 



üeber einige Bronsebilder det Ares. 18 

sie als *gate Büste eines tmb&rtigen, mit leiser Neigung nach rechts 
aufwärts blickenden* Mannes mit hohem griechischem Helm , der den 
rechten Arm in absonderlicher Weise schräg vor die Brust hält'. 
Er schlägt, mit einem Fragezeichen, die Deutung auf Alexander den 
Grossen vor, im Anschluss an eine viel zu häufig in Anspruch genommene 
Nomenklatur. Das Gesicht hat, wie ich nach Prüfung des Originals 
versichern darf, gar keine Aebnlichkeit mit den beglaubigten Bildnissen 
Alexanders, und das zu beiden Seiten in überaus dicken weichen 
Lockenmassen lang herabfallende Haar widerstrebt augenscheinlich 
seinem Porträt, dessen vorzüglichstes Merkmal das schwungvoll em- 
porgesträubte und rückwärts fallende Haar ist^). Auch spricht der 
Umstand 9 dass dieser Kopftypus, wie wir sehen, von der römischen 
Kunstübung sehr bevorzugt worden ist, eben so sehr zu Gunsten 
des Ares, als gegen die Deutung auf Alexander. Das Gesicht weicht 
durch mehr längliche Form etwas ab von den eben besprochenen 
Bronzen; es trifft aber hierin zusammen mit den Marmorköpfen des 
Gottes, von denen im Folgenden die Bede sein wird. Der Helm ist 
zwar, wie bei 1 und 2, der korinthische und stimmt in der Form ganz 
überein, aber an Stelle der dort am Visir angedeuteten Ausschnitte 
fQr die Augen treten Widderköpfe; es krönt ihn ein stattlicher breiter 
Bosch. Der Büste ist der rechte Arm hinzugefügt und auf der linken 
Schulter das vomüberfallende Stück der Chlamys, welche unten in 
schmalem Streifen das Bruststück begrenzt Die Haltung des Armes, 
welche Christ mit Recht absonderlich nennt, und die noch auffalligere 
SteDung der Finger wird uns durch eine analoge Büste alsbald ver- 
stfindtich werden. 

Dem Münchener Ares entsprechen durchaus, bis auf eine sehr 
unbedeutende Abweichung in der Form des Helms 



verwendeV war, obwohl äussere Sporen davon nicht sichtbar sind, wie anoh 
H. Bronn mir nachtr&glich bestätigt. Die Rückseite ist mit Gips ansgel&Ut worden. 
^) Zo den bekannten SchrifteteUerseognissen (0. Müller Handb. §. 129, 4) 
föge man Itinerar. Alexandri e. 6: qoippe ipse visu argnto naribnsqae sub- 
aquilinis fnit, fronte omni nuda plerumque, qnamvis pinguius fimbriata de 
exeroitio [ob vehementiam] equitandi, ouios id arbitrio dabat, ex quo relioinam 
com am iacere sibi in oontrariom feoerat^ idque aiebat decorius miHti, quam 
si defloerrtf Die Mailander Hds. hat reclinam, ich besserte relicinam (vgl. 
Apalei. flor. I n. 7 und I n. 8), in D. Volkmanns Ausgabe des Itinerarium 
(Programm der königl. Landesschule Pforta 1871). Es soheinty dass die höfische 
Kunst hier einen schmeiohelBden fiophemismns angewendet hat. 



14 Uebar einige Bronsebilder des Ares. 

4. BroDzebüste aus Herculanettm, abgebildet in den Bronzi d'Ercol. 
I 17; 

5. Bronze der Kopenbagener Antiksammlung (d. 123), stammend 
aus der Fevervary-Pulskyschen Auktion. Die Kenntniss dieser Bronze, 
nebst einer Skizze derselben, verdanke ich A. Conze. Hier sitzt an der 
Bttste hinterwärts noch der Zapfen, welcher zur Befestigung diente'). 

Durch eine geringfngige Modifikation unterscheidet sich von den 
letztgenannten drei Exemplaren 

6. Bronzebüste des Wiener Münz- und Antikenkabinets, abgebil- 
det auf unserer Tafel VII VIIP). Die Haltung des Armes ist hier die 
nämliche^ aber sie hat Zweck und Zusammenhang: zwei Finger der 
Hand sind leicht auf den mit seiner Wölbung die linke Schulter deckenden 
kleinen Schild gelegt. Es ist nunmehr deutlich, dass die Büsten von 
München, Neapel und Kopenhagen nur durch Nachlässigkeit oder Spaai- 
samkeit der Arbeit des Schildes eiitbehren, der allein die Bewegung des 
Armes motivirt und erklärt ; denn es scheinen keine Spuren vorhanden zu 
sein, dass der Schild etwa angelöthet gewesen und verloren gegangen 
sei. Indem die Ghlamys, über die linke Schulter nieder, unter Schild und 
Arm weg, und auf der anderen' Seite wiederum über den Rücken auf- 
wärts gezogen ist, säumt sie die Büste ein und fungirt in ähnlicher 
Weise^ wie die Begrenzung durch Blattornament. Der Schild ist auch 
anderen Brustbildern des Ares als bezeichnend beigefügt, indem er 
wie hier an die linke Schulter gelehnt ist; und die nämliche Stelle 
nimmt die Aegis ein an dem Madrider Statuenfragment, von welchem 
später die Hede sein wird. Der Schild ist nicht allein kriegerisches 
Wahrzeichen, soi^lern, gleich Lanze und Schwert, mythologisches 
Attribut des Himmelsgottes, wie dem römischen Mars die Ancilia g(*- 
weiht werden^). Wenn man sich überzeugt, welche Rolle der Schild 

') £ine Zeichnung derselben ist mir durch die Freundlichkeit des Direktors 
der Sammlung Hm. L. MüUer in Aussicht gestellt worden und soll nachträglich 
veröffentlicht werden. 

*) Sie ist Yor Kurzem, doch weniger gut, von Sacken publicirt worden 
in den Broneen des kk. Münz- und Antikenkabinets I Taf. XXXI 1. Sacken 
hält dafür, dass sie *im Charakter des Achillens* sei, nennt sie eine ^herrliche 
Büste*, von 'schmachtendem Ausdruck* und 'sanfter Melancholie. 
Wahrscheinlich hat eben dieser schwärmerisch weiche Ausdruck die Deutung 
auf AohiU veranlaisti und den Gedanken an Ares znrückgedr&ngt. Auch Sacken 
weist auf die Uebereinstimmung der Heroulaneer Bronze hin. Er bemerkt noch, 
dass die Büste im Rücken flach ist. 

>) Vgl. die Arasbüste unter den sieben Wochengottern Pitt d'Ero. III 60 



üeber einige Bronxebilder des Area. 15 

des Ares spielt in den Dichterstellen, welche die Natarbedeatang des 
Grottes vernehnüich nachklingen lassen (unten S. 39), so kann ein Zweifel 
hieriiber wohl nicht bestehen, dass der Schild auf das Himmelsgewölbe 
deutet, ein Bild, das auch sonst durch die Poesie fortgepflanzt worden ist. 
Der Helm ist dem der MUnchener Bronze sehr ähnlich ; es treten hier an 
Stelle der Widderköpfe einfache Voluten, ein Ersatz, der nicht zu- 
fällig erscheinen wird, wenn man die Formenverwandtschaft beider 
Dekorationsmotive ins Auge fasst. Ausdruck und Formen des Ge- 
sichtes, die Haltung des Kopfes, machen hier einen weichlicheren 
Eindruck, der durch die fleischige Bildung des Halses, der Schulter, 
des Armes verstärkt wird ; und doch kann kein Zweifel obwalten, dass 
diese Büste von demselben Original abgeleitet ist, wie die in Kopen- 
hagen, Neapel, München und den nämlichen Gott darstellt, wie die 
Bronaen in Berlin und von der Mosel. Wir gewahren, wie bei diesen 
dekorativen Bronzen die Formen und der Ausdruck des Gesichts inner- 
halb ziemlich weiter Grenzen fluctuirten, und die Interpretation sich vor 
Allem an gewisse attributive Merkmale allgemeiner Art zu halten hat. 
Die sechs Büsten, welche wir zusammengestellt haben, zeigen Ares Jugend- 
Uch, bartlos, idealschön, mit vollem niederfallendem Lockenhaar, den 
Kopf bedeckt mit dem korinthischen Helm; zweimal tritt der Schwertrie- 
roen hinzu , zweimal der Schild , und viermal die über die linke Schulter ge- 
worfene Chlamys, welche auch vielen Marmorstatuen des Ares eigen ist. 
Wäre die Behauptung Visconti's richtig, dass der sog. Achilles 
Borghese wegen der Hroppa venusta de' sembianti' kein Ares sein könne, 
und dass dieser Gott regelmässig durch kürzeres krauses Haar 
charakterisirt sei, so würden hieraus gerechte Zweifel sich ergeben, 
ob jene Büsten den Ares darstellen können. Indessen hat schon Raoul 
Rochette mit gutem Grund dieser Anschauung widersprochen 0* 

S. 263, MuB. Horb. YII 8 (Helbigr n. 1006) ; und die schöne Petersbarger Gemme 
bei Maller- Wieseler II 28, 248, welche Aehnlichkeit mit unseren Bronzen hat, 
und mehr noch mit dem durch die Aufschrift APHG gesicherten Brustbild einer 
Knochentessera Mon. dell' Inst. JY (1848) Tay. 52, 6. Auch auf einer Berliner 
Paste (III Kl. 866), von der ein Abdruck mir TorHegt, unterscheidet man an 
der linken Seite den Schildrand. 

') Monum. in6d. S. 55, 8. Winckelmann hatte bereits hingewiesen auf 
die Stelle des Justinus martyr §. 8 p. 4 ui^rig . . . y/o( wy *al to^lög. Schon 
Od« ^. 810 heissi Ares xaXog n utü agtinos, im Lied yon seiner Buhlschaft mit 
Aphrodite. Schön gepflegtes Haar bezeugt 0?id fast III am Anfang: 
Bellice, depositis clipeo paulisper et hasta, 
Mars, ades et nitidas casside solve comas. 



16 üeber einige Bronzebilder des Ares. 

Ursprünglich rechtmässiger Gemahl der Aphrodite ^), muss Ares 
im späteren mythologischen System vor Hephaest weichen und wird 
zu ihrem Buhlen. Dieser Liebesverkehr zwischen Ares und Aphrodite 
wird in Poesie und Kunst der alexandrinischen Epoche mit vieler 
Gunst behandelt'). In Rom genoss Mars als italischer Hauptgott, 
als der befruchtende und sengende Himmelsgott ^), seit alter Zeit das 
höchste Ansehen. Die einströmende jung-griechische Sage und Kunst 
wandelte ihn um zu dem heldenhaften und zärtlichen Liebhaber der 
Venus, und seit Caesar und Augustus fiel von dieser Seite her neuer 
Glanz auf den Kriegsgott. Schon Caesar wollte ihm, nachdem er die 
Stamm-Mutter Venus Genitrix verherrlicht Wte, ein Heiligthum 
erbauen von unvergleichlicher Pracht. Diesen Plan nahm Augustus 
auf und errichtete Mars jenen Tempel , in welchem man ihn mit 
Venus vereinigt erblickte, wie in den Lectisternien und der Circus- 
pompa. Die Einwirkungen dieser Verbindung sind deutlich erkennbar *) 
in den Kunstdarstellungen des Ares, die wir besitzen, und von denen 
sehr wenige älter sind, als die römische Kaiserzeit. Je lieber diese sich 
Ares als den zärtlichen und beglückten Genossen der Liebesgöttin 



>) Vgl. 0. Jahn arch. Aufs. S. 10. 

'J Hierfür sind vielleicht am Bezeichnendsten drei Stellen des Ovid, die 
aaf kecke und familiäre Ausfährung dnrch die Hand eines alexandrinischen 
Dichters zurüokschliessen lassen. Amor. I 9, 40 

Mars quoqne deprensus fabrilia yincula sensit, 
notior in caelo fabula nulla fuit 
In der a. a. U 561 

fabula narratur toto notissima caelo, 

Mnloiberis capti Marsque Venasque dolis. 
und met. IV 189 

diuque 
haeo fuit in toto notissima fabula caelo. 
Dracontius 11 63 fif. lasst Klymene den Nymphen singen von der ßnhlsohaft des 
Mars und der Venus. Des Beposianus Epyllion vom concubitus Martis et Yenerts 
(Wemsdorf poet. lat. min. IV 1 S. 819, in Mejers anthol. lat. n. 569, in Rieses 
Ausgabe n. 268) ist sicherlich aus alexandrinischer Quelle abgeleitet und die 
h&uügen Erwähnungen dieses Stoffes bei Nonnos weisen auf gleichen Ursprung 
zurück. Auf aUerlei Ausschmückungen und Episoden beziehen sich Dichter- 
stellen und Kunstwerke; vgl. Apollod. I 4, 4, Nonn. Dion. 29, 831, anth. Lat. 
ed. Riese n. 4,19 f.; Heibig Wandgem. n. 827, Annali dell' Inst. 1866 tav. 
d'agg. EF, Bullett. dell' Inst. 1869 S. 151. 

') Vgl. Bergk Zeitschr. f. Alterthumsw. 1866 S. 129 fgg. 

«) Vgl. 0. Jahn Her. d. s&chs. Ges. d. W. 1661 S. 126 f. , 1868 S. 200. 



üeber einige Bronzebilder des Ares. 17 

dachte, um so aügemeiner fasste sie ihn als idealen Heldenjiingling 
in gefalligen anmuthigen Formen. Es bewährte sich der Vers des 
anonymen Dichters der Orestis tragoedia (332): emollit Cytherea traeem 
per proelia Martern. So erscheint' sein Kopf mehrmals in Verbindungen, 
die jeden Zweifel ausschliessen, langlockig und jugendlich schön. 

Dies scheint zu gelten von der Büste des Ares an dem sog. astro- 
logischen Altar von Gabii im Louvre^. Sie ist gepaart mit der der 
Aphrodite, zwischen beiden befindet sich Eros. Die Büsten der zwölf 
Götter, die übrigens meistens ergänzt sind — die des Ares ist alt 
— treten genau so aus der Fläche als Hochrelief heraus, wie die als 
Affixe angebrachten Bronzebüsten. Darf man den Publikationen 
trauen, so hat der Kopf des Ares einige Aehnlichkeit mit 1. * 

Auf einem Terrakottenfriesstück der Sammlung Campana befinden 
sich die Brustbilder zweier Götterpaare, von Ares und ZeuS; Hera und 
Athene*). Ares trägt den korinthischen Helm, hier mit lang herab- 
hängendem Schweif verziert ; das Haar quillt, ganz wie an den Bronze- 
bildnissen, reich und lockig an Schläfen und Nacken hervor uüd fällt 
übö" die Wangen tiefer herab. Die Formen von Schultiem und Hals 
shid mächtig entwickelt, das Gesicht hat vielleicht Verwandtschaft mit 
der Berliner Büste. 

Einige Darstellungen der sieben Planetengötter, meist in Büsten- 
form, mögen hier erwähnt werden, obwohl die Abbildungen grössten- 
theils zu unvollkommen sind, um schwer ins Gewicht zu fallen. Ein 
Mosaik des Louvre, das ein Planisphär vorstellt»), eine Thonlampe*), 
eine Münze der Antonine von Alexandria*) scheinen Ares ähnliches 
Haar und ähnliche Züge zu geben wie unsere Bronze. Noch mehr 
dürfte sich dieser die Büste nähern, welche unter denen der sieben 
Planetengötter an der oben erwähnten Bronzezange angebracht ist. 



>) Abgebildet in Visconti'8 Monnm. Gabin. tav. XV— XVII und öfter; vgl. 
Gkiedeehens der raarmome Hinunelaglobus des Antikenkabinete zu Arolsen 
S. 36, wo alle Publikationen yerzeicÜnet sind. Die Ergänzungen werden am 
Genauesten tingegeben von Fröhner Notice S. 11. 

') Campana ant. opere in plastica tav. III, Petersen das Zwölfgöttersystem 
der Griechen I Taf. D. 

») Clarac PL 248 b. 

*) Passeri lue. IS. 21, Martorelli reg. tbeca calam. S. 330, Kopp Palaeogr. III 
8. 376. 

*) Miliin gal. myth. XXIX 90, vgl. Lersch Jabrb. des Vereins IV S. 167. 

2 



20 Ueber einige Bromebüder des Aree. 

lastet durchaus auf dem rechten Beiu, während der linke Fuss seit* 
wärts leicht aufsetzt Auch hierin ist augenscheinlich Analogie zwischen 
der Wiener Bronze und der Statue Lysipps : nicht minder deutlich und 
nicht minder lehrreich sind die Abweichungen. Der Apoxyomenos 
ruht nicht ausschliesslich auf dem Standbein, dessen Schenkel nicht 
sehr einwärts gewendet ist, sondern das Spielbein hilft mittragen. 
Unsere Aresfigur zeigt völlige Entlastung des einen Beines: der 
rechte Schenkel ist stark einwärts gestellt und unterstützt den Körper 
in seinem Schwerpunkt; in demselben Maass tritt die Hüfte auf der 
rechten Seite hervor, ist der Oberkörper auf die linke Seite hinüber- 
gebogen ^ und die linke Schulter erhöht So entsteht eine Verschie- 
bung, welche den Bindruck grosser Biegsamkeit hervorbringt, das 
Geftlge der Figur verliert an Festigkeit, der Rhythmus ihrer Linien 
wird schwungvoller und weichlicher. Ich ^ube, dass der Künstler, 
ans dessen Händen das Vorbild unserer Bronze hervoi^egangen ist^ 
nicht minder dieser Verwandtschaft seines Werkes mit der berühmten 
Statue Lysipps, als der Abweichungen von demselben sich bewusst 
gewesen ist. 

Auch die schlanken Proportionen^) des Körpers und die Model- 
lirung seiner Oberfläche verrathen Aehnlichkeit Um so grösser ist 
die Verschiedenheit der Köpfe. Die Wiener Statuette senkt das fast 
weiblich zart gebildete Antlitz und richtet dabei die etwas conver- 
girenden Augen — sie sind eingesetzt und von Silber — über das 
Schwert weg auf den Beschauer mit einem Ausdruck leerer Sentimen- 
talität Das Haar fällt reich und lockig auf Wange und Nacken. 
Offenbar soll der Vorstellung jugendlicher Schönheit im Sinne jenes 
Modqieschmackes genügt werden, von dem oben die Rede gewesen ist 

Auf diese Weise scheint die Wiener Statuette zu veranschau- 



') Hoohbeiiiig and Behlank, dem Apoxyomenos sehr ähnlich in SteUong 
xOfd Verhältnissen, enoheint Aree anch aof einer schönen Münse des Commodos 
(Cohen m S. 106 n. S72) ; er stemmt mit der erhobenen Linken den Speer auf and 
h&lt in der Rechten, als Attribat, einen Zweig (wie aaoh aaf den pompeianiäohen 
Bildem Heibig n. 278, 278 b, einer Gemme MiUin GaL myth. 40, 167 und auf 
römischen Münsen öftei^; von der linken Achsel hftngt die Chlamys herab, auf 
dem Kopf trftgt er den hohen korinthischen Helm. Einen Abdruck der Münze 
▼erdenke ich Conze. Dass dieae Verhältnisse Ares arsprüngiiöh nicht zukommen 
nnd ihm erst Ton der jüngeren Kunst verliehen werden, kommt in der Fdlge 
zur Sprache. 



üeber einige Bronzebilder des Ares. dl 

lieben , wie Lysipps Schöpfungen in hellenistischer Zeit nachgebildet und 
modifijdrt worden sind. 

Es verdient noch hervorgehoben zu werden, dass der von einer 
Sphinx bekrönte Helm in der Form selbst bis auf die Falten an der 
Seite genau mit dem der Berliner Bttste übereinkommt 

B. Als das bedeutendste Stück unserer Reihe und den Haupt- 
schmuck dieser Publikation betrachte ich die graziöse feingearbeitete 
Bronzestatuette, welche auf Taf. XI XE zum ersten Mal abgebildet ist. 
Das Original, aus Oberägypten stammend ^ gehört Frau Sabine von 
Horhy in Fiume. Dort sah es vor einigen Jahren A. CWnze, und ent- 
sann sich freundlich meines Interesses für diese Gattung von Bronze- 
bildem. Auf seine Bitte willigte die liebenswürdige Besitzerin nicht 
nur ein, dass ihre kleine Antike von mir veröffentlicht werde, sondern 
sie stellte ihm auch zwei gute Kartenphotographien zur Ver- 
fügung, nach denen vermittelst photographischer Vergrösserung unsere 
beiden Tafeln gearbeitet sind. Conze theilt mir mit, dass die einzige 
literarische Erwähnung der Bronze sich finden dürfte in: Gatalogue 
of a most interesting collection of Egyptian antiquities principally found 
at Thebes and Abydos, during the years 1818, 19, 20 and 21 etc. 
which will be sold by auction by Mr. Sotheby and son at their house 
Wellington Street, Strand, on Monday the 13th of May, 1833 etc. 
Daselbst ist S. 25 unter der Rubrik 'Greek and Roman antiquities 
found in Egypt' als n. 298 aufgeführt: 'Statue of Mars, of the finest 
Greek style, wanting the left arm, 8 inches high'. 

Der verloren gegangene linke Arm hielt wahrscheinlich das kurze 
Schwert mit dem Parazonium. Der rechte Arm ist emporgereckt und 
die Hand an den Helm gelegt; von den drei Fingern, welche ihn be- 
rührten, sind zwei abgebrochen. Dieser Gestus ist aufzufassen als ein 
Zurechtrücken des Helmes und giebt ein beliebtes Bewegungsmotiv 
ab für kriegerische Figuren. Und zwar fasst die Hand bald an den 
Helmschirm, bald ist sie mehr auf die Höhe des Helmes gelegt, je 
nachdem dieser zurückgeschoben oder tiefer in den Kopf gedrückt und 
fester gesetzt werden soll ^). Es läge hiemach nahe, diesen Gestus auf- 



^) Zweimal an jagendlichen Kriegerfiguren aaf ddm sog. Sarkofag des 
SeptimioB Seyerus im Kapitol, abgebildet bei Rigbetti il Campid. illustr. I Taf. 
188 und sonst; einmal auf dem cntspreobenden Relief des Louvre, abgebildet in 
Winckelmanns Mon. ined. Taf. 124 (0. Jahn aroh. Beitr. S. 354 MN). Femer 
auf dem Fragment im Atlas zu Winckelmanns Kunstgeschichte 132; auf dem 



22 lieber einige Bronzebilder des Ares. 

zufassen als den Ausdruck des Aufbörens oder des Beginnes kriege- 
rischer Aktion; und dieser Gedanke könnte besonders da angezeigt 
scheinen, wo es der korinthische Helm ist mit dem Yisir, der vor 
dem Kampf in das Gesicht gedrückt und nach demselben wieder zu- 
rückgesetzt wird. Indessen sprechen die Monumente durchaus nicht 
für di&se Annahme ; denn die Scenen , in welchen der Gestus vorkommt, 
verbieten meist an ein Ausruhen nach dem Streit oder an kriegerische 
Vorbereitung zu denken. Hiemach haben wir es blos mit einem sehr 
beliebten, für kriegerische Gestalten geradezu attributiv gewordenen 
Motiv der Bewegung zu thun, welches eben so künstlerisch dankbar, 
als an sich schicklich und natürlich scheint. 

Die Stellung ist wiederum der des Apoxyomenos ähnlich; sie 
drückt elastische sichere Jugendkraft aus. Es scheint dass die meisten 
Aresstatuen ungefähr denselben Stand haben, indem der Körper auf 
dem rechten oder linken Bein ruht, und das andere mehr oder weniger 
seitwärts gesetzt ist. Auch begegnen wir namentlich auf den Sarko- 
fagen überaus häufig Heroen und Doryphoren in der nämlichen Stellung. 

Die Photographie lässt die Behandlung des Körpers um ein 
weniges kräftiger erscheinen als unsere Abbildung. Ganz verschieden 
ist hier und dort der Eindruck des Gesichtes; es hat leider unter der 
Hand des Lithographen seinen sehr bestimmten Charakter eingebüsst. 
In der Photographie entspricht dasselbe durchaus einem Typus 
heroischer Jünglingsköpfe, welcher in der kampanischen Wandmalerei 
häufig wiederkehrt. Erinnern wir uns zugleich der Provenienz unserer 
Bronzestatuette, so wird dem Kundigen ohne Weiteres klar- sein, dass 
an den schönen Kopf derselben sich ein besonderes Interesse knüpft. 
Der Ausdruck des Gesichtes ist in der AJ[)bildung heiter, in der 
Photographie ernst, stolz und feurig. Das Haar quillt in reichen 
vollen Locken unter dem Helm hervor, der wiederum von der korin- 
thischen Form ist und bekrönt mit einem mächtigen Busch. 

G. Zu diesen Figuren ruhigerer Art habe ich eine dritte von 
energischer Bewegung fügen mögen: Ares wie er kampfmuthig in die 
Schlacht stürmt. Das Original befindet sich im alten Museum in 



Relief *SuoveUurilia* bei BouiUon T. III Basrel. pl. SO and bei Clarac pL 221. 
Hier greift überaU die Hand an den Helroschirm; dagegen legt die siUende 
Athene am Giebel des kapitolinisohen Jupitertempels Mon. ined. deir Inst. Y 
(1851) tav. 36 (vgl. arob. Zeit, 1872 S. 8) die Hand oben auf den Helm. 



Deber einige BrontelHlder dM An». 



24 üeber einige Bronsebilder de« Aret. 

Berlin^); der eingedruckte Holzschnitt ist nach einer schönen Zeich- 
nung angefertigt, die mein Freund Herr Architekt Reinike von einem 
mir durch E. Curtius vermittelten Abguss genommen hat. Obwohl 
die Oberfläche der Bronze (ihre Höhe beträgt 6V8'0 an einzelnen 
Stellen und namentlich im Gesichte stark gelitten hat, trägt sie doch 
die Spuren grosser Schönheit. Die Unterarme sind abgebrochen ; ohne 
Zweifel hielt die linke' Hand den Schild, die rechte entweder Speer 
oder Schwert. Ungemein häufig haben griechische Städte ihren lokalen 
Heros in ähnlicher Haltung , nackt bis auf den Helm , bewehrt mit 
Speer, oder kurzem Schwert und Schild , auf ihre Münzen geprägt '). 
Aber auch Ares erscheint ebenso auf Münzbildern; von ihm ist das 
Motiv wohl erst auf Heroen übertragen, aber schwerlich nach Belieben. 
Man hat ihn mit Recht erkannt auf Münzen der Bruttier {B^errtiov) 
in dem unbärtigen nackten Kämpfer, der Schild und Speer vorstreckend, 



^) Friederichs kleinere Kunst und Industrie S. 898 n. 185 1 * beschreibt die 
Figur folgendermassen. * Nackter Jüngling, die Brust vom Schwertriemen durch- 
schnitten, mit einem Helm auf dem Kopf. Die beiden Arme fehlen vom Eilen- 
bogen an. Der Jüngling schreitet mit starken Schritten davon, während sein 
Kopf sich stolz umdreht. Beide Fasse restaurirt. Es ist gewiss etwas Heroisches. 
Das Motiv ist sehr schön und der ganze Charakter der Figur griechisch.' 

') Namentlich die Opuntier Aiax den Lokrer (Mionnet descr. If S. 91, 
Suppl. III pl. 15, 4, 5» vgl. S. 489 fgg., mit dem Namen descr. des med. du 
cab. Dupre pl. II 217, Annali dell' Inst. 1866 S. 381); die Thebaner Kadmos (Mil- 
lingen anc. coins Taf. IV 12, den Abdruck eines vollständigeren Exemplares 
verdanke icli Herrn Imhoof-Blumer), die Tegeaten wahrscheinlich den Kepheus 
(Bröndstedt Reisen II 289, Overbeck Gal. her. Bildw. Atlas Taf. XI 4, vgl. 
Overbeck Gal. Taf. XXIX 13, Archaeologia vol. XXXII pl. XI S. 162), die 
Syraknsaner den Leukaspis (Eckhel doctr. num. I S. 246, Annali dell' Inst. 
1829 S. 810; einen Abdruck mit der Unterschrift Au^xnamg und dem Vorder- 
theil eines vor dem Heros auf dem Bücken liegenden Widders besitze ich durch 
Herrn Imhoofs Güte), die Aspendier, Trikaeer, Kierier unbekannte Heroen 
(Gombe mus. Hunter YII 15—18, Taylor Combe numi mus. Brit. Y 11, Monum. 
deir Inst. YIII 1866 tav. 82, 4). Yielleicht Hessen sich von einigen dieser Heroen 
engere Beziehungen zu Ares erweisen; in Tegea und Theben war die Yerohrung 
des Ares heimisch, die Syraknsaner setzten den Kopf des Ares auf ihre 
Münzen. Ich verdanke Herrn Imhoof den Abdruck einer sehr schönen Gold- 
münze von Syrakus mit einem lorbeerbekranzten jugendlichen Kopf, der g^enau 
übereinstimmt mit den Köpfen der Mamertinermünzen , welche die Aufschrift 
jiQiog tragen. — Bekanntlich stellen Statuen, Reliefe und Münzen besonders gern 
Athene in dieser stürmischen Angriffsbewe^ng dar. 



Qeber «ifüg« ~JSrcitiMbilder des Arei. 36 

den Helm auf dem Kopf, zum Angriff voiftärmt. Denn die bnittiscben 
Mamertii^r setzten den Kopf des Gottes auf ihre Münzen ') , und die 
Eule, welche auf einem von Magnan publizirteu Exemplar am Boden 
aitsend zugefügt ist^), dürfte eher Ares als irgend einem Heroen zu- 
kommen. Zwei andere sind nach Abdrücken, die ich Imfaoof-Blumer 
Terdanke, hier abgebildet, zugleich mit einer scbönen Monze von 




Meeaana, die gleichfalls das Bild des Ares zn tragen scheint. Das- 
selbe gilt von der verwandten Figur auf Marmeftinertnflnzen"). Imhoof- 
Blumer erinoert mich, dass aof Münzen dieser Stadt auch Pallas und 
Artemis in ähnlich vordringender Stelhing vorkommen, auf BretUscheo 
Zeus, ein Umstand der die Annahme bestätige, dass die Krieger^ur 
der Mamertiner- und Bruttiermflnzen gleichfalls einen Gott vorstelle, 
Ares. Vermuthlicb wird auch der Krieger auf Mtlnzen der thrakischen 
Bisyener, der mächtig ausschreitend den Kopf zurQckwendet und ausser 
Speer und Schild eine Sturmleiter ti^gt, richüg Ares benannt*). In 
derselben Kampfstellung, aber in ruhigerem Vorschreiten, gewahrt 
man den Gott auf römischen Familienmünzen, wie denen der gens 
Sulpicia, mit der Umschrift 'Marti ultori'^). 

Eine Bronze den Wiener Antikenkabinets*), der unsrigen ähn- 
lich aber ungleich gröber und von Sacken wohl mit Becbt etruskiscb 
genannt, stellt einen jungen Helden vor, welcher im Vorstürmen das 



>} Vgl. HüUer-WieiGler D. a. K. II 23, 244. Diese Abbildung ist übrigens 
ohne j«d« Aehnlichlceit } es liegen mir Abdrücke von vier sabr schonen Exem- 
plsreu KOS Imhoof-Blumera Sammlung vor, die ioh «pätar publioiren werde. 

*) Hagnu Brattia II TU , wiederholt von Miliin gal. myth. XXXIX 161. 

') Vgl. S. 27. 

*) MOnte des Septimins Sevemi, nach Toltereck Electa numaria III T bei 
Hillin XTXTX 1G2. 

*) Vgl. Theaanr. Horell. Salpia. I. 

•) Sacken T^. X 1. 



26 lieber einige Bronsebiider de« Ares. 

Schwert mit der Rechten, die den Griff noch hält — das Schwert 
selber ist verloren --, aus der Scheide zieht, während die Linke, wie 
ihre Höhlung beweist, den Schild hielt Ich zweifele nicht, dass auch 
in dieser Bronze Ares zu erblicken ist. Nicht minder wahrscheinlich 
ist mir, dass jene häufig begegnenden etruskischen Bronzefiguren 
eines jungen unbärtigen Kriegers, der in völliger Kflstung zum Angriff 
vorschreitet, den Kriegsgott darstellen >). 

In der Formengebung weicht die Berliner Figur von den beiden 
anderen , welche vorher besprochen worden , beträchtlich ab ; sie weist 
auf ein Original älterer Epoche zurück. Wie der gewählte Moment 
einen anderen Geschmack verräth, ist auch der Körper straffer und 
nerviger gebildet. Unter dem korinthischen Helm kommen reiche 
Lockenmassen hervor, das Gesicht, obwohl seine Oberfläche zerstört ist, 
hatte jugendliches Aussehen, der Mund ist etwas geöffnet. 

Ich habe, als charakteristische Darstellungen des Ares, drei Bronze- 
statuetten aneinander |[ereiht, die nicht etwa dadurch als solche sich 
ausweisen, dass Haltung und Bewegung derselben dem Kriegsgott 
ausschliesslich zukämen^). Auch spricht der Typus der Köpfe nicht 
in absolut zwingender Weise zfk Gunsten des Ares; er fiuctuirt hier 
nicht weniger, als wir es vorhin bei den Bronzebüsten wahrnahmen, 
die wir trotzdem mit gutem Girunde Ares vindidrt haben. Die Art 
der Bewehrung entspricht zwar den sicheren Bildnissen des Gottes, 
aber auch sie kann an sich keinen Ausschlag geben, weil sie mit dem 
ziemlich allgemeinen Brauch der Heroendarstellungen übereinstimmt. 

^) Vgl. z. B. 8pec. of ano. Sculpt. II PI. 4, Fröhner miuees de France pl. 19. 

') Andere Bronzefigoren des jugendlichen Ares, die dem nämlichen Typus 
zogehören, sind früher pnblicirt worden. So die woblerhaltene Statuette von 
Herculaneum abgebildet Bronzi d'Erool. II 18 and Mus. Borb. XIII 26; man 
hat sich in die Rechte das Schwert mit dem Parazonium, in die Linke den Speer 
zu denken. Das Gleiche gilt^von der offenbar falsch ergänzten und gedeuteten 
Figur in den Monum. deil* Inst. 1854 S. 116 tav. 36, und von einer andern bei 
Caylus Recueil III pL 121, 1, wo nur die Linke höher erhoben ist. Eine völlig 
intacte Bronzefignr des Ares zeigt eine Abbildung in der Lettera sugli scavi 
fatti nel circondario dell'antica Freja del dottor F. Benign! al celeberr. Sig. 
Gay. Albino Luigi Miliin (Macerata 1812) tay. IX fig. 6. Sie hat in der er- 
hobenen Rechten den Speer, in der Linken einen kleinen Schild; der linke 
Schenkel lehnt an einen Stamm, die Wangen sind von den Helmklappen .bedeckt. 
Yermuthlioh sind hier, sei es am Original, sei es blos in der Zeichnong, Er- 
gänzungen hinzugekommen. 



Udber einige fironeebilder dei AreB. 27 

So könnte meine Deutung, obwohl sie durch die Yergleichung der von 
mir zusammengestellten Büsten und Münzen näher gelegt ist als jede 
andere, fraglich erscheinen; und in diesem Fall würde immer wieder 
die Entscheidung schwanken zwischen Ares .und Achill. Ich glaube 
aber meiner Ansicht eine starke Stütze verleihen zu können, wenn ich 
wahrscheinlich mache, dass wir schwerlich eine plastische Einzeldar- 
stellung des Achill besitzen, und dass alle oder fast alle jene Statuen 
und Köpfe, deren Benennung schwankt zwischen Ares und Achill, auf 
den Ersteren bezogen werden müssen 0. Es handelt sich hier haupt- 
sächlich um jene Gruppe von Figuren und Büsten, deren bekanntester 
Bepräsentant der sogenannte Achilles Borghese ist Ich glaube, dass 
die folgende Zusamm^tellung, indem sie von sicherem Ausgangspunkt 
zu den fraglichen Darstellungen vorschreitet, zugleich eine Serie bildet, 
deren Zusammengehörigkeit nicht geleugnet werden kann, und dass 
auf diese Weise schon die Zusammenordnung unsere Frage entscheidet. 
Gelegentlich werden andere Erwägungen zu Hülfe kommen. 

a. Eine sichere Grundlage giebt die Statue des Ares vom 
Fastigium des kapitolinischen Jupitertempels ab, welches jüngst nach 
einer Zeichnung der Goburger Handschrift in der archaeologischen 



') Freilich beschreibt uns Christödor eine Erzstaiue des Achill, weiche 
im Gymnasien des Zeuxippos in Konstaniinopel stand, folgendem assen, ecphras. 
291 £ 

ttl^fir^tfl^ 6' aviovXog Hufin^TO 6iog *Ax*J^vg, 
yvfivos itov aaxiwv. i^oxivi fdki^tyj^g kUaattv 
di^ireQ^f axtu^ 6k aaxog /aJlx€^oy afCgtiv 
ax^fioTi texyriim' fAodav «T änintfinev anukifv 
^agai'i Tolfirjj€yn ndfiy/iivog. al yicg ontonal 
yy^aipv ri^os ttptuvov a^iov AfaxiSatov. 
Also war die Figur der Rüstung ledig (da aaxea schwerlich die Rüstuug be- 
deuten kann, scheint mir das Wort verdorben), und trug Nichts in den Händen ; 
aber die Haltung der Arme war als fahre der Held in der Rechten den Speer, 
in der Linken den Schild. Das Gesicht drückte kriegerisches Feuer aus. Ist es 
für uns maassgebend, wenn Christödor diese Statue für Achill hält ? Ich glaube 
nicht; wir dürfen hieraus nicht mehr folgern, als dass ihr dieser Name beigelegt 
war in dem Katalog, den Christödor benützte, oder der Aufschrift, welche die 
Statue trag. Denn dass der Ekphrast sich an bestimmte tituli hielt, die ihm vor- 
lagen, wird durch einige Stellen seines Gedichtes erwiesen (863 ff. 407 ff.). Die 
'statuae Achilieae' waren eben ein bequemer Gattungsbegriff, der vermatblich 
auch auf Statuen des Ares angewandt wurde. 



08 D«ber einige BroDzebilder dei Are*. 

Zeitung abgebildet worden ist'). Der jugendliche Gott steht, gerade- 
aus schauend , auf einer kleioen Basie , unbekleidet bis auf den hoben 
Helm und die Chlamys, die leicht auf die linke Schulter vomOber 
gelegt ist und von dem linken Vorderarm herabhängt. Die erhobene 
Rechte fa^t den aufgestemmten Speer, die niedergehende Linke hält 
das Schwert, welches aufwärts gerichtet ist und am Oberarm anlehnt. 
Es nnterliegt wohl keinem Zweifel, dass diese Figur einer römischen 
Tempelstatue ziemlich getreu nachgebildet ist. Auf Mttnzen der geos 
Mescinia') steht eine ähnliche Aresstatue anf hohem Sockel mit der 
Weihinschrift S-P-O'R'V-P-REO-CAES- , die mit geringer Ver- 
änderung mehrmals wiederkehrt Eine Münze von Paeatnm») weist die- 
selbe Figur auf ganz niedriger Basis, und diese fehlt ganz auf den 
FamilienmüDzen der Claudier, welche Ares in der nämlichen Weise 
darstellen*). Eine schöne MamertinermUnze mit nah verwandtem 
Bilde, in Imhoof-Blumers Besitz, ist hier abgebildet. Ares hält in der 
Rechten das Schwert mit dem Parazonium, in der Linken die Lanze, 
an die der Schild lehnt Eine zweite unterscheidet sich durch den 
mangelnden Helm, stellt aber sicherlich auch Ares dar; hier ist das 
reiche Haupthaar bemerkenswerth. 



b. Mit dem kapitolinischen Ares stimmt eine angeblich aus dem 
Peloponnes stammende Statue in so augenscheinlicher Weise überein, 
dass auch ihre Bedeutung als gesichert angesehen werden muss*). 

>) Arch. Zeit. 1872 Taf. 67. 

') Tgl. Cohen deaor. des monii. de le rep. Rom. pl. 27, 1. 2. 6. 

■) CareUi tav. 136, 108. 109. 

') Cohen pl. 12, 8. 9. 12. 

•} PacJELudi Mon. Peloponn- , Titelbild. Vgl. Rnoul RoohetU Mon. in^d. 
S. 58 fff. n. 10. In Besiehung «uf die Änordnimg des Oewendea, deBaen über 
die linke Schulter gelegter Zipfel in der Abbildung wie eine Lowentatxe aua- 



üeber «inige Bronsebilder ddB Ares. 29 

Der rechte Arm ist abgebrochen; zur Stütze für die über den linkoi 
Arm fallende Chlamys dient ein Panzer, welcher ain Boden steht. Die 
Figur ruht mehr auf dem linken Bein, die kapitolinische Statue auf 
dem rechten, und setzt das linke in ähnlicher Weise zurück, wie die 
Bronze von Finme. 

c. Eine in Ostia gefundene Statue, die nach England gekommen % 
weicht nur darin von der vorerwähnten ab, dass hier die Chlamys von 
der linken Schulter quer über die Brust geht und auf der rechten 
Achsel durch eine Spange zusammengehalten ist ; an Stelle des Pan- 
zers fungirt ein Baumstamm. Diese Statue trägt die Aufischrift 

MARTI. Es ist bekannt genug, dass man in Tempel und Kultstätteu 
auch die Kunstdarstellungen anderer Gottheiten , als der eigentlichen 
Inhaber, geweiht hat^); immerhin aber war durch diese Inschrift die 
Annahme am Nächsten gelegt worden, für welche nunmehr die Co- 
burger Zeichnung endgültig entscheidet lieber den Charakter der 
Körperformen, Bildung und Ausdruck des Gesichtes wird kein Kun- 
diger aus den Abbildungen bei Güattani und Clarac Schlüsse ziehen 
mögen ; doch darf vielleicht das volle lange Haar hervorgehoben werden. 

d. Mit dieser Statue haben qchon die Herausgeber der ^antiken Bild- 
werke des Lateranensischen Museums' eine nah verwandte des Lateran 
zuammengestellt^). Sie ruht nicht auf dem linken, sondern auf dem 
rechten Bein ; das Gewand fällt im Bücken breit und tief herab und 
bildet einen ruhigen Hintergrund der Figur; der Panzer hängt über 
einem Stamm zur Rechten. Beide Arme sind ergänzt. Die Verglei- 
chung der ähnlichen Statuen des Gottes könnte auf die Vermuthung 
leiten, dass die Linke das Schwert geführt, wie auch der Restaurator 
annahm, doch in etwas anderer Haltung, und die erhobene Rechte 
den Speer. Indessen scheint der letztere auf dieser Seite , vor Baum- 



wibi, füiimit genau überein die auch sonst ähnliohe Statoe des Galigul» bei 
Yiseonti mos. Pio-Clem. III tav. 3. 

1) Gnattani Mon. ined. 1806 Tai 18, vgl. S. 87-92; Clarac 827, 2074, 
▼gL Fea Viaggio ad Ostia S. 58, Raonl Roohette Mon. ined, S. 68, Hirt Bilderb. 
S. 52, V^elcker das akad. Kunstmas. (II. Aufl.) S. 80 n. 45, Urlichs a. a. 0. S. 86. 

') Sohon Welcker a. a. 0. citirt hierfür Annali VI 198; vgl. ausserdem 
Letronne Revue aroh^L 1844 S. 888 'sur Pusage des anoiens de oonsacrer la 
Statue d'un dieu a un autre dieu, K. Keil insoript. Boeot S. 87. 

>) A. a. 0. a 79 fgg. n. 172, publioirt von Clarac 685, 1485 und von 
Garmeoi mus. Lat. tav. XXYII. 



dO Ueber einige Bronxebilder des Ares. 

Stamm und Panzer, keinen passenden Platz zn haben, and die Ver- 
fasser der Bescbreibnng des Lateranischen Mnseams artheilen wohl 
mit Rechte dass Haltung und Anlage der Figur der Annahme günstig 
sind, sie habe arsprünglich den Speer in der Linken gehabt. Dieser 
Fall ist der seltenere; es konnte wohl bei Einzeldarstellungen des 
Gottes nur da passend erscheinen, ihm den Speer in ^ie Linke zu 
geben ^), wo die Rechte mit dem Schwert als der Hauptwaflfe und dem 
wesentlichen Attribut ausgestattet war*), oder auch der Gott fem 
von Kriegsgedanken in feiernder Ruhe und versenkt in Liebessinnen 
vorgeführt wurde'). Es ist berechnete Absicht, dass der Ares Ludovisi 



*) Statitts schildert in der Tbebais wie Ares dabinfahrend auf seinem 
Kriegswagen von Aphrodite aufgehalten wird mit zärtlichen Vorwürfen und 
Bitten; da heisst es von ihm, III 202 

hastam laeva transanmit et alto 
— l^aud mora — desiluit ourro, clipeoque receptam 
laodit in amplexu dictisque ita mnicet amicis. 

') Vgl. folgende Aresbildnisse : Sacken d. Wiener Antikenkab. I Taf. 6, 8, 
Mus. Borb. I 46, VIII 56, und die oben abgebildete Mamertinermünze. So oft 
Ares einzeln bewehrt mit Speer und Schild dasteht, und so erscheint er, nn- 
b&rtig und bärtig, ausserordentlich oft, hält die Rechte den Speer. Man wird 
nicht Figuren entgegenhalten, wie das kleine Nebenbild auf dem Feld der 
Münzen von Ambrakia Monum. dell' Inst. I tav. 14, 1.2 (hinter einem Athenekopf), 
welches den Ambrakischen Qründungsheros Qorgos (vgl. Axmali 1829 S. 314 ff.) 
darstellt, nackt, den Helm auf dem Kopf, wie er die Rechte auf den Schild legt, 
den Speer mit der erhobenen Linken festhält; oder das Bild der Virtus auf 
römischen Kaisermünzen (vgl. Cohen IV pl. 6 und 18), wo sie übrigens dio 
Lanzenspitze gegen den Boden kehrt. Auf einem römischen Relief, veröffentlicht 
Ber. d. sächs. Ges. 1868 Taf. IV C nimmt Ares an einer Opferscene als Zu- 
schauer Theil, ganz im Typus der statuarischen Darstellungen des Gottes: 
jugendlich und nackt bis auf die über die linke Schulter geworfene Ghlamys 
und den korinthischen Helm, und stemmt mit der Linken den Speer auf, indem 
der die susammengesohlossene Rechte in auffallender V^eise vor die Brust hält. 
Man hat sich wohl in diese Hand das Schwert zu denken, mag es nun im 
Original abgebrochen oder nur so flüchtig angedeutet sein, dass der Zeichner es 
übersehen konnte, oder mag endlich der Arbeiter es aus Nachlässigkeit wegge- 
lassen haben. 

•) Irrthümlioh ist Starks Angabe (Philolog. XXI S. 485), dass der sitzende 
Area auf einem Reliefmedaillon im Triumphbogen des Constantin (Müller-Wie* 
seler I 70, 888) die Lanze in der Linken halte; er hält sie mit der Rechten. 
Uebrigens sehe ich nicht ein, warum diese Figur eine Kopie vom Ares des 
Skopas sein soll, wie mit Stark Overbeok (Oesoh. d. griech. Plastik U S. 16) 



üeber einige Bronzebilder des Ares. 81 

das Schwert mit der Linken hält. Aaf dem Terracottarelief Campana 
hSIt der rahig sitzende Gott den Speer mit der Linken, und legt die 
herabhängende Rechte auf den Schild, der am Boden steht, während 
Aphrodite sich im Stehen an seine rechte Schalter lehnt ^). — Der 
Greslehtsausdruck der Lateranischen Statue ist trflbe and schwermüthig. 

e f. Zwei Wiederholungen der Lateranischen Statue, die eine im 
Palazzo Mattei in Rom, die andere in der Sammlung Landsdowne'), 
werden angefahrt von Benndorf und Schone. 

g. Eine Statue der Blundellschen Sammlung, welche als Theseus 
ergänzt worden, ist unzweifelhaft hier einzureihen^). Die Chlamys 
fehlt; die SteUung ist wie bei b c, wie dort ist auch hier an der 
linken Seite eine Stütze angebracht, und zwar wie bei c ein Baum- 
stamm. Der rechte Arm ist mit einer Keule ergänzt ; sicherlich war 
er mehr erhoben und stemmte den Speer auf. Die Linke ist unthätig 
über den Stamm gelegt, an dem das Schwert hängt. Ich muss den 
rechten Arm und das obere Stück des Stammes für modern halten, 
obwohl diese Theile unter den Ergänzungen nicht verzeichnet sind; 
gewiss war das Schwert in die Linke gegeben. Am Helm sind Greife 
angebracht. Das Haar scheint genau dem der Lateranischen Statue 
zu entsprechen ; der Kopf blickt geradeaus, gleich dem von b. Wäre 
es yerstattet, aus der Abbildung Schlüsse zu ziehen über Formen und 
Ausdruck des Gesichtes, so läge die Vergleichung mit dem Ares des 
Lateran am Nächsten. Ich möchte aber hierin ebenso wenig, als in Be- 
ziehung auf die schlanken Proportionen des Körpers, der Publikation 
Vertrauen schenken. 

h. Den bisher besprochenen Statuen steht der ^Achill Borghese' 
weniger nahe, als jene unter einander stehen ^), Doch überwiegt die 
Verwandtschaft so sehr, dass die Identität der dargestellten Person 
für wahrscheinlich gelten darf. Es kommt hinzu, dass, wie schon 



annimmt. Eine sohöne Kupfermünse der Mamertinef mit dem sitsenden Ares 
findet fliob in Herrn Imhoofs Sammlung. 

^) Campana op. in plast II 104; dine Wiederholung dieser Reliefplatte 
■ah ich im Mueeum von Arles, 

*) Mon. Matt. I 10, Clarac 648 A, 1436 A; 950, 2446 A. 

>) Spec of anc. scnlpture' II Taf. 19. 

*) Abgebildet Ferner segm. nob. sign. 1688 tav. 39, Bouillon II 14 E, Vis- 
conti mon. scelti Borghes. tav. III 1. Braun Kunatmyth. Taf. 85, Clarao pl. 
268, 2078, UrlichB a. a. 0. S. 84. unter den neueren Besprechungen der Statue 
ist henronraheben die von ^riederiohs Bausteine n. 720. 



32 Üeber einige Bronzebilder des Ares. 

Andere hervorgehoben haben, in einigen Gruppen des Ares und der 
Aphrodite die Figur des Gottes mit dem 'Achill Boi^hese' durchaus 
übereinstimmt 0* Sicher fasste die Linke den Speer; ob die herab- 
hängende Rechte das Schwert gehalten, muss sehr fraglich erscheinen. 
Nur die Finger sind ergänzt und die innere Handfläche zeigt keine 
Spur, dass hier ein Gegenstand aufgelegen habe. 

Obwohl die Figur in Ruhe steht, ist das rechte Bein wie im 
Schritt vorangestellt ; es setzt fest auf und kann nicht als Spielbein 
gelten. Hierdurch erhält die Statue eine schwere Festigkeit des 
Standes. Der Oberleib ruht wie unbeweglich 'in den Hafteu. Der 
Kopf ist etwas tiefer gesenkt als am Ares des Lateran, das lange 
Haar legt sich glatt und schlicht auf Wange und Hals ^), während es 
dort voller und lockiger ist Das Gewand fehlt, der Körper ist völlig 
nackt Im Uebrigeu herrscht in den Proportionen des Körpers und 
im Allgemeinen der Haltung augenschdnlich Aehnlichkeit *) ; ich wage 
nicht vom Kopf dasselbe zu ^haupten. 

Conze hat diese Statue in die Reihe der Köpfe und Figuren ge- 
stellt, welche man seit Friederichs auf Polyklet zurückzuführen pflegt, 
während er selber vorzieht sie für attisch zu halten^). Mir scheint 
aber, dass der Achill Borghese kaum irgend einen Typus, wie er aus 
der Hand eines grossen Meisters hervorgegangen, rein wiederspiegelt. 



^) Besondera in der kapitolinischen Gruppe, Mus. Oap. III 20, Glarao 684, 
1428, Quatremere de Quincy sur la statue ant. de Venus decouverte dans File de 
Milo, Taf. D. 2; vgl 0. Jahn Ber. d. sächs. Ges. 1861 S. 126.' 

') Dieser ganzen Gruppe von Statuen und Köpfen des Ares ist eigen die 
überall gleichm&ssig vor dem Ohr niedergehende an die Wange geschmiegte 
und spitz zulaufende Haarpartie. Sie findet sich gerade so am Ares der bar- 
barimschen Candelaberbasis (Visconti mns. Pio-Glem. IV tay. 7, Braun Kunstmyth. 
Taf. 88) and des erw&hnten Terracottareliefs Gampana. 

') Dass der stutzende Stamm hier gerade eine Palme ist, wie unendlich 
oft, hat nur für den tektonischen Geschmack Bedeutung* Die Behauptung, 
der Palmenstamm charakterisire die Statue, welcher er als Stütze dient, als die 
eines Athleten — besonders Gerhard machte gern von ihr Gebrauch — oder 
bezeichne doch eine Beziehung auf das Gymnasion, gehört zu den unerwiesenen 
und unerweisbaren Sätzen, welche in der arohaeologisChen Literatur immer 
wieder aufbauchen, wo sie bedurft werden. Auch der Umstand, dass der n&m- 
liohen Fig^r, wie wir sahen, anderwärts ein gewöhnlicher Stamm zur Stütze 
dient, spricht gegen eine besondere Symbolik des Palmstammes. 

*) Beiträge zur Geschichte d. griecb. Plastik S. 8 fg. 



Ueber einige Bronzebilder des Ares. 3$ 

sondern aus Elementen älterer und jüngerer Kunst in verhältniss- 
mässig später Zeit zusammengesetzt worden ist. Wie man diese Statue 
hat auserlesen schön nennen und an ihr den charakteristisch belebten, 
herrlich ausgebildeten Götterleib, den meisterhaften und zugleich 
eigenthümlich realistischen Stil rühmen können^ wird nicht mir allein 
schwer begreiflich scheinen. 

Vom Kopf gilt in minderem Grade, was Benndorf und Schöne 
von dem des Lateranischen Ares bemerken: 'er gehört in eine Reihe 
von Typen, welche mit dem Doryphoros des Polyklet grosse Aehnlich- 
keit haben'. Er steht den Doryphorosköpfen in der HaarbehandluQg 
näher, während hierin die Statue des Lateran, wie Benndorf und 
Schöne ausführen, von ihnen abweicht. Die Körperformen sind sehr 
stark entwickelt, aber es geht dem Fleisch und den Muskeln das 
blühende Leben ab, der Körper scheint wie ausgepolstert: die Ver- 
schiedenheit vom Doiyphoros ist hierin sehr gross. Die Flächen setzen 
hart und unvermittelt ab und sind wenig gegliedert. In den Pro- 
portionen des Kö]*pers fällt die Länge des Oberleibs, die verhältniss- 
massige Kürze der gedrungenen Beine auf; dieselbe Eigenthümlichkeit 
haben Benndorf und Schöne an der Statue des Lateran hervorgehoben. 
Diese Verhältnisse, welche den Doryphorosfiguren fremd sind, verleihen 
der Gestalt eine mächtige Wucht, die dem schwungvollen schnell- 
füssigen Sohn der Thetis nicht minder widerspräche, wie der schwer- 
fällige Ausdruck des Antlitzes. Es kommen Achill naturgemäss hohe 
und schlanke Schenkel zu. Isaak Porphyrogennetos in seiner Beschrei- 
bung der griechischen Helden vor Troia und der troischen Fürsten 
sagt von Achill: o l^x^AA^tc; etaTtj&og, jtiiyag tov dyxov tov Oijjfiavog, 
fiaxQoaiukog {Wes ^cmQoaxeli^g), a7cav6g^ ^avd^og etc. ^). Hiermit ist 
eine Stelle des Athenaeus zu vergleichen: /;>' ä' ftviwg fia-jigozaTog xai 
XsTTtovaTog o Kivrfiioig^ alg ov T^ai olop d^cTjua yiyQOipe ^TQOTTiQf 
Od-iviTt^v ^AydXLoL mnov yuxXüVy dia tn sv rij airov noiTjaei avvex^g 
t6 Od^nSza keyuv. Tcai^wv ovv elg triv Ideav aiiov bq)rj'0r^ic!)T* -^X'A^ev*). 

*) In Rutgers' variae lectiones S. öll; auch bei Leo Allatius tt^qI rwr'xca«- 
XiMp^ivTtov iino tov 'OfAtiQov, Aus Isaak Porphyrogennetos schöpfte Tzetzes Post- 
hörner. V. 474: 

^ttxfm <r i/e axilia vno (f' lannviaio vnrjvrjv. 
Es verdient Erwähnung und ist für die Herkunft dieser Personalbeschreibungen 
von Wichtigkeit, dass SteUen des Malalas, wie die Schilderang der Helena chron. 
Y- p. 91, 8 der Bonner Ausgabe, mit ihnen genau übereinstimmen. 
«) Athen. XH 551 d, Meineke frgg. com. If 2 S. 7G9. 

3 



84 Üeber einige Bronsebilder des Area. 

Dagegen ist dem ^vQog und nekciQiog^Jgrjg mächtige Entwickelang 
der Lenden eigen. Ein merkwürdiges Zeugniss hierfflr bietet die 
homerische Stelle B 477. Sie deutet auf Vorstellungen der Götter- 
erscheinungen von einer überraschenden plastischen Realit&t nnd Be- 
stimmtheit : 

ofifictra wxl xeq>aXi^v XxeXog Jii T€Q7tiii€Qavv(p, 

^'Aqbi di Cdvtjv, üviqvov de Iloaetdatüvi. 
Wie also für Poseidon die Breite der Brust % so ist für A.res die 
EntWickelung des Unterleibe bezeichnend'). Die Kunstdarstellungen 
des Poseidon rechtfertigen durchgängig diese Charakteristik; nicht 
minder muss man von der Hervorhebung der ^civfj des Ares annehmen, 
dass sie auf eine sehr alte und ganz allgemeine Vorstellungsweise 
zurflckgehe, die nothwendig auch in die Kunst Eingang finden musste. 
Und zwar ist zu vermuthen, dass es besonders der ältere Arestypus 
gewesen sei, welcher diese Eigenthttmlichkeit zum Ausdruck brachte, 
während die jüngere Kunst in ihrer Neigung für schlanke schwungvolle 
Formen, begabt mit einem höheren Maasse von Bewegungsfähigkeit, 
dieselbe verwischte^). Nicht minder auch musste die Grewöhnung, den 



') Er wird nfQvtnfffvog genannt Ton Ghristodor eophr. V. 66. 
*) Hesychiue (tivti' 6 vno r^ yatn^ga xonoq ttai 6 tonoQ $y (tjvyvftB^, 
Diese Erkl&rang geht auf die oben angefahrte Stelle; M. Schmidt notirt fiUschlioh 

5 181, ^ 234. Vgl. schol. B 479 (tavtiv] i^roi ro xarä C^afia fiiqog, Etym. m. p. 414, 

6 C<^' "^o Tov atofÄOTo^ f^^QOSj iv (p fiahaxa xb rov (toov lail (tonxov, xal ro 
negl avro wpaafia Ctorri ofKovvfitos Ifyaai, tos xal Sioga^ to fiigos tov anifiarog 
xtdro TiEQtTi^'iiuievov ott Jlov, Etym. Gud. Ctovfi* ro tov atofLaros fiiQog' tT^riTai naga 
to C^, iv qt fioXtata fori rh tov ^ijv Sixjtxov xtA-TO ^ontxov xai to ntgl avto 
vqmftfia. Hiernach ist im Etym. m. zu emendiren ro tov ir^v Sixraeov xtA ro 
(anixov, wie aach der codex Sorbon. hat. Uebrigens fasete die ganze Stelle 
schon Dio Ghrysostomos or. XII p. 407 R sehr richtig, indem er vom Vergleich 
mit Zeus sagt: hokfiiiafv jiyttfiifAVova ngoaeixaatu tov S'€ov Toig xvQiioTaroti 
fAiQsatv. Wenn es dagegen in den Priapea 86, 9 heisst 'nemo est feroci 
pectorosior Marte* (vgl. Sen. HippolyL 816 'Martis belligeri pectore latior ), so 
wird damit nur eine Eigenthümlichkeit hervorgehoben, die der Eriegsgott 
gemein hat mit den m&chüg gebildeten Heroen; so wird Herakles von Theokrit 
24, 78 ano atiqvov nhtavg t^^ioq genannt. 

') Man setze dieser wohlgegründeten Erwägung nicht entgegen, dass Ares 
in der Ilias öfters ^oog zubenannt wird, in der Odyssee einmal aqrinog (^ 810, 
wo' übrigens die Scholien akxi^oq wollen) und bald darauf gar ^xvraros &i€av 



üeber einige Broiusebilder des Area. 85 

Eriegsgott als den zärtlichen Geliebten der Aphrodit« zu denken, be- 
wirken, daas man seine Erscheinung modelte nach einem allgemeinen 
heroischen Schönheitsideale. In diesem gingen urwüchsige Besonder- 
heiten der Gestalt zum Theile auf, welche zusammenhingen mit der 
mythologischen Natur und Bedeutung des Gottes. 

Bekanntlich tritt bei dieser Statue ein schwieriges Detail hinzu 
in dem Ring, welcher das rechte Bein über dem Knöchel umschliesst. 
Es scheint mir, wieKekul^O) dass für denselben weder unter der Vor- 
aussetzung, dass Achill, noch unter der hinderen, dass Ares dargestellt 
sei, eine befriedigende Deutung gefunden worden ist. Am Wenigsten 
hätte man, um aus ihm ein Argument für die erstere Annahme zu 
gewinnen, neuerdings wieder zurückgreifen sollen auf eine Methode 
der Kun3terklärung, die mit allem Fug für überwunden gelten durfte. 

Diejenigen, welche eine Fesselung annahmen — und Friederichs 
scheint mit fiecht in dem Ring eine Fussfessel {rcidrj) zu erkennen -— 
durften sich berufen auf den nachdenklichen trüben, beinahe klagenden 
Ausdruck des stark gesenkten Kopfes. Und doch ist schwer möglich die 
Statue mit der Situation des bei Aphrodite ertappten Ares zu reimen. 
Ich möchte weit eher an einen trionfo d'Amore denken. Der Ares 
Borghese und mit ihm vielleicht der des Lateran, erscheint als eine 
modifizirende Verwendung des vorhin besprochenen Typus ; und dass 
dieser hier dem beliebten dichterischen Motiv von der unwiderstehlichen 
Gewalt des Eros angepasst worden sei, ist eine nahe gelegte Ver- 
muthung ; ihr würde der Ausdruck des Gesichtes, die Haltung der 
Figur günstig sein, und die schwere Wucht des Leibes käme so zu 



(^ 381), in der Ilias auch noöaoxrig. {4» 265). Die Natorsymbolik bringt es mit 
Bioh, dass die Baiwörter und Züge, welche an den Personen der Götter haften, 
theilweise sich widersprechen, denn die Naturobjecte können nach sehr ver- 
schiedenartigen Seiten und Zuständen betrachtet werden. Die plastische In- 
dmdualisirong kann daher nicht alle Züge aufnehmen, sie lasst von den alt- 
überlieferten Beiwörtern diejenigen zur Seite, welche sich dem poetisch ausge* 
stalteten Charakter nicht willig anschmiegen mögen. Und zu diesen gehört 
gewiss jenes Epitheton des Ares, mochte man auch fortfahren ihn als * geschwinde' 
zu rühmen so gut wie irgend einen streitbaren Heroen. Uebrigens ist bemerkens- 
werth, dass in der nachhomerischen Poesie diese Qualität des Ares gar keine 
RoQe spielt. In einem Epigramm des Aristotelischen Peplos kommt wxhgjlgtig 
vor (n. 6. Bergk poet. lyr. p. 660), offenbar nicht mehr als eine homerische 
Reminisoenz . 

*) Kekiile d. akadem. Kunstmus. zu Bonn n. 389 S. 97. 



86 Ueber einige Bronzebilder des AreB. 

sprechender Wirkung. Auch wird wohl nur durch diese Voraussetzung 
die Schwierigkeit gelöst, dass die Linke den Speer gehalten hat, ohne 
dass doch die antiken Theile der rechten Hand der Annahme günstig 
wären, sie habe das Schwert umschlossen. 

Meine Vermuthung könnte ich leicht weiter ausspinnen und 
stützen, es lassen sich ihr vielleicht auch Einwendungen entgegen- 
stellen. Mir scheint das Problem gehöre zu denen, deren Lösung wir 
von der Zeit und einem glücklichen Fund erwarten dürfen. 

i. Kopf, Brust und Oberarme von einer genau entsprechenden 
Statue befinden sich im Dresdener Augusteum. Nur kommt hier der 
von der linken Schulter schräg über die Brust laufende kunstreich 
gearbeitete Schwertriemen hinzu 0* 

Ich sehe ab von einigen vielleicht entfernter stehenden Statuen, 
wie dem Ares der Villa Albani'), und einem vermeintlichen Alexander 
im Louvre "), und reihe an den Ares Borghese die Büsten, welche dem 
Kopf dieser Statue genau entsprechen. 

1. Eine augenscheinliche Wiederholung desselben ' befindet sich 
in der Münchener Glyptothek, abgebildet in Brauns Vorschule der 
Kunstmythologie Taf. 84, und besprochen von Brunn in seiner Be- 
schreibung der Glyptothek n. 91. Der Kopf ist geradaus gerichtet, 
der trübsinnige Ausdruck geschwunden. Die Uebereinstimmung der 
Züge ist evident; die Anordnung des Haares die nämliche bis ins 
Einzelne; sie ist dieser ganzen Gruppe von Köpfen eigenthümlich. 
Ebenso scheint der vor und unter den Ohren keimende Backenbart für die- 
selbe charakteristisch; er wiederholt sich an den jugendlichen Aresköpfen 



^) Becker Attguateom II 86. 

*) Wenig zuverlässig herausgegeben bei Clarao pl. 838 B, 2074 A. Vgl. 
Indicazione antiquar. per la villa suburb. dell' cooellent. casa Albani. Roma 
1785 n. 468, ediz. II Roma 1808 n. 381, Braun Ruinen und Museen Roms 
8. 704. Fiasch im BuUett. deU' Inst. 1878 S. 10 versichert, dass der Kopf nicht 
zugehörig sei, und erklart die Statue für eine der besten Repliken des Poly- 
kletisohen Doryphoros. Dagegen schreibt tnir Heibig : *Der Kopf ist aufgesetzt, 
aber entschieden zugehörig/ Auch in die Behauptung, dass die Figur unter 
die Doryphorosstatuen gehöre, setze ich starke Zweifel. 

>) Abgebüdet bei Visconti Monum. Gabini tav. X 23, Müller>Wieseler 
I Taf. 40, 168. Dürfte man den Publikationen trauen, so hatte der Kopf Aehn- 
lichkeit mit dem der vorhergenannten Statue; beide haben auch den kühn 
empor gerichteten Blick gemein, den Visconti wohl mit Unrecht charakteristisoh 
für Alexander glaubte. 



üeber einige Bronzebilder des Ares. S7 

kampanischer Münzen und römischer Familienmünzen, von denen ich 
durch Imhoof-BIumers Güte eine stattliche Beihe prüfen konnte. Auch 
der Helm hat die gleiche Form und den gleichen Schmuck: zwischen 
übereinstimmenden Ornamenten Hunde und Greife^). Das Gesicht ist 
fast ohne Affekt, aber das Muskelspiel in den Partien um den geöff- 
neten Mund und die Nase verräth ein heftig erregbares Gemüth. Der 
Kopf ist glatt gearbeitet und entbehrt der Empfindung und Lebens- 
frische eines Originalwerkes, aber er hat hinreichende Spuren eines 
sehr schönen Vorbildes. 

2. Im Gampo Santo von Pisa, abgebildet bei Lasinio sculture 
del campo santo tav. YII 108. 

3. Im Louvre, abgebildet im Mus^e Napoleon II 59, Bouillon 
mus. III^ bust. pl. 3, 6 ; vgl. Fröhner notice S. 161 n. 130. 

*) Statins Theb. III 223 nennt die Waffensiücke des Ares 'terriücis mon- 
Btrornm animata figuris*. Der Greif ist stehend am Helm der überaus schönen 
bärtigren Aresköpfe auf den Münzen der Bruttior, deren ich mehrere durch 
Imhoof-Blumers Freundlichkeit betrachten konnte; er findet sich am Helm des Ares 
auf der Barberinischen Kandelaberbasis, und dem Helm der BlundeUschen 
Statue; am Panzer des bärtigen Ares, SuppL au rec. d'antiqu. Suisses par le 
baron de Bonstetten pl. VI 16. Wenn auch der Greif, als Lichtsymboli allge- 
meine apotropäische Geltung hatte (vgl. Stephani compt-e rendu 1864 S. 63. 
119—144, 1865 S. 72. ff. und Öfter), so scheint es doch, dass man ihn besonders 
gern an den Waffen der Atheue und des Ares anbrachte. Die Atheneköpfe unter- 
italischer Münzen haben fast immer den Greif am Helm (vgl. Carelli Taf. 187, 
138 etc.). Bedeutsamer sind die Hunde, weil sie unmöglich durch Einreihung 
in die grosse Kategorie apotropäischer Thiere, sondern nur durch die Annahme 
eines speziellen mythologischen Bezuges erklärt werden können. Der Hund ge- 
hört Ares zu eigen, es wurden ihm an mehreren Orten Hundeopfer gebracht, 
▼gl. Preller gr. Myth. PS. 268, 4. Der Zusammenhang ergiebt sich mit Leich- 
tigkeit, wenn man Useners Erörterung im rhein. Mus. n. F. XXIII (1868) S 384 
ff. mit meinen Bemerkungen unten S. 41 fg. zusammenhalten mag. Der Hund ist 
attributiTes Thier des Ares in demselben Sinn und derselben Weise wie der 
Wolf. Bekanntlich sah man früher in den Thieren am Helm dieser Köpfe über- 
all Wölfe; Stephani entdeckte aber am Petersburger Exemplar Halsbänder, die 
auch Gonze anerkannte (Beiträge S. 9, 4) und an n. 5 sich wiederfinden, und 
nnabhäugig von ihnen bemerkt Bötticher (königl. Museen, Yerz. der Abgüsse, 
n. 717 S. 440 der II. Auflage), dass am Helm des borghesischen Ares nicht 
Wölfe sondern Hunde angebracht sind; von der Münchener Büste gilt das 
Gleiche. — Üebrigens beruht die scharfe Scheidung zwischen griechischer und 
römischer Kunst, welche Friederich^ hier und überall durchfuhren zu können 
meint, unzweifelhaft auf einer Täuschung. 



I 



38 üeber einige Bronzebilder des Ares. 

4. Im Museo Worsleiano, Visconti Taf. XIII 3; vgl. Conze im 
archaeol. Anzeiger 1864 S. 216*. Nach der Abbildung ist die Stirne 
stark gerunzelt, der Ausdruck zornig. Der Helm entbehrt jedes ReUef- 
schmuckes. 

5. Püblicirt in Gavaceppi's Raccolta II 21 als *eroe or esistente 
in Annover presse il generale Walmoden.' Es ist sehr gewagt^ nach 
dieser offenbar höchst unzuverlässigen Abbildung das Original zu bezeich- 
nen als den schönsten aller Aresköpfe. Die Helmzierrathe lassen ver- 
muthen, dass es dem unter n. 3 aufgeführten Exemplar sehr ähnlich ist. 

6. In der kk. Ermitage in Petersburg; vgl. Stephani compte 
rendu 1864 S. 123, 3. 

7. Früher im Besitz des duca die Nemi; vgl. Visconti mon. 
scelti Borgh. S. 36, 6 und Stephani a. a. 0. 

8. Fragment in der Ambraser Sammlung in Wien; vgl. Conze 
Beiträge S. 9, 1. 

Wahrscheinlich gehört in diese Reihe auch ein Madrider Kopf, 
den Hübner (Bildw. in Madrid n. 124) erwähnt, und mancher andere, 
welchen die Kataloge ohne eingehende Beschreibung aufführen. 

Der Typus, welchen diese Köpfe darstellen, gehört offenbar der 
Erfindung eines berühmten Meisters an ; es wäre aber, bei dem Mangel 
aller fesiten Anhaltspunkte, eiteles Wagen auf einen bestimmten Namen 
rathen zu wollen. 

Nicht wenig entfernt sich von diesem vielverbreiteten Typus ein 
Statuenbruchstück, das von B. Stark gründlich und gelehrt erörtert 
worden ist^). Es scheint mir aber, dass sowohl er als Hübnei* 
den künstlerischen Werth dieser seitdem im Abguss verbreiteten 
Skulptur bedeutend überschätzt haben. Wohl leuchtet ein Original 
guter Zeit und attischen Ursprunges hindurch, aber die Arbeit ist in 
fast allen Theilen flüchtig und flach. Indem der Kopist dem Kopfe 
den Geist nahm, ist an Stelle kriegerischer Entschlossenheit ein un- 
wirscher, zugleich gedrückter und blöder Ausdruck getreten. Die 
Formen des erhaltenen Stückes vom Körper sind nicht jugendlich zart, 
son(fem auffallend kümmerlich ; die hohe Stellung der Ohren ist viel- 
leicht dadurch bedingt worden, dass der Helm nicht gehörig in den 
Kopf gesetzt ist. — Es verdient hervorgehoben zu werden, dass unter 
den aufgeführten Skulpturen diese allein Ares den hohen korinthischen 
Helm giebt, während die gesammte Serie der Statuen und Köpfe, 



') Ber. d. sächs. Ges. 1864 S. 173 fgg. 



üeber einige Bronsebilder des Are«. 89 

welche wir vorhin besprochen haben, übereinstimmt in der Form des 
niedrigen, fast halbkugelförmigen und mit einer Stephane versehenen 
Helmes. Dagegen ist bei den Aresbronzen der korinthische Helm die 
Regel. 

Dass die Statue einen Ares darstellte, scheint mir keinen Zweifel 
zu leiden, und darch die Aegis selber bestätigt, welche hier nicht wie 
zu vereinzeltem Gebrauch entliehen, sondern als zugehöriges Attribut 
erscheint^). Hingegen sehe ich nicht ein wie sie berechtigen könne, 
diesen Ares als Ares Soter zu bezeichnen'). Denn die Aegis deutet 
nicht auf ein besonderes Amt des Gottes, eine einzelne Seite seines 
Wesens und Wirkens, sondern ist klares Symbol seiner ursprüng- 
lichen Natur als Himmelsgott, lieber die Bedeutung der Aegis selber 
bedarf es ja kaum eines Wortes. Das mythologische Wesen des Ares 
redet vernehmlich aus der Hias. Sie lässt den verwundeten dröhnend 
aufbrüUen gleich neun- oder zehntausend Mannen iu der Schlacht, und 
dann mit dem Gewölk zum Himmel fahren:, 'also erscheint die 
glänzende Luft zwischen den Wolken, wenn die Hitze durch den scharf- 
wehenden Wind vertrieben wird.' Von Athene mit einem mächtigen 
Stein getroffen, deckt er niederstürzend sieben Hufen Landes und um 
ihn rasselt seine Rüstung 3). Das sind vereinzelte Naturlaute einer 
gewaltigen Bildsprache, die wie aus einer anderen Welt des mytholo- 
gischen Glaubens und Ausdruckes in die homerische Darstellung hin- 
einklingen. Die alte Naturbedeutung, wiewohl poetisch umgesetzt, 
lebt auch noch fort in den Schilderungen, welche römische Dichter 
von Ares entwerfen wie Statins: 



') Brustbilder auf Münsen, wie das des Marc Aurel Cohen med. imper. 
11 pl. 17, 369, mit Aegis über der Unken Schalter, Schwertriemen über den 
Rücken und Lanze, einen Lorbeerkranz am den Kopf, scheinen mir jedesmal 
den Kaiser als Mars daranstellen. 

') Die Entwiokelung Starke nimmt ihren Ausgang von einer irrthüm- 
liehen Auffassung. Christodor 96 beschreibt ein Erzbild des lulius Caesar, das 
auf der Schalter die Aegis trug, wie das Madrider Fragment, in der Rechten 
den Blitz hielt: ota Z€vs viog alXog, Dies heisst nicht 'als lupiter luvenis', 
sondern, nach einer der jüngeren epischen Sprache sehr geläufigen Formel: als 
ein anderer, ein zweiter Zeus. Ueberdies ergiebt sich, wie mir scheint, aus 
Starks ParaUelisirungen und Kombinationen gar keine Berechtigung, auf Ares 
einen Kultusbeinamen zu übertragen, den wir nur in Verbindung mit anderen 
Gottheiten nachweisen können. 

•) JE 859 fgg., * 406 fgg. 



40 Ueber einige Bronzebilder des Ares. 

ille furentes 
Bistonas et Geticas populatus caedibos urbes, 
turbidus aetherias currus urgebat ad arces, 
fulmine cristatum galeae iubar armaque in auro 
triBtia, terrificis monstrorum animata figuris, 
incutiens; tonat axe peius clipeique cruenta 
lux rubet, et solem longe ferit aemulus orbis. 
hunc ubi Sarmaticqs etiamnum efSare labores 
luppiter et tota perfasum pectora belli 
tempestate videt *talis mihi, nate, per Argos, 
talis abi, sie ense inadens, hac nubilus ira* etc/ 

Ein sehr später anonymer Dichter singt in einem kurzen Hym- 
nus auf den Kriegsgott: 

tu crista galeaque rubes, tu pulcher in auro 
incutia e vultu radiantia lumina ferro (terrae?), 
te thorax galeaeque tegunt, non quo tibi terror 
hostilis subeat, sed quod decor exit ab armis. 
tu cum pulsatum clipei concusseris orbem, 
immugit raundus, tellus tremit, aequora cedunt. 

Bei Virgil heisst es: 

sanguineus Mavors clipeo intonat. 

Damit vergleiche man Kallimachos: 

aAfjx Ol AQTjg 
Ila^ycLiov jrQod'fkv^va TcaQtjaTa fiillev aelgag 
ifLißakeeiv divyuiv anoxQvxpai de ^^ad'Qa, 
vipod-e 6' iaiuagayr^os ymi dam da Tvipev dnwxy 
äovQOTog' T^ (J' elili^ev ivoTtXiov' i'tQEf.ie d' ^Öoaf]g 
ovQta xai /vsdiov Kgawciviov a% t€ dvaaelg 
eoycLxiai IlivdoLO, q^oßqj <J' iogxfjoaro näoct 
GaaaaXiTi' zolog yag a/t' dojridog sßgax^v fjxog^). 

In diesen Stellen erscheint Ares deutlich als mächtiger Himmels- 
gott, als Gott des düsteren Gewitterhimmels. 

So ist es wohl auch nicht zufällig, wenn in der Ilias das Wüthen 
des Ares dem finsteren Sturme verglichen wird 2); freilich konnte nicht 



') Die hier abgedruckten Stellen sind folgende : Theb. lU 220 fgg., Meyers 
antbol. Ist. 585, 5 ff.. Virgil Aen. XII 332, KaUimachos h. in Del. 133 fgg. Vgl. 
Dracont. III 43. 

') Y 51. 



üeber einige Bronsebilder des Ares. 41 

fehlen, dass eine Vorstellung, welche dem homerischen Dichter nur 
noch ein poetisches Bild war, auch auf Heroen übertragen wurde ^). 
Der Epiker Antimachos, welcher gern uralte Züge der Göttersage be- 
nutzte, nannte die Aressöhne Deimos und Phobos Kinder der OveXXa '). 
Erscheint Ares hier überall auf das Deutlichste als Gewitter* 
Stürmer, so liegt darin doch nur eine Seite des Himmelsgottes be- 
schlossen. Neben Zeus und ApoUon kam die lichte Hälfte seines 
Wesens nicht zur Entfaltung, oder trat doch zurück im religiösen Be- 
wusstsein einer verhältnissmässig jüngeren Zeit. Aber die uralten 
Sagen von seiner Bewältigung durch die Biesen Otos und Ephialtes 
und der Gefangenschaft im ehernen Fass, vom goldenen Vliess im 
Hain des Ares weisen noch deutlich auf Licht und Sonne. Ares stellt 
sich neben ApoUon, der gleich ihm aus Zeus herausgewachsen ist^), 



>) So auf Hektor ^ 297, vgl. Nonn. Dion. 30, 126 und sonst 
*) Fntgm. 45 StoU, ans schol. IL /Y~439. Ares selbst führt den Namen 
Phobos in der kürstich gefandenen Inschrift von Seiinas, vgl. Benudorf die Me- 
topen Ton Selinunt S. 27 £f. 

*) Wie dieses geschehen konnte, lehrt der Zevi kqho^ (vgl. den Zevs Ivv- 
ahog). Für diese Genesis, welche freilich nur in grösserem Zusammenhang feste 
Begründang erhalten könnte, spricht auch der Umstand, dass der Hain in 
Kolchis, welcher insgemein für den des Ares galt, von Hellanikos Hain des 
ZeoB genannt warde «(schol. Apollon. 2, 406, Eratosth. catast. 19. Hygin 22). 
An Stelle der petra ApoUinis bei Hygin fab. 141 tritt petra Martis in der- 
selben Ensahlung bei Lactant. fab. V 9 und dem Mythogr. Yat II fab. 101. Auf 
dem Silbergefass von Weddingen abgeb. in den Mitth. der ant. Ges. in Zürich 
Bd. XY Taf. 13 ist Ares der Schwan beigegeben. Bezeichnend ist der Name 
der Gemahlin des Ares X^va^ und der des Sohnes Beider 4>Uyvas. Der italische 
Mars wird im ArvaUiede *Marmar* angerufen, und führt auf Inschriften den Bei- 
namen 'LoQcetius*. Altitalische Kultusnamen des Ares giebt Lykophron wieder 
V. 937 fg. (vgl. V. 1410) rdv t€ K^tiortovris ^fov | Kav^dov 3 Mafi((nov 
onUrtiv Xvxov, Vgl. den Heliossohn KdvSaXog bei Diod. V 56, und lohannes 
Schmidt a. a. 0. S. 97. Einen Mars Neton, der mit Strahlen ausgestattet war, ver- 
ehrten die Bewohner von Acci, dem heutigen Guadix in Spanien, nach Macro- 
bins I 19, 5, vgl. C. Inscr. L. II 3386 und Hübner im Hermes I S. 346 fg. Be- 
zeichnend ist auch, dass öfters die leuchtenden oder sprühenden Augen des Ared 
hervorgehoben werden , s. II. S 349, anth. lat. 585, 6 (Meyer). !kQiis nnd Ugeiog 
aeheint mir einfach *der Starke\ and der Stamm derselbe wie in »(h- und 
i(H', jl^iwy nnd ^Egitov, Doch mag in letzter Linie eine rein sinnliche Be- 
deainng za Grunde liegen. •— Darob Vermahlnng mit Demeter Erinnys tritt 
Area neben den Himmelsgott Poseidon: vgl. Kuhn in Zeitschr. f. vgl. Spraohf. 
I S. 452 %g. 



42 Ueber einige pronzebilder des Are«. 

wenn er den Wolf als heiliges Symbol mit ihm gemein hat, und ein 
Sohn von ihm Avxovqyot; und Avxatav heisst, gewiss nach alten Bei* 
namen des Ares selber; wenn er in Sophokles König Oedipus Pest 
verhängt Oy wie ApoUon im Anfang der Ilias die Pestpfeile versendet, 
wenn er als Todesgott bei den Lakoniem QrjQshag heisst^), wie 
Persephone in einem böotischen Kultus den Beinamen Gi^ga fOhrt'), 
wie Artemis die Todesgöttin Jägerin ist und Hades Zkxygevg genannt 
wird^). Es ist bedeutsam, dass Aeschykis, der gern alte religiöse 
Formeln anwendet, den Chor der Ghoephoren (926) singen lässt: 

efiols d' ig dofiov vov ^^ya^ifivovog 

dutXovg liwv^ dmkovg ''^Qrjg. 
Denn der Löwe ist bekanntes Symbol der Sonne und als solches^) 
uraltes Bild verzehrender Gewalt und Vernichtung. Nach der Ilias ist 
Artemis von Zeus als Löwe über die Weiber gesetzt, denn er habe 
ihr verliehen zu tödten wen sie wolle; £uphorion und Lykophron, 
indem sie aus einer veralteten Metapher der Kultussprache ein schillern- 
des Epitheton machten, nannten den Lö#ven x^iQ^^^)- Selbst diese 
Züge, welche den Sonnengott bezeichnen, kehren das düstere Wirken 
hervor, ungleich häufiger walten Beziehungen auf Gewitter und Sturm. 
Ares scheint von Apoll zurückgedrängt worden zu sein, dass sein 
Wesen in dieser sinistren Richtung sich entwickelte, und der Grund 
hiervon kann in örtlichen und geschichtlichen Verhältnissen gelegen 
haben. 

So mochte die bewölkte Physiognomie, das melancholische Wesen 
des Ares aus dem Grund seiner mythologischen Naturbedeutung her- 



') Soph. 0. R. 190 mit dem bezeichnenden Ausdruck €plfyei;Y. 27 heiast 
die Peat nv^oQog ^<o;. Auch in diesem Wirken entspricht Ares der italische 
Mars, welchen das AinraUied bittet, das Fieber abzuwehren. Denn dieselben 
Gottheiten senden und bannen ein Uebel. Ares wirkt Geistesverwirrung Soph. 
Ai. 706. 

') Pausan. III 19, 7. 8, Hesyoh. Sff^irag 6 *EvvaXiOS nofm Aaxmaiv, 

s) Paus. IX 89, 4. 

*) Vgl. hierzu B. Schmidt Volksleben der Neugriechen I S. 227. 

^) *Der Fenergott wird ein Geist der Vernichtung, ein verzehrendes und 
fressendes Feuer, wie es von Jehovah gesagt ist*, Roohholz deutscher Glaube 
und Brauch I S. 66. « 

^) Vgl. B. 4» 481 ff., Meineke Analecta Alex. p. 84 fg. Es scheint mir 
anzweifelhaft, daas der Löwe auf griechischen Sarko&gen und GrabmalerB als 
Todessymbol aufzufassen ist. 



üeber einige Bronzebilder des AreB. 43 

vorgehen und erst durch jüngere Vorstellung und Kunst auf das 
Liebesschmachten des Gottes und die Wechselfälle seines Verkehrs 
mit Aphrodite bezogen werden. Zwischen uraltem Naturglauben und 
kflnstlerischer Charakteristik liefen vermittelnd die Fäden von tausend 
Beiwörtern und Formeln, welche religiöse Geltung und Fortpflanzung 
genossen und dem Künstler die Hand leiteten; uns sind sie, bis auf 
verstreute Reste, denen wir bei den Dichtem nachzugehen haben, 
verloren gegangen. Und die religiöse Kunst der Griechen bewährt in 
ihrem Entwicklungsgang Überall den fruchtbaren Trieb, urwüchsige 
Motive und Züge primitiver Symbolik durch neue Beziehungen und 
Kombinationen umzudeuten in allgemein menschlichem Sinn und ihnen 
Inhalt dichterischer und ethischer Art zu verleihen. Hier oflfenbart sich 
ein Widerspiel und Gleichgewicht von fromm beharrender Zähigkeit 
und betriebsamer Erfindung, in welchem das hohe Wesen der antiken 
Kunst zum guten Jheil gegründet ist. Diese Sätze wird dereinst die 
'Kunstmjrthologie^ durch Verfolgung der typischen Göttererscheinungen 
und Erforschung der Attribute und Symbole an vielen Beispielen er- 
weisen können ; denn dieser BegriiF ist einer wesentlichen Vertiefung 
fähig und bedürftig. 

Zürich. K. Dilthey. 



2. Die kunstgeschichtlichen Beziehungen zwischen dem Rheinlande 

und Westfalen*). 

Ich habe mir vorgeuommen, heute die kuDstgeschichtlichen Be- 
ziehungen zwischen dem Rhein- und Westfalenlande zu besprechen. 
Dies Thema beschäftigt sich zwar von vornherein mit einem Kunst- 
material christlicher Cultur und dennoch dürfte es nicht im Widerspruch 
stehen mit der Bedeutung des Tages, an dem wir das Oeburtsfest 
jenes Genius begehen, welcher der dankbaren Welt den Himmel der 
antiken Kunst und Kunstschönheit erschloss und als den Wiederschein 
des gesammten Natur- und Geisteslebens treflFend und plastisch ver- 
anschaulichte. Die Antike, die Vorgängerin und mit ihrer reichen 
Schönheit wiederholt eine Hauptquelle der späteren Kunstphasen, ging 
auch in der wissenschaftlichen Werthschätzung der Kunst des Mittel- 
alters und der Neuzeit voran. Indem Winckelmann in seiner Kunst- 
geschichte den Nachfolgern für immer die Gliederung des vorraittelalter- 
lichen Kunstvorraths an die Hand gab, hat er nicht nur den frühem 
ästhetischen Theoremen \) und antiquarischen Leistungen^) Richtung 
und System verliehen, sondern damit auch der Kunst '), welche sich 
diesseits der Antike entwickelte, ihre Stellung angewiesen und ihrer 
Erforschung eine Grundlage bereitet. Denn wurde schon durch diese Ar- 
beit der Geschichtswissenschaft überhaupt in ihrer Bedeutung und Dar- 
stellung der dankenswertheste, wichtigste Dienst erwiesen, so hätte 
ohne Winckelmann, ohne systematische Klärung der Antike die mittel- 
alterliche Kunstwissenschaft, zumal der Engländer ^), wohl nicht so 
leicht einen Halt gewonnen, Göthe, Foi*ster, Schlegel'^) und die Ro- 



* Vortrag gehalten auf dem Winckelmannsfeste za Bonn am 9. Deoember 
1872. For den Druck verbessert und mit ausführlichen Belegen versehen. 



Die knnatgeschicfatl. Besiehangen zwischen dem Rheinlande u. Westfalen. 46 

mantiker nicht so bald ein offenes, empfängliches Auge fflr den künst- 
lerischen Nachlass des Mittelalters gehabt; und die reale, kritische 
Eünstforschung von heute muss wiederholt ähnliche Mittel und Wege 
nehmen, um ihr Material zu bewältigen, wie Winckelmann behufs 
KlarsteUung der Antike. 

Die „Griechische Baukunst bot doch in ihrem Entwickelungsgange 
Aehnlichkeiten mit demjenigen der gothischen dar/' und wie lange 
hat sich doch das Mittelalter mit antiken und urwüchsigen Motiven 
befaetfen, wie viele von der Antike geleitete Experimente anstellen 
müssen, bis es einen selbstständigen Kunststil, der seiner Herkunft 
und Zeit entsprach, erzeugte. Der Westen und Süden konnten sich 
dabei einer antiken Erbschaft von Kunst und Künstlern bedienen, — 
die Länder des Nordens, Westfalen auch, entbehrten dieser Yortheile : 
diese konnten erst an der allgemeinen Cultur- und Kunstentwickelung 
Theil nehmen, als ihnen mit dem Christenthum der Beruf zu einer 
hohem Givilisation und die Verbindung mit dem culturreichern Westen 
überkommen war. Dass das Rheinland dabei eine wichtige Rolle gespielt, 
und schon früher westlalische Stämme dem Rheine freundlich oder 
feindlich sich genäheil haben, scheinen besonders auch die Sagen nach- 
klingen zu lassen, die Kunde von den Nibelungen wäre von Männern 
aus Münster und Soest zuerst an den Rhein, und der Leib des Hai- 
monskindes Reinold von Köln nach Dortmund gebracht*). 

Doch waren es, soweit sich nachweisen lässt, nicht die benach- 
barten Rheinlande, welche in Westfalen zuerst die Keime der Kunst 
einsetzen sollten, es waren die westlichem Gebiete, wo die Wiege der 
Karolinger gestanden und wo die Reibung von Deutschen und Wälschen 
geistige und ästhetische Interessen zeitig gefördert hatte. Die fränkische 
Princessin Ida verschönert in Westfalen ihren neuen Wohnsitz Herz- 
feld an der Lippe mit einer Steinkirche, indess das Land rihgsher für 
die Qottejshäoser wie für die Wohnungen nur den Holzbau, zu hand- 
haben verstand ; Herford errichtet seine Stiftsgebäude ad exemplum des 
Frauenklosters Soissons und Korvei, und dies neue Licht an der Weser 
baut sich ähnlich an, wie das Mutterkloster Corbie an der Somme. 
Westfalen aber geht fortab mit den ihm gebrachten Anregungen und 
Colturkeimen so haushälterisch um, dass es bald unter dem segens- 
reichen Schirm der Ottonen mit dem stammverwandten Sachsen einen 
Galtnraufschwung nimmt, wie ihn das Rheinland später und dafür 
auch gewaltiger seinem Strome, seiner Lage und altern Kunsterbschaft 
abgewinnen sollte. Inuner reger stampft es auf dem Boden der Kunst, 



46 Die konatgrascbichtl. Besiebungen zwitchan dem Bheinlande n. Westfalen. 

immer weiter greifen die Pläne, und weil dagegen die heimischen 
Kräfte noch zurückstanden, berief die vornehme Dame Marcsuidis 
939 für den Neubau des Klosters Schildescbe Zimmerleute, Maurer 
und Steinwerker aus Franzien^), und als kaum hundert Jahre später 
die nordischen Domplätze wie mit Gewalt eine Kunstblüthe zeitigen 
wollten, liess Bischof Meinwerk von Paderborn (1009—1036) seine 
Bussdorfkirche ad similitudinem der Grabeskirche zu Jerusalem und 
die zierliche Bartholomäuskapelle durch italiänische Griechen, — 
andere seiner vielen Baupläne vielleicht durch die von Cluny berufenen 
Benedictiner ausführen. Jeder Künstler, jedes fremde Kunstmotiv war 
ihm in der kunstarmen Heimat willkommen, und so mochte ihm die 
wechselvolle Säulenanordnung in der Krypta zu Emmerich, mit der ihn 
gewiss seine Familienbeziehungen zum Niederrhein bekannt gemacht 
hatten, als nachahmenswerthes Muster beim Bau der Abdinghofer 
Krypta^} seines Bischofssitzes erscheinen. 

Kaum dreissig Jahre nach Meinwerks Heimgange 1068 bestieg 
den Bischofsstuhl zu Osnabrück ein Mann, der in sich das verkör- 
perte Bild des staunenswerthen Kunstlebens seiner Zeit darstellt, 
eine Grösse, die, nachdem sie früher auf verschiedenen Kaiser* 
pfalzen und Domplätzen gebaut und geleuchtet hatte, noch als 
Greis mehrere Male na«h Speier reisen muss, um durch geschickte 
Substructionen den neuen Kaiserdom vor den reissenden Unterspülungen 
des Rheines zu schützen und vielleicht auch im Baue zu fördern '). — 
Diese That Benno's von Osnabrück bezeichnet eine namhafte, indess 
vereinzelte und persönliche Kunstbeziehung Westfalens zum Rheine, 
und ebenso gering dürfte für damals der Kunstaustausch des Rheines 
nach dem Nachbarlande hin anzuschlagen sein. Will man audi die 
Ansicht eines verdienten Bauforschers, als ob in Köln seit 1059 der 
romanisch-vaterländische Stil entwickelt und von dort zunächst nach 
Westfalen und Sachsen übertragen sei^^), nicht unbedingt v^werfen, 
so kann dieser Einfluss weniger das Systematische als das Stilistische, 
als die Stilfeinheiten der Bauwerke betroffen haben, und anderseits 
bleibt zu beachten, ob nicht Benno's regsame und darum so viel be- 
neidete Wirksamkeit in Köln an jener rheinischen Bauentwickelung 
seinen Antheil habe. Angeregt von der Werkthätigkeit des ^esammten 
Sachsenlandes konnte Westfalen damals an manchen Werken die Er- 
fordernisse eines Stil- und Schönheitsbaues selbstständig herausarbeiten 
und wenigstens hier und dort mit den gesteigerten Kunstbestrebungen 
des Niederrheines wetteifern: das geschah zu Soest, wie die ält^n 



Die koitftgMchiohiL Beriehungen zwischen dem Rheinlande q. Wastl&leo. 47 

basilikalen TheQe des Domes zeigen und das geschab an der Kloster- 
kirche zu Iburg bei Osnabrück, wie die Baureste mit dem Eckblatt 
und die rühmlichen Berichte von Augenzeugen ergeben: es war ja 
Benno^s eigenstes, angelegentlichstes Werk! 

Auch im entwickelten romanischen Stile sucht man in Westfalen 
charakteristische Merkmale rheinischer Kirchen vergebens: versteckte 
Portale, Kuppelbauten, Doppel* oder flankirende Thürme sind als ver- 
einzelte und, weil nie vereinte, Erscheinungen schwerlich auf ein 
rheinisches Muster zurückzufahren. Und wenn schon in frühromanischer 
Zeit die Sculpturen und Kleinkünste des Domes zu Münster einem 
Kölner Bewunderung abnöthigen^'), sollte dann die Architektur, die 
Grundlage der iibrigen Künste, nicht schon eine entsprechende selbst- 
ständige Durchbildung erfahren haben! Es wurde in der That der 
bei der Christianisirung eingeführte Steinbau im 11. Jahrhundert immer 
allgemeiner, wahrscheinlich bald darauf den meisten Dorf- und Land- 
kirchen zu Theil, es wurde nun die Wölbung an Krypten, Altaren 
und Kapellen so weit gehandhabt, dass sie früh im 12. Jahrhundert 
schon die grösseren Bäume der Abseiten, etwas später die ganze 
Kirche bedecken konnte ; und mit der Technik wurde die Form so leicht 
beherrscht, dass man bald nach der Mitte des 12. Jahrhunderts die 
seither nur an Krypten und Kapellen versuchte Hallenform auch an 
grossen Gotteshäusern zu Ehren bringt. 

Drei Schiffe gleich hoch, das Mittelschiff breiter als die Seiten- 
schiffe, das Fehlen eines Kreuzbaues, einfache Thurmanlage, hohe und 
kahlere Dachbildung stellen die erst in der Gothik ausgebildete ge- 
wöhnliche Hallenkirche dar, und wenn diese auf den malerischen 
Wechsel verzichtet, welchen eine Basilika im Grund- und Aufrisse ent- 
faltet, so bietet sie dafür nicht weniger eine ernste Einfalt wie licht- 
volle^ Anordnung ; und wenn ihre schlichte Gestalt in Werksteinen noch 
Perlen der zieiliphsten Schönheit, wie die Lambertikirche zu Münster 
und die Wiesenkirche in Soest, aufzuweisen hat, so empfahl sie sich ganz 
vorzüglich den grossen Baurevieren des schematischen und weniger 
bildsamen Ziegelsteines. Ich habe hier nicht genauer auf die örtlich 
und fbrmel verschiedenen Versuche Westfalens einzugehen, eine ent- 
wickelungsf&hige Hallenform herzustellen; ich will hier nur hervor- 
heben, dass ohne Zweifel die um 1173 begonnene Ludgerikirche zu 
Münster zuerst jene fruchtbare Hallenform anstrebt, welche im 
Anschlüsse an die Gewölbeeintheilung der romanischen Basilika die 
charakteristische Gleichzahl der Joche in allen Schiffen und demge* 



48 Die kanstgeschichtl. Beziehungen zwischen dem Rheialande u. Westfalen. 

mäss die gleiche Stärke aller Stützen bedeutet ^'). Nachdem das System 
mit Hälfe des Spitzbogens seine Vollendung erlangt hat, verdrängt es* 
im Norden, Osten und Süden Deutschlands weiter und breiter die Basi- 
lika, es gefällt noch im Spätmittelalter dem Italiener Enea Silvio so 
wohl, dass er als Papst (Pius II) unter den stattlichen Bauwerken, 
womit er seine Heimaih Pienza verschönert, (1462) auch einen Dom 
in Hallenform aufführte ^''). Hätte ihr das Rheinland auf die Dauer 
widerstehen sollen? Sie wagt sich am Mittelrhein freilich nur mit 
kleineren Werken zwischen die stolzen Basiliken, dafür findet sie am 
Niederrhein, in Westfalens Nähe, eine um so freundlichere Aufnahme 
und entfaltet ihr ganzes Wesen, man möchte sagen, grossartig in der 
Nicolai-Pfarrkirche zu Calcar **), obgleich St. Victor zu Xanten in allen 
basilikalen Schönheiten aufstieg. Hier sollte das einfache System 
später noch eine eigenthümliche Umbildung erfahren und damit sogar 
wieder Einiluss nehmen auf die westfälische Heimath. 

Hat die romanische Kunst bloss bauliche Einflüsse unter beiden 
Ländern gekannt? Wenn auch in andern Kunstgattungen ein Verkehr 
bestand, so darf man ihn von vornherein dem Niederrhein und dem 
Westtheile Westfalens zuschreiben. Diese Gegenden haben lange Zeit 
einen so wohlthuenden Wechselverkehr unterhalten, ¥rie ihn die enge, 
durch keine Naturhindernisse gestörte Nachbarschaft, die ähnlichen 
Boden- und Nahraogsverhältnisse begründeten und der dem Mangel des 
einen Landes zu Gute kommende Ueberfluss des andern befestigte. 
Hier wie dort will der romanische Stil ungern der Gothik weichen. 
Der Westfale hatte hier den Rhein und Rheinverkehr am nächsten, 
der Niederrhein und der Westfälische Grenzsaum benutzten, beide arm 
an gewachsenen Steinen, ursprünglich den weithergeholten Tufltetein, 
auf die Dauer jedoch als Füllung den Ziegelstein und als Werkstein 
für die feinern Theile den bildsamen Bruchstein. Westfalen konnte, 
wie es vom Rheine vereinzelt den Tuffstein bezogen, dahin, nur massen- 
hafter, seinen Bruchstein zurückgehen lassen. So lieferten die Baum- 
berge (östlich von Coesfeld) ihren hellgelb-weisslichen und verarbeit- 
samen Sandstein in stärkern und leichtern Stücken über die Ostgrenze 
des Landes und nicht weniger über die Westgrenze, ja nach dem 
Niederrhein hin so massenhaft, dass er von Wesel, wo «r gelagert zu 
sein scheint, nach den einzelnen Bau- oder Bedürfnissstätt^n des Nieder- 
rheins vertrieben wurde. Die Xantener bestellten ihn sogar für die 
feinern Details ihres Domes in der gewünschten Grösse und Form 
an den Brüchen*^). Nördlich von den Baumbergen und dem Nieder- 



Die kanstgescluchtl. Benebungen zwischen dem Rbeinlande u. Westfalen. 49 

rhcin nicht ferner bargen die Gruben von Gildehaus und die noch 
altem von Bentheim einen harten, körnigen, dunklern oder gelberp 
Sandstein, und ihnen entstammt wahrscheinlich ein romanischer Tauf- 
stein der Kirche zu Wissel bei Calcar. Seine Base ist viereckig, der 
Ständer rund und in regelmässigen Abständen von löwenartigen Thier- 
gebilden besetzt, die aufrecht so nach aussen sehen, dass über ihren 
Köpfen mittelst eines Wulstes das Becken ausladet; das runde, tief 
ausgehöhlte Becken umzieht oben zwischen zwei Tauverzierungen ein 
Rankenge winde mit Blättern und viereckig umrandeten Trauben, unten 
legen sich aufrechte palmettenartige Blätter herum, jedesmal im Felde 
der vier Löwen des Fusses unterbrochen von zwei Menschenköpfen ~ 
Alles möglichst steif und schematisch. Zeigte auch der rohe Stein 
nicht auf die Bentheimer Brüche, so gleicht das Ganze schon so sehr 
einer Beihe westfälischer Taufsteine, dass man ihm wohl nur dieselbe 
Herkunft beilegen kann wie diesen ; diese finden sich aber wie im 
Halbkreise um die Brücke verbreitet in den Kirchen des Emslandes 
und Westfalens, mir einzelne haben sich weiter in den Norden oder in 
die Mitte des Landes zerstreut. Sie zeigen zwar namentlich im Or- 
nament des Beckens und in der Zahl der Tauverzierungen grössere 
oder geringere Abweichungen — allen gemeinsam ist im romanischen 
Typus die viereckige Base, der runde mit aufrechten Gestalten um- 
stellte Ständer und das über den Köpfen desselben ausladende runde 
Becken. ") Da auch einfachere Formen im Innern des Landes den 
Bentheimer Stein verraten, so liegt die Annahme nahe, es wären bei 
den Bentheimer Brüchen in romanischer Zeit Taufsteine handwerks- 
mässig angefertigt und nach allen Richtungen nach Westfalen, wie 
nach dem Emslande und Niederrhein käuflich verschickt worden. 
Jedenfalls hat auch der zweite Taufstein zu Wissel dieselbe Herkunft, 
wie Fuss nnd Becken dieselbe Form, nur dass das letztere durch die 
dicke Tünche als Flächenzier bloss mehr eine gewisse Quadrirung 
scheinen lässt. 

Die Kunstbeziehungen innerhalb des romanischen Stils sind 
gewiss lehrreich, sie treten indess nur zufällig, nur vereinzelt nach 
Ort und Gattung auf, wenn wir sie mit jenen der Folgezeit ver- 
gleichen, wo sich neue politische, cultur- und kunstgeschichtliche 
Hebel einsetzten, um beiden Nachbarländern einen so warmen 
Wechselverkehr zu bescheeren, dass für Jahrhunderte ein Hin- und Her- 
wogen der Motive ermöglicht wurde. Den Wendepunkt bildet auch 
hier das 13. Jahrhundert. Die Auflösung des sächsischen HerzojEcthuras 

4 



60 Did kirastgetchichtl. Beziehungeii zwiichen dem Bheinlaade %l Westfalen. 

hatte Westfalen vom Osten losgerissen und die Hälfte des Landes, 
dessen grösserer Umfang kirchlich schon längst dem Erzbisthum Köln 
untergeben war, diesem auch politisch einverleibt. Dort wie hier 
erbiahten in Freiheit die Städte, und um die Segnungen des Handels 
und W^arenvertriebs möglichst vollständig zu gemessen, verbanden 
sie sich zu Schutzbündnissen gegen Wegelagerer und jede Art von 
Verkehrsstörung. In dem städtischen Handelsverband, der als Hanse 
den ganzen Norden bis nach England und Bussland umschlang, bildeten 
schliesslich Westfalen und der Rhein unter der Metropole Köln ein 
Verkehrsglied i^), beherrschten Köln, Münster, Soest und Dortmund als 
Hauptinteressenten des Londoner Stalhofes den deutschen Handel in 
England. Die Städte zeitigten somit zuerst einen Wechselverkehr der 
profanen Lebensinteressen, welcher weit über die Grenzen des eigenen 
und des Nachbarlandes hinauswogte, sie traten dadurch immer 
wirkungsvoller als die' Angelpunkte der Cultur in den Vordergrund 
und sie haben auch die Pflege der Künste in die Hand genommra 
und fortgesetzt, grade als die KlQster und Domplätze dem Richtscheit, 
Meissel und Pinsel entsagten, und von Frankreijch eine neue Stilart, 
die Gothik, herüberkam, welche triumphirend den einen Bauplatz nach 
dem andern, die eine Kunstgattung nach der andern den herkömm- 
heben Formen entriss und den ihrigen mit unerbittlicher Gonsequenz 
unterordnete. 

Auch der erweiterte Lebens- und Gesichtskreis vermag den 
Westfalen nicht zu bestimmen, so schnell und entschieden, wie das 
Rheinland, dem neuen Stile zu huldigen ; fest verwachsen mit dem Cre- 
wohnten muss er dessen Formen erst gehörig, man möchte sagen, noch 
an der Hand der romanischen Kunst sich einüben und einprägen, be- 
vor er sie rein und lauter zur Geltung bringt, und selbst, wo er sie 
beherrscht, vermag er noch so wenig durchgreifend mit dem Alt^ zu 
brechen, dass er neben seiner Hallenform keine gothische Basilika 
aufkommen, die stolzesten Thurmbauten, wie früher, ohne Streben auf- 
steigen lässt und das Omamentale schlicht, aber klar handhabt Und 
welche Selbstständigkeit, Werkthätigkeit und Meislerschaft hat sich 
in diesem westfälischen Baukreise entwickelt, zumal an den Glanz- 
punkten Münster, Dortmund und Soest? Soest, die alte, volk- und 
verkehrreiche Stadt setzt seine Bauthätigkeit auf der breiten GfUnd- 
lage der früheren Zeit fort, den rheinischen Einflüssen, so nahe sie 
auch der rege Verkehr mit Köln legte, nur geringe Goncessionen 
machend; in Dortmund werden in das von 1296—1506 reichende 



Die kimsigesobiohtL Boriehongen ewisohen dem Rheinlande u. West&leii. 61 

Bflrgerbach neben den Gewerbetreibenden und Kaufleuten beinahe Jahr 
i&r Jahr Vertreter der monumentalen und Kleinkünste eingetragen, 
80 besonders Steinmetzen, Zimmerleute und Maler, jedoch mit zwei 
Ausnahmen, sämmtlich Westfalen; und wenn man in der Heimat 
und im Auslande von Münster erzählte, seine Liebfrauenkirche, be- 
gonnen 1340, sei von Johann, dem Sohne des weltbekannten Strass- 
burg^ Dombaumeisters Erwin von Steinbach aufgeführt, oder seine 
Lambertikirche, begonnen 1375, wäre von Tyrolem erbaut, so wollen 
diese Sagen, deren Einzelbestandtheile entweder falsch oder unerwiesen 
sind, gewiss weniger die Erinnerung, dass die Gothik als fremdländisches 
Gewächs auch hier eingebürgert sei, als die Thatsache bestätigen, dass 
sie sich hier in Werken verkörpert habe, welche den grössten Meistern 
des Auslandes Ehre machen könnten. In der That sahen diese beiden 
Eirchenbauten im Kleinen, wie der Kölner Dom im Grossen, als sie 
eben ihre schönen Glieder zeigten, ihre verkleinerten Abbilder rings- 
h&c auf dem Lande erstehen. 1405 wird ein Meister Kurd von Münster 
mit seinen Gesellen zum Ausbau des Rathhaus^ nach Bremen be- 
rufen und der Meister der Albrechtsburg zu Meissen (1471— 1483), jenes 
«grossartigen Prachtwerkes^, Arnold Bestürling, war ein Westfale'^). 

West&lens Anhänglichkeit an den romanischen, Westfalens 
Sdbständigkeit im gothiscfaen Stil fällt um so mehr auf, als seit Mitte 
des 13. Jahrhunderts Köln an einem basilikalen Dombau arbeitete, 
der an Grösse und Pracht in allen Landen seines Gleichen nicht sehen 
soDtOy und der noch als Torso, schon mit seinem Haupte, so gewaltig 
imponirte, dass man die schönsten Bauten der Umgegend nach seinem 
Vorbilde anlegte. Wir lassen es dahin gestellt, ob gewisse Profilirungen 
der Beinoldikirche zu Dortmund nach rheinischen Mustern gezeichnet 
sind, ob die beid^ in's dortige Lagerbuch eingetragenen Steinmetzen 
aus Kettwig in der Köliier Hütte gearbeitet haben : Thatsache ist, 
dass, wo Westfalen durchgehends einfachere Grundrisse liebte, die 
reichen Grundrisse des Hauptchors und der Seitenchöre der Petrikirche 
zu Soest unter dem überwältigenden Eindrucke des erstehenden Kölner 
Domchores gqilant sind; und wahrscheinlich ist, dass man dort später 
den der Hallenform eigentlich fremden Poppelthurmbau der Wiesen- 
kirche rheinischen Mustern nachgebildet hat Im Ganzen bleiben diese 
Imitationen ohne Nachfolge, und nur vereinzelt, wie sie sind, dürften west- 
fälische Werkleute einem Johann von (Dren)Steinfurt (1368) nach 
Köln gefolgt sein, die dortige Werkhütte zu besuchen, die Technik 
und Formhandhabung für sich auszunutzen ^^), 



52 Die kanstgeschichtl. Beziehungen zwischen dem Rheinlande n. Weat&len. 

Eine architektonische Einwirkung auf Westfalen ging nicht 
80 sehr von Köln, als vom Gievischen Niederrhein aus und vollzog sich 
in einer modifidrten Hallenform, die weniger durch ihre Schönheit, 
als durch ihre Mittelstellung zwischen Hallen- und Basilikensystem, 
und weniger durch ihre Verbreitung, als die Art dieser Verbreitung 
unsere Aufmerksamkeit erweckt. Diese seltsame Zwitterform zu ent- 
wickeln, winkten einmal vom SUden der Dom zu Köln und die Victors- 
kirche in Xanten zu schön und mächtig, um die BasiUkenform nicht 
als die vornehmste und üppigste zu bewundern, anderseits gefiel in 
der westfälischen Nähe die einfache Schönheit der Hallenkirche so 
sehr, dass eine an Bruchsteinen arme Landschaft sie schwerlich hätte 
umgehen können. Während man der grossen Nicolaikirche zu Calcar 
ganz unverkürzt die Hallenform gab, verzwitterte diese sich mit der 
Basilika in einer Gruppe von Bauten, als deren Mutter die 1341 be- 
gründete Stiftskirche zu Cleve dem Alter wie dem Typus nach gelten 
dürfte. Von ihren drei durch einen Doppelthurmbau im Westen abge- 
schlossenen Schiffen erweitern sich die Seitenschiffe erheblich über die 
halbe Breite des Mittelschiffes und steigen so hoch empor, dass die 
eine Oberwand des Mittelschiffes nur mehr kleine Oberlichter, die 
andere bloss Blenden zeigt. Ein Kreuzschiff ist nicht mehr ausgebildet, 
dafür treten^ wie zu Xanten, die Chöre der Seitenschiffe bedeutsam 
heraus ; oder man müsste die zwei kleinen, aus den Langwänden nach 
aussen gehenden Kapellen, wovon eine als Taufraum dient, für eine 
Beminiscenz des Kreuzbaues halten. Weiter . entwickelt finden wir 
diese Form in der spätgothischen Pfarrkirche zu Geldern; denn hier 
haben die Seitenschiffe mit dem Hauptschiffe annähernd die Breite und 
völlig die Höhe gemein, den östlichen Absc|ilu3s bilden drei Chöre — 
zwischen Chor und Langhaus erhebt sich ein stattlicher Kreuzbau mit 
weit ausladenden Armen, deren Gewölbe jederseits auf einem Pfeiler 
in der Flucht der Langmauem ruhen. In den kleineren Landkirchen 
haben sich, von der Chorbildung abgesehen, die basilikalen und Hallen- 
bestandtheile so verbunden, dass nur ein Westthurm, keine Kreuzarme 
geplant, die Mittelschiffe wenig höher, ohne Lichter, höchstens mit 
innem Blenden emporgezogen sind: so bei den Kirchen zu Uedem, 
Keppeln und theilweise zu Weeze. In dieser Umgestaltung kehrte das 
Hallensystem vom Niederrhein wieder nach Westfalen zurück, so zwar, 
dass die grosse 1415 begonnene Pfarrkirche zu Bochold, die dem 
Rheine nächste und frühste dieser Art, ähnlich den grösseren Vorbildern 
des Rheines, noch einen vortretenden Kreuzbau erhielt, die kleineren 



Die kunstgeBchiohil. Beziehungen zwiM)hen dem Rheinlande u. Westfalen. 68 

and spätem Kirchen zu «Ramsdorf, Senden und Greven, ähnlich den 
kleinem, dem Rreuzbau entsagen, in allen drei Schiffen wohl dieselbe 
Känipferhöhei aber in den Abseiten niedrigere Gewölbe, hohe mit dem 
Gesimse wohl durchs Dach schauende Oberwände und demgemäss licht- 
arme Gewölbe des Mittelschiffes zeigen. Nichts Angenehmeres kann 
es für den Forscher geben, als eine Erscheinung, wie diese Bauform, 
hier stufenweise aufkommen und doi;thin in regelmässiger Folge von 
Zeit und Ort überspielen zu sehen; denn, wie diese Form von Cleve 
aus am Niederrhein die Runde macht, so nimmt sie von der west- 
fälischen Grenzstadt Bochold eine fast nordöstliche Richtung auf 
Münster (Greven), als ob die Baumeister sie vom Westen immer weiter 
ins Land hineingetragen hätten. Sie steht ästhetisch, weil ein Mittel- 
ding, den ausgebildeten Formen nach, sie hat nur eine locale und 
ephemere Bedeutung, sie erscheint als ein Auswuchs der haltlosen und 
schwankenden Spätgothik, welcher der ernste Geist der Construction 
abhanden gekommen und desshalb jede Neuerung lieb war. Indem so 
am Ende Stil und Formen in sich selbst entarteten, konnten am 
Niederrh.ein wie im benachbarten Münsterlande (Stadtlohn, Buldera, 
Darup) noch andere abnorme Gestaltungen zu Tage treten, welche im 
Allgemeinen ein niedriges Seitenschiff (an der Nordseite), in der nörd- 
lichen Oberwand keine, in der südlichen Langwand des Hauptschiffes 
um so grössere Lichter erhielten, und im Besondem so viele Ver- 
schiedenheiten darstellten, dass diese schwerlich unter einen allge- 
meinen Begriff zu befassen sind. 

Mit so schwachen Gaben mochte auch der Rhein seine alten 
Verbindlichkeiten gegen Westfalen nicht abtragen — erfreulicher und 
epochemachender wirkte die Kölnische Malerschule ein, und Westfalen, 
wo im 14. Jahrhundert die Malerei einen Ruf hatte,, dass ein Meister 
Philipp Herman (f 1392) von Münster die älteren Glasgemälde des 
Domes zu Metz fertigte ^°), hätte gewiss seine heimische Weise der 
Kölnischen nicht so willig geopfert oder angeschlossen^ wenn beide 
lÄnder durch die neue Kunstauffassung nicht die zartesten Saiten 
ihrer Seelenstimmung gemeinsam berührt gefunden und darin nicht 
gleiche Fühlung gehabt hätten. Freilich war sie schon, als Meister 
Philipp Herman in Metz malte, so überwältigend, so reizend in 
Köln bethätigt, dass sie von dort die auswärtigen Schulen entweder 
neben sich in den Schatten stellte oder zur Nachfolge einlud ; denn 
gestützt auf eine uralte Schild-, Wand-, Glas- und Büchennalerei, in 
den Mitteln und Anschauungen bereichert von dem bunten Weltverkehr 



/ 



64 Die kunstgeschichtl. Beziehungen Ewiiohen dem Rheinlande u. Westfalen. 

ZU Wasser und zu Lande, beherrschte die reiche, schöne, heilige Stadt 
den ergiebigsten Boden, uin, wie in der Architektur, nun auch in der 
Malerei Epochemachendes zu leisten und grade in der Tafelmalerei 
Form, Idee und Farbe zu den hehrsten, innigsten und mildesten Dar- 
stellungen zu vermählen. 

Im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts culminirte diese in ver- 
schiedenen Schulen geübte Malweise in dem Meister Wilhelm, der 
schlechtweg als der „beste Maler in allen deutschen Landen'^ als der 
Meister aller Meister gepriesen ward, und so wenig befangen künst- 
lerten diese Schulen weiter, dass sie bereits vor 1449 auch die Oel- 
malerei^O angenommen hatten. Dem Zauber der Kölnischen Gemälde 
unterwarfen sich Bildhauer, Steinmetzen, Schnitzer und nicht minder 
die Miniaturmaler welche sich sonst so gerne, unbekümmert um jeden 
Stilzwang, in den freisten und heitersten Launen und Einfällen ergingen. 
Denn das verleiht überhaupt dem mittelalterlichen Kunstleben einen 
eigenthümlichen Beiz, dass bei dem nahen Verbände aller Zweige der eine 
von dem andern lernte, fast dessen Stil annahm, wenn er ^ch hervor- 
gethan hatte ; hat man doch auch nach Siegeln gemalt und geschnitzt 
und die Siegelbilder wieder nach freien Bildwerken bearbeitet 1 

Die Westfalen sind vielleicht die Ersten gewesen, welche die 
heimische Malweise der Kölnischen näherten, weil diese mit ihrem 
hehren Idealismus der zartesten Seite des westfälischen Herzens ent- 
sprach. Noch nicht erklang der Name des Meisters Wilhelm durch 
die deutschen Ateliers — 1320 schon malt in Köln ein Johann von 
Münster, und wie schnell ihm andere Landsleute folgten, um entweder 
dort oder heimgekehrt ihr Vaterland mit den idealen Gebilden des 
Rheines zu zieren, das zeigen wieder Tafelgemälde zu Soest. Diese 
Stadt, mit der rheinischen Metropole bis tief ins 15. Jahrhundert auch 
politisch aufs engste verknüpft, hatte ihr im Handel und Kunstleben 
so rüstig nachgestrebt; dass sie sich der ältesten Staffeleigemälde 
Deutschlands rühmen kann, und sie, welche der Kölnischen Gothik so 
bald ihren Weihrauch streute, schmiegt sich auch zuerst mit ihrer 
Malerei der rheinischen Auffassung an. Bald ist diese im ganzen 
Westfalenlande zu Hause, und immer zahlreicher erglänzen die Bilder 
mit den hellen Farben, mit den weich gebogenen Gestalten, langen, 
gefältelten Gewändern, den ovaleu Köpfchen, sanft gerundeten Kinnen, 
fein gezogenen Nasenrücken, längen Händen, den mandelartigen Augw, 
mit dem hochgewölbten Munde, kurzum mit dem holdseligen wie aus 
einer andern Welt schauenden Antlitz — und alle diese Schönheiten 



Die konstgeooliiohtL BenehaiigeD swiMhen dem Rheinlande u. WeiÜBden. (5 

treten von dem goldenen Hintergrande nur um so deatUbher hervor. 
Prägnant machen sie sich geltend an dem reichen Bildercyclus des um 
1400 bemalten Missale der Bibliothek zu Münster, sie ziehen noch 
1442 einen Maler Gerhard von Soest nach Köln^^), sie klingen bis 1479 
nach in den zahlreichen Mihiatttren der westfälischen Fraterherren, sie 
leihen den 1465 geweihten Altarbildern des Liesbomer Meisters eine 
merkwürdige Anziehungskraft, indem darin sonst^ nach den paar con- 
tinentalen Resten zu urtheilen, die kräftigere, festere Farbe, der mar- 
kirte Gesichtsausdruck, das betonte Costüm und die opulenten In- 
terieurs die Einflüsse der niederländischen Schule deutlicher aussprechen, 
als bisher gegenüber dem Kölnischen Idealismus hervorgehoben wurde. 
Da erst nach ihrer Aufstellung beim Kloster Räume pro variarum 
artium exercitatione eingerichtet wurden, so hat sie wohl kein Lies- 
bomer, am wenigsten ein Mönch mehr geschaffen, nur so viel ist 
sicher, sie haben einen Meister altkölnischer Richtung, der sich mit 
der niederländischen Aufiiassung vertraut gemacht hatte: ob einen 
Niederlä<idery Kölner oder Westfalen, muss spätem Funden überlassen 
werden*®). 

Wir müssen auch, da wir die genauere Zeit und das Werk nicht 
mehr kennen, darauf verzichten, die Stilweise des Kölner Malers Wil- 
helm von Grevenbroch zu charakterisiren, von dem J. D. von Steinen 
nur Folgendes mittheilt : „Wilhelm von Grevenbroch, so im fünfzehnten 
Jahrhundert gelebt und ein Bürger und Glasschreiber zu Köln ge- 
wesen, hat (ohne Zweifel durch Gelegenheit des Glasmalens) ein schön 
Wappenbuch zusammengetragen, darinnen 1500 mehrentheils Gülichsche, 
CöUnische, Bergische und Märkische Adelige, auch Wappen von König- 
reichen, Königen, Fürsten, Grafen, Bisthümem, Städten u. s. w. mit 
ihren Farben und Helmzierden anzutreffen. Ich habe es von dem 
Freiherra von und zu Bodelswing, Gerichtsherren zu Mengede etc. 
zum Gebrauche und daraus nicht geringen Nutzen gehabt 

Wahrscheinlich unter dem Eindrucke der Kölnischen Schule 
hatte sich in Westfalen mit dem 15. Jahrhundert die Zahl der Ateliers 
für Maler und der ihnen nachbildenden Schnitzer so vermehrt, die 
Technik, die Formgebung so vervollkommnet, dass Münster, Osnabrück, 
Dortmund, Soest, (Paderbom,) vielleicht auch die Kleinstädte Meister 
besitzen, denen von nah und fern die ehrenvollsten Aufträge werden. 
Nahm doch 1474 König Christian von Dänemerk von einer Rheinreise 
den westfälischen Bildhauer Daniel Aretäus mit an seinen Hof, kann 
doch die westfälische Kunst bald am Rheine mit rheinischen und 



56 Die kunstgeBchiohtl. Beziehungen zwischen dem Rheinlande u. WestfjEJen. 

niederländischen Arbeiten v^etteifem. Die drei oder vier Decennien 
vor und nach 1500 bezeichnen ohne Frage den Höhepunkt west- 
fälischer Bildnerei und Malerei, wenn man auf Technik, Kunstfleiss, 
auf eine gewisse Rettung des idealen Gehalts und den Buf sieht; dessm 
sich ihre Meister innerhalb und ausserhalb der Heimath erfreuten. 
Als die Achse dieser hehren Bestrebungen Westfalens ragt die Stadt 
Münster glänzend hervor. Die den Bhein- und Niederlanden nahe 
Lage, .ein stolzes reiches Bürgerthum, ein weitverzweigtes Handelsnetz 
und eine nicht minder in allen Zweigen und Phasen bethätigte, noch 
in manchen Monumenten bewunderungswürdige Kunstübung hatten ihr 
längst den Namen der westfälischen Metropole gesichert, als ihr der 
gesteigerte Wechselverkehr der Länder im 15. Jährhundert Gelegenheit 
gab, das Licht ihres idealen, geistigen und künstlerischen Vermögens 
in weitere Fernen strahlen zu lassen. Hier malten, um vorläufig nur 
von der Kunst zu reden, die Fraterherren nicht nur, hier wurden alle 
Künste so ruhmreich betrieben, dass der vielgereiste Humanist Johannes 
Murmellius 1503 in dithyrambischem Lobe von Münster behauptet, 
es stehe durch der Künste Vielzahl Athen gleich**). 

Rheinland und Westfalen erleben nun ein se reges Hin- und 
Hergehen von Künstlern und Stilweisen, und diese hangen wieder so 
innig zusammen mit ausländischen Einflüssen, dass wir von dem Leiben 
und Leben dieser gegenseitigen Strömungen nur eine dunkele Vor- 
stellung bekommen würden, wenn wir nicht die allgemeingeschichtlichen 
Fäden, wovon dieselben durchwebt sind, einigermassen entwirren und 
klar legen. Dabei haben wir von vornherein die Niederlande mit ins 
Auge zu fassen. Ihrer realistischen Malweise öffnen, vom Süden abge- 
sehen, die rheinisch-westfälischen Ateliers immer weiter die Thore, und 
wenn dieser tiefgreifenden Kunstwandlung auch allerwärts der allmählig 
veränderte, auf das Leben und die Wirklichkeit gerichtete Geist der Zeit 
entgegenkam, äusserlich wurde sie dadurch ermöglicht, dass gerade seit 
der Mitte des 15. Jahrhunderts die Niederlande mit dem Rheine und 
Westfalen eine allseitige, sich sogar auf die Schrift erstreckende, Gul- 
tureinheit ausmachten, und dass darin das eine Land die Vortheile und die 
nachahmenswerthen Leistungen des andern so leicht ausbeuten konnte, 
wie nie zuvor. Dahin wirkten ausser den alten Handelsbeziehungen 
eine Reihe von Fehden, Bündnissen, und Friedensverhandlungen, in 
denen Gelderland, Utrecht, die Länder des Niederrheins mit Köln, 
Münster und andere westfälische Herrschaften sich freundlich oder 
feindlich berührten, die einen das Interesse der andern vertraten, 



Die knuBigeBCliicfatl. Beziehungen zwischen dem Rheinlande ii. Westfalen. 57 

deren Länder kennen lernten, oder worin sie gar mit einander be- 
stimmte Verkehrsverträge schlössen. Schon der Vergleich, wodurch 
der Münsterische Bischof Heinrich von Mors 1445 die Zwistigkeiten 
mit seinem Utrechter Amtsgenossen Budolf beendete^ sicherte vor 
Allem den gegenseitigen Verkehr and Handel für die holländischen 
Städte OMensal, Campen, ZwoUo und Deventer, und von diesen Städten 
werden uns die drei letztem als Stütz- und Ausgangspunkte hollän- 
discher Kunst wieder begegnen. Die schon 1444 angezettelte Soester 
Fehde führte die Kölner, die Clever und ihre Bundesgenossen; theils 
als Freunde, theils als Feinde, ins Herz Westfalens und die ihr auf 
dem Fusse gefolgte Münsterische wirbelte wieder die Kölner und die 
niederrheinischen Streitkräfte mit allen guten und schlechten Folgen 
durch das Münsterland und zog gegenseits die Westfalen wieder zu 
Verträgen aufs rheinische Gebiet, so dass namentlich die Ausländer 
von der Westhälfte Westfalens, vom Lande, von den blühenden Städten 
und Städtchen, von deren alitäglichen und idealern Betrebungen 
Augenschem nehmen konnten. Und etwa dreissig Jahre später (1474) 
ziehen die Münsteraner, ihr Bischof Heinrich an der Spitze, an den 
Rhein, um sich mit- Karl dem Kühnen, dem ehrgeizigen Herzog von 
Burgund, zu messen. Wer einem Kriege auch noch so wenig gute 
Folgen zutrauen will, wird nicht im Ernst bestreiten, dass selbst der 
Feind, falls er nicht alles Menschengefühl abgeworfen, in Feindeslande 
das Gute und namentlich die bildenden Künste mit Empfänglichkeit 
auf sich wirken lassen kann. 

Wirksamere Hebel des Culturaustausches hat allerdings der 
Frieden, und als die eifrigsten Pfleger des ersteren haben sich für alle 
drei Landschaften die Fraterherren Verdienste erworben, die bis jetzt 
nur zu beiläufig, wenigstens nicht allseitig gewürdigt sind. Diese an- 
spruchslosen Geistlichen hatten sich in der zweiten Hälfte des 14. Jahr- 
hunderts in Nordholland zu einer Genossenschaft zusammengethan^ von 
dort am Ilheine und in Westfalen in mehreren Häusern ausgebreitet, um 
neben tief religiösen Uebungen den Wissenschaften obzuliegen, Bücher 
abzuschreiben und kunstreich mit Miniaturen grossen Stiles zu be- 
male. In Deventer übernahmen sie auch die Capitelschule und be- 
gründeten die humanistische Bildung, jenes Ferment, welches geraume 
Zeit die erleuclitetsten* Köpfe diesseits wie jenseits der Alpen zu ge- 
meinsamer grossartiger Geistesthätigkeit vereinte. Während nun die 
Fraterherren vom Rheine und Westfalen mit ihren holländischen 
Bruderhäusem eine auch ihren Kunststil gewiss anregende Fühlung 



68 Die kttostgeschichtl. Beziehungen swisohen dem Rheinlande n. Westfalen. 

hielten, Yerbreiteten sich in den deutschen Nachbarländern die Huma- 
nisten und Humanistenschulen vom Süden und besonders von Holland 
aus und eröffneten für die drei Länder ein Netz des geistigen Verkehrs, 
das in Deventer, Münster und Köln seine Knotenpunkte hatte. Köln 
fällt als Sitz einer Universität, vieler und theilweise sehr regsamer 
Klöstef, Gelehrten und Buchhändler für das Rheinland aufs schwerste 
in die Wagschale und wird von den grössten Humanisten, auch von 
Rudolf von Langen mit allem dichterischen Preise erhoben. Münster 
hatte seine humanistische Domschule mit den trefflichsten Lehrern und 
an deren Gründer, Rudolf von Langen, einen Vertreter der Bildung, 
den die Humanisten von nah und fern aufsuchten und wegen seiner 
Verdienste im überschwänglichsten Lobe feierten. Von allen Seiten 
strömte hierher die wissensdurstige Jugend und radienförmig ging sie 
zum Lehren und Schulgründen wieder in die westfälischen Städte und 
weiter bis nach dem Osten und Süden Deutschlands zurück. Und 
Deventer hatte fast alle die Grössen geschult, welche dem Humanis^ 
mus in Westfalen und Rheinland Boden und Dauer verschafften^^}. 
Von hier nach dort und * umgekehrt kamen die Gelehrten, ihre lite- 
rarischen Producte, die meisten neuen Presserzeugnisse: ist es denkbar, 
dass solchen regen Geistesströmungen nicht auch Künstler und Kunst« 
motive von einem Lande ins andere gefolgt seien? 

Wie wenig man im Spätmittelalter an die Scholle gebunden, 
wie gern man in einem fremden Wirkungskreise, wie unglaublich der 
Zug zu andern Gegenden und neuen Stellungen war^ davon gibt allein 
die Gulturgeschichte Westfalens schlagende Belege um das Jahr 1500. 
Nicht nur dass Mönche von Trier und Köln in westfälische, die West- 
falen in rheinische Ordensklöster traten oder als Weltpriester in Köln 
und Holland ihren Wirkungskreis fanden, dass der buchhändlerische 
Erwerb diesen hierhin, jenen dorthin lockte und das capitelsfähige 
Kind oft mit einer fernen, auswärtigen Pfründe vorlieb nahm — der 
Westfale Rolevinck kann als Karthäuser in Köln 1478 von dem Aposto- 

lat seiner Landsleute behaupten : „Gesetzt der Dienst und die 

Arbeit, welche die Westfalen in der Welt verrichten, hörte auf: ich 
glaube, dann werden alsbald gewaltige Klagen unter den Menschen 

entstehen. Wie viele Klöster würden eingehen; wie viele 

Städte würden bei schweren Geschäften einen. Rückgang ver- 
spüren; wie mancher Prälat würde ein minder gutes Bett und Ross 

besteigen; wie viele Schiffe blieben im Hafen zurück; wie 

viele Kirchen, Collegien, Hospitäler, Klöster, Prälaturen würden die 



Die konstgeschiobtl. BeEiehongen swisohen dem Rheinlande u. Westfalen« 69 

hergebrachten Hülfeleistungen bei mehreren Nationen entbehren 

müssen I Heutzutage, erzählt er im weitem Verlaufe, hat 

(Westfalen) selbst keine Universität, allein ob es in der Christen- 
heit eine gebe, wo sich kein West£ale findet, möchte ich nicht be^ 
haupten Dieser durchforscht die tiefen Geheimnisse der Theo- 
logie, jener liegt dem kanonischen, jener dem bargerlichen Rechte ob, 
ein anderer den medicinischen Studien, noch andere wenden ihren 

Eifer den Künsten, der Poesie, der Geschichtskunde zu/' In 

einem auswärtigen Kloster 'findet er fünf Westfalen mehr als die Hälfte, 
in einer auswärtigen Provinz fast ein volles Drittel, in Venedig einen 
Geldaristokraten aus Westfalen'^). 

Wenn so mannigfache Fäden des Verkehrs unfehlbar die geistigen 
wie die materiellen Errungenschaften der drei Nachbarländer zum 
Gemeingut machen mussten, so thaten die alten Handelsverbindungen 
und die Presse das Ihrige, diesen Austausch so zu beschleunigen, wie 
es einer Zeit ohne Eisenbahnen und Telegraphen nur möglich war, 
und darum hat für uns das Fluctuiren der Stilweisen und der aus- 
ländischen Kunst nichts Bäthselhaftes mehr. 

Dem idealen und anhänglichen Wesen der Westfalen hatte die 
altkölnische Kunstrichtung es zu verdanken, wenn sie auf der rothen 
Erde so lange dem niederländischen Realismus widerstand, dann sich 
mit ihm glücklich verband; dieser, dass er nach seinem Siege nicht 
so leicht in alP die Manierirtheiten, Härten und Verzerrungen verfiel, 
wie anderswo. Freilich forderte der schnelle, der Wirklichkeit zutrei- 
bende, Zeitpulsschlag auch hier am Ende seine Rechte für die ihm 
wahlverwandte Weise der Eyckschen Schule, für die brillante Technik, 
für das Eingehen auf die kleinsten Details und Stimmungen im Menschen 
und NaturlebeUy — doch bei dem Liesbomer Meister und den Fraterherren 
schliesst diese mit der Kölnischen ndch einen freundlichen Compromiss. 
Auf zwei Wegen drang der Eycksche Stil nämlich immer nach- 
haltiger in Westfalen ein, einmal von den Niederlanden, sodann auf 
dem Umwege des deutschen Holzschnitts. Brügger KünsÜer hatten 
schon 1461 prächtige, 1723 im Brande meistens untergegangene, Glas- 
gemälde für die Kirche in Unna geliefert, Bürger in Ahlen bestellten 
damals ein Bildwerk auf den Hochaltar fttr das dortige Schwesternhaus 
direct in Antwerpen, und wie lange mochten die Gemälde Francos von 
Zütphen im Dome zu Münster, um mit einem Augenzeugen zu reden, 
angestaunt sdn, als die Wiedertäufer sie durchlöcherten'^). Trotzdem 
wäre dem neuen Stil der Sic^ nicht so leicht geworden, wenn er nicht 



€0 Die kuiiaigeschioIiU. Beziehungen zwischen dem Rheinlande u. Westfalen. 

allmälig Hülfe uud Verbreitung gefunden hätte in den Holzschnitten 
und sich darin das Auge des Publicums befreundet und es dem alten 
Stile entwöhnt hätte. Holzschnitt und Druck hingen doch ursprüng- 
lich grade in Holland enge zusammen und es konnte nicht fehlen, 
dass jener, nachdem der Druck durch Gutenbergs Erfindung der be- 
weglichen Type einen gesonderten Weg zu seiner Vervollkommnung 
eingeschlagen hatte, auch seinerseits einen freiem schönem Anflug 
nahm, und beide allmählig wieder so zusammengingen, dass der Holz- 
schnitt erst in Verbindung mit der Miniaturmalerei, dann allein das 
vornehmste Mittel wurde, um einem vollendeten Drucke zugleich eine 
kunstreiche Ausstattung zu geben. Buchhändler, Gelehrte und Künstler 
überraschten das Publicum mit jenen opulenten Ausgaben, welche mit 
ihren einfachen oder colorirten Holzschnitten einen solchen Duft der 
Schönheit verbreiteten, dass sie zugleich Musterbücher fßr Bildhauer, 
Maler, Decorationsmaler und Kleinkünstler wurden. Es stellten sich 
die vor einigen Jahren entblössten Gewölbc-Decorationen der Kirche 
zu Bennighausen bei Lippstadt, welche inschriftlich in den zwanziger 
Jahren des 16. Jahrhunderts gemalt waren, beim ersten Vergleich als 
freie vergrösserte Uebertragungen der Holzschnitte heraus, womit 
Koelhof 1499 stellenweise seine „Gronica van der hilliger Stadt van 
Coellen^' verziert hat; und ebenso weist die Madonnenauffassung des 
Muttergottesaltars zu Galcar mit der Sibylle und dem Kaiser Augustus 
offenbar auf die 1492 zu Nürnberg gedruckte Chronik des Hartmann 
Schedel zurück; diese ist auch ein wahres Musterbuch der verschie 
densten Decorationen und figürlichen Bildwerke ^^). 

Keinem Druckort verdankt Westfalen so viele Bücher und Bücher- 
holzschnitte, wie Köln, wo die Koelhof s, Terhoernen's, Quentel's u. A. 
in Nichts ihren Concurrenten zu Strassburg, Augsburg, Basel, Nürn- 
berg, Wittenberg, Deventer, Paris u. s. w. nachstehen wollten. An dem 
Ruhme der Kölner Presse oder vielmehr des Kölnischen Bücherholzschnit- 
tes hat Westfalen einen gewissen Antheil, falls nämlich die sonderbaren, 
unglücklich realisirenden Holzschnitte der seltenen deutschen und 
zuerst mit diesem Sehmucke bereicherten Bibel, welche etwa 1472 bis 
1474 in Köln die Presse verliess, von Johann von Paderbom, oder wie 
J. Niesert annimmt, von Israel von Meckenen aus Bochold stammen *'). 
Es lag doch nahe, dass die Gegend, welcher Sprache und Ueber- 
Setzung angehörten, auch die Bilder lieferte. Wie dem auch sei, That- 
sache ist, dass die älteren Bücherholzschnitte schnell den niederlän- 
dischen Typus annahmen, die Bildnerei und Kleinkunst für ihre 



Die knnstgeschicbtl. Beziehungen zwischen dem Rheinlande u. Westfalen. 61 

Formen gewannen, und dass die Ateliers in Westfalen der neuen 
Kunstrichtung immer mehr Rechte einräumten, seitdem sie unmittelbar 
von den Niederlanden aus in grösseren Gemälden und massenhafter 
durch den deutschen Bücherholzschnitt; zumal den Kölnischen, in allen 
Richtungen das Land durchzog. 

So verschiedene Kunstströmungen stiessen, weit entfernt, der 
Kunstübung überhaupt zu schaden, vielmehr in Westfalen auf einen 
so empfänglichen Boden technischer Geschicklichkeit und soliden Kunst* 
fleisses, dass die Uebergäuge zu den neuen Stilweisen, wohin sie auch 
fahrten, leicht gefunden und die Meister ihnen so bald gerecht wurden, 
dass sie davon am Niederrhein Proben ablegen konnten. Wieder ist 
es das Clevische Land, und speciell die Stadt Calcar, wo sich ihnen 
das Feld der ehrenvollsten Anerkennung und Aufträge eröffnete. Noch 
mochten die Traditionen der altromanischen Beziehungen nicht ganz 
verklungen sein; jetzt war grade die Hallenform in ihrer Spielart auf 
dem Rückwege nach Westfalen, war die wiederholte politische Be- 
rührung beider Länder noch in lebhafter Erinnerung, der Verkehr der 
Humanisten bereits begonnen, Rudolf von Langen selbst am Hofe des 
Herzogs Johann von Gleve gewesen. Kein Wunder, dass neben den 
besten Meistern der Heimath und der Niederlande auch die tüchtigen 
Kräfte Westfalens unmittelbar in Betracht kamen, andere Einflüsse, 
wie die Burgundischen, am Clever Hofe zurücktraten, wenn es galt, 
eine Kirche, wie jene zu Calcar, .mit den schönsten Werken auszu« 
statten. Stets war diese Stadt Gegenstand besonderer Fürsorge der 
Glevischen Landesherren oder vielmehr der Clevischen Landesväter und 
auf deren Betreiben sogar im 15. Jahrhundert eine Zeit lang Sitz 
eines Bischofs gewesen, und sie wusßte nun die Ueberschüsse ihrer 
Gewerbethätigkeit und ihres Handelsverkehres, der über einen Ganal 
zum Rheine und zu den Seeländern bis Danzig hin führte, nicht besser 
zu verwenden, als dass sie die grosse Pfarrkirche mit den pracht- 
vollsten Kunstwerken ausstattete. Was hier an Altären, Altaraufsätzen, 
Chorstühlen, Gemälden, an decorativen Architekturen und kunstvollen 
Metallarbeit^n seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis über 
hundert Jahre später geschaffen ist, das bezeugen noch heute die gross- 
artigsten Ueberbleibsel und besonders die einzig stolze Reihe von 
Schnitzaltären und Gemälden. Auf die rührigsten Jahre von 1486 bis 
1500 werfen die Rechnungen der Liebfrauen- und St. Annenbruder- 
schaft ein höchst erfreuliches Licht; sie ergeben, wie vorsichtig man 
Form und Grösse der Werke bestimmte, die qualificirtesten Meister 



62 Die knnstgeflohichtL Besiehungeii zwisohen dam- Rheialande u. WeiifiAlaiL 

auswählte, welche Grundfiätze dabei leiteten, wie wenig man Reisen und 
Kosten deshalb scheute. Diese weittragenden Eunstangelegenheiten be- 
sorgten anscheinend unter Zuziehung der Pfarrer die beiden Bruder- 
schaften durch ihre Provisoren, die Stadt durch den BOrgenneister ; 
das Holz für Altäre und Schnitzwerke wird roh oder geschnitten von 
Galcarschen oder Kölnischen Holzhändlem, nicht selten in Amsterdam, 
Campen und Nymwegen angekauft, zumeist aber von der Huld des 
Herzogs geschenkt^ für die Arbeiten den Meistern auch wohl das j,voirt 
rede to maeken^' empfohlen. Nachdem schon kleinere Kunstsachen be- 
schafft oder in Arbeit gegeben waren, besieht man 1488 zu Wesel auf 
der Matema eine (Altar) Tafel und gibt Arndt von Lorenwert, wahr- 
scheinlich deren Meister, eine ähnliche in Auftrag, sodann besichtigt 
man auf den Rath Lorenwerts andere Tafeln zu Zütphen und Deventer 
und, nachdem man Meister Arndt den „Beldensnider" von Zwolle zu 
Rathe gezogen hat, wird eine neue Arbeit dem Meister Gaert Hartoch, 
der die dortigen Musterwerke schon im Voraus in Augenschein nehmen 
musste, verdungen. Jener Arndt von ZwoUe, welcher also einen ge- 
wissen leitenden Einfluss bei den Galcarschen Kunstbestellungen aus- 
übt, hatte bereits vor 1487 grössere Arbeiten und namentlich ein 
nacktes Ghristusbild für das Grab auf dem Chore unter Händen, und 
wie vieles er geschaffen, wovon wir nicht genauer unterrichtet werden, 
bekunden die Summen, die er bis in sein Todesjahr 1491 ausgezahlt 
bekommt Weitere Aufträge erhalten 1491 Rabe, der „beldensnider 
van Eymerick'S 1492 ein Meister Deridc Boegert, neue Bestellungen 
Evert van Münster, Jan van Halderen, 1498 ein Meister Loedewick, 
anderer nicht zu gedenken, die die Nebenarbeiten fertigten. Mein 
Plan gestattet mir nicht, weiter erklärend auf diese Thatsachen einzu- 
gehen, ich habe nur noch hervorzuheben, dass alle erwähnten Kunst- 
aufträge anscheinend nur Schnitzaltäre und keine Tafelgemälde be- 
zweckten ^). * 

Dann waren in dieser schönen Künstlerzahl auch die beiden West* 
Men, die hier engagirt wurden, Bildhauer oäer Bildschnitzer, aller- 
dings in dem damaligen weiten Sinne, dass sie ihre Werke auch wohl 
selbst illuminirten. Der erwähnte Meister Evert von Münster stammt 
dem Namen nach aus der westfälischen Hauptstadt; er hatte schon 
Verbindungen nach Calcar gehabt, als er 1492 dahin berufen wurde. 
Nun geht er mit den Provisoren ips Wirthshaus, verständigt sich mit 
ihnen über das zu fertigende Werk, und nachdem der Contract ge- 
schrieben und ihm Reise, Versäumnisse und Zeche mit 3 Gulden 



Die 1caii8igQ0chiohtL Beäehoiigen zwischen dem Rheinlande a. Westfalen. 68 

18 Kreuzer vergätet sind, kehrt er heim, ohne dass er andere Vor- 
bilder ZQ besuchen hat 

Das wird auch dem Meister Johann von Halderen nicht zur 
Pflicht gemacht Er stand Arndt von Zwolle, als Verwandter, Freund 
oder als Gehülfe so nahe, dass er für diesen 1491 in Galcar eine 
Summe Geldes cassirt und mochte sich hier durch Arbeiten schon 
längst empfohlen haben, als ihm 1498 zwei Bildwerke für den 
Hochaltar verdungen und gleich eine ansehnliche Summe Geldes 
gezahlt wurde. Seinen ViTohn- oder Stammort Halderen werden wir 
eher in der Münsterischen Stadt Haltern, als in dem gleichnamigen 
Dorfe des Niederrheines suchen; denn abgesehen von der, eine 
weitere Ausbildung unterbindenden Hörigkeit der Dorfleute, ziert 
noch heute die Kirche der Stadt Haltern ein bemalter Schnitzaltar, der 
jedenfalls dieser Zeit und heimischen Meistern angehört, die dann 
an den Münsterschen Ateliers ihren Rückhalt gehabt hätten. Es erübrigt 
noch, dass die vergleichende Kunstwissenschaft, nachdem so specielle 
Nachrichten über die Calcarschen Künstler und Kunstwerke ge- 
wonnen sind, jene auf die betreffenden Altäre nach Zeit und 
Meister zurückführe, sie wird weiterhin zu untersuchen haben, ob nicht 
noch Reste von den als mustergültig erachteten Altarwerken an 
der Yssel, zu Wesel und Köln oder anderweitige Werke von diesen 
Calcarschen Künstlern übrig sind, und endlich, ob die spätgothischeKunst- 
blüthe der Städte Dortmund und Soest keinen Antheil an den Cal- 
carschen Tafelgemälden habe; "waren doch ebensowenig, wie in Galcar, 
in Westfalen die Kunstreviere abgeschlossen, dass zu einer Zeit, wo 
die Gebrüder Dünwegge das Kunstvermögen der Malerschule zu Dort- 
mund noch einmal in herrlichen Altarbildern aufleuchten Hessen, der 
Kölnische Maler Hildegard 1523 für die dortige Dominicanerkirche 
die Tafel des Rosenkranzes im Auftrage seines Mitbürgers Wilhelm 
von Arborch fertigte — ein Werk, das doch an ästhetischem Werth 
den Arbeiten der Dünwegge nachsteht ^^). 

Ungefähr zwanzig Jahre später sind zu Münster ein Johann von 
Aachen, von Stand Franziskaner und Domprediger, sonst ein Tausend- 
künstler, und der Kunstschmid Nieolaus Windemaker aus dem Jülicher- 
Lande mit dem gelehrten Bürger Dietrich Zvivel beschäftigt, das grosse 
von den Wiedertäufern ganz zerschlagene Uhrwerk des Domes mit 
allen Gängen und aller Mechanik wieder in Stand zu setzen — ein Ver- 
dienst, das den Johann später nicht schützen konnte vor der städtischen 
Verfolgung, als er sich in öffentlichen Verruf gebracht hatte ^}. 



64 Die IronBtgetchichtl. Beziehungen zwischen dem Rheinlande u. Westfalen. 

Damals hatte das Bheinland schon in einer andern Bichtung auf 
Westfalen eingewirkt, die allgemeiner war und desslialb eine weitere 
Beachtung beansprucht ; sie ging auf nichts Anderes, als auf eine völlige 
Umgestaltung des Stiles. Die Spätgothik erlebte zunächst freilich in 
dem Hin-, und Hergehen der Kunstwerke und Localau£fassungen eine 
Verdeckung ihrer wankenden und schwankenden Formen, auf die 
Dauer aber konnte sie auch hier zu Lande nicht mehr bestehen vor 
der neuen Stilweise der Renaissance, die sich längst zu ihrem Sturze 
gerüstet hatte. Und grade in Westfalen, wo das Volk am Altliebge* 
wonnencn hing, Handwerke und Zünfte innigst mit der Gothik ver- 
wachsen waren, wäre das Aufkommen des neuen Stils nicht so schnell 
möglich geworden, wenn dieser nicht heimlich, unbeachtet von den 
Augen der Zunftgothiker, mit den anspruchslosem Kleinkünsten hätte 
eindringen können. In den Pfaden des ihr verwandten niederländischen 
Realismus kam sie, als die bildenden Künste noch in den bunten 
Formen des alten Stiles schwelgten, mit den Urkundensiegeln von 
Italien, mit den Münzen und Stempeln aus nähern Ländern, und der- 
selbe Bücherholzschnitt, welcher früher die niederländische Weise so 
schnell aufgenommen und verbreitet hatte, sollte nun eine gleiche 
Aufgabe für den neuen Stil erfüllen. Und wieder hat von allen Druck- 
orten Köln die meisten Renaissancemotive nach Westfalen gebracht. 
Während das Figürliche noch lange an den traditionellen Formen 
festhielt; zeigten die Einrahmungen der Bildwerke wie der Blätter be- 
reits die bunten heitern Formen der Rötiaissance. Und warum sollte 
der Schnitzer nicht auf dem Holzstock ähnliche, freie Ornamente und 
Gedankenspäne bringen, wie viele Büchermaler sie in den Gerimseln 
und Verschlingungen ausgeprägt hatten, ohne die schematisbhen 
Formen der Gothik zu beachten. Das freie Schnitzen war nicht jmmer 
Renaissance^ jedoch der gerade Weg zu ihr hin ; auch Kölns Presse 
übernahm früh den zierenden Holzschnitt und, obwohl dieser noch 
lange mittelalterliches Stilgefühl athmete, als Nürnberg die Bücher 
bereits Blatt für Blatt aus dem vollen Borne der Renaissance ver- 
schönert hatte, brach doch in einzelnen Drucken eine ungezwungene 
nicht mehr traditionelle Omamentation durch, so in der niederdeutschen 
Bibel der siebziger Jahre, — in der Koelhofschen Chronik 1499 spielt 
der Zierholzscbnitt schon in Renaissancemuster über, und die Puerilia 
super Donatum um 1500 haben sich in ihren Randverzierungen zur 
reinen Renaissance bekannt. Hier vollzieht sich eine Anbetung der 
Könige noch unter einem Wimberg, allein die denselben stützenden 



Die kuDstgeschichU. Beziehungen zwischen dem Rheinlande u. Westfalen. 65 

Säulen mit ihren Windungen, die kurzen Gapitäle mit ihrem Blatt- 
werk gehören entschieden dem neuen Stile au. Gegen 1520 hin er- 
weitert dieser zusehends sein Bereich, um das Meublement, die Inte- 
rieurs und endlich das Figürliche nach seinen Gesetzen umzugestalten. 
In Westfalen liess man in Ermangelung geeigneter Typen die Breviere 
in Strassburg und Paris drucken. Die grösseren Kirchenbücher gingen 
entweder, wie das Münsterische Missale, 1489 aus Kölnischen Officinen, 
oder, wie jenes von 1520, aus Kölnischem Verlage und etwas später die 
hauptsächlichen Chorbücher wieder aus den Kölnischen Druckereien 
hervor; mit diesen Büchern kehrt eine Ueberfülle der verschiedensten 
und flottsten Renaissancemotive in die westfälischen Kirchen zurück 
um im Bunde mit den Kleinkünsten sich unter Geistlichen und Laien 
neue Verehrer zu erwerben.. Lange verzichteten die Drucker "West- 
falens auf reichere und besonders auf figürliche Holzschnitte und diese 
wieder 'bis 1521 auf die Formen der Renaissance. Ein Gedicht auf 
die h. Jungfrau vom Ahlener Ludimagister Gerardus Cotius, ein Quart- 
format, gedruckt zu Münster von Dietrich Tzvyvel, zieren drei Marien- 
bilder in Holzschnitt. Das Figürliche, die Strahlenumgebung, die Krone 
sind im zweiten Bilde noch rein gothisch; in dem Antlitz, dem Mar- 
kirten und dem Knittergewande der beiden andern offenbart sich jene 
bizarre Art, womit der mittelalterlich-Eyck'sche Stil hier zu Lande ab- 
starb; auf dem letzten Bilde jedoch zeigen sich im Hintergrunde der 
Strahlenglorie die Frühlingsvögel der Renaissance: zwei kleine nackte 
Jungen mit mollig gerundeten Gliedmassen. Wenn nun mit dem 
Jahre 1520 Siegel, Münzen, Zierstempel der Bücher, Holzschnitte und 
Metallarbeiten immer mehr dem alten Stil entsagen, dem neuen sich 
zuwenden, so glaubte ich, dem Kölnischen Bücherholzschnitt um so 
mehr einen Antheil daran einräumen zu sollen, als Westfalen vom 
Kölnischen Büchermarkt das Meiste bezog, und, wie wir wissen, die 
Randverzierungen der Koelhofschen Chronik sogar als Vorlagen kirch- 
licher Wanddecorationen benutzte ^^). 

Blicken wir einmal zurück auf das spätmittelalterlichc Kunst- 
leben, — müssen wir nicht gestehen, dass das Flnctuiren der 
Formen und Meister von hier dorthin und zurück auch ästhetisch 
den regen, fruchtbaren Verkehr wiederspiegelt, wie wir ihn im Handel; 
und besonders im Leben der damaligen Gelehrten vorgezeichnet fanden? 
Wir müssen staunen, wenn wir sehen, wie empfanglich, erfinderisch 
und weitherzig jene Zeit, wie bildsam und flüssig die Formen, wie 

5 



66 Die kuDBigesohichtl. Boziebungen zwischen dem Rhoinlande u. Westfalen. 

freundnachbarlich die Beziehnngen zwischen den beiden Ländern sich 
gestalteten und wirkten. 

Das letztere bestätigt uns auch der Glockenguss; denn wenn 
in alter Zeit schon die Giesser von Land zu Land gingen, ihre Hütten 
errichteten, wo eben Bedürfhiss war, so haben vollends, wie die meist 
kunstgerechten Reste beweisen, zwischen Rheinland und Westfalen 
kaum Grenzen gegolten bis in jene Tage, wo der Glockengusss mehr 
an die Wohnstätte des Giessers gebunden ward. Weil die altem Meister, 
welche ihren Werken ihren Namen noch vorenthielten, durch den 
Laut der Inschriften und die constante Form der Typen, welche wie 
Handwerksgeschirr mit auf die Reise genommen wurden,, ihre 
Spuren und Werke bis in weite Femen zu verraten pflegten, so 
möchten schon die Glocken zu Sinzig aus dem Jahre 1299 denselben 
Meister haben, wie die ihnen älmlichen zu Castrop. Seitdem tritt im 
Austausch des Kunstgusses eine Unterbrechung ein, doch vTelleicht 
nur scheinbar, indem nämlich die einschlägigen Werke entweder gar 
nicht oder, wo Meistemamen und sonstige auffällige Merkmale fehlen, 
wohl zu ungenau beschrieben sind, als dass sich unbestimmte Werke 
des einen Landes auf die verwandten des andern mit Sicherheit zu- 
rückführen und die auswärtige Herkunft darthun liesse; — jetzt, im 
Spätmittelalter, sollte dafür der Guss um so vollendeter, der Verkehr 
um so offener zu Tage treten. Nachdem um die Mitte des 15. Jahr- 
hunderts der Kölner Dom an Christian Cloit und Johan 4e Vechel 
Meister gefunden hatte, welche den schwersten Guss leicht bewältigten, 
nimmt gegen Ende der Kunstguss zu Dortmund unter den Meistern 
Johan, Henric Renald (Widenbrock) und Claus einen weitgreifenden 
der ganzen Umgegend wohlthuenden Au&chwung, und im Anfange des 
16. Jahrhunderts folgt Soest durch Herman Vogel mit noch form- 
vollendeteren Arbeiten nach. Grösser als diese, vielleicht der grösste 
Glockenkünstler der Geschichte, war ein Meister, der zwar weder dem 
Rheine noch dem Westfalenlande seiner Geburt nach gehört, 
aber grade diesen beiden Ländern die meisten, und durchgehends 
prachtvolle, Werke hinterlassen hat; das war der als Schöpfer der 
grossen Gloriosa zu Erfurt weltbekannte Gerhard de Wou aus Campen. 
Etwa dreissig Jahre bis 1502 hat er mit seinen Prachtwerken bezeich- 
net, und davon besitzt der Landstrich von Calcar bis Münster die meisten. 
Noch "bevor sich seine Spuren verlieren, lieferte der bedeutendste 
Glockenkünstler Westfalens, Wolter Westerhues aus Münster, welcher 
bis 1526 goss, zwei Glocken schön in der Form, und Schrift, massvoll im 



Die knntigesohichtl. Besiehungen swisehen dem Rheinlande u. WeBtlalen. 67 

Ornament und musterhaft im Klange f&r die Kirchen zu Grieth und 
Niedermörmter bei Calcar; ebenso viele hatte Johann von Düren 
1491 für die Nicolaikirche zu Siegen gegossen. Als mit Wolter Wester* 
hues Tode der Kunstguss Westfalens so tief sank, dass ^ohl viele 
Master, aber wenige mit bedeutenderen Leistungen auftraten, müssen 
bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts gewöhnlich Rheinländer und 
Holländer sich in die Arbeit theilen, wenn in Westfalen etwas Muster- 
gültiges verlangt wurde. Johan von Neuss goss 1522 die zweite 
Glocke zu Weitmar bei Bochum, Heinrich von Trier 1576 eine kleine 
Glocke für Werth bei Anholt und, nachdem der Westfale Antonius 
Paris mit einem Claudius Lamiral 1647 für die Abteikirche Siegburg 
gearbeitet hatte, goss wieder Godfried Dinckelmaier aus Köln 1732 
eine schwere Gk>ckc für Dorsten, 1733 eine kleinere für Polsum bei 
Recklinghausen. Aus dem Clevischen von Isselburg kamen vor fast 
hundert Jahren die Voigts, um zunäshst als fürstlich -privilegirte 
Glockengiesser im Münsterischen von Bochold bis Werne und neben- 
bei in Dortmund und Umgegend von 1766—1790 verhältnissmässig 
ansehnliche Arbeiten zu machen ; sie gehörten zu den besten Vertretern 
des Gusses, insofern der Kunstguss damals meist mit der Stückgiesserä 
verbunden und zu einem handwerksmässigen Erwerb geworden war. 
So sind ihre Concurrenten, die Mabillots aus Goblenz ausdrücklich „chur- 
fürstlich Trierscbe Stuck* und Glockengiesser'^ ; sie verlieren sich auch, 
nachdem sie nur von 1777—1781 filr Mesum, Billerbeck, Nottuln, Rorup 
bei Coesfeld und Stromberg meistens die Mängel der Geläute ausgefüllt 
hatten, schnell wieder aus dem Lande, wahrscheinlich um den berühm- 
testen Wandergiessem des 18. Jahrhunderts zu weichen. Die Familie 
Petit nämlicb, welche aus den Niederlanden stammte und angeblich 
von den berühmten Emonys und de Graaf die Kunstgeheimnisse ererbt 
hatte, kam tbeils vom Emdande, theils und namentlich von ihrem am V 
Niederrbein zu Dinslaken aufgeschlagenen Wohnsitz seit 1749 (zuerst 
Jean nach Bochold) immer häufiger in's Westfälische, bis zu Anfange 
dieses Jahrhunderts Alexius Petit zu Gescher seinen bleibenden Wohn- 
sitz nahm, um dem westfälischen Glockenguss entkleidet von jeder 
Gdbgiesserei gründlich wieder aufzuhelfen^^). 

Sonst hat Westfalen seine ruhmreichen Kunstbahnen bis in den 
dreissigjährigen Krieg selbständig weiter verfolgt und, ohne die 
Gothik für das Kirchliche ganz aufzugeben, treffliche Werke der Re- 
naissance in allen Verzweigungen der bildenden Kunst hervorgebracht. 
Die Stadt Münster behauptete ihre Kunsthöhe noch fast zwanzig Jahre ' 



68 Die kanstgeiohiohtl. Besiehnngen zwiBchen dem Eheinlande u. Westfalen. 

• 

aber den westfälischen Frieden hinweg; denn während alle deutschen 
Lande und Städte an den Wunden des grossen Krieges bluteten oder 
nachblateten, hatte sie im Schutze der Abgelegenheit und der Friedens- 
gesandten den Faden ihrer Gultur angehalten ; statt auswärtiger Hülfe 
zu bedürfen, konnte sie auf den Wunsch des grossen C!hurfdrsten 1651 
den Baumeister Gottmann zur Bestauration des Schlosses Sparenbei^ 
nach Bielefeld entsenden und brauchte höchstens für grössere Arbeiten, 
so 1622 für 4ie Flügelgemälde des Domaltars, den Amsterdamer 
Maler Adrian von dem Bogardt und für die Portraits der Friedens- 
gesandten den Jan Baptist Floris und Terburg als auswärtige Kräfte 
in Anspruch zu nehmen. Doch als sie 1661 durch die Erstürmung 
des Bischofs Bernhard von Galen ihrer Rechte beraubt und in den- 
selben kläglichen Zustand versetzt war, der auch den Rhein seit dem 
grossen Kriege der Gultur und Kunst entblösst hatte, mussten aus- 
ländische Künstler wiederholt Aushülfe leisten. Schon* Bernhard von 
Galen wandte sich 1676 an die Augsburger Goldschmiede, Johan 
Spring und Isac Boxbart, als er von einem erbeuteten Franzosenschiffe 
ein silbernes Modell für den Dom anfertigen Hess; zumeist waren es 
Holländer, welche von ihrem im Frieden errungenen Kunstvorrat dem 
Nachbarlande mitgeben mussten. Im 18. Jahrhundert gehen auf Grund 
der Verbindung des Kölnischen mit einem oder anderm westfälischen 
Bisthum wieder gemeinsame Kunstspuren auf von Glemenswerth im 
Emslande über Münster, Köln bis Bonn; sie waren jedoch an die Per- 
son des Fürsten geknüpft und so wenig volksthümlich, dass der Adel, 
der für ästhetische Zwecke allein Geld hatte, als Stadt und Land geistig 
und materiell daniederlagen, für seine höfischen Kunstbedürfnisse, 
für Stuckaturen und Deckengemälde, Italiener kommen liess"^). 

Denken wir lieber noch einmal an die altem Zeiten zurück, so 

' ergeben sich schon im Lichte meiner Angaben die Züge des erfreu- 
lichen Bildes, wie sich Rheinland und Westfalen bereits in romanischer, 
besonders in gothischer Stilzeit und über dieselbe hinaus von den 
schönsten Blüthen ihrer edelsten, idealen Lebensgüter gegenseitig mit- 
theilten, was das eine Land eben vor dem andern errungen hatte. 
Die Beziehungen des Oberrheins einerseits, und der westfälischen Ost- 
hälfte anderseits kommen kaum in Betracht. In romanischer Stilzeit 
treten Westfalen und die Architektur in den Vordergrund, in der 
Gothik Köln und die Kölnische Malerschule; Köln verhält sich zu 
Westfalen mehr gebend, der (clevische) Niederrhein mehr nehmend. 

' Der ästhetische Verkehr erstreckt sich von den Hauptkünsten auf die 



Die kiuiBtgesohichtl. Besiehangen zwischen dem Rlieinlande a. Westfalen. 69 

Nebenzweige und bringt beiden Ländern schöne, stolze Früchte. Und 
wie viele Werke und Nachrichten mögen der Vergessenheit anheim- 
gefallen sein, welche weitere Zeugnisse für diesen freundlichen Kunst- 
austausch ablegen könnten, wie viele Stücke mögen hier noch als hei- 
misch betrachtet werden, die dort enstanden sind, ohne dass ihr 
eigentliches Vaterland ermittelt werden kann oder ermittelt istl 

Gott Dank, sind schöne Zeiten wiedergekehrt, für die Kunst, 
noch mehr aber für ihr Fundament, die Gultur. Da& deutsche Vater- 
land ist eitriger und stärker, als in den Tagen Meister Wilhelm's, 
seine stolzen Töchter Rheinland und Westfalen verbinden sich wie 
Zwillingsschwestern durch tausend Bande des Verkehrs und der Inte- 
ressen weit inniger, wie in den Tagen der Hanse. Und wenn dennoch 
unsere Väter in der Kunst Grösseres und Geschmackvolleres geleistet 
haben, als die Gegenwart» so ist es um so mehr unsere, der Nach- 
kommen, Pflicht, nicht nachzulassen im Specialforschen und Vergleichen, 
im Durchsuchen der Bücher und Archive, um das Bild ihres Kunst- 
lebens immer mehr aufzuhellen; und damit der Bausteine mehr ge- 
wonnen, und das Gewonnene sich schleuniger und vollkommener wieder 
zu dem grossartigen Bilde der Vergangenheit füge, müssen wir uns 
dabei vom Rheine und von Westfalen stets hülfreiche Hand bieten. 
Mit diesem lebhaften Wunsche schliesse ich. 



Anmerkungen. 

*) ROckblickend auf die psychologische AesUietik eines Burke, Gerard und 
Home sagt H. Heitner, Literaturgeschiohte des achtzehnten Jahrhunderts (1866) 
l, 420: „Es ist überraschend, dass von diesen psychologischen Grandlagen aus 
die englische Wissenschaft doch nirgends zur Erfassung der in der innigsten 
Durchdringung und Wechselwirkung des Geistigen und Sinnlichen wurzelnden 
Konstidealitat vordringt. Dazu haben die Engländer offenbar nicht künstlerische 
Unbefangenheit genug, und nicht philosophische Scharfe. Erst der Sinnigkeit 
und Tiefe eines Winckelmann, Lessing und Kant war es besohieden, das von 
den Engländern nur Geahnte und dunkel Gefühlte zur zwingenden und ab- 
schUessenden Begriffsklarheit zu erheben/' Denn was die geschwätzige Ennstr 
hteratnr der Engländer, Franzosen und Italiener an Theorien und historischem 
Material lieferten oder geliefert hatten, das hat Winckelmann zunächst gierig 
in sich aufgenommen und beherzigt, bis er im Lande der Kunst „mit eigenen 
Augen sah; da erschien ihm seine frühere Weisheit aus Büchern keinen Schuss 



70 Die kunstgescbiohtl. Beziehaogen zwiaohen dem ' Rheinlande a. Westfalen. 

Pulver wertb. loh habe erfahren, schreibt er im ersten Briefe aus Rom, dass 
man halbsehond von Altertbümem spricht aus Büchern, ohne selbst gesehen zu 
haben. loh glaubte, ich hatte alles ausstadirt, und siehe da, ich sah, dass ich 
nichts wusste. . . . schreibt er im Sommer 1766' an Franke, . . . wie viel 
wollte ich Ihnen erz&hlen, wie viel sollten Sie hören, was in keinen Büchern 
stehty und was selbst Richardson nicht gewusst hat. ..... Nun nennt er de 

Piles jämmerlich, Bellori „einen der gelehrten Betrüger und Windmacher" ; Da- 
bos rechnet er zu den Rhapsodisten, die alles in ein Buch schütten, was sie 
wissen." C. Justi, Winokelmann. Sein Leben, seine Werke und seine Zeitgenossen 
1866 I. 801. Wie dennoch Winokelmann, befangen von den Ideen der Zeit, das 
Wesen des Schönen und der Kunst zu eng fiuste, zeigt Hettner a. a. III. 2, 430 ff. 
') Abgesehen von den rudimentären und meist praktischen Alterthums- 
Studien des Mittelalters, hatten seit Petrarca der Humanismus und die Philolo- 
gie diesseits wie jenseits der Berge der Antike eine bis auf die letzten Antiqui- 
täten durch Quellenforschung, Sammeln und Kachgraben ermöchlichte Unter- 
suchung angedeihen lassen, so dass zur Zeit Winckelmanns ein grosses, grade 
durch die Entdeckung von Herculanum und Pompeji und die Publioationen der 
Engländer aus Griechenland erquicktes, Material von Antiquitäten und Kunst- 
resten der beiden classischen Völker in Werken verschiedener Sprachen und 
Stärke vorlag. (Vgl. L. Waohler, Geschichte der histor. Forschung und Kunst, 
Göttingen 1812—20. 5 voll. F. Mortons, Die Baukunst des Mittelalters 1850. 

S. 3.). Doch „es bedurfte grösserer Kraft, um den versunkenen Schatz 

der alten Kunst wieder in's Licht zu heben. Job« Joach. Winokelmann war, 
von einem unwiderstehlichen Instinkt getrieben, nach Rom gewandert und ent- 
deckte dort die alte Kunst gleichsam von Neuem. Vorbereitet durch philo- 
logische und historische Studien, eingeweiht in die Auffassung der griechischen 
Dichter und Denker, war er nicht allein befähigt, die Erklärung der alten 
Kunstwerke, indem er sie auf das Gebiet der griechischen Mythologie zurück- 
führte, von Grund aus zu reformiren: seinem begeisterten Blicke offen- 
barte sich zuerst wieder in der bildenden Kunst die Schönheit als dasjenige 
Element, welchem sie ihr Leben verdankt* Indem er den Wegen nachspürte, 
auf welchen die Alten die Schönheit bildlich darzustellen bemüht gewesen waren, 
schuf er die Geschichte der Kunst, in welcher zum ersten Male ge- 
zeigt wurde, wie das geistige Leben eines Volkes nach einer bestimmten Rich- 
tung hin sich unter dem bedingenden Einfluss der natürlichen und politischeu 
Verhältnisse im Zusammenhange seiner gesammten Gultur stetig entwickelt. 
Wenn die Wiederherstellung der Kunst des Schönen von allen Gebildeten als 
eine Wohlthat empfunden wurde und lauten Widerhall fand, so war die Auf- 
fassung der historischen Entwicklung kein geringerer Gewinn für die Wissen- 
schaft liehe Forschung". (Otto Jahn, Aus der Alterthumswissenschaft. 
186a S. 1 ff. S. 27. 2a). Dabei „treten wir den Verdiensten Winckelmanns 
nicht zu nahe, wenn wir auch eingestehen, dass diese (vgL Note 1) architekto- 
nischen Studien der Engländer zu Winckelmanns Kunstgeschichte eine sehr 
wesentliche Ergänzung bilden''. H. Hettner a. a. 0. I, 437. 



Die knoBigeechichil. Bexiehongen zwischen dem Rheinlande u. Westfalen. 71 

') Schon vom frohem Humanismaß behauptet. Burckhardt, die Gnltur der 
Benabeance in Italien 1860 8. 241 : „Das Studium des Alterthums allein hat 
das des Mittelalters möglich gemacht; jenes hat den Geist zuerst an olijectives 
geschichtliches Interesse gewöhnt.'* Geleitet vom patriotischen und Forschtmgs- 
triebe des Humanismus gingen auch dessen Anhänger in Deutschland bald bo 
tief auf die Geschichte ihres Vaterlandes ein, dass Jakob Wimpfeling dem Dome 
in Speier eine ausführliche poetische Beschreibung widmet und 1502 in seiner 
Epitoma Germanicarum rerum, mit der frühem auch die gleichzeitige Kunst- 
blüthe werthschätzend, das Strassburger Münster, die Werke Martin Schön's und 
Albrecht Dürers, welche sogar von Italienern gesucht würden, mit gerechtem 
Stolze erhebt; er feiert die deutsche Architektur als die Blüthe der ausgezeich- 
netaten Künstler und mit nicht geringerer Wärme die deutsche Plastik, die sich 
im gewohnten Hansrath zeige und selbst einem Choroilos Bewunderung würde 
abgenöthigt haben. Vgl. R. von Raumer, Gesch. der Germ. Philologie (Gesch. 
der Wissenschaften in Deutschland. Neuere Zeit B. IX) 1870. S. 12. A. Haro- 
witz in V. Sybels Histor. Zeitschrift XXV, 76, 77, 99; derselbe hat den kunst- 
literarischen Theil in dem eben erschienenen Heft 4 der von Lützow'schen Zeit- 
schrift für bildende Kunst 1878 S. 126 f. eigens erweitert und namentlich die 
Nachrichten des Beatus Rhenanus über frühere und zeitgenössische Kunst und 
Künstler in Deutschland hinzugefügt. Heinrich Bebel glaubt De veterib. german. 
Encomion. c. XVH bei Sohard, Histor. opus. Basileae 1674 I, 275, die römischen 
Glassiker, welche Germania als eine Art £inöde dargestellt, würden, quam si 
hodie viderent . . , dicerent, commutato ordine, Greciam in Germaniam commi- 
grasse . . . . si urbes, arces et edificia, nihil Ulis pulchrius, magnificentius at- 
que munitius inrarent. Franz Irenicus betheuert Exegesis historiae germaniae 
IV, 29 ed. loan. Ad. Bernhard, Hanoviae 1728 p. 196: Sunt praeterea artifices 
longo optimi in Germania, quia graecis joQivrai ij Qaßionrfyoi (?) dicuntur, quorum 
artificio nihil absolutins alius orbis produxit. Nicht zufrieden mit einer 
so allgemeinen Anerkennung deutscher Künstler und Kunstwerke versacht Geltes 
in der Descriptio urbis Norinbergae a 5 ibid. p. 441 sohon ein anachacdiches, 
technisch -reales Büd zu entwerfen de arce imperiali (Norinberg.), fontibus 
aedificiisque et foris orbiS) hortis et of&cinis metallarüs. In die Fussstapfen 
dieser Humanisten traten Walter Rivius in seinem „Vitruv teutsch*' 1548 
fol. XXI. V für die Werke Dürers, später der Strassburgeii Buchhändler Jobin 
and 1589 der Festangsbanmeister Daniel Speoklin mit ihren Vertheidigungs- 
Schriften zu Gunsten der deutschen Kunst ein. „Auch in unserer Zeit waren 
jene, welche dem Mittelalter nnd dessen Kunst ein sym pathisches Interesse zu 
wandten, „die Begründer der romantischen Schule, aus eigentlich philologischer 
Schule hervorgegangen, und weder ihre Kritik noch ihre Poesie hat diesen 
Ursprung je verläugnet.'' Otto Jahn, a. a. 0. S. 29. Hettner zeigt a. a. 0. HI. 
2,496, wie die Geschichte überhaupt zuerst von Winckelmann tiefer, cultorge- 
schiohtlioher, mit einem Worte als geistige Verknüpfung von Ursache und 
Wirkung erfasst sei, und fi^hrt fort : „Hatte Herder schon kurz nach dem Er- 
scheinen von 'Vfinokelmanns grossem Werke die Forderung nach einem 



72 Die kunstgeschichtl. Beziehungen zwischen dem Rheinlande a. Westfalen. 

Bliche geäussert, das „uns den Tempel der griechischen Weisheit und Dicht- 
kunst so eroffne, wie Winckelmann den Künstlern das Geheimniss der Griechen 
von ferne gezeiget", so suchte zuerst Friderich von Schlegel diese Forderung aus- 
zufuhren und bekennt dabei willig seine Abhängigkeit von Winckelmann; und 
sicher ist es kein Zufall, dass grade die sinnigsten Schüler Winckelmanns, 
Welcker und Otfried Müller, zugleich auch die tiefsten Geschichtschreiber der 
griechischen Literatur wurden. Von hier aus kam sodann der AnstosB zur 
mittelalterlichen und neuern Kunst- und Literaturgeschichte. Kunst- und Litera- 
turgeschichte hat längst aufgehört, eine bloss äusserliche Künstler- und Dichter- 
geschichte zu sein; sie ist Naturgeschichte des wissenschaftlichen und künst- 
lerischen Geistes/' 

*) Es hiesse dem Raum einer Note zu viel zumuten, wollte ich hier 
auch nur eine dürftige Skizze geben, wie die mittelalterliche Kunst (Gothik) in 
England; Frankreich und Deutschland einzelne Ausläufer bis in die Neuzeit, 
stellenweise bis ins 18. Jahrhundert trieb, und wie sie nächst der Antike in dem 
Masse, als das Unnatürliche des damaligen Kunstgeschmacks blossgelegt zu 
werden anfing, anerkannt (das Strassburger Münster 1772 von Göthe, der Kölner 
Dom 1790 von G. Forster) und erforscht wurde, um sodann, in unserm Jahr- 
hundert nicht nur historisch gewürdigt, sondern auch praktisch verwertet zu 
worden. Hinsichtlich der „Rennaissance der Gothik" bringt das Organ für 
christliche Kunst (1859) IX, 55 ff. nur literarische Aphorismen ; werthvoll, jedoch 
kaum mit Rücksicht auf die cultur- und allgemeingeschichtlichen Motive ent- 
worfen, sind die Skizzen von Franz Mortons im ersten Theile seiner Baukunst 
des Mittelalters, Berlin 1850 S. 1 ff. und die ,, Historische üebersicht der bis- 
herigen Abhandlungen, über die Baukunst des Mittelalters'* in (Kugler's) Museum, 
Blätter für bildende Kunst 1835 Nr. 15, 17, 23, 25, 26. 

*) Seine „Ansichten vom Niederrhein, Brabant, Flandern, Holland u. s. w. 
1790'* nehmen noch auf die diesseitige Bewegung der Romantiker einen so nach- 
haltigen Einfluss, dass ihnen Friedrich von Schlegel für seine Grundzüge der 
gothischen Baukunst 1804/1805 die schwungvollsten Reflexionen, besonders auch 
die Details des Kölner Domes, den Vergleich der Säulen mit Rohrbündeln ent- 
lehnt (Sämmtliche Werke. 2 Originalausgabe VI, 184, 196, ^00 vgl. mit Forster 
I. Ausg. I, 453, 481, 90) und zu ihrem Nachtheile etwas umredet, ohne seine 
Quelle zu nennen. 

^) Die Translation der Niebelungensage von Westfalen an den Rhein 
nach dem Hundeshagenschon Codex bringt F. von Schmitz, Denkwürdigkeiten 
aus Soest's Vorzeit 1873. S. 13. — Nach der Legende de s. Reinoldo monaoho et 
martyre in AA. SS. Jan. I, 385, 387 war Reinold Mönch von St. Pantaleon zu 
Köln und ex praecopto abbatis sui lapicidarum raagister geworden. Ubi, cum 
plus ceteris laboraret, lapicidac magnam concepcrunt adversus ipsum invidiam 

et qualiter cum morti tradereut inter se conspiraverunt ..... Habuit 

autem in consuetudine monasteria et singulas longo vel prope positas 

frequentare ecclesias. Dabei zerschlagen sie ihm mit ihren Hämmern den 
Schädel. Nachdem dann die Leiche durch ein Wunder wiedergefunden und von 



Die kanatgescbichtL Beziehuagen swischen dem Rheinlande u. Westfalen. 73 

den Dortmundern aasgebeten war, oonveniens clerus cum omni populo honorifice 
felicissimnm martyrem Reinoldum capsulao deoenter adornatae imposuefnnt 
atque ad Tremonienses partes deferendum, tnrba eum ab urbe Colonia cum 
innumeris laudibus per tria millia prosequente, tradiderunt. — Köhis allerdings 
nur geringer Antheil an der Bekehrung der Sachsen (cf. Annal. reg. in Monam. 
6enn. Histor. I, 138, Evelt in der Zeitschrift für Geschichte u. Alterthumskunde 
West&lens XXXIII, 28 ff.) und erzbischöfliehe Hoheit über die Sprengel Münster, 
Osnabrück und Minden (nicht über Paderborn wie Moyer, Onomasticon Chron. 
Hierarch. German. 1854 p. 80 angibt, vgl. Potthast, Bibliothcca Histor. med. 
aeyi. Supplement- p. 878), die Beziehungen Xantens zu Vreden (Vgl. Wilmans, Kaiser- 
Urkunden I, 416, Yita s. Norberti in Mon. Germ. Hist. XII, 671) und zu den 
Pfarren Dorsten, Dülmen und Schwerte, der Cappenbergischen Grafenfamilie 
(Eyelt a. a. 0. 28, 51. 62. Tibus, Gründungsgeschichte der Stifter, Pfarrkirchen, 
Klöster u. b. w. I, 761 ff.) und des Paderbomer Bischofs Meinwerk zum Nieder- 
rbein (Elton. Wilmans a. a. O. I. 421, 430 ff.) und des Kölners Anno zu Pader- 
born und Münster (Evelt a. a. 0. XXIX, , 2. S. 98 ff.) und andere dauerndere 
oder zeitweise Umstände bildeten in alterer Zeit schon mehr, als nachbar- 
sohafUiche Berühi*ungspunkte ; wenn desungeachtet der* Verkehr des Rheines 
mit Westfalen noch kein durchgreifender und allgemeiner wurde» so lag das 
sowohl in den eigenthümlichen Gulturzuständen hier wie dort. Mit dem hier 
Yorzugsweise in Betracht kommenden Niederrhein nahm ganz Lothringen bis 
in die Zeiten der Salier eine gegen Francien zu unsichere Stellung ein, um mit 
dem Herzen Deutschlands so fest zu verwachsen, wie die übrigen Länder ; daher 
allen Schwankungen und namentlich feindlichen Verwüstungen ausgesetzt, hat 
es weder eine heryorra^^ende wissenschaftliche (Vgl. Wattenbaoh, Deutschlands 
Geschicht^aellen im Mittelalter II § 16, III § 6) noch künstlerische Regsamkeit 
entfaltet. Denn dass Otto III zur Ausstattung des Aadicner Münsters einen 
Maler Jobannes aus Italien berief (Fiorillo, Geschichte der zeichnenden Künste 
in Deutschland und den vereinigten Niederlanden I, 75 ff.), gestattet wohl den 
Schluaa, dass die Rheinlande dermalen denselben Kunstmangel, wie andere Terri- 
torien, und zu dessen Abhülfe dieselben Mittel, wie jene, zu ergreifen hatten. 
Hat doch selbst die Kunstblüthe Karls d. Gr. hier die Arbeiten der gleich- 
zeitigen Italiener immer noch als leitende Vorbilder im Auge behalten (Sohnaase, 
Gesch. der bild. Künste 2. Aufl. III, 632). Die Ottonen und die mit ihnen ver- 
schwägerten Geschlechter Widukinds und der Billunger (Wilmans a. a. 0. I. 
409, 481) fachen die karolingische Cnltur wieder an und breiten sie namentlich 
über das Sachsonland aus, wo ihnen die ererbten Besitzungen und das Entgegen- 
kommen des Volkes freiere Hand Hessen. Das ganze Sachsenland bildet bis ins 
11. Jahrhundert eine in den Ottonen gipfelnde, systematische Gultureinheit. Die 
Segnungen des Friedens und die Erträge der Kriege, die vom Hofe ausströmende 
Bildung und Kunst, die vom Süden kerangezogenen Gulturelizire, der unter dem 
schützenden Arm der Stammesherrscher gediehene Verkehr und Volkswohlstand 
kommen zunächst dem Hofe und Volke der Sachsen zu Gute. Und dieses höhere 
gedeihliche Leben des Hofes strahlte wieder in den Brennpunkten der hohen 



74 Die kuoBigeschichtl. Beziehungen zwischen dem Rheinlande u. Westfalen. 

Stifter von Magdeburg bis Vredeu, und dann in den mit den besten Kräften 
besetzten ßisohofsstühlen yon Hamburg bis Paderborn. (Vgl. Wattenbadi a. a. 
O. II § 14y 16, lli § 1—5) Das Volk sonnte sich in dem Glänze seiner Herrseher 
nnd war in sich von den einheitlichen Banden der Herkunft, Einrichtungen nnd 
des Stammesbewiisstseins so innig umschlungen, dass noch zum Jahre 10G5 der 
Gorreyer Mönch wie erbittert über das Bhicksal seiner Stammeageuossen jenseits 
des Meeres in die Klosterannalen schrieb: Willehem basthard, legitimo rege 
Anglorum expulso, regnum sibi arripuit Mon. Germ. Histor. SS. III, 6. Bischof 
Thietmar von Merseburg erzahlt mit sichtlichem Stammesstolze Ghronieon YI, 
S. Mon. Germ, Histur. SS. III, 807;, dass Kaiser Heinrich 1004 auf seiner Rückreise 
von Italien durch das Elsass gekommen, dann aber per Franciam orientalem 
iter faoiens Saxoniam, ut sepe professus est, securitatis ac tocias 
ubertatis quasi florigeram pardisi aulam revisit. S<^che Gultur- 
einheit und Blüthe musste sich auch in der Kunst aussprechen, und wohl kein 
Land bat aus den frühem kunstarmen Zeiten bis ins 11. Jahrhundert einen 
solchen Kreis von Bauresten aufzuweisen, wie Sachsen in den Kirohenbauten zu 
Gernrode (Lucanus im Anzeiger des Germ. Museums 1857, 12 fi. 42), Quedlin- 
burg (Ranke n. Kugler - in des letztem Klein. Schriften I, 693), Gandersheim, 
Corvey (Schnaase a. a. 0. lY, 2, 61, 61), Paderborn, Yreden (Lfibke a. a. 0. 
S. 69 f., 63 ff.) und Essen (v. Quast, in der Zeitschr. für ehr. Arohaeologie und 
Kunst I, 1 ff.). Wenn nun das älteste Stück diesseitiger Bauthätigkeit, der west- 
liche Yorbau der St. Pantaleonskirche zu Köln, als ein Werk dos Erzbisohofs 
Bruno, de« sächsischen Königsbruders, dasteht, und zu Essen dieselben jonisiren- 
den S&ulenkapitale, wie zu Quedlinburg und Gandersheim (v. Quast in d. Rhein.' 
Jahrb. X, 196 u. in der Zeitschr. für ehr. Archaeologie u. Kunst I, 4),' und 
ebenso in den ICrypten zu Emmerich und Paderborn wieder dorisitende vor- 
kommen (E. aue'm Weerth, Kunstdenkmäler des ehr. Mittelalters in d. Rhein- 
landen Text I, XY), sollte man da nicht fast behaupten können, der wahre 
Heerd dieser Kunstübung sei das Sachsenland, und die rheinischen Werke dieser 
Art Strandl&ufer, Früchte derselben Sonnenwärme, gewesen — gleichviel, welches 
Land eben den ältesten Kunstrest bewahrt hat? Und ebenso wie einst Otto lU. 
zu Aachen, bemft später der grosse Adalbert von Bremen einen Maler aus Italien, 
der viele Kirchen mit seiner Kunst verherrlichte (Stenzel, dentsche Gesch. unter 
den Frank, Kaisern I, 141), und so wenig mustergültig erschien ihm der für 
seine Zeit epochemachende Dom zu Köln, dass er den darnach von seinem Yor- 
ganger für den Dom zu Bremen genommenen Plan aufgibt und den Dom zu 
Benevent als würdigeres Muster wählt (Adam. Bremens. Gresta Hammaburg. 
ecclesiae pontificum 11,68, 78, III, 8. Schumacher im Bremischen Jahrbudi I, 
294 f.). Freilich änderte sich die Stellung und Kunst Sachsens und Widstfolens 
zu den andern Ländern schon mit dem Aussterben des sächsischen Königshauses 
und besonders mit der Auflösung des Herzogthums. 

') Gleich bei der Organisation des Sachsenlandes erscheinen als die Haupt- 
pioniere der Gultur und Kunst die fränkischen Beamten, die Klöster und ihre 
ersten Leiter, meistens Kinder vornehmen oder gar königlichen Geblüts, und die 



Die kuQftgeschiühtl. Beziehungen swischen dem Rheinlande u. Westfalea 75 

Qeisilioheo überiiaupt, insofern ihnen im Aachener Capitular 801 der Bau der 
Kirchen ausdrücklich anbefohlen ward (Monnm. Germ. Hist. III, 87). C^naaere 
Belege sind hier nicht am Ort; beseichnend erscheint schon jene Stelle der 
vita B. Idae (Mon. Germ. Uistor. II 569 sq.) o. 8. Erat antem praefatus Bert- 
gerus (presbyter) ex illorum contubernio, quos beata. Ida primum de 

Galliis secum advexerat quippe eorum disciplinis informatus, qui 

in l^e Dei sui sine qaerela incesserant, qui etiam ipsam ecclesiam et 
Sacra mausolea aliquot annis strennissime divinis humanisquo obsequiis 
excolttit, honoravit et venustavit. — Uebeif Ida's Bau spricht die Yita 
c. 8. Kon multo post in loco supradicto, ubi quondam densissima silvarum 
obductione astra ipsa occulebantur, lapidea basilica constmitur ac in sanctae 
Mariae genitricis Dei honore sanctique Germani episcopi oonsecrata est. lAe 
reichere Anlage derselben ergfibt sich aus den cc. 5, 6. 7, 10 (vgl. Note 8) Die 
erwähnte Imitation der frankischen Klostereinrichtung bezeugt später König 
Ludwig in einer Urkunde död^^/» bei Wilmans, Kaiser-Urkunden (1867) I, 119. 
. . • Is (abbas Warinus) peciit celsitudinem nostram recordari, quod pi^ memorie 
genitor noster Hindowious imperator ambo hpc monasteria oonstrui 
justit ad normam videlicet precipuorum in Gallia monasteriorum, 
Novam utique Gorbeiam ad similitudinem Antique Gorbeie, Heri- 
fordense vero cenobium ad exemplum monasterii sanctimonia- 
lium in Suossionis civitate consistentium .... Die auf den Kloster- 
bau zu Schildesche bezügliche Stelle ist von Strunck aus einer alten Hand- 
schrift des Klosters mitgetheilt und abgedruckt in Regesta Historiae Westfoliae . . 

herausgeg. von fl. A. Erhard I. S. 125 Ibi dum in loco arae summae 

dostinato crux erecta . . . . ^ essety domina Marcsuidis primum lapidem 

suis ipsa manibua in scrobem detulit Mox etiam accedere jussi, quos e 

Galliis accessiverati fabri, murarii, et cementarii, eorumque laboribus in- 
defesBia operi coepto tarn ardenter institum, ut ecclesiae totius fundamenta eadem 
adhnc aestate quaquaveraum de terra consurrexerint. Dass in diesen Berichten das 
Land Gallia nicht Lotharingia (cf. Index in Mon. Germ. Histor. XI s. v. Gallia) 
oder dal Rheinland bedeutet, dürfte sich aus den sachlichen Gründen der vorigen 
Note ergeben. 

^) Ausreichende Aufschlüsse geben schon die vita Bennonis ep. Ospabru- 
genBis t 1088, anotore Norberte abbate Iburgensi a. 1118 conscripta in Mon. 
Germ. Histor. SS. XH, 58 sq. — und die vita Meinwerci ep. Paderbornensis 
1009— 10S9 in Monum. Germ. Histor. SS. XI 106 sq., die letztere insbesondere 
e. 155 (ib. p. 139): luxta principale quoque monasterium oapellam quandam, 
capeUae extructae in honore Mariae perpetuae virginis a Gerolde Koroli 
magni imperatoris consanguineo et signifero contiguam, per Grecos 
operarios oonstruxit eamque in honore sancti Bartholomei apostoli dedicavit. — 
c 216 (ib. p. 158): Episcopus ergo pro obtinenda celesti Jerusalem ecclesiam 
ad similitudinem sanotae Jerosolimitanae ecclesiae facere disponens Winonem 
abbatem de Hebnwardehusun, quem de monaohis civitatis suae ibi praeposuerat^ 
ad se aocersivit, eumque Jerosolimam mittens, mensuraa eiusdem eodesiae et 



76 Die kuDstgesohiohtl. Boziehungon zwischen dem Rbeinlande u. Westfalen. 

sancti Sepulcri deferri sibi mandavit. Die Literatur bei W. Lotz, Kunsttopo- 
graphie Deutschlands (1, 1862) I, 493 f. s. v. Paderborn : S. Bartholomäusk. u. 
Stiftsk. Bustorf). Die Monachi civitatis suao waren die Benedictiner des Klosters 
Abdinghof und von Meinwerk (vitae c. 30) ans Cluny, jedenfalls zugleich behufs 
Künstlerdienste, nach Paderborn heimgeföhrt; denn wie leicht auch für den ganzen 
Norden die Kuust der Klöster gegen jene der Domplatze im 11. Jahrhundert 
übertrieben zu werden pflegt— die dies^itigeThatigkeitAbdinghofB bezeugen jene 
Sendung Winos, der Bau der Klosterkirche (Lübke, Mittelalterliche Kunst in 
Westfalen 1858, S. 60 f.), vielleicht auch die figurenreiche Kreuzabnahme und 
die Kapellen der Externsteine (E. Giefers, in der Zeitschrift für Gesch. u, Alter- 
thumskunde Westfalens (1867) XXVI, 13) und nicht weniger das früh rege 
Mmstleben des Mutterklosters Cluny (Acta Sanctorum Cff. Vitae Bemonis, 
Guilclmi I abbatb s. Beuigni Divionensis« Odilonis Jan. I, 827, 828, 61, 62, 69 
vita. s. Hugonis ib. April III, 646, 646), sowie die epochemachenden Bau- 
leistungen Burgunds überhaupt (vgl. F. Mertens, a. a. 0. S. 91, 92). Uebrigens 
leitet der Vergleich der Stützenverschiedenheit und der dorisirenden Gapitale 
der Krypta zu Emmerich, und der noch von Meinwerk erbauten Abdinghofer 
Krypta zu Paderborn (E. aus'm Werth, Kunstdenkmälor des ehr. Mittelalters in 
den Rheiulanden. Text I, XV N. 78) auf die ansprechende Ansicht: „die Be- 
ziehungen Meinwerks zu Emmerich durch das Erbe seiner Mutter Adela machen 
es wahrscheinlich, dass er die Bündels&ulen zu Abdinghof nach dem Motive 
derjenigen zu Emmerich machen Hess. 

*) F. V. Quast, Die romanischen Dome des Mittelrheines zu Mainz, Speier, 
Worms 1853 S. 26, bemerkt über den Fortschritt des Speierer Dombaues unter 
Heinrich IV. bis zur Weihe 1061 : „Aber auch damals scheint 'er noch nicht 
vollendet gewesen zu sein, vielmehr drohten die hart an der Ostseite vorbei- 
strömenden Wogen des Rheines den Untergang des Bauwerks. Der in der Bau- 
kunst hochberühmte Bischof Benno von Osnabrück 1068—1088 ward zu Hülfe 
gerufen und half jenem Üebel nicht nur ab, sondern scheint überhaupt den Bau 
gefördert zu haben", von dem er S. 37 noch bedeutende Reste in dem heutigen 
Riesenbau wiederfindet. Vgl. Schnaase, Geschichte der bild. Künste 2. Aufl. IV, 
377 ff. — Wer nach der Ausbreitung des sächsischen Stammes und der frühem 
Landesgrenze (W. Bolevinck (f 1502), De laude veteris Sazoniae nunc West- 
phaliae dictae herausg. von L. Tross 1865. I. 1. S. 6 und darnach B. Wittius 
c. 1500 Historia Westphaliae ed. Monasterii 1778 p. 6), Essen zu Westfalen zahlt, 
mnsB umgekehrt einen frühern auf Westfalen ausgeübten Einfluss constatiren, 
insofern der polygone Westchor des Münsters zu Essen aus der Mitte des 10. 
Jahrhunderts nach dem Vorbilde des Karlsmünsters zu Aachen aufgeführt ist. 
(v. Quast in der Zeitschrift für christl. Archaeologie u. Kunst 1856. I, 18.) 
„Preussen** (oder dessen Provinzen Rheinland und Westfalen) „besitzt (darnach) 
jetzt die(se) beiden einzigen, die(se) beiden ganz namhaften Ueberreste der 
Baukunst vom Ende des 4. Jahrhunderts bis gegen die Zeit des Anno (von 
Köln) .... 1060, nicht nur in Deutschland, nicht nur in Frankreich, sondern 
in den gesammten Ländern des Nordens j und noch muas man sagen, dass auch 



Die kmutgeschichtl. Besiehangeti zwisohen dem RheinlaDde n. Westfalen. 77 

der AnfaD(|r der folgenden Periode sich mit am ersten und kräftigsten in diesen 
preussischen Landestheilen zeigt. Diese Thatsaohen sind einigerroassen bezeich- 
nend fnr die Verhältnisse der Cultur^eschichte" (F. Mertens, Die Baukunst des 
Mittelalters 1850. S. 90) — ein Urtheil, das heute in seinen Vordersätzen nach 
den Thatsachen der Note 6 zu erweitem ist und dann die Schiassfolgerung noch 
deutlicher bewahrheitet. 

^*) F. Mertens meint a. a. 0. S. 92: ,,Man muss auf den statistischen 

Tafeln sehen, in welcher Weise hier in Köln von dem Jahre 1059, 

welches ich als das Anfangsjahr des Baues von St. Georg angegeben habe, die Bau- 
werke continuirlich durch alle Jahrhunderte bis zii unsern Tagen aufeinanderfolgen. 
wie in Hinsicht des Anfanges .der Kunst oder der Früheeitigkeit oder der An- 
leitung in der Baukunst nur die Orte Trier, Lüttich, Nivelles (in Brabant) ijs 
gleichberechtigt neben Köln gelten können, wie dann vom Niederrhein aus, 
seit dem Anfang des 12. Jahrhunderts, die Baukunst sich erst am Mittelrhein, 
in Westfalen und Niedersachsen und erst später gegen die Mitte des 12. Jahr- 
hunderts und selbst gegen das Ende und nach dem Ende desselben in den nun 
noch übrigen Provinzen des südlichen Deutschlands sich zeigt, um zu begreifen, 
was diese eine Stadt, was der Niederrhein überhaupt, in Hinsicht der Givilisation 
und der Hinfuhrung zu solcher für Deutschland und selbst für Europa gegolten 
habe.'* — Schon in der Entfaltung des romanischen Baustils brachte Köln 
es zu einer Meisterschaft und zu einer weit über die Grenzen der Rhein* 
lande gelangten Berühmtheit, die als ein Vorspiel der grossartigen Verbreitung 
der Kölner Kunst des gothischen Stils gelten darf. Das ergibt sich aus folgen- 
den Nächrichten. Als der heilige Norbert 1121 in der Einsamkeit von Goucy 
das Mutterkloster Prämonstrat erbauen wollte, wurde erst eine Kapelle errichtet 
und dann zum Bau geschritten. Es waren Caementariorum autem quidam Teu- 
tonici, quidam Gallici .... woher die Teutonici kamen, sagt die andere vita 
B. Norbert! : Porro pars caementariorum Teutonici erant — conduxerant 
enim eos Golonienses amici hominis Dei — pars nostrates, amici jam 
Praemonstratensium. Vita s. ^rberti archiepiscopi et institutoris ordinis 
Praemonstratensis ed. Wilmanns in Monimi. Germ. Histor, SS. XH, 666, AA. 
SS. Juni. I. 838. — Das Prämonstratenserkloster Floridus hortus zu Wittewerum 
in Ostfriesland baute in den Jahren 1288—1259 eine grosse Klosterkirche; der 
dritte Abt Menco (Chronicon in A. Mathaei Veter. aevi Analect. ed. 2. II, 
132 sq.) erzählt umständlich den Verlauf des Baues, mit der Berufung des Meisters 
beginnend: ,, . . . anno Domini MQCXXXVHI, anno ab inchoatione lateritii 
operis tertio, praedictus Abbas veniens in ortum Sanctae Mariae de oonsilio 
Domini Sibrandi Abbaus ibidem conduxit magistrum Everardum lapioi- 
dariae artis peritum natione Goloniensem adnovamecclesiam inFlorido 
orto faciendam, mercede ipsius* taxata tam hyeme quam aestate videlicet ut 
reciperet praeter victum aestivo tempore ad diem VII daventrienses, hyemali 
vero tempore a festo Martini ad puriücationem tres et hoc tempore sederet ad 
secandoB lateres, sed satis dampnose propter diei brevitatem et aeris obscuri- 
tatem . . .'* Dennoch lassen sich merkliche Spuren Kölns in der romanischen 



7$ IM« koflitgMebMtL IkMmogmk tmimhm dem Bhehilaiida il WaitfOeii. 

AnihiUkUir Watifalent niobt nftchweiteo. und C. Mrnaate, m. a. 0. lY. 2, 
104, d, Aufi, Wf 896 hmutrki hintlebilieh einet des weeentliobtten Oliedee der 
HmtmimUMiun^ t ,,0b nnn die Bitte der dorebgftngigen Ueberwölbang ans den 
li^MiinKi*Kenden bSerber gelangt, oder ob eie bier lelbstiUidig gefonden let^ Iftest 
»iuh freiliob niobt ermitteln. Indeteen deutet keine nihere AebnÜcbkeit der 
Form auf jnne Kinführung» violmebr ipriobt die eigeothumlicbe, der Rheingegend 
unbekannte, Vorbindung der Sftale mit dem Ge^ölbeban dafari dass dieser hier 
in Folge eigener Voraucbe, die freilich nicht an bo mächtigen Domen wie dort, 
«ondern an Gebinden von geringen Dimensionen vorgenommen wurden, ansge- 
bildst sei,*' — F. v. Qtiast will Überhaupt im Mittelalter keine Baneinflüsse vom 
Hhttlnlatulfl aulassen und die Helbitindigkoit der i^cstfalisohen Architektur retten, 
lodern er versichert: „in den Banton der Diöcesen des ehemaligen westfälischen 
Landes keine wesentlichen Unterschiede, sondern nur etwa locale Ein- 
flüsse bemerkt su haben, die sich wohl auf einEclne Ortschaften, nicht aber auf 
ganae ÜlÖoesen erstreckten; jedoch seien Unterschiede innerhalb der Diöcesen 
wahraunehmon, sobald man die eigentlichen Grenaen West&lens fiberschreite, 
und so gehörten die Östlich gelegenen Theile des Mindenschen Sprengeis lum 
, niederslohslsohen' Baukroise, w&lurend umgekehrt die westfUischen Theile des 
Kölner Hprengels von den rheinischen desselben Sprengeis völlig verschie- 
den sich den übrigen Westfalens anreihen/^ Correspondenz-Blatt des 
Uttsammtvereines der deutschen Geeohiobts- und Alterthomsvereine (18&5) 
Jahrgang 111, 85. 

'*) Der Vergleich der Bannaohriohten mit den Formen und Stildmrakteren 
an den verschiedenen Tbeilen bestimmen auch mich, für den einen grosseren 
HautheU des Soester Domes ein höheres Alter, als daa 12. Jahrhundert in 
Anapruoh au nehmte und midi gegen die Ansichten gewiegter Bauforecher 
(Oorrespondentblatt 111« 2&» Lota a, a. 0. I, 559) tu Gunsten der Annahme 
liübke's a. a. IK S. 78 ff. (K^yeer's) im Organ für ohr. Kunst (1864) XIY, 14, 
Gief^rNi und Kaievr'e» die Soester PalrooU-Kirobe n. Nicolai-KapeUe 1863 S. 1 iL 
tu enUobeldeii : %,Die Patrooli*Kirobe au Soeel^ gewöhnlich der Dom genanst» ist 
«Um In ranem fonianiaoheii Slüe erbaute Pfoilerbaailika und gekört an den 
berv^rragendalea Gebiudea dieser Art in gana Weatfalen. Daa 
gMie OelAvide bat ttimUoh «im Lftnge von 9S4 Fuaa; daa Mitlebehiff iat S7 
I\mi^ jedes der beide« S^itensbbifits U\, Fuas br«i; der Darcksebaili dar besdos 
Krs«ialH^ VMii Nvvrdeii Mob SUett ist 106 Faaa kag« Doeb ist daa gewaltige 
GiMwde niebl aia» Rinew Guas bwiroigf'gangea, aoudeni etenmt ans awei ver- 
S tf M e 4 ei>e<l HwepetMkik Maslibk daa Omv das Kreeoaebifi« aowie der öetKebe 
TWa dee llil Ul si c b ii^ bia awai Amlbw PMatpaare mü desi UAidBu id 
l«a dir »Ib MS S ^bUlfe sMl «« die Mlttie des eiUlift labitendeKa (H») 
4mx dir iW%i^ wes O ie fc i TVeü der iaroba iig^nn «i& der 
wdvdMpNn AidaiP» der VvwMtte m«) dce «Mt deraalbtsi ivrtasiplbMa 
IVMrea«» iM^nths d^r Hill* dee li. laJbAiwidtrta asi; denn mdb eiMr Uikwde 
t««a Jbdbr» ll«6 bsMIli^ IMbmbM^ IMmM wwi IRIa die KMbe kwa veikv cia- 
«i^y^^ 1^ AM^ikir^^li« U^r|{ Ws <>iisbrhl. «^ Labl» a. a. a 




Die kimstgeschichiL Beziehongen swiscben dem Rkeinlande u. Westfalen. 79 

8. iSO, deren Chor 1070 daroh BiecLof Benno von Osnabrück, ihrem Gründer, 
eingeweiht wurde and die im Jahre 1084, von welchem die Stiftnngsnrkande 
datirt, im Bao beendet erscheint, zeigt trotz eines nüchternen spätgothischen 
Umbaaes ihres aus drei gleichhohen Schiffen bestehenden lAnghauses bedeut- 
same Reste der romanischen Anlage, die ich dem arsprüngliohen Baue 
zuschreibe; namentlich sind die Mauern des Chores und Kreuzschiffes alt, 
letzteres hat auch die gedruckten rundbogigen Gowölbegurte and in den Ecken 
ab Träger derselben, wie in der Kirche zu Marienmfinster kraftige Säulen. 
Ihre Kapitale gleich denen der Pfeiler des Schiffes, sind in der Rococozeit mit 
Stuckomamenten überklebt; / ihre steilen attischen Basen zeigen das 
Eokblatt Auf der Kreuzung ein Glockenthurmchen als Dachreiter. Die 
Kirohe hat eine herrliche Lage auf einem steilen Abhänge des Teutoburger 
Waldes, der weit in die Ebenen des Münsterlandes hinaussieht.*' Unmöglich 
lassen sich jene älteren Theile ins 12. Jahrhundert versetzen; einmal, weil der 
Bau, den der architectus praecipuus, der caementarii operis sollertissimus dis- 
positor seiner Zeit persönlich und unter den grossartigsten Znrüstungen leitete, 
vielleicht schon auf ein Gewölbe berechnet und in einer Bauzeit von 1070 bis 
zu seinem Tode 1088 noch nicht vollendet war, schon nach Verlauf von kaum 
100 Jahren wieder umgebaut sein sollte; sodann kennt auch der Abt Norbert 
von Iburg selbst, der 1118 Bennos Leben und Thaten beschrieb, keine andere 
Kirche als jene Bennos und statt sie fua bald restaurationsbedürftig zu halten» 
gibt er gleichsam episch zu verstehen, dass sie der Stolz des Klosters und der 
Umgegend sei (Cf. Vita Bennonis c. 23, 36, 29, 19, 40, 24, 41.) An einem' 
Bennosbau hat auch das zierende Eckblatt an steiler attischer Base nichts Be- 
fremdendes für das 11. Jahrhundert. — Die Pracht der Kunstwerke im Dome 
zu Münster besengt der Kölner Handeli^ode Herman, der sich hier um 1131 
aufhielt, um auf die Rückzahlung eines dem zeitigen Bischof Egbert, in Mainz 
geleisteten Geldvorschusses zu warten, und der zum Zeitvertreib die Domschule 
und die Fredigten im Dome besuchte, so dass er am Ende Christ und Prämon- 
stratenser des neu gestifteten Klosters Cappeuberg wurde. In der Schrift de 
soa oonversione c. 2. bei von Sternen, Beschreibung der Gotteshäuser Kappenberg 
and Scheda 1741 erzählt er : Processu temporis ex orebris eorum (Christianorum) 
oon£ibulationibns ad exploranda diligentius ecclesiastioa sacramenta factus alacrior, 
basilicam (oathedralis ecclesiae) non tam adhuc devotus, quam ouriosus iutrabam, 
quam antea velut delubrum quoddam exhorrueram. Ubi studiosius omnia per* 
lustrans, inter artifioiosas caelaturarum ac picturarum v^rietates 
monstrosum quoddam idolum aspioio. Cemo siqnidem unum eundemque hominem 
humiliatnm et exaltatum et ejectum ignominiosnro et gloriosum, deorsum in 
cruce mirabiliter pendentem, pictnram sursum metienti yenustissimum ac velut 
deificatnm residentem .... dass ihm überhaupt die Bilder und Bilderverehrung 
damaliger Zeit viel zu schaffen machten, bezeugt o. 8 seine Unterredung mit 
Abt Rupert von Deutz. 

^*) Das Genauere geben meine Artikel },die Ludgerikirohe zu Munster^ im 
Organe für christl. Kunst. (1868) XYIII, Nro. 2, 8, 4 



80 Die kanBtgeschiohtl. Beziehungen zwischen dem Rheinlande u. Westfalen. 

'3) „Der Dom zeigt drei Schiffe yon gleicher Höhe; der Papst berichtet» 
wie diese Anordnung anf seinen Wunsch getroffen worden sei, nachdem er 
solche Hallenkirchen in Deutschland gesehen/* A. yon Reumonty Gesch, der 
Stadt Rom HI. 1, 398. 

^*) Eine genauere Beschreibung der hier zur Sprache kommenden Kirchen- 
bauten des Niederrheins würde zu weit fahren und muss vorbehalten bleiben. 

^') Der Tuffstein kömmt in Westfalen nur mehr als Grenzläufer vbr, so 
als Verkleidung der grossen Kirche zu Bochold (Lubke a. a. 0, S. 281), an dem 
benachbarten malerischen Thurme der romanischen Uebergangszeit zu Dingden 
und angeblich an den romanischen Bauresten der Kapelle zu Haas Dülmen bei 
der gleichnamigen Kreisstadt; am Niederrhein wurde er theils aus den Ruinen 
der Römerbauten gewonnen (von Dechen in den Jahrbüchern des Vereins 88, 
1 ff. gegen Schneider das. 98, 84. Eyck van Zuylichem bl. 14), theils zu Schiffe 
bezogen, wie er dann wohl nur auf diesem Wege bis nach Ostfriesland, sogar 
bis Bremen (Sibrandi Leon. Chronicon apud.Matheum, Analecta ed. secunda VIII, 
856, Schumacher im Bremisch. Jahrbuch I, 299) gef&hrt sein kann. Der sich 
mehrende Gebrauch des Ziegelsteins und anderer benachbarter Bruchsteine ver- 
drängte ihn in gothischer Zeit so gut wie völlig, falls er nicht von altern Bauten 
übernommen werden konnte. Vgl. Aus'm Weerth a. a. 0, Text I, XIV, XIX, 29t 
So erweisen auch die Xantener Baarechnungen den Bezug der Baumberger 
Steine in den Jahren 1474, 1495, 1600, 1609, 1611, 1684 bei Schölten Baurech- 
nungen der St. Victorskirche zu Xanten 1862. S. 88, 60, 72 f., 76, 80, 84 ff. II, 2. 

'^) Eine Abbildung des Wisseler Taufsteins gibt Ernst aa8!m Weerth, 
a. a. 0. I Taf. X, 7. Mit geringen Abweichungen stellen eine gleiche Form dar 
die Westfälischen Taufsteine zu Haselünne bei Meppen, Südkircfaen bei Werne, 
Metelen bei Burgsteinfart, Wetteringen bei Rheine, Gescher, Ramsdorf, Borken. 
Der erste ist der einfachste, der Borkener der reichste, dem- Wisseier ähnlichste, 
weil hier wie dort Menschenköpfe, die sonst fehlen, im Ornament des untern 
Beckenrandes abwechseln; am Taufsteine zu Südkirchen nimmt ein Fries von 
Säulen, unterbrochen von Blumen und Menschenköpfen, die Stelle der Palmetten- 
zier des untern Beckenrandes, an jenem zu Wetteringen Menschenfratzen die 
Stelle der vier aufrechten Löwen des Fusses ein, an jenem zu Borken wechseln 
am Ständer zwei Löwenköpfe mit zwei Menschenfratzen, an dem Taufsteine zu 
Gescher hat die Verbindung des den Fuss abdeckenden Wulstes mit der Becken- 
ausladung durch eine Kehle statt. Dem Becken nach gehört hierher der Tauf- 
stein zu Recke bei Jbbenbüren, der Fuss ist in drei getrennte Träger zerlegt 
(Abbild, von Alf. Hartmann in der Zeitschrift für christl. ArchaeoL n. Kunst 
II, 268). Einfachere Formen und Vorstufen jener entwickelten Reihe bilden die 
Taufgefösse zu Ochtrup bei Burgsteinfurt und die sich fast ganz gleichen zu 
Gimbte bei Greven und Ostönnen bei Soest, nur dass der letztere, welcher sich 
am weitesten ins Land gewagt hat, durchgehends feiner empfunden ist. Alle 
drei haben gemein den kahlen oben fast den Durchmesser des Beckens erreichen- 
den und nach unten stark verjüngten Fuss und als Hauptbelebung der Becken- 
fläche Arkaden. Während diese an dem Ochtruper Exemplar unten ein Band 



Die kunatgeaohiolitl. Beziehungen Bwischen dem Rheinlande u. Weetfalen. Bl 

Yon einfachen schräg nebeneinander, oben ein solches von je zwei winkelig zu 
einandergestellten Blättern einfasst, verlaufen sie an den beiden andern zwischen 
einer doppelten Tauverzierung, und erlangen ihre Arkaden einen Abschluss 
mit zur Hufeisenform neigenden Bögen. An diesen zeigen die Füsse die stärkste 
Veij&ngung und vertritt die untere Tauverzierung von rundlichem Profil zu- 
gleich den, FusB und Becken verbindenden, Wulst; den Uebergang des verengten 
Fusses zu der breiten Base vermittelt eine Profilirung, zu Gimbte und Ostönnen 
ein Wulst und darunter eine starke, ausladende Schräge. Diese drei Stücke 
vertreten ohne Zweifel den rein romanischen Stil, in der zahlreichem und ent- 
wickeltem Reihe dagegen scheinen mehrere in den viereckig stilisirten 
Traubengebilden, welche die wellenförmigen Windun^n des Beckengeränks ab* 
wechselnd mit einem gefingerten Blattwerk (Pal motten) ausfallen, schon ein 
gewisses gotiiisches' Stilgefühl zu verraten, so handwerksmässig und steif auch 
sonst die übrigen Formen gehalten sind. Erwähnt sind die Taufsteine zu Me- 
telen und Ramsdorf bei Lübke a. a. 0. S. 378. 

*') Hinsichtlich der hanseatischen Verbindung und* des gemeinsamen 
Londoner Handels sei nur verwiesen auf L. Ennen, Geschichte der Stadt Köln 
U. 551 UI. 705. Geisberg in der Zeitschrift für Gesch. und Alterthumskunde 
Westfalens (1866) XYII, 174 ff., 869, und auf Schnaase a. a. 0. VI, 889, der an- 
lisslich der Grabplatte des 1812 in Boston gestorbenen und beerdigften Münste- 
rischen Kaufmanns, Wisselus von Smalenbergh, das Vorkommen vollständiger 
(nicht aus Theilen bestehender) Metallplatten unmittelbar deutschen oder aus- 
landischen Einflüssen zuschreibt. Vgl. die genannte Zeitschrift XVII, 170 ff. 

^^) Gothische Thürme mit Strebepfeilern eignen in Westfalen nicht ein- 
mal allen Prachtwerken dieser Art und fehlen sogar dem Thurm der Lieb- 
frauenkirche zu Münster. Nordhoff im Organ für ehr. Kunst (1868) XVIÜ, 124. 

— Soest nennt die Vita Idae in Mon. Germ. Histor. II, 574 im 10. Jahrhundert 
eine civitas .... commeantium populorum frequentia nobilis. — Die 
Bürg^raufhahmen der Stadt Dortmiud sind aus dem dortigen 2 Folianten starken 
Bargerbuche ausgezogen und publicirt von Fahne, die Herren und Freiherren 
von Hövel II, 44 ff. Unter den pictores wird einer zum Jahre 1381 de Susato, 
unter den aurifices, cnprifabri einer aus Münster^ unter den lapicidae, Stein- 
bickem und Steinmetzen werden zwei ,^Ton Kettwig'S auch ein cntellifex aus 
Soest 1864 genanüt — die einzigen Angaben über das Herkommen der Künstler. 

— Die Chronisten des Elsasses erzählen nach F. von Schmitz a. a. 0. S. 186, 
187^ dass der Sohn Ervins von Steinbach, des Schöpfers des Strassburger 
Münsters, Namens Johannes, sich mit seinem Vater überwerfen und den Wander- 
stab nach fernen Landen ergriffen habe. Auf solcher Wanderung nach Münster 
in Westfalen gekommen, habe er dort die schöne Liebfrauenkirche zu Ueber- 
wasser erbaut. Diese Sage ist den gleichzeitigen Chronisten unbekannt und ihr 
specieller Inhalt schon desshalb hinflillig, weil die Liebfrauenkirche erst 1840 be- 
gonnen wurde, Johann von Steinbach aber schon 1389 starb. (Joh. Schilter zu 
J. V. Königshovens Chronik S. 559. Tgl. dagegen Hegel, in den Chroniken der 
deutschen Städte IX, 1014 Note 6.) — Hinsichtlich der Lambertikirche erzählt 

6 



62 Die kanstgeschiohÜ. Beziohungen zwischen dem Rheinla&de a. Westfalen. 

Kock, Series episooporum Monasteriensiam eorundemque vitae ao gesta in 
eoclesia. Monasterii 1601, II. 14—17: Hie ptaeterire non poi^am traditionem 
adhuc vigentem de ecclesiae exstractione; Fenint, operarios Tyrolenses huic 
operi adliibitos ferunt quoque, eosdem operarios de die exstruendae eccle- 
siae Lambertinae et ad vesperam exstruendae ampliori, quam olim foit ecclesiae 
Minoritarum incubuisse. Die evangelische, vormals Minoritenkirche zu Münster 
beschr. von Nordhoff Organ XYIII, 198 ff. Uebrigens sind nach der Erinnerung 
älterer Leute Tyroler Maurer bis in unser Jahrhundert des Sommers bei bedeuten- 
den Bauten in Westfalen thätig gewesen. Nach dem Vorbilde der Liebfrauen- 
kirche wurden im Münsterlande theilweise noch während des Baues aufgeführt 
die Kirchen zu Wolbeck, Havixbeck (Lübke a. a. 0. S. 251), die elegante schon 
1844 vollendete Kreuzkapelle auf dem Strombwge (Münster. Geschichts-Quellen 
in, 306) und, von allen die grbsste, die Kirche zu Altenberge; die Lamberti- 
kirche diente zum Muster den stattlichen, weiträumigen Kirchen zu Nottuln 
und Lüdinghausen. (Lübke a. a. 0. S. 290, 293). — Die Berufung Meister 
Kurds nach Bremen ist mitgetheilt von Ehmck imd Schumacher im Bremischen 
Jahrbuch £1, 294 ff. 367, 419 ; — der Bau und der Mebter der Albreohtsburg 
zu Meissen besprochen von Klemm in den Mittheilungen des sächsisch -thürin- 
gischen Vereins Heft XI, 19 ff. und Lotz I, 438. 

^*) Der Hanptchor des Domes zu Köln schliesst mit 5 Seiten des 12ecks, 
jener der Petrikirche mit ebenso vielen des lOecks (vgl. über diese seltene Bil- 
düng Otte a. a. 0. S. 475), die Seitenkapellen dort und die Seitenchöre hier 
mit drei Seiten des Achtecks, letztere jedoch unregelmässig. (Grundriss bei Lübke, 
Tafel V). — Die Nachricht über den Steinmetzen Johann von (Dron)Steinfart 
und die später nicht weiter belegten Angaben über Kölnische Künstler finden 
sich in dem fleissigen, alphabetisch geordneten und deshalb leicht zu hand- 
habenden Sammelwerke Joh. Jac. Merlo's : Nachrichten von dem Leben und den 
Werken Kölnischer Künstler. Mit 174 Monogrammenbildungen. Köln 1850. 
Die dort S. 160 benannten Kölner Steinmetzen „von Hamm" kamen auch 
unseres Erachtens aus dem rheinischen Dorfe Hamm und nicht aus der gleich- 
namigen, bis in die neueste Zeit unbedeutenden Stadt Westfalens. 

'^) Grabsohrift, Werke und biographische Notizen über Meister Philipp 
Hermann bringen nach Begin's Werke über die Kathedrale von Metz, der An- 
zeiger für die Kunde der deutschen Vorzeit Jahrg. V Nro. 3 und die Zeitschrift 
des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde Westfalens (1858) XIX, 366 f. — 

'^) Der Zunftbrief der Kölner Gilde, Glaswörter Bildschnitzer, einer der 
frühsten seiner Art vom Jahre 1449 in den Annalen des historischen Vereins 
für den Niederrhein Heft XVI, 184, 185 besagt: Vort so wer einich werck 
geloiffde zo machen vanOliefarven, der sali dat nit machen von wasserfiurven 
und an wem man dass gewar wurde, der sali gelden zo boissen funff marck 

und darzo besserong des wercks doin Eine andere Stelle des Briefes 

sei des seltenen Inhalts wegen hier in Erinnerung gebracht: Vort wer saoh, 
dat einich man zo Colin queme, der sich dieser Ampter anneme und sich 
damit gedeoht zn emeren, idt were mit Bildensohnitaen, ofderenicheer- 



Die kunstgeschichtl. Beziehungen zwischen dem Rheinlande u. Westfalen. 88 

h«Ten bilder drackde, darvan sioh dat stuck verlief boven ein marck, der 
sali nnsem ampt gehorsam sein in allen Sachen und punten vnrg. sonder 
argelist. Hinsichtlich der Altcrsstellung des Briefes und der Bedeutung des 
Bilderdruoks vgl. K. • Falkenstein, Geschichte der Buchdruckerkunst 1840, S. 
18 ff. Sotzmann in Baumerts Histor. Taschenbuch 1841 S. 517 ff. 

'^) Die vielleicht noch im 11. Jahrhundert wurzelnde Malerei Soest's^ — 
wenigstens zeigten die dem 11. Jahrhundert entstammenden Bautheile des 
Domes (vgl. Note 11) in den Apsiden die jetzt restaurirten ernsten Wandge- 
mälde — wird nach den Werken und Meistern ästhetisch und technisch ge- 
würdigt von Lübke a. a.'O. S. 321 ff., Giefers und Kaiser a. a. 0. S. 17 ff. und 
erscheint den Arten wie der Verbreitung nach immer bedeutsamer, je mehr 
Beste von Tafel- und Wandmalerei in der Stadt und Umgegend entdeckt werden. 
Der älteste dieser Fimde in der Kirche Maria zur Höhe ist zugleich der merk- 
würdigste, sowohl in Absicht auf den Reichthum der Darstellungen, wie der 
Technik und Dimensionen. (Vgl. Leipziger Illustr. Zeitung 1870 S. Sil). Es 
ist nämlich auf eine mit Leinwand überzogene und bemalte kreisrunde Holz- 
scheibe ein hölzernes Cmcifix derart gdegt, dass die Enden der drei oberen 
Balken sieh mit der Peripherie der unterliegenden Scheibe decken; unter den 
nach unten über die Kreisscheibe hinweghangenden Kreuzesfuss hat man später 
eine viereckige Unterlage gelegt und diese oben durch schräge Giebel mit der 
Kreisfläche des Bildes verbunden, die Unterlage durch farbige Linien in vier- 
eckige Felder zerlegt und diese schwarz in Gold verziert mit Blattmustem, 
Thiermotiven, grotesken und andern Menschengestalten ; das Kreuz nun enthält 
in hohem Belief acht eingesohnitzte Scenen aus der Leidensgeschichte, die von 
der Kreisscheibe gefüllten Winkel des Kreuzesbalken 4 runde, die Enden der- 
selben 4 quadratische Darstellungen aus dem Leben Jesu, so dass die des 
untern Kreuzbalkens mit der Grablegung abschliesst. Ueber jedem Ende des 
Querbalkens schwebt ein geschnitzter Engel, die beiden Rundbilder in den 
untern Winkeln des Kreuzbalkens zeigen das eine Christus vor Pilatus, das an- 
dere den Einzug in Jerusalem. Malerei und Sculptur gehen hier völlig Hand 
in Hand, falls der Farbenauftrag nicht der Restauration des Bildwerks ange- 
hört. Es gehört nämlich das Kreuz mit der Kreisscheibo und den Bildern 
der romanischen^Stilzeit Vielleicht, wie der Thurm der Kirche, noch dem 12. 
Jahrhundert an; dagegen kann der viereckige Untersatz mit den quadratischen 
Ziermustem und der oberste Farbenauftrag wohl nur in der Zeit gemalt sein, wo- 
rauf die Inschrift hinter dem Bilde an der Wand hinweist: Anno Domini 
MGGCGLXX primo die assumptionis b. Marie virginis gloriose hec tabula cum 
cradfixo et aliis reformata fuit. Dominus Johannes Eppynck, dominus Johannes 
Warendorp capellanus, Thomas Myle, Johannes Schone, Ratte provisores. Ma- 
gister Theodericus de Tremonia pictor huius tabule. — Dem Anfange des 13 Jahr- 
hunderts entstammt das vom Baurath Bucholtz zu Arnsberg gefundene und von F. 
V. Quast in der Zeitschrift für ehr. Archäologie u. Kunst (1858) U 28S f. be- 
schriebene Altargemälde der Wiesenkirche: eine in allen Theilen frei und 
lebendig empfundene Kreuzigung mit den Seitenstücken des Verhörs vor Kaiphas 



84 Die kunstgesohichtl. Beziehungen swiachen dem Rheinlande n. West&len. 

und der das Grab besuohenden Frauen. „Für ein Staffeleibild ist dies so früh, 
dasB hiermit in Deutschland nur noch das zweite Bild desselben Altars und ein 
anderes aus Soest stammendes, welches sich jetzt im Museum zu Münster be- 
findet — es ist das Antipendium aus dem Walburgiskloster .mit dem Salvator 

und Seitenfiguren (Lübke S. 884) -< verglichen werden kann Von andern 

etwa gleichalterigen Staffeleibildem lassen sich unter den bekannt gewordenen 
nur die des Guido von Siena vom Jahre 1221 nennen'*. — In der Umgegend 
gehören die Wandgemaide der alten Ghortheile in der Marienkirche zu Lipp- 
stadt wahrscheinlich noch dem Yollendungsjahi^ ihres Substrats 1198 an (Lübke 
S. 166). Es sind Engelfiguren bewegt und belebt, die Gontouren entbehren der 
greUen farbigen Gegensätze, das den Bildern als Basis dienende Deoorationsband 
besteht an der einen Wand aus einem Netz geometrischer Ornamente, an der 
andern aus Ereiswindungen und Mustern, denen man absieht, dass sie den 
mannigfaltigen Teppichomamenten der Zeit abgeschaut (Vgl. Springer in den 
MittheilL der E. K. Gentral-Gommission (1860) Y, 67 ff.) und in Farbe über- 
tragen sind. — Jünger erscheinen die meisten Figuren der vor 8 Jahren ent- 
deckten Wandgemälde in der alten Thurmkapelle der Klosterkirche zu Liesbom 
nordostlich von Soest. Sie stehen unter Arkaden mit runden Bögen, über deren 
Säulen sich eine thurmartige Zierarchitektnr — Alles in Farbe — entwickelt, 
indess der über den Rundbögen der Arkaden angelegte Spitzgiebel, der an den 
Seiten anscheinend mit kräftig bestielten Knollen besetzt ist, die Einflüsse der 
romanischen Uebergangszeit deutlich bekundet. Andre Figuren ohne Umrahmung 
passen sich frei den Flächen der von Bögen durchbrochenen Wände an, oder 
sie deuten* mit den Emblemen der fünfblätterigen Rose auf eine Beziehung zum 
Hause Lippe, welches die Yog^tei des Klosters inne hatte. Soweit man erkennt, 
verbindet ein Typus, eine Technik und unterzieht ein Zierband mit romanischen 
Mustern diese figürlichen Darstellungen — welche stilistisch der Mitte des 18. 
Jahrhunderts angehören möchten und für damals um so eher Soest's Malerschule 
beizumessen sind, als sich in dieser Stadt bis 1239 der Liesbomer Abt Burchard 
Gbsundheits halber aufhielt und starb. (B. Wittius 1. a p. 761.) Zwei Figuren der 
südlichen Wand dagegen sind unzweifelhaft jünger und jedenfalls um 1322 ge-. 
malt, als Abt Florin, während die Kirche im Baue begriffen war, die Thurm- 
kapelle für den Gottesdienst wieder einrichtete und mit Zustimmung des Yogtes, 
Simon von der Lippe, reich dotirte. (Staatsarchiv zu Münster Urkk. No. 120, 
122, 127 A. B. Wittius 1. c. p. 768). Da ich die Kunstnachriohten über Soest, 
Lippstadt und Liesborn hier nach alter Erinnerung beigebracht und überdiess 
die erwähnten Wandgemälde wegen der Dunkelheit der Räume und des ver- 
letzten Zustandes nur höchst unklar sehen konnte, so werden sie vielleicht in 
manchen Punkten zu corrigiren sein, wenn einmal eine behutsamere Unter- 
suchung zu Lippstadt und Liesbom vorgenommen werden sollte. Wahrschein- 
lich würde auch eine Entfernung der Tünchschale in den romanischen, Soest 
benachbarten Kirchen zu WeslarUi Borgeln, Ostönnen und Bremen den Cyolus 
der von Soest ausgegangenen Wandmalereien noch erweitem. 

'') Das Missale zu Münster, seither nur mehr erwähnt als beschrieben 



Die knnstgeschiohil. Benehnngen zwischen dem RheiDlande n. Westfalen. 85 

▼on Becker in Euglers Museum 18S5> S. 398 f. und Lübke a. a. 0. S. 345, ver- 
diente «nicht nur wegen des Stiles, sondern auch wegen der Erkenntniss der 
seitigen Heiligensymbole und -Attribute, der Kostüme und Liturgik, wie sich 
dies Alles in dem Cydus von 57 lieblichen Miniaturbildern entrollt, eine mög- 
lichst genaue, mit Facsimilirung der lehrreichsten Stücke verbundene, Würdigung. 
— üeber die Liesbomer Kunstübung und Malerei vgl. Nordho£f, Chronisten 
S. 32-40. 

'*) Von dem sogen. „Oldenburgisohen Hörn** der dänischen Sammlung 
auf dem Schlosse Rosonburg, einem Meisterstüoko der spätgothischen Metall- 
kunst, sagt G* Andersen, Die chronologische Sammlung der dänischen Könige, 
Kjobenhavn 1872. S. 5: „Was die Entstehung dieses Horns betrifft^ (von dem 
eine alte Mythe sogar erzählt, dass es im Jahre 989 dem Grafen Otto I von 
Oldenburg von einer Bergnymfe, welche aus dem Berge OSenberg heraustrat, 
als er sich auf der Jagd verirrt hatte und müde und durstig sein Boss vor dem- 
selben anhielt, gereicht wurde) so hat die Yermuthung am meisten Wahrschein- 
lichkeit für sich, das9 König Christian I. es im Jahre 1474 von dem nach 
Danemark berufenen westfälischen Bildhauer Daniel Aretäus fertigen Hess.** — 
Welche Stellung Münster einnahm bezeugen die Geschichtschreiber, wie Wittius 
1. c. p. 329 und die Fraterherren. Ein von ihnen kunstreich hergestelltes Chorbuch 
in der Kirche zu Stadtlohn bei Ahaus schliesst mit folgender Inschrift: Anno 
Domini millesimo quadringentesimo septuagesimo octavo in urbeMonasterio, 
primaria Westphalie, in coUegio presbyterorum et clericorum fontis salien- 
iis hie über diligenter scriptus et completus et pro ecclesia sancta parochiali 
in Stadtloen. (Bei Nordhoff, Chronisten S. 57.) Das lange Lobgedicht des 
Murmellius (bei J. Niesert, Beiträge zur Buchdruckergeschichte Münsters, 
Coesfeld 1828 S. 185) benennt sich in der Ueberschrift : In urbem Monasterium, 
Westphaliae metropolim, opulentia doctisque ac prudentibus hominibus insigueni 

Ode sapphica ab' Joanne Murmellio 1503 und klingt in der Strophe 10 

und 7: 

Eminent turres nimium levatae, . 

Sunt domus altae: speciosa lucent 

Templa et obsciirae decorata cingunt 
Moenia fossae. 

Westphalae gentis decus, aura, splendor, 

Civitas Paulo celebris patrono 

Notier Delphis, variis Athenas 
Artibus aöquat. 
Folgende Bemerkung einer alten Chronik des Klosters Marienfeld im Staats- 
archiv zu Münster Ms. YH, 1305 leistet zur Kunstgeschichte Münsters und 
Westfalens einen nicht unwillkommenen Beitrag, indem sie berichtet vom Abt 

Beinold 1443—1477 Tabula in maiori altari, quae per antecessorem 

fuerat inchoata, temporibus suis est erecta, quam fecit deaurari et depingi; et 
cum pretio non parvo et cum adiutorio fratris Anthonii sartoris fecit scribi 
libros cantuales, qui libri scripti (sunt) per fratrem de Osnabrugo nato (sie), cuius 



86 Die kanstgeschiohtl. Beziehungen zwischen dem Rheinlftnde a. Weet&len. 

nomen erat Bruno Tollen. Et fecit enim parari Organum, quod nunc antiquom 
dicitur, quod Organum cum tabula maioris altaris pro mille florenis (rh.) com- 
paravit, uti a fratre Anthonio sntore intellexi, qui adiutor fuit in negotio talL 
Insuper et alii boni fratres de licentia domini abbatis parari fecerant tabulas 
et omamenta s. Mariae Magdalenae Osnabrvgi praeparata et depiota cum imagine 
Brunonis, et aliam tabulam Philippi et Jacobi a magistro dicto Korbe ck 
de Monasterio. Das Weitere verbreitet sich über Anschafibngen von Bechern 
und Kelchen. Eine kostbare Orgel war schon 1385 errichtet. 

'^) Ein doppelter Schriftcharakter, ,,der gerade stehende Missaltypus'' und 
,,eine Art länglicher schiefliegender Minuskel von ungleich freierer Bewegung 
bildet den weit verbreiteten Handschriftenductus des burgundischen Reiches, 
, Jenes grossen Staates mit Flandern, Brabant, Henegau, Geldern und Nieder- 
landen in dem weitesten Umfange des Wortes, also auch mit Inbegrifif des be- 
nachbarten Niederrheins und Westfalens^' Falkenstein a. a. 0. S. 87. — Auch 
in der altem Type des Nordens erkennt Ebert in Ersch und Grubers Ency- 
clopädie I. 14, 234 s. v. Buchdruckerkunst eine solche Abweichung von der bis 
1476 in Süd- und Westdeutschland verbreiteten, und so viele Anklänge an die 
holländische, dass er geneigt ist, die ältesten Drucke in Magdeburg, Hamburg, 
Lüneburg, selbst in Köln durch die Fraterherren auf Brüssel zurückzuführen, 
welche ja auch 1476 mit einer Brüsseler Type die erste Presse Norddeutsch- 
lands in Rostock eröffneten. Druckereien der Fraterherren zu Rostock und 
Nürnberg beschreiben Lisch in den Jahrbb. des Mecklenb. Geschichtsvereins IV, 
35 ff. Falckenstein a. a. 0. S. 163, 177, 154.— üeber die rheinisoh-westfalischen 
Kriege geben die einzelnen Landes- und Localgeschichten Auskunft. — Die 
epochemachende Wirksamkeit der Fraterherren im Allgemeinen ist anerkannt 
von Ullmann, Reformatoren vor der Reformation (1866) II, 11—167, von Delprat, 
Yerhandeling over de Broederschap van G. Grote en over den invloed der 
fraterhuizen II. Druck, Amheim 1856; ihre Verdienste um die Kunst, ihr Zu- 
sammenhang mit dem Humanismus, ihr Eingreifen in die Buchdruckerkunst, 
ihre Beziehungen zum Mutterlande und zu einander sind entweder sachlich und 
örtlich zu einseitig oder gar noch nicht behandelt; daher denn bis jetzt von 
einer, alle Zweige ihres regen Lebens umfassenden, Würdigung für den Norden 
leider noch keine Rede ist, obwohl die hundertfältigen Verbindungen der hol- 
ländischen Fraterherren mit dem Rheine, Westfalen und selbst mit dem östlichen 
Sachsen aus einzelnen Beispielen einer zeitgenössischeiy GeschichtsqueUe erhellen, 
nämlich aus des Joh. Buschii libri II de reformatione monasteriorum oomplurium 
per Saxoniam et vicinas regiones in Leibnit. Scriptor. rerum Brunsvic. H, 
806 ff. Was Erhard in der Zeitschrift für Geschichte und Alterthumskunde 
Westfalens (1838) I, 28 über die bereits 1400 blühende, als Stamm- und Ober- 
haus verschiedener männlicher und weiblicher Congregationen Norddeutschlanda 
bedeuti^me, Niederlassung der Fraterherren in Münster anführt, lässt nichts 
ahnen von ihrer schwerwiegenden Gulturbedeutung. Die Münsterischen Ge- 
schichtsquellen I, 160, 331, 338 erwähnen wiederholt dieses Instituts und weisen 
auch III, 314 auf seine schon bei der Gründung bestehende Beschäftigung des 



Die kunfligesohiobtl. Benehangeo zwischen dem Rheinlande u. Westftklen. 87 

Bfichersohreibens hin. Ich fiind allein in den münsterländisohen Kirchen meistens 
der holländischen Grenze entlang vom Jahre 1413 ab eine ansehnliche Keihe 
Foho-^osser Kirchenbücher theils mit Initialen und Randverziemngen. theils 
zugleich mit einem Folio-groBsen Passionsbilde bemalt. Die reichem Exem- 
plare sind inschrifllich als Arbeiten der münsterischen Fraterherren beglaubigt, 
die einfachem, welche mit jenen in der Form der Schrift, der Initialen und 
Randgerimsel übereinstimmen und also auch gleichen Ursprung theilen, ent- 
behren dieser Angabe. Eins der schönsten Exemplare dieser Art, ein Anti- 
phonarinm der Kirche zu Ennigerloh bei Beckum schliesst mit den in diesen 
Büchern fast typischen Worten: Anno Domini MCCCCLXXIX scriptns et 
completns est iste über in domo fratrum communis vite ad fontem salientem in 
Monasterio. Qni utitur conoret pro ipsis. Die grossen mannigfaltigen Initialen 
lassen nach allen Seiten auf die freien Ränder ein Gewebe der zartesten 
Yerfadelungen in den hellsten Farben ausspriessen ; eine l^erle der Pergament- 
malerei und ein Spiegel des zeitigen Kunststils erscheint ein Passionsbild in 
Folio. Den Rahmen bilden vegetabile Muster, zum Theil nach dem Akanthus 
genommen, zum Theil Blüthenkolben und Knospen, in den buntesten Yer- 
schling^ngen und Farben mit einander verwunden. Im Bilde stehen zu jeder 
Seite des Kreuzes vier Personen, links die Gruppe ddr h. Frauen, dem Kreuze 
zunächst die h. Mutter, welche ihren tiefen Seelensohmerz weniger im zart- 
empfindenden Antlitz als in der Haltung offenbart; sie würde zusammensinken, 
«wenn nicht der h. Johannes unter ihre Arme griffe. Rechts die Henker, Maria 
Magdalena umklammert das Kreuz, in allen Gesichtern spielt ein edler Schmer- 
zensausdrnck, auch die Henker dürfen ihre böse Seele wohl in der Handlung, 
aber nicht in den Zügen des (jresichts ausprägen. Namentlich milde ist der Ge- 
sichtszug des Gekreuzigten, seine Gestalt noch lang gezogen. Gegenüber 
diesen idealen Schönheiten bricht der Realismus in allen Aensserlichkeiten 
durch. Die Frauen haben ihre Kopf- und Halstücher, Johannes ein schön ge- 
locktes, goldiges Haar und über einem grünen ünterkleide einen rothen Mantel, 
die Henker tragen halb weisse, halb blaue Kleidung. Statt des frühem Gold- 
grundes wölbt sich oberhalb der Scene der dunkelblaue Himmel, durchflattert 
von Spruchbändern, wovon der am obern Kreuzbalken die letzten Worte Jesu 
enthält. Unterhalb am fernen Horizont erheben sich Burgzinnen und Kirch- 
thürme zwischen sanft gewölbten Hügeln, die sich mit leichten Wölkchen be- 
rühren. Die Farben sind mannigfaltig und gut vertrieben selbst in den Ueber- 
gängen; die hellen Töne walten 'vor, Schwarz ist gar nicht angewandt. Ein 
Ohorbuch mit guter Schrift, schönen Initialen und Randverzierungen, ohne freie 
Bildwerke, Folio gross und über 516 Seiten stark, wie es in der Kirche zu 
Borken erhalten ist, kostete für die damalige Zeit eine Summe Geldes laut der 
Inschrift: Hpnc librum fccit scribi, illuminari et ligari dominus Johannes Wil- 
kini, decanus veteris ecclesie sancti Pauli Monasterii, pro triginta octo florenis 
Rhenensibns, octo solidis et sex denariis .... Weiteres über die Malerei der 
Fraterherren bei Nordhoff^ Chronisten S. 37 ff. — In Betreff des norddeutschen 
Humanismus vgl. ausser der zahlreichen Speoialliteratur G. Krafft und W. Cre- 



88 Die kanstgeschiohU. BeziehuDgen zwisoben dem Rheinlande u, WestfaleD. 

celiuB, Beitrage zur Geschichte de$ Humanismus am Niederrhein und in West- 
falen. Erstes Heft 1870; Opera ü. Hutteni ed. Böcking, Suppl. U; Parmet, 
Rudolf von Langen, Leben und gesammelte Gedichte 1869, wo S. 2^3 das 

Carmen LVIII: Ad clarissimam Coloniam Agrippinensem ; Cornelius, die 

Münsterischen Humanisten 1851. 

^^) Wemerus Rolevinck, Laerensis, ord. Carthus. (f 1502) de Laude veteris 
Saxoniae, nunc Westphaliae dictae .... Im Originaltext nach der ersten Aus» 
gäbe (c. 1478) mit deutscher Uebersetzung herausgegeben von Dr. L. Tross. 
1865. p. 41, 139, 141, 143 fif 161. — Belege des unmittelbarsten Verkehrs der 
Länder geben folgende Inschriften. Johannis Nyderi . . . preceptorii preclans- 

simum opus uon pennis ut pristi (sie) quidem, sed litteris sculptis arti- 

ficiali certe conatu ex ere remota nempe indagine ingeniique diversa inquietacione 
illustre figuratum accurate denique correctum ac per providum Jeorium Husner, 
civem urbis famose Argentinensis, completum et terminatum est ydus Februarii 
anno 1476 wurde in dem Exemplare, welches die Paulinische Bibliothek zu 
Münster H. 158 besitz, laut folgender handschriftlichen Notiz von einem Kölner 
Ordensgenossen für das Benedictinerkloster Liesbom in Westfalen angekauft: 
Istud preceptorium egregii doctoris Johannis Nider pro monasterio in Leysbom 
emptum est pro VUI marcis monete Coloniensis. Item HI alb. expositi pro 
pelle et fune, quam pecuniam humiliter peto presencium latori restitui, quia ex 

intuitu Dei libenter exposuit. 

F. Heinrious de Tremonia etc. 

f apud s. Martinum. 
Ein Exemplar der Sermones sancti Bernardini de Senis ordinis fratrum Minorum 
de evangelio etemo gedruckt gegen 1490 (cf. Graesse, Tresor de livres rares et 
preoieux I, 343), in der Paulinischen Bibliothek aufgestellt L. 45 trägt unter 
dem Titel folgende Notiz: Honorabilis dominus Henricus Pelsrinck de Lippia> 
quondam capellanus in Zwollis, donavit anno Domini 1511 adhuc superstes fratribus 
maioribus de observancia conventus Bylveldensis hoc quadragesimale sancti Bemar- 
dini eo, quod in nativo situs sit termino, ut eins in oracionibus memores (sie) 
requie potiatur eterna atque premium sibi accidentale ex huius libri usu semper 
accrescat. Amen. Ein Eelch der Ludgerikirche zu Münster ist laut Inschrift 
unter dem Fusse ein Geschenk „Bernardi Mumen, decani s. Ludgeri Monastenensis, 
canonici (Jltrajectensis 1502'*. Mümen stand auch als Schüler mit Deventer und 
als Humanist mit den auswärtigen Gelehrten in Verbindung. (Parmet 1. o. 
p. 51. 68.) 

^^) Die Ünnaer Glasgemälde, wahrscheinlich das erste Werk niederläD- 
discher Kunst in Westfalen^ erwähnt von Steinen, Westfälische Geschichte ü, 
1188— 11Q9. — Von dem Altarbildwerke im Schwesterhause zu Ahlen spricht 
das Memorienbuch im Besitz des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde 
Westfalens zu Münster, Ms. fol. 17a leider ohne Jahresangabe: 18. Oct „Memoria 
vor seligen Elhen Dregers onde Jasper eren soen unde er geschlechte, de uns 
bestelt hefift van Antwerpen de thafel up den bogen altaer." — Die Bilder des 
Bruders Franco von Zütphen hingen am Eingange des hohen Chores und stellten 



Die kunstgesohiohtl. Beziehungen zwiBohen dem Rheinland^ u. Westfalen. 89 

das eine die Matter Qottes, das andere den heiligen Johannes vor, wie er 
mit dem Finger auf das Lamm Gottes zeigt. .»Diese Bilder waren so schön, 
dass ein jeder geschickter Maler sie nicht ohne Erstaunen ansehen konnte, zur 
Zeit der Belagerung aber haben sie die Wiedertäufer zerstört. H. von Eerssen- 
broich, Geschichte der Wiedertäufer zu Munster in Westfalen nebst einer Be- 
schreibung der Hauptstadt dieses Landes aus einer lateinischen Handschrift. 
Deutsch in 4^ 1771 S. 38. 511. — Unter den westfälischen Schulen neigt die 
Soester, wie ein Altargemälde der Wiesenkirche zeigt (Lübke a. a. 0. S. 855) 
entschiedener zum Realismus, dagegen lässt sich an den etwa 2' hohen Statuen 
der zwölf Apostel und der h. Luoia zu Merfeld, welche 1475 geweiht wurden, 
(Kindlinger Münster. Beiträge (1787) I Urk. 51) noch kaum eineSpur realistischen 
Einflusses finden, und handwerkmässige Arbeiten mögen noch länger in ihrer 
'Art dem alten Idealismus treu geblieben sein, unberührt von jeder Neuerung. 

^*) Den Zusammenhang des Bild- und Buchdruckes namentlich in Holland 
entwickeln Sotzmann a. a. 0. S. 517. Falkenstein a. a. 0. S. 15 ff. S. 88. Die 
Anfange und künstlerische Ausbildung des Holzschnittes Springer, Bilder 8. 180 ff., 
wo indess die ästhetische Bedeutung des Bücherholzschnittes far das 15. Jahr- 
hundert nicht zu hoch angeschlagen wird. — Dass von der „Kölnischen Chronik*' 
noch ältere Ausgaben, als jene von 1499, vorhanden seien, wie einige Biblio- 
graphen annehmen, stellen Ebert, Panzer, Götze (A. Potthast, Bibliotheca 
historica medii aevi, 1862 p. 244) und neusthin Ennen, Geschichte der Stadt 
Köln 2, XV entschieden in Abrede. — Die Jahreszahl der Gewölbedecorationen 
in der Benninghauser Kirche, wovon die letzte Ziffer bei Abnahme der Kalk- 
decke bis zur Unkenntlichkeit gelitten hatte, dürfte genau dem Jahre 1520 ent- 
sprochen haben, in welchem inschriftlich auch der noch vorhandene spätgothische 
Chorstuhl gefertigt ist. — Hinsichtlich der erwähnten Imitation der Holzschnitte 
in Hartmann SchedePs Chronik vgl. man die drei obersten Figuren des Mutter- 
gottesaltars zu Calcar bei Aus'm Werth a. a. 0. I. Taf. XIII und die Bilder 
des Octavian, der mater amabilis und der Sibylle der Chronik fol 93 b. Die 
stilistische und ästhetische Stellung der Schederschen Chronik ist eingehend 
mit einem Rückblick auf die Kölner Chronik gewürdigt von Lübke, Geschichte 
der deutschen Renaissance 1872. S. 48—52. 

^*) J. Niesert, Literarische Nachrichten üb.er die erste zu Köln gedruckte 
niederdeutsche Bibel, und Yergleichung derselben mit der Yulgata und den 
sieben ältesten oberdeutschen Bib^übersetzungen. Coesfeld 1825 S. 5 sagt : „Die 
Holzschnitte, welche die vorliegende Bibelausgabe enthält, sind wohl die ersten, 
die in einer deutschen Bibel angetroffen werden*'. Während Naest, Literarische 
Nachrichten von hochdeutschen Bibelübersetzungen S. XXXV sie dem Johan 
von Paderborn zuschreibt, hält Niesert S. 15 Israel von Meckenen, den Yater, 
für ihren Urheber, über dessen Abstammung, Wohnort und Thätigkeit er ein 
sehr schätzbares Material beibringt, woraus auch hervorgeht, dass Israel mit den 
Werken jenes Pseudo-Israel der Kölnischen Schule, welcher seit der Mitte des 
X 15. Jahrhunderts in zahlreichen Tafelgemälden dem Eyck'schen Realismus huldigte, 
Nidits gemein hat. (Vgl. Merlo a. a. 0. S. 275.) Stilistisch werden auch die 



90 Die kimatgesojiichtl. Beziehungen zwiechen dem Rheixüande u. Wedtüideo. 

Holzschnitte der Bibel echverlich einem damaligen Kölner Meister oder Köl- 
nischen Werken entsprechen. Üeber den Drucker, Druckort, Drackweise und 
die Sprache des Buches ygl. Niesert 16 f., 19 f., 90 f. ; er hält Heinrich Quentell, 
Heinrich Lempertz dagegen mit mehr Wahrscheinlichkeit den Kölner Nicolaus 
Götz 1474-1478 für den Drucker, (vgl. Falkenstein a. a. 0. S. 154 £); diese 
Verschiedenheit der Ansichten in Hinsicht des Druckers braucht indess Nichts 
zu ändern an der Herkunft der Holzschnitte. 

"^) Den Aufenthalt Rudolfs von Langen am Clevischen Hofe um 1466 
erweist nach einer fast gleichzeitigen Handschrift Parmet a. a. 0. S. 85, die 
vielsagende Bedeutung des Humanismus und der Humanisten AL Wolters, Conrad 
von Herresbach 1667, die bürgerliche und kirchliche Stellung Calcar's Aus'm 
Werth a. a. 0. Text I, 28 f., XXJ.^-- Die werthvollsten Aufschlüsse über Cal- 
car's Kunstleben am Ende des 15. Jahrhunderts bringen die aus dem dortigen 
Stadtarchiv, namentlich aus den Bechnungen der Liebfrauen* und St. Anna- 
Bruderschaft 1486—1500 gewonnenen ,,Archivalischen Nachrichten über Künstler 
und Kunstwerke der Nicolaikirche zu Calcar, mitgetheilt von Dr. J» B. Nord- 
hoff"' im Organ für ehr. Kunst (1868) XVIU, 236 ff., 250 ff. £s wäre ein Jammer, 
wenn alle jene Werke des Utrechterlandes und Niederrheins, welche den neuen 
Werken Calcars zum Muster dienten, spurlos verschwunden sein sollten; und 
ein ebenso erfreulicher Gewinn würde es für die Kunstgeschichte sein, auch 
nur ein Stück dieser Musterwerke oder andere Werke auch nur eines der 
Calcarschen Künstler wieder zu finden. Hoffentlich wird der Herr Kaplan Wolff 
zu Calcar seine Calcarschen Kunstforschungen auch hierüber ausdehnen und 
sie der Yeröffentlichung nicht zu lange vorenthalten. 

'') Auf Meister Evert von Münster beziehen sich folgende Posten der 
Liebfrauen -Rechnungen 1492—1498: Item in den verdingh upt ny meister 
Evert van Monster onse taeffel to macken in Jan Telmans huis upgespraeken 
II guld. VIII kr. — Item Paephoff van den cedulen dis verdings to sohriven 
geg. YlII k. — Item meister Evert voers. voir sinen g^gh ind versamenisse 
syns wercks» dat hy hier is gekommen ind dat ick on to Tadden huis utter 
herbergen gequy t heb to saemen geg. HI guld. ind XVUI kr. Job. van Haldem 
nennt folgende Stelle derselben Rechnung 1491—1492: Item meister Amt bilden- 
snider gesant omtrent piuxten XIII goldene ryusche gülden. Item gesant 
omtrent nativitatis Christi myt Jan synen knecht ind dat Jan van Halderen van 
synre wegen ontfingh XYIIgold. guld. Ind dartoe soe hefft on die richter myn 
(des Provisors Nico laus von Wetten) neeff van mynre wegen gedaen, doe hy toe 
Kaelen reysde enen Wilhelmus schilt ad XXXVH stuver ind daer toe enen 
Kaelschen postgulden voer XXII stuver, ind die gold. gülden is on gesant 
voer XXXYI st. Ind hier toe so dede ick on mede een malder hayeren voer 
II gülden current, fac. to saemen LYI guld. ourrent ind XXXIX kr. ; ferner die 
Rechnung der Bruderschaft unserer lieben Frau 1498—1499: Item is men ver- 
draegen in bywesen des borgermeisters cum suis in der provisoeren mit meister 
Johan van Halderen van twe parcken,. beneden in den voet van den käst opt 
hoighe altair te maeken, vur XXX gold. gülden, der he van Lamt^rt Koedert 



r 



) 



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Die kanstgesohiobtl. Beriehnsgen zwischen dem Rheinlande q. Westfalen. 91 

m gold. golden ontfimgen heft ind yan my XXYII gold. guld. ad XL stuv. 
Ind 806 die gold. golden doe meer dan XL etuver golden, bekroende meister 
Johan dairop. Soe heb ick oen noch dairtoe gegeven myt consent des bnrger- 
meisten XXX st ind synen Knecht to verdrincken IUI alb. fac myn uitgeven 
ts— LY gold. Xm st. XII gr. kr. Jedenfalls betreffen auch zwei Stellen der 
Rechnung der St. Anna-Bruderschaft aus den neunziger Jahren unsem Johan, 
zumal die Bechnungen überhaupt keinen andern Johan kennen : Item noch meister 
Johan geg. I gülden levis, fac. gravis XXY kr. Item Conr(ad) van den Steen 
van meister Jans wegen gegeven enen gülden levis, fac. gravis L kr. — Lübke 
bespricht den Haltemschen Altar mit Beispielen der Dortmunder und Soeeter 
Malerei a. a. 0. S, 894, 860 ff., 358, 365. Seinem geringschätzenden Urtheile 
über die Tafeln des Kölner Malers Hildegard steht das ältere, sehr günstige 
Paasavants gegenüber. Merlo S. 177, 178. 

'') Die Ühr, welche ausser den Stunden auch den Lauf der Planeten, die 
Jahreszeiten, das Kalendarium sammt den beweglichen Festen anzeigt, ist um 

• 

1400 im Oldenburgischen Kloster Hnda gefertig^t (H. Geisberg, Merkwürdig- 
keiten der Stadt Münster, 5. Aufl. S. 18). Die Zerstörung melden die Münste- 
rischen Geschichtsquellen I, 882: Item alle aitare, hilligenkasten, saoramentes- 
huse, orgelen, dope und insunderheit de twe schonen orgeln in dome und dat 
kunstlich urwerck gantz toschlagen und in grundt verdorven. Der in Rede 
stehende Joh. v. Aachen ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Maler, 
welcher erst 1552 zu Köln geboren wurde. (Fiorillo a. a. 0. II, 518, Merlo S. 1 ff.) 
Nachrichten über die Zerstörung, Wiederherstellung und die Kestauration bieten 
die Münsterischen Geschichtsquellen I, 345, III^ 6, über die Zeit der Kestaura- 
tion und die Herkunft des Nicolaus Windemaker III 828: anno MDXLHQ is 
desse (S. Servatii) porte wedderumme dorch godts hulpe reformert. ümb diese 
zeit scheinet auch das schone uhrwerck im thum, so die Widertheuffer ver- 
dorben, wieder zu gange gebragt zu seien, wie diese inscription meldet: 

Juliaca in terra natalibus ortus honestis 
Cuius et ingenii sedulitate decus 

Laude satis clarus Nicolaus nomine magnus 
Huic operi arma novo ferrea restituit. 
Der humanistisch gebildete Dietrich Zvivel war Nicolaus* Landsmann, gleichfalls 
im Jülioher Lande geboren, von Stand Buchdrucker in Münster (J. Niesert, 
Beiträge zur Bnchdruckergeschichte Münsters 1828 S. 27} und dabei namentlich 
der Mathematik und Astronomie beflissen. Theodorius Tzyvel, natione (?) West- 
phalns, patria Mongavensis, homo bonarum litterarum disciplinis satis stndiosus 
et eruditus, qui studia sua longe lateque pauois licet adhuc utpotejuvenis 
quibusdam epigrammatis noviter Monasteriensis chalcographie primicijs prepo- 
sitis conspergens nominis sui auoupatus est famam. Yivit adhuc maioribus inten- 
tus lucubrationibus cito emittendis 159 [1509]. J. Murmellius widmet die Ti- 
bulli, Propertii ac Ovidii flores ihm, Theodorico tzvyvelensi, luro literato et 
mathematicarum disciplinarum in primis perito und feiert ihn In den Elegant« 
mor. II, 8: 



92 Die kansigeBchiohtl. Beziehang^en zwischen dem Rheinland u. Westfalen. 

Ta qoi certa pio meditare mathemata corde 
Altaque semoti suspicis astra poli . . . 
(Krafil u. Grecelias a. a. 0. S. 64 f.) 'Hiemach scheint man sich bei der Be- 
stauration des Uhrwerks in die Arbeit so getheilt zu haben, dass Zvivel das 
Mathematisch-Astronomische, Johan von Aachen das Mechanische vorschrieb, 
und Nicolaus Windemaker die Schlosser- und Schmiedearbeiten anfertigte. Die 
Uhr, deren Mechanismus heute zum grossen Theüe ausser Gang ist, zeigt das 
Kalendarium mit den schönen Allegorien der 12 Monate, gemalt von Herman 
tom Ring (Becker in Kuglers Museum (1837) Y, 4), das Zifferblatt mit 24 Stun- 
den und einen giebelartigen Abschluss desselben mit Schnitzwerk und phanta- 
stischen Schildereien im Stile der Frührenaissance. Die. Mitte der Giebelfront 
tragt die noch gothisirende Inschrift: In hoc horologio mobili potueris heo alia- 
que multa dinoscere, tempus equalium et inequalium horarum | medium motum 
omnium planetarum, ascendens vel descendens signum ortus insuper et occasus 
aliquarum | stellarum fixarum, ad hec regnum planetarum in horis astronomicis 
utrimque a lateribus operis | supeme vero oblationes trium regum infeme autem 
oalendarium cum festis mobilibus | . Unter der Schlagglocke steht : Positum 1696, 
im Centrum des Zifferblattes: renovatum 1670. 

^) Die anscheinend den bibliographischen Sammelwerken unbekannten 
Puerilia zählen 8 Quartblätter mit 38 Zeilen in klaren antikisirenden Typen, 
beginnen Fol. 1* Puerilia super Donaturo | und enthalten unter dem darauf fol- 
genden Holzschnitt der Anbetung der Könige die Schrift: Gedruckt zu Collen 
up deme ald^mart | tzo dorne wilden manne zc Fol. 2* beginnt (p)Rima decli- 
natio quot | . Schluss auf Fol. 8*: Expliciunt puerilia fuper donatum | impressa 
Colonie Tuper antiquü forü | . Sie sind also aus der Bongart'schen Officin 1498 
— 1521 hervorgegangen (Ennen a. a. 0. III, 1042). — Die Münsterischen Ge- 
schichtsquellen I, 297 berichten, Bischof Erich 1508 — 1522, der sich überhaupt 
der Restauration der Kirchen mit allem Eifer annahm, habe die breviaria, so 
men de getyde boeker nhomet, nyes binnen Pariss drucken lassen; Kock 
series episcop. II, 262 meiht Coloniae . . . 1518. Niesert, Beiträge erzählt p. 
IX, um zu erweisen, wie sehr dermalen die Münsterische Presse den auswärtigen 
noch nachstand, „ebenso erschien das erste Münsterische Brevier i. J. 1489, das 
zweite 1. J. 1518 in Paris mit einer äusserst schlechten kleinen gothischen Type 
gedruckt und die dritte Ausgabe i. J. 1597 zu Köln bei Quentel.*' Da diese 
Drucke hier nur eine weitere Beachtung finden können, sofern sie in Köln ver- 
anstaltet sind, so will ich nur verbessernd hinzusetzen, dass Kock 1. c. IL 235 
als Druckort des Breviers 1489 nicht Paris sondern Argentinae kennt, und dass 
die Paulinische Bibliothek in Münster noch ein Brevier aus dem J. 1497 ent- 
hält, welches den Historikern und Bibliographen unbekannt und darum wohl 
höchst selten geworden ist. Auch das Diu male Monasteriensis diocesis ist 1511 
impensis GuiUermi Korver zu Paris gedruckt. Man ist versucht die Vermittlung 
der auswärtigen Drucke den Fraterherren zuzuschreiben, wenn man erwägt, dass 
die Rostocker Brüder, welche in Münster ihr Mutter- und Oberhaus hatten, 
selbst eine fleissige Presse besassen, aber in Ermangelung von Breviertypen 



Die kuBstgeschichÜ. Besdehungen zwischen dem Rheinlande xl Westfalen. 93 

(1522) far das Domcapitel zu Schwerin den Druck eines 1529 in Paris bei der 
Wittwe des Thilemann Eeryers erschienenen Breviers besorgten (Lisch in den 
Jahrbb. des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Alterthumskunde IV^ 
8, 42 ürk. IX| XIX, XX). — Dass man sich nach Strassburg und Paris wandte, 
mosste besondere Gründe haben; denn die benachbarte Kölner Presse leistete 
damals doch in allen Typen ein Erhebliches und in demselben Jahre 1489, wo 
das erste Münsterische Brevier in Strassburg erschien, verliess das erste Missale 
eine Ofßcin Kölns. Niesert muss es bei aller Aufmerksamkeit nicht mehr ge- 
langen sein^ ein Exemplar zu erwerben und jenes, was er als Seminarist auf 
der Seminarbibliothek zu Münster sah, scheint längst abhanden gekommen zu 
sein. Ich habe es nur an eiuer Stelle, in der Bibliothek des Staatsarchivs und 
hier in zwei Exemplaren vorgefunden, wovon das eine aus fler Scblosslcapelle 
zu Vischering bei Lüdinghausen stammt, das andere, dessen Herkunft nicht be- 
stimmt ist, des Passionsbildes entbehrt. Es fehlen Signaturen und Custoden, die 
Missaltype ist gross und scharf, der Text schwarz, die Bemerkungen, Anweisun- 
gen und die Blattzahlen, GYL ausgenommen, roth gedruckt, die Initialen 
sämmtlich gemalt, die Wasserzeichen den Hausmarken ähnlich, jede Golumne 
31 Zeilen stark. 

Fol. 1*. GoL 1. Quatuor decim confilia ,doGtoru pro per|riculis que in 
miasa contingere possunt. | Fol. 2* beginnt das 6 Blätter starke Kalendarium. 
Fol. 7* Incipit ordo miCCalis p | circulu anni DnTca pri | ma T advetu domini 
Injtroittts ad officiü mirre | und damit die Foliirung bis Blatt 148 incl.; es fol- 
gen sodann 24 Blätter ohne Zahlen mit Infumis maioribus fesjtivitatibus can- 
tabitur und von Blatt 149 läuft die Foliirung bis 335. Fol. 835* CoL 2 Sequu- 
tor Sequentie per | totü anu de tpe et de fcTe. | Et primo 7 nativitate dm | In 
galliostu I auf 11 nicht foliirten Blättern, deren letztes auf der Vorderseite 
Bcbliesst: 

([ Cörümmatü est mirfale hoc integru <x correctum | iuxta verü ordinem 
eoclerie Monasterien . sine rejquiritiöibus : bene quotatü cü nouis feCbif et no| 
iolis fuis pro ordiario lucidiflime interporitis. | Ad laude dei et utilitatem fa- 
eerdotum sub eade) eccleria militätium: eorü precipue. q hucufq) exjtraneis 
qoibnrdam puta Eolo | niefi. feu alioZt lo|co24* müTalibus in graue eclTal|, sna2i 
periculü uCi pjhibentnr. cü nuUa vel modica rit illorü mirraliu) | cü isto Mona- 
sterien. missali cocordantia et decet | semper ut mebra capiti Tuo : hoc est ecclel ie 
cathe|draH fefe coforment ([ -P Lodouuicü de rechen al|me civitatis Colonien. in- 
cola) Anno domini M|ocGcLxxxix Ipso die Pauli primi heremite-:. | Das Pas- 
sionsbild zeigt die alte (niederländische?) Auffassung des Gekreuzigten, der 
Bfaria und des Johannes mit drei theils schwebenden das Blut in Kelchen auf- 
fangenden Engeln, Die Figuren sind steif und stämmig, jedoch im Ausdruck 
und in der Gewandung frei von niederländischer Manier. Der 4eckige Rahmen 
bildet massvoll geleg^s Blumen- und Blattwerk, jenem der niederdeutschen 
Bibel nicht unähnlich. Es gehört dies Missale der Blüthezeit der Benchenschen 
Presse an, zumal von späteren Leistungen nur ein Druck aus dem J. 1606 



94 Die kanstgesohichtl. Beziehungen zwischen dem Rheinlande u. Westfalen. 

bekannt ist. (Norrenberg, Köhiisohes Literaturleben 1873 p- XI. Ennen 
setzt a. a. 0. III, 1041 die Blüthezeit der Renchen'sehen Presse in die Jahre 
1485 — 1489.) Doch 1520 erschien gleichzeitig mit einem Kölner Missale das 
zweite Münsterische in Köln. Fol. 1*: das reiche Titelblatt füllen in 4eckigem 
Renaissancerahmen, der jedoch unten mit herabhangendem Blumenkamm besetzt 
ist, ein in drei Abtheilungen zwischen ebenso vielen Säulenstellungen aufge- 
bautes Bildwerk und die dazwischen vertheilte Schrift: ([ Miffale ad usum 
dyocesis Monairterienfis Nouiter imprefCum ao emedatnm, Anno difi. M.GGCCCXX 
I Unten: ^ Venale habet Colonie apud Fräcircü birchma ^x Goffredü hect Fol. 
lb_2b Preparationes miffe, Fol. 3»-8*> Kalendarium nicht foliirt, Fol. 9» wie- 
der von üppiger Renaissance umrahmt enthält in der obem Hälfte ein grosses 
Bild mit gothisireiftLer Bekrönung und in der untern die Schrift: ([ Incipit ordo 
mirfalis per circujlum anni ad uFum et confuetndi{nem diooeris Monafterienfis 
Et I primo. ([ Dominica prima in ad|yetum dm introit* ad offioiu milTe | Das 
Missale umfasst 60 Folien und schliesst Fol. 60^ Col. 2 | Finis | und das Sancto- 
rale hat 98 Folien und schliesst 98*Mirrale ad ufu | diocerisMonarterienfis: poli- 

tirß|mis formulis in alma Parißorum aoademia tpreffum : additis plnri | 

Impefis Fräcisci byrck|man et Goffredi hector hoc T opefre sociomm. Anno dni 
M. CCCCGXX I Der Canon FoL ^2 und 63 des ersten Theiles ist auf Pergament 
gedruckt, Fol. 62^ mit dem schönen Holzschnitt des Crucifizus, der h. Maria 
und des h. Johannes versehen. Ausser den grösseren Bildwerken sind auch die 
oft sehr decorativen Initialen und die kleineren Bildwerke im Beginne grösserer 
Abtheilungen in Holz geschnitten, und, mit geringer Ausnahme, alle decorativen 
Zierarten im Geiste und in den Formen der freisten Renaissance ausgeführt; das 
Figürliche entbehrt der Manierirtheiten des gleichzeitigen deutschen Stiles und 
das Passionsbild erfreut sich in der Composition wie in den Einzelfiguren einer 
so würdevollen Auffassung, dass es wahrscheinlich in Paris gezeichnet ist. Die 
wenigen Blätter im Eingange abgerechnet, hat das ganze Buch Blattzahlen und 
Signaturen und abwechselnd rothen und schwarzen Druck. In dieser Ausstattung 
ragt das Missale als eins der bemerkenswerthesten Erzeugnisse der altem Presse 
hervor. — Nach den Wiedertäuferwirren liess das Münsterische Domcapitel an 
sonstigen Ritualbüchem zuerst in Köln 1536 — 1537 folgende drucken: 1, ein 
Gra duale 295 Blätter stark* mit Signaturen und an den Rand gedruckten 
Blattzahlen. Das Titelblatt umfassen oben und unten Bildwerke, unten aosserd^ 
noch ein omamentaler Besatz, an den Seiten aus allerhand Motiven, so aus 
Delphinen und posaunenblasenden Putti, gewundene Säulen. Die Bilder in den 
4 Ecken stellen die 4 Evangelisten in einer nicht gewöhnlichen Auffassung und 
dazwischen oben den Salvator, unten anscheinend eine Sibylle vor. Die Initialen 
sind in Holz geschnitten und oft reich mit Bildwerken verziert, die architekto- 
nischen Einfassungen der Bildwerke in Renaissanoeformen gehalten, der Titel 
lautet: 

GRaduale, omnia sacre Mirre cantica | per totum annum | ad nfum et 
confue|tudinem Ecclelle et dioceris Monasterienfsis | continens, iam primü im- 
prerfum ac emedatum. Anno dni M. D. xxsivi. | 



Die knnsigesciuchtl. Beziehungen zwischen dem Rheinlande u. West^itlen. 95 



^nnc qoi aperia et volais libru: | Et no laceres oaueto | 

Mandas habeto manua. | Nodulos eti» modeste attingito | 

Folia leniter vertito, | Et semper librum bene claudito. | 

In dem Bildwerke vertheilt steht unten auf dem Titelblatte Excndebat H 

Alopecitts Expenfis capituli Maieris Ecclefie Monafterienfis 1536. 

2. Das Antiphonarium 501 Folien gross. Das Titelblatt hat an den Seiten 
eine Einfassung, oben und unten grössere Bilder und unten die Renaissanceeier 
wie in Nr. 1. Die obere Bilderreihe zeigt die Herabkunft des h. Geistes mit der 
üeberachrift links Spiritus sanctus, in der Mitte Salvator Mundi, rechts Maria 
mater Dni, die untere Petrus apostolus, in der Mitte PauP doctor getiü unter 
reichem Renaissance-Baldachin, rechts JohSnes eüagelirta, in der Mitte die 
kleineren 4eckigen Bilder des Mat(theu8) links und des Mar(cus) rechts. Der 
Titel lautet: ANtiphonariü, Oia pia Ganojnicarum horarum cantica: secundu 
ordine atq} vfum Ecclefie et dioceris Monafterien: coplecjtenB iam primum 
summa dili|gentia excnrum. 

t 
Hunc qui aperis et voluis librü: | etc. wie in Nr. 1. Unter dem Bilde des 

Paulus: Excudebat Hero | Alopecius. Anno 1537. Ein Exemplar fand ich auf 

Pergament abgezogen. 

3. Den 154 Blättern des Psalterium ^ Sequuntur Vigijie Mortuoruip auf 
20 Blattern ohne Zahlen, aber mit Signaturen; die sonstigen Eigenthümlich- 
keiten entsprechen jenen des Antiphoniarium Nr. 2, ebenso im Titel die Seiten- 
einfassung und das Monitum: Hunc qui aperis etc. Zur obem Einfassung des 
Titels dienen die 4eckigen neben einander gestellten Bilder der 4. Evangelisten, 
anten jene der Bekehrung des Paulus links, des SaWators rechts und der beiden 
Apostelfursten in der Mitte. PSalteriü cum freque{tioribus Canonicarü horarü 
Antiphonis: et Hymnis, pro Ecclefia ft dioceß Monartejrien. singulari diligetia 
excufum. Kalenjdario 'X Vigiligs mortuorü adjectis | . Es wechselt der schwarze 
Druck mit rothem. Einzelne Initialen und die kleinen Inschriften der Bilder 
sind wie in Nr. 2 römisch. In allen drei Büchern erscheint dasselbe Bild des 
Salyators und beherrscht die freieste, flottste Renaissance das Decorative, der 
realistische die Gewandung in Augen brechende Stil das Figürliche, jedoch so 
massvoll und gefallig, dass von einer Manier in vollem Umfange kaum die Rede 
ist. Laut einer mir in Abschrift vom frühern Domwerkmeister Herrn A. Krabbe 
mitgetheilten Urkunde des Capitelarchivs stellt das Münsteidsche Domcapitel 
über den Druck des Graduals, Antiphpnars und Psalters dem »Meister Heroni 
Alopecio, Buchdrucker zu Cölnc einen Schuldschein von 400 Joachimsthalem 
aus mit dem Versprechen, diese Summe in gewissen Raten abzutragen, was 1540 
laut der Rückschrift geschehen war: »Weddergekoft und berichtigt van den 
Buchdrucker 1540. c ~ Das Bibliographische in Betreff des Gotius' Gedicht auf 
die h. Jungfraui gibt Niesert Beitrage S. 27. — Das erste auswärtige Renais- 
sance-Siegel, welches ich im Staatsarchiv zu Münster fand (Fürst. Münster, 2645) 
hangt an einer römischen Urkunde des J. 1603, worin der Cardinal Raimundns 
Ton St. Maria Novelia dem Uünsterischen Bischof Konrad mehrere Reliquien 



96 Die kunstgeschichtL Besiehungen zwischen dem Rheinlande u. Westfalen. 

vermacht. Die heimischen Siegel der Kaiser, Bischöfe, Fürsten, selbst der Ritter 
verlassen am 1610 schon den gothischen Typus und nehmen von 1619—1582 
immer mehr das Gepräge der Renaissance an. 

^*) Au£fallend und bezeichnend für Nachlässigkeit und Geringschätzung, 
mit der die Archäologie der Glocken betrieben wurde, ist es, wenn man bis 
jetzt in der Entwickluugrggeschichte der Type vom Briefdruck bis zur beweg- 
lichen Letter einerseits und beim historischen Verfolg der gedruckten Initialen, 
gravirten Metallplatten und Holzmodeln bis zum mcchanisch-vervielfaltigenden 
Gebrauch behufs des Holzschnitts und Kupferstichs anderseits die Lettern und 
Formen der wandernden Glockengiesser (Voy. Viollet-le-Duc, Dictionnaire III, 
288) unter den Vorläufern des Buch- und Bilddrucks ganz übersehen hat; denn 
der Glockengiesser führte doch Formen für Blumen, Kreuze, Punkte und andere 
Zeichen zum Eindrücken in die Form und zum Abdruck im Guss — und ebenso 
alle Buchstaben des Alphabets, natürlich in den Zügen der Zeit, bei sich, um 
sie entweder einzeln zu gebrauchen oder zu Worten zu componiren. Dies Ver- 
fahren entsprach dem Buch-, jenes dem Bilddrucke. Da der Giesser gewöhnlich 
nur ein selbstgegossenes oder sonst wie angefertigtes Alphabet mit den nöthigen 
Formen für Zeichen und Ornamente besass, so lassen sich daran die Werke 
eines und desselben Meisters unschwer erkennen, beziehungsweise solche, welche 
nicht datirt oder mit dem Meisternamen versehen sind, nach seinen genauer 
bestimmten Arbeiten bestimmen. Um dies Verfahren indess mit möglichster 
Sicherheit handhaben zu können, bedarf es der genauesten Formbeschreibung 
der Glocken und besonders bibliographisch exacter Copien der Inschriften, so 
schwer diese auch in vielen Fällen wegen der dunkeln oder nur halbzugäng- 
lichen Lage der Glocke zu nehmen sein mögen. — Die Hauptglocke zu Sinzig 
ist laut Organ f. ehr. Kunst XIII, 164 reich mit Wappen und Medaillons (?) 
verziert. Von den Majuskelinschriften lautet die untere für die ältere Zeit cha- 
rakteristische: rex glorie veni Cum pace, Anno Domini m^cc^Lxxxx^ mense 
Mai fni fusa, die obere: Maria, rector celi nos tu dignare nos salvare. et 
Alpha nos ac^uva. A -f- i2. Die grösste Glocke zu Castrop entbehrt jener auch in 
älterer Zeit nicht üblichen äusseren Decoration; nur verläuft ein rundlicher 
Reifen über dem Schlagring, und oben an der rundlichen Biegung der Haube 
fassen zwei Doppelreifen die Majuskelinschrift ein : Rector. celi nos. exaudi. tu. dig- 
nare. nos. salvare. 0. et AUa. nos. adiwa (sie). Auf denselben Meister weisen Form 
undSohriflzüge der zweiten und der kleinsten Glocke, diese mit dem altüblichen 
Spruch: 0. rex. glorie. veni. cum. pace, jene mit: Vincit. xps. regnat. xps. inperat. 
xps. — Gerhard de Wou, vielleicht der Sohn des gleichnamigen Glockengiessers Wil- 
helm, gilt nun einstimmig für ein Kind der Stadt Campen in jenem Theile von Hol- 
land, dem Deutschland dermalen so viele andere Kunstwerke verdankte; seine Wirk- 
samkeit lässt sich von 1472 oder wie Andere wollen erst vonl476 bis 1602 nachweben. 
(Smeddingk a. a. 0. VHI 163 f., v. Tettau, Meister und Kosten des Gusses der gros- 
sen Domglooke zu Erfurt (Abdruck aus der Erfurter Vereins-Zeitschrift) 1866 S. 10 
ff.). Drei seither unbekannte Werke hat er der Lambertikirche zu Münster hin- 
terlassen, eine kleinere Glocke ohne Namen aus dem J. 1497, eine mittlere und 
die grösste aus dem J. 1493. Die grösste, ein Pracktstück des Tones, der Form- 




Die kunttgesohiolitl. fiasiehongen zwisohen dem RheinlAnde o. Westfalen. 97 

Tollendmig und Schönheit omsiehen am Schlage 3, über demselben 5 zu dem 
mittleren in elegantem Metallprofile an* und absteigende Reifen, die Schrift 

oben am Mantel verläufb beiderseits zwischen einer stehenden oder hangenden > 

Einfassung von Perlschnur, weich anschwellenden Beifen und Blumenkamm i 

und wird unterbrochen von Rosetten und einem Revers-Abdrucke eines Ham- 
burger Groschens: 

Sum tuba magna Dei, divi sub nomine patris 
Lamberti populos ad sacra templa vocans. 
Gherardus de Wou Campensis me fecit anno Domini Moooozoin. 
Gleiche Behandlung und Ausstattung zeigt die mittlere Glocke, nur unterbrechen 
die Schrift 5 Abdrucke, nämlich die Evangelistensymbole mit namentragenden 
Spruchbändern und das Gottesiamm in der Mitte. Der Schluss der Inschrift 
lautet: Gherardi Wou Campensis erarij opus ^nno Domini Mooooxom. Das noch 
grössere Geläut zu Elecklinghausen zeigt die hier genannten Formsohönheiten 
in vergrössertem Maasse; die Blumenkämme der Sohrifleinfassung schwellen 
förmlich zu Trauben an. — Wolter Westerhues wohnte zu. Münster auf der 
Rothenburg und lieferte seine form- und klanggerechten Kunstwerke seinem 
Yaterlande und der Umgegend, vom Emslande bis zum Niederrhein in den J. 
1499 — 1526. üeber sein Leben und seine Arbeiten liefert inschriftliches und 
urkundliches Material Kordhoff im Organ für ehr. Kunst (1868) XVIII, 89 f., 
(1669) XJX, 19 f. Seine Glocken zu Grieth und Niedermörmter erwähnt Zehe, 
Histor. Nachrichten über Glockengiesserkunst 1867, 8. 11. — Die Arbeiten 
Johan's von Düren zu Siegen und ihre Inschriften bringt Lübke a. a. 0. S. 416. — 
Ueber die Arbeit Joh.'s v. Neuss zu Weitmar ertheilte mir Herr Dr. C. Mertens 
zu Kirchborchau briefliche Auskunft: die schöne Glocke zieren an beiden freien 
Seiten im ganzen 4 Bildwerke, oben rundliche Reifen und die einzeilige In- 
schrift Jus X Maria z heissen x ich x Jan van Nuis gois mich XYXXII. -* 
Die erwähnte Glocke zu Werth umziehen in regelmässiger Anlage Reifen und 
oben die Inschrift: Henürick van Trier hat mi gegoten 1576, jene zu Anholt, 
über Mittelgrösse, trägt zwei kleine Reifen über, und ebensoviele an dem stark 
aasladenden Schlagring, oben am Mantel über dem Schriftbande einen noch 
gothisirenden Blumenkamm, unter der Schrift ein kraus verflochtenes Zierband 
von Blättern, Meeijungfem und andern Renaissance- Ornamenten: Doer dat vyer 
byen ick gevloteui Peter van Trier ende Johan Philipsen hebben mi gegoten 
. . . 1636. — Claudius Lamiral und der Westfale Antonius Paris gössen 1647 
ein schweres Geläut für die Abteikirche zu Siegburg (Smeddingk a. a. 0. YIU. 
214); der erstere, dem auch die grösste Glocke zu Olfen von 1640 angehört, 
ist dem Namen nach Ausländer, vielleicht wie die beiden Paris aus Lothringen 
gebürtigi wenigstens kam dorther nach einer brieflichen, dem Pfarrarchiv zu 
Ahsen entnommenen Anzeige des Herrn Pastors Lorenz zu Waltrop Johannes 
Paris, der als frater laicus minoris ordinis s. Francisci, oder ordinis minoris 
strictioris observantiae, oder als observans, wie er sich nannte, von 1638—1656 
eine Reihe von Glocken meistens im Münsterlande gegossen hat und deshalb 
vielleicht früh ins Minoritenklost^r zu Münster getreten war. Werke seiner Hand 

7 



98 Dia kaiutgefloliielitl. Bdsielrangen swisehen dem Rheinlande u. Westfalen. 

finden Bich sra Sfldkirchen bei Werne 1688, in Albachten bei Müneter 1661, m 
Seppenrade und Olfen bei Lüdinghansen 1664, En BöBensell bei Münster 1666, 
an Weslam bei Soest nnd in der Petrikirche zu Dortmnnd. Die Namensgleich- 
heit, der schlechte meist unToUständige Gnss, die überladene Decoration des Man- 
tels, das Bild des Kreuzes gestellt zwischen mehrere yielleicht iiir mystisch gehal- 
tene Blätter (Kratz, Zeitschr. des bist Yer. f. Nieder^achs. 1866, k 868 f.), die 
Arbeitszeit sind dem Johan wie dem Anton Paris nnd Lamiral gemeinsam und deuten 
also anf eine gemeinsame Herkunft hin. Jedenfalls hat Anton Paris, als Lamiral's Ar- 
beiten aufhörten, das hiesige Geschäft allein fortgesetzt. Von Steinen nennt a. a. 0. 
m, 1209 als Meister der 1660 **/a gegossenen Brandglocke zu Altena »Anton von 
Pariss aus Schwerte bürtig«. Die Lösung dieser Widersprüche sp&tem Funden 
Überlassend, haben wir von seinen Arbeiten noch 3 Glocken zu Freckenhorst 
(1646), eine in der evangelischen Kirche zu Hattingen 1662 und eine zu Alt- 
lünen 1661 zu verzeichnen. — Die grosse Dinckelmaiersche Glocke zu Dorsten 
zieren Reifen an und über dem Schlage, eine Johannesfigur am Mantel und oben 

ein herabhangendes Blattwerk aIs Stütze der Inschrift : Godfried Dinckel- 

maier von Collen hat mich gegossen 1782; die kleine zu Polsum hat nach einer 
Mittheilung des Herrn Notarp jun. zu Münster die Inschrift: Ich rope euch zur 
Kirchen, um euer heil zu wirken. Gottfried DInckelmaier van Collen hat mich 
gegossen. 1788. üeber die Kölner Giesserfamilie Dinckelmaier, die wahrschein- 
lich von Nürnberg stammt, und andere Werke am Eheine vgl. Smeddingk im 
Organ f. ehr. Kunst. VIII, 224. — Die Arbeiten der Voigts von Isselburg halten 
für ihre Zeit eine löbliche Höhe in Form und Ton. Nachdem 1746 in einem 
vom Blitz aus heiterm Himmel entzündeten Thurmbrande die 7 alten, schönen 
Glocken zu Bochold bis auf eine als zerschmolzene Metallstücke herabgefallen 
waren (Nunning, Monumenta Monasteriensia I, 411), wurde allmälig die grösste 

Glocke wiedergegossen mit der Inschrift: Chrbtian Voigt et Christian 

Diederich filius duc(atu8) Cliviae Isselburgenses me fnderunt. Als »ohurfürst- 
lich-münsterischer privilegirter Klockengiesserc arbeitete Christian Wilhelm 
Voigt 1766 für Wulfen bei Haltern, 1776 für Bamsdorf, 1777 für Dühnen, 1786 
für Wesecke bei Borken, als ducatus Cliviae Isselburgensis 1779 für Watten- 
scheid und Hövel bei Werne — ; Christian Wilhelm Voigt der Vatter et Rutt- 
gerus Voigt der Sohn für Dortmund, 1767 für Herbem, 1768 für Werne, — 
Johann Rutger 1790 für Dingden. — Die Mabillots aus Coblenz nennen sich 
Stuck und Glockengriesser. Sie pfiegen ihre Arbeiten formel mit Ornamenten zu 
überladen, die Schrift mit Zierb&ndem einzufassen, den Mantel mit einem von 
Blattwerk umgebenen Bilde zu beleben und die Inschrift durch Handweiser 
einzuleiten. Maurice Mabillot (beide Namen klingen nach französischer Herkunft) 
Stucke- und Klockengiesser goss 1777 eine kleine Glocke für Mesum bei Rheine, 
Andreas Mabillot, vielleicht des erstem Sohn, goss in unschönem Formen eine 
grössere für die Kirche zu Notuln und 1777 eine kleinere für die Ludgeri- 
kirche zu Billerbeck, als »churfürstlich-Trierscher Stucke- und Glookengiesser 
1777 eine grössere, 1778 eine kleinere für Rorap. Von Joan et Andreas Mabillot 
stammen die drei Glocken au Stromberg bei Oelde aus dem Jahre 1781. — Das 



k*--^ 






Die kanttgesohiohtl. Beoehongeii zwiaehen dem Rheinlande u. Westfalen. d9 

weitgreifende Material über die Petita einigermassen tu verarbeiten, geht 
hier nicht an. 

'*) Unviderleglicher, als gleichzeitige Berichte, beglaubigen das üppige 
Kunst- und Culturleben der Stadt Münster während des dreissigjährigen Krieges 
jene stolzen (von 1540) bis 1667 in fast ununterbrochener Folge sich erhebenden 
Giebel an den belebtesten Strassen der Stadt, und ebenso schlagend bezeichnet 
das Benehmen Bernhards von Galen die Yemichtung der Stadtblüthe, da seit 
1661 nur mehr ein Haus (1668) im missverständlichen Renaissancestil erstand, 
wahrend ein anderes vom J. 1665 in edlern Formen als adeliger (Schmiesinger) 
Hof die der bürgerlichen Kunst gefolgte adelich-höfische einleitet. Einflüsse 
rheinischer Benaissancearohitektnr sucht man vergebens; nur die sehr reiche 
Fa^^ade einea Bürgerhauses (Ohm), welche die Sage wegen der ungewöhnlich 
prunkenden Stilcharaktere von Italien (Mantua) direkt nach Münster versetzt, 
dürfte wegen der Aehnlichkeit des geometrischen Ornaments — , der Atlanten 
und Karyatiden unter dem Eindrucke des Kölner Rathhauses geschaffen sein. 
— Die Berufung des Baumeisters Gottmann zur Restauration des Sparrenbergs 
enthält L. v. Ledebur's Sperrenberg 1842, S. 74. — Auffallend ist, dass Leon- 
hardt Thumeisser 1570 zu Münster für die Tafeln seiner Archidoxa und Quinta 
Essentia keine Formschneider in Holz finden konnte (Becker in der Zeitschrift 
für Geschichte und Alterthumakunde Westfalens I, 245)» wie solche doch den 
altern Druckern zu Diensten gewesen waren (Vgl. Niesert, Beiträge zur Buch- 
dmckergeschichte S. 14 ff.), und dass er deshalb die ihm von dem Maler Her- 
man tom Ring ^ angefertigten Zeichnungen von Remigius Hogenberg in Köln 
musste stechen lassen (Becker in Kugler's Museum (1837) Y, 4). — Die dom- 
oapitularischen Rechnungen »circa annum Domini 1622 & 28« über die Her- 
stellung des Hochaltars im Dome und die Anfertigung der Flügelbilder sind 
noch im Original vorhanden. — Von den 86 Portraits der Friedensgesandten 
im Bathhause führen insohrifUich nur zwei von Gerhard Terburg, und wenn er 
dennoch nach Fiorillo lU, 132 auf dem Friedenscongress 1648 »beinahe alle dort 
versammelten G^esandten mahlte«, so kann sich diese Nachricht nicht auf die 
Einzelportraitsi sondern auf das Bild der den Frieden beschwörenden Gesandten 
beziehen. 34 Portraits fertigte laut Contracten und Rechnungen im Stadtarchiv 
sein Landsmann Jan Baptist Floris. (Vgl. Westfal. Merkur 1873 Nr. 89.) — Die 
Verhandlungen Bernhards von Galen mit den Augsburger Goldschmieden Johan 
Spring undlsac Bozbart, der sich auf Grund seiner Seereisen nach Indien als Kenner 
dea Sofaiffabaua ausgab, über die Anfertigung des silbernen Schiffes fallen in 
das Jahr 1676 und aind mir vom Herrn Archivsecretar Sauer aus dem Münste- 
riacfaen Staataarchiv mitgetheilt. — In dem Dunkel, welches bis jetzt die Kunat- 
geechichte der beiden letzten Jahrhunderte umhüllt, findet man Nachrichten, 
wie sie F. v. Mering, Geschichte der Burgen, Rittergüter, Abteien und Klöster 
in den Rheinlanden und den Provinzen Jülich, Cleve, Berg und Westphalen (1842j 
TI, 61—78 über den kunstliebenden Bischof Clemens August von Köln und 
Münster veröffentlicht, schon dankenswerth. — Die Angabe über italienische 
Künstler beruht auf Acten in Privatarohiven. 






^^. 






F4. ' 




"^ 



3. Ein romischer Fund in Bandorf bei Oberwinter. 



Hierzu Tafel XIII u. XTV. 



Bereits im März 1870 wurden nahe am Wege von Bandorf nach 
Oberwinter, kaum einige hundert Schritte vom erstgenannten Orte 
entfernt, beim Umspaten eines Feldes in der geringen Tiefe von 
IV2 Fuss eine römische Ära und ein Götterbild gefunden, das, in 
liegender Gestalt, die linke Hand auf eine Urne stützt, während dem 
linken Fusse sich ein Defphin anschmiegt. Unverkennbar ist der dar- 
gestellte Gott ein Neptun, oder ein Flussgott, der, wie die Urne zeigt, 
einen Brunnen geziert hat. Als mir im Sommer desselben Jahres die 
Nachricht zukam, dass man an diesem Orte einen Stein gefunden 
habe, auf dem ein Ritter zu sehen sei, dem ein Vogel in den Fuss 
picke, glaubte ich, dass es sich um irgend ein Steinbild aus dem 
Mittelalter handle und schenkte der Mittheilung wenig Beachtung. 
Erst am 14. Februar vorigen Jahres begab ich mich mit Prof. Bitter 
nach Bandorf. Als uns der Besitzer des Feldes und d6r Finder der 
beiden Denkmale, Herr J. Loosen daselbst, das erste Bruchstflck des 
zerbrochenen Steinbildes brachte, erkannten wir sofort, dass es sich 
^ um einen werthvollen Fund des römischen Alterthums handle. Nach 

der Angabe des Finders wurde zuerst in der angegebenen Tiefe eine 
k 6' Rh. lange, 4' breite und 2V2' hohe Steinplatte gefunden, die wie 

ein Feuerheerd aussah aber zerbrochen war, sie soll wie von Feuer 
[:; geschwärzt gewesen sein und Kohlem^este lagen daneben. Loosen hat 

f'J-^ : an der Ecke eines neuen Hauses ein Stück dieses Steines eingemauert, 

q. es ist ein Berkumer Trachyt, der also von den Römern schon gebrochen 

wurde. Zwei Fuss neben dieser Steinplatte lagen die Bruchstücke der 
kleinen IOV2" Rh. grossen Ära, und zwei Schritte daneben die drei 
Stücke der 20'' langen und 14" hohen Brunnenfigur. Beide liessen 
'^'' sich indessen vollständig wieder ergänzen. Auch einen schweren 

^^'^V römischen Dachziegel, 16" lang und 12 Vs'' breit, sowie eine viereckig^ 






Ein romisoher Ftind in Bandorf bei Oberwioter. 101 

11 '' lange und breite und 1 V2 '' dicke Ziegelplatte, an der sich keinerlei 
Abzeichen fand, hatte der Finder aufbewahrt. Auch Stücke gebrannten 
Thones, die mit Blumengewinden verziert, aber abhanden gekommen 
waren, sowie das Ende einer Geweihspitze vom Hirsch lagen an derselben 
Stelle. Als wir den Fundort, ein Kleestück, in Augenschein nahmen, 
« entdeckten wir noch eine grosse Menge kleiner Scherben von Thon- 
gefassen und Ziegeln und mussten es fUr sehr wahrscheinlich halten, 
dass eine Nachgrabung hier auf Fundamente eines römischen Gebäudes 
fuhren werde. Der Besitzer des Grundstückes erklärte sich auch 
bereit, im Spätherbste vorigen Jahres eine solche zu gestatten. Noch 
. jetzt kreuzen sich an dieser Stelle drei Wege und ein Bach fliesst in 
der Nähe vorbei. Die ganze Gegend ist wasserreich, eine nahe gelegene 
Wiese besitzt 3 Quellen, die, wenn die Brunnen des Ortes bei langem 
Regenwetter trübes Wasser geben, als Trinkwasser benutzt werden. 
Loosen zeigte uns auch in der Nähe dieses Ortes die Spuren ge- 
mauerter unterirdische^ Wasserleitungen in seinen Feldern. Es kann 
nicht fiberraschen, in diesem fruchtbaren, mit vortrefflichem Quell- 
wasser versehenen Thale, dessen besonders geschützte warme Lage 
der ' üppige Baumwuchs noch heute erkennen lässt, die Spuren einer 
römischen Niederlassung zu finden, während die Erhaltung eines so 
bemerkenswerthen römischen Bildwerkes in so geringer Tiefe des 
Bodens und nahe am Wege sich aus der von der grossen Verkehrs- 
Strasse am Rheine abgelegenen stillen Lage des Ortes erklärt. Bandorf 
liegt in einer Abzweigung des Unkelbachthales, das unterhalb Remagen 
gegen den Rhein sich öffnet. Unzweifelhaft hat von Remagen aus 
«ne römische Strasse .zur Verbindung des Rheines mit dem Binnen* 
lande durch das bei Remagen sich weit öffnende Thal des Unkelbachs 
bestanden, in der Richtung nach Gelsdorf, wo römische Gräber mit 
werthvoUen Glas- und Thongefässen aufgefunden worden sind ^). Die 
erste Mittheilung über den Fund der Ära und des Neptun machte ich 
in der in Bonn zur Winckelmannsfeier veranstalteten Sitzung des Vereins 
von Alterthumsfreunden im Rheinl. am 9. Dezember 1872. Ich sprach 
mich für die Annahme aus, dass an einer vielgebrauchten römischen 
Heerstrasse, da, wo sich mehrere Wege kreuzten, ein öffentlicher 
Brunnen und zugleich ein vielleicht in einer Kapelle aufgestellter 
römischer Altar gestanden hätten, und erwartete weitere Aufklärung, 
wenn eine sorgfältige Aufgrabung auf der Fundstätte werde ver- 



>) Jahrb. XSSUL und XXXIV 1868. S. 224. 



102 Ein römiBOher Fond in Bai^dorf bei Oberwinter. 

anstaltet werden können. Diese wurde denn auch auf Kosten des 
Vereins am 18. Dezember in Angrifif genommen und unter des Herrn 
Prof. aus'm Weerth und meiner Aufsicht bis zum 24. Januar 1873 
fortgesetzt. Die aus Jurakalk gefertigte Ära trägt, wiewohl der Stein 
etwas verwittert ist^ die noch leicht lesbare Inschrift: 

DEO 

INVICT 

REGIPR 

OBONO 

COMVN 

Auffallend erscheint es> dass das Wort Deo auf dem Gesimse 
der Ära selbst eingehauen ist. Dies ist indessen auf einem Votivstein 
mit einer dem Mercur geweihten Inschrift, Nr. 888, sowie auf d^n 
dem Mithras geweihten Yotivsteinen Nr. 645 und Nr. 1456 des Bram* 
bach^schen Verzeichnisses auch der Fall. 

Die Buchstaben sind die des 3. und 4. Jahrhunderts unserer v' 
Zeitrechnung. Die einfach schöne Weiheschrift : „Dem Gotte, dem un- 
besiegbaren Herrscher, für die öffentliche Wohlfahrt,'* erinm^ mit 
grosser Bestimmtheit an den Mithrasdienst. Die Bezeichnung Invictus 
ist für diese Gottheit ganz gewöhnlich. Auf einer Münze des Kaisers 
Elagabalus, der selbst Mithraspriester war, lautet die Inschrift des 
Reverses : Invictus Sacerdos Aug. Auf Münzen des Probua kommt der 
Revers: Soli Invicto, auf dem des Constantinus magnus das Soli 
Invicto Gomiti häufig vor. . Unter römischen Inschriften, die in den 
Rheingegenden gefunden sind, begegnet man solchen, die sich auf den 
Mithras beziehen und ähnlich lauten, nicht selten. Bei Brambach, 
Corp. Inscript. Rhenan. 1867, finden sich die folgenden, deren Vor- 
kommen auf die Verbreitung des Mithrasdienstes durch die römischen 
Legionen bezogen werden darf. Die Bezeichnung D(eo) I(nvicto) 
M(ithrae) kommt vor auf Nr. 1036 aus Mainz, Nr. 1413 von Friedberg, 
1463, 1464 und 1465 von H^dernheim; Deo Dol(icheno) auf Nr. 1456 
und 1457 von Heddemheim; I(nvicto) M(ithrae) auf Nr. 1466 von 
Heddemheim, Soli Invicto Mi . . ae auf Nr. 1584, bei Heilbronn 
gefunden, hier wird die 8. Legion erwähnt; D(eo) S(oli) I(nvicto) 
M(ithrae) auf Nr. 1730 von Osterburken in Baden, in dieser Gegend 
stand, wie aus mehreren anderen Inschriften hervorgeht, die 8. und 
die 22. Legion; 'S(oli) I(nvicto) M(ithrae) auf Nr. 1568 von Murrhardt 
im Neckarkreis, Soli Invicto %uf Nr. 55 von Vechten bei Utrecht ; hier 



Ein römitoher Fond in Bandorf bei Oberwinier. 108 

werden mit dem Mithras aach Jupiter, Apollo, Luna, Diana, Fortuna, 

Mars, Victoria und Fax genannt ; Deo Soli I(nvicto) M(ithrae} P(ro) 

S(alute) I(mperii) auf Nr. 285 von Dormagen, D(eo) S(oli) I(nYicto) 

Imp(eratori) auf Nr. 286 von ebendaher. Das Deo Sol(i) kommt 

vor auf Nr. 1719 aus Lobenfeld in Baden, Deo Invicto auf Nr. 384 

aus Cöln, auf Nr. UOl und 1402 aus Lengfeld in Hessen und auf 

1720 aus Lobenfeld, Deo Invicto C(omiti) auf Nr. 1467, auf diesem 

Steine aus Heddemheim wird die 32. Gehörte genannt, ^(ithrae) 

kommt vor auf Nr. 1579 von Feibach in Würtemberg, Soli auf 

Nr. 388 aus COln, Soli Serapi auf Nr. 330 ebendaher, Soli et Luna^ 

auf Nr. 1838 aus Nfthweiler im Elsass, auf zwei andern Inschriften 

derselben Gegend werden wieder die 8. und die 22. Legion erwähnt; 

Lunae Solique (?) auf Nr. 151 von Birten bei Xanten, hier wird die 

30. Legion angefahrt. Ein Sacerdos Dolicheni wird auf Nr. 645 aus 

Remagen genannt. Dieses Denkmal gab Braun Veranlassung zu seiner 

Schrift: „Jupiter Dolichenus.'' Die ganze Inschrift lautet: In honorem 

domus divinae Arcias Marinus sacerdos Dolicheni donum donavit equi- 

tibus cohortis primae Flaviae Decio et Orato consulibus. Dieser 

Yotivstein wurde also unter dem Consulate des Decius und Gratus, 

das ist im Jahre 250 errichtet. Braun führt merkwürdiger Weise 

einen in Camuntum in Pannonien gefundenen Stein an, mit der 

Widmung I(ovi) 0(ptimo) M(aximo) D(olicheno), auf dem ebenfalls 

ein Marinus als Priester des Jupiter Dolichenus genannt ist. Der 

Wechsel der Standquartiere in Pannonien und dem Bheingebiet ist 

für viele römische Legionen festgestellt. Der Name Dolichenus kommt 

von der Stadt Doliche, die in der römischen Provinz Commagene am 

Euphrat im nördlichen Syrien lag und zur Zeit der Antonine blühend 

war, von Strabo aber noch nicht genannt wird. Die Beziehungen der 

ersten flavischen Gehörte zu dieser Provinz sind auch anderweitig 

nachweisbar. In einer von Mommsen beschriebenen Inschrift der 

Sammlung in Neapel wird der cohors prima Flavia die Bezeichnung 

Commagenorum zugefügt Auf einem zu Friedberg in der Wetterau 

gefundenen gebrannten Steine heisst die erste flavische Ciohorte Da- 

mascenorum milliaria und auf einer ebendaselbst gefundenen Inschrift 

kommt dieselbe auf Syrien hinweisende Inschrift vor. Diese Cohorte 

hat aber auch ihr Standquartier in einer Stadt von Palästina gehabt, 

wie Panqirollus angiebt. Die Beziehungen der Stadt Doliche oder 

Dolichene zum assyrischen (Gottesdienst gehen aber aus einer von 

Reinesius mitgetheilten Inschrift hervor, in der es heisst: Junoni 



-l'* 



V 



t.:--. 



104 Ein römischer Fand in Bandorf bei Oberwintar. 

Assyriae Beg. Dolichenis ^). Wir entnehmen aus unserer Inschrift und 
den andern beigebrachten Daten, sagt Braun, dass, während römische 
Soldaten in verschiedenen Gegenden Deutschlands, namentlich an den 
Ufern des Rheines, dem Jupiter Dolichenus Gelübdesteine errichteten, 
ein Priester dieses in weiter Feme, an den Ufern des Euphrat ver- 
ehrten Gottes in unserer Nähe zu Remagen seinen Wohnsitz hatte. 

Es ist gewiss eine auffallende Bestätigung der Annahme, dass durch 
die römischen Legionen der Mithrasdienst aus den östlichen Provinzen 
des Reiches an den Rhein gebracht worden ist, wenn wir erfahren^ 
dass eine mit der Bandorfer nahe übereinstimmende Inschrift in Ofen, 
also einer Stadt Unterpannoniens, gefunden worden ist. Sie ist bei 
Orelli-Henzen III unter Nr. 5854 aufgeführt und lautet: 

SOLI 
INVICTO 
ETPRO 
BONOC 
OMVNI 

Schmidt, Oesterr. Blätter 1846. p. 380. 
Ueher die Verlegungen römischer Legionen aus den östlichen 
Provinzen des Reiches in die westlichen uud umgekehrt verdanke ich 
Herrn Prof. Floss folgende Angaben: Der Prätorianische Flügel, ala 
Praetoria, der in Cöln erwähnt wird, lag unter Domitian; 85 n. Chr. 
in Pannonien. Der Frontonianische Flügel, ala Frontoniana, stand bei 
Neuss, war unter Vespasian und Domitian in Britannien, unter Trajan 
106 n. Chr. in Britannien und später in Dacien. Die Legio XIV 
gemina lag seit 71 n. Chr. in Mainz, scheint aber schon unter Nerva 
nach Ober-Pannonien abgerückt zu sein. Die Legio I adjutrix lag zu 
Mainz und wurde aus Dalmatien und Pannonien rekrutirt; um 140 
lag dieselbe in Pannonien. Eine Cohorte der Asturer und Galläcier, 
zweier spanischer Völkerschaften, stand bei Mainz ; sie lag unter Titus 
und bis zu den Zeiten des Marc Aurel und Lucius Verus in Pannonien. 
In Cöln wird eine dritte Lusitanische Cohorte genannt, sie stand unter 
Trajan, Marc Aurel und Lucius Verus in Vorder-Pannonien. Die erste 
thracische Cohorte ist im 1. Jahrhundert und wieder um 116 am 
Mittelrhein, unter Hadrian rückte sie nach Pannonien, wo sie sich noch 
bis ins 5. Jahrhundert verfolgen lässt. Die zweite asturische Gehörte 



>) Braun, Jupiter Dolichenus Bonn 1852, S. 6. 



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t 



Bin rdmifldier Fund in Bandorf bei Oberwinter. 105 

ist unter Trajan im Brohlthal; unter Domitian lag sie in Pannonien, 
unter Hadrian ist sie in Britannien, unter Marc Aurel und Ludns 
Verus, Yielleicht auch unter Antoninus Pius wieder in Pannonien, zuletzt 
vielleicht in A^^ypten. Der erste Flügel der Thraker steht in den 
Niederlanden, unter Domitian war er in Judäa, unter Trajan in 
Britannien, unter Marc Aurel und Lucius Verus in Nieder-Pannonien. 
Eäne sechste thracische Gehörte ist in Mainz bezeugt, sie lag unter 
Domitian in Pannonien. Ein Flügel der Ituraer steht bei Frankfurt, 
er stand unter Trajan in Da^en, unter Marc Aurel und Lucius Verus 
in Pannonien. Ein erster Flngel der Scubuler unter Vespasian und 
Trajan in Ober-Germanien, stammte aus einer Pannonischen Völker- 
schaft dieses Namens. Die Legio X gemina aus Spanien stand seit 
71 in Nymwegen, Antoninus Pius verlegte sie nach Unter-Pannonien. 

Wiewohl diese häufigen Versetzungen römischer Legionen sich 
meist in einer firöheren Zeit ereigneten als die ist, aus welcher der 
uns hier beschäftigende Fund herrührt, so enthalten sie doch den 
Beweis für die wiederholten Beziehungen, die zwischen den Besatzungen 

• 

des Bheingebietes und Pannoniens stattfanden und gewiss auch später 
fortdauerten. Die Uebereinstimmung römischer Inschriften aus beiden 
entfernten Gegenden, die sich auf einen besonderen Cultus beziehen, 
erhalten dadurch eine befriedigende Erklärung. 

Ungewöhnlich muss auf unserer Ära die Bezeichnung *des Mithras 
als Bex erscheinen; wiewohl die als Imperator vorkommt und die 
Widmung Mercurio Regi auf einem bei Nymwegen gefundenen, von 
Brambach unter Nr. 70 angeführten Steine sich findet, und noch 
einmal, wiewohl zweifelhaft, auf Nr. 79. Auch darf hier angeführt 
iferden, dass nach Winckelmann ^) auf einer Münze des Kaisers 
Claudius Gothicus Vulkan mit Amboss, Zange und Hammer abgebildet 
ist; dieselbe hat die Umschrift: Regi Artis. Die Widmung Junoni 
Beginae kommt sehr häufig vor, zumal in Verbindung mit Jovi optimo 
maximo. Im Brambach'schen Verzeichniss stammen die meisten dieser 
Inschriften aus Mainz und seiner Umgegend, und, was für uns Be- 
deutung hat, viele von Orten, wo Mithras verehrt wurde, so Nr. 1451, 
1453 und 1493 von Heddernheim, 2063 von Osterburken. Wir dürfen 
schliessen, dass die Beiworte Bex und Begina um diese Zeit üblich 
waren. Stark bemerkt in Bezug auf die Inschrift des einen oben an- 
geführten Steines von Dormagen, auf dem er mit Lersch D(eo) S(oli) 



^) Joh. Winokebnann'B sämmtL Werka, Donsueflchingen 1826. IX. S. 85. 



106 Ein i'ömisoher Fand in Bandorf bei Oberwinier. 

I(nyicto) Imp(eratori) und nicht mit Fiedler Imperio statt ex Imperio 
oder Impensa statt sua Impensa liest, dass er den Beinamen Imperator 
für den Mithras nicht kenne, wiewohl er für Jupiter gelte« Doch 
findet er, dass derselbe der mit der Verehrung des Imperators eng 
verbundenen Natur des Mithraskultus im römischen Heere sehr wohl 
entspreche. Der Gebrauch des Wortes Begi in unserem Falle recht- 
fertigt wohl die Lesung Imperatori in jener Inschrift Auch möchte 
die Deutung der Buchstaben P. S. I. in der Inschrift eines zweiten 
Steines von Dormagen als : Pro Salute. IiQperii, wie Lersch vorschlug, 
durch die auf unserer Ära ausgeschriebenen Worte Pro Bono Gomun(i) 
ihr Gleichniss finden. 

Nicht so leicht wie die dem Mithras geweihte Ära ist das Bild 
des Neptun zu deuten, und es entsteht sogleich die Frage, ob nicht 
blos ein Fluss- oder Quellengott in dieser Figur dargestellt sei. Das 
Bildwerk besteht aus demselben Jurakalk wie die Ära, und zeigt eine 
etwas derbe aber stilgemässe Ausführung des fast ganz nackten 
Körpers. Der kräftige Gliederbau, die breite muskulöse Brust, das 
in eigenthümlicher Weise geordnete Haupthaar, welches über der Stime 
emporstrebt und der in regelmässige Zwickel getheilte Bart, endlich der 
Delphin, dessen Mund den linken Fuss des Gottes berührt, während 
die rechte Hand des letzteren auf der Schwanzflosse desselben liegt, endlich 
das hinter dem Rücken herabhängende, und nur die linke Schulter 
und den rechten Vorderarm bedeckende Gewand deuten sehr bestimmt 
auf die Darstellung des Neptun. Schon Meyer bemerkt in einer Note 
zu Winckelmann >) dass die Bilder dieser Gottheit, deren Verehrung 
bei den Griechen eine allgemeinere war als bei den Römern und von 
diesen unverändert aus der griechischen Mythologie übernommen 
worden war, im Alterthum sehr selten seien, und dass ausser der 
von Winckelmann angeführten grossen Statue eine kleinere zu Dresden 
(Becker, August. Taf. 40) und auch einige Figuren Neptuns auf er- 
habenen Arbeiten bekannt seien. Auf geschnittene Steine und Vasen- 
gemälde bezieht sich diese Bemerkung nicht, sondern nur auf die 
plastischen Darstellungen des Neptun. Auch am Rheine sind solche 
Funde selten. Im Mainzer Museum befindet sich nach einer Mit- 
theilung von Liudenschmit weder unter den Skulpturen noch unter 
den Bronzen und Terrakotten ein Bild dieses Gottes, ebensowenig ist 



') Winckehnann a. a. 0. lY, S. 186. 



Ein römiaoher Fand in Bandorf bei Oberwinter. 



107 



ein solches in Wiesbaden vorhanden. Auf mehreren der bereits an- 
geführten Votivsteine der Nehalennia von Zeeland, auf Nr. 27 bis 31 
bei Crambach, ist dem Hercules gegenüber Neptun dargestellt, auf 
Nr. 28 mit Delphin und Dreizack, auf Nr. 45 mit der Pappel und dem 
Dreizack, lieber die Art der Darstellung des Neptun bei den Alten 
macht Winckdmaon folgende Angaben. Es ist ihm eigenthümlich, 
dass er wie Jupiter unbekleidet mit prächtiger gewölbter Brust 
dargestellt wird; Winckelmann erinnert dabei an die Ilias n 479. 
,,Gewöhnlich ist er auf einem Wagen von Meerpferden gezogen; auf 
einem Steine des Stoschischen Museums aber steht er auf einem Wagen 
von 4 wirklichen Pferden gezogen und entführt die Amymone, die er 
in den Armen hält. Sein dreizackiger Scepter soll nach dem Plutarch 
das dem Neptun zugefallene dritte Loos, das Meer bedeuten; es ist 
dieser Scepter aber nichts anderes als ein Fischerwerkzeug, womit 
diese die grossen Fische, zumal den Spada fangen und tödten, es hiess 
fusdna. In der linken Hand hält Neptun zuweilen ein aplustre, ein 
Zierrath am Hintertheil des Schi£Ees. Eins von dessen Zeichen ist ein 
Pferd, wovon die Ursache aus der Fabel bekannt ist An einem 
Oefässe von Erz in dem Herkulanischen Museum macht ein Pferd den 
Henkel, indem die Vorderfüsse auf dem Rande des Gefässes liegen; 
es kann dies bedeuten, dass das Gefäss bei Opfern dieser Gottheit 
gebraucht worden. Auf dem Pferde hat sich ein Delphin um den 
Trident gewunden. Einen Delphin hält Neptun, weil er durch den- 
selben die Amphitrite, die sich vor seinen verliebten Verfolgungen 
verbarg, entdeckte. Wo ein Knabe mit einer Schale in der Hand 
neben demselben steht, kann dieser den Pelops bedeuten, der von 
Nepton wegen seiner Schönheit entführt wurde. Was der Hippokam- 
pns ist, welchen nach Strabo eine Statue des Neptun in der Hand 
hielt, wissen wir nicht; einige meinen, es könne vielleicht ein Pferde- 
zaum sein, wir finden ihn aber auf keinem alten Denkmal mit diesem 
Zeichen. Von dieser Gottheit hat sich nur eine einzige grosse Statue 
zu Rom erhalten, die in der Villa Medicis steht'^ 0- An mehreren 
SteDen spricht er von dieser grossen und schönen Statue, die zu 
Korinth nebst einer Juno ausgegraben worden und zu J. Caesars Zeit 
oder nicht lange nachher verfertigt worden ist. Auf dem Kopfe des 
Delphin, zu den Füssen der Statue findet sich die griechische Inschrift, 
welche besagt, dass die Statue von Publius Licinius Priscus, einem 



^) Winckelmaan a. a. 0. IX, S. 83. 



■« 



106 Ein rtmiflcher Fand in Bandorf bei Oberwinter. 

Priester des Neptun gesetzt worden ist <). Winckelmann macht wieder- 
holt darauf aufmerksam, wie schon durch die Behandlung des Haupt- 
haares und des Bartes einige der Hauptgöttergestalten sich unter- 
schieden. Die Darstellung des Neptun, ist der des Jupiter verwandt, 
mit ihm führt er auch den Blitz. ,;An der Neptunstatue in der Villa 
Medicis ist der Bart krauser, und über der Oberlippe dicker, die Haare 
sind lockichter und erheben sich auf der Stirne verschieden von dem 
gewöhnlichen Wurfe dieser Haare am Jupiter *). Der Bart ist nicht 
etwa länger oder so wie er bei andern dem Neptunus untergeordneten 
Meergöttem zu sein pflegt, das heisst: gestreckt und gleichsam nass, 
sondern er ist krauser als beim Jupiter und der Enebelhart ist 
dicker^' '). Beim Jupiter bezeichnet Winckelmann das Haar als von der 
Stirne aufwärts gerichtet und im Bogen herabfallend und das Ohr 
bedeckend wie beim Löwen, indess. beim Herkules das Haar aber der 
kurzen Stirne kurz ist wie beim Stier. „Der Herkules auf einem 
Altar des Museum Capitolinum hat kein anderes Kennzeichen als den 
Bart, welcher spitzig ist und woran sowohl als an den Haupthaaren 
die Locken durch kleine Ringeln oder vielmehr Kügelchen reihenweise 
angedeutet sind, welches die älteste Art der Form und der Arbeit der 
Barte war" ^). Dass die Behandlung des Haars auch von der Kunst- 
epoche abhängt, räumt Winckelmann selbst ein. Er sagt : „an Figuren 
des ältesten Stils pflegen die Haare geringelt und in kleine Locken 
zerlegt zu sein, frei und ungezwungen in der Blüthe der Kunst, müh- 
selig und fast bbs mit dem Bohrer gearbeitet, als die Kunst in Verfall 
zu gerathen anfieng''^). Nach K. 0. Müller*) wird Poseidon oft mit 
gesträubtem, wild durcheinander geworfenem Haar gebildet, während 
Zeus einen von der Mitte der Stirn emporstrebenden und mähnenartig 
zu beiden Seiten herabfallenden Haarwurf hat. An unserer Neptun- 
statue sind die Haare des Hauptes über der Stirne hoch emporgerichtet 
und fallen in regelmässigen langen Locken nach den Seiten herab, 
lassen das Ohr aber frei, auch die Haare des Bartes sind in gerade 
abwärts gerichteten Zwickeln regelmässig geordnet und liegen wie 
von Wasser triefend dem. Halse an. Diese Anordnung scheint mehr 



») Winckelmann a. a. 0. VI, 8. 140. 

>) Winckelmann a. a. 0. IV, S. 186. 

•) Winckelmann a. a. 0. VIT, S. 115. ^ 

^) Winckelmann a. a. 0. III, S. 826. 

») Winckelmann a. a. 0. YII, S. 148. 

<") K. 0. MüUer, Handb. d. Archäologie der Kunai 1866. 8* 504. 



^^^• 



■V. 



Ein römiioher Fond in Baadorf bei Oberwinter. 



109 



f&r einen Flussgott zu passen. Die Beigabe des Delphin muss aber 
wieder auf den Neptun bezogen werden, wenn auch der Dreizack fehlt 
In Bezog aof diesen bemerkt noch Winckelmann, dass auf alten 
Münzen der Stadt Posidonia Neptun den dreizackigen Scepter wie eine 
Lanze hält, im Begriff damit zu stossen, er ist wie Jupiter nackt, 
ausser dass er sein zusammengenommenes Gewand über beide Arme 
geworfen hat 0> Winckelmann schildert eine Reihe von geschnittenen 
Steinen mit verschiedenen Darstellungen des Neptun. Auch hier führt 
er wieder als eigenthümlich an, dass das Haupthaar in Reihen von 
geraden und parallelen Locken auf den Hals herabfällt, welche An- 
ordnung auch, wo man ihm wallende Haare gemacht hat, sich wenigstens 
am Barte erkennen lasse *). E. 0. Müller macht auf die grosse 
Mannigfaltigkeit in der Darstellung des Poseidon bei den Griechen 
aufmerksam, indem er stehend un(f thronend, heftig schreitend, den 
Dreizack schwingend, bald nackt bald bekleidet dargestellt werde. Dass 
dem Meer- und Fluss- und Quellengott das Pferd geheiligt war, erklärt 
sich wohl aus dem Umstände, dass auf den quellenreichen Wiesen- 
gründen Griechenlands das Pferd vortrefflich gedieh oder auch aus der 
Thatsache, dass das Steppenpferd auf weite Entfernungen hin die 
Anwesenheit des Wassers mit seinen Nüstern wittert und ein Quellen- 
finder genannt werden kann. In einer neuen Arbeit ^) erhalten wir 
eine üebersicht der Darstellungen des Neptun in der ältesten grie- 
chischen Kunst, und zwar auf Vasenbildem, Reliefe und Münzen. 
Schon in der ältesten Zeit wussten die Künstler, dass die Kraft und 
Gewalt dieses Gottes am nackten Körper am besten ausgedrückt werden 
konnte. Wie das Meer bald spiegelglatt, bald stürmisch erscheint, so 
wurde auch er bald rahig bald bewegt vorgestellt. Auf Vasen ist die 
stehende Figur des Gottes meist mit dem Dreizack dargestellt, in 
Gesellschaft der Minerva, häufig mit dem Merkur. Die Eigenthüm- 
lichkeiten seiner Darstellung bildeten sich in der Kunst allmählich aus; 
am schwersten ist dieselbe von der des Jupiter zu unterscheiden, oft 
nur durch den Dreizack. Die ursprünglich langen Gewänder wurden 
später kürzer, wie es für den mit Polybotas kämpfenden oder ein 
Weib verfolgenden Gott besser passte. Erst als die griechischen 
Künstler mit rother Farbe malten, tritt das in kleine *Löckchen ge- 



>) Winokelmann a. a. 0. Y, 8. 176. 

*) Winokelmann a. a. 0. IX, S. 881. 

') Dr. CtroL Munilii», De antiquiisima Neplam figora. 



, 1878. 



110 Ein römifloher Fand in Bandorf bei Oberwinter. 

ordnete Haar des Neptun auf, das früher ungeordnet in üppiger Fülle 
den Kopf bedeckte. In allen den angeführten zahlreichen Bildein ist 
Neptun immer stehend oder schreitend, selten sitzend dargestellt. Sein 
Fuss steht auf einem Felsen, auf dem Vordertheil eines Schiffes, oder 
auf dem Delphin, die Rechte ist gestützt auf den Dreizack. Auf S. 38 
wird unter o ein Bild desselben aus dem Museum Gapitolinum 1. 1 als 
fontem aperiens bezeichnet Wenn er auf einem Seepferd reitend auf 
Vasen und Münzen gesehen wird, so soll diese Darstellung des Gottes 
unwürdig und dem Merkur zuzuschreiben sein; den Dreizack führen 
auch Amphitrite und Andere. In den ältesten Zeiten wurden dem 
Neptun am meisten die Delphischen Gottheiten und der Merkur bei- 
gesellt. Es mögen deshalb, da auch aus dem römischen Alterthum 
die Darstellung eines liegenden Neptun nicht bekannt ist, gewiss 
Manche in unserm Funde nur einen Flussgott sehen, für den auch 
die Urne spricht, auf welcher seine linke Hand ruht Winckelmann 
hält diese für entscheidend, er führt einen liegenden Fluss auf einem ge- 
schnittenen Steine an, dessen Linke auf einer Urne ruht, in der 
Rechten hält er den Dreizack, unter ihm sind zwei Delphine, welche 
anzeigen, dass der Fluss seine Mündung ins Meer hat. Er bemerkt 
dazu: „Derjenige, welcher den Stein gezeichnet hat, gab nicht Acht 
auf die Urne und darum hat der Erklärer diese Figur für einen 
Neptun gehalten^' ^). Im Münzkabinet des Berliner Museums befindet 
sich eine Münze des Postumus mit dem Rheine als liegendem Fluss- 
gott, der die eine Hand auf das Hintertheil eines Schiffes legt und 
eine Urne unter der andern hat Dass dem Rheine göttliche Ver- 
ehrung gezollt wurde, geht aus Inschriften *) hervor, und, was vielleicht 
nicht ohne Beziehung auf unsere fragliche Göttergestalt ist, gerade in 
Remagen wurde ein Votivstein aus Drachenfelser Trachyt gefunden, 
der die Widmung hat: I(ovi) 0(ptimo) M(aximo) et Genio Loci et 
Rheno etc. Im Museum Pio-Clementinum ist der Nil als Flussgott 
dargestellt mit einem Crocodil unter den Füssen, ebenso der Tiber 
mit einem Ruder und den Symbolen der Fruchtbarkeit. Ein dritter 
Flussgott hält die Urne, keiner hat den Delphin. Doch befindet sich 
wieder auf einem Basrelief der Villa Albani, welches den Achill und 
Agamemnon 'darstellt, das Bild eines Flussgottes mit der Urne und 
mit kleinen Delphinen, die sich im Wasser tummeln. Der Flussgott 



') WinokeUnann a. lu 0. IX, 8. 887. 

') J. de Wal, MyihoL septentr. monom. Jahrb. XVII, 8. 178. Bramb. 647. 



Ein römischer Fund in Bandorf bei Oberwinter. 111 

der Donau auf der Säule des Marc Aurel ist mit üppigem und lang 
herab wallendem Haare aber ohne die gebietenden Züge des Neptun 
dargestellt, ebenso derselbe Fluss auf der Trajanssäule ; dieser lässt 
einen Theil des Gewandes um die Hüften erkennen und trägt einen 
Kranz von Schilfrohr um das Haupt. Im Wallraffschen Museum in 
Köln befindet sich der Kopf eines Flussgottes unter Nr. 56, dessen 
Haupthaar wild und verwirrt ist; das Relief ist von sehr[schlechter Arbeit 

Der Name des Neptun kommt auf Inschriften im Rheingebiet 
höchst selten vor, bei Brambach findet er sich auf Nr. 26 von Zecland, 
Nr. 1433 von Hanau, Nr. 1668 von Baden-Baden und Nr. 1678 von 
Ettlingen; auf dem der Dea Nehalennia gewidmeten Steine Nr. 45 
von Zeeland steht auf einer Säule Neptun, in der Rechten die Pappel, 
in der Linken den Dreizack haltend. Auf Münzen des Agrippa hat 
er in der Rechten den Delphin, in der Linken den Dreizack. 

Die rechte Seitenwand unserer Neptunstatue lässt einen Baum er- 
kennen, der einen Lorbeer oder eine Pappel darzustellen scheint, er hat 
genau 12 Zweige oder Blätter und das ist gewiss nicht ohne Bedeutung. 
Winckelmann bemerkt bei Besprechung eines geschnittenen Steines 
mit dem Bilde der Isis und einem Palmzweige, man behaupte, dass 
der Palmzweig das Jahr vorstelle, weil man ihn für den einzigen 
Baum hielt, der bei jedem Mondeswechsel einen neuen Zweig trieb, 
80 dass am Palmbaum das Jahr durch 12 Zweige vorgestellt war. 

Mit Rücksicht auf die Oertlichkeit kann man nicht zweifeln, dass 
aas der Urne dieses Wassergottes das Wasser einer der Quellen floss, 
deren die nahe gelegenen sogenannten Entzfelder Wiesen mehrere 
enthalten. Die Reste sehr sorgfaltig durch Gämentguss hergestellter 
Wasserleitungen sind auf langen Strecken in den nahe gelegenen 
Aeckem noch vorhanden und zum Theil wohl erhalten. Es sind zwei 
nach verschiedenen Richtungen laufende Leitungen, von denen die eine 
in gerader Linie auf das Haus von Loosen, das Hauptgebäude des 
Ortes, hinläuft. Diejenige, welche unserem Brunnen das Wasser zu- 
fithrte, konnte indessen nicht aufgefunden werden. Die oberflächliche 
Lage der anderen, die oft nur V/t' Rh. tief in den Aeckem liegen, 
lisst vermuthen, dass dieselbe durch die Vertiefung der Bodenfläche 
in der Nähe des Fundortes längst zerstört worden ist. Die Rinne des 
Kanals besteht aus Gussmörtel, der V2 F. stark ist, und in dem 
eckige, bis 1 Zoll dicke Steine enthalten sind ; im Lichten ist derselbe 



*) Winckelmann a. a. 0. IX, S. 804. 



lia Ein römiMber Fund in Bttidorf bei Oberwinter. 

6'' Bh. hoch tmd 8'' breit, die Rinne ist innen mit feinem'Kalkmörtel 
glatt verputzt und mit starken Schieferplatten bedeckt, Taf. XIV, Fig. 10. 

Welchen Werth die BOmer auf gutes Quellwasser legten, das 
beweisen die Aquädukte in aUen Ländern, wo Bömer sich niederliessen, 
in unserm Bheinlande ist Zeuge dessen der in Köln mündende Bömer- 
kanal. Den Quellen bezeigten die Bömer Verehrung, in ihrer Nähe 
pflegten sie Haine, Altäre und Tempel zu errichten. An den Quellen 
goss man Wein aus und schlachtete ein Böcklein, wie uns Horaz und 
Martial berichten 0- Ob nun unsere Brunnenfigur ein Quellengott oder 
ein Flussgott und zwar der Bhein ist, oder Neptun selbst, möchte dess- 
halb sch^for zu entscheiden sein, weil ohne Zweifel das Bild des Fluss- 
gottes sich aus dem des Neptun allmählich entwickelt hat, wie denn 
auch die spätere mittelalterliche Kunst und die Zeit der Benaissance 
den Fluss- und Quellengöttem die Beigaben des Neptun freigebig zu- 
ertheilte. Schöpflin ') erwähnt des bei Ettlingen im Badischen ge- 
fundenen Beliefs, wekhes den Neptun mit dem Dreizack und dem 
Delphin in der Hand neben einem Meerdrachen vorstellt und welches 
Yon einer Schiffergilde dem Gotte geweiht ist. Habel bemerkt hierzu, 
man sehe, dass nicht nur Seestädte ihn verehrten, sondern auch Fluss- 
bewohner und Schiffer ihm Altäre errichteten. Erwägt man, dass in 
Bemagen eine römische Beiter-Gohorte stand, so darf man auch daran 
erinnern, dass Neptun zugleich als Seegott und als Gott der ritterlichen 
Uebungen galt. Als der letztere scheint er, wie Preller bemerkt, 
besonders im Gircus Flaminius verehrt worden zu sein, denn bei diesem 
Gircus stand der einzige Tempel des Neptun in Bom. Am wenigsten 
kann es auffallen, wenn eine Beiter-Gohorte den Neptun verehrte, da 
ihm das Pferd heilig und er der Bändiger der Bosse war. 

Man muss hier noch die Frage aufwerfen, ob auch sonst wohl 

« 

eine Beziehung des Neptun zum Mithras beobachtet worden ist Es 
ist eine EigenthQmlichkeit der Mithrasreligion, dass mit der Verehrung 
dieses Gottes die Vorstellungen von den übrigen Gottheiten sich ver- 
binden und der Polytheismus dem Glauben an einen das All um- 
fassenden Gott weicht In den Darstellungen des Mithras finden sich 
desshalb auch die Zeichen und Attribute der übrigen Gottheiten ver- 
einigt, sie werden als signa panthea oder polythea bezeichnet Braun 



*) Horat. Od. m, 18, Msrtial. VI, 47. 

*) AUaUa ill. I, 490. Vgl Annalen des Vereini für naM. Aliertlraniskand« 
n, 8 HO. 8. 168. 



Ein römisoher Fund in Bandorf bei Oberwinier. 118 

macht in seiner Schrift über den Jupiter Dolichenus besonders anf 
diesen Umstand aufinerksam und fuhrt als Beispiele auch die Bflder 
des Jupiter und der Juno Dolichene auf der Heddemheimer Bronze- 
pyramide an. Jener steht in Rüstung auf einem Stier, in der Hechten 
ein Schlachtbeil emporhebend, in der Linken den doppelten Dreizack 
haltend, nicht den Blitz, wie in einem Belief aus Ninive, die Juno 
steht auf einer Hirschkuh in faltenreichem Gewände, den Modins auf 
dem Haupte, in der Linken den Galathus, in der Hechten dasSistrum 
der Isis. Von dem Tempel der syrischen (jöttin zu Hierapolis schreibt 
Lucian: „ii^ dem Innern desselben stehen die Bilder der Götter, der 
Juno nämlich und eines Gottes, der kein anderer als Jupiter ist. 
Diese Juno zeigt, wenn man sie Daher betrachtet, ein Mannigfaltiges 
in ihrer Gestaltung. Im Ganzen zwar ist sie unstreitig die Juno, sie 
hat aber auch etwas von der Minerva, der Venus, der Luna, der 
Rhea, der Diana, der Nemesis, und den Parzen. In der einen Hand 
hält sie einen Scepter, in der andern einen Spinnrocken; auf dem 
Haupte hat sie Strahlen und einen Thurm und um den Leib einen 
Gürtel, womit man sonst nur die Venus Urauia schmjQckt 0« D&ss 
Jupiter Dolichenus gewöhnlich als ein streitbarer Gott im Harnisch 
dargestellt wird, mag sich auf seine Verehrung im römischen Heere 
beziehen, daher auch die Beinamen Imperator und Rex, das Invictus 
erinnert an den Herkules, der auf dem in den Brohler Tuffsteinbrflchen 
gefundeneu Votivsteine, Nr. 654 des Brambach'schen Verzeichnisses, so 
genannt wird. Auf der Heddernheimer Bronzepyramide') hält aber der 
Jupiter Dolichenus oder Mithras in der linken Hand einen doppelten Drei- 
zack, also das Abzeichen des Neptun. Dies Zeichen bann nicht etwa für 
den BUtz gehalten werden, der als ein geschlängelter oder im Zickzack fort- 
schreitender oder strahlenförmig aus der Hand des Jupiter auseinander 
gehender Strahl dargestellt wird, während wir hier deutlich dem ge- 
häuften Schwulst der Darstellung entsprechend eine doppelte Harpune 
vor uns haben. Wenn in den Darstellungen des Mithras selbst die 
Bilder und Zeichen der übrigen Götter sich gleichsam vermengen, so 
kann es auch nicht überraschen, wenn neben einem Mithrasaltar die 
Bilder anderer Götter aufgestellt waren. An unserm Fundort wurde ja 
noch der Kopf eines dritten Gottes und das Fussende sowie Bruchstücke 
einer vierten StatuOj die doch wahrscheinlich auch ein Götterbild war, 



>) De des Syria 32. 

^ Vgl. die Abbildang in Brauns: Jupiter DoUohenos. Bonnt 1852. 

8 



U4 



Sin romiieher Fond in Bimdorf bei Oberwintar. 



gefunden. Wir werden aber noch auf eine andere Erklärung der Ab- 
zeichen des Neptun, auf Mithrasdenkmälem geführt Sie können die 
Abzeichen oder Wappen römischer Gehörten sein und gerade solcher, 
welche auch den Mithrasdienst übten und verbreiteten. So konnte 
Habel nachweisen, dass der Gapricomus, bekanntlich die Figur eines 
Steinbocks, der hinten in einen Fischleib übergeht, ein Gohortenzeichen 
der 22. Legion, der Primigenia Pia war; es ist ein solches bei Wies- 
baden gefunden worden und wird im dortigen Museum aufbewahrt. 
Die 22. Legion, wird aber auch auf dem Brohler Mithrasdenkmal an- 
geführt. Das Gaprikorn kommt mit dem Namen dieser Legion auf 2 
Steindenlonalen in Mainz,, auf gebrannten Ziegeln und auf Münzen, 
auch auf einem Relief aus Heddemheim vor. Da der Eintritt der Sonne 
in das Zeichen des Steinbocks die Winter-Sonnenwende bezeichnet, die 
für Aegypten, wo der Thierkreis seinen Ursprung hat, die Zeit der 
üppigsten Fruchtbarkeit ist, so hat das Zeichen zunächst diese Be- 
deutung, daher das Füllhorn als Attribut der Fortuna und Abundantia 
so oft mit demselben verbunden ist. Aber der Fischleib und die See- 
muschel, welche das Gapricom mit den Vorderbeinen hält, bringt es in 
Verbindung mit den Wasser-Gottheiten. So ist es nach Habel dar- 
gestellt auf einem Basrelief bei Piranesi in einer Gruppe von Tritonen 
und Meergdttem, auch auf Münzen und geschnittenen Steinen in Be- 
gleitung eines Ruders, Ankers oder Schiffes. Die Verehrung dieses 
Zeichens unter den römischen Soldaten erklärt sich auch daraus, dass 
Augustus unter demselben geboren war und auch die späteren Kaiser 
es gern, wie er gethan, auf ihre Münzen setzten. * Merkwürdig ist 
nun, dass auch der Dreizack Neptuns auf emigen Ziegelplatten als 
Gohortenzeichen der 22. Legion vorkommt, die bei Heddemheim und 
Nied gefunden worden sind. Habel') tadelt Hansselmann's Meinung, 
dass der Dreizack als Feldzeichen von der Gründung von Patrae her- 
rühre, er sieht darin nur die mächtige Waffe, von den Gyklopen 
geschmiedet, die den Titanen furchtbar war. Des Letzteren Ansicht 
gründete sich darauf, dass man von der 22. Legion auch Golonie- 
münzen von der Stadt Patrae in Achaia finde, auf deren Rückseite 
dn stehender Neptun mit dem Dreizack gebiUet ist. HabeP) bildet 
gebrannte Ziegel mit den Gohortenstempeln der 22. Legion ab, auf 



*) Annalen a. a. 0. ü, 3. Heft, S. 98. 
>) Annalen a. a. 0. IL 8. Heft S. 151. 
*) Annalen a. a. 0. 3. Heft Tab. V. 



j. 



Ein'römbolier Fond in Bandorf bei Obex^vinter. 116 

den Figg. 5 und 6 ist es der Dreizack Neptuns auf Ziegeln von Mainz und 
Heddemhdm. Auf dem Backstein der 22. Legion, Fig. 4, siebt er den 
Donnerkeil Jupiters; er hat an beiden Enden einen harpunenartigen 
Dreisack, während von dem mittlem Theil des Keils jederseits 3 Zacken 
abgehen. Hansseimann £and denselben Stempel auf gebrannten Platten 
eines Lakonikums bei Oehringen und ist zweifelhaft, ob die Figur als 
Zeichen der ersten Gohorte anzusehen sei oder einen doppelten Drei- 
zack Neptuns darstellen soll. Das fragliche Zeichen ist das von uns 
schon besprochene auf der Bronzepyramide von Heddemheim. Wie- 
wohl Habel auf die mannigfaltige Art der Darstellung des Fulmen 
aufinerksam macht, das bald als zusammengerollter Keil ohne Blitz- 
strahl, bald angerollt mit dem Blitze dargestellt werde, dessm Strahlen 
bald gezackt oder ungezackt, bald mit oder ohne Widerhacken er- 
scheinen, der auch zuweilen geflügelt vorkommt, so passt doch keines 
dieser Bilder auf das vorliegende Zeichen, das in der That wie ein 
doppelter Dreizack aussieht und in dem Doppelbeil, welches Mithras 
auf der Heddemheimer Bronzepyramide in der Bechten hält, ein 
Gregenbild hat. Es sei hier noch angeführt, dass auf Ziegeln der 22. 
Legion noch andere Zeichen vorkommen, von denen viele, wie das mit 
Strahlen umgebene Haupt des Apollo, der Halbmond, Löwe und Stier, 
wie Habel selbst hervorhebt, in den Mithrischen Bilderkreis gehören, 
woraus wir schliessen dürfen, dass diese Legion dem Mithrasdienst 
ganz besonders ergeben war, nicht aber, was jener Forscher damals 
glaubte, dass sie denselben aus Aegypten mitgebracht habe. 

Der Kopf, Taf. XHI Fig. 3 und 4, dessen üppiges Haupthaar und 
Bart einen Gott erkennen lässt, bietet der Forschung manches Eigen- 
thOmliche. Während die Ära und das Neptunbild aus Jurakalk be- 
stehen, ist der Kopf aus Sandstein gefertigt. Die glatte untere Fläche» 
auf der er stehen kann, lässt vermuthen, dass er nicht von einer 
Statue abgeschlagen ist, sondern als blosser Kopf aufgestellt war. 
Bemfflicenswerth ist, dass unter den zahlreichen römischen Funden in 
dar Umgegend von Schwarzerden, wo auch ein Mithrasbild auf einer 
Felswand erhalten ist, auch ein in gleicher Weise gearbeiteter Kopf 
aas Sandstein von VU Fuss Höhe sich befindet, dessen herabwallende 
Locken eine Art phrygischer Mütze deckt, welche auf ein Mithrasbild 
schliessen lässt 0- Derselbe wird in der Sammlung des St. Wendeler 



^) Elfter Bericht dee antiquar. Iiistor. YereioB for Nahe oad Hoairüoken 
von 1869—1871. 8. 16. 



116 • Ein römisoher Fand in Bandorf bei Oberwinter. • 

AlterthomsvereiDS aufbewahrt. Der in Bandorf gefundene Kopf ist nur 
5V2" Rh. hoch. Wiewohl derselbe durch Verwitterung gelitten, ist 
doch erkennbar, dass das Haupthaar, welches um den ganzen Kopf 
in regelmässige Locken gelegt ist und einer Perücke gleicht, über die 
Mitte der Stime herabhing. Dieser Umstand und das milde Lächeln, 
welches sich mit einem Ausdruck der Güte in dem Gesichte ausspricht, 
weisen auf den Pluto. Herrn Prof. Bergk hierselbst fiel sogleich die 
Aehnlichkeit dieses Kopfes mit dem eines Pluto aus der Sammlung 
des Palazzo Ghigi in Rom auf ; sie zeigt sich namentlich im Ausdruck 
des Mundes und in der Behandlung des Bartes. Schon Winckelmann*} 
-giebt'an, dass sich dieser Gott durch das Herunterhängen der Haare 
über die Stime vom Jupiter unterscheide, bei dem sie sich von der 
Stime erheben. Wenn aber Winckelmann ") sagt, dass Jupiter mit 
einem heiteren Blicke gebildet werde und die Köpfe, die keinen gnä- 
digen und gütigen Blick haben, dem Pluto zuweist, so bemerkt Meyer 
zu dieser Stelle, dass zwei Köpfe des Pluto und Serapis keineswegs 
diese strenge Miene, sondem ein gütiges Aussehen haben. Im Mu- 
seum zu Mainz findet sich ein grosser Steinblock, den in einem Me^- 
daillon ein kolossaler Plutokopf schmückt. Derselbe ist an einem Pfeiler 
der festen Rheinbrücke zu Mainz gefunden, deren Erbauung in die 
Zeit der Garolinger gesetzt wird. Das üppige Haar dieses Pluto, der« 
an dem Modius mit Sicherheit erkannt wird, ist in der ihm eigen- 
thümlichen Weise dargestellt, sein Gesichtsausdruck ist eher mild als 
ernst oder furchtbar. Merkwürdig erscheint das in regelmässige Locken 
gelegte Haupthaar des uns vorliegenden Kopfes, welches auf Taf. XIV 
Fig. 1 in der hintem Ansicht dargestellt ist. Dasselbe ist verschieden 
von den steifen wulstigen Perücken der Matronen der spätem römi- 
schen Zeit. Ein stufenförmig gekräuseltes und in parallel laufenden 
Rollen perückenartig geordnetes Haar, coma in gradus formata, kommt 
indessen auch in früher Zeit schon vor, wie ein zu Venedig befind- 
licher Kopf des M. Antonius zeigt. PerUckenartig ist die Haartracht 
der Kaiserinnen Julia Domna, Mammaea, Plautilla und anderer. Den 
bekannten Darstellungen des Pluto aus besserer Zeit kommt eine solche 
keineswegs zu, indem Winckelmann dessen Haar vielmehr als verwirrt 



') Mosee Pie-Glement. Müan, 1819. Bd. II Tab. a VI, Nr. 9. 
*) Winckelmann a. a. 0. lY. S. 128. 
') Winckehnann a. a. 0. YII. S. 114. 



Ein römioeher Fand in Bandorf bei Oberwinier. 117 

bezeichnet. Habel bildet, was für unsern Fond von Wichtigkeit ist, 
ein zu Heddernheim gefundenes Bronzestflck ab, auf dem über den Brust- 
bildern von Sonne und Mond ein bärtiger Kopf mit dem Scheffelmaas 
auf dem Haupte dargestellt ist, also ein Jupiter Serapis oder ein Pluto. 
Das Kopfhaar ist in regelmässige Bollen gelegt und von der Stime 
aufwärts gerichtet. Auch dieser Kopf hat eine freundliche Miene. Dass 
das künstlich geordnete Haupthaar auf den asiatischen Ursprung der 
Mithrasreligion hindeutet, könnte man vermuthen, wenn man an die 
in künstlichster Weise mit zierlichen Löckchen versehenen Köpfe persi* 
^er Mithrasbilder denkt, die Lajard abgebildet hat, eine Mode, die auch 
auf persischen Münzen vorkommt, aber diese Bildung wird sonst auf 
unsern Mithrasdenkmalen nicht beobachtet. 

Es ist ausserdem nun noch der Sockel einer aufrecht stehenden 
Statue gefunden worden, auf dem ein halber Fuss und der Rest eines 
bis auf den Boden herabfallenden Gewandes sichtbar ist. Dieses Büd- 
werk war aus Jurakalk, und nach dem Fusse zu urtheilen war die 
Gestalt ohngefähr so gross wie die unseres Neptun oder Flussgottes. 

Betrachten wir nun die vollständig blosgelegten Fundamente des 
kleinen Gebäudes, in dessen Schutte sich diese Bildwerke nebst Scher- 
ben von feinen und groben Thongefässen, Kohlen, Thierknochen, sowie 
einige Bruchstücke von Gläsern, Münzen, zahlreiche Dachziegel, grös- 
^re und kleinere sehr sorgfältig gearbeitete viereckige Ziegel, auch 
einige runde Heizziegel, femer einige bronzene und eiserne Geräthe 
gefunden haben, so zeigt sich, dass dasselbe ein gleichseitiges Viereck 
von 13 Va F. Rh. Länge und Breite, Taf. XIY Fig. 8, A, bildete. Die Mauern 
scheinen bei der Anlage des Ackers bis auf 4 ' Höhe vom Grunde aus 
horizontal abgetragen zu sein, sie kamen in etwa 2' Tiefe zum Vor- 
schein und umschliessen nur einen Raum; die Mauer an der Nord- 
seite ist 32 ", die der anderen 3 Seiten nur 20 '' stark, die untersten 
2 Fuss der Mauer sind um einige Zoll stärker, so wie auch wir die 
Fundamente bauen. Der Innenraum fand sich durch einen Kalk- oder 
Gämentstrich geglättet, über dem wahrscheinlich Platten gelegen hatten. 
Dieser Boden lag etwa 3V2 Fuss unter der Oberfläche des Ackers. 
Zwei an der Südseite^es Gebäudes wie Pfeiler vorspringende Mauern 
scheinen den Eingang gebildet zu haben. Dafür spricht ein 5 Vs' langer 
und 1' hoher Deckstein aus Berkumer Trachyt, Fig. 8"*", der m der 
Nähe lag und wohl die Thürkrönung bildete; zwei scharf gehauene 



') Annalen des YereinB för nass. AlterthumBk. I, Taf. YU, Fig. 8, s. 



/ 

V 



118 Ein römischer Fond in Baodorf bei Oberwinter. 

Tiereckige Löeher deuten darauf, da8S er mit zwei Eisen nach hinten 
befestigt war. Ein bis unter das Fundament an der Westseite gegra- 
benes Loch zeigte, dass der ganze Boden hier jetzt von Quellwasser 
durchdrungen ist. Das Gebäude liegt regelmässig zwischen 3 Wegen, 
die seinen Seiten parallel laufen und nach.Sttden und Norden etwa 25% 
nach Osten 36' davon entfernt sind. Vor der Ostseite des Hauptge- 
bäudes wurde in nur 4^1% ' Entfernung das Mauerwerk eines zweiten klei- 
nem viereckigen Baues, Fig. 8, B, gefunden, der mit semer nördlichen 
Mauer genau in der Frontlinie des ersten Gebäudes lag. Dieser klei- 
nere Bau hatte nur 6Vs 'Länge und 5Vs' Breite. Die Mauerdicke be- 
trug 15". .In seiner westlichen Mauer war ein kleiner Tu£bteinsarg 
eingelassen, mit rundlicher Vertiefung und eigenthfimlich verzierter 
Vorderseite. Wiewohl man zunächst schon mit Rflcksicht auf die Kep- 
tunstatue an einen Brunnensarg denken konnte, an dem aber eine 
Ausflussöffliung fehlte, stellte sich doch bald aus der ganzen Anord- 
nung und dem Umstand, dass einige Kohlen- und Knochenreste in der 
Vertiefung lagen, heraus, dass der Sarg eine Aschenkiste war, wie 
solche in hiesiger Gegend mehrfach gefunden und einige, auch aus 
Tuff gefertigte im WaUraff'schen Museum in Göln aufbewahrt 
werden. Die Aschenkiste ist 28 V2'' lang, 14" breit und 1272'' hoch. 
Die Vorderseite hat in der Mitte eine Inschrifttafel von der gewöhn- 
lichen Form, wie sie zweimal auf dem Mithrasbild von Ladenburg, 
•aber auch auf Votivsteinen vorkommt, z. B. auf Nr. 52 und Nr. 667 
des Brambach'schen Werkes, der letztere ist aus der Zeit des Nerva 
Trajan. Auch eine Platte an der Wand eines Hauses in Pompcqi mit 
einer öfifentlichen Ankündigung hat diese Form, ebenso die Schwelle 
dnfö andern Hauses mit der Aufschrift Salve ^). Neben dieser Tafel 
ist die Vorderseite mit Rauten und Zickzacklinien verziert, die, wie 
die deutlichen Reste der Farbe zeigen, roth und weiss gemalt waren, 
wie es in unserm Bilde Taf. XIV Fig. 2 dargestellt ist. Da auf der 
Tafel eine eingehauene Inschrift sich nicht befand, darf man vermu- 
then, dass eine solche darauf geschrieben war. Trotz einiger Farben- 
reste darauf kann aber doch keine Spnr einer Schrift mehr erkannt 
werden. Der ganze Raum ist demnach fUr eine Grabstätte zu halten, 
die vielleicht frtther nach Art der.Columbarien mehrere solcher Aschen- 
behälter oder auth Urnen enthielt. Als die Mauerreste blosgelegt 
wurden, zeigte sich der Innenraum sorgfältig mit zerbrochenen Dach- 



') Ani. Rieh, niuBtr. Worterb. p. 19 und 661. 



Ein römiscber Fund in Buidorf bei Oborwinter. 110 

pfannen zugedeckt, aus welchem Umstände, sowie aus dem Mangel an 
Orabgefiissen man scUiessen moss, dass diese Grabjstätte, yielleicht 
beim Wegrilumen der Beste dieser Gebäude, schon einmal aufgedeckt 
worden war und als ein geweihter Ort in der bezeichneten Art vor 
gänzlicher Zerstörung geschützt werden sollte. Auffallend bleiben die 
hier gefundenen 18 Münzen, von denen nur 6 in der Eiste, die an- 
dern davor, ursprOnglich aber wohl bei der Asche lagen. Von einem 
Deckel der Kiste fand sich keine Spur. Im Mainzer Museum stehen 
solche Aschenkisten mit rundlicher Vertiefung, in einer sind mehrere 
Glasgefässe, auch eine Münze enthalten, die über den Enochenresten 
liegen. Das Museum in Wiesbaden enthält solche Aschensärge, die 
im Innern viereckig sind. 

Die meisten Gegenstände wurden in dem vor der Süd- und Ost- 
seite des Gebäudes liegenden Schutte gefunden, und zwar bei A, Taf. 
XIV der Mithrasaltar, bei N die Neptunstatue, bei E der Kopf, im In- 
nenraum bei P die grosse Steinplatte, bei M die Münzen. Die grossen 
Ziegel Fig. 13 sind genau viereckig, 11'' lang und breit, 1'' 10'" 
dick, viele sind auf einer Seite mit schräg sich kreuzenden Rinnen versehen, 
die kleineren sind 4" lang,3Va" breit und 1" 2/" dick. Auch dünnere 
Platten kamen vor, wie zum Belegen der Wände auf einer Seite mit wellen- 
förmig gekrümmtei^ Rinnen zur bessern Verbindung mit dem Mörtel. Die 
runden Heizziegel haben 7V2'' Durchmesser und sind 2" dick. Ausser- 
dem wurden mehrere 4 " breite und 5 " lange viereckige Plättchen ge- 
fanden, Fig. 11, und vier wahrscheinlich dazu gehörige scharfkantige 
5" breite, 47«" lange und 2V2" hohe dachförmige Steine, Fig. 12, 
beide aus Jurakalk, deren Verwendung unbekannt ist. Zahlreich waren 
die Bruchstücke schwerer Dachpfannen, sie sind 16" hoch und gerade 
1 " breit, einige waren ganz geblieben. Dabei fanden sich die thönemen 
Wulste, welche die aufstehenden Seitenwände zweier aneinander lie- 
genden Pfannen bedeckten, eine Einrichtung, die wir beim Legen von 
Zinkdächem, die Italiener aber an Ziegeldächern noch heute nach- 
ahmen ; es sind die imbrices und tegulae der Schriftsteller. Auf Taf. 
XIV Fig. 9 ist diese Art der Bedachung genau angegeben, zumal in 
der Profilzeichnung sieht man, wie zweckmässig die obem Zi^el auf 
den unteren ruhten. Diese Dachpfannen sind so schwer, dass man 
annehmen soUte, nur die in Stein gewölbten Häuser seien auf diese 
Weise gedeckt gewesen. Auf der Säule des Marc Aurel und auf der 
Trajanssäule in Rom sind Häuser mit solchen Dächern abgebildet, am 



120 Ein römiaoher Fund in Bandorf bei Oberwinter. 

deatlichsten auf Tab. 112 des die letztere illustrirenden Werkes 0- 
Im Museum von Wiesbaden hat Oberst von Gehäusen ein römisches 
Pfannen* und ein Schieferdach aufstellen lassen. Das erste hat genau 
die Construction, wie sie hier gezeichnet ist. Der Umstand, dass von 
Cohausen auch Ziegelplatten gefunden hat, die am Seitenrande, wo sie 
von dem Hohlziegel bedeckt sind, Löcher haben, lässt nur die Deutung 
2U, dass hier Holzpflöcke oder eiserne Nägel die Pfannen auf den 
• Dachsparren befestigt haben, dass also auch in Holz gebaute Dilcher 
80 gedeckt waren. Müller giebt an, dass der unterste der Hohlziegel, 
um die Höhlung zu verbergen, am Kopfe mit einer Platte versehen 
zu sein pflegte, die man mit Zierrathen schmückte, wie deren Hirt 
abgebildet hat. Dass die Römer auch schon Dachschiefer benutzten, 
ist wenig bekannt, aber schon von Habel mitgetheilt worden '). In 
Ant. Rieh's Illustr, Wörterbuch der römischen Alterthümer, übers, von 
G. Müller, Leipzig 1862, ist als Probe des römischen Ziegeldaches das 
Dach des Portico der Octavia zu Rom abgebildet, dessen Ziegel von 
weissem Marmor sind. 

Von den 22 Münzen in Kleinerz wurden 4 in dem Schutte vor 
dem Hauptgebäude gefunden, es sind ein Glaudius mit dem Revers: 
Felicitas Aug., ein Grispus, R. : Glaritas* reipublicae, ein Gratianus, R. 
Gloria novi saeculi, ein Valens, R. : Securitas reipublicae. Die übrigen 
18 lagen in dem inn^n Raum der Grabstatte und 6 in dem Aschen- 
sarge selbst. Es sind die folgenden: ein Antoninus pius, eine Faustina 
(junior), ein Gordianus, R.: Laetitia aug., zwei Tetricus, R.: Salus aug., 
ein Probus, R : Felicitas sec, eine Helena (I), R. : Fax publica, zwei 
Gonstantinus (Magnus), R.: Soli invicto comiti und Beata tran- 
quillitas, zwei Urbs Roma, R.*. die Wölfin mit Romulus und Remus, 
zwei Gonstantinopolis, ein Gonstantius (junior), R. Gloria exercitus, ein 
Magnentius, R.: Gloria Romanorum, zwei Valens, R.: SeCuritas reipu- 
blicae und Gloria Romanorum, ein Gratianus, R. Gloria novi saeculi. 
Alle diese Münzen gehören mit Ausnahme der des Antoninus pius und 
der Faustina, die durch den längern Gebrauch auch fast unkenntlich 
sind, dem 3. und 4. Jahrhundert an ^). Unter den Scherben von Thon- 

^) Golumna Gochlis M. Aarelio Antonino Aag. dio. Roma 1704 und P. S. 
Bartoli, Golonna Trajana Tab. 112. 

') Annalen des Vereins für nassauisehe Alterthomsk. und GeBchichtsf. I, 
2. and 8. Hft. Wiesb. 1830. 8. 160. 

') Später worden noch 9 Münzen im Schutte gefanden, daronter eine äl- 
tere Faustina, R.: Angnsta, ein Claadius, R.: Yirtas Aug., ein Grispus, R.: wie 
oben, ein Yalens, R. : Securitas reipublicae. 



£m römiiolier Fond in Baadorf bei Oberwinter. 181 

gdäasen waren Stücke von Schalen ans feiner rother terra sigülata, 
ein kleines Schälchen aus gelbem Thon, Taf. XIV Fig. 3, die Bruch- 
stücke mehrerer grosser bauchiger Gefasse mit 1 F. weiter Oeffnung, 
deren eines ergänzt dargestellt ist, Fig. 4; in der Wandung sind die- 
selben fast 1 " dick, der dicke obere Sand hat eine vertiefte Ausguss- 
öfibung. Ausser der ein&chverzierten bronzenen Fibula, Fig. 5 wurde 
ein dünner Bronzering, Fig. 6, und em aus 3 zusammengedrehten 
Bronzedrfihten bestehender Henkel, Fig. 7, der wahrscheinlich einer 
kleinen Schale angehörte, gefunden ; ferner ein grosser eiserner Meis- 
sei, Fig. 15, und ein eiserner Löffelbohrer, Fig. 16, ein in römischen 
Gebäuden häufig vorkommendes Werkzeug, welches, wiewohl in dieser 
Form veraltet, noch jetzt von unseren Schreinern gebraucht wird. 
Unter einigen Glasscherben ist ein flaches 2'" dickes Stück hellgrü- 
nen fast weissen Glases mit rund geschliffenem geradem Bande be- 
merkenswerth, es ist auf einer Seite mattgeschliffen, auf der andern 
glänzenden sieht es wie gegossen aus; man kann dasselbe nur für 
das Bruchstück einer Fensterscheibe halten; ein Stück azurblauen 
Glases, von einer Schale, ohne Spur einer chemischen Veränderung, 
zeichnet sich durch die Schönheit der Farbe aus. Auch A. von Co- 
hausen hat bei der Saalburg Bruchstücke römischen Fensterglases 
ausgegraben, deren Beschreibung fast vollkommen auf unser Stück 
passt. jpDas Glas ist hellgrün, klar durchsichtig und gut erhalten; die 
untere Fläche der rechtwinkeligen Scheiben ist eben, aber rauh und 
daher blind, während die Oberfläche sanfte Unebenheiten, aber voll- 
kommene Glätte und Glanz zeigt. ^ Die Bänder sind an dem Glase 
der Saalburg rundlich geflossen, als sei die glühende Glasmasse durch 
einen Bahmen begrenzt worden, wodurch die Bänder des Glases wul- 
stig anschwollen. An dem Glase von Bandorf ist der Band rund- 
lich abgeschliffen. Die Knochen sind Ueberreste vom Schwein und 
vom Ochsen und eine Geweihspitze vom Hirsch. Die Mauern sind 
aus Bruchsteinen von Thonschiefer hergestellt, aber mannigfaltig waren 
die Gesteine, die sich im Schutte fanden, Berkumer Trachyt, Basalt, 
abgerundete StUcke von Jurakalk, grauer Sandstein, Brohler Tuff, ein 
Tuff mit grossen Bimssteinstücken. 

Suchen wir nun die in Bandorf entdeckten Mauerreste, welche den 
vollständigen Grundriss der dort gestandenen römischen Gebäude uns 
vor Augen stellen, mit den auf derselben Stelle gefundenen Alterthü- 

') „Römischer SohmebMobmiiok'' in den AniuJeD des Vereins fär nsss. 
AHerthiimsk. XU, Wiesbaden 1878. 



13d Ein römiseher Fund in Bftndofff bei Obarwinier. 

mern in einen Zusammenhang zu bringen, so erscheint als das Wahr- 
scheinlichste» dass hier ein kleiner Mithrastempel gestanden hat, in 
welchem aach die Bilder anderer Götter aufgestellt waren; dabei be- 
fand sich ein laufender Brunnen mit dem Neptunbilde und ganz in der 
Nähe auch noch eine Grabstätte. Die Inschrift der Ära: pro bono communi 
deutet vielleicht darauf, dass der an drei Wegen liegende Brunnen ein 
öffentlicher war. Der nur ISVa" im Gevierte messende Raum des Haupt- 
gebäudes erscheint zu klein für ein Wohnhaus, während der beschränkte 
Raum der Büthrastempel auch anderwärts beobachtet ist ^). Die iä 
demselben gefundene grosse Steinplatte, die wegen der daraufliegenden 
Kohlenreste für eine Heerdplatte gehalten wurde, sowie die übrigen im 
Schutte gefundenen Gerätbschaften, selbst eine Heizvorrichtung, kön- 
nen ebensowohl mit dem Tempelbau als mit einer Wohnstätte in Ver- 
bindung gebracht werden. Sehr merkwürdig ist es, dass die Richtung 
des Gebäudes gegen den Himmel, wie die dem Grundriss auf Taf . XIV 
beigefügte Polangabe zeigt, genau dieselbe ist, wie die der beiden 
Mithrastempel von Heddemheim ■). Die Platte kann der Altarstdn ge- 
wesen sein. Dass man eine Grabstätte nahe einem Tempel baute, ist 
zwar kein im römischen Alterthum gewöhnliches Vorkommen, ab«: 
eine dem menschlichen Gefühle zusagende Sitte, die sowohl in der 
germanischen Vorzeit Gebrauch war, indem man in der Regel bei den 
heidnischen Opferstätten auch die Todtenäcker findet, als auch bei den 
Christen in Uebung blieb, die zuerst in den Katakomben bei den Grä- 
bern ihren Gottesdienst feierten und dann in den Kirchen oder in 
deren Nähe die Todten bestatteten, bis erst in unserer Zeit aus Rück- 
sicht für die Gesundheit die Kirchhöfe in den Städten untersagt und 
die Begräbnissplätze ausserhalb derselben angelegt wurden. Da der 
Mithrasdienst ursprünglich in Höhlen oder unterirdischen Räumen ge- 
feiert vrurde, so war bei der angeordneten Ausgrabung darauf unsere 
Aufmerksamkeit gerichtet ; an der Fundstätte fand sich indessen nichts 
der Art, doch verdient es angeführt zu werden, dass die Einwohner 
von Bandorf auf Befragen eine nur einen Steinwurf von dem Fundort 
^tfemte Stelle am Berge bezeichneten, wo sich früher eine Höhle be- 
funden habe, die man die Kohlkaul nannte; sie ist jetzt verschüttet 
und kann, da im Bandorfer Thale und seinen Umgebungen zu ver- 
schiedenen Zeiten, wie noch heute, auf Kupfer, Blei und Eis^erz 



') Annslen des Vereins für nara. Alterihomik. II, 8. 92. 
^ A. ft. 0. I, 2. u. 3. Hft. Taf. lY a. V. 



V- 



Ein rdnoBOlier Fimd in Bndorf bei Ot^rwintor. 198 

Bergbau getrieben vatde, ein alter Stollen oder Schacht gewesen sän. 
In der Nähe des Mithrasdenkmals von Schwarzerden, sowie bei dem 
freilich irrthflmlich als Bfithräum bezeichneten Denkmal vdn Schwein- 
adned sind Höhlen, die merkwürdiger Weise beide vom Volke »das 
Wildfranloch« genannt werden. Von der letzteren giebt Engelmann an, 
dass sie ein verschütteter Stollen sein könne, wie es deren in jener 
Gegend viele gebe. Als eine Erinnerung an die Bömerzeit kann es 
wohl gedeutet werden, dass das neben der Fundstätte gelegene grosse 
Ackerfeld, auf dem das Haus des Loosen steht, und die Fundamente 
starker Mauern in der Erde liegen, noch heute in der Eatasterkarte 
der »Hermes-Ackert heisst. Da es in den letzten Jahrhunderten in 
unserer Gegend ni^nals üblich war, Felder mit den Namen der Be« 
sitzer zu bezeichnen, so darf man diese Benennung vielleicht für eine 
römische halten. An ' den griechischen Gott Hermes ist dabei wohl 
nicht <zu draken, sondern an den römischen Familiennamen Hermes, 
der in unsem Bheingegenden mehrmals auf Inschriften vorkommt, so 
bei Brambach auf Nr. 1629 aus dem Schwarzwaldkreis, auf Nr. 1064 
aus Mainz und auf Nr. 2005. 1 aus Wiesbaden. Doch ist es auffallend, 
dass an dem grossen Mitfarasbilde von Heddemheim- in den vier 
Ecken Köpfe angebracht sind, die wie Mercur mit Flügeln ver- 
sdien sind. Auch wurde in diesem Mithrastempel eine Statue des Mer- 
cur gefunden. Wichtiger ist noch; dass ein nahe dem Fundort zwisdien 
Unkelbach und Bemagen gelegener Berg noch jetzt der Sonnenberg 
heisst, welcher Name wohl als eine Erinnerung an den hier einst ge- 
übten Scmnendienst betrachtet werden kann. 

Die Ausbreitung der ursprünglich persischen Mithrasreligion im 
römischen Beiche, die wie ein Vorläufer des Christenthums angesehen 
werden kann, bietet ein besonderes Interesse für die Culturgeschichte. 
Während dne Verehrung der Sonne und der Gestirne mit den ersten 
Begnügen des religiösen Gefühls im Menschen sich zu verbinden pflegt 
und sich desshalb in den ältesten Beligionen wie bei lebenden rohen 
Völkern so gewöhnlich findet, wobei indessen die Verehrung des Mon- 
des, als des dem Menschen näher stehenden und bekannteren Gestirnes 
älter ist, als der Sonnendienst, * ist es gewiss eine auffallende Erschei- 
nung, dass ein so alter Gultus mit neuen und voUkommneren Vor- 
stellungen von der Gottheit gerade in einer Zeit verfeinerter Geistes- 
bildung und Cultnr dem Glaubensbedürfhisse der Menschen wieder 
näher tritt und die Verehrung dnes allmächtigen und höchsten Gottes 
unter dem Bilde der Sonne an die Stelle der Vielgdtterd setzte womit 



»- 



134 £in römifoher Fund in Baadorf tiei Oberwiater. 

eine sinnliche AufiEassung der Natur Erde und Himmel belebt und 
sich verständlich gemacht hatte. Wiewohl unzweifelhaft dieser Ver- 
ehrung dei' Sonne schon die einfache Ueberlegung des Menschen zu 
Grunde liegt, dass er dem Tagesgestim, seinem Lichte und seiner 
Wärme alle Gaben des Lebens zumeist verdankt, so dürfen wir doch 
heute hinzufügen, dass diese Ansicht auch von der gegenwärtigen Wis- 
senschaft die glänzendste Bestätigung erfahren hat, indem diese in der 
Lehre von der Verwandlung der Kraft jede in der Natur, in den Pflan- 
zen und Thieren wie im Menschen wirksame Kraft auf die Sonne zu- 
rückzuführen im Stande ist. Ganz besonders hatten die Perser den 
Sonnendienst ausgebildet, der auch in Syrien der herrschende war und 
hier mit dem Baaldienst der Babylonier und Phönizier zusammenhiog. 
Im Baal wurde die befruchtende Kraft verehrt. Auch der höchste Gott 
der Aegypter, Osiris, war Führer des Sonnenjahres, sein Sinnbild der 
Stier> ein bezeichnendes Bild der Kraft und Fruchtbarkeit. In den 
Mithrasbildem wird der Stier als die dem Lichte entgegengesetzte 
irdische Natur gedeutet; am Pallaste von Persepolis aber überwindet 
der Löwe den Stier. Auch im indischen Alterthum fehlen diese Vor- 
stellungen nicht. Mitras ist in einem Hymnus des Zendavesta die höchste 
Macht des Lichtes, ein streitender Held und Gegner aller finstem Da* 
monen, der auf gewaltigem Schlachtwagen daherfährt. Die Sonne über- 
windet Nacht und Winter; den Mitra nannte man Mittler zwischen 
Licht und Finstemiss ^). Nach Lactantius ') haben die Perser die Sonne 
in Höhlen gefeiert, die Stierhörner, welche Mithras in Händen hält, 
sind auf die Mondsicheln zu beziehen, denn Luna wird die zweihömige 
genannt. Daher auch der Stier in Mithrasbildem mit mondsichelför- 
migen Hörnern abgebildet ist. Stark bezieht gewiss mit Recht den 
Skorpion, den Hund, die Aehren, die Schlange, das Wassergefäss, den 
Raben auf den Mithrasdarstellungen auf die Sternbilder der Ekliptik; 
die in Dormagen gefundenen 12 Kugeln verschiedener Grösse er- 
innern an die 12 Monate des Sonnenjahres. Auf dem grossen Mithras- 
bilde von Heddemheim ist die Ekliptik mit den 12 Sternbildern voll** 
ständig dargestellt^). Deutet der Baum unseres Neptunbildes nicht 
auch auf den Mithras? 



*) L. Preller, Römische Mythologie. Berlin 1858. 

>) Vgl. E. B. Stark, über die Büthrassteine von Dormagen. Jahrb. XLVI 

leed. 8. 16. ' 

') Annalen des Yereios f&r naisauische Alierthamskunde; Wiesbaden 1890 
I, 2. n. 8. Hft. Tab. I. ' « 



Ein rdnÜMlier Fond in Bandorf bei Oberwintar. 19S 

Man pfl^ die Verbreitang der Mithrasreligion unter den römi- 
schen Kaisern aus dem Zusammenfliessen der religiösen YorsteUangeii 
der Terschiedensten Völker des Alterthums zu erklären, während frflher 
mit grosser Strenge der römische Gottesdienst von fremder Beimischung 
rein erhalten wurde ; denn im letzten Jahrhundert vor Christus wurde 
der ägyptische Gottesdienst als schändlicher Aberglaube in Rom wie- 
derholt verboten. Auch will man in der Annahme der neuen Religion 
rine Rttckkehr zu einer mehr innerlichen und einfacheren Gottesver- 
ehrang, im Gegensatze zu einem prunkvollen aber glaubenslosen Got- 
tesdimst in den Tempeln so vieler verschiedener Götter erkennen. Es 
ist aber wohl richtiger, dieselbe als einen Fortschritt in der Entwick- 
lung des religiösen Denkens zu bezeichnen, der in einer hochgebildeten 
Zeit nicht ausbleiben konnte. Hatte doch dieser Gottesdienst so Man- 
ches mit dem christlichen Cultus gemein, dass die Kirchenväter sich 
veranlasst sahen, die Bekenner des Ghristenthums gerade vor einer 
Vermischung mit dieser Religion ausdrücklich zu warnen. Die Bezeich- 
nung des Teufels als Lucifer bezeugt, welcher Verachtung man diesen 
heidnischen Glauben Preis gab. Das Stieropfer war ein Sühnopfer, in 
dem in der Borghesischen Samndung aufbewahrten Bilde leckt ein 
Hund begierig das Blut des Opferthiers, und daneben stehen die Worte: 
nama sebesio(n), beiliges Blut Liegt nicht dieselbe Vorstellung auch der 
christlichen Religion zu Grunde? Ein anderes Mal kommen auf einer 
Inschrift die Worte : nama cunctis vor, die als )»das für Alle vergossene 
Blatt gedeutet zu werden pflegen. Diese in der Villa des Hadrian zu 
Tivoli gefundene Inschrift hat indessen, worauf mich Herr Prof. Bergk 
aufmerksam machte, eine ganz andere Bedeutung. Sie lautet ') : Soli 
Invicto Mithrae | sicut ipse se in visu | jussit refid | Victorinus Caes. 
N I vema dispensator | numini praesenti suis in | peudls refidendum | 
coravit dedicavitque | nama cunctis. Diese Worte dürfen mit grösster 
Wahrscheinlichkeit auf die Herstellung eines Götterbildes und auf die 
Fassung einer dem öfientlichen Gebrauche bestimmten Quelle bezogen 
werdm. Ist diese Ansicht richtig, so würde das Denkmal, wozu diese 
Inschrift gehört hat, mit unserm Bandorfer Funde eine auffallende 
Uebereinstimmung zeigen; das pro bono communi unserer Ära würde 
dem nama cunctis entsprechen und auf die Quelle hindeuten, die aus 
der Urne unseres Brunnengottes floss. Nur durch eine Reihe strenger 



>) G. Zoega's Abhandl herausg. ron Welckei^ Göttingen 1817, S. 143. 
*) Orelli, InBcripi laiin. sei. ooU. I. Torid» 182a n». 19U. 



\H Ein römiMker Fond in B«ndorf bei Ob^nvmtar. 



\ 



Prüfungen und Bassungen, durch Proben von Muth und Seelen- 
stärke wurde man in die Geheimnisse dieses Gottesdienstes einge- 
weiht Die Hithrastempel von Heddemheim erinnern in ihr^n Grund- 
riss an die christliche Kirche, der Tempel ist in 8 Schiffie getbeilt, das 
mittlere verlängert sich durch einen vorspringenden Ausbau, welcher 
das Sacrarium bildete; bei dem einen dieser Tempel hat das Mittel- 
schiff sogar die Kreuzesform. Man kann kaum zweifeln, dass aus dem 
Mithras-Heiligthum der christliche Altar mit seiner Chornische ent- 
standen ist, oder doch darin ein Vorbild hatte. 

Wie Friedländer in treffender Weise hervorhebt, ist es ein Irr- 
thum, zu glauben, dass die heidnische Religion bei Stiftung des Chri- 
stenthums sich ausgelebt hatte. Der Götterglaube herrschte in unver- 
änderter Stärke und den christlichen Wundem wurden heidnische ent- 
gegengesetzt, an die auch fast alle Gebildeten glaubten. Die zahlreichen 
Inschriften religiösen Inhalts, die uns erhalten sind, beweisen mehr 
wie die Literatur die Innigkeit des Glaubens im Volke. Währ^d frei- 
lich ein Lukrez und Plinius Gott und Unsterblichkeit läugnen, bekennt 
Tadtus seinen Götterglauben, und Mark Aurel und Juvenal ermahnen 
zum Gebete. Die stoische Philosophie entwickelt Betrachtungen, wie 
sie bei Seneca sich finden, die den christlichen Anschauungen nahe 
verwandt sind ; eine religiöse Schwärmerei sogar, die an den christ- 
lichen Pietismus erinnert, spricht sich in den Schriften des Redners 
Aelius Aristid^s aus, der 117 geboren war'). Dass der zumal unter 
Hadriau und den Antoninen in Rom eingefnhrte Mithraskultus mit den 
durch Prlfungen erlangten verschiedenen Rangstufe seiner Bekenner 
den Soldaten besonders zusagen musste, ist oft hervorgehoben worden ; 
dass die römischen Legionen denselben aus dem Osten des Reiches 
wie nach Frankreich und England so auch an den Rhein gebracht 
haben, dafilr ist der Fund von Bandorf in der Nähe des von der ersten 
flavischen Gehörte besetzten Remagen ein neuer Beweis. Während erst 
im 3. Jahrhundert die Gottheiten aller Länder sich in Rom zusammen 
fluiden, hatte, wie Friediänder anführt, doch sdion Mark Aurel bei 
dem allgemeinen Schrecken des markomannischen Krieges Priester aas 
allen Landein kommen lassen, um die Stadt Rom mit allen Arten 
religiöser Gebriluche zu söhnen. Die BfithrasmTBterien wurden indessen 
schon frQher daselbst gefeiert, und vor Hadrian sollen in denselben 



^) L. Fnedlftndqr, Dantellangen aus der SitteDgetobicbte Bon», 8* Tbeil, 
Leipzig 1871, 8. 48». 



^ 



EiB romifoher Fond in Bandorf bei Oberwiater, 127 

sogar Menacbenopfer herkömmlich gewesen sein, wie auch dem indischen 
Indra solche gebracht wurden 0* Hadrian verbot die Menschenopfer, aber 
^ter soll noch Commodus eigenhändig dem Mithras einen Menschen 
geopfert haben, aus dessen Eingeweiden er wahrsagen liess. Zuerst 
brachte Pompejus im Jahre 68 vor Chr. aus dem Seeräuberkriege deu 
Mithrasdienst nach Bom. Die Bilder von Sonne und Mond finden sich 
schon auf Münzen des Augustus, des Yespasian und Trajan, die Beger 
abbildet. Preller macht darauf aufinerksam, wie der Jupiter Dolichenus 
in römischer Kriegsrüstung gleichsam eine Verherrlichung des römi- 
schen Kaisers darstellte. Stark erwähnt einer Münze des Commodus, 
auf der das Bild des siegenden Sonnengottes auf den Kaiser selbst 
übertragen ist, der mit Mantel und Strahlepkrone die Erdkugel in. der 
Hand hält Die römischen Legionen hatten seit Septimius Severus eine 
besondere Vorliebe für den Mithrasdienst Elagabalus war selbst früher 
Oberpriester im Sonnentempel zu Emesa in Phönizien und Aurelianus 
der Sohn einer Priesterin des Sonnengottes in Sirmium. Er richtete 
m Rom einen Sonnenkultus ein und nannte sich auf Münzen Dens et 
Dommus natus Aurelianu» Augustus, eine Selbstvergötterung, gegen 
die das von unseren Herrschern beliebte »von Qottes Gnaden« doch ein 
sehr bescheidener Titel ist Auch Diocletian . und Constantin waren 
dieser Religion noch zugethan. Auf einem in Paris befindlichen grosses 
Onyx mit dem Bilde des Constantinus magnus, der früher der Gastor* 
kirche in Cobienz angehörte, trägt der Kaiser auf der Brust eine 
Spange mit dem Bilde der Sonne. Auch Julian nennt sich noch den 
Diener des Sonnenkönigs. Da im Mithrasdienst das licht verehrt wird, 
welches die Finstemiss überwindet, so fand derselbe in Höhlen oder 
unterirdischen Räumen statt Die Mithrashöhlen in Rom, Gonstantino- 
pd und Alexandrien werden noch im Anfang des 5. Jahrhunderts von 
Paulinus von Nola erwähnt und man feierte in Rom das Fest dieses 
Gottes nach dem Vorbilde der Phönizier und Perser um die Zeit des 
kürzesten Tages, am 25. December'). In der Inschriften-Sammlung 
von Orelli-Henzen *) kommt in Nr. 5846 die Widmung: lavicto vor, 
wozu Henzen bemerkt, dass in einem alten Galendarium dies VIO Ca* 
lendas Januarias »Natalis Invicti« benannt sei. Hieraus folgt aba* 
nichts dass, da jener Tag der 25. December, also unser Chrisfetag ist» 



>) Porphyr, de absün. U, 66 und AeL Lamprid. Comm. 9. 
^ L. PreUer, Bomiache Mythologie. 8. 766. 
*) Insortpi. Latinar. Select Coli. ampl. T. 8. 



128 Ein römiaoher Fund in Bandorf bei Oberwinter. 

das Natalis Invicti nicht auf Mithras, sondern auf Christus zu beziehen 
sei, denn das Fest der Geburt Christi wurde, wie auch andere christliche 
Feste, z. B. das Johannisfest, absichtlich auf den Tag eines einigermaassen 
entsprechenden heidnischen Festes •gelegt. Ehe man die deutlichen 
Beweise für die Verbreitung des Mithrasdienstes unter den späteren 
römischen Kaisem zur Hand hatte, war man wegen des alten asiati- 
schen Ursprungs dieser Religion geneigt» einige dieser Denkmale als 
asiatische Alterthümer zu betrachten. Selbst von Raumer und Ritter 
sprachen die Meinung aus, der Mithrasdienst sei nicht erst durch die 
Römer in das südöstliche Deutschland verpflanzt worden, sondern un- 
sere Vorfahren hätten selbst ihn aus dem asiatischen Stammlande 
mitgebracht. Alle künstlerischen auf die Mithrasreligion sich beziehen- 
den Darstellungen, auch die asiatischen, welche F. Lajard seinem 
Werke ^) einverleibt hat, gehören einer fortgeschritteaen Culturperiode 
an und enthalten nur ausnahmsweise Andeutungen einer ältesten Vor- 
zeit Es ist eine bekannte Thatsache, dass sich bei fast allen Cultur- 
Völkern in religiösen Verrichtungen der Gebrauch steinerner Werkzeuge 
lange Zeit erhalten hat, weil er der ursprüngliche war. So bediente 
sich der Pontifex Maximus in Rom beim Opfer eines Steinmessers, 
die Leicheneröfihung bei der Mumienbereitung in Aegypten geschah 
auf dieselbe Weise, ebenso die Beschneidung bei den Juden, auch 
die Priester der Gybele entmannten sich mit einem Steinmesser; 
selbst die Oberpriester im alten Mexico opferten die Kriegsgefangenen 
auf diese Art. Wiewohl unter den Ruinen von Persepolis Stein- 
waffen gefunden worden sind, so ist in den Mithrasbildem die Waffe 
des Stiertödters doch in der Regel der persische Dolch oder ein langes 
Messer, dessen Form auch die oft dargestellte Scheide erkennen lässt. 
Auf dem in den Jahrb. XLVI, Taf. III wiedergegebenen Mithrasdenk- 
male der Eremitage von St Petersburg sieht das Werkzeug in der 
rechten Hand des mit entblössten Schaamtheilen Opfernden aber wie 
ein Steinbeil aus. Dass in der alten Kunst Steinwaffen dargestdlt 
worden sind, sieht man z. B. in den Denkmälern der Kunst des Alter- 
thums zu Winckelmann's sämmtl. Werken, Donaueschingen 1835, 
Vignette 12, wo ein geflügelter Genius den Opferstier mit einer wie 
ein Feuersteinmesser gestalteten Waffe tödtet, die am Griffe einen 
Knopf hat. Ebendaselbst ist, Vignette 14, Merkur mit einem Stein- 



^) F. Lajard, Introduotion k l'^tade da oalte de Mithra eto. Paria 1847. 



\ 



Ein römiflcber Fand in Bandorf bei Oberwinter. 129 

hammer dargestellt. Zu den \?en]gen in der EuBst der klassischen 
Völker nachweisbaren Ueberlieferungen der Urzeit muss aber die Keule 
gerechnet werden, welche Waffe die Griechen dem Herkules zuertheilen. 
In der persischen Mythologie ist die Keule auch Symbol des Mithras. 
Im Zendavesta wird die Keule dreimal als Waffe des Mithra gepriesen. 
Nach Arrian wurde den indischen Stieren das Zeichen der Keule ein- 
gebrannt. 

Das Bheinland und sein angrenzendes Oebiet sind reich an be- 
merkenswerthen Mithrasdenkmälern. Die bedeutendsten sind die von 
Dormagen *), das von Schwarzerden *), die von Neuenheim und Laden- 
burg') und die von Heddernheim. Dass sich die von Freudenberg be- 
schriebene, dem Hercules Saxanus geweihte Altarinschrift auf einer Fels- 
wand des Brohlthales aus dem Anfang des 2. Jahrhunderts, die sich jetzt 
im Wallraff 'sehen Museum zu Cöln befindet, wegen der daraufgemalten 
Bilder von Sonne und Mond auch auf den Mithras beziehe^ ist zwar nicht 
sicher nachweisbar, aber doch sehr wahrscheinlich. Freudenberg er- 
gänzt die Inschrift als: Deo Invicto Herculi, und fahrt an^ dass im 
Brohlthale noch zwei Altäre mit der Widmung Herculi Invicto sacrum 
gefunden seien. Herkules hat als Beschützer der Steinbrüche den Na- 
men Saxanus erh|lten; der bei Brambach l5mal in Funden dieser 
Gregend vorkommt. Gegen die Meinung, als hätten sich diesem Gultus 
vielleicht germanische Elemente beigemischt, führte bereits Grimm an, 
dass diese Inschriften über Deutschland hinaus vorkommen. Dass solche 
Weihesteine und Altäre von römischen Soldaten errichtet wurden, 
kann nicht auffallen, wenn man weiss, dass man dieselben mitunter zu 
öffientlichen Arbeiten benutzte. Die Erwähnung der Legio VI Victrix Pia 
Fidelis und der Legio X Gemina führt zu dem Schlüsse, dass dieser 
Altar an der Felswand nicht vor Vespasian und nicht nach Hadrian 
errichtet ist. Die an dritter Stelle erwähnte Legio XXII Primigenia 
Pia kommt in zahlreichen Inschriften vor, deren älteste vom Jahre 65 
ist. Diese Legion stand mehrere Jahrhunderte in Deutschland, meist 
in Mainz. Die Erwähnung des Legatus Qu. Acutius, der auch auf einer 
Nymweger Inschrift vorkommt, lässt vermuthen, dass dieser mit dem 
Consul suffectus Acutius Nerva des Jahres 100 nach Chr. derselbe ist. 
Freudenberg bemerkt nun: num an einen Dens In victus (Mithras) und 



*) Jahrb. XLVI, Taf. I u. ü. 

*) Schöpflin, Alsaüa iU. I p. 61 und Engelniaim, Elfter Bericht deaatitiqa. 
Mit Ter. f. Nahe und Hansrücken 1869—71. 
•) Jahrb. XLVI Taf. IV. 

9 



190 Ein romisöher Fand in Bandorf bei Ob^rwinter. 

Hercules zu denke]}, wie bei Mommsen Inscript confoed. Helv. Nr. 64 
der Deus Invictus und Genius Loci verbunden sind, ist unsere Inschrift 
zu alt, wenn auch die räthselhaften Zierrathen aber den Seitennischen, 
Sonne und Mond, eine solche Annahme zu begünstigen scheinen.« Es 
ist indessen die Uebereinstimmung des Qu. Acutius mit dem Acutius 
Nerva, worauf die Altersschätzung der Inschrift beruht, nicht ganz 
zweifellos, dagegen weisen der Beiname Invictus im Munde römischer 
Legionen, die auf den Mithrasbildern so gewöhnlichen Darstellungen 
von Sonne und Mond und gerade der Umstand, dsss mit der Verehrung 
des Mithras skh die anderer Götter vermischt hat, mit grosser Be- 
stimmtheit auf den Mithraskultus hin. Freudenberg selbst spricht an 
einer andern Stelle die Vermuthung aus, dass die Bilder der Sonne, 
die durch 7 in Pfeilspitzen auslaufende Strahlen dargestellt ist und 
des sichelförmigen Mondes mit aufwärts gekehrten Hörnern zu dem 
Heros, dem das Denkmal geweiht ist, eine nähere Beziehung haben 
und gesteht, dass es am nächsten liege, an einen Einfluss der Mithras- 
religion zu denken, welche nach Plutarch den Römern bereits in Folge 
des durch Pompeius beendigten Seeräuberkrieges bekannt wurde und, 
nach römischen Denkmälern zu urtheilen, bereits gegen Ende des 1. 
und zu Anfang des 2. Jahrhunderts in Rom sich festsetzte. Wiewohl 
der unter Domitian lebende Dichter Statins schdb auf die Mithras- 
verehrung anspiele, sei sie erst unter Septimius Severus und seinen 
Söhnen in den Staatskultus übergegangen. Das dem Hercules beige- 
legte Invictus deute darauf, dass sich der asiatische Sonnendtenst mit 
der Verehrung dieses Heros vermischt habe. Vielleicht sei eine der 
an dem Denkmal betheiligten Gehörten, z. B. die Cohors U aus Spa- 
nien gekommen und die Bilder der Sonne und des Mondes rührten 
von dem Cultus des tyrischen und zumal des gaditanischen Herkules 
her. Es waren besonders die Kaiser Galba, Trajan und Hadrian, von 
denen die beiden letztem aus Spanien stammten, welche diesen Heros 
verehrten. Diese Verehrung scheine aber aus Spanien auch früh nach 
Gallien gekommen zu sein, worauf gallische Inschriften des H^r- 

« 

cules Andossus hinweisen. Die im südwestlichen Frankreich gefundene 
Inschrift Helioucmouni (Deo), über welcher das Haupt des Gottes um- 
geben von 7 Strahlen und der die Homer nach oben kehrende Halb- 
mond dargestellt sind, kommt dem Bilde auf der Felswand im Brohl- 
tbale sehr nahe '). 

^) J. Freudenberg, das Denkmal des Hercules Saxanus im Brohlthal. Fest- 
programm des Vereins von Alteribumsfreanden. Bonn 1662. S. 25 fg. 



Ein röadfoher Fnad in Bandorf bei Oberwintor. ISl 

Der MithrasteiDpel von Dormagen wurde bereits 1821 entdeckt 
Beim Umgraben eines Ackers in der Nähe dieses Ortes traf man auf 
ein GewMbe von Gussmauer und neben demselben auf ein Gemach 
von 10 F. Höhe und Breite und 40 F. Länge. In diesem Baume stan- 
den an die Wand gelehnt zwei trefiTlich gearbeitete Mithrasmonumente, 
an der Erde lag das Bruchstück eines Isispriesters, sämmtlich mit In* 
Schriften versehen, die oben angegeben sind. Femer wurden hier zwei 
Altäre aus Tuffstein ohne Inschrift, der eine in Form und Grösse dem 
van Bandorf ähnlich, gefunden, sowie Lampen, Münzen und 12 Kugeln 
aus Tufitein. Diese Denkmäler wurden in diesen Jahrbüchern ein- 
gehend von K. B. Stark besprochen 0- Ueber das in der Nähe des 
Dorfes Schwarzerden, 3 Stunden von St. Wendel, auf einer Felswand 
befindliche Miihrasbild, welches durch die Witterung bereits sehr be- 
schädigt ist, hat kürzlich Engelmann berichtet und eine von ihm vor 
30 Jahren entworfene Zeichnung desselben veröfifentlicht '). Er macht 
hierbei auf die zahlreichen Mithrasdenkmale in den Donauländerui in 
Oestenreich und Tyrol, in Neapel, Rom, Oberitalieo, Gallien und Bri- 
tannioi aufmerksam, sowie auf die in den Felsen gehauenen Mithras- 
bilder von St. Andeol an der Rhone und von Roshang in Niederkrain. 
Hierbei sei angeführt, dassSeidl in seiner Schrift: »Der Dolichenuskult, 
Wien 1854t, gegen 60 Monumente dieses Gottesdienstes verzeichnet, 
die in die Jahre 139 bis 318 fallen. Das im Jahre 1751 von Schöpflin 
merkwürdiger Weise in der Alsatia illustrata gelieferte BUd von 
Schwarzerden scheint ihm vom Zieichner ergänzt zu sein. In der Ab* 
handlang des Professor Stark : i^Zwei Mithräen der Grossherzogl. Alter- 
thttmer*Sammlung zu Garlsruhe, Heidelberg 1865tt, worin die Mithras- 
bilder von Osterburken im Odenwald und von Neuenheim ^) bei Hei- 
delberg beschrieben sind, wird irrthümlich mit Berufung auf Schöpflin 
und Lajard dieses Felsenbild nach Schwarzerd in der Grafschaft Dachs- 
burg im Elsass versetzt. Auch bei Beschreibung der Mithrassteine von 
Dormagen scheint derselbe Verfasser das Denkmal im Elsass anzu- 
ndimen. Eogelmann theilt ferner mit, dass Prof. Fiedler in einem am 
21. Dec. 1869 an ihn gerichteten Briefe sich darüber wundert, dass 
das von ihm gezeichnete Denkmal bei einem Dorfe desselben Namens 



*) Jahrb. des VereinB von Alterthnmsfr. XL VI. Bodq 1869, 1. Vgl. Jahrb. 
XXI, 29 and XXIII, 146. 

*) Elfler Bericht des antiqnar. Vereins für Nabe und Hunsrlioken. 1889 
-1871, S. 15. 

') Vgl. Creaser, über das Mithräiim von Neaenheim, 1838. 



182 Ein römischer Fnnd in Bandorf bei Oberwinter. 

sich befinde, wie das von Schöpflin beschriebene, und gibt endlich eine 
Aufklärung über den Ursprung dieses Irrthums, dessen Fortbestehen 
nur desshalb auffallend ist, weil das bei St. Wendel befindliche Denk- 
mal doch in verschiedenen Schriften erwähnt worden ist. Schöpfiin gab 
nämlich an, dasselbe sei im Gebiete der Grafen von Leiningen-Dachs* 
bürg gelegen, und zwar in Lothringen, während die Herrschaft Ober- 
kirchen, in deren Nähe Schwarzerden liegt, nur ein lothringisches Lehen 
war. N. Müller ^), der mehr als 1000 25eichnungen mithräischer Denk- 
male gesammelt hat, gibt in seiner Mithrasgallerie, in der er 22 Mi- 
thrasbildwerke abgebildet hat, unter Fig. 5 eine Darstellung desselben. 
Er bemerkt, dass die Franzosen dieses zwischen Pfeffclbach und 
Schwarzerd gelegene Mithrasbild das vogesische nennen und fügt hinzu : 
Ich sah dieses mächtige Monument vor etwa 30 Jahren und traf es 
leider nicht mehr in dem frischen Zustande, in welchem es Schöpflin 
für seine Alsatia illustrata abbilden liess. Also dieser Forscher, der 
an Ort und Stelle war, lässt ihm die Bezeichnung des vogesischen. Ein 
Umstand könnte in Zukunft noch einmal dazu beitragen, an zwei ver- 
schiedene Denkmale zu glauben, es sind nämlich die von diesenrBilde 
gegebenen Zeichnungen nicht ganz übereinstimmend. In dem von Müller 
gegebenen Bilde, welches wohl nach Schöpflin verkleinert ist, erhebt 
der Hund den Kopf zum Stier und hat eine Schlange neben sich, in 
der Zeichnung von Engelmann liegt der Hund und die Thiergestalt 
daneben ist nicht deutlich, dort steht links in der Ecke die Sonnen- 
scheibe, hier ein Brustbild des Sol, auf dem Bogen über dem Stier- 
tödter sind dort zwei Köpfe im Profil, hier zwei andere Figuren, dort 
senkt der Stier den Schweif, hier hebt er ihn, die stehende Figur 
links vom Beschauer ist in beiden Zeichnungen ganz verschieden. Diese 
Verschiedenheiten können nur dadurch entstanden sein, dass die Zeich- 
ner das beschädigte Bild willkürlich ergänzt haben. Engelmann er- 
innert noch daran, dass wie im Odenwald ein Osterburken vorkommt, 
so bei Schwarzerden ein Osterbrücken, ein Osterbach, ein Osterthal 
und fragt, ob diese Namen nicht mit Astarot, Ostara zusammenhängen, 
woher unser Ostern, ursprünglich vielleicht ein Frühlingsfest, den Na- 
men hat. Da sich an der Felswand von Schwarzerden die Locher zum 
Einlegep der Balken noch finden, so lässt sich die ursprüngliche Grösse 
des Tempels genau angeben, das Mittelschiff des Tempels war 10 F. 
lang, SVa F. breit und 12 F. hoch, das ganze Gebäude hatte eine 



^) Annalen des Vereins für nassauisohe Alterthnmsk. IL 1. S. 12. Tab. L 



Ein römischer Fund in Bandorf bei Oberwinter. 188 

Breite von 16Vt F. und eine Höhe von 14 F. Die Mithrastempel von 
Heddernheim waren der eine 39 F. lang und 25 breit, der andere 46 
F. lang und 21 breit. Der in der Gegend von Schwarzerden gefundene 
15'' hohe männliche Kopf 0, dessen schon früher gedacht ist, hat in der 
That eine phrygische Mütze, wie der das Opfer verrichtende Jüngling 
sie auf den Mithrasbildern gewöhnlich trägt, und gehört wahrschein- 
lich zu einem Mithrasbilde, auf denen die Darstellung blosser Köpfe 
sehr häufig vorkommt und eine Eigenthümlichkeit zu sein scheint, wie 
insbesondere das Denkmal von Heddernheim zeigt. Das Mithrasbild 
von Ladenburg am Neckar ist unlängst von Stark in diesen Jahr- 
büchern^) beschrieben worden. Dagegen ist das in den Felsen ge- 
hauene Denkmal bei dem früher hessenhomburgischen Dorfe Schwein- 
schied, welches in diesen Jahrbüchern lY, S. 94 irrthümlich als Mi- 
thräum bezeichnet worden ist, und in seinem Hauptbilde einen Reiter 
vorstellt, wie Engelmann mit Ilecht hervorhebt, kein solches, sondern 
scheint vielmehr das Grabdenkmal eines im Kampfe gefallenen Helden 
zu sein '). Drei grosse Denkmale dieser Art, auf denen ein Reiter dar- 
gestellt ist, unter dem ein gefallener Krieger sich mit dem Schilde 
deckt, enthält das Mainzer Museum. Auch ist dieses Bild als Revers 
auf Münzen häufig. Die neben dem Hauptbilde von Schweinschied 
dargestellten Figuren scheinen indessen doch auf die Mithrasverehrung 
sich zu beziehen, wovon später die Rede sein wird. Auf den beiden 
Silberplatten des Berliner Museums, die Gerhard ^) beschrieben hat, 
ist der sonst streitbare Gott Jupiter Dolichenus nackt vorgestellt, in 
dem einen Bilde ist aber an den vier Ecken des Reliefs ein bewafif- 
neter Flügelknabe dargestellt, und der Gott selbst hält einen mit einer 
Pfeilspitze versehenen Herrscherstab; in beiden Bildern hält er Pfeile, 
in dem einen auch einen in Pfeilspitzen endenden Donnerkeil in der 
Hand. Gerhard vetmuthet, dass diese Reliefs von einem rheinischen 
Funde herrühren. 

Das grosse Heddernheimer Mithrasdenkmal ^), welches im Museum 

^) Erster Bericht des Vereins für Erforschung upd Sammlang von Alter- 
thümern in den Kreisen St. V^eudel und Ottweiler. Zweibrücken, 1838, Tab. IIl 
Fig. 1. 

«) Jahrb. XLIV und XLV. 1868. 

'} Neunter Bericht des antiquar. histor. Vereins für Nahe und Hunsrücken. 
1867—68; und Jahrb. XLVI. 1869. S. 169. 

*) Jahrb. XXXV. 1868. S, 31. 
' *) F. G. Habel, die Mithrastempel in den röm* Ruinen bei Heddemheimj 



ite Ein römischer Fund in Bandorf bei Oberwinter. 

von Wiesbaden aufgestellt ist, wird schon von N. Müller mit Recht 
als das vorzüglichste und werthvollste von allen bezeichnet. Hier wur- 
den zwei Mithrastempel entdeckt, in die man zwar auf sieben Treppen- 
stufen hinabstieg, die aber doch grösstentheils, wie man schliessen 
muss, überirdische Bähten waren. Beide bildeten ein Mittelschiff mit 
zwei Seitenschiffen, am Ende des ersten befand sich das Sacrarium, in 
welchem das grosse drehbare Mithrasbild des einen Tempels sich be* 
fand. Bei dem zweiten Tempel bildet der mittlere Raum geradezu ein 
Kreuz. Wenn der von Habel nach den Mauerresten entworfene Grund- 
riss dieser Gebäude zuverlässig ist, so muss die dem Bau der christ- 
lichen Kirche entsprechende Einrichtung als höchst, auffallend bezeich- 
net werden. Das Mithrasbild in dem abgesonderten nach aussen vor- 
springenden Räume am Ende des Mittelschiffs steht an der gleichen 
Stelle wie der christliche Altar im Chor. Man würde das sich drehende 
Mithrasbild vielleicht dem drehbaren Tabernakel vergleichen dürfen, 
wenn nicht dieses erst im 12. Jahrhundert in Gebrauch gekommen 
wäre und keineswegs allgemein diese Einrichtung hat. Lajard hatte 
behauptet, die Eingänge zu den Mithrastempeln seien meistens gegen 
Norden gelegen, bei diesen beiden Tempeln findet er sich gegen Sü- 
den. Der muthmassliche Eingang in das Gebäude von Bandorf war 
auch an der Südseite. Die H^ddemheimer Denkmale bieten noch meh- 
rere Eigenthümlichkeiten, die auf unsern Bandorfer Fund einiges Licht 
zu werfipn scheinen. Das häufige Vorkommen blosser menschlicher Köpfe 
in den Reliefdarstellungen des grossen Mithrasbildes gestattet die An- 
nahme^ dass der jedenfalls einen Gott darstellende Kopf aus Sandstein, 
dem wir einen bei Schwarzerden gefundenen Mithras- oder Attiskopf an 
die Seite stellten, eine ähnliche Aufstellung auf Steinblöcken hatte, 
wie es vier Köpfe in dem das Hauptbild umgebenden Rahmen des gros- 
sen Mithrasdenkmals zeigen. Habel hat nur an dem einen Kopfe oben 
rechts ') es deutlich gezeichnet, dass der Kopf mit glatter Fläche am 
Halse endet und gleichsam aus einem Haufen von Steinen hervor- 
kommt. Betrachtet man das Denkmal selbst, so scheinen auch die 
übrigen drei entsprechenden Köpfe aus Steinen hervorzuwachsen, wie 
auch noch die Gestalt eines Kindes und der halbe Leib eines Mannes 
gleichsam aus Felsen hervorgehen. Auch ist ein Mensch dargestellt, 



Annalen des Vereins für nassauische Alterthumskunde nnd Gteschiditsforsohung. 
Wiesbaden, 1830. 1. B. 2. u. 3. Hfl. S. 161. 
') Habel a. a. 0. Tab. L 



Ein römischer Fund in Bandorf bei Oberwinter. 185 

<)er aus einem Baume hervorwächst. In dem zweiten Mythräum von 
^ieddemheim sind zwei Bildwerke *) gefunden worden, die wahrschein- 
lich Bruchstücke eines grössern Mithrasbildes sind, sie stellen ?wei 
^albe Jünglinge dar, welche aus Steinen emporwachsen. Die von Bram- 
^ach unter den Inscriptiones spuriae (Append. p. 361. Nr. 23) aufge- 
^^ährte Inschrift Deo Invito Mithir Secundinus dat befindet sich nach 
\iersch, Centralmuseum rheinl. Inschriften in 1842, Nr. 148, auf einer 
zu Neuss befindlichen Bronzestatuette, die im Besitze der Frau Hertens 
in Bonn war. Sie stellte eine jugendliche Gestalt dar, die einen Schild 
mit einer Schlange hält, worauf jene Worte stehen. Lersch bemerkt 
dazu : Secundiner müssen den Mithrasdienst sehr verbreitet haben, und 
verweist auf sein Gentralm. n Nr. 17, wo dieselbe Inschrift auf einem 
bronzenen Votivtäfelchen vorkommt, das oben in ein Mithrasbild aus- 
läuft, zu dem sich eine Schlange emporwindet. Dies Bronzetäfelchen 
ist im Bonner Universitäts-Museum; auch seine Aechtheit wird von 
Overbeck (vgl. Katalog, 1851, Abth. 11. 1, Nr. 21) für zweifelhaft ge- 
halten, wiewohl dieselbe Inschrift noch einige Mal vorkommt. Lersch 
inl aber, wenn er meint, dasselbe sei als in Lyon befindlich von Gru- 
ter XXXin. 11 abgebildet worden. Denn N. Müller*) giebt in seiner 
Mithrasgallerie Fig. 15 die Zeichnung eines Votivsteines mit derselben 
Inschrift, der ein vielbesprochenes Denkmal ist und aus Lyon stammt. 
Auf diesem Steine steht ein Kopf, der nach Art der Mithrasbilder aus 
demselben hervorzukommen scheint; um den Stein windet sich eine 
Schlange empor. Schon vor piehr als 250 Jahren hielt der Florentiner 
Symeoni dies Denkmal für einen dem Aesculap geweihten Votivstein. 
Müller begreift nicht, wie dieser Forscher die auffallende Inschrift an 
der Seite des Steins: Deo Invi(c)to Mithir Secundinus dat übersehen 
haben soll und spricht ebenfalls die Vermuthung aus, dass sie ge- 
fälscht sein könne. Die Art der Aufstellung des Kopfes spricht für die 
Aechtheit des Steines und der Inschrift und es ist deshalb auch kein 
Orund vorhanden, an der Aechtheit der übrigen gleich lautenden In- 
schriften zu zweifeln. Die Darstellung blosser Köpfe auf Mithrasbildern 
ist auch sonst beobachtet. Im Mainzer Museum befindet sich das Bruch- 
stück eines Mithrasaltars, der mitten auf dem Markte der Stadt ge- 
funden worden ist. Im viereckigen Felde ist ein Kopf mit phrygischer 
Mütze dargestellt; daneben steht ein Schütze mit Mantel und phrygi- 



1) Habel a. a. 0. Tab. lY Flg. 4 u. 5. 
*) N. MüUer a. a. 0. S. 17. 



186 Ein römischer Fand in Bandorf bei Oberwinter. 

scher Matze, er schiesst auf eine Gestalt, die im Hiutergrunde des 
Bildes aus dem Felsen kommt. Mitbras selbst wird als der Steinge- 
bome geschildert. Die vier Hermesköpfe auf den Ecken des grossen 
Heddemheimer Bildes beweisen einen Zusammenhang beider Gott- 
heiten. N. Müller sagt geradezu: Mithras und Hermes sind so nahe 
verwandt, dass Mithras in mehrfacher Beziehung Hermes und dieser 
ebenso Mithras ist. Er weist auf ein von Schöpflin ^) veröffentlichtes 
Mercurbild, das auf den vier Ecken ebenfalls vier Köpfe zeigt, die, 
wie er glaubt, die vierfache Natur des Mercur bezeichnen, den Götter- 
boten, den Orakelgeber, den Beschützer des Verkehrs und den Führer 
der Träume. Erwägt man diese Beziehungen, so möchte doch vielleicht 
der Hermesacker in der Nähe des Mithrasaltars zu Bandorf aus einer 
solchen sich erklären. Ein Brunnen fliessenden Wassers, auf welchen 
unsere Neptunstatue deutet, scheint, wie die oben erwähnte Inschrift 
von Tivoli schon zeigte, den Mithräen nicht fremd zu sein. In dem 
zweiten Mithräum von Heddemheim fand sich ein kleiner Löwe aus 
Sandstein'), der zum Wasserausgusse durchbohrt ist. Im südlichen 
Frankreich befindet sich, wie Habel mittheilt, das bei Bourg St. Andeol 
in den Felsen eingehauene Mithrasbild zwischen zwei hervorrieselnden 
Quellen. Auch das Felsenbild bei Schweinschied, dessen Hauptdarstel- 
lung, wie bereits oben angegeben ist, gewiss kein Mithrasdenkraal ist, 
welches aber in seiner ganzen Anordnung mehrerer neben einander- 
stehender Bilder von symbolischer Bedeutung doch lebhaft an diese 
erinnert, wie insbesondere durch die unverkennbare Figur eines Attis * 
und den Oel- oder Lorbeerbaum, wie er auch auf anderen Mithrasbil« 
dern vorkommt, lässt uns in dem Seepferd eine Darstellung wahrneh- 
men, die in den Vorstellungskreis des Gottes Neptun gehört; denn 
Poseidon auf dem von Hippokampen gezogenen Wagen dahinfahrend 
oder Nereiden auf Hippokampen reitend sind gewöhnliche Darstellun- 
gen der griechischen Kunst. Doch könnte dies Thierbild an dem Dcjpk- 
mal auch als das Zeichen der römischen Gehörte angebracht sein, die 
dasselbe errichtet hat. Zuweilen verräth uns nur eine einzelne Figur 
auf Denkmälern die Verehrung des Mithras, wie die trauernde Gestalt 
des Gottes Attis auf den Denksteinen römischer Soldaten, die in Bin- 
gerbrück gefunden sind und in der Sammlung zu Kreuznach aufbe- 
wahrt werden. 



1) Alsaüa in. p. 4S7, Tab. IV. 
») Habel a, a. 0. Tab. V Fig. 7. 



,^ ' 



Ein römisoher Fund ia Bandorf bei Oberwinter. 187 

Der kleine Ort Bandorf hat, wie der vorliegende Fund zu be- 
weisen scheint, vor sechszehnhundert Jahren eine grössere Bedeutung 
gehabt wie heute, und es lag die Aufigabe nahe, zu erforschen, ob 
über die Geschichte dieses Ortes in späterer Zeit etwas in Erfahrung 
zu bringen sei. Das massive Haus mit hohem Dach, welches Herr 
Loosen bewohnt, das einzige ansehnliche Gebäude des Dorfes, scheint 
der Eest einer alten Burg zu sein, es heilst nodi: »der Thurm« und 
war, wie alte Leute angeben, früher mit einem Weiher umgeben. Es 
hat im Erdgeschoss 5 Fuss dicke Mauern und ein rund gewölbtes 
Thor. Die Ecken desselben sind mit starken Quadern aus Drachen- 
felser Trachyt gebaut und an der Nordseite sind noch zwei vorstehende 
Xragstelne übrig von einem Balkon oder einem Aborte. Die unter dem 
Dache angebrachten eisernen Anker stellen die Jahreszahl 1657 dar 
und bezeichnen jedenfalls nur die Zeit einer Erneuerung des innern 
Holzbaues oder des Daches. Dieses feste Gebäude, das in der That 
-wie ein Thurm über alle andern Häuser emporragt, könnte recht wohl, 
wie manche mittelalterliche Burg, römischen Ursprungs sein. Eine der 
ohen geschilderten römischen Wasserleitungen, die auf langen Strecken 
in den Feldern bei Bandorf noch erhalten sind, geht in gerader Rich- 
tung auf dieses Haus und hat wohl schon den römischen Fischweiher, 
das Yivarium, mit Wasser versehen. Da mir die Angabe gemacht war» 
<la8S das Gehöfte, wozu dieses Haus gehört, bis zum Jahre 1808 dem 
Hospital zum h. Lambertus in Düsseldorf angehört hatte, so ersuchte 
ich die Herrcy» Archivräthe Dr. Harless in Düsseldorf und L. Eltester 
in Coblenz um gefällige Nachforschung über dieses Besitzthum, welcher 
£itte dieselben in dankenswerther Weise bereitwilligst entsprachen. 
Ans den Mittheilungen geht hervor, dass dieser Ort auch im Mittel- 
silter ein in Urkunden oft genannter ist und sogar einem angesehenen 
Hittergeschlechte den Namen gab. Dr. Harless schreibt darüber: »Die 
Ijandeshoheit über die Herrlichkeit Winter (Ober- oder Lützeiwinter) 
uit den Kirchspielen Birgel, der Mutterkirche und Oberwinter, 
der Filiale, war zwischen Jülich-Berg und Kur-Köln streitig. Pfalzgraf 
I*riedrich IV hatte die beiden Kirchspiele als pfalzgräfliche Passiv« 
Xieben der Herren zu Tomberg und Landskron im Jahre 1565 dem 
Herzoge Wilhelm HI von Jülich-Cleve-Berg tauschweise überlassen, 
demnach war letzterer Chorherr daselbst geworden. Nichtsdestoweniger 
steht im Jülich'schen Geistlichen Erkundigungsbuch von 1676, Ober- 
winter sei zu Köln gehörig und die Eickholt'sche Beschreibung des 
Erzstiftes Köln führt Birgel und Klein-Winter ftls Ortschaften im Amte 



188 Em römiacher Fand in Buidorf bei Oberwintar. • 

Godesberg-Mehlem an. Die Kölnischen Rechte gründeten sich aof eine * 
PfandYerscbreibung von 1420 seitens Friedrich von J'omberg und 
Landskron zu Onnsten £rzbischofs Dietrich II von Köln. Die Spezial- 
Akten über das kombinirte JQlich'sche Amt Sinzig-Remagen, wozu 
jeden&Us der jetzige Weiler Bandorf gehört hat, sind zur Zeit der 
Fremdherrschaft an das damalige Präfektur- Archiv des Rhein- und 
Mosel-Departements nach Goblenz gelangt Aus dem Staats-Archiv zu 
Coblenz hat wohl von Stramberg seine Angaben geschöpft, die er im 
Rhein. Antiquarius III. Abth., 9. Bd. S. 387 mittheilt. Danach hat das 
Düsseldorfer Hospital seinen Hof zu Bandorf einem Bürgermeister von 
Beyweg abgekauft; ursprünglich hat derselbe den Herrn von DoIIen- 
dorf zugehört. a Dr. Harless bemerkt nun femer: »was die alte Na- 
mensform von Bandorf betrifft, so glaube ich diese mit Wahrschein- 
lichkeit in dem Bacherendorp wiedererkennen zu dürfen, welches in 
der Schenkungs-Urkunde der Königin Richeza an die Abtei Brauweiler 
vom 7. Sept. 1054 genannt wird (Lacombl. ü. B. I Nr. 189, p. 121). 
Die Hauptstellen dafür sind bei Guden, Cod. diplom. II p. 1289 und 
13 15. in der Landskroner Urkunde vom Jahre 1441 und 1450, wo ein- 
mal Wyntern, Birgel, Bacherendorp und Entzfelt zusammen als Pfal- 
zisches Lehen genannt werden, und dann es heisst: solich manlehen, 
nemelich die Krispel und Gericht zu Winteren und zu Birgel mit 
Bachendorff und Entzfelt, die zu Birgel gehorich sint Von Baggerdorp 
oder fiacherdorp führt ein ritterliches Geschlecht den Namen. Reinol- 
dus de Baggerdorp (1276) kommt vor bei Guden, Cod.- diplom. H p. 
963 (1280), ebendas. S. 969. Giselbert de Bacherdorp (1298) ebendas. 
S. 977. Im Lehnregiäter der Abtei Deutz 1318 steht: Reynoldus de 
Baggerdorp recepit quandam dedmam ibidem.« Da sich ein Ort Ba- 
cherdorf in der Nähe der genannten Orte nicht findet, so dürfen wir 
wohl mit Harless in Bandorf das alte Bacherendorp, welches, wie er 
meint, an Bacharach erinnert, wiedererkennen. Archivrath Eltester be- 
stätigt, dass der alte Name von Bandorf, nämlich Baggerdorp und 
Bacherdorp auch im Coblenzer Archiv urkundlich nachweisbar ist Dort 
befindet sich auch das Siegel des bei Guden II p. 963 erwähnten 
Reynoldus de Ba^erdorp^ welches einen Adler mit Turnier-Krempen 
zeigt. »Der Adler ist sowohl das Wappen des grossen Geschlechts von 
Sinzig, wovon auch die Burggrafen von Landskron stanunen, an- 
knüpfend an den Adler des deutschen Reiches, dessen sehr getreue 
Ministerialen sie Waren, als auch des Edelherrengeschlechtes von Dol- 
lendorf (bei Blankenheim an der obern Ahr). Diese müssen die jfingern 



Bin rdmiicher Fand in Ba&dorf bei dberwinler. 180 

86hne oder deren Nachkommen von den von Bachendorp gewesen sein ; 
die letzten dieses Namens sind zwei Schwestern Katharina und Nese 
(Agnes) von Bachendorp^ wovon die erste 1376 an Roland von Vilpge 
(Vilip) vefheirathet, die ^andere Nonne zu Eppinghoven war.« Der in 
den Urkunden erwähnte Ort Entzfelt ist verschwanden, kommt aber 
in der Fhirbezeichnung noch vor, die quellenreichen Wiesen bei Ban- 
dorf heissen die Einsfelder Wiesen. Wie schnell sich die Sage emes 
' solchen Ereignisses bemächtigt, zeigt sich hier, indem die Landleute 
erzählen, nahe bei Bandorf habe eine Stadt gestanden, die durch den 
vulkanischen Ausbruch des Rodderberg verschüttet worden sei, Sie 
geben an, im Walde sehe man noch, dass der Boden beackert ge- 
wesen, auch stosse man auf Mauerreste von Gebäuden, und es fänden 
sicknoch verwilderte Weinreben daselbst. 

Fragen wir endlich, ob f&r eine römische Niederlassung im Thale 
von Bandorf, abgesehen von der warmen geschützten Lage des Ortes 
an einem alten Heerwege, nicht vielleicht noch besondere Ursachen 
von Einfluss gewesen sind, so können wir diese allerdings in dem Me- 
tallreichthum der nächsten Umgebung finden, in welcher noch heute 
mehrere Bergwerke Kupfer-, Blei- und Eisenerze ausbeuten. Wie sehr 
die Römer bei ihren Kriegen und Eroberungen am Rheine die Gewin- 
nung der Natui'schätze des Bodens sich angelegen sein liessen, dafür 
haben wir zahlreiche Beweise zur Hand. Bei dem grossen Kupferwerk 
Josephsberg an dem auf der andern Rheinseite unserm Fundorte fast 
gegenüber gelegenen Virneberge bei Rheinbreitbach hat man in einer 
uralten bemoosten Berghalde am Ausgehenden des Erzganges eine 
Münze des Antoninus pius gefunden ^) ; der durch die Eifel nach Göln 
hinführende ROmerkanal steht mit seinem Fundamente an einer Stelle 
bei Clommem auf einer alten Halde ; diese Bleibergwerke waren also 
schon vor Erbauung des Kanals, die wahrscheinlich unter Trajan und 
Hadrian stattfand, im Betriebe ; hier beobachtete Flach im Jahre 1866, 
dass sich 4 Fuss Torf über einer alten Halde fanden, unter dieser war 
wieder eine Torfschicht und darunter wieder eine alte Halde. In 
dem Bleibergwerk zu Roggendorf bei Gommern wurden auch jene 
seltsamen aus Saüdsteinkugeln gehauenen fratzenhaften Köpfe >) ge- 
funden, denen man nicht wohl einen andern als römischen Ursprung 
zuschreiben kann, und in dem Bleibergwerk bei Keldenich kürzlich 



') F. Wurzer, Taschenbuob zur Bereisong des Siebengebirges, Göln, 1806. 
*) Verhaadl. des naturluBt. V. Bonn 1862, Sitzungsber. S. aOl. 



140 Ein römiwher Fand in Bandorf bei Oberwintar. 

ein Erztrog aus BucheohoLfi uud auf derselbeu Sohle des alten Stollens 
mehrere römische Münzen und eine Fibula; in Commem selbst sind 
die Fundamente römischer Häuser aufgedeclct worden. Vielleicht ist 
auch die Braunkohle schon von den Römern gewonnen worden. Auf 
den Brauokohlengruben Urwelt und Fortuna zwischen Quadrath und 
. Oberaussem sind, freilich nur in der die Braunkohle bedeckenden Erd- 
schicht, nach den mir von Herrn Kaplan Dornbusch in Cöln gemach- 
ten Mittheilungen, häufig römische Gefässe und Münzen und auf der . 
letztgenannten Grube der Stein einer Handmühle in 3 Fuss Tiefe und 
beim Ebenen einer alten Halde 5 runde Steinperlen gefunden worden. 
Auch Aschentöpfe und SteinwaiTen fanden sich in der Nähe der Gru- 
ben, die ganze Umgegend ist reich an römischen Alterthümern. Auf 
der Grube Blissenbach bei Engelskirchen, wo Blei- und Zinkerz ge- 
wonnen wird, sind römische Münzen und Bronzegeräthe, darunter ein 
Waagebalken mit Bingelchen, auch Steingeräthe in alten Halden nach 
Aussage des Herrn H. Mülhens gefunden worden. Bei dem Bergwerk 
Silberkaul zu Uckerath hinter dem Siebengebirge, wo noch heute 
Blende gewonnen wird, finden sich so grossartige alte Bauten, dass schon 
Engels ^) die Ansicht aussprach, dieselben möchten von den Römern 
herrühren. Er führt die Stelle des Tacitus an, Annal. XI, Gap. 20, 
worin dieser eines Silberbergwerks erwähnt, welches der Feldherr 
Gurtius Rufus in dem agro mattiaco betrieb und von welchem Habel 
in dem Nassau-Usingischen Amte Naurod bei Idstein deutliche Spuren 
entdeckt haben wollte. Der Zusatz et quia plures per provincias similia 
tolerabantur lasse vermuthen, dass dergleichen Schürfarbeiten den 
römischen Legionen mehrfach auferlegt worden seien. Engels führt an, 
dass schon Werner der Ansicht gewesen, der deutsche Bergbau habe 
in den Rheingegenden seinen Ursprung gehabt, indem seit dem Ver- 
falle der römischen Herrschaft derselbe zuerst in denjenigen Theilen 
des alten Galliens, welche der Rhein begrenzte und namentlich in den 
Ländern von Limburg, Aachen und MaiAZ stattgefunden, von dort 
aber sich nach Franken, dem H^rz und weiter nach Sachsen hin ver- 
breitet h^^be. Zahlreiche römische Denkmäler, die in den Tuffsteingru- 
ben des Brohlthales entdeckt worden sind, beweisen die Anwesenheit 
der Römer daselbst ; auch in den Tuffgruben zu Kretz ^) wie bei Pleidt 



') J. D. Engels, Ueber den Bergbau der Alten in den Ländern des Bhei- 
nes, der Lahn nnd der Sieg. Siegen 1808, S. 13 u. S7. 
') Yerhandl. a. a. 0. 1W9, S. U3. 



Ein römischer Fand in Bandorf bei Oberwinter. 141 

und Kraft in der Nähe von ÄDdernach fehlen die römischen Funde 
nicht Der letzte Ort hat, wie Nöggerath vermuthet, daher seinen Na* 
men, dass der Tuff hier ehemals in unterirdischen stollenähnlichen Aus- 
höhlungen gewonnen wurde. Dje Gegend von Niedermendig und Mayen ^) 
ist reich an den Spuren römischer Ansiedelungen, in den Basaltgruben 
des letztern Ortes fand man römische Aschenurnen ; und sehr häufig . 
kommen in den Ruinen römischer Gebäude vom Rheine ab bis in das 
Innere von Deutschland und die Schweiz kleine zu Handmühlen be- 
stimmt gewesene Mühlsteine aus niedermendiger Lava vor'). Die Rö- 
mer brachen den Trachyt des Drachenfels wie den von Berkum ^). Zu 
diesem Orte führt die Strasse von Remagen durch das 'Thal von Ban- 
dorf. Dass die Römer auch bereits Basaltbrüche am Rhein angelegt 
hatten, beweist ein Fund, der in Folge des im Jahre 1846 bei Ober- 
wint^ stattgehabten Bergschlüpfes ^) gemacht wurde. Beim Wegräu- 
men des Schuttes faüd man zwischen den alten Basaltwänden, ohnge- 
fähr in der Höbe der vorbeiführenden Landstrasse einen römischen, 
dem Hercules gewidmeten Altar aus Tuif, unter dem nach dem Be- 
richte eines Augenzeugen, des Geometer Schäfer, noch mehrere mäch- 
tige Tuffquadem lagen, die wohl das Fussgestelle des Altai*s gebildet 
hatten. Als im Jahre 1857 an dieser Stelle die Rheinische Eisenbahn 
gebaut wurde, kamen die Reste einer römischen Wasserleitung, die in 
bekannter Weise durch weite Röhren aus gebranntem Thon hergestellt 
war, zum Vorschein. Sie kann hier nur den Steinbrechern gedient 
haben und deutet wie der Altar auf e!nen ausgedehnten und nachhal- 
tigen Betrieb des auch heute noch höchst ergiebigen Steinbruches 
schon in römischer Zeit. 

Bonn, den 30. April 1873. 

H. Schaaffhausen. 



») Jahrb. LH 1872, S. 156. 

*) J. Noggerath, III. Zeit. Leipzig, 1868, Nr. 786. 

') Vgl. J. Nöggerath : Zar architektonisohen Mineralogie der RheinproTii» 
10 Karsten's and ▼. Deohen's Arohiv XVIU. Berlin 1844, S. 455. 

*) J. Nöggerath, Der Bergachlüpf vom 20. Dec. 1846 an den Unkeier Ba- 
laltsteinbracben bei Oberwinter, Bonn 1847. 



4. Römische Inschriften vom Mittelrhein. 



Alxei. 

l. Votivaltar der Dea Sulis, von rothem Sandstein, i. J. 1872 
in zwei Theile zerbrochen aufgefunden, so dass die (bis jetzt unedierte) 
Inschrift unten theil weise zerstört ist: 

DEA- SV U Dea(e) Sali 

AT TON IS Attonius * 
LVC/%NV5 Lucanus 



Der Göttin Sulis Hess Attonius Lncanus (diesen Altar errichten). 

Ueber die Dativform Dea s. Bonner Jahrbücher XLII S. 93 f. 
Die Dea Sulis war bis jetzt nur durch sechs in dem englischen Bade- 
orte Bath, den Ptolemäos einfach »warme Quellen«, das Itinerariam 
Antonini nach der besseren Lesung nAquaeSulisu nennt, aufgefundene 
Vitivinschriften bekannt gewesen, von denen drei sie mit der Minerva 
identifizieren, weiche C. Julius Solinus polyh. p. 114 ed. Mommsen als 
Vorsteherin der Heilquellen in Britannien bezeichnet: vgl. Archiv für 
Frankfurter Geschichte und Kunst. N. F. III. S, 17 f. Unsere Alzeier 
Yotive ist das erste Denkmal der Dea Sulis auf dem Festlande und 
dürfte für die uralte, auch in anderweitigen Spuren vorliegende Ver- 
bindung Britanniens und des mittelrheinischen Vangionenlandes ein 
weiteres Zeugniss abgeben. Der Name Attonius, in welchem das V 
verkleinert über das I gestellt ist, findet sich ebenso wie Lucanus auch 
auf anderen Inschriften der Bheinlande: vgl Brambach 1336, 17Ö9 u. 
2003. Die obem Theile der vier vorletzten Buchstaben des Wortes 
Lucanus sind zerstört, vom S am Schlüsse findet sich kaum noch 
eine Spur. 

2. Scheerenklinge, i. J. 1872 ebendort gefunden, mit der im s. g. 
Tremolierstich ausgeführten (unedierten) Inschrift : 

SEN0CENN4^ 



Römische Insohrifien Tom Mittelrheia. 



148 



Dieser offenbar gallo-römische Namen (wessen? ist schwer zu sagen) 
ist gebildet aus dem in vielen Personen- und Ortsnamen vorkommenden 
Stamm SEN und dem mittels des Bindevokals damit verbundenen Worte 

CENNA. Von erstgenanntem Namtn leitet sich der erste Theil des Na- 
mens der Senones ab, dessen Singularis in dem Seno (Steiner cod. inscr. 

n, 3289), wohl auch in den MATRONAE SENO vorliegt, femer 

der vicani Senot(enBe0), wie auch der Personennamen Senomagus, Se- 
nomacflus, Senognatus, Senovir, Senocondus, Senodius, über welche 
Kuhn und Schleicher Sprachvergleichende Beiträge III, 3 S. 358 und 
R. Smith collect antiq. lU, 2 p. 99 zu vergleichen sind. Insbesondere 
aber istunserm Senocenna der Namen Senodonna bei Grivaud de la 
Vincelle antiq. gaul. et rom. II, pag. 246 zur Seite zu stellen. Das 
Wort cenna findet sich vornehmlich in den Ortsnamen Nemetocenna 
und Sumelocenne, vielleicht auch in dem Namen der Göttin Nitiogenna 
(Mr Nitiocenna) in einer römischen Inschrift der Schweiz bei Mommsen 
Inscr. Helv. 61. 

Bingen. 

3. Grabstein des Metzgers Gaius Vescius Primus, im Mai 1869 
in der Rochusstrasse zu Bingen gefunden. Das mit Laubwerk (Mohn?) 
und einer Rosette und zwei Delphinen ausgefüllte dreieckige Giebel^ 
feld ist aber seinen oberen Randleisten mit einer Art Stimziegeln be- 
krönt; unter der Inschrift ist in der Mitte ein Ochsenkopf, rechts ein 
Schlachtmesser, links eine Pfanne mit langem Stiele, ein Beweis, dass G. 
Vescios Primus wirklich ein lanius, ein Metzger, war, nicht blos den 
Namen führte; ein negot. lanius findet sich bei Brambach 324. Vgl. 
Mainzer Wochenblatt 1869 Nr. 152 vom 3. Juli, 6. Spalte. Archäolog. 
Ztg. 1869 N. F. II. 2 u. 3. S. 30. Ephemeris epigraphica Rom. et 
Berol. fasc. 1872. p. 228: 



C • VESCiVSC LIB 
PRIMVSLA/IVSHSE 
CVESCiVS CFSEVR/S 
ETPERECR'NAC- 
VESCIFILIAFECER/ 
NT PER A/CTOREM 
TVTOREMCVESCIO 
G'LlB VAARO 



Gaius Vescius, Gai libertus, 
Primus, lanius, hie Situs 
est. Gaius Vescius, Gai li- 
bertus, Severus et Pere- 
grina, Gai Vescii filia, 
fecerunt per auctorem 
tutorem Gaio Vescio, 
Gai liberto, Vaaro. 



144 Römische Inflchriften vom Mittelrhein. 

Gaius Vescius Primus, des Gaius Freigelassener, Metzger, 
liegt hier. Gaius Vescius Severus, des Gaius Sohn, und Peregrina, 
des Gaius Vescius Tochter, Hessen (diesen Grabstein) unter dem Bei- 
stande ihres Vormundes, des Gaius Vescius Varus, des Gaius Freige- 
lassenen, setzen. 

Deutlich ist die Sigle G (nicht C) für Gaius. Der Namen Ves- 
cius ist ein sehr seltener. Nur in einer römischen Inschrift bei Gruter 
1149, 9 findet sich ein T- VESCIS -T- F • VEL-TERTI, wo Gro- 
tefend'T • VESCI • ST • F- VEL • TERTI zu verbessern geneigt ist. Einen 
VESCINIVS in Rom hat Gruter 1000, 4 und mehrere in Capua 
Mommsen Insc. Neap. 3855. Was die Schreibweise VAARO für VARO 
anlangt, so bietet Gruter 998, 10 einen VAARIVS und 171, 8 einen 
a-BETILIENVSVAARVS. Bei dem zu dem vorausgehenden Ac- 
cusativ nicht stimmenden Ablativ des Eigennamens hat dem Ver- 
fasser der Inschrift offenbar das geläufigere curante oder curam agente 
u. s. w. vorgeschwebt; im übrigen findet sich per in ähnlicher Weise 

gebraucht bei Brambach 754 u. 912. Z. 3 ist in SEVRVS uns von 
einer Ligatur von E und B, wie sie Klein und Grotefend annehmen, 

nichts ersichtlich: bei Brambach 1223 ist derselbe Namen SVERVS 
geschrieben, lieber den Unterschied der Bedeutung der beiden For- 
meln «per Tutorema und i» Tutore auctorea im römischen Rechte ist 
die Ephem. epigr. a.' a. 0. mit besonderm Bezüge auf unsere Inschrift 
ztt vergleichen. 



Ü12 und Umgegend. 

4. Votivaltar (Jupiter und Juno) aus Mainz, nicht mehr vor- 
handen. Nach einer Mittheilung des Hm. Prof. Th. Mommsen in einem 
uns zugänglichen Briefe an den zu Mainz verstorbenen Prof. E. Klein 
aus dem Jahre 1850 findet sich in einem CoUektaneenbande der Bogar- 
sischen Sammlung auf der Hamburger Bibliothek folgende, so viel 
bekannt, bis jetzt nirgends veröffentlichte Votivwidmung, mit der 
Ueberschrift : »zu Maintz auf einem Stein unter dem Boden gefunden, 
als man daselbst geschautzet hat.<( Sie lautet: 



\ 



Bdmiselie Inschriften vom Hittelrhein. 146 

I O M d- b. wol Jovi optimo maximo 

ET IVN REG et Junoni reginae 

OPOMPVA Quintus Pompejus (Pom- 

LS^SVICGXXII ponius) Valens, centurio 

PR 3P0SEESV legionis vicesimae secundae 

I O M primigeniae, pro se et suis 

(votum solvens posuit laetus 
lubens merito?) 

Juppiter, dem besten, dem grössten, und Juno, der Herrscherin, 
(Uess) Quintus Pompejus (Pomponius) Valens, ZugfQhrer der 22 Legion, 
der erstgeworbenen, für sich und die Seinigen setzen sein Gelfibde 
gerne und freudig nach Gebühr lösend). 

Z. 3, 4 u. 5 wird von Hm. Prof. Mommsen verbessert: Q* POMP* 
VALENS > LEGXXII PP F PRO SE ET SVIS; es scheint in- 
dess, wie öfter, blos P R CR O gewesen und das I O M am Schlüsse 
der Best der Votivformel V • S • L • M mit vorausgehendem P zu sein. 
POMP l&sst sich entweder in das auf römisch-rheinischen Inschriften 
nicht seltene POMPEIVS (vgl. Brambach C. I. B. Ind. p. 373) oder in 
POMPONIVS ergänzen; em T POMPONIVS VALENTINVS 
findet sich bei Muratori p. 737, 1. 

5. Votivaltar (Genius einer Genturie d* h. eines Zuges von Sol- 
daten) i. J. 1877 in Mainz gefunden. Auf den Nebenseiten: rechts 
Opferbeil und langstielige Opferschale, links Ausgusskanne (praefae- 
culum), Schöpfkelle (patera) und ein unbestimmbares dreieckiges, oben 
ausgezahutes Opferinstrument, auf der Vorderseite die (unedierte) In- 
Bchrift: 

GENIO> Genio centuriae 
NIGIDI * Nigidii Censorini . 

C3M S O U N AeUus Verinus 
AEL - VERIN architectus, Gemi- 
A R C H i "E C nius Primus, custos 

G E M I N I ^ armorum, ex voto 
PRIMVSC * A suscepto posuerunt 

EXV0T08V8CEPTP08VER 

Dem Genius (Schutzgeist) der Genturie des Nigidius Censorinus 

10 



146 Romitche InBehriften vom Mitteblieiii. 

Hessen Aelitts Verinus, Ingenieur, und Geminius Primus^ Waffeawart, 
in Folge eines gethanenen Gelübdes (diesen Altar) erric)iten. 

Dem Genius einer Centurie sind noch mehrere Votivinschriften 
des Mainzer Museums gewidmet, wie bei Brambach 1025, 1026, 1028, 
1029; hierbei und sonst pflegt die Centurie öfter durch einen 
Namen, wie 1029, oder durch zwei, wie in unserer Inschrift u. 1025, 
1102, 1103, 1104, 1105, 116, 1093, 1554, 1153, seltener durch die 
drei Namen des Centurionen bezeichnet zu werden, am wenigsten wol 
durch das vom nomen gentilicium gebildete Adjectiv, wie centuria Clau- 
diana (Brambach 2087), Passiniana; Lucaniana, Hilariana (Benier Insc. 
d'Algärie 1125, 594, 664). Die Namen des Centurionen Nigidius Cen- 
sorinus und der beiden Soldaten seiner Centurie Aelius Verinus und 
Geminius Primus sind nicht selten, wie die Indices bei Gruter und 
Muratori bezeugen, ihr militärischer Charakter dagegen um so be- 
merkenswerther, als der eines architectus hier zum zweiten Male 
(vgl. Brambach 468) auf einer römisch-rheinischen Inschrift, der eines 
custos armorum aber auch nur auf einer kleinen Anzahl römischer 
Inschriften der Rheinlande vorkommt. Die Legion, wozu jene Centurie 
und die beiden Soldaten gehörten, kann kaum eine andere gewesen sein, 
als bei Brambach a. a. 0. unzweideutig angegeben ist, nämlich die 22., die 
so lange Zeiten am Mittelrhein stationirt war, dass die ausdrückliche 
Bezeichnung derselben auf solchen Votivsteinen als selbstverständlich 
leicht weggelassen werden konnte : so dürfte es auch bei den ähnlichen 
Centuriensteinschriften aus Mainz bei Brambach 1028 und 1029 sein, 
in welchen gleichfalls zwei, beziehungsweise ein Dedikant, und zwar 
erstere ohne weitere Bezeichnung als Soldaten, genannt sind, während 
1025 und 1026 sich ausdrücklich auf C!enturien der 22 Legion beziehen. 
Wie der Charakter eines custos armorum ist nämlich auch dereines archi- 
tectus hier, wie bei Brambach ein militärischer. Architectus') 
bezeichnete ohne Zweifel bei dem römischen Militär diejenige Truppengat- 
tung, welche jetzt Pionier- und Genietruppen heissen. So wird ein sol- 
cher bei Orelli 3489 zugleich als Soldat zweier prätorischen Cohorten 



^) Mit der Schreibvariante arcitectns bei Mommsen Insc. Neapel. 
2485, 8916 (Marat. 947, 5 arquitectofi), OreUi 1145, Orelli-Henzen 5795, 5881, 
5892; auch in einer griechischen Inschrift ans Alessandria in Oberitalien bei 
MnraC 949, 6 steht in gleicher Form APXITEKT02, während sonst mehr 
APXITEKTSIN vorkommt, insbesondere als machinarius oder Ingenieur in 
einem Bergwerke: vgl Beoker-Marquardt Rom. Alterth. II, 2 p. 201. f. u. III, 
2 p. 362, 486. 



Romiscbe Inschriften vom Mitielrbein. 147 

bezeichnet, bei Orelli-Henzen 7420 a. v. als solcher der 3 Augustischen 
Legion : auch von der Flotte zu Misenum wird ein solcher ebendort 
6888 erwähnt; ausgediente Soldaten der prätorischen Gohorten und 
Legionen werden ebendort 6796 der eine als architectus armamentarii 
imp. d.h. des kaiserlichen Zeughauses, ein anderer bei Mommsen a. a. 
0. 2851 gradezu als architectus Augustorum, d. h. des Kaiserlichen 
Hauses bezeichnet. Aber auch als civile Funktion, und zwar von 
Freigeborenen, Freigelassenen und, wie es scheint, von Sklaven aus- 
geübt, erscheint die Bethätigung des architectus auf Inschriften ; vgl. . 
Mommsen a. a. 0. 1323, 3308, Murat. 982, 3, 976, 4, 972, 6, Orelli 
1145, Orelli-Henzen 5881, 5892; Mommsen 3918, 2405, 2238, Orelli 
4145, 2896 u. a. m. Privat-Ingenieur oder Baumeister scheint der 
architectus Nicanorianus bei Murat. 298, 3 gewesen zu sein. Nicht 
minder zahlreich sind die Erwähnungen der militärischen Funktion 
eines Waffen- oder Zeugwartes, armorum custos, welche 
Senfeca de Tranq. 3 mit den Worten: qui armamentario praeest be- 
zeichnet. Wie der architectus, so wird auch der armorum custos zu- 
nächst als Soldat, miles, des betreffenden Truppenkorps, als welche 
letztere sich bis jetzt jedoch nur die Legionen und die equites singu- 
lares, noch nicht aber die prätorischen Gehörten und die Stadtwache 
von Rom haben nachweisen lassen, so bei 4er leg. II adiutrix, leg. IH 
augusta, leg. XXH primigenia, pia, fidelis, vielleicht jedoch auch bei 
einer kleineren Truppenabtheilung, einem sogenannten Numerus (Bram- 
bach 1762): vgl. Murat. 855, 1, Renier Insc. d'Algörie 1220, 556, 639, 
Ö14, 788, 888, 777, 793, Grut. 568, 11; Murat. 774, 3, Brambach 
1294. Bisweilen scheint man auch ausgedienten Soldaten, veterani, 
diesen Posten übertragen zu haben; vgl. Orelli 3500, Grut. 568, 11, 
Mitth. des hist. Ver. f. Steiermark (1852) III, S. 98. Zur Bezeichnung 
desselben bediente man sich auch mit Weglassung des überdiess CVST, 

CVS, CV, C abgekürzten Wortes custos des Wortes armorum 

schlechthin, wie bei Renier 514, 556, 639, 778, 888, Murat. 347, 2 0- 

Da das Wort armorum bei dieser Funktionsbezeichnung eines 

armorum custos das vorwiegende ist, so erklärt sich einestheils die 

Auslassimg des Wortes custos, anderestheils die constante Voran - 



*) Nahe läge es dem armaturae oder armatara leg. XXII auf zwei 
Mainzer Inschriften bei Brambach 1068 und 1178 eine gleiche Bedeutung beizu- 
legen, wönn nicht schon Borghesi in den Annal. deFinst. 1839 p. 181 das Wort 
armatara hier als gleichbedeutend mit miles erklärt hätte. 



148 RömiBche Inschrifben vom Mitteirhein. 

Stellung des armorum. Erst die Inschrift aus Wachenau bei Bram- 
bach 942 zeigt ausgeschrieben custos armorum ohne nähere 
Bezeichnung des betreffenden Truppenkorps, gibt aber damit auch den 
Schlüssel zur sichern Deutung der Sigle CA auf unserer und an- 
deren römisch-rheinischen Inschriften bei Brambach: so 1762 der 

CAIIXNVM ferner die C < A • LEGXXIi Magissius Hibernus 

(Murat. 729, 3 =» Orelli 1395), Titus Devillius Victorinus (Brambach 
1024), Pervincius Ursinus (Brambach 1294); diesen Waffenwarten der 
22 Legion dürften dann ohne Bedenken der Titus Saturio (Brambach 
942) und unser Geminius Primus anzuschliessen sein, da bei dem 
langen Aufenthalte dieser Legion am Rheine kaum eine andere ge- 
meint sein kann ; ebenderselben gehörte dann auch wohl der Secundus 
EX . C • A der Mainzer Inschrift bei Brambach 1117 an, deren Schluss 

leider durch Abbruch des Steines verloren ist. Was die dienstliche 
Stellung des custos armorum betrifft, so gehörte er zu den Unter- 
gebenen des praefectus castrorum, Platzcommandanten, dem die An- 
lage neuer befestigter Plätze, sowie die Aufsicht über das Kriegs- und 
Festungsmaterial, Geschütz, Train, Gepäck oblag; vgl. Becker-Mar- 
quardt Rom. Alterth. III, 2 S. 428. — Die letzte Zeile unserer 
Inschrift ist in viel kleineren Schriftzügen gehalten, so dass insbe- 
sondere die 3 letzten Buchstaben VER in eine Ligatur zusammenge- 
drängt sind. 

6. Unediertes Bruchstück einer oberhalb Mainz in der soge- 
nannten neuen Anlage gefundenen Inschrift: 

D I I N 
NONSP 
NAMHIC 
OTCARI 
PECTO 

Vorstehendes Bruchstück findet sich auf einem Zettel, welcher einem 
Exemplare von Fuchs Alte Geschichte von Mainz U. Einleitung p. XXY 
eingeklebt und mit der Anmerkung versehen ist : »diess ist der Stein, 
den ich ohnlängst in der ehemaligen Favorite abgeschrieben habe.« 
Die Favorite war bekanntlich das kurfürstliche Schloss, welches auf 
der Stelle der heutigen »Neuen Anlagere bei Mainz stand und L. am 
Schlüsse ist ohne Zweifel die Sigle des Namens des bekannten Mainzer 
Inschriftenforschers Friedrich Lehne. 



k 




Rdmisohe Insohriften vom Mittelrhem. 149 

7. Grabstein eines Gallo-BSmers aus Sandstein im Anfange des 
Jahres 1870 im Felde zuWechenau bei Mainz aufgefunden; das 
Giebelfeld ist mit Arabesken geschmückt. Vgl. Archäol. Zeit N. F. 
1870, m, S, 53. 

PVSA • TROVCILLI • F Pusa Trougilli fiUus 

AN • CXX • HIC • SITVS annorum centum viginti, 

EST • PRISCA • PVSA - F Wc situs est ; Prisca, Pu8a(e) 

AN • XXX • HIC • SITA filia, annorum triginta, 

EST • VINDA - ATEC Wc sitä est; Vinda, Ategnio- 

NIOMARI*F-HIC mari filia, hie sita futura 

SITA • FVTVRA- EST est. annorum octoginta. 
ANLXXX. 

Pusa, des Trougillus Sohn, 120 Jahrs alt, liegt hier; Prisca, des 
Pusa Tochter, 30 Jahre alt, liegt hier ; Vinda, des Ategniomar Tochter, 
wird hier liegen. 80 Jahre alt. 

Zu dieser Inschrift bemerkt Hr. Archivrath G. L. Grotefend 
brieflich folgendes: »Ausser dem hohen Lebensalter der ersten hier 
genannten Person sind besonders die keltischen Namen dieses Steins 
von Interesse. Der 120jährige Pusa möchte leicht der älteste Mann 
sein, der auf römischen Grabsteinen genannt wird, eine 115jährige 
Spanierin finden wir in Corp. Insc. lat. 11 n. 2065. Der Name Pusa, 
der nach Z. 3 auch im Genitiv Pusa lautet, ist mir neu. Einen PVSVA 

hat Brambach Corp. insc. Rhen. 296. Ein Trougillus findet sich 
auch auf einem in Lengfeld gefundenen Stein bei Brambach n. 1401. 
Den Frauennamen Vinda finde ich nur in der stark corrumpirten In- 
schrift bei Gruter 1082, 2, Muratori 854, 3 und eine Yindilla be- 
Steiner n. 3014. Zur Erklärung des zusammengesetzten Namens Atei 
gniomarus bieten sich uns einerseits die Ategnia bei Muratori 
1082, 2, die Ategnata Gruter 758, 11 und 763, 6, die Ategenta 
im Archiv fQr Kunde österr. Gesch. IX, 112 und die mancherlei Zu- 
sammensetzungen mit Ate bei Becker in den Beiträgen zur verglei- 
chenden Sprachf. III, 4 S. 438, andererseits die mancherlei gallischen 
Namen auf marus, der Aeduer Viridomarus bei Caesar, der Gallier 
Aegritomarus bei Cicero in Q. Caecilium divin. XX, 67 und in Verrem 
act. secunda n, 47, 118, vor Allem aber der Gallische FtLrst Atepo- 
marus bei Plutarch Pärallela 30 und de fluviis (Arar) VI, 4. Den 
letzteren Namen würde ich mit Hinsicht auf den Ategniomarus unserer 



160 Römische Insohrilten vom Mitielrhein. 

Inschrift unbedenklich in ATEFIOMAPOS corrigieren, wenn nicht 
der Namen ^AteTtoqi^j welchen uns Strabon XII, 3, 37 p, 560 als den 
eines galatischen Tetrarchen aufbewahrt hat^ durch eine Ancyranische 
Inschrift (Corp. inscr. gr. III, 4039), deren Leseart durch Ueberein- 
stimmung von Montfaucon, Lucas, ChishuU und Hamilton bestätigt 
wird, vollkommen festgestellt würde; es heisst dort unstreitig 
AABIOPia ATEnOPEir02. Wie "Atenogi^ wird also auch 
^ATBTtofxaQoq ein keltischer Name sein, verschieden von unserem Ate- 
gniomarus.tt Hierzu sei weiter bemerkt, dass der Genetiv PVSA 
(denn so, nicht PVSAE, steht auf dem Steine) offenbar derselben 
römisch-keltischen Flexionsweise angehört, wie der Dativ keltischer 
Eigennamen auf a, worüber in den Bonner Jahrbüchern XLU S. 93 
Näheres bemerkt ist. — Die zahlreichen keltischen Personennamen 
auf — illus und — marus sind von uns in den oben citirten Beiträgen 
zur vergleichenden Sprachforschung IH, 3 S. 352 u. UI, 4 S. 431 zu* 
sammengestellt worden; ihre Zahl könnte jetzt noch weiter vermehrt 
werden. Die letzte Zeile der Inschrift, welche die Lebensjahre der 
Vinda angibt, die auf dem Steine selbst in absonderlicher Wendung 
als dereinst hier liegend bezeichnet wird, ist selbstverständlich später 
beigefügt worden, obwohl die Schrift nicht sehr von derjenigen der 
übrigen Zeilen verschieden ist 

8. unedler tes, nicht mehr vorhandenes Bruchstück der Grab- 
schrift eines römischen Soldaten i. J. 1795 zu Zahlbach bei Mainz 
gefunden, nach einer handschriftlichen Notiz Bodmanns in seinem*Hand- 
exemplare von Joannis Bes. Mog. III S. 63 auf der Stadtbibliothek 
zu Mainz, als Zusatz zu Huttich collect, antiq. XXXIX: 



F • L • STIP • X (annorum?) quin- 

H • S • E S T quaginta, stipendiorum 

decem, hie Situs est. 

50 Jahre alt, im Dienste 10 Jahre, liegt hier, 

Z. 1 scheint das angebliche F der letzte Strich eines mit A ver- 
bundenen (legierten) N gewesen sein, da der Angabe der Diensljahre 
(stipendia) in der Regel die der Lebensjahre vorangeht. Die übliche 
Schlussformel römischer Grabschriften H S E findet sich mit der hier 
beliebten Ausschreibung des EST genau so auf drei anderen Zahl- 
becher Grabschriften bei Brambach 1234, 1260, 1261. 



RdmiBche Insohriften vom Mütelrhein. 161 

9. Un ediertes, nicht mehr vorhandenes Brachstttck einer Orab- 
säale ]. J. 1803 zwischen Oppenheim und Nierstein oberhalb Mainz 
gefanden, nach einer handschriftlichen Notiz Bodmanns in seinem Hand- 
exemplare von Joannis Res. Mog. III auf der Stadtbibliothek zu Mainz. 
Bodmann tbeilt a. a. 0. die Abbildungen dreier Stücke desselben 
Fundorts mit, und zwar 1. die Büste einer umschleierten weiblichen 
Figur, offenbar einer gallischen Muttergottheit, mater, matrona. 2. Die 
(kopflose) Büste einer in eine weitärmliche Tunika gehüllten weib- 
lichen Figur; beide Büsten scheinen hermenartig, d. h. auf Säulen- 
postamentchen angebracht. 8. endlich Untersatz und Capitell einer 
bruchstücklichen Grabsäule, auf deren (sechsseitigem?) Untersatze 
zweimal 

und auf einer Seitenfläche 



gelesen wird. 



D M 

ID M 
10 VIN 

Danustadt. 



10. Oben verstümmelter Grabstein eines von Räubern er- 
schlagenen Campaners i. J. 1868 oder 1869 bei dem Gehaborner Hof 
unweit Darmstadt im Walde aufgefunden und ins Darmstädter Mu- 
seum verbracht: vgl. A. Klein und £. Hübner in der Archäol. Zeitg. 
1869 S. 30. Die Inschrift lautet theils nach Autopsie, theils nach den 
dankenswerthen Mittheilungen des Hm. Museumsdirektors R. Hof- 
mann also: 

fclV . . . . Clodius 

EHICiN ... (filius Peri)gen(es annorum) 

. . . • ^ E L A T R O NE S ( — hie situs est in(terfece)re 
. . • MC3MVITTE-A latrones (que) m genuit 
^^SIDICINOEXCM Teano Sidicino 
P A N I A ^ ALTERA ^ C o N ex Campania. Altera 
TEXITTELL VS03)IT contexit teUus, dedit 
ALTERA.2rNASCIP3^l altera nasci. Perigenes 
C 3\E SH ABET ^ TITVL NM habet titulum, Secundus 
SECWDVSOFFICIVVI officium . PubUus 
P^CLOO-SECVAOVS Clodius Secundus 
F RAT Rl P lENTISSIM O patri pientissimo. 



V-. 



168 Römifohe Intohriften vom Mittelrhem. 

.... Qodias Peri)gen(e8, alt . . . Jahre) liegt) Uer. Hier ver- 
wundeten Räuber denjenigen, welcher entstammte aus Teanum Sidid- 
num in Gampanien. Das eine Land deckt ihn mit Erde, das andere 
gab ihm. das Dasein. Perigenes hat nun seine Grabschrift, Secundus 
seine Liebespflicht erfüllt Publius Glodius Secundus (liess diesen Grab- 
stein) seinem geliebtesten Bruder (setzen). 

In Z. 3 ist NE, Z. 4 EN, Z, 5 AH, Z. 7 ED, Z. 8 ER, Z. 9 
ENE, Z. 9 (wie 10) VM, VN, Z. 10 VND durch Ligatur verbunden. 
Da der Verstorbene Z. 8 u. 9 PERIGENES mit seinem cognomen ge* 

nannt wird, sein Bruder sich Z. 11 Publius Glodius Secundus nennt, 
die gens Glodia auch durch Inschriften von Teanum Sidicinum bei 
Mommsen Insc. NeapoL p. 208 ff. n. 4004, 4005, 4006 bezeugt ist, so 
fahrte demnach auch Perigenes den Gtentilnamen Glodius. Da nun 
weiter in den Buchstabenresten der 1. Zeile unschwer lES als Best 
von (Perig)en(es) zu erkennen ist, vor diesem EN aber, nach Massgabe 
der Zahl der Buchstaben in den vollständig erhaltenen Zeilen wenig- 
stens 6—7 Buchstaben gestanden haben müssen, so sind wahrschein- 
lich vor dem PERIG(EN)ES noch die Sigle fQr das praenomen 
seines Vaters nebst dem B.uchstaben F (filius) auszufüllen. Aber auch 
hinter dem vervollständigten Namen (PERIG(EN)ES) fehlet wenig- 
stens noch zwei Buchstaben und diese glauben wir mit ziemlicher 
Wahrscheinlichkeit durch AN (annorum) ergänzen zu dürfen, wenn 
sich im Anfange von Z. 2 die Angabe der Zahl der Lebensjahre nebst 
der Formel H S E anscMoss, von welcher letzteren das E noch übrig 
ist. Da nun weiter auch das I N am Schlüsse von Z. 2 nebst demRE 
in der vom verstümmelten Z. 3 bereits ebenso durch IN(TERFEGE)RE 
hergestellt ist, wie das (QVE)M im Anfange der 4. Seile und das (N)0 
in dem der 5. ; so liesse sich der jetzt zerstörte Kopf der Grabschrift 
vielleicht also wieder ergänzen: 

DM.- CLODI VS 
(.•F-PERIG)EN(ES. AN 
. . . HS)EHICIN(TER) 
(FECE)RELATRONES 
(QVE)MGENVITTEA 
(N)OSIDICINOEXCAM 

u. s. w. 

Der Anfang der Inschrift wäre demnach genau so, wie oben bei 



- r ■ 



K'^ 



Romisohe Inaohriften vom MittelrheiiL 



168 



Nr. 7 (vgl. auch Nr. 3). Mit besonderer RQcksicht auf die Gebart in 
dem fernen Italien and den Tod and die Beerdigang in Grermanien 
scheint das HI C im Gegensätze za dem QVEM GEN VIT a. s. w. 
betont werden za wollen. Hier (d. h. im nordischen Germanien) starb 
der, welchen das italienische Gampanien gebar: der Mann scheint also 
unfern des Ortes begaben worden za sein, wo er anter den Händen 
von Baabem seinen Tod fand. Aehnliche Erwähnungen von Gebarts- 
und Todesarten finden sich aach sonst auf römisch-rheinischen In- 
schriften: so auf dem Grabsteine eines Mösiers zu Mainz (Brambach 
1077) und eines Afrikaners zu Bedburg (163): ähnlich wie auf unserm 
Steine lautet es hier: QVEM GEN VIT TERRA MAVRETANA — 
OBRVIT TERRA .... Diesem tragischen Schicksale eines ge- 
waltsamen Todes ferne von der Heimat gibt der Bruder nicht blos 
einen besondem Ausdruck in der Erwähnung des Geburtsorte, sondern 
auch in dem Anlaufe zu einem poetischen Ergüsse: Altera content 
tellos, dedit altera nasd, den er wol irgend einer andern ihm bekann- 
ten Grabschrift entnahm, in welcher das Distichon sich etwa, wie 
Hübner bemerkt hat, mit dem Pentameter: Meta habet titulum, filius 
offidum abschloss, in welchem er statt mater das cognomen des Ermor- 
deten, Perigenes, statt filius sein eigenes, Secundus, substituirte. •— 
Zwischen TE und A von TEANO hat der Steinmetz irrthümlich eine 
starke Interpunktion angefangen, aber, wie man sich an dem Origi- 
nale zur Genüge überzeugen kann, unvollendet gelassen. Die Auso- 
nische Völkerschaft der Sidicini im nordwestlichen Theil von Gampa- 
nien hatte zur Hauptstadt Teanum Sidicinum (jetzt Teano) am nörd- 
lichen Abhänge des Mons Massicus an der via Praenestina, mit nicht 
unbedeutendem Handel; seit Augustus war es römische Colonie, vgl. 
Forbiger Handb. der alten Geogr.HI S.730; über die dort gefundenen 
Inschriften vgl. Mommsen a. a. 0., Münzen bei Eckhel D. N. I, 117. 
Wenn nicht Alles trügt, so ist auch unsere Inschrift eine neue Illu- 
stration zu der Tacitus Germ. 29 gegebenen Schilderung der Misch- 
bevolkerung, welche in das leerstehende Zebntland zwischen Rhein, 
Main und Neckar in römischer Zeit nach und nach aus dem jenseiti- 
gen Gallien einwanderte: bereits liegt eine Anzahl Inschriften vor, 
welche den Zusammenfluss und die Niederlassung überrheinischer Gal- 
lier dortselbst beurkundet: vgl. Mommsen Epigraghische Analekten I 
8. 196 und Archiv für Frankfurts Gesch. u. Kunst N. F, I. S. 8—9. 
Bezeugt unsere Inschrift auch keinen weiteren »levissimus Gallorum«, 
wie Tacitus sagt, so ist es immerhin ein weithergekommener Südländer, 



154 Röinisehe Ixurohriften yom Mittelrbein; 

welchen wol nebst seinem Bruder Handel und Wandel anf das solum 
dubiae possessionis gefahrt hat; auch die Art seines Todes durch 
Räuberhand, welche auch sonst wohl auf Inschriften vorkommt, dürfte 
für die Zustände des Landes bezeichnend sein. 

Frankfurt am Hain. 

10. Oben verstümmelter Votivaltar (unbekannte Gottheit) im Juli 
1872 als Gesimsstück an der nördlichsten Mauer des ältesten Theiles 
der Domkirche (alten Bartholomäuskirche) aufgefunden, wahrschein- 
lich von dem Trümmerfelde des ehemaligen NO WS ViCVS zwischen 
Heddernheim' und Praunheim, oder aus dem Odenwalde hieriier 
verschleppt; die rechte Seite und die letzte Zeile der Inschrift ist 
gänzlich abgeschliffen. Vgl. Frankfurter Zeitung 1872 N. 236, Erstes 
Blatt ArchäoL Zeitung 1873, Januar S. 82 : 

ATO D (Sedato deo sacrum?) 

. oHI • SEQ- Jl ■ (c)ohors prima Sequanorum 

. VRAMAC ßt (Rauracorum c)uram 

. EXTILIOP .... ag(ente S}extilio P(rim)o 

, O > LEG XX . . . centurione leg(ionis) 
. PColVMoD'VII vicesimae (secundae 

primigeniae) imperatore 
Commodo septimum(et 
PubUo Helvio Pertinace iterum 
consulibus). 
Dem Gotte Sedatus geweiht. Die erste Cohorte der Sequaner und 
Rauraker (liess) durch Fürsorge des Sextilius Primus, des Zugführers 
der 22. Legion, der erstgeworbenen (diesen Altar errichten) unter dem 
7. Ck>nsulate des Kaisers Gommodus und dem 2. de^ Publius Helvius 
Pertinax. 

In der ersten Zeile, von der nichts zu fehlen scheint, war der 
Namen einer nicht römischen Localgottheit enthalten, kaum wol, wie 
E. Hübner meint, irgendwelcher Matronen, viel wahrscheinlicher, wie 
er andeutet, des Sedatus deus, wie bei Orelli 2048 u. 5972 : doch steht 
das A vor T nicht ganz sicher : hiemach wären die Reste der ersten 
ZeUe ATO(XTO?) D(EO Sacrum) zu vervollständigen. In allen fol- 
genden Zeilen ist der Anfangsbuchstabe infolge der Zurüstung des 
Steins zum Qesimsstttck zerstört, lässt sich aber unzeifelhaft ergänzen. 



k. 



•^-^- 



Bömische Iiuohrifteii vom Mitielrhein.. 156 

Die cohoTS prima Sequanorum et Raaracorum ist durch Inschriften 
von Steinbach in Baden (Brambach 1738) und Miltenberg am Main 
(1740, 1744) bezeugt: die Abkürzung des Rauracorum lautete auf 
unserm Steine ohne Zweifel RAVR, wovon der Hauptstrich des R noch 
übrig ist. Die Formel curam agere bedarf bei dem Hinweis auf Orelli- 
Henzen 3340, 3722, 6737, 6753 keiner weiteren Erörterung. Ein 
Haruspex P. Sextilius Primus und eineSextilia Prima finden sich bei 
Grut. 304, 6 und 661, 4. Das siebente Gonsulat des Kaisers Commodus 
und das zweite des Publius Helvius Pertinax fällt ins Jahr 193 n. Chr. ; 
da die eine Ära von Miltenberg ins Jahr 191 gehört, muss also die be- 
sagte Gehörte zu Ende des zweiten Jahrhunderts .am untern Main sta- 
tionirt gewesen sein. Dasselbe Gonsulat des Kaisers Gommodus aus 
seinem letzten Regierungsjahre findet sich auch auf einer Mainzer 
Inschrift (Brambach 993), welche das älteste datierte inschriftliche 
Denkmal von Mainz ist 

Heddernheim. 

11. In dem Archiv für Frankfurts Geschichte' und Kunst, N. F. I S. 
25 n. 3.(Brambach 1475) ist von uns ein der Mittheilung des verstorbenen 
Frankfurter Rektors Voemel verdanktes Bruchstück (üntertheil) einer Vo- 
tivinschrift aus Heddernheim zum erstenmale ediert, deren Original aus 
dem Besitze des verstorbenen Hrn. v. Meyer in den Besitz des Hrn. Pfarrers 
Wolf zu Frankfurt gelangt, von diesem nunmehr geschenksweise an 
die Stadtbibliothek abgegeben wurde. Bei dieser Gelegenheit konnte 
das Original selbst von uns genauer eingesehen und danach die erste 
bruchstückliche Zeile der Inschrift genauer statt LON vielmehr als 
Rest einer halb zerstörten Zeile also 1 1 u IV I festgestellt werden ; 
demnach lautet die Inschrift: 

llulVl 

VSFLORE 

N T INVS 

ARAMINS 

VoROSVIT 



LLM 

Die erste Zeile enthält nur noch die Untertheile der Buchstaben 
ITONI oder TTONI, so dass also ein Gentilnamen entweder auf 
— ttonins oder itonius u. a. m. dem FLORENTINVS voransgegan* 



166 Römiiohe InBohrifteii vom Miitelrheiii. 

gen sein kann : zahlreicbe Namensformen auf — ONIVS sind in Kuhns 
und Schleichers Sprachvergleichenden Beiträgen m, 4 S. 408 f. von 
uns zusammengestellt worden. Am wahrscheinlichsten ist ATTONIVS 
zu ergänzen (vgl. oben N. 1 und Brambach 1336, 1768); ein L - 
PETRONIVS FLORENTINVS findet sich auf einem Steine zu 
Obernburg in Franken, ein L.SEPTVMIVS FLORENTINVS zu 
Kirchheim in Rheinbayern bei Brambach 1748 u. 1786; vgl. 1533. 

12. Gleich dem Originale vorstehender Votive ist nun auch das 
einer andern Heddemheimer Weibinschrift wieder zum Vorschein ge- 
kommen. Es ist die bei Brambach 1483 mit einem »periit« be- 
zeichnete: 

lOMhR 
AELCRE 
SIA/VSSE 
DATIAB 
ASSINA 
VSLL-M 

welche nunmehr in dem Museum zu Cassel in so defektem Zu- 
stande der Inschriftseite bewahrt wird, dass schon Fr. Stoltz in seiner 
^^Beschreibung des Kurfürstlichen Museums zu Cassel im Jahre 1832« 
8. 75 n. 83 bemerkt; »ein anderer Altar von Sandstein^ von dem die 
Inscription verwischt ist.« Wir haben uns durch Autopsie von der 
Identit&t flberzeugt 

Wiesbaden. 

18. Folgende kleinere Inschriften des dortigen Museums wurden 
uns von dessen gelehrtem Gonservator Hm. Oberst A. von Cohausen 
mitgetheilt, welche noch unediert zu sein scheinen: a. Bronzering mit 
dem Namen des Besitzers im Genetiv: FIRMI, b« ein gleicher Ring 

mit '.der Aufschrift TVN (d. h. wol Juni oder Sunii) und c der Fa- 
brikstempel SILVANVSF auf dem Stiele einer Casserole. Ueberdies 

wurde ein Siegelstempel aus dem Besitze des Hrn. Grafen von Elz zu 
Eltville im Bhemgau vorgezeigt mit der rückläufigen Aufischrift: 

CTITI 
SEVERI 



X 



\* 



Römiaehe Insohrifteii vom MüMrhein. 



167 



Cassel. 

Nach freundlicher Mittheilung des gelehrten Gonservators des 
Museums zu Cassel, Hm. Dr. E. Finder, findet sich in einem alten 
Inventare dortselbst die Abschrift einer Anzahl römischer Inschriften, 
welche nach einer Notiz des vormaligen Gonservators Hofraths Völkel 
verschwunden waren, nachdem im Jahre 1808 der Umbau eines Tbei- 
les des Museumsgebäudes zu einem Ständesaal erfolgt war; sie sind 
möglicherweise in den damals gemachten runden Anbau wieder vermauert 
worden. Diese Inschriften sind bei Brambach 840. 1325, 1206 u. 1492 
aus anderen Quellen mitgetheilt, und die von dem alten Inventar ge- 
botenen Varianten sind von keiner sonderlichen Bedeutung. N. 1206 
ist in bei Dr. Stoltz a. a. 0. S. 76 u. 91 als in zwei Stücke zerschla- 
gen angegeben, deren eines von uns in den Nass. Annal. VIU S. 572 
n. 12 irrthümlich als noch vorhanden bezeichnet und darnach von 
Brambach 2082 in die Addenda aufgenommen wurde. Ausser diesen 
bereits bekannten Inschriften findet sich aber in vorgedachtem alten 
Inventar noch folgendes Bruchstück einer Grabschrift aufgezeichnet. 



• VIC • 
M • VICI 
SONIVS 

1 V T O R 
SECVND 
A • VICTO 

COH 

welche leicht zu ergänzen sein dürfte: D(M)Q||-VICT . . . . || 
MVECI i SONIVS II (A0)IVTOR f SECVND(I) || (N)AVICTO(R!| 
(INA) CON||(IVCI) .... Ein Vegisonius Primus findet sich auf 
einer verlorenen angebUchen Frankfurter Inschrift bei Brambach 1438 ; 
ein Caupinius. Adiutor 1329, ein Omullius Adiutor 825. 

15. Weiter i^t in dem mehrerwähnten alten Inventar verzeichnet 
»ein römischer Altar, wo auf beiden Seiten die Fortuna zu sehen und 
I O.« Dieser Altar war sicherlich ein s. g. Viergötteraltar mit den 

Reliefbildem der Fortuna, sodann wol der Juno regina und einer un- . 
bekannten Gottheit, sowie wol auf der Vorderseite einer Dedikation an 
rO-M (Juppiter optimus maximus). 



158 Bonifche Inscbriftdii vom Mittelrhein. 

16. Erwäbnenswertl^ erscheint auch noch ein dortselbst aufbe- 
wahrter Wochengötteraltar aus der Umgegend von Mainz, bereits bei 
Stoltz a. a. 0. S. 77 u. 83 und Appel Hand-Katalog des Kurf. Mu- 
seums IX, E, S. 24 u. 93 erwähnt. Die Reliefbilder der 7 Tagesgott- 
heiten Satumus, ApoUo-Sol, Luna-Diana, Mars, Mercui*ius, Juppiter, 
Venus sind nach einer brieflichen Mittheilung des Hrn. Dr. Pinder jetzt 
thellweise sehr verwischt. Den Wochengottheiten schliesst sich übrigens 
noch ein Genius an. 

17. Von kleineren Inschriften des Casseler Museums er- 
wähnt Stoltz a. a. 0. S. 44 besonders Töpferstempel, dören viele vor- 
handen sind und näherer Feststellung ihrer Legenden, durch Hm. Dr, 
Pinder entgegensehen. Von Fabrikstempeln bronzener Geräthe schlies- 
sen wir an den unseres Wissens unedierten einer Schöpfkelle mit 
Q • MASVRI. Der Namen Masurius findet sich öfter bei Gruter Ind. 
s. V. belegt; ein Masurius Agatho auch bei Muratori 601, 1. 

18. Bemerkenswerth sind endlich einige gleichfalls, wie es scheint, 
unedierte Ring- und Siegelinschriften, nämlich: 

1. u welche Legende in der 3. Zeile nicht ganz feststeht und 

C • PA sich einer näheren Deutung entzieht. 
CM 

2. I V 1 1 N gleichfalls unbestimmbar. 

3. Sfegelstempel mit Handhabe, in erhöhter Schrift: 

C • HOSTI 
A-EX A 
d. h. Gai Hostii Alexandri. Der Name ddr Hostii ist nicht selten ; ein 
C. Hostius Hilarius ist bei Muratori 1687, 3 ; ein Hostius Festus und 
ein P. Hostius Severus ebend. 687, 6; ein M. Hostius Sampseros 
ebend. 1026, 10. 

Frankfurt a. M. 

J. Becker. 



5. Römische Alterthflmer in Lothringen. 

Die nachfolgenden Bemerkungen haben nicht den Zweck einen 
neu gemachten Fund aus dem in der Ueberschrift genannten Gebiet 
zu veröffentlichen, noch auch eine abschliessende Uebersicht zu geben 
aber alles bereits dorther bekannte. Sie sollen nur die Aufmerksam- 
keit der Mitforscher, besonders der rheinischen, auf ein Gebiet lenken, 
das durch die neuen Erwerbungen des deutschen Reiches einen er- 
neuten Anspruch auf die Beachtung seiner antiken Denkmäler erlangt 
hat Trier und seine Umgebungen^ so wie^ das Saargebiet werden von 
dem rheinischen Alterthumsverein in Bonn und der Trierischen Ge- 
sellschaft für nützliche Forschungen mit Sorgfalt überwacht; für das 
benachbarte Luxemburg hat das dortige historische Institut der glei- 
chen Verpflichtung sich unterzogen >). Nicht minder reich an Resten 
der römischen Gultur ist Deutsch-Lothringen. Zwei gelehrte Gesell« 
Schäften, in Metz und in Nancy, haben bisher schon in dankenswerthe- 
ster Weise für die Aufbewahrung der zufällig gemachten oder aus 
Ausgrabungen gewonnenen Funde gesorgt; für den jetzt deutsch ge- 
wordenen Theil Lothringens liegt uns nunmehr eine gewisse Verpflich- 
tung ob, nicht mehr blo& aus dem allgemeinen Interesse für unsere 
Wissenschaft überhaupt die Erbschaft jener Bemühungen in würdiger 
Weise anzutreten. 

Ich beschränke mich hier auf einige Notizen über das Museum 
von Metz, das ich im vorigen Herbst, freilich nur flüchtig, sehen konnte. 
Denn dieses scheint seinen ältesten Bestand bis auf die Zeit Boissards, 



>) Wunflohenswerih bleibt nur, dass die jetzt in einem ungünstigen Raum 
des Atbenäiuns in Lazemburg mebr übereinander geschichteten als auf* 
gestellten Inschriftsteine und Soulptarstücke in angemessener Weise aufgestellt 
werden. 



160 Römisohe Alterthümer in Lothringen 

des berüchtigten Fälschers (der im Jahre 1602 inMetz^ wohin er sich 
zurückgezogen hatte, starb), also auf das Ende des sechzehnten Jahr- 
hunderts znrückzufCkhren. In neuester Zeit ist es der Mittelpunkt aller 
antiquarischen Bestrebungen in jenen Gegenden geworden. Mir fehlt 
es freilich leider ganz an genaueren Nachweisungen über die Metzer 
Sammlung; die Hand- und Reisebücher ebenso wie die Vorräthe der 
hiesigen Bibliothek lassen dafür ^nzlich im Stich; so sind mir z. B. 
die Memoiren der Metzer Akademie und selbst Devilly's antiquUis 
Mediomatfidennes (Metz 1SK23, 8.) bis jetzt nicht zugänglich gewesen. 
Dagegen liegt mir L. Beaulieu's Archiologie de la Lorraine (2 Bde. 
Paris 1840 und 1843 8.) vor, ein Buch das manches verdienstliche 
enthält — obgleich auf den Tafeln des zweiten Bandes einige offenbar 
moderne Stücke als alte abgeliildet sind — , das sich aber nicht mit Metz 
selbst beschäftigt, sondern nur mit den übrigen antiken Ortschaften 
der Gegend ^). Das Museum befindet sich, vereint mit der Stadtbiblio- 
thek, in der rue Ch^vremont, nahe dem Dom ; in den gro&en Räumen 
des Erdgeschosses der früher zu kirchlichen Zwecken benutzten An- 
lage (im oberen Geschoss sind Gemälde- und naturwissenschaftliche 
Sammlungen aufgestellt) ist die reichhaltige Sammlung römischer 
Sculpturen und Inschriftsteine aufgestellt; die kleineren Alterthümer, 
Münzen, Erz- und Thongerilthe, Waffen und ähnliches befinden sich 
in einem Raum des oberen Geschosses. Leider war der verdiente Gon- 
servator der Sammlung, Hr. Lorrain, verreist, so dass ich allein auf 
die eigene Betrachtung angewiesen blieb. 



*) Falsch, d. h. eine Arbeit des sechsehnten oder siebEehnten Jahrhan- 
derts scheint mir die Bd. 2 Taf. 2 Fig. 8 abgebildete Bronsegrappe eines dra- 
cheniödtenden Hercules, wie Beauliea erklärt (2 S. 187 £f.), tu sein. Sie soll im 
Bett der Mosel zwischen Scarpone und Pont k Mousson gefanden sein und be- 
fand sich in Beauliea's Besitz. Aecht dagegen ist unzweifelhaft -eine kleine 
Bronzefigur, die derselbe in einem aus den Mimoiree der SociiU des sdenceSf 
leUres et arte de Nancy von 1849 besonders abgedrackten Aufsatz veröffentlicht 
hat, welcher überschrieben ist : de Vemplaeemewt de la Station Bomaine cPAndisina 
(Nancy 1849 8. S. 11 ff.). Sie stammt aus La neme tHHe im Vogesen-Departement — 
das ist seiner Meinang nach das römische Andesina. Die offenbar ziemlieh 
treue Abbildang, die er davon giebt, verdient Aufmerksamkeit^ weil die Figur 
deutlich den Schlafgott Hypnos darstellt, ganz Ähnlich den bisher bekannten 
gröfseren Darstellungen (s. meine antiken Bildwerke in Madrid S. 66 ff.). Beauliea 
erw&hnt daselbst noch einer andern ahnlichen Figur aus Cbran (oder Qrand) im 
Yogesen^Departement. 



Römisolie Alierthümer in Lotbringen 161 

Die Sammlung übertrifft zanachst an Umfang die Trierischen (in 
der Porta Nigra und in der Bibliothek). Ausserdem überwiegen dort, 
wie bekannt, die Denkmäler aus spätester Zeit, aus dem vierten und 
fünften Jahrhundert^ die ja eine Zeit des Glanzes fElr Trier waren, 
besonders christliche Inschriften; aus der älteren Zeit hat sich ausser 
der Porta Nigra selbst (die ich, nebenher bemerkt, an meinen 
früheren Auseinandersetzungen festhaltend % fortfahre fOr ein Bau- 
werk aus der Oründungszeit der Stadt durch Claudius zu halten, 
ehe meine Ansicht nicht durch Beweise widerlegt ist) verhältnissmäs- 
sig wenig daselbst erhalten. Die Stadt der Mediomatriker Divodurum 
(erst spät Metiy Metti oder Mettis genannt, wie Rheims statt seines 
alten Namens Durocartarum später Bemi hiess — daher die modernen 
Namen beider Städte >) ) scheint ihre höchste Blüthe in früherer Zeit 
gehabt zu haben, d. h. etwa im zweiten und dritten Jahrhundert. Auf 
diese Zeit, die Epoche von Traian etwa bis auf Caracalla, aus welcher 
ja die gröMe Masse der uns inschriftlich erhaltenen Denkmäler fast 
aller Gegenden des römischen Seiches überhaupt stammt, weist der 
Schriftcharakter der meisten der in Metz erhaltenen inschriftlichen 
Drakmäler deutlich hin. Die inschriftlichen Denkmäler aber an sich 
sind, trotz ihrer nicht unbedeutenden Anzahl (sie stammen freilich 
keineswc^ blo& aus der Stadt Metz selbst, sondern aus dem ganzen 
früheren Moseldepärtement), in ihrer Gesammtheit nicht hervorragend, 
obgleich sie manche lehrreichen Einzelheiten bieten. Ich bemerkte z. B. 
zwei grölte längliche Steinblöcke, die ich nach der Aehnlichkeit mit 
einer ganzen Anzahl gleichartiger früher einmal von mir zusammen- 
stellter Werkstücke aus anderen römischen Städten % z. B. den gal- 
lischen Arelate, Lugudunum und Nemausus, fär Sitzstufen eines 
Theaters oder Amphitheaters halte, mit Au£3chriften, welche wahr- 
scheinlich den festen Platz von Körperschaften bei den öfiientlichen 
Spielen angaben. Auf dem einen (in rother Farbe mit Nr. 65 be- 
zeichnet) steht deutlich in der schmalen und länglichen Schrift etwa 
des zweiten Jahrhunderts : 

HOliTORES 

auf dem anderen (Nr. 66): 
TRIM// 

1) In den Monatsberichten der Berliner Akademie von 1864 S. 94 ff. 
* *) Vgl. Böoking zar Notit. ooc. S. 256. 

*) In der Abbandlang iseriziani esiHenti sni sedilt di teatri ed anfUeatri 
a0U%ehi in den ÄrmaU von 1856 S. 52 ff. mit dem Naobtrag Annali 1859 S. 122 ff. 

11 



192 Römitehe Alterthümer in Lotbringen 

Die erste Inschrift bedeutet unzweifelhaft holli]tor€8\ die aspirier- 
ten Formen holus und holitores^ forum hoUtcrtum sind als die älteren 
und besseren auch sonst hinreichend bezeugt. Dass die Gärtner und 
Grankramhändler, welche in Rom am 19. August das alte Fest der 
vmaiia rustiea feierten ^), auch in den römischen Gemeinden in den 
Provinzen eine Zunft oder Genossenschaft bildeten, wie die meisten 
anderen Gewerke, ist zwar nicht direct bezeugt, aber durchaus 
wahrscheinlich. ^ Ein paar ansehnliche Grabsteine von holüores haben 
sich in Rom erhalten, einer aus republicanischer oder augustischer Zeit'), 
der andere wohl nicht viel jünger, bei Marini Arv. S. 529 = Oreil. 
2861 ^). In Nimes hatten z. B. die nautae Bhodanici d Ararid einen 
festen Platz im Amphitheater. Dass es in Metz ganz ähnliche Körper- 
schaften gab, zeigt eine schon im Jahr 1523 gefundene jetzt nicht 
mehr vorhandene Inschrift. Aus der Metzer Chronik des 1526 verstor- 
benen Philipp de VigneuUes ist sie in der bibliathSque de Vicdle des 
ehartes (Serie 1 Bd. 5 S. 543) mitgetheilt und scheint acht zu sein, 
da sie aus unverdächtiger Quelle stammt und die Ergänzutagen sich 
von selbst ergeben. Sie lautet : M. Publicio See[un]dano nauiarum Mo- 
8dttieor(um) liber(to) tabtdarioy 8evi(ro) AugustcUL Der Mann fdhrt 
nach bekannter Sitte den Namen Publicius als Freigelassener des pu- 
blict4m der nautae. Auch das Vorkommen verschiedener viei auf den 
in Metz gefundenen Inschriften, eines vicus Honoris ^) und eines vicus 
Paeis *), einer Wasserleitung mit piscina^ eamptis und nyn^haeum «) 
deutet auf die reiche Entwickelung des bürgerlichen Lebens hin. Eine 
Inschrift bei Schöpflin'') nennt einen eaiglarius, d. i. cdigtdarius. Alle 
übrigen Metzer Inschriften mit Handwerksbezeichnungen ^) sind Boissard- 
sehe Fälschungen. Der andere Stein enthielt vielleicht den Namen 
einer benachbarten Gemeinde ; wie in Lyon die Arverni, die Bituriges 



^) Ygl. Mommsen^B Gommentar zum römisclien Calender G. I. L. I S. 400. 

») C. I. L. I 1057. 

*) In der britannischen Inschrift ans Isca G. I. L. YII 106 (ygl. die 
Addenda) habe ich hoUtorea neben den Yeteranen yermathet; vgl. Mommsen im 
Hen^Bs 7 S. 898. 

*) Auf der Inschrift Taf. 8 Fig. 1—3 in dem S. 168 Anm. 1 genannten 
Werk von Bobert. 

') Auf dem Matronenstein bei Gmter 92, 1. 

'} In der Anm. 4 genannten Inschrift und der Inschrift des Mnsenms Nr. 7. 

') Alsat. 1, 468. 

«) Orut. 641, 1. 2. 648, 1. 648, 6. 



Bdmiaohe Alterthümer in Lothringen 168 

Gabi, die Triboci oder Tricassi dergleichen feste Plätze im Amphi- 
theater hatten. Auf den Inschriften der Stadt selbst oder der Um- 
gebung kommen vor die vkani SöHnuxriacenses (in Soulosse)^ deren 
Inschriften gröiSsten Theils in das Museum von Epinai gekommen zu 
sein scheinen, die vicani Maroscdlenses (in Marsäl), der Genius der 
Leuci u. a. Ein Altar der Roma und des Augustus scheint in Metz 
gewesen zu sein; und das spricht für Plätze auch auswärtiger Ge- 
meinden oder Körperschaften, welche nach Augustus' Bestimmungen 
in den Provinzialhauptstädten zu gemeinsamen Festen und Versamm- 
lungen {concüia) um den Altar der Staatsgottheiten zusammen zu 
Kommen pflegten. Auf einem von zwei Seiten mit Inschriften versehe- 
nen Stein in dem Keller des alten hotd du grand S, Christophe, rue" 
de la Ute d^ar Nr. 14, den ich nur aus einer Copie de Saulcy's kenne, 
kommt ein 8aeerd(os) Itom(ae) ei Aug(usU) vor, welchen man doch aller 
Wahrscheinlichkeit nach als nach Metz selbst gehörend zu betrachten 
hat Ob aus dem Fundort sich etwas ergiebt für die ursprüngliche 
Verwendung jener beiden Steine mit hciitores und Trim . . . vermag 
ich nicht anzugeben. 

Der Beachtung besonders werth jedoch sind die zahkeichen Re- 
liefs, welche sich auf den Altären und Grabsteinen befinden. Von ihrem 
Kunstwerth darf man sich allerdings keine hohe Vorstellung machen; 
die meisten sind roh und flüchtig gearbeitet, die besseren zeigen die 
auch den handwerksmälbigen Leistungen aller Epochen einer reich aus- 
gebildeten Kunstthätigkeit eigene Sicherheit und Einfachheit der Be- 
handlung. Nur von der einen Klasse dieser Denkmäler, den Altären mit 

ä 

Weihinschriften, giebt die äusserst sorgfältige und geschmackvolle Ar- 
beit des Hm. Robert^) eine klare Vorstellung. Die Reliefbilder von 
allerlei Gottheiten (wie z. B. Roberts Taf. 3 Fig. 4—10 zeigen) bieten 
jedoch der Mehrzahl nach kein hervorragendes Interesse; abgesehen 
etwa von den Eponabildem (bei Robert Taf. 1 Fig. 4 und 6), welche die 
Göttin reitend oder zwischen zwei Pferden stehend darstellen. Merkwür- 
diger schon ist ein Stein des Museums (bezeichnet Nr. 64, roth 13), der 
in einer nischenartigen Vertiefung eine Anzahl von Gladiatoren zeigt; er 



^} Epigraphie de la MoaeUe, Müde par Charles Bohert, carrespondant de 
Vlhetiiu^ (Academie des inscriptions et helles lettres), membre de la Sociäh des 
aniiguaires de France, Bim, Ä. Lhvi editeur. 1869, Fol. Es liegt bisher nur 
Tor die erste Lieferang, 5 Bogen Text and S vorzügliche Tafeln, in der Art wie 
die schönen Facsimile's Boissieas in dem Werk über die Lyoner Inschriften 
ansgefahrt {photogra/owre Bujardin). 



\ 



I 



1^ 






V 



[5. 



%' 



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!•../• 



i^N- 



\ 



164 Römiacbe Aliertbümer in Lothringen 

erinnert an die im Trierer Amphitheater gefundenen Gladiatorenreliefs 
und bestätigt gewisser Mafeen die Deutung der oben gegebenen In- 
schriften auf Sitzstufenaufschriften eines Amphitheaters. Ob und wie 
der Stein mit dem Relief an einem Amphitheater selbst angebracht war 
oder nur die Erinnerung an Oladiatorenspiele bewahrt, die ja oft ge- 
nug auch in vorübergehend errichteten Gebäuden aus Holz g^eben 
wurden, ist hierfür gleichgültig. 

Ein Kriegerdenkmal ist mir femer aufgefallen (Nr. 117): es 
enthält die so oft wiederkehrende Vorstellung eines Reiters mit run- 
dem Schild, der den unten liegenden Feind niedei^eritten hat Die 
dazu gehörige Inschrift, welche unzweifelhaft Auskunft über den Trup- 
pentheil gab, zu welchem der dargestellte Reiter gehörte, scheint zu 
fehlen. An solchen Denkmälern aber sind, neben der Mainzer Sammlung, 
welcher auch hierin ja der Preis vielleicht vor allen Museen der Welt 
gebührt, schon die von Bonn und Köln reicher als die Metzer Samm- 
lung. Dass Metz, seitdem es römische Provinzialstadt geworden, ein 
militärisch wichtiger Platz war und eine Garnison hatte, ist bei seiner 
herrschenden Lage am Zusammenfiuss d^r Mosel und Seille an sieh 
nicht unwahrscheinlich, aber so viel ich sehe, nicht erweislich. Die 
Inschriften eines beneficiarius des Legaten der 22. Legion, (bei Robert 
Tafel 1 Figur 5) und einiger Veteranen der 20. und der 22. Le- 
gion beweisen dafür nichts; Dedicationen von Soldaten an verschie- 
dene Gottheiten kommen auch in den kleineren Ortschaften der Gegend 
vor. Jene Metzer Soldateninschriften sind zuletzt in einer kleinen Ab- 
handlung von dem verstorbenen K Klein in Mainz, die in den Jf<^ 
moires der Metzer Akademie, von 1857/8 erschienen ist, nach den französi- 
schen Quellen mitgetheilt ^). Die ebenda behandelten Inschriften Nr. 1 <) 
Nr. 2 >) und 3 ^) sind dagegen Fälschungen Boissards, ebenso wie eine 
von Klein selbst verworfene *). Sie steht schon bei Orelli «) ; Gruter 
hatte sie von Boissard und schon Maffei '') hat sie mit Recht verdammt ; 
wie denn überhaupt die Boi^sard'schen Fälschungen in Metz' viel Un- 
heil gestiftet haben : hat er doch unter anderem auch eine Oberdruidin 



^) Unter Nr. 4 und 6. 
') Im MuBeum Kr. SO. 
'^ *) Qrnt. 668, 10, die ich im Mnseam nicht bemerkt habe. 

^) Im Haas des Baron Marcband. 
•) Nr. 6, im Museum Nr. 28. •) Nr. 2908. 

\^f^ ') In der Ars crit lapid. S. 351. 



^ 



Bömisohe Alterthömer in Lothringen 165 

mit Namen Arete, da ja diese Priesterinnen die Tagend selbst waren, 
erfanden 0- ^i^t die zwischen den Jahren 411 und 413 aalgeschrie- 
bene Notitia ^) setzt sub disposiHone viri ülustris magistri pedüum 
praesentaUs eine der seinen Befehlen unterstehenden legianes pseudoco- 
mUalenses, A\% prima FUma^ nach Met%s\ das ist zugleich das älteste 
Zeagniss für den jüngeren Namen. der Stadt Wahrscheinlich aber be- 
fiind sich in Metz als dem Ereuzungspunkt mehrerer Stra&en (Mei- 
lensteine des Tiberius und Nerva sind in den Umgebungen gefunden 
worden), ebenso wie in der römischen Station ad Confiuentes am Zu- 
sammenfloss von Mosel und Rhein ^); eine Zollstation. In einer der 
Inschriften von Metz^) wird, wofern die Lesung sicher ist, ein pre- 
f{ectu$) sM(ionis) q(uadragesimae) G(äUiaruin) genannt, in einer andern ^) 
ein kaiserlicher Sclav servus vema dispensator a frumento ; in einer 
dritten ^) publid ; d. h. servi publiciy Angestellte irgend einer Behörde. 
Aach die Häufigkeit der Dedicationen in hmorem domus Augustae 
oder divinae (ich zähle deren ein halbes Dutzend) und das Vorkom- 
men von Augustalen '') spricht für den Sitz einer kaiserlichen Behörde. 
Die Bedeutung der Metzer Sammlung liegt aber nicht vorwiegend 
in diesen, wie gesagt, vereinzelten und nur schwer zu einem in sich 
zasammenhängenden Bilde zu vereinigenden inschriftUchen Zeugnissen. 
Sie liegt vielmehr in dem mannigfachen bildlichen Schmuck, welchen 
die begüterten bürgerlichen Bewohner von Metz und den die Stadt 
umgebenden Ortschaften auf ihren Grabsteinen angebracht haben. 
Darin zeigen sich nämlich die Verstorbenen in kunstloser, aber naiver 
und zuweilen offenbar höchst wahrer Darstellung abgebildet, in der 
Tracht des täglichen Lebens, mit den Geräthen oder Abzeichen ihres 
Berufs oder ihrer häuslichen und bürgerlichen Beschäftigungen. Die 
Sitte 3olche Darstellungen der Verstorbenen auf Grabsteinen zu geben, 



1) Grat. 62, 9 == OrelL 2200. 

*) Vgl. 0. SeecVs quaestionea de notitia dignitatunif Berlin 1872, 8. S. 11 £ 

') YgL diese Jahrbüoher 42, 1867 S. 48 und meine Bemerkung in der 
arcbäol. Zeitang 1872 S. 76. Ich habe daselbst darauf hingewiesen, dass die im 
Jahrbuch 50. 51, 1871 S. 295 von Eliester mitgetheilte neue Goblenzer Inschrift 
das erste vollgültige Zeugniss für die dort an der Kreuzung der vier Strarsen 
einst befindliche römische Zollstation enth&lt. 

*) Orelli 4965; gesehen habe ich sie nichi 

•) OreUi 895. 

*) Im Museum, ohne Nummer, gefunden in der rue de la tete d>or, 

^) Oben S. 162 Anm. 4 und auf einigen anderen Inschriflen. 



166 Römisohe Alterihümer in Lothringen 

geht ja, wie bekannt, auf die griechischen, besonders attischen Muster 
zurück, wie sie in jüngster Zeit in immer grö&erer FttUe und Mannig- 
faltigkeit bekannt geworden sind. Ganz fehlen mehr oder weniger ge- 
lungene Anwendungen solches Bildschmuckes auf den Gräbern wohl in 
fast keiner Stadt des römischen Reiches ; und auch diese vereinzelten 
Exemplare verdienen mehr Beachtung als sie bisher gefunden haben. 
Wo sie aber so häufig gefunden werden, wie in den Moselgegenden, 
und durch glückliche Zufälle oder sorglichen SammlerfleiTs in Museen 
vereinigt sind; da bieten sie in der That annähernd ein Bild der unter- 
gegangenen römischen Cultur, wie es keine Beschreibung in Worten 
erreicht. Auch in unseren rheinischen Sammlungen fehlt es nicht an 
dergleichen Bildwerken ; unter den mannigfaltigen, zum grö&eren Theil 
mythologischen Reliefs des gröfsten und berühmtesten aller Grab- 
denkmäler der Mosellande, des Igeler Steins, sind einige von derselben 
Art ^). Noch jüngst sind unter den an der Coblenzer Moselbrücke auf- 
geschichteten Sculpturstücken solche Darstellungen zum Vorschein ge- 
kommen '). Einen annähernden Begriff von der Fülle dieser Denk- 
male im Moselland — aber auch nur von ihrer FüUei nicht von 
ihrer Eigenart — geben die Zeichnungen Wiltheims zu seinen ja 
auch viel Lothringisches enthaltenden Luciliburgensia^ welche frei- 
lich in den Lithographieen der im übrigen ja sehr verdienstlichen Pu- 
blication von Neyen {Alex, Wüthemi S. L Lucüiburgensia sive Luxem- 
hurgum Ramanum . , . ab Alex. Neyen edüum, Luxemburg 1842, 4.) 
jede Spur von Treue verloren haben. Leider ist der gröHste Theil 
dieser noch im siebzehnten Jahrhundert vorhandenen Steine, y^e es 
scheint, jetzt verschwunden, so dass man dafür allein auf Wiltheim 
angewiesen bleibt ; umsomehr würden seine Abbildungen der verlorenen 
Steine eine Facsimilierung nach dem in Luxemburg in Besitz der dor- 
tigen antiquarischen Gesellschaft befindlichen Original Wiltheims verdie- 
nen ^). Man sieht da, um nur einiges hervorzuheben, abgesehen von 

^} Anf den sehr unzulängliohcn Abbildungen von Osterwald und Sohmidt, 
um von den übrigen gan? wiUkürlichen zu schweigen, erkennt man sie freüioh 
kaum in ihrer Bedeutung, welche besonders in der sorgfaltigen Ausführung aller 
Details besteht. Besonders merkwürdig sind die genauen Darstellungen der ein- 
heimischen Fuhrwerke^ die ja zu den uralten nationalen Erfindungen der Gal- 
lier gehören. Die übrigen Scenen aus dem Leben des Verstorbenen harren noch, 
wie das ganze Denkmal, einer würdigen Abbildung und eingehenden Deutung. 

») Jahrb. 42, 1867 Taf. IV Fig. 76- 

*) Ich verweise auf die Darstellungen Tal 8, 6. 4, 7. 8. 9, 9. 10. 11. O, 12. 
la. 9Z, 81. 26, 94. 81, 114. 84, 180. 86, 188. 87, 189. 88, 142. 148. 






Römiflohe Altorthümer in Lotfaringen 107 

den einfachen Bildnissen (und ohne Berücksichtigung einzehier christ- 
licher Darstellungen), wofern den Abbildungen zu trauen ist, häusliche 
Sctoen vorgestellt, wie Mahlzeiten^), Lectflre') und Toilette'). Fer- 
ner die Thätigkeiten def^Ackerbestellung ^), der Walkerei oder Färberei, 
wie es scheint ^), der Waarenverpackung und besonders häufig des Trans- 
ports in Fuhrwerken '), sowie des Verkehrs in Kaufläden ''), wobei die 
Weinfässer nicht selten sind. Eine Anzahl von wahrscheinlich auch 
auf ähnliche Dmge bezüglichen Darstellungen bleibt bei der Beschaffen- 
heit der Abbildungen mir wenigstens unklar ®). Von den nicht in Metz 
selbst, sondern in den umliegenden vki gefundenen ganz ähnlichen 
Steinen hat Beaulieu einige recht gute Abbildungen gegeben ^), die 
bis jetzt am besten den Charakter jener Darstellungen vergegenwär- 
tigen. Unter den Orabsteinen von Solimariaca (oder Solimariatum, 
Soulosse), meist ganz rohen Darstellungen der Verstorbenen ^^), ist 
zuerst bemerkenswerth der obere Theil eines Beliefs, welches zwei 
Männer in einer Nische darstellt, welche groflse Blasinstrumente zu 
tragen scheinen ^0. Von besserer Arbeit schon ist ein anderes Belief 
eben daher ^^), mit der einfachen Aufischrift Martdlo Satumim f(%lio). 



48, 158. 44, 160. 161. 45, 165. 166. 49, 180. 51, 192. 56, 216. 57, 222. 
59, 232—234. 60, 235 61, 245. 65, 273. 66, 282—284. 67, 285—288. 
68, 289. 290. 69, 291. 292. 294. 76, 295. 71, 800. 301. 78, 303-305. 
84, 367. 368. 90, 414. 417. 94, 456. 95, 458. 459. 468. 98, 475—478. 
Das sind im gsiizen über 60 Bildwerke dieser Art. 

1) Taf. 45, 165. 57, 222. 69, 291. 292. 

») Taf. 70, 295. ») Taf. 46, 167. 

*) Taf. 8, 6. 67, 286. 288. <») Taf. 6, 12. 18. 84, 367. 

«) Taf. 45, 166. 67, 287. 71, 301. 72, 803-306. 

') Taf. 4, 7. 8. 5, 9. 10. 88, 112. 48, 158. 

") Taf. 59, 232-234 und 60, 285. 61, 245. 

») Bd. 1 Taf. 2 Fig. 1—9, Taf. 3 Fig. 1. 2. 3, Taf. 4 Fig. 11, and be- 
sonders Tai 5 Fig. 1 und 2; Bd. 2 Taf. 2 Fig. 1. Anderer Art dagegen scheint 
das im buüetin der Soeiiti des cmtiquaires de France 1865 auf der Tafel su 
S. 54 ff. abgebildete Belief des Meteer Museums aus Betting zu sein. Dort er- 
scheint namüoh die traditioneUe Figur des Pädagogen, wie es scheint, mit fünf 
Epheben in griechischer Tracht, deren einer einen Hahn tragt. Das Relief bildet 
die Basis einer Statue, von der nur ein Fafs noch übrig ist. Wahrscheinlich 
war es eine Statue des Merour und kein Grabmonument, wie Hr. Dr. Bluih6- 
lemy, der Herausgeber, meint. 

><») Bei Beauliett 1 Taf. 2 Fig. 1 bis 9. 

") Taf. 2 Fig. 13. ^«) Taf. 5 Fig. 2. 



168 



RömiBehe Alterthimer in Lothringen 



»/: 



Zwei Männer sind darauf dargestellt, nebeneinanderstehend; beide tra- 
gen matzen&hnliche püei, wie sie Bürger und Bauern jener nördlichen 
Gegenden auch sonst zu tragen pflegen. Bekleidet sind sie ndt Ober 
die Knie hinabreichender Tunica und Lacema oder Paenula (die Dar- 
stellung lässt den Schnitt des Mantels nicht mit voller Sicherheit er- 
kennen)« Der rechts vom Beschauer stehende ist bartlos; er hält in 
der Lmken vor sich eine groüse beilartige Hacke ; mit der Rechten 
greift er nach dem Beutel, den der rechts stehende bärtige Mann in 
der Rechten hält In der Linken hält dieser ganz ebenso wie der jün- 
gere ein Werkzeug, die bekannte Steinhacke (ascia). Der Beutel findet 
sich, wie schon Beaulieu bemerkt hat, fast regelmäHsig in den Händen 
der Verstorbenen ^ ; er scheint kaum den kaufmännischen Berufi viel- 
leicht nur den Besitz Oberhaupt anzudeuten und mag mit der vielbe- 
zeugten Vorstellung von dem Reisegeld, das der Verstorbene mit auf 
den Weg nahm, in Verbindung zu bringen sein. Nicht selten halten 
die Verstorbenen auch Eästchen, Flaschen oder Trinkgefäite in den 
Händen. So hält eine Frau des Namens lassia auf einem schönen 
Steip aus Solimariacum im Museum zu Metz') eine kleine lYinkschale; 
ein Mann, Regultis Beb(ur)rici % in der Rechten einen Becher, in der 
Linken eine gro&e Börse mit Ringen und Quasten. Auf seiner Tunica 
sollen sich deutliche Spuren rother Bemalung erhalten haben ^) ; dass 
auch auf diesen rohen Bildwerken Bemalung angewendet wurde, ist 
an sich keineswegs unwahrscheinlich. Ein alter Mann auf einem Grab- 
stein aus Scarpone im Museum zu Nancy ^) trägt in der Rechten eine 
an drei Ketten hängende Lampe, die ihm vielleicht den dunkeln Weg 
des Todes erhellen sollte; mit der Linken stützt er sich auf einen 
Stock. Auch Werkzeuge in den Händen der Verstorbenen sind nicht 
selten. So hält z. B. auf einem anderen Grabrelief aus Soulosse im 
Museum von Epinal*) die links stehende Frau einen Beutel, den der 
Mann rechts mit der Rechten oben anfasst, während er in der Linken 
eine messeraitige Hacke hält. Was diese Werkzeuge bedeuten ist nicht 
klar; ich bin geneigt ihnen keinen andern Sinn unterzulegen als den 
bekannten der ascm auf den Grabsteinen, dass nämlich das Grabmal 



1) Z. B. auf dem daneben, Taf. 6 Fig. 1 abgebildeten Relief iweier Halb- 
figoren von Kindern, wie es soheint. 

«) Taf. 8 Fig. 2. •) Taf. 3 Fig. 3. 

«) Beanüen 1 S. 216. «) Beanliea 2 Taf. 2 Fig. 1. 

f) Taf. 4 Fig. 11. 



Römisehe Alterihfimer in Lothringen 169 

für den Verstorbenen von Steinmetz neu hergestellt, gleichsam frisch 
von der Hacke weg in Benutzung genommen worden sei ^. Auf einem 
andern dieser Steine von Soulosse, der sich ebenfalls in Metz befindet, 
sieht man in einer Nische, welche das Dach des Hauses andeutet, 
rechts von einem kleinen Basament den Verstorbehen, wahrscheinlich 
einen Kaufmann, bekleidet mit kurzer Tunica und die Lacema um 
die Schultern geworfen. Das Basament bedeutet wohl seinen Laden- 
tisch. Er hält in der Rechten eine Wagschale, in deren eine Schale er 
mit der Linken etwas hinein zu legen scheint; wohl dieWaare, die er 
zuwiegen will. Auf dem Tisch steht ein Kästchen mit emem, wie es 
scheint, kugelförmigen Knopf. Links vom Tisch steht eine Frau in 
langem Untergewand, über welche die weite Paenula gelegt ist ; sie 
hUt in der Rechten einen Gegenstand, der allenfalls für einen Beutel 
gehalten werden könnte. Vielleicht stellt sie eine Käuferin vor; viel- 
leicht auch nur die Frau des Verstorbenen. Auf den Seiten sind archi- 
tektonische Ornamente von Weinlaub, an den Seiten des Giebels kleine 
Köpfe als Akroterien angebracht. Die Inschrift, welche unzweifelhaft 
einst auf der Basis des Steins befindlich war^ fehlt ; es ist jedoch nicht 
mit Sicherheit vorauszusetzen^ dass sie von dem besonderen Beruf des 
Verstorbenen Nachricht gegeben habe. Denn meist enthalten die sehr 
kurz ge&ssten Grabschriften der älteren römischen Sitte entsprechend 
weiter nichts als die Namen der Verstorbenen. Auch ein etwa hinzuge- 
fagtes negotiator würde das Verständniss des Bildwerks nicht beson- 
ders gefördert haben ; man ttberliess es eben dem Bildwerk allein durch 
den Augenschein im Gedächtniss zu bewahren und zu lehren, was der 
Verstorbene im Leben gewesen. Von den* übrigen zahlreichen Darstel- 
lungen ähnlicher Art gebe ich keine Beschreibung, da dieselbe ohne 
Abbildungen, welche ich nicht zu bieten vermag, doch nicht viel nützen 
würde. Es ist ja überhaupt nur der Zweck dieser Zeilen auf eine 
ganze Klasse bisher nicht gehörig beachteter Denkmäler die Aufmerk- 
samkeit zu lenken. Durch die weit verbreitete Technik der Photogra- 
phie (selbst die kleinste Provinzialstadt hat ja jetzt ihren Photogra- 
phen), die so viel Unnützes abconterfeit, wäre es leicht genug, der- 
gleichen Denkmäler wenigstens vorläufig bekannt zu machen und da- 
mit der Wissenschaft wahrhaft zu nützen. Eine genügende Abbildung 
ersetzt freilich auch hierfür die Photographie nicht; aber auf Grund- 



1) Vgl. meine Bemerknngen in diesen Jahrb. Heft 87, 1864 S. 161. 
^ Bei Beanlien I Taf. 8 Fig. 1. 



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1^: 



170 ROTiifoba Alierikömer in Lotitringwi 

läge einer photographischen Aufnahme wird jeder einiger Massen 
tüchtige Zeichner, allerdings nur unter der verständnissvolien Anlei- 
tung eines Archäologen, eine so vollkommene Darstellung liefern kön- 
nen, als sie überhaupt nur verlangt werden kann. Als solcher Publi- 
cationen durchaus würdig bezeichne ich im Metzer Museum ausserdem 
in erster Linie die Steine Nr. 25, 37, 53, 93 und 98, alle so zu sagen 
Genrebilder des römischen Lebens aufweisend; doch ist damit der 
Vorrath des bemerkenswerthen noch keineswegs erschöpft. Selbst Otto 
Jahn, dessen Scharfblick und umfassender Denkmäler- und Bücher- 
kenntniss so leicht nichts entging, hat in seinen lehrreichen Aufsätzen 
über die Darstellungen von Handwerk und Handelsverkehr in der an- 
tiken Kunst von diesen uns räumlich so viel näher liegenden Quellen 
als die italienischen und griechischen Denkmäler, vielleicht weil die 
Wiltheim'schen Tafeln ihm zu unzuverlässig schienen, keine Notiz 
genommen. Es wäre eine höchst dankenswerthe Aufgabe für die ge- 
lehrten Vereine in jenen Gegenden und für den patriotischen Eifsr 
ihrer Mitglieder, die Auffindung, Aufbewahrung und Veröffentlichung 
dieser Denkmälerklasse in systematischer Weise in Angriff zu nehmen, 
was ja nur von den nächstgelegenen Pflegstätten antiquarischer Stu- 
dien aus erfolgreich geschehen kann. Selbst der unscheinbarste und 
roheste Grabstein, von dem sich der nur das Schöne und dem Auge 
Gefällige in der antiken Kunst aufsuchende Blick mit Verachtung ab- 
wendet, gewinnt in der Verbindung mit gleichartigen Denkmälern und 
in seiner Beziehung zu der nächsten lokalen Umgebung Wichtigkeit 
und Interesse ; mind^tens so viel Berücksichtigung wie die kunst- 
losesten Producte des Töpfer- oder Glaserhandwerks oder die einfach- 
sten Erzgeräthe, welche man ja, und mit Recht, überall eifrig sammelt 
und sorgfältig aufbewahrt, verdienen doch jene Grabsteine zum min- 
desten auch. 

Die, wie bemerkt, im obem Stockwerk des Metzer Museums auf- 
gestellten kleineren Alterthümer habe ich ebenfalls nur flüchtig durch- 
sehen können. Vor allem fiel mir darunter eine bronzene Helmmaske 



^) 0. Jahn DanieUangen antiker Reliefs, welche sieh auf Handwerk und 
HandelBverkehr beziehen, in den Berichten der hist. Glasse der Sachfi. Gesell- 
schafb der Wissenschaften von 1861 S. 291 ff. Dazu desselben Darstellungen 
des Handwerks und Handelsverkehrs auf Yasenbildem, in denselben Berichten 
1867 S. 76 ff. und über Darstellungen des Handwerks und Handelsverkehrs auf 
antiken Wandgemälden in den Abhandlungen der S&chs. Gesellschaft der Wis- 
tensohaften philol. histor. Klasse Bd. Y 1868 S. 265 ff. 



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Bömische Alterthümer in Lothriogen 171 

auf, d. h. das Vordertheil eines HelmS; welches des Gesicht bedeckte, 
genau in den Formen des menschlichen Gesichts, mit offenen Augen- 
höhlen, Nasenlöchern und Mund. Ob diese Art Helme wirklich ge- 
tragen worden sind oder welchen Zweck sie sonst hatten, ist meines 
Wissens unbekannt. Einen ganz ähnlichen von prachtvoller Arbeit, in 
Bibchester (Lancashire) in England gefunden, besitzt das brittische Mu- 
seum >) ; ein zweiter ist in Nordschleswig gefunden worden und in 
Engelhardts Werk abgebildet. Neuerdings ist ein ähnlicher im Rheingau 
zum Vorschein gekommen und in das Mainzer Museum gelangt, wo 
ich ihn im vorigen Herbste luiter Herrn lindenschmits sachverstän- 
digen Händen sah. Auch in Etrurien kommen ähnliche Helme mit Ge- 
sichtsmasken vor, wie z. B. der im Museo Etrusco Gregoriano 1 Taf. 
21, 2 abgebildete. 



^) Earze Notiz darüber habe ich in der arohäol. Zeitung 27, 1871 S. 90 
gegfeben. Ediert ist er in den Yetasta monumenta Bd. 4 (London 1815 FoL) 
Taf. 1 — 4. Townley, der ihn besars, hat eine mystische Erklärung dazu geliefert. 
Das Gesicht ssbeint das einer Minerva zu sein; das vordere Stirnband bildet 
ein diademartiger Kranz von Befestigungen, eine Corona murälis, geschmückt 
mit Victorien, Tritonen' und Gonienköpfen. Den ganzen Helmkopf bedecken Re- 
liefcr, welche Kämpfe zwischen Römern und Britten darzustellen scheinen. Der 
Helm ist lOVj Zoll hoch; Townley vergleicht der vortrefiflichen Arbeit wegen 
mit Recht die in Pompeji gefundenen Gladiatorenhelme, denen der Londoner 
Helm auch der Zeit nach nahe steht; denn er gehört unzweifelhaft dem ersten 
Jahrhundert an. 

Berlin, Juni 1873. 

E. Hüb n er. 



6. Römische Inschriften aus Rohr bei Blankenheim und aus Bonn. 



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1^ 



^¥' 



Bereits im vorigen (52.) Hefte unserer Jahrbücher S. 175 haben 
wir die vorläufige Nachricht gebracht, dass beim Abtragen der bau- 
fäUigen Kirche zu Rohr im Frühjahr 1872 zwei römische Inschriften 
gefunden worden seien. Beide Inschriftsteine sind seitdem nebst einem 
inschriftlosen Steine, welcher die Figur eines Mannes en haut relief 
in einer Nische trägt, vom Vorstände des Vereines erworben und mit 
nicht unbeträchtlichen Kosten hierhin befördert worden. Aus den uns 
vorliegenden Fundberichten des Hm. Pastor Schönhuth von Rohr d. d. 
16. Juni 1872 und des Hm. Rector Dr. Pohl in Linz vom 3. Jan. 1873, 
so wie des Kreisbaumeisters Hrn. Schütte heben wir hervor, dass der 
dem Mercurius geweihte Altar, so wie der mit dem Bilde versehene 
Sandstein in einem der äusseren Strebepfeiler in der Weise einge- 
mauert lagen, dass die Inschrift-, resp. Bildseite nach innen gekehrt 
war. Die Verstümmelung des letztern Steines rührt nach Hm. Schön- 
huths Bericht daher, dass die Maurer denselben zum Behufe des Auf- 
legens auf einen andern flachen Stein zurecht hauen mussten. Den 
dritten Stein mit der Matroneninschrift fand Hr. Dr. Pohl am 20. Sept. 
1872 auf dem Kirchhofe zu Rohr unter den noch umherliegenden Stein- 
haufen. Durch seine Güte erhielt ich von beiden Inschriften Papierab- 
klatsche mit sorgfältigen Notizen und der freundschaftlichen Auffor- 
demng, die Veröffentlichung derselben selbst in die Hand zu nehmen. 



. * ; 






1. 



Der Altar, von dem nur der obere Theil erhalten ist, aus grau- 
gelben Sandstein, ist 0,48 m. breit, 0,48 m. breit, 0,40 m. hoch und 
0,22 m. dick. Die Höhe der Buchstaben beträgt 0,05 m. 



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Bömiicbe InBohriften ans Rohr bei Blankenheim und aua Bonn. 178 

MERCVRI 

CHANNINI 

/tili 

Z. 1. Da nach der rechten Seite zu der Rand etwas beschädigt 
ist, so liegt die Vermutbung nahe, dass ein ausgefallen sei, jedoch 
hat eine wiederholte Besichtigung des Steines mich in der Ueberzeu- 
gnng bestärkt, dass für diesen Buchstaben kein Baum vorhanden ge- 
wesen. 

In Z. 2 könnte man auf den ersten Blick in dem Anfangsbuch- 
staben ein vermuthen; bei näherer Betrachtung ergibt sich aber, 
dass die bogenförmige, bis zu M in die 1. Z. hinauf verlängerte Ver- 
tiefung wahrscheinlich beim Reinigen der Buchstaben vom Mörtel durch 
Einritzen unwiUkührlich, oder auch in der nicht ganz ungerechtfertig- 
ten Voraussetzung, dass der Name des Gottes im Dativ stehen mflsse, 
durch Nachhülfe entstanden sei, eine Möglichkeit, welche Hr. Pfarrer 
SchOnhuth dem Hm. Dr. Pohl auch zugab. In dem letzten Buchstaben, 
von dem nur der Rest des Verticalstrichs erhalten ist, erkenne ich 
ein £. Wir haben also hier den seltenen Fall, dass in der Widmung 
der Name des Gottes, anstatt im Dativ, im Genitiv steht, wie bei dem 
Kölner Weihestein des Mercurius Arvemus und einem ganz ähnlichen 
Mercursteine im Antikenkabinet zu Wien '). Andere Beispiele giebt 
Zell in seiner Anleitung zur Kenntniss der röm. Inschriften S. 143. 
Doch beschränkt sich, wie es scheint, dieser Gebrauch auf die Ver- 
bindung mit der Formel SACRVM. £s möchte daher grosse Wahr- 
scheinlichkeit für sich haben, dass in der 3. Zeile, worin nur fünf 
wenig Anhalt bietende Buchstabenreste erhalten sind, ausser der Er- 
gänzung von CHANNINEFATIVM das Wort SACRVM ganz, oder in 
SACR. abgekQrzt gestanden habe. Der abgebrochene Theil des In- 
schriftsteins wird den Namen des Widmenden nebst der gewöhnlichen 
Weiheformel V ' S * L * M enthalten haben. 

Der verstümmelte Votivstein nimmt in mehrfacher Hinsicht unser 
Interesse in Anspmch: er ist der Stammgottheit eines acht germa- 
nischen Volkstammes, der G ann in ef at e n geweiht, welche nach Tacitus 
Hist. IV, 15, »in Herkunft, Sprache, Tapferkeit den Batavern gleich, 



^) S. das Yen. der röm. Alterth. des Mus. Wallraff-RichArs in Köln 
8. 21 Yon Düntser. 

') Vgl. die BesohreibuDg desselben von v. Sacken and Kenner S. 109, 28. 



174 Römische InBohriften tus Rohr bei Blftnkenheim und aue Boan. 

jedoch an Zahl von diesen abertroffen, einen Theil der Batavischen 
Insel bewohnten.« Im Anfange des Aufstandes des Batavers Civilis 
spielten sie unter Anführung Brinnos eine bedeutende Rolle, indem sie 
das Winterlager zweier römischer Gehörten zerstörten und als die 
ersten sich dem Civilis anschlössen. Tacitus nennt Cohorten derselben, 
welche (nach H. IV, 19) von Vitellius nach Italien gef&hrt Wurden, 
so wie (Ann. IV, 73) im frisischen Feldzuge eine ala Canninefatium, 
die der Legio X gemina zu Vetera zugetheilt war. Ueberhanpt schei- 
nen sie in späterer Zeit nur als Reiter gedient zu haben; im daci- 
schen Feldzuge finden wir eine ala zu Vindobona, eine andere zu 
Mainz, der leg. I adiutrix beigegeben ^) ; auf drei Militärdiplomen 
aus der Zeit des Antoninus Plus wird die ala I erwähnt, welche 
auf das Vorhandensein mehrerer Reitergeschwader schliessen lässt. 
Die letzte Erwähnung der Canninefaten findet sich auf einer In- 
schrift aus Volsinü aus der Zeit des Severus Alexander (3. Jahrh. 
nach Chr.)«). 

Kehren wir nach dieser kleinen Abschweifung zu unserer Inschrift 
zurück, so bieten sich zu dem hier zum ersten Mal vorkommenden 
Mercurius Channinefatium, in dem wir den römisch gedeuteten 
Hauptgott der Deutschen W u o t a n zu verstehen haben, in Inschrif- 
ten mehrfache Parallelen besonders von romanisirten Gallischen Gott- 
heiten, wie die des schon obengenannten Mercurius Arvernus oder 
Arvernorum, des Mars Talliatium, Mars Caturix, Albiorix 
u. a., welche Prof. J. Becker in diesen Jahrbb. XXTT, 170 ff. zusam- 
mengestellt hat. 

Es erübrigt uns noch, einiges Über die Schreibweise des Namens 
der Canninefaten zu bemerken, welcher in den Handschriften des Ta- 
citus, Plinius und Velleius Paterculus gewöhnlich CANNINEFATES, 
dagegen in den Inschriften bald CANNJ5NEFATES, bald CANNFN- 
oder CANNINEFATES geschrieben wird. Prof, Becker »), welcher diesen 
Streitpunkt einer besonderen Untersuchung unterworfen hat, ist ztf 
dem Resultate gelangt, dass in den Inschriften die Schreibung Can- 
naneiates die am sichersten beglaubigte sei. Dieses Ergebnisa möchte 
indessen bei der zum Theil onsichem Ueberlieferung der bezüglichen 



^) Bonxu Jahrbb. XV, 101. 

') OrelL 96 und dazu Henzen I. L. III, p. 6, vgl. Völker, d. Freiheitakampf 
der Bataver anter ClaudiaB Civilis, 1. Lief. S. 28. 
>) Bonn. Jahrbb. XY, 101 ff. 



k 



Bdmiflcfae Insohnften aus Bohr bei Blankenheim und am Bonn. 175 

Inschriften durch die abweichende und sich der Tradition in den Hand- 
schriften anschliessende Schreibweise unserer Inschrift, welche, in 
schönen Charakteren eingehauen, ohne Zweifel aus guter Zeit stammt, 
zu modificieren sein, zumal da die Schreibung GAanninef. auch zu der 
Ableitung des Namens, welche J. Grimm ^ und Zeuss ^) versucht ha- 
ben, vortrefPlich stimmt. Beide stellen nämlich den Namen in der Vor- 
aussetzung, dass die Bataver centum durch cannin, cannan ausdrückten, 
mit dem Oothischen ,hundafadeis' zusammen, so dass also der Name 
Hundertmänner (fathes, faths - gomo - homo, Mann) bedeuten 
würde, was in der Germanischen Kriegs- und 'Gauverfassung seinen 
Grand gehabt haben könnte *). Wenn nun J. Grimm zugleich mit Zeuss 
noch das Auffallende hervorhebt, dass man nach dieser Ableitung eigent- 
lich GAanninefates, was sich aber nirgends findet, erwarten müsse, so 
kömmt unsere Inschrift dieser Anforderung auf das Erwünschteste 
entgegen und möchte daher nicht blos die richtige Aussprache des 
fraglichen Volksnamens bieten, sondern auch die richtige Schreibung 
desselben am nächsten reprilsentiren. ^ 

Wir schliessen hieran eine kurze Besprechung des in demselben 
Strebepfeiler gefundenen Bildsteines. Es ist diess ein gelblich weisser 
Sandstein 0,66 met. hoch, 0,41 m. breit und 0,17 m. dick. Die in einer 
Nische in haut-relief befindliche unbekleidete männliche Figur ist, wie 
oben bemerkt, stark beschädigt, besonders an den Unterschenkeln und 
den Füssen, welche letztere fast ganz verschwunden sind; so wie auch 
der untere Theil des Gesichtes fehlt. In der rechten Hand scheint sie 
eine Keule zu halten, ein Attribut, welches auf Hercules zu schliessen 
geeignet wäre, wenn nur die die Löwenhaut nicht fehlte. Ich möchte 
die sehr roh gearbeitete Figur eher für einen Mercur halten, da sie 
mit dem Mercuraltare in näherer Beziehung zu stehen scheint und 
der Gegenstand, den die rechte Hand trug, nach oben so stark her- 
anstritt, dass man möglicher Weise »den Beutek erkennen dürfte. 
Indessen ist von emem » Schlangenstab k (caduceus) in der abwärts ge- 
haltenen Linken nichts mehr zu sehen. 



^) GesoK d. dentschen Sprache 2, 586. 

') Die Deutschen tind die Naohbarsi&mme S. 102 Anm. 

*) 8. Grimm a. a. 0. 491 f. und VöUcer a. a. 0. S. 27. 



BSmiache Inadirift«D miu Bohr b«i ffluakenlimiii und ftoi Bonn. 



MatroneDinschrift in grünem Sandstein, 0,75 m. lang, 0,47 m. 
breit und 0,23 m.' dick. Die Habe der Buchstaben beträgt 0,045 m. 
Der Stein ist auf der rechten und der linken Seite abgeschnitten, so 
das8 sowohl am Ende als am Anfange jeder Zeile venigstens je ein 
Buchstabe fehlen ; am Ende der ersten Zeile so wie am Anfange der- 
selben findet sich ein Bruch, Wodurch ein paar Buchstaben im Namen 
der Matronen verloren gegangen sind. Die Inschrift, deren Buchstaben 
nicht sehr tief und meist verwischt sind, lautet na(^ dem mir vor- 
li^enden Papierabdmck : 

XvTRONISd 
^BVSmCLEM 
TINVS IVSTVS 
IVLIA CINN 
5 V L M 

(Ma)troni3 G(abijabus Clem(en)tinus Justu(3) (et) Jnha CinD(a)(?). 
Votum (solTenmt) lubentes merito. 
Unzweifelhaft ist Z. 1 zu Anfang JlfATROMIS zu ergänzen; 
der darauffolgende Buchstabe ist nicht Hir ein G oder 0, sondern, 
wie das Ektypon zeigt, für ein G anzusehen. Da nun nach der sich 
von selbst ergebenden Er^nzung der in den folgenden Zeilen vorkom- 
menden Xamen am Ende der Zeilen je 1 bis l'/i Bachstabea wegge- 
fallen sind, so werden wir mit Sicherheit zur Annahme gefflhet, dass 
am Schlüsse ein A und am Anfange der 2. Zeile BI oder B' ausser 
dem linken Schenkel des A ausgefallen sei. Kein anderer der wenigen 
mit G beginnenden Matronennamen, weder die Gavadiae noch die 
Guinebae, könnten hier Platz finden, ausser den Gablae, welche im 
westrheinischen Ubierlande auf vier zu Rövenich bei Zflipich gefunde- 
nen, jetzt verlorenen Altären mit Matronae, and einmal in Köln mit 
Innones vorkommen. 

Was die Deutung dieses Beinamens betrifft, so hat man bisher 
&8t allgemein darin keine topische BeneDiiung gefunden, sondern den- 
selben theils mit der deutschen Emtegöttia Fru Gaue (Fra Göde) 
zusammen gestellt, wie Lersch '), oder man hat durch Ableitung von 
der altdeutschen Form des Wortes Gau (gawi, gavi), dessen v in b 



<) Bonn. Jahrbb. II, 127. 



Römiselie Inscbriften aus Rohr bei ßlankenheim nnd ftus Bonn. 177 

übergegangen, die Gabiae als Gaugöttinnen gedeutet, wie ReinO* 
welcher in der Bürgeler Inschrift der Matronae Alagabiae gleich- 
Matronen »aller Gaue« versteht. Die neueste Deutung der M. Gabiae 
von dem Holländer Dr. Kem^) als »Geberinnen von guten Gaben«, 
hat etwas Empfehlendes, doch möchte die uns mündlich von Prof. 
Simrock nütgetheilte Erklärung »die Begabenden« noch vorzuziehen sein, 

■ 

womach die in einer Inschrift als Junones bezeichneten Gabiae als 
die wohlthätigen Feen erscheinen, welche den Neugeborenen besondere 
»Begabungen« zutheilen. 

Z. 2 findet sich hinter dem ausgefallenen S ein Zeichen^ welches 
ohne Zweifel für das als Interpunktion dienende Epheublatt zu halten 
ist Der horizontale Strich des folgenden L ist verwischt, so wie auch 
die 2. Hälfte des M. 

Z. 3 ist es wahrscheinlich, dass hinter IVSTV bloss ein S aus- 
gefallen und mit dem geforderten ET die 4. Zeile begonnen habe. In 
dieser Zeile fällt der etwas nach oben gehende Querstrich des ersten 
Buchstabens in IVLIA auf, so dass man an 7VLIA statt XyLLIA 
denken könnte, jedoch erscheint derselbe bei näherer Betrachtung als 
eine Fortsetzung der oben rechts von dem Buchstaben bemerklichen 
zufälligen Vertiefung. In dem folgenden Namen GINN sind die zwei 
ersten Buchstaben sehr verwischt, so dass die Lesung unsicher bleibt, 
namentlich ob der zweite Buchstabe für ein I oder E zu halten sei. 
Wir entscheiden uns mit Hrn. Dr. Pohl für CJ5NNA, obgleich wir für 
diese mehr einem keltischen Mannesnamen zukommende Form kei- 
nerlei Beleg beizubringen im Stande sind. Die einzig anklingende 
Form findet sich in einer Mainzer Inschrift (Stein, 327), welche einer 
QENIA LINEA GRATA gesetzt ist. Uebrigens möchte die Julia 
Genua als Gattin des Glementinus Justus, dessen ersterer Name auf 
einer Mainzer Inschrift (Br. 1064) vorkommt, zu betrachten sein. 

Z. 5 in der Widmungsformel scheint nach Massgabe der symme- 
trischen Entfernung der erhaltenen 3 Buchstaben V L M das sonst 
regelmässig gebrauchte S(olvit) zu fehlen; jedoch möchte ich bei dem 
verwitterten Zustande der Inschrift lieber den Ausfall, als die Aus- 
lassung des S annehmen, welche Zell ') unter den Variationen dieser 



1) Hans Bürgel. Crefeld 1866. S. 84 ff. Yergl. B. Jabrbb. XXIII, S. 
149 f. Simrook, Handb. d. doutochen Myth. S. 864. 
^) H. LH d. Jahrbb. S. 160. 
') Anleitong sur Eenntniss der röm. Inschriften S. 145. 

12 






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178 BönuBohe Iiudhiifteii ins Bobr bei Blankenhfflm und aas Bonn. 

Widmangsformel zwar anführt, jedoch durch kein sicheres Beispiel be- 
legt hat. 

Znm Schloss wollen wir die Yermathong nicht nnterdrücken, 
dass die besprochenen drei Steine, von denen die zwei ersten wahr- 
scheinlich einem kleinen Tempel des Mercurins angehört haben, nicht 
ursprünglich an der Fundstätte zu Rohr gestanden, da uns von dort ge- 
fundenen Alterthumsresten bisher nichts bekannt geworden, vielmehr 
halten wir die Annahme für gerechtfertigt, dass dieselben von dem 
benachbarten römischen Etappenorte Marcomagus, durch welchen die 
sowohl im Itinerar des Antonin als auf der Peutingerschen Tafel an- 
gegebene Hauptstrasse von Trier nach Köln führte 0» als Material für 
den Bau der alten Kirche, wie diess auch anderwärts so häufig der 
Fall war, hergeholt worden sind. 

3. 

Votivaltar aus Jurakalk, im Jahre 1870 bei der Tieferlegung 
der Aussenmauem der hiesigen MQnsterkirche in den Fundamenten 
des nördlichen SeitenschiiFes entdeckt. Da die eine Schmalseite ein 
Fflllhom zeigte, so schloss man mit Recht auf eine römische ara und 
arbeitete den schweren Stein mit grosser Eraftanwendung aus den 
Grundmauern heraus. Derselbe ist aber nach der rechten Seite zu 
schief abgeschnitten; die Höhe desselben beträgt 0,95 m., die Breite 
0,59 m., die Dicke 0,29 m. Die linke Volute der ara ist noch erhalten, so 
wie auch der grösste Theil des arg zerstörten Simses. Ebenso reicht 
das auf der linken Schmalseite in schönen Formen gearbeitete FfiU- 
hom bis zur Basis, während von dem auf der rechten Seite befind- 
lichen nur der sich nach unten verjüngende Theil sichtbar ist 

Durch Brüche hat der Stein an der obem Hälfte rechts und 
links stark gelitten, und ist Qberhaupt in so hohem Grade abgeschlif- 
fen und verwaschen, dass die zum Theil schattenhaften Charaktere 
sehr schwer zu lesen sind. Was mir mit Hülfe eines Papierabklatsches 
und einer recht gelungenen photographischen Aufnahme, die ich der 
Güte des Hm. Stud. ehem. Friedrich Krafit verdanke, zu enträthsebd 
möglich war, lautet also: 



^) J. W. Schmidt über die Römentrassen im Rheinlande in diesen Jahrbb. 
Heft XXXI, S. SS ff. üeber die wahrscheinliche Lage des alten Maroomagos 
(Mermagen) vgl. noch Eick die röm. Wasserleitung aus der Eifel nach Köln. 
S. 16 ff. 



L 



Römische Inschriften aus Rohr bei Blankenheim und aus Bonn. 179 



... 1 VN. 
. . . R C V . . 
. . • OhL- V- 
, . . :>CV • AEN. 
5 . . ASSIANVS' • 

_ VRIVSSA .... 

N V S C 

EX VOTO . . . 

> ntoNno- •/ - 

d. h. forTVNae et heRCVli . cOELiVs FuSCVs . (m)AENius 

cASSIAJn^S (et) . ZVRIVS SA(tumi)NVS G • EX VOTO 

(posuerunt) • ANTONINO .... cos 

Da sich über dem Simse schwache Reste von Buchstaben zeigen , 
so wird die Vermuthung nicht zu gewagt sein, dass daselbst entweder 
GENIO LOCI, worauf der erhaltene Strich Querstrich von L zu führen 
scheint, oder die Formel In H(onorem) D ' D(omus divinae) gestan- 
den habe. In der 1. Zeile ist die Ergänzung forTVNae sicher, eben 
80 die von herCVLi in der 2. Z. — Z. 3 scheint es zweifelhaft, ob 
der zweite Buchstabe für ein L oder ein E zu halten. Im erstem 
Fallist die Ergänzung von LOLLIVs geboten, ein Gentilname, welcher 
auch sonst auf rheinischen InschViften vorkömmt; vgl*. Bramb. 389, 
wo ein G. Lollius Priscus und 1467, wo ein C. LoUius Grispus genannt 
wird. Im andern Falle ist cOELiVs zu suppliren, wozu Bramb. 679 
ein Beispiel liefert. Ausserdem wird vor Coelius noch der Vorname 
gestanden haben.— Z, 4 ist unbedenklich FuSGVs zu ergänzen; desto 
schwieriger ist die Deutung der schwach durchschimmernden Zeichen 
A E N, worin der Gentilname des 2. Dedikators der Ära enthalten 
sein muss. Ergänzen wir mAENius, so fehlt der Raum für den Vor- 
namen; es möchte daher vor diesem höchst seltenen Gentilnamen der 
öfter auf rheinischen Inschriften erscheinende AELius sich empfehlen, 
da das N nicht unzweifelhaft fest steht. — Zu Anfang der 5. Z. lese 
ich gASSIANUS (vgl. Bramb. 1683) und fülle den noch übrigen Raum 
durch et und einen das Praenomen bezeichnenden Buchstaben aus. -- 
In Z. 6 war der 1. Buchstabe ohne Zweifel LVRIVS, welcher Name 
bisher auf rheinischen Inschriften nicht vorgekommen ist Bekannt ist 
den Nunüsmatikern P. LVRIVS AGRIPP A auf einer Monetarmünze 



K*. 



180 BömiBche Inschriften aus Bohr bei Blankenheim und ans Bonn. 

des Aagustus. Hinter SA sind wahrscheinlich 5 Buchstaben tumi aus- 
gefallen, wodurch wir den sehr häufig vorkommenden Namen Satumi- 
nus erhalten, obgleich man auch mit der Ergänzung SAmi sich be- 
gnügen könnte (Yergl. firamb. 1520). Da jedoch die vorhergehende 
Zeile 12 Buchstaben enthält, so ziehen wir die erstere Ergänzung, 
wonach in diese Zeite 13 Buchstaben zu stehen kommen, vor. — Zu 
Anfang von Z. 7 steht deutlich die Schlusssilbe NVS, alles Uebrige 
ist bis zur gänzlichen Unkenntlichkeit verschwunden ausser einem G 
oder 6 am Ende. Einer meiner Bekannten, welcher die Inschrift zur 
Abendzeit bei Lampenlicht wiederholt betrachtet hat, will Spuren des 
Wortes STRATOR entdeckt haben, wovon ich jedoch ausser schwachen 
Spuren eines T nichts finden kann. Dürfte ich eine Yermuthung wagen, 

so möchte ich VEXILL(arii) (le)6I als ausgefallen annehmen, da die hier 
genannten Dedika;toren höchst wahrscheinlich der 1. Legion angehört 
haben werden und die zu besonderen Diensten detachirten Vexillarii 
auf rheinischen Votivaltären, und zwar namentlich auf solchen, die 
dem Hercules geweiht sind, häufig vorkommen. Vergl. das Denkmal 
des Hercules Saxanus im Brohlthal. Bonn 1862. Nr. 2. 4. 5. 10. II. 
12. 14. und die zwei Inschriften von Neuwied, Bramb. 692 und 693. 
Das Nähere über die Vexillarii in engerer Bedeutung, womach sie 
aus Veterani bestanden, und in weiterem Sinn als Detachements einer 
Legion oder auch eines Hülfstruppentheiles in Beckers Handb. d. röm. 
Alterth. HL 2. Abth. S. 366 f. 

Z. 8 sind die drei ersten Buchstaben der Formel EX YOTO 
vollkommen deutlich, die drei folgenden schimmern noch erkennbar 
durch. Dahinter ist sehr wahrscheinlich posuerunt ausgefallen. 

^^ Aus dem in der letzten Zeile noch vorhandenen Eaisemamen 

ANTONINO lässt sich das Jahr um so weniger bestimmen, als ausser 
Antoninus Pius und Antoninus philosophus mehrere spätere Kaiser, 
r^ wie Caracalla, Elagabal und Severus Alexander denselben Namen in 

^ . öffentlichen Urkunden geführt haben. Unter einem der drei letzteren 

l' wird unsere Inschrift zu setzen sein, wenn die von uns angenommene 

Devotionsformel In Honorem Domus Divinae an der Spitze der In- 
schrift stand, da diese erst g^en Ende des 2. Jahrh. in Gebrauch 
^'\ gekommen ist Ergänzen wir dagegen OENIO LOCI, so möchten wir 

wohl berechtigt sein, unsere Inschrift in die Regierungszeit des M. 
Aurelius Antoninus zu setzen, und zwar unter das Gonsulat des 
ANTONINVS ffl et VERVS H « 161 p, Chr., in welches Jahr zwei 



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Römische Inflohriften aus Rohr bei Blankenheim und aus Bonn. 



181 



von ans in diesen Jahrbüchern ^) besprochene Inschriftsteinc von Sol- 
daten der Leg. I Min. gehören. 

4. 

Grabstein aus Jurakalk, 15" hoch, I3V2" breit, 3" dick, gefun- 
den bei der Anlage von Latrinen nahe der Reitbahn ! auf dem neuen 
Exercirplatze vor dem Kölnthor, für verwundete Krieger, im Sommer 
1870. Der Stein, welcher mit anderen Fragmenten von Säulen und 
Inschriften an's Licht kam, wurde als brauchbares Baumaterial von 
einem Arbeiter bei Seite geschafft und von mir in diesem Frühling 
zufällig entdeckt und für die Vereinssammlung erworben. Die im 
Ganzen wohl erhaltene Inschrift lautet: 



NELLONIA 


PEREGRI^A 


VIVA 


SlBI FC 



Dieser Stein ist dadurch von besonderem Interesse, dass er zu 
den wenigen bis jetzt in Bonn gefundenen römischen Denkmälern ge- 
hört, welche Privatpersonen gesetzt sind. Die Zahl dieser Grabschriften, 
welche in dem ,Urkundenbuch des römischen Bonn' von dem Unter- 
zeichneten ') zusammengestellt sind, belauft sich auf fünf, von denen 
nur eine vollständig erhalten ist, während die Zahl der Grabsteine 
von Soldaten achtzehn beträgt, ein beweis, dass das bürgerliche Ele- 
ment vor dem militärischen stark zurückgetreten ist. 

Der Name der auf unserer Inschrift genannten Frau Mellonia, 
welche sich bei Lebzeiten diesen Grabstein hat anfertigen lassen, dürfte 
als vornehm und reich angesehen werden, wenn sie zu der Familie 
der* Gebrüder Melonii Garantus und Jucundus gehört hätte, welche 
auf einem in Castel bei Mainz gefundenen, dem Juppiter und der Juno 
geweihten nnd ausserdem mit 4][Götterbildem geschmückten Altare 
als Stifter demselben und zugleich als Gründer eines nach ihnen be- 



') Heft L und U S. 186 ff. 

^) S. 22 ff. in der Festoohrifb^ zu demjinternationalen Congresse f. Alter- 
thomskande und' Geschichte zu Bonn im Sept. 1868. 



182 RoiuiBche Inschriften ans Rohr bei Blankenheim nnd ans Bonn. 

naDüten Quartiers oder Viertels (Novus Yicus Melomorum) in Gastel- 
lum Mattiacorum ^) erscheinen. Jedoch scheint es geboten, unsere MeZ- 
tonia, die mit doppeltem 1 geschrieben ist, von der Familie Melonia, 
wozu eine Mefonia Junia auf einem Grabstein aus Frankfurt (jetzt^in 
Wiesbaden) ^) gehört haben mag, zu trennen. Ein MeZfonius Severus, 
Centurio der 22. Legion, kommt auf einem Grabsteine vor, der im J 
1858 auf dem Kästrich gefunden wurde und die Datirung Cilone et 
Libone cos. = 204 trägt ^). Dazu kommt noch ein Grabstein aus Köln, 
der dem Mellonius Eraclius und der Fannia Secunda von ihrem Sohn 
Publius Mellonius geweiht ist^). Was die Abstammung des Namens 
MeZonius betrifiFt, so hält sie Prof.. Becker ^) für celtisch mit Hinweiä" 
auf viele analoge Namen mit der Endung onius und auf den in der 
> , Kasteier Inschrift damit verbundenen Beinamen Garantus. Ob ein 

: . V Gleiches fQr die Form Meßonius anzunehmen oder ob diese vielmehr 

auf ein griechisches Etymon, wie MiiXcDv (bei Xenophon), zurückzu- 
:. . fahren sei, wofür der damit verbundene Name Eraclius der Kölner 

w Inschrift zu sprechen scheint, lasse ich dahingestellt sein. — Der Zu- 

name unserer Mellonia: Peregrina findet sich auf einer Grabschrift 
l; aus Worms •). lieber die in unserer Inschrift gebrauchte Formel VIVA 

'%. SIBI Faciendum Curavit oder Posuit, wie sie auf Grabmälem vor« 

kommt, welche sich einer selbst bei Lebzeiten errichten liess, verweise 
;;: , ich auf die lehrreiche Besprechung Braun's in B. J. XVII. S. 108, 

wo diese Sitte mit Recht aus dem bei den Römern allmählich ein- 
reissenden Egoismus, über den schon Plinius der J« Klage fahrt ^), 
iiergeleitet wird. 

5. 

Nachdem ich diese Besprechung von Inschriftsteinen aus Rohr 
){■- und Bonn schon dem Druck übergeben hatte, wurde unsere Samm- 



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^) Bramb. 1821. C. L. Grotefend in ZimmeimannB Zeitschrift f. Alierth. 
Wies. 1888. S. 126, besonders aber J. Becker Gastellam Mattiacomm in d. Ann. 
d. Nass. Alterthamsk. u. Gesch. Bd. YII. H. 1. S. 81. 

') Br. 1438 nnd J. Becker a. a. 0. 8. 33. 

') Bramb. 1026. 

*) Yergl. Düntzer in dies. Jahrbb. XLYII u. XLYIIX. a 121. 

*) a. a. P. S. 38. 

•) Bramb. 802. Stein. 699. 

"*) Plin. ep. L YI, 10. Tarn rara in amicitia fides, tarn parata oblivio mor- 
tuoram, ut ipsi nobis debeamus etiam conditoria ezstmere, omnia heredum 
ofßcia praesunere. 



.» '<«. 



Römisohe Inschriften aus Rohr bei Blankenheim und aus Bonn. 183 

lung noch durch den FuAd eines römischen Grabdenkmals von her- 
vorragendem Interesse bereichert, vorüber wir einen genauem Bericht 
an dieser Stelle zu bringen um so mehr uns veranlasst fühlen, als 
bereits die öffentlichen Blätter die Aufmerks«imkeit weiterer Kreise auf 
den neuen Fund gelenkt haben. Es ist diess der Grabstein eines Beiters 
der Leg. I, welcher laut der Inschrift nach 15 Dienstjahren im 30. 
Lebensjahre starb und von der Hand eines liebenden Bruders dieses 
Ehrendenkmal erhielt. Der kolossale Stein aus Jurakalk, dem gewöhn- 
lichen Material der römischen Inscbriftsteine, wurde gegen Ende des 
Monats August c. vor dem Kölnthore, rechts von der Chaussee, nahe 
bei dem Steinbilde des Kreuztragenden Christus, beim Fundamentaus- 
werfen eines dem Wirth Hm. Deinert gehörenden Neubaus, ausge- 
graben. Nicht weit entfernt von dieser Stelle war schon im J. 1870 
der in diesen Jahrbüchern *) beschriebene, mit der Abbildung von pha- 
lerae gezierte Grabstein, der die einfache Inschrift VALE • LVCI trägt, 
zu Tage gekommen. — Unser Grabstein ist 1,95 m. lang, 0,78 m. 
breit und 0,30 m. dick. Den oberen Theil des Grabsteines nimmt, in 
der Höhe von 0,75 m., in einer nischenförmigen Vertiefung die Figur 
eines hoch zu Boss sitzenden gewappneten Reiters mit eingelegtem 
Speere ein, die Brust mit einem Riemengeflecht von phalerae, d. h. 
grossen silbernen Medaillen geschmückt, die nur zum Theil noch zu 
erkennen sind, so wie auch die Nase des Reiters abgebrochen ist. Das 
mit hoch erhobenen Vorderfüssen vorspringende Pferd ist mit einer 
Schabrakc bedeckt, welche nicht durch einen Bauchgurt, sondern durch 
einen vom Yorderbug ausgehenden, der Länge nach unter dem Schweif 
durchlaufenden Gürtel befestigt zu sein scheint*). 

Unter dem hoch gehobenen Vordertheile des Pferdes bis zum 
rechten Bein des Reiters, das von Beinschienen (ocrcae) keine Spuren 
zeigt, ist ein, uns schon von dem früher in der Nähe gefundenen 
Grabstein her bekanntes gitterförmiges Riemengeflecht mit neun sym- 
metrisch zu je drei neben- und untereinander gereihten x)halerae ab- 
gebildet, von welchen man noch das am häufigsten vorkommende 
Medusenhaupt und zwei Thierköpfe unschwer zu erkennen vermag. An 
das GeflechtiB, welches 0,42 m. breit und 0,25 m. hoch ist, schliessen 
sich links zwei grössere Ringe, die ich für armillae oder Armbänder 



^) Heft XLIX, 8. 190 f. 

^) Vergl. zwei ähnliche bildliche Darstellungen der Säule des Antonin bei 
Rieh, inustrirtes Wörterbuch der rom. Altcrtbümer s. v. oqucs. S. 24 fg. 



184 Römische Inflohriften aas Rohr bei Blankenheim und aas Bonn. 

erkläre, dergleichen wir auch auf dem ältesten romischen Denkmale 
der Rheinlande, dem vielfach abgebildeten und besprochenen Grab* 
steine des in der Varusschlacht gefallenen Centurio M. Caelius (im 
Museum der yaterländ. Alterth. in Bonn) finden ^). 

Der mittlere Theil des Grabsteins trägt in fünf Zeilen die in 
schönen und wohl erhalteneu Buchstaben, die in der 1. Zeile 0,05 m., 
in den übrigen nur 0,04 m. hoch sind, eingehauene, in Leisten einge- 
fasste Inschrift: 

C MARIVS • L • F VOL 
LVCO AVGVSTO- EQVES 
LEG • T • AN NOR • XXX • STIPEN 
XV H • S • E • SEX • SEMPRONIVS 
FRATER FACIEN CVRAVIT 
d. h. C(aius) Marius L(ucii) f(ilius) Vol(tinia) sc. tribu« Luco 
Augusto, eques leg(ionis) primae, annorfum) triginta, stipen(diorum) quin- 
decim. H(ic) s(itus} e(st). Sex(tus) Senipronius frater facien(dum) curavit. 
Z. 1. Der Name Marius kommt auf einer Kölnischen Yotivara 
(Bramb. 338) und auf zwei Mainzer Grabsteinen von Soldaten (Er. 
1057 und 1145) vor; der erstere ist einem Soldaten der 21. Legion 
gleichfalls von dessen Bruder gesetzt. ~ Der tribus Voltinia ge- 
hörten ausser zahlreichen anderen Städten in Gallia Narbonensis der 
Z. 2 genannte Ort Lucus Augustt«s, nicht Augustt, wie man gewöhn- 
lich schreibt; im Gebiete der Vocontii, an; die gleichnamige Stadt, in 
Hispania Tarraconensis war in die tribus Aniensis eingeschrieben ^). 

Z. 2. Unser Marius war Reiter der 1. Legio, welche in einer In- 
schrift den Beinamen Germanica führt und nicht mit der von Domitian 
errichteten Legio I Minei*via pia fidelis, deren Standquartier mehrere 
Jahrhunderte hindurch Bonna war, verwechselt werden darf. Die Le- 
gio I (Germ.) hatte nach Tacitus Ann. I, 37 im J. 14, dem Todes- 
jahre des Kaisers Augustus, zugleich mit der Leg. XX, ihr Winter- 
quartier in Köln (civitas Ubiorum, wofür c. 39 ara Ubiorum gesetzt 
ist), und 'betheiligte sich an dem Aufstande gegen Tiberius, welchen 
Germanicus nur mit Mühe dämpfte. Doch erhielt sie wahrscheinlich 



') Vergl. die Abbild, in Lerscb, Central-Mua. rheinl. Ins. II, p. 1 ff. lieber 
die phalerae überhaupt verweise ich auf 0. Jahn*8 Abhandlung zum Bonner 
Winckelmanns Progr. vom J. 1860, ,die Laue^sforter phaleraeS sowie auf A. Rein 
de phaleris apud Lauersfort a. 1858 repertis. Romae 1860, p. 176 f. 

^) C. L. Grotefcnd imperium rom. tributim descriptum p. 101 und 119. 



k. 



RönuBche InBchrift^n aus Robr boi Blackenbeim und aus Bonn. 185 

schon unter Kaiser Claudios, welcher im J. 50 die Ubierstadt zur 
CSoIonie erhob und zu Ehren seiner Gemahlin Agrippina Golonia 
Agrippinensis benannte ^), ihr Standquartier in Bonn. Hier lag sie bis 
zum Aufstande der Bataver unter Claudius Civilis im J. 69, in wel- 
chem sie sich durch Meuterei und Verrath befleckte und nicht lange 
darauf, wahrscheinlich sohon unter Vespasian, aufgelöst wurde ^). Von 
den 8 Inschriftsteinen, welche überhaupt von dieser Legion bis jetzt 
existirten, stammen 6 von Bonn, einer von Lessenich unweit Bonn; 
nur ein einziger ist im Kreise Mühlheim näher bei Köln gefunden 
worden, ein sicherer Beweis, dass die Legion I die längste Zeit in 
Bonn gestanden haben muss*). Unser Stein (der 9.) wird demnach 
unter die Regierung des Claudius oder des Kaisers Nero zu setzen sein- 

Z. 4. Bemerkenswerth ist, dass der hier Beigesetzte im 30« Le- 
bensjahre schon 15 Dienstjahre zählte und demnach schon im 15. Jahre 
in den Kriegsdienst getreten ist. 

Z. 5. Auffallend erscheint der Name des Bruders Sextus Sempro- 
nius, welcher dem Gestorbenen den Grabstein gesetzt hat ; doch erklärt 
er sich durch die Annahme, dass er dessen Stiefbruder gewesen ist, 
wenn wir nicht annehmen wollen, dass er seinen Namen durch Adop- 
tion von einem Sextus Sempronius erhalten habe. 

Schliesslich bemerken wir noch, dass der für die römischen Kriegs- 
alterthümer werthvoUe Stein, von dessen Bildwerk nächstens eine an- 
gemessene Abbildung zugleich mit dem unweit der Fundstelle früher 
ausgegrabenen Grabsteine mit Vale Luci gegeben werden soll, für un- 
sere Yereinssammlung von Alterthümem im Amdthause angekauft 
worden ist, wo auch der Grabstein des Lucius, der höchst wahrschein- 
lich derselben Legion angehört haben wird, sich befindet 



Diesen zuletzt besprochenen Bonner Inschriftsteinen fugen wir 
der Vollständigkeit wegen noch einige Fragmente bei, welche durch 
Prof. Gustav Wilmans in Dorpat bei seinem Aufenthalte im Sommer 
1871, wo er im Hause der Fraul. von Droste bei seinem Vetter, dem 
Hm. Berghauptmann Brassert, eingekehrt war, aufgefunden und in 



*) Tacit. Ann. XII, 27. Agrippina ejus vim suam sociis quoque nationi- 
bu8 OBientaret, in oppidum Ubioram, in quo genita erat, veieranos coloniamque 
dedaoi impetrat, cui nomen inditom e yocabulo ipsius. 

>) Bonn. Jahrbb. XLU, p. 189 f. 

') Vergl. das römische Bonn in der oben ang. Festschrift S. 27 und B. 
Jahrbb. XLU, 139. 



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186 < Bomiache Inschriften aus Rohr bei Blankenheim und aus Bonn. 

der Arch&oL Zeitang Jabrg. XXIX S. 165 fg. veröffentlicht worden 
sind. Wenn Hr. Wilmans, dem wir für die Förderung unserer Vereins- 
zwecke öffentlich unsern Dank aussprechen, bemerkt, dass diese, wie er 
anzunehmen scheint, dortselbst ausgegrabenen Steine fast seit einem 
halben Jahrh. in dem von Droste'schen Garten (in der Voigtsgasse 3), 
welcher allerdings nicht unbedeutende Substructionen und namentlich 
Reste eines römischen Hypocaustums enthält % aufgestellt gewesen 
seien, so beruht diese Angabe auf einem verzeihlichen Irrthum. Die- 
selben rühren vielmehr von einer kleinen Sammlung von römischen In- 
schriftsteinen und anderen Alterthumsgegenständen her, welche unser 
verstorbener, so hoch verdienter Präsident des rheinischen Alterthums- 
vereins von seinen zahlreichen Freunden aus dem Jülicher Lande und 
aus der Eifel zum Geschenk erhalten und unter dem Treppengewölbe, 
das zur Aufbewahrung von Gartengerätheh dient, untergebracht hatte. 
Während von den wenigen werthvoUeren Steinen die aus Wüstenrode 
bei Eschweiler herrührende Votivara der Göttin Sunuxsalis (vgl. Braun 
in diesen Jahrbb. XXV, S. 18 ff.) in das hiesige Museum, dagegen 
eine im Enabengarten zu Bonn gefundene Herculesstatue aus Sand« 
stein ') in die Vereinssammlung gelangte, blieben die von den Erben 
des Verstorbenen als werthlos angesehenen Bruchstücke in ihrem Ver- 
stecke zurück. Dieselben hat die Fräulein von Droste auf unser An- 
suchen bereitwilligst unserer Sammlung überlassen. Sie bestehen aus 
vier Fragmenten: 

1. 

aus dem obem Theile eines grossen Grabsteins, der in der Mitte zwei 
der gewöhnlichen Protomen (Brustbilder) trägt und dessen Inschrift 
bis auf das zur Linken sichtbare D(is), dem rechts ein M(anibus) ent- 
sprach, zerstört ist ; 

2. 

aus einem zu beiden Seiten, wie auch unten abgebrochenen Fragment 
einer Ära: 

^. O m 

T. G 

Die Darstellung eines Adlers auf einer Kugel auf der einzigen 
noch erhaltenen Seite beweist, dass die ara dem Jupiter Optimus maximus 
geweiht war. 



1) Braun in B. Jahrbb. II, 41. und IV. 115. 
>) Bonn. Jahrbb. XXV, 206. 






BomiBohe Insohriflen aus Rohr bei Blankenheim and aus Bonn. 187 

Etwas besser sind zwei Bruchstücke von Matronensteinen er- 
halten. 

3. 

MATRONIS 

rVMANErfs 

CIA Sl 

Die Votivara ist den Matronae Rumanehae geweiht, die auf 
anderen Inschriften Romanehae, Rumnehae oder Rummehae 
genannt werden. Der Fundort von Altären dieser Mütter, von wel- 
chen man den Ortsnamen nicht mehr nachzuweisen vermag, ist die 
Umgegend von Jülich <) und Bürgel (Burungum) bei Worringen am 
Niederrhein *). 

Z. 3 liest Wilmans G * A * S und hält diess für einen abgekürz- 
ten NameUi wie G. A(urelius) S(ecundus), Wir können dieser, der 
Analogie entbehrenden Annahme nicht beipflichten, sondern glauben 
in den theilweise zerstörten Resten des Namens einen GLACSicus, der 
sich auf einem Brohler Herculesstein (Bramb. 657) findet, oder einen 
GAtSius zu finden, ein Namen, welchen eine Grabinschrift aus Jülich 
trägt ')i zumal da die Punkte hinter G und A nicht feststehen. 

4. 

Links abgebrochenes Fragment einer Matroneninschrift, von wel- 
cher nur die 3 Schlusszeilen theilweise erhalten sind. 

. . LVII .... SET 
A C A T A • EX 
z M P I . . . 

Die von Wilmans vorgeschlagene Ergänzung des Namens Z. 1 
durch Silvinius ist wahrscheinlich, die der letzten Z. unzweifelhaft. 

Schliesslich ist noch zu erwähnen, dass sich unter den Frag- 
menten im Treppengewölbe des von Droste'schen Gartens noch ein 
sehr gut erhaltener römischer Mühlstein aus Niedermendiger 
Lava vorfand, welcher gleichfalls in die Alterthumssammlung des Ver- 
eins (im Amdthause) gelangt ist. 

Bonn. J. Freudenberg. 



>) Lench im Central-Mus. rhein. I. I, 8. 29. B. Jahrbb. XXY, 92. 
>) B. Jahrbb. XXIH, 151. XXXI, 92. 
*) Bonn. Jahrbb. XXY, 8. 140 N. 4. 



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7. Alterthum8for8Chung am Oberrhein. 

I. 

Als mich im Jahre 1867 ein Aasflug in's Elsass nach Zabern 
führte, war ich angenehm überrascht, daselbst ein leicht zugängliches 
städtisches Museum zu finden, welches die Alterthümer von Stadt und 
Umgegend beherbergt. Zabern, in. Deutschland mehr unter seinem 
französischen Namen Saverne bekannt, ist reich an Deberresten 
aus der gallisch-römischen Zeit. Freilich findet sich nicht alles mehr 
an Ort und SteUe, da auswärtige Alterthümler die Gegenstände ent- 
führten, welche nicht zufällig in festen Händen waren. Erst durch die 
im Jahre 1858 erfolgte Gründung des stadtischen Museums ist diesem, 
fast in allen rheinischen Städten üblichen Unwesen der Zerstreuung 
vaterländischer Alterthümer ein Ziel gesetzt. Es ist das ein Werk 
des Zabemer Gemeinderathes, gefördert durch die thätige und an- ^ 
regende Hilfe des jetzigen Bürgermeisters Dagobert Fischer, des 
Herrn Emil Audi guier und des französischen Colonel de Morlet, 
eines rührigen und kundigen Freundes elsässischer Alterthümer. 

Das Museum befindet sich in einer alten Kapelle, die ehemals 
zum bischöflichen Schlosse gehörte und dem Erzengel Michael geweiht 
war. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert, ruht aber auf einem äl- 
teren, romanischen Unterbau. Ihrer Bestimmung wurde sie durch die 
französische Revolution entzogen. Die Steindenkmale, welche in ihrem 
Innern keinen Raum fanden, sind auf einem Vorplatz, welcher bis 
1777 als Kirchhof diente, aufgestellt. 

Die vor Gründung des Museums gefundenen und zerstreuten 
Reste der gallisch-römischen Zeit waren zum Theil in Strassburg, 
Golmar und Nancy untergebracht, sie sind wohl, bis auf die Strass- 
burger, noch daselbst zu finden. Die rührige Gesellschaft für Erhal- 






AlterthaUBforschnng am Oberrhein. 189 

tung der historischen Denkmale im Elsass (Soci^t^ pour la cönser- 
vation des monuments historiques d'Alsace) hatte ihre Aufmerksamkeit 
den Zabemer Antiquitäten zugewendet und beabsichtigt, das Inventar 
des erwähnten Museums in ihrem Bulletin abdrucken zu lassen. Leider 
ist es nicht dazu gekommen, da der Krieg die Thätigkeit der Gesell- 
schaft unterbrach ; und die jetzigen Zustände im Elsass lassen an ein 
einmüthiges Zusammenwirken selbst auf dem neutralen Gebiete der 
römischen Alterthümer in nächster Zeit nicht hoffen. Um so anerken- 
nenswerther ist es, dass der Zabemer Gemeinderath und insbesondere 
Herr Dagobert Fischer im verflossenen Jahre einen Katalog des 
Museums selbstständig veröffentlicht haben, welcher eine Fülle inter- 
essanter Nachrichten bietet 0- 

Bei meinem Besuche des Museums war ich natürlich vor allem 
gespannt, zu erfahren, wie es mit der Echtheit der durch den ver- 
storbenen Strassburger Bibliothekar Jun^ in Verdacht gezogenen In- 
schriften stehe. Da ich vor Herausgabe der Rheinischen Inschriften 
nicht in der Lage gewesen war,, nach Zabem zu reisen, so hatte ich 
die von Jung gelieferten Nachrichten ohne eingreifende Untersuchung 
mittheilen müssen % 

Die mir bekannten Legenden der Steine boten kein Anzeichen 
von Fälschung, mit einziger Ausnahme des Votivsteines n. 1868. Ich 
begnügte mich daher, auf Jung gestützt, die von diesem bezeichneten 
beiden Steine unter die Fälschungen (n. 87. 88.) zu verweisen, die 
übrigen jedoch unt6r den echten zu belassen und ihr verdächtiges 
Herkommen kurz anzugeben. Das Resultat, welches ich durch Autopsie 
gewann, war unerwartet. Zwar der von mir aus inneren Gründen als 
besonders verdächtig bezeichnete Stein (n. 4868 p. 368 n. 88) zeigte 
auch äusserlich unantike Spuren; dagegen sämmtliche übrigen Denk- 
male, auch die beiden von Jung und mir unter die Fälschungen ver- 
wiesenen, konnten ihrer äusserlichen Beschaffenheit nach nicht als 
Fälschungen erkannt werden. Ich nehme also mein Urtheil, soweit ich 
es von Jung angenommen und weiter verbreitet habe, zurück. 

Zunächst ist es mir eine angenehme Pflicht, die beiden bis jetzt 
als Fälschungen verurtheilten Inschriften in ihr Recht einzusetzen. 
Die eine (87) ist gebrochen: 



^) Masee de Saverne. Catalogae et desoription des objects d*art de Tan- 
tiqnite, du moyen-äge et de la renaissanoe exposes au musöe. Saverne 1872. 
') Corpus Inscriptionum BhenaDamm p. 868,' vgl. p. 837 u. 1868—1873. 



190 



AltarthamtforsGhiing «n Oberrhein. 



/ETcINTVS 
MVS PILI 

P c • 



Im Vergleich zu dieser Lesart war allerdings die bisher be- 
kannte verdächtig. Die Zeilen waren vom Abschreiber, wie es scheint» 
verwirrt worden, und dadurch hatte der erste Name eine ungehörige 
Form erhalten. Der Inhalt der Inschrift ist einfach und klar, obgleich 
ein grosser Theil fehlt. Kinder, wahrscheinlich Tochter und Sohn, 
lassen dem verstorbenen Vater oder den Eltern zusammen ein Grab- 
mal setzen. Wenn der dritte Buchstabe ein E und der fünfte ein 
war, so hiess der verstorbene Vater vielleicht LAETVS. Das Fehlen 
eines Vor- und Geschlechtsnamens würde darauf hinweisen, dass er 
ein Gallier war, der, wie oft geschah, einen römischen Namen ange- 
nommen hatte und sich durch Zusetzen des Vaternamens legitimirte. 
Wahrscheinlicher aber ist hinter dem Buchstaben L ein Punctum, wie 
auch sonst in der Inschrift, weggelassen, und der Verstorbene hiess 
Lucius A . t .. . Die frühere Abschrift lautete LATIO, wonach ich 
Lucius ATTOnius vermuthen möchte*). Dass unter den Widmenden, 
welche collectiv als FILI, das heisst filli, bezeichnet werden, eine 
Tochter ist, scheint aus der weiblichen Wortendung . . • VSSA her- 
vorzugehen. Der letzte Name findet sich auch sonst auf rheinischen 



') Ich habe die ToHkommen lesbaren gebrochenen Buchstaben durch ganze 
Typen ersetzt. 

*) Aehnlich ist die fehlerhafte Lesung des Töpfemamens auf der schönen 
Yase, die de Morlet im BuUetin de la soci6t6 pour la consenration des monu-^ 
ments hittoriques 1868 hat abbilden lassen : SATIO FECIT, wahrend der Name 
SATTO lautete. £in Attonius erscheint auf einer im Jahre 1872 zu Alzei ge- 
fundenen Weihinschrifty deren Kenntniss ich Herrn G. Schwabe Terdanko*^ 

DEA • SVL 

ATTONIS 
L V C A N I 



^^:.. 




AlieHhamsfonohimg am Oberrbeiii. 



191 



Denkmalen: dNTVS ist die bäuerische Form des Namens Quintus, 
und MVS weist anf Musicus oder Mussicus hin. Ein Gintns 
Massic. findet sich sogar auf einer Inschrift aus Murrhardt in Wflr- 
temberg. 

Der zweite Stein (88) ist von solcher Beschaffenheit, dass sich 
die Echtheit der eingemeisselten Buchstaben nicht bestreiten lässt. 
Ich habe gelesen: 

D M 
B II LLA 
5ALLOM 

R I K I K 

Die Form der Buchstaben ist nicht nur antik, sondern auch so 
geartet, dass sie von einem modernen Epigraphiker schwerlich wäre 
angewendet worden. Die vier L der zweiten und dritten Zeile haben 
ihre Schenkel in stumpfem Winkel gekreuzt Die vierte Zeile enthält 
das ebenfalls unverdächtige L mit dem in der Mitte des Verticälstri- 
ches angesetzten rechten Schenkel. Die Inschrift ist im Katalog durch 
die Worte charakterisirt: ä peu prte illisible, moins pour un 
^pigraphiste qui ne peut s'aider d'aucune autre connaissance que de 
oelle des divers alphabets grecs et latins. Wenn ich mich aber nicht 
täusche, so ist der Inhalt folgender: Dis Manibus Bella Dal- 
lom(i)ri fil(ia). 

Zu meiner Veröffentlichung der übrigen Inschriften aus Zabern, 
in so fem ich fremden Lesungen gefolgt bin, habe ich Weniges zu 
bemerken, da die früheren Herausgeber, namentlich Schöpflin und de 
Horlet, auf richtige Gopieen schon grossen Werth gelegt haben. Die 
Legende des Steines im Corpus Inscript. Rhen. N. 1867 steht fest; 
die Schriftzttge sind deutlich, ET (3) und VN (4) sind ligirt. N. 1869 
ist erheblicher beschädigt, als es nach meinem Drucke den Anschein hat: 




3 O 

Nlll 



SIINV 
A VS 



Der Name des Verstorbenen lautete wohl Codosenus. N. 1870 
liess sich mehr entziffern: 



192 



Alterthnmsfoncbang am Oberrhein, 







M 



i 



t, 






6 









1^ 

^9 



rif. 



C A RAT I 
CAITIFIII 



Dis Manibus Carati Caiti fi(Ii) ; demgemäss hiess der Sohn Ca- 
ratus, der Vater Caitas, und sie Mraren offenbar Einheimische. 

Zu dem Steine N. 1871 habe ich noch ein Bruchstück gefunden, 
welches die rechte obere Ecke bildete. 




LAETTM/ 
MO N I M h 




Dis Manibus Laeti Ma . . . ai (oder ae) filii monimentum ^). 

Die beiden übrigen Inschriften N. 1872. 1873, welche ich nach 
de Morlets Zeichnung habe drucken lassen, sind so oberflächlich ein- 
geritzt, dass ich bis jetzt zu einer Deutung oder besseren Lesung 
nicht gekommen bin. Dagegen eine neue Inschrift fand ich vor, von 
welcher inzwischen der Ratalog Nachricht gegeben hat (p. 19): Ge 
petit monument a k\k d^couvert dans la for£t de Greifenstein, canton 
Schlosserhoehe. - 



i H D 

i Mll 
\REM 

MIHI 



Die Höhe wird im Katalog auf 0,41, die Breite auf 0,42, die 
Dicke auf 0,27 Meter angegeben, die Lesart lautet daselbst I H D || 
D D N II R E M. Ausser der ersten Zeile In Honorem Domus Divinae 
sind die Schriftzüge nicht zuverlässig zu deuten. Man könnte an die 
Idaea denken, wenn nicht Abkürzungen (luppiter Dolichenus oder 
andere) vorliegen. Auch die letzten Buchstaben gestatten verschiedene 
C5onjecturen. 



^) Die häufige Form monimentum iat hier wohl eher anzunehmen, alt ein 
Eigenname (C. I. Bh. p. 377). 



•r- * 



Alierthumsfonobung am Oberrhein. 198 

Endlich ist im Katalog p. 17 noch eine Inschrift mitgetheilt, 
velche im Jahre 1868 gefunden wurde: 

D M 
MAGIORICI 
NATALIS FILIO 

Cette pierre formait la paroi d'une tombe franque, trouv^e en 
1868 dans un cimeti^re franc situ£ dans la banlieue de Durstel, au 
lieu dit Lupbei^'. Ein Magiorix aus Zabern war schon durch den 
Weihestein C. I. Rh. 1867 bekannt. 

Wenn ieh erklären soll, wie Jung dazu kam, die Zabemer In- 
schriften theilweise für Fälschungen zu halten, so möchte ich die Ver- 
muthung äussern, dass ihm eine Nachricht über Veränderung, Ent- 
stellung oder Zusätze an der allerdings verdächtigen Inschrift C. I. 
Rh. 1868 zugekommen ist, und dass er diese Weihinschrift mit echten 
Denksteinen verwechselt hat Vielleicht war auch die ihm zugekom- 
mene Nachricht so unbestimmt, dass er über den wirklichen Befund 
der Fälschung irre geleitet wurde. 

Wie die Zabemer, so haben auch andere Gemeinden, z. B. Strasa- 
bürg, Golmar, anerkennenswerth für die Denkmale der Vorzeit gesorgt. 
Vergleichen wir damit was von städtischen Gemeinden auf der rechten 
Rheinseite geschehen ist, so wird das Urtheil nicht überall günstig 
ausfallen. 

Die Städte des Grossherzogthums Baden wären, so weit meine 
Erfahrung reicht, in der Lage, etwas mehr für die Kunde ihrer Vor- 
zeit zu thun, als heutzutage wirklich geschieht. An Mitteln und An- 
regung hat es nicht gefehlt^ wie die lange Reihe von antiquarisch- 
historischen Arbeiten und Unternehmungen zeigt, die seit mehreren 
Jahrhunderten in den jetzt Badischen Landen aufgetaucht sind. 

Der Sinn für die Erforschung der römischen Epoche erwachte 
hier schon während der Blüthezeit des deutschen Humanismus. Wie 
man in Köln, Mainz, Augsburg, Basel die Ueberreste der römischen 
Cultur zu schätzen begann, so bekundete sich auch im badischen 
Rheinthal seit dem Schlüsse des fünfzehnten Jahrhunderts das Be- 
streben, alte Denkmale zu erklären und zu erhalten. Einen merkwür- 
dige Beweis dafiir liefert die Geschichte des Ettlinger Neptun, 
eines zu Ehren des kaiserlichen Hauses im zweiten oder dritten Jahr- 
hundert n. Chr. gesetzten Bildsteines, welcher den Wassergott in Be- 

13 



L 



194 AlierthnmsforschttDg am Oberrhein. 

gleitung eines Seethiers darstellt and in der beigeffigten Inschrift von 
dem Stifter des Denkmals Nachricht gibt. Im Jahre 1480 warde dieser 
Neptun von der ausgetretenen Alb an das Ufer geworfen, von den 
Ettlingen! aufgestellt, aber zu ihrem Leidwesen 1513 durch den Kaiser 
Maximilian I. auf das linke Rheinufer versetzt. Nachdem der Stein 
mehrere Jahre im Exil zugebracht, wurde er auf kurze Zeit zurück- 
gegeben, dann nach München verschleppt, bis es endlich der Stadt 
Ettlingen gelang, sich dauernd seinen Besitz zu sichern. Sie liess ihn 
an einem ehrenvollen Platze dicht bei der steinernen Albbrücke ein- 
mauern und daneben eine lange stattliche Inschrift anbringen, in wel- 
cher die Schicksale ihres Neptun erzählt sind. 

Im sechszehnten Jahrhundert sind drei historisch wichtige Mei- 
lensteine der römisch-badischen Gemeinde bereits durch den Pforz- 
heimer Schulrector Beyer und den Speierischen Geistlichen Beiel be- 
schrieben. Im Laufe des folgenden Jahrhunderts finden antike Monu- 
mente eine Stätte im Durlacher Schlossgarten und an Markgraf Frie- 
drich VI. einen kundigen Beschützer. Derselbe lässt sich von dem 
Polyhistor Charles Patin über die Alterthümer und Urgeschichte des 
Rheinthaies Bericht erstatten^ und bediente sich dessen gelehrter 
Beihülfe bei Anordnung einer Münzsammlung. 

Wenige Jährzehnte später begann die Blüthezeit der Alterthums* 
forschung am Oberrhein. Sie knüpft sich an die Namen zweier Män- 
ner, von denen der eine, geborener fireisgauer, im Elsass unter fran- 
zösischer Herrschaft ein seltenes Ansehen erlangte, der andere, gebore- 
ner Elsässer, in churpfälzischem Dienste zu Mannheim erfolgreich 
wirkte. Der erste ist Joh. Daniel Schöpflin (1694—1771), dessen 
Arbeiten über badische Geschichte bekannt sind, und dessen Pracht- 
werk Alsatia illustrata auch rechtsrheinische Alterthümer eingehend 
behandelt Andreas Lamey (1726—1802) trat in seine Fusstapfen. 
Als Secretär der churpfälzischen Akademie der Wissenschaften zu 
Mannheim übte er einen hervorragenden Einfluss auf die Veröifent- 
lichungen dieser gelehrten Gesellschaft und sorgte in gleicher Weise 
für die Erforschung der deutschen, wie der römischen Cidtur am 
Oberrhein. In dieselbe Zeit fallen die Schriften und Forschungsreisen 
des berühmten Abtes Martin Gerbert zu Sanct Blasien, welche 
ebenfalls der Alterthumskunde reiches Material zuführten. 



») Corpus I. Rh. 1678. 

') Quatre relations historiqnes par Charles Patin, medecin de Paris. 
Basel 1673 p. 219. 



Alierthumsforsohang am Oberrhein, 105 

Im neunzehnten Jahrhundert begannen die culturgeschichtlichen 
Studien am Oberrhein mehr in die Breite, als in die Tiefe zu gehen. 
Die von Schöpf! in und Lamey angebahnte ruhige und besonnene 
Erschliessung der alten Gulturzustände durch genaue Interpretation 
der erhaltenen schriftlichen und monumentalen Quellen wurde getrübt 
durch das Bestreben, vorgefasste Meinungen über die Sprache und 
Abstammung der alten Rheinthalbevölkerung schablonenartig durch- 
zuführen. Namentlich war es die keltische Sprache, die in unglaub- 
licher Weise zur Erklärung der Ortsnamen und zur Herstellung eines 
in allen Theilen unsicheren Bildes von der Urgeschichte der oberen 
Rheinlande herbeigezogen wurde. 

Ging auf diese Weise die Methode der Geschichtsforschung in 
Bezug auf das Alterthum in unserem Lande rückwärts, so erkaltete 
doch nicht die Vorsorge für die antiken Denkmale. 

Carl Friedrich folgte dem Beispiele seiner Vorgänger; er 
schützte und erweiterte die Sammlung von Monumenten, die sich zu 
Baden gebildet hatte und liess 1803 nach Weinbrenners Plan 
einen Tempel in altdorischer Ordnung für dieselbe erbauen. Es sollten 
hier nicht nur die in Baden gefundenen, sondern auch Alterthümer 
aus den benachbarten Ländern aufbewahrt werden ^), 

Angeregt und unterstützt duröh die vorhandenen Sammlungen 
und Funde leisteten Männer, wieC. L. Wielandt (1811), Leichtlen 
(1818 ff.) Anerkennenswerthes in der Erforschung der badischen Ur- 
geschichte. Während Mone sich in seinen keltischen Studien verirrte, 
führte das mehrseitig erwachte Interesse an Ausgrabungen und Samm- 
lungen zur Bildung von Alterthums vereinen. Der Pfarrer Wilhelm i 
zu Sinsheim rief eine Gesellschaft zur Erforschung der Sinsheimer 
Todtenhügel ins Leben. Aehnlich bildeten sich Alterthums- oder Ge- 
schichtsvereine zu Donaueschingen, Freiburg und anderwät*ts, deren 
Existenz allerdings eine schwankende war und ist. Es waren gewöhn- 
lich nur wenige Personen, welche ihre Umgebung zur Association an- 
regten, und über ihren persönlichen Einfluss hinaus pflegte die Ge- 
sellschaft sich nicht als that- und lebenskräftig zu erweisen. Solche 



^) So besagte die Inschrift des Tempels: Monumenta haec qualiacunque 
Romanae dominationis caltusve Deo Mercurio habiti passim in terris Badensi- 
boa yicinisque regionibas deteota in memoriam gentis quondam late per orbem 
terraram imperantis conqairi et in hoc museo conlocari iussit Carolus Fride- 
ricui S. R. I. Elector, ,anno MDCCCIV. 



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196 Alterthumsfonohang am Oberrbein. 

Männer sind oder waren namentlich Heinrich Schreiber in Frei- 
burg, Fickler in Donaueschingen, später in Mannheim, Rappen- 
egg er und A. V. Bayer. Der Letztere fahrte 1843 die Gründung 
eines badischen Alterthumsvereins herbei, wodurch *die Centralisirung 
der Arbeiten und Interessen ermöglicht war. Leider scheiterte diese 
Schöpfung, sei es dass sich Sonderinteressen zu lebhaft geltend mach- 
ten, sei es dass hier, wie anderwärts im Rheinlande, der anfängliche 
Eifer erkaltete. In der neuesten Zeit steht es um die Veröffentlichung 
vaterländischer Alterthümer in Baden sehr ungünstig. Im Lande gibt 
es drei, zeitweise mehr historische Inschriften, durch deren Vereinigung 
ein ebenso achtunggebietendes Organ hergestellt werden könnte, wie 
durch die Zersplitterung jetzt vieles zerfahren und unfertig erscheinen 
muss. Leider liegen zwingende Gründe vor, welche die Vereinbarung 
unthunlich machen. 
f^ In ähnlich ungünstiger Lage sind die Sammlungen und Museen, 

nur dass hier die Centralisirung nicht empfehlenswerth ist. Wer Al- 
terthümer aus Liebhaberei sammelt, dem mag es gestattet sein, nach 
Gutdünken allerwärts Werthvolles und Merkwürdiges zu suchen. Oef- 
fentllche Museen vaterländischer Alterthümer sollten anders gebildet 
werden. Man hört zwar oft Lobsprüche zu Gunsten sogenannter Gen* 
tralmuseen, in welchen die transportablen Monumente eines Landes 
vereinigt werden sollten. Es ist immerhin zu berücksichtigen, dass 
ausländischen Gelehrten durch ein Centralmuseum eine grosse Er- 
leichterung geboten wird, indem ihnen manche Reise erspart bleibt. 
Aber gerade dieser letzte Umstand hat seine ungünstige Kehrseite. 
Die Localforscher nämlich, welche nicht gerade am Orte des Central- 
museums wohnen, werden gezwungen sein, Reisen zumachen, um die 
Denkmale ihrer engeren Heimath in der oft weit entlegenen Landes- 
sammlung aufzusuchen. Dies ist besonders unangenehm, wenn der 
Gründer oder Leiter des Museums seinen Sammlungseifer in Land- 
schaften verschiedenen Charakters bethätigt und alles Werthvolle 
ohne Rücksicht auf Particular-Bedüiinisse an einer Stelle zu vereini- 
gen strebt. So ist es entschieden tadelnswerth, dass Kunstgegenstände 
des Alterthums, die in den Rheinlanden gefunden wurden, nach Berlin, 
München und anderwärts verbracht worden sind. Aber auch in den 
Rheinlanden selbst verfährt man keineswegs zweckentsprechend, wenn 
man Gegenstände des Alterthums von Wiesbaden, Mainz nach Bonn 
verbringt und umgekehrt. Ein niederrheinischer Gelehrter, welcher 
^ ^ sich mit vaterländischer Mythologie oder Inschriftenkunde beschäftigt, 



/, 



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CV- 



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J 



Alterihamsforschung am Oberrhein. 197 

cmpiimlet es höchst unangenehm, dass Carl Theodor Matronen- 
steine und andere Denkmale ^ ^om Niederrhein nach Mannheim 
versetzt hat, wo sie ihres localen Interesses beraubt unter den fremd- 
artigsten Monumenten aufgestellt sind. Der Localforscher sieht sich 
gezwungen, aus dem Jülich-Clevischen Lande eine weite Reise in die 
Rbeinpfalz zu seinen heimischen Denksteinen zu machen. 

Nicht viel besser wäre die Lage eines Forschers am Bodensee 
oder im Tauberthal, wenn ihm die für Localgeschichte wichtigen An- 
tiquitäten in ein Gentralmuseum nach Garlsruhe entführt werden soll- 
ten. Nun liegt freilich eine solche Gefahr wohl nicht vor, da ein guter 
Theil der Alterthumsreste in städtischem oder Privatbesitz sich be- 
findet. Aber nicht in allen Städten bekundet sich ein solcher Sinn für 
die Denkmale der Vorzeit, wie in dem oben erwähnten eisässischen 
Städtchen Zabern, obgleich den reichen, rasch aufblühenden badischen 
Gemeinden Gelegenheit genug geboten ist, ihre Achtung vor den Wer- 
ken der Vorzeit zu bethätigen. 

In erster Linie ist die Erforschung und Bewahrung der heimath- 
lichen Denkmale ohne Zweifel Sache patriotischer Bürger, und so 
fassten von jeher einsichtige Männer ihre Aufgabe, z. B. in Constanz, 
Basel, Freiburg, Strasaburg, bis rheinabwärts nach Mainz, Köln, Nym- 
wegen. Die Staatshilfe sollte erst dann angerufen werden, wenn Pri- 
vatmittel zu grösseren Unternehmungen nicht ausreichen, zumal wenn 
es gilt, die werthvollsten Kunstgegenstände vor Verkauf an das reiche 
Ausland zn schützen. 

Die Stadt F r e i b u r g hat jetzt die kostbare Sammlung H. S c h r e i- 
bers durch Vermächtniss erhalten. Es ist zu erwarten, dass nun 
durch Zusammenwirken der Gemeinde, der Universität, des anthropo- 
logischen und historischen Vereins eine schöne Alterthumssammlung 
in der Hauptstadt des Breisgaues entstehe. Ebenso besitzt Constanz 
Alterthümer, die sich durch Fundstücke der Bodenseeufer bereichern 
lassen, Donau esc hin gen hat die werthvollen Sammlungen des Für- 
sten von Fflrstenberg, endlich befinden sich auch in Mannheim und 
Heidelberg Museen. Wenn diese alle zweckentsprechend gepflegt, 
namentlich wenn die transportablen und der Aufbewahrung würdigen 
Alterthumsgegenstände der einzelnen Landschaften in den zugehörigen 
Städten ein schützendes Unterkommen finden, so ist für die Kenntniss 
unserer Vorzeit reichlich gesorgt. Es ist dies um so eher möglich, als 



>) Z. B. C. I. Rh. 608—616. 697. 600. 265. 294. 



L. 



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198 AlterthttmsforschuDg am Oberrheio. 

in 8ämmtlichen genannten Städten, wie auch in Wertheim und 
Tauberbischofsheim höhere Schulen sind, an denen geschichts- 
kundige Männer wirken. 

Für die grösste und bedeutendste Sammlung des Landes scheint 
nun auch eine bessere Zeit zu kommen. In den Jahren 1854 bis 1858 
wurde unter den Auspicien des regierenden Orossherzogs von Baden 
durch den Herrn A. v. Bayer, Gonservator der vaterländischen Al- 
terthümer, ein stattliches Museum zu Carlsruhe organisirt, welches 
die im Durlacher Schlossgarten und die zu Baden, anfengs in dem er- 
wähnten Tempel, seit 1846 in der alten Trinkhalle aufgestellten Mo- 
numente vereinigte. Leider mussten die Alterthttmer schon nach we- 
nigen Jahren ihren Au&tellungsraum veflassen, und sie wurden noth- 
dürftig an verschiedenen Stellen untergebracht. Im laufenden Jahre 
endlich wird ein grosses Gebäude fertig, in welchem die Schätze der 
Carter uher Sammlung eine würdige Aufsstellung finden sollen. Mit den 
Fortschritten der neuen Aufteilung soll auch mein Bericht seine Fort- 
setzung erhalten. 

Carlsruhe im Mai 1873. 

W. Brambach. 



LA. 



«f \'K 



8. Die an der Oet- und Nordeeite dee Domee zu Köln entdeckten 
Reste römischer und mitteialterlicher Bauten. 

Hierzu Tafel XV und XVI. 
I. 

Fnndberieht. 

Die Anlage einer den Dom zu Köln an der Nord- und Ostseite 
umgebenden Futtermauer bedingte die Abtragung eines grossen Theiles 
des mit einer steinernen Erdböschung nach Osten zu abdachenden 
Domhägels. Diese umfangreichen Erdbewegungen constatirten zunächst 
die Thatsache, dass der sogenannte Domhügel eine künstlich geschaf- 
fene Terrainerhöhung sei, indem in wechselnden Lagen Bauschutt, 
Scherben, Humusboden und Baureste mittelalterlicher, wie römischer 
Bauanlagen zu Tage gefördert wurden. Hiemach und nach der Höhen- 
lage der aufgefundenen umfassenden Bauwerke dürfte es als gewiss 
anzunehmen sein, dass die Bebauung desjenigen Terrains, welches 
heute als Domhügel ca. 19 ' über dem Strassenterrain sich erhebt, 
zur Römerzeit im natürlichen Gefälle der Terrainabdachung erfolgte. 
Der Domhügel selbst ist demnach eine Anhäufung von Steintrümmern 
und Bauschutt, herrührend von den an dieser Stelle zu verschiedenen 
Zeiten bis zur Gründung der jetzt den Domhügel krönenden Dom- 
kirche errichteten Bauanlagen. Bei Aufgrabung der Fundamente zur 
Treppenanlage an der Ostseite des Domes im Jahre 1866 stiessen die 
Arbeiter in einer Tiefe von ca. 19 ' unter der Oberfläche des Dom- 
hfigels oder ca. 2 ' unter dem heutigen Strassenpflaster zunächst auf 
grössere, zerstreut liegende Tuffsteinquadern und Bruchstücke römi- 
scher Hauptgesimse aus Jurakalk. Bei 3' Tiefe unter dem Strassen- 
terrain wurde demnächst ein gut erhaltenes, aus Tuffsteinquadern ge- 



200 ^ Reste römiBcher und mitielalierlicher Bautea am Dom zu Köln. 

fertigtes und mit sorgfältig geglättetem rothen Mörtelputz bekleidetes 
Wasserbecken (XV d) aufgedeckt. Dasselbe ist achteckig mit beinahe 
halbkreisförmig ausgerundeten Begränzungsflächen bei 6 ' 6 " 4 '" lich- 
ter Weite und 2 ' 1 " 9 '" Tiefe, bis zur ersten umlaufenden Treppen- 
stufe gemessen. Der höher liegende Bassinrand von 1 ' 6 '' Mauerdicke 
war zerstört und konnte somit die Gesammttiefe des Wasserbeckens 
nicht festgestellt werden. Im Innern des Wasserbehälters läuft ein 
Mauerabsatz von 1 ' Breite an allen acht Seiten herum, und sind zwei 
Stufen an der Nord- und Südseite von je 1 ' 1 " 6 '" Höhe vorgelegt, 
die als Treppenstufen oder Sitzstufen gedient haben können, je nach- 
dem das Wasserbecken als Qsteme zum Wasserschöpfen oder als 
Badevorrichtung im Gebrauch war. 

Dieser Fund gab Veranlassung, nunmehr eine planmässige, und 
über das Bedürfniss zur Fundamentirung der Domterrasse hinaus- 
gehende Aufgrabung des Domhügels zu veranstalten, und wurde zu 
diesem Behufe im Laufe des Jahres 1866 eine Fläche von 120 'Länge 
und ca. 30' Breite freigelegt (Tafel XV). Das Ergebniss dieser Nach- 
grabungen, welche von dem Unterzeichneten in Gemeinschaft mit dem 
Herrn Professor Dr. Düntzer zu Köln geleitet und worüber zur Zeit 
in der Kölnischen Zeitung das Wichtigste veröffentlicht wurde, ist 
nachstehend auf Wunsch des Vorstandes des Vereins von Alterthums- 
freunden zu Bonn unter Beifügung von zwei Situationsplänen über- 
sichtlich zusammengestellt 



a. Aelteste römische Bauperiode. 

Nach Abtragung der östlichen Abdachung des Domhügels in dem 
angedeuteten Umfange zeigte sich eine ausgedehnte Bauanlage, be- 
stehend aus scheinbar planlos sich durchkreuzenden Tuf&teinmauem, 
deren Zugehörigkeit zu zwei verschiedenen Bauwerken römischen 
Ursprungs sich bei Aufräumung des Bauschuttes herausstellte. Zur 
grossem Deutlichkeit der Ueberschrift sind die in der Richtung 
P auf dem Grundrisse (Tafel XV) belegenen Bautheile der älteren 
Anlage dunkel, die später hineingebauten Mauertheile hell schraffirt. 
Die aufgefundenen Fundamentmauern haben eine Dicke von 3 ' 6 ", 
während das aufgehende Mauerwerk der Umfangswände meist 2' 
stark ist. Spuren eines Fussbodens, wie auch von Mörtelbewurf an 
den Mauerresten waren nicht sichtbar. 






Reste römischer und miitelaltcrlicher Bauten am Dom zn Köln. 201 

b. Neuere Römerbauten. 

In die ad a beschriebene Ba^anlage ist nach Abbruch oder Zer- 
störung der früher errichteten Gebäude ein Neubau hineingebaut,, 
dessen Mauern genau parallel mit der Achse der jetzigen Domkirche 
liegen und die in dem Grundrisse Tafel XV mit I. IL III. IV. V be- 
zeichneten Räume umfassen. 

Der «Raum I, mit einem wohlerhaltenen und sorgfältig geglätte- 
ten Estrich aus rothem Ziegelmehlmörtel versehen, der ca. 2 ' unter 
dem jetzigen Strassenpflaster belegen ist, dürfte als der Küchenraum 
des römischen Hauses zu bezeichnen sein, indem sich daselbst eine 
grössere Zahl von Topfscherben, die Theile einer Handmühle, Holz- 
kohlen, sowie zahlreiche Knochenreste von Thieren fanden, die, mit 
Fischgräten und einer grossen Menge von Austerschalen gemischt, 
den Küchenabfall einer römischen Haushaltung vor Augen führte. 
Namentlich war die massenhafte Anhäufung von Austerschalen, von 
derselben Form, wie die englischen Austern, auffallend. Die in dem 
Räume I aufgefundenen vier Säulenreste m. m. m. m. sind zufällig 
dort gelagert und standen in einer ca. 6 " starken Schicht von schwar- 
zem Brandschutt, der den ganzen Ziegelboden bedeckte. Bei R fand 
sich derFuss eines Pilasters mit einem Theile des cannelirten Schaftes 
aus Jurakalk (Detail XV R) noch in dem ursprünglichen Lager stehend. 

Nachdem die Auf räumung des Brandschuttes in dem Räume I mit 
Sorgfalt beendet war, kam der erwähnte rothe Ziegelestrich meist un- 
verletzt zum Vorschein, und wurde derselbe nunmehr an mehreren 
Stellen durchbrochen, um zu untersuchen, ob Keller- oder Heizungs- 
anlagen darunter befindlich seien. Hierbei ergab es sich, dass diese 
Räume nicht unterkellert waren und der Estrich sich unmittelbar auf 
einer Lage von grossen Steinen ausbreitete, die als Fundr TZnt dienten 
und sich bei weiterem Nachsuchen als absichtlich zerschlagene, zum 
Theü mit Ornamenten bedeckte Constructionstheile eines Gebäudes 
von Jurakalk ergaben. Auffällig und als Beweis der planmässigen Zer- 
störung vorhandener Kunstbauten erschien es, dass selbst ein Reiter- 
standbild, aus Kalkstein gehauen (nach den wenigen erhaltenen Resten 
von ca. Va natürlicher Grösse), behufs Gewinnung von Fundament- 
steinen für den Neubau, in Stücke geschlagen wurde. 

Den besterhaltenen Theil der ganzen Anlage umfasst der Raum II 
mit dem bereits erwähnten Wasserbassin d. Die Umfassungsmauern 
aus Tufbteinquadem bei einer Dicke von ca. 4 ' durch eine Isolir- 






202 Reste römisoher und mittelalterlicher Bauten am Dom zu Köln. 

schiebt von 6 " Breite in ihrer ganzen Länge getheilt, umscbliessen 
eine Brunnen- oder Badestabe von ca. 24 ' Breite. 

Bemerkenswerth ist es hierbei, dass beinahe an gleicher Stelle 
auch in dem älteren zerstörten römischen Gebäude ein Wasserbassin 
gestanden hat, wie die nnter dem Fussboden aufgefundenen Spuren 
eines zweiten achteckigen Wasserreservoirs andeuten, zu dem die noch 
erhaltenen Stufen e führten. Mithin ist anzunehmen, dass an dieser 
Stelle zu den verschiedensten Zeiten ein Wasserausfluss gewesen ist, 
dessen Zuleitungsrohr leider durch die späteren mittelalterlichen Bau- 
ten zerstört wurde. Aus dem Wasserbassin der älteren Anlage führte 
der gemauerte Kanal a von 8 '' Weite in südöstlicher Richtung, so wie 
aus dem erhaltenen Wasserbecken d ein höher gelegener und mit 
Platten gedeckter Kanal c nach Nordosten das gebrauchte Wasser 
in die Abzugsgräben. In die Umfassungswand des Wasserbeckens d, 
dicht am Boden eingelassen und in den Kanal c eingelegt, befand 
sich der ca. 6 ' lange Rest eines gut erhaltenen Bleirohres von 2 " 
lichter Weite. Das Rohr, aus Bleiplatten zusammengelöthet, zeigte an 
seiner Einmündung in das Wasserbecken keinerlei Vorrichtung zum 
Verschluss. Als einer der zu dem Kanal c verwendeten Decksteine wurde 
hier ein Weihestein, dem Genius der zu Köln wohnenden Focarii ge- 
* widmet (Jahrbücher XLII. 83 flf.), zu Tage gefördert. Der bei XV b 

gezeichnete, aus gewöhnlichen Ziegelsteinen neuerer Form construirte 
Kanal steht zu der römischen Wasseranlage ausser Beziehung; er 
scheint zur Ableitung von Wasser aus den mittelalterlichen Bauanlagen 
gedient zu haben. Leider sind die Umfassungswände der römischen 
Brunnen- oder Badestube beinahe bis auf den Fussboden abgebrochen 
und zerstört, so dass über die Verbindung der Wohnräume unterein- 
ander nichts Genaueres festgestellt werden konnte. 

Die Räume IIL IV. V. entbehrten eines Fussbodens, und wurde 
bei den fortgesetzten Nachgrabungen hier eine grosse Zahl von be- 
arbeiteten Ornamenten aus Jurakalk, Münzen, römischen Nadeln und 
Topfscherben zu Tage gefördert, die über das Alter der Bauten den 
gewünschten Aufschluss brachten. 

Zunächst wurde ca. 7 ' tief unter dem jetzigen Strassenpflaster 
der Weihestein eines zur Zeit des Titus erbauten Mercurtempels auf- 
gedeckt, und nicht weit davon das Bruchstück eines grossen Archi- 
travs mit Relief, das zu demselben Tempel gehört hatte. Ueber diesen 
Fund, sowie über die hier ausgegrabenen römischen Nadeln, Münzen, 
Griffel, Schmucksachen etc. ist bereits in den Jahrbüfchern XLII. 79 ff. 



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Ratte römischer und mittelalterlicher Beaten am Dom tu Köln. 208 

86 fif. Mittheilong gemacht. Ein Anhalt für die Zeit der Niederlegung 
des neueren römischen Gebäudes ergab steh aus den Nachgrabungen 
nicht, dagegen muss die Zerstörung nach der Menge des aufgehäuften 
Brandschuttes zu urtheilen, durch Feuer veranlasst und so vernichtend ge- 
Wesen sein, dass die Spuren jeder Bebauung im Mittelalter vollständig 
verschwunden waren, indem die erhaltenen kolossalen Fundament- 
mauem S S des auf derselben Stelle später errichteten romanischen 
Gebäudes bis wenige Fuss ttber den Bauschutt des Römerbaus hinab- 
reichen, und eine Vertiefung der Baugrube um wenige Fuss genfigt 
hätte, den gewachsenen Boden zu erreichen. 

c Bauwerke aus der fränkischen Zeit. 

Nachdem Jahrhunderte hindurch Bauschutt .und Trümmer über 
den Ruinen der Römerbauten aufgehäuft und hierdurch die heute noch 
bestehende als Domhügel bezeichnete künstliche Terrainanhöhung ge- 
schaffen war, begann der Bau eines umfangreichen Gebäudes, dessen 
aus drachenfelser Stein errichtete Fundamentmauem auf der Situa- 
tionszeichnung XV bei S S verzeichnet sind und deren Entfernung 
von einander von Aussenkante zu Aussenkante gemessen 84 ' 9 '' be- 
trägt Die auiigehende Mauer über den Banketten hat eine Stärke von 
3* 6" und lag ein Fussboden von 3 '' starken, sauber behauenen dra- 
chenfelser Hausteinplatten in einer Höhe von 10 ' über dem Fussboden 
des römischen Hauses. In der Richtung der südlichen Umfassungs- 
mauer wurde 8 ' vom Domsockel entfernt die Basis einer romanischen 
Säule von 2 ' 2 " 6 '" Schaftdurchmesser aus drachenfelser Stein ge- 
arbeitet, im Lager stehend, ausgegraben (Detail XV £). Die ganze 
Breite des Gebäudes, im Lichten ca. 77 ' 9 '' messend, war durch die 
Zwischenmauern T T T getheilt. 

d. Die römische Stadtmauer. 

Bei' Abtragung der den Dom umgebenden Terrasse um 6 ' wur- 
den an der Nordseite des Domes die Ueberreste der römischen Stadt- 
mauer freigelegt, deren Dicke ca. 8 ' 6 '' beträgt. Auf Tafel XVI ist 
der Lauf der römischen Stadtmauer übersichtlich in den jetzigen 
Bebauungsplan des DomhUgels eingezeichnet, und zeigt dieselbe auf 
der ganzen lÄnge von dem bei d in der Burgmauer noch bestehenden 
und zu Wohnräumen ausgebauten fiefestigungsthurm ausgehend bis 
zum Thurme a auf der Domterrasse zwei Unterbrechungen in gleichen 
Abständen, bestehend in einem bei b belegenen, zum Theil in das 



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204 Reste römischer und mittelalterlicher Bauten am Dom zu Köln. 

Domfundament eingebauten Thttrme und dem bei c befindlichen soge- 
nannten Pfaffenthore, dessen Fundamente neuerdings bei Eanalbauten 
freigelegt wurden. Gestützt auf die sich ergebende genaue TJeberein- 
stimmung des Abstandes zwischen den einzelnen Befestigungsthürmen 
der römischen Stadtmauer wurde versucht, die Lage des nächsten 
Thurmes östlich vom Thurme a durch Aufgrabungen zu bestimmen. 
Nachdem der Lauf der Mauer auf eine Länge von 210 ' aufgedeckt, 
fand sich leider das Mauerwerk bis zu den Fundamenten abgebrochen 
und somit jede Spur der römischen Befestigungswerke nach dem Rheine 
zu verwischt. 

Der bei b belegene Befestigungsthurm (Detail Tafel XVI), dessen 
Freilegung bereits in den Jahrbüchern XXXVII, 65 flf. und XXXDL. XL, 
111 ff. erwähnt wurde, ist mit sorgfältig hammerrecht behauenen 
Grauwackenfeldsteinen verblendet und mit einer Ausgangsthtir nach 
dem früheren Wallgraben, der heutigen Trankgasse, versehen. Die 
Schwelle dieser Thür liegt 1 ' 3 " über dem Pflaster der Trankgasse, 
woraus erhellt, dass eine wesentliche Veränderung in der Höhenlage 
der Strassenoberfläche in diesem Theile der Stadt Köln seit der Bö- 
merzeit nicht stattgefunden hat. Nicht unwichtig für die Bestimmung 
der Zeit der Erbauung der römischen Befestigungsmauer durfte es 
sein, dass die Decke des untern Gemaches des Thurmes bei b nicht 
durch Wölbung, sondern durch eine 4 ' dicke Platte aus Gussmauer- 
werk hergestellt ist. 

Sämmtliche bei den Ausgrabungen in der Umgebung des Domes 
aufgefundenen Architekturtheile, Inschriftsteine,. Utensilien, Münzen 
und Gefässe, von künstlerisch hervorragender oder archäologischer und 
historischer Bedeutung sind dem städtischen Museum zu Köln über- 
wiesen und im Katalog der römischen Alterthümer und in diesen 
Jahrbüchern XLII, 79—88 beschrieben. 

Beim Bau der neuen Umfassungsmauer der Domterrasse und des 
Treppenbaues an der Ostseite sind die Reste der römischen Anlagen^ 
namentlich das Wasserbecken, thunlichst erhalten und sorgfaltig 
überwölbt. 

Die Aussicht, durch bedeutendere Bauausführungen auf dem der 
rheinischen Eisenbahn- Gesellschaft gehörigen Terrain zwischen, der 
Brückenrampe und der Trankgasse Gelegenheit zu finden, die Auf- 
grabungen der römischen Befestigungswerke gegen den Rhein zu weiter 



II, 7. 8. 27. 32*. 36. 160» . 163 1- K 163. 164. 



h 



Reste römisoher and mittelalierlicher Bauten am Dom su Köln. 206 

frei zu l^en und die begonnenen Nachgrabungen zu vervollatändigen, 
hat sich bis heute nicht verwirklicht, und erschien es somit angemessen, 
die Publication der durch die bisherigen Ausgrabungen erlangten Re- 
sultate und Aufschlüsse über die älteste Baugeschichte Kölns nebst 
den dazu gehörigen Situationszeichnungen und Detailaiifnahmen den 
Freunden vaterländischer Geschichte nicht länger vorzuenthalten. 

Der Dombaumeister Voigtel. 



n. 

Ergebnisse. 



Der vorstehende genaue Fundbericht des Herrn Begierungs- und 
Baurath Voigtel gibt zunächst erwünschte Auskunft über die Reste 
zweier römischen Gebäude, von denen das erste sich so rasch und, 
man möchte sagen, übereilt auf den Trümmern des andern erhob, dass 
der noch erhaltene ganz gemauerte Abzugscanal a, der für das neue 
Wasserbassin d unbrauchbar geworden war, nicht einmal beseitigt, 
sondern nur so weit abgebrochen wurde, als er hinderlich war; denn 
derselbe mündet keineswegs in das neue Wasserbassin, sondern reichte 
nur bis an dasselbe hinan, da man unmittelbar an demselben ihn ab- 
gebrochen hatte. Ausser diesem alten Abzugscanal hat man die Spuren 
eines altern Wasserbassins unten im Fussboden fast an derselben Stelle 
gefunden, wo auch die zu diesem führenden Stufen e. Gehörte dieser 
Abzugscanal zu dem altern Wasserbassin, so muss dieses etwas höher 
gelegen haben, da er jedenfalls noch eine Strecke weiter führte; dass 
früher das Wasser südöstlich, später nordwestlich abgeführt wurde, 
war durch die neue Einrichtung des Abflusses bedingt. Finden wir 
nun fast ganz an derselben Stelle im altern wie im neuern Baue ein 
Wasserbassin, so dürfen wir wohl annehmen, beide Gebäude seien zu 
demselben Zwecke bestimmt gewesen und das neue habe in seiner 
ganzen Einrichtung wesentlich dem alten entsprochen. Von diesem 
haben sich sonst nur Reste von Tuffsteinmauern >) östlich von dem 



^) Ueber die Verwendung des Tufifsteins bei den Römern, welche durch 
ansere Entdeckung eine wesentliche Bestätigung erhält, hat der Wirkl. Geh. 
Rath* Yoo Deohen Jahrb. ICKXVIII, 1 ff. gehandelt. 



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206 Reste römifober und mittelalterUoher Bauten am Dom su Köln. 

Wasserbassin erhalten, die weder von der Eintheilung der Räume 
noch von dem Umftinge des Ganzen eine Anschauung geben; ja bei 
der Oewalt der Zerstörung kann man zweifeln, ob dieselben ganz an 
ihrer ursprünglichen Stelle sich befinden. Sie stehen auf gewachsenem 
Hoden, woraus sich ergibt, dass auf diesem kein früheres Gebäude ge- 
standen haben dürfte. 

Wenden wir uns zu dem neuen Gebäude, so zieht hier zunächst 
das in einem Gemache von 24 ' Breite und entsprechender nicht genau 
zu bestimmender Länge befindliche Wasserbassin (vgl. die Detaikeich- 
nung XV oben links) unsere Aufmerksamkeit auf sich, das wir als 
baptisterium^ wie Plinius (epist. II, 17, 11. V, 6, 25) das Bassin 
zum kalten Wasserbade nennt, wie dt^s Gemach, in welchem es sich 
befindet, nach demselben als cella frigidaria bezeichnen. Im Gym- 
nasium hiess nach Vitruv (V, 11, 2) das kalte Bad frigida lavatiOj 
bei den Griechen lovtQoy, davon ist das frigidarium (Eühlstube) 
verschieden, das wir auf der berühmten Abbildung aus den Thermen 
des Titus zwischen dem elaeothesium (Oel- und Salbenzimmer) 
und dem tepidarnffu (der lauen Stube) finden. Das frigidarium 
war eben so wenig, wie das tepidarium mit einer Vorrichtung zum 
Baden versehen; beide dienten zum Ausruhen (residere). Wenn 
Sidonius ApoUinaris (epist. II, 2) piscina als römischen Namen des 
baptisterium bezeichnet, so ist dies für die frühere Zeit irrig; denn 
die Piscina befindet sich im Freien und hat eine weitere Ausdehnung, 
wie sich aus den angeführten Stellen des Plinius ergibt Unser Was- 
serbassin entspricht in den wesentlichen Punkten dem freilich grossem, 
kostbarem und runden in den Thermen zuPompeii, das 12' 9" oben 
im Durchmesser, einen 10' unter dem Rande, 2' 4" oberhalb des 
Bodens umlaufenden Sitz von 1 1 ' Breite und an der einen Seite eine 
Stufe zum Ein- und Aussteigen hat. An unserm Bassin war nördlich 
und südlich ein Absatz zum Ein- und Aussteigen ; der Sitz hatte die- 
selbe Breite wie in Pompeii. Wenn sich kein Verschluss an dem Ab- 
zugscanal c gefunden hat, so mag dieser mit dem erhaltenen Blei- 
rohre in Verbindung gestanden und sich bei der gewaltsamen Zerstö- 
rung verloren haben; keinenfalls dürfte dieser gewiss nicht ursprüng- 
liche Mangel gegen die Bestimmung des Beckens zum kalten Bade 
einen haltbaren Grund abgeben. Woher das Wasser zum Bade kam, 
lässt sich nicht mehr bestimmen. Zu Pompeii strömte es aus einer 
kupfernen, dem Eingange gegenüber, etwa 4' über dem Boden 
befindlichen Röhre, die es durch andere Röhren aus einem grossen 






Reste römiBcber and mittelalterHoher fiauten am Dom eu Köln. 207 

Wasserbehälter brachte. Da der Eingang in unsere cdla frigidaria, 
nach der altem Stufe e zu schliessen, östlich war, so dQrfte das Was- 
ser westlich eingeströmt sein. Wahrscheinlich kam der Wasserzi^uss 
aus der öffentlichen Wasserleitung. Der Ziegelcanal ist viel jungem 
Ursprangs. 

Ausser der ceSa frigidaria ist die Entdeckung der Küche, 
adina, von grosser Wichtigkeit. Nördlich erstreckte dieselbe sich in 
ihrer grossem Länge bis zu Pfeiler R (Detailzeichnung XV unten 
links), in der kleinern bis zur Mauer des südlich von der c^a fri- 
gidaria befindlichen Gemaches, etwa eines Vorraumes der Küche, 
wie wir ihn auch sonst wohl zum Anrichten der Speisen finden; ihre 
Breite wird nur an der engsteja Stelle durch das westlich und östlich 
daran stossende Gemach bezeichnet. Die Form der Küche ist dieselbe, 
wie zu Pompeii in der casa della caccia und in der casa del poeta 
tragico. Der Eingang war wohl durch jenes als Vorraum bezeichnete 
Gemach oder weiter südwestlich, so dass sie am Eingang die geringste 
Länge hatte. Die Küche ist meistens im hintersten TheUe des' Hauses, 
seltener im mittlem, am seltensten in der Nähe des Einganges, neben 
dem atrium] meistentheils liegt sie an der Strasse oder ist nur durch 
ein Gemach von dieser getrennt. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn 
wir auch hier den gewöhnlichen Fall annehmen und die ctdina uns 
hinter der ceUa frigidaria im äussersten Theile des Hauses den- 
ken; denn dass wir es mit einem Privathause zu thun haben, 
zeigen uns eben die Küche und das für den öffentlichen Gebrauch zu 
kleine baptisterium. Demnach würden wir die schmale Frontseite 
des Hauses nördlich, der Trankgasse gegenüber, die Hinterseite süd- 
lieh, nach dem Domhofe zu, die westliche Strassenseite eine beträcht- 
liche Strecke jenseit des Wasserbassins, die östliche nicht sehr weit 
jenseit der ausgegrabenen Beste der Mauer und des Küchenestrichs 
anzunehmen haben. In einem Hause, welches ein kaltes Bad hatte, 
dürfte, bei der Unentbehrlichkeit warmer Bäder, ein solches kaum 
gefehlt haben. Die Einrichtungen zu den warmen Bädern befanden 
sich westlich, hier wahrscheinlich südwestlich, von der cdla frigidaria. 
Von dem nördlich von dieser gelegenen Theile des Hauses ist wenig 
zu sagen; nur vier Gemächer desselben lassen sich nach den erhal- 
tenen Mauerresten unterscheiden, über deren Verbindung und Ver- 
wendung aber nichts mit Wahrscheinlichkeit sich vermuthen, eben so 
wenig, wie weit sich das Haus noch gegen Norden ersteckte. Die Zer- 
störung war hier zu gewaltig; von dem alten Gebäude hat sich hier 



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208 Reste römisoher^nnd mittelalterlicher Baaten am Dom tu Köln. 

gar nichts erhalten^ [dagegen fand man hier den Weihestein und ein 
Relief des unter Titus erbauten Mercurtempels in einer Tiefe von 7 ', 
gleich vor der Wendung der neuen Umfassungsmauer der Domterrasse. 
Dass gerade hier der Mercurtempel gestanden, wird man nicht be- 
haupten dürfen, da bekanntlich Trümmerreste von Gebäuden und In- 
schriften oft weit verführt wurden, wie wir denn in Köln selbst ein 
schlagendes Beispiel besitzen, dass Stücke derselben Inschrift in weiter 
Entfernung von einander aufgefunden wurden (vgl. Jahrb. XLI, 125 fif.}. 
Hier kommt noch dazu, dass bei dem zweiten römischen Baue nach- 
weislich Gebäudetrümmer, ja Stücke von einem zerschlagenen Reiter- 
standbilde, dessen Reste sich leider nicht mehr zusammenfügen Hessen, 
verwandt worden sind, um einen festen Boden zu gewinnen. So wenig 
jenes Reiterstandbild an der Stelle des Hauses gestanden hat, auf dem 
der zweite Bau errichtet worden, so wenig können wir behaupten, 
dieser Weihestein mit dem Reliefsteine rühre von einem an dieser 
Stelle gestandenen Mercurtempel her, sei nicht von einer andern Stelle, 
die wir uns näher oder ferner denken können, hierher gebracht worden. 
Bei der grossartigen Zerstörung, welcher der älteste Hausbau zum 
Opfer fiel, war auch in der Nähe desselben, besonders auf dem Dom- 
hofe, den wir als römisches Forum nachgewiesen zu haben glauben, 
so vieles zertrümmert worden, dass man bei der Grundlegung diese 
Trümmer zu benutzen sich wohl veranlasst finden konnte. Bediente 
man sich ja auch eines Weihesteines, der gewiss nicht ursprünglich 
in diesem Hause gestanden hatte (Jahrb. XLH, 83 ff.), zur Deckung 
des Wasserabflusses. 

Bei einer für die älteste Geschichte Kölns so wichtigen Thatsache, 
wie diese Entdeckungen an der Ost- und Nordostseite des Domes sind, 
gebietet es der Ernst der Sache, irrige Angaben als ^solche zu be- 
zeichnen. In den >Annalen des historischen Vereins für den Nieder- 
rheiutt (XVIII, 295 ff.) behauptet Herr Archivar Dr. Ennen: »Nach 
Ausweis der örtlichen Ausgrabungen ist nur die Thatsache unzweifel- 
haft, dass hier (an der Stelle des jetzigen Doms) ein römischer Tem- 
pel sich befunden hat. Bei den Erdarbeiten für die Terrassenanlage 
zwischen dem Domchor und der Brückeurampe haben sich dekorirte 
Säulen-, Fries- und Täfelungsreste gefunden, die darauf hindeuten, 
dass an dieser Stelle ein bedeutender Bau gestanden haben müsse.« 
Darauf gedenkt er jenes von mir gleich auf einen von den Augustalen 
des Titas gebauten Mercurtempel bezogenen Weihesteins ^) aus dem 

^) Brambach gibt Add. 20i0 die Ergänzung: (Mer)curio Äugu8t{o pro 



Reste römischer and mittelalterlicher Bauten am Dom za Köln. 209 

er nichts weiter will schliessen können, als ndass wir es hier mit einem 
Tempel des Titos (?) zu thun haben» der von einem (?) Augustalen 
quoad (?) maceriem et in drcuüu (?) errichtet worden ist«. Beim Ein- 
dringen der Franken soll dieser Tempel in Trümmer gefallen »und 
nach Glodwigs Bekehrung wohl an der Stelle jenes Tempels eine 
christliche Kirche erbaut worden sein, zu dem etwa jenes dort ent- 
deckte Wasserbecken gehört haben möge, das. zwei Abflüsse gehabt 
habe. Dafür, dass hier in der merowingischen Zeit »ein kräftiger Kir- 
chenbautt gestanden habe, werden die im Fundbericht unter c be- 
schriebenen Ausgrabungen angeführt. In seiner historischen Einleitung 
zu den Domzeichnungen des Architekten Franz Schmitz S. 3 ent- 
scheidet Ennen sich für die Annahme, )^ass schon in merowingischer 
Zeit die Verlegung der bischöflichen Kirche von Gäcilien nach der 
Nordostecke des alten römischen Köln beliebt. worden und dieser ein 
römischer Tempel des Mercur (einen solchen nimmt er also jetzt auch 
an) habe Platz machen müssen (wonach er also, wie es scheint, nicht 
zerstört war). ' Alle diese Behauptungen zerfallen vor der Thatsache, 
dass wir an der betreifenden Stelle die Reste zweier römischen Häuser 
haben, von denen das eine sich auf den Trümmern des andern erhob 
und dass jedes derselben ein Wasserbecken hatte, das mit dem spätem 
Gebäude nicht in der allergeringsten Verbindung stand, sondern unter 
dessen Fundamenten lag. 

Fragen wir aber, in welche Zeit die Zertrümmerung des ältesten 
Baues fallen möge, so kennen wir eine solche wilde Zerstörung Kölns, 
wie sie hier vorausgesetzt werden muss, nicht vor dem Jahre 355 in 
den Stürmen nach dem Sturze des Silvanus. Die Franken zerstörten 
die Stadt damals völlig, wie Ammianus berichtet (XVI, 3, 1); sie hob 
sich aber bald wieder, als Julian zwei Jahre später mit den Franken 
Trieden schloss und sie neu befestigte (daselbst 2). Eine zweite Zer- 
störung durch die Franken erfolgte nicht, wie wir aus der Schrift des 
Presbyters Salvianus zu Massilia de gubematione dei sehen, der 
' von einer viermaligen Zerstörung Triers zu seiner Zeit spricht, die Jn 



salMAe %m'pe)raior%S'^ aber die dann aaefallende Erwähnung des V^eihenden 
darf nicht fehlen, und es werden dabei am Anfange der zweiten Zeile mehr 
Buchstaben ergänzt, als nach Ausweisung der übrigen Zeilen hier gestanden 
haben können. Nur darin bin ich bereits im Museumskatalog (Nr. 7) von mei- 
ner frühem Deutung (Jahrb. XLU, 79 ff.) abgewichen, dass ich nach Caesar is 
das nach durchgängiger Regel nöthige Augusti angenommen habe. 

14 



210 Reste römischer und Tnittelalterlicber Bauten am Dom zu Köln. 

• 

einen Schutthaufen verwandelt sei, aber dennoch verlange das Volk 
vom Kaiser circensische Spiele (VI p. 184, 198, 201), während er von 
Köln sagt, dort fänden jetzt keine Schauspiele mehr statt, weil es vom 
Feinde besetzt sei (hostibus plena VI p. 184). Köln scheint auch gemeint, 
wenn dieser fromme Polterer von einer Stadt Galliens, die fast eben so 
mächtig sei wie Trier, aus eigener Anschauung berichtet, deren Wohl- 
stand und Sitten eben so zu Orunde gerichtet würden (VI p. 200). 
»Denn da ausser andern dort durch die hauptsächlichen und allgemeinen 
Laster Habsncht und Trunksucht alles ins Verderben gestürzt war, 
stieg endlich die'wüthende Gier nach Wein so hoch, dass die Vor- 
nehmen der Stadt selbst damals von ihrem Gelage sich nicht erhoben, 
als der Feind schon die Stadt betrat.« Wir dürfen es, wie viel üeber- 
treibung auch sonst bei Salvianus unterlaufen mag, wohl als That- 
Sache betrachten, dass die Franken damals sich Kölns ohne Gewalt 
bemächtigten. Salvianus, der erst im Jahre 495 in' höchstem Alter 
starb, schrieb diese Schrift um das Jahr 439; er selbst war in der 
Gegend zu Hause und hatte dort Verwandte (epist. 1). Erst bei dem 
Rückzüge Attilas über Köln, im Jahre 451, erfolgte eme zweite Zer- 
störung der Stadt durch die Hunnen. Kessel hat in seiner Schrift: 
p'_ »St. Ursula und ihre Gesellschaft« (1843) die geschichtlichen und 

^'. sagenhaften Berichte über diese Verwüstung Kölns zusammengestellt. 

f Damals wurde das noch keine hundert Jahre alte römische Haus durch 

Brand vernichtet. Nach Attilas Abzug blieben die Franken im Besitze 



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il' der Stadt, die sich aber nur schwer und langsam von dieser zweiten 

W Zerstörung erholt zu haben scheint. Wir bemerken hierbei, dass man 

t. nach Ennen )»Geschichte der Stadt Köln« I, 90 f., auch bei den Aus- 

schachtungen für die neue St. Peterspfarrschule Spuren zweier Bau- 
perioden gefunden haben will. Das dreifache Pflaster, auf welches man 
auf der Breitstrasse bei Ausgrabungen nach dem Berichte des frühem 
Apothekers Brocke gestossen sein soll (Jahrb. XX, 27 f.), wollen wir 
^ hier ausser Betracht lassen. 

i Lange Zeit verging, ehe über dem Schutte sich ein neues Ge- ^ 

1 bände erhob, wie dies bereits der Fundbericht durch den thatsäch- 

r ^ liehen Verhalt bewiesen hat. Der Plattenboden dieses Gebäudes befand 

^ sich 10' über den Trümmern des zweiten römischen Baues; die ko- 

lossalen Fundamente reichen fast bis auf die römischen Trümmer 
herab, die man hier nicht mehr ahnte. Die unten, besonders in den 
Fundamenten sehr dicken Umfassungsmauern schliessen einen Baum 
von 77 ' 9 '' ein, der durch drei Zwischenmauern abgetheUt war, von 



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Reste römischer and mittelalterlicber Bauten am Dom za Köln. 211 

denen die beiden am entferntesten von einander stehenden einen Raum 
von 48 ' begrenzten ; die nördliche war 8 ' 6 " von der Umfassungs- 
mauer, die südliche bloss 2 ' von dieser, von der nächsten Wand 7 ' 
entfernt. Für die Breite des Gebäudes haben wir keinen Haltpunkt. 
9' 6" von der südlichen Umfassungsmauer wurde die nördliche eines 
zweiten Gebäudes entdeckt. Die Fundamente scheinen am wenigsten 
auf eine Kirche zu deuten, welche eine viel stärkere Stütze verlangen 
würde. Am nachten liegt es^ hier an eine grosse Halle zu denken. 
Vielleicht gehörte diese Halle zu dem ältesten eigentlichen Domstift, 
dem monasteriumy in welchem' sich auch die Elosterschule befand, 
war der Kapitelsaal oder der Speisesaal. Vgl. Boisser^e Jahrb. XII, 
137 f. Freilich finden wir das Domstift später an der Nordseite des 
Doms, und ein gleiches ist von Boisserde S. 136 f. an der Südseite 
vermuthet worden, aber nichts steht der Annahme entgegen, nach 
der Zerstörung des alten Domstifts sei dieses näher an die hergestellte 
Domkirche gerückt worden. Ennen bringt (I, 732) die Errichtung der 
Stiftswohnungen an der Nord- und Südseite mit der von Günther be- 
willigten, von Wilbert anerkannten Gütertheilung zwischen dem Erz- 
bischof und dem Domcapitel (I; 205 f. 212) in Verbindung. Mag aber 
auch diese Theilung das Domcapitel bewogen haben, aus eigenen Mit* 
teln die Stiftswohnung an die spätere Stelle zu verlegen, besonders 
massgebend dürfte dafür doch die Zerstörung des alten Gebäudes ge- 
wesen sein. Die Möglichkeit, dass unser Gebäude das paUxtium ge- 
wesen, haben wir früher (Jahrb. XLH, 113) zugestanden^ aber wahr- 
scheinlich dürfte es schon nach der Fundamentirung des Baues kaum 
sein. Mag auch das römische Prätorium, das wir auf dem Rathhaus- 
platze mit Ennen (Jahrb. XLI, 60 ff.) annehmen müssen, durch die 
Franken oder durch die Hunnen zerstört worden sein, einer der frän- 
kischen Hausmeier würde wohl einen Palast eher auf der alten Stelle 
des Prätoriüms gebaut haben. Dass die Sage von dem pälatium 
Karls des Grossen an dieser Stelle keinen geschichtlichen Halt hat, 
gibt auch Ennen jetzt zu (a. a. 0. 299), da er meint, Andeutungen) 
dass hier unter den Merovingem ein kräftiger Eirchenbau gestanden, 
hätten sich in den jetzt noch sichtbaren, kräftigen, scheinbar von einer 
Kirche herrührenden Seitenmauem und den vielen dort gefundenen 
Steinsärgen ergeben. Dass jene Baureste auf nichts weniger als auf eine 
Kirche deuten, haben wir gesehen, und was jene Steinsärge betrifft, 
so wurde der Raum, auf welchem das Gebäude gestanden hatte, später, 
als die Beste mit Schutt und Erde überdeckt waren, zum Kirchhof 



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212 Reste römisoher und miitelaltorlicber Bauten am Dom eu Köln. 

benutzt. Man hat dort in einer Tiefe von angef&hr 8 ' eine Reihe Särge 
der Art ausgegraben, wie sie Herr Geh. Regierungsrath von Quast 
(Jahrb. L. LI, 108 ff.) ausführlich beschrieben und erörtert hat. Grab- 
steinplatten mit Inschriften liegen noch jetzt rechts vom Domchor im 
Boden. 

Die Zerstörung dieses fränkischen Gebäudes erfolgte unzweifel- 
haft durch die Normannen. Nachdem diese wilden Schaaren schon 
mehrmal in Köln gewesen (die Annales Golonienses brevissimi bei 
Pertz I, 97 melden unter dem Jahre 856 : Combustio Goloniae secunda 
vice ; elf Jahre vorher hatten sie die Kirche und das Kloster des hei- 
ligen Martin auf der Rheininsel verwüstet), erfolgte 881 die Zerstö- 
rung der Stadt, die zwei Jahre später mit Ausnahme der Kirchen und 
Klöster hergestellt wurde (Pertz I, 394). Noch 891 sagt Papst Ste- 
Stephan VI: Basilice et omi^es fabriee domorum Cohniensium 
dvücUis igne combuste perierunt. Damals wurde auch das frän- 
kische Gebäude, das sich auf den römischen Trümmern erhoben 
hatte, völlig zerstört, um nie wieder aufgebaut zu werden. Einen 
bestimmten Haltpunkt zur Bestimmung der Zeit, wann dieses Ge- 
bäude entstanden, bietet auch der dort stehend gefundene Säulenstumpf 
nicht dar. 

Ennen hat die Aufgrabungen am Dome benutzt, um meiner Be- 
hauptung, Hildebold habe keinen Neubau des Domes begonnen (Jahrb. 
XL, 102 ff.), ihre Stütze zu entziehen; aber dies war nur mögUch, 
bei der auf mangelhafter Kenntniss der aufgefundenen Reste beruhen- 
den Voraussetzung von einem dortigen römischen Tempel und einer 
an dessen Stelle erbauten christlichen Kirche. Seine Annahme, »die 
alte bischöfliche Kirche habe auf dem jetzigen Domterritorium, und 
zwar zwischen dem hohen Chor und der alten Kirche St. Maria ad 
gradns gestanden u^ vrird durch das wirklich bei den Aufgrabungen an 
der Ostseite des Doms Aufgefundene widerlegt. 

Der neueste Geschiclitsschreiber der Stadt Köhi hatte (I, 193 f.) 
die Inschrift des 804 gestorbenen Alcuin, nach welcher Hildebold im 
Auftrage Karls des Grossen einen Petersaltar in einer Peterskirche 
mit edlen Metallen schmückte, auf den schon vollendeten westlichen 
Theil von Hildebolds Neubau bezogen, und die Vermuthung geäussert, 
dieser habe den Grundstein zu seinem neuen Dom zur Feier der Er- 
hebung der kölnischen Kirche zur Metropolitankirche gelegt, obgleich 
Hildebold erst 806 als Metropolit erscheint. Meine Behauptung, der 
Kaiser habe kaum einen Altar der alten Peterskirche mit einem so 



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Rosto römischer nnd mittelalterlicher Bauten am Dom zu Köln. 



218 



kostbaren Schmucke bedenken können, wenn Hildebold sich mit der 
Gründung eines neuen getragen hätte, glaubt Ennen in dem ange- 
führten Aufsatze der DÄnnalenu mit der Bemerkung abfertigen zu 
können (S. 30 1), Karls Auftrag schliesse nicht aus, dass Hildebold 
eine neue Domkirche zu bauen beabsichtigt oder bereits begonnen 
habe, da die Ornamente leicht in den neuen Bau mit hätten herüber- 
genommen werden können. Freilich wenn die alte Kirche abgebrochen 
wurde, aber nicht, wenn, wie Ennen früher annahm, die alte bischöf- 
liche Kirche die der heiligen Cäcilia war und diejenige, welche er 
jetzt zwischen die Kirche Maria ad gradus und den Hildeboldsdom 
setzt, ein Nebelbild ist. Einen Altar einer noch benutzten Kirche seines 
Schmuckes zu berauben, ging unmöglich an. Auch will mir scheinen 
dass, wenn Hildebold damals einen neuen Bau beabsichtigt oder gar be- 
gonnen hätte, Alcuin unmöglich von der zum Abbruch bestimmten 
alten Kirche mit solcher Erhebung und solchem Preise hätte sprechen 
können, wie er es hier thut, wo er, nachdem er den Klerus aufgefor- 
dert hat^ für den Kaiser das heilige Messopfer darzubringen, mit den 
Worten schliesst: 

Hdec est cdma domus donis solidata supernis. 

Jetzt gedenkt Ennen auch der von mir erwähnten Verse Alcuins 
auf den Medardusaltar, wobei er aber nicht von einem Auftrage des 
Kaisers sprechen durfte, da Alcuin nur sagt, Hildebold habe aus Liebe 
zu Christus, der Jungfrau Maria und dem heiligen Medardus diesen 
Altar geschmückt, und selbst in der Ueberschrift ist von Karl dem 
Grossen nicht die Rede. Man sollte doch denken, Hildebold hätte einen 
solchen Schmuck eher einem Medardusaltare seiner neuen Domkirche 
zugewandt. Da kommt freilich die Annahme einer altern in der Nähe 
stehenden Kirche sehr gelegen, bei welcher Ennen eben nur übersieht, 
dass er damit gerade mit den Berichten, auf denen der Hildeboldsdom 
einzig beruht, in Widerspruch tritt, da diese behaupten, erst Hilde- 
bold habe die bischöfliche Kirche aus der Cäcilienkirche nach seinem 
neuen Dome verlegt. 

Mit der jeder Grundlage entbehrenden Annahme einer frühern 
Domkirche in der Nähe der von Hildebold begonnenen kann Ennen 
freilich leicht meine übrigen Beweise gegen den Hildeboldsdom aus 
dem Felde schlagen. Worauf aber beruht jener Hildeboldsdom ? müs- 
sen wir noch einmal fragen. Wir wissen, dass unter Wilbert bei der 
Provincialsynode vom Jahre 873 die Weihung der Domkirche statt- 
fand, welche die anwesenden Bischöfe als suae ecclesiae id est 



214 Reste römischer and mittelalterlicher Bauten am Dom zu Köln. 

domtss dedicatio bezeichnen. Die ältere Chronik der Erzbischöfe 
berichtet von Wilbert: Dedicavit ecdesiam sandi Petri ow^i- 
quam. Nun deuten dedicare und dedicatio keineswegs nothwendig 
auf einen Neubau hin; sie stehen von jeder Weihung, sowohl von 
einer consecratio als von einer reconciliaUo. Die entgegenge- 
setzte Behauptung Ennens (S. 302), der sich auf das Brevier, das 
Missale und das Gaeremoniale beruft, die doch für eine so frühe Zeit 
unmöglich etwas beweisen können, ist eben irrig, weil sie den altern 
Sprachgebrauch ausser Acht lässt *). Aber selbst wenn man dedicatio 
im Sinne von consecratio nehmen zu müssen glaubt, würde daraus 
höchstens nur nach Ennens eigener Bemerkung »eine umfangreiche 
Reparatur» folgen, und eine solche konnte sich nach den Stürmen der 
Kirche, die Wilberts Bestätigung an der Stelle des geächteten Günther 
vorhergegangen waren *), ja bei dem Schaden, den der Blitz schon im J. 
857 angerichtet hatte, wohl als nöthig erweisen, ja setzen wir über- 
haupt, wie wir thun müssen, eine ältere Kirche voraus, was wissen 
wir von dem Zustande derselben, das uns irgend hinderte anzuneh- 
men, die dedicatio habe einer umfangreichen Wiederherstellung, 
keinem Neubau, gegolten? Und ist nicht die dedicatio eines vor sieb- 
zig Jahren begonnenen Neubaus an sich höchst auffallend? Und wür- 
den die Bischöfe, wenn von einem so grossartigen schon von Hildebold 
begonnenen völligen Neubau die Rede wäre, sich mit der einfachen 
Bezeichnung sua eccUsia id est domus in ihren Schreiben begnügt 
haben? Die Angabe in Rudolfs A/nnaies Fuldenses , im Jahre 857 habe 



') Walafridus Strabo de rebus eccleBiasticis sagt 9: Notandum vero, quod 
non tuntum in prima constitutione templi dedicatio est cdehrata, sed etiam se- 
cundo vel tertio post eversionem et profanationem eittsdefn templi propter pec- 
cata popüli perpetratam a genttbus. Auch von Kirchen der Ketzer wird der 
Ausdruck dedicare gebraucht. Vgl. Martene de ecclesiae ritibus II, 15, 7. Man 
vergleiche auch die Aeussemng des Papstes Vigilius daselbst p. 322. Die be- 
stimmte Fixirung des Ausdrucks reconciliatio, neben reconsecratio, kann für 
das neunte Jahrhundert nicht erwiesen werden. 

>) In dem Schreiben der Kölner an den Papst Hadrian II. von 871 oder 
872 heisst es: J^ cum septennio eodem pastore (Quntha/rio) essemus privaJtit innume- 
rabites susiinuimus cedeSy wistationes^ predas, fraudes, durasgue dominationes. 
Sollte der Dom damals nicht selbst gelitten haben und auf jede Weise entweiht 
worden sein? Eüess es ja sogar, böse Geister hätten dort ihr Spiel getrieben 
und am Tage vor der Weihe gejammert, dass sie von dem gewohnten Sitze wei- 
chen müssten (Anselmi gesta episcoporum Leodensium bei Periz VII^ 200). 



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I 



RobIo römischer und mittelalterlicher Bauten am Dom zu Köln. 215 

sich za Köln das Volk bei einem schweren Gewitter in die basilica 
sancti Petri geflüchtet, in welche während des Glockeigeläutcs der 
Blitz eingeschlagen und drei Personen am Marien-, Petrus- und Dio- 
nysiusaltare getödtet habe, weist unwidersprechlich auf eine im vollen 
Dienste befindliche Kirche hin, die nicht erst sechszehn Jahre später 
zum erstenmal geweiht werden konnte. Freilich kann man dieses 
schreienden Widerspruchs sich dadurch entledigen, dass man, wie £n- 
nen in Folge meiner Widerlegung der Sage vom Hildeboldsdome thut, 
neben diesem, dessen Bau doch unter Hildebold begonnen haben soll, 
I ganz in der Nähe desselben eine ältere Peterskirche annimmt, von 

welcher sich nicht die geringste Spur findet, wie es an sich höchst 
unwahrscheinlich ist, dass man eine neue bischöfliche Kirche an einer 
andern Stelle in nächster Nähe der alten gebaut habe; denn man 
baute eine neue ^ Kirche an der Stelle der alten, wenn man auch den 
Raum derselben erweiterte, und so muss auch der Dom, der im Jahre 
873 geweiht wurde (denn domus nennen ihn nach bekanntem Ge- 
brauche schon die bei dessen Weihung anwesenden Bischöfe), auf der 
Stelle der ältesten bischöflichen Kirche gestanden haben. Es ist nicht 
das erstemal, dass man, um eine falsche Nachricht oder Sage zu stützen, 
statt einer Person oder eines in Bede stehenden Ortes oder Baues 
zwei annimmt, wodurch man neben dem einen überlieferten Irrthume 
glücklich einen zweiten zur Stütze desselben erfundenen erhält. Aber 
in vorliegendem Falle muss dazu auch noch das zu Grunde liegende 
Zeugniss willkürlich verändert werden, da nach diesem Hildebold es 
war, der die bischöfliche Kirche aus der Gäcilienkirche nach der neuen 
Peterskirche, dem alten Dome, verlegte. 

Wie steht es aber mit jenem Zeugnisse, auf das sich Ennen von 
neuem stützt? Dass ich darauf zurückkommen muss, ist nicht meine 
Schuld. Ennen belehrt mich : »So lange nicht der positive Nachweis ge- 
liefert wird, dass Nachrichten mittelalterlicher Chronisten falsch oder 
verbürgten Thatsachen widersprechend sind, ist man nach anerkannten 
Grundsätzen einer richtigen Behandlung historischer Verhältnisse be- 
fugt, an solchen Nachrichten festzuhalten.« Ich stelle diesem den an- 
dern Satz entgegen, dass man bei allen Nachrichten,^ bei denen die 
Parteiliebe des Berichterstatters ins Spiel kommt, sehr auf der Hut 
sein muss, besonders dann, weim das, was wir ihnen glauben sollen, 
von früheren Schriftstellern nicht erwähnt wird, welche desselben hätten 
gedenken müssen, wenn sie davon Kunde gehabt. Die älteren Annalen 
der Erzbisehöfe von Köln gedenken bei Hildebold mit keiner Silbe 



^.\ 



I* 



216 Reste römischer und mittelalierlicher Bauten am Dom zu Köln. 

eines Dombaues ; das erste, was sie vom Dome berichten, ist eben jene 
dedicatio unter Wilbert. Der erste Grundsatz der geschichtlichen 
Forschung ist sorgfältige Untersuchung der Glaubwürdigkeit der Quel- 
len, das »Trau schau wem«. Ennen spricht von mittelalterlichen Chro- 
nisten; es handelt sich aber nicht um einen solchen, iJondern um die 
parteiische Behauptung eines eifersüchtigen Stiftspatriotismus, wenn 
mir der Ausdruck erlaubt ist, dessen Gebaren der Geschichtsforscher 
mit derselben Strenge behandeln muss, wie den eiteln Stadtpatriotis- 
mus, da beide eben gewissenlos die Geschichte zu fälschen pflegen. 

Die älteste zur Zeit meines betreffenden Auiisatzes bekannte Er- 
wähnung jenes Hildebolddomes ^) befindet sich in einer bis zum Jahre 
1369 reichenden Synopsis brevissima archiepiscoporum Cohniensmnf 
welche den Dom einmal basüica Hüdeboldi archiepiscopi nennt; die 
Abschrift derselben dürfte noch jünger sein. Nicht älter wird die an- 
dere Quelle sein, die uns Ennen jetzt erschliesst und als Grundlage 
des Berichtes von Gelen nachweist. Es ist eine Handschrift aus dem 
Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, die sich im Besitze des Cäcilien- 
stifts befand. Der betreffende Theil (eine genauere Angabe über den 
Inhalt jenes Theiles wäre doch erwünscht gewesen) ist, wie es hier 
heisst, aus einem antiquus liber scriptus et asseribus Ugatus wortgetreu 
abgeschrieben. Nichts nöthigt uns diesen anHquus liber (er heisst nicht 
einmal antiquissimm) höher als anderthalb Jahrhundert vor die Zeit 
der Abschrift zu setzen ; denn da das Stift auf die ihm schmeicheln- 
den, wohl aus ihm selbst hervorgegangenen Nachrichten desselben 
hohen Werth legte, so war es natürlich, dass man diese Handschrift 
gern möglichst hoch hinaufrückte. Seltsam ist es, dass dieser liber 
antiquus selbst nicht erhalten wurde, was, trotz def beigefügten Be- 
scheinigung des Jacobus Wükun notarius publicus, die presens historia 
sei wörtlich aus jener Handschrift abgeschrieben^ eigene Gedanken 
erregt. Wir wollen aber alle Zweifel dieser Art fahren lassen, nur 
fragen, was wir denn hier lesen. Quoddam aliud monasterium novum 
sancti PetH in Colonia, prius tarnen videlicet a*) domino HMeboldo^ 



') Ennens Gescbichta begnügt sich mit der ganz allgemeinen Berufung 
auf die »Nachrichten späterer Chronisten« (I, '194), da doch bei einem so wich- 
tigen Punkte die Nachweisung der Quellen und ihrer Beschaffenheit dringend 
geboten war. 

') Vor diesem a gibt Ennen, bei dem die Stelle zweimal abgedruckt ist 
(S. 298 f. 300), das erstemal noch anno^ das er beim dritten Abdruck in der 
angefahrten »Historischen Einleitung« S. 3 weglasst, wonach es auf Druckfehler 
beruhen wird. 



1^ 



Reste römiscl^er and mittelalterlicher Bauten am Dom zu Köln. 217 

iunc temporis episcopo Cohniensi in parte inceptum, pro prifhcipali 
eccUsia per Wiüibertum fundatur et consecratury quo fit, quod multis 
annis ecclesia olim beate Marie virginis, ntmc sancte Cecilie mona- 
sterium vetus et ecclesia sancti Petri, ntmc metrcpolitana ecclesia, 
monasterium novum appeUabcUur ^). Und mit einer solchen frommen 
Lüge soUen wir rechnen? Freilich führte das monasterium ecclesiae 
sanctae CaecHiae schon zu Brunos Zeit, wie die Urkunde vom Jahre 
962 bei Lacomblet I, 205 zeigt, den Namen monasterium vetus, aber 
nicht im Gegensatz^ zum Dom, der überhaupt nie mofMsterium ge- 
nannt wird, sondern monasterium novum hiess das Marienstift ^), der 
Dom dagegen ecclesia oder domus sancti Petri. Und einem solchen Be- 
richte, der sich die Fälschung erlaubt, der Dom sei früher monaste- 
rium novum genannt worden, sollen wir glauben, dass der von Wilbert 
geweihte Dom von Hildebold begonnen worden sei ! Wie man in jenem 
Stifte mit der Wahrheit umsprang, ergibt sich aus* der von mir schon 
früher beigebrachten Angabe Winheims, ein ehrwürdiger und gelehrter 
Angehöriger des Stifts habe ihn belehrt, Maternus habe die Cäcilien- 
kirche der heiligen Jungfrau und dem heiligen Petrus geweiht, was 
sich nicht allein aus der daneben liegenden Pfarrkirche des heiligen 
Petrus, sondern auch den ältesten Urkunden ergebe. Also damals ging 
man so weit, die Cäcilienkirche auch für die älteste Peterskirche zu 
erklären ^). Eine Inschrift in der Kirche selbst liess sie vom Matemus 
der heiligen Cäcilia weihen. Und dass sie je der heiligen Maria ge- 
weiht gewesen, steht durch nichts fest, es beruht auf jenem lügenhaften 
Berichte des liber antiquus des Cäcilienstiftes. Dieser erzählt nach 



^) Der Druckfehler appeüatur des zweiten Abdrucks ist in den dritten 
übergegangen. 

2) Vgl. Binteriiä und Mooren die firzdiöcese Köln I, 65. Boisseree Denk- 
male des Niederrheins S. 5. 

') Ennen schreibt (8. 295): »Nichts hindert uns anzunehmen, die Mater- 
nuslegende beruhe bezüglich der Angabe über die Lage der Bischofskirche auf 
historischer Grundlage und an der SteUe der spätem Cäcilienkirche habe zu 
der Zeit des Maternus die Peterskirche gestanden, c Wo findet sich denn diese 
Legende zuerst? und spricht diese schon von einer Peterskirche? Sie beruht 
auf dem gefälschten Apostelschüler Maternus I und hat im Ganzen so viel 
Gewähr als diese; sie ist eine der leichtfertigen frommen Lügen, die der Ge- 
sohichtschreiber nur insofern beachten darf, als sie zeigen, wie man damals Ge- 
schichte gemacht hat. Was ist von diesem Apostelschüler Maternus nicht alles 
gefabelt worden? 



I 

L 






218 Reste römischer und mittelalterlidier Baaien am Dom zu KöId. 

Ennen weiter : Tecio vero ecclesie sancte Maria^igne consumptOj pratU 
hodie in plumbo turricule ^usdem scr^tum legUur, eadem ecdesia ipsa 
reconcüicUur et sancte virgines Cecüia et Eugenia ut patrane adduntur 
et adiiduntury quo fitj ut et hodie ecclesia sancte Cecäie cognominetur. 
Gelen weiss, dass auf jener Glocke die Zeit Brunos stand, der eben 
wegen der Einäscherung der Kirche diese 962 so reich beschenkt habe. 
Ouius quidem temporis nota ecdesiae plumbo inscripta esty sagt er, 
sed evanidis literis, ut non possit elici certitudo anni. Also Brunos 
Namen konnte man darauf noch lesen. Wie nun aber? Nach jenem 
antiqtms liber sollen erst nach dem Brande die beiden Märtyrinnen 
Gäcilia und Eugenia als Schutzheiligen hinzugefügt worden sein; und 
doch spricht bereits Wichfrid im Jahre 941 von dem monasterium 
sanctae Caecäiae virginis ac martiris cristi nimis honorifice restauratum^), 
und es fehlt jede Bezeichnung, dass die Kirche Vor der Herstellung 
einen andern Namen gehabt, wie dies sonst doch in solchem Falle er- 
wähnt wird. Hiernach ergibt sich auch diese Angabe des liber antigms 
als Unwahrheit. Die Kirche wird von Anfang an der heiligen Gäcilia 
geweiht sein, die heilige Eugenia bei einer zweiten Weihung hinzu- 
getreten sein'). Geschichtlich steht nur die Wiederherstellung im 
zehnten Jahrhundert fest und aus dem jetzigen Baue ergibt sich, dass 
dieser der Hauptanlage nach ^nicht älter als das zwölfte Jahrhundert 
sein kann '). Ob hiervon jener liber antiquus gar nichts wisse, möchte 
man denn doch gern erfahren ; wäre dies wirklich der Fall, so würde 
es zur Charakteristik der Kenntniss des Schreibers gar bezeichnend 
sein. Gelen freilich berichtet von der Cäcilienkirche (S. 230): Exd- 
tata est in honorem Domini nostri Jesu Christi et B. M. V. anno 
Domini 94 {ut habent quaedam recentioris aevi inscriptiones), quae 
deinde Sanctae Eugeniae dicta, modo 5. CecHiae didtur. Dann S. 357 : 



') Lacomblet I, 98. 

2) Ennen memt (S. 295), nur bei der Annahme, dass die Gäcilienkirohe 
die erzbischöfliche Kirche gewesen, wisse man einen Grand für die schon 
962 erwähnte generalis ataiio, welche in der Christnacht in dieser Kirche vom 
Erzbischofe und der Geistlichkeit gehalten wurde. Als ob man einen Grund 
für jeden alten Gebrauch wissen müsste? Hier aber liegt er gar nicht fem, da 
der Erzbischof sich ans der Cäcilienkirche in die Marienkirche begab. Die bei- 
den ältesten monasteria intra muros sollten eben durch diese Anwesenheit der 
ganzen Geistlichkeit besonders geehrt werden, nichts weniger als dass der Dom 
seinen spätem Ursprung dadurch hätt« beurkunden sollen. 

>) YgL von Quast Jahrb. XII, 194. 



V 



kf 




Reste römiBcher und mittelalterliober Bauten am Dom zu Köln. 219 

Prima Cathedralis B. M. Virgini sacra in Urbe Agrippinensi dediccUa 
perMbekw a Matemo L Antistüe Anno Dominicae IncamcUionis 94 
et t4sque ad B. Eüdeboldi Archiepiscopi tempora Cathedralis honorem 
retinuü: — vetus autem cathedralis tunc Sanctarum Eugeniae et Ce- 
cüiae iittdum ithduit. Die Weihung auf den Namen der Jungfrau Maria 
(das erstemal nennt Gelen Christus dabei) hing also mit der Erfindung 
zusammen, der Apostelschüler Maternus I habe die Kirche gegründet. 
FreOich Ennen hält (I, 197) daran fest, dass die Kirche ursprüng- 
lich der Jungfrau Maria geweiht gewesen. Für Gelen ist es be- 
zeichnend, dass er sich auf quaedam recentioris aevi inscriptiones 
beruft und das erstemal die Weihung auf die heilige Eugenia 
früher setzt, später die Kirche auf den Namen beider Märty- 
rerinnen unter Hildebold weihen lässt, zur Zeit, wo Hildebold die Ka- 
thedralkirche von der ersten Stätte nach dem Dom übertrug, der also 
damals schon zum Gottesdienste gedient haben müsste. Es scheint, 
dass diese ganze Sage vom Hildeboldsdom von dem Gacilienstifte aus- 
ging, weil man dort die Ehre in Anspruch nahm, das Stift sei die 
erste Kathedralkirche gewesen, worin man sich durch den ständigen 
Gebrauch nicht irren liess, dass die Kathedralkirche an derselben 
Stelle zu verbleiben pflegte. Hier, wo man so weit ging, das Jahr der 
Gründung unter dem ersonnenen Apostelschüler Maternus zu nennen, 
war man auch nicht in Verlegenheit, unter welchem Erzbischofe die Ver- 
legung der Kathedralkirche geschehen sei; wer könnte dies anders 
gethan haben als der Günstling Karl des Grossen? 

Aus einer solchen Quelle also, wie jener lügnerische liber antiquus^ 
fiiesst unsere älteste Kunde vom Hildeboldsdome, und die Sage ist aus 
der Sucht des Cäcilienstifts hervorgegangen, sich aus dem ältesten 
Kloster innerhalb des alten Köln (intra muros) zu der ersten Kathe- 
dralkirche zu erheben, wobei man vor keiner noch so plumpen Ent- 
stellung der Wahrheit zurückscheute. Es ist endlich Zeit, dass man 
mit dem Wüste der Sagenerfindungen über die Kirchen Kölns auf- 
räume und dieselbe dem falschen Bischofsverzeichnisse getrost nach- 
schicke, an die denn doch heute niemand mehr glaubt. 

Ennen beruft sich für den Hildeboldsdom auch auf die »alte 
Legende vom heiligen Beinold«, nach welcher dieser beim Dombau, 
zu welchem Bischof Agilolfus um das Jahr 810 aus allen Landen 
Zimmerleute, Steinmetzen und andere Arbeiter berief, als Steinmetz 
eintrat und von seinen eifersüchtigen Mitgesellen todt geschlagen ward. 
Die Legende von Beinolds Tode düiite sehr spät fallen, wohl erst nach 






--V. 



220 Reste römischer und mittelalterlicher Baaten am Dom zu Köln. 

dem Beginne des neuen Dombaues im dreizehnten Jahrhundert. Der 
Bischof Agilolfus lässt sich nicht so leicht, wie Ennen meint, aus ihr 
herausschaffen; er haftet fester in ihr als die beigeschriebene Jahres- 
zahl; er gehört eben in sie hinein, und entspricht besser den Zeitver- 
hältnissen als Hildebold. Aus der handschriftlichen Chronik »Agrip- 
pina« aus dem 15. Jahrhundert, mag diese auch vielfach auf weit ältere 
Quellen sich stützen, lässt sich am wenigsten beweisen, die von ihr auf- 
genommene Erwähnung des Hildeboldsdomes sei älter als das 14. Jahr- 
hundert. Eben so wenig können die annäles Navensienses eine frühere 
Zeit der Sage begründen. Was endlich die Schenkung »des ehemaligen 
Königs Ludwig an die Peterskirche zu Köln« in einer Urkunde Ottos H. 
soll, habe ich erst aus Ennens »Historischer Beschreibung« S. 4 er- 
sehen. Er ist nämlich »geneigt anzunehments unter diesem Ludwig sei 
der Nachfolger Karls des Grrossen zu verstehen, der damit Hildebold 
»bei seinem grossen Werke des Dombaues« habe unterstützen wollen, 
während nach ^em ganzen Zusammenhange nur der nächste Ludwig, 
Ludwig der Deutsche, gemeint sein kann, und die Urkunde selbst 
zeigt, dass damit nicht der Dombau unterstützt werden sollte, was 
sonst ohne Zweifel erwähnt sein würde. Mit solchen ganz unwahr- 
scheinlichen Annahmen kann man eben nichts stützen. 

Eine Nachricht, welche erst volle fünfhundert Jahre später auf- 
taucht, dazu aus der Eitelkeit eines Stifts geflossen scheint, das sein 
Alter gern über das des Domes heraufrücken möchte, hat keine Ge- 
währ für so alte Zeiten, besonders wenn ihr unzweifelhafte Thatsachen 
gegenüberstehen, deren Widerspruch mau nur durch haltlose Annah- 
men beseitigen kann. Ennen hat dazu die Entdeckungen an der Ost- 
seite des Doms in einer mit den Thatsachen nicht zu vereinigenden 
Weise benutzt. Neucrdin^ (Historische Einleitung S. 2) meint er, 
die Zerstörung des Daches der Cäcilienkirche habe wohl den Bischof 
zum Entschlüsse veranlasst, an der nordöstlichen Ecke der Stadt eine 
andere Kathedrale zu erbauen, was unter den Merovingern geschehen 
sein müsse. Nun aber weist, wie wir gesehen, dieser Brand nach dem 
wenigen, was wir davon wissen, erst auf die Zeit Brunos hin. Diese 
^merovingische Kathedrale soll »niedergelegt worden sein, als Hildebold 
sich entschloss, eine des Erzbischofstuhles würdige Domkirche zu er- 
richten« (S. 2 f.), aber gleich darauf (S. 4) wird angenommen, die 
alte Kirche habe noch so lange in Gebrauch bleiben sollen, bis die 
neue fertig sein würde. Dabei kommt denn die »Tradition« von Hil- 
debolds Verlegung der Kathedralkirche sehr zu kurz. Solcher Mittel 



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■■*■ ^ 



Reste römischer und mitielalterlioher Bauten am Dom zu Köln. 221 

muss man sich bedienen, um am Hildeboldsdome festzuhalten. Wie 
sich schwammartig an diese Sage andere Erdichtungen ansetzten, habe 
ich a. a. 0. S. 103 ff. gezeigt. Ich muss wiederholen, was ich vor 
Jahren bemerkte : »Man staunt, sieht man, wie es mit der Begründung 
dieser von Niemand in Zweifel gezogenen Behauptung steht, wie man 
in leichtfertigster Weise Geschichte gemacht hat.« Ja man fährt leider 
damit fort. 

Aehnlich steht es mit meiner von Ennen gleichfalls bekämpften 
Ansicht über die Marienkirche, das monasterium novum. Treten wir 
der Sache näher. Gäsarius von Heisterbach ist der erste, bei welchem 
die Kirche den Zusatz in Capüolio hat, und so findet er sich auch in 
Schreinsurkunden aus den Jahren 1283 und 1234. Dass die Schreins- 
schreiber den Namen in Capitolio aus Gäsarius genommen, ist von 
mir natürlich ebenso wenig behauptet worden, als dass gerade dieser 
den Namen erfunden. )>Es scheint mir sehr gewagt behaupten zu wol- 
len, die Bezeichnung in Capitolio bemhe auf einer wHlkürlichen An- 
nahme; natürlicher scheint es mir, dass im dreizehnten Jahrhundert 
noch die Tradition von dem Bestand des Capitols an der fraglichen 
Stelle beliebt war, und dass man der dortigen Kirche hin und wieder 
neben den andern Beinamen auch den Zusatz in Capitolio gab.« So 
Ennen. Aber mit solchem »Scheinen« und mit solcher »Natürlichkeit« 
werden eben keine thatsächlichen , Gründe weggeschafft, wie ich sie 
trotz des Ableugnens von Ennens Seite beigebracht habe. Mit seiner 
»sechshundertjährigen Tradition« hat es gute Wege und ob ich keine 
»positiven Gründe« gegen dieselbe geliefert, kann ich dem Urtheile 
jedes Kundigen anheimstellen. Ich hatte mich auf den von mir H. XXVII, 
19 ff. gelieferten Beweis berufen, dass sich römische Spuren in deut- 
schen Namen nur in Städtenamen, nie in anderen Oertlichkeiten er- 
halten haben. Hier musste Ennen zuerst seine Lanze einlegen. Weiter 
hatte ich darauf hingewiesen, dass an keinem Orte der ehemaligen 
römischen Weltherrschaft als in Rom selbst sich eine sichere Kunde 
von der Lage ihres Gapitolium erhalten, man aber schon im zwölften 
Jahrhundert an mehreren Orten begonnen habe, gewissen Kirchen 
eine ganz besondere Ehre durch den Anspruch zu erweisen, sie stän- 
den auf der Stelle des Capitolium. So war es in Florenz, so in Trier. 
An letzterm Orte verlegte das Mittelalter das Gapitolium auf die Stelle 
der Kirche Maria ad martyres oder, wie sie früher heisst, Maria in 
ripa, ecclesia Mariae super lUus Mosdlae. Dagegen hat neuerdings 
Ladner in den »Mittheilungen der Gesellschaft für nützliche Forschun- 



TTTl^- ^ 



222 Reste römisoher and mittelalterlicher Bauten am Dom zn Köln, 

gen in Trieru 1869—1871 S. 72 fF., in üebereinstiramung mit B^rower 
und Masen, es an der Stelle der grossen Ruine nachzuweisen gesucht, 
welche Kyriander als iemplum summum bezeichnete. Und warum soUte 
es in Köln mit dem so ^ spät sich findenden Beinamen der Kirche Jtfa-. 
ria (Uta anders sein? Erkennt doch Ennen selbst, dass der bei CSäsa- 
rius und in Schreinsurkunden sich findende Name porta Mortis durch- 
aus haltlos sei, eine Verromanisirung von Marktpforte; und mit 
dem gleichzeitigen Zusätze in CapitoUo soll es anders, es soll natür- 
licher sein, dass wir hier eine alte Erinnerung haben! -Seine Bemer- 
kungen gegen meine Ansicht über die Namen Maria de AUbuchele, 
Maria in (super) Mdlabuchel (S. 304) treffen nicht zu; ich habe meine 
Vermuthung mit aller möglichen Vorsicht gegeben, einer grossem, 
als meiner eigenen Ueberzeugung gemäss war. Dass ich die Malz- 
mühle mit dem Strassennamen in Verbindung bringe, ist in der Sache 
gegründet, und ich kann nicht sehen, wie dies dadurch widerlegt würde, 
dass die Malzmühle erst im fünfzehnten Jahrhundert sich findet; denn 
die Mühle ist natürlich von der Strasse benannt, nicht umgekehrt. 
Wenn aber bemerkt wird: v'Der Name Malzbüchel — bezeichnet 
einfach die aus dem alteu Stadtgraben aufgehende Strassenhöhe, die 
zum Malzmarkte führt«, so habeich mich vergebens sowohl in Ennens 
»Geschichte« wie in seinen »Quellen« nach diesem sonderbaren Malz - 
markte umgesehen, dessen Dasein ich einstweilen zu bezweifeln mir 
erlaube. Ennens Berufung auf die Latinisirung bracicumülfAS beweist 
eben nichts, da er selbst bestimmt genug anerkannt hat (I, 670 f«), 
wie es mit dieser Latinisirung bestellt ist. 

Darin gebe ich freilich Ennen (S. 302 f.) entschieden Recht, dass 
ich nicht aus der Urkunde Lothars vom Jahre 867 schliessen durfte, 
damals habe das Marienstift noch nicht bestanden^). Er bemerkt, 
Lothar scheine bloss die ausserhalb der Stadt liegenden Kirchen mit 
Namen haben anführen zu wollen, wobei er sich auf die Nichterwäh- 
nung von Martin und Andreas beruft, ohne zu bedenken^ dass diese 
sich damals noch extra muros befanden, und es von Andreas noch 
sehr zweifelhaft ist, ob nicht erst Wilbert dort an der Stelle eines 
alten Kapellchens eine Kirche gebaut. Aber dies scheint nicht bloss, 
sondern Lothar hatte keine Veranlassung, die Kirchen innerhalb der 



^) Einen andern Irrthum hat Dümmler >Qe8ohichte des ostfr&nkisclien 
Reiches« II, 681 Anm. 58 in Bezug aaf dieselbe Urkunde begangen, wenn er 
das bonner Cassius- und das xantener Victorstifb nach Köln verlegt. 



Reste römischer und mittelalterlicher Bauten am Dom zn Köln. 223 

Stadt (ymfra ipsam emtatem ) hinter der allgemeinen Bezeichnung na- 
mentlich aufzuzählen. Dafür, dass die Marienkirche schon unter Otto II. 
bestanden, bedurfte es nicht des von Ennen gegebenen Nachweises, 
da diese ja schon im letzten Willen Brunos erwähnt wird, wie er selbst 
I, 253 bemerkt hat, während er freilich im Register zu den Urkunden 
die Stelle sonderbar auf Maria ad gradus bezogen bat. Mein Beweis 
gegen die Richtigkeit der Bezeichnung in CapUolio und die Gründung 
der Kirche durch Plectrudis verlieit durch den Wegfall jenes Zeug- 
nisses keine wesentliche Stütze. Herr Geh. Regierungsrath von Quast 
bemerkt Jahrb. L. LI, 134 Anm. ^), sichere Beweise für das höhere 
Alter der Kirche gebe es nicht, aber auch der positive Beweis für 
eine spätere Zeit der Stiftung sei mir nicht gelungen. Damit ist zu- 
gestanden, dass die Angaben über die Plectrudiskirche keine ge- 
schichtliche Gewähr haben; ob er meine Verwerfung der Sage von 
Plectrudis für begründet halte, bemerkt er nicht. Das älteste bestimmte 
Zeugniss bleibt die Schenkung im letzten Willen Brunos vom Jahre 965 
monasterio (sanctae Mariae) et claustro perßciendo, neben welcher in 
der schon angeführten drei Jahre altem ^Urkunde Brunos die Bezeich- 
nung des numasterium sanctae Caecüiae qmd cognominatur vetus intra 
muras insofern in Betracht kommt, als dieselbe auf ein navurn mona- 
sterium intra muros deutet, als welches eben das Marienstift gelten 
muss. Die Einweihung der jetzigen Kirche fällt, wie von Quast nach- 
gewiesen hat, in das Jahr 1049, und derselbe ist geneigt, nach der 
Bauart eine noch spätere Vollendung der Kirche anzunehmen. Aus 
diesem Neubau in der Mitte des elften Jahrhunderts würde man aber 
mit Unrecht schliessen, der Bau des zehnten sei nur eine Wiederher- 
stellung eines altern gewesen. Von der Geschichte der kölnischen 
Kirchen in dieser Zeit sind wir ausserordentlich mangelhaft, nur durch 
einzelne urkundliche Berichte üper Schenkungen und Weihungen, nicht 
Yon den Schicksalen, die sie trafen, unterrichtet. Die neue Kirche 
konnte leicht durch Feuer oder einen sonstigen Unfall gelitten und 
man die Wiederherstellung zugleich zu einer Erweiterung benutzt 



') In Jßezug auf tn/ra» das ioh nicht für einen der vielen Druckfehler 
jenes Bandes der »Quellenc hätte halten dürfen, hat Ennen gegen mich Recht. 

') Ich halte es für meine Pflicht, hier zu erklären, dass ich in Bezug auf 
die Pfaffenpforte (daselbst S. 136} ihn missverstanden hatte, wogegen er mir gestehen 
wird, dass ihm die Stelle aus dem letzten Willen Brunos unbekannt war, die 
Ar die Baagesohichte der Kirche von Wichtigkeit ist. 



224 Rette römischer und mittelalterlicher Bauten am Dom zu Köln. 

haben. Ennen geht auf meine Gründe gegen die Plectrudissage nicht 
ein, sondern hält sich daran, dass diese in der Kirche begraben liege, 
was den entschiedenen Beweis liefere, zur Zeit ihres Todes habe dort 
schon eine Kirche gestanden. Aber worauf beruht denn die Sage, 
dass Plectrudis in der Kirche begraben liegt ? Theodor Breisig hat in der 
Schrift, )>Die Zeit Karl Martells« S. 5 ff. ^ber Plectrudis und Chalpaida, 
um die auch ein Sagenkreis sich gebildet, eingehend gehandelt und 
auch der spätem Sage der Wiederverheiratung der Plectrudis gedacht. 
S. 28 bemerkt er, über ihre spätere Stellung und ihr Verbleiben sei 
nichts bekannt! Ich habe schon nach Boisser^e darauf gedeutet, dass 
sie wohl nach der durch Karl Martell ihr abgenöthigten Yerzichtung 
in ihre Heimat Baiern sich zurückzog, wo wir die regina Plectrudis 
als Stifterin von St. Stephan zu Passau finden. Dass sie den Wunsch 
geäussert, in Köln begraben zu werden, davon wird nichts berichtet, 
und ein solcher Wunsch wäre auch damals wohl schwer zu erfüllen 
gewesen. Freilich wusste man später in Köln, dass sie an diesem Orte, 
der ihr unter Karl Martells Herrschaft äusserst verhasst sein musste, 
in das Stift gegangen und dort gestorben sei. Selbst die sich einander 
widersprechenden Inschriften in der Kirche sagen nicht, dass sie dort 
begraben sei; die eine feiert sie allein, die andere mit Pipin. Gegen 
Boisser6es Vermuthung, das mit der eiq^n Inschrift versehene Bild 
der Plectrudis habe früher auf ihrem Grabe gelegen, zeugt die Inschrift, 
die nicht auf ein Grab deutet, sondern auf das Bild der Stifterin, 
von welcher das Wort gilt: Domine, düexi decorem domus tuae. Man 
müsste den Stiftspatriotismus, den wir schön oben bei Cäcilien er- 
wähnten, und die mittelalterliche legenden- und Dichtungssucht nicht 
kennen, um es unglaublich zu finden, dass irgend, nachdem erst, um 
das novum monastermn hinter dem väus nicht zu sehr zurücktreten 
zu lassen, die Kirche als eine Stiftung von Pipin und Plectrudis, dann 
als eine Schenkung der letzteren allein bezeichnet worden war, man 
endlich mit dem Ansprüche auftrat, die Stifterin sei in der Kirche be- 
graben. Boisser^e^ der auch keinen rechten Glauben an die Grabstätte 
der Plectrudis hat, setzt die betreffenden Bilder ins zehnte oder elfte 
Jahrhundert. Erst nach dem Neubau wird man den Anspruch erhoben 
haben, das Grab der Stifterin zu besitzen, deren Todesjahr man nicht 
> einmal wusste, doch feierte man ihr Andenken am 11. August. Gern 
hätte man sie zu einer Heiligen erhoben, und so feiert sie Gelen als 
Diva^ doch dazu fehlte es zu sehr an einer irgend erwähnenswerthen 
Ueberlieferung; Hie Bollandisten verweigerten ihr die Aufoahme in ihr 



Reste römiBoher und mittelalterliohei* Bauten am Dom tu Köln. 225 

grosses Werk, was sie dort ausführlich begründen. Wann ihr Grab- 
mal, früher im Mittelschiff der Kirche, errichtet worden, wissen wir 
nicht; die Kirche besitzt auch ein Grabmal der hier begrabenen Aeb- 
tissin Ida. Was Ennen gegen meine Behauptung, der Wechsel der 
Bürgermeister sei in der Marienkirche erfolgt, aufz^jbringen meint, er- 
ledigt sich dadurch, dass ich* mich auf Boisser^e als Augenzeugen be- 
rufen habe, und mich nicht dazu verstehen kann, diesem ehrenwerthen 
Zeugen leichtfertig den Glauben zu versagen. 

Für meine Annahme, das Kapitol habe auf dem Platze des Doms 
gestanden, hatte ich auch den Umstand angeführt, dass der Dom- 
hügel der höchste Punkt der Stadt an der Rheinseite sei. Wenn ich 
von einem Domhügel sprach, so that ich das mit allen meinen Vor- 
gängern und Ennen selbst, der I, 88 der drei Hügel gedenkt, »welche 
sich in sanfter Steigung über das städtische Terrain erhoben«. Jetzt 
ist freilich erwiesen, dass der Hügel um den Dom nur von einer spä- 
tem Aufschüttung herrührt ; die Fundamente des Doms gehen bis 
unter das Rheinbett. Ennen belehrt uns jetzt über die Bodenverhält- 
nisse des römischen Köln also: »Das jetzige Domterritorium lag um 
14 Fuss tiefer als die Mariengartengasse, 6 Fuss tiefer als St. Peter, 
2 Fuss tiefer als das Griechenthor, 3 Fuss tiefer als die Ruhr^ 6 Fuss 
tiefer als die Herzogstrasse, 7 Fuss tiefer als der Neumarkt und 4 
Fuss tiefer als die Pipinstrasse.« Wir wären ihm sehr dankbar, wenn 
er dies eben so thatsächlich erwiese, wie er es zuversichtlich hinstellt; 
bis dahin erlauben wir uns die volle Richtigkeit dieser Angaben zu 
bezweifeln. Die einzelnen Fundberichte, auf denen eine solche Bestim- 
mung allein beruhen kann, sind meist nicht zuverlässig genug, und 
auch die Schlüsse daraus nicht überall sicher. Jedenfalls wäre eine 
gesichtete Zusammenstellung dieser Art höchst willkommen. Wenn 
Ennen meiner Bemerkung über die Höhe des Berlich (S. 99) entgegen- 
hält, der Berlich sei nicht der höchste Punkt der Stadt gewesen, so 
hätte er nicht übersehen sollen, dass ich unter dem Berlich nicht 
die jetzt sogenannte Strasse, sondern, wie nicht zu verkennen war, 
den früher sogenannten Stadttheil verstehe, wovon ich Jahrb. XX, 
22 f. 29 gesprochen habe. Eine Steigung des Terrains am Dome von 
38 bis 46 Fuss gesteht Ennen selbst zu. Wie das Yerhältniss des 
Bodens am jetzigen Dom zur ältesten Römerzeit gewesen, weiss ich 
nicht ; wie viel mag sich dort bis zur Fundamentirung unseres jetzigen 
Doms umgestaltet haben I Glücklicherweise sind wir über den Boden 
zur ältesten Römerzeit an der Stelle, wo die neuen Ausgrabungen die 

15 



226 Reste romischer und mittelalterlicher Bauten am Dom zu Köln. 

Beste zweier römischen Häuser zu Tage gefördert haben, jetzt unter* 
richtet, und wir wissen auch, dass die Thürschwellc des Mauerthur- 
mes a nur 1 ' 3 " über der heutigen Trankgasse liegt. Zur Anlage 
des Capitoliums war der Platz, wo jetzt der Dom liegt, jedenfalls sehr 
geeignet; denn er war einer der höchsten Punkte der Stadt und ge- 
währte, da das Terrain bis zum Bheinbette bedeutend abstieg, einen 
weiten Blick über den Fluss und in das gegenüberliegende Land. 
Gebe ich auch jetzt zu, dass der Ort, wo die Marienkirche sich 
den Namen des Capitoliums erworben hat, dazu ebenso geeignet ge- 
wesen wäre, so berechtigte mich, zur Annahme des Capitoliums an 
dieser Stelle der Nachweis, dass hier die älteste bischöfliche Kirche 
stand; da man solche an Orten, wo bedeutende römische Tempel stan- 
den, anzulegen, ja selbst diese in christliche Kirchen zu verwandeln 
liebte, und die von mir erwiesene Wahrscheinlichkeit, dass der Dom- 
hof das römische Forum war ; denn auch zu Bom, nach welchem sich 
die Städte in den Provinzen richteten, lag das Forum neben dem 
Capüolium. Wollte man, wie in Bom, auch zu Köln, den Campus 
Martius in der Nähe des Forum annehmen, so würde dieser zwischen 
dem Gapitolium und dem römischen Nordthore, dem sogenannten Pfaf- 
fenthor, gelegen haben, und vor diesem, wenn wir Vitruv I, 7, 1 fol- 
gen, der Tempel des Mars, freilich nicht das delubrum Mortis, in wel- 
chem zu Vitellitts' Zeit das Schwert des Julius Cäsar sich befand. Der 
Tempel des Mercur, dessen Weihestein uns erhalten ist, wird sich an 
oder auf dem Forum befunden haben, nach der Vorschrift desselben 
Vitruv : Mercurio in foro (area distribucUur) aut etiam^ ut Mdi et Se- 
rapij in emporio. Auf dem der Ostseite des Doms gegenüber liegenden 
Frankenplatze sind im Juni 1858 bei den Grundarbeiten zum Brücken- 
bau und zehn Jahre früher beim Wegräumen des Erdhügels daselbst 
Beste von grossen Gebäuden, Beliefs und ein Weihestein der Diana 
aus dem Anfange des zweiten Jahrhunderts gefunden worden ^). 

Was endlich die römische Mauer betrifft, so sind nach Ennen 
(I, 82) »die Beste der Nordostecke 1859 bei Planirung des breiten 
Weges von dem Domhofe nach der Trankgasse weggesprengt worden.« 
Wo dieselbe geendet haben müsse, lässt sich ungefähr durch die gleiche 
Entfernung der Mauerthürme von einander bestimmen, da Thurm d 
von Thurm b doppelt so weit entfernt ist, als Thurm b von Thurm a, 
wonach das Pfaflfenthor nicht genau an derselben Stelle aufgebaut 



1) Vgl. den Maseumskatalog B, 7* 15. 37. 148. 159. 162. 218. 



Reste römischer und mittelalterlioher Bauten am Dom zu Köln. 227 

war, an welcher das alte Römerthor stand. Der nordöstliche Eckthurm 
muss über 290 ' vom Thurme a entfernt gelegen haben. Nach Ennen 
(I, 83) beträgt die Strecke von dem Thurme auf der Burgmauer bis 
zum nordwestlichen Eckthurm 119 Ruthen, wonach zwischen di&sen 
beiden Thürmen noch vier gestanden haben würden. Sehr wichtig 
wäre die genauere Untersuchung aller noch vorhandenen Thürmc der 
römischen Mauer und ihrer Entfernung von einander; an der West- 
seite hat sich noch eine Reihe von Thürmen erhalten, von denen einer 
in einem Hause der Helenenstrasse eingebaut ist. Ob von dem soge- 
nannten Röraerthurme an der Zeughausstrasse der drohende Abbruch 
abgewandt werden Wird, ist, so viel ich weiss, noch unentschieden. 
Wäre er unrettbar verloren, so würde jedenfalls die genaueste Auf- 
nahme vor seinem Ende zu wünschen sein. Höchst wichtig ist bei 
unserm Thurm a die Entdeckung der ganzen Thüre bis zur Schwelle 
und der aus Gussmauerwerk gebildeten Decke des untern Gemaches. 
Die Thurme zeigten ähnliche Streifen von verschiedenen Farben und 
Formen, wie der nordwestliche Thurm. Nach von Quast (Jahrb. X, 
191 f.) kann nicht sicher entschieden werden, ob diese Bauweise der 
letzten römischen oder der ersten merovingischen Zeit angehört. Ennen 
behauptet (I, 82), der ältere Theil der Mauer und Thurme gehöre zwei 
verschiedenen Zeiten an, und er setzt den erstem in das erste christ- 
liche Jahrhundert, den zweiten unter Julian. Der neuentdeckte Thurm 
besteht keineswegs aus zwei zu verschiedenen Zeiten gebauten Stücken. 
Die Franken scheinen zu Julians Zeiten die Mauern der Stadt zerstört 
zu haben, so dass nur Trümmer derselben übrig blieben. Ammian 
spricht von der Zerstörung Kölns (XVI, 3, 1), die wir uns sehr stark 
denken müssen, da diese so gehaust hatten, dass am ganzen Rheine 
nicht einmal ein castdlum erhalten war, nur Rigamagum bei Con- 
fluentes und ein Thurm bei Köln. Wenn er weiter sagt, Julian habe 
Köln nicht eher verlassen, qtiam pacctn ßmiaret reipuhlicae inierim 
profuturam et urbem redperet munitissimam, so könnte man tM-bem 
redpere munitissimam in dem Sinne nehmen wollen, die Stadt stark 
befestigt wiederherstellen, weil die Bedeutung wiederge- 
winnen, welche recipere gewöhnlich in der Verbindung mit urbem 
hat, nicht passe, da ja gesagt werden solle, was er gethan, ehe er die 
von ihm betretene Stadt {Ägrippinam ingressus) verlassen. Aber das 
recipere scheint hier das dauernde Wiedergewinnen in Folge des 
Friedens bezeichnen zu sollen. Jedeflfalls musste die Stadt neu 
befestigt oder wenigstens diese Befestigung an den bedeutendsten Stel- 



228 Beate römiioher und ] 

leo wieder beigestellt word 
begonnene Befestigimg «ur 
Auf eine nicht frühere Zeit 
Bchrift des römischen Tbo 
Wahracbeiolich litt die dc 
die Hunnen, dann durch die 
immer möglichst bergesteli 
Mauer bestand, wie die Er: 



9. Epigraphi8che Miitheiiungen aus Cleve. 

t. Die Turck'Bche Chronik. 

Brambach spricht im C. I. R. p. 351 von einer verlorenen CShronik : 
Turcii bistorla duc Jul. Cliv. Mont., in welcher sich Abschriften 
römischer Inschriften befänden. Er bemerkt darüber: Magni, opinor, 
pretii foret, Turcii liber si reperiretur, quem ego in bibliotheca Trevero- 
rum latere sospicatus in catalogo vetere Jesuitarum memoratum rep- 
peri; sed nee in recentiore indice inveniebatur, nee omnino in biblio- 
theca, teste quidem Schoemanno, indagari potuit. 

Wie es sich mit jenem Exemplar der Trierer Bibliothek verhält, 
lasse ich auf sich beruhen, freue mich aber mittheilen zu können, dass 
ein Exemplar dieser Chronik, und zwar wohl ohne Zweifel die Original- 
handschrift des Verfassers sich in Cleve, dem Wohnorte Turcks, er- 
halten hat und seit 1857 der auf dem Rothhause befindlichen Stadt- 
bibliothek angehört. Der durch die Freytag'schen Bilder aus der 
deutschen Vergangenheit auch in weiteren Kreisen bekannte WirkL 
Geh. Rath und Präsident des Cassationshofes Sethe in Berlin vermachte 
nämlich seiner Vaterstadt Cleve eine vermuthlich von ihm schon 
während seines Aufenthaltes in derselben^) angelegte SammlAng von 
Handschriften, Urkunden und älteren Dpickschriften, die sich auf die 
Geschichte und die Rechtsalterthümer des Herzogthums Cleve, sowie 
der mit ihm verbundenen Territorien beziehen. No. 1 nun dieser bis- 
her noch fast gar nicht wissenschaftlich ausgebeuteten Sammlung ist 
eine Octavpapierhandschrift von 328 Blättern, die auf dem äusseren 
Umschlag mit dem Namen: „Sethe" bezeichnet ist. Der älteste Theil 



*) Ein Band von Gollectaneon bezeichnen die Jahre 1796 und 1797 als 
Zeit der Sammlang. 



230 Epig^raphische Mittheilungeu aus Cleve. 

dieser Handschrift wird gebildet von der märkisch-clevischen Chronik 
des Gert van der Schuiren, die von Tross nach jüngeren Handschriften 
(Hamm 1824) herausgegeben ist. Es ist jedenfalls die Originalhand- 
schrift des Verfassers, die wir hier vor uns haben, wie unter Anderm 
daraus hervorgeht, dass es in der Dedikation ursprünglich nur hiess: Gert 
uwer gnaden huusgcsinde und dass die für den Herzog überflüssigen 
specielleren Bezeichnungen van der Schuiren und Secretarius erst nach- 
träglich zugeschrieben sind. Ueber dem mit dem clevischen und 
märkischen Wappen verzierten Initial steht die Jahreszahl A^lxxi 
d. h. (14)71; rechts daneben von jüngerer Hand: Libcr Illmi D. Ducis 
et Cancellariae Clivensis. 

Die Chronik endigt auf der Vorderseite des 130. Blattes mit den 
Worten: want soe hedden sy des speels eyn eynde gehat. *) Sodann 
folgt die subscriptio von späterer Hand: 

Hucusque Gerardus vän der Schujren Secretarjus Ducum 
Adolphi* et Joannis. Qui morte praeuentus sie vidctur desijsse. 
Vixit tarnen adhuc Ao. 1488. 1489. 
Die folgende Seite von fol. 130 enthält sodann folgenden Titel 
für die auf fol. 131 folgende Fortsetzung: 
' > Supplementum 

Chronicae praecedentjs ex Registris alijsque penes Concellarjam 

Cliviensem asseruatis scriptis obiter collectum per L*. Turck: 

SecrT et ßg. Cjrca Annum Dnj 1607. Completum usque ad 

obitum Illmj Principis D. Jois Wilhelmj Ducis Clivjae Juljae. 

Diese Fortsetzung schliest auf fol. 299, nachdem die Erzählung 

bis zum Aussterben des herzoglichen Hauses fortgeführt ist. Nach 

dem Amen des eigentlichen Schlusses folgt noch eine Notiz über die 

überlebende Wittwe des letzten Herzogs und deren Tod, der nach 

Teschenmacher am 18. August 1610 erfolgte. 

Joh. Turck hat nun aber nicht allein eine iFoitsetzung der 
Schuiren'schen Chronik geschrieben, sondern auch eine Vorgeschichte 
zu derselben. Diese ist flnzweifelhaft von gleicher Hand wie die 
Fortsetzung auf 20 nicht paginirten Blättern geschrieben und der 
Schuiren'schen Chronik vorgeheftet. Sie trägt die üeberschrift : De 
antiqua Clivjae origine et de rebus in his partibus eis: et trans Rhena- 
nis post djvjsjonem Orbis a Cymbris Galljs et Romanis vsqj ad tempora 
magnj urj Eljae prjmj Cljvensjum Comitis gestis summarja quaedam 
narratjo. Dieser üeberschrift entsprechend beginnt die Vorgeschichte 

] ') Das schliessende Amen, das Tross noch folgen lässt, fehlt. 



% 



* 



Epigraphische Miitbeiluogen aus Clove. 231 

mit Noe und schliesst mit Elias Grail, mit dem Schuiren die devische 
Chrouik beginnt. 

Bemerkenswerth ist noch folgender der Handschrift vorgehefteter 
Zettel: »Dis Buch ist mir vff vielfaltig erfordern, Von M. Werner 
Teschemachern am 25 octobris 1633 Vormiddag geliefert, welcher 
dabei referirt, das ihm dasselbe Johannis Turcken Sohn Henricus 
Turck Ganonicus zu Cranenburg gelehnt habe.u Unter dieser Notiz 
scheint ein Name gestanden zu haben, der aber ausradirt ist, so dass 
eine weitere Verfolgung der Schicksale der Handschrift nicht möglich 
ist. Teschenmacher hat dieselbe vielfach benutzt; er citirt sie jedoch 
im Syllabus auctorum nicht, wohl aber die Fortsetzung, die Joannes 
Turcus, Gochensis, Secretarius et Registrator Clivensis zur Lower- 
mannschen Fortsetzung der Schuirenschen Chronik lieferte, und die 
erst mit dem Jahre 1590 begann. Dagegen sagt der spätere Heraus- 
geber Teschenmachers Dithmar ausdrückhch: 

Quod ex ejus (Lowermanni) aliorumque Scriptis Joliannes Turckius 
confecit Supplementum Chronici Schurenii quoque possidemus. Die 
zahlreichen Gitate aus diesem Supplementum beweisen, dass er das 
Supplement der Setheschen Handschrift meint; ob er indessen diese 
selbst oder eine Copie derselben benutzt hat, wird sich schwerlich 
entscheiden lassen; unbedeutende sprachliche und orthographische Ab- 
weichungen kommen in den wörtlichen Citaten allerdings vor^ können 
jedoch ebenso gut dem Citator wie einem Abschreiber zugeschrieben 
werden. 

Diese Chronik hat nun, wie Brambach richtig vermuthete, einen 
nicht unerheblichen Werth für die rheinische Epigraphik. Es beruht 
derselbe vor Allem darauf, dass Turck in der Vorgeschichte zur 
Schuirenschen Chronik genaue Zeichnungen . von 13 Steinen liefert, die 
bis auf 2 jetzt vedoren sind. Nachdem er nämlich über die Varus» 
Schlacht unter Berufung auf Lipsius comment ad Tacitum berichtet, 
fährt er auf Fol. 4 seiner Vorgeschichte fort: 

Dese yorgevürte Nederlag der Romeinern hatt den Keyser Augu- 
stum hoch bekümmert vnd vmb der Deutschen auerfall to begegnen 
die CASTRA VETERA oder Aldeburg bei Santen (dauon die Funda- 
menta jm feldt noch gesehen werden) also befestiget, dat euer die 
twee Legionen dat sein XHImCCCXXXH *) bewerther Krigsleuth darin 
leggen kunnen, auch aldair auer Rhin ein Brügg vnd opt höchst van 



^) Als Starke der Legion wird also die Zahl 6666 angenommen. 



L 



2S2 Epigraphische Mittheilungen aus Geve. 

dem Bergh (dair dat Cloister furstenberg vmbtrint dat Jahr CHRISTI 
1122. gebauwet vnd von S. Noriberto Epö Magdenborgensj in honorem 
patrjae dotirt ist), ein groet Praetorjum oder Pallas getimmert als 
ouk dat Läger leg an: vnd vnter Monderberg sich ertreckt. Inmaten 
die Romeiner an diesen ortten mit starken guarnisonen vnd Kreigsvolck 
sich statig gehalten, wie die aide gebauw jn der erden, golde vnd 
Silbere Pfenningen, heidensche bilder^ Altaren vnd dero Inscriptiones, 
lampen, GrsJstein^ Urnae, Tichellstein, darin die Romische Legiones 
jngedruckt stain, Vtensilja domus. vnd andere Antiquiteten so aldair 
jn groeter mennigte gefunden sein vnd taglichs mehr vnd mehr ge- 
funden werden, solchs genugsamb vthweisen, daruan ouk allnoch eine 
schöne Vma van xxviil colhiischer maten vp dat fürstliche huys 
Cleve, vnd ander stucken fürhanden. 

Auf Fol. V, VI und VII folgen sodann ausgeführte Tuschzeich- 
nungen, und zwar zunächst jener Urne, einer Amphora mit Spitze 
zum Feststellen gewöhnlicher Form, sodann von folgenden Steinen 
mit Inschriften: Fol. Va: C. I. Rh. i. spur. 19; 219. Vb: (209) Fol. 
Via: 202, 201, 1970, 1969. Fol. VIb i. sp. 11: 1968a; 218; 1968; 
212; inscr. ined. Fol. VII a: 151. 

Wir werden die Beschreibung dieser Zeichnungen am passendsten 
beginnen mit den beiden, deren Originale noch vorhanden sind, da 
sich so am leichtesten ein Urtheil über die fides Turcks wird gewinnen 
lassen. Es sind die Inschriften G. I. R. 251 und 202 ; beide befinden 
sich jetzt in der Sammlung der bonner Universität und sind auf der 
westlichen Seite des Cabinets eingemauert. Wir stellen Brambachs 
Lesungen derselben neben die Turcks. 



■^ 



Epigraphieohe Mittheilungen aus Cleve. 233 

151. Brambacb. 
IN H D/b PRO 
S ALVTEj/iMP • SEVERI 
ALE >y^N D I R I • A V C • DEo 
APO^LINIDYSPROLV S 
OyC Q • D E • M I L I TES LEG 
XXX- VVP F SVB- CVRA 
ACENTTFAPRI-COM 
MODIAN • LEG • AVG • P • P • ET 
CA AN VTMODEST LEG 
LEG • SEPT M VCATRA 
IMAG ETSEPTCALLVS 
ETSEPT- MVCATRA- ET 
SEPT-DEOSPOR-ETSEPT 

SAM MVST- SEPT- MCAT^A 

CANDIDATIV- S • L • M 

MAXIMO- tET-AELlANO 

~ COS 

Turck. 
I N H • D D - PRO 



SALV TE IMP SEVERI 
ALEXANDIRI • AVG DEo • 
APOLLINI • DVSEROLVS 
OIODfe - MILITES - LEG 
XXX - V • V - E - SVB - CVRA - 
AGENT • T • E • APRI • COM 
MODIAN • LEG - AVG • P • P-T 
CAAV Vt • MODESi LEG 
LEG - SEPT MVCATRA • 
EMAG • ET • SEPT • CALLVS - 
ET - SEPT • MVCATRA • ET 
SEPT • DEOSPOR • ET SEPT 

SAMMV^Sl SEPT - I^CAM • 
CANDIDATI • V • S ♦ L • M • 
MAXIMO • II ♦ liELIANO 

COS 



L 



234 EpigrapbiBche Mittheilangen aaa Cleve. 4^ 

Die Vergleichung dfeser beiden Lesungen und des Originals er- 
gibt folgendes Resultat. 

Z. 1. Die Stellung der einzelnen Buchstaben, insbesondere der 
grosse Zwischenraum zwischen D und PRO ist bei Turck ganz genau 
mit dem Original übereinstimmend; der bei Brambach fehlende, bei 
Turck stehende Punkt nach dem 2. D ist unzweifelhaft im Original 
vorbanden. 

Z. 2. Da die obere linke Ecke jetzt dem Steine fehlt, lässt sich 
nicht constatiren, ob der Punkt, den Turck fälschlich nach Y hat^ 
durch den Zustand des Originals indicirt war. 

Z. 3. Brambach hat mit Recht nach AVG einen Punkt gesetzt; 
dagegen lässt das Original am Schlüsse dieser wie der übrigen Zeilen 
den Punkt, den Turck fast überall angibt, nicht erkennen. Da aber 
die Kante des Steins gelitten hat, so ist es durchaus möglich, dass 
diese Punkte früher vorhanden waren. Dass derselbe in dieser Be- 
ziehung keineswegs ganz willkürlich verfuhr, geht insbesondere daraus 
hervor, dass Z. 4 der Punkt fehlt, trotzdem er jedenfalls nicht ge- 
sehen hat, dass hier nach dem S kein Wortschluss ist. 

Z. 4 stimmt Brambachs Lesung mit dem Original überein, nur 
habe ich den Punkt nach DYS nicht constatiren können. Hier hat 
also Turck fälschlich £ an Stelle des P im Original. Dieser Fehler 
erklärt sich jedoch sehr leicht; der untere Ansatz des P ist nämlich 
im Original etwas breit gerathen, wie dies auch sonst auf dieser In- 
schrift mehrfach vorkommt, so dass der Buchstabe etwa folgende Ge- 
stalt hat: P und von einem den Sinn der ausserordentlich schwierigen 
Inschrift nicht verstehenden Leser leicht für ein E gehalten werden 
konnte. In der Punktirung nach RO und LY hat Br. unbedingt Recht. 

Z. 5. Der Stein, soweit er erhalten, bestätigt Brambachs Lesart; 
Turck hat also die unteren wagerechte Striche des L und Q ausge- 
lassen, ein Fehler, der ebenfalls durch die zu Z. 4 bemerkte Eigen- 
thümlichkeit der unteren Buchstäbenansätze leichter erklärlich wird. 
Der Punkt nach Q ist von Brambach richtig angegeben. 

Z. 6. Auch hier hat das F im Original einen bedeutenden An- 
satz, der Turcks E erklärt. 

Z. 8. Turck hat hier die Ligatur ^t übersehen und statt ET 
fälschlich die Ligatur J angegeben. 

Z. 9. Original : "ELEG : daher beruht Turcks Lesart auf einer 

Yerwechselung des sehr nahe gerückten Punktes mit dem mittlem 
Apex eines E. 



Epigraphische Mittbeiluhgen aus Cleve. 285 

Z. 11. Das Original hat nach dem ersten I einen zufälligen Punkt, 
so dass das I folgende Gestalt hat: L und Turcks Lesart E nicht 

sehr fem liegt. 

Z. 14. Br. : ^ mit der Bemerkung: a sinistra parte punctum 

cum "E coaluit; Turck: 3" ; Original £, d. h. Punkt und dann Liga- 
tur von "E mit starkem Ansatz nach links. 

Z. 16. Original: OTE'T'AE. Turck erkannte ganz richtig, dass 

nach MAXIMO eine Bezeichnung des iterum folgte. Da er aber die eigen- 
thümliche Ligatur f == II nicht kannte, so zog er den Hauptstrich des 
E mit^ur Zahlangabe und glaubte das E durch Ligatur mit I ver- 
bunden, wobei ihm ein Punkt und die mehrtach ei*wähntc Unsicher- 
beit der Schrift in der Unterscheidung von bedeutungslosen Hauan- 
Sätzen und unterscheidenden apices zu Statten kam. Dagegen er- 
scheint die Schreibart Turcks M statt AE nur durch Raummangel 
hervorgerufen. ^ _ 

Fassen wir das Resultat unserer GoUation zusammen, so finden 
wir, dass Turcks Zeichnung allerdings nicht frei ist von Fehlern, 
dass aber 

1) die Abweichungen in den Buchstaben sich sämmtlich aus den 
Eigenthümlichkeiten des Originals leicht erklären; dass 

2) auch die Ligaturen dem Original entsprechend wiederge- 
geben sind, abgesehen von drei Fällen, in denen die Ligatur von dem 
Laien sehr schwer erkannt werden konnte (Z. 5, 8, 16) und zwei 
Fällen, wo er aus Raummangel zu allgemein übUchen Ligaturen ge- 
griffen, die das Original nicht hat; dass endlich 

3) auch die Punktation nicht richtig wieder gegeben ist; bedeu- 
tende Fehler finden sich nur in Z. 4 und 5 an einer dem Zeichner 
unverständlichen Stelle. 

Im Uebrigen ist über Turcks Zeichnung des Steins noch zu be- 
merken, dass seine Darstellung der allgemeinen Form desselben fast 
genau mit dem Original übereinstimmt (Orig.-Höhe der mittleren 
Schriftfläche 34 cent, Breite 26,5; Zeichnung: Höhe 7,6 cent. Breite 
5,6), und dass der jetzt sehr verwitterte und beschädigte Kopf des 
Steins doch noch ganz deutlich die Ornamentirung erkennen lässt, die 
Turcks Zeichnung darbietet. 

Endlich ist noch bemerkenswerth, dass neben der Zeichnung des 
Steins folgende Bemerkung von Turcks Hand sehr sorgfältig mit rother 
Dinte eingetragen ist: 



k. 






\.4. 












2S6 Epigraphisofae Mittheilangen ans Geve. 

Altare bei dem Ehrwürdigen Hern Lubbarth van Gartzfelt De- 
chant zu Santen. 

Berücksichtigt man alle diese Umstände, so wird man mit Noth- 
wendigkeit hingeführt zu der Annahme, dass Turck das Original selbst 
gesehen und abgezeichnet hat, und zwar, wenn auch nicht mit der 
Akribie eines fertigen Epigraphikers, doch mit dem entschiedenen Be- 
streben, ein möglichst zuverlässiges und im Einzelnen wie im Ganzen 
getreues Bild des Originals zu liefern. 

Da nur dieser eine Stein als beim Dechanten von Gartzfeld be- 
findlich bezeichnet wird, dieser also kein Sammler war, so wird man 
den Stein unbedenklich als einen aus Xanten oder dessen nächster 
Umgegend herrührenden betrachten dürfen. 

Der zweite noch erhaltene Stein, den Turck abgezeichnet hat, 
ist C. I. R. 202 

Turck. 

I • O • M • 
MARTIVS 
VICTOR 
SIC LEG XXX VV- 
SEVERIANiE 
ALEXANDRI- 
P • F • V ' S • L M ' 
ACRICOLA ' ET • CLE ACRICOLA ETCLE 
MENTIANO • COS • MENTIANO • COS • 





Brambach. 






1 


O 


• 




M • 


M 


A R 


T 1 


V 


S 


V 


1 C 


T 





R 


SIC • LEG 


XXX 


V 


•V 


S 


EVE 


R 1 A 


N 


M 


A 


LEX 


A N 





R 1 


P 


• F • V • 


S • L 


• 


M • 



In der Lesung finden sich nur folgende Differenzen: 

Z. 4. Br. V, T. V •. Der gegenwärtige Zustand des Originals ge- 
\' stattet nicht mehr, zu unterscheiden, ob an dieser Stelle ein Punkt 

gestanden. 

Z. 6 findet sich am Schluss dieselbe Differenz; das Original 
scheint mir hier entschieden, wenn auch in etwas undeutlicher Weise, 
den von Turck angegebenen Punkt erkennen zu lassen. 

Z. 7. Der von Bramb. nach L angegebene Punkt ist im Original 
deutlich vorhanden^ ebenso die Z. 8 nach A und T angegebenen. 

Eine weitere kleine Differenz liegt in der von Turck gezeichneten, 
von Br. vernachlässigten EinrUckung des Namens VIGTOB Z. 2. Das 
Original stimmt hier genau mit Turck überein. Ebenso finden sich an 



Epigrapbisohe Mitiheiiungen aus Cleve. 237 

demselben deutliche Spuren der von Turck gezeichneten schneckenför- 
migen Ornamentirung des Kopfes. Die Schriftfläche des Originals ist 
43,5 c. hoch, 34 c. breit; Turcks Zeichnung 4,3 c. hoch, 3,8 c. breit. 
Turck hat also nur 3 Punkte übersehen, sonst aber eine völlig 
correcte Zeichnung geliefert, in der weder in Ligaturen noch in der 
Stellung der Buchstaben zu einander Abweichungen vom Original vor- 
kommen. Er ist also bei dieser Zeichnung entschieden genauer als bei 
der von Nr. 151. Ich glaube dies zwei Umständen zuschreiben zu 
müssen : 

1) Der Text der Inschrift ist einfacher Natur und war offenbar 
dem Zeichner vollkommen verständlich, ein gewiss bedeutungsvolles 
Moment bei allen nicht rein mechanischen Reproductionen von In- 
schriften. 

2) Der Stein war dem Zeichner bedeutend leichter zugänglich 
als Nr. 151. Es steht nämlich neben der Zeichnung mit rother Dinte 
sorgfältig eingetragen die Notiz: 

Antiquiteten bei dem Hern zu Wissen. 

Wissen ist ein bei Weege gelegenes Schloss, welches schon im 
16. Jahrhundert bei Teschenmacher mehrfach genannt wird, als im 
Besitze der Herren v. Loe befindlich, einer hervorragenden devischen 
Adelsfamilie, deren jetziges Haupt, der Kgl. Kammerherr Graf Max 
V. Loe, noch gegenwärtig dieses Schloss bewohnt. Es ist von Goch, 
dem Geburtsorte Turcks, nur 1 Stunde entfernt und stand zu dem- 
selben in ganz besonders nahen Beziehungen, da die Herren v. Loe 
herzogliche Praefecti Gochenses waren, so dass Teschenmacher ^) einen 
Franciscus a Loe, Dominus in Wissen auch geradezu Gochensis nennt. 
Es konnte daher Turck nicht an Gelegenheit fehlen, die Wissenschen 
Steine aufs sorgfältigste abzuzeichnen. Dagegen ist es sehr leicht mög- 
lich, dass die Umstände für die Zeichnung des einzigen in Xanten 
aufbewahrten Steines, die Turck mittheilt, weniger günstig waren. 

Nachdem wir so zur Beurtheilung der fides der Turckschen Zeich- 
nungen einige Anhaltspunkte gewonnen, folgen wir in der Betrachtung 
der übrigen Zeichnungen der Keihenfolge der Handschrift. 

Fol. V, Seite 1 findet sich oben links, wie schon erwähnt, die 
Zeichnung der auf dem clever Schloss befindlichen Amphora; rechts 
daneben der Fuss einer Statue mit einem Theile des Schildes auf einem 
Postament, welches folgende Inschrift trägt: 



^) P. 342 d. Fnmkf. Ausg. zum Jahre 1562. 



238 Epigraphische Mittheilangen aus Cleve. 

MARTI • SACRVM C • IVL 



ANNAUS ' CA LEG XXX • W 
P • F • IN HONOREM CIVIVM - 
D • D • L M • 

Bei Brambach findet sich dieselbe als Nr. 19 der inscr. spuriae 
in folgender Stangefol entlehnter Form: 

marti • sacrum • c • iul • c • a • leg | XXX • V • V • p * f • 
in honorem | civium d • d • 1 • m • 

Er bemerkt dazu: 1—3 versus aliter exhibet Gelenius. 1. iul. 
annalis. c. fl [an h?] leg Gel. 

Ich weiss nicht, was den scharfsinnigen Herausgeber der Rhei- 
nischen Inschriften bewogen hat, diese Inschrift unter die inscr. spuriae 
zu vei*setzen, und hoffe, dass die zu erwartende berliner Ausgabe sie 
wieder ehrlich machen wird. 

Zunächst nämlich scheint es mir gänzlich undenkbar, dass der 
von Turck so genau gezeichnete Stein nicht wirkliche existirte. Zeich- 
nete er in den zwei controllirbaren Fällen gewissenhaft nach dem 
Original, so ist auch anzunehmen, dass er es in diesem ganz gleich- 
artigen nicht mehr controllirbaren Falle that. Allerdings gibt Turck, 
wie wir später sehen werden, auch Inschriften, deren Original er of- 
fenbar nicht kannte (Fol. VII, Seite 2), aber hier gibt er auch aus- 
drücklich seine Quelle an (Ex chronica Ger: Juliacen Secret:) und 
liefert nicht ausgeführte Zeichnungen, sondern einfache Textabschriilen. 

Es bliebe also nur die Annahme übrig, dass der Stein zwar wirk- 
lich existirte, aber nicht römischen Ursprungs, sondern in betrüge- 
rischer Absicht in späterer Zeit angefertigt war. Ich wüsste aber 
nicht, was zu dieser Annahme berechtigen könnte, da ich im Text 
desselben nichts finde, was von den sonst bekannten Formen römischer 
Weihinschriften abwiche. Nur die Formel in honorem civium weiss 
ich nicht zu belegen, da indessen in honorem mit dem Genitiv eines 
Eigennamens auch sonst vorkommt (z. B. Orelli-Henzen III 5705), 
so sehe ich in dieser Widmung dzu Ehren der Mitbürgent nichts An- 
stössiges; ein weiteres Analogen bietet ja auch der bekannte Clevener 
Mars- Cumulus- Altar in dem • C • S (ob cives servatos). Wie sollte 
aber ein niederrheinischer Falsarius in damaliger Zeit an das seltene 
G ' A (custos armorum) kommen, das nach Brambach ja sonst im 
Rheinland sich nur noch auf drei oder vier oberrheinischen Steinen 
(1024, 1294 Mainz, 1762 Rossberg (?) 1836 Weissenburg) findet? ~ 



\ 



Eptgrapbisobe Mittbeilangen aas Cleve. 289 

' Wir halten also an der Echtheit dieser Inschrift fest und glau- 
ben, dass der Stein sich zu Turcks Zeit auf dem Clevener Schloss 
befand, wo ja nach den oben citirten unmittelbar vorhergehenden 
Worten Turcks nicht nur die Vrna^ sondern auch )> andere stucken 
fürhanden» waren. In Bezug auf die Lesung der Inschrift wird jeden- 
falls in Zukunft Turcks Zeichnung ausschliessliche Grundlage bilden 
müssen. Stangefol mit seiner falschen Reihenabtheilung und seiner 
Auslassung ' des Gognomens Annalis schöpfte offenbar aus sehr trüber 
Quelle und Gelens Lesung geht, sei es direct, sei es indirect, auf die 
Turcksche Handschrift zurück. Die eigenthümliche Lesart fl, die der- 
selbe in Z. 2 hat, erklärt sich einfach daraus, dass das A in Turcks 
Zeichnung oben sehr breit gerathen ist und unten rechts einen stark 
entwickelten Fussansatz hat, so dass ein oberflächlicher und vielleicht 
falsch interpretirender Abschreiber darin ein nahe aneindergerücktes 
FL sehen konnte. 

Unmittelbar neben dem Reste der Figur steht eine kleine Zeich- 
nung eines fragmentarischen Kopfes auf einer Platte; vermuthlich ist 
es ein auf dem Schilde dargestelltes Gorgoneion. 

Unter der Uma in der Marsstatue befindet sich auf derselben 
Seite noch eine sehr sorgfältige Zeichnung des Matronensteines C. I. 
R. 219. Die perspektivische Darstellung lässt die Fronte und die linke 
Seitenfläche vollständig übersehen. Auf der Vorderseite sind die drei 
sitzenden Matres in der üblichen Weise dargestellt, die links sitzende 
mit zurückgeschlagenem, die beiden anderen mit aufgerichtetem Kragen 
des langen Gewandes. Der Stein ist an der rechten oberen Ecke be- 
schädigt, so dass der mittlem Figur der Kopf halb, der rechts sitzen- 
den ganz fehlt. Die Seitenfläche lässt eine männliche Figur mit einem 
Krug und darunter eine Amphora mit Blumen erkennen. Auch zeigt 
die Zeichnung ganz deutlich, dass die linke obere Ecke, jene Figur 
der Seitenfläche und fast die ganze linke Matrona umfassend, abge- 
sprengt und wieder aufgesetzt war. Die Inschrift steht unter den Fi- 
guren der Matres, und zwar so, dass der Anfang MATRIBVS auf 
einem Inschrift und Figuren trennend vorspringenden Gesimse steht. 
Die Inschrift ist folgende: 



■ 

..i 



240 



Epigraphiache UiUbeilnngen aas Cleve. 



M A 



Brambach : 
T R I B 



V 



ANNANEPTIS 
Q V E TTIVS QVINTVS 
OFT LEG XXX VVPFSA 
VSLM MAXIMOET 
PATERNO COSS 



Turck: 
MATRIBVS 



r' 

> 












r; 

r 






9^' 

Y''- 
& 



J'-T 



ANNA NEPTIS- 
QVETI VSQVINTVS- 
OPT • LEG • XXX • V • V • P • F • SA 
VSLM- MAXIMO ET 

PATERNo COSS- 

t 
m 

Dieselbe zeigt voq Brambach folgende Abweichungen : 

Z. 1. MATKIBVS nimmt nicht die ganze Breite des Steins, son- 
dern nur die Mitte desselben ein. 

Z. 2. Zwischen dem 4. und 5. Buchstaben ist eine bedeutende 
Lücke, wie sie auch Cuper angibt. Bei der grossen Genauigkeit, mit 
der Turck gerade bei diesem Steine auch die geringste Beschädigung 
abgezeichnet hat, ist jedenfalls an das Fehlen eines Buchstaben nicht 
zu denken; vermuthlich ist diese auch in dqr dritten Zeile (hier frei- 
lieh mit Wortschluss) wiederkehrende Lücke nur durch das Streben 
nach einer symmetrischen druppirung der Buchstaben veranlasst wor- 
den. Am Schlüsse der Zeile hat T. einen Punkt. 

Z. 3. Brambach: VETTIVS, Turck VETIVS. Mit T. stimmen 
auch Crombach und Wiltheim überein, während Gelen und Cuper das 
T verdoppeln. Da Gelens Abweichungen von Turck nur auf Schreib- 
fehlem beruhen, so bleibt nur Cuper als Zeuge für die Verdoppelung 
stehen ; ich würde hier unbedingt Turck folgen, da mir ein so aufifal- 
lender Fehler in einer mit so ausserordentlicher Sorgfalt gezeichneten 
Inschrift undenkbar scheint. 

Z. 4 stimmt Turck genau mit Brambach überein; von einer 
Lücke nach SA, wie sie Wiltheim angibt, kann nicht die Kede sein ; 



ImA^ — ->*- 






i 



Epigraphische Mittheilangen ans Cle?e. 241 

auch ist ja der Text durchaus vollständig und verständlich, da SA 
offenbar bedeutet: Severianae Alexandrianae, genau wie auf dem ein 
Jahr älteren Steine des Tertinius Vitalis (Nr. 146), während auf dem 
3 Jahre älteren des Martins Victor (Nr. 202) diese Beinamen der 30. 
Legion fast ganz ausgeschrieben sind. Uebrigens ist das S bei Turck 
sehr in die Breite gezogen, so dass das von Cuper angegebene B nicht 
gerade sehr fern gelegen zu haben scheint. 

Z. 5 hat Turck nach VSLM Punkte. Obwohl in dieser Hinsicht, 
wie wir sehen, seine Sorgfalt nicht gleichmässig ist, wird man doch 
auch darin ihm folgen müssen^ als der unbedingt ältesten und besten 
Quelle unter den für diesen Stein vorliegenden. 

Schliesslich ist noch zu bemerken, dass auch neben diesem Steine 
die Bemerkung steht: Antiquiteten bej dem Edlen Hern zu Wissen, 
womit Cuper übereinstimmt, dass der Stein ex arce Wissens! nach 
Cleve gebracht sei. 

Die zweite Seite von Fol. V ist leer geblieben. Bei genauer Un- 
tersuchung entdeckt man indessen auf derselben die halb verwischten 
Umrisse eines ersten Entwurfes zu einer Zeichnung des bekannten 
Cenotaphiums des M. Caelius Nr. 209. Alle wesentlichen Theile der 
Sculptureu sind erkennbar, von der Inschrift war jedoch noch Nichts 
eingetragen. Offenbar bezieht sich der Pluralis »Antiquiteten« bei dem 
vorigen Steine auf diesen Stein mit, wie denn ja auch Dithmar zu 
Teschenmacher auf Grund einer Marginalbemerkung desselben be- 
zeugt, dass den Stein ehemals Wesselus L. B. de Loe, Dominus in 
Wissen besass. 

Demgemäss werden wir auch die oben rechts auf Fol. VI stehende 

Notiz »Antiquiteten bej dem Hern zu Wissen« nicht bloss auf den zu- 

nächst, obwohl keineswegs unmittelbar daneben stehenden Stein des 

Martins Victor, den wir oben schon behandelten, zu beziehen haben, 

sondern auch auf alle folgenden desselben Blattes, nämlich: 

C. I. R. 201 
Turck. Brambach» 



M A T R 1 B VS 


M A T R 1 B VS 


BRITTIS- 


BRITTIS 


L • VAERIVS • 


L • VALERIVS 


SIMPLEX • 


SIMPLEX 


MIL • LEG XXX 


MIL • LEG • XXX 


V • V • 


V • V 


V • S • L • M 


VSLM 



16 




>». » 



242 EpigrephiBche Mittheilungen aus Gleva. 

Es finden sich hier nur folgende Abweiehungen von Brambachs 
Recension, die aus mehreren sehr erheblich von einander abweichenden 
Quellen erschlossen ist. 

2? 2. Der kürzere Name BRITTIS ist eingerückt und hinter 
demselben steht ein Punkt. 

Z. 3. Brambach : VALEBIVS mit der Vermuthung, dass der 
Stein eine Ligatur hatte: VAiERIVS. Er hat sich dabei nur insofern 
geirrt, als nicht A und L, sondern E und L verbunden waren: £. 
Turck sah hier offenbar schärfer, als Cuper und andere, die VAERIVS 
lasen. Am Schlüsse der Zeile hat Turck einen Punkt, ebenso Z. 6 
nach dem zweiten V, dagegen fehlt die von Wiltheim angegebene 
Linie über der Zahl XXX bei ihm. Zu der in einer Quelle angegebe- 
nen Ueberschrift : I * * M ' bietet der Stein nach Turcks Zeichnung 
durchaus keinen Baum. 

C. L R. 1970. 
Turck: Brambach: 

MATRIBVS MATRIBVS 

FRISAVIS PAIRNIS TRISAVIS • PATER 

NIS 

Brambach folgt in seiner Recension Wiltheim, der diese und die 
folgende Inschrift als lecta saxa viro doctissimo Henrico Turcio be- 
zeichnet. Heinrich Turck ist, wie aus den früher .angeführten Zeug- 
nissen der Sethe'schen Handschrift hervorgeht, nicht der Chronist, 
sondern der Sohn desselben, Canonicus in Cranenburg, der Erbe der, 
wie WUT sahen, nicht völlig vollendeten Handschrift des Vaters. Es ist 
daher gewiss anzunehmen, dass die Sethesche Handschrift der Arche- 
typus des Wiltheimschen Textes ist Dass sie von diesem in Zeilenab- 
tbeilung und Punktation abweicht, wird man nicht auffallend finden, 
da ja jedenfalls Zwischenglieder anzunehmen sind; wohl aber kann 
auffiedlen die Differenz im Anfangsbuchstaben der matres; WiUheim 
hat wie auch Gelen und Aldenbrück, von denen der erstere jedenfalls 
auf Turck zurückzuführen, T, Cuper F. Turck hat einen Buch- 
staben, der zunächst den Eindruck einer Ligatur von T und F macht : 
"E. Da diese undenkbar, auch bei der bedeutenden Entwicklung, die 

Turck dem untern Strich des E zu geben pflegt^ an eine Ligatur von 
T und £ nicht zu denken, so wird man sich für F oder T zu ent- 
scheiden haben. Ich finde es sehr begreiflich, dass diese Entscheidung 
mehrfach für T ausgefallen ist, muss mich aber meinerseits nach ge- 



Epigraphische Mittheilongen aus Gleve. 248 

nauem Studium der Eigenthümltchkeiten der Turckschen Schreibart 
für F entscheiden. Turck pflegt bei T oben links kräftig einzusetzen ; 
hier jedoch ist das keineswegs der Fall ; vielmehr ist der links vom 
Hauptstrich befindliche Ansatz durchaus nicht mehr entwickelt, als 
ihn Turck an den oberen Ecken von I E F B P B M auch sonst zu 
machen pflegt und z. B. auch bei dem gerade darüber stehenden M 
gemacht hat. 

, Ich halte es daher für keineswegs unmöglich, dass auch Cuper 
mit seiner Lesart F schliesslich auf Turck zurückzuführen ist und 
dass uns in der Setheschen Handschrift der Archetypus der ge- 
sammten Tradition über diesen Stein vorliegt. 

Der einfach omamentirte Kopf des Steines war nach Turck Wohl- 
erhalten, dagegen nach der 2. Zeile ein Bruch eingetreten, durch den 
der weitere Verlauf der Inschrift verloren gegangen war. Wenn sich 
bei Gelen die Angabe findet, dass dieser Stein bei Cöln gefunden, so 
ist darauf gewiss kein Ge.wicht zu legen, da sonst nur Xanten als 
Fandort der Wissenschen Steine nachweisbar ist 

C. I. R. 1969. 

Turck. 

MATRIBVS ARSACIS PA 
TERNISSIVE MATERNIS 
M • AVR • LV • VERONIVS VE 
RVS • PE • PRiEFECT • I • PRO SE 
ET • SVIS • V • S • L M • 

Brambach. 

MATRIBVS • ARSACIS 
PATERNIS • SIVE • MATERNIS 
M • AVRELIVS • VERONIVS • VE 

RVS • PE • PRAEFECTI • PRO 

SE • ET • SVIS- VS-LM 

Brambach folgt auch hier Wiltheim, der aus derselben Quelle 
schöpfte, wie bei der vorigen Inschrift, d. h. eine die Zeilenabtheilung 
und Ligaturen ignorirende Gopie der Setheschen Handschrift benutzte. 
Die Lesart AYRELIVS (Z. 3) muss daher nothwendig als Conjektur 
angesehen werden, und zwar als eine nicht unbedingt sichere, da in 
dem überlieferten LV auch eine Tribusangabe stecken könnte. 



L 



244 Kpigraphische Hitthtilangn 

Bemerkenswerth ist noch, dass C 
Ziehung mit Turck übereinstimmt, der 
ffohl a]s alleiniger Urheber der ganzen ' 
Der Stein war mit den gewöfanlicli 
schmflckt, doch waren, wie die Zeicfanan 
ches nur die Füsse derselben erhalten. 
C. I. R. Inser. sp« 
Turck: 
I ■ OM?C3SlC 
HVIVS ■ Q • C^ 
VS ■ SECVNE 

Der Stein ist oben mit einem einfi 
unterhalb der 3. Zeile abgebrochen. Gi 
fast genau mit Turck flberein, insbesond 
die von Turck gezeichneten drei Zeilen 
auf den Bericht eines Lambert van der 
tion noch vier weitere Zeilen: 

leg ' c ' sereni | procos ' galliae | 
Henzen, der nur in dieser Gestalt ( 
Orelli 186 (III. p. 28) von derselben : s] 
Die epigraphiscben und historischen GrU 
hauptuDg anführt, beziehen sich sämmtlii 
Dieselben erweisen diese als Interp 
aus nicht die Aechtheit der drei ersten ^ 
Eine künftige Sammlung wird daher die 
unter die ächten aufnehmen müssen. 

Da die von Lipsius benutzte Quelle 
lautere und unzuverlässige war, so ist jt 
der Stein e ruinis castri antiqni Qual 
wicht zu legen. 

C. I. K. 196£ 
Turck: 
CN • GARANT Cl 
IVS ■ CNE • VOL IVi 
NEA^A ■ MIL • LEG NE 
XXI • STIPEN XV X> 
ANN • XXXV 



t . 



Epig^raphische MittheiluDgen aus Cleve. 245 

Brambach gibt diese Inschrift auf Grund einer Abschrift Croni- 
bachs, die mitTurck genau übereinstimmt, abgesehen von zwei Stellen : 

1) Z. 2 hat Crombach die Lesart IVS CN • F. Ohne Zweifel 
ist diese in Bezug auf den 6. Buchstaben richtiger, als die Turcks 
(und Gelens) ; indessen ist Turcks Vereehen sehr leicht erklärbar, da 
Crombach den 3. bis 6. Buchstaben punktirt, vermuthlich also der 
Stein an dieser Stelle beschädigt war. Was den Punkt nach IVS be- 
trifft, so spricht die Analogie für Turck. 

2) Crombach hat den Punkt nach NEMA nicht; auch hier wird 
man Turck zu folgen geneigt sein. 

C. I. B. 218. 
Turck. 
HAVE CALVENTI • CALV 
ENTIVS TE RESALVTAT • 
C CALVENTIVS OMVI • 
I FIL • OVE • MED • HICSITVS 

EST • AN • XLIIX MIL • LEG • V 
IP • XXIIX • ET CONIVCI ET ■ 
• 3 FRATER PRO PIETATE 
COJSQVALES MORS H^C- 
APTA EST- VIT • FELCES QILI 
AR • PATRIA • DVLCIS • 
ESE • SVA • 

Crombach. 
HAVE CALVENTI CALV 
ENTIVS TE RESALVTAT 
C • CA LV ENTIVS OMVI 
IFIL OVF • MED HICSITVS 

EST ANN XLIIX MIL- LEG V 
STIP ■ XXIIX ET CONIVGI ET 
FllJO FRATER PRO PIETATE 
COAEQVALES MORS HAEC 
SAPTAEST VITFELCES QIFL 
PATRIA DVLCIS 
SE SE SVA 



..^..-Zi 



I 

I V 

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I 



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1» - 



246 EpigpraphiBohe Mittheilangen aus Giere. 

Der Kopf dieses von Brambach im Rhein. Museum XX p. 615 
zuerst nach Crombach cdirten Steines zeigt ein Giebeldreieck mit zwei 
Nebendreiecken, die mit Ornamenten ausgefüllt sind. Die Differenzen 
beider offenbar ganz von einander unabhängiger Traditionen sind 
folgende : 

Z. 1 und 2 stimmen abgesehen von zwei Punkten genau über- 
ein; Z. 3 hat Turck wie Crombach das unverständliche OMVI///, 
welches Brambach wohl richtig in Romuli verbessert hat. Z. 4 ist 
OVE fttr OVF ein leichter Lesefehler Turcks, dem jedenfalls die Be- 
deutung des Wortes unklar war. Z. 5 hat Turck AN, Crombach ANN, 
wobei die Zählung der Buchstaben für letztere spricht. 

Ausserdem hat Turck in der Zahlenangabe h statt L, indem er 
wohl eine zufallige Verletzung des Steines für einen Apex ansah. In 
Bezug auf Z. 7 und 8 bestätigt Turcks Zeichnung die Vermuthung 
Brambachs, dass die punktirten Buchstaben bei Crombach auf Con- 
jektur beruhen; die Lesart stimmt in diesen Zeilen wie auch in der 
dritten bis auf einige Punkte und zwei Ligaturen (T. in coaequales 
und haec (Mj C. AE) genau überein. Z. 9 hat Crombach an der 
Bruchstelle noch ein S mehr; da dasselbe bei Turck fehlt, so ist es 
jeden&lls als unsicher zu betrachten. Nach FEL hat Turck den von 
Crombach fälschlich angegebenen Punkt nichts vermuthlich war das I 
durch Ligatur mit dem L verbunden (L). Der eigenthümliche Schluss 
der Zeile, welche bis auf den Rand des Steines sich hinzieht, stimmt 
wenigstens nahezu in beiden Quellen überein, da Turck Q I* L I* und 
Crombach Q'I'F'L darbietet. Brambachs Conjektur Quibus wird 
also durch Turck nicht bestätigt; es wird überhaupt schwerlich ge- 
lingen den Sinn dieser letzten offenbar sehr verstümmelten Zeilen zu 
errathen, wenn nicht etwa Denkmäler von ähnlicher Form angeführt 
werden können. Z. 10 hat Turck vor PATRIA die Buchstaben AR, 
die ich für ebenso unsicher halte, wie das S Crombachs in Z.9. Z. 11 
hat wiederum Crombach ein S in der Bruchstelle mehr. 

Die wesentlichste Verschiedenheit beider Quellen liegt also darin, 
dass an der Bruchstelle bald die eine, bald die andere einen oder 
zwei Buchstaben mehr bieten zu können glaubt 

Es liegt unter diesen Umständen nahe, an eine fortschreitende 
Beschädigung dieser Stelle zu denken. Crombachs Recension beruht 
auf einer ihm aus Xanten, wo 1623 der Stein gefunden, zugesandten 
Copie, während Turck denselben später in Wissen gesehen haben wird. 
Die Grombachsche Quelle ist daher als die ältere anzusehen ; da in- 




B^r 



Epigraphiflohe Mxitheilangen aas Gleve. 247 

dessen an einer Stelle auch Turck ein wesentliches Plus darbietet, so 
scheint es näher zu liegen, die Differenzen auf die Beschaffenheit des 
Steines, der ja in der Nähe des Bruches sehr leicht auch auf der 
Schriftflache beschädigt sein konnte, als auf den geringen Zeitunter- 
schied der beiden Quellen zurückzufahren. 

Da, wie bemerkt, dieser Stein erst 1623 gefunden, sO ergibt sieb, 
dass der die Inschriften enthaltende Theil des Mscr. erst nach 1623 
verfasst sein kann, alsg zwischen 1623 und 1633, da wir in diesem 
Jahre bereits die Handschrift in fremde Hände übergegangen sahen. 

1968. 
Turck: 

IVLFLI 

CIO 
PRO SE- 
T SViS • V • S • 

Bis jetzt war diese Inschrift nur bekannt durch folgende Cursiv- 
abschrift Gelens: 

lulio Flicio 

pro se 
T suis • VI S 

Auch diese wird, wie die sonstigen Abschriften Gelens, auf Turck 
zurückgehen, ist aber in willkürlicher und nachlässiger Weise ergänzt 
und verändert. 

Was die Turcksche Abschrift betrifft, so zeigt sie uns zunächst, 
dass der Kopf des Steines abgebrochen war; vermuthlich zeigte der- 
selbe den Namen einer Gottheit. Ebenso ist noch von der ersten Zeile 
ein Theil weggefallen, wodurch das Praenomen des Weihenden ver- 
loren gegangen sein wird. Das Nomen IVL ist nicht ausgeschrieben; 
man muss jedenfalls IVLIYS (nicht mit Gelen IVLioj ergänzen. Das 
Cognomen ist ohne Zweifel FELIGIO, welches auch C. I. R. 916 vor- 
kommt. Vielleicht war das E ähnlich wie Z. 4 mit dem T hier mit 
dem L legirt: 3L und der Punkt, den Turck nach F hat, wäre dann 
ein Rest eines Apex des E. Zu bemerken ist noch, dass das I in SVIS 
nach Turcks Zeichnung entschieden als i longa zu ef kennen ist. 

Neben dieser Inschrift befindet sich die Zeichnung von C. I. R. 
212 und in der Mitte unter Beiden folgender mit einfachen Ornamen- 
ten geschmückter Kopf eines Votivsteins : 



I 



1*' 

r 



248 Epigraphische MittheiluDgen aus Cleve. 

FATIS 

A 

Dieses Fragment ist bis jetzt nicht bekannt gewesen; verinuth- 
lieh hatte Gelen resp. seine Quelle dasselbe des geringen Umfangs 
wegen übergangen. Eine Widmung an die Fata ist sonst nicht selten 
(cf. Orelli-Henzen 1771—76, 5788, 5789), kommt indessen in den 
Rheinlanden nur noch einmal vor auf einem Kölner Steine, der merk- 
würdiger Weise ebenfalls nur noch das Wort FATIS enthält. C. I. 
Rh. 322. Man könnte daher an eine Identität beider Fragmente den- 
ken; indessen gibtCrombach ausdrücklich an, dass er dieses im Jahre 
1643 ausgegrabene Fragment in St. Ursula in Cöln gefunden habe; 
daher scheint mir mit Rücksicht auf eine so bestimmte Angabe eine 
Identificirung doch nicht möglich zu sein. Dagegen liegt sehr nahe 
die Vermuthnng, dass das Turcksche Fragment den Kopf der Weih- 
inschrift des Julius Felicio bildete. 

Die Form des Bruches an beiden Steinen ist derart, dass eine 
Zusammenfügung durchaus nicht unmöglich scheint; insbesondere hat 
dieses Fragment unten links einen Vorsprung mit einem schwach an- 
gedeuteten Rest eines Buchstabens (und zwar vermuthlich eines M), 
der sehr wohl in der Lücke, die der andere Stein oben links hat, 
passen würde. Die Breite der beiden Steine stimmt in den Zeichnungen 
wenigstens annäherjid überein: sie beträgt bei dem grösseren Frag- 
ment 3,7 Centimeter, bei dem kleineren 3,3. Wir würden somit fol- 
gende vollständige Inschrift erhalten: 

FATIS 
AAIVL FeLI 

CIO 
PRO SE 
T SVIS VS- 



212. 



Brambach. 

MARTI 
SACR V M 

VLP 
ATIDENVS 
RATORI FC 



Turck. 

MARTI 
S ACRVM 
VLP 
ATIDENVS 



Epigraphiflche MittheUuDgen aaft Cleve. 249 

Die Lesang Brambacbs beruht auf Crombach, der seinerseits eine 
Abschrift von Xanten her erhalten i zu haben angibt, wo der Stein 
gefunden sei. 

Z. 3 hat Turck nach V und L Punkte, jedenfalls mit Unrecht. 

Z. 4 ist nach der Turckschen Zeichnung anzunehmen, dass 1—2 
Bachstaben im Anfang der Zeile weggefallen sind. Vermuthlich ist 
daher ATIDENVS nur ein Theil des Cognomens. 

Z. 5 fehlt bei Turck. Da ein gänzlich willkürlicher Zusatz Seitens 
der Xantener Quelle nicht wahrscheinlich ist, so vermuthe ich, dass die 
Beschädigung des Steines, als Turck ihn in Wissen sah, weiter fort- 
geschritten war, so dass diese Zeile nicht mehr vorhanden oder we- 
nigstens nicht mehr lesbar war. War aber Z. 4 im Anfang verstüm- 
melt, so musste es nothwendig auch diese Zeile sein. Es könnte also 
z. B. etwa STRATOR ursprüngliche Lesart sein, in welchem Falle in 
den drei letzten Buchstaben mit Voraussetzung einer Verstümmelung 
auL unteren Theile LEG (d. h. Legati) gefunden werden könnte. Eine 
solche Deutung würde jedenfalls viel näher liegen als die Annahme 
eines C!ognomens Batorus (Brambach p. 378). 

Auf Fol. VII a folgt sodann die oben behandelte Inschrift C. I. 
Rh. 151. 



Im Ganzen bietet uns also Turck Zeichnungen von 13 Steinen, von 
denen nur zwei sich erhalten haben. Elf dieser Steine sowie das Ke- 
notaphion des Legaten M. Caelius, dessen Zeichnung er nicht mehr 
vollendete, sah er auf dem Schlosse Wissen. War bisher nur von zwei 
Steinen (209 und 219) bekannt, dass sie eine Zeit lang in Wissen ge- 
wesen, so erfahren wir nunmehr, dass dort um 1630 eine Sammlung 
von mindestens 12 Inschriftsteinen bestand, dass also die Sammlung des 
Prinzen Moritz von Nassau keineswegs die erste in dortiger Gegend 
war. Die weiteren Schicksale dieser Sammlung sind leider gänzlich 
unbekannt; drei der ansehnlichsten Denkmäler derselben (202, 219, 
209) kamen schon im Laufe des 17. Jahrhunderts nach Cleve, viel- 
leicht als Geschenk des Freiherrn Wessel von Loe an den grossen 
Churfürsten, was wenigstens in Bezug auf den Gaeliusstein (209) be- 
zeugt ist. Von keinem der neun übrigen Steine ist ein späterer Auf- 
bewahrungsort nachzuweisen; alle bisher bekannt gewordenen Ab- 



■ ^ 




260 Epigraphisobe Mitiheilangen ans Giere. 

Schriften derselben gehen allem Anscheine nach entweder auf schedae 
zurack, die aus der Zeit vor Ueberfdhrung der Steine nach Wissen 
stammen, oder auf den Turckschen Codex. 

Es lag daher sehr nahe, weitere Nachforschungen über Herkunft 
und Verbleib dieser Steine, wie aber die Wissensche Sammlung über- 
haupt auf dem Schlosse Wissen selbst anzustellen; der Kgl. Kammer- 
herr Max YonLoe hatte mir bereitwilligst seine Mitwirkung zu diesem 
Zwecke zugesagt, indessen ist mir durch meine sehr bald nachher 
eingetretene Versetzung in eine andere Provinz eine weitere Verfolgung 
dieser lokalen Forschungen leider unmöglich geworden. 



Wie schon oben erwähnt worden, beschränkt sich Turck nicht auf 
Mittheilung von Abzeichnungen der ihm zugänglichen Steine der Clever 
Gegend, sondern auf Fol. VII b theilt er auch folgende fdnf Inschriften 
»Ex Chronica Ger: Juljacen Secret: De rebus Juljacensjum« mit: 

1. (Bramb. 602.) 

M • ANTONIO VICTORI 
FRONAMINIA • VXSOR • MOR • 
SIBI • ET MARITO DE SVO POSVIT 

2. (Bramb. 595.) 

C • F L A V I O 
C A P I T O NS 
F • CONSTANT • 

3. (Bramb. 596.) 

DM- 
C • VESPASIANO 
VITALI 
AAACRINIA • AV • 
VACAF.C- 



»♦ 



e 



Epigraphisohe IfitUMilnngen «u CUve. 2(1 

4. (Bramb. 588.) 

L • CASSIVS 

VERECVNDVS 
SIBI ETLABITINIANAE 
MARTINE VXORI VIVOS 
FECIT • 

5. (Bramb. 601.) 

AAATRONIS RVA^NEHABVS 

SACR • 
L ♦ VITELLIVS CONSORS 
EX POL • LEG • VI • VICTR • 

Da bereits vier Abschriften dieser JiUichschen Chronik resp. ihrer 
Inschriften durch Bücheler und Brambach bekannt geworden sind, 
bietet dieses fünfte ziemlich nachlässig angefertigte and unvollständige 
Apographon allerdings kein besonderes Interesse dar. 

Dagegen liefert uns der Schluss der Turckschen Vorgeschichte 
noch einen interessanten Beitrag zur lateinischen Epigraphik. Es heisst 
nämlich dort: 

Inscriptio lapidis sive Saxj antiquj, quae infra Altare in Ecclesja 
de Ryneren habetur. 



• • • 



/WAR • IICAAAVLO SACRVM PRO SALVTE 
CLAVDI CiESARIS VC' CER/WANIdlMP • • • 
VE • S • REMIQVI • TEMPLVM CONSTITVTVM • 

Diese Abschrift des bekanntlich jetzt auf dem Schlosse zu Gleve 
aufgestellten Altars ist nämlich dadurch merkwürdig, dass nach pro 
salute nicht das Wort TIBERII folgt, sondern statt dessen eine Lücke 
angedeutet ist. Hierdurch erhält die von Aschbach und Brambach ge- 
billigte Yermuthung Schneiders (Jahrlf. XVIII p. 136), dass dieses 
Wort interpolirt sei, eine urkundliche Bestätigung. Und zwar ergibt 
sich nunmehr mit Bestimmtheit, dass diese Interpolation nicht aus alter 
Zeit herstammt, sondern erst nach Turcks Zeit ausgeführt ist. Offenbar 
ist gleichzeitig, wie Brambach richtig vermuthet, der ganze Stein 
restaurirt forden, und erklären sich so die bedeutenden sonstigen Ab- 
weichungen Turcks von den so leicht erkennbaren jetzigen Schrift- 



252 



Epigraphiflche Mittheilungen aus Gleve. 



V « 



Zügen des Steines. Uebrigens scheint der unbekannte Restaurator, ab- 
gesehen von jenem Tiberii, überall das Richtige getroffen zu haben. 

Wenn wir demnach auf Grund des Turckschen Mscr. die Re- 
stauration des Steines für eine nach 1623—33 erfolgte erklären zu 
müssen glauben, so ist von besonderm Interesse die Frage, welche 
Lesarten denn die einzige existirende ältere Quelle, nämlich das Mscr. 
des Martin Smetius auf der Leidener Bibliothek vom Jahre 1588 dai- 
bietet. Da Brambachs Notiz : M. Smetius non integram descriptam ac- 
cepit hierüber keine Auskunft gibt, so bat ich den auswärtigen Sekre- 
tär unseres Vereins, Herrn Conservator W. Pleyte in Leiden um eine 
genaue Abschrift der betreffenden Stelle des Mscr. Derselbe erfüllte 
meine Bitte mit der grössten Bereitwilligkeit und sandte mir fol- 
gende Gopie: 

MARTI • CAMVLO 
OB • SALVTEA/V • TIBERI 

CLAVOI • CAES • CIVeV • REMI 
TEMPLVM • CONSTITVE 

RVNT 

Diese sehr nachlässige und lückenhafte Abschrift des Steines 
enthält also allerdings schon das Wort TIBERI, und zwar mit der 
richtigen Genetivendung, aber mit Punkten bezeichnet, die vermuth- 
lich bedeuten sollen, dass das Wort Conjektur ist. 

Somit widerspricht das Mscr. Smet der von uns aus der Turck- 
schen Abschrift gezogenen Folgerung keineswegs. 

Jedenfalls wird die Restauration des Steines sehr bald nach Turck 
vorgenommen sein, da alle späteren Abschriften, so weit sie mir be- 
kannt geworden, die jetzige Beschaffenheit desselben voraussetzen lassen. 



V" 



...» 









Somit erweist sich die Sethe'sche Handschrift in verschiedener 
Hinsicht als eine für die lateinische Epigraphik sehr wichtige Urkunde ; 
bietet sie auch wenig absolut Neues dar, so liefert sie doch unzweifel- 
haft für die Kritik einer Reihe niederrheinischer Inschriften ein ganz 
neues Fundament. Hoffentlich wird auch die sonstige Bedeutung der 
Handschrift bald von anderer Seite einer eingehenden Untersuchung 
unterworfen werden. 



Sangershausen. 



Albert Fulda. 



k. 



10. Zur Staurologie. 

Die Sitte auf Märkten und an Wegscheiden monumentale Kreuze 
zu errichten, lässt sich zwar bis ins christliche Alterthum zurückfüh- 
ren*); aus leicht erklärlichen Gründen indess sind dergleichen unter 
freiem Himmel errichtete Kreuze aus älterer, romanischer Zeit nur 
sehr selten bis in ujpsere Tage erhalten geblieben, und diesseits der 
Alpen ist vielleicht das Kreuz auf dem alten Markte in Trier *) sogar 
der einzige Repräsentant dieser ganzen Gattung. Dass es sich in der 
That um eine besondere, einen eigenthümlichen Typus befolgende 
Gattung handelt, erhellt aus der Vergleichung mit anderen italieni- 
schen Beispielen, deren wir zu Bologna eine ganze Reihe näher 
kennen lernen aus einer mit guten Abbildungen ausgestatteten, zwar 
nicht mehr neuen, aber in Deutschland anscheinend kaum bekannt 
gewordenen Abhandlung des Grafen Giov. Gozzadini^). Es befanden 
sich in früherer Zeit und zum Theil noch bis zum Ende des vorigen 
Jahrh. viele Steinkreuze auf den Strassen von Bologna ; sie sind seit- 
dem zu Grunde gegangen, mehrere wurden jedoch schon frühzeitig in 
Kirchen übertragen, weil man der (übrigens nicht zu begründenden) 
Tradition zufolge ihre ursprüngliche Errichtung an den Thoren der 



') Pelliccia, A. A., de christ. ecclesiae politia; ed. Bitter 1, 340. — 
Rheinwald, F. H., Kirchl. Archäologie S. 407. 

>) Abbild, bei £. aus'm Weerth, Eunstdenkm. I. Taf. LYI. 6 zu 8, 83. 
Vergl. Kugler, Kl. Sehr. 2, 185. — Anch in Frankreich ist nur ein einziges 
£xemplar bekannt : das Wegekreuz von Grisy (Calvados), abgebild. bei d e 
Caumont, Abecedaire (4. Aufl.) 1, 277. 

*) Delle croci monumental!, ch^erano nelle vie de Bologna nel secolo XIII 
memoria del Conte Giov. Gozzadini. Bologna 1863. — 43 S. 4. (Sonder- Ab- 
druck aus den Atti della Deputazione di Storia Patria per le provincie di Bo- 
magna. — Anno II.) 



354 Zar Staarologie. 

alten ßoDonia mit der Einfahning des ChriBtenthums daselbst in Ver- 
bindung zn setzen gewohnt war. Die Form derselben entspricht im 
Wesentlichen völlig dem Trierer Marktkreuze: es sind Säolen, deren 
Schaft mit einem Terhältnissmässig kleinen Ereaze gekrönt ist Wenn 
die Höhe des Trierer Denkmals anf nngefäbr lin,39 angegeben wird, 
so durfte das Krenz selbst etwa dieselbe Höhe haben, wie die Bolo- 
gneser Krenze, deren gröastes l<n>02 hoch ist. Mehrere der letzteren 
sind wie das Triersche inschriftlich datirt, und obgleich danach keines 
dieser Denkmäler bis in die altchristliche Periode hinaufreicht, so 
scheinen sie doch dem Typus jener ar^Xai hiivixuti *) zu entsprechen, 
welche nach Easebius (de landibns Constanüni c 9) Gonstantin der 
Gr. ananaXav ytjg errichtet hatte. Während die Säxüe in Trier auf 
dem antiken Granitschafte einen trichterförmigen Kalksteinkranz trägt, 
welcher mit eingemeisselter romanischen Palmettenverzierung versehen 
und mit dem Kreuze selbst aus einem Stocke gehauen ist, steht bei 
den italienischen Exemplaren das Kreuz meist nur mittelst einer un- 
tergelegten achlichten Kondplatte auf dem Säulenschafte, welcher letz- 
tere in mehreren Fällen ein gestutztes antik römisch-korinthisches 
Capital zur Basis hat, wodurch nach sehr wahrscheinlicher An- 
nahme des Grafen Oozzadini der Sieg des Christenthums über das 
Heidenthum bezeichnet sein soll. Das Material ist theils Marmor ver- 
schiedener Art, theils nur Sandstein (macigoo) oder Kalkstein. Die 
Form der Kreuze selbst nähert üch mehr oder weniger der sogen, 
griechischen, die freien Enden der Arme verbreitem sich zuweilen 
krttcken- oder tatzenartig, nirgend aber erscheint eine so elegante 
Bildung wie an dem Kreuze in Trier, welches, aus dem Quadrate 
durch Hohlkehlen ausgeschnitten, etwa spätromanischem Geschmacke 
entsprechen dtlrfte. 

Mit alleiniger Ausnahme eines schlichten Tatzenkreuzes, welches 
urspranglich in der Nähe der ehemaligen Kirche S. Ambrogio zu Bo- 
loga& zur Bezeichnung des Ortes errichtet war, wo man gegen Ende 



■) Felliacift L o. übersetzt pkraphrutitob : ColumnBlUe trinmphslM, 
craoe inaigniUe ; Zimm e rmanu (Easeb. hiit. ecol gr. et kt.) dagegen: Arcaa 
trinmpbalsa (?). Dia SteUe lautet vollständig: Toüi^ tö nävtiav ayaAtiv Tliof, 
oittifti XS^°< ßaailtii änodidovt, nnowo;foC y^r OTijiaf tntnxlot/s ISgüno, nlovaUf 
xnl ßaaiXti^ X"C^ ^^^^ "^ Ttft/vri Irgä it TT^atuxi^n awlaiaaSta tmi näai 
Jutxiitvö/ttvo!. Danach ist ea freilich möglieb, dats unter den oj^^bs tmvixiovs 
lediglich die viüs xal icfi^ tu 7eratehen sind, und man „monnmenta trinm- 
phalia" ta ObersetSen hat. 



Zur Staorologie. 256 

des K. Jahrh. die Gebeine des h. Proculus aofgefunden hatte, sind 
sämmtliche Exemplare entweder symbolisch oder historisch (d. h. als 
Gmcifixe) decorirt, und bei dem ikonographischen Interesse dieser 
freilich mehr oder weniger rohen Darstellungen, gestatten wir uns eine 
kurze Uebersicht der einzelnen Denkmäler. 

1. In S. Grovanni in Monte zu Bologna ein sich der heraldischen 
Erückenform annäherndes, cordonirtes Marmorkreuz, welches auf einer 
Seite mit einfachen Blattwindungen en bas-relief geschmückt ist, die 
sich auf der anderen wiederholen, nur dass hier oben das Bild einer 
Taube hinzugefügt ist, die an einer Weintraube pickt, und unten die 
Inschrift: f ^^^ ^^' renova. crux temporibus dom. Vitale epsc, wo- 
nach also das Kreuz in der Zeit des B. Vitale (789—814) erneuert 
worden ist Weintrauben geniessende Tauben, das Bild der mit dem 
Blute Christi sich nährenden gläubigen Seelen, kommen schon auf alt- 
christlichen Grabsteinen vor. 

2. In S. Petronio daselbst ein einfaches Kreuz, welches auf bei- 
den Seiten an seinen drei Armen mit einer sich dreitheilig rankenden 
sparsam mit gestielten dreizähligen Blättern besetzten Pflanze ge- 
schmückt ist, deren viel verzweigtes Wurzelgeflecht den Kreuzesstamm 
einnimmt Eine symbolische Beziehung dieser Darstellung darf zwar 
mit Becht vorausgesetzt werden, ob aber darunter die »hedera« des 
Propheten Jonas (Jon. 4, 6) zu verstehen sein möchte, will Gf. 
Gozzadimi, der diese Meinung anführt, nicht entschieden. Da übrigens 
das Kreuz nur eine im J. 1303 verfertigte Gopie eines älteren sein 
soll, so ist das Rankengewächs vielleicht nur als ein nicht besonders 
getreu gerathener Weiustock anzusprechen. 

3. Eine Gruppe von Kreuzen — drei in Bologna, eines in Ba- 
venna und das Marktkreuz in Trier — mit dem Gotteslamme auf der 
Mitte. Letzteres ist nach dem sinnigen mittelalterlichen Typus darge- 
stellt : es trägt sein Kreuz und schaut sich um nach denen, die willig 
sind nachzufolgen (Matth. 16, 24). Auf dem nur in einem Bruchstücke 
erhaltenen Kreuze im archäol. Museum der Universität zu Bologna 
steht das hier ein Fähnlein tragende Lamm auf einem Medaillon, 
welches grösser als die Vierung, zum Theil die inneren Winkel und 
die Arme des Kreuzes bedeckt, deren etwas verbreiterte Enden mit 
einer 'sechstheiligen Bosette geschmückt sind, wie solche ähnlich auf 
einem altchristlichen Grabsteine zu Curubi und auf dem Planiger 



1) P. J. Münz, Archäol. Bemerk, über das Kreos. Taf. IL 22 u. S. 68. 



2G6 Zar Staurologie. 

Bronze-CniciSxe ') vorkommen : nicht unwahrscheinlich also mit irgend 
einer symbolischen Beziehung. Die beiden anderen, einander ganz 
gleichen und deshalb also wohl auch gleichaltrigen Bologneser Lamm- 
kreuze befinden sich in der Kirche S. Petronio. Die Vorderseite ist 
mit edlen antikisirenden Arabeskengewinden gescbmUckt, die in der 
Mitte einen aus vier trichterförmigen Blumenkelchen zusammengesetz- 
ten Kranz bilden als Umrahmung des Kammes. Die RQckseite zeigt 
auf den Qaerarmen des Kreuzes eine Bandverschlingung. — Eine 
Viertel - Miglie vor der Porta 
nuova von Ravenna an der 
prachtvollen, wahrhaft kaiser- 
lichen Strasse (Caesarea), wel. 
cheBavenna mit der Hafenstadt 
Classia verband, ist die Stelle 
der ehemaligen, schon vor 412 
erbauten und 1553 von Pius 
IV. wegen beabsichtigter neuen 



silica S. Lorenzo durch ein 
steinernes 'Kreuz bezeichnet '), 
welches wir nach einer Photo- 
graphie im Holzschnitte geben, 
nebst einigen näheren Notizen, 
die wir der Freundlichkeit des 
Herrn Ph. Lanciani in Ra- 
venna zu verdanken haben. 
Das 0"i'84 hohe, byzantinische 
Kreuz ist wie die moderne 
Säule, auf welcher es steht, 
aus Kalkstein von Istria (seit 
Alters dem gewöhnlichen Werk- 
stein der ravennatischen Bau- 
ten) verfertigt, und am Säu- 
lenfusse finden sich die beiden 
folgenden Inschriften; vorn: 



') Jahrb. XLIV u. XLV. 8. 199 u. Taf. X. 
») V. QoMt, Ravenna S. 3, 



Zar Stanrologid. 257 

QVOD D . LAVRENTi MAR • BASILICA 
IN CAESAREAE OPPIDO HEIC 
STETERIT NE NESCIAS M • P . 
und auf der Rückseite : 

HONORIO IMP ♦ STRVITVR 
DELETVR ANNO MDLIII 
MEMORIA INSTAVRATVR MDCCCXX 

Ob, wie und wo das Kreuz vor dem Jahre 1820 aufgestellt ge- 
wesen sein mag und in welcher voraussetzlichen Beziehung dasselbe 
ursprünglich zu der Kirche S. Lor^nzo gestanden hat, darüber ist 
nichts bekannt. Es stimmt in der Form mit San Bologneser Exem- 
plaren wesentlich überein und zeigt auf der Rückseite in einem cor- 
donirten Rund eine in griechischer Weise segnende Hand: dieselbe 
Darstellung, welche sich auch auf der Kehrseite einiger unter Nr. 5 
zu besprechenden Grucifixe in Bologna findet, jedoch mit dem latei- 
nischen Gestus des Segnens. Dass auch dieses Kreuz nicht bis in die 
altchristliche Zeit hinaufreicht, sondern höchstens ins YII. bis IX. 
Jahrhundert, erscheint nicht zweifelhaft. — Das Triersche Kreuz zeigt 
in sehr flachem Relief das Lamm in der Mitte in einem Rundfelde 
zwischen vier Rosen, von welchen aus sich ein palmettenartiges Orna- 
ment über die vier Arme verbreitet. Auf der Rückseite des Kreuzes 
steht eine bei Kugler und aus'ra Weerth a. a. 0. mitgetheilte Inschrift, 
nach welcher das Kreuz im J. 958 von Erzb. Heinrich von Trier im 
zweiten Jahre seines Episcopates errichtet worden ist, und darunter 
nach Kugler : Renovat. anno 1723. Ausserdem stehen rings um den obem 
Rand des Säulencapitäls demselben Gewährsmann zufolge die Worte : 
Henricus episcopus treverensis me erexit. Kugler bemerkt dazu: 
)>Die Inschriften, auch die zweite, nicht ursprünglich. Doch ist es 
nicht unmöglich, dass die Säule an die in der ersten Inschrift genannte 
Zeit hinanreicht Die erwähnte späte Renovation hat, nach Angabe 
der Gesta Trevirorum, nur Anstrich und Vergoldung betroffen.« 

4. Das (oben in der 2. Anmerk. erwähnte) Kreuz von Grisy, 
welches am Rande einer Römerstrasse auf der Grenze zweier Com- 
munen steht, wird von vier zu einem Bündel vereinigten Säulen ge- 
tragen, die über einem gemeinschaftlichen Plinthus auf cylindrischen 
Basen ruhend, schlichte Kelchcapitäle mit Eckschnecken haben. Es 
ist gleicharmig aus einem Würfel gehauen und bildet deshalb nach 
allen vier Seiten Kreuzfa^aden, deren Mitte mit einem grossen Rund- 

17 



268 Zar Staarologie. 

Schilde belegt ist. Diese Schilde zeigen verschiedenes Ornament, das 
eine wiederum die unter Nr. 3 erwähnte sechstheilige Rosette. Die 
verbreiterten kurzen Kreuzarme mit in den Ecken eingelegten Rund- 
stäben sind mit einem facettirten Sternenfriese geschmückt. Das ganze, 
ohne Zweifel dem XII. Jahrh. angehörige Denkmal besteht aus einem 
Stück und ist aus Einem Kalksteinblock gehauen. 

5. Mehrere Grucifixe zu Bologna, die wir zusammenfassen, weil 
dieselben, soweit Abbildungen davon vorliegen, viel Uebereinstimmen- 
des zeigen. Die Form der Kreuze nähert sich, obwohl der Querbalken 
kürzer i^t als der Stamm, insofern der griechischen, als ersterer ziem- 
lich durdi die Mitte des letzteren gelegt ist, wodurch der obere Arm 
eine unverhältnissmässige Länge erhält. Das Kreuz ist nischenartig 
vertieft gearbeitet und der erhobene Rand desselben omamentirt oder 
zur Aufnahme einer Inschrift benutzt. Der Grucifixus ist jugendlich 
und bartlos, lebend ohne Seitenwunden, mit wagerecht ausgebreiteten 
Armen und vom Gürtel ab mit dem sogen. Herrgottsrocke bekleidet 
dargestellt und steht frei auf dem untern Rande des Kreuzstammes : 
das Ganze von mehr oder weniger, selbst entsetzlich roher Ausführung. 
Letzteres gilt insonderheit von dem Kreuze an der Kirche S. Maria 

iv.. delle Laudi, welches theils im Flachrelief, theils nur in vertieften Um- 

rissen ausgeführt, etwa den Eindruck einer karolingischen Federzeich- 

'y nung macht. Die Ränder sind mit einem Zickzack verziert und im 

oberen Theile des Kreuzes stehen die Gesichter von Sonne und Mond 

l, und darunter die Worte in Capitalschrift : IHS NAZARENVS RE. 

^ ;,. Das etwas nach rechts geneigte Haupt des Gekreuzigten ist mit einem 

•^ Kreuznimbus umgeben. Da das Kreuz, welches früher vor der Kirche 

stand auf dem Ausgangspunkte von sechs Wegen, seit 1616 auf einem 

modernen Pfeiler aussen an der Kirchenwand aufgestellt ist^ so lässt 

ssich über die Rückseite nichts sagen ; die Seiten zeigen Bandverschlin- 

g- gungen. — Minder roh erscheint das Kreuz in S. Vitale, schon durch 

^ die Einfassung mit einem Ferlstabe, obgleich der Grucifixus selbst 

ziemlich unförmlich ist. Das etwas rechts geneigte Haupt blickt nach 
oben und das bis zu den Schultern reichende, glatt gescheitelte Haar 
umrahmt das Gesicht fast wie eine Frauenhaube. Der eng anschlies- 
sende Rock geht, unter der Brust beginnend, bis über die Mitte der 
Oberschenkel, die Kniee der fest an einander geschlossenen Beine sind 
etwas gebogen und die Füsse klumpig, wie mit Schuhen bekleidet. Den 
oberen Kreuzarm nimmt eine Taube ein, die mit den .Füssen auf dem 
Seitenrande stehend, den Kopf rückwärts nach unten wendet Dass 



'5 

^ 



r 






Zur Staurologie. 269 

bierunter das Symbol des heil. Geistes zu verstehen ist, erhellt aus 
der auf der Mitte der Rückseite des Kreuzes befindlichen segnenden 
Hand, als übliches Symbol Gottes des Vaters, so dass also die ganze 
beil. Dreifaltigkeit repräsentirt ist <). — Das meiste Interesse gewährt 
ein auch in künstlerischer Hinsicht beachtenswerthes Crucifix in der 
Kirche S. Petronio. Der mit dem Kreuznimbus versehene Gekreuzigte, 
dessen gescheiteltes Haupthaar in zwei starken dreisträhnigen Zöpfen 
vorn fast bis an die Brust reicht, blickt mit seinem rechts geneigten 
vollrunden Antlitz in sanftem Ausdruck nach unten und breitet voll 
Anmuth die offenen Liebesarme aus. Der in Falten gelegte, von den 
Hüften bis nahe den Knleen reichende Rock ist vorn über der Um- 
gürtung schürzenartig umgeschlagen und oben mit Punkten verziert. 
Auf dem Oberarm des Kreuzes steht in einem gereimten Hexameter 
das Datum: Anno M(illeno) C(enteno) qvo nvmerato et qvlnqvageno 
nono post (h)is sociato (d. i. 1159) und rings auf dem Rande der drei 
oberen Kreuzesarme eine dem Sinne nach aus drei Theilen bestehen- 
den Inschrift: 1. Ein Distichon, anscheinend in Form eines Dialogs 
zwischen der Mutter und ihrem gekreuzigten Sohne: f Fili' Q^id, 
mater? Devs es? Svm, Cvr ita pendes? Ne genvs hvmanvm vergat in 
interitvm f. 2. Der Name der Verfertiger oder Stifter : Petrvs Alberici 
me fecit cvm patre. — 3. Die Mahnung an die Vorübergehenden: 
Pacem satis inter vos abeatis. Die Rückseite zeigt in einer parabolisch 
gespitzten Einfassung die thronende Figur eines gealterten bartlosen 
Königs mit nackten Füssen, welcher die Rechte segnend erhoben und 
in der Linken ein aufgeschlagenes Buch hält, das er auf das Knie 
stützt und dem Beschauer zuwendet. Die mit Perlen besetzte Einfas- 
sung wird von den namentlich bezeichneten Engeln Michael, Gabriel 
und Rafael gehalten, von welchen der letztere unten steht, die beiden 
anderen in wagerechter Stellung in den Querarmen des Kreuzes. Oben 
auf der Mandorla steht das Lamm mit einem Kreuze als Nimbus und 
der erklärenden hexametrischen Umschrift: Hac tibi pictvra svbeat 
patris illa figvra. (Vgl. Job. 12, 45: Wer mich siebet^ der siebet den, 
der mich gesandt hat.) 



') Auch ein schon 1256 existirendes, ehemaliges Brückenkreuz in dem 
Saale der älteren Denkmäler auf dem Gottesacker zu Bologna, dessen Vorder- 
seite die rohe Darstellung eines unförmlichen Crucifixus enthalt, zeigt in der 
Mitte der Rückseite die auf einem Strahlennimbus liegende segnende Hand 
zwischen den auf den Ereuzarmen befindlichen Evangelisteuzcichen. 



200 Zur SUurologie. 

Als Resultat für die Ikonographie des Crucifixus eingibt sich 
1) dass die Symbob'sirang des Gekreuzigten durch das Lamm als 
Hauptdarstellung ')> wenn nicht später, so doch wenigstens noch um 
die Mitte des X. Jahrh. nachweislich ist, und 2) dass die ideelle Dar- 
stellung des Grucrfixus (naQa <pvaiv) *) im Abendlande noch bis nach 
der Mitte des XII. Jahrh. vorkommt. 

H. Otte. 



^) Vgl. Jahrbuch. XLIY u. XLY 8. 197. 
«) Vgl. ebd. L u. U S. 266. 



11. Fund römischer Kalsermanzen in der Nähe von Bonn. 

Hiezn Tafel XYII Fig. 1—4. 

Jeder Mttnzsammler, der seine Münzen nicht alle vom Händler 
erhält, sondern sich auch mit dem Erwerb aus erster Hand, das ist 
von Grundarbeitem, Gärtnern, Ziegelbäckern etc. beüasst, weiss recht 
gut wie selten unter den vielen Exemplaren, die fortwährend zu Tage 
gefördert werden, ein wirklich gutes Stück sich befindet, indem die 
Arbeiter nichts eiligeres zu thun haben, als mit Essig, Mineralsäure 
oder mechanischen Mitteln der Münze auch noch den letzten Rest von 
Schönheit und Werth zu nehmen. Um so mehr erfreut es uns ein 
Stück zu erhalten, welches unverletzt geblieben ist und dazu sich 
durch Seltenheit auszeichnet. 

In dieser Hinsicht war mir das verflossene Jahr dn günstiges, 
indem ich zu wiederholten Malen Münzen erwarb, welche jeden An- 
spruch, auch den des subtilsten Sammlers befriedigen. Eines Abends 
nämlich überbrachte mir ein auswärtiger Arbeiter eine Anzahl Mün- 
zen, welche sowohl wegen ihrer Schönheit als auch theilweise wegen 
ihrer grossen Seltenheit einer kurzen Besprechung werth sind, zumal 
dieselben in der Nähe von Bonn gefunden worden sind. 

Die Münzen lagen frei in der Erde, etwa 3V2 Meter unter der 
Oberfläche in einer trockenen Eiesschichte. Sie schienen ursprünglich 
in einem Kistchen aufbewahrt worden zu sein, denn bei denselben 
fanden sich zwei schmale, mit einer einfachen Verzierung geschmückte 
Bronceringe vor, welche etwa 6 Gm. im Durchmesser hielten und 
höchst wahrscheinlich als Einfassung am oberen und unteren Ende 
einer kleinen runden Gassette gedient hatten. Durch Oxyd waren die 
meisten Münzen mit einander verklebt, Hessen sich jedoch leicht ohne 
Anwendung schädigender Mittel von einander lösen. 



262 Fnnd römischer EaüermÜDzeu in der I 

Die sämititlichen Münzen des Fundes, 
mit Ausnahme von dreien aus der Zeit von V 
also aus der zweiten Hälfte des dritten Jahi 
Die drei aus früherer Zeit waren stark abj 
anderen alle vovzQglich erhalten waren, so d 
als wenn sie nie im Verkehr gewesen wären. 

Die drei älteren Münzen sind folgende: 

1) Ein Denar von Antoninus Fius 

ANTONINVS ■ AVC -■ PIVS 

Kopf des Kaisers mit Lorbeerkrone nacl 

Rev. COS 1 1 I I - Stehende weibliche Fi 

eine Schale, in der linken einen langen Speer 

2) Denar der altern Faustina. Derselbe 
gebrochen und hatte so stark gelitten, dass 
noch ein nach rechts gewandtes Haupt und ai 
Figur erkennen konnte. 

3) Denar des Kaisers Caracalla. Coh. S 

M ■ AVR ■ ANTONINVS 

Büste des jugendlichen Kaisers nach r 
Haupte und mit dem Paludamentum bekleidel 

Rev. seVERI ■ AVC ■ Pll FIL. Op 

Von den 31 übrigen Münzen werde ich 
aufführen, von den häufig vorkommenden jede 
Dieselben sind entweder von Eilion oder von 

1) Hariniana. Bil. 

Coh. IV. P. 345 Nr. 9 ... 8 fr. 

OIVAE MARINtANAE 

Verschleierte Büste derselben nach recl 

Rev. CONSECRATIO. 

Pfan nach rechts fliegend und die Kais« 
tragend. 

Diese Münze ist von vorzüglicher Schöi 
haltung. 

10 Münzen des K.aisersPostumn! 
vorkommende Kleinerze, 6 Billonmiinzen und 

1) Silberqainar. 

IMP ■ C POSTVMVS P • 
' Kopf de &ce, ein wenig aach links geri 



\ 



Fund rftniisoher KaiBermünBen in der N&he ron Bonn. 36S 

Rev. PROVIDENTIA AVC. Die Providentia aufrecht stehend 
mit einer Kugel auf der rechten Hand, einen Stab in der linken hal- 
tend. Tafel XVII Fig. 1. 

Diese Münze findet sich bis jetzt weder in irgend einem der mir 
bekannten Werke erwähnt noch abgebildet. 

2) Silberdenar. 

POSTVMVS PIVS AVC. 

Kopf mit Lorbeerkranz nach rechts. 

Rev. LIBERALITAS AVC. 

Die Liberalitas stehend, das Gesicht nach links gewendet, in der 
rechten Hand eine Tessere haltend, auf dem linken Arme ein Füllhorn. 
Tafel XVII Fig. 2. 

In Betreff der Ausführung kann man diese Münze den besten Stücken 
der ersten Kaiserzeit an die Seite stellen, besonders der Kopf ist von 
schöner erhabener Arbeit. Sie ist ebenfalls bis jetzt nicht beschrieben. 

3) Bilionmflnze. 

POSTVMVS PIVS FELIX AVC. 
Der Kopf des Postum us neben dem des Hercules, beide 
nach links. 

Rev. HILARITAS. Weibliche Figur mit Füllhorn in dem linken 

Arme und einem Palmenzweige in der rechten Hand ; zu beiden Seiten 
steht je ein Genius in Kindesgestalt. 

Cohen sowie die übrigen bekanntem Numismaten führen die- 
selbe nicht an. Tafel XVH Fig. 3. 

4} Bilionmflnze. 

Der Avers wie vorher, jedoch sind die beiden Köpfe nach rechts 
gewendet 

Rev. HERCVLI THRACIO. Hercules bändigt die Stuten des 

Diomedes. Ebenfalls bis jetzt unbekannt. Tafel XVU Fig. 4. 

De Witte führt in einer Schrift „Medailles in^dites de 
Postume Revue numismatique, Paris 1844" diesen Revers zweimal an, 
die Vorderseite ist jedoch verschieden. Bei der einen, einer Goldmünze, 
hat dieselbe einen Kopf fast de face, etwas nach rechts gerichtet, bei der 
andern (Billonmünze) zeigt sie einen Kopf mit Lorbeerkrone nach links. 

Cohen V. P. 23 Nr. 67 und 68 führt zwei Münzen mit demsel- 
ben Revers an, jedoch sind die betreffenden Averse verschieden, indem 
dieselben auch nur die Büste des Postumus zeigen, ausserdem ist 
die erste von Gold. 



I 



264 Fond römischer KaisermüiiBexi in der mibe Ton Bomi. 

5) Bfllonmflnxe. Coh. V. P. 21 Nr. 52 ... 200 fr. 
Av. wie vorher. 

Rev. HERCVU ERYMANTINO. 

Hercules nach rechts schreitend, auf der linken Schalter einen 
Eber tragend, welchen er mit beiden Händen hält. Unten rechts eine 
Tonne, — in welcher Eurysthens verborgen sein soll — 

6) Billonmflnze. Coh. V. P. 21 Nr. 5< . . . 150 fr. 
Av. wie bei 4. 

Rev. HERCVLI INMORTALI. 

Hercules geht nach rechts, indem er die Keule links geschul- 
tert trägt, mit der linken Hand führt er an einem Strick den drei- 
köpfigen Höllenhund. 

7) Billonmflnze. Coh. VII. P. 287. Nr. 16 ... 250 fr. 
Av. wie bei den vorhergehenden. 

Rev. HERCVLI ROM. 

Hercules, ohne Bekleidung, nach rechts gewandt, so dass er den 
Rücken zeigt. In der rechten Hand hält er die Keule, welche er auf 
den Boden stützt, über den linken Arm hat er die Löwenhaut gewor- 
fen. Links von ihm, in der Mitte des Münzfeldes ein Apfelbaum, links 
von diesem drei fliehende Nymphen. (Darstellung des Hercules im 
Garten der Hesperiden.) 

8) Billonmflnze. Quinar. Coh. V. P. 37. Nr. 159 ... 150 fr. 
Av. die beiden Köpfe wie bei den vorhergehenden Münzen. 
Rev. SALVS AVG. Die Göttin der Gesundheit, in der rechten 

Hand einen Stab haltend, um welchen sich eine Schlange windet. 

Es ist bekannt, dass Commodus, der kein grösseres Vergnügen 
kannte, als auf schnellem Ross das flüchtige Wild zu erjagen oder 
selbst im Circus die Muskelkraft seines Armes und die Sicherheit sei- 
nes Auges zu erproben, für den Gott, in dem diese Eigenschaften in 
höchster Vollkommenheit sich vereinigten, eine besondere Vorliebe 
fasste. Beweis dafür sind die mancherlei Münzen, auf welchen Co m - 
modus selbst sich mit der Löwenhaut und den übrigen Emblemen 
des Gottes abbilden lieä, oder auf denen Thaten desselben dargestellt 
wurden. Bei dem Kaiser Postumus fanden sich auch diejenigen Tu- 
genden, welche den Mann und FcldheiTU zieren, in hohem Grade ; da- 
durch gelang es ihm wenigstens zeitweise eine glückUche Zeit in 
seinem Reiche herzustellen. Der Antrieb, dass dieser Kaiser sich 
gleichfalls zum Vorwurf nahm, den Cyclus der Heldenthaten des Her- 



r 



Fnnd römisoher Kaisermünsen in der N&he von BonxL 266 

cules, als Vorbild der Tapferkeit, auf Münzen darzustellen, lag 
daher sehr nahe. 

De Witte führt in der oben citirten lehrreichen Schrift ausser 
den angeführten Münzen, welche zu diesem Cyclus gehören, noch 
nachstehende Stücke an, auf welchen andere Arbeiten des Hercules 
dargestellt sind: 

HERCVLI NEMAEO Hercules den nemäischen Löwen er- 
würgend ; 

HERCVLI ARCIVO H. die Hydra bekämpfend; 

VIRTVS POSTVMI AVC stellt dar, wie H. die ermattete 
Hindin bei dem Geweih erfasst; 

HERCVLI AV. H. erlegt die Stymphaliden ; 

HERCVLI CRETENSI H. bändigt den Stier von Greta; 

HERCVLI PISAEO H. reinigt den Augiasstall; 

HERCVLI INVICTO zeigt H. als den Besieger der Amazonen; 

HERCVLI CADITANO H. im Kampfe mit dem dreifachen 
Geryon, und endlich 

HERCVLI LIBYCO führt uns den H. als den Besieger des 
Riesen Antaeus vor. 

Was nun das Gepräge der betr. Münzen des Postumus betrifft, 
so sind sämmtliche Stücke^ welche auf der Vorderseite die beiden 
Köpfe führen, von vorzüglicher Arbeit, so dass sie unbedingt zu den 
schönsten Münzen aus jener Zeit zählen. Ihre Seltenheit — sie stehen 
alle in hohem Preise — macht es wahrscheinlich, dass sie nicht als 
Coursroünzen geprägt wurden, sondern dass dieselben ähnlich wie die 
Medaillons nur bei feierlichen Gelegenheiten zur Vertheilung kamen, 
sei es nun als Belohnung für geleistete Dienste, für Tapferkeit im 
Kriege oder bei anderen Anlässen. Jedenfalls bildet unser Münzfund 

j einen werthvoUen Beitrag zu diesem Cyclus, indem derselbe wesentlich 

; dadurch vervollständigt wird. 

Ein Kleinerz des Kaisers Claudius Gothicus mit gewöhn- 
j lichem Revers. 

( Vom Kaiser Aurelianus finden sich 5 verschiedene Münzen 

i vor, von denen jedoch nur eine genauerer Erwähnung werth ist. Die- 

j selbe findet sich bei Cohen V. P. 150 Nr. 200 ... 6 fr. 

IMP AVRELIANVS AVC. 



I 



266 Fand römiiclier Kus«rmfin»ii in ä 

GevandbQste des Kaisers nach recl 
Lorbeerkrooe. 

Rev. VICTORIA AVC. 

Geflügelte Victoria nach links sehr 
einen Kranz, in der linken einen Palmzwt 
Füssen ein GefaDgeoer, dem die Hände au 
darunter der Buchstabe B. Es ist eine Ele 

Diese hUbsch geprägte, sehr gut erh 
drei Exemplaren vor. 

Darauf folgen 3 Münzen von Sever 

lians, sämmtlich Kleinerz, zwei in gewöhi 

Form. Letztere ist die interessantere und 

Nr. 14 ... 3 fr. folgendermarsen beschrie 

SEVERINA AV 

Büste diad^mä k droite sans le croiss 

Rev. VENVS FELIX. 

Venas debout k gancfae, tenant ane 

In einer Note bemerkt Cohen: „La ] 
distinctej Welzl a cm voir un oiseau. D' 
mädailles däcrites par Banduri et d'auti 
pomme, et le quinaire de d'Ennery oä eile 
taut que ce soit un veritable quinaire) n' 
et mfime type." 

Ich glaube, dass Cohen in dieser Bemei 

Mein Exemplar ist so deutlich, wi< 
auch bei ihm lässt sich nicht mit absoli 
was die Figur in oder besser auf der Hai 
es keine Statuette, wie Cohen oben sagt, so 
kleinen Untersatze. Die Schuld liegt am 
den. betreffenden Gegenstand so nachlässi{ 
ans ihm machen lässt, was einem gerade 

Die beiden anderen Münzen finden si 

Auch die übrigen 11 Münzen, von 
Tacitns und 5 auf Probas kommen, 
vorkommenden und zeichnen sich nur durc! 

Das Wichtigste des ganzen Fundes si 
des Postumus; denn erstens waren, si 
diesem Kaiser noch keine Mänzen von n 



! 



Fand römischer Kaisermünzen in der Nahe von Bonn. 267 

sodann sind die Münzen, welche auf dem Avers die Kopfe des Kaisers 
und des Hercules tragen, so selten, dass in den grössten Münzsamm- 
lungen nur wenige Exemplare sich vorfinden. 

Ich überzeugte mich durch eigene Anschauung, dass diese Mün- 
zen aus einem Eömergrabe herstammen, denn an derselben Stelle 
fanden sich noch Skeletttheile, Asche, sowie eine grosse Menge Frag- 
mente von Gläsern, Thongefässen und anderen Gegenständen, wie die 
Römer sie ihren Todten mit in's. Grab gaben, vor. Leider waren die 
meisten Stücke durch das Ungeschick der Arbeiter zerstört. 

Das Grab eines gemeinen Mannes kann es nicht gewesen sein^ 
dagegen spricht die Anzahl und Seltenheit der Münzen. Erinnern wir 
uns an das oben in Bezug auf den Herculescult Gesagte, so wird es 
wahrscheinlich, dass diese Stücke dem Grabe eines höhern Be- 
amten oder Offiziers angehörten, welchem sie vom Kaiser selbst verehrt 
worden waren. Der frühere Besitzer hielt sie ebenfalls werth und be- 
wahrte sie sorgfältig auf, bis der Schatz noch ganz unversehrt dem 
Verstorbenen in's Grab beigelegt ward. 

Bemerkenswerth ist übrigens noch der Umstand, dass während 
in Belgien, Nord-Frankreich, Luxemburg und Holland jährlich eine 
grosse Menge gewöhnlicher Postumusmünzen zu Tage gefördert wer- 
den, diese seltenen Stücke mit den Köpfen des Postumus und des 
Hercules fast alle vom Rheine, und zwar aus der Nähe Co Ins, wo 
Postumus bekanntlich residirte, stammen. Diejenigen, welche ich 
kenne, sind alle in unserer Gegend gefunden. 

A. Senckler — Uebersicbt der Münzgeschichte des Rheinlandes 
etc., dieses Arhivs Bd. XV — berichtet von mehreren Münzen dieser 
Suite, die in oder bei Göln ausgegraben wurden, und aus der oben 
angeführten Schrift von de Witte ersehen wir gleichfalls, dass mehrere 
dieser seltenen in französischen Gabinetten befindlichen Stücke vom 
Rheine dorthin gekommen sind. 

Bonn. Dr. Cuny Bouvier. 



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12. Zwei unedirte Kaiser-Mflnzen. 

ffierzu Tafel XVII, Fig. 6 u. 6. 

I. Auf der kölner Münz-Aaction vom 5. August 1871 erstand ich 
aus dem Nachlasse des Malers Meinertzhagen ein Mittelerz, welches 
bis dabin den Augen der Münzliebbaber nicht besonders aufgefallen 
zu sein scheint, mir aber interessant genug dünkt, hier kurz bespro- 
chen zu werden. 

Av. HAORIANVS AVG COS III • P • P • 

Gewandbüste des Kaisers nach rechts. 

Bev. SICILIA • S • C ' 

Triquetra, in der Mitte ein Haupt en fa^e. 

Obgleich Herr Meinertzhagen mehrere seiner Münzen durch 
Tauschgeschäfte aus Paris bezogen hatte, so rührten doch die meisten 
aus kölner Funden her. Der unkundig bewerkstelligte und unvoll- 
endete Putz versuch des Averses unserer Münze ist ein Beweis, dass 
dieselbe niemals durch die Hände der im Putzen so gewandten pa- 
riser Händler gegangen ist; wir haben es also wahrscheinlich mit 
einem kölner Fundstück zu thun. 

Cohen beschreibt B. II. Hadrian Nr. 1 141 ein Grosserz, welches 
an unsere Münze erinnert: 

HADRIANVS AVG COS III P P 
son buste nu ä droite. 

Bev. SICILIA - S - C? La triqu^re, au milieu, la töte de Me- 
duse de face; dessous, le moustre Scylla; ä gauche deux? ou trois 
figures; ä droite un rocher? ou un gouvemail. F. G. B. 250 fr. 

Das hier von Cohen beschriebene Exemplar der pariser Samm- 
lung muss sich in einem sehr desolaten Zustande befinden^ wie ai)B 




Zwei anedirte 



'Mflmfltt. 



269 



der Unbestimmtheit der Beschreibung und den angebrachten Frage- 
zeichen erhellt. 

Der Avers meiner oben beschriebenen Münze ist leider durch 
ungleiche Oxydation und schlechtes Putzen nicht sehr ansehnlich, wenn 
auch vollkommen leserlich, dagegen ist der Revers recht gut erhalten 
und ziemlich gleichmässig grQn patinirt. 

Ob wie bei Cohen auch in dem Kopf unseres Reverses ein Me- 
dusenhaupt zu sehen ist, wage ich nicht zu entscheiden, glaube es 
aber nicht, da der Kopf zwar sehr wilde Locken, aber keine Schlangen 
zeigt. Die Triquetra oder Trinacria {Tgirmtgia) erscheint schon in 
sehr früher Zeit theils als Hauptdarstellung, theils als secundäres Ge- 
bilde auf dem Felde der Münzen, und zwar meistens als Sinnbild Si- 
ciliens. Sicilien selbst wird bei den Alten häufig Trinacria genannt, 
und so mag der Name und die dreieckige Form der Insel sowohl als 
der Triquetra zur Annahme dieses Sinnbildes, ich möchte sagen Wap- 
pens, geführt haben. 

Die älteste Münze mit der Triquetra wird wohl das inStrozzi's: 
Periodico di numismatica e sfragistica per la storia dltalia von Ga- 
murini im vorigen Jahre publicirte Ass sein. Dasselbe zeigt auf der 
einen Seite den neptunischen Dreizack, auf der andern eine Triquetra; 
hier sind die drei Beine, wie bei mehreren der ältesten Münzen, ein- 
fach zusammen gefügt und zeigen in der Mitte weder einen Kopf noch 
em anderes Bild. Die Figur wird aber dadurch eine so unschöne, dass 
es dem zarten Schönheitssinne der Alten nahe lag, dieselbe zu ver- 
edeln. Wir sehen desshalb bei dem Quadrans in Marchi's Aes grave 
del Museo Kircheriano Taf. XI Nr. 4 in der Mitte einen erhabenen 
Kreis, der sich bei der Münze von Selge, Mionnet description des me- 
dailles antiques Taf. LIII Fig. 6 in ein Rad oder Q von alter Form 
umwandelt, während bei Münzen einer späteren Periode ein Kopf in 
der Mitte auftritt Dieser Kopf ist bei den älteren Münzen klein, eben 
nur Schmuckstück; wie z. B. bei der in Beger's Thesaurus Branden- 
burgicus S. 369 abgebildeten Münze von Panormus; wird aber im 
Verlaufe der Zeit grösser, wie bei dem Denar der gens Claudia, Vail- 
lant Nr. 38, bis er bei unserem Hadrian, dem spätesten bekannten 
Vorkommen der Triquetra auf antiken Münzen, als grosser Kopf mit 
verhältnissmässig sehr kleinen Beinen auftritt. 

Dass wir es mit einer in Rom geprägten Münze zu thun haben, 
ergibt sich einestheils aus der edeln Präge und den Buchstaben S. C 
des Rev., anderntheils auch aus dem Umstände, dass „nach Tiberius 



370 Zwei anedirt« Kuaer-Hflnieo. 

Sicilische LocalmOnze Überhaupt nicht mehr get 
Mommseu Geschichte des röm. MüDzwesens S. 6 

II. Ein Kleinerz voo Constantinus M. 

Av. IMP CONSTANTINVS • 

Bekleidete Büste des Kaisers mit Helm, in 
auf der Schulter tragend. 

Rev. lOVI ■ CONSERVATORI AVC ii 
' Jupiter auf einem Adler sitzend, einen Don 
und ein Scepter in der linken Hand haltend. 

Dieser schöne Revers, der bei Licinius 6( 
kommt, ist meines Wissens von Constantin bis 
OlTenÜicht worden. 

Bonn. F- 



II. Litteratar. 



1. Histoire de la peintare au pays de Liege depuis les temps les plus 
recnles jusqu' & la fin du XYIII siede, par M. JulesHelbig, peintre. Abgedruckt 
in den Memoires de la Societe libre d'emulation de^ Li^ge. Nouvelle Serie. 
Tome IV. Liege 1872. Seite 220-517. 

2. Charles Gerard, les Artistes de l'Alsaoe pendant le moyen-&ge. 
Tome I. Colmar und Paris. 1872. 

8. Dr. J. Rudolf Bahn, Geschichte der bildenden Künste in der Schweiz. 
I. Band 1. Abtheilung. Zürich 1873. 

Die drei Werke, deren Titel ich hier zusammen gestellt habe, sind zwar 
Ton einander völlig unabhängig und sogar durch die Speoialitat ihrer Aufgaben 
und die Tendenzen ihrer Verfasser mannigfach von einander abweichend, eignen 
flieh aber dennoch in diesen den rheinischen Alterthümern gewidmeten Blättern 
zu gemeinsamer Betrachtung. Sie beschäftigen sich nämlich alle mit der Kunst- 
geschichte einzelner Territorien, welche entweder selbst zu den germanischen 
Rheinlanden gehören oder doch dieselben von Westen oder Süden her mit ro- 
manischer Bevölkerung umgrenzen und mithin näher bestimmen. Der Bildungs- 
reichtfaum und das Interesse der modernen Geschichte und Kunst und beson- 
ders dieser mittleren Gegenden von Europa beruht grossentheils auf der durchweg 
individuell verschiedenen Mischung und Durchdringung antiker und christlicher 
Elemente, sowie romanischer und germanischer Bevölkerung, welche wir durch 
die nähere Kenntnist der einzelnen Localitäten würdigen und verstehen lernen. 

1. Die Stadt und das Bisthum Lütticfa, mit dessen Geschichte sich das 
erste jener Werke beschäftigt, gibt schon ein charakteristisches Bild dieser Mi- 
•chungsverhältnisse. Bewohnt, wenigstens überwiegend, von einem romanischen 
Stamme, der hier aber auf einem vorgeschobenen Posten steht und zahlreiche 
Einflüsse von den benachbarten, ganz germanischen Stämmen empfangt, überdies 
bis zur französischen Revolution zum deutschen Reiche gehörig, zeigt diese 
Gegend recht deutlich den inneren geistigen Kampf und das wechselweise Em* 
porkommen romanischer und germanischer Tendenzen. Selbst die Geschichte 



• "rf-^ 



272 M. Jules Heibig, 

dieses Buches ist nicht unberührt davon geblieben. Unsere Schrift ist eine vor 
der auf dem Titel genannten Gesellschaft gebilligte Beantwortung einer von 
einem Mitgliede derselben aufgestellten Preisfrage, und sowohl der Aufstelle, 
dieser Frage als die Mitglieder der bcurtheilcnden Commission scheinen sich, 
wie die romanischen Völker überhaupt, der Auffassung der Kunst zuzuneigen 
welche das Individuelle der Kunst, und daher vorzugsweise die Bravour der 
Malerei betont. Die Kunstfreunde von Lüttich waren sich bewusst, dass ihre 
Stadt seit der Renaissance eine Reihe von Malern hervorgebracht hatte, deren 
Namen in den Gallerien des 17. und 18. Jahrh. einen guten Klang gehabt hatten. 
Diesen traditionellen Ruhm geltend zu machen, war die Absicht der Frage- 
weiche deshalb auch' ausschliesslich auf die Malerei gerichtet ist, und der Wunsch 
der Commission, w^elcbe sogar eine Vervollständigung der biographischen Nach- 
richten von dem Verfasser der Preisschrift verlangte. Dieser dagegen ist denn 
doch zu weit mit der neueren Kunstwissenschaft fortgeschritten, um nicht auch 
auf die innere Einheit der bildenden Künste und auf das ungebrochene 6e* 
sammtleben derselben, wie es sich im Mittelalter zeigte« grosses Gewicht zu 
legen. Seine Schrift sucht daher sowohl dieser Auffassung wie jener früheren 
gerecht zu werden und hat dadurch wesentlich an Interesse gewonnen. 

Die Leistungen des früheren Mittelalters in dieser Gegend, denen der 
Verfasser fleissig nachgeforscht hat, sind zwar an sich keineswegs bedeutend, 
sondern nur Reflexe allgemeiner Ursachen, die sich im ganzen damaligen Abend- 
lande geltend machten. Irische Missionarien scheinen auch hier den Anstoss 
gegeben zu haben, wie zwei Evangeliarien des 7, Jahrh, beweisen^ welche von 
Nonnen des Klosters zu Alteneyck herstammen sollen, und sich jetzt im Kir- 
chenschatze von Maeseyck befinden. Die Zeit Carls des Grossen hat trotz der 
Nähe von Aachen hier keine bedeutenden Spuren hinterlassen und wir besitzen 
nichts als einige Miniaturen und kurze Nachrichten über untergegangene Wand- 
malereien. Im 11. Jahrh. wurde die Abtei Stablo (über deren Reliquienschatz 
bereits im Heft 46 d. Jahrb. berichtet ist) eine Stätte eifriger Kunstübung. 
Miniaturen mit der Jahreszahl 1097 und den Namen der malenden Mönche, 
werden im britischen Museum bewahrt. Im 12. Jahrh. begann, wie das be- 
kannte Taufbecken von Lambert Patras in S. Bartholomäus zu Lüttich beweist, 
die Uebung des Metallgusses, welche Technik damals in der Gegend von Di- 
nant so sehr blühte, dass man sie eine Zeitlang geradezu als Dinanterie be- 
zeichnete. 

Im 13. Jahrhundert scheint das Thal der Maas den Ruhm der Malerei 
erlangt zu haben. Der Dichter des Parcival spricht in einer oft angeführten 
Stelle von den Malern von Maestricht in sehr anerkennender Weise; er stellt 
sie denen von Köln gleich und scheint beide Schulen als die au bezeichneni 
welche das Höchste in dieser Kunst leisteten. Erinnert man sich, dass dann 
zwei Jahrhunderte später zwei der grössten Meister aller Zeiten, die Brüder 
van Eyck aus dieser Gegend, aus dem Städtchen Maeseyck hervorgingen, so 
möchte man vermuthen, dass hier eine besondere Beg^abung der Malerei ein- 
heimisch gewesen. Allein die Bemühungen der Localforscher und auch die 



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Histoire/de la peinture an pays de Li^ge. 273 

unseres Verfassers haben keine Bestätigung dieser Vermutbung gebracbt. Es 
sind zwar einige Wand- und Tafelmalereien des 13. und li. Jabrb. (in Kcrniel 
bei Looz und in der Dominikanerkirche zu Maestricht) erhalten, aber ohne be- 
deutenden Werth. Auch in der Sculptur scheint sich keine eigen thümliche 
Schule gebildet zu haben. Bei Erwähnung eines im Jahre 1310 mit Statuen ge- 
schmückten Portales an der jetzt abgebrochenen Domkirche von Lüttich be- 
merkt der Chronist, dass dabei drei Künstler mitgewirkt, die in der ganzen 
Welt nicht ihresgleichen gehabt hätten; die Namen, welche er nennt (Jehan de 
Cologne und Pire li Allemaus) weisen aber auf Deutschland hin. 

Johann von Eyck war nicht blos aus der Nachbarschaft von Lüttich ge- 
bürtig, sondern scheint sogar seine künstlerische Laufbahn in dieser Stadt be- 
gonnen zu haben, wo er um 1420 im Dienste des damals zum Bischof desig- 
nirten Prinzen Johann von Bayern stand. Indessen sind keine Spuren seiner 
Wirksamkeit hier vorzufinden und sogar sein Einfluss scheint erst ziemlich spät 
hierher zu dringen. Im Kloster S. Lorenz in Lüttich lebte damals ein fleissiger 
Miniatur maler, Johannes von Stablo (f 1449), von dessen Arbeiten einige in 
England und in der Bibliothek zu Brüssel erhalten sind. Sie tragen aber noch 
nicht den Charakter der Eyck'schen Schule.- Ja, noch mehr, ein sehr viel spä- 
teres Bild, das jetzt im Privatbesitze befindliche, ursprünglich in die Pauls- 
kircbe zu Lüttich gestiftete Epitaphium des im J. 1459 verstorbenen Dr. van 
der Meulen ist noch ganz ohne solchen Einfluss; in strenger symmetrischer 
Haltung, auf Goldgrund und ohne naturalistische Motive ausgeführt- Es ist zwar 
richtig, dass 'ein solches vereinzeltes Beispiel nicht entscheidend ist, da es stets 
einzelne zurückbleibende Künstler gibt, welche den Neuerungen lange wider- 
streben, und man kann daran erinnern, dass die Stadt Lüttich im Jahre 1468 
darch die Rache Carls des Kühnen eine gründliche Zerstörung erlitt, bei wel- 
cher eine grosse Zahl älterer Kunstwerke zu Grunde gegangen sein kann. Al- 
lein wenn ^ eine blühende Malerschule in Lüttich bestanden und die durch die 
Eyck's errungenen Fortschritte verwerthet hätte, würden immerhin einzelne 
Leistungen derselben in der Verborgenheit des Privatbesitzes oder in den be- 
nachbarten Ortschaften jener Zerstörung entgangen sein. Nachrichten über da- 
mals in Lüttich lebende Maler fehlen zwar nicht ganz. In den Rechnungen der 
Stadt von 1454—1474 erhält ein gewisser Antonius wiederholt Zahlungen für 
Wand- und Tafelgemälde, ein Mal sogar eine Zulage zu dem ursprünglich ver- 
abredeten Preise, also eine Anerkennung besonderer Verdienste. Wir kennen 
aber kein Werk von seiner Hand und es ist nur eine Vermuthung des Ver- 
fassers, wenn er die bekannte; früher im Besitze von Sir Charles Eastlake, jetzt 
in der National-Gallerie zu London befindliche Darstellung der feierlichen Be- 
stattung eines Bischofs für die Bestattung des heil. Hubertus in S. Peter zu 
Lüttich und für ein Werk dieser Schule und sogar dieses Antonius erklärt. 

Erst bei dem Ende der Eyck* sehen Schule scheint sich der Stern von 
Lüttich zu heben und es finden sich nun hier zwei namhafte Meister von glei- 
cher und eigen thümlicher Richtung, welche dahin mitwirkten, den Uebergang 
von dieser Schule zur modernen Malerei zu vollziehen, Joachim Patenier and 

18 



• >: 




274 M. Jules Heibig. 

Herry met do Blei. In den letzten Decennien des 15. Jabrh., beide im oberen 
Maasthale, Patenier in Dinant, Heinrich in Bouvignes geboren, zeigen sie eine 
sehr verwandte Bichtang. Das landschaftliche und genrehafte Element, das bei 
den grossen Meistern der flandrischen Schule schon vorhanden, aber dem Reli- 
giösen untergeordnet gewesen war, erhält bei ihnen höhere Bedeutung; die 
heiligen Gestalten werden mehr zur Staffage. Der Verfasser ist geneigt, dies 
den Vorzügen ihres gemeinsamen Geburtslandes, die Betonung des Landschaft* 
liehen den Schönheiten der Natur, das Hervortreten des Genrehaften dem prak- 
tischen, auf das Gewerbliche gerichteten Sinne seiner Bevölkerung zuzuschreiben, 
Das Thatsachliche, das Pikante jener Berglinien und der rüstige, erwerbsame Sinn 
des wallonischen Stammes, ist unbestreitbar richtig, aber schwerlich die Folge* 
rung. Die landschaftliche Kunst ist durchweg das Product der Sehnsucht nach 
schöner Natur, nicht des Genusses; sie hr.t immer in unscheinbaren Gegenden 
ihren Ursprung. Der praktische Sinn sucht auch im Idealen die Consequenz 
und weist das Genrehafte zurück. Von einer Begeisterung für landschaftliche 
. Schönheit, von einem kräftigen Humor ist in der That bei beiden Meistern 
keine Spur zu entdecken. Ihre Stellung ist vielmehr schwankend, sie können 
sich dem Einflüsse der flandrischen Schule weder entziehen, noch ganz hin- 
geben. Sie sind mehr aus chronologischen als aus geo<2[raphischen Beziehungen 
zu erklären. Jene mystische Frömmigkeit, welche in dem Glänze der natür- 
lichen Dinge die Offenbarung göttlicher Geheimnisse zu erschauen, jene Naivetät, 
welche irdische Pracht als Ausdrucksmittel des Heiligen und Hohen gebrauchen, 
und kirchliche Beligiosität mit sinnlichem Lebensgenuss vereinigen zu können 
glaubt, wollte im 16. Jahrhundert nicht mehr gedeihen. Die Elemente des Ab- 
strakten und des Sinnlichen, welche nach der asketischen Sonderung des Mit- 
telalters im 15. Jahrh. vorübergehend eine Einheit gebildet hatten, begannen 
wieder auseinander zu gehen; man fühlte, dass jene Mischung des Geistigen und 
Sinnlichen keinem von beiden genüge, man strebte das Sittliche und Religiöse 
mit tieferem Ernst, das Natürliche mit grösserer sinnlicher Wahrheit zu er- 
fassen. Man wurde sich der Mängel der bisherigen Kunstrichtung bewusst, eiie 
man^ das Mittel gefunden hatte ihnen abzuhelfen. Es war nahe daran, dass 
Wirklichkeit und Kunst in Widerspruch geriethen. Nahm man es mit den reli- 
giösen und sittlichen Interessen genau, so schien die Harmonie des Ganzen ge- 
fährdet, und fasste man diese vorzugsweise ins Auge, so konnte der Ernst des 
Ansdrucks schwerlich seine volle Kraft erhalten. Jenes (die Betonung des sitt- 
lichen Ernstes und der Schmerzen) entsprach der Stimmung det nordischen, mehr 
germanischen Völker, dieses (die Schönheit der Form) lag den Südländern, vor 
allen den Italienern, näher. Eine neue Scheidung auf diesem Gebiete bereitete 
sich vor. Aber es währte noch eine Weile, ehe man sich so weit von dem 
Ueberlieferten enifemte, und unsere beiden Meister aus dem obem Maasthale 
konnten sich noch nicht dazu entschliessen. Sie gehörten zwar einem romani- 
schen Stamme an, aber einem solchen, der vielfach unter dem Einflüsse der 
benachbarten germanischen Provinzen stand. Wir wissen nicht einmal, wo lia 
ihre Lehrjahre durchgemacht hatten, und es ist nicht unwahrscheinlich, data 



Histoire de la peintnre au pays de Liege. 276 

dies in Brabant, in Antwerpen oder Mecheln, wo wir sie später ansässig ünden, 
geschehen war. Der Weg, den sie einschhigen, war daher auch nar eine halbe 
Maassregel. Sie yerminderten die Schwierigkeiten, ohne ihnen abzuhelfen. Wäh- 
rend ihr germanischer Zeitgenosse Quentiu Mcssys, um ergreifenden Ausdruck 
zn erlangen, seinen Figuren grössere Dimensionen gab ala die bisherigen Mei- 
ster, bildeten sie dieselben meistens kleiner, wodurch sie denn von selbst in 
das Yerh&ltniss der Staffage rückten. Wie wenig sie dabei als Repräsentanten 
ihrer Geburtsgegend verfuhren, zeigt sich denn auch daran, dass sie in der- 
selben keinen Nachfolger fanden, dass vielmehr gleich nach ihnen gerade Lüt- 
tich es war, welches entschieden mit der mittelalterlichen Tradition brach und 
sich, den Nachbargegenden vorangehend, der italienischen Renaissance zuwandte. 
Es ist merkwürdig, wie kräftig sich bei dieser Gelegenheit das romani- 
sche Blut dieses Stammes im Gebiete von Lüttich äusserte. Der Uebergang 
vollzog sich plötzlich, aber in höchst normaler Weise; wir beündeu uns mit 
einem Schlage in voller Renaissance. Künstler und Literaten waren dabei mit- 
wirkend und auch an einem Mäcen fehlte es nicht. Erhard von der Marck, der 
im Anfange des 16. Jahrh. Fürstbischof von Lüttich wurde^ war ein humani- 
« stisch gebildeter, kunetliebender Herr, welcher den lebhaften Ehrgeiz empfand, 

seien Residenz im Sinne der neuen, in Italien aufkommenden Kunstrichtung 
würdig zu schmücken. Er hatte das Glück, die Mittel dazu, und namentlich 
einen jungen Maler, der die dazu nöthigen Eigenschaften im vollsten Maaase 
besasB, in seiner' Stadt selbst vorzufinden. Lambert Lombard, Sohn eines Lüt- 
ticher Bürgers, 1503 oder 1506 geboren, war ohne noch die Niederlande ver- 
lassen zu haben, bereits in Berührung mit der neuen Kunstrichtung gekommen, 
indem er in Middelburg mit dem berühmten Maler Mabuse (Johann Gossaert 
ans Maubeuge) zusammen getroffen war, der sich damals bereits (das erste 
Beispiel dieser Art) in gewissem Grade italienische Manier angeeignet hatte* 
Dies mochte in ihm den Wunsch erregt haben, aus derselben Bildungsquelle 
zu schöpfen, und veranlasste den Bischof ihn dabei zn unterstützen. Er be- 
stimmte daher den gelehrten Cardinal Pole, der damals seinen Wohnsitz von 
England nach Rom verlegte, um den Reformplänen seines Königs aus dem 
Wege zu gehen, den jungen Maler in sein Gefolge aufzunehmen, der in dieser 
ehrenvollen und anregenden Weise zu einem längern Aufenthalte in Rom ge- 
langte und hier seine Studien denn auch mit solchem Eifer betrieb, dass er 
I wenige Jahre darauf, als der Tod des Bischofs (1538) ihn zur Rückkehr in seine 

I Heimath nöthigte, hier mit aller Kraft zur Verbreitung des italienischen Ge- 

J tchmackes wirken konnte. Lambert Lombard war kein gemeiner Praktiker, 

sondern hatte theoretische Neigungen, und strebte auf die Quellen zurück zn 
gehen. Er hatte mehr die Antike, als einzelne italienische Meister studirt, un- 
terliess zwar nicht, sich in grossen Gemälden zu zeigen, war aber doch frucht- 
barer in Zeichnungen, die dann durch den Kupferstich verbreitet, zur Er- 
weoknng des Sinnes für antike Form wirkten. Ihm, dem Theoretiker und Künst- 
er, stand dann ein konstliebonder Gelehrter zur Seite, Dominicus Lampsonius, 
der in Italien ebenfalls im Dienste des Kardinals Pole gewesen, später aber als 



'Tä 



276 M. Jules Heibig, Histoire de la pcintare au pays de Li6ge. 

Secretär in die des Bischofs von Lüttich getreten war. Er versuchte sich dilet- 
tantisch selbst in grossen Altartafeln, wurde aber auch der Herausgeber einer 
Sammlung von Malerporträts und der Verfasser eines Aufsatzes über nieder- 
l&ndiscbe Künstler, den Vasari in der zweiten Ausgabe seines Werkes benutzte. 
Lüttich wurde daher eine wichtige Stelle für die Verbreitung der italienischen 
Kunst im Norden. Aus Lamberts Schule gingen Franz Floris und andere be- 
deutende Vertreter der neuen Richtung hervor, welche ausserhalb Lütticht 
wirkten. Aber auch in seiner Vaterstadt selbst war seit Lamberts Tode diese 
Kunstweise völlig eingebürgert, und sie erzeugte im 17. und 18. Jahrhundert 
jene Reihe von namhaften Meistern, die, wenn sie auch nicht Begründer eigner 
Schulen wurden, doch ein gewisses Ansehen genossen und noch jetzt in den 
Gallerien ihre Geltung haben. Ich enthalte mich des weitem Eingehens auf 
ihre Kamen, unter denen der des Gerard Lairesse der bedeutendste sein möchte. 
Der Verfasser, der ihre Lebensnachrichten mit grossem Fleisse gesammelt und 
ihre Werke catalogisirt und beschrieben hat, kann doch die Bemerkung nicht 
unterdrücken, dass von nun an seine Aufgabe an einer gewissen Monotonie 
leide. Der Hergang sei bei allen Malern ziemlich derselbe; noch ehe sie in der 
Heimath zu wahrer Meisterschaft gereift sind, streben sie nach Italien, eignen 
sich dort mehr oder weniger die damals gerade herrschende Manier an und 
kehren so gewissermassen als Italiener zurück, aber doch nur durch eine Art 
von Verkleidung, welche mit ihrem Naturell nicht ganz im Einklänge steht. 

Lambert Lombard hatte, wie die meisten der damaligen italienischen 
Maler, auch die Architektur studirt, und es ünden sich in Lüttich noch mehrere 
Gebäude in einem ziemlich reinen Renaissancestyl, welche von nahe stehenden 
Schriftstellern ihm zugeschrieben werden. Aber hier drang er nicht durch : 
die Bauherren Hessen sich von der Reinheit seiner architektonischen Zeichnun- 
gen nicht reizen, Kirchen und Paläste behielten noch lange gothische Form, 
wenn auch in einer phantastischen Umgestaltung, wie sie schon der bischöfliche 
Palast Erard's von der Marck gezeigt hatte. Wenn so eine Zeit lang Archit-ektar 
und Malerei verschiedene Wege' gingen, so hatte dies indessen noch nicht so 
gleich die Folge, das natürliche Band, das beide verbindet, völlig zu lösen« 
Noch im 17. Jahrhundert, ja selbst zum Theil noch im 18. wurden die Ge« 
mälde auf Leinwand oder Holz für bestimmte architektonische Stellen und in 
der dadurch gebotenen Umrahmung ansgeführt. Erst die spätere Zeit des 18. 
and der Anfang des 19. Jahrhunderts halben den Versuch gemacht, die Malerei 
völlig zu . mobilisiren, upd die Gemälde als vereinzelte künstlerische Gedan« 
ken mit willkürlicher Begrenzung zu umgeben. Es ist keine Frage, dass jenes 
Anschlieesen an die Architektur ein wichtiges Mittel zur Erhaltung des Styl- 
gefuhls war, und dass die seitdem herrschend gewordene Lösung dieses 
Bandes dazu beiträgt, der heutigen Malerei die Haltungslosigkeit zu geben, an 
der sie leidet. 

Diese Bemerkungen mögen genügen, um auf den Werth dieser gründlichen 
provincialgeschichtlichen Arbeit aufmerksam zu machen. 



Charles Görard, les Artistes de TAlsace pendant le moyen-ftge. 277 

2. Dasselbe Lob des Fleisses and der Gründliehkeit wie dem ersten ge 
bahrt dem zweiten der vorliegenden Werke, so sehr dasselbe sich sonst, sowohl 
dem Gegenstande als der Form nach, von demselben unterscheidet. Wenn die 
Kunst im Gebiete von Lattich erst mitr dem 16. Jahrhundert einen bestimmten 
nnd bleibenden Charakter annahm, verhält es sich im Elsass grade umgekehrt, 
seine künstlerische Production gehört wesentlich dem Mittelalter an. Der 
Verfasser des zweiten Werkes hat sich daher mit Recht auf diese frühere Zeit 
beschränkt. Dann aber fragte sich, in welcher Form er die Resultate seiner 
Studien publiciren wolle. Er hat darüber, wie er erzählt, lange geschwanktt 
sich dann aber für die einfachste Weise entschieden, nämlich für eine chro- 
nologische Aufzählung aller ihm bekannten Künstlernamen des Elsassischen 
Mittelalters, ohne Unterscheidung der Kunstzweige. Architekten, Kalligraphen, 
Miniaturisten, Bildhauer, Maler u. s. f. folgen daher nach der Ordnung ihrer 
muthmasslichen Lebenszeit auf einander. Vorzüge und Nachtheile dieser Be- 
handlungsweise liegen auf der Hand. Bei den dürftigen und unzusammenhängen- 
den Notizen, welche uns die mittelsiterlichen Chroniken und Urkunden ge- 
währen, wird dadurch nicht leicht ein lebensvolles Büd der künstlerischen Ent- 
Wicklung entstehen. Dagegen wird durch diese Vereinzelung die Handhabung 
einer sorgfaltigen Kritik, welche bei der Natur dieser Ueberlieferungen geboten 
ist, bedeutend erleichtert. Es ist daher eine solche Zusammenstellung eine be- 
scheidene, aber überaus nützliche, ja unentbehrliche Aufgabe, der sich der Ver- 
fasser denn auch mit kritischer Gewissenhaftigkeit unterzogen hat. Sein Buch, 
von dem jetzt nur der erste Theil vorliegt, wird daher, besonders wenn der 
zweite, dem 15. Jahrh. gewidmete, erschienen und mit den ausführlichen Re- 
gistern, welche die Vorrede verheisst, versehen sein wird, ein Repertorium bil- 
den, das Keiner übergehen darf, der sich mit der Kunst des Elsass beschäftigt. 
Natürlich hat der Verfasser sich bei seinen Mittheilungen nicht auf eigene neue 
Forschungen beschränken dürfen: seine Aufgabe war vielmehr, die Resultate 
der schon längst eifrig betriebenen Localforsohnng za prüfen und die mannig- 
fachen Irrthümer, welche sich hartnäckig zu erhalten pflegen, aufzudecken. 
Gerade die Trockenheit und Lückenhaftigkeit der überlieferten Nachrichten gibt 
die Pflicht, aber auch einen fast übermässigen Reiz, sie möglichst auszubeuten, 
und durch die Phantasie zu beleben, was denn leicht zu bedenklichen Hypo- 
thesen führt. Der- Verfasser ist sich dieser Gefahr wohl bewusst und hat sie 
darch sorgfältige Kritik möglichst zu vermeiden gesucht. Indessen fehlt es auch 
bei ihm nicht an Annahmen, die ich für unbegründet oder doch für sehr zwei- 
felhaft halten muss. In die letzte Kategorie gehört auch eine, welche so eben 
bei Weltmann (Zeitschrift für bildende Kunst, 8. Band, Seite 359) Zustimmung 
gefunden bat. 

An der stattlichen gothischen Kirche St. Martin zu Colmar sind die 
Namen mehrerer Werkmeister erhalten. Der Eine derselben, Wilhelm von Mar- 
burg, ist zufolge seines Grabsteines im J. 1364 gestorben ; von ihm- kann daher 
nnr der Chor herrühren, während das Langhaus einer frühem Zeit entspricht 
and das Kreuzschiff noch älteren Ursprunges scheint. Gerade an diesem ältesten 



278 



Charles Gorard, 



Theile aber hat man schon vor etwa zwanzig Jahren ebenfalk den Namen eines 
Meisters entdeckt. An dem Portale des südlichen Kreozarmes befindet sich 
nämlich die Statuette eines Mannes, der mit dem Schurzfell bekleidet, das Win- 
kelmaass in dev kräftigen Hand, augenscheinlich die Darstellung eines Stein- 
metzen oder Baumeisters gibt. Daneben dann die Inschrift: MAISTRES-HVM- 
BRET (Maistres-Humbret). Schon der Entdecker dieser Inschrift, der verstor- 
bene Abbe Hugot, folgerte daraus, dass dcr^Mann kein Deutscher, sondern ein 
Franzose gewesen sei, eine Ansicht, der jedoch Ludwig Schneegans, einer der 
gründlichsten Elsassischcn Forscher, cbonfuUs aus sprachlichen Gründen ent- 
gegentrat. Unser Verfasser widerspricht diesem und legt namentlich darauf Ge- 
wicht, dass der Scbluss des Meistertitels, das S am Nominativ des Singulars 
eine im Altfranzösischen oft vorkommende Form sei. Seine Gründe scheinen 
mir indessen nicht schlagend. Wenn auch jenes S beim Gebrauch des Singulars 
im Altfranzösischen vorkommen mag, so ist es immer eine üngenauigkeit, welche 
nicht gerade als ein Zeichen der Nationalität des Schreibenden gelten kanni 
während andererseits die Form des Namens Humbret (Humbrecht) eher auf 
deutschen Ursprung deutet und die Schreibart des Meistertitels keiner beider 
Sprachen vollkommen angehört. Im Mittelhochdeutschen ist zwar die Schreibart 
»Meister« gewöhnlicher, doch kommt auch die Schreibart »Maistert (in 
Erinnerung an den auch den Handwerkern wohlbekannten lateinischen Ursprung 
des Wortes Magister) nicht selten vor. So wiederholt in Esslingen, vgl Heide- 
löff, Schwaben, S. 44, 45. Es steht daher nur so viel fest, dass die Schreibart 
beider Worte incorrekt ist; eine Üngenauigkeit wie sie in Steinschriften so 
häufig vorkommt. Unier diesen Umständen scheint es mir höchst gewagt, aus 
der Orthographie einen Scbluss auf die Nationalität des dargestellten Mannes 
zu ziehen. Fragt man aber nicht blos die Inschrift, sondern das Werk selbst 
an welchem sich die Statuette befindet, so redet es entschieden deutsche 
Sprache; die Architektur dieses südlichen Kreuzarmes enthält noch starke ro- 
manische Reminiscenzen. wie sie um das Jahr 1240, wo nach den, von dem 
Verfasser selbst mitgotheilten Nachrichten dieser Theil gebaut sein muss, in 
Frankreich nicht denkbar sind, in der deutschen Praxis aber ganz herkömmlich 
waren. Der Erbauer dieses Ereuzarmes muss daher ein Deutscher gewesen sein. 
Damit ist denn auch Prof. Weltmann a. a. 0. einverstanden, glaubt aber den- 
noch nach Gcrard's Vorgänge die französische Nationalität des Meisters Hum- 
bert festhalten zu dürfen. Er nimmt rämlich an, dass bei dem Eintritt dieses 
fremden Meisters, der Innenbau des Kreuzarmes durch seine deutschen Vor- 
ganger bereits vollendet und nur noch das Portal, an welchem die Statuette 
sich befindet, auszuführen gewesen sei. Gerade dies Portal hat aber keines- 
weges den ausschliesslich romanischen Charakter wie der Innenbau; es scheint 
zwar aus ununterbrochener Arbeit hervorgegangen, enthält aber in der That 
eine freilich etwas wunderliche Mischung von romanischen und gothischen Mo- 
tiven, die et den Anordnungen des neuen Meisters zuschreiben zu dürfen glaubt, 
der von da zum Bau des Langhauses übergegangen sei, in welchem dann die 
gothische Formbildung schon deutlicher liervortritt. Die Hypothese ist scharf- 






i 



les ArÜBte« de TAlsacc pendant le moyon*&ge. 279 

siimig, leidet aber doch wieder an innerer Unwahrscbeinlichkeit. Die Misohnng 
der romanischen und gothisoheD Elemente an der Bildung des Portals ist so 
roh und angeschickt ausgeführt, dass man sie einem Künstler, der in der 
Kenntniss des neuen Styls aufgewachsen war, nicht zuschreiben kann und 
ebensowenig ist es glaublich, dass mau dem neu hinzutretenden Meister 
gestattet haben würde, sogleich mit der Anbringung seines Bildnisses an 
einem Werke, an dem er so wenig Antheil hatte, zu debütiren. Viel 
eher wäre es möglich, dass ein älterer Meister, 'dessen lange Wirksam- 
keit ihm Ansprüche gab bei dieser Schlussarbeit seine Vielseitigkeit und 
sein gewachsenes Yerstandniss des neuen, von Frankreich her eindringen- 
den Styles, zeigen wollen, was denn in ziemlich abschreckender Weise geschehen 
fi und eher die Lehre gibt, sich in späten Tagen kühner Versuche zu ent- 
halten. Es wäre .in der That gar nichts Auffallendes, wenn französische Meister 
im Elsass thätig gewesen waren, allein der Beweis der Thatsache scheint we- 
nigstens in diesem Falle noch^nicht erbracht zu sein. 

Besonders ausfuhrlich beschäftigt sich der Verfasser ndt den Baumeistern 
des Strassburger Münsters, unter denen er (wiederum nach dem Vorgange von 
Ludwig Schneegans) schon einen des 12. Jahrhunderts nachweisen zu können 
glaubt. An einem der durch den Bischof Conrad von Hunenburg (1190^1202) 
erbauten Thore der Stadt Straasburg findet sich nämlich das Beliefbild eines 
Mannes, der hinter einem Rade sitzt, mit der Lischrift: »Hermanus Anriga 
magister hujus operis.c Da das Kreuzschiff des Münsters ungefähr derselben 
Zeit, also auch muthroasslich demselben baolustigen Bischof angehört, glaubt 
der Verf. es demselben bewährten Meister zuschreiben zu dürfen. Eine Ver- 
muthung, die jedenfalls zu kühn und entbehrlich scheint, 

Noch kühner ist es dann, wenn man diesen Meister auch sofort mit einer 
künstlerischen Tochter beschenkt. Schneegans hat überzeugend bewiesen, dass 
die Bildhauerin Sabina, von welcher nach einer uns auf bewerten Inschrift einige 
Statuen am Aeussern des Münsters herrührten, nicht, wie man durch ein gro- 
bes Missverständniss angenommen, eine Tochter Erwins von Steinbach gewesen 
sein könne, sondern mehrere Decennien vor demselben gelebt haben müsse. 
Da aber bei den damitligen Zunftverhältnissen die Theilnahme einer Frau an 
dor Thätigkeit der Steinmetzen nur dann denkbar sei, wenn sie zu der Familie 
des Werkmeisters und also gewissermassen zur Bauhütte gehört habe, so glaubt 
Schneegans ^ und mit ihm unser Verfasser annehmen zu dürfen, dass sie von 
jenem Hermann Auriga, . dessen Lebenszeit ihrem Style entspreche, abstamme. 
£s ist augenscheinlich, dass wir zu dieser völlig, unerwiesenen Vermuthung 
kein Recht haben. 

Bei dem vielgefeierten Namen Erwins von Steinbach kommt der Verfasser 
au einer Hypothese, die so viel ich weiss, ganz neu und ihm eigenthümlich ist. 
Gewöhnlich hat man jenen, ihm nur in einer Inschrift beigelegten Beinamen 
mit der im markgräflichen Baden gelegenen Ortschaft Steinbach und «ogar 
theilweise mit dem danach benannten ritterlichen Geschlechte in Verbindung 
gebracht. E^ gibt aber auch noch ein anderes Steinbaoh, und zwar im Elsass 





260 Charles G^rard, 

selbst, in der Nahe von Thann, und es existirt in der That kein Beweis über 
die Richtigkeit der einen oder der anderen Beziehung. Aach scheint es sehr 
gleichgültig, ob der tüchtige Meister auf dem rechten oder auf dem linken 
Rheinufer geboren ist. Unser Verfasser fügt nun aber diesen beiden Möglich* 
keiten eine dritte hinzu, für die er sich entscheidet, die nämlich, dass Erwin 
ein Franzose gewesen, dessen Geburtsort Pierrefont oder ahnlich gelautet habe, 
und auf deutschem Boden durch das deutsche Wort Steinbach übersetzt sei, 
Gründe für diese Yermuthung findet er besonders darin, dass Erwins Arbeiten 
nicht bloss in künstlerischer Beziehung Spuren der französischen Gothik tragen, 
sondern auch sonst einen französischen Patriotismus verrathen. So namentlich 
wenn er bei der Darstellung der Auferstehung, am grossen Portale des Münsters, 
einen Sarg mit den französischen Lilien und dem Thurme, also mit dem in 
Frankreich so oft vorkommenden Wappen Ludwig IX. und seiner Mutter Bianca 
von Kastilien, schmücke. An der Fagade seien neben dem damals lebenden 
deutschen Kaiser, Rudolph von Habsburg, die Reiterstatuen des Clovis und des 
Dagobert aufgestellt. Angeblich sei dies eine Anerkennung ihrer der Kathedrale 
gegebenen Schenkungen. Aber diese habe auch andere Woblthäter gehabt, und 
die Wahl des Begründers der französischen Monarchie und des in Frankreich 
populärsten Königs lasse sich daher nur als ein Ausdruck persönlicher Anhäng- 
lichkeit des Meisters erklären. 

Der Verfasser unseres Buches scheint nicht ein geborener Elsasser zu 
sein; er ist mit dem Elsass, wie er sich in der Vorrede ausdrückt, durch kind- 
liche Anhänglichkeit seit mehr als einem halben Jahrhundert verbunden; er 
ist jetzt Advocat am Appellhof zu Nancy. Er wird also ohne Zweifel ge- 
borener Franzose sein. Er versichert uns aber, dass dies auf die eben gedachte ^ 
Bypothese keinen Einfluss habe : er sei weit entfernt eine kindische Befriedi- 
gung darin zu finden, dass er Deutschland einen grossen Künstler entziehe. Er 
habe diese Ansicht schon gehabt, während er nur das gelehrte und künstlerische 
Deutschland gekannt und geliebt habe. Wir wollen ihm das gerne glauben, da 
er sich auch sonst massig und vorurtheilsfrei ausspricht, aber seine Hypothese 
scheint uns dennoch unhaltbar. Dass die Arbeiten Erwin's der französischen 
Schule angehören, ist ausser Zweifel, aber schon die Art ihrer Ausführung 
spricht dafür, dass er kein Franzose, sondern ein Deutscher gewesen, der die 
in Frankreich ausgebildete Form in eigenthümlicher Weise auffasste. Jene fran- 
zösischen Wappen mögen eben eine harmlose I^eminiscenz aus seiner Studienzeit, 
oder eine Copie einer mitgebrachten Zeichnung sein, und die Gestalten von 
Clovis und Dagobert, wenn überhaupt diese durch eine unerwiesene Tradition 
überlieferten Namen richtig sind, stammen nicht aus seiner Wahl, sondern 
waren ihm vorgeschrieben. Jedenfalls aber ist die von dem Verfasser angenom- 
mene Entstehung des Wortes Steinbach höchst unwahrscheinlich. Uebersetzuugen 
von Beinamen kommen wohl vor; Regier de laPasture, nachdem er aus seinem 
französisch redenden Geburtsorte Tournay auf fiamländisches Gebiet verzogen 
war, nannte sich Roger van der Weyden. Allein dies geschah im 15. Jahrhun- 
dert, zu einer Zeit, wo die Beinamen bereits in bleibende Familiennamen über- 



les Artistee de PAleace pendaat le moyen-ftge. 281 

gingen und an einem Worte von allgemeingültiger Bedeutung, nioht im 13* 
Jahrb., iro die Beinamen stets den Charakter der persönlichen Bezeichnung 
hatten nnd nach Massgabe der umstände wechselten, und nicht an einem Orts- 
namen (nomen proprium), der als solcher unveränderlich war. Der Namen einer 
grossen Stadt geht durch die ganze Welt, der eines kleinen, wenig bekannten 
Ortes hat aber ausserhalb der Provinz, der er angehört, und besonders im Aus- 
lande, keine Bedeutung, man ersetzte ihn daher hier durch den Namen der Pro- 
vinz oder gar des Landes, in welchem jener kleine Ort lag. Beispiele davon sind 
in Italien überaus häufig, für Deutschland mag es genügen, auf die grosse Zahl von 
Künstlern und Handwerkern aller Art hinzuweisen, welche im 14. und 15. Jahr- 
hundert unter den Namen Beheim, Behm u. s. w. vorkommen. Wäre Erwin 
wirklich ein Franzose gewesen, der in seinem Yaterlande von Pierrefont genannt 
war, so würde man sich in Strassburg begnügt haben, ihn als den »Wälschenc 
als Franzosen, oder mit dem Namen einer grossen Stadt, in der er gearbeitet 
hatte, etwa von Amiens oder von Paris, zu bezeichnen. Jedenfalls aber wäre 
die Uebersetzung des Namens Pierrefont durch Steinbach zweckwidrig gewesen, 
da sie die Vorstellung erweckt haben würde, dass der Inhaber desselben ein Deutscher, 
ein Elsasser oder Badenser sei, eine Vorstellung, welche irregeführt und die Er- 
kennung erschwert haben würde. Der Verf., der uns versichert, dass sein fran* 
zösisches Herz an dieser Hypothese keinen Antheil hat, mag seinerseits überzeugt 
sein, dass unser deutscher Patriotismus bei dieser Frage gar nicht mitspricht. 
Wir wissen sehr wohl, dass die Gothik in Frankreich ihre Ausbildung erhalten 
hat und erst von dort her nach Deutschland verpflanzt ist. Deutsche Schrift- 
steller haben dies nachgewiesen, ehe es in Frankreich selbst ausgesprochen war* 
Unter diesen Umständen aber erscheint es ziemlich gleichgültig, ob diese Ueber- 
tragung nach Deutschland durch deutsche Meister, auf Grund ihrer in Frank- 
reich gemachten Studien, oder durch französische, die zu uns einwanderten, ge- 
schehen sei. Innere Gründe bestimmen uns in den Fällen, wo wir die Entstehung . 
der frühesten gothischen Kirchen in Deutschland genauer verfolgen können, die 
Wirksamkeit deutscher Meister anzunehmen. Unserer Eitelkeit würde vielleicht 
eher die andere Ansicht zusagen. Dass unsere Meister das Bedürfniss nach fran« 
zösischer Architektur empfanden und sie in ihrer Heimath studirten, ist jeden- 
falls ein stärkeres Anerkenntniss ihrer Vorzüge, als wenn französische Meister zu 
uns gekommen wären und uns ihre Leistungen angeboten hätten. 

Anf die ausführlichen Untersuchungen des Verf. über die Söhne Erwin*s 
und über seine Nachfolger am Bau des Münsters darf ich nicht weiter eingehen; 
er BchHesst sich in der Regel der Ansicht von Schneegans an. 

Im 14. Jahrhundert kann es interessiren, dass der Verf. auch da noch 
mehrere geistliche Baumeister nachweist. Der Franciskaner Johann Wagner 
erbaute den Chor der Kirche seines Ordens in Thann (1303—1306), an der Kirche 
von S. Thomas leiteten wiederholt die Scholastiker des Capitels den eleganten, 
noch jetzt bestehenden Bau. 

Manche Gründe könnten zu der Vermuthung führen, dass auch in dieser 
Bheingegend die Malerei schon im 14. Jahrhundert einen gewissen Aufschwung 









282 Charles Gerard, \e» Artistes de TAbaoe pendant le moyen-lge. 

genommen habe. Die Forschungen des Verf. geben indessen keine Bestätigung 
derselben. £r zählt zwar gelegentlich (S. 837) eine Reihe von Wandmalereien 
auf, welche jedoch nur in schwachen Uebcrresten erhalten und nicht ausge- 
zeichnet zu sein scheinen. An einer derselben in der JOominikanerkirche zu Geb- 
weiler nennt sich der Maler: Werlin zum Burne in deutscher Inschrift* 
Uebrigens ist aber selbst die Zahl der Malernamen, welche der Yerf. aus Bür' 
gerlisten und ähnlichen Urkunden mittheilt, ohne dass wir Eenntniss von ihrer 
Bedeutung haben, auffallend klein. Er hätte diesen Namen den des Andreas von 
Colmar hinzufügen können, den der Verf. eines Manuscripts aus dem 14. Jahr- 
hundert als seine Quelle für mehrere von ihm mitgetheilte Farbenrecepte an- 
führt (Gesch, d. bild. Künste, 1. Aufla^/e VI. 408. 2. Aufl. S. 379). Dagegen 
nennt der Verf. zwei andere Malcrnamen, die bloss auf einer augenscheinlich 
unbegründeten Hypothese beruhen. Er erzählt nämlich am Schlüsse des 13. Jahrh. 
von einem Strassburger Maler, den er Wurmser den Alten nennt, dass der- 
selbe nach Prag ausgewandert sei und sich daselbst niedergelassen habe, und 
späterhin von einem Eunz Wurmser, der, ans Strassburg stammend, Hofmaler 
Carl's IV. und in Prag berühmt gewesen sei. Was wir urkundlich wissen, ist 
nur, dass ein Maler aus Strassburg, 'Nicolaus Wurmser, im Jahre 1359 in die 
Dienste Carl's IV. trat, von ihm hochgeehrt und längere Zeit im Schlosse Carl- 
stein beschäftigt wurde, wo wir wahrscheinlich noch Malereien von seiher Hand 
besitzen. Von dem Lehrmeister dieses Nicolaus und von seiner Familie wissen 
wir nichts. Was der Verf. darüber Weiteres mittheilt, gründet sich auf eine 
Vermuthung eines älteren deutschen Kunstforschers, von Murr. Derselbe ent- 
deckte nämlich in einem polizeilichen Register der Stadt Nürnberg die Notiz, 
dass »Cunzel der Böhme, der Bruder des Malers Nicolausc bei Strafe des Hän- 
gens ayis der Stadt vei^uesen sei, und nahm an, dass dieser Maler Nicolaus mit 
dem Nicolaus Wurmser iüentisöh sei. Allein die Gleichheit des Vornamens Nico- 
lans genügt nicht, um die Identität jenes in Nürnberg befindlichen Malers mit 
Nicolaus Wurmser zu beweisen. Ja diese Identität ist fast unmöglich, da die 
Nürnberger Notiz vom Jahre 1310, mithin fast fünfzig Jahre älter ist, als def 
Eintritt des Wurmser in die Dienste Carl's IV. Kugler, Hotho und ich selbst 
hatten daher jene Hypothese von Murr's längst verworfen, nur Passavant nahm 
sie gläubig auf und erweiterte sie in so fern, als er jenen Cunzel den Böhmen, 
von dem die Urkunde durchaus nicht sagt, dass er ein Maler gewesen sei, mit 
einem Maler Kunze, der später in der Malergildc von Prag war, identificirte. 
Unser Verf. obgleich crHotho's Widerspruch kennt und citirt, geht noch weiter 
als Passavant und baut darauf neue Hypothesen. Der auffallende Umstand, dass 
der eine beider Brüder ein Strassburger, der andere als Böhme bezeichnet sei, 
lasse sich nur dadurch erklären, dass der Vater beider Brüder nach ihrer Geburt 
von Strassburg nach Böhmen verzogen sei und den einen derselben .mitgenom- 
men und dort erzogen habe, weshalb er denn auswärts als Böhme bezeichnet 
worden, den andern aber in Strassburj^ bei seinen Verwandten zurückgelassen 
habe. Die auffallende Differenz zwischen den Jahren 1310 und 1859 glaubt der 
Verf. durch die Annahme beseitigen zu können, dbss Nicolaus der jüngere beider 



J 



k. 



^T" 



Dr. J. Rudolf Bahn, Gesoliichte detf bildenden Künste in der Schweiz. 268 

Brüder und im Jahre 1810 noch sehr jung gewesen sei. Allein, da sein Name 
in Nürnberg gebraucht wurde, um seinen Bruder näher zu bezeichnen, muss er 
doch ein einigermaassen bekannter Mann und mithin wenigstens zwanzig Jahre 
alt gewesen sein, was ihm denn bei dem Eintritt in den Dienst Carl's lY. ein 
Alter von 70 Jahren geben würde. Ich enthalte mich weiter auf die Wider- 
sprüche und UnWahrscheinlichkeiten einzugehen, zu denen diese Hypothese des 
Yerf. führt, und mache nur darauf aufmerksam, wie gefährlich es ist,-' wenn man 
Vermuthungen auf Vermuthungen baut. Nicht nur jener Wurmser der alte, son- 
dern auch der in Frag wirksame Maler Kunze, müssen daher aus der Liste der 
elsasser Künstler gestrichen werden. Der in Prag vorkommende Maler Kunze 
scheint wirklich ein geborner Böhme, blühete aber (wie ich anderweitig nachge- 
wiesen habe, Gesch. der bild. Künste 2. Aufl. YI S. 440, Anm. 1) wahrscheinlich 
erst um 1414, und war also mit jenem aus Nürnberg verwiesenen Cunzel nicht 
identisch. 

Diese Mangel stehen übrigens dem Wertho des Buchs nicht entgegen. Der 
gegenwartige Band schliesst mit dem Ende des 14. Jahrhunderts. Der folgende 
soll nur das 15. umfassen, jedoch, wie wir aas der Yorrede des gegenwärtigen 
erfahren,/ mit Ausschluss Martin Shongauers, in welchem der Yerf. (nach meiner 
Ansicht nicht mit Unrecht) mehr den Anfanger der heuern Zeit als den. 
SchlusB des Mittelalters sieht. 



3. Das dritte der oben bezeichneten Werke wird ohne Zweifel das bedeu- 
tendste der ganzen Beihe werden. Der Yerfasser hat es auf eine in jeder Be- 
siehung erschöpfende Würdigung der noch so wenig bearbeiteten Kunstgeschichte 
der Schweiz abgesehen; er schildert durchweg auf Grund eigener Anschauungen 
und mit Hülfe sorgfältiger und reichhaltiger Abbildungen. Nur die Anfange des 
Werkes (zwölf Bogen), die bis in den Anfang des 12. Jahrh. führen, liegen uns 
jetzt vor, enthalten aber schon eine grosse Fülle des Stoffes. Der Yerfasser jiQ" 
ginnt damit, seine Leser vor unberechtigten Ansprüchen an seine Aufgabe zu 
warnen. Er findet, dass die Schweiz innerhalb der umgebenden Monumentalw^lt 
eine eigenthümliche, keineswegs bevorzugte Stellung einnehme. Es fehlte ihr das 
Band nationaler Einheit; schon seit der frühesten Zeit sei sie ven verschiedenen 
Nationen bewohnt; seit denT 11. Jahrh. habe sie drei verschiedene Strömungen 
in sich aufgenommen, die noch jetzt sich kennbar sonderten. Neben der schwä- 
bisch-alamanischen Bauschule, die im Norden der Schweiz herrsche, bestehe eine 
italienisch-lombardische, die besonders in Tessin und Graubündten einheimisch 
sei, deren Einfluss sich aber selbst noch am Grossmünster von Zürich geltend 
mache, und endlich die französisch^burgundische Bauschule, welche durch die 
Klöster der Cluniacenser und Cistercienser die französische Schweiz .erfüllt habe. 
Winckelmann spreche mit Becht wiederholt au3, dass die Freiheit die Quelle der 
griechischen Kunst gewesen, aber schwerlich sei sie allein ausreichend. Es ge- 
höre dazu die Nationalität und wenigstens ein gewisser Wohlstand. Dieser habe 
der Schweiz lange gefehlt. Erst mit dem Ende des Mittelalters beginne sie sich 



L 



s, 



284 Dr. J. Rudolf Rahn, 

zn heben, und erst die Ruhe, deren sie sieh seit dem dreissigjährigen Kriege im 
Yerhältniss zu anderen Völkern erfreut, habe ihr den nöthigen Wohlstand und 
eine relative Einheit gegeben. Daher denn in den früheren Jahrhunderten eine 
gewisse Lückenhaftigkeit der künstlerischen Entwicklung, eine Gleichgültigkeit 
gegen das künstlerische Element, welche durch die Naturbeschaffenheit der 
Schweiz- und ihre grossartige Schönheit noch gesteigert sei, und eine Schwäche 
der Production, welche es verschuldet habe, dass in manchen Gegenden der ro- 
manische Styl sich bis in das 16., der gothische sogar bis in das 17. und 18. 
Jahrh. erhalten habe. 

Aus diesen eigenthümlichen Verhältnissen ergibt sieh denn auch der Plan, 
nach welchem der Verfasser seinen Stofif behandeln musste. Da überall die von 
verschiedenen Seiten sich geltend machenden Einflüsse aus den Nachbarländern 
berücksichtigt werden müssen, darf er die allgemeine Kunstgeschichte nicht aus 
dem Auge verlieren, muss vielmehr die nöthigen Hinweisungen zum Verständniss 
ihrer Richtung vorausschicken, und daran die Schilderung der schweizerischen 
Monumente anknüpfen und in ihren Abweichungen und Eigenthümlichkeiten er* 
klären. Es ist begreiflich, dass die Aufgabe dadurch eine mühsame und umfas- 
sende wird, ohne den Vorzug zu haben, eine grosse Zahl von musterhaften Lei- 
stungen zusammen zu stellen. Wohl aber wird sie das Verdienst haben, tiefer 
und lebendiger in die Gesetze der Production und ihrer Hemmnisse und Bedin- 
gungen einzuführen. 

Eine üebersicht des Inhalts der jetzt vorliegenden ersten Lieferung wird 
genügen, um zu zeigen, in wie gründlicher Weise der Verf. sich dieser seiner 
Aufgabe unterzieht. Jener Einleitung, deren Inhalt ich oben geschildert habe, 
folgt als erstes Buch (S. 17—48) die Kunst des helvetisch-römischen Zeitalters, 
und zwar zuerst der Anfang der Kunst in vorhistorischer Zeit, mit ziemlich ge- 
nauen Berichten über die Ergebnisse der Pfahlbauten und über die ersten Spuren 
kunstgewerblicher Thätigkeit. Ein zweites Capitel schildert die Kunst der Römer, 
die militärische Regelmässigkeit ihrer Architektur, die Einflüsse ihrer Schmuck- 
lust und ihres Formenreichthums. Das sehr umfassende zweite- Buch beschäftigt 
sich dann in einer Reihe von Gapiteln mit der Kunst der altchristlichen Jahr- 
hunderte. Voran gehen die ersten Spuren christlicher Kunst in der Schweiz, 
darauf folgt eine Schilderung der Kunstanfange bei Alamannen und Burgundern, 
wo namentlich über die ornamentistische Richtung der letzteren interessante 
Mittheilungen gegeben werden. Ein drittes Capitel erzählt die Anlange und die 
Entwicklung des christlichen Kirchenbaues, wobei das Nöthige über die Basiliken- 
frage beigebracht wird. Darauf dann endlich die Kunst im carolingischen Zeit- 
alter, und zwar zunächst die Betrachtung der Architektur mit ausführlicher 
Schilderung des Bauplanes von S. GaUen und der grossartigen Anlagen der Insel 
Reichenau. Durch die Gunst der umstände gibt gerade hier die Schweiz hervor- 
ragende Beispiele. Nicht minder gilt dies von der Plastik und Malerei dieses 
Zeitalters, wo die Schule von S. Gallen in Elfenbeinarbeiten und durch die Mi- 
niaturen rühmlichst vertreten ist. ^ Gerade hier sind die Schilderungen des Verf. 
sehr genau und charakteristisch, und besonders mit Hülfe der gerade hier vor- 



Geschichte der bildenden Künste in der Schweiz. 285 

räglioh aasgefohrten umfassenden Abbildungen überaus lehrreich. Der Rest dieser 
Lieferung (S. 149—192) macht dann den Anfang mit der sehr gründlichen und 
mit lebendigem Stylgefühl durchgeführten Schilderung der romanischen Kunst. 
Von dem Reich thume der Ausstattung gibt es eine Vorstellung, dass die 192 
Seiten des Textes 59 zum Theil fast die ganze Seite einnehmende Abbildungen 
enthalten. Wir zweifeln nicht, dass es der begeisterten Energie des Verf. ge- 
lingen wird, das allerdings sehr umfassende Werk in gleicher Weise durchzu- 
führen und so das Verständniss bei seinen Landsleuten und allen, die an der 
künstlerischen Entwicklung der Schweiz Theil nehmen, bleibend zu fördern. 

Wiesbaden, im September 1873. 

C. Schnaase. 



Nachschrift. 



Charles Gerard, les artistes de PAlsace pendant le moyen-&ge. Tome 11. 
Colmar-und Paris 1873. 

Während der vorstehende Bericht bereits dem Drucke übergeben war, ist 
der darin erwähnte zweite Band des obengenannten Werkes dem Referenten zu- 
gegangen. Er entspricht völlig den Voraussetzungen, welche der erste Band er- 
weckte und enthält ausser einer mässige'n Zahl aus der Schlusszeit des 14. eine 
starke Liste von Künstlern des 15.. Jahrhunderts, bei denen dann das biogra- 
phische Material oft etwas reichhaltiger fliesst und lebensvollere Mittheilungen 
gewährt, als in der frühern Zeit. Näher auf das Einzelne einzugehen, nament- 
lich die vielen Fragen zu erörtern, welche sich an die Namen der Baumeister 
des Münsters anknüpfen, kann auch hier nicht meine Absicht sein; ich begnüge 
mich, auf einige, für den Gesammtgeist des 15. Jahrhunderts charakteristische 
Mittheilungeu aufmerksam zu machen. Wie eigen thümlich sind oft die Verhält- 
nisse der Zünfte. Ein gewisser Johann Joerche, der als Bildschnitzer bezeichnet 
ist, hatte sich in die Malerzunft aufnehmen lassen. Nun macht aber die Zunft 
der Wagner, zu welcher übrigens auch Tischler und Drechsler gehören, auf ihn 
Anspruch, weil er sich der Axt, des Schneidemessers, der Säge, also der Werk- 
zeuge bediene, von denen sie Gebrauch machen. Die Malergilde widerspricht 
dem, und der Rath entscheidet denn auch zu ihren Gunsten, weil die geschnitzten 
Bildwerke auch des Malens bedürften und er, Joerche, dies selbst bewirke und 
verstehe. Zahlreiche Nachrichten zeigen dann auch den Zusammenhang der 
Künste mit der aufkommenden Buchdruckerei. Das Gewerbe der Bücherschreiber 
scheint bedeutender wie je und entwickelt sich in Verbindung mit dem Buch- 
druck und mit der Kunst des Holzschnittes. Einzelne Züge deuten auf steigende 
Blüthe der Malerei und die ausführlichen Contrakte, welche im Jahre 1418 die 
Vertreter der Stadt Basel mit dem Maler Johann Tiefenthal aus Schlettstadt 
über die Ausmalung einer KapeUe in ihrer Stadt und im Jahre 1462 der Kir- 



I 



286 Charles G^rard. \ee artistes de PAlsace pendant 1e moyen-ftge. 

chenvorstand von St. Martin, in Colmar mit dem daselbst wohnenden Maler 
Caspar Ysenmann über die Anfertigung des Hauptaltars in ihrer Kirche ab- 
schliessend enthalten manches Interessante. In dem ersten Contrakte ist nament- 
lich merkwürdig, dass die Stadt Basel einen Yorrath von blauer (wahrscheinlich 
kostbarer) Farbe zu besitzen scheint, aus welchem dem Maler Quantitäten auf 
Abrechnung seines Honorars verabfolgt werden sollen. Caspar Ysenmann malt 
übrigens in Oel und die Ucberreste seines Altarwerkes, , welche sich im Museum 
zu Colmar befinden, lassen darauf schliessen, dass er mit niederländischer Kunst 
nicht unbekannt war. Als ein Beweis für die populäre Geltung der Malerei ver- 
dient es angeführt zu werden, dass die Zerstörung einer feindlichen, den Herrn 
von Thami gehörigen Burg durch die Bürger von Strassburg im J. 1448, durch 
ein Bild in der Amtsstube der Bäcker gefeiert wird. Martin Schongauer stand" 
nicht allein; ausser dem ebengenannten Ysenmann war Johann Hirtz in Strass- 
burg ein bedeutender gleichzeitiger Maler; Geiler von Kaisersberg nennt in einer 
seiner Predigten seinen Namen mit dem Zusätze, dass, wenn man ein Altarbild 
bewundere, man es ihm zuzuschreiben pflege, und Wiropheling erwähnt seiner 
noch im J. 1502 als eines ehemals berühmten Malers. Er starb übrigens schon 
um 1466. Im J. 1486 war ein gewisser Lienhart ein bedeutender Meister, der 
das jüngste Gericht im Chor der Kathedrale malte. lieber Martin Schongauer 
selbst erhallen wir nur mittelbare Nachrichten, nämlich die Lebensdaten seines 
Yaters, des Goldschmids Caspar Schongauers, der im J. 1445 das Bürgerrecht in 
Colmar erhielt und 1408 daselbst starb, sowie seiner Brüder, namentlich des 
Malers Ludwig, der, obgleich er nach dem bekannten Bericht des Scheurl im 
J. 1492 bereits Albrecht Dürer in Colmar empfing, dennoch erst im J. 1493 das 
Bürgerrecht daselbst erwarb. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir denn auch, 
dass der Yerfasser unseres Buches in der künftig von ihm herauszugebenden 
Biographie Martin Schongauers nachzuweisen gedenkt, dass sein Tod nicht, wie 
wir jetzt annehmen (vgl. His-Ueusler in Naumann's Archiv, Bd. 13, S. 129) im 
J. 1488, sondern erst im J. 1498 erfolgt sei. Referent, der früher dieses spätere 
Todesjahr vörtheidigt hatte, jetzt aber die besseren Gründe des Herrn His an- 
erkennt, ist begierig diesen neuen Beweis kennen zu lernen. 

Sehr vollständige Register erleichtern die Brauchbarkeit der fleissigen 
Compilation. 

Wiesbaden, im October 1878. 

V Sohnatse. 



2. Julius Cäsar am Rhein. Nebst Anhang über die Germani 
des Tacitus (Germ. 2.) und über die Franci der Peiitinger'scheu Tafel. Von 
Prof. A. Dcderich, Oberlehrer am Gymnasium zu Emmerich. Paderborn, 
1870. 870 S. ») 

Der allen Freunden der rheinlandischen Geschichte rühmlichst bekannte 
Verfasser hat in diesem Schriftchen die ältesten, uns bekannten Ereignisse am 
Niederrhein, die durch J. Gäsar's Feldzüge in Gallien veranlasst wurden, aufs 
Neue einer kritischen Untersuchung unterworfen und dabei einzelne Thatsadien 
und Localitäten richtiger angegeben, als es früheren Geschichtschreiberu mit 
geringeren Localkenntnisscn möglich war. Da zu einer richtigen Auffassung 
der ältesten römisch-deutschen Geschichte am Niederrhein, insbesondere auch 
der Feldzüge des J. Cäsar am Rhein, vor allen Dingen eine genaue Kenntniss 
des untern Rheinlaufes und seiner wechselnden Stromspaltungen bei der bata- 
vischen Insel unumgänglich nöthig ist, so behandelt der Verf. in § 1 die Rhein- 
mündongen und das Verhältniss der Maas zum Rhein, nach Cäsar, Tacitus und 
Plinius, denen auch Strabo und Pomponius Mela beizufügen sind, da diese fünf 
Schriftsteller des ersten christlichen Jahrhunderts die ältesten Nachrichten über 
den Lauf des Rheinstromes und seiner Mündung, soweit sie damals den Römern 
bekannt waren, uns überliefert haben. Das Wahre ihrer Berichte von den ihnen 
verzeihlichen Irrthümern zu scheiden und die Entstehung derselben mit Wahr- 
scheinlichkeit nachzuweisen und zu berichtigen, war die Absicht des Verf., die 
er in seiner Darotellung mit Erfolg erreicht hat. üeberzeugend hat der Verf. 
nachgewiesen, dass Cäsar in der Schilderung der Stromsysteme des Rheins und 
der Maas (de B. G. IV, 10, 15) sich darin geirrt hat, dass er die Maas in den 
Rhein fliessen lässt. Wenn er von dem confluens Mosae et Rhein spricht, so 
kann er nicht den Rheinarm Waal verstanden haben, der ihm bekannt war und 
den er genannt haben würde, wie er ihn in Cap. 10 nennt. Der Verf. verwirft 
daher mit Grund die Versuche der neuem Erklärer Cäsar's, ihn von diesem 
Irrthnme zu befreien, und hält eine Aenderung des handschriftlichen Textes für 
unnöthig. Verdächtig scheint aber dem Ref. die genaue Angabe der Entfernung 



^) Der durch Zufall verspätete Abdruck dieser lehrreichen Anzeige wird 
auch jetzt noch willkommen sein. Die Red. 



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288 Prof. A. Dederich, 

des ZaBammenflasscs vom Meere, die Cäsar zu 80 Millien berecbnct, wenig ab- 
weichend von den Angaben der Itinerarien und der Peutingerscfaen Tafel '). 
Diese genauen Messungen wurden zuerst lange nach Cäsar in friedlichen Zeiten 
unter Augustus auf Veranlassung Agrippa's gemacht und unter den nnchfolgen- 
dcu Kaisem vervollkommnet. Cäsar hatte bei seinem kurzen Aufenthalte am 
Niederrhein zu solohen genauen Messungen keine Zeit; dieselben hätten aucb in dem 
damals noch nicht unterworfenen feindlichen Lande von römischen Geometern 
nicht können ausgeführt werden. Daher ist Ref. geneigt mit Ukert anzunehment 
dass die Worte: neque longius ab oceano milibus passuum LXXX in Rhenum 
transit, aus den verlorenen commentariis Agrippae, die dieser grosse Feldherr 
und Staatsmann zu den in einem Forticus öfifentlich aufgestellten tabulis (Kar- 
ten) geschrieben batte, in den Text Cäsar's als Bemerkung eines kundigen Ab- 
scbreibers eingeschoben sind, und zwar schon in alter Zeit vor der uns über- 
lieferten Textrecension, daher sie auch in den ältesten Handschriften der Com- 
mentarien Cäsar's nicht fehlen. Der Verf. hält fest an den Worten des durch 
die Handschriften beglaubigten Textes und ist überzeugt, dass Cäsar hierin sich 
geirrt habe, dass die Maas in den Rhein fliesse, indem er die Theilung des 
Rheines in Waal und Rhein mit einem Zusammenfluss der Maas und des Bheines 
identificirt habe. Der Irrthum Cäsar's ist eben so wahrscheinlich, wie der Zusatz 
eines Abschreibers mit Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann. In § 2 
wird der Uebergang der Usipeten und Tencteror bei Cleve über den Rhein und 
die Verdrängung der Menapier aus ihren Wohnsitzen zwischen der untern Maas 
und dem linken Ufer des Niederrheins besprochen. Die Wohnsitze dieses von 
Cäsar zuerst erwähnten Volkes erstreckten sich aber weit über die Maas und 
Scheide bis zum Lande der Moriner am Pas de Calais. Bei dem Anzüge der 
aus ihren rechtsrheinischen Gauen, man weiss nicht von wem, vertriebenen 
Volksstärame gaben die Menapier ihre Besitzungen auf dem rechten Ufer preis, 
wurden aber im Winter von 56 auf 55 v. Chr. durch List auch aus ihren am 
linken Rheinufer liegenden Ländereien verdrängt. Dass die Ueberfahrt der Ger- 
manen auf menapischen Schiffen bei Cleve oder Emmerich geschehen sei, 
schliesst der Verf. mit Recht aus dem Umstände, dass von hier aus die Passage 
nach der Maas über den Xanten -Nym weger Höhenzug am nächsten und am 
leichtesten zugänglich war, und die Germanen ihr Lager für Weib und Kind, 
Wagen und Gepäck auf dem niedrigen Plateau bei Goch aufgeschlagen hatten, 
das auf ihrem Zuge vom Rhein sich ihnen als die bequemste und sicherste 
Lagerstatt^ darbot. Von hier aus unternahm die Mehrzahl der waffentragenden 
Männer Streifzüge über die Maas in das Land der Condrusen und Eburonen, 
welche Schützlinge oder Clienten der Treverer waren. Sobald Cäsar, der wäh- 
rend dieser Vorgänge sich in Italien aufhielt, Nachricht von diesem gefahrlichen 
Einfalle der Germanen erhalten hatte, eilte er früher als gewöhnlich im Früh- 
jahr 55 nach Gallien, um dem Ausbruche eines Aufstandes zuvorzukommen. 



^) Eine Berechnung dieser Entfernung gibt Dederich in seiner Geschichte 
der Romer und der Deutschen am Niederrhein S. 29 ff. 



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Juliiu Cäsar am Rhein. 289 

und fahrte sein Heer von der unteren Seine, wie Napoleon III. den Weg angibt, 
über Amiens, Cambray, Bavay, Charleroy, Tongern und Mastricht, hier die Maas 
überschreitend, was er nach Cohansen zwischen Dinant und Lüttich gethan hat, 
in die der Gefahr aunächst ausgesetzte Gegend. Schon im Jahr 1844 hat der 
Verf. die Gocher Haide als den Ort des germanischen Lagers und des Ueber- 
falles richtig nachgewiesen, und in dieser Schrift seine Ansicht ausführlicher 
begründet, dass die anderlhalbstundige Flucht der Germanen am Rhein zwi- 
schen Cleve und Qualburg endete. Dasselbe Terrain hat auch Napoleon III. als 
Kampfplatz auf seiner Karte bezeichnet. Da Cäsar nicht selbst die Germanen 
verfolgte, sondern durch seine Reiterei bis an den Rhein, wo sich die Waal von 
diesem trennt, verfolgen liess, die dort schnell wieder umkehrte und noch an 
demselben Abende wieder in dem erbeuteten Lager bei Cäsar eintraf, so konnte 
er sich in seiner Angabe des Flusses, den er für die Maas hielt, der aber kein 
anderer sein kann, als die Waal, leicht täuschen, wenn er sich auf die unrich- 
tige Meldung seiner Reiter verliess, die zum ersten Male in diese Gegend der 
Flussspaltung kamen und keine Zeit hatten bei den Anwohnern, mit denen sie 
sich doch nur durch Dolmetscher hätten verständigen können, genaue Erkun- 
digungen einzuziehen. Die Maas war dem Cäsar zwar bekannt, aber nicht die 
Stelle ihrer Mündung in den Rhein, die er nicht besucht hat und sich von ihr 
eine unrichtige Vorstellung machte. Nachdem der Verf. die abweichenden An- 
sichten V. Cohausen's, Brambach's u. A. widerlegt hat, spricht er § 6 von den 
Folgen des Sieges über die Germanen, von Cäsar's £iundesgenossenschaft mit 
den Batavern imd über das Alter der Stadt Cleve, das die Volkssage und ältere 
Chronisten in die Zeit Cäsar* s vorsetzen, obgleich die erste beglaubigte Er- 
wähnimg Cleve*B als eines*. Grafensitzes in's J. 1093 fällt. Aus der Burg des 
Grafen Dietrich entstand allmählig die heutige Stadt, welche 1242 eine städ- 
l^ische Verfassung erhielt, wie Dederich in seiner Schrift »die Feldzüge des 
Drusus und Tiberiusc gründlich nachgewiesen hat. — Cäsar's erster Rbeinüber- 
gang bei Bonn in's Land der Sigambrer wird im § 7 ausfuhrlich behandelt und 
V. Cohausen's Meinung, Cäsar habe seine Brücke über den Rhein bei Xanten 
geschlagen, widerlegt, denn die rheinischen Sigambrer wohnten nicht an der 
Lippe, sondern im Gebiete der Siegmündung. Die zweite Brücke schlug Cäsar, 
um in das Land der Ubier zu kommen, bei Neuwied, wie in § 8 nachgewiesen 
wird. Von hier zog Cäsar nach seiner Rückkehr aus Germanien durch die zwi- 
schen Coblenz und Andernach liegende Ebene weiter über die Eifel, die er sich 
als einen Theil der Ardennen vorstellt und daher Arduenna nennt, gegen die 
Eburonen, deren Wohnsitze sich auf beiden Seiten der Maas östlich bis in die 
Nähe des Rheins und westwärts über das Gebiet der Sambre und der Ardennen 
ausbreiteten. Die Nachbarn der Eburonen waren auf der linken Seite der Maas 
die Aduatiker, die sich seit dem cimbrischen Kriege hier niedergelassen und 
einen selbstständigen Staat gebildet hatten, der im J. 67 den Belgiern zur Ab- 
wehr der Römer 19,000 Mann Hilfsttuppen stellen und die benachbarten tribut- 
pflichtig machen konnte. Nach der Niederlage der Belgier zogen sich die Adua- 
tnker mit ihrer^gesammten Kriegsmacht in eine von der Natur trefflich befestigte 

19 



290 Pi 

Stadt zurück, wurden aber vo 
trenloier SobeinergebnDg anf 
Beim letxten Ausfall hatten sie 
aatmng nebst den EinwobDeir 
Sklaven verkaufen. Die Känfei 
mit C&sar's Armee hc^ramiiehei 
die gekauften Qefbngenea nach 
dorcb einen Anemfer (praecu) 
(tabernis) unter der Hand verk 
stände dieses Mens che nhaudela 
Feitnng, deren Name er nicht 
Kraft des unglücklichen Volk«c 
hass; denn im Herbst des J. 
Aufstände de« Eburonenf unten 
Ner*iem dea Legaten Cicero's 
Lage Cbar unr mit den Wort 
Snibas, ubi Titurius atque Aar 
süperioris nnni mnnitiones int 
B. 6. VI, 82. Die Befestigung 
nun vervollständigt, daher ihn i 
nun diese; nach der Onterdiäol 
Volk der Ebnronen, so^e d» 
traten an deren Stelle die Tuj 
der Germania o. 2 bezeichnet, 
gallifohen Krieges eine Stadt, 
mit dem Beinamen Tungronun, 
Aduataoa, und daher hat £c 3 
Die neueste Untersuchang des ( 
aber in einem andern Ergebt: 
Aduatnca anf der Höbe von 
des heutigen Tongern. Die La 
rieh s^t, >aQSBer Zweifel gese' 
andern Ergebnisse führen, das 
Im Anhange § 10 wird i 
Germani ausfährlich behandelt 
a se ipii statt ipsis bat auch I 
Tacitue aufgenommen. Dnter i 
mani, der ein keltischer oder < 
daher anch den Galliern verstäi 
aufgestellte für die richügatc. 
tisoiien Zeitwort gur, laut nifei 

') Julius Cäsar im nordwi 
Gjmn. lu Krensnacb 1870. 



• • 



Juliui Gasar tm Rhein. 291 

Krieger, Held, dem homerischen »Rufer im Kampfe ähnlich, abzoleiien Bind. 
Dieser Bedeutung entsprechend ist auch der Name der Tungem, der vom go- 
thisohen tuggo, althocbd. zunga, Zange, tungar, Sohreier, abgeleitet wird. Dem- 
nach sind auch die Tungei Schreier und ihr Name gleichbedeutend mit dem 
keltischen gairmeau. Diesen keltischen oder deutschen Namen haben ans die 
Römer nach ihrer Aussprache, das W in G verwandelnd, überliefert. Die Be- 
wohner der Germania magna, des Landes swischen dem Rheine und der 
Weichsel, hatten ursprünglich keinen gemeinschaftlichen Namen, sondern jeder 
einzelne Volksstamm seinen eigenen Namen. Der südlich von den Guttonen, 
2wischen der Oder and Elbe wohnende und mit dem Zuge der Cimbern vor- 
dringende Stamm heisst Teutoni oder Teutones ^), ein gothischer Name, der 
Volk (thiuda) bezeichnet, der aber erst im neunten Jahrhundert nach der 
Trennnng des Frankenreiches von dem ostrheinischen Deutschland der allge- 
meine und herrschende 'geblieben ist. 

Im Scblussparagraph tbeilt der Verf. seine »neu gewonnene Ansicht« 
über die Franci der Peutinger'sclien Tafel oder über die fränkischen Völker am 
Niederrhein mit, um sie nicht langer der Oeffentlichkeit vorzuenthalten. Die 
auf der Peutinger'schen Tafel stehenden, von dem unwissenden Abschreiber 
ganz verkehrt geschriebenen und abgekürzten Namen verbesseri der Verf. mit 
glücklichem Scharfsinn in folgender Weise: Renus = Rhenus, Patabus = Va- 
cnlus, wie die ältesten Handschriften und Ausgaben des Cäsar %B. G. IV, 10 den 
Namen geben, gewöhnlich Vahalis; Patavia = Batavia. Es folgen in zwei Reihen 
die Völkemamen: Chac. Vapii. Varii. || Chamavi, qui et Pranci. Zwischen den 
beiden Zeilen und theil weise zwischen den Buchstaben der ersten Zeile von 
einer andern Hand, wie es scheint, hineingeschriobon, sieht das sinnlose Wort 
Rhepstini. — Vapii und Varii sind, wie der Verf. richtig annimmt, nur Endun- 
gen von Völkernamen, und Vapii -ist verschrieben aus Varii. Mit dem vor an- 
stehenden Chaci zu Einem Worte verbunden gibt den Völkernamen Chacivarii 
oder richtiger Chattuarii, woraus denn Hattuarii und Attarii entstand. Mit 
der zweiten Endung Varii müssten zwei Buchstaben ps aus dem darunter stehen- 
den rhepstini genommen werden und durch eine etwas kühne Annexion und 
Addition der Sylbe Am erhält man den hierher gehörenden Volksnamen Ampsi- 
varii. Von den übrigen Buchstaben jenes sinnlosen Wortes soll rhe vielleicht 
eine Verbesserung des Renus sein, mit dem Reste tini aber weiss der Verf. 
nichts anzufangen. Den Zusatz: qui et Franci bezieht der Verf. nicht allein auf 
die Chamavi; sondern auch auf die Chattuarii und auf die von ihm gebildeten 
Ampsivarii, denn diese Völker haben gerade da gewohnt, wo auf der Peutinger'- 
schen Tafel der Name Francia steht. Aus der Verbindung der drei genannten 
Völker, unter denen die Chamaver die mächtigsten waren, hat sich durch An- 



') Nach dem Berichte des Seefahrers Pytheas aus Massilia (zur Zeit Ale- 
xander's d. Gr.), den uns Plinius H. N. XXXVII, 11 mittheilt, wohnten die mit 
Bernstein handelnden Guttonen an der Ostseeküste und verkauften dieses Pro- 
dact an die ihnen zunächst wohnenden Teutonen. 



v*^ 



292 Prof. A. Dederich, Juliui C&sar am Rhein. 

sohlnss der übrigen kleinen Völkerreste anf der nordöstlichen Seite des Rheines 
derFrankenbund gebildet, der sich seit dem fönften Jahrhunderte siegreich über 
das nordwestliche Gallien ansbreitete and dem gansen Lande den Namen Frank- 
reich gab. 

Wir wollen diese Verbesserungen der bisher verstümmelten nnd unver- 
ständlichen Kamen auf der Peutinger'schen Tafel als wichtige Resultate scharf- 
sinniger Forschung mit Dank annehmen, wenn auch gegen die Bildung des 
Namens Ampsivarii erhebliche Bedenken übrig bleiben. Ebenso möchten wir 
die sonderbaren Rhepstini oder Ghrepstini, wie einige schreiben, die das G des 
Wortes Ghaci als zu Rhepstini gehörig diesem vorsetzen, unberührt stehen 
lassen, bis ein neuer Oedipus das R&thsel löst. 

Wesel. Fr. Fiedler. 



in. Miscellen. 



1. Barscheid, Kreis Solingen. — RheinkaBsel und Kasselberg 
liegen noch eine ziemliche Strecke weit von der Steinstrasse entfernt. Mögen anch 
Vom ersteren Orte (Jahrb. XXXI. S. 86) keine römische Alterthümer bekannt 
sein, so war der Hügel, auf welchem die Kirche liegt, obwohl nicht ansg^edehnt, 
för einen festen Pnnkt besser geeignet als das niedrig gelegene Kasselberg. 
Bei hohem Wasser wird dasselbe nicht überschwemmt. Hier mnss irgendwo we- 
nigstens eine Warte in der Römerzeit gewesen sein, weil eben der Ortsnamen 
anf einen festen Pnnkt hindeutet. 

An der Stätte des oberhalb gelegenen Merke nicb, von welchem Schmidt 
nichts sagty haben die Römer Spuren ihres Daseii&s hinterlassen. Die angefahrte 
Steinstrasse führt dnroh das Westende des Dorfes. Wo sie dasselbe von unten 
zuerst berührt, hat ein Einwohner (Bongerich) beim Graben neben derselben 
und neben seinem Hause, wiederholt röm. Münzen, worunter eine von Augrnstus, 
gefunden. In der N&he der Kirche fand man um's J. 1840, im Garten des Yos- 
hofes ein römisches Grabgewölbe. Dieses bildete einen runden Raum, der etwa 
acht Fuss im Durchmesser hatte und gegen fünf Fuss hoch war. Das Gemäuer 
war aus Tuffsteinen aufgeführt und ihr Gewölbe ruhte auf einem Mittelpfeiler. 
In einer Nische der Mauer standen Aschenkrüge. Eine steinerne Treppe führte 
in den Raum hinab. Dem Berichterstatter zufolge soll dieselbe noch tiefer in 
die Erde geführt haben. Es wurde darin ebenfalls eine Steinplatte mit einer 
Inschrift versehen gefunden, die zerbrach, bald darauf aber in die Delhoven'scbe 
Sammlung zu Dormagen gelangte. In der Nähe des Hofes fand man zweihenke- 
lige röm. Gefässe u. s. w. Die Kirche liegt etwas höher, deren Stätte bei der 
hohen Flnth von 1846 nicht überschwemmt wurde. In der Feldflnr nordwestlich 
vom Dorfe fand man Gemäuer von Tuffsteinen. 

Westlich von Bursoheid, Kreis Solingen, liegen auf einem Berge am 
Bache Eifche, unterhalb des Böokershammers, altdeutsche Befestigungswerke, 
die »alte Bürge genannt. Ein breiter tiefer Graben zieht sich hier quer über 
die Bergfläehe vom ECandd des nördlichen Abhanges bis zu dem des südlichen 
Seitenthals. Von seinem nördlichen Anfangs läuft ein anderer etwas unterhalb 
des Bergrandes über den nördlichen Abhang ostwärts zum steilen Abhänge des 
Baohthals, wo ein Steinbruch ist. Ein ahnlicher Graben zieht oben über den 
südlichen Abhang nach dem Endpunkte des vorigen, wo sie sich in einen ab- 



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4 



204 Miscellen. 

(^^stuonpften Winkel vereini^on. Die Erde aus den Seitengräben worden gross- 
tontbcils an ihrer Aussen seile wallformig aufgehäuft. Nur hie tind da ist etwas 
Erde oben auf dem ßergrande aufgeworfen worden. Ein eigentlicher Wall ist 
nicht vorhanden. Der Einganpf zu dem grossen länglichen dreieckigen Räume, 
ßndet ^ioh an der nordwestlichen Ecke. Innerhalb desselben, der mit Gebüsch 
bedeckt ist, befindet sich nichts Bemerkenswerthcs. 

In der Pfarrei Odonthal, Kreis Mülheim, findet sich östlich von der 
frühern Abtei Altenberg, eine unter dem Namen »Erbericher alte Burg« be- 
kannte altdeutsche Befestigung auf einem bewaldeten Berge unweit des Dünn- 
bachs. Wir sehen hier zuerst einen Graben, theilweise zerstört, mit dahinter 
liegendem Walle, vom nördlichen Abhänge des Berges über seine Fläche bis 
zum Rande des südlichen gezogen. Hundert Schritte weiter findet sich ein ähn- 
licher, welcher 96 Schritte lang ist, und 90 Schritte weiter finden wir einen 
andern von 112 Schritten Länge. Unmittelbar hinter diesem ziehen sich zwei 
Gräben, und zwei Wälle hin. Die rechte grössere Hälfte der in's tiefere Seiten- 
thal sich bald abdachenden Fläche, hat nach Innen auch einen Graben und 
Wall mehr. Treten wir auf dem durchführenden Pfade in den abgeschlossenen, 
sich stark neigenden Theil der Bergfläohe, dann sehen wir die Abtheilang links 
ohne tieitenwälle, die rechte Seite aber, welche grösstentkeils auf dem Abhänge 
liegt, ist von einem einfachen Graben und Walle umgeben. Die Gräben Und 
Wälle sind im Allgemeinen nicht tief und hoch. Das tiefere Seitenthal war an 
seinem Ausgange durch einen hohen, noch jetzt vorhandenen Damm gesperrt, 
um das Wasser des durchrinnenden Bächelchens zu einem grossen Teiche an* 
schwellen zu lassen. Er mag aber auch erst im späteren Mittelalter aufgeführt 
worden sein, um einen Bnsohteich zu bilden. 

Reste von einer altdeutschen Feste finden sich oberhalb der Neanderhöhle 
auf dem Berge zwischen der Dussel und dem Bache von Mettmann, welcher 
das Einzelhaus »auf der Bürge trägt. Hier zieht sich etwas unterhalb des 
Bergrandes ein tiefer Graben über den westlichen Abhang hin, der später 'nach 
der Südseite umbiegt, hier zugleich einen Bergrücken abschneidet, und im 
weitern Laufe sich nach Osten wendet, wo er am steilen Abhänge bald endigt. 
Geringe Reste eines Walles finden sich an einzelnen Stellen auf dem Rande des 
Borges. Im J. 1870 wurde noch ein Theil desselben geebnet. Die grosse einge- 
schlossene Bergobene, eine Fcldflur, ist an der Ostseite stark geneigt. Die Cul- 
tur hat die wahrscheinlich da gewesenen Qaerwälle und Graben auf der Hoch- 
fläche verwischt 

Gleich nordöstlich von Bensberg finden wir die »Erdenburgt. Auf dem 
bobuschten Bergrücken an der Ostseite beginnen unweit einer Schlucht drei 
Gräben und Wälle, die sich gebogen cum südlichen steilen Abhänge siehen, um 
eine Kuppe absnsperren. Wo die Steilheit zunimmt, endigt der änsserate Gra- 
ben nach 160, der darauf folgende nach 322 Schritten, während die zwei inneren 
Gräben und Wälle sich xreiter fortsetzen, um nach und nach west- und nord- 
wärts Bu laufen. Dort endigen sie, nachdem sie vom Anfimgspunkte 695 Schritte 
zurückgelegt haben. An der Westaeite fährt ein Fnhrweg 211 Schritte weit 



Miicellen. 295 

zwischen den beiden Wällen hin. Hier an der Nordseite fehlt aber auf einer 
Strecke von 146 Schritten bis zum vorhin bezeichneten Anfangspunkte jede Be- 
festigung. Dem Anscheine nach sind hier keine gewesen, waren hier aber um 
so nöthiger. weil der Berg hier sich sanft abdacht. Der Kaum, welchen die 
Ringwälle umsohliessen, besteht aus einer Kuppe und einer vor ihr, ^egen 
Nordosten gelegenen kleinen Fläche. £i* hat 356 Schritte im Durchmesser. 

Im Lohmarer Walde, nordöstlich von Siegburg, war im J. 1808 auf 
einem Hügel, unweit der Strasse nach Schreck, ein grosser Stein zu sehen, um 
welchen in einiger Entfernung zwölf kleinere in einem Kreise lagen. Dabei 
waren Erdwälle und in der Nähe deutsche Grabhügel. Der bergische Ober- 
geometer Windgassen fertigte damals einen Grundriss für den Begierungsrath 
Tryst in Cöln davon an, welcher die Stätte für einen alten Opferplatz hielt. 
Später soll an diesem Hügel ein Steinbruch eröfifoel worden sein. 

. Gleich oberhalb Overrath liegt auf einem Berge, am Wege nach Ma- 
rienlinden, die Hausgruppe aaf der Burg. Dabei ist auf der bebnschten Berg- 
hohe, die ziemlich steil in's Thal der Acher sich abdacht, eine Stelle: die Hing- 
mauer genannt. Es findet sich dort Gemäuer in der Erde, von welchem man 
schon viel weggebrochen hat. Von einer hier etwa im Mittelalter gewesenen 
Burg schweigt die Geschichte. Diese Stelle, so wie der übrige Theil der Höhe 
verdient näher untersucht zu werden. Ob hier früher eine Warte stand? 



2. Alzey. Zwei römische Inschriften. Schon im Jahre 1783 wur- 
den in der Nähe der hiesigen Freimaurerloge drei römische Altäre, der Minerva, 
der Fortuna und den Nymphen geweiht, aufgefunden, von weichen die beiden 
ersten durch Karl Theodor nach Mannheim gebracht wurden. Der dritte, wel- 
cher hier blieb, war für uns der wichtigste, weil auf ihm die vicani altiaienses 
ausdrücklich als Dedicanten genannt werden. Zu diesen drei im Corpus inscr. 
rhen. veröffentlichten Inschriften kam im vorletzten Winter eine vierte, jetzt 
im Mainzer Museum befindliche hinzu, gleichfalls auf einer ara, welche in der 
äusseren Beschaffenheit grosse Aehnlichkeit mit dem aus dem J. 224 stammen- 
den Nymphenstein zeigt, also wohl auch derselben Zeit angehört. Die Fund- 
stätte liegt zwischen der alten Schlossruine und der Loge und fuhrt den Namen 
der »Drommäckerc. Die Inschrift lautet: 

1 DEA • S V L 

2. ATTONIVS 
3 L V C A N I 

Da auf allen Altären ohne Ausnahme die Namen der Gottheiten im Dativ 
stehen, so ist Z. 1 jedenfalls deabus zu lesen, denn für deae würde sich 
eine Abkürzung nicht verlohnt haben. Das zweite Wort findet sich im ganzen 
C. inscr. rh. nur einmal ausgeschrieben, und zwar auf dem verlorenen Steine 
von der Schweppenbnrg (Nr. 637), woselbst suleviabus steht; doch findet sich auch 
E. B. auf einer italienischen Inschrift sulevis. Da Attonius nur als nomen vor- 



296 



Miaoellen. 



kommt.. 8o wird das folgende Wort Lucani oder Lucanii, da ee des Platses 
halber keinesfalls ein Nominativ sein kann, gleichfalls ein nomen, und zwar der 
Genetiv von Lucanias sein, so dass also eu lesen wäre: 

deabos suleviabas attonius iQcani(i), d. h. 
den Waldgöttinnen Attonius, des Lncanius (Sohn). 
Da meines Wissens die suleviae nirgends als deae bezeichnet werden, so 
dürfte der vorliegende Stein in dieser Hinsicht von Interesse sein ^). 

Im vergangenen Herbste fand sich V« Stande nördlich von Alzei im Feld 
das Fragment einer Yoti>tafel, auf welcher sich folgendes erkennen Hess: 



/rem 

/ VRIO 


• D • r 

ET R 


(- VN 


1 V S 


\/0 T O • 1* O « 


\ s ■ 


L 1 B/ 


\ 





Ein ganz ähnlicher Stein ist in der Zeitschrift d. V. z. E. d. rh. 6. 
u. A. in Mainz, B, ü. Nr. 187 anfgefOhrt; hiemach dürfte die vorliegende Wid- 
mung gelautet haben: 

IN • HONOREM 
OEO MERCVRIO • ET • RO 
SMERTE • SECVNDIV S • 

• EX VOTO • POS 
VIT VOTVM S LIB M 

Zeile 2 und 4 haben am Ende wohl keinen Raum für einen Punkt, wess- 
halb ich POS nicht als eine Abkürzung ansehe« 

Merkur kommt auch im C. inscr. rh« öfters in Verbindung mit Rosmerta 
vor. W&hrend sonst der Name des Merkur auf römischen Inschriften h&ufig ist, 
wurde er hier erst auf der fünften gefunden und auch da nicht allein ; vielleicht 
ist übrigens auch mit dieser die Reihe derartiger Denkmaler in der Umgebung 
unserer Stadt noch nicht abgeschlossen. 

G. Schwabe, Reallehrer. 



1. 
2. 
3. 
4« 
6. 



3. Köln. *Zur rheinischen Epigraphik« ist die Ueberschrift eines 
von Herrn J. J. Merlo in Köln geschriebenen Artikels in Heft LH dieser Zeit- 
schrift p. 108 sq., welcher mich zu folgenden Bemerkungen veranlasst. 

Zu Nr. 1 p. 103. Herr M. behauptet, dass der von mir edirte Stempel 



') Die richtige Deutung der in diesem Hefte S. 190 schon von Brambach 
beiläufig mitgetheilten Inschrift gibt Prof. Becker oben S. 142. J. Fr. 



MisoeUen. 297 

M£DJ)IGV8 (die epigraphisohen Aniioaglien Kölns Nr. 72 b) identisch sei mit 
dem von Lersch mitgetheilten MEDDIRiyS (Bonner Jahrbücher 11 p. 86; Froh- 
ner 1647), weil das betreffende Fragment nach dem Tode Meinertshagen's in 
seine Sammlung übergegangen; demgemäss sei derTöpfemame Meddirius zu be- 
seitigen. Dem gegenüber gebe ich Folgendes zu erwägen: 

1) Es besteht die Möglichkeit, aber auch nur die Möglichkeit, dass es 
sich nur um ein einziges Fragment handelt, und zwar gerade um das im Besitz 
des Herrn M. befindliche; denn die Meinei*tzhagen'sche Sammlung war so reich 
und ist so vielfach zersplittert worden, dass der Annahme nichts entgegen 
steht, der genannte Sammler habe auch ein Gerath mit dem Stempel Meddirius 
gehabt, welches in unbekannten Besitz gekommen ist. Als ich im Sommer 1869 
Inschriften der M.'schen Sammlung aufzeichnete, hat Hr. Merlo auch von der 
angebliehen Identität der beiden Stempel nicht gesprochen. 2) Die Annahme, 
dass L. Lersch den Stempel Meddious, den €r »bei gesundem Auge nothwendig 
gelesen haben müsset und der in vollkommener Reinheit und Schärfe der Schrift- 
züge da steht, als Meddirius edirt habe, hiesse die wissenschaftliche Glaubwür- 
digkeit des verdienten rheinischen Epigraphikers untergraben und denselben 
grosser Oberflächlichkeit bezüchtigen. 8) Wenn somit schon dael'M.'sche Dic- 
tum »der Töpfemame Meddirius wird demgemäss zu beseitigen sein« ein ge- 
wagtes ist, so verliert es jede Berechtigung durch den umstand, dass die Firma 
Meddirius hinreichend gesichert ist durch ein aus Luxemburg stammendes, jetzt 
in Paris befindliches Exemplar (Fröhner Nr. 1548), in welchem nur das E de- 
fekt ist und das gewöhnliche, nicht gestrichene D vorkommt. 

Zu Nr. 4 p. 104. Die durch Fröhner Nr. 2050-2052 gesicherte Lesung 
VACO muss ich beibehalten. Ich habe den Stempel ohne Ligatur von Y und A 
drucken lassen, weil die Lettern meines Druckes hier nicht ausreichten, habe 
den Stempel auch nicht einer Scherbe angewiesen, wie HerrM. sagt, sondern 
einer Schale. (Epi graphische Anticaglien p. 7 Nr. 119.) 

Zu Nr. 6 p. 1C5. Wenn Herr M. bemerkt, dass meine Behauptung AVF 
= OF auf dem auch in Italien vorkommenden Stempel AYFFRON »etwas be- 
denklich erscheine,! so bedaure ich, dass er sich nicht die Zeit genommen hat. 
die von mir angegebenen Stellen nachzulesen und sich über die Verwandtschaft 
zwischen AY und zu belehren. Weitere Belege gibt noch H. Schuchardt der 
Yokalismus des Vulgärlateins II p. 303 sq. III p. 263. 

Zu Nr. 8 p. 106 C A H T O 

F 

Diesen Stempel bietet nicht nur eine Lampe des Kölner Museums, sondern Dorow 
fand denselben auch in Neuwied (Fröhner 542). Warum nun Herr M. ein beson- 
deres Gewicht darauf legen zu müssen glaubt, dass hiemeben noch der sonst 
übrigens vielfach vorkommende Stempel 

CARTO 

beizubehalten sei, vermag ich nicht zu ergründen. 



398 MiBcallei 

Zu Nr. 9 p. 106. Herr H. bemerkt i 
von DünUer in diesen Jabrbucbern XXXV 
346] GemmeniDtchrift unt«r Nr. 19öb meii 
stätigt die fticbtigkeit der Düntzer'echeo 
LeflOQ); überein Btimme, so daas das dritte ^ 
zu lobreiben Eei. Herr M. bat dabei üben 
niobtB handelt, als um einen Druckfehler. 
meine Arbeit geloBen hätte, würde er das ; 
im Text der Icachriften ist die Schrift ni 
oolegi.' Literftrisohes Centralblatt 1870 Nr. 
ttque d'hiatoire et de litteraturo 1S70 Nr. I 
nusster Weise eine von den bisherigen Pub 
wollen, so war es geboten, um nur einigen 
dies hervortaheben und auf die Abweichanj 
mlsBig gethan iiiibe. Epigraphiker wie Düt 
einfach todtsobweigen. Mit grösierm Reoh 
Torwurf gemacht worden. Ich hatte nä 
gegen die Edhtheit der besagten Inschrift 1 

Köln. 



4. Köln. Römisoher Urabstein 
einet Thurmes, Hessen-Thor, Hessenthum 
genannt. Auf seiner vordem Seite sieht 
hanene Figuren, wovon die eine eine Fo 
eines Fürsten darstellt • So Dr. Carl Brc 
Btatistisch-medicinischen Topographie der E 
1889) p. 42. Bei einer genaueren Bütrach 
staltet sieh das Mordinstnunent zmt Darst 
beschlftigten Mannes und iat somit einzurc 
rade am Rhein vorkommenden Grabreliefs, 
Lebensgenuss beim heitern Mnble darstelle: 
gebrachte Inschrift ist nicht vorhanden, bc 
Seite eines der Quadern, die nahebei in dei 
Qrabrelief ist auch ohne Zweifel folgend« 
Büoheler im XXT. Heft dieser Jahrbücher ] 
Chronik eines Jülicher Secretarius vom J 
find man ahn den dreien alten Statpfor 
steinen gebaoen.* 

Köln. 

6. Elberfeld, Briefliche Mittheilucf 

lioa au den Ver.-Sekretär Prof. Freudenber 

■Anf einem Acker zu Holzerhof (bi 



Miscellen. 990 

Düsseldorf, südl. von Soli d gen gelegen) wurde kürslich eine celtische Goldmünze 
gefunden: unbärtiger Kopf mit Diadem nach der linken Seite ; Rev. geflügeltes I'ferd . 
im Lauf, darunter Blätterschmuck mit doppelter Perlenreihe. Sie hat das Gewicht 
von nahezu 2 Kiiogr. und einen Goldwerth von c. 1 Thir. 28 Sgr. Auf demsel- 
ben Grunde ist schon früher eine grössere Goldmünze gefunden worden, über 
die ich nichts Näheres erfahren konnte. In der Nähe des Fundortes ist eine 
Quelle, die ehemals ab eine heilige gegolten haben soll.« 

Die Slünze zeigt nach der richtigen Verinuthung des Hrn. Einsenders den 
Typus der Mediomatriker (Hauptstadt Metz) und ist, wie Hr. van Vleuten, wel- 
eher ein Exemplar derselben Münze besitzt, mir mittheilte, wahrscheinlich eine 
barbarische Nachahmung des Denars der gens Titia. J. Fr. 



6. Bonn. Bömerreste in Poppeisdorf. Beim Ziegeln zu den Neu- 
bauten an der verlängerten FriedrichsHtrasse nahe dem Poppelsdorfcr Weiher 
fanden die Erdarbeiter im Februar d. J. verschiedene römische Urnen und 
Krüge von weisslichem Thon, femer eine grosse Schüssel mit zweckmässig ein- 
gerichteter Ausgusstülle, eine grössere Sehale so wie ein ganz kleines nied- 
liches Schälchen von terra sigillata, endlich eine grössere Thonlampe mit der 
Darstellung eines langgeöfirten Kopfes, wie es scheint, des Midas. Die sämmt- 
liohen Fundgegenstände sind in den Besitz des Hm. Sürth, Conservator des 
anatomischen Museums zu Poppeisdorf, gelangt. J. Fr. 



7. Bonn. Am 18. Februar c. stiess man nahe der Kölner Chaussee im 
Rheiudorfer Felde beim Fundamentgraben zu dem grossartigen, für den Regie- 
rungsbezirk Köln bestimmten Irrenhause auf mehrere römische Gräber. Die 
darin enthaltenen Beigaben, bestebt-nd in mehreren Urnen und verschiedenen 
KrügeUi einer Thonlampe mit Verzierungen, einem kleinen Salbenfläschchen von 
grünlichem Glas und ausserdem den Fragmenten eines römische n-Sp i egels von 
w^eissem Metall wurden von den Arbeitern dem Unterzeichneten zugebracht und 
für die Sammlung unseres Vereins erworben. Der Metallspiegel befand sich als 
Deckel auf einer grossem Urne, wurde aber von den Arbeitern aus Unvorsich- 
tigkeit in Stücke zerschlagen, die sich nicht mehr vollständig genug vorfanden, 
um denselben herzustellen. Uebrigens hatte derselbe, wie man noch ersehen 
konnte, eine runde Form uüd zeigte eine glatt polirte Fläche. Nach dem Zeug- 
niss des altem Plinius (Nat. Hist. XXXIII, 45) bestand der Stofif solcher Spiegel, 
die am besten zu Brundusium in Italien verfertigt wurden^ aus einer Mischung 
von Kupfer und Zinn, welches letztere dem Metall einen silberartigen Glanz 
verleiht. Auf mein Ersuchen hatte Herr Dahlen, Assistent an der Versuchssta- 
tion der landwirthsohaftlichen Akademie zu Poppeisdorf, die Güte, ein Stück 
des fraglichen Metalls einer sorgfältigen Analyse zu unterwerfen, welches folgen- 
des Resultat gab: 



800 



MueellflD. 


Kupfer . . 


69,81 «/e 




26,66 % 


Blei . , . 


4.96 Vo 


Eisen 


fM 


Antimon 


Spuren. 



Vergleicht man hiermit die chemische Untersuchung der Metallmasse eines 
antiken (romischen) Spiegels in Elaproth's Beiträgen zur chemischen Kenntoiss 
der Mineralkörper Bd. 6, S. 74, welche als Resultat ergab: 

Kupfer . 62 

Zinn . . 82 

Blei . . 6 



100 
so ergibt sich der unterschied in den eigentlichen vorschriftsmassigen Mischungs- 
theilen beider Spiegel nur als ein geringer. Es scheint im Durchschnitt in 
2 Theilen Kupfer und einem Theil Zinn bestanden zu haben und das Blei be- 
trögerisoher Weise beigemischt zu sein, ein Verhältniss, das nach Klaproth 
auch heut zu Tage zu den Teleskopspiegeln beobachtet wird. 

Ueber zahlreiche weitere Funde römischer Alterthümer, die an derselben 
Statte im Verfolg zu Tage gefordert wurden, verweisen wir auf den Bericht 
unseres Vereinsmitglieds Hrn. Dr. Bouvier weiter unten. 

Von anderen römischen Alterthümem, deren doch in diesem Jahre, bei 
der grossen Bauth&tigkeit in der Stadt Bonn selbst" wie in ihrer nfihem Um- 
gebung, noch manche zu Tage gekommen und verschleudert worden sein mögen, 
sind mir noch zwei auf der Sandkaul 15 im Sommer'schen Hause, der jetzigen 
Actiengesellschaft zur Eintracht, beim Fundamentiren des Saals gefundene, stark 
oxydirte Münzen zugekommen, auf deren einer sich noch der Rev. Bomae et 
Aug. mit dem Altar von Lyon erkennen liess. 

Freudenberg. 



8. Aachen, 1. August. Ein interessanter Fund ward heute hierseibst zu 
Tage gefördert. Bei den Fundamentarbeiten für das von dem Paulusvereine 
neben dem Paulushause errichtete, zu Arbeiterwohnnngen bestimmte Gebäude 
fand man dieser Tage in einer Tiefe von etwa sieben, acht bis zehn Fuss 
mehrere wohlerhaltene römische Aschenkruge und Urnen von gebranntem rothem 
Thon, dann mehrere Ueberreste von Marmorgesimsen mit lateinischen Inschrif- 
ten, die man aber, weil sie zu arg ladirt waren, nicht entziffern konnte. 



9. Hamm. Für Freunde der Alterthumskuude. Der Bau einer 
Zweig-Eisenbahn von Mülheim a. d. Ruhr nach Kettwig, unter Leitung des Ab- 
theilungs-Baumeisters Herrn Brewitt,'^fnhrte2zur Entdeckung einer alten heid- 
nischen Begr&bnissstätte, in der N&he von Saam (ehemaliges Benediktiner-Fr&u- 
lein-Kloster, jetzt Gewehrfabrik), etwa V« Meile südlich von Mülheim. 






Miscellen. 9Ö1 

Der Boden des Feldes, worin sie vorkommt, besieht ans GeröUe^ von 
dem Rohrfiusse herrührend, der einst darüber seinen Lauf nahm. Später hat 
derFI nss sich ein anderes etwas tiefer liegendes Bett, gegen 1000 Schritte 
weiter östlich^ gewühlt. Beim Ausschachten des Bodens wurde an einzelnen 
Stellen statt des Gerölles lockere Erde mit Eies untermischt bemerkt. Offenbar 
sind Löcher in den Boden gegraben und solche mit der lockeren Erde ausge- 
füllt. Fast ausschliesslich in diesen Löchern, selten in dem (xerölle, kamen An- 
tioaglien zum Vorschein, — bis zum 17. Juli c, folgende: 

1) Ein in mehrere Stücke zerfallenes, grossentheils aber wieder zusam- 
mengekittetes Gefäss, ähnlich den jetzigen Terrinen, gegen 5. Zoll hoch, 7Vt 
Zoll im Durchmesser haltend, von dem feinen gelblich-rothen Thon, der in 
späterer römischer Zeit häufig statt der hochrothen terra sigillata in Anwen- 
dung kam. Das Gef&ss hat eingepresste Verzierungen. Die etwas unterhalb des 
oberen Randes bestehen aus aneinander gefügten länglichen Halbkreisen (\«ag 
etwa 4, breit 3 Linien), deren Inneres mit gleichen aber kleineren Kreisen aus- 
gefüllt ist. Man sieht solche als Randverzierungen häufig an römischen Vasen, 
z. B. Abbildungen der römischen Alterthümer in Bayern, Heft H, Tafel VIII ff! 
unter denselben zeigt das aufgefundene Gefäss Wellenlitlien. Halbbogen nn^ 
zwischen letzteren Zweige von Sträuohern mit drei Blättern. 

2} Vierzehn irdene (^efösse, meist wie Aschenumen geformt, von ver- 
schiedener Grösse, einige mit ganz einfachen eingepressten, andere mit erhabe- 
nen Verzierangen, nur in Linien, Punkten und dergleichen bestehend. Von ab- 
weiohender Form sind: 

a. Ein nach oben sich verengendes (}efäss mit einer Ausguss-Tülle, unge- 
fÜkt heutigen Theetöpfen ähnlich; 

b. ein anderes, dessen Gestalt mehr einer Terrine gleicht; der obere 
Rand erweitert sich nach Innen um etwa \ Zoll und hat eine Ans* 
gnss-TüUe. 

3) Viele Scherben von hellrothem, grauem und weisslichem Thon, theils 
mit starken, bis 4 Linien dicken, theiis mit dünnen Wänden; eine mit vielen, 
4 Linien hohen ovalen, in die Aussenwand eingedrückten Verzierungen, die 
das Gefäss, wovon sie herrührt, rings umgeben zu haben scheinen. Einige Stücke 
sind auf der Drehscheibe gefertigt, andere nicht. 

4) Eine sog. keltische Perle von feinem Thon, 5 Linien lang, nach Aussen 
mit 5 kleinen Erhöhungen, deren Spitz hellblau gefärbt sind. 

6) Zwei Stücke von Glasgefässen. Das Glas ist dünn, von gelblicher, et- 
was in's Grüne spielender Farbe, nicht blasig. 

6) Eine eiserne Lanzenspitze, 21 Zoll lang, unten nahe bei der Tülle mit 
zwei Ausbiegnngen (orochets), ähnlich der in dem Werke des Abb^ Goohet »8e- 
poHures gauloises, romaines, franqnes etcc S. 228 abgebildeten f^ränkischen 
Lansenspitze. 

7) Sechs andere Lanzenspitzen von verschiedener Länge und Form, ohne 
Anzbiegungen, fast sämmtlich mit einem Grath. 

8) Fünf Schwerter von verschiedener Länge, verhältnistmäsaig schwer, 



802 Misoellen. 

keines gekrümmt; — das grösste 24 Zoll lang, 2 Zoll breit, ist bei der Lansen- 
spitze Nr. 6 oben gefunden. ' 

9) Ein Dolch oder Messer, 9 Zoll lang. 

10) Ein Umbo (Schildnabel) von Eisen, unten noch mit den N&geln oder 
Sohräubchen znm Befestigen an dem hölzernen Schild versehen. Von diesem 
fanden sich nur Bröckchen. 

11) Ein desgleichen, weniger gut erhalten. 

12) Ein Stück von einer eisernen Pferdetrense. mit 3 Zoll im Durch- 
messer haltendem Ring an der Seite. 

Die Sachen von Eisen sind sämmtlich dick mit Rost belegt. 

13) Stücke von Bronzeplatten, ziemlich dünn, anscheinend von Gc fassen 
oder Rüstungen herrührend. 

14) Mehrere bis 8 Zoll lange Thierzähne, wohl von Pferden. 

In dem unter 1 beschriebenen Gefasse fanden die Arbeiter auch Knochen - 
fragmente; ob von Menschen- oder Thierknochen möchte schwer zu bestimmen 
sein. Die übrigen Gefasse enthielten keine Rnochenreste ; möglich dass solche 
vorhanden gewesen, aber in dem ziemlich feuchten Boden verweset sind. 

Von den Sachen sind einige, z. B. das Gefass unter 1., die Perle und die 
Glasscherben wohl unzweifelhaft römischen, andere fränkischen Ursprungs. Sie 
scheinen der Zeit anzugehören, in weicher die Römer und Franken um den 
Besitz der Länder an beiden Seiten des Rheines stritten, also dem 3. oder 4. 
Jahrhundert. Die Grabstätte dürfte uls eine fränkische anzusehen sein. Dass 
unter den Sachen römische vorkommen, spricht nicht dagegen; diese können 
Franken von Römern erhandelt oder erbeutet haben. 

Essellen, Hofrath. 



10. Seligenstadt. Die Restauration des altromanischen Domes in 3c- 
ligenstadt bei Asohaffenburg veranlasste, dass das Grabmal Eginhards und Em- 
mas (ein Marmorsarkophag) aus dem Mittelschiffe in eine Nebenkapelle ge- 
bracht und bei dieser Gelegenheit geöffnet wurde. Man war überrascht, in dem- 
selben noch die Ueberfeste einer dritten Leiche zu finden, nämlich, wi3 die gut 
erhaltene Pergamentschrift beurkundete, die einer Tochter Eginhards. Sonder- 
bsrer Weise . fehlt dem Skelet von Eginhard der Schädel. Von alten Stoffen 
fand sich nichts von Bedeutung vor, denn die Knochen sind nur in einfarbige 
violettsohwarze und in rothe verschossene Stoffe, welche den Futterstoffen der 
Messgewänder des Mittelalters ähnlich sind, eingewickelt. Der Sarkophag zeigt 
den Stil aus dem Ende des 17. Jahrhunderts. Leider wird die genannte Kirche 
gegenwärtig von einem Landbaumeister in Offenbach so gründlich restaurirt, 
dass sehr viel Schönes und durchaus nicht Baufälliges aus der malerischen Ba- 
rokzeit, welches historische Bedeutung hat, einer moderneu nüchternen romani- 
schen Schablone Platz machen muss. Es ist dies um so mehr zu beklagen, da 
in der Nahe tüchtige Kräfte, wie der Dombaumeister Wesiken in Mainz und 
Baurath Essenwein in Nürnberg, die Oberleitung hätten übernehmen können. 



Miscellen. .%B 

Seligenstadt ist ein Landstadtchen yon circa 4000 Ein-wohnem, hat keine Fabri- 
kation wie die Nachbarstadte, besitzt aber ein sehr reiches uraltes Stift, wel- 
ches mehr *als honderttausend Gulden auf eine solche Restauration verwenden 
kann. Ausser einigen guten Goldstickereien und Statuen aus dem 16. und 17* 
Jahrhundert besitzt die Kirche keine nennenswertheu Sehenswürdigkeiten^ wohl 
aber ein überaus reichhaltiges, wenn auch abschreckend zopfiges Jesuiteninven- 
tar an Holzwerk und schlechten fiildern, Reliquienbehältern etc. An Curiosi- 
täten ist die kleine Stadt reicher als der gprosse Dom. Denn der riesige Löffel, 
mit welchem Karl der Grosse bei seiner verstossenen Tochter Emma jenes Ge- 
richt gegessen haben soll, an dessen Zubereitung er sie wiedererkannte, wird 
sogar in zwei Exemplaren gezeigt und diese spielen in der That eine fast wun- 
derthätigere Rolle, wie manche ächte Reliquie. Nur müssen wir leider gestehen, 
dass diese Löffel den Mund des grossen Kaisers nicht berührt haben, sondern 
spiessbürgerlich aus den ehrsamen Städten Nürnberg und Augsburg stammen, 
allwo sie bei Messgelegenheiten auf Kosten der zugereisten Neulinge in der 
Zanft gefüllt und in einem Zug geleert werden mussten. Diese Löffel, an 
welche sich ein Stück mittelalterlichen Humors knüpfl, gleichen an Grösse und 
Form der Kehrseite der alten runden Citheru, sind an dem yiolinartig geboge- 
nen Stiele reich geschnitzt und fassen etwas mehr als eine Flasche Wein. Am 
Ende des Stieles ist eine massive Holzkettc befestigt, welche dem Trinker um 
den Hals gehegt und an dem andern Löffelende eingehakt wird. Solche Löffel 
sind einestheils für den Wirth ein probates Mittel, um seinem Weinkeller Zu- 
spruch zu verschaffen, und andemtheils, um das Kapitel »Wein, Weib und Ge- 
sang« durch eine Unzahl von Knittelversen in gehobener Stimmung zu verherr- 
lichen. Wer nämlich aus dem Löffel t Karls des Grossen c trinkt, muss sich in 
ein grosses Buch einschreiben und es wirkt dabei der kleine Affe, welcher dem 
wackeren Zecher im Nacken sitzt^ so sehr auf den Nachahmungs- und Produc- 
tions-Trieb; dass selbst auch poesielose Naturen das »Reim Dich oder ich fress 
Dich« probiren. Der Wirth >im Riesen« kam zu einer solchen alten ererbten 
Chronik, die er durch fleissiges Vorlegen Jahr für Jahr bis zur Gegenwart be- 
reicherte und auf die wir unsere Culturhistoriker hiermit aufmerksam machen. 
Dass unsere Bildung in den letzten 80 Jahren fortgeschritten, konnten wir aus den 
Proben der in Reime gebrachten Weinseligkeit nicht erkennen, höchstens mögen 
einige gute Weinjahre den höheren Ausdruck dieser »angeheiterten« Volkspoesie 
vennlasst haben. — Den älteren Löffel besitzt die aus der ehemaligen »Krone« 
stammende Malerfamilie Kettinger nebst einer Chronik, in der selbst Peter der 
Grosse constatirt, dass ihm der Trunk aus diesem Löffel behagt habe. Seligen- 
stadt hat am Main noch Ueberreste einer im besten romanischen Stil gebauten 
Burg aufzuweisen, welche der des Barbarossa in Gelnhausen sehr ähnlich ist. 

Fr. J. 

11. Frankfurt. In der am 19. Juni abgehaltenen Sitzung des Vereins 
für Geschichte und Alterthumskunde hielt Hr. Inspector Prof. Dr. 
Becker einen ersten Vortrag über die Ausgrabungen auf der Saalbarg bei 



304 



Miiceilen. 



Homburgi indem er zuvörderst über Namen und Deutung^ von »Taunus« rieh 
verbreitete. Nach einer kurzen Betrachtung der Gebirge des alten Germaniens 
im Ganzen und Einzelnen, insbesondere aber von den den Römern sich zunächst 
am rechten Rheinnfer darbietenden Höhenzügen, wurden eingehend die Quell- 
stellen erörtert, in welchen sich »der mons Taunus c bei den alten Geographen 
und Gesohichtschreibem erwähnt findet, die verschiedenen Ansichten der Inter- 
preten bezüglich der Bedeutung und Verlegung desselben näher dargelegt, die 
endliche Beziehung auf unsere »Höhe« (Heyrich, Einrieb) hervorgehoben und 
die Richtigkeit dieser Beziehung durch den Fund von 6—7 römischen Inschrif- 
ten am Fusse des Gebirges weiter oonstatirt, von welchen Steinschriften drei 
ausdrücklich das Wort »Taunensis« in voller Form beurkunden. Es wurden so- 
dann die von Tacitns und Gassius Dio erwähnten, im Lande der Sigambrer 
und Chatten von dem älteren Drasus angelegten Castelle an der Lippe und auf 
dem mons Taunus nnd das nach dem frühzeitigen Untergange des ersteren ohne 
Zweifel bei Niederbiber unweit Neuwied errichtete in ihrer gesammtstrategischen 
Bedeutung, zumal als die beiden grössten auf dem rechten Rheinufer cha- 
rakteririrt nnd aus den mit dem Jahre 1723 beginnenden Funden auf der Saal- 
burg und aus der allmäligen Aufdeckung eines grossen Gas teils dortselbst neue 
Beweise fur^ die Identificirung unserer »Höhe« mit dem mons Taunus der 
Alten «entnommen. — In der am 3. Juli abgehaltenen Sitzung des Vereins 
für Geschichte und Alterthumskunde hielt Herr Inspector Prot Dr. 
Becker einen zweiten Vortrag über die Ausg^bungen auf der Saalburg bei 
Homburg, in welchem er zugleich einige ergänzende Bemerkung^en zu dem 
ersten nachtrug. Im Anschlüsse an die im ersten Vortrage gegebene Geschichte 
des »mons Taunus« der Römer und seiner Beziehung auf heutige Deutsche 
Berge und Gebirgszüg^e wurde zuvörderst unser Taunus als das einzige deutsche 
Gebirge bezeichnet, welches nach den Aeusserungen der Alterthumsforscher und 
Touristen, einerseits durch den feinen Schwung seiner Linien, durch die Art 
seiner Erhebung aus einer grossartigen Ebene und durch die eigene südliche 
Vegetation an die €tobirge Mittelitaliens, vor allen an das Albanergebirge er- 
innere, andererseits ebenso durch die Zahl der Fundstücke römischer Denk- 
mäler allen übrigen deutschen Gebirgen voranstehe, und zwar nicht blos an 
seiner Südseite, sondern auch auf dem Kamme des Gebirges selbst Hier sei es 
vor allem die Stelle, welche unter dem Namen der Saalburg durch die trotz 
unbezweifelbar vielfacher Zerstörung durch die Germanen, .noch vorhandenen 
Mauerreste, Substructionen von Gebäulichkeiten und zahlreiche Funde das Bild 
einstigen römischen Militär- und Verkehrslebens an der Nordgrenze des Reiches, 
eines gewaltigen Gasteils an dem Pfahlgraben und einer bei demselben erwach- 
senen Lagerstadt erkennen lasse. Hiemächst wurde eine Geschichte der Aus- 
grabungen und Funde daselbst von 1770—1872 gegeben, wobei zuvörderst die 
Aufdeckung eines wohl der altchristlichen Periode angehörigen Steinsarges mit 
Deckel, Symbolen und Aufschriften an dem sog. Emesberge, sodann der 1723 
den Substructionen der Saalburg selbst entnommene Votivaltar einer Soldaten- 
abtheilung far Kaiser Caracalla (212 n. Chr.), jetzt an dem »weissen Thurm« 



T»* 



Miseelleti. 806 

des Homburger Schlosses eingemaaert, erwähnt nnd der bezüglichen antiquari- 
schen Bestrebungen des damaligen Landgrafen Friedrich Jacob gedacht wurde. 
Diese Bestrebungen, in besonderen Fundprotocollen im ehemaligen Homburger 
Archive beurkundet, scheinen in den vierziger und noch mehr beim Ausgange 
der siebenziger Jahre des vorigen Jahrhunderts den Hessen-Homburgischen Re- 
gierungsrath Elias Neuhof zu Ausgrabungen auf dem Taunus, insbesondere auf 
der Saalburg, zumeist veranlasst zu haben. Die ersten Resultate derselben legte 
er in einer im J. 1747 erschienenen jetzt sehr seltenen Schrift, deren Kenntniss 
der Mittheilung des Herrn Baumeisters Jacobi in Homburg verdankt wird, so- 
dann in seiner 1777 und 1780 herausgegebenen »Nachricht von den Alterthü- 
mem bei Homburg« nieder und verwerthete sie mit unbestreitbarem Verdienste 
zu der Auffassung und Deutung der Fundstücke, welche sich im wesentlichen 
bis jetzt als die richtige bewährt hat. Diese Resultate fanden theils Zustimmung, 
wie unter anderem aus des Frankfurter Kunstforschers H„ Hasgen »Yerräthe- 
rischen ßriefenc (1776) ersehen werden kann, theils riefen sie die Aeusserung 
abweichender Ansichten hervor, wie die 1778 in einer kleinen Schrift bekun- 
dete eines nicht genannten Freundes, welcher die Trümmer auf der Saalburg 
der fränkischen Zeit zuweisen wollte und nähere (neu erbrachte) Beweise sich 
vorbehielt. Nach eingehender Darlegung der Resultate der Neuhofschen Aus- 
grabungen und Aufstellungen wie auch nach einer Digression über die im An- 
fange der neunziger Jahre im Castell zu Niederbiber bei Neuwied auf Anregung 
der damaligen Fürstin von Wied gemachten Ausgrabungen, erwähnte der Vor- 
tragende die 1816 — 17 beim Baue der Homburg-Üsinger Landstrasse gemachten 
wichtigen Münz- und inschriftlichen Funde und wandte sich sodann den 1853 
bis 1867 von dem bekannten Archivar Habel mit Unterstützung des Landgrafen 
Ferdinand und der Homburger Kurhausadministration unternommenen Ausgra- 
bungen zu, charakterisirte deren Resultate allseitig und vorbreitete sich schliess- 
lich über die letzte Periode von Aufdeckungen daselbst, welche 1870—72 unter 
der Leitimg des Conservators des Wiesbadener Museums« Hrn. Oberst A. von 
Cohausen, sowie des Baumeisters Hm. L. Jacobi von Homburg mit Unterstützung 
der k. Staatsregierung und des zu Homburg jüngst gegründeten »Vereins zur 
Förderung der Saalburgbauten« bewerkstelligt, eine nach jeder Seite hin reiche 
Fundausbeute erzielten, deren Einsichtsnahme für den beabsichtigten gemein- 
samen Ausflug nach der Saalburg vorbehalten und die dabei zumeist nur über- 
sichtlich gegeben wurde. Hierbei wurde auch der zu Zwecken anschaulicher 
Belehrung für die Saalburgbesucher theils bereits ausgeführten, theils beabsich- 
sichtigten Wiederherstellungen der Thorthürme, des Wallweges und der Zinnen- 
bekrönung gedacht, sowie die bereits vollendete Erbauung eines Gräberhauses 
zur Aufnahme von Gräberfunden und die projectirte Gründung eines kleinen 
Museums für Originalstücke und Gypsabgüsse bei der porta decumana hervor- 
gehoben. 

Aus der neuesten Fnndausbeute wurde sodann das Randstück eines Ge- 
fasses von sahönem weissem Glase mit eingeritzter Fischgestalt und dem Reste 
des Buchstabens E oder F vorgezeigt und in dem bedeutsamen Fischsymbol 

20 



L 



806 Miflcellen. 

eine erste Spur christliehen Glaubens in der einstigen Lagerstadt bei dem Castell 
auf der Saalbarg erkannt. 

Schliesslich wurde noch die wohlbegvündete Aufstellung des Hrn. Bau- 
meister Jacobi mitgetheilt, wonach die einstige römische Ansiedelung NOYYS 
VICYS (Neudorf) bei Heddemheim als eine nach gänzlicher Aufgabe der zer- 
störten Lagerstadt beim Castell weiter landeinwärts bewerkstelligte Neugründung 
anzusehen sei und dabei auf das parallele Verhältniss zwischen den verrouth- 
lichen Ansiedlungen Yictoria imd Victoria nova (jetzt Heddesdorf) bei dem Ca- 
stelle von Niederbiber hingewiesen, wobei insbesondere auf die in ihrem ersten 
Theile bis jetzt noch unerklärten modernen Namen der bezüglichen Ocrter 
Heddemheim und Heddesdorf aufmerksam gemacht wurde. 



12. Bettenhoven. Briefliche Mittheilung des Hri^. Pfarrer Grün an Prof. 
Freudenberg zu dessen Art. Jahrbb. LH. S. 117 ff. »Ein merkwürdiges Blei- 
siegel des Köln. Erzb. Piligrimus.t Es kann keinem Zweifel unierliegen, dass 
das von Ihnen publicirte Bleisiegel ein wirkliches Siegel und keine Denkmünze 
ist. Denn 1. hat dasselbe das von Prof. Düntzer als beweisend bezeichnete Merk- 
mal, nämlich die durch das Innere desselben von Rand zu Rand durchlaufende 
runde Oeffnung zur Durchziehung einer Kordel. Von letzterer fand sich zwar 
nichts mehr vor, was aber dadurch, dass sie während einer so langen Zeit 
vermodert ist, natürlich zu erklären ist. — 2. bezeugen Fundort und klar er- 
kennbarer Zweck desselben es als wirkliches Siegel. In dem von Tuffsteinen 
aufgemauerten Stocke eines Altare fixum befand sich das sog. sepulchrum und 
in diesem das Siegel als Bedeckung und Yerschliessung eines runden Glasge- 
fasses. Dass dieses Gefass ein Reliquienbehälter war,, ist an sich, wie besonders 
dadurch, dass sich auf dem Boden desselben noch klebriger Staub befand, nicht 
zu bezeifeln, vielmehr gewiss, dass es die Reliquien enthalten hat, welche da- 
mals, wie auch heute, bei der Consecration eines Altares in das sepulchrum de- 
ponirt wurden und werden raussten. Dieses Gefass war nun zweifelsohne mit 
dem darauf liegenden Siegel vermittelst der durch die Oeffnung desselben ge- 
zogenen Schnüre zusammen gebunden, damit das zum Verschluss desselben die- 
nende Siegel befestigt liegen blieb. Von einer sonstigen Urkunde fand sich keine 
Spur. Es war aber auch eine solche unnöthig, da das Siegel ja für sich sowohl 
die Aechtheit der Reliquien, als auch die Consecration des Altars vollständig 
documentirte. — Leider ist das Glasgefass abhanden gekommen und nicht aus- 
findig zu machen. Wie mir mein Küster sagt, war dasselbe rund von grünlichem 
Glase mit mehreren reifförmigen Glaserhöhungen versehen, oder mehrfach ringsum 
umreift. 

Ueber die 8 Figuren und die sie umschUessende Legende auf der Kehr- 
seite des Siegels habe ich eine andere Ansicht. Ich halte nämlich diese 8 Fi- 
guren nur für symbolische Darstellungen der drei christl. Kardinaltugenden 
und eben diese Darstellung, in welcher die Karitas die anderen weit überragt, 
und über die Häupter derselben die Hände segnend oder weihend ausstreckt. 



Mtsoellen. 807 

* all besonders entsprechend mit Q$l. 6. 6, und 1 Gor. 18. 13. Demzufolge nahm 
ich Religio in der Bedeutung als Inbegriff der ohristl. Glaubens- und Sitten- 
Wahrheiten, somit als Religion der kölnischen Kirche oder Religio christiana. Die 
Annahme aber, dass die Darstellung auf den besondem £ifer des Erzb. Piligri- 
muB, den Cult der drei unter diesem Namen verehrten h. Jungfrauen zu 
▼erbreiten und zu fordern hindeute, schien mir deswegen weniger wahrschein- 
lichy weil, wie überhaupt in hiesiger Gegend, diese nur selten als Eirchen- 
patroninnen vorkommen, er diese dann eben bei der Gonseoration der hiesigen 
Kirche, statt des L Pancratius, wohl als Kirchenpatroninnen gewählt haben 
würde. Dagegen, da Religion, wie Sie richtig bemerkten, auch die Bedeutung 
»Heiligthum« hat, erscheint eben in dieser Bedeutung das Siegel als ein Weih'- oder 
Gonsecrationssiegel und man könnte, eben in der Legende, wenn man diese als 
geweihtes Heiligthum der Kölnischen Kirche (wozu ja die Kirche zu Bettenhoven 
stets gehörte) deutet, einen Beweis hiefur erkennen. Wir hätten also ein eige- 
nes Gonsecrations-Siegel des Erzb. Piligrimus, nur für diesen Zweck be- 
stimmt und gebraucht. Es wäre sehr interessant, zu erfahren, ob sich nicht 
auch ein gleiches Siegel von der von Pilgrimns 1028 vorgenommenen Gonseora- 
tion der Kirche zu Brauweiler vorfindet — Sie bemerken, dass in dem Ge- 
höfte zu Frauenrath die hh. Schwestern unter dem Namen Pelmerge Sohwell- 
merge und Krieschmerge angerufen wurden. Wie ich hier höre, soll das auch 
unter dem Namen: Drillbärbel, Schwellbärbel und Krieschbärbel ge- 
schehen, also eine kleine variatio. üeberhaupt aber sind dieselben wenig bekannt. 
— Durch'^dai Siegel ist nun die 2^t der Gonseoration des Altars resp. auch 
der Kirche (falls sie nicht schon früher consecrirt war) sicher bestimmt, da 
nach altkirchlichen Vorschriften ein altare fixum in einer nicht consecrirten 
Bördhe nicht errichtet werden durfte. Es wäre wohl nicht unwahrscheinlich, 
dass Pilgrimus diese Gonseoration vorgenommen hat bei seiner Hin- oder Rück, 
reise su resp. von der Krönung des Kaisero Heinrich lü., die er urkundlich 
vollzogen hat, da ja die Hauptstrasse von Göln nach Aachen über Jülich nahe 
hier vorbeiführte, und dann hätte die Gonseoration 1028 stattgefunden. Für ein 
wenigstens so hohes Alter zeugt auch, wie Sie richtig . hervorgehoben haben» 
theils der einfach romanische Baustyl theils das Mauermaterial, wie jetzt noch 
an dem Kiichthum sichtbar ist, und eben so deutlich hervortrat an der 1668 
bei der Erweiterung der Kirche abgebrochenen südlichen Frontmauer des Schiffes, 
welche noch die ursprüngliche war. Auch diese war hauptsächlich mit Bruch- 
steinen jeder Art, dazwischen mit grauen Sandsteinen, Tuffsteinen und Römer- 
ziegeln gemauert. So fanden sich an dem Rundbogen über den drei Fensteröffnungen 
Ziegelsteme und '^Tuffsteine abwechselnd als Verzierungen, die einzige Ornamen- 
tik an dieser Mauer. Da nun augenscheinlich dieses Material schon gebraucht 
gewesen, so muss man annehmen, dass bei der Erbauung der Kirche noch 
frühere ältere verfallene Gebäude oder Manrerreste vorhanden gewesen, deren 
Material man für die Kirche benutzt hat. Demnach könnte die Kirche wohl ein 
noch höheres Alter haben und vielleicht nicht gar zu lange xuM)h Abzug der Römer 
erbaut worden sein. Möglich wäre es, dass an ihrer Stelle eine Kapelle der in 



808 IfiBoellen. 

heidiUBoher Zeit hier verehrten Matres oder Matronae war, möglich aber auch, 
das8 sie von den ersten christlichen Besitzern des hiesigen uralten Hofgntes als 
Oratoriom erbaut wurde, worauf wenigstens^ der Umstand, dass die Kirche mit 
den Gebäalichkeiten des Hofgates zur Zeit in Verbindung stand, hinweist. Dieses 
Hofgut gehörte 1272 gemäss einer vom Grafen Wilhelm von Jülich und seiner 
Gemahlin Richardis in diesem Jahre zu Heimbach ausgestellten Urkunde dem 
Grafen zu Jülich, der aber nicht das Patronatsrecht hatte. In dieser Urkunde 
heisst es: ... Notnm faciunt et recognoscunt quod nullum ius patronatus 
habeant vel habuerii^t in Ecclesiam Bettenhoven, licet illa curiae nostrae sit 
contigua. Das Patronatsrecht hatten bis zum Jahre 1216 die Herren von Alfter, 
welche nach einer von Erzbischof Engelbert in diesem Jahre vollzogenen Ur- 
kunde auf dasselbe damals zu Gansten des Klosters zu Füssenich resignirten. 
(Von dieser Urkunde befindet sich ein Abdruck im Urkundenbuch von Lacom- 
biet Bd. U. p. 83 und ebenso ein solcher in einrm im hiesigen Pfarrarehiv be- 
findlichen Buche.) Man kann also mit Grund annehmen, dass die Herren von 
Alfter, weil sie das Patronatsrecht hatten, auch Erbauer der Kirche resp. fun- 
datores der Kirche und Pfarre gewesen sind. Leider befindet sich hierüber ur- 
kundlich nichts vor. Nach Fahne gehörten die v. Alfter zu den ältesten Be- 
sitzern am Niederrhein. Fahne fuhrt von diesen namentlich an : Hermann von 
Alfter 1116—26, Johann 1126—38, Goswin 1166—88 und Goswin 1172—1200, 
sodann den Hermann, Marschall von Göln, welcher 1216 auf das Patronatsrecht 
resignirte. Letzterer war 1217 bei dem Kriegszu^ gegen die Saracenen und be- 
fehligte unter dem Grafen von Holland die Nachhut. Es ist sehr denkbar, dass 
er, um sich die nöthigen Goldmittel zu verschaffen, deshalb sein Petronatsreoht 
übertrug, und, dass er, bis dahin Eigenthümer des hiesigen Hofgutes, dieses 
damals zu denselben Zwecken an die Grafen von Jülich verkauft hat. Für den 
Ursprung der Kirche w&re es sehr wichtig in Erfahrung zu bringen, ob sich 
über diese v. Alfter ältere Urkunden oder Nachrichten vorfanden, imd möchte 
ich Sie bitten, falls Sie davon Kenntniss erhalten haben, mir darüber Näheres 
gefälligst mitzutheilen. Dass die hiesige Kirche schon vor 1216 eine Pfarrkirche 
war, beweist die Urkunde von Erzb. Engelbert, und das Bleisiegel fast un- 
bezweifelbar, dass sie wenigstens zwischen 1021—86 als solche erhoben wurde. 
Eine einfache Kapelle oder ein Oratorium würde wohl nicht conseorirt worden 
sein. — Den Ursprung des Ortes Bettenhoven darf man wohl unbedenk- 
lich von einer Römer-Niederlassung herleiten. Dass eine solche hier bestand, 
bezeugen ja die aufgefundenen Monumente, das Material an der Kirche etc. 
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eben das alte Hofgut ursprünglich eine 
solche Niederlassung gewesen ist, und später mit verschiedenen Besitzungen, 
Renten etc. an die v. Alfter gekommen ist, vielleicht als Lehngnt. *- Den Na- 
men »Bettenhovenc, wie er gleichlautend auch in alten Urkunden steht, möchte ich 
nun wohl abzuleiten wagen vonBeeden, betten, bitten (Petitiones precariae). 
Pfarre und Kirche hatten ehemals zur Dotation eine zahlreiche Menge von Na- 
turalrenten (mit Fruchtrenten) aus den meisten umliegenden Ortschaften zu be- 
ziehen, die wohl vor Errichtung der Pfarre dem hiesigen Hofgnte gehörten und 



Misoellen. 809 

an dasselbe abgeliefert werden mnssten. Der Hof war also unstreitig am Bee- 
denhof, und das um denselben sich bildende Dorf konnte somit nach dem Hofe 
natürlicb benannt werden. Es ist gar keine Andeutung vorhanden^ dass die hh. 
Jungfrauen unter der Bezeichnung Einbetta, Worbetta, Wilbetta hier verehrt 
worden sind, sonst hätte man den Ortsnamen auch davon herleiten können* 

— Im Provinzial' Archiv zu Goblenz befand sich zur Zeit ein Mannscript be- 
titelt: Dednctio historica Partheniae Eoclesiaie in f^senich ex pergamenis lit* 
teris Archivi per ordinem temporum et seriem rerum gestarum ab anno 1147 

— ad annnm 1720 ooordinata, von welchem ein Freund von mir früher Ein- 
sicht hatte und daraus einzelne Notizen über Bettenhoven mir mittheilte. Höchst 
wahrscheinlich enthielt dasselbe noch mehr hierüber. Dieses Mscr. ist leider 
nicht mehr im Arohiv verfindlich nnd wohl möglich, dass es sich anter den 
Schriften des verstorbenen Rg-R. Barsch, der es bei seiner Efflia illust. benutzt 
hat, befindet. In einem andern Werke von C. A. Hugo Estival (1726), welches 
ich auch nicht besitze noch näher kenne, sind Notizen enthalten. 



18. Münstermaifeld, den 10. April 1878. Briefliche Mittheilong des 
Hrn. Dr. Schmitt über den Fund eines grossen Erzgef&sses an Prof. Freu- 
denberg., 

Vor einigen Tagen stiess ein Landmann von hier beim Pflügen auf ein 
grösseres Gefass von Bronze. Es stand senkrecht in der Erde, in demselben 
befand sich bloss Ackergrund. Es hat einen Durchmesser von ca. 16 Zoll oben, 
hat oben an jeder Seite einen Henkel und ruht auf einem massiven Fusse. Es 
hat eine kesselformige Gestalt und erinnert an das 13 Zoll Durchmesser habende 
Gefass aus dem Hildesheimer Fund ; Fuss und Henkel sind ähnlich, doch ist es nicht 
so hoch wie das Hildesheimer. Das Ganze ist mit einer grünen ozydirten Masse 
überzogen und noch mit Erde beschmutzt. Beim Ausheben dachte man nicht 
daran, dass sich an dem Gefässe ein Fuss befände nnd wandte Gewalt an, um 
es aus der Erde zu bringen; dadurch sprang der Boden und ein ausgebroche- 
nes Stuck mit dem Fusse blieb im Boden zurück, das man dann ausgrub. Der 
Boden ist stark oxydirt und brüchig geworden, wodurch es möglich wurde, dass 
ein Stück daraus ausgebrochen werden konnte. Der obere Theil und der Fuss 
sind gut erhalten, überhaupt das ganze Gefass noch vorhanden. Verzierungen 
finden sich nicht an demselben, nur oben zwei erhabene Reifen. 

Der Fundort war ein Acker in der Nähe des Hofes Ealsch, wo man schon 
früher römisches Mauerwerk und ein Gemach mit römischem Estrich gefunden 
hat. Es war daselbst sicher eine römische Niederlassung; auf einem frisch 
geackerten Felde, das ich kürzlich durchging, sah ich eine Menge römischer 
Ziegelreste zerstreut^). 

>) Vergl. die geogr.-hist. Untersuchung v. Gymn.-0.-L. Seul zum Goblenzer 
Progr. 1840, wo Kais ch als eine Zusanmienziehong des Namens Galigola ge* 
deutet wird, welcher in dieser (}egrend, in vico ambitirvio, geboren sein soll. 
Genf. Sneton. vita Galig. 8, J. Fr, 



310 Miscellen. 

Es ist daher wohl kein Zweifel, dass dieses Gefass römischen oder gallo- 
romanischen Orsprangs ist. — Dasselbe ist für unsere Vereinssammlung yon 
Alterthümern erworben worden. 



14. Von der Ahr. Römische Alterthümer wurden im Nov. v. J. in der 
Nähe des Appolinarisbronnen bei »Ausg^rabuDgen zu Neubauten ca. 14 F. tief 
unter der Oberfläche gefanden, worunter auch Thon- und Glasgeföss und gut 
erhaltene röm. Münzen von E. Yalerianus (253^260) und Caes. Saloninus Yaleria- 
nus. Dieses erinnert an interessante Ausgrabungen, welche im J. 1853 bei An. 
läge dee Abflussg^rabens für den Apollinarisbrunnen gemacht wurden. Damals 
machte man die ESntdeckung, dass in einer Tiefe von ebenfalls 14 F. ganze 
Reihen regelmässig gepflanzter Weinstöcke in der Erde standen. Hieraus lässt 
sich ein Schluss auf das Alter des Weinbaues in unserm Thale machen. 

(Köln. Ztg.) 



16. Bonn. Herr Dr. Decker, Gymnasial-Lehrer in Neuss theilte dem 
Unterzeichneten bereits im vorigen Jahre folgende räthselhafbe Inschrift mit, 
welche sich um den Hals eines Saljsfläschchens aus weisslichem Thon hinzieht: 

OAil • SVNXAt^lS illRIINDAS IIICIT- 
CLAVDIVS- VICTORINVS 

Die Buchstaben bilden eine Art von Gurrendschrifb; dem A fehlt der 
Verbindungsstrich, £ wird durch zwei Vertikalstriche bezeichnet, F durch das 
Spiritus asper zur Seite ober dem Vertikalstrich, das L bildet einen stumpfen 
Winkel, endlich schlängelt sich das S nach oben und unten über die Linie hin- 
aus. Damach wäre die Umschrift zu lesen: 

DAE • S VNXALIS • FERENDAS FECIT • CLAVDIVS • VICTORINVS. 

Beim ersteig Anblick der seltsamen Aufschrift denkt wohl mancher un. 
willkürlich an die jüngst bekannt gewordene Göttin Unuxalla oder Sanuxsalis 
auf 2 in unseren Jahrb. publizirten Weihinschriften (H. XII. S. 45 und XXV. 
S. 18 ff.)* ^^^ BO theilt mir denn auch mein geschätzter Freund Prof. Düntzer, 
indem er von der Voraussetzung ausging, das S hinter DAE diene bloss zur 
Interpunction, die Vermuthung mit, es sei zu lesen: D(e)ae Unxali ferenda fecit 
Cl. Vict. Jedoch abgesehen davon, dass man auf einem Salbentöpfchen nicht 
leicht eine Widmung an eine Göttin erwarten dürfte^ ist die Annahme des S 
als eines Interpunctionszeichens nur nach dem 3. Buchstaben zutreffend, nicht 
aber für das in den 2 folgenden Worten wiederkehrende S. Mehr dürfte sich 
eine andere Vermuthung, für welche sich auch mein geehrter Freund Prof. 
Becker in Frankfurt ausgesprochen hat, empfehlen, dass in dem 1. Worte DA 
die Sigle für ein Gewicht stecke (etwa drachma?) und dass die beiden Striche 
II nicht = E, sondern das Zahlzeichen für duo oder duas, endlich S = semis 
sei. Das W. Unxalis müsste man als Genitiv eines freilich sonst nicht vor- 



MisoeUen. 811 

kommenden Wortes unzale nehmen =s unguentum. Ferendas könnte, wenn 
man es mit der Grammatik nicht allzu genau zu nehmen brauchte, das Fasseni 
Enthalten des Gewichtes bedeuten. Der Sinn wäre demnach: Gl. Vict. machte 
(solche Salbtöpfchen = ollulas), welche 2Vs (Loth oder Quentchen??) Salbe fas- 
sen können. Wir geben diesen Vorschlag, nicht als ob ^ir ihn für richtig hiel- 
ten, sondern um Kenner der Epigraphik zu veranlassen, ihren Scharfsinn an 
der Lösung der jedenfalls interessanten Umschrift zu versuchen ^). 

2. Hr. Decker hat mir ausserdem eine Anzahl von Namensstempeln auf 
Terrakotten mitgetheilt, die grosaentheils in der auf dem Rathhause zu Neuss 
befindlichen Sammlung von Alterthümern aufbewahrt werden. 

Mit Uebergehung der bekannten Stempel hebe ich hervor: 1. CAGIVS, 
am untern Rande eines Erügleins, wohl =: CAIVS (Fröhn. 521 ff.); 2. MAR- 
NVS, =^ Marinus (?). Fröhn. 1480; 8) IMANVS, auf einer Schaale (Fröhn. 
1187 aus Windisch); 4) OPISO FEC. (Fröhn. 1739 aus Dormagen); 6) 
AAAA^IS F (Fröhn. 78 Amabilis; 79 Amadis); 6) MOTVCVS (fehlt bei 
Fröhn.); 7. AVCVSTINVS F (Fröhn. 235 fg.); 8) ORIBOS (vgl. Kamp, 
die epigrapb. Anticaglien in Cöln. Nr. 49 Daibo? 9) OFISOFFC. scheint 
nach Nr. 4 zu verbessern; 10) OFMVS, 2 mal, wohl = MVSa, Fröhn. 1655; 
11) MONIM, vgl. Fröhn. 1616, Monim; 12) lASSVS (Fröhn. 117* fg.); 13) 

SATVRNVS (Fröhn. 1885). -^ Die weiteren dankenswerthen Mittheilungen 

des Hm. Dr. Decker über Legionsstempel, so wie die Aufschriften vonTrinkg^- 
fassen von schwarzem Thon finden sich schon bei Bramb. G. I. Bh. 262 ff. 

J. Freudenberg. 



16. Bonn. In dem mir eben zugegangenen »Zwölften Bericht des 
antiquar.-hist. Vereins für Nahe und Hunsrnoken zu Kreuznach« 
im Sommer 1873, findet sich unter Nr. III ein beachtenswerther Vorschlag, der 
Beschreibung von Alterthümern Abbildungen beizufügen, von dem um die För- 
derung dieses seit 17 Jahren erfolgreich tbätigen Vereins sehr verdienten Ar- 
chitekten Hrn. P.Engel mann. Er empfiehlt nämlich, ausser Abbildungen nach 
der Natur oder nach vorgenommenen Messungen, besonders den Abklatsch der 
mit autographischer Tinte gefertigten Zeichnungen auf Stein und den leicht zu 
bewerkstelligenden Ueberdruck derselben als ein treffliches Mittel, um ein kla- 
reres Bild der beschriebenen Gegenstände hervorzubringen und das genauere 
Studium derselben zu ermöglichen. Als Beispiel und als Erläuterung dieses 



') Das Salbentöpfchen, dessen Zusendung zum Behufe des Ankaufs wir 
von dem Besitzer wiederholt erbeten hatten, ist jetzt, sicherm Vernehmen nach, 
in das Museum der Alterthümer in Berlin gelaii^. 



812 Misoellen. 

Vorsohlagas gibt er auf Tafel I nach diesem Verfahren Abbildangen von Töpfer- 
jiameii aaf yersohiedenen Gefassen, Grablampen, Legionsstempeln auf Ziogebd 
etc., woran wir einige Bemerkungen knüpfen wollen., Ueber das gestrichene D. 

in Fig. 6 MED B IC * FE ist ausser dem Ciiat in Bonn. Jahrb. 49 (nicht 59) 
p. 157 wegen des N&heren auf J. Becker die inschriftlichen Ueberreste der 
kalt. Sprache S. 207 ff. (in den Beitragen zur vergl. Sprachforschung auf d. 
Gebiete d. arischen, kelt. u. slav. Sprachen. Von A. Kuhn u. A. Schleicher. Bd. 
III, 2 ff. Berl. 1865) zu verweisen. — Was das doppelte W des Namens in 
Fig. 28 betrifft, so ist dasselbe nicht als ein W, sondern unzweifelhaft als eine 
Ligirung von N und Y anzusehen, womach sich mit Hinzufügung des ausge- 
fallenen I der bekannte Töpfemame lANVARIVS ergibt. Wenn Hr. Engel- 
mann zu Fig. 40 OFFVRSI gegen die von mir (Bonn. Jahrb. 41 p. 180) ge- 
gebene Deutung des Stempels eines bei Bonn gefundenen L&mpchens OVR 

als Ofßcina URsi das Bedenken geltend macht, dass auf keiner der in der 

Erenznacher Sammlung befindlichen Grablampen sich bei dem Töpferstempel 
die Bezeichnung Offioina finde und bei einigen nur jF s= Fecit beigefügt sei ; 
so mag zur Hebung dieses Zweifels die Verweisung auf das röm. Antiquarium 
von PhiL Houben in Xanten, von Prof. Fiedler S. 53 genügen, wo es ausdrück- 
lich heisst: »auf den bei Xanten gefundenen Lampen findet man häufig die 
Namen FORTIS, GARPI etc. OF ; sUtt des gewöhnlichen OF steht auch F, das 
entweder figulus (Töpfer) oder fecit bedeutet, wofür auch bisweilen F£G ge- 
schrieben istc. Uebrigens ist die sorgfältige Facsimilirung dieser Inschriften, unter 
denen mehrere bisher nicht bekannte sich finden, recht dankenswerth. Hierher 

gehören Fig. 5 CORSO FEC, Fig. 10 AViZiNI^ Fig. 12 lOLVNTOS- 
SVS, Fig. 16 IIIPIDVS (Lepidus), Fig. 17 OFLVCIEVS (vgl. Fröhu^r 
Insor. terrae coctae Vasor. Götting. 185S) n. 1365 ff, Fig. 21 OAIO (Dato?), 
Fig. 29 CAVNI, Figur 32 FASTVI «Fabrica ASTVI (vgl. Frohner 1. c. 
n. 165), Fig. 33 oFRilS (Res. cf. Fröhn. n. 1772), der Name im Nominativ 

nach OF auch Fröhn. Nr. 731. Bemerkensweith ist noch Fig. 18 OFFEICIS 
s Officina Felicis, vergl. Fröhn. 1081. 

Fig. 30 AT/VSAF ist wahrscheinlich ATTVSA «u lesen, vgl. Froh- 
ner l. c. 212. — Von Fig. 37 weiss ich die 2 ersten Buchstaben P I nicht zu 

entr&thseln, wenn nicht der Vor- und Gentilname darin steckt, wie Fröhn. 196 
C. ATISIV8 8ABINV8, ebenda 207 P • ATTI, 248 P • S • AVIT; der folgende 
Namen, dessen drei erste Buchstaben umgekehrt stehen, ist zweifelsohne 

ATTONIb, eine in Nymwegen, Bottweil und Rheinzabern vorkommende 
Töpferfirma. 

In Nr. y das Mithrasdenkmal bei Schwarzerden betreffend 
berichtigt Hr. Engelmann wiederholt (s. d. 11 Jahresber. p. 35 ff.) die stets 



Miscellen. 313 

wieder auftauchende irrige Meinung, indem das von Schöpflin in seiner Alsatia 
illustrata beschriebene und abgebildete Mithrasdenkmal nicht im Elsass (in der 
alten Grafschaft Dachsburg), sondern beim Dorfe Schwarzerden im rhein- 
preuss. Kreise St. Wendel zu suchen sei. Darnach ist denn auch Bramb. G. I. 
Rh. p. 155^ wo noch ein Dorf Schwarzerden im Kreise Simmem mit dem 
Mithrashild erwähnt wird^ zu berichtigen. Vgl auch dieses Jahrb.: »Schaaff- 
hausen, Ein römischer Fund in Bandorf. c p. 131. — Kr. VI enthält einige Berich' 
tigungen und Zusätze zuBrambach C. I. Rh. p. 152 Kreuznach und p. 154 Bin- 
gerbrdck, woraus wir erfahren, dass mehrere Nummern der von Bramb. be- 
schriebenen Inschriftsteine, welche zur Sammlung des Vereins gehören und in 
einem Raum des Stadthauses aufbewahrt worden, nicht mehr Torhanden sind. 
Es sind dies Nr. 722-725. 726. 728. 729. 730 und 732. — Nr. 737—744 be- 
finden sich mit Ausnahme von 740 gegenwärtig in der Wohnung des Hm. En- 
gelmann. Die beiden Inschrift steine Nr. 740 und 745, die bei den Erdabtragun- 
gen auf dem Bahnhof zu Bingerbrück gefunden und von Hm. Engelmann ab- 
gezeichnet wurden, sind wenige Tage darauf verschwunden und später in einer 
benachbarten Alterthumssammlung wieder aufgetaucht. 

Schliesslich wünschen wir dem Verein, welcher für Sammlung und Er- 
forschung von römischen Alterthümern, welche grösstentheils aus den Ruinen 
des Römercastells bei Kreuznach, der sog. Heideumauer und von Bingerbrück 
herrühren, im Verhältniss zu den geringen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, 
recht Anerkennenswerthes geleistet hat, auch für die Zukunft fröhliches Ge- 
deihen und wo möglich gesteigerte Theilnahme. 

J. Freudenberg. 

17. Trier, im Sept. Auf dem römischen Begräbnissplatz vor dem Rö- 
merthore, in der Häuserreihe links von der Landstrasse, wo Herr Eisenwerks- 
besitzer Laeis eine Villa baut, mit deren Fundamentirung und Unterkellerung 
man jetzt beschäftigt ist, wurden viele römische Urnengräber aufgedeckt. 
Die Aschenkrüge und Urnen waren grässtentheils ohne besonderen Schutz neben- 
einander gestellt, nur einige von kastenförmig zusammengestellten Ziegeln um- 
geben. Auf einem Flächenraume von 36 Quadratruthen, der noch nicht ganz 
ausgeschachtet ist, wurden bis jetzt über 130 Gegenstände verschiedener Art 
aufgedeckt. Die Mehrzahl derselben besteht in grösseren und kleineren Aschen- 
Urnen und Krügen von fast allen üblichen Formen und Bestandtheilen. Die 
übrigen Funde sind: einige Schalen von terra sigillata, elfenbeinerne Griffel, 
Salbenfläschchen von stark oxidirtem Glase, irdene Lämpchen, eine metallene 
Breche, verschiedenfarbige, zwei- und dreifach zusammengelegte Glasscherben, 
einige Münzen, darunter ein Kleinerz von Antoninus Pius etc. Diese kleineren 
Sachen befanden sich meistens in den grösseren Urnen bei den Knochenresten. 
Bei diesen reichlichen Funden ist dort bis jetzt noch kein einziger Sarg zu 
Tage getreten. Sämmtliche Gegenstände standen in fast gleicher Tiefe, 5 bis 6 
FuBs unter der Oberfläche auf gewachsenem Sandboden, der von schwarzem 
Gartengmnde bedeckt ist. 



814 Miscellen. 

18. Die alte Burg in Honnef. In Bezug auf die bei Erbauung der 
Villa S. Exe. dei Herrn Generals von Seydlitz in Honnef aufgedeckten und in 
d. Jahrb. L und LI p. 289 erwähnten Mauerreste theilt mir Herr Archivrath 
L. Eistester in Coblenz folgende Angabe mit, die sich mit grösster Wahrschein- 
lichkeit auf diesen Bau bezieht »Conrad, Erzbischof von Köln verglich sich am 
22. Juni 1252 mit Heinrich, Herrn von Heinsberg, auch Herr zu Löwenburg, 
wegen dessen Einsetzung in die Güter seines Mutterbruders Heinrich, Grafen 
von Sayu (Blankenberg, Löwenburg u. s. w.) und wegen der Feste (munitio), 
welche des Erzbischofs Ministerial Heinricus de Hunefe wider den Willen des 
Herrn von Heinsberg erbaut hatte, über deren Schicksal, ob sie niederzulegen 
oder bestehen bleiben soll, Schiedsrichter bestellt wurden. Die Urkunde ist ge- 
druckt bei Kremer, Beiträge zur Jülich-Bergischen Geschichte. Bd. 1. Buch 2. 
Die von Hunfe oder Hunephe kommen in Documenten des Coblenzer Archivs 
oft vor: 1282 Wilhelmus, 1288 Wilhelmus minist, eccl. Colon., 1299 Wilhelmus 
minist.« 1299 Lambertus, 1300 Wilhelmus minist., 1817 HerLamberz, 1334 Hein- 
rich, Her Wilhelmus Marschaller von Huncf, Sohn. Sie führen ein Wappen mit 
schrägem Balken, auf dem 3 Muscheln sich befinden, welches an das der noch 
blühenden Familie von Heddesdorf erinnert, welche Marschälle der Grafschaft 
Wied waren.« 

Schaaffhausen. 



19) In Coblenz wurde unter dem alten Stadt-Brauhause beim Auswerfen 
eines Kellers das Fundament einer 11 F. dicken römischen Mauer gefunden, 
welche Herr Archivrath Eltester für die Umfassungsmauer des römischen Ca- 
strums hält, das an seineu vier Ecken runde Thürme hatte, von denen Ueber- 
reste noch vorhanden sind. Etwa 7 F. tiefer als diese Mauerreste und ausser- 
halb derselben wurden menschliche Gebeine im vulkanischen Sande unter einer 
fast steinharten sogenannten Briizschicht gefunden. Ueber diesen sehr merkwür- 
digen Fund, desseu nähere Umstände ich an Ort und Stelle auf die mir durch 
Herrn Geh. Rath Wogeier zugegangene Nachricht noch in Erfahrung bringen 
konnte, habe ich in der zu Wiesbaden im September dieses Jahres abgj^haltenen 
Anthropologen- Versammlung Bericht erstattet. 

Schaaffhausen. 



20. In Folge einer auf Antrag der deutschen anthropologischen Gesell- 
schaft an die Ortsbehörden ergangenen Weisung, über die Auffindung alter 
Denkmale an die Mitglieder der von der genannten Gesellschaft gewählten Com- 
mission zu berichten, sind mir folgende Mittheilungen zugegangen: 

Aus Pfalzfeld schreibt der Bürgermeister Müller, dass in der Nähe von 
Lingerhahn im Felde ein aus Bruch- und Ziegelsteinen errichtetes Gemäuer 
aufgedeckt worden ist, welches bisher überackert wurde. Die Platten aus ge- 
branntem Thou sowie Thonröhren und Reste von Asche lassen auf eine Heiz- 
vqrrichtung eiuQs römischen Gebäudes schliossen, — tierr Oberförster Schmitz aus 



Miscellen. 815 

Malberg bei Kyllborg macht die Anzeige, dass im Districte 188* des Forstbe- 
laofed Prüm, etwa '/s Meter unter dem Waldboden auf einem Fclsenvoraprang 
am Ufer des Prümflnsser 1 M. dickes aus Mauersteinen erbautes Fundament 
entdeckt worden ist, von welchem eine Treppe nach unten fuhrt. Er hält es 
for wünschenswerthy weitere Nachgrabungen vorzunehmen. — Unter dem 9. März 
1873 zeigt der Eönigl. Oberförster Herr Scheurer aus Nassau an der Lahn mir 
an, dass in seinem Verwaltungsbezirk, in den Gemarktingen der Gemeinden 
Hunzel und Pohl, l'/s Stunde von Nassau entfernt, deutliche Züge von Pfahl- 
gräben, und in der Gemarkung Holzhausen, 2V2 Stunde von Nassau, die Reste 
eines Römorkastells sich vorfinden. In der Entfernung von einigen 100 Schritten 
östlich von den Pfahlgräben zeigen sich viele Grabhügel, die theils in unregel- 
massigen Gruppen theils einzeln vorkommen. 

Schaaffhausen. 



äl. Antiker Steinblock in Coblenz. Tau XVII, Fig. 8. In Coblenz 
befindet sich an einem Pfeiler des Gymnasiums nach der Südseite, da wo jetzt 
die Strasse hindnrchführt, ein grosser viereckiger Steinblock von unbekannter 
Herkunft, der immer an dieser Stelle lag und schon der ehemals auf dem Hofe 
spielenden 8chu]|jugend, die sich um ihn herumtummelte, zu allen möglichen 
Deutungen Veranlassung gab. Am häufigsten ^oirde er als ein germanischer 
Opierstein bezeichnet und die gerade laufende Rinne auf seiner Oberfläche als 
Blutrinne gedeutet. Der auf Taf.XVII Fig. 8 abgebildete Steinblock ist 3' hoch, 
oben 2 ' 9 " breit und 2 ' 6 " tief, unten ist er 3 ' 2" breit, die in die obere 
Seite eingehauene Rinne ist 2^2 " tief und 5 " breit. An der hintern Seite hat 
derselbe ein rundes 8 " tiefes Loch, welches mit punktirten Linien auf der Vor- 
derseite unseres Bildes bezeichnet ist. Die Steinart ist ein dunkelgrüner Diorit, 
der nach Nöggerath in der Nähe des Ehrenbreitsteiu am sogenannten Nellen- 
köpfchen gefunden wird. Ich habe mich wiederholt aber vergeblich bemüht, 
über die Geschichte' dieses Steines etwas Sicheres zu erfahren, bis mir durch 
Herrn Archivrath Eltester die hier folgenden Mittheilungen gemacht wurden, 
die, wie ich glaube, eine sehr wahrscheinliche Deutung des räthselhaflen Stei- 
nes geben. 

Eltester erinnert sich, von dem verstorbenen Gymnasial-Director Klein 
gehört zu haben, der Stein stamme aus dem Rheinbette bei Engers und habe 
der dort gestandenen Römerbrücko angehört und liege seit Erbauung des Gym- 
nasiums, gegen Ende des 17. Jahrhunderts an der jetzigen Stelle. Eltester 
schreibt: »Der Umstand, dass bei der EntdeckuDg der Reste einer Pfahlbrücke 
über die Mosel im Jahre 1864 ganz ähnliche, wenn auch kleinere, nur auf einer 
oder zwei Seiten behauene Dioritquadem zum ^Vorschein * kamen, bestimmte 
mich zu einer genauen Untersuchung des fraglichen Blockes und bin ich nun 
der Ueberzengung, dass er auch aus der Mosel, und zwar wahrscheinlich aus 
der der Stadt zugekehrten Seite herstammt, wo gegen Ende des 17. Jahrhun- 
derte Gorrectionsarbeiten für die Schiffahrt Statt fanden und Funde von gro«- 



316 Miscellen. 

sen Sieinen gemacht wurden. Der Siein isi offenbar ein Arohitekiur-Bruohsiäck, 
wie anch die übrigen in der Mosel gefundenen. Da er eine keilförmige Gestalt 
hat, so hielt ihn Baron Loqueissy, der im Auftrage Napoleon's III. hier die 
Frage nach der Brücke Cäsars studirie, für den Schlusssiein eines grossen 
Thors oder Triumphbogens und die Rinne in der schmalem Seite dazu be- 
stimmt, den Riegel beim Schliessen des aus zwei Flügeln bestehenden Thores 
aufzunehmen. Indessen sind die platten und unebenen Seiten des Blockes •*- 
man müsste denn seine Bearbeitung für unvollendet halten — zu einem solchen 
Schlusssteine nicht passend. Wohl könnte er auch als ein unvollendetes Stück 
nur zur Belastung der Moselbrücke, die ja unzweifelhaft von Holz war, gedient 
haben. Ich denke mir aber seine Benutzung der Art, dass er in derselben Lage, 
wie er jetzt liegt, mit der breiten Fläche nach unten auf der Bohlenlage der 
Brücke so aufgestellt war, dass er in der obcrn Rinne dem Geländer zur Stütze 
diente und das Loch zur Aufnahme eines Zwischenbalkens diente.« Noch wahr- 
scheinlicher ist, dass der schwere Steinblock nicht auf der Brücke selbst, son- 
dern an einem Ende derselben auf dem Lande in der bezeichneten Weise auf- 
gestellt war und dem Geländer einen festen Stützpunkt gewährte. Seine rauhe 
Seite war nach aussen gekehrt. Gegen diese Deutung kann man aber freilich 
einwenden, dass in der Rinne jede Spur von einer Befestigung des Balkens 
durch ein Eisen fehlt, die doch nöthig war, und dass das Loch zum Einlegen 
eines Balkenkopfes nach innen konisch sich verjüngt. Die Blöcke desselben Ma- 
terials, die man bei der Pfahlbrüoke fand, massen bis 2 ' im Quadrat und waren 
nur auf einer oder zwei Seiten glatt behauen, sie dienten unzweifelhaft zur Be- 
kleidung von grossen Mauerflächen.' Diese Steine wurden leider nicht aufbe- 
wahrt, sondern versteigert. Ein Steinmetz, der sie kaufte, erzählte später, dasa 
der Stein so hart sei, dass er nichts mit ihnen anzufangen wisse und sie nur 
zu Treppenstufen verwenden könne. 

Schaaffhausen. 



22. Germanische Gräber im Elsass. Die Zeitungen berichteten 
gegen Ende vorigen Jahres, dass in dem eine Stunde von Hagenau entfernten 
Orte Hardthansen alte Grabstätten aufgefunden seien. Mitten unter den gerin- 
geren Gräbern fand man ein solches, das wahrscheinlich einem vornehmen 
Manne angehörte. Die Bestattung war eigenthümlich. Der Kopf hatte eine Un- 
terlage von Rinde, während unter der Schulter und über der Brust Bretter ein- 
gezwängt waren, zwischen denen das Skelet mit Schmuck aller Art überladen 
geschützt da lag. An dem Halse, den Handgelenken, den beiden Schenkeln und 
unten am Fusse trug es Riuge und Spangen. In nächster Nähe des Schädels 
lagen viele Haften und Nadeln, mit denen jedenfalls das Haupthaar verziert war. 
Auf der Brust lag eine verzierte ovale Platte von Kupfer, welche mit gut er- 
haltenen Haselnüssen bedeckt war. Zwischen den Zähnen des Skeletes waren 
zwei Haselnüsse eingepresst. 

Schaaffhausen. 






%r 



Miscellen. 317 

28. Aus Dablen im Kreise Gladbach gelangte folgende Zuschrift des 
Herrn F. Schalte vom 7. Jan. 1878 an den Vorstand des Vereins: »An der 
Grenae unserer Gemeinde, auf Hardt zu, befindet sich eine Menge von Hügeln, 
die unter dem Kamen: »Hunshügelc bekannt sind. Sie liegen meist links von 
der nach Hardt führenden Chaussee in Fichtenwäldern und sind in letzter Zeit 
häufig das Ziel von Nachgrabungen gewesen. Die Hügel bestehen aus ange- 
schütteter Erde, sind rund und von verschiedener Höhe und Ausdehnung und 
bergen im Mittelpunkte eine Urne. Die Urnen aus gebranntem Thon werden 
erst an der Luft wieder hart» sie sind hell oder dunkelbraun, über den Kno- 
chenresten, die sie enthalten, liegt Erde mit Holzasche und Holzkohlen unter* 
mischt. Bei einigen kommt eine Verzierung von sich schräge kreuzenden Stri- 
chen vor. Auch sind einige Becher, von der gewöhnlichen Form unserer Ober- 
tassen mit Henkel gefunden. Nur bei einer Urne fanden sich die folgenden Zei- 
chen auf der Aussenseite: IXXXJ. Andere Sachen sind bisher nicht gefun- 
den worden.« Diese germanischen Grabhügel schliessen sich den zahlreichen 
Todtenfeldem an, die von Siegbnrg an auf der rechten Rbeinseite stromabwärts 
sich verbreiten, und ist eine aufmerksame Durchsuchung der Hügel selbst so- 
wie des Inhalts der Urnen wünschenswerth. 

Schaaffhausen. 



24. Bonn. Eine Abraxas-Plombe. Taf. XVII, Fig. 7. Ich bin im 
Besitze einer antiken Plombe, welche obgleich stark verwittert dennoch deut- 
lich erkennbar, auf der einen Seite das Abraxas-Bild, mit der Unterschrift 

I A (0, auf der andern die Inschrift 

ABPA 
CAX 

zeigt 

Ueber das bekannte Abraxas-Bild und die Inschriften auf Gemmen ist 
sehr viel geschrieben; am übersichtlichsten findet man den Gegenstand in: Joh. 
Joach. Bellermann's Festschriften des BerL-KöUnischen Gymn. 1817 und 1818 
behandelt. Nach ihm gehören die Abraxas-Gemmen der christlich-gnos tischen 
Sede der Basilianer an und sollen eine bestinmite Idee, ^e Idee des Urwesens 
Gottes, darstellen. 

Zur Erklärung des Abraxas-Bildes zerlegt Bellermann dasselbe in seine 
einzelnen Theile: den menschlichen Rumpf, den Hahnenkopf, die beiden Schlan- 
gen, welche an die Stelle der Beine treten, und die Symbole in den Händen: 
die Peitsche und den Kreis oder Kranz (letzterer ist auf unserer Plombe nicht 
zu erkennen). 

Den menschlichenRumpf hat Basilides, der Gründer derSecte und, so 
viel man weiss, der Erfinder des Abraxas, dem Bilde seines Urwesens gegeben, 
weil der menschliche Körper der edelste und somit zum Bildnisse des Gottes 
der würdigste ist. Er verbindet damit die fünf zuerst aus Gott hervortretenden 



818 Miscellen. 

Stammkrafte: den Hahnenkopf als Symbol der wachsamen Vorsicht oder Vor- 
sehung («J^^o^ijcrf^), die geschwungene Peitsche als Symbol der Macht (^iW/iic)f 
den Kranz als Sinnbild der ewigen Weisheit {Zoip(a) und als Siegeszeichen^ 
endlich die Schlangen als Symbole der noch fehlenden zwei Eigenschaften, 6e- 
müth, ganzer Sinn (Novg) und Vernunft {Aoyog), Ia$ oder lato bedeutet nach 
ihm das »Wesen an sich, den Namen Gottest. Den Namen Abraxas fuhrt er 
eines Theils auf die Zahl 365 zurück: Ar3l + B = 2 + P»100 + A:= 
14-2: = 200 + A=1 + A = 60, Summa 365. 

Dann erklärt er ihn noch alphabetisch und syllabisch-etymologisch, was 
wir hier übergehen müssen. Hübsche Abbildungen von Abraxas-Gemmen findet 
man auf dem Umschlage von Bellermann^s Schrift, und in Beger's Thes. Bran- 
denb. S. 85. Basilides lebte zu Trajans und Hadrians Zeiten. Jedoch hieraus auf 
das Alter unserer Plombe schliessen zu wollen, wäre aber sehr kühn, da das 
Abraxas- Aild von vielen magischen und alchymistischen Secten des Mittelalters 
adoptirt wurde, und man aus Gegenständen mit diesem Symbol in jener Zeit 
vielfach Talismane verfertigte. Das Vorkommen des römischen X in der 
sonst griechischen Legende lässt mich auf das 10. Jahrhundert schliessen, da 
auch die byzantinischen Münzen jener Zeit ein buntes Gemisch von römischen 

und griechischen Buchstaben aufweisen und das GJ, im Worte laat dieselbe 

Form zeigt, wie das Sl auf der Münze von Romanus II 959—963). Doch zeigt 
diese Münze das lateinische 8, während unsere Plombe noch das griechische 
runde Sigma hat, also etwas älter sein möchte. 

F. van Vleuten. 



25. Bonn. Amulet mit griech. Inschrift. S. Tafel XVD; Fig. 8. 
Unter anderen römischen Münzen gelangte vor kurzem ein später überarbeitetes 
Mittelerz in meinem Besitz, dessen Deutung mir bis jetzt nicht gelungen. Es 
möge hier eine kurze Beschreibung finden, um Fachmänner zu veranlassen, ihre 
Ansicht über dasselbe gütigst mitzutheilen. 

Auf der Münze zeigen sich auf der einen Seite sehr schwache Spuren 
eines Kopfes, auf der andern ist eine längliche Erhöhung, welche von einer der 
gewöhnlichen Revers-Figuren (Aequitas, Virtus oder dgl.) herstammen könnte. 
Es scheint der Grösse und dem ganzen Eindrucke nach ein sehr stark abge- 
nutztes Mittelerz von Vespasian oder Domitian zu sein. Von grosser Schärfe 
sind dagegen die später, aber jedenfalls noch im Alterthum eingeschnittenen 
Buchstaben der einen und der gleichfalls eingeschnittene schematisch behan- 
delte Tannenbaum oder Tannenzweig der andern Seite. Die Inschrift laut-et: 

<DYAA 
€3TI 

Es liegt die Vermuthung nahe, dass wir es mit einem Amulet oder der- 
gleichen zu thun haben, welches aus einer durch den Verkehr fast unkenntlich 
gewordenen Münze hergestellt wurde. 

Ob das 'PvXa sich' auf 4>vXdaauß erhalten, beschützen oder 4nfX^ Zunft 



Miscellen. 819 

Stamm, oder auf ein anderes Wort zurückfuhren lasse, mögen. Andere entschei- 
den, zugleich aber bedenken, dass das Amulet wahrscheinlioh aus dem IV. Jahrh, 
oder noch sp&terer Zeit stammt, einer Zeit, wo das Griechische, wie einge- 
kratzte Inschriften in den Catakomben daHhun, oft recht sonderbar verstüm- 
melt wurde. 

F. van Vleuten. 



26. Bonn. Bö mische Grabfunde in Bonn. Im Februar d. J. wurde 
mir mitgetheilt, dass in einer Kiesgrube vor dem Cölnthore antike Gegenstände 
aufgefunden worden ; sofort begab ich mich zu dem mir bekannten Eigenthümer 
des Grundstückes, um dieselben zu erwerben, kam jedoch zu spät, denn die 
besseren Stücke waren schon in andere Hände übergegangen. Etwa 14 Tage 
später fanden sich an selber Stelle wiederum einige Anticaglien, welche ich er- 
warb. Ausser gewöhnlichen Töpferwaaren waren dort ein Gefass von blauem 
Glas, ein Schloss mit Schlüssel und ein Gegenstand von Erz, dessen Bedeutung 
mir noch nicht ganz klar geworden. 

Das Glas war von tief dunkelblauer Farbe, der Henkel, sowie ein schma- 

• 

1er Bing am obem Halsende und ein breiterer am Fusse, sowie ein feiner Glas- 
faden, welcher als Verzierung den Hals umschlang, war heller türkisgrün ge- 
färbt. Die Höhe betrug 12 G. In der Gestalt ähnelt das Glas genau den Essig- 
fläschchen, welche man so häufig in hölzernen Einsätzen sieht. Die ganze Arbeit 
war zierlich und das Fläschchen, mit Ausnahme eines Sprunges im Bauchtheile, 
gnt erhalten. 

Das Schloss war insofern, interessant, als sich noch eine kleine quadra- 
tische Platte an demselben vorfand, welche an dem Kistchen, an dem das Schloss 
angebracht war, den äusseren verzierenden Beschlag bildet. Die Platte war an 
den Seiten durchbrochen gearbeitet; man sah an derselben noch deutlich den 
Umkreis, welchen der Bing des Schlüssels durch den langen Gebrauch einge- 
schliffen hatte. 

Das dritte Stück bestand aus mehreren Theilen, nämlich einem grossem 
Hauptstück, und mehreren Gliedern einer Kette. Erstercs gleicht einer soge- 
nannten Bulle, ist annähernd herzförmig gestaltet, d. h. oben weiter und nach 
unten spitz zulaufend, der Höhendurchmesser ist etwa 8 Gm., der Dickendnrch- 
messer etwa die Hälfte. Die vordere Seite bildet den Deckel, welcher durch ein 
Charnier sich öffnen und schliessen lässt. Die übrigen Theile sind etwa 8 Cm. 
lang und durch ein einfaches Charnier verbunden, so dass sie eine Gliederkette 
bilden. Sofort kam mir der Gedanken, es möchte vielleicht ein Armband sein, 
allein es ergab sich bei einer provisorischen Zusammensetzung, dass der Üm- 
Tang der Kette für ein Handgelenk zu weit ist, am Oberarm würde es vielleicht 
passen. Dann sind aber auch die einzelnen Glieder so gross, dass die Kette in 
Folge dessen sich nicht anschmiegen kann und also dei\ Zweck als Armband 
schlecht vertreten würde. 

Da diese drei Stücke dicht beisammen lagen, vormuthe ich, dass das 
Fläsohchen mit dem letztem in einer hölzernen Cassette aufbewahrt wurde, zu 



820 Miscellen. 

welcher das Schloss sowie der Schlassel gehörten. Wahrscheinlich stammen sie 
sammtlich aus dem Boudoir einer Römerin und diente das Glas zur Aufnahme 
wohlriechender Oele oder Essenzen und Nr. !2 zur Aufbewahrung von Salbe 
oder irgend eines wohlriechenden Gegenstandes. Ueber letzteres wird jedoch 
später noch weiter abgehandelt werden. 

Einige Zeit später fanden sich an derselben Stelle wiederum zahli*eiche 
römische Anticaglien, meistens von gewöhnlichem Thon und werthlos, Erwäh- 
nung verdient ein grosser zweihenkcliger Krug von rothem Thon nebst dazu 
gehöriger Unterschale. Das Gefass ist sehr dickbauchig und verengt sich am 
Halse, so dass die Weite desselben kaum einen Zoll beträgt, während es im . 
grössten Dickendurchmesser fast IV2' hat, die Höhe ist etwas über 2*, 

Das werthvoUste Stück des ganzen Fundes war ein schwarzes Trink- 
gefäss, mit weisser und gelber Aufschrift und Verzierung. Sowohl was Erhal- 
tung, wie Schönheit und Seltenheit der Verzierung und Aufschrift anbelangt, 
ist dasselbe bemerkenswerth. Es rangirt in die Reihe derjenigen Gefasse, deren 
Herr Herstatt in Cöln eine unübertroffene Sammlung besitzt, und welche zur 
Zeit der Römer vorzüglich hier am Rheine verfertigt wurden. Da ich beab- 
sichtige nächstens die in letzter Zeit hier gefundenen Inschriftgefasse näher zu 

besprechen, erwähne ich nur noch, dass das Gefäss die Aufschrift AQVAM 

SP ARGE hatte und dass es in die Sammlung des Herrn Herstatt gelangt ist. 

Femer fand sich noch ein schöner Becher von mattem Glas, in welches 
eine einfache Strichverzierung eingekratzt war. Leider war das seltene Gefäss 
beim Auffinden an einer Seite durch einen ziemlichen Sprung beschädigt; das- 
selbe kam in Besitz unseres Vereines. 

Fast zur selben Zeit wurden im Rheindorfer Felde beim Lehmstechen 
eine Anzahl römischer Gkfässe, Ziegeln etc. aufgefunden. Bemerkenswerth waren 

ein leider ganz zerbrochenes Gefass mit der Aufschrift VT| * FR VI und 

zwei Tellerohen von weissem Thon, über welchen jedoch eine grün glasirte 
Schicht aufgetragen war. Ich kam selbst hinzu, wie die betreffenden Stücke 
ausgegraben wurden und habe sie eigenhändig gereinigt, so dass mir an der 
Aechtheit dieser Tellerchen nicht der mindeste Zweifel aufkam. Eines derselben 
zeigte auf der obem Fläche eine einfache Arabeskenverzierung, auf dem andern 
war die grüne Glasur zum grössten Theil abgesprungen, so dass sich nicht mehr 
entscheiden liess, ob es auch verziert gewesen. Da die Aechtheit dieser flachen 
Tellerchen mehrfach von Archäologen angezweifelt worden ist, Hess ich eine ge- 
naue Aquarellskizze von denselben anfertigen und schickte dieselbe an den 
Gustos am Brittischen Museum, Herrn Franks, den man mir als einen Kenner 
von dergleichen Sachen gerühmt hatte. Herr Franks war darauf so freundlich 
mir mittheilen zu lassen, dass er die Tellerchen ganz entschieden für acht 
halte und dass auch das brittische Museum eine Anzahl bunt glasirter Thonge- 
fässe besitze, welche unzweifelhaft römischen Ursprungs seien. Die Tellerchen 

wurden für das Vereinsmuseum erworben. 

Eine reiche Fundgrube römischer Alterthümer fand sich ebenfalls in der 



Miscellen. 821 

N&he des Cölnthorea vor der Stadt, nicht weit von der Heerstrasse. Leider 
wurden bei weitem die meisten Gegenstande theils durch das Ungeschick der 
Arbeiter, theils durch die Ungunst der örtlichen Verhältnisse zerbrochen oder 
sonst arg beschädigt. Von Gläsern fand sich eine ziemlich grosse Zahl vor von 
mannigfachen und sogar seltenen Formen, aber nicht ein einsiges erhielt ich 
unversehrt, die meisten waren ganz zertrümmert. Auch mehrere Inschriflge- 

fasse fanden sich an dieser Stelle, eines derselben trug die Aufschrift SITIO, 

das andere REPLE ME. Beide waren stark beschädigt. Das schönste 

Fnndstück, welches leider auch ganz zertrümmert wurde, war eine Arbeit von 
getriebenem Erz und von grosser Schönheit. Der Mittelpunkt des Erzbildes — 
so will ich es vorab nennen — wurde durch einen weiblichen Idealkopf ge- 
bildet. Die Züge waren von jugendlicher Schönheit, das Haar hoch frisirt und 
um dasselbe ein Lorbeerkranz geschlungen. Bechts und links von dem Kopfe 
stand je ein Genius, welcher das Ende einer sich über den Kopf hinziehenden 
Guirlande gefasst hielt. Der Zwischenraum war mit verschiedenen Verzierungen 
ausgefällt. Das Ganze war auf der erhobenen Seite stark versilbert, so dass 
jetzt trotz des schöneji Oxyds, welcher das Bild überzieht^ noch reichliche Spuren 
davon vorhanden sind. 

Es ist schwer zu entscheiden, welchem Zwecke dieser Gegenstand gedient 
habe. Wäre die Arbeit weniger schön und fein ausgeführt, so könnte man an 
einen Schildbeschlag oder etwas ähnliches denken, allein dazu war es nicht 
kräftig genug, denn der geringste Schlag oder Stoss würde es unstreitig zer- 
trümmert haben. Ich kann mir anders keine Bestimmung denken, als dass er 
eben als ein Bildwerk zum Schmuck eines Zimmers oder einer Halle aufgestellt 
oder aufgehängt wurde. Die sämmtlichen Stücke, welche von unserm Vereine 
erworben wurden, befinden sich augenblicklich in den Händen eines geschickten 
Juweliers, dem es hoffentlich gelingen wird, dieselben richtig zusammenzufügen 
und das Fehlende zu ergänzen. 

Genau an derselben Stelle fand man mehrere Bronceverzierungen, welche 
als Beschläge einer Kiste gedient zu haben scheinen, sogar die Nägel fanden 
sich noch vor und es ist deshalb anzunehmen, dass das broncene Kunstwerk 
sich in einem Kästchen befand. Das Holz verwitterte natürlich im Verlauf der 
Zeit und nur das dauerhafte Erz gelangte in unsern Besitz. 

Ausserdem wurden noch römische Gräber an verschiedenen Stellen an 
der Goblenzerstrasse aufgedeckt, auf der Sandkaule und an der Cölner Chaussee 
weiter entfernt von der Stadt, allein theils waren die Funde so unbedeutend, so 
dass es sich nicht lohnt, dieselben näher zu besprechen; theils gelang es mir 
nicht. Näheres darüber zu erfahren resp. die betreffenden Fundstücke zu sehen. 

Schliesslich erwähne ich noch, dass ein schön gearbeitetes Glasgefass bei 
einem Neubau auf der Goblenzerstrasse aufgefunden wurde und durch meine 
Vermittlung in die Vereinssammlung gelangt ist. 

Ueber einen hier gemachten Münzfund habe ich an einer andern Stelle 
des Heftes ausfuhrlich abgehandelt. Dr. Cuny Bouvier. 

21 



322 Miscellen. 

27. Liuz. Der römische Pfahlgraben östlich und südöstlich 
von Linz. Als in der Nähe wohnendes Mitglied des Vereins von Alterthams- 
freanden im Rheinlande musste ich es sozusagen als Ehrensache betrachten, die 
nach den Untersachnngen des Oberstlieutenants F. W. Schmidt (Annalen des 
Vereins für Nassauische Alterthumskunde und Geschichte Band VI Heft 1, 1859, 
auch in besonderem Abdruck erschienen Kreaznach, in Gommission bei B. 
Voigtländer, 1869), des Freiherrn von Hoiningen gen. Huene und des Prof. 
Dr. Schneider (in diesen Jahrbüchern XXXVDI S. 171 ff., XLIX S. 177 ff.) noch 
nicht näher untersuchte Strecke des limes transrhenanus zwischen dem Biegel- 
Steinsgraben und dem Hönningerwalde wo möglich genau nachzuweisen. Die 
hierauf gerichteten Bemühungen sind nicht ohne £rfolg geblieben, wenn auch 
noch nicht zum Abschluss gediehen. Gleichwohl dürften sich die von den beiden 
zuletzt Genannten hinsichtlich der Ruine Renneberg, beziehungsweise des Hom- 
bornerhofes, als Anschlusspunkt für die noch zu untersuchende Strecke ausge- 
sprochenen Vermuthungen schon jetzt als auf irrthümlichen Auffassungen be- 
ruhend erweisen, die gewonnenen Ergebnisse überhaupt aber so sicher sein ' 
und die vorhandenen Lücke so wesentlich ausfüllen, dass eine Mittheilung der- 
selben an dieser Stelle gerechtfertigt erscheinen möchte. Das Verdienst, das 
Beste hierbei gethan zu haben, gebührt der freundlichen Mitwirkung und dem 
wissenschaftlichen Sinne des terrainkundigen Herrn Oberförsters Melsheimer 
hierselbst. 

Bei unserm ersten Suchen nach dem Pfahlgraben im Anfange dieses Som- 
mers (1873) fiel uns eine Stunde östlich von Linz, etwa V4 Stunde östlich von 
dem Linzer Ronig (Hof), auf dem in der Gemeinde Dattenberg >im Grindel c 
Flur 10 Parzelle 8 nördlich des Weges gelegenen Acker des Herrn Otto von 
Mengershausen eine lange und gerade, in der Richtung von Südosten nach 
Nordwesten sich erstreckende wallartige Erhöhung auf, längs deren Ostseite sich 
eine grabenartige Vertiefung hinzog. Unsere Vermuthung, dass wir hier Reste 
des gesuchten limes vor uns hätten, und dass, falls diese Vermuthung richtig 
wäre, wir in dem nordwestlich anstossenden Dattenberger Gemeindewalde die 
Fortsetzung desselben finden müssten, bestätigte sich sofort; nur waren in dem 
Walde Wall und Graben viel schöner, d. h. höher resp. tiefer erhalten. Herr 
von Mengershausen hatte nämlich im letzten Jahre den bis dahin noch zum 
Theil mit Holz bewachsenen Damm umroden lassen, wobei natürlich behufs 
bequemeren Ackerns sowohl Wall als Graben bedeutend waren eingeebnet wor- 
gcn. Die Fortsetzung des Grabens in dem genannten Gemeindewalde läuft in 
gerader Richtung in eine natürliche Schlucht aus, die in das Thal des Heid- 
scheidenbaches mündet, welcher sich bei der Stemerhütte mit dem Rennenber- 
gcrbache vereinigt und bei Linz in den Rhein fallt. Zwischen beiden Bächen 
liegt der über 1300 ' hohe Hummelsberg. Da es höchst unwahrscheinlich ist, 
dass die Römer den Pfahlgraben über letzteren^ oder sogar mit sehr bedeu- 
tender Ausbengung östlich von demselben sollten gezogen haben, so ist die 
Vermuthung des Herrn Melsheimer sehr wahrscheinlich, dsss dieselben hier, wie 
auch sonst, die von der Natur gegebenen Vertiefungen benutzend, denselben 



Misoellen. 1323 

von dem obengenannten Biegelsteinsgraben ans zuerst die Westseite eines Ne- 
benbächleins des Bennebergerbaches und darauf den letztern selbst entlang bis 
zur jetzigen Stemeihütte, dann die Südseite des Heidscheiderbaohes entlang bis 
zu der eben erwähnten Schlucht und Parzelle 8 geführt haben. Vielleicht liegt 
in der Districtsbenennung >am Heidscheid« (= Grenze gegen die Heiden ?) und 
dem von ihr abgeleiteten Namen d§B Baches eine Bestätigung dieser Yermu- 
thung, sowie auch vielleicht in dem Namen der etwa 20 Minuten Östlich von 
Parzelle 8 gelegenen Basaltkuppe »Römerickc (= Römerberg oder Romberg*)?) 
auf der. Wasserscheide zwischen Rhein und Windbach eine Erinnerung an das 
weltbeherrschende Volk anklingt. 

Kehren wir zu der Parzelle Nr. 8 zurück! Hart an der Südseite des süd- 
lich an ihr vorbeiführenden Weges war genau in der Richtung des Pfahlgra- 
bens noch eine dammartige Erhöhung bemerklich, die uns, obschon in den 
südlich vom Wege liegenden Aeckern und Wiesen sonst jede Spur von Wall 
und Graben verschwunden war, für die Fortsetzung derselben in der etwa 40 
Schritte südlich von dem genannten Wege entfernt liegenden Holzung das Beste 
hoffen Hess. Und richtig: Wir visirten die gerade Richtung und fanden beide 
trefflich erhalten vor. Sie verlieren sich wieder in eine Schlucht, die sich bald 
zum »Kimmelsthalec erweitert, dessen Wasser sich mit dem Döttersbach ver- 
einigt und bei Leubsdorf den Rhein erreicht. Herr Melsheimer ist der Ansicht, 
dass der Pfahlgrab^i der Westseite desselben in südwestlicher Richtung bis 
zur Yereinigung mit dem von Osten aus dem »grossen Loche kommenden Döt- 
tersbach und dann der Südseite, des letzteren nach Osten bis zu dem Punkte ^« 
gefolgt sei, von welchem südlich auf der Höhe er denselben im August d. J. 
wieder aufgefunden hat. Die Fundstelle ist gelegen in dem Gemeindewalde von 
Leubsdorf, eine Stunde östlich von diesem Dorfe entfernt, in den durch einen 
Weg getrennten Districten > Wammelster c Nr. 7 und >am neuen Wege Nr. 6. 
Der Pfahlgrraben wird hier sichtbar an dem nördlichen Abhänge des ersteren 
Districts und zieht in einer Länge von etwa 40 Schritt und einnr Höhe von 
4 Fnss bis zur Wegeanlage; dann, durch diese unterbrochen, weiter südlich 
bis an den entgegengesetzten Abhang in einer Länge von 30 Schritt und einer 
Höhe von 3 Fuss. Die südliche Abdachung fällt in den »tiefen Seifen« , den öst- 
lichsten Theil des Thaies des Ariendorf erbaches, dessen Nordseite der Pfahl - 
graben eine Strerke weit nach Westen gefolgt sein muss, um dann nach einer 
südöstlichen Schwenkung über den Gebirgsrücken das Thal des bei Hönningen 
in den Rhein mündenden Moorbachs zu gewinnen. Auf diesem Gebirgsrücken 



1) In »Romberge fiel zuerst »bc als Opfer der vorwärts wirkenden Assi- 
milation, wie aus ursprünglichem Einher (Gegensatz Zeuber, Stamm bar, la- 
teinisch und griechisch fer) zuerst Eimber, dann Eimer wurde. Für den 
üebergang von »ergt in »erichc vgl. Limperich, entstanden aus Lindberg, wel- 
ches noch 996 linberge, 1383 limperche hiess, oder die noch heute in officiellen 
Verzeichnissen für ein und denselben Ort vorkommenden Namensformen: Hem- 
perich, Himperich, Himberich, Himberg. 



B24 Misoellen. 

■ 

fand Herr Melsheimer ebenfalls im August d. J. ein praohtvoll erhaltenes Stück 
des Pfahlgrabens in der Gemeinde Hönningen, >aaf dem Peuleiterc Flur 15, wo 
der Kamm desselben in einer Länge von 70 Schritt bei einer Höhe von 6 bis 
7 Fuss in der Richtung von Norden nach Snden die Grense bildet swischen 
der dem Herrn Jakob Schoop in Hönningen gehörigen Waldparzelle Nr. 288 
nnd der dem Herrn Goswin Müller in I^nz gehörigen Waldparselle Nr. 286. 
An derselben Nordseite beider Parzellen vorbei führt ein im Walde tief ein- 
geschnittener Weg westlich in 25 Minuten nach dem Hombomerhof (wo also 
kein Pfahlgraben zu suchen sein wird) und von letzterem in 85 Minuten nach 
Hönningen. An der Nordseite des Hohlweges ist der Pfahlgraben nur noch in 
einer Länge von 16 Schritt erhalten, obschon das Terrain bis zur Thalwand 
des Ariendorf erbachcs noch eine ziemliche Strecke weit flach ist. Wahrschein- 
lich war der jetzige Wsldboden an dieser Stelle einst Ackerland, eine Yer- 
mnthung, die mir sowohl Herr Melsheimer, als unabhängig von diesem ein 
Ackersmann äusserte. 

Auf diese drei Punkte, die ich alle genau in Augenschein genommen 
habe, sind bis jetzt unsere Entdeckungen beschränkt geblieben. Viel wird auch 
wol überhaupt nicht mehr auf der fraglichen Strecke zu entdecken sein, da es 
bei dem von zahlreichen tiefen Thälern durchschnittenen Terrain nicht zu ver- 
wundem ist, dass im Laufe so vieler Jahrhunderte an den steilen Abhängen 
die Dammerde den Ein^virkungen des Wassers und dem Gesetze der Schwere 
weichend spurlos hinabgerollt ist. Bemerkenswerth ist bei der Anlage an allen 
drei Punkten, dass die schmälsten Stellen der Bergrücken zu üebergängen 
von Thal zu Thal gewählt worden sind, dass auf diesen üebergängen der Wall 
dem Rheine parallel von Südosten nach Nordwesten zieht, dass die Verbin- 
dungen der Bergrrücken durch westwärts, convexe, dem Laufe von Bächen 
folgende Curven vermittelt zu sein scheinen, endlich dass alle drei Punkte un- 
gefähr in dem gleichen directen Abstände einer Stunde (der südlichste etwas 
weniger) von dem Rheine entfernt sind. 

Steinring bei Hönningen a. Rh. Im AnscUuss an Vorstehendes die 
Notiz, dass sich 1 Stunde 20 Minuten östlich von Hönningen, nördlich an dem 
Wege nach dem Mahlberge auf einem Bergrücken am Anfange des Rheinbroh* 
1er Gemeindewaldes in dem District »Gepachte Laach« ein runder Steinhügel 
von 10 m. Durchmesser, 1,8 m. Höhe befindet. 

Linz a. Rh. Joseph Pohl. 



28. Linz. Fundstätten römischer Alterthümer in der Um- 
gebung von Billig im Kreise Euskirchen. Die durch die öffentlichen 
Blätter zu meiner Kenntniss gelangte Absicht des Vereins der rheinischen Al- 
terthumsfreunde, die alte Belgica aufgraben zu lassen, hat insofern ein erhöhtes 
Interesse für mich, als Billig mein Geburtsort ist, und ich in Folge dessen im 
Stande zu sein glaube, mehrere auf eigener Anschauung beruhende Angaben sa 
machen, die zur Aufhellung der Ausdehnung der Station, ihrer Umgebung und 



MisoeUen. 325 

YerfaindiuigBwege einige nicht ganz onweaentliohe Anhaltsponkte geben dürften. 
Ich kann dabei die Frage nicht uliterdrücken, ob es sich nicht überhaupt em- 
pfehlen würde, 8ur Ermöglichung und Förderung künftiger NachforBchungen 
in diesen Jahrbüchern den j Fundstätten von Alterthümemc eine besondere 
Rubrik zu eröfinen, wenn sich auch die betreffenden Mittheilungen auf eine 
genaue Angabe der Localitaten beschränken sollten. Zur Anregung dieser 
Fragebestimmt mich das in Folge der Bodencultur taglich mehr um sich grei- 
fende Schwinden der Alterthümer, die leider nur zu grosse Theilnahmlosigkeit 
der Menschen für solche in der Regel keinen direoten materiellen Gewinn ab- 
werfenden Dinge, die Schwäche des menschlichen Gedächtnisses und die daraus 
hervorgehende Unsicherheit mündlicher Ueberlieferung, endlich die Möglichkeit, 
dass das von Einzelnen Gewusste durch Schweigen für immer oder doch viel- 
leicht auf lange Zeit, bis ein glücklicher Zufall es wieder ans Licht bringt, der 
Vergessenheit anheimfallt. In diesem Sinne bitte ich die nachstehenden Notizen 
aufzunehmen. 

I. Bei meinen Studien über römische Ortsnamen in den Rheinlandon war 
mir der Flurname »auf der Spichc aufgefallen. Die fragliche Flur liegt in der 
Gemeinde Euenheim, an der Grenze der Gemeinde Wisskirchen, etwa 15 Mi- 
nuten von letzterem Orte in südöstlicher und etwa 40 Minuten von Billig in 
westlicher Richtung entfernt. Da ich erfuhr, dass daselbst Ziegelstücke gefunden 
würden, so begab ich mich in den diesjährigen Osterferien an Ort und Stelle. 
In der Richtung von Norden nach Süden kommend, gelangte ich vor eine etwa 
20 Fuss hohe, von Osten nach Westen sich in einer Länge von ungefikbr 50 
Schritt ausdehnende Terrasse. Die Natur hat diese schwerlich gebildet, da die 
ganze Abdachung des Höhenzuges, des nördlichsten Ausläufers der Eifelgebirge, 
von Süden nach Norden streicht, also Regengüsse beispielsweise eine Abspü- 
lung in der angegebenen Richtung nicht fuglich hätten bewirken können. Zu- 
dem befanden sich am östlichen und westlichen Ende der Terrasse noch Reste 
von Qnergräben in der Richtung von Norden nach Süden. Die südlich an die 
Terrasse angrenzenden Felder fand ich mit zahlreichen, zum Theil noch ziem^ 
lieh grossen Fragmenten römischer Dachziegel bedeckt. Erwägt man nun, dass 
der Punkt nach allen Seiten, Süden ausgenommen, eine herrliche Femsicht ge- 
währt, dass derselbe höchstens 5 Minuten südlich von einer geraden Verbin- 
dungslinie zwischen Billig und Zülpich liegt, so verfällt man leicht auf die 
Vermuthang, dass wir hier die Stelle eines römischen Wartthurms vor uns 
haben, der vielleicht zum Schutze der die beiden genannten Stationsorte ver- 
bindenden römischen Militärstrasse diente, welche F. W. Schmidt in diesen 
Jahrbüchern XXXI S. 48 ohne nähere Angaben kürz erwähnt. Der Name »Spichc 
wäre also aus »speculac verstümmelt (vgl. Spiegel ss speculum). Den gleichen 
Urspmng hat vielleicht der Name des Dorfes Spich im Siegkreise, zumal wenn 
es wahr ist, dass der von Th>isdorf bis Opladen zu verfolgende Damm, wie 
Sohaafihansen (Jahrbb. LII S. 179) vermuthet, eine römische Heerstrasse ge- 
wesen ist. Dass unmittelbar östlich von Spich auf dem Höhenzuge ein geeigneter 
Punkt zur Anlage eines Wartthurms vrar, beweist der Umstand, dass daselbst 



SZTß Mücelleo. 

fidi Dodi iMote das Gebäade einer ehemaligen optischen TdegTaphenstatk» 
befindet. Auch der Spechelsiein im Kreise Rheinbsch, eine etwa 1000 ¥um ab- 
soluter Höhe messende Bergkuppe, ','t Stande südöstlich von Schweinbeim, ist 

^wol TOD speeala benannt, eine Vermutbiing, die sich bereit« in dem Ajnfinitie: 
»Belgioa, eine feste römische Niederlassang an der Erfl« (abgedruckt is der 
Erfsy Unterhaltungsblait und Anzeiger, Euskirchen 1636 Xr. 102 bis 105 und 
1837 Kr. 1, anch besonders erschienen Köln 1836 bei Bachem) mit Andentang' 
näherer Begründung ausgesprochen findet; vgl. auch Barsch, Eiflia illostrala 
8. Bd. 1 Abth. 1. Abschn. pag. 252, Eick, Römische Wasserleitung p. 122 and 
Beimer Jahrbb. XIY p. 170. (Auf letztere 3 Stellen hat mich Herr Pfiurer 
Deeker in Kirehheim aufinerksam gemacht.) — Um von den Spicherer Höhen za 
schweigen, will ich bloss noch erwähnen, dass nach einer Urkunde im hiesigen 
•tidtischen Archir Tom 25. April 1325 Erzbischof Heinrich den Fischfang im 
Rhein an der Stelle genannt »Spichc zn Walen [oberhalb linz] . . . dem Orte 

* Breitbach [hente yerschwunden] gegenüber, neben dem Molenwege . . . und 
den Fang am »Spyehc oberhalb Lupesdorp [Leubsdorf] verpachtet. Unter der 
Spich ist hier wol unzweifelhaft die unmittelbar östlich von Walen aof der Höhe 
bei dem Dorfe Dattenberg liegende »alte Bürge zu versteh«), ein Name, mit 
welchem das südlich von dem nach Dattenberg führenden Qucrthale gelegene 
mitteUüterliohe Höhenterrain bezeichnet wird, welches der noch erhaltenen 
Borgmino gegenüber liegt. Herr Eduard von Mengershansen in Leubsdorf, 
der 18 Jahre lang zu Dattenberg gewohnt hat, theilte mir mit, er habe 
von alten Lenten vielfach gehört, auf der »alten Bürge habe ein Römer« 
castell gestanden, mit dessen abgebrochenen Maaerrosten man eine zur Seite 
der Burg gelegene Schlucht ausgefüllt habe; er selbst habe dort noch einiges 
wenige Blaaerwerk mit weissem Kalkanstrich gesehen. — Bei dem Namen »Wa- 

'.len€, zwei ehemaligen Gehöften in der Rheinebene vor. dem Eingange des nach 
Dattenberg hinauf führenden Thaies, heute allgemein »Wallen« gesprochen und 
geschrieben, liegt der Gedanke an das lateinische vallum in verführerischer 
oder vielleicht auch nicht verführerischer Nähe. 

Name, Lage, Oertlichkeit, Umgebung, kurz alles vereinigt sich, um »auf 
der Spiohc planm&ssige Nachgrabungen wünschenswerth erscheinen zu lassen. 
Als Cicerone würde mein Verwandter, der Beigeordnete Wilhelm Rech in Wiss- 
kirchen, auf meine Empfehlung hin gewiss bereitwillige Dienste leisten. 

II. Eine zweite Stelle eines römischen Wartthurms oder jedenfalls eines 
römischen Gebäudes constatirte ich als solche am 4. Juni d. J. Dieselbe liegt 
zwischen der eben besprochenen Spich und dem Dorfe Billig ziemlich genau in 
der Mitte, also von beiden etwa 20 Minuten entfernt, in dem Euskirchener 
Gemeindewalde, District »Ober dem Dach^bücheU, etwa 60 Schritte östlich von 
dem Münstereifolerwege, in der von einem gewissen Koch aus Euskirchen in 
diesem Jahre angekauften und abgetriebenen Lohholzparzelle Nr; 4. Auf die 
Mittheilung eines Landmannes, dass man daselbst altes Mauerwerk gefunden 
habe, begab ich mich an Ort und Stelle. Eine etwas erhabene, nach Norden 
grabenartig unebene Fläche von etwa 26 Schritt im Quadrat ist im Vergleich 



Miscellen. 827 

za der ümgebong auffallend dicht mit Epheu bewachsen. Auch zeigte man mir 
daselbst abgehauenes ülmenholz, dort Iftenholz genannt, welches bekanntlich 
Kalk and altes Gemäuer liebt, in der nächsten Umgebung daselbst sich aber 
sonst nicht findet. An mehreren Stellen lagen Fragmente römischer Dachziegel ^ 
zu Tage; auch kommen solche nebst Steinen und Mauermörtel beim Nachgra- 
ben an mehreren Stellen schon Va Fufis tief unter dem Boden zum Vorschein. 
Auch in der Richtung auf Billig in einer Entfernung von 80 resp. 150 Sehritt 
fanden sich beim Spatenstich an zwei Stellen sofort solche Ziegelfragmente. 
Auch hier hat man, wie a^f der Spich, am Abhänge des Waldgebirges eine 
pr&chtige Femsicht. Wahrscheinlich würden zwei Quergräben die Substructionen 
des ehemaligen Gebäudes bald zu Tage treten lassen. Da die Fläche augenblick- 
lich frei von Holz ist, liesse sich die Arbeit leichter bewerkstoUigoni zu welcher 
die Stadtgemeinde Euskirchen dio Erlaubniss hoffentlich nicht yersagen würde. 
Als Führer könnte mein Schwager J. A. Gilsdorf in Billig dienen. 

Die alte Bei gica, die beiden eben ausführlicher besprochenen Stellen und 
Tolpiacum (für welches Tulliacum als die richtige Form nachzuweisen mir 
vielleicht ein anderes Mal vergönnt sein wird) liegen fast genau in einer geraden 
Linie, und dürfte deshalb die Vermuthung, dass sich in der Nähe derselben 
auch noch Spuren der römischen Heerstrasse finden werden, nicht zu gewagt 
erscheinen. 

III. Die zwischen den Dörfern Billig und Rheder gelegene Feldflur »auf 
dem Kaisersteinc, wo wenigstens nach der landläufigen Ansicht (cfr. Eick 1. I. 
p. 78 ff.) die alte Belgica gestanden hat, ist in einer Ausdehnung von wenig- 
stens 5 Minuten Länge zwischen dem Rheder-Billiger uncT Weingarten-Billiger 
Wege, wie ich mich mit eigenen Augen überzeugt habe, mit römischen Ziegel- 
fragmenten fast wie besät. Zwischen Billig und dem Kaiserstein fuhrt noch heute 
ein von Südwesten nach Nordosten laufender Weg den Namen »Heerstrasse c; es 
ist die in den Jahrbb. XXXI S. 42 und 43 erwähnte, die aber demgemäss nicht 
direct auf den Kaiserstein mündet, sondern etwa 8 Minuten westlich an diesem 
vorbeizieht. Letzterer war ja freilich von dem Kreuzungspunkte aus auf der 
Zfilpich-Billigerstrasso schnell zu erreichen. Die Flur an dem Verbindungswege , 
zwischen jener »Heerstrasse« und dem »Kaisersteinc (dem heutigen Wege zwi- 
schen Billig und Rheder) heisst »am breiten Weg«, im Volksmunde »am brede 
Weg«, wobei es mir zweifelhaft bleibt, ob in dem letztem Ausdruck ein Ana- 
logen von »SteinstrasBcc, »grüner Weg« u. s. w. zur Bezeichnung einer römi- 
schen Militärstrasse, oder bloss eine Gorruption statt »am Rheder(er) Weg« 
steckt, in welchem Falle das b in »am brede Weg« eingeschoben wäre zur 
Erleichterung der Aussprache, ähnlich wie in nombre von numerus, chambre 
von camera. Zu Gunsten der ersteren Erklärung dürfte ausser der Bedenklich- 
keit der Annahme einer Verschluckung von »er« in »Rhederer« vielleicht be- 
sonders der Umstand sprechen, dass im Dorfe Billig noch heute eine Strasse, 
die ebenfalls von Osten nach Westen läuft, also auch ein Stück der ehemaligen 
Billig-Zülpiofaer Strasse sein könnte, dio »breite Strasse« heisst. Indessen scheint 
es mir überhaupt willkürlich und mit anderen Thatsachen im Widersprach, die 



_i_^ri_* 



328 Misoelleu. 

Aasdelmang der alten Belgica auf den Kaiserstein beaohranken sa vollen So- 
wohl Funde als Namen sprechen für eine grössere Ausdehnung der Station 
oder doch wenigstens einzelner vorgeschobener Werke. So fand ich Broehstuoke 
^ römischer Ziegelsteine in der Billiger Feldflur »auf der Heepc, südlich des 
Weingartener Weges, einen Steinwurf östlich von der »Heerstrassec ; femer in 
der Feldflur »im Kessel«, in welche die »Heerstrasse < direct hineinmündet, so- 
gleich nördlich vom Stotzheimerwege auf den Feldern der Ackerer Jakob Bung, 
Heinrich Kupper und Matthias Dissemond von Billig. Von Bung erwarb ich 
eine jetzt der Sammlung des hiesigen Progymnasinms einverleibte, auf dem q. 
Acker beim Pfldgen im October 1869 gefundene Silbermünze des römischen 
Kaisers Fhilippus (244—249 n. Chr.), die bei Cohen, med. imp. tom. 4 p. 184 
Nr. 83 näher beschrieben ist. Die mit der Strahlenkrone geschmückte, nach 

rechts gewendete Büste des Kaisers trägt die Umschrift: IMP(erator) PHI- 

LIPPVS AVC(u8tU8).; Der Revers SAECVLARES AVCC (= Augu- 
storum) umgibt einen nach rechts schreitenden Hirsch, unter welchem eine U 
steht. Der Flurname »Kessel« ist wol von castellum herzuleiten, wie nach 
Jahrbb. XXXI S. 125 Kessel auf der linken Seite der Maas =s castellum Mena- 
piorum ist. Unmittelbar südsüdöstlich stösst an den »Kessel« die Feldflur »aufm 
Wihlder«, die mit ihrem südöstlichsten Punkte an den »Kaiserstein« grenzt. 
Der Name »Wihlder« ist vielleicht von villa (Weiler) abzuleiten. Was den Ein- 
schub des d betrifft, so hört man in Billig auch »Dahlder«, »Tellder«, »Kell- 
der« für Thaler, Teller, Keller u. s. w. (Die Feldfluren östlich vom »Wihlder« 
und nördlich vom ^Kaiserstein« heissen »an der Ehlenmahr« [?] und »auf 
der Kuh«. 

' Die der Gemeinde gehörige Anhöhe hart südöstlich am Dorfe Billig, auf 
welcher jetzt eine Kapelle sieht, mit der herrlichen Aussicht nach Zülpich, 
dessen Thürme man deutlich erkennt, und bis zur Roer-Gegend, nach der Vill 
und dem blauen Siebengebirge, der »Orenstein« ') genannt, bin ich für den 
Träger eines der westlichsten Vorwerke von Belgica zu halten geneigt. Die 
Zusammensetzung mit »Stein« deutet, wie in so manchen Wörtern, auf frühere 
Befestigung hin; vgl. obiges Specheistein, ferner Kaiserstein, Eigelstein, die An- 
höhe »am Stein« bei Freilingen, im Kreise Scbleiden, über deren Alterthümer 
ich nächstens berichten werde, »Stechgende- oder Steggen-Steiu« bei Gressenich 
(vgl. Annal. des histor. Ter. f. d. Niederrhein 21. 22, 163). vgl. auch Mittheil, 
des Vereins für Gesch. und Alterth. iu Hohenzollern V S. 114 (1872). Reste 
von Ziegeln u. dgl. sind jetzt freilich auf dem Orenstein nicht mehr zu sehen; 
natürlich, da in meiner Knabenzeit (in den 40er Jahren) der Grund und Boden 
desselben nach öfifentlicher Versteigerung mehrere Fuss tief zur Verbesserung 
von Feldern weggefahren worden ist, nachdem schon vorher die meisten der 
mächtigen, auf demselben (wie auch im Dorfe) gelagerten Errat-Granitblöcke 



^) 6 wird in dem Worte wie ein halbes a ausgesprochen, fast wie im 
englischen fall, call, all etc. 



Misoellen. 329 

SQ ChaoBseebaa-Material waren zenohlagen worden. Dass man dabei Bruch* 
Stücke von Ziegeln u. s. w. bemerkt h&tte, habe ich allerdings nicht gehört; 
doch hat man vielleicht auch nicht darauf geachtet. So würde denn unsere Hy« 
pothöBe, abgesehen von dem dunkeln Namen des Platzes und seiner zu einer 
Befestigung für militärische Zwecke die Römer gleichsam einladenden natür- 
lichen Beschaffenheit, schliesslich doch gleich ihm selbst ziemlich luftiger Art 
sein, wenn sich nicht in seiner unmittelbaren Nachbarschaft noch einige be- 
aohtenswerthe Stützen far dieselbe fanden. Nämlich westlich von dem Orenstein 
liegt vdie alte Bürge, ein weitläufiger Rasenplatz mit noch gut erhaltenen Grä- 
ben (Weihern) an der Südseite und dem ins Dorf abschüssigen Gemeindeplatz 
»Bliessemc [?] an der Nordseite. Besonders bemerkenswerth ist an der »alten 
Burg« der südöstlichste von dem Orenstein kaum 200 Schritt entfernte Theil, 
der sogenannte »Knöppc (mit geschlossenem ö zu sgrechen), eine rings im 
Kreise von einem sehr tiefen und breiten Weiher umgebene Anhöhe, an deren 
Rande man jetzt bloss noch einige Spuren von fjut gänzlich verschwundenen 
Mauerresten bemerkt, von denen ältere Leute noch mehr gesehen haben wollen. 
Mag auch das Ganze in seiner jetzigen Gestalt mittelalterlichen Ursprungs sein, 
der vielleicht bis in die fränkische Zeit zurückgeht, so schliesst das doch kei- 
neswegs die Annahme einer älteren römischen Befestigung an jener Stelle aus, 
es begünstigt dieselbe sogar, da bekanntlich die germanischen Eroberer, ihre 
Könige nicht ausgenommen, sich vielfach in den verlassenen Römer statten nie- 
dergelassen haben. Dass dies seitens eines germanischen Freien auch in Belgica 
geschehen sei, dafar liegt vielleicht ein Anhaltspunkt in der Thatsache, dass 
bis zur ersten französischen Revolution das kleine Dorf Billig unter der Herr- 
schaft eines Freiherm von der Yorst zu Lombeck unid Gudenau ^) stand, dem 
auch die grössten und besten der zu einem seitdem in Privatbesitz überge- 
gangenen Pachthofe vereinigten Wiesen und Felder gehörten. Nach der aus un- 
bekannter Ursache erfolgten Zerstörung der »alten Bürge wurde dann wol der 
im Dorfe noch bestehende »alte Hof« gebaut, nach diesem der »neue Hof«, Ge- 
bäude, die in diesem Jahrhundert durch neue ersetzt worden sind, während die 
früheren Benennungen sich erhalten haben. 

Einen weitem Stützpunkt für die römische Nachbarschaft finde ich ^ in 
dem Namen der westlich an der »Hoerstrasse«, etwa 4 Minuten südlich vom 
Orenstein gelegenen kleinen Feldflur »auf der Zillig«. Der Name, vielleicht 
identisch mit Zülpich (platt »Zöllich«), scheint römischen Ursprungs, wie man 
das von ungefikhr 99 Prozent aller linksrheinischen Ortsnamen auf »ich« und 
»ig« behaupten und — beweisen kann. 

Nebenbei bemerkt geben manche räthselhafte Namen am und im Dorfe 



*) Auf einer in der Kirche zu Billig befindlichen, im Jahre 1746 gegosse- 
nen Glocke wird derselbe ausserdem genannt : HERR ZV GYDENAY KONIGS- 
WINTER YHiLIP MELL NYERENDORFF ODINGEN RVTZHEIM (» Roitz- 
heim) BILLIG AMBTMANN DERREN AMBTREN REINBERCK GVDESBERC 
VND MIEHTiEM (de). 



830 



Miscellen. 



Billig mancherlei zu denken. So ausser den bereits genannten der »Hostertc. 
Ackerfeld an der »breiten Strasse«, der »Ringele, allein liegender Doriiheil 
südlich, von der »breiten Strasse«, die »Comm«, grosses Ackerfeld westlich yom 
Dörfe »der alte Weiher«, sumpfiger Wiesenglati und Holzung, etwa 8 Min. süd- 
westlich vom Dorfe (so benannt, nachdem bei der »alten Burg« neue Weiher 
waren angelegt worden?), der »Göbbelstall«, desgl., etwa 8 Minuten südlich, das 
»Lützenbillig«, Feldflur, Vi Stande westlich vom Dorfe (=s Lützelbillig d. i. 
Kleinbillig?) u. s. w. 

IV. Schliesslich sei noch auf drei Punkte aufmerksam gemacht, an denen 
sich Nachgrabungen wahrscheinlich lohnen würden: a) auf ein Grundstück un- 
terhalb Rheder ') in der Flur »auf dem Hondert«, dem Wegewftrter Müller da- 
selbst gehörend, welches höchst wahrscheinlich noch eine bedeutende Anzahl 
römischer Graber birgt; b) auf einen den Geschwistern Flink in Weingarten 
gehörigen Acker, auf dem rechten Ufer der Erft daselbst; c) auf die Flur »an 
der breiten Strasse« etwa 12 Minuten südlich von Enzen (Kr. Euskirchen), öst- 
lich von dem Wege nach Commem. In diesem Frühjahr wurde der Sammlung 
des hiesigen Progymnasiums eine daselbst in dem Acker des Herrn Theodor 
Althausen gefundene Kupfermünze des Kaisers Valens geschenkt mit der ge- 

wöhnUchen Legende: DN VALENS P F AVC Rev. SECVRITAS 
REIPVBLICAE "^ter einer Victoria mit Kranz und Palme: TR P. Meh- 
rere Felder daselbst, z. B. das des Vorstehers Walpott, fand ich mit ziemlich 
zahlreichen Ziegelfragmenten bedeckt. Die Umschau ist wieder eine sehr freie. 
Linz a. Rh., Nov. 1873. 

Joseph Pohl. 



29. St. Vith. Der grösste bis jetzt in hiesiger Gegend entdeckte römische 
Bau lag südöstlich vom Dorfe Montenau, am Fusse des jetzt noch sog. Schoss- 
feldes (Schlossfeld?), und mag wohl unserer hiesigen Römerstrasse, über Tom- 
men und Müringen nach Cöln gehend, nicht fern gelegen haben. Nach den 
auf dieser Stelle noch vorhandenen abgegrenzten Erhöhungen zu schliessen, 
bildete dieser Bau ein längliches Viereck, dessen Länge 60 bis 70 Schritte be- 
tragen haben mag. Auf einer dieser Erhöhungen wurden im J. 1868 auf Kosten 
der k. Regierung zu Aachen Nachgrabungen veranstaltet. Im tiefen, mit Kalk- 
mörtel, Asche und Kohlen vermischten Schutte fanden sich mitunter noch teller- 
grosse weisse Wandstücke mit gut erhaltenen gelben und rothen Farbstreifen 
verziert; ferner eine Menge 7- bis 8-fach verschieden geformte Ziegel und Zie- 



') Ich halte diesen Ortsnamen für keltisch = Rigodnrnm (cfr. Rigomagus 
=s Remagen). Der Ort bildet mit dem deutschen Weingarten und den römi- 
sch en Billig und Calcar (wol von Kalköfen, die die Römer in der Nähe betrieben, 
benannt, wie ich mich bereits irgendwo gelesen zu haben erinnere) jetzt eine 
Pfarrei. Eine interessante, übrigens nicht vereinzelt dastehende Zusammen* 
Stellung I 



?r 



Misoelleti. S31 

gelstaoke, deren auffallende versohiedene Oeffnungen nnd Locher auf eine gleich* 
zeitige HeizungsanBtalt schlieesen lassen; dann verschiedene eiserne Nägel, ein 
langes schweres Stück Roheisen, Dachschiefer mit Nagollöchern, welche Schiefer 
aber, wahrscheinlich durch Brand, nicht mehr blau, sondern röthlichbraun sind. 
Untcür diesem Schutte kam man auf yerechieden verlaufende Ziegelmauern, wor- 
unter grosse Basalt-Blöcke lagen, welche jedenfalls aus der hohen vulkanischen 
Eifel hierher transportirt worden sind und auf einen ehemaligen grossartigen 
römischen Bau hindeuten. Nach der Lage dieses Baues an der römischen Heer- 
strasse durch den Ardennenwald, sowie nach dem vorgefundenen rohen Eisen- 
stücke, den Basaltblöoken und den kaminartig geformten Ziegeln lässt sich ver- 
mnthen, dass hier gleichzeitig eine Eisenschmelz oder Werkstatt zur Anfertigung 
römischer Waffen gewesen sein mag. Grade von dieser Stelle aus laufen auch 
die bis jetzt, hinsichtlich ihres Ursprunges unerklärlichen, sehr zahlreichen 
mehr oder minder grossen, aufgeworfenen Sand- nnd Kieshngel an dem »Rech- 
ter Walde« vorbei sogar bis nach St. Hubert, welche mit diesem Baue irgend 
einen ursächlichen Zusammenhang gehabt haben mögen. 

Noch näher bei St. Yith, zu Breitfeld, hat ein ähnlicher römischer Bau 
gestanden. Auf einem Felde, dicht hinter dem MargrafTschen Hause sind ähn- 
-licb geformte Ziegel und Ziegelmauer-Ueberbleibsel heransgegraben worden. 

(Kreisblatt für den Kreis Malmedy. 1868. Nr. 74.) 



SO. Bonn. Mercnrius und Rosmerta. Die Temps vom 29. Mai 1873 
enthalten folgenden für die röm. Epigraphie beachtenswerttien Bericht: Auf 16 
epigraphisohen Denkmälern, welche in den Rheinlanden, und im östlichen Gallien 
gekommen sind, findet man die Namen dieser zwei Gottheiten vereinigt. Seit dem 
17. Jahrb. besitzt man ein bas-relief von Längeres, welches den Mercur und eine Göttin 
darstellt, die keine andere sein kann als Rosmerta und in welcher man ent- 
weder die römische Postverta oder die Schutzgöttin des Ackerbaus oder des 
Handels oder der Pferdemärkte zu erkennen glaubte. Dieses Bildwerk ist nicht 
mehr vorhanden, und ohne die Zeichnung von Pe tavius würde selbst die Erinne- 
rung daran wahrscheinlich erloschen sein. Jedoch in der letztem Zeit ist die 
Wissenschaft durch die archäologischen Forschungen in den Besitz einer An- 
zahl von neuem Denkmälern gelangt, auf welchen Mercur und seine räthselhafte 
Begleiterin dargestellt sind. Ein deutscher Archäolog, Hr. Becker aus Frankfurt, 
hat in einer Reihe schätzbarer Untersuchungen festzustellen gesucht, dass Ros- 
merta die Göttin des Glückes sei. 

Hr. Gh. Robert theilt seinen Gollegen eine Denkschrift mit, welche zum 
Zwecke hat, die Rolle und Bedeutung der Rosmerta näher zu bestimmen. Zu- 
nächst ist ersichtlich, dass man es mit einer römisch-gallischen Ortsgotthoit zu 
thun hat, d. h. mit einer Gottheit, deren Verehrung auf eine Gruppe von be- 
nachbarten Städten, auf eine einzelne Gegend beschränkt gewesen ^ein muss. 
Es erhebt sich die Frage: ist der Name der Rosmerta deutsch oder keltisch? 
Dieses etymologische Problem ist noch ungelöst; jedoch hat die Mehrzahl der 



882 



Miflcellen. 



Philologen dem Namen einen keltisoben ünpmng beigelegt, ohne dais es bis 
jetzt gelangen w&re, den Sinn des Wortes nachsaweisen. 

Bosmerta ist nicht als Fortuna anzusehen; Mercur hatte bei den Galliern 
keinerlei mystische Verbindung mit dieser Göttin. Weit entfernt beide zu yer- 
einen, beweisen die Inschriften, dass die Weihenden, ganz verschiedenen socialen 
Verhältnissen angehörten. Es ist nicht zn leugnen, dass Bosmerta mit dem Fflll- 
hom erscheint, allein man sieht bei ihr niemals das Stenerradery das specielle 
und charakteristische Attribut der Fortuna. Die gallische Gtottheit hat ein dop- 
peltes Gewand; sie tragt bald den Schlangenstab (caducens), bald das Füllhorn, 
bald beide Symbole zugleich; sie erscheint auch mit dem Beutel, abgesehen 
dayon, dass auf einigen Belief-Dar Stellungen Mercur ihr den Beutel darreicht 
und den Inhalt in die Schale schüttet, welche sie ihm hinhalt. Sie ist in der* 
selben Weise beschuht wie die Mütter. 

Hr. Bobert fuhrt ähnliche Darstellungen aus Puzzuoli, Verona und Pompeji 
an, auf welchen Maja, d. h. die Erdmntter, sich zu Merour gesellt findet. Hieraus 
folgert er im Gegensatz zu Prof. Becker und in Uebereinstimmung mit Otto Jahn, 
dass die yon Mercur seiner Gesellschafterin dargereichte Börse, wie sie in Italien 
und im nordöstlichen Gallien sich abgebildet findet, als Symbol der alten chtho- 
nischen Bedeutung Mercurs zu betrachten ist, vermöge deren er die Erde be- 
fruchtet, ihre Früchte zur Entwicklung bringt und endlich dem Menschen die 
Seele und das Leben gibt. Diese Schlussfolgerung scheint durch die Thatsache 
bestätigt zu werden, dass die belgischen Inschriften eben so oft die Maja als 
die Bosmerta dem Mercur zugesellen. Die Genossin des keltischen Gottes, wel- 
chen die Bömer mit Mercur identificirt hatten, ward ununterbrochen unter ihrem 
einheimischen Namen durch gallische Familien, welche der nationalen Ueberlie- 
ferung treu blieben, verehrt, während sie den Namen der Maja annahm, wenn 
romanisirte Gallier oder Bömer während ihres Aufenthaltes in Gallien die Wid- 
menden waren, c 

Hr, Bobert hat seine Denkschrift über Mercur und Bosmerta noch weiter 
ausgeführt und zu begründen gesucht in der Epigraphie gallo-romaine 
de la Mo seile. Etüde parP. CharlesBobert, membre de l'institut. Finde la 
I. parthie. Paris, 1873, welche uns eben durch die Güte des Verf. zugegangen. 
Wir gedenken von dieser in jeder Hinsicht musterhaften, durch treffliche Ab- 
bildungen nach der neuen sog. Photogravure Duj ardin illustrirten epigra- 
phischen Monogrraphie, welche die römischen oder gallisch-römischen Inschriften 
des Mosel-Departements (Hauptstadt Metz) begreifen soll und bis jetzt in den zwei 
erschienenen Abtheilungen (die 1. erschien 1869) die den Göttern gewidmeten 
Inschriften, die sich meist in den Metzer Sammlungen befinden, behandelt, in 
nnserm nächsten Hefte eine eingehendere Anzeige zu bringen« J. Fr. 



81. Ein altdeutsches Sprachdenkmal, ünkel gegenüber steht an 
dem Wege, der in's Unkelbaohthal fuhrt, einHeiligenhäusohen, welches in neuerer 
Zeit restanrirt worden ist. An demselben befindet sich, nnzweifelfaalt von dem 



MiBoellen. 888 

Eapellohen herrührend, ein grosser Siein über der Nische eingemauert mit fol- 
gender gat erhaltenen Inschrift in gotischen Buchstaben: 

>A.nno. dm. m. €CGC non. in die. sti. lamberti. do dede. arnolt. amolt- 
ges. son. TS. nnkebach. dit. mache, got. geve. de. sin. euuch. leve. de. eir. 
hulpe. zo lien. geve.c 

9lm Jahre des Herrn 1409 am Tage des heiligen Lambertus, da Hess Arnold 
Amoldgres Sohn Ton Unkelbach dieses machen. Gott gebe denen sein ewig Le- 
ben, die ihre Hülfe sa Lehen geben, c 

Pyof. Birlinger übersetzt: >6ott gebe den Seinigen das ewige Leben, der 
Ehre (und) Hülfe (zur Zeit) zu Lehen gibt,« und bemerkt, dass ähnliche Sprüche 
bei Freidanl[: und den Minnesängern vorkommen. Professor Simrook tritt der 
ersteren Erklärung bei und bemerkt, wahrscheinlich hätte ein Opferstock dabei 
gestanden, um die Beisteuern zur Erhaltung des Denkmals aufzunehmen. Die 
Sprache sei niederrheinisch. 

Schaaffhausen. 



82. Bonn, 24. Noy. Einen neuen Beweis für die Thatsacho, dass die Römer 
bereits die Bleibergwerke bei Gommern betrieben, liefert ein kürzlich gemachter 
Münzfand. In einer alten Halde der Bleierzgruben am Tanzberge bei Call wurde 
eine schön patinirte Grosserz-Münze des Kaisers Claudius, R: S. G. und ein 
schreitender Mars mit Schild und Speer, gefunden und von Herrn Gruben, 
director Theobald an S' Ezo. Herrn Geh.-Rath von Deohen eingesendet. 

Schaaffhausen. 

[Vergl. Bonn. Jahrbb. LH p. 168. Üeber den, bedeutendsten, am Tanzberg 
1849 gemachten Fund von Silbermünzen, welche dem Zeitraum von Yespasian 
bis Severus Alexander angehörten, im Gewicht von 20 Pfund, finden sich nähere 
Mittheilungen bei >Eick, die röm. Wasserleitung aus der Eifel nach Eöln.t 
1867. S. 41. J. Fr.] 



88. Bonn. Prof. Simrock theilt mir ein Guriosum, der Genlok über^ 
schrieben, aus Ühland's Schriften zur Gesch. der Dichtung und Sage, 
8» Bd. S. 619 mit, das hier als fuga spatii eine Stelle finden möge: >In einem 
Hanse zu Mittelstadt war ein Stein mit Bildern eingemauert. Ein Alterthuns* 
freund, der in diesen römische Laren findet, macht dem Hausbesitzer den Stein 
feil und der Handel war schon am Abschluss. Da legte die Altmntter des Hau- 
ses Widerspruch ein; es habe nur Unheil gebracht, als man den Genlok ausge- 
brochen, gleich in der folgenden Nacht sei der Falbe im Stall gefallen. Der 
früher verkaufte war ein ähnlicher Mauerstein mit dem eingehanenen Kamen 
(gen. loc, genio loci). Der Stein mit den Laren steht noch in der Mauer und 
der Kauflustige muss sich gedulden, bis die Altmutter heimgegangen ist. Nach 
der Erzählung des Hm. Pfarrers Memminger am 24. Sept. 1852. c J. Fr. 



IV. Chronik des Vereins 



für ias yeretnsinlir 1872 (re$)r. Ilfinsften 1872-1873). 



Auch in diesem Jahre trat an unser Institut die Wahrnehmung 
heran; dass gegenüber der demselben gesteckten Aufgabe der all- 
seitigen Erforschung, Erhaltung und Sammlung rheinischer Denkmäler 
das sich ihm darbietende wissenschaftliche Material ein reichhaltigeres 
und, vielseitigeres war, als dass es durch die Kraft des Vereins in 
seiner jetzigen Einrichtung hätte überwältigt werden können. Wenn 
wir desshalb wiederholt auf die Nothwendigkeit einer eingreifendem 
Thätigkeit der auswärtigen Sekretaire zurückkommen müssen, so war 
es doch vor allem zu bedauern, dass die bei dem hohen Königl. Mini- 
sterium und den städtischen Behörden zu Bonn beruhenden Vorlagen, 
betreffend eine dauernde Jahresunterstützung und die dringend noth- 
wendige Erweiterung des Vereinslocals noch immer unerledigt geblieben 
sind: drei Momente, von deren günstiger Erledigung die fortschreitende 
Blüte unseres Vereins wesentlich bedingt ist. 

Die sonstigen äussern Verhältnisse waren fortdauernd befriedigend ; 
die Zahl der Mitglieder betrug 614, unter welchen nach Abzug der 
ausserordentlichen und Ehrenmitglieder 580 zahlende verblieben. Durch 
den Tod verlor der Verein aus der Reihe der Ehrenmitglieder einen 
der hervorragendsten Archäologen Frankreichs, NarcissdeCaumont, 
den Begründer der Soci6t^ des Antiquaires de Normandie so wie der 
Soc. fran^aise d'arch^ologie, Verfasser des Cours d'antiquit^ monu- 
mentales (6. Tom.) und des bekannten Ab^c^daire d'arch6ologie. Von 
ordentlichen Mitgliedern beklagen wir den Verlust des Herrn Geh.- 



Chronik des Vereins. 886 

ßaths Altgelt in Düsseldorf, eines der wohlwollendsten Förderer der 
Vereinszwecke, des zu frühe der Wissenschaft entrissenen Professors der 
Geschichte Dr. Kamp schulte, des um das Schulwesen verdienten 
Reg.-Bath Lic. Blum in Köln, des Herrn Freiherrn von Nordeck 
und des Herrn Pfarrers Bichrath in Rommerskirchen ; ausserdem 
starb das ausserord. Mitglied Herr Pfarrer Welt er in Hürtgen. 

Was die Cassenverhältnisse betriflft, so betrugen die 
Gesammteinnahmen im Ganzen 3104 Thlr. 15 Sgr. — Pf. 
gegenüber einer Ausgabe von 1634 „ 22 „ 8 „ 

Verblieb Ueberschuss 1469 „ 22 „ 4 „ 

Dieses ausserordentlich günstige allgemeine Resultat ward her- 
beigeführt durch folgende zwei sehr dankenswerthe grössere Gaben, 
die bereits in der Chronik zu Heft LH. vorläufig vermeldet sind: 

1) Seitens des rheinischen Provinzial-Landtags im Betrage von 
800 Thlr. / 

2) Der Aachen - Münchener Feuerversicherungs - Gesellschaft von 
500 Thlr. 

Ausserdem wendete die Wittwe unseres verst. geehrten Mitglieds 
6eh.-Rath Altgelt in Düsseldorf dem Verein zur Erinnerung an 
ihren Gemahl 25 Thlr. zu. 

Ungeachtet dieser ungewöhnlichen Einnahme von 1325 Thlr. 
würde schon die regelmässige Einnahme 1779 Thlr. vollständig zur 
Deckung der Gesammtausgaben von 1634 Thlr. ^ ausgereicht haben. 
Letztere vertheilen sich in runden Summen : für die literarisch-artistischen 
Arbeiten auf 870, für Bücheranschaffungen auf 93 Thlr., für Ankauf von 
Alterthümern 244 Thlr., für Reisen und Ausgrabuugen 65 Thlr., für 
Verwaltungskosten und Diversa aller Art 240 Thlr. 

Wenn der Vereinsvorstand dem erheblichen Ueberschusse gegenüber 
in dem verflossenen Vereinsjahre einer weisen Sparsamkeit Rechnung 
trug, so bestimmte ihn dazu die Verpflichtung, die Geschenke des 
Provinzial-Landtags und. der Aachener Feuerversicherungs-Gesellschaft 
zu Ankäufen von Alterthümern für das Arndt-Museum in Verwendung 
zu bringen. Ankäufe dieser Art sind aber ganz dem Zufall unter- 
worfen und desshalb ist es geboten, für jeglichen Fall, wo sich eine 
günstige Gelegenheit darbietet, das Geld in Reserve zu haben. Die 
Gassen-Verwaltung hat, wie in der vorigen Chronik angemeldet worden, 
Herr Rechnungs - Rath Fr icke mit anerkennungswerther Sorgfalt 
geführt 



886 Chronik des YereinB. 

Blicken wir auf unsere literarische Thätigkeit zurück, so ist in dem 
angegebenen Zeitraum Heft LH. der Jahrbücher erschienen und von 
H. LIU— IV der Druck der ersten 10 Bogen, eben so die Hälfte der 
Publication „des Mosaikbodens in St. Gereon zu Köln" fertig geworden. 
Wenn beide Veröffentlichungen erst jetzt erscheinen, so engaben sich 
für das neue Heft sachliche Gründe zur Erweiterung desselben zu 
einem Doppelhefte, für die letztere die Nothwendigkeit einer Sistirung 
des Druckes durch den während desselben, beim Abbruch des Haupt- 
altars von St. Gereon, unerwartet gemachten Fund neuer Mosaikreste, 
die voraussichtlich Licht über die Gesammtlage des zerstörten Bodens 
zu gewähren geeignet schienen. Wir haben sofort den Eirchenvor- 
stand von St. Gereon um vollständige Aufdeckung, unter dem Aner- 
bieten die nöthigen Geldmittel zu gewähren, ersucht, leider ohne den 
gewünschten £rfolg. Immerhin hat dieser Aufschub der Publication 
in Folge der vom Verfasser auf einer erneuten italienischen Heise 
gemachten Entdeckungen einen weiteren Umfang zu geben verstattet, 
so dass unsere Mitglieder zufrieden sein dürften, in dem so reich aus- 
gestatteten Werke für zwei Festschriften Eine entsprechende Gabe zu 
empfangen. 

Das dringende Bedürfniss der Herstellung eines fortgesetzten, 
resp. neuen vollständigem General-Registers unserer immer mehr an- 
wachsenden Jahrbücher ist leider durch den in Folge einer Beförderung 
zum Inspector der kath. Selecten-Schule nothwendig gewordenen Bäd(- 
tritt des dafür gewonnenen Herrn Prof. Dr. Becker in Frankfurt uner- 
füllt geblieben. Wir werden jedoch unsere Bemühungen zur Gewinnung 
einer geeigneten Kraft fortsetzen und verweisen desshalb auf die betr. 
Aufforderung auf dem Umschlage dieses Heftes. 

Ausser der vom Prof. Dr. Kraus in Strassbung vorbereiteten 
Sammlung der christlichen Inschriften des frühen M.-A. in den Rhem- 
landen ist als ein weiteres Werk der Zukunft „eine Statistik der 
Denkmäler der Rheinprovinz" in Aussicht genommen, zu deren Ab- 
fassung vom König!. Oberpräsidium Plan und Kostenanschlag einge- 
fordert wurden. 

Die in den Räumen unseres Vereinslocals im Amdthause aufbe- 
wahrte Sammlung und Bibliothek wächst in dem Masse an, dass es 
durchaus nicht möglich ist, die verschiedenen Gegenstände der Sammlung 
unterzubringen, und namentUch sind die wichtigen Steinmonumente zum 
grossen Theil dem Wetter und dem Muthwillen ausgesetzt In dankens- 
werther Weise hat der neuernannte Stadtbaumeister Herr von Noel 



Chronik des Vereine. 337 

dem Verein den Plan zur Erbauung einer an der Nordgrenze des 
Arndt'schen Gartens zu errichtenden Halle eingereicht, deren Her- 
stellung aber bei einem Kostenaufwand von 9000 Thlr. so lange auf 
unüberwindliche Schwierigkeiten stösst, bis die erwünschte Staatshülfe 
bewilligt sein wird. 

An bedeutenderen Geschenken sind zu verzeichnen: 

1) Von der Direction der rhein. Eisenbahn-Gesell- 
schaft: Der Meilenstein von Nettersheim (vergl. H. XLIX. 
S. 184 f). 

2) Eine römische Grabtrommel von Stein mit 2 Gläsern, gefunden 
bei Nettersheim. 

Von Herrn Gommerzien-Bath Boch in Metlach: eine grosse 
verzierte röm. Glasflasche und Fragmente eines sog. vas diatretum. 

Von Prof. Dr. aus'm Werth: eine emaillirte Metallplatte des 
12. Jahrh. 

Angekauft wurde: 1) eine Anzahl römischer Pfeilspitzen aus 
castra Veter& (Xanten); 2) eine Sammlung römischer Alterthümer 
vom Prof. Dr. Fiedler; 3) ein römisches Glas vom Kaufmann Brink 
in Bonn ; 4) drei römische Steine aus der Kirche von Rohr bei Blanken- 
heim (vergl. oben S. 172 fg.) ; 5) Relief eines römischen Grabsteins, in 
der Nähe der Münsterkirche zu Bonn gef . ; 6) Siegelstempel der Bonner 
Barbiererzunft; 7) Mittelalterliche Krüge und Schüsseln vom Nieder- 
rhein; 8) eine röm. Waage, an der Cobl. Strasse gef. etc. 

Der Wunsch, unsere Bibliothek vollständig zu ordnen, zu com- 
pletiren und endlich gemäss dem in jeder Generalversammlung der 
letzteren Jahre ausgesprochenen Verlangen der öffentlichen Benutzung 
zu übergeben, ist durch die andauernde Abwesenheit des bisherigen 
Bibliothekars unmöglich gewesen. 

An Geschenken für die Bibliothek sind, ausser den uns durch 
Austausch regelmässig zugehenden Zeitschriften, eingegangen: 

1) Vom Grafen Ouvaroff in Moskau: Recherches des anti- 
quit^s enRussie merid. et des cöt^s de la mere noire. Paris 1857. 

2) Vom Grafen Connestabile in Perugia: 

a.' Inscrizioni Etrusche e Etrusco-latine. Firenze 1858, 4tp. 
b. Dei Monumenti di Perugia Etrusca e Romana, della litte- 
ratura e bibliografia Perugina. Perugia, Parth. I—IV. 

3) Vom Director des etrurischen Museums in Florenz, Herrn 
Gamurrin, dessen Münzwerke: Periodico di numismatica e 
sfragistica dal March. G. Strozzi. 3 Ti. Firenze 1868—72. 

22 



338 Chronik des Vereiiu. 

4) Vom ßaurath Herrn Are in Aachen: Mgr. X. Barbier de 
Montault, la mosaique da Dom k Aix la Chapelle. Paris 1869. 

5) Von Sr. Maj. dem Könige von Schweden Carl XV: 
Jacob Falk, Catalog der königlichen Samminngen. 

6) Vom Appell. - Ger. - Ralh von Cuny a. D: Revue d'Alsace. 
Nouv. Serie. I et U^me ann^e. 3 Fase. Golmar 1873. 

7) Von Herrn E. de Meester de Ravestein: 

Mus6e Ravestein. Catalogue descriptif. T. I. Liege 1871. (Vergl. 
H. LH. S. 142 flf.) Tom. IL , 

8) Vom Architeeten der Provinz Ravennä, Herrn Laneiani: 
eine Anzahl werthvoller Zeichnungen ravennatischer Mosaiken etc. 

Die vorsehriftsmässige Generalversammlung fand statutengemäss 
am Schlüsse des Vereinsjahres und zwar am 3. Juni 1873 statt. In 
derselben wurden, nachdem dem Cassirer Deeharge ertheilt war, die 
bisherigen Vorstandsmitglieder: Berg-Rath Prof. Nöggerath und die 
Professoren aus'm Weerth, Ritterund Freudenberg einstimmig 
wieder gewählt. Da nach)dem bisherigen Usus die Vorstandsmitglieder 
ihren Wohnsitz in Bonn haben müssen, so sah die Versammlung aus 
diesem Grunde von der Wiederwahl des in Rheinberg wohnenden 
Friedensrichters und L.-G.- Assessors Herrn Piek ab und ermächtigt« 
den Vorstand^ nach seinem Ermessen dessen Stelle provisorisch zu 
besetzen, re^p. mit Herrn Pick für den Fall seiner dauernden Rück- 
kehr nach Bonn in Verbindung zu treten. 

Dr. Kamp aus Köln stellte den Antrag, ^eine Sammlung von 
Papier-Abklatschen rheinischer Inschriften, die im Vereinslocale unter- 
zubringen wäre, anzulegen. Eine solche Sammlung würde eine 
Centralstelle bilden für die in der ganzen Provinz, oft an schlecht zu- 
gänglichen Orten, verbreiteten Inschriften und bei schwer lesbaren 
Inschriften dem Forscher das sicherste Kriterium in die Hand geben; 
zugleich würde dadurch die in Aussicht stehende Publication der rhein. 
Inschriften in der Sammlung der Berliner Academie wesentlich gefördert 
werden. Zu dem Zwecke möge der Vorstand in dem nächsten Hefte 
die Mitarbeiter ersuchen, von allen neu edirten und neu besprochenen 
Inschriften Papier - Abklatsche einzusenden. • Dieser zeitgemässe Vor- 
schlag fand die allgemeine Zustimmung der Versammlung. (Vergl. 
die betr. Aufforderung auf dem Umschlage des Heftes.) 

Ein fernerer Antrag wurde von dem Geh. Med.-R. Prof. Schaaff- 
hausen und vom Prof. Floss gestellt, eine Eingabe an den hiesigen 
Universitäts-Senat und an das Kgl. Cultus-Ministerium zu richten, dass 



Chronik des VereinB. 839 

dem Verein zur Au&tellung seiner Sammlungen die frühere Anatomie 
oder ein Theil derselben überlassen werde. Eine Commission zur Ab- 
fassung dieses Gesuchs, bestehend aus den Herren Gonsist.-Il. Prof. Krafft 
und Geh. Med.-R. Schaa£fhausen, expedirte diese von vielen Mitgliedern 
unterzeichnete Petition, welche indessen vom Königl. hohen Ministerium 
abschlägig beschieden wurde. 

Der Geburtstag Winckelmanns, wozu diesmal keine Festschrift 
ausgegeben werden konnte, wurde am 9. Dec. 1872 durch eine zahlreich 
besuchte solenne Abendversammlung gefeiert. 

Prof. aus'm Weerth, der Vice-Präsident des Vereins, eröffnete 
die Sitzung mit einer der Weihe des Tages geltenden Ansprache, in 
welcher er hervorhob, dass diese Feier nicht lediglich eine Huldigung 
des Genius, sondern ein Bekenntniss zu dessen wissenschaftlichen 
Normen sei, dass man in der von Winckelmann geschaffenen Disciplin 
bleiben müsse, so lange man den Anspruch wissenschaftlicher Arbeit 
erhebe. — Von der Bedeutung der Kunstwissenschaften überhaupt zum 
Rheinlande übergehend, fuhr der Bedner folgender Massen fort: 

„An den Ufern des Rheines stehen wir auf einem Boden, wo die 
grossen Geschicke der Menschheit seit fast 2000 Jahren Spuren ihres 
Verlaufe hinterlassen haben. Hier vollzogen sich die grossen Wandelungen 
des römischen Kaiserreiches, die fränkischen Staatenbildungen, die Cul* 
turmission KarVs des Grossen, wesentliche Vorgänge der deutschen 
Kaisergeschichte, Städteerhebungen und Hansabund. Und aus allen 
diesen grossen Perioden sehen wir von der altersgrauen Porta nigra 
bis zur Pfalzcapelle KarVs des Grossen, von den romanischen Kirchen 
zu Worms, Speyer, Mainz, Laach und Köln bis zu den gothischen 
Domen eine^ eben so unterbrochene als unvergleichliche Reihe monu- 
mentaler Zeugen. Keine Provinz Deutschlands wurde von den grossen 
bestimmenden Vorgängen der Weltgeschichte in gleichem Masse berührt, 
keine besitzt so viele und erhabene Denkmäler und keine vermag dess- 
halb auch einen so berechtigten Anspruch auf deren öffentliche Pflege 
zu erheben. Es war desshalb ein richtiger Gedanke der Staatsregierung, 
als sie schon vor fast 50 Jahren die Gründung eines Provinzial-Museums 
im Zusammenhang mit unserem später entstandenen Verein ins Auge 
fasste und letzterem die Gränzen des Stromes: „Von den^Alpen bis 
zum Meere^ anwies. Aber seit der Gründung unseres Vereins sind 
31 Jahre verflossen und eine neue Zeit mit neuen Forderungen und 
Verhältnissen ist angebrochen. Neben uns sind im weiten Strom- 
gebiete des Rheines ähnliche Institute entstanden, die nicht entfernt des 
Willens, in unserem Vorgange das anzuerkennen, was sie uns verdanken. 



340 Chronik des Vereint. 

anstatt nach Gemeinsamkeit und Anschlass lediglich nach UnabhStigig- 
keit strebend^ Gegensätze aus den Verhältnissen bilden, die nur durch 
klare Begränzung und Auseinandersetzung zu bannen sind. Und ihre 
Bannuug wird durch die Würde u\id das Ziel der Wissenschaft ge- 
boten. — Nach dem glorreichen Jahre 1870 haben alle öffentlichen 
Bestrebungen grössere Massstäbe angenommen: das patriotische Be- 
wusstsein beflügelt den Gang der Dinge. Untrennbar von diesem pa- 
triotischen Aufschwung ist die erhöhte Pflicht der Pflege unserer gros« 
sen Vergangenheit. Denn niemals dürfen wir vergessen, dass das Be- 
wusstsein der grossen Vorzeit, das stets belebte patriotische Gefühl, 
wie es Ernst Moriz Arndt unter uns wach erhielt, nicht zum kleinsten 
Theile die Siegeskraft erzeugte, in deren Ruhm wir uns jetzt ghlek- 
lich preisen. Ein Volk, welches weiss, dass auf seinem Boden sich die 
Weltgeschichte vollzog, fühlt anders als der Wilde in seiner Steppe. 
In diesem Wissen ruht ein unversiegbarer Born des Patriotismus, con- 
servativer Gesinnung und idealer Kraft. Desshalb muss auch unser 
Verein sich zu der erhöhten Aufgabe nach innen und aussen in seiner 
Kraft erhöhen, indem er sich sowohl mit den wiedergewonnenen Reichs- 
landen in lebendige Verbindung setzt, wie durch Klarstellung seiner 
Ziele und der gewordenen Verhältnisse Eintracht und vor Allem Ge- 
meinsamkeit mit allen gleichstrebenden Factoren herstellt. Stets haben 
dauernd richtig bleibende Gedanken in neuen Zeiten neue Formen an- 
nehmen müssen, wenn sie die Sicherheit und den Fortschritt ihres 
Bestandes erhalten wollten. Um denselben zu gewinnen, bedarf es vor 
Allem der regen öffentlichen Unterstützung. Am heutigen Tage dürfen 
wir nicht unterlassen, dieser den gebührenden Tribut darzubringen, 
denn ausser vielen kleineren Gaben und gi*össeren Geldgeschenken der 
Rheinischen Eisenbahn und der Aachen-Müncheuer Feuerversicherungs- 
Gesellschaft verdanken wir besonders den Provinzialständen eine der 
Bedeutung unseres Instituts entsprechende Beihülfe. — So dürfen wir 
denn unter dem Schutze der Manen Winckelmann's hoffen, in den 
Bahnen strenger Wissenschaftlichkeit und dennoch gemeinverständlich 
den Beruf — die Denkmäler der Vorzeit und durch sie das historische 
Bewusstsein zu erhalten und- zu fördern — glücklich weiter zu üben." 

Herr Dr. Nordho'ff aus Münster hielt alsdann Hber „die kunst- 
geschichtlichen Beziehungen zwischen dem Rhein- und Westfalenlande' 
einen sehr eingehenden und belehrenden Vortrag, auf dessen durch 
die betreffenden Erläuterungen erweiterten Abdruck in diesem Hefte 
wir die Leser verweisen. 

Prof. Floss sprach in längerem Vortrage über das römische 



Chronik des Vereins. 341 

Militärwesen am Rhein, insbesondere am Niederrhein, und wies den 
Zusammenhang einzelner hier stationirter Legionen mit dem früh 
christianisirten Rhonethale, die Verwendung zahlreicher (Kohorten aus 
Nordafrica, aus Spanien, aus dem fernen Asien, und zwar aus Gegen- 
den, welche in frühester Zeit blühende Kirchen hatten, nach. Inter- 
essant war auch der Nachweis, dass die hohen Officierstellen über- 
wiegend mit Italienern besetzt waren und die Bemannung der sehr 
beträchtlichen römischen Rheinflotte vielfach Namen von Officieren 
weit entfernte südlicher Küstenländer zeige. Dass auf diesen Wegen 
nicht allein frühzeitig eine reiche Industrie an den Rhein verpflanzt 
wurde, wie Inschriftsteine beweisen, sondern auch bald die Kunde des 
Christenthums hieher gelangen musste, ergab sich aus den mitgetheil- 
ten Thatsachen mit fast zweifelloser Gewissheit. Bezüglich des Bis- 
thums Köln wurde noch besonders der Zusammenhang der kölnischen 
Kirche mit den Rhonestädten und mit Nordafrica nachgewiesen. 

Prof. Scha äff hausen besprach hierauf einen römischen Fund 
in Bandorf bei Oberwinter, bei welchem eine liegende Statue des Nep- 
tun, die einem Brunnen angehört zu haben scheint, und ein kleiner 
römischer Altar mit der Inschrift : „Deo invicto regi pro bono comuni^ 
zu Tage gefördert wurde. Die näheren Beziehungen der Fundstücke 
so wie ihre kunstgeschichtliche Bedeutung hat der Redner in diesem 
Hefte S. 100 bis 141 allseitig dargelegt. 

Prof. aus'm Weerth lenkte zum Schluss die Aufmerksamkeit 
der Versammlung auf die in seiner Schrift über den Grabfund von 
Waldalgesheim vermuthete einheimische Metall-Industrie im Saarge- 
biet. Der Verein hat durch seinen auswärtigen Secretär für Trier, 
Hm. Prof. Kraus, im alten Kupferbergwerke bei Wallerfangen die 
Aufdeckung der in den Felsen gehauenen Inschrift veranlasst, welche 
lautet : Incepta officina || Emiliani Nonis || Mart(ii), 

Es würde wichtig sein, festzustellen, wer Aemilianus, der Gründer 
des Bergwerkes, war; dass er nicht später als in den ersten Jahrhun- 
derten lebte, deuten die Schriftzüge an. Ausser dieser Inschrift lagen 
von bemerkenswerthen Funden aus besagtem Gebiete kleine Schmelz- 
tiegel und ein aus mehreren in einander gefügten Ringen bestehendes 
Klapperinstrument aus Bronze, das entweder zum Schmucke eines 
Pferdezeugs, einer Standarte oder endlich zum Apparat der Zauberei 
gehörte, vor. 

Bonn, im November 1873. 

Der Vorstand des Vereins von Altertbumsfreunden 

im Rlieiniande. 



Verzfiehniss der Nitglieder. 



Vorstand für das Vereiaajahr von Pflnaoten 1872 blo 1873. 

Präsident: Dr. Nöggerath, Berghauptmann und Professor in Bonn. 
Vicepr&sident: Dr. aus'm Weerth, Professor in Kesseoioh bei Bonn. 
Erster redigirender Seoretftr: Dr. Ritter, Professor in Bonn. 
Zweiter redigirender Seoretfir: Dr. Freadenberg, Prof. in Bonn. 
Bibliothekar: Landgerichts-Assessor R. Pick in Kheinberg. 



Ehren-Nitalieder. 



S. K önigl. Hoheit Carl Anton Meinrad Fürst zu Uohenzollern in Sigmaringen. 

Dr. yon Bethm ann-Hollweg, Excellenzi konigl. Staatsminister a. D., inBerlin. 

Dr. Ton Deohen, Ezoellenz, Wirkl. Geh. Rath, Oberberghanptmann a. D., in Bonn. 

Freiherr Friedrich von Diergardt in Bonn* 

Dr. Fiedler, Professor in Wesel. 

von Moeller, Ezoellenz, Wirkl. Geheimer Rath und Ober-Präsident in Strassburg. 

Dr. Yon Mühler, Excellenz, königl. Staatsminister a. D. in Berlin. 

▼ on Quast, Geh. Regierungsrath, Consoryator der Kunstdenkmäler in Preussen, 

in Radensieben bei Neuruppin. 
Dr. Kit sohl, I^. Pr. Geh. Regierungsrath, Professor in Leipzig. 
Dr. Schnaase, Obertribunalsrath a.D., in Wiesbaden. 
Dr. Urliohs, Uofrath und Professor in Würzburg. 

▼ on Wilmowsky, Domkapitular in Trier. 



Yenolohniss der Mitglieder. 



343 



Ordentllohe Mitglieder. 

Die Namon der aaswärtigen SeoreUre sind mit fetter Schrift gedruckt. 



Dr. Aohenbaoh» Staats-Minister in 

Berlin. 
Achenb ach, Geh. Rath in Saarbücken. 
Aohterfeldt, Stadtpfarrer in Anholt. 
Dr. Aohterfeldt, Professor in Bonn. 
Adler, Baumeister u. Prof. in Berlin. 
Dr. Aebl, Professor in Baromünster im 

Kanton Luzem. 
Dr. Aegidi, Qeb. Rath in Berlin. 
Dr. A h r n 8 , Gymnaöial - Director in 

Hannover. 
Aldenkirohen, Vioar in Viersen. 
Alleker, Seminardireotor in Brühl. 
Antiken-Cabinet in Glossen. 
Ark, h.f Baurath in Aachen. 
Dr. Aeoilbaoh, ausw. Soor., Professor in 

Wien. 
Ayenarius, Tony, Maler in Cöin. 
Bachern, Oberbürgermeislor in Cöln. 
Dr. Bachern, Arst in Viersen. 
Baedeker, Carl, Buohh. in Coblenz. 
Baedeker, J., Buchhändler in Essen. 
Barbet de Jouy, Directeur du Mtts6e 

des soayerains in Paris. 

▼ on Barde leben, Oberpräsident in 

Coblenz. 

Bartele, ausw. Secretair, Pfarrer in 
Alterkülz. 

Basilewsky, Alexandre, in Paris. 

B a u, B ürgermeister a.D. in Mülheim a. Rh. 

Dr. Bauer band. Geh. Justizrath und 
Professor, Kronsyndicus und Mitglied 
des Herrenhauses, in Bonn. 

Baunseheidt, Outsbes. in Endenich. 

Dr. Becker, ausw. Seor., Professor in 
Frankfürt a. M. 

Yon Beckerath, Heinr.Leonh., Kauf- 
mann in Crefeld. 

Graf B eis sei ▼. Gymnich, ^Richard, 
Königlicher Kammerherr auf Schloss 
Frenz. 

Bendermacher, C, Notar in Boppard. 

Bergan, Professor in Nürnberg. 

Dr. Bernays, Professor u. Oberbiblio- 
thekar in Bonn. 

▼ on Bernutfa, Regierungs-PrSsident in 

C51n. • 
Bettingen, Adyocatanwalt in Trier. 
Bettingen, KSnigl. Rendant u. Steaer- 

empfSnger in St. Wendel. 

▼ on Bealwitz, Carl, Huttenbesitzer 
In Trier. 

Blbllotl»ek| K5nigl. in Wieebadeo, 



Bibliothek, Fürstl. in Donaueschingen. 
Bibliothek, Grosherzl. in Jena. 
Bibliothek der Kgl. Akademie in 

Münster. 
Bibliothek-Nationale in Florenz. 
Bibliothek des £tr urischen Museums 

in Florenz 
Bibliothek der Universität in Perugia. 
Bibliothek der Universität in Parma. 
Bibliothek der Univ. in Strassburg. 
Bigge, Gymnasialdirector in Cöln. 
Dr. Binsfeld, Gymnasial - Direotor in 

Emmerich. 
Dr. Binz, Professor in Bonn. 
Bleib treu, G. , Bergwerksbesitzer in 

Oberkassel. 
Dr. Bluhme, Geh. Justizrath u. Prof. 

in Bonn. 
B c h, ausw. Secretair, Commerzienrath 

und Fabrikbesitzer in Mettlach. 
Bock, Adam, Dr. jur. in Aachen. 
Dr. Bodel-Nyenh uis in Leiden. 
Dr. Bodenheim, Rentner in Bonn. 
Boeoking, G. A., Hüttenbesitzer zu 

Abentheuerhütte bei Birkenfeld. 
Boeoking, K. Ed., Hüttenbesitzer zu 

Gräfenbacherhütte bei Kreuznach. 
Boeoking, Rud., Huttenbesitzer zu 

Asbaoherhütte bei Kim. 
Boeddinghaus, Wm. sr. , Fabrik- 
besitzer in Elberfeld. 
Boeninger, Theodor, Commercienrath 

in Duisburg. 
Dr. Boettioher, Professor in Berlin. 
Dr. Bogen, Gymn.-Dir. in Düren. 
Dr. Bone, Gymnasiallehrer in Trier. 
Freiherr vonBongardt, Erbkämmerer 

d. Herzogthums Jülich zu Burg Paf- 
fendorf bei Bergheim. 
Dr. Boot, Professor in Amsterdam. 
Dr. Borret in Vogelensang. 
Dr. Boseler, ausw. Secr., Gymnasial- 

Director in Darmstadt. 
Dr. Bouvier, C, in Bonn. 
Dr. Brambach, Prof. und Oberblblio- 

thekar in Carlsruhe. 
Dr. Brassert, Berghauptmann in Bonn. 
Dr. Braun, Justizrath, Rechtsanwalt in 

Berlin. 
Braun, Ober-Ingen, in Pr. Moresnet 
Freiherr von Bredow, Rittmeister im 

Königs-Husaren-Reglment in Bonn. 
Bredt, Oberbürgermeister in Barmen, 



L 



344 



Yerzeiohniss der Mitglieder. 



Brendamour, R., Inhaber d. Xylogr. 

Institute in Düsseldorf. 
B ro ioher, Wirkl. Qeh.-Rath Excellenz 

in Sinzig. 
TomBruok, £mil> Gom..Raih in Crefeld. 
Yom Bruok, Moritz, Rentner und Bei- 
geordneter in Crefeld. 
Brüggemann, Hofrath in Aachen, 
le Brou, Chr., Archäolog in Brüssel. 
Dr. Brunn, ausw. Seor., Professor in 

München. 
Dr. Bücheier, Professor in Bonn. 
Büoklers, Geheimer Comroerzienrath 

in Dülken> 
Höhere Bürgerschule in Lennep. 
Burkart, Stadt-Baumeister in Crefeld. 
Dt. Bur8ian, ausw. Seor., Prof. in Jena. 
Buyx, Qeometer in Nieukerk. 
Graf von Bylandt-Rheydt, Haupt- 
mann a. D. und Rittergutobesitzer in 

Bonn. 
Cahn, Albert, Bankier in Bonn. 
Camphanse H) Excellenz, Wirkl. Geh. 

Rath, k. Staatominister a. D. in Cöln. 
Camphausen, August, Geh. Coromer- 

zienrath in Cöln* 
Camphausen, Cataster-Controleur in 

Castellaun. 
Yon Carnap, Rentner in Elberfeld. 
Cassel, Mttnzhändler in Cöln. 
Cauer, C, Bildhauer in Creuznaoh. 
Cauer, R., Bildhauer in Creuznach. 
Celto, Carl, Gutsbesitzer in St Wendel. 
Chrescinski, Pastor in Cleve. 
Dr. Christ, Carl, ausw* Secretair in 

Heidelberg. 
Das ClTil-Casino in Coblenz. 
de Ciaer, Alex., Lieutenant a.D. und 

S teuerem pfänger in Bonn, 
de C 1 a e r, Eberhard, Rentner in Bonn. 
Glasen, Pfarrer in Königswinter. 
Clason, Rentner in Bonn. 
ClaT6 Ton Bouhaben, Gutsbesitzer 

in Cöln. 
Cohen, Fritz, Buchhändler in Bonn. 
Dr. Conrads, ausw. Seor., Gymnasial- 

Oberlehrer in Essen. 
Dr/ Conze, Professor in Wien. 
C o n t ze n, Oberbürgermeister in Aachen. 
Dr. Cornelius, Professor in München. 
C r e m e r. Regier.- u. Baurath in Aachen. 
Crem er, Pfarrer in Eohtz bei Düren. 
Dr. Cudell) AdTocat in Lüttich. 
Culemann, Senator in HannoTcr. 
▼ on Cuny, Appellat.-'Ger.-Rath a. D. 

in * Berlin. 
Dr. CurtiuB, Professor in Berlin. 
Curtias, Julius, Inhaber einer ehem. 

Fabrik in Duisburg. 



Dapper, Seminardirector in Boppard. 
Dr. Decker, Gymnasiallehrer In Neuss. 
Deichmann, Geh. Comm. -Rath in Cöln. 
Frau Deiohmann-Schaaff hauseOf 

in Mehlemer-Aue. 
Dr. Delius, Professor in Bonn. 
Delius, Landrath in Mayen. 
Doyens, Polizei-Präsident in Cöln. 
Dieokhoff, Baurath in Aachen. 
Dr. Dilthey, Professor In Zürich. 
Disch, Carl, in Cöln. 
von Ditfurth, Oberst u. Oommandant, 

Haus Dannkessel bei Rinteln a. d. 

Weser, 
Doetsch, Bürgermeister in Gladbach. 
Dr. Dognöe, Eugen, In Lattich. 
Dominions, ausw. Seor., Gymn.-Director 
' in Coblenz. 

Dr. D r e w k e, Advocatanwalt in Cöln. 
Dr. Dümichen, Professor in Strass- 

burg. 
Dr. D ü n t z e r, Prof. u. Biblioth. in Cöln. 
Dr. Duhr, prakt Arzt in Coblenz. 
Dr. Eckstein, Rector u. Professor in 

Leipzig. 
Dr. Eichhoff, Gymnasialdirector in 

Puisburg. 
Eltester, auswärt. Seor., Archiyrath, 1« 

Staats-Arohivar in Coblenz. 
Graf Eltz in Eltville. 
Emundts, Joseph , Landgerichtsrath 

in Aachen. 
Frh. Y. Ende, Kgl. Rog.-Präsident in 

Düsseldorf. 
Dr. Engels. P. H., Adyooat in Utrecht. 
Engelskirchen, Architect in Bonn. 
Dr. Ennen, ausw. Seor., städtischer Ar- 

chivar in Cöln. 
Essellen, Hofrath in Hamm. 
Essingb, H., Kaufmann in Cöln. 
Evans, John, in Nash-Mills in England. 
Dr. Firmenich-Richarz, Professor 

in Bonn. 
Dr. Fleokeisen, Prof. in Dresden. 
Chassot ▼. Florencourt In Berlin. 
Dr. Floss, Professor in Bonn. 
Fonk, Landrath in Rüdesheim. 
von Fournier-Sflirlov^ze, Adolph, 

Gutsbes. auf Haus Cassel b. Rheinberg. 
Frank, Gerichtsassessor a. D. und Fa- 
brikbesitzer in Eschweiler. 
Franks, August, Conservator am BrU 

tish-Museum in London. 
Dr. F renken, Domcapitular in Cöln. 
Dr. Freudenberg: s. Vorstand. 
Dr. Friedländer, Professor in 

Königsberg in Pr. 
Dr. Friedländer, Julius, Director d. 

Königl. Münzkabfnets in Berlin, 



Verzeiohnlss der Mitglieder. 



345 



Fr! Dg 8, Eduard, Fabrikant u. Qutsbe- 

sitzer in Uerdingen. 
Fachs, Fet., Bildhaaer in C51n. 
Graf Yon Ffirstenberg, Erbtruohsess 

auf Sobloas Herdringen. 
Freih. y. Fürth, Landg.-Bath in Bonn. 
Dr. Fulda, Direotor dea Progy mna- 

siuniB in Sangerhausen. 
F u r m a n 8, J. W», Kaufmann in Viersen. 
Dr. Gaedeohens, Professor in Jena, 
von Galhau, G., Gutsbesitzer zu 

Wallerfangen. 
Dr. GalifTe, ausw. Secr., Prof. in Genf. 
Garthe, Hugo, Kaufmann in Cöln. 
G eb h a r d, Commerzienrath u. Handels- 

gerichts-rräsident in Elberfeld. 
G eiger, Folizei-PrSsident a. D., in CSln. 
Georgi, C. H., Buohdruckereibesitzer 

in Aachen. 
Georgi, W., Buchdl-uckereib. in Bonn. 
Dr. Ger lach, Ludwig, prakt. Arzt in 

Mannheim. 
Gerson, Chemiker in Frankfurt a. M. 
Freih. Ton Geyr -Sohweppenburg, 

Rittergutsbesitzer in Aachen. 
Geuer, Caplan in Süohteln. 
Gilly, Bildhauer in Berlin. 
Dr. Goebel, Gymn.-Director in Fulda. 
Goldschmidt, Prem.. Lieutenant im 

40. Infant-Reg. in Cöln. 
Goldschroidt, Jos., Bankier in Bonn. 
Goldsohmidt, Rob., Bankiel' in Bonn. 
Gottgetreu, Kegierungs« u. Baurath 

in CSln. 
Graeff, Landrath in Prüm. 
Greef, F. W., Fabrikant in Viersen. 
Dr. Groen van Prinsterer im Haag. 
Dr. Grotefend, ausw. Seeretair, Ar- 

ohiyrath und 1«£ Staats-ArchiTar in 

Hannover. 
Dr. Grüneberg, Fabrikant in Kalk 

bei Deutz. 
Director Gruhl für die Re41sohule zu 

Mülheim a. d. Ruhr. 
Guiohard, Kreisbaumeister in Prüm. 
fiuiilOO, ausw. Soor., Notar in Roermond. 
Gymnasialbibliothek in Elberfeld. 
Gymnasialbibliothek in Aachen.. 
Gymnasialbibliothek in Neuss. 
Haagen, Professor in Aachen. 
Haan, Pfarrer in Saf6g. 
Dr. Haakh, ausw. Secr., Professor und 

Inspector des KSnigl. Museums vater- 
ländischer Alterthümer in Stuttgart. 
Habets, J«, Prits. d. aroh. Ges. d. Hrz. 

Limburg, Kaplan in Bergh b. Mastricht. 
Dr. Hage m ans in BrüsseL 
▼ onHagens, Appell.- Geriohtsr. in Cöln. 



Dr. Halm, Professor and Bibliotheks- 
Direotor in München. 

Hansen, Deohnnt u. Pastor in Ottweiler. 

Dr. Harle88, ausw. Secr., Archivrath in 
Beriin. 

Dr. Harnaok, Prof. in Dorpat. 

Hart wich, Geh. Oberbaurathin Berlin. 

Dr. Hasskarl in Clere. 

Haugh, Senatspräsident in Cöln. 

Hauptmann, Rentner in Bonn. 

Heckmann, Fabrikant in Viersen. 

Dr. Hegert, Staats- Archivar in Düssel- 
dorf. 

Heimendahl, Alexand., Commerzien- 
rath in Crefeld. 

Dr. Heimsoeth, Professor in Bonn. 

Dr. Heimsoeth, Appellations- Gerichts- 
Präsident in Cöln. 

Ton Heinsberg, Landrath in Weve- 
linghoyen. 

Dr. Hei big, 2. Secret. dea archäolog. 
Instituts in Rom. 

Henry, Buch- u. Kunsthändler in Bonn. 

Dr. Henzen, Professor, 1. Secretär d. 
archäol. Instituts in Rom. 

Herbert z, Balthasar, Gutsbesitzer in 
Uerdingen. 

Hermann, Gustay, Hauptmann a. D. 
zu Bonn. 

Hermelin, Architekt in Ginsheim bei 
Mainz. 

Herstatt, Eduard, Rentner in Cöln. 

H er statt, Jon. Dav., Geh. Commerzien- 
rath in Cöln. 

Dr. Heuser, Subregens u. Prof. in Cöln. 

Dr. Heydemann in Berlin. 

Heydinger, Pfarrer in Schieid weiler 
bei Schweioh. 

Freiherr von der Heydt, Excellenz, 
Staats-Minister a. D. in Berlin. 

Freih. v. d. Hey dt, Bezirkspräsident 
in Colmar. 

▼ on der Heydt, Dan., Geheimer Com- 
merzienrath in Elberfeld. 

Dr. Hilgers, Director der Realschule 
in Aachen. 

Dr. Hilgers, Professor in Bonn. 

Six van Hillegom in Amsterdam. 

Hochgürtel, Buchhändler in Bonn. 

Freih. yon Hodenberg, Regierungs- 
Rath in Cöln. ^ 

Hoesch, Gustar, ICaufmann in Düren. 

Ho esc h, Leopold, Commerzienrath in 
Düren. 

Hoffmeister, Bürgermeister in Rem- 
scheid. 

Sc. Hoheit Erbprinz ▼. Uohenzollern 
zu Schlots Beqri^th bei Düsseldorf. 



346 



Verzeiohniss der Mitglieder. 



Freih. ▼. H($Tel» Landrath in Esten. 
Freiherr von Hoiningen genannt 

Huene, Bergrath in Bonn. 
Dr, Holz er, Domprobst in Trier. 
Graf Alfr. t. Hompeschzu ScMoss 

Rurioh. 
Hooft Tan Iddekinge, J. B. H., za 

Paterwolde (ProY. Groningen). 
Hörn, Pfarrer in Cöln. 
Dr. Hotho, Professor u. Direotor am 

k« Museum in Berlin. 
Dr« HObner, ausw- Soor., Pi'ofessor in 

Berlin. 
Dr. Hflffer, Professor in Bonn. 
Dr. Hultsoh, Professor in Dresden» 
Dr. H u m p e r t, Gymnasial . Oberlehrer 

in Bonn- 
H u p 6 r t zy Generaldtrector des Meoher- 

nioherBergwerksTereins in Meohernieh. 
H u y s s e n, Pfarrer in Coblenz. 
Jentges, W., Kaufm. in Grefeid. 
Jö rissen, Pastor in Alfter. 
Joest, August, Kaufmann in Cöln. 
Joe st, Eduard, Kaufmann in Cöln* 
Joest, Wilh., Geh. Com.-Rath in Cöln. 
Isenbeok, Julius, Rentner in Wiesbaden. 
Dr. Jumpertz, Reotor der höh. Bür- 
gerschule in Grefeid. 
Junker, Regierungs- und Baurath in 

Coblenz. 
Kaestner, Techniker in Neuwied. 
Kamp, Jos., Gymnasiallehrer in Cöln 

(Martinsfeld). 
Karoher, ausw. Secr., Fabrikbesitzer 

in Saarbrücken. 
Karthaus, Carl, Commerzienrath in 

Barmen. 

Kaufmann, Oberbürgermeister, Mit- 
glied des Herrenhauses, in Bonn. 

▼ on Kaufmann.Asser, Jacob, Kauf- 
mann u. Rittergutsbesitzer in Cöln. 

Df. K ayser, Seminar- Direotor in Büren« 

Dr. KekuU, Professor in Poppeisdorf. 

Keller, O., Professor zu Freiburg in 
Baden. 

Dr. Kessel, Pfarrer in Cöln. 

Dr. Kiessling, Prof. in Hamburg. 

Dr. Klein, Jos., Privatdocent in Bonn> 

Dr. Klein, J. J., Gymnasial-Direotor in 
Bonn. 

Pr. Klette, Professor und Bibliothekar 

in Jena. 
Dr. Klostermann, Oberbergrath und 

Professor in Bonn. 
K n o 1 1, Joseph, Buohdruckereibesitzer 

in Düren« 
Dr. Koeohly, ausw. Seor., Professor in 

Heidelberg* 



Dr. E o e h I er, Gymnasialdireotor in 

Münstereifel. 
Koenig, Bürgermeister in GieYe« 
Koenig^t Commerzienrath in Cöln« 
Dr. Koenigsfeld, Sanitätsrath n. Kreis- 

physikus in Düren. 
Dr. Kortegarn, Institutsdir« In Bonn. 
K r a e m e r , Hüttenbesitzer in Ingbert 

bei Saarbrücken. 
Kraemer, Kommerzienrath o. Hütten- 
besitzer in Quint bei Trier. 
Dr. K r a f f t, Consistorialrath u. Professor 

in Bonn. 
K r a f f t, Geh. Cabinetsrath in Wiesbaden. 
Kramarczik, Gymnasial - Direotor in 

Ratibor. 
Dr. KraU8, Prof. und ausw» Soor, in 

Strassburg. 
Se. Bischöfl. Gnaden Herr Krementz, 

Bischof von Ermland in Frauenburg. 
Krügor, K. Bauinspeotor in Berlin. 
Krupp, Geb. Commerzienrath in Essen. 
▼ on Kühl wette r, Oberpräsident in 

Münster. 
Kyllmann, Rentner und Stadtverord- 
neter in Bonn. 
Dr. Lamby, Arzt in Aachen. 
Landau, Heinr., Kaufmann a* Gruben- 
besitzer in Coblenz. 
Dr* Landf ermann. Geh. Reg., u. 

Pro«rinz.-Schulrath in Coblenz. 
Freiherr t. Landsberg-Steinfurt, 

Engelbert, Gutsbes. in Drensteinfurt 
Dr. Lange, L., Professor in Leipzig. 
Dr. Lange, Kreiswundarzt in Duisburg. 
Langen, J. J., Kaufmann in Cöln. 
Freiherr Dr. de laValette StGeorge, 

Professor in Bonn. 
Dr. Leemans, Dir. d. Reichsmuseums 

d. Alterthümer in Leiden. 
Leiden, Damian , Commerzienrath in 

Cöln. 
Leiden, Franz, Kaufmann u. nieder!. 

Consul in Cöln. 
Leydel, J., Rentner zu Bonn. 
Lempertz, M., Buchhändler in Bonn. 
Lempertz, H*, Buchhändler in Cöln* 
van Lennep in Zeist. 
Dr. Lentzen, Pfarrer in Oekhoven bei 

Grevenbroich* 
Dr. Leonardy, J., in Trier. 
Lese ge sei Isohaft, katholische, in 

Coblenz. 
Dr. von Leutsoh, Professor in Qöt- 

tingen. 
Lewis, S> S*, Professor am Corpus 

Christi-Collegiam zu Cambridge* 
von der Leyen, Emil, in Crefeld. 



I 



Yerzeiohniftfl der Mitglieder. 



347 



Freili. t. Leykam in Elsam. 

Llebenow, Geh. Revisor in Berlin. 

Dr. Lindensohmit, Conserrator des 
röm.-germ. CentralmaBeams in Mainz. 

Graf von L o ^ auf Sohloss Wissen bei 
Geldern. 

Freih* ▼• ho'ij Generalmajor in Frank- 
furt a. M. 

Dr. Loersoh, Professor in Bonn* 

Loeschigk, Rentner in Bonn. 

Dr. Loh de, Professor in Berlin. 

deLongp6rier, membre de Tlnstitut 
in Paris. 

Dr Lubbert, Prof* in Giessen. 

Dr. Lucas» Geh* Roglerangs- a. Prov.- 
Schulrath in Coblenz- 

Ludwig, Bankdireotor in Darmstadt* 

Dr. y. LObke, ausw. Secr., Professor in 
Stuttgart. 

M&rtens, Bauinspeotor a- D. In Bonn* 

MarouB, Buchhändler in Bonn. 

Dr. Marmor in Constanz. 

Yon Marr^eSf Kammerpräsident in 
Coblenz. 

Se. bisch. Gnaden, Dr. Konrad Mar- 
tiuj Bisehof Ton Paderborn. 

Dr. Meeks R. Eduardson aus Yal- 
paraison (Chili). 

Freiherr yon Med em, Fr. L. C-, Kgl. 
Arohiyrath a. D. zu Homburg y. d. 
H5he. 

Dr. M e h 1 e r, Gymnasialdireotor in Sneek 
in Holland. 

Dr. Mendelssohn, Professor in Bonn. 

Merkens, Franz, Kaufmann in Cöln. 

Merlo, J. J., Rentner in Cöln. 

Merlo, Chr. J., in Cdln* 

Dr. Messmer, Prof. in München. 

Meyissen, Geh. Commerzienrath, Prä- 
sident der rheinischen Eisenbahn- Ge- 
sellschaft in Cöln. 

Dr. MiehaeliSi Professor in Strass- 
burg. 

Michels, G., Kaufmann in Cöln. 

Milani, Kaufmann in Frankfurt a. M. 

Dr. Milz, Gymnasiallehrer in Aachen. 

Wilh. Graf y. Mirbaoh, zu Sohloss 
Harff. 

Frhr. yon Nirbach, Reg.- Präsident, a. 
D. in Bonn. 

Graf MÖrner y. Morlande in Bonn. 

Mohr, Professor, Dombildhauer in Cöln. 

Dr. Moll, Professor in Amsterdam. 

Dr. Mommsen, Professor in Berlin. 

Dr. Montigny, Gymnasiall- in Coblenz. 

Dr. Nooron, ausw. Secr., Pfarrer, Prä- 
sident d. hist. Vereins f. d. Kiederrhein, 
in Waohtendonk* 



Morsbaoh, Institntsdirector in Bonn. 

Dr. Mosler, Prof. am Seminar in Trier** 

MoyiuB, Director des Schaaffh. Bank- 
yereins in Cöln. 

Mülhens, P. J., Kaufmann in Cöln. 

Dr. Müller, Albert, Gymnasial-Direotor 
zu Ploon in Holstein. 

Müller, Pastor in Immekeppel. 

yon Müller, Rittergutsbes. zu Burg- 
Metternich bei Weilerswist. 

K. K. Münz- u. Antiken-Cablnet in Wien. 

Museen, Königl. in Berlin. 

Mns6e royal d^Antiquit^s, d^Armures 
et d'Artillerie in Brüssel. 

yon Musiel, Laurent, Gutsbesitzer zu 
Sohloss Thorn, bei Saarburg. 

Dr. Nels, Kreisphysicus in Bittburg. 

Neu, Ober-Pfarrer in Bonn. 

yon Neufville, Wilh*, Gutsbesitzei in 
Bonn. 

yon Neufville, Bald., Rittergutsbe- 
sitzer in Bonn. 

Neumann, Bau«Inspector in Bonn. 

Nick, Pfarrer in Salzig bei Boppard. 

Niessen, Conservator des Museums 
Wallrafif-Rlchartz in Cöln. 

Dr. Nissen, H., Professor in Marburg. 

N ob Hing, Geh. Baurath u. Strombau- 
direktor in Coblenz. 

Dr. Nöggerath: s. Vorstand. 

Freiherr von Nordeck, Rittergutsbos* 
auf Hemmerich. 

Dr. Oidtmann, Lihaber eines Glas- 
malerei-Instituts in Linnloh. 

Oppenheim, Dagobert, Geh. Regie- 
rungs-Rath, Director d. Cöln-Mindener 
Eisenbahn- Gesellschaft in Cöln. 

Freiherr von Oppenheim, Abraham, 
Geheim. Commerz- -Rath in Cöln. 

Oppenheim, Albert, Königl. Sachs. 
General-Consul in Cöln. 

Freiherr von Oppenheim, Eduard, k* 
k. General-Consul in Cöln. 

Otte, Pastor in Fröhden b. Jüterbogk. 

Graf Ouwaroff in Moskau. 

Dr. Overbeok, ausw. Secr., Professor in 
Leipzig. 

von Papen, Prem.-Lleut. im 5. Ulanen 
Regiment in Werl. 

Dr. Pauly, Rector in Montjoie. 

Pfeiffer, Peter, Rentner in Düren. 

Peill, Rentner in Bonn. 

P epys, Director d. Gasanstalt in Cöln. 

Dr. von Pencker, Ezcellenz, General 
der Infanterie in Berlin. 

Pferdem enges, Commerzienrath in 
Rheydt. 

Pick: s. Vorstand. 



348 



VerseichDiBfl der Mitglieder. 



Dr. Pipor, auBw. Soor., Professor io 

Berlin. 
Pr. Piringer, ausw. Secr., kaiserLBath 

und Gymn.-Dir* in Kremsmünster. 
Dr. Pitsohkei Rentner in Bonn. 
Plassmann, Ehrenamhnann u. Qats- 

besitzer in Allehof bei BaWe. 
PlOyte, W., ausw. Secr.y Conseryator am 

Reichs - Museum der Alterthümer in 

Leiden. ^ 
Dr. Plitt, Professor, Pfarrer in Dossen- 

heim bei Heidelberg. 
PoensgeUy Alb., Fabrik, in Düsseldorf. 
Dr. Pohl, ausw. Seor., Reotor in Linz. 
Poly te ohnioum in Aachen, 
von Pommer-Eschey Geh. Regie- 

rungsrath in Berlin. 
P o e r 1 1 n g, Bergwerksdirector In Imme- 

kep|>el. 
Dr. Prieger, Rentner in Bonn. 
Prinzen, Handelsgeriohts-PrKeident in 

M.-Gladbach. 
Dr. Probst, Gymnasialdirector in Essen. 
Freiherr Dr. von Proff-Lrnich, Land- 

geriohtsrath in Bonn. 
Progymnasium in Gladbach. 
Pütz, Professor in Cöln. 
Quaok, Advokat u. Bankdireotor In 

M.-Gladbach. 
Radersohatt, Fabrikbesitzer in Cöln. 
Sr. Durchlaucht Prinz Edmund Rad-- 

ziwill, Weltpriester in Warmbronn. 
T. Randow, Raufmann in Crefeld. 
Dr. Rapp, Rentner in Bonn. 
Raschdorff, Königl. Baurath in Cöln. 
von Rath, Rittergutsbesitzer u. Prftsid. 

d. landw. Vereins für Rhcinpreussen, 

in Lauersfort bei Crefeld. 
vom Rath, Carl, Kaufmann in Cöln. 
vom R ath, Theod., Rentner in Duisburg. 
Rautenstraucb, Valentin, Kaufmann 

in Trier. 
Meester de Ravestein, Diplomat zu 

Sohloss Ravestein. 
von Reoklinghausen , W., Bankier 

in Cöln. 
Dr. Rein, ausw. Secr., Director a. D. in 

Crefeld. 
Dr. Reinkens, Pfarrer in Bonn. 
Remy, Hermann, Höttenbeaitzer zu 

Alfer Eisenwerk bei Alf. 
Rennen, Geh. Rath, Director d. Rhein. 

£isenb..GesellBohaft in Cöln. 
Dr. von Reumont, Geh. Legations- 

rath, in Bonn. 
Reusoh, Kaufmann In Neuwied. 
Dr. Rio harz. Geheim. Sanitätsrath iir 
Endenich. 



Dr. du Rieu, SeoretSr d. Soc. f. Niederl. 

Litteratur in Leiden. 
Frhr. v. Rigal-Grunlandin Bonn. 
Dr. Ritter: s. Vorstand. 
Robert, membre de Tlnstitut in Paris, 
9, rue de St. Bres. 

Roen, Baumeister In Burtscheidt. 

Roos, Regierungsrath u. Oberbürger- 
meister in Crefeld. 

Rot t eis, H. J., Notar in Düren. 

Dr. Roulez, ausw. Secr., Prof. in Gent. 

Dr. Rovers, Professor in Utrecht. 

Rummel, Ehren-Domherr n. Dechant in 
Kreuznach. 

Rampel, Apotheker in Düren. 

Dr. Saal, Professor in Cöln. ' 

Baron de Salis in Metz. ' 

Se. Durchlaucht Fürst zu Salm-Salm 
in Anholt. 

Graf von Salm-Hoogstraeten, Her- 
mann zu Bonn. 

Salzenberg, Geh. Ober -Baurath in 
Berlin. 

von Sandt, Landrath In Bonn. 

Dr. Sauppe, Hofrath n. Professor in 
Göttingen. 

Dr. Schaaffhausen, Geh. Medicinal- 
Rath u. Professor in Bonn. 

Schaaffhausen, Theod., Rentner in 
Bonn. 

Dr. Schaefer, Prof. in Bonn. 

Schaefer, GrSfi. Renessesoher Rentm. 
in Bonn. 

Dr. Schalk, SecretKr des* AHerthums- 
Vereins in Wiesbaden. 

Dr. Sohauenburg, Director d. Real- 
schule in Crefeld. 

von Schaumburg, Oberst a. D. in 

• Düsseldorf. 

Schoben, Wilhelm, in Cöln. 

S ch e d e n, Pfarrer in Brühl. 

Scheele, Postdirector in Frankfurt « . M. 

Dr. Soheere, ausw. Secr., in Nymegen. 

Scheibler, Leopold, Commerzienrath 
in Aachen. 

S c h e p p e, Oberst-Lieutenant u. Bezirks- 
Commandeur in Boppard. 

Dr. So her er, Professor in Strassburg. 

Schickler, Fer din. , in Berlin. 

Schilling, Adrokatanwalt beim Appell- 
hof in Cöln. 

Schillings-Englerth, Bürgermeister 
in Gürzenich* 

Schimmel busch, Hüttendlrector in 
Hochdahl bei Erkrath. 

Schleicher^ ^ Carl, Commerzienrath 
in Düren. 

Dr. S ohl tt m« nn, Prof. in Halle a* S, 



I 



I II 



Terzel^ihniM der Mitglieder. 



349 



\ 



Dr. Sohlünkes, Probst an dem CoUe- 
giatstill in Aachen ^ 

Schmelz, C. O., Kaaftnann in Bonn. 
Schmidt, Pfarrer in Crefeld. 
Sohmidt BaumeiBter in Eltville. 
Dr. Schmitts aasw. Secr., Arzt in MQn- 

atermaifeld. 
Sohmidt, Oberbaurath u. Prof. in Wien. 
Schmithals, Rentner in Bonn. 
Dr. Sehmits, Arzt in Viersen. 
Dr. Schmitz, Deohant u. Schulinspeo- 

tor in Zell. 
i>r» Sobneldefy auaw. Seor«, Professor 

in Düsseldorf. 
Dr. Schneider, Q7mnas.-Oberlehrer 

in C51n. 
Sohoemann, Stadtbibliothekar und 

erster Beigeordneter in Trier. 
Prinz Sohonaich-Carolath, Berg- 

haaj^tmann in Dortmund. 
Scholl, Outsbesitzer zu Theresien- 

Orabe. 
Schorn, Baumeister in Ueppens* 
Sohroeder, Landg.-Rath in Aachen. 
Dr. Schroeder, Professor in Würzbnrg. 
Sohroers, Daniel, Beigeordneter und 

Fabrikbesitzer in Crefeld. 
Dr. Schubart, Bibliothekar In Cassel. 
Dr- Schubert, Aeadem. Lehrer und 

Baurath In Bonn. 
S o hw an, stSdt. Bibliothekar in Aachen. 
Schwartze, Eduard Wilhelm, jr , 

Kaufmann in Kfippersteeg. 
Sohwickerath, C. J., Kaufmann 

Ehrenbreitstein. 
Seydemann, Architect in Bonn* 
Ton Seydlitz, Qeneralmajor z. D. 

Honnef. 
Seyffarth, Reg. -Baurath in Trier. 
Dr. Simrock, Professor in Bonn. 
Dr. Baron Sloet Tan de Beele, L. 
A. J. W., Mitglied der Ronigl. Aoad. 
der Wissenschaften zu Amsterdam, in 
Araheim. 
Se. Durchlaucht Prinz Albrecht zu 

Sei ms in Braunfels. 
Ton SpankerA, Reg. -Präsident a. D., 

in Bonn. 
Freiherr v. Spie s-Bülles heim, Ed., 
KSnigl. Kammerherr u. Bürgermeister 
auf Haus Hall. 
Spitz, Hauptmann im 69. Infanterie- 
Regiment in Mainz. 
Dr. Springer, Professor in Leipzig. 
Die Stadt-Biblio-thek zu Frankfurt 

am Main. 
Dr. Staelin, Oberbibliothekarin Stutt- 
gart. 



in 



in 



Dr. Stahl, Gymnasial.Oberlehr.in ClJln. 
Stahlknecht, H., Rentner in Bonn. 
Dr. Ständer, Uni v.-Bibl.-Secr. in Bonn. 
Dr. Stark, ausw. Seor., Hofrath u. Prof. 

in Heidelberg. 
Startz,, Aug-, Kaufmann in Aachen. 
Statz, Baurath und Diooesan- Architect 

In Cöln. 
S te in b ach, Fabrikant in Malmedy. 
Stier, Hauptmann z. D. in Breslau. 
Dr. Stier, Ober- Stabs- und Garnison-. 

Arzt in Breslau. 
Die Stifts. Bibliothek in Oebringeni 
Stifts-Bibliothek zu St. (>allen. 
Stinnes, Gustav, Kaufmann in Mül- 
heim a. d. Ruhr. 
Dr. T. S tintzing. Prof. u. Geheimer 

Justizrath in Bonn. 
GTÄti. Stollbergsche Bibliothek 

in Wernigerode. 
Dr, Straub, ausw. Seer. und General. 

Secretair des Bisthums zu Strassbnrg. 
Strauss, Buchhändler in Bonn. 
Ton Strubberg, General - Major und 

Brigade-Commandeur in Coblenz. 
Stumm, Carl, Uüitenbesitzer in Neun- 
kirchen. 
Suermondt, Rentner in Aachen. 
Dr. von Sybel, Professor in Bonn. 
Te Schema eher, Advocat- Anwalt in 

Saarbrücken. 
Dr. Thiele, Director d. Realschule u. 

d. Progymnasiums in Barmen. 
Thissen, Dom^pitular in Limburg a. 

d. Lahn. 
Thoma, Architekt in Bonn. 
T r i n k a u s, Chr. , Bankier in Düsseldorf. 
Dr. Ueberfeldt in Essen. 
Dr. Unger, Prof. u. Bibliothelcseoretär 

in Gottingen. 
Dr. Ungermann, Grymnasiallehrer in 

Coblenz. 
DieünlTersii-Bibliothek in Basel. 
Universitäts-Bibliothek zu Frei- 
burg. 
Die Universitäts. Bibliothek in 

Gottingen. 
Die Unirersitäts - Bibliothek in 

Heidelberg. 
Die Universitäts. Bibliothek in 

Königsberg i. Pr. 
Die Uniyersitäts-Bibliothek in 

Löwen. 
Die UniTorsitäts • Bibliothek in 

Lüttich. 
K. K. Universitäts-Bibliothek in 

Prag. 
Dr. Usener, Professor in Bonn. 



350 



VerzeiohnisB der Mitglieder. 



Dr. Vahleo, Professor in Wien. 

Dr. Veit, Professor u. Geh. Medioinal- 

Bath in Bonn. 
Yelbagen. Jos., Rentner in Bonn. 
Der Verein, antiquarisch -historisohe, 

in Krettznach. 
Dr. Vermeulon, ausw. Soor., Uniyers.- u. 

ProYinz.-Archivar in Utreoht. 
Vi eh off, Professor u. Di roctor d. Real- 

und Gewerbeschule in Trier. 
Viileroi, Ernest, Fabrikant in WaU 

lerfangen. 
Graf Yon Villers, Regier. - Präsident 

in Frankart a. d. Oder. 
Dr. Vi80her, ausw. Secr., Prof. in Basel. 
▼ an Vleuten, Rentner in Bonn. 
Voigt el, Bauinspector und Dombau- 
meister in Goln. 
Voigtländer, Buchhdl. in Kreuznach. 
Dr. Wach, Professor in Bonn 
Dr. Wagen er, Professor in Gent. 
Wagner, Notar in MUlheim a/R. 
Dr. de Wal, Professor in Leiden. 
Waldthausen, Jul., Kaufm. in Essen. 
Wandesieben, Friedr. zu Stromberger 

Neu hatte bei Bingerbrück. 
yonWa8ielewski,Oberstz.D. zuBonn. 
Prof. Dr. Watterich, Kgl. Dirisions- 

pfarror in Strassburg. 
Weber, Adyocat- Anwalt in Aachen. 
Weber, Buchhändler in Bonn. 
Weber, Pastor in Ilsenburg. 
Dr. aus*m Weerth: s. Vorstand, 
de Weerth, Aug., Rentn. in Elberfeld. 
Dr. Wegeier, Geh. Medicinalrath in 

Goblenz. 
Weiss, Professor, Director d. k. Kupfer- 

stiohkabinets in Berlin. 
Wendelstadt, Victor, Commerzienrath 

in Cöln. 



Werner, Gymnasialoberlehrer in Bonn, 
tr. Werner, Kabinetsrath in DSsseldorf. 
Werners, Bürgermeister in Düren. 
Dr. West erhoff, in Warfam. 
Westermann, K aufmann in Bielefeld. 
Se. Durchlaucht Fürst W i e d su Neuwied . 
Dr. Wie8el6r, ausw. Secr., Professor in 

GStüngen. 
W i e t h a s e, Königi. Baumeister in C51a. 
Dr. W i 1 m a n n s, Prof. in Strassburg. 
Dr. Wings, Apotheker in Aachen. 
Dr. Wittenhaus, Rector der höhern 

Bürgerschule in Rheydt 
Wohlers, Geh. Oberfinanzrath u. Pro- 

▼inzial-Steuerdirector in Cöln. 
▼. Wolff) Regierungspräsident in Trier. 
Wolf, Caplan in Caloar. 
Dr. Wolf f| H., Geheim. Stanitätsrath 

in Bonn. 
Wolff, Kaufmann in C51n. 
Wolff, Commerzienrath in M. Gladbach. 
Dr. Wolters, Superintendent in Bonn. 
Dr. Weltmann, Prof. in Garlsruhe. 
V o n Wr i g h t, Oberst-Lieut. In Goblenz. 
Wuerst, H., Hauptmann a. D. und 

Kreissecretär in Bonn. 
Wüsten, Gutsbesitzer in Wüstenrode b. 

Stolberg. 
Dr. Wulfe rt, Gymnasial- Director in 

Kreuznach. 
Würz er, Friedensrichter In Bitburg. 
Wurzer, Notar in Siegburg. 
Dr. Zartmann, Sanitätsrath in Bonn. 
Zervas, Joseph, Kaufmann in C61n. 
Zimmermann, ausw. Secr., Notar in Man- 

derscheid. 
▼ on Zacoalmaglio, Notar in Gre- 
venbroich. 
Zumleh, Rentner in Münster. 



Auaaerordentliohe Mitoileder. 



Dr. Arendt in Dielingen. 

Dr. Ars&ne de Noüe, Adyocat. 
in Malmedy. 

C o r r e n s, Maler in München. 

Connestabile, Carlo,' Graf in Perugia. 

Engelmann, Baameister in Kreuznach. 

Feiten, Baumeister in Coln. 

G. Fiorelli, Intendant d.k. Museen in 
Neapel. 

Dr. Förster, Professor in Aachen. 

Gamurrini, Director des etrusk. Mu- 
seums in Florenz. 

Gen gl er, Domcapitular und General- 
Vicar des Bisth. Namur, in Namur. 

Hei der, k. k. Sectionsrath in Wien. 

Hermes, Dr. med. in Remicb. 



P. Lanciani, Architeot in Rayenna. 

Lansens in Brügge. 

Lucas, Charles, Arehitect, Sous-In- 

specteur des travaux de la ville in 

Paris. 
Melle, Eduard, Graf in VerceUi. 
M i h e 1 a n t, Biblioth^oaire au dept. du 

Manuscrits de la Bibl. Imper. in Paris. 
Paulus, Topograph in Stuttgart. 
Promis, Bibliothekar des Königs von 

Italien in Turin. 
J. B. de Rossi, Arohäolog in Rom. 
Seh lad, Wilh., Buchbindermeister und 

Bürger in Boppard. 
Schmidt, Major a. D. in Kreuznach. 
D. L. Tosti, Abt in Monte-Cassino. 



Yerxelohnisa der Mitglieder. 



351 



Vendicliiiss 

sämmtlicher Ehren-, ordentlicher und ausserordentlicher Mitglieder 

nach den Wohnorten. 



Aachen: ▼ Ark. Book. Bräggemann. 
Contzen. Cremer. Dieokhoff. £mandt8. 
Foerster. Qeorgi. Qymnasialbibliothek. 
Hilgers. von Geyr - Schweppenburg. 
Uaagen. Lamby. Mila. ^olyteohni- 
oum. Soheiblor. Sohlänkes. Sohroeder. 
Schwan, Startz. Sürmondt. Weber. 
Wings. 

Abentheaerhütte: Boeckiog. 

Alfer-EiBOnwerk: Remy. 

Alfter: Jörissen. 

A 1 1 h f : Plassmann. 

Alter külz: Bartels. 

Amsterdam: Boot, yan Hillegom. 
MoU. 

Anholt: Achterfeldt Fürst zu Salm. 

Arnheim: Baron Sloet 

Asbaoher Hütte: Boeokiog. 

Barmen: Bredt. Karthaus. Thiele. 

Basel: Universitätsbibliothek. Yischer. 

Bergh: Habefs. 

Berlin: Aohenbaoh. Adler. Aegidl. 
▼on Bethmann - HoUweg. Boetticher. 
Braun, von Guny. Cartius. Har- 
less. Hartwich. t. Florenoourt. Fried- 
ender. GeneraWerwaltung d. k. Mu- 
seen. Qilly. Heydemann. t. d. Heydt. 
Hotho. Hübner. Krüger. Li^benow. 
Lohde. Mommsen. y. Mühler. y. 
Peuoker. t. Pommer-Esche. Piper. 
Salsenberg. Sohiokler. Weiss. 

Beromünster: Dr. Aobi. 

Bielefeld: Westermann. 

B 1 1 b u r g : Nels. Wursser. 

Bonn: Achterfeldt Bauerband. Ber- 
nays. Bin«. Blahme sen. Bodenheim. 
Bouyier. Brassert y. Bredow. BüehO' 
1er. Qrafyon Bylandt. Gähn. DeClaer, 
AI. De Claer, Eb. Clason. Cohen, y. 
Deohen. Delius. y. Diergardt. Engels- 
kirohen. Firmenioh-Riohartz. Floss. 
Freudenberg. yon Fürth. Qeorgi. 
J. Qoldsohmidt. B. Goldtschmidt. 
Hauptmann. Heimsoeth. Hermann. 
Henry. Hilgers. Hoohgürtol. vonHoi-' 
ningen. Hüffer. Hnmpert. Kaufmann. 
Kekul6. Dir. Klein. Jos. Klein. J. J. 
Klostennann. Kortegam. Krafft KyU- 
mano* de .la Valette St. Qeorge. 
Lempertz. Leydel. Loersoh« Loesohigk. 
HSrtens. Marcus. Mendelssohn, y. 
Mirbaoh. Qraf MSrner. Morsbach. 
Neu. y. Nenfyille, Bald. y. Neufyilley 
Wilh. Kenmann. NSggeratfa. PeiU. 



Pitsobke. Prieger. y. Proff-Imich. 
Rapp. Reinkens. y. Reumont. y. Rigal. 
Ritter. Graf von Salm-Hoogstraeten. 
von Sandt. SchaafFhausen, Hermann. 
Schaaffhaasen, Th. Schaefer. Arn. 
Sohaefer. Schmelz. Sohroithals. Schu- 
bert. Seydemaipo. Simrock. v. Span- 
keren. Stahiknecht. Ständer, v. Stint- 
zing. Strauss. v. Sybel. Thoma. Use- 
ner. Veit. Velhagen. y. Vleuten. Wach, 
y. Wasilewski. Weber. Werner. WolflF, 
H. Wolters. Wurst. Zartmann. 

B o p p a r d : Bendermacher. Dapper. 
Scheppe. Soblad. 

Braunfois: Prinz Solms. 

Breslau: Stier. Stier. 

B rügge: Lansens. 

Brühl: Alleker. Scheden. 

Brüssel: leBrou. v. Hagemans. Mus^e 
Royal. 

Büren: Kayser. 

Burtscheid: Roen. 

€aloar: Wolf. 

Cambridge: Lewies, 

Garlsruhe: Brambach. Weltmann. 

Cassel (Haus): v. Fournier. 

Gas sei: Sohubart. 

Gastellaun: Camphausen. 

Cleve: Chrescinski. Hasskarl. Koenig. 

C o b 1 e n z : Baedeker, y. B ardeleben. 
Givil-Gasino. Dominions. Duhr. El- 
tester. Huyssen. Junker. Landau. Land- 
fermann. Lesegesellsohaft. Lucas, 
y. Marr6es- Montigny. Nobiling. y. 
Strubberg. Ungermann. Wegeier, von 
Wright. 

Göln: Avenarius. Baohem. v. Bernuth. 
Bigge. Gamphausen. Gamphausen, Aug. 
Gassei. Glavö. v. Bouhaben. Deich« 
mann. Devons. Disoh. Drewke. Düntzer. 
Ennen. Essingh. Feiten. Frenken. 
Fuohsl Garthe. Geiger. Goldsohmidt. 
Gottgetreu, v. Hagens. Haugh. Heim- 
soeth. Herstatt, Ed. Herstatt, Joh. Dav. 
Heuser, v. Hodenberg. Hörn. Joest, 
August. Joest, Ed. Joest, Wilhelm. 
Kamp, von Kaufmann-Asser. Kessel* 
Königs. Langen. Leiden, Dam. 
Leiden, Fr. Lempertz^ H. Merkens. 
MerlO} J. Merlo, G. Mevissen. Michels. 
Mohr. Movius. Mülhens. Niessen. 
Frh. y. Oppenheim^ Abraham. Op- 
penheim, Albert Oppenheim, Dago- 
bert Frh. y. Oppenheim, Eduard. 



362 



Verseichnisft der Mitglieder. 



Pepys. Pütz. Raderaoliatt Rasoh- 

dorfif. Y. Rath, Carl. y. Reokling- 

hausen. Rennen. Saal. Beheben. 

Schilling. Schneider. Scholl. Stahl. 

Statz. Voigtel. Wendelstadt. Wiet- 

hase. Wohlers. Wolff. Zervas. 
Colmar: v. d. Ueydt. 
Conatanz: Masmor. 
Crefeld: v. Beokerathi Heinr. Leonh. 

Boehncke. ▼. Brück, Emil. v. Brück, 

Moritz. Burkart. Heimendahl. Jentges. 

Jumpertz. Ton der Leyen, EmH. t. 

Randow. Rein. Roos. Schaaenburg. 

Schmidt. Schroers. 
üarmstadt: Bossler. Ludwig. 
DannkesBel, Haus: v. Dittfurth. 
Dielingen: Arendt 
Donaueschingen: Fürstl. Bibliothek. 
D o r p a t : Harnack. 
Dortmund: Prinz SchiSnaich. 
DoBsenheim: Pütt 
Drenstelnfurt: Frh. y. Landsberg. 
Dresden: Fleckeisen. Hultsch. 
D ulken: Bücklers. 
Düren: Bogen, Hoesch, Gust. Hoesch, 

Leop. KnoU. Königsfeld. Pfeiffer. 

Rotteid. Rumpel. Schleicher. Werners. 
Düsseldorf: Brendamour. Frh« y. Ende. 

Erbprinz von Uohenzollern. Hegort. 

Poensgen. v. Schaumburg. Schneider. 

Trinkaus. y. Werner. 
Duisburg: Böninger. Curtius. Eich- 

hoff. Dr. Lange, y. Rath. 
Bchtz: Cremer. 

Ehren breitstein: Schwiekerath. 
Elberfeld: Boeddinghaus. t. Carnap. 

Gebhard. Oymnasialbibliothek. y. d. 

Heydt. de Weerth. 
Elsum b. Wassenberg: y. Leykam. 
Eltyille: Graf Eltz. Schmidt. 
Emmerich: Binsfeld. 
Endenioh: Bannscheidt. Richarz. 
Ktchweiler: Frank. 
Essen: Baedeker. Conrads, y. HSyel. 

Krupp. Probst. Ueberfeld. Waldthausen. 
Florenz: Cammarini. Bibl,-Nationale. 

Bibliothek de» etrurischen Museums. 
Frankfurt a. M.: Becker. Gersou. 

Milani. von Lo8. Scheele. Stadt- 

bibliothek. 
Frankfurt a. d. Oder: Graf Villers. 
Frauen bürg: Krementz. 
Freiburgin Baden: Keller. Universi- 

tSts-Bibliothek. 
Frenz (Sohloss): Graf Beissel. 
Fröhden: Otte. 
Fulda: Goebel. 
St C^allen: Stiflsbibliothek. 
Genf: GaUffe. 
Gent: Roulez. Wagener. 
Qiessen: Antikcn-Cabinet Lübbert 



Gins heim bei Mainz: Hermann. 
Gladbach: Doetsch. Prinzen. Pro- 

gymnasium. Qu4ck. Wolff. 
Gofttingen: yon Leutsch. Sauppe« 

Unger. Universitätsbibliothek. Wieseler. 
GrSfenbacher Hütte: Boecking. 
Grevenbroich: y. Zuecalmaglio. 
Grube Theresia: Scholl. 
Gürzenich: SehiUings-Englerth. 
Haag: Groen van Prinsterer. 
Hall (Haus): v. Spies. 
Hallo: Schlottmann. 
Hamburg: Kiessling. 
Hamm: Essellen. 
Hannover: Ahrens. Culemann. Grote- 

fend. 
Harff-Schloss: T. Mirbaoh. 
Heidelberg: Christ Köohly. Stark. 

Universitäts-Bibliothek. 
Hemm er ich: v. Nordeck. 
Heppens: Schom. 
Herdringen: Graf Fürstenberg. 
Hochdahl: Schimmelbuseh. 
Homburg v. d. H5he: Freiherr von 

Modem. 
Honnef: von Seydlitz. 
Ilsenburg: Weber. 
Immekeppel: Müller. Poerting. 
Ingbert: Krftmor. 
Jena: Bibliothek. Bursian. Gaedeohena. 

Klette. 
Kalk: Grüneberg. 
Kessenich: aus*m Weerth« 
Königsberg i. Pr.: Friedlinder. Uni- 

verzitätabibiiothek. 
Königswinter: Claaan. 
Kremsmünster: Piringer. 
Kreuznach: Antiquarisoh-histoiisoher 

Verein. Cauer, C. Cauer, R. Engel- 
mann. Rummel. Schmidt VoigtUnder. 

Wulfert. 
Küppersteg: Sohwartze. 
l^auersfort: v. Rath. 
Leiden: Bodel- Nyenhuis. Pleyte. 

Leemans. du Rieu. de Wal. 
Leipzig: Eolcstein. Lange . 

Overbeok. RitschL Springer. 
Lennep: Bürgerschule. 
Limburg a. d. Lahn: Thissen. 
Linnioh: Oidtmann. 
Linz: Pohl. 
London: Franks. 
Löwen: Universit&ts-Bibliothek. 
Lüttich: CudeU. Dogn6e. Univ.-Biblioth. 
Mainz: Llndensohm it Spitz. 
Malmedy: Ars^ne de Noüe. Steinbach. 
Manderscheid: Zimmermann. 
Mannheim: Gerlaoh. 
Marburg: Nlsaen« 
Mayen: Delius* 
Meohernioh: Huperti. 



Verzeiohniss der Mitglieder. 



353 



Mehlemer-Aae: Frau Deiobmann. 
Metternioh (Burg): y. Müller. 
Mettlaoh: Boch. 
Mets: Bar. <^e Salis. 
Monte-CaBino: Tosti. 
Montjole: Pauly. 
More^net: Braon. 
Moskau: Graf Ouwaroff. 
Mülheim a. Rh.: Bau. Wagner. 
Mülheim a. d. R.: Gruhl. Stinnes. 
München: Brunn. Cornelius. Correns. 

Halm. Messmer. 
Münster: Bibliothek der Akademie. 

Y. Kühlwetter. Zumloh. 
Münsterelfel: Köhler. 
Münstermayfeld: Schmitt. 
Hamur: Gengier. 
Nash -Mills: Eyans. 
Neapel: Fiorelli. 
Neunkirchen: Stumm. 
Neuss: Decker. Gymn.-Bibliothek. 
Neuwied: Fürst Wied. Kaestner. 

Reusch. 
Nieukerk: Buyx. 
Nürnberg: Bergau. 
Nyraegen: Scheers. 
Oberoassel: Bieibtreu. 
Oehringen: Stifts-Bibliothek. 
Oekhoven: Lentzen. 
Ottweiler: äansen. 
Paderborn: Martin. 
Paffondorf (Burg): y. Bongardt 
Paris: Barbet. Basilewsky. de Long. 

p6rier. Lucas. Miohelant Robert. 
Parma: üniyersitSts-Bibliothek. 
Paterwolde: Hooft yan Iddekinge. 
Perugia: Bibliothek. Gonnestabile. 
Ploen in Holstein: Dr. Müller. 
Popp^lsdorf: Kekul6. 
Prag; Uniyersitäts-Bibliothek. 
Prüm: Guiohard. Graeff. 
%ulnt: KrSmer. 
lüadensleben: y. Quast. 
Ratibor: Kramarczik. 
Ray e na: Lanzianl. 
Rayestein: Meester de Rayestein. 
Remich: Hermes. 
Remscheid: Hoffmeister. 
Rheydt: Pferdemenges. Wittenhaus. 
Roermond: Guillon. 
Rom: Heibig. Henzen. de Rossi. 
Rurioh Sohloss b. Erkelenz: y. Hom- 

pesch. 



Rüdes heim: Fonk. 

Saarbrücken: Aohenbach. Karoher. 
Tesohemaoher. 

S affig: Haan. 

Salzig: Nick. 

Sangerhausen: Fulda. 

Schieidweiler: Heydinger. 

Siegb'urg: Wurzer. 

Sigmaringen: Fürst zu HohenzoUern. 

Sin zig: Broioher. 

Sneek: Mehler. 

Strassburg: Uniyersitats - Bibliothek. 
Dr, Dümiohen. Kraus. Dr. Michaelis, 
y. Moller. Dr. Scherer. Strauh. Dr. 
Watterich. Wilmams. 

Stromberger-Neuhütte: Wandes- 
ieben. 

Stuttgart: Haakh. y. Lübke. Paulus. 
StfiUn. 

Süchtelen: (teuer. 

Thorn:* (Schloss) : y. Musiel. 

Trier: Bettingen, y. Beulwitz. Bone. 
Holzer. Leonardy. Mosler. Rauten- 
strauch. Schdmanu. Seyffarth. Yle- 
hoff. y. Wolflf. Wilmowsky. 

Turin: Promis. 

Uerdingen: Frings. Herberts, Balth. 

Utrecht: Engels. Royers. Yermeulen. 

Viersen: Aldenkirchen. Bachem. Fur- 
mans. Greef. Heckmann. Schmitz. 

Valparaiso: Dr. Meeks. 

Verelli: Mellia. 

Vogelensang: Borret. 

IRT aohtendonk: Mooren. 

Waller fangen: y. Galhau. Villeroi. 

Warf um: Westerhoff. 

Warmbrunn: Prinz Radziwill. 

St Wendel: Bettingen. Getto. 

We rl: y. Papen. 

Wernigerode: Bibliothek« 

Wesel: Dr. Fiedler. 

Weylinghoyen: y. Heinsberg. 

Wien: Aschbaoh. Conze. Heider. k. k. 
Münz- und Antik.-Cabinet. Schmidt. 
Vahlen. 

Wiesbaden: Bibliothek. Isenbeek. 
Krafft. Schalk. Schnaase. 

Wissen: Graf LoS. 

Würzburg: Schröder. Urlichs. 

Wüstenrode: Wüsten. 

Zeist: yan Lennep. • 

Zell a. d. M OS e 1: Schmitz. 

Zürich: DUthey. 



B em e r k u n p. Der Vorstand ersucht Unrichtiqkeiten in 
vorstehenden Verzeichnissen, Veränderungen in den Stanoesbezeich- 
nungen. den Wohnorten etc. gefäiiigst unserem Rechnungsführer 
schnftiich mitzutheiien. 



Druck Ton Carl Oeorgri in Bonn. 



Druckfehler. 



S. 99 fehlt der Name des Verf. Dr. Nordhoff. 
S. 287 Z. 4 1. ttatt 870 S. 87 S. 
S. 295 fehlt die Unterschrift: F. W. OiigschUger. 
S. 387 Z. 2 V. u. lies: Gamarrin«. 



JaMid.Vmin*w.MUrämiit-Fr.im Rheüd. Heft.IM. Taf.l. 



Bionzebiiste auf Schloss Thom an der Mosel. 



Jahkd.Vtrfiuw.MlerAtti»^r.im.Rh^i/d. /Irft.LM. 



Taf.l. 




Bronzebüate auf Sohloas Thorn an der Mosel 



JaJuid. Urmts nMtfrthum Fr. Im Meinl. Heft. IM. TufS. 



Jahri ,1. Iminj aAlt^ums Fr. w> JÜtäni. Hrft. /#. Tof. IV. 



Bronz«'^l'i^le in Beriin. 



Jahi.d.Hrrwv^iaikunuFT:^ Wuinl.Heß.LS. Taf.K 



Bronzebüsle in München. 



Jahi^d- ünau vjGia^umsFr. im Wuiid. I^ILM, Taf.W. 



Bronzebtiatfi in München. 



.Mrh.d.VeTriA.' aAllfrihums Fr.im Rheinl.Hfß.lM. '/'.-fH. 



Bponzebüate in Wien, 



■Utr^A IhriM nJll^lwms fr im M^m/. Hfß. I.E. 



BninzekTiate in Wi« 



.kh4ill?rfins a.ihfTihums Fr.im RhAril.HrftJ^. Taf.S. 



Bronzefigur in Wien. 



J.Jirid lh^>L,aJllrrihim.sF,- im Rhnnlllffi.LE. Taf.I. 



i^ ^N Hü M . 



Bponacfigur in Wien. 



JaMd V»rüuv..1lifTihumsFT.im Rhiid.Hrß.IM. Taf.M 



BronzefigiiP in Fiume. 



.Uidd.VfremsvJillaihiiinsFr.im Bhrtnl.Hfß.LM. Taf.M. 



Bronze figup in Fiume. 



JähttiVeransBjilUTthitm-FrmlUiml lUftLK. 



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Z"*/Ä ^nst t' ^'i.J£enrf 



MAl^rtattAlUriha*afr.mBtinLSfALSliiJK 




Yordere Insiclit 






JAHRBUCHER 



DES 



VEREINS VON ALTERTHUMSFREUNDEN 



IM 



RHEINLANDK 



HEFT LV n. LVI. 



Nn 6 LITH0«RAPJIIRTE1I TA9IL1I CHD 4 HOLZSCHNITTDI. 



BONN. 

OEDRUCKT AUF KOSTEN DES VEREINS. 

BOMH, BEI A. MARCUS. 

1875. 




Inhaltsverzelchnl88. 



I. GescUclite und Denkmäler. 

Seite 

1. fi5mi0ohe 8ohleiiderg«BoboBse. (Eueren T&f. I^III.) Vom Prof. Dr. 
Th. Berffk in Bonn ' 1 

2. Die LitscS beim Kdkier Dome. Von J. J. M^rlo in Köln .... 74 
8. Römische Bfruresie in der Gemarkung von Alterkülx. (Hieran Taf. IV.) 

Vom Pteter Bartels in Alterkak 81 

4. Stempel römischer Augenärzte. Von Dr. Joe. Klein in Bonn . . 98 
6. Die WeilMnucbrift des Clematins in der Ursolakirohe in Köln. Vom 

Prof. Dr. Dftntcer in Köfai 186 

6. Ueber hohes Alter im Alterthum. Von Dr. Jos. Klein 146 

7. Epigraphische Miüheilungen. Vom Prof. Hang in Mannheim . . .151 

8. Zwei Steindenkmäler mit Darstellungen von phalerae, aus Bonn. (Hiersu 
Taf. V.) Vom Prof. Dr. J. Freudenberg 177 

9. Der alte Gereons^AHar in der gleichnamigen Kirche in Köln. (Hiersu 
Taf. VIO Von Dr. Ennen in Köfai 185 

n. Litterator. 

1. Dictionnaire raisonnö du Mobiliar FranQais par M. Viollet-le*Dac. 

T. L Par. 1868. T. U— V. 1871—1873. Angee. von H. Otte . . . 191 

2. Das Bömercastell und das Todtenfeld in der Kinsigniederung. Vom 
hanauiBchen Verein herausgegeben. Hanau 1878. Auges, vom Prof. 

J. Freuden borg -. .195 

8. Epigraphie de la Moselle, dtnde par Charles Robert, Par. 1869 u. 

1873. Angea. vom Prof. Dr. J. Becker *. ... 201 

4. Geschichte der deutschen Baukunst von der Römerzeit bis zur Gegen* 

wart von Heinrich Otte. L. 1874. Angez. von Herrn Aldenkirohen 1Ö7 

in. Miseellen. 

1. I. Palimpsestinschriften. U. Drei neue römische IHlitärdiplonM. 
III. Beitrag zu dem 8. Bande des Corpus inscr. Latinarum. Von 
Dr. Jos. Klein 217 

2. Mnnster-Maifeld. Antikes Erzgefäss. Von Dr. Schmidt . . 225 

3. Antiker Steinblock zu Müden an der Mosel. Von Dr. Schmidt . . 227 

4. Köln. Numismatisches. Von J. J. Merlo 228 

5. Mayen. Auffindung von Römerresten. Von Rector Kruse . . . 282 

6. Mayen. Fond einer röm. Münze in einem alten Schacht. .... 233 

7. Trier. Röm. Mosaikboden zu Euren 284 

8. Waldorf. Tund zweier röm. silbernen Löffel 234 

9. Holzhausen auf der Haide. Aufdeckung eines Römercastells . . 284 

10. Bonn. Zie^lstempel der Coh. 1 Ubiorum. Von J. Fr 285 

11. Bonn. Grabinschrift eines Canabensis aus Köln. Von J. Freudenberg 285 



Seite 
12. Bonn. Drei neae röm. Ixuchriften aiu Pont und Billig, nebst einer 

Grabinschrift ans Aachen. Von J. Preudenberff 286 

18. Kleiner Altar von Jurakalk aas Bonn. Von Th. Sergk 289 

14. Bonn. Römisohe Funde am Viereoksplatc. Von Th. B 240 

16. Bonn. Aoffindunff von Bömerresten oei den Wasserleitangsarbeiten. 

Von J. Fröndenberg 241 

16. Bonn. Aufdeckung der alten Bömerstrasse bei den Wasserleitongs- 
arbeiten. Von E. aus'm Weerth 248 

17. Trier. Fragment einer Weiheinschrift aus den röm. Bftdem zu Trier. 
Von Th. Bergk , 248 

18. Trier. Aufdeckung eines röm. Gebäudes. Von Dr. Bone . . . . 244 

19. Trier. Entdeckung von Steinw&Uen auf der Niederburg bei Echter- 
nach. Von Dr. Bone 244 

20. Tholey. Bronzetäfelchen mit einer Weiheinschrift des Juppiter. Von 
Th. Bergk 245 

. 21. Ueber ein in unserm Jahrb. mehrfach besprochenes Bronaet&felohen aus 

Fliessem. Von Th. Bergk 245 

22. Fränkische Särge zu Nennig und Fliessem. (Mit 2 Holzschnitten.) 

Von £. aus'm Weerth 246 

28. Bonn. Der röm. Pfahlgraben östl. von Linz und Hönningen. Vom 
Freiherm von Hoiningen-Huene • 247 

24. Bonn. Das Grabmal des Longobarden-Herzogs Gisulf. Von J. Fr. . 248 

25. Grefeld. 1. Ueber Gesichtsumen. 2. Aufdeckung eines röm. Gräber- 
feldes bei Crefeld. Vom Director emer. A. Rein 250 

26. Geldern. Römischer Münzf und bei Wachtendonk. Von Friedrich 
Nettesheim 252 

27. Moselkern. Zwei seltene mittelalterliche Silbermünsen 258 

— Entgegnong in Betreff der Festschrift: .«Der Mosaikboden in St. Gereon 

zu Köm". Vom Vorstand des Vereins 258 

— Berichtigungen und Bereicherungen ^n der gen. Publication. Von E. 
aus'm Weerth 258 

— Nachträge und Berichtigangan zu den Angenarztstempeln. Von Dr. 
Jos. Klein 268 

— Berichti|png zu Nr. 5. Von H. Düntzer 265 

— Ankündigung der Publikation ausgewählter Kunstwerke aus dem Schatze 
der »Reichen Kapelle« in der k. Residenz zu München. (Mit einem 
Holzschnitt.) 266 

IV. 

Chronik des Vereins für das Vereinsjahr 1878 (resp. Pfingsten 1878—74) . 269 

V. 

Verzeiohniss der Mitglieder , 279 



I. Oescilicilte und Denkmäler. 



I. Römische Schleudergeechoeee. 

ffierza Taf. I— HI. 

Unter den Warfwaffen nimmt die Schleuder im Alterthume schon 
frühzeitig eine hervorragende Stelle ein : noch sind uns zahbreiche 
Schleudergeschosse der Griechen und Bömer erhalten, welche von 
jeher die Aufmerksamkeit der Fachgelehrten wie der Dilettanten auf 
sich gezogen haben. Ueber die griechischen Schleudergeschosse ver- 
danken wir W. V i s c h e r eine gedrängte aber inhaltreiche Abhand- 
lung ^)f welche aUes Wesentliche übersichtlieh zusammenfasst und als 
Beigabe die Beschreibung einer Anzahl unedirter Schleudergeschosse, 
grossentheils attischen Fundortes, enthält Für die römischen Schleuder- 
bleie ist die Arbeit von de M i ni c i s ') als grundlegend zu betrachten. 
Es ist dies nicht nur die erste vollständigere Sammlung des reichen 
Materiales, deren Brauchbarkeit durch grossentheils getreue Nach- 
bildungen erhöht wird, sondern der Verfasser hat auch, indem er sorg- 
fältig den Fundort verzeichnet, dieses Material zu ordnen gesucht und 
die einzehien Geschosse bestimmten Kriegen zugetheilt b). Daran 

*) Antike Scbleadergeschosse, beschrieben von W. Yischer. 
Basel 1866. 

^) SuUe antiche ghiande missili e sulle loro iscrizioni in 
den Abb. der Päpstlicben Akademie Bd. XI, S. 189-256. (Born 1852.) Die 
eigene Sammlung von de Minicis befindet sieb nacb der Angabe Fabretti's in 
Fermo. 

*) Die Arbeit von de Minicis ist nicht frei von manchen Schwächen, aber 
Mommsens Urtheil (accurata doctrina nulla) ist zu hart. Bitschi im 
Rhein. Mns. XIV, 285 und 290, klagt über einzelne paläograpbiscbe Ungenauig- 
kdten bei de Minicis, und fahrt namentlich das Geschoss bei de Minicis n. 62 

an, indem er behauptet, eine nene Copie best&tige das geschlossene P in 
P R * P I L nicht, allein das neue Exemplar, welches ich unter N. 67 publicire, 

i 



2 Bömische SohleudergeiohosBe. 

schliessen sich die Arbeiten von Ritschi und Mommsen an. 
Ritschi hat allerdings zum grossen Theil nur die Abbildungen bei 
de Minicis reproduzirt, öfter jedoch auch neue nach den Originalen 
des Kircher*schen Museums in Rom ^) gefertigte Zeichnungen mitge- 
theilt. Mommsen vervollständigt nicht nur das Verzeichniss der 
Schleuderbleie, obwohl eine genaue Benutzung öffentlicher und privater 
Sammlungen sicherlich erhebliche Nachträge liefern dürfte, sondern 
hat auch zum ersten Mal unternommen, diese Classe von Inschriften 
nach den Grundsätzen methodischer Kritik und Exegese zu behandeln *X 
indess ist das hier geübte kritische Verfahren nicht immer glücklich. 

Die Lesung dieser Inschriften ist schwierig, zumal wenn man 
nur ein einziges, noch dazu schlecht erhaltenes Exemplar, vor sich 
hat; daher konnten mancherlei Missgriffe nicht ausbleiben. Indem 
Mommsen, der nur wenige Exemplare selbst untersucht hat, den An- 
gaben seiner Vorgänger misstrant, ist er nur zu sehr geneigt, mehr 
oder minder grobe Lesefehler vorauszusetzen und die verschieden- 
artigsten Marken auf eine einzige zurückzuführen. Allein die Gleich- 
heit einzelner Worte, oder die blosse Aehnlichkeit der Buchstaben 
reicht nicht aus, um sofort eine Aufschrift mit anderen Marken zu 
identificiren. Ebenso verdächtigt Mommsen ohne rechten Grund die 
ausdrücklichen Angaben über den Fundort. So geht seine Kritik 
nicht selten über die Grenzen des Erlaubten hinaus und greift fehl. 
Andererseits folgt Mommsen allzu bereitwillig den Früheren in ihren 
falschen Erklärungen, und dies veranlasst ihn, eine Menge Geschosse 
kurzer Hand zu verdächtigen oder geradezu als moderne Fälschungen 
zu beseitigen. 

Einige Beispiele mögen Mommsens Verfahren veranschaulichen, 
zu anderen Berichtigungen wird sich im Verlaufe dieser Untersuchung 



bestätigt diese Form, ja sogar das Facsimile Ritschrs (T. IX. n. 96)i obwohl 
die Buchstaben theilweise verschliffen sind, stimmt damit. Ich muss übrigens 
bemerken, dass ich die Abhandlung von Delfico: sopra le ghiande missili 
(Neapel 1826), auf welche de Minicis wiederholt Bezug nimmt, nicht habe ein- 
sehen können; ich weiss also nicht, in wie weit dieser Gelehrte schon der sach- 
gemässen Anordnung, die de Minicis getroffen, vorgearbeitet hat. 

^) Ritschi priscae Latinitatis monumenta epigraphica (Taf. 
VIII und IX). 

') Mommsen corpus inscr. Latinarnm T. I. S. 188—194, dann in 
den Nachtr&gen 569. 560. 



Eömisohe Sohleaderge«oho89e. 3 

mehrfach Gelegenheit darbieten. Mommsen stellt unter nr. 650 eine 
Anzahl Geschosse zusammen, deren Aufschriften er sämmtlich auf 
eine Marke zurückführt, indem er in den abweichenden Angaben 
nichts als verschiedene Lesarten findet, und kommt schliesslich doch 
zu keinem bestimmten Resultat; denn er lässt es unentschieden, ob 
die Aufschrift Feri Pomp(eium) oder Feri Roma(nos) lautete. 
Es sind aber hier vier ganz verschiedene Stempel zusammengeworfen: 

FERI POMPEIVM ^ 

auch abgekürzt oder in zwei Zeilen geschrieben, oder auf zwei Seiten 
des Geschosses vertheilt, s. N. 21—25 der vorliegenden Sammlung; 

FERI X COMA 

auf die beiden Seitenflächen des Bleies vertheilt^ s. N. 28. 29 ; 

FR I 

TOMR 

in zwei Zeilen untereinander, s. N. 26. 27 ; und : 

FERI X MAQ 

auf zwei Seiten vertheilt. Auf diese verschiedene Vertheilung der In- 
schrift, welche zwar nicht immer, aber doch meist mit Sicherheit 
auf Verschiedenheit der Marke schliessen lässt, hat Mommsen gar 
nicht geachtet. Die vierte Marke kenne ich nur aus der Abbil- 
dung bei de Minicis 4 (Ritschi Vin, 8) ; aber es ist ganz willkührlich, 

wenn hier Mommsen eine verstümmelte Aufschrift findet ///MAQ; 
denn die Aufschrift ist vollständig, für zwei Buchstaben am Anfange 
ist kein Raum vorhanden, wie eben die Abbildung zeigt ; denn 
de Minicis selbst ist in dieser irrigen Auffassung vorangegangen ^). 



^) De Minicis S. 202 stellt mit dem Yenneintlichen Stempel 

FERI ROMA 

■ein Blei 

FERI- MAQ 

zusammen, indem er den letzten Buchstaben für ein blosses Ornament hält. 
Mit Sicherheit lässt sich das Blei nicht erklären, man könnte an Minatius 
Magitts, den Y erfahren des Historikers Yeliejus denken, der im römischen In- 
teresse seine zahlreiche Clanschaft aufbot und eine vollständige Legion zusam- 
menbrachte; aber er focht unter T. Didius und Sulla auf dem südlichen 
Kriegstheater (YeUejus II, 16), während das Blei nach Picenum zu gehören 
scheint. Yielleicht ist feri Maq(uolnium) zu lesen. 



[ 



4 Römische SchleudergesclioflM. 

Ein Stempel niit der Au&cbrift 

FERI ROMA 
wie die Früheren annehmen und auch Mommsen, obwohl i^eifelnd, 
zugesteht, ist nicht nachweisbar, auch erscheint eine solche Aufschrift 
schon wegen ihrer vagen Allgemeinheit wenig angemessen, wenn man 
den mehr oder weniger concreten Charakter der übrigen Inschriften 
auf Schleudergeschossen damit zusammenhält. Mommsen hat zwar 
Becht, wenn er^ie Erklärung seiner Vorgänger, die Roma als Vocativ 
fassten, verwirft, und fori Roma(nos) ergänzt, aber er irrt 
wiederum, wenn er damit den Zuruf feri (Plutarch Marcell. 8) der 
römischen Soldaten, die einander ermunterten, tapfer auf den Feind 
löszuschlagen, vergleicht; denn das feri dieser Inschriften ist überall 
als Anrede an das Wurfgeschoss zu fassen, s. zu Nr. 39, 40. 

Wie leicht Mommsen^ sich mit den Angaben seiner Vorgänger 
abfindet, wenn sie mit seinen Ansichten nicht stimmte, zeigt n. 654. 
Der Stempel dieses Geschosses ist nach de Minicis 27 und Ritschi 
Vin, 22 (nach einer neuen Copie) ganz übereinstimmend: 

CÄL 

und die abweichende Lesung von Lipsius, wenn dieser überhaupt den- 
selben Stempel copirte, kommt gar nicht in Betracht, da jene Marke 
in 8 Exemplaren im Kircher'schen Museum vorhanden ist, also ein 

Fehler beider Copien, welche die Ligatur von A mit T bezeugen, 

nicht angenommen werden darf. Mommsen zieht es vor G A L zu 
lesen und auf die Gallier zu beziehen ^), indem er das folgende Blei 
n. 655: 

LCAL 
durch legio Gallica erklärt, was ganz unsicher ist; war es em 
L^onstempel, so könnte man ebenso gut an legio galerita u. A. 

^) Dafar liesse sich aUen&Us das Emblem der Bücksseite ein Schwert 
(nieht Blitz, wie Mommsen angiebt) geltend machen; doch kommt dieses Sym- 
bol, wie vorliegende Sammlang beweist, auf den verschiedensten Geschossen vor. 
Ich wage keine Erklärung vorzuschlagen; ob der erste Buchstabe G oder G ist, 
lässt sich bei der Aehnlichkeit dieser Buchstaben nicht bestimmt entscheiden; 
de Minicis erklärt C. Tal(na), es könnte aber ebenso gut Gatl(tts) sein, ob 
gerade der Italischen Heerführer Y. Catulus (s. unten zu Nr. 8) wage ich nicht 
zu entscheiden; denn dieser steht dem C. Marius im Marsischen Gebiet gegen- 
über, jene Geschosse sind bei Asculum gefunden. Aber es ist nicht anmöglich, 
daas ein Anführer, der im ersten Eriegsjahre gegen Marius kämpfte, im nächsten 
Jahre in Picenum ein Kommando hatte. 



Römische Schleudergeschosae. 6 

denken; es kann aber auch ein Eigenname, wie L. Gallus oder 
Galba sein. 

Oar seltsam ist der Widerspruch, in den sich Mommsen ver- 
wickelt; während er den Angaben seiner Vorgänger über Thatsäch- 
liches entschiedenes Misstrauen entgegensetzt, schenkt er ihren irrigen 
Deutungen williges Gehör, und gründet darauf seine Kritik. De Minicis 
und Andere finden auf diesen Geschossen vielfach die Zunamen der 
Legionen, die sie erst in der Kaiserzeit führen ; statt diese Erklärungen 
als verfehlt abzuweisen, verdächtigt Mommsen die Inschriften selbst. 
Ein Perusinisches Blei (n. 694, de Minicis 55) hat die Aufschrift: 

LVM 

3sva± 

hier glaubt de Minicis die 5. Macedonische Legion' und den Namen 
des Flusses Trasimenus zu erkennen. Und doch war es nicht schwer, 
das Rechte zu treffen: die erste Zeile ist offenbar unvollständig, wir 
haben hier nur einen Beleg des gemeinen Soldatenwitzes: 

(cu)LVM 

TRASE(i) 

trasei ist transi; transire in der Bedeutung durchbohren 
findet sich nicht nur bei Dichtern, sondern später auch in der Prosa. 
Lucret VI, 228 gebraucht es vom Blitze, und die Bleieichel ist ja nichts 
anderes als ein Analogen des Blitzes, s. z. Nr. 41^-43. Die leg(io) 
VI f(errata) n. 659, die l(egio) XII ful(minata) n. 660, sowie 
die leg(io) XVIII fir(ma) n. 662, welche unsem Kritikern gerechte 
Bedenken einflössen, braucht man nur dieser Zunamen zu entkleiden 
und dafür f ul(men) oder was gleichbedeutend ist, fir zu erkennen, 
8. zu Nr. 41—43, so verschwindet jeder Grund zur Verdächtigung. 
Eine andere Bewandtniss wird es mit n. 664 legio XXX V(lpia) 
V(ictrix) haben, s. z. Nr. 9. • 

Nichts berechtigt diese und andere ähnliche Aufschriften auf 
Schleudergeschossen als Fälscltingen zu betrachten ^), obwohl auch auf 
diesem Gebiete sich wie anderwärts der Betrug aus Gewinnsucht oder 



*) MommBen geht sogar so weit in seiner falschen Kritik, dass er n. 656 

(s. seine Bemerkangen za n. 660) LI I I TA L för verdächtig erklärt, obwohl 

hier gar kein Zuname sich findet, sondern die Legion als zweite italische 
(Italica oder Italicorum) bezeichnet wird. Mommsens Verfahren wird nur 
dadurch einigermassen entschuldigt, dass er nach seiner eigenen Yersicherung 



6 Rdmitche SoUeudergetohotie. 

anderen unlauteren Motiven versucht haben mag. Schon der vorsichtige 
de Minicis äussert Zweifel über die Aechtheit eines der von ihm unter- 
suchten Schleuderbleie \ allerdings ohne Gründe anzugeben ; indess 
das Urtheil eines eifrigen Sammlers und kundigen Liebhabers verdient 
immer Beachtung. Ich mache namentlich darauf aufmerksam, dass 
in der Sammlung Campana (s. Mommsen Nachtr. n. 1515 S. 560) 
sich ganz derselbe Stempel findet; dies scheint den Verdacht^ den 
Mommsen in den Nachträgen gegen die meisten Geschosse dieser 
Sammlung ausgesprochen hat, zu unterstützen. Die Fassung der 
Au&chriften ist eigenthümlich, sie bestehen in der Regel nur aus ein- 
zelnen Buchstaben oder Zahlzeichen: indess kommt eine Anzahl ähn- 
licher Exemplare auch bei de Minicis vor; es, könnte bei einem beson- 
dem Anlasse gerade diese Art der Bezeichnung aufgekommen sein. 
Hier kann nur eine sorgfältige Prüfung der betreffenden Exemplare 
selbst entscheiden; ich vermag ebenso wenig ihre Aechtheit zu ver- 
theidigen, als mich der Verdächtigung Mommsens anzuschliessen. Zum 
Glück kommt nicht viel darauf an, denn die Aufschriften sind 
für uns unverständlich, können daher keinen sonderlichen Schaden 
stiften *). 

Eine Sammlung neu aufgefundener Schleudergeschosse hat mich 
zu einer Bevision dieser Klasse von Denkmälern veranlasst, deren 
Nothwendigkeit ich schon längst erkannt hatte, die sich aber ohne 
Autopsie nicht ausführen liess. Dass durch den neuen Fund jene 
Irrthümer beseitigt werden, ist schon itls ein erheblicher Gewinn zu 
betrachten, aber auch ausserdem wird sich manches interessante Er- 
gebniss herausstellen, und ich darf wohl hoffen, dass Andere zu einer 
erneuten Untersuchung der bereits bekannten, so wie zur Veröffent- 
lichung der noch unedirten römischen Schleudergeschosse angeregt 
werden. 



kein einziges von den Geichoseen aus dem Bundesgenossenkriege gesehen hat : 
mihi qui harum nullam viderim nihil fere relictnm fait, nisi mo- 
lestum negotium dabitationis profitendae. (S. 189| B.) 

1) De Minicis S. 253, Anm. 4. (Taf. I soU die Abbildung enthalten, die 
aber auf dieser Tafel im Exemplar der hiesigen Bibl. nicht steht, Ritschi hat 
sie wiederholt YUI, 88), Mommsen 680: 

•DI'S F- 

') Es finden sich auch Schleudergesohosse mit etruskischer Aufschrift bei 
Micali, de Minicis und Fabretti, eines in der Sammlung des Herrn Moosier 
de Rayestein (doch wird ix9 Gatalog die Inschrift nicht mitgetheilt). 



Bömische Schleudergeschome. 7 

Diese Sammlung hat Hr. Prof. aus'm Weerth auf seiner Reise durch 
die Mark Ancona und die angrenzenden Bezirke in Camerino erworben. 
Die meisten Wurfgeschosse sind nach der Mittheilung des froheren 
Besitzers am Tronto gefunden worden, womit auch das Ergebniss 
unserer Untersuchung stimmt. Genauere Angaben über den Fundort 
der einzelnen Schleuderbleie waren leider nicht zu erlangen; nichts 
desto weniger liess sich in sehr vielen Fällen die Zugehörigkeit fest- 
stellen. Es sind 96 Stück, davon gehören 2 (Nr. 1, 2) dem Sklaven- 
kriege in Sicilien, 51 (Nr. 3 bis 53) dem Bundesgenossenkriege, 18 
(Nr. 54—71) der Belagerung von Perusia an; von den übrigen (Nr. 
72^96) liess sich die Herkunft nicht mit voller Sicherheit ermitteln. 
Nur ein Blei ist unbeschrieben, hat aber dafür auf beiden Seiten 
Embleme ; ein Geschoss hat eine griechische, zwei oskische, alle übrigen 
lateinische Beischriften. Die Bedeutung dieser Sammlung ergiebt sich 
schon daraus, dass unter den 96 Wurfgeschossen mehr als 40 sich 
befinden, die bisher völlig unbekannt waren, und unter diesen nehn^en 
besonders die, welche sich auf den Bundesgenossenkrieg beziehen, 
unser Interesse in Anspruch. 

Wer Inschriften antiker Schleuderbleie gesehen hat, wird die 
Schwierigkeiten der Entzifferung beurtheilen können, zumal wo wie 
hier unedirte Exemplare zum Vorschein kommen; denn bei schon be- 
kannten Marken können selbst die Irrthümer der Vorgänger gute 
Dienste leisten. Diese Unsicherheit steigert sich bei den umgestem- 
pelten Exemplaren: denn die frühere mehr oder minder unkenntliche 
Aufschrift lässt sich nur mit einer Palimpsesthandschrift vergleichen, 
wo man auch bei wechselnder Beleuchtung an dem einen Tage diese, 
an dem andern jene Schriftzüge zu erkennen glaubt. Wer die von 
mir beschriebenen Bleigeschosse von neuem untersucht oder gleiche 
Exemplare nachzuweisen vermag, wird sicherlich manches zu berich- 
tigen finden *). Nicht minder unsicher ist die Erklärung dieser In- 
schriften, vieles wird hier wohl stets problematisch bleiben, oft habe 

') So habe ich naohtr&ghch selbst noch die Lesung von Nr. 25 berichtigt, 
wo ich früher F R I • P O M fand, während ich jetzt darin die Marke Nr. 

14, 15 F R I * P I S A erkenne. Am schwierigsten ist die Deutung cursiv- 
artiger Schriftzeichen, die auch anderwärts den Epigraphikem Noth machen; 
über die Schweizerische Inschrift (Momrosen inscr. HeW. 273) hat man aller- 
lei abenteuerliche Yermuthuugen aufgestellt, aber nicht erkannt, dass nur die 
bekannten Verse aus Yirgil (Aen. XI, 1. 2.) Ooeanum inierea surgens etc. 
copirt sind. 



L 



8 Römisohe Schleadergesohosse. 

ich es vorgezogen, auf jede Deutung zu verzichten. Abbildungen der 
wichtigsten neu aufgefundenen, wo es nöthig schien auch der älteren 
Marken sind beigefügt; in zweifelhaften Fällen habe ich nicht sowohl 
die Hand des Zeichners geführt, sondern ihm selbst überlassen wieder- 
zugeben, w|is er zu sehen glaubte. 

Der den Griechen angeborene künstlerische Trieb äussert sich 
auch bei der Anfertigung dieser unscheinbaren Wurfgeschosse; meist 
ist das Schleuderblei mit einem passenden Emblem ausgestattet ^), wie 
der Blitz, ein Skorpion oder eine Schlange (vergl. Vischer, S. 8), wenn 
auch die Ausführung manchmal ziemlich roh erscheint Die romischen 
Geschosse veranschaulichen seltener auf diese symbolische Weise den 
Zweck der Waffe; denn die Rückseite ist, wofern sie nicht ebenfalls 
beschrieben ist, meist glatt; doch ist auch hier manchmal ein schick- 
liches Emblem angebracht, der Blitz, das Zeichen des Keiles, welches 
ganz gleiche Bedeutung hat, oder ein kurzes Schwert^). Eine in- 
schriftliche Zugabe findet sich in der Regel auch auf den griechischen 
Schleudergeschossen, aber die römischen Denkmäler dieser Gattung 
zeichnen sich durch reiche Mannigfaltigkeit der Aufschriften sehr vor- 
theilhaft aus, und haben ebenso für die historische Kunde, wie für die 
Erforschung der Sprache Interesse ; den ersten Gesichtspunkt hat man 
schon früher gebührend gewürdigt, während der andere bisher keine 
Berücksichtigung gefunden hat. Die öfter umfangreiche Inschrift ist 
nach Umständen auf 1, 2 oder 3 Zeilen vertheilt, nicht selten ist 
auch die Rückseite beschrieben, und zwar hängen die Aufschriften 
beider Seiten eng zusammen^). Natürlich finden sich auch einzelne 

^) Sempev (die bleiernen Sohleadergesohosse der Alten, Frankfurt 1859) 
griebt auf Taf. L n. 3 die Abbildung eines grieohisohen Geschosses im brittisohen 
Museum, welches ein bärtiges Männergesicht zeigt. # 

') Neu imd eigenthümlich ist die zweimal in der Sammlung des Hm. 
Prof. aus'm Weerth yorkommende Darstellung eines Fisches Kr. 7 und 95. 
Pfister (über röm. Schleudergeschosse, in den Berichten des histor. Vereins für 
Mittelfranken, Ansbach 1864) beschreibt ein römisches Blei mit dem Namen des 

Q**lll*LV*f wo auf der Bückseite ein Modusenhaupt dargesteUt ist 
und »die Enden der Haarlocken Schlangenköpfe andeuten sollenc 

) Nur das Geschoss aus der Sammlung Gampana (Mommsen Nachtr. 
1509) macht scheinbar eine Ausnahme: 

PVOMIS ^^^ 

OMNIA ^^ VDRV 

MALO 



Romisoha ScbleodergeachosBe. 9 

Schleudergeschosse ohne Bild und Schrift 0- — Die Schleuderbleie wurden 
in Formen gegossen, die symbolischen Beizeichen, wie die Au&chriften 
waren in der thönernen Form angebracht, daher auf dem Abgüsse die 
Buchstaben zuweilen in verkehrter Gestalt erscheinen^). Aber öfter 
ward auch die Schrift mit Hülfe eines Metallstempels dargestellt ^) ; die 
scharfgeschnittenen Formen der Buchstaben kennzeichnen sehr be- 
stimmt dieses Verfahren, welches namentlich da in Anwendung kam, 
wo man ein altes beschädigtes Geschoss ausbesserte, oder durch Zu- 
sammenlöthen aus zwei Bruchstücken ein Neues anfertigte, wozu man 
ebenso eigene wie feindliche Bleieicheln verwandte. Diese geflickten 
Geschosse wurden neu abgestempelt. Mehrfach haben sich noch Beste 
des früheren Stempels erhalten, die an den flachen, breitgedrückten 
Buchstaben kenntlich sind, zuweilen ist nur noch ein leichter schatten- 
hafter Umriss der frühern Schriftzeichen sichtbar^). Dieses Verfahren, 



Die Rückseite enthalt hier wohl die Antwort, mit Aarudru(m) wird ein ge- 
wöhnliches Brechmittel (die Lesart ist jedoch schwerlich richtig) bezeichnet 
sein, welches der Empfönger dem tödüiohen Blei yoradeht. Das Geschoss ist viel- 
leicht aus zwei verschiedenen Hälften zusamniengelöthet. 

^) Die alte Zeit mag sich mit dem nothwendigsten begnügt und auf jede 
weitere Ausstattang der Geschosse verzichtet haben, und wie so häufig nach dem 
natürlichen Kreislauf der Dinge das Ende zum Ausgang zurückkehrt, so mögen 
die späteren Jahrhunderte sich auch in dieser Einfachheit mit den Anfangen 
berühren. Scheuderbleie aus Gumae dieser Art hat Hr. Prof. aus'm Weerth 
aus der Sammlung der Fürsten v. Wittgenstein erworben. Wenn Wilmanns 
Exempla inscr. Lat. II. S. 288 bemerkt: glandium pleraeque inscriptio- 
nibus omnino oarent, so dürfte dies mit den Beobachtungen Anderer nicht 
« eben stimmen. Manchmal ist übrigens wohl nur 'Bild und Schrift gänzlich ver- 
loschen, sodass das Geschoss schmucklos erscheint. 

^) So z. B. K. 41 pnd 58—60, ausser anderen Beispielen bei de Minicis. 
Durch den Gebrauch der Geschosse sind einzelne Buchstaben nicht selten be- 
schädigt oder auch ganz verwischt: manchmal mag auch schon beim Gnss ein 
Buchstabe oder eine einzelne Linie nicht zu ihrem Recht ^kommen sein. 

>) Auch bei dem Emblem hat man zuweilen dasselbe Verfahren ange- 
wandt, wie Nr. 91 beweist. Yischer hat n. 5 ein attisches Geschoss, wo zwei 
Eulen durch einen Nachstempel in einer vertieft eingeschnittenen Fläche einge- 
prägt sind, offenbar ein fremdes Geschoss, was die Athener wieder verwendeten; 
die Rückseite zeigt eine fast ganz verwischte Aufsch^ft, die eben so g^t 
lateinisch wie griechisch sein kann. 

*) Sicherlich wird sich bei erneuter Untersuchung der in unseren Museen 
befindlichen römischen Geschosse diese Beobachtung bestätigen; denn bei 
flüchtigem Betrachten entziehen sich diese Spuren der Aufmerksamkeit. 



lÖ Römische Sehleodergeflohone. 



1) Nach PfiBten Bericht ist die Inschrift seines Bleies Q * T I T I ' L V 

mit Tortieften Buchstaben eingeschnitten ; wenn er sich aber auf ähnliche 
Beispiele bei de Miniois beruft, so ist dies irrig. 

>) Vergl. unten Nr. 57 und 62. 

>) Monimsen sagtS. 188: „ut vel ipsa glans, vel quod etiam com- 
modius erat, forma stilo inscriberetur.*' 6. Wilmanns £xempla Insor. 
Lat. II, S. 288 wiederholt dies gedankenlos: „glandes litteras habent aut 
ipso plumbo stilo inscriptas aut prominentes. '^ 

*) Auffallend ist jedoch, dass de Minicui auch das Geschpss -seiner eigenen 
Sammlung (Taf. IQ, 55) in dieser Weise reproducirt. Bitsohl hat diese und 
ähnliche Copien, da sie f&r die Paläographie unbrauchbar sind, nicht wiederholt. 

^) Wohl aber bediente man sich des Qriffels bei den thönemen Gusa- 
formen. 



alte Geschosse auszubessern und umzustempeln, wofür vorliegende > 

Sammlung zahlreiche Belege bietet, hat man bisher nicht erkannt. 

Die Schrift ist erhaben, gleichviel, ob sie durch Guss oder durch 
Stempel hergestellt wurde. 0? und die Form der Buchstaben, besonders 
aus dem Bundesgenossenkriege, meist gross und kräftig; nur auf den 
perusinischen Geschossen finden sich zuweilen flüchtige Züge, welche 
der CursiYschrift nahe kommen, jedoch erscheinen daneben^ auf dem- ■ 

selben Blei auch regelrechte Buchstabeniormen '). Als entschieden | 

irrig ist die Vorstellung zu betrachten, als wären diese Inschriften , 

theil weise mit einem Griffel ausgeführt worden'); das Material ist | 

viel zu spröde, um die Anwendung eines gewöhnlichen Schi-eibinstru- ! 

mentes zu gestatten, auch würde dann die Schrift nicht erhaben, 
sondern vertieft erscheinen. Zu dieser irrigen Vorstellung haben wohl 
nur einzelne Abbildimgen bei de Minicis Anlass gegeben, welche offen- 
bar kein getreues Facsimile bieten, sondern de Minicis theilt sie in 
der Gopie mit, welche er von Andern erhalten hatte ^). Diese Auf- 
schriften sehen allerdings mit ihren dürftigen Schriftzügen aus als 
wären sie mit einem Griffel eingeritzt^). 

Abgesehen von einer Bleieichel, welche in Spanien auf dem 
Schlachtfelde von Munda (im J. 709 der Stadt Rom) gefunden worden 
ist, gehören sämmtliche bisher bekannte römische Schleudergeschosse 
drei verschiedenen Kriegen an, dem Sklavenkriege in Sicilien ] 

im J. 621, dem Bundesgenossenkriege im J. 664 u. f. und der 
Belagerung von P^rusia im J. 713 und 714. 

Bei Belagerungen leisteten Wurfwaffen die besten Dienste; ge- 



I 



Römieohe SohleudergMohosM. 11 

iföhnlich machten beide Theile davon ausgiebigen Gebrauch ^). Hier 
entwickelte sich, indem man längere Zeit einander gegenüber stand, 
ein förmliches Wortgefecht, eine Art Gorrespondenz vermittelst der 
Bleigeschosse; der den Soldaten eigenthümliche Humor und Spott 
bricht hier nicht selten hervor, aber sehr bezeichnend ist, dass rohere 
Scherze und gemeiner Hohn sich erst im Bürgerkriege bei der Bela- 
gerung Perusias zeigen*). Aber auch in der offenen Feldschlacht 
wurden Schleudertruppen mit Vortheil verwendet. Doch versahen 
diesen Dienst meist Hülfetruppen oder geworbene Söldner, daher 
genossen auch die Schleuderschützen nur geringe Achtung ^). 

Historische Zeugnisse dienen zur erwünschten Bestätigung. 
Valerius Maximus erzählt, wie im Sclavenkriege der Gonsul Calpurnius 
Piso die Feigheit des Anführers einer Beiterabtheilung bestrafte; G. 
Titius wurde für ehrlos erklärt, den Reitern ihre Bosse genommen 
und sie zu den Schleuderem versetzt ^). Die Verwendung der Schleuder- 



') Dum die Belagerer beim Gebrauch der VTarfgeachosie im YortheU 
waren, bemerkt Quadrigarius bei Gellius IX, 1. Im AUgemeinen soUte man 
erwarten, mehr Geschosse der Belagerten als der Belagerer za finden; denn die 
welche in eine Festung geworfen wurden, mögen e. Th. schon von den Bela- 
gerten gesammelt und wieder verwendet worden sein; auch war ein bewohntes 
Terrain for die Erhaltung dieser Reliquien weniger günstig, als das freie Feld. 
Doch wirkten im einzelnen ^alle besondere Verhaltnisse ein; in Perusia wird L. 
Antonius, dessen Stärke hauptsachlich in fechtkundigen Gladiatoren bestand, 
yon den Warfwaffen nur massigen Gebraach gemacht haben, worauf schon 
Mommsen aufmerksam macht. 

') Wie das mehrfach variirte pete oulum oder pete landicam 
Fnlviae: denn die Beischrift eines Bleies aus dem Italischen Kriege (Mommsen 
665) eme malvam malam steht nicht anf gleicher Stufe. 

') Daher kam es öfter vor, dass römische Borger zur Strafe zu den 
Sohleuderschützen versetzt wurden. Im Kriege mit Pyrrhus wurden die Beiter, 
welche in Kriegsgefangenschaft gerathen waren, zum Fussvolke versetzt, die 
Fusssoldaten mussten als Schleuderer dienen. Yaler. Max. II, 7, 15 (in fun- 
ditorum auxilia transoripti). 

*) Yaler. Max. II, 7, 9: turmas eqnitum, quibus praefuerat, 
ademptis equis in alas funditorum tr ansscripsit. Es waren wohl 
bundesgenössische Reiter, denn nach Anleitung der Epitome ist zu sehreiben: 
G. Titius equitum praefectus sociorum. Man -könnte versucht sein, 

« 

das von Pfister publicirte Blei mit der Aufschrift Q * T I T I * L V eben auf 

diesen Titius zu beziehen; denn wenn er auch bei Valerius M. and Frontin. 
Strat. lY, 1, 26 das praenomen C. fuhrt, so w&re doch die Annahme eines 



12 RömiBche Schlendergeschosse. 

trappen im Bundesgenossenkriege bezeugt Sisenna ^), und die Italiker, 
denen es besonders anfangs an dem nöthigen Kriegsmaterial fehlen 
mochte, griffen wohl selbst zu dem einfachsten und primitivsten Wurf- 
geschosse, dem Feldsteine'). Ebenso wird bei der Belagerung von 
Perusia der Gebrauch der Bleigeschosse erwähnt^). 



Sklavenkrieg in Sicilien. 

1. 
PISO 

Der Name nimmt nicht die Mitte der Fläche, wie sonst üblich 
ist, ein ; wahrscheinlich folgte noch COS, durch die Beschädigung 

des Bleies an dieser Stelle sind diese Buchstaben getilgt. Ein solches 
Exemplar verzeichnet K. W. Nitzsch die Gracchen S. 294 PISO 

COS, und wenn auf andeni Exemplaren COS auf der Bückseite 

erscheint, ist dies kein Grund, mit Mommsen die allerdings nicht 
ganz deutliche Angabe von Nitzsch anzuzweifeln. Auf vorliegendem 
Blei ist übrigens PISO ein Nachstempel. Die andern drei Seiten 

zeigen noch Beste des früheren Stempels mit kräftigeren grossen 
Buchstaben 

PISO 

OL 



COS 



COS O 



Schreibfehlers nicht zu kühn. Allein die Strafe, welche Piso über jenen 
TitiuB verhängte, sohliesst die Belassung des Gommandos über seine zu Sohleu- 
derem degradirten Reiter aus. 

') Sisenna bßi Nonius u. funditores S. 653. In einzelnen Landschaften 
Italiens mag seit alter Zeit diese Kampfweise besonders üblich gewesen sein; 
Yirgii Aen. YII, 686 sagt von den Hemikern und benachbarten Stämmen: 
pars maxima glandes liventis plumbi spargit. 

^ Sisenna bei Macrob. Sat. VI, 4, 15: Marsi .... saxa oertatim 
lenta (lies amento aut) manibus proiiciunt in hostes und bei Konius 
u. tela S. 448: manualis lapides dipertit, propterea quod is ager 
omnis eiusmodi telis indigebat. Dass übrigens auch die Römer den 
Steinwurf nicht verschmähten, zeigt Sallust. Jng. 57. 

') Appian de b. civ. Y, 86. 



Romische Sohleadergeschosae. 13 

das S am Ende der 3. Zeile ist grossentheüs verwischt, das O am 
Schluss der 4. unsicher. 

2. 
PISON 

Ein ähnliches Exemplar de Minicis 81. Die einfachste Erklärung 
ist Pison(is), wie auch auf griechischen Geschossen der Genitiv 
Mmv^ov^ ZmXov üblich ist. Mommsen nimmt auch hier ohne allen 
Grund einen Lesefehler st. P I S O an. Bisher sind aus diesem Kriege 

römische Geschosse nur mit dem Namen des Consuls Piso aufgefunden 
worden. 

Bundesgenossen -Krieg. 

Der hartnäckige Kampf zwischen Rom und den aufständischen 
Italikem hat eine ganz andere Bedeutung als der Sklavenkrieg oder 
die Belagerung Perusias. Mommsen hat in 37 Nummern (von denen 
manche durch zahlreiche Exemplare vertreten sind) die bisher be- 
kannten Schleudergeschosse aus diesem Kriege zusammengestellt, die 
schon durch ihre verhältnissmässig grosse Zahl die erste Stelle unter 
den Denkmälern dieser Kategorie einnehmen; die meisten sind bei 
Asculum, oder doch im Gebiet der Landschaft Picenum gefunden^ eine 
bei Firmum, andere in den Abruzzen ohne nähere Angabe des Fund- 
ortes (s. Mommsen 655^ 662, 664, 673, zweifelhaft bei 686.) Mommsen 
führt daher sämmtliche Geschosse auf die langwierige Belagerung von 
Asculum und die Kämpfe in der Nähe dieser Stadt zurück. 

Es war der letzte Versuch, den die Italischen Stämme machten, 
um ihre Selbständigkeit gegenüber der Herrschaft Roms zu behaupten, 
aber trotz der grössten Anstrengungen und der verzweifelten Gegen- 
wehr unterlag auch diesmal zuletzt der italische Stier dem römischen 
Wolfe. In Aisculum brach der Aufstand aus; diese schon durch ihre 
natürliche Lage überaus feste Stadt ^ war ein Hauptbollwerk der 
Italiker; die umliegende Landschaft Picenum leistete den hartnäckig- 
sten Widerstand und war der Schauplatz blutiger Kämpfe. Hier 
führte Gn. Pompcjjus gegen die Italiker unter ludaciUus dem Ascu- 
laner, T. Afranius und P. Ventidius den Oberbefehl. Mit dem Falle 
Asculums, welches lange Zeit von den Römern belagert wurde, ' war 
hier das Schicksal des Krieges entschieden. Es ist begreiflich, 'dass 



>) Strabo Y., 24U 



14 . Bdmwohe SofalendargesehMte. 

Yorzugsweise in der unmittelbaren Nähe jener Stadt Schleuder- 
geschosse und zwar römische wie italische gefunden wurden. 

Allein der Aufstand war nicht auf Picenum beschränkt, sondern 
griff rasch um sich; bald^tand fast ganz Mittel- und Süditalien gegen 
die Römer in Waffen; dieser Eri^ verbreitet sich fiber einen weiten 
Raum Ol nnd ist, obwohl er nicht viel länger als zwei Jahre währte, 
reich an wechselvollen Ereignissen, da von beiden Seiten mit dem 
Aufgebot aller Kräfte gekämpft wurde. Zahlreiche Städte wurden 
belagert und erobert, viele grössere Schlachten und unzählige kleine 
Gefechte geliefert: fftr Verwendung der Schleudertruppen bot sich 
überall Gelegenheit dar. Man sollte daher erwarten, dass nicht nur in 
Picenum, sondern auch anderwärts der Boden unmittelbare Zeugen 
jener Kämpfe verberge, und diese Erwartung ist nicht getäuscht 
worden. 

Durch die neuen Funde, über die ich hier berichte, hat nicht 
allein die Zahl der Bleigeschosse aus dem Bundesgenossenkriege einen 
erheblichen Zuwachs erhalten, sondern indem auf den Beischriften 
berühmte historische Namen erscheinen, nehmen diese unscheinbaren 
Reliquien einer wichtigen Epoche aus der Geschichte Italiens unser 
Interesse in erhöhtem Maasse in Anspruch. Von römischer Seite be- 
gegnen uns hier zum ersten Male die Namen des C. Marius, Cn. 
Pompejus und des Redners M. Antonius; von den Italikem die 
beiden hervorragendsten Führer Paapius Mutilus und Pompae- 
dius Silo nebst Pontius Telesinus und P. Ventidius: ausser- 
dem aber noch mancher unbekannte Name aus den Reihen der Römer 
wie ihrer Gegner. C. Marius hat zwar ein Commando bei der Nord- 
armee, steht aber hauptsächlich den Marsem unter Yettius Cato, Herius 
Asinius und Pompaedius Silo gegenüber^). Diesem Kriegsschau- 



^) Selbst Latimn blieb von den Leiden dieses verheecenden Krieges nicht 
yerschont ; bei Sora im ehemaligen Yolskergebiete kämpfte eine römische Ab- 
theilung unter Herennius (s. Servius e. Aen. IX, 590) ; denn auch Latiner 
hatten sich zum Theil dem Aufstande angeschlossen, s. Floras III, Id, wo offen- 
bar der Name der Sabiner ausgefallen ist: Pompaedius Marsos, (Sabines) 
et Latinos Afranius. Lückexihafb ist auch die Aufzahlung der von den 
ItaUkem zerstörten Städte, die Florus offenbar im Anschluss an Livius (s. Epit) 
giebt; der Name Picentia, den man hier eingeführt hat, ist ganz ungehörig; 
es iltzu lesen: (omniaqne lüde a) Pleentlmn flnibvs ferro et igni vastan> 
tnr. Dagegen ist der Ausdruck des Obsequens 65: ubique in Latio olades 
aocepta im weitern Sinne zu fassen. 

*) Appian I, 43, 44. 



Bömitdie SöhleudergMohotae. 16 

platze gehören also die Schleuderbleie mit den Namen des Marias 
und Silo an. Von den Operationen auf dem sfldlichen Kriegstheater 
legt zunächst ein römisches Schleuderblei Zeugniss ab, da es für keinen 
geringem, als den Oberbefehlshaber der Südarmee der Au&tändischen, 
für Paapius Mutilus bestimmt war; die gehoffte Wirkung hat es 
allerdings nicht gehabt^ denn der tapfere Mann gab sich etwa zehn 
Jahre später, als ihm kein Ausweg mehr blieb, in Teanum selbst 
den Tod ^). Dazu ist nachträglich ein italisches Geschoss mit dem 
Namen des Paapius gekommen, das erste mit oskischer Aufschrift, 
wie man es bei der Südarmee der Aufständischen erwarten durfte'). 
Das Geschoss mit dem Namen des Pontius Telesinus mag dem Ende 
des Krieges angehören. 

3. (Abgeb. n. 1.) 
FERI X MVT 

d. i. feri Mutilum, denn unzweifelhaft ist dieses römische Blei- 
geschoss gegen Paapius Mutilus aus Samnium gerichtet ; er war nächst 
Pompaedius Silo der hervorragendste Leiter des Aufstandes und führte 
das Kommando auf dem südlichen Schauplatze des Krieges ; auf den 
Münzen der Bundesgenossen mit Oskischer Aufschrift wird er als 
Imperator bezeichnet (G. Paapii G. Mutil embratur, s. Momm- 
sen Böm. Münzwesen S. 589). 

4. (Abgeb. n. 2.) 

Aber auch ein Geschoss von der Armee des Paapius Mutilus liegt 
vor, das erste welches eine oskische Aufschrift trägt: 

<U 

>inNRn •> 



*) Granius Idoinianus S. 88: Papiasque (die Edsoh. Papiriai) Mu- 
tilus ind« fugieuB, quom ne ab uxore quidem Bastia nooiu Teani 
reciperetur, quod erat in proscriptorum numero, usus est pugi- 
onifl auxilio. FolgUoh kann der Statius, der nach Appian lY, 25 {£rdriog 

wegen seiner Reiohthümer und edlen Geschlechts sowie wegen seiner 
Eriegsthaten römischer Senator ward und später im Bürgerkriege prosoriblrt in 
seinem brennenden Hause umkam, nicht Paapius sein; es ist wohl Tgtßdriog 
zu lesen, denn *Eyvdriog, eine ebenso leichte Aenderung, ist unzulässig, da 
dieser im Italischen Kriege seinen Tod fand, s. Livius Epit. LXXY. 

^) loh hatte schon vorher yermuthungsweise in dem PI von Nr. 5 den 

An&ngsbuchstaben des obersten Feldherm der Italiker erkannt, und diese 
Deutung ist vollkommen durch das neu aufgefundene Geschoss bestätigt. 



16 Homisohe Schleodergesoliosse. 

Auf der Seitenfläche war wohl d6r Name des Paapios wiederholt und 
ausserdem sein Cognomen hinzugefügt 

5. 
Schon früher, ehe dieses Blei erworben war, hatte ich dn anderes 

■>n -> 

vermuthungsweise der Südarmee der Aufständischen zugewiesen Oi und 
dabei die Erwartung ausgesprochen, dass weitere Funde sicherlich 
auch Wurfgeschosse mit unzweifelhaften oskischen Aufschriften zu Tage 
fördern würden: diese Hoffnung ist nicht getäuscht worden, und jetzt 

ist es auch nicht zweifelhaft, dass der Buchstabe PI gleichfalls den 
Paapius Mutilus bezeichnet, wofür auch die Verwendung des gleichen 
Ornamentes «> spricht'). 

6. (Abgeb. n. 3.) 
TELE 
Man geht wohl nicht fehl, wenn man dieses Geschoss auf den 
Samniten Pontius Telesinus bezieht« der nach dem Tode des Pompae- 
dius Silo den Oberbefehl übernahm >) ; dann gehört das Blei in das 
letzte Stadium des Italischen Krieges, ja man kann ebenso gut auch 
an die Zeit des Bürgerkrieges denken, wo die Samniten sich an die 
Partei des Marius und Cinna anschlössen; Sulla hatte harte Kämpfe 
mit Pontius zu bestehen, bis derselbe im J. 672 in der Schlacht vor 
dem üoUinischen Thore fiel, s. die lebendige Schilderung dieses 



') Dabei hatte iob die Möglichkeit ausgesprochen, dass hier ein griechi- 
sches Geschoss vorliege, denn an ein römisches sei auf keinen FaU zu denken; 

wenn Münzen von Paestum mit lateinischer Schrift PI st. P zeigen, so hat 

dies seinen guten Grund. 

') Das Ornament könnte man geneigt sein als Darstellung eines Keiles 
zu fassen, wenn nicht die Münzen eben bei dem Namen des Paapius das gleiche 
Zeichen darböten, s. Friedländer Osk. Münzen Taf. IX, 6. 8. 9. 10. X, 21. 

') Er wird von Anfang an ein Kommando geführt haben, YeUejus II, 16 
rechnet ihn zu den namhaftesten Häuptern des Aufotandes, auch Florus DI^ 18 
zählt ihn gleich anfangs unter den Anführern auf: Samnium Lucaniamque 
(sub signis habuit) Telesinus; doch tritt dieser ausgezeichnete Mann erst 
später in den Vordergrund. Diodor XXXYII (in den Auszügen des Photius 
T. III, S. 70 Dind.) nennt als Anfuhrer der Italiker, die den Krieg fortsetzten, 
nachdem der Aufstand niedergeworfen war: Magxos iinayios (Wesseling richtig 
jiafAntonog), xtd Ttßi^oq KXenCnog^ hi ^k Üofinf^tog (mit Wesseling Ilayfiog\ 
ol TÜv vnoXointap ^Ixahwtwf inQarfiyot, 



Romische Schlendergeschosse. 17 

Kampfes bei Vellejiis 11^ 27, vergl. auch Appian I, 93, Plutarch Sulla 
29, Florus III, 21). Es wird ein römisches Wurfgeschoss sein. 

7. (Abgeb. n. 4.) 
SAMREBEL ^C pisch. 

Das L ist undeutlich; das Emblem der Bückseite kehrt wieder 
auf dem Blei Nr. 95. Ich halte auch dieses Geschoss für ein römi- 
sches und lese Sam(nites) rebel(les), wobei man feri oder pete 
zu ergänzen hat. Dieses Wurfgeschoss mag dem vorigen gleichzeitig 
sein, also entweder in die letzte Zeit des Italischen Krieges fallen, 
wo nachdem der grösste Theil der Aufständischen sich der römischen 
Herrschaft wieder unterworfen hatte, die Samniten allein noch den 
Kampf fortsetzten, oder dem Ausgange des Bürgerkrieges angehören: 
vierzigtausend tapfere Samniten bedrohten Rom, mit leidenschaftlicher 
Erbitterung ward von beiden Seiten gefochten, bis die Entscheidungs- 
schlacht unter den Mauern der Stadt die Gefahr abwandte. Vellejus 
hat uns die Worte aufbewahrt, mit dem Telesinus die Seinen zum 
Kampfe anfeuerte: adesse Bomanis ultimum diem, eruendam 
delendamque urbem, nunquam defuturos raptores Ita- 
licae libertatis lupos, nisi silva, in quam refugere soleant, 
esset excisa. In jener Zeit erscheint die gereizte Stimmung, die 
sich in dieser Aufschrift kund giebt, vollkommen erklärlich ^). 

8. (Abgeb. n. 5.) 

C.MARIVS 

VCAJV V 

Auf der Rückseite ist das Zeichen des Keils (forfex) zweimal wieder- 
holt. Das S in Marius ist undeutlich, aber doch nicht zu verkennen, 

daher muss der vorhergehende Buchstabe, der beschädigt ist, ein 

V sein, sonst könnte man ihn auch für ein O halten. Von dem L 

in Gatulus sind nur schwache Spuren erhalten, auf V folgte offen- 
bar kein weiterer Buchstabe. Ich ergänze V. Catulu(m). Das 



^} Doch lässt sich die Aufschrift aach Sam(nitiain) rebel(liuin) er- 
klären, dann würde das Blei den Samniten gehören, welche höhnend die Be- 
nennung, 'welche ihnen die Römer beizulegen gewohnt waren, wiederholten. 
Auch erinnert der Fisch an den Delphin, der sich öfter auf italischen Münzen 
mit oskischer Aufschrift, wie Aurunk. und Fistlus findet, s. Friedlander 
osk. Münz. T. YIII und Y, 1; vergl. auch die kampanische Münze ebend. 
T. y, 1. Auch erinnere ich an die Patronatstafel yon Fundi auf einem Fisch 

von Bronze (0. I. L. I., n. 532.) 

2 



18 Römisohe SchleudergesehoMe. 

Praenomen V. kennzeichnet den Catulus als Italiker ; wollte man 
V. Gatulus lesen, so müsste auch C. Marius ein Italiker sein, da 
doch nur zwei eng verbundene Heerführer nebeneinander im Nomi- 
nativ genannt werden konnten ; allein der bekannte Samnitische Feld- 
herr heisst Marius Egnatius, wo Marius als Praenomen zu fossen ist '). 
Es kann also nur der berühmte römische Feldherr gemeint sein, ich 
halte daher die Lesung C. Marius V. Catu(l)u(m) fest^). Der 
greise Marius sendet dem feindlichen Anführer seinen Gruss in Form 
eines Schleuderbleies, wie nach einer bekannten Anecdote der Bogen- 
schütze Aster, als er dem König Philipp von Makedonien ein Auge 
ausschoss, zwar nicht gerade die Pfeilspitze mit einer Aufschrift ver- 
sah, aber dazu die Worte sprach: 

Ich ergänze also im Gedanken salutat. Wie bei Briefen die 
unwandelbare Ordnung beobachtet wird, dass der Absender seinen 
Namen voranstellt, so dass man sogar, wenn man in gebundener Rede 



') In den Listen des römisclien Magfistratnr kommt der Vorname Vibius 
nicbt Tor, denn mit dem Ck)n8ul des J. 302 P. Sestius Q. f. Yibi n. (s. die 
Fasti CapitoL) hat es offenbar eine besondere Bewandtnisa. In Rom erscheint 
dieser Yorname auf Inschriften der republikanischen Zeit nur auf dem Grab- 
denkmal C. L L. I, 1097 T • V E D I V S • V • F und V I B • 
V E D I V S ^ auf Inschriften der Municipien kommt er zwar öfter Yor, aber 
nur einmal auf einer Inschrift von Assisium 1412 fuhrt der Betreffende selbst 
diesen Vornamen (V • VOLSIEN VS TF MARON ES), 
sonst immer der Vater, s. 625. 1181. 1279. 1285. 1286. 1456. Man sieht deut- 
lich, wie unter dem Einflüsse römischer Sitte dies altitalische Praenomen 
immer mehr zuraokgedr&ngt wird. Bei einem Officier der römischen Armee 
h&tte dieser Vorname nichts auffallendes, aber neben G. Marius konnte doch 
nur ein höherer Befehlshaber genannt werden. 

*) Als Anführer der Samniten bezeichnet in Livius' Epit LXXV; nach 
Oskischer Weise wird also Marius Praenomen sein. Dass Egnafdus nach römi« 
scher Sitte drei Namen führte ist nicht wahrscheinlich, am wenigsten würde er 
sich G. Marius genannt haben, was nur zu Irrungen Anlass geben könnte. Die 
Vermnthnng Prosper Merim6e's, Marius Egnatius sei ein Sohn des M. Marius 
aus Teanum gewesen, ist grundlos. 

') Anfangs glaubte ich, es sei G. Mario V. Gatulu(8) zu lesen, sodass 
das BleigeschoBs als eine Gabe bezeichnet würde, die man dem Gregner zusendet; 
▼ergL Nr. 62 donum L. VII. 



Bomisobe Schleudergescboase. 



19 



davon abzuweichen genöthigt ist, sich entschuldigt 0, so ist dies auch 
hier gewahrt; vergl. Plautus Pseud. 41: Phoenicium Calidoro 
amatori suo salutem mittit, Bacch. 733: Mnesilochus 
salutem dicit suo patri*). 

V. Catulus wird in unseren Quellen nicht erwähnt; ausser den 
oberen Auiührern gab es für die einzelnen Städte Befehlshaber'), 
und im Verlaufe des Kampfes tauchten natürlich auch neue Namen 
auf. So erscheinen auf oskischen Münzen Lucius und Hejus *), offen- 
bar höhere Anführer, so gut wie Paapius Mutilus und Pompaedius Silo. 
Auch auf römischer Seite werden manche Führer nur ein einziges 
Mal genannt '^). 

9. (Abgeb. n. 6.) 
Der Name des Marius erscheint auch auf einem zweiten Ge- 
schosse, dessen Aufschrift 

SIL X MAR 
ofifenbar ähnlich zu fassen ist; hier steht dem Namen des Marius 
der des italischen Feldherm, des berühmten Pompaedius Silo gegen- 
über: das Geschoss kann ein italisches, aber auch ein römisches sein, 
je nachdem man Si](o) Mar(ium) oder Mar(ius) Sil(onem) 
ergänzt; ich ziehe die zweite Fassung vor. Das Geschoss ist zusam- 
mengelöthet und neu gestempelt: unter dem Namen des Marius er- 
kennt man noch den früheren Stempel IAA, d. h. VVI®); diese 
Lautverbindung ist unrömisch, dies Bruchstück gehört also einem 
italischen Geschosse an, welches die römischen Schleuderer wieder 



^) Au8oniu8 epidt. 20, 1: Pauliao Ausonias: meirum sie suasit, 
iit esse» Tu prior, et uomen praegrederere meum. 

^ Bei mündlicher Begrüssnng steht wohl nach der Objeetscasus voran, 
wie Plaut. Trin. 435: Erum atque servom plurimum Philto jubet 
salvere. 

^) Appian I, 40 unterscheidet ausdrücklich : ^Iraldig <r riaav fihv atQttrtiyol 
xara noUig tiegoi, xoivol J' inl rt^ xoty^ xal tov Traviog avTox^ioQes, von denen 
er 9 namhaft macht (Vellejus II, 16 nennt 7). 

*) N i. Lüvki Mr. und ML loiis Mi. (Mommsen röm. Münzw 590.) 

^) So Cornutus von Cicero, Herennius von Servius. 

^) Auch unter dem Namen SIL scheint eine ältere Aufschrift gestanden 

zu haben, erkennbar sind aber nur etwa zwei Buchstaben P O und auch diese 
unsicher. 



90 Bömiscbe Scfaleadergeadiosse. 

Terwendet haben; VV I ist lateinisch Ovi >), so findet sich auf einer 

Pompejanischen Inschrift L * Vvii d. i. Ovias. Das Geschoss 
braucht nicht gerade eine Aufschrift in Oskischer Sprache gehabt zu 
haben, auch andere Landschaften, deren Mundart bereits hiteinisch 
war, können doch in Eigennamen noch die alte Form bewahrt haben *). 
Marius war nur im ersten Kri^jahre 664 thätig, sein Alter 
und sein Gesundheitszustand erlaubten ihm nicht, ein weiteres Kom- 
mando zu übernehmen, auch mochte seine Kriegführung, an der man 
die frühere Energie Termisste, nicht recht befriedigt haben; vergL 
Plutarch Mar. c. 33, wo auch berichtet wird, dass er längere Zeit in 
einem yerschanzten Lager dem Pompaedius Silo g^enuberstand ') ; bei 
diesem Anlasse kann das Schleuderblei seinen Stempel erhalten haben. 

10. 
M R ^C Blitz. 

IL (Abgebe n. 7.) 

MR X VIII 
Ich reihe diese beiden Geschosse hier ein, obgleich es nicht 
* sicher ist, dass es römische Bleieicheln mit dem Namen des berühmten 



') Ich erklare V V I durch v i , denn von weiteren Bachstaben ist keine 

Spur, man darf also nicht aii Namen wie Luvikis (Lüvki auf oskischen 
Münzen der Aufständischen) oder Clovius denken, ebensowenig an ein rück- 
läufiges luventiuB, wie bei Orosius V, 18 ein Führer der Italiker, der g^^n 
Sulla kämpft, heisst. 

') In dem Geschosse bei Mommsen 664 (in den Abruzzen gefunden, 
de Miniois 11, Ritschi YIII, 17) 

L • XXX 

VV 

ist V V vielleicht nur Best des alten Stempels V V I. Man erkennt darin die 

legio Ulpia Yictrix, dann läge freilich eine offenbare Fälschung vor. 

') Dass hier ab und zu die Führer wie die Soldaten aus beiden Heer- 
lagern freundschaftlich mit einander y erkehrten, erzählt Plutarch Mar. 33, vergl. 
auch Diodor £x. Vat c. 6 (T. III, S. 130 d. Dindoiif. Ausg.). Aehnliche Soenen, 
friedliche Bilder inmitten des brudermörderischen Kampfes, wiederholten sich 
auch anderwärts, man ygL die Erzählung Ciceros (Philipp. XU, 11), der damals 
nnter Cn. Pompejus Kriegsdienste that, yon der Zusammenkunft awischen Pom- 
p^us nnd dem Marser Vettius Cato.; 



Römische Schleudergesohosse. 21 

Marius sind, denn man könnte auch an den jüngeren Marius oder an 
die Marser denken 0) 

12. (Abgeb. n. 8.) 
Ein römisches Schleudergeschoss 

FRISIL X PISAV 

(der erste Buchstabe F ist beschädigt, alle übrigen unversehrt) 
bezeichnet den Pompaedius Silo als sein Ziel; es kann recht 
wohl einer späteren Zeit des Krieges angehören als das Blei Nr. 9 ; 
denn Silo, unzweifelhaft der hervorragendste Feldherr der Aufstän- 
dischen und die eigentliche Seele der Bewegung, setzt den Kampf 
noch fort, auch nachdem seine Stammgenossen die Marser sich bereits 
unterworfen hatten, und fiel^ im dritten Jahre des Krieges in einer 
Schlacht: über die näheren Umstände sind wir nicht unterrichtet, da 
die Ueberlieferung ebenso unvollständig als widerspruchsvoll ist. Der 
Sinn der Inschrift ist klar: fri Sil(onem): Pi8au(ro). Die 
Schützenabtheilung, der dieses Blei angehört, war in Pisaurum aus- 
gehoben. Ich lese fri, obwohl man in den Spuren des Geschosses 
auch feri finden könnte; die römischen Golonisten zu Pisaurum in 
der gallischen Mark werden wie ihre Nachbarn, die Picenter, den 
Vocal unterdrückt haben, vergl. zu Nr. 15. 

Auf dieses Geschoss kann ein anderes, welches in drei verschie- 
denen Exemplaren vorliegt, die Antwort der'Italiker enthalten: feri 
Pis(aurenses). 

13. 

FERI PfS X Blitz. 
Das Blei ist neu gestempelt, trug aber früher offenbar denselben 

Stempel, da nicht nur FERI sondern auch das doppelte fulmen 
trisulcum deutlich zu erkennen sind, nur sind die Buchstaben etwas 
kleiner. 

14. 

FRIPISA 

15. 

TRI PISA 
M 



>) Mommsen 667 wiederholt aus de Minicis 33, (RiUchl. YIII, 32) ein in 
Picenum gefundenes Geschoss: 

VIII X N 

'WM möglicherweiie von Kr. 11 nicht verschieden ist. 



22 B*'^ 

lii'^r i'^t da.^ M vielleicht Ke^t CiUes früheren StempeU. Ein anderes 
Exemplar anbestiiDiiiten FuL*l"rttr:s tut de Minicts 69 (Monunäco 651) 

F R I ' P I S A, deoii uhne Gnind hAt MoiLmsen dieses für ein fiJsch 
gcleaenei Exeniplar eines anderen Bleies bei de Minids 70: F R I • 
PIC, was man PicTentes} erklärt: eher könnte man glanben, dass 
statt P I C Tielmehr P I S zu le^n sei, denn aach anf onserem Exem- 
plar Nr. 15 gleicht das ondeutüche S in P IS A einem C 0- Die Untcr- 
flrückaug des Vocals in der Stammsilbe Fri st. Feri, die in dem 
Exemplar bei de Minicis 70 gerade so wie hier Nr. 14 ond 15 sich 
zeigt, deutet mehr auf ein italisches als ein römisches Geschoss, vorgl. 
zu Nr. 25 und zu Nr. 26, 27. Denn die Gestalt des F Nr. 15, welche 

auch bei de Hinicis Nr. 70 und 71 vorkommt, ist nicht als Andeu* 

tung der Ligatur F E zu fassen, sondern als einfaches F, (ähnlich 

auf einer Münze von Firmum bei Ritschi T. V, N.: T I R), gerade 

so wie auch zuweilen £ die Stelle des E vertritt, s. zu Nr. 49, 50. 
Allein auch auf einem Geschosse der Mainzer Sammlung habe ich 

FRI P I C gefunden, man ist also nicht berechtigt, den Römern 

(d. h. in Pisaurum, s. zu Nr. 12) die Form F R I abzusprechen. 

Ich lasse drei andere Geschosse folgen, die nur einen Stadt- 
namen enthalten, womit offenbar gerade so wie in Nr. 12 die Heimath 
der Schleuderer bezeichnet wird. 

16. p 

SENA 
Die Rückseite ist glatt, dagegen auf der einen schmalen Seite 
finden sich fast erloschene Buchstaben, die gleichfalls den Namen 

SENA zeigen : das Blei ist .also später neu gestempelt. 

17. 
AVX 

'18. 

H AX 

Die beiden ersten Bleieicheln sind neu, die dritte ist schon bekannt, 
ein Exemplar befindet sich in der Eircher'schen Sammlcmg (abge- 
bildet bei de Minicis 24, nach einer neuen Zeichnung Ritscbl YIII, 23) 

') Ritschi hat beide Geschosse bei de Minicis (69 und 70) als verdachtig 
oder verdorben bezeichnet, eine völlig grundlose Yermuthang. 



RöTDische Schleadergeschosse. 23 

und ist dem vorliegenden Exemplar ganz gleich ^), während auf einem 

anderen im Besitz von de Minicis TAH gelesen wird. Es stimmt 
diess ganz mit den Münzen von Hatria überein, auf denen gleichfalls 

bald HAT bald TAH sich findet ; ]\ selbst die kräftigen breiten 
Züge der Buchstaben, welche diese Münzen zeigen (s. Bitschi T. V, 
F, 6, H, J), finden sich auch auf den Schleudergeschossen. 

Sämmtliche vier Städte waren römische Colonien, Pisaurum im 
J. 570, Sena 465, Auximum 597, Hatria gleichzeitig mit Sena (465) 
dedacirt. In Pisaurum und Sena werden die Bömer gleich im Beginn 
des Krieges Soldaten ausgehoben und als Schleuderer verwendet 
haben. Nr. 12 ist unzweifelhaft ein römisches Blei, und von Nr. 16 
gilt' das Gleiche. Schwieriger ist die Entscheidung hinsichtlich Nr. 
17 und 18, dal Auximum und Hatria im Gebiet der Aufständischen 
Ficenter lagen: denn wie in' Asculum alle römischen Bürger ermordet 
wurden, so war wohl auch dort die Lage der römischen Colonisten 
gefährdet; Indess so gut wie Firmum, gleichfalls römische Golonie, 
sich behauptete bis Pompejus mit einem römischen Heere in Picenum 
einrückte^), eben so gut konnten auch Auximum und Hatria sich bis 
zur Ankunft der Römer halten; indem man beide Städte mit einer 
ausreichenden Besatzung versah, konnte man Schleuderer dort aus- 
heben, um sie im Felddienste zu verwenden. Wem dies nicht glaub- 
lich erscheint, der mag beide Geschosse den Picentem zuweisen'). 

19. (Abgeb. n. 9.) 
VE NT X MAIT 



^) Ganz ähnliche Exemplare finden sich zu Frankfurt in der Sammlung 

Milani und in Mainz (dreimal mit Ay einmal T\ Mommsen sucht auch diese 

Aufschrift zu beseitigen, indem er, ungeachtet die Treue der Abbildung bei 
de Minicis durch die Vergleichung des noch vorhandenen Exemplars bei 

Ritsohl bestätigt wird, meint, es sei dies ein Lesefehler für I T A L (n. 645). 

') Wenigstens wird nicht berichtet, dass Pompejus, der sich in Firmum 
festsetzte und gegen die Aufiständischen vertheidigte, die Stadt zuvor erobert hat. 

>) Die Schrift auf Nr. 16 und 17 ist wesentlich die gleiche: nur Nr. 18 

H A X unterscheidet sich durch die breite Form der Buchstaben; dies ist 
aber für die Entscheidung dieser Frage unwesentlich, denn das römische Blei 
F E R I AA V T zeigt grosse breite Züge, das Italische F E R I 
P O M P E I V M kleine Buchstaben. Eher war die in der Heimath der 

Schrützen übliche Schreibweise massgebend, wie eben die UebereinstinrniUBg der 
Münzen und Bleigeschlosse von Hatria zeigt. 



24 Römische Schleudergeschosse. 

20. 

VEfT P 
M. Antonius kommt auf einem Schleuderblei von Peruäa vor 
(Mommsen 688), obwohl man nicht recht einsieht, wie man Anlass 
hatte, des abwesenden Triumvirs zu gedenken: eher liesse sich die 
Erwähnung des P. Ventidius Bassus rechtfertigen, da er mit seinen 
Truppen zum Entsatz des in Perusia belagerten L. Antonius heran- 
rückte, aber absichtlich zögerte, bis die Uebergabe der Stadt erfolgt 
war. Allein die Vertheilung der Namen auf Vorder- und Rückseite 
deutet an, dass die beiden Feldherren feindlich einander gegenüber- 
stehen ; das Schleuderblei kann also nicht dem Perusinischen Kriege 
zugewiesen werden, auch deuten die fetten Schriftzüge hier wie Nr. 20 
vielmehr auf den Bundesgenossenkrieg hin. Die abgekürzten Namen 
sind offenbar nach der Analogie von Nr. 8 und 9 aufzufassen, und 
je nachdem man sie ergänzt, kann das Geschoss sowohl den Römern 
als auch den Italikem angehören; da aber Nr. 20, welches unzweifel- 
haft den Italikem gehört, ebenfalls den Vornamen des Ventidius aus- 
lässt und in diesem Namen die gleichen Schriftzüge zeigt, so ergänze 
ich: Vent(idius) M. Ant(onium). P. Ventidius schlug nach der 
Erzählung des Appian I, 47 in Verbindung mit ludadlius , und T. 
^ Afranius den Pompejus und schloss ihn in Firmum ein; während 
Afranius das römische Heer in jener Stadt blokirte *), zogen Ventidius 

*) Bei Appian ist Ovevrihog gOBchrieben, offenbar nur Versehen der Ab- 
schreiber, wie I, 41 raios IloniXiog st. IlovtlSiog, denn obwohl auch in itali- 
schen Eigennamen der Laatwandel zwischen D and L nicht unbekannt ist, so 
bieten doch griechische Handschriften dafür keine ausreichende Gewähr. Ob 
in der Inschrift bei Orelli .8283 V E N T I L I V S gesichert ist, steht dahin. 
Nicht richtig hat man bei Appian Ovinioq herstellen wollen. 

^) Bei Appian heisst dieser Fiihrer der Italiker Titog jitttp^Viog If 40 
und 47, bei Florus III, 18 schwankt die handsohr. üeberlieferung zwischen 
Afrienos (Afrienus) und Affranius, aber für Afranius spricht auch 
die verderbte Lesart bei Orosius V, 18: Decem et octo millia Marsorum 
in ea pugna cum Franco imperatore suo caesa sunt, capta tria 
millia, darin liegt nichts anderes als Afranio; denn Orosius schildert offen- 
bar die grosse Schlacht zwischen Firmum und Asculum, in der Afranius nach 
Appian I, 47 fiel; damals standen nach Vellej. ü, 21 60,000 Italiker 76,000 
Römern gegenüber. Der Ausdruck Mars er, den Orosius gebraucht, ist un- 
genau, wahrscheinlich gab die herkömmliche Benennung bellum Marsioum 
dazu Anlass. 




1 

•( 



BömiBche SchleadergesohoBse. 25 

UDd Ittdacilius auf andere Unternehmungen aus. Bei jenen Kämpfen 
gegen Pompejus in Picenum mag Ventidius dem M. Antonius, dem 
berühmten Redner gegenüber gestanden haben, den, wie Cicero Brut 
89 berichtet, der Krieg seinem gewohnten Berufe entzog ^). Dieser 
Ventidius stammt aus Asculum, denn Pompejus führte später seinen 
Sohn, der damals noch Knabe war, mit seiner Matter als Kriegs- 
gefangene im Triumphe auf. 

Auf dem anderen Geschosse ist P wohl Abkürzung für Ven- 
t(idi) p(ir); über pir s. zu Nr. 41—43. 

21. (Abgeb. n. 10.) 

FERIPOMPEIVM 

22. 

FERIPOMPEIVM 

Die Inschrift des ersten grösseren Geschosses ist vollkommen 
deutlich und wohlerhalten, (an der Seitenfläche Reste desselben 

Stempels PER und zuletzt I V M), auf dem zweiten, dessen Kaliber 

leichter ist, sind die Buchstaben zum Theil erloschen. 

23. 

PI 
OM PEI 

Das I der ersten Linie ist zerdrückt, dagegen das P deutlich ; 

man darf daher nicht (F*)RI lesen, eher vielleicht (FERI)PI(R), 

zumal auch hinter P I noch die Spur eines Buchstabens sich findet. 

üeber P I R s. z. Nr. 41—43. Die erste Zeile scheint nicht Rest 
eines früheren Stempels zu sein, sondern zu der zweiten ursprünglich 

zu gehören. — Auf einem Mainzer ^Blei findet sich ^OMPI. 

24. 
FERI X POMP 

In grossen kräftigen Zügen, das erste P lehnt sich an O an, 
das zweite ist halb erloschen. 

25. 

FBIPO'A 

< RMI ^ 

Der erste Buchstabe ist unzweifelhaft F, nicht E, wir müssen also 

^) Gioero: Erat Hortensius in hello anno primo miles, altero 
tribanuB militum, Sulpicius legatus aberat, etiam M. Anton iua. 



26 Römiflche SeMeudergfescliosse. 

VocahiDterdrückang annehmen, wahrscheinlich eine Eigenthümlichkeit 
des Picenter Dialekts, wie sich dieselbe Erscheinung in der Mundart 
der Paeligner und Praenestiner zeigt, s. meine Abhandlung im Lections- 
catalog Ton Halle, Sommers. 1866, S. VII fif. Doch soll vielleicht^ d 

das R unten geschlossen scheint, dadurch Bindung von E und R aus- 
gedrückt werden, wie in F R I PISA bei de Minicis 69 (Ritschi 
IX, 7). P O A ist doch wohl nichts anderes als P O M, obwohl sich 
keine Spur des fehlenden Zuges zeigt und das Blei hier unversehrt 
ist 0- Die zweite Zeile gehört einem früheren Stempel an, der erste 

Buchstabe R ist noch deutlich zu erkennen, M fast .verloschen, der 

dritte ganz unsicher, ob I oder S. 

Alle fünf Geschosse gehören den Asculanem an, und sind für 
Cn. Pompejus bestimmt, der nach langwieriger Belagerung und bluti- 
gen Kämpfen endlich die Stadt eroberte und zum Lohn für diese That 
der Ehre des Triumphes gewürdigt wurde. Es ist begreiflich, dass 
die Geschosse der Asculaner vor allen den Namen des feindlichen 
Heerführers zeigen, und die Verschiedenheit des Stempels, die Varia- 
tionen hinsichtlich der Abkürzung und Vertheilung der Worte haben 
nichts auffallendes, da diese Bleieicheln massenhaft angefertigt wurden 
und wahrscheinlich vei'schiedeien Abtheilungen der Schleuderschützen 
angehören. Von vorliegenden fünf Geschossen sind vier neu; von 
allen Exemplaren, welche Mommsen n. 650 zusammenstellt, und wo 
er selbst schwankt, ob Feri Pomp oder Feri Roma zu lesen sei, 
gehört kein einziges hierher, ausser etwa das Wiener Blei, welches 
nach 0. «Jahns Angabe : 

FERI X POMP 
hat, wovon wohl ein anderes bei Delfico: 

FERI X POMR 
nicht verschieden |st (der Lesefehler der Rückseite ist eher in dem 
letzten als dem ersten Buchstaben zu suchen); diese Marke ist offen- 
bar identisch mit unserer Nr. 24, wo gleichfalls die Worte auf 
Vorder- und Rückseite vertheilt sind. Vielleicht kommt auch Gual- 
therus, dßr im J. 1624 zu Rom ein zu Asculum gefundenes Blei 



^) Bei erneuter UnterBuchung halte ich das GeschoBs fär idenüsoh mit 
de Minicis 69, denn das O ist undeutlich, es kann recht wohl ursprünglich 

I S hier gestanden haben, also FBI* P I S A, demnach würde dies Blei zu 
Nr. 13| 14, 16 zu stellen sein. 



Römitche Sclüeadergetobosse. 27 

copirte, wieder zu Ehren: denn seine Abschrift stimmt vollkommen 
mit Nr. 21 und 22; aber man versagte seiner Angabe Glauben, weil 
man meinte, er habe nach der Sitte jener Zeit die Au&chrift will- 
kührlich ergänzt 

26. 

F R I 

T O M R 

27. 

F R I 

T O M R 

Beide Geschosse ähnlich, aber die Aufschrift des einen ist durch 
Guss hergestellt, die des anderen, wie es scheint, mit Hülfe eines 
Stempels eingeschlagen, die Buchstaben sind daher schärfer und über- 
haupt kräftiger. Ein drittes Exemplar hat de Minicis n. 71 (Ritschi 

IX, (7)), nur liest er T R I, auf unseren Exemplaren ist das F be- 
schädigt. Mommsen bringt diese Marke unter Nr. 650 unter, indem 
er feri Pomp, oder feri Rom(anos) liest; darüber verweise 
ich auf S. 3. lieber den Fundort giebt de Minicis keine Aus- 
kunft; allein da bisher Feri auf Geschossen aus dem Perusinischen 
Kriege nicht nachweisbar ist, so sind wir berechtigt, diese 
Bieieicheln dem Bundesgenossenkriege zuzutheilen. Die Vocalunter- 

drückung F R I findet sich nicht nur in dem asculanischen Blei Nr. 25 

F R I ROM, dann auf zwei andern oben Nr. 14, 15 F R I P I S A, 

' sondern auch auf einem römischen Geschosse Nr. 12 und bei de Minicis 

70 : F R I P I C, Indess gehören wohl die vorliegenden Geschosse Nr. 
26, 27 den ItaUkern. Die Form T bei de Minicis vertritt das einfache F^ 
s. zu Nr. 15; man darf darin ebensowenig eine Ligatur von F E als 
von T F finden und darin einen lautlichen Zusatz der Volkssprache 
erblicken, etwa wie in P V O M I S (auf dem Gampanaschen Blei bei 
Mommsen in den Nachtr.) sich der Lippenlaut P erzeugt hat, oder 
auch im Griechischen das TT in Tvcohg lediglich phonetische Zuthat ist % 
Räthselhaft ist T O M R, nach der Analogie anderer ähnlicher 
Aufschriften erwartet man den Namen eines feindlichen Führers: an 

^) Die Tttlgare Form nohq hält den Hülfslaut fest, während sie das 
stammhafie r fallen läset: noU^ mit xiUta verwandt (arsprünglioh TOAlX) ist 
das emporsteigende, der Hagel, der für die Anlage der Burg sich eignet 



l 



28 Röraitehe Sekleudergeaolioise. 

einen römischen Namen ist schwerlich zu denken 0, eher vielleicht an 
einen Gallischen Häuptling. Da jedoch das Blei den Italikern io As- 
culum ansugehöreu scheint, könnte auch hier eine mundartliche Wort- 
form (die Picenter stammen von den Sabinem ab) sich verbergen, und 
feri tomr gleichbeileutend mit feri tuber sein^), d. h. schlage 
eine Beule. Die Construction lässt sich durch das analoge 
dirigore vulnera, was den römischen Dichtem ganz geläufig ist, 
rechtfertigen. 

28. (Abgeb. n. 11.) 29. 

FERI X COMA 

Auf einem zweiten Exemplare scheint das I zu fehlen, das A 
hegt schräg und ist halb verlöscht, auf beiden Exemplaren ist das 

C mit O verbunden. Man könnte geneigt sein, diese Geschosse dem 
IVrusinischeu Kriege zuzuweisen; die Schleuderer des Octavian hatten 
Über den Kahlkopf L. Autonius gespottet (wenn andei^ die Lesung 
des Bleies bei Mommsen n. 0S5 richtig ist), darauf konnten die Sol- 
daten aus der Festung nicht unpassend mit feri comatum, d. h. 
den jungen Octavius antworten. Allein die derben, kräftigen Formen 
der Buchstaben sprechen entschieden für den Bundesgenossenkrieg. 
Ausseniem ist dieses Geschoss offenbar nicht verschieden von einem 
andern Exemplar im Kircher'schen Museum, welches aus Asculum 



'^ Man mimte d«nQ «nnohnea» die iUli«cken Schleudenchütieii hätten 
d«»a riunitcKeii N«untu nach ihrer heimiachen Mundart nmgelbnntf wie etwa 
Tub«ro: auf koiniMi F^l dürt\o L. Tubero, der Altersgenosse Cicero's in 
dit'^nn Krie^x^ ^^meiut sein. (i'ioen> i^ro Ligar. c« 7 sagt von sich und diesem 
TulK>r\K domi uua eruditi. milittae contubernales.) Denn dieser 
juni^« Manu hatte kein Oommando. auch stand Cicero unter SuQa (Plutarch 
i'iw 0. ^V während diese« i.tet<cho9S wohl ^er nach Picenum gehört. 

*^ Mit dem Wandel der Quantität in tuaere und tuber ist yomere 
und vouer tu vi»rj;leiohen. In tomr hat sich das stammhafte m (denn das 
Wort ist Yvm tumere abiuleiten) erhahen« während es in der vulgären Form 
ia b (tuber) überging« Dieser Lautwandel ist darauf sarüekxufnhren, dass 
in dem einsilbigen tomr oder tumr das M in B überging,