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Full text of "Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik"

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JAHRBÜCHER 

FÜR NATIONALÖKONOMIE 

UND STATISTIK 

BEGRÜNDET VON FORTGESETZT VON 

BRUNO HILDEBRHND 3OHHNNES CONRHD 

HERAUSGEGEBEN VON 

Dr. LUDWIG ELSTER 

WIRKL. GEH. OBER-REGIERUNOSRHT IN JENH 



113. BHND 

m. FOLGE 58. BHND 

1919. II. 




JENA 

VERLAG VON GUSTAV FISCHER 

1919 









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Inhalt des 58. Bandes, dritte Folge. (113. Bd.) 



I. AbhandlmigezL 

Bendixcn, Friedrich, Nominalismos und Metalliamus. (Eine Erwiderung Mi 

L. V. Bortkiewicz.) S, 217. 
Badge, Siegfried, Vom theoretischen Nominalismus. S. 481. 
Hashagen, J., Marxismas und Imperialismus. S. 193. 
Jahn, Georg, Die Umbildung im Kohlenbergbau. S. 1. 

Koppe, H., Die Kriegsanleihen der enropäiscben Großmächte (III. [Schloß]). S. 385. 
Mann, Fritz Karl, Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. Eis 

Beitrag zur Staatslehre des Absolutismus. 8, 97. 
Waentig, Heinrich, Briavoinne. S. 289. 

n. Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Malier, Johannes, Die durch den Krieg hervorgerufenen Gesetze/ Verordnungen, Be- 
kanntmachungen usw. , soweit sie im Reichsgesetzblatt veröffentlicht worden sind. 
(12. Fortsetzung — zugleich Schluß.) S. 26. 

— , — Die wirtschaftliche Gesetzgebung des Deutschen Reiches. S. 229, 320, 427. 

— , — Oesterreichische Kriegsgeaetze und -Verordnungen. (3. Fortsetzung und Schlufl.) 
8. 510. 

III. Miszellen. 

Bendixen, Friedrich, Bemerkungen zur Geldschöpfongslehre. 8. 123. 

Dembowski, Wilhelm, Die Entwicklang der Einkommensteuerzuschläge in den 
preußischen Stadtkreisen seit Kriegsbeginn. S. 541. 

Dochow, Franz, Lanüarbeitsrecht. S. 136. 

Elster, Karl, Ueber „Zahlungsbilanzen". 8. 240. 

Elster, Ludwig, Der Einfluß des Krieges auf die Bevölkerungsbewegung in 
Deutschland. 8. 152. 

Fehlinger, H., Die städtische Bevölkerung im Indischen Reich. S. 257. 

Garadze, Hans, Die Brotpreise in Berlin in der ersten Hälfte des ersten Frieden»- 
jahres 1919. 8. 162. 

Hennig, Ricliard, Die Schädigung der europäischen Seegeltung durch den Well- 
krieg. S. 48. 

— , — üntertunnelung von Meeresteilen. 8. 523. 

Heyn, Otto, Zum Problem der Geldentwertung. S. 336. 

Inbülsen, C. H. P., Goldbestände und Notendeckung. 8. 452. 

Jahn, Georg, Ein Ausweg aus den Nöten der Zeit? 8. 247. 

Matar6, Franz, Statistik der Wahlen zur verfassunggebenden deutschen National- 
versammlung vom 19. Januar 1919. 8, 346. 

Mitteilung der Deutschen Statistischen Gesellschaft. S. 350. 

Pfütze-Grottewitz, Arno, Entwicklungstendenzen in der GetreidemüllereL Dar- 
gestellt nach statistischen Ermittelungen für Sachsen. S. 438. 

Post, N., Die wirtschaflliche Bedeutung Deutsch-Oesterreichs. 8. 38. 

Praesent, Hans, Kriegsmäßige Volkszählungen im Generalgouvernement Warschaa 
und die Bev61kernngf<zahl in Kongreß Polen. 8. 52. 

Preiaanfgabe des Nobelinstitnts. S. 05. 



J[V Inhalt. 



IV. Literatur. 



T. Below, Die deutsehe Geschichtsschreibung von den Befreiungskriegen bis zu nnaei» 

Tagen. Geschichte und Kulturgeschichte. (H. Glagau.) S. 564. 
Bendizen, Friedrich, Währungspolitik und Geldtheorie im Lichte des Weltkriegs. 
Neue Folge von „Geld und Kapital". Zweite durchgesehene u. vermehrte Auflage. 
(Karl Elster.) S. 81. 

Bernbeim, Ernst, Auslese und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der 
Arbeiterschaft in der Heizungsfabrik von Gebrüder Sulzer A.-G. in Oberwinterthur, 
(Beiträge zur schweizerischen Wirtschaftskunde, Heft 7.) (.01. Heiss.) S. 183. 

Bernstein, Eduard, Die Sozialisierung der Betriebe. Leitgedanken für eine Theorie 
des Sozialisierens. (Georg Jahn.) S. 168. 

yan der Borght, Herbert, Die Entwicklung der deutschen Reisstärkeindustrie. 
(Walter Pinner.) 8. 176. 

Brück, W. E., Türkische Baumwollindnstrie. Eine kolonial wirtschaftliche und -poli- 
tische Untersuchung. (Probleme der Weltwirtschaft. Schriften des Instituts für See- 
verkehr und Wellwirtschaft an der Universität Kiel, Kaiser Wilhelms-Stifiung. Hgg. 
von B. Harms.) (Fester.) S. 365. 

Dietzel, Heinrich, Die Nationalisierung der Kriegsmilliarden. (Karl Eiste r^ 
S. 85. 

Dolberg, Richard, Sozialisierung und Wirtsehaftsstrnktur. Ein unparteiischer Aob- 
blick. (Georg Jahn.) S. 460. 

Döring, C, Die Bevölkerungsbewegung im Weltkrieg. I. Deutschland. Zweite er- 
weiterte Bearbeitung. II. Oesterreich-Ungam. (Bulletin der Studiengesellschaft für 
soziale Folgen des Krieges Nr. 4 und 5.) (Karl Seutemann.) S. 267. 

Dyes, Wilhelm A., Wärme — Büraft — Licht. Eine dringende notwendige Reform. 
(Johannes Müller.) S. 566. 

Feer, Eduard, Die Ausfuhrpolitik der deutschen Eisenkartelle und ihre Wirkungea 
in der Schweiz. Ein Beitrag zur Kartell-Literatur. (Zürcher Volkswirtschaftliche 
Studien. Hrsg. von Sieveking. N. F. 4. Heft.) (Tschierschky.) S. 177. 

Fischer, Edmund, Das sozialistische Werden. Die Tendenzen der wirtschaftliche« 
und sozialen Entwicklung. (W. H. Edwards.) S. 164. 

Floer, Franz, Das Stift Borghorst und die Ostendorfer Mark. Grundherrschaft und 
Markgenossenschaft im Münster lande. (Tübinger staatswissenschaftliche Abhandlungen.) 
(Gustav Aubin.) S. 70. 

Friedensfragen. Eine Sammlung von Aufsätzen etc. Hrsg. und mit einer Einleitung 
versrehen von Amandus M. F. Martens. (Georg Jahn.) S. 475. 

Giebel, H., Die Frage der Verstaatlichung der Kaliindustrie. (Köhler.) S. 74. 

Göldel, Herbert, Wohlstandsverhältnisse in Ostpreußen. (Grundlagen des Wirt- 
schaftslebens von Ostpreußen. Denkschrift zum Wiederaufbau der Provinz im amt- 
lichen Auftrage hrsg. in Gemeinschaft mit J. Hansen und F. Werner von A. Hesse, 
V. Teil.) (Galle.) S. 551. 

Heinemann, Bruno, Sozialisierung, ihre Möglichkeiten und Grenzen. (Georg 
Jahn.) S. 168. 

Heiander, Sven, Theorie und Politik der Zentralnotenbanken in ihrer Entwick- 
luner. Erste Hälfte: Theorie der Zentralisation im Notenbankwesen. (H. Schippel.) 
8. 79. 

Herbig, Ernst, Bergarbeiter- Fragen. (H. Seh rader.) S. 367. 

Horlacher, Michael, Der Wiederaufbau der deuts'eben Volkswirtschaft. Eine Denk- 
schrift über Deutschlands finanzielle und wirtschaftliche Not. (Georg Jahn.) 8. 263. 

Jentsch, Carl, Volkswirtschaftslehre. Grundbegriffe und Grundsätze der Volkswirt- 
schaft, populär dargestellt. 4. verb. und verm. Aufl., besorgt von A. H. Rose. 
(A. Wirminghaus.) 8. 549. 

Kauila, Rudolf, üeber das Verhältnis der Volkswirtschaftslehre zur Rechtswissen- 
schaft und zur Politik. Ist die Volkswirtschaftslehre eine selbständige Wissenschaft? 
(Beiheft Nr. 14 für die Mitglieder der Internationalen Vereinigung für Rechts- und 
Wirtschaftsphilosophie samt den Gesetzgebungsfrogen.) (Georg Jahn.) S. 548. 

Kellenberger, Eduard, Wechselkurs und Zahlungsbilanz im Krieg und Frieden. 
Eine neue Grundlegung. (Karl Elster.) 8. 260. 



* II 



Inhalt. V 

Kriegsgesetze des Deatschen Reiches. Textaas^abe mit kurzen Änmerknngen 
and Sachregister. Reclams Univerlalbibliothek. Herausgegeben von Karl Pan- 
nier. (Johannes Müller.) S. 377. 
Krzymowski, Richard, Philosophie der Landwirtschaftslehre. (Wygodzinski.) 

8. 553. 
T. Kulmiz, Paul Helmuth, Das Absatzgebiet der schlesischen Kohle. (Probleme 
der Weltwirtschaft. Schriften des Instituts für Seeverkehr und Wellwirtschaft an der 
Universität Kiel, Kaiser Wilhelms-Stiftung. Hrsg. von B. Harms. Heft 19.) 
(H. Sehr ad er.) S. 462. 
Lange, Karl A., Die Wirkungen des bayerischen Malzaufschlaggesetzes vom 18. Mär/. 
1910 auf den öffenilichen Haushalt und die einzelnen Schichten des Wirtschaft lebcns. 
(Müucbener Volkswirischafiliche Studi«n, hrsg. von Lujo Brentano und Walther 
Loiz. 137. Stück.) (Ol. Heiss.) S. 469. 
Lehmann, Arnold, Kriegswirtschaftliche Verordnungen betr. den Wirkungskreis 

des k. u. k. Handelsministeriums. (Johannes Müller.) S. 91. 
Lehmann, Heinrich^ Wucher und Wucherbekämpfung im Krieg und Frieden. 

(J ohannes Müller.) S. 76. 
May, R. £., Koufessionelle Militärstatistik. (Archiv für Sozial wiFsenschaft und Sozial- 
politik, herausgegeben von Jaff§, Ergänzungsheft XIII.) (Johannes Müller.) 
B. 89. 
Mayer, Eduard Wilhelm, Das Retablissement Ost- und Wrst)>reuQen8 unter der 
Mitwirkung und Leitung Theodors von Schön. (Schriften des Instituts für ostdeutsche 
Wirtschaft in Königsberg i. Pr., 1. Heft.) (Hans Go] dsch m id t.) S. 170. 
Meerwarth, Rudolf, Die Steuern im klassischen Land des Stcuerdiucks: Italien. 
(Finanz- und volkswirtschaftliche Zeitfragen, herausgcgebm von v. Schanz n. J. Wolf, 
42. Heft). (Zeh r fei d.) S. 77. 
Meißner, Walther, Argentiniens Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten 
von Amerika. (Veröffentlichungen des Ibero-Amerikanischen Instituts. Bibliothek 
der „( ultura Latino-Americana" , hrsg. von B. Schädel, Nr. 3.) (H. F. Crohn- 
Wolfgang.) ö. 371. 
Mengelberg, Käthe, Die Finanzpolitik der sozialdemokratischen Partei in ihren 
Zusammenhängen mit dem sozialistischen Staatsgedanken. Mit einem Geleitwort von 
8. P. Altmann. (H. Koppe.) S. 556. 
Metz, Georg, Das Gewerbe in Ostpreußen. (Grondlagen des Wirtschaftslebens von 
Ostpreußen. Denlischrift zum Wiederaufbau der Provinz im amtlichen Auftrage hrsg. in 
Gemeinschaft mit J. Hansen und F. Werner von A. Hesse, VI. Teil.) (Galle.) 8. 551. 
Müller, August, So/üalisierung oder Sozialismus? Eine kritische Betrachtung über 

Revolutionsideule. (Georg Jahn.) S. 549. 
Neurath, Otto, und Schumann, Wolfgang, Können wir heute sozialisieren? 
Eine Darstellung der sozialistis«hen Lebensordnung und ihres Werdens. (Deut8<"he 
Revolution, eine Sammlung zcitgenmßer Schriften, herausgegeben von Prof. Dr. H. 
H. Houhen und Dr. E. Mencke-Glückert, III. Bd.) (Georg Jahn.) S. 360. 
— , — Die Sozialisierung Sachsens. Drei Vorträge. (Georg Jahn.) 8. 360. 
Oppenheimer, Franz, Der Ausweg. Notfragen der Zeit. (Georg Jahn.) 8.247. 
Oppenheimer, Hilde, Zur Lohntheorie der Geweik vereine. (Carl v. Tyszka.) 

S. 66. 
Pesch, Heinrich, Sozialisierung. (Flugschriften der „Stimmen der Zeit", Heft 5.> 

((.eorg Jahn.) S. 168. 
*«* Die Revolution des Erbrechtes. Eine Laienstudie. Mit einem Vor- 
wort von Professor von Blume. (Johannes Müller.) S. 561. 
Beb m idt' Essen, Alfred, Die Krii-gsbilanz für Deutschlands Industrie. Was der 
Feind uns nimmt, was uns bleibt. Mit einem Geleitwort von Geh.-Rat Prof. Dr. 
Stuhlmann. (A. Wirm ingh aus.) 8. 555. 
Schmitt, Franz August, Deutxchlands Stickstoffbeschaffang. Eine volkswirt- 

Bchafiliehe Studie. (P. Eh re n berg.) 8. 368. 
Schulte, Fritz, Die Sozialisierung der bayerischen Hypothekenbanken. (Georg 

Jahn.) 8. 86. 
Schwarz, Otto, Finanzpolitik in Reich, Staat und Gemeinde. (Finanz- und volks- 
wirt«chaftliche Zeitfragen. Hgg. von G. Schani und J. Wolf. Heft 58.) (P. Mom- 
bert.) 8. 374. 



VI Inhalt. 

Seelmann, Erich, Die Systeme im modernen Genossenschaftswesen, ihre geschicht- 
liche Entwicklung und ihr gegenwärtiger Stand. (Tübinger staatsw. Abhandlungen, 
heraasgeg. von C. J. Fuchs i. Verb, mit L. Stephinger, N. F. Heft 18.) 
(Willy Krebs.) S. 275. 

Seelmann, Die ostpreußischen Baiffeisen-Genossenschaften in den Kriegsjahren. 
(Starke.) S. 376. 

Spann, Othmar, Vom Geist der Volkswirtschaftslehre. Antrittsrede. (P. Mom- 
bert.) S, 361. 

Stern, R., Herlt, E., Schnitze, E., Geld, Industrialisierung und Petroleumschätse 
der Türkei. (Das Wirtschaftsleben der Türkei, Beiträge zur Weltwirtschaft und 
Staatenkunde, herausgegeben im Auftrage der Deutschen Vorderasien-Gesellschaft tob 
H. Grothe. Bd. II.) (Friedrich Hoffmann.) S. 265. 

Stichel, B., Argentinien. Mit einer üebersichtskarte. (Auslandswegweiser. Hrsg. tob 
der Zentralstelle des Hamburger Kolonial-Instituts (Weltwirtschaftliches Archiv) und 
dem Ibero-Amerikanischen Institut. 1. Bd.) (H. F. Crohn -Wolfgang.) S. 552. 

Strecker, Reinhard, Die Anfänge von Fichtes Staatsphilosophie. (Karl Elster.) 
S. 91. 

Tiburtius, Joachim, Gemeinwirtschaftliche Gegensätze. (Dringliche Wirtschafto- 
f ragen, Heft 8.) (Georg Jahn.) S. 69. 

Tschierschky, S. , Neuaufbau der deutschen industriellen Interessenorganisation. 
(Sonderabdrnck aus der „Kartell-Rundschau", Jahrg. 17, 1919.) (A. Wirming- 
haus.) ö. 464. 

Verordnung betreffend eine vorläufige Landarbeitsordnung vom 
2 4. Januar 1919, nebst sonstigen Bestimmungen über das landwirtschaftliche Ar- 
beitsrecht, erläutert von Job. Feig. (Wygodzinski.) S. 554. 

Wiedenfeld, Kurt, Die deutschtürkischen Wirtscbaftt-beziehungen und ihre Ent- 
wicklungsmöglichkeiten. (Sonderabdruck aus dem Sammelwerk : „Die wirtschaftliche 
Annäherung zwischen dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten." Schriften 
des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 155.) (Friedrich Hoffmann.) S. 71. 

Winkler, Wilhelm, Die Totenverluste der österr.-ungarischen Monarchie nach 
Nationalitäten. — Die Altersgliederung der Toten. — Ausblicke in die Zukunft 
(Herausgegeben vom Statistischen Dienst des Deutschösterreichischen Staatsamts für 
Heerwesen.) (Karl Seutemann.) S. 267. 

— , — Berufsstatistik der Kriegstoten der österreichisch-ungarischen Monarchie. (Heraus- 
gebende Stelle und Verlag wie oben.) (Karl Seutemann) S. 267. 

Wormser, Otto, Die Frankfurter Börse. Ihre Besonderheiten und ihre Bedeutung. 
Ein Beitrag zur Frage der Börsenkonzentration. (Archiv für Sozialwissenschaft und 
Sozialpolitik. Ergänzungsheft XV.) (Ernst Loeb.) S. 559. 

Zeil er, A., Einkommensabgaben, Gesellschaftlicher Ausgleich und Gesamtverbrauch- 
steuer. (Karl Elster.) S. 468. 

Zimmermann, F. W. R., Die Zivilliste in den deutschen Staaten. (Finanz- und 
volkswirtschaftliche Zeitfragen. Hrsg. v. G. Schanz und J. Wolf. Heft 60.) 
(F. Mombert.) S. 558. 

Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des 

Auslandes. S. 66. 164. 260. 360. 460. 548. 

Die periodische Presse des Auslandes, s. 92. 188. 284. 380. 476. 567. 

Die periodische Presse Deutschlands, s. 93. 190. 285. 381. 477. 568. 

Volkswirtschaftliche Chronik. 1919. Mai: S. 227. Juni :S. 293. Juli: 8,411. 

August: S. 493. September: 8. 55». 
Oktober: S. 659. 



Georg Jahn, Die Umbildung im Kohlenbergbau. 



I. 

Die Umbildung im Kohlenbergbau. 

Von 
Dr. Georg Jalin, Leipzig. 

Die Stellung und Bewegungsfreilieit des Einzeluntern ehmens im 
Bergbau und damit die Rolle des Unternehmers hat sich in den 
letzten hundert Jahren mehrfach gewandelt. Dabei sind im wesent- 
lichen drei Perioden zu unterscheiden, deren erste — die Periode 
staatlicher Gebundenheit — bis in die 60er Jahre des 19. Jahr- 
hunderts reicht, während die zweite — die Periode der völligen 
Bergbaufreiheit — in den 90er Jahren einer bis zur Gegenwart 
führenden Periode der privaten Gebundenheit Platz gemacht hat. 
In der ersten Periode sind die Bodenschätze weder Bestandteil des 
Grundeigentums noch herrenloses Gut, so daß sie nicht von jedem 
Unternehmer, der das Eigentum an der Oberfläche erwirbt, ausge- 
nutzt werden können, sondern Regal, d. h. Eigentum der Krone, 
des Staates und damit der Allgemeinheit. Nur das Suchen nach 
Mineralien war in der Regel frei und dem Finder wurde zur An- 
regung des Nachforschens gewöhnlich die Zuteilung eines gewissen 
Feldes in Aussicht gestellt, ohne ihm zugleich ein eigenes Recht an 
den gefundenen Schätzen zu übertragen. Dieses verblieb vielmehr 
stets und ausschließlich dem Staate, dem Landesherrn, der es ent- 
weder selbst in fiskalischen Bergwerken ausübte oder es privaten 
Unternehmern in bestimmtem Umfange und unter festen Bedingungen 
abtrat. Soweit in den Bergordnungen allgemeine Freierklärungen 
des Bergbaues stattfanden, galten sie auch nur für den Fall, daß der 
Staat nicht selbst die in Frage kommenden Felder abbauen wollte 
(staatliche Reservatrechte). Die übliche Form der Ausnutzung des 
Bergeigentums durch den Staat war jedoch die Uebertragung abge- 
messener Felder (Konzessionen) zur Ausbeutung an private Unter- 
nehmer gegen hohe Bergwerksabgaben (meist ein Zehntel des Brutto- 
ertrages, zuweilen wesentlich mehrl) und unter Vorbehalt des staat- 
lichen .Obereigentums. Dieser private Bergbau mußte sich die 
eindringende Aufsicht der staatlichen Bergverwaltung gefallen lassen, 
hatte die Gruben nach Vorschrift der landesherrlichen Beamten 
fortdauernd bauhaft zu halten und unterstand dem Förderungszwang: 
„Wer binnen 4 Wochen nach erfolgter Approbation die Arbeit nicht 

Jahrb. f. Nationalök. u. Btat. Bd. IIS (Dritte Folge Bd. 68). ] 



2 Georg Jahn, 

anfängt oder sie nicht beständig fortsetzt, wird jedes Rechtes ver- 
lustig und das Werk ist ins Freie gefallen" (§ 163 Preuß. Allg. 
Landrecht). Eine Zeitlang war die staatliche Aufsicht über den 
privaten Bergbau so ausgedehnt, daß man geradezu von einer 
Direktion des Staates sprechen kann. Diese erstreckte sich — 
namentlich in Preußen und Oesterreich — auf die Annahme und 
Entlassung der Arbeiter, die Normierung der Löhne, die Aufstellung 
der Gewinn- und Verlustrechnung sowie die Verfügung über neue 
Grubenanlagen. Der private Unternehmer im Bergbau überhaupt 
und also auch der Kohlengrubenbesitzer im besonderen war demnach 
unter der Herrschaft des staatlichen Bergregals in seiner Bewegungs- 
freiheit stark beengt. Nicht nur waren ihm durch hohe Abgaben 
die Gewinnmöglichkeiten zugunsten der Allgemeinheit beschnitten, 
auch in der Betriebsführung waren ihm enge Fesseln angelegt, die 
ihn an der Ausnutzung der Konjunkturen hinderten und ihn kaum 
zur Entfaltung besonderer Initiative und zur Betätigung großen 
Wagemutes anreizten. 

In diesen Zuständen trat in den 50er und 60er Jahren des 
19. Jahrhunderts eine bedeutsame Wandlung ein. Den Anfang 
machten das sächsische und das österreichische Berggesetz von 1851 
bzw. 1854, die beide in gleicher Weise die Vorrechte des Staates 
beseitigten, alle dem Grundeigentümer nicht vorbehaltenen Mineralien 
— ausgenommen das Salz — der Bergbaufreiheit unterwarfen, jedem 
das Schürfrecht einräumten und ihm bei Fündigkeit einen Anspruch 
auf Beleihung mit seinem Schürf felde zusprachen, den privaten 
Bergbau von der wirtschaftlichen Bevormundung durch den Staat 
befreiten und seine Aufsicht auf die Sicherheitspolizei beschränkten. 
Preußen, dessen Bergrecht nachmals in den meisten deutschen Bundes- 
staaten eingeführt wurde und seinen Geltungsbereich damit auf 
neun Zehntel der Fläche Deutschlands und sieben Achtel des Wertes 
seiner Bergwerksprodukte erstreckte, folgte 1851 zunächst mit dem 
sogenannten Miteigentümergesetz, durch das den privaten Bergwerks- 
unternehmern mit geringen Beschränkungen (Annahme und Ent- 
lassung der Arbeiter) die freie Verfügung über ihr Eigentum über- 
lassen wurde. Das Jahr 1860 brachte dann die Aufhebung der 
Staatsaufsicht, die sich in Zukunft auf die Handhabung der Sicher- 
heitspolizei und die Verhütung des Raubbaues beschränkte, und durch 
das Gesetz vom 24. Juni 1865 wurde endlich in Anlehnung an das 
französische, bis dahin auf dem linken Rheinufer geltende Recht die 
volle Bergbaufreiheit eingeführt. Damit war das Bergregal gefallen 
und jedes Vorrecht des Staates beseitigt. Alle Mineralien, die nicht 
ausdrücklich dem Verfügungsrecht des Grundeigentümers vorbehalten 
waren, darunter Steinkohle, Braunkohle und Graphit, werden zu 
öffentlichen Sachen erklärt, an die jeder die gleichen Rechte und / 
Ansprüche unter den vom Staat festgesetzten Bedingungen hat. Da?/ 
Prinzip der Gewerbefreiheit hat auch im Bergbau gesiegt. Dtf 
Unternehmer ist von allen staatlichen Fesseln befreit und kann gleich 
dem Industriellen seinen Betrieb ganz auf eigene Rechnung und Ge- 



Die Umbildung im Kohlenbergbau. 3 

fahr führen. Er hat zunächst das Recht, überall — ausgenommen 
in der Nähe von Gebäuden und Anlagen sowie auf Friedhöfen und 
öffentlichen Wegen auch ohne Zustimmung des Grundbesitzers 
nach verleihbaren Mineralien zu suchen (Schürfrecht) und bedarf 
dazu in Preußen nicht einmal einer besonderen behördlichen Er- 
laubnis (Schürfschein). Hat er solche Mineralien gefunden, so be- 
sitzt er einen Rechtsanspruch auf Zuteilung der Felder innerhalb 
der gesetzlich zulässigen Grenzen (Maximalfeld in Preußen: 
2189000 qm), d. h. der Staat, der nominell die Oberhoheit behält, 
muß ihm sein Eigentum auf Verlangen im vollen Umfange abtreten 
und ihm damit das ausschließliche Recht zur Ausbeutung der Boden- 
schätze im bezeichneten Felde einräumen. Dem privaten Unter- 
nehmer erwächst daraus nur die Pflicht, den Grundbesitzer für alle 
entstehenden Schäden und das Land, das er für seinen Grubenbetrieb, 
zur Anlegung von Zechenhäusern, Grubenbauen, Aufbereitungsan- 
stalten, Haldeplätzen, Wegen, Kanälen, Eisenbahnen usw. braucht, in 
vollem Umfange zu entschädigen. Vor der Aufnahme des Bergbau- 
betriebes hat der Unternehmer der Bergbehörde zwar einen Betriebs- 
plan zur Genehmigung vorzulegen, dessen Prüfung sich jedoch auf 
die Interessen der Sicherheit beschränkt und den Nachweis zu er- 
bringen, daß der Betriebsleiter das vorgeschriebene Befähigungs- 
zeugnis besitzt, im übrigen aber ist er völlig unbehindert: er kann 
das verliehene Feld in Angriff nehmen oder der Ausbeutung ent- 
ziehen, er kann den Betrieb technisch und wirtschaftlich gestalten, 
wie er es für gut und gewinnbringend hält, er kann die Konjunk- 
turen des Arbeitsmarktes in vollem Umfange ausnutzen und er kann 
seine Produkte absetzen, an wen und wohin er will. 

Es ist kein Zweifel, daß die Verkündigung der Bergbaufreiheit 
die Unternehmerkräfte namentlich im Kohlenbergbau in stärkstem 
Grade entfesselte, zu Nachforschungen und Schürfarbeiten anreizte 
und eine wesentliche Beschleunigung in der Ausbeutung der Boden- 
schätze herbeiführte. Dadurch aber wurde letzten Endes erst jener 
Aufschwung der deutschen Industrie möglich, der sich ohne die ge- 
waltige Erweiterung der einheimischen Brennstoffproduktion in 
wesentlich engeren Grenzen gehalten haben würde. Nach der für 
die ältere Zeit allerdings nicht vollständigen Bergbaustatistik hob 
sich im bisherigen Reichsgebiet die Steinkohlenförderung von 1865, 
dem Jahre des Erlasses des preußischen Berggesetzes, bis 1893, dem 
Jahre der Gründung des Rheinisch - Westfälischen Steinkohlen- 
syndikats, von 21794 700 t im Werte von 120529000 M. auf 
73 852 300 fim Werte von 498 395000 M., stieg also der Menge 
nach auf das Dreieinhalbfache, dem Werte nach auf reichlich das 
Vierfache. Aehnlich stark war die Erweiterung im Braunkohlen- 
bergbau, in dem 1865 erst 6 758100 t im Werte von 19 784000 M., 
1893 dagegen 21573000 t im Werte von 55023000 M., also etwa 
das Dreifache, gefördert wurden. Mit dieser gewaltigen, die Bevöl- 
kerungsvermehrung um das Sechs- bis Siebenfache übertreffenden 
Produktionssteigerung ging eine technische Betriebskonzentration 

1* 



4 G eorg Jahn,'' 

Hand in Hand, die seit 1872 in den Zahlen der Statistik zum Aus- 
drucke gelangt. Es betrug nämlich im Steinkohlenbergbau: 

die Zahl der die mittlere [die Förderungs- der Förderungs- 
Hauptbetriebe Belegschaft menge • wert 
1872 622 162 172 33306400 t 296 668 000 M. 
1893 415 290632 73852300 t 498395000 „■ 

Auf einen Betrieb kamen demnach 1893 im Gesamtdurchschnitt 
700 Mann Belegschaft, 178000 t Förderungsmenge und 1201000 M. 
Förderungswert gegen 261 Mann Belegschaft, 53500 t Förderungs- 
menge und 427 000 M. Förderuugswert im Jahre 1872, also bald die 
dreifache Belegschaft und das dreieinhalbfache Produktionsquantum. 
Die jährliche Durchschnittsleistung des einzelnen Mannes dagegen 
stieg im gleichen Zeitraum von 205 t auf 254 t, also um etwa 
24 Proz., welcher Prozentsatz zugleich ein Maßstab für die technische 
Verbesserung des Steinkohlenbergbaubetriebes über und unter Tage 
ist. Wesentlich schwächer war die Konzentration im Braunkohlen- 
bergbau. Hier betrug in den gleichen Jahren 





die Zahl der 
Hauptbetriebe 


die mittlere 
Belegsehaft, 


die Förderunga- 
menge 


der Förderungs 
wert 


1872 
1893 


866 
605 


E24352 
36586 


9018000 t 
21 573800 t 


1 29 496 000 M. 
55 023 000 „ 



Es kamen also im Jahre 1872 auf einen Betrieb durchschnittlich 
nur 28 Mann Belegschaft und 10400 t Förderung im Werte von 
etwa 34000 M., 20 Jahre später (1893) dagegen 60 Mann und 
35 600 t im Werte von fast 91 000 M. Die technische Konzentration 
war also vergleichsweise geringer als im Steinkohlenbergbau; da- 
gegen war die Leistungssteigerung pro Mann erheblich größer, da 
sie fast 60 Proz. betrug (590 t in 1893 gegen 370 t in 1872). 

Neben der Betriebskonzentration steht die Besitzkonzentration, 
d. h. die Vereinigung mehrerer Grubenbetriebe in einer Hand, die 
Beteiligung von Hüttenwerken und anderen industriellen Unter- 
nehmungen an Kohlenzechen, Erzgruben, Hüttenwerken, Stahl- und 
Walzwerken, Gießereien und Maschinenfabriken (Betriebskombi- 
nation). Sie ist aus der Statistik nicht zu erkennen, da diese nur 
die Betriebseinheiten, nicht aber die Unternehmungseinheiten oder 
auch die wirklichen Besitzverhältnisse erfaßt hat. Tatsächlich setzt 
sie bereits in den siebziger Jahren ein und erlangt in den achtziger 
Jahren größere Bedeutung, wenn sie ihren Höhepunkt auch erst in 
der folgenden Periode der privaten Gebundenheit erlangt. Sie über- 
trifft jedoch sicherlich schon in den achtziger Jahren die Betriebs- 
konzentration, mit der sie Hand in Hand geht. Geringeren Umfang 
hat dagegen die Absatzkonzentration, die zwar bei der wachsenden 
Betriebs- und Besitzkonzentration nicht ausbleiben konnte, im 
wesentlichen aber die Marktorganisation durch die Kartellbildung 
der neunziger Jahre voraussetzt. 

Die Stellung des einzelnen Unternehmers in der Periode völliger 
Bergbaufreiheit kann man also kurz dahin kennzeichnen, daß^^ sie 



Die Umbildung im Kohlenbergbau. 5 

eine völlig freie und von staatlichen Fesseln in keiner Weise ein- 
geengte war. Sie entsprach in allen wesentlichen Punkten der Po- 
sition des industriellen Unternehmers: in unbeschränktem Besitz 
seiner Produktionsmittel stand er allein im wirtschaftlichen Tausch- 
kampf; er rang mit den übrigen Produzenten und den Händlern um 
den Kunden und könnte dabei die Lage des Arbeitsmarktes und die 
industriellen Konjunkturen in vollem Maße ausnutzen. In dieser 
Freiheit wuchs der Starke und dehnte seinen Machtbereich aus, 
während der Schwache sank und zugrunde ging oder Anlehnung 
bei dem Stärkeren suchte, ein Vorgang, der seinen deutlichen Aus- 
druck in der Betriebs- und Besitzkonzentration findet. 

Aber gerade aus dem sich immer mehr steigernden Konkurrenz- 
kampf der Produzenten untereinander und dem damit wachsenden 
Mißverhältnis zwischen Kapitalrisiko und Gewinn erwuchs Anfang 
der neunziger Jahre die grundsätzliche Wandlung durch den Zu- 
sammenschluß der Produzenten und die Regulierung der Konkurrenz. 
Die Organisation der Unternehmerinteressen reicht im Bergbau an 
sich ziemlich weit zurück. So wurde der Verein für die bergbau- 
lichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund bereits 1860, der 
Verein für die bergbaulichen Interessen zu Zwickau 1860, der Ober- 
schlesische berg- und hüttenmännische Verein 1861, der Verein für 
die berg- und hüttenmännischen Interessen im Aachener Bezirk 1871, 
der Verein für die bergbaulichen Interessen im Lugau-Oelsnitzer 
Steinkohlenrevier 1874 und der Verein für die bergbaulichen Inter- 
essen Niederschlesiens 1876 gegründet, und auch im Braunkohlen- 
bergbau beginnt der Zusammenschluß bereits Ende der siebziger Jahre 
(Magdeburger Braunkohlen - Bergbauverein 1879, Niederlausitzer 
Braunkohlen-Bergbauverein 1879, Deutscher Braunkohlen -Industrie- 
verein 1885, Verein für die Interessen der Rheinischen Braunkohlen- 
industrie 1893). Allein alle diese Organisationen beschäftigten sich 
ausschließlich mit Wirtschafts- und Zollpolitik, mit Problemen der 
Technik und mit Arbeiterfragen, griffen also weder in die Pro- 
duktions- und Absatzverhältnisse ein, noch versuchten sie, die preis- 
bildende Konkurrenz auszuschalten. Dies geschah erst durch die 
Kartelle, deren erstes und bedeutendstes, das Rheinisch-Westfälische 
Kohlensyndikat, im Jahre 1893 gegründet wurde. Ihm folgten im 
Steinkohlenbergbau wesentlich später das niederschlesische und das 
oberschlesische Kohlensyndikat und im Braunkohlenbergbau seit 
Mitte der neunziger Jahre allmählich 10 Braunkohlensyndikate und 
etliche Großhandelsgesellschaften in Konventionsform. Es ist hier 
nicht der Ort, auf die Entwicklung dieser Syndikate im einzelnen 
einzugehen; für den Zweck dieser Untersuchung wird es vielmehr 
genügen, die Art und Ausgestaltung dieser Kartelle an dem Beispiel 
des Rheinisch- Westfälischen Kohlensyndikats kurz darzulegen. In 
diesem betrugen bei einer 

Qesamtfördernng Beteiligungoziffern in Proz. der 

im Ruhrgebiet der SyndikatHzeichen Oeeamtförderung 

18Ö.3 38,6 Mill. t 33,6 Mill. t 86,8 

1903 64,7 „ t 63,8 „ t 98,8 

1913 110,7 „ t 88 7 „ t 80.1 



ß Georg Jah n, 

Dem Syndikat gehörten 1904 alle Kohlenzechen des Ruhrbezirkes 
bis auf 10 und die staatlichen Bergwerke an. Am 1. Oktober 1910 
waren 70 Bergwerksunternehmungen mit einer Produktion von 
78 Mill. t Kohle, 14,6 Mill. t Koks und 3,7 Mill. t Briketts, im 
Oktober 1916 bei der letzten Verlängerung des Syndikats um 5 Jahre 
93 Bergwerksverwaltungen (davon 18 Hüttenzechen bzw. solche mit 
Verbrauchsbeteiligung) angeschlossen. Anfang 1913 hatten allein 
24 Mitglieder eine Beteiligung von mehr als 1 Mill. t (die Gelsen- 
kirchner Bergwerksaktiengesellschaft 8,5 Mill. t), so daß im ganzen 
eine kleine Anzahl von großen Gesellschaften und Gruppen mehr 
als die Hälfte der Produktion des Syndikats kontrollierte. Alle an- 
geschlossenen Zechen verkaufen ihre gesamte Produktion an Kohlen, 
Koks und Briketts dem Syndikat, das zur Abnahme verpflichtet ist 
und den Weiterverkauf besorgt. Aus diesem Grunde muß die Be- 
teiligung jeder Zeche für die jeweilige Dauer des Syndikatsvertrages 
genau festgesetzt werden, d. h. der einzelne Betrieb ist in seiner 
Produktion auf Zeit beschränkt, vermag unter Umständen technische 
Neuerungen und Betriebsverbesserungen nicht voll auszunutzen und 
kann sich den wachsenden Anforderungen des Marktes anpassen. 
Ebenso müssen für eine bestimmte Zeitspanne jedesmal Verrechnungs- 
preise vereinbart werden, die für die Uebernahme durch das Syn- 
dikat gelten. Für den Inlandsverkauf werden ferner in jedem Jahre 
„Richtpreise" festgesetzt, nach denen sich der Handel zu richten hat, 
während der Auslandspreis vom Syndikat den jeweiligen Konkurrenz- 
verhältnissen angepaßt wird. Damit ist dem einzelnen Betriebe die 
Preisbestimmung völlig aus der Hand genommen, während ihm aller- 
dings die Möglichkeit verbleibt, die Spannung zwischen Gestehungs- 
kosten und Uebernahmepreis durch Verbesserung der Technik und 
Betriebsorganisation zu vergrößern. Der Absatz ist vom Kohlen- 
syndikat in der Weise organisiert, daß es die Großhändler der ein- 
zelnen Absatzbezirke zu einer Anzahl von Großhandelsgesellschaften 
zusammengeschlossen hat und nur mit diesen verkehrt. Solcher Ge- 
sellschaften gab es im Jahre 1910 bereits 9, eine Zahl, die bis 1916 
auf 15 gestiegen ist. Die bedeutendste von ihnen ist die 1903 vom 
Kohlensyndikat und vier großen Reederfirmen zur Monopolisierung 
des Kohlenverkaufs nach Süddeutschland gegründete „Rheinische 
Kohlenhandels- und Reedereigesellschaft m. b. H." (sogenanntes 
Kohlenkontor), der bei Gründung 44 der größten Händler Stid- 
deutschlands mit festen Beteiligungsziffern beitraten. Unter den 
Großhandelsgesellschaften stehen als zweite, ebenfalls zu Organi- 
sationen zusammengeschlossene Gruppe die kleineren Großhändler 
und größeren Detailhändler, denen als dritte wieder die kleinen, 
rein lokalen Detaillisten folgen. Auch diese haben ihre Verbände 
und Kreditschutzorganisationen. Das Syndikat schreibt allen seinen 
Absatzorganen die Verkaufsbedingungen und Gewinnaufschläge im 
einzelnen vor, so daß die Groß- und Kleinhändler nichts anderes als 
die mehr oder minder selbständigen Agenten des Syndikats sind. 
Die erste Wirkung der im Ruhrkohlensyndikat in dieser, bei 



Die UmbildoDg im Koblenbergban. 7 

den übrigen Syndikaten in 'ähnlicher Weise gestalteten Regelung der 
Produktion und des Absatzes ist die Ausschaltung der Konkurrenz 
der Werke untereinander und ihr Ersatz durch den gemeinsamen 
Kampf gegen die Kunden, die mit Monopolpreisen belastet werden 
können. Diese Preise lassen sich wesentlich gleichmäßiger gestalten 
als unter der Herrschaft der freien Konkurrenz, da durch die Fest- 
legung der Förderungsquoten der einzelnen Zechen auf Zeit Ueber- 
produktion vermieden und die sonst dadurch veranlaßte gegenseitige 
Unterbietung beseitigt wird. Beim Rheinisch-Westfälischen Stein- 
kohlensyndikat waren z. B. die Verrechnungspreise für die Tonne 
Fettförderkohle im Jahresdurchschnitt (April — März), denen zum Ver- 
gleich die Jahresdurchschnittsnotierungen der Essener Börse bis 
1893 gegenübergestellt sind, die folgenden^): 

1881 1882 1883 1884 1885 1886 1887 1888 1889 1890 1891 1892 1893 
M. 5,48 5,77 5,88 5,32 5,63 5,60 5,62 6,04 8,48 IO,7J 9,86 8,60 7,80 

1893/94 94/95 95/96 96/97 97/98 98/99 99/00 00/01 01/02 02/03 03/04 
M. 7,00 7,60 7,60 8,30 8,60 8,60 9,10 io,io lo.io 9,00 9,00 

1904/05 05/06 06/07 07/08 08/09 09/10 10/11 11/12 12/13 13/14 
M. 9,00 9,30 10,00 11,00 11,00 lO.SO IO,60 10,60 11,26 12,00 

Die Uebersicht zeigt, daß die Syndikatspreise gleichmäßiger 
waren als die freien Marktpreise vor 1893. Sie ziehen langsam, 
aber stetig an und werden auch in Zeiten sinkender Konjunktur 
(z. B. 1901,03, 1908/10) gehalten oder doch nur wenig gesenkt. Die 
Folge für den einzelnen beteiligten Bergwerksbetrieb ist Verminde- 
rung des Kapitalrisikos, Sicherung der Kalkulation sowie Aus- 
gleichung und Erhöhung des Gewinnes auf Kosten der Verbraucher, 
die aller Vorteile einer durch starkes Anziehen der Preise bewirkten 
schnellen Produktionssteigerung verlustig gehen. 

Die Erweiterung der Produktion als solche fehlt allerdings auch 
unter der Herrschaft der Kohlensyndikate keineswegs, ist doch 
z, B. die Förderung im Oberbergamtsbezirk Dortmund, also dem 
Bereich des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats, im Zeitraum 
1893 bis 1913 von 38613000 t auf 110765000 t, d. h. um 187 Proz. 
gestiegen, während das Wachstum im Steinkohlenbergbau überhaupt 
bei einer Förderung von 73852000 t im Jahre 1893 und 190109000 t 
im Jahre 1913 insgesamt 116257 000 t, d. h. 157 Proz., und im 
Braunkohlenbergbau bei einer Förderung von 21577000 t im Jahre 
1893 und 87 233000 t im Jahre 1913 nicht weniger als 65 659 000 t, 
d. h. 304 Proz. beträgt. Diese Zahlen sind der beste Beweis dafür, 
daß die Syndikate die notwendige Erweiterung des Kohlenbergbaus 
nicht gehindert haben. Sie haben zwar vielfach unrentable Gruben 
stillgelegt, dafür aber ihre Mitglieder zur Vergrößerung ihrer Be- 
triebe und Anlage neuer Schächte veranlaßt. Außerdem bildeten sie 
insofern die indirekte Veranlassung zur Steigerung der Förderung, 
als sich in jeder Vertragsperiode unter dem Schutze der Syndikats- 

1) Die Zahlen stammen ans Lief m Ann, Kartelle und Trusts, 3. Aufl. (Stuttgart 
1918), 8. .S4. 



3 Georg Jahn, 

preise neue Unternehmungen als Außenseiter gründeten, die erst 
später dem Syndikat beitraten. 

Daß die Syndikate auch die Betriebskonzentration erheblich ge- 
fördert haben, versteht sich bei der erwähnten Art der Produktions- 
regulierung durch Stillegung einzelner Zechen und Erhöhung der 
Beteiligungsziffern besonders leistungsfähiger Werke von selbst. Sie 
ist leider nicht in vollem Umfange aus der Statistik zu erkennen, 
da diese notwendigerweise auch die außerhalb der Syndikate neu 
entstandenen Betriebe mitenthält. Immerhin gibt sie ein Bild der 
Entwicklung. Es betrug danach im Steinkohlenbergbau: 



die Zahl der 
Hauptbetriebe 


die mittlere 
Belegschaft 


die Förderungs- 
inenge 


der Förderungs- 
wert 


1893 415 
1913 350 


290 632 
654017 


73 852 300 t 
190 109 400 „ 


509 100 000 M. 
2 135 978000 „ 



Auf einen Betrieb kamen also 1913 im Gesamtdurchschnitt 1870 
Mann Belegschaft, 543000 t Förderungsmenge und 6103000 M. 
Förderungswert gegen 700 Mann Belegschaft und 178 000 t Förde- 
rung im Werte von 1201000 M. im Jahre 1893. Die durchschnitt- 
liche Belegschaft war sonach auf mehr als das Zweieinhalbfache 
und die Förderung auf das Dreifache gestiegen, während sich gleich- 
zeitig die jährliche Durchschnittsleistung des einzelnen Mannes um 
14,5 Proz. (von 254 t auf 291 t) hob. Im Braunkohlenbergbau be- 
trug in den gleichen Jahren 



die Zahl der 
Hauptbetriebe 


die mittlere 
Belegschaft 


die Förderungs- 
menge 


der Förderungs- 
wert 


1893 ^ 605 
1913 465 


36586 
79607 


21 573 800 t 
87 233 100 „ 


55 023 000 M. 
191 920000 „ 



Es kamen also an Belegschaft 1893 auf einen Betrieb 60 Mann, 
1913 aber 171, d. h. fast dreimal so viel, an Förderung 1893 erst 
35600 t im Werte von 91000 M., 1913 dagegen 187 600 t im Werte 
von 413000 M., d. h. reichlich die fünffache Menge, während die 
Leistungssteigerung pro Mann etwa 86 Proz. betrug (590 t in 1893, 
1096 t in 1913). 

Die Besitzkonzentration, die neben der Betriebskonzentration, 
der Stärkung der technischen Produktionsfähigkeit des einzelnen 
Betriebes steht, hat seit Mitte der neunziger Jahre des 19. Jahr- 
hunderts besonders in der rheinisch-westfälischen Industrie die größten 
Fortschritte gemacht. Eine der wichtigsten Ursachen dieser Ent- 
wicklung bildeten die dauend steigenden Preise des Syndikats, die 
die Hütten- und Stahlwerke zwecks billigerer Gewinnung ihres 
Kohlenbedarfes zum Erwerb eigener Zechen oder doch lur Betei- 
ligung an Bergwerksunternehmungen reranlaßten. Diese von den 
Weiterverarbeitern ausgehende Kombinationstendenz wurde besonders 
stark in den Hochkonjunkturjahren 1899 bis 1901, erwies sich aber 
auch im ganzen folgenden Jahrzehnt noch als sehr vorteilhaft. Ihre 
Stärke kommt in den Zahlen der Statistik ebensowenig zum Aus- 
druck wie die von den größten Unternehmungen im Kohlenbergbau 



Die Umbildung im Kohlenbergbau. 9 

des Ruhrgebietes und Oberschlesiens ausgehende Verschmelzungs- 
tendenz, die die Erhöhung der Beteiligungsziffern im Syndikat, die 
Abrundung des Grubenbesitzes, die bessere Ausnutzung der tech- 
nischen Anlagen, und die Herabdrückung der Gestehungskosten be- 
zweckte und zum Teil zur Organisierung ganzer Gruppen von Unter- 
nehmungen führte (größtes Beispiel die Gelsenkirchner Bergwerks- 
gesellschaft). 

Sehr stark verschoben wurde durch die Kartellierung des Kohlen- 
bergbaus die Stellung des Unternehmers. War schon die Neuanlage 
eines Grubenbetriebes durch einen einzelnen, wenigstens im Stein- 
kohlenbergbau, durch das wachsende Kapitalerfordernis sehr er- 
schwert, so wurde es noch mehr durch die vervollkommnete Bohr- 
technik, die die nominelle Schürffreiheit zu einem tatsächlichen 
Vorrecht einzelner Großunternehmungen und Finanzgruppen machte. 
Daran hat auch die Aufhebung der Bergbaufreiheit nichts geändert, 
da sich der Staat gleichzeitig durch Zuerteilung des Schlagkreises 
und Verzicht auf jeden Förderungszwang aller seiner früheren Rechte 
für den größten Teil der vorhandenen, bereits in festen Händen 
befindlichen Bodenschätze begab. In den bestehenden Betrieben 
aber wurde der Unternehmer durch das Syndikat in seiner Selb- 
ständigkeit und Aktionsfreiheit ganz außerordentlich beengt und be- 
schnitten. Die monopolistische Preisbestimmung nahm ihm die 
Möglichkeit, sich dem Auf und Ab der Konjunkturen anzupassen, 
sicherte ihm dafür aber verhältnismäßig feste und gleichbleibende 
Gewinne; die Organisierung des Absatzes und die einheitliche Nor- 
mierung der Verkaufsbedingungen überhob ihn der Sorge um den 
Absatz seiner Produkte, entzog ihn dem wirtschaftlichen Tausch- 
kampf und beschränkte ihn im wesentlichen auf die technische Lei- 
tung und Ausgestaltung des Betriebes. Aber auch hier bestimmte 
das Syndikat mehr und mehr die Grenzen seiner Wirksamkeit, indem 
es ihm für eine bestimmte Zeit den Umfang und die Art seiner 
Produktion vorschrieb und seinen Betrieb unter Umständen sogar 
dauernd oder zeitweilig stillsetzte. Der Unternehmer wurde also im 
wesentlichen zum technischen Betriebsleiter, und zwar um so mehr, 
je stärker sich mit dem Vordringen der Gesellschaftsunternehmung 
(Aktiengesellschaft, Gewerkschaft, Gesellschaft mit beschränkter 
Haftung) die Trennung von Kapitalbesitz und Produktionsleitung 
vollzieht^). 

Aber nicht nur durch die Gesamtheit der Unternehmer selbst 
wurde der Einzelunternehmer in seiner Handlungsfreiheit beschränkt, 
auch in den Arbeiterangelegenheiten wurden ihm durch den Staat 



1) Auf diesen Umstand weist neuerdings Eduard Bernstein in seinem Vor- 
trage „Die SozialisieruDg der Betriebe", Leitgedanken für eine Theorie des Sozialisierens 
(Basel 1919), zutreffend hin, wenn er dort sagt: „Jede Aktiengesellschaft zeigt uns die 
Transformation der Rolle der Kapitalisten im Produktionsprozeß. Die Aktiengesell- 
■chaft wird geleitet von Direktoren, die Angestellte der betreffenden QescUschiift 
sind. Aktienbesitzer sind aber zumei<*t andere Personen, die den Produktionsprozeß 
nicht leiten, ja gewöhnlich sogar wenig oder häufig gar nicht« Ton ihm wissen." 



10 Georg Jahn, 

und die Arbeiter selbst in der Periode der Kartellgebundenheit 
engere Fesseln angelegt als vorher. Der staatliche Schutz der Berg- 
arbeiter ist allerdings älter als der allgemeine Industriearbeiterschutz. 
So gab es vor allem schon in der Zeit des Bergregals mit staatlichem 
Betrieb Knappschaftskassen (1852 in Preußen: 53) zur Gewährung 
von Kranken- und Sterbegeld, Invalidenrente, Witwenpensionen und 
Erziehungsbeihilfen, die auf freiwilliger Beteiligung beruhten, denen 
aber bereits im Jahre 1852 von insgesamt 68 300 preußischen Berg- 
arbeitern 56462 angehörten. Das preußische Gesetz vom 10. April 
1854 machte dann die Bildung solcher Kassen obligatorisch, legte 
die Verwaltung, die früher von der Bergbehörde besorgt wurde, in 
die Hände einer je zur Hälfte aus Werkbesitzern und Arbeitern 
bestehenden Vorstandes, übertrug die Aufsicht dem von den Mit- 
gliedern gewählten Kollegium der Knappschaftsältesten und ver- 
pflichtete die Arbeitgeber zur Zahlung von mindestens der Hälfte 
der Beiträge. Durch diese Regelung, die im preußischen Berggesetz 
vom 24. Juni 1865 unverändert wiedererscheiut, in den sechziger 
und siebziger Jahren von der Gesetzgebung einer Reihe anderer 
deutscher Bundesstaaten übernommen wurde und im wesentlichen 
auch nach Erlaß der Invaliden-, Unfall- und Krankenversicherungs- 
gesetze erhalten blieb (soweit die Kassen leistungsfähig genug waren 
und als Ersatzkassen zugelassen wurden), wurden die Bergarbeiter 
frühzeitig an der Regelung ihrer eignen Wohlfahrtsangelegenheiten 
beteiligt und insoweit die Freiheit des Unternehmers auch in der 
Periode größter Ungebundenheit beschnitten. Dagegen blieb der durch 
die staatliche Bergpolizei ausgeübte Schutz des Lebens und der Ge- 
sundheit der Arbeiter lange Zeit ungenügend und rückständig, bis 
die Novelle zum preußischen Berggesetz (v. 24. Juni 1892) im Sinne 
der kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar 1890 Wandel schaffte und 
in eingehender Weise die Verhältnisse der Bergarbeiter regelte. 
Seitdem umfaßte der Bergarbeiterschutz in der Hauptsache den 
obligatorischen Erlaß von Arbeitsordnungen, die Vorkehrungen gegen 
Gefahren für Leben, Gesundheit und Sittlichkeit im Betriebe, das 
Verbot der Kinderarbeit, das Verbot der Frauenarbeit unter Tage, 
die Höchstarbeitszeit für Arbeiterinnen über Tage, die Vorschriften 
über Beschränkung der Arbeiten an Sonn- und Feiertagen (24-stündiger 
Ruhetag), das Verbot des Trucksystems, endlich die Bestimmungen 
über die Lohnzahlung und über Arbeitszeugnisse (Abkehrschein und 
Arbeitsbuch). Es blieb also noch vieles der vertraglichen Regelung 
zwischen Unternehmer und Arbeiter überlassen (z. B. die Festsetzung der 
Arbeitszeit), wobei regelmäßig der erstere der Stärkere war; vor allem 
fehlte eine geordnete Mitwirkung der Arbeiterschaft an der Ausgestal- 
tung der Arbeitsverhältnisse, wie sie in den staatlichen Saarbergwerken 
durch Errichtung von Arbeiterausschüssen bereits im Jahre 1890 
und dann vereinzelt in Privatbetrieben eingeführt worden war, aber 
erst im preußischen Berggesetz vom 14, Juli 1905 obligatorisch ge- 
macht wurde. Die Mitwirkung dieser Ausschüsse beschränkte sich 
jedoch auf das Anhören vor Erlaß oder Abänderung der Arbeits 



Die Umbildung im Kohlenbergbau. ]^\ 



rdnung, die Vorbringung von Anträgen, Wünschen und Beschwerden 
der Belegschaft, die Mitwirkung bei der Verwaltung der Strafgelder 
und die Wahl der Wagen- und Wiegekontrolleure. Es fehlte weiter 
jeder Einfluß der Arbeiter auf die Lohnverhältnisse, die bis zum 
Kriege durchaus Objekt der Vertragsfreiheit blieben, also einseitig 
von dem Unternehmer als dem Stärkeren bestimmt wurden. Aller- 
dings hat es nicht an Versuchen gefehlt, die Machtverhältnisse zu 
verschieben. Die Bergarbeiter haben schon Ende der sechziger und 
Anfang der siebziger Jahre die ersten Organisationsversuche gemacht, 
die freilich lange Zeit sowohl im Ruhrgebiet wie in Oberschlesien, 
im Waldenburger Revier und in Sachsen an dem Widerstände der 
Unternehmer gescheitert sind, bis dann in den neunziger Jahren nach 
Aufhebung des Sozialistengesetzes die heutigen großen Verbände 
entstanden (Verband der Bergarbeiter Deutschlands 1889, Gewerk- 
verein christlicher Bergarbeiter Deutschlands 1894, Gewerkverein 
der deutschen Bergarbeiter). Es kann aber nicht davon die Rede 
sein, daß sie einen grundlegenden Einfluß auf die Gestaltung der 
Lohn- und Arbeitsverhältnisse ausgeübt haben. Von den großen 
Bergarbeiterstreiks hat überhaupt nur der vom Mai/Juni 1889, der 
vom Ruhrgebiet ausging und auf alle übrigen Steinkohlenbezirke 
(Aachen. Saargebiet, Königreich Sachsen, Niederschlesien, Ober- 
schlesien) übergriff, wesentlichen Erfolg gehabt, da er im Ruhrgebiet 
die Abkürzung der Arbeitsschicht von 10 auf 9 Stunden, den Weg- 
fall des Ueberstundenzwanges und eine Lohnerhöhung von 15 bis 
2ö Proz., in den anderen Bezirken entsprechende Fortschritte brachte. 
Dagegen endigten sowohl die ersten umfangreicheren Streiks (Walden- 
burger Kohlenarbeiterstreik 1. Dezember 1869 - 24. Januar 1870, 
7-wöchiger Streik der Bergleute im Essener Bezirk 1872) als auch 
die Kämpfe der Jahre 1891 bis 1893 (im Ruhrgebiet von Mitte 
April bis Anfang Mai 1891, im Saargebiet vom Dezember 1892 bis 
Januar 1893) und die Streiks der Ruhrkohlenarbeiter von 1905 und 
1912, die größten, die der Bergbau in Deutschland bis dahin ge- 
sehen hatte, mit dem Siege des Unternehmertums, das auf dem 
Machtstandpunkte beharrte und die Tarifierung und Stabilisierung 
der Löhne im Wege der Vereinbarung mit der Arbeiterschaft grund- 
sätzlich ablehnte M. 

Diese große Starrheit des Machtverhältnisses zwischen Unter- 
nehmertum und Arbeiterschaft im Kohlenbergbau ist ohne Zweifel 
die Hauptursache dafür gewesen, daß die Revolution in den großen 
Bergbaubezirken so überaus schlimme Formen annahm und zu einer 



1) Wie wenig e» der Arbeiterschaft gelungen ist, bei sinkender Konjunktur Lohn- 
mindoruni;en zu verhindern, zeigt z. B. die Entwicklung der JnhreFdurcbPcbnittslOhoe 
der Hauer ira Ruhrgebiet im Jahrzehnt 1900—1010. Diese Ictiugfn: 

1900 1901 1902 1903 1904 1905 1906 1907 1908 1C09 1910 
M. 1592 1447 1314 1411 1415 1370 1664 1871 1766 1556 1589 

Sie zi>it;en eine vollkommene Parallelität mit den allf, «•meiden Schwankungen der in- 
dustriellen Konjunktur. 



12 Georgjahn, 

Katastrophe für die ganze Volkswirtschaft führte. Das bisherige 
Herrschaftsverhältnis schlug geradezu in sein Gegenteil um, die 
Arbeiter bemächtigten sich der Herrschaft, erzwangen die völlige 
Umgestaltung der Arbeitsbedingungen, lähmten dadurch den Betrieb 
in der verhängnisvollsten Weise und brachten durch Emporschrauben 
der Löhne zahlreiche Grubenunternehmungen dem Ruin nahe. „Wilde" 
Sozialisierungen wur^'en vorgenommen, deren Aufrechterhaltung 
nichts weniger bedeutet hätte, als die dauernde Herabminderung der 
Leistungen des Bergbaus auf ein volkswirtschaftlich unerträgliches 
Maß und die Zurückwerfung der Betriebstechnik auf einen Stand, 
der die lebensgefährliche Lage der deutschen Industrie ungeheuer 
verschärfen würde. Denn die Hauptaufgabe ist wie in der gesamten 
Industrie, so vor allem im Kohlenbergbau als einer ihrer Haupt- 
grundlagen die größtmögliche Erweiterung der Erzeugung und die 
tunlichste Steigerung der Produktivität der Arbeit. Deutschland 
verliert mit den Kohlengruben des Saargebietes und wahrscheinlich 
auch dem oberschlesischen Revier etwa drei Zehntel seiner gesamten 
Kohlenproduktion (Stein- und Braunkohlen) und muß allein an 
Frankreich, Belgien und Italien annähernd so viel Kohlen und 
Kohlenprodukte liefern, wie es vor dem Kriege überhaupt ans Aus- 
land abgab. Wenn also Deutschland seine Volkswirtschaft wieder 
leistungsfähig machen und zugleich in Exportkohlen Zahlungsmittel 
für unsere Rohstoff- und Lebensmitteleinfuhr schaffen will, so muß 
es mit aller Energie an eine planmäßige Entwicklung des Stein- 
kohlen- und Braunkohlenbergbaues herangehen und alle Kräfte ent- 
fesseln, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Dabei ist die zu 
lösende Aufgabe eine dreifache: sie setzt sich zusammen aus der 
Erweiterung des Kohlenbergbaues, der Entwicklung der Kraftanlagen 
und der verbesserten Ausbeutung des Wärmegehaltes der Kohle. Um 
zu einer raschen Erweiterung der Produktion lu kommen, muß man 
nicht nur möglichst viele neue Schächte abteufen, sondern gleich- 
zeitig versuchen, durch erhöhte Anwendung von Maschinen und 
maschinellen Hilfsmitteln (Bohrhämmer, Schrämmaschinen usw.) die 
Kohlenflöze schneller und vollständiger abzubauen, durch Verbesserung 
der technischen Ausrüstung der Betriebe, insbesondere der Förder- 
anlagen, die Leistungsfähigkeit zu steigern und durch gute Auf- 
bereitungs- und Sortieranlagen die Qualität der Kohlen zu heben. 
Eine wesentliche Erweiterung ist im Braunkohlenbergbau ohne Frage 
in verhältnismäßig kurzer Frist möglich; dagegen vermag sich der 
Steinkohlenbergbau bei der großen Tiefe der Lagerstätten auch unter 
normalen Arbeitsverhältnissen nur langsam dem wachsenden Bedarf 
anzupassen. Bei der Entwicklung der Kraftanlagen handelt es sich 
vor allem um den Bau von Elektrizitätszentralen mit großen 
Maschineneinheiten inmitten der Kohlengruben, um die Versorgung 
der Verkehrsunternehmungen (Straßenbahnen, Kleinbahnen, Voll- 
bahnen), der Industrie und der Haushaltungen mit elektrischem 
Strom einheitlich und in der sparsamsten Weise für ein großes Ge- 
biet durchführen zu können. In der Ausbeutung des Wärmewertes 



Die Umbildung im Kohleubergbau. , 13 

der Kohle ist das Ideal bekanntlich die vollständige Vergasung, an 
die heute freilich, wo große Neuanlagen nicht in Betracht kommen, 
sondern die bestehenden Einrichtungen gut ausgenutzt und verbessert 
werden müssen, noch nicht zu denken ist. Vorläufig handelt es sich 
vor allem um die Ausnutzung der sogenannten Abwärme durch 
Kombination von Kraft- und Heizanlagen, die oft zu überraschend 
günstigen Ergebnissen führt, die Verbesserung der Kesselroste im 
Sinne vollständiger Verbrennung des Heizmaterials und die be- 
schleunigte Weiterentwicklung der Verbrennungskraftmaschinen, der 
Gas- und Oelmotoren und des Automobilwesens zur zweckmäßigsten 
Verwertung von Teerölen. Auf diese Weise würden nach dem Ur- 
teil aller Sachverständigen schon sehr erhebliche Ersparnisse im 
Kohlenverbrauch ^) herbeizuführen sein und es bei großer Anstrengung 
möglich werden, die Produktion auf der einen, den Inlandsbedarf 
und die Anforderungen des Auslandes auf der anderen Seite einiger- 
maßen ins Gleichgewicht zu bringen, vorausgesetzt natürlich, daß 
normale Arbeitsverhältnisse und Arbeitsleistungen wiederkehren. 

An dieser Stelle nun taucht die grundsätzliche Frage auf, ob es 
den Interessen der Volkswirtschaft mehr entspricht, den Kohlen- 
bergbau auch weiterhin sich selbst zu überlassen, d. h. der privaten 
Betriebsform wie bisher keine Hindernisse in den Weg zu legen 
und die Regelung der Produktion und des Absatzes den Syndikaten 
anzuvertrauen, oder aber von Staats wegen den Versuch einer groß- 
zügig organisierten, zentralistischen „Planwirtschaft" zu machen. 
Es kann ernsthaft nicht bestritten werden, daß der private Kohlen- 
bergbau allen Anforderungen in vollem Umfange gerecht geworden 
ist, die die mächtig gewachsene Volkswirtschaft in den letzten Jahr- 
zehnten gestellt hat. Die Kohlenförderung hat sich sogar wesentlich 
über den inländischen Bedarf ausgedehnt und uns ermöglicht, in den 
letzten Friedensjahren etwa ein Siebentel der Gesamtproduktion in 
Form von Kohlen, Briketts und Koks ans Ausland abzugeben. Die 
großartige Entwicklung der Kokerei und der Nebenproduktenge- 
winnung, der Deutschlands Hüttenindustrie und chemische Industrie 
ihre bevorzugte Stellung und Leistungsfähigkeit im Wettbewerb der 
Welt gaben, ist fast ganz dem privaten Unternehmertum zu ver- 
danken. Demgegenüber fallen die durch die Syndikate gesteigerten 
Preise der Kohlen und Kohlenprodukte und die dadurch erzielte 
Gewinnerhöhung der Bergbauunternehmungen nicht allzusehr ins Ge- 

1) Wie groß die Ersparnis sein würde, wenn der dritte Weg in großem Umfange 
eingeschlagen wird, zeigt folgende Berechnung : Bei dem Betrieb einer Dampfturbine 
werden etwa 0,7 kg Kohle zur Erzeugung von 1 PS gebraucht, 1 t Kohle liefert dem- 
nach 1428 PS, Bei Destillation der Kohle läßt sich jedoch ein wesentlich besseres Er- ' 
gebnis erzielen. Dann ergibt 1 t Kohle 400 cbm Gas, die in einem Gasmotor etwa 
800 PS leisten, 55 kg Teer, aus dem sich 17 kg Schmieröl zur Erzeugung von 85 PS 
in einem Dieselmotor gewinnen lassen, endlich 700 kg Koks, aus denen Gas mit einem 
Kraftwert von 1166 PS (0,6 kg Koks = 1 PS) gezogen werden kann. Insgesamt er- 
gibt sich also bei der Destillation der Steinkohle eine Summe von 2051 PS, d. h. 
43 Proz, mehr als bei der direkten Verbrennung unter dem Dampfkessel. Die dabei abfallen- 
den ftaßent wertvollen Nebenprodukte der Kokerei sind nicht mit in Ansatz gebracht. 



14 • Georg Jahn , 

wicht und lassen sich jedenfalls volkswirtscnaftlich rechtfertigen ^). 
Es ist deshalb kaum zuviel behauptet, wenn man dem privaten 
Unternehmertum auch im Kohlenbergbau am ehesten die Fähigkeit 
anspricht, die Schwierigkeiten der Zukunft zu überwinden und mit 
seiner oft bewährten Initiative, seinem Wagemut und seinem hoch- 
fliegenden Unternehmergeist neue Möglichkeiten zu ersinnen und 
bisher nicht begangene Wege zu beschreiten. 

Trotzdem hat der Gedanke, den ganzen Kohlenbergbau in einer 
Hand zu vereinigen, ihn nach einem großen Plane einheitlich zu 
leiten und so zu einer rationelleren und billigeren Produktion zu 
gelangen, auf den ersten Blick etwas Bestechendes, zumal die Staats- 
verwaltung wenigstens in Preußen gerade auf diesem Wirtschafts- 
gebiete auf eine umfassende, Jahrzehnte alte Erfahrung zurückblickt. 
Vielleicht wäre es auf diese Weise zu erreichen, die zuweilen vor- 
gekommene und auch in der Zukunft durchaus mögliche Verschleude- 
rung des kostbaren Gutes zu vermeiden, den Abbau schwächerer 
Kohlenflöze zu veranlassen und eine pfleglichere Verwaltung unserer 
Bodenschätze durchzuführen. Aber ganz abgesehen von der Frage, 
woher in der gegenwärtigen Zeit die ungeheueren Mittel zur Ueber- 
nahme des gesamten Kohlenbergbaus kommen sollen, übersieht man 
dabei die objektiven Schwierigkeiten der Bewirtschaftung einer so 
großen Zahl von wertvollen und zersplittert liegenden Betrieben. Es 
kann ja gar nicht ausbleiben, daß eine so große Zentralverwaltung 
schematisch nach den Regeln der Bureaukratie geführt wird, selbst 
wenn man die besten überhaupt zur Verfügung stehenden Kräfte in 
ihren Dienst stellt. Das hängf weder von der jeweiligen Staats- und 
Regierungsform ab, noch läßt es sich durch den Willen einzelner 
ändern. Der unausbleibliche Instanzenzug wirkt zum mindesten ver- 
zögernd auf die Durchführung technischer Verbesserungen ein, die 
leitenden Beamten sind in ihren Befugnissen und in ihrer Verant- 
wortung notwendigerweise beschränkt und von den oberen Stellen 
abhängig, sie können deshalb nicht von sich aus entscheidende 
Handlungen ausführen, große Risiken, wie sie mit der Finanzierung 
und Anwendung neuer Erfindungen verknüpft sind, übernehmen und 



1) Uebereinstimmend hiermit urteilt Tiburtius, Gemeinwirtschaftliche Gegensätze 
(Leipzig 1919, Veit & Co.), S. 34 f.: „Der Privatunternehmer, der Kapital und Ge- 
schäftsehre in ungewisses Neuland zu tragen wagt, (sucht) auf dem Raum, den ihm 
Gesetze und Behörden lassen, seinen Vorteil zu behaupten und zu mehren. Der Kampf, 
den er dabei gegen die Schar der Wettbewerber führen muß, zwingt ihn, auch ohne 
gemeinwirtschaftliche Absicht, mit der Selbsterhaltung gleichzeitig die Bedürfnisbe- 
friedigung der Allgemeinheit so gut und billig wie ihm möglich zu bewirken. Auch 
.bei beschränkter Konkurrenz, in den Herrschaftsgebieten der großen Syndikate, entsteht 
aus dem Sondernutzen der Unternehmer gesellschaftlicher Nutzen, nur tritt er hier oft 
erat verspätet in Erscheinung. Die Machthaber, die lange Jahre hindurch die Kohlen- 
preise in scheinbarer Maßlosigkeit gesteigert hatten, haben in der Entwicklung der 
Kokereien und der Nebenproduktenindustrie in die deutsche Volkswirtschaft einen an- 
gemessenen Gegenwert eingebracht. Reiche Früchte haben die Verbraucher aus früheren 
Opfern geemtet. Das privatwirtschaftliche Urteil hat die Kohlenbarone und Schlot- 
janker des Preiswuchers geziehen ; die Volkswirtschaft legt ihrem Urteil längere Zeit- 
rftame zagrande, sie wird Absolation erteilen." 




Die Umbildung im Kohlenbergbau. 






ihre Betriebe den wechselnden Anforderungen des Marktes schnell 
anpassen. Daß dies wenigstens im preußischen Staatsbergbau so ist, 
lassen die Berichte ^) der 1910/11 zur Untersuchung der wirtschaft- 
lichen Lage des staatlichen Bergbaus eingesetzten Kommission des 
preußischen Abgeordnetenhauses mit aller Deutlichkeit erkennen. 
Aber auch die Bergbaustatistik zeigt, um wieviel langsamer sich 
der staatliche Bergbau in den Perioden steigender Konjunktur 
dem wachsenden Bedarfe der Industrie angepaßt hat. Es betrug 
nämlich im 



Ober- Bergamts- Bez. 
Dortmund 



Saarbrücke r Staats- 
bergbau 



Revier Oberscblesien 



Privatbergbau 



Staatsbergbau 



Jahr 



Förderung 



1893 
1894 
1895 
189(J 
1897 
1»98 
1899 
1900 
1901 
1902 
1903 
1904 
1905 
1906 
1907 
1908 
1909 
1910 
1911 
1912 
1913 



4) .j-. 



'S 






Förderung 



Proz. 



38 613 146 
40613073 
4' 145 744 
44 893 304 
48423987 
5" 001 551 
54641 120; + 
59 618 900 + 
58447 657 1 — 
58038594 
64 689 594I 
67 533&8J! 
65373531 
76811054 
80 182 647 
82 664 647 
82 803 676 
86 864 504 
91 329 140 
loo 264 830 
HO 765 495 



4,77 
5.18 

1,31 
9,11 

7,86 
5,33 

7M 
9,11 

— 1,96 

— 0,70 
+ 11,46 

+ 4,40 

— 3,20 
4-17,50 
+ 4,39 

+ 3,10 

+ 0,17 
+ 4.90 

+ 5,1* 

+ 9,» 8 
+ 10,47 



5883 '77 
6 591 862 
6 886 098 
7705671 

8 258 404 
8768582 

9 025 072 

9397253 
9376023 
9 493 667 
10067337 
10363 720 
10638 560 
II 131 381 

10 693 314 

11 070 647 
II 063637 
10823483 
II 458 920 

11 663 118 

12 223 099 



S)-5 



t>o 



0) 



es 



OS« 
Proz. 



Förderung 



4574425 + 13,67 



— 6,00 

+ 12,06 

+ 4,46 
+ 11,90 
+ 7,17 

6,18 

2,93 

4,13 

0,2 s 

I,-25 

6,04 

2,94 

2,65 

4,63 

3,94 

3,63 

— 0,06 

— 2,17 
+ 5,87 
+ 1,78 

+ 4,80 I36 261 581 

Die Uebersicht zeigt, daß der prirate Bergbau sich auch in der Pe- 
riode der Syndizierung nicht nur im ganzen wesentlich stärker aus- 
gedehnt hat (im Ruhrgebiet sowohl wie in Oberschlesien fast auf 
das Dreifache) als der Staatsbergbau, der seine Förderung im Saar- 
gebiet und in Oberschlesien nur auf etwa das Doppelte steigerte, 
sondern auch in den Hochkonjunkturjahren 1899/1900, 1906/07, 
1912/13 dem rasch steigenden Bedarf viel schneller zu folgen ver- 
mochte, sich somit als anpassungs- und leistungsfähiger erwies'). 



13 214838 
13230392 
14038730 
15038764 
15 871 512 
17425522 

18 364 981 

19532959 
19946033 

19 348 541 
20 156 331 

20 143 985 

21 604 494 
23847 719 
26 362 950 
28 009 758 
28 602 771 
28 409 662 
30 439 060 

34 165 230 



^ ^ u 

»- öl M 

TS 41 tr 

° St? 

p 03 

6s) O 

Proz. 



Förderung 



+ 3,38 

+ 0,12 

+ 6,11 

+ 7,12 

+ 5.64 
+ 9,79 
+ 5,39 
+ 6,36 
+ 2,11 

— 3,00 
+ 4,17 

— 0,06 
+ 7,26 
+ IO,S8 
-f 10,66 
+ 6,26 
+ 2,12 

— 0,68 
+ 7,14 
+ 12,84 
+ 6,14 



3 894 898 

3 974 280 

4 027 671 



S '»'S 

, -a »^ 
Proz. 



+ 6,66 
+ 2,04 
+ 1,34 



4756.449 + 
5064185 + 

5 105 114 + 
5 296325 + 

5305910 + 

5 136827 — 
5 108 816 — 
5273926 + 
5 410 214 + 

5 811 937 + 

5 860 080 + 

5956565 + 
6052707 + 

6 050 998 — 
6214730 + 

6 909 370 + 11,18 

7 173363 + 3,83 



3,98 
6,4 7 
0,8 1 
3,75 
0,18 

3,19 
0,66 
3,23 
2,68 
7,45 
0,88 
1,66 
1,61 
0,03 
2,71 



1) Drucksachen des preußischen Abgeordnetenhauses, Jahrg. 1911, Nr. 307 A, 
307 B, 307 C. 

2) Vgl. hierzu den Aufsatz von Dr. E. Jüngst in der Zeitschrift .Glückauf", 
Jahrg. 55, 1919, Nr. 11 vom 15. III., dem aath die obigen Ziffern der Bergbaustatistik 
entnommen sind. 



Iß Georg Jahn, 

Aber auch im einzelnen blieb nach den erwähnten Kommissions- 
berichten der Staatsbergbau hinter den Leistungen des Privatberg- 
baus zurück. Im Jahre 1909 kamen in den fiskalischen Gruben des 
Saargebietes auf den Kopf der Belegschaft pro Mann und Schicht 
nur 0,745 t gegenüber 0,833 t in den privaten Gruben des Ruhr- 
reviers, ein Unterschied von 0,08 t, der bei der damaligen Beleg- 
schaft der Saargruben von etwa 50000 Mann in 300 Arbeitstagen 
einen Ausfall von 1,2 Mill. t im Jahr entspricht. Allerdings sind 
j^abei die Unterschiede in der Lagerung der Kohle und in der Flöz- 
stärke nicht genügend berücksichtigt, so daß hieraus allein nicht 
auf eine allgemeine Inferiorität des Staatsbergbaus geschlossen 
werden könnte, wenn sich nicht auch ergeben hätte, daß die Ver- 
dienste der einzelnen Kohlenhauer im Privatbergbau weit größere 
Spannungen aufweisen als in den Staatsbetrieben. Das beweist aber, 
daß der Privatbetrieb die individuelle Leistungsfähigkeit der Arbeiter 
mit seinen Arbeits- und Lohnmethoden stärker anzuspornen und 
auszunutzen versteht als der Staatsbetrieb, dessen Lohnpolitik die 
Tendenz zeigt, die Verdienste der Arbeiter einander zu nähern und 
dadurch den tüchtigeren Arbeitern den Anreiz zur Höherleistung 
zu nehmen. Sie finden allerdings einen gewissen Ersatz darin, daß 
ihaen mehr und mehr eine beamtenähnliche Stellung mit Beschwerde- 
recht und Disziplinaruntersuchung eingeräumt worden ist, die sie 
auch bei ungenügenden Leistungen vor einer raschen Ausübung des 
Kündigungsrechtes durch die Betriebsleitung schützt. Damit aber 
hängt es wieder zusammen, daß die Aufrechterhaltung der Disziplin 
in den Staatsgruben vielfach größere Schwierigkeiten macht als im 
Privatbergbau, der die Interessen des Betriebes den Arbeitern gegen- 
über in viel rücksichtsloserer Weise geltend machen kann. Dasselbe 
gilt für die mittleren Angestellten, die nach Anstellung mit Be- 
amtencharakter unkündbar sind, durch Prämien und Zulagen nicht 
wie im Privatbergbau zu erhöhter Sorgfalt und besonderen Leistungen 
angespornt werden und bei denen mangelhafte Leistungen nur in 
seltenen Fällen Anlaß und Möglichkeit der Entlassung geben. 

Alle diese Umstände haben ohne Zweifel dazu beigetragen, daß 
der fiskalische Kohlenbergbau im allgemeinen nicht billiger, sondern 
teurer arbeitet als der Privatbetrieb und im Durchschnitt geringere 
finanzielle Ergebnisse zeitigt als dieser. Bei den preußischen staat- 
lichen Bergwerks-, Hütten-, Salinen- usw. Betrieben betrugen im 
Durchschnitt der Jahre 1910 bis 1914 die Betriebkosten nicht weniger 
als 91,5 Proz. der Roheinnahmen, die Reineinnahmen also nur 8,5 
Proz., während gleichzeitig die Aktiengesellschaften im Steinkohlen- 
und im Braunkohlenbergbau durchschnittlich etwa 10 Proz. allein 
an Dividende ausschütten konnten. Das sind Einnahmen, die sich 
der Staat nötigenfalls auch durch Bergwerksabgaben und Kohlen- 
steuern beschaffen kann, wie sie bisher in Preußen bestanden, aber 
im Jahre 1895 „außer Hebung" gesetzt wurden, und während des 
Krieget im Reiche eingeführt wurden. Und im ganzen kann man 



Die Umbildung im Kohlenbergbau. 17 

wohl dem Urteil eines hervorragenden Sachverständigen *) zustimmen, 
nach dem der staatliche Kohlenbergbau nur deshalb einigermaßen 
bestehen konnte, „weil er von einem überlegenen Privatbergbau 
flankiert wurde, der als Puffer die Hauptschwankungen der Welt- 
konjunktur um so mehr von ihm auffangen konnte, als er mit der 
Eisenindustrie gegenüber der Weltwirtschaft ein einheitliches Ganzes 
bildete". 

Diese wenig günstigen Erfahrungen mit dem Staatsbergbau sind 
in der Tat die Ursache dafür, daß einer Verstaatlichung der ge- 
samten Kohlenbergwerke seitens der Reichsregierung nicht näher 
getreten worden ist, obwohl ihr das sogenannte Sozialisierungsge- 
setz vom 23. März 1919 die Befugnis gegeben hat, im Wege der 
Gesetzgebung gegen angemessene Entschädigung geeignete Unter- 
nehmungen, insbesondere solche zur Gewinnung von Bodenschätzen 
und zur Ausnutzung von Naturkräften, in Gemeinwirtschaft zu 
überführen und im Falle dringenden Bedürfnisses auch die Vertei- 
lung wirtschaftlicher Güter zu regeln. Statt dessen will sie sich 
damit begnügen, alle an der Kohlenwirtschaft beteiligten Wirtschafts- 
gruppen zu den in § 3 des gleichen Gesetzes vorgesehenen Selbst- 
verwaltungskörpern zusammenzufassen und ihnen die Bewirtschaftung 
der Kohle unter ihrer Oberaufsicht zu übertragen. Im einzelnen ist 
die Regelung im „ Kohlen wirtschaftsgesetz" und in den Ausführungs- 
bestimmungen dazu, die noch der Genehmigung des Staatenaus- 
schusses und der Nationalversammlung harren, erfolgt. Danach 
werden alle Betriebe der verschiedenen Kohlenbergwerksbezirke 
zwangsweise zu Bezirkssyndikaten zusammengefaßt (wobei be- 
stehende Syndikate erhalten bleiben und in Zwangsorganisationen 
umgebildet werden). Die Aufgabe dieser Bezirksverbände ist es, in 
ihrem Bereich die Förderung und den Absatz der Brennstoffe (Stein- 
kohlen, Braunkohlen, Preßkohlen, Koks), die Selbstverbrauchsrechte, 
den Zechenselbstverbrauch, den Hüttenzechenselbstverbrauch und die 
bergfiskalischen Staatslieferungen zu regeln, die ihnen von den 
Bergwerken überlassenen Brennstoffe im eigenen Namen für Rech- 
nung der liefernden Betriebe an die Kohlenhandelsgesellschaften, 
gegebenenfalls auch unmittelbar zu verkaufen, sowie dem Reichs- 
kohlenverband Vorschläge über Preise und Lieferungsbedingungen 
zu unterbreiten. Bemerkenswert ist, daß die Arbeiter und Ange- 
stellten im Aufsichtsrat jedes dieser Syndikate 2 — 3 Sitze und im 
geschäftsführenden Vorstand einen Platz erhalten. Abweichend 
hiervon werden die Gasanstalten zu einem Reichsgaskokssyndikat 
zusammengefaßt, das dieselben Aufgaben für Gaskoks hat. Die Be- 
zirkssyndikate bilden zusammen ein Reichssyndikat, den soge- 
nannten Reichskohlenverband, in dessen Aufsichtsrat die 
Arbeiter 3 Plätze, die Angestellten 1 und die Verbraucher 1, die 

1) Oberbergrat Dr. Paxmann, in der Schrift „Die Gefahren der Sozialisiemng" 
(Essen 1919, „Deutsche Bergwerkszeitung" G. m. b. H.). 

Jahrb. f. Nütionalök. a. Stat. Bd. 118 (Driae Fol|re Bd. 56). 2 



18 Georg Jahn, 

Arbeiter außerdem einen Sitz im geschäftsführenden Vorstand haben. 
Er hat die Gesamtförderung und den Gesamtabsatz zu regeln, also 
besonders den Ausgleich zwischen den Bezirksyndikaten herbeizu- 
führen, die Ein- und Ausfuhr zu ordnen, die Aufbringung der Reichs- 
abgabe zu bewerkstelligen, die allgemeinen Lieferungsbedingungen 
zu normieren und vor allem die Preise zu bestimmen. Bei der 
Preisfestsetzung haben die Bezirkssyndikate und die Kohlen- 
handelsgesellschaften ein Vorschlagsrecht, während der Reichskohlen- 
rat als beratende Körperschaft gutachtlich zu hören ist und das 
Reichswirtschaftsministerium als oberste Instanz seine Zustimmung 
zu geben hat und gegebenenfalls Preisherabsetzungen verlangen kann. 
Für den Kleinhandel können die Gemeinden mit mehr als 10000 
Einwohnern und die Gemeindeverbände weitere Preisfestsetzungen 
vornehmen. Für den Absatz wird das Reich in Bezirke aufgeteilt 
und für jedes solches Kohlenabsatzgebiet eine Kohlenhandels- 
gesellschaft errichtet, deren Gesellschafter der Reichskohlenver- 
band, die beteiligten Bezirkssyndikate und eine größere Anzahl von 
Kohlenhandelsfirmen sind. Aufgabe der Kohlenhandelsgesellschaften 
ist der Vertrieb aller Brennstoffe in ihrem Gebiet; doch sind sie 
nicht Zwangsorganisationen, durch die der freie Handel vollständig 
ersetzt wird. Sie sind verpflichtet, nach Maßgabe der verfügbaren 
Mengen jedem Verbraucher in ihrem Absatzgebiet seinen Bedarf in 
einer bestimmten Mindestmenge gegen Vorauszahlung zu dem Syndi- 
katspreis zu liefern, während sie selbst von den Bezirkssyndikaten 
zur Bestreitung ihrer Unkosten Rabatte erhalten, deren Höhe der 
Reichskohlenverband festsetzt. Dem Verbraucher soll es aber auch 
ermöglicht werden, seinen Bedarf, wenn dieser mindestens 1 Eisen- 
bahnwagen umfaßt, zu den dafür festzusetzenden und zu veröffent- 
lichenden Preisen, Zeiten und sonstigen Bedingungen gegen Bar- 
zahlung direkt zu beziehen. Verbrauchergenossenschaften und deren 
Verbände werden im Einkauf bei den Bezirkssyndikaten wie Wieder- 
verkäufer behandelt. Für die Ausfuhr wird das Ausland in Kohlen- 
ausfuhrgebiete aufgeteilt und für jedes Ausfuhrgebiet eine Kohlen- 
ausfuhrgesellschaft gebildet, die nach den "Weisungen des 
Reichskohlenverbandes arbeitet. Für die Regelung der Einfuhr end- 
lich wird eine den Bezirkssyndikaten ähnliche Organisation beim 
Reichssyndikat geschaffen. Die oberste Leitung der ganzen Kohlen- 
wirtschaft liegt beim Reichskohlenrat, der sich aus je 15 Ver- 
tretern der Arbeitgeber und Arbeitnehmer des Kohlenbergbaus 
(darunter je 1 der Gasanstalten), 2 Vertretern der technischen und 
1 der kaufmännischen Angestellten, 3 Vertretern des Kohlenhandels, 
10 Vertretern der Verbraucher (je 2 Vertreter der Arbeitgeber und 
Arbeitnehmer der kohlen verbrauchenden Industrie, je 2 Vertreter 
des Kleingewerbes und der Genossenschaften, je 1 Vertreter der 
städtischen und der ländlichen Verbraucher) und 4 Vertretern von 
Wissenschaft und Technik (je 1 Sachverständigen des Kohlenberg- 
baus, der Kohlenforschung, des Verkehrswesens, der Dampfkessel- 
technik) zusammensetzt und in dem das Reichswirtschaftsministerium 



Die UmbilduDg im Kohlenbergbau. X9 

durch Bevollmächtigte vertreten ist. Es hat die allgemeinen Richt- 
linien für die Bewirtschaftung der Brennstoffe festzusetzen, die 
Aufsicht über die Bezirkssyndikate und den Reichskohlenverband 
zu führen und für ihr einheitliches Zusammenwirken zu sorgen, die 
dem Reichswirtschaftsministerum seitens des Reichssyndikats ge- 
machten Preisvorschläge zu begutachten und bei Berufungen zu ent- 
scheiden. Unterstützend stehen ihm ein technisch-wirtschaft- 
licher Sachverständigenausschuß für Kohlenbergbau, 
ein technisch-wirtschaftlicher Sachverständigenaus- 
schuß für Brennstoffverwendung und ein sozialpoli- 
tischer Sachverständigenausschuß für Kohlenbergbau 
zur Seite, Die beiden ersteren sollen durch Sammlung und Ver- 
breitung technischer und technisch-wirtschaftlicher Kenntnisse aus 
Praxis und Forschung sowie durch Beteiligung an praktischen Unter- 
suchungen die Wirtschaftlichkeit der Gewinnung und Verwertung 
der Brennstoffe fördern, während die letztere, eine aus Unternehmern 
und Arbeitern zusammengesetzte Arbeitsgemeinschaft, sich mit der 
Regelung aller aus der gemeinsamen Beteiligung von Bergwerks- 
inhabern und Bergarbeitern am gesamten Produktionsprozeß sich er- 
gebenden Fragen zu befassen, den Abschluß von Verträgen und 
Abkommen zu vermitteln, Streitigkeiten zu schlichten und dem 
Reichskohlenverband als sachverständige Beratungsstelle zu dienen 
haben wird. 

Man sieht auf den ersten Blick, daß diese durchaus in sich ge- 
schlossene Zwangsorganisation eine erste Verwirklichung der Ideen 
Rathenaus mit allen ihren Vorzügen und Fehlern ist^). Sie knüpft 
an die bisher im Kohlenbergbau vorhandenen Syndikate und die 
von ihnen entwickelte Absatzorganisation und wandelt sie in Zwangs- 
verbände um. Dadurch wird von vornherein jeder zur Neuerrichtung 
von Betrieben führende und zur Verbesserung der Technik an- 
reizende Wettbewerb ausgeschaltet, der auch bei dem bisher festesten 
Syndikat, dem Rheinisch- Westfälischen, keineswegs fehlte, wie aus 
der in jeder Syndikatsperiode wachsenden Zahl von Außenseitern 
und dem Sinken des Syndikatsanteils an der Gesamtförderung un- 
zweideutig hervorgeht. Statt dessen wird jeder Betrieb in seiner 
Existenz gesichert, auch wenn er unter ungünstigen Bedingungen 
arbeitet, und seine hohen Gestehungskosten werden bei der vor- 
gesehenen Art der Preisbestimmung nicht unberücksichtigt bleiben. 
Die an sich gute Zusammenfassung der Bezirkssyndikate zum Reichs- 
kohlenverband hat den großen Nachteil, daß sie die verschieden ge- 
richteten Interessen des Steinkohlen- und des Braunkohlenbergbaus 
gewaltsam durch Majoritätsbeschlüsse inUebereinstimmung zu bringen 
sucht. Das aber dürfte unter allen Umständen auf eine Majorisierung 
des Braunkohlenbergbaus hinauslaufen, da man das Stimmrecht der 
Gesellschafter des Reichskohlenverbandes nicht wohl anders als nach 



1) Vgl. bierzti meinen Aufsatz : Kenorganisation der VoHuwirtschaft?, in diesen 
„Jahrbüchern" III. F, 57. Bd. 8. 535 fg. u. 8. 628 fg. 

2* 



20 Georg Jahn, 

der Beteiligung am Absatz bemessen Jtann, wobei dem Braunkohlen- 
bergbau auch noch das Umrechnungsverhältnis von Braunkohle in 
Steinkohle sehr nachteilig ist. Der Braunkohlenbergbau wird über 
kaum mehr als ein Sechstel der Stimmen im Reichskohlenverband 
verfügen, während der Ruhrkohlenbergbau allein fast die Hälfte und 
mit dem wesentlich gleichartige Interessen besitzenden rheinischen 
Braunkohlenbergbau zusammen die Mehrheit aller Stimmen haben 
wird. Das aber bedeutet, daß z. B. der mitteldeutsche Braunkohlen- 
bergbau jener Mehrheit oder dem Steinkohlenbergbau als Ganzem 
unbedingt ausgeliefert ist und dies vor allem in der Preisbemessung 
spüren wird. Diese zu einer Verwaltungsangelegenheit machen zu 
wollen, ist ein Unterfangen, das nach den Erfahrungen des Krieges 
nur zu Fehlschlägen führen kann. Entweder geht dabei der Kampf 
zwischen den Interessengruppen ruhig weiter, nur daß er in den 
Reichskohlenverband verlegt wird und dann hier durch Majoritäten 
„geschlichtet" wird, oder aber die Preise werden nach bestimmten 
Gesichtspunkten unter Zugrundelegung der mittleren Gestehungs- 
kosten schematisch berechnet^). Im ersteren Falle werden selbst- 
verständlich die stärksten Interessengruppen die entscheidende Stimme 
haben, trotz des Einspruchsrechtes der in solchen Fragen kaum sach- 
verständigen Reichsregierung. Auch die begutachtende Tätigkeit des 
Reichskohlenrates und das Stimmrecht der Arbeiterschaft in Auf- 
sichtsrat und Vorstand des Reichskohlenverbandes werden daran 
nichts ändern. Im Reichskohlenrat haben die Unternehmer, An- 
gestellten und Arbeiter des Bergbaus mit 83 Stimmen die große 
Mehrheit, und diese Mehrheit wird in allen Fällen zusammenhalten, 
in denen sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen berühren. 
Die Arbeitnehmervertreter werden stets geneigt sein, Preiserhöhungen 
zu bewilligen, wenn sie dadurch ihre Lohnforderungen durchsetzen 
können, und die Unternehmer werden den Arbeitern leichter nach- 
geben, wenn sie die Gewißheit haben, mit ihrer Hilfe eine ent- 
sprechende Erhöhung der Preise zu erlangen. Siegen werden also 
letzten Endes die Interessen der Bergarbeiter, wie sie schon jetzt 
den Kohlenbergbau und damit die deutsche Industrie ruiniert haben "-). 



1) Die Grundlagen solcher bureaukratischen Preisberechnung sind immer ziemlich 
willkürlich. Es besteht die Gefahr, daß dabei die Gestehungskosten der am schlechtesten 
arbeitenden Grube als unterste Grenze gewählt werden, weil natürlich auch sie noch 
anf ihre Rechnung kommen will. Wohin das aber führt, zeigt die kurze Geschichte des 
mssischen staatlichen Kohlenhandelsmonopols, bei dem zuerst die Selbstkosten des 
einzelnen Unternehmens, dann die durchschnittlichen Selbstkosten die Grundlagen für 
den üebemahmepreis bildeten. Vgl. hierzu die lehrreiche kleine Schrift von Dr. Bern- 
hard Treuenfels, Das russische staatliche Kohlenhandelsmonopol (Berlin-Friedenau, 
Freie Wirtschaft), aus der hervorgeht, daß das am 1. August 1917 ins Leben gerufene 
russische Kohlenhandelsmonopol am gegenseitigen Kampf der einzelnen Ressorts, dem 
riesigen Beamtenapparat, dem ungeheueren Rückgang der Arbeitsleistung des einzelnen 
Mannes, vor allem aber an der die allgemeine Korruption verstärkenden falschen Preis- 
festsetzung zugrunde gegangen ist und infolge des dringenden Verlangens der Produ- 
zenten sowohl als auch der Verbraucher am 1. Oktober 1918 aufgehoben werden mußte. 

2) Nachstehend ein praktischer Beweis für die Richtigkeit dieser Auffassung. Am 
6. Juni 1919 kam es zwischen den Bergarbeiterverbänden im Ruhrgebiet und dem 



Die Umbildung im Kohlenbergbau. \; 21 

Daß dabei die Verbraucher auf ihre Rechnung kommen, ist mehr 
als unwahrscheinlich. Sie sind in den Bezirkssyndikaten überhaupt 
nicht vertreten, haben im Gesamtverband nur einen Sitz und bilden 
im Reichskohlenrat mit ihren 10 Stimmen eine kleine Minorität, die 
der Preisdiktatur des Kohlenbergbaus unterworfen ist ^). Die Auf- 
sichtsbehörde wird ihnen dabei trotz ihres Rechtes, Widerspruch 
gegen Preiserhöhungen erheben und gegebenenfalls auch Preisherab- 
setzungen zu verlangen, nicht viel helfen können und wollen, zumal 
sie seit der Revolution immer wieder die Verbraucherinteressen den 
Arbeiterinteressen geopfert hat (z. B. bei der mehrfachen Erhöhung 
der Personen- und Frachtpreise der Eisenbahn, den TariferJiöhungen 
der Straßenbahnen usw.). 

Auch bei der an sich großzügigen Organisation des Absatzes 
werden mehr die Interessen des Kohlenbergbaus als die der Ver- 
braucher und des Handels berücksichtigt. Wenn die Kohlenhandels- 
gesellschaften auch keine geschlossenen Zwangsorganisationen sind, 
deren Mitglieder das Alleinvertriebsrecht besitzen, so bleibt dem 
freien Handel neben ihnen doch nur ein sehr geringer Spielraum, 
der allmählich immer weiter eingeengt werden wird. Damit aber 
wird der Händler zum bloßen Agenten des Syndikats (wie er es 
zum Teil schon vor dem Kriege war), zumal die Reichsregierung 
nach dem Sozialisierungsgesetz z. B. den Gemeinden das Recht geben 
kann, die Kohlenverteilung an die Verbraucher selbst vorzunehmen 
und damit auch noch dem Kohlenkleinhandel den letzten Rest seiner 
Selbständigkeit zu nehmen. Durch die völlige Einordnung des Han- 
dels in die Gesamtorganisation der Kohlen Wirtschaft aber verliert 
er notwendigerweise seine Stellung als ausgleichender Faktor zwischen 
den einzelnen Kohlenbezirken, den verschiedenen Kohlenarten (Stein- 
und Braunkohle) und den einzelnen Kohlensorten und damit seine 

Zechenverband in Essen zu folgender Vereinbarung: „Die Vertreter der Bergarbeiter- 
verbände verpflichten sich, entsprechend der am 8. Mai getroffenen Vereinbarung, mit 
allem Nachdruck dafür einzutreten, daß die Kohlenpreiserhöhung in der schon damals 
für erforderlich gehaltenen Höhe in vollem Umfange genehmigt wird. Unter dieser 
Voraussetzung erklären sich die Vertreter des Zechenverbandes bereit, den Verbands- 
raitgliedem zu empfehlen, vom Tage der Kohlenpreiserhöhung ab eine Zulage von 
durchschnittlich 2 M. je Mann und Schicht zu gewähren. Darüber, in welcher Weise 
die Verteilung dieser Zulage auf die einzelnen Arbeitergruppen erfolgen soll, wird bald- 
möglichst eine Verhandlung mit den beteiligten Verbänden stattfinden." Kurze Zeit 
darauf wurde die geforderte Preiserhöhung, wenn auch mit Einschränkungen, von der 
Reichsregierung bewilligt. 

1) In einem sehr beachtenswerten Artikel der „Frankfurter Zeitung" (1919 Nr. 390) 
legt Oberbürgermeister Siegris t- Karlsruhe an dem Beispiel der Berliner Gaswerke 
dar, wie die Verschlechterung und Verteuerung der Kohlen während des Krieges auf 
die Wirtschaftlichkeit der Gaswerke eingewirkt hat. Danach haben sich die Kohlen- 
preise etwa verdreifacht, während der Wert der Nebenerzeugnisse nur auf das Doppelte 
gestiegen ist, so daß der Netlokohlenpreis Anfang 1919 auf das Sieben- bis Achtfache des 
Friedenssatzes emporgeschnellt war. Man bekommt daraus einen Begriff, welche Lasten 
den Gaswerken und damit den Gasverbrauchern aufgebürdet werden, wenn die Kohlen- 
wirtschaft mit ihrer Qualitätsverschlechterung so weitergeht und die Gaswerke sich die 
durch keinerlei Konkurrenz in Schach gehaltenen Monopolpreise des Reichskohlen- 
Syndikats gefallen lassen müssen. 



22 Georg Jahn, 

Bedeutung für die Preisbildung. Das ist ein Schaden, den letzten 
Endes auch wieder die Verbraucher zu tragen haben werden, wenn 
man nach den Erfahrungen der Kriegswirtschaft urteilen darf, in 
der den Händlern grundsätzlich nur die Rolle bloßer Verteilungs- 
organe eingeräumt wurde und in der dennoch die Verbraucher mit 
höheren Zwischengewinnen belastet waren als in der sogenannten 
freien Wirtschaft. 

Verhältnismäßig wenig ändert sich mit der Durchführung der 
Gesamtorganisation der Kohlenwirtschaft — rein äußerlich betrachtet 
— die Stellung des Unternehmers im Bergbau. Hier wird im wesent- 
lichen nur die Entwicklung zum Abschluß und zur Vollendung ge- 
bracht, die sich bereits in der Periode der Syndikatsherrschafl in 
hohem Grade vollzogen hat. Das aber heißt, daß jeder Unternehmer 
im Steinkohlen- und Braunkohlenbergbau die Einschränkung seiner 
Selbständigkeit und Handlungsfreiheit erfährt, die etwa der Gruben- 
besitzer des Ruhrgebietes durch das Rheinisch- Westfälische Kohlen- 
syndikat erlitten hat. Sein Einfluß auf den Absatz und die Preise 
wird noch geringer als schon bisher, da er ihn in den Bezirksver- 
bänden, im Reichskohlensyndikat und im Reichskohlenrat mit den 
Vertretern der Arbeiter und Angestellten teilen muß, und im Be- 
triebe selbst schrumpft seine Stellung immer mehr zu der eines 
technischen Betriebsleiters zusammen, dem Art und Umfang seiner 
Tätigkeit von der Organisation vorgeschrieben wird. Das kann aber 
selbstverständlich nicht ohne Rückwirkung auf seine seelische und 
geistige Struktur bleiben: Die bureaukptischen Hemmungen mehren 
sich, Wagemut und Unternehmungslust werden gezügelt, das Risiko 
sinkt und die Gewinne werden künstlich auf gleichmäßig niederer 
Stufe gehalten. Daß darin der für Deutschlands Volkswirtschaft so 
dringend nötige Anreiz zur Anspannung aller Kräfte und Fähig- 
keiten liegen sollte, kann kaum behauptet werden. 

Zu alledem kommt, daß sich durch die Revolution die Macht- 
position des Unternehmers im Betriebe selbst, seine autoritative 
Stellung den Arbeitnehmern gegenüber von Grund aus gewandelt 
hat. Auch wenn man dabei von der vorübergehenden Gewaltherr- 
schaft der Arbeiter in den Grubenbetrieben absieht, bleiben doch 
noch genug dauernde Eroberungen der Arbeiterschaft übrig. Bereits 
die Reichsverordnung vom 28. Dezember 1918 über Tarifverträge, 
Arbeiter- und Angestelltenausschüsse und Schlichtung von Arbeiter- 
streitigkeiten ^) hat die Arbeiter- und Angestelltenausschüsse zu 
obligatorischen Einrichtungen gemacht und in ihrer Selbständigkeit 
dem Unternehmer gegenüber gesichert, und das im Entwurf vor- 
liegende Gesetz über die Betriebsräte erweitert ihre Befugnisse noch 
in mancher Hinsicht. Danach umfaßt der Aufgabenkreis des Be- 
triebsrates die Wahrnehmung aller Interessen der Arbeitnehmer 
(Arbeiter und Angestellte) eines Betriebes und die Unterstützung 
des Arbeitgebers in der Erfüllung der Betriebszwecke. Insbesondere 



1) Beicbagesetzblatt 1918, 8. 1456. 



Die Umbildung im Kohlenbergbau. 23 

soll er die Anwendung der gesetzlichen Arbeiterschutzvorschriften 
überwachen und die Gewerbeaufsichtsbeamten in der Bekämpfung 
von Unfall- und Gesundheitsgefahren unterstützen, die Arbeitsord- 
nung gemeinsam mit dem Arbeitgeber festsetzen, die zwischen den 
Berufsvereinen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer vereinbarten Tarif- 
verträge im einzelnen Betriebe durchführen, sowie bei der Festsetzung 
der Akkord- und Stücklohnsätze, der Einführung neuer Arbeits- und 
Löhnungsmethoden, der Regelung des Erholungsurlaubes und der 
Ordnung des Lehrlingswesens mitwirken. Er erhält ferner ein be- 
deutsames Mitbestimmungs- und Einspruchsrecht bei der Einstellung, 
Kündigung und Entlassung der Arbeiter und Angestellten, ist an 
der Verwaltung von Betriebswohlfahrtseinrichtungen zu beteiligen 
und soll endlich den Arbeitgeber bei der Betriebsleitung durch Rat 
und durch Sorge für einen möglichst hohen Stand der Arbeits- 
leistungen unterstützen. Um dem Ausschuß die Durchführung seiner 
Aufgaben zu erleichtern, soll der Arbeitgeber verpflichtet sein, ihm 
über alle die Arbeitnehmerverhältnisse berührenden Vorgänge ver- 
traulich Aufschluß zu geben, ihm insbesondere auf Verlangen die 
Lohnbücher vorzulegen und ihn über den Bestand an Aufträgen zu 
unterrichten. Man hofft dadurch zu erreichen, daß die Betriebsräte 
einen Einblick in die gesamten Wirtschaftsvorgänge des Betriebes 
erhalten, die Grundlagen der Preis- und Lohnbemessung kennen 
lernen und sich dann auf Grund der so gewonnenen Erfahrung und 
Sachkunde fördernd an der Wirtschaft beteiligen, ohne zugleich die 
selbständige Leitung des Betriebes durch seinen Inhaber oder Direktor 
zu beeinträchtigen. Ob sich diese Erwartung erfüllt, mag dahin- 
gestellt bleiben; für die Betriebsleitung aber bedeutet die ganze 
Regelung eine solche Hemmung und Bindung, daß es sicherlich 
besser wäre, der Arbeitnehmerschaft ein bestimmtes, klar abgegrenztes 
Maß verantwortungsvoller Mitwirkung an der Betriebsleitung (bei 
Gesellschaftsunternehmungen, wie sie im Kohlenbergbau so häufig 
sind, etwa durch Vertretung im Aufsichtsrat oder auch im geschäfts- 
führenden Vorstand) zu geben. 

Denn das ist heute überhaupt die Kardinalfrage, deren glück- 
liche Lösung allein dauerhafte Verhältnisse zu schaffen vermag: Wie 
kann die Forderung der Arbeiterschaft auf mitbestimmende Anteil- 
nahme erfüllt werden, ohne zugleich die Leistung des einzelnen Be- 
triebes zu beeinträchtigen? Was heute den Gegensatz zwischen 
Unternehmern und Arbeitern am stärksten bestimmt und am meisten 
verschärft, ist ja nicht allein die Tatsache, daß der Unternehmer 
mehr verdient und besser lebt als der Arbeiter, sondern vor allem 
das Bewußtsein, daß die Betriebsinhaber, seien es nun die Aktionäre 
oder die Gesellschafter oder die Teilhaber oder die alleinigen Be- 
sitzer eines Unternehmens, kraft ihres Besitzrechtes allein und eigen- 
mächtig darüber zu bestimmen haben, welcher Teil des Betriebs- 
gewinnes für den Amortisations- und Neuanschaffungsfonds, welcher 
für Notfälle aufgespart und welcher als Dividende und Tantieme 
ausgeschüttet werden soll. Der aus diesem Bewußtsein heraus ge- 



/ 



24 



Georg Jahn, 



borene Haß gegen den Einzelreichtum, das „arbeitslose" Einkommen 
des Kapitalisten, der seit der Revolution an den finanziellen Funda- 
menten der ganzen Industrie und besonders auch des Kohlenberg- 
baus frißt, kann nur ausgelöscht werden, wenn der Arbeitnehmer- 
schaft ein begrenztes Recht der Mitbestimmung über die Verwendung 
des finanziellen Ertrages „ihres" Betriebes eingeräumt wird. Er- 
folgt diese verantwortungsvolle Mitwirkung eines oder mehrerer 
Arbeitervertreter in zweckmäßiger Form, so wird sie dem Betriebe 
nicht schaden, sondern die Arbeiterschaft erziehen und sie darüber 
belehren, daß auch ein „sozialisierter" Betrieb nicht auf Gewinne 
verzichten kann, wenn er sich durch stete Erneuerung und Ver- 
besserung seines Arbeitsapparates und seiner Organisation leistungs- 
fähig erhalten will, daß auch der Kapitalzins seine volkswirtschaft- 
liche Berechtigung hat, weil nur durch ihn die zur Gründung neuer 
Unternehmungen (und also Arbeitsgelegenheiten) nötigen Kapital- 
reserven gebildet werden können, und daß ihre Vorstellungen von 
der Größe der Unternehmergewinne im Vergleich zum Lohnaufwand 
durchaus falsche sind. Allerdings waren die Unternehmergewinne 
z. B. im Ruhrbergbau verhältnismäßig hohe, wie aus der folgenden 
Berechnung hervorgeht, die einem Aufsatz von Dr. E. Jüngst ^) ent- 
nommen ist: 





Arbeitskosten 


Unter- 
nehmer- 


Gesamt- 
summe 


Von der Gesamtsumme 


Jahr 


Arbeits- Sozial ver- 


Arbeits- 


ünter- 




lohne Sicherung 


gewinn 




kosten 


nehmer- 




Mill. M. Mill. M. 


Mill. M. 


Mill. M. 


Proz. 


Proz, 


1910 


531.9 


69,6 


88,6 


620,6 


85,72 


14,28 


1911 


5668 


72,9 


101,4 


668,2 


84,8s 


15,17 


1912 


650,6 


79,9 


117,3 


767,9 


84,79 


15,28 


1913 


755,8 


83-1 


122,9 


879,» 


86,00 


14,00 


1914 


661,2 


79,8 


81,6 


742,8 


89,02 


10,88 


1915 


577,1 


62,1 


101,4 


678.6 


85,06 


14,94 


1916 


715.3 


65,6 


129,3 


844,7 


84,69 


15,81 


1917 


959>i 


79,5 


142,0 


1101,1 


87,10 


12,90 


1918 


1189,2 


100,4 


101,9 


1291,1 


92,11 


7,89 



Selbst wenn man den ganzen Unternehmergewinn den Arbeitern zu- 
wenden wollte, woran kein vernünftig geleiteter Betrieb jemals 
denken könnte, so würde dadurch kaum eine größere Lohnerhöhung 
eintreten, als ^ie die Arbeiterschaft bei jeder erfolgreichen Lohn- 
bewegung mindestens erzielt, und die Steigerung der Lebenshaltung 
würde nur eine unbedeutende sein. Dieser Erfolg, von dem heute 



1) Dr. E. Jüngst, Arbeitslohn und Untemehmergewinn im Ruhrbergban (Glück- 
auf, 35. Jahrg., 1919, Nr. 11 v. 15. März 1919). Die Berechnung ist für die ganze 
Förderung in der Weise vorgenommen, daß für die Unternehmungen, die wie Familien- 
Mcben nicht öffentlich Rechnung legen oder wie die gemischten Werke den auf ihren 
Bergbaubetrieb entfallenden Gewinn nicht gesondert nachweisen, derselbe Ausbeutebetrag 
für die Tonne angenommen wurde, der sich für die Gesamtheit der reinen Zechen mit 
öffentlicher Rechnungslegung ergibt. 



Die Umbildung im Kohlenbergbau. 25 

wie immer aller kulturelle Fortschritt der Massen abhängt, hat eben 
andere Voraussetzungen als eine solche Gleichmacherei der Ein- 
kommensverhältnisse. Er kann in alle Ewigkeit nur erreicht werden 
durch eine Steigerung des Nutzeffektes der Arbeit, die wiederum 
davon abhängig ist, daß alle in einem Betriebe steckenden Energien 
restlos entfesselt werden. Die völlige Beseitigung des kapitalistischen 
Eigeninteresses der Unternehmer und Betriebsleiter ist geeignet, sie 
zu lähmen; die Aufrechterhaltung der einseitigen finanziellen Be- 
stimmungsgewalt der Arbeitgeber verhindert die Ueberwindung des 
Gegensatzes zwischen diesen und den Arbeitern, reizt zur Erpressung 
überspannter Löhne, drückt die Arbeitsleistungen herab und gefährdet 
geradezu die Existenz der Industrie; aber die Verstärkung des Eigen- 
interesses der Arbeitnehmer durch Erhöhung ihrer Verfügungsgewalt 
kann und wird günstig auf den wirtschaftlichen Erfolg einwirken. 
Und indem man den Ertrag des Kapitals anders verteilt und an die 
Stelle des Unternehmerreichtums den Reichtum des Unternehmens, 
d. h. der Gesamtheit der in einem Betriebe Schaffenden, setzt, regt 
man das Kapital neu an und fügt der Wirtschaft eine neue Trieb- 
feder ein, die ihre Umbildung erst vollenden wird. 



20 Nationalökonomische Gesetzgebung. 



.Nationalökonomisclie Gresetzgebimg. 



Die durcli den Krieg hervorgerufenen Gesetze, Ver- 
ordnungen, Bekanntmachungen usw., soweit sie im 
Eeichsgesetzblatt veröffentlicht worden sind. 

[12. Fortsetzung — zugleich Schluß.] 

(Die Zeit vom 1. August bis 9. November 1918 umfassend.) 

Von Dr. Johannes Müller- Halle, Weimar. 

Vorbemerkung: Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 hat den 
KJrieg-zu seinem tatsächlichen, wenn auch noch nicht formellen, Abschluß ge- 
bracht. Von diesem Tage ab ist die Gesetzgebung also nicht mehr Kriegs-, 
sondern Abrüstungs- und Uebergangsgesetzgebung. Durch die voraufgegangene 
Umwälzung vom 9. November 1918 ist gleichzeitig die gesamte deutsche Wirt- 
schaftsgesetzgebung in neue Bahnen gelenkt worden. Die Ereignisse des 9./11. No- 
vember bUden also einen tiefen Einschnitt in das Wirtschaftsleben des deutschen 
Volkes; als Ende des Weltkrieges bringen sie auch für diese üebersichten der 
KJriegsgesetzgebung den Abschluß. 

Die später folgenden üebersichten, die in ähnlicher Weise wie bisher ein 
kurzes Bild der hauptsächlichsten gesetzgeberischen Maßnahmen geben sollen, 
werden in zwei getrennten ßeihen der Abrüstungs- und Uebergangswirtschaft und 
den unter der neuen Regierung zum Wiederaufbau unseres Wirtschaftslebens 
auf neuer Grundlage erlassenen Gesetzen gewidmet sein. 

Die zwölf bisher veröffentlichten üebersichten sind erschienen in: 

Bd. 49, 8. 52—76 (von Kriegsausbruch bis Ende November 1914), 

Bd. 50, 8. 44-68 (Dezember 1914 bis März 1915), 

Bd. 50, 8. 313—335 (Aprü bis Juli 1915), 

Bd. 51, 8. 349-375 (August bis November 1915), 

Bd. 52, 8. 215-238 (Dezember 1915 bis März 1916), 

Bd. 53, 8. 65-80 und 183—211 (Aprü bis Juli 1916), 

Bd. 54, 8. 164—180 und 304—322 (August bis November 1916), 

Bd. 55, 8. 73-78, 213-223 und 323—332 (Dezember 1916 bis März 1917), 

Bd. 56, 8. 47-58, 169-176 und 291—302 (Aprü bis Juli 1917), 

Bd. 56, 8. 439-452 und 575-590 (August bis November 1917), 

Bd. 57, 8. 38-57 (Dezember 1917 bis März 1918), 

Bd. 57, 8. 433-444 und 547-555 (April bis Juli 1918). 

Bekanntmachung betr. die Außerkurssetzung derPünfund- 
zwanzigpfennigstücke aus Nickel. Vom 1. August 1918 
(RGBl. S. 990). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 827). 

Die 25 -Pfennigstücke werden mit dem 1. Oktober 1918 außer Kurs gesetzt. 
— Vgl. auch Bekanntmachung vom 12. Juli 1917 — Bd. 56, 8. 297 — wegen 
der Zweimarkstücke. 

Bekanntmachung über Sammelheizungs- und Wa rmwas Ser- 
ver sorgungsanlagen in Mieträamen. Vom 1. August 1918 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 27 

(RGBl. S. 991). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. 
S. 327). 

Die Verordnung vom 2. November 1917 — vgl. Bd. 56, S. 583 — soll auch 
für die nächstfolgenden Winter gelten. 

Bekanntmachung über die Geltendmachung von Ansprüchen 
von Personen, die im Ausland ihren Wohnsitz haben. 
Vom 1. August 1918 (RGBl. S. 991). Auf Grund des Ges. vom 4. August 
1914 (RGBl. S. 327). 

Die oben genannten Personen — vgl. hierzu jedoch die Bekanntmachungen 
vom 20. April 1915 — Bd. 50, 8. 314 — und vom 25. Juni 1915 — Bd. 50, 
8. 323 — ) können vermögensrechtliche Ansprüche bis zum 30. November 1918 
(nach Bekanntmachungen vom 31. Oktober : 18. Februar 1919) nicht geltend 
machen; bei bereits rechtshängigen Ansprüchen ruht das Verfahren bis zum 
gleichen Zeitpunkt. (Vgl. wegen der früheren Bekanntmachungen die Bekannt- 
machungen vom 20. Dezember 1917, Bd. 57, 8. 41 imd vom 25. April 1918, 
Bd. 57, 8. 435). 

Bekanntmachung betr. die Fristen des Wechsel- und 
Scheckrechts für Elsaß-Lothringen. Vom 1. August 1918 
(RGBl. S. 992). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. 
ö. 327). 

Durch die Bekanntmachung werden die Fristen des Wechsel- und Scheck- 
rechts für Elsaß-Lothringen weiter bis zum 30. November 1918 (nach Bekannt- 
machung vom 31. Oktober 1918 : 28. November 1919) verlängert. (Vgl. wegen der 
bisherigen Bekanntmachungen die Bekanntmachungen vom 13. April 1916 — 
Bd. 33, 8. 69, 20. Dezember 1917, Bd. 57, 8. 41 und 25. April 1918, Bd. 57, 8. 435. 

Bekanntmachung betr. die Prägung von Fünfpfennig- 
stücken aus Eisen, Vom 1. August 1918 (RGBl. S. 998). Auf 
Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Es dürfen außerhalb der im Münzgesetz festgesetzten Grenze weitere Fünf-- 
Pfennigstücke aus Eisen bis zur Höhe von 10 Mill. M. hergestellt werden. — 
Vgl. wegen der bisherigen Bekanntmachungen die Bekanntmachung vom 8. Mai 
1918, Bd. 57, 8. 438 und die weitere Bekanntmachung vom 3. Oktober 1918, 
unten 8. 33. 

Verordnung über künstliche Düngemittel. Vom 3. August 
1918 (RGBl. S. 999 ff.). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 
(RGBl. S. 327). 

Die Höchstpreisliste (Herstellerhöchstpreise) wird grundlegend umgeändert, 
unter zum Teil wesentlichen Erhöhungen der Höchstpreise. Für den Weiterver- 
kauf werden bestimmte Zuschläge festgesetzt. Bei jeder Veräußerung von künst- 
lichen Düngemitteln hat der Veräußerer dem Erwerber eine schriftliche Mittei- 
lung über Art des Düngemittels, Gehalt an Stickstoff, Phosphorsäure und Kali 
und Löslichkeit dieser Bestandteile einzuhändigen. Künstliche Düngemittel, die 
in der Höchstpreisliste nicht enthalten sind, dürfen nur mit besonderer Ge- 
nehmigung hergestellt oder abgesetzt werden. Die zahlreichen bisherigen Ver- 
ordnungen über künstliche Düngemittel, insbesondere auch die bisherige grund- 
legende Verordnung vom 11. Januar 1916 — Bd. 52, 8. 222 — werden aufgehoben. 

Bekanntmachung betr. die Postprotestauftrage mit 
Wechseln und Schecken, die in Elsaß-Lothringen zahl- 
bar sind. Vom 6. August 1918 (RGBl. S. 1061 f.). 

Die Bekanntmachung enthält die mit Hinsicht auf die Bekanntmachung 
vom 1. August 1918 (vgl. oben gleiche Seite) notwendige Aenderung der posta- 
lischen Vorschriften. 



28 Natioualökonomische Gesetzgebung. 

Bekanntmachung zum Biersteuergesetze. Vom 8. August 
1918 (RGBl. S. 1063). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 
(RGBl. S. 327). 

Als Vollbier soll bis auf weiteres Bier mit einem Stammwürzegehalt von 
47j— 13 V. H. gelten, während das Biersteuergesetz vom 26. Juli 1918 (vgl. Bd. 57, 
S. 550 f.) unter Vollbier ein Bier mit einem Stammwürzegehalt von 8—13 v. H. 
versteht. 

Bekanntmachung betr. die Fassung des Schaumweinsteuer- 
gesetzes. Vom 8. August 1918 (RGBl. S. 1064ff.). Auf Grund des 
Ges. vom 26. Juli 1918 (RGBl. S. 847). 

Vgl. Bd. 57, S. 550. 

Gesetz zur Heranziehung' von Heeresunfähigen zum 
militärischen Arbeitsdienste. Vom 1. August 1918 (RGBl. 
S. 1071). — Mit Ausführungsverordnung vom 20. August 1918 (RGBl. 
S. 1077 f.). 

Während des gegenwärtigen Krieges können Wehrpflichtige, die infolge 
etrafgerichtlichen Urteils zum Dienste im Heere und in der Marine unfähig 
sind, zum militärischen Arbeitsdienst in besonderen Verbänden herangezogen 
werden. 

Verordnung zur Abänderung der Verordnung über die 
Preise für Heu aus der Ernte 1918. Vom 12. August 1918 
(RGBl. S. 1073). Auf Grund der Verordnung vom 22. Mai 1916/ 
18. August 1917 (RGBl. S. 401/823). 

Die Höchspreise werden für Kleeheu von 180 auf 220, für sonstiges Heu 
von 160 auf 200 M. für die Tonne erhöht. — Vgl. Verordnung vom 24. Mai 
19 18, Bd. 57, 8. 436. 

Bekanntmachung betr. Zollerleichterungen für Arbeits- 
erzeugnisse der in den Niederlanden untergebrachten 
deutschen Gefangenen. Vom 15. August 1918 (RGBl. S. 1075). 
Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Die genannten Erzeugnisse sollen zollfrei sein. (Vgl. wegen Zollfreiheit 
zugunsten der in der Schweiz untergebrachten Gefangenen Bekanntmachung vom 
8. Februar 1917 Bd. 55, S. 217). 

Bekanntmachung betr. die Verlängerung der Prioritäts- 
fristen in Norwegen. Vom 19. August 1918 (RGBl. S. 1076). 
Auf Grund der Bekanntmachung vom 7. Mai 1915 (RGBl. S. 272). 

Die in der Bekanntmachung vom 7. Mai 1915 (vgl. Bd. 50, 8. 316) ge- 
nannten Fristen, die in Norwegen für Patente bereits durch Bekanntmachung 
vom 18. August 1916, 18. August 1917 und 5. Februar 1918 verlängert waren, 
werden für Patente weiter bis zum 31. Dezember 1918 verlängert. — vgl. wegen 
Prioritätsfristen Bekanntmachungen vom 8. April 1916 (Bd. 53, S. 68), 7. August 
1917 (Bd. 56, 8. 441), 3. Januar 1918 (Bd. 57, 8. 44), 5. Februar 1918 (Bd. 57, 
8. 50), 28. Mai 1918 (Bd. 57, 8. 440), folgende Bekanntmachung, und Bekannt- 
machung vom 24. Oktober 1918, unten 8. 35. 

Bekanntmachung betr. die Verlängerung der Prioritäts- 
fristen in Schweden. Vom 23. August 1918 (RGBl. S. 1078). 
Auf Grund der Bekanntmachung vom 7. Mai 1915 (RGBl. S. 272). 

In Schweden werden die in der Bekanntmachung vom 7. Mai 1915 (vgl. 
Bd. 56, 8. 316) genannten, bereits durch Bekanntmachung vom 20. August 1917 



Nationalökonomisohe Gesetzgebung. 29 

verlängerten Prioritätsfristen für Patente weiter bis zum 31. Juli 1919 verlängert. 
— Vgl. vorhergehende Bekanntmachung. 

Bekanntmachung über Gummisauger. Vom 27. August 1918 
(RGBl. S. 1083). — Mit Ausführungsbestimmungen vom gleichen Tage 
(RGBl. S. 1087 f.). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. 
S. 327). 

Gummisauger und ähnliche Erzeugnisse sind an die Handelsgesellschaft 
Deutscher Apotheker zu liefern; sie dürfen außerhalb der Apotheken nicht feil- 
gehalten werden. — Die Bekanntmachung tritt an die Stelle der Bekanntmachung 
vom 3. August 1916, die nur eingeführte Gummisauger betraf. — Vgl. ßd. 54, 
8. 165. 

Verordnung zur Abänderung der Verordnung über Kaffee- 
Ersatzmittel. Vom 27. August 1918 (RGBl. S. 1084 f.). Auf Grund 
der Verordnung vom 11. November 1915/4. April 1916. 

Die Höchstpreise für Kaffeeersatzmittel, die nicht aus Getreide oder Malz 
hergestellt sind, werden wesentlich erhöht. — Vgl. Verordnungen vom 16. No- 
vember 1917 und 18. Dezember 1917, Bd. 56, S. 588 und Bd. 57, 8. 40. 

Bekanntmachung über Ausdehnung der Versicherungs- 
pflicht in der Angestelltenversicherung. Vom 28. August 
1918 (RGBl. S. 1085 f.) Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 
(RGBl. S. 327). 

Angestellte, die nach dem Versicherungsgesetz für Angestellte versichert 
sind und aus der Versicherungspflicht ausscheiden würden, weil sich ihr Jahres- 
arbeitsverdienst auf über 5000 M. erhöht, bleiben versicherungspflichtig, sofern 
ihr Jahresarbeitsverdienst 7000 M. nicht übersteigt. 

Verordnung über Höchstpreise für Grieß, Graupen und 
Grütze. Vom 29. August 1918 (RGBl. S. 1089 f.). Auf Grund der 
Verordnung vom 22. Mai 1916/18. August 1917 (RGBl. S. 401/823). 

Die Großhandels- und Kleinhandelshöchstpreise für Grieß, Graupen und 
Grütze werden erhöht, letztere von 32 auf 48 Pf. für 1 Pfd. Grieß und von 36 
auf 44 Pf. für 1 Pfd. Graupen oder Grütze. — Vgl. wegen der bisherigen Höchst- 
preise die Verordnung vom 16. Oktober 1917, Bd. 56, 8. 578. 

Gesetz zur Abänderung des §lAbs. 1 des Gesetzes betr. 
Bürgschaften des Reichs zur Förderung des Baues von 
Kleinwohnungen für Reichs- und Militärbedienstete, 
vom 10. Juni 1914. Vom 24. August 1918 (RGBl. S. 1091). 

Die Fürsorge des angeführten Gesetzes wird auch auf Kriegsbeschädigte 
und Witwen der im Kriege Gefallenen ausgedehnt. 

Verordnung zur Aenderung der Verordnung über Wein. 
Vom 31. August 1918 (RGBl. S. 1092). Auf Grund der Verordnung 
vom 22. Mai 1916/18. August 1917 (RGBl. 8. 401/823). 

Die Verordnung vom 31. August 1917 — vgl. Bd. 56, 8. 447 — soll auch 
für das Erntejahr 1918 gelten. 

Verordnung über Saatkartoffeln aus der Ernte 1918. 
Vom 2. September 1918 (RGBl. S. 1092 ff.). Auf Grund des Ges. vom 
4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Die Bestimmungen dieser Verordnung entsprechen im wesentlichen denen 
der vorjährigen Verordnung vom 16. August 1917, vgl. daher Bd. 56, 8. 443. 
Als wichtige Aenderung ist lediglich hervorzuheben, daß neben den Kommunal- 



30 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

verbänden auch landwirtschaftliche ßerufsvertretungen als selbständige Ver- 
mittelungsstellen für den Verkehr mit Saatkartoffeln auftreten können. 

Verordnung über Kartoffeln. Vom 2. September 1918 (RGBl. 
S. 1095 ff.). Auf Grund der Verordnung vom 18. Juli 1918 (RGBl. 
S. 738). 

Wie im Vorjahr (vgl. Verordnung vom 16. August 1917, Bd. 56, S. 443} be- 
trägt der Wochenkopfsatz der versorgungsberechtigten Bevölkerung bis zu 7 Piund, 
der der Selbstversorger lO'/j Pfund. Die Konununalverbände haben zur Deckung 
des Bedarfs der Bevölkerung die von den Kartoffelerzeugern mit mehr als 200 qm 
Kartoffelanbaufläche geernteten Kartoffeln nach Abzug des Saatguts, des Eigen- 
bedarfs der Erzeuger usw. sicherzustellen. In Brennereien dürfen nur so viel 
selbstgebaute (andere nicht!) Kartoffeln verarbeitet werden, als dem für 1918/19 
festgesetzten Durchschnittsbrande bei einem Verbrauche von 18 Ztr. Kartoffeln 
für das Hektoliter reinen Alkohol entspricht. 

Verfüttert werden dürfen nur ungesunde und kleine Kartoffeln (wegen 
letzterer kleine Abänderung durch Verordnung vom 30. Oktober 1918). Kartoffel- 
stärke, -Stärkemehl und Erzeugnisse der Kartoffeltrocknerei dürfen überhaupt 
nicht verfüttert werden. 

Verordnung über die Verfütterung von Mais und Lupinen. 
Vom 31. August 1918 (RGBl. S. 1098). Auf Grund der Reichsgetreide- 
ordnung (RGBl S. 434). 

Austeile von Hafer und Gerste darf in dem durch die Verordnung vom 
30. Juli 1918 (vgl. Bd. 57, 8. 554) festgesetzten umfange Mais verfüttert werden. 
An Lupinen dürfen Unternehmer landwirtschaftlicher Betriebe bis zur Hälfte der 
geernteten Früchte verfüttern. 

Verordnung über Kolonialwaren. Vom 2. September 1918 
(RGBl. S. 1099 f.). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. 
S. 327). 

Der Eeichskanzler wird ermächtigt, die für die Zwecke der Uebergangs- 
wirtschaft erforderlichen vorbereitenden Maßnahmen zur Versorgung Deutschlands 
mit Kolonialwaren (Kaffee, Tee, Reis, Kakao und Erzeugnisse daraus) zu treffen, 
•nsbesondere Bestimmungen über Einfuhr, Verbrauch, Preise u. a. m. erlassen. 

Verordnung zur Abänderung der Verordnung über Bier 
nnd bierähnliche Getränke. Vom 6. September 1918 (RGBl. 
S. 1101 f.). Auf Grund der Verordnung vom 22. Mai 1916/18. August 
1917 (RGBl. S. 401/823). 

In Abänderung der Verordnung vom 24. Januar 1918 — vgl. Bd. 57, 8. 48 — 
wird bestimmt, daß nur Einfachbier mit einem Stammwürzegehalt von mindestens 
2 und nicht mehr als 3,5 v. H. hergestellt werden darf; aucn eine Reihe anderer, 
weniger wesentlicher Abänderungen wird getroffen. 

Verordnung über die Preise für Margarine. Vom 11. Sep- 
tember 1918 (RGBl. S. 1109 f.). Auf Grund verschiedener Verordnungen. 

Es werden die Handelszuschläge, die von den Kommunalverbänden, Ge- 
meinden, dem Groß- und Kleinhandel berechnet werden dürfen, neu festgesetzt. 
(Die bisherigen Festsetzungen sind nicht im RGBl, veröffentlicht gewesen.) 

Bekanntmachung über Höchstpreise für Soda. Vom 14. Sep- 
tember 1918 (RGBl. S. 1110). Auf Grund der Verordnung vom 20. Mai 
1916 (RGBl. S. 417). 

Die Sodahöchstpreise (vgl. Verordnung vom 11. September 1917, Bd. 56, 
8. 1110) werden aufgehoben. Vgl. jedoch die Verordnung vom 19. September 1918, 
unten S. 31, die dem Reichskanzler das Recht gibt, Bestimmungen über den 
Verbrauch von Soda zu treffen 



NationalOkonomische Gesetzgebung. 31 

Bekanntmachung über Druckpapier. Vom 17. September 1918 
(RGBl. S. 1111). Auf Grund der Verordnung vom 18. April 1916 
(RGBl. S. 306). 

An Druckpapier dürfen in der Zeit vom 1. Oktober bis 31. Dezember 1918 
die gleichen Mengen verwandt werden wie für die Zeit vom 1. Juli bis 30. Sep- 
tember 1918 (also im wesentlichen : für Zeitungen Einschränkung von 11—44,5 v. H. 
fegen den Verbrauch im Jahre 1915, im übrigen von 60 v. H. gegen den Ver- 
rauch 1916 ; vgl. wegen Einzelheiten Bekanntmachung vom 19. Juni 1918, Bd. 57, 
8. 442). 

Bekanntmachung über den Verbrauch von Aetzalkalien 
und Soda. Vom 19. September 1918 (RGBl. S. 1115). Auf Grund 
des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Der Keichskanzler wird ermächtigt, den Verbrauch von Aetzalkalien und 
Soda zu regeln. (Vgl. Verordnung vom 16. Oktober 1917, Bd. 56, S. 578, und 
vom 14. September 1918, oben S. 30.) 

Bekanntmachung betr. Aenderung der Verordnung über 
Rohtabak vom i 0. Oktober 1916. Vom 19. September 1918 
(RGBl. 8. 1116). Auf Grund des Ges. vom 4. Aug. 1914 (RGBl. S. 327). 

Es handelt sich um einige weniger wesentliche Aenderungen. (Siehe auch 
Bekanntmachung vom 23. September 1918, unten 8. 32.) 

Verordnung zur Aenderung der Verordnung über die 
Regelung* des Fleischverbrauchs und den Handel mit 
Schweinen. Vom 20. September 1918 (RGBl. S. 1 1 1 7 f.). Auf Grund 
der Verordnung vom 22. Mai 1916/18. August 1917 (RGBl. S. 401/823). 

Die Anrechnung von Hausschlachtungen usw. wird gegenüber den Vor* 
Schriften der Verordnung vom 2. Oktober 1917 (vgl. Bd. 56, S. 575 f.) dahin ge- 
ändert, daß für je 400 g (bisher 500—700) Schlachtviehfleisch die Fleischkarten - 
abschnitte einer Woche in Anrechnung zu bringen sind, ebenso für 1 Huhn 
(für einen jungen Hahn die Abschnitte einer halben Woche). Das gleiche gilt 
rür Wildbret, für das bisher die allgemeinen Bestimmungen (vgl. Bekannt- 
machung vom 21. August 1916, Bd. 54, S. 171 — 500 g für eine Woche) galten. 

Bekanntmachung betr. Aenderung der Verordnung zum 
Schutze derMieter. Vom 23. September 1 918 (RGBl. S. 1 136 ff.). 
Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Die Befugnisse der Mietein igungsämter zu Verlängerung von Mietverträgen 
(vgl. Bekanntmachung vom 26. Juli 1917, Bd. 56, S. 300 f!) werden auf Miet- 
verträge ausgedehnt, die ohne Kündigung ablaufen. Neben einigen anderen 
weniger wesentlichen Abänderungen werden folgende beiden Neuerungen einge- 
führt: 

a) Die Landeszentralbehörden können unter bestimmten Voraussetzungen in 
Orten mit besonders starkem Mangel an Wohnungen die Gemeindebehörden zu 
der Anordnung ermächtigen oder verpflichten, daß die Vermieter Neuvermietungen 
von Wohnungen unter Mietzinserhöhungen zur Anzeige bringen müssen, und 
können das Linigungsamt ermächtigen, auf Antrag der Gememde den Mietzins 
auf die angemessene Höhe herabzusetzen. 

b) Die Landeszentralbehörden können unter den gleichen Voraussetzungen 
in Orten mit besonders starkem Wohnungsmangel anordnen, daß Vermieter ein 
Mietverhältnis rechtswirksam nur mit vorheriger Zustimmung des Einigungs- 
amtes kündigen können. 

Für Orte ohne Einigungsamt bestimmt die Landeszentralbehörde die Stelle, 
deren Zustimmung einzuholen ist. 
(Vgl. übernächste Verordnung.) 



32 Nationalökonomisohe Gesetsgebung. 

Bekanntmachung der Fassung der Bekanntmachung zum 
Schutze der Mieter. Vom 23. September 1918 {RGBl. S. 1139 ff.). 
Auf Grund der vorstehenden Verordnung. 

Vgl. folgende Bekanntmachung. 

Bekanntmachung über Maßnahmen gegen W^ohnungsmangel. 
Vom 23. September 1918 (RGBl. S. 1143 ff.). Auf Grund des Ges. vom 

4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

I^üx Gemeinden, in denen ein Einigungsamt errichtet ist oder dessen Be- 
fugnisse einer sonstigen Stelle übertragen sind, können bei besonders starkem 
Wohnungsmangel die Landeszentralbehörden die Gemeindebehörden zu folgenden 
Anordnungen ermächtigen: Der Abbruch von Gebäuden und die anderweitige 
Verwendung von Räumen, die bisher zu Wohnzwecken benutzt oder bestimmt waren, 
kann verboten werden. Es kann eine Anzeigepflicht für leerstehende Wohnungen 
Fabrikräume usw. eingeführt werden. Ueber leerstehende Wohnungen können 
die Einigungsämter unter Umständen Zwangsmietverträge abschließen. Die Ge- 
meinden können leerstehende Wohnungen auch selbst mieten und dann an 
Wohnungsuchende weitervermieten. Eigentümer usw. von Fabrikräumen u. a. m. 
können gezwungen werden, diese der Gemeinde zur Herricbtung von Wohnräumen 
zu überlassen. Endlich können die Landeszentralbehörden mit Zustimmung des 
Eeichskanzlers die Gemeindebehörden auch noch zu anderen als den erwähnten 
Anordnungen ermächtigen. 

Für das Verfahren vor den Einigungsämtern gemäß dieser und der vorher- 
gehenden Verordnung ist eine besondere Anordnung vom 23. September 1918 
(BGBl. S. 1146 ff.) ergangen. — Vgl. wegen Mietwesen die Veroranungen vom 
15. Dezember 1914 (Bd. 50, S. 46), 7. Oktober 1915 (Bd. 51, 8. 361), 26. Juli 1917 
(Bd. 56, S. 300 f.), 15. September 1917 (Bd. 56, S. 449 i), 2. November 1917 
(Bd. 56, S. 583), vorhergehende Bekanntmachung und Bekanntmachung vom 

7. November 1918, unten S. 37. 

Bekanntmachung betr. weitere Aenderung der Aus- 
führungsbestimmungen vom 10. Oktober 1916 zu der 
Verordnung über Rohtabak. Vom 24. September 1918 (RGBl. 

5. 1161). Auf Grund der genannten Verordnung (RGBl. S. 1146). 

Es handelt sich um weniger wesentliche Vorschriften. — Siehe auch Be- 
kanntmachung vom 19. September 1918, oben S. 31. 

Verordnung Über den Verkehr mit Zucker. Vom 30. September 
1918 (RGBl. S. 1217 f.). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 
(RGBl. S. 327). — Mit Ausführungsbestimmungen vom 30. September 
1918 (RGBl. S. 1218 ff.). 

Die Preise für Rohzucker und gemahlenen Melis werden gegen die vorjährigen 
erhöht, für letzteren von 36 M. auf 42,30 M. für 50 kg ab Magdeburg. (Vgl. VeM 
Ordnung vom 17. Oktober 1917, Bd. 56, S. 578.) 

Bekanntmachung über Festsetzung des Jahresarbeitsver- 
dienstes in der landwirtschaftlichen Unfall versiehe' 
rung. Vom 30. September 1918 (RGBl. S. 1222). Auf Grund d« 
Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Erleiden landwirtschaftliche Arbeiter einen Unfall, so ist die Rente nach 
einem Jahreaarbeitsverdienste zu berechnen, der um 30 v. H. höher ist als 
zuletzt vor dem 1. August 1914 festgesetzte. Vgl. wegen Unfallversicherung 
kanntmachung vom 25. Januar 1917, Bd. 55, 8. 215, 2. Juni 1917, Bd. 56, S. 171,' 
15. August 1917, Bd. 56, 8. 445, 15. November 1917, Bd. 56, 8. 588, 31. Dezem- 
ber 1917, Bd. 57, 8. 44 f., 17. Januar 1918, Bd. 57, 8. 46, 19. Januar 1918, Bd. 57, 

8. 48, 11. Februar 1918, Bd. 57, 8. 51. 



Natioualökonomischc Gesetzgebung. 38 

Bekanntmachung betr. die Unterstützung von Familien in 
den Dienst eingetretener Mannschaften. Vom 28. Sep- 
tember 1918 (RGBl. S. 1223). Auf Grund des Ges. vom 4. August 
1914 (RGBl. S. 327). 

Die Lieferungsverbände sind verpflichtet, aus ihren Mitteln eine Erhöhung 
der Familienunterstützungen eintreten zu lassen, die spätestens vom 1. November 
1918 ab zu gewähren und deren Betrag je nach den örtlichen Verhältnissen zu 
bemessen ist. Bis zum Betrage von 5 M. für jeden Unterstützten werden die 
Erhöhungen vom Reiche erstattet. Am 2. November 1917 — vgl. Bd. 56, S. 582 
— war bereits eine ähnliche Verordnung ergangen. 

Bekanntmachung über genehmigungspflichtige gewerb- 
liche Anlagen. Vom 2. Oktober 1918 (RGBl. S. 1224). Auf Grund 
des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. 8. 327). 

Es handelt sich um weniger wesentliche Vorschriften. 

Bekanntmachung betr. Ergänzung der Ausführungsbe- 
stimmungen zu der Verordnung über Zigarettentabak 
vom 24. Oktober 1917. Vom 1. Oktober 1918 (RGBl. S. 1225f.). 
Auf Grund der Verordnung vom 20. Oktober 1917 (RGBl. S. 945). 

Zigaretten tabak darf ganz allgemein nur entsprechend den Weisungen der 
Deutschen Zentrale für Kriegslieferungen von Tabakerzeugnissen verarbeitet 
werden. Die Zentrale bestimmt insbesondere die Art der Tabakerzeugnisse und 
die Mengen, in denen die monatliche Erzeugung für Heereslieferungen zur Ver- 
fügung zu steilen ist. — Vgl. Bekanntmachung vom 20. Oktober 1917, Bd. 56, 
8. 580 und vom 27. Dezember 1917, Bd. 57, 8. 43. 

Bekanntmachung über die Gewährung von Zulagen zu Ver- 
letztenrenten aus der Unfallfürsorge für Gefangene. Vom 
3. Oktober 1918 (RGBl. S. 1227 f.). Auf Grund des Ges. vom 4. August 
1914 (RGBl. S. 327). 

Die Zulage, die nur auf Antrag gewährt wird, beträgt monatlich 8 Mark. — 
Vgl. Bekanntmachung vom 3. und 17. Januar 1918, Bd. 57, 8. 44 und 46. 

Verordnung zur Abänderung der Verordnung über 
zuckerhaltige Futtermittel. Vom 4. Oktober 1918 (RGBl. 
H. 1229 f.). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Für das Betriebsjahr 1918/19 wird die Verordnung über zuckerhaltige Futter- 
mittel vom 5. Oktober 1916 — vgl. Bd. 54, 8. 309 — in einigen, jedoch weniger 
wesentlichen Punkten (kleine Höchstpreiserhöhungen u. a. m.) abgeändert. 

Bekanntmachung betr. die Prägung von Zehnpfennig- 
8t ticken aus Zink. Vom 3. Oktober 1918 (RGBl. S. 1232). Auf 
Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Es dürfen außerhalb der im Münzgesetz festgesetzten Grenze weitere Zehn- 
pfennigstücke aus Zink bis zur Höhe von 18 Mill. M. hergestellt werden. Ins- 
gesamt durften bis jetzt außerhalb der im Münzgesetz festgesetzten Grenze für 
48 Mill. M. 8cheidemünzen aus Zink, für 45 Mill. M aus Eisen und für 22 Mill. M. 
aus Aluminium hergestellt werden. — Vgl. Bekanntmachung vom 8. Mai 1918, 
Bd. 57, 8. 438 und 1. August 1918, oben 8. 27. 

Bekanntmachung betr. weitere Aenderung der Ausfüh- 
rungsbestimmungen vom 10. Oktober 1916 zu der Ver- 
ordnung über Rohtabak. Vom 10. Oktober 1918 (RGBl. S. 1233 ff.). 
Auf Grund der Verordnung vom 10. Oktober 1916 (RGBl. S. 1145). 
Jahrb. f. NationalOk. u. Stat. Bd. 113 (Dritte Folge Bd. G8]. 3 



34 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Die öeinmengen Verkäufer von Tabakwaren sollen die gleichen Mengen als 
Bedarf erhalten, die sie in den ersten 7 Monaten des Jahres 1915 abgesetzt hatten ; 
der Bedarf der Hersteller von Tabakwaren wird auf 10—40 v. H. der im gleichen 
Zeitraum der Jahre 1915 oder 1916 verarbeiteten Menge festgesetzt (bisher 
20—40 V. H. — vgl. Bekanntmachung vom 24. Januar 1918, Bd. 57, 8. 48 f.). 

Verordnung über Zuckerrtibensamen. Vom 15. Oktober 1918 
(RGBl. S. 1239 f.). Auf Grund der Verordnung vom 22. Mai 1916/ 

18. August 1917 (EGBl. S. 401/823). 

Die Preise werden erhöht. — Vgl. Verordnung vom 3. Oktober 1917, Bd. 56, 
S. 576. 

Bekanntmachung über Aenderung der Verordnung über 
die Höchstpreise für Petroleum und die Verteilung der 
Petroleumbestände. Vom 17. Oktober 1918 (RGBl. S. 1240ff.). 
Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Der durch Bekanntmachung vom 19. Oktober 1917 (vgl. Bd. 56, 8. 578) für 
Verkäufe von 100 kg und mehr auf 35 M. für je 100 kg festgesetzte Höchstpreis 
vnrd auf 40 M. erhöht. 

Bekanntmachung über Beschaffung von Papierholz für 
Zeitungsdruckpapier. Vom 17. Oktober 1918 (RGBl. S. 1242 ff.). 
Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Der Inhalt der Bekanntmachung deckt sich (ebenso wie die der vorjährigen Be- 
kanntmachung) im wesentlichen mit dem der Bekanntmachung vom 30. November 
1916. Die Inhaltsangabe dieser Bekanntmachung (vgl. Bd. 54, 8. 322) gilt also im 
wesentlichen auch für das neue, bis 30. September 1919 reichende Wirtschaftsjahr. 

Bekanntmachung über Besenginster. Vom 17. Oktober 1918 
(RGBl. S. 1247 ff.). AufGrund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S.327). 

Die Nessel- Anbau- Gesellschaft kann Besenginster dort abernten lassen, wo 
der Eigentümer oder sonstige Nutzungsberechtigte die Aberntung nicht selbst vor- 
nimmt. Abgeernteter Besenginster muß der Gesellschaft zum Kauf angeboten werden. 

Bekanntmachung über die Regelung der wirtschaftlichen 
Betriebs verh ältnisse der Branntweinbrennereien und 
der Betriebsauflagevergütungen für das Betriebs jähr 
1918/19. Vom 17. Oktober 1918 (RGBl. S. 1250ff.). Auf Grund 
des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Die wichtigeren Bestimmungen entsprechen im wesentlichen denen der vor- 
jährigen Verordnung vom 18. Oktober 1917. Vgl. daher die Inhaltsangabe, 
Bd. 56, 8. 579. 

Verordnung über den Handel mit Gemüsesämereien. Vom 

19. Oktober 1918 (RGBl. S. 1255 f.). Auf Grund der Verordnung vom 
vom 22. Mai 1916/18. August 1917 (RGBl. S. 401/823). 

Der Handel mit Gemüsesämereien in Mengen von über 250 g ist nur gegen 
besondere Erlaubnis gestattet. Vgl. Bekanntmachung vom 15. November 1916 
(Bd. 54, 8. 320). 

Bekanntmachung über die Zinsscheine der Reichskriegs- 
anleihen. Vom 22. Oktober 1918 (RGBl. S. 1267). Auf Grund des 
Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Die am 2, Januar 1919 fällig werdenden Zinsscheine der Reichskriegsanleihen 
sollen bis zum 2. Januar 1919 gesetzliches Zahlungsmittel sein. 

Bekanntmachung betr. Aenderung der Verordnung über 
Rohtabak vom 10. Oktober 1916. Vom 24. Oktober 1918 
(RGBl. S. 1259). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 



NationalökoDomiscbc Gesetzgebung. 35 

Die durch Bekanntmachung vom 10. Oktober 1916 festgesetzten Höchst- 
preise für ungegorenen Eohtabak aus der inländischen Ernte (wegen des ge- 
gorenen vgl. Bekanntmachung vom 8. November 1919, unten 8. 37), erfahren 
für die Ernte 1918 eine starke Erhöhung. 

Bekanntmachung betr. die Verlängerung der Prioritftts- 
fristen in Dänemark. Vom 24. Oktober 1918 (RGBl. S. 1260). 
Auf Grund der Bekanntmachung vom 7. Mai 1915 (RGBl. S. 272). 

Es wird mitgeteilt, daß Dänemark die nach Bekanntmachung vom 13. Mai 
1915, 15. Juli 1915, 8. Februar 1916, 8. September 1916, 22. Dezember 1916, 
22. Mai 1917, 15. November 1917 und 28. Mai 1918 verlängerten Prioritätsfristen 
weiter bis zum 1. Juli 1919 verlängert hat. — Vgl. wegen Prioritätsfristen Be- 
kanntmachung vom 19. August 1918; oben S. 28. 

Verordnung über die Vornahme einer Volkszählung am 
4. Dezember 1918. Vom 24. Oktober 1918 (RGBl. S. 1261 f.). 
Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Es handelt sich um eine außerordentliche Volkszählung. (Vgl. für die Vor- 
jahre Bekanntmachung vom 2. November 1916, Bd. 54, S. 317 f. und 18. Oktober 
1917, Bd. 56. S. 578.) — Vgl. auch folgende Verordnung. 

Verordnung über die Forts ehr ei bun g der Zivilbevölke- 
rung zum Zwecke der Lebensmittelversorgung. Vom 
24. Oktober 1918 (RGBl. S. 1263 f.). — Mit Ausführungsbestimmungen 
vom gleichen Tage (RGBL S. 1265 ff.). Auf Grund des Ges. vom 

4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Die Kommunalverbände werden verpflichtet, über die von ihnen dauernd 
mit Lebensmitteln zu versorgenden Zivilpersonen Verzeichnisse zu führen und 
durch Fortschreibung auf dem Laufenden zu halten. — Vgl. auch vorhergehende 
Verordnung. 

Bekanntmachung zur Aenderung der Ausftlhrungsbestim- 
mungeu zu der Verordnung über Aetzalkalien und Soda 
vom 18. Dezember 1917 (RGBl. ö. 1117). Vom 25. Oktober 
1918 (RGBl. S. 1277). — Auf Grund der Verordnung vom 16. Oktober 
1917 (RGBl. S. 902). 

Es handelt sich um weniger wesentliche Abänderungen. 

Verordnung über Höchstpreise für Hafernährmittel und 
Teigwaren. Vom 27. Oktober 1918 (RGBl. S. 1277 ff.) Auf Grund 
der Bekanntmachung vom 22. Mai 1916/18. August 1917 (RGBl. 

5. 401/823). 

Die Groß- und Kleinhandelshöchstpreise der genannten Lebensmittel werden 
weiter erhöht. Die Kleinhandelshöchstpreise für Haferflocken betragen nunmehr 
62 l'f. (bisher nach Bekanntmachung vom 6. November 1917: 50 Pf. vorher 44 Pf.) 
für das Pfund lose Ware, für Teigwaren 66—70 Pf. (bisher 58-62 Pf.) bei ge- 
wöhnlicher, 86-90 Pf. (bisher 80-86 Pf.), bei Auszugsware. 

Bekanntmachung betr. Aenderung der Ausführungsbe- 
stiramungen vom 24. Oktober 1917 zu der Verordnung 
über Zigarettentabak. Vom 27. Oktober 1918 (RGBl. S. 1280). 
Auf Grund der Verordnung vom 20. Oktober 1917 (RGBl. S. 945). 

Die Bökanntmachung regelt die Verarbeitung von Zigarettentabak für die 
Zeit vom 1. November 1918 ab im wesentlichen nach den bisherigen Bestim- 
mungen (vgl. insbesondere Bekanntmachung vom 27. Dezember 1917. — Bd. 57, 
3. 43). 

3* 

/ 



35 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Verordnung über Kartoffeln. Vom 30. Oktober 1918 (RGBL 
S. 1281). Auf Grund der Verordnung vom 18. Juli 1918 (RGBl. S. 738). 

Es handelt eich um weniger wesentliche Abänderungen der Verordnung vom 
2. September 1918. 

Bekanntmachung über die Geltendmachungvon Ansprüchen 
von Personen, die im Ausland ihren Wohnsitz haben. 
Vom 31. Oktober 1918 (RGBl. S. 1282). Auf Grund des Ges. vom 

4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Vgl. Bekanntmachung vom 1. August 1918 (oben S. 27). 

Bekanntmachung über die Fristen des Wechsel- und 
Scheckrechts für Elsaß-Lothringen. Vom 31. Oktober 1918 
(RGBl. S. 1282 f.). Auf Grund des Ges.'vom 4. August 1914 (RGBl. S.327). 

Vgl. Bekanntmachung vom 1. August 1918 (oben 8. 27). 

Bekanntmachung über die Verjährungs- und Vorlegungs- 
fristen. Vom 31. Oktober 1918 (RGBl. S. 1283). Auf Grund des 
Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Die in den §§ 196, 197 BGB. bezeichneten Ansprüche, das sind vor allem 
die Ansprüche des täglichen Lebens (vgl. die Bekanntmachung vom 22. Dezem- 
ber 1914, Bd. 50, S. 40, 4. November 1915, Bd. 51, S. 368, 26. Oktober 1916, 
Bd. 54, S. 316 und 22. November 1917, Bd. 56, 8. 589), ferner eine Reihe von 
fleerechtlichen Ansprüchen (vgl. Bekanntmachung vom 9. Dezember 1915 Bd. 52, 
ß. 216), deren Verjährung bereits durch die genannten Bekanntmachungen ge- 
hemmt war, sollen nicht vor dem Schlüsse des Jahres 1919 verjähren, ebenso die 
in der Bekanntmachung vom 19. Juli 1917 — vgl Bd. 56, S. 298 — genannten 
wechselrechtlichen Ansprüche. Ebenso wird die Vorlegungsfrist für Zins- usw. 
Scheine ( — vgl. Bekanntmachung vom 28. März 1918 — Bd. 57, 8. 56 — ) bis 
Ende 1919 verlängert. 

Bekanntmachung betr. Ergänzung der Verordnung über 
Elektrizität und Gas, sowieDampf, Druckluft, Heiß-und 
Leitungswasser vom 2 1. Juni 1917 (RGBl. S. 543). Vom 
31. Oktober 1918 (RGBl. S. 1284). Auf Grund des Ges. vom 4. August 
1914 (RGBl. S. 327). 

Es handelt sich um eine weniger wesentliche Bestimmung. Vgl. Bd. 56, 
8. 176. 

Bekanntmachung über die Erweiterung des Notenausgabe- 
rechts der Bayerischen Notenbank. Vom 31. Oktober 1918 
(RGBl. S. 1285). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 (RGBl. 

5. 327). 

Die Bayerische Regierung wird ermächtigt, das Kontingent der Bayerischen 
Notenbank auf 94 Mill. M. (nach dem Bankgesetz vom 14. März 1875: 70 Mill.) 
zu erweitern. — Vgl. auch Bekanntmachung vom 7. November 1918 unten 8. 37. 

Bekanntmachung betr. Aenderung der Postordnung vo; 
2 8. Juli 1917. Vom 4. November 1918 (RGBl. S. 1287 ff.) 
und 

Bekanntmachung betr. die Pos tprot es tauf träge mit Wech 
sein und Schecken, die in Elsaß-Lothringen zahlba: 
sind. Vom 5. November 1918 (RGBl. S. 12891). 

Die Bekanntmachungen enthalten die mit Rücksicht auf die Verordnunf^ 
vom 31. Oktober 1918 — vgl. oben gleiche Seite — notwendig gewordenen Aende- 
rungen der postalischen Vorschriften. 



NationalÖkonomische Gesetzgebung. 37 

Bekanntmachung zur Ergänzung der Bekanntmachung 
zum Biersteuergesetze vom 8. August 1918. Vom. 7. Novem- 
ber 1918 (RGBl. S. 1291). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 
(RGBl. ö. 327). 

Es handelt sich um weniger wesentliche Ausführungsbestimmungen. 

Verordnung über die wirtschaftliche Demobilmachung. 
Vom 7. November 1918 (RGBl. S. 12921) Auf Grund des Ges. vom 

4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Der Reichskanzler wird ermächtigt, die Anordnungen zu erlassen, welche 
erforderlich sind, um Störungen des Wirtschaftslebens infolge der wirtschaftlichen 
Demobilmachung vorzubeugen oder abzuhelfen. Er kann seine Befugnisse auf 
die Landeszentralbehörden oder die von diesen etwa ernannten (vgl. nachstehend) 
Staatskommissare für Demobilmachung übertragen. Die Landeszentralbehörden 
müssen für die Bezirke der höheren Verwaltungsbehörden oder besonders 
bestimmte Bezirke Demobilmachungskommissare bestellen; sie können außer- 
dem für das ganze Staatsgebiet einen besonderen Staatskommissar für Demobil- 
machung bestellen. In jedem Kommunalverbande wird ein Demobilmachungs- 
ausschuß errichtet. Die Demobilmachungsorgane sind befugt , zur Erreichung 
ihrer Zwecke die Hilfe aller Staats- und Gemeindebehörden in Anspruch zu nehmen. 

Bekanntmachung über die Erweiterung desiNfotenausgabe- 
rechts der Württembergisclien Notenbank. Vom 7. Novem- 
ber 1918 (RGBl. S. 1294). Auf Grund des Ges. vom 4. August 1914 
(RGBl. S. 327). 

Die Württembergische Regierung wird ermächtigt, das Kontingent der 
Württembergischen Notenbank auf 50 Mill. M. zu erweitern. Vgl. auch Bekannt- 
machung vom 31. Oktober 1918, oben S. 36. 

Verordnung über Kunsthonig. Vom S.November 1918 (RGBl. 

5. 1295 f.). Auf Grund der Verordnung vom 22. Mai 1916/18. August 
1917 (RGBl. S. 401/823). 

Die bereits durch Verordnung vom 7. Dezember 1917 — vgl. Bd. 57, 8. 38 f. 
— erhöhten Hersteller-, Großhandels- und Kleinhandelshöchstpreise erfahren eine 
weitere Erhöhung. 

Bekanntmachung betr. Aenderung der Ausführungsbe- 
stimmungen vom 10. und 2 7. Oktober 1916 zu der Ver- 
ordnung über Rohtabak. Vom 8. November 1918 (RGBl. 
S. 1296 f.). Auf Grund der Verordnung vom 10. Oktober 1916 (RGBl. 
S. 1200). 

• Die Bekanntmachung enthält die neuen Höchstpreise für gegorenen deutschen 
Tabak aus der Ernte 1918 (wegen des ungegorenen vgl. Bekanntmachung vom 
24. Oktober 1918, oben S. 35). 

Bekanntmachung über die Bildung von Wohnungsverbän- 
den. Vom- 7. November 1918 (RGBl. S. 1298). Auf Grund des G^s. 
vom 4. August 1914 (RGBl. S. 327). 

Gemeinden, Gutsbezirke und Qemeindeverbände können sich zur Vorberei- 
tung und Durchführung von Notmaßnahmen zur Bekämpfung des Wohnungs- 
mangels zu Wohn ungs verbänden mit staatlicher Oenehiuigung zusaminen- 
Kchließen. Gemeinden usw., die räumlich oder wirtschaftlich zusammengehören, 
können auch durch Anordnung der Landeszentralbehörde zu Wohnungsverbänden 
zusammengeschlossen werden. — VgL Verordnung vom 23. September 11)18, oben 



38 Mihselleu. 



Miszellen. 



I. 
Die wirtschaftliche Bedeutung Deutsch-Oesterreichs. 

Von N, Post, 
Kommerzdirektor und Legationsrat der dcutsch-österrtit bischen Gtsandtbchoft in Berlin. 

Wenn die Frage des Anschlusses Deutsch-Oesterreichs an Deutsch- 
land in industriellen und kommerziellen Kreisen des Deutschen Reiches 
vielfach nicht die günstige Aufnahme findet, die sie verdient, so ist 
dies darauf zurückzuführen, daß über die wirtschaftliche Bedeutung, 
welche dem deutschen Gebiet innerhalb des früheren Oesterreichs und 
im Vergleiche zum heutigen Deutschland zukommt, ungenügende oder 
falsche Kenntnisse verbreitet sind. Gerade diese Kenntnisse richtig- 
zustellen und zu ergänzen, sind die wirtschaftsstatistischen Materialien 
sehr geeignet, welche seinerzeit die niederösterreichische Handels- und 
Gewerbekammer über Deutsch-Oesterreich veröffentlicht hat, und welche 
an der Hand statistischer Daten ein einigermaßen anschauliches Bild 
über den bisherigen Anteil Deutsch-Oesterreichs an dem Wirtschafts- 
leben der früheren österreichischen ßeichshälfte der Donaumonarchie 
geben. 

Bei der Zusammenstellung dieses wirtschaftsstatistischen Materiales 
war die Vollzugsanweisung des deutsch-österreichischen Staatsrates vom 
3. Januar 1919 über die das deutsch-österreichische Staatsgebiet bil- 
denden Gerichtsbezirke, Gemeinden und Ortschaften noch nicht er- 
schienen und mußte daher die Kammer bei ihrer Publikation nach 
selbst aufgestellten Grundsätzen dieses Gebiet und dessen Volkswirt- 
schaft berechnen. Hierbei ging sie davon aus, daß alle Gerichtsbezirke, 
bekanntlich außer den Gemeindegebieten die niedrigsten staatlichen 
Verwaltungseinheiten im alten Oesterreich, soweit sie auf Grund der 
Volkszählung 1910 geschlossenes deutsches Siedlungsgebiet bildeten, 
dem neuen Staate zugerechnet werden. Soweit es sich um gemischt- 
sprachige Gerichtsbezirke handelte, wurden sie als zu Deutsch-Oester- 
rfich gehörig betrachtet, insofern die fremdsprachige Bevölkerung 
weniger als 50 Proz. der Gesamtbevölkerung betrug. An Umfang steht 
daher dieses als deutsches Gebiet angenommene Territorium dem auf 
Grund der obigen Vollzugsanweisung des deutsch-österreichischen Staats- 
rates als deutsch-österreichisches Staatsgebiet erklärten Territorium 
vielfach nach und stellen daher die folgenden Zahlen der Kammer 
äußerst versichtige, eher zu niedrig bemessene Berechnungen dar. 

Was zunächst die Bevölkerung dieses Deutsch-Oesterreichs anbe- 
trifft, so veranschlagt die Kammer sie auf 4 732 675 männliche und 



Miszelleu. 39 

4 982 342 weibliche, zusammen auf 9 715 017 Personen oder 34,3 Proz. 
der gesamten Bevölkerung Oesterreichs. Vergleicht man diese Ver- 
teilung der deutsch-österreichischen Bevölkerung nach den Geschlechtern 
mit jener Deutschlands (im Jahre 1913, dem letzten vollen Friedens- 
jahre, 32 649 166 männliche und 32 885 327 weibliche Personen), so ent- 
fallen in Deutsch-Oesterreich auf 100 Personen der Bevölkerung mehr 
als 48, in Deutschland mehr als 49 Personen männlichen Geschlechts. 
Somit ist das weibliche Geschlecht in ersterem Gebiete etwas stärker 
vertreten als in Deutschland, gleichwohl ist dieser Unterschied kaum 
80 groß, als daß er irgendwie eine nennenswerte Differenz in der 
sozialen und wirtschaftlichen Gliederung der Bevölkerung beider Ge- 
biete hervorzurufen geeignet wäre. 

Nach der Gesamtbevölkerung übertrifft Deutsch-Oesterreich um 
etwas die Bevölkerung Sachsens, Württembergs und Badens (9 387067 
Personen) zusammengenommen, oder beträgt, an Preußen gemessen 
etwas weniger als die Bevölkerung der Provinzen Ost- und Westpreußen' 
Brandenburgs und der Stadt Berlin (9 931322). 

Was die Gliederung der Bevölkerung Oesterreichs nach Berufs- 
klassen und Umgangssprache anbetrifft, so entfielen auf Angehörige der 
deutschen Umgangssprache in 

Land- und Forstwirtschaft 
Industrie und Gewerbe 
Handel und Verkehr 
öffentlicher Dienst, freie Berufe 

Vergleicht man die Berufsgliederung der Bevölkerung des Deutschen 
Beiches (1907) mit jener der deutschsprechenden Bevölkerung Oester- 
reichs, so ergibt sich folgende Gegenüberstellung: 

Deutsch-Oesterreich Deutschland 

Land- und Forstwirtschaft 30 Proz. 28,6 Proz. 

Industrie und Gewerbe 36 „ 42,8 „ 

Handel und Verkehr 16 „ 13,4 „ 

öffentlicher Dienst u. freie Berufe 17 „ 4,2 „ 

In Deutschland kommen nach der Berufszählung vom Jahre 1907 
zu den obengenannten Berufsklassen noch 1,3 Proz. Lohnarbeiter wech- 
selnder Beschäftigung und 8,4 Berufslose hinzu, welche nach der öster- 
reichischen Statistik in den sämtlichen vier Berufsgattungen derselben 
enthalten sind. Immerhin ergeben sich aus dieser Zusammenstellung 
wesentliche Unterschiede in der Berufsgliederung der deutsch-öster- 
reichischen Bevölkerung gegenüber der deutschen. Während erstere 
letztere hinsichtlich der Beschäftigung in Land- und Forstwirtschaft 
nur um weniges übersteigt und der deutschen in Industrie und Gewerbe 
nachsteht, übertrifft sie die deutsche in Handel und Verkehr um 3 Proz., 
in öffentlichem Dienst und in den freien Berufen aber um 13 Proz. 

Letzterer Umstand erklärt sich daraus, daß infolge des Charakters 
der deutschen Sprache als Staatssprache und des Deutschtums als 
staatserhaltenden und stärksten Kulturelementes im alten Oesterreich 
der öffentlich» Dienst und die freien Berufe noch immer nicht nur in 
den deutschen Gegenden Oesterreichs zumeist, sondern auch in den 



3 Hill. 


22 Proz. 


3.6 „ 


47 .. 


1,6 „ 


46 .. 


1,7 „ 


47 .. 



40 Mis Zellen. 

nicht-deutschen Gegenden vielfach in den Händen von österreichischen 
Staatsangehörigen deutscher Zunge waren. Daß letztere im Falle des 
Eintrittes Deutsch-Oesterreichs in das Deutsche Reich ihre Existenz 
verlieren oder mit den schon dort ansässigen gleichen Berufsgeuossen 
in starken Wettbewerb treten, braucht nicht befürchtet zu werden, da 
anzunehmen ist, daß auch nach dem Zerfall des alten Oesterreichs 
wenigstens die Angehörigen der freien Berufe vermöge ihrer höheren 
Kulturstufe auch in den Successionsstaaten ihre Existenz behaupten 
werden. Die deutschen Angehörigen des öffentlichen Dienstes müssen 
freilich in Zukunft sich auf Deutsch-Oesterreich beschränken oder Unter- 
kommen im öffentlichen Dienste Deutschlands suchen, andernfalls werden 
sie gezwungen sein, sich neue Existenzen in den übrigen Berufs- 
gattungen zu suchen. Damit ihnen dies erleichtert werde, wird es aber 
gerade zweckdienlich sein, daß Deutsch-Oesterreich auch in Zukunft 
darauf bedacht ist, seinen intellektuellen und wirtschaftlichen Einfluß 
auf die übrigen Nationalstaaten der Monarchie und auf dem Südosten 
Europas zu behaupten, und kann die Erreichung dieses Zieles kaum 
besser als durch den Anschluß Deutsch-Oesterreichs an Deutschland 
gefördert werden, weil dann ersteres der berufenste Exponent letzterens 
für vorerwähnte, noch so entwicklungsfähige Länder sein wird. 

Von der Gesamtfläche Oesterreichs im Ausmaße von 30 Mill. ha 
entfallen auf das in Rede stehende deutsch -österreichische Gebiet 
11120007 ha, somit etwas mehr als ein Drittel. Ist somit die Ge- 
samtfläche Oesterreichs um etwas geringer als jene des gesamten 
Preußens (34 877 900 ha), so entspricht der Flächeninhalt Deutsch- 
Oesterreichs ungefähr jenem der Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, 
der Stadt Berlin und der Mark Brandenburg (zusammen 10 246 240 ha), 
also auch jenem Gebiet Preußens, dessen Bevölkerung, wie schon oben 
erwähnt, an Zahl ungefähr jener Deutsch-Oesterreichs gleichkommt. 
Vergleicht man jedoch den Flächeninhalt der deutschen Bundesstaaten 
Sachsen, Württemberg und Baden (4 957 050 ha), deren Bevölkerung 
entprechend obiger Zusammenstellung gleichfalls an Zahl jener Deutsch- 
Oesterreichs ungefähr gleichkommt, so ergibt sich, daß die Bevölke- 
rung dieser Gebiete in der Hälfte des Flächeninhalts Deutsch-Oester- 
reichs Platz findet, in welcher Tatsache die namhaft größere Bevölke- 
rungsdichte dieser 3 Bundesstaaten gegenüber jener Deutsch-Oesterreichs 
zum Ausdrucke kommt. 

Was die Verteilung der Kulturflächen des gesamten Areals des 
früheren Oesterreichs und des jetzigen Deutsch-Oesterreichs anbetrifft, 
80 entfallen auf letzteres an Aecker mehr als ein Fünftel (10 624 852 
bzw. 2 989 325 ha o 1er 28,14 Proz.), auf Wiesen mehr als ein Drittel 
(3 072 230 bzw. 1 198 138 ha oder 39 Proz.), auf Hutweiden und Alpen 
mehr als drei Achtel (4 055 097 bzw. 1 618 450 ha oder 39,91 Proz.), 
auf landwirtschaftlich benutzte Flächen somit ungefähr ein Drittel 
(17 752 179 bzw. 5 805 913 ha oder 32,71 Proz.) Wiesen, Hutweiden 
und Alpen, also Viehzucht überwiegen in Deutsch-Oesterreich gegenüber 
dem Ackerbau und erklärt sich schon daraus die Unfähigkeit Deutsch- 
Oesterreichs, sich mit Getreide selbst zur Gänze zu versorgen. Nam- 
haft ist hingegen dev Anteil Deutsch-Oesterreichs an Gärten (Oester- 



M iszellen 4X 

reich 371 242, Deutsch-Oesterreich 106 616 ha oder 28,72 Proz.), gering 
jener an Weingärten (Oesterreich 242 663, Deutsch-Oesterreich 56 185 ha 
oder 23,26 Proz.) und an Seen, Sümpfen und Teichen (Oesterreich 106 445, 
Deutsch-Oesterreich 22 687), hingegen sehr bedeutend jener an Waldungen, 
an welchen Deutsch-Oesterreich nicht weit davon entfernt ist, fast die 
Hälfte des gesamten Waldareales Oesterreichs zu umfassen (Oesterreich 
9 777 935, Deutsch-Oesterreich 4 128 738 ha oder 42,23 Proz.). Sehr 
groß ist schließlich auch der Anteil Deutsch-Oesterreichs an unproduk- 
tiven Grundflächen hauptsächlich infolge seines stark gebirgigen Cha- 
rakters, infolge der Stadt Wien an Bauareal, Hofräumen und sonstigen 
steuerfreien Grundflächen (Oesterreich 1 750 920, Deutsch-Oesterreich 
999 868 ha). Vorbezeichnete Bebauungsverhältnisse des deutsch -öster- 
reichischen Bodens spiegeln sich auch in der prozentualen Verteilung 
der einzelnen Kulturarten auf das österreichische und deutsch -öster- 
reichische Gebiet ab. Während in Oesterreich 35,41 Proz. des gesamten 
Areals auf Aecker entfallen, ist dieser Prozentsatz in Deutsch-Oester- 
reich nur 26,88 Proz. Hinsichtlich Wiesen übertrifft der Prozentsatz 
Deutsch-Oesterreichs jenen Oesterreichs (10,77 bzw. 10,29), desgleichen 
an Hutweiden und Alpen (14,56 bzw. 13,52). Nichtsdestoweniger bleibt 
der Anteil Deutsch-Österreichs an landwirtschaftlich benutzten Flächen, 
infolgedessen geringeren Ackerbaues hinter jenem Oesterreichs zurück 
(52,21 bzw. 59,17 Proz.). Ebenso gilt dies für Gärten (0,96 bzw. 1,24 
Proz.), Weingärten (0,50 bzw. 0,81 Proz.), Seen, Sümpfe und Teiche 
(0,20 bzw. 0,35 Proz.), während hinsichtlich Waldungen und unproduk- 
tiven Grundflächen usw. der deutsch-österreichische Anteil den öster- 
reichischen wieder weit übersteigt (37,13 bzw. 32,59 und 9 bzw. 5,84 
Proz.). Auch ungeachtet des geringeren Areales Deutsch-Oesterreichs 
gegenüber jenem Oesterreichs übertrifft ersteres letzteres prozentual nur 
hinsichtlich des Besitzes an Wiesen, Hutweiden und Alpen, Waldungen 
und unproduktiven Grundflächen, woraus sich neuerdings die schon oben 
gegebene Charakteristik der Bebauungsverhältnisse Deutsch-Oesterreichs 
bestätigt. 

Zieht man die Bodenbenutzung Deutschlands in Betracht, so ergibt 
sich, daß auch diesem Deutsch-Oesterreich in Besitz von Acker- und 
Gartenland, Wiesen-, Weiden und unproduktiven Grundflächen nachsteht 
und sein Nachbarreich nur in Besitz von Hutweiden und Alpen sowie 
an Weingärten und Waldungen übertrifft. Am stärksten zeigt sich 
dieser Unterschied zwischen Deutschland und Deutsch-Oesterreich hin- 
sichtlich des Besitzes von Acker- und Gartenland, auf welches von der 
Gesamtfläche ersterens im Jahre 1900 allein 48,6 Proz. entfielen gegen- 
über 26,88 und 0,96 Proz. in Deutsch-Oesterreich. Umgekehrt zeichnet 
sich letzteres gegenüber Deutschland am meisten im Waldreichtum aus, 
welcher 37,13 Proz. des Gesamtareals Deutsch-Oesterreichs gegenüber 
nur 25,9 Proz. jenes Deutschlands bedeckt. In diesen beiden Gegen- 
sätzen prägt sich die Bodenbeschaffenheit Deutsch-Oesterreichs und 
seine Rückständigkeit im Getreidebau gegenüber Deutschland am 
meisten aus. 

Entsprechend dem geringen Getreidebau der deutschen Gebiete 
Oesterreichs stellen sich auch die Anbauflächen und Ernteerträgnisse 





Anbaufläche 


Ernte 


Es betrugen: 


im Jahre 


1913 




in ha 


in t 


1 Deutsch-Oesterreich 


269 138 


437 797 


Deutschland 


I 925 746 


4 360 624 


1 Deutsch-Oesterreich 


655679 


I 026 2CI 


Deutschland 


6268251 


11 598 289 


Deutsch-Oesterreich 


262323 


447814 


Deutschland 


1589773 


3481974 


Deutsch-Oesterreich 


589056 


850 234 


Deutschland 


4 387 494 


8 520 183 



42 Miszellen. 

für die einzelnen Hauptgetreidegattungen im Vergleiche mit Deutschland 
recht bescheiden dar: 



Weizen 
Roggen 
Gerste 
Hafer 

Hierbei ist zu bemerken, daß die für Deutschland vorangegebenen 
Zahlen für das Erntejahr 1912 gelten und die Ernteerträgnisse für 
Gerste in Deutschland nur jene von Sommergerste umfassen. 

Zieht man z. B. auch die schon eingangs erwähnten Gebiete 
Preußens, nämlich Ost- und Westpreußen und Brandenburg sowie die 
Bundesstaaten Sachsen, Württemberg und Baden, welche, wie oben dar- 
gestellt, an Flächenraum und Bevölkerung ungefähr den deutschen Ge- 
bieten Oesterreichs gleichkommen, zum Vergleiche heran, so weisen auf: 



Weizen : Ost-, Westpreußen und Brandenburg 

Sachsen, Württemberg und Baden 
Roggen : Ost-, Westpreußen und Brandenburg 

Sachsen, Württemberg und Baden 
Sommergerste: Ost-, Westpreußen und Brandenburg 

Sachsen, Württemberg und Baden 
Hafer: Ost-, Westpreußen und Brandenburg 

Sachsen, Würtemberg und Baden 

Aus diesen Zahlen geht zur Genüge hervor, um wie viel leistungs- 
fähiger derzeit der Getreidebau Deutschlands als jener Deutsch- 
Oesterreichs ist. 

Die nicht-deutschen Gebiete des früheren Oesterreichs übertreffen 
in Anbaufläche und in Ernteerträgnissen sämtlicher vorgenannter Ge- 
tjeidearten die deutschen Gebiete, und zeigt sich auch hierin, wie wenig 
Deutsch-Österreich zu den fruchtbaren Gebieten der österreichischen 
Äeichshälfte der Donaumonarchie gerechnet werden kann. 80 betrugen 
in den nicht-deutschen Gebieten im Jahre 1913: 

Anbaufläche Ernteergebnis 

ha Proz. t Proz. 

Weizen 943 754 78 i 184 780 73 

Roggen I 307 923 63 I 678 269 63 

Gerste 829 808 76 i 302 343 74 

Hafer i 335 662 70 i 827 142 68 

Auch in dem Anbau der anderen wichtigen Lebens- und Genuß- 
mittel nimmt Deutsch-Oesterreich innerhalb des früheren Oesterreichs 
nur eine bescheidene Stelle ein. Es betrugen in Deutsch-Oester- 
reich für 



Anbaufläche 


Ernteerträgnis 


ha 


t 


226 CGI 
149495 


494 224 
346 842 


I 504 743 
302373 


2594521 
640331 


240 306 
169374 


504331 
318815 


752310 
418828 


I 446 203 
759515 







M i s z e 


llen. 










Kartoffeln 


Zuckerrüben 


Wein 


Hopfen 


Anbaufläche iu 


ha 


269 944 


45011 


52895 


8938 


in Prozenten 




22 


18 


3(> 


44 


Ernte in t 




2558556 


I 071 861 




2678 


in hl 




— 


— 


114 127 


— 


in Prozentin 




23 


16 


31 


31 



43 



Vergleicht man hiermit die einschlägigen Ziffern Deutschlands, so 

ergeben sich für letzteres: 

Kartoffeln Zuckerrüben Wein Hopfen 

Anbaufläche in ha 3341606 504740 108840 26966 

Ernte in t 50209466 9050576 — 20563 

in hl — — 2019392 — 

Der vorstehende Vergleich zeigt, wie sehr gerade in Kartoffeln 
und Zucker Deutsch-Österreich Bedarfsland ist und auf auswärtige Zu- 
fuhren angewiesen ist. 

Ein interessantes Bild gibt die Gegenüberstellung der Bergwerks- 
produktion Deutsch-Oesterreichs zu jener des übrigen Oesterreichs und 
des Deutschen Kelches. Es verzeichneten eine Produktion von: 





Deutsch-Oesterreich 


Oesterreioh 


Deutsches Reich 


Braunkohle 


25 364090 


2 014 242 


71 620000 


Braunkohlenbriketts t 


242 497 


7 262 


16 895 800 


Braunkohlenkoks t 


37003 


— 


405 600 


Steinkohle t 


I 320 168 


15 '39 720 


158 581 400 


Steinkohlenbriketts t 


58911 


137229 


6 096 400 


Steinkohlcnkoks t 


— 


2 56r 778 


27013300 


Eisenstein t 


2 030 853 


I 008 470 


24319200 


ßoheisen t 


606 645 


1 151 218 


13739200 


Golderze t 


— 


35 994 


— 


Gold kg 


10,8 


272,7 


— 


Silbererze t 


— 


19936 


700 2) 


Siber kg 


2 150,8 


52282 


— 


QuLcksilbererze t 


— 


130 608 


— 


Quecksilber t 


— 


8 200 


— 


Kupfererze 


16353 


— 


829 800 «) 


Kupfer 


2685 


999 


43*) 


Kupfervitriol 


896 


— 


5230 


Bleierz 


18607 


7 143 


170 000 2) 


Blei 


13357 


8954 


178000 


Bleiglätte 


— 


304 


3800 


Zinkerz 


32652 


I 572 


475 200 


Zink 




19 508 


286 940 


Zinnerz 


938 


— 


329008) 


Schwefelerz 


4618 


5942 


227 400 


Graphit 


17 281 


32174 


11 800 


Asphaltstein 


1414 


I 6ii 


84600 


Speisesalz 


119979 


220 278 


645 100 



(Siedesalz) 

Bei der vorbezifferten Braun- und Steinkohlenförderung Deutsch- 
Oesterreichs ist in Berücksichtigung zu ziehen, daß namentlich erstere 
zum größten Teile auf Deutsch-Böhmen (Falkenauer, Brüxer und Duxer 
Revier) entfällt und daher davon abhängt, daß diese Gebiete Deutsch- 



1) Raffinade, Elektrolyt und Zementkupfer. 

2) In der Aufbereitungsanstalt gewonnene Erse. 

3) Zinn-, Kobalt-, Nickel- und Wiainuterze. 



44 Miszellen. 

Oesterreich erhalten bleiben. Fallen jedoch diese Gebiete an den 
tschecho-slowakischen Staat, so verringert sich die Kohlenproduktion 
der übrigen deutschen Gebiete auf ein Minimum und ist bei weitem 
nicht hinreichend, um den Kohlenbedarf Deutsch-Oesterreichs, selbst 
bei Aufrechterhaltung seiner bisherigen oberschlesischen Bezüge sowie 
iener aus dem Mährisch-Ostrauer und Karwiner Revier, zu decken. 
Abgesehen davon wird auch die wichtige Versorgung Sachsens und 
Bayerns mit dieser deutsch-böhmischen Kohle in Frage gestellt. Hin- 
gegen ist die obenbezifferte Eisenproduktion Deutsch-Oesterreichs den 
deutschen Alpenländern eigen und bleibt auf jeden Fall Deutsch-Oester- 
reich erhalten. Die wichtigste Voraussetzung dieser Eisenproduktion 
ist jedoch deren ausreichende Versorgung mit Kohle und Koks und ge- 
winnt gerade jetzt diese Eisenproduktion Deutsch-Oesterreichs infolge 
der drohenden Loslösung der linksrheinischen Kohlen- und Eisenpro- 
duktion von Deutschland für dessen Eisenindustrie und Ausfuhr erhöhte 
Bedeutung. Hingegen erweist sich die übrige Bergwerksproduktion 
Deutsch-Öestarreichs nicht nur gegenüber dem übrigen Oesterreich, 
sondern auch gegenüber Deutschland als nicht unbedeutend und ist sie 
in der Lage, insbesondere letzterem mineralische Rohstoffe zu liefern. 
Während des Krieges hat sich auch die Kupfergewinnung in den deut- 
schen Gebieten Oesterreichs namhaft vermehrt, wie überhaupt mit Hilfe 
von Kapital und Brennstoff die Bergwerksproduktion Deutsch-Oester- 
reichs noch bedeutend gefördert werden könnte. Kohle als wichtiger 
Brennstoff kann durch elektrische Kraft ersetzt werden, zu dessen Er- 
gänzung die reichen, noch unausgenützten Wasserkräfte Deutsch-Oester- 
reichs mannigfache Gelegenheit bieten. So werden die vorhandenen 
Wasserkräfte Deutsch-Oesterreichs allein auf 1 452 512 Brutto- und 
Pferdekräfte bei Niederwasser gegenüber nur 396 660 in den übrigen 
Teilen Oesterreichs, die bereits ausgenützten im ersteren Gebiete auf 
114 514, im letzteren auf 43 603 veranschlagt. 

Eine wichtige Quelle des Volkseinkommens stellt für Deutsch- 
Oesterreich auch die Erzeugung von Nutzholz dar, welche sich im Jahre 
1905 auf 6 698784 Festmeter bei einer Waldfläche von 4179 076 ha 
im Vergleiche zu 8 203085 Festmeter bei einer Waldfläche von 
5 588490 ha im nichtdeutschen Oesterreich belief. Deutsch-Oesterreich 
ist somit nicht weit entfernt, etwa so viel Holz zu liefern, wie das 
ganze übrige Oesterreich. Wie sehr es auch in Deutsch-Österreich 
noch an nutzreicher Forstwirtschaft fehlt, geht aus einem Vergleiche 
mit Deutschland hervor, welches ungeachtet einer nur mehr als doppelt 
80 großen Waldfläche (13 995 869 ha) aber mehr als dreimal soviel 
Nutzholz jährlich liefert (20017 896 Festmeter). 

In der Getränkeerzeugung stehen die deutschen Gebiete Oester- 
reichs den nichtdeutschen nur hinsichtlich der Branntweinerzeugung 
nach So betrug dieselbe in Deutsch-Oesterreich in der Betriebsperiode 
1913/14 178 834 hl (11,05 Proz.) erzeugte Alkoholmenge gegenüber 
1 439 489 ha (88,95 Proz.) im übrigen Oesterreich. Die Bierproduktion 
hingegen übertraf im ersteren Gebiete mit 10 301700 hl jene de: letz- 
teren Gebiete mit nur 10029 819, eine Tatsache, welche hauptsächlich 



Miszellen. 45 

auf die große Brauindustrie in der Nähe Wiens sowie in Deutsch- 
Böhmen zurückzuführen ist. Selbstverständlich bleiben beide Zahlen 
hinter der Branntwein- und Biererzeugung Deutschlands zurück, welche 
sich für Branntwein im Betriebsjahre 1911/12 auf 3 456 379 hl, für 
Bier im Jahre 1911 auf 70 853 000 hl belief. 

Wie schon aus den oben angeführten Zahlen über den Zucker- 
rübenanbau Deutsch-Oesterreichs zu ersehen war, ist dessen Zucker- 
erzeugung mit 493 474 t (22,73 Proz.) gegenüber jener des übrigen 
Oesterreichs mit 1 677 261 t als sehr gering zu bezeichnen und erklärt 
sich daraus die große Abhängigkeit Deutsch-Österreichs in seiner 
Zuckerversorgung von den benachbarten Gebieten. 

Zum Schluß sollen noch einige Daten angeführt werden, welche 
die Leistungsfähigkeit der deutsch-österreichischen Industrie gegenüber 
jener der übrigen Nationalstaaten des früheren Oesterreichs gegenüber 
Deutschland illustrieren. Es verzeichneten 

Nichtdeutsche Gebiete 
des früheren Ocsterrcich 

46 
13666 

217 
38136 

18 
2 173 

150 
10945 

431 

64 920 

20 247 
I 921 



3441 

2495 

600 





Oesterreich 


a) Baumwollindustrie: 




Betriebe 


105 


Arbeiter 


23048 


b) Webereien; 




Betriebe 


315 


Arbeiter 


44507 


c) Druckereien : 




Betriebe 


31 


Arbeiter 


6 520 


d) Sonstige Betriebe: 




Betriebe 


750 


Arbeiter 


49 599 


e) Baumwollindustrie im ganzen: 




Betriebe 


I 201 


Arbeiter 


123674 


Wollindustrie: 




Spinn weber und Weberarbeiter 1 7 693 


Spinner: Arbeiter 


3015 


Leineninduslrie: 




a) Flachsspinnerei 


13 279 


Spindeln 


289 186 


b) Mechanische Webereien 




Webstühle 


5 973 


Arbeiter 


4614 


c) Hand Webereien, Arbeiter 


1820 


Hanf- und Juteindustrie: 




a) Jute-spinnereien 




Betriebe 


7 


Arbeiter 


3806 


b) Hanfspinnereien 




Betriebe 


6 


Arbeiter 


1358 


c) Webereien 




Betriebe 


5 


Art)eiter 


645 


d) Mechanische Seilereien 




Betriebe 


IG 


Arbeiter 


208 



7 
3769 

5 
1583 

6 
1733 

9 
807 



46 



Miszellen. 


esterreich 


Seidenindnstrie : 




Stoff- und Bandfabriken 




Betriebe 


52 


Arbeiter 


17 493 


Webstühle 


12980 


Papier-, Pappe-, Zellstoff-, Holz- 




schliff- und Holzstoffindustrie: 




Papier, monatliche Erzeugung in 




Waggons ä 10000 kg 


2331 


Pappe, dgl. 


630 


Zellstoff, dgl. 


1413 


Holzschliff und Holzstoff 


305 



Nichtdeutsche Gebiete 
des früheren Oesterreich 



15 
4696 
2893 



486 
139 

38 

Aus diesen Zahlen ergibt sich, wie sehr die Industrie der deutschen 
Gebiete in vielfacher Beziehung an Bedeutung jene der übrigen Gebiete 
Oesterreichs übertrifft. Mit Deutschland hingegen können sich die 
ersterwähnten Gebiete nicht vergleichen. Besitzt doch Deutschland 
allein zum Beispiel 396 Baumwollspinnereien, 105 Kammgarnspinne- 
reien, 37 Flachs- und Flachswergspinnereien, 31 Jutespinnereien, 
45 Hanf- und Hanfwergspinnereien, 41 Seidenspinnereien und 335 Seiden- 
webereien und waren im Jahre 1911 in der Textilindustrie insgesamt 
831017, in der Papierindustrie 169 450 erwachsene Arbeiter beschäftigt. 

Diese Zahlen sollten bereits genügen, um die Befürchtungen der 
deutschen Industrie vor dem aus einem Zuwachs der deutsch-öster- 
reichischen Industrie entstehenden Wettbewerbe zu zerstreuen. Viel- 
mehr hätte letztere weit mehr Anlaß, vor der Konkurrenz der deutschen 
Industrie besorgt zu sein, vor welcher sie im Falle des Anschlusses ja 
auch keine Zölle mehr schützen werden. Gleichwohl sind auch diese 
Besorgnisse nicht begründet, da ja die nachhaltigen Störungen, welche 
der Weltkrieg dem Wirtschaftsleben Deutschlands und Deutsch-Oester- 
reichs zugefügt hat, der Mangel an Rohstoffen, die hohen Betriebs- 
kosten usw. ohnedies noch große Umwälzungen in den beiderseitigen 
Industrien hervorrufen und einen völlig neuen Aufbau derselben nötig 
machen werden. Zahlreiche Fabriken werden nicht mehr rentabel sein, 
viele Fabriken werden, um eine Rentabilität zu erreichen, zusammen- 
gelegt werden müssen, aber von allen übrigbleibenden Fabriken wird 
die durch den Anschluß der deutschen Gebiete Oesterreichs bewirkte 
Vergrößerung des gesicherten Absatzgebietes vorteilhaft empfunden 
werden. Denn letztere wird den Fabriken erlauben, sich zu speziali- 
sieren und dadurch ihre Betriebskosten zu vermindern, die Rentabilität 
aber zu steigern. Zudem ist ja auch zu hoffen, daß der deutsch-öster- 
reichischen Industrie noch weiter die spezielle Bestimmung ihrer Export- 
tätigkeit nach dem Südosten Europas vorbehalten bleiben wird, die 
durch den zu erwartenden wirtschaftlichen Aufschwung jenes Teiles 
Europas nur noch zunehmen wird. Hierbei werden sich die deutsch- 
österreichischen Industrien mit ihren reichen Erfahrungen und Ge- 
schäftabeziehungen, die deutsche Industrie mit ihrer Leistungsfähigkeit 
und Kapitalskraft nur vorteilhaft ergänzen. 



Mis Zellen. 47 

Aus allen diesen Ausführungen geht hervor, daß Deutsch-Oester- 
reich und Deutschland in wirtschaftlicher Beziehung keine unüber- 
brückbaren Unterschiede trennen und daß auch ersteres kaum geeignet 
ist, im Falle seines Anschlusses an Deutschland umwälzende Störungen 
in dem Wirtschaftsleben desselben hervorzurufen. Hingegen stellt seine 
Angliederung an Deutschland eine nicht zu unterschätzende wirtschaft- 
liche Ergänzung und Stärkung dieses Reiches dar, welche gerade in 
der gegenwärtigen Zeit des wirtschaftlichen Tiefstandes, in dem sich 
Deutschland befindet, als erwünscht angesehen werden muß und an- 
getan ist, Deutschland in der Abtragung seiner Zwangsleistungen an die 
Gegner im Weltkriege zu unterstützen. 



48 Mis Zellen 



IL 

Die Schädigung der europäischen Seegeltung durch 

den Weltkrieg. 

Von Dr. Richard Henuig. 

Daß der verflossene Weltkrieg nicht nur Deutschland, sondern ganz 
Europa seine alte Kulturhöhe gekostet und unseres Erdteils Vormacht 
vielleicht für immer zugunsten der Vereinigten Staaten wie auch Japans 
zerstört hat, ist eine schon oft ausgesprochene Wahrheit ^). Bisher läßt 
sie sich zwar im allgemeinen nur mehr gefühls- als zahlenmäßig er- 
fassen. Auf einem Gebiet aber ist der Beweis für diese Behauptung 
bereits mit aller Bestimmtheit zu erbringen und deutlich zu zeigen, wie 
gerade auch England, der europäische Hauptsieger des Krieges in po- 
litischer Hinsicht, in seiner Weltwirtschaftsstellung durch den Krieg 
einen außergewöhnlich schweren und voraussichtlich nie wieder gut zu 
machenden Rückschlag erlitten hat und wohl noch weiter erleiden wird. 

Englands größter Stolz ist seine gewaltige Flotte, die Kriegs- wie 
Handelsflotte, die seinen Anspruch auf das „rule the waves" verbürgte. 
Und gerade sie ist es, deren Stellung in der Welt infolge des Krieges 
aufs schwerste erschüttert worden ist. Von der Kriegsflotte sei hier 
nicht weiter geredet; es genüge die Bemerkung, daß das offen aus- 
gesprochene Streben der Vereinigten Staaten nach einer Kriegsmarine, 
die der britischen mindestens gleichwertig ist, den Engländern als ein 
schlechter Tausch für die geglückte Vernichtung der deutschen Kriegs- 
marine erscheinen muß. Noch viel offensichtlicher aber ist die schlechtere 
Stellung, in die die englische Handelsflotte und mit ihr auch der eng- 
lische Schiffbau durch den Krieg gedrängt worden ist. 

Zwei Tatsachen beleuchten schlaglichtartig die Verschiebung der 
Verhältnisse zu Englands Ungunsten. Die Niederschlagung der deutschen 
Handelsmarine, deren stolzes Aufblühen einer der wichtigsten Gründe 
für die Entfesselung des Weltkrieges war, ist den Briten zwar gelungen, 
aber am Schlüsse des Krieges steht eine andere, nicht-englische Flotte, 
die amerikanische, doppelt so stark, als es die deutsche in ihren besten 
Zeiten war, zum Handelskampf gerüstet, einer stark reduzierten eng- 
lischen Kauffahrteiflotte gegenüber. Außerdem aber ist der englische 
Schiffbau, der seit Menschengedenken unerreichbar an der Spitze aller 
Nationen marschierte, seit 1917 vom amerikanischen übertroffen worden 
und schon 1918 hinter diesem fast um die Hälfte zurückgeblieben, trotz 
lebhafter eigener Anstrengungen. Die Umwandlungen, die in den letzten 
Jahren und zumal seit dem Frühjahr 1918, dem zeitlichen Höhepunkt 

1) Vgl. u, a. meinen Anfsatz in diesen „Jahrbüchern" III. F. 56. Bd. S. 455 fg. 



Mis Zellen. 49 

der großen Frachtraumkrise, in Schiffbau und Schiffahrt eingetreten sind, 
sind so gewaltig, daß man sagen kann, nie zuvor habe sich das Bild 
des Handelswettbewerbs auf den Meeren in so kurzer Zeit gleich stark 
gewandelt! Einige Zahlentabellen mögen diese Behauptung des näheren 
erweisen. Zweckmäßig werden diese aber bis auf die Jahrhundertwende 
zurückgreifen, um das Bild der Stellung Europas im Seewettbewerb vor 
und nach dem Kriege in seiner ganzen Gegensätzlichkeit scharf zum 
Ausdruck zu bringen. 

Der Anteil der führenden Nationen an der Zusammensetzung der 
Welthandelsflotte stellte sich, wie folgt: 

Absolute Größe der Handelsflotten (in 1000 Br.-Reg.-T.) : 

Jahr Weltflotte England 5,, ', * ' Japan . , ' Norwegen Frankreich Holland 

1900 29044 14 261 2053 575 2650 1641 1351 530 

1905 36001 17 010 2649 874 3565 1776 1728 702 

1910 41 195 19012 2762 1149 4333 2015 1882 1015 

1915 49262 21274 5893 1826 — 2529 2286 1523 

1918 (Ende) ? 17023 7956 2672 2645 1865 1498 1328 

Relative Größe (Anteil in %) : 

Jahr England Ver. Staaten Japan Deutsehland Norwegen Frankreich Holland 

1900 49,2 7,1 2,0 9,1 5,6 4,7 1,8 

1905 47,2 7,4 2,4 9,9 4,9 4,7 1,9 

1910 45,4 6,6 2,7 10,3 . 4,8 4,6 2,4 

1915 43,2 11,9 3,7 — 5,1 4,6 3,1 

1918 ca. 43 ca. 21 ca. 7 ca. 7 ca. 5 ca. 4 ca. 3^^ 

So bedeutsam die in diesen Tabellen, vornehmlich in ihren letzten 
beiden Zeilen, eingetretenen Verschiebungen bereits sind, so macht sich 
die neue Zeit doch noch ungleich stärker geltend, wenn man den Schiff- 
b a u betrachtet. Es liegt ja auf der Hand, daß sich auf diesem Gebiet 
etwaige Verschiebungen der Seegeltung deutlicher und früher zeigen 
müssen als in den Zahlen, welche die Größe der Handelsflotten selbst 
veranschaulichen. In diesen letzteren muß die jeweilige Phase der an- 
oder abschwellenden Welle naturgemäß erst später erkennbar werden 
als in jenen. Auch die obigen Tabellen werden daher schon etwa ein 
Jahr später die neue Entwickelung, die bisher nur im ersten Stadium 
sichtbar ist, noch erheblich charakteristischer zeigen, als es bisher 
möglich ist. 

Was nun also den Anteil der Nationen am Schiffbau anbelangt, so 
hat er sich in folgender Weise entwickelt: 

Absolute Größe des Handelsschiffbaus im Jahr (in 1000 Br.-R.-T.) : 



Jahr 


Weltschiffbau 


England 


Ver. Staaten 


Japan 


Deutschland 


Frankreich 


1902 


2503 


1428 


379 


27 


214 


192 


1904 


1988 


1205 


238 


33 


252 


81 


1908 


2920 


1828 


441 


42 


318 


35 


1908 


1833 


930 


305 


60 


208 


83 


1910 


1958 


1143 


331 


30 


»59 


80 


1912 


2902 


1739 


284 


58 


379 


III 


1914 


2394 


1684 


201 


86 


1 nicht 


114 


1916 


1838 


582 


504 


233 


> bekannt 


38 


1918 


5447 


1348 


3033 


490 


J gegeben 


14 



Jahrb. f NationalSk. u. Stat. Bd. 113 (Dritte Folge Bd. 68). 



50 









Miszel 


en. 








Relative 


Größe des Sc 


h 


if f baus 


(Anteil in %): 




Jahr 


England 


Ver. 


Staaten 




Japan 


Deutschland 


Frankreich 


1902 


57,1 




15.2 




i.i 


8,6 


7,7 


1904 


6o,9 




12,0 




1,7 


12,7 


4,1 


1906 


62,6 




15,1 




1,4 


10,9 


1,2 


1908 


50,6 




16,6 




3>3 


11,8 


4,6 


1910 


58,4 




16,9 




1,6 


8,2 


4,1 


1912 


60,0 




9,8 




2,0 


12,9 


3,8 


1914 


70,6 




8,4 




3,6 


— 


4.8 


1916 


31,6 




27,4 




12,7 


— 


2,1 


1918 


24,8 




58,0 




9.0 


— 


0,3 



Schließlich mögen auch noch die Zahlen der Tonnenmengen auf- 
geführt sein, die am 31. März 1919 auf den Werften der einzelnen 
Länder im Bau begriffen waren: 

Schiffe auf Stapel (am 31. März 1919): 

England Ver. Staaten Japan Holland Italien 

Zahl der Schiffe 657 1336^) 74 87 59 

Tonnengehalt 2254845 9275006^) 254835 182308 135034 

An Hand dieser Zahlentabellen ist der im Eingang erwähnte Nach- 
weis der schweren Schädigung der wirtschaftlichen Vormachtstellung 
Europas zur See nur allzu leicht zu erbringen. Man erkennt dies, wenn 
man die mitgeteilten Zahlen in folgender Weise gruppiert und verwertet: 

I. Handelsflotte (in 1000 Br.-Reg.-T.) : 
a) in absoluter Größe. 

Differenz 
zugunsten 
Europas 
+ 17804 
+ 21 258 
+ 24346 
+ 19893') 
+ 13 729') 

au (in 1000 

Differenz 
zugunsten 
Europas 
+ 1428 
+ 1267 
+ 1698 
+ 856 
+ 1021 
+ 1887 
+ 1511') 
— "7") 
—2161") 

1) Diese Zahlen für die Vereinigten Staaten entstammen „Financial News" vom 
26. März 1919. „Lloyds List" gibt niedrigere Zahlen an (1155 Schiffe mit 4 185 523 t). 
Die Angaben von Lloyd, die sonst schlechterdings maßgebend waren, sind aber im 
Kriege mehrfach tendenziös entstellt worden und scheinen auch im vorliegenden Falle 
verkleinert worden zu sein, um Englands Ueberflügelung nicht gar zu erschreckend 
klarzustellen. Sollte die Angabe von „Financial News", wie anzunehmen, dead weight- 
Tonnage bedeaten, so würde die Brutto-Reg.-Tonnage noch immer ca. 7,1 Mill. betragen. 

2) Ohne Deutschland. 



Jahr 


Europa 


Nicht-Europa 


(5 Staaten) 


(2 Staaten) 


1900 


20432 


2628 


1905 


24781 


3523 


1910 


28257 


3911 


1915 


27612*) 


7719 


1918 


24359') 


10628 
IL Schiffb 




a) in absoluter Größe. 


Jahr 


Europa 


Nicht-Europa 


(3 Staaten) 


(2 Staaten) 


1902 


1834 


406 


1904 


1538 


271 


1906 


2181 


483 


1908 


1221 


365 


1910 


1382 


361 


1912 


2229 


342 


1914 


1798») 


287 


1916 


620») 


737 


1918 


1362») 


3523 



b) 


in Prozenten. 




Europa 


Nicht-Europa 


Differenz 

zugunsten 

Europas 


(5 Staaten) 


(2 Staaten) 


70,4 


9,1 


+ 61,3 


68,6 


9,8 


+ 58,8 


67,4 


9,3 


+ 58,1 


56,0*) 


15,6 


+ 40.4') 


ca. 62 2) 


ca. 28 ca. +34^) 


) Br.-Reg.-T.) 






b) 


in Prozenten 




Europa 


Nicht-Europa 


Differenz 
zugunsten 
Europas 


(3 Staaten) 


(2 Staaten) 


73,4 


16,3 


+ 57,1 


77,7 


13,7 


+ 64,0 


74,7 


16,6 


+ 58.2 


6b, 6 


19,9 


+ 46,6 


70,7 


18,4 


+ 52 3 


76,7 


11,8 


+ 64,9 


75.3*) 


12,0 


+ 63.3 n 


33,7') 


40,8 


— 6,6 »J 


25,0') 


67,0 


-42,0») 



Miszellen. 51 

Besonders die letzten Zeilen der letzten Tabelle beweisen, daß in der 
Tat ganz Europa einschließlich der siegreichen Staaten auf wirtschaft- 
lichem Gebiet eine furchtbar schwere, wahrscheinlich überhaupt nicht 
wieder gut zu machende Niederlage im Weltkrieg erlitten hat zugunsten 
der beiden eigentlichen Sieger in dem großen Ringen: Vereinigte 
Staaten und Japan. 

Nachtrag. Die in obigen Darlegungen zutage tretende Ent- 
wicklungstendenz wird im Jahre 1919 noch deutlicher. Ende 1918 
versprach Lord Pirrie, daß die englischen Werften 1919 3 Mill. t 
Schiffsraum hervorbringen würden. Nun aber wird bekannt, daß in- 
folge der vielen Streiks und der fortgesetzt sinkenden A.rbeitslust bei 
höheren Löhnen und verkürzter Arbeitszeit in vollen 4 Monaten 
(1. Januar— 30. April 191U) nur ganze 327 000 Br.-Reg.-T. von den 
britischen Werften gebaut worden sind („Statist", 24. Mai). Anderer- 
seits haben die amerikanischen Werften in dem einen Monat Mai 
136 Schiffe mit 768 025 dead weight t (= rd. 591 000 Br.-Reg.-T.) 
neu in Dienst gestellt und 137 Schiffe mit 705 058 d. w. t (= rd. 
542 000 Br.-Reg.-T.) vom Stapel gelassen. Der amerikanische Schiff- 
bau, der bis 1916 dem englischen dauernd weit unterlegen war und 
der ihn plötzlich 1918 fast um das Doppelte übertraf, produziert also 
jetzt rund das Siebenfache des britischen!! 



4* 



gO Miszellen. 



III. 

Kriegsmäßige Volkszählungen im Generalgouverne- 
ment Warschau und die Bevölkerungszahl 
in Kongreß-Polen. 

Von Dr. Hans Praesent, Leipzig. 

Bekanntlich ist die amtliche russische Bevölkerungsstatistik sehr 
unzulänglich, und auf ihre Mängel muß immer wieder hingewiesen 
werden, um vor falschen Schlußfolgerungen zu warnen. Die erste und 
letzte allgemeine Volkszählung im Russischen Reiche fand im Jahre 1897 
statt ^), und seitdem sind nur Berechnungen und Fortschreibungen vor- 
genommen worden, welche die Ergebnisse ^) der genannten Zählung 
naturgemäß mit neuen Fehlern versehen haben. So besitzen die bis 
zum Kriege vorliegenden und auch heute noch benutzten Bevölkerungs- 
zahlen aus dem ehemaligen europäischen Rußland, dessen Fläche etwa 
ebenso groß war wie die aller übrigen Länder Europas zusammen ge- 
nommen, eigentlich nur noch den Wert mehr oder weniger zutreffender 
Schätzungen. Die Bevölkerungsbewegung und die Entwicklung der In- 
dustrie usw. sind in manchen Teilen Rußlands so sprunghaft gewesen, 
daß eine neue Aufnahme ein ganz anderes Zahlenbild ergeben würde. 
Das gilt besonders auch für die Nationalitäten- und Berufsstatistik. 

Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen sind nun auch die seit 
Kriegsbeginn immer wieder genannten Zahlen aus Kongreß-Polen 
(Russisch-Polen, 10 Weichselgouvernements) zu betrachten. Sie gehen 
ebenfalls auf die Volkszählung 1897 zurück und sind von Zeit zu Zeit, 
zuletzt für 1913, neu berechnet worden. Kongreß-Polen hatte zwar selbst 
ein russischee „Warschauer statistisches Komitee", das 1887 begründet 
worden war, aber dieses hat in den 30 Jahren seines Bestehens keine 
eigene gleichmäßige Zählung des Weichsellandes durchgeführt, und seine 
Aufgabe nur darin gesehen, dem russischen Zentralkomitee in St. Peters- 
burg das nötige Material zu liefern, eine Art Vermittlungsstelle zwischen 
den einzelnen Gouvernements und der Hauptzentrale zu bilden und allen- 
falls lokalstatistische Arbeiten zu unternehmen. Ich habe bereits an 



1) üeber die Durchführung dieser Zählung vgl. z, B. AI. Kaufmann, Theorie 
und Methoden der Statistik, Tübingen 1913, S. 341—342. 

2) Erste allgemeine Volkszählung des Russischen Reiches 1897. Unter der Re- 
daktion von N. Trojnitzky. Allgemeines Verzeichnis der Resultate der Ausarbeitung 
der Daten der ersten allgemeinen Volkszählung für das ganze Kaiserreich, 28. .Januar 
1897. 2 Bde. St. Petersburg 1905. (Russ. u. franz.) 



Miszellen. 53 

anderer Stelle ^) Näheres über Organisation und Arbeitsleistung dieses 
Komitees, das auch 40 Hefte „Trudy Varsavskago statisticeskago Ko- 
miteta (Arbeiten des Warschauer statistischen Komitees)" in den Jahren 
1889 — 1914 in russischer Sprache veröffentlicht hat, mitgeteilt, so daß 
ich mich hier darauf beschränken kann, noch einige polnische sta- 
tistische Handbücher namhaft zu machen und ihren Inhalt zu 
charakterisieren, zumal sie in dieser Zeitschrift bisher nicht beleuchtet 
worden sind. 

Es sind im wesentlichen folgende drei, die ihr Material natürlich 
den russischen Quellen entnehmen mußten: 

I. Rocznik statystyezny Krölestwa Polskiego, rok 1913, — 
rok 1914 (Statistisches Jahrbuch des Königreichs Polen 1913, — 1914) 
von Wl. Grabski. — Rocznik statystyezny Krölestwa Polskiego z 
uwzgU;dnieniem innych ziem polskich, rok 1915 (Statistisches Jahrbuch 
des Königreichs Polen mit Berücksichtigung der anderen polnischen 
Länder, 1915) von E. Strasburger. Warschau 1914 — 1916. 

II. Krzyzanowski, A. und Kumaniecki, K. , Statystyka 
Polski — Handbuch der polnischen Statistik — Tableau statistique de 
la Pologne. Krakau 1915. 

III. Romer, E. v. und Weinfeld, J., Statistisches Jahrbuch 
Polens. Krakau 1917. 

Der erste Jahrgang 1913 des „Rcoznik statystyezny" (I) erschien in Warschau 
im Jahre 1914, wurde im „Biuro Pracy SpoJeczny (Bureau der gesellschaftlichen 
Arbeit)" unter der Redaktion des Wirtschaftsstatistikers Wi. Grabski bearbeitet 
und brachte in Tabellenform Zahlen aus der Bevölkerungs- und Wiitschaftsstatistik 
des „Königreichs" Polen, d. h. des sogenannten Kongreß-Polen. Das Buch, dessen 
Herausgabe einem wirklichen Bedürfnis entsprach und das alsbald ausverkauft war, 
läßt sich nach äußerer Anordnung, Format, Inhalt usw. ungefähr mit unserem 
„Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich" vergleichen, wenn auch die Kritik 
im einzelnen, abgesehen natürlich von der ünzuverlässigkeit des gesamten russi- 
schen Quellenmaterials, noch viele Fehler und Mängel aufzeigen konnte. Trotz 
des inzwischen begonnenen Krieges erschien 1915 in derselben Form und von 
demselben Herausgeber der zweite Jahrgang 1914. Die Tabellenköpfe erschienen 
zweisprachig, polnisch und französisch, ebenso wurde eine einleitende Erläuterung 
zu den Tabellen in polnischer und französischer Sprache gegeben. Neu hinzu 
kamen eine Statistik der Fabrikarbeiter, des Gerichtswesens sowie meteorologische 
Daten. Lebhaft zu begrüßen war in diesem Bande eine Liste der benutzten, be- 
sonders der russischen Quellenliteratur. * 

Der dritte, im Herbst 1916 erschienene Band weicht etwas von seinen Vor- 
gängern ab. Wie der erweiterte Titel (s. o.) sagt, sind die Daten teilweise auf die 
benachbarten Länder ausgedehnt, in denen polnische Bevölkerung in größerer 
Menge wohnt. Es sind also zum Vergleich herangezogen Daten aus Litauen, 
Weißrußland und Ruthenien, Galizien und Oesterreichisch- Schlesien, Schlesien, 
Posen und Westpreußen. Die französischen Titel und Uebersichten sind ver- 
schwunden. Die Bevölkerungszahlen und Statistiken der Emigration und Servi- 
tuten sind neu nach unveröffentlichtem Material des Warschauer statistischen 
Komitees bearbeitet worden. Die Hauptabteilungen der Tabellen sind: Bevölke- 
rung, ständige und zeitweilige Auswanderung, Ackerbau und landwirtschaftliche 
Industrie, Preise, Bergbau und Hüttenwesen, Industrie, Kreditwesen, Konsum- 
vereine, Finanzwesen, Verkehrsmittel und Schulwesen. Die Bevölkerungszahlen 



1) Beiträge zur polnischen Landeskunde. II. Das Quellen material zur Bevölke- 
rungsstatistik Polens. Zeitschr. Ges. Erdkunde, Berlin 1917, S. 245—249. 



54 



Miszellen. 



^ür die 10 Gouvernements und die 84 einzelnen Kreise ^) mit den Unterabteilungen 
der städtischen und ländlichen Einwohner, Geschlechter, Konfessionen, Sprachen 
sind für den 14. Januar 1913 berechnet und angegeben. Areale und Bevölkerungs- 
dichten sind erstmalig in Quadratkilometern (früher in Quadratwerst) verzeichnet. 
Die benutzten Quellen sind jeweils bei den einzelnen Tabellen vermerkt. Dieser 
letzte Band wurde in einer neu gegründeten statistischen Kommission bei der 
„Towarzystwo Naukowe Warszawskie (Warschauer wissenschaftliche Gesellschaft)" 
bearbeitet, und als Herausgeber zeichnete Edw. Strasburger. 

Auch außerhalb Kongreß-Polens war schon vor dem Kriege der Wunsch 
nach einer einheitlichen Statistik der gesamten polnischen Gebiete rege geworden. 
Zu diesem Zwecke war 1913 in Krakau eine „Polskie Towarzystwo Statystyczne 
(Polnische statistische Gesellschaft)" mit dem Ziele zusammengetreten, eine um- 
langreiche Statistik über alle „polnischen Länder" zu sammeln. Das Ergebnis 
ihrer Arbeiten liegt vor in dem oben (II) genannten, dreisprachigen „Handbuch 
der polnischen Statistik" von A. Krzyzanowski und K. Kumaniecki. Dem 
Eedaktionskomitee gehörten bekannte Historiker und Nationalökonomen an, wie 
Fr. Bujak, E. Grabowski, A. Krzyzanowski, K. Kumaniecki und St. Surzycki. 
Sie begnügten sich bei der Abgrenzung ihres Arbeitsgebietes nicht mit dem ethno- 
graphischen, noch mit dem historischen Polen von 1772, sondern berücksichtigten 
sämtliche Territorien, die irgendwann einmal in ethnographischem oder historischem 
Zusammenhang mit Polen gestanden haben. Das Quellenmaterial war naturgemäß 
sehr verschieden. Den zuverlässigen amtlichen Werken im Deutschen Eeich und 
Oesterreich- Ungarn standen wiederum die minderwertigen russischen Zahlen gegen- 
über, was sich bei der Bearbeitung Kongreß-Polens sowie der angrenzenden litaui- 
schen, weißrussischen und ruthenischen Gouvernements sehr unangenehm fühlbar 
machte. Das Handbuch enthält nur Tabellen (315 an Zahl) ohne weitere Er- 
läuterungen. Ihre Köpfe sind in deutscher, polnischer und französischer Sprache 
fehalten, und bei einer jeden sind ausfijhrliche Quellenangaben gemacht worden, 
lin sehr eingehendes Inhaltsverzeichnis von 18 Seiten erleichtert das Auffinden 
der gesuchten Angaben. Ein besonderes Gewicht ist auf die Bevölkerungsstatistik 
gelegt worden (74 Tabellen über Stand und Entwicklung der Bevölkerung, Dichte, 
Städte, Geschlecht, Alter, Konfession, Muttersprache, Kreise, natürliche Bevölke- 
rungsbewegung, Wanderungen), Tabelle 75—270 behandeln Avirtschaftliche und 
soziale Verhältnisse, Tabelle 271—288 Bildung und Schulwesen, Tabelle 289—315 
Wahlen in die gesetzgebenden Körperschaften. 

Das dritte angeführte Werk (III) von Römer und Weinfeld ist ein 
kurzes gedrängtes Tabellen werk und ähnelt in Form und Umfang am meisten 
O. Hübners bekannten geographisch - statistischen Tabellen. Es ist systematisch 
gut aufgebaut, erschien gleichzeitig in polnischer und französischer Sprache und 
nietet Zahlen, welche die nationalen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen 
Zustände Polens vor dem Kriege in der Abgrenzung des polnischen Staates vor 
dem Jahre 1772 beleuchten sollen. Es bietet in übersichtlicher Weise das aus 
den deutschen, österreichischen und russischen Quellen geschöpfte Zahlenmaterial, 
das dem von ß. v. Rom er bearbeiteten großen „Geographisch-statistischen Atlas 
von Polen" (^Warschau und Krakau 1916) zugrunde liegt. Nützlich für den Ge- 
brauch erweisen sich die Prozentberechnungen, die internationalen Vergleichs- 
tabellen, die genauen Quellenangaben bei jeder Tabelle und das Schlagwortver- 
zeichnis. 

Die genaDDten und kurz skizzierten drei verschiedenen statistischen 
Handbücher Polens zeigen, daß wir zwar ausgiebig mit statistischen 
Handbüchern über die russisch-polnischen Gebiete, die sich auf die 



1) Eine Tabelle der Flächen und Einwohnerzahlen der 84 Kreise für 1913 nebst 
Yolksdichteberechnungen gab ich in einem besonderen Aufsatze : Die Bevölkerungsdichte 
in Kongreß - Polen, Zeitschr. Ges. Erdkunde, Berlin 1918, 8. 161—174. Die daselbst 
gegebenen neuen Volksdichtekärtchen Kongreß - Polens wiederholte ich im „Handbuch 
von Polen" (2. Au«., 1918), S. 338—339. 



Miszellen. • 55 

Zeit vor dem Kriege beziehen, versorgt sind , daß deren Unterlage 
jedoch ganz unzuverlässig ist. Der Krieg hat nun alle diese Sta- 
tistiken mehr oder weniger stark über den Haufen geworfen; denn 
Kongreß-Polen war bekanntlich von Beginn an bis zum Herbst 1915 
Kriegsschauplatz, erst im wechselnden Bewegungskrieg, dann in monate- 
langem Stellungskampfe, dann in siegreich schnellem Vordringen unserer 
Truppen, welche die Ostgrenze Kongreß-Polens noch weit hinter sich 
ließen und bis zu den Pinskor Sümpfen vordrangen, in denen die neue 
Stellungslinie besetzt wurde, die bis zum Ende des Krieges halten 
sollte. Diese kriegerischen Vorgänge sind zweifellos nicht ohne Einfluß 
auf die Bevölkerungszahl und ihre Verteilung im einzelnen geblieben. 
Ganz allgemein läßt sich sagen, daß eine starke Abnahme der Volks- 
zahl stattgefunden hat. Von rund 13 Mill. Menschen, die im Jahre 
1913 das Gebiet der 10 Weichselgouvernements bewohnten, waren nur 
etwa 10 Mill. übrig geblieben, als der Kriegssturm über das Land 
hinweggebraust war. Die russischen Beamten hatten das Land wohl 
ziemlich vollständig verlassen, die deutschen Kolonisten waren zum Teil, 
ebenso wie die ruthenischen Bauern im Cholmer Land, von Haus und 
Hof vertrieben und nach Osten verschleppt worden; so hatten viele 
unfreiwillig, aber auch viele absichtlich mit den zurückflutenden Russen 
dem Lande den Rücken gekehrt. Besonders die Zonen langer Stellungs- 
kämpfe (z. B. im polnisch-baltischen Hügelland oder an der Bzura) 
waren stark entvölkert, die Sterblichkeit mag infolge von Epidemien 
(z. B. Fleckfieber) in manchen Gegenden größer gewesen sein, und 
ebenso nahm die Geburtenzahl wie überall -während des Krieges be- 
deutend ab. 

So war das Land und seine Bevölkerung nach mehr als einjähriger 
Kriegszeit hart mitgenommen, als es im Herbst 1915 „besetztes Ge- 
biet" wurde und das Deutsche Reich und Oesterreich-Ungarn sich in 
die Landesverwaltung teilten. Die alte russische administrative Ein- 
teilung Kongreß-Polens, die das Land in 10 Gouvernements mit ins- 
gesamt 84 Kreisen teilte, sowie die Okkupationseinteilung lassen sich 
am besten auf Karte I im „Handbuch von Polen" (2. Aufl., Berlin 
1918) verfolgen. Nach der Besetzung wurde das Land in der Haupt- 
sache in zwei administrative Einheiten aufgelöst: das Kais. Deutsche 
Generalgouvernement Warschau mit dem Sitz des Generalgouverneurs 
in Warschau, und das k. und k. Militärgouvernement in Polen mit dem 
Sitz des Generalgouverneurs in Lublin. Die Grenze beider General- 
gouvernements verlief im wesentlichen entlang des Wieprz und der 
Pilica, trennte also etwa das südliche Berg- und Hügelland von der 
polnischen Niederung; nur im Westen war ihr Verlauf durch die beider- 
seitigen wirtschaftlichen .Interessen des Deutschen Reiches und Oester- 
reich-Ungarns an den Kohlen- und Eisengebieten Südwestpolens be- 
stimmt. Im Osten blieb ein größerer Teil des ehemaligen Kongreß- 
Polen, nämlich zwischen Brest-Litowsk, Konstantynöw, Radzy/i und 
Wfodawa als Etappengebiet außerhalb des Gebietes beider General- 
Gouvernements, ebenso das ganze Gouvernement Suwalki, das dem Ver- 
waltungsgebiet Oberost angehörte. Im Generalgouvernement Warschau 



53 Miszellen. 

war die alte Einteilung in Gouvernements und Kreise jedoch nur im 
allgemeinen beibehalten worden, und die einzelnen Grenzen waren in- 
folge der Abgrenzung der beiden Generalgouvernements gegeneinander 
und gegen das Etappengebiet hin und wieder etwas verschoben, so daß 
es leider nicht möglich ist, die alten und neuen Bevölkerungszahlen der 
Kreise miteinander zu vergleichen. 

Als die deutsche Verwaltung im Generalgouvernement Warschau 
eingerichtet worden war, da war es selbstverständlich aus zahlreichen 
Gründen von Interesse zu wissen, wie groß die Bevölkerungszahl in 
dem besetzten Gebiet sei. Schon die Eationierung der Lebensmittel und 
die Versorgung der eingesessenen Bevölkerung mit dem Nötigsten, 
andererseits aber anch die durchaus wünschenswerte Ausfuhr wichtiger 
Lebensmittel, wie Getreide und Kartoffeln nach Deutschland, drangen 
notwendigerweise auf eine möglichst genaue Feststellung der Volks- 
zahl in dem vom Kriege schwer heimgesuchten und nunmehr von uns 
zu verwaltenden Lande. Wie diese im Generalgouvernement Warschau 
versucht worden ist, mit welchen Schwierigkeiten zu kämpfen war und 
welches schließlich das Ergebnis gewesen ist, möchte ich im folgenden 
kurz darzustellen versuchen, wobei ich mich auf die betreffenden Akten 
der Verwaltung stützen konnte ^). 

Die Maßnahmen der deutschen Zivilverwaltung begannen bereits 
im Sommer 1915, als erst der westliche Teil Russisch-Polens deutsch 
war und der Sitz der Verwaltung noch in Kaiisch aufgeschlagen war. 
Eine vom 6. Juli 1915 aus Kaiisch datierte Verfügung scheint die erste 
gewesen zu sein, die darauf hinweist, es sei dringend notwendig, eine 
Volkszählung vorzunehmen, die „ohne besondere Mühe" anläßlich der 
Ausstellung der Pässe für die Zivilbevölkerung veranstaltet werden 
könne. Die Zahl der Kinder unter 15 Jahren sollte bei Ausstellung 
der Familienpässe zusammengerechnet werden. Der Lodzer und eine 
Reihe anderer Kreischefs erwiderten darauf, der Plan, solche „Seelen- 
listen" bei den Paßkommissionen aufzustellen, sei praktisch unmöglich, 
aber es ergebe sich vielleicht gelegentlich der Erhebung der Haus- 
steuer am 1. August 1915 die Möglichkeit zu einer Zählung. Ob 
letzteres der Fall gewesen ist, ließ sich nicht feststellen, vermutlich er- 
gaben sich dabei ebensogroße Schwierigkeiten wie bei der vom grünen 
Tisch aus erlassenen Verfügung, das Volk gelegentlich der Paßaus- 
stellung zu zählen. Zwar haben die Paßkommissionen mit unver- 
drossenem Eifer gearbeitet, aber wer die Verhältnisse einigermaßen 
überblickte, mußte gestehen, daß sich bei einer so unhomogenen und 
mißtrauischen Bevölkerung Hunderte um den Paß drückten und die Be- 
völkerung viel zu fluktuierend war, um auch nur eine einigermaßen 
richtige Zahl zu gewährleisten. Zudem erstreckte sich die Arbeit der 
Paßkommissionen über Monate, so daß also ein richtiges Momentbild 
von vornherein ausgeschlossen war. Daher haben alle Zählungen, die 

1) Als Mitglied der „Landeskundlichen Kommission beim Generalgouvernement 
WarBchau" erhielt ich die Akten der Verwaltung zur Bearbeitung der Bevölkernnga- 
geographie, wofür ich dem Herrn Verwaltungschef auch an dieser Stelle verbindlichsten 
Dank aussprechen möchte. 



Miazellen. 57 

gelegentlich der Paßausgabe vorgenommen wurden, nur einen gewissen 
Schätzungswert. 

Als dann im Herbst 1915 die Verwaltung in Warschau über das 
ganze Generalgouvernement eingerichtet worden war, war bald eine 
genauere Uebersicht über die Bevölkerungszahl unumgänglich notwendig 
geworden. Eine Verfügung vom 16. März 1916 von Warschau aus 
forderte wiederum eine Volkszählung von selten der Paßkommissionen. 
Es ergaben sich dieselben Schwierigkeiten, und es scheint, daß in der 
Folgezeit den Kreischefs selbst anheimgestellt wurde, auf die ihnen am 
besten dünkende Art und Weise in ihrem Kreise die Einwohnerzahl zu 
ermitteln. Jedenfalls ergingen nun von der Zentralstelle keine allge- 
meinen Verfügungen mehr, sondern nur noch Anfragen über die von 
den einzelnen Kreisen ermittelte Volkszahl. Eine ganze Reihe von 
kriegsmäßigen Methoden wurde nun von den einzelnen Kreischefs an- 
gewandt. Neben Zählungen gelegentlich der Paßausgabe, Brotkarten- 
ausgabe, Zuckerversorgung, Aufstellung von Impflisten usw. finden sich 
auch mehrere speziell verfügte Volkszählungen, die mit mehr oder 
weniger Geschick und Erfolg durchgeführt wurden. Man muß sich 
vergegenwärtigen, daß alle derartigen Maßnahmen der deutschen Ver- 
waltung von den polnischen Bewohnern mit größtem Mißtrauen auf- 
genommen wurden, daß irgendwelche neue Kriegs- oder Steuermaß- 
nahme dahinter gewittert wurde. Ferner war die technische Durch- 
führung sehr schwierig, da es an geübtem Zählpersonal fehlte und in 
Dörfern und Städtchen nur wenige des Schreibens und Lesens kundige 
Einwohner vorhanden sind. 

Als ein Beispiel einer selbständig angeordneten und mit großem 
Eifer und Interesse durchgeführten Volkszählung möchte ich die im 
Kreise Lukow veranstaltete eingehender erwähnen, da sie die dabei 
angewandte Methode und die großen Schwierigkeiten deutlich vor Augen 
zu führen geeignet ist. Der dortige Kreischef, Oberst v. E., meldete 
zunächst auf die oben erwähnte Warschauer Verfügung am 13. April 
1916 an den Verwaltungschef, daß nach eingehender Prüfung eine zu- 
verlässige Volkszählung anläßlich der Ausstellung der Pässe unmöglich 
sei, und daß er daher eine eigene Volkszählung für den 1. Mai im 
Kreise Lukow angeordnet und vorbereitet habe. Am 20. Juni 1916 
konnte er bereits das Ergebnis und die dabei gesammelten Erfahrungen 
nach Warschau berichten. Die Vorbereitung und Ausführung spielte 
sich etwa, wie folgt, ab. Zunächst besagte ein Erlaß an alle Bürger- 
meister, Woits usw. ungefähr folgendes: Zwecks Sicherstellung der Er- 
nährung des Kreises für die nächste Wirtschaftsperiode soll eine Volks- 
zählung stattfinden, da die Einwohnerzahl bisher nur schätzungsweise 
bekannt ist. Es wird ausdrücklich betont, daß diese Volkszählung nicht 
in steuerlicher Beziehung gemacht wird und überhaupt kein Nachteil 
für die Einwohnerschaft entstehen soll. Es werden vier verschiedene 
Karten in vier Farben verteilt werden, und zwar für männliche und 
weibliche Personen unter und über 14 Jahren. Für jede Person jedes 
Alters ist also eine entsprechende Karte auszufüllen. Die Karten 
werden durch Milizianten usw. an die Haushaltungsvorständo derartig 



58 



Miszellen. 



verteilt, daß für jede im Haushalt befindliche Person eine entsprechende 
Karte abzugeben ist. Lehrerinnen, Gemeindeschreiber, intelligente 
ältere Schüler und sonst des Lesens und Schreibens kundige Personen 
sollen dann die Karten nach dem Stande vom 1. Mai ausfüllen. Auch 
das Dienstpersonal erhält eine Karte. Nicht mitzuzählen sind Personen, 
die sich gerade besuchsweise aus anderen Kreisen aufhalten, dagegen 
diejenigen, die zurzeit nur vorübergehend ortsabwesend sind. Am 
4. Mai beginnt das Einsammeln der Karten, die gleich von den Ein- 
sammlern geprüft werden. Die Amtsstellen ordnen die Karten nach 
der Farbe, prüfen ebenfalls die Richtigkeit der Ausfüllung und senden 
sie an das Kreisamt. Hier findet die Qesamtzählung statt, und dann 
wird das gesammelte Kartenmaterial den Gemeindon wieder zurück- 
gesandt, die sie alphabetisch ordnen und auf dem Laufenden erhalten 
sollen. Auf diese Weise soll erreicht werden, daß jede Stadt und jede 
Woiwodschaft jederzeit einen Ueberblick über ihre Einwohnerschaft hat. 
Bei Zugang oder Zuzug wird eine neue Karte angelegt, bei Abgang die 
betreffende Karte weggelegt, so daß stets ein wertvolles Personenstands- 
material vorhanden ist. Die Karten enthielten folgende Fragen: Männ- 
lich, weiblich, unter oder über 14 Jahre? Name der Gemeinde, des Wohn- 
ortes, Vor- und Zuname, Stand, Alter, verheiratet, Name der Gattin, 
Staatsangehörigkeit (Pole oder Jude), kann lesen, kann schreiben? 

Daraus ergibt sich also, daß ein vollkommen modernes, den be- 
sonderen Landesverhältnissen angepaßtes Melde wesen mit Kartothek- 
system im Kreise Lukow eingerichtet wurde. Das Ergebnis sei in 
folgender Tabelle mitgeteilt, die zugleich über das Verhältnis von Polen 
und Juden und die erschreckend große Unbildung des Volkes Auskunft 
geben mag : 

Einwohner des Kreises Lukow am 1. Mai 1916. 





Männliche über 
14 Jahren 


Männl. unter 
14 Jahren 


Weibliehe über 
14 Jahren 


Weibliche unter 
14 Jahren 


Insgesamt 


Polen 
Juden 


i;^^}="°4 


IJjll^SO. 


138S}3^5S, 


11^?} -'SO 


%m'o^^»'^ 


können 
lesen 


5302 

= 19,1 Proz. 


1743 

= 7,7 Proz. 


13 145 

= 40,3 Proz. 


2438 

= 11,6 Proz. 


22628 

= 21,6 Proz. 


lesen und 
schreiben 


II 004 
= 39,7 Proz. 


4041 
= 18,0 Proz. 


5761 
= 17,7 Proz. 


2813 
= 12,9 Proz. 


23 619 
:= 22,6 Proz. 



Abgesehen von den technischen Schwierigkeiten bei der Zählung, 
die sich aus dem hohen Prozentsatz der Analphabeten ergeben und mit 
denen man in zivilisierten Ländern gar nicht zu kämpfen hat, war die 
Hauptschwierigkeit bei der Zählung jedenfalls die, daß in der Bevölke- 
rung ein nicht zu beseitigendes Mißtrauen gegenüber der deutschen 
Verwaltung dahin bestand, daß die Angaben für die Zählung lediglich 
anderen als dem Zählzwecke dienen sollten. So hatte z. B. ein ganzes 



1) Im Vergleich zu der in der folgenden HaupttabcUe angegebenen Einwohnerzahl 
von Lukow besteht eine Differenz von 850 Personen. Der Grund dieser Abweichung 
ließ sich nicht mehr ermitteln. 



Miszellen. 59 

Dorf von 329 Einwohnern sich geweigert, die ihm vom Woit zuge- 
stellten Karten auszufüllen bzw. die zur Ausfüllung der Karten not- 
wendigen Angaben zu machen. Es mußte mit Strafe belegt werden 
und die Zählung nachträglich durchgeführt werden. Nachzügler gab 
es in fast allen Gemeinden. Auch allerlei Ueberraschungen traten zu- 
tage. So war vor dieser Zählung die Menge der Einwohner der Kreis- 
stadt Lukow stets auf 12 — 13000 geschätzt worden. Bei der Brot- 
kartenausgabe vor der Volkszählung war sogar die hohe Zahl von über 
14 000 Karten benötigt worden. Bei der Zählung hat sich aber nur 
eine Einwohnerzahl von 9627 Köpfen ergeben! Allerdings meldeten sich 
dann bei der nächsten Brotkartenausgabe über die Zahl hinaus noch 
etwa 1500 Personen, die sich also aus irgendwelchen Gründen bei der 
Zählung gedrückt hatten und von den mit Verteilung und Einsammlung 
der Karten beauftragten Personen einfach übergangen worden waren. 

Der Kreischef nahm unter Berücksichtigung solcher Fälle eine Ge- 
samtdifferenz von etwa 4—5000 Personen an, um die die Einwohner- 
zahl des ganzen Kreises etwa geschwankt hat. Dieses Beispiel hat 
jedenfalls gezeigt, daß eine Volkszählung im besetzten Polen absolut 
zuverlässige Zahlen nicht zu erreichen vermocht hat, daß aber eine 
üebersicht auf diesem Wege immerhin möglich und für die Landes- 
verwaltung unbedingt notwendig war. 

Während der Zeit der Besetzung hat eine allgemeine und gleich- 
mäßige, nach deutschem Muster eingerichtete Volkszählung im General- 
Gouvernement Warschau nicht stattgefunden. Eine solche wurde aller- 
dings für den 1. Dezember 1917 vom Kreischef in Lowicz angeregt, 
aber eine Umfrage seitens des Verwaltungschefs an einzelne Kreise er- 
gab wiederum eine allgemeine Ablehnung dieses gutgemeinten Planes, 
und zwar aus den verschiedenen schon angeführten Gründen. Der 
Kreischef in Lomza z. B. äußerte sich unter anderem: „Die von den 
Kreisämtern im Laufe der zwei Jahre wiederholt vorgenommenen Er- 
mittlungen über den Bevölkerungsstand zum Zwecke der Verteilung von 
Lebensmitteln oder aus anderen Gründen haben trotz Zuhilfenahme von 
Gendarmen, Lehrern und Woits sehr schwankende und unzuverlässige 
Resultate ergeben, weil die Bevölkerung, wenn es sich z. B. um Steuer- 
zahlungen handelte, nach Möglichkeit gering, wenn es sich dagegen um 
Zucker- und Mehlverteilung handelte, möglichst hoch angegeben wurde. 
Dazu kommt, daß die Bevölkerung, namentlich in den stark zerstörten 
Kreisen, eine ziemlich fluktuierende ist, weil dauernd Zuwanderungen 
aus anderen Kreisen und Gebieten oder auch Verschiebungen innerhalb 
der Kreise erfolgen, wenn die Unterbringung oder Arbeitsmöglichkeit 
in dem einen oder anderen Kreise eine bessere oder schlechtere wird." 
Andere Kreischefs gaben ihr Gutachten dahin ab, daß sogar viele Orts- 
schulzen weder lesen noch schreiben könnten, daß die Schulzen selbst 
von Gehöft zu Gehöft wandern müßten, was bei den schlechten Wege- 
verhältnissen im Winter unmöglich sei (ein sehr wesentlicher Gesichts- 
punkt!) usw. So ist auch in den Jahren 1917 und 1918 eine allge- 
meine Volkszählung im General-Gouvernement Warschau unterblieben. 

Die Ergebnisse, die ich in der Tabelle S. 60 u. 61 für die einzelnen 
Kreise des General-Gouvernements Warschau aus den Akten zusammen- 



60 



Miszellen. 



Gouvernement 


Kreis 


Fläche 
in qkm 


Ein- 
wohner- 
zahl 


Jahr der Zählung 


Dichte 
pro 
qkm 


• 


ßlonie-Grodzisk 

Lowicz 

Sochaczew 

Skierniewice 

Rawa 

Bendzin-Sosnowice 

Czenstochau 

Wielun 

Kaiisch 

Turek 

Konin 

Slupca 

Sieradz 

L^czyca 
Lodz 
Brzeziny 
Lask 

Lomza 

Kolno 

Mazowieck 

Makow 

Ostrol^ka 

Ostrow 

Szczuczyn 

Garwolin 
Luköw 

Mlawa 

Ciechanow 

Przasnysz 

Lipno 

Rypin 

Plock 

Plonsk 

Sierpc 

Minsk-Mazowiecki 

Siedice 

Sokolow 

VV^grow 


I 066 

I 207 

916 

775 
I 265 

5229 

846 
I 187 
I 700 

3 733 

I 426 
I 282 

I "3 
I 174 
I 612 


99371 

75746 
45287 
64786 
70583 


Paßausgabe, bis Febr. 1917? 
1916 

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Brotkartenausgabe, Sept. 1916 
Volkszählung, Mär/. 1916 

15. Febr. 1916 

Paßausgabe, 1916 

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Brotkartenausgabe, 1916 

Volkszählung, 1. Okt. 1916 
Brotkartenausgabe, 1916 

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PaßauBgabe, 1916 

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9 

Volkszählung, 1. April 1916 

1916? 

1916? 

Paßausgabe, 1916 
Volkszählung, 1. Mai 1916 

? 
? 

Volkszählung, Sept. 1915 

>> i> » 
? Mai 1916 

i( » >i 

Paßausgabe, 1916 
Volkszählung, 1917? 
? 1916 

)> » 

■ 


93,2 
62,8 
49,4 
83.6 
55,8 


Blonie-Grodzisk 


355 773 

265314 
180 103 
161 415 


68,0 
3i3,ß 

'51,7 

94, a 


Czenstochau 


606 832 

147 994 

104 598 

97527 

93471 

169833 


162,6 

103,8 
81,6 
87,6 
80,0 

105,3 


Kaliseh 


6607 

1330 
929 

I 086 
958 

4303 

1765 
1515 
1365 
I 134 
1628 

1558 

1673 

10638 

1868 
1862 

3730 
1472 
I 189 
I 380 

4041 

1671 
1281 
I 361 
1044 

I HO 


613423 
144 046 
538 607 
146 346 
132 177 


92,8 

108,3 
579,8 
134,8 
138,0 


Lodz 


961 176 

68518 
50103 
62 231 

58437 
48431 
77125 
61885 


223,1 
38,8 
33,1 
45.Ö 
51,5 
29,7 
49,5 
37,0 


Lomza 


426 730 

142957 
105 494 


40,1 

76,5 
56,6 


Luköw 


248451 
71 908 

56343 
54899 


66,(j 

48,9 
47,7 
39,8 


Mlawa 


183 150 

85 011 
83 211 
103 518 
58707 
76882 


45,ä 

50,9 
65,0 
76,1 
56,« 
69,8 


Ptock 


6467 

I 796 

1309 
I 258 

1332 

5695 


407 329 

1 5 1 004 

100026 

67591 

77 743 


63,0 
84,1 
76.4 
53,7 
58.4 


Siedice 


396 364 


69,« 



Miszellen. 



61 



GrouTernement 


Kreis 


Fläche 
in qkm 


Ein- 
wohner- 
zahl 


Jahr der Zählung 


Dichte 
pro 
qkm 




Gröjec 

Pultusk 

Warschau 

Koto 

Kutno 

Gostynln 

Wioclawek 

Nieszawa 


I 651 
1360 
2889 


115 618 

85421 

I 045 999 


Volkszählung, 10. Nov. 1915 
? 
? 1. Jan. 1917 

? 25. Juli 1915 
Paßausgabe, 1916? 

>> >) 
Brotkartenausgabe, 1916? 


70,0 

62,8 

362,1" 


Warchau 


5900 

I 285 

893 
I 213 

1324 
I 300 

6015 


I 247 038 

103 425 
108 321 

87569 
137 933 
116 300 


211,4 

80,5 
121,3 

72,2 
104,2 

89,5 


Wloclawek 


553 548 


92,0 


Gen.-Gouvern, 
Warschau 




62358 


5999814 




96,2 



gestellt habe, entstammen also keiner einheitlichen und gleichzeitigen 
Zählung, sondern den verschiedensten Gelegenheiten, die ich angegeben 
habe, soweit sie sich noch ermitteln ließen. Meist handelt es sich um 
Feststellungen aus dem Jahre 1916. Die Flächen- und Einwohner- 
zahlen sind bisher nur einmal veröffentlicht worden, und zwar in der 
statistischen Einleitung des 1, Bandes des „Alphabetischen Orts- und 
Gemeindelexikons des General-Gouvernements Warschau", das vom Ver- 
waltungschef herausgegeben, in der Kartenabteilung von E. Muther 
zusammengestellt und im wesentlichen für den dienstlichen Gebrauch 
bestimmt war und daher vermutlich nur in geringer Anzahl nach 
Deutschland gekommen ist (2 Bände, Warschau j 917/18). Die Volks- 
dichteberechnungen und Quellenangaben habe ich hinzugefügt. 

Die Bevölkerungsdichtezahlen bedürfen einer besonderen 
Erläuterung. Da die großen Städte bei der Berechnung nicht ausge- 
schieden wurden, spiegeln sich die drei Industriebezirke, der Warschauer, 
Lodzer und südwestpolnische um Sosnowice und Bendzin gelegene durch 
ihre hohen Zahlen deutlich wider. Der Lodzer Stadtkreis hat eine 
Dichte von 580, auch die um ihn gelegenen Kreise weisen noch über 
100 auf; Warschau hat 362 und der Kreis Bendzin 314, der nördlich 
anschließende Industriekreis Czenstochau auch noch 152 Einwohner auf 
dem Quadratkilometer. Auch der westliche Teil der polnischen Niede- 
rung erreicht noch hohe Zahlen, z. B. Kutno 121, Sieradz 105, Kaiisch 
104, Wloclawek 104 und übertrifft noch den allgemeinen Durchschnitt 
dos Generalgouvernement Warschau (96). Der Grund für diese Sied- 
lungsdichte liegt vorwiegend am Vorhandensein von Bodenschätzen. Im 
Südwesten haben Kohle und Erze und die daraus erwachsenen Industrien 
die Zusammendrängung der Bevölkerung veranlaßt , im Westen der 
polnischen Niederung haben besonders die guten Ackerböden der Grund- 
moränenlandschaften und daran sich anschließende Industrie (Zucker- 
rüben) die gleiche Anziehung ausgeübt. Dazu kommt in den Kreisen, 
■ die' sich um Lodz gruppieren, als Ursache gewisser Dichte der Einfluß, 



g2 Miszelleu. 

den die künstlich emporgekommene Industrie von Lodz auf die Nach- 
barstädte gehabt hat. Zahlreiche Hausindustrien und kleinere Fabriken, 
Handel und Kleingewerbe haben sich in weitem Umkreis um das Lod- 
zer Zentrum heimisch gemacht. Aehnliches gilt für die Kreise um 
Warschau, das als Sitz verschiedenartiger Industrien und als Landes- 
hauptstadt die Menschen zusammengedrängt hat. 

Das ganze polnisch-baltische Hügelland im Norden jedoch und das 
mittlere Kongreß-Polen, das östlich der Weichsel gelegen ist, ist in 
allen Kreisen unter dem Durchschnitt bevölkert. Nur der siedlungs- 
verdichtende Einfluß des Weichsellaufes und ebenso der Narew dank 
seiner Städtereihe, sowie einzelne Gebiete, die fruchtbareren Boden oder 
einen gewissen Durchgangsverkehr aufweisen, lassen die zugehörigen 
Kreise dichter besiedelt erscheinen. Im ganzen Gouvernement Lomza 
dagegen, das reich an Sumpf und Sandboden (Kurpenland) ist, sinkt 
die Dichteziffer auf 30 bis 50 Menschen auf dem Quadratkilometer. 

Betrachten wir schließlich den Einfluß des Krieges auf die 
Bevölkerungszahl des gesamten Kongreß-Polen. Im Generalgouverne- 
ment Warschau ergaben die Zählungen aus dem Jahre 1916 rund 6 Mill. 
Menschen. Im Militär-Generalgouvernement Lublin fanden im Oktober/ 
November 1916 Zählungen statt, die rund 3,5 Mill. Einwohner (3 495 476) 
als Gesamtzahl ergaben i). Zu Kongreß-Polen gehörten ferner das ganze 
Gouvernement Suwalki und die östliche Hälfte des Gouvernement Sied- 
ice, die während des Krieges zum Etappenbereich Oberost gerechnet 
wurden. In Anbetracht der erheblichen Menschenverluste, die beide 
Gebiete gehabt haben, da sie lange in der Kriegszone lagen bzw. von 
den Russen rücksichtslos evakuiert werden konnten, mag ihre Bevölke- 
rungszahl auf rund Y2 Million im Jahre 1916 geschätzt werden. Das 
ergibt also für das gesamte Gebiet des ehemaligen Kongreß-Polen rund 
10 Mill. Menschen im Jahre 1916. 

Die letzte Berechnung vor dem Kriege ergab für den 14. Januar 
1913 die Zahl von 13 055 313 Menschen. Bei der starken Bevölke- 
rungszunahme und der stetigen Entwicklung der Industrie, die Kongreß- 
Polen vor dem Kriege auszeichneten, glauben wir nicht fehl zu gehen, 
wenn wir die Bevölkerungszahl Kongreß-Polens bei Kriegsausbruch auf 
rund 13^3 Mill. Menschen schätzen. Daraus ergibt sich also eine durch 
den Krieg verursachte enorme Abnahme der Bevölkerung von 
rund 3 Vi Mill. innerhalb zweier Jahre, das sind 26 Proz. Der 
Krieg warf die Bevölkerungsziffer Kongreß-Polens auf den Stand des 
Jahres 1900 zurück, für das ebenfalls 10 Mill. angegeben werden. 
Dieser Rückgang erscheint außerordentlich groß, wenn man die Be- 
völkerungsbewegung aus den früheren Jahren zum Vergleich heranzieht. 
Als Kongreß-Polen durch den Wiener Kongreß 1815 gebildet worden 
war, zählte es 2 717 000 Einwohner; dann nahm die Bevölkerung erst 



1) Davoa wareo 1 656 400 mäunlicho und 1 839 076 weibliche Personen. Die 
durchschnittliche Bevölkerungsdichte betrug 81 auf dem Quadratkilometer. Von den 
Personen über 6 Jahren waren 1 606 116 Analphabeten, das sind 46 Proz. der Qesämt- 
bevölkernng, und zwar waren davon 677 215 männlichen und 928 901 weiblichen Ge- 
schlechts. 



M i s z e 1 1 e u. g3 

langsam, darauf sprunghaft zu '), unterbrochen von kleinen Eückschlägen 
die durch inuerpolitische Ereignisse veranlaßt wurden. Sieben solcher 
Rückgänge lassen sich feststellen: Auf die Jahre 1829/31 kommt ein 
Rückgang von 4,5 Proz., auf 1847/48 von 1,4 Proz., auf 1851/52 von 
0,8 Proz., auf 1853^54 von 0,3 Proz., auf 1854/55 Yon 2,6 Proz., auf 
1889/90 von 0,5 Proz. und auf 1904y05 von 2,4 Proz. Zu keiner Zeit 
reichte also der Bevölkerungsrückgang an den in den Jahren 1914/16 
auch nur annähernd heran. 

Die Verteilung der Abnahme der Bevölkerung nach den Kreisen 
zeigt naturgemäß einen engen Zusammenhang mit dem Verlauf der 
Kriegsereignisse. Endgültige Untersuchungen sind jedoch darüber bis- 
her nicht angestellt worden. Im allgemeinen haben die westlichen 
Kreise Kongreß-Polens verhältnismäßig wenig gelitten, da die kriege- 
rischen Ereignisse mehr oder weniger schnell über sie hinweggingen. 
Dagegen sind alle Kreise, die in der Stellungszone lagen oder die öst- 
lich der Weichsel gelegenen, in denen die Evakuationsanordnungen der 
russischen Regierung längere Zeit wirksam sein konnten, hart mitge- 
nommen worden. Zeitungsnachrichten ^) zufolge soll der Bevölkerungs- 
verlust in den Kreisen Wtodawa 68 Proz., Radzyii 67 Proz., Konstanty- 
nöw 65 Proz., Hrubieszöw 62,7 Proz., Cholm 61,4 Proz., Sejny 56,2 Proz. 
und Augustöw 55,5 Proz. betragen haben, während die Abnahme in 
solchen Kreisen, die in aller Eile geräumt werden mußten, wie z. B. 
Minsk-Mazowiecki, nur 6,8 Proz. betrug. 

Auch die Verschiebungen der Bevölkerung nach Konfession, Ge- 
schlecht und Alter sind teilweise recht erheblich gewesen, wenn sich 
darüber auch nur in großen Zügen Vermutungen aussprechen lassen'*). 
Die katholische Bevölkerung hat in den Kriegsjahren gegenüber den 
anderen Konfessionen zweifellos zugenommen. Die Griechisch-Orthodoxen, 
d. h. im wesentlichen die russischen Beamten und Soldaten mit ihren 
Angehörigen, die 1913 in ganz Kongreß-Polen 484 249 (= 3,7 Proz.) 
zählten, sind wohl fast ganz verschwunden. Dazu gehörten auch teil- 
weise die Ukrainer, die im sogenannten Cholmerland siedelten und mit 
den Russen zum Teil abzogen ^). Kein Wunder also, daß die katholische 
Bevölkerungsziffer das größte Ansteigen in den östlichen Kreisen des 
Gouvernements Lublin zeigt. So werden im Kreise Hrubieszöw eine 
Steigerung von 35,4 Proz., im Kreise Cholm von 31,2 Proz., im Kreise 
Tomaszöw von 26,1 Proz. angegeben. Die jüdische Bevölkerung scheint 
ziemlich konstant geblieben zu sein. Da sie bekanntlich fast nur in 
den Städten siedelt, drängt sie sich dort zusammen, wo Handel und 
Gewerbe gerade günstige Aussichten bieten. Sie scheut daher unter 
Umständen auch nicht eine starke Binnenwanderung zwischen einzelnen 
städtischen Siedlungen. Wie weit das während des Krieges in Kongreß- 
Polen stattgefunden hat, ist noch nicht untersucht. Was schließlich 



1) Vgl. „Handbuch von Polen", II. Aufl. 1918, 8. 335. 

2) „Deutsche Warsch. Ztg." Nr. 286 vom 18. Oktober 1918. 

3) Ebenda Nr. 300 vom 1. November 1918. 

4) Vgl. n. Praesent, Die Bevölkerungsgeographie des Cholmer Landes. 
„Peterm.'Geogr. Mitt." 64. Jahrg. 1918, 8. 54—62. 



()4 Miszelleu. 

die evangelischen Einwohner betrifft, die etwa mit den deutschen Kolo- 
nisten übereinstimmen, so war in allen Kreisen ein erheblicher Rück- 
gang zu verzeichnen, was zweifellos auf die von der russischen Regie- 
rung angeordnete massenhafte Aussiedlung besonders zu Beginn des 
Krieges zurückzuführen ist. Von rund 700 000 Evangelischen zu Be- 
ginn des Krieges sind etwa nur 4—500 000 übrig geblieben, die sich 
zur Zeit der deutschen Okkupation bekanntlich in Vereinen enger an- 
einander geschlossen haben. 

Eine Zunahme der Frauen dürfte wie in allen kriegsbeteiligten 
Ländern festzustellen sein. In 27 Kreisen ist die Frauenzahl von 
50,2 Proz. im Jahre 1913 auf 52,6 Proz. im Jahre 1916 gestiegen, eine 
Folge der Einberufung der männlichen Bevölkerung zum Heeresdienst 
und der Auswanderung zu Erwerbszwecken. Kennzeichnend für die 
Kriegszeit sind auch die Aenderungen, die im Altersverhältnis der Be- 
völkerung eingetreten sind. Ein allgemeiner Rückgang soll bei den 
Einwohnern im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, sowie bei Kindern 
bis zu 1 Jahre wahrnehmbar sein. Während im Gouvernement War- 
schau die Zahl der Frauen im Alter von 20 bis 40 Jahren von 30,5 Proz. 
der Einwohnerzahl im Jahre 1897 auf 23,9 Proz. im Jahre 1916 zurück- 
gegangen ist, hat sich die Zahl der Männer im Alter von 20 bis 
40 Jahren von 35,2 Proz. im Jahre 1897 auf 17,4 Proz. im Jahre 1916 
verringert. Die Zahl der Kinder im Alter bis zu 1 Jahre hat eine 
Abnahme von 3,3 Proz. im Jahre 1897 auf 1,5 Proz. im Jahre 1916 
erfahren. 

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der Rückgang teils 
durch Einberufung zu den Waffen, teils durch freiwillige und unfrei- 
willige Auswanderung mancher Bevölkerungskreise, teils durch größere 
Sterblichkeit und gleichzeitige Abnahme der Geburten veranlaßt worden 
ist. Wieviel jedoch auf das Konto dieser einzelnen Möglichkeiten ent- 
fallen mag, läßt sich schwer feststellen, ja nicht einmal schätzungsweise 
abwägen. Nach dem Friedensschluß mit Rußland machte sich in den 
einzelnen Kreisen bereits eine starke Rückwanderung bemerkbar, z. B. 
von evangelischen Kolonisten. Auch die große Zahl von polnischen 
Arbeitern, die zu Erwerbszwecken nach Deutschland gekommen war, 
dürfte vollzählig wieder zurückkehren. Es läßt sich daher die Ver- 
mutung aussprechen, daß der außerordentliche Bevölkerungsverlust in 
absehbarer Zeit wieder aufgeholt sein wird. Eine notwendige Voraus- 
setzung ist allerdings, daß das Land einer gesicherten politischen Zu- 
kunft entgegengehen kann; denn ohne ein gefestigtes Staatsleben ist 
keine wirtschaftliche Entwicklung möglich und ohne diese keine erheb- 
liche Bevölkerungsvermehrung. 



Miszellen. ()5 



IV. 

Preisaufgabe des Nobelinstituts. 

Das Norwegische Nobelinstitut hat beschlossen, eine internationale 
Preisaufgabe aufzustellen. Man wünscht „Eine Darstellung der 
Ges chichte der Freihandelsbewegung im 1 9. Jahrhundert 
und ihrer Bedeutung für die internationalen Friedens- 
bestrebungen". 

Die Beantwortungen können auf deutsch, englisch oder französisch 
oder auf einer der skandinavischen Sprachen geschrieben werden. 

Die preisgekrönte Beantwortung wird mit Kr. 5000 — fünftausend 
norwegischen Kronen — belohnt werden. Die Schrift bleibt danach 
das Eigentum des Nobelinstituts. 

Die Beantwortungen, von geschlossenen Namenszetteln begleitet, 
müssen binnen dem 1. Juli 1922 an das Norwegische Nobelinstitut, 
Drammensvei 19, Christiania, eingesandt sein. 



Jahrb. f. Natdonalök. a. Stet. Bd. 118 (Dritte Folgre Bd. 58) 



ßß üebersicht über die neaesten Publikationen Deutschlands und des Auslände«. 



Tlebersiclit über die neuesten Publikationen 
tDeutscblands und des Auslandes. 

1. OescUclite der Wisseuscliaft. Eucyklopädisclies. Lelirbftclier. Speiielle 

theoretisclie Untersuch.ung'eii. 

Oppenheimer, Hilde, Zur Lohntheorie der Ge werk vereine . 
Inaugural-Dissertation. Berlin (Emil Ehering) 1917. 8». 98 SS. 

Eine Untersuchung über Lohntheorien kommt gerade im gegen- 
wartigen Zeitpunkt, wo wir auf dem Arbeitsmarkt eine bisher für nicht 
möglich gehaltene Lohnsteigerung erlebt haben, sehr gelegen. Man 
wird daher auf das Buch von Hilde Oppenheimer, das eine 
Dissertationsschrift ist, infolge seiner wissenschaftlichen Gründlichkeit 
aber den Durchschnitt der sonst üblichen Dissertationen überragt, mit 
einigen Worten näher eingehen müssen. 

Drei Fragen stellt Hilde Oppenheimer an die Spitze ihrer Unter- 
suchung: „1. Sind die Ge werk vereine überhaupt imstande, vermittels 
einer Lohnforderung einen Gleichgewichtszustand heraufzuführen? — 

2. Wenn ja, ist dieser eindeutig bestimmt, oder sind eine Reihe neuer 
Gleichgewichtszustande möglich? — 3. Falls letzteres zutrifft, was be- 
deutet jeder einzelne für das Ziel der Arbeiterschaft, und wonach 
richten sich die Aussichten zu seiner Verwirklichung ? — (S. 9 f.) 

Die erste Frage beantwortet die Verfasserin durch eine Unter- 
suchung über: „Wertgesetz und Verteilungsprinzip", und 
sie kommt zu dem Ergebnis, daß die Betrachtung der heutigen Ver- 
teilungstheorien (Grenznutzenschule, Tugan-Baranowsky, Oppenheimer, 
Schüller) grundsatzlich zu einer Bejahung der gewerkschaftlichen 
Politik führt, „sei es im Namen der die Verteilung überhaupt be- 
herrschenden Machtverhältnisse, sei es mit Hilfe eines weiträumigen 
Wertprinzips, oder endlich dui'ch Anerkennung der Arbeiterorganisation 
als eines Lohnbestimmungsgrundes unter vielen" (S. 27). Der Druck 
der Gewerkvereine bzw. die infolge dieses Drucks gestiegene Wert- 
schätzung der Arbeiter erzeugt die grundsätzliche Bereitschaft des 
Unternehmers zur Gewährung einer Lohnforderung. Aber zwei Fragen 
treten jetzt auf: 1. Wie beschafft sich der Unternehmer die erforder- 
lichen Mittel zur Zahlung des Mehrlohnes, und 2. wenn diese vorhanden 
• sind, in welcher Form gedenkt er auf die Dauer die erlittene Gewinn- 
einbuße zu tragen? — Die Verfasserin setzt sich zur Beantwortung 
dieser Fragen mit verschiedenen Lohnfondstheorien auseinander. 




Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 57 

Die klassische Lohnfondslehre erscheint ihr — und mit Recht — in- 
folge ihrer absoluten Unelastizität nicht haltbar; die Behauptung, daß 
in einer streng statischen Wirtschaft die Lohnsumme eine feste Größe 
wäre, sei nichts als eine platte Selbstverständlichkeit, aber unsere 
Wirtschaft sei keine statische, sondern eine dynamische, und in einer 
solchen gäbe es tatsächlich in jedem Augenblick freies Kapital, und 
eine Lohnforderung müsse schon ziemlich bedeutend sein, um von dieser 
Seite aus an Grenzen zu stoßen. Das ist richtig, und damit nähert 
sich die Verf. der Brentanoschen Auffassung, nach der der 
Arbeiter überhaupt nicht aus dem Kapital des Unternehmers bezahlt 
werde, sondern einesteils die Größe der Nachfrage der Konsumenten, 
andernteils die Höhe des Unternehmerkonsums die Lohnhöhe bestimmt. 
Ich halte diese Auffassung in einer dynamischen Wirtschaft für richtig, 
und wenn die Verf. trotz ihrer Ausführungen den Kern der klassischen 
Lohnfondstheorien aufrechterhalten will, und von einem ,, bedingungs- 
losen Optimismus" der Brentanoschule spricht, so kann ich ihr gerade 
im Hinblick auf ihre durchaus sachgemäßen Ausführungen nicht ganz 
folgen ; aber das sind nur Nebensächlichkeiten. Mit ihrem Endergebnis, 
daß ,, trotz der engeren oder weiteren Grenzen, welche Privat- und 
Sozialkapital einer Lohnerhöhung stecken, je nach dem Zustand dei 
Volkswirtschaft, ob mehr statischer oder dynamischer Typus, den Ge- 
werkschaften von keiner Seite der Weg zu erfolgreicher Wirksam- 
keit versperrt" ist (S. 40) , wird man sich einverstanden erklären 
können. 

In welcher Form aber kann der Unternehmer auf die Dauer die 
durch die Lohnerhöhung bedingte Gewinneinbuße tragen? Zwei Fälle 
sind nach der Verfasserin möglich: Durch verminderte Akkumu- 
lation oder durch Einschränkung desUnternehmerkonsums. 
Von einem endgültigen Reingewinn der Arbeiterklasse kann überall nur 
da gesprochen werden, wo sich ihr Einkommen auf Kosten des Kon- 
sums anderer Schichten, vornehmlich des Unternehmertums, hebt. Wo 
dagegen nicht Einschränkung des Konsums, sondern Abnahme der 
Akkumulation als Konsequenz der Gewerkvereinspolitik auftritt, ist der 
Erfolg für die Arbeiterschaft nicht eindeutig. Die Frage ist nur die, 
ob die Lohnerhöhung mehr auf Kosten des Unternehmerkonsums oder 
auf Kosten des Sparens geht. Das ist nicht generell zu entscheiden, 
sondern es kommt dies auf den jeweiligen Zustand der Wirtschaft an. 
Aber so wie die Dinge, wenigstens bisher, lagen, wird man denjenigen, 
die im Gegensatz zu Adolf Weber eine Minderung des Unternehmer- 
konsums nicht nur für möglich, sondern auch in den meisten Fällen 
für wahrscheinlich halten, recht geben müssen. Daß allerdings Lohn- 
erhöhungen durch ein geringeres Sparen, also durch Einschränkung der 
Konsumtion, eingebracht werden können, soll nicht bestritten werden. 
In diesem Falle kann der Verlust, den die Arbeiter erleiden, größer 
sein, als der ganze Gewinn einer Lohnerhöhung, „Ausreichende Löhne, 
ohne Gefahr einer zu geringen Akkumulation" dürfte somit die Richt- 
schnur sein (S. 52). Diese Gefahr erscheint mir aber bei Weiterbe- 

6* 



ßg Uebersicht aber die neaesten Publikationen Deutachlands und des Auslandes. 

stehen der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung nicht allzugroß, und ich 
bin der Meinung, daß in der E,egel die Gewinneinbuße durch eine 
Einschränkung des Unternehmerkonsums getragen werden dürfte, falls 
nicht die Lohnerhöhung durch eine Abwälzung auf die Konsumenten 
paralysiert wird. 

Und damit kommen wir zum Ueberwälzungsproblem, das 
von der Verfasserin im 4. Kapitel behandelt wird. Inwieweit ist die 
Abwälzung einer Lohnsteigerung auf die Konsumenten möglich? Dort 
wo freie Konkurrenz der Unternehmer besteht, werden sich hier schwere 
Hemmungen ergeben, wo aber eine solche Ueberwälzung infolge monopol- 
artiger Beherrschung des Marktes möglich ist, welche Folgen ergeben 
sich da für die Arbeiterschaft? Kommen Waren in Frage, die in der 
Hauptsache von der Arbeiterschaft nicht selbst konsumiert werden, 
4J0 wird diese von einer Lohnerhöhung, die auf die Warenpreise abge- 
wälzt ist, eindeutig Vorteil haben. Hier kann eine gemeinsame Anti- 
konsumentenpolitik der Unternehmer und Arbeiter auch im Interesse 
der letzteren liegen. Handelt es sich dagegen um Waren des Arbeiter- 
konsums, so bedeutet die Ueberwälzung keine Lösung, sondern nur eine 
Verschiebung des Problems, denn die Arbeiterschaft hat dann von der 
Lohnerhöhung keinen Gewinn, da sie ja für ihren Lebensbedarf höhere 
Preise zu zahlen hätte. So bedeutet die Ueberwälzung überhaupt keine 
Lösung, denn im ersteren Falle (abgewälzt auf Waren, die nicht von 
der Arbeiterschaft konsumiert werden) ist sie gleichbedeutend mit einer 
Einschränkung des Unternehmerkonsums, während im zweiten Falle die 
Arbeiterschaft auf neuen Lohnerhöhungen wird bestehen müssen. Die 
Unternehmerschaft ist somit indirekt vor die gleiche Alternative ge- 
stellt. „Konsumverminderung oder geringere Akkumulation stehen auch 
hier als koordinierte Möglichkeiten nebeneinander" (S. 67). 

So bildet die Möglichkeit geringerer Kapitalisierung ein Haupt- 
bedenken gegen den endgültigen Erfolg der Gewerkvereine durch ge- 
meinsame Antikonsumentenpolitik von Unternehmern und Arbeitern ; 
es gibt aber einen Weg, diese Gefahr auszuschalten : ,,Ueberall da, 
wo eine Lohnerhöhung direkt an Fortschritte in den Produk- 
tionsmethoden anknüpft, bedeutet die Gewerkschaftsaktion keine 
Verteuerung derKonsumprodukte, sondern nur den E n t g a n g 
einer Verbilligung. Diese aber wird den Konsumenten nicht be- 
wußt. Solange die Preise nicht steigen, gehen jene in den gegebenen 
Bahnen von Produktion und Konsumtion weiter, und eine geringere 
Kapitalisierung ist nicht zu befürchten" (S. 69), Und in dieser Rich- 
tung liegt nach der Verf. der Fortschritt: „Wer nur die wirtschaft- 
liche Dynamik im Auge hat, wer dem Auf und Ab des Augenblicks 
die Maxime seines Handelns entnimmt, der muß sich einer Arbeits- 
ersparnis widersetzen. Wer jedoch vor allem die gerade Linie be- 
trachtet, welche die ihrer Tendenz nach dauernde Richtung der Ent- 
wicklung anzeigt, der kann sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß 
die Aufgabe einer rationellen Sozialpolitik nicht in der Konservierung 
veralteter Betriebsmethoden besteht, sondern in einer möglichst wenig 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. gQ 

verlustreichen Ueberführung in neue, und anschließend, in einer An- 
eignung der Früchte wirtschaftlichen Fortschritts auf Kosten der übrigen 
Bevölkerungsklassen" (S. 77). So ist, wie die Verf. ausführt, „die ge- 
ringere Kapitalisierung, deren Bedenklichkeit für die Arbeiterschaft 
nicht geleugnet werden soll, vielleicht auch nur eine Uebergangser- 
scheinung, — freilich in einem weiteren Sinn als wir diesen Begriff 
bisher gebrauchten. Wir nannten Uebergang alle die Prozesse, welche 
den Weg von einem Gleichgewicht zum nächstfolgenden ausfüllten ; der 
Uebergang einer langsameren Kapitalbildung muß sich über viele Gleich- 
gewichtszustände erstrecken, — bis schließlich das Erschlaffen des Ak- 
kumulationstriebes bei den Unternehmern durch Ersparnisse der Ar- 
beiter paralysiert wird" (S. 83). 

Man wird der Verfasserin dankbar sein müssen, daß sie gerade in 
der gegenwärtigen Zeit dieses Thema aufgegriffen hat und mit einer 
erfreulichen wissenschaftlichen Gründlichkeit, die bei weitem nicht alle 
während der Kriegszeit erschienenen wirtschaftswissenschaftlichen Ar- 
beiten auszeichnet, behandelt. Mag man auch im einzelnen nicht immer 
mit der Verf. einverstanden sein, und die Gefahr der Akkumulations- 
einschränkung vielleicht nicht so stark einschätzen wie sie, so wird auf 
jeden Fall anzuerkennen sein, daß sie versucht hat, die theoretische 
Grundlage für diese zurzeit uns sehr interessierenden Fragen weiter 
auszubauen. 

Hamburg. Prof. Dr. Carl v. Tyszka. 

Tiburtius, Joachim, Gemeinwirtschaftliche Gegensätze. (Dring- 
liche Wirtschaftsfragen, Heft 8.) Leipzig (Veit & Comp.) 1919. 8«. 
52 SS. (Preis: M. 1 ,50 -}- T.-Z.) 

Diese Schrift mit dem logisch unhaltbaren Titel (als wenn Gegen- 
sätze etwas Gemeinwirtschaftliches wären!) stellt den Anhängern der 
„Zwangswirtschaft" Rathenau und Moellendorf als theoretischen Ver- 
fechter der „freien Wirtschaft" Oppenheimer gegenüber. Sie gibt zu- 
nächst des letzteren volkswirtschaftliche Rechtfertigung des Handels in 
kurzen Zügen und mit einigen kritischen und ergänzenden Bemerkungen 
wieder und kritisiert dann die staatliche Zwangsordnung der Wirt- 
schaft, wie sie sich Rathenau und Moellendorf denken. Dabei tritt 
sie in allen wesentlichen Punkten der Auffassung Oppenheimers und 
damit aller Nationalökonomen bei, deren wirtschaftliche Erkenntnis 
nicht durch politische und ethische Forderungen getrübt ist. Positiv 
fordert Tiburtius die stärkste Entwicklung der gewerblichen und land- 
wirtschaftlichen Selbstverwaltung in Syndikaten und Genossenschaften 
und den Aufbau eines Wirtschaftsparlamentes (Volkswirtschaftsrat) als 
Vertretung der Berufsstände zur Mitwirkung bei der wirtschaftlichen 
Gesetzgebung und Neugestaltung der staatlichen Wirtschaftspolitik. 

Leipzig. Georg Jahn. 

Adler (Geh. Hofr. Stud.-Dir.), Prof. Dr. A., Leitfaden der Volkswirtschaftslehre 
zum Gebrauch an höheren Fachschulen und zum Selbstunterricht. 8. verb. Aufl. 
Leipzig, J. M. Gebhardts Verlag, 1919. 8. VI— 289 88. M. 6.—. 



70 üebenicht über die nenesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Bücher, Prof. Dr. Karl, Die Entstehung der Volkswirtschaft. Vorträge und 
Aufsätze. 1. Sammlung. 11. Aufl. Tübingen, H. Lauppsche Buchhdlg. , 1919. 8. 
Vm— 475 SS. M. 8 + 20 Proz. T. 

Dolberg, Bich. , Sozialisierung und Wirtschaftsstruktur. Ein unparteiischer 
Ausblick. Wien, Volkswirtschaft!. Verlag Alexander Dorn, 1919. 8. 42 SS. M. 2.—. 

Fuchs, Prof. Dr. Carl Jobs., Volkswirtschaftslehre (Göschen-Sammlung). 
3. Aufl. Berlin, G. J. Göschensche Verlagshdlg., 1918. kl. 8. 156 SS. M. 1,25 + 
30 Proz. T. 

Kaufkraft, Die gesunkene, des Lohnes und ihre Wiederherstellung. I. Die 
Bedeutung der Frage für die deutsche Volkswirtschaft und Sozialpolitik. Von Prof. 
Dr. Wald. Zimmermann. (Schriften der Gesellschaft für soziale Reform. Hrsg. von 
dem Vorstande. 65 Heft. [9. Bd. 1. Heft].) VIII— 95 SS. M. 2,60. — Dasselbe: 
II. Kriegslöhne und Preise und ihr Einfluß auf Kaufkraft und Lebenskosten. Von 
Prof. Dr. Adolf Günther. (Schriften der Gesellschaft für soziale Reform. 66. Heft. 
[9. Bd. 2. Heft].) IV— 86 SS. M. 2,40. Jena, Gustav Fischer, 1919. 8. 

Leitner (Handelshochsch.-Prof.) , Frdr. , Privatwirtschaftslehre der Unterneh- 
mung. Berlin, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter u. Co., 1919. 
gr. 8. VIII— 239 SS. M. 13.—. 

Pöble, Prof. Dr. L., Kapitalismus und Sozialismus. Betrachtungen über die 
Grundlagen der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung, sowie die Voraussetzungen und Folgen 
des Sozialismus. Leipzig, B. G. Teubner, 1919. 8. VII— 168 SS. M. 4 -f 40 Proz. T. 

Simon (Geh. Oberreg.-R. a. D.), Oscar, Materialien zur Sozialisierung. I.Heft. 
Berlin, Carl Heymanns Verlag, 1919. Lex.-8. 43 SS. M. 3.—. 



Joteyko, Dr. Josef a, The science of labour and its Organisation. London, 
Routledge. Cr. 8. 207 pp. 3/.6. 

¥azzani, Emilio, Sunto di economica politica, ripubblicato con aggiunte e pre- 
fazione di Achille Loria. Quattordicesima edizione. Forli, E. Servadei ved. Naz- 
zani (Rocca S. Casciano, L. Cappelli) 1918. 16. XVI, 248 p. 1. 5.—. 

2. OescMclite und Darstellung' der wirt8ch.aftliclien Kultur. 

Floer, Franz, Das Stift Borghorst und die Ostendorfer liiark. 
Grundherrschaft und JVIarkgenossenschaft im JVIünsterlande. (Tübinger 
Staats wissenschaftliche Abhandlungen.) Stuttgart (Kohlhammer) 1914. 
(Preis: M. 4. — .) 

Die vorliegende Arbeit ist aus dem Seminar von C. J. Fuchs her- 
vorgegangen, der auch in einem kurzen Geleitworte auf die beiden 
Punkte ihres Inhaltes hingewiesen hat, die über den Rahmen einer 
Spezialuntersuchung hinaus zu allgemein wichtigen Ergebnissen geführt 
haben. 

Das ist einmal der Nachweis über die eigenartige Verwendung, 
die in der Grundherrschaft Borghorst die sehr erheblichen Mengen des 
Zinsgetreides gefunden haben. Sie sind, soweit überschießend, nicht, 
wie man annehmen möchte, von der stiftischen Verwaltung dem Markte 
zugeführt worden, sondern gelangten durch Kauf wieder in die bäuer- 
liche Wirtschaft zurück. Das Zinsgetreide war hier, wie überall, ge- 
ringer Qualität, wurde zudem nach Münsterschen Preistaxen zum Ver- 
kaufe gestellt, die dem Marktpreise immer etwas nachhinkten. So 
fand es der Bauer für vorteilhafter, im Herbst sein gutes Getreide 
auf dem Markte zu verkaufen und seinen später eintretenden Bedarf 
auf dem herrschaftlichen Kornboden zu decken. Der Verf. glaubt 
diesen interessanten Vorgang nicht nur für das enge Gebiet von Borg- 



Uebenioht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 71 

hörst erweisen zu können. Es ist bedauerlich, daß er das Material, 
das er für diese Verallgemeinerung in den Händen gehabt, nicht in 
breiterem Maße herangezogen hat, selbst auf die Gefahr hin, damit 
dann über das ursprüngliche Ziel seiner Arbeit hinauszuschießen. 

Sodann gewährt uns die Schrift einen sehr guten Einblick in die 
Organisation einer sächsischen Mark, wie sie sich aus Urkunden des 
18. Jahrhundertes ergibt, über den Kreis ihrer Interessenten, die Art 
und Weise ihrer Verwaltung und Nutzung. Von diesem gesicherten 
Boden aus nach rückwärts schreitend versucht Fl. nun zu Aufschlüssen 
über die Entstehung der Mark zu gelangen. Das Kapitel, in dem er 
über die verschiedenen Auffassungen dieser vielumstritteuen Frage 
referiert und seine eigene Stellung andeutet, ist wohl in dem Bestreben, 
möglichst vorsichtig zu sein, in manchen Teilen etwas unklar geraten. 
Die Benützung der ihm anscheinend unbekannt gebliebenen Arbeit von 
Wopfner in den Mitteilungen des Institutes für österreichische Ge- 
schichtsforschung, Bd. 23 und 24, hätte ihm auch für eine - größere 
Klarheit der Darstellung gute Dienste leisten können. Fl. lehnt die 
fränkische Theorie Rubels a limine *ab. Die Mark ist seiner Auf- 
fassung nach nicht erst durch die Franken begründet worden, sondern 
eine Einrichtung früherer Zeiten. Soweit folgt er den Spuren Schotts, 
erblickt mit ihm in der Mark einen Teil des Confiniums, jenes herren- 
losen Landes, an dem die Nutzungsrechte der Markgenossen kleben. 
Er weicht aber von Schott ab, indem er mit Wittich die Entstehung 
der Grundherrschaft in Niedersachsen in eine vorfränkische Zeit ver- 
legt, so daß also als Besitzer der Mark von Anfang an nicht vollfreie 
Bauern, sondern Grundherren aufgetreten wären. Die Nutzung ist 
natürlich auch unter grundherrlichen Besitzern der Hauptsache nach 
immer von den Inhabern der Bauernstellen ausgeübt worden. Im 
18. Jahrhundert sind es denn auch die Besitzer bestimmter Bauern- 
höfe, die die Markgenossenschaft bilden und ihre Verwaltung in der 
Hand haben. Ueber die Art der Marknutzung können sie frei ver- 
fügen, .bei Verfügungen über die Marksubstanz sind sie an den grund- 
herrlichen Konsenz gebunden. 

Auch diese konstruktiven Partien der Arbeit verraten ebenso wie 
die quellenmäßig fundierten gute Schulung und besonnenes Urteil. 

Halle. Gustav Aubin. 

Wiedenfeld, Kurt, Die deutsch - türkischen Wirtschaftsbe- 
ziehungen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten. (Sonderabdruck aus 
dem Sammelwerk: ,,Die wirtschaftliche Annäherung zwischen dem 
Deutschen Reich und seinen Verbündeten." Schriften des Vereins für 
Sozialpolitik, Bd. 155.) München und Leipzig (Duncker & Humblot) 1915. 
80. 80 SS. (Preis: M. 2.—.) 

Die vorliegende Schrift gliedert sich in fünf ungleiche Teile. Der 
einleitende Abschnitt über „Deutschlands Interessen an der Türkei" 
weist vorsichtig auf die relative Bedeutungslosigkeit dieser Interessen 
hin. In dem ersten Hauptabschnitt werden dann „die deutsch - türki- 



72 üebersicht über die neuesten Pablikationen Deutschlands und des Auslandes. 

sehen Wirtschaftsbeziehungen" dargelegt nach der Seite der Ansiede- 
lang, der Seeschiffahrt, des Güteraustausches und der «Kapitalanlage. 
Auch hier äußert sich der Verf. ruhig und maßvoll, beachtet die Tat- 
sachen und gibt viele übersichtliche Zusammenstellungen. Der Absicht 
der ganzen Abhandlung entsprechend tritt das deutsche Element in 
der türkischen Wirtschaft naturgemäß stark hervor, aber immer wird 
auch ein kurzer Abriß gegeben über den Mitbewerb der anderen Haupt- 
nationen. Ein knapper geschichtlicher Ueberblick erleichtert das Ver- 
ständnis der gegenwärtigen Zustände. Die Bedeutungslosigkeit der 
deutschen Siedelungen und die Gründe, welche gegen sie sprechen, 
werden hervorgehoben, die einzelnen Linien der Seeschiffahrt werden 
durchgesprochen, der geringe Güteraustausch wird analysiert, wobei 
die türkische Handelsstatistik einer Kritik unterzogen wird. Bei den 
Mitteilungen über die deutschen Kapitalanlagen treten selbstverständlich 
die Bahnanleihen und die dadurch hervorgerufene und mitbedingte 
Banktätigkeit besonders in den Vordergrund. Dabei wird treffend be- 
tont, daß das deutsche Kapital .„mehr politische, als in ihrem Kern 
wirtschaftliche Arbeit zu leisten hatte. Der Produktionsentwicklung 
unmittelbar sei die deutsche Kapitalhilfe nur in verhältnismäßig kleinem 
Umfange zugute gekommen" (S. 33). 

Der zweite Hauptabschnitt enthält eine üebersicht über „das 
Wirtschaftsleben der Türkei", in der die großen Produktionszweige 
Ackerbau, Viehzucht und Waldwirtschaft, Gewerbe, Verkehr und 
Handel zur Darstellung gelangen, sowie die einzelnen Gebiete des 
weit gedehnten Reiches kurz charakterisiert werden. Eine nicht zu 
verkennende Zurückhaltung in der Beurteilung muß wiederum hervor- 
gehoben werden. Daß die Knappheit der Abhandlung nur die Haupt- 
linien herauszuheben gestattet, ist einleuchtend. Immerhin sind manche 
moderne gewerbliche Gründungen doch gar zu kurz gekommen, das 
gleiche gilt von dem Bergbau. Unter dem Titel „Verkehr und Handel" 
werden Binnenschiffahrt, Eisenbahnwesen und Seehäfen relativ recht 
eingehend abgetan, was wohl damit zusammenhängt, daß über sie das 
meiste Material vorhanden und zugänglich ist. Im dritten Kapitel, be- 
treffend „die Entwicklungsmöglichkeiten", wird eingangs mit Recht 
darauf hingewiesen, daß im ganzen genommen das „Tempo der bis- 
herigen türkischen Entwicklung als außerordentlich langsam bezeichnet 
werden muß" (S. 53). Die Hemmungsgründe will der Verf. erblicken 
einmal in der besonders exponierten weltpolitischen Lage der Türkei, 
sodann, und das ist meines Erachtens ungleich wichtiger und in die 
Augen fallender, wenn man etwas in die Dinge hineingesehen hat, in 
der Natur und der Rechtsgestaltung des Reiches. Im einzelnen wird 
in dem Kapitel behandelt die Landwirtschaft und die Bevölkerungs- 
frage, wobei ziemlich ausftihrlich auf Klima und Bewässerungsanlagen, 
etwas kurz und vielleicht auch etwas vorschnell u. a. auf die Baum- 
woUprodnktionsmöglichkeiten ohne. Rücksicht auf die technischen und 
vor allem ökonomischen (Arbeiter-) Vorbedingungen eingegangen wird ; 
femer werden Steuer- und Rechtsverhältnisse berührt. Darauf geht 
die Abhandlung auf die gewerblichen Betriebe ein, auf die früher ge- 



Uebersioht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes, 73 

plante Zoll- und Monopolpolitik. Vom Industriegesetz sei nicht viel 
zu erwarten; überhaupt komme es nicht nur darauf an, europäisches 
Kapital sondern europäisches Unternehmertum heranzuziehen. Die 
Wichtigkeit der Verkehrsanstalten wird gebührend betont und mit 
Recht die Tatsache in den Vordergrund gerückt, daß der noch voll- 
kommen unentwickelte Güter- und Personenaustausch dem Ausbau des 
Verkehrsnetzes hinderlich im Wege stehe. Im Schlußabschnitt geht 
der Verf. ein auf „Deutschlands Aufgabe" im türkischen Wirtschafts- 
leben. Als Träger aller Reformen soll nach ihm das türkische Staats- 
beamtentum dienen, das „allein die erforderliche Ortskenntnis und das 
erst recht unentbehrliche Mitfühlen besitze" (S. 77). Darüber müsse 
sich indessen jeder klar sein, daß ein Ersatz für Ausfälle der inländisch- 
deutschen Produktion in der Türkei sich nicht biete. 

So manches übereifrig geschriebene Werk über den Orient hat 
nach dem politischen Zusammenbruch jeden Wert verloren. Das gilt 
von der vorliegenden Arbeit nicht, wie eine nochmalige Lektüre ergibt. 
Sie behält ihre Bedeutung wegen der ruhigen Sachlichkeit und des 
maßvollen Urteils, die im ganzen vorherrschend sind, wenn auch manche 
Einzelbemerkungen heute wie vielleicht zum Teil schon früher überholt 
erscheinen. 

Kiel. Friedrich Hoffmann. 

Berg, Egon, Kanada, das Land des 20. Jahrhunderts. Ein politischer und wirt- 
schaftlicher Ausblick. Unter Zuhilfenahme des statistischen Materials aus einer kur2 
vorm Kriegsausbruch von der kanadis9hen Kegierung veröffentlichten Schrift (Bibliothek 
für Volks- und Weltwirtschaft. Hrsg. von Franz von Mammen. 59. Heft.) Dresden, 
„Globus", Wissenschaftl. Verlagsanstalt, 1918. 8. 16 SS. M. 1.—. 

Neu mann (Sachverst.), Wilh. , Die wirtschaftliche Bedeutung der Ukraine. 
(Unterm eisernen Kreuz 1914 — 18. Kriegsschriften des Kaiser- Wilhelm-Dank, Verein 
der Soldatenfreunde. 129. Heft.) Berlin, Kameradschaft, 1919. 8. 32 SS. M. 0,50. 

Ostwald, Dr. Paul, Die wirtschaftliche Entwicklung Preußens unter dem 
deutschen Ritterorden. Mit einer eingedruckten Karte des Ordenslandes und 4 Abb. 
(auf 1 Taf.). Berlin-Schöneberg, Wartburg- Verlag Friedrich Luther, 1919. 8. 70 SS 
M. 4.—. 

Würfel, Dr. Gotthard, Die deutsche Kohle im Weltwirtschaftskampfe. 1. Tl" 
Die geschichtlichen Grundlagen. (Unterm eisernen Kreuz, 1914 — 1918. Kriegsscbriften 
des Kaiser Wilhelm-Dank, Verein der Soldatenfreunde. Heft 130.) Berlin, Kamerad- 
schaft, 1919. 8. 28 SS. M. 0,50. 



Bourgeois, Emile, History of modern France. 1815 — 1913. 2 vols. Cam- 
bridge, Univ. Press. 8. 21/.—. 

Beable, Wm. Henry, Commercial Russia. London, Constable. 8. 278 pp. 
10/.6. 

Trowbridge, E. D., Mexico today and tomorrow. New York, Maomillan. 8. 
282 p. $ 2.—. 

3. BevöIkeniug'Blelire und Bevölkemug'spolitik. Answaudernug' nnd 

Kolonisation. 
Schnee (Gouv.), Dr., Deatsch-Ostafrika während des Weltkrieges. Vortrag. Ge- 
halten in der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin am 15. III. 1919. Berlin, E. S. Mitt- 
ler u. Sohn, 1919. Lex.-8. 31 SS. mit einer eingedr. Karte. M. 1. — . 

Si edl ungsgeaetz, Das neue. Verordnung zur Beschaffung von landwirtschaft- 
lichem Siedlungslande vom 29. I. 1919, nebst einer großen farbigen Karte zur Dar- 
tellung der Verschiebung der landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse in Deutschland 



74 üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

von Dr. F. Lange, mit erläuternden Bemerkungen von (Bez.-Amtm.) Dr. G. Kaisenberg. 
Berlin, Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) 1919. 8. 12 SS. M. 1,80. 

4. Berg'bau. Land- und Forstwirtschaft. Fisohereiwesen. 

Bekanntmachungen über den Emteverkehr, nebst den anderweitigen Ge- 
setzen uüd Verordnungen wirtschaftlicher Natur aus den Jahren 1915/18. 26. Nach- 
trag: Vom 1. I. 1919 bis 28. I. 1919. Berlin, Klemens Beuschel, 1919. gr. 8. XIV— 
162 SS. M. 5.—. 

Büsselberg, Dr. W., Die Landwirtschaft im neuen Deutschland. Ihre Bedeu- 
tung für Technik und Industrie, für Arbeitsmarkt und Volkswirtschaft. Berlin, Paul 
Parey, 1919. gr. 8. VI— 53 SS. M. 2,50 + 10 Proz. T. 

Hansen (Geh. Reg.-ß. Dir.), Prof. Dr. J., Das landwirtschaftliche Unterrichts- 
wesen und die Ausbildung des Landwirts. Berlin, Paul Parey, 1919. gr. 8. IV — 
104 SS. M. 3,50 + 10 Proz. T. 

Heise ( Bergsch.-Dir.), Prof. F. und Prof. F. Herbst, Lehrbuch der Bergbau- 
kunde, mit besonderer Berücksichtigung des Steinkohlenbergbaus. 2. Bd. 2. verb. u. 
verm. Aufl. Mit 596 Textfig. Berlin, Julius Springer, 1919. gr. 8. XVIII— 624 SS. 
M. 24.—. 

Herter f (Oekon.-R.), Max, und (Tierzuchtdir.) Dr. Georg Wilsdorf, Die 
Bedeutung des Schafes für die Fleischerzeugung. (Arbeiten der deutschen Landwirt- 
schafts-Gesellschaft. Hrsg. vom Vorstand. 295. Heft.) Berlin, Paul Parey, 1918. 
Lex.-8. XVII— 616 SS. M. 25 + 10 Proz. T. 

Nadolny (Dipl.-Ing., Landwirt), Gerh. Bruno, 600 000 ausländische Wander- 
arbeiter oder 20 000 fehlende Kartoffel-Erntemaschinen? Beitrag zur Bekämpfung der 
Arbeiternot und zur Mechanisierung der Landwirtschaft. Hannover, Curt R. Vincentz, 
1919. Lex.-8. 22 SS. mit Abb. M. 1,20. 

Pitsch (Hauptm. a. D.), Ernst, Landwirtschaftlicher Großbetrieb oder Auf- 
teilung? Landarbeiter oder Bauer? Berlin, Deutscher Schriftenverlag, 1919. 8. 24 SS. 
M. 0,60. 

Vorschläge zur Neugestaltung der Forstwirtschaft und zur Reform der Staats- 
forstverwaltung in Deutschösterreich. Salzburg, Eduard Höllrigl, 1919. gr. 8. 46 SS. 
M. 1,50 + 10 Proz. T. 

6. Gewerbe und Industrie. 

Giebel, H., Die Frage der Verstaatlichung der Kaliindustrie. 
Berlin (Julius Springer) 1918. 8». 128 SS. (Preis M. 6,—). 

Ein aktuelles Thema ist es, das der Verfasser uns in dem jetzigen 
Zeitalter der „Sozialisierung der Betriebe" in seinem klar und tiber- 
sichtlich geschriebenen Buche vorlegt. 

In einer Einleitung, in der zunächst einige historische und stati- 
stische Angaben gemacht werden, kommt Verf. zu dem Schluß, daß nur 
der finanzielle Gesichtspunkt die Verstaatlichung der Kali- 
industrie rechtfertigen könne. 

Im I. Teil seines Buches bespricht G. deshalb die „Voraussetzungen 
und Bedingungen der Rentabilität eines Staatsmonopols", die er für 
die Kaliindustrie sämtlich verneint. Deutschlands Monopol an Kali 
hat immer auf sehr schwachen Füßen gestanden, insofern es auf der 
negativen Voraussetzung beruht, daß die Technik in anderen Ländern 
— so besonders Nordamerika — , die die Kaligewinnung auf anderem 
Wege als durch Abbau der Kalisalze erstreben, keine Fortschritte 
macht. Deutschlands Monopol an Kalisalzen aber ist, wie G. 
mit entschiedener Offenheit nachweist, durch die ausländischen Funde 
von Kalisalzen in Rußland, Galizien und besonders in Spanien — 
nicht zu vergessen jetzt auch die verlorengehenden elsässischen Kali- 
werke! — gebrochen. Des weiteren ist eine Betriebszusammen- 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 75 

1 e g u n g und damit eine Erhöhung der hieraus errechneten Gewinne 
u. a. wegen des Charakters des Kaliabsatzes als Saisongeschäft, wegen 
der intensiveren Verunreinigung der Flußläufe und wegen der Ent- 
schädigung der verlassenen Gemeinden unmöglich. Die Wasserge- 
fahr endlich ist, wie die zahlreichen Opfer dieser Gefahr beweisen, 
im Kalibergbau recht erheblich und erfordert hohe Rückstellungen für 
Kapitalverluste und Bergschäden. 

G. kommt daher zu dem Schluß, daß bei dem Fehlen der geforderten 
Voraussetzungen die Rentabilität für eine verstaatlichte Kaliindustrie 
nicht gesichert und daß der Gedanke einer Verstaatlichung schon des- 
halb abzulehnen ist. 

Im II. Teil seines Buches erörtert G., unabhängig von der Ren- 
tabilitätsfrage, die „Nachteile des Staatsbetriebs". Ob sich eine In- 
dustrie für den Staatsbetrieb eignet, für die Sozialisierung „reif" ist, 
ist stets Tatfrage. Allgemein kommt G. zu dem Schluß, daß der Staat 
als „intellektueller Bürokratismus" nicht in dem gleichen Maße wirt- 
schaftliche Werte schaffen kann wie die Privatindustrie. Bei der 
Kaliindustrie kommen noch besonders ungünstige Momente hinzu. Die 
Gefahr des technischen Stillstandes, die mangels der per- 
sönlichen Initiative, der anspornenden Konkurrenz jeder Staatsbetrieb 
in sich trägt, würde eine blühende chemische Nebenproduktion in ihrer 
Entwicklung hemmen, wenn nicht zum Erliegen bringen. Die Schwierig- 
keiten des Erwerbs der Kaliindustrie, namentlich infolge der 
verschiedenartigen Besitzverhältnisse, der Fixierung der Entschädigungen 
und des Uebernahmepreises, verhindern die restlose Durchführung der 
zur Ausnutzung des Monopols erforderlichen Maßnahmen. Der Kali- 
absatz, heute in den Händen des Kalisyndikats, würde durch die 
Anlegung staatlicher Fesseln gegenüber dem neu aufkommenden aus- 
ländischen Wettbewerb bedeutend erschwert werden. Der Hauptnach- 
teil der Vex'staatlichung aber liegt in der handelspolitischen 
Gefahr, indem das Ausland beim Abschluß von Handelsverträgen 
von uns die Lieferung der Kalisalze zu mäßigen Preisen fordern würde. 

Im III. Teil seiner Schrift bespricht G. kurz die finanzielle 
Nutzbbarmachung der Kaliindustrie, indem er anstelle der 
Verstaatlichung eine weitere steuerliche Erfassung der Kaliindustrie 
vorschlägt. 

Ob dem Verfasser in allen Punkten recht zu geben ist, steht da- 
hin. Es ist hier nicht der Raum, dies zu untersuchen. Es mag hier 
nur darauf hingewiesen werden, daß Verf. nur vom Standpunkt der 
Kaliindustrie aus, also etwas einseitig, die Frage der Verstaatlichung 
derselben behandelt. Von diesem Standpunkt aus mag das Rentabili- 
tätsprinzip an die Spitze der Voraussetzungen für eine Verstaatlichung 
gestellt werden, nicht aber vom allgemein volkswirtschaftlichen Stand- 
punkt aus, der vielmehr die Versorgung und das Wohl der Allgemein- 
heit in den Vordergrund stellt. Und ob, selbst wenn man von der 
Rentabilität absieht, dem Staatsbetrieb wirklich die von G. angegebenen 
Nachteile anhaften müssen, erscheint doch nicht immer richtig. Die 
„Gefahr des technischen Stillstandes" in einem verstaatlichten Werke 



75 Uebersioht aber die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

ließe sich z. B. durch Prämien an die Beamten, durch ihre Beteiligung 
am Gewinn, leicht überwinden; ihr Interesse an der Entwicklung des 
Werkes würde dann nicht minder groß sein als das des privaten Unter- 
nehmers. Was die „Schwierigkeiten des Erwerbs der Kaliindustrie" 
betrifft, so ist zu bedenken, das G.'s Buch vor der Revolution ge- 
schrieben ist und daß wir jetzt in einer neues Recht bildenden Zeit 
leben, die auch dieser Schwierigkeiten Herr werden wird. Endlich, 
eine „handelspolitische Gefahr" besteht überhaupt nicht, insofern der 
Staat seine Kalisalze nicht ungünstiger kalkulieren wird als die 
Privatindustrie. Auf jeden Fall wird man nicht mehr lange de lege 
ferenda über die Verstaatlichung der Kaliindustrie diskutieren können : 
sie wird bereits in der Nationalversammlung beraten und ist nicht 
mehr aufzuhalten. 

Halle (Saale). Assessor Köhler. 

Richter, Max, Die thüriagische Industrie, ihre. Stellung in der deutschen 
Volkswirtschaft und ihre Beziehungen zum Weltmarkt. (Das neue Thüringen. In Ver- 
bindung mit Oberbürgermstr. Dr. Harald Bielfeld . . . hrsg. von Museumsdir. Dr. Edwin 
Redslob. 3. Heft.) Erfurt, Gebr. Richters Verlagsanstalt, 1919. gr. 8. 25 SS. 
M. 0,60. 

Carmichael, Andrew William, Practical ship production. New York, 
Mc Graw-Hill. 8. $ 3.—. 

Fisher, Elizabeth F., Resources and Industries of the United States. Boston, 
Ginn. 8. 9 -f 246 p. 80 c. 

Kelly, Roy Willmarth, and Frederick J. Allen, The shipbuilding in- 
dastry. With an introduction by Charles M. Schwab. London, Constable. 8. 
323 pp. 12/.6. 

Odencrantz, Louise Christine, Italian women in industry ; a study of 
conditions in New York City. New York, Russell Sage Foundation. 12. 345 p. 
I 1,50. 

Candelero, M. , Organizzazione del lavoro ed efficienza indnstriale. Torino, 
Lattes. 8. 1. 10.—. 

6. Handel und Verkebx. 

Lehmann, Heinrich, Wucher und Wucherbekämpfung im 
Krieg und Frieden. Leipzig (A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung) 
1917. 80. 68 SS. (Preis: M. 1.) 

Verf. behandelt in anschaulicher , allgemeinverständlicher Weise 
die mannigfachen Fragen, die sich aus dem Grundgedanken und der 
praktischen Handhabung des Höchstpreisgesetzes, der Verordnung gegen 
übermäßige Preissteigerung und der Kettenhandelsverordnung für das 
Wucherrecht ergeben. Durch eine geschichtliche Einleitung und zahl- 
reiche Einzelhinweise wird auf der einen Seite der Zusammenhang mit 
Erscheinungen früherer Zeitabschnitte aufgedeckt und werden auf der 
anderen Seite die grundsätzlichen Verschiedenheiten zwischen dem bis- 
herigen Friedens- und den jetzigen Kriegswucherrecht klargelegt. Vor- 
ztlge wie Gefahren des Kriegswucherrechtes finden eine eingehende 
sachliche Würdigung, sowohl vom Standpunkte des Verbrauchers, wie 
insbesondere auch vom Standpunkte des Kaufmanns aus. Auf die 
Schrift, die an sich auf strafrechtlichem Boden entstanden ist, seien 
auch alle volkswirtschaftlich Interessierten angelegentlichst hingewiesen. 

Weimar. Johannes Müller- Halle. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 77 

Ackermann, Dr. Karl, Die Sicherungsübereignung an Warenlagern. (Ar- 
beiten zum Handels-, Gewerbe- und Landwirtschaftsrecht. Hrsg. von Prof. Dr. Ernst 
Heymann. Nr. 28.) Marburg, N. G. Elwertsche Verlagsbuchhdlg. , 1919. Lex.-8. 
VI— 183 SS. M. 6 + 10 Proz. T. 

Domenig, Dr. R., Zur Geschichte der Kommerzialstraßen in Graubünden. Ein 
Beitrag zur Verkehrspolitik Graubündens. Chur, F. Schuler, 1919. gr. 8. VII — 
214 SS. M. 11.—. 

Haefner-Hainen, Wald., Der deutsche Welthandelsverband und seine Welt- 
auskunftei. Ein Vorschlag zum Zusammenschluß aller Wirtschaftsverbände Deutsch- 
lands zwecks Rückerorberung unseres früheren, weltumspannenden Außenhandels. 
Leipzig, Wotan-Verlag, 1919. 8. 27 SS. M. 1.—. 

Mori , Dr. Paul, Zeitfragen der schweizerischen Handelspolifik. Bern, A. Francke, 
vorm. Schmid u. Francke, 1919. gr, 8. 60 SS. M. 5.—. 

Mustermese, Die Leipziger, und (ihre Bedeutung für Fabrikanten und Eauf- 
leute). Leipzig, Meßamt für die Mustermessen, 1919. kl. 8, 40 SS. M. 1,50. 

Schumacher, Herm., Die Nordseehäfen. Ihre Bedeutung in der Weltwirt- 
schaft und Stellung im Deutschen Reiche. (Vorträge der Gehe-Stiftnng zu Dresden. 
10. Bd. 1. Heft.) Leipzig, B. G. Teubner, 1919. gr. 8. 23 SS. M. 1,20 + 40 Proz. T. 

Treuenfels, Dr. Bernh. , Das russische staatliche Kohlenhandelsmonopol. 
(Gegen die Zwangswirtschaft. Flugschriften der Zeitschrift Freie Wirtschaft. 1. Heft.) 
Berlin-Friedenau, Verlag Freie Wirtschaft, 1919. gr. 8. 15 SS. M. 1,50. 



Carlicz, J., Administration et Organisation commerciale. Paris, Dunod. 8. 
fr. 6.—. 

Politique (la) industrielle et commerciale de l'Empire britannique aprfes la 
guerre. Rapports de la commission prfesidfee par Lord Balfour of Burleigh. Traduits 
par L. Chambonnaud. Paris, Impr. de Vaugirard. Association nationale d'expansion 
§conomique. 8. 216 pag. fr. 10. — . 

Tarl§, Antoine, La preparation de la lutte §conomique par l'Allemagne. 
Paris, Payot. 8. fr. 4,50. 

7. Finanzwesen. 

Meerwarth, Rudolf, Die Steuern im klassischen Land des 
Steuerdrucks : Italien (Finanz- und Volkswirtschaftliche Zeitfragen, 
herausgegeben von v. Schanz u. J. Wolf, 42. Heft). Stuttgart (Ferdi- 
nand Enke) 1917. 80 SS. (Preis: 3 M.) 

In der Sammlung finanz- und volkswirtschaftlicher Zeitfragen 
werden die italienischen Steuerverhältnisse in ihrer durch den Krieg 
geschaffenen besonderen, ungünstigen Entwicklung behandelt und in 
die allgemeine Lage der Volkswirtschaft wie der gesamten Finanz- 
gebarung hineingestellt. Im ersten Abschnitt werden der Staatshaus- 
halt, die Volkswirtschaft und das Steuersystem Italiens vor dem Aus- 
bruche des Weltkrieges behandelt, während für die Zeit seit August 1914 
der Darstellung der Volkswirtschaft und des Staatshaushaltes einer- 
seits, des Steuersystemes andererseits je ein besonderer Abschnitt ge- 
widmet wird. Begegnet diese stoffliche Gliederung keinerlei metho- 
dischen Bedenken, so ist auch die innere zweckentsprechend. Im ersten 
Abschnitt werden die Steuerverhältnisse systematisch, im dritten Ab- 
schnitt wird die Deckung des aus dem Stadium der Kriegsvorbereitung 
und aus dem der Kriegführung selbst stets steigenden Finanz bedarf es 
chronologisch und erst innerhalb der durch die einzelnen Finanzgesetze 
sich ergebenden Zeitabschnitte systematisch behandelt. Der Darstellung 
des spröden Stoffes erwuchsen aus dem engen Raum, der dem Verf. 
zur Verfügung stand, Schwierigkeiten, die er im allgemeinen tiberwunden 



78 Uebersioht aber die neaesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

hat. Gleichwohl möchten für den der Materie ferner Stehenden noch 
mancherlei durch Vergleichung zu gewinnende Aufschlüsse wünschens- 
wert erscheinen. Die Steuerverhältnisse eines Landes kritisch zu be- 
urteilen ist nur dann vollkommen möglich, wenn sie unter Heraus- 
arbeitung der wesentlichen Merkmale mit denen anderer Länder verglichen 
werden. Dieser methodischen Forderung der Vergleichung hätte Verf. 
unseres Erachtens noch mehr Rechnung tragen können selbst auf 
Kosten der Einschränkung der Schilderung der italienischen Steuer- 
verhältnisse im einzelnen. Diese selbst läuft darauf hinaus, daß in 
Italien einerseits bereits vor dem Kriege eine überaus starke steuer- 
liche Belastung festzustellen war, zum Teil als Folge des Tripolis- 
Feldzuges. Die italienische Steuerpolitik war schon damals zugleich 
unsystematisch, insofern die indirekten Steuern im Verhältnis zu den 
direkten eine zu große Rolle spielten. Andererseits ist seit August 
bzw. Septemper 1914 die Steuerschraube ganz erheblich weiter ange- 
zogen worden. Die Entwicklung dabei wird durch folgende Momente 
gekennzeichnet: 1) Fortsetzung des für die Zeit vor dem Kriege fest- 
gestellten Systemes, das ist fernere Bevorzugung der indirekten Steuern, 
2) weniger Erschließung neuer Steuerquellen als vielmehr Ausbau der 
überkommenen. Werden dann die Einnahmen gegen die Ausgaben 
abgewogen, so ergibt sich ein im wesentlichen ungünstiges Bild, das 
zu mancherlei Befürchtungen auch dann noch Anlaß geben würde, wenn 
der Abbau des Systemes der Bevorzugung der indirekten Steuern 
durchgeführt werden und wenn es gleichfalls in absehbarer Zeit ge- 
lingen sollte, Italien zwei seiner wichtigsten früheren Einnahmequellen 
wenigstens teilweise wieder zu verschaffen, die Ersparnisse, die die 
italienischen Arbeiter vom Auslande in die Heimat sandten, und die 
Einnahmen aus dem Fremdenverkehr. Das Bild, das Verf. so entwirft, 
wird bei den in Deutschland inzwischen leider eingetretenen höchst 
trüben Verhältnissen auch auf finanziellem Gebiete möglicherweise 
auch auf die Steuerpolitik nicht ohne Einfluß bleiben können. 

Schweidnitz. Z e h r f e 1 d. 

Beustth, Dr. Paul, Steuerarten und Steuersysteme. 1. Teil. Die Ertraga- 
steuern. (Staatsbürger- Bibliothek. 91. Heft.) 59 SS. — Dasselbe. 2. Teil. Einkom- 
men- und Vermögenssteuern. (92. Heft.) 48 SS. — Dasselbe. 3. Teil. Erbschafts- 
nnd Wertzuwachsbesteuerung. (93. Heft.) 44 SS. — Dasselbe. 4. Teil. Die indirekte 
Besteuerung. (94. Heft.) 56 SS. — München-Gladbach, Volksvereins- Verlag, 1919. 8, 
Je M. 0,60. 

Fürnrohr (Rechtsanw.) Dr. August, Das bayerische Vermögenssteuergesetz 
vom 17. VIII. 1918, und die Vollzugsvorschriften erläutert. (Schweitzers Textausgaben 
mit Anmerkungen.) München, J. Schweitzer Verlag (Arthur Sellier) 1919. kl. 8. 
Vni— 377 SS. M. 8,30 + 15 Proz. T. 

Keil (M. d. R.), Wilhelm, Die Kriegssteuern von 1918. Hrsg. vom Vor- 
stand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Berlin, Buchhdlg. Vorwärts Paul 
Singer, 1919. gr. 8. 64 SS. M. 4.—. 

Koppe (Rechtsanw.), Dr. Frit«, und Dr. Paul Varnhagen, Die Sicherung 
der neuen Kriegssteuer (Steuerflucht — Kapitalabwanderung). Für den praktischen 
Gebrauch ausführlich erläutert. Mit Einleitung, Erläuterungen, Beispielen, Gesetzes- 
tezten und Sachregister. 3. Aufl. Berlin, Industrieverlag Spaeth n. Linde, 1919. 
kl. 8. 144 SS. M. 4.—. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 79 

Sinslieimer (Rechtsanw.), Das Reichs-Weinsteuer-Gesetz vom 26. VII. 1918, 
(Mit Ausführnnga- und Landes- Vollzugsvorschriften.) Neustadt (Haurdt), D. Meininger, 
1919. 8. IV— 167 SS. M. 3,60. 

Cerfberr de M^delsheim, G., La lutte financi^re entre les bellig^rants. 
Paris, Berger- Levrault. 8. fr. 1,25. 

Fenolhac, Gabriel, L'evolution de l'impöt progressif en matifere de taxes 
successorales et les sanctions de cet impöt. Thöse par le doctorat. Paris, A. Rousseau 
et Cie., 1919. 8. VIII— 255 pag. 

Metairie (avocat), Joseph, Le manuel pratique des impöts sur le revenn ä la 
portfee de tona. Lyon, Impr. reunies, 1918. 8. 76 pag. fr. 3. — . 

Montigny, Jean, La contribution sur les ben§fices de guerre. (Loi du 1" juillet 
1916.) Th^se pour le doctorat. Le Maus, Association ouvriöre de l'impr. Drouin, 
1919. 8. 224 pag. (üniversitg de Paris. FacultS de droit [sciences politiques et 
fe conomiques]). 

Mossy, L&on, Notions sommaires sur le regime financier et la comptabUitg 
publique. Saigon, Impr. de l'ünion, 1918. 8. 308 pag. 

Barron, Clarence Walker, War finance ; as viewed f rom the roof of the 
World in Switzerland. Boston, Houghton Mifflin. 12. 12 + 368 p. $ 1,50. 

Mc Vey, Frank L., Financial history of Great Britain, 1914 — 1918. London, 
Oiford Press. Royal 8. 5/. — . 

Montgomery, Robert Hiester, Income tax procedure, 1919. New York, 
Ronald Press. 8. 900 p. $ 6.—. 

Soward, Sir Alfred W. , The taxation of capital. London, Waterlow. 8. 
18/ .6. 

Stourm, R e n 6 , The budget. Introduction by Chas. A. Beard. London, Appleton. 
Royal 8. 15/.—. 

ünderhay, F. G., Income tax act, 1918. London, Solicitor's Law Stationery 
Socy. Cr. 8. 270 pp. 6/.6. 

Willoughby, William Franklin, The movement for budgetary reform in 
the States. New York, Appleton. 8. $ 2,75. 

Santis (De) Giovanni, II diritto finanziario privato e pubblico. Vol. IL (Gli 
organismi produttivi di finanza pubblica.) Torino, Unione tipografico-editrice, 1919. 8. 
XX— 378 p. L 14.—. 

8. Oeld-, Bank-, Kredit- und VersiclierTiugsweBen. 

Heiander, Sven, Theorie und Politik der Zentralnotenbanken 
in ihrer Entwicklung. Erste Hälfte: Theorie der Zentralisation im 
Notenbankwesen. Jena (Gustav Eischer) 1916. S». 148 SS. (Preis: 
M. 3,60.) 

Nicht als Wagner-Schüler, aber in der Selbständigkeit des Denkens 
in durchaus Wagnerschem Geiste tritt der Verf. an das Problem des 
Notenbankwesens heran. Darauf deutet schon die Problemstellung, 
welche entgegen der alten Fragestellung: „Vorzüge und Nachteile der 
Zentralisation"? lautet: „Warum sind wir heute eigentlich zur Zentrali- 
sation gekommen?", also die Ursache dieser Zentralisation zu ergründen 
sucht. Unter bewußter Außerachtlassung zufälliger Einzelerscheinungen 
werden die Richtlinien herausgearbeitet, welche die Entwicklung des 
Notenbankwesens im großen kennzeichnen. Indem der Verf. die Zu- 
sammenhänge mit den großen wirtschaftlichen und politischen Entwick- 
lungstendenzen klarlegt, gibt er im wahrsten Sinne des Wortes eine 
Theorie der Entwicklung des Notenbankwesens. Das Kapitel von der 
„neuen Problemstellung" wird eingeleitet durch einen Ueberblick über 
die bisherige Behandlung der Notenbankfrage in der wissenschaftlichen 



gO Uebersioht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Literatur. Anschließend präzisiert der Verf. in grundsätzlichen Erörte- 
rungen „zur Methodologie" die Zielsetzung der theoretischen Unter- 
suchung dahin, zu zeigen, wie die geschichtliche Entwicklung zu den 
positiven Problemen der Zentralnotenbanken, wie Diskontpolitik, Prinzip 
der Selbständigkeit dem Staate gegenüber, Währungsschutz usw. ge- 
führt hat. Weder aus fiskalischen Gesichtspunkten heraus noch aus 
technisch-organisatorischen Vorzügen kann die Zentralisation im Noten- 
bankwesen ihre Erklärung finden. Der Verf. sucht sie vielmehr in der 
Tendenz der modernen wirtschaftlichen Entwicklung überhaupt und in 
einem bei der Zentralnotenbank wirksamen sozial-organisierenden Prinzip. 
Dieser Untersuchung dienen die Kapitel über die „wirtschaftliche" und 
„politische Verursachung der modernen Zentralnotenbank". In uni- 
versellen Untersuchungen werden die inneren Zusammenhänge der wirt- 
schaftlichen und politischen Geschehnisse mit der Zentralisation im 
Notenbankwesen und die ,, Ursachen des Wesentlichen" bei der Zen- 
tralisationstendenz dargelegt. Es wird gezeigt, „aus welchen historischen 
Ursachen heraus die Entstehung der modernen Zentralnotenbank in 
ihrer prinzipiellen Eigenart zu verstehen ist". Das Eazit der privat- 
wirtschaftlichen Untersuchung über die Noteninhaber, Kreditnehmer 
und die Bank- und Börsen weit, der volkswirtschaftlichen über den 
„ganzen Gang der Volkswirtschaft" und „die Volkswirtschaft als Ein- 
heit nach außen", wird in dem Kapitel über „Die tatsächliche Ent- 
wicklung" für einzelne Länder gezogen. Nach der wirtschaftlichen 
Kausalerklärung erfolgt die politische aus dem „nationalen" unter Mit- 
berücksichtigung des kosmopolitischen und aus dem ,, demokratischen" 
Prinzip heraus. Wie auf der einen Seite das intensivere National- 
empfinden die psychologische Erklärung für die Diskontpolitik der mo- 
dernen Zentralnotenbank bildet, wird auf der anderen Seite der ganze 
Aufbau der Zentralnotenbank von dem demokratischen Prinzip beein- 
flußt. Zusammenfassend weist der Verf. in dem Kapitel „Die tatsäch- 
liche Entwicklung" auf die große Rolle hin, welche die Politik in 
Deutschland für die Gestaltung des Notenbankwesens gespielt hat, auf 
den starken Einfluß der demokratischen Entwicklung in England und 
die Manifestierung des nationalen Prinzips im Bankwesen Frankreichs. 
So kommt der Verf. zu dem Ergebnis : „die wirtschaftlichen Interessen 
beeinflussen die politische Gesinnung und umgekehrt, und beide steuern 
demselben Resultat zu in einer großen Gesamtentwicklung, die wir am 
besten als steigende Vergesellschaftung charakterisieren können" (S. 130). 
Darüber hinaus wirft der Verf. die Frage auf, ob die internationale 
Zentralisierung als letzte Konsequenz der nationalen Zentralisierung 
wird bezeichnet werden können und beantwortet sie unter Berufung 
auf die nachgewiesenen Ursachen, die zur nationalen Zentralnotenbank 
führten, in zustimmendem Sinne. 

Eröffnen schon die vorliegenden Ausführungen des Verf. weite 
Ausblicke in Neuland, so wird jeder Leser der angekündigten zweiten 
Hälfte der Arbeit über die Zukunftsaufgaben der Zentralnotenbanken 
mit Spannung entgegensehen. 

Berlin. H. Schippel. 



üebersichl über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. gl 

Bendixen, Friedrich, Währungspolitik und Geldtheorie im 
Lichte des Weltkriegs. Neue Folge von „Geld und Kapital". Zweite 
durchgesehene u, vermehrte Auflage. München u. Leipzig (Duncker u. 
Humblot) 1919. 8. 182 SS. (Preis: M. 8.) 

Habent sua fata libelli. Friedrich Bendixens grundlegende 
Schrift „Das Wesen des Geldes" ist zu Anfang des Jahres 1908 
erschienen und hat erst 1918 ihre zweite Auflage erlebt; die zweite 
Auflage der „Währungspolitik" aber ist bereits nach genau 
2Y2 Jahren (die Vorworte des Verfassers sind vom 1. Mai 1916 und 
vom 1. November 1918) der ersten gefolgt. 

Diese Tatsache, so bemerkenswert sie ist, darf doch nicht wunder 
nehmen. Kriegsjahre zählen nicht nur doppelt, sondern vielfach für 
die Geldtheorie ; und mit dem W^eltkriege zugleich ist auch der viel- 
hundertjährige Krieg um das Geld mit neuer Heftigkeit entbrannt. 
Die stattliche Anzahl wissenschaftlicher Publikationen zu Geld- und 
Währungsfragen, die uns die Jahre seit 1914 gebracht haben, nicht 
minder aber eine Flut anderer Erzeugnisse, die — jedenfalls als strenge 
Wissenschaft nicht anerkannt werden können, zeugen für die An- 
regung, die die während des Krieges zu beobachtenden geldwirtschaft- 
lichen Erscheinungen der Wissenschaft gegeben haben, und für die 
wachsende Anteilnahme, die auch eine breitere Oeffentlichkeit den so 
heiß \imstrittenen Fragen heute entgegenbringt. 

Diese Entwicklung ist nicht nur erfreulich. Sollte Viktor 
V. Scheffels nachdenklicher Hiddigeigei heute noch leben, er würde 
wohl feststellen, daß der deutsche Staatsbürger dazu übergehe, nun- 
mehr nicht nur seinen Hausbedarf an Liedern, sondern auch den an geld- 
theoretischer und währungspolitischer Literatur aus eigener Arbeit zu 
decken. So hat das geduldige Papier so mancherlei Beiträge in die 
Oeffentlichkeit gebracht, die wir gewiß mit großem Vergnügen missen 
würden; vornehmlich deshalb, weil sie nicht aufklären, sondern ver- 
wirren. Selbst der denkende Laie wird ja nur in den seltensten 
Fällen den hier behandelten Fragen genügend kritisches Verständnis 
entgegenbringen, um vom Weizen die Spreu — und das Unkraut zu 
sondern; und wie bedenklich muß es stimmen, wenn beispielsweise ein 
auf grobe Massenwirkung gestimmtes Erzeugnis der Sensationsliteratur 
— ich mag es nicht nennen! — und ein so reifes Werk, wie das 
„Wesen des Geldes", das wir der theoretischen Begabung eines 
Praktikers von reichen Kenntnissen und seltener Einsicht verdanken, 
nebeneinander, in einem Atem, zitiert werden. (So bei Hahn: „Von 
der Kriegs- zur Friedenswährung" S. 2 Anm. 3.) 

Und dennoch — trotz solcher unerwünschten Nebenwirkungen — 
werden wir uns der allgemeinen Anteilnahme an den Fragen des Geld- 
wesens, der wir wohl vornehmlich die Neuauflegung des besprochenen 
Buches zu verdanken haben, aufrichtig freuen dürfen; wenn diese 
Freude vielleicht auch in der Fachwissenschaft von einem wohl nicht 
ganz unberechtigten Schuldgefühl zurzeit noch überschattet wird. Aeußert 
sich dieses Schuldgefühl nicht nur in gereizter Abwehr dessen, was 
Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 118 (Dritte Folge Bd. 68). Q 



32 üebe reicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

besser nicht wÄre, sondern — wie bei einem ihrer besten Vertreter i) 

— in der ernsten Mahnung zu wissenschaftlicher Einkehr, so wird es 
reiche Früchte tragen. 

Wo wir keinen Sinn finden , da vermuten wir Geist. Werden 
uns aber die Ergebnisse strenger Denkarbeit in leicht faßlicher und 
womöglich gefälliger Form geboten, so wittern wir „Unwissenschaft- 
lichkeit". Argwohn , nicht doppelte Dankbarkeit ist gemeinhin der 
Lohn der doppelten Mühe, die danach ringt, dem scharf Durchdachten 
auch den klaren und sinnfälligen Ausdruck zu geben. Darum glaube 
ich, die Besprechung des vorliegenden Buches nicht besser einleiten zu 
können, als mit dem Hinweis auf seinen hohen schriftstellerischen 
Wert. Bendixen ist nicht — wie manche seiner Kritiker glaubten 

— Schüler von Knapp, aber eine starke Verwandtschaft im Wesen 
beider zeigt ihr künstlerischer Formensinn ; nicht zuletzt der beiden 
gemeinsame Sinn für Humor, der ihren Schriften das unverkennbare 
Gepräge aufdrückt. 

Auch das „Wesen des Geldes" ist nicht das System einer 
wirtschaftlichen Theorie des Geldes. Der Verfasser selbst hat dieses 
anerkannt, indem er drei Jahre nach Erscheinen dieses Werkes dem 
Wunsche Ausdruck verlieh, es möchte bald sich der Gelehrte finden, 
der Knapp s Werk durch eine systematische , wirtschaftliche Theorie 
des Geldes' ergänzt" ^). Das „Wesen des Geldes" ist der in großen 
Zügen entworfene Grundriß, auf dem der Bau eines geschlossenen 
Systemes sich errichten ließe; die „Währungspolitik" ist aber so 
wenig, wie die anderen inzwischen erschienenen Bücher und Aufsätze 
Bendixens, ein Anfang dieses Baues. Sie ist die Sammlung einzel- 
ner Aufsätze, in denen der Verfasser seine früher ausgesprochenen 
Grundgedanken verteidigt, erläutert und vertieft, und: daß in ihnen 
die Kritik fremden Denkens vielfach die Form — sachlich ! — scharfer 
Polemik angenommen hat, ist wohl der Grund dafür, daß erst nach 
ihrem Erscheinen die wissenschaftliche Kritik, die an Bendixens 
früheren Publikationen ziemlich achtlos vorübergegangen ist, ange- 
fangen hat, sich mit seinen analysierenden und programmatischen Aus- 
führungen ernsthaft und mit zunehmendem Eifer (zum Teil leider nicht 
ohne persönliche Gereiztheit) auseinanderzusetzen. 

In diesem Zusammenhange ist es naturgemäß nicht möglich, die 
Grundlehren der von Bendixen — als erstem ! — aufgestellten wirt- 
schaftlichen Geldtheorie der eingehenden kritischen Würdigung, zu der 
sie an sich den Anlaß geben, zu unterziehen. Wenige Wbrte müssen 
hier genügen, sind allerdings auch in einer Besprechung, die sich auf 
das vorliegende Buch beschränkt, nicht wohl erläßlich: 

Der herkömmlichen geschichtlichen Betrachtungsweise erscheint die 
moderne Verkehrswirtschaft, in der wir heute leben, als Tauschwirt- 
schaft. Dieser Auffassung, in der er einen Betonungsfehler zu erkennen 



1) Vgl. J. Schumpeter, „Das Sozialprodukt und die Rechenpfennige" im Archiv 
für Sozial wi.sscDxchaft u. Sozialpolitik, Bd. 44 Heft 3 S. 628. 

2) Qeld u. Kapital, S. 14. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 33 

glaubt, da sie im Gegensatze zum Wesentlichen das Nebensächliche 
hervorhebe, setzt Bendixen die seine entgegen, die in der Arbeit 
aller für alle und in der Beteiligung aller an dem Ertrage der gemein- 
samen Arbeit die Signatur unseres Wirtschaftslebens erkennt. Das 
Geld ist kein Tauschgut, ist überhaupt kein Gut; darum ist es auch 
kein Gegenstand der Bewertung. Das Geld hat keinen Wert. Wenn 
Bendixen gleichwohl vom „Geldwert" und vom „wertbeständigen" 
Gelde spricht, so bedeutet dies ein Zugeständnis an den Sprachgebrauch 
seiner Leser, über dessen Zweckmäßigkeit man verschiedener Meinung 
sein wird. 

Das Geld — juristisch Zahlungsmittel — ist wirtschaftlich ein 
durch Vorleistungen erworbenes Anrecht an der verkaufsreifen kon- 
sumptiblen Produktion ; die Gesamtheit aller durch das Geld repräsen- 
tierten Ansprüche steht den zum Verkaufe verstellten Unterhaltsmitteln 
im Gleichgewichte gegenüber. Aus dieser Wirtschaftstheorie heraus 
erwächst die bekannteste Lehre Bendixens: die vom „klassischen 
Gelde" und seiner Schöpfung. Ihr Urheber ist des Glaubens, daß auf 
Grund von Warenwechseln geschaffenes Geld die allgemeine Preis- 
gestaltung nicht beeinflussen werde, weil das in den Preisen zum Aus- 
druck kommende Verhältnis zwischen Geld und Ware von der Geld- 
seite her nicht verändert werden könne, wenn und solange neues Geld 
nur zugleich mit neuen Waren entstünde. 

Die Geldschöpfungslehre ist von der Kritik heftig, aber bisher 
nicht eben glücklich angegriffen worden. Man hat die Bezeichnung 
„klassisch" mißverstanden und darum abgelohnt; man hat ein besonderes 
Gewicht auf vermeintliche Schwierigkeiten gelegt, den als einzigen über 
die gleiche Warenpartie laufenden Wechsel als solchen zu erkennen; 
man hat eine Geldschöpfungslehre sogar als überflüssig bezeichnet, weil 
bei richtiger Einsicht in das Geldwesen eine schädliche Geldvermeh- 
rung auch ohne das zu verhindern sei. Daß diese Angriffe der jungen 
Lehre gefährlich werden könnten, glaube ich nicht; für dringlich aber 
halte ich die Prüfung der Frage, ob jener Parallelismus, den 
Bendixen mit intuitiver Sicherheit empfindet, zwischen Geld 
und Ware, oder nicht ganz allgemein zwischen Geld und 
Gut (Gut hier im weitesten Sinne der unkörperlichen oder in Waren- 
form verkörperten preistragenden konsumptiblen Leistung) besteht; und 
demgemäß ob eine Geldschöpfungslehre, die Geldvermehrung nur 
zugleich mit Warenvermehrung vorsieht, der Theorie und den 
Anforderungen der Praxis voll zu genügen vermöchte. 

Scharf durchgeführt ist bei Bendixen die begriffliche Scheidung 
zwischen dem Gelde im Sinne der Knappschen Werteinheit, dem 
Generalnenner aller Werte, und dem Gelde als — nicht nur stoff- 
lichem ! — Zahlungsmittel. Er vermeidet den Irrtum, dem andere 
Nominalisten zum Opfer gefallen sind , im Abrechnungsverkehr ein 
Zahlen mit Werteinheiten zu erblicken , — mit vorgestelltem Gelde 
kann man so wenig zahlen, wie an vorgestelltem Brote sich satt essen! 
— und setzt folgerichtig das „Giralgeld" neben das körperliche (baro 
und notale) Geld. 

6* 



84 üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Diese hier kurz umrissenen Grundgedanken seiner Lehre verficht 
Bendixen im zweiten, geldtheoretischen Teile des Buches 
gegenüber L. v. Mises („Das Geld als Tauschgut"), gegenüber 
0. Heyn („Der Kampf um den Geldwert") gegen R. Lief- 
mann) (Geld und Einkommen) im Vorbeigehen auch gegen 
K, Diehl. Des weiteren bekämpft er mit meines Dafürhaltens zwin- 
gender Begründung Lief m an ns Lehre vom unmittelbaren Zusammen- 
hange zwischen Inlandspreisen und Wechselkursen , und betont er 
W. Federn gegenüber mit Hecht die begriffliche Sonderstellung der 
Inflation innerhalb des allgemeinen Begriffes der Teuerung, indem er 
die Auffassung, daß Kriegsanleihen Inflation zu bewirken vermöchten, 
widerlegt. In dem einleitenden Aufsatze dieses Abschnittes („das 
jUnlösbare' Geldproblem") erklärt er das Rätsel des Geldes für 
nicht unlösbar, sondern für gelöst; gelöst, sobald „man die abstrakte 
Werteinheit von den konkreten Geldzeichen" (und vom Giralgelde!) 
„zu scheiden weiU und die Nominalität der Werteinheit begriffen hat" ; 
und im letzten Aufsatze („Vom Ein- Reservesystem zur Be- 
freiung vom Golde" weist er den Weg, der vom Goldzwange fort 
zur freien Währung und dem Ende der Deckungsnöte führen soll. 

Im ersten Teile des Buches hat der Währungspolitiker 
das Wort. Lebhaften Widerspruch hat hier vor allem die Kritik er- 
fahren, die Bendixen im zweiten Aufsatze („Die Reichsbank im 
Kriege") an den Kriegsmaßnahmen der Reichsbank geübt hat. Ich 
will die Frage offen lassen, ob die Reichsbankleitung besseren Anlaß 
hat, auf Bendixen 8 Angriffe stolz zu sein, oder auf die Verteidigung 
derer, die gemeint haben, sie in Schutz nehmen zi\ sollen. Hat doch 
gerade Bendixen erkannt und ausdrücklich betont, daß es allein der 
Einsicht und Tatkraft ihrer Leiter zu danken ist, wenn die Reichs- 
bank längst aus dem engen Kleide jenes überlebten Gesetzes heraus- 
gewachsen ist, das in ihr noch heute nichtr die gemeinnützige Anstalt, 
sondern das mit dem „Noten p ri vi leg (!) ausgestattete Erwerbsinstitut 
erblickt. Gerade Bendixen hat es ausgesprochen, daß die Reichs- 
bank ihren gesetzlich umschriebenen Pflichten durchaus genügt haben 
würde, hätte sie mit verschränkten Armen die völlige Zertrümmerung 
der deutschen Wirtschaft durch den Krieg mit angesehen. Eine Kritik 
aber, die die gute- Leistung tadelt, weil sie die bessere erwartet hat, 
ehrt den, den sie trifft. So richten sich denn Bendixens Ausfüh- 
rungen letzten Endes auch weniger gegen die Reichs b an k als gegen 
das Reichsbank ge setz; und ich möchte meinen, sie seien über- 
zeugend genug, um dessen baldige Aeuderung, entsprechend den heutigen 
Aufgaben der Reichsbank, zu veranlassen. 

Besonderer Beachtung empfohlen sei noch der letzte Aufsatz dieses 
Abschnittes, der gegen Ende des Jahres 1918 zuerst im Bank- Archiv 
erschienen ist: „Die Parität und ihre Wiederherstellung". 
Auch hier zeigt Bendixen, daß er alles eher als der radikale Wäh- 
rungspolitiker ist, und daß er sogar eine recht ausgeprägte Neigung 
hegt, die strengen Forderungen der Theorie selbst Vorurteilen zuliebe 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. g5 

zurückzustellen. Als besonders beherzigenswert will mir seine Mah- 
nung erscheinen, nach Friedensschluß auf das im Kriege zur bedenk- 
lichen Gewohnheit gewordene geschäftige Eingreifen in Wandel und 
Wirtschaft zu verzichten, und ich möchte diese Besprechung mit dem 
Ausdruck der Hoffnung abschließen, daß Bendixen mit seinem be- 
sonnenen Rate nicht allein bleiben, wenn aber, daß er dann gleichwohl 
das Gehör der Stellen finden möge, die unsere wirtschaftliche Gesetz- 
gebung nach dem Kriege maßgebend zu bestimmen berufen sind. 

Das schöne Buch wird einen Ehrenplatz in der Geldtheorie be^ 
haupten, und ich bin überzeugt, daß es viele Zweifler, aber auch 
manchen Gegner zu den Lehren seines Verfassers bekehren wird. 

Karl Elster. 

Dietzel, Heinrich, Die Nationalisierung derKriegs- 
milliarden. Tübingen (J. C. B. Mohr) 1919. 8. III, 37 SS. 
(Preis: M. 2.) 

Die vorliegende Schrift ist die preisgekrönte Behandlung des von 
der Breslauer Fakultät der Rechts- und Staatswissenschaften gestellten 
Themas: „Wahres und Falsches an der zurzeit viel gebrauchten Rede- 
wendung >das (xeld bleibt im Lande«." Sie ist durchaus lesenswert 
und gewiß verdienstlich, indem sie manche der durch den Krieg in 
Umlauf gesetzten „Phrasen der Vulgarökonomie" als solche kennzeichnet ; 
wobei freilich auch hier nicht verschwiegen werden darf, daß — wie die 
zahlreichen Zitate beweisen — diese „Phrasen" gerade auch in den fach- 
wissenschaftlichen Zeitschriften (Pohles Zeitschrift für Sozialwissen-^ 
Schaft, diese „Jahrbücher", Schmollers Jahrbuch) Aufnahme gefunden 
haben, und daß zum Teil namhafte Vertreter der akademischen National- 
ökonomie (ihre Namen mag man in dem hier besprochenem Buche 
selbst suchen) es gewesen sind, die sich daran beteiligt haben, sie in 
Umlauf zu setzen. 

„Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit!" so beantwortet 
Dietzel „kurz", die durch das Preisausschreiben gestellte Frage. 
Kurz, aber auch zu kurz ; und hierin liegt die Schwäche des Buches : 
„Dank der Sperre hat Deutschland mancherlei zugelernt, was es sonst 
vielleicht überhaupt nicht, vielleicht erst weit später sich zu eigen ge- 
macht hätte. Die Not ist die Mutter einer Menge von Erfindungen 
geworden, deren Kriegswert zwar zum Teil ein überaus hoher war — 
deren Friedenswert aber noch im Dunkeln liegt, erst dann erhellen 
wird, wenn klar geworden, ob der „Ersatz" mit der Auslands wäre zu 
konkurrieren vermag". Auf diese, vom Verfasser offensichtlich nicht 
eben hoch eingeschätzte Tatsache soll sich das Fünkchen Wahrheit 
beschränken, das in dem — sicherlich recht schiefen ! — Schlagworte 
enthalten ist. 

Dem mjiß ich widersprechen. Die an sich berechtigte Abneigung 
gegen die „Phrasen der Vulgarökonomie" hat das Urteil des Verfassers 
getrübt. Der einseitigen — und gewiß verkehrten — Auffassung, daß 



86 Ueberaicht über die niesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

die Abschließung Deutschlands vom Weltmarkte „in ihrer Gesamt- 
wirkung uns zum Heile geworden", setzt er die nicht viel weniger 
einseitige — und darum auch nicht richtige — Auffassung entgegen, 
daß nur die eine einzige, in dem zitierten Satze anerkannte, 
Wirkung der Blockade uns günstig gewesen sei. Inlandsanleihen 
belasten den Staat, der- sie aufnimmt, Auslandsanleihen auch die Volks- 
wirtschaft. Dieser gewiß nicht „neumerkantilistische" (oder, wenn man 
ihn als „neumerkantilistisch" bezeichnen will, desungeachtet richtige) 
Satz, hätte in den Mittelpunkt der Erörterung gestellt werden müssen, 
wo es galt zu ermitteln, was wahr sei und was falsch an der Rede- 
wendung: „Das Geld bleibt im Lande". Karl Elster. 

Schulte, Fritz, Die Sozialisierung der bayrischen Hypotheken- 
banken. Vortrag. München, Berlin u. Leipzig (J. Schweitzer) 1919. 
80. 24 SS. (Preis: M. 1.—.) 

Die Hypothekenbanken haben sich in der Form der Aktiengesell- 
Bchaft den gemeinwirtschaftlichen Organisationsformen des Bodenkredits 
als stark überlegen gezeigt (namentlich durch Entwicklung des Bau- 
darlehnssystems). Sie haben sich den Bedürfnissen der Praxis weit 
angepaßt (Förderung des unkündbaren Realkredits in ^orm der Amor- 
tisationshypothek, Prolongation kündigungsreifer Hypotheken ohne neue 
Abschlußprovision) und sich auch zur Pflege des Kleinwohnungs- und 
Siedelungswesens geeignet erwiesen. Monopolinstitute, die die Gemein- 
interessen bedrohen, sind es nicht, da sie in den Versicherungsgesell- 
schaften, den Sozialversicherungsinstituten, den Sparkassen starke Kon- 
kurrenten besitzen. Ihre Verstaatlichung würde keine Verbesserung 
bedeuten, da der Staat kaum billigeren Kredit zur Verfügung stellen 
kann (die Verzinsung des verhältnismäßig geringen Aktienkapitals spielt 
keine Rolle), die staatliche Verwaltung teurer und schematischer ar- 
beitet, die fein ausgebildete Organisation des Pfandbriefabsatzes wahr- 
scheinlich nicht aufrecht erhalten könnte und durch Ausgabe staatlicher 
Pfandbriefe zur Ueberspannung des staatlichen Kredits beitragen wird. 
Sie ist deshalb (mit Schulte) abzulehnen. Zur Sozialisierung im Sinne 
einer verstärkten Förderung des Kleinwohnungsbaues und des gesamten 
Siedlungswesens in Stadt und Land durch die Hypothekenbanken ge- 
nügt verstärkte Staatsaufsicht durch Kommissare, wie sie sich in Bayern 
durchaus bewährt hat. Die Schrift zeugt von genauer Kenntnis der 
praktischen Verhältnisse. 

Leipzig. Georg Jahn. 

Klüpsel, Paulus, Lohn- und Geldentwertung. Nach einem Vortrag. Berlin - 
Steglitz, Freiland-Freigeld-Bund, 1919. gr. 8. 24 SS. M. 1,10. 

Währung, Wechselkurse und Volkswirtschaft nach dem Kriege. Das 
Gutachten des englischen Währungsausschnssea. Uebcrtragen und eingeleitet von Hans 
Hirschstein. Berlin, Berliner Börsen-Courier, 1919. 8. 56 SS. M. 3.^. 

Weiss, Dr. Karl, Die Betriebsgewinne der deutschen Versicherungsgesellschaften. 
Ein Beitrag zur Frage der Verstaatlichung des Versicherungswesens. Mannheim, 
J. Bensheimer, 1919. gr. 8. 123 SS. M. 6.—. 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 87 

Wörner (Handelshochsch -Prof.) Dr. Gerh. , Die Verstaatlichung der Feuerver- 
sicherung. Berlin, Verband öffentlicher Feuerversicherungs-Anstalten in Deutschland, 
1919. gr, 8. 38 SS. M. 2.—. 

Credit (le) au petit et moyen commerce et ä la petite et moyenne Industrie. 
Socifetes de caution mutuelle et banques populaires. Paris, Impr. nationale, 1918. 8. 
112 pag. (Ministfere du commerce et de l'industrie, des postes et des t§l§graphe3 
Direction du personal, des expositions et des transports.) 

Harrison, Milton W., Bank law and taxation digest. New York, Bankers 
Publ. Co. 4. $ 2,50. 

9. Gewerbliclie Arbeiterfrage. Armeuwesen nnd Wohlfahrtspflege. 
Wohnniigsfrage. Soziale Frage. Franeufrage. 

Bauer (Reichsarbeitsmin.), Arbeitsrecht und Arbeiterschutz (einschließlich Militär- 
versorgung). Sozialpolitische Maßnahmen der Eeichsregierung seit 9. XI, 1918. Denk- 
schrift für die Nationalversammlung. Berlin, Beimar Hobbing, 1918. 8, 264 SS. 
M. 7,50. 

Feisenberger (Oberlandesger.-R.), A., Ueber die Zukunft der Jugendfürsorge. 
Zugleich der Versuch einer Einführung in das Gebiet der Jugendfürsorge. Berlin, 
Carl Heymanns Verlag, 1919. gr. 8. 30 SS. M. 1,80. 

Handbuch Groß-Berliner Wohnungspolitik, Hrsg.: (Dipl.-Ing.) E. Leyser, 
3. Teil, Gemeinnützige Bautätigkeit in Groß- Berlin und der Provinz Brandenburg, von 
(Architekt Dipl,-Ing,) E, Leyser, (Schriften des Groß-Berliner Vereins für Kleinwoh- 
nungswesen. Heft 8.) Berlin, Carl Heymanns Verlag, 1919. 8, III— 76 SS. M, 5.—. 

Jastrow, Prof. Dr. Ignaz, Textbücher zu Studien über Wirtschaft und Staat. 
Bd. 2 : Arbeiterschutz. 2. unveränd, Aufl, Berlin, Vereinigung wissenschaftlicher Ver- 
leger, Walter de Gruyter u. Co., 1919. kl. 8. VIII~206 SS. M. 4.—. 

Landmann (Stadtr), Dr. Ludwig, (Stadtbauinsp.) Dr. ing. Hahn und (Reg.-R,) 
Gretzschel, Kommunale Wohnungs- und Siedelungsämter. Hrsg. vom Deutschen Verein 
für Wohnungsreform. Stuttgart, Ferdinand Enke, 1919. gr. 8. VII— 107 SS. M. 7.—. 

Mai er (Assess.), Dr. Hans, Soziale Wohnungsfürsorge, mit besonderer Berück- 
sichtigung der kinderreichen Familien. Bericht der Tagung am 10. und 11. X. 1918 
in Frankfurt a. M. (Schriften des Frankfurter Wohlfahrtsamtes, Nr. 2.) Frankfurt 
a. M., Reitz u. Koehler, 1919. gr. 8. 24 SS. M. 1.—. 

Mohr, Dr. Martin, Zeitung und neue Zeit. Vorschläge und Forderungen zur 
wissenschaftlichen Lösung eines sozialen Grundproblems. München, Duncker u. Humblot, 
1919. gr. 8. VIII— 96 SS. M, 4.—, 

Oppenheimer, Prof. Dr. Franz, Die soziale Frage und der Sozialismus. 
Eine kritische Auseinandersetzung mit der marxistischen Theorie. Jena, Gustav Fischer, 
1919. 8, XII— 192 SS, M. 3.—. — Derselbe, Die soziale Forderung der Stunde. 
Gedanken und Vorschläge. (Oeffcntliches Leben. Heft 7.) Leipzig, Der Neue Geist, 
1919. gr. 8. 39 SS. M. 1,20. 

Sombart, Werner, Sozialismus und soziale Bewegung. 8. unveränd. Aufl. 
Jena, Gustav Fischer, 1919. XII— 387 SS. M. 6.—. 

Stern (Baudir., Ing.), Ottokar, Bodennot und städtische Grundrentenkunde, 
Wien, Lehmann u, Wentzel, 1919, gr, 8, V— 63 SS. mit 3 Abb im Texte und 
1 Bildnistaf, M. 4.—. 

Ama'nienz, Edouard, L'armature sociale. Paris, Michel. 8. fr. 4,50. 

Durant, Will., Philosophy and the social problem. London, Macmillan. 8/. — . 

Hoxie, Robert Franklin, Trade unionism in the United States. Introduction 
by E. H. Downie. London, Appleton. 8. ll/,6. 

Eatayama, Sen,, The labor movement in Japan, Chicago, Kerr, 8. $ 1, — . 

8 meiser, D, P,, Unemployment and American trade unions, Baltimore, Johna 
Hopkins Press, 8. $ 1,25, 

Amendola, Gabriele, Le cause e le conseguenze sociali della guerra. Napoli, 
Pierro, 8, 1, 1,—. 

10. OenossensoliaftsweBen. 

Kaufmann (Präs.), Dr., Beteiligung von Arbeitern an der berufsgenossen- 
schaftlichen Betriebsüberwachung. Jena, Gustav Fischer, 1919, 8, 8 SS. M, 0,50, 



g3 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Mitteilungen über den 56. allgemeinen Genossenschaftstag des allgemeinen 
Verbandes der auf Selbsthife beruhenden deutschen Erwerbs- und Wirlschaftsgenossen- 
schaften, e. Ver. zu Nürnberg am 19. und 20. IX., 1918. Berlin, J, Guttentag, 1918. 
8. IV— 267 SS. M. 3.—. 

11. Oesetsg-ebaug, Staats- und Verwaltnxigareclit. Staatsbürgerkunde. 

Bendiz (Rechtsanw.), Dr. Ludwig, Obrigkeitsstaat, Richtertum und Anwalt- 
schaft unter besonderer Berücksichtigung des Strafrechts. Vortrag, gehalten in der 
strafrechtlichen Vereinigung zu Berlin am 20. XII. 1918. Berlin, Industrieverlag 
Spaeth u. Linde, 1919. 8. 41 SS. M. 2.—. 

Bredt, Prof. Dr. Job. Victor, Die Rechte des Summus Episcopus. Rechts- 
gutachten. Berlin, Martin Warneek, 1919. 8. 24 SS. M. 0,90. 

Bubendey, Dr. Hanns, Hamburgische Verfassungsfragen. Hamburg, F. W. 
Rademacher, 1919. gr. 8. 24 SS. M. 1.—. 

Damaschke, Adolf, Aufgaben der Gemeindepolitik. 8. durchgesehene Aufl. 
Jena, Gustav Fischer, 1919. gr. 8. VIII— 260 SS. M. 5,60. 

Dursthoff (Handelsk.-Synd.), Prof. Dr., Denkschrift betr. Ausbau des parlamenta- 
rischen Systems durch Eingliederung und berufsständige Vertretung. Oldenburg i. Gr., 
Gerhard StaUing Verlag, 1919. 8. 24 SS. M. 0,60. 

Eckstein, Anna B., Staatenschutzvertrag zur Sicherung des Weltfriedens. (Aus 
dem Institut für internationales Recht an der Universität Kiel.) München, Duncker 
u. Humblot, 1919. gr. 8. VII— 83 SS. M. 4.-^. 

Freydorf, Frdr., Zu einer neuen Verfassung. Wien, L. W. Seidel u. Sohn, 
1919. gr. 8. 32 SS. M. 2,40. 

Gülland (Kammerger.-Rat), Dr., u. (Sen.-Präs. Geh. Ob.-Just.-R.) Qu eck, Die 
gesetzgeberische Reform der gewerblichen Schutzrechte. Berlin-Wilmersdorf, Walther 
Rothschild, 1919. gr. 8. XV— 414 SS. M. 20.—. 

Handbuch des kommunalen Verfassungs- und Verwaltungsreehts in Preußen. 
Unter Mitwirkung von (Geh. Reg.-R.) Baath . . . hrsg. u. mitbearb. v. (Abt.-Dir.) Dr. 
Fritz Stier-Somlo. 1. Bd.: Das kommunale Verfassungsrecht in Preußen. Bearb. v. 
Prof. Dr. Friedrich f u. Prof. (Abt.-Dir.) Dr. Fritz Stier-Somlo. Oldenburg i. Gr., Gerhard 
Stalling Verlag, 1919. Lex.-8. XII— 751 SS. M. 25 + 20 Proz. T. 

Jordan, Prof. D. Herm. , Die Demokratie und Deutschlands Zukunft. (Im 
neuen Deutschland. Grundfragen deutscher Politik in Einzelschriften. Hrsg. v. Prof. 
D. Herm. Jordan. 3. Heft.) Berlin, Voss. Buchhdlg., 1918. gr. 8. 11—80 SS. 
M. 2,50. 

Katz (Geh. Just.-R.), Dr. Edwin, Der internationale Rechtshof. Berlin-Wilmers- 
dorf, Walther Rothschild, 1919. 8. 97 SS. M. 4,20. 

Kraelitz-Greifenhorst, Frdr. v., Die Verfassungsgesetze des osmanischen 
Reiches, üebers. u. m. e. Einleit. vers. Mit e. genealog. Tabelle d. kais. Hauses Osman. 
(Osten u. Orient, hrsg. v. Rud. Geyer u. Hans Uebersberger, 4. Reihe. Quellenwerke 
m. Uebersetzungen. 1. Abt. Sammlung türk. Gesetze. 1. Heft.) Wien, Forschungsinstitut 
für Osten u. Orient, 1919. gr. 8. VIII— 108 SS. M. 7.—. 

Kumpmann, Prof. Dr. Karl, Die Bedeutung der Revolution. Eine Einführung 
in die Grundfragen des neuen Staates. Tübingen, J. C. B. Mohr, 1919. 8. III— 66 SS. 
M. 2 -f 20 Proz. T. 

Kuske, Prof. Dr. Bruno, Rheingreuze und Pufferstaat. Eine volkswirtschaft- 
liche Betrachtung. Hrsg. vom Freibeitsbund der deutschen Rheinlande. Bonn, A. Marcus 
u. E. Webers Verlag, 1919. gr. 8. 25 SS. M. 1,20. 

Meyer 's (weil. Prof.), Georg, Lehrbuch des deutschen Staatsrechts. Nach dem 
Tode des Verf. in 7. Aufl. bearb. v. Gerb. Anschütz. 3. Teil. (Schluß.) Mit einem 
Nachtrag über die staatsrechtliche Entwicklung bis April 1919, nebst Sachverzeichnis 
sowie Vorwort und Inhaltsverzeichnis zu dem Gesamtwerk. München, Duncker 
u. Humblot, 1919. . gr. 8. XII u. S. 723—1067. M. 12.—. 

Räch fahl (Geh. Hofr.), Prof. Dr. Felix, Preußen und Deutschland in Ver- 
gangenheit, Gegenwart und Zukunft. Recht und Staat in Geschichte und Gegenwart. 
(Eine Sammlung von Vorträgen und Schriften aus dem Gebiet der gesamten Staats- 
wissenschaften. Nr. 13.) Tübingen, J. C. B. Mohr, 1919. gr. 8. 46 SS. M. 2.— 
+ 20 Proz. T. 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 39 

ßathenau, Walther, Der neue Staat. Berlin, S. Fischer, 1919. 8. 74 SS. 
M. 1,25. 

Schäfer, Prof. Dr. Dietrich, Das Reich als Republik: Deutschland und 
Preußen. (Im neuen Deutschland. Grundfragen deutscher Politik in Einzelschriften. Hrsg. 
V. Prof. Dr. Herrn. Jordan. Heft 9.) Berlin, Vossische Buchhdlg., 1919. gr. 8. 46 SS. 
M. 2,50. ■ , 

Schmid, Dr. E r i c h , Verfassung des Volksstaats Württemberg, hrsg. Stutt- 
gart, Volksverlag f. Politik u. Verkehr, 1919. 8. 32 SS. m. eingedr. Bildnissen. 
M. 1,60, 

Schücking, Lothar Engelbert, Die innere Demokratisierung Preußens. 
Die Demokratisierung der inneren Verwaltung. (Die soziale Revolution. Politische 
Bücherei, hrsg. v. Dr. Curt Thcsing.) München, Musarion- Verlag, 1919. gr. 8. 190 SS. 
M. 6,90. 

Sering (Geh, Reg.-R.), Dr. M., Die Grenzen des neuen Deutschlands. Mit 
4 Karten : 1. Ostmark. • 2. Sudetenländer. 3. Elsaß-Lothringen. 4. Schleswig. Hrsg. 
V. der Arbeitsgemeinschaft für staatsbürgerl. und wirtschaftl. Bildung, Berlin, Berlin, 
W. Moeser, 1919. 31X23 cm. 11 SS, M. 3.—. 

Stier-Somlo, Prof. Dr. Fritz, Republik oder Monarchie im neuen Deutsch- 
land. (Deutscher Aufbau. Hrsg. v. Prof. Dr. Fritz Stier-Somlo, Heft 1,) Bonn, 
A. Marcus u. E. Weber, 1919. gr. 8. 60 SS. M. 2,40. 

Waldeckcr (Priv.-Doz.), Prof. Dr. Ludwig, Die Kriegsenteignung der Bundes- 
ratsverordnung vom 24. VI. 1915. Ein Auftakt zu kommenden Dingen. München, 
Duncker u. Humblot, 1919. gr. 8. 149 SS. M. 5.—. 

Zehnter (Oberlandesger.-Präs.), Dr. J. A., Die badische Verfassung vom 21. III. 
1919. Mit einer Vorgeschichte u. Anmerkungen verf. (Sammlung deutscher Gesetze. 
Nr. 42.) Mannheim, J. Bensheimer, 1919. kl. 8. 160 SS. M. 6.—. 

Ziehen, Prof. Dr. Julius, Staatsbürgerkunde und Volksbildung. Ein Beitrag 
zur Volkshochschulpädagogik. (Neue Bahnen der Arbeit am Volke, Heft 4,) Frank- 
furt a, M., Englert u, Schlosser, 1919. kl. 8. 46 SS. M. 1.—. 



Jenks, Edward, The State and the nation. London, Dent. 8. 4/. — . 

Munro (Prof.) William Bennett, The government of the United States; 
national, State, and local. New York, Macmillan, 8. 10 -f 648 pp. $ 2,75. 

Willoughby, William Franklin, An introduction to the study of the 
government of modern states. New York, Century Co. 8, $ 2,25. 

Graziano, Silvestro, Lo stato gueridico. Vol. I, Critica. Roma, Tip, ed. 
Romana. 8. 1. 15. — . 

12. Statistik. 
Deat sehe 8 Reich. 

May, R. E., Konfessionelle Militärstatistik. (Archiv für Sozial- 
wissenschaft und Sozialpolitik, herausgegeben von Jaffe, Ergänzungs- 
heft XIH). Tübingen (J. C. B, Mohr) 1917. 8°. 65 SS. (Preis: 
M. 2,60). 

Hinter dem theoretischen Titel verbirgt sich eine Schrift mit dem 
praktischen Zwecke der "Widerlegung des vielfach gegen die Juden 
erhobenen Vorwurfes der „Drückebergerei" vom Heeresdienste auf im 
wesentlichen wissenschaftlich einwandfreien Grundlagen. Es wird ins- 
besondere unter steter Heranziehung des gesamten Gebietes der kon- 
fessionellen Militarstatistik nachgewiesen, aus welchen Gründen not- 
wendigerweise der Anteil der Juden an der Zahl der Kriegsteilnehmer 
hinter ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung weit zurückbleiben muß 
und weshalb weiterhin die jüdischen Kriegsteilnehmer selbst ein weit 



90 Uebersicht über die neuestcD Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

geringeres Gefahren! isiko laufen wie die Angehörigen der beiden christ- 
lichen Konfessionen. Bis dahin ist der Aufsatz mit seiner umfassenden 
Beherrschung und meisterhaften Kombination des statistischen Materials 
ein Musterstück statistischer Feinarbeit, auch wenn man geneigt ist, 
hin und wieder eine andere Schlußfolgerung zu ziehen als der Verf. 
Zum Schluß aber geht die Tendenz mit dem Verf. durch, und in 
dem Drang , den Wert des jüdischen Bevölkerungsteils bei der 
Durchkämpfung des jetzigen Krieges in recht hellem Lichte erscheinen 
zu lassen, geht Verf. über das Gebiet der konfessionellen Militär- 
statistik und der Wissenschaft überhaupt hinaus und rafft die ver- 
schiedensten zugunsten der Juden sprechenden Tatsachen, und was 
er als solche ansieht, zusammen. Zu guter Letzt führt Verf. gar die 
Bedeutung der Presse für die Kriegsführung und den hervorragenden 
Anteil des Judentums an der Redigierung der Presse an; hier sind 
denn doch weite Kreise des deutschen Volkes der Ansicht, daß gerade 
die Friedenspropaganda der sogenannten „jüdischen Presse" (der Aus- 
druck wird vom Verfasser selbst gebraucht) in hohem Maße kriegsver- 
längernd wenn nicht gar kriegsverhindernd gewirkt hat ; doch damit 
sind wir mitten in die Streitfragen der Parteipolitik geraten und für 
diese ist hier kein Ort. 

Weimar. - Johannes Müll er -Halle. 

K isskalt (Dir.), Prof . Dr. K a r 1 , Einführung in die Medizinalstatistik, mit prak- 
tischen Uebungen zur Benutzung in Kursen und zum Selbstunterricht. Mit 4 Abb. 
Leipzig, Georg Thieme, 1919. Lex.-8. VII— 142 SS. M. 6,60 + 15 Proz. T. 

Kunreuther (wiss. Assistentin), Dr. Bertha, Tuberkulosefüreorge und Wohl- 
fahrtspflege. Eine statistische Untersuchung. (Schriften des Frankfurter Wohlfahrts- 
amts. Nr. 4.) Frankfurt a. M., Keitz u. Kohler, 1919. gr. 8. 32 SS. m. Fig. 
M. 1,50. 

Mitteilungen, Statistische, über den Hamburger Staat. Hrsg. v. (Dir.) Prof. 
Dr. Sköllin. Nr. 8: Die Neuwahl der Hamburger Bürgerschaft am 16. III. 1919. 
Hamburg, Otto Meißners Verlag, 1919. Lex.-8. M. 2,50. 

Mitteilungen, Statistische, über das höhere Unterrichtswesen in Preußen. 
3., 4. Heft. (Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen. Hrsg. in 
d. Ministerium d. geistl. u. Unterriehtsangelegenh. Jg. 1917. Erg.-Heft.) Berlin, 
J. G. Cottasche Buchhdlg. Nachf., 1919. gr. 8. 107 SS. M. 5,50. 

O este rreich. 

Klezl V. Norberg (Vizesekr.), Dr. Felix Frhr., Der Aufbau der Statistik in 
der Staatsverwaltung Deutsch - Oesterreichs. Im amtl. Auftrage verf. Hrsg. v. d. 
Statist. Zentralkommission. Wien, Manz, 1919. Lex.-8. IV— 65 SS. M. 2,20. 

Materialien, Wirtschaftsstatistische, über Deutsch-Oesterreich. Zusammengestellt 
auf Grund amtlicher Quellen vom Bureau der niederösterreichischen Handels- und Ge- 
werbekammer. 2. mit Berücksichtigung der Vollzugsanweisung vom 3. I. 1919 wesentl. 
erw. Aufl. Mit einer mehrfarb. Sprachenkarte. Wien, Niederösterreich. Handels- and 
Gewerbekammer, 1919. gr. 8. 75 SS. M. 4,50. 

Frankreich. 

Statistiques de la navigation dans les colonies fran9ai8e8 pendant l'ann^e 1915, 
publikes soua l'aidministration de M. Gaston Doumergue, ministrc des colonies. Paris, 
barean de vente des publications coloniales officielles, 1917. 8. 768 pag. fr. 12. — . 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 91 

13. Verscliiedenes. 

Strecker, Reinhard, Die Anfänge von Fichtes Staatsphilosophie. 
Leipzig (Verlag von Felix Meiner) 1917. 8°. 245 SS. (Preis : M. 5,—.) 

Der Verfasser gibt eine Schilderung der Zeitverhältnisse, unter 
denen der junge Fichte heranwuchs, und folgt der politischen Ent- 
wicklung des Philosophen bis zur Abfassung seiner politischen Erst- 
lingsschriften : der „Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publi- 
kums über die französische Revolution" und der „Zurückforderung der 
Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten". 
Die Geschichtsauffassung des jungen Fichte, seine Stellung zum Staate, 
zum Fürsten, den Ständen, der Kirche usf. werden unter Anführung 
zahlreicher Zitate — vornehmlich aus den erwähnten Schriften — des 
näheren dargestellt. Im Schlußkapitel würdigt der Verfasser die Be- 
deutung der „Beiträge", indem er sich in gleicher Weise gegen ihre 
Ignorierung als die einer „Jugendsünde" wie gegen ihre Ueberschätzung, 
zu der der Name ihres Autors verführen mag, wendet. 

In einer Zeit, in der Fichtes Persönlichkeit und Lehre uns wieder 
als besonders nahe gerückt erscheinen, bedarf — wie der Verf. mit 
Recht hervorhebt — die eingehende Beschäftigung mit seiner Staats- 
philosophie der näheren Begründung nicht; auch wenn die von Strecker 
vornehmlich behandelten Schriften mehr die typischen Erzeugnisse der 
Zeit ihrer Entstehung als Kinder jenes Geistes sind, der aus den 
„Reden an die deutsche Nation" noch heute mit dem gleichen ehernen 
Klange zu uns spricht, mit dem er vor mehr als 100 Jahren mahnend, 
werbend und verheißend das deutsche Volk zu sich selbst zurückrief. 

Karl Elster. 

Lehmann, Arnold, Kriegswirtschaftliche Verordnungen betr. 
den Wirkungskreis des k. u. k. Handelsministeriums. Wien (Manzsche 
Verlags- und Universitätsbuchhdlg.) 1917. 8«. XXXIV u. 1006 SS. 

Der Band gibt eine Zusammenstellung des Wortlautes der Ver- 
ordnungen, die die Bewirtschaftung von Oelen und Fetten, Knochen, 
Soda, Rohöl und Mineralprodukten, Häuten, Leder, Gerbstoffen, Schuhen, 
Textilien, Metallen, chemischen Hilfsstoffen und Produkten und Farb- 
stoffen betreffen. Kurze Auszüge aus der „Denkschrift über die von 
der k. k. Regierung aus Anlaß des Krieges getroffenen Maßnahmen" 
leiten die einzelnen Abschnitte ein. Ein Anhang enthält die wichtigsten 
Verordnungen allgemeiner Natur, insbesondere über die Versorgung der 
Bevölkerung mit Bedarfsgegenständen, Höchstpreisen usw. 

Weimar. Johannes Müller- Halle. 

Helfferich, Karl, Die Friedensbedingungen. Ein Wort an das deutsche Volk. 
Berlin, Reimar Hobbing, 1919. 8. 50 SS. M. 1,20. 

Jagow (Staatssekr. a.D.), G. v., Ursachen und Ausbruch des Weltkrieges. Berlin, 
Reimar Hobbing, 1919. gr. 8. III— 195 SS. M. 6.—. 

Reinhardt (Wirkl. Geh. Oberrcg.-R.), Dr. Karl, Die Neugestaltung des deut- 
schen Schulwesens. Leipzig, Quelle u. Meyer, 1919. 8. IV— 73 SS. M. *2,50. 

Scheller -Stein wartz, Dr. v., Amerika und wir. Ein Wink am Scheidewege. 
München, Duncker u. Humblot, 1919. 8. 91 SS. M. 3.—. 



92 I)>e periodische Presse des Auslandes. 



Die periodische Fresse des Auslandes. 

A. Frankreich. 
Journal de la Soci§tfe de Statistique de Paris. Avril 1919, No. 4: La caisse de 
prfits de la conffed§ration helv§tique, par Maurice Dewavrin. — Notice g^c^rale sur la 
riohesse industrielle de l'Alsace-Lorraine, par Maurice Evesqne. — etc. 

B, England. 

Century, The Nineteenth and after. April 1919, No. 506: The British Empire 
and the league of nations, by George H. Frodsham (lately bishop of North Queensland). — 
The decay of the wage System, by George A. B. Dewar. — State and municipal enter- 
prise — Does it pay?, by E. G. Harman. — National accounts: Their bearing on public 
economy and efficiency, by John Keane. — etc. 

Edinburgh Review, The. Vol. 229, April 1919, No. 468: The future of the 
English racc, by W. R. Inge. — Economic fallacy in industry, by Lynden Maoassey. — 
The foreign polioy of the United States, by J. A. R. Marriott. — etc. 

Review, The National. April 1919: The King, by Privy Councillor. — The 
draft covenant of the league of nations, by Lord Eustace Percy. — etc. 

C. Oesterreich-Üngarn. 

Handelsmuseum, Das. Bd. 34, 1919, Nr. 18: Die nationalen Sprachgebiete 

Oesterreichs als selbständige Wirtscht^tsgebiete. (Forts.) — Wirtschaftspolitische 

Uebersicht (Deutschland, Schweiz, Italien, England, Rußland). — etc. — Nr. 19: 

Die nationalen Sprachgebiete Oesterreichs als selbständige Wirtschaftsgebiete. (Forts.) 

— Wirtschaftspolitische Uebersicht (Deutschland, Schweiz, Schweden, Rußland, Italien, 
Frankreich, England, Vereinigte Staaten von Amerika). — Die Konkurrenzfähigkeit 
der deutschen Industrie auf dem Weltmarkte. — etc. — Nr. 20: Frankreich und 
Deutschland, von Dr. Julius Wilhelm. — Wirtschaftspolitische Uebersicht (Deutschland, 
Schweiz, Schweden, England, Frankreich, Italien). — Internationale Wollproduktion. 

— etc. — Nr. 21: Die nationalen Sprachgebiete Oesterreichs als selbstständigc Wirt- 
schaftsgebiete. (Forts.) — Wirtschaftspolitische Uebersicht (Deutschland, Holland, 
Italien, Frankreich, England, Vereinigte Staaten. — etc. — Nr. 22 : Die nationalen 
Sprachgebiete Oesterreichs als selbständige Wirtschaftsgebiete. (Schluß.) — Wirtschafts- 
politische Uebersicht (Deutschland, Schweiz, Polen, Rußland, Italien, Frankreich, Eng- 
land. Vereinigte Staaten von Amerika). — etc. 

Volkswirt, Der österreichische. Jahrg. 11, 1919, Nr. 32: Zur Psychologie der 
Revolution: Die vaterlose Gesellschaft, von Dr. Paul Federn. — Die Sozialisierungs- 
entwürfe (Forts.), von Dr. Gustav Stolper. — etc. — Nr. 33: Der Weltfriede, von 
Dr. G. St. — Zur Psychologie der Revolution : Die vaterlose Gesellschaft (Schluß), von 
Dr. Paul Federn. — etc. — Nr. 34 : Die Sozialisierungsentwürfe (Schluß), von Dr. Gustav 
Stolper. — Oesterreich-Ungarns Blutopfer des Krieges, von (Privatdoz.) Dr. Ernst Grün- 
feld. — etc. — Nr. 35: Die finanzielle Liquidation der Monarchie und Dentschöster- 
reichs Finanzen, von W. F. — Was geschieht mit der Türkei?, von Gustav Herlt. — etc. 

F. Italien. 
Giornale degli Economiati e Rivista di Statistica, Vol. LVIII, Febbraio 1919, 
No. 2 : L'imposte suUa ricchezza dopo la guerra, di Benvenuto Grizziotti. — La nozione 
dei cosidetti „bisogni pubblici" e differenze fondamentali fra la scienza finanziaria e 
quella economica, di Ettore Lolini. — etc. 

G. Holland. 
Ecooomist, D^. Opgcricht door J. L. de Bruyn Kops. 688te jaarg., Mei 1919, 
N«. 5: Bijdrage tot de geschiedenis der Nederlandsche sociale wetgeving (1840 — 1874), 
door C. W.» de Vries. — Moet de Nederlandsche jaarbeura nationaal blijven of inter- 
Dfttionaal worden?, door W. Qraadt van Roggen. — Economisch overzicht, door E. C. 
T. Dorp. — Handelskroniek ; Scheepsbouw; Wereldproductie van suikcr, door A. Voogd. 
— etc. 



Die periodische Presse Deutschlands. 93 

H. Schweiz, 

Biblioth^que Universelle et Revue Suisse. Tome XCIV, Juin 1919, No. 282: 
L'avenir de l'agriculture, par Dr. E. Chuard. — La vie §coiiomique en Suisse, par 
Pierre Bumier. — etc. 



Die periodische Fresse Deutschlands. 

Archiv für Eisenbahnwesen. Hrsg. im Preußischen Ministerium der öffentlichen 
Arbeiten. Jahrg. 1919, Mai und Juni, Heft 3: Zur Umbildung des deutschen Eisen- 
bahn -Gütertarif fi, von (Wirkl. Geh. Ober-Reg.) Herrmann. — Die Arbeiterpensionskasse, 
die Krankenkassen und die Unfallversicherung bei der preußisch-hessischen Eisenbahn- 
gemeinschaft im Jahre 1917, von (Geh. exped. Sekr.) M. Stephan. — Die Ertragsfähigkeit 
der Schweizerischen Nebenbahnen (Forts.), von Dr. ing. Weber. — Die Sahara -Eisen- 
bahn. Entwicklung und heutiger Stand der Frage, von (Geh. Oberbaurat) F. Baltzer. — 
Die Eisenbahnen im Königreich der Niederlande 1914 — 1917. — etc. 

A r Chi V für exakte Wirtschaftsforschung. (Thünen-Arehiv.) Bd. 9, 1919, Heft 2/3: 
Unsere Zukunft. Ein Briefwechsel, htsg. von Richard Ehrenberg (I. Wie empfindet 
unsere Jugend? II. Wie konnte es geschehen? III. Voraussetzungen unserer Wieder- 
erhebung. IV. Deutsche Kraftgemeinschaft. V. Neue Organisation der deutschen Be- 
rufskraft. VI. Die nächsten Aufgaben.) — Die ausländischen Industriearbeiter (vor 
dem Kriege), von (Reg.-R.) Dr. Friedrich Syrup. — Kriegsbilanzen in der Landwirt- 
schaft, von (Dozent) Dr. Oscar Stillich. — Die Produktionsteilung und Produktions- 
vereinigung in der Landwirtschaft, von (Dipl. -Landwirt) Carl Acker. — Landwirtschaft, 
Gewerbe und Handel, von Riebard Ehrenberg. — Städtische Kleinsiedlung, von W. Voß. 

— Ketzerische Gedanken eines Laien über Währungsfragen, von Fritz Lesser. — Be- 
merkungen zu den „Ketzerischen Gedanken eines Laien über Währungsfragen", von 
Richard Ehrenberg. 

Archiv, Weltwirtschaftliches. Bd. 14, Mai 1919, Heft 4: Gegenwärtige Rechts- 
fragen auf dem Gebiete der internationalen Transportversicherung, von Prof. Ernst 
Brück. — Ueber die Berührungspunkte sozialökonomischer und wirtschaftsgeographischer 
Betrachtungsweisen (Schluß), von (Priv.-Doz.) Prof. Dr. Karl Dove. — Die Kaffee- 
valorisation und Valorisationsversuche in anderen Welthandelsartikeln (Schluß), von 
Hans Scherrer. — Die volkswirtschaftlichen Grundlagen von Deutsch - Donauland und 
seine Abhängigkeit vom Weltmarkte, von Dr. Oscar Kende. — Die Fortschritte des 
europäischen Eisenbahnwesens in den Jahren 1917/18, von Dr. Richard Hennig. — 
Die Neueinrichtung der niederländischen Handelsstatistik, von J. H. F. Ciaessens. — 
Zur Frage des deutschen Eisenerzbezuges aus Spanien, von Dr. ing. Wilhem Pothmann. 

— Die Normalisierung gewerblicher Erzeugnisse, von Dr. Franz Rademaker. — Zur 
Frage eines Getreidemonopols in Deutschland, von Prof. Dr. August Skalweit. — Das 
neue dänische Wettbewerbsgesetz, von Johannes Neuberg. — Das Niederländische wirt- 
schaftsgeschichtliche Archiv, von Prof. Hermann Wätjen. — etc. 

Außenhandel, Deutscher. Zeitschrift des Handelsvertragsvereins. Jahrg. 19, 
.1919, Nr. 9: Beibehaltung der Außenhandelskontrolle. — Vereinheitlichung des deutschen 
Zollwesens. (Auszug aus der Denkschrift des Handelsvertragsvereins.) — etc. — Nr. 10 : 
Der Friedensvertragsentwurf. — Die Erdrosselung des deutschen Welthandels. — Der 
neue Reichskommissar für Ein- und Aasfuhr. — etc. . 

Bank, Die. Mai 1919, Heft 5: Die großen Provinzialbanken im Jahre 1918, 
von Alfred Lansburgh. — Die Nutznießer der Geldverschlcchterung , von Ludwig 
Efchwege. — Arbeitslohn, Güterpreis und Goldwert, von A. L. — Gebühren im Bank- 
gewerbe, von Dr. Rocke. — Die Finanzierung des deutschen Importbedarfs. — Das 
Aktienwesen in der neuen Zeit. — etc. 

Bank-Archiv. Jahrg. 18, 1919, Nr. 16: Umstoßung einer genehmigten Bilanz 
und außerordentliche Gewinnverteilung bei Aktiengesell.schaften, von Prof. Dr. Victor 
Ehrenberg. — Anmeldung von Verniögensschaften in Deutsch-Oesterreich, von Dr. jur. 
R. E. Sipell. — etc. — Nr. 17: Die Bank von Frankreich während des Kriege«, von 
Dr. jur. et phil. Hans Lessing. — Ein neuer „Bullion Report", von Hans Hirschstein. — eto. 



94 Die periodische Presse Deutschlands. 

Blätter, Kommunalpolitische. Jahrg. 10, 1919, Nr. 4/5 : Städtische Wirtschafts- 
pflege, von (Beigeordn.) Dr. Jos. Wilden. — Zur Frage der Kommunalisierung des 
Nahrungs- und Genußmittelhandels, vou (Synd.) Dr. Karl Müller. — Das Gemeinde- 
steuerrecht in Preußen, von (Stadtassess.) Cleff. — Ein neues Städterecht für Bayern, 
von (Magistratsrat) Dr. jur. Otto Hipp. — Zum Gemeindewahlrecht der Jugendlichen, 
von (Lehrer) Fritz Michels. — etc. 

Concordia. Zeitschrift der Zentralstelle für Volkswohlfahrt. Jahrg. 26, 1919, 
Nr. 10: Der deutsche Entwurf für ein internationales Arbeiterrecht, von Dr. Gerhard 
Albrecht. — Beamtenschulen, von (Oberbürgermstr.) Konrad Maß. — Einrichtung von 
Berufsämtern in Preußen, von Dr. Hilde Kadomski. — etc. 

Export. Jahrg. 41, 1919, Nr. 22/25: Der Erdrosselungs- Friede , von Emil 
Brass. — Die deutschen Großbanken im Jahre 1918 (II). — Die wirtschaftliche Lage 
in Skandinavien. — etc. 

Jahrbücher, Preußische. Bd. 176, Juni 1919, Heft 3: Mensch und Maschine, 
von Dr. Franz Dornseiff. — Schädigungen des Familienslebens und der Moral Deutsch- 
lands durch die Blockade, von (Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Politik des Rechts) 
Frau Prof. Lina Richter. — Offener Brief an Ernest Lavisse; Die Friedensbedingungen; 
Die Verantwortungsfrage; Die Depesche Szögyenys, von Hans Delbrück. — etc. 

Kartell-Rundschau. Jahrg. 17, 1919, Heft 1 — 3: Neuaufbau der deutschen 
industriellen Interessßnorganisation. Kritische Studien, von Dr. Tschiersehky. — Zur 
Kündigung des- Kartell Vertrages, von (Rechtsanw.) Dr. jur. Werneburg. — etc. 

Kultur, Soziale. 39. Jahrg., Mai 1919. Heft 5: Die Vererbung des ländlichen 
Grundbesitzes nach den Artikeln 620 — 625 des neuen schweizerischen Zivilgesetzbuchs, 
von Hans L. Rudioff. — Was bedeutet Rußland für die zukünftige Versorgung Deutsch- 
lands mit Schlachtvieh?, von A. R. Erlbeck. — Unberechtigte Kriegsanleihesorgen, von 
Hans Emmerling. — etc. 

Monatshefte, Sozialistische. 25. Jahrg., 52. Bd., 1919, Heft 11/12: Was 
sollen wir also tun?, von Max Cohen. — Der angelsächsische Friede, von Dr. Ludwig Ques- 
sel. — Zum Aufbau des Reichs, von Heinrich Peus. — Vom Arbeiterausschuß bis zum 
Betriebsrat, von Max Schippel. — Die neue Sozialdemokratie und das neue Programm, 
von Alfred Moeglich. — etc. 

Oekonomist, Der Deutsche. Jahrg. 37, 1919. Nr. 1899: Die Zunahme der 
Kautschuk-Gewinnung, von (Priv.-Doz.) Dr. Ernst Schultze. — etc. — Nr. 1900: Die 
Zunahme der Kautschuk-Gewinnung (Schluß), von (Priv.-Doz.) Dr. Ernst Schultze. — 
Die Ergebnisse der preußischen Sparkassen im Jahre 1918. — Hauptergebnisse der 
Einkommensteuerveranlagung in Preußen für 1918. — Versicherungsverträge im Ent- 
wurf von Versailles. — etc. — Nr. 1901 : Der Rückgang der Kriegsauleihe, seine Folgen 
und seine Bekämpfung. — Der Friedensvertragsentwurf ufid die Ernährungsfrage für 
Preußen. — etc. — Nr. 1902 : Die Bestimmungen über unlauteren Wettbewerb in den 
Friedensbedingungen. — Zur Sozialisierung des Bergbaus. — etc. 

Plutus. Jahrg. 16, 1919, Heft 21/22: Versailles. — Der Frankfurter Frieden, 
von Fritz Zutrauen. — etc. — Heft 23/24: Zukunftswirtschaft. — etc. 

Praxis, Soziale, und Archiv für Volkswohlfahrt. Jahrg. 28, 1919, Nr. 33: 
Arbeiten und nicht verzweifeln !, von Prof. Dr. E. Francke. — Berufsorganisation, Be- 
triebsorganisation und Arbeiterräte, von (Vors. des Deutschen Holzarbeiterverbandes) 
Theodor Leipart. — Die sozialpolitischen Bestimmungen des Friedensvertragsvorschlages 
der Entente. — Die Regelung des Tarifvertrages. Vorschläge von Prof. Dr. L. Brentano. 
— etc. — Nr. 34: Der Friedensvertrag wider die Arbeiter. (Ablehnung des interna- 
tionalen Gewerkschaftskongresses. — Das Arbeitsrecht im Völkerbund. — Aufruf der 
deutschen Gewerkschaften und Genossenschaften an die Arbeiter aller Länder. — Die 
Gesellschaft für Soziale Reform und der Friedensvertrag.) — Reichstarifverträge. — 
Bedenkliche Erscheinungen in der Gewerkschaftsbewegung. — Volkshochschulen und 
Halbbildung, von Prof. Dr. Ludwig Bergsträ.s.><cr. — etc. — Nr. 35 : Versailler Gewalt- 
friede und deutsche Sozialpolitik, von (Präs. des Reichsversicherungsamts) Dr. Paul 
Kaufmann. — Die Pariser Friedensbedingungen, von Prof. Dr. Lujo Brentano. — Ge- 
setzliche Regelung des Kleingartenwesens, von (Bezirksamtmann) Dr. Kaisenberg. — 
Das preußische Ministerium für Volkswohlfahrt. — etc. — Nr. 36: Gebote der Stunde 
zur Bevölkerung«- und Finanzpolitik, von Dr. Fritz Lenz. — Das Arbeitsrecht und der 



Die periodische Presse Deutschlands. 95 

Friedensvertrag. — Kriegshinterbliebenenfürsorge in Preußen. — Die Mitwirkung der 
Arbeiterschaft bei der Gewerbeaufsicht. — etc. 

Kundschau, Koloniale. Jahrg. 1919, Januar/März, Heft 1 — 3: Soziale Kolonial- 
politik. — Die Einwirkungen des Krieges auf die Eingeborenenbevölkerung in Deutsch- 
Ostafrika, von (Reg.-Arzt) Dr. K. Moesta. — Britische Heuchelei. Streiflichter auf 
Theorie »und Praxis der Eingeborenenpolitik unserer Feinde (mit besonderer Berück- 
sichtigung der in den besetzten deutschen Schutzgebieten geübten), von Prof. Dr. L. 
Külz. — Wirtschaftliche Zukunftspläne und Eingeborenenpolitik nach englischem Muster. 
— Die Motorpflüge in der tropischen Landwirtschaft, von Hugo Tillmann. — etc. 

Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im 
Deutschen Reich. Jahrg. 43, 1919, Heft 2: Unternehmertum und Sozialismus. Zwei 
Vorträge, von Hermann Schumacher. — Einige Bemerkungen zur Lehre von der 
Sozialisierung, von Athur Spiethoff. — Die Entwürfe zur neuen Reichsverfassung, von 
(Geh. Justizrat, ord. Prof.) Heinrich Triepel. — Groß-Hamburg als wohnungspolitische 
Frage, von (Prof. Dr. ing.) Fritz Schumacher. — Aus der Frühzeit des Bolschewismus, 
von Dr. Arthur Luther. — Rechtsschutz auf dem Gebiete der auswärtigen Verwaltung. 
Vortrag von Prof. Dr. jur. Heinrich Pohl. — Die Verordnung der Reichsregierung vom 
29. Januar 1919 zur Beschaffung von landwirtschaftlichem Siedlungsland, von Prof. 
Dr. Max Sering. — Belgische Außcnhandelsförderung vor dem Kriege, von Dr. Rudolf 
Asmis. — Arbeitslohn und Unternehmergewinn in der Gegenwart, von Prof; Dr. Adolf 
Günther. — Die Agrarfrage in der Ukraine, von Prof. Dr. Otto Anhagen. — Die Ab- 
hängigkeit des Wechselkurses von Zinsgeschäften und Marktzinsdifferenz, von Prof. Dr. 
F. Schmidt. — etc. 

Verwaltung und Statistik (Monatsschrift für Deutsche Beamte). Jahrg. 9, 
Mai 1919, Heft 5 : Einige Vorschläge über die Ausgestaltung der Tätigkeit der Statistischen 
Aemter (Schluß), von Dr. Heinrich Pudor. — Die württembergischen Gemeindesteuer- 
erträgnisse im Jahre 1914, von E. Fr. — Einkommen und Vermögen in einer Hand 
in Preußen. — etc. 

Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Reichs. Jahrg. 27, 1918, 
Heft 4: Hopfenernte 1918. — Konkurstatistik für das 3. Vierteljahr 1918. (Vorläufige 
Mitteilungen.). — Bestands- und Kapitaländerungen der deutschen Aktiengesellschaften 
im 3. Vierteljahr 1918. — Bestands- und Kapitaländerungen der deutschen Gesell- 
schaften mit beschränkter Haftung im 3. Vierteljahr 1918. — Viehpreisc im Ausland 
im 3. Vierteljahr 1914 — 1918. — Amtlich (von Reichs-, Staats- bzw. von Kommunal- 
behörden) festgesetzte Höchstpreise für wichtige Lebens- und Verpflegungsmittel im 
Deutschen Reich im Oktober 1918. — Die Finanzen des Reichs und der deutschen 
Bundesstaaten. — 

Weltwirtschaft. Monatschrift für Weltwirtschaft, Auslandskunde und Aus- 
landdeutschtum. Jahrg. 9, Mai 1919, Nr. 5: Der Unternehmer in volks- und welt- 
wirtschaftlicher Bedeutung, von (Geh. Reg.-R.) Prof. Dr. Hermann Schumacher. — 
Aus Wanderungsfreiheit?, von (Geh. Ober-Pweg.-R.) Dr. Jung. — Der Völkerbund und 
die deutschen Seekabel, von Dr. Max Röscher. — Grenzdeutsche oder Auslandsdeutsche?, 
von Prof. Dr. Robert Sieger. — Vernichtung des Deutschtums in China, von Th. 
Metzelt hin. — Die Industrie der Kunstdüngerstoffe, ihre weltwirtschaftliche Bedeutung 
und Lage in und nach dem Kriege (Forts, und Schluß), von Prof. Dr. Walther Roth. 

— etc. 

Wirtschafts-Zeitang, Deutsche. Nr. 9: Die Probleme unserer Versorgung, 
von A. W. Cramer. — Die Methodik des Außenhandels, von Dr. Oscar Wingen. — 
Der deutsche Industrie- und Handelstag über die Kapitalertragssteuer, von Dr. Ladenthin. 

— Die Revolutionierung des Arbeitsverhältnisses. Eine Erhebung des Deutschen In- 
dustrie- und Handelstages. — Die Bevölkerungsbewegung in Deutschland unter dem Ein- 
fluß des Weltkriegs, von C. Döring. — Zur Lage in den Vereinigten Staaten 1917 bis 
1918. — etc. 

Zeit, Die Neue. Jahrg. 37, Bd. 2, Nr. 7: Wohin des Wegs? Betrachtungen 
und Vorschläge, von August EUinger. — Zur Mitarbeit der Frau in der inneren 
Politik, von Adele Schreiber. — Gewaltsamer Umsturz?, von Dr. Werner Peiser. — etc. — 
Nr. 8: Die Versailler Friedensbedingungen, von Heinrich Cunow. — Zur künftigen 
preußischen Verwaltungsreform, von Dr. Georg Flatow. — Die Soziahsierung de» 
Wohnungswesens, von W. Guske. — etc. — Nr. 9: Zur Räte-Idee, von (Reichswirt 

/ 



95 * Die periodische Presse Deutschlands. 

schaitsminister) Budolf Wisseil. — Eine neue Form landwirtschaftlichen Großbetriebs, 
von Franz Laufkötter. — etc. — Nr. 10: Grundsätzliches zur Volljshochschulfrage, 
von Dr. Richard Lohmann. — Der Sozialisierungsgedanke im alten Griechenland, von 
Franz Laufkötter. — Grundsätze der Entlohnung, von Dr. Hilde Oppenheimer. — etc. 

— Nr. 11: Ein Wort zur Sozialisierungsfrage, von A. EUinger. — Rußland und der 
Bolschewismus, von K. J. Ledoc. — Gemeinschaft und Gesellschaft (Grundbegriffe 
der reinen Soziologie), von Ferdinand Tönnies. — Vermögensabgabe, von Karl Vor- 
länder. — etc. 

Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. Jahrg. 74, 1919, Heft 1: Die 
Bewegung des ünternehmereinkommens unter dem Einfluß der Entwicklung, von (a. o. 
Univ.-Prof.), Dr. Emanuel Hugo Vogel. — Die neueste Umgestaltung der bayerischen 
direkten Besteuerung, von (Kaiserl. ünterstaatssekr. z. D.) Prof. Dr. Georg von Mayr. 

— Die deutsche Volkswirtschaft nach dem Weltkrieg, von Dr. Hermann Losch. — Das 
Problem der Ausnützung des Stickstoffs der Luft, von (Hüttening.) Bruno Simmersbach. 

— Konsumvereinswesen und Kleinhandel in Sachsen nach ihrer neueren Entwicklung, 
von Dr. Arno Pfütze-Grottewitz. — etc. 

Zeitschrift für Kommunalwirtschaft und Kommunalpolitik. Jahrg. 9, 1919, 
Nr. 9 : Neuzeitlicher Ausbau der Arbeitsnachweise, von (2. Bürgermstr.) Werner. — 

— Die Umsatzsteuer und die Gemeinden, von (Justizrat) Lindt. — Die Landesspar- 
kasse in Braunschweig, von Geh. (Reg.-R.) Dr. jur. Seidel. — Die wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse Russisch-Polens vor dem Kriege, von (Reg.-Sekr.) Ernst Klockner. — Die 
Arbeit kleiner Städte, von (Bürgermeister) Dr. Erbe. — etc. 

Zentralblatt, Deutsches Statistisches. Jahrg. 11, Mai/Juni 1919, Nr. 5 : Ueber 
die zukünftige Umgestaltung der deutschen Handelsstatistik, von (Privatdoz.) Dr. Meer- 
warth. — Die Unfruchtbarkeit „rein statistischer" Arbeiten, von (Oberverwaltungsrat, 
Prof.) Dr. S. Schott. — Die Wirtschaftskarte im Dienste der Statistik, von Dr.. Richard 
Lenz. — Statistik in der Literatur, von Bernhard Lembke. — etc. 



Frommannsche Bachdruckerei (Hermann Pöble) in Jena —'4761 



Fritz Karl Mann, Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. 97 



IL 

Der politische Ideengehalt von John Laws 

Finanzsystem. 

Ein Beitrag zur Staatslehre des Absolutismus. 

Von 
Fritz Karl Mann. 

Vorbemerkungen. 
1. 

Dem Schotten John Law in der Geschichte von Staat und Ge- 
sellschaft den ihm gebührenden Platz anzuweisen, ist der bisherigen 
Forschung mißlungen. Allzu ausschließlich haben die Wechselfälle 
seines Lebens, die ungewöhnliche „romanhafte" Verkettung äußerer 
Begebenheiten die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Das ist mensch- 
lich leicht zu verstehen. Die nacherlebende Phantasie wird an den 
Erschütterungen und Spannungen dieses Abenteurerschicksals immer 
wieder neue Reize gewahren : ein die Welt durchstreifender Pro- 
jektenmacher, ein gewerbsmäßiger Spieler, dessen Name und Geld 
gleich dunkler Herkunft sind, ein origineller Kopf, der eigene Theo- 
rien über Geld, Eeichtum, Verwaltung und Politik entwickelt und 
darauf brennt, ihre Wahrheit am praktischen Objekt zu erweisen, 
wird im Ausland — in Frankreich — zur höchsten Macht berufen 
und schreitet unbedenklich zur Verwirklichung seiner Pläne. Von 
einer profitwitternden Börsenclique angespornt, von der Sehnsucht 
der leidenden Volksmassen nach einer besseren Zeit getragen, von 
tragischem Selbstvertrauen in die Unfehlbarkeit seines Unternehmens 
erfüllt, konstruiert er eiligst ein riesenhaftes politisch-ökonomisches 
Prunkgebäude, das alle Welt bestaunt und als Wunderwerk preist, 
bis der erste heraufkommende Sturmwind es wie ein Kartenhaus 
hinwegfegt. Der Entthronte muß fliehen; stirbt fern der Heimat, 
von allen früheren Freunden gemieden, ein Einsamer, aber voll in- 
nerer Zuversicht, daß nur ein Kunstfehler, ein unglückliches äußeres 
Geschehnis ihm dicht vor dem letzten Ziel den Lorbeer entwun- 
den habe. 

Das Ungewöhnliche dieses Erlebens, das die Erzählungskunst 
zahlreicher Biographen und Historiker uns nahe zu bringen suchte, 
das auch unseren größten Dichtergenius gelockt hat, behält zweifel- 
los seine Reize. In der Kasuistik menschlicher Schicksale bleibt es 
jedoch nur ein Fall unter vielen. Zur geschichtlichen Würdigung 
des Mannes reicht es bei weitem nicht aus. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 118 (Dritte Folge Bd. 68). 7 



gg Fritz Karl Mann, 



Wir werden John Law nicht gerecht, wenn wir ihn nur als 
Unternehmertypus begreifen, wenn wir — wie Sombart es tut — 
Laws Schöpfung, sein „System", mit dem englischen Südseeschwindel 
vergleichen und beide als Paradigmen einer frühen Gründerperiode 
betrachten. Zweifellos spüren wir bei Law häufig den Tatendrang 
und Tatwillen jener Unternehmer und ,, Industriekapitäne", die, von 
Ehrgeiz und Selbstsuggestion getrieben, durch Erweckung der schlum- 
mernden wirtschaftlichen Kräfte eine neue Zeit heraufzuführen glaub- 
ten. Zweifellos erinnert er auch in manchen Einzelzügen an jene 
Gestalten halbdunkler Ehrenmänner, deren Psyche uns Zola in der 
Persönlichkeit Saccards unvergleichlich analysierte. Was Law jedoch 
eigentümlich ist und seine Leistungen in die Ebene geistiger Werte 
hebt, ist die Doppelung seines Wesens: die sich in seiner Person 
seltsam vollziehende Verschmelzung von kapitalistischem und poli- 
tischem Sinn, von Unternehmer und Staatsmann, von Spekulant 
und sozialem Reformator. 

Die Leichtigkeit, mit der er als Unternehmer Geplantes aus- 
zuführen wußte, verpflanzt er auf politisches und sozialreformato- 
risches Gebiet. Das trennt ihn von Vorgängern und Zeitgenossen. 
Sein Gedanke sozialer Reform wendet sich von den Traumbildern des 
Idealstaates ab, von jenen rührenden Sehnsuchtsprodukten, in deren 
kindlicher Ausmalung von Plato und Thomas Morus bis Gäbet und 
Bellamy leidende Seelen Trost und Hoffnung geschöpft haben. Statt 
an der Flucht in das Land Utopien teilzunehmen, drängt Law ,mit 
aller Hingebung, deren er fähig ist, auf schnelle Realisierung seiner 
Pläne; wül er das Land und Volk, das sich seiner Führung anver- 
traut, in kurzer Frist höchstem Glück entgegenführen. 

3. 

Es ist nicht das erste Mal, daß bei John Law nach politischem 
Geist und staatsphilosophischen Ideen geforscht wird. Zwar hat er 
keinen Traktat über Staatslehre geschrieben ; oder auch nur seine An- 
sichten zur Verfassungs- und Verwaltungspolitik irgendwo zusam- 
menhängend in engerer oder lockerer Folge gebucht. Wir brauchen 
aber die reiche Literatur, die seiner Gestalt und seinen Werken 
gewidmet ist, nur leicht anzublättern, um uns zu überzeugen, wie 
mit unendlichem Eifer und mit fast krankhafter Andacht jede 
Aeußerung in Wort und Werk und jedes noch so unscheinbare Ele-- 
ment des Systems auf ihren politischen Gehalt geprüft worden sind. 

Um so befremdeter ist das Ergebnis dieser Arbeiten. Kaum wird 
ein politisch-ökonomischer Autor des 18. Jahrhunderts zu finden 
sein, der widerspruchsvoller beurteilt, der von zahlreicheren Parteien 
und Richtungen für sich reJclamiert ist, als John Law. Hatte er sich 
die verbreiteten politisch-ökonomischen Ansichten seiner Zeit — die 
seit Adam Smiüi die unklare und unzweckmäßige Bezeichnung 
„Merkantilismus" tragen — zu eigen gemacht? Ist er unter geist- 



Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. 99 

voller Vorwegnahme erst im 19. Jahrhundert reifender Ideen ein 
Vorgänger des Sozialismus gewesen? Oder gar ein Staatssozialist? 
So lautet ein Teil der Fragen, die in der bisherigen Literatur bald 
bejaht, bald verneint worden sind. 

Ich will den Kampf der Meinungen, der sich am politischen 
Ideengehalt von Laws Finanzsystem entzündet hat und ohne Aus,- 
sicht auf Entscheidung bis jetzt fortgefülirt wird, hier nicht nälier 
beschreiben. Die Urteile, von denen ich einige sticliwortartig an- 
deutete, sind in den Darstellungen unübersehbar differenziert, so daß 
sich innerhalb der einzelnen Urteile abermals neue Skalen bilden. 
Dabei weiß fast jeder Autor seine Meinung mit einem geschichtlichen 
Faktum zu stützen oder für sie in den Schriften John Laws ein 
scheinbar unwiderlegliches Zeugnis oder Geständnis zu finden. Eine 
Berichtigung und Widerlegung der einzelnen Autoren würde hier 
zu weit führen. Ich will deshalb nur eins hervorheben : daß näm- 
lich der Konflikt unterblieben wäre, wenn die Beteiligten eine seiner 
Hauptursachen rechtzeitig erkannt hätten. Es gibt wenige große Pe- 
rioden der neueren Geschichte, die von der Forscliung so unquellen- 
mäßig behandelt sind, die noch heute von so vielen Zweifeln und 
Unsicherheiten beschattet werden, wie die ersten Jahre der Regent- 
schaft, die Geburtszeit von Laws Finanzsystem. Insbesondere aber 
ist zu sagen, daß einerseits Schriften, die Law nicht verfaßt hat und 
nicht verfaßt haben kann, ihm von vielen Historikern unbedenklich 
zugerechnet werden, wälirend andererseits das Vorhandensein wich- 
tiger authentischer Schriften der Forschung verborgen blieb. Schon 
vor mehreren Jahren wies ich auf diesen Mangel hin : ,,Die große 
Zahl der Schriften" — schrieb ich — „hat hier nur im schlechten 
Sinne gewirkt; sie bestärkte die Nachfolger in dem Verfahren, die 
Quellen nicht mehr zu benutzen^ die schon ihre Vorgänger nicht 
benutzt hatten" i). 

Klare Erkenntnis der Zusammenhänge und Zielsetzungen kann 
demnach nur eine Darstellung vermitteln, die, anstatt auf den bis- 
herigen unzulänglichen Arbeiten zu fußen, aus dem quellenmäßigen 
Material herauswächst und es kritisch behandelt und siditet. 

Verschiedene Studien, die ich vor dem Ausbruch des Weltr 
krieges anstellte, haben mich häufig, zum Teil auf lange Zeit, nach 
Frankreich geführt. Ich benutzte die Gelegenheit, um das in den 
französischen Archiven verstreute Material über John Law zu 
sammeln. Einige Ergebnisse meiner Tätigkeit, die teils die Vor- 
geschichte, teils den Ausgang des Systems betrafen, habe ich in den 
Jahren 1910 — 1914 bereits veröffentlicht 2). Wie ich damals vor- 



1) Vgl. meine Arbeit „Die Vorgeschichte des Finanzsystems von John Law", 
Schmollers Jahrbuch XXX VII, 3, ö. 81 — 145. 

2) Außer der bereits erwähnten Vorgeschichte veröffentlichte ich In der Revue 
d'histoire des doctrines 6conomiques et sociales: Justification du Systeme de Law par 
son autenr, 6. Jahrgang, Paris 1913, S. 49 — 103, und Les projcts de retour en France 
de John Law, 3. Jahrgang, Paris 1910, S. 41 — 47. Die Verfassungs- und Verwaltungs- 
reformen der Regentschaft habe ich in dem Aufsatz „Fontenelles Republik, eine Dich- 
tung vom besten Staate", Zeitechrift für Politik IV (1911), S. 495—521 dargestellt. 

7* 



100 Fritz Karl Mann, 

ging: von dem wenigen zuverlässigen Quellenmaterial geführt, aber 
von jeder weitschweifigen Polemik über die Ansichten zweiter Hand 
absehend — will ich auch diesmal zu schildern versuchen, was John 
Laws Finanzsystem an politischen Ideengehalt in sich birgt; und da- 
mit w^rde für eine später abschließende Geschichte eine unentbehr- 
liche Voraussetzung gegeben sein. 

Denn so wenig jemals praktische Staatskunst eine vScheidung 
der Materialien vornahm, die den Lehrgegenständen der Hochschulen 
oder den Fachgebieten der Wissenschaft entsprach, so unvollständig 
und ungerecht ist jedes Urteil über John Law, das, wie es bisher 
fast regelmäßig geschieht, sich auf ein Sondergebiet seiner Betäti- 
gung — meist seine Wirksamkeit ,als Bänkpolitiker und praktischer 
Finanzier, seltener seine Leistungen als ökonomischer Denker — be- 
schränkt. Erst wenn sich die Schilderung aus der engen spezialisti- 
schen Denkungsweise befreit, wenn sie zur der in der Praxis ge- 
gebenen Synthese zurückgelangt, kann sie die Persönlichkeit Laws 
als Ganzheit erfassen : kann sie entdecken, daß jenes Bild der Wirt- 
schaftsreform, das ihm von Anbeginn an vorschwebte und auf die 
Bahn seines Systems geleitet hat, sich in überraschender Weise auf 
dem Hintergrund der Staats- und Verwaltungspolitik wiederholt. 
Der feinste Beobachter am französischen Pofe jener Zeit, der Law 
,,un homme de Systeme, de calcul et de comparaison" nannte, hat 
bereits schärfer als mancher spätere Kritiker die Einheit des Werkes 
übersehen 1). 

L Außenpolitik. 

Im September des Jahres 1719 berichtete der englische Ge- 
sandte am französischen Hofe, Earl of Stair, dem Staatssekretär 
Craggs über Laws Pläne in Frankreich: „He (i. e. Law), in all 
his discourse, pretends, that he will set France higher than ever 
she was before, and put her in condition to give the law of 
all Europe; that he can ruin the trade and credit of England and 
Holland, whenever he pleases, that he can break our bank, whenever 

1) St. Simon, Bd. 17, S. 164. Der Raummangel verbietet eine vollständige An- 
gabe der Quellen und der benutzten Literatur. Zu einer engeren Auswahl gehören die 
folgenden Schriften: Du Hautchamp, Histoire du Systeme des finances sous la minoritfe de 
Louis XV., 6 Bde., La Haye, 1739; John Philip Wood, Memoirs of the Life of John Law 
of Lauriston, Edinburgh 1824; Lemontey, Histoire de la Regence et de la Minoritfe de 
Louis XV, 2 Bde., Paris 1832; Kurtzel, Geschichte der Lawschen Finanzoperation während 
der Minderjährigkeit Ludwigs XV. in Frankreich, Raumers Historisches Taschenbuch, 
Neue Folge, 7. Jahrgang, Leipzig 1846, S. 407 — 597 ; Jobez, üne prefacc au socialisme ou 
le Systeme de Law et la chasse aux capitalistes, Paris 1848; Heymann, Law und sein 
System, München 1853; Cochut, Law, son systfeme et sou fepoque, Paris 1853; Levasseur, 
Rccherches historiques sur le systfeme de Law, Paris 1854; Uorn, Jean Law, Ein finauz- 
geschichtlicher Versuch, Leipzig 1858; Thiers, Histoire de Law, Paris 1858; Alexi, 
John Law und sein System, ein Beitrag zur Finanz- und Münzgeschichte, Berlin 1885; 
Mo. Farland Davis, An Historical Study of Laws System, Boston 1887; des Essars, 
A History of Banking in the latin nations (in A History of banking in all the leading 
Dations, compiled by thirteen authors, cdited by the editor of the Journal of Com- 
merce and commercial Bulletin, 4 Bde., Newyork 1896. Hl, S. 1—391); Wiston-Glynn, 
John Law of Lauriston, financier and statesman, London 1908; Cayla, Les thfeoric» de 
Law, Thfe«e, Paris 1909. 




Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. IQl 

he has a mind ; and our East India Company . . . He told Pitt, that 
he would bring down our East India stocfc . . .i). Und bei anderer 
Gelegenheit ergänzte Stair: „He says, il rendra la France si 
grande que toutes les nations de TEurope, enverront 
des Ambassadeurs ä Paris, et le roy n'enverra que des 
couriers"2). 

Aehnliche Gedanken, ähnlich gefaßt, keliren in Laws Schriften 
häufig wieder. • Schärfster wirtschaftlicher Wettkampf von selten 
Frankreichs gegenüber Holland und England als Mittel, politische 
Suprematie und ein arbitrium mundi als Ziel: so läßt sich sein Ge- 
dankengang knapp formulieren. Die französische Vorherrschaft 
die Ludwigs XIV. Kriege und Gloirepolitik nicht zu befestigen 
vermocht hatte, will Law mit wirtschaftlichen Waffen erzwingen : 
durch Stärkung und Ausbreitung von Manufaktur, Handel und 
Kredit. Und zwar soll der Staat unmittelbar eingreifen, sein Geld, 
seine Beamtenschaft, seine politische Macht in den Dienst der Volks- 
wirtschaft stellen. Wenn Frankreich, — so führt er etwa aus — 
ein Land, das durch Klima, Naturprodukte und Fleiß seiner Be- 
wohner vor allen Mächten bevorzugt ist, Manufakturen und Gewerbe 
entwickelt und eine aktive Handelsbilanz herstellt, so muß ihm alsbald 
automatisch die Führung in Europa zufallen. Wollte es dagegen die 
alten Pläne wieder aufnelimen und die Grenzen desEeiches gewaltsam 
zu erweitern versuchen, so würde es in kurzer Zeit wieder einer 
drohenden europäischen Koalition gegenüberstehen ; und selbst in dem 
Falle, daß ein Krieg glücklich verliefe und neue Gebiete dem Staats- 
körper anfügte, würde die nun vollzogene territoriale Expansion 
Frankreich am Ende nur schwächen. Denn besser als durch kriege- 
rische Eroberungen kann das Reich seine Macht vermehren, wenn es ' 
sich auf friedlichem Wege wirtschaftliche Blüte erringt 3). 

Was bedeuteten diese Sätze im Beginn des 18. Jahrhunderts? 
Wie ist ihr Verhältnis in den typischen Auffassungen der Zeit zu 
bezeichnen? 

In mancher Beziehung knüpft die Denkweise Laws an die 
politischen Forderungen des Marschalls Vauban an, desselben Man- 
nes, dessen vielgenannte Dixme ßoyale in gewissem Sinne ein Vor- 

1) Miscellancous State Papers, from 1501 to 1726, London 1778, II, S. 593. 

2) State papers a. a, O. S. 597 vgl. auch a. a. O. S. 589. 

3) „La France, par la bontfe du climat, l'abondance de con produit, et le travail 
de ses peuples, devroit fournir aux fetrangers pour plus que la valeur de ce qu'elle 
tire d'eux, mais par le peu d'attention qu'elle a d'entretenir et augmenter l'industrie et 
les manufactures, et par le peu de soin qu'elle prend de son commerce domestique et 
fetranger, cc Royaume, qui, par sa Situation et ses avantages naturels, devroit 6tre le 
maitre du commerce, et par cons&quent, l'arbitre de l'Europe, s'affoiblit pendaut que 
les autres Etats augmentent en force." (Vgl. meine Vorgeschichte, S. 133 — 134, Denk- 
schrift an den Regenten.) „Le Roy possMe le plus grand, le plus fertile pays de 
l'Europe. Sa puissance est connue de ses voisins, ils craignent l'augmentation de cette 
puissance et s'uniroient pour s'oposer aux desscins du Roy, si Sa Majest^ vouloit fetendre 
ses Etats. Mais cn suposant que 1'6venement de la guerre fut favorable k la France, eile 
s'affoibliroit en s'etendant. La vferitable mani^re d'agrandir ce Royaume est de le 
mettre en valeur et rendre le Roy chef d'un peuple ais6. Sa Majestd aura alors aug- 
ment4 sa puissance plus qu'elle ne pourroit faire en conqueraot sur ses voisins." (Brief 
an den Regenten vgl. meinen Aufsatz Projets S. 47.) 



102 Fritz Karl Mann, 

böte von Laws Steuerreformplan gewesen ist^). Aber während 
Vauban nur die bisherigen Methoden der französischen Eroberungs- 
politik verwarf, sie in systematische Formen kleiden und auf „le- 
gitime Mittel" beschränken wollte, tritt Law den Zielsetzungen 
der Expansion und Annektion grundsätzlich entgegen. Dennoch liegt 
hierin nur ein teilweiser Bruch mit der Vergangenheit. W"as. Law 
vor Augen steht, bedeutet keinen Verzicht auf Machtpolitik, sondern 
schließt sie ein : Dem alten Postulat der Erhöhung staatlicher Macht 
wird nur mit neuen Mitteln nachgegangen. Verschärfter wirt- 
schaftlicher Wettbewerb tritt an den Platz des militärischen Zwanges. 

Im Zeitalter des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts, das — 
wie Schmoller sagte ^■) — von jenem „Geist gewalttätiger Rivalität" 
durchweht wird, „der vor nichts zurückschreckt, um den Rivalen, in 
dem man stets den Gegner sieht, zu überholen, zu übervorteilen, ja 
zu vernichten", stehen indessen Laws außenpolitisT;he Forderungen 
nicht isoliert. Colbert wird das Wort zugeschrieben : ,,Wir müssen die 
Nationen mit unserer Industrie bekriegen und sie durch unseren Ge- 
schmack überwinden" 3). Der Auffassung Laws noch verwandter hat 
der Marquis du Chätelet bereits im Jahre 1669 in meinem Traitte 
de la politique de France gesagt : „Mit Hilfe des Handels kann man 
ebensogut wie mit Hilfe eines Krieges französische Kolonien gründen 
und die Herrschaft des Königs bis in die fernsten Länder aus- 
breiten"*). Und fast wörtliche Uebereinstimmung findet sich in 
dem Systeme politique sur le commerce et la marine, das der Sr. de 
Bouciqault im Jahre 1708 an Ludwig XIV. richtete: „Die Ver- 
mehrung des Handels ist eine Eroberung im Frieden" und das wirk- 
samste Mittel, um Frankreichs absolute Vorherrschaft zu sichern 5). 

Jedenfalls aber haben die Vorstellungen von Interessen- 
gemeinschaft und Interessenharmonie, die seit dem 17. Jahr- 
hundert sowohl von den Naturwissenschaften wie vom Natur- 
recht her alle Schichten wissenschaftlichen Denkens langsam 
durchdringen, in den internationalen Ueberlegungen John Laws 
noch keinen Raum. Im politischen und wirtschaftlichen Leben 
der Völker sieht Law nur Widerstreit, die „prästabilierte Dis- 
harmonie" — wie ich sie gelegentlich genannt habe — die nie- 
mals durch Synthese, sondern nur durch Zwang und Unterwerfung, 
durch Herrschaft und Dienst zu schlichten ist. Es ist die Ge- 
dankenwelt Bacons und Montaignes, daß ,, keiner gewinnen kann, 
ohne daß ein anderer verliert", die Auffassung, zu der sich in Frank- 
reich schon Montchr^tien bekannte '') und die später Voltaire') in 

1) Vgl. meine Schrift, Der Marschall Vauban und die Volkswirtschaftslehre des 
Absolutismns. Eine Kritik des Merkantilsystems. München-Leipzig 1914. S. 283. 

2) Schmoller, Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltung»- and 
Wirtschaftegescbichte, Leipzig 1898, S. 45, 

3) Oncken, Geschichte der Nationalökonomie, Leipzig 1902, I, S. 168. 

4) Cologne 1669, 8. 142. 

5) Biblioth^ue nationale Ms. fr. 2087 f. 8 verso. 

6) „On dit que Tun ne perd jamais que l'autre n'y gagne. Cela est vray, et se con- 
Dftiat micnx en matiere de trafic, qu'en toute autre chose" (Montchr6tion, Traict6 de 
l'oeconomie politique, publik par Funck-Brentano, Paris 1889, S. 161). 

7) Oeuvre» oompl^tes, Kehl, Bd. 42, S. 268—69, Dict. phll., Art. Patrle. 



Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. X03 

die beschämende Formel gegossen hat: „Teile est la condition hu- 
maine, que so uh alter la grandeur de son pays, o'est 
souhaiter du mal ä ses voisins." Weil aus der Tiefe dieser 
Orundanschauung Laws außenpolitische Ansichten hervorquellen, 
münden sie in vielen praktischen Fällen in dieselben Kampf- und 
Machttendenzen ein, die sich nur dem Grade, nicht dem Wesen nach 
von der Außenpolitik Ludwigs XIV. unterschieden. Ist dem Wirt- 
schaftskrieg der Erfolg versagt, so soll auch nach Law das Waffen- 
glück entscheiden. Darum empfiehlt er, im französischen Staats- 
haushalt so reichliche Mittel für Ileereszwecke bereitzustellen, 
daß die Ehre und Sicherheit des Landes stets verbürgt werden kann • 
„Denn Kriegsbereitschaft" — so hat auch Law gern gesagt — „ist 
das sicherste Mittel, um dem Reich den Frieden zu bewahren" i). 

II. Verfassungs- und Verwaltungspolitik. 

1. Das Ziel. 

Die geistige Bewegung in Frankreich des 18. Jahrhunderts hat 
von keiner Seite her stärkere Impulse erhalten als von England. 
Die Berührung und Verbindung französischen und englischen Geistes 
— die Buckle allzu kühn als die „bei weitem die wichtigste Tat- 
sache in der Geschichte des 18. Jahrhunderts" gefeiert hat 2) — hat 
erst jenen von Zweifel, Unruhe und Gärung erfüllten Seelenzustand 
geschaffen, aus dem die Ideen von 1789 hervorgehen konnten. Natur- 
wissenschaften, Philosophie, Staatslehre, Oekonomik und Kunst schlug 
der neue Geist mit fast gleicher Wucht in seinen Bann. Wer aber 
waren die Träger dieser Rezeption? Waren es, wie die Geschichte 
meist kurz registriert, Voltaires philosophische Briefe, die in den 
dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts der Newtonschen Lehre und 
Lockes Erkenntnistheorie in Frankreich Einlaß erzwangen? War 
es Montesqieus Esprit des Lois, der mit dem Idealbild der englischen 
Verfassung Anhänger für die Teilung der Gewalten warb? Hiermit 
wird der komplizierte Prozeß kaum mehr als angedeutet. Eine er- 
schöpfende Erklärung bringen sie nicht. Die eigentlichen Etappen 
der Bewegung und die feineren Zusammenhänge aufzudecken, 
muß einst die Aufgabe der noch ungeschriebenen Geschichte der 
Anglomanie in Frankreich sein. 

Ist auch der Schotte Law, als er zu praktisch Staatsmann ischer 
Wirksamkeit nach Frankreich kam, ein Träger des neuen Geistes 
gewesen? Hat er insbesondere — was uns hier am nächsten liegt — 
politische und ökonomische Ansichten Englands nach Frankreich ver- 
pflanzt? Als Verkünder der englischen Verfassungsfreiheit gar 
Montesquieus Lehre den Boden bereitet? 

In einem anderen Zusammenhange werde ich darstellen, wie 
Law auf ökonomisch-finanzwissenschaftlichem G^iet jene Vermittler- 



1) Im sogenannten ersten Brief un den Regenten (Daire, 622) nnd in einem Brief 
vom Jahre 1723 (vgl. meinen Aufsatz Projets usw. S. 46). 

2) Buckle, Geschichte der Zivilisation in England. Uebersetzt von Rüge, 2 Bde. 
Leipzig und Heidelberg 1860—61, I, 2, 8. 191. 



104 Fritz Karl Mann, 

rolle tibernahm und mit neuen in England gewonnenen Erkennt- 
nissen die französische Lehre vom Reichtum der Völker befruchtet 
hat. Im Gegensatz hierzu steht seine Haltung im Bereich des 
öffentlichen Rechts. Tiefste Verachtung spricht aus jedem Wort, 
das die Verfassung seiner englischen Heimat streift. Er sieht in der 
„populären Staatsform" die Keime unendlicher Parteiungen und 
Zwistigkeiten, die eigentliche Ursache von Aufständen und Bürger- 
kriegen i). Die Beteiligung des Volkes an Regierung und Verwaltung^ 
führt nach seiner Ansicht zu bürokratischer Schwerfälligkeit, zu 
Unfruchtbarkeit und Korruption. Darum bedauert er jeden Staat, 
„in dem der Fürst nach der Volksmeinung regieren muß" 2). Alle 
glücklichen Gedanken werden verwässert; denn ,,wird ein bißchen 
Salz in einer großen Wassermenge aufgelöst, so verliert es seinen 
Geschmack" 3). Die doppelte Beratung im Schoß der Regierung und 
im Parlament führt zu unwiederbringlichen Zeitverlusten, während 
der Monarch stets schnell entscheiden kann. „Glücklich das Land" 
— so sagt Law im Hause des Marquis d'Argenson — „wo in vier- 
undzwanzig Stunden beraten, beschlossen und ausgeführt wird, wäh- 
rend wir hierzu in England vierundzwanzig Jahre brauchen"*). 
Nur weil Frankreich eine monarchische Verfassung besitzt, läßt es 
sich auch ohne Bestechung regieren: „Der König läßt das, was in 
seiner Regierung beraten ist, genehmigen, ohne daß es den Staat 
etwas kostet, während England beträchtliche Summen zahlen muß, 
um die Beschlüsse der Regierung vom Parlament gutheißen zu 
lassen" 5). In seiner Abneigung gegen die englische Verfassung 
kommt Law zu der eigentümlichen Konstruktion: daß ein Wider- 
streit zwischen Herrscherinteresse und Volksinteresse nur bei der 
„populären Staatsform" wie der englischen Verfassung möglich 
sei 6); nicht dagegen bei einer Monarchie, wie Frankreich sie dar- 
stellt, wo der Fürst stets einsichtig genug sei, um zu verstehen,. 
daß ei" keine Sonderinteressen verfolgen könne '^). Hierin liegen 



1) „Les gouvemements populaires sont partag^ en factions, et sujets aax tumul- 
tes, s^ditions et guerres civiles qui pourraient mettre la caisse de la banque en danger; 
le gouvemement monarchique n'est pas si sujet It ces dfesordres" (Daire, 586). 

2) Vorgeschichte 8. 130, 

3) Vorgeschichte S. 129. 

4) „J'ai oui dire une fois ä Law chcz mon p^re qu'il avait dit le matin h un 
de ses compatriotes anglais, avec exolamation : „Heureux le pays oü, en vingt-quatre 
heurcs, on a d61ib§rfe, r6solu et exleutfe, au lieu qu'en Angleterre, il nous faudrait vingt- 
qnatre ans. II ge louait de cela de son grand sjst^me qui alla si vite qu'il nous 
versa." (Rathfery, Journal et nafemoires du M" d'Argenson, Paria 1861 — 1866, I, 
8. 43, N. 2.) 

5) Daire, 585. 

6) Gelegentlich bezeichnet Law die englische Verfassung auch als „gouvernement 
mixte" (Vorgeschichte 8, 130). 

7) Daire 585 — 86. Kritischer als Law dachte der deutsche Kamcralist Johann 
Joachim Becher über die Interessengemeinschaft in Monarchie und Republik, obwohl 
er ebenso wie Law dem Absolutismus Vorspanndienste geleistet hat. Er sagt in seinem 
1672 erschienenen „Politischen Diskurs": „Es ist eine führnehme politische Frage/ 
warumb die Republicken und Reichs Stadt allzeit besser floriren / als die Provinzial / 



Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. 1Q5 

auch nach Law die entscheidenden Motive für die Errichtung einer 
Staatsbank' in Frankreich. Bei der „populären Staatsform" ist der 
Fall möglich, daß sich der Fürst oder seine Regierung, wenn sie 
auf anderem Wege kein Geld flüssig machen können, an der Bank- 
kasse vergreifen. Anders in der Monarchie: dort würde durch eine 
Beschlagnahme der Bank der König nur sein eigenes Gut, die Quelle 
seiner eigenen Einkünfte, zerstören. * 

So fehlt jede Beziehung, die von Laws Staatsauf fassung zum 
englischen Vorbild hinüberführt. Seine Zuneigung gehört ausschließ- 
lich dem absolutistisch regierten, dem zentralistisch verwalteten 
Staat, wie er von Richelieu und Mazarin geschaffen und von 
Ludwig XIV. in langen Kämpfen ausgestaltet worden war. Jede 
Nebenregierung, jede Kontrolle des Königs durch „intermediäre Ge- 
walten" wird von ihm verworfen. Ich will hier nicht an den 
Vorschlag erinnern, den Law im Jahre 1723 von London aus dem 
Herzog-Regenten unterbreitet hat: nach dem bevorstehenden Tode 
des Kardinals Dubois keinen neuen Premierminister zu wählen ; 
denn „die Zeit könne Ereignisse entstehen lassen, die seine In- 
teressen von denen Ihrer Königlichen Hoheit trennen , . . Die 
Menschen bevorzugen ihre eigenen Ansichten und handeln nach den 
Ansichten anderer nur so lange, als sie die letzteren mit den ersteren 
vereinigen können." Der Regent solle selbst das Amt des Premier- 
ministers übernehmen und sich nur für die unwichtigeren Ange«- 
legenheiten und zu seiner eigenen Entlastung einige sachkundige, 
aber „subalterne" Minister bestellen i). Dieser Vorschlag Laws ent- 
sprang weniger der logischen Durchführung seiner verfassungs- 
politischen Ansichten — obwohl er theoretisch vortrefflich zu ihnen 
stimmt — als dem durchsichtigen praktischen Zweck : die Person 
des Regenten von fremden Einflüssen loszulösen und damit die 
Widerstände gegen Laws Rückkehr nach Frankreich und die Wieder- 
aufnahme seiner Pläne auszuschalten. Eine grundsätzliche Ab- 
neigung gegen das Amt des Premierministers war um so weniger 
anzunehmen, als Law in den Jahren 1718 bis 1720 — auf der 
Höhe des Systems — selbst unumschränkt in Frankreich geschaltet 
hatte 2). 



oder solche Städte/ welche Monarchischer Regierung unterworffen / und einem Herren 
zngehören? Hierauf gib ich zur Antwort / dass die Auflösung gar leicht seye. Dann 
eine Republick hat nur ein Interesse aber ein Land hat zwey/nemlich 

ihr eigenes / und ihres Herrn " (Johann Joachim Becher Politischer Discurs von 

den eigentlichen Ursachen / dess Auff- und Abnehmens der Stadt / Länder und Republicken 
etc. Dritte Edition. Ffanckfurt 1688. S. 256-257.) 

1) Vgl. meinen Aufsatz : Les projets de retour a. a. O. 

2) Daß Law der wahre französische Premierminister sei, hebt der englische Ge- 
sandte Earl of Stair seit September 1719 wiederholt hervor (State Papers II, 589; 593; 
601). Aehnlich Craggs in seiner Antwort an Stair vom 18. Dezember 1719: vgl. Mur- 
ray-Graham, Annais and Correspondence of the Viscount and the first and second Earls 
of Stair, London 1875, II, 8. 124—125 u. 140 ff. Schon im Oktober 1718 hatte eine 
Engländerin, die Lady Montagn, von Paris aus voll Entzücken an ihre heimische 
Freundin geschrieben, daß nun in Frankreich ein Brite „absolut regiere" (Murray- 
Graham, II, Note 62). 



X06 Fritx Karl Mann, 

Die Denkwürdigkeiten des Marquis d'Argenson verzeichnen ein 
widerwilliges Wort Laws gegen die Intendanten, aus dem ein ober- 
flächlicher Betrachter schließen könnte, Law habe in völliger Ver- 
kennung der französischen Verwaltungsgeschichte in den Intendanten 
nicht königliche Kommissare, sondern Rivalen der königlichen Macht 
erblickt 1). Auch dieses Wort muß unberücksichtigt bleiben. Offenbar 
war es mehr vom impulsiven Unmut des Augenblicks eingegeben. 
Jedenfalls findet es in Laws praktischer Betätigung kein Gegenstück. 
Daß es sich aber bei den übrigen Sätzen und Postulaten, die ich er- 
wähnte, nicht um Gelegenheitsäußerungen, denen eine tiefere Bedeu- 
tung fehlte, oder um Scheinargumente, die von anderen Zwecken dik- 
tiert waren, gehandelt hat, beweisen Laws Pläne und Unternehmungen 
gegen die neuen un'd alten Gegner der französischen Königsmacht. 
Erst diese Pläne und Unternehmungen bestätigen uns unzweideutig, 
daß zu den ersten Zielen, die wir in der Außenpolitik Laws erkannten 
— der Stärkung des französischen Staates und der Vorherrschaft 
Frankreichs durch verschärften wirtschaftlichen Wettbewerb — sich 
als Ziel der Verfassungs- und Verwaltungspolitik hinzugesellen : zen- 
tralistischer Ausbau des Reiches und verstärkte Macht der Krone. 

2. Die Durchführung. 

Gewaltsamkeit und Leidenschaft, die den meisten Handlungen 
Laws eigentümlich sind, bilden die Zeichen, in denen er gegen die 
alten und neuen Machthaber Frankreichs seine Klinge führt: ent- 
fesselt er doch den politischen Kampf fast gleichzeitig auf drei 
Fronten. Während Bankbetrieb und Notenemission, indische Kom- 
pagnie und amerikanische Siedlungspolitik, Staatsschuldenverwaltung 
und das verwilderte Börsenspiel in der rue Quincampoix seine Auf- 
merksamkeit und Arbeit voll zu beanspruchen scheinen, findet er Muße 
und Kraft für ein dreifaches politisches Unternehmen : erstens gegen 
die von der Regentschaft neu begründeten Ratskollegien; zweitens 
gegen die französischen Parlamente; drittens gegen die sogenannten 
Güter der toten Hand, was in Wahrheit einer Fehde mit der 
stärksten Macht des französischen Reiches, der katholischen Kirche, 
gleichkam. 

Gemeinsam ist allen drei Unternehmungen ihr Eintreten für 
die königliche Macht, die Stärke der Zentralgewalt und den staat- 
lichen Einheitsgedanken, wie ihn die großen französischen Könige, 
am machtvollsten Ludwig XIV., verkörpert hatten. Die politischen 
Thesen, die Voltaire um die Mitte des Jahrhunderts formulierte: 
„Le gouvernement ne peut etre bon, s'il n'y a une puissance uni- 
que . . . Les ann^es heureuses de la monarchie ont 6t6 les derni^res 



1) Auf seiner Flacht nach Brüssel, als Law 48 Standen lang in Valenciennes fest- 
gehalten warde, erklärte er grollend dem dortigen Intendanten Marquis d'Argenson: 
„Sachet qae ce rojanme de France est gouvern6 par trente Intendant s. 
Voufl n'aves ni Parlaments, ni comit^s, ni Etats, ni gouvernears. 
J'ajoutarais presqae ni roi, ni ministres " (Rathfery, I, 8. 43, N. 2). 



Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. X07 

de Henri IV, Celles de Louis XIV et de Louis XV quand ces 
rois ont gouverne par eux-memes"i) — könnten als Wahlspruch allen 
drei Kampfprojekten Laws vorangestellt sein. 

Eine noch engere Gemeinsamkeit besteht zwischen den beiden 
ersten Unternehmungen, die der Beseitigung der Ratskollegien und 
der Parlamente galten. Beide wandten sich gegen den politischen 
Einfluß der Beamtenschaft, die teils an den königlichen Zentral- 
behörden, teils — als Adel und noblesse de robe — in den käuf- 
lichen Parlamentsstühlen saß, und suchten ihn rücksichtslos auszu- 
rotten. Die Beamtenschaft bildete ja nach Laws Ansicht jene „öf- 
fentliche Meinung", die in der „populären Staatsform" Englands 
bereits Schiffbruch gelitten hatte; sie. schuf jenen unseligen 
Hemmschuh für schnelle Arbeit und Entschlußkraft einer gesunden 
Regierung. 

Vorsichtiger in der Methode und in einem unauffälligeren Ge- 
wände trat der dritte Plan auf, der die teilweise Säkularisierung 
der Güter der toten Hand verlangte. Aeußerlich war er unpolitisch, 
berührte nur die Wirtschaftssphäre. Ein offener Angriff auf die 
katholische Kirche unterblieb. Er schien wohl auch Law allzu 
gewagt; war auch insoweit unberechtigt, als die Kirche im all- 
gemeinen tlie Politik der französischen Könige des 17. und 18. 
Jahrhunderts nicht allzusehr behindert hatte und — wie Wahl 
richtig sagt 2) — als Bollwerk gegen die Angriffe Roms eine Art 
erblichen Bundes mit der Staatsgewalt eingegangen war. Law be- 
gnügte sich vielmehr damit, an die wirtschaftlichen Wurzeln, aus 
denen die katholische Kirche ihre Säfte zog, die Axt zu legen. 

In anderer Beleuchtung gehören der zweite und dritte Plan eng 
zusammen. Was sie bekämpften, war die geschichtliche Tradition 
des alten Frankreichs; waren im Volksbewußtsein festverankerte 
Institutionen, Kirche und Parlament. Darin lag die Wucht der 
Unternehmung ; und ihre Gefahr. Hiermit verglichen war die Frage, 
ob Ratskollegien weiter bestehen oder aufgelöst werden sollten, ein 
Internum der Regierung von fast harmloser Natur ; ihr Fortbestand 
war nicht in die Geschichte Frankreichs und nur wenigen ins Herz 
gegraben. Die Ratskollegien stellten eine modische Neuerung, eine 
Errungenschaft der Regentschaft dar, gegen deren Zerfall sich 
nur eine geringe Zahl von Politikern und Literaten sträuben konnte ; 
abgesehen von der Schar interessierter Beamter, die nicht gesonnen 
waren, ihre neuen fetten Pfründen kampflos zu räumen. Dieser 
Zwiespalt muß bereits hier festgehalten werden ; bildet er doch den 
Schlüssel für den Ablauf der Ereignisse, insbesondere für die Er- 
scheinug, daß der Plan Laws gegen die Ratskollegien in kurzer 
Zeit geglückt ist, während der Entscheidungskampf mit Parlament 
und Kirche zunächst vertagt, dann hintertrieben wurde und schließ- 
lich jede Aussicht auf Erfolg verlor. 



1) Voltaire, Oeuvres, Bd. XXIX, S. 11 (La voiz da sage et da peaple). 

2) Wahl, Vorgeschichte der französischen Revolution, Tübingen 1905, S. 20. 



X08 Fritz Karl Mann, 

Betrachten wir zunächst die ersten Kampf projekte Laws : gegen 
die Katskollegien und die Parlamente. — Beide sind untrennbar von 
dem neuen Geist, der die Regentschaft des Herzogs von Orleans 
charakterisiert, der aber nicht, wie es manche Historiker annehmen, 
gleich einer Naturgewalt plötzlich über Frankreichs Politik, Gesell- 
schaft und Sitten hereinbrach, sondern aus kleinen Anfängen und 
Ansätzen heraus allmählich erwuchs und sich entfaltete. Darum 
müssen wir auch, um zu einer geschichtlichen Einordnung und po- 
litischen Bewertung von Laws Absichten zu gelangen, mit einem 
kurzen Blick den Gang jener Oppositionsbewegung streifen, die sich 
während der Herrschaft Ludwigs XIV. — vornehmlich im letzten 
Drittel seiner Regierung — zusammenballte und als Sturmzeichen 
am Horizonte stand, als der große König die Augen schloß. 

Mißerfolge der Außenpolitik, wirtschaftliche Stagnation, Be- 
drückung durch Rekrutierung und Steuern, Willkürherrschaft der 
Intendanten und königlichen Beamten, Fehlernten und Hungersnöte 
hatten dem französischen Volk einen fast unerschöpflichen Anlaß 
zur Kritik und Opposition geboten. Bald gedämpfter, bald lebhafter 
drangen die Klagen aus allen Winkeln Frankreichs zum königlichen. 
Hoflager hin. Zuerst waren es nur vereinzelte Stimmen gewesen, 
die, voll Sehnsucht nach besseren Tagen, eine Abkehr ^^n den ge- 
wohnten Methoden verlangten. Die allzu kühnen Worte, die der 
Marquis von Chätelet in seinem 1667 erschienenen „Traitte de la 
politique de France" gesprochen hatte, waren schnell verhallt. Aehn- 
lich die Vorschläge zu gründlichen Finanz- und Steuerreformen, die 
fast in jedem Jahrzehnt mehrere Wortführer fanden : den Marschall 
Fabert und Cresnai in den sechziger Jahren, Graf Boulainvilliers 
und Anquetin in den achtziger Jahren, Boisguillebert und Marchall 
Vauban seit den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts. Ihre 
Forderungen, ihre Warnungen fanden wenig Gehör. 

Vielleicht hätten sich die Kreise der Kaufmannschaft, beizeiten 
zusammengefaßt und kraftvoll geführt, zu Widerstandszentren for- 
mieren können ; denn der Widerwillen gegen die wirtschaftliche 
Reglementierung und Kontrolle der Colbertschen Verwaltung, gegen 
die lästigen Eingriffe der Bürokratie in Handel und Manufakturen 
nahm damals bereits überhand. Das logisch noch undurchdachte 
Schlagwort „Freihandel" begann seine bestrickende Wirkung zu üben. 
Indessen lastete der Druck der königlichen Gewalt auf allen Volks- 
schichten noch zu stark, um für diese berechtigten Beschwerden 
einen lauteren Widerhall zu wecken, um zu einer machtvollen Wil- 
lensvereinigung, einer Sammlung der Geister für Opposition und 
Reform, zu führen. 

Ein verheißungsvoller Anlauf erfolgte erst im Beginn des 
18. Jahrhunderts; er ging seltsamerweise nicht von der breiten Oef- 
fentlichkeit aus, sondern von einem intimen Zirkel, der zwar für den 
Jammer des Volkes Herz und Verständnis besaß, aus ihm aber zu- 
gleich Kapital für eigene Standesbestrebungen schlagen wollte. Es 
waren drei illustre Persönlichkeiten der Hofgesellschaft, die Herzöge 



Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. 109 

von Saint-Simon, Beauvilliers und Chevreuse, die sich in diesem Be- 
streben mit einem Vertreter der Geistlichkeit, dem Erzieher des 
Thronfolgers und Erzbischof von Cambrai, Fenelon, zusammenfanden 
und eine Art von Zweck- und Verstandesehe eingegangen waren. Als 
Masse Kinder dieser Verbindung sind Pläne zu einer gewaltsamen 
Umbildung Frankreichs im romantisch-reaktionären Sinne entspros- 
sen, die in der Hauptsache in den „Projets de gouvernemenf' vod 
Saint-Simon und den von Fenelon und Chevreuse gemeinschaftlich 
verfaßten „Tables de Chaulnes" niedergelegt sind. Diese Pläne ver- 
langten : Schwächung der absoluten Herrschergewalt; Beteiligung 
des Adels, besonders des Hochadels, an der Regierung; Rückkehr 
zu dezentralistisch-ständischen Institutionen. Mit einem Wort : Preis- 
gabe der wichtigsten Ergebnisse, die der französische Einheitsgedanke 
unter Ludwigs starker Führung schrittweise und mühselig errun^ 
gen hatte. 

Die politische Geschichte weiß zu berichten, wie in zahlreichen 
Fällen höfische Koterien dadurch zu Einfluß und Macht gelangten, 
daß sie den natürlichen Zwiespalt, der zwischen Herrscher und Thron- 
folger, zwischen Alter und Jugend, Gegenwart und Zukunft besteht, 
vor den Wagen eigennütziger Zwecke spannten. Kronprinzenpolitik 
ist stets aut den Gegensatz zur Regierung des Herschers einge- 
stellt, ist ihrem Wesen nach oppositionell. Obwohl sie keine Staats^ 
akte vollzieht, vermag sie doch bereits ohne eigene VeranLwoi tung 
Ansprüche zu schaffen und hochzuziehen, die zwar bis zum Tode 
des Herrschers befristet sind, über deren einstige Fälligkeit und Er- 
füllung aber kaum ein Zweifel besteht. Darin beruht ihr Geheimnis, 
ihre werbende Kraft. 

Dem Zirkel der französischen Herzöge, die gegenüber dem 
königlichen Absolutismus frondierten, gelang der kühne Streich, den 
am Wachstum der Königsmacht nach Ludwig XIV. Nächstbeteiligten, 
den Dauphin, in ihren Kreis zu ziehen. Durch den Einfluß 
F6nelons, seines Erziehers, wurde der junge Herzog von Burgnnd, 
Ludwigs verständiger und beanlagter Enkel, für die neuen Pläne 
gewonnen. Es geschah das Unerwartete, daß sich der Dauphin, der 
Erbe der Königsgewalt, freiwillig in die Hand seiner Gegner, in den 
Dienst eines ständisch-reaktionären Programms begab. 

Für unsern Zusammenhang ist es entbehrlich, den Thesen, die 
teils in den Entwürfen Saintr Simons, teils in den Tafeln von Chaul- 
nes, teils in der Biographie Burgunds überliefert sind, hier im ein- 
zelnen nachzugehen 1). Wir brauchen nur einen Programmpunkt her- 
vorzuheben, der nach dem Tode Ludwigs eine schnelle Verwirk- 
lichung fand. Er leitet uns unmittelbar zu den Unternehmungen 
Laws hinüber. 

Unter den Mitteln, deren sich Ludwig XIV. zur Ausweitung 
seiner Macht bedient hatte, war die Schaffung der Staatssekretäre 
eins der wirksamsten gewesen. Zwar waren neben ihnen noch kol- 

1) Näheres in meinem Aafsatz „Fontenelles Repablik, eine Dichtung vom besten 
Staate", Zeitschrift für Politik, IV (1911), S. 495—521. 



110 FritB Karl Mann, 

legial gebildete „Conseils" mit sachlich umgrenzten Ressorts betraut : 
das „conseil des depeches", das „conseil des finances", das „conseil 
prive ou des parties", das „conseil de conscience" und das „conseil 
de commerce" ; daneben noch zeitweilig Kollegien ftir die reformierte 
Kirche, für Krieg und Polizei. Ueber ihnen erhob sich als Zentral- 
instanz das „conseil d'en haut" oder „conseil d'Etat", dem der König 
persönlich präsidierte, dem nur die Staatsminister angehörten und 
das ftir alle Fachgebiete zuständig war. Indessen entsprach es dem 
Wunsche des Königs, daß der Schwerpunkt mehr und mehr aus den 
Katskollegien heraus in die Amtsstuben der Staatssekretäre verlegt 
wurde; und dies um so mehr, als sich die Veränderung ohne staat- 
liche Verordnung, scheinbar ungezwungen und durch Gewohnheitsrecht 
vollzog. Wenn der Staatssekretär als königlicher Kommissar — in 
dieser Beziehung ein Ebenbild des königlichen Intendanten — das 
Conseil betrat, um der Beratung beizuwohnen und den herrschcrlichcn 
Willen kundzutun, so schien ein Abglanz jener Allgewalt, in der 
Frankreichs Schicksal beschlossen lag, auch ihn zu umleuchten: 
Leicht konnte er die laufende Erledigung vieler Geschäfte an sich 
ziehen und die Entscheidung in der Beratung gewinnen. Obgleich 
sich aber dieser Prozeß äußerlich reibungslos vollzog, schuf er doch 
einen sich stets erneuernden Konfliktsstoff. Die fast unbegrenzte 
Machtfülle, die dem Staatssekretär zugewachsen war, bot jeder 
Beschwerde, jedem Angriff gegen die Regierung eine ungeschützte 
Flanke. Wer vom Staatssekretär abschlägig beschieden war, sprach 
leicht von Willkür und Mißbrauch der Amtsgewalt; oder er fand 
das Motiv der Ablehnung darin, daß die sachverständigen Beamten 
des Conseils ausgeschaltet worden wären. Entschied dagegen der 
König in eigener Person wider Wunsch, so lag die Schuld am 
falschen Bericht des Staatssekretärs oder zum mindesten an der 
verfehlten Behördenorganisation, die alle Mittler-Funktionen zwischen 
Volk und König den Staatssekretären anvertraut hatte. „Wie kön-" 
nen" — so fragt z. B. Saintr Simon — „alle Haupt- und Neben- 
sachen der ganzen inneren und äußeren Verwaltung eines so großen 
Königreiches durch so wenig Kanäle einem einzigen Kopfe zugo- 
leitet werden?"!). Mit dem Antagonismus, der von vornherein 
zwischen Staatssekretären und alter Beamtenschaft bestand, paarte 
sich so der Widerspruch und das Mißtrauen weiter . Volkskreis|e. 
Diesen Umstand nutzten die Pläne des burgundischen Zirkels 
aus. Auf eine Wiederherstellung ständischer Rechte und eine Be- 
teiligung des Hochadels an der Regierung war nicht eher zu hoffen, 
bis die bürgerlichen Vorposten der Königsgewalt, ihre gefügigsten 
Geschöpfe, die Staatssekretäre, ihrer Funktionen teilweise entkleidet 
oder ganz beseitigt waren. Anknüpfend an die alten Conseils sollten 
nach Chevreuse und F6nelon 6, nach Saint-Simon 7 Ratskollegien 
gebildet werden, denen in allen Fachfragen die Entscheidung zufiele 



I 



1) Saint-SimoD, Projeta de goavemement du duc de Bourgogne publik par Mes- 
nard, Paris 1860, 8. 17. 



Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. H\ 

und die durch das bereits bestellende, vom König präsidierte Ge- 
neralkollegium, das „conseil d'Etat", überdacht und zusammengehal- 
ten würden. Saint-Simon verband hiermit einen für seine Standes.- 
prätentionen bezeichnenden Vorschlag: es sollten in das Conseil 
d'Etat fünf adlige Minister, aber nur ein Staatssekretär anfgenommen 
werden ; und auch dieser nur, nachdem ihm sogar die „beratende" 
Stimme entzogen war. 

In schnellem Wechsel der Konstellationen, unter fast dramatisch 
zu nennenden Spannungen vollzog sich das Schicksal des burgun- 
dischen Programms. 

Als der Dauphin in der unmittelbarsten Nähe des Königs die 
Häupter der Opposition in geheimen Zusammenkünften vereinigte, 
um einen gegen die Herrschergewalt gerichteten Plan zu entwerfen, 
zählte Ludwig siebzig Jahre. Menschlicher Voraussicht nach war die 
Verwirklichung der Reformen, denen Burgund seine Sanktion er- 
teilt hatte, gesichert; konnte nur eine Frage weniger Jahre sein. 
Unerwartet — im Frühjahr 1712 — starb der Dauphin. Da an 
seiner Person die Durchführung des Programms unlöslich hing, 
schien dies Ereignis auch den endgültigen Zusammenbruch aller 
politischen Hoffnungen zu bedeuten. 

Ein seltsames Geschick hat es jedoch gefügt, daß die Pläne 
des Dauphins zu neuem Leben erweckt wurden, als drei Jahre später, 
unmittelbar nach dem Tode Ludwigs, der neue Eegent auf Mittel 
sann, um das Pariser Parlament für sich zu gewinnen. Was konnte 
für ihn nützlicher sein, als gegen eine vielleicht nur zeitweise Be- 
schränkung der königlichen Macht die Herrschaft des Eeiches 
einzutauschen? In der bekannten Parlamentssitzung vom 2. Sep- 
tember 1715, in der das Testament Ludwigs XIV. umgestoßen wurde, 
kündigte der Regent Philipp von Orleans an, er werde dem Ver- 
mächtnis des früheren Dauphins getreu, vom Regentschaftsrat sechs 
besondere Kollegien abzweigen; denn für ihn, dem Erfahrung und 
Erleuchtung fehle, — welch unterwürfiger Herrscher! — reiche 
der Regentschaftsrat nicht aus. Bereits zwei Wochen später wurde 
dies Versprechen eingelöst. Die Motive der königlichen Deklaration 
vom 15. September 1715 wandelten die Argumente, die uns aus den 
Betrachtungen Saint-Simons geläufig sind, nur wenig ab : die Last 
der Regierung sei sowohl für den Herrscher zu schwer wie für die 
einzelnen Minister; die Macht des Ministers könne gefährlich werden, 
wenn sich der Herrscher ihm nicht überlegen zeige; „die Wahrheit 
gelange so schwer zum Ohre des Fürsten". Es wurden sechs neue 
Conseils geschaffen : für Kirche, Krieg, Marine, Finanzen, innere 
und äußere Angelegenheiten. Zwei Monate später — durch eine 
Deklaration vom 14. Dezember 1715 — kam noch ein siebentes 
Conseil für Handel und Manufakturen hinzu. Diese neuen Kollegial- 
behörden waren von nun an die Träger der Zentralinstanz. Das Amt 
der Staatssekretäre blieb zwar bestehen ; aber um die Bedeutung 
des Vorganges gleichsam zu unterstreichen, wurde ihre Zahl von 
vier auf drei herabgesetzt. 



J12 Frit« Karl Mann, 

Das Pariser Parlament, das die seltene Konjunktur klar er- 
kannt hatte, wollte jedoch seine Gunst nicht zu billig verkaufen. 
Neben der Unschädlichmachung der Staatssekretäre und der Ein- 
führung der Kollegialverfassung verlangte es einen zweiten Preis. 
Und der Herzogregent mußte ihn in der Not des Augenblicks be- 
willigen. 

Zwar berief er nicht, wie es früher Fenelon, Chevreuse und 
Saint-Simon gefordert hatten, General- und Provinzialstände ein: 
ein Verlangen, das unmittelbar nach Ludwigs Tode auch im Grafen 
Boulainvilliers, ferner in dem bewährten Generalkontrolleur Des- 
marets und in dem jugendlichen Montesquieu eifrige Verfechter fand. 
Philipp von Orleans gestand jedoch eine weitgehende Kontrolle der 
Königsgewalt zu. 

Seit der Regierung Ludwigs XL hatte das Pariser Parlament 
das Vorrecht beansprucht, vor der Registrierung der königlichen Or- 
donnanzen, Edikte und Deklarationen Gegenvorstellungen zu erlieben: 
was in der Praxis einer Prüfung der ßegierungsakte, einer Mit- 
wirkung bei der Gesetzgebung, gleichkam. Unter Ludwigs XIV. 
starker Hand war dies Recht obsolet geworden. Seit der bekannten 
Parlamentssitzung von 1653, die der jugendliche König mit Jagd- 
anzug und Reitpeitsche betreten hatte, um sich Gehorsam zu er- 
zwingen, war der Widerstand des Parlaments gebrochen. Durch die 
Lettres patentes von 1673 war festgelegt worden, daß zunächst alle 
Gesetze registriert werden müßten. Die Gegenvorstellungen durften 
erst nach der Registrierung erhoben werden, waren also ihres 
praktischen Wertes entkleidet i). 

Nunmehr wurde das alte Parlamentsrecht feierlich erneuert. 
In der Sitzung vom 2. September 1715 versprach Philipp von Orv 
leans, mit Unterstützung der Ratschläge und der „weisen Gegen- 
vorstellungen" des Parlaments die Regentschaft zu führen ; und 
gleichsam sich selbst zum Trost fügte er die geistreichelnde Anti- 
these hinzu : er wolle nur insoweit unabhängig sein, um das Gute 
zu tun, stimme aber jeder beliebigen Bindung zu, die ihm vor dem 
Bösen bewahre 2). 

Auch dies Versprechen wurde ohne Zögern in die Tat umgesetzt. 
Gleichzeitig mit der Errichtung der Ratskollegien — am 15. Sep- 
tember 1715 — ergingen drei königliche Deklarationen, die den 
obersten drei Gerichtshöfen — außer dem Pariser Parlament auch 
der Chambre des comptes und der Cour des aydes — das Recht 
aul Gegenvorstellungen: „representer au Roy ce qu'il jugera"'), 
zurückgab; Abermals ein Wendepunkt im französischen Staats- 
recht, eine Abkehr von Ludwigs politischen Traditionen. Es war 
der Weg, der zwei Jahre später in dem Edikt vom Juli 1717 zur 
grundsätzlichen Anerkennung der Volkssouveränftät geführt hat. — 

1) Dareste de la Chavanne, Histoirc de l'administration en Franoe, Paris 1848, 
I, 331 ; Wahl I, 8. 22. 

2) Isambert, Recueil giniral des anciennes lois fraoyaises, XXI, 5, 17. 

3) Aot«s royaux, adut-dlccmbre 1715 (Bibliotb^que Nationale). 




Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. XIS 

Gegen beide Zugeständnisse der Regentschaft an die öffent- 
liclie Meinung und die intermediären Gewalten wandte sich Law, 
sobald er zur Macht gekommen war. Bewußt suchte er das reak- 
tionär-dezentralistische Zwischenspiel zu beenden, das 'Staatsschiff 
in das alte Fahrwasser zurückzusteuern. 

Bei seinem Kampfe gegen die Ratskollegien fand er nur ver- 
hältnismäßig schwachen Widerstand. Bald war es offenbar, daß 
es den Conseils an Entschlußkraft gebrach, daß sich das Tempo der 
Arbeit verlangsamte, daß endlose Debatten die Exekutive in Frage 
stellten. Für Law war dieser Zustand um so unerträglicher, als die 
Durchführung des neuen Finanzsystems einen schnell arbeitenden 
Behördenmechanismus voraussetzte. Bei seinem Vorgehen schlössen 
sich ihm die allen Gesellschaftsschichten zugehörigen Persönlichkeiten 
an, die, an dem neuen System interessiert, sein Gelingen über die 
politische Ueberzeugung stellten. Auch beim Abbe Dubois, dem die 
Ratskollegien den Aufstieg zum Premierminister und Kardinal ver- 
sperrten, fand Law tatkräftige Hilfe. Ebenso beim Engländer 
Stanhopci). So wurde seinem Unternehmen bald der gewünschte 
Erfolg zuteil. Am 24. September 1718 — nach nur dreijährigem 
Bestände 7- wurde die Mehrzahl der Ratskollegien, die vier Con- 
seils für Kirche, für Krieg, für innere und äußere Angelegenheiten, 
wieder aufgelöst. Gleichzeitig wurde die Zahl der Staatssekretäre, 
der ,, subalternen Minister", wie Law sie nannte, wieder erhöht; 
und zwar nicht nur auf die unter Ludwig XIV. übliche Zahl von 
vier, sondern nunmehr auf fünf Stellen. Der Umschwung in der 
Verteilung der Geschäfte folgte sofort. Die zurückbleibenden drei 
Conseils für Handel, Finanzen und Marine wurden wie in früherer 
Zeit von den Staatssekretären abhängig und von ihnen beherrscht. 
Vergeblich haben sich zahlreiche politische Schriftsteller des 18.. 
Jahrhunderts noch für das kollegiale Regierungsprinzip erwärmt: 
unter ihnen Forbonnais, Fontenelle, Montesquieu, besonders aber der 
Abbe de Saint-Pierre, dessen „Discours sur la Polysynodie" bereits 
im Beginn des Jahres 1718 erschienen war, und, wie d'Argenson 
boshaft sagte, den sterbenden Conseils die letzte Oelung gegeben hat. 
Indessen war das Experiment — die „Teilung" der absoluten Ge- 
walt, wie Saint-Pierre definierte — zu sichtbar mißglückt, als daß 
bis zum Ausgang des ancien regime ein praktischer Staatsmann den 
Mut zur Wiederholung aufgebracht hätte. 

Unglücklicher verlief die zweite Aktion gegen die Parlaments- 
gewalt. 

Sie begann erst, nachdem Law im Januar 1718 die Verab- 
schiedung des Herzogs von Noailles, des Präsidenten des Finanz- 
kollegiums, durchgesetzt und damit seinen Wünschen freie Bahn 
geschaffen hatte. Patrouillengänge und Scharmützel im Juni, Juli 
und August 1718 gingen dem eigentlichen Kampfe voraus. Sie 
fanden in der Weigerung des Parlaments, das Münzedikt vom 

1) de Lacay, Les 86cr6taircs d'Etat depuis Icur Institution jnsqu' h la mort d 
Jyjuia XV., Paris 1881, 223/24, 227; Lemontey I, S. 194. 

Juhrb. f. Nütioaalök. u. Stat. Bd. US (Dritte Fol^e Bd. 58). 8 



114 Fritz Karl Mann, 

20. Mai zu registrieren, einen willkommenen Anlaß. Law bestand 
auf dem Edikt, weil es eine Münzverschlechterung vorsah, die nach 
seiner Meinung eine steigende Begehr nach Banknoten auslösen 
mußte. Abwechselnd folgten sich Gegenvorstellungen und Proteste 
des Parlaments mit Gewaltmaßregeln der Regierung. Schließlich 
bewirkte Law, daß sein Edikt in einer Thronsitzung registriert und 
gleichzeitig dem Parlament das Recht der Gegenvorstellungen wieder 
entzogen wurde; und zwar ebenso feierlich, wie es ihnen im Sep- 
tember 1715 übertragen worden war. Im offenen Widerspruch zu 
seinen früheren Worten erklärte nunmehr der Regent: die Re- 
gistrierung der königlichen Gesetze sei ein ,,Akt unerläßlichen 
Gehorsams" 1). Am 21. August 1718 folgte ein neues Gesetz, das. 
in Anlehnung an die Lettres patentes von 1673 die Gegenvorstel- 
lungen des Parlaments in ein nachträgliches Einspruchsrecht ver- 
wandelte und außerdem für sie eine kurze achttägige Präklusivfrist 
vorschrieb. Wenn der König die Einregistrierung befahl, durfte 
sie nicht verweigert werden 2). Es ist bezeichnend, daß die Regent- 
schaft nunmehr auch gegenüber den Ständen selbstbewußter auf- 
trat: so wurden z. B. die Stände der Bretagne, die ein Don gratuit 
von zwei Millionen verweigert hatten, von der Regierung aufgelöst 3). 
Immerhin war dies alles nur ein Vorspiel unschuldiger Art, das sich 
von der Tonart früherer Wirrungen zwischen Krone und inter- 
mediären Gewalten kaum unterschied. 

Das Sturmsignal gab erst eine Denkschrift, die Law im Jahre 
1719 dem Herzogregenten unterbreitete und die auf nichts Gerin- 
geres als eine Abschaffung der Parlamente ausging. 

Hierüber berichtet Saint-Simon in seinen Memoiren : im Jahre 
1719 habe Law, im Unmut über den Widerstand des Pariser Par^ 
laments, dem Regenten empfohlen, sämtliche Parlamentsstellen in 
Güte oder mit Gewalt zurückzuzahlen. Die öffentliche Meinung 
könne hierbei mit der Erklärung gewonnen werden, die Regierung 
wolle nur die Käuflichkeit der Aemter beseitigen. An die Stelle 
des Parlaments sollen Kommissionen treten, die der König beherrsche, 
unentgeltlich berufe und beliebig ändern könne. Der Regent habe 
zunächst dem Plane zugestimmt, sei aber später zu einer Ab- 
lehnung gelangt und habe an ihr auch festgehalten, obwohl Law 
und der Kardinal Dubois — im Sommer 1720, nach einer Pause von 
über einem Jahr — das Projekt nochmals unterbreitet hätten*). 

Andere zeitgenössische Autoren erzählen gleichfalls von diesem 
Plan, teils die Angaben Saint-Simons bestätigend, teils sie berich- 
tigend und ergänzend. „Man müsse das Parlamentsgezücht ver- 
jagen" soll Law nach Marals geäußert haben. „Die Könige seien 



1) Lemootey, I, 194; Carrfe in Lavisae, Histoire de France, Bd. VIII, 2. Toll» 
Pari» 1909, 17; Hörn 89—95. 

2) Wahl, 8. 23. 

3) Bailly, Histoire financifere de 1a France, Paris 1830, II, 8. 87. 

4) Saint-Simon, XVI, 306—313. 



Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. 1X5 

berechtigt abzuschaffen, was sie geschaffen hätten" i). Wichtig 
ist die Mitteilung von Buvat, daß Laws Vorstoß sich nicht auf das 
Pariser Parlament beschränkt, sondern allgemein gegen sämtliche 
Parlamente Prankreichs gerichtet habe^). Auch Richelieu bestä- 
tigt dies. Nach seinem Bericht beruhte das Projekt auf drei Grund- 
gedanken . erstens auf der Beseitigung sämtlicher Justizämter durch 
Kückkauf in Banknoten ; zweitens auf der Ersetzung der bisherigen 
Justizämter durch jederzeit absetzbare Kommissionen (nur wenn 
die Regierung es für gut befand, sollten sie länger als ein Jahr in 
ihrem -Amt verbleiben) ; drittens auf dem ,, Meisterstück aller Spe- 
kulationen und dem großen und einleuchtenden Vorwand dieser 
großen Unternehmung" : der Unentgeltlichkeit der Rechtsprechung. 
So bestätigt und erweitert Richelieu die Angaben Saint-Simons^). 
Widerspruchsvoll dagegen schildern die Autoren den Zwist, 
den Laws Projekt in dem Kreise der Hofgesellschaft und der Re- 
gierung entfacht hat. Wer dafür und dagegen stritt, wessen In- 
trigen es gelang, den Plan zum Scheitern zu bringen, ob der Kar- 
dinal Dubois gegen Law auftrat oder sein heimlicher Verbündeter war 
— alles dies bleibt unsicher*). Der Einzel verlauf dieses Konflikts 



l)„Qu'il falloit chasser cette Termine de Parlement, et que les ßois 6toient 
maitres de decrfeer ce qu'ils avoient cr§e" (Marais, Journal et Memoires, publiSs par 
M. de Lescure, Paris 1863—1868, II, S. 25). 

2) Im Palais Royal — so berichtet Buvat — wurden im Dezember 1719 Mittel 
gesucht, um die Aemter aller französischen Parlamente zurückzuzahlen; sie sollten 
beseitigt und durch Kommission von Vertrauensleuten ersetzt werden ; ebenfalls die 
Aemter der 400 „procureurs" der Parlamente: auch sie sollten in Zukunft durch Kom- 
mission besetzt werden. (Buvat, Journal de la ßegence, publik par Campardon, Paris 
1865, I, S. 471.) 

3) Richelieu, Memoires du marfechal, Paris, 9 Bde., 1792, III, S. 43—45. 

4) Aehnlich wie Saint-Simon berichtet der Abbe Dorsanne, nur ist nach ihm 
Laws Plan nur einmal — im November 1720 — erwogen worden. Um diese Zeit — so 
erzählt er — erfuhr man, daß der Regent entschlossen sei, das Parlament auf eine 
sehr kleine Zahl zu beschränken ; daß der Herzog von Bourbon und Law diesen Plan 
unterstützten, ja sogar für eine völlige Beseitigung des Parlaments stimmten ; daß auf 
Seiten Bourbons und Laws noch de la Force und de Silly ständen, während Le Blanc, 
der Kanzler und der Abbfe Dubois — dieser aus Opposition gegen Law — das Parla- 
ment verteidigten. Man erwartete die Ausführung des Plans noch vor St. Martin 
(Dorsanne, Journal, Rome, 1753, II. 8. 37). 

Duclos sagt ebenso wie Saint-Simon, daß außer dem Herzog von Force auch der 
Abhk Dubois das Projekt unterstützt habe. Im übrigen verkennt er aber den großen 
Zusammenhang, wenn er Laws Pläne ausschließlich aus einem persönlichen Motiv, der 
Erbitterung Laws über das ihm widerstrebende Parlament, ableiten will (Memoires 
secrets, 2' ed., Paris 1791, II, S. 39). 

Richelieu hebt hervor, daß Law, Dubois und der Herzog von Force den Regenten 
für den Plan gewonnen hätten ; jedoch erst nach Zurücknahme der Aktienreduktion im 
Jahre 1720, d. h. nach dem 27. Mai 1720. Im übrigen weiß er zu berichten, das 
Parlament sei, als es von der Unternehmung erfuhr, so aufgebracht gewesen, daß es 
Law hängen lassen wollte (III, 43). 

Nach Richelieu hatte außerdem der Regent dem Parlament erklärt: es verdanke 
allein dem königlichen Willen seine Autorität; die Parlamentsmitglieder wären nur Beamte 
des Monarchen (45). Aber schließlich habe doch der Widerstand, der sich im Conseil gegen 
das Projekt von Law und Dubois erhob, den Regenten zur Ablehnung veranlaßt (48). 

Nach Saint-Simon haben der Abbfe Dubois und der Herzog von Force den Vor- 
schlag unterstützt. Saint-Simon mißt sich selbst das Verdienst bei, durch eine von ihm 

8* 



116 Fritz Karl Mann, 

müssen einmal die Geschichtsschreiber Itläreni). Für unseren Zu- 
sammenhang ist er unwesentlich. 

Gleichfalls fällt Saint-Simons von Buvat bestrittene Angabe, daß 
Law nur gegen das Pariser Parlament vorgehen wollte, wenig ins 
Gewicht. Nach Beseitigung der führenden Körperschaft war auch 
den Provinzialparlamenten das Urteil gesprochen. Für Laws histo-' 
Tische Sinnesart ist es dagegen bezeichnend, daß das von ihm gegen- 
über dem Parlament gewählte Kampfmittel, der Aemterrückkauf, kein 
neuartiger Einfall war, sondern aus der erfindungsreichen Ke- 
gierungspraxis des alten Frankreichs herstammte. Nur mit dem 
Unterschied, • daß im 17. Jahrhundert die Parlamente und Stände, 
um ihren Einfluß zu heben, die vom König geschaffenen Aemter 
zurückgekauft haben 2^). In ähnlicher Weise, wie Law es plante, 
hat später nach dem siebenjährigen Krieg der Minister Choiseul den 
Rücklauf der Hauptmannsstellen im französischen Heere ein- 
geleitet 3). 

So war es Law geglückt, daß das Bild der parlamentarisch 
beschränkten Monarchie, das in dem Anfang der Regentschaft auf- 
geleuchtet war, für einige Jahre verblaßte. Es mißlang ihm der 
größere auf die Zertrümmerung des Parlaments gehende Plan, der 
sich gleichfalls aus seiner Staatsauffassung, seiner Förderung des 
absoluten Regiments, seiner Abneigung gegen die öffentliche Mei- 
nung, seinem Willen, die Reaktion durch die Reaktion zu bekämpfen, 
zwanglos erklärte. 

Trotzdem hat er mit der englischen Ausdauer und Hartnäckig- 
keit, die ihm eigen war, seine parlamentsfeindliche Politik fort- 
gesetzt, er bewirkte noch im selben Jahre 1720 die Verbannung 
des Pariser Parlaments nach Pontoise*). Hoffte er demnach trotz 
des doppelten Fehlschlages noch auf einen Erfolg? Glaubte er die 
Verbannung des Parlaments als Vorbereitung für einen neuen Schlag 
ausnützen zu können? Diese Fragen waren noch offen, als am Ende 
des Jahres 1720 das System zusammenbrach und sein Schöpfer in 
eiliger Flucht Frankreich verließ. Die Regierung scheute sich nicht, 
den engen Zusammenhang, der zwischen ihrer parlamentsfeindlichen 



verfaßte Widerlegungsschrift den Regenten umgestimmt und zur Ablehnung bewogen 
zu haben. Auch bei dem zweiten Vorstoß Laws und Dubois' im Sommer 1720 habe 
erst sein Eingreifen den Ausschlag gegeben (XVI, 306 — 313). 

1) Lemontey sieht sogar irrtümlicherweise in Dubois und dem Herzog von Force 
die wahren Urheber des Unternehmens: „Cette idfee porte trop l'empreiutc des passions 
fran^aises pour qu'on soit surpris d'apprendre qu'elle appartcnait moins aux mlditations 
de Law qu'aux suggestions de l'abb€ Dubois et du duc de la Force" (Lemontey, Bd. I, 
S. 317). 

Lacretelle hat sich schon dagegen geäußert (I, 309). Michelet behauptet im 
Gegensatz zum Abb4 Dorsanne, die Herzöge von Bourbon und Conti hätten ihrer 
«onstigen Stellungnahme entgegen das Parlament verteidigt (S. 254). Bänke stützt sich 
auaacbließlich auf den Abbfe Dorsanne (IV, 402—403). VgL ferner de Vallfee 220 bis 
222; Thiers. 53 und Courteois, 34). 

2) Sagnac in Lavisse, Histoire de France, VIII, 1. Teü, Paria 1908, 8. 156. 

3) Wahl, Vorgeschichte, I, 8. 155. 
4} 8alnt-8imon. XVI, 8. 313. 



Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. U7 

Haltung und der Persönlichkeit Laws bestand, offen einzugestehen. 
Am 16. Dezember 1720 — demselben Tage, an dem Law auf seiner 
Besitzung Guermande den Wagen der Madame de Prie bestieg, um 
unter dem Decknamen eines Mr. du Jardin nach Brüssel zu flüch- 
ten i) — erging eine königliche Deklaration, die das nach Pontoise 
verbannte Parlament in die Hauptstadt zurückberieft). 

Auch die Zeitgenossen haben diesen Zusammenhang nicht be^ 
zweifelt. Nirgends tritt dies deutlicher zutage, als in dem Zorn, der 
Montesquieu gegenüber Law erfüllte; was menschlich um so begreif- 
licher ist, als die drohende Durchführung des zentralistiscb -abso- 
lutistischen Eeformplans, die Abschaffung der intermediären Ge- 
walten, auch den Präsidentenstuhl Montesquieus am Bordelaiser 
Parlament wanken ließ. Mit tiefinnerer Erregung, die niemand mit 
seiner sonstigen Lebhaftigkeit verwechseln wird, und mit einem 
deklamatorischen Klang, der in seinen Schriften nur selten begegnet, 
hat Montesquieu im Esprit des Lois Law angeklagt, „die Verfassung 
Frankreichs" gebrochen zu haben und ihn als „einen der stärksten 
Förderer des Despotismus, den Europa jemals gesehen hat", für die 
Nachwelt an den Pranger gestellt 3). — 

Li noch größeren Dimensionen war der dritte Plan gedacht: 
Laws Kampf gegen die Güter der toten Hand, gegen Kirche und 
Korporationen. 

Wie der Chronist der Eegentschaft, Buvat, erzählt, war das 
Conseil im Januar 1720 mit der Frage beschäftigt, wie es die ,,Gens 
de Mainmorte" zum Verkauf aller seit dem Jahre 1600 gemachten 
Erwerbungen zwingen könnte: „On s'occupoit au Conseil ä chercher 
les moyens d'obliger les Gens de Mainmorte a vendre les acquisitions 
qu'ils avoient faites depuis l'annee 1600 de quelque nature qu'elles 
fussent"*). 

Ein umfassender Säkularisierungsplan. — Unter dem Vermögen 
der toten Hand verstanden die Franzosen — wie die deutsc|ien 



1) Vgl. Wiston-Glynn, 194. 

2) Die ursächliche Verknüpfung der Ereignisse verdeutlicht kein Dokument besser 
als die nüchterne Tagebuchnoiiz des Abb§ Dorsanne: „Le Lundi 16 Dfecembre la D6cla- 
ration pour le retour du Parlement ä Paris fut envoy§e & Pontoise, et le Vendredi 
suivant il y eut audience h. Paris ä la Grand Chambre. Dans le mßme temps la dis- 
gräce de Law §clata. 

M. le Pelletier de la Houssaie fut fatt Controlleur Gfenferal; il vouloit faire 
arröter Law" (Dorsanne, II, S. 50). 

3) Montesqieu, Esprit des Lois II Kap. 4: 

„M. Law, par une ignorance 6gale de la Constitution r^publicaine et de la mon- 
archlque, fut un des plus grands promoteursdudespotisme que l'on eut 
encore vus en Europe. Outre les changements qu'il fit, si brusques, si inusit^s, si 
inouis, il vouloit 6ter les rangs interm^diaires, et an^antir les corps 
politiques: il dissolvoit la monarchie par scs chim^riques remboursements, et sem- 
bloit vouloir racheter la Constitution mktne." 

4) Bibl. Nat. Ms. fr. 13691 — 13 693. Memoire pour servir ä l'histoire, on Journal 
de ce qui s'est pass6 de plus consid^rable pendant la K^gence du feu Mgr. le duc 
d'Orlfeans ... par J. Buvat: Ms. fr. 13 692 f. 133 recto (Janvier 1720). In einem 
zweiten Exemplar des Journals ist die angeführte Stelle mit ähnlichen Worten wieder- 
gegeben (BiW. Nat. Ms. fr. 10 281 — 10 284; und zwar 10283, f. 1134). 



J^J^g Fritz Karl Mann, 

Rechtsgelehrten — nicht nur die Güter der Kirche, Abteien und 
Klöster, sondern weiter noch die Güter der Korporationen, Stif- 
tungen und sonstigen juristischen Personen. Das Projekt ihres 
zwangsweisen Verkaufes betraf daher ungeheure Werte. Allein die 
Bodengüter, die dem französischen Klerus am Ausgang des ancien 
regime gehörten, waren nach Chassets Bericht in der Konstituante 
(April 1790) einem Fünftel des französischen Territoriums gleich i). 
Ihr Wert wurde auf drei bis vier Milliarden geschätzt, während das 
Gesamtvermögen des Klerus im Geldwert jener Zeit sieben bis acht 
Milliarden erreicht haben dürfte^). Der Hauptleil dieses ausge- 
dehnten Besitzes war in den leizien zwei Jahrhunderten — seit 
1600 — erworben, fiel also zum wesentlichen Teil schon unter das 
von Law geplante Gesetz. 

Die volkswirtschaftliche Tragweite der Säkularisierung muß^e 
in dem Augenblick, da sich Laws System seinem Kulminationspunkt 
zubewegte, unabsehbar sein. Gewaltige Werte wurden gleichzeitig 
auf den Markt geworfen und boten dem anlagesuchenden Kapital, 
den von Law geschaffenen Banknoten und Aktien, die ersehnte Pla- 
zierung. Neuentstandene Vermögen wanderten von den Städten ins 
Land hinaus, wurden in Liegenschaften investiert und befruchteten 
die ländliche Produktion. Als zahlungsfähigster Käufer am Markt 
aber konnte nun der französische Staat, dem es an flüssigen Mitteln 
nicht mehi gebrach, die Gelegenheit nutzen, um den mächtigsten 
Grundbesitz des Landes in seiner Hand zu vereinen. Ob und in 
welchem Grade sich diese Law erwünschten Polgen einstellten, hing 
von Art und Verfahren der Säkularisierung ab. Ebenso waren auch 
je nach der Methode des Vorgehens mehr oder weniger unerwünschte 
Folgen vorauszusehen : Ein Preissturz am Markt der Bodengüter und 
zahlreicher anderer Waren und dementsprechende Verluste des 
Volksvermögens; Investierung von Börsengewinnen in Liegenschaf- 
ten, die, als Kapitalanlage, nicht als werbendes Vermögen gedacht, 
einen Ausfall der Produktion bewirkten; Emporkommen neuer durch 
das System bereicherter Elemente, ihr Eindringen in Adel und 
Beamtenschaft, eine soziale Umschichtung tiefgreifendster Art. 
Michclet, der neben Chamageran der einzige Historiker zu sein 
scheint ,der dem Projekt Laws an der Quelle begegnet war, hat 
diese Perspektiven teilweise richtig erkannt 3). 



1) Boiteau, Etat de In France en 1789, 2°'» ed., Paris 1889, S. 43. 

2) Näheres bei Wolters, Studien über Agrarzustände und Agrarprobleme in Frank- 
reich von 1700 — 1790, Leipzig 1905, 349—350, Stourm, Les financcs de l'ancicu rfegime 
et de la rfevolution, 2 Bde., Paris 1885, II, 461, Desdevises du Dezert, L'feglise et l'fetat 
en France. Paris, 2 Bde.., 1907—1908, I, S. 243. 

3) Fast die gesamte Law-Literatur hat das wichtige Piojekt fibersehen, und zwar 
deshalb, weil in der Ausgabe von BuvhIs Journal, die Campardon besorgt hat, die 
Stelle, die sich auf das Projekt bezieht, unter den Tisch gefallen ist (II, 5). Zweifellos 
Dor aus Unachtsamkeit; denn die Authentizität ist durch die fast übereinstimmende 
FftMaog beider handschriftlichen Exemplare von Buvnts Journsd sichergc»>tellt. 

Michclet hat noch Buvats Journal im Manuskript benutzt und erwähnt auch die 
nnser Projekt betreffende Stelle (S. 220). Allerdings hat er den „agrarreformatorischen 
Plan" Laws mit den übrigen Projekten zu einem unförmigen Qesamtgcbilde zusammen- 



Der politische Ideengehalt von John Luws Finanzsystera. 119 

Daran daß Law der Träger des Gedankens war, ist kaum zu 
zweifeln. War er doch im Januar 1720, soeben zum Amt des 
Generalkontrolleurs gelangt, auf der Höhe seiner Macht und zum 
mindesten in innerpolitischen Fragen der verantwortliche Leiter. 

Auch Struktur und Inhalt des Planes weisen auf Law als den 
geistigen Urheber zurück. Die Beseitigung der Parlamente und die 
Mobilisierung der manus mortua sind nur zwei Seiten derselben 
Konzeption : Enteignung der mit dem Staat rivalisierenden Mächte 
durch das im Ueberfluß vorhandene neugeschaffene Kapital. Ein 
Aufstieg der politischen Macht des /Königs und des von ihm reprä- 
sentierten französischen Staates ging voran; es folgte eine Maß- 
regel, die gewaltige Werte in der Hand des Königs vereinigte, ihm 
den mächtigsten Grundbesitz des Landes zu eigen gab und damit 
der wirtschaftlichen Basis des Staates ein ungekanntes Ferment 
verlieh. 

Ebenso ist die Technik der Säkularisierung ein echter Sproß 
Lawschen Geistes. In seiner Finanzpolitik hatte er versucht, durch 
Notenemission den Staat von allen ihn drückenden Schulden und 
Verpflichtungen zu befreien. . Die Umwandlung der Parlamente in 
königliche Kommissionen sollte durch Rückkauf der Aemter er- 
folgen. Nirgends griff Law wie andere Heißsporne seiner Zeit zur 
Konfiszierung 4es Privateigentums. Hier und dort waren Banknote 
und Aktie die bewährten Führer, um dem Staat zu der ihm not- 
wendig erscheinenden Machtfülle zu verhelfen. Aus den Vorschlägen 
klingt uns jenes Selbstvertrauen und jene Ueberheblichkeit eines 
rasch Emporgekommenen entgegen, der im Besitz seines gefüllten Beu- 
tels kein ehrgeiziges Ziel für tu fern und für ihn unerreichbar hält. 

Wenige Ideen, die Law in die Praxis umsetzte, hatten für das 
französische Volk einen bestechenderen Reiz als der Gedanke, mit 
<ien neugeschaffenen flüssigen Mitteln die alten Verbindlichkeiten 
des Staates zurückzuzahlen. Vielfach erschien er ihm als die Quint- 
essenz des Systems. Nachdem Law kurz vor seiner Ernennung, 
zum Generalkontrolleur zum Katholizismus übergetreten war, hatte 
ihn der geistvolle Abbe Terrasson einmal gefragt, ob er nicht daran 
denke, auch die katholische Religion später „zurückzuzahlen". Wor- 
auf Law launig und schlagfertig erwiderte: die katholische Kirche 
sei viel zu klug, als daß dies Mittel verfinge; die Kirche nehme kein 
Papier, sondern nur bares Geld^). Noch verächtlicher hat ein an- 
derer, .der schwerverschuldete Graf von Revel, gelegentlich zu Law 
gesagt : das System wäre vorzüglich, aber ihm längst bekannt ; denn 
in deinem ganzen Leben habe er stets Zettel ausgestellt, ohne zu 
wissen, wie er sie bezahle 2). 

geknetet, da« den wahren Sachverhalt entstellt wiedergibt. Deshalb ist es niclit weiter 
verwunderlich, wenn Michelet auf Grund von Laws Absichten zu dem Schlußergebnin 
gelangt, daß Law zweifellos den Verstand verloren habe (8. 221). Vgl. Clamngeran, 
III, S. 201. 

1) D'Alembert, Histoire des Mcmbres de l'Acad^mie fran9oi8e, Bd. V, Amstcrdan^ 
1787, 8. 380—381 (filoge de Jean Terrasson). 

2) Marals, I, 8. 401. 



120 Fritz Karl Maön, 

Michelet hat von Laws Säkularisierungsplan behauptet, er sei 
schon „ganz ein Neunundachziger" gewesen i). Das kann verwirren. 
Wir müssen uns vielmehr bewußt bleiben, daß Law auch in diesem 
Falle — wie bei seinem Unternehmen gegen Ratskollegien und 
Parlamente — Fäden weiterführt, die unter Ludwig XIV. ange- 
sponnen waren. Aus der Lehre von dominium eminens, aus dem 
von Ludwig stets eifrig .gewahrten Königrecht, zum Wohl des 
Staates über geistliche und weltliche Güter frei zu verfügen 2 ), ergab 
sich vOn selbst die Zulässigkeit einer Maßregel zur Beschränkung 
der toten Hand. 

In der Tat wurden die ersten Anläufe zur Säkularisierung be- 
reits im Zeichen des Absolutismus des 17. Jahrhunderts getan. Von 
den Generalständen von 1614 gingen sie aus, wurden von Richelieu 
und Colbert (1662) wieder aufgenommen. Schroffer als Law, dachte 
der Marschall Vauban sämtliches Kloster- und Kirchengut ohne 
Entschädigung mit dem Staat zu „vereinigen" 3). Eine anonyme 
Schrift, die zwischen 1713 und 1719 erschienen ist, also zeitlich der 
Wirksamkeit Laws in Frankreich nahe steht, beschränkte sich nicht 
nur auf die Säkularisierung, sondern forderte außerdem, daß der 
Eintriti in die Klöster nur denjenigen Männern und Frauen ge- 
stattet werde, die zuvor ihr gesamtes gegenwärtiges und zukünftiges 
Vermögen dem König übereignet hatten*). 

Obwohl diesen Versuchen ebenso wie dem Unternehmen Laws 
ein Erfolg versagt blieb, .kam der Kampf gegen die Kirchengüter 
nicht mehr zur Ruhe. Die Einsicht in die Unzweckmäßigkeit 
ihrer Bewirtschaftung und in die Ungerechtigkeit der Bodenvertei- 
lung war bereits zu allgemein, zu tief in den Zeitgeist eingegraben. 
Das individualistische Denken, das seit der Mitte des 18, Jahr- 
hunderts die öffentliche Meinung immer bewußter durchdrang, 
schürte den Kampf und hob ihn zum Rang einer geistigen Zeit- 
bewegung empor. Denn der Individualismus richtete sich gegen die 
Korporationen schlechthin, ebenso gegen Klerus und Adel, wie gegen 
die Genossenschaften der Arbeiter, die Zünfte der Handwerker, die 
Kaste der Richter. Keine Kraft, die dem Staatsganzen gehörte, 
sollte in Zukunft von Verbänden irgendwelcher Art für sich bean- 
sprucht sein 5). Deshalb der Widerhall, den Montesquieus Ruf: 
„Arretez la main-morte, s'il est possible''^), den Voltaires Forde- 



1) Michelet, S. 220. 

2) Clement LXI, Note 1. Noch im Jahre 1710, als der Zehnte eingeführt wurde, 
ließ sich der König auf Rat des Abb6 Le Tellier das Recht von der Sorbonne aus- 
drncklich bestätigen. 

3) Vgl. meine Schrift „Der Marschall Vauban usw.", S. 85 ff. 

4) G. Lacour-Gayct, Un utopiste inconnu: Les codicilles de lyouis XIII. Revue 
des ^tudes historiques, Bd. LXIX, 1903, S. 5—50, vgl. besonders S. 24—26. Aehn- 
liehe Vorschläge formulierten aucti die zahlreichen Denkschriften, die — Gegenstücke 
der Cahiera von 1789 — im Beginn der Regentschaft aus allen Gegenden Frankreich» 
der Regierung zugingen. 

5) Vgl. hierzu Wolters, 8. 358. 

6) Eaprit des Loia XXV, Kap. 5. 



. Der politische Ideengehalt von John Laws Fiuanzsystem. ^21 

rung, die Einkünfte der Klostergüter und der kirchlichen Bene- 
fizien, die ja nur „ein Teil des Patrimoniums" wären, für Staats- 
zwecke zu verwenden 1), in der breiten Oeffentlichkeit fand. 

Eine Etappe im Kampf gegen die Kirchengüter bedeutete 
Machaults Edikt vom August 1749, das insoweit auch Laws Ge- 
dankengänge erneuerte, als es die Neuerwerbungen der Kirche, die 
seit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ohne königliche Go 
neJimigung erfolgt waren, für nichtig erklärte und die Verfügung 
über sie dem König anheimstellte 2). 

Noch wirksamer griff die zwei Jahrzehnte später gebildete 
„Commission des reguliers" ein, der unter dem unscheinbaren Titel 
einer Reform die Befugnis gegeben war, die Klöster sowohl zusam- 
menzulegen, wie aufzuheben 3). Eine schnelle Abnahme der Ordens- 
leute war die Folge. In den letzten Jahrzehnten vor der Kevolution 
sollen die französischen Klöster ein Drittel oder die Hälfte ihrer 
Bewohnerzahl eingebüßt haben*). 

So war das Ziel schon näher gerückt, als schließlich die Na- 
tionalversammlung den letzten und weitesten Schritt tat und in dem 
bekannten, von Talleyrand und Mirabeau unterstützten Expropri- 
ationsgesetz vom 2. November 1789 und in dem Gesetz vom 
13. Februar 1790 sowohl sämtliches Kirchengut der Nation zur 
Verfügung stellte als auch die geistlichen Orden und Kongregationen 
für alle Zukunft verbot 5). — 

Die Kreise des Individualismus des 18. Jahrhunderts über- 
schneiden sich hier mit der absolutistischen Staatsauffassung, die im 
17. Jahrhundert Ludwig XIV. und nach seinem Tode noch Law 
vertrat. Was der Absolutismus aus der Lehre des dominium eminens 
gefolgert hatte, leitete aus einer anderen Prämisse, aber mit ähnlicher 
praktischer Nutzanwendung der Individualismus aus dem Recht 
des Einzelnen her. Mochte das Naturrecht die Grenzen der Staats- 
gewalt weiter oder enger ziehen, mochte es den Staat aus Herr- 
schaftsvertrag oder Gesellschaftsvertrag erklären : immer ergab sich 
die Forderung, daß dem einmal geschaffenen Staat die höchste 
Machtfüllc zufallen sollte^). In diesem Geist hat der Advokat Buzot 
schon am 6. August 1789 in der Nationalversammlung erklärt, daß 
jegliches Kirchengut als Eigentum der „Nation" anzusprechen 
wäre'^). 

Daß zwischen Law und der Eevolution insoweit eine äußere 
Uebereinstimmung bestand, darf uns über den tieferen Zwiespalt 
nicht täuschen. Beide wünschen Vereinfachung der Verwaltung und 

1) Voltaire in seinem im Jahr 1750 erschienenen Pamphlet „La voix du sage et 
du peuple". Oeuvre», XXIX, 8. 11 — 18, 

2) Isambert, XXII, S. 226—235 (Art. 12 und 13 des Edikts). 

3) Isambert, XXII, 8. 476—482, Edit concemant les ordres religieux, Ver- 
sailles 1768. 

4) Vg. Wolters, 8. 334—336 und 349. 

5) Desdevises du Dezert, I, 8. 264—270 und 288—289. 

6) O. Jellinek, Allgemeine 8taatslebre, 2. Aufl., Berlin 1905, S. 319. 

7) Desdevises a. a. O., J, 8. 26. 



122 Fritz Karl Mann, Der politische Ideengehalt von John Laws Finanzsystem. 

Verstärkung der höchsten Instanz; deshalb hat die Revolution sich 
nicht nur damit begnügt, die Macht der Kirche zu zertrümmern, 
sondern — auch hier Forderungen Laws verwirklichend — den 
noch bestehenden Kollegialbehörden und den intermediären Gewalten 
des alten Frankreichs das Lebenslicht ausgeblasen. Beide erstreben 
die Ueberwindung des fürstlich-ständischen Dualismus, des Gegen- 
satzes von „rex" und „regnum" durch den zentralisierten Einr 
Jieitsstaat 

Indessen blieb es nur eine Gemeinsamkeit des politischen Pro- 
gramms, wie sie zu allen Zeiten zwischen heterogenen Parteien mög- 
lich ist, ohne die Eigenart der Staatsauffassung zu berühren. Von 
der politischen Ideenwelt John Laws führt keine Brücke zu den 
naturrechtlich-individualistischen Ideen von 1789. Die innere Gegen- 
sätzlichkeit beider Anschauungsweisen kann nicht kräftig genug 
unterstrichen werden. Immerhin müssen wir festhalten, daß auch 
Law zu seinem Teil den politischen Prozeß der ,,Zcrreibung der feu- 
dalen Gewalten"!) befördert hat und dadurch — unbewußt einem 
höheren Zwecke dienend — die notwendigen Vorbedingungen schaffen 
Jialf, uni die Periode ständischer Schichtung in die Zeit staatsbürger- 
licher Freiheit hinüberzuführen. 



1) G. Jcllinck a. a. O., S. 317. 



Miszellcn. • 123 



Miszellen. 



V. 

Bemerkungen zur Geldschöpfungslehre '). 

Von Dr. Friedrich Bcndixen. 

I. Geld und Kaufkraft. 

Da die Geldschöpfung 2) Kaufkraft erzeugt, Kaufkraft aber, wenn 
sie sich betätigt, auf die Preise wirkt, so bedarf sie der wissenschaft- 
lich fundierten gesetzlichen Regelung. — Aus dieser ratio ergibt sich, 
daß, wo die Geldschöpfung nicht auf die Preise wirkt, sie nicht durch 
gesetzliche Regelung eingeschränkt zu werden braucht. Dafür Haupt- 
beispiel: die Geldschöpfung an den Quartalsterminen zur Abwicklung 
von Miete- und Zinszahlungen, sowie von Kapitalumsätzen (Stoff für 
eine besondere Abhandlung). 

Ich habe die leitende Regel der Geldschöpfung wiederholt so for- 
muliert, daß Geld, das bestimmt sei, kaufend zu Markte zu gehen, 
nicht geschaffen werden dürfe, wenn nicht zugleich eine entsprechende 
Warenvermehrung vorliege. Darauf sind zwei Einwendungen möglich: 

1) Kauft denn das Geld? und 

2) Kauft denn das Geld? 

Zu 1 : Nein, nicht das Geld ist es, das kauft. Das Geld ist nur 
die Legitimation des Käufers und kauft weder, noch hat es „Kauf- 
kraft". (Darüber Näheres unter IL) Wenn ich von dem Gelde spreche, 
das kaufend zu Markte geht, so meine ich die Verwendung des Geldes 
zum Zwecke des Kaufens von Konsumgütern im Gegensatz zur Ver- 
wendung des Geldes zu Abrechnungszwecken. 

Zu 2 : Kauft denn das Geld? — Diese Frage ist nicht einfach 
durch ein Wort der Auslegung aus der Welt zu schaffen. Mit Recht 
kann gesagt werden: Mit dem Gelde kauft man nicht; mit dem Gelde 
zahlt man. Der Kauf ist fertig mit der Einigung über Ware und 



1) Vgl. aus meinen Schriften: 

Wesen des Geldes, 2. Aufl. §§ 7—11 und S. 79—83. 
Geld und Kapital, S. 54-62. 

Währungspolitik und Geldtheorie im Lichte des Welt- 
kriegs, 2. Aufl. 8. 64—81. 
Das Inflationsproblem, 8. 11 — 14 und 30—33. 

2) „Geldschöpfung" ist die Verdeutschung von Geldkreation. Das dazu gehörige 
Zeitwort heißt: schaffen, schuf, geschaffen, nicht: schöpfen, schöpfte, geschöpft. — 
„Geldschaffung" würde so viel heißen wie Herbeischaffung von (vorhandenem) Geld, 
wozu das Zeitwort lautet: schaffen, schuffte, geschafft. Ich bin leider nicht mehr be- 
rechtigt, diese Bemerkung fiir überflüssig su halten. 



]^24 • Miszellen. 

Preis ; das Zahlen ist die Entrichtung der Geldschuld und steht wie 
die Lieferung der Ware jenseits des Vorganges, den wir als Kauf be- 
zeichnen. — Das ist richtig, aber doch nur juristisch gedacht. Die be- 
griffliche Trennung zwischen Vertrag und Erfüllung interessiert den 
Oekonomisten nicht. Er faßt nicht den rechtlichen, sondern den tat- 
sächlichen Vorgang ins Auge, und der besteht darin, daß der Käufer 
die Ware bekommt und dagegen Geld hingibt. Vom ökonomischen 
Standpunkt ist daher das Zahlungsmittel zugleich Kaufmittel. Hin- 
gegen macht der Oekonomist eine Unterscheidung, die wieder der Jurist 
nicht kennt. Er unterscheidet zwischen Ware und Preis nach ihrer 
wirtschaftlichen Verschiedenheit und erblickt im Gelde nicht ein© 
Art Ware, sondern die Legitimation des durch eine Vorleistung er- 
worbenen Anspruchs (die in der Hand des Empfängers als Bescheini- 
gung über dessen Leistung und den darauf begründeten Anspruch 
auf Gegenleistung den gleichen Dienst verrichtet. — Wesen des 
Geldes. § 7.) 

Die Oekonomisten aber interessiert nicht nur das also bestimmte 
Wesen des Geldes, sondern auch die Höhe des Preises. Hier könnte 
der hospitierende Jurist uns zurufen: „So müßt ihr also doch zwischen 
Vertrag und Erfüllung unterscheiden, denn so viel ist offenbar, daß die 
Höhe des Preises nicht durch die Zahlung, sondern durch den Ver- 
tragsabschluß, durch die Annahme des geforderten oder gebotenen 
Preises bestimmt wird." Damit hat er recht, und der Oekonomist 
sollte dessen eingedenk sein. Aber er darf erwidern, daß die Preise,, 
die die Käufer bieten oder zugestehen, von der Kaufkraft abhängen, 
über die sie verfügen, und die ihre Verkörperung findet in dem Gelde, 
das sie zu geben willens sind. So bestimmt also das Geld als Kauf- 
mittel auch die Preishöhe. 

Daraus folgt indessen nicht, daß nun das konkrete Geld, die indi- 
viduellen Zahlungsmittel in der Tasche des Käufers, der letzte Grund 
von dessen Kaufkraft seien. Hier scheidet sich von denen, welche 
das Wesen der Wirtschaft im Besitzen und Tauschen und im 
Gelde das Tauschgut und den letzten Grund der Kaufkraft erblicken, 
die Anschauung derer, die unsere Wirtschaftsverfassung als Produk- 
tions- und Konsumgemeinschaft auffassen und im Gelde nur das Mittel 
sehen, das dem Wirtschaftenden die Gegenleistung verschafft, auf die 
er sich durch seine Vorleistung Anspruch erworben hat. Ein dienen- 
des Werkzeug kann nicht Kaufkraft begründen. Der Grund der 
Kaufkraft ist die Vorleistung; die Wertberechnung (Preisausdruck) aber 
erfolgt vermittelst der abstrakten Werteinheit, welche das dogmatische 
Prius gegenüber dem Gelde als Zahlungsmittel ist i). 

Die Kaufkraft und die Preise hängen ab von der durch die Zah- 
lungsmittel bescheinigten Vorleistung des Käufers. Wer aber sorgt 
dafür, daß solche Zahlungsmittel in dem durch die Vorleistungen be- 
stimmten Umfange den Käufern zur Verfügung stehen? Dafür sorgt die 



1) Vgl. Bendixen: „Vom theoretischen Metallismus", in diesen „Jahrbüchern", 
IIL F. 57. Bd. S. 497 fg., unter III. S. 505 fg., ferner „Währungspolitik usw." S. 122 fg. 



Mis/ellen. 125 

Organisation der Zahlungsgemeinschaft, der Staat und die Banken. Und 
zwar so zweckmäßig, daß in einem wohlgeordneten Geldwesen der Ge- 
danke au eine etwa mögliche Unstimmigkeit zwischen Kaufkraft und 
Geld den Wirtschaftenden gar nicht ins Bewußtsein tritt. Wo aber 
in unruhigen Zeiten das normale Geld verschwindet oder nicht aus- 
reicht, da tritt nicht etwa ein Preisfall ein — wie es der Fall sein 
müßte, wenn Geld Tauschgut wäre — , sondern man behilft sich mit 
Notgeld 

Der Staat versorgt die Kassenbestände, deren Höhe die Wirt- 
schaftenden nach ihrem Bedarf, d. h. nach den Preisen bemessen (vgl. 
im folgenden unter IV). Die Preise hängen also nicht von der Menge 
des Geldvorrats, sondern das Geld, die Kassenbestände, von der Höhe 
der Preise ab. » 

Seltsames Ergebnis! Vorhin stellten wir fest, daß der Geldbetrag, 
über den die Käufer verfügen, die Preishöhe bestimmt. Jetzt «oll 
wieder die Geldmenge von den Preisen abhängen! „Nun ja", läßt sich 
die schnellfertige falsche Erklärung vernehmen, „Preise und Geld stehen 
eben in Wechselwirkung miteinander". Die richtige Lösung dieser 
scheinbaren Antinomie lautet anders. Man darf das Darstellungsmittel 
nicht mit dem dargestellten Gegenstand verwechseln. Im ersten Fall 
war Geld: Kaufkraft dargestellt in Geld; und die Kaufkraft war es, 
die die Preise bestimmte. Im zweiten Fall ist Geld Material, um Kauf- 
kraft darzustellen. Wir werden unter IV sehen, daß dazu die Kassen- 
bestände nicht nach Maßgabe ihres Inhalts, sondern nach Maßgabe der 
Vorleistungen Verwendung finden^). 

Die Vorleistung begründet die Kaufkraft. — Von anderer Seite 
hat man gemeint, die Kaufkraft beruhe auf dem Vermögen. Daran 
ist so viel richtig, daß der Wohlhabende auch auf Kredit kaufen kann. 
Ist deshalb das Geld bei ihm weniger Kaufmittel ? Auch wer Kredit 
hat, muß einmal zahlen, und der Zeitunterschied ändert nichts daran, 
daß das Geld als Kaufmittel gegeben und genommen wird. 

Noch ein Wort über die Verwendung des Geldes zu Kapitalum- 
sätzen. Geld ist seinem wirtschaftlichen Wesen nach Anweisung auf 
Konsumgüter, nicht auf Kapitalgüter. In der Hingabe gegen ein 
Kapitalgut erfüllt es nicht seinen Daseinszweck. So wandert das Geld 
für Kapitalumsätze, das flüssige Kapital, unversehrt und nur zahlungs- 
technisch, ni(ht ökonomisch verwendet, zurück an die Stelle, wo es 
hergekommen. 

Der Unterschied in der Verwendung des Geldes ist scharfer Be- 
leuchtung wert. Auf der einen Seite die Summen, die im Produktions- 

1) Statt Qeld als dargestellte Kaufkraft und Geld als Darstellnngsmittel für 
Kaufkraft kann man auch betätigte und unbetätigte Kaufkraft unterscheiden. 
Wichtig ist nur die Erkenntnis, daß das Geld der Kassenbestände, auch wenn es 
umläuft, unbetätigte Kaufkraft darstellt. Denn ob ich aus dem Kassenbestand zahle 
und diesen aus den Eingängen desselben Tages wiederauffülle, oder ob ich den Kassen- 
bestand nicht berühre und zum Zahlen nur das eingehende Geld verwende, ist bloß ein 
technischer, kein die Kaufkraft berührender ökonomischer Unterschied. Beim Girover- 
kehr, wo alle Zahlungen eines Tages auf einen Augenblick konzentriert werden, fällt 
der Unterschied ja überhaupt weg. 



226 Mi 8 Zeilen. 

prozeß benötigt werden: sie zerteilen sich in die kleinsten Mengen als 
Arbeitergroschen und laufen dann wieder durch die Hände der Krämer, 
Großhändler usw. in größeren Summen zurück zu den Banken. Anderer- 
seits : die flüssigen Kapitalien, die nur vorübergehend zu Abrechnungs- 
zwecken gebraucht werden und unverändert in wenigen Tagen zu den 
Banken heimkehren, um zu ihrem eigentlichen Zweck, der Verwendung 
in der Unternehmung, bereit zu sein. Ein Unterschied, so scharf und 
klar, und doch unbekannt der Gesetzgebung, unbeachtet von der Bank- 
politik und unerforscht von der Wissenschaft, die die Beziehung des 
Geldes zur Produktion nicht richtig gewürdigt hat. 

II. Geldmenge und Umlaufsgeschwindigkeit. 

Von dem Boden unserer Geldauffassung aus ist es schwierig 
sich im Geiste hineinzuversetzen in die metallistische Gedankensphäre, 
wo man aus Geldmenge und Umlaufsgeschwindigkeit die Preisbildung 
erklären will. Man muß dazu sich vorstellen, daß das Geld Tauschgut 
sei, und ein Austauschverhältnis zwisclien Geld und Waren in derselben 
Weise bestände, wie es vor der Einführung des Geldes in den Zeiten 
des Naturaltausches zwischen den verschiedenen Gütern stattgefunden 
haben mag. Man muß ferner jeden Gedanken einer Beziehung zwischen 
dem Gelde und der Produktion einerseits und der Konsumtion anderer- 
seits reinlich ausscheiden und das Wesen der Geld Wirtschaft allein im 
Besitzen und Tauschen erblicken, also sich den Wirtschaftszustand ver- 
gegenwärtigen, den etwa rohe Naturvölker, denen Wohnung, Kleidung 
und Nahrung von selbst zuwachsen, beim Tausch überflüssiger Dinge 
verwirklichen. Der Begriff der Werteinheit, mit der der moderne 
Mensch rechnet, ohne dabei an die Zahlungsmittel und ihre Beschaffen- 
heit zu denken, muß ebenfalls unter dem Horizont der wissenschaft- 
lichen Betrachtung des Geldes bleiben Kurz — „zurück zur Urnatur" 
heißt die Losung für den Theoretiker der „Geldmenge und Umlaufs- 
geschwindigkeit". Geld ist geformtes Edelmetall, sagen wir Gold, und 
Gold ist der Schatz, an dem alles hängt, nach dem alles drängt, und 
von dessen Herrlichkeiten alle Menschen eine so lebhafte Empfindung 
haben, daß sie einmütig sind in der Hochschätzung des Goldes und 
in dem Grade der Bewertung dieses „allgemein beliebten Gegenstandes" 
(Diehl). 

Wenn es uns gelingt, uns auf diesen vorzeitlichen Standpunkt 
zurückzuschrauben, so werden wir zugeben müssen, daß der Gedanke, 
die Preise aus der Menge des Geldes und seiner Umlaufsgeschwindig- 
keit zu erklären, etwas Einleuchtendes hat. Wir denken uns den 
Tauschmarkt, auf welchem Geld(Gold-)be8itzer mit Warenbesitzern zu- 
sammentreffen. Geld einerseits, die Waren andererseits halten sich die 
Wage. P.M= G, sagt der mathematisch erleuchtete Nationalökonom, 
wobei P Preis, M Warenmenge und G Geldmenge bedeutet. Allein 
damit hat er nur die Geldmenge berücksichtigt. Die muß aber multi- 
pliziert werden mit U (ümlaufsgeschwindigkeit), denn Vergrößerung der 
Umlaufsgeschwindigkeit ist so gut wie Vermehrung der Geldmenge. 



Miszellen. 127 

Also schließt er: P.M = G.ü, und hält das für eine Erklärung oder 
für die Quelle einer Erkenntnis. 

Solche Typisierungen und Formulierungen mögen harmlosen Ge- 
mütern als überzeugende Darstellungen menschlicher Verkehrsbeziehungen 
erscheinen ; in Wahrheit sind sie lebensfremd und irreführend. Sie be- 
ruhen auf der mechanischen Auffassung, daß die Güter sich unterein- 
ander Hustauschten, nach ihren Mengen sich gegeneinander abwögen,^ 
und der Mensch dabei höchstens zu messen und zu wägen hätte, als 
ob das Geld, und nicht der Mensch kaufte. 

Wer kauft? Nicht das Gold oder das Geld, sondern der Mensch. 
Und er kauft nach Maßgabe seiner Leistungen, nicht nach seinem 
Besitz. Die Quelle seiner Kaufkraft ist nicht, wie in den Märchen, 
ein Schatz an Edelmetall, in den er beliebig hineingreifen könnte, 
sondern die „Vorleistung" an Arbeit oder Kapitalhingabe (Lohn, Ge- 
winn, Zins). Diese Erwägung entzieht der ganzen primitiven Markt- 
vorstellung — mit der merkwürdigerweise auch ein Denker vom Range 
Schumpeters ^) operiert — den Boden. Das Geld ist nur das Mittel 
zum Kauf. Der Umfang der Kaufkraft aber bestimmt sich nach den 
Leistungen. 

Die „Umlaufsgeschwindigkeit" ist keine Erscheinung des Geld- 
wesens, aus der sich irgendwelche Schlüsse ziehen lassen. Schon der 
Begriff ist verkehrt. Er ist gebildet, indem man menschliche Tätig- 
keit zur physischen Eigenschaft einer Sache umdichtote, ein wissen- 
schaftlich ganz unerlaubtes Verfahren, — und er verdankt seine Ent- 
stehung den ebenso beliebten wie hilflosen Versuchen, den Geheim- 
nissen des Geldes durch Einführung naturwissenschaftlicher oder mecha- 
nisch-technischer Begriffe beizukommen. Damit bringt man es aber 
nur entweder zu umschreibenden Selbstverständlichkeiten oder zu Ab- 
surditäten. Gewiß ist es nicht falsch, wenn der Volkswirt die Preise 
mit der Summe des gezahlten Geldes gleichsetzt, und diese Summe in 
die verwendete Geldmenge und die Häufigkeit ihrer Verwendung („Um- 
laufsgeschwindigkeit" oder „Effizienz", wie Schumpeter vorschlägt) zer- 
legt; wie es auch einem Gastwirt unbenommen bleibt, den Bierkonsum 
(B) mit dem Raumgehalt seiner Bierkrüge (K), multipliziert mit deren 
ümlauffegeschwindigkeit (vom Schenktisch zum Gast, von diesem zur 
Aufwäsche und von dort wieder zum Schenktisch) gleichzusetzen 
und B = K . U zu formulieren. Der Unsinn beginnt erst , wenn aus 
diesen Formen Schlüsse auf die „Kaufkraft des Geldes" und die 
„Trinkkraft des Bierkruges" gezogen werden, wenn man sich einbildet, 
aus diesen mathematischen Gleichungen die Folgerung ziehen zu dürfen, 
daß P . M und B von G . U und K . U abhängig seien, und daß man 
die Preise der Waren aus dem Gelde und seiner „Umlaufsgeschwindig- 
keit" erklären könne, und der Bierkonsum aus dem Raumgehalt der 
Krüge und dem Fleiße der Spülmädchen abzuleiten wäre. — Möge die 
Einsicht, daß man die Vorgänge des wirtschaftlichen Leben» nicht un- 



1) In dem ideenreichen Aufsatz „Daa Sozialprodukt und die Rechenpfennige". 
Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 44, Heft 3, S. 668. 



-£28 Miszellen. 

gestraft in mathematische Formeln preßt, unsere Wissenschaft bald 
von diesen Verirrungen und zugleich auch von dem logischen Monstrum 
befreien, das sich „Kaufkraft des Geldes" nennt und schon viel zulange 
die geldtheoretischen Gefilde unwirtlich macht. 

Der irrige Glaube, daß man die Geldmenge nur zu vermindern 
brauche, um die Preise zu drücken und die Valuta zu heben, hat 
neuerdings die Tscheche-Slowaken verleitet, die Hälfte des Papiergeldes 
und der Guthaben zu konfiszieren. Erfolg können sie damit nur haben, 
wenn sich die Arbeiter aller Art mit den halben Löhnen zufrieden 
geben. Dazu werden diese schwerlich zu bringen sein, und zwar selbst 
dann nicht, wenn zugleich alle Warenpreise auf die Hälfte herunter- 
gingen, was gewiß nicht geschehen wird. Denn der Verkäufer seiner 
Arbeitskraft verteidigt seinen Preis nicht minder hartnäckig wie der 
Warenhändler, und nur das Gesetz von Angebot und Nachfrage be- 
stimmt die Preisentwicklung. Das heißt aber: Nicht die Menge der 
toten Geldzeichen, sondern der lebendige Mensch im Produktionsprozeß 
ist es, der da kauft und Preise schafft. Der Weg zum Abbau der 
Löhne und der von den Löhnen abhängigen Preise führt über die 
dürre Heide der Arbeitslosigkeit und Absatzstockung. Dahin 
kann man allerdings gelangen durch Geldeinziehung und hohe Ver- 
mögenssteuern. Aber wer wird sehenden Auges solch ein Ziel ver- 
folgen! — Leider ist bei den verworrenen und verkehrten Ansichten, 
die über das Geld herrschen, die Gefahr nicht ausgeschlossen, daß 
auch wir Deutschen auf diesen Irrweg geführt werden. 

Für die Geldschöpfung gilt die Regel, keine Kaufkraft zu er- 
zeugen, die nicht in der Produktion ihre Rechtfertigung findet, da- 
gegen andererseits dem Verkehr nicht die Zahlungsmittel vorzuent- 
halten, die er ohne die Absicht, seine Kaufkraft zu vergrößern, sei es 
zu Zwecken des Zahlungsausgleichs (Quartalstermine ^), sei es für die 
Kassenbestände (s. im folgenden unter IV) in Anspruch nimmt. Wie 
groß die Geldmenge ist, die auf diese Weise geschaffen wird, ist 
keine Frage mehr, die ökonomische Bedeutung hätte, hängt vielmehr 
von kulturellen, zahlungstechnischen und sonstigen heterogenen Fak- 
toren ab (z. B. ob Tagelohn oder Wochenlohn gezahlt, ob Lohnver- 
rechnung gegen Warenlieferung erfolgt u. dgl.). Durch Kompensation 
macht man Geld entbehrlich. Der Versuch Schumpeters^), die 
Kompensation als Geldgebrauch anzusprechen, kommt auf die Behaup- 
tung hinaus, daß kein Geld auch Geld sei. 

m. Barzahlung und Giroverkehr. 

Manche fassen den Giroverkehr als ein Mittel zur Beschleunigung 
der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes auf. Das in der Bank ruhende 
Geld laufe an einem Vormittag durch zehn verschiedene Hände, nicht 
körperlich, aber dem Ergebnis nach, nämlich in Form der Giro-Zu- 

1) Vgl. in „Geld und Kapital" meine Aufsätze über die Lombard verteuerang. 
8. 115—136. 

2) In dem angeführten Aufsatz. 



Miszellen. 129 

Schriften. Danach wäre der Giroverkehr ein verfeinerter Barverkehr. 
Für richtig kann ich diese Auffassung nicht halten. Schon deshalb 
nicht, weil das Geld, das angeblich durch die verschiedenen Hände 
läuft, gar nicht körperlich bei der Bank vorhanden zu sein braucht, 
was doch wohl die Voraussetzung wäre, wenn man von Umlauf und 
ümlaufsgeschwindigkeit baren Geldes spricht. Zutreffend scheint mir 
allein die Ansicht, daß das Giralgeld neben dem körperlichen Geld ein 
Geld besonderer Art ist. Wem gegen einen diskontierten Wechsel von 
der Reichsbank 1000 M. auf Girokonto gutgeschrieben werden, der er- 
hält nicht einen Tausendmarkschein, der bei der Bank liegen bleibt, 
sondern statt des körperlichen Geldes das Guthaben. Es ist der- 
selbe Unterschied wie zwischen einer Inhaberobligation und der Ein- 
tragung ins Staatsschuldbuch — zwei technische Formen für eine und 
dieselbe wirtschaftliche Sache. Und die Girozahlung ist so wenig eine 
verfeinerte Barzahlung, wie diese eine vergröberte Girozahlung ist. 
Beide Zahlungsarten haben ihren eigenen Anwendungskreis. So un- 
zweckmäßig es ist, größere Summen, über welche Quittung erteilt wird, 
bar zu entrichten, so zweckwidrig wäre die Zahlung kleiner Beträge, 
z. B. von Wirtshauszechen, im Girowege. Es ist also eine rein prak- 
tische Frage, ob im Einzelfall das Abzählen des Geldes oder das 
Schreibwerk größere Mühe verursacht, und welcher Zahlungsweise da- 
her der Vorzug gebührt. — Die Vermeidung des Gebrauchs baren Geldes 
aus Rücksicht auf die Notendeckung der Reichsbank steht auf einem 
besonderen Blatt. 

Bargeld und Giralgeld sind sich privatwirtschaftlich gleich. In 
der Hand ihres Besitzers bedeuten beide Sorten Geld zurückbehaltene 
Kaufkraft, unerhobene Gegenleistung, und davon hält sich jeder Wirt- 
schafter ein Quantum: seinen durchschnittlichen Kassenbestand. Aber 
während das bare Geld dem Verkehr entzogen ist, steht das Giralgeld, 
oder richtiger: dessen Betrag zur Verfügung der Bank. Zwar muß sie 
darauf gefaßt sein, daß der Inhaber des Kontos Bargeld verlangt oder 
sonstwie über sein Guthaben disponiert. Aber die Erfahrung lehrt, 
welche Summen durchschnittlich stehen bleiben, und über diese kann 
die Bank Kredit gewährend verfügen. Es liegt vor Augen, welche un- 
geheuren Summen dem Geldmarkt als neues Leihkapital zuströmen 
müssen, wenn einmal ein großes Land binnen kurzer Frist von der Bar- 
zahlung zum Giroverkehr (und Postscheckverkehr) übergeht. In der 
Sprache der alten Lehre hieße das eine Vervielfachung der Umlaufs- 
geschwindigkeit des vorhandenen Geldes. Organisch gesehen ist es 
Freimachung zurückgehaltener Kaufkraft. Unverkennbar ist der Vor- 
gang nicht ungefährlich, denn die Wirtschaft war eingestellt auf die 
Zurückhaltung dieser Kaufkraft, und ihr plötzlicher Ansturm kann die 
Wirkung einer Inflation hervorrufen, wenn die Banken dem Unternehmungs- 
geist die Zügel schießen lassen. Um so mehr leuchtet ein, daß überhaupt 
die Frage, wozu die Girogelder in der Hand der Banken (und der Post) 
Verwendung finden dürfen, anders ausgedrückt: die Frage der Deckung 
der Giroguthaben, wissenschaftlicher Erörterung und gesetzlicher Rege- 
lung bedarf. 

Jahrb. ( NationalOk. u. Stat. Bd. 118 (Dritte Fotife Bd. 68i 9 



]^30 Missellen 

IV. Qeldschöpllmg und Kassenbestände. 

Es gibt, vom Staat aus gesehen, bei geregelter Wirtschaft, wie sie 
uns hoffentlich bald wiederkehrt, zwei Arten von Geldschöpfung, eine 
feste und eine elastische. Die feste bemißt sich nach Bevölkerungs- 
zahl, Wohlstand und Preisdurchschnitt, und umfaßt die staatliche Aus- 
gabe des Scheidegeldes und, neben den nicht beträchtlichen Ergebnissen 
der von Privatpersonen veranlaßten „freien Prägung" , die von der 
Reichsbank — nicht auf dem Wege des Kredits, sondern gegen Devisen 
— dem Verkehr in Gold oder Noten überlassenen Gelder. Die elastisch© 
ist die Geldschöpfung der Reichsbank auf Grund der Wechseldiskon- 
tierung und die Giralgeldschöpfung der Privatbanken , diese wie jene 
gegründet auf Kreditgeschäfte. 

Ob der Staat sich die Herstellung der Geldzeichen viel oder wenig 
kosten läßt, ob er sie aus Edelmetall oder aus Papier anfertigt, ist 
geldtheoretisch gleichgültig — (finanzpolitisch sollte grundsätzlich der 
Staat keine laufenden Ausgaben aus den Gewinnen der Geldschöpfung 
bestreiten, sondern solche Gewinne zur Tilgung von Anleihen ver- 
wenden). Der Staat also kann „Anrechte an die verkaufsreife konsum- 
tible Produktion" aus dem Nichts schaffen, während der Bürger sie 
sich durch Leistungen erwerben muß. Aber der Staat darf und sollte 
sie nicht zu seinen fiskalischen Zwecken, sondern nur im Dienste der 
wirtschaftenden Gemeinschaft schaffen. 

Der Staat hält auf Ordnung im Wirtschaftsleben. Gegen die Ord- 
nung ist es, wenn Kaufkraft entsteht, ohne daß die Waren auf dem 
Markte sich entsprechend vermehrten. Deshalb soll er nicht im Kredit- 
wege Geld schaffen, wo der Empfänger des Geldes den Nachweis der 
Warenvermehrung nicht führen kann. (Hierauf beruht es , wenn die 
Reichsbank Warenwechsel, aber nicht reine Finanzwechsel zur Noten- 
deckung verwendet.) 

Gegen die Ordnung ist es auch, wenn große Summen, die in be- 
sonderen Zeitläuften zur Vergrößerung der Kassen- und Taschenbestände 
erforderlich waren und nach Herstellung des früheren Zustandes zurück- 
fließen, als flüssige Kapitalien ausgeboten werden. Der Fall ist ähn- 
lich dem der plötzlichen Einführung des Giroverkehrs an Stelle der 
früher üblich gewesenen Barzahlung. 

Dagegen ist nichts einzuwenden gegen die Befriedigung des Be- 
dürfnisses nach notalem oder giralem Geld, wo keine Vermehrung der 
Kaufkraft in Betracht kommt, wie bei dem Geldbedürfnis der Quartals- 
termine, aber auch bei der Versorgung' der Kassenvorräte. 

Ein großer Teil der festbegebenen Geldmenge liegt in den Kassen- 
bestftnden. Diese verdienen vom Standpunkt der Geldtheorie eine ein- 
gehendere Betrachtung, als sie bisher meines Wissens gefunden haben. 

Kein guter Wirt in geordneten Verhältnissen gibt seine Barschaft 
bis auf den letzten Pfennig aus. König Friedrich Wilhelm III. pflegte 
zu sagen, jedermann sollte, wenn er alle seine Rechnungen bezahlt habe, 
mindestens 1 Taler und 8 Silbergroschen übrig behalten. Einen 
Mindestaaldo schreiben auch die Girobanken ihren Kunden vor, und 



M iszellen. \31. 

einen Mindestbetrag an Bargeld pflegt nicht nur jeder Geschäftsmann 
in seinem Betriebe, sondern auch jeder Privatmann in seiner Konsum- 
wirtschaft vorrätig zu halten. Dieser Kassenbestand ist nicht ein toter 
Fonds, kein Juliusturm, sondern wird ausgegeben wie anderes Geld, nur 
daß er selbigen Tages wieder aufgefüllt wird. Wenn einerseits der 
gute Wirt nicht überflüssig viel Geld zinslos liegen lassen will, und 
damit die Grenze seines Kassenvorrats nach oben beschränkt ist, so 
hält ihm andererseits die Möglichkeit plötzlich auftretender unvorher- 
gesehener Anforderungen und vielleicht manchmal auch eine gewisse 
Noblesse davon ab, seine flüssigen Mittel gar zu schmal zu bemessen. 
Gewiß werden hin und wieder einmal die Grenzen nach oben oder 
unten überschritten; doch darauf kommt es nicht an. Nicht ein Be- 
trag, der etwa das ganze Jahr über unberührt geblieben wäre, inter- 
essiert uns, sondern der durchschnittliche tägliche Kassensaldo, also 
eine Durchschnittssumme, von der wir annehmen dürfen, daß ihre Höhe 
der Absicht des Wirtschaftenden entspricht, der eine geringere Kasse 
trotz des Zinsverlustes nicht zu halten wünscht. Ob man sie deshalb 
Mindestkassenbestand nennen will, wie ich es früher getan, oder Normal- 
kassenbestände — ist ziemlich gleichgültig. Im folgenden nenne ich 
sie schlechthin Kassenbestand. 

Betrachten wir den Kassenbestand vom Standpunkt der Gesamt- 
heit aus, so ist es klar, daß er für das Funktionieren des Geldverkehrs 
eine unerläßliche Vorbedingung ist. In einer Wirtschaft ohne Kassen 
bestände würde Absatz und Einkauf nicht in Gang kommen können. 
Erst wenn der Staat — oder wie man sonst die Obrigkeit solcher Ge- 
meinschaft bezeichnen mag — den einzelnen Wirtschaftern Geldzeichen 
zur Verfügung stellt, so daß jeder schon kaufen kann, ehe er verkauft 
hat, geht die Verkehrsmaschine. In der Gewährung der Geldzeichen 
liegt also eine Pflicht der Obrigkeit gegen die Gemeinschaft, eine Geld- 
schöpfungspflicht. 

Das ist eine dogmatische Konstruktion; genetisch hat sich alles 
anders entwickelt. Aber die dogmatische Gestalt des historisch Ge- 
wordenen erzwingt die Anerkennung dieser Geldschöpfungspflicht. Der 
Staat muß das Geld schaffen, das der Verkehr braucht, jedoch die Be- 
dingungen, unter denen er es gewährt, mag er selber festsetzen. 

Diese Bedingungen wären in verschiedener Weise denkbar. Kon- 
struieren wir eine Wirtschaftsgemeinschaft von, sagen wir, zwölf Pro- 
duzenten, deren Tagesleistung überall gleich viel wert sein soll, und 
die jeden Abend ihre Erzeugnisse aneinander verkaufen, so würde der 
Zweck schon erfüllt sein, wenn der Staat jedem Wirtschafter den Wert 
einer Tagesleistung in Geldzeichen leihweise überließe. Dieses wäre 
das Urbild unserer modernen elastischen, auf den Wechselkredit ge- 
gründeten, Notenschöpfung. — Oder der Staat könnte für die Hingabe 
der Geldzeichen Leistungen von den Wirtschaftsgenossen in Anspruch 
nehmen. Dieses wäre der ürtypus unserer modernen festen Geldschöpfung, 
wobei es gleichgültig bleibt, ob die Geldzeichen mit Substanzwert aus- 
gestattet werden oder nicht. 

9* 



3^32 Miszellen. 

Schauen wir uns dann den Kassenbestand vom Standpunkt des 
Einzelwirts an, so erscheint er als eine Kaufkraftreserve, die bei allem 
Wechsel von Zu- und Abfluß doch eigentlich unveränderlich bleibt. 
Ein Hilfsmittel der Wirtschaft, nicht der Grund ihrer Kaufkraft! 
Durch nichts wird es offenbarer, daß der Grund der Kaufkraft die 
Leistung ist, und das Geld nur das Mittel, die durch die Leistung 
erworbenen Ansprüche zu bescheinigen. 

V. Geld als Kapital. 

Zwischen dem Gelde, das der Staat für die Kassenbestände schafft, 
und der (elastischen) Geldschöpfung auf Grund von Warenwechseln ist 
im System der Platz für das Geld oder „die Gelder", die die flüssigen 
Kapitalien bilden. Die Kassenbestände sind ersparte Kaufkraft, aber 
sie wirken nicht als Kapital in der Volkswirtschaft, sondern tun zins- 
losen Dienst. Und die Volkswirtschaft rechnet darauf, daß die in den 
Kassenbeständen verkörperte Kaufkraft nicht den Markt heimsucht, 
und bestimmt danach die Preise. Käme es anders, träte einmal un- 
vermutet auch nur die Hälfte aller Kassenbestände Waren heischend 
auf dem Markte auf, etwa weil die Leute zu der üeberzeugung kämen, 
daß die Verminderung ihrer Kassenbestände und der Ankauf von Lebens- 
mitteln aller Art notwendig oder vorteilhaft wäre, so würde der darauf 
nicht vorbereitete Markt die größten Preissteigerungen erleben. Anders 
die Geldkapitalien. Diese repräsentieren die Vorräte an Konsumtibilien, 
die ebenso auf Absatz warten, wie die Kapitalien auf den Unternehmer. 
Aus der Giralform verwandeln sie sich (durch Umtausch bei den Ban- 
ken) in die Geldstücke, in denen der Arbeiter seinen Wochenlohn em- 
pfängt. Nach Vollendung des unternommenen Werkes ist das flüssige 
Kapital verzehrt, und an dessen Stelle das feste Kapital, das Bauwerk 
entstanden. Der Unternehmer verkauft dieses und zahlt mit dem Erlöse 
das aufgenommene Kapital zurück , — vorausgesetzt, daß er einen 
Käufer findet, der ihm neues flüssiges Kapital bieten kann. Denn das 
alte Kapital, die früheren Vorräte, sind dahin, und neue Vorräte muß 
die Volkswirtschaft hervorgebracht haben, wenn der Unternehmer zah- 
lungsfähig bleiben soll. 

Der Vorgang gleicht durchaus dem Kreislauf, der, außerhalb der 
Kapitalbildung, durch die Geldschöpfung der ßeichsbank auf Grund 
von Warenwechseln entsteht. Nur ein Unterschied bleibt. Zahlungs- 
mittel schafft die ßeichsbank bei der Wechseldiskontierung nach dem 
Umfang der nachgewiesenen Kaufkraftberechtigung. Welche Stelle aber 
schafft das Geld (notale oder girale Zahlungsmittel), das die flüssigen 
Kapitalien darstellt, und das man nicht mit den Kassenbeständen ver- 
wechseln darf? In früheren Zeiten half dazu der Import der Edel- 
metalle, durch den man nicht nur privatwirtschaftlich, sondern auch 
volkswirtschaftlich Waren in Geld verwandelte. Fällt diese Hülfe weg, 
80 beachte man folgendes: Kämen als Zahlungsmittel nur körperliche 
Geldzeichen in Frage, so würden diese durch die Anziehungskraft, die 



M i s z e 1 1 e u. 133 

die Kapitalbildung auf sie ausübte, so knapp werden, daß der Staat 
sich zu einer Vermehrung der auf den Kopf der Bevölkerung entfallen- 
den Geldzeichen veranlaßt sehen würde. So wäre auf indirektem Wege 
dem Schaden abgeholfen. Nun aber sammeln sich die flüssigen Gelder 
bei den Banken in Giralform, und die körperlichen Geldzeichen bleiben 
dem Umlauf überlassen. Unter diesen Umständen ist eine besondere 
Geldschöpfung mit Rücksicht auf das flüssige Kapital entbehrlich. 

VI. Das Geld als „Anrecht". 

Das Geld stellt den Anspruch dar, den man durch seine Vorleistung 
auf die konsumtible Produktion erworben hat. — Nicht auch den An- 
spruch, den man auf Dienste erworben hat? Denn ich bezahle doch 
auch die Dienste, die man mir leistet, mit Geld. — Gewiß, aber auch 
das für Dienste hingegebene Geld erfüllt seine Bestimmung, zum An- 
kauf von Konsumtibilien zu dienen. Man hat die Wahl der Konstruk- 
tion : Trete ich meinem Haarschneider einen Teil meiner Kaufrechte ab, 
oder löse ich bei ihm Rechte auf Dienste ein? Im Hinblick auf die 
Warenpreise, von denen aus das Problem zu orientieren sein möchte, 
scheint mir die erste Konstruktion den Vorzug zu verdienen, dies aber 
auch unter dem Gesichtspunkt der Vereinfachung und der Unterordnung 
der Erscheinungen an Stelle eines unübersichtlichen Nebeneinander. 

Kann der Dienste Leistende seinen Anspruch auf Geld nur gegen 
den von ihm Bedachten richten, oder auch wie der Produzent gegen 
den Staat? — Letzteres ist zu verneinen. Das Kreditrecht des Pro- 
duzenten steht ihm nicht zu, denn nur wer den Nachweis führt, neue 
Waren zu Markt gebracht zu haben (für die aus wirtschaftlichen Grün- 
den die Zahlung noch aussteht), kann die Geldschöpfung, die neue Nach- 
frage schafft, in Anspruch nehmen. Aber das Recht auf den Kassen- 
bestand hat er gleich jedem anderen Wirtschafter, und der Staat er- 
füllt es , indem er die feste Geldschöpfung nach der Kopfzahl der 
Bevölkerung bemißt. Denn der Kassenbestand vermehrt nicht die auf 
dem Markte auftretende Kaufkraft. 

Müssen die Waren, für die durch die Weehseleinreichung die Geld- 
schöpfung in Anspruch genommen wird, konsumtibel sein, oder dürfen 
sie Kapitaleigenschaft haben? Anders gefragt; Hat der Fabrikant von 
Schienen, Ziegelsteinen, Trägern und anderem Baumaterial dasselbe 
Recht, gegen seine Wechsel bei der Reichsbank Noten zu erhalten, wie 
der Produzent von Lebensmitteln? — Die Frage ist zu bejahen. Die 
Ziegel und Träger werden mit Sparkapital bezahlt. Der Käufer, der 
den Wechsel akzeptiert, hat Grund zu der Annahme, daß dieses Spar- 
kapital vorhanden und in den nächsten drei Monaten sich dem Unter- 
nehmer zur Verfügung stellen wird ; d. h. daß ein Teil der in der Volks- 
wirtschaft vorhandenen Kaufkraft nicht Lebensmittel, sondern Bau- 
material beanspruchen wird. Für diesen Teil, der am Lebensmittelmarkt 
ausfällt, tritt nun die Nachfrage der Ziegel- und Trägerarbeiter mit 
dem neuen Gelde am Lebensmittelmarkt ein. 



134 Miscellen. 

VII. Das Problem des Endes. 

Ein solches Problem in dem Sinne, wie Bruno Moll es ver- 
steht, gibt es vom Standpunkt der Staatlichen Theorie und jeder 
anderen Auffassung, für welche das Geld nicht Tauschgut sondern An- 
recht ist, nicht. Wohl aber ist die Frage berechtigt, wie bei allmäh- 
lichem Aufhören der Produktion sich das Geld verhalten wird, je nach- 
dem ob es Substanzwert hat oder nicht. 

In den schweren Zeiten, die den Befreiungskriegen voraufgingen 
und folgten, hielten die preußischen Staatsmänner sich aus den Er- 
fahrungen der französischen Revolution zwei abschreckende Beispiele 
vor Augen: die verderbliche Höchstpreiswirtschaft und das Assignaten- 
wesen. Jenes zum Heile ihres Landes (während wir es unheilvoller 
Weise vergessen hatten); dieses mit zweifelhaftem Nutzen. Man hielt 
auf gutes Geld, und gutes Geld war nur vollwichtiges edelmetallisches. 
Wohl dem, der es besaß oder zu fordern hatte, aber wehe dem 
Schuldner, der es nicht auftreiben konnte. Es war so rar, daß mancher 
um geringfügige Schulden zugrunde gerichtet wurde, und große Güter 
zu lächerlichen Preisen umgingen. Wo kein Geld, war auch kein 
Kredit, so daß Industrie und Handel stockten, und die Arbeitslosigkeit 
groß war. Aber der preußische Taler war gut. Wir können diese 
Politik heute nicht mehr loben. Wir würden vor allem die Arbeit, 
die Produktivität durch Gewährung von Kredit gefördert haben, sei es 
auch zum Schaden der Valuta durch zeitweilige Annahme des Papier- 
geldes. Nach kurzer Uebergangszeit hätte bei der Gesundheit des 
Wirtschaftskörpers mit den Mitteln einer geschickten Handelspolitik 
dem Papiertaler der alte Kurs zurückerobert werden, und wenn man 
wollte, die reine Silborwährung wieder eingeführt werden können. 

Wir folgen anderen Grundsätzen als unsere metallistischen Vor- 
fahren und sündigen nach der entgegengesetzten Seite. Wir befriedigen 
jedes Geldbedürfnis und begünstigen die Schuldner auf Kosten der 
Gläubiger. Wenn trotzdem die Produktivität nicht aufkommen will, 
so hat das Gründe, die nicht im Geldwesen wurzeln. Aber auch ab- 
gesehen von den unerfreulichen Zuständen der Gegenwart, bleibt der 
prinzipielle Gegensatz zwischen Edelmetallgeld und Papiergeld der Er- 
örterung bedürftig. Stellen wir uns zwei Länder vor, von denen das 
eine jedes papierne Geldzeichen verschmäht un 1 nur Edelmetallmünzen 
gelten läßt, während das andere Papiergeld in Gebrauch hat, aber 
jede Vermehrung des Geldumlaufs von dem Nachweis der Warenver- 
mehrung abhängig macht: wie würde dann der theoretisch denkbare 
Fall des Aufhörens der Produktion auf das Geldwesen wirken? 

Im Lande der Metallwährung würde das Geld verschwinden. Die 
Geldbesitzer würden den Metallwert der Münzen zur Einfuhr ihrer Be- 
dürfnisse aus dem Auslande benützen, und es würden in gesteigertem 
Maße die Zustände wiederkehren, die vor hundert Jahren bei uns 
herrschten. Alle Preise würden niedrig sein, aber wenige könnten sie 
bezahlen. — In dem anderen Lande bliebe das Geld dah' im, da das 
Ausland das Papiergold nicht brauchen kann, und die Nachfrage 



Miszelleu. 135 

richtete sich nur auf inländische Konsumgüter. Aus dem Mißverhältnis 
von Angebot und Nachfrage würde sich eine Preissteigerung entwickeln, 
die — konsequent zu Ende gedacht — nach Verzehrung des letzten 
Bissens „unendlich" würde. Man würde mit dem Gelde nichts mehr 
kaufen können; es wäre „wertlos", so gut wie nicht vorhanden. Das 
Problem des Endes der Wirtschaft löst sich also für beide Länder 
gleichmäßig. Das Geld verschwände, — im ersten Falle durch Export, 
im zweiten Falle durch „Entwertung". 

Aehnlich wäre die Wirkung auf den Leihpreis des Geldes. Mit 
Bewußtsein haben wir während des Weltkrieges die Kurse hoch und 
den Zinsfuß tief gehalten. Wer Geld brauchte, war nicht genötigt, 
Papiere zu verkaufen — was den Kurs gedrückt und zugleich den 
Zins gehoben hätte — , sondern er konnte bei den Darlehnskassen fast 
unbeschränkt flüssiges Kapital erhalten. Dabei ist es bis jetzt ge- 
blieben. Schließt man die Darlehnskassen, so wird eine große Nach- 
frage nach Geld (flüssigem Kapital) auftreten und die Kurse werden 
sinken. — Sehen wir jedoch von diesen Umständen ab und legen unserer 
Betrachtung wieder den Vergleich jener beiden Länder, wie soeben ge- 
schehen, zugrunde, so wird im Lande des Metallgeldes mit dem Ver- 
schwinden der Münzen auch die Möglichkeit der Kreditgewährung 
dahin sein, während im Papierlande zwar mit dem Gelde auch der 
Kredit möglich sein wird, aber in Ermangelung jeder Produktion als 
Produktivkredit nicht beansprucht und als Konsumkredit nicht gewährt, 
oder, wenn gewährt, nicht wird zurückgezahlt werden können. Der 
Kredit also teilt das Schicksal des Geldes. 



Das Geld ist nicht, wie die alte Lehre meint, ein Gut neben 
anderen Gütern, das unabhängig von der nationalen Produktion auf 
sich selbst beruhte, sondern es ist der Vermittler zwischen Leistung 
und Gegenleistung, der Träger des durch die Vorleistung erworbenen 
Anrechts auf verbrauchbare Güter. Nur in der Verknüpfung mit den 
Vorgängen der Arbeit „aller für alle" erschließt sich uns das Wesen 
des Geldes. Und wie uns diese Erkenntnis eine vertiefte Einsicht in 
die Natur unserer Wirtschaftsverfassung, der Geldwirtschaft, ver- 
mittelt, 80 bietet uns die Erforschung des Wirtschaftslebens zugleich 
den Schlüssel zur Lösung aller Rätsel, die uns die Erscheinungen des 
Geldes aufgeben, und lehrt uns die Regeln finden, nach denen eine 
Goldverfassung einzurichten ist, insbesondere die Regeln der Geld- 
schöpfung. 



136 Miszellen. 



VI. 

Landarbeitsrecht. 

Von Dr. Franz Dochow, Professor in Heidelberg. 

Inhalt: I.Allgemeines. 11. Regelung des landwirtschaftlichen Betriebes. 1. Land- 
wirtschaftliche Hauptbetriebe. 2. Landwirtschaftliche Nebenbetriebe. III. Schutz de» 
landwirtschaftlichen Betriebes geg^n Störungen. IV. Pflichten und Rechte der Arbeit- 
geber und Arbeitnehmer aus dem Arbeitsvertrag. 

I. Allgemeines. 

Das Landarbeitsreoht regelt die Arbeit im landwirtschaft- 
lichen Betriebe, es gilt für Haupt- und Nebenbetriebe und 
bestimmt die Pflichten der Arbeitgeber und die Rechte 
der Arbeitnehmer. Von den Pflichten des Arbeitnehmers gegen- 
über dem Betriebe ist im Gesetz nicht die Rede, es gilt auch hier, 
was Piloty ^) einmal treffend betont, daß in der Gesetzgebung der Nach 
druck auf das Recht und nicht, wie es sich gehört, auf die Pflicht ge- 
legt wird. 

Die Landwirtschaft bezweckt die Gewinnung pflanzlicher und 
tierischer Erzeugnisse durch zweckentsprechende Verwertung nutzbarer 
Grundstücke. Zur Landwirtschaft gehört die Forstwirtschaft, 
die in erster Linie der Holzgewinnung dient. 

Gewerbe ist jede selbständige und erlaubte Tätigkeit zum Erwerb. 
Die Landwirtschaft ist ein Gewerbe'-). Aereboe ^) hebt nicht 
scharf genug hervor, daß auch in der Landwirtschaft, wie in jedem 
Gewerbe, für den Erwerb gearbeitet wird. Er bezeichnet als privat- 
wirtschaftliche Aufgabe der Landwirtschaft eine möglichst vollkommene 
Befriedigung der Bedürfnisse des Landwirts und seiner Familie. Geld- 
verdienen mit Hilfe der Landwirtschaft sei nur eins der dabei in Be- 
tracht kommenden Mittel, und dieses so verdiente Geld sei niemals 
Zweck der Landwirtschaft, sondern nur Mittel, das Leben des Land- 
wirtes reicher zu gestalten. — Bereicherung des Lebens setzt aber 
Geldmittel voraus, und die gehen nur ein, wenn nach Deckung des 
Hausbedarfs ausgiebig für den Markt gearbeitet wird, und dies ge- 
schieht auch in der Landwirtschaft, abgesehen davon, daß sie für die 



1) Piloty, Vcrwaltungsreohtliche Gedanken, 1916, S. 98. 

2) Nach Landmann, Kommentar zur Gewcrbeorduung 1917 ^ Bd. 1, 49 und 56, 
mnß das Gewerbe berufsmäßig ausgeübt und auf den Erwerb gerichtet, braucht aber 
sieht auf die Dauer beabsichtigt zu sein. 

3) Aereboe, Allgemeine landwirtschaftliche Betriebslehre, 1917', 8. 7. 



Miszellen. 137 

Allgemeinheit, die Volksernährung, zu sorgen hat. Es gibt zahlreiche 
Fälle, in denen der eigene Haushalt des Landwirtes auf Kosten des 
Absatzes so gering bedacht wird, daß man stellenweise von einer ynter- 
ernährung der Landbevölkerung gesprochen hat. Ein Landwirtschafts- 
betrieb, der nur den eigenen Bedarf decken soll, ist kein Gewerbe- 
betrieb \). 

Gewerbeordnung und Handelsgesetzbuch gelten für die Landwirt- 
schaft nicht 2). Daraus haben sich manche Schwierigkeiten ergeben. 
Es wurden Ausnahmebestimmungen erforderlich, die von den anderen 
Gewerben als ungerechtfertigte Bevorzugung der Landwirtschaft em- 
pfunden wurden. So war bestimmt worden, daß das Verbot der Sonn- 
tagsarbeit für die Land- und Forstwirtschaft, den Weinbau, den Garten- 
bau und die Viehzucht nicht gilt^). Dampfkessel, die landwirtschaft- 
lichen Zwecken dienen, sind konzessionspflichtig''). Dagegen bestimmte 
das preußische Gesetz über die Vorausleistung zum Wegebau ^), daß die 
land- und forstwirtschaftlichen Betriebe nicht heranzuziehen sind, und 
zwar, weil sie durch Zuschläge zur Grundsteuer schon einseitig be- 
lastet seien und die Heranziehung der Industrie zu Vorausleistungen 
nur ein Korrelat zu diesen Leistungen bilde. Ferner sei die Wege- 
nutzung durch land- und forstwirtschaftliche Betriebe mehr eine ge- 
legentliche, als eine solche , die dauernd über den Gemeingebrauch 
wesentlich hinausgehe *•). 

Derartige Bestimmungen hätten sich erübrigt, wenn man nicht aus 
sozialen Gründen der Landwirtschaft eine Ausnahmestellung eingeräumt 
hätte, statt sie der Gewerbeordnung zu unterstellen. 

Landwirt ist, wer einen landwirtschaftlichen Betrieb leitet. Ge- 
werbliche oder kaufmännische Kenntnisse, die jemanden erst berechtigen, 
eich als Landwirt zu bezeichnen, sind nicht erforderlich. Nicht einmal 
für Lehrherrn wird ein Befähigungsnachweis verlangt. Eigentümer oder 
Pächter gelten im Verkehr als landwirtschaftliche Betriebsleiter oder 
Unternehmer. Der Pächter unterliegt den Nutzungsbeschränkungen des 
Pachtvertrages. 

Da es im öffentlichen Interesse nicht gleichgültig ist, von wem 
und wie ein Grundstück bewirtschaftet wird, versucht man durch Ge- 
setz und Verordnung ungeeigneten Personen — Nichtlandwirten — den 
Erwerb und die Bewirtschaftung von Landgütern zu erschweren. Die 
Bundesratsverordnung vom 15. März 1918 (RGBl. S. 115) über den 
Verkehr mit Grundstücken bestimmt, daß Grundstücke, die über 5 ha 



1) Nach Landmann, Gewerbeordnung '', Bd. 1, 58 liegt der Betrieb eines Gewerbes 
nur dann vor, wenn eine ihrer technischen Natur nach gewerbliche Tätigkeit gewerbs- 
mäßig, d. i, mit der Absicht des Erwerbes und fortgesetzt ausgeübt wird. 

2) GewO. § 1; HGB. § 1. — Im § 6 GewO. sind Fischerei und Viehzucht aus- 
genommen. 

3) Preuß. Ausf. Anweisung vom 1. Mai 1904 zur GewO. Nr. 141. 

4) GewO. § 24. 

5) G. vom 18. August 1902 (vgl. v. Brauchitsch-Holts, Verwaltungsgesctze 1917 ", 
Bd. 4, 85; Meycr-Dochow, Deutsches Verwaltungsrccht 1913*, 3. 436). 

0) Germershausen, Wegerecht und Wegeverwaltung 1907 ", Bd. 1, 490. 



138 Miszellen. 

groß sind, nicht ohne vorher^) erteilte Genehmigung der zuständigen 
Behörde aufgelassen werden dürfen. Riehl ^) bemerkt dazu, das bedeute, 
daß die Grundeigentümer in ihrer Geschäftsfähigkeit beschränkt unter 
Vormundschaft der Landräte und Bürgermeister gestellt würden, der 
Heimatboten dürfe aber unzuverlässigen Verwaltern nicht anvertraut 
werden. Ohne Zweifel kann durch eine zweckmäßige Anwendung dieser 
Bundesratsverordnung Gutes gewirkt und der Volksernährung gedient 
werden. So beantragte eine Gesellschaft m. b. H. , deren Gesell- 
schafter drei Zuckerfabrikdirektoren sind, die Genehmigung zum Er- 
werb eines nahe einer Stadt gelegenen Gutes, das sie zum Anbau von 
Zuckerrüben benutzen, nebenbei auch als Kapitalanlage verwerten wollte. 
Die Genehmigung wurde der Gesellschaft versagt. Da aber nicht jede 
Spekulation verhindert und die Aufschließung von Baugelände nicht 
unmöglich gemacht werden soll, wurde die Genehmigung den Gesell- 
schaftern als persönlichen Eigentümern erteilt, nachdem sie sich durch 
Vertrag verpflichtet haben, eine bestimmte Grundfläche, ein Viertel der 
jetzigen Größe des Gutes mit Gemüse zu bebauen und die gesamte Ge- 
müse- und Obsternte an die Stadt zu verkaufen '^). So kann verhütet 
werden, daß der landwirtschaftliche Grundbesitz zerschlagen wird oder 
in die Hände von Personen gelangt, die nicht in der Lage sind, die 
Landwirtschaft den Ansprüchen der Allgemeinheit entsprechend zu be- 
treiben. 

Eine weitere Beschränkung in der Bewirtschaftung landwirtschaft- 
licher Grundstücke besteht in der Bereitstellung von Land für Sied- 
lungszwecke. In erster Linie ist dabei an Güter gedacht, die während 
des Krieges in die Hände von Nichtlandwirten gekommen oder ohne 
genügende Sachkenntnis nicht zweckentsprechend bewirtschaftet werden, 
aber die Bestimmung berührt alle größeren Güter, sobald Mangel an 
Siedlungsland eintreten sollte. Das Reich regelte die Siedlungsfrage 
zunächst durch die Verordnung zur Beschaffung von landwirtschaft- 
lichem Siedlungsland vom 29. Januar 1919 (RGBl. S. 115), die am Tage 
ihrer Veröffentlichung in Kraft trat*). Das Reich verpflichtet die 
Staaten, zur Schaffung neuer Ansiedlungen gemeinnützige Siedlungs- 
unternehmungen zu begründen, ihnen das Vorkaufsrecht einzuräumen 
und Staatsdomänen, Moor- und Oedland dafür bereitzustellen. Die 
Großgrundbesitzer sind zu Landlieferungsverbänden zusammenzuschließen, 
die den Siedlungsunternehmungen auf Verlangen geeignetes Land aus 
dem Bestände ihrer Güter zu beschaffen haben. Die Verwaltung ist 
jetzt in der Lage, jederzeit über hinreichendes Land zu verfügen, ob 



1) Redlich, Die Bandesratsverordnang vom 15. März 1918 über den Verkehr mit 
landwirtschaftlichen Grundstücken in der gerichtlichen Praxis. Deutsche Jurist.-Ztg. 
(1918), Bd. 23, 532 in Uebereinstimmung mit dem Kammergericht unter Hinweis auf 
§ 7 der BVO. 

2) Riehl, Die Bekanntmachung des Reichskanzlers über den Verkehr mit land- 
wirt«chaftlichen Grundstücken. Deutsche Jurist.-Ztg. (1918) Bd. 23, 276. 

3) Zeitschrift f. Selbstverwaltung (1918), Bd. 1, 396. 

4) Die nachträgliche Beratung in der Deutschen Nationalversammlung ergab einige 
Abänderungen. Literaturnachweise finden sich bei Sering, Erläuterungen zu dem Ent- 
würfe eines Reichsgesetzes zur Beschaffung von landwirtschaftlichem Siedlungsland, 1919. 



Miszellen. 139 

und wie weit es sich zur Aosiedlung eignet, ist von Fall zu Fall zu 
prüfen. Innere Kolonisation in größerem Umfange wird erst dann er- 
folgen können, wenn über Baumaterialien und Inventar für die An- 
siedler verfügt werden kann und über Menschen, die geeignet sind, 
über den eigenen Bedarf hinaus für die Volksernährung mindestens so 
viel zu liefern, als der aufzuteilende Großgrundbesitz geliefert hat oder 
hätte liefern können '). Man muß Roberti-Jessen 2) darin zustimmen, 
daß durch die einfache Zuteilung von einem Stück Land noch keine 
Bauernstelle geschaffen wird, ebenso Riehl ^), der treffend darauf hin- 
weist, daß der Bauernhof kein beliebiger Ausschnitt der Erdoberfläche 
ist, sondern ein wohldurchdachter Organismus, dessen einzelne Betriebs- 
faktoren oft erst durch Arbeit von Generationen in das richtige Ver- 
hältnis gesetzt sind. In der richtigen Erkenntnis der mit der Ansied- 
lung jetzt verbundenen Schwierigkeiten weist die preußische Landwirt- 
schaftsverwaltung die Ansiedlungsgesellschaften darauf hin, daß sie im 
Bewußtsein ihrer Verantwortung mit der nötigen Sorgfalt verfahren 
müssen'^). Es darf nur dann Siedlungsland beansprucht werden, wenn 
man tatsächlich sofortige Verwendung dafür hat, wenn das Land aus 
den Händen des Großbesitzes an die Ansiedler vergeben werden kann, 
ohne daß es für unbestimmte Zeit ungenützt liegen bleiben muß. 

Ein Zwang zu weitgehender Ausnützung nutzbarer Grundstücke 
kann dadurch ausgeübt werden, daß ihre Bewirtschaftung amtlich über- 
wacht wird. Weigert sich der Nutzungsberechtigte, den Anordnungen 
der Verwaltung entsprechend seine Grundstücke zu bewirtschaften, so 
kann ihm die Nutzung vorübergehend entzogen werden. Dann tritt an 
die Stelle der eigenen Bewirtschaftung die allgemeine. Um dies zu er- 
leichtern, erging am 4. Februar 1919 die Reichsverordnung über die 
Sicherung der Landbewirtschaftung, die am Tage ihrer Verkündigung 
in Kraft trat. Bei ihrer nachträglichen Beratung in der Deutschen 
Nationalversammlung ergab sich, daß die Reichsregierung im wesent- 
lichen das Richtige getroffen, und daß man nach Abänderungen von 
Einzelheiten sich darüber einig war, daß bei loyaler Anwendung der 
Verordnung die Landwirtschaft nichts zu fürchten habe ^). Der preu- 
ßischen Regierung ist es gelungen, den Inhalt der Verordnung durch 



1) y. Martins, Der Wert der verschiedenen Besitzgrößen für die Yolksemährung. 
Zeitschrift f. Selbstverwaltung (1918), Bd. 1, 369; Bücher, Die Sozialiaierung, 1919', 
S. 40. 

2) de Roberti-Jessen, Die drei Gefahren einer überstürzten Siedlungspolitik. Zeit- 
schrift f. Selbstverwaltung (1918). Bd. 1, 419. 

3) Riehl, Deutsche Juristen-Ztg. (1918), Bd. 23, 277. 

4) Richtlinien zur Ausführung des Vorkaufsrechts vom 30. Januar 1919 (Land- 
wirtsch. Minist.-Blatt. S. 73). — Die preußische Regierung hatte bereits durch V. vom 
23. Dezember 1918 (GS. 1919 S. 3) bestimmt, daß dem Staate zur Förderung der 
inneren Kolonisation ein Vorkaufsrecht zusteht, wenn Besitzungen von 20 ha oder 
einer gleich großen Fläche zum Verkauf stehen. Dieses Vorkaufsrecht hat der Staat 
durch V. vom 23. Dezember 1918 (Landwirtsch. Minist.-BI. 1919 S. 34) den gemein- 
nützigen Ansiedlungsgesellschaften übertragen. Wo diese noch nicht bestehen, bleibt 
es zunächst dem Staate vorbehalten und wird durch die Regierung ausgeübt. 

5) V. über die Sicherung der Landbewirtschaftung, vom 4. Februar 1919 (RGBl. 
S. 179), abgeändert durch V. vom 11. April 1919 (RGBl. S. 387). 



140 Miszellen. 

ihre Ausführungsbestimmungen wesentlich zu mildern '). Danach will 
die Verordnung in erster Linie nur einen unmittelbaren Druck auf alle 
Nutzungsberechtigten von Grundstücken und Landgütern ausüben, um 
sie anzuhalten, ihren gesamten Grund und Boden, soweit er bis dahin 
landwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzt wurde, selbst ordnungs- 
mäßig zu bestellen, wie dies im Interesse der Volksernährung, dringend 
geboten erscheint. Wer seine gesamte Ackerfläche nicht zu bestellen 
beabsichtigt oder es nicht vermag, hat dies der Ortsbehörde anzuzeigen. 
Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die allgemeine Wirt- 
schaftslage (Mangel an Düngemitteln, Geräten und Maschinen, Arbeits- 
kräften und Gespannen) zu würdigen ist. Von der Befugnis der 
Nutzungsentziehung ist erst dann Gebrauch zu machen, wenn sich eine 
Abhilfe als unmöglich erwiesen hat. Unnachsichtig soll dann vorge- 
gangen werden, wenn die Unterlassung der Bestellung auf mangelnden 
Gemeinsinn, Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit oder bösen Willen zurück- 
zuführen ist. 

Unnachsichtiges Vorgehen wurde in Preußen bereits im November 
1918 angedroht, und zwar ohne Rücksichtnahme auf die allgemeine 
Wirtschaftslage -). Es handelte sich damals um die Einbringung der 
Feldfrüchte vor Eintritt des Frostes, und es wurde angeordnet : Die 
Landwirte, die noch Kartoffeln im Acker haben, sind verpflichtet, 
von den nächstliegenden Truppenteilen und Behörden die erforderlichen 
Arbeitskräfte gegen Zusicherung eines angemessenen, die heutigen 
Teuerungsverhältnisse berücksichtigenden Lohnes schnellstens anzufordern. 
Sind sie darin lässig oder verzögern sie die Ernte durch die Weige- 
rung, einen angemessenen Lohn zu zahlen, so müssen die Behörden 
geeignete Zwangsmaßnahmen ergreifen, um die Feldfrüchte vor dem 
Verderben zu bewahren. 

Im Hinblick auf die schon damals unerfreuliche Lage des Arbeits- 
marktes, die Abneigung, auf dem Lande Arbeit zu nehmen noch dazu 
zu einer ungünstigen Jahreszeit und die Gewöhnung an hohe Löhne, 
stellte dieser Erlaß an die Verwaltung und an die Landwirtschaft 
außergewöhnliche Anforderungen. Dagegen kann bei gutem Willen den 
Anforderungen der Bestimmungen über die Sicherung der Landbewirt- 
schaftung durch diQ Verwaltung genügt werden, ohne daß zum Pro- 
duktionszwang übergegangen werden müßte. Die Nutzung kann beim 
Versagen eines Landwirtes dem Kommunalverbande oder einer Gemeinde 
zur Selbstnutzung oder Verpachtung übertragen werden. Diese zeit- 
weise Uebertragung der Grundstücksnutzung würde in Preußen als eine 
öffentlich-rechtliche Maßnahme im Interesse der Volksernährung zu 
gelten haben. Während ihrer Dauer sind die Nutzungen dem Zugriff 
der Gläubiger der Nutzungsberechtigten entzogen. Der Uebernehmer 
hat nur Lasten zu tragen, die auf seinem Betriebe ruhen, ihm fallen 
die Nutzungen für die Zeit seiner Bewirtschaftung zu. Anderseits hat 
er alle Aufwendungen zu machen, die eine ordnungsmäßige Wirtschaft 



1) Preuß. MiniBt.-V. vom 1. März 1919 (Landwirtsch. Miniat.-Bl. S. 69). 

2) Preuß. Miniat.-V. vom 19. November 1918 (Landwirtsch. Minist.Bl. 8. 253.) 



Miszelleu. \4cl 

unter Berücksichtigung der besonderen durch den Krieg und seine 
Nachwirkuogen getroffenen Verhältnisse erfordert. Die Entschädigung 
bestiromt sich nach Lage des Einzelfalles. Für Grundstücksverbesse- 
rungen ist Ersatz im allgemeinen zu leisten, wenn sie zur ordnungs- 
mäßigen Bewirtschaftung notwendig waren und eine Werterhöhung zur 
Folge hatten ^). 

Produktionszwang ist mit Rücksicht auf die Eigenart des land- 
wirtschaftlichen Betriebes, die Verschiedenheit des Bodens, die Witte- 
rungsverhältnisse zu verwerfen. Eine Zwangsproduktion würde auch an 
der Unerfüllbarkeit einer zweckentsprechenden Beaufsichtigung durch 
die Verwaltung scheitern 2). 

n. Regelung des landwirtschaftlichen Betriebes. 
1. Landwirtschaftliche Hauptbetriebe. 

Der landwirtschaftliche Betrieb bezweckt in der Regel die ge- 
meinsame Gewinnung pflanzlicher und tierischer Erzeugnisse durch 
zweckentsprechende Verwertung nutzbarer Grundstücke. Im weiteren 
Sinne umfaßt er feld-, wald- und viehwirtschaftlichen Betrieb. 

Landwirtschaft im engeren Sinne ist Nutzung aus Feldern, 
Wiesen und Viehweiden (f eld wirtschaftlicher* Betrieb) ^^). 

Viehwirtschaft ist Viehhaltung und Viehzucht in der Regel 
mit feldwirtschaftlichem Retriebe verbunden. Es gibt aber viehlose 
Betriebe und Viehhaltungen ohne Feldwirtschaft. 

Waldwirtschaft ist Nutzung aus Waldgrundstücken. Umfang- 
reiche Waldgrundstücke müssen nach forstwirtschaftlichen Grundsätzen 
bewirtschaftet werden. Forstwirtschaft ist wald wirtschaftlicher 
Großbetrieb. 

Landwirtschaftliche Nebenbetriebe dienen der Weiter- 
verarbeitung (Veredelung) der in der Landwirtschaft gewonnenen Er- 
zeugnisse. 

Gärtnerei kann im Zusammenhang mit der Landwirtschaft be- 
trieben werden oder als selbständiges Gewerbe. 

Nutzbar ist ein Grundstück, wenn sein Ertrag im landwirtschaft- 
lichen Betriebe verwertet werden kann. Genutzt werden Weiden, Wiesen, 
Felder, Wald- und Wassergruudstücke. Nicht genutzt werden Wege 
und Baustellen, Hofgrundstücke, Oedland, Unland und Abbauland. Un- 
bebaute Baustellen können vorübergehend landwirtschaftlich genutzt 
werden. Abbauland sind Grundstücke, die zur Gewinnung von Boden- 
bestandteilen (Erde, Sand, Lehm, Steinen) dienen, auch von Torf (was 
bestritten ist), „der zwar aus Pflanzenteilen besteht, aber durch che- 



1) Ausf -Bek. vom 1. März 1919 zu § 4. 

2) Wygodziuski, Produktionszwang und Produktionsförderung 1917. 

3) Das preußische Ansiedlungsgeselz vom 10. August 1904 (GS. S. 227) § 15 
versieht unter Nutzungen aus dem Feldbau auch die aus Viehweiden. Petersen, An- 
siedlungRgesctz (1911)* § 75*. Die V. über die Sicherung der Landbewirtschaftung 
vom 4. Februar 1919 ist ausdrücklich auf die Bewirtschaftung von Wiesen und Weiden 
ausgedehnt. 



3^42 Miszellen. 

mische Zersetzung einer völligen Substanzänderung unterworfen ist und 
sich zu einer besonders gearteten Masse entwickelt hat" ^). 

Bodenerzeugnis ist alles, was der Boden hervorbringen kann 
— nutzbar oder nicht — Unkraut, Feld- und Gartenfrüchte, Holz. 

Bodenbestandteile alles, was im Boden enthalten ist, woraus 
er besteht. 

Ist die Nutzung aus einzelnen Grundstücken planmäßig durch 
Brachlegung unterbrochen, so gelten sie trotzdem als landwirtschaftlich 
genutzt, auch wenn sie nicht einmal abgeweidet werden. Es ist dem- 
nach zu unterscheiden zwischen nicht nutzbaren und planmäßig nicht 
genutzten Grundstücken. Als nicht genutzt gelten Grundstücke, 
die dem landwirtschaftlichen Betriebe entzogen sind und anderen 
Zwecken zu dienen haben. Exerzierplätze dienen einem Sonderzweck, 
auch wenn sie eine Nebennutzung (Beweiden durch Nutztiere) nicht 
ausschließen 2). Parkanlagen und Gärten gelten als wirtschaftlich ge- 
nutzte Flächen, wobei es nicht darauf ankommt, ob ein Gewinn erzielt 
oder nur für den eigenen Hausgebrauch gesorgt wird. 

Wege^) sind Grundstücke, die dem Verkehr dienen, sie sind der 
landwirtschaftlichen Bewirtschaftung entzogen, das Zubehör (Bäume an 
den Wegen, Gras an den Wegerändern, Gräben und Böschungen) kann 
genutzt werden. 

Moor und Oedl-and können in landwirtschaftlich nutzbare 
Flächen umgewandelt werden. Bei der Verwertung größerer Moor- 
flächen, deren Wert mit dem Mangel an Kohle steigt, ist zu berück- 
sichtigen, daß ihre vorteilhafte land- und forstwirtschaftliche Nutzung 
gewährleistet wird. Eine gesetzliche Regelung setzte in Preußen mit 
dem Moorschutzgesetz vom 4. März 1913 ein. Um die Erschließung 
der Moore zu beschleunigen, können die Eigentümer zu Zwangsge- 
noftsenschaften zusammengeschlossen werden*). Oedland wird man nur 
dann landwirtschaftlich zu nutzen versuchen, wenn es sich nicht besser 
zur Gewinnung von Bodenbestandteilen eignet. 

Wasserflächen (Teiche und Seen) 5) sind Grundstücke, die 
landwirtschaftlich genutzt werden können, wenn oder soweit sie abge- 
lassen werden können, oder sie dienen als Fischweiden zur Gewinnung 
von Fischen. Nebennutzungen bestehen in der Gewinnung von Gras^ 
Schilf, Rohr. Fließende Gewässer können unter einschränkenden 
Bedingungen zur Be- und Entwässerung landwirtschaftlich genutzter 
Grundstücke verwendet werden. Solange der Ertrag der Fischzucht 
den der Landwirtschaft nicht übersteigt, kann sie als Nebennutzung^ 
an den Wasserflächen angesehen werden *"). 



1) Rasch, Feld- and Forstschutzgesetse, 1014, S. 35. 

2) Preuß. OVO. 33, 365. 

3) Meyer-Dochow, Deutsches Verwaltungsrecht*, S. 432. 

4) Dickel, Forstzivilrecht (1917)», S. 756. 

6) Meyer-Dochow, Deutsches Verwaltungsrecht*, S. 457. 
6) Preuß. OVO. 33, 373. 



Miszellen. 14cJ 

Fischen ist jede auf Hege und Aneignung von Fischen i) ge- 
richtete Tätigkeit. Zum Hegen gehören alle Maßnahmen, die zur Er- 
haltung und Hebung des Fischbestandes dienen, z. B. das Einsetzen 
von Fischbrut, Fütterung und Schonung der Fische ^). 

Jagen ist jede auf Hege und Aneignung von Wild gerichtete 
Tätigkeit. Wie bei der Fischerei, so ist bei der Jagd im Interesse 
der Volksernährung erhöhter Nachdruck auf die Hege des Wildes zu 
legen. Das Jagdrecht wird ausgeübt durch den Grundeigentümer oder 
durch den Pächter der Jagd ^) und kann im ersteren Falle als land- 
wirtschaftliche Nebennutzung gelten^). 

Waldgrundstücke sind mit Walderzeugnissen bestandene Grund- 
stücke. Ihre Hauptnutzung besteht in der Gewinnung von Brenn- und 
Nutzholz. NebennutzuDgen sind die Gewinnung von Streu, Nahrungs- 
und Futtermitteln. Holzfreie Grundstücke können zum Anbau von Feld- 
erzeugnissen dauernd oder vorübergehend verwendet werden. Unter 
Forsten stellt man sich in der Regel planmäßig durch besonders an- 
gestellte Beamte bewirtschaftete umfangreiche Waldgrundstücke vor, 
unter Wald dagegen eine mit Waldbäumen bestandene Fläche, die man 
nicht mehr als Feld bezeichnen kann. Gesetzgebung und Verwaltung 
lassen einen einheitlichen Sprachgebrauch vermissen. Man spricht von 
Forstverwaltung und Forstrecht, aber nicht im gleichen Sinne von Wald- 
vtrwaltung und Waldrecht, von Forstbeamten, Waldhütern, Waldge- 
nossenschaften und Schutzwaldungen. Für zusammenhängende Wald- 
grundstücke — Forsten — , die nach forstwirtschaftlichen Grundsätzen 
bewirtschaftet und beaufsichtigt werden, gelten die Bestimmungen der 
Forstpolizei. Für kleine, in die Feldmark eingestreute oder an sie an- 
grenzende Waldgrundstücke, die im Zusammenhang mit den übrigen 
landwirtschaftlichen Betrieben bewirtschaftet werden, gelten die Bestim- 
mungen der Feldpolizei, weil es sich nur um eine unwesentliche land- 
wirtschaftliche Nebennutzung auf einem Waldgrundstück handelt. Ea 
kommt dabei in der Regel Nieder- und Mittelwald in Frage, aus dem 
nach Bedarf Stangen und Stämme herausgenommen werden und der 
sich aus den Stöcken, Wurzeln und durch Samenabfall verjüngt 5). Feld- 
und Forstpolizei haben die Aufgabe, dem feld- und forstwirtschaftlichen 



1) Als Fische gelten nach preußischem Fischereigesetz vom 11. Mai 1916 (GS. 
8. 55) § 4 auch Krebse, Austern und andere Muscheln, Seemoos und Korallenmoos, 
Schildkröten und Frösche. 

2) Die Begründung zum Entwurf des neuen Fischereigesetzes § 33 hebt hervor, 
daß das neue Gesetz nicht wie das alte vom Jahre 1874 eine Zusammenfassung und 
Neuregelung der Fischereipolizei bezwecke, sondern nach Art der Teichwirtschaft be- 
triebene ordnungsmäßige Bewirtschaftung der Fischgewässer fördern soll. 

3) Dickel, Forstzivilrecht (1917)', S. 1057 vertritt die Ansicht, daß der Jagd- 
vertrag ein Vertrag über das Grundstück ist. — v. Brauchitsch-Holtz, Verwaltungs- 
gesetze (1917)»«, Bd. 4, 135 ^ 

4) Popitz, Kommentar zum Umsatzstcuergesetz (1918) § 1 2», g. 59 bezeichnet 
die Jagd, die vom Grundeigentümer ausgeübt wird, als einen Teil seines Ge- 
werbebetriebes. 

5) Endres, Forstpolitik 1905), S. 38; Schwappach, Forstwissenschaft (1917) % 
S. 62. 



^^ Miszellen. 

Betriebe gesetzlichen Schutz durch Organe der öffentlichen Verwaltung 
zu gewähren. 

Die Nutzung eines fremden Waldgrundstückes erfolgt nur auf Grund 
eines Berechtigungsscheines, der den Inhaber ermächtigt, Heiz-, Streu-, 
Lebens- oder Futtermittel auf dafür freigegebenen Grundstücken zu 
sammeln, wobei die dafür vorgesehene Jahreszeit einzuhalten ist, und 
nicht genehmigte Werkzeuge und Fortschaffungsgeräte nicht verwendet 
werden dürfen. Streu darf nur zur Bereitung von Dünger entnommen 
werden. Das Recht der Streugewinnung kann also nur Viehhaltern ein- 
geräumt werden. 

Gegen eine Ausdehnung der Weideberechtigung im Walde erheben 
die Forstleute Bedenken, Landwirte befürworten sie, namentlich dann, 
wenn es sich nicht um eigene Waldgrundstücke handelt. 

Ob ein mit Wal(3erzeugnissen bestandenes Grundstück noch als 
Wald zu bezeichnen ist, muß von Fall zu Fall entschieden werden i). 
Frank -') bezeichnet als Waldungen größere, mit eng zusammenstehenden 
Bäumen oder Büschen bewachsene Flächen, abgeholzte „Wälder" seien 
keine Wälder 3), aber sie bleiben doch Waldgrundstücke, solange über 
sie nicht anders verfügt ist und noch eine waldwirtschaftliche Neben- 
nutzung erfolgen kann. Auf die Höhe des Bestandes kommt es nicht 
an, maßgebend ist, ob das Grundstück zum waldwirtschaftlichen Be- 
triebe bestimmt ist *). Weidenheger gelten als Niederwald ^), bei Heide, 
Moor und Oedland mit schwachem Holzbestand ist es oft zweifelhaft. 
Eine mit Walderdbeeren bestandene Halde ist kein Wald *>), dagegen 
ihrer Bestimmung nach die Waldgrundstücke mit niederem Bestände 
(Saatkämpe, Schonungen). 

Weiden sind Grundstücke, die ohne wesentliche Veränderung der 
Viehzucht dienen können. Der Weidegang kann aus seuchenpolizeilichen 
Gründen eingeschränkt werden. 

Die Vieh Wirtschaft (Viehzucht und Viehhaltung) unterliegt den 
Bestimmungen der Seuchenpolizei ^). Erleichterungen sind während des 
Krieges zugelassen worden und können vielleicht auch für die Zukunft 
beibehalten werden. Soweit es veterinärpolizeilich verantwortlich ist, 
kann genehmigt werden, daß beim Vorliegen zwingender wirtschaftlicher 
Gründe Zugrinder aus Klauenseuchenbeständen zu Feldarbeit verwendet 
werden. Ebenso wurde zuverlässigen Besitzern die Verwendung von 
räudekranken Pferden gestattet. 



1) Schwappacb, Art. Forsten, Wörterbuch des Staats- und Verwaltungsrechts 
(1911)», Bd. 1, 816. 

2) Frank, Kommentar zum Strafgesetzbuch § 308 11^. 

3) Frank, Kommentar § 293 II«. 

4) V. Brauchitseh-Holtz, Verwaltungsgesetze, Bd. 4, 239. 

5) Rasch, Feld- und Forstschutzgesetze, 1914, S. 28* bezeichnet die Weidenheger 
als Weidenniederwaldungen mit kurzem Umtriebe. — Endres S. 36. 

6) Rasch S. 80. 

7) Die Auswahl der Vatertiere steht nicht im Belieben des Landwirts, sondern 
unter staatlicher Aufsicht. Es sollen nur angekörte Tiere zur Nachzucht verwendet 
werden. Die Rechtsgültigkeit der Körordnungen ist bestritten. W. Jcllinck, Gesetz, 
GeMtzesanwendnng und ZweckmäOigkeitserwägung, 1913, S. 273. 



Miszellen. 145 

2. Landwirtschaftliche Nebenbetriebe. 

Ein landwirtschaftlicher Betrieb — Hauptbetrieb der Land- oder 
Forstwirtschaft — kann es erforderlich machen, daß zur besseren 
Ausnützung der Arbeitskräfte oder des Inventars, zur Ersparung von 
Transportkosten oder zur besseren Verwertung der Rückstände im Haupt- 
betriebe technische Einrichtungen getroffen werden, wie sie nicht jeder 
Betrieb braucht. Dann entstehen Nebenbetriebe, die mit dem Haupt- 
betriebe zusammen geleitet werden '). Diese können eine gewisse Selb- 
ständigkeit erlangen, z. B. besonders vorgebildete Angestellte und Ar- 
beiter beschäftigen, die ausschliei31ich für den Nebenbetrieb da sind 
oder vorwiegend in ihm beschäftigt werden. Diese Selbständigkeit kann 
so weit gehen, daß Haupt- und Nebenbetriebe getrennt voneinander ver- 
waltet werden können, der Nebenbetrieb für sich allein bestehen^, ein 
Hauptbetrieb sein würde ''^). Ist dies nicht der Fall, dann handelt es 
sich nur um Abteilungen des Hauptbetriebes. 

Der landwirtschaftliche Nebenbetrieb muß, um als solcher gelten zu 
können, mit dem Hauptbetriebe durch den gleichen Unternehmer und ' 
durch die zu verarbeitenden Erzeugnisse verbunden sein. Nach Hoff- 
mann 3) muß der Nebenbetrieb auf Rechnung des Landwirts mit seinen 
selbstgewonnenen Rohstoffen stattfinden, nach Düringer-Hachenburg *) 
müssen die landwirtschaftlichen Nebenbetriebe den Hauptbetrieb zur 
Voraussetzung haben, ein Ausfluß des Hauptgewerbes sein. Erfordert 
der Nebenbetrieb einen in kaufmännischer Weise eingerichteten Ge- 
schäftsbetrieb, so kann er nach § 3 des Handelsgesetzbuches in das 
Handelsregister eingetragen werden. Nach erfolgter Eintragung steht 
der Nebenbetrieb unter dem Handelsgesetzbuch, nicht auch« der Haupt- 
betrieb. 

In den landwirtschaftlichen Hauptbetrieben werden Bodenerzeugnisse, 
nicht Bodenbestandteile, wenigstens in der Regel nicht über den eigenen 
Bedarf hinaus gewonnen. Diese Tätigkeit gehört nicht zur Landwirt- 
schaft. Entsprechend sollte man von landwirtschaftlichen Nebenbetrieben 
nur dann reden, wenn sie landwirtschaftliche (pflanzliche oder tierische) 
Erzeugnisse weiterverarbeiten (veredeln). Dies ist aber nicht der Fall. 
Ehrenberg ^) nimmt zwar auch an, daß es sich bei Gewinnung anor- 
ganischer Bodenbestandteile nicht um Landwirtschaft handelt, daß ihre 
gewerbsmäßige Ausbeute aber landwirtschaftliches Nebengewerbe sein 
kann. Ein gewerbsmäßiger Betrieb, der nicht Erzeugnisse des land- 
wirtschaftlichen Betriebes verarbeitet, sondern Bodenbestandteile, z. B. 
eine Ziegelei, wird nur deshalb als landwirtschaftlicher Nebenbetrieb 



1) Ritter, Landwirtschaftliche Nebengewerbe, Arch. f. biirgerl. Recht (1902), Bd. 20, 
293. Docbow, Landwirtschaftliche Nebenbetriebe, Holdheims Monatsschrift f. Handels- 
recht und Aktienwesen (1919), Bd. 28, 40. 

2) Ehrenberg, Handbuch des Handclsrechta (1916), Bd. 1, 59. Lehmann, Handels- 
recht (1912)», S. 80. Mülier-Erzbach, Handelsrecht (1919) S. 73. 

3) Hoffmann, Gewerbeordnung, Vorbemerkung zu § 100. 

4) Düringer-Hachenburg, Handelsgesetzbuch (1908)», Bd. 1, 141 za HOB. § 3 IV. 3. 

5) Ehrenberg, Handbuch 8. 54. 

Jahrb. (. NationalOk. u. Stat. Bd. 118 (Dritte Folge Bd. 68). IQ 



^^Q Miszellen. 

bezeichnet, weil er von einem Landwirt geleitet wird. Dagegen kann 
die Gärtnerei ein landwirtschaftliches Nebengewerbe sein, der Inhaber 
einer Gärtnerei, der sich als Kunst- oder Handelsgärtner bezeichnet, ist 
nicht Landwirt. 

Die Sonderstellung der landwirtschaftlichen Nebenbetriebe läßt sich 
nicht mehr rechtfertigen. Aus sozialen, nicht aus wirtschaftstechnischen 
Gründen hat man die Land- und Forstwirte dem Handelsgesetzbuch 
nicht unterstellt ^). Ehrenberg 2) sieht darin kein wirkliches Privileg, 
denn mit den Nachteilen der Kaufmannseigenschaft werden ihnen auch 
die Vorteile entzogen. Dagegen nimmt er in üebereinstimmung mit 
Lehmann '*) an, daß die Bestimmungen des § 3 des Handelsgesetzbuchs 
ein wirkliches Privileg sind, weil es dem Unternehmer der Neben betriebe 
freigestellt werde, das zu wählen, was ihm vorteilhaft erscheint. Der 
Lanc^wirt kann es sich überlegen, ob er durch die Kommerzialisierung 
sich verbessert oder mehr belastet, sagt Gareis *), und Düringer-Hachen- 
burg^) machen darauf aufmerksam, daß sich vorher vergewissern muß, 
wer mit landwirtschaftlichen Nebenbetrieben in Geschäftsverbindung 
treten will, ob er es mit einem eingetragenen Unternehmen zu tun hat 
oder nicht. Auch für die Angestellten und Arbeiter ist es nicht gleich- 
gültig, ob sie in einem eingetragenen oder in einem nicht eingetragenen 
Betriebe tätig sind. Schwierigkeiten können entstehen, wenn sie gleich- 
zeitig oder zeitweise in landwirtschaftlichen Haupt- und Nebenbetrieben 
beschäftigt werden sollen. 

Daß man von der ünhaltbarkeit dieses Zustandes überzeugt ist, 
geht daraus hervor, daß man die Wirksamkeit der Landarbeitsordnung 
auf die landwirtschaftlichen Nebenbetriebe ausgedehnt hat. Dies be- 
deutet aber» erst den Anfang einer Neuregelung. 

Zur Verarbeitung (Veredlung) in Nebenbetrieben eignen sich vor- 
wiegend Milch, Kartoffeln und Rüben. Zuckerrüben werden niir in 
großen Betrieben verarbeitet. Eine Aktienzuckerfabrik ist kein land- 
wirtschaftlicher Nebenbetrieb, auch dann nicht, wenn sie Landwirtschaft 
als Nebenbetrieb auf eigenen oder gepachteten Gütern betreibt. Sie ist 
ein industrielles Unternehmen und auch dann, wenn nur Landwirte an 
ihr beteiligt sind. Dies gilt auch von Genossenschaftsmolkereien, die 
auch dann zur Vorausleistung zum Wegebau verpflichtet sind, wenn alle 
Genossen Landwirte sind^). Die Milchverwertung kann Nebenbetrieb 
sein, kann aber auch als Betriebsabteilung angesehen werden, ebensa 
Brennereien, Stärkefabrikationen und die Anlagen, die alle oder nur be- 
stimmte Erzeugnisse trocknen können. Mühlen sind in der Regel selb- 
ständige Betriebe. Geflügelbrutanstalten können Nebenbetriebe sein, 
ebenso die Viehmast ^). Dreschen und Reinigen des Getreides gehören 
zum ordnungsmäßigen Hauptbetrieb. 

1) Müller- Erzbach, Handelsrecht S. 73. 

2) Ehrenberg, Handbuch S. 53 und 56. 

3) Lehmann, Handelsrecht S. 80. 

. 4) Garejs, Handelsrecht (1919) ^ S. 45 ^ 

5) Düringer-Hachenburg, S. 143. 

6) Preuß, OVO. 45, 294. 

7) Der Nebenbetrieb muß Nebensache neben dem Hauptbetrieb bleiben. Sohu- 
maober, Landwirtschaftsrecht (1901)*, S. 379. 



Miszellen. J^47 

Ein landwirtschaftlicher Nebenbetrieb liegt vor, wenn ausschließlich 
oder vorwiegend eigene Erzeugnisse des landwirtschaftlichen Haupt- 
betriebes verarbeitet werden. Das Reichsgericht hat entschieden, daß 
eine Flachsschwingerei, die in geschlossenen Räumen unter Anwendung 
von Maschinenkraft und Beschäftigung einer größeren Zahl von Arbeitern 
in stetem Betriebe ist, aber nur den vom Besitzer auf eigenem Grund 
und Boden gebauten Flachs verarbeitet, ein landwirtschaftlicher Neben- 
betrieb ist '). 

Gelangen nur fremde Erzeugnisse zur Verwendung, so kann von 
einem landwirtschaftlichen Nebenbetriebe nicht die Rede sein. 

III. Schutz des landwirtschaftlichen Betriebes gegen Störungen. 

Je größer die Anforderungen sind, die im öffentlichen Interesse 
an die Landwirtschaft gestellt werden, um so nachhaltiger muß der 
Schutz sein, den man ihr gegen Störungen des Betriebes gewährt. Die 
zuständigen Verwaltungsorgane haben dort einzugreifen, wo der Einzelne 
sich nicht allein zu helfen in der Lage ist, und es hat sich nicht ver- 
meiden lassen, daß der Verwaltungszwang im landwirtschaftlichen Be- 
triebe eine erhebliche Ausdehnung erfahren hat. Die daraus dem Unter- 
nehmer erwachsenden Pflichten hat ihm die Verwaltung nach Möglich- 
keit zu erleichtern. 

Förderung — Landwirtschaftspflege — erfährt die Landwirtschaft 
wie alle anderen Gewerbe durch die Tätigkeit von Sonderbehörden 
(Ministerien oder landwirtschaftlichen Ministerialabteilungen) und durch 
die ihnen unterstellten Organe namentlich durch Verbreitung von Kennt- 
nissen zur zweckmäßigen Betriebsführung, Einrichtung von Unterrichts- 
anstalten, Musterwirtschaften, durch die Errichtung von Kreditanstalten, 
den Ausbau dos Genossenschafts- und Vereinswesens und der Berufs- 
vertretungen (Landwirtschaftskammern) 2). 

Wenn auch der landwirtschaftliche Betrieb im allgemeinen, die 
technische Leitung, sich selbst überlassen bleiben konnte, so konnte 
von einer Regelung im einzelnen nicht abgesehen werden. Den Nach- 
druck legen Gesetzgebung und Verwaltung auf den Schutz gegen 
Störungen, gegen die der Einzelne sich nicht helfen kann. Man be- 
zeichnet diese Gewährung von gesetzmäßigem Schutz durch Organe der 
öffentlichen Verwaltung gegen Störungen des landwirtschaftlichen Be- 
triebes als F eldpo lizei^). 

Störungen können entstehen durch Außerachtlassen von gesetzlich 
zulässigen Geboten oder Verboten durch die Nutzungsberechtigten oder 
andere Personen. Zur Erleichterung der Durchführung von Geboten 
und Verboten auf dem Lande, wo namentlich nach den Erfahrungen 



1) RGStr. 18, 371. 

2) Meyer- Dochow, Deutsehes Verwaltungsrechf*, S. 247. Wygodzinski, Landwirt- 
schaftskammern. Schmollers Jahrbuch (1916), S. 1386. 

3) Dochow, Feldpolizei. VerwaltunRsarchiv (1919), Bd. 27, 217. — Hermea- 
Holtz, Art. Feldpolizei. Wörterbuch d. Staats- u. Verwaltungsrcchts (1911)', Bd. 1, 
763; Loening, Handwörterbuch d. Staatswisaenschaften (1913)'', Bd. 4, 248. 

10* 



148 Miszellen. 

während des Krieges eine niclit ganz unbegründete Abneigung gegen 
Verwaltungsmaßnahmen besteht, empfiehlt v. Thadden i), sie so abzu- 
fassen, daß ihre Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit mindestens einer 
Anzahl Wohlmeinender und Verständiger im Volke einleuchtet — bis 
der Erfolg über die Richtigkeit des Verordneten entscheidet. 

Bei strenger Befolgung des Verbotes, unbefugt fremde Grundstücke 
zu betreten, bleibt die zum ungestörten Betriebe erforderliche Ord- 
nung in Feld und Wald gewahrt. Die überwiegende Zahl der Ver- 
bote haben das unbefugte Betreten Unberechtigter zur Voraussetzung. 

Störungen im landwirtschaftlichen Betriebe, um deren Verhütung 
sich die Verwaltung zu bemühen hat, kommen in einer Verminderung 
der Feldvorräte zum Ausdruck. Feldvorräte (Feldinventar) sind 
die noch nicht gewonnenen Bodenerzeugnisse nutzbarer Flächen, Hof- 
vorräte (Hofinventär) sind die eingebrachten Feldvorräte. Der Boden 
kann nicht zerstört, aber in seiner Ertragsfähigkeit herabgesetzt werden 2). 
Bodenbestandteile können entwertet werden, ebenso Einrichtungen, die 
einer Erhöhung der Ertragsfähigkeit dienen sollen. Deshalb ist in 
erster Linie unbefugtes Gehen, Reiten, Fahren und Viehtreiben über 
landwirtschaftlich genutzte oder nutzbare Grundstücke verboten. Wer 
ein Grundstück befugt betritt, etwa zur Ausübung der Jagd oder der 
Fischerei, hat dies unter möglichster Schonung des fremden Eigentums 
zu tun. Vieh darf nicht außerhalb eingefriedigter Grundstücke ohne 
hinreichende Aufsicht weiden, denn unbeaufsichtigt weidendes Vieh 
richtet immer Schaden an. Bodenerzeugnisse und Bodenbestandteile 
dürfen nicht entwendet werden. Durch Abgraben oder Abpflügen über 
die Grenze hinaus darf das Grundstück nicht vermindert werden. 
Steine, Schutt, Unrat, die den Betrieb erschweren können, dürfen nicht 
auf fremde Grundstücke gebracht werden. Das Kammergericht ^) hat in 
einem wohl nicht allzu häufig zur Kenntnis der Gerichte gelangenden 
Fall, in dem jemand Unkraut auf einem fremden Grundstücke aussäte, 
zutreffend stoffliche Beschädigung des Bodens angenommen, weil durch 
die Ueberwucherung mit Unkraut der Ertrag des Bodens auf Jahre 
hinaus beeinträchtigt werden kann. Einrichtungen, die einer ordnungs- 
mäßigen Benutzung der Wege dienen, sind zu schonen. Be- und Ent- 
wässerungsanlagen sind nicht zu beschädigen und so zu benützen, daß 
eine unzweckmäßige oder unzeitgemäße Be- und Entwässerung ver- 
mieden wird. Es handelt sich dabei um die Zuleitung fließenden 
Wassers auf Grundstücke und um die Ableitung in fließende Gewässer 
zum Ausgleich des Wassermangels oder des Wasserüberflusses ^). Eine 
Beschädigung derartiger Anlagen durch weidendes Vieh ist zu verhüten. 

Schädlinge der Tier- und Pflanzenwelt sind nachhaltig mit allen 
der Verwaltung zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen. Reichs- 
und landesrechtlich ist die Grundlage für ein Eingreifen der Verwaltung 
gegeben und kann in einem neuen Strafgesetzbuch oder in Sonder- 

1) V. Thadden-Trieglaff, Deutsche Revue (1917), Bd. 42, 143. 

2) Aereboe, Allgemeine landwirtschaftliche Betriebslehre (1917)*, 8. 21. 

3) Johows Jahrbuch (1914), Bd. 38, 609, 

4) Meyer-Dochow, Deutsches Verwaltungsrecht*, S. 466. 



Miszellen. 149 

gesetzen noch erweitert werden. Welche Vögel schädlich oder nützlich 
sind, welche geschont oder vernichtet werden sollen, muß durch Ver- 
ordnungen bestimmt werden, desgleichen, wann und wie es zu geschehen 
hat. Neben der Vernichtung der schädlichen Vögel ist für eine Be- 
günstigung der nützlichen Vogolarten zu sorgen, die vorwiegend in der 
Fütterung im Winter und in der Schaffung \on Nistgelegenheiten nach 
bewährtem Verfahren besteht. Es kann daneben erwünscht sein, seltene 
Tiere, auch wenn sie schädlich sind, als Naturdenkmäler zu erhalten. 
Im Interesse der Jagd kann es liegen, daß nicht alles Raubzeug ver- 
nichtet wird, da es kranke und schwache, zur Nachzucht nicht ge- 
eignetes Wild beseitigt. Derartige Ausnahmen hat die Verwaltung an- 
zuordnen. Das Vogelschutzgesetz vom 30. Mai 1908 bestimmt das 
Mindestmaß an Schutz, die Landesgesetze gehen darüber hinaus. 

Die Bekämpfung von Unkraut und von Pflanzenseuchen kann dem 
Einzelnen nicht überlassen werden. Eine reichsrechtliche Grundlage 
für die Unkrautbekämpfung läßt sich schaffen, wenn mit Strafe bedroht 
wird, wer die zur Bekämpfung erlassenen Landesgesetze nicht befolgt. 
Alles weitere könnte der Landesgesetzgebung überlassen werden i). 
Diese hätte anzuordnen, daß nicht nur alle landwirtschaftlich genutzten 
und nutzbaren Grundstücke zum Zwecke der Unkrautbekämpfung amt- 
licher Beaufsichtigung unterliegen, sondern auch die Wege und Graben- 
ränder, Bahndämme, Waldgrundstücke, Baugelände, Un- und Oedland, 
die besonders geeignet sind, die Verbreitung von Unkraut zu fördern. 
Durch Verordnungen, vor deren Erlaß Sachverständige zu hören sind, 
ist zu bestimmen, welche Unkräuter zu bekämpfen, wann und wie es 
zu geschehen hat. Zur Anzeige des Auftretens eines zu bekämpfenden 
Unkrautes ist zu verpflichten, wer berechtigt ist, ein Grundstück land- 
wirtschaftlich zu nutzen. Erfolgt auf amtliche Anordnung die Vernich- 
tung schon aufgegangener Kulturpflanzen, so ist der entstehende Schaden 
zu ersetzen. Zu bestrafen ist, wer die erlassenen Verordnungen nicht 
befolgt, der Anzeigepflicht nicht genügt, und wer vorsätzlich Unkraut 
auf einem Grundstück verbreitet '^). 

Seuchen sind Krankheiten, die von Menschen und Tieren auf diese 
übertragen werden können ^). Im gleichen Sinne spricht man von 
Pflanzenseuchen, die auf andere Gejvächse übertragen werden können *). 
Ihrer Bekämpfung ist erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken, woraus 
dem Landwirt erneute Arbeit erwachsen wird. Der Gegenentwurf zum 



1) Dochow, Gesetzliche Rej^elang der Unkrautbekämpfung. Zeitschrift f. die ge- 
samte Strafrechtswissenschaft (1918), Bd. 39, 174; Wehsarg, Grundsätze einer staat- 
lichen Unkrautbekämpfung. Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellsohaft 
(1917), S. 250; v. Rümker. Unkrautvertilgung (1917)*, S. 9. 

2) Nach dem § 34 des preußischen Feld- und Forstpolizeigesetzes vom 1. April 
1880 wird bestraft, wer, abgesehen von den Fällen des § 368 Ziff. 2 des Strafgesetz- 
bachs, den zum Schutze nützlicher oder zur Vernichtung schädlicher Tiere und Pflanzen 
erlassenen Polizeiverordnungen zuwiderhandelt. 

3) Dochow, Seuchenpolizei, v. Holtzendorff-Kohler, Enzyklopädie der Rechts- 
wissenschaft (1914)', Bd. 4, 529. 

4) Dochow, Bekämpfung der Pflanzenseuchen. Zeitschrift f. die gesamte Straf- 
rechtswissenschaft (1919), Bd. 30, 341. 



150 Miszelleu. 

neuen Strafgesetzbuch sieht im § 225 vor, daß bestraft wird, wer die Ab- 
sperrungs- oder Aufsichtsmaßregeln oder Einfuhrverbote, die von einer zu- 
ständigen Behörde zur Verhütung oder Verbreitung von Vieh- oder Pflanzen- 
seuchen erlassen sind, übertritt ^). Dieser beachtenswerte Hinweis auf 
die Pflanzenseuchen fehlt im amtlichen Vorentwurf. Als Muster für 
die landesrechtlichen Ausführungsbestimmungen über die Bekämpfung 
von Pflanzenseuchen können die über Viehseuchen herangezogen werden. 
Wirksamer Pflanzenschutz ist nur auf gesetzlicher Grundlage durch- 
führbar. Einen Anfang zu einer reichsrechtlichen Regelung enthält die 
Bundesratsverordnung vom 30. April 1917, wonach die Einzelstaaten 
ermächtigt werden, auf gesetzlichem Wege einen Zwang zum Beizen 
des Saatgetreides auszuüben. In Baden wurde hiervon auch mit gutem 
Erfolg Gebrauch gemacht 2). In Preußen wurde mit dem Hinweis auf 
das Verordnungsrecht der ßegierungspräsidenten laut § 34 des Feld- 
und Forstpolizeigesetzes eine einheitliche Regelung vorläufig abgelehnt ^). 
Als Muster für die Bekämpfung einer einzelnen Seuche können die 
preußischen Bestimmungen über die Bekämpfung des Kartoffelkrebses 
dienen, die rechtzeitige Anzeige des Auftretens der Seuche zur Pflicht 
machen, Beseitigung der Rückstände und Verkehrsbeschränkungen an- 
ordnen *). Verseuchte Felder dürfen nur mit widerstandsfähigen Sorten 
— welche das sind, wird angegeben — bebaut werden. Weitere Be- 
schränkungen sind zulässig. 

Derartige Anordnungen werden sich nicht vermeiden lassen, da sie 
im Interesse der Landbestellung liegen. Nur dadurch, daß man sämt- 
lichen Landwirten diese Beschränkungen in der freien Bewirtschaftung 
auferlegt, kann der erwünschte Erfolg erzielt werden. 

IV. Pflichten und Rechte der Arbeitgeber und Arbeitnehmer aus 

dem Arbeitsvertrag. 

Nach Aufhebung der Gesindeordnungen und der Ausnahmegesetze 
gegen die Landarbeiter durch den Aufruf der Volksbeauftragten vom 
12. November 1918 (RGBl. S. 1303) wurde die vorläufige Landarbeits- 
ordnung vom 24. Januar 1919 (RGBl. S. 111) erlassen, die am Tage 
ihrer Verkündigung in Kraft trat., Ihre nachträgliche Durchberatung 
durch die Nationalversammlung ist noch nicht erfolgt. Sie legt gesetz- 
lich fest, was zum Teil schon ohne Zwang im landwirtschaftlichen 
Betriebe durchgeführt wurde, enthält aber auch Neuerungen, die bisher 
nur für industrielle Betriebe galten. 

Wo ein Arbeiterausschuß besteht, muß eine Arbeitsordnung ange- 
schlagen werden, in der Regel dort, wo mehr als zwanzig ständige 
Arbeiter beschäftigt werden. Sie ist nach Anhörung des Arbeiteraus- 
Bchusses zu erlassen und an sichtbarer Stelle auszuhängen. Sie muß 



1) Ge^enentwurf zum Vorentwurf eines deutschen Strafgesetzbuchs, aufgestellt von 
Kahl, V. Lilienthal, v. Liszt und Goldschmidt, 1911. 

2) Badische MinistV. vom 3. September 1917. 

3) Vgl. Anm. 2 auf 8. 149. 

4) Preußische MinistV. vom 18. Februar 1918 (Landwirtsch. MinistBl. S. 41). 



Miazellen. löl 

Bestimmungen enthalten über die Arbeitszeit, etwaige Strafen und die 
Verwendung der Strafgelder zum Besten der Arbeiter des Betriebes. 
Die Arbeitsordnung ist rechtsverbindlich für Arbeitgeber und Arbeit- 
nehmer. 

Von einer Einführung des Achtstundentages wurde abgesehen, 
sondern eine Arbeitszeit von acht, zehn und elf Stunden für je vier 
Monate festgesetzt. Ueberstunden sind besonders zu vergüten, nament- 
lich an Sonn- und Feiertagen. Der Weg vom Hof zur Arbeit und 
zurück ist in die Arbeitszeit einzurechnen. Im Sommer sind täglich 
mindestens zwei Stunden Ruhepause zu gewähren. Arbeiterinnen, die 
«in Hauswesen zu versorgen haben, müssen eine Stunde vor der Haupt- 
mahlzeit in ihrer Häuslichkeit eintreffen können. Arbeiterinnen, die 
ein größeres Hauswesen zu versorgen haben, sind, abgesehen von Not- 
fällen, nur insoweit zur Arbeit zu verpflichten, als dies ohne erheb- 
liche Beeinträchtigung ihrer häuslichen Pflichten zulässig ist. 

Der Barlohn ist in der Regel wöchentlich zu zahlen, die verein- 
barten Naturalien sind in Waren von mittlerer Beschaffenheit der Ernte 
in der Regel vierteljährlich zu liefern. Nicht lieferbare Naturalien 
sind zu vergüten. Die als Teil der Entlohnung geltenden Wohnungen, 
Landnutzungen und sonstigen Leistungen, die keinen Marktwert haben, 
sind mit ihrem Geldwert schriftlich festzusetzen. Die Wohnungen 
sollen in sittlicher und gesundheitlicher Beziehung einwandfrei und mit 
dem Notwendigsten ausgestattet sein. 

Dies sind die grundlegenden Bestimmungen der Landarbeitsord- 
nung. Der Arbeitnehmer muß sich damit abfinden, daß nicht alle 
Einzelheiten der landwirtschaftlichen Arbeitsbedingungen so festgesetzt 
werden können, wie es im industriellen Betrieb möglich ist, schon weil 
der einheitliche Arbeitsraum fehlt und die Arbeit sich nach der Witte- 
rung richten muß. Es wird daher manches der Vereinbarung über- 
lassen bleiben, wobei auch der Arbeitnehmer zu berücksichtigen hat, 
daß es sich in der Landwirtschaft um einen Betrieb handelt, der im 
Dienste der Volksernährung steht. 

Die weitere Ausgestaltung des Landarbeitsrechts muß dahin führen, 
daß der Landarbeiter, wie Wygodzinski i) es einmal ausdrückt, die 
Gewißheit bekommt, daß er vielleicht ein anderes, aber kein geringeres 
Recht habe, als der städtische Arbeitei-. 



1) Wygodzinski, Die Landarbeiterfrage in Deutschland, 1917, S. 76. 



]^52 Miszellcn. 



VII. 

Der Einfluß des Krieges auf die Bevölkerungs- 
bewegung in Deutschland. 

Von Ludwig Elster. 

Die BevölkeruDgsverhältnisse in Deutschland sind durch den Krieg 
von Grrund aus umgewandelt. Alle bisherigen Berechnungen und 
Sorgen sind über den Haufen geworfen. Wir stehen vor ganz neuen 
Fragen und vor neuen Sorgen. So ist denn auch mit Recht von 
Eugen Würzburger in seinem in diesen „Jahrbüchern" veröffent- 
lichten Aufsatz „Ausblick auf unsere künftige Bevölkerungsentwick- 
lung" (III. F., 54. Bd., S. 544) behauptet worden, daß der Krieg „eine 
neue Periode in der Geschichte der deutschen Bevölkerungsentwicklung 
eingeleitet" habe. 

Endgültige, völlig zuverlässige statistische Zahlen über die un- 
mittelbaren und mittelbaren Wirkungen des Krieges liegen allerdings 
noch nicht vor. Immerhin gewähren sorgfältige Schätzungen und Be- 
rechnungen einen gewissen Anhalt, so daß wir in der Lage sind, ein 
im großen ganzen wohl zutreffendes Bild von der Einwirkung des 
Krieges auf die Bevölkerungsbewegung, auf Vergehen und Werden der 
Bevölkerung, zu gewinnen. 



Zunächst sei ein kurzer Rückblick vorangeschickt. 
Auf dem bisherigen Gebiete des Deutschen Reiches bezifferte sieb 
die Bevölkerung vor hundert Jahren auf 25 Millionen. Diese Zahl stieg 

bis 1850 auf 35397000 

„ 1870 „ 40818000 

„ 18S5 „ 46 858 000 

„ 1900 „ 56367000 

Bei Ausbruch des Krieges betrug sie nahezu 68 Mill. (67 790 000). 
Allein von 1870 ab nahm unsere Volkszahl um 65,4 Proz. zu! 

Der Geburtstiberschuß betrug in den siebziger und achtziger Jahren 
des vorigen Jahrhunderts jährlich rund 500 000—600 000. Seit An- 
fang diesös Jahrhunderts über 800 000. Mit anderen Worten : die Be- 
völkerung Deutschlands wuchs zuletzt um über ^/^ Mill. jährlich an. 

Die in der Geschichte einzig dastehenden wirtschaftlichen und 
sozialen Fortschritte — vor allem von der Mitte der neunziger Jahre 
des vorigen Jahrhunders ab — hatten die Fassungskraft für Bevölke- 
rung erheblich gesteigert, haben überhaupt erst die Voraussetzungen 
geschaffen für eine gleichfalls einzig dastehende Bevölkerungszunahme. 



Miszellen. 153 

Dennoch haben wir in der hier beobachteten Periode Zeiten ge- 
habt, in denen sehr besonnene und sehr einsichtsvolle Männer unsere 
Volksvermehrung mit ernster Besorgnis begleiteten. Ich erinnere an 
den ehemaligen hochverdienten Kanzler der Universität Tübingen, 
Gustav Rümelin, der Ende der siebziger und Anfang der achtziger 
Jahre des vorigen Jahrhunderts den Zuwachs in Deutschland nicht 
mit Unrecht als einen „übernormalen" bezeichnete^). Und die führen- 
den volkswirtschaftlichen Gelehrten jener Zeit teilten seine Auf- 
fassung. 

Damals war Deutschland ein Auswanderungsland. Die wirtschaft- 
lichen Verhältnisse, die allezeit eine Hauptursache der Auswanderung 
sind, schienen in der Heimat nicht verlockend genug. Der erste Höhe- 
punkt unserer Auswanderung war im Jahre 1881 mit nahezu 221 OOO 
Auswanderern erreicht; der zweite 1891 mit 120 000. Durch diese 
überseeische Auswanderung schaffte die sich drängende Volksmenge 
wieder mehr Ellbogenraum. So konnte der Reichskanzler von Caprivi 
1891 im Reichstage sagen: „wir müssen exportieren, entweder wir ex- 
portieren Waren oder wir exportieren Menschen". 

Die immer stärkere Industrialisierung Deutschlands führte jedoch 
dazu, daß wir mehr Waren exportierten, und unsere Auswanderung 
ging zurück und sank auf ein Minimum. Nicht nur dies. Deutsch- 
land wurde aus einem Auswanderungsland ein Einwanderungsland r 
ungefähr 1 Million fremder Arbeiter und Arbeiterinnen wurden vor 
dem Kriege in unseren landwirtschaftlichen und industriellen Betrieben 
beschäftigt. 

Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht auch in jüngster Zeit auf 
einzelnen Gebieten das Angebot an Arbeitskräften zu groß, ja über- 
reichlich gewesen wäre. Dies gilt besonders von den gelehrten Be- 
rufen. Die Zahl der Studierenden an den deutschen Universitäten ist 
von 22 700 im Jahre 1888 auf 59 000 im Jahre 1912 gestiegen ; sie 
hat sich in diesem Zeiträume von 25 Jahren mehr als verdoppelt ! ^} 
Dadurch waren vor dem Kriege in dieser Bevölkerungsschicht — es 
sei nur auf die übergroße Zahl der auf Beschäftigung und Anstellung 
im Justizdienst wartenden Assessoren hingewiesen — zum Teil wenig 
befriedigende Verhältnisse entstanden. Von einer absoluten Ueber- 
völkerung im ganzen konnte man freilich bei uns nicht sprechen. Vor 
diesem Zustande hatte uns unser beispielloser wirtschaftlicher Auf- 
schwung bewahrt. 

Trotzdem nun die Einwohnerzahl Deutschlands von Jahr zu Jahr 
bis zum Ausbruch des Krieges stark gestiegen ist, war neuerdings, 
vor allem von der Wende des Jahrhunderts an, die relative Geburten- 
ziffer ständig zurückgegangen. Während 1891 auf 1000 Einwohner 
noch 38 Geborene kamen, ist diese Zahl mehr und mehr 1911 auf 
29,48, 1912 auf 29,12, 1913 auf 28,29 gesunken. 



1) Q. Rümelin, Zur Uebervölkerunj^sfrage. In „Realen und Aufsätze". Neue 
Folge. Freiburg und Tübingen 1881. S. 568 fg. 

2) Diese Zahlen beziehen sich nur auf die Universitäten, nicht auch auf die Tech- 
nischen Hochschulen, Landwirtschaftlichen Hochschnlen etc. 



254 Miszellen. 

Es ist bekannt, daß diese Tatsache große Befürchtungen hervor- 
gerufen hatte und daß, während man noch vor wenigen Jahrzehnten 
von der Gefahr einer Uebervölkerung sprach, jüngst die Gemüter durch 
«ine bevorstehende Entvölkerung oder Untervölkerung beunruhigt 
worden sind. 

Dieser Rückgang der Geburten fiel aber zusammen mit einem be- 
sonders starken Rückgang nicht nur der Gesamtsterblichkeit, sondern 
vor allem der Kindersterblichkeit. Und dieser Sterblichkeitsrückgang 
hatte die rückläufige Bewegung der Geburtenziffer, wie aus den mit- 
geteilten Zahlen über den Geburtsüberschuß hervorgeht, mehr als 
kompensiert. Freilich mußte man sich immer wieder sagen, daß der 
Sterblichkeitsrückgang demnächst seine natürliche Begrenzung finden, 
daß ihm früher oder später ein Halt geboten wenden müs^e, daß 
aber für die rückläufige Geburtenziffer ein derartiges Hemmnis nicht 
bestehe. 

So stand der Geburtenrückgang im Mittelpunkte des Bevölkerungs- 
problems vor dem Kriege. Ihn verfolgten weite Kreise mit ernster 
Sorge, und dies nicht mit Unrecht wegen der vielfach sehr bedenk- 
lichen Begleiterscheinungen, die mit dieser Tatsache auf sittlichem Ge- 
biete verbunden waren. Allerdings übersah man dabei zumeist, daß 
es nicht nur auf ein Maximum, sondern vor allem auf ein Optimum 
der Bevölkerung ankomme, daß man immer wieder prüfen müsse, ob 
die Vergrößerung der Volkszahl auch mit dem Anwachsen des Wohl- 
standes Schritt halte, ob die Fassungskraft für Bevölkerung sich noch 
immer mehr erweitere und erweitern könne. 

Nun aber hat uns der Krieg vor ganz neue schwere Fragen 
gestellt. 

II. 

Wollen wir die unmittelbaren und mittelbaren Wirkungen des 
Krieges auf die Bevölkerungsbewegung feststellen , so müssen wir 
unterscheiden 

1) die Verluste des Heeres, 

2) die auf den Krieg zurückzuführende erhöhte Sterblichkeit der 
Zivilbevölkerung, 

3) den Geburtenausfall. 

1) Die im Felde Gefallenen, sowie an Wunden und Krankheiten 
gestorbenen Krieger sind die Verluste, die uns zunächst am augen- 
fälligsten entgegentreten. 

Im Feldzuge von 1870/71 betrug die Gesamtzahl der Todesfälle 
des deutschen Landheeres, sowie der preußischen Flotte und der im 
Dienste des Heeres verstorbenen Zivilpersonen 40881^). Ich nenne 
diese Ziffer, um die Riesengröße des Weltkrieges um so deutlicher her- 
vortreten zu lassen. Denn diesen rund 41000 Toten im Jahre 1870/71 



1) VrI. E. Engel, Beiträge zur Statistik des Krieges 1870/71 in „Zeitschrift des 
K. Prenß. SUt. Büros", XII. Jalirg. (1872). S. 293. (Zu den 40 881 Toten kommen noch 
4009 Vermißte.) 



M i 8 z e 1 1 e n. 155 

dürften nach den jüngst veröffentlichten Angaben über 2 Millionen 
Tote gegenüberstehen, die uns der letzte Krieg gekostet hat. Und 
diese Todesfälle verteilen sich auf die jüngere Generation, auf die im 
Vollbesitz ihrer Schaffenskraft stehenden gesunden Männer zwischen 17 
und 45 Jahren, auf die für die wirtschaftliche Arbeit in erster Linie 
in Betracht kommende Schicht unseres Volkes. 

Aber nicht nur diesen Verlust haben wir zu beklagen, sondern wir 
müssen zugleich berücksichtigen, daß hierdurch das Gleichgewicht der 
Geschlechter aufs schwerste erschüttert ist. In den Jahresklassen von 
17—45 war vor dem Kriege das Verhältnis der Männer zu den Frauen 
ungefähr lOüO : 1005. Durch die gewaltige Einbuße an Männern im 
Kriege hat sich dies Zahlenverhältnis nun ganz erheblich zuun- 
gunsten des weiblichen Geschlechts verschoben, und zwar auf 1000 : 
1155—1160. 

Freilich werden sich diese durch die Todesfälle entstandenen Lücken 
infolge des allmählichen Vorrückens der jüngeren Altersklassen langsam 
in 5, in 10, in 15 Jahren wieder schließen. Aber zunächst haben wir 
mit diesen Verlusten zu rechnen, die sich ganz allgemein im wirtschaft- 
lichen Leben und im besonderen in der Stellung der Frau geltend 
machen werden. Denn wenn vor dem Kriege im Alter von 17 bis 
45 Jahren ungefähr 370 — 380000 heiratsfähige Frauen mehr als 
Mäuner vorhanden waren, so kann man heute sagen, daß infolge der 
Kriegsverluste weit mehr als 2 Millionen Frauen keine Möglichkeit 
haben, zu heiraten. Darf doch hierbei auch nicht außer acht bleiben, 
daß ein wohl gar nicht so ganz geringer Teil der Kriegsinvaliden für 
die Eheschließung kaum noch in Betracht kommen wird. 

2) Die Menschenopfer im Kriege beschränken sich aber nicht nur 
auf die Militärbevölkerung. . Auch die Zivilbevölkerung wird mehr oder 
minder stark in Mitleidenschaft gezogen. 

Sorgen und Entbehrungen, häufig auch epidemische Krankheiten, 
die im Gefolge der Kriege unter der Zivilbevölkerung sich verbreiteten, 
wie Cholera und Typhus nach dem Feldzuge von 1866 und Pocken im 
Jahre 1871, haben stets eine Erhöhung der allgemeinen Sterblichkeits- 
ziffer herbeigeführt. 

W^ährend des letzten Krieges sind nun epidemische Krankheiten, 
wenn von den Todesfällen an Grippe in der zweiten Hälfte des Jahres 
1918 abgesehen wird, kaum in besonders nennenswerter Weise auf- 
getreten. Dafür aber haben in erster Linie die Blockade und die durch 
sie bewirkte Absperrung Deutschlands von der Einfuhr an Nahrungs- 
mitteln, wie weiter aber auch die stärkere Inaöspruchnahme älterer 
und schwächerer Personen, sowie der Frauen und Kinder zu wirtschaft- 
licher, oft sehr anstrengender Arbeit eine ganz erhebliche Steigerung 
der Todesfälle im Gefolge gehabt. In der amtlichen Denkschrift über 
die „Schädigung der deutschen Volkskraft durch die feindliche Blockade" ^) 
wird darauf hingewiesen, daß der Einfluß der Nahrungsmittelabsperrung 



1) Denkschrift des Reichsgesundbeitsamtes. Dezember 1018. 



Jgg Misz eilen. 

in der starken Abnahme des Körpergewichts und in der oft erschrecken- 
den Abmagerung, besonders bei der großstädtischen Bevölkerung, jedem 
Beobachter deutlich erkennbar gewesen sei. Vor allem haben die Kinder 
in schulpflichtigem Alter und dann die älteren Leute unter dem Nah- 
rungsmangel gelitten und infolgedessen eine hohe Sterblichkeit aufzu- 
weisen. 

Ein Vergleich der Sterblichkeit der Zivilbevölkerung während des 
Krieges mit den Sterbefällen im letzten Friedensjahr läßt die Zahl der 
Opfer erkennen. Und ein solcher Vergleich ist möglich, weil seitens 
der deutschen Statistik während des Krieges die Sterbefälle der Zivil- 
bevölkerung gesondert gezählt und neuerdings, vom Statistischen 
Reichsamt bearbeitet, in der eben genannten Denkschrift mitgeteilt 
worden sind. 

In dem Kalenderjahre 1914 ist, wie ohne weiteres einleuchtet, noch 
keine merkliche Erhöhung der Sterbefälle und somit auch noch keine 
Wirkung der Blockade etc. zu erkennen. In den Jahren 1915 und 1916 
nehmen die Sterbefälle in der Zivilbevölkerung langsam zu, zunächst 
— im Vergleich zum Jahre 1913 — um 9,5, 1916 um 14,3 Proz. Um 
die absoluten Zahlen zu nennen: die Sterblichkeit steigt 1915 um 
88235, 1916 um 121 174. Im Jahre 1917 beträgt die Zahl der Blockade- 
opfer schon 259 627, d. i. eine Zunahme um 32,2 Proz., 1918 beziffert 
sie sich auf 293 760, d. h. sie nimmt um 37,0 Proz. zu. Dabei ist noch 
zu beachten, daß die letzte Ziffer (für 1918) auf Schätzung be- 
ruht, aus den eingegangenen Meldungen für das erste Halbjahr 1918 
abgeleitet worden ist. Die starke Anhäufung der Todesfälle an Grippe, 
die, wie schon erwähnt, erst im zweiten Halbjahr 1918 eintrat, ist un- 
berücksichtigt geblieben, obwohl ein nicht unerheblicher Teil auch 
dieser Todesfälle auf den durch die mangelhafte Ernährung geschwächten 
Körperzustand jedenfalls mit zurückgeführt werden kann. Man greift 
daher gewiß nicht zu hoch, wenn man die Gesamtzahl der Opfer in 
der Zivilbevölkerung auf rund 800000 ansetzt, zumal ja auch im 
Jahre 1919 durch die monatelange Fortdauer der Blockade die Sterb- 
lichkeit weiterhin nach allen vorliegenden Mitteilungen eine besonders 
hohe geblieben ist. 

"Während aber die Verluste auf dem Schlachtfelde nur die männ- 
liche Bevölkerung betrafen, verteilen sich die Todesfälle in der Zivil- 
bevölkerung auf beide Geschlechter und mehr oder minder auf alle 
Lebensalter. 

3. Schon der Genfer Historiker Sir Francis d'Ivernois hat, 
wie Malthus^) erwähnt, darauf hingewiesen, daß jene die Anfangs- 
gründe der Statistik noch zu lernen haben, die meinen, man könne auf 
%iem Schlachtfelde oder in den Spitälern berechnen, wie viele Menschen- 
leben eine Revolution oder ein Krieg gekostet habe. Die Zahl der 



1) Tb. R. Mallhus, Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz. Deutsche 
Ausgabe. Hrsg. von H. Waentlg. 1. Bd. (Jena 1905), 8. 342 ff. 



Miszellen. . ' ]^5'7 

Menschen, die sie getötet, sei von viel geringerer Bedeutung als die 
Zahl der Kinder, deren Geburt sie verhindert haben und noch verhindern 
werden. Dies sei die tiefste Wunde, die der Bevölkerung geschlagen 
werde. Und in der Tat erscheint diese Art des Bevölkerungsverlustes: 
der durch den Krieg verursachte Geburtenausfall ^) besonders ernst. Er 
ist zurückzuführen auf die Abwesenheit der zu den Fahnen einge- 
zogenen Männer und mußte, da mit der Zeit immer ältere Jahrgänge 
und damit auch immer mehr Verheiratete im Heeresdienste gebraucht 
wurden, andauernd größer werden. 

Nun liegen allerdings genaue endgültige Zahlen über den Ge- 
burtenausfall für das ganze Reich nur bis Ende 1915 vor 2). Aber wir 
können an der Hand vorhandener Teilermittelungen zu einer vorläufigen 
und im großen ganzen zweifellos zuverlässigen Feststellung auch für 
die spätere Kriegszeit gelangen. Denn das Reichsgesundheitsamt teilt 
regelmäßig monatlich in seinen „Veröffentlichungen" die Zahl der Ge- 
borenen in deutschen Orten mit 15 000 und mehr Einwohnern mit. Auf 
Grund dieses Materials und weiterhin der Veröffentlichungen des 
Sächsischen Statistischen Landesamts, damit auf Grund einer Bevölke- 
rungszahl von rund 26 Millionen, das sind 42 Proz. der deutschen Ge- 
samtbevölkerung, hat die „Studiengesellschaft für soziale Folgen des 
Krieges" in Kopenhagen den Geburtenausfall für ganz Deutschland zu 
ermitteln versucht ^). 

Der Einfluß des Krieges auf die Geburten kann erst im 10. Kriegs- 
monat in Erscheinung treten, also erst von Mai 1915 ab. In diesem 
Monat wird er aber auch sofort fühlbar. Während im Mai 1914 im 
ganzen Reich 156 025 Kinder geboren wurden, betrug diese Zahl im 
Mai 1915 nur 108 698, Wir hatten somit einen Rückgang von 47 327 
Geburten, d. h. von 30,3 Proz. Mit anderen Worten : Infolge der Ein- 
berufung des ersten Kriegsmonats, des August 1914, ist die Geburten- 
ziffer im Mai 1915 schon um mehr als ein volles Viertel gesunken. 
Und nun wuchs der Geburtenausfall weiter (von gelegentlichen Schwan- 
kungen abgesehen) von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. 



1) Ich spreche von Geburten aus fall, nicht von Geburtenrückgang, denn, 
wie schon Würzburger in seinem oben erwähnten Aufsatz mit Recht hervorgehoben 
hat, hat dieser Geburtenausfall „weder ursächlich noch in der Form, wie er sich 
statistisch darstellt, etwas gemein" mit dem unter I besprochenen Geburtenrückgang vor 
dem Kriege. 

2) Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich (39. Jahrg.), 1918. 

3) Diese Gesellschaft (Selskabet for social Forsken af Krigens Folger) hat sich 
durch ihre Veröffentlichungen ein großes Verdienst erworben. Es liegen von ihr bisher 
fünf sogenannte „Bulletins" vor: 1) Die Kosten des Krieges (März 191G); 2) Menschen- 
verluste im Kriege (August 1916); 3) Die Bevölkerungsbewegung im Weltkrieg. I. Deutsch- 
land und Frankreich (März 1917); 4) C.Döring, Die Bevölkerungsbewegung im Welt- 
krieg. I. Deutschland. 2. erweiterte Bearbeitung (März 1919); 5) C. Döring, Die 
Bevölkerungsbewegung im Weltkrieg. II. Oesterreich-Ungarn (Juni 1919). — Die oben 
im Text mitgeteilten Zahlen sind der unter 4) genannten Schrift entnommen. Bevor 
diese erschienen war, hatte ich, allerdings ohne die sächsischen Zahlen zu berücksich- 
tigen , also lediglich mit Hilfe der monatlichen Berichte des Reichsgesundheitsamts, 
die gleichen Berechnungen vorgenommen und bin zu denselben Ergebnissen gekommen. 



Jgg • Misz eilen. 

Sehen wir von den Eiftzelheiten, auf die einzugehen hier zu weit 
führen würde, ab, so unterscheiden wir zunächst 4 volle Jahre des 
Geburtenausfalls : 

von Mai 1915 bis April 1916 
„ „ 1916 „ „ 1917 
„ „ 1917 „ „ 1918 
„ „ 1918 „ „ 1919. 

Diese Jahre haben nach den sorgfältigen Kopenhagener Berech- 
nungen ein Minus von Geburten gebracht: 

im 1. Jahre von 673 000 
„ 2. „ „ 818000 
„ 3. „ „ 946000 
„ 4. „ „ 855000. 

Für diese vier Jahre beziffert sich somit der Geburtenausfall auf 
3 292 000. 

Zu diesen vier Jahren kommen nun aber noch die drei letzten 
Kriegsmonate August bis Oktober 1918, die in den Geburten der Mo- 
nate Mai bis Juli 1919 in Erscheinung treten müssen, hinzu. Der 
Ausfall dieser drei Monate ist nach den bisherigen Berechnungen auf 
215 000 zu veranschlagen, so daß wir alles in allem in den vier Jahren 
und drei Monaten oder in den 51 Monaten Geburtenausfall einen Ver- 
lust von über S^g Millionen Menschen zu verzeichnen haben. 

Es ist von Wert, daß wir diese Berechnungen kontrollieren können 
mit einem Rechnungsergebnis, das auf anderem Wege gewonnen und 
in der bereits erwähnten amtlichen Denkschrift über die „Schädigung 
der deutschen Volkskraft durch die feindliche Blockade" veröffentlicht 
worden ist. Während die Studiengesellschaft in Kopenhagen ausge- 
gangen ist von den Geborenen in den deutschen Orten über 15 000 
Einwohner und von den für Sachsen veröffentlichten Zahlen, findet sich 
in der Denkschrift eine Berechnung, die das Mitglied des Preußischen 
Statistischen Landesamts Professor Ballod auf Grund der ihm zu- 
gänglich gewesenen Geburtenzahlen für ganz Preußen angestellt hat. 
Ballod hat diese preußischen Ziffern unter Zugrundelegung der Ver- 
hältniszahlen zwischen Preußen und dem Deutschen Reich in den 
Jahren 1910/13 auf das Reich übertragen und hiernach den Ausfall 
an Lebendgeborenen im ganzen Reich auf rund 4 Millionen festgestellt. 

Hiernach ist man wohl berechtigt, anzunehmen, daß die oben an- 
gegebene Zahl von 3Y2 Millionen keineswegs zu hoch ist. 

Dabei will ich auch nicht unerwähnt lassen, daß die Denkschrift 
den starken Geburten ausf all nicht allein auf die Abwesenheit der 
Männer, also nicht nur darauf zurückführt, daß Millionen Männer ge- 
fallen sind, schwer verwundet wurden oder lange Zeit von ihren Frauen 
getrennt waren, sondern zum Teil auch auf die Blockade, auf die un- 
zureichende Ernährung, welche die weiblichen Geschlechtsfunktionen 
ungünstig beeinflußt und dadurch mit dazu beigetragen habe, daß in 
vielen Familien Kinderzuwachs ausgeblieben sei. 

Nun kann man mit dem Einwände kommen, daß der Geburten- 
aosfall kein eigentlicher Verlust sei, daß sogar das Fehlen von 3Ys ^i^l- 



Miszellcn. 159 

Kindern in dieser schweren Zeit als Erleichterung betrachtet werden 
müsse. Letzteres ist in gewissem Sinne richtig; aber in Zukunft werden 
wir die Menschen, die in diesen Jahren nicht geboren sind, bei unserer 
wirtschaftlichen Arbeit schwer vermissen. Der Geburtenausfall im 
deutsch- französischen Kriege fiel im wesentlichen in das* Jahr 1871. 
Damals ist die Geburtenziffer um rund 160000 gesunken. Noch in 
unserer letzten verarbeiteten Volkszählung, in derjenigen von 1910,^ 
trat dies insofern deutlich hervor, als die 39 — 40-Jährigen (der Ge- 
burtenjahrgang 1870) 783 5H9 Personen ausmachten, die 38— 39- jährigen 
(der Geburtenjahrgang 1871) jedoch nur 684 923, also nahezu 100000 
Personen weniger. Der Geburtenjahrgang 1872 (die 37 — 38- Jährigen) 
erreichten dann wieder die Zahl von 845 854 Personen. Und dennoch, 
— der Geburtenausfall eines Jahres war und ist verhältnismäßig leicht 
zu verschmerzen. Ganz anders, wenn er sich über eine Reihe von 
Jahren hinzieht und in so gewaltigen Dimensionen auftritt, wie wir 
ihn in diesem Kriege feststellen mußten. Er wird sich noch gut ein 
halbes Jahrhundert hindurch, solange wir überhaupt mit diesen Kriegs- 
jahrgängen zu rechnen haben, fühlbar machen, zunächst beim Schul- 
besuch, dann bei der Berufsvorbereitung, beim Eintritt in die Berufs- 
arbeit u. 8. f. Auch in der späteren Bevölkerungsbewegung wird er 
mehrere Jahre hindurch [Kriegsgeburtenausfall im zweiten Glied ^)] in 
Erscheinung treten. 

Wie jetzt durch die Toten des Krieges eine tiefe Lücke in unsere 
Bevölkerung gerissen ist, so werden wir in 18, in 20 Jahren und 
weiterhin abermals eine neue Lücke wahrnehmen, die auf den Geburten- 
ausfall in diesen Kriegsjahren zurückzuführen ist. Diese Lücke aber 
wird sich bei beiden Geschlechtern zeigen. 

Es ist auch nicht damit zu rechnen, daß die eheliche Fruchtbarkeit 
alsbald in alter Weise wieder aufleben wird. Die Nachkommenschaft 
derjenigen, die im Felde gefallen sind, also einmal der Ehemänner, 
dann derjenigen jungen Leute, die bei Ausbruch des Krieges noch ledig 
waren, unter anderen Verhältnissen in absehbarer Zeit sich wohl ver- 
heiratet haben würden, bleibt aus. Zahlreiche Krieger kehren als 
Kriegsbeschädigte mit verminderter Lebensfähigkeit zurück. Vor allem 
aber: unser ganzes Wirtschaftsleben ist derart zerrüttet, daß schon 
hierdurch unsere Geburtenziffer noch für geraume Zeit niedrig gehalten 
werden wird. 

III. 

Es liegt die Frage nahe: wie stark ist Deutschland heute noch 
bevölkert? 

Wie oben erwähnt, belief sich bei Ausbruch des Krieges unsere 
Einwohnerzahl auf etwa 67 790 000. Sehen wir zunächst von den 
eigentlichen Kriegstodesfällen ab, so wuchs infolge des Geburtsüber- 



1) Vgl. W, Winkler, Die Totenverluste der öBterreiohisch-ungarischen Monarchie 
nach Nationalitäten, Wien 1919, 8. 64. 



J^ßQ Miszellen. 

Schusses die Bevölkerung bis Anfang 1916 auf etwa 68 853 000 an. 
Von 1916 ab überstieg dann die Sterbeziffer in der Zivilbevölkerung 
die Geburtenziffer, und zwar bis Ende 1918 um rund 860 000, so daß 
die Bevölkerungszahl (immer noch ohne Todesfälle auf dem Schlacht- 
felde etc.) auf 67,7 Millionen sank. Ziehen wir hiervon die Kriegs- 
toten in Höhe von 2 Millionen ab, so bleiben 65,7 Millionen. Berück- 
sichtigen wir weiter, daß nach dem Friedensverträge außer Elsaß- 
Lothringen und dem Saargebiete noch Ober-Schlesien, Posen, der 
weitaus größere Teil von Westpreußen, der Regierungsbezirk Allenstein 
und Nordschleswig verloren gehen, Gebiete, die im Jahre 1910 rund 
9,2 Mill. Bevölkerung zählten i), so können wir nur noch mit einer 
Einwohnerzahl von 56,5 Mill. rechnen. Sollte sich das Ergebnis in 
den Abstimmungsbezirken günstig gestalten, so dürfte sich unsere 
Volkszahl vielleicht bis auf 59,5 Mill. erhöhen. Damit würden wir auf 
diejenige Einwohnerzahl kommen, die wir im Anfang dieses Jahr- 
hunderts (1901 oder 1904) hatten. 



Welche Aufgaben erwachsen nunmehr unserer Bevölkerungspolitik? 
Nur andeutungsweise kann ich diese Frage noch berühren, sie des 
näheren zu besprechen, würde über den Bahmen dieser kurzen Skizze, 
die lediglich die Einwirkungen des Krieges auf die Bevölkerungs- 
bewegung kennzeichnen soll, hinausgehen. 

Immer wieder wird von den verschiedensten Seiten (denn wer fühlte 
sich heute nicht berufen, über Bevölkerungspolitik zu schreiben ? !) eine 
das Wachstum der Bevölkerung befördernde Politik empfohlen, damit 
wir die großen Verluste, die der Krieg uns zugefügt, so rasch wie 
möglich wieder ersetzen. Die seltsamsten Vorschläge werden, um die 
Volkszahl zu heben , befürwortet. Sie können getrost hier uner- 
örtert bleiben. Aber darauf glaube ich doch hinweisen zu sollen, 
daß sich unsere sorgenden Gedanken gegenwärtig nicht der Frage 
zuzuwenden haben : wie vermehren wir unsere Bevölke- 
rung, sondernwie ernähren wir sie. Denn wir haben ja nicht 
nur Millionen Menschen, sondern vor allem auch wichtigste Wirtschafts- 
gebiete verloren. In der vom Grafen Brockdorf-Rantzau bei den 
Friedensverhandlungen mit Note vom 13. Mai 1919 überreichten Aeuße- 
rung der deutschen volkswirtschaftlichen Kommission ist mit Recht 
hervorgehoben, daß wir auf fast 7^ unserer Eisenerzproduktion, die Haupt- 
grundlage unserer Schwerindustrie, auf mehr als ^/s unserer Produktion 
an Zink, auf fast Ys unserer Kohlenproduktion verzichten sollen; im 
Osten werden die wichtigsten Produktionsgebiete für Getreide und 
Kartoffeln, etwa 21 Proz. der Gesamternte dieser Lebensmittel, ge- 
fordert. Nach den Bestimmungen des Friedensvertrags hat Deutsch- 
land seine für den Ueberseehandel taugliche Handelstonnage und 
Schiffsneubauten auszuliefern ; unsere Werften sollen in den nächsten 
fünf Jahren in erster Linie für die alliierten und assoziierten Regie- 
rungen bauen. Unsere Kolonien büßen wir ein. Dies alles kann ich 



1) Vgl. Statistische Korrespondenz, Jahrg. 45, Nr. 26 (vom 12. JaU 1919), 8. 2. 



Misiellen. IQl 

hier nur andeuten -i). Aber hat das wirtschaftlich so zugrunde gerichtete 
Deutschland überhaupt noch die Fassungskraft für eine Bevölkerung 
von 56 oder 59 Mill. Menschen? Das ist die Frage, die uns vor 
allem beschäftigen muß. Gewiß, eine wirklich durchgreifende innere 
Kolonisation, wie sie durch die Verordnung der Reichsregierung vom 
29. Januar 1919 eingeleitet ist, kann viel helfen und zum Wiederauf- 
bau Deutschlands sowie zur Lösung der Bevölkerungsfrage erheblich 
beitragen. Aber wir dürfen auch nicht auf den Zustand des alten 
Agrarstaates zurücksinken und wir müssen daher in gleicher Weise 
bemüht sein, unsere daniederliegende Industrie wieder zu heben. Die 
der Förderung unserer Wirtschaft dienende Politik ist 
die einzig erfolgreiche Bevölkerungspolitik. Wir werden 
aber auch damit zu rechnen haben, daß vorerst in der Enge des Da- 
seins, vielleicht auch aus Unzufriedenheit über die Gestaltung unserer 
Verhältnisse, viele der Heimat den Rücken kehren und ihr Glück in 
der Ferne suchen werden, daß unsere Auswanderung wieder, vielleicht 
sogar beträchtlich, ansteigen wird. Dann dürfte es eine wichtige Auf- 
gabe unserer Bevölkerungspolitik sein, die Auswandernden in die rich- 
tigen Bahnen zu lenken, sie zu stützen und zu fördern, sowie dafür 
zu sorgen , daß die Verbindung zwischen den Ausgewanderten und 
dem Mutterlande nicht verloren geht. 



1) Vgl. auch A. Schmidt-Essen, Die Kriegsbilanz für Deatschlandi Industrie. 
Was der Feind uns nimmt, was uns bleibt. Essen 1919. 



•Xahrb. f. NationalOk. a. Stat. Bd. 118 (Dritt« Folire Bd. 58). 1 1 



162 



Mi sze ( 1 en. 



Vlll. 

Die Brotpreise in Berlin in der ersten Hälfte 
des ersten Friedensjahres 1919. 

Von Dr. Hans Guradze. 

Nachdem wir mit der Berliner Brotpreisstatistik in Bd. 57, S. 188 f. 
dieser „Jahrbücher" bis zum Ende des 5. Kriegsjahres 1918 gelangt sind, 
soll sie nunmehr für die erste Hälfte des ersten Friedensjahres, wie 
man das Jahr 1919 hoffentlich bezeichnen darf, also bis Ende Juni 1919, 
fortgeführt werden. Für 1 kg in Pfennigen stellten sich nach Ver- 
wiegungen des Statistischen Amtes der Stadt Berlin die Brotpreis» 
folgendermaßen : 



Monat, 


1919 


1918 


Halbjahr 


Roggenbrot 


Weizenbrot 


Roggenbrot 


Weizenbrot 


Janaar 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 


55.00 
54.18 
55,10 
59.09 

58,98 
59.63 


56,18 
58,79 

63,16 
61,99 
62,75 


45.81 
46,0a 
45,90 
46,86 

45.98 

46,73 


49*9 

50,26 

50,1* 
50,77 
50,05 
51. «2 


1. Halbjahr 


56,99 


6o,67 


46,13 


50,30 



Es handelt sich hierbei, wie eigentlich wohl kaum noch hervorzuheben 
nötig ist, um gesetzlich festgelegte Höchstpreise. Im Januar des Be- 
richtshalbjahres haben keine Verwiegungen für Weißbrot stattgefunden. — 
Die Roggenbrotpreise sind also im Jahre 1U19 bis Juni Schwankungen 
unterworfen gewesen; entsprechendes gilt von den Weizenbrotpreisen. 
Das Endergebnis ist ein Höherstehen am Schlüsse des Berichtshalb- 
jahres gegenüber dem Beginne desselben. Im Vergleiche zum jeweiligen 
Monate des Vorjahres zeigt sich durchweg Preissteigerung für beide 
Arten von Brot, und zwar, auf Prozente berechnet, in folgender Weise : 



Bei 


Januar 


Februar 


März April 


Mai 


Juni 


Boggenbrot 
Weizenbrot 


+ 20,06 


+ 17.89 
+ 11,80 


+ 20,04 
+ 17.26 


+ 27.*9 

+ 24,88 


+ 28,87 
+ 23,86 


+ 27 61 
+ 22,76 



Man bemerkt also recht erhebliche Spannungsunterschiede. Für das 
ganze erste Halbjahr* 1919 erhält man gegenüber dem von 1918 als 
Preiszunahme für Roggenbrot 23,54 Proz., für Weizenbrot 20,42 Proz.. 



Miszelleu Kjg 

Das Gewicht des Fünfzigpfennigbrotes bolief sich im Halbjahr vom 
Januar bis Juni 1919 auf 0,88 kg gegenüber 1,08 kg im gleichen Zeit- 
raum von 1918. Dieser Gewichtsrückgang, der natürlich der Preis- 
steigerung entspricht, ist zweifellos bedeutend. Er wird wohl kaum 
durch eine Besserung der Brotbeschaffonheit ausgeglichen. Natürlich 
spricht sich in ihm auch die starke Geldentwertung aus. Immerhin ist 
die eingetretene Verteuerung des Brotes nicht leicht zu nehmen. Man 
braucht nur an die allgemeinen Unruhen infolge der Lebensmittelteue- 
rung zu denken, nicht etwa nur bei uns, sondern auch in anderen 
Ländern, beispielsweise in Italien, wo allerdings das Brot teurer ist als 
bei uns. Unsere Ziffern und Zahlen müßten auch für die geplante Be- 
steuerung der Lebensmittel ein deutliches Warnungszeichen sein. 



11* 



164 üebenicht über die neuesten Publikationen Deutschlands and des Ausland es. 



ITebersiclit über die neuesten Publikationen 
Deutschlands und des Auslandes. 

1. Oesohiohte der Wissensohaft. Enoyklop&disoliea. Lelirbflolier. Speiielle 
tlieoretisolie UntersncIiiuLgen. 

Fischer, Edmund, Das sozialistische Werden. Die 
Tendenzen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Leipzig 
(Veit & Co.) 1918. S». VIII u. 652 SS. (Preis: M. 15.—.) 

In der vorliegenden Schrift, die in zwei Teile zerfällt: 1) Sozia- 
lisierung der Volkswirtschaft und 2) Die Entwicklung der Solidarität, 
sucht der Verfasser den Nachweis zu führen, daß sowohl im Besitz- 
verhältnis der Organe der Produktion als auch im Verhältnis des 
Staates zum Einzelnen in zunehmendem Maße sozialistische Gedanken 
Verwirklichung finden. Der Sozialismus ist in der Gegenwart angeblich 
im Begriff, die bürgerliche Gesellschaft und ihre institutionelle Kultur 
von so vielen Ausgangspunkten aus zu durchdringen, daß aus ihr die 
Entstehung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung bevorsteht. 

Zum Beweise seiner Thesen bringt Fischer ein reichhaltiges inter- 
nationales Material zusammen. Alle Fälle aus aller Herren Länder, 
in denen Körper des öffentlichen Hechtes entweder Verkehrs- und Pro- 
duktionsmittel besitzen oder zum Wohle ihrer Bürger in deren unbe- 
schränkte Freiheit eingreifen, werden als Fortschritte des Sozialismus 
mit großem Fleiße zusammengestellt. Trotz der großen Objektivität des 
Verf. in der Behandlung der einzelnen Beispiele ist die Schrift doch 
eine subjektive Tendenzschrift. Sie ist es vor allem deshalb, weil sie 
in der Bewertung der Wandlungen des sozialen Lebens der Gegenwart 
technische, politische und wirtschaftliche Triebkräfte, die aus dem Ka- 
pitalismus und Imperialismus hervorgegangen, aber anscheinend sozia- 
lisierend gewirkt haben, außer acht gelassen hat. 

Solche Triebkräfte wirken gerade bei den hervorragendsten und 
volkswirtschaftlich bedeutsamsten Fällen der Sozialisierung entscheidend 
mit. Sombart betont mit Recht in seinem „Modernen Kapitalismus", 
daß die Rationalität der Betriebsform für den modernen Betrieb der 
Gegenwart das treffendste Kennzeichen sei. Passow, alles andere als 
ein Anhänger Sombarts, kommt in seiner Studie „Kapitalismus" zum 
Schlüsse, daß unsere Wirtschaftsepoche das Zeitalter der großen Unter- 
nehmung sei, deren Größe durch wirtschaftliche und technische Fak- 
toren bestimmt werde. Nicht eine bestimmte Besitzform, sondern die 
Größe des höchsten Nutzeffektes entscheidet heute über Form und Art 
des Betriebes oder der Unternehmung. Sobald die Rationalität des 
Betriebes aus der zwingenden Logik der Betriebsgesetze heraus an 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. ^65 

Stelle der großen Betriebe den Großbetrieb als einzigen seiner Art für 
die konkurrenzlose Bedarfsbefriedigung eines Wirkungsbereiches ange- 
zeigt erscheinen läßt, wird die Frage akut, ob dieser Betrieb Besitz 
einer Persönlichkeit oder eines öffentlichrechtlichen Körpers sein soll. 
Anknüpfend an eine Terminologie, die neuerdings in der theoretischen 
Literatur in Aufnahme kommt, sagen wir, daß das Sachmonopol, d. h. 
das einem einzigen Dienste- oder Warenproduzenten infolge bestimmter 
sachlicher, dieser Leistung eigentümlichen Erzeugungsbedingungen zu- 
wächst, einen Konsumentenwiderstand hervorruft. Dieser Widerstand, 
der sich in einer wirtschaftspolitischen Bewegung auszudrücken pflegt, 
hat vielfach zu einem Kompromiß geführt. Die Käufer des Monopol- 
gutes gaben sich mit dem Monopol der betreffenden Unternehmung 
zufrieden unter der Bedingung, daß das Unternehmen in die Hände 
einer der Oeffentlichkeit unterstehenden Verwaltungseinheit (Staat, 
.Selbstverwaltung, Städte oder gemischtwirtschaftliche Unternehmungen) 
überging. Wer die Geschichte der meisten Verstaatlichungen und 
Verstadtlichungen genauer verfolgt hat, weiß, daß die Motive nicht 
den wirtschaftlichen Grundgedanken der sozialistischen Lehren, sondern 
meist akuten Gegensätzen der individualistischen Wirtschaftsweise ent- 
lehnt waren. Wenn sich Erzeuger und Verbraucher, Stadt und Land, 
Handwerk und Großbetriebe feindlich gegenüberstanden, dann einigten 
sie sich meist aus praktischen Gründen auf die Verwaltungsmacht 
eines Körpers des öffentlichen Rechtes. Die Einrichtung oder Verkehrs- 
anstalt, die zum ausschließlichen Schaden von einem von ihnen geleitet 
werden könnte, sollte dem wechselnden Spiel der freien Kräfte entzogen 
werden. Verstaatlichung und Verstadtlichung waren also Maßnahmen 
zur Unterbindung einer wirtschaftlichen Uebermacht. Als solche waren 
sie einer sozialistischen Entwicklung ungünstig, indem sie es den Einzel- 
existenzen der individualistischen Wirtschaft ermöglichen sollten, unter 
Aufhaltung der Entwicklung zu wenigen großen Betrieben, ihre wirt- 
schaftliche Individualität zu erhalten. 

Diese Entwicklung, die fast antisozialistisch genannt werden kann, 
hat sich aber auch vielfach aus politischen Motiven vollzogen. Die 
gemischtwirtschaftliche Nutzung der bayrischen Wasserkräfte und des 
badischen Murgwerkes, die staatliche Leitung der Siedlungsbanken im 
preußischen Osten und Elsaß - Lothringen sind nicht auf soziale oder 
sozialistische Erwägungen zurückzuführen. Hier galt es vielmehr, für 
eine Miahrheit der Staatsbürger ihren politischen Willen gegen 
eine wirtschaftliche solidare Minderheit durchzusetzen. Der öffentliche 
oder gemischtwirtschaftliche Besitz einer Unternehmung löste mithin 
kein Einkommenverteilungsproblem, sondern sicherte nur die Möglichkeit 
einer bestimmten grundsätzlichen Nutzung einer wirtschaftlichen Macht- 
position. Auch manche Zeugnisse für das Wachsen der Solidarität 
sind durch ähnliche Fehlschlüsse über die Motive falsch ausgelegt. 
Was man für Emanationen eines sozialen Geistes gehalten hat, was 
als ethische Orientierung eines Staates gefeiert wird, ist doch, wenn 
man den phrasenhaften Aufputz der Begründung abstreicht, viel- 
fach nur ein Mittel zur Erhaltung der Volkskraft. Manchmal ist die 



166 Ucbersicht über die neuesten Publikationeu Deutschlands und des Auslandes. 

Fürsorge des Staates für seine Bewohner das beste Geschäft für 
den Staatshaushalt. Die Lasten, die sonst dem Staate im ganzen zu- 
fallen würden, werden — wie bei den Versicherungen und bei der 
Wohnungsfürsorge — nun zu einem erheblichen Teile durch eine Sonder- 
steuer der Beteiligten aufgebracht. Die Fürsorge wird jetzt billiger 
und wirkungsvoller, als wenn der Staat sie ohne Mithilfe der Inter- 
essenten betreiben würde. So lassen sich die Beispiele bis hinunter zu 
materialistischen, fiskalischen und machtpolitischen Erwägungen kleiner 
Kommunalverbände und Kreisausschttsse durchführen. Solidarität und 
soziales Empfinden sind doch vielfach nur sympathisch anmutende Be- 
gründungen für weniger sympathische politische Bestrebungen gewesen. 
Das Aufbäumen des ganzen Bürgertumes nach der Revolution, als nun 
endlich einmal mit der sozialistischen Entwicklung grundsätzlich Ernst 
gemacht werden sollte, war weniger durch manche übereilte Maßnahme 
als durch instruktive Ablehnung der Grundgedanken in dieser Tendenz 
begründet. Was man bisher als Ornament am Gesellchaftsbau in Kauf 
nahm, sollte nun plötzlich in die Grundlagen eingebaut werden. Da 
zeigte sich, wie innerlich fremd dieser Aufputz dem Charakter des 
Baues war. Utilitarismus verbunden mit christlichen Gedanken der 
Werkheiligung und rein egoistische Bestrebungen zur Errichtung eines 
Schutzdammes gegen die Zersetzung der bewährten Grundlagen der 
Gesellschaft waren die Triebkräfte der bürgerlichen Schritte auf dem 
Wege zu einer angeblich sozialistischen Entwicklung. 

Wer verschiedene wirtschaftliche Erscheinungen näher ins 
Auge faßt, ist geneigt, wenigstens an diesen Sj'mptomen die Sozia- 
lisierung festzustellen. Wenn man anführt, wieviel einzelne kleine 
Sparer durch ihren Besitz an preußischen Staatsschuldscheinen Kapita- 
listen des Betriebes : preußische Staatseisenbahnen sind, wenn man 
darauf verweist, wie der Besitz kleiner Posten Aktien großer Unter- 
nehmungen immer weiter um sich greift, so daß schließlich sogar fleißige 
Arbeiter und Angestellte erhebliche Besitzanteile an der Stätte ihrer 
Arbeit ihr eigen nennen können, so nimmt man den formalen Vorgang 
als Beweis für eine Tendenz, die nur mittels tatsächlicher Kennzeichen 
belegt werden kann. Diese tatsächlichen Kennzeichen reden aber, 
sobald sie ihres formalen Beiwerks entkleidet sind, eine andere Sprache. 
Nicht nur in Kontinenten, sondern auch in ökonomischen Wirklich- 
keiten muß der moderne Mensch denken können. Tut man das aber, 
80 wird man gerade feststellen müssen, daß wir nach Abschluß der 
großen Aufwärtsbewegung im Genossenschaftswesen uns von 
dem Punkt, wo wir uns einem Uebergang zum Sozialismus am meisten 
genähert haben, schon wieder entfernen. Nur über die Produktiv- 
genossenschaft führt der evolutionäre Weg zur Sozialisierung der 
größeren Betriebe. Die kleinen Anteile, die der kleine Mann im allge- 
meinen und der Angestellte und Arbeiter im besonderen an dem 
Kapital eines Betriebes erwerben kann, bedeuten in den seltensten 
Fällen entsprechende Gewinn- oder Ertragsanteile. Sie sind nur for- 
malrechtliche Verzinsungs- oder Rentenansprüche. Der An- 
teil am Ertrage des gesamten Kapitals der Betriebseinheit wird meist 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. Iß7 

durch juristische oder volkswirtschaftliche Faktoren begrenzt. Ent- 
weder wird ein großer Teil des Kapitals, und zwar der Teil, der für 
das große Publikum bestimmt ist, sogleich als Vorzugsaktien oder 
Schuldverschreibungen zu festem Zinsfüße ausgegeben, oder die Höhe 
des Emissionskurses der Aktien wirkt als Bremse gegen eine wesent- 
liche Steigerung des Gewinnanteils. Diese tatsächlichen Verhältnisse 
wirken nun dahin, daß jedes Unternehmen von einiger Bedeutung drei 
Klassen von Besitzern zählt : 1) die Besitzer der Kapitalanteile mit 
Gewinnanteilbeschränkung, aber ohne Rechte in bezug auf Betriebs- 
leitung und Finanzpolitik; 2) die Besitzer von größeren Aktienblocks 
(Banken, Familienanteile, Aufsichtsratsbesitz), die durch einheitliches 
Vorgehen auf Generalversammlungen und im Aufsichtsrat mit einem 
vielfach verhältnismäßig kleinen Anteil am gesamten Betriebskapital 
sich Bestimmung der Geschäftsleitung und den überwiegenden Anteil 
am Ertrage des Unternehmens zu sichern vermögen. Es ist die meist 
fälschlich Kapitalisten genannte Unternehmerklasse; 3) die zahlreichen 
über das ganze Land verstreuten Besitzer der übrigen Aktien, denen 
in formaler Hinsicht dasselbe Recht wie den Gruppen sub 2 zusteht, 
die aber nur in seltenen Fällen in der Lage sind, durch geschlossenes 
Vorgehen davon Gebrauch zu machen. 

Wäre Fischer mit seiner Auffassung von der zunehmenden Sozia- 
lisierung unserer Wirtschaft im Rechte, so müßte bei der ständig 
fortschreitenden Durchdringung unseres Erwerbslebens mit Aktienge- 
sellschaftsformen nachweisbar sein, daß die Machtposition sub 2 in 
wachsendem Maße für soziale Organe einnehmbar wird. Dies ist 
aber nicht der Fall. Weder die Genossenschaften noch die gemischt- 
wirtschaftlichen Unternehmungen können dafür zeugen. Die Entwick- 
lung der Produktivgenossenschaften ist zwar nicht zum völligen Still- 
staml gekommen, aber das Wachstum* in dieser Bewegung ist im Ver- 
gleich zur Verbreitung der modernen anonymen Gesellschaftsformen so 
langsam, daß man von einem relativen Stillstand sprechen darf. Kredit- 
und Einkaufsgenossenschaften wirken sozial ausgleichend, aber doch 
nicht sozialisierend, denn ihre Inhaber erofcern doch keine Machtposi- 
tionen in Produktionsmitteln. Vollends ist aber jede gemischtwirt- 
schaftliche Unternehmung das Gegenteil eines sozialisierten Betriebes. 
An ihr sind meist zwei Gruppen beteiligt. A: Banken oder andere 
privatwirtschaftliche Kräfte, die im Sinne der Gruppen (vgl. sub 2 
oben) wirken, und B : Körper des öffentlichen Rechts (Staat, Stadt, 
Provinz, Kreis) die heute von Fall zu Fall von verschiedenen poli- 
tischen Mehrheiten beherrscht werden. Jede politische Mehrheit wird 
aber Geschäftsleitung und Ertragsverteilung anders, und zwar jeweilig 
nach ihren wirtschaftlichen Anschauungen, vornehmen. Daß diese An- 
schauungen durchweg mit den sozialistischen Wirtschaftstheorien über- 
einstimmen werden, muß nach dem Ausfall mancher Wahlen auch nach 
der Revolution bezweifelt werden. Der unzweifelhaft vorhandene Wider- 
spruch zwischen der formalen Entwicklung der Kapitalverteilung und 
des tatsächlichen Machtverhältnisses des Kapitalbesitzes hat Fischer, 
wie auch viele andere Autoren vor und nach ihm, verführt, aus- 



168 Uebersicht aber die nenesten Pablikationen Deutschlands und des Auslandes. 

schlaggebende Tendenzen in der Entwicklung der modernen Wirt- 
schaftsgesellschaft zu verkennen. 

Dazu gehört trotz Krieg und Blockade der Einfluß aller welt- 
wirtschaftlichen Verknüpfungen. Die geringsten einsei- 
tigen Verschiebungen in den Löhnen, den Rohstofferzeugungskosten 
oder Transportspesen der Artikel, die einen Weltmarkt haben, bedingen 
sofort Umwälzungen in den Produktionsverhältnissen, in der Wettbe- 
werbsfähigkeit und in dem Beschäftigungsgrad der verschiedensten 
Gewerbezweige. Die Gefahren einer Erschütterung der Produktions- 
grundlagen hat eine organisatorische Rückwirkung von großer Bedeu- 
tung gehabt : die Förderung nationaler und internationaler Monopol- 
bestrebungen als Abwehrmittel gegen die Unsicherheit der Absatz- und 
Produktionsverhältnisse. Daß die Mehrzahl der Monopole nicht leicht 
in gemein wirtschaftliche Unternehmungen umschlagen kann , ist 
durch die Eigentümlichkeit des oben erörterten Besitzverhältnisses der 
maßgebenden Kapitalbestandteile bedingt. Die Abwehr jeder Sozia- 
lisierung ist durch die verhältnismäßig geringe Zahl der in Betracht 
kommenden Personen außerordentlich erleichtert. Wo aber in der 
heutigen weltwirtschaftlichen Verknüpfung eine Monopolisierung des 
Absatzes nicht in Frage kommt, da muß die rationale Umformie- 
rung der Produktionsleitung einspringen. Je mehr der tech- 
nisch am richtigsten geleitete Betrieb sich als der wirtschaftlich 
stärkste ausweist, desto mehr scheidet die Eigenart aus der ge- 
schäftlichen und fabrikatorischen Methode der wichtigsten Unterneh- 
mungen aus. Der Betrieb wird nach unpersönlichen, meist ungeistigen 
technischen Grundsätzen geleitet. Bei der zunehmenden Schärfe des 
Wettbewerbes wird der Gewinnspielraum immer kleiner, so daß auch 
der Anreiz zu einer sozialistischen Entwicklung sachlich immer unbe- 
gründeter wird. Je kleiner der unternehmende und bestimmende An- 
teil am Kapital und je kleiner der Gewinnspielraum werden, desto 
weniger praktischen Effekt wird nach den Berechnungen von Deutsch 
eine sozialistische Entwicklung erzielen können. Wer heute noch für 
eine Beschleunigung der Sozialisierung auf die Straße geht oder in 
den Ausstand tritt, begehrt so geringe Bestandteile der Einkommens- 
verteilung seinem Einkommen zuzurechnen, daß m^n ihn fast für einen 
Idealisten halten könnte. Bei einer allgemeinen Verteilung aller Rein- 
gewinne deutscher Aktiengesellschaften entfallen auf jeden Deutschen 
etwa 12 M. im Jahre. W. H. Edwards. 

Heinemann, Dr. Bruno, Sozialisierung, ihre Möglichkeiten und 
Grenzen. Berlin (Karl Curtius) 1919. gr. 8. 74 SS. 

Bernstein, Eduard, Die Sozialisierung der Betriebe. Leit- 
gedanken für eine Theorie des Sozialisierens. Basel (National-Zeitung) 
1919. gr. 8. 20 SS. 

Pesch, Heinrich, Sozialisierung. (Flugschriften der „Stimmen 
der Zeit", Heft 6.) Freiburg i. Br. (Herdersche Buchhandlung) 1919. 
8. 82 SS. 

Die Schrift Heinemanns zeigt zunächst an der tatsächlichen 
Wirtschaftsentwicklung die Hauptirrtümer der sozialistischen Theorie, 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutscblande und des Auslandes. 16^ 

ohne tiefer einzudringen, kennzeichnet sodann die bisherigen Sozia- 
lisierungsversuche und -ergebnisse in privaten Betrieben (Gewinnbetei- 
ligung, konstitutionelle Fabrik, Produktivgenossenschaften) und in der 
öffentlichen Gemeinwirtschaft (Staats- und Kommunalsozialismus, ge- 
mischt-wirtschaftliche Betriebsform, Kriegssozialismus), geht weiter auf 
die Strömungen in den politischen Parteien näher ein (Bolschewismus 
und Spartakismus, Mehrheitssozialisten und Unabhängige, bürgerliche 
Parteien) und bespricht in kritischer Weise kurz die Forderungen und 
Vorschläge auf Sozialisierung des Kohlen- und Kalibergbaues, der Eisen- 
industrie, der Landwirtschaft und des Bank- und Versicherungswesens. 
Die Gefahren der Sozialisierung (Lähmung der schöpferischen Kräfte, 
Gefährdung des Verkehrs mit dem Ausland) werden zutreffend, doch 
ohne neue Gesichtspunkte geschildert; dagegen ist die Erfassung von 
Wesen und Ziel der Sozialisierung zu eng und zu flach, wie überhaupt 
die tiefere soziologische Fundamentierung fehlt. Die Schrift ist zwar 
ruhig und ohne Parteileidenschaft geschrieben, vermag aber wissen- 
schaftlichen Ansprüchen kaum zu genügen. Da sie aber das Wichtigste 
g»t und in angenehmer Form zusammenstellt, ist sie ein brauchbares 
Orientierungsmittel für weitere Kreise, das allerdings im dritten Ab- 
schnitt (Gegenwartsströmungen und Forderungen) durch die Ereignisse 
bereits überholt ist. 

Bernstein geht in seinen „Leitgedanken für eine Theorie des 
Sozialisierens" — einem Vortrag, den er im Staatswissenschaftlichen 
Seminar der Universität Basel gehalten hat — von Marx und Engels 
aus, die nach seiner Ansicht die Entwicklungstendenzen im wesent- 
lichen richtig erkannt haben. Er hält die großkapitalistische Her- 
stellung von Produkten, die unabhängig von Geschmack und Mode sind, 
große Gleichartigkeit aufweisen, ein weitverbreitetes Bedürfnis befrie- 
digen und einen großen stetigen Absatz haben, für sozialisierungsfähig, 
macht aber selbst eine Reihe von Bedenken geltend, die gegen eine 
völlige Verstaatlichung sprechen. In manchen Fällen hält er auch 
eine gesteigerte Staats- und Gemeindekontrolle für ausreichend. Die 
Schrift ist, wenn auch positiv sozialistisch, so doch sehr vorsichtig 
und gemäßigt geschrieben; eine „Theorie des Sozialisierens" oder auch 
nur Leitgedanken hierzu kann man sie aber kaum nennen. 

Pesch, der katholische Nationalökonom, tritt an die Sozialisie- 
rungsfrage vom Standpunkte des christlichen Sozialismus, den er in 
seinen Grundzügen darlegt. Er ist gegen eine allgemeine Verstaat- 
lichung, die er fälschlich mit Vergesellschaftung, Sozialisierung gleich- 
setzt, hält sie vielmehr nur dann für gerechtfertigt, wenn sie zur Er- 
füllung des sittlichen Staatszwecks sich als nötig erweist. Das ist der 
Fall: 1) wenn der privatwirtschaftliche Betrieb sich mit den Anforde- 
rungen einer guten Bedarfsversorgung des Volkes nicht vereinbaren 
läßt ; 2) wenn die finanziellen Bedürfnisse auf anderem Wege nicht 
befriedigt werden können. Ein Allheilmittel gegen alle wirtschaft- 
lichen und sozialen Uebel ist die Sozialisierung der Produktionsmittel 
nicht; nötig aber ist die Vergesellschaftung der Menschen durch wirt- 
schaftliche, soziale und besonders sittliche Bindungen, denen auch der 
bomo oeconomicus sich fügen muß. Dem Liberalismus gegenüber, für 



170 CJebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

dessen spezifische Leistuugen für die Wirtschaftsentwicklung Pesch 
keinerlei Verständnis zeigt, betont die Schrift besonders den Gedanken 
der christlichen Solidarität in ihrer dreifachen Form der sittlichen Ver- 
pflichtung der Staatsgenossen dem Staate gegenüber, der Solidarität 
der Berufsgenossen uud der allgemein menschlichen Solidarität. 

Leipzig. Georgjahn. 

Conrad, Prof. Dr. Jobs., Grundriß zum Studium der politischen Ockouomie. 
Teil 2: Volks Wirtschaftspolitik. 7. erweit. Aufl., bearbeitet von Prof. Dr. Albert Hesse. 
Jena, Gustav Fischer, 1919. gr. 8. XVIII— 6G6 SS. M. 24.—. 

Horlacher (Hauptgeschäftsf iihr.), Dr. Michael, Der Wiederaufbau der deutschen 
Volkswirtschaft. Eine Denkschrift über Deutschlands finanzielle und wirtschaftliche 
Not. Diessen, Jos. C. Huber, 1919. Lex. -8. 118 SS. M. 6,80. 

Jentsch, Carl, Volkswirtschaftslehre. Grundbegriffe und Grundsätze der Volks- 
wirtschaft, populär dargestellt. 5. verb. und verm. Aufl., hrsg. von Dr. Anton Heinr. 
Rose. Leipzig, Fr. Wilh. Grunow, 1919. gr. 8. XVI-391 SS. M. 5,50. 

Philippovich f, Prof. Dr. Eugen v., Grundriß der politischen Oekonomie. 
1. Bd. uud 2. Bd. 1. Teil: 1. Allgemeine Volkswirtschaftslehre. 13. unveränderte 

AufL XV— 507 SS. M. 12. 1- 20 Proz. T. — 2. Volks Wirtschaftspolitik. 1. Teil. 

9. Aufl. Von der 8. Aufl. an bearbeitet von Dr. Felix Somary. X— 408 SS. M. 12.— 
+ 20 Proz. T. (S.-A. aus „Uandbuch des öffentlichen Rechts". Einleitungsband).» — 
Tübingen, J. C. B. Mohr, 1919. Lex. -8. 

Schiff, Emil, Verge.«elLschafiung, Regelung uud Besserung der Wirtschaft. 
Stuttgart, Ferdinand Enke, 1919. gr. 8. 90 SS. M. 4.—. 

2. Gesobiclite und Darstellung' der wirtschaftlichen Knltor. 

Mayer, Eduard Wilhelm, Das ßetablissement Ost- und 
Westpreußens unter der Mitwirkung und Leituug Theodors von Schön. 
(Schriften des Instituts für ostdeutsche Wirtschaft in Königsberg i. Pr., 
I.Heft.) Jena (Gustav Fischer) 1916. 8°. XIV und 124 SS. (Preis: 
M. 3,60.) 

An dem vorliegenden Buch ist vor allem beachtenswert, daß es 
auf Anregung eines hohen Verwaltungsbeamten entstanden ist. Der 
Oberpräsident von Batocki wünschte die Maßnahmen kennen zu lernen, 
welche nach den Befreiungskriegen von seinem Amtsvorgänger unter- 
nommen wurden, um die Folgen der Kriegsschäden zu beseitigen resp. zu 
lindern. Nicht als ob sie mechanisch als Vorbild für die jetzt not- 
wendigen Eingriffe benutzt werden sollten oder könnten — die „Ge- 
schichte ist keine Sammlung von Rezepten" sagt Mayer — aber os 
sollen die Erfahrungen der Geschichte nicht unbenutzt gelassen werden. 

Die Aufgabe des Staates war freilich damals eine ganz andere und 
wohl noch schwierigere als heute. Heute ist nur der kleinere Teil Ost- 
preußens betroffen worden, damals hatten Ost- und Westpreußen ziem- 
lich gleichmäßig zu leiden gehabt. Heute handelt es sich um die Be- 
seitigung direkter Kriegsschäden, um den Wiederaufbau völlig ver- 
nichteter Städte und Dörfer, aber ohne daß auch auf dem Gebiet der 
Gesetzgebung Neues geschaffen werden müßte; denn verstärkte Koloni- 
sation kann im Rahmen der bisherigen bestehenden Gesetze ausgeführt 
werden. Damals kam zu der Verwüstung des Landes die im Gefolge des 
Krieges auftretende Entwertung des Grund und Bodens, die um so schärfer 
war, als dem Krieg eine außerordentlich günstige Konjunktur vorauf- 
gegangen war. Den Ostseeländern hatte sich der englische Markt in 



Uebcrsicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 171 

Steigendem Maße für den Getreideoxport erschlossen, der Wert des 
Bodens war in ständigem Steigen begriffen gewesen, und als Folge davon 
war eine ungesunde Grundstückspekulation entstanden, die nun völlig 
zusammenbrach. Es bedurfte neben praktischer Hilfe einer umfassenden 
Agrarreform, welche, bereits A'or dem Krieg geplant und begonnen, 
jetzt beschleunigt werden mußte, um das Land vor dem Untergang zu 
retten. Die Wiederherstellung des Kreditwesens war die wichtigste 
Aufgabe des Staates und wurde auch von ihm als solche erkannt. 

Die Agrarreform leiteten die bekannten Edikte vom 9. Oktober 
1807 ein, durch welche Kapital und Arbeitskraft auf dem platten Lande 
von den ständischen Privilegien befreit wurden : die ständischen 
Schranken im Grundstücksverkehr fielen, und die Erbunfertänigkeit 
wurde beseitigt. Mit der Verteilung von Entschädigungen konnte da- 
gegen erst 1816 nach Beendigung der Freiheitskriege begonnen werden. 
Zunächst wurde in Berlin ein Ketablissementfonds von 3 Millionen be- 
willigt und dessen Verteilung in der Hauptsache in die Hände der 
Stände gelegt. Abgesehen davon, daß sie im Gegensatz zu den Vor- 
schlägen der Regierung die adligen Besitzer gegenüber den Köllmern 
und städtischen Ackerbauern sehr bevorzugten, brachte die Art der 
Verteilung einen schweren Mißerfolg. Die Retablissementgelder wurden 
großenteils zur Schuldendeckung verwandt und verfehlten damit ihren 
Zweck, zur Betablierung der Grundstücke, d, h. zur Steigerung der 
Wirtschaft zu dienen. Ein Verbot, die Gelder zur Zahlung von Ab- 
gabenresten zu verwenden oder auf Antrag der Gläubiger mit Arrest 
zu belegen, kam zu spät. Vor allem waren die Landschaften, auf denen 
das ganze ländliche Kreditsystem aufbaute, nicht berücksichtigt worden. 
Die Zinsreste betrugen 1822 bei der westpreußischen Landschaft über 
^/g Million, bei der ostpreußischen 700000 Tlr. Eine schwere Agrarkrise 
kam hinzu, da die Provinz Preußen durch die englische Kornbill von 
1815 ihres wichtigsten Absatzgebietes ftlr die Getreideausfuhr beraubt 
wurde, während sich andererseits die Getreideproduktion in ungeahntem 
Maße vermehrte. Der Landwirt „erstickte" in seinem Korn, der Ge- 
treidepreis sank, und die Entwertung des Grund und Bodens nahm zu. 
Der ostpreußische Generallandtag von 1823 schlug vor, die hoffnungs- 
losen Güter in der Klassenlotterie auszuspielen, damit das Kreditsystem 
seine Forderungen voll ausbezahlt erhalte. Als so abenteuerlich, wie 
Mayer meint, ist dieser Vorschlag in Anbetracht der Zeitverhältnisse 
nicht anzusehen, da die preußische Generallotteriedirektion i"m Jahrzehiit 
vorher tatsächlich eine Güterlotterie eingerichtet hatte, mit der man 
durch das Ausspielen ganzer Güter den in Not geratenen Landwirten 
helfen wollte. Der Erfolg war freilich gering gewesen (vgl. W arschauer, 
Lotteriestudien, Berlin 1912, S. 73). 

1825 wurde für Preußen ein neuer Landesunterstützungsfonda von 
3 Millionen bewilligt und dessen Verwaltung dem ntiuen Oberpräsidenten 
der vereinigten Provinzen Ost- und Westpreußen Th. von Schön über- 
tragen. Für die Verwendung der Unterstützungsgelder wurden dies- 
mal genaue Bestimmungen getroffen: die Verschuldung durfte im all- 
gemeinen nicht drei Viertel des Gutswertes tibersteigen, die Unter- 



172 Uebersicbt über die neuetsten Pablikationen Deutschlands und des Auslandes^ 

Stützungen sollten in erster Linie zur Ablösung von Schulden dienen, 
es sollten aber auch Betriebskapitalien zu Meliorationen ausgegeben 
werden; insbesondere wurde die Schafzucht auf diese Weise gehoben. 
Bei Ausbleiben von Zinszahlungen hatte die Landschaft rücksichtslos 
Sequestration und Zwangsverkauf durchzuführen. Für den Fall, daß 
bei Subhastationen das Meistgebot unter der Taxe blieb, wurde ihr 
Ersatz des Ausfalls zugesagt. Der auf diese Weise gewaltsam be- 
wirkte starke Besitzwechsel führte zwar vorübergehend eine noch 
stärkere Entwertung des Grund und Bodens herbei, aber die Kredit- 
krise wurde so überwunden, und das Land gewann neue Kapitalkräfte. 
Bemerkenswert ist es noch, daß die ostpreußische Landschaft, welche 
infoige voh Kapitalausfall bei den Subhastationen weit stärkerer Unter- 
stützung als vorgesehen bedurfte, nur deshalb der von der Berliner 
Regierung gewünschten Schließung entging, weil der Staat mit den 
Domänen beteiligt war und doch etwa zwei Drittel des Defizits ohne 
Aussicht auf Ersatz zu decken gehabt hätte. In Westpreußen, wo die 
Domänen der Landschaft nicht assoziiert waren, verweigerte der Staat 
eine größere Hilfe; die Landschaft war ihrer hier allerdings auch 
weniger bedürftig. Ueberhaupt nur geringe Berücksichtigung fanden 
die Städte. Von dem Retablissementfonds erhielten allein die acker- 
bautreibenden Bürger einen Anteil. An der Kriegsschuld, die Königs- 
berg 1807 aufnehmen mußte, um die von den Franzosen auferlegte 
Kontribution zu entrichten, hatte es bis 1901 zuzahlen. Besser wurde 
Dauzig gestellt, das erst kurze Zeit dem preußischen Staat angehörte 
und moralisch gewonnen werden mußte ; seine Kriegsschuld war bereits 
1861 getilgt. 

Die Reformgesetzgebung, wie die praktische Hilfsaktion, sind in 
ihren Fehlern wie in ihren Vorzügen grundlegend beeinflußt von dem 
Mann, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den ver- 
schiedensten leitenden Stellungen seine ganze Arbeitskraft den beiden 
preußischen Provinzen widmete: Theodor von Schön. Als Schüler des 
Königsberger Nationalökonomen Kraus hatte er die Theorie Adam 
Smiths vom freien Spiel der Kräfte und die Ideen der französischen 
Revolution von der Würde des Menschen in sich aufgenommen und sie 
unter Fichtes Einfluß mit der neudeutschen Sittenlehre verbunden, 
welche die Pflicht an die erste Stelle setzt. Er war ein Gegner jeder 
Bevormundung und einseitigen Unterstützung durch den Staat, aber 
nicht bloß aus Achtung vor den unveräußerlichen Rechten des In- 
dividuums oder in der Smithschen Hoffnung, daß die freie Konkurrenz 
egoistischer Interessen zu einer natürlichen Harmonie führe, sondern 
unter starker Betonung der erzieherischen Absicht, der Staat solle im 
Erwerbsleben die Hände aus dem Spiel lassen, damit die Menschen 
das „Selbstdenken und Selbsthandeln" nicht verlernten. Nur wenn 
der einzelne ganz liuf die eigene Kraft gestellt sei .und nicht durch 
irgendwelche Standesrechte oder durch staatlichen Schutz vor den 
Folgen seiner Handlung gedeckt werde, könne er das Höchste leisten. 

Aus diesen Anschauungen heraus, die Schön mit doktrinärer Starr- 
heit verfocht, erklärt es sich, daß die Bauern im Oktoberedikt zwar 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschland!) und des Auslandes. X73 

von der Erbuntertänigkeit befreit wurden, weil freie Menschen besser 
als Erbuntertanen arbeiteten, aber zugleich der Bauernschutz fortfiel. 
Es erschien Schön verkehrt, wenn der Staat künstlich Existenzen auf- 
rechterhielt, die auf so schwachen Eüßen standen, daß produktive 
Arbeit nicht mehr von ihnen zu erwarten war. Bei der Regulierung 
des gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisses hat Schön seinen Einfluß fast 
immer zugunsten des Gutsherrn ausgeübt. Er verwarf die staatliche 
Getreideunterstützung an die Bauern, als 1822 Brotnot eintrat, und 
wollte höchstens staatliches Getreide als Naturallöhnung gegen Ver- 
richtung von Notstandsarbeiten zulassen. Ueberhaupt bevorzugte er die 
Naturalwirtschaft gegenüber der Geldwirtschaft. Die Abgabenreste 
sollte der Bauer, der seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nach- 
kommen konnte, abarbeiten. Gegen die Besitzer, welche auch in dieser 
Form ihre Schulden nicht begleichen konnten, wurde die Zwangs- 
versteigerung durchgeführt. Da der Bauer außerdem in der Kredit- 
beschaffung äußerst beschränkt war, der Landschaft nicht ange- 
hörte und nach dem Ragulierungsgesetz von 1811 nicht über ein Viertel 
des Werts seiner Stelle verschulden durfte, war die Folge aller dieser 
Benachteiligungen der verhängnisvolle Auskauf der Bauern durch die 
größeren Gutsbesitzer in den folgenden Jahrzehnten. Lehnte Schön 
doch auch die innere Kolonisation ab, weil ihm die kleinbäuerliche 
Besiedlung ein Vergehen gegen den Geist der neuen Staatswirtschafts- 
lehre schien. Seine Ansicht, daß die Stelle, die ein wirtschaftlich 
Schwacher verliere, alsbald von einem Starken ausgefüllt werde, daß 
jener nur entfernt werden müsse, um diesem Platz zu machen, trug 
den Sieg über sein Ideal von der Kreditfreiheit davon, das dem Edikt 
vom Oktober 1807 eigentlich zugrunde lag. Vorteilhafter erwies es 
sich in der Verwaltung des Landesunterstützungsfonds, daß bei Schön 
die Idee vom Recht der Unterstützung des wirtschaftlich Stärkeren 
über seine Abneigung gegen staatliche Eingriffe siegte. Er rechnete 
die Landschaft „zu jenen verrotteten Existenzen, die nur durch die 
Garantie des Staats über Wasser gehalten wurden". Aber da sie 
einmal die Grundlage des Landeskredits war, war er praktisch genug, 
mit seiner Rettungsaktion bei ihr einzusetzen. Die ostpreußischen 
Stände feierten „ihren Schön" später als den Retter der Landschaft. 
Mayer stellt zum Schluß einen lehrreichen Vergleich zwischen 
Schöns Retablissementsmethoden und denen Friedrich Wilhelms I. und 
Friedrichs des Großen an. Schöns individualistische Wirtschaftslehre 
stand in bewußtem Gegensatz zu dem Merkantilismus und der wirt- 
schaftlichen Bevormundung durch den Staat unter den beiden großen 
Königen. Das „Selbstdenken und Selbsthandeln" des einzelnen sollte 
möglichst wenig unterbunden werden. Bei seinem Vertrauen in die 
Selbsthilfe sah Schön jedoch nicht ein, daß der Schwache gegenüber 
dem Starken wehrlos ist und gab die Sozialpolitik Friedrich Wilhelm I. 
und Friedrich IL auf. Durch die Scheu vor staatlichen Eingriffen 
verhinderte er die Erfüllung großer organisatorischer Aufgaben. Mayer 
meint: „Wer wollte leugnen, daß die eilfertige „Peuplierung" der 
beiden Könige viele zweifelhafte Existenzen geschaffen hat? Aber es 



274 Uebereicht über die neuesten Publikationen Deutschlands uud ilen Auslandes. 

hieß doch das Eind mit dem Bade ausschütten, wenn man darum die 
innere Kolonisation überhaupt verwarf." Konnte Mayers Arbeit, wie 
er selbst betont, auch nicht erschöpfend sein, so hat er doch m. E. 
seine Aufgabe in hervorragender Weise gelöst. Dadurch, daß er neben 
dem gründlichen Studium der Akten, die ihm in aasgedehnterem Maße 
als den früheren Bearbeitern der Epoche zur Verfügung standen, die 
Gedankengänge Schöns aus den Anschauungen der Zeit zu verstehen 
suchte und sich in dessen Persönlichkeit hineinlebte, ist es ihm ge- 
langen, erheblich über die bisherigen Forschungsergebnisse hinauszu- 
kommen und Licht und Schatten gerechter zu verteilen, als bisher in 
allen Darstellungen, die Schön und seine Tätigkeit angingen, ge- 
schehen ist. Es ist für die Wissenschaft aufs tiefste zu beklagen, 
daß ein früher Tod ihn inzwischen dahingerafft hat. 

Als Beilagen gibt Mayer in extenso die wichtigsten Kabinetts- 
ordres über das Retablissement, die Uebersicht über die Verwendung 
des Laudesunterstützungsfonds, verschiedene Gutachten Schöns und zu- 
letzt ein Schreiben von ihm an die Königsberger Regierung mit 
cliarakteristischen Aeußerungen zur Frage der Einwanderung fremder 
Kolonisten wieder. 

Kiel. Hans Goldschmidt. 

Bohl er (Biblioth.), Eugen und (wias. Hilfsarb.) Dr. Hans Wehberg. Ver- 
einigte Staaten von Amerika. (Der Wirtschaftskrieg. Die Maßnahmen und Bestre- 
bungen des feindlichen Auslandes zur Bekämpfung des deutschen Handels und zur 
Förderung des eigenen Wirtschaftslebens. Hrsg. vom Institut für Seeverkehr und Welt- 
wirtschaft an der Universität Kiel, Kaiser- Willielms-Stiftung. 5. Abteilung). Jena, 
Gustav Fischer, 1919. Lex.-8. X— 568 SS. M. 30.—. 

Dierauer, Jobs., Geschichte der schweizer. Eidgenossenschaft. 1. Bd. bis 1415. 
3. Aufl. (Allgemeine Staatengeschichte. Hrsg. von Prof. Dr. Herrn. Oncken. I. Abt. : 
Geschichte der europäischen Staaten. Hrsg. von A. H. L. Heeren, F. A. Ukert, W. v. 
Giesebrecht, K. Laraprecht, Herm. Oncken. 26. Werk. 1. Bd. [48. Lfg. 2. Abt.] 
Gotha, Friedrich Andreas Perthps, 1919. 8, XXIV— 543 SS. M. 20.—. 

Dix, Arthur, Der neue Balkan. (Politi tisch- wirtschaftliche Schriftenfolge zur 
Friedenskonferenz, unter Mitarbeit hervorragender Politiker hrsg. von Otto Keßler. 
Heft 4.) Hamburg, Dorendorf u. Dresel, 1919. 8. 28 SS. M. 3,50. 

Ehret, Dr. Joseph, Litauen ia Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bern, 
A. Francke, vorm. Schmidt u. Francke, 1919. 8. Mit 49 Abb., 2 Farbendr. u. 8 Karten. 
M. 12.—. 

Heiderich, Prof. Dr. Franz, Die Wirtschaftskräfte Deutsch-Oesterrcichs. 
(Flugblätter für Deutsch-Oesterreichs Recht. Hrsg. von Dr. A. v. Wotawa. Nr. 17.) 
Wien, Alfred Holder, 1919. gr. 8. 40 SS. AI. 1,50. 

Huth, Dr. Walter, Die wirt^chaftlieheu Kräfte Deutsch-Oesterrcichs und sein 
Anschluß an das Deutsche B«ich. Berlin, Franz Siemenrotb, 1919. gr. 8. 119 BS. 
M. 5.—. 

Polen, Entwicklung und gegenwärtiger Zustand. Wien, Gerold u. Cie., 1918. 
Lex.-8. XIV— 1039 SS. mit 6 färb. Karten und 1 Diagr. M. 40.-. 

Waetge, H., Argentinien und seine Stellung in der Weltwirtschaft. (Meeres- 
kunde. Sammlung volkstümlicher Vorträge zum Verständnis der nationalen Be- 
deutung von Meer- und Seewesen. Hrse. vom Institut für Meerehkundc nn dt-r Uni- 
versität Berlin. 145 Heft. 13 Jahrg. Heft 1.) Berlin, E. S. Mittler u. Sohn, 1919. 
8. 34 SS. mit 15 Abb. M. 1.—. 

Walter (Landwirtschaftssoh.-Dir.). Dr. H., Geschichte der dculsohcn Landwirt- 
schaft, (landwirtschaftliche Unterrichtsbürher.) 2. verb. Aufl. Bautzen, Emil Ilübners 
Verlag, 1919. 8. III -101 SS. 11. 2,40. 



Uebcrsicht über die neaesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. ]^75 

Dewavriu, Maurice, et Frani;ois Paul Renaut, La Situation Iconomi- 
que des pays scaudinaves. Ma9on, irapr. Protat frferes, 1919. 8. 42 pag. 

Weill, Georges, Histoire des £tats-Uuis de 1787 H 1917. Paris, Alcan. 8. 
fr. 5. — . 

Morgan, Jacques, de, Histoire du peuple arm§nicn depuis les temps les 
plus reculfes de sea annales jusqu'ä nos jours. Prfeface par Gustave Schlumberger. 
Ouvrage illustrfe de 296 cartes, plans et dessins documuntaires de l'auteur. Paris, 
BergcrLevrault, 1919. 8. XVIII— 411 pag. fr. 25.—. 

Beer, M., A history ot British socialism. With an introduction by R. H. 
Tasvney. Vol. I. London, G. Bell. 8. 382 pp. 12/.6. 

Hershey, Arnos Shartie, and Susanua W. Hershey, Modern Japan. 
Social, industrial, political. Indianopolis, Bobbs-Merrill, 1919. 12. 382 p. $ 1,50. 

8. BevöUcerangslehre und BeTÖlkemng^spolitik. Answandemug 
und Xolonisation. 

Hagelberg, Carl, Wo siedeln wir uns an? Mexico als Siedlnngsland für 
deutsche Acker- und Gartenbauern, sowie Viehzüchter mit kleinem bis mittlerem Kapital. 
Schleswig, Jobs. Ibbeken Verlag, 1919. Lex.-8. 57 SS. mit Abb. M. 3.—. 

Sozialdemokratie und Kolonien. Mit Beiträgen von Eduard Bernstein, 
Clara ßohm-Schuch, Max Cohen, Gerb. Hildebrand, Wilh. Janssen, Marie Jucharz, 
Herrn. Kranold, Gust. Noske, Ludw. Quessel, Carl Severing, Max Schippel, August 
Winning, Wally Zepler und einem Vorwort von Julius Kalii-ki. Hrsg. von Alfred 
Munsfeld. Berlin, Verlag der Sozialistischen Monatshefte, 1919. gr. 8. 72 So. 
M. 1,50. 

Lemonon, Ernest, La politique colonialc de l'Italie. Paris, Alcan. 8. 
fr. 2.—. 

Virgilei, Filippo, L'emigrazione tedesca prima della guerra e le consequenze 
per la Germania dell'intervento dell'America uel conflitio mondiale. Bologna, 
N. Zanichelli (Milano, tip. Rebeschini, di Turati e C), 1919. 8. 12 p. 

4. Bergbau. Land- nnd Forstwirtschaft. Piscliereiwesen. 

Bertog (Forstrat), Dr. Herm. , Denkschrift zu der beabsichtigten Staatsaufsicht 
über die Privatforsten in Preußen. (Veröffentlichungen des preußischen Landes-Oeko- 
nomie-Kollegiums. Hrsg. vom Gen.-Sekr. Dr. Walther v. Altrock. Heft 19.) Berlin, 
Faul Parey, 1919. Lei.-8. 24 SS. M. 2. h 10 Proz. T. 

Böhme (weil. Oekon.-B., Wintersch.-Dir.), Dr. Gusta'v. Der Landwirtschafts- 
lehrling. Ein Buch für angehende Landwirte und deren Berater. 8. Aufl., hrsg. von 
(Ackerbausch.-Dir.) Dr. Th. Wölfer. Berlin, Paul Parey, 1919. 8. VII— 276 SS. 
M. 7,50 + 10 Proz. T. 

Fischereirecht, Das preußische. Sammlung der auf dem Gebiete des Fischerei- 
rechts in Preußen geltenden gesetzlichen und polizeilichen Vorschriften. Bearbeitet im 
Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten. Abgeschlossen Anfang Oktober 

1918. Berlin, Paul Parey, 1919. Lex.-8. VIII— 368 SS. M. 7. \- 10 Proz. T. 

Fruwirth, Prof. C. , Handbuch der landwirtschaftlichen Pflanzenzüchtung. 

4. Band: Die Züchtung der 4 Hauptgetreidearten und der Zuckerrübe. Von Prof. C. 
Fruhwirth, Dr. Th. Roemer, Prof. Dr. Erich v. Tschermak. 3. neubearb. Aufl. 

Berlin, Paul Parey, 1919. gr. 8. XV— 504 SS. mit 42 Textabbild. M. 30. h 

10 Proz. T. 

Gleichmann (Ob.-Ing., Dipl.-Ing.), H., Die Preisbildung der Kohle nach Erlaß 
des Kohlengeselzes, Karlsruhe, Friedrich Gutsch, 1919. kl. 8. 48 SS. M. 1,50. 

Görcke (Amtsger.- K.), Das preußische Fischerei gesetz vom 11. V. 1916. Nach- 
trag, enthallend: Abänderung vom 16. III. 1918 der Fischereiordnung vom 20. III. 
1917. Ausführungsanweisung vom 16. III. 1918 zum Fischereigesetz vom 11. V. 1916. 
.MMiiateridlerlaß vom 16. III. 1917, betr. Fiscshereischein. München, H. W. Müller. 

1919. kl. 8. 46 SS. M. 1. f- 15 Proz. T. 

Mendelson, Dr., Der gegenwärtige Stand der Landarbeiterfrage mit besonderer 
ßcrü'-ksichtigung der neuesten Rechtsveräudciungen des landwiri:<chafllichen Arbeits- 
vertrages. Vortrag, gehalten in der Betriebsabteilung der Deutschen Landwirtschafts- 



176 üebenioht über die neuesten Publikationen Deatschlands und des Auslandes. 

Gesellschaft am 21. IL 1919. Berlin, Paul Parey, 1919. Lex.-8. 27 SS. M. 2.— 
+ 10 Pror. T. 

Ramann, Prof. Dr. E., Bodenkunde. 3. umgearb. und verb. Aufl. Mit 63 Text- 
abbildungen und 2 Tafeln. Berlin, Julius Springer, 1918. gr. 8. XV— 619 SS. 
M. 28.—. 

Riegler, Dr. Hans, Eisenproduktion auf dem Weltmarkt während des Krieges, 
mit besonderer Berücksichtigung Deutschlands. Berlin, Hermann Sack, 1919. 8. 
62 SS. M. 4.—. 

Seedorf, Dr., Die Vervollkommnung der Landarbeit und die bessere Ausbildung 
der Landarbeiter, unter besonderer Berücksichtigung des Taylor-Systems. Berlin, Deutsche 
Landbuchhandlung. 1919. gr. 8. 20 SS. mit 1 Tab. M. 1. 1- 10 Proz. T. 

Tertsch, Dr. H., Kartographische Uebersicht der Erzbergbaue Oesterreich- 
üngarns. 2. verb. Aufl. (Kriegswirtschaftliche Schriften, hrsg. vom wissenschaftlichen 
Komitee für Kriegswirtschaft des Kriegsministeriums.) Berlin, Verlag für Fachliteratur, 
1919. gr. 8. 131 SS. mit 1 Tab, und 1 färb. Karte. M. 14. h 20 Proz. T. 



Basilesco, Nicolas, La r^forme agraire en Roumanie. Paris, Alcan. 8. 
fr. 5.—. 

Tieman, Hugh Philip, Iron and steel (a pocket encyclopedia) includiug 
allied Industries and sciences; with an introduction by Henry Marion Howe. 2d. ed., 
rev., enl. and entirely reset. New York, McGraw Hill. 15 + 514 p. $ 4. — . 

Bianchi; Giovanni Battista, Per l'agricoltura e per contadini nel dopo 
gaerra. (Camera di commercio e industria di Brescia : commissione economica di guerra.) 
Brescia, tip. F. ApoUonio e C, 1919. 8. 31 p. 

5. (bewerbe und Industrie. 

Van der Borght, Herbert, Die Entwicklung der deutschen 
Reisstärkeindustrie. Berlin (Franz Siemenroth) 1918. 8^. 99 SS. 
(Preis: M. 3,50.) 

Die Arbeit ist eine wertvolle Ergänzung der Beiträge zur Ge- 
echichte der deutschen Reisstärkeindustrie, die 20 Jahre früher von 
R. van der Borght veröffentlicht wurden. Für den Volkswirtschaftler 
geht der Wert des Buches über die reine Darstellung der Verhältnisse 
in einer vergleichsweise kleinen Industrie hinaus, denn es bestehen- in 
Deutschland im ganzen 11 Fabriken, die zusammen eine Produktion im 
Werte von etwa 11 Mill. M. hatten. Hiervon war wiederum rund '/j 
das Erzeugnis einer einzigen Firma. Das besondere Interesse, das die 
Darstellung der Verhältnisse in der Reisstärkeindustrie erweckt, ist 
einmal der Konkurrenzkampf gegen das Ausland in seiner Bedingtheit 
durch die Zölle für Rohmaterial und Endprodukt, andererseits der 
Konkurrenzkampf gegen die Weizen-, Mais- und Kartoffelstärke. Alle 
4 Stärkearten können sich bis zu einem gewissen Grade gegenseitig 
ersetzen, wenngleich jede ihr besonderes Verwendungsgebiet hat, für 
das sie vornehmlich geeignet ist, und vielfach mehrere Stärkearten aus 
Gründen des Preises oder der Brauchbarkeit gemischt zur Anwendung 
gelangen. Aus dieser Sachlage ergeben sich äußerst schwierige wirt- 
schaftliche Verhältnisse, die man mittels einer recht weitgehenden 
Kartellierung zu beherrschen versuchte. 

Während des Krieges ist der Industrie der Rohstoff naturgemäß 
vollständig entzogen worden, und die Betriebe mußten sich durch Er- 
weiterung ihrer Nebenbetriebe, soweit das möglich war, z. B. Karton- 
herstellung etc., oder durch Aufnahme vollkommen neuer Kriegsarbeiteu 



Uebereicht über die neuesten Publikationen Deutschlanda und des Auslandes. X77 

über Wasser zu halten versuchen. Die Zukunft der Industrie liegt 
vollständig im Dunklen. Es muß abgewartet werden, wann und unter 
welchen Bedingungen den Fabriken wieder der Rohstoff zugeführt 
werden kann und in welchem Umfange der deutsche Export in Reisstärke 
durch die Entwicklung ausländischer Betriebe verhindert werden wird. 
Berlin. Dr. Walter Pinner. 

Habicht, Dr. Bruno, Beitrag zur Frage der Sozialisierung der Montanindustrie 
(unter besonderer Berücksichtigung kriegswirtschaftlicher Erfahrungen). Berlin, Her- 
mann Sack, 1919. 8. 82 SS. M. 4.—. 

Heinke (Dr. ing.), Wilh., und Dr. E. O. Rasser, Handbuch der Papier- 
Textilindustrie. 3. bedeut. erweit, und verb. Aufl. des Handbuches der Papiergarn- 
spinnerei und -Weberei von Dr. ing. Heinke. Dresden, Verlag Otto Herrn. Hörisch, 
1919. Lex.-8. XII— 364 SS. M. 15.—. 

Prützel, Oswald, Von der Fabrik-Organisation. Braunschweig. Georg Wester- 
mann, 1919. 8. 124 SS. mit Abb. M. 4,50. 

Santz (Obering.), Adolf, Die deutschen Industrienormen. Bericht über Ent- 
stehung, Zusammensetzung, Arbeitsweise, Ziele und bisherige Leistungen des Normen- 
ausschusses der deutschen Industrie. Erstattet mit Unterstützung durch die Obmänner 
der Arbeitsausschüsse. 55 Bilder, Mit einem Anhang von W. Porstmann: Entwick- 
lung und Normung. Berlin, Julius Springer, 1919. 32 X 24 cm. 56 SS. M. 6,50. 

Schwarz (Ing.), ßob.. Die Mineralölindustrie Oesterreich-Ungarns. (Kriegs- 
wirtschaftliche Schriften, hrsg. vom wissenschaftlichen Komitee für Kriegswirtschaft des 
Kriegsministcriums.) Berlin, Verlag für Fachliteratur, 1919. gr. 8. VI — 221 SS. mit 
1 färb. Taf., 1 Tab. und 1 färb. Karte. M. 16. 1- 20 Proz. T. 



Industrie (1) fran9aise dans les r^gions envahies. Ouvrage public sous la 
direction et par l'ordre du grand §tat-major allcmand en f^vrier 1916. (Extraits.) Paris, 
Impr. nationale, 1919. 8. XI — 109 pag. et planche (graphiques). 

Marguery, J. et E., Economie industrielle.. Paris, Dunod. 8. fr. 5. — . 

Barker, Alfred F., Wool and the textile Industries, Baw material to finished 
fabric, in English, French, Italian and Spanish. With a technical glossary (in pocket). 
Translated by C. A. Lievre. London, Jowett and Sowry. Royal 8. 42 pp. 10/. — . 

Rawley, Tatan C, The silk industry and trade. London, P. S. King. 8. 
188 pp. 10/.6. 

6. Handel und Vsrkehx. 1 

Feer, Eduard, Die Ausfuhrpolitik der deutschen Eisenkartelle 
und ihre Wirkungen in der Schweiz. Ein Beitrag zur Kartell-Literatur. 
(Zürcher Volkswirtschaftliche Studien. Hrsg. von Sieveking. N. F. 
4. Heft.) Zürich (Rascher & Cie.) 1918. 8. 191 SS. 

Die auf umfangreiches bis zum Beginn des Krieges fortgeführtes 
statistisches Material aufgebaute Dissertation stellt siel; die Aufgabe, 
die Ausfuhrpolitik als eine Folge des Monopolsystems der größten deut- 
schen Eisenkartelle zu untersuchen. Gerade diese Wirkung der Kar- 
telle, bekannter unter dem Namen Dumping, hat bereits eine reiche 
Literatur gezeitigt. Die Mehrzahl dieser Arbeiten, insbesondere die 
Liefmanns (Schutzzölle und Kartelle 1903) und Morgenroths (Export- 
politik der Kartelle 1907), desgleichen zahlreiche Schriften und Auf- 
sätze behandeln jedoch dieses, in seinem Kern wirtschaftlich-technische 
Problem vorwiegend theoretisch, obwohl die hierfür notwendige Voraus- 
setzung umfassenden, vor allem weltwirtschaftlich orientierenden Mate- 
rials noch längst nicht gegeben ist. Mir erscheint es zunächst viel 
wichtiger, daß eine größere Anzahl tüchtiger Monographien ganz kon- 
Jahrb. f. NationalSk. a. Stat. Bd. 118 (Dritte Fotge Bd. 68). 12 



X78 Uebenicht über die neuesten Publikationen Deutschland^ und de» Auslandes. 

krete Vorarbeiten leisten, die es allein ermöglichen können, die Frage 
als ein Teilproblem nationaler und internationaler Wirtschaftspolitik 
wissenschaftlich zu lösen, während sie bisher, wie übrigens die meisten 
in dieses Gebiet schlagenden Probleme vorwiegend parteipolitisch be- 
leuchtet worden ist. Zum guten Teil rührt das daher, daß „Dumping" 
bereits seit den 90er Jahren d. v. J. die nationale wie internationale 
Handelspolitik sehr stark bewegte. Noch im Jahre 1916, also mitten 
im Weltkriege, hat die Federal Trade Commission der Vereinigten 
Staaten von Amerika 2 starke Bände eines „Report on Cooporation 
in American Export Trade" veröffentlicht, die sehr umfangreiches 
Material über die Ausfuhrpolitik der organisierten Industrien der wichtig- 
sten Kulturländer enthält und den Schluß daraus zieht, daß die Ver- 
einigten Staaten ähnliche Organisationen für ihren Außenhandel er- 
richten müßten. Ebenso ist zu erwarten, daß bei den kommenden 
handelspolitischen Erörterungen, die sich aus den Kriegsfolgen ergeben 
müssen, auch dieses Problem seine Rolle spielen wird. 

Von den 3 Teilen der vorliegenden Arbeit behandelt der erste die 
Grundlagen des Problems und beschäftigt sich zu diesem Zwecke 
1) mit der Schweiz als umworbenes Absatzgebiet, 2) dem Kartellwesen 
und Schutzzoll in Deutschland und 3) der Auslandspreispolitik der 
Kartelle. Der erste Abschnitt zeigt auf wenigen Seiten, daß die Schweiz 
zu 9ö V. H. auf den Bezug von ausländischem Eisen angewiesen ist uud 
trotz ihrer verhältnismäßig kräftigen Schutzzollpolitik aus dem Preis- 
kampf zwischen deutschem und ausländischem Eisen bisher stets ihre 
Vorteile gezogen hat. Die folgenden Abschnitte über die Ursachen 
der hervorragenden Kartellentwicklung in Deutschland , die deutsche 
Eisenkartellierung im besonderen, ihren Ausdehnungsdrang und die 
hierauf verwandten Mittel bringen keinerlei neue Gesichtspunkte. Etwas 
ausführlicher erläutert der anschließende Abschnitt die Auslandspreis- 
politik. Neues bringt aber auch dieser Abschnitt nicht. Es nützt 
auch kaum dem ganzen Aufbau einer solchen Arbeit, die Deduktionen 
voranzustellen , die nur zu leicht dazu verführen, das folgende Tat- 
sachenmaterial nicht mit der nötigen Unbefangenheit zu verarbeiten. 
In der Tat ist Verf. dieser Gefahr nicht völlig entgangen. 

Der folgende umfangreiche spezielle Teil, der die Arbeit zu einer 
wichtigen Ergänzung der Kartelliteratur stempelt, behandelt im einzelneu 
die Verbände 'der deutschen Eisenindustrie in ihrer Entstehung, ihrer 
organisatorischen Verfassung und ihrer Ausfuhrpolitik, vor allem gegen- 
über der Schweiz. Hier ist mit Fleiß und Zuverlässigkeit, soweit dies 
ohne Rückgriff auf die einzelnen Quellen sich feststellen läßt, beweis- 
kräftiges statistisches Material übersichtlich verarbeitet worden, so daß 
sich ein abgeschlossenes Bild für einen wirtschaftspolitisch allerdings 
vielfach sehr kurzen Zeitraum über die Einwirkungen der Kartellaus- 
fuhrpolitik auf die eisenverarbeitende Industrie der Schweiz ergibt. 
Und zwar erscheint dieses Bild durchaus günstig für die einführende 
Volkswirtschaft wie für die ausführende. Es ist also selbst bei allem 
Vorbehalt seiner wirtschaftlichen Eigenart und Begrenztheit immerhin 
geeignet, die überwiegend einseitige Beleuchtung der Kartellausfuhr- 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 179 

politik zu korrigieren. Im großen und ganzen ist dabei der Verf. auch 
der Gefahr entgangen, aus einem begrenzten Tatsachenmaterial bedenk- 
liche verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen. Ich möchte jedoch nicht 
unterlassen, auf einzelne bemerkenswerte Streitpunkte aufmerksam zu 
machen. Wenn Feer (S. 49) z. B. eine deutsche Gesamtausfuhrmenge 
von 19 V. H. Halbzeug, 21 v. H. Bleche und 23 v. H. Formeisen im 
Durchschnitt der Jahre 1910/13 für sehr gering ansieht, so wird man 
mit Rücksicht auf die von ihm selbst (z. B. S. 120) geäußerten Rück- 
wirkungen dieser Ausfuhr auf den Inlandsmarkt ebensogut das Gegen- 
teil behaupten können. Wenn 1/5 bis Y^ der deutschen Eisenerzeugung 
ausgeführt werden muß und nach den eigenen richtigen Angaben des 
Verf. einerseits diese billige Gewaltausfuhr in England Schutzzollbestre- 
bungen großzüchtete, andererseits die deutschen reinen Walzwerke des- 
wegen im Auslande keinen lohnenden Absatz mehr finden konnten, 
so wird eine solche Ausfuhr nicht als geringfügig bewertet werden 
können. Sehr strittig erscheint mir auch die Schlußfolgerung, die der 
\'erf. als Ergebnis seiner Arbeit (S. 181 ff.) zieht. Er charakterisiert 
hier die Ausfuhrkampfpreise einmal als Ergebnis der Weltmarkt- 
preisbildung, sodann aber in ihrem den Weltmarktpreis noch unter- 
bietenden Teile als Mittel zur Erlangung eines „Ausfuhrmonopols". 
Ich verweise darauf, daß für eine solche Schlußfolgerung zunächst 
Voraussetzung wäre, daß Weltmarktpreise für die wichtigsten Ausfuhren 
nachweisbar sind. Das ist aber auch in den Tabellen des Verf. 
keineswegs der Fall. Vielmehr betont er selbst in seinem grundsätz- 
lichen Teil (S. 17): „Bei einer so umfassenden Einschränkung des freien 
Wettbewerbs in den meisten wichtigen Industriestaaten ist es beinahe 
unmöglich, noch von einem Weltmarktpreise zu sprechen. In Wirk- 
lichkeit hat Anrecht auf solche Bezeichnung nur der Großhandelspreis 
der freihändlerischen Länder, und unter diesen kommt in der Eisen- 
industrie allein England in Betracht. Dieser englische Preis wird nun 
gewöhnlich als das Normale hingestellt, indem man dabei vergißt, daß 
er gar nicht das R^esultat einer normalen Konkurrenz ist, sondern sehr 
wesentlich von dem Angebot eben jener kartellierten Industrien ab- 
hängt . . . ." (!) Verf. weist ferner selbst an verschiedenen Stellen, 
namentlich des 2. Teiles seiner Arbeit, darauf hin, daß die deutsche 
Eisenindustrie infolge der günstigeren Frachtlage zum mindesten Eng- 
land gegenüber für die Ausfuhr nach der Schweiz ein natürliches 
Monopol besitzt, das außerdem durch eine entgegenkommende Ausfuhr- 
tarifpolitik der deutschen Eisenbahnen wesentlich gefördert wird, so 
daß also Preisunterbietungen zur Begründung eines Monopols für sie 
kaum eine große Rolle spielen können. Vor allem möchte ich aber doch 
darauf aufmerksam machen, daß Verf. sich durch solche Verallgemeine- 
rungen mit seinen eigenen Forschungsergebnissen in Widerspruch setzt. 
80 beurteilt er (S. 126) die auch quantitativ besonders wichtige Halb- 
zeugeinfuhr nach der Schweiz dahin, daß von „einer Forzierung der 
Ausfuhr durch billige Preise (seitens des Stahl Werksverbandes) seit 
1904 .... keine Spur mehr" zu sehen ist. „Es fehlt auch eine syste- 
matische Unterbietung der französischen Konkurrenz, so daß man an- 

12* 



180 Uebersioht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

nehmen kann, der Stablwerksverband begnüge sich damit, seine Preise 
nach denen der französischen Werke zu richten, um sich auf diese 
Weise vom schweizerischen Markte nicht verdrängen zu lassen." Für 
Träger kommt nach den Darlegungen (S. 134) eine solche Politik eben- 
falls nicht in Frage , weil hierfür im Rahmen eines internationalen 
Trägerkartells dem Deutschen Stahlwerksverbande ein Vorrecht für die 
Einfuhr nach der Schweiz gesichert worden ist, das zur Bildung einer 
schweizerischen Trägerhändlervereinigung genutzt werder. konnte. Eben- 
so bestand für Walzdraht ein (S. 141 ff.) behandeltes internationales 
Kartell, desgleichen eine Konvention des deutschen Walzdrahtverbandes 
mit den Schweizer Abnehmern, den Drahtziehereien. Daß die Billig- 
keit der deutschen Ausfuhr in den meisten Fällen nicht als Mittel zum 
Monopol zu werten ist, beweist seine richtige Kritik (S. 148) über die 
Blechverbände, wonach „die Erfahrung zeigt, daß diese Syndikate für 
eine Ausfuhrvergütung nur darin zu haben sind, wenn der Tiefstand 
des deutschen Marktes mit Gewalt eine stärkere Ausfuhr verlangt." 

Hiermit ist das ganze Problem richtig gezeichnet. Die Ausfuhr- 
politik der Kartelle und ihre Mittel eines organisierten Dumping auf 
der Grundlage von Ausfuhr Vergütungen oder gar Ausfuhrprämien hat 
nicht den primären Zweck einer systematischen Monopolpolitik, weder 
auf dem Innen- noch den Auslandsmärkten, sondern ist ein zeitlicher 
Notbehelf, bedingt durch die technisch-wirtschaftlichen Expansionsver- 
hältnisse namentlich der gemischten Betriebe in der Großeisenindustrie 
nicht nur in Deutschland, aber hier ganz besonders. In Gebieten aber, 
die wie die Schweiz nach Feers eigenen Darlegungen überwiegend gar 
nicht als „umstrittenes Absatzgebiet" für die deutschen Eisenkartelle 
zu gelten brauchen, sind solche Unterbietungen überhaupt nicht als 
„Mittel zum Zwecke" erforderlich. Monopolpolitik in ihrer Ausfuhr 
können Kartelle mit systematischem Erfolge nur durch internationale 
Kartelle durch Gebietsray onierung treiben. Wie Verf. es ebenfalls 
richtig hervorhebt, ist die Ausfuhrpolitik der deutschen Eisenkartelle 
sowohl ihrem Umfange, wie ihren Preisen nach jeweils das Ergebnis 
der heimischen und der Weltmarktkonjunktur — insofern „die Kar- 
telle nur exportieren, wenn die inländische Nachfrage, die doch höhere 
Preise bezahlt, aufgehört hat" (S. 39). 

Ich bin auf diese Ausstellungen näher eingegangen, nicht weil sie 
den Wert der Arbeit herabdrücken, sondern um die Gefahren deduk- 
tiver Verallgemeinerungen aufzudecken. Sie beweisen mir aber von 
neuem, daß das außerordentlich schwierig zu beurteilende Problem der 
Kartellausfuhrpolitik zunächst noch eine ganze Reihe von Monographien 
erfordert, wie solche der Verf. in seiner vorliegenden Arbeit in einer, 
was die rein tatsächlichen Darstellungen anlangt, sehr zweckmäßigen 
Weise geliefert hat. 

Berlin. Dr. Tschier schky. 

Fitoher, Engen, nnd Martin Schneider, Oüterrersand, Zollrerkehr und 
TnuuportTersicherong. Handbuch für Kaufleute and Industrielle. Mit einem Anhang : 
Atu der Exportpraxis von Walter Heß. (Violets Globus-Bücherei. Handbibliothek der 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 131 

gesamten Handelswissenschaften.) Stuttgart, Wilhelm Violet, 1919. kl. 8. X, 144 
und III— 38 SS. M. 6.—. 

Giese, Prof. Dr. Erich, Das zukünftige Schnellbahnnetz für Groß-Berlin. Mit 
120 Textabbildungen, 15 Tabellen und 15 Tafeln. Berlin, Verband Groß-Berlin, 1919. 
32 X 25 cm. 285 SS. M. 45.—. 

Großmaun, Fritz, Selbstkosten- und Gewinnberechnung des ehrbaren Handels. 
Mit einem Anhang: Die Selbstkosten der Konsumvereine. Unter Berücksichtigung der 
Notzeitverhältnisse zum Gebrauch für Behörden und Kaufleute erläutert. 3. verm. 
Aufl. Hannover, Verlagsgesellschaft m. b. H., 1919, 8. 192 SS. M. 5.— + 
10 Proz. T. 

Loeb, Dr. Ernst, Wirtschaftliche Vorgänge, Erfahrungen und Lehren im euro- 
päischen Kriege. 2. und 3. Teil. Jena, Gustav Fischer, 1919. gr. 8. UI— 92 SS. 
M. 4.—. 

Schnutenhaus (Dipl. Kfm.l, Dr. Otto, Die deutsch-schwedischen Handels- 
beziehungen seit Gründung des Reiches bis zur Gegenwart im Rahmen der schwedischen 
Wirtschaftsentwicklung. Berlin, Emil Ehering, Verlagsbuchbdlg. und Buchdruckerei, 
1919. gr. 8. 190 SS. M. 7,50 + 30 Proz. T. 

Schöleh, Ferd., Die Geschichte der Neckarschiffahrt und ihre Beziehungen 
zur Rhein-, Main- und Donauschiffahrt. (Industrie-Bücherei. Eine Sammlung wirt- 
schaftspolitischer und technischer Flugschriften. Bd. 2.) Stuttgart, Eugen Wahl, 1919. 
gr. 8. IV— 81 SS. mit Abb. M. 4,50. 

Ti essen, Prof. Dr. E., Die wirtschaftlichen Schwerlinien der bedrohten Reichs- 
gebiete. — The economic gravity lines in the territories of the German empire being- 
in danger of being appropriated by our enemis. — Les lignes de gravitation des pro- 
vinces menacSes de l'empire allemand. Hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft für Staats 
bürgerliche und wirtschaftliehe Bildung, Berlin. Berlin, W. Moeser, 1919. 31,5 X 
24 cm. 20 SS. mit Fig. M. 3.—. 

Witthoeft (M. d. R.), F. H., Handel und Schiffahrt. Erweiterter Abdruck 
eines Vortrags, gehalten im politischen Ausbildungskursus der deutschen Volkspartei. 
Berlin, Staatspolitischer Verlag, 1919. gr. 8. 14 SS. M. 1.—. 



Danaila (prof.), N. , Le commerce extSrieur de la Roumanie. Son d^veloppe- 
ment, son 6tat actuel et son avenir. Paris, impr. Lahure, 1919. 12. 51 pag. 

Danube (le) et les intferÄts ^conomiques de l'Europe. Paris, impr. Dubois et 
Bauer, 1919. 8. 76 pag. 

World trade conditions after the war; an analysis of the preparations. England, 
France and Germany are now making to extend their foreign trade. New York, 
National Foreign Trade Council, 1918. 8. 72 p. 

7. Finansweaen. 

Juliusberger (Rechtsanw.), Dr. Fritz, Steuerstraf recht. Gemeinverständliche 
Abhandlungen über aktuelle Steuerfragen, insbesondere die Steuerhinterziehung. Berlin, 
Juristische Verlagsbuchbdlg. Dr. jur. Frensdorf Nachf., 1919. gr. 8. 60 SS. M. 5.—. 

Kahn (Rechtsanw.), Dr. Otto, Das Steuerprogramm der Reichsregierung. Vor- 
trag. 1919. 8. 19 SS. M. 0,80 + 15 Proz. T. 

Kahn (Rechtsanw.), Dr. Otto und Dr. Leo Blum, Das Vermögensverzeichnis 
und die Festsetzung von Steuerkursen nach der Verordnung vom 13. I. 1919. Mit 
den Ausführungsbestimmungen des Reichsministers der Finanzen und kommentiertem 
Formblatt des Vermögensverzeichnisses 1919. gr. 8. VI— 38 SS. M. 1,20 -f 20 Proz. T. 
München, J. Schweitzer Verlag. 

Man es, Prof. Dr. AI f red , Staatsbankerotte. Wirtschaftliche und rechtliche Be- 
trachtungen. 2. veränd. Aufl. Berlin, Karl Siegismund , 1919. gr. 8. 275 8S. 
M. 12.—. 

Maschkowski (Steuersupernumerar), Hans, Kriegssteuem 1919. Praktische 
Anleitung für die Aufstellung der Vermögensverzeichnisse, nebst zahlreichen Musterbei- 
spielen und einem Auszug aus den amtlichen Stenerknrsen. Einführung in die Kriegs- 
Bteuergesetzgebung sowie Besprechung von besonders wichtigen Zweifeläfragen. Rasten- 
bnrg (Ostpr.), Hans Maschkowski, 1919. gr. 8. 115 SS. M. 5,50. 

Moser (Dipl. Handelslehr., Dir.), Jacob, Abschreibungen und Steuern. 2. Aufl. 
Berlin,. Indnstrieverlag Spaeth u. Linde, 1919. 8. 239 88. M. 8.—. 



182 Ueberaicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Perin (Fin.-Komiss.), Dr. Renfe, Die direkten Personalsteuern iu Gesetz, Recht- 
sprechung und Praxis. Populäres Handbuch. 1. Tl.: Die Einkommensteuer und die 
Besoldungssteuer von höheren Dienstbezügen. Mit Anhang: Der vollständige Einkom- 
mensteuertarif. 2. Der vollständige Besoldungssteuertarif. (Statt der 5. Aufl. des Buches 
„Die Personalsteuer-Novelle 1914".) Wien, Moritz Perles, 1918. gr. 8. XI— 185 SS. 
M. 6.—. 

Pistorius, Theod. v., Steuer oder Ertragsanteil. (Deutsche Gemeinwirtschaft. 
Schriftenreihe: Erich Sohairer, 7, Heft.) Jena, Eugen Diederichs Verlag, 1919. 8. 
36 SS. M. 1,50 + 20 Proz. T. 

Reisch (Boden-Credit-Anst.-Dir.), Prof. Dr. Rieh., Die finanziellen Probleme. 
(Flugschriften zum Neuaufbau Deutschösterreichs, 38. Heft.) Wamsdorf, Ed. Straches 
Verlag, 1919. gr. 8. 32 SS. M. 1,50. 

Schwarz (Wirkl. Geh. Ober.-R.), Dr. Otto, Finanzpolitik in Reich, Staat und 
Gemeinde. Abgeschlossen Mitte Februar. Mit Nachwort und Nachmerkungen von Mitte 
Mai 1919. (Finanz und volkswirtschaftliche Zeitfragen. Hrsg. von Geh. Reg.-R. Prof. 
Dr. Georg v. Schanz und Geh. Reg.-R. Prof. Dr. Julius Wolf, 58. Heft.) Stuttgart, 
Ferdinand Enke, 1919. Lex.-8. 106 SS. M. 4,20. 

Veiel (Obersteuerr. Justitiar), Dr. Otto, Die Reichsstempelabgaben auf Kapital- 
umsatz. (Gesellschaftsverträge, Börsen- und Geldverkehr.) Nach dem Gesetz vom 26. VII. 
1918 für die Geschäftswelt erläutert. (Heß-Kriegsschriftensammlung. Nr. 104.) Stutt- 
gart, J. Heß, 1919. 8. VIII— 252 SS. M. 11,20. 

Zeil er (Oberlandesger.-R.), A., Einkommensabgaben, gesellschaftlicher Ausgleich 
und Gesamtverbrauchsteuer. Zweibrücken, Fr. Lehmann, 1919. Lex.-8. 85 u. 16 SS. 
mit 2 Taf. M. 5.—. 

Zimmermann (Vortr. Rat, Geh. Ob. Fin.-R.), E., Die neuen Kriegsstcuergesetze 
1919. 1. Lfg. (Heß-Neu-Deutschland-Schriften , Nr. 2.) Stuttgart, J. Heß, 1919. 
kl. 8. 14 SS. M. 0,70. 



Charriaut, Henri et Raoul Hacault, La liquidation financi^re de la 
guerre. Paris, Alcan. 8. fr. 2. — . 

Jfeze, G., Les finances de guerre de l'Angleterre. T. 5: Les emprunts de guerre 
d'Angleterre. Paris, Giard. 8. fr. 7,50. 

Lagaillarde, G., L'impöt sur les b^n6fices de guerre extraordinaires. Paris, 
Giard. 8. fr. 3.—. 

Aggs, W. H., Income tax act 1918. With füll notes and introduction and index. 
London, Sweet and Maxwell. Cr. 8. 246 pp. 

Higgs, Richard, The control of public finance and officials. Dover, Dover 
Printing a, Publ. Co. 8. 10/.6. 

- 8. Oeld-, Bank-, Kredit- und Versioherangswesen. 

Feder (Dipl.-Ing.j, Gottfr. , Das Manifest zur Brechung der Ziusknecht.ichaft 
des Geldes. Mit Erläuterungen verfaßt. 62 SS. m. 1 eingedr. Kurve. M. 2. — Der 
Staatsbankerott. Die Rettung. 24 SS. M. 1,20. Diessen, Jos. C Huber, 1919. gr. 8. 

Fischer (Rechtsanw.), Dr. Rud. , Die Bilanzwerte, was sie sind und was sie 
nicht sind. 1. Tl. (Aktien- und bilanzrechtliche Schriften. Hrsg. von Rechtsanw. Dr. 
Rud. Fischer. 1. Bd.) Leipzig, Theodor Weicher, 1919. gr. 8. XII— 132 SS. M. 4 -|- 
20 Proz. T. 

Obst (Bankdir. a. D., Reg.R.), Prof. Dr. Georg, Geld-, Bank- und Börsen- 
wesen. Eine gemeinverständliche Darstellung. 11. unveränd. Aufl. (Sammlung kauf- 
männischer ünterrichtswerke. 1. Bd.) Stuttgart, Carl Ernst Poeschel, 1919. 8. XII — 
396 SS. m. Abb. u. Taf. M. 9.—. 

Strauch, Max, Bankpraxis. Aufbau und Ueberwachung des Filialbetriebs. 
Kreditgewährung — Bilanzkunde. — Kredit-Sicherung. — Wichtige Gesetzesbestim- 
mangcn. — Filialbuchbaltung. — Bankgeschäftliche Formulare u. a. 2. Aufl. Stutt- 
gart, Chr. Belsersche Verlagsbuchhdlg., 1918. gr. 8. .400 SS. M. 20.—. 

Roch, A., La mobilisation g6n6rale des capitauz en France. Paria, Imprimerie 
de Vaug^rard. 1919. 8. 24 pag. 

Harthoorn, M. A. G., Staatscrediet-orgaaisatie. BaUvia, Kolff. (Haag, Nij- 
hoff.) 8. n. 8.—. 



Ucbenicbt über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 133 



9. Qewerbliclie Arbeiterfrage. Anuenwesen und Wohlfahrtspflegfe. 
Woh.nung'sfrag'e. Soiiale Frage. Franeufrage. 

Bernheim, Dr. Ernst, Auslese und Anpassung (Berufswahl 
und Berufsschicksal) der Arbeiterschaft in der Heizungsfabrik von 
Gebrüder Sulzer A.-G. in Oberwinterthur. (Beiträge zur schweizerischen 
Wirtschaftskunde, Heft 7.) Bern (Stämpfli & Cie) 1916. S». XXII 
und 288 öS. 

Die Geschichte der im Jahre 1834 gegründeten Eisengießerei, die 
sich aus kleinen Anfängen zur allgemeinen Maschinenfabrik entwickelte, 
bietet manches Lehrreiche. Die Zahl der hergestellten Maschinen und 
Aulagen ist ziemlich groß. In der im Jahre 1841 gegründeten Heizungs- 
fabrik in Oberwinterthur, die auch räumlich vom Stammhaus in "Winter- 
thur getrennt ist, vollzieht sich ein Umwandlungsprozeß. Es wird 
Normalisierung der Erzeugnisse, um sie in größeren Massen herstellen 
zu können, angestrebt, weil der Wettbewerb auf dem Weltmarkt dazu 
zwingt, die Erzeugung fortwährend zu verbilligen. Die hier allein in 
Betracht kommende Zweigfabrik beschäftigt 1360 Arbeiter und ist 
stark auf Ausfuhr angewiesen. Neben der Verbilligung der Erzeugung 
wird zugleich eine Verbesserung erreicht. Ungenaue Handarbeit, wie 
z. B. beim Nippeln, wird durch genauere Maschinenarbeit ersetzt. Die 
Betriebseinrichtungen werden vervollkommnet , um jede Arbeit im 
Stücklohn vergeben zu können und von den spezifischen Eigenschaften 
der Arbeiter, wie große Körperkraft zum Heben der Arbeitsstücke oder 
technische Geschicklichkeit, unabhängig zu werden. Das Fräsen wird 
zu diesem Zweck durch das Schleifen ersetzt, das weniger Geschick- 
lichkeit erfordert. Durch die Herstellung von einheitlichen Typen in 
großen Massen wird der Arbeiter durch Uebung zu größerer Leistung 
befähigt, er wird spezialisiert. Das Streben richtet sich überall darauf, 
den gelernten Arbeiter durch einen ungelernten jederzeit ersetzbar zu 
machen. Dies gilt hauptsächlich für die Herstellung der Radiatoren 
und Gliederkessel der Heizungsanlagen. In der Schlosserei läßt sich 
dagegen die Massenfabrikation wegen der Mannigfaltigkeit der Er- 
zeugnisse nicht so streng durchführen, und es herrscht eine handwerks- 
mäßige Buntheit der hergestellten Gegenstände; die Arbeitsteilung ist 
weniger entwickelt. Ein Arbeiter stellt z. B. einen ganzen Wärme- 
schrank her. Die technischen Anforderungen an den Arbeiter sind 
daher vielseitiger. Der neu eintretende gelernte Schlosser muß für die 
Anforderungen des Betriebes angelernt werden. Es bilden sich neue 
Berufe heraus wie der Schweißer, ein hochqualifizierter Arbeiter. Je 
mehr sich die Arbeitsteilung und Berufsspezialisierung entwickelten, 
desto mehr verliert der spezialisierte Arbeiter die Selbständigkeit. Die 
verheirateten älteren Arbeiter sind aber wegen der größeren Verdienst- 
möglichkeiten wohl damit zufrieden, nur die jungen ledigen wollen 
wechseln, um sich vielseitiger auszubilden. Dafür, daß auch bei den 
Handwerkern die Berufsfreude der Lohnfreude weicht, wird der 
materialistische Geist der Zeit verantwortlich, gemacht. 



Ig4 üeberaicht über die neneaten Pablikationen Deutschlands und des Auslandes.. 

Durch die Spezialisierung wird die Menge und Q-iite der Erzeu- 
gung gesteigert. Die Differenzierung schreitet um so rascher voran, 
je mehr ihr die Seelenverfassung des Arbeiters entgegenkommt. Durch 
das besonders eingehend geschilderte autogene Schweißverfahren werden 
die Arbeiten vereinfacht, beschleunigt und die Konstruktions- und 
Reparaturmöglichkeiten erhöht. Außerdem bietet es die Möglichkeit, 
die Arbeit schöner und besser zu machen. Der Schweißer ist zum Teil 
gelernter Schlosser, zum Teil Kesselschmied, zum Teil angelernter 
Spezialarbeiter. Man unterscheidet je nach den Metallen oder den 
hergestellten Arbeiten (Rohre) besondere Arten von Schweißern. Alle 
müssen sie für diese besondere Arbeit in längerer Lehrzeit angelernt 
werden, der durch einen Leitfaden für Azetylen-Schweißer nachge- 
holfen wird. Spengler und Kupferschmiede haben noch am meisten 
Handwerkergewohnheiten zu bewahren gewußt. Aber auch hier haben 
sich für verschiedene Rohstoffe und Beschäftigungsorte (Bau oder 
Fabrik) Spezialisten entwickelt. Die Rohrwerkstatt ist zugleich Lehr- 
werkstatt für die Monteure. Gelernte Schlosser machen hier eine neue 
Lehre von mindestens sechs Monaten durch. Der höchstqualifizierte 
Arbeiter ist der selbständige Monteur, der außer der Lehrzeit als 
Schlosser eine fünfjährige Lehrzeit als Hilfsmonteur durchmacht. Der 
Platzmonteur ist Installateur, Handwerksmeister ohne eigenes Kapital. 
Wir haben über den ersten Teil eingehender berichtet, weil es 
dem Verf. gelungen ist, von der Betriebsleitung Einzelangaben zu er- 
langen, die sonst schwer zu bekommen sind. Für Berufsschicksale, 
Anpassung und Auslese der Arbeiter wurden für 157 Arbeiter Frage- 
bogen nach dem Muster des Vereins für Sozialpolitik vom Verf. ge- 
meinsam mit den Arbeitern aufgenommen, und zwar in den einzelnen 
Altersklassen möglichst je die Hälfte der vorhandenen Arbeiter, Vier 
Fünftel aller Arbeiter sind 24 — 33 Jahre alt. 45 Jahre ist die äußerste 
Grenze für das Lebensalter des Fabrikarbeiters. Mit zunehmender 
Qualifiziertheit der Arbeit wird die Auslese nach dem Alter immer 
schärfer. Gemildert wird dies dadurch, daß die Monteure in höhere 
soziale (Angestellten-) und selbständige Stellungen aufrücken können. 
Die Arbeiter sind vorwiegend ländlicher Herkunft, je mehr es sich um 
gelernte Arbeiter handelt, um so wichtigere Herkunftsgebiete sind 
Land- und Kleinstadt, während die benachbarte Großstadt (Winterthur) 
für beide Arbeiterkategorien von ganz untergeordneter Bedeutung ist. 
Je mehr die Arbeiter gelernt sind, um so größer ist der Stellen- und 
Ortswechsel. Die gelernten Arbeiter sind berufstreu, einem Berufswechsel 
mißt der Verf. keine typische Bedeutung zu, die angelernten Arbeiter 
gehen vielfach aus dem Handlangerberuf hervor, während die unge- 
lernten Arbeiter auch vorher in ähnlicher Beschäftigung tätig waren. 
Bei der geringen Zahl der bei dieser Erhebung in Betracht kommen- 
den Arbeiter wäre es nach meiner Ansicht zweckmäßiger gewesen, den 
Beruf zu nennen, aus dem der Arbeiter in einen anderen übergegangen 
ist, statt Berufsgruppen und Tabellen zu bil Icü. Wie ich in Schmollers 
Jahrbach gezeigt habe, .läßt eine Bearbeitung der Arbeiter, die ihren 
B«raf häufig gewechselt, an einer Stelle nur kurze Zeit ausgehalten 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. Ig5 

haben, einen Schluß darauf zu, in welchem Umfange der Großbetrieb 
in der Lage ist, minderwertige Arbeitskräfte zu beschäftigen. Leider 
sind die Ergebnisse der Fragebogenerhebung ftir diese Frage nicht 
ausgenützt worden. 

Der Lohnsatz, den der Arbeiter mindestens für die Stunde erhält, 
wird für die gelernten Arbeiter von der Werkstattleitung, für die un- 
gelernten vom Meister festgesetzt. Die Lohnsätze werden regelmäßig 
im Frühjahr, oft auch im Herbst revidiert, wobei die Leistungsfähig- 
keit und das Dienstalter berücksichtigt werden. Der Akkordlohn ist 
noch nicht streng durchgeführt, insbesondere herrscht Zeitlohn für 
Reparatur-, abnorme und besonders qualifizierte Arbeiten. Die Akkord- 
festsetzTing erfolgt auf Grund von Zeitstudien. Nach dem Standpunkt 
der Betriebsleitung soll der Akkordarbeiter ein Drittel üeberschuß 
über den Stundenlohnsatz erreichen. Nach oben bestehe im Prinzip 
keine Akkordgrenze. Wenn die Akkordfestsetzung auf einem Irrtum 
beruht, tritt aber eine Herabsetzung ein. Bei geringerer Beschäftigung 
des Betriebes wird, da häufigeres Einspannen der wechselnden Werk- 
stücke notwendig wird, ein Zuschlag zum regelmäßigen Akkord ge- 
währt. Der Akkordpreis ist für die Berechnung der Selbstkosten 
wichtig; sind diese durch die Verkaufspreise bestimmt, so veranlassen 
sie Aenderungen der Arbeitsmethoden zum Zwecke der Herabsetzung 
der Akkordsätze, Da auch zu beaufsichtigen ist, wie gearbeitet wird, 
bedingt die Akkordarbeit eher vermehrte Aufsicht. Zeitschiebungen 
und Bremsen, um Herabsetzung der Akkordsätze zu verhindern, kommen 
nach Ansicht des Verf., der sich dabei ausschließlich auf Angaben der 
Betriebsleitung stützt, nicht vor. Das will mir nach meinen Erfah- 
rungen nicht glaubhaft erscheinen. Die Arbeiter erhalten nach Dienst- 
alter abgestufte Jahresleistungsprämien für dauernd gute Leistungen 
sowie Gratifikationen zu Neujahr. Bei der Montage kommt noch das 
Zwischenmeistersystem vor sowie Prämien von 10 Proz. für Einhal- 
tung der veranschlagten Kosten und Zeit. Unter mehreren Monteuren 
werden die Akkordreste (Ueberschüsse) nach Teilen verteilt, so daß 
der leitende Monteur einen Vorzugsteil erhält. 

In umfangreichen Tabellen wird der Lohn nach Alter und Dauer 
der Beschäftigung im Betrieb sowie nach dem Familienstand darge- 
stellt. Da allgemeinere Schlüsse wegen der geringen Zahl der er- 
hobenen Personen nicht zulässig sind, erübrigt sich, hier weiter darauf 
einzugehen. Zu bedauern ist, daß der Verf. nicht wenigstens die Haupt- 
ergebnisse der vollständigen Lohnlisten, die ihm zur Verfügung standen, 
bearbeitet und veröffentlicht hat. 

Die Schrift bildet eine wertvolle Ergänzung zu den Untersuchungen 
des Vereins für Sozialpolitik über Auslese und Anpassung der Arbeiter, 
insbesondere vom Unternehmerstandpunkt aus gesehen. Bei aller 
Achtung vor der Leistung von Dr. Marie Bernays ist zu bedauern, 
daß sich der Verf. diese Arbeit so ausschließlich zum Vorbild ge- 
nommen und nicht auch die vortrefflichen Arbeiten über die Entlöh- 
nung.smethoden in der deutschen Eisen- und Maschinenindustrie, die 
der Zentralverein für das Wohl der arbeitenden Klassen in 9 Bänden 



186 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutachlands und des Auslandes. 

(Berlin 1906 — 1911, Leonhard Simion Nachf.) veröffentlicht hat, be- 
rücksichtigt hat. In diesem Falle wären wohl seine Ausführungen 
über Gruppenakkord und Akkordgrenze weniger dürftig ausgefallen. 
Berlin. Cl. Heiss. 

Baum (Rechtsanw., Daz.), Dr. Georg, Das Arbeitsrecht im neuen Deutschland, 
unter Mitwirkung von (Mag.-Assess.) Dr. Grimm und (Rechtsanw.) Dr. Artur Herzfeld. 
3. Heft: Wiedereinstellung der Kriegsteilnehmer, Beschäftigung Schwerbeschädigter, 
Weiterbeschäftigung der bisherigen Angestellten. (Heß - Neu - Deutschland - Schriften 
Nr. 1.) Stuttgart, J. Heß, 1919. kl. 8. IV— 80 SS. M. 3,80. 

Drolz (Bergr.), A., lieber Lohnformen. Berlin, Verlag für Fachliteratur, 1919. 
gr. 8. 47 SS. M. 4.—. 

Höfer (Rergdir., Ing.), Hans, Von Betriebserfolgen abhängende Entlohnung der 
Bergbaubetriebsbeamten. Wien, Verlag f. Fachliteratur, 1919. gr. 8. 51 SS. M. 4. — . 

Klamka (Geh. Reg.-R.), Die Versorgung der Kriegsbeschädigten und der Krieger- 
witwen und ihre Ansiedlung. (Schriften zur Förderung der inneren Kolonisation, 
30. Heft.) Berlin, Deutsche Landbuchbaudlung, 1919. gr. 8. 19 SS. M. 1,50 + 
10 Proz. T. 

Kriegshinterbliebenenfürsorge in Preußen. Ergebnis und Umfrage bei 
den amtlichen Fürsorgestellen. (Schriften der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen 
der im Kriege Gefallenen. Neue Folge der Schriften des Arbeitsausschusses der Krieger- 
witwen- und Waisenfürsorge. 10. Heft.) Berlin, Carl Heymanns Verlag, 1919. gr. 8. 
XII— 147 SS. m. 1 Taf. M. 5.—. 

Lief mann, Prof. Dr. Rob. , Arbeitslöhne und Unternehmergewinne nach dem 
Kriege. (Flugschriften zur Schaffung sozialen Rechtes. Hrsg. von Dr. Heinz Potthoff, 
8. Heft.) Stuttgart, J. Heß, 1919. gr. 8. 24 SS. M. 1,60. 

Müller (Reg.-Assess.), Dr. C. F., Die Erwerbsloseufürsorge in Sachsen. Reichs- 
verordnung über Erwerbslosenfürsorge vom 13. XL 1918 in der Fassung der Bekannt- 
machung vom 23. IV. 1919 unter Berücksichtigung der sächsischen Ausführungsverord- 
nungen und der weiteren Verordnungen und Vorschriften des sächsischen Arbeits- und 
Wirtschaftsministerinms, mit Anmerkungen und Sachregister. Dresden , C. Heinrich, 
1919. 8. 55 SS. M. 2,40. 

Rose, Anton Heinr. , Die Lösung der sozialen Frage durch die Schule im 
neuen Deutschland. Leipzig, Fr. Wilh. Grunow, 1919. kl. 8. 63 SS. M. 1,25. 

Schilling, Prof. A., Theorie der Lohnmethoden. Berlin, Julius Springer, 1919. 
gr. 8. VIII- 128 SS. m. 30 Textabb. M. 9.-. 

Tissot, Paul und Karl Zimmermann, Die soziale Versöhnung. Bern, 
Paul Haupt, Akadem. Buchhdlg. vorm. Max Drechsel, 1919. gr, 8. 34 SS. M. 1,50. 

Winter, Gustav, Das Taylorsystem und wie man es in Deutschland einführt. 
(Praktisches Lehrbuch des Taylorsvstems.) Leipzig, Carl Findeisen, 1919. 8. 99 SS. 
M. 3.—. 



Chollet, Marcel et Georges Hamon, Le probl^me des assurances sociales 
en Alsace-Lorraine. Paris, Giard. 8. fr. 3. — . 

Worafold, W. Basil, The war, and social reform. London, J. Murray. Cr. 8. 
257 pp. 6/.—. 

Celli, Lino, Taylor. L'ordinamento scientifico dcl lavoro e i relativi problemi 
ecoDomico-sociali volgarizzati e spiegati agli operai. Milano, Marucelli. 8. 1. 3,50. 

10. GenoBsensoliaftsweseji. 
Jahrbuch des allgemeinen Verbandes der auf Selbsthilfe beruhenden deutscheu 
Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften e. V. für 1917. 21. Jahrg. (59. Folge des 
Jahresberichts.) Hrsg. vom (Verbandsanw.) Dr. Hans Crüger. Berlin, Vereinigung 
wlesenschaftlicher Verieger Walter de Gruyter u. Co., 1918. 32X23 cm. 206 SS. 
M. 10.—. 

11. Oesetig'ebnng, Staats- and Verwaltungsreoht. Staatsbftrgerknnde. 
Du Chesne (Landger.-R.), Das Grundbuch verfahren als System dargestellt. 
Leipzig, Theodor Weicher, 1919. 8. XII— 115 88. M. 6.—. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlanda und des Auslandes. 137 

Fischer, Dr. Arthur, Die heutige Sach- und Rechtslage in der deutschen 
Reichs-Unfallversicherung. Berlin, Albert Seydel, 1919. 8. 152 SS. M. 10.—. 

Flatow (Ger.-Assess.), Dr. Georg, Grundzüge der preußischen Verwaltung in 
Gemeinde, Kreis und Provinz. Ein Wegweiser für die Mitglieder der Selbstverwal- 
tungskörperschaften. Berlin, Verlag Gesellschaft u. Erziehung, 1919. 8. 35 SS. m. 
3 Fig. M. 1.—. 

Heyck, Prof. Dr. Ed., Parlament oder Volksvertretung? Selbstvertretung der 
Berufe und der Arbeit. Volkliche Entwicklungen und parlamentarische Entwicklungen 
in Deutschland, England, Frankreich. Halle, Richard Mühlmann, 1918. 8. 77 SS. 
M. 1,80. 

Jacobi, Prof. Dr. Erwin, Einheitsstaat oder Bundesstaat. Leipzig, Felix 
Meiner, 1919. 8. 39 SS. M. 2 + 30 Proz. T. 

Kretzschmar (Geh. Just.-R., Oberlandcsger.-R.), Dr. Ferd., Das neurechtliche 
Erbbaurecht. Verordnung über das Erbbaurecht vom 15. I. 1919, mit Erläuterungen 
und einem Anhang, enthaltend Vertragsmuster, sowie die preußische allgemeine Ver- 
fügung vom 25. III. 1919. Leipzig, Theodor Weicher, 1919. 8. 111 SS. M. 4,80. 

Michaelis (Patentanw.), Dr. Karl, Praktisches Handbuch des amerikanischen 
Patentrechts. Berlin, Franz Siemcnioth, 1919. gr. 8. XVI— 631 SS. M. 25.—. 

Rausnitz (Geh. Just.-R.), Julius, Das neue Recht der Hausangestellten, 
früher Gesinderecht. Allgemeinverständlich dargestellt. (Rechtsbü^herei. Hrsg. von 
[Geh. Just.-R.] Julius Rausnitz, Nr. 3.) Berlin, Carl Heymanns Verlag, 1919. kl. 8. 
III -112 SS. M. 3.—. 

Schneider, Dr. Armin, Gesetze und Verordnungen betr. die Krankenversiche- 
rung der Arbeiter samt den einschlägigen Ministerial-Erlässen, sowie wesentlichsten Er- 
kenntnissen des Verwaltungs-Gerichtsbofs, nebst kurzen Erläuterungen. Wien, Moritz 
Perles, 1919. gr. 8. 230 SS. M. 7,50 + 3373 Proz. T. 

Scholz (Kammerger.-R.), Dr. Franz, Privateigentum im besetzten und unbe- 
setzten Feindesland, unter besonderer Berücksichtigung der Praxis des Weltkrieges. 
Berlin, Otto Liebmanu, 1919. gr. 8. XIV— 309 SS. M. 22.—. 

Schücking, Prof. Walt her, Internationale Rechtsgarantien. Ausbau und 
•Sicherung der zwischenstaatlichen Beziehungen. 2. Aufl. Hamburg, Verlagsbuchhdlg. 
Broschek u. Co., 1919. gr. 8. 135 SS. M. 3.—. 

Schwarzkopf, Julius, Früchte des Weltkriegs. 1. Bd.: Vereinfachung und 
Verbesserung der Reichs-, Staats- und öffentlichen Verwaltung. Stuttgart, Hütten Ver- 
lag, 1919. Lex.-8. 181 SS. M. 6.—. 

Ziegler, C, Grundzüge der preußischen Staats-Qeschichte. 1. Tl.: Bis zum Ab- 
schluß der Reform. Lehrstoffe für den staatsbürgerlichen Unterricht; Einführungs- 
und Wiederholungsbuch für die Studierenden der Staatswissenschaften. Frankfurt a. M.. 
Heinrich Keller, 1919. gr. 8. XV— 136 SS. M, 3,75. 

Zorn (Geh. Rat), Prof. Dr. Philipp, Das deutsche Reich^taatsrecht. 1. Bd.: 
Die deutsche Reichsverfassung. 3. verb. Aufl. (Wissenschaft und Bildung. Einzel- 
darstellungen aus allen Gebieten des Wissens, 10. Bd.) Leipzig, Quelle u. Meyer, 1919. 
kl. 8. VII— 133 SS. M. 1,25 -f 10 Proz. T. 



Progresä of Continental law in the nineteenth Century (The). By various au- 
thors „The Continental legal history" series. London, J. Murray. Roy«d 8. 607 pp. 
24/.—. 

Watson, John, The State in peace and war. Glasgow, Mac Lehose. 8. 7/.6. 

Giorgi, Francesco, La riforma dei scrvizi amministrativi statali, con brevi 
cenni sulla riforma dell' amministrazione. Torino, A. Borzoni e C, 1919. 16. 48 p. 

Weber, Max, Parlament© e governo nel nuovo ordinamento della Germania: 
critica politica della burocrazia e della vita dei partiti. Traduzione e prefazione di 
Enrico Ruta. Bari, G. Laterza e figli, 1919. 8. XIX— 197 p. 1. 6,50. 

12. Statistik. 

Deutsches Reich. 

Nachweisungen, Statistische, ans dem Gebiete der landwirtschaftlichen Ver- 
waltung von Preußen. Bearbeitet im preußischen Ministerium für Landwirtschaft, 



188 ^® periodische Presse des Auslaiides. 

Domänen und Forsten. Jahrg. 1917. Berlin, Paul Parey, 1919. Lex.-8. VI— 207 SS. 

M. 6. h 10 Proz. T. 

Weiner-Odenheimer, Dr. Paula, Die Berufe der Juden in Bayern. Hrsg. 
vom Verein für die Statistik der Juden in München. (Veröffentlichungen des Büros 
für die Statistik der Juden, Berlin, Heft 10.) Berlin, Max Schildberger, 1918. 8. 
131 SS. M. 5,20. 

Oesterreich. 

Winkler (Minist.-Sekr.), Dr. Wilh. , Bernfsstatistik der Eriegstoten der öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie. (Hrsg. vom statistischen Dienst des deutsch-öster- 
reichischen Staatsamts für Heereswesen.) Wien, L. W. Seidel u. Sohn, 1919. gr. 8. 
V— 20 SS. M. 2.—. 

- Schweiz. 

Lorenz, Dr. Jacob, Die Detailpreise der schweizerischen Konsumvereine 1912 
bis 1918. Im Auftrage der Verwaltnngskommission der V. S. K. Basel, bearbeitet im 
wirtschaftsstatistischen Bureau der schweizerischen Liga zur Verbilligung der Lebens- 
haltung. Basel, Buchhandlg. des Verbandes schweizerischer Konsumvereine, 1919. 
31X23 cm. fr. 10.—. 

Statistik, Schweizerische. 213. bis 215. Lfg.: Nutz geflügelzähl ung, I, 
der Schweiz, vorgenommen am 19. IV. 1918. Hrsg. vom eidgenössischen statistischen 
Bureau. IV— 90 SS. fr. 2,50. (215. Lfg.) — Viehzählung, IX, schweizerische, 
vom 19. IV. 1918. Hrsg. vom eidgenössischen statistischen Bureau. 176 SS. fr. 4. 
(213. Lfg.) — Zählung, VI, der Bienenvölker der Schweiz, vorgenommen am 19. IV. 

1918. Hrsg. vom eidgenössischen statistischen Bureau. IV — 90 SS. fr. 2,50. (214. Lfg.) 
— Bern, A. Francke, vorm. Schmid u. Francke, 1919. Lex. -8. 

England. 

Secerov, Slarko, Economic phenomena before and after war. A Statistical 
theory of modern wars. London, Routledge. 8. 234 pp. 10/.6. • 

13. Verscliiedenes. 

Bethmann-Hollweg, Th. v., Betrachtungen zum Weltkriege. 2 Tle. I. Tl. : 
Vor dem Kriege. Berlin, Reimar Hobbing, 1919. gr. 8. XII— 198 SS. M. 18.—. 

Eltzbacher, Prof Dr. Paul, Der Bolschewismus und die deutsche Zukunft. 
(Politisches Leben. Schriften zum Ausbau eines Volkataates.) Jena, Eugen Diederichs, 

1919. 8. 48 SS. M. 1,20 + 20 Proz. T. 

Qrabowsky, Adolf, Die Grundprobleme des Völkerbundes. Berlin, Carl 
Heymanns Verlag, 1919. gr. 8. III— 75 SS. M. 3.—. 

Hiltebrandt, Philipp, Das europäische Verhängnis. Die Politik der Grofi- 
mächte, ihr Wesen und ihre Folgen. Berlin, Gebr. Paetel, 1919. 8. XI— 324 88. 
M. 6.—. 

Naumann, Friedrich, Mitteleuropa. Traduzione di Gino Luzcatto. 
Vol. IL Bari, G. Laterza e figli, 1919. 8. 313 p. 



Die periodische Fresse des Auslandes. 

A. F rankreich. 

Journal des ^conomistes. 78* Ann§e, Avril 1919: La tyranuie socialiste et 
!• triomphe de Karl Marx, par Yvea-Qayot. — R^flexions d'6conomi8te. Situation 
onvri^re en Angleterre. R^forme mon6taire et fiscale en Boheme. Question des changee 
k Parii, par A. Raffalovich. — 8oci6t6 d'^conomie politique: Let conditions du dive- 



Die periodische Presse des Auslandes. X39 

loppement de la production agricole en Fraiice. Comniunicatiou de M. Daniel Zolla. 

— etc. — Mai 1919: Les grandes compagoies de cfaemins de fer en 1918, par Georges 
de Noovion. — La circulation fiduciaire et l'or aux fitats-Unis durant la guerre, par 
Arthur Raffalovich. — etc. 

B. England. 

Century, The Ninetcenth, and after. May 1919, No. 507: Diplomatists and 
coDSuls, by Prof. Joseph H. Longford. — The Organisation and defence of induslry : 
with two object-lessons, by George Martineau. — etc. 

Review, The Fortnightly. June 1919: The treaty of Versailles, by J. A. R. 
Marriott. — The future of Russo-German relations, by Politicus. — After-the-war 
finance, by H. J. Jennings. — Germany and the neutral press, by W. M. CoUes. 

— etc. 

Review, The National. May 1919: Great Britain and Russia. Their rela- 
tions under the Empire, the provisional government, and the Bolsheviks, by George 
W. Buchanan. — etc. — June 1919: Peace terms. The crucial problem, by Frederick 
Revans Chapman. — The attack on the coal industry, by Wallace Thomeycroft. 

— etc. 

C. Oesterreich-Ungarn. 

Handelsmuseum, Das. Hrsg. von der Direktion des Handelsmuseums. Bd. 34, 
1919, Nr. 23: Meßfragen für Deutsch-Oesterreich, von Wilhelm Jähnl. — Wirtschafts- 
politische üebersicht (Deutschland, Schweiz, Rumänien, Schweden, Frankreich, Eng- 
land, Vereinigte Staaten von Amerika). — etc. — Nr. 24 : Die handelspolitischen 
Bestimmungen im Ententeentwurf des Friedensvertrags mit Deutsch-Oesterreich, von 
(Priv.-Doz.) Dr. Sigmund Schilder. — Wirtschaftspolitische Üebersicht (Deutschland, 
Schweiz, Italien, Serbien, Rußland, Schweden.) — etc. — Nr. 25 : Messen und Aus- 
stellungen. — Wirtschaftspolitische Üebersicht (Deutschland, Polen, Serbien, Rumänien, 
Rußland, Schweiz, Holland, Italien, Frankreich, England). — Dänische Butter- 
nnd Milchproduktion. — etc. — Nr. 26 : Die Zelluloseindustrie Deutsch-Oester- 
reichs, von Dr. Richard Schwarz. — Wirtschaftspolitische Üebersicht (Deutschland, 
Schweiz, Rußland, Italien, England, Frankreich, Vereinigte Staaten von Amerika). — 
Die englische und die amerikanische Baumwollindustrie. — etc. — Nr. 27 : Der britische 
Reichszollverein, von (Priv.-Doz.) Dr. Sigmund Schilder. — Wirtschaftspolitische üeber- 
sicht (Deutschland, Schweiz, Schweden, Rußland, Frankreich, Italien, England, Ver- 
einigte Staaten von Amerika.) — etc. 

Volkswirt, Der österreichische. Jahrg. 11, 1919, Nr. 36: Rätesystem in Eng- 
land, von Dr. Toni Kassowitz. — etc. — Nr. 37 : Die finanziellen Friedensbedin- 
gnngen, von F. W. — Akkreditivverträge, von Dr. Emil Postelberg. — etc. — Nr. 38 : 
Die Sozialisierung der Kohle, von (Univ.-Prof.) Dr. Eman. H. Vogel. — Neue Steuern, 
von Dr. Josef Helmberger. — etc. — Nr. 39: Der Friede von Versailles (I), von Dr. 
G. St. — Die Organisation der Arbeitsvermittlung in Deutsch-Oesterreich, von Dr. Karl 
Forchheimer. — etc. — Nr. 40. ; Der Friede von Versailles (II), von Dr. G. St. — 
Agrarreform durch Bodenreform, von Dr. Otto Conrad. — etc. — Nr. 41 : Der Friede 
von Versailles (III), von Dr. G. St. — Deutsch-Oesterreichs Finanznot, von W. F. 

— etc. 

G. Holland. 
Gids, De Socialistische. Maandschrift der sociaaldemocratische arbeiderspartij. 
Jaarg. IV, Maart 1919, No. 3: Doel en middelen der sociaaldemocratie in de naaste 
toekomst, door R. Kuyper. — Het vraagstuk der internationale ontwapening, door 
J. van Gelderen. — ,etc. 

H. Schweiz. 

Bibliothfeque Universelle et Revue Suisse. Tome XCV, juillet 1919, No. 283: 
La qnestion jarassienne, par (prof.) F. Calame. — Les Anglais en Palestine, par 
E. Krieg. — etc. 



^90 ^^^ periodische Presse Deutschlands. 



Die periodische Presse Deutschlands. 

Archiv für innere Kolonisation. Bd. 11, Jahrg. 1918/19, Mai/Juni, Heft 8,9" 
Das Anhaltische Siedlungsgesetz vom 14. November 1918, von (Hofkammerpräs.) Dr« 
jur. Heß. — Der soziale Qedanke in der preußischen Agrargesetzgebung. (Ein histo- 
rischer Rückblick), von (Reg.-R.) Holzerkopf. — Zur inneren Kolonisation, von (Reg.- 
R. a. D.) Borchert. — Die Tätigkeit der deutschen Ansiedluogsgesellschaften 1916 bis 
1918 (Forts.). — etc. 

Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. 1919. 15. Erg.-Heft: Die 
Frankfurter Börse, ihre Besonderheiten und ihre Bedeutung. Ein Beitrag zur Frage 
der Börsenkonzentration, von Dr. Otto Wormser. 

Außenhandel, Deutscher. Zeitschrift des Handelsvertragsvereins. Jahrg. 19, 
1919, Nr. 11/12: Erhebung von Einfuhrzöllen in Elsaß-Lothringen, von (Reichsauw.) 
Dr. Bellermann. — Neugestaltung der internationalen Portosätze, von Dr. W. Borgius. 

— Das Schieisgericht zur Liquidierung des Wirtschaftskrieges im Friedensentwurf der 
Entente, von Dr. H. Wehberg. — 

Bank, Die. Juni 19'19 , Heft 6: Die finanzielle Tragfähigkeit Deutschlands, 
von Alfred Lausburgh. — Irrwege der Innenkolonisation, von Ludwig Eschwege. — 
Die Berliner Großbanken im Jahre 1918, von A. L. — Auslandskapital und Valuta- 
Hypothek. — etc. 

Bank-Archiv. Jahrg. 18, 1919, Nr. 18: Das Gutachten der deutschen Finanz- 
kommission zu den gegnerischen Friedens bedingungen. Mit einem Nachwort des Heraus- 
gebers. — Englands Währung, von (Dir. der Hypothekenbank in Hamburg) Dr. 
Friedrich Bendixen. — etc. — Nr. 19 : Zur Währungsfrage, von Dr. Richard Hauser. 

— Die Genossenschaft und die Sozialisierung, von (Justizr.) Prof. Dr. Hans Crüger. — 
Die Steuerfluchtnovelle vom 24. Juni 1919. — etc. 

Blätter, Kommunalpoliltische. Jahrg. 10, 1919, Nr. 6: Zur Reform des 
Apotheken Wesens, von (Landrichter) Paul Schumacher. — Die Forderungen der christ- 
lichen Frau an die Gemeindevertretungen, von (Lyzeallehrerin) E. Giese. — etc. 

Concordia, Zeitschrift der Zentralstelle für Volkswohlfahrt. Jahrg. 26, 1919, 
Nr. 11: Weltkrieg und Medizinalstatistik von (San.-R.) Dr. Haeseler. — Die Fürsorge 
für Mütter als Aufgabe der Verwaltung des Reiches, von (Schwester) Lotte Möller. — 
etc. — Nr. 12 : Der Rechtsanspruch unehelicher Kinder innerhalb der Reichsversiche- 
rungsordnung, von G. Buetz. — etc. 

Export. Jahrg. 41, 1919, Nr. 26—30; Friede auf Erden?, von Emil Braß. — 
England und der Weltmarkt. — Japans Stahlindustrie. — Die Chinadeutschen. — Die 
Kohlenproduktion in Nordamerika. — etc. 

Jahrbücher, Landwirtschaftliche. Bd. 53, 1919, Heft 2: Arbeiten aus 
dem Landwirtschaftlichen Institut der Universität Königsberg i. Pr., Abteilung für 
Pflanzenbau. 22. Mitteilung: Das Gesetz des Pflanzen Wachstums, von Eilh. Alfred 
Mitscherlich. — Serologische Untersuchungen auf dem Gebiete von Pflanzenbau und 
Pflanzenzucht, von J. Becker. — 50 Jahre Tätigkeit der Königlichen Generalkommission 
ra Cassel, von (Generalkommiss., Präs.) von Baumbach. — etc. 

Jahrbücher, Preußische. Bd. 177, Juli 1919, Heft 1: Kapitalmäßige Ge- 
winnbeteiligung der Angestellten, von (Landrat a. D.) v. Dewitz. — Der Streit um die 
deutschen Schiffe; Frankreich und die Rheingrenze, von Daniels. — Schuld und Sohick- 
sal ; Der Entehrungsfriede, von Hans Delbrück. — etc. 

Kartell-Rundschau. 17. Jahrg. 1919, Heft 4/5: Neuaufbau der deutschen 
industriellen Interessenorganisation (Schluß). 2. Teil Kritische Studien von Dr Tschierschky. 

— Kündigung von Kartellen wegen eingetretener wirtschaftlicher Verschiebungen, von 
(Justizr.) Dr. Fuld. — etc. 

Kultur, Soziale. 39. Jahrg., Juni 1919, Heft 6: Reform und Blüte der öffent- 
lichen Wohlfahrtspflege in dem Fürstentum Würzburg und dem Hochstift Bamberg 
unter Fürstbischoff Franz Ludwig v. Ertbal (1779—1795), von Prof. Dr. Wilhelm Liese. 

— Rußlands wirtschaftliche Orientierung nach dem Westen, von Eugen Löwinger. 

— «tc 



Die periodische Presse Deutschlands. 191 

Monatshefte, Sozialistische. 25. Jahrg., 1919, Heft 13/14: Die außenpoliti- 
schen Voraussetzungen des wirtschaftlichen Wiederaufbaus, von Dr. August Müller. — 
Politik und Wirtschaft, von Heinrich Pens. — Sozialdemokratie, Internationale und 
deutsche Kolonien, von Max Schippel. — etc. — Heft 15/16: Wir kommen doch wieder 
hoch !, von Rudolf Wisseil. — Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages, von 
Mai Cohen. — Die Ueberwindung der Gewaltpolitik, von Theodor Steltzer. — Be- 
merkungen zur Schuldfrage, von Hermann Eranold. — Zentralgewalt und Selbstver- 
waltung, von Edmund Fischer, — Hausfrauenarbeit, von Hermine Ziegelroth. — etc. 

Oekonomist, Der Deutsche. Jahrg. 37, 1919, Nr. 1903: Die Nationalisierung 
der russischen Industrie. — Konzentration und Ausdehnung im englischen Bankwesen. 

— etc. — Nr. 1904 : Wahnwirtschaft, von Dr. Kurt Köhler. — Der Kampf gegen den 
deutschen Außenhandel. — etc. — Nr. 1905 : Das Gesetz über die Regelung der Kohlen- 
wirtschaft vom 23. 3. 1919. — Die Beschlagnahme ausländischer Wertpapiere. — Ar- 
beitermangel im Bergbau. — Die Tarifverträge im Deutschen Reiche am Ende des 
Jahres 1917. — etc. — Nr. 1906: Das Gesetz über die Regelung der Kohlenwirtschaft 
vom 23. 3, 1919 (Schluß). — etc. — Nr. 1907: Schafft der Handel „Mehrwerte"? — 
Die öffentliche Schuld Italiens. — etc. 

Plutus. Jahrg. 16, 1919, Heft 25/26 : Tarif im Bankgewerbe. — Die deutschen 
Konsumgenossenschaften am Ende des Weltkriegs, von (Staatssekr.) Dr. August Müller. 

— etc. — Heft 27/28: Steuerplanwirtschaft? Die Liquidation der Boden Wirtschaft, von 
Walter Oehme. — etc. 

Praxis, Soziale, und Archiv für Volkswohlfahrt. Jahrg. 28, 1919, Nr. 37: 
Geistige Arbeiter als Arbeiter, von Dr. Heinz Potthoff. — Beschaffung von landwirt- 
schaftlichem Siedlungsland. — Einblicke in das russische Wirtschaftsleben, von Else 
Luders. — Die Reformbedürftigkeit der Pfändungsbestimmungen, von (Amtsgerichts- 
rat a. D.) König. — Die Tarifverträge in Deutschland Ende 1917. — Vorbildliche Ver- 
einbarungen über das Lehrlingswesen, von (Stadtschulrat) Dr. Thiele. — etc. — Nr. 38 : 
Beiträge zur Frage der Berufsschulung. Erfahrungen und Wünsche, von (Reg.- u. Ge- 
werbeschulrat. Dipl.-Ing.) Prof. C. E. Böhm. — Industrieparlament, Industrie- und Be- 
triebsräte in England. — Der 20. Verbandstag der deutschen Gewerkvereine. — etc. — 
Nr. 39 : Der Friede unterzeichnet, von Prof. Dr. E. Francke. — Zum Aufbau der Räte- 
organisation, von (Arbeitersekr.) Anton Erkelenz. — Der neue Arbeitsmarktanzeiger und 
die Stellenlistcn der Zentralauskunftsstellen, von C. M. Lüttgens. — Die Bevölkerungs- 
bewegung in Deutschland während des Weltkrieges. — etc. — Nr. 40: Zum Aufbau 
der Räteorganisation (II), von (Arbeitersekr.) Anton Erkelenz. — Teilstreiks und Gene- 
ralstreikdrohungen unter den Eisenbahn arbeitern und -Beamten. — Zur Invalidenver- 
sicherung der Hausgewerbetreibenden, von Dr. Käte Gaebel. — etc. — Nr. 41 : Der 
Nürnberger Gewerkschaftskongreß, von Dr. Ludwig Heyde. — Die Herabsetzung iler 
Lebensmittelpreise. — etc. 

Recht und Wirtschaft. Jahrg. 8, Juni 1919, Nr. 6: Der vorgeschlagene 
Kriegs-Schuld-Gerichtshof, von (Wirkl. Geh. Rat) Prof. Dr. Karl Binding.* — Schieds- 
gerichte, von (Senatspräs. Geh. Oberjustizr.) Ring. — Der schaffende Mensch in der 
Wirtschaft, von Prof. Dr. Wygodzinski. — etc. 

Verwaltung und Statistik (Monatsschrift für Deutsche Beamte). Jahrg. 9, 
1919, Heft 6: Die Einwirkung des Krieges und der feindlichen Friedensbedingungen 
auf das deutsche Wirtschaftsleben, von Dr. M. B. Kupperberg. — Die Friedensbedin- 
gungen und der danach für Preußen sich ergebende Verlust an landwirtschaftlicher 
Fläche und Ernteertrag. — etc. 

Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Reichs. 28. Jahrg. 1919, 
I. Ergänzungsheft: Die Wahlen zur verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung 
am 19. I. 1919 mit einer Karte der Wahlkreise und farbiger Darstellung der Zahl und 
Parteistellung der in jedem Wahlkreis gewählten Abgeordneten. 

Weltwirtschaft. Monatsschrift für Weltwirtschaft, Auslandkunde und Aus- 
landdeutschtum. Jahrg. 9, Juni 1919, Nr. 6: Die weltwirtschaftliche Erdrosselung 
Dcutschlandi*. — Bemerkungen zu den verkehrspolitischen Bestimmungen des Versailler 
Friedensentwurf», von Dr. Richard Hennig. — Die deutsche Landwirtschaft und die 
Rückwanderung, von Dr. Rudolf Peschke. — Das Reichseiscnbahnproblem im neuen 
Deutschland, von Dr. Quo Qönnenwein. — Die weltwirtschaftliche Bedeutung des Kaut- 



292 ^i* periodische Presse Deutschlands. - 

schakhandels, von Prof. Dr. Fr. Tobler. ^- Der Deutsche in Italien während des Krieges 
und der üebergangswirtschaft, von Dr. Max A. Jordan. — Der Schwefel in der Welt- 
wirtschaft, von Dr. Ernst Schnitze. — Die älteste germanische Kolonisation in SüdruQ- 
land. von (Priv.-Doz.) Dr. M. Ebert. — etc. 

Wirtschafts-Zeitung, Deutsche. Jahrg. 15, 1919, Nr. 10: Das Bätesystem, 
von Dr. Otto Brandt. — Die künftige Versorgung mit Leder und Lederwaren, von 
Franz Wenck. — Zur Lage auf dem Möbelmarkt, von (Mitglied der Handelskammer 
tu Berlin) Fleischmann. — Die Verteilung des Produktionsertrages, von (Geh. Kom- 
merzienrat) F. Deutsch. — Zusammenlegung der Betriebe als Mittel rationeller Wirt- 
schaft, von Franz Eulenburg. — Der Außenhandel der Schweiz während des Krieges. 

— etc. 

Zeit, Die Neue. 37. Jahrg., 2. Bd., 1919, Nr. 12: Die Marxsche Klassenkampf- 
theorie, von Heinrich Cunow. — Die deutsche Ostmark in Vergangenheit und Zukunft, 
von Dr. Feydt. — Bußland und der Bolschewismus (Schluß), von K. J. Ledoc. — 
Rechtswissenschaft und Sozialismus, von Dr. Georg Flatow. — etc. — Nr. 13: Zum 
zehnten Gewerkschaftskongreß, von Hermann Müller. — Die Marxsche Klassenkampf- 
theorie (Schluß), von Heinrich Cunow. — Wege ins neue Deutschland, von Dr. E. Hur- 
wicz. — etc. — Nr. 14: Friedensschluß, von Heinrich Cunow. — Bätesystem und 
Industriewissenschaft, von Richard Woldt. — Die Demokratisierung des Polizeiweseiis 
in Preußen, von Wilhelm Gnske. — Sozialdemokratie und Kirche, von Karl Vor- 
länder. — Unser Obstbau als Ernährungsfaktor, von Hermann Krafft. — etc. — 
Nr. 15: Rationierung oder Aufhebung des Lebensmittelkartensystems, von Dr. med. 
Alfred Beyer. — Universitätsreform, von Prof. Ferdinand Jacob Schmidt. — etc. 

Zeitschrift für die gesamte Versicherungs-Wissenschaft. Bd. 19, Juli 1919, 
Heft 3: Kriegswirkungen auf den Versicherungsbestand der deutschen privaten Lebens- 
versicherungs-Unternehmungen, von (Geh. Reg.-R.) Dr. phil. Hugo Meyer. — Die An- 
gestellten Versicherung und die Üebergangswirtschaft, von (Reg.-R.) Dr. jur. Dersch. — 
Ristorno oder volle Prämie? Ein Problem des Versicherungsvertragsrechts, von Dr. jur. 
Ernst Durst. — Die Gefahrerhöhung im deutschen, österreichischen und schweizerischen 
Versicherungsvertragsrecht, von Dr. jur. Curt Rommel. — Der Krieg und die Recht- 
sprechung auf dem Gebiete der Privatversicherung (Schluß), von (Reg.-R.) A. Peter- 
sen. — etc. 

Zeitschrift für Kommunalwirtschaft und Kommunalpolitik. Jahrg. 9, 1919, 
Nr. 10: Das neue Erbbau rech tsgesetz, von (Geh. Justizr.) Prof. Dr. Paul Oertmann. — 

— Die Tarifnot der ElektrizitäU-, Gas- und Wasserwerke und die Verordnung vom 
1. Februar 1919 über die schiedsgerichtliche Erhöhung von Preisen, von Dr. Wilhelm 
Supf. — etc. — Nr. 11: Innenansiedlung, von (Landrat) Graf Schack. — Eisenbahn- 
anlagen im städtischen Bebauungsplan, von (Dipl.-Ing.) E. Groth. — Die Durchschnitts- 
gehälter der städtischen Beamten deutscher Mittelstädte, von Dr. Erwin Moll. — Die 
Arbeit kleiner Städte, von (Bürgermstr.) Dr. Erbe. — etc, — Nr. 12: Besonderheiten 
in der Lebensmittelversorgung einer Mittelstadt, von (Magistratsass.) Dr. phil. Klewitz. 

— Volkshochschulen, von (Stadtrat) Loeber. — Notstandsarbeiten (Ergebnisse einer 
Rundfrage der Technischen Auskunftsstelle des Vereins für Kommunalwirtschaft uml 
Kommunalpolitik). — Die Arbeit kleiner Städte, von (Bürgermstr.) Dr. Erbe. — Privat- 
bankiers und Sparkassen, von Wenier. — etc. 

Zentralblatt, Deutsches Statistisches. Jahrg. 11, Juli/August 1919, Nr. 6/7: 
Ueber die zukünftige Umgestaltung der deutschen Handelsstatistik (Schluß), von (Priv.- 
Doz.) Dr. Rudolf Meerwarth. — Statistik als Experiment nnd als Industrie, von Bern- 
hard Lembke. — etc. 



Frommannsch« Baohdruckerei (Hermann Pöble) in Jena — i78S 



J. Hashagen, Marzinmus und Imperialismoa. ^93 



III. 

Marxismus und Imperialismus 

Von 

Dr. J. Hashagen, 

Professor der Geschichte an der Universität Cöln. 

Inhalt: I. Abgrenzung der Untersuchung. II. Neumarxistische Lehren vom 
Imperialismus. III. Zur- Kritik der neumarxistischen Lehren vom Imperialismus. 
Literatur. 

I. Abgrenzung der Untersuchung. 

Eine Sonderuntersuchung über Marxismus und Imperialismus 
hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die sich immer einstellen, 
wenn man aus einer Gesamtheit verwickelter Zusammenhänge einen 
einzigen herausgreift. Es werden dann Fäden zerschnitten, die als 
Führer durch das Labyrinth vielleicht unentbehrlich sind. Auf einige 
dieser Fäden ist wenigstens einleitungsweise aufmerksam zu machen. 

Zeitlich müßte eine Untersuchung über Marxismus und Im 
perialismus auf den echten alten Marxismus zurückgreifen, wie er 
trotz aller späteren, oft irreführenden Aus- und Umdeutungen auf 
Grund der aufschlußreichen neuen Veröffentlichungen aus dem Marx- 
nachlasse und der Gaben der Hundertjahrfeier nachgerade deut- 
licher erkennbar wird. Es müßten die Anknüpfungspunkte auf- 
gezeigt werden, die sich bei Marx und Engels nicht nur für die 
heutigen sozialistischen Feinde, sondern in der Nachfolge Hegeb 
auch für die .sozialistischen Freunde des Imperialismus ermitteln 
• ließen. Da nun aber der „moderne" Imperialismus zur Zeit von 
Marx und Engels noch nicht voll entwickelt ist, so könnten durch 
eine solche zeitlich weiter zurückgreifende Voruntersuchung immer- 
hin nur die allgemeineren geistigen Grundlagen aufgedeckt werden. 
Und da ferner die wissenschaftliche Erforschung dieses „modernen" 
Imperialismus bei Marx' Nachfolgern erst außerordentlich spät be- 
gonnen hat, so ist eine Beschränkung auf die neuesten Leistungen 
der Marxschule auf diesem Gebiete, d. h. auf die Arbeiten der Ncu- 
marxisten und ihre Lehren vom Imperialismus, zu rechtfertigen. 

Auch örtlich wäre der Rahmen einer solchen Untersuchung sehr 
weit zu spannen. Wie der ganze Marxismus im Einklänge mit der 
internationalen Geistesart seines Urhebers schon früh eine inter- 
nationale Größe geworden ist, so sind auch die marxistischen Erörte- 
rungen über Wesen und Tragweite, Recht und Unrecht des Im- 

Jabrb. f. NaUonalKk. a. Stat. Bd. 113 (Dritte Folsre Bd. 58) 13 



"i^^ J< Hashagcn, 

perialismus in der neuesten Zeit am wenigsten auf eine Nation 
beschränkt geblieben. Bei bestimmten zeitgeschichtlichen An- 
lässen haben sie auch außerhalb des deutschen Geburtslandes des 
Marxismus hohe "Wellen geschlagen, so in den angelsächsischen 
Reichen im Zusammenhange mit dem allgemeinen Kampfe der öf- 
fentlichen Meinung um den neuen Imperialismus, so in dem wissen- 
schaftlich-marxistisch besonders regsamen Italien aus Anlaß des 
Tripoliskrieges und selbst in Oesterreich in der Epoche der Bekannt- 
gabe des Sandschakbahnplanes und der neuen Aufrollung der otien- 
talischen Frage. Vollends während des Weltkrieges haben sich 
dann die Sozialisten fast aller Nationen des dankbaren Gegenstandes 
bemächtigt. Auch in der bolschewistischen Literatur nimmt er schon 
einen breiten Raum ein. Immerhin hat der deutsche Marxismus die 
Führerstellung, die er von jeher auf dem Felde der Theorie bean- 
sprucht hat, auch bei Behandlung dieser allerdings erst sehr spät in 
Bearbeitung genommenen Einzelfrage bis in die neueste Zeit be- 
hauptet. Die neumarxistischen Lehren vom Imperialismus sind 
deutschen Ursprungs und haben es trotz dieses Ursprungs innerhalb 
des Sozialismus zu allgemeiner Anerkennung gebracht. Auch die 
Stürme der Kriegszeit haben daran bislang nichts Wesentliches ge- 
ändert. 

Peinlicher machen sich sachliche Beschränkungen fühlbar. Nach 
neumarxistischer Lehre wächst der Imperialismus aus zwei Wurzeln 
hervor, die man genauer nur verfolgen könnte, wenn man den 
ganzen Marxismus, in den diese Wurzeln vielfältig verflochten 
sind, mit in die Untersuchung einbezöge. Diesen Wurzelboden lie- 
fert zunächst, worüber man sich beim Marxismus am wenigsten 
wundern wird, der hier von jeher beinahe zu Tode gehetzte Kapi- 
talismus. Exakte Wirtschaftsgeschichte, soweit sie in marxistischer 
Luft überhaupt gedeihen kann, und spekulative Wirtschaftstheorie, 
worin der Marxismus stets eine Lieblingsbeschäftigung gesehen hat, 
widmen sich beide der Erforschung dieser kapitalistisclien Wurzel 
mit besonderem Eifer. Das Problem des Imperialismus ist ferner 
so eng mit dem des Nationalismus verwachsen, und gerade für den 
marxistischen Forscher steht dieser Zusammenhang im Vordergrunde 
des Interesses, daß eine Erörterung des einen die des anderen bei- 
nahe mit Notwendigkeit einschließt. Das ist nicht nur begrifflich 
richtig, sondern auch geschichtlich nachweisbar. Marxistische Theo- 
retiker des Nationalismus sind auch die des Imperialismus und 
umgekehrt. 

Nicht minder haben zwei bestimmte Auswirkungen oder Begleit- 
erscheinungen des Imperialismus seine Feinde und Freunde im 
sozialistischen Lager immer lebhaft beschäftigt: der Militarismus 
und die Kolonialpolitik. Einerseits Abrüstungs- und Wehrvorlagen-, 
andererseits kolonialpolitische Debatten haben zeitweise denen über 
den Imperialismus nicht nur äußerlich den entscheidenden Anstoß 
gegeben, sondern sind auch innerlich mit den imperialistischen 
aufs engste verflochten. Diese Dinge werden so häufig zusammen, 



Marxismus und Imperialismus. ]^95 

erörtert, daß es nicht immer gelingen will, aus den einschlägigen 
Diskussionen die imperialistischen Bestandteile sauber herauszu- 
schälen. 

Dazi' kommt endlich der Zusammenhang der theoretisch-wissen- 
schaftlichen mit den taktisch-politischen Fragen, der vom Marxis- 
mus stets planmäßig gepflegt worden ist und natürlich auch auf 
diesem besonderen Gebiete stets in Sehweite bleibt. Wie sich der 
taktische Streit innerhalb des Sozialismus in der Vorkriegs- und in 
der Kriegszeit meistens vor einem breiten, allzubreiten theoretischen 
Hintergrunde abspielt, so werden auch die neumarxistischen Urteile 
über den Imperialismus oft schon primär durch taktische Bedürf- 
nisse geformt. Man kann ihnen oft nur nach Berücksichtigung 
der Gesamtlage des jeweiligen taktischen Streites gerecht werden. 

Die nun einmal erforderliche Isolierung des wissenschaftlichen 
Forschungsgegenstandes stößt also hier auf besonders zahlreiche und 
große Hindernisse. Nur mit Vorbehalt kann deshalb im folgenden 
der Versuch unternommen werden, das neuste marxistische Material, 
das angesichts der Redseligkeit der in Betracht kommenden Schrift- 
steller hier freilich nur in einem winzigen Ausschnitte berücksichtigt 
werden kann, kritisch zu sichten. 

IL Neuniarxistische Lehren \om Imperialismus. 

Für den alten Marxismus war der Imperialismus teilweise noch 
gleichsam ein innerpolilischer, mit Caesarisraus ineinander fließen- 
der Begriff. Der Gegensatz gegen das zweite französische Kaiser- 
reich einerseits und besonders gegen den russischen Zarismus an- 
dererseits ist darin lebendig. Beide heftig bekämpfte Feinde ziehen 
die Aufmerksamkeit mehr in politischer als in wirtschaftlicher Be- 
ziehung auf sich. Wenn auch die neuste marxistische Publizistik 
gelegentlich noch diesen früher auch außerhalb der marxistischen 
Kreise nachweisbaren älteren Begriff des Imperialismus verwertet, 
so darf er doch heute als veraltet bezeichnet werden und kann im 
folgenden außer Betracht bleiben. 

Erst als die neueste weltpolitische Entwicklung in Praxis und 
Theorie einen neuen, nunmehr vorwiegend äußerpolitischen Im- 
perialismus zutage förderte, entschloß sich der Marxismus, auch 
hierzu Stellung zu nehmen, wenn auch erst auffallend spät. Zwar 
hatten schon die weltpolitischen Wendungen des letzten Jahrfünfts 
des alten Jahrhunderts beim wissenschaftlichen Marxismus in 
Deutschland Beachtung gefunden, so der japanisch -chinesische 
Krieg von 1894/5, der griechisch-türkische Krieg von 1897 und 
der spanisch-amerikanische Krieg von 1898. Aber wissenschaftlich 
tiefer reichten die Erörterungen darüber, soweit sie sich mit dem 
neuen Imperialismus beschäftigten, kaum. Erst die großen Ereignisse 
der Jahrhundertwende, Burenkrieg und Chinawirren, brachten die 
Debatten mehr in Fluß. 

Jedoch war es zunächst kein Marxist, sondern ein bürgerlicher 
Pazifist und Freihändler, der unter dem Eindrucke dieser Ereignisse 

13* 



196 J- H.shagen. 

Grundzüge der neumarxistischeii Lehren über den Imperialismus 
vorwegnahm. 1902 erschien das Werk ,,Imperialism, a study" von 
I. A. Hobson, vorbereitet durch eine Würdigung der Entwicklung 
des modernen Kapitalismus (The evolution of modern capitalism, 
1894) und durch ein Buch über den Burenkrieg (The war in South 
Africa, 1900) und weitergeführt durch eine Anzahl ähnlich gehalt- 
voller Arbeiten bis in die Kriegszeit hinein, unter denen hier nur 
das über den Kapitalexport (The economic Interpretation of invest- 
ment, 1911) noch zu nennen ist. Wenn Hobson auch gelesgentlich 
von den Neumarxisten erwähnt wird, so scheint er auf sie doch nur 
geringen Einfluß ausgeübt zu haben, obwohl seine Schriften den neu- 
marxistischen Lehren, wie bemerkt, entscheidende Anhaltspunkte 
bieten. 

Erst nach der weiteren schweren durch den russisch-japanischen 
Krieg bewirkten weltpolitischen Erschütterung von 1904/5 setzte 
sich der Neumarxismus selbst in Bewegung. Erst 1907 erschien 
als zweiter Band der Wiener Marx-Studien das im Jahre vorher 
ausgearbeitete Werk des Austromarxisten O. Bauer, Die Nationali- 
tätenfrage und die Sozialdemokratie, das für diese Seite der ncu- 
marxistischen Lehren auch insofern Epoche macht, als von jetzt ab 
die Führung durchaus an die Oesterreicher übergeht, ungeachtet der 
späten und national zerklüfteten Entwicklung der österreichischen 
Sozialdemokratie. Schriftstellerisch ist Bauers Werk weitaus die 
bedeutendste Leistung. Aber auch sachlich liefert es den neu- 
marxistischen Lehren über den Imperialismus, worüber man sich 
durch den zu eng gefaßten und deshalb irreführenden Titel nicht 
täuschen lassen darf, die wichtigsten Richtlinien. Insbesondere 
schafft es den Begriff des Wirtschaftsgebietes als einen Zentral - 
begriff der neumarxistischen Lehren. Spezialisiert und bestimmter 
gefaßt, aber auch weiter ausgebaut werden Bauers Aufstellungen in 
R. Hilferdings Finanzkapital, das gleichfalls 1906 entstanden, aber 
erst 1910 im dritten Bande der Marx-Studien erschienen ist. Der 
Krieg gab dann Veranlassung, die Bauer-Hilferdingschen Ergebnisse 
in Einzelartikeln, besonders in der Wiener Monatsschrift „Der 
Kampf", zu behandeln. Auf ihnen beruhen zum Teil die für die Er 
kenntnis der austromarxistischen Lehren vom Imperialismus eben- 
falls ergiebigen Arbeiten von M. Adler, Prinzip oder Romantik I 
(1915) und von K. Renner, Marxismus, Krieg und Internationale, 
kritische Studien über offene Probleme« des wissenschaftlfchen 
Sozialismus in und nach dem Weltkriege (1917). Wie stark die 
Schriften dieser Austromarxisten, besonders Bauers und Hilferdinus. 
auch in den marxistischen Kreisen des Auslandes gewirkt haben, er 
gibt sich einerseits aus den lobenden Urteilen A. Labriolas (La 
conflagrazione europea e il socialismo, 1915) und andererseits aus 
der Tatsache, daß eine weitverbreitete Kriegsschrift P. D. Troel- 
stras (De wereldoorlog en de sociaaldemokratie, 1915) ihnen kapitel- 
weise folgt. 

Auch bei den „reichsdeutschen" Marxisten setzte jetzt eine 



Marxismus und Imperialismas. X97 

parallele theoretische Arbeit allmählich ein. Sie hielt sich aber in 
engeren Grenzen. Kautskys „Weg zur Macht" (1909) und Parvus' 
(Helphants) lose aneinandergereihte Skizzen „Der Klassenkampf und 
das Proletariat" (1911) berühren, da sie in erster Linie praktische 
Zwecke verfolgen, nur einzelne Punkte und bleiben wissenschaftlich 
an der Oberfläche. Ausführlicher, aber auch in den Reihen der 
eigenen Partei umstrittener, ist Rosa Luxemburg, Die Akkumulation 
des Kapitals, ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Im- 
perialismus (1913). Resolution, Referat (Haase) und Erörterung 
über den Imperialismus auf dem Chemnitzer Parteitag (1912) ge- 
stalteten sich trotz der Verschiedenartigkeit der Diskussionsredner 
wissenschaftlich wenig ergiebig. Der für den Herbst 1914 vorberei- 
tete Wiener Internationale Sozialistenkongreß, der sich \^on neuem 
mit der Frage des Imperialismus befassen sollte, kam infolge des 
Kriegsausbruches nicht zustande. Während des Krieges erschien 
u. a. Kautskys Aufsatz über den Imperialismus (Neue Zeit 1914 II) 
und seine Broschüre ,, Nationalstaat, imperialistischer Staat und 
Staatenbund' (1915), die aber gegenüber den vorangegangenen 
grundlegenden Werken der Austromarxisten nicht viel Neues bieten. 
Aehnliches gilt von den programmatischen Artikeln K. Emils über 
handelspolitische Fragen (Neue Zeit 1917 I). Regsamer waren die 
Revisionisten, auf die zurückzukommen ist^). 

Trotz dieser u. a. reichsdeutsch en Leistungen ist die Führung 
auf dem Felde der imperialistischen Theorie den Austromarxisten 
bislang nicht entrissen worden. Man hat sich deshalb stets gegen- 
wärtig zu halten, daß die neumarxistischen Lehren vom Imperialismus 
in der Hauptsache aus Oesterreich stammen. Schon aus dieser 
äußerlichen Tatsache erklärt sich teilweise ihre handgreifliche Ein- 
seitigkeit. Bei aller Weite des Blicks können jene Austromarxisten, 
die unter sich wieder ganz verschiedene wissenschaftliche Typen 
darstellen, ihre Herkunft aus der Enge der österreichischen Ver- 
hältnisse nicht verleugnen. Gewiß ist ihr Gesichtskreis weltpoli- 
tisch recht weit, weiter jedenfalls als bei den reichsdeutschen Ge- 
nossen, aber doch nicht weit genug, um einer so universalen und 
universalhistorischen Erscheinung wie dem Imperialismus wirklich 
gerecht zu werden. Jedenfalls haben Forscher wie Bauer und Hilfer- 
ding den neumarxistischen Lehren von Anfang an eine ganz be- 
stimmte Form gegeben, die diese seither nicht wieder losgeworden 
sind. Ebenso wie der alte Marxismus im allgemeinen ist also auch 
diese neumarxistische Imperialismuslehre das Ergebnis ganz be- 
stimmter zeitgeschichtlicher und örtlicher Zusammenhänge und schon 
deshalb weit entfernt davon, auf wissenschaftliche Allgemeingültig- 
keit einen berechtigten Anspruch erheben zu können, obwohl die 
Schule drauf und dran ist, ihr das Schick.sal des alten Marxismus zu 
bereiten: ihr nämlich trotz aller gegen sie vorzubringenden Einwände 
zu kanonischem Ansehen zu verhelfen. — 

1) Vgl. E. Q&nther, Die reTisionistisohe Bewegung in der deutlichen Sozial- 
demokratie: Schmollers Jahrbuch 29. Jahrg. (1905). 



^Qg J. Hashagen, 

Die verschiedenen, meist gescheiterten Versuche, zu einer all- 
gemeingültigen und eindeutigen Begriffsbestimmung des Imperialis- 
mus zu gelangen 1), entscheidet der Neumarxismus mit dem Macht- 
spruche dahin, daß der Imperialismus die Wirtschaftspolitik des 
Finanzkapitals sei, „d. h. des Kapitals, das von den Banken, unter 
ihrer zunehmenden Kontrolle, der großen Industrie als Geldkapital 
zur Verfügung gestellt und von dieser als produktives Kapital an- 
gewandt wird" 2). Indem Hilferding in seinem Hauptwerke im 
Anschluß und in Ergänzung der beiden letzten Bände von Marx' 
Kapital die Tätigkeit dieses Finanzkapitals eingehend beschreibt, ist 
er vor allem bemüht, es als den entscheidenden Träger des Imperialis- 
mus und damit der letzten Phase des Kapitalismus zur Anschauuns^ 
zu bringen. An anderer Stelle^) faßt er seine lehrreichen Darlegungen 
auf die hier im einzelnen nicht eingegangen werden kann, für das 
Finanzkapital in folgender Weise zusammen: 

„1. Im Innern sucht es dieProduktion auf immer größerer Stufen- 
leiter monopolistisch in Kartellen und Trusts zu organisieren; im 
Interesse dieser Organisation sucht es den Innenmarkt durch das 
Schutzzollsystem seiner Alleinherrschaft [d. h. der alleinigen 
Beherrschung durch das Finanzkapital] zu sichern und verschärft 
damit außerordentlich die [inner Jstaatlichen Gegensätze. 

2. Nach außen ist sein Ziel vor allem der Kapitalexport. Dieser 
macht die politische Beherrschung unentwickelter Gebiete zur Not- 
wendigkeit; das Finanzkapital bedient sich dazu der von ihm be- 
herrschten Staatsmacht; die gewaltsame Eroberung von Kolonien 
ist schon deshalb notwendig, weil, je rascher die Entschließung, 
desto gewaltiger die Größe der exportierten Kapitalmassen, desto 
schneller der Umschlag des heimischen Kapitals" . . . 

In diesen Sätzen findet man in der Tat alle Hauptelemente der 
Theorie beieinander. Die Staatsmacht ist dabei einerseits durchaus 
exklusiv gedacht als Beherrscherin und Hüterin des geschlossenen 
nationalen Wirtschaftsgebietes, dessen Stellung als eines wichtigen 
Hebels der imperialistischen Entwicklung vor Hilferding von Bauer 
und nach ihm von Renner genau gewürdigt wird. Andererseits ist 
diese Staatsmacht schon wegen ihrer überall aufgezeigten notwen- 
digen Verbindung mit dem Militarismus auf unersättliche und ufer- 
lose Expansion angewiesen und gelangt somit aus innerer Zwangs- 
läufigkeit zum Imperialismus. „Als Ideal erscheint es jetzt, der 
eigenen Nation die Herrschaft über die Welt zu sichern, ein 
Streben, ebenso unbegrenzt wie das Profitstreben des Kapitals, dem 
es entsprang. Das Kapital wird zum Eroberer der Welt, und mit 
jedem neuen Lande erobert es die Grenze, die es zu übcrschreitea 
gilt" . . . Vorbereitet wird diese Entfaltung des neuesten Kapitalis- 



1) Vgl. E. David, Die Sozialdemokratie im Welticrieg (1915), S. 61 f. D. Scli&fer, 
Die Schuld am Kriege (1919), S. 10. 

2) Hilferding, Hlatorische Notwendigkeit oder notwendige Politik : Kampf 8, 1911, 
8. 212. 

3) a. a. O. 



Marxismas und Imperialismas. 199 

mus zum Imperialismus durch den von Hilferding in einem kleinen, 
aber inhaltreichen Aufsatze dargelegten „Funktionswechsel des 
Schutzzolles" (Neue Zeit 1903 II), demzufolge sich der Schutzzoll 
aus einem ursprünglich mäßigen und nur vorübergehenden, defen- 
siven Erziehungszolle zu einem dauernden, aggressiven Kartell- 
hochschutzzolle verschärft. Wie der Imperialismus mit dem Mili- 
tarismus und. mit dem Kolonialismus uTiauflößlich verbunden ist, so 
ist er, besonders auch im Dienste des Kapitalexports, ohne einen 
ständig verschärften Protektionismus nicht denkbar und also auch 
in der Form des Mitteleuropaimperialismus für diese Neumarxisten 
mit Ausnahme des hier eine Sonderstellung einnehmenden Renner 
durchaus unannehmbar. „Der Drang nach Kolonien ist die Flucht 
des Kapitals vor seinem eigenen Schutzzollsystem" (Parvus). Der 
Begriff des Wirtschaftsgebietes dient dann dazu, um alle die ver- 
.^chiedenen expansiven Auswirkungen des Imperialismus zu ver- 
.'iinnbildlichen. Sie werden von Brailsford (The war of steel and 
«old. a study of the armed peace, 3. Aufl. 1915, S. 79) i) in Form 
einer allgemeinen Definition folgendermaßen motiviert: Imperialism 
is simply the political manifestation of the growing tendency of 
rapital, accumulated in the more civilised industrial countries, to 
eiport itself to the less civilised and the less settled. Auch damit 
wird eine zutreffende, wenn auch unvollständige Zusammenfassung 
der von Brailsford sonst selbständig weitergebildeten austromarxisti- 
schen Lehre geboten. In ihrem Mittelpunkt steht der Nachweis der 
zwangsläufig wirkenden Triebkräfte des Imperialismus. Sie sind 
direkt oder indirekt auf die schlechthin beherrschende Rolle des 
Finanzkapitals im Wirtschaftsleben der am meisten fortgeschrittenen 
kapitalistischen Staaten zurückzuführen. Da dies vom Kartellhoch- 
schutzzolle gestützte, mit dem Großgrundbesitze verbündete Finanz- 
kapital, wenn anders es nicht hoffnungslos einschrumpfen will, auf 
Kapitalexport mit Notwendigkeit angewiesen ist, so ist die Aus- 
dehnung der Wirtschaft über die Grenzen des Staates (Wirtschafts- 
gebietes) hinaus eine unausbleibliche Folge der neusten Struktur des 
Kapitalismus. Diese Ausdehnung verfolgt zwar ausschließlich wirt- 
.schaftliche Zwecke, d. h. die notwendigen Bereicherungsinteressen 
de.«? Finanzkapitals; sie kann aber nicht mehr allein mit wirtschaft- 
lichen Mitteln durchgeführt werden. Die für den Kapitalexport 
des Finanzkapitals erforderliche Ausdehnung über die Landesgrenzen 
hinaus verlangt im Gegensatz zum Zeitalter des reinen Waren- 
exports völlige Unterwerfung der abhängigen Gebiete und deshalb 
eine starke und rücksichtslos aus- und durchgreifende Staatsgewalt. 
Wie man sieht, werden als entscheidende Beweggründe des Im- 
perialismus nicht nur im allgemeinen die nicht-wirtschaftlichen, son- 
dern auch die nicht-finanzkapitalistischen ausgeschieden wie die 
Bedürfnisse der Fabrikatenausfuhr, der Rohstoffeinfuhr, der Aus- 



1) Vgl. L. B. Boudin, Socialism and war 1916, S. 44 ff., 85 ff., 100 ff., 183 ff., 
•316 ff. 



200 ^- Hashagen, 

Wanderung, der Siedelungskolonien u. ä. Darin sind auch die sonst 
gemäßigteren englischen Kritiker mit den Austromarxisten ganz 
einig. Nach Emil ist imperialistische Politik „die zur Einheit ge- 
wordene Verbindung von Schutzzoll, finanzkapitalistischer Mono- 
polisierung, Kapitalexport, Steigerung der Staatsmacht, Vermehrung 
des Steuerdrucks, Wettrüsten zu Lande und zu Wasser, Kolonial - 
poIitik, Krieg" . . . ' 

Die spezifisch marxistischen Grundlagen dieser hier nur in 
äußerster Kürze skizzierten Lehre schimmern überall durch. Im 
Einklänge mit der materialistischen Geschichtsauffassung wird zu- 
nächst eine lediglich aus wirtschaftlichen Beweggründen, besonders 
aus dem Ausdehnungsdrange, der Profitgier und dem Ausbeutungs- 
triebe des hypertrophischen Kapitalismus abgeleitete rein wirtschaft- 
liche Entwicklung geschildert, die dann im Verlaufe ihrer weiteren 
Entfaltung zum Imperialismus bestimmte inner- und besonders außer- 
politische Folgen (beide hängen aufs engste miteinander zusammen) 
nach sich zieht, und zwar ist die Entstehung dieses „Ueberbaus" 
eine schlechthin notwendige Entwicklung, der der Kapitalismus nicht 
entrinnen kann, obschon der strenge Sinn der „Notwendigkeit" dieser 
imperialistischen Zuspitzung des Kapitalismus hier ebenso schwer 
zu ergründen ist, wie in anderen Teilen des marxistischen Systems. 
Daraus erklärt es sich, daß unter den orthodoxen Neumarxisten (vgl. 
auch Troelstra) nur über den Begriff dieser Notwendigkeit Mei- 
nungsverschiedenheiten auftreten, während die übrigen konstitutiven 
Merkmale des Begriffs des finanzkapitalistischen Imperialismus zu- 
meist unbesehen hingenommen und nur in Einzelheiten nälier be- 
schrieben und weiter ausgebaut werden. Echt marxistisch ist auch 
die Hypostasierung einer bestimmten Gattung des Kapitals, des Fi- 
nanzkapitals, das zwar in seiner Rolle als Hebels der imperialistischen 
Entwicklung eingehend geschildert, gegen andere Kapitalsgattungen 
jedoch nicht immer ganz einwandfrei abgegrenzt wird. Mit Recht 
haben Marxkenner bei Besprechung des Hilferdingschen Hauptwerkes 
den starken marxistischen Einfluß, der sich bis auf die Schreibweise 
hinunter bemerkbar macht, betont, wenngleich Hilferding auf 
Grund einer unendlich weiter fortgeschrittenen kapitalistischen Ent- 
wicklung sehr bald neue Ausblicke zu eröffnen vermag, besonders bei 
Schilderung des Kapitalexports, welcher vor ihm freilich schon bei 
bürgerlichen Nationalökonomen lebhafte Beachtung und wissen- 
schaftlich grundlegende und fruchtbare Bearbeitung gefunden hatte. 

Neben den gleichsam innerwirtschaftlichen Beweggründen des 
Aufstiegs des Imperialismus werden aber auch, wieder ganz im Geiste 
des alten Marxismus, die seelischen Triebkräfte dieses Aufstiegs, das, 
was der Marxist die Ideologie nennt, genau berücksichtigt. Hier ist 
die Stelle, wo der Zusammenhang der neuen imperialistischen Theorie 
mit gewissen Fortbildungen der älteren nationalistischen Theorie auf- 
gedeckt wird, wobei die Lehren vom Wirtschaftsgebiete, von der 
Nationalisierung des Finanzkapitals abermals gute Dienste leisten, 
obgleich auch Hinweise auf den ,, eigentlich" internationalen 0ha- 



Marxismus und Imperialismus. 201 

lakter de^ Kapitals in solchen Zusammenhängen nicht zu fehlen 
pflegen. Sie werden jedoch mehr an die Peripherie geschoben, um 
die besonders von Bauer vertretene These nicht zu stören, daß das 
Staatsideal des Imperialismus nicht mehr der Nationalstaat, sondern 
der Nationalitätenstaat sei, in den Nationen der verschiedensten 
Rasse und Kulturhöhe hineingezwungen werden. 

Der Staat endlich erscheint in dieser Lehre, obwohl seine Macht- 
steigerung auf allen Gebieten eindrucksvoll dargelegt wird, letzten 
Endes nur als ein Werkzeug des Finanzkapitals. Eine eigene im- 
perialistische Initiative geht vom Staate kaum aus. So gewaltig 
seine Kraft im Dienste des Finanzkapitals auch anwächst, mehr als 
die Rolle eines kritiklosen Dieners wird ihm, wieder in grundsätzlicher 
Uebereinstimmung mit Marx, nirgends zugebilligt. Ihm geht es 
nicht besser wie dem einzelnen Kapitalisten und Imperialisten. Er 
ist nur ein willenloses Glied in einer von den Mächten der Wirtschaft 
geschmiedeten Kette. Die stark politische Erscheinungsform des 
neuen Imperialismus, die bei den Neumarxisten durchweg treffend 
hervorgehoben wird, kann seine ursprünglich lediglich wirtschaft- 
lichen Wurzeln nicht in Vergessenheit bringen. 

Wenn man den Ausgangspunkt der ganzen Lehre und besonders 
die notwendige Verankerung des Imperialismus im Kapitalismus zu- 
gibt, wenn man sich davon überzeugen läßt, daß der Imperialismus 
wirklich weiter nichts ist als die Wirtschafts- und besonders die Han- 
delspolitik des auf seiner Machthöhe befindlichen Finanzkapitals, 
dann wird man sich dem Eindrucke dieses schlüssigen Aufbaus kaum 
entziehen können und wenigstens im einzelnen trotz der angedeuteten 
altmarxisti?chen Grundlagen auch seine Selbständigkeit gebührend 
zu würdigen wissen. Es scheint sich um einen großzügigen Beitrag 
zur neuesten internationalen Wirtschaftsgeschichte und -theorie zu 
handeln, der weit mehr Beachtung verdient, als er bisher besonders 
in den Kreisen der bürgerlichen Wissenschaft gefunden hat. — 

Schon diese scheinbar zunächst nur der reinen Erkenntnis die- 
nenden Untersuchungen der Neumarxisten über den Imperialismus 
als die Wirtschaftspolitik des Finanzkapitjils sind häufig mit kri- 
tischen Angriffen auf diesen Imperialismus durchsetzt, wie es ja 
zu den Eigentümlichkeiten marxistischer Literatur gehört, streng 
wissenschaftliche Analysen mit polemischen Ausfällen zu würzen, 
wobei der Ton der Gasse keineswegs verschmäht wird. 

Vor dem Hintergrunde einer zunächst rein erkenntnismäßigen 
Analyse wird die kritische Bearbeitung und Verurteilung dieses Im- 
perialismus dann überhaupt verselbständigt und mit leidenschaftlicher 
Energie besonders in zwei Richtungen weitergeführt. Die marxisti- 
schen Literaten begnügen sich nicht mit der beschreibenden Dar- 
legung der Geschichte und des gegenwärtigen Standes und der e:egen- 
wärtigen Bedeutung dieses Imperialismus. Er scheint ihnen viel- 
mehr von vornherein als zu hassenswert, als daß sie ihm gegenüber 
in der Sphäre der rein wissenschaftlichen Betrachtung verharren 
dürften. Es kommt ihnen nicht nur darauf an. ihn zu schildern, son- 



202 J- Hashagen, 

dem auch von ihm abzuschrecken. Die neumarxistischen Lehren vom 
Imperialismus gipfeln in einer sorgfältig ausgeklügelten Ab- 
schreckungstheorie, zu der nicht nur die vorübergehenden Erzeug- 
nisse der periodischen Presse zahlreiche wirkungsvolle Beiträge 
liefern, die vielmehr schon in den erwähnten Hauptwerken so gründ- 
lich ausgeführt ist, daß ihr Wert für die praktisch-politische Werbe- 
arbeit des Tages von befreundeter Seite ausdrücklich anerkannt 
wird. Freilich ist auch diese Abschreckungstheorie der Neumarxisten 
dem alten Marxismus aufs tiefste verpflichtet. 

Denn ihre festeste Stütze ist die Lehre vom Klassenkampf. Der 
neue Imperialismus ist nach neumarxistischer Anschauung nicht nur 
das notwendige Ergebnis der letzten Erscheinungsformen des Kapi- 
talismus, sondern auch selbst die letzte Erscheinungsform des eben 
durch diese kapitalistische Entwicklung, wie schon das Kommu- 
nistische Manifest gelehrt hatte, auf die Spitze getriebenen und bis zur 
Unerträglichkeit verschärften Klassenkampfes. Pannekoek, einer 
der Führer der extremen Orthodoxen, wagt deshalb in seinem Auf- 
satze über Deckungsfrage und Imperialismus (Neue Zeit 1913 I) 
sogar die Formulierung: „Der Klassenkampf in seiner allgemeinsten 
und umfassendsten Form ist heute der Imperialismus." Indem sich 
diese JB'orscher nach Schilderung der sachlichen Träger des Imperialis- 
mus seinen persönlichen Trägern zuwenden, finden sie nirgends da« 
ganze Volk, sondern immer nur die Klasse — der Finanzkapitalisten. 
Zu den bezeichnendsten Merkmalen des neuen Imperialisms gehört 
nach ihrer Ansicht dieser sein klassenhafter Charakter. Als natio- 
nales Unternehmen lohnt sich der Imperialismus nicht: regarded as 
a meaub of assuring unearned incomes to the governing class, ii 
emphatically does pay . . . The reason for the too rapid export of 
capital abroad is, in short, the bad division of wealth at home. 
(Brailsford a. a. 0. S. 78, 8L) — Erst vermittelst dieser Erkenntnis 
kann man auch den Zusammenhang zwischen Imperialismus und 
Nationalismus in vollem Umfange würdigen. Nun ist aber, wie 
Bauer ausführt, schon der alte Nationalismus, und zwar keines- 
wegs nur in seiner nationalistischen, sondern auch in seiner 
nationalen Ausprägung,' und keineswegs nur in der neuen oder 
neuesten Geschichte, sondern seit Auflösung des altgermanischen 
„Sippschaftskommunismus" von jeher ein Massenhaftes Gebilde: nur 
die herrschenden Klassen als Exponenten der jeweiligen Wirt- 
schaftsstufe haben sich für die Nation eingesetzt. Die beherrschten 
Klassen dagegen sind stets nur „Hintersassen der Nation" gewesen : 
die Arbeiter haben kein Vaterland, wie nach dem Vorgange des Kom- 
munistischen Manifests G. Herve unter dem Eindrucke der ersten 
deutsch-französischen Marokkokrise 1905 in seiner flammenden Pro- 
testschrift: Leur Patrie, und in seiner hinreißenden Rede über den 
proletarischen Antipatriotismus vor den Geschworenen ausgeführt 
hatte. Diese vom Herveismus neubelebte Lehre vom klassenhaften 
Nationalismus wäre nicht so breit, so häufig und so leidenschaftlich 
gepredigt worden, wenn man in ihr, von der gewaltigen agitatorische» 



Marxismus und Imperialismus. 203 

Zugkraft abgesehen, nicht eine ausgezeichnete Vorschule zur Er- 
kenntnis des klassenhaften Charakters des Imperialismus erblickt 
hätte. Dieser wird dann weiter zu einem nach außen gewandten 
Nationalismus, dessen monopolistischer Charakter sich nach Hilfer- 
<ling in der Lehre vom auserwählten Volke widerspiegelt. 

Auf Grund jener historischen Darlegungen erscheint der Im- 
perialismus den Neumarxisten im Gewände eines alten Bekannten, 
und es gelingt nun um so besser, seine Gedankenwelt, seine ,, Ideolo- 
gie", kritisch zu zersetzen und damit für die Abschreckungswünsche 
tragfähige Unterlagen zu gewinnen. Immer vom Boden der Klassen- 
kampflehre aus werden nun einzelne Betätigungen der imperialisti- 
schen Ideologie wie Rasse-, Macht- und Kriegsverherrlichung einer 
vernichtenden Kritik unterzogen, so von Hilferding, der die Rassen- 
ideologie als „eine naturwissenschaftlich verkleidete Begründung 
des Machtstrebens des Finanzkapitals" hinstellt. Unter Anwendung 
jener dei Rüstkammer der marxistisch durchleuchteten Ideen- 
geschichte entnommenen kritischen Waffen wird darüber hinaus 
.schließlicii das Ganze der imperialistischen Ideologie als eine ver- 
logene Irreführung der öffentlichen Meinung, als planmäßige Falsch- 
münzerei und echte Bauernfängerei hingestellt, der nach und nach 
alle Klassen der Bourgeoisie mit Einschluß des alten und neuen Mittel- 
standes als ,, Stimmvieh des Finanzkapitals" zum Opfer fallen, und 
die auch in Arbeiterkreisen Eroberungen macht. Nicht umsonst ist 
von Marxisten aller Richtungen die praktisch-polemische Brauch- 
barkeit und Ueberlegenheit einer geschichtlich geschulten Theorie 
immer wieder in helles Licht gesetzt worden. 

Um so erfolgreicher kann man sich dann endlich der zweiten 
peinlicheren und doch so unerläßlichen Aufgabe entledigen und dem 
Imperialismus in den eigenen Reihen zu Leibe gehen und ihn unter 
der merkwürdigen Bezeichnung „Sozialimperialismus" als Hochverrat 
denunzieren. So sprach M. Adler in einem „Kampf"aufsatze noch 
kürzlich (11, 1918) von der „geistigen Verwüstung im Sozialismus 
«elbst, die . . . dadurch zustande kam, daß sie [die Sozialisten] 
unter dem Einflüsse imperialistischer Auffassungen . . . den Stand- 
l)unkt des bloßen Arbeiterinteresses dem Standpunkt der Emanzi- 
.pation der Arbeiterklasse vorangestellt haben." Eifrig ist man um 
den Nachweis bemüht, daß die Verwirklichung des Imperialismus 
der Arbeiterklasse nur Scheinvorteile bringe. Diesem Nachweise 
dient u. a. Bauers Theorie von der volksverderblichen Wirkung der 
..Akkumulationsdifferenz". Wie zwischen Kapitalismus und Sozialis- 
mus, so bestehe auch zwischen Imperialismus und Sozialismus ein 
unversöhnlicher Gegensatz, und beide Feinde könnten eben nur 
durch den Sozialismus überwunden werden. So mündet auch hier die 
Kritik in eine farbenreiche Schilderung eines künftigen Idealzustan- 
des aus. in dem für den räuberischen und völkerverderbenden Im- 
perialismus kein Raum mehr ist. Wie der Klassenkampf nicht um 
seiner selbst willen geführt wird, sondern sich die Beseitigung der 
Klassengegensätze zum Ziele setzt, ohne auf den Einwand Rücksicht 



204 J- Hashagen, 

ZU nfehmen, daß eine klassenlose Gesellschaft aller menschlichen Er- 
fahrung und Entwicklungsmöglichkeit widerspricht: so wird auch 
der Imperialismus wie der ganze Kapitalismus, dessen spätestes Kind 
er ist, nur bekämpft, um ihn zu tiberwinden. 

Auch in diesem kritischen Teile der neumarxistischen Lehren 
vom Imperialismus handelt es sich, wie man sieht, um einen ge- 
schlossenen Gedankenaufbau. Da er sich im sozialistischen Lager 
bereits eines kanonischen Ansehens erfreut, ist eine sachlifli-wisscn- 
schaftlichf; Prüfung um so mehr geboten. 

III. Zar Kritik der iicuiiuirxistisclien liClireii toiu Imperialismus. 

Da die neumarxistischen Lehren vom Imperialismus auf bürger- 
licher Seite nur sehr wenig Beachtung gefunden haben, so ist es 
nicht wunderbar, daß auch ihre Kritik bis heute nur mangelhaft ent- 
wickelt ist. Das meiste zu dieser Kritik haben daher die Revi- 
sionister beigetragen, während selbst die austromarxistischen Haupt- 
werke in der wissenschaftlichen Zeitschriftenpresse bürgerlicher 
Richtung nicht einmal die ihnen zukommende ausgiebige Besprechung 
erfahren haben. Unter den Revisionisten sind es besonders G. Hilde- 
brand, Schippel und Quessel, die schon vor dem Kriege ihre Ein- 
wände vorgebracht haben, freilich durchweg nur in kleinen, aber 
scharf geschliffenen kritischen Aufsätzen. Auch Bernstein, als er 
noch Revisionist war, hat sich daran beteiligt. Diese revisionistische 
Kritik der neumarxistischen Lehren vom Imperialismus ist dann 
während des Krieges noch wesentlich vertieft und verschärft worden. 
Zu den alten revisionistischen Rufern im Streit haben sich unter 
dem Eindrucke der Kriegserfahrungen als „Umlerner" auch ehe- 
malige Radikale gesellt, wie namentlich Lensch. Diese und andere 
Kritiker haben allerdings nicht nur den Imperialismus im Auge, son- 
dern beschäftigen sich vor dem Kriege und während des Krieges 
auch mit vielen andern verwandten Fragen, besonders mit Kolonial- 
politik, mit der Frage der Landesverteidigung, der Stellung zur 
Nation, zum Vaterland und zum Kriege. Das hat sie jedoch nicht 
gehindert, die Richtigkeit der neumarxistischen Lehren über den Im- 
perialismus bis in alle Einzelheiten nachzuprüfen und insbesondere 
die für die Beurteilung der neumarxistischen Lehren vom Impe- 
rialismus entscheidende Frage zu untersuchen, ob den von dieser 
Theorie als allein für den neuen Imperialismus ausschlaggebend und 
charakteristisch bezeichneten sachlichen und persönlichen Triebkräf- 
ten wirklich diese Rolle zukommt, ob die zwischen diesen Trieb- 
kräften behauptete notwendige Verkettung wirklich besteht, und ob 
diese Triebkräfte endlich, darauf kommt alles an, als notwendiges 
Ergebnis überall übereinstimmend den Imperialismus zeitigen. Gewiß 
ist diese revisionistische Kritik insofern befangen, als sie unter dem 
Eindrucke ihres bekanntlich sehr scharfen taktischen, durch den 
Krieg nur noch verschärften Gegensatzes gegen die Orthodoxie ge- 
neigt ist, auch jeder von dorther mit dem Anspruch auf Alleromein- 



Marxismus und Imperialismus. ^ 205 

gültigkeil auftretenden Lehrmeinung mit tiefem Mißtrauen zu be- 
gegnen. Davon abgeselien, haben aber die Revisionisten auch sach- 
lich brauchbare kritische Bausteine beigesteuert. 

Sie haben sich endlich das wissenschaftliche Verdienst erworben, 
Widersprüche zwischen einzelnen neumarxistischen Imperialismus- 
forschern aufzudecken, die durchweg dadurch entstanden sind, daß 
man allgemein bekannte Erfahrungstatsachen der Theorie zuliebe ver- 
gewaltigt hat. So hatte der russische Marxist Th. Kapelusz in einem 
Aufsatze über Industrie und Finanz (Neue Zeit 1897 II), der den 
finanziellen Motiven praktischer Weltpolitik mit Erfolg nachspürte 
und im übrigen manches von den späteren austromarxistischen Leh- 
ren vorwegnahm, die Behauptung aufgestellt, die imperialistischen 
Konservativen Englands seien keineswegs die Vertreter des Finanz- 
kapitals und des Kapitalexports, sondern im Gegenteil gerade des 
Industriekapitals und des Warenexports.- Von einem durchaus im 
Geiste von Marx und Hilferding arbeitenden, ernst zu nehmen- 
den Forscher wurde also an dem Beispiele der handelspolitischen 
Parteien Englands der notwendige innere Zusammenhang zwischen 
Finanzkapital und Imperialismus völlig geleugnet. Gerade die 
Vertreter des Finanzkapitals und des Kapitalexports sind nach 
Kapelusz vielmehr die Radikalen, und die waren damals noch 
erklärte Gegner des Imperialismus. Einem Kenner der englischen 
Wirtschaftsgeschichte und der gegenwärtigen Lage Englands wie 
Bernstein konnte es gewiß nicht schwer werden, in einem an gleichem 
Orte erschienenen Aufsatze über politische Parteien und wirtschaft- 
liche Interessen in England den groben Irrtümern und Mißverständ- 
nissen, die in den von Kapelusz gewagten Motivierungen stecken, 
auf die Spur zu kommen. Mit Recht hat Bernstein diese wichtige 
Kritik später seiner Sammlung ,,zur Theorie und Geschichte des 
Sozialismus" (4. Aufl. II 1904) einverleibt und mit einer grundsätz- 
lich bedeutsamen Vorbemerkung gegen den ,,geschichtstheoretischen 
Cuvier'" und die von ihm beliebte „nominalistische Personifizierung 
von Wirtschaftskategorien" versehen. Und als er später in einem 
weiteren kritischen Essay über das Finanzkapital und die Handels- 
politik (Sozialistische Monatshefte 1911 II) mit Hilferding selbst 
nicht minder erfolgreich die Klinge kreuzte, konnte er sich mit Recht 
auf den J^all Kapelusz berufen, indem er erklärte: ,, Unsere so 
marxistisch wie möglich sprechenden und deduzierenden Autoren 
[Kapelusz und Hilferding] kommen zu direkt entgegengesetzten Re- 
sultaten. Nach Kapelusz war die Handelspolitik des Finanzkapitals 
freihändleri.sch-liberal, nach Hilferding ist sie schutzzöllnerisch-im- 
perialistisch." Auch Mehring geriet mit seiner 1900 erschienenen 
Broschüre über Weltkrach und Weltmarkt in einer anderen wichtigen 
grundsätzlichen Frage insofern in Widerspruch mit Hilferding, als 
er den Imperialismus keineswegs für eine Entwicklungsstufe des 
fortgeschrittensten Kapitalismus erklärte, sondern ihn im Gegenteil 
als Zeichen des Niedergangs und des Rückschrittes auffaßte und ge- 
rade den Antiimperialismus in jeder Form als das Merkmal des fort- 



206 ' J- Hashagen, 

geschrittensten Kapitalismus bezeichnete. Treffend konnte Schippel 
1912 in seinem in den Sozialistischen Monatsheften IIE veröffentlich 
ten aufschlußreichen Artikel über Imperialismus und Manchester- 
tum über Mehring und Hilferding schreiben: „Obwohl sie beide 
darüber hinauswollen, wertet der eine Marxist als fortgeschrittenste 
kapitalistische Wirtschaftspolitik das alte Manchestertum, der an- 
dere dagegen den jungen Imperialismus." Während sich nun aber 
Kapelusz' abweichende Meinung sogleich aus den Mängeln seiner 
Forschung erklärt und als irrig erweist, liegt der Mehringschcn These 
etwas Wahres zugrunde, wie sich noch zeigen wird. Da sie sich gegen 
eine der neumarxistischen Grundlehren vom Imperialismus richtet, 
so ist sie nicht leicht zu nehmen und besonders geeignet, den Glauben 
an die Richtigkeit gerade ihrer Prämissen zu erschüttern. 

Erst neuerdings ist auch von bürgerlicher Seite ein beachtens- 
werter Vorstoß gegen diesen Teil des Neumarxismus unternommen 
worden ; von Schumpeter in seiner Artikelreihe : „Zur Soziologie 
der Imperialismen" (Archiv für Sozialwissenschaft 46, 1918/9). 
Diese Kritik ist um so bemerkenswerter, als Schumpeter den neu- 
marxistischen Lehren vom Imperialismus besonders nach der mehr 
politischen Seite hin selbst recht nahe steht: die Behauptung vom 
klassenhaften Charakter jedes Imperialismus wird von ihm durch 
neue, weit aus der Vergangenheit geholte Beispiele anscheinend für 
immer erliärtet. Auch läßt Schumpeter keinen Zweifel darüber, 
daß er zu den grimmigen Feinden des von ihm als im Grunde 
„objektlos" gebrandmarkten imperialistischen Strebens gehören will. 
Trotzdem .übt er als Wirtschaftshistoriker und -theoretiker an den 
wirtschaftlichen Thesen der neumarxistischen Imperialismusforscher 
scharfe Kritik. Sie berührt sich vielfach mit der revisionistischen, 
geht dann aber bald weit über sie hinaus. Andere bürgerliche Wirt- 
schafts- und Geschichtsforscher haben jedoch zu den neumarxistischen 
Aufstellungen im wesentlichen geschwiegen, obwohl sie sich sonst 
um Erforschung des neuen Imperialismus beträchtliche Verdienste 
erworben haben. — 

Daß nun die neumarxistischen Lehren vom Imperialismus der 
Kritik überhaupt so viel Angriffsflächen bieten, erklärt sich außer 
aus ihrem Zusammenhange mit dem alten Marxismus auch aus den 
besonderen Modalitäten ihrer Entstehung. Auf die spezifisch austro- 
marxistische Färbung dieser Lehren als auf das Tileinere Uebel ist 
schon hingewiesen worden. Schwerer fällt die außerordentlich späte 
und bis zu einem gewissen Grade überstürzte Entstehung dieses 
Teiles des neumarxistischen Lehrgebäudes ins Gewicht. Die Starr- 
heit und Sterilität des alten Marxismus macht sich hier als Hindernis 
freier wissenschaftlicher Forschung bemerkbar. Wenn es auch eine 
Uebertreibung ist, wenn Labriola meint, die sozialistischen Intel- 
lektuellen hätten sich erst seit 1910 mit dem Phänomen des Im- 
perialismus beschäftigt, so kritisiert er doch treffend, daß man zahl- 
lose Neuausgaben des Kommunistischen Manifests veröffentlicht 
habe, ohne den Leser über die Punkte zu unterrichten, in denen die 



Marxismus uud Imperialismus. 207 

seitherige Entwicklung über die im Manifeste vorausgesetzten Tat- 
sachen hinausgegangen sei, eben vor allem über den Imperialismus, 
daß die Sozialisten in einer Zeit der wachsenden gegenseitigen Ab- 
schließung der Wirtschaftsgebiete die wachsende Auflösung und 
Lockerung der Wirtschaftsgrenzen behauptet und weder dem sich 
T erschärfenden Nationalismus noch dem ökonomischen Imperialismus 
das nötige Verständnis entgegengebracht hätten. Auch den Ueber- 
treibungen, die sich in Michels' Studie über die deutsche Sozial- 
demokratie im internationalen Verbände (Archiv für Sozialwissen- 
schaft 25, 1907) hinsichtlich des „patriotischen" Charakters derreichs- 
deutschen Partei und ihres Gegensatzes gegen die Internationale auf- 
zeigen lassen, wird man schwerlich zustimmen und doch den Ein- 
druck gewinnen, daß eben diese von Michels in ihrer Spießbürg,er- 
lichkeit anschaulich gezeichnete Entwicklung für die „rechtzeitige" 
Ausbildung einer Imperialismustheorie nicht eben günstige Vor- 
bedingungen schaffen konnte. Noch 1913 schrieb Pannekoek ange- 
.«;ichts der neuen Militärvorlage: „Daß in der ganzen Debatte über 
die Deckungsfrage das Wort Imperialismus sogar nicht einmal ge- 
nannt worden ist, beweist scliärfer als alles andere, wie auch die 
Theorie dabei zu kurz gekommen ist." Während des Krieges endlich 
erklärte Renner: „Die Schule von Karl Marx hat versäumt, die 
wirtschaftlichen und politischen Erscheinungen zu erforschen, die aus 
der [imperialistischen] Durchstaatlichung der Oekonomie, aus der 
Bildung staatlicher Wirtschaftsgebiete und deren -Verkörperung 
durch die bestehenden Staatsgewalten hervorgehen. Ihr Gegenstand 
waren bloß die Verhältnisse Kapital und Kapital, Kapital und Arbeit, 
nicht mehr die [imperialistischen] Verhältnisse Kapital und Staat 
sowie Staat und Staat" . . . Diesen durchweg aus orthodoxen Krei- 
sen stammenden kritischen Urteilen wird man gewiß eine besondere 
Beweiskraft zumessen. Nicht minder scharf sind natürlich die re- 
visionistischen Kritiken dieser allgemeinen Sachlage gehalten. So 
heißt nach Quessel (Sozialistische Monatshefte 1912 II) : „die öko- 
nomische Bedeutung des Imperialismus feststellen . . . : die Frage 
untersuchen, welchen Einfluß die staatliche Herrschaft über die ka- 
pitalistisch noch nicht erschlossenen Gebiete auf die Handelsbeziehun- 
gen zwischen diesen und dem sogenannten Mutterlande ausübt." Und 
dazu bemerkt er: „In dieser präzisen Form ist von sozialistischer 
Seite die Frage weder jemals gestellt noch beantwortet worden." Es 
läßt sich danach kaum verkennen, daß die imperialistischen Pro- 
bleme von Marx' Nachfolgern nicht lange, gründlich und allseitig 
genug durchdacht worden sind. Die Forschung auf diesem Gebiete 
setzte erst sehr spät, geradezu verspätet ein und verfiel dann um so 
leichter auf noch zu beleuchtende Einseitigkeiten, da es ihr von 
vorneherein als wichtiger erschien, den alten Marxismus bei der An- 
wendung auf die Theorie des neuen Imperialismus zu erproben, als 
dieser einen möglichst breiten empirischen Unterbau zu geben und 
sie selbst dann möglichst unbefangen und selbständig auszugestalten. 
Der Ausgang.spunkt jeder Kritik der neumarxistisohen Lehren 



208 J- Hashagen, 

vom Imperialismus wird, was keiner näheren Begründung bedarf, 
stets ein wirtschaftsgeschichtlicher und Svirtschaftstheoretischer sein 
müssen. Darin -hat Schumpeter durchaus das Richtige gesehen, und 
nur so entgeht man 'der Gefahr einer vorschnellen politischen Zu- . 
spitzung dieser Kritik. Bei der engen A.bhängigkeit des neuen vom 
alten Marxismus versteht es sich von selbst, daß sich die Brüchigkeit 
der wirtschaftsgeschichtlichen und wirtschaftstheoretischen Grund- 
lagen des alten auch beim neuen, sofern er über den Imperialismus 
theoretisiert, nachweisen läßt. Das gilt nicht zuletzt von der 
materialistischen Geschichtsauffassung. Aber auch die von den Neu- 
marxisten teilweise neu geprägten oder wenigstens neu verkoppelten 
Entwicklungsträger geben bei näherer Besichtigung zu Ausstellun- 
gen Anlaß. 

Abgesehen von dem fruchtbaren, von der bisherigen Kritik im 
allgemeinen unberührt gelassenen Begriffe des Wirtschaftsgebietes, 
welcher sowohl die Exklusivität, das Autarkiestreben wie auch die 
Staatsbeherrschung sinnfällig 'bezeichnet und zugleich als Grundlage 
imperialistischer Ausdehnung und imperialistischen Macht- und Herr- 
schaftsstrebens leicht zur Anschauung gebracht werden kann, stößt 
besonders der Grundbegriff des Finanzkapitals auf Bedenken. Es 
zeigen sich nicht nur Üefinitionsschwierigkciten. Selbst wenn man 
eine eindeutige und allseitige Begriffsbestimmung gefunden hat, 
bleibt die Frage noch offen, ob das Finanzkapital für die p]ntwick- 
lung des Imperialismus wirklich die entscheidende und allein für 
ihn bezeichnende Triebkraft ist, wie sie es nach der herrschenden 
Ansicht sein soll. In einem gegen Kautsky gerichteten Aufsatze (0 
dieser Imperialismus! Sozialistische Monatshefte 1915 II) bestreitet 
Schippel das durchaus. Das Finanzkapital habe die ihm von der 
herrschenden Ansicht nur für das imperialistische Zeitalter zuge- 
wiesene Rolle schon lange vorher, auf den „vermeintlich vorimpe- 
rialistischen Entwicklungsstufen" gespielt. Ebenso treffend hebt 
Bernstein in der erwähnten gegen Hilferding gerichteten Kritik her- 
vor, daß das Finanzkapital, d. h. „das Bankkapital, das sich In- 
dustrien unterworfen hat" „nicht einmal die allgemeine Erscheinung 
der kapitalistisch entwickelten Länder" sei und jedenfalls für [das 
imperialistische] England nur eine sehr schwache Gültigkeit habe. 
Es sei vielmehr nur „eine spezifisch festländische Erscheinung, 
deren Urtypus der Credit Mobilier der Gebrüder Pereire war, und 
die in den deutschen Großbanken mit ihrer Verbindung von Depo- 
sitenverkehr und 'Effektenhandel ihre ausgebildete Form erhalten 
hat" . . . Gegen Kapelusz hatte Bernstein für England festgestellt: 
,,Es gibt Finanzinteressen, die eng mit den Interessen der Export- 
industrien verbunden sind, und andere, die keinerlei direkten Zu- 
.sammenhang mit der Industrie haben." Schon gegen Hobson hatte 
Brodnitz in diesen Jahrbüchern (91, 1908, S. 391) mit Recht geltend 
gemacht: „daß die reinen Kapitalisten Englands an einer imperialis- 
tischen Reform gar nicht interessiert wären." Für die herrschende 
neumarxistische Ansicht bedeutet es ein Mißgeschick, daß gerade aus 



Marxismus uud Imperialismus. 209 

dem führenden imperialistischen Lande, aus England, allgemein be- 
kannte, leicht vermchrbare Tatsachen angeführt werden können, die 
den Glauben an die ausschlaggebende und spezifisch imperialistische 
Rolle des Finanzkapitals erschüttern, zumal da auch seine notwendig 
militaristischen Neigungen bestritten werden, z. B. von Grumbach 
gegenüber Pannckoek auf dem Chemnitzer Parteitage: ,,Es ist gerade 
das Finanzkapital, das ein Interesse daran hat, daß nicht weiter ge- 
rüstet wird . . . Die Kriegsindustrie umfaßt . . . nicht den größten 
Teil des Finanzkapitals" . . . und noch schärfer natürlich von Schip- 
pe] in seinem Nachworte zum Parteitage (Sozialistische Monatshefte 
1912 III). 

Besser steht es im allgemeinen mit dem Kapitalexport als einem 
auch von Brailsford vertretenen kennzeichnenden Merkmale des 
neuen Imperialismus, obwohl er, worauf wieder Schippel (O dieser 
Imperialismus!) aufmerksam macht, auch schon in der „vorimperia- 
listischen" Zeit z. B. in den Niederlanden (vgl. Troelstra) aufs 
stärkste entwickelt ist. Vielleicht am weitesten von der Wahrheit ent- 
fernen sich dagegen die neumarxistischeu Lehren, wenn siedenSchutz- 
zoU besonders in der Form des Kartellhochschutzzolles für einen not- 
wendigen Hebel jeder imperialistischen Ausdehnung erklären. Hier 
hatte Hilferding mit seiner blendenden These vom „Funktionswechsel 
des Schutzzolles" ein Stichwort ausgegeben, das immer wieder, bis 
an die Schwelle der Gegenwart heran, aufs eifrigste aufgegriffen und 
weitergereicht wurde. Das Kräftepaar Imperialismus und Protek- 
tionismus wurde zu einer unauflöslichen Einheit mit der Befugnis 
gegenseitiger Vertretbarkeit verbunden. Bei näherer Betrachtung 
der wirklichen Verhältnisse ist es jedoch schwer begreiflich, daß ge- 
rade diese neumarxistische Lehre so weiten Anklang gefunden hat. 
Was mit ihr unvereinbar ist, und worauf die Revisionisten mit 
Recht immer wieder aufmerksam machen, ist die weithin in allen 
lindern nachweisbare freihändlerische Haltung gerade des sog. 
Finanzkapitals. „Hilferdings Satz von einem generellen Interesse 
des Finanzkapitals am AUerweltsschutzzoll," sagt Bernstein, „ist 
nichts als Konstruktion auf der Basis von Einzelerscheinungen, die 
durchaus unzulänglich sind, eine so verallgemeinernde Theorie zu 
tragen. Das Finanzkapital ist keine einheitliche Wesenheit und 
die Industrie von viel zu differierenden Interessen beherrscht, um 
dem in Industrieunternehmungen angelegten Kapitale der Finanz- 
welt jene Wesenseinheit zu verleihen." Ebenso unbestreitbar sind 
die noch weitergehenden Sätze, die Schippel dem Chemnitzer Partei- 
t-iLfo ins Stammbuch schreibt: .... „Man kann große und kleine 
iiiiiterialistische Weltreiche . . . sowohl durch Freihandel . . . wie 
durch Schutzzoll . . . zusammenhalten. Es gibt in diesem Sinne so- 
wohl freihändlerischen wie schutzzöllnerischen Imperialismus. . . Wer 
sich ... um das englische Leben gekümmert hat, weiß, daß ein Im- 
perialist ganz etwas anderes sein kann, als ein Tarifreformer und 
Chamberlainit. Die Grey, Asquith, W. Churchill sind Imperialisten, 
aber stramme Freihändler und die denkbar schärfsten Gegner der 

■labrb. f. NatioDalOk. u. Stat.fBd. 118 (Dritte Folge Bd. 68). 14 



210 J- Haahagen, 

Ton Chamberlain ins Rollen gebrachten Tarifreformbewegung." . . . 
In einer Kritik der einschlägigen Schrift des magyarischen Marxisten 
Szabö bekämpft Bunzel im Arc'hiv für Sozialwissenschaft (44, 1917) 
ebenfalls die Neigung, „die Schutzzollpolitik geradezu als die Mutter 
des Imperialismus zu schildern", mit dem Hinweise auf das von 
Szabö selbst übrigens als imperialistisch anerkannte Freihandelsland 
England. Dasselbe tut Quessel gegenüber Erich Marcks (Verstän- 
digung und Imperialismus: Sozialistische Monatshefte 1913 I). Es 
folgt bei Schippel ein nicht minder berechtigter Hinweis auf die 
geringe Zahl der Kartelle in England : „schwächste Kartelle, stärkste 
koloniale Expansion, wo bleibt hier die den Kartellen zugeschriebene 
durchschlagende Einflußnahme auf das Werden und Wachsen des 
Imperialismus? Frankreich steht nach der bisherigen imperialisti- 
schen Ausweitung ebenso hoch über Deutschland, wie nach der Aus- 
gestaltung und Machtstellung der Kartelle tief unter Deutschland." 
Nordamerikas und Rußlands Ausdehnung reicht vor die Trusts 
weit zurück. Selbst Schumpeter, der die imperialistische Tendenz 
der monopolistischen (Kartell-)Schutzzölle zugibt, und den Neu- 
marxisten hier auch sonst weit entgegenkommt, bestreitet doch eine 
schlechthin imperialistische Wirkung des Schutzzolles überhaupt und 
verleiht der Meinung Ausdruck, daß auch unter seiner Vorherrschaft 
„die Grundzüge der Interessenlage des Freihandels zu einem großen 
Teile bestehen" bleiben. 

Schumpeters Kritik erzielt an einer anderen, noch entscheiden- 
deren Stelle vor den Revisionisten sogar einen erheblichen Vorsprung, 
indem sie zum Angriff auf die wichtigste Grundvoraussetzung der 
neumarxistischen Lehren ,vom Imperialismus übergeht. Nach diesen 
Lehren soll sich der Kapitalismus selbst schließlich mit Notwendig- 
keit zum Imperialismus entfalten, ist der Imperialismus weiter 
nichts als ein „potenzierter Kapitalismus", wie sich selbst Cunow 
(Parteizusammenbruch? 1915) ausdrückt. Das ist es, was Schumpeter 
auf das entschiedenste in Abrede stellt. Schon aus dem der mo- 
dernen kapitalistischen Entwicklung eingeborenen Rationalismus folge 
mit Notwendigkeit ihr Gegensatz gegen den Imperialismus. Schum- 
peter schildert dann im einzelnen eine Anzahl notwendig anti- 
imperialistisch wirkender kapitalistischer Tatsachen, um schließ- 
lich zu der Behauptung zu gelangen, daß der Kapitalismus so wonig 
in den Imperialismus auslaufe, daß er vielmehr seinem Wesen nach 
als antiimperialistisch bezeichnet werden müsse. Man sieht, daß hier 
die erwähnten Mehringschen Anschauungen vertieft wieder auf- 
genommen werden. Daß Schumpeter dabei selbst stark zu Ucber- 
treibungen neigt, dürfte schon angesichts der unbestreitbar imperia- 
listisch wirkenden Erscheinung des Kapitalexports klar sein. Trotz- 
dem enthält auch dieser Teil seiner anregenden Ausführungen einen 
NVahrheitskem, der zur Kritik des Neumarxismus brauchbar ist. Eine 
jrrtindlichere Würdigung des Schumpeterschen Einspruchs wäre frei- 
lich nur bei gleichzeitiger Darstellung seiner hier nicht zur Dis^ 
kussion stehenden positiven Imperialismustheorie möglich. 



Marzümas and Imperialismns. 211 

Schon die bisherige knapp gelialtene Uebersicht reicht jedoch 
aus, um Widersprüche zwischen dem neumarxistischen Begriffs- 
system und den Erfahrungstatsachen aufzudecken. Durch das fast 
völlige beharrliche Schweigen der Neumarxisten gegenüber ihren 
Kritikern werden diese Widersprüche natürlich nicht beseitigt. Mo- 
derne Wirtschaftshistoriker und -theoretiker finden jedenfalls schon 
in den bisherigen kritischen Leistungen besonders der Revisionisten 
eine Fülle brauchbarer Gesichtspunkte zur Vertiefung der Kritik 
der neumarxistischen Lehren vom Imperialismus. 

Bei dieser Sachlage bedarf es kaum noch einer breiteren Aus- 
führung darüber, daß auch die neumarxistische Kritik des Im- 
perialismus und ihr Kampf gegen den Sozialimperialismus mit den 
Erfahrungstatsachen in Widerspruch gerät. Die Neumarxisten hätten 
allen Anlaß, sich mit den weitverbreiteten, in der jüngsten Ver- 
gangenheit besonders durch den Krieg noch weiter ausgebildeten Er- 
scheinungen eines allgemeinen teils demokratischen, teils sozial- 
politischen Volksimperialismus auseinanderzusetzen. Da diese auch 
in der praktischen Weltpolitik höchst einflußreichen Erscheinungen 
aber den von den Neumarxisten mit besonderer Hartnäckigkeit ganz 
allgemein verfochtenen klassenliaften Charakter des Imperialismus in 
Erage stellen, so verschließen sie gegenüber dem Volksimperialismus 
ihr Auge vollständig, wofür es unter anderem bezeichnend ist, daß 
Leuthners Kriegsschrift über den russischen Volksimperiali^smus, die 
freilich nicht überall einer sachlichen Kritik standhält, im austro- 
raarxistischen „Kampf" sofort scharf abgelehnt wurde. Auch Schum- 
peter erklärt den Volksimperialismus, an dessen Dasein sich doch 
nicht gut zweifeln läßt, kurzer Hand für „Unsinn". Während des 
Krieges ist dann der von den Neumarxisten so hart gebrandmarkte 
und so heftig bekämpfte Sozialimperialismus, der den Tatsachen des 
Volksimperialismus unbefangen Rechnung trägt und das Interesse, 
besonders das Produzenteninteresse der Arbeiterklasse am Imperium 
betont, zu noch kräftigerer Wirkung gelangt. Die einschlägige 
Kriegsliteratur, die allgemein keineswegs das übliche Verdammungs- 
urteil verdient, hat dabei indirekt auch die wissenschaftliche Unter- 
suchung imperialistischer Probleme weitergeführt und gefördert. Das 
kritische Material wird durch ihre eifrigen Bemühungen abermals be- 
trächtlich vermehrt. 

Ueberblickt man es im ganzen, so wird man die neumarxistische 
Position nicht mehr für schlechthin gesichert erklären können. Das 
Urteil scheint berechtigt zu sein, daß der Marxismus mit der ihm ein- 
geborenen, für die Ausbildung einer Erfahrungswissenschaft verderb- 
lichen Neigung zur Konstruktion und Spekulation auch auf dem Ge- 
biete der positiven und kritischen Lehren vom Imperialismus in 
die Irre führt, d. h. von der Erfahrung, die allein es zu erkenneo 
gilt, hoffnungslos abführt. Schuld daran ist aber nicht nur ein ge- 
wisser Mangel an Unbefangenheit gegenüber der Erfahrung, sondern 
auch eine gewisse Unkenntnis, eine gewisse Enge des Gesichtskreises, 

14* 



212 J- Hashagen, 

verbunder. mit einer traditionellen Engbrüstigkeit bei Abgrenzung 
wissenschaftlicher Untersuchungsfelder. 

Die neumarxistische Definition des Imperialismus ist zu eng. 
Nicht ohne Grund spottet David a. a. O. S. 62 f. über alle, die eine so 
uralte Erscheinung wie die wirtschaftliche Expansion über die Landes- 
grenzen hinaus für eine ganz moderne kapitalistische Giftpflanze 
halten. Schon die oben behandelten Einwände haben ja ergeben, daß 
di." Ableitung einer allgemeinen Begriffsbestimmung des Imperialismus 
lediglich aus dem „modernen" Imperialismus zu großen Unzuträglich- 
keiten führt. Denn man macht immer wieder die für die neu- 
marxistischen Lehren ungünstige Beobachtung, daß wesentliche Züge, 
die sich nach der herrschenden Ansicht erst im „modernen" Im- 
perialismus finden, viel älter und jedenfalls bereits in der „vor- 
kapitalistischen" Zeit vorhanden sind; woraus schon folgt, daß ein 
lediglich aus den (nicht einmal immer zutreffend gedeuteten) Tat- 
sachen der neuesten kapitalistischen Entwicklung abgezogener Begriff 
des Imperialismus wissenschaftlich unhaltbar ist und die unbefangene 
Forschung zum Stillstand verurteilt. Der Imperialismus ist nun 
einmal nicht erst eine neukapitalistische, sondern eine weit ältere, 
universale und universalgeschichtliche, Erscheinung. Daß er sich in 
diesem weitesten Rahmen begrifflich nur schwer einfangen läßt, ist 
gewiß unbestreitbar. Doch sind ernsthafte, dahingehende Bemühungen 
nicht aussichtslos, wie Schumpeters gedankenreicher und energischer 
Versuch, zu einer solchen Begriffsbestimmung zu gelangen, zur Ge- 
nüge erkennen läßt. Wenn die Neumarxisten gelegentlich auch den 
älteren Imperialismen, besonders dem frühkapitalistischen Merkan- 
tilismus als einem Vorläufer des Imperialismus Beachtung schenken, 
wie Z.B.Bernstein oder Bauer, der genau weiß, daß „das Streben nach 
neuen Anlagesphären .... so alt wie der Kapitalismus selbst" ist: 
so erklären sie doch ihre grundsätzliche Abneigung, den Tatsachen 
aus der älteren Geschichte der Imperialismen auf ihre Imperialismus- 
theorie irgendwelchen Einfluß einzuräumen. Kautsky betont in 
seinem Imperialismusauf satze zum Teil gewiß zutreffend: „Nicht 
jedes Streben nach territorialer Ausdehnung des eigenen Staates darf 
als Imperialismus bezeichnet werden. Sonst müßten wir sagen, daß 
der Imperialismus so alt ist wie die geschriebene Geschichte." 
Man dürfe nicht den Fehler begehen, sagt Renner, „mit einem 
bestimmten, in den letzten Jahrzehnten geprägten und fest um- 
schriebenen Worte geschichtlich so verschiedene Dinge zu bezeichnen, 
daß dieser Begriff für unsere Erkenntnis ganz wertlos wird .... 
Soll Imperialismus nicht eine Nacht darstellen, in der alle Kühe 
schwarz sind, so darf das Wort nicht aller Bestimmtheit entkleidet 
werden. Die sozialistische wie die bürgerlich-ökonomische Literatur 
gebraucht es für die jüngste politische Tendenz der vorgeschritten- 
sten kapitalistischen Staaten: er ... . hat also mit den Legionen 
Cäsars, mit den Heeressäulen Karls des Großen, mit den Ritterheeren 
Barbarossas, selbst mit den Massenaufgeboten Napoleons nichts ge- 
mein." Deshalb wurde auch die universal gerirlitote Schrift des 



I 



Marxismu» und Imperialiumus. 213 

schwediijciieri Kevisionisteii öieffen über Weltkrieg und Imperialis- 
mus (1915), die an Gründlichkeit hinter Schumpeter freilich weit 
zurückbleibt, sofort scharf zurückgewiesen. — Diesen und anderen 
neumarxistischen Kritikern eines „Allerweltsimperialismus' ist zuzu- 
geben, daß der neuerdings am erfolgreichsten von Schumpeter einge- 
schlagene universalhistorische Weg wissenschaftlich in unwegsames 
Dickicht führen kann. Mit diesem Zugeständnisse ist aber die zeit- 
iirhe Engbrüstigkeit der neumarxistischen Lehren vom Imperialii;- 
iiorh keineswegs gerechtfertigt. 

Das um so weniger, als die Neumarxisten auch den Imperia- 
lismen der Gegenwart, ihren individuellen und ihren typischen 
Zügen, keineswegs allseitig gerecht werden: nicht einmal in diesem 
ihren eigentlichen Arbeitsgebiete sind sie wirklich heimisch geworden. 
Manche Imperialismen werden von ihnen fast gar nicht näiier berück- 
sichtigt, wie der italienische und besonders der japanische, und doch 
könnten beide für Studium und Erkenntnis des Volksimperialismus 
und seiner Daseins- und Entwicklungsbedingungen wichtige Mate- 
rialien bieten. Noch auffallender ist die übrigens auch bei Schum- 
peter nachweisbare Vernachlässigung oder Verkennung des zeit- 
genössischen Imperialismus gerade in seinen vornehmsten und kräf- 
tigsten Vertretern, bei den Großrussen und bei den Angelsachsen. 
Selbst ein so weitblickender Forscher wie Renner, auf den Schul- 
meinungen sonst nicht immer einen schlechthin bestimmenden Einfluß 
ausüben, leugnet sogar das Dasein eines großrussischen Imperialis- 
mus, offenbar auch deshalb, weil sich dieser mit den üblichen neu- 
marxistischen Anschauungen vom Imperialismus schlecht vereinigen 
ließe. Und doch hatte selbst Ledebour schon auf dem Mainzer 
Parteitage von 1900, im Anschlüsse an ein weltpolitisches Referat 
von Singer, den großrussischen Imperialismus dem britischen als 
gleichwertig an die Seite gestellt, wobei der altmarxistische Gegen- 
satz gegen den Zarismus nachwirkte. Daß die Neumarxisten auch 
diesem 'selbst theoretisch nicht gewachsen sind, hat sich schon gezeigt. 
Ledebours späterer Ausspruch von dem ungefährlichen, weil „im- 
perialistisch gesättigten" England stieß bei Quessell a. a. O. auf be- 
rechtigten Widerspruch. Auch mit dem uralten Imperialismus der 
Vereinigten Staaten von Amerika hat man sich nur wenig beschäf- 
tigt. Die Anregungen Hobsons sind nicht nutzbar gemacht worden. 
Kautsky spricht in seiner Broschüre gelegentlich von der Expan- 
sionepolitik der „großen Sklavenhalter der Südstaaten", ohne auf 
die in der Gegenwart drüben wirksamen imperialistischen Trieb- 
kräfte näher einzugehen. Aus dieser Vernachlässigung erklärt sich 
vielleicht auch das harmlose Zerrbild, das Schumpeter vom nord- 
amerikanischen Imperialismus entwirft. Und doch hat die bürger- 
liche Forschung hier schon seit Jahren das Richtige erkannt. Es 
gibt zu denken, daß H. Onckens grundlegende Untersuchungen über 
die Epochen des nordamerikanischen Imperialismus, die er 1910 in 
der Lenzfestschiift veröffentlichte, während des Krieges, 1915, durch 
den nordamerikanischen Pazifisten J. C. Wise in vollem Umfange, 



214 J- Hashagen, 

d. h. zurück bis in die Zeit des Abfalls der Kolonien vom Mutter- 
land, bestätigt worden sind. (Empire and armament. The evolution 
of american Imperialism and the problem of national defence.) — 
Wenn somit der Imperialismus, um mit den neumarxistischen Lehren 
in Einklang zu bleiben, für die Angelsachsen abgeschwächt und für 
die Großrussen gar geleugnet werden muß, so erhellt daraus wieder- 
um die wissenschaftliche Unzulänglichkeit dieser Lehren. Sie stoßen 
in der Welt geschichtlicher Erfahrung auf Schwierigkeiten, die durch 
eine künstliche Kanonisierung dieser Lehren nicht beseitigt werden. 
Sie haben gewiß das Verdienst, einzelne wichtige Seiten der wirt- 
schaftlichen Entwicklung des Imperialismus vermittelst Aufstellung 
und Beschreibung bestimmter Typen zutreffend charakterisiert zu 
haben. Zu einer umfassenden Sammlung des zeitlich und räumlich 
riesenhaften imperialistischen Materials ist es jedoch nicht ge- 
kommen, und noch weniger ist von den neumarxistischen Voraus- 
sehungen aus eine sachlicj,^ ausreichende Deutung und Gruppierung 
dieses Materials möglich. Beides wird durch Machtsprüche er- 
schwert oder für überflüssig erklärt. Wer es aber nicht für nötig 
hält, sich die allgemeinen Erfordernisse der Lösung einer wissen- 
schaftlichen Aufgabe klar zu machen, wird nur kritiklosen Nach- 
läufern einreden, daß er sein Ziel erreicht habe. 

Die Vorwürfe des Doktrinarismus und der Sterilität, die sich 
gegen die neumarxistischen Lehren vom Imperialismus erheben lassen, 
treffen mit sinngemäßen Aenderungen den ganzen Marxismus. Was 
diese Lehren charakterisiert, ist auch für den ganzen Marxismus, be- 
sonders für seine wissenschaftlich unerfreuliche und verderbliche 
Seite, die neben der förderlichen und in mancher Beziehung bahn- 
brechenden nicht übersehen werden darf, im allgemeinen charakte- 
ristisch : die mangelhafte Sammlung, Berücksichtigung, Deutung, 
Gruppierung, Verwertung, Typisierung des Erfahrungsmaterials; die 
Neigung zu logischer, insbesondere dialektischer Deutung^ dieses 
Materials im Geiste der Schule ; die völlige Taubheit gegenüber allen 
Einwänden, die bei einer so starren Gelehrtennatur wie Kautsky 
gewiß nicht überrascht, die aber auch bei dem weit anpassungs- 
fähigeren Renner nicht wesentlich abgeschwächt ist; die Neigung 
zur Kanonisierung der eigenen Lehre und damit zur Unterbindung 
der freien Forschung. Für einen „Edelmarxisten", wie die Re- 
visionisten sagen, ist es im Grunde zwecklos, über den Typus des 
Imperialismus noch tiefgründige Forschungen anzustellen; denn die 
Austromarxisten haben alles Erforderliche schon geleistet und ge- 
nügen allen billigen Ansprüchen. In eintöniger Wiederholung werden 
ihre Lehren durch alle Kanäle der sozialistischen Presse geleitet. Die 
Ueberzeugung endlich von der völligen und baldigen Ueberwindung 
des Imperialismus durch den Sozialismus hat im selben Sinne die 
weitesten Kreise ergriffen. Schon im „Wege zur Macht" rühmte 
Kautsk} die Treffsicherheit marxistischer Prophetie. Und auch 
Schumpeter schließt mit einer soziologischen Grabrede auf den Im- 
perialismus. Wer jedoch an den neumarxistischen Lehren vom gegen- 
wärtigen Imperialismus irre geworden ist, wird auch die Zukunft des 



Marxismus und Imperialismus. 215 

Imperialismus nicht so schwarz sehen ; denn universale und universal- 
historische Größen wie der Imperialismus beweisen erfahrungsgemäß 
eine unverwüstliche Lebenskraft. 

Literatur. 

Die im Text erwähnte und die in Broschürenform erschienene reichsdeutsche 
Kriegsliteratur wird im allgemeinen hier nicht aufgeführt. — Abkürzungen : A = Archiv 
für Sozialwissenschaft. G = Glocke. J = Preußische Jahrbücher. K = Kampf. M = So- 
lialistische Monatshefte. Z = Neue Zeit. 

M. Abramow itsch, K. Leuthners „Volksiraperalismus" : K 8, 1915. F. Adler, 
Die Erneuerung der Internationale. Aufsätze aus der Kriegszeit 1918. M. Adler, Zur 
Ideologie des Weltkrieges: K 8, 1915; lieber Kriegspolitik: K 9, 1916; Was ist Not- 
wendigkeit der Entwicklung? K 8, 1915; Das Prinzip des Sozialismus: K 8, 1915; 
Proletarische oder bürgerliche Staatsideologie [gegen Kenner]: K 9, 1916. Ch. Andler, 
Le socialisme imperialiste dans l'AUemagne contemporaine : dossier d'une pol^mique 
avec J. Jaur^ 1912/3, 1918. (Vgl. L'Action Nationale 1918 Mz. 25, Apr. 25. 
Temps 1915 Mai 9.) Atlantikus, Ein Blick in den Zukunftsstaat 1898. 
F. Austerlitz, F. Adler und die Partei: K 10, 1917; Das Problem der starken Ke- 
gierung: K 2, 1909; Die nationalen Triebkräfte: Z 1916 1. O. Bauer, Das Finanz- 
kupital [Besprechung Hilferdings] : K 3, 1910; Sozialdemokratische Friedenspropaganda 
K. 2, 1908; Das Wesen des Internationalismus: K 3, 1910; Die Sozialdemokratie und 
der Imperialismus: K 4, 1911, s. auch H. Weber. E. ßelfort-Bax, Kolonial- 
politik und Chauvinismus : Z 1898 1. M. Beer, Der moderne englische Imperialismus : 
Z 1898 1. E. Bernstein, Der britische Arbeiter und der zollpolitische Imperialismus: 
A 19, 1904; Besprechung HUferdings: A 35, 1912; L'Impferialisme economique et la 
„Sozialdemokratie" : Revue Politique Internationale 6, 1916 ; Die Internationale der Ar- 
beiterklasse und der europäische Krieg: A 40, 1915; Der Kampf der Sozialdemokratie 
und die Revolution der Gesellschaft: Z 1898 1. G. Bevan, German Socialdemocracy 
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Annäherung Deutschlands und Oesterreich- Ungarns: Oesterreichische Rundschau 47, 
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der Sozialdemokratie zur Kolonialpolitik: Koloniale Rundschau 1911. R. Hilfer- 
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europäer!: K 8, 1915; Phantasie oder Gelehrsamkeit? [gegen Renner]: K 9, 1916; 
Der Wahlrechtskampf in Preußen: K 3, 1910. D. J. Hill, The rebuilding of Europe. 
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1916. A. W. Humphrey, International socialism and the war 1915. O. Jenssen, 
Besprechung von Nachimson: A 44, 1917; Sozialpsychischer Imperialismus [Be- 
■prechungen von Steffen]: K 8, 1915. K. Kautsky, Finanzkapital und Krisen: 
Z 1911 I; Aeltere und neuere Kolonialpolitik: Z 1898 1; Der imperialistische Krieg: 



216 



J. Hashagen, Marxismus und Imperialismus. 



Z 1917 1; Kriegsmarxismus: Marx-Studien, 4, 1918; Aeußere und innere Politik: 
Z 1916 I; Imperialistische Tendenzen in der Sozialdemokratie [gegen Andler]: Z 1916 I. 
A. Koester, Kolonialpolitische Wandlungen : G 1918 1. J. Köttgen, Tropische Ge- 
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Entwicklungen: Q 1915. S. Zurlinden, Der Weltkrieg I 1917. 



Friedrich Bendixen, Nominalismus und Metallismus. 217 



IV. 

Nomiualismus und Metallismus. 

(Eine Erwiderung an L. v. Bortkiewicz.) 

Von 

Dl-. Friedrich Bendixen, 
Direktor der Hypothekenbank in Hamburg. 

Ueber die Frage: „Gold- oder Papierwährung?" hat im gegen^ 
wärtigen Deutschland die Not des Reiches entschieden. Weder die 
Parteimeinungen der Währungspolitiker, noch die Gründe der Geld- 
theoretiker können an dieser Tatsache das Geringste ändern. Wir 
haben eine Papierwährung, und zwar eine solche von wüstester Art, 
ein Geldwesen, in welchem die Geldschöpfung nicht von den Er- 
fordernissen der Volkswirtschaft, sondern von den Bedürfnissen der 
zerrütteten Reichsfinanzen abhängig ist. Und dieses Unwesen wird 
sich nicht eher bessern, als bis die Finanzen des Reichs wieder in 
Ordnung gebracht sind. 

Damit ist der politische Währungskampf vorläufig beendigt. 
Der Streit um die beste Währung erhält jetzt „akademischen" 
Charakter. Die politische Leidenschaft muß der theoretischen Er- 
örterung den Platz räumen. Welch günstige Aussicht — möchte 
man ausrufen — für die wissenschaftliche Arbeit! 

Freilich nicht auf ewig, sondern nur auf eine Zwischenzeit. 
Und wir wünschen im Interesse des Vaterlandes, daß diese mög- 
lichst kurz bemessen sei. Wir hoffen, daß der Reichshaushalt das 
Gleichgewicht schon in naher Zukunft wiedererlangen, und die neu 
aufblühende Volkswirtschaft bald so stark sein möge, daß Deutsch- 
land nach freier Wahl entscheiden kann, ob es zum Golde zurück- 
kehren oder eine freie Währung behalten will. 

Indessen täusche man sich darüber nicht, daß es bis dahin noch 
gute Weile haben wird. Schon die Ordnung der Finanzen wird 
einen staatsmännischen Herkules erfordern, und selbst wenn dieses 
Werk über Hoffen und Erwarten schnell gelingen sollte, so wird 
man doch schwerlich sogleich imstande sein, die Goldwährung nach 
dem alten bis 1914 in Kraft gewesenen Muster wiederherzustellen. 
Wahrscheinlicher ist, daß dann eine längere Periode folgen wird, 
in welcher wir eine einigermaßen beruhigte Papierwährung besitzen, 
den großen Schritt zur Wiedereinführung des Goldes uns jedoch 
noch nicht zutrauen dürfen, mögen wir auch davon durchdrungen 



218 Friedrich Bendizen, 

sein, daß eine gesetzliche Relation zwischen Geld und Gold aus 
wirtschaftspolitischen Gründen ein erstrebenswertes Ziel sei. 

Diese Zwischenzeit aber sollte die Wissenschaft vom Gelde zu 
ersprießlicher Arbeit benutzen. Die Energie, die bisher mehr poli- 
tisch als wissenschaftlich auf den Kampf um die Währung ver- 
wendet worden ist, sollte nunmehr allein der Durchdenkung der 
Probleme gewidmet sein, die das Geld in der modernen Wirtschaft 
dem Forscher stellt. Dies gilt vor allem für die Metallisten. Glaubten 
diese bisher genug getan zu haben, wenn sie die Vorschläge der 
Nominalisten nur kritisierten und verwarfen, so sehen sie sich jetzt 
selbst inmitten einer vom Golde gelösten Geldverfassung, die sie 
zur Mitarbeit an den Aufgaben der Zukunft aufruft. So werden 
sie gezwungen sein, sich in die Gedankengänge der Nominalisten 
zu vertiefen, um zunächst einmal die gegenwärtig herrschende Geld- 
verfassung theoretisch zu verstehen, und der großen Frage nachzu- 
sinnen, welche wirtschaftlichen Regeln für die Schöpfung des Geldes 
maßgebend sein müssen, wenn das Edelmetall aufgehört hat, in der 
früheren Weise Grundlage und Schranke des Geldwesens zu sein. 
Denn in der Geldschöpfungslehre gipfelt aller Nominalismus, der 
den Anspruch erhebt, wissenschaftlich begründet und praktisch an- 
wendbar zu sein. 

Also ein Aufruf an Metallisten und Nominalisten zu gemein- 
samer Arbeit am wissenschaftlichen Werke! Und doch muß auch 
die geeinigte Wissenschaft sich dabei bescheiden, daß ihr bei der 
Gesetzgebung über die Währung nicht das letzte Wort gebührt. Sie 
liefert dem Staatsmann das geistige Rüstzeug zu seinen Erwägungen, 
aber die Entscheidung erfolgt nicht nach den Anforderungen der 
Wissenschaft, sondern nach der politischen Zweckmäßigkeit, die 
keineswegs mit den Regeln der Theorie übereinzustimmen braucht. 
Wie sehr man vom Standpunkt der Wissenschaft aus Nominalist, 
als P(^litiker aber konservativer Metallist sein kann, dafür kann ich 
neben Knapp mich selbst als Zeugen anführen (vgl. „Wesen des 
Geldes" §§ 4, 6 und 17). Eine andere Frage aber ist, ob man die 
Goldwährung, nachdem sie einmal gefallen ist, wiedereinführen soll, 
und, wenn sich dieses wirklich als ratsam erweist, ob man nicht 
wohl daran tun würde, die unbedingte Goldannahme- und Gold- 
zahlungspflicht der Reichsbank gewissen Einschränkungen zu unter- 
werfen. Das sind die großen Probleme der Zukunft, die der Staats- 
mann, nachdem die Wissenschaft ihr Wort gesprochen, dereinst zu 
lösen haben wird. Meinen Standpunkt zu dieser Frage habe ich 
in dem Aufsatz: „Theorie und Praxis in der Währungspolitik*' 
(„Währungspolitik und Geldtheorie im Lichte des Weltkriegs", 
2. Aufl. S. 91 ff.) ausführlich begründet. 



Die Entscheidung, welche die Währungsfrage gefunden hat, 
überhebt die Kritik der Aufgabe, auf den währungspolitischen Teil 
der jüngsten metallistischen Publikationen einzugehen. Um so 



Nominalismus und Metallismas. " 219 

größere Aufmerksamkeit verdienen dafür die theoretischen Dar- 
legungen der Anhänger des Metallismus. So habe ich mich in einer 
Kritik der Diebischen Schrift: „lieber Fragen des Geldwesens und 
der Valuta während des Krieges und nach dem Kriege" ganz auf 
den theoretischen Inhalt beschränkt, diesen dann allerdings bis in 
seine letzten Gedankengänge bloßzulegen und zu prüfen mich be- 
strebt (vgl. den Aufsatz ..Vom theoretischen Metallismus. Eine 
Kritik der Lehre Karl Diehls" im Maiheft 1919 dieser „Jahr- 
bücher" III. F. 57. Bd. S. 497 fg.). Eine gleiche Behandlung erfordert 
ein mir verspätet bekannt gewordener Aufsatz von L. v. Bortkiewicz 
in den Annalen für Sozialpolitik und Gesetzgebung (Jahrgang 1918 
Heft 1/2): „Die Frage der Reform unserer Währung und die 
Knappsche Geldtheorie." Ist diese Arbeit an positiven Gedanken 
auch nicht entfernt mit der Diebischen Schrift zu vergleichen, so 
ist ihr kritischer Inhalt doch mit soviel Beredsamkeit und Gelehr- 
samkeit vorgetragen, daß eine Nachprüfung der theoretischen Aus- 
gangspunkte des Verfassers im Interesse der angegriffenen Lehren 
und der Wissenschaft mir unerläßlich erscheint. 

V. B. wendet sich, wie übrigens auch Diehl, gegen Heyn, Ben- 
dixen. Liefmann. Wer die moderne Geldliteratur kennt, weiß, daß 
die Träger dieser Namen trotz der ihnen gemeinsamen Erkenntnis 
von der theoretischen Denkbarkeit und praktischen Ausführbarkeit 
einer freien Währung doch als Theoretiker keineswegs zusammen- 
gehören. Es bedarf daher kaum der Bemerkung, daß ich nur für 
mich selber das Wort nehme. 



Ich bedauere, daß ein unsachlicher Angriff auf den allgemeinen 
Charakter meiner Polemik mich zwingt, mit einer persönlichen Ab- 
wehr zu beginnen. Aber auch eine persönliche Auseinandersetzung 
kann sich sachlich als fruchtbar erweisen, und ich hoffe, daß dieses 
hier der Fall sein wird. 

In meiner Schrift „Geld und Kapital" (S. 36) hatte ich einen 
weitverbreiteten metallistischen Irrtum besprochen: 
„Wir alle sind in metallistischen Vorstellungen aufgewachsen. Man 
hat uns gelehrt, und lehrt es noch heute: Gold ist das Edelmetall, 
dessen Wert die geringsten Schwankungen aufweist. In London, 
wo der Edelmetallhandel zentralisiert ist, bewegt sich der Gold- 
preis mit nur ganz minimalen Schwankungen um den Betrag von 
78 sh für die Unze. Wegen dieser Stabilität seines Wertes eignet 
sich das Gold vorzüglich zum allgemeinen Wertmesser, und dazu 
ist es denn auch in den Ländern der Goldwährung geworden. 
Geld ist somit in den Goldwährungsländern begrifflich nichts 
anderes als gemünztes Gold, daher der Geldwert mit dem Gold- 
wert identisch. 

So bestechend einfach diese Lehre ist, so unumschränkt sie 
noch vor kurzem die Geister beherrscht hat — sie ist handgreif- 
lich falsch. Nicht das Gold gibt dem Gelde seinen Wert, sondern 



220 Fiedrich Bendixcn, 

das Gold erhält seinen Wert vom Gelde, d. h. von der Münzgesetz- 
gebung. Der Staat schafft die Werteinheit und bestimmt den 
Feingehalt der Münze. Indem er dann ferner die freie Auspräg- 
barkeit des Währungsmetalls anordnet, gibt er diesem einen festen 
Wert. Es würde nur der Aufhebung der freien Prägung in allen 
Ländern bedürfen, um die Wertbeständigkeit des Goldes gründ- 
lich zu zerstören. Das Dogma von der inneren Wertbeständig- 
keit des Goldes ist also eine Illusion. Das Gold würde wie jedes 
andere Metall nach den Schwankungen von Angebot und Nach- 
frage seinen Wert wechseln, wenn der Staat es nicht ver- 
hinderte .... Die stabilen Goldpreise in London sind damit er- 
klärt als Ergebnis gesetzlicher Bestimmungen, nicht als Folge 
einer wundersamen Naturerscheinung." 
v. B. zitiert die Stelle wörtlich und fährt dann fort (S. 74): 

„Es braucht nicht des näheren ausgeführt zu werden, daß die 
Nationalökonomen, welche dem Gold eine relative Wertbeständig- 
keit zuschreiben, darunter etwas total Verschiedenes von der 
Albernheit verstehen, die ihnen Bendixen imputiert, 'und ich habe 
dieses Zitat nur als Muster seiner Polemik angeführt — einer 
Polemik, die im Zeichen einer nicht zu überbietenden Verständnis- 
losigkeit für den gegnerischen Standpunkt steht. Es ist fürwahr 
kein Ruhmeskranz für Knapp, wenn ihm das Verdienst zuge- 
schrieben wird, als erster einen Sachverhalt aufgeklärt zu haben, 
über den es nie den geringsten Zweifel und die geringste Meinungs- 
verschiedenheit im Kreise der Fachmänner gegeben hat." 
Kurz darauf spricht er von den 

„Belehrungen, die Bendixen in dem vorhin zitierten Passus mit 
• solchem Aplorab an die Adresse der zünftigen Nationalökonomen 
richtet. Das metallistische Vorurteil, gegen welches er da an- 
kämpft, existiert nur in seiner Einbildung." 

Wenn v, B. mit etwas ruhigerem Gemüt die Stelle geprüft hätte, 
so würde er gefunden haben, daß die Gelegenheit sich keineswegs 
zu Ausbrüchen der Entrüstung eignet. Es handelt sich hier nicht 
um eine „Albernheit", die ich jemand „imputiere", auch nicht um 
ein „nur in- meiner Einbildung existierendes" metallistisches Vor- 
urteil, sondern um einen „leider sehr landläufigen Irrtum", wie der 
meines Wissens durchaus nicht nominalistische Franz Oppenheimer, 
den B, selbst zitiert, ausdrücklich bestätigt. Soll es verboten sein, 
diesen landläufigen und naheliegenden Irrtum zu bekämpfen? Daß 
er von Nationalökonomen vom Fach geteilt wird, habe ich nirgends 
gesagt, ebensowenig behauptet, daß Knapp der Erste gewesen sei, 
der den Irrtum widerlegt habe, wie es denn auch eine völlig grund- 
lose Behauptung ist, daß diese „Belehrungen" sich an die Adresse 
der „zünftigen Nationalökonomen" richteten, v. B. redet, als ob der 
Metallismus die Privatdomäne einiger Universitätslehrer sei. Wäre 
er das, so müßte man allerdings annehmen, daß meine Worte sich 
an die inetallistischen Professoren richteten. Aber der Metallismus 
ist etwas ganz anderes und war namentlich etwas ganz anderes, als 



Nominalismas und Metallismus. 221 

ich im Jahre 1912 das Buch „Geld und Kapital" erscheinen ließ. 
Der Metallismus ist, wo er besteht, nicht bloß Schulmeinung, sondern 
Volksüberzeugung. Und gegen diese falsche, populäre Anschauung 
wendet sich der Aufsatz, aus dem die zitierte Stelle entnommen ist, 
ohne die Lehren von Hochschullehrern auch nur andeutungsweise 
zu berühren. 

Wie ist V. B. zu seinem Mißverständnis gekommen? Er hat 
gelesen: ,,man hat uns gelehrt und lehrt es noch heute", und schnell 
hat er geschlossen: das geht auf die Hochschullehrer. Bei einiger 
Aufmerksamkeit aber würde ihm nicht entgangen sein, daß diese 
Worte zum voraufgehenden Satze gehören: „Wir alle sind in me- 
tallistischen Vorstellungen aufgewachsen." Wachsen wir denn in 
den Hörsälen der Universitäten auf? Die Lehren, mit denen wir 
aufwachsen, sind die, die uns Schule, Haus und Umgang mit älteren 
Leuten vermitteln, und die metallistische Lehre vom Gelde erfuhr 
jeder gebildete junge Mann, längst ehe er die Universität aufsuchte. 

Aber lassen wir einmal dfis Wort „aufgewachsen" beiseite: wer 
sind denn „wir alle", die man metallistisch unterwiesen hat? Wenn 
ein Schriftsteller „wir alle" sagt, so meint er sich und seinen Leser- 
kreis. Jener Aufsatz ist, wie im Buche „Geld und Kapital" ange- 
geben, für das „Bankarchiv" geschrieben worden. Er ist nicht ge- 
lehrt, sondern populär gehalten und dem Verständnis der Praktiker 
der Bankwelt angepaßt, aus welchen sich der Leserkreis des „Bank- 
archivs" in erster Linie rekrutiert. Von diesen hat nicht einer unter 
Hundert sein Wissen von Geld und Währung auf deutschen Hoch- 
schulen oder aus den Büchern zünftiger Nationalökonomen erworben. 
Wenn ich also schrieb: „wir alle sind in metallistischen Vorstellungen 
aufgewachsen; man hat uns gelehrt usw.", so habe ich dabei ganz 
gewiß nicht auf die Universitätslehrer gezielt. 

Der zitierte Passus enthält demnach nicht ein einziges Wort, 
das ich zurückzunehmen oder zu ändern hätte, v. B. aber gründet 
darauf gegen mich die Anklage einer nicht zu überbietenden Ver- 
ständnislosigkeit gegen den gegnerischen Standpunkt. Ich bekenne, 
daß ich der Schnellfertigkeit und Bedenkenlosigkeit dieser Anklage 
allerdings mit „nicht zu überbietender Verständnislosigkeit" gegen- 
überstehe, ebenso wie dem sich in solchen unüberlegten Ausfällen 
offenbarenden Mangel an literarischer Urbanität. Was aber das 
Verständnis für die metallistische Lehre anbetrifft, so fehlt mir 
solches so wenig wie für jeden anderen Irrtum, den ich einst selbst 
geteilt und dann überwunden habe. Die Schwierigkeit des Ver- 
stehens liegt da vielmehr auf Seiten derer, die von ihrem alten Irr- 
tum nicht loskommen können. Ich werde nachher Gelegenheit haben, 
zu zeigen, daß dieses gerade bei v. B. der Fall ist. 

Hiermit darf ich das leidige Gebiet des persönlichen Streites 
verlassen und mich den Ausführungen v. B.s zuwenden, in welchen 
er das Verhältnis der Knappschen Theorie zu meinen Lehren, so 
wie er es sieht, darlegt. Das führt uns dann zu dem Verhältnis, in 



222 Friedrich Bendixen, 

dem V. B. selber zur Staatlichen Theorie steht und damit auf den 
Grund seiner theoretischen Anschanung vom Gelde 

V. B. stellt mich auf der einen Seite im Gegensatz zu Heyn, 
der in Knapp nur den Bundesgenossen sähe, als „abhängig" von 
Knapp dar, offenbar damit der geneigte Leser gewarnt wird, einem 
also geistig Abhängigen zuviel Kredit zu schenken. Auf der anderen 
Seite aber bestreitet er die Zusammengehörigkeit von Knapps und 
meinen Lehren. Es handle sich bei mir um eine Spielart des No- 
minalismus, die mit der Knappschen Theorie sehr wenig harmoniere, 
„eher könnte man sagen, daß sie sie untergräbt", und er hat den 
bemerkenswerten, wenn auch etwas befremdlichen Mut, diese Ansicht 
(S. 80 Fußnote) auch jetzt noch aufrechtzuerhalten, nachdem Knapp 
in der zweiten Auflage seines Werkes mir „volles Verständnis'' 
der Staatlichen Theorie zuerkannt hat. Wenn das Wort Abhängig- 
keit nur bedeutet, daß ich Knapps Lehren für richtig halte und aus 
ihnen Schlußfolgerungen ziehe, so bekenne ich mich allerdings als 
von Knapp abhängig. Wenn es aber bedeuten soll, daß ich durch 
Knapp zum Nominalisten geworden wäre, so ist das unzutreffend. 
Ich brauche kein Hehl daraus zu machen, wie ich zu dem verehrten 
Urheber der Staatlichen Theorie stehe. Ich wußte von Knapps Geld- 
forschungen nichts, bis die Staatliche Theorie erschien. Da fand 
ich zu meiner hellen Freude in meisterhafter Darstellung die Ele- 
mente der Anschauungen, die ich mir über das Wesen des Geldes 
selbst gebildet hatte. Ich erklärte dem Verfasser sofort brieflich 
meine Zustimmung zu seiner Lehre und sandte ihm eine schon einige 
Jahre alte Niederschrift, aus der er ersehen konnte, daß wir ähnliche 
Gedankenwege wandelten, meine Ziele aber jenseits des Rahmens 
seiner Lehre auf wirtschaftlichem Gebiet lagen. Hieraus hat sich 
ein bald 14-jähriger reger brieflicher Verkehr entwickelt, bei dem 
die Gemeinsamkeit der Anschauungen vom Wesen des Geldes die 
Grundlage und eine von keinem Zweifel berührte Selbstverständlich- 
keit war. Jetzt erfahren Knapp und ich zu unserer höchsten Be- 
stürzung von Herrn v. Bortkiewicz, daß diese Uebereinstimmung 
eine Täuschung sei. Ratlos schauen wir einander an. Was soll 
man da machen ? 

V. B. darf es nicht übel vermerken, wenn ich, ehe ich auf seine 
Autorität hin mein geistiges Verhältnis zu Knapp löse, erst einmal 
prüfe, ob er selber denn die Knappsche Lehre begriffen hat. Ich 
weiß, daß er sowohl die erste wie die zweite Auflage von Knapps 
Staatlicher Theorie zum Gegenstand seiner Kritik gemacht hat, in 
Rezensionen freilich, die mir ihrer Aufgabe wenig gerecht zu werden 
schienen. Ich brauche diese nicht hervorzusuchen, da der neue Auf- 
satz von v. B. zur Genüge seine Ansicht über Knapps Werk verrät. 
Er schreibt (S. 93): 

„loh habe seinerzeit nachzuweisen versucht, daß die Bedeutung 
und Originalität des Knappschen Werkes hauptsächlich in der 
Systematik läge, in der Klassifizierung der Geldarten nach ver- 



Nominalismus und Metallismus. 223 

schiedenen Gesichtspunkten. Aber damit wissen diejenigen, welche 
Knapps Namen im Munde führen, nichts anzufangen.'' 
Das also ist des Pudels Kern: Der ganze Knapp mit seiner 
Staatlichen Theorie ist im Grunde nur ein origineller Registrierungs- 
und Klassifizierungskünstler. Freilich, damit weiß ich, der ich 
„Knapps Namen im Munde führe", nichts anzufangen. Für mich 
sieht das Wesen der Staatlichen Theorie anders aus. Im § 2 des 
,, Wesens des Geldes" habe ich den Kern der Staatlichen Theorie 
herausgeschält. Dieser Kern ist für mich die Nominalität der Wert- 
einheit. 

Was hält nun v. B. von der Nominalität der Werteinheit ? Was 
hält er von der Werteinheit überhaupt? Antwort: er weiß gar 
nicht, was Werteinheit ist. Statt Werteinheit sagt er „Geldeinheit" 
und leistet sich dann den wundervollen Satz (S. 76): 

„Es sollte doch bedacht werden, daß man zur Bildung des Be- 
griffes der Geldeinheit nur durch die Stückelung veranlaßt wird, 
somit durch eine Erscheinung, die sich wegdenken läßt, ohne daß 
dadurch das Wesen des Geldes berührt würde." 

Welch eine Offenbarung! Die Werteinheit ein Begriff, der um 
der Stückelung des Geldes willen gebildet wird! Wahrlich, wenn 
man die Anhänger der modernen Geldlehre um diesen Satz ver- 
einigen könnte, ein homerisches Gelächter würde ihn begrüßen. Und 
der Mann, der diesen Satz so nebenher wie eine Selbstverständlich- 
keit ausspricht, kritisiert seit 14 Jahren die Staatliche Theorie! 

Ich begreife es, wenn der Metallist nicht von dem Glauben 
lassen will, daß die Werteinheit identisch sei mit einem Quantum 
Edelmetall. Ich begreife es, sage ich, wenn ich es auch nicht billige 
und diese Ansicht durch die Rechtsgeschichte und die Erfahrungen, 
die wir gerade in der Gegenwart machen, für widerlegt halte. Aber 
ich begreife nicht, daß ein Gelehrter, der über Staatliche Theorie 
schreibt, die Bedeutung verkennt, die in Knapps System der Wert- 
einheit als besonderem Begriff gegenüber dem Zahlungsmittel zu- 
kommt. Kaum wage ich zu hoffen, daß das Studium meiner Ab- 
handlung „Vom theoretischen Metallismus" ihm den Begriff der 
Werteinheit näher bringen wird. Es scheint, -daß dieser in der 
Dogmengeschichte des Geldes so kenntnisreiche Forscher die mo- 
dernen Fortschritte der Geldtheorie kategorisch von sich abwehrt 
wie unliebsame Angriffe auf einen ererbten und mit Ehrfurcht ge- 
hegten Besitz. 

Vom Standpunkt des Metallisten ist es berechtigt, den Begriff 
der Werteinheit als einer dem Zahlungsmittel gegenüber primären 
Erscheinung, abzulehnen. Ist die Werteinheit, wie der Metallist an- 
nimmt, ein Quantum Gold, so ist sie identisch mit der Münze, die 
dieses Metallquantum enthält. Dann dient die Münze, oder das in 
ihr enthaltene Edelmetall, sowohl als Zahlungsmittel wie als Wert- 
maß, und ich hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn man das so 
ausdrückt, das Gold diene „materiell" oder „direkt" als Zahlungs- 
mittel und „ideell" oder „indirekt" als Wertmaß. Aber vom Stand- 



224 Friedrich Bendixen, 

punkt des Nominalisten, der eingesehen hat, daß es mit der Defini- 
tion der Werteinheit als eines Metallquantums nicht stimmt, ist 
Werteinheit ein Begriff, der mit Metall nichts zu tun hat, und der 
aus dem Zahlungsmittel nicht abzuleiten ist, sondern vielmehr 
logisch-dogmatisch ihm voraufgeht. Geld als Werteinheit und Geld 
als Zahlungsmittel stehen da als Begriffe so selbständig einander 
gegenüber wie, wenn ich den Scherz wiederholen darf, Sterne als 
Orden und Sterne als Weltkörper, und die melallistische Ausdrucks- 
weise von der „materiellen" und „ideellen" Funktion des Geldes 
klingt dem Nominalisten in der Tat nicht anders ins Ohr, als wie 
wenn jemand von der siderischen und der dekorativen Funktion eines 
Sternes spräche, v. B. bekämpft diese meine Argumentation vom 
metallistischeu Boden aus (S. 75), statt zu erkennen, daß sie eine 
selbstverständliche Konsequenz der nominalistischen Grundanschauung 
ist. die ihm allerdings so lange verborgen bleiben muß, bis er den 
Bei^riff der nominalen Werteinheit zu würdigen gelernt hat. 

Dankbar bin ich v. B. für den Hinweis auf Homer, wo Dienste 
mit Gold bezahlt, und Vermögen in Rindern geschätzt werden. Das 
ist in der Tat ein instruktives Beispiel, aber anders als v. B. es 
sich denkt. Hier in dieser vorgeldlichen Zeit ist das Rind die real 
definierte Werteinheit. Ob es als Zahlungsmittel Verwendung findet, 
ob als Wertmaß, immer ist es derselbe Begriff des Rindes, nur ein- 
mal individualisiert, das andere Mal generisch bestimmt. In der 
Tat. wir brauchten nur in das homerische Zeitalter zurückzukehren, 
um den ganzen Nominalismus über Bord werfen zu können. Wäre 
das eine Freude I 

Es ist nicht zu verwundern, daß v. B., der nicht einmal die 
staatliche Theorie verstanden hat, über den Sinn meiner Arbeiten 
völlig im Dunkeln tappt. Er wirft meiner Lehre von der Geld- 
schöpfung auf Grund des Warenwechsels mangelnde Originalität 
vor, übersieht also, daß es nicht meine Meinung war, ein neues 
Geldschöpfungsprinzip einzuführen, sondern ein in praktischer 
Uebung befindliches theoretisch zu begründen und folgerichtig zu 
entwickeln. Er nennt das „keine neue wirtschaftliche Erkenntnis, 
wie er (Bendixen) selbst glaubt, sondern ein vorbehaltloses Be- 
kenntnis zum banking principle". Es ziemt mir nicht, meine Ge- 
danken auf ihren Wert oder ihre Neuheit zu verteidigen. Ich be- 
ziehe mich stattdessen auf die Rezension von Kurt Singer über 
das „Wesen des Geldes" im Weltwirtschaftlichen Archiv, Bd. 14, 
Heft 3 vom 1. April 1919, S. 469, wo es heißt: „Wer behaupten 
wollte, die Theorie (Bendixens) sei durch die an der banking school 
geübte Kritik erledigt, würde damit bekennen, entweder die Theorie 
Tookes oder die Theorie Bendixens nicht zu kennen." — Fern sei 
es mir zu vermeinen, v. B. habe irgendeinen der älteren englischen 
Geldschriftsteller nicht durchaus studiert: ich beuge mich bewundernd 
vor seiner Literaturkenntnis; aber meine Theorie kennt er in der Tat 
nicht, wenn er auch kein Bedenken trägt, sie zu beurteilen. Seine 
.\iisführungen gegen mich beziehen sich auf meine Schrift „Wäh- 



Nominalismus und Metallismus. 225 

rungspolitik und Geldtheorie im Lichte des Weltkrieges". „Die 
weiteren Darlegungen im Texte über Bendixen beruhen hauptsäch- 
lich auf dieser Schrift" sagt er selbst auf S. 75 in der Fußnote 1. 
Mein „Wesen des Geldes" hat er entweder nie gelesen oder längst 
wieder vergessen, wie sich aus verschiedenen Stellen seines Auf- 
satzes ergibt. Und doch hatte ich im Vorwort zur „Währungs- 
politik usw." ausdrücklich hervorgehoben, daß diese Schrift nicht 
ohne Kenntnis der beiden voraufgehenden „Wesen des Geldes" und 
„Geld und Kapital" völlig zu verstehen und zu beurteilen sei. 

So wimmelt es denn bei v. B. von schiefen Urteilen und Miß- 
verständnissen über meine Gedanken. S. 99 schreibt er: „Bendixen 
erwähnt selbst gelegentlich, Knapp hätte zu Unrecht die Gold- 
währung gebilligt." Wo denn? Das ist mir meines Wissens nie 
eingefallen. Dann müßte ich ja zuerst mich selber tadeln, denn im 
„Wesen des Geldes" habe ich ebenso wie Knapp mich für die Auf- 
rechterhaltung der Goldwährung ausgesprochen. Hätte v. B. meine 
früheren Schriften gelesen, so wäre sowohl dieser Gedächtnisfehler 
unmöglich gewesen, wie die Behauptung (S. 79), ich hätte versucht, 
„die Goldwährung als unlogisch, unmöglich, als theoretisch unhalt- 
bar zu erweisen", ich hätte im Gegensatz zu Knapp „eine Erschei- 
nung von so ausgedehnter Verbreitung wie die Goldwährung so 
dargestellt und beurteilt, als ob sie gegen die Theorie geradezu ver- 
stieße"» 

Daß die Goldwährung nicht unmöglich ist, sondern viele Jahre 
in Uebung war, kann kein Mensch mit gesunden Sinnen leugnen, 
und wenn v. B. behauptet, ich hätte versucht, sie als unmöglich zu 
erweisen, so mag er sehen, wie er das vor seinem schriftstellerischen 
Gewissen verantworten will. Aber was heißt es, eine Erscheinung 
so darstellen, als ob sie geradezu gegen die Theorie verstieße? Die 
Theorie hat die Aufgabe, die Grundgedanken des Geldwesens klar- 
zulegen und deren Verhältnis zueinander in ihren Uebereinstim- 
mungen und Widersprüchen aufzuzeigen. Will v. B. behaupten, daß 
die Goldwährung das Rätsel des Geldes restlos gelöst und der 
forschenden Wissenschaft keine inneren Widersprüche im Geldwesen 
zu entdecken übrig gelassen habe? 

Wenn ich sage, der Zähler eines einzelnen Wertes könne nicht 
ex definitione gleich dem Generalnenner aller Werte sein ^), so läßt 
er (S. 79) das „ex definitione" fallen und fragt, warum nicht im 
Falle des Geldes der Zähler mit dem Nenner zusammenfallen dürfe. 
Seltsame Frage I Ich bestreite ja gar nicht, daß man das einrichten 
kann. Bei der Goldwährung geschieht es ja: man läßt dann durch 
staatliche Preisfixierung den Zähler Gold mit dem Generalnenner 
Geld zusammenfallen. Aber man soll sich doch darüber klar sein, 
daß dann keine ex definitione logisch gegebene Identität zwischen 
Geld und Gold vorliegt, wie die Metallisten meinen, sondern nur 

1) In dem Aufsatz: Das „unlösbare" Gcldproblcm in WfibruDgppoIitik und Geld 
theorie usw., 2. Aufl., 8. 125. 

Jahrb. t. NationalOk. n. Stat. Bd. 113 (Dritte Folge Bd. 08). 15 



226 Friedrich Bendixen, 

eine künstliche Festbindung des Goldpreises, und daß es irrig ist 
zu glauben, durch diese künstliche Preisfestsetzung sei nun das Gold 
zum allgemeinen Wertmesser geworden. In der Einsicht in diesen 
Sachverhalt liegt die Lösung des ganzen Geldrätsels im wesentlichen 
beschlossen. Ich kann daher v. B. nicht gram sein, daß er mir 
durch seinen Widerspruch Gelegenheit gegeben hat, von neuem auf 
diesen wichtigsten Punkt der ganzen Geldlehre hinzuweisen. 

Die größte Mühe gibt sich v. B., mir Widersprüche nachzu- 
weisen (S. 85). Einerseits lehnte ich aufs schärfste eine Preispolitik 
treibende Reichsbank ab, andererseits aber wiese ich der Reichsbank 
die Aufgabe zu, zu Diskonterhöhungen, somit zu einer Erschwerung 
des Kredits, zu schreiten, „wenn der Unternehmungsgeist im Be- 
griffe steht, die Schranken des vorhandenen Kapitals zu über- 
fliegen", wobei sie die gesamte wirtschaftliche Lage berücksichtigen 
müsse. „Daß es sich dabei nicht zuletzt um die Preisbewegung 
handeln würde, darauf weist Bendixen gelegentlich selbst hin." In 
der von v. B. angezogenen Stelle in meiner Schrift „Währungs- 
politik usw." heißt es: „Als solche Indizien zur Beurteilung der 
Konjunktur kommen vornehmlich in Betracht das Wechselkonto der 
Reichsbank, die Devisenkurse, die Bewegung des Zinsfußes auf den 
offenen Märkten im In- und Auslande, die Warenpreise und die 
Handelsbilanz, alles Faktoren, neben denen die Abnahme des Gold- 
bestandes nur als sekundäres und von den anderen abhängiges Sym- 
ptom zu veranschlagen ist." — Liegt hier wirklich ein Widerspruch 
vor? Ist es so schwer zu unterscheiden zwischen einer Preispolitik 
treibenden Reichsbank und einer Reichsbank, die den Diskont herauf- 
setzt, weil nach ihrer Ansicht die Konjunktur im Uebermaß flüssiges 
Kapital absorbiere, ein Urteil, für welches sie unter vielen anderen 
Symptomen auch die Preisbewegung, aber wahrlich nicht an erster 
Stelle, berücksichtigt? Aber v. B. braucht diese angeblichen Wider- 
sprüche um, wie seine weitere Darlegung zeigt, meine Position für 
den Aufmarsch der Bullionisten vom Jahre 1810 sturmreif zu 
machen. Das sind offenbar seine geistigen Zeitgenossen. 

Ich kann nicht auf alle Irrtümer eingehen, an denen v. B.s 
Polemik gegen mich so reich ist. Wenn er z. B. (S. 83) meine 
Polemik gegen die Geldwertdogmatiker für einen „leeren Wortstreit" 
erklärt, so muß ich das seiner Abneigung gegen alles begriffliche 
Denken zugute halten. Weniger verständlich schon ist es mir, wie 
er (S. 81) zu meinem Vorschlag, die Reichskassenscheine in Bank- 
noten zu verwandeln, schreiben kann: „Bendixen hat hierbei keine 
Notiz von der Tatsache genommen, daß durch Gesetz vom 3. Juli 
1913 der gesamte Betrag der auszugebenden Reichskassenscheine bis 
auf 240 Millionen Mark erhöht worden ist." Liegt doch meiner ganzen 
Ausführung gerade diese Neuordnung der Reichskassenscheine vom 
Jahre 1913 zugrunde! — Auf bloßer Flüchtigkeit ferner beruht es 
offenbar, wenn er (S. 84) diese 240 Millonen Mark für die feststehende 
Summe von Zahlungsmitteln hält, die nach meiner Meinung, abge- 
sehen von den auf dem Wege kurzfristigen Kredits von der Reichs- 



Nominalismus und Metallismns. 227 

bank emittierten Noten mengen, zur Versorgung des Verkehrs mit 
Geldzeichen ausreichen soll. — Derartige Entgleisungen bieten der 
aligemeinen Erörterung wenig Interesse. Dagegen verdient eine 
eingehende Würdigung v. B.s Versuch, den Nachweis zu führen, daß 
auch bei freier Währung die Werteinheit an das Gold gebunden 
bleibe (S. 86). 

Ich hatte gesagt, die Reichsbank würde nicht wohl daran tun, 
sich ihres Goldschatzes etwa gänzlich zu entledigen. Warum, findet 
der Leser in der „Währungspolitik usw." des nähreren ausgeführt. 
V. B. aber sagt: „Das heißt nichts anderes, als daß sie schließlich 
doch auf die jeweilige Höhe der Goldreserve, namentlich bei ihrer 
Emissionstätigkeit, Rücksicht zu nehmen hätte. Sowohl die ab- 
strakte Werteinheit wie die Geldschöpfung bleiben demnach de facto 
an das Gold gefesselt." „Da gibts kein Entrinnen", setzt er 
triumphierend hinzu. — Wirklich nicht? Eine wunderbare Logik I 
Wenn die Reichsbank keinen Goldschatz hat, so ist sie anscheinend 
auch nach v. B.s Meinung in ihrer Emissionstätigkeit frei von aller 
Rücksicht auf das Gold; wenn sie aber einen Goldbestand besitzt, 
so muß sie „schließlich doch" auf die Höhe der Goldreserve, 
namentlich bei ihrer Emissionstätigkeit, Rücksicht nehmen. Wer in 
aller Welt zwingt sie dazu? Doch höchstens ein metallistisches 
Vorurteil, vor dem es „kein Entrinnen gibt" ! Dabei weiß der 
Kundige, daß schon unter der Herrschaft der Goldwährung sich die 
Emissionstätigkeit der Reichsbank keineswegs nach dem Goldbestande 
gerichtet hat, sondern umgekehrt die Goldanschaffung nach der 
Emissionstätigkeit (vgl. „Währungspolitik usw.", 2. Aufl., S. 45 unten). 

Nicht minder verfehlt ist der Versuch, die Nominalisten mit 
der von ihnen empfohlenen Devisenpolitik am Golde festzubinden. 
V. B. schreibt: Bendixen erklärt „von seinem System, daß es die 
Parität der Reichsvaluta gegenüber den Valuten der Goldwährungs- 
länder gewährleiste. Hieraus folgt, daß, wenn das System richtig 
funktioniert, die Reichsmark ideell, d. h. als Wertmaßstab, an das 
Gold gebunden wäre". Diese Auffassung ist in mehrfacher Hinsicht 
irrtümlich. Sie setzt zunächst voraus, was zwar der Metallist glaubt, 
der Nominalist aber als falsch erkannt hat, daß nämlich in Gold- 
währungsländern das Gold als Wertmaßstab fungiere. Sodann aber 
verkennt sie den Sinn der Devisenpolitik. Die Devisenpolitik ist 
nicht ein Mittel, um dem Wert des heimischen Geldes etwa die 
verlorene Basis wiederzugewinnen. Das mag der Metallist glauben, 
der sich nicht vorstellen kann, wie das Geld ohne die Grundlage 
des Goldes bestehen kann. Sondern die Devisenpolitik sucht den 
intervalutarischen Kurs zu befestigen im Interesse der internationalen 
Handelsbeziehungen. Verzichtet man bei freier Währung auf eine 
Devisenpolitik, so hat man je nach der Lage der „pantopolischen" 
Beziehungen schwankende intervalutarische Kurse. Die Devisen- 
politik nun hat die Aufgabe, diese Schwankungen zu verhindern oder 
doch zu mäßigen, und sucht den Kurs auf einer mittleren Linie fest- 
zuhalten. Das alles aber hat mit dem Golde nicht das Geringste zu 

16* 



228 Friedrich Bcndixen, Nominalismus und Metallismua. 

tun. Die Devisenpolitik kann genau so stattfinden, wenn die anderen 
Länder sich von der Goldwährung lossagen, und man kann sie auch 
ganz unterlassen und der privaten Spekulation den Ausgleich der 
Kurse anheimgeben, ohne daß dadurch an der Geldverfassung das 
mindeste geändert würde. 



Hiermit darf ich die Erwiderung an v. B. beschließen. Ich be- 
dauere es, daß die Polemik durch die Schuld meines Gegners sich 
nicht in den verbindlichen Formen abgespielt hat, wie es im wissen- 
schaftlichen Kampfe Selbstverständlichkeit sein sollte. Aber ich 
glaube den Grund seiner Gereiztheit zu erkennen, v, B. ist durch 
tief eindringende geschichtliche Studien mit dem Metallismus aufs 
innigste verwachsen. Dieser ist ihm mehr als eine von ihm als 
richtig anerkannte Lehrmeinung, er ist ihm offenbar Herzenssache. 
Da mag er in mir den frevelhaften Verkünder falscher und gefähr- 
licher Irrlehren sehen, zu dessen Vernichtung jedes Mittel recht ist. 
Wenn er in dieser Empfindung die Grenzen der Objektivität in 
der Polemik überschritt, so mußte das zurückgewiesen werden. Aber 
auch trotz seiner anfechtbaren Form und trotz der Unhaltbarkeit 
seiner Gründe kann ein Widerspruch eine Lehre fördern, indem er 
neuen Erkenntnissen Gelegenheit gibt, sich in der Verteidigung zu 
bewähren und zu befestigen. Möge daher auch diese Auseinander- 
setzung für die Wissenschaft nicht verlorene Mühe gewesen sein! 



H 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 229 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 

II. 

Die wirtschaftliche Gesetzgebung des Deutschen 

Eeiches. 

(Die Zeit vom 9. November 1918 bis 31. März 1919 umfassend.) 
Von Dr. Johannes Müller-Halle, Weimar. 

Vorbemerkung: Die seit dem 9./11. November 1918 erlassenen Gre- 
setze, Verordnungen usw. lassen sich im allgemeinen zwanglos in drei große 
Gruppen einteilen : Gesetzgeberische Maßnahmen mit für die Dauer bestimmten Vor- 
schriften zum Zwecke des Wiederaufbaues des Wirtschaftslebens ; gesetzgeberische 
Maßnahmen mit Vorschriften, die nur für eine längere oder kürzere Uebergangszeit 
bestimmt sind und den Abbau der Kriegswirtschaft bezwecken, und endlich gesetz- 
geberische Maßnahmen, die die sofortige Aufhebung einzelner Zweige der Kriegs- 
wirtschaft zum Gegenstand haben. Bei der grundlegenden Verschiedenheit 
zwischen der ersten Gruppe auf der einen, und der zweiten und dritten Gruppe 
auf der anderen Seite, und dem verschiedenen Interesse, dem sie in den einzelnen 
Leserkreisen begegnen, habe ich geglaubt, die Inhaltsübersicht der Gesetze und 
Verordnungen künftighin zweckmäßigerweise in zwei Reihen wiedergeben zu 
sollen, von denen die eine die erste, die andere die zweite und dritte der oben 

Benannten Gruppen (unter Fortlassung der unwichtigeren Verordnungen) um- 
assen soll. Ausdrücklich sei bemerkt, daß in die erste Reihe auch einige Ver- 
ordnungen aufgenommen worden sind, die, als vom Demobümachungsamt er- 
lassen, an sich in die zweite Reihe gehörten. Da sie aber, wie z. B. insbesondere 
die Verordnungen über den Achtstundentag, zumindest ihrem materiellen In- 
halte nach wohl auf die Dauer berechnet sind, habe ich geglaubt, ihnen ihren 
Platz in der ersten Reihe anweisen zu sollen. 

I. Gesetze, Verordnungen usw., die den Wiederauf bau des 
Wirtschaftslebens betreffen. 

Aufruf des Rates der Volksbeauftragten an das 
'Uutsche Volk. Vom 12. November 1918 (RGBl. S. 1303 f.). 

Wegen seiner grundlegenden Bedeutung sei der Aufruf in seinem vollen 
Wortlaut wiedergegeben, auch insoweit er nicht das wirtschaftliche Leben im 
engeren Sinne beräirt. 

An das deutsche Volkl 
Die aus der Revolution hervorgegangene Regierung, deren politische Leitung 
rein sozialistisch ist, setzt sich die Aufgabe, das soziahstische Programm zu ver- 
wirklichen. Sie verkündet schon jetzt mit Gesetzeskraft folgendes: 

1. Der Belagerungszustand wird aufgehoben. 

2. Das Vereins- und Versammlungsrecht unterliegt keiner Beschränkung, auch 
nicht für Hearate und Staatsaroeiter. 

3. Eine Zensur findet nicht statt. Die Theaterzensur wird aufgehoben. 

4. Meinungsäußerung in Wort und Schrift ist frei. 



230 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

5. Die Freiheit der Religionsausübung wird gewährleistet. Niemand darf zu 
einer religiösen Handlung gezwungen werden. 

6. Für alle politischen Straftaten wird Amnestie gewährt. Die wegen solcher 
Straftaten anhängigen Verfahren werden niedergeschlagen. 

7. Das Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst wird aufgehoben, mit Aus- 
nahme der sich auf die Schlichtung von Streitigkeiten beziehenden Bestim- 
mungen. [Für die Sozialversicherung der im Hilfsdienst Beschäftigten in der 
Uebergangszeit ist eine Verordnung vom 14- Dezember 1918 (RGBl. S. l^S^f.) 
erlassen.] — [Hierzu des weiteren eine weniger wesentliche Verordnung vom 
6. Dezember 1918 (RGBl. S. UlS).] 

8. Die Gesindeordnungen werden außer Kraft gesetzt, ebenso die Ausnahme- 

Eesetze gegen die Landarbeiter. 
)ie bei Beginn des Krieges aufgehobenen Arbeiterschutzbestimmungen (vgl. 
Gesetz vom 4. August 1914 — RGBl. S. 333 f. — Bd. 49, S. 57f., und Be- 
kanntmachung vom 21. Oktober 1914, Bd. 4^> 'S'. 69, nebst den diese Bekannt- 
machung fortsetzenden Bekanntmachungen) werden hiermit wieder in Kraft 
gesetzt. Vgl. hierzu Verordming vom gleichen Tage, unten gleiche 8. 

Weitere sozialpolitische Verordnungen werden binnen kurzem veröffentlicht 
werden. Spätestens am 1. Januar 1919 wird der achtstündige Maximalarbeitstag 
in Bjraft treten. (Vgl. die beiden Verordnungen vom S3. November 1919, unten 
S. 231). Die Regierung wird alles tun, um für ausreichende Arbeitsgelegenheit 
zu sorgen. Eide Verordnung über die Unterstützung von Erwerbslosen ist fertig- 
gestellt. Sie verteilt die Lasten auf Reich, Staat und Gemeinde. (Vgl. Verord- 
nung vom 13. November 1918, unten Forts.) 

Auf dem Gebiete der Krankenversicherung wird die Versicherungspflicht 
über die bisherige Grenze von 2500 M. ausgedehnt werden. Vgl. die folgende 
Verordnung. 

Die Wohnungsnot wird durch Bereitstellung von Wohnungen bekämpft 
werden. 

Auf die Sicherung einer geregelten Volksernährung wird hingearbeitet werden. 

Die Regierung wird die geordnete Produktion aufrechterhalten ; das Eigentum 
gegen Eingriffe Privater sowie die Freiheit und Sicherheit der Person schützen. 

Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, 
geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahl- 
systems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen 
zu vollziehen. 

Auch für die Konstituierende Versammlung, über die nähere Bestimmung 
noch erfolgen wird, gilt dieses Wahlrecht. 

Verordnung über Ausdehnung der Versicherungspflicht 
und Versicherungsberechtigung in der Krankenver- 
sicherung. Vom 22. November 1918 (RGBl. S. 1321 f.). 

a) In die Pflichtkrankenversicherung werden einbezogen: Betriebsbeamte, Werk- 
meister u. ä m., Handlungsgehilfen, Bühnen- und Orchestermitglieder, Lehrer 
uind Erzieher, wenn der Jahresarbeitsverdienst nicht mehr als 5000 M. beträgt, 

b) Die obere Grenze von 4000 M. Einkommen für die Versicherungsberechtigung 
wird aufgehoben. 

c) Wer seit Beginn des Krieges wegen Ueberschreitung der 2500 M.-Einkommens- 
grenze aus der Krankenversicherung ausgeschieden war, kann die Wieder- 
aufnahme beantragen. 

Vgl. die weitere Verordnung vom 3. Februar 1919, unten S. 236. 

Verordnung über Maßnahmen gegen die Kapitalabwande- 
rang in das Ausland. Vom 21. November 1918 (RGBl. S. 1325 ff.). 

Wertpapiere dürfen nur durch Vermittlung von Banken nach dem Ausland 
versandt oder überbracht werden. Die Banken haben von allen Versendungen 
▼OD Wertpapieren nach dem Ausland und ähnlichen Geschäften dem zuständigen 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 231 

ßesitzsteueramt Mitteilung zu machen. — Mit Ergänzungs Verordnungen vom 
15. Januar 1919 (vgl. unten S. 233). 

Verordnung über die Arbeitszeit in den Bäckereien und 
Konditoreien. Vom 23. November 1918 (RGBl. S. 1329 ff.). 

Die regelmäßige tägliche Arbeitszeit der Gesellen usw. darf 8 Stunden nicht 
überschreiten. Von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens müssen an Werktagen 
alle Arbeiten vollständig ruhen; an Sonn- und Feiertagen darf überhaupt nicht 

fearbeitet werden. Für Arbeiterinnen und jugendliche Arbeiter sind bestimmte 
lindestpausen vorgesehen. Mit Ergänzungsverordnung vom 2. De- 
zember 1918 (unten gleiche S.). — vgl. auch nächste Anordnung. 

Anordnung über die Regelung der Arbeitszeit gewerb- 
licher Arbeiter. Vom 23. November 1918 (RGBl. S. 1334 ff.). — 
Auf Grund des Erlasses vom 12. November 1918 (RGBl. S. 1304). 

Die regelmäßige tägliche Arbeitszeit ausschließlich der Pausen darf die 
Dauer von 8 Stunden nicht überschreiten. Dies gilt nicht für die Landwirt- 
schaft (vgl. für diese Verordnung vom 24. Januar 1919, unten S. 234); für 
die Verkehrsgewerbe einschließlich Eisenbahn, Post und Telegraphie sind als- 
bald Vereinbarungen zwischen Betriebsleitungen und Arbeitnehmer verbänden zu 
treffen. In Betrieben, in denen mit Schichtwechsel gearbeitet werden muß, ist 
innerhalb je 3 Wochen einmal eine Arbeitszeit von 16 Stunden zulässig, falls 
innerhalb dieser 3 Wochen zweimal eine ununterbrochene Ruhezeit von je 24 
Stunden gewährt wird. Abweichende Regelungen sind unter bestimmten Um- 
ständen zulässig; hierzu ist Zustimmung der betreffenden Arbeiterschaft not- 
wendig. Die Aufsicht über die Ausführung vorstehender Bestimmungen ist den 
Gewerbeauf sichts- bzw. Bergrevierbeamten übertragen. — Mit weniger wesentlicher 
Abänderungsverordnung vom 17. Dezember 1918 (RGBl. S. 1436). — Vgl. wegen 
der Angestellten Verordnung vom 18. März 1919, unten S. 237 f., im übrigen auch 
vorhergehende Verordnung. 

Verordnung betr. die Vorlauf ige Regelung der Luftfahrt. 
Vom 26. November 1918 (RGBl. S. 1337). 

Bis zum Erlaß eines Gesetzes ordnet das Reichsamt des Inneren provisorisch 
die Verhältnisse der Luftfahrt. Zur Ausführung dieser Aufgabe soll ein Reichs- 
luftamt errichtet werden. (Gesehehen durch Erlaß vom 4. Dezember 1918 — RGBl. 
8. 1400 — ). Durch Verordnung vom 7. Dezember 1918 (RGBl. S. 1407 ff .) ist 
dann eine vorläufige materielle Regelung des Luftfahrtrechts erfolgt. 

Verordnung über Sicherung der Kriegssteuer. Vom 15. 
November 1918 (RGBl. S. 1387). 

Die Vorschriften des Gesetzes vom 9. April 1917 [a) Hinterlegung einer 
Sicherheit bei Verzug ins Ausland, b) Sonderrücklage für Gesellschaften usw. 
(vgl. Bd. 56, S. 51)1 sollen auch für das fünfte Kriegsgeschäftsjahr mit der Maß- 
gabe gelten, daß die Gesellschaften in die Kriegssteuerrücklage 80 v. H. des 
Mehrgewinns (für die 3 ersten Kriegsgeschäftsjahre 50, für das vierte 60 v. H.) 
einzustellen haben. 

Verordnung über die Entlohnung und die Errichtung von 
Fachausschüssen im Bäckerei- und Konditoreigewerbe. 
Vom 2. Dezember 1918 (RGBl. S. 1397 f.). 

a) Die infolge der Verordnung vom 23. November 1918 — vgl. oben gleiche 8. — 
eintretende Beschränkung der Arbeitszeit berechtigt den Arbeitgeber nicht, 
den Gesellen usw. Abzüge von der vereinbarten Entlohnung zu machen. 
Bei Stücklohn muß eine entsprechende Erhöhung der Sätze eintreten. — 
Vgl. auch Verordnung vom 7. Dezember 1918, unten Fortsetzung. 

b) Die Kommunalverbände haben je einen Fachausschuß für das Bäckerei- und 
Konditoreigewerbe zu errichten, die vor Erlaß wichtiger Anordnungen ins- 



232 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

besondere die Mehlverteilung betr. zu hören sind. Sie haben ferner bei der 
Regelung des Lehrlingswesens mitzuwirken, und haben auch im übrigen 
beratende Funktion, vgl. wegen Fachausschüssen auch Verordnung vom 
13. Januar 1919, unten S. 234. 

AnordnuDg über Arbeitsnachweise. Vom 9. Dezember 1918 
(RGBL S. 1421 f.). Auf Grund des Erlasses vom 12. November 1918 
(RGBl. S. 1304). 

a) Gremeinden oder Gemeindeverbände können verpflichtet werden, öffentliche 
unparteiische Arbeitsnachweise, an deren Verwaltung Arbeitgeber und 
Arbeitnehmer gleichmäßig zu beteiligen sind (dieser Satzteil neu gegenüber 
der bisherigen Verordnung vom 14. Juni 1916 — Bd. 53, S. 190 — ), zu er- 
richten und auszubauen, sowie zu den Kosten solcher von anderen Ge- 
meinden usw. errichteten Arbeitsnachweise beizutragen. 

b) Die Gemeinden usw. können verpflichtet werden, Einrichtungen für eine 
allgemeine gemeinnützige Berufsberatung und Lehrstellenvermittelung zu 
schaffen. 

c) Die bisherige Verordnung vom 14. Juni 1916 — vgl. Bd. 53, S. 190 — wird 
aufgehoben. 

Vgl. auch Verordnung vom 17. Februar 1919, unten S. 236. 

Verordnung über Tarifverträge, Arbeiter- und Ange- 
stelltenausschüsse und Schlichtung von Arbeits- 
streitigkeiten. Vom 23. Dezember 1918 (RGBl. S. 1456 ff.). 

I. Tarifverträge. Bei dem Vorhandensein von Tarifverträgen sind 
Arbeitsverträge zwischen den beteiligten Personen insoweit unwirksam, als sie von 
der tariflichen Regelung abweichen, es sei denn, daß es sich um eine Abweichung 
zugunsten des Arbeitnehmers handelt. Das ßeichsarbeitsamt kann auf Antrag 
einer beteiligten Stelle — nach Verordnung vom 4. Januar 1919 auch auf An- 
trag des Demobilmachungskommissars — Tarifverträge, die für die Gestaltung 
der Arbeitsbedingungen aes betreffenden Berufskreises überwiegende Bedeutung 
erlangt haben, für aSgemeinverbindlich erklären. 

II. Arbeiter- und Angestelltenausschüsse. In allen Betrieben, 
Verwaltungen und Büros, in denen in der Regel mindestens 20 Arbeiter be- 
schäftigt werden, sind Arbeiter- bzw. Angestelltenausschüsse zu errichten. Dies 
gilt auch für behördliche Betriebe, doch wird die Einsetzung der Ausschüsse bei 
den Verkehrsanstalten des Reichs und der Bundesstaaten besonderer Vereinbarung 
zwischen Verwaltungen und Arbeitervereinigungen vorbehalten. Die Mitglieder der 
Ausschüsse werden von den Arbeitern und Angestellten im Alter von über 20 
Jahren aus ihrer Mitte in unmittelbarer und geheimer Wahl nach den Grundsätzen 
der Verhältniswahl gewählt. Die Ausschüsse haben die wirtschaftlichen Interessen 
der Angestellten und Arbeiter dem Arbeitgeber gegenüber wahrzunehmen ; sie 
haben insbesondere die Ausführung von Tarifverträgen zu überwachen, oder, 
falls tarifliche Regelungen nicht bestehen, bei der Regelung der Löhne und son- 
stigen Arbeitsverhältnisse mitzuwirken. 

III. Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten. Zum Zwecke der 
Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten werden bis zu anderweitiger gesetzücher 
Regelung an Stelle der nach dem Hilfdienstgesetz errichteten Schlichtungsaus- 
echüsse (je einer für jeden Bezirk einer Ersatzkommission — vgl. Bd. 55, 
8. 75 f. — ) neue gewählt ; sie bestehen aus je zwei ständigen und einem unstän- 
digen Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer des betreffenden Bezirks Außer- 
dem kann ein unparteiischer Vorsitzender bestellt werden; die unständigen Ver- 
treter sind für jeden Streitfall der für die Streitigkeit in Betracht kommenden 
Rerufsgruppe zu entnehmen (für die Verkehrsanstalten des Reichs und der 
Bundestaaten gelten besondere Bestimmungen). Die Schlichtungsausschüsse 
können von Arl^itgeber- und Arbeitnehmerseite — nach Verordnung vom 4. Januar 
1919 auch vom Demobilmachungskommissar — angerufen werden, wenn bei 
Streitigkeiten über die Löhne oder sonstigen Arbeitsverhältnisse eine Einigung 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 233 

nicht zustande gekommen ist, und nicht eine sonstige Stelle (Gewerbegericht 
u. a. m.) angeru^n ist; die Ausschüsse sollen im übrigen auch von sich aus auf 
Einigungsverhandlungen hinwirken. Die Ausschüsse haben zunächst zu versuchen, 
eine gütliche Einigung herbeizuführen. Kommt eine solche nicht zustande, so 
ist ein Schiedsspruch abzugeben ; die Parteien müssen sich dann binnen einer zu 
bestimmenden Frist für Aolehnung oder Unterwerfung erklären. — Vgl. zu 
Abschnitt III die sehr wichtige ergänzende Verordnung vom 4. Januar 1919, 
unten Fortsetzung. 

Verordnung über Beschäftigung Schwerbeschädigter. 
Vom 9. Januar 1919 (RGBl. S. 28 ff.). 

Alle öffentlichen und privaten Betriebe, Büros und Verwaltungen sind ver- 
pflichtet, auf je 100 insgesamt vorhandene Beamte, Angestellte und Arbeiter 
mindestens einen Schwerbeschädigten zu beschäftigen; in der Landwirtschaft muß 
schon auf je 50 Beamte usw. ein Schwerbeschädigter beschäftigt werden. Darüber 
hinaus soUen für Schwerbeschädigte geeignete Arbeitsplätze nur mit solchen be- 
setzt werden, falls sie nicht bereits von anderen beschränkt Erwerbsfähigen ein- 
fenommen werden. Eine Entlassung Schwerbeschädigter darf nur nach An- 
örung des zuständigen Arbeitnehmerausschusses erfolgen, und (Zusatz durch 
Verordnung vom 1. Februar 1919 — RGBl. S. 132 f. und vom 11. März 1919 — 
RGBl. S. 301) frühestens zum 15. Aprü 1919. 

Verordnung zur Ergänzung der Verordnung über Maß- 
nahmen gegen die Kapitalabwanderung in das Ausland 
vom 21. November 1918 (RGBl. S. 132 5). Vom 15. Januar 
1919 (RGBl. S. 43 ff.). 

Es wird eine Anzeigepflicht für Wertpapiere und Geldbeträge festgesetzt, 
die in der Zeit vom 1. Juli bis 22. November 1918 (Tag des Inkrafttretens der 
Hauptverordnung vom 21. November 1919, vgl. oben S. 230 f.) nach dem Ausland 
verbracht worden sind. — Vgl. auch folgende Verordnung. 

Verordnung über Kapitalabwanderung in das Ausland 
durch Abschluß von Versicherungen. Vom 15. Januar 1919 
(RGBl. S. 49 ff.). 

Es wird eine Anzeigepflicht für Versicherungsverträge bestimmter Art mit 
ausländischen Versicherungsunternehmungen festgesetzt. — Vgl. auch Verord- 
nung vom 21. November 1918, oben S. 230 f. und vorige Verordnung. 

Verordnung über die Umgestaltung der Statistik der 
Warenausfuhr. Vom 16. Januar 1919 (RGBl. S. 53 ff.) 

Die Ausfuhrstatistik soll in bestimmter Weise ausgebaut werden. 

Verordnung betr. den Bergbau. Vom 18. Januar 1919 (RGBl. 
8. 64 f.). 

Bis zur Durchführung der Sozialisierung des Bergbaus (vgl. Ges. vom 

23. März 1919, unter S. 238 f.) werden von der Reichsregierung sofort für die 
einzelnen Bergbaugebiete Reichsbevoilmächtigte ernannt (für Rheinland- Westfalen 

feschehen durch Verfügung vom gleichen Tage - RGBl. S. 63, für das Braun- 
ohlengebiet östlich der Elbe und das CasseTer Gebiet durch Verfügungen vom 

24. Februar 1919 RGBl. S. 256). Unter den Bevollmächtigten muß sicn je ein 
Vertreter der Unternehmer und der Arbeiter befinden. Aufgabe dieser Bevoll- 
mächtigten ist es, alle wirtschaftlichen Vorgänge auf dem Gebiete der Kohlen- 
törderung, des Absatzes und der Verwertung der Kohlen fortdauernd, auch hin- 
sichtlich der Preisbemessung zu überwachen. - Vgl. auch Verordnung vom 
8. Februar 1919, unten 8. 236 f. 



234 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Verordnung über das Erbbaurecht. Vom 16. Januar 1919 
(RGBl. S. 72 ff.). 

An dem gesetzlichen Inhalt des Erbbaurechts, wie er im § 1012 des BGB. 
festgelegt war, wird nichts geändert ; dieser Paragraph wird sogar wörtlich in das 
neue Gesetz, diu:ch das die §§ 1012—1017 BGB. außer Kraft treten, übernommen. 
Dagegen werden die Einzelbestimmungen, die im BGB. nur 5 kurze Paragraphen 
umfaßten, in umfangreicher Weise ausgebaut. Die einzelnen Abschnitte be- 
treffen: 

I. Begriff und Inhalt des Erbbaurechts. 1. Gesetzlicher Inhalt. 
2. Vertragsmäßiger Inhalt. 3. Erbbauzins. 4. Rangstelle. 5. Anwendung des 
Grundstücksrechts. 6. Bauwerk. Bestandteile. 

II. Grundbuchvorschriften. 

III. Beleih ung. 1. Mündelhypothek. 2. Sicherheitsgrenze für sonstige 
Beleihungen. 3. Landesrechtliche Vorschriften. 

IV. Feuerversicherung, Zwangsversteigerung. 
V. Beendigung, Erneuerung, Heimfall. 

VI. Schlußbestimmungen. 

Die Anführung von Einzelheiten würde hier zu weit führen. 

Verordnung über die Errichtung von Fachausschüssen 
für Hausarbeit. Vom 13. Januar 1919 (RGBl. S. 85 ff.). 

Nach dem Hausarbeitsgesetz vom 20. Dezember 1911 kann der Bundesrat 
für bestimmte Gewerbezweige und Gebiete die Errichtung von Fachausschüssen 
beschließen, die in beratender und gutachtlicher Tätigkeit die Lage der Haus- 
arbeiter fördern sollen u. ä. m. Mit vorliegender Verordnung werden in allen 
Teilen des Reiches insgesamt 29 Fachausschüsse für Hausarbeit auf dem Gebiete 
der Textilindustrie errichtet. — Vgl. auch Verordnung vom 2. Dezember 1918. 
oben S. 231 f. 

Verordnung betr. Kraftfahrzeuglinien. Vom 24. Januar 
1919 (RGBl. S. 97 f.). 

Die Betreibung von Kjaftfahrzeuglinien über die Grenzen eines Gemeinde- 
bezirkes hinaus bedarf besonderer Genehmigung. 

Verordnung betr. eine vorläufige Landarbeitsordnung" 
Vom 24. Januar 1919 (RGBl. S. 111 ff.). 

Die im Reichs- Bauern- und Landarbeiterrat zusammengeschlossenen Ver- 
bände haben eine „Vorläufige Landarbeitsordnung" geschaffen die durch vor- 
liegende Verordnung Gesetzeskraft erhalten soll. 

Maßgebend für das Arbeitsverhältnis sollen die Vorschriften des Bürger- 
i chen Gesetzbuches über den Dienstvertrag mit nachstehenden wichtigsten Er- 
g änzungen sein : 

Bei Zusicherung von Bezügen nicht barer Art müssen Dienstverträge von 
mehr als halbjähriger Dauer schriftlich abgeschlossen werden. Die tägliche 
Höchstarbeitszeit beträgt in 4 Monaten durchschnittlich 8, in 4 Monaten durch- 
schnittlich 10 und in 4 Monaten durchschnittlich 11 Stunden. Ueberstunden 
sind besonders zu vergüten. Der Barlohn ist in der Regel wöchentlich zu zahlen. 
In Betrieben mit Arbeiterausschüssen sind besondere Arbeitsordnungen zu er- 
lassen. Wohnungen müssen in ausreichender Größe und einwandfreier Be- 
sehaffenheit zur Verfügung gestellt werden. Renten irgendwelcher Art dürfen 
auf den Lohn nicht angerechnet werden. 

Verordnung zur Beschaffung von landwirtschaftlichem 
Siedlungslande. Vom 29. Januar 1919 (RGBl. S. 115 ff). 

Die Bundesstaaten sind verpflichtet, zur Schaffung neuer Ansiedlungen ge- 
meinnützige Siedlungsiinternehmungen zu begründen, soweit solche nicht vor- 
handen sind. Zur Schaffung von Siedlungsland sind zunächst Staatsdomänen 
bowie Moor- und Oedland bereitzustellen, weiterhin haben die Siedlungs- 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 285 

Unternehmungen ein Vorkaufsrecht auf alle landwirtschaftlichen Grundstücke 
von 20 ha und mehr; endlich ist aus dem Großgrundbesitz (100 ha und 
mehr) Siedlungsland zu beschaffen. 

a) Staatsdomänen sind mit bestimmten Ausnahmen bei Ablauf des 
laufenden Pachtvertrages dem Siedlungsunternehmen höchstens zum Ertragswerte 
zum Kaufe anzubieten. 

b) Moor- und Oedland (Moorland, soweit es nicht schon planmäßig 
bewirtschaftet wird) kann von dem Siedlungsunternehmen im Enteignungsweg in 
Anspruch genommen werden. 

c) Das Vorkaufsrecht hat den Vorrang vor allen anderen Vorkaufs- 
rechten und kann gemäß den Vorschriften des GBB. ausgeübt werden, sobald 
der Eigentümer mit einem Dritten einen Kaufvertrag über ein Grundstück von 
mehr als 20 ha abgeschlossen hat. Bestimmte Ausnahmen (Verkauf zwischen 
nahen Verwandten u. a. m.) sind vorgesehen. 

d) Zur Beschaffung von Siedlungsland aus dem Großgrundbesitz wird 
dieser in Ansiedlungsbezirken, deren landwirtschaftliche Nutzfläche (nach der 
Betriebszählung von 1907) zu mehr als 13 v. H. auf Güter von 100 ha und mehr 
entfällt, zu rechtsfähigen Landlieferungsverbänden zusammengeschlossen. 
(Die Landeszentralbehörden können jedoch die Aufgabe der Landlieferungsver- 
bände auch auf andere Stellen, z. B. Landschaften u. a. m., übertragen.) Der 
Landlieferungsverband hat nun auf Verlangen des Siedlungsunternehmens zu 
Siedlungszwecken geeignetes Land aus dem Bestände der großen Güter zu an- 
gemessenem Preise zu beschaffen. Seine Verpflichtung ist erfüllt, sobald ein 
Drittel der landwirtschaftlichen Fläche der großen Güter für Siedlungszwecke 
bereitgestellt ist oder die Fläche dieser Güter nicht mehr als 10 v. H. der ge- 
samten landwirtschaftlichen Fläche des Bezirks beträgt. Zur Durchführung 
seiner Aufgaben sind dem Landlieferungsverband gegeben: 1) das oben unter c) 
erwähnte Vorkaufsrecht, das er an Stelle des Siedluugsunternehmens hat, 2) das 
Enteignungsrecht, dieses aber nur für den Fall, daß ein dringendes, auf andere 
Weise nicht zu befriedigendes Bedürfnis nach besiedlungsfähigem Lande besteht. 
Ueber die Enteignung und die Höhe der Entschädigung entscheidet ein be- 
sonderer Ausschuß. Die Landlieferungsverbände sollen in erster Linie auf die 
Güter zurückgreifen die während des Krieges von Nichtlandwirten erworben 
worden sind, die in den letzten 20 Jahren mehrmals den Besitzer gewechselt 
haben, die besonders extensiv oder schlecht bewirtschaftet werden, auf denen sich 
die Besitzer nur selten aufhalten u. a. m. 

Das Siedlungsunternehmen hat ein Wiederkaufsrecht für die von ihm be- 
gründete Ansiedlerstelle, wenn der Ansiedler sie ganz oder teilweise aufgiebt. 

Die Beschaffung von Pachtland für landAvirtschaftliche Arbeiter wird da- 
durch erleichtert, daß Landgemeinden (oder Gutsbezirke) verpflichtet weiden 
können, landwirtschaftlichen Arbeitern Gelegenheit zur Pachtung oder sonstigen 
Nutzung von Land zu geben. Die Landgemeinde kann das nötige Land, falls es 
auf andere Weise nicht beschafft werden kann, im Wege der Zwangspachtung 
oder Enteignung in Anspruch nehmen. 

Verordnung über die soziale Kriegsbeschädigten- und 
Kriegshinterbliebenenfürsorge. Vom 8. Februar 1919 (RGBl. 
S. 187 ff.). 

Zur Durchführung der Fürsorge, die vom Reiche übernommen wird, wird 
ein „Reichsausschuß der Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenen fürsorge" 
errichtet. Es ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Er besteht aus je 
einer Abteilung für die Kriegsbeschädigten- und die Kriegshinterbliebenenfürsorge. 
Beide Abteilungen bestehen aus Vertretern der Hauptfürsorgestellen (vgl. unten) 
und Vertretern solcher Vereinigungen der Kriegebeschädigten, die ihre Wirksam- 
keit auf duH ganze Reich erstrecken. Außerdem sind die Ludendorff-Spende und 
die Nationalstiftung vertreten. Der Reichsausschuß hat nun die Aufgabe, die 
Grundsätze für die Durchführung der Fürsorge aufzustellen, Gutachten zu er- 
atten, und die ihm für die Fürsorge zur Verfügung gestellten Mittel zu verwalten 



236 NationalökoDomische Gesetzgebong. 

und zu verwenden. (Die Nationalstiftung bleibt jedoch völlig selbständig.) 
Für jeden Bundesstaat werden eine oder menrere „Hauptfürsorgestellen der K." 
errichtet. Sie stellen entsprechend Richtlinien für die Verwaltung und Verwen- 
dung der Mittel innerhalb der Bezirke auf. Endlich sind auch für den Bezirk 
jeder unteren Verwaltungsbehörde amtliche Fürsorgestellen zu errichten. 

Verordnung über Anwartschaften in der Invalidenver- 
sicherung. Vom 9. Februar 1919 (RGBl. S. 191). 

An sich erlischt nach den Vorschriften der E.VO. die Anwartschaft, wenn 
während zweier Jahre nach dem Ausstellungstage einer Quittungskarte weniger 
als 20 Wochenbeiträge entrichtet worden sind. Dies Erlöschen soll nach vor- 
liegender Verordnung nicht eintreten, wenn die zwischen dem Eintritt in die Ver- 
sicherung und dem Versicherungsfalle liegende Zeit zu mindestens drei Vierteln 
durch ordnungsmäßig verwendete Beitragsmarken belegt ist, 

Verordnung über Krankenversicherung. Vom 3. Februar 
1919 (RGBl. S. 191 ff.). 

Die Bestimmungen der Reichsversicherungsordnung über die Kraukenver- 
sicherung werden in einer Reihe von Punkten geändert, deren wesentlichste 
folgende sind: Die Versicherungsfreiheit der ohne Beamteneigenschaft bei Reich, 
Bundesstaaten usw. beschäftigten angestellten Personen wird aufgehoben ; ebenso 
erlischt die Versicherungsfreiheit derjenigen in der Landwirtschaft beschäftigten 
Personen und Dienstboten, die gegen ihre Arbeitgeber Rechtsansprüche im um- 
fange der Krankenkassenleistungen hatten. 

Vgl. die frühere Verordnung vom 22, November 1918, oben 8. 230. 

Verordnung über die Pflicht der Arbeitgeber zur An- 
meldung eines Bedarfs an Arbeitskräften. Vom 17. Februar 
1919 (RGBl. S. 201 f.). 

Jeder Arbeitgeber, der 5 oder mehr Arbeitskräfte benötigt, ist verpflichtet, 
deren Zahl, Beschäftigungsarten usw. einem der zuständigen, nicht gewerbs- 
mäßigen Arbeitsnachweise anzumelden. Ebenso ist von einer Stellenbesetzung 
Mitteilung zu machen. Weitergehende Verordnungen von Demobilmachungs- 
behörden bleiben in Kraft. — Vgl. auch Verordnung vom 9. Dezember 1918, 
oben S. 232. 

Verordnung über die Errichtung von Arbeitskammern im 
Bergbau. Vom 8. Februar 1919 (RGBl. S. 202 ff.). 

I. Errichtung, Aufgaben und Zusammensetzung. Bis zu einer 
anderweitigen gesetzlichen Regelung sind durch Verfügung der Landeszentral- 
behörde je eine Arbeitskammer für den Kohlenbergbau des Ruhrgebiets und Ober- 
Bchleaiens zu errichten. Für andere Gebiete und Zweige des Bergbaus können 
weitere Arbeitskammern errichtet werden. — Sie haben vor allem die Aufgabe, 
sich an den Vorarbeiten für die Sozialisierung des Bergbaus zu beteiligen. Sie 
sind ferner zur Wahrnehmung der gemeinsamen wirtschaftlichen, fachlichen und 
sozialen Interessen ihres Gewerbes, sowie der auf den gleichen Gebieten liegenden 
Sonderinteressen der Arbeitgeber, der Arbeiterausschüsse und der gesaraten Ar- 
beiterschaft berufen. In Ausführung letzterer Aufgabe haben sie unter anderem 
durch Mitteilungen und Gutachten die Behörden bei Durchführung der behörd- 
lichen Vorschriften zu unterstützen, ein gedeihliches Verhältnis zwischen Arbeit- 
f;ebern und Arbeitern zu fördern, Arbeitsnachweise und Arbeitsbeschaffung zu 
ordern u. a. m. ; auch haben sie Anträge und Wünsche aus Kreisen der Arbeit- 
geber und -nehraer zu prüfen, — Durch die Verfügung über die Errichtung der 
einzelnen Arbeitskammern ist die Zahl der Mitglieder u. a. m. zu bestimmen. 
Diese soll nicht unter 20 betragen. Die Mitglieder müssen zur Hälfte aus den 
Arbeitgebern, zur Hälfte aus den Arbeitern entnommen werden. 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 

II. Wahlrecht und Wahl verfahren. Aktiv wahlberechtigt sind im 
wesentlichen alle Deutschen beiderlei Geschlechts im Alter von über 20 Jahren. 
Für die Wahl der Arbeitgeber setzt die Aufsichtsbehörde das Stimmrecht unter 
Berücksichtigung der Zahl der von den einzelnen Arbeitgebern beschäftigten Ar- 
beiter verschieden fest. Zur passiven Wahlberechtigung gehört außerdem im 
allgemeinen einjährige Tätigkeit in dem betreffenden Zweige des Bergbaus. Die 
Wahlen sind unmittelbar, geheim und finden nach den Grundsätzen der Ver- 
hältniswahl statt. Die Wahl findet auf 2 Jahre statt. 

ni. Kostenaufwand. Die Kosten sind, soweit sie nicht anderweit 
Deckung finden, von den Gemeinden zu tragen, in denen sich Zweige des Berg- 
baues befinden, die in der Kammer vertreten sind. Die Gemeinden können je- 
doch durch Ortsgesetz die Kosten auf die Arbeitgeber und Arbeiter abwälzen. 

rV. Geschäftsführung. 

V. Beaufsichtigung. Die Kammern unterliegen der Aufsicht der je- 
weils zuständigen höheren \ erwaJtungsbehörde. 

VI. Abteilung für Angestellte. 

Den Arbeitskammern sind besondere Abteilungen für Angestellt« anzu- 
gliedern. Aufgaben usw. wie oben bezüglich der Arbeiter. Bei gemeinsamen An- 
gelegenheiten kann die Abteilung mit der Arbeitskammer zusammentreten und 
gemeinsame Beschlüsse fassen. 

VII. Schlußbestimmung. 

Die Verordnung tritt alsbald in Kraft. 

Vgl. Gesetz vom 23. März 1919 — unten 8. 238 f., auch Verordnung vom 
18. Januar 1919, oben S. 233. 

Gesetz betr. die Feststellung eines dritten Nachtrags 
zum Reichshaushaltsplane für das Rechnungsjahr 1918. 
Vom 25. Februar 1919 (RGBl. S. 245 f.). 

Es wird ein Kredit von 25,3 Milliarden Mark bewilligt, vom dem 25 Milliarden 
Mark für die Demobilmachung (zusammen mit den Kriegskrediten 164 Milliarden 
Mark), 300 Millionen Mark zur Gewährung von Zuschüssen für die Baukosten 
neu zu errichtender Wohnbauten bestimmt sind. 

Uebergangsgesetz. Vom 4. März 1919 (RGBl. S. 2851). 

Die bisherigen Gesetze und Verordnungen des Reiches bleiben in Kraft, 
soweit nicht bestimmte andere Gesetze dem entgegenstehen, ebenso die vom Bäte 
der Volksbeauftragten oder der Regierung erlassenen Verordnungen. Soweit in 
Gresetzen u.sw. auf den Reichstag verwiesen wird, tritt an seine Stelle die National- 
versammlung; entsprechend tritt an die Stelle des Bundesrats der Staaten- 
aueschuß. 

Verordnung über die Regelung der Arbeitszeit der An- 
gestellten während der Zeit der wirtschaftlichen De- 
mobilmachung. Vom 18. März 1919 (RGBl. S. 315 ff.) Auf Grund 
des Erlasses vom 12. November 1918 (RGBl. S. 1304). 

Die regelmäßige tägliche Arbeitszeit ausschließlich der Pausen darf die Dauer 
von 8 Stunden nicht überschreiten. Dies gilt nicht für die Landwirtschaft, An- 

festellte in leitender Stellung oder mit bestimmtem Mindesteinkommen und Ge- 
ilfen und Lehrlinge in Apotheken. Für die Verkehrsgewerbe einschließlich 
Eisenbahn, Post und Telegraphie sind alsbald Vereinbarungen zwischen Be- 
triebsleitungen und Arbeitnenmerverbänden zu treffen. Abweicnende Regelungen 



238 NationalOkonomische Gesetogebong. 

sind unter bestimmten Umständen zulässig. — Vgl. wegen der Arbeiter Ver- 
ordnung vom 23. November 1918 oben 8. 231. 

Sozialisierungsgesetz. Vom 23. März 1919 (RGBl. S. 341f.). 

Wegen seiner grundlegenden Bedeutung sei das Gresetz in seinem vollen 
Wortlaut angeführt. 

§1. Jeder Deutsche hat unbeschadet seiner persönlichen Freiheit die sitt- 
liche Klicht, seine geistigen und körperlichen Kräfte so zu betätigen, wie es das 
Wohl der Gesamtheit erfordert. 

Die Arbeitskraft als höchstes wirtschaftliches Gut steht unt«r dem be- 
sonderen Schutze des Reichs. Jedem Deutschen soll die Möglichkeit gegeben 
werden, durch wirtschaftliche Arbeit seinen Unterhalt zu erwerben. Soweit ihm 
Arbeitsgelegenheit nicht nachgewiesen werden kann, wird für seinen notwendigen 
Unterhalt gesorgt. Das Nähere wird durch besondere Reichsgesetze bestimmt. 

§ 2. Das Reich ist befugt, im Wege der Gesetzgebung gegen angemessene 
Entschädigung 

1) für eine Vergesellschaftung geeignete wirtschaftliche Unternehmungen, 
insbesondere solche zur Gewinnung von Bodenschätzen und zur Aus- 
nutzung von Naturkräften, in Gemeinwirtschaft zu überführen, 

2) im Falle dringenden Bedürfnisses die Herstellung und Verteilung wirt- 
schaftlicher Güter gemeinwirtschaftlich zu regeln. 

Die näheren Vorschriften über die Entschädigung bleiben den zu erlassenden 
besonderen Reichsgesetzen vorbehalten. 

§ 3. Die Aufgaben der durch Reichsgesetz geregelten Gemeinwirtschaft 
können dem Reiche, den Gliedstaaten, Gemeinden und Gemeindeverbänden oder 
wirtschaftlichen Selbstverwaltungskörpern übertragen werden, pie Selbstverwal- 
tungskörper werden vom Reiche beaufsichtigt. Das Reich kann sich bei der 
Durchführung der Aufsicht der Behörden der Gliedstaaten bedienen. 

§ 4. In Ausübung der im § 2 vorgesehenen Befugnis wird durch besondere 
Reichsgesetze die Ausnutzung von Steinkohle, Braunkohle, Preßkohle und Koks, 
Wasserkräften und sonstigen natürlichen Energiequellen und von der aus ihnen 
stammenden Energie (Energiewirtschaft) nach gemeinwirtschaftlichen Gesichts- 
punkten geregelt. Zunächst tritt für das Teilgebiet der Kohlenwirtschaft ein 
Gesetz über die Regelung der Kohlenwirtschaft gleichzeitig mit diesem Gesetz 
in Kraft. 

§ 5. Dieses Gesetz tritt mit dem Tage der Verkündung in Kraft. 

Vgl. das folgende Gesetz. 

Gesetz über die Regelung der Kohlenwirtschaft. Vom 
23. März 1919 (RGBl. S. 342 ff.). 

Das Reich regelt die gemeinwirtschaftliche Organisation der Kohlenwirt- 
schaft, deren Leitung einem Reichskohlenrat übertragen wird. Die KohJen- 
erzeuger werden für bestimmte Bezirke zu Verbänden und diese zu einem Ge- 
samtverbande zusammengeschlossen. An der Verwaltung dieser Verbände sind 
die Arbeitnehmer nach näherer Anweisung der Reichsregierung zu beteiligen. 

Vor dieser Regelung soll zur Vorbereitung ein „Sachverständigen- 
rat für die Kohlenwirtschaft" berufen werden, dessen im folgenden ge- 
nauer angegebene Zusammensetzung entsprechend auch für den künftigen ReicHs- 
kohlenrat (s. oben) maßgebend sein soll. Der Sachverständigenrat soll aus 50 Mit- 

fliedern bestehen, von denen 48 von der Reichsregierung, 2 vom preußischen 
[andelsminister ernannt werden. Diese 50 Mitglieder setzen sich folgendermaßen 
znsammen: 



{ 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 239 

{13 Arbeitgebervertreter nach Vorschlag der der Arbeitsgemeinschaft der deut- 
schen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände*) angeschlossenen Berufs- 
organisationen, 
2 Arbeitgebervertreter gemäß Ernennung des preußischen Handelsministers, 
2 „ aus der kohlen verbrauchenden Industrie. 

115 Arbeitnehmervertreter nach Vorschlag der der Arbeitsgemeinschaft usw. 
angeschlossenen Berufsorganisationen, 
•^ 2 Arbeitnehmervertreter aus der kohlen verbrauchenden Industrie, 

I 2 technische Angestellte 1 nach Vorschlag der der Arbeitgemeinschaft 

' 1 kaufmännischer Angestellter / usw. angeschlossenen Angestelltenverbände. 
( 3 aus dem Kreise des Handels, 
7 j 2 Mitglieder aus dem Kleingewerbe, 
I 2 aus dem Kreise der Genossenschaften. 
1 städtischer Kohlen Verbraucher, 
1 ländlicher „ 

i 1 Sachverständiger für Kohlenbergbau, 
■ ) 1 „ „ Kohlen forschung, 

j 1 „ „ Verkehrswesen, 

[ 1 „ „ Dampfkesseltechnik. 

Endlich hat die ßeichsregierung der Nationalversammlung jeweils bei der 
Vorlegung des Haushaltsplanes über die durch dieses Gesetz geregelte Kohlen- 
wirtscnaft Bericht zu erstatten. 

Vgl. Verordungen vom 18. Januar 1919, oben 8. 233 und 8. Februar 1919, 
oben 8. 236 f. 

Gesetz über den Eintritt des Freistaats Württemberg 
n die Bier Steuergemeinschaft. Vom 27.März 1919(RGBl,S.345f.). 

Das Biersteuergesetz vom 26. Juli 1918 — vgl. Bd. 57, 8. 550 f. — gut auch 
für Württemberg. Württemberg erhält aus den Reineinnahmen 3,45 v. H., jedoch 
höchstens 15 Mül. M. im Jahre. 

Gesetz betr. die Feststeilung eines vierten Nachtrags 
zum Reichshaushaltsplane für das Rechnungsjahr 1918. 
Vom 29. März 1919 (RGBl. S. 361 f.). 

Das Gesetz sieht die Bewilligung von 136 000 M. für den Reichspräsidenten, 
das Reichsarbeitsministerium und das Reichschatzministerium vor. 

Gesetz betr. die vorläufige Regelung des Reichshaus- 
halts für das Rechnungsjahr 1919. Vom 29. März 1919 
(RGBl. 8. 363 ff.). 

Bis zur gesetzlichen Feststellung des Reichshaushaltsplanes für 1919 wird die 
Reichsregierung ermächtigt, für die Monate April— Juni 1919 alle Ausgaben zu 
leisten, die zur Erhaltung gesetzlich bestehender Einrichtungen und zur Durch- 
führung gesetzlich beschlossener Maßnahmen erforderlich sind u. ä. m. Außerdem 
werden eine Reihe kleiner Ausgaben, endlich werden 400 MiU. M. zu Gewährung 
von Teuerungszulagen an Beamte usw. bewilligt. 

Gesetz betr. die Vorlauf ige Regelung des Haushalts der 
Schutzgebiete für das Rechnungsjahr 1919. Vom 29. März 
1919 (RGBl. S. 368). 

Es werden die entsprechenden Bestimmungen wie zum Reichshaushaltsplan 
(vgl. vorstehendes Gesetz) getroffen. 

1) Diese Arbeitsgemeinschaft wurde zwischen den großen Arbeitgeberverbänden 
und Gewerkschaften der Arbeitnehmer eim<chließlicb der Angestelltenverbände am 15. No- 
vember 1918 vereinbart. Die Vereinbarung ist in Nr. 273 des „Beichsanzeigers" von 
1918 abgedruckt 



240 Miazellen. 



Miszellen. 

IX. 

"lieber „Zahlungsbilanzen". 

Von Karl Elster, 

„Handelsbilanzziffern sind ein beliebtes Vortragsstück des ökono- 
mischen Dilettantismus" ^). Dies mag richtig sein ; die ökonomische 
Wissenschaft hat deren nur sehr bedingte Bedeutung erkannt und auf 
Grund dieser Erkenntnis die Handelsbilanz — wenn nicht geradezu 
verstoßen, so doch auf jeden Fall — beiseite geschoben. Dafür hat 
sie einen häßlichen Wechselbalg liebevoll an ihre Brust genommen : 
die Zahlungsbilanz. 

unter Handelsbilanz verstand und versteht man die vergleichende 
Gegenüberstellung der Wareneinfuhr und Warenausfuhr eines Landes 
innerhalb eines beliebig angenommenen Zeitraumes. Dabei setzt man, 
zwecks Vornahme des Vergleiches, für die Waren deren Preise ein. 
Aktiv nennt man (mit einer gewissen sprachlichen Nachlässigkeit) die- 
jenige Bilanz, die einen aktiven Saldo, d. h. also: diejenige Handels- 
bilanz, die einen Ausfuhrüberschuß aufweist; passiv mithin diejenige 
Handelsbilanz, bei der die Einfuhr überwiegt. 

Die Handelsbilanz weist einen aktiven oder passiven Saldo auf, 
hat einen Saldo; und je nachdem dieser Saldo aktiv ist oder passiv, 
nennen wir auch die Bilanz selber aktiv oder passiv. Aber: die Handels- 
bilanz ist nicht der Saldo 2) ; dieses ebensowenig wie sie das Er- 
gebnis des Warenaustausches ist'). Angesichts der — sagen wir 
einmal: Sorglosigkeit in definiendo, die ein unschönes Kennzeichen 
unserer nationalökonomischen Fachliteratur ist, müssen leider auch 
Selbstverständlichkeiten dieser Art einmal ausdrücklich ausgesprochen 
werden. 

^Die Theorie von der Handelsbilanz beruhte auf einem doppelten 
Irrtum: zunächst dem Irrtum, daß den Reichtum eines Landes seine 
Bestände an Edelmetall ausmachten; und zweitens auf dem Irrtum, daß 
nur der Warenexport diesen Reichtum ins Land bringe. Beide Mei- 
nungen hat man schon längst als irrig erkannt; aber man hat es ver- 
säumt, nun auch sämtliche Folgerungen aus dieser Erkenntnis zu ziehen. 



1) Sartorius Prhr. v. Waltershausen, Das volkswirtschaftliche System der 
Kapitalanlage im Auslände, S. 79. 

2) Wörterbuch der Volkswirtschaft (3. Aufl.), Bd. 1, 8. 1238. 

3) Handwörterbuch der Staatswissenschaften (3. Aufl.), Bd. 5, S. 253. 



Miszelleu. 241 

Man ist auch hier auf halbem Wege stehen geblieben. Man hat wohl 
die unzulängliche Handelsbilanz durch die vermeintlich zureichende 
Zahlungsbilanz ersetzt ; aber man hat es unterlassen, sich darüber zu 
verständigen, ob denn eigentlich die der Handelbilanz zuerkannten Prä- 
dikate der Aktivität und Passivität auch auf die Zahlungsbilanz an- 
wendbar sind ; und bejahenden Falles : aus welchem Gesichtswinkel 
heraus eine Zahlungsbilanz als aktiv oder als passiv bezeichnet 
werden darf. 

Die Zahlungsbilanz, die also die früher zu Unrecht der Handels- 
bilanz zugeschriebene Bedeutung haben soll, umgreift nach herrschen- 
der Auffassung alle zwischenstaatlichen Wertübertragungen. Sie ergibt 
sich als die vergleichende Zusammenfassung aller von Staat zu Staat 
erfolgenden Vermögensverschiebungen, als deren wichtigste hier aufge- 
führt sein mögen: 

1) Der Warenverkehr. 

2) Kapitalübertragungen. 

3) Zinszahlungen, als deren Folge. 

4) Gewinne aus wirtschaftlichen Leistungen (Frachtgeschäft usw.), 
die im Auslande oder für das Ausland bewirkt werden. 

5) Ersparnisse von Wanderarbeitern; eingebrachtes Gut der Aus- 
wanderer. 

6) Der Reiseverkehr. 

Es ist nicht der Zweck dieser Skizze, der überall in der volks- 
wirtschaftlichen Literatur herumspukenden Zahlungsbilanz in alle 
Schlupfwinkel zu folgen. Zum Beweise der hiermit zunächst aufge- 
stellten Behauptung, daß man auch in Hinsicht auf die 
Zahlungsbilanz von deren aktivem und passivem Saldo 
spricht, mag an Stelle beliebig vieler Belege nur der folgende Satz 
angeführt werden, der erst neuerlieh der Feder eines führenden Fachver- 
treters — Karl Diehls — entflossen ist. „Durch unseren Export hoch- 
wertiger Fertigfabrikate gewinnen wir auch die Möglichkeit, das Gold 
in unser Land zu bekommen, das wir zur Deckung eines Passiv- 
saldos unserer Zahlungsbilanz i) brauchen 2)." 

Also : die Zahlungsbilanz kann einen Passivsaldo haben ; und diesen 
Passivsaldo kann man mit Gold abdecken. Diehl stellt sich somit 
ganz offensichtlich die Zahlungsbilanz in der Weise vor, wie sie — 
gleichfalls ganz neuerlich — E. van Dorp in einfachster Weise 
schematisch darzustellen gesucht hat-^), nämlich: 

Einfuhr und Fracht 1500 Ausfuhr und Goldausfuhr 2000 

Zinsen von ausländischem Kapital 



1) Im Original nicht gesperrt. 

2) üeber Fragen des Geldwesens und der Valuta während des Krieges and 
nach dem Kriege, S. 134. 

3) Die Bestimmungsgründe der intervalutarischen Kurse (Weltwirtschaftliches 
Archiv, Bd. 15, Juli 1919, S. 31). 

Juhrb. f. Natiunulük. u. Stat. Bd. 113 (Dritto Folgo Bd. 58). IQ 



242 Miszellen. 

oder „wenn dieses Land seine Einfuhr vergrößert, ohne gleichzeitig 
mehr auszuführen". ^) 

Einfuhr und Fracht 2500 Ausfuhr und Goldausfuhr 2000 

Zinsen 500 Ausländischer Kredit 1000 




3000 

Und Diehl würde gewiß diese zweite Bilanz im Verhältnis zur ersten 
als passiv, und den Bilanzposten „Ausländischer Kredit . . . 1000" 
als den Passivsaldo bezeichnen, dessen Abdeckung durch Goldausfuhr 
zu erstreben wäre. 

Oder nicht? Ich will und kann es nicht mit Sicherheit entscheiden. 
Es ist mir zu schwer, mich in den Gedankengang eines Autors hinein- 
zuversetzen, der es für möglich hält, einen Passivsaldo der deutschen 
Zahlungsbilanz mit Gold abzudecken, das zu diesem Zwecke erst aus 
dem Auslande importiert, also erst gekauft werden müßte 2) 

Mag dem nun schließlich sein, wie ihm wolle. Jedenfalls gibt es 
noch eine andere Meinung über Aktivität und Passivität einer Zah- 
lungsbilanz; die Meinung nämlich, daß eine Zahlungsbilanz 
passiv sei, wenn sie einen Ausfuhrüberschuß an Gold 
aufweise; daß also dieser Ausfuhrübers chuß der passive 
Saldo sei. 

Diese Auffassung ist ganz gewiß eine andere, als die von Diehl 
vertretene ; denn : wenn die Goldausfuhr die Zahlungsbilanz passiv ge- 
staltet, so kann man ganz gewiß nicht den Passivsaldo der Zahlungs- 
bilanz mit Gold abdecken. Hier also scheiden sich die Geister. 

Mag nach dem Deutschen Karl Diehl und der Holländerin 
E. van Dorp ein Schweizer zum Worte verstattet werden; Eduard 
Kellenberger: „Entweder geht man mit der Jahrhunderte alten 
Definition des Saldos der Zahlungsbilanz als in Edelmetall bestehend 
einig und dann . . . ." ^). 

Ja dann? Dann hat Kellenberger unstreitig recht, wenn er 
feststellt, daß alle Länder, die über den eigenen Bedarf hinaus Gold 
zutage fördern „einen unvermeidlich dauernd passiven Jahressaldo" *) 
haben müssen, und daß das beste Mittel, zu einer aktiven Zahlungs- 
bilanz zu gelangen, das wäre, dafür zu sorgen, ,.daß das Inland die 
Freude am Goldschmuck und an den goldenen Z;thlungsmitteln nicht 
verliere" ^). Dann bleibt den unglücklichen Ländern, die mit Gold- 
minen geschlagen sind, in der Tat nur die bange Wahl, ob sie ihre 
Goldminen stillegen oder sich mit einer stets passiven Zahlungsbilanz 
abfinden wollen. 



1) Die Bestimmungsgründe der intervalotarischen Kurse (Weltwirtschaftliches 
Archiv, Bd. 15, Juli 1919, S. 31). 

2) Vgl. des Verfassers: Die deutsche Valutapolitik nach dem Kriege, Stuttgart 
(Ferd. Enke) 1919. 

3) Wechselkurs und Zahlungsbilanz im Krieg und Frieden, Zürich 1919, S. 12, 

4) a. a. O. 8. 13. 

5) a. a. O. S. 25. 



Miszellen. 243 

An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen. Die hier behandelte 
„Jahrhunderte alte Definition des Saldos der Zahlungsbilanz als in 
Edelmetall bestehend" ist einfach — sit venia verbo — unsinnig. Sie 
ist wieder einmal ein Schulfall der auf unzureichender gedanklicher 
Durcharbeitung der Probleme beruhenden schiefen Analogie. Vom 
Standpunkte der merkantilistischen Wirtschaftsauffassung aus war es 
nur folgerichtig, eine Handelsbilanz aktiv zu nennen, wenn und weil 
sie einen Goldzufluß aufwies. Nachdem aber der theoretische Merkan- 
tilismus überwunden war, hätte man sich über die aus der neuen Ein- 
sicht in Hinsicht auf die Zahlungsbilanz zu ziehenden Folgerungen ge- 
legentlich einmal verständigen sollen. 

Zurück zu Karl D i e h 1. Verstehe ich ihn richtig, so begreift 
er unter dem Passivsaldo etwa so viel wie : nicht bezahlte Einfuhr ; 
oder noch allgemeiner: die kreditierte Verbindlichkeit. Passiv wäre 
hiernach die Zahlungsbilanz, wenn innerhalb der Bilanzperiade der 
Kredit des Auslandes in höherem Maße in Anspruch genommen wäre, 
als umgekehrt der Kredit des Inlandes durch das Ausland in Anspruch 
genommen worden ist. Kurz gesagt: die passive Zahlungs- 
bilanz wiese eine zunehmende Verschuldung an das 
Ausland nach, die aktive das Gegenteil. 

Das klingt ganz einleuchtend, und darf wohl auch als die heute 
herrschende Meinung angesprochen werden ; und doch : ich stocke wieder. 
Wie wäre eine Zahlungsbilanz zu beurteilen, wenn sie als „Passivsaldo" 
nicht kurzfristige Kredite des Auslandes, sondern statt dieses Postens 
etwa als Gegenwert ausgeführte inländische Effekten aufwiese? oder 
ausländische Effekten, die das Ursprungsland zurückerwirbt ? oder Effekten 
eines dritten Landes? Man möchte geneigt sein zu sagen: in allen 
diesen Fällen sei die Bilanz passiv; denn allemal sei die Verschuldung 
an das Ausland gewachsen, oder aber die Verschuldung des Auslandes 
— was auf das gleiche hinauslaufe — zurückgegangen. 

Ich wähle einige ganz einfache schematische Beispiele : 

Debet: Credit: 

Wareneinfuhr und beanspruchte Warenausfuhr und geleistete 

Dienste 1500 Dienste 1000 

Zinsen an das Ausland 500 Goldausfuhr 1000 

2000 2000 

Ist die Bilanz aktiv oder passiv? Wo ist der Saldo? Oder aber: 

Debet: Credit: 

Wareneinfuhr und Dienste 1000 Warenausfuhr und Dienste 2000 

Goldeinfuhr 1000 Ziu^•en vom Auslande 500 

Heimkehrende Effekten 1000 Kurzfristiger Auslandskredit 500 

3000 300a 

Ist die Bilanz aktiv oder passiv? Wo ist der Saldo? 
Ich frage weiter: 

Die Verschuldung an das Ausland betrage bei Abschluß einer 
ersten Bilanz: x . w (w = Währungseinheit); bei Abschluß einer zweiten: 

16* 



244 Misz eilen. 

2 X . w ; einer dritten : 3 x . w. Doch wohl passive Bilanzen ? Aber der 
Gegenwert der 3 x w ist im Lande, in Form von Eisenbahnschienen 
und -schwellen, von Lokomotiven und Schiffen; und die Volkswirt- 
schaftler schätzen, daß in der gleichen Zeit das Volksvermögen um 
10 X w angewachsen, und daß dieses Wachstum des Volksvermögens 
der Erschließung des Landes durch fremdes Kapital zu danken sei. 
Kann ein Land reich werden, wenn seine Zahlungsbilanz dauernd passiv 
ist? Gewiß; es kann. Mit Recht hebt Sartorius v. Walters- 
hausen hervor, daß der „volkswirtschaftlichen Wertung der Forde- 
rungsbilanz gegenüber . . . Individualisierung geboten" ^) sei, daß eine 
aktive Forderungsbilanz keine günstigen , eine passive keine ungün- 
stigen Begleiterscheinungen zu haben brauche (wenn dieses auch die 
Begel sei)^). 

Eine Zwischenbemerkung ist hier geboten: Was ich hier — weil 
es gemeinhin so genannt wird — Zahlungsbilanz nenne, was D i e h P) 
imd Kellenberger^) unter Zahlungsbilanz verstehen, nennt E. v a n 
Dorp2) bald Zahlungsbilanz, bald Forderungsbilanz. Anderwärts^) 
wieder werden zur Bezeichnung des hier behandelten Begriffes die ter- 
mini „Forderungsbilanz" oder „Verpflichlungsbilanz" empfohlen, aber 
nicht gebraucht, während Sartorius v. Waltershausen*) streng 
zwischen der Zahlungsbilanz und der Forderungsbilanz unterscheidet. 
Diese, nicht die Zahlungsbilanz im Sinne seines Sprachgebrauches, deckt 
sich (im wesentlichen) mit dem hier erörterten Begriffe. 

Sartorius v. Waltershausen hat hiernach erkannt, worauf 
es ankommt : Aus einer Zahlungsbilanz läßt sich überhaupt nicht er- 
sehen, ob die Vermögensverschiebungen, die sie aufweist, für das be- 
treffende Land eine günstige oder ungünstige Bedeutung haben. Wie 
ein Privatmann reicher werden kann, auch wenn von Jahr zu Jahr seine 
Schulden wachsen, so auch ein Land. Die Zahlungsbilanz schwdigt sich 
über die Entwickelung des Landes zum Reichtum vollständig aus. Sollte 
es sich bei dieser Sachlage nicht vielleicht empfehlen, auch das „Denk- 
schema" der Zahlungsbilanz und die Zahlungsbilanzziffern dem ökono- 
mischen Dilettantismus zu überlassen? Womit alsdann die Frage, aus 
welchem Gesichtswinkel heraus die Zahlungsbilanz als aktiv oder passiv 
zu betrachten wäre, für die Wissenschaft gleichfalls ihre Erledigung 
gefunden hätte. 

Was nach Beseitigung dieser Zahlungsbilanz alsdann noch bliebe, 
wäre — die Zahlungsbilanz; denn dieses Wort deckt neben dem hier 
als unbrauchbar verworfenen Begriffe noch einen zweiten. Nicht alle, 
die über die Zahlungsbilanz geschrieben haben, wissen dieses ^) ; und 



1) •. a. O. 8. 84, 86. 

2) ». a. O. 

3) Wörterbuch der Volkswirtechaft a. a. O. 

4) a. a. O. 8. 75. 

&) Vgl. etwa Lief mann im Weltwirtschaftlichen Archiv, Bd. 13, Heft 3, 8. 430 
E. van Dorp a. a. O. 



M i s z e 1 1 e n. 245 

von den wenigen, die es wissen, haben sich manche durch den gleichen 
Namen der beiden durchaus verschiedenen Begriffe dazu verführen 
lassen, Eigenschaften, die der eine Begriff aufweisen mag, auch 
bei seinem wesensfremden Namensvetter vorauszusetzen ^). um gleich 
zu sagen , worauf es hier ankommt : die Zahlungsbilanz im 
zweiten Sinne des Wortes hat keinen Saldo; kann ihn 
nicht haben. 

Die Zahlungsbilanz in diesem Sinne des Wortes ist — nach Sar- 
torius v. Waltershausen — die Gegenüberstellung fälliger , in 
Geld zahlbarer und beanspruchter Forderungen zwischen zwei 
Ländern. Sie trägt in der Tat einen völlig anderen Charakter als die 
Zahlungsbilanz im zuerst erörterten Sinne des Wortes. Bezieht sich 
diese auf einen Zeitraum, so jene auf einen Zeitpunkt; und weil 
sie sich auf einen einzigen Zeitpunkt bezieht, ist es 
praktisch überhaupt nicht möglich, sie aufzustellen. 
Wenn man in diesem Sinne von der Zahlungsbilanz spricht, so meint 
man darum im Grunde auch gar nicht die Gegenüberstellung der 
fälligen und beiderseits beanspruchten Forderungen, sondern deren 
Verhältnis zueinander. 

Diese beiderseits fälligen und beanspruchten Forderungen 
kommen stets zum Ausgleich, wenn auch gewiß nicht stets zum gleichen 
intervalutarischen Kurse; und weil sie stets zum Ausgleiche kommen, 
kann von einem Saldo der Zahlungsbilanz in diesem Sinne des Wortes 
überhaupt nicht die Rede sein. In diesem — und nur in diesem — 
Sinne begriffen, bezeichnet man wohl die Zahlungsbilanz als den Be- 
stimmnngsgrund des intervalutarischen Kurses. Dieses mit Recht; denn 
diese Zahlungsbilanz ist ja nur das Verhältnis von Angebot und Nach- 
frage nach Zahlungsmitteln, ist nur die jeweilige Marktlage (auf dem 
Valutenmarkte) 2). Zeigt sich ein Ueberangebot im Verhältnis zur Nach- 
frage, und sinkt infolgedessen der Kurs, so nennt man diese Zahlungs- 
bilanz passiv ; anderen Falles : aktiv. 

Mein Vorschlag? Auch in diesem Sinne des Wortes nicht mehr 
von Zahlungsbilanz zu sprechen. Gewiß : die Praxis tut es ; aber hat 
deshalb die Theorie die Pflicht, einer schlechten Gewohnheit sich an- 
zupassen? Denn: schlecht ist die Gewohnheit. Ein Verhältnis, eine 
Marktlage ist nun einmal noch etwas anderes als eine Bilanz. Die 
Verwendung des Wortes im doppelten Sinne hat — wie die heutige 
Geldliteratur zum Ueberdrusse beweist — zu den fatalsten Verwechse- 
lungen und Mißverständnissen geführt. Würde man auf den Gebrauch 
des Wortes in Zukunft verzichten : ich zweifele nicht daran, daß manche, 
die sich heute bekämpfen, auf Annäherung, vielleicht auf Versöhnung 
hoffen dürften. Wir haben das mißverständliche Wort ja auch gar nicht 
nötig. G. Fr. Knapp hat uns eine Theorie des intervalutarischen 

1) 80 Kellenberger, a. a. O. S. 14. 

2) Vgl. 6 e n d i X e □ , Vom theoretischen Metalliamos. Dies« „Jahrbücher", Bd. 1 12, 
III. F. Bd. 57, S. 527 Anm. 3. 



246 Miszclleu. 

Kurses von musterhafter Klarheit gegeben — dieselbe Theorie, die heute 
als „Zahlungsbilanztheorie" mißverstanden ^) und bekämpft wird — aber 
das beanstandete Wort gebraucht er nicht; und lehrt doch nichts anderes 
als was in der hier bekämpften Terminologie, wie folgt, ausgedrückt 
wird : Der intervalutarische Kurs ist der Ausdruck (oder auch : das Er- 
gebnis) der Zahlungsbilanz. 

Nicht jeder wird geneigt sein, — mit Knapp — von den „panto- 
polischen Beziehungen" der Staaten zu sprechen. Es bedarf aber dieses 
neugeprägten Kunstausdruckes schließlich auch nicht. Der intervalu- 
tarische Kurs ist das Ergebnis der zwischenstaatlichen Zahlungsbe- 
ziehungen. Dieser gewiß eindeutige Satz sagt alles, was den Inhalt der 
„Zahlungsbilanztheorie" ausmacht. 



1) So u. a. TOD Lief mann a. a. O., von E. van Dorp a. a. O. 



Hiäzellen. 247 



X. 

Ein Ausweg aus den Nöten der Zeit? 

Von Dr. Georg Jahn, a. o. Professor an der Teohniachen Hochschule Braunschweig. 

Auch bei einem glücklicheren Ausgange des Krieges für Deutsch- 
land mußte mit einer starken beruflichen Umschichtung der Bevölke- 
rung gerechnet werden. Der Verlust der wichtigsten Auslandsmärkte 
in Europa und Uebersee, und die Unzulänglichkeit der eigenen Rohstoff- 
erzeugung, die die Entente gerade bei einem militärischen Siege Deutsch- 
lands mit Hilfe des Wirtschaftskrieges aufrechtzuerhalten gewußt hätte, 
machten die sofortige Wiederaufnahme der industriellen Produktion in 
Umfang und Art der Vorkriegszeit unmöglich. Eine starke Ueberfüllung 
des gewerblichen Arbeitsmarktes nach Kriegsende stand deshalb in 
gewisser Aussicht und erforderte umfassende Vorbeugungsmaßregeln, 
wenn eine Katastrophe vermieden werden sollte. Die Katastrophe ist 
denn auch nicht ausgeblieben und hat infolge der überstürzten De- 
mobilisation und der unter dem Drucke der revolutionären Ereignisse 
eingeleiteten grundverkehrten Sozialpolitik einen Umfang angenommen, 
der in der Wirtschaftslage Deutschlands nicht begründet war. Von 
Monat zu Monat stieg die Zahl der erwerbslosen Industriearbeiter in 
den Groß- und Mittelstädten, während auf dem Lande mit der Rück- 
kehr der Kriegsgefangenen in ihre Heimatländer und der Abwanderung 
der noch in Deutschland befindlichen slawischen Wanderarbeiter die 
Leutenot trotz der Demobilisation mit dem Herannahen der Bestellzeit 
unausgesetzt in gefährlicher Weise stieg. Der Versuch, einen erheb- 
lichen Teil der erwerbslosen Industriearbeiter als Tagelöhner und 
Knechte in der Landwirtschaft unterzubringen, scheiterte an der Er- 
werbslosenunterstützung, der Abneigung gegen die schwere Landarbeit, 
der Arbeitsverfassung in den landwirtschaftlichen Groß- und Mittel- 
betrieben, dem Mangel an geeigneten Familienwohnungen in den 
Dörfern und der organisatorischen Unfähigkeit der sozialistischen 
Reichs- und Landesregierungen. Und doch wäre dies der einzige 
gangbare Weg für eine vorübergehende Entlastung des indu- 
striellen Arbeitsmarktes gewesen, durch den gleichzeitig die Nahrungs- 
mittelversorgung Deutschlands vom Sommer 1919 ab wesentlich hätte 
verbessert werden können. Für eine dauernde Verschiebung und 
Umschichtung der Bevölkerung kommt er dagegen nicht in Betracht, 
da der Industriearbeiter das durch die Revolution noch wesentlich ver- 
besserte und freier gestaltete gewerbliche Lohnarbeiterverhältnis nur 
im Falle dringendster Not mit dem engeren des Landarbeite»e ver- 



248 Miszellen. 

tauschen wird. Hier kann nur eine großzügige „innere Kolonisation" 
helfen, die in der Aussicht auf wirtschaftliche Selbständigkeit einen 
starken Anreiz wenigstens für Arbeiter ländlicher Abstammung besitzt. 
Sie ist durch die Verordnung der Reichsregierung vom 29. I. 1919 
eingeleitet worden und kann eine große Bedeutung für den wirtschaft- 
lichen Wiederaufbau Deutschlands erhalten. 

Daß im dichtbevölkerten Deutschen Reiche auf dem Lande bei 
anderer Besitzverteilung Platz für wesentlich mehr Menschen als bisher 
sein würde, zeigt eine Berechnung, die Oppenheimer i) bereits vor 
dem Kriege angestellt hat, und die er jetzt der Hauptsache nach in 
einer kleinen Schrift wiederholt. Bekanntlich beträgt die bisher in 
Deutschland landwirtschaftlich genützte Fläche ca. 32 Mill. ha, auf 
denen 1907 zur Zeit der letzten Betriebs- und Gewerbezählung rund 
17 Mill. Köpfe lebten. Da sich die landwirtschaftliche Bevölkerung 
inzwischen kaum vermehrt hat, kommen also auf den Kopf 2 ha Nutz- 
fläche oder fast 10 ha auf die durchschnittlich ftinfköpfige Familie. 
Das ist ungefähr das Doppelte von dem, was nach dem Urteil der 
landwirtschaftlichen Sachverständigen eine Bauernfamilie braucht, um 
anständig leben zu können. Im großen Durchschnitt bewirtschaftet 
schon heute eine Bauernfamilie nicht mehr, da 1907 von den insgesamt 
2,4 Mill. Hauptbetrieben rund 2 160 000 (d. s. etwa 90 Proz.) den fünf 
untersten landwirtschaftlichen Betriebsgrößenklassen (bis Yg ^^j V2 — ^ ^^> 
2 — 5 ha, 5 — 10 ha, 10 — 20 ha) angehörten. Diese hatten zusammen 
12,6 Mill. ha oder 44 Proz. der landwirtschaftlich genutzten Fläche 
inne, so daß auf jede selbständige Bauernwirtschaft durchschnittlich 
etwa 5,8 ha entfallen. Daraus folgt, daß im allgemeinen in Deutsch- 
land 1 ha auf den Kopf und 5 ha auf die Familie unter den Verhält- 
nissen westeuropäischer Kultur genügen, um den Landwirten eine 
mittelständische Existenz zu gewähren. Bei näherer Betrachtung er- 
gibt sich ferner, daß die Fläche von 5 ha auch ungefähr das Höchstmaß 
dessen ist, was eine Bauernfamilie ohne Gesinde und Hilfskräfte be- 
stellen kann, wenn sie sich gleichzeitig einer intensiven Viehzucht be- 
fleißigt. Denkt man sich das landwirtschaftliche Nutzland entsprechend 
dieser Berechnung auf die 17 Millionen landwirtschaftlicher Bevölkerung 
verteilt, so würden von der heute genutzten Fläche von 32 Mill. ha 
noch 15 Mill. ha zur Besiedlung übrig bleiben, und da aus geringen 
Weiden, Oed- und Moorland, sowie aus Forsten auf relativem Wald- 
boden noch mehrere Millionen ha dazu gewonnen zu werden vermögen, 
könnten insgesamt in Deutschland bei Zugrundelegung der heutigen 
Betriebstechnik 30 — 40 Mill. Menschen von bäuerlicher Landwirtschaft 
existieren, ohne zu darben 2). Das ist mehr als das Doppelte wie bisher. 



1) Franz Oppenheimer, Die soziale Frage und der Sozialismus. 188 SS. 
Jena (Qustav Fischer) 1912. — Derselbe, Der Ausweg. Notfragen der Zeit. 2. Aufl. 
74 SS. Jena (Gustav Fischer) 1919. 

2) Durch den Verlust der polnischen und elsaß-lothringischen Gebiete versichiebt 
sich die Berechnung Oppenheimers nicht unwesentlich, da sich darunter unterdurch- 
schnittlich besiedelte Bezirke befinden. Sie behält aber für die Verdeutlichung <Ier 
Frage tAtzdem ihren Wert. 



Miszellen. 249 

Für eine Zuteilung von Land in dem genannten Ausmaße — dieses 
natürlich immer im großen Durchschnitt genommen, während es in der 
Praxis je nach der Bodenbeschaffenheit und den klimatischen Verhält- 
nissen etwa von 2 — 10 ha schwanken müßte — kommen in erster Linie 
die über 9 Mill. landwirtschaftlicher Arbeiter nebst Angehörigen in 
Betracht, die überhaupt kein Land oder so gut wie keins besitzen, 
weiter die Zwerg- und Kleinbauern, die mit zu wenig Land ausgestattet 
sind (rund 2 Mill. Betriebe mit i/g — 2 ha, rund 1 Mill. Betriebe mit 
2 — 5 ha), der Nachwuchs der Landarbeiter- und Bauernbevölkerung, 
der bisher zum größten Teil in die Städte abwanderte, und endlich 
Industriearbeiter, Angestellte und Handwerker ländlicher Abstammung. 
Als Träger der Innenkolonisation sieht die erwähnte Verordnung die 
gemeinnützigen Siedlungsgesellschaften vor, die in den letzten Jahren 
überall in Deutschland unter Beteiligung von Bundesstaaten, Gemeinden, 
Genossenschaften, Banken, Vereinen und Privaten entstanden sind. 
Ihnen sollen als Siedlungsland in erster Linie die Staatsdomänen (in 
Preußen allein 424 000 ha), das kulturfähige Moor- und Oedland (min- 
destens 2 Mill. ha), das zum Teil enteignet werden muß, und das vom 
Großgrundbesitz freiwillig für Siedlungszwecke oder an Stelle einer 
Vermögensabgabe zur Verfügung gestellte Land zugewiesen werden. 
Ferner erhalten sie das Vorkaufsrecht auf alle zur Veräußerung ge- 
langenden Güter über 20 ha Größe und sind schließlich nach Bedarf 
von den „Landlieferungsverbänden" zu versorgen, zu denen sich die 
Gutsbesitzer zusammenzuschließen haben, und die bis zu einem Drittel 
der Nutzfläche ihres Bezirkes enteignen dürfen. Da die etwa 36 000 
Großbauern mit je 50 — 100 ha und die 23 000 Großgrundbesitzer mit 
mehr als 100 ha nach der Zählung von 1907 insgesamt etwa 91/2 Mill. ha 
(= ca. 30 Proz. des gesamten Nutzlandes) besaßen, können auf die 
letztgenannte Art reichlich 3 Mill. ha, und mit den Domänen und dem 
Moor- und Oedland zusammen 5 — 6 Mill. ha Siedlungsfläche gewonnen 
werden, Land genug, um zunächst 1 Million Bauernfamilien (mit 5 Mill. 
Köpfen) hinreichend auszustatten ^). Für eine weitere Bauernkolonisation 
müßte dann allerdings der wesentliche Bestand der landwirtschaftlichen 
Großbetriebe angegriffen werden, die — abgesehen von den Staats- 
domänen — vorläufig noch geschont werden sollen. 

Für das bei der Landaufteilung anzuwendende Verfahren bildet 
die Praxis der preußischen Ansiedlungskommissionen das vielfach be- 
währte Vorbild. Diese haben in 25 Jahren — allerdings unter er- 
schwerten Umständen, in einem begrenzten Gebiete und ohne An- 
wendung der Enteignung — nur etwa Yi Mill. ha Land aufgeteilt und 
besiedelt, arbeiteten also ziemlich langsam, da Erwerb, Aufteilungsplan, 
Vermessung, Zwischenverwaltung , Ordnung der Finanzen, Wegebau, 
Brunnenanlage, Gebäudeherstellung usw. erhebliche Zeit in Anspruch 
nehmen. Bei gleichem Verfahren würden deshalb auch dann noch 

1) Vgl. zum Vorstehenden Max Serin g, Erläuterungen zu dem Entwurf eines 
Reichsgeaetzes zur Beschaffung von landwirtschaftlichem Siedlungsland (Verordnung v. 
29. I. 1919). Hier ist auch das statistische Material übersichtlich zusammengestellt. 



250 Miszellen. 

mehrere Jahrzehnte zur Ansiedlung der einen Million Bauern erforder- 
lich sein, wenn über ganz Deutschland ein enges Netz ähnlicher 
Organisationen ausgespannt würde. Auch sind die Kosten, die Sied- 
lern wie Siedlungsorganisationen daraus erwachsen, nicht unerheblich 
(Zwischen Verwaltung, Landverlust für Wege und Raine, Entwertung 
der alten Gutsgebäude, Errichtung der Bauernhöfe, Fürsorge für Kirche, 
Schule und Gemeinde); sind doch für die 600000 ha, die durch die 
preußische Ansiedlungskommission aufgeteilt worden sind, bei ganz 
anderen Preisen, als sie in der nächsten Zukunft in Frage kommen, 
nicht weniger als 1 Milliarde M. aufgewendet worden. Wenn nun auch 
die Beschaffung der Mittel durch die Möglichkeit der Kapitalisierung 
der Kriegsrenten für die Siedler wesentlich erleichtert worden ist, so 
bleiben die erforderlichen Kapitalien doch immer noch groß genug, 
um gerade die Landarbeiter, auf deren Ansiedlung es vor allem an- 
kommt, zum großen Teile auszuschließen und die großgedachte Reform 
zu einer halben Maßregel zu machen. 

Daß die innere Kolonisation auch in dem vorgesehenen Umfange 
eine tiefgreifende Verschiebung der Bevölkerung herbeiführen würde, 
kann keinem Zweifel unterliegen. Seit Th. v. d. Goltz zum ersten Male 
den Satz aufstellte, daß die Auswanderung mit dem Umfange des Groß- 
grundbesitzes parallel gehe, sind genauere Untersuchungen über die 
Wanderungsbewegung innerhalb Deutschlands angestellt worden und 
haben gezeigt, daß das Wachstum der Großstädte und Industriebezirke 
bei geringer Eigenvermehrung vorzugsweise auf Kosten des Landes und 
damit der Landwirtschaft erfolgt ist. Die Bezirke vorwiegenden Groß- 
grundbesitzes in Ostelbien haben nicht nur ihren ganzen Geburten- 
überschuß abgestoßen, sondern darüber hinaus noch absolut verloren, 
und auch die Großbauernbezirke des Nordwestens haben den größten 
Teil ihres Nachwuchses an die Städte abgegeben, während sich in den 
mittel- und kleinbäuerlichen Gebieten des Südens und Westens die 
Volksdichte wesentlich gehoben hat. Mit der Durchführung der inneren 
Kolonisation würde dagegen eine rückläufige Bewegung eintreten, deren 
theoretische Wirkungen Oppenheimer in den genannten beiden 
Schriften in ausgezeichneter Weise gekennzeichnet hat i). Mit der Be- 
seitigung der durch den Großgrundbesitz hergestellten Bodensperre 
würde der Nachwuchs der Landbevölkerung der Notwendigkeit über- 
hoben werden, sich als Landarbeiter zu verdingen oder als ungelernte, 
lohndrückende Arbeitskräfte in die Industrie zu gehen. In den Groß- 
städten und Industriebezirken würde also die Zuwanderung vom Lande 
ganz oder zum größten Teile ausbleiben, ja es würde wahrscheinlich 
ein Teil der Industriearbeiter und Gewerbegehilfen zurückwandern, um 
sich als Bauern oder Landhandwerker anzusiedeln. Für den industriellen 
Arbeitsmarkt bedeutet das : Rückgang des Angebots, Steigerung und 



1) Anf die Einzelheiten der theoretischen Konstruktion Oppenheimers kann hier 
nicht naher eingegangen werden. Seine Darstellung bleibt auch dann noch sehr be- 
achtenswert, wenn man nicht alle Voraussetzungen, auf denen er aufbaut, für ge- 
geben hält. 



Mis Zellen. 251 

dauernden Hochstand der Löhne und Senkung des Unternehmergewinnes 
bis zum völligen Verschwinden (nicht aber des Unternehmer 1 o h n e s 
und des Konjunkturgewinnes für besondere Leistungen , die als be- 
rechtigt immer bestehen bleiben werden). Auf der einen Seite würde 
die Zahl der „Selbstversorger" rasch wachsen und die ländliche Nach- 
frage nach Industrieprodukten (wie landwirtschaftlichen Maschinen und 
Geräten, Baumaterialien u. dgl.) erheblich steigen, auf der anderen 
aber die Großstädte von einer Bevölkerung entlastet werden, für die 
es in Deutschland nach dem Kriege möglicherweise kaum Nahrung, 
Wohnung und Arbeitsgelegenheit gibt. 

Das letztere gilt jedoch nur unter der Voraussetzung, daß Deutsch- 
land durch den Wirtschaftskrieg nach dem Kriege dauernd oder doch 
auf längere Zeit von seinen wichtigsten Absatzgebieten abgeschnitten 
würde. Durch den unglücklichen Ausgang des Krieges und den 
Friedensschluß haben sich jedoch die Verhältnisse stark verschoben. 
Deutschland hat außerordentlich hohe und drückende Verpflichtungen 
gegenüber seinen bisherigen Feinden, die es im wesentlichen nur durch 
die größtmögliche Ausfuhr hochwertiger Industrieprodukte bei gleich- 
zeitig stärkster Beschränkung der Einfuhr an Nahrungsmitteln und 
industriellen Erzeugnissen erfüllen kann. Das aber bedeutet auf der 
einen Seite nicht Einschränkung, sondern Erweiterung und Intensivierung 
der industriellen Produktion, auf der anderen Seite Steigerung der 
Ergiebigkeit des Bodens möglichst bis zu dem Grade, daß die Einfuhr 
von Nahrungs- und Futtermitteln dauernd entbehrt werden kann. Ob 
die erstere Aufgabe allein durch Erhöhung der Intensität bei gleich- 
zeitigem Verlust eines Teiles der Arbeitskräfte erfüllt werden kann, 
ist mehr als unwahrscheinlich. Dagegen könnte die Landwirtschaft 
durch die Ansetzung stark vermehrter Kräfte im arbeitsintensiven 
Kleinbetrieb die Erträgnisse des Ackerbaues und der Viehzucht nach 
und nach wahrscheinlich so steigern, daß der innere Bedarf an Lebens- 
mitteln vollständig gedeckt würde. Es ist aber die Fr^ge, ob nicht 
das gleiche Ziel mit weniger Arbeitskräften auf anderem Wege auch 
erreicht werden kann. Heute gilt es als ausgemacht, daß der land- 
wirtschaftliche Kleinbetrieb dem Großbetrieb überlegen sei, und die 
tatsächlichen Wirtschaftsergebnisse scheinen die Richtigkeit dieser 
Behauptung zu erhärten. Indessen werden bei dem Vergleich zwischen 
dem mittel- und kleinbäuerlichen Westen und Süden und den Bezirken 
vorwiegenden landwirtschaftlichen Großbetriebes, der im großen Durch- 
schnitt sowohl bezüglich der Intensität der Viehzucht als auch der 
Hektarertragnisse allerdings eine Ueberlegenheit des arbeitsintensiven 
Kleinbetriebs ergibt, die großen Unterschiede in der Bodenbeschaffen- 
heit und den klimatischen Verhältnissen allzu wenig berücksichtigt. 
Es ist aber sehr die Frage, ob der Kleinbetrieb überall die gleichen 
günstigen Ergebnisse erzielen würde wie in seinen Hauptverbreitungs- 
gebieten, die nach Bodenbeschaffenheit und Klima im allgemeinen vor 
dem Osten bevorzugt sind. Sicher ist jedenfalls, daß der Arbeitsauf- 
wand im Großbetrieb relativ geringer ist als im Kleinbetrieb. Das 
beweist z. B. die nachstehende Uebersicht (nach der Zählung von 1907), 



252 



M isseilen. 



die einer älteren Arbeit Serings i) entnommen ist und nur durch die 
Berechnungen in Spalte 4 und 5 vermehrt wurde: 



Größen- 
klasse 

ha 


Anbau- 
fläche 

ha 


Gesamt- 
zahl der 
ständig 
tätigen 
Personen 


Anf 1 ha 

ständig 

tätige 

Personen 


Auf 1 
ständig 

tätige 
Person 

ha 


Auf 

1 qkm 

entfallen 

Stück 
Rindvieh 


Auf 

1 qkm 

entfallen 

Stück 
Schweine 


Auf 1 ständigtätige 
Person entfallen 


Stück 1 a*~ . 
Rind Stuck 
Vieh Schweine 


2—5 
5—20 
20—100 
über 100 


9 305 000 

10422000 

9 322 000 

7 055 000 


2 346 000 

3 891 000 
I 804 000 
I 068 000 


0,26 
0,37 
0,19 
0,15 


4,0 
2,7 
5,2 
6,6 


95,6 
75,6 
56,9 
33,0 


94.0 
60,8 
39,2 
19,6 


I,S4 1,19 
2,02 1,62 
2,94 2,02 
2,18 ! 1,29 



Diese Uebersicht, die Sering für den Kleinbetrieb und die Notwendig- 
keit der inneren Kolonisation anführt, zeigt zunächst, daß die Zahl der 
auf die Flächeneinheit entfallenden Arbeitskräfte mit der Betriebsgröße 
sinkt und umgekehrt die im Gesamtdurchschnitt von einer ständig 
tätigen Person bestellte Fläche mit der Betriebsgröße steigt. Diesem 
Mehraufwand an Arbeitskraft im Kleinbetrieb (das Anderthalb- bis 
Zweieinhalbfache !) entspricht jedoch keineswegs der Mehrertrag der 
Flächeneinheit, da — ebenfalls nach Sering 2) — z. B. an Roggen im 
Durchschnitt der Jahre 1899/1907 auf den Hektar geemtet wurden: 
in den östlichen Provinzen vorwiegenden Großbetriebes zwischen 13,2 dz 
(Westpreußen) und 14,6 dz (Pommern), dagegen in den westlichen und 
südwestlichen Provinzen und Bezirken vorwiegenden Kleinbetriebes 
15,7 dz (Baden), 16,2 dz (Hannover), 18,3 dz (Rheinland), 20,0 dz (Braun- 
schweig), 20,0 dz (Hessen) und 20,1 dz (Pfalz) Ebenso ergibt eine 
Berechnung Ballods, daß die Roherträge des Großbetriebs, auf die 
Arbeitseinheit bezogen , größer sind als im Kleinbetrieb , denn es 
wurden in den Jahren 1904/1908 auf 1 landwirtschaftlich Erwerbs- 
tätigen an Getreide geerntet in Westdeutschland 2,74 t, in Mittel- 
deutschland 4,38 t, in Pommern 4,99 t und in Mecklenburg 5,73 t, 
an Kartoffeln in Westdeutschland 4,36 t, in Mitteldeutschland 5,90 t, 
in Mecklenburg 6,66 t und in Pommern 9,44 t. 

Die nach den hier mitgeteilten Ziffern der Statistik unbestreitbare 
Ueberlegenheit des landwirtschaftlichen Großbetriebes beruht zum guten 
Teil auf der wesentlich stärkeren Benutzung Menschen sparender Ma- 
schinen und Geräte, deren Verwendung große Flächen und große Mengen 
voraussetzt und deshalb im Kleinbetrieb gar nicht möglich ist. Die 
nachfolgende Uebersicht veranschaulicht die Maschinenverwendung des 
Jahres 1907 zur Zeit der letzten Betriebszählung. Danach benutzten 
von je 100 Betrieben : 



1) Max Sering, Die Verteilung des Grundbesitzes und die Abwanderung vom 
Lande. Berlin 1910. — Vgl. auch Serings bereits erwähnte Erläuterungen zu dem 
Entwürfe eines Reichsgesetzes zur Beschaffung von landwirtschaftlichem Siedlungsland, 
S. 10. 

2) A. a. O., 8. 32. 



Miszellen. 



253 



Größenklasse 


Dampf- 
pflüge 


Säe- 
masobinen 


Mäh- 
maschinen 


Dampf- 

dresch- 

maschinen 


Andere 
Dresch- 
maschinen 


Milchzeiilii- 
fugen, Sepa- 
ratoren 


bis 2 ha 

2— 5 „ 

5— 20 „ 

20-100 „ 

über 100 „ 


0,00 
0,00 
0,01 

0,12 
10,84 


o,ö 

2,1 
11,4 

39,8 

IOO,0 


o,i 
o,7 

12,9 
82,4 


2,1 
12,7 
19,1 
26,3 

74,» 


1,3 
16,3 

5o,(> 
74,1 

38:4 


0,9 

5,7 

17,0 
30,« 
28,4 



Es kann ja auch keinem Zweifel unterliegen, daß hier die Hauptquelle 
der Arbeiterersparnis fließt, wenn man untersucht, was z. B. ein Dampf- 
pflug gegenüber einem Ochsenpflug, eine Säemaschine gegenüber dem 
Säemann, eine Mähmaschine gegenüber dem Handschnitter und eine 
Dampfdreschmaschine gegenüber dem einfachen Drescher zu leisten 
vermag. 

Wesentlich anders liegen die Verhältnisse bezüglich der Viehzucht, 
dem eigentlichen Gebiete des landwirtschaftlichen Kleinbetriebes. Auf 
die Flächeneinheit kommen hier beim Kleinbetrieb 2 bis 3mal soviel 
Stück Rindvieh und 3 bis 5mal soviel Schweine als bei Betrieben mit 
mehr als 100 ha Nutzfläche; dagegen ist die Ausnutzung der einzelnen 
Arbeitskraft auch bei der Viehzucht im Großbetrieb eine günstigere, 
da hier auf eine ständig tätige Person mehr Stück Rindvieh entfallen 
als im Kleinbetrieb, und nur in der Schweinezucht das Bauern- und 
Großbauerngut dem Großbetrieb wesentlich überlegen ist. Die günstige 
Bilanz zwischen Arbeitsaufwand und Erträgnissen in der B-indvieh- 
zucht ist allerdings wesentlich darauf zurückzuführen, daß der Groß- 
betrieb in erheblichem Umfange dafür geringe Weiden und Oed- 
land mitverwendet, die teilweise größere Roherträge bringen könnten, 
wenn sie unter den Pflug genommen würden. 

Wenn die angeführten Ziffern richtig sind, so kann schwerlich die 
Behauptung aufrecht erhalten werden, daß der landwirtschaftliche Klein- 
betrieb dem Großbetrieb überlegen sei und ein von der West- bis zur 
Ostgrenze nur mit Bauern besiedeltes Deutschland den Nahrungsmittel- 
bedarf des Volkes besser und sicherer zu decken vermöchte als eine 
zum Teil oder vorzugsweise in Großbetrieben organisierte Landwirt- 
schaft. Auf jeden Fall würde die letztere den gleichen Erfolg bei 
zweckmäßiger Organisation und rationeller Wirtschaft mit weniger Ar- 
beitskräften erzielen können. Und wenn Deutschland die industrielle 
Arbeiterschaft in unvermindertem Umfange brauchen sollte, um seinen 
hohen Auslandsverpflichtungen zu genügen, so ist die volkswirtschaft- 
liche Aufgabe nicht lediglich die, Deutschland in der Nahrungsmittel- 
versorgung möglichst unabhängig vom Auslande zu machen, sondern 
dies mit dem geringstmöglichen Arbeitsaufwande zu bewerkstelligen. 
Das aber setzt weitestgehende Anwendung aller Errungenschaften der 
Agrikulturchemie und der Technik (besonders der Maschinentechnik) 
voraus, die nur im Großbetriebe denkbar ist. Dieser ist bisher schon 
in der Verbesserung des Anbaus durch planmäßig-wissenschaftliche 



254 Miseellen. 

Anpassung an Boden und Klima, in der zweckmäßigen Verwendung 
künstlicher Düngemittel sowie in der Benutzung verbesserter Geräte 
und Maschinen führend gewesen, weil er allein die hierzu unentbehr- 
liche durchgebildete Leitung besitzt, und er wird es in der Zukunft 
noch mehr werden, wenn ihm das deutsche Reich den bisherigen Zoll- 
schutz nicht weiter gewähren kann oder will. Der Kleinbetrieb da- 
gegen ist nur dort besonders leistungsfähig, wo ihm Arbeitskräfte in 
verschwenderischer Fülle zur Verfügung stehen und die Arbeitsmenge 
den Ausschlag gibt (wie z. B, in ' der Schweinezucht, auch in der 
Kleintierzucht). Im allgemeinen aber hindert ihn der Bildungsmangel 
seiner Leiter, der durch Wanderlehrer und Fachschulen nicht in ge- 
nügender Weise ausgeglichen werden kann, die langsame Aufnahme 
agrikulturchemischer und betriebstechnischer Erkenntnisse und die Un- 
möglichkeit der Verwendung großer Maschinen und Geräte auf kleiner 
Fläche daran, den Wettbewerb mit dem Großbetriebe aufzunehmen. 
Aller Fleiß und alle Sorgsamkeit des Bauern, die von der geringeren 
Arbeitslust des landlosen Tagelöhners so vorteilhaft abstechen, ver- 
mögen diese Tatsachen nicht aus der Welt zu schaffen i). Gewiß ist 
es richtig, daß sehr viele landwirtschaftliche Großbetriebe nicht auf der 
Höhe stehen und kaum den Anspruch erheben können, als „Muster- 
güter" zu gelten. Allein in den meisten Fällen tragen hieran die 
durch Auszahlung von Erbteilen, Ausstattung von Töchtern, Belastung 
mit Familienrenten u. dgl, geschwächten finanziellen Verhältnisse der 
Besitzer die Schuld, die ihnen die Aufwendung genügender Kapitalien 
für Vertriebsverbesserungen und Neuanschaffungen nicht gestatten. 
Nach Zufluß genügender Betriebskapitalien tritt bei solchen Gütern 
fast immer eine erhebliche Steigerung der Roherträge ein, soweit die 
Leitung den an sie gestellten Anforderungen gewachsen ist. Deshalb 
ist es für den landwirtschaftlichen Fortschritt wahrscheinlich wichtiger, 
finanziell schwache Großbetriebe durch Darlehnsgewährung nachhaltig 
zu unterstützen (was nicht nur durch Hypothekenbanken und Kredit- 
institute, sondern auch durch eine vernünftige Abstufung der Ver- 
mögens- und Kriegsgewinnabgaben geschehen kann) , anstatt sie zu 
zerschlagen und im Eiltempo Bauern anzusiedeln. 



1) Auch Seriog, der Vorkämpfer der inneren Kolonisation, muß das zugeben, 
wenn er in seinen „Erläuterungen zu dem Entwürfe eines Reichsgesetzes zur Beschaf- 
fung von landwirtschaftlichem Siedlungsland" auf S. 15 sagt: „Nicht jeder Boden 
eignet sich für den landwirtschaftlichen Kleinbetrieb. Schwerer Boden bedarf stärkerer 
Gespannkraft und größeren Betriebskapitals, als den normalen Ansiedlern zur Ver- 
fügung stehen. Hier ist der intensive Groß- und Mittelbetrieb am Platze. Sehr leichter 
Boden wird regelmäßig extensiver auf größeren Flächen zu bewirtschaften sein. Femer 
ist die Beimischung größerer Betriebe, deren selbstwirtschaftende Besitzer sich durch 
höhere Fachbildung auszeichnen, um deswillen erwünscht, weil die Ergebnisse wissen- 
schafilicher Forschung von ihnen meist leichter aufgenommen und nutzbar gemacht 
werden. Größere Mustergüter werden immer ihren Wert für die Volkswirtschaft be- 
halten und vermöge der geistigen Ueberlegenheit ihrer Leitung ohne besondere Förde- 
rung ihren Besitzstand wahren. Endlich bleiben stets gewisse Aufgaben übrig, welche 
ihrer Natur nach eine breitere Grundlage fordern : die Forstwirtschaft, die Ent- und 
Bew&sserongsanlagen, die Kultivierung von Mooren, die landwirtschaftlichen Industrien, 
Knftxentralen, Trocknungs-, Lager- und Transporteinrichtungen u. dgl." 



Misz eilen. 255 

Der inneren Kolonisation bleiben daneben immer noch große Auf- 
gaben. Mit ihrer Hilfe muß vor allem die weitaus wichtigste Frage 
gelöst werden, die es zurzeit in der Landwirtschaft gibt: Die Frage 
der Arbeiterbeschaffung, Die „Leutenot", die schon vor dem Kriege 
ein ernstes Problem für den Großbetrieb war, ist durch das wahrschein- 
lich dauernde Ausbleiben der slawischen Wanderarbeiter und die Kriegs- 
verluste an Toten und vermindert Arbeitsfähigen in einen gefährlichen 
Krisenzustand getreten. Deshalb gilt es vor allem, das Los der Land- 
arbeiter zu bessern, um sie und ihren Nachwuchs restlos auf dem Lande 
festzuhalten. Das kann nur dadurch geschehen, daß mau sie überall 
mit großer Beschleunigung mit Haus, Garten und Feld ausstattet — 
wie das in einzelnen Gegenden ja schon vor dem Kriege in muster- 
hafter Weise geschehen ist — und zugleich die Arbeitsverfassung auf 
dem Gutshofe von Grund aus umgestaltet. In letzterer Hinsicht scheint 
mir ein Vorschlag der ernstesten Beachtung wert, den Oppenheimer 
in seiner Schrift „Der Ausweg" macht^). Dieser läuft auf die Ein- 
führung der Anteilswirtschaft hinaus, die sich bei mehrfachen 
Versuchen bereits bewährt hat und nicht mit der landwirtschaftlichen 
Produktivgenossenschaft zu verwechseln ist. Dabei schließt der Guts- 
besitzer auf eine möglichst lange Reihe von Jahren mit seinen Be- 
amten und Arbeitern (bei halb- oder ganzjähriger Kündigungsfrist für 
diese) einen Vertrag ab, in dem er sich auch für die Zukunft die 
technische Leitung mit allen Vollmachten vorbehält und sich für die 
Einbringung seines Landes samt Inventar — außer Gutshaus, Garten, 
Park, Jagd und Belieferung seines Haushaltes aus den Wirtschafts- 
erträgen — ein Fixum ausbedingt, das etwa dem Ertrage der drei 
oder fünf letzten Jahre vor dem Kriege zu entsprechen hätte. Davon 
sind die Hypothekenzinsen zu bezahlen. Der verbleibende Ertrag soll 
dann in der folgenden Weise verteilt werden : „Zuerst kommt der Lohn 
der Arbeiter und Beamten in landesüblicher Art und Höhe, Zeitlohn, 
Akkordlöhne, Prämien, Druschanteile usw. und Wohnung und Deputat, 
wo das üblich ist, und zwar alles das gleichfalls geschätzt nach seinem 
Geldwert. Dann werden vom Rohertrage sämtliche Kosten abgesetzt, 
einschließlich richtiger Abschreibungen und Steuern, aber selbverständ- 
lich unter Ausschluß der Personalsteuern des Besitzers und der Arbeiter. 
Dann folgt die Verzinsung des Grundkapitals, und der verbleibende 
Reinertrag wird zu drei Vierteln oder zwei Dritteln an die sämtlichen 
Arbeiter und Beamten sofort ausgekehrt, und zwar pro rata ihrer 
sämtlichen bar empfangenen und in Geld geschätzten Emolumente. Das 
letzte Drittel oder Viertel fließt als Entgelt seiner leitenden Arbeit an 
den Besitzer". 

Dieses System hat den unschätzbaren Vorzug, daß bei ihm die 
Betriebsweise unverändert aufrecht erhalten werden kann. Es bleibt 
die sachkundige Leitung, die ihren Wirtschaftsplan weiter verfolgen 
kann, und dadurch den Rückgang der Erzeugung auf alle Fälle ver- 
hindert; es bleiben die bisherigen Besitz- und Belastungsverhältnisse, 

1) A. a. O., S. 64 ff. 



256 Misscellen. 

SO daß eine Erschütterung des Vertrauens der Landwirte in die Stabili- 
tät der Verhältnisse (wie bei den Enteignungsdrohungen) nicht ein- 
tritt; dagegen fallen der Zeitverlust und die großen Kosten, die bei 
der Aufteilung in Bauernsiedlungen durch Hj'^pothekenregulierung, 
Zwischenverwaltung, Landverlust, Gebäudeentwertung u. dergl. not- 
wendig entstehen, vollständig weg. Zugleich vermag der kapitalinten- 
sive Großbetrieb, der schon bisher auch in der Landwirtschaft der 
Pionier des ökonomischen und technischen Fortschrittes war, seine 
Ueberlegenheit ganz anders zu entfalten, weil er Hilfskräfte erhält, 
die weit mehr als das bisherige ländliche Proletariat am Ertrage ihrer 
Arbeit interessiert sind. Damit aber steigt die Quantität und Quali- 
tät der Arbeitsleistung, und zu den Vorzügen der Kapitalintensität 
tritt die der Arbeitsintensität, die bisher dem bäuerlichen Kleinbetrieb 
namentlich in der Viehzucht einen Vorsprung gab. Es kann somit 
erwartet werden, daß eine solche Umgestaltung der ländlichen Arbeits- 
verfassung zu einer sehr erheblichen Steigerung der Erträge führt, also 
dadurch die Aufgabe, die der deutschen Landwirtschaft in den nächsten 
Jahrzehnten gestellt ist, eher gelöst wird, als wenn der Kleinbetrieb 
allgemein zur Herrschaft gelangt. 



Miszellen. 257 



XI. 

Die städtische Bevölkerung im Indischen Eeich. 

Von H. Fehlinger. 

Britisch-Indien ist von einer vorwiegend bodenbauenden Bevölke- 
rung bewohnt. Im Jahre 1911, als dort die letzte Volkszählung statt- 
fand, fanden nahezu 72 Proz. der Einwohner durch Ausübung landwirt- 
schaftlicher Tätigkeiten ihren Unterhalt. Die im Vergleich mit Europa 
geringe Industrie- und Verkehrsentwicklung macht es auch erklärlich, 
daß es in Indien, das 315 Millionen Einwohner zählt, verhältnismäßig 
wenige Städte gibt. Für Zwecke der Volkszählung gelten als Städte 
alle Orte „mit irgendeiner Art von Munizipalverwaltung" und andere 
Orte mit mindestens 5000 Einwohnern, welche die Leiter der Volkszäh- 
lung in den einzelnen Provinzen als „Städte" betrachten wollen. Aber 
städtischer Charakter nach europäischen Begriffen mangelt der Mehr- 
zahl der großen Bevölkerungsansammlungen ; sie sind über die normalen 
Grenzen hinausgewachsene Dörfer. Handel und Gewerbe sind noch 
immer auf eine relativ kleine Zahl großer Städte beschränkt. Im Jahre 
1911 gruppierten sich die 2153 indischen Städte nach ihrer Einwohner- 
zahl, wie folgt: 

Einwohner pro Zahl der Gesamteinwohnerzahl jeder 

Stadt Städte Städtegruppe 

über 100 000 30 7 075 782 = 23,8 Proz. 

50 000—100 000 45 3 010 281 = 10,1 „ 

20 000—50 000 181 5545820= 18,7 „ 

10 000—20 000 442 6163954= 20,7 „ 

5 000— 10 000 848 S 944 503 = 20,9 „ 

wenigeralsSOOO 607 2007888=: 6,7 „ 



Zusammen 2153 29748228 =100,0 Proz. 



Von 1901 — 1911 nahm die Bevölkerung der Städte bloß um 
1 Proz. zu. Die großstädtische Bevölkerung vermehrte sich um 6,1 Proz., 
die Bevölkerung der Städte mit je 20 000 — 50000 Einwohnern um 
2,1 Proz. und die der Städte mit weniger als 5000 Einwohnern um 
2,9 Proz. ; in den anderen Städtegruppen ergaben sich Bevölkerungs- 
rückgänge. Seit 1881 hat sich die städtische Bevölkerung um 24,3 Proz. 
vermehrt. 

Im ganzen Reich wohnten 1911 durchschnittlich 9,6 Proz. der Be- 
völkerung in Städten und 90,5 Proz. auf dem Lande. Relativ am 
zahlreichsten ist die Stadtbevölkerung iU Adschmer-Merwara (28 Proz.), 
Manipur (21,6 Proz.), Baroda (19,9 Proz.), im britischen Gebiet von 
Bombay (19 Proz.) und in den Eingeborenenstaaten von Bombay 

Jahrb. f. Nationalök. u. 8tat. Bd. 118 <Dritte Folge Bd. 68). X7 



258 Miseellen. 

(15,7 Proz.). Gar keine städtische Bevölkerung haben die Andamanen 
und Nikobaren, sowie Sikkim. Die städtische Bevölkerung bildet bloß 
0,9 Proz. der Gesamtbevölkerung in den Eingeborenenstaaten von Bihar 
und Orissa, 1,7 Proz. in den Eingeborenenstaaten der Zentralprovinzen, 
2 Proz. in Assam usw. In den hauptsächlichen britischen Provinzen 
stellt sich der Anteil der städtischen Bevölkerung, wie folgt : Bengalen 
6,5 Proz., Bihar und Orissa 3,7 Proz., Vereinigte Provinzen 10,2 Proz., 
Zentralprovinzen und Berar 8,5 Proz. , Madras 11,8 Proz., Bombay 
19 Proz., Pandschab 11,1 Proz., Birma 9,3 Proz. Der Anteil der Stadt- 
bevölkerung hängt auch hier vornehmlich von dem Grade der in- 
dustriellen Entwicklung des betreffenden Gebietes ab. Die Tendenz zu 
städtischer Siedelungsweise ist am meisten im Westen und am wenigsten 
im Nordosten ausgeprägt. Im Nordosten hat zwar Manipur fast 22 Proz. 
städtische Bevölkerung, doch kommt dies lediglich daher, daß die An- 
häufung von Dörfern, welche die „Hauptstadt" Imphal bildet, als eine 
Stadt behandelt wird. Neben der Wirtschaftsentwicklung haben poli- 
tische und historische Faktoren Einfluß auf die Stadtbildung. Die 
Meinung , welche im amtlichen Volkszählungsberichte ausgesprochen 
wird, nämlich, daß die mongolische Bevölkerung weniger als Ange- 
hörige anderer Rassen zu städtischer Siedelungsweise neigt, halte ich 
für irrig; denn in China wie anderwärts haben sich die Mongolen der 
städtischen Siedelungsweise ziemlich zugeneigt gezeigt. 

Bemerkenswert ist die Verteilung der städtischen Bevölkerung 
Indiens nach dem Geschlecht. Während in Europa die weiblichen Per- 
sonen in den Städten noch stärker überwiegen als im allgemeinen, 
sind in Indien die weiblichen Personen in den Städten noch mehr in 
der Minderzahl als sonst. Bei der Gesamtbevölkerung trafen 1911 auf 
1000 männliche Personen 953 weibliche, in den Städten aber war das 
Verhältnis 1000 zu 847. Besonders in großen Handels- und Industrie- 
zentren ist das Mißverhältnis arg. Das kommt daher, weil in Indien 
die große Mehrheit der häuslichen Dienstboten, Ladenbediensteten und 
Fabrikarbeiter männlichen Geschlechts sind ; es werden überwiegend 
männliche Arbeitskräfte vom Lande nach der Stadt gezogen. 

Von den Anhängern der verschiedenen Religionsbekenntnisse zeichnen 
sich die Parsi durch ihre Vorliebe für städtische Wohnweise aus; von 
ihnen lebten 1911 durchschnittlich 86,5 Proz. in Städten, und dieses 
Verhältnis schwankte in den einzelnen britischen Provinzen zwischen 
65,7 in Bihar und Orissa und 99,6 in Adschmer-Merwara. Von den 
Dschain wohnten 29,6 Proz. in Städten, von den Christen 21,3 Proz., 
von den Mohamedanern 12,3 Proz. und von den Hindu 8,8 Proz. Die 
Anhänger der herrschenden Religion sind dem Stadtleben am meisten 
abgeneigt. 

Der Anteil der Stadt- an der Gesamtbevölkerung ging von 9,9 Proz. 
1901 auf 9,5 Proz. 1911 zurück. Die Hauptursache davon war wohl 
die Pestepidemie, von der die Städte erheblich schwerer betroffen 
wurden als das Land, was nicht nur eine erhöhte Sterblichkeit, sondern 
auch eine teilweise sehr starke Abwanderung von Stadbewohnern zur 
Folge hatte. Ohne die Verheerungen durch die Pest hätte die städtische 



Miszellen 259 

Bevölkerung wahrscheinlich überdurchschnittlich rasch zugenommen, da 
die wirtschaftliche Entwicklung auf eine Verdrängung des hausin- 
dustriellen durch den fabrikmäßigen Gewerbebetrieb hinausläuft. 

Bevölkerungsstillstand oder Rückgang herrschte aber selbst im 
letEten Jahrzehnt nicht in allen Städten vor; manche Städte haben viel- 
mehr bedeutend an Volkszahl zugenommen. Der wachsende Außen- 
handel fördert die Entwicklung der Hafenstädte und die Ausbreitung 
des Eisenbahnnetzes ist dem Wachstum der Binnenstädte günstig, die 
Eisenbahnzentren sind, doch benachteiligt sie zugleich jene Städte, die 
ihre Größe und wirtschaftliche Stellung hauptsächlich dem Verkehr auf 
den Binnenwasserstraßen verdankten. So haben in manchen Fällen 
selbst von der Pest schwer heimgesuchte Städte ihre Bevölkerungszahl 
bemerkenswert vermehrt, während die umgebenden Landbezirke Be- 
völkerungsverluste erlitten. Ein Beispiel ist Delhi, das um 12 Proz. 
zunahm, während die Einwohnerzahl des Bezirks, in dem die Stadt 
liegt, um 4,6 Proz. zurückging. 

Die Zahl der indischen Großstädte betrug 1911 30; im letzten 
Jahrzehnt schied Baroda aus der Reihe der Großstädte aus, während 
Dschubbulpor und Dacca neu dazu kamen. Zwölf Großstädte haben 
seit 1901 an Bevölkerung ab- und achtzehn haben zugenommen. Der 
Bevölkerungsverlust war am größten in Mandalay (24,8 Proz.), Nagpur 
(20,6 Proz.), Dschaipur (14,4 Proz.) und Cawnpor (12 Proz.), Manche 
Städte mit Bevölkerungsabnahme, wie etwa Mandalay, sind im Verfall 
begriffen, während bei anderen der Bevölkerungsverlust die Folge der 
Pest und vorübergehend ist, was im Fall von Nagpur und Cawnpor 
zutrifft. Die fortschreitenden unterscheiden sich von den verfallenden 
Städten besonders durch die große Zahl ihrer zugewanderten Ein- 
wohner, die sich in Bombay, Calcutta und Howrah auf mehr als 
70 Proz. der Gesamteinwohnerzahl beläuft. Auf der anderen Seite 
sind in Patna, Mandalay und Bareilly kaum 10 Proz. der Bevölkerung 
auswärts geboren. 

Ueber 200000 Einwohner haben folgende zehn Städte Indiens: 

EinwohDerzahl, Za- oder Abnahme seit 





1911 


1901 


Calootta 


I 043 307 


+ 9,9 Proz. 


Bombay 


979 445 


+ 26,2 „ 


Madras 


518660 


+ 1,8 „ 


Haiderabad 


500623 


+ »1,6 „ 


Rangun 


293316 


+ 19,6 ., 


Lncknow 


259798 


— 1,6 .. 


Delhi 


232837 


+ 11.6 ,, 


Labore 


228687 


+ 12,7 „ 


Ahmedabad 


216777 


+ «6,« „ 


Benares 


203 804 


— 4,* ., 



Im Fall von Bombay erklärt sich die ungewöhnlich bedeutende 
Bevölkerungszunahme in den zehn Jahren hauptsächlich dadurch, daß 
im Jahre 1901, als die Volkszählung stattfand, ein großer Teil der Ein- 
wohner die Stadt wegen der Pest verlassen hatte. 

17* 



260 Ueberaioht über die neaesten Publikationen DeutschlandB and des Aoalandes. 



TTebersicht über die neuesten Publikationen 
; DeutscMands und des Auslandes. 

1. Qescliiclite der Wissenscliaft. Encyklopädisches. Lehrbücher. Spezielle 
theoretische Uutersachnng'en. 

Kellenberger, Eduard, Wechselkurs und Zahlungsbilanz im 
Krieg und Frieden. Eine neue Grundlegung. Zürich (Art. Institut 
Orell FüßU) 1919. 8». 72 SS. (Preis: M. 3.50.) 

Eine neue Grundlegung? Wir wollen sehen! 

Die Einleitung, die K. seinen Ausführungen voranschickt, ist eine 
niederziehende Kritik derer, die vor ihm auf diesem Gebiete gearbeitet 
haben. „Das dunkelste Kapitel der heutigen Sozialökonomie liegt vor 
uns aufgeschlagen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert kehren 
unbeanstandet immer dieselben paar Gemeinplätze sowohl in der Spe- 
zi alliteratur, wie in den allgemein volkswirtschaftlichen Lehrbüchern 
wieder". . . „Entsprechend den kümmerlichen und unbestimmten Grund- 
sätzen ist auch die Währungspolitik selbst seit Jahrzehnten großer Ge- 
sichtspunkte bar. Man läßt die Dinge an sich herankommen und 
sucht sich, wenn es schief geht, mit kleinlichen Mitteln zur Wehr zu 
setzen. Der Mangel tieferer Einsicht in die Zusammenhänge zwischen 
Auslands-, Währungs- und Anleihenspolitik hat sich im gegen- 
wärtigen Kriege bitter gerächt. Niemals hätten unsere Wechselkurse 
derartig überraschende und eigenmächtige Extratouren unternehmen 
können, und niemals wäre man dieser Erscheinung so hilflos, ja ohn- 
mächtig gegenüber gestanden, wenn man selbständig und unbeeinflußt 
von der Ueberlieferung über die Probleme nachgedacht hätte. Wieder 
hat sich, wie so oft, gezeigt, daß das, was die reinen Politiker als 
unmittelbar aus der Erfahrung geschöpfte Grundsätze ausgeben, nichts 
anderes als überlieferte, an der Oberfläche haftende Dogmen sind. 
Das notwendige Ergebnis war eine Reihe verfehlter valutarischer 
Maßnahmen." (SS. 1, 2). Nun hat den Verfasser die Beschäftigung mit 
dem Gegenstande seiner Untersuchungen gelehrt, daß „es gar nicht am 
nötigen Material" fehle, „sondern nur an der geistigen Durchdringung 
desselben" (S. 3). Die Frucht einer solchen geistigen Durchdringung 
ist das vorliegende Büchlein, das uns einen vollständigen theoretischen 
Neubau verheißt (S. 3). 

In der gegenwärtigen Kriegszeit — so versichert uns K. — hörten 
wir häufig, daß der hohe Preis irgendeiner Ware auf ein Ueberwiegen 
der Nachfrage hindeute. „Dieser einfache Satz" habe „Unheil auf 
dem Gewissen". Denn „einem Praktiker" möge er „hingehen" ; „im 
Munde der Wissenschafter oder wissenschaftlich gebildeten Praktiker" 
sei er „unverzeihlich**. K. stellt fest, daß „solange ein Preis unver-- 



Uebersicht über die nenesten Publikationen Deatachlands und des Auslandes. 261 

Ändert bleibt, gleichgültig wie tief oder hoch er steht, solange . . An- 
gebot und Nachfrage im Gleichgewichte" seien (S. 5) ; daß nur die 
Preis an derung ein Ueberwiegen des Angebotes oder der Nachfrage 
bewiese. Was ganz allgemein vom Preise gelte, das gelte ent- 
sprechend vom Wechselkurse. 

Muß ich mich mit einer langen Erörterung dieser Sätze aufhalten? 
Ich meine : nein. K. kämpft gegen Windmühlen. Daß nicht der hohe 
Preis auf überwiegende Nachfrage deutet, sondern der steigende 
Preis: das ist wirklich nicht K.s Entdeckung, sondern eine platte 
Selbstverständlichkeit, um die es nicht zu reden lohnt. Ein Preis 
(und wie jeder Preis auch der intervalutarische Kurs) ist ja, absolut 
iaegriffen, niemals hoch oder tief; und einen Rückschluß auf die Ge- 
staltung des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage gestattet immer 
nur die Preisentwicklung, niemals der jeweilige Preisstand. 
Das wußten und wissen wir alle, auch ehe K. es uns verriet. 

K. hat weiter entdeckt, daß es zwei einander widersprechende 
Begriffe der Zahlungsbilanz gebe. Einer — so verkündet er mit der 
ihm eigenen Bestimmtheit — muß unbedingt falsch sein (S. 14). Ge- 
mach; es kommt vor, daß das gleiche Wort verschiedene Begriffe 
deckt. Ich kann die Kirche definieren als das Bauwerk, in dem der 
Gottesdienst stattfindet, oder auch als die Gemeinschaft der Gläubigen, 
und — keine der beiden Definitionen muß unbedingt falsch sein; sie 
sind beide richtig. Auch der Terminus „Zahlungsbilanz" wird (ich 
gebe zu : leider) in doppeltem Sinne gebraucht ; und beide Begriffe 
werden (was noch bedauerlicher ist) gelegentlich miteinander rer- 
wechselt. So auch von Kellenberger, der trotz einer bisher nicht da- 
gewesenen geistigen Durchdringung des Stoffes es nicht gemerkt hat, 
daß die „Zahlungsbilanz" als ßestimmungsgrund des intervalutarischen 
Kurses ein ganz wesentlich anderer Begriff ist als die „Zahlungs- 
bilanz", die man neben der Handelsbilanz und der Forderungsbilanz 
(Verpfiichtungsbilanz) zu behandeln pflegt. 

Die Zahlungsbilanz ist einmal — genau so wie die Handelsbilanz 
und die Verpflichtungsbilanz — eine vergleichende Gegenüberstellung. 
Setzt man mittels der Handelsbilanz die eingeführten und ausgeführten 
Waren in Vergleich (nicht als naturale Güter, sondern als Preiskom- 
plexe), so mittels der Zahlungsbilanz außer den ein- und ausgeführten 
Waren auch alle anderen im zwischenstaatlichen Wirtschaftsverkehr 
vorgenommenen „Wertübertragungen". Bilanzen dieser Art kann man 
für beliebige Zeiträume aufstellen, und sie können einen Saldo auf- 
weisen. Je nach diesem Saldo nennt man die Bilanz aktiv oder passiv. 

Eine verbreitete Meinung nennt diejenige Zahlungsbilanz aktiv, 
die einen Goldimport aufweist. Diese Meinung erklärt sich geschicht- 
lich und verträgt sich zur Not mit der metallistischen Geldtheorie, 
die im Golde Geld erblickt. Zu welch fragwürdigen Folgerungen sie 
führt, zeigt freilich die Erwägung, daß ein Staat mit dauernd aktiver 
Zahlungsbilanz in eine drückende Verschuldung an das Ausland ge- 
raten kann, und zeigen auch die Betrachtungen Kellenbergers. Meint 
er doch — und von seinem Standpunkte aus nur folgerichtig — daß 



262 üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

das beste Mittel, eine Zahlungsbilanz dauernd aktiv zu gestalten, das- 
jenige sei, die Freude am goldenen Schmuck und an goldplombierten 
Zähnen im Volke wachzuerhalten. Ich hätte mich gefreut, in der 
„neuen Grundlegung" zu lesen, daß es sinnlos sei, aus diesem G-esichts- 
winkel heraus eine Zahlungsbilanz aktiv oder passiv zu nennen. Zu 
diesem Ergebnis, auf das ihn seine Betrachtungen m. E. geradezu 
hindrängen, gelangt K. freilich nicht. 

Der Terminus „Zahlungsbilanz" wird daneben noch in einer 
zweiten Bedeutung gebraucht; und nur in dieser zweiten Bedeutung 
des Wortes bezeichnet man die Zahlungsbilanz als den Bestimmungsgrund 
des intervalutarischen (oder wie K. nicht ganz korrekt schreibt: des 
Wechsel-)Kurses. In diesem Sinne gebraucht, bedeutet Zahlungsbilanz 
nichts anderes als die Gesamtheit der jeweilig bestehenden zwischen- 
staatlichen Zahlungsbeziehungen (wie Knapp sagt: der pantopolischen 
Beziehungen) oder ganz kurz : die Marktlage. In diesem Sinne be- 
griffen gibt es natürlich keine Jahres-, Monats- und Wochenbilanzen, 
vor allem auch keinen Saldo; und wenn man in diesem Sinne die 
Zahlungsbilanz aktiv oder passiv nennt, so will man dadurch nur 
ausdrücken, daß im zwischenstaatlichen Zahlungsverkehr das Angebot 
fremder Zahlungsmittel (oder die Nachfrage nach heimischen Zahlungs- 
mitteln) gegenüber der Nachfrage nach fremden Zahlungsmitteln (oder 
dem Angebote heimischer) überwiegt, und umgekehrt. 

Daß diese Verwendung des Wortes in doppelter Bedeutung zweck- 
mäßig sei, sage ich nicht. (Ich selbst gebrauche das Wort in dem 
zidetzt umschriebenen Sinne aus Vorsicht nicht, sondern spreche statt 
dessen von den Zahlungsbeziehungen oder den pantopolischen Be- 
ziehungen.) Aber man muß ihr Rechnung tragen und darf nicht be- 
haupten, daß die eine Definition der Zahlungsbilanz falsch sei; und 
vor allem muß man sich darüber klar sein, in welchem Sinne das 
mehrdeutige Wort in der Spezialliteratur über das Valutaproblem ge- 
braucht wird, ehe man daran geht, diese zu kritisieren. Diese Klar- 
heit vermisse ich bei Kellenberger (vgl. schon S. 1 : „Nach dem Wo- 
her des Saldos (!) forscht man nicht weiter"). 

Das Gold ist für Kellenberger das internationale Zahlungsmittel. 
Daß es dieses nicht ist — man zahlt überall in Landeswährung, und 
Gold ist kein Landes-, geschweige denn Weltgeld, sondern Ware (die 
Ausfuhrware des Bankiers) — kann hier nur bemerkt, nicht aber ein- 
gehend begründet werden. Hat K. hier wenigstens eine verbreitete 
Meinung für sich, so ist seine Auffassung von den Voraussetzungen 
einer zunehmenden Goldproduktion ein bei dem „Wissenschafter oder 
wissenschaftlich gebildeten Praktiker unverzeihlicher" Irrtum. K. meint 
nämlich, daß die Goldförderung lohnender werde, und daß sie darum 
ausgedehnt werde, wenn infolge technischer Fortschritte die Waren- 
produktion vergrößert und darum mehr Waren „für das Gold dargeboten 
würden" (S. 24). K. übersieht dabei, daß das Gold einen festen Preis 
hat, der die Rentabilität der Goldgruben bestimmt, und daß, solange 
dieser feste Preis unverändert bleibt, keine Veränderung in der Waren- 
produktion die Goldförderung lohnender oder auch weniger lohnend 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 263 

machen könnte, — es müßten sich denn die Unkosten der Minen- 
industrie verändern. 

Es ist naturgemäß nicht möglich, den Ausführungen K.s in ihren 
Einzelheiten zu folgen. Die denn doch gar zu geringe Bedeutung 
des Buches rechtfertigt ein näheres Eingehen auf die mannigfachen 
Irrtümer nicht, die K. zum Teil aus der älteren Literatur in seine 
„neue Grundlegung" übernommen hat, zum Teil auch — soweit sich 
dieses bei dem unübersehbaren Umfang der Geldliteratur sagen läßt 
— von Vorgängern unabhängig vorträgt. Das Ergebnis, zu dem K. 
schließlich gelangt, geht dahin, daß die „wirkliche Ursache" der 
Valutaentwertung „allein in der Veränderung des Verhältnisses zwischen 
Geldmenge und Warenmenge liegt" (S. 52); und aus dieser (ganz 
gewiß nicht neuen Auffassung, sondern recht alten und recht primi- 
tiven) Quantitätstheorie heraus krönt er seine Ausführungen mit der 
programmatischen Forderung: „die Währungspolitik halte sich jetzt 
und künftig an den großen Grundsatz: Anpassung des Geld- 
angebotes an die Geldnachfrage derart, daß tiefgehende allgemeine 
Preisverschiebungen nach Möglichkeit vermieden werden," Ich über- 
lasse es gerne meinen Lesern, sich über den theoretischen Wert und 
die praktische Bedeutung dieses „großen Grundsatzes" ihr Urteil 
zu bilden. 

Nein ; dieses Buch ist keine „neue Grundlegung". Es enthält hier 
und da einen gesunden Gedanken; aber nicht einen einzigen von 
schöpferischer Ursprünglichkeit. Er bringt vereinzelt Richtiges, aber 
sehr viel mehr des Anfechtbaren, selbst des offensichtlich Falschen. 
Am stärksten vergreift sich K. in der Kritik. Was er über „das an- 
gebliche Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem De- 
visenmarkt und die angebliche Passivität der Zahlungsbilanz" (S. 38) 
zu sagen hat, läßt nur das eine erkennen, daß er die Meinungen, die 
er zu widerlegen glaubt, gemeinhin mißverstanden hat. Daß hieran 
eine gewisse terminologische Unsicherheit und Unklarheit in der mo- 
dernen Geldliteratur die Mitschuld tragen mag, will ich gewiß gern an- 
erkennen ; freilich würde ich dieses dem Verf. noch lieber zugute rechnen, 
gefiele nicht auch er sich in jener unleidlichen „Kampf- und Entdecker- 
attitüde", zu deren so dringend gebotener Abwehr erst kürzlich Josef 
Schumpeter (vgl. „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik", 
Bd. 44, Heft 3, S. 628) beherzigenswerte Worte gefunden hat. 

Karl Elster. 

Horlacher, Michael, Der Wiederaufbau der deutschen Volks- 
wirtschaft. Eine Denkschrift über Deutschlands finanzielle und wirt- 
schaftliche Not. Diessen vor München (Jos. C. Huber) 1919. 8®. 
118 SS. (Preis: M. 6,80.) 

Die Schrift gibt zunächst einen Ueberblick über den Stand des 
Notenumlaufs, die Entwicklung der Devisen- und Effektenkurse, den 
Schuldenstand vom Frühjahr 1919 und den Verlust an volkswirtschaft- 
lichen Werten, den die Deutschland auferlegten Landabtretungen für 
seine Arbeits- und, Leistungsfähigkeit bedeuten. Sodann kennzeichnet 



254 Uebersicht über die neuesten Pnblikationen Deutschlands und des Auslandes. 

sie die Lage Deutschlands am Weltmarkt, die durch die kontinentale 
Abschnürung, die Erschwerung günstiger Handels- und Wirtschafts- 
vertrage und die gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit des Auslandes 
(namentlich Nordamerikas und Japans) in Fertigfabrikaten bestimmt ist. 
Die Darstellung ist im wesentlichen zutreffend, wenn auch methodisch 
und stofflich nicht befriedigend und durch den Friedensvertrag in 
einzelnen Punkten überholt. In jeder Beziehung unzulänglich ist da- 
gegen die Stellungnahme zur „Sozialisierung", die sich Horlacher gleich 
vielen anderen nur als Verstaatlichung denken kann, während er das 
System Rathenau-Moellendorf, die Vorschläge der Sozialisierungskom- 
mission und den Genossenschaftssozialismus überhaupt nicht erwähnt 
und deshalb gar keine entwicklungstheoretisch fundamentierte Stellung 
einzunehmen vermag. Die Gründe, die für und wider eine Verstaat- 
lichung der Banken und Versicherungsanstalten, des Energiewesens 
und der Kohlen Wirtschaft vorgebracht werden, bleiben durchaus an der 
Oberfläche und erschöpfen die wichtige Frage in keiner Weise. Von 
weit größerem Sachverständnis zeugen die Ausführungen zur Agrar- 
reform, in denen die Bedeutung des Großbetriebes richtig herausgestellt 
und das Hauptgewicht auf die Ansiedlung der Landarbeiter gelegt 
wird, dagegen jeder Verstaatlichungs- und Sozialisierungsplan im Inter- 
esse der Aufrechterhaltung der Produktivität der Landwirtschaft ab- 
gelehnt wird. Als Voraussetzungen für den Wiederaufbau der deutschen 
Volkswirtschaft bezeichnet die sich mehr durch Beibringung von Material 
als durch seine systematische Verarbeitung und Durchdringung aus- 
zeichnende Schrift die Aufrechterhaltung eines einheitlichen deutschen 
Wirtschaftsgebietes (mit Anschluß von Deutsch-Oesterreich), die Rück- 
führung von Arbeitslohn und Arbeitszeit auf ein mit unserer schwierigen 
Stellung in der Weltwirtschaft vereinbares Maß und die Hebung der 
Produktivität von Landwirtschaft und Industrie, für die eine größere 
Anzahl nicht weiter begründeter Einzelvorschläge gemacht wird. 

Leipzig. Georg Jahn. 

Jastrow, Prof. Dr. Ignaz, Textbücher zu Studien über Wirtschaft und Staat. 
Bd. 1: Handelspolitik. 3. unverfind. Aufl. X— 189 SS. M. 4.—. Bd. 3: Adam 
Smith. 2. unveränd. Aufl. VIII — 185 SS. M. 4. — . Berlin, Vereinigung wissen- 
schaftlicher Verleger, Walter de Gruyter u. Co., 1919. kl. 8. 

Kaufkraft, Die gesunkene, des Lohnes und ihre Wiederherstellung. III : Leistungs- 
steigerung und wirtschaftliche Vervollkommnung a) im Warenlieferungswesen, von 
(Verb.-Dir.) Peter Schlack, b) in der Landwirtschaft, von Dr. Emil Zitzen. (Schriften 
der Gesellschaft für soziale Reform. Hrsg. v. d. Vorstande. Heft 67.) Jena, Gnstay 
Fischer, 1919. gr. 8. IV— 64 SS. M. 1,80. 

Müller (Staatssekr. a. D.), Dr. August, Sozialisierung oder Sozialismus? Eine 
kritische Betrachtung über Revolutionsideale. Berlin, Ullstein u. Co., 1919. gr. 8. 
169 SS. M. 3.—. 

N eurath (Priv.-Doz.), Dr. Otto , Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft, 
München, Georg D. W. Callwey, 1919. gr. 8. V— 231 SS. M. 10.—. 

Philippovioh f Prof. Dr. Engen v., Grundriß der politischen Oekonomie. 
2. Bd. VolkswirtBchaftspolitik. 2. Teil. 7. unveränd. Aufl. Tübingen, J. C. B. Mohr, 
1919. Lex.-8. XI— 459 SS. M. 12 -f 20 Proz. T. 

Salomon, Alice, Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Ein Lehrbuch f. 
Franenschulen. 4. verb. AuH. Leipzig, B. G. Tenbner, 1919. 8. IV— 137 SS. 
M. 2,40 + 40 Proz. T. 



Debersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 265 

Seh öl er (Synd.), Herrn., Das Sozialisierungsprogramm der Sozialdemokralic. 
An Hand der Richtlinien für ein sozialistisches Aktionsprogramm von Karl Kautsky. 
Kritisch besprochen. Berlin, Otto Eisner, 1919. 8. 160 SS. mit 1 Fig. M. 4.—. 

Stephinger, Prof. Dr. Ludwig, Grundsätze der Sozialisierung. Tübingen, 
J. C. B. Mohr, 1919. gr. 8. HI— 131 SS. M. 4. 1- 40 Proz. T. 

Schulte-Kemminghaus, Fr., Sozialisierung der Ernährungswirtschaft durch 
Organisation. Leipzig, Th. Stauffer, 1919. 8. 13 SS. M. 0,75. 

Gide (prof.), Charles, Cours d'economie politique. 5' edition. T. 1". Paris, 
Librairie de la SocifetS du Recueil Sirey, 1919. 8. XI— 600 pag. Broch§ fr. 12,50; 
cartonn^ fr. 15,50. 

Gobbi, ülisse, Trattato di economia. Vol. 1. Milano, Soc. ed. libraria. 8. 
1. 25.—. 

Taylor, Winslow Federico, L'organizzazione scientifica del lavoro. Tra- 
dazione dall'inglese e introduzione di F. Giannini e E. A. Masino. II edizione. 
Roma, Athenaeum (Cittk di Castello, ti'p. Unione artigrafiche), 1919. 8. 187 p. 1. 4. — . 

2. GeBChiclite nud Darstellnng der wirtschaftliclien Kultur. 

Stern, K. Herlt, G., Schultze, E., Geld, Industrialisierung 
und Petroleumschätze der Türkei. (Das Wirtschaftsleben der Türkei, 
Beiträge zur Weltwirtschaft und Staatenkunde, herausgegeben im Auf- 
trage der Deutschen Vorderasien-Gesellschaft von H. Grothe. Bd. II.) 
Berlin (Georg Eeimer) 1918. S«. VIII und 175 SS. (Preis : M. 8,60.) 

Der Herausgeber weist in seinen Einführungsworten daraufhin, 
daß der Zweck der Sammlung sich auf die Beschaffung wissenschaft- 
lichen Materials zur anzubahnenden verläßlicheren Beurteilung wirt- 
schaftlicher Vorgänge und Fragen in der Türkei beschränke. Und 
zwar sollen die Arbeiten vorwiegend von der geographisch-naturwissen- 
schaftlichen und" wirtschaftspolitischen Seite an die Probleme heran- 
gehen; sie wollen lediglich als Bau.steine zu einem größeren, streng 
wissenschaftlichen wirtschafts- geographischen Werke für die Türkei ge- 
wertet werden. Hiernach wären also die einzelnen Abhandlungen nicht 
streng wissenschaftlich und sollen doch wissenschaftliches Material 
heranbringen? Wie soll man sich da für die Kritik entscheiden? 

lieber die erste Abhandlung von Robert Stern, welche „Wäh- 
rungsverhältnisse und Bankwesen in der Türkei" zur Darstellung 
bringen will, läßt sich trotz dieses Zwiespaltes leicht ein Urteil fällen. In 
dem Konflikt zwischen nicht streng wissenschaftlich und wissenschaftlich 
hat sie sich dafür entschieden, nichtwissenschaftlich zu sein. Sie ist die 
Karikatur einer Darlegung über türkisches Geld- und Bankwesen. Wem 
das Urteil zu hart erscheint, lese etwa den Abschnitt über die Auf- 
hebung der Silberfreiprägung im Jahre 1880. Er möge aber glauben, 
daß die ganze Abhandlung in nichts besser ist und daß die Beispiele 
sich häufen lassen. So bewegt sich die Darstellung der Münzreform 
vom Jahre 1916 auf demselben Niveau. So wird das komplizierte Bank- 
problem der Türkei auf 6 (in Worten: fünf) Seiten abgetan. Und 
welche Ansichten sind darin enthalten ! Zum Beispiel über die Agrar- 
bank. Ob der Verfasser wohl je eine Bilanz dieser Bank in die Hand 
genommen und durchstudiert hat? Wie der Inhalt so die Form. Die 
Arbeit ist stilistisch ungeheuerlich. 

Ungleich besser ist die Erörterung, die Gustav Herlt über ,,Die 
Industrialisierung der Türkei" bietet. Sie ist nicht gerade hinreißend 



266 üebersicht über die neuesten Pablikationen Deutschlands und des Auslandes. 

geschrieben , bleibt vielmehr nüchtern bei den Tatsachen , aber der 
Verf. kennt das Material ziemlich gut und aus eigener Anschauung. 
Nur gibt er zu wenig Daten. Z. B. zählt er auf, was an Roh- und 
Hilfsstoffen zur Verfügung steht, ohne daß der Leser etwas Exaktes über 
die wirklichen Mengen und Qualitäten erfährt. Dasselbe gilt von dem 
Abschnitt über die Betriebskraft: gegenüber dem, „was sein könnte", 
werden doch die technischen Möglichkeiten nicht genügend in Berück- 
sichtigung gezogen. Bei seinen Angaben über den gegenwärtigen Stand 
der türkischen Industrie gibt Herlt selbst offen zu, daß eine Voll- 
ständigkeit unmöglich zu erreichen gewesen sei. Im übrigen ist die 
Zusammentragung verdienstlich, wenn freilich ein tieferer Einblick 
in die Besitzverhältnisse, Kapitalbeziehungen, Standortsprobleme, Zu- 
fuhr und Abfuhr von Rohstoffen und Fertigwaren nicht gewährt 
wird. Vorsichtig abwägend deutet der Verf. zum Schluß die Voraus- 
setzungen für das Aufblühen der türkischen Industrie an. 

Ziemlich aus dem Rahmen der ganzen Unternehmung fällt der 
letzte Aufsatz von Ernst Schnitze über den „Kampf um die persisch- 
mesopotamischen Oelfelder", der im Untertitel als „ein Beitrag zur 
Weltwirtschaft und Weltpolitik" sich bezeichnet. Er bringt Tatsachen 
und Ansichten, die für das Wirtschaftsleben der Türkei geringes oder 
gar kein Interesse haben. Abgesehen davon aber bleibt der Verf. auch 
nicht streng bei seinem Thema: er liebt es abzuschweifen, weiß dafür 
mitunter recht nett und amüsant zu plaudern, geht hier etwas auf 
das technische Gebiet, strebt dort historisch zu den Römern zurück, 
läßt an einer Stelle einmal einen Bericht der Daily Mail nach der 
Uebersetzung einer Hamburger Zeitung folgen, schiebt an einem anderen 
Platze mal etwas anderes ein, wie ihm gerade der Stoff zur Hand ist, 
etwas Krieg und Kriegsgeschrei dröhnt auch hinein. Hätte der Verf. 
das Wesentliche schärfer herausgearbeitet und sich straffer an sein 
eigentliches Thema gehalten, hätte außerdem der Herausgeber ihm die 
Auswüchse seiner Abhandlung beschnitten, dann wäre die Arbeit als 
Materialsammlung bedeutend besser gewesen: immerhin mag sie auch 
so durchgehen. 

Ueberhaupt der Herausgeber. Er wagt es anscheinend nicht, die 
eingereichten Aufsätze durchzukorrigieren. Oder aber er wird vom 
Unglück verfolgt. Der erste Band brachte eine fürchterliche „Studie'* 
von Haenig über türkische Bergbaustatistik. Zur Entschuldigung gibt 
Grothe im Vorwort zum vorliegenden Bande an, er sei damals verreist 
gewesen und habe in die „dem Verf. auferlegte Ueberarbeitung" nicht 
mehr Einsicht nehmen können. Wir müssen wohl annehmen, daß der 
Herausgeber wiederum auf einer Studienreise abwesend war, vielleicht 
hätte sich die Aufnahme des Stemschen Aufsatzes sonst vermeiden 
lassen. Wer Sammlungen ediert, sollte eben, selbst wenn es sich nur 
um „Bausteine" handelt, nicht allzuviel reisen. Die ungewöhnliche, 
im Vorwort erwähnte Wiedergabe von „einigen bemerkenswerten Ur- 
teilen von Zeitschriften und Tageszeitungen", wobei naturgemäß aus- 
schließlich die günstigen herausgesucht worden sind, vermag den 
Schaden dann später nicht wieder gutzumachen. 

Kiel. Friedrich Hoffmann. 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 267 

Gernet (Handelsstatist. Abt.-Leiter), Bruno v., Die Entwicklung des Kigaer 
Handels- und Verkehrs im Laufe der letzten 50 Jahre bis zum Ausbruch des Weltkrieges. 
Schriften des Instituts für ostdeutsche Wirtschaft an der Universität Königsberg, hrsg. 
von Prof. Dir. Dr. Albert Hesse, Prof. Dr. Albert Brackmann, Prof. Dr. Otto Gerlach, 
Prof. Dr. Jobs. Hansen, Prof. Dr. Felix Curt Albert Werner. Heft 6.) Jena, Gustav 
rischer, 1919. gr. 8. XII— 168 SS. M. 9,60. 

Rohrbach, Paul, Armenien. Beiträge zur armenischen Landes- und Volks- 
kunde. Hrsg. auf Veranlassung der Deutsch-armenischen Gesellschaft. Stuttgart, 
J. Engelhorns Nachf., 1919. gr. 8. 144 u. 80 SS. mit 128 Abb. u. 1 Karte. M, 6.—. 

Alzamora, Miguel d', Le Pferou Iconomique et financier. Marseille, Mercure 
des Balkans. 8. fr. 3. — . 

Bachi, Riccardo, L'Italia economica nel 1917 (anno IX): annuario della vita 
commerciale, industriale, agraria, bancaria, finanziaria e della politica economica. (Le 
ripercussioni della guerra mondiale ed italiana sull' economia nazionale.) Cittk de Castello, 
casa ed. S. Lapi; Milano-Roma, Napoli, soc. ed. Dante Alighieri, di Albrighi, Sagati 
e C. 1918. 8. XVII— 312 p. 1. 8.—. 

3. Bevölkerungslelire und Bevölkemngspolitik. Auswauderung nnd 

Kolonisation. 

Winkler, Wilhelm, Die Totenverluste der österr.-ungarischen 
Monarchie nach Nationalitäten. — Die Altersgliederung der Toten. — 
Ausblicke in die Zukunft. (Herausgegeben vom Statistischen Dienst des 
Deutschösterreichischen Staatsamts für Heerwesen.) Wien (L. W. Seidl 
u. Sohn) 1919. 8». VI u. 84 SS. nebst XIV Tafeln und 1 Karte. 

Derselbe, Berufs Statistik der Kriegstoten der österreichisch- 
ungarischen Mornarchie. (Herausgebende Stelle und Verlag wie oben.) 
Wien 1919. 80. 20 SS. 

Döring, C, Die Bevölkerungsbewegung im Weltkrieg. I. Deutsch- 
land. Zweite erweiterte Bearbeitung. II. Oesterreich-Ungarn. (Bulletin 
der Studiengesellschaft für soziale Folgen des Krieges Nr. 4 und 5.) 
Kopenhagen (Bianco Luno) 1919. 8«. 99 und 82 SS. 

Der gewaltige Einfluß des Krieges auf die Bevölkerungsvorgänge 
und den Nahrungsspielraum der Völker stellen die Bevölkerungsstatistik 
mehr denn je in den Mittelpunkt aller politischen und wirtschaftlichen 
Fragen. Volle Teilnahme muß sich daher den ersten umfassenden und 
tüchtigen Arbeiten der Kriegsbevölkerungsstatistik zuwenden. 

Winkler untersucht, wie sich die Todesfälle des österr.-ungari- 
schen Heeres bis Ende 1917 nach Heimatsangehörigkeit und 
Alter gliedern. Bis Ende 1917 sind bei Einrechnung von ^j^ der 
Vermißten insgesamt 1,2 Mill. gefallen, d. i, 9,6 Proz. der wehrfähigen 
Männer von 17 bis 52 Jahren. Winkler hat nicht die ganze Toten- 
masse zergliedert ; vielmehr stützt er sich nur auf eine Auswahl aus 
den amtlichen Verlustlisten. Im ganzen sind 12 000 Todesfälle in die 
Untersuchung einbezogen, also i/^q der Totenverluste überhaupt. Winkler 
behandelt die Erscheinungen dieser Teilmasse als ,, repräsentativ" für 
das Gefüge der Gesamtmasse ; die Verteilung der Todesfälle auf Oester- 
reich, Ungarn und Bosnien-Herzogowina weist auch ausgezeichnete 
Uebereinstimmung zwischen Gesamt- und Teilmasse auf. Derartige 
Untersuchungen von Teilmassen, die nach zufälligen Merkmalen aus- 
gesondert sind, verdienen namentlich für die Kriegs- und Uebergangs- 
statistik die wärmste Empfehlung; es ist unbegreiflich, wie führende 



268 Cebersieht über die neuesten Pablikationen Deutschlands nnd des Auslandes. 

Statistiker gegen diese „Methode" eifern können, da doch an ihrer 
Brauchbarkeit gleichsam die ganze Beweiskraft der Statistik hängt. 
Wir brauchen von einer Masse, um ihr Gefüge kennen zu lernen, nur 
einen Teil zu durchforschen, groß genug, um der verwickelten ür- 
sachenlagerung volle Auswirkung zu erlauben; was darüber hinaus ge- 
schieht, ist tote Arbeit. 

Die bis in die politischen Bezirke durchgeführte Gliederung der 
Kriegstoten nach der Heimatsangehörigkeit ergibt z. B. für die 
rein deutschen Gebiete in Oesterreich einen Totenverkist von 29,1 Prom. 
der rechtlichen Bevölkerung, für die rein mag)^ arischen und magyarisch- 
deutschen Gebieten von 28,0 Prom., dann für rein slowenische Gebiete 
und rein mährisch-slowakische von 27,5 Prom. und 26,7 Prom. Die 
rein tschechischen, die rein ukrainischen, die rein slowakischen, die 
rein rumänischen und die gemischt-serbischen halten sich zwischen 20 
und 23,7 Prom. An unterster Stelle stehen in Oesterreich die pol- 
nischen Gebiete mit 16,2 Prom. und in Ungarn die gemischt-ukraini- 
schen Gebiete mit 11,9 Prom. Im einzelnen findet sich, daß Bei- 
mischungen fremder Nationalitäten zu sonst einheitlichen Stammes- 
gemeinschaften in den Verlusten charakteristisch abfärben. Gleichwohl 
handelt es sich — da ja die Verluste nicht auf die Kämpfer bezogen 
werden — nur um bloß tatsächliche Vergleichsbeziehungen, 
bestimmt, die Bedeutung der Einbuße für die einzelnen Stämme ins 
rechte Licht zu setzen. Winkler macht selbst auf die verschiedene 
Tauglichkeit, auf die verschiedene Aushebung und Truppenverwendung 
und auf den Einfluß feindlicher Besetzung aufmerksam. 

Für ' die Altersgliederung der Toten sind die Ergebnisse von 
Teilmassen nicht ganz einwandfrei, weil die Bedrohung der einzelnen 
Altersklassen je nach dem Stande der Aushebung und des Einsatzes 
wechselt. Immerhin hat Winkler dem Bedenken möglichst die Spitze 
abgebrochen, indem er die Auswahl der Verlustlisten planmäßig auf 
die Kriegsjahre verteilt hat. Auch so sind die Ergebnisse, da sie nur 
bis Ende 1917 reichen, nicht abschließend; denn das Ende des Krieges 
hat noch die Jahrgänge 1899 und 1900 stärker ins Eeuer geführt. Die 
Torläufige Häufigkeitskurve der Kriegssterbefälle der österreichisch- 
ungarischen Monarchie setzt tief mit dem Jahrgang 1900 ein, und steigt 
schnell an bis zum Jahrgang 1895 mit 19,2 Kriegstoten auf 100 Männer 
des gleichen Geburtsjahrgangs. Dann fällt die Kurve langsam und weit 
ausladend ab. Der Jahrgang 1890 weist noch 15,6 Proz. Tote auf, 
der Jahrgang 1885 12,9 Proz., der Jahrgang 1880 7,9 Proz., der Jahr- 
gang 1875 5,9 Proz., der Jahrgang 1870 1,3 Proz., der Jahrgang 1866 
0,2 Proz. 

Die Berufsstatistik der Kriegstoten der österreichisch-unga- 
rischen Monarchie ist nur die kritische Umarbeitung einer Aufstellung 
des Kriegsstatistischen Büros, die sich auf alle den Ersatzkörpem in 
den beiden ersten Kriegsjahren bekannt gewordenen Todesfälle (über 
460 000) erstreckt. Zum Vergleich ist eine Aufstellung des Staats- 
amts für soziale Fürsorge über die Berufsgliederung der Invaliden 
herangezogen. Die Berufsbezeichnungen in den Urkunden der Ersatz- 



Uebersicbt über die ntaeaten Publikationen Deutichlands und des Auslandes. 269 

körper entsprechen natürlich nicht den statistischen Erfordernissen, 
auch sind die bearbeitenden Stellen bei der Berufsgruppierung ihre 
eigenen Wege gegangen. Gleichwohl hat Winkler vorsichtig die 
Todesfälle mit den Berufstätigen und Sozialgruppen der Volkszählung 
1910 vergleichen können. Hiernach hat das arbeitende Volk „wie von 
den Mühen und Entbehrungen des Kriegs, so auch von seinen Blut- 
verlusten den größten Teil getragen" (bisher Tote bei den Selbständigen 
IQ^/oo, bei den Angestellten 30 7oo) ^^^ ^^^ Arbeitern 36 %o). Im 
einzelnen wird nachgewiesen, wie sich in den Verlusten die dem Be- 
ruf eigentümliche Kriegstauglichkeit und die häufigere Verwendung in 
Etappe, Hinterland und Heimat ausdrückt. 

Werden die großen Kriegsverluste infolge unmittelbarer Kriegs- 
einwirkung, infolge erhöhter Heimatsterblichkeit, infolge des bedeu- 
tenden Geburtenausfalls leicht ausgeglichen werden? Winkler nimmt 
zu der Lehre vom Ausgleich in der Nachkriegszeit ausführlich 
und anregend Stellung, und zwar mit einem augenblicklich ja begreif- 
lichen, aber allgemein theoretisch doch zu weitgehenden Pessimismus. 
Der Verlust an wehrfähigen Männern und der vermeintliche Geburten- 
ersatz sind ihm ungleichnamige Größen. Die erhöhte Heimatsterblich- 
keit erscheint ihm bei Kriegsende nicht als abgeschlossen (Invalide! 
Tuberkulöse !). Der schlimme Geburtenausfall macht sich in der Wirt- 
schaft des Volkes immer wieder störend geltend, wenn die Jahrgänge 
in das schulpflichtige Alter, in die Zeit der Lehre und Berufsausübung 
eintreten; ja Winkler schwebt schon im Jahre 1943 ein Geburtenaus- 
fall im zweiten Gliede, und im Jahre 1970 im dritten Gliede vor. Er 
rechnet auch mit einem starken Geburtenausfall nach dem Kriege: in- 
folge der Männerverluste ist nach ihm jedes vierte oder fünfte Mädchen 
zur Ehelosigkeit (Verwitwung) verurteilt; ja er weiß nicht, ob er nicht 
wegen der Invalidität und wegen der Geschlechtskrankheiten sagen 
soll, jede zweite bis dritte Frau der gefährdeten Jahrgänge. Er findet 
in den Bevölkerungsergebnissen der beim deutsch-französischen und 
russisch-japanischen Kriege beteiligten Staaten keine hinreichende Aus- 
gleichsneignng, insbesondere auch kein stärkeres Hervortreten der 
Knabengeburten. So glaubt er denn, daß der künftigen Bevölkerungs- 
gliederung das Kriegsmerkmal unverwischt eingegraben bleibe. Eine 
Diagrammfolge der bekannten Alterspyramiden der Bevölkerung soll 
deshalb dem Beschauer das weit in die Zukunft reichende Wirken 
der Bevölkerungslichtung verdeutlichen. Dabei unterscheidet er drei 
Typen: den serbischen mit starker Geburtenhäufigkeit und starker 
Auswanderung, der deshalb zum ausgleichenden Ersatz am ersten be- 
fähigt ist, den französischen der stationären Bevölkerung und den die 
Mitte haltenden englischen, dem eich auch Deutschland, Oesterreich 
und Ungarn anlehnen. 

Im ganzen faßt Winkler die Frage des Nachkriega-Ausgleichs doch 
zu gesondert auf, nicht hinreichend in Zusammenhang mit der je- 
weiligen wirtschaftlichen Lage. Es gibt keine Ausgleichsneigung 
Bchlechthin, praktisch müssen wir offenbar mit weiteren großen Be- 
völkerungsverlusten infolge verengerten Nahrungsspielraumes i*echnen. 



270 üeberaioht über die neuesten Publikationen Dentachlands und des Auslandes. 

Verlangte aber die Volkswirtschaft wirklich baldigen Bevölkerungs- 
ersatz, so würden die fortwirkenden Hemmungen durch frtlhere Ehe- 
schließung, durch gesteigerten Kinderertrag der Ehen, vielleicht auch 
durch Wanderungsausgleich und durch bessere Gesundheitsfürsorge über- 
wunden werden. Natürlich ist der Kr&fteausfall in den besten Mannes- 
jahren nicht ohne weiteres ausgleichbar, doch kann die stark über- 
schießende weibliche Bevölkerung in die Gütererzeugnng helfend ein- 
treten ; auch läßt sich durch bessere volkswirtschaftliche Organisation 
und durch Umstellung der zahlreichen Arbeitskräfte, die bisher nur 
für entbehrliche oder höchst törichte Dinge tätig waren, die Lücke 
bald füllen. 

Döring sucht ebenfalls an der Hand bekannter Teilmassen zu 
einer vorläufigen Gesamtbewertung der deutschen Bevölke- 
rungsbewegung im Kriege zu gelangen. Doch kommt für ihn 
das repräsentative Verfahren nicht in Frage; er mußte die bevölke- 
rungs-statistischen Bruchstücke aufgreifen, die bisher schon bekannt- 
gegeben sind, und die namentlich bis in die letzte Zeit reichen. Er 
geht mit großer Umsicht und gutem Geschick vor. Für den Umfang 
der Einberufungen stützt er sich auf die Mitgliederzahlen der 
freien Gewerkschaften und der Krankenkassen (männliche und weibliche 
Pflichtmitglieder der Krankenkassen vor Kriegsausbruch je gleich 1(X) 
gesetzt, ergeben trotz entgegenlaufender Wirkung des Hilfsdienst- 
gesetzes und des Zustroms jugendlicher und älterer Arbeiter für den 
1. August 1918 für die Männer einen Bestand von 59,8, für die Frauen 
von 115,4), auf den Hochschulbesuch und die Bevölkerungsrückgänge 
einzelner Städte. Den Geburtenausfall behandelt der Verfasser 
sehr eingehend für die einzelnen Kriegsjahre mit Unterscheidung der 
Landesteile und Ortsgrößenklassen. Lückenlos bis zum Oktober 1918 
liegen nur die monatlichen Berichte des Reichgesundheitsamts vor aus 
allen Orten mit mehr als 15000 Einwohner, umfassend 42 Proz. der 
deutschen Gesamtbevölkerung. Die deutsche Geburtenminderung hat in 
den in Betracht kommenden Kriegsjahren zwischen 37 Proz. und 
52 Proz. geschwankt, zuletzt betrug sie 47 Proz. Im ganzen sind in 
51 Monaten SYj Mill. Kinder zu wenig geboren. Der Rückgang trifft 
am stärksten die Erstgeborenen im Zusammenhang namentlich mit der 
verminderten Eheschließungszahl. Für die Sterblichkeit sind neben 
den Nachweisen über die Gefallenen die Berichte des Reichsgesund- 
heitsamts wieder die ergiebigste Quelle. Die Sterblichkeit der über 
1 Jahr alten Zivilbevölkerung (die absolute Zahl der Säuglingssterbe- 
fälle sinkt bei unveränderter Sterbehäufigkeit infolge der Geburten- 
minderung) ist 1915 und 1916 um rund 10 Proz., 1917 um 30 Proz,, 
1918 um 60 Proz. erhöht. Namentlich wütet die Tuberkulose, 1918 
auch die Grippe (Lungenentzündung!). Insgesamt berechnet Döring für 
Deutschland bis Oktober 1918 eine Mehrsterblichkeit von 2,1 Mill. 
Menschen (für die Uebereinjährigen allein ein Mehr von 2,5 Mill.), 
darunter etwa 1,8 Mill. Bj-iegsgefallene (einschl. Vermißte). Die mili- 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deatschlands and des Auslandes. 271 

tärpflichtigen männlichen Jahrgänge haben einen absoluten Verlust von 
fast 13 Proz. erlitten. In der Altersklasse von 20 bis 50 Jahren 
kommen jetzt auf 1000 Männer nicht mehr wie früher 1005 Frauen, 
sondern 1155 Frauen (für das Alter von 20 bis 30 Jahren veranschlagt 
Döring das Verhältnis auf 1000 : 1230). Nach allem rechnet Döring, 
daß die Bevölkerung Deutschlands alten Umfangs, die kurz vor 
dem Kriege etwa 67,8 Mill. betrug und bei regelmäßiger Entwicklung 
im Jahre 1918 70,7 Mill. erreicht hätte, jetzt auf 65,1 Mill. (33,9 Mill. 
männlichen, 31,2 weiblichen Geschlechts) zurückgegangen ist. 

Ein ebenso erschütterndes Bild entwirft Döring in ähnlichem Ge- 
dankengange für Oesterreich-Ungarn, wobeier auch Winklers 
eben besprochene Arbeit benutzt. Der Gesamtverlust beträgt rund 
5,2 Miil., wovon annährend 3,7 Mill. auf den Geburtenrückgang und 
1,5 Mill. auf die erhöhte Sterblichkeit fallen (Zunahme der Gestorbenen 
über ein Jahr 2,1 Mill., davon 1,5 Mill. Kriegsgefallene). 

Hannover. Karl Seutemann. 

Klingspor, Dr. Hans, Sollen wir auswandern und wohin ? 2. Aufl. München, 
Karl A. Wieske, 1919. kl. 8. 128 SS. M. 3,30. 

Mietta, Luigi, L'emigrazione italiana in Isvizzera e il dopo-guerra. Firenze, 
Rassegna nazionale, 1919. 8. 17 p. 

4. Bergban. Land- and Forstwirtschaffc. Fischereiwesen. 

Aereboe (Landesökon.-R., Geh. Reg.-ß. Landw. Hochsch.-Dir.) Prof. Dr, Frdr., 
Die Beurteilung von Landgütern und Grundstücken. Ein Lehrbuch für Landwirte, 
Volkswirte, Kataster- und Steuerbeamte, Gebäudetaxatoren, Angestellte ländlicher Kredit- 
anstalten usw. 2. durchges. Aufl. Mit 52 graph. Taf. Berlin, Paul Parey, 1919. 
gr. 8. XVI— 535 ÖS. M. 25 + 10 Proz. T. 

Bekanntmachungen und Gesetze wirtschaftlicher Natur, nebst den Verord- 
nungen über den Emteverkehr usw. 27. Nachtrag: vom 1. IIL 1919 bis 31. V. 1919. 
Berlin, Klemens Reuschel, 1919. gr. 8. XVI u. 163—361 SS. M. 6,50. 

Fuchs, Prof. Dr. Gilbert, Bauer und Großbesitz in Deutschösterreich. Ge- 
danken und Vorschläge zur Bildung von Wald- und Weidgenossenschaften, Festigung 
der Bauerngüter, Hebung des Bauernstandes. Politisch-wirtschaftliche Studien. Karls- 
ruhe, G. Braun, 1919. gr. 8. 47 SS. M. 2.—. 

Kessler (Priv.-Doz.), Dr. Paul, Was geht der deutschen Industrie durch die 
Abtrennung El8aß-Ix>thringens und des Saargebietes an Mineralschätzen verloren? 
Stuttgart, E. Schweizerbartsche Verlagsbuchh., 1919. gr. 8. 52 SS. M. 3,20. 

K rafft, weil. Prof. Dr. Guido, Lehrbuch der Landwirtschaft auf wissenschaft- 
licher und praktischer Grundlage. Bd. 2: Die Pflanzenbaulehre. 11. Aufl., neubearb. 
von Prof. Dr. Carl Fruwirth. Berlin, Paul Parey, 1919. 8. VIII— 308 SS. mit 

289 Abb. im Text und 5 Schwarzdruck- und 8 Farbendrucktaf. M. 11. 1- 10 Proz. T. 

Schlipfs praktisches Handbuch der Landwirtschaft. Gekr. Preisschr., 21. neu- 
bearb. Aufl. Mit 800 in den Text gedruckten Abb. und 18 Taf. in Farbendruck. 
Berlin, Paul Parey, 1919. gr. 8, VIII— 597 SS. M. 11 + 10 Proz. T. 

Schneider (Kulturmstr.), W., Wie steigern wir die Bodenerträge? Ein Wort au 
alle Bevölkernngskreise über unsere landwirtschaftliche Boden- und Wassernutzung, 
insbesondere in Baden. Karlsruhe, G. Braun, 1919. gr. 8. IV— 69 SS. M. 3.—. 

Waagen (Geologe), Dr. Lukas, Bergbau und Berg Wirtschaft. (Wirtschafts- 
geographische Karten und Abhandlungen zur Wirtschaftskunde der Länder der ehe- 
maligen österreichisch-ungarischen Monarchie. Hrsg. vom Handessmuseum in Wien 
unter Redaktion von Prof. Dr. Franz Heiderich, 10. Heft.) Wien, Ed. Hölzel, 1919. 
Lex.-8. XII— 364 88. mit 2 färb. Karten. M. 42,50. 



272 Uebersicht über die neuesten Poblikationen Deutschlands und des Ä.aslandea. 

Wrba (Forstwirt), G. H., Wald und Sozialisierung. Wien, Wilhelm Frick, 1919 
gr. 8. 25 SS. M. 2.—. 

Desoombes, Paul, La r6g§n§ration foreati&re de la France. Bordeaux, impi. 
Gronnouilhou, 1919, 8. 24 pag. 

Crosara, Adolfo, Lo sviluppo della agricoltura in Italia e le industrie agri- 
oole. Vicenza, Societk tipografica, 1919. 16. 16 p. 

Mazzocchi-Alemanni, N., L' agricoltura nella politica coloniale. Borna. 
Maglione e Strini. 8. 1. 2.—. 

Pasquale, Vincenzo, Per l'unificazione e la riforma del diritto minerario 
italiano. Con pref. di Lorenzo Allievi. Roma, Athenaeum. 8. 1. 3. — . 

5. CS-ewerbe und Industrie. 

Calmes, Prof. Dr. Albert, Der Fabrikbetrieb. Die Organisation, die Buch- 
haltung und die Selbstkostenberechnung industrieller Betriebe. 5. neubearb. u. verm. 
Aufl. Leipzig, G. A. Gloeckner, 1919. gr. 8. XI— 243 SS. M. 11.—. 

Erlacher (Ing.), Georg, J., Organisation yon Fabrikbetrieben. Kaufmännische 
Organisation, Betriebsorganisation. 5. vollst, umgearb. Aufl. Leipzig, Dr. Max Jänecke, 
1919. 8. 133 SS. M. 6.—. 

Herzog (berat. Ing.), S., Vergesellschaftung industrieller Betriebe. (Aus Technik 
und Wirtschaft. Einzeldarstellungen aus dem Gebiet der Technik und der Wirtschafts- 
wissenschaften. Hrsg. von Dr. ing. R. Durrer. Bd. 3.) Zürich, Rascher n. Cie., 1919. 
8. 98 SS. M. 4,50 + 20 Proz. T. 

Redlich, Dr. Felix u. (Dir.) Siegmund Ziegler, Die Zukunft der eecho- 
slowakischen Zuckerindustrie. (Der wirtschaftliche Teil von R., der statistische Teil 
von Z.) Magdeburg, Albert Rathke, 1919. gr. 8. 20 SS. m. 2 Tab. M. 3.—. 

Saute r (kaufm. Leiter), Ernst, Das Handwerk und die wirtschaftlichen Um- 
wälzungen. Passau, Georg Kleiter, 1919. gr. 8. 39 SS. M. 2.—. 

Walter, Erich, Die moderne Fruchtsaftindustrie und verwandte Zweige der 
Obstverwertung (Obstweine, Obstschaumwein etc.). III — 139 SS. M. 10. — . — Die 
alkoholfreie Industrie. Moderne Verfahren der Früchteverwertung in der Essenzenbranche. 
2. Aufl. 199 SS. mit Abb. M. 10.—. Leipzig, Oscar Born, 1919. 8. 



Labry, Raoul, L'industrie russe et la r^volution. Paris, Payot. 8. fr. 4,50. 

Brissenden, Paul Frederick, The industrial workers of the world. A study 
of American syndicalism. New York, Columbia Univ. Press. 8. $ 3,60. 

Leverhulme, William HeskethLever, Baron, The six-hour day and 
other industrial questions, with an introd. by Viscount Haidane of Cloan, ed. by 
Stanley Unwin. New York, Holt. 8. 15 + 344 p. $ 3,50. 

Woolf, Leonard Sidney, Co-operation and the future of industry. New York, 
Macmillan. 12. 141 p. $ 2.—. 

Donne, Le, nelle industrie di guerra, Maggio 1915 — Agosto 1918. (Mini- 
stero par le armi e munizioni.) Roma, tip. Istituto intemazionale d'agricoltura, 1918. 
4. 73 p. 

6. Handel und Verkelir. 

Biedermann (Eisenbau- u. Betriebsinsp. a. D.), Dr. ing. E., Das Eisenbahn- 
wesen. 3. verb. Aufl. (Aus Natur und Geisteswelt. Sammlung wissenschaftlich- 
gemeinverständlicher Darstellungen. 144. Bd.) Leipzig, B. G. Teubner, 1919. kl. 8. 
119 SS. M. 1,60 + 40 Proz. T. 

Calwer, Rieh., Gebundene Planwirtschaft? Eine Antwort auf die Denkschrift 
des Reichswirtschafts-Ministeriums. Berlin-Zehlendorf West, Zeitfragen- Verlag Hermann 
Kalkoff, 1919. 8. 112 S3. M. 5.—. 

Fränkel (Qer.-Assess.), Dr. Rud., Der Handelskauf im Weltverkehr. Das 
zwischenstaatliche und ausländische Recht des Handelskaufes. Berlin, A. Stein's 
Verlagsbuchhdlg., 1919. 8. XII— 148 SS. M. 0.—. 

Gemeinwirtschaft, Deutsche. Schriftenreihe. Hrsg.: Dr. Erich Schairer. 
9. und 10. Heft: Der Aufbau der Gemein Y^irtschaft. Denkschrift des Reichswirt- 
schafteministerioms von 7. V. 1919 (9. Heft). 36 SS. M. 2,20. — Wisseil, Rud., 
und Richard v. Moellendorff, Wirtschaftliche Selbstverwaltung. Zwei Kund- 



Uebersicht über die neaesten Publikationen Deutschlands und des Auslände.». 273 

gebangen des Reichswirtschaftsministeriums (10. Heft). 30 SS. M. 1,50. Jena, Engen 
Diederichs Verlag, 1919. 8. 

Giese (Oberreg.-R.), Dr. Kurt, Das Seefrachttarifwesen. Berlin, Julius Springer, 
1919. gr. 8. XVI— 379 SS. M. 34.—. 

Kriegsorganisationen, Die wirtschaftlichen , Oesterreichs. Von (Fin.-ß.) 
Emil Goldschmid. Wien, Deutsch-österreichische Staatsdruckerei, 1919. Lex.-8. 144 SS. 
M. 5.—. 

Remme (Assist.), Dr. J. , Die Vollendung des Mittellandkanals. Volkswirt- 
schaftliche Untersuchungen über die Linienführung. Hrsg. vom Ausschuß zur Förderung 
des Rhein — Weser — Elbekanals, Sitz Magdeburg. Magdeburg, Karl Peters, 1919. gr. 8. 
III— 192 SS. mit 2 färb. Karten. M. 6.—. 

Roselius, Ludwig, Gegen die Zwangswirtschaft des Reichswirtschaftsmini- 
steriums. Berlin, Kari Siegismund, 1919. 8. 118 SS. M. 3.—. 

Hourst (commandant), Le problfeme commerciale dans l'industrie. Organisation 
rationelle du commerce industriel. 2* Edition. Paris, Libr. de l'enseignement technique, 
1919. 8. 99 pag. fr. 2.—. 

Lanino, Pietro, Per lo sviluppo e l'organizzazione dei nostri trasporti ferro- 
viari. Bologna, N. Zanichelli, 1918. 16. 189 p. 1. 4.—. 

Marchetti, Livio, II risorgimento economico d'Italia. Torino, Unione tipo- 
grafico-editrice, 1918. 16. 90 p. con otto tavole. 

Mazzei, Jacopo, Della politica doganale degli Stati üniti, con speciale 
riguardo all'Italia, Firenze, R. Bemporad e figlio (G. Ramella e C), 1919. 8. 239 p. 
1. 4.—. 

Pantano (deputato), Edoardo, I problemi economici urgenti : relazione; voti 
e proposte per il passaggib dallo stato di guerra allo stato di pace. (Commissione per 
il dopo guerra.) Roma, tip. Nazionale, Bcrtero, 1919. 8. X — 288 p. 

Pomodoro, Vitangelo, L'odierna crisi economit-a, Bari, tip. Panunzio, 1919. 
8. 28 p. 

7. Pinanzwesen. 

Bendixen (Hypothekenbank-Dlr.), Dr. Frdr. , Kriegsanleihen und Finanznot. 
Zwei finanzpolitische Vorschläge. Jena, Gustav Fischer, 1919. gr. 8. 32 SS. 
M. 1,50. 

Dem bürg (Fin.-Min.), Dr., Die deutsche Finanzkraft. Rede, gehalten in der 
Berliner Handelskammer am 2. V. 1919. Berlin, Julius Springer, 1918. 8. 16 SS. 
M. 0,60. 

Eynern (Geh. Oberrcg.-R.), v., Zur Frage der Reichseinkommensteuer. Berlin, 
Staatspolitischer Vertag, 1919. gr, 8. 22 SS. mit 2 Tab. M. 1,50. 

Günther (Priv.-Doz.), Dr. Ernst, Progressivateuer oder Konfiskation? Versuch 
einer Tarif konstruktion auf wissenschaftlicher Grundlage. Berlin, Pattkammer u. Mühl- 
brecht, 1919. gr. 8. IV— 63 SS. mit Fig. M. 3.—. 

Kahn (Rechtsanw.) , Dr. Otto, Steucrumgehung und Steuersparung. Eine 
ateuerrechtliche Studie. (Achenbachs Stcuerbibliothek. Hrsg. von Drs. Otto Kahn und 
H. Rheinstrom. Bd. 3.) München, Deutscher Steuerschriften-Verlag, 1919. gr. 8. 
13 SS. M. 1. h 25 Proz. T. 

Norden (Geh. Reg.-R., vortr. Rat), Arthur, Die der deutschen Nationalver- 
sammlung vorgelegten Steuergesetzeutwürfe. Text mit Erläuterungen versehen, unter 
Benutzung der amtlichen Begründungen. Berlin, Reimar Hobbing, 1919. 8. 168 SS. 
M. 5.—. 

Schlegel, Dr. E,, Die Steuerveranlagung nach dem zürcherischen Gesetze betr. 
die direkten Steuern vom 25. XI. 1917. Aarau, H. R. Saueriänder, 1919. gr. 8. 
IV — 128 SS. M. 5. — . (Zürcher reohtswissenschaftliche Dissertation vcm 1918.) 

Strutz (Reichsfinanzhof-Sen.-Präs., Wirkl. Geh. Oberrcg.-R.), Dr. G., Zukunfts- 
möglichkeiten deutecher Steuer- und Finanzpolitik. (Achenbachs Steuerbibliothek. Hrsg. 
von Drs. Otto Kahn und H. Rheinstrom. Bd. 2.) München, Deutscher Steuerachriften- 
Veriag, 1919. 8. 23 SS. M. 1,50. 

Zimmermann (Kammerpräs.), Dr. F. W. R., Die Zivilliste in den deutschen 
Staaten. (Finanz- und volkswirtschaftliche Zeitfragen. Hrsg. von Geh.-B. Prof. Dr. 
Jahrb. (. NationalSk. a. Stat. B^. 113 (Dritte Folge Bd. 68). 18 



274 üebersiobt über die neueeten Publikationen Deutechlands und des Auelandes. 

Georg Schanr und Geh. Reg.-R. Prof. Dr. Julius Wolf. Heft 60). Stuttgart, Ferd 
Enke, 1919. Lex.-S. 103 SS. M. 5.—. 

Besson, Emannel, Traitg pratique de la contribution cxtraordinairc des b&ne- 
fiees de guerre et de l'impöt sur les b^n^fices commerciaux et indusiriels. Commen- 
taire mfethodique et raisonnfe des lois du 1" juillet 1916, 2 juiu 1917, 31 dfecembre 
1917 et des artieles 2 ä 15 de la loi du 31 juillet 1917 mis au courant de la juris- 
prudence de la commission supirieure. Preface de M. Gauthier. Poitiers, impr. G. Rov. 
1918. 8. VIII— 368 pag. fr. 15.—. 

Josse, Pierre, Le nouveau Systeme des impOts directs d'ltat en France. Pari^i, 
Sagot. 8. fr. 12.—. 

Fisk, Harvey E., Our public debt; an historical sketch with a description of 
United States securities. New York, Bankers Trust Co. 12. 126 p. 

Bachi, Cesare, La finanza dello State nell' anno 1917. Cittä di Caütello, casa 
ed. S. Lapi ; Milano-ßoma-Napoli, soc. ed. Dante Alighieri di Albrighi, Segati e C, 

1918. 8. 36 p. 

8. Oeld-, Bank-, Kredit- und Versicliemng'swesen. 

Blankart, Charles (Lic), Dr., Die Devisenpolitik während des Weltkrieges. 
(August 1914 bis November 1918.) Eine finanzwirtschaftliche und natioualökonomische 
Studie über die von den kriegführenden Staaten getroffenen Maßnahmen zum Schutze 
der nationalen Interessen auf dem Devisenmarkte. Mit einem Vorwort von (Dir.-Präs.) 
H. Kundert. Im Anhang 3 graph. Tab. (Etudes 6conomiques, commereiales et finaii- 
ciferes publiees sous les auspices de professeurs de l'Ecole des haute« fetudes commereiales 
de l'Universit* de Lausanne, 2 fosc.) Zürich, Orell Füßli, 1919. gr. 8. XIU— 257 SS. 
M. 28.—. 

Dalberg (Referent), Dr. Rud., Die Entwertung des Geldes. Eine Untersuchung 
der Einwirkungen von Kreditanspannung und Geldumlauf auf Preisniveau und Valuta- 
stand. 2. durchges. und verm. Aufl. Berlin, Carl Heymanns Verlag, 1919. gr. 8. 
VIII— 115 SS. M. 8.—. 

Elster (Reg.-R. a. D.), Karl, Die deutsche Valutapolitik nach dem Kriege. 
(Finanz- und volkswirtschaftliche Zeitfragen. Hrsg. von Geh. R. Prof. Dr. Georg 
Schanz und Geh. Reg.-R. Prof. Dr. Julius Wolf Heft 59.) Stuttgart, Ferd. Enke, 

1919. Lex.-8. 68 SS. M. 2,80. 

Parvus, Die Verstaatlichung der Banken und der Sozialismus. (Sozial wissen- 
schaftliche Bibliothek. Bd. 11.) Berlin, Verlag für Sozial Wissenschaft, 1919. kl. 8. 
110 SS. M. 3.-. 

Saling's Börsen-Papiere, 2. Teil: (finanzieller) Teil. (Berliner Börse.) Saling's 
Börsenjahrbuch für 1919/1920. Ein Handbuch für Bankiers und Kapitalisten. Be- 
arbeitet von Ernst Heinemaun, Dr. Georg Tischert, Job. Weber. 43. Aufl. Berlin. 
Verlag für Börsen und Finauzliteratur, 1919. 8. LXXIII— 2257 SS. M. 48.—. 

Saling's Börsenjahrbuch, Kleines, für 1919/1920. Ein Handbuch für Kapitalistea 
und Effekten besitzen Bearbeitet von Dr. Georg Tischert und John Weber. 8. Aufl. 
Berlin, Verlag für Börsen- und Finanzliteratur, 1919. kl. 8. XX— 647 SS. M. 12. — . 

Schaefer, Dr. Wilh., Welche Ueberschüsse können bei einer Uebernahme der 
Feuerversicherung auf das Reich erzielt werden? Eine wirtschaftswissenschaftliche 
Untersuchung. Hannover, Rechts-, Staats- und sozialwissenschaftlicher Verlag, 1919. 
Lex.-S. VIII-89 SS. M. 3,60. 



Laughlin, James Laurenee, Money and prices. New York, Scribner. 8^ 
11 + 314 p. $ 2,50. 

9. Oewerbliche Arbeiterfrag-e. Armenwesen und Wohlfahrtspflege. 
Wohnung-sfrage. Soziale Frage. Fraueufrage. 

Grüner (Aufsirhtsamtg-Präs. a. D. , Wirkl. Geh. R.) , Dr. E. , Die Arbeiter- 
Gewinnbeteiligung. Berlin, Karl Siegismund, 1919. gr. 8. 175 SS. M. 7,50. 

Günther, Prof. Dr. Adolf, Deutsche und französische Sozialpolitik. Ein Bei- 
trag cum sozialpolitischen Programm des Friedenskongresses und des Völkerbundes, 
liüncheo, Duncker u. Hamblot, 1919. gr. 8. 88 SS. M. 2,80. 



Uebersioht über die neuesten Pablikationen Deutschlands nnd des Auslandee. 275 

Tacobi, Prof. Dr. Erwin, Einfüiinuig in das Gewerbe- nnd Arbeiterrecht. 
Ein Grundriß. 2. Aufl. Leipzig, Felix Meiner, 1919. 8. VI— 44 SS. M 1,80 + 
30 Proz. T. 

Kafka (Ing.), Rieh., Altes und Neues über das Wohnungsproblem. Wien, 
ürban u. Schwarzenberg, 1919. Lei.-8. 46 SS. M. 4. M. 4.—. 

Kampffmeyer (Landeswohnungsrat), Dr. Hans, Wohnungsnot und Heim- 
stättengesetz. (Schriften zur Wohnungsfrage. Hrsg. vom badischen und württem- 
bergischen Landeswohnungsverein. Heft 6.) Karlsruhe, G. Braun, 1919. gr. 8. VI — 
25 8ö. M. 0,90. 

Kaufmann (Präs.), Dr. Paul, Die Sozialversicherung im Kampfe gegen die 
Geschlechtskrankheiten. (S.-A. aus der Monatsschrift für Arbeiter- und Angestellten- 
versicherung. 7. Jahrg., Heft 3.) Berlin, Julius Springer, 1919. 8. 23 SS. M. 1,20. 

Kautzsch, Dr. Werner v. , Umsturz uod Sozialismus. Eine sozialgeschicht- 
liehe Betrachtung, kritisch dargestellt. Berlin, Gustav Ziemsen, 1919. gr. 8. 247 SS. 
M. 6.—. 

Kulemanu (Landger. -R. a. D.), W. , Der Gewerkschaftsgedanke in der Be- 
amtenbewegung. Berlin, Leouhard Simion Nachf., 1919. gr. 8. 63 SS. M. 2 80. 

Knmpmann, Prof Dr. Karl, Die neuere Entwicklung der sozialen Fragen. 
Tübingen, J. C. B. Mohr, 1919. 8. 66 SS. M. 2. }- 20 Proz. T. 

Rauecker (Archiv.), Dr. Bruno, Die Erweiterung der Sozialpolitik zur Kultur- 
politik. München, Duncker u. Humblot, 1919. gr. 8. 30 SS. M. 1,20. 

Werneburg (FkCchtsanw.), Dr., Streik, Aussperrung (Boykott) und Lieferungs- 
verträge. (Volkswirtschaftliche Zeitfragen. Vorträge und Abhandlungen ; hrsg. von der 
volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Berlin. Red. : Dr. Croner. Nr. 304, 39. Jahrg., 
Heft 6.) Berlin, Leonhard Simion, 1919. gr. 8. 32 SS. M. 1,40. 

Wosnitza (Mag.-R.), Alexdr., Die Erwerbslosenfürsorge in der Fassung der 
Reichsverordnung vom 16, IV. 1919, nebst Ausführungsvorschriften und 7 Nachträgen, 
iargesiellt und erläutert, Breslau, Wilh. Gottl. Korn, 1919. kl. 8. 59 SS. M. 1,80. 

Wyss, Dr. Otto, Das Recht auf Zuweisung von Arbeit im Arbeitsvertrag. 
Aarau, H. R, Sauerländer, 1918, gr, 8. XI— 121 SS, M, 3,20. 



Saget, Jean Baptiste, Le probl^me de l'habitation h. bon marchfe en France 
et h l'^tranger, Premifere Solution ä Mulhouse, Paris, Soc, du Recueil Sirey, 8, fr. 5. — , 

Labriola, Teresa, I problemi sociali della donna. Bologna, N. Zanichelli, 
(Imola, coop. tip, ed, P, Galeati) 1918, 16, 179 p, 1, 4,—, 

Virgilio, Antonio, Del presente nostro stato sociale. Genova, tip. P. Pellas 
c C, 1918. 8. 255 p. 1. 5.—. 

10. Oenosseuschaftsweseu. 

Seelmann, Erich, Die öysteme im modernen Genossenschafts- 
wesen, ihre geschichtliche Entwicklung und ihr gegenwärtiger Stand. 
(Tübinger staatsw. Abhandlungen, herausgeg. vonC. J.Fuchs i. Verb, 
mit L. Stephin ger, N. F. Heft 18.) Stuttgart (W. Kohlhammer) 1917. 
80. 160 SS. 

Gegentiber der Annahme, daß ein in sich geschlossenes, nach einem 
einheitlichen System ausgebautes Genossenschaftswesen der gesamten 
deutscheu Volkswirtschaft nützlicher gewesen wäre als die heutige Ver- 
schiedenartigkeit, betont Seelmann, daß gerade die Vielgestaltigkeit 
der Genossenschaftsform in verschiedenen Systemen mit dazu beige- 
tragen habe, das Genossenschaftswesen auf den heutigen blühenden 
Stand zu bringen, und es befähige, immer neue Aufgaben zu erfassen 
und zu lösen. Klarheit über die vorhandenen Systeme und ihre Be- 
rechtigung aber könne man nur gewinnen, wenn man ihre Entstehung 
und Entwicklung erforscht und namentlich den Gründen nachgeht, die 
zur Einführung dieses oder jenes Grundsatzes geführt haben ; dabei auf 
Grund der Erfahrungen ihre Vorzüge und Schwächen gegeneinander 

18* 



276 Uebersicht ober die neuesten Publikationen Deutschlands und de? Auslandes. 

abwägt. Das ist der Zweck der Arbeit, weniger eine geschichtliche 
Untersuchung, als vielmehr eine vergleichende Zusammenstellung der 
verschiedenen Systeme im deutschen Genossenschaftswesen, unter Kenn- 
zeichnung zahlreicher Einzelprobleme, die sich aus jedem System er- 
geben; unter diesem Gesichtspunkt wird die geschichtliche Entwicklung 
des Genossenschaftswesens behandelt. Kurze geschichtliche Abrisse 
der großen genossenschaftlichen Zentialverbände sollen die Eigentüm- 
lichkeiten der verschiedenen Systeme erläutern und erklären, die in 
der Tat im wesentlichen nur geschichtlich zu verstehen sind. 

Der Verfasser bringt keine neuen geschichtlichen rorschungen. 
Er fußt vollständig auf den Ergebnissen der bisherigen Geschichts- 
forschungen, heimst sozusagen die Ernte der ganzen Genossenschafts- 
literatur ein, verwertet sie indessen in besonders vorteilhafter Art. 
Da aber die bisherige Geschichtsforschung auf diesem Gebiete noch 
recht lückenhaft ist, und Darstellungen auf breitester geschichtlicher 
Grundlage überhaupt noch fehlen, so ist die Seelmannsche Darstellung 
nicht gleichmäßig und lückenlos, und die gezogenen Schlüsse sind stellen- 
weise nicht unanfechtbar. Das nimmt aber der Arbeit nicht das un- 
bestreitbare Verdienst, zum ersten Male die Systeme zum Ausgangs- 
punkt einer Untersuchung gemacht und in einer Generalübersicht, 
gleichsam einem Panorama, neues Licht auf zahlreiche Einzelprobleme 
geworfen zu haben. Eine vergleichende Kritik der Systeme und ein 
Ausblick in ihre Weiterentwicklung beschließen die lehrreiche Schrift. 

Zweckgemäß werden die Untersuchungen nach den einzelnen ge- 
nossenschaftlichen Zentralverbänden angestellt, weil diese eben die 
Vertreter der Systeme sind. Wir können in einer kurzen Besprechung 
aus der Fülle der Einzelheiten, die das Buch enthält, nur einiges 
herausgreifen, was uns besonders bemerkenswert erscheint, oder auch 
zur Kritik herausfordert. 

Mit Recht erklärt der Verfasser die bekannte unbillige Stellung 
Schulze-Delitzschs gegenüber Raiffeisens Schöpfungen aus 
der nahezu völligen Unbekanntschaft Schulzes mit den Nöten und Be- 
dürfnissen des Landvolks, den Eigentümlichkeiten der bäuerlichen 
Denkungsweise und Wirtschaftsführung. Er glaubt ferner, daß Schulzes 
politische Anschauungen seine Stellung in genossenschaftlichen Fragen 
beeinflußt haben und es hierauf auch zurückzuführen sei, daß die Ge- 
nossenschaft bei ihrer gesetzlichen Anerkennung eine ausgesprochen 
demokratische Verfassung erhielt. Ein Beweis für den oft gehörten 
Vorwurf, daß Schulze und der Allgemeine Verband das Genosseuschafts- 
wesen in den Dienst politischer (demokratisch-fortschrittlicher) Be- 
strebungen gestellt habe, sei nicht geführt worden. Die Ablehnung 
jeder Form der Staatshilfe hat auch die bekannte ablehnende Stellung 
nähme des Allgemeinen Verbandes zur Preußischen Zentralgenossen- 
schaftskasse bestimmt, aber neben der Befürchtung der Beeinträchtigung 
der Selbständigkeit der Genossenschaften haben auch geschäftliche und 
organisatorische Gründe bei der Haltung mitgesprochen, nämlich die 
für den Verkehr mit der Preußenkasse vorausgesetzte Bildung von 
Zentral(Verbands)ka8sen. Genossenschaftliche Zentralkassen aber lehi 



üebersicht über die neuesteu Publikationen Deutschlands und des Anslandes. 277 

der Allgemeine Verband ab, da sie doch immer der Anlehnung an ein 
starkes Bankinstitut bedürfen, also überflüssig seien und geldverteuernd 
wirkten, und weil die nach seinen Grundsätzen mit großem, einen möglichst 
vollkommenen Geldausgleich ermöglichenden Geschäftsbezirk aufgebauten 
Genossenschaften direkt Verbindung mit Großbanken erhalten könnten, 
und im Allgemeinen Verband auch erhalten. Die Ausschließlichkeits- 
erkläruug (d. h. die Verpflichtung der Einzelgenossenschaft, Kredit 
lediglich bei ihrer Zentralkasse aufzunehmen und alle überschüssigen 
Batriebsmittel an ihre Zentralkasse abzuführen), durch die allein eine 
genossenschaftliche Zentralkasse lebensfähig ist, glaubt der Allgemeine 
Verband im Interesse der Selbständigkeit der Genossenschaften ablehnen 
zu müssen. Die Kreditgenossenschaft nach Schulze-Delitzsch ist ein 
rein geschäftliches, von hauptamtlich tätigen, fachmännisch vorgebildeten, 
besoldeten Vorstandsmitgliedern verwaltetes Bankunternehmen ohne re- 
ligiöse, charitative oder politische Tendenzen, ohne Betonung staats- 
erhaltender oder sozialer Ziele. In der Uebertragung dieser Grund- 
sätze auch auf die anderen Genossenschaftsarten des Allgemeinen Ver- 
bandes, insbesondere die Ablehnung von Zentralkassen und anderen 
geschäftlichen Zentralanstalten erblickt der Verfasser einen Fehler des 
Systems, der die Entwicklung dieser Genossenschaften (Handwerker- 
produktiv-, Konsum-, Magazin- usw. -Genossenschaften) stark gehemmt, 
ja ihn unfähig gemacht hat, bei der Organisierung der letzteren die 
Führung zu behalten. 

Dem Schul ze-Delitzschschen System wird das System 
Raiffeisen gegenübergestellt, wie denn der Verf. zu dem Ergebnis 
kommt, daß eigentlich nur diese beiden Hauptsysteme zu unterscheiden 
sind : Die Kreditgenossenschaft nach dem System Raiffeisen ist ein 
örtlich begrenztes, überwiegend ehren- und nebenamtlich verwaltetes 
Unternehmen mit gemeinnützigem, charitativem Charakter, welches neben 
dem Geldverkehr auch den An- und Verkauf landwirtschaftlicher Be- 
darfsartikel und Erzeugnisse vermittelt. Entsprechend den weit 
schwierigeren Umständen und verschiedenen Perioden, unter denen sich 
das ländliche Genossenschaftswesen entwickelt hat, nimmt auch seine 
Behandlung den breitesten Raum in dem Buche ein. Es werden die 
Kämpfe und Schwierigkeiten beleuchtet, die Raiffeisen hatte, um mit 
seinem Gedanken durchzudringen, und als Besonderheit hervorgehoben, 
daß er sich all den mannigfachen Schwierigkeiten zum Trotz behauptet 
hat. Ja, es wird festgestellt, daß das ländliche Genossenschaftswesen 
nicht zu der hohen Blüte gelangt sein würde, wenn Raiffeisen in seiner 
Genossenschaftsarbeit in dem Augenblick Halt gemacht hätte, als er 
sich an das Schulze-Delitzscbsche System anlehnte. Auch in der Frage 
des Geldausgleichs ging Raiffeisen eigene Wege, und wird von Seel- 
raann als der Gründer der heute so bedeutsamen Zentralkassen, über- 
haupt des Zentralgenossenschaftssystems bezeichnet. Mit Recht wird 
betont, daß zwingende Notwendigkeiten vom Standpunkt der Genossen- 
schaft die Zusammenschlüsse höherer Ordnung gezeitigt haben. Raif'f- 
eisens hervorragender praktischer Blick habe eben diese Wichtigkeit 
und Unentbehrlichkeit erkannt. Indessen gibt die Uebertragung der 



278 üebersicht über die neuesten Publikationen Deutsclilands und des Auslandes. 

Grundsätze seiner ländlichen Kreditgenossenschaft auf die von ihm ge- 
gründeten Zentralinstitute, insbesondere das heute noch bestehende 
Zentralgeldinstitut der Raiffeisen-Organisation, die Landwirtschaftliche 
Zentraldarlehnskasse für Deutschland, diesen etwas Starres und Ortho- 
doxes. Die Zweckmäßigkeit solcher, bis zur Unmöglichkeit gesteigerten 
Erschwerung einer Abänderung der Grundsätze (Satzung) wird verneint, 
insbesondere angesichts der Bestrebungen, auch andere Genossenschaften 
als Aktionäre zuzulassen. (Die Beschränkung des Kreises der Aktionäre 
auf Raiffeisensche Spar- und Darlehnskassen - Vereine bildet den be- 
deutendsten Inhalt der Satzung.) 

Für die fortschreitende Erweiterung der Aufgaben des Genossen- 
schaftswesens wurde das Raiffeisensche System zu eng und bedurfte 
nach vielen Seiten hin einer Erweiterung. An dieser Erweiterung 
wurde nach Raiffeisens Tode wohl fortgesetzt, aber nicht immer folge- 
richtig gearbeitet. Eingehend und kritisch werden diese Erneuerungs- 
versuche der Organisation beleuchtet. Die Begriffe „Zentralisierung'', 
„Dezentralisierung", „Provinzialisierung" sucht Seelmann dabei auf ihre 
reale Bedeutung zurückzuführen und nach ihrem immanenten Wesen zu 
umgrenzen, da sie „in den Auseinandersetzungen zwischen den ver- 
schiedenen Richtungen im Genossenschaftswesen zu Schlagworten ge- 
worden, ohne daß man immer den Kern der Sache erfaßt hat". Der 
Verf. kommt zu dem Ergebnis, daß Raiffeisen jede Form recht war, 
bei welcher die zentralistische Zusammenfassung der idealen und wirt- 
schaftlichen Kräfte gewahrt blieb. Zum System Raiffeisen gehöre nur 
die zentrale Zusammenfassung von Kräften, nicht die zentrale Gestaltung 
der Verwaltung. Dies hätten die Nachfolger nicht richtig erkannt, und 
zu lange an Einrichtungen festgehalten, die nur scheinbar zum System 
gehörten, aber mit der tatsächlichen Entwicklung nicht mehr im Ein- 
klang standen. 

Bei der geschichtlichen Darstellung ist dem Verfasser eine kleine 
Ungenauigkeit unterlaufen. Nicht beim Verein zu Anhausen im Jahre 
1862, sondern erst im Jahre 1864 bei der Umwandlung des Heddes- 
dorfer Wohltätigkeitsvereins in einen reinen Darlehnskassenverein 
wurde der Grundsatz der genossenschaftlichen Selbsthilfe, d. i. die 
Solidarhaftder Schuldner als Mitglieder angenommen. Dies 
hat Buchrucker im Landwirtschaftlichen Genossenschaftsblatt 1914, 
Nr. 2, einwandfrei nachgewiesen. Anfechtbar sind die apodiktischen 
Behauptungen Seelmanns zu der Frage der Geschäftsanteile bei länd- 
lichen Spar- und Dai-lehnskassenvereinen (S. 30 u. 31), wie denn über- 
haupt diese Frage eine alle Umstände würdigende Behandlung noch 
nicht gefunden hat. Die Stellung Raiffeisens, wie sie sich auch immer 
aus der gründlichsten historischen Untersuchung ergeben mag, darf 
für die völlig veränderten Verhältnisse der Gegenwart nicht ausschlag- 
gebend sein^ 

Bemerkenswert ist die Feststellung, daß, obwohl Raiffeisen am 
politischen Leben nicht teilgenommen, man seinen Genossenschaften eher 
als den Schulze-Delitzschschen Genossenschaften eine gewisse politische 
Tendenz nicht absprechen kann, daß sie gerne ihre staatserhaltenden 



üebersicht über die neuesten Publikationen Oeutschlands und des Auslandes. 279 

Aufgaben betonen, und sogar in der Mustersatzung für Spar- und 
Darlehnskassenvereine des Generalverbandes ist vorgesehen, daß sie 
auf staatstreuer Grundlage beruhen. 

Die Systeme der übrigen 3 Zentralverbände werden als Abarten 
aufgefaßt, die aus jedem der beiden Hauptsysteme einige Grundsätze, 
sei es im Aufbau der Einzelgenossenschaft, sei es in ihrer zentralen 
Zusammensetzung und Verwaltung, übernommen, aber im wesentlichen 
keine eigenen Systeme ausgebildet haben, ja der Reichsverband ge- 
wissermaßen als das System der Systemlosigkeit gekennzeichnet. Aber 
gerade diese lockere Bindung hat dem Reichsverband die größte Zahl 
von Unterverbänden und Genossenschaften zugeführt, so daß er heute 
Deutschlands größter Genossenschaftsverband ist. Im Aufbau der ört- 
lichen Spar- und Darlehnskassen hält er sich im wesentlichen an das 
Raiffeisensche System ; jedoch fehlt der unmittelbare Zusammenschluß 
der Genossenschaften in einer das ganze Reichsgebiet umfassenden 
Zentralkasse. Die wirtschaftliche Zusammenfassung beschränkt sich 
auf Provinzen und Landesteile in territorialen Verbandskassen, die 
ihrerseits in der Preußischen Zentral - Genossenschaftskasse ihre Geld- 
ausgleichstelle finden. Sich eine eigene Zentralkasse zu schaffen, hat 
der Reichsverband wohl versucht, ein Zeichen, daß zentralistische Be- 
strebungen für den Geldverkehr auch hier aufgetreten sind. Die Ur- 
sachen des Mißlingens werden unseres Erachtens ihrer Bedeutung ent- 
sprechend zu kurz begründet. Sie haben eine ausführliche^ Begründung 
in dem Wuttigschen Bankaufsatz: „Zur genossenschaftlichen Zentral- 
kassenbewegung" in „Bank", 1913, gefunden. 

Die zeitweise Vereinigung des Reichsverbandes und Generalver- 
bandes von 1905 — 1913 hat als einzige Einwirkung auf die System- 
fragen die Ausgestaltung der Verbände des Generalverbandes zu Ver- 
bänden mit eigenem Revisionsrecht ergeben, sonst blieb sie ohne 
wesentlichen Einfluß. Als bemerkenswert bezeichnet der Verf. bei Aus- 
führung des Programms des Reichsvorbandes (sogen. Darmstädter Pro- 
gramm von 1890), das in manchen Punkten von dem Programm Raiff- 
eisens abweicht, daß es als das allein richtige bezeichnet, und das 
System des Generalverbandes als „unhaltbar" erklärt wird. In der 
kritischen Betrachtung des 3. Abschnittes faßt Seelmann den Vergleich 
der Systeme dieser 3 Verbände noch einmal in dogmatischer Hinsicht 
zusammen und stellt fest : „daß der Allgemeine Verband sein System 
als das allein berechtigte für das ganze Genossenschaftswesen, der 
Reichsverband das seinige als das allein richtige für das ländliche 
Genossenschaftswesen erklärt hat, während der Generalverband, dem 
Standpunkte Raiffeisens folgend, anderen Systemen die Berechtigung 
nicht abgesprochen hat". Seelmann kennzeichnet sehr treffend die 
Verschiedenheit der Stellungnahme der Verbände dahin: „Der Allge- 
meine Verband ist nach innen und außen orthodox, der Generalverband 
in sich orthodox, gegen andere tolerant; der Reichsverband umgekehrt, 
in sich tolerant, gegen andere orthodox". 

Bei der Darstellung der beiden übrigen Zentralvei'bände, dem 
Hauptverband deutscher gewerblicher Genossenschaften und dem Zentral- 



280 Uebereicht über die neaesteu Pablikationen Deutschlanda and dets Auslandes. 

verband deutscher Konsumvereine, tritt das eingangs über die ünvoll- 
st&ndigkeit der Genossenschaftsliteratur in bezug auf die geschichtliche 
Entwicklung Gesagte besonders drastisch in die Erscheinung. Daher 
fehlte dem Verf., der sich fast nur an die vorhandene Literatur an- 
lehnt, die erforderliche Bekanntschaft mit den tatsächlichen Vorgängen, 
die zur Gründung des ersteren Zentralverbandes geführt haben. Bei 
der Systemvergleichung stellt er fest, daß das im Hauptverband herr- 
schende System ein gemischtes ist. Die einzelnen Genossenschaften 
sind nach dem System des Allgemeinen Verbandes, die genossenschaft- 
lichen Zusammenschlüsse nach dem System des Reichsverbandes orga- 
nisiert. Das Umgekehrte gilt vom Zentralverband. In ihm nehmen 
die einzelnen Verbände eine ähnliche Stellung ein wie die Verbände 
im Reichsverband; der zentrale Zusammenschluß ist aber ein ungleich 
festerer als dort wegen der engen wirtschaftlichen Beziehungen der 
Konsumvereine zur Großeinkaufsgesellschaft. Die in dieser sich zeigende 
wirtschaftliche Zentralisation ähnelt den Ideen Raiffeisens. 

Bemerkenswert sind die Ausführungen über die Preußische 
Zentral-Genossenschaftskasse. Es wird nicht verkannt, daß 
sie die Verbreitung des Genossenschaftswesens stark gefördert hat, be- 
mängelt wird aber die einseitige Beschränkung des Geschäftsverkehrs 
auf provinzielle Verbandskassen. Die einfache, klare, wenn auch kurze 
Behandlung der Auseinandersetzung der Preußenkasse mit der LZD. 
kommt zu dem Ergebnis, daß die Preußenkasse hier gerade das Gegen- 
teil dessen erstrebt habe, wofür sie errichtet war. Statt auf eine 
Stärkung des Genossenschaftswesens hinzuarbeiten, damit die Staats- 
hilfe entbehrlich werde, habe sie versucht, eine privatwirtschaftliche 
Geldausgleichstelle auszuschalten, um selbst einen Zuwachs an Kund- 
schaft zu erlangen. Berechtigt sei daher der Vorwurf, daß die Preußen- 
kasse das Genossenschaftswesen nicht zu reiner Selbsthilfe gelangen 
lassen wolle. Das Verbandskassens)^stem macht die in der Preußen- 
kasse gebotene Staatshilfe zu einer Dauereinrichtung, solange die Ver- 
bandskassen und ihre Genossenschaften nicht ihre eigene zentrale Geld- 
ausgleicLstelle haben. Wie schwer dies aber bei einem bereits ausge- 
bildeten Verbandskassensystem ist, zeigen die vom Reichsverband 
unternommenen vergeblichen Versuche. Als mit eine Folge dieser 
Stellungnahme betrachtet der Verf. die Tatsache, daß von 5 großen 
Zentralverbänden nur noch 2, der Reichsverband und der Hauptverband, 
Beziehungen zur Preußenkasse unterhalten, und daß nur ein verhältnis- 
mäßig geringer Teil der Geschäftsumsätze der Kasse mit Genossen- 
schaften abgewickelt wird. 

Der 8. Teil der an scharfen Beobachtungen und treffenden Pest- 
stellungen so überaus reichen Arbeit bringt das Ergebnis der Unter- 
.suchung in einem Vergleich der Sj'steme. Auf die Einzelheiten hier 
einzugehen, hieße den Inhalt in gleichem Umfang nur mit anderen 
Worten wiedergeben, was nicht die Aufgabe einer Besprechung sein 
kann. Die sich an den Vergleich schließende Kritik wiederholt zwar 
vieles in den vorhergehenden Abschnitten Gesagte, ohne indessen nicht 
auch wieder neue Beobachtungen und Feststellungen zu bringen. Wir 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 281 

entnehmen nur einige Feststellungen allgemeiner Natur. Mit Recht be- 
tont Seelmann, was in der Oeffentlichkeit immer noch nicht genügend 
berücksichtigt wird, daß jede Genossenschaft, obwohl geschäftlichas 
Unternehmen, doch ein "Wirtschaftskörper eigener Art ist; denn das 
Geschäft der Genossenschaft ist das Geschäft der Genossen, bei ihr 
deckt sich der Kundenkreis mit dem Mitgliederkreis, woraus sich Be- 
ziehungen zwischen Geschäft und Kunden ergeben, wie sie sonst im 
Wirtschaftsleben nicht vorkommen. Aus dieser Eigenart ergibt sich 
auch, daß die in der Theorie und in der Praxis der Bankwelt ent- 
wickelten Grundsätze, z. B. diejenigen über das Verhältnis zwischen 
eigenem und fremdem Vermögen, über Zahlungsbereitschaft, Ausleih- 
fristen usw. auf Kreditgenossenschaften nicht schlechthin übertragen 
werden können, daß viele von diesen vielmehr seit Jahrzehnten ständig, 
ja grundsätzlich gegen diese Grundsätze verstoßen und doch gedeihen. 
Ja, der ländliche Darlehnskaasenverein ist trotz dieses Gegensatzes zur 
städtischen Bankorganisation das festeste und solideste Glied im ganzen 
ländlichen Genossenschaftswesen, und der Zahl nach bei weitem am 
stärksten vertreten. Er hat sich trotz Anfeindung und Anzweiflung 
entwicklungsfähiger gezeigt als der Schulzesche Vorschußverein. Und 
die Zentralgeldausgleichstelle der Raiffeisenschen Spar- und Dar- 
lehnskassen- Vereine hat bisher den Geldausgleich in allen schwierigen 
Lagen zur Zufriedenheit durchführen können. Fragen gegenüber, die 
hier aufgetaucht sind, ist, wie Seelmann schreibt, die theoretische Be- 
trachtung und Bankkritik ratlos gewesen. Die Kasse wird als solche 
ein interessantes volkswirtschaftliches Problem genannt, über welches 
bis in die neuere Zeit die Ansichten weit auseinander gingen. Erst 
allmählich kann die kritische Betrachtung zu einem endgültigen Urteil 
gelangen, wohl erst dann, wenn noch weitere Erfahrungen in der auf 
den Krieg folgenden Zeit gewonnen werden können. 

Eine Lanze für Raiffeisen bricht Seelmann auch, wenn er betont, 
daß es Raiffeisen znm größten Ruhme gereicht, einen christlich-ethischen 
und gemeinnützigen Grundton in das ländliche Genossenschaftswesen 
gebracht zu haben. „Gerade in einer Zeit, in welcher unsere hoch- 
kapitalistische Wirtschaftsentwicklung zur rücksichtslosesten Verfolgung 
der Erwerbsinteressen geführt hat, mußte es wie eine befreiende Tat 
wirken, daß der Menschheit zugerufen wurde,, es dürfe die geschäft- 
liche Tätigkeit nicht lediglich auf Eigennutz und Eigensucht abgestellt 
werden, es gebe höhere Pflichten, namentlich zum Schutze der wirt- 
schaftlich Schwächeren." 

Der letzte Abschnitt eröffnet Ausblicke auf die Weiterentwicklung 
der Systeme. Es wird festgestellt, daß, wenn auch die Vielgestaltigkeit 
des Genossenschaftswesens durch Anregung eines Wettbewerbes günstige 
Elrfolge gehabt habe, sie doch große Schattenseiten aufwiese. Das 
Nebeneinanderbestehen mehrerer Genossenschaftsverbände von gleich- 
artigen Genossenschaften in gleichen Bezirken bedeute immer einen 
annötig verteuernden Kräfteverbrauch. Hier wird eine gewisse Ver- 
einfachung in den Genossenschaftsbildungen als erwünscht bezeichnet. 
Die Aussicht, die vorhandene Zersplittemng zu beseitigen oder wenig- 



282 üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

stens zu mildern, sei freilich gering. Neben sachlichen Schwierigkeiten 
ständen dem Schwierigkeiten persönlicher Art gegenüber. Ein Fort- 
schritt wird aber gefunden in der Zusammenarbeit der großen Zentral- 
verbände im „Freien Ausschuß". Dabei habe sich schon gezeigt, 
daß die alle Genossenschaftsorganisationen gleichmäßig berührenden 
gemeinsamen Fragen so zahlreich und bedeutend sind, daß weiterhin 
fruchtbringende gemeinsame Arbeit sehr wohl möglich ist. Zur weiteren 
Verständigung, und als Ergebnis solcher die Milderung oder Be- 
seitigung eines unnötigen Wettbewerbes zwischen den Organisationen 
sei eine eingehende wissenschaftliche Erforschung aller Probleme er- 
forderlich. Man darf wohl sagen , daß die vorliegende Arbeit von 
Seelmann zu dieser Verständigung einen nicht mehr zu übergehenden 
Beitrag liefert. 

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mia dei trausporti (II), di Carlo di Nola. — L'imposta sui profitti di guerra, die Luigi 
Nina. — Le statistiche e le relazioni periodiche nella burocrazia, di Epicarmo Corbino. 

— etc. 

G. Holland. 
Gids, De Socialistische. Maandschrift der sociaaldemocratische arbeiderspartij. 
Jaarg. IV, Juni 1919, No. 6: De hervorming in verband met het opkomend kapitalis- 
me, door J. Keulen. — De theorie van het bolsjewisme, door J. G. van Dillen. — etc. 

— Juli 1919, No. 7: Economische bedrijfsorganisatie, door F. M. Wibaut. — De eerste 
periode der Nederlandsche arbeidswetgeving, door E. Boekman. — Het vraagstuk der 
internationale ontwapening (III), door J. van Gelderen. — etc. 



Die periodische Fresse Deutschlands. 

Archiv für Eisenbahnwesen. Hrsg. im Preußischen Ministerium der öffentlichen 
Arbeiten. Jahrg. 1919, Juli/August, Heft 4: Die Betriebskosten der Eisenbahnen und 
ihre Bedeutung für die Tarifbildung (Forts.), von Dr. Ahlberg und Dr. Norrman. — 
Die Entwicklung der schweizerischen Bundesbahnen seit dem Jahre 1912. — Die Er- 
tragsfähigkeit der Schweizerischen Nebenbahnen (Schluß), von Dr. ing. Weber. — Die 
Arbeiterpensionskasse, die Krankenkassen und die Unfallversicherung bei der preußisch- 
hessischen Eisenbahngemeinschaft im Jahre 1917 (Schluß), von (Geh. exped. Sekr.) 
M. Stephan. — Die Entwicklung der Eisenbahnverhältnisse Hamburgs bis zur Ver- 
staatlichung (1884), von (Eiseubahnobcrsekr.) O. Schewe. — 1882 — 1911. Dreißig 
Jahre russischer Eisenbahnpolitik und deren wirtschaftliche Rückwirkung (Forts.), von (Geh. 
Reg.-Rat) Dr. Mertens. — Die vereinigten preußischen und hessischen Staatscisenbahnen 
im Rechnungsjahr 1917. (Nach den amtlichen Betriebs- und Bauberichten und der 
Statistik der Eisenbahnen Deutschlands.) — Die sächsischen Staatseisenbahnen in den 
Jahren 1916 und 1917. — Die finnischen Staatseisenbahnen im Jahre 1916. — Die 
schwedischen Staatsbahnen in den Jahren 1914 — 1917. — Die Eisenbahnen in Nor- 
wegen in den Jahren 1915/16 und 1916/17. 

Archiv für innere Kolonisation. Bd. 11, Jahrg. 1918/19, Juli/August, Heft 10/11: 
Die Finanzierung des landwirtschaftlichen Siedlungswerkes in Preußen unter Mitwir- 
kung der Landschaften, von Dr. Hermann Mauer. — Verpflanzung erwerbsloser Städter 
anfs Land mit stiiatlicher Hilfe, von (Rcg.-R.) Dr. Ponfik. — Fragen zum Reichssied- 
lungsgesetz, von (Reg.-R. a. D.) H. Borchert. — etc. 

Archiv für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie. Bd. 12, Juli 1919, Heft 4: 
Der deutsche Volksstaat, von (ord. Prof. Geh. Justizrat) Dr. Hans Schreuer. — Was 
ist Sozialismus?, von (Univ.-Prof.) Dr. Walter Kinkel. — Rechtsökonomie, von (Land- 
gerichtsrat) W. Kulemann. Mit einem Nachtrag von (Staatsanw.) A. Zeiler. — Die 
metaphysische Grundlage der „Volkswirtschaftslehre", zugleich Besprechung der Lief- 
mannschcn Grundsätze, von (Reichsmilitärgerichtsrat a. D.) Dr. Ph. Otto Mayer. — etc. 

Archiv, Weltwirtschaftliche«. Bd. 15, Juli 1919, Heft 1: Die Statistik als 
Wissenschaft, von (ord. Prof.) Dr. Ferdinand Tönnies. — Die Bestimniungsgründe der 
intervalutarischen Kurse, von (Priv.-Doz.) Dr. Elisabeth van Dorp Bloemendaal. — Walther 
Rathenau und die gemoinwirtschaftliohen Theorien der Gegenwart, von (Priv.-Doz.) Prof. 
Dr. Adolf Günther. — Der Saarkohlenhergbau und seine Beziehungen zu Frankreich, 
von Wilhelm Maaß. — Die volkswirtschaftlichen Grundlagen von Deutsch- Donauland 
und seine Abhängigkeit vom Weltmärkte, von Prof. Dr. Oscar Kende. — Das Pucht- 
»ystem im Ackerbau Argentiniens. Ein Beitrag zur Frage der südamerikanischen Ein- 
wanderung, von Ernst Wilhelm Schmidt. — Die Zusammcnschlußbewegung in der eng- 



2gg Die periodische Presse Deutschlands. 

lischen Handelsschiffahrt, von Dr. Paul Overzier. — Die Fortschritte im Eisenbahn- 
wesen Asiens in den Jahren 1917 und 1918, von Dr. Richard Hennig. — Der Begriff des 
Spezialhandels in der deutschen Außenhandelsstatistik. — Die Weltzuckerproduktion 
während des Krieges und der Zuckerpreis, von Siegmund Ziegler. — Zur Sicherung 
der deutschen Oel- und Fettversorguug, von Prof. W. Kleberger. — Die gegenwärtige 
Rechtslage der Kartelle und Trusts in den wichtigsten Kulturlündem, von Dr. Sieg- 
fried Tschierschky. — etc. 

Außenhandel, Deutscher. Zeitschrift des Handelsvertragsvereins. Jahrg. 19, 
Juli 1919. Nr. 13/14: Die amtliche Preisberechnung für Ausfuhrwaren, von Dr. Otto 
Heyn. — Kopenhagen als künftiger Welthandelsplatz Nordeuropas. — Die wirtschaftlichen 
Verhältnisse in Kurland und Estland. — Die wirtschaftliche Lage in Rußland. — 
Argentiniens Handel im Kriege. — Die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs and 
die Friedensbedingungen, von (Reichsgerichtsrat) Dr. Lobe. — etc. 

Bank, Die. Juli 1919. Heft 7: Die Hebung des Volkseinkommens. (Die finan- 
zielle Tragfähigkeit Deutschlands II), von Alfred Lansburgh. — Der Weg »um Aus- 
landkredit, von Ludwig Eschwege. — Steuerflucht und Bankgeheimnis, von Dr. 
G. Günther — Die große Vermögensabgabe und ihre Erhebungsart. — etc. 

Bank-Archiv. Jahrg. 18, 1919, Nr. 20: Zur Vermögensabgabe, von (Geh. 
Kommerzienrat) Max Steinthal. — Uebergang der Börse von der Kriegs- zur Friedens- 
wirtschaft, von (Kommerzienrat) A. Moser. — Kriegsanleihen und Finanznot, von 
(Reg.-R. a. D.) Karl Elster. ~ etc. — Nr. 21: Die Zukunft der Börse, von (Wirkl. 
Geh. Rat, ord. Prof.) Dr. Heinrich Göppert. — Zur Vermögensabgabe, von (Geh. Kom- 
merzienrat) Moritz Leiffmann. — Die Begleichung von Forderungen nach dem Friedens- 
vertrage (Internationales Ciaring), von (Rechtsanw., Justitiar der Deutschen Bank), Her- 
mann Ohse. — Französische Finanzsorgen, von Dr. S. Schwabacher. — Betriebsrat- 
gesetz und Bankgewerbe. — etc. 

Concordia. Zeitschrift der Zentralstelle für Volkswohlfahrt. Jahrg. 26, 1919, 
Nr. 13: üeber die Mitwirkung der Arbeiter bei der Unfall- und Krankheits Verhütung. 

— etc. — Nr. 14: Wie stellt sich der soziale Arbeiter und die einzelne Organisation 
der privaten Wohlfahrtspflege auf die neuen Verhältnisse ein?, von Alice Salomon. — 
Verstaatlichung der Arbeitsnachweise, von J. Meinhof. — etc. 

Fin anz- Archiv. Jahrg. 36, 1919, Bd. 1: Wert und Wertabmessung im all- 
gemeinen sowie Wertfeststellung des staatlichen Finanzvermögens nach dem Ertrage im 
besonderen, von (Kammerpräs.) Dr. F. W. R. Zimmermann. — Die bayerische Steuer- 
reform vom Jahre 1918, von Georg Schanz. — Bayerisches Einkommensteuergesetz vom 
17. August 1918. — Die deutscheu Kriegssteuergesetze von 1918, von (Präs. a. D.) Dr. 
R. van der Borght. — Steuermoral und Sparkassen, von Dr. Walter Werner. — Aus 
der englischen Steuerpraxis, von Dr. C. H. P. Inhülsen. — etc. 

Jahrbücher, Landwirtschaftliche. Bd. 53, 1919, Heft 3: Mitteilung des In- 
stituts für Pflanzenproduktionslehre der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin. Nr. 1 : 
Die Sortenanbauversuche im Jahre 1918, von K. v. Rümker und R. Leidner. — Land- 
wirtschaftliche Betriebs.statistik und Buchführungsvereiue, von Prof. Dr. A. H. Holl- 
mann. — Die Wiederbelebung des Flachsbaus und der Hausweberei in Deutachland 
and ihr Einfluß auf die ländlichen Arbeitsverhältnisse, von Paul Hoffmann. — Die 
agrarhistorischen Theorien Edward Hahns, von (Priy.-Doz.) Dr. Eich. Krzymowski. 

— etc. 

Jahrbücher, Preußische. Bd. 177, August 1919, Heft 2: Die Schule der 
Staatsmänner, von W. v. Massow. — Zur Reform des Strafrechtn, von (Amtsrichter) 
Dr. Albert Hellwig. — Die Verfassungsberatung. Sohwarz-rot-gold ; die Regierung 
Bauer-Noske-Erzberger ; War unser Niederbruch unabwendbar?, von Hans Delbrück. 

— etc. 

Kultur, Soziale. 39. Jahrg., Juli 1919, Heft 7: Das System Ballod, von Dr. 
Paul Beusch. — Allgemeine Gedanken vom Kolonialwesen, von (Mitgl. des bayer. Land- 
tags) Dr. Eugen Jäger. — etc. 

Monatshefte, Sozialistische. 25. Jahrg., 53. Bd., 1919, Heft 17/18: Der 
4. August, von Heinrich Pens. — Zum Völkerbundgedanken, von Dr. Leo Arons. — 
Die neuen Ziele der deutschen Außenpolitik, von Dr. Ludwig Quessel. — Der Wiederauf- 
bau der verwüsteten Gebiete Frankreichs, eine Aufgabe der deutschen Politik, von Dr. 
Ernst Hamburger. — Was soll der Sozialismus?, von Wally Zepler, — cte. 

OekonomiBt, Der Deutsche. Jahrg. 37, 1919, Nr. 1908: Gegen die Kapital- 
nnebt. — etc. — Nr. 1909: Streik, Liefernngs vertrüge und Streikklausel. — Tarif- 



Die periodische Presse Deutschlands. 287 

Terträge and Angestellte. -- Betriebsnitgesetz und Baugewerbe. — etc. — Nr. 1910/11: 
Die deutschen Banken im Jahre 1918 (I u. II), von Dr. jur. Willy Baecker. — etc. 

Plutus, 16. Jahrg., 1919, Heft 29/30: Notopfer. — Zeitgemäße Betrachtungen, 
Ton Friedrich List. — Reichs-Treubandstelle, von (Dozent) Dr. rer. pol. Paul Gerstner. — 
etc. — Heft 31/32 : Steuerbeamte. — Gewinnbeteiligung der Arbeiter, von (Landrichter) 
Dr. Rob. Deumer. — Die britischen Banken im Kriege, von Fritz Zutrauen. — etc. 

Praxis, Soziale, und Archiv für Volkswohlfahrt. Jahrg. 28, 1919, Nr. 42: 
Der Nürnberger Gewerkschaftskongreß (Schluß), von Dr. Ludwig Heyde. — Wichtige 
Tarifvertragserscheinungen. — Nachwort zur Thüringer Eisenbahnerbewegung, von 
(Generalsekr. des Gewerkschaflsbunde.-» deutscher Eisenbahnbeamten) Friedricli W. Funk. 

— etc. — Nr. 43 : Neuregelung der Gewerbeaufsicht , von einem Gewerbeaufsichts- 
beamten. — Die sozialpolitische Annäherung der skandinavischen Staaten untereinander. 

— Das Recht der Landarbeiter anf Selbstversorgung, von (Bezirksamtmann) Dr. Kaisen- 
berg. — Der Massenmord an deutschen Kindern. — Die Lohnentwicklung in Groß- 
britannien während des Krieges. — Die Landarbeiterstreiks in Deutschland. — etc. — 
Nr. 44 : Abbau der Erwerbslosenfürsorgo. — Schaffung einer Arbeitslosenversicherung, 
von Dr. Käthe Gabel. — Grenzen der Taylorisierung, von Dr. Bruno Rauecker. — 
Das neue Regierungsprogramm und «lie Sozialpolitik. — Das Bergarbeiterproblem in 
England. — Die Rätefrage. — etc. — Nr. 45 : Sozialpolitik im Deutschen Reich und 
in Dänemark, von (Geheimrat) Prof. Dr. Ferdinand Tönnies. — Sozialisierungsmaß- 
nahmen. — Die Internationale Gewerkschaftskonferenz in Amsterdam. — etc. — Nr. 46 : 
Die Entwicklung der Arbeiterinnenorganisation während des Krieges, von Dr. Charlotte 
Leubuscher. — Tarifverträge für technische Angestellte im deutschen Bergbau, von 
(Steiger) G. Werner. — Um das Streikrecht der Beamten. — Die Streikorganitation 
■nter den Eisenbahnern. — etc. 

Recht und Wirtschaft, Jahrg. 8, Juli .1919, Nr. 7: Die Verfassung des 
Deutschen Reichs, von (Min. a. D.) Dr. Düringer. — Handelspolitik nach dem Friedens- 
schluß, von (Reg.-Assess.) Dr. Posse. — Zur Frage des Abbaues der Löhne, von (Vors. 
des deutschen Buchbinderverbandes) Emil Kloth. — Ein deutsches Arbeitsgesetzbuch, 
von (Synd. der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände) Dr. Taenzler. — Das 
Mitwirkungsrecht der Angestelltenausschüsse bei Kündigungen und die zivilrechtliche 
Haftbarkeit der Arbeitgeber, von (Rechtsanw.) Dr. Oscar Horwitz. — etc. 

Verwaltung und Statistik (Monatsschrift f. Deutsche Beamte). Jahrg. 9, 
Juli 1919, Heft 7 : Der Viehstand Preußens am 1. März 1919, von O. T. — Städtische 
■nd ländliche Vermögensverteilung in Preußen, von K. — etc. 

V i ertel j ahrschr if t für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Bd. 15, 1919, 
Heft 1 : Die Alpgüter der oberschwäbischen Klöster Höfen und Weingarten. Ein Bei- 
trag zur Geschichte der Alpwittschaft, von Karl Otto Müller. — Der Geldkurs in vom 
Feiml besetzten Landstrichen. Ein geschichtlicher Rückblick, von Dr. Gustav 
Schöttle. — etc. 

Viertel Jahrshefte zur Statistik des Deutschen Reichs. 28. Jahrg., 1919, 
Heft 1 ; Anordnungen für die Reichsstatistik aus dem Jahre 1918. — Zur deutschen 
Justizstatistik für das Jahr 1917. — Produktion der Kohlen-, Eisen- und Hütten- 
industrie (1915). — Produktion der Eisenindustrie Luxemburgs im Jahre 1915. — 
Emtestatistik für das Jahr 1917. — Emtestatistik für das Jahr 1918. — Weinmost- 
emte im Jahre 1918. — Die Aktiengesellschaften und die Gesellschaften mit be- 
schränkter Haftung im Deutschen Reich. — Bestands- und Kapitaläuderungen der 
deutschen Aktiengesellschaften, einschl. der Kommanditgesellschaften auf Aktien (1918). 
— Bestands- und Kapitaländerungen der deutschen Gesellschaften m. b. H. (1918). — 
• Die Krankenversicherung in den Knappschaftskassen und -vereinen im Jahre 1917. — 
Zur Statistik der Preise (A. Großhandels- und öffentlich geregelte Preise wichtiger 
Waren an deutschen Plätzen: Durchschnittspreise für die Monate des Jahres 1918 und 
für die 20 Jahre 1899 bis 1918. — Verhältniszahlen für die Jahre 1909 bis 1918. 
Anbang: Börse in Berlin. Großhandelspreise wichtiger Waren in London, Liverpool, 
Chicago und New York. — B. Amtlich (von Reichs-, Staats- bzw. Kommunalbchörden) 
festgesetzte Höchstpreise für wichtige Lebens- und Verpfleguugsmittcl im Deutschen 
Reich im Januar 1919. C. Scblachtviehpreise im Ausland nach Monaten und für die 
Jahre 1913 bis 1918. D. Schlachtviehpreise im Ausland im 4. Vierteljahre 1914 bis 
1918. — Bodenseefischerei im Jahre 1918. — Konkarsstatistik. 4. Vierteljahr 1918. 
(Vorläufige Mitteilungen.) — Nachtrag zur Statistik der Reicbstagswableu von 1912. — 
Ersatzwahlen. 



288 ^^® periodische Presse Deutschlands. 

Weltwirtschaft. Monatsschrift für Weltwirtscliaft. Aui^laudskunde und Aus- 
landsdeutschtum. Jahrg. 9, Juli 1919, Nr. 7: Die künftigen Beziehungen der deutschen 
Kolonisten in Bußland zu ihrem Stammlande, von Dr. E Jenny. — Aussichten des 
Eisenbetonschiffbaus, von (Geh. Reg.-R.) Max Geitel. — Das Deutschtum in Australien 
und Neuseeland, von Prof. Dr. Alfred Manes. — Die Wirtschaftsbeziehungen Griechen- 
lands und Deutschlands, von Dr. Demetr. Kalitsunakis. — Deutsche Bauemarbeit in 
Mazedonien, von J. Zeißel. — etc. 

Wirtschafts-Zeitung, Deutsche. Jahrg. 15, 1919, Nr. 11: Die geplante all- 
gemeine Vermögensabgabe und der Abbau der Preise, von Dr, Otto Heyn. — Das Mit- 
bestimmungsrecht der Angestellten, von Prof. Dr. Adolf Günther. — Hausinriui'trie, 
von (Geh. Kommerzienrat) Carl Craemer, — Das Rätesystem (Schluß), von Dr. Otto 
Brandt. — etc. — Nr. 12: Vom Wesen der Inflation, von Prof. Dr. W. Prion. — 
Das wirtschaftliche Zerstörungswerk der Münchener Räterepublik, von Dr. Leo Blum. 

— Vereinheitlichung des deutschen Zollwesens. — etc. — Nr. 13 : Das Mitbestimmungs- 
recht, von Dr. Weber. — Die neue Erkenntnis der Parallelbewegung von Geldwert und 
Valutastand, von Dr. jur. u. phil. Dalberg. Mit einer Erwiderung von Prof. Dr. Robert 
Liefmann. — Der Unternehmerlohn, von Prof. Dr. Hirsch. — etc. — Nr. 14: Die 
Wirkung der Geldentwertung auf Staats Wirtschaft und Eisenbahnwirtschaft, von (Reg.-B.) 
Quaatz. — Wie sollen sich Industrie und Handel zum Einheitsschulproblem stellen? 
von (Synd.) Dr. jur. et phil. Rocke. — Das Bestechungsunwesen, von Emil Schiff. 

— etc. 

Zeit, Die Neue. 37. Jahrg., 2. Bd., 1919, Nr. 16: Die rheinische Frage, von 
J. Meerfeld. — Die Sozialisierung als Entwicklungs- und Erziehungsproblem, von 
Franz Laufkötter. — etc. — Nr. 17: Die Eisenbahnerstreiks, von (Beirat im preußi- 
schen Eisenbahnministerium) L. Bi-unner. — Das „Proletariat" und die „proletarischen" 
Interessen, von Hans Marckwald. — etc. — Nr. 18 : Privatbergregale, von Otto Hue. 

— Der Gesetzentwurf über die Organisation der Betriebsräte (I), von Dr. Georg Flatow. 

— Die Zukunft unserer Jugendbewegung, von Dr. Richard Lohmann. — Zur Agrar-, 
Siedlungs- und Bevölkerungspolitik, von Artur Heichen. — etc. — Nr. 19 : National- 
gefühl und Klassenbewußtsein, von Heinrich Cunow. — Der kommunalisierte Landrat, 
von Eduard Graf. — Die Zentralisation des Steuerwesens im Reich . von Wilhelm 
Guske. — etc. — Nr. 20: Politisches Leben in der Türkei, von Fr. Schrader. — 
Der Gesetzentwurf über die Organisation der Betriebsräte (Schluß), von Dr. Georg 
Flatow. — etc. 

Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. Jahrg. 74, 1919, Heft 2: Ar- 
beitsstättenwanderungen, von Dr. Heinz Christian Göbel. — Zum Begriff des politischen 
Verbrechens in den Auslieferungsverträgen, von (Rechtsanw.) Dr. Werneburg. — Das 
System David Ricardos, von J. St. Lewinski. — Das deutsche Versicherungswesen. — 
Produktionskosten und Produktionsertrag der Industrie der Vereinigten Staaten von 
Amerika, von H. Fehlinger. — Genossenschaftliche Literatur, von Dr. Robert Denmer. — 
Der holländische Schiffbau, von Dr. Ernst Schnitze. — etc. 

Zeitschrift für Kommunalwiitschaft und Kommunalpolitik. Jahrg. 9, 1919, 
Nr. 13: Die Sozialisierung der Licht- und Kraftwerke, von (Oberbürgermeister) 
Schmieder. — Vergemeindlichung, von Emil Schiff. — etc. — Nr. 14 : Das heutige 
Recht der Gemeindesparkassen, von (Justizrat) Karl Friedrichs. — Beschaffung von 
landwirtschaftlichen Siedlungsland, von (Verbandsdir. Geh. R.) v. Puttkamer. — Die Ver- 
waliungsorganisation der deutschen Städte. Bericht von (Bürgermstr.) Finke. — etc. 

Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Jahrg. 10, 1919, Htft 5 u. 6. — Leipziger 
Messe und deutsche Industrie, von Dr. Rocke. — Der Bilanzgedanke und die Wechsel- 
kurse (II. Schluß), von Prof. Dr. F. Schmidt. — Der Kampf der oberschlesischen 
Kohle gegen die englische (II. Schluß), von Dr. rer. pol. et phil. Hans Schneider. — 
Vom Braunkohlenbergbau in Holland, von Bruno Simmersbach. — Der amerikanische 
Schiffahrtstmst im Kriege, von Dr. Ernst Schnitze. — Die Arbeitsgebiete der Kriegs- 
beschädigtenfürsorge, von Dr. Herbst. — etc. 



Frommannsche Bucbdruckerei (Hermann Pöble) in Jena — 4763 



Heinrich Waentig, Briavoinne. 289 



V. 

Briavoinne. 

Von 
Heinricli Waentig. 

„M. Natalis Briavoinne, ancien directeur de „L'Emancipation", 
de „L'Echo de Bruxelles" et du „Telegraphe", est mort avant-hier 
matin ä Ixellcs. Son Service funebre aura lieu aujourd'hui en l'eglise 
St. Boniface ä 11 heures du matin. M. Briavoinne etait äg6 de 71 
ans. II etait Chevalier de la legion d'honneur." Dies die lakonische 
Notiz, mit der der „Moniteur Beige" vom 14. September 1869 das. 
Ableben eines Mannes anzeigte, der, ohne Belgier von Geburt zu 
sein, vierzig Jahre lang in der belgischen Oeffentlichkeit eine ziem- 
lich einflußreiche Rolle gespielt hatte. 

Nachrufe, die damals in der Brüsseler Presse erschienen, geben 
weitere Einzelheiten. Danach war der Verstorbene, Natalis-Marie 
Briavoinne, am 29. Juni" 1799 zu Paris geboren worden. Dort 
wurde er in einem von Ordensbrüdern geleiteten Institute erzogen, 
um sicli später der Advokatur zu widmen. Welche Gründe ihn 
dann bestimmten, seinem Vaterlande den Rücken zu kehren und sich 
in Belgien niederzulassen, ist unbekannt. Jedenfalls landete er 1830, 
wenige Tage vor Ausbruch der Revolution, in Brüssel, wo er schon 
im Oktober desselben Jahres die Zeitung „L'Emancipation Beige" 
gründete. 

In erster Linie als Tagesschriftsteller und Zeitungsherausgeber 
hat Briavoinne sich bis zu seinem am 12. September 1869 erfolgten 
Tode einen Namen gemacht. Der „Emancipation" folgte der „ficlair", 
später, als billige Volksblätter, „L'Echo de Bruxelles" und „Le 
Peuple". Als „journaliste dans la veritable acception du mot", als 
„une des individualites les plus remarquables du journalisme beige", 
wurde er auch bei seinem Begräbnis gefeiert, das durch die An- 
wesenheit zahlreicher Politiker und Finanzmänner, Künstler und 
Literaten ausgezeichnet wurde. Daß mit ihm jedoch zugleich ein be- 
deutender wissenschaftlicher Forscher dahin gegangen war, ist da- 
mals nur ungenügend zum Ausdruck gekommen. 

Zwar nannte die Presse in ihren gedrängten Lebensbeschrei- 
bungen die Titel dreier nationalökonomischer Werke, die sämtlich 
Ende der dreißiger Jahre erschienen sind. Auch erwähnte sie, daß 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 118 (Dritte Volge Bd. 58). 1 9 



290 Heinrich Waentig, 

ihr Verfasser am 25. Februar "1840 zum Sekretär der Leinen- 
Enquete-Kommission ernannt wurde, deren tiefgründigen und weit- 
umfassenden Bericht er offenbar bearbeitet hat. Aber das alles lag 
ziemlich weit in der Vergangenheit zurück und wurde durch ganz 
anders geartete Verdienste in Schatten gestellt. Und doch sind es 
gerade jene damals verschmähten und im Grunde bis auf die jüngste 
Gegenwart unbeachtet gebliebenen Werke, die dem Volkswirte Bria- 
voinne die Unsterblichkeit sichern. 

Als „l'historien economiste si penetrant «t aujourd'hui si oublie" 
hat der während des Weltkrieges verstorbene belgische National- 
ökononi und Soziolog Emile Waxweiler ihn in einem „La nalion 
beige 1830 — 1905" betitelten Sammelbande (p. 101) kurz charak- 
terisiert. Aber das ist eine Ausnahme. Weder in der „Bibliographie 
Nationale Beige" i), noch in dem die Entwicklung der belgischen 
Nationalökonomie behandelnden Artikel des zweibändigen Standard- 
Werkes „Le mouvement scientifique en Belgique 1830 — 1905" 
(Bruxelles 1907), noch endlich in P. Michottes „Etudes sur les 
theories economiques, qui dominerent en Belgique 1830 — 1886" 
(Louvain 1904) findet sich eine Würdigung dieses eigenartigen 
Schriftstellers 2 ), Was Wunder, daß man auch in der deutschen 
Literatur seinen Spuren nirgends begegnet 3). Er ist in der Tat ver- 
schollen, wenn jemals in seiner vollen Bedeutung richtig erkannt. 
Ihn aus dieser unverdienten Vergessenheit herauszureißen und ihm 
seinen Platz in der volkswirtschaftlichen Literatur des 19. Jahr- 
hunderts anzuweisen, ist die Aufgabe der folgenden Zeilen. 

Briavoinnes wissenschaftliche Tätigkeit im strengen Sinne des 
Wortes umfaßt, wie bereits angedeutet wurde, nur eine kurze Spanne 
seines Lebens. Gerade als Zeitungsherausgeber und Tagesschrift- 
steller sah er sich aber, nachdem die revolutionäre Bewegung einiger- 
maßen zur Ruhe gekommen war, vor die entscheidenden Fragen 
der belgischen Volkswirtschaftspolitik gestellt*). Daß er sich nicht 
damit begnügte, sie, wie andere seinesgleichen, nur obenhin zu be- 
handeln, sondern daß er sich bemühte, seinem Urteil durch wissen- 
schaftliche Studien größeres Gewicht zu verleihen, entsprach offen- 
bar seinem Charakter, Die besondere Richtung seiner Nachfor- 
schungen jedoch, und demgemäß später auch die seinen volkswirt- 



1) Diese gibt nur das Datum seiner Gebart und seines Todes und eine noch dazu 
lückenhafte Aufzählune; seiner Schriften. 

2) Briavoinne wird dort (p. 12) lediglich als Quelle für die wirtschaftlichen Zu- 
stände Belgiens zur Z>'it der flandrischen Leinenkrise zitiert. In dem die historische 
Schule der beltfisclien Nationalökonomie behandelnden Kapitel hätte er vor Fran^ois 
Huet und i<2inile de Laveleye erwähnt werden müssen. 

3) Er fehlt im „Handwörterbuch der Stant:<wissenschaften". Auch Julius Kautz, 
der im zweiten Bande seiner „Theorie und Geschichte der Nationalökononiik" (Wien 
1860, S. 725 f.) ihren belgischen Vertretern einen besonderen Absatz widmet, erwähnt 
ihn nicht. Selbst mit der Literatur ihrer Wissenschaft so gründlich vertraute Gelehrte 
wie Röscher und Schmoller scheinen Briavoinne nicht gekannt zu haben. Die wichtigsten 
Daten seines Lebens habe ich im 109. (III. F. 54.) Bde. dieser „Jahrbücher", S. 540, 
▼cröffontlicht. 

4) Vgl. hierzu meinen im 109. Bande dieser Zeitschrift, S. 513 ff., veröffentlichten 
Artikel „Die Giundfrage der belgischen Volkswirtschaft". 



BriaToinne. 291 

schaftspolitischen Ansichten zugrunde liegende Methode, wurden 
daneben durch einen äußeren Umstand bestimmt. 

Schon in den ersten Tagen ihres Bestehens hatte die während 
der österreichischen Herrschaft begründete Brüsseler „Academie des 
Sciences et Beiles- Lettres" den Plan gefaßt, durch eine B,eihe von 
Preisschriften „über den Zustand der Industrie und der Bevölkerung 
Belgiens von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart" eine in sich 
geschlossene Geschichte „des Aufstieges, des Niederganges und der 
Wandelungen des öffentlichen Wohlstandes" verfassen zu lassen. In 
den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts erfolgreich ein- 
geleitet i), waren diese Arbeiten durch die französische Revolution 
und ihre Nacliwirkungen ins Stocken geraten, dann aber, während 
der holländischen Zeit, nach der damals erfolgten Reorganisation 
der Akademie, wieder aufgenommen und bis zur Regierung von 
Albrecht und Isabellä fortgeführt worden 2). Durch die Beantwortung 
der von ihr Ende der 'dreißiger Jahre gestellten Preisfrage: „Quel 
a cte l'etat de la population, des fabriques, des manufactures et du 
commerce dans les provinces des Pays-Bas depuis Albert et Isabelle 
jusqu'ä la fin du siccle dernier?" sollte das Werk zu Ende geführt 
werden. Als Verfasser der einzigen der Akademie eingereichten 
und von ihr am 7, Mai 1840 mit der goldenen Medaille gekrönten 
Arbeit, mit dem charakteristischen, Ciceronianische Worte auf Bel- 
giens Leidensgeschichte anwendenden Motto : „Illustrabit, mihi crede, 
tuam amplitudinem hominum injuria", erwies sich Natalis-Maria 
Briavoinne. 

Schon damals aber war der erfolgreiche Autor für die Königliche 
Akademie kein Neuling mehr. Seit 1829 hatte sie in jedem neuen 
Jahre die gleiche Preisaufgabe wiederholt : „Indiquer l'epoque precise 
des inventions, importations et perfectionnements, qui ont succes- 

1) Aus dieser Zeit stammen die folgenden Preisschriften: Du Rondeau, Memoire 
snr la question, quel §tait l'habillement, le langage, l'etat de l'agrioWliure, du commerce, 
des lettres et des arts chez les peuples de la Belgique avant le n'*-"« siMe (Bruxelles 
1774). L. J. E. Pluvier, Denkbeeld der merkweerdigste veranderingen, welke in 
Nederland, ten opzichte van zynen staet, gemeine zeden en volk, voorgevallen zyn, 
sedert het begin de vyfde tot het einde de vyfthiende Eeuwe, dienende ter aiitworde 
op het Vraegstuk : Op wai tyden, sedert het begin van de Heerschappye der Franken 
tot de Geboorte van Carel de Vyfde, mag men zeggen, dat den staet van NederlHnd 
op zyn bloeyenste geweest heeft, de gemeine zeden de oprechtste, en het volk het ge- 
lukkigste (Bruxelles 1776). W. F. Verhoeven, Historische tyd- en oordeelkutidige 
acnteekeningen raet algemeyne aenmerkingen op de zelve, dienende tot antwoord op 
de vraege : hoedaenig was den staet van de handwerken, en van de koophandel in de 
Nederlauden, ten tyde van de derthienste en veerthienste eeuwe (Bruxelles 1778). 

2) In Betracht kommen die folgenden Preisschriften: Fr. Baron de Reifftnberg, 
Memoire couronnfe en r^ponse ä cette question propos^e par l'Academie Royiile de 
Bruxelles: Quel a ete l'etat de la population, des fabriques et des manufactures et du 
commerce dans les provinces des Pays-Bas pcndant les quillzi^me et scizigme si^cles 
(Bruxelles 1822). A.-G.-B. Schayes, M»;inoire sur les documeuts du moyen-dne reliitifs 
ä la Belgique avant et pcndant la domiimtion romaine (Bruxelles 1837). EuK^tie del 
Marmol, De l'influence du rögne de Charles-Quint sur la llgislation et sur les instiiulions 
politiques de la Belgique (Bruxelles 1838). 

19* 



292 Heinrich Waentig, 

sivement contribue au progres des arts industriels en Belgique depuis 
les dernieres annees du 18'^™^ sied© jusqu'ä, nos jours," avec l'indi- 
cation des personnes qui, les "premieres, en ont fait usage parmi nous", 
ohne daß sich ein Bearbeiter für dieses intrikate Thema gefunden 
hätte. Eine endlich im Jahre '1836 eingegangene Preisschrift ward 
unzulänglich befunden. Die einzige im Jahre darauf unter dem 
Motto: „Nous sommes entres dans une epoque de paix, de travail" 
vorgelegte, anscheinend eine Ueberarbeitung der soeben zurück- 
gewiesenen, erhielt jetzt den Preis. „Cette ouvrage", heißt es in 
dem Urteil der Preisrichter, „presente evidemment plus d'exactitude 
et moins de lacunes que celui, qui avait ete regu l'annee precedente. 
L'Academie a juge, qu'il pouvait etre d'un grand interet pour 
l'histoire de l'industrie en Belgique, et a, en consequence, decerne la 
medaille d'or ä son auteur, M. Natalis Briavoinne" i). 

Wer die übrigen von der Akademie gekrönten geschichtlichen 
Preisschriften kennt, die den beiden, ihren Zyklus beschließenden, 
Briavoinnes vorausgegangen waren, kann nicht im Zweifel darüber 
sein, daß sich diesmal ein seine Vorgänger weit überragender Geist 
ans Werk gemacht hatte. Gründlicher Forschersinn, der nicht 
müde wird, sich in den unerquicklichen Kleinkram tausendfältiger 
Detailstudien zu vertiefen, verbunden mit J^ritischem Scharfblick, der 
in der wirren Masse der Einzelheiten nimmer den Faden verliert, 
sondern, zur Not instinktiv, das Bedeutungsvolle von dem Neben- 
sächlichen zu sondern weiß, verleihen schon der ersten dieser 
Arbeiten einen besonderen Reiz, der durch die Klarheit der Dar- 
stellung, die Eleganz der Diktion, nicht wenig gehoben wird. 

Wenn diese Abhandlung nun, wie das auch in dem Urteil der 
Preisrichter bemerkt wird, selbst in ihrer neuen Form stellenweise 
noch ungenau und lückenhaft blieb, so war sich über diesen Mangel 
und seine Gründe der Verfasser selber wohl klarer als jeder andere. 
„II a cherche", heißt es im Vorwort, „a s'appuyer, autant qu'il l'a 
pu, sur les documents authentiques ; mais souvent les documents offi- 
ciels lui ont manque, parce qu'ils n'existaient pas; il a donc du, 
examinant les Heus par lui-meme, parcourant les cen- 
tres de la production, interroger les Souvenirs des in- 
dustriels et des savants les plus recommendables du 
pays; teile est la marche qu'il a suivie, et il reste convaincu. 
qu'aucune autre n'aurait jamais amene de resultat aussi certain"^). 
Aber auch jene Dokumente selbst seien mit zahlreichen Irrtümern 
behaftet und daher von Fall zu Fall durch persönliche Erhebungen 
nachzuprüfen gewesen. Trotz aller Umsicht, habe der Verfasser nicht 
alle Fehlerquellen auszuschalten, alle Lücken auszufüllen vermocht. 



1) Bnlletins de l'Acadfemie Eoyale des Sciences et Belles-Lettres, Bruxelles, 
Tome IV (Bruxelles 1839), p. 179. 

2) N. Briavoinne, Sur les inventions et perfectionnements dans l'industrie d(>pnis 
la fin du IS""* si&cle jusqu'k nos jours (Mfemoircs couronn6s par l'Acadgmie Royale 
des Sciences et Belles-Lettres de Bruxelles, Tome XIII, Bruxelles 1838), p. 3 f. 



Briavoinne. 293 

Was man in Händen hält, ist demnach eine der ersten jener 
volkswirtschaftlichen Studien nach beschreibender Methode, 
wie sie dreißig Jahre später unter dem Einfluß des ,,Vereins für 
Sozialpolitik" gerade bei uns in so großer Menge entstanden sind. 
In zwei Abschnitten wird, nach Berufszweigen geschieden, die da- 
mals erreichte technische Entwicklungsstufe zunächst der „mecha- 
nischen", dann der „chemischen" Gewerbe, dargestellt; in einem 
dritten der Rest der ,, industriellen Verbesserungen" zusammen- 
gefaßt. „Je n'ai pu", schließt der Verfasser seine Betrachtungen, 
„Sans öprouver le sentiment d'une joie sincere, inscire parmi lea 
hommes utiles tant de noms beiges, qui plus tard, peut-etre, eussent 
ete oublies ou meconnus. Hommes utiles! II n'est pas desormais de 
plus beau titre. C'est surtout pour eux que les pages de l'histoire 
doivent maintenant s'ouvrir, car c'est par eux que commence la 
grande epoque de travail et de bien-etre, qui embrassera bientöt le 
monde entier"i). 

Briavoinnes Bestreben, das Ergebnis seiner, trotz mancherlei 
geschichtlichen Rückblicken, letzthin doch auf die Darlegung des Zu- 
ständlichen gerichteten Forschungen in einen weiteren histori- 
schen Zusammenhang hineinzustellen, tritt in seiner Preisschrift 
anderwärts noch deutlicher hervor. Eingebettet liegt seine Unter- 
suchung über die Erfindungen und technischen Verbesserungen in 
der Industrie vom Ende des achtzehnten bis zur Mitte der dreißiger 
Jahre des neunzehnten Jahrhunderts in einen Kreis von Betrach- 
tungen, die, rückwärts und vorwärts greifend, über deren zeit- 
liche Grenzen hinausragen. Sie wird eingeleitet durch eine längere 
Darstellung der Lage der belgischen Industrie unter der öster- 
reichischen Verwaltung bis zum Ausbruch der Brabanter Revolution 
(1789). die ergänzungsweise bis zum Frieden von Campo-Formio 
(1797), dem Termin der endgültigen Vereinigung Belgiens mit 
Frankreich, fortgeführt wird. Sie wird abgeschlossen durch einen 
kurzen Ausblick in die Zukunft, von dem später noch ausführlicher 
die Rede sein wird. Jedenfalls versteht man es, daß Briavoinne 
nach solcherlei wirtschaftsgeschichtlichen Vorstudien die Neigung 
verspüren mußte, sich auch an der Lösung der zweiten von der 
Königlichen Akademie gestellten Preisaufgabe zu versuchen. 

Hatte er nun, einem inneren Drange folgend, bei der Ab- 
fassung seiner ersten Abhandlung als Schilderer der Gegenwart 
nebenher die Aufgabe des Wirtschaftshistorikers übernommen, so ver- 
wandelte sich dieser jetzt unversehens in einen Entwicklungstheore- 
tiker, der, nicht zufrieden, den tatsäclüichen Verlauf der geschicht- 
lichen Ereignisse zu verfolgen, auch danach verlangt, ihn als einen 
gesetzmäßigen zu begreifen und, womöglich, aus dem historischen 
Material grundsätzliche Regeln für das wirtschaftspolitische Han- 
deln abzuleiten. „Une invariable loi", heißt es einleitend in der 

1) A. a. O. p. 185. 



294 Heinrich Waentig, 

zweiten Preisschrift ^), .„preside ä la destinee des nations: c'est 
Celle qui yeut, qu'apres s'etre formees et avoir grandi, 
elles redes cendent et perissent. Ceci est dans les decrets de 
Dieu ; mais en dehors de cette regle supreme, d'oü vient que 
parmi les peuples les uns s'elevent plus que les autres? Pourquoi 
ceux-ci se developpent - ils plus rapidement et arrivent-ils cnsuito 
ä une vieillesse prematuree? Pourquoi ceux-lä se trouvent-ils 
arretes tout ä coup dans leur marche et quelque fois precipites 
Sans transition apres une jeunesse, qui semblait promettre un avenir 
plus long et plus eclatant? Comment dans certains cas y-a-t-il des 
decadences definitives et dans d'autres des affaiblissements temporal - 
res, qui, semblables aux maladies humaines, n'exclucnt pas la guerison 
et une sorte de vie nouvelle ? Cesaccidentsvaries,heureuxou 
malheureux, sont-ils l'effet d'un liasard aveugle ou ne 
dependent-ils pas plutot de l'esprit et du caractere du 
peuple meme, de la perfection ou du vice de ses institu- 
tions, de la sagesse ou de l'influence des hommes entre 
les mains desquels il place le pouvoir? C'est ce qu'il 
faut apprendre par l'etude de l'histoire." 

Offenbar habe die Königliche Akademie die Lösung gerade 
dieser „imposanten Probleme" fördern wollen, als sie die vom Ver- 
fasser zu beantwortende Preisfrage gestellt. Er selber werde dieses 
Ziel fortdauernd im Auge behalten. Deshalb werde er bei der Schil- 
derung der Wandlungen zum Guten und Bösen, welche die bel- 
gischen Lande durchlaufen, sich auch bemühen, den engen Zusam- 
menhang darzutun, der zwischen dem Glück und dem Unglück eines 
Staates und den Taten seiner Regierung bestehe. Die zwei Jahr- 
hunderte nämlich, die er zu beschreiben habe, zeigten ein Volk, das, 
durch von ihm nicht gewollte politische Bande an zwei verschiedene 
Nationen gefesselt, mit der einen herabgesunken, mit der anderen 
wieder emporgestiegen sei, und das eben dadurch den Nachweis 
liefere, daß die Verfallssymptome, die seine Geschichte während der 
ersten dieser Epochen gekennzeichnet, ihm nicht eigentümlich, son- 
dern nur die Rückwirkung eines verliängnisvollen Kontaktes mit 
einem anderen Volke gewesen seien. 

Dementsprechend läßt der Verfasser seine Darstellung in zwei 
scharf getrennte Perioden zerfallen, deren eine sich von 1598 bis 
1715, deren andere von 1715 bis 1795 erstreckt. Erstere umfaßt 
die Regierung von Albrecht und Isabella (1598 — 1633)^ Jahrzehnte 
erfolgloser Versuche, den drohenden Verfall des einst so blühenden 
Landes aufzuhalten; ferner die Zeit seiner Verwaltung durch eine 
lange Reihe spanischer Gouverneure (1633 — 1715), eine Aera völ- 
liger Zersetzung und Auflösung, die ihre Signatur durch den für 
Belgiens Wirtschaftsleben verMngnisvolIen Frieden von Münster 



1) Natalis Hriavoinnc, Memoire sur l'etat de la population, des fal)rique8, des 
manufacture» et du commerce daw* les provinces de» Pays-Ba« dcj)uis Albert et Isabelle 
jusqu'ä la fn du siftrle dernier (Mfemoires couroun^a par l'Acad6mie Royale des Sciences 
et BelleMrettrc» de Bruxelles, Tome XIV, Premifere partie) Brnxelles 1838, p. 3. 



Briavoinne. 295 

(1648) und den seine wichtigsten Bestimmungen übernehmenden 
Barriere-Vertrag (1715) erhält. Die zweite Epoche, die der öster- 
reichischen Herrschaft, ist nach Briavoinnes ausführlicher Schilde- 
rung eine der ökonomischen und politischen Wiedergeburt, die, 
nach einer Periode der Stagnation unter Karl VI., streng genommen 
erst mit ,der Thronbesteigung Maria Theresias (1740) ihren Anfang 
nimmt, namentlich seit dem Frieden von Aachen (1748) in schnel- 
leren Fluß kommt und sich auch bis in die Eegierungszeit Josefs IL 
(1780 — 1790) hinein, etwa bis zum Jahre 1785, fortsetzt, um von 
da ab. vorwiegend unter dem Einfluß grundstürzender politischer 
Ereignisse, in eine neue Phase des wirtschaftlichen Niederganges 
auszumünden. 

Dieses von Briavoinne, anscheinend auf Orund selbständiger 
archivalischer Studien, aufgestellte Schema der wirtschaftlichen Ent- 
wicklung der belgischen Lande ist im wesentlichen von den neueren 
Forschungen bestätigt worden. Doch betont Hubert van Houtte 
mit Recht, Briavoinne mache für den Rückgang des wirtschaftlichen 
Wohlstandes während der Regierung Josefs IL übertreibend falsche 
wirtschaftspolitische Maßnahmen verantwortlich, die tatsächlich nur 
von nebensächlicher Bedeutung gewesen seien i). Seine zusammen- 
fassende Darstellung des Zustandes der belgischen Fabriken und 
Manufakturen im achtzehnten Jahrhundert (p. 132 ff.) ist neuer- 
dings durch eine Preisschrift Armand Julius ergänzt worden 2). 

Da jedoch in dem schon damals dicht bevölkerten Gebiete — • 
Briavoinne gibt hierüber bis ins einzelne gehende, ausführliche Daten 
(p. 186 ff.) — besonders durch die auch während der österreichischen 
Periode aufrecht erhaltene Scheide-Sperre und andere britisch- 
holländische Schikanen, der für die Rückkehr zur alten Wirtschafts- 
blüte unentbehrliche Außenhandel gelähmt blieb, waren die öster- 
reichischen Niederlande bei ihrer Vereinigung mit Frankreich noch 
immer ein wesentlich agrarisches Land ; was freilich nicht hinderte, 
daß die breite Masse der Bevölkerung sich, alles in allem ge- 
nommen, bei verhältnismäßig hohen Löhnen einer weit günstigeren 
Lebenshaltung erfreute, als während des kurz danach einsetzenden 
Zeitalters des industriellen Aufschwunges 3). „En resume", mit 
diesen skeptischen Worten schließt seine Schilderung, „l'industrie 
a r6alis(!; de grands miracles; nous avons ameliore nos institutions 
politiques et commerciales, mais en comparant minutieusement les 
deux epoques, peutron dirc avcic certitude, que la sorame de bien-etre 
afferente k chaque individu soit augment6e, et que la societc cn masse 

1) Hubert van Houtte, Contribution & l'histoire commfrciale dos felats de l'«>mporeur 
Joseph II. (Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 8. Bd. 1900, 
8. 350 ff., 354.) 

2) Armand Julin, Les grandes fabriques en Belgique vcrs le milieu de lg'*"» hifecle. 
(Memoires couronnfes et autres m&moirea publica par l'Acad6mie Royale des Sciences, 
de^ I>ettres et des Beaux-Arts, Tome LVIII, Bruxellcs 1904). 

3) Briavoinne a. a. O. p. 213. „Suivnnt des cal< uls faits nu IS'*""* sifecle un 
faomme avec 85 fl. argent courant, une famille de cinq personnes avec 340 fl. pour 
l'ann^e, pourvoyaient !i leur existence enlifere. 11 n'en serait certes plus ainsi 
de nos joara". 



296 Heinrich Waentig, 

ait fait des progres dans les voies qui conduisent le plus sürement 
au bonheur?" — 

Diese melancholische Frage, in die Briavoinne eine Abhandlung 
ausklingen ließ, von der die Preisrichter erklärten, sie verdiene 
von allen Staatsmännern, denen die Wohlfahrt des Landes am Herzen 
liege, gelesen und bedacht zu werden, blieb hier unbeantwortet. 
Wie er angesichts der Notlage der flandrischen Leinenweber im 
Grunde seines Herzens darüber dachte, wird später genauer zu 
erörtern sein. Tiefer als die sinkende Lebenshaltung einer noch so 
wichtigen Einzelschicht des belgischen Volkes berührte ihn jedenfalls 
die allgemeine Krise, in der sich nach Abschluß der politischen 
Revolution die gesamte belgische Volkswirtschaft bewegte. 

Schon in der Schlußbetrachtung seiner ersten Preisschrift hatte 
er ihre Grundfrage mit kundiger Hand angeschnitten. ,,Quelque 
penible", hatte er, auf die Phasen der österreichischen, französischen 
und holländischen Herrschaft zurückblickend, bemerkt, „qu'ait 6t^ 
pour l'industrie chacune de ces transitions, du moins pouvait-on dire, 
qu'ä ces idi Verses epoques une nation de consomraateurs en etait venue 
remplacer une autre, et qu'il ne restait aux producteurs beiges qu'ä 
etudier les goüts des nouveaux associes, que la politique leur appor- 
tait. Apres 1830 pn ne vit rien de pareil; les ressources du com- 
merce, les d6bouch'es de l'industrie s'etaient fermes ; comment par- 
venir de sitöt a les rouvrir? Pour consommer tout ce que l'industrie 
arrache ä la terre ou produit sous son concours, il ne faillait donc 
plus compter que sur soi-meme! On s'inquieta; l'independance du 
pays dans ce moment parut un probleme. On se demanda, si le bien- 
etre devait etre sacrifie ä la liberte ou la liberte au bien-etr^; car 
pour la Belgique isolee ces deux biens semblaient inconciliables"^). 
Durch die theoretische Lösung dieses Problemes seine praktische 
vorzubereiten, war das Ziel seines zweibändigen Hauptwerkes, das 
unter dem Titel ,,De l'industrie en Belgique, causes de dccadence 
et de prosperite, sa Situation actuelle" im Jahre 1839 erschien ; das 
heißt, noch ehe die Königliche Akademie seiner wirtschaftsgeschicht- 
lichen zweiten Abhandlung den Preis hatte zuerkennen können. 

Aufgabe dieses Buches ist, nach den einleitenden Worten des Ver- 
fassers, die gegenwärtige Lage von Belgiens Industrie und Handel 
klarzulegen. Zu diesem Zwecke sei es notwendig, auf ihre Ursachen 
zurückzugehen, deren drei Gruppen zu unterscheiden seien : Die ge- 
schichtliche Vergaingenheit von Politik und Handel in ihrem Auf- 
und Niedergang ; die Umwälzung, die sich seit 50 Jahren in Wissen- 
schaft und Technik vollzogen; endlich die wirtschaftspolitischen 
Einrichtungen (institutions commercial.es), worunter auch der Volks- 
charakter zu begreifen sei, der mächtig auf sie einwirke, indem er 
sie ersinne und handhabe. Auf diesem Wege werde man zur Er- 
kenntnis der Hauptquellen des belgischen Volkswohlstandes vor- 
dringen und damit ein wichtiges Ziel erreichen. Denn es handle sich 

1) A. a. O. p. 186. 



Briavoinae. 297 

dabei keineswegs nur um Fragen, deren Lösung den Neugierigen, den 
Gelehrten oder den Spekulanten allein interessieren. Gebe es doch 
darunter nicht eine, die, selbst in ilirer Isolierung, nicht zugleich 
die politische und soziale Ordnung berühre. Fasse man sie aber 
gar zusammen, so bemerke man alsbald, daß man die Gesellschaft 
als Ganzes vor Augen habe. „On sent, qu'ctudier les lois con- 
stitutives et generales du travail, c'est rechercher les 
lois, qui President äladestineed'un peuplepris dansson 
plus vaste ensemble; car ie travail est de venu la meilleure 
garantie des gouvernements, la religion du grand nombre, la condition 
de tous"i). 

Dieser Exposition entsprechend zerfällt das ganze Werk in vier 
Teile, Ein erster (Tome I, pp. 9 — 184), ,,Influence du passe, coup 
d'oeil historique" überschriebeji, behandelt in großen Zügen, auf 
politischem Hintergrunde, die belgische Wirtschaftsgeschichte von 
den ältesten Zeiten bis zur Begründung des neuen Königreiches. 
Ein zweiter (Tome I, pp. 185 — 446), mit dem Titel „Revolution in- 
dustrielle", schildert im allgemeinen, wie im einzelnen, die gegen 
Ende des achtzehnten Jahrhunderts einsetzende technische Umwäl- 
zung in ihrer Rückwirkung auf Industrie und Verkehrswesen. Ein 
dritter (Tome II, pp. 1 — 249), „Des institutions commerciales, leur 
influence sur la prosperite publique", erörtert die geltenden wirt^ 
schaftspolitischen Einrichtungen, soweit sie Handel und Verkehr, 
Industrie und Bergbau betreffen. Der vierte endlich (Tome II, 
pp. 251 — 536), gibt unter der Spitzmarke j, Situation industrielle" 
eine Darstellung der damaligen Lage der belgischen Industrie (ein- 
schließlich des Außenhandels, der Schiffahrt und der Seefischerei). 
Ein längeres Schlußwort (Tome II, pp. 537 — 560) zieht das Fazit 
der ganzen Untersuchung. 

Ueberblickt man zunächst das Werk als Ganzes, so ist zu sagen, 
daß sein erster Band, wenigstens für den, der die beiden Preis- 
schrifteu Briavoinncs bereits kennt, materiell nicht sehr viel Neues 
enthält. Das gilt bis zu einem gewissen Grade selbst von dem ersten 
geschichtlichen Teile, dessen Kern die Darstellung der zweihundert- 
jährigen Periode des Niederganges und der Wiedergeburt, von Albrecht 
und Isabella bis zum Zusammenbruch der österreichischen Herrschaft, 
bildet. Dieser gehen allerdings drei andere Kapitel voraus, die, in der 
Hauptsache, wenn auch keineswegs allein, auf Grund der von der 
Königlichen Akademie früher gekrönten Preisschriftenscrie, die wirt- 
schaftliche Entwicklung Belgiens vor den Kreuzzügen, deren Zeit- 
alter, dann die historische Glanzperiode der Artevelde, der bur- 
gundischen Herzöge und Karls V. beleuchten, Zeiten, die später von 
Henri Pirenne in seiner Geschichte Belgiens meisterhaft geschildert 
worden sind. Völlig neu ist nur die wichtige, zwei Kapitel um- 
fassende, Untersuchung über die belgische Volkswirtschaft unter 

1) Natalia Briavoinne, De l'industrie en Belgi<|ue, cauaes de d^oadencc et de 
prosp^ritft sa Situation actuelle, Bruielle» 1839, Tome I. p, 7. 



298 Heinrich Waentig, 

französischer und holländischer Verwaltung (1797 — 1830), unter 
deren Einfluß sich der selbstgenügsame Agrarstaat der öster- 
reichischen Zeit mit ungeheurer Schnelligkeit in ein schon damals 
vom Auslande stark abliängiges Exportindustrieland verwandelte. 
Der zweite Teil dieses Bandes ^ibt, wenn auch in etwas ver- 
änderter Anordnung, nur den in der ersten, die technische Revolution 
der belgischen Industrie behandelnden, Preisschrift aufgestapelten 
Wissensstoff wieder, über den hier nichts weiter zu sagen ist. 

Ein völlig neues Tatsachenmaterial dagegen wird vor dem Leser 
im zw ei ten Bande ausgebreitet. Auf die im vierten Teile des Gesamt- 
werkes versuchte systematische Schilderung der Lage der belgischen 
Industrie um die Mitte der dreißiger Jahre des neunzehnten Jahr- 
hunderts in diesem Zusammenhange näher einzugehen, würde nicht 
lohnen. Bergbau und Metallurgie, sowie die Textilindustrie, neh- 
men begreiflicherweise den breitesten Raum für sich in Anspruch. 
Leder- und Holzbearbeitung, typographische Gewerbe, Papier- und 
Glasfabrikation, Keramik und die verschiedenen Zweige der Nah- 
rungsmittel- und Luxusindustrieen schließen sich an. Eine Quelle 
reicher Belehrung für den Wirtschaftshistoriker, werden diese Kapitel 
für den Wirtschaftspolitiker durch die Ausfüllrungen des dritten, 
„Des institutions commerciales" überschriebenen, Teiles an Bedeu- 
tung weit übertroffen. Hier vornehmlich finden sich auch in dßü 
einleitenden Worten und in den ausführenden Text eingestreut jene 
Betrachtungen, die, durch die Zusammenfassung des historischen, die 
Vorbemerkungen zu dem technischen Teile der Arbeit und das 
Schlußkapitel des ganzen Werkes entsprechend ergänzt^), es dem Leser 
gestatten, sich ein ziemlich genaues Bild von den theoretischen 
Anschauungen seines Autors als Wirtschaftspolitikers zu machen. 

Welchen Ursachen verdanken die Völker in letzter Linie ihren 
Wohlstand? fragt Briavoinne. Nicht der geographischen Lage ihres 
Landes oder seiner geologischen Beschaffenheit, wie vielfach be- 
hauptet worden sei. „De pareils avantages", betont er, „sont toujours 
secondaires et relatifs, ils ne sauraient balancer d'autres causes 
pernicieuses, temoin l'Irlande; ils ne sont pas indispensables, temoin 
la Saxe et plusieurs autres etats de l'Allemagne." Wäre wirklich 
Belgiens topographische Lage für seine einstige Handelsgröße ent- 
scheidend gewesen, wie erkläre sich dann sein Niedergang? Verdanke 
England seine heutige Ueberlegenheit den „beiden Talismanen" 
Kohle und Eisen? Wie komme es, daß zu anderen Zeiten die 
Genuesen, die Venezianer oder die Holländer das Handelszepter ge- 
führt, ohne über jene verfügen zu können? Der Gesamtertrag von 
Frankreichs AVcinbau belaufe sich alljährlich auf über 800 Mill. frcs. 
Es könnte also mit seinen Weinen Englands Kohlenäusbcute und 
Amerikas Baumwollernte aufkaufen, deren Wert sich an Ort und 
Stelle kaum auf 110—120 Mill. frcs. belaufe. Dennoch reiche es 
nwi.t i„. o,.)ff>,-ntostoii MI1 Englands Handelsniarlif li.iaii und wcrfle 

iy .\. a. U., Tome I, |)p. ITS ff., 185 ff.; Tome II, pi». ir., J^d ii., .uu ii. 




Briavoiane. 299 

an industrieller Kraft schon heute durch die Vereinigten Staaten 
üb er troffen i). 

Entscheidend sei ein anderes Moment. Der Wohlstand eines Staa- 
tes stehe nämlich im genauen Verhältnis zum „savoir -Indus triel" 
seines Volkes, worunter man zu verstehen habe „un amour du travail, 
sa\amment dirige vers tout ce que la nature ou le hasard vient 
mettrc ä la portcc des hommes". Diese Arbeitslust nun werde ihrer- 
seits durch drei Triebkräfte bestimmt: Die Notdurft (la necessite), 
den Wettbewerb (l'emulation), endlich das dem menschlichen Geiste 
innewohnende Verlangen nach Selbstvervollkommnung, eine Art 
Ehrgeiz, der sich in Erwerbstrieb verwandle (un desir de per- 
fectionnement inherent a l'esprit humain, l'ambition transformee en 
desir d'acquerir). Bei den Völkern, wie bei den Individuen, seien 
diese drei Triebkräfte nicht immer in gleichem Grade vorhanden. 
Es gebe tätige und träge Gemeinwesen. Nicht alle empfänden in 
gleicher Weise den Wunsch zu erwerben und anzusammeln, oder sich 
über ihre Nebenbuhler zu erheben. Jeder dieser Triebe, selbst der 
Drang nach Bedürfnisbefriedigung, sei „völlig relativ" und wechsle 
daher nach Zeit und Ort. Vom wirtschaftlichen Standpunkte aus 
sei aber der Mensch oder das Volk am vollkommensten, bei dem sich 
alle drei im vollendetsten Gleichgewichte vereinigt fänden. 

Unter den Einfluß dieses Systems von Motiven habe man das 
„savoir-industriel" zu stellen. Frage man aber, zu welcher Methode 
man greifen müsse, um dieses Prinzip des Volkswohlstandes zu ent- 
wickeln, wo es sich unzulänglich oder unvollständig erweise, so laute 
die Antwort: zur Erziehung, und zwar auf Grund der geschicht- 
lichen Erfahrung (les evenemcnts) mit Hilfe der Politik (les institu- 
tions), wobei jene die Lehren liefere, welche diese später in ihren 
Anstalten zu verkörpern habe 2). 

Was lehre nun die Geschichte Belgiens? Hauptursache seiner 
früheren Handelsgröße sei danach die Arbeitslust seines Volkes 



1) Weit entfernt, die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes unbedingt zu 
begünstigen, könnten ihr unter Umständen außergewöhnlich vorteilhafte Naturbedini;ungen 
sogar zum Nachteile ausschlagen. „Une ualion, qui a reyu de la nature une ^ituation 
trop avantageuse", betont Briavoinnc (a. a. O , Tome II, p. 14), „resscmble bcaucoup 
k l'bomme, qu'un hferitage a trop richemcnt dole. A moins que les evenements et par 
suitc les institutions ne la stimulent, eile n'feprouvera ni la necessit§, ni Ic d^sir 
d'acquerir; rien ne viendra reveiller en eile l'emulation; mais l'horaiue pauvre et une 
nation aux prises avec une nature rebelle scntiront bouillonner les facultfe» de leur 
intelligence ; ils vaincront le« difficul'^' . 

2) Dementsprechend befinden sich alle Nationen bei iiiren Daseinskämpfen grund- 
sätzlich in der gleichen Lage. „Nous avons foi dans notre systJ^rao, parce qu'il est 
rasBurant, parce qu'il repose sur une penM6e juste", heißt es an derselben Steile. „II 
appcUe indistinctement tous les ]>(;uples, quelles que soient d'ubord les chances de 
chacun et la rcipartition des avantagcs physiqucs, k s'enrichir par le travail, qu'tcluire 
l'frtude des fevenements. L'homme indu!<trieux sait fertiliser le »ol le plus ingnit. II 
86 fait navigateur, manufacturicr ou cultivateur suivant les ressonrccs, que la Situation 
lui offre: ä d6faut de ports naturels, il en creuse; ä d6faut de flcuves, il adescanaux; 
il achfete les inatiürea premiöres, qu'il sait renvoyer aux lieux d'origine, aprt^s les avolr 
fabriqnees ; il attire les capitaux ou travaille avec ceux, qu'on lui prÄte; et de mCme 
fönt le« nations". 



300 Heinrich Wacntig, 

gewesen, seine Neigung, alle seine Intelligenz und sein Genie den 
„nützlichen Dingen" zuzuwenden. Daher sei es auch von alters her 
duldsam, gastlich und freiheitliebend gewesen. Früh habe sich bei 
ihm das Verständnis dafür herausgebildet, daß auf die Dauer keine 
"Wohlfahrt ohne die harmonische Ausbildung aller Wirtschaftszweige 
denkbar sei. Als erstes habe es Ackerbau, Gewerbe und Handel 
gleichzeitig zur Blüte gebracht. Daraus habe sich dann eine große 
geistige Beweglichkeit, ein bemerkenswerter Scharfsinn, ein hohes 
Maß von „savoir-industriel" entwickelt, Eigenschaften, die später im 
größten Unglück ihre Ergänzung in kluger Voraussicht und weiser 
Geduld gefunden hätten. 

Aber diesem geborenen Handelsvolke habe es fast immer an 
politischer Erfahrung gefehlt. Fast ausschließlich mit seinen wirt- 
schaftlichen Interessen bescliäitigt, habe es darüber versäumt, seinen 
Blick zu erweitern. Ueber der Provinz habe es den Staat, über der 
Gemeinde die Provinz, über dem Berufe die Gemeinde vergessen; 
allzu sehr die Sorge um seine territoriale Größe vernachlässigt. Zäh 
und mutig, doch ohne lebendiges Einheitsbewußtsein, habe es seine 
Kräfte oft in unfruchtbaren Unternehmungen und verhängnisvollen 
Kämpfen zersplittert. Ohne Gier nach fremdem Gute, ohne Sucht 
nach fremder Knechtschaft, sei Belgien in seiner politischen Schwäche, 
gerade wegen seines Reichtums, das Opfer der Eifersucht und des 
Ehrgeizes seiner räuberischen Nachbarn geworden. „Les evenements 
se resolvent toujours contre eile, jamais pour eile. Dans cette con- 
tinuite de fautes et d'infortunes eile arrive, en perdant sa prepon- 
derence politique, ä la ruine de son commerce." Wenn seine Ge- 
schichte eines lehre, so sei es dies: „que la prosperite commerciale 
est toujours le prix del'independance". 

Wie aber kam es, daß sich Belgien, anders als Genua und Venedig, 
Spanien und Portugal, selbst das einst so seegewaltige Holland, aus 
tiefstem Elend stets aufs neue zu beneidenswerter Blüte zu erheben 
vermochte? Dreimal allein in den letzten sechzig Jahren ward es 
zugrunde gerichtet; immer wieder vernarbten seine Wunden. Die 
Erklärung dieser auffallenden Erscheinung sei einfach. Seit Albrecht 
und Isabella habe sich ein Wandel in den wirtschaftlichen 
Sitten der Belgier vollzogen. Verschwender unter den burgundischen 
Herzögen und Karl V., seien sie zu einer einfachen Lebensführung 
übergegangen. „Instruits ä l'ecole des evenements, ils acquierent 
l'art de pr^voir les circonstances difficiles, d'y parer, quelquefois 
meme d'en tirer parti. Ils ont remplacc par la prudence et la 
sagacitc la force politique, que leur ont enlevee toutes les coalitions 
europeennes dont ils ont fait les frais." Hier also Lägen die Wurzeln 
ihrer landwirtschaftlichen wie gewerblichen Wiedergeburt. 

Freilich noch ein anderes wichtiges Moment komme hinzu. 
„Ä cote des Etablissements manufacturiers, d'usines ou d'exploita- 
tions agricoles, qui enrichissent ce pays, 11 y a constamment un 
gouvernement protecteur, sachant recourir aux lois de douane, 
aux distinctions personnelles, aux encouragements, que multiplie une 



BriaToione. 301 

sollicitude ingenieuse." In diesem einen Punkte wenigstens seien 
alle großen Geister, Karl V. und Napoleon, Erzherzog Albrecht und 
Prinz Karl von Lothrin'gen, einig gewesen. Selbst die hollandische 
Verwaltung habe Belgiens Handel erst dann genützt, als sie sich zu 
diesem Prinzipe bekehrt. „L'utilite de la protection pratiquee dans 
de justes mesures est le fait concluant de toutes ies epoques." 

Pur die neueste Zeit sei dann die technische Umwälzung in 
der Industrie von entscheidender Bedeutung geworden. Doch reichten 
ihre Anfänge weit in die Vergangenheit zurück. Durch die zweihundert 
Jahre, von der Entwicklling der Buchdruckerkunst bis zur Erfindung 
der Dampfmaschine, ziehe sich eine ununterbrochene Kette grund- 
sttirzender Neuerungen, die in letzter Linie der Vertiefung der 
naturwissenschaftlichen Erkenntnis zu verdanken seien. Bei deren 
praktischer Verwertung habe Belgien vielfach Pionierdienste ge- 
leistet, zum mindesten für den Kontinent eine bedeutungsvolle Ver- 
mittlerrolle übernommen. Heute schreite es, im Bunde mit England, 
an der Spitze der industriellen Nationen. Könne man jedoch wirklich 
sagen, daß diese gewerbliche Revolution in jeglicher Hinsicht ein 
Segen gewesen sei? 

Sehe man genauer zu, so könne man nicht leugnen, daß den auf 
der einen Seite errungenen Vorteilen liicht unerhebliche Nachteile auf 
der anderen gegenüberständen. In politischer Hinsicht habe die 
neue Organisation der Arbeit unzweifelhaft den Frieden zwischen 
den Völkern befördert; dafür aber sei sie zur Quelle der Zwietracht * 
zwischen den Bürgern desselben Staates geworden. In materieller 
sei sie gewiß eine Quelle der nationalen Bereicherung gewesen ; nur 
scheine dieser Gewinn keineswegs allen Bürgern in gleichem Maße 
zuzufallen. „En donnant pour base au nou^el edifice social la con- 
currence dans le travail, l'egalite dans Ies lois et surtout dans le 
partage des successions, on avait compte sur un meilleur cquilibre. 
Par le moyen de la fabrication en grand dans Ies manufactures, la 
concurrence est venue se briser contre Ies gros capitaux ; Ies pro- 
cedcs mecaniques ont en definitive profitc a la cencentration et 
Profite surtout k la propriete." So komme es denn, daß gerade die 
Gewerbetreibenden und Landwirte großenteils leer dabei ausgingen, 
während die Klasse der Rentner und Grundbesitzer den Rahm ab- 
schöpfte. Seien auch die Löhne vielfach gestiegen, die Arbeiter, 
sozusagen, „reicher" geworden, seien sie darum etwa besser daran 
als zuvor? Im allgemeinen besser gekleidet, seien sie weder besser 
behaust, noch besser ernährt. Von dem unvermeidlichen Uebel, das 
sich aus ihrer Zusammenballung in wenigen Produktionszentren er- 
geben müsse, ganz zu geschweigen. 

Noch viel schlimmer aber stehe es mit den moralischen Rück- 
wirkungen dieser neuen Entwicklung. Hier ende man mit einer 
offenkundigen Unterbilanz. „Un equilibre parfait entre Ies d6sirs et 
Ies moyens de Ies satisfaire", sagt Briavoinne, ,,est, avant la richesse, 
le but, vers lequel l'humanite doit tendrc pour son bonheur. On n'y 
pcut arriver que par la prevoyance, par un meilleur emploi de ses 



302 Heinrich Waentig, 

facultas et de ses ressources, par raffermissement de l'esprit de 
famille, par la creation de plus fortes barrieres contre l'aviditö et 
l'egoisme." Von jenem hohen Ziele aber habe man sich in den letzten 
fünfzig Jahren eher entfernt. Das gelte im allgemeinen wohl 
von allen Klassen der Gesellschaft, in erster Linie auch von 
der industriellen Arbeiterschaft; und zwar, wie in England und 
Frankreich, ebenso auch in Belgien. „Desir immodere de jouissances 
et de richesses chez tous, desunion entre plusieurs classes de travail- 
leurs, affaiblissement de l'esprit de famille, imprcvoyance, degrada- 
tion sociale resultant d'une intemperance toujours croissante, telles 
sont a la premiere vue les consequences fächeuses, que Ton doit 
attribuer au changement survenu dans les moyens de travail." Hier 
bleibe für eine auf Hebung des sittlichen Niveaus des Volkes ge- 
richtete Politik, die es sich zum Ziele setze, das gestörte Gleich- 
gewicht zwischen den Ansprüchen der Einzelnen und dem Wohl- 
stande der Gesamtheit wiederherzustellen, noch alles zu tun, um die 
industrielle Revolution zum gedeihlichen Ende zu führen. 

Aufrechterhaltung der staatlichen Unabhängigkeit als der un- 
erläßlichen Vorbedingung aller "Wirtschaftsblüte, Entwicklung des 
„savoir-industriel", d. h. der seelischen Produktivkräfte der Nation, 
durch eine planmäßige Pflege, Ueberbrückung der neuentstandenen 
Klassengegensätze durch soziale Reformen auf der Grundlage sitt- 
licher Erneuerung des gesamten Volkes: das waren die praktischen 
Forderungen, die sich für Briavoinne aus den Lehren der belgischen 
Geschichte ergaben. Sie zu verwirklichen, war für ihn Aufgabe der 
Politik. Gewiß nicht der Wirtschaftspolitik allein, als deren End- 
ziel er bezeichnete: „d'agir de concert avec les evenements pour per- 
fectionner l'education et mettre le pcuple en etat de fournir sa 
carriere industrielle"; aber doch in allererster Linie i). 

Ein Irrtum sei es darum, wenn man behaupte, ein Volk, das 
gedeihe, verdanke dies mehr sich selbst als seiner Regierung. Sei 
diese Lehre doch halb und halb ein den Leitern der Gesellschaft 
erteilter Ratschlag zur Untätigkeit. Sie verdamme sie zur bequemen 
Rolle von bloßen Zuschauern und finde ihre Rechtfertigung nirgend- 
wo in der Geschichte. Jedenfalls übe eine Regierung, je nachdem 
sie die wirtschaftspolitischen Maßnahmen aus den Augen verliere 
oder sie verbessere, sie kraftvoll oder lässig in Anwendung bringe, 
einen dauernden und unmittelbaren Einfluß auf die Wohlfahrt des 
Volkes aus, das sie verwalte. Tatsächlich seien seit dem Frieden von 

1) „Si.ces derni^rea (i. e. les institutions comraerciale«« pour crfeer le bienötre et 
rep^ndrc la richesse), au premicr abord, s'annoDcent avec une portfee plus restrcinte (i. e. 
ä cöie de» iustitutions politiques, qui contribuent ä la conservation ou k raKraiidisscment 
du tprritoire, puis au maiutien des droit», que olinque citoyen j>os>ö<lc)", bemerkt Bria- 
voinne, „ellcs fiuiysent par oonduire nu m^me rfe.->ultat; car il n'y a pas de peuplea 
plus prJis ae la vferitable puissance politique que ceux, qui sont d('ja pui!<sants par le 
travail, commc aussi 11 u'y a pas de peuples plus pr^ de la dfeeadence commerciale 
que ceax, qui toucbent & l'abaissement politique". (A. n. O., Tome II, p. 7.) 




Briavoinae. 303 

1815 auch nur sehr wenige Kegierungen der europäischen Staaten 
müssig geblieben. Alle hätten sich mit Eifer um die Prüfung und 
Vervollkommnung ihrer wirtschaftlichen Einrichtungen bemüht. Am 
wenigsten aber könne ein Volk, dessen eigentliche Sendung die 
Arbeit sei, lange eine Regierung dulden, die diesen Beruf verkennen 
und der Einsicht in die Bedürfnisse des Landes ermangeln sollte i). 

Solcher wirtschaftspolitischen Maßnahmen nun mit dem Zwecke^ 
das „savoir-industriel" auszubilden, seien zwei Gruppen zu unter- 
scheiden: eine, die jenes Ziel, „en agrandissant les facultes de l'in- 
telligence", eine andere, die es „en perfectionnant les Instruments 
generaux du travail"zu erreichen suche. Erstere umfasse nicht nur 
alles, was in den Gesetzen eines Volkes dazu diene, die Triebkräfte 
der Arbeit (la necessite, l'emulation, le desir d'acquerir) harmonisch 
zusammenzupassen, sondern auch alles, was gewisse moralische, als 
„unentbehrliches Gefolge", als „integrierender Bestandteil" des „sa- 
voir-industriel" erkannte, Eigenschaften (l'esprit d'entreprise sage- 
ment combine avec la prudeuce, l'ordre, l'economie, la prevoyance, 
la moralite) in der Seele der größtmöglichen Zahl zu verbreiten und 
zu beglaubigen, geeignet sei. Und zwar seien jene wirtschaftlichen 
Einrichtungen um so vollkommener, je mehr sie die praktische Be- 
tätigung dieser Eigenschaften begünstigten. Briavoinne behandelt 
in diesem Zusammenhange die wichtigsten Fragen der Handels- 
politik (Zollwesen, Handelsverträge, Transitverkehr), der Schiffahrts- 
politik (Differenzialsystem, Schiffahrtsverträge), der Gewerbepolitik 
(Gewerbefreiheit, gewerblicher Unterricht, Gewerbeförderung) und 
der Sozialpolitik (Spar- und Hilfskassen, Pfandhäuser, Arbeitslosen- 
unterstützung), endlich gewisse Einrichtungen, die sich auf die 
persönliche Sicherheit beziehen. 

Zur zweiten Gruppe wirtschaftlicher Einrichtungen gehören, 
wie Briavoinne sich ausdrückt, „certains agents materiels, mais 
generaux, du travail et de la production, dont la presence ou l'inter- 
vention dans les transactions commerciales se retrouvent chez tous 
les peuples, excergant partout un empire incontestable". Es handelt 
sich dabei in erster Linie um das Geld- und Münzwesen, die öffent- 
lichen Verkehrseinrichtungen (Landstraßen, Eisenbahnen, Flüsse und 



1) A. a. O , Tome II, p. 247 f. Allerdings bereite gerade die parlamentarische 
Regierunggform der Zentralgewalt gewisse Schwierigkeiten. „Une lutte permanente 
existe entre les diver« interßts de localitfe. Dans cette lutte, quel parti prendre? Com- 
roent concilier ces divers inieiiits? C'est en cela que la mission est pre^quc toujours 
delicate et penible. Pour disceruer les int§rßts, qui ont re llement b«'soin de protection 
et i\e secour», il fant commcncer par les Studier et les oonnnltre; il faut impariialoment 
les mettre en regard les uns des autrcs«, et determiner leur importancc respcetive." 
Dieser selbe Gedanke wird mit besonderer Kücksicht auf den Abi-ciiluß von Handels- 
verträgen ausgesprochen. „Le gouverncment beige" heißt es da, „n'a pas seulemcnt ii 
8ati!>f)iirc les pi^ientions fetrang&res. II Oprouve k la l'inl^rieur sur ces quesitions un 
tiraillement, qui le contient et Vartiite; il s'attachc & concilier les opinions contruires, 
qui surgixsent, les controverses, qui se croisent, entre ceux-lh möme, qu'un int^röt com- 
mun devrait rfeunir. La e-t la difficullc sans cesse renaissaatc pour ce gouvernement." 
(A. a. O., Tome II, p. 60 f.) 



304 Heinrich Waentig, 

Kanäle), endlich um die rechtliche Sicherung des gewerblichen Eigen- 
tums (Patentwesen, Marken- und Musterschutz, Bergwerkseigentum). 

Liege nun auch der Schwerpunkt der nationalen Wirtschafts- 
politik im allgemeinen bei der Regierung, so zeige sich doch gerade 
bei den fortgeschrittensten Gemeinwesen vielfach die Tendenz, deren 
Tätigkeit durch diejenige von zu sozialen Verbänden zusammen- 
geschlossenen Individuen abzulösen. Sei es nun, daß diese sich unter 
Mitwirkung der öffentlichen Gewalt und mit ihrer Ermächtigung, 
oder aus eigenem Antriebe und völlig unabliängig von ihrem Ein- 
flüsse betätigten. Deshalb hat Briavoinne dem von ihm hoch 
eingeschätzten „esprit d'association, comme Institution commerciale 
creatrice", ein besonderes Kapitel gewidmet, wo, nach einigen ein- 
leitenden Betrachtungen allgemeiner Art, die verschiedenen Eormen 
der Handelsgesellschaften, namentlich auch die damals in Belgien 
neu aufkommenden Aktiengesellschaften, einer Untersuchung unter- 
worfen werden. 

Es würde zu weit führen, dem Verfasser bei der Prüfung aller 
dieser Einrichtungen zu folgen. Worum es sich hier im Grunde 
nur handeln kann, ist dies, den Geist zu erforschen, in dem er als 
wirtschaftlicher Theoretiker zu ihnen Stellung nimmt. Es sollen 
daher nur einige wichtigere Fragen der Innen- und Außenpolitik 
stichprobenweise herausgegriffen werden, und zwar in erster Linie 
solche, denen er selber eine besonders hohe Bedeutung für die belgi- 
sche Volkswirtschaft beigemessen hat. Auf dieser Grundlage wird 
es dann auch möglich sein, besser noch als bisher, Briavoinnes Ver- 
hältnis zu den führenden nationalökonomischen Schriftstellern seiner 
Zeit genauer festzustellen. 

Wie gefährlich die handelspolitische Lage war, in die 
Belgien als Exportindustrieland durch seine gewaltsame Loslösung 
von Holland geriet, darüber war sich von Anbeginn niemand klarer 
als Briavoinne. Schon im Schlußwort seiner ersten Preisschrift hatte 
er bekanntlich zu dieser wichtigen Frage Stellung genommen. Ein 
tieferes Eindringen in diese Materie, unter Berücksichtigung der 
gerade damals durch die Betonung des wirtschaftspolitischen Inter- 
essengegensatzes gekennzeichneten internationalen Konstellation, 
mußte ihn in seiner früheren Auffassung eher noch bestärken i). 
Mochte es nun auch nicht wenige geben, die der belgischen Regierung 
dringend empfahlen, entweder das alte Verhältnis zu Frankreich in 
der einen oder anderen Form wiederherzustellen, oder in ein ähn- 



1) „Une aatre coDS&qnence des dfesastres, (jue deux si^clett de revers on fait pe«er 
sar ce pays", so kennzeichnet Briavoinne die dama1i(re Lajje der beljjij'chen Industrie, 
„a fet6 de reduire plus en plus l'^tendu de son niarchfe int(>rieur. Or. cVwt celui, nuquel 
11 faut attachcr le plus de prix. L'industrie anglaise dispose de 100 million!« d«« con- 
sommateurs, l'industrie franfaise a 35 millions, «es colonies oompriso». Lcs limitcs da 
marche prussien embrussent 24 millions; cellcs de TAutrichc 32, edles de la Rus,-ie 70. 
L'industrie beige approvisionne 4 millions Jl peine et, pour bcaucoup de produils, eile 
partage cette approvisionnement avec ses voisins sans retrouver aiileurs une (gHl<> com- 
ponsation. Aussi l'importance de ses 6tablisscments se trouve-t-elle souvent limitie par 
Celle de son march^." (A. a. O., Tome II, p. 543 f.) 



Briavoinne. 305 

liches neues zu dem soeben gegründeten deutschen Zollvereine zu 
treten, Briavoinne, durch die Lehren der belgischen Geschichte ge- 
witzigt, wollte von solcherlei, letzten Endes doch zugleich auf eine 
Beseitigung der politischen Unabliängigkeit seines Adoptivvaterlan- 
des hinauslaufenden, Experimenten nichts wissen. Die Erfahrung 
mache es Belgien zur unabweisbaren Pflicht, „de regier, de coordon- 
ner ce Systeme (de douane) avec independance, dans l'unique vue 
de ses propres interets. II n'est pas de nation", fügt er hinzu, „qui 
Sache par sa propre experience mieux que la nation beige, ce que 
coüte, (lans de pareilles matieres, l'intervention de l'ctranger. A tout 
prix cetto Intervention doit donc etre eviteei)." 

„Que chaque societe politique, petite ou grande, soit maitresse 
chez eile et libre d'adopter le Systeme, qui lui parait le plus com- 
forme aux interets et aux voeux du plus grand nombre" : dieser Satz 
schien ihm im Interesse aller Nationen die einzig richtige Maxime 
jeder gesunden Handelspolitik zu sein und zugleich der sicherste 
Weg, um den internationalen "Warenaustausch zu erleichtern und zu 
vermehren. Eben darum konnte er sich auch nicht für die Rat- 
schläge jener Volkswirte erwärmen, „qui voudraient soumettre en 
ce moment toutes les nations indistinctement ä un regime uniforme, 
soit de liberte, soit de restriction." Das Zollsystem, das den Bedürf- 
nissen des heutigen Englands genüge, sei zweifellos nicht dasjenige, 
das ihm im siebzehnten Jahrhundert dienlich gewesen sei ; ebenso- 
wenig wie sein heutiges das Deutschlands oder das der Vereinigten 
Staaten sein könne. Sollte daher der Freihandel jetzt oder sonst- 
wann den Bedürfnissen irgendeiner Nation tatsächlich entsprechen, 
so berechtige das noch längst nicht, ihn gleichzeitig für alle anderen 
zu fordern. 

Für Belgien war Briavoinne überzeugter Schutzzöllner. Nicht 
für alle Zeiten und um jeden Preis; dazu war er viel zu sehr von 
der relativen Bedeutung aller wirtschaftlichen Einrichtungen durch- 
drungen ; sondern weil die damalige Gesamtlage, Belgiens verhältnis- 
mäßige Schwäche, diesen Schutz zu verlangen schienen. Erblickte 
er nun in einer sachgemäß durchgeführten Schutzzollpolitik auch ganz 
allgemein ,,une source de revenue, un moyen de protection pour le 
travail Interieur, une arme politique, tour k tour offensive et de- 
fensive", so sollte sie doch keineswegs etwa dazu dienen, die Völker 
gegeneinander abzuschließen und miteinander zu verfeinden 2), son- 
dern vielmehr ihre wechselseitige Kampfkraft auszugleichen; ja, 
sie sollte durch die allmähliche Hebung ihres wirtschaftlichen Kön- 

1) A. a. O., Tome II, p. 37. 

2) Daß dieses nicht der Zweck der von Briavoinne empfohlenen Schutzzollpolitik sei, 
wird aiudrücklich betont. „II faut vouloir le travail pour tous les peuples", bemerkt 
er, „et par suite pour chacun In plus grande sommc de bicn-^tre posnible. Dans oe 
but, nous devons conseiller k tous de rechercher avec soin pour les bra« et les capi- 
tanx qu'ils possMent des emplois les plus lucratifs. C'est lä qu'est la question. Pour 
la r§soudre, le secours du tarif de douane pcut devenir souvcnt nfecessaire". (A. a. O., 
Tome II, p. 38.) 

Jahrb. f. Nationalfik. u. Stat. Bd. 113 (Dritte FoIk:« Bd. 68). 20 



306 Heinrich Wa entig, 

nens auf eine annähernd gleiche Stufe der Leistungsfähigkeit schließ- 
lich sich selber überflüssig machen. 

„Dans la vie des peuples, comme dans la vie des individus", 
betont Briavoinne, „il est des accidents, des deviations momentanees. 
II faut faire la part des evenements et de la routine. Or, dans 
chacun de ces cas il faut avoir recours ä la douane." Fielen jene 
besonderen Umstände dann hinweg, so sei vorsichtig und schritt- 
weise auch das ihnen angepaßte Schutzsystem wieder abzubauen. 
Denn es stehe fest, ,,que toute legislation de douane consti- 
tue un etat transitoire, destine ä faire disparaitre entre les na- 
tions, qui produisent, les inegalites momentanees de travail, ä eloigner 
I'oppression, le monopole, ä faciliter en un mot le perfectionnementdu 
savoir-industriel. II a ete reconnu, que cette legislation peut etre 
modifiee et peu ä peu effacee, au für et ä mesure que les inegalitös 
cessent, que le savoir-industriel s'elevei)." 

. i^us eben diesem Grunde verteidigte Briavoinne, Ostendes und 
Antwerpens widerstreitende Forderungen umsichtig gegeneinander 
abwägend, das dem Schutze der durch die politischen Wirren arg 
zusammengeschmolzenen belgischen Handelsflotte dienende Dif- 
ferenzialsystem^), dessen maßvollen Ausbau er befürwortete. 
Keinesfalls dürfe jenes wichtige nationale Organ durch den wahl- 
losen Abschluß von Schiffahrtsverträgen auf Gegenseitigkeit über- 
mächtigen Konkurrenten preisgegeben werden. „Le principe, qui veut, 
que la protection, envisagee d'une mani^re g6n6rale, est ueces- 
saire pour retablir une inegalite momentanee dans les conditions de 
travail entre les peuples," meint er, „est applicable ä ces Conventions 
diplomatiques^)." Selbst Adam Smith, der Herold des Freihandcls- 
gedankens, entschuldige und rechtfertige Cromwells Navigations- 
akte aus politischen Gründen. Warum man diesem Systeme nicht 
auch sein wirtschaftliches Schicksal anvertrauen dürfe, verschweige 
er, obgleich Englands Geschichte gerade auch in dieser Hinsicht keinen 
Zweifel an seiner Zweckmäßigkeit aufkommen lasse. Auch für 
Belgien müsse es sich um so mehr bewähren, je eher es gelinge, wie 
das ja im Plane seiner Regierung liege, das Land durch die Be- 
gründung überseeischer Handelsniederlassungen, wenn nicht gar tro- 
pischer Kolonien, von fremdländischer Vermittlung fortschreitend un- 
abliängig zu machen. 

Auf der anderen Seite war Briavoinne weit davon entfernt, 
Belgien prinzipiell den Abschluß von Handels- und Schiffahrts- 



1) A. a. O., Tome II, p. 39 f. Der Gedanke, daß der Schutzzoll an und für sich 
nur eine in gewi^^sen Umständen begründete und eben darum vorübergehende Maßregel 
Bei, wird auch in anderem Zusammenhange von Briavoinne betont. „L'enseiguement 
indnstriel' , bemerkt es, ,,n'e8t pas sculemcnt pour les jeunes-gens un excellent stimulant 
entre enx, une ressource assurfeo pour les familles, une garantie de moralitg; poussfe 
jusqu'anx derniSres limites possibles, il doit elcver le savoir-industriel de la nation, 
qui y donncra ses soins; il rendra insensiblcmcnt les tarifs de douane iuutiles." (A. a. O., 
Tome II, p. 97.) 

2) A. a. O., Tome II, p. 43 ff. 

3) A. a, O., Tome II, p. 63 f. 



Briavoinne. 307 

verträger, zu widerraten. Schon als Gegengewicht eines etwa über- 
spannten Differenzialsystemes seien sie vonnöten; mehr noch aus 
grundsätzlichen Erwägungen heraus. „Un contact fr^quent journalier 
avec les nations etrangeres rechauffe l'intelligence, stimule l'emula- 
tion. II est ä peine necessaire de le conseiller ä la Belgique, eile, 
que sa position geographique entraine vers plusieurs peuples et 
notamment vers la Hollande, vers les contrees les plus riches de 
l'Allemagne, vers la Suisse, enfin vers la France." Daß er sich erst 
recht für jegliche Begünstigung des wichtigen Transitverkehres 
einsetzte, ist danach selbstverständlich i). 

Der vorsichtige Relativismus, den Briavoinne in der wirtschaft- 
lichen Außenpolitik an den Tag legte, bestimmte auch seine Stellung- 
nahme zu den innenpolitischen Fragen. Wenn er dort melir für 
den Schutz, hier mehr für die Freiheit eintrat, so lag das in den 
Verhältnissen. Wohlgemerkt, nicht für eine unbegrenzte Ge- 
werbefreiheit, für die, wie er ausdrücklich betont, auch die 
belgisclie Verfassung keine gesetzliche Handhabe biete 2); aber für 
das Prinzip der freien Konkurrenz im Rahmen des gemeinen Wohles, 
das zugunsten des „savoir-industriel" letzten Endes über den jcweilen 
angemessenen Grad von Freiheit zu entscheiden habe. „Les qualites 
qui constituent le savoir-industriel etant connues", so schließt er seine 
Betrachtungen hierüber, „il faut s'abstenir d'en paralyser l'effet par 
des mesures de police preventives, comme autrefois on crut devoir 
le faire en prescrivant pour plusieurs branches de produit un mode 
de fabrication, dont il n'etait pas permis de s'ecarter. L'emulation 
est un si puissant levier, qu'il faut se garder d'en generle mouvement 
en retablissant le monopole sur les debris de la concurrence." 

Das bedeute aber noch keineswegs den Verzicht auf eine plan- 
mäßige Pflege gewerblicher Interessen seitens der Regierung, wie 
dieser von einer neueren Schule der Nationalökonomie (Briavoinne 
zitiert ausführlich als ihren typischen Vertreter M'Culloch) heute 
gepredigt werde. Diese Lehre möge sich vielleicht einem Volke an- 



1) Ausführlich hierüber a. a. O., Tome II, p. 64 ff. „Une bonne loi sur le tran- 
sit", heißt ea hier, „est le complement naturel du syst^me de navi^ation : c'est au moyen 
do traasit qu'on procure un acroiHsement de raliment ä la marine, dont un euHemble 
de lois protectrices de navigation sagemeni coordonnees commeoce par provoquer la 
formation. La Belgique a couuu et favoris§ de bonne heurc le transit. Klle a prfei-fed& 
dana oette voie la France et l'Angleterre. Au l?'*""« gi^cle, malgr6 la dfecadence vers 
laquelle l'avait pou£ä6e la guerre civile et ^trang^re, eile aceueillait cttte brauche de 
commerce, qne les receTeurs-gen^rauz, plus forts que Colbert, veuaient de chasser de 
France". 

2) Genaueres dazu a. a. O., Tome II, p. 98 ff. „La Constitution beige", wird hier be- 
merkt, „tout en consacrant le droit de propri^t^, nc pcrmet pas, qu» ce droit puisse 
jamais aller ju^qu'ä l'abuH; eile en dcmandc le »acrifice en cas d'utilit^ i>ublique . . . 
La concurrence est la rfegle la plus generale en Belgique pour la pratiquc de commerce 
et de l'induHtrie; mais cette r^gle souffre des cxccptions assez nombreuscs. II est des 
professions, des genres d'occupations, qui ne sont pas accessiblcs ä tous. II en est 
d'autres, que tout le monde peut exploiier, mais en se conformant k des entravcs, que 
la loi ou les r&glements de police impoHent. Dana ces deuz cas la concurrence est 
restreinte. La liberte de commerce n'est donc pas entifere." 

20* 



308 Hei nrich Waentig, 

empfehlen, das sich in seiner Kraft überlegen fühle; denn es habe 
ein begreifliches Interesse daran, seine Rivalen ihren privaten 
Hilfsquellen und ihrer privaten Initiative überlassen zu sehen. Wolle 
man sie jedoch bedingungslos auf alle Zeiten und alle Orte anwenden, 
so sei sie offenbar gefährlich; sie werde in dieser Allgemeinheit 
durch die Tatsachen entkräftet, durch die größten wissenschaftlichen 
Autoritäten abgelehnt, wie selbst Smith und Ricardo bewiesen. 
Was Belgien im besondern betreffe, so zeuge geradezu alles in seiner 
Wirtschaftsgeschichte gegen jene bequeme Doktrin des „laisser-faire" 
in der Industrie. Seine heutige Regierung habe sich diese Erkenntnis 
zunutze gemacht; sie befleißige sich einer maßvollen Gewerbefördc- 
rung durch Gewährung persönlicher Unterstützungen, Veranstaltung 
von Ausstellungen, Erteilung von Preisen usw., und tue recht daran'). 

Am allerwenigsten konnte nach Briavoinnes Meinung von einer 
„Neutralität" der Regierung in Fragen des gewerblichen Unter- 
richtes die Rede sein 2). „Que partout on se pcrsuade", hatte er 
schon in dem Schlußworte seiner Untersuchung über die technische 
Umwälzung in der modernen Industrie betont, „qu'il ne peut y avoir 
d'amelioration materielle durable sans am^lioration m orale, et que 
toute amelioration morale a besoin d'une bonne et solide education 
pour guide^)." Dieser grundlegende Gedanke nun wird im zweiten 
Bande seines Werkes genauer ausgeführt. Zwar sei in der belgischen 
Verfassung das Prinzip der unbegrenzten Lehrfreiheit festgelegt. 
Das bedeute jedoch keineswegs, daß die Regierung sich in dieser 
Hinsicht untätig zu verhalten habe. Vielmehr habe sie das ver- 
fassungsmäßige Recht, Staatsmittel für Unterrichtszwecke bereit- 
zustellen und zu verwenden, ein Recht, daß ihr bisher auch von 
keiner Seite bestritten worden sei. 

Wie aber solle sich der moderne gewerbliche Unterricht ver- 
nünftigerweise gestalten? Hier lasse die Vergangenheit als Lehr- 
meisterin im Stich ; denn ihre Einrichtungen seien ganz anders ge- 
arteten Arbeitsbedingungen angepaßt gewesen. Und doch sei es not- 
wendig, einen geeigneten Ersatz dafür zu schaffen, schon um den 
Verlust der Vorteile auszugleichen, wie sie sich in mehrfacher Hin- 
sicht für Arbeiter wie Unternehmer aus den strengen Vorschriften 
über Lehrlingswesen und Meisterschaft ergeben hätten, die ein 
S3'sten) fast unbegrenzter Gewerbefreiheit habe verschwinden lassen. 

Zwei Tendenzen nun seien in den bereits vorhandenen Neu- 
bildungen zu beobachten. Eine, die darauf hinauslaufe, die Erziehung 
jedes einzelnen, in höherem Grade als bisher, seiner künftigen beruf- 
lichen Laufbahn anzupassen; eine andere, die den Kreis der dieser 
neuen Fachbildung Teilhaftigen zu erweitern strebe, mit dem Ziele, 
sie allen Klassen der Gesellschaft gleichmäßig zugänglich zu machen. 
In ersterer Hinsicht seien auch in Belgien bereits vielversprechende 



1) A. a. O., Tome 11, p. 118 ff. 

2) A. a. O.. Tome II, p. 70 ff. 

3) A. a. O., Tome I, p. 219. 



Briavoinne. 309 

Ansätze zu bemerken; dagegen hapere es noch allenthalben, wo das 
Interesse der Arbeiter in Frage komme. ^„Ce qui existe, est incomplet", 
betont Briavoinne, „proportionnellement a la grandeur du pays comme 
ä l'importance de sa production manufacturiere, le nombre des 
etablissements destines ä ces classes est trop retreint. La popu-' 
latiou rurale est de plus de trois millions sur quatre; pourquoi ne 
fait-on pas de plus grands efforts pour introduire dans quelques 
ecoles des campagnes l'enseignement des sains notions agricoles? 
Tout ce que l'on a fait jusqu'ici ne profite qu'ä certaines villes 
privilegiees. Le gouvernement, nous le croyons, depense plus pour 
les classes aisees que pour les classes pauvresi)." Damit aber war 
der Punkt berührt, den er als das Grundübel seiner Zeit betrachtete. 
Daß die moderne Arbeiterfrage sich für Briavoinne im we- 
sentlichen als ein Verteilungsproblem darstellte, ist früher schon an- 
gedeutet worden. Im zweiten Bande seines Werkes, wo er sich 
eingehender mit ihr beschäftigt, wird diese Auffassung tiefer be- 
gründet. Man jubele über das Steigen des Volkswohlstandes und 
verweise dann mit Vorliebe auf die Tatsache, daß in der Zeit von 
1829—1839 der belgische Bodenwert von 5,65 auf 6,40 Milliarden 
frcs. gestiegen sei. Das wäre ein Gewinn, wenn das Glück eines 
Volkes vor allem von der Summe des vorhandenen Eeichtumes ab- 
hinge, ohne Rücksicht auf die Zahl derer, in deren Händen er sich 
befinde. Aber sei das denn auch wirklich der Fall? „Pour une nation, 
11 Importe encore moins de savoir la somme de ses richesses que 
la manicre, dont elles sont reparties. II n'est pas moins essentiel de 
rechercher, si par la maniere, dont le progres s'opere, il y a chance, 
pour que l'equilibre se conserve entrc les ressources et les besoins de 
tous. La question ainsi posee renferme un probleme, qui touche 
aux destinees futures de la Belgique et de tous les peuples places 
dans une Situation analogue^)." 

Von diesem Standpunkte nun verdüstere sich das lachende Bild. 
„Que l'on pese mürement ce qui s'est passe depuis dix ans en 
Belgique, et l'on avouera, que la marche du temps a profit6 presque 
exclusivement ä ceux, qui possedent, que le rencherissemcnt de 
toutes les productions a lourdement pese sur le plus grand nombre. 
C'est ainsi, quo nous risquons de voir s'augmenter Tincgalite des 
fortunes, et diminucr par conscquent, en depit de toutes les ameliora- 

1) A. a. O., Tome II, p. 88 f. Wie Briavoinne »ich selbst die erforderlichen Re- 
formen dachte, ergibt sich aus folgendem. „Nous concevrions donc", so bemerkt er, 
„l'fetablissement d'un systfeme, au moyen duquel ti toutes les fecoles primaires viendrait 
s'adjoindre un atelier modele, oil les enfants, ä certaines heures du jour, se livreraient 
k la pratique d'un metier h la portte de leur flge, de leurs forces et flattant un peu 
anaal leur vwation int^rieur. Et pour que ces sortes d'atclicrs ne fissent pas con- 
currenoe ä l'iuduKtrie privfee, les commandes d'ouvrages ne pourraient ^tre faitcs que 
par de» entrepreneura d'industrie; mais les jeunes travailleurs fctant confifes, pour le 
regime et la duree du travail, k la surveillance d^sint^res^^e et par cons6quent pater- 
nelle d'un instituteur, l'usage prematurC-, les abus, que l'on fait des forces auim^cs 
naiaaante«, ne seraient plus h craindre". (A. a. O., Tome II, p. 96 f.) 

2) A. a, O., Tome II, p. 551. 



310 Heinrich Waentig, 

tions materielles, dont notre 6poque est fiero, Ic tonheur individuell)." 
Früher sei Belgien ein Land gewesen, in dem es sich l%icht habe 
leben lassen; davon könne beute keine Rede mehr sein. Von vier 
.Millionen Menschen lebe höchstens eine einzige in gesicherten Ver- 
hältnissen; eine andere in offenkundiger Not; zwei weitere hielten 
zwischen beiden die Mitte. Man gleite hier einem Abgrunde zu, 
wenn die Regierung sich nicht beeile, vermittelst einer Schutz- 
gesetzgebung (legislation tutelaire) zugunsten der Schwächeren ein- 
zugreifen. 

Wie gespannt die Lage geworden sei, bezeuge noch eine andere 
Erscheinung. Ruhe und Ordnung, die unerläßlichen Vorbedingungen 
alles wirtschaftlichen Aufschwunges, seien heute ernstlich in Frage 
gestellt. Von alters her für ihre Fügsamkeit (docilite) bekannt, be- 
ginne die belgische Arbeiterschaft sich gegen die industriellen Unter- 
nehmer aufzulehnen. Zweimal seit 1830, in Gent und im Kohlen- 
becken des Borinage, habe man ungesetzliche Kampfverbände unter- 
drücken müssen. Im September 1836 sei es an letzterem Orte sogar 
zu offenem Aufruhr, zu mehrtägiger Arbeitseinstellung, ja, zu Blut- 
vergießen gekommen. Mit der bloßen Unterdrückung solcher Aus- 
schreitungen sei es gewiß nicht getan. Wie wenig aber sei bisher 
geschehen, um dieser verhängnisvollen Bewegung Einhalt zu ge- 
bieten ! 

Unter der charakteristischen Ueberschrift „Institutions de mora- 
Iit6 et de prevoyance" und „De la securite des personnes" werden 
die damals in Belgien bestehenden Anstalten dieser Art besprochen 2). 
Es handelt sich in der Hauptsache um Sparkassen (caisses d'^pargne), 
Unterstützungskassen auf Gegenseitigkeit (caisses de secours mutuel) 
und Arbeitshäuser (ateliers de charitc ou de travail), neben denen 
Briavoinne, mit begreiflichem Zögern, dann auch die Pfandhäuser 
(monts-de-piete) nennt; endlich um gewisse gewerbepolizeiliche Ein- 
richtungen, wie Arbeitsbücher (livrets) und Einigungsämter (conseils 
de prud'hommes). Daß, genau wie bei den für die Arbeiterklasse 
bestimmten gewerblichen Unterrichtsanstalten, vorläufig nur die dürf- 
tigen Ansätze zu einer modernen Sozialpolitik vorlagen, wird von ihm 
nicht bestritten. „On reconnaitra", bemerkt er, „la necessite d'ap- 
porter plus d'attention ä l'institution des caisses d'cpargne et des 
diverses cai.^^ses de secours mutuel au profit des ouvriers; on gen6- 
ralisera les ronseils de prud'hommes" 3), Ohne einen gewissen Zwang, 

1) A. a. O., Tome H, p. 554 f. 

2) A. a. O., Tome II p. 145 ff. 

3) A. a. O., Tome II, p. 550. Daß Briavoinne wie das „De l'esprit d'asso- 
ciation" üherschriebenc Kapitel seines Buches (Tome II, p. 220 ff.) beweist, dan Recht des 
ZuKammenschlusMes wohl dem Kapital, nicht aber der Arbeit ziijfestchen wollte, ent- 
sprich dem autoritären Geiste seiner Zeit, von dem auch er sich nicht ganz loszumachen 
vermochte. Auch ihm erschienen die arbeitenden Klassen, im ganzen genommen, als „les 
enfants de la grande famillc ; car elles en ont les imperfections et suriout l'imprfe- 
voyance", wie er hinzufügt. ,.11 f.nudrait donc constanimcnt stipuler pour Icur nvcnir, 
Ic« forcer h prfevoir les cns de maladie et de mort. Des conseils, des instances souvcnt 
rip^t^« peuvet^ ne pas auffire. En dehors des caisses d'6pargne, l'autoritfesupferieure 
doit eocore iotervenir, les maltrea doiveüt se concerter pour imposer aux ouvriers ane 



I 



Briavoinne. 311 

meint er schon damals mit Recht, werde man dabei freilich nicht 
auskommen. 

Indessen noch in einer anderen Beziehung sei die heutige Ver- 
teilung 'des Volkswohlstandes in Belgien verfehlt. Sie begünstige 
ganz offenkundig die Städte auf Kosten des flachen Landes i). 
Die Mehrzahl der ländlichen Grundeigentümer wohne in den Städten. 
Jede Vermehrung ihrer Einkünfte durch Steigerung des Boden- 
wertes, durch Erhöhung der Pachten, komme daher diesen zugute. 
Dort beginne auch immer mehr und mehr die moderne Großindustrie 
sich anzusiedeln. Dort also konzentriere sich die gesamte mate- 
rielle Kultur mit allen ihren Genüssen, von deren verführerischen 
Reizen die ländlichen Bevölkerungskreise nichts zu sehen bekämen. 
„Pour elles, comme autrefois, le chaume et les grossieres etoffcs de 
bure, pour elles, plus qu'autrefois, le travail de quinze heures par 
jour et les petits salaires; mais pour les villes, toutes les conquetes 
de la civilisation, les etoffes les plus variees et les plus riches, les 
gros Profits, les fortunes rapides, les distractions et le repos." 

Und die Wirtschaftspolitik, anstatt diese verderblichen Ten- 
denzen abzuschwächen, verschärfe noch die vorhandenen Gegensätze. 
„Si l'on multiplie les moyens d'enseignement, c'est au profitldes villes, 
qu'on le fait; c'est dans leur enceinte, qu'on les place. Si l'on fonde 
des Etablissements de prövoyance, c'est toujours au profit des habi- 
tants des villes, qu'ils tournent; car eux seuls peuvent y atteindrei." 
An die ländliche Bevölkerung denke dabei niemand. Und doch seien 
auch hier fachlicher Unterricht und soziale Fürsorge die wichtigsten 
Hebel für die wirtschaftliche Entwicklung der Zukunft. 

Schlage man nun in dieser Hinsicht nicht in allerkürzester Frist 
neue Wege ein, so werde sich auf belgischem Boden ein neues Irland 
entwickeln. Völlige Gleichheit in der Verteilung ihrer Unter- 
stützungen, im besonderen auch hinsichtlich der Vorkehrungen für 
die Befriedigung des Kreditbedürfnisses, müsse sich die Regierung 

retcDue modique et presque insensible sur les salaires de chaque semaine et de chaqoe 
mois, afin de constituer un fonds commun, dans loquel des malades, les infirmes, les 
venves et les orphelins puissent, apr^s de grands dewastres, trouver un adoucisscment It 
leur mUire." Er vertritt also schon damals grundsätzlich das cpätcr hesonders in 
Deutschland zur Anerkennung gelangte Prinzip der Zwangsversicherung. Denn, 
wie er anderwärts sagt, „pour soustraire un individu au crime, il faut comraencer par le 
soustraire ä la dftrecse; or, c'est encore une cause de i)rogr&s que de n.cttrc les tra- 
vailleurs & l'abri d'inquietudes, qui d6couragent, ou de catastrophes, qui perverti.ssent". 
(A. a. O., Tome 11, p. 155 f.) Dagegen verwarf er, wie ich schon andeutete, durchaus 
den Gedanken der Selbsthilfe der Arbeiterklasse durch die Begründung von Fachver- 
bänden, in denen er nur verwerfliche Mittel zur St<>rung des öffontlichen Friedens sah. 
„II faut pourtant", heißt es bezeichnenderweise in dem Kapitel „De la s6curit6 de» 
pcrsonoes" zum Schluß, „que les ouvricrs soient bicn convaincus, qu'ils ne seront Ja- 
mals les derniers k recueUlir les fruits des mesurcs protcctrices de l'ordre et de la 
B^curil^. Plus les 8avoir-indu>tricl du peuple se developpcra et moins de pareillct 
mesures seront nccessaires. Dans l'felat actucl de choses, et eu 6gard k l'agglom^ration 
croisaante des populations, le maintien rigoureux cn est indixpcnsuble pour assurcr le 
complet dfiveloppement de ce savoir-industriel, sans lequel il ne peut y avoir de granda 
SDCc^-s dans la carriferc du travail." (A. a. O., Tome II, p. 177.) 
1) A. a. O., Tome II, p. 556 ff. 



312 Heinrich Waentig, 

daher zum Ziele setzen. Mehr noch, man müsse sich im Interesse 
der Volksgesundheit ernstlich bestreben, die industrielle Arbeit aus 
der Stadt nach dem Dorfe zurückzuverpflanzen ; was freilich nur 
dann gelingen könne, wenn man sich gleichzeitig bemühe, „de mettre 
ä la portee des simples chaumieres les möcanismes, qui simplifient, 
qui facilitent le travail sans deplacer, et n'enlevent k l'homme ni la 
purete de moeurs, ni l'independance de caractere, ni la mod^ration 
des goüts," 

Von solchen Anschauungen beseelt, trat Briavoinne an die Auf- 
gaben der am 25. Februar 1840 von der Regierung eingesetzten 
Leinen-Enquete- Kommission heran, zu deren Sekretär er als 
Vorstandsmitglied der „Association nationale pour le progres de In- 
dustrie liniere" ernannt worden war. Der offenbar von ihm verfaßte 
Kommissionsbericht 1) spiegelt alle Vorzüge seines wissenschaftlichen 
Geistes wieder. Auch die einzelnen Kommissionsbeschlüsse dürften 
stark von ihm beeinflußt sein; denn sie bewegen sich durchaus 
in der allgemeinen Tendenz seines auf möglichste Sicherung 
der belgischen Unabhängigkeit gerichteten Denkens. Sie gipfeln 
in dem Vorschlage zur Gründung einer „Societe de commerce 
pour l'exportation", die, nach dem Muster der unter Karl VI. 
entstandenen „Ostender Kompagnie" und der „Nederlandsche Han- 
delmaatschappij" der holländischen Zeit, die unmittelbare Ver- 
bindung des belgischen Exportindustrielandes mit seinen über- 
seeischer Zufuhr- und Absatzgebieten in die Wege leiten sollte*). 
„II faut serieusement songer", heißt es dort, „a l'exploitation des 
contrees transatlantiques, que nous avons jusqu'ä present negligees. 
II faut aller montrer nos produits aux Etats-Unis, au Brasil, au 
Mexique et sur dix autres marches, qui nous sont ouverts; nous le 
pouvons comme l'Angleterre et l'AUemagne, et puisque les nego- 
ciants allemands et anglais y trouvent leur profit, nous reussiront k 
la longue k y trouver le notre." 

Dieses große Projekt, wie so viele andere dieser an Projekten 
überreichen Zeit, blieb unverwirklicht. Ueberhaupt wurde die von 
Briavoinne vertretene Richtung nach einem letzten großen Siege, 
es handelt sich um den Erlaß des Gesetzes über die Differenzial- 
zölle vom 21. Juli 1844, allmälilich durch eine andere abgelöst. 
An Stelle der mit schwerstem wissenschaftlichen Rüstzeug arbeiten- 
den Nationalökonomen der Uebergangszeit, der Briavoinne, Quetelet 
und Ducpetiaux, stürmten jetzt als wirtschaftspolitische Berater der 
Nation die de Molinari, Le Hardy de Beaulieu und de Brouckere 
in die Arena. Gelehrige Nachbeter britischer Schulweisheit, also 
Männer ohne wissenschaftliche Originalität, doch von um so grö- 
ßerer agitatorischer Durchschlagskraft, denen es schließlich auch 
gelang, den zunächst noch hartnäckig bekämpften Freihandels- 



1) Minist^re de l'interieur. Knquete sur rinduslrie liniferc ; Tome I, Rapport de 
CommiaBion ; Tome II, Interrof^atoirea, Bmzelles 1841. 

2) Ebenda Tome I, p. 562 ff. 



Briavoinne. 313 

gedanken auf belgischem Boden zum Siege zu führen und dauernd 
heimisch zu mach^. 

Daß sie damit unter veränderten Verhältnissen aus mehr als 
einem Grunde praktisch im Rechte waren, wer möchte ihnen das 
heute bestreiten? Bedenklich aber war es, daß die Herrschaft des 
„laisser-faire" sich auch auf das Gebiet der Arbeiterfrage erstreckte 
und die ersten Anfänge einer schüchternen Sozialreform, wie sie 
Briavoinne weitblickend ins Auge gefaßt, im Keime erstickte. Die 
Ueberwindung der flandrischen Leinenkrise gegen Ende der vierziger 
Jahre begünstigte dies. Wohin man aber dabei gelangte, bezeugte der 
Mitte September 1856, dem Jahre des Abbaues der letzten Reste des 
Differenzialsystemes, zu Brüssel abgehaltene „Congres International 
de Bienfaisance", dessen Wortführer sich in ihrer seichten Oberfläch- 
lichkeit und phrasenhaften Schönfärberei ebensosehr von Briavoinnes 
und Ducpetiaux' sittlichem Ernst und gläubigem Optimismus i), wie 
von der tiefgründigen Nachdenklichkeit und dem skeptischen Pessi- 
mismus der großen Briten Malthus und Ricardo unterschieden. 

Darum ist es auch nur allzu begreiflich, daß gerade Briavoinne, 
dem die Lösung der sozialen Frage seines Landes und seiner Zeit 
nicht sowohl Sache des Verstandes als Sache des Herzens war, sich 
seit jenem Umschwung der öffentlichen Meinung mehr im Hinter- 
grunde hielt. Hätte er doch alle seine Ueberzeugungen verleugnen 
müssen, um mit dem großen Strome schwimmen zu können. Nicht, 
daß er sich grollend aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hätte. 
Selbst als Volkswirt scheint er auch später noch eine gewisse Rolle 
gespielt zu haben, wie schon aus den bei seinem Tode erschienenen 
Nachrufen hervorgeht. Als angesehener Vertreter der belgischen 
Presse nahm er auch weiter zu allen wichtigen wirtschaftspolitischen 
Tagesfragen Stellung. Besonders ein mir leider nicht zugänglicher 
Bericht über die belgische Industrie auf der Pariser Weltausstellung 
von 1855, „dans lequel il traita avec autant d'habilite que de raison 
et de savoir toutes les questions relatives a notre Industrie", wird 
rühmend hervorgelioben. Wissenschaftlich aber hat er sich nicht 
weiter betätigt. Und er, der als glänzender Tagesschriftsteller so 
viele andere überstrahlte, ist als forschender Denker in Vergessenheit 
geraten. Wer hätte sich auch später in seine geschichtlichen Werke 
über die belgische Volkswirtschaft vertiefen sollen, da man glaubte, 
wie mit einer Zauberformel alle bösen Geister durch die Worte 
„Freiheit, Freiheit" beschwören zu können? 



1) Worauf sich sein OplimismuH, sein Glaube an die sittliche Erneuerung de» 
Wirtschaftslebens, gründete, ergibt sich aus folgender Aeußerung. „Le rcsultat de 
tontes les ameliorations, introduitcs depuis cinquante ans dans les scienres et dans 
l'industrie", bemerkt er, „a ttO de prolonger la vie humaine; plus une g6nC>ration 
dure, plus son experience augmrnte, et avec son expferience, les moycns d'am^liorer 
■a condition et celle des g6n4rations futures. Le d^clin actuel de la moraliiC n'e.st qu'un 
itat transitoire, qui aura son terme; dejÄ le signal en est donn^. La rtnction p6netrera 
peu ä peu dans les masses." (A. a. O., Tome I, p. 218.) Dieser Gedanke wird dann in den 
folgenden Sätzen weiter ausgeführt und durch eine Reihe von Beispielen näher erläutert 



314 



Heinrich Waentig, 



Dennoch meine ich den Nachweis geführt zu haben, daß er es 
wirklich verdient, aus jener Rumpelkammer hervorgezogen zu wer- 
den, in die ihn ein undankbares Zeitalter nichtachtend verstoßen. 
Denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß er, Auguste Comte 
etwa ausgenommen, in seinem Fühlen, wie in seinem Denken, der 
historischen Schule der deutschen Nationalökonomie näher ge- 
standen hat, als irgendein anderer Volkswirt des Auslandes; daß er 
ihren Pionieren, den Röscher, Knies und Hildebrand, an grund- 
sätzlichen Anschauungen tatsächlich nicht allzuviel zu entdecken 
übrig gelassen ; ja, daß er sie vielleicht sogar noch überragte, indem 
er bis zu einem gewissen Grade schon vorwegnahm, was erst 
von ihren Schülern, den späteren Begründern des „Vereins für 
Sozialpolitik", für die Lösung der industriellen Arbeiterfrage auf- 
klärend und aufbauend geleistet worden ist^). 

Realismus in der Betrachtung, Historismus in der Erklä- 
rung, Relativismus in der Beurteilung der wirtschaftlichen Er- 
scheinungen, diese wissenschaftlichen Hauptprinzipien der deutschen 
historischen Schule, waren sie nicht auch die seinen? Zwar hat er 
uns keine „Principes d'economie politique", auch kein geschlossenes 
System der Volkswirtschaftspolitik hinterlassen, in denen sie sich ver- 
körpert hätten ; aber er hat sich in seinem Forschen nach ihnen ge- 
richtet, in seinen Schriften zu ihnen bekannt. Nach den Zielen 
der Volkswirtschaftslehre gefragt, welche andere Antwort hätte er 
geben sollen, als die von Röscher 1843 in seinem „Grundriß zu Vor- 
lesungen über die Staatswirtschaft nach geschichtlicher Methode" er- 
teilte: „Die Darstellung dessen, was die Völker in wirtschaftlicher 
Hinsicht gedacht, gewollt und empfunden, was sie erstrebt und er- 
reicht, und warum sie es erstrebt und erreicht haben" ; oder, wie der- 
selbe es später in seinem „System der Volkswirtschaft" formulierte, 
„die einfache Schilderung zuerst der wirtschaftlichen Natur und der 
Bedürfnisse des Volkes ; zweitens der Gesetze und Anstalten, welche 
zur Befriedigung der letzteren bestimmt sind; endlich des größeren 
oder geringeren Erfolges, den sie gehabt haben." 

Und wenn Schmoller, als Führer der jüngeren Generation, in 
seiner Abhandlung über „Die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft" 
nachmals betonte, daß „der Wert unseres eigenen Lebens und unserer 
Zeit nicht sowohl in dem beruhe, was vor uns erreicht wurde, als in 
dem Maße von Kraft und sittlichem "Wollen, das wir daran setzen, 
auf der Bahn des Fortschrittes weiter zu dringen ; daß die großen 
Kulturvölker, die großen Zeitalter und die großen Männer nicht die 
sind, welche sich behaglich des Ueberkommenen freuen, sondern 
die, welche sich mit größerer Kraft als andere in den Dienst der 
großen, sittlichen Ideen der Menschheit stellen, die, welchen es 



1) Wie weit Briavoinne als Sozialpolitiker etwa von Simonde de Sismondi beein- 
floßt worden ist, dessen „Nouvcaux I'rincipe» d'economie poUtiqiie" im Jahre 1819 
en<chicnen , habe ich nicht fcat-^tellcn können. Auch zu Charles Dunoyers Buche 
„L'iDduwtric et la morale, connid^rces dans leurs rapporta avec la liberti" toii 1825 
leiten keine sichtbaren Fäden hinüber. ' 



BrUvoinne. 315 

gelingt, die sittlichen .Ideen auszubreiten, sie tiefer als bisher ein- 
zuführen in das Getriebe der egoistischen Daseinskämpfe", sprach er 
damit nicht nur von neuem gewisse Gedanken aus, zu denen sich 
schon Briavoinnc bekehrt hatte, wenn er erklärte, daß es die cigcnt- 
iichf^ Aufgabe der führenden Geister sei, Egoismus und Materialis- 
mus zu bekämpfen; daß es keinen dauernden wirtschaftlichen Fort- 
schritt geben könne, der sich nicht auf sittliche Fortschritte gründe; 
daß die „Brüderlichkeit" die beste Grundlage der industriellen Orga- 
nisation; sie miteinander zu versöhnen, das sicherste Mittel sei, um 
die Interessen aller zu fördern ?i). 

Ein gläubiger Christ, wie Koscher, hat er darauf verzichtet, 
,,die Ratschlüsse Gottes" vorwitzig zu enthüllen und die ,,unab- 
änderlichen Gesetze" aufzudecken, nach denen sich durch die Jahr- 
tausende hindurch Aufstieg und Niedergang der Völker in ewigem 
Kreisläufe vollziehen. Mit um so größerem Eifer aber hat er dem 
Einflüsse nachgespürt, den, im Rahmen dieses von göttlicher Weis- 
heit vorbestimmten Entwicklungsganges, Menschen werk auf den 
Wandel der geschichtlichen Ereignisse auszuüben vermocht. So 
ist er denn einer der ersten jener Wirtschaftshistoriker geworden, 
die, im vollen Bewußtsein der Tragweite dieses Schrittes, die Lehren 
der Geschichte in den Dienst der wissenschaftlichen Theorie und der 
politischen Praxis gestellt haben. Besonders in letzterer Hinsicht ist 
sein Buch über die belgische Industrie, trotz gewisser Mängel 2), ein 
klassisches Werk, das, meines Wissens, in seiner Art von keinem 
anderen jenes Zeitalters übertroffen wird. Man müßte denn vielleicht 
Friedrich Lists berühmtem Buche den Vorzug geben wollen. 

In der Tat besteht zwischen Briavoinnes Buche „De l'industrie 
en Belgique, Causes de decadence et de prosperite" v^n 1839 und dem 
ersten Bande von Lists „Nationalem System der politischen Oeko- 
nomie", mit dem wichtigen Untertitel „Der internationale Handel, die 
Handelspolitik und der deutsche Zollverein", von 1841 ein auffal- 
lender Parallelismus. Er ist zum Teile wohl aus der Tatsache zu er- 
klären, daß sich Belgien und der deutsche Zollverein damals han- 
delspolitisch in einer ähnlichen Lage befanden. Beide hatten sich 
gleichmäßig über Hollands Uebelwollen, Englands Uebermacht zu 
beklagen, nur daß Belgien damals bereits an einer gewissen in- 
dustriellen Hypertrophie zu leiden schien, von der in Deutschland 
noch nichts zu spüren war. 

Gewiß ist „Das nationale System der politischen Oekonomie" 
viel umfassender angelegt. Ist es auch zur Beendigung seines zweiten 
Bandes, der „Die Politik der Zukunft", wie seines dritten, der „Die 
Wirkung der politischen Institutionen auf den Reichtum und die 
Macht einer Nation" darstellen sollte, tatsächlich nicht melir ge- 
kommen, so gestattet doch .schon der erste, ein Torso gebliebene, sich 
ein annäherndes Bild von dem Gedankenfluge des Ganzen zu machen. 

1) A. a. O., Tome 11. p. ."560.- 

2) So wären z. ß. die wichtigen Beziehungen zwischen Gewerbe und Landwirt- 
schaft genauer darzustellen gewesen. 



316 



Heinrich Wa entig, 



Auf einer summarischen Betrachtung des wirtschaftlichen Entwick- 
lungsganges der wichtigeren Kultui v^ölker aufgebaut, gibt er, unter 
heftiger Polemik gegen die englische Freihandelsschule, eine syste- 
matische „Theorie" nationaler Wirtschaftspolitik, um nach einer 
kritischen Untersuchung der bisherigen ,, Systeme" in einen „Die 
Politik" überschriebenen Schlußabschnitt auszumünden, der, auf 
Grundlage des prinzipiellen Interessengegensatzes zwischen der eng- 
lischen „Insularsuprematie" und den europäischen „Kontinental- 
mächten", weltpolitische Richtlinien für die künftige Handelspolitik 
des deutschen Zollvereines zu entwerfen sucht. 

Briavoinnes Buch hingegen ist ganz auf Belgien eingestellt. 
Nur ergänzungsweise wird, wo es der Stoff erfordert, auch die Ge- 
schichte anderer Völker vergleichend herangezogen. Von einer prin- 
zipiellen Auseinandersetzung mit den bisherigen „Systemen" der 
volkswirtschaftspolitischen Theorie ist .erst recht nicht die Rede. 
Dafür wird auf diesem enger umschriebenen Arbeitsfelde tiefer ge- 
schürft, die Untersuchung selbst, über die Grenzen der eigentlichen 
Industrie- und Handelspolitik hinaus, nach der sozialpolitischen 
Seite hin erweitert. Was ihm etwa, mit dem „Nationalen System" 
verglichen, an Schwung und Großzügigkeit fehlen sollte, ersetzt 
dieses Werk durch Sachlichkeit und Tiefe. 

Um so bemerkenswerter ist es, daß beide Autoren da. wo ihre 
Untersuchungsgebiete sich decken, im wesentlichen zu den gleichen 
Folgerungen gelangen. Beide stimmen darin überein, daß ein j^e- 
wisses Maß natipnalpolitischer Machtentfaltung für eine gedeihliche 
Entwicklung des Wirtschaftslebens von entscheidender Bedeutung; 
sei. Beide verlangen ein zielbewußtes Eingreifen der Staatsgewalt, 
um, wie der eine es nennt, das „savoir-industriel", wie der andere, 
„die nationale Produktivkraft" zu heben. Beide bezeichnen den 
harmonischen Ausbau der Volkswirtschaft als ein Werk der Er- 
ziehung, die, soweit die Handelspolitik dabei in Frage komme, sich 
für ihre Zwecke des Schutzzolles bedienen müsse. Beide endlich 
erblicken das letzte Ende solcher Politik in der Einführung des inter- 
nationalen Freihandelssystemes, dessen praktische Verwirklichung 
jedoch eine annähernd gleiche wirtschaftspolitische Machtverteilung 
unter den konkurrierenden Völkern zur Voraussetzung habe. Hier 
aber ist auch der Punkt, wo ihre Wege sich scheiden. 

Das höchste Ziel der rationellen Politik, sagt List, sei die 
Vereinigung der Nationen unter dem Rechtsgesetz; ein Ziel, das nur 
durch möglichste Gleichstellung der bedeutendsten Nationen der 
Erde in Kultur, Wohlstand, Industrie und Macht, durch Verwand- 
lung der zwischen ihnen bestehenden Antipathien und Konflikte in 
Sympathie und Harmonie zu erreichen sei. Die Lösung dieser Auf- 
gabe sei jedoch ein Werk von unendlich langsamem Fortgang. Zur 
Zeit würden die Nationen aus mannigfaltigen Ursachen voneinander 
abgestoßen und entfernt gehalten. Obenan stünden unter diesen die 
Territorialkonflikte. Fernere Ursachen der Antipathie unter den 
Nationen seien die Verschiedenheit der Interessen in Beziehung auf 
Manufakturen, Handel, Schiffahrt, Seemacht und Kolonialbesitz, 




Briaroinne. 317 

die Verschiedenheit der Kulturstufen, der Religion und der politischen 
Zustände, Interessen, die in mannigfaltiger Weise durch die Dy- 
nastie- und Machtverhältnisse durchkreuzt würden. 

Die Freihandelsschule nun habe einen Zustand, der erst werden 
solle, als wirklich bestehend angenommen. Sic setze die Existenz 
einer Universalunion und des ewigen Friedens voraus und folgere 
daraus die großen Vorteile der Handelsfreiheit. Auf diese Weise 
aber verwechsele sie die Wirkung mit der Ursache. Alle Beispiele, 
welche die Geschichte aufzuweisen habe, seien solche, wobei die 
politische Vereinigung vorangegangen, und die Handelsvcreinigung 
gefolgt sei. Sie nenne kein einziges, wo diese vorangegangen und 
jene daraus erwachsen wäre. 

Die Universalrepublik im Sinne Heinrich IV. und des Abbe 
St. Pierre, d. h. ein Verein der Nationen der Erde, wodurch sie 
den Rechtszustand unter sich anerkennen und auf die Selbsthilfe Ver- 
zicht leisten, könne daher nur realisiert werden, wenn viele Nationen 
sich zuvor auf eine möglichst gleiche Stufe der Industrie und Zivili- 
sation, der politischen I3ildung und Macht emporgeschwungen. Nur 
mit der allmählichen Entstehung dieser Union könne sich dann die 
Handelsfreiheit entwickeln; nur infolge dieser Union könne sie allen 
Nationen die großen Vorteile gewähren, die man jetzt bei den Ver- 
einigten Provinzen und Staaten wahrnehme. Das Schutzsystem, 
insofern es das einzige Mittel sei, die in der Zivilisation weit 
vorgerückten Staaten einander gleichzustellen, erscheine, aus diesem 
Gesichtspunkte betrachtet, als das wichtigste Beförderungsmittel der 
endlichen Union der Völker, und eben darum auch der wahren 
Handelsfreiheit 1). 

Wie aber konnte List ernstlich vermeinen, jenen Völkerbund 
eines ewigen Friedens praktisch durch eine Schutzzollpolitik vor- 
zubereiten, die sich vermaß, ,, Holland zum' Anschluß an den deut- 
schen Zollverein zu zwingen?" 2) Und sollte, seinem Plane nach, 
Belgien und der Schweiz nicht das gleiche Schicksal beschieden wer- 

1) Friedrieh List, Das nationale System der politischen Ockonomie, Bd. 1, Stutt- 
gart und Tübingen 1841, S. 192 f., 554 ff. 

2) Ebenda S. 551 f. Hier (S. 527, 550) findet sich auch bereits jene Auffassung, 
die in den letzten Jahrzehnten vor dem Weltkriege so verwirrend auf die Geister wirken 
sollte. „Holland", beißt es da, „ist nach seiner geographischen Lage, wie nach seinen 
Handels- und . IndustrieverhältniHfen, und nach Abstammung und Sprache seiner Be- 
wohner eine deutsche, in Zeiten deutscher NationalzcrwQrfnis.se von Deutschland ab- 
getrennte Provinz, ohne deren Wiedereinverleibung in den deutschen Bund Deutsch- 
land einem Hause zu vergleichen ist, dessen Türe einem Fremden gehört. Holland 
gehört so gut zu Dcut*!chland, wie die Bretaj^e und die Normandie zu Frankreich ge- 
hören. Und so lange Holland ein eigent-s, selbütändige« Reich bilden will, kann Deutsch- 
land so wenig zu Selbständigkeit und Macht kommen, als Frankreich dazu hätte ge- 
langen können, wenn jene Provinzen in den Händen der Engländer geblieben wären." 
Die geschichtliche Entwicklung hat diese Behauptung Lügen gestraft. Deutschland ist 
zu „Selbständigkeit und Macht" auch ohne die Einverleibung Hollands gekommen, was 
lei<ler späterhin <iie Alldeutschen nicht gehindert hat, sich dieser Gechink