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Full text of "Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik"

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ÄHBB& LIST f£ß 1 5 1922, 



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JAHRBÜCHER 

FÜR NATIONALÖKONOMIE 

UND STATISTIK 

BEGRÜNDET VON FORTGESETZT VON 

BRUNO HILDEBRHND JOHHNNES CONRHD 

HERAUSGEGEBEN VON 

Dr. LUDWIG ELSTER 

WIRKL. GEH. OBER.REGIERUNGSRflT IN JENH 



117. BHND 
IIL FOL6E 62. BHND 

1921. II. 







JENA 

VERLAG VON GUSTAV FISCHER 

1921 



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Alle Kechte vorbehalten. 



Inhalt des 62. Bandes, dritte Folge. (117. Bd.) 

I. Abhandlungen. 

Elsas, Moritz, Die innere Kaufkraft der deutschen Mark. S. 503. 

Hohl, Theodor, Beiträge zur Flößerei auf der Saale in geschichtlicher und 

wirtschaftlicher Hinsicht. S. 385. 
Kerschagl, Richard, Universalismus und Individualismus in der Methodik der 

Geldtheorie. Versuch einer dogmengeschichtlichen und wirtschaftstheoretischen 

Kritik. S. 211. 
Landauer, Carl, Das Verhältnis von Rentabilität und Produktivität und seine 

Bedeutung für das Sozialisierungsproblem. S. 481. 
Lenz, Friedrich, Woher stammt das Wort „Proletarier aller Länder vereinigt 

Euch!"? S. 289. 
Nathan, Otto, Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirt- 
schaft und Steuern. S. 1. 97. 
Peterffy, Ernst, Die Entwicklung des amerikanischen Eisenbahnwesens in 

neuester Zeit. S. 301. 
Spann, Othmar, Tausch und Preis nach individualistischer und universalistischer , 

Auffassung. S. 193. 
Weigel, P., Indexziffern. S. 128. 

II. Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Müller, Johannes, Die wirtschaftliche Gesetzgebung des Deutschen Reiches. 
S. 53. 224. 516. 

lU. Miszellen. 

Die Bevölkerung der Erde. S. 64. 

Bnetz, G., Das Finanzwesen Polens. S. 439. 

— , — , Die Lage der polnischen Industrie. S. 527. 

Ehrler, Jos., Bevölkerungsbewegung in den preußischen Großstädten im Jahre 
1920. S. 66. 

— , — , Zunahme der Ehescheidungen in den deutschen Großstädten. S. 165. 

Elster, Karl, „Wertmesser" und „Werteinheit". S. 322. 

Fehlinger, H., Bevölkerung und Volkswirtschaft Ceylons. S. 543. 

— , — , Die Volkswirtschaft Westturkestans. S. 260. 

Guradze, Hans, Die Brotpreise in Berlin nebst den Kosten des Ernährungs- und 
Lebensbedarfes in Berlin während der ersten Hälfte 1921. S. 243. 

— , — , Die „Erstlinge" in der Statistik; Gedanken und Anregungen. S. 355. 

Leubuscher, Charlotte, Die Bewegung der englischen Bergarbeiter seit Be- 
endigung des Krieges. S. 251. 

Preisausschreiben der Schweizerischen Statistischen Gesell- 
Schaft. S. 71. 

Rachel, H., Staatliche Elektrizitätswirtschaft. S. 331. 

Regensburger, Ernst H., Die Entwicklung des Postscheckverkehrs. S. 525. 

— , — , Frankreichs Finanzen seit 1914. S. 151. 



IV 



Inhalt. 



Schnitze, Ernst, Die Kohlenausfnhr der Vereinigten Staaten. S. 533. 

— , — , Volkswirtschaft und Außenhandel Costa Ricas, S. 155. 

Schwartz, Ph„ Arbeitsverhältnisse und Organisation der häuslichen Dienstboten 

in Bayern. S. 68. 
Stolzraann, Rudolf, Technik und Idealismus. S. 145. 
von Tyszka, Carl, Die steuerliche Belastung in Deutschland nach und vor dem 

Kriege. S. 337. 
WagTier-Roemmich, Wesen und Gruppierung der Betriebsarten und Berufsarten. 

S. 232. 
Werne kke, Die englischen Eisenbahnen im Jahre 1920. S 
— , Die Teuerung bei den englischen Eisenbahnen. S. 349. 
Winkler, Wilhelm, Betriebsgröße und Anbauverteilung. 

dologische Untersuchung zur statistischen Teildarstellung. 

IV. Literatur. 



246. 

Eine kritisch-metho- 
S. 449. 



Andree, Karl, Geographie des Welthandels. Eine wirtschaftsgeographische 
Schilderung der Erde, Vollständig neu bearbeitet von einer Anzahl von Fach- 

. männern und hrsg. von Franz Heiderich und Robert Sieger. IV. Band mit 3 
großen und mehrfarbigen Karten. (Alfred Ruh 1.) S. 548, 

Boerger, Albert, Sieben La Plata- Jahre. Arbeitsbericht und wirtschaftspolitischer 
Ausblick auf die Wellkornkammer am Rio de la Plata, Mit 60 Abbildungen auf 
SO Tafeln und 3 Kartenbeilagen. (Backhaus.) S. 268. 

Bondam, Rieh., Le mal social et ses remedes. (E. Schwiedland.) S. 170. 

Bosch, Margarete, Die wirtschaftlichen Bedingungen der Befreiung des Bauern- 
standes im Herzogtum Kleve und in der Grafschaft Mark im Rahmen der 
Agrargeschichte Westdeutschlands. (Tübinger staatswiss, Abhandl, hrsg, von 
C, J, Fuchs in Verbindung mit L, Stephinger, N. F. H. 21.) (E. Baas eh.) S. 175. 

Budge, Siegfried, Der Kapitalprolit. Eine kritische Untersuchung unter be- 
sonderer Berücksichtigung der Theorie Franz Oppenheimers. (Frida Wunder- 
lich.) S. 357. 

Cole, G. D. H., Guild socialism re-stated. (E. Schwiedland.) S. 277. 

Conrad, J, (f), Grundriß zum Studium der politischen Oekonomie, III. Teil: 
Finanzwissenschaft. VII. erw. u. erg. Aufl. bearb. von H. Koeppe. (F. T erhalle.) 
S. 178. 

Diehl, Karl, Ueber Fragen des Geldwesens und der Valuta während des Krieges 
und nach dem Kriege. 2. vermehrte Aufl. (v. Zwi edineck.) S. 556. 

Dopsch, Alfons, Wirtschaftliche und soziale Grundlagen der europäischen Kultur- 
entwicklung, Aus der Zeit von Cäsar bis auf Karl den Großen. II. Teil. 
(F. Keutgen.) S. 461. 

Dove, K., Allgemeine Wirtschaftsgeographie (Sammlung Göschen). (Alfred Rtthl.) 
S. 475. 

Eucken, Walter, Die Stickstoffversorgung der Welt. (Paul Ehrenberg.) 
S. 367. 

Feitelberg, Magnus, Das Papiergeldwesen in Räte-Rußland. Statistische Bei- 
träge zur Währangsfrage Rußlands, (Karl Elster.) S. 182, 

Field, G. C, Guild Socialism ; a critical examination. (E. Schwiedland,) S. 277, 

Fischer, Alfons, Tuberkulose und soziale Umwelt. Eine Grundlage für die Be- 
kämpfung der Tuberkulose durch die Gesetzgebung, (Sozialhygienische Ab- 
handlungen. Nr. 4). (Alexander Elster.) S. 282. 

Frankenstein, Luise, Die soziale Kriegsbeschädigtenfürsorge während des 
Krieges. Eine Sonderuntersuchung auf Grund der Akten der Geschäftsstelle für 
Kriegsbeschädigtenfürsorge des Stadtkreises Aachen. (Herbst.) S. 187. 

Geschichte des Kriegaausschusses der deutschen Baumwoll- 
industrie, zugleich Abriß der Baumwollwirtschaft während des Krieges. Im 
Auftrage des Kriegsausschusses der Deutschen Baumwollindustrie bearbeitet von 
W. F. Brück. (Georg Jahn) S. 81. 

Gide, Charles, Cours d'economie politique. 6. Aufl., 2 Bde. (E. Schwied- 
land.) S. 171. 



I 



Inhalt. . V 

Greenwood, Arthur, Public ownership of the liquor trade. (E, Schwiedland.) 
S. 283. 

Gruntzel, Josef, Grundriß der Finanzwissenschaft. (Gehrig.) S. 273. 

Hähnsen, Fritz, Geschichte der Kieler Handwerksämter. Ein Beitrag zur 
schleswig-holsteinischen Gewerbegeschichte. (Mitteilungen der Gesellschaft für 
Kieler Stadtgeschichte, Nr. '60.) (E. Baas eh.) S. 80. 

Hantos, Elemer, Die Zukunft des Geldes. (Finanz- und Volkswirtschaftliche 
Zeitfragen. Hrsg. von Schanz u. Wolf. 74. Heft ) (E. Schwiedland.) S. 5.o9. 

Härtung, Fritz, Deutsche Geschichte von 1871 bis 1915. (Karl Elster.) S. 379. 

Heyn, Otto (f), Ueber Geldschöpfung und Inflation. (Finanz- und volkswirtschaft- 
liche Zeitfragen, hrsg. von Schanz und Wolf, 73. Heft.) (Karl Elster.) S. 275. 

Jores, Carl (f), Grundzüge des Geld-, Kredit- und Bankwesens. Vierte, ver- 
mehrte und verbesserte Aufl., hrsg. von Karl Heinz Lemke. (Karl Elster.) S. 275 

Kaufmann, Paul, Wiederaufbau und Sozialversicherung. Vorschläge zur Aende- 
rung der Keichsversicherungsordnung. (S. Ziele nziger.) S. 278. 

Koller, Philipp Alexander, Das Massen- und Führerproblem in den freien 
Gewerkschaften. {Erg.-Heft XVIII des Arch. f. Sozialwissenschaft u. Sozialpolitik.) 
(Dr. Th. Brauer.) S. 184. 

Kolnai, Aurel, Psychoanalyse und Soziologie. Zur Psychologie von Masse und 
Gesellschaft. (E. Schwiedland.) S. 171. 

Kommentar zum Gesetz über das Reichsnotopfer vom 31. Dez. 1919/ 
30. April lt^20, zum Gesetz betr. die beschleunigte Veranlagung und Erhebung 
des Reichsnotopfers vom 22. Dez. 1920 und zu den einschlägigen Be.stimmungen 
der Reichsabgabenordnung etc. Bearbeitet von G. v. Breunig u. K. v. Lewinski. 
(Die deutschen Finanz- und Steuergesetze in Einzelkommentaren. Hrsg. von 
E.Schiffer. Bd. 2.) (P. Mombert) S. 370. 

Kommentar zum Umsatzsteuer gesetz vom 24. Dez. 1919 und zu den 
Ausführungsbestimmungeu vom 12. Juni 1920. Bearbeitet von Job. 
Popitz. 2. Aufl. (Die deutschen Finanz- und Steuergesetze in Einzelkommen- 
tartn. Hrsg. unter Leitung von E. Schiffer. Bd. 3.) (P. Mombert.) S. 553. 

Kötzschke, Rudolf, Grundzüge der deutsichen Wirtschaftsgeschichte bis zum 
17. Jahrhundert. 2. Aufl. (Grundriß der Geschichtswissenschaft usw., hrsg. von 
A. Meister, Reihe II Abt. 1). (E. Baas eh.) S. 364. 

Kuczynski, R., Ein Reichsfinanzprogramm für 1920. (Recht und Staat in Ge- 
schichte und Gegenwart. Eine Sammlung von Vorträgen und Schriften aus dem 
Gebiet der gesamten Staatswissenschaften. Heft 17.) (Ter halle) S. 84. 

Kumpmann, Karl, Die Arbeitslosiü-keit und ihre Bekämpfung. Mit besonderer 
Rücksicht auf Arbeitsnachweis und Arbeitslosenversicherung im Deutschen Reich. 
(v. Zwiedineck.) S. 561. 

Kuske, Bruno, Die wirtschaftliche Eigenart der Stadt Köln. Historische Be- 
trachtungen für die Gegenwart. (Kölner wirtschaftl. u. sozialwissenschaftl. Studien. 
H. 2.) (E. Baasch.) S. 467. 

Lenz, Adolf , Der Wirtschaftskampf der Völker und seine internationale Regelung. 
(E. Schwiedland.) S. 266. 

Mey, Siegfried, Das württembergische Handwerk im Weltkriege. (Tübinger 
Staatswiss. Abhandl., hrsg. von C. J. Fuchs in Verbind, mit L. Stephinger. N. F. 
Heft 22.) (J. Wilde n.J. S. 176. 

Rechlin, Wilhelm, Syriens Stellung in der Weltwirtschaft. (Greifswalder 
Staatswissenschaftliche Studien. Hrsg. von W. Ed. Biermann und W. Kahler. 1. Heft.) 
(Friedrich Hoffmann.) S. 78. 

Saitzew, Manuel, Die Bekämpfung der Wohnungsnot. (Schriften des Schweize- 
rischen Verbandes zur Förderung' des gemeinnützigen Wohnungsbaues, Heft 1.) 
(Dr. Maximilian Meyer.) S. 373. 

Salomon, Felix, Der britische Imperialismus. Ein geschichtlicher üeberblick 
über den Werdegang des britischen Reiches vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 
(G. V. Below.) S. 475. 

Sartori US v. Waltershausen, A., Die Vereinigten Staaten als heutiges und 
künftiges Einwanderunesland. (Finanz- und Volkswirtschaftliche Zeitfragen, 
hrsg. von Schanz und Wolf, Heft 75.; (E. Schwiedland.) S. 365. 



VI Inhalt. 



Schmidt, Max, Grundriß der ethnologischen Volkswirtschaftslehre. I.Band: Die 
soziale Organisation der menschlichen Wirtschaft. — Bd. II: Der soziale Wirt- 
schaftsprozeß der Menschheit. (E. Schwiedland.) S. 363. 

Schmoller, Gustav, Preußische Verfassungs-, Verwaltungs- und Finanzgeschichte. 
(Gustav Aubin.) S. 172. 

Sc hrepf er, Karl, Das Handwerk in der neuen Wirtschaft. (Josef Wilden.) S.271. 

Schwiedland, Eugen, Volkswirtschaftslehre. Dreiund vierzig Vorlesungen. Neu- 
bearbeitete zweite Aufl. (Johann Weinberger.) S. 266. 

Sieveking, Heinrich, Wirtschaftsgeschichte II. Vom Ausgang der Antike 
bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. (Mittlere Wirtschaftsgeschichte.) (Aus 
Natur und Geisteswelt 577. Bd.) (E. Baas eh.) S. 550. 

Spann, Othmar, Fundament der Volkswirtschaftslehre. (Georg Jahn.) S. 73. 

Statistisches Jahrbuch für den Freistaat Preußen. Hrsg. vom Preußi- 
schen Statistischen Landesamt. 17. Band. (L. E.) S. 565. 

Terhalle, Fritz, Währung und Valuta. Eine Einführung in das deutsche 
Geldproblem der Gegenwart. (Karl Elster.) S. 372. 

Tsouderos, E.-J., Le relevement economique de la Gröce. Mit Vorwort von 
Prof. Ch. Gide. (E. Schwiedland.) S. 550. 

V. Tyszka, Carl, Grundzüge der Finanzwissenschaft mit besonderer Berück- 
sichtigung der Reichsfinanzreform von 1919/20. (F. Terhalle.) S. 178. 

V. Wassermann, Robert, Volkswirtschaftliche Betrachtungen zur Steigerung 
der Tuberkulose-Sterblichkeit während des Krieges. (Greifswalder Staatswissen- 
schaftliche Abhandlungen. Hrsg. von W. Ed. Biermann und W. Kahler, 4. Heft ) 
(Alexander Elster.) S. 282. 

Webb, Sidney and Beatrice, The History of Trade Unionism 1666—1920. 
(E. Schwiedland.) S. 471. 

Weber, Adolf, Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit. Gewerkschaften und 
Arbeitgeberverbände in Deutschland. 2. neubearbeitete Aufl. (Z i e 1 e n z i g e r.) S. 86. 

Wiese, Leopold von, Einführung in die Sozialpolitik. (Handelshochschul- 
Bibliothek, hrsg. von M. Apt. Band 9.) 2. neubearbeitete, vermehrte Auflage. 
(v. Zwiedineck.) S. 466. 

Y u 1 e , G. U., An Introduction to the Theorie of Statistics, Fifths Edition, enlarged. 
(Wilhelm Winkler.) S. 377. 

Uebersicht über die neuesten Pablikatiouen Deiitsclilands und des Aus- 
landes. S. 73. 170. 266. 357. 466. 548. 

Die periodische Presse des Auslandes. S. 92. 189. 284. 380. 476. 566. 

Die periodische Presse Deutschlands. S. 93. 190. 285. 381. 477. 567. 

Volkswirtschaftliche Chronik. 1921. April: S. 193. Mai: S. 267. Juni: S. 333. 

Juli: S. 441. August: S. 515. September: 
S. 573. 



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€tto Nathan, Grundsätzl. üb. d. Zusammenb. zw. Volkswirtsch. u, Steuern. 1 



I. 

Grundsätzliches über die Zusammenhäiige 
zwischen Volkswirtschaft und Steuern.*) 



Von 

Dr. Otto Nathan-Berlin. 



Inhalt: Die auf die Gestaltung und Entwicklung des Finanzwesens wirk- 
samen Momente Aufgabe der Arbeit. I. Die Entwicklung der wirtschaftlichen 
SSr'' tT^^p^'^I^'T "^''T^ 1. in Griechenland. 2. in Korn. 3. im deutschen 
Mittelalter. IL Die Ergebnisse der geschichtlichen Betrachtung und ihre Prüfung 
in der Wirtschafts- und Steuerentwicklung im ausgehenden deutschen Mittelalter 
51f nf,?f?lf °^ der Neuzeit. III Die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse 
m Deutschland seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Folgerungen aus den Unter- 
«w H-^^"" -ü. l ilv Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft und Steuern und 
über die wirtschaftliche Entwicklung der neuesten Zeit. 

Einleitung. In der umfassenden Rezension^), die Adolph 
AVagner in der „Zeitschrift für die gesarate Staats Wissenschaft" 1887 
von den beiden damals neu erschienenen Werken der Finanzwissen- 
schaft von Koscher 2) und v. Stein«) gibt, bezeichnet er*) die 
Probleme der Finanzwissenschaft gerade deshalb als so schwierig 
weil neben nationalökonomischen administrative, politische, sozial- 
politische Momente aller Art mitspielen und von vornherein eine 
umfassendere, prinzipielle Berücksichtigung erheischen. Nichts 
konnte die Richtigkeit dieser Anschauung besser beweisen, als die 
beschichte der Finanzen und des Finanzwesens^), die in all ihren 
vielen Entwicklungsphasen zeigt, in wie weitgehendem Maße die 
^manzen von den vielfältigsten Momenten beeinflußt werden Diese 
breschichte bietet, wie die Wirtschaftsgeschichte überhaupt«), nicht 

*) Die Arbeit ist im Mai 1920 abgeschlossen. 

• ^ «Finanzwissenschaft und Staatssozialismus", Zeitschr. für die eesamte Staate- 
Wissenschaft Bd. 43 (1887), S. 37-122 und 675-746 gesamte &taats- 

IV, in Stuttgart' 1886' ^^'*^°' der Finanz Wissenschaft (System der Volkswirtschaft 

4) a.' r ^^^j^^gi^^^^'buch der Finanzwissenschaft, 5. Aufl., Leipzig 1885-86. 

• * ? I^W*^^^'' den Lehrbüchern vor allem v. Eheberg, Finanzen und Finanz- 
Wirtschaft, Handwörterb. der Staatswissenschaften, 3. Aufl^ieoTlV S 125-133 
Ta 0."'s^Y4-^6?.''''"' ^- ^^«^«^^' Schwarz, GLhicW'der FLanS; 

Vnit.? ^^}'u^' ^Ä ^^^1?.^; F^ber Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung der 
Volker, mit besonderer Rücksicht auf die Stadtwirtschaft des deutschen Mitte?a?ters^ 
Jahrb. f. Nationalök. n. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 1 



2 Otto Nathan, ; 

das Bild einer stetigen, gradlinigen Entwicklung; wie die allgemeinen 
politischen, sozialen und staatlichen Verhältnisse, in deren Zusammen- 
hang die Geschichte des Finanzwesens betrachtet und gewertet 
werden mui3, wurde auch die Entwicklung der Finanzen immer wieder 
gestört, häufig unterbrochen und zurückgeworfen. So gingen die 
Einrichtungen des römischen Finanzwesens ^), dessen durchgebildetes 
Steuersystem sich den Franken in Gallien erhalten hatte ^), fast völlig 
verloren und kehren erst nach Jahrhunderten, teilweise mit dem Be- 
ginn der Neuzeit^), wieder. So hat auch der Dominialbesitz der 
Staaten eine häufig wechselnde Rolle in den Staatsfinanzen gespielt *)^ 
bald kam ihm ausschlaggebende, bald nur eine mehr bedingte Be- 
deutung zu. Schon im alten Rom lösten sich die Tendenzen zur 
Schmälerung und Verbreiterung des Domaniums ab ^) ; im deutschen 
Mittelalter war der Staatshaushalt unter den sächsischen und salischen 
Kaisern viel mehr von dem Besitz an Domänen abhängig wie in der 
altfränkischen Periode. Auch in der Entwicklung des späteren 
Mittelalters nahmen die Domänen bald an Umfang zu, bald ver- 
ringerte sich ihre Größe, wenn auch die allgemeine Entwicklung 
sich dahin durchsetzte, die Bedeutung der Domänen immer mehr 
zurücktreten zu lassen. 

Die Gründe für diese unstete Entwicklung sind äußerst mannig- 
facher Art. Wie auf die Gestaltung des Dominialbesitzes die aller- 
verschiedensten Einflüsse sich geltend machen ^), wie unter natural- 
wirtschaftlichen Verhältnissen der Staat auf umfangreichen Grundbesitz 
angewiesen ist, der ihm als sichere und regelmäßige Einnahmequelle 
zur Naturalbesoldung vieler, besonders hoher Aemter dienen muß, 
wie gerade durch diese Verwendung der Domänenbesitz zusammen- 
schrumpft und in seiner Bedeutung für die Staatsfinanzen zurück- 
tritt — teils Ursache, teils Folge der aufkommenden Geldwirtschaft — , 

Historische Zeitschr. Bd. 86 (1901), S. 1—77, ferner G. v. Below, Die deutsche 
Geschichtschreibung von den Befreiungskriegen bis zu unseren Tagen, Leipzig 1916, 
S. 24, besonders Anm. 1. Vgl. auch Eduard Meyer, Die wirtschaftliche Ent- 
wicklung des Altertums, passim, besonders S. 89, und Die Sklaverei im Altertum, 
passim, besonders S. 173 — 175. (Beide Aufsätze jetzt abgedruckt in Ed. Meyer, 
Kleine Schriften, Halle 1910, nach dort zitiert.) 

1) Vgl. besonders J. Marquardt, Kömische Staatsverwaltung II, Leipzig 1876, 
passim (Bd. V des Handb. der Kömischen Altertümer von Marquardt-Mommsen). 

2) Vgl. G. Waitz, Deutsche Verfassungsgesehichte, 3. Aufl., Kiel 1882, II, 2, 
S. 258. 

3) Vgl. W. Lotz, Finanzwissenschaft, Tübingen 1917, S. 17—52. Ueber ^ie 
Entwicklung des öffentlichen Haushalts vgl. W. Lotz, Das Aufkommen der Geld- 
wirtschaft im staatlichen Haushalt (Heft 238 der Volkswirtschaftlichen Zeitfragen) 
Berlin 1908, S. 4. 

4) Vgl. Koscher, a. a. 0., S. 20ff. und Adolph Wagner, Finanzwissen- 
schaft I, 3. Aufl. (Leipzig 1883) S. 509—524. 

5) Vgl. August Meitzen, Siedelung und Agrarwesen der Westgermanen 
und Ostgermanen, der Kelten, Kömer, Finnen und Slaven, Berlin 1895, 1, S. 333 — 335. 

6) Vgl. auch W. Wygodzinski, „Domänen" im Wörterbuch der Volkswirt- 
schaft, 3. Aufl. (1911) I, S. 682—688, L. Rintelen, „Domänen (Kechtsverhältnisse)", 
im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl. (1909) III, S. 513—520 und 
Praetorius, „Domänen (in wirtschaftlicher Hinsicht)", im Handwörterbuch der 
Staatswissenschaften, 3. Aufl. (1909), III, S. 520—543. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen VolJjswirtschaft u. Steuern. 3 

wie dann während des Mittelalters der "Wechsel der verfassungs- 
rechtlichen Verhältnisse auf die Stellung der Domänen im Staats- 
haushalt einwirkt ^), so üben auch auf das gesamte Finanzwesen die 
allerverschiedenartigsten Ursachenreihen bestimmenden Einfluß. Sie 
sind nur schwer einer klaren Analyse zugänglich, wie sie zur Er- 
kenntnis dieser für die Finanzwirtschaft so wichtigen Zusammenhänge 
notwendig ist, weil sich in ihnen Tendenzen geltend machen, die 
sich wohl gegenseitig bedingen, voneinander abhängig sind und in 
starker Wechselwirkung voneinander stehen, die sich aber auch zu 
verschiedenen Zeiten und in mannigfacher Weise kreuzen und 
schneiden. Neben; den äußeren Schicksalen eines Landes, wie sie 
in siegreichen oder verlorenen Kriegen in Erscheinung treten, machen 
sich außer Fortschritten oder Rückschlägen der Verfassung und Ver- 
waltung auch die Ergebnisse der gesellschaftlichen, kulturellen und 
volkswirtschaftlichen Bewegung in der Finanzwirtschaft eines Staates 
geltend. Andererseits kann aber auch der mehr oder minder günstige 
Stand der Finanzen von bedeutender, ja gar ausschlaggebender 
Wirkung auf die Entscheidungen des Staates sein, die er über Krieg 
oder Frieden oder in Fragen kultureller, volkswirtschaftlicher oder 
sozialer Art zu treffen hat^). 

Wie sich diese verschiedenen Einflüsse durchdringen, das zeigt 
die Geschichte des Finanzwesens aller Zeiten ^). Im antiken klassi- 
schen Staat ist die Regelung der Finanzen jahrhundertelang zu 
einem großen Teile durch die Bedeutung bedingt, die die Sklaverei 
in wachsendem Maße gewinnt. Wie sich mit der Vermehrung der 
Sklavenmassen, mit der damit verbundenen wirtschaftlichen Unfreiheit 
mehr und mehr die Verachtung der körperlichen Arbeit ausbildet, 
wie häufig, wenn auch durchaus nicht immer, das Institut der 
Sklaverei mittelbar und unmittelbar die praktische und wissenschaft- 
liche Förderung einer rationellen Arbeitstechnik hindert^), durch 
die für Handel, Gewerbe und Landwirtschaft eine Intensivierung 
und größere Leistungsfähigkeit — auch zur Deckung der Staats- 
kosten — hätten erzielt werden können^), so ist andererseits oft 

1) Vgl. F. W. R. Zimmermann, Geschichtliche Entwicklung und derzeitiger 
Stand der Rechtsverhältnisse am Domanium in Deutschland, Finanzarchiv XXXV 
(1918), passim, besonders S. 9 — 45. 

2) Immerhin geht wohl R. Goldscheid (Staatssozialismus oder Staatskapitalis- 
mus, 4. u. 5. Aufl., Wien 1917) zu weit, wenn er (S. 4) die Staatsfinanzen „wegen 
ihres Zusammenhangs mit der Wehrorganisation als den eigentlich treibenden Motor 
der Staatsgestaltung" ansieht. 

3) Vgl. V. Eheberg, a.a.O.; F. Heinr. Geffcken, Wesen, Aufgabe, Ge- 
schichte der Finanzwissenschaft (inSchönberg's Handb. der politischen Oekonomie, 
Tübingen 1885, Bd. III), S. 1— 28; Adolph Wagner, Finanzwissenschaft I, S. 62 
bis 130; Gustav Cohn, System der Finanzwissenschaft (System der National- 
ökonomie II), Stuttgart 1889, S. 30—103; Karl Theodor v. Eheberg, Finanz- 
wissenschaft, 14. u. 15. Aufl., Leipzig 1920, S. 9—12; 17—37. 

4) Vgl. Heinrich Herkner, Arbeit und Arbeitsteilung (im Grundriß der 
Sozialökonomik, Tübingen 1914, II), S. 181—182. 

5) Vgl. Ed. Meyer, a. a. 0., passim, und Otto Neurath, Zur Anschauung 
der Antike über Handel, Gewerbe und Landwirtschaft. Teil I, in diesen „Jahr- 
büchern", III. Folge, 32. ßd. (1906), S. 577 ff. 

1* 



Otto Nathan, 



dann der Staat zur Bestreitung seiner Ausgaben auf Methoden an- 
gewiesen, die nicht unwesentlich wieder zur Steigerung dieser Sklaven 
beere beitragen. Alles steht hier in einer fast unentwirrbaren 
Wechselwirkung: der Staat sieht sich vielfach zu einer möglichst 
kriegerischen Politik gezwungen, die ihm Eroberungen und die Aus- 
beutung fremder Völker ermöglicht; so fließen ihm einerseits durch 
Konfiskationen und Tributzahlungen Mittel zu, andererseits vermehrt 
er auch dadurch wieder seinen Besitz an Staatssklaven, die er auf 
die verschiedenste Weise verwendet ; teils leisten sie ihm Dienste in 
der Güterproduktion, teils benutzt er sie zu Verrichtungen, für die 
ihm sonst Ausgaben erwüchsen, — in Rom werden sogar niedere 
Beamtenstellen mit Sklaven besetzt. Eine derartige Abwälzung 
der Staatsiasten auf besiegte Feinde, unterworfene Völkerschaften 
und staatlich verwendete Sklaven muß einer Zeit nahe liegen, die 
noch nicht zur Erkenntnis der Gleichheit aller Menschen und Völker 
gekommen ist und in der sich die sittlichen Begriffe noch nicht wie 
heute durchgerungen haben. 

Diese Teilung in Freie und Unfreie, in unabhängige und mehr 
oder minder abhängige Menschen, die so sehr durch die jeweils herr- 
schenden Kulturbegriffe bedingt ist, macht sich immer wieder im 
Finanzwesen bemerkbar: sowohl die Griechen, wie die Römer, als 
auch die Germanen halten eine regelmäßige, persönliche Besteuerung 
eines freien Mannes unwürdig^); die in Athen eingeführten Gerichts- 
und Strafgelder, Kopf- und Gewerbesteuern zahlen die Schutz- 
verwandten, nicht aber die Bürger ; in Rom durften die in ärmlichen 
Verhältnissen lebenden kleinen Grundbesitzer nicht ihre Schulden von 
ihrem versteuerbaren Vermögen in Abzug bringen, während die 
Reichen und durch mannigfaltigen Besitz wirtschaftlich Kräftigen, 
denen zudem noch unentgeltliche Sklavenhilfe zustatten kam, nur 
mit einem kleinen Teil ihres Vermögens zur Steuer herangezogen 
wurden. Wenn sich auch allmählich die Teilung in Freie und 
Unfreie verflüchtigte, so machten sich doch die Standesunterschiede, 
die an ihre Stelle traten und die Spannung zwischen beherrschten 
und herrschenden Klassen schufen, im Finanzwesen häufig geltend. 
Immer sind die Stärkeren bestrebt, die Lasten auf die schwächeren 
Schultern abzuwälzen, mannigfache Privilegien des Adels und der 
Geistlichkeit beeinflussen jahrhundertelang die Struktur des Finanz- 
wesens : in Frankreich bricht sich seit Ludwig XIV. der Absolutismus 



n 



1) Vgl. Aug. Boeckh, Die Staatshaushaltang der Athener, 2. Ausg., Berlin 
1851, I, S. 407; Marquardt, a. a. 0., II, S. 145; K. Zeumer, Die deutschen 
Städtesteuern, insbesondere die städischen Reichssteuern im 12. u. 13. Jahrh. 
(Schmoller's Staats- u. sozialwissenschaftl. Forschungen 1, 2), Leipzig 1878, S. 5 
und die daselbst angegebene Literatur. Vgl. auch Waitz (a. a. 0.), der erwähnt 
(S. 272), daß die Deutschen in der Verpflichtung zur Kopfsteuer eine Minderung 
ihrer persönlichen Freiheit sahen und gegen jeden Versuch, der zur Einführung 
einer solchen auch bei ihnen gemacht ward, auf das entschiedenste ankämpften. 
Vgl. ferner Gustav Schmoller, Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, 
Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte besonders des preuß. Staates im 17, u. 18. 
Jahrb., Leipzig 1898, S. 117—118. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 5 

auch auf finanziellem Gebiete Bahn — und trotzdem bleiben die 
Steuerprivilegien der bevorrechtigten Stände in Kraft ^); und als 
man in Deutschland, beeinflußt durch den aufgeklärten Absolutismus, 
mit der Aufhebung des ständischen Steuerbewilligungsrechts der 
Regierung grundsätzlich das Eecht zuerkennt, von den Untertanen 
auf Grund ihrer Pflichten als Staatsbürger Steuern zu erheben, ist 
die Macht der gesellschaftlich Stärkeren immer noch nicht so ge- 
schwächt, daß man mit allen Steuerbevorzugungen und Befreiungen 
brechen könnte ^). 

So ist es leicht verständlich, daß die Scheidung einerseits in 
Freie und Unfreie, andererseits in Herrschende und Beherrschte nach- 
haltigen Einfluß auf das Finanzwesen üben mußte ^). Wirkungen 
anderer Art lösten auf die Finanzen die verfassungsrechtlichen Ver- 
änderungen aus, die langsam die Macht vom Reichsherrn auf die 
Territorialfürsten übergehen und die die selbständigen Städte so sehr 
erstarken ließen, daß sie in vieler Beziehung Aufgaben erfüllen 
mußten, die heute Sache der Staatsgewalt sind. Durch die so er- 
weiterten Bedürfnisse, denen die alten Einnahmequellen nicht genügen 
konnten, waren sie zu einer Finanzwirtschaft gezwungen, die ein 
umfangreiches Steuersystem mit teilweise modernen Grundsätzen ver- 
wirklichte und dadurch in bedeutendem Maße die Geldwirtschaft — 
die, in gewissem Umfang, dazu Vorbedingung war — und später 
auch die Kreditwirtschaft nicht unbeträchtlich förderte und stärkte. 
Andererseits konnte die dann an die Stelle dieser Dezentralisation 
tretende, allmählich wachsende Staatsgewalt mit ihrem immer 



1) Vgl. Schmoll er, a. a. 0. S. 44—45 und Lotz, Finanzwissenschaft, 
S. 36—37. 

2) So^ sagt auch Ferdinand Lassalle in seiner bekannten Rede „Die in- 
direkte Steuer und die Lage der arbeitenden Klassen" (Gesamtausgabe Ferd. 
Lassalle's Reden und Schriften, Berlin 1893) S. 252: „Ich hatte Sie damals auf die 
Steuerfreiheit des adligen Grundbesitzes im Mittelalter aufmerksam gemacht 
und hatte Ihnen gesagt, daU jeder herrschende, privilegierte Stand die Lasten zur 
Aufrechterhaltung des öffentlichen Wohles auf die unterdrückten, nicht besitzenden 
Klassen abzuwälzen sucht. Ganz ebenso die Bourgeoisie. Zwar kann sie freüich 
nicht offen erklären, daß sie steuerfrei sein will. Ihr ausgesprochenes Prinzip ist 
vielmehr in der Kegel, daß ein jeder im Verhältnis zu seinem Einkommen steuern 
soU. Aber sie erreicht wiederum, mindestens so gut es geht, dasselbe Resultat 
in verkappter Form durch die Unterscheidung von direkten und indirekten 
Steuern." Aehnlich auch Adolph Wagner (a. a. 0. II, S. 604): „Lassalle macht 
nur mit Recht geltend, daß jede auf die Staatsgesetzgebung Einfluß gewinnende 
Klasse gleichsam instinktiv ihr Klasseninteresse vertritt und deshalb den Besitzen- 
den heutzutage die Verbrauchssteuern viel sympathischer als direkte Einkommen- 
und ähnliche Steuern sind. In diesem Umfange ist die Auffassung wohl richtig 
und psychologisch begründet, auch durch manche Tatsachen bestätigt . . ." Vgl. 
auch den Hinweis auf die Verhältnisse, wie sie sich seit dem VII. vorchristlichen 
Jahrh. in Griechenland entwickelt haben, bei Ed. Meyer, Handwörterb. d. Staats- 
wissenschaften, a. a. 0., S. 137 und für die spätere Zeit S. 138, für dfe mittelalter- 
lichen Städte vgl. J. Härtung, Die Augsburger Zuschlagssteuer von 1475; 
SchmoUer's Jahrb. für Gesetzgebung, Verwaltung u. Volkswirtschaft, Bd. 19 (1895), 
S. 136; für den Beginn der Neuzeit: Gustav Schmoller, Historische Betrachtung 
über StaatenbilduDg und Finanzentwicklung, Schmollers Jahrb. f. Gesetzgebung, 
Verwaltung u. Volkswirtschaft, 33. Jahrg. (1909), S. 4. 



6 Otto Nathan, 

umfangreicheren Tätigkeitsbereich, wie sie im Absolutismus einen 
übertriebenen Ausdruck fand, nicht ohne Bedeutung für die Regelung 
der Finanzverhältnisse bleiben. 

Durch die Entwicklung der volkswirtschaftlichen Ideenrichtung 
sehen wir dann z. B. Colbert's Maßnahmen und die so sehr durch 
ihn beeinflußte merkantilistische Wirtschaftspolitik Wirkungen auf 
das Finanzwesen üben: deren Ziel, „eine nach außen abgeschlossene 
Staats Wirtschaft zu schaffen" ^), forderte eine mannigfaltige Reihe 
von Eingriffen, Verordnungen und Veränderungen, so u. a. eine 
strengere Ordnung im Staatshaushalt, die Beseitigung oder Ver- 
minderung von Binnenzöllen und Wegegeldern, die Errichtung eines 
Grenzzollsystems und dergl. mehr. 

Erwähnen wir schließlich noch, von welch einschneidender Be- 
deutung neben den Forderungen eines mehr demokratisch gerichteten 
Staatswesens auf sozial- und kulturpolitischem Gebiete die Entwick- 
lung der Gewerbe, der Industrie und der Technik für die Finanzen 
sein muß — erinnert sei hier nur an die Umgestaltungen, die die 
Fortschritte der Technik auf dem Gebiete des Heerwesens und der 
Landesverteidigung notwendig machten — , dann gewinnen wir ein 
Bild von der Mannigfaltigkeit der Einflüsse, die für Veränderungen 
auf dem Gebiete des Finanzwesens immer maßgebend waren und 
noch sind. 

Steht es so fest, daß eine ganze Gruppe von Kausalreihen, wie 
wir sie in allgemein-kulturellen, gesellschaftlichen, verfassungs- und 
verwaltungsrechtlichen, volkswirtschaftlichen und geschichtlichen 
Verhältnissen^) kennen lernten, auf die Gestaltung der Finanzen 
bestimmenden Einfluß übt, so kann es einem Zweifel nicht unter- 
liegen, daß auch die einzelnen Teile des Finanzwesens in ihrer Ent- 
wicklung und Ausbildung von diesen verschiedenartigen Verursachungs- 
momenten durchdrungen werden. Dadurch aber wird die Aufgabe 
des Finanzwissenschaftlers, der induktiv das Typische und Grund- 
sätzliche aus dem reichen geschichtlichen Stoff herausschälen muß, 
um es bei der Lösung moderner Probleme verwerten zu können, 
außerordentlich erschwert. Sie scheint nur möglich, wenn er jeweils 
bei der geschichtlichen Betrachtung einzelner Teile des Finanzwesens 
seine Untersuchungen unter einem bestimmten Gesichtspunkt aus- 
richtet und von allen anderen Momenten so weit wie angängig 
absieht. Da nur so die Hoffnung erlaubt ist, zu Ergebnissen gelangen 
zu können, die mit der erwünschten Sicherheit von den zur Ver- 
fügung stehenden Beweismitteln gedeckt werden, so wollen auch 
unsere Untersuchungen sich bewußt nur mit den Zusammenhängen 
beschäftigen, die zwischen einem der für die Entwicklung des 
Finanzwesens kausalen Momente, dem jeweiligen Zustande der wirt- 
schaftlichen Verhältnisse, und einem der wichtigsten Teile des Finanz- 

1) Karl Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft, 10. Aufl. (1917), Tübingen 
I, S. 138. 

2) In diese fünf Hauptgruppen teilt v. Eheberg (a. a. 0., S. 130) die auf das 
Finanzwesen wirksamen Einflüsse ein. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 7 

Wesens, den Steuern, bestehen. Ohne hier die im Mittelpunkte 
aller ökonomischen Erörterungen der letzten Jahrzehnte stehende 
Frage berühren zu können, wie weit nicht vielleicht die Organisation 
der Volkswirtschaft die Gestaltung auch all jener Verursachungs- 
reihen bedingt, die von entscheidender Bedeutung für die Finanz- 
entwicklung eines Volkes sind, werden wir keinen Widerspruch 
finden, wenn wir behaupten, daß zwischen der Organisation der 
Volkswirtschaft und den jeweils maßgebenden kulturellen, gesell- 
schaftlichen, verfassungs- und verwaltungsrechtlichen Verhältnissen 
so starke Wechselwirkungen bestehen, daß, gleichviel ob Ursache 
oder Folge, der Stand der wirtschaftlichen Verhältnisse, in einem 
ganz besonderen Umfange, Ausdruck vieler — vielleicht aller! — in 
einer bestimmten Epoche wirksamen Tendenzen ist. Eine Unter- 
suchung, welches Verhältnis zwischen der Besteuerung und den wirt- 
schaftlichen Zuständen einer Zeit besteht, muß deshalb erhöhte Be- 
deutung gewinnen. 

Wir haben hier zunächst an die grundlegenden« Forschungen 
anzuknüpfen, die Adolph Wagner^), beeinflußt durch die Arbeiten 
Rodbertus'") und Schäffle's^) unternommen und in dem Ergebnis 
zusammengefaßt hat, daß zwischen der jeweiligen Organisation 
der Volkswirtschaft und der Art, wie die Kosten der staatlichen 
Produktions Wirtschaft gedeckt werden, ganz bestimmte, gesetzmäßige 
Zusammenhänge bestehen, daß die jeweils wirksame Organisation 
der Volkswirtschaft, namentlich die jedesmalige Kombination des 
privat- und gemeinwirtschaftlichen Systems die Formen bestimmt, 
in denen der Staat seine Produktionskosten deckt, und daß es in 
erster Linie von der jeweiligen Organisation der Volkswirtschaft 
abhängt, ob überhaupt und in welchem Umfange eine Besteuerung 
möglich ist ^). Für die Besteuerung selbst aber ist die fortschreitende 
quantitative und namentlich qualitative Differenzierung des National- 
einkommens und Vermögens von zwingendem Einfluß für ihre immer 
stärkere und rationellere Spezialisierung und für die Entwicklung 
eines komplizierten Steuersystems^). Dieses allgemeine Gesetz kann 
sich aber immer nur in einem langwierigen Kampfe mit entgegen- 
stehenden Interessen, Mächten, Vorurteilen, technischen Hemmnissen 
und Schwierigkeiten aller Art durchsetzen, so daß das jeweilige Steuer- 
recht praktisch immer die Form eines Kompromisses annehmen muß *). 
Unsere Frage lautet also zunächst: Schmiegt sich, ähnlich dem Zu- 
sammenhange, der zwischen der Besteuerung im allgemeinen und 
der Organisation der Volkswirtschaft besteht, auch das konkrete 

1) Finanzwissenschaft II u. III, passim. 

2) Karl Eodbertus, Zur Geschichte der römischen Tributsteuern seit 
Augustus. Diese „Jahrbücher" IV (1865), S. 341—427; V (1865), S. 135—171, 
241-315; VIII (1867), S. 81-126, 385-475. 

3) Albert Schäffle, Die Grundsätze der Steuerpolitik, Tübingen 1880, bes. 
■S. 18 f. 

4) a. a. 0., II, S. 249. 

5) a. a. 0., II, S. 493 u. III, S. 224. 

6) a. a. 0., III, S. 10. 



8 Otto Nathan, 

Steuerrecht, die Frucht von Kompromissen, immer dem in der be- 
treffenden Zeitepoche wirksamen Zustande und den in ihr herrschen- 
den Tendenzen und Strömungen des wirtschaftlichen Lebens an? 
Bei der Natur des Steuerwesens, zu dessen Gestaltung die ver- 
schiedensten, uns bekannten Kulturkreise beigetragen haben ^), müssen 
wir zunächst die Verhältnisse verfolgen, wie sie sich im Altertum 
herausgebildet haben ^). 

T. 1. Die Forschungsergebnisse, die wir bis jetzt über die Steuer- 
verhältnisse in den Finanzsystemen der Perser^), Karthager*) und 
Aegypter^) besitzen, reichen noch nicht aus, einen Ueberblick über 
ihre Entwicklung zu ermöglichen. Die Nachrichten, die uns über di& 
griechischen Steuerverhältnisse zugänglich gemacht wurden, sind 
wohl etwas eingehender, jedoch auch noch nicht so umfangreich, da& 
sie uns die ganze Entwicklung erkennen ließen ^). Immerhin scheint 
festzustehen, daß das griechische Mittelalter, eine Periode reiner 
Naturalwirtschaft, in der Edelmetalle, Kupfer und Eisen zwar als 
Wertmesser, aber noch nicht als Geld dienen, noch keine Steuer im 
eigentlichen Sinne kennt. Die Zölle, die Hafen-, Markt- und Ver- 
kaufssteuern für Sklaven^) und Pferde treten erst in Erscheinung 
oder werden jedenfalls erst bedeutungsvoll, als bei der mählich sich 
vollziehenden Umstellung Griechenlands vom Agrarstaat zum später 
auch exportierenden Handels- und Industriestaat ') und bei der Aus- 




1) Aehnlich Lotz, Finanzwissenschaft, S. 16. Ueber die Einflüsse besonders 
der römischen Kultur vgl. Gust. Schmoller, Umrisse und Untersuchungen, S. 117. 

2) Schon vor mehr als einem Jahrhundert bezeichnet Johann Paul Harl 
(Vollständiges theoretisch-praktisches Handbuch der gesamten Steuer-Regulierung, 
Bd. I. 1. Versuch der Geschichte des Steuerwesens und der Steuerliteratur von den- 
ältesten Zeiten bis auf unsere Tage, Erlangen 1814, Vorrede XXIV) „die Geschichte 
des Steuerwesens aller Zeiten und Länder als den bewährtesten Prüfstein" und mißt 
dieser Geschichte große Bedeutung bei. 

3) s. die Literaturangaben bei Lotz, Finanzwissenschaft S. 22 und bei Jos.. 
Stammhammer, Bibliographie der Finanzwissenschaft, Jena 1903. Ueber Aegypten 
bemerkt G. Schanz (Studien zur Geschichte und Theorie der Erbschaftssteuer, I,. 
Finanzarchiv XVII (1900), S. 1), daß dort sozusagen alles besteuert war, und führt 
Einzelheiten über die dortigen Steuern, hauptsächlich die Erbschaftssteuer, an. Vgl. 
neben der von Lotz angegebenen Literatur auch G. Lumbroso, Eecherches sur 
l'economie politiqne de l'Egypte sous les Lagides, Turin 1870, S. 284 — 319, worauf 
auch Schanz (a. a. 0.) verweist. 

4) Einige Angaben bei Harl, a. a. 0., S. 52 — 57. 

5) Vgl. Ed. Meyer, Handwörterb. d. Staatsw. a. a. 0.; Boeckh, a, a. 0.,, 
S. 366 — 711; Otto Neurath, Antike Wirtschaftsgeschichte, Lieipzig 1909, passim; 
Adolph Wagner, Finanzwissenschaft II, S. 513—666 u. III. Teil, L Buch, 2. Aufl. 
(gemeinsam mit H. Deite), Leipzig 1910, S. 17—20; Albert Schäffle, Die 
Steuern, II (Hand- u. Lehrb. d. Staatsw. in selbständigen Bänden II, 3), Leipzig 
1897, S. 456 — 458; Kurt Riezler, Ueber Finanzen und Monopole im alten 
Griechenland. Zur Theorie und Geschichte der antiken Stadtwirtschaft, Berlin 1907, 
passim. 

6) Nach Bücher („Zur griech. Wirtschaftsgeschichte", Festgaben für Albert 
Schäffle, Tübingen 1901, S. 224 ff.) wurden auch Zölle von dem Durchgangsverkehr 
an Sklaven erhoben. 

7) Ueber die wissenschaftliche Meinungsverschiedenheit, ob und wieweit sich in 
Griechenland eine Industrie ausgebildet hatte, muß hier auf Ed. Meyer, Kleine 
Schriften („Die wirtschaftl. Entwickl. des Altertums", passim, und „Die Sklaverei im. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 9 

breitung der das Wirtschaftsleben mehr und mehr durchdringenden 
Geld Wirtschaft^) die Grundlagen für ein ganz anders als früher ge- 
richtetes Kulturleben geschaffen wurden, das eine Umschichtung der 
Gesellschafts-, Standes- und Klassenverhältnisse und dadurch auch 
sonst Neuerungen und Veränderungen im Staate — so z. B. auf dem 
Gebiete des Heerwesens — bedingt : der Staat ist einer der Haupt- 
arbeitgeber geworden. Inzwischen hatten sich mit der Geldwirt- 
schaft auch verkehrswirtschaftliche Verhältnisse eingebürgert ^). An 
die Stelle der Stadtwirtschaft mit weitgehender wirtschaftlicher 
Autarkie^) war die Verflechtung in die — starke Flottenmacht ge- 
bietende — Weltwirtschaft getreten, die später dann auch das Auf- 
kommen kreditwirtschaftlicher Formen erforderlich machte; die Arbeits- 
teilung, die sich innerhalb des Volkes angebahnt und die Bildung von 
neuen, häufig Staatsunterstützungen heischenden Klassen gefördert 
hatte, hatte sich auch zwischen den Völkern kräftig entwickelt*). 
Angesichts der aul diese Weise sich vollziehenden Umstellung aller 
staatlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die hier nur angedeutet 
werden konnte, wird es verständlich, daß bei der so fortschreitenden 
Entwicklung die Haushaltsbedürfnisse des Staates stark steigen mußten, 
für die die alten Einnahmequellen nicht mehr ausreichen konnten. 
Dadurch wurde die Einführung oder die Ausbreitung der Steuern, 
die auch durch das Hineinwachsen in einen demokratisch gerichteten 
Verfassungsstaat begünstigt wurde, notwendig. Daß wirkliche und 
gerecht •*) angelegte Vermögenssteuern erst verhältnismäßig spät^) 

Altertum", S. 199) und Karl Bücher, Zur griech. Wirtschaftsgeschichte, passim, 
verwiesen werden. Vgl. dazu auch Max Weber, Agrargeschichte (Altertum), 
Handwörterb. d. Staatswisseusehaften 3. Aufl., I, S. 54 ff. 

1) Ueber die Entwicklung des Münzwesens in Griechenland vgl. Neurath, 
Antike Wirtschaftsgeschichte, S. 42 — 43. 

2) Vgl. Eiezler, a. a. 0. Riezler begründet (S. 96—98) seine Annahme 
von der Verkehrswirtschaft mit dem Vorhandensein eines kapitalistischen Geistes, 
den sie voraussetze und den er mit verschiedenen Stellen aus der griechischen 
Literatur zu stützen sucht. Mit den gleichen Argumenten begründet er, anknüpfend 
an die So m hart 'sehe Theorie (dali bestimmten Wirtschaftsstufen ein bestimmter 
Wirtschaftsgeist entspreche) den Uebergang von der Haus- zur Stadtwirtschaft. 

3) Ueber den Umfang der Autarkie in griechischen Städten vgl. E d. M e y e r , Die 
wirtschaftl. Entwicklung . . ., S, 83, Anm. 1 u. S. lOOff. Neurath (Antike Wirt- 
schaftsgesch. S. 76) scheidet mit Nachdruck die wirtschaftliche Autarkie von einer 
politischen, die auch dann noch in Griechenland gefordert wurde, als die wirtschaft- 
liche Selbstgenügsamkeit längst nicht mehr möglich war. 

4) Die Entwicklung in den verschiedenen Teilen Griechenlands ging weder 
gleichmäßig noch gleichzeitig vor sich. So blieb beispielsweise Sparta viel länger 
reiner Agrarstaat als Athen. Wir verfolgen hier im wesentlichen die Entwicklung 
der Verhältnisse in Athen, über die wir die meisten Nachrichten besitzen. 

6) Die solonische Einteilung in drei Steuerklassen, zu denen als vierte die der 
Besitzlosen kam und nach deren Abstufung die außerordentlichen Steuern, die 
Eisphora, erhoben wurden, barg ja viele Ungerechtigkeiten in sich. 

6) Nach Ed. Meyer (Handwörterb. d. Staatswissenschaften a. a. 0., S. 145) 
erst im Jahre 378/7. Ad. Wagner erklärt dies damit (Finanzwissensch. III, S. 20), 
daß die zur Steuererhebung verwandte solonische Klasseneinteilung nur das frucht- 
tragende Land, also nur den Grundbesitzer getroffen (und sich dafür gewisser Kataster- 
einrichtungen bedient hätte). Erst mit der stärkeren Ausprägung des persönlichen, 
beweglichen Vermögens (s. unten) seien allgemeineVermögenssteuern möglich geworden. 



10 Otto Nathan, 

zur Einführung gelangen konnten, wird man begreiflich finden, wenn 
man sich erinnert, daß „direkte Abgaben nach antiker Auffassung 
mit dem Begriff eines freien Staates unerträglich sind" ^). Zudem 
hatte die Beteiligung an der Weltwirtschaft ^) einen großen Zufluß ^) 
an Sklaven, deren Erscheinen ja immer tief einschneidende Ver- 
änderungen im Arbeits- und Wirtschaftsleben eines Volkes auslöst *), 
bedingt und durch den kommerziellen und industriellen Aufschwung 
die Vergrößerung der Einzelbetriebe bewirkt, die diese Sklaven be- 
nötigten und im wesentlichen ihnen ihre Ausdehnung verdankten. 
Von diesen Sklaven aber, den hauptsächlichsten Trägern des Wirt- 
schaftslebens, werden Steuern erhoben^), ebenso wie Fremde und 
Schutzverwandte ^) derartige Abgaben, die ja als ein Zeichen der 
Unfreiheit betrachtet wurden, als Kopfgelder zahlen müssen. Die 
Bürger sucht man mit anderen Lasten zu den Staatsausgaben heran- 
zuziehen : sie leisten zunächst zur Bestreitung außerordentlicher Be- 
dürfnisse die Eisphora, eine ursprünglich auf den Kopf der Be- 
völkerung gelegte Umlage. Daneben entspricht es der hauptsäch- 
lich in jener industriell-kommerziellen Entwicklungsperiode durch 
die Differenzierung des Volkseinkommens geschaffenen, schärfer aus- 
geprägten Klassenscheidung, die jetzt Reiche neben Armen stark 
hervortreten ließ und die nach dem Sturz der Adelsherrschaft und der 
Herrschaft des Großgrundbesitzes dem Individuum mehr Bedeutung 
verlieh, daß man viel mehr wie früher die reichen Bürger durch 
die alte Einrichtung der Liturgien zu bestimmten, regelmäßig wieder- 
kehrenden Leistungen für den Staat verpflichtete. B o e c k h scheidet 
allerdings diese Liturgien stark von den Vermögenssteuern ^), während 
sie, nach Adolph Wagner's Ansicht^), in ihrer ökonomischen 



1) Ed. Meyer, Handwörterb. d. Staatsw. a. a. 0., S. 137; vgl. auch Boeckh, 
a. a. 0., S. 366—67, 371. 

2) Vgl. über die Entwicklung der Sklaverei in Griechenland Ed. Meyer, Die 
Sklaverei im Altertum, passim, besonders S. 195 ff., und Die wirtschaftl. Entwick- 
lung . . ., passim, besonders 8. 108. 

3) Auch Bücher, der ja sonst auf diesem Gebiet manche von Ed. Meyer, 
Beloch u.a. abweichende Meinung vertritt, nimmt an (Zur griech. Wirtschafts- 
geschichte, S. 215), daß gegen Ende des peloponnesischen Krieges die Menge der für 
manche Zweige gewerblicher Kunstfertigkeit ausgebildeten Sklaventruppen, die im 

4. Jahrh. wohl an Zahl u. Bedeutung noch zugenommen hätten, nicht gering ge- 

4) Vgl. Herkner, a. a. 0., S. 180. 

5) Ueber die Art dieser Sklavensteuern stimmen die Ansichten nicht überein; 
Boeckh (a. a. 0., S. 403) neigt der Meinung zu, daß die Sklaven nicht Steuer- 
pflichtige, sondern Steuerobjekte waren, daß die Steuer also eine Gesiudesteuer — 
und als solche als eine Vermögenssteuer des Sklavenbesitzers — aufzufassen sei. (So 
auch schon Karl Dietrich Hüllmann, Ursprünge der Besteuerung, Köln, 1818, 

5. 53.) A. A. : Ed. Meyer (Handwörterb. d. Staatsw., a. a. 0., S. 137), der die 
Sklavensteuer als eine Kopfsteuer der Sklaven bezeichnet. 

6) Vgl. Boeckh, a. a. 0., S. 400—402. 

7) a. a. 0., S. 534-36. 

8) Finanzwissenschaft III, S. 18 u. Adolph Wagner, Das soziale und 
«thische Moment in Finanzen und Steuern (Vortrag auf dem 14. evangel.-sozialen 
Kongreß 1903), Kongreßverhandlungen, S. 68. Abweichend: Ed. Meyer, Die 
wirtschaftl. Entwicklung . . ., S. 120, Anm. 1. 



■I 




Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. H 

Wirkung auf eine Art progressiver Einkommensteuer^), ja progressiver 
reeller Vermögenssteuer auf die reichere Klasse hinausliefen, 

2. Wesentlich andere Züge als in Griechenland zeigt die Entwick- 
lung der Verhältnisse in Eom^), soweit wir heute darüber noch 
Klarheit gewinnen können. Die frühesten, uns bekannten Zeiten 
der römischen Geschichte werden durch die seltsame Verbindung 
eines naturalwirtschaftlichen Agrarstaates mit einem zur Geldwirt- 
schaft gezwungenen Handelsstaate ^) charakterisiert. Wie in der 
Frühzeit aller anderen staatlichen Entwicklungen, waren auch die 
ordentlichen Einnahmen Roms in der ältesten Zeit ausschließlich auf 
den Grundbesitz angewiesen *). Es entsprach aber den oben erwähnten, 
sich schon frühzeitig Geltung verschaffenden tausch wirtschaftlichen 
Verhältnissen, daß außerordentliche Ausgaben, die zur Führung von 
Kriegen und zum Bau von öffentlichen Gebäuden entstanden, durch 
direkte, in der Frühzeit wohl kopfsteuerartige Abgaben — das 
tributum civium — gedeckt wurden, die alle Forscher bis in die 
Zeiten der ersten Könige zurückverlegen ^). 

Es entspricht, wie Wagner^) hervorhebt, der älteren natural- 
wirtschaftlichen Entwicklung, daß das sich später als Vermögens- 
steuer charakterisierende tributum ursprünglich wesentlich auf einen 
Wertanschlag des Grundvermögens beschränkt war. Inzwischen 
hatte die sich ausbreitende Geldwirtschaft alle wirtschaftlichen und 
staatlichen Verhältnisse vollkommen verändert: die Naturalwirtschaft 
war stark zurückgetreten, wenn sie sich auch in gewissem Umfang, 
besonders in manchen Provinzen, noch mehrere Jahrhunderte erhielt 
und nie ganz verschwand — , der Handel hatte starke Ausdehnung 
gewonnen '). In den inneren Verhältnissen hatten, durch diese Ent- 



1) Ob Wagner bei dieser Charakterisierung wie in so manchem anderen (vgl. 
Vorwort zu Wagners Pinanzwissenschaft IV, 2 (1901), S. XII) durch ßodbertus 
angeregt wurde, wird nicht ersichtlich. Denn auch Rodbertus nimmt an (a. a. 0., 
IV (1865), S. 348, Anm. 9), daß 6s sich bei den Liturgien um eine progressive Ein- 
kommensteuer handelte. 

2) Vgl. außer Dessau (a. a. 0.), Rodbertus (a. a. 0.), Neurath (a. a. 0.): 
Marquardt, a. a. 0., S. 144—289; Schäffle, a. a. 0., S. 458-461; Adolph 
Wagner, Finanzwissenschaft II, S. 513—666 u. III, S. 20—29; W. Vocke, Die 
direkten Steuern der Römer, Zeitschr. f. die gesamte Staatsw.. Bd. IV (1859), 
S. 665—707; Theodor Mommsen, Römisches Staatsrecht (Handb. der römischen 
Altertümer von Marquardt-Mommsen), Leipzig, II (1874) u. III (1887), passim; 
Schanz, a. a. 0., S. 3—33; Max Weber, Die römische Agrargeschichte in ihrer 
Bedeutung für das Staats- u. Privatrecht, Stattgart 1891, passim. 

3) Vgl. Neurath, Antike Wirtschaftsgeschichte, S. 93; Max Weber, 
Römische Agrargeschichte, S. 6. 

4) Vgl. Marquardt, a. a. 0., S. 145 u. 157. 

5) Vgl. Dessau, a. a. 0., S. 147; Vocke, a. a. 0., S. 666: Marquardt, 
a. a. 0., S. 157; nach Mommsen (a. a. 0., III, S. 227—28) ist das tributum 
„mindestens so alt, wie der patrizisch-plebejische Staat". Vgl. auch Wagner, 
a. a. 0., in, S. 23 u. Schäffle, a. a. 0., S. 459. 

6) a. a. 0., III, S. 23. 

7) Nearath (Antike Wirtschaftsgeschichte, S. 94) schließt auf frühen starken 
Handel Roms aus der Angliederung der hervorragenden Handelsstadt Caere und 
den Handelsverträgen mit Karthago, deren Datierung allerdings bis jetzt noch nicht 
«inwandfrei feststehe. 



12 



Otto Nathan, 



Wicklung bedingt, eine größere Arbeitsteilung und dadurch eine 
umfangreichere Klassenbildung Platz gegriffen; ein Teil der ab- 
hängigen bäuerlichen Bevölkerung war zu Eigentum gekommen, 
grundbesitzlose Handwerker, Arbeiter und Geldleute gewannen an 
Bedeutung. Es ist begreiflich, daß diese Umgestaltungen auf das 
Steuerwesen nicht ohne Einfluß bleiben konnten, um so mehr als jetzt 
bedeutend größere Anforderungen an die Staatskasse, hauptsächlich 
durch die Soldzahlungen, herantraten, die an die Soldaten, teilweise 
schon in der Königszeit, erfolgten ^) und die jetzt, im Kriege gegen 
Veji, die Staatskasse übernommen hatte ^). Jetzt zeigte es sich, daß 
das tributum eine Vermögenssteuer war ^), denn der Kreis der Gegen- 
stände, die der zur Steuererhebung vorgenommenen Censuseinteilung *) 
unterworfen waren, hatte sich bedeutend über das ursprüngliche 
Grundvermögen hinaus — der inzwischen fortgeschrittenen Entwick- 
lung entsprechend — auf andere Vermögensstücke ausgedehnt ^). 

Neben diesen außerordentlichen Steuern, die nur für besondere 
Bedürfnisse erhoben wurden, treten schon frühzeitig, auch in der 
Königszeit % indirekte Abgaben auf, die wohl als die ältesten ordent- 
lichen Abgaben bezeichnet werden können'). Dem in gewissem 
Umfange ausgeprägten Handel und der sich damals schon langsam 
ausbreitenden Geld- und Verkehrswirtschaft angepaßt, erscheinen 
diese indirekten Steuern als Zölle ^), die an Häfen, Wegen oder 
Brücken erhoben wurden. Es ist begreiflich, daß sich ein eigent- 
liches Zollsystem, das sich in der Kaiserzeit, den dann herrschenden 
Verhältnissen entsprechend, zu einem Reichsgrenzzollsystem aus- 
dehnte, erst viel später entwickeln konnte. 

Inzwischen hatte die Volkswirtschaft Eoms einen wesentlich 
anderen Charakter angenommen. Das Schwergewicht hatte sich 

1) Vgl. Vocke, a. a. 0., S. 666-67. 

2) Vgl. Vocke, a. a. 0., S. 667 u. Marquardt, a. a. 0., S. 158. 

3) Besonders Kodbertus (a. a. 0., IV, S. 379 u. 403 ff.) legt Wert auf die 
Feststellung, daß das tributum keine Grundsteuer war, ja gar nicbt sein konnte, 
und sucht seine Ansicht damit zu stützen, daß eine Grundsteuer in unserem Sinne 
eine Grundrentensteuer sei, die aber bei dem damaligen Stande der volkswirtschaft- 
lichen Verhältnisse unmöglich gewesen sei. Vgl. auch Rodbertus, a.a.O., IV, 
8. 347 ff. 

4) Dessau (a. a. 0., S. 146) nimmt offenbar an, daß erst durch die erste, 
unter Servius Tullius vorgenommene Censuseinteilung das tributum zu einer Ver- 
mögenssteuer wurde und früher kopfsteuerartigen Charakter hatte. (So auch 
Hüllmann, a. a. 0., S. 20—21.) 

ö) Wie sehr im übrigen inzwischen die Differenzierung des Volksvermögens 
fortgeschritten war, zeigt die als Pferde- und Futtergeld (aes equestre, aes hordiarium) 
bekannte Einrichtung, wonach zum Kriegsdienst nicht geeignete, aber vermögende 
Personen, also hauptsächlich Witwen und Waisen, zu einer besonderen Abgabe ver- 
pflichtet waren, die Dessau (a. a. 0., S. 147) in gewissem Sinne mit der modernen 
Wehrsteuer vergleicht. 

6) Vgl. Marquardt, a.a.O., S. 261. 

7) So Wagner, a. a. 0., III, S. 22. 

8) Auch Max v. Heckel bezeichnet (Artikel „Zölle, Zollwesen", Handwörter- 
buch der Staatswissenschaften, 3. Auü. (1911), VII, S. 1042 u. Wörterbuch der Volks- 
wirtschaft, 3. Aufl. (1911), II, S. 1911) die Zölle als „die ältesten regulären Staats- 
einkünfte und Geldeinnahmen Eoms". 




Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 13 

durch die politischen Veränderungen allmählich von einer wesent- 
lich auf ihre eigenen Hilfsquellen beschränkten Stadtgemeinde auf 
ein Gemeinwesen verschoben, das mehr und mehr erfolgreich nach 
einem Weltreich strebte und sich ungeheure unterworfene Gebiete 
nutzbar zu machen wußte. Die vielen, in fast ununterbrochener 
Reihe sich folgenden Kriege, die Eom zur Herstellung und Befesti- 
gung dieser Weltmacht zu führen hatte, haben, so seltsam das heute 
scheinen mag, seinen Staatshaushalt nie dauernd belastet. Im 
Gegenteil! — Der Krieg zählte zu den Erwerbsarten'), die Beute, 
die man aus ihm gewann, wurde teils zur Bestreitung der Staats- 
ausgaben, teils zur Verteilung unter die Soldaten oder gar unter 
das Volk verwandt^). 

Diese Entwicklung mußte naturgemäß in der Gestaltung der 
wirtschaftlichen Verhältnisse Ausdruck finden. Rom war lange 
in der Lage, Agrar- und Handelsstaat zu bleiben, und war 
nie gezwungen, zu einem ausgesprochenen Industriestaat zu werden; 
denn die Einkünfte aus seinen Provinzen gestatteten ihm seine 
umfangreiche Einfuhr, die daher nicht durch Warenlieferungen zu 
begleichen war — teilweise haben wohl auch die Abgaben der 
Provinzen in Naturallieferungen bestanden — , und ermöglichten ihm 
«ine passive Handelsbilanz^). Die Wirtschaft des Landes hatte 
sich verschoben, es war Grundsatz geworden, die Provinzen*) für 
die staatlichen Bedürfnisse, ja sogar zuweilen für die Ernährung 
der städtischen Bevölkerung^) aufkommen zu lassen. 

Wie so in dem Maße, in dem sich die Bedeutung der Provinzen 
für die Wirtschaft Roms hob, sich seine gesamten wirtschaftlichen 
Verhältnisse auf sie ausrichteten, wie die Provinzen auch für Roms 
Staatskasse zu sorgen hatten, so ist in Rom selbst in jenen Jahr- 
hunderten eine Fortbildung des Steuersystems nicht zu beobachten. 
Es ist in seiner Steuerentwicklung in dieser Epoche, in der die 
Hauptlast seines Wirtschaftslebens in den Provinzen lag, ein jahr- 
hundertelanger Stillstand eingetreten, wenn man es gar nicht als 
eine Rückbildung bezeichnen will, daß das tributum, das ja immer 
nur bei außerordentlichen Staatsbedürfnissen erhoben und dessen 
Betrag mitunter aus der Kriegsbeute den Bürgern zurückerstattet 
wurde, immer seltener zur Anwendung gelangte und seit dem maze- 
donischen Kriege, wenn auch nicht formell, so doch faktisch außer 
Kraft gesetzt wurde ^). 



1) Vgl. Neurath, Antike Wirtschaftsgeschichte, S. 98 u. Marquardt, 
a. a. 0., S. 271 ff. Vgl. auch oben S. 4 u. Lujo Brentano, Die Anfänge des 
modernen Kapitalismus, Festrede gehalten in der öffentl. Sitzung der kgl. Akademie 
der Wissenschaften, München 1916, S. 17 f. 

2) Vgl. Meitzen, a. a. 0., I, S. 332. 

3) Vgl. Neurath, Antike Wirtschaftsgeschichte, S. 93 ff. 

4) Ueber die Besteuerung der Provinzen gibt Wagner, a. a. 0., III, S. 24 
bis 28 eine knappe Zusammenstellung. 

5) Vgl. Marquardt, a. a. 0., S. 144. 

6) Vgl. Dessau, a. a. 0., S. 149, Marquardt, a. a. 0., S. 171ff., Meitzen, 
a. a. 0., S. 333 u. Vocke, a. a. 0., S. 670. Noch einmal scheint im ersten vor- 



14 Otto Nathan, 

In den inneren Verhältnissen Roms bahnten sich aber während 
dieser Periode, die es auf den Gipfel seiner Macht führte, große 
Veränderungen an. Wir erwähnten bereits, aus welchen Gründen 
es erklärlich erscheint, daß Eom — im Gegensatz zu anderen an- 
tiken Staatswesen — nie zu einem ausgesprochenen Industriezentrum 
heranreifte, und wiesen auf die für es zwingende Notwendigkeit hin, 
seinen schon frühzeitig lebendigen Handel immer mehr erstarken zu 
lassen. Wie in allen anderen uns bekannten wirtschaftlichen Ent- 
wicklungsreihen bedingte auch hier der sich ausdehnende Handel bei 
dadurch steigender Bedeutung der Verkehrswirtschaft die Vertiefung 
der Geld Wirtschaft oder setzte sie gar voraus, — es ist schwer, hier 
Ursache und Wirkung zu sondern. Daneben forderte die Ausbreitung 
der Weltwirtschaft, in die Rom durch seine Entwicklung zum Welt- 
staat hineinwuchs, kreditwirtschaftliche Zustände. Im dritten vor- 
christlichen Jahrhundert war man, um umfangreichere Handels- 
beziehungen zur außeritalienischen Welt ermöglichen zu können, zur 
Einführung des Silbergeldes geschritten ^). Schon vorher hatten die 
harten Bestimmungen, die das Zwölftafelrecht in Fällen der Ver- 
schuldung getroffen hatte, allmählich gemildert werden müssen, so- 
daß sich Leihgeschäfte anbahnen und bankartige Unternehmungen 
gründen konnten, die bald durch die wachsende Verkehrswirtschaft 
innerhalb und außerhalb Roms und die immer stärkeren Einfluß ge- 
winnende Weltwirtschaft einen umfangreichen Tätigkeitsbereich 
fanden. Wie überall führte auch in Rom diese Entwicklung zu 
einer stärkeren Differenzierung von Volkseinkommen und Volks- 
vermögen, zu einer Veränderung in der gesellschaftlichen Schichtung, 
zur sozialen Klassenbildung. An die Stelle der Patrizier und Ple- 
bejer waren Optimaten und Populären getreten, eine kleine, reiche 
Oberschicht hatte sich durch die erwähnten geschäftlichen Unter- 
nehmungen herausgebildet^), ein gewaltiger Grundbesitz war ent- 
standen ^). Andererseits hatten vielfach die wachsende Verschuldung 
der Bauern und die steigende Einfuhr billigen Getreides zu deren 
völliger wirtschaftlicher Vernichtung beigetragen und sie zur Prole- 
tarierklasse herabgedrückt, die außerdem noch ständig durch kleine 
Gewerbetreibende und Arbeiter vermehrt wurde, deren wirtschaft- 
liche Existenz die wachsende Sklavenzufuhr mehr und mehr unter- 
grub. Das Erstarken des Zusammengehörigkeitsgefühls in be- 
stimmten Klassen zeigt sich auch in der Bedeutung, die gegen Ende 
der republikanischen Zeit die früher einflußlosen Vereinigungen der 
Handwerker und dann auch der Gewerbetreibenden gewannen. Die 
inneren Schwierigkeiten und die Zerklüftung, die der Republik 
schließlich zur Katastrophe werden sollten, waren zudem schon 



christlichen Jahrhundert dag tributnm aufgelegt worden zu sein; vgl. Mommsen, 
a. a. 0., II, S. 944 u. Eodbertus, a. a. 0., IV, S. 408ff. 

1) Vgl. Marquardt, a. a. 0., S. 11. 

2) Vgl. Eodbertus, a. a. 0., VIII, S. 456—58. 

3) Vgl. Ed. Meyer, Die wirtschaftliche Entwicklung ..., S. 142. 




Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 15 

frühzeitig- in den Sklavenaufständen und den Bürgerkriegen zum 
Ausdruck gekommen. 

Welche Bedeutung hatte nun diese Entwicklung für die steuer- 
lichen Verhältnisse Roms? Rom stand äußerlich auf dem Gipfel 
seiner Macht, die Sorge um ihre Erhaltung nötigte zu den ersten 
Maßnahmen ^). Die Staatsausgaben waren u. a. durch die infolge des 
wachsenden Proletarierelends notwendig gewordenen Getreidever- 
teilungen und die jetzt mehr als früher in Geld erfolgende Bezahlung 
der niederen Beamten stark angewachsen. Zu ihrer Steigerung 
hatten außerdem der Bau von Straßen, Wasserleitungen und öffent- 
lichen Gebäuden, die Tiberflußregulierung usw.^), die zu Beginn der 
Kaiserzeit durch den sich ausdehnenden Verkehr notwendig geworden 
waren, beigetragen. Die Deckung für diese vermehrten Staatsaus- 
gaben konnte aber nicht mehr den Provinzen aufgebürdet werden ^) ; 
denn unter Augustus begann ja bereits, zuerst noch sehr langsam, die 
völlige Umstellung der den Provinzen gegenüber beobachteten Politik, 
die, neben politischen und anderen Momenten, durch die Zentralisation 
der Wirtschaft notwendig geworden war. So mußte man, seit Jahr- 
hunderten zum ersten Male, zur Einführung von Steuern schreiten, die 
sich auch wieder ganz dem damaligen Charakter der wirtschaftlichen 
Verhältnisse Roms und den sich in ihnen Ausdruck verschaffenden 
Tendenzen anpaßten. Unter Caesar wurden Einfuhrzölle auf fremde 
Waren angeordnet — nachdem einige Jahrzehnte vorher die Akzise 
aufgehoben worden war % — die Zölle wurden in ein Reichszollsystem 
geeint, wobei gewöhnlich ein in den verschiedenen Gebieten ver- 
schieden hoher Prozentsatz von dem W^erte der Waren zur Erhebung 

1) Eodbertus macht (a. a. 0., V, S. 137 ff.) auf die von Dio (cp. 41) über- 
lieferte Kabinettsitzuug des Augustus mit Agrippa und Mäcenas aufmerksam, in der 
Mäcen sehr weitgehende Regierungsgrundsätze — Gleichstellung der Provinzen mit 
Rom, Errichtung einer Militär- und Bearatenmonarchie und Umgestaltung der 
Steaerverhältnisse durch Einführung eines gleichmäßigen Finanzsystems im ganzen 
Reiche — entwickelte. Rodbertus bezeichnet die Erzählung dieser Kabinett- 
sitzung, wenn sie nicht stattgefunden hätte, als „treffend erfunden". In der Tat 
muß man den Eindruck gewinnen, daß damals schon sich gewisse Anzeichen für 
die Entwicklung geltend machten, die dann erst viel später — teilweise erst nach 
2 — 3 Jahrhunderten — zu den bekannten Reformen führte. Jedenfalls trat jetzt 
der — sich zunächst nur zögernd bemerkbar machende — Umschwung in der Be- 
handlung der unterworfenen Gebiete ein, was natürlich im Finanz- und Steuerwesen 
seinen Ausdruck finden mußte. 

2) Vgl. über die Gestaltung der Staatsausgaben gegen Ende der Republik 
und zu Beginn der Kaiserzeit Mommsen, a. a. 0., II, S. 936 ff. 

3) Das widerspricht nicht dem von Rodbertus (a. a. 0., V, S. 139 ff.) ver- 
suchten Nachweis, Augustus hätte den gesteigerten Bedarf nur durch die Provinzen 
befriedigt. Rodbertus beweist nur, daß Augustus die Verhältnisse des Bodentributs 
im ganzen Reiche neu ordnete, daß unter ihm die Bestrebungen einsetzten, die 
schließlich zu einer größeren Gleichförmigkeit in der Belastung der Länder führen 
sollten. Diese Neuordnung mag auch für Rom finanziell ergiebiger gewesen sein — 
jedenfalls kamen keine neuen Steuern mehr zur Einführung (vgl. auch Marquardt, 
a. a. 0., S. 199 ff.), und darauf scheint uns das SchAvergewicht zu legen zu sein. 
Erst mit der Bürgerrechtserteilung an alle Provinzen wurden die in Rom bestehen- 
den Steuern auf sie ausgedehnt (vgl. Rodbertus, a. a. 0., VIII, S. 385). 

4) Vgl. Marquardt, a. a. 0., S. 262. 



16 Otto Nathan, 

gelangte. Die Weiterbildung des Steuersystems erfolgte dann unter 
Augustus, der eine Abgabe beim Verkaufe von Waren und Sklaven ^) 
und die schon unter Caesar ^) ins Auge gefaßte Erbschaftssteuer 
endgültig durchführte^). In der Erbschaftssteuer dürfen wir wohl 
den Ausdruck der oben angedeuteten Fortschritte differenzierter 
Vermögens- und Klassenbildung feststellen. Ihr Erlös sollte ein Teil 
der Zuschüsse sein, die Augustus für die von ihm gestiftete Pensions- 
und Versorgungskasse benötigte, womit er den ärmeren Klassen die 
militärische Laufbahn und eine Versorgung nach vollendetem Dienste *) 
ermöglichen wollte; und sicher sind wir berechtigt, in diesen Ein- 
richtungen durch die Entwicklung der Verhältnisse bedingte, groß- 
zügige sozialpolitische Maßnahmen zu sehen. 

Die Politik, die Augustus den Provinzen gegenüber einleitete 
und die die ersten Jahrhunderte der Kaiserzeit entscheidend beein- 
flußte, entsprang der wirtschaftlichen Notwendigkeit, die zu größerer 
Zentralisation zwang und die immer mehr die Erkenntnis verbreiten 
half, daß man Gebiete, die die wirtschaftliche Kraft, ja das wirt- 
schaftliche Leben Roms bedingten, nicht durch außerordentliche Ab- 
gaben und die Willkür der Steuerpächter aussaugen durfte. Ein 
gewaltiger Handel vereinigte die verschiedenen Nationen in einem 
großen Wirtschaftssystem. Die mehr und mehr Ausdehnung ge- 
winnende internationale Arbeitsteilung hatte dem Bewußtsein Ver- 
breitung zu schaffen vermocht, daß die vielen Provinzen, die nicht 
nur mit römischen Kauffahrern, sondern auch mit Kolonisten und 
Landwirten mehr und mehr durchsetzt und der Kultur Roms er- 
schlossen wurden, nur Glieder eines Staates sein konnten, die 
nicht Rom unter-, sondern beigeordnet sein durften, sollte Rom 
nicht untergehen. In dieser Richtung bewegten sich auch alle 
die Maßnahmen, die uns auf steuerlichem Gebiete aus den ersten 
Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit überliefert sind, — sie 
fanden schließlich ihren bedeutenden Ausdruck in der unter Caracalla 
erfolgten Bürgerrechtserteilung an alle Provinzialen % die sie mit 
den Bürgern Roms auch in steuerlicher Hinsicht gleichstellte**). In- 
zwischen hatte in Rom unter dem wachsenden Einfluß der Geld- 
und Verkehrswirtschaft, neben der freilich, wie wir schon erwähnten '), 



1 



1) Vgl. Marquardt, a. a. 0., S. 269. Wagner (a. a. 0., III, S. 22—23) 
scheint, ohne nähere Quellenangahe, die Einführung der Abgahe heim Sklaven- 
verkauf schon viel früher anzusetzen. Indessen legen Dessau (a. a. 0., S. 150), 
Marquardt (a. a. 0., S. 269), Rodhertus (a. a. 0., V, S. 140) und Mommsen 
(a. a. 0., II, S. 944, Anm. 1 u. S. 977, Anm. 4) übereinstimmend ihre Einführung 
in die Zeit Augustus'. Mommsen bringt sie in Zusammenhang mit der unter 
Augustus durchgeführten Zentralisation des Löschwesens in Eom, deren Kosten mit 
dieser Abgabe aufgebracht worden seien. .^Hl 

2) Vgl. Schanz, a. a. 0., S. 4ff. wMl 

3) Schanz (a. a. 0., S. 4 ff.) weist die Hypothese, die Erbschaftssteuer sei ^^' 
schon 169 v. Chr. durch die lex Vocomia eingeführt worden, als kaum haltbar zurück. 

4) Vgl. Schanz, a. a. 0., S. 9ff. 

5) Vgl. Rodbertus, a. a. 0., V., S. 135 u. 138; Marquardt, a. a. 0., S. 144. 

6) Vgl. Meitzen, a. a. 0., I, S. 341. 

7) Vgl. oben S. 14. 




Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 17 

die Naturalwirtschaft nie vollständig untergegangen war, die Diffe- 
renzierung des Volkseinkommens und der Berufsarten weiter zuge- 
nommen. Damit war auch eine starke Erweiterung der Besteuerung 
eingetreten. Man war immer mehr dazu übergegangen, auch das 
Steuerwesen zu spezialisieren, bestimmte Berufe und Gewerbe mit 
besonderen Abgaben zu belegen und so ein stark verzweigtes Steuer- 
system zu schaffen ^). 

Daß jene Reformen, die, wie wir sahen, in ihren ersten Anfängen 
sich unter Augustus bemerkbar machten, nie in ihrer ganzen Trag- 
weite zur Ausführung kamen, daß Rom es nicht verstand, das ge- 
waltige Reich in einen straffen Organismus zusammenzufassen, — 
das hat sicherlich mit zu seinem Verfall beigetragen. In Rom hatten 
sich inzwischen die Verhältnisse so zugespitzt, daß Massenelend 
ungeheuerem, in Verschwendung schwelgendem Reichtum gegenüber- 
stand. Die Parzellenbetriebe, die sich aus den Latifundien wirt- 
schaften gebildet hatten, gelangten mehr und mehr in die Hände 
von Großpächtern, deren Gut in wachsendem Maße ein einheitliches 
Herrschafts- und nicht Wirtschaftsgebiet wurde, so daß die vielen 
kleinen Einzelwirtschaften die Rückkehr zu haus- und naturalwirt- 
schaftlichen Betriebsformen begünstigten. Die innere Zersetzung 
griff immer stärker um sich und ermöglichte es erst den Barbaren 
dem gewaltigen Reiche die westlichen Provinzen zu entreißen^). 
Unterdessen strebte auch der gewaltige Wirtschaftskörper, mangels 
einer allumfassenden, strengen Organisation, in einzelne Wirtschafts- 
gebiete auseinander. 

Es kann hier, wo es sich darum handelt, die großen Linien der 
Steuerentwicklung im Zusammenhang mit der Entwicklung der wirt- 
schaftlichen Verhältnisse zu verfolgen, nicht unsere Aufgabe sein, 
all die Momente zu untersuchen, die schließlich zum Verfall des großen 
römischen Wirtschaftsreiches führten. Wir haben nur festzustellen, 
daß die — zu Beginn des vierten Jahrhunderts schon einsetzende — 
Rückbildung der geldwirtschaftlichen Verhältnisse zur Naturalwirt- 
schaft^) auch auf die Steuerverfassung nicht ohne Einfluß blieb. 
So sind bereits im 4. Jahrhundert die Steuern meist wieder in 
Naturalien entrichtet worden *) ; und so bildeten sich auch die 
römischen Steuereinrichtungen, die beim Ende des römischen Welt- 
reiches ein großzügiges System umfaßten, in ihrem ganzen Umfange 
zurück; sie erhalten sich bald länger, bald kürzer und folgen im 
wesentlichen der Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse, wie 



1) Vgl. Einzelheiten bei Meitzen, a. a. 0., I, S. 340—47 u. bei Eodbertua, 
a. a. 0., passim. Eodbertns schildert eingehend und mit interessanten Ueber- 
legungen wirtschafts- und geschichtsphilosophischer Art den Verfall der antiken 
Oikenwirtschaft, den er nach seiner bekannten Theorie mit dem Augusteischen 
Zeitalter beginnen läßt. 

2) Vgl. Ed. Meyer, Die wirtschaftl. Entwicklung . . ., S. 145. 

3) Vgl. Max Weber, Römische Agrargeschichte, S. 264 und Ed. Meyer, 
Die wirtschaftl. Entwicklung . . ., S. 159 

4) Vgl. Dessau, a. a. 0., S. 151. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 2 



18 Otto Nathan, 



sie sich in durchaus verschiedenen Formen in Ostrom ^), im* Kalifen^ 
reich ^) oder in den Gebieten Mitteleuropas vollzieht. 

Um die Zusammenhänge zwischen dem jeweiligen Zustande der 
wirtschaftlichen Verhältnisse und dem konkreten Steuerrecht, das 
sich im Laufe der Entwicklung herausbildet, in ihrem ganzen Um- 
fange erfassen zu können, wäre es allerdings geboten, die Gestaltung 
zu verfolgen, die sich nach dem Untergang des römischen Welt- 
reiches in den verschiedenen Staaten gezeigt hat. Erst eine solche 
vergleichende Geschichtsbetrachtung könnte Ergebnisse „gesetzlichen'' 
Charakters liefern. Allein der Umfang unserer Untersuchung, be- 
sonders auch der Stand der Vorarbeiten zwingen uns, uns auf die 
deutsche Entwicklung zu beschränken, und uns jetzt, nachdem wir 
versucht haben, die geschichtliche Gestaltung der Steuerverhältnisse 
in den antiken Staatsbildungen Griechenlands und Roms zu ver- 
folgen, die weit mehr, als wir uns häufig dessen bewußt sind, die 
Ausbildung unserer modernen Steuersysteme beeinflußt haben, der 
Entwicklung zuzuwenden, die allmählich in Deutschland zu den 
Formen führte, wie wir sie heute in den Steuereinrichtungen unseres 
Staatswesens kennen. Diese Zielsetzung verbietet auch eine Be- 
leuchtung der Verhältnisse, die sich in den Jahrhunderten nach dem 
Verfall des römischen Reiches in Deutschland entwickelten; unsere 
Betrachtung hat erst an der Stelle einzusetzen, wo sich wieder die 
ersten konkreten Steuer erscheinun gen im Deutschen Reiche zeigten ^). 

3. Die starken Einflüsse, die die Römer auf das Kultur- und 
Wirtschaftsleben der Germanen ausübten^), hätten sicherlich einen 
noch viel größeren Umfang gewonnen, wenn nicht Rom selbst schon 
in den Jahrhunderten, in denen es für Germanien bedeutungsvoll 
wurde, den Gipfel seiner Macht überschritten und den Keim des 
Zerfalles in sich getragen hätte, wenn sich nicht in dieser Zeit sein 
Wirtschaftsleben zu Zuständen zurückgebildet hätte, die bald mehr 
Aehnlichkeit mit den primitiven germanischen, als den hochent- 
wickelten Verhältnissen der römischen Blütezeit hatten. So mußte 
ihm die Stoßkraft fehlen, die jedes Volk besitzen muß, das für die 
Zivilisation und Kultur der Bevölkerung anderer Länder nachhaltig 

1) lieber die Entwicklung im Oströmischen und im Kalifenreiche vgl. die An- 
gaben bei Lotz, Finanzwissenschaft, S. 17 f. 

2) Vgl. V. Eheberg u. Schwarz, a. a. 0.; Schäffle, a. a. 0., II, S. 441ff,; 
Adolph Wagner, Finanzwissenschaft, II, S, 513—666 und III, S. 29—138; 
W. Vocke, Die Abgaben, Auflagen u. die Steuer vom Standpunkte der Geschichte 
u. der Sittlichkeit, Stuttgart, 1887, passim; K. Th. v. Inama-Sternegg, Deutsche 
Wirtschaftsgeschichte, Leipzig, I (2. Aufl. 1909), II (1891), III, 1 (1899), III, 2 (1901), 
passim; Karl Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter, 4 Bände^ 
Leipzig 1885/86, passim; E. Kötzschke, Deutsche Wirtschaftsgeschichte bis 
zum 17. Jahrhundert (A. Meister's Grundriß der Geschichtswissenschaft IE, 1) Leipzigs 
1908, passim; Werner Sombart, Der moderne Kapitalismus, München und 
Leipzig, I (1916), II, 1 u. 2 (1917), passim; Alfons Dopsch, Die Wirtschafts- 
entwicklung der Karolingerzeit, Weimar, I (1912), II (1913), passim. Weitere 
Literatur ist jeweils angegeben. 

3) Vgl. V. Inama-Sternegg, a. a. 0,, I, S. lOff.; im übrigen Kötzschke, 
a. a. 0., S. 35 ff. 



n 




Grundsätzliclies über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 19 

wirksam werden will. In germanischen Landen herrschte in diesen 
Jahrhunderten in der Hauptsache noch sehr umfangreiche Haus- und 
Naturalwirtschaft, für die spärliches Gewerbe und — wie immer 
damit in einem gewissen Zusammenhange stehend — Handel in 
äußerst bescheidenen Grenzen^) kaum Bedeutung hatten. Nur in 
langwierigen, Jahrhunderte währenden Prozessen formen sich Wirt- 
schaftszustände um. Wie in Franken die dort von den Römern 
übernommenen, geldwirtschaftlichen Verhältnisse sich nur langsam 
zur Naturalwirtschaft umgestalten konnten ^) — die in Gallien vor- 
gefundenen direkten Steuern verloren beispielsweise erst allmählich 
ihren öffentlich-rechtlichen Steuercharakter '^j, und sogar im Mero- 
wingerreiche finden sich noch viele steuerähnliche Abgaben*) — , so 
vermochte dann andererseits das Aufkommen geldwirtschaftlicher 
Verhältnisse nur in einer allerdings kürzeren, aber doch auch sich 
erst in mehreren Jahrhunderten durchsetzenden Entwicklung^), die 
naturalwirtschaftliche Verfassung wieder zu verdrängen ^). Erst um 
die Wende des 13. Jahrhunderts hat diese Bewegung solche Fort- 
schritte gezeitigt, daß wir von einem Wechsel in der Struktur des 
Wirtschaftslebens sprechen können. 

Wie immer in der Geschichte der Daseinskampf eine Organi- 
sation und Regelung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens not- 
wendig macht, wie schon von der ältesten Horde an der Selbst- 
erhaltungstrieb gebieterisch die Zusammenfassung der Individuen zu 



1) Besonders Salz u. Bernstein scheinen schon sehr frühzeitig Gegenstand des 
Fernhandels gewesen zu sein. Vgl. v. Inama- Stern egg, a.a.O., I, S. 6, 231 f. 
u. 234 u. Kötzschke, a. a. 0., S. 33, 56—57. 

2) Vgl. Adolph Wagner, Finanzwissenschaft, III, S. 30. 

3J Daß sich überhaupt diese römischen Steuereinrichtungen durchsetzen konnten, 
zeugt immerhin für die wirtschaftlichen Fortschritte in germanischen Landen und 
beweist, daß zu dieser Zeit der fränkische Staat die Periode überwunden hatte, die 
wir aus der Zeit der Völkerschaftsstaaten kennen, in der der Staat keine Wirt- 
schafts-, sondern eine Dienstgemeinschaft war, keinen öffentlichen Haushalt und 
daher auch keine Steuern kannte. 

4) Ueber die Steuerverhältnisse der Germanen in der nachrömischen Zeit be- 
richten kurz zusammenfassend v. Eheberg, Handwörterbuch der Staatswissen- 
schaften, a. a. 0., S. 158 u. Wagner, Finanzwissenschaft, III, S. 39 f. Ueber die 
römische Grundsteuer vgl. außerdem v. B e 1 o w , Grundsteuer in älterer Zeit. Hand- 
wörterbuch der Staatswissenschaften, III. Aufl. (1910), Bd. V, S. 196; vgl. ferner 
Alfons Dopsch, „Finanzwissenschaft", Vierteljahrsschrift für Sozial- u. Wirt- 
schaftsgeschichte, Bd. XIV (1918). 

5) Sombart (a. a. 0., I, S. 94) nimmt an, daß die Eückbildung in „eigen- 
wirtschaftliche" Zustände zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert ihren äußersten 
Punkt erreichte. Man wird aber nach Dopsch (Wirtschaftsentwicklung . . ., 
besonders II, S. 352) annehmen dürfen, daß die Eückbildung immerhin nicht mehr 
vollständig alle Errungenschaften der Verkehrswirtschaft aufgab (vgl. auch Lujo 
Brentano, a. a. 0., S. 20 ff.). Im übrigen wird diese Umbildung in den ver- 
schiedenenen Gebieten verschieden verlaufen sein, wie es überhaupt schwierig ist, 
zu generellen Feststellungen über jene Jahrhunderte zu kommen. Vgl. dazu 
auch Dopsch, „Finanzwissenschaft", S. 510—11. 

6) Vgl. V. Inama-Sternegg, a. a. 0., I, 652ff., II, S. 363, 425, III, 2, 
S. 363ff., 455ff. u. passim. Vgl. ferner August Oncken, Geschichte der National- 
ökonomie, I (Hand- u. Lehrbuch d. Staatswissenschaften in selbständigen Bänden, 
I, 2), Leipzig 1902, S. 100. 

2* 



20 Otto Nathan, 

einheitlichem Wollen und Handeln fordert und zu immer neuen 
und immer größeren Zusammenballungen führt ^), so gelangen seit 
dem neunten Jahrhundert, seit der Karolingerzeit, im Zuge der 
allgemeinen Entwicklung, die hier nicht des näheren erörtert 
werden kann ^), die Großgrundherrsehaften, die sich wohl nach den 
römischen Vorbildern in den Grenz- und Nachbargebieten entwickelt 
hatten^), als Träger des Wirtschaftslebens in deutschen Landen zu 
hervorragender Stärke: ein Ereignis, das für die volkswirtschaft- 
liche Entwicklung außerordentliche Bedeutung gewinnt, und „die 
erste Voraussetzung ist, um mit größeren ökonomischen Leistungen 
auch eine größere politische Macht der Nation zu gewinnen"*). 
Wenn man auch vielfach die Bedeutung der Großgrundherr- 
sehaften überschätzt haben mag^), so wird man doch in ihrer Er- 
starkung und Ausbreitung, die sich fast bis an das 13. Jahr- 
hundert hinstreckt, und dann in den Veränderungen, die sich in 
ihrer Organisation späterhin durchsetzen, einen — wenn nicht den 
maßgebenden — Faktor zu jener Umgestaltung des Wirtschaftslebens 
sehen dürfen, von der wir gerade sprachen *), Sie werden der Aus- 
gangspunkt ') für die Differenzierung des Volkslebens, der Berufsarten, 
des Volkseinkommens und Volksvermögens, für die soziale Schichtung, 
die sich seit der Karolingerzeit anbahnt, und für die vollkommene 
Umstellung der volkswirtschaftlichen Produktion, die in der Haupt- 
sache in zwei Jahrhunderten — im 11. und 12. Jahrhundert — die 
Tauschwirtschaft im vollen Umfang aufkommen läßt^). 

. 1) Vgl. Schäffle, a. a. 0., I, S. 97 f.; G. Schmoller, Umrisse und Unter- 
suchungen, S. 56—57; Edmund Fischer, Das sozialistische Werden, Leipzig 
1918, S. 9fi. 

2) S. die Schilderungen bei v. Inama-Sternegg, Lamp recht, Dop seh 
u. Kötzschke. 

3) Vgl. Kötzschke , a. a. 0., S, 59. Dopsch (Der deutsche Staat des Mittel- 
alters, Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, Bd. 36 
(Innsbruck 1915), S. 5, ähnlich auch Wirtschaftsentwicklung . . ., I, S. 278 ff. u. 
II, S. 344 ff.) glaubt annehmen zu dürfen, daß schon zu Zeiten Caesars u. Tacitus' 
Grundherrschaften bei den Germanen bestanden (so auch Sombart, a. a. 0., I, 
S. 58). Ob er damit den Gedanken an das römische Vorbild bei ihrer Entwicklung 
ablehnt, wird nicht ersichtlich. 

4) Vgl. V. Inama-Sternegg, a. a. 0., II, S. 108. 

5) Vgl. Dopsch, Wirtschaf tsentwtcklung . . ., an vielen Stellen; ferner 
G. V. Below, Der deutsehe Staat des Mittelalters, Leipzig 1914, I, S, 81 f. und 
Paul Sander, Ueber die Wirtschaftsentwicklung der Karolingerzeit (SchmoUer's 
Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung u. Volkswirtschaft, Bd. 37 (1913), S. 383 
bis 408 u. S. 2113—2116) u. Paul Sander „Antwort" (ebenda Bd. 38 (1914), 
S. 1073—87). 

6) Ueber die Wirkungen der Großgrundherrsehaften, besonders über deren 
„sozialpolitische Wirksamkeit" verbreitet sich ausführlich v. Inama-Sternegg, 
Die Ausbildung der großen Grundherrschaften in Deutschland während der Karolinger- 
zeit, Leipzig 1878 (SchmoUer's Staats- u. sozialwissenschaftl. Forschungen I, 1), 
besonders S. 73—110; vgl. dazu jetzt Dopsch, Wirtschaftsentwicklung. . ., passim. 

7) Hiermit soll keineswegs Stellung für die „grundherrliche Theorie" genommen 
werden, die die Arbeitsteilung innerhalb der Großgrundherrsehaften sich ent- 
wickeln läßt. 

8) Ueber die mutmaßlichen Gründe, warum sich die „Eigenwirtschaft" in dieser 
verhältnismäßig kurzen Zeit auf die Tauschwirtschaft umstellen konnte, siehe 




m 



41 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 21 

Selbst D p s c h , der sich doch äußerst scharf dagej^en wendet, 
den Einfluß zu überschätzen, den die Großgrundherrschaften auf die 
Entwicklung der mittelalterlichen Verhältnisse geübt haben — wie 
es seit V. In am a- Sternegg vielfach geschah — , betont^), daß die 
Großgrundherrschaften eine soziale Evolution von einer Tragweite er- 
möglichten, wie sie beim Andauern isolierter freier Kleinwirtschaft 
nimmermehr zustande gekommen wäre. Wie Kirche und Königtum ver- 
möge ihres stetig sich mehrenden Grundbesitzes schon lange vor der 
merowingischen Zeit differenzierend wirksam waren und Abhängig- 
keiten sozialer Art begründet hatten"^), so wurden jetzt vor allem 
die weltlichen Großgrundherrschaften Arbeitgeber im weitesten Sinne 
des "Wortes. Bedeutungsvollen Einfluß übten sie auf das Erstarken 
des Standes der unabhängigen Freien, der immer neben den Unfreien 
bestanden hatte ^). In diesen Jahrhunderten aber konnte er sich durch 
große wirtschaftliche Bewegungsfreiheit und durch die, neben anderen 
Momenten, infolge der ökonomischen Wirkungen der Großgrundherr- 
schaften geförderte wachsende Unabhängigkeit und Verselbständigung 
der Unfreien*), nicht unbeträchtlich kräftigen und zum Ausgangs- 
punkte des Bauernstandes, der Handwerker und Bürger werden. — 

Die Difi'erenzierung der Besitzverhältnisse hat um die Wende 
des 12. Jahrhunderts mit der Ausbreitung des Reichstums auch 
größere Bedürfnisse geschaffen, die in der Landwirtschaft produk- 
tivere Wirtschaftsformen — schon seit dem 8. Jahrhundert war die 
Dreifelderwirtschaft langsam bekannt und eingeführt worden^) — 
intensiveren Anbau und, seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, 
den Uebergang zur Pflege größerer Spezialkulturen teils voraussetzten, 
teils veranlaßten. Schon seit dem 10. — 11. Jahrhundert war auch 
durch die Neubelebung ^) der Edelmetallproduktion und der Her- 
stellung von Münzen ') die x4.usdehnung der Tauschwirtschaft stark ge- 



Sombart, a. a. 0., I, S, 103ff. Vgl. aber dazu: Alfons Dopsch, „Werner 
Sombart, Der moderne Kapitalismus", Archiv für die Geschichte des Sozialismus n. 
der Arbeiterbewegung, Bd. VIII (1919), S. 339. 

1) Wirtschaftsentwicklung . . ., II. S. 51, 849. 

2) Vgl. Dopsch, Wirtschaftsentwicklung . . ., II, S. 345. 

3) Vgl. G. V. Below, Der deutsche Staat des Mittelalters I. S. 112 ff. und 
Gerhard Seeliger, Die soziale u. politische Bedeutung der Grundherrschaft im 
früheren Mittelalter (Abhandlungen der philologischen-historischen Klasse der kgl. 
Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften), Leipzig 1904, S. 4. Vgl. auch G. v. Below, 
Die Entstehung des modernen Kapitalismus u. die Hauptstädte, Schmoller's Jahrb. 
für Gesetzgebung, Verwaltung u. Volkswirtschaft, Bd. 43 (1919), S. 818 f. 

4) Ueber die Entwicklung der Abhängigkeitsverhältnisse im früheren und Hoch- 
mittelalter ist hier nicht näher zu handeln. Vgl. darüber AloysMeister, Deutsche 
Verfassungsgeschichte von den Anfängen bis ins 14. Jahrhundert (Grundriß der Ge- 
schichtswissenschaft, II, 3), 2. Aufl., Leipzig 1913, passim, besonders S. 119 f. 

5) Vgl. V. Inama-Sternegg, a. a. 0., I, S. 544ff. 

6) Ueber den Geldgebrauch in der Karolingerzeit, besonders unter den späteren 
Karolingern, vgl. v. Inama-Sternegg, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, I, S. 646 ff., 
ferner Dopsch, Wirtschaftsentwicklung, passim u. Finanzwisseüschaft, S. 519 u. 
Sander, a. a. 0., passim. 

7) Vgl. darüber A. Luschin von Ebengreuth, Allgemeine Münzkunde 
B. Geldgeschichte des Mittelalters u. der neuen Zeit (Abteilung IV des v. Below- 



22 Otto Nathan, 

fördert worden. Sie war durch die Verwertung der bei intensiverem 
landwirtschaftlichen Anbau gewonnenen, überschüssigen Erzeugnisse ^) 
im Handel einerseits bedingt worden, andererseits hatte sie durch 
den u. a. auch hierdurch geförderten Handel starke Verbreitung ge- 
wonnen. Auch das berufsmäßige Gewerbe, das sich, wie man wohl 
nach dem heutigen Stand der Forschung annehmen darf 2), zu einem 
gewissen Teile neben den Höfen der Großgrundherrschaften ent- 
wickelte, war durch die mit dem Wesen der geschilderten Verhält- 
nisse verknüpfte Arbeitsteilung sehr gefördert und durch fort- 
schreitende Spezialisierung produktiver geworden. Besonders das für 
die ßitter arbeitende Gewerbe hatte durch die Inanspruchnahme, 
die die Bedürfnissteigerung auf den Höfen bewirkte, stark an Aus- 
dehnung gewonnen^). 

Hat diese wirtschaftliche Entwicklung die verfassungsrechtlichen 
Bildungen des Mittelalters bestimmt oder haben umgekehrt die 
staatsrechtlichen Formen, die jene Jahrhunderte erzeugen, haben die 
erstarkenden Territorien und die in verhältnismäßig kurzer Zeit zu 
fast völliger Autonomie gelangenden Städte jene Wirtschaftsentwick- 
lung entscheidend beeinflußt? Angesichts der Wechselwirkung*), 
die zwischen Verfassung und Wirtschaft besteht, ist diese Frage 
kaum zu entscheiden. In der Entwicklung wirtschaftlicher Ein- 
richtungen und ökonomischer Tendenzen, die sich doch oft nur in 
jahrhundertelangen Prozessen durchzusetzen vermögen, sind ja Ur- 
sache und Wirkung der einzelnen Vorgänge nie scharf zu trennen, 
weil sie sich nur allzu häufig gegenseitig durchdringen. Von den 
Territorien ist hier zunächst abzusehen — wir werden uns weiter 
unten mit ihnen beschäftigen — , weil in ihnen die wirtschaftliche 
Entwicklung viel langsamer reifte als in den Städten und sie deshalb 
in unserer Epoche noch keineswegs große Bedeutung im Wirtschafts- 
leben erlangt hatten. Es bleibt daher die Frage, ob und inwieweit die 
Entstehung der mittelalterlichen S t ä d t e, die im 10. Jahrhundert ihren 
Anfang nahm und am Abschluß des 12. Jahrhunderts beendet sein dürfte 




Meinecke'schen Handbuchs der mittelalterlichen u. neueren Geschichte), München 
u. Berlin 1904, S. 83 ff. 

1) Ueber den Umfang dieser Ueberschüsse vgl. v. Inama-Sternegg, Die 
Ausbildung der großen Grundherrschaften . . ., S. 106 — 7. 

2) Es ist kaum erforderlich, die ganze hierher gehörige Literatur anzuführen. 
Man vgl. darüber aus der neueren Literatur (wo sich auch weitere Literaturnach- 
weise finden): G. v. Below, Handwerk u. Hofrecht (Vierteljahrsschrift f. Sozial- 
u. Wirtschaftsgeschichte, Bd. XII (1914), S. 1 — 21, Dopsch, Wirtsehaftsentwick- 
lung . . ., IL S. 161 ff., Paul Sander, „Antwort" (SchmoUer's Jahrb., Bd. 38 
(1914), S. 1079—1082) u. G. v. Below, Der deutsche Staat des Mittelalters, 1914, 
I, S. 127 — 28 (mit vielen Literaturnachweisen). 

3) Die Literatur über die Bedeutung der Großgrundherrschaften für die Wirt- 
schaftsentwicklung des Mittelalters ist sehr umfangreich; wir beschränken uns 
darauf, aus der neuesten Literatur hier noch auf G. v. Below's Aufsatz „Die 
Entstehung des modernen Kapitalismus u. die Hauptstädte", a. a. 0,, S. 811 ff. der 
im wesentlichen polemisch gegen die 2. Aufl. von Sombart's „Moderner Kapitalismus" 
gehalten ist, besonders auf S. 818 f., hinzuweisen. 

4) Vgl. V. Below, Der deutsche Staat des Mittelalters, S. 328 ff. 



1 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 23 

— also gerade in jener Periode, in der, wie wir sahen, sich die Tausch- 
wirtschaft in den verschiedensten Formen und in mannigfachen 
Zweigen des wirtschaftlichen Lebens durchsetzte — , durch die öko- 
nomische Entwicklung jener Zeit beeinflußt wurde. Auch hier 
werden wir keine restlose, voll befriedigende Antwort erwarten 
dürfen. Denn wie weit der sich ausbreitende Handel und das 
wachsende Gewerbe die Ausbildung von Dörfern zu Städten förderten 
oder wie weit umgekehrt die Städteentwicklung zur Stärkung von 
öewerbe und Handel beitrug, der, neben anderen Einwirkungen, um 
das 12. Jahrhundert auch vielfache Anregung durch die ostdeutsche 
Kolonisation und durch die Kreuzzüge erhielt, — das im einzelnen 
heute zu erforschen, dürfte in Anbetracht ihrer wechselseitigen Be- 
einflussung unmöglich sein ^). Aber darüber werden wir uns klar 
sein müssen, daß wir in der Entwicklung der Dörfer zu mittelalter- 
lichen Städten^) einen Ausdruck jener Bewegung zu sehen haben, 
die durch die Arbeitsteilung, die Difi'erenzierung der Volksstände 
und die soziale Schichtung entstand und die durch den Trieb nach 
sozialem Gemeinschaftsleben, dem wir in der Geschichte immer 
wieder begegnen, gefördert wurde. Dieses Streben nach einer 
Form staatlicher Zusammenfassung, wie wir sie in der mittelalter- 
lichen Stadt kennen lernen, lag tief begründet in den ökonomischen 
Tendenzen jener Jahrhunderte, die den einzelnen den Sinn und 
Wert der Gemeinschaft lehrten und ihm zum Bewußtsein bringen 
mußten, daß die fortschreitende wirtschaftliche Entwicklung die 
Verbindung in irgendeiner Weise gebieterisch forderte, und daß, bei 
den immer stärkeren Auswirkungen der Arbeitsteilung, der Einzelne, 
auf sich allein gestellt, untergehen müsse und nur gestützt auf eine 
großzügige Angliederung vieler Einzelexistenzen bestehen könne ^). 

1) Auch Sombart (a. a. 0., I, S. 113) scheint endgültig diese Frage nicht 
entscheiden zu wollen, wenn er schreibt, daß die Städte „recht eigentlich — 
von mir unterstrichen — (nicht etwa, wie man wohl geglaubt hat, die Kinder, 
sondern) die Mütter der Tauschwirtschaft und der auf ihr aufgebauten handwerks- 
mäßigen Ordnung des Wirtschaftslebens sind". Anders v. Inama-Sternegg, 
a. a. 0., II, S. 364 . . . „Aber die hauptsächlichen Ursachen dieses in allen Kreisen 
des Wirtschaftslebens fühlbar gewordenen Umschwunges müssen doch gesehen werden 
teils in den wesentlichen Veränderungen, welche die Organisation der Großgrund- 
herrsehaften und ihres Betriebes erfahren hat, teils in dem Aufleben der Stadt- 
wirtschaft mit ihrer selbständigen Entwicklung von Handel und 
Oewerbe" (von mir unterstrichen). 

2) Ohne im übrigen hier die ausgedehnte Meinungsverschiedenheit der 
Forscher über die Städtebildung berühren zu können, die sich — so bemerkt auch 
Sombart (a. a. 0., I, S. 134) — fast ausschließlich mit der Entstehung der Stadt- 
verfassung beschäftigen, folgen wir in diesem Punkte jener Theorie, die neuer- 
dings auch wieder Sombart (a. a. 0., I, S. 138 ff.) vertritt, wonach alle Städte 
sich aus Dörfern entwickelten und man von einer Städte g r ü n d u n g nicht sprechen 
könne. Aus der neueren Literatur über die Städtebildung seien im übrigen hier 
nur erwähnt: v. Below, Stadtgemeinde, Landgemeinde und Gilde (Vierteljahrs- 
schrift für Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte, VII (1909), S. 411— 445) u. v. Below, 
Der deutsche Staat des Mittelalters, passim. (Dort auch weitere Literaturangaben.) 

3) Schön sagt W. H. Eiehl („Die deutsche Arbeit", Stuttgart, 1862, S. 41): 
^Die Stadt beschloß eine kleine Welt, und der Gedanke der Gemeinde war die 
lichtspendende Sonne dieser Welt". 



24 



Otto Nathan, 



Das lag im Wesen der Arbeitsteilung, — und darin dürfen wir 
wohl den hauptsächlichsten Grund für jene Entwicklung sehen, die 
in der Jahrhunderte währenden Bildung von Städten lebendigen 
Ausdruck fand^). 

Die Eigenart der wirtschaftlichen Konzentration in diesen Stadt- 
staaten, die in ihnen zu fast ^) vollkommener Autarkie führte, befähigte 
sie dazu, zum Träger des in den letzten Jahrhunderten des Mittel- 
alters so blühenden deutschen Wirtschaftslebens zu werden und eine 
weit über ihren Bannkreis hinaus wirkende, einflußreiche Stellung 
zu gewinnen. In dem Maße, in dem sich die staatliche Tätigkeit 
des Königtums durch die verschiedensten Ursachen verminderte, 
wuchs der Aufgabenkreis der Territorien und, hauptsächlich in den 
früheren Zeiten, im 13. — 15. Jahrhundert, der Städte, die teilweise 
selbst wieder Mittelpunkt kleinerer Territorialwirtschaften wurden % 
In dieser Hinsicht ist für die Städte die — allerdings von Stadt zu Stadt 
sehr stark verschiedene — wirtschaftliche Beherrschung des platten 
Landes charakteristisch *), die sie durch die verschiedensten Maß- 
nahmen, wie äußerste Beschränkung desLandhandwerks und Lieferungs- 
zwang der landwirtschaftlichen Erzeugnisse zur Stadt ^), der freilich 
nicht immer nachdrücklichst durchgeführt wurde, zu erreichen 
suchten <*). Es ist notwendig, an diese wirtschaftlichen Tendenzen 
zu erinnern, um das politische Erstarken des mittelalterlichen Stadt- 
staates verstehen zu können: erst die für jene Zeit eigenartige öko- 
nomische Entwicklung, die dann natürlich wieder in Wechselwirkung 
steht mit der politischen Bedeutung, die die Städte allmählich ge- 



1) Ueber die verschiedenen Formen der Stadtstaatbildungen vgl. Albert 
Schaf fle, Bau und Leben des sozialen Körpers, Tübingen, 2. Aufl. (1896), II, 
S. 573—80. Vgl. ferner Schäffle, Die Steuern, II, S. 461—62. 

2) Vgl. Karl Bücher, Volkswirtschaft!. Entwicklungsstufen, Grundriß der 
Sozialökonomik I, Tübingen 1914, S. 13, ferner Gustav Schmoller, Umrisse 
u. Untersuchungen, S. 5. Ueber die Frage, in welchem Maße man von einer Autarkie 
im Mittelalter sprechen kann oder wieweit ein interlokaler Verkehr bestand, be- 
steht im übrigen keine Uebereinstimmung. Bücher geht hierin viel weiter als 
— hauptsächlich — v. Below. (Vgl. darüber außer Bücher und Schmoll er: 
v. Below, Ueber Theorien der wirtschaftl. Entwicklung der Völker . . ., S. 57 u. 
V. Below, Die Entstehung des modernen Kapitalismus, Historische Zeitschr. 91 
(1903), S. 439—41. Vgl. aber Heinrich Sieveking, Die mittelalterliche Stadt, 
Vierteljahrsschr. f. Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte, Bd. 2 (1904), passim, besonders 
S, 208—11). 

3) Vgl. G. V. Below, Die städt. Verwaltung des Mittelalters als Vorbild der 
späteren Territorialverwaltung, Histor. Zeitschr., Bd. 75 (1895), S. 423; außerdem 
A. Oncken, a. a. 0., S. 137. 

4) Vgl. dazu u. a. Karl Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft. S. 127; 
V. Inama-Sternegg, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, III, 1, S. 132 — 35 j 
Kötzschke, a. a. 0., S. 102; G. v. Below, Untergang der mittelalterl. Stadt- 
wirtschaft (über den Begriff der Territorialwirtschaft), diese „Jahrbücher", Bd. 76 
(1901), S. 462—63, 624; G. v. Below. Ueber Theorien der wirtschaftlichen Ent- 
wicklung, S. 57—58. 

5) Vgl. auch Sombart, a. a. 0., I, S. 363—64. 

6) Vgl. auch Karl Bücher, Volkswirtschaf tl. Entwicklungsstufen, S. 12 — 14,, 
bes. S. 13. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 25 

wannen, hat es ermöglicht, daß die Städte in ihrem Innern den 
ersten Mikrokosmos des modernen Staates darstellen konnten ^). Ihre 
wirtschaftliche Stärke hat es ihnen gestattet, zu einem selbständigen 
Staatswesen zu gelangen, politisch die Führung an sich zu reißen 
und mehr und mehr, auch nach außen, zum Träger der staatlich- 
politischen Macht zu werden^). Diese Stellung bedingte dann 
auch für sie eine Reihe von Aufgaben, die scharf ihren selbständig- 
staatlichen Charakter hervortreten lassen und sie finanziell in einem 
Maße belasteten, dem ihre alten Einnahmequellen nicht genügen konnten. 
Andererseits forderte aber auch gerade diese Entwicklung gebieterisch 
den Ausbau und die Blüte der städtischen Wirtschaft, um aus Umsatz, 
Erwerb und Vermögen die notwendigen Mittel gewinnen zu können. 
Sehen wir so den ganzen Mechanismus sich wechselseitig be- 
dingender und anregender Kausalfaktoren, so wird verständlich, 
daß die städtischen Ausgaben, neben verhältnismäßig nur gering- 
fügigen'^) Aufwendungen für gesundheitliche und gesellige Zwecke, 
sowohl durch die staatlichen Erfordernisse — wie Befestigung und Be- 
wachung der Stadt, Finanzierung der kriegerischen Unternehmungen 
und des diplomatischen Dienstes, Ankauf von Hoheitsrechten und die 
übrige Verwaltung — , als auch durch die Bedürfnisse wirtschaftlicher 
Art — den Bau von öffentlichen Gebäuden und Brücken, die Anlage 
von Wegen und Verkehrsstraßen, die Instandhaltung von Flüssen 
und die Errichtung von Verkaufsstellen und Häusern — gesteigert 
wurden*). Mit Recht macht Stieda darauf aufmerksam^), daß 
nicht so sehr die einmal geweckten Bedürfnisse der Bevölkerung 
als vielmehr die politische Lage, nicht der verfeinerte Zuschnitt des 
städtischen Lebens, als die Aufrechterhaltung der bedrohten Selb- 
ständigkeit immer stärkere, nachhaltige Ausgaben nötig machten. 

Wirtschaftlich führten diese Jahrhunderte die Städte zu ihrer 
heute noch achtunggebietenden Höhe, ideell ließen sie noch mehr als 
früher den Sinn für Gemeinschaft erstarken, deren ungeheure Bedeutung 



1) Vgl. Lotz, Finanzwissenschaft. S. 27. Aehnlich Hugo Preuß, Die Ent- 
wicklung des deutschen Städtewesens, Leipzig 1906, I, S. 5: „Die mittelalterliche 
Stadt ist die Keimzelle des modernen Staates" ; vgl. auch Christian Meyer, Der 
Haushalt einer deutschen Stadt im Mittelalter, Vierteljahrsschr. f. Sozial- u. Wirt- 
schaftsgeschichte, I (1903), S. 563. 

2) Vgl. auch Heinrich Boos, Geschichte der rheinischen Städtekultur von 
ihren Anfängen his zur Gegenwart mit besonderer Berücksichtigung der Stadt 
Worms, 2. Aufl., 4 Bände, Berün 1897—1901, III, S. 217 ff., außerdem G. v. Below, 
Die städtische Verwaltung d. Mittelalters, S. 438 — 39. 

3) Vgl. Richard Knipping, Ein mittelalterlicher Jahreshaushalt der Stadt 
Köln (1379). (Beiträge zur Geschichte vornehmlich Kölns und der Eheinlande, zum 
80. Geburtstag Gustav v. Mevissens.) Köln, 1895, S. 150—51. 

4) Besonders anschauliche und ausführliche Darstellungen über die städtischen 
Ausgaben bringt für Nürnberg Paul Sander, Die reichsstädtische Haushaltung 
Nürnbergs. Dargestellt auf Grund ihres Zustandes von 1431—1440, Leipzig 1902, 
S. 419—698. Eine kurze zusammenfassende Darstellung über die städt. Ausgaben 
bei W. Stieda, Städt. Finanzen im Mittelalter, diese „Jahrbücher", Bd. 72 (1899), 
S. 13ff. 

5) a. a. 0., S. 11. 



26 Otto Nathan, 

für ein blühendes Wirtschaftsleben durch den Schutz und die Förde- 
rung, die eine starke Stadt gewährte, jeder Tag aufs Neue bewies 
und zu der die Verhältnisse geradezu zwangen. Jetzt erstanden 
die Zusammenschließungen in die Zünfte — jene Organisationen im 
gewerblichen und militärisch-politischen Sinne — ; der Handel war 
weit über die Grenzen der Stadt, auch in das Ausland, hinausge- 
wachsen und hatte auf wirtschaftlichem Gebiete die Hansegründung 
veranlaßt, wie politisch in den letzten Jahrhunderten des Mittel- 
alters sich die Städte aus verschiedenen Ursachen zu Bündnissen 
zusammenschlössen, bei denen allerdings, ebenso wie bei der Hanse, 
politische Momente nicht streng von wirtschaftlichen zu scheiden 
sind. Auch auf das Münzwesen, das in den Händen des Landes- 
herrn lag, hatten sich die Städte entscheidenden Einfluß zu sichern 
gewußt: die Stadtstaaten hatten sich die führende Stellung im Wirt- 
schaftsleben errungen ! 

Wie hatten sich nun seit dem 10. Jahrhundert, in das wir im 
großen Ganzen die ersten Anfänge jener Entwicklung verlegen 
dürfen, die schließlich zu dieser machtvollen Umbildung des deutschen 
Wirtschaftslebens führen sollte, die Verhältnisse auf dem platten 
Lande gestaltet? Die ganze Bewegung des wirtschaftlichen Lebens, 
wie wir sie hier zu schildern hatten, hatte sich fast ausschließlich 
in den Städten vollzogen. Wohl zeigten sich auch auf dem Lande 
Handel und Gewerbe ^), aber der große Aufschwung, den sie nahmen, 
setzte sich in jenen Jahrhunderten ebenso in der erstarkenden oder 
erstarkten Stadt durch, wie — durch jene bedingt oder sie anregend 
— auch die Geld- und Tauschwirtschaft in den Städten aufkam 
und dort sich ausbreitete. Wohl hatte sich auf dem platten 
Lande, wie wir sahen, hauptsächlich durch die Auswirkungen der 
Großgrundherrschaften, in sehr bescheidenen Grenzen eine Diiferen- 
zierung der Vermögensverhältnisse und der sozialen Schichtung an- 
gebahnt, aber viel langsamer reifte hier die Entwicklung, die doch 
erst durch die eigenartige wirtschaftliche und politische Konzen- 
tration der Städte eine mächtige Förderung erfuhr. Noch jahr- 
hundertelang wird auf dem platten Lande der Verkehr hauptsäch- 
lich naturalwirtschaftlich gepflogen, die Geld Wirtschaft weiß sich 
hier mit all' ihren Folgeerscheinungen erst gegen Ende des Mittel- 
alters einzuführen. Noch im 15. Jahrhundert ist dort der Grundbesitz 
fast allgemein die einzige Form des Vermögens, die einzige Quelle 
wirtschaftlicher und sozialer Macht-). 

Wenden wir uns jetzt der Betrachtung der Steuerverhältnisse 
während des deutschen Mittelalters zu und suchen wir die Entwick- 
lung zu verfolgen, die sie im Verhältnis zu den ökonomischen Zu- 
ständen jener Zeit genommen haben! — Im Sinne unserer Unter- 
suchungen können wir hier von den mehr und mehr den Steuercharakter 

1) Vgl. Georg v. Below, Die Entstehung des Handwerks in Deutschland, 
Zeitschr. f. Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte, Bd. V (1897), S. 124 ff., 223 ff. 

2) Vgl. Rudolph Sohm, Städtische Wirtschaft im 15. Jahrh., diese „Jahr- 
bücher", Bd. 34 (1879), S. 257. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 27 

verlierenden ^) Ueberbleibseln aus der römischen Zeit absehen. Auch 
jene Periode ist für unsere Darlegungen ohne Bedeutung, in der, 
bei vorwiegend agrarischen Grundlagen des Wirtschaftslebens, 
die meist nur rudimentär ausgebildeten staatlichen Verhältnisse 
mit der allgemeinen, die Soldaten zu eigener Ausrüstung und Ver- 
pflegung bindenden Wehrpflicht keinen großen staatlichen Finanz- 
bedarf bedingten. In diesen Jahrhunderten waren die Fürsten, deren 
Aufwendungen für die Hofhaltung ebensowenig von den Bedürfnissen 
des Staates geschieden werden konnten, wie man den öffentlichen 
Besitz von ihrem Eigentum zu sondern vermochte ^), außer Geschenken, 
Tributzahlungen, Konfiskationen, Strafgeldern, Naturalleistungen, Re- 
galien, gebührenartigen Zöllen und Marktgefällen *^) in der Haupt- 
sache auf ihr Krön gut, ilire Domänen angewiesen *). Erst das Hoch- 
mittelalter und die letzten Jahrhunderte der mittelalterlichen Zeit 
gewinnen für uns Interesse. Nicht nur in den Städten hatten sich 
damals, wie wir verfolgen konnten, finanzielle Bedürfnisse geltend ge- 
macht, deren Höhe neue Einnahmequellen erforderlich machte. Auch 
die Territorialherren, die ja bei der zunehmenden Schwäche der Krone 
ihre Macht eifrig zu kräftigen suchten und denen, neben den Städten, 
manche staatliche Aufgabe zufiel, benötigten über ihre Domänen, 
Regalien, Gefälle usw. hinaus weitere Einkünfte, die die wachsenden 
Erfordernisse ihrer Hofhaltung, die Finanzierung ihrer kriegerischen 
Unternehmungen zur Vergrößerung ihres Landes und andere an sie 
herantretende Ansprüche zu stützen vermochten. So waren beide 
emporstrebenden Mächte, Städte wie Territorialfürsten, gezwungen, 
ihre Einnahmen zu vermehren; beide erhoben Steuern, allerdings in 
ganz verschiedenen Formen, die sich den wirtschaftlichen Verhält- 
nissen in Stadt und Land anpaßten. 

Es ist charakteristisch für die Zusammenhänge^), die zwischen 
der Organisation der Volkswirtschaft und der Art und Weise, wie 
der Staat seine Kosten deckt, bestehen, daß ungefähr um die gleiche 
Zeit*'), in der sich die ersten Anfänge einer geldwirtschaftlich ge- 
leiteten Tauschwirtschaft zeigen — in sehr schwachen Umrissen 

1) Vgl. die ausführliche Darstellung über die allmähliche Umgestaltung und 
„Zerrüttung" des römischen Steuerwesens beiWaitz, a. a. 0., 11, 2, S. 258—279, 
besonders S. 271. Vgl. auch v, Below, Zur Frage nach dem Ursprung der ältesten 
deutschen Steuer, Mitteilungen des Instituts für österr. Geschichtsforschung, Bd. 25 
(Innsbruck 1904), S. 455. 

2) Vgl. u. a. Alfons Dopsch, Wirtschaftsentwicklung . . ., I, S. 150 ff. u. 
G. V. Below, Der deutsche Staat des Mittelalters, S. 296 f. ; ferner Alfons Dopsch, 
„Der deutsche Staat des Mittelalters", Mitteilungen des Instituts für österr. Ge- 
schichtsforschung, Bd. 36 (1915), S. 21. 

3) Ueber den privatrechtlichen Charakter dieser Abgaben vgl. Karl Zeumer, 
a. a. 0., S. 5 und Waitz, a. a. 0., IV (1861), S. 95. 

4) Eine kurze Charakterisierung dieser Epoche gibt Adolph Wagner, Die 
sog. direkten Steuern (Schönberg's Handb. d. Politischen Oekonomie, Tübingen 1885, 
Bd. III), S. 189—190. Dazu ist jetzt vor allem auch Alfons Dopsch, Wirt- 
schaftsentwicklung . . ., passim, heranzuziehen. 

5) Vgl. oben S. 7 f. 

6) Siehe weiter unten. 



28 Otto Nathan, 

auf dem platten Lande, in starker, um sich greifender Ausbildung 
in den Städten — , man hier wie dort zur Bestreitung der wachsenden 
Ausgaben aus der wirtschaftlichen Veränderung Nutzen zieht und 
die Einführung von Steuern durchsetzt. Es ist aber auch charak- 
teristisch für das Ausmaß, in dem sich jeweils das konkrete Steuer- 
recht den ökonomischen Bedingungen einer Zeit angleicht, in 
welchen verschiedenen Formen uns diese Steuern in jenen beiden 
staatlichen Organismen entgegentreten. Die Städte sind sich ihrer 
reicheren wirtschaftlichen Entwicklung bei der Ausbildung ihrer 
Steuern bewußt und ahmen nicht, was doch nahe gelegen hätte, die 
Formen nach, in denen — wohl schon etwas früher als bei ihnen ^) — 
in den sie umgebenden Territorien Abgaben zur Erhebung gelangten. 
Ueber die Territorialsteuern haben eingehende Forschungen der 
letzten Jahrzehnte weitgehenden Aufschluß gebracht: es handelt 
sich um die landesherrlichen Beden, die „ersten Formen der späteren 
direkten Staatssteuern" ^), über die aber trotz des reichen Quellen- 
materials, das uns erschlossen worden ist^), hinsichtlich ihrer JEnt- 



1) Siehe weiter unten. 

2) Vgl. V. Eheberg, a. a. 0., S. 157 u. 159. Hier ist jetzt allerdings auf 
die neuen Forschungen Alfons Dopsch's hinzuweisen, der die Annahme, daß im 
frühmittelalterlichen deutschen Eeiche keine regelmäßigen Steuern erhoben worden, 
seien, stark in Zweifel zieht. Vgl. darüber Dopsch, Finanzwissenschaft . . ., 
S. 512 und Wirtschaftsentwicklung . . ., II, S. 252—255. 

3) Von den bedeutendsten Veröffentlichungen seien hier besonders erwähnt: 
Ernst Baasch, Die Steuer im Herzogtum Bayern bis zum 1. landständischen 
Freiheitsbrief (1311), Marburger Dissertation, Marburg 1888. Harald Bielfeld, 
Geschichte des Magdeburgischen Steuerwesens von der Keformationszeit bis in» 
18. Jahrhundert (Schmoller's Staats- und Sozialwissenschaftl. Forschungen VIII, 1),, 
Leipzig 1888 (auch als Leipziger Diss. erschienen). Gustav Müller, Die Ent- 
wicklung der Landeshoheit in Geldern bis zur Mitte des 14. Jahrb., Marburger Diss., 
Marburg 1889. G. v. B e 1 o w , Geschichte der landständischen Verfassung in Jülich 
und Berg, Teil III (Geschichte der direkten Staatssteuern in Jülich und Berg), 
Düsseldorf 1890 — 1891 (Sonderdruck aus der Zeitschrift des Bergischen Geschichts- 
vereins). Emil Niepmann, Die ordentlichen direkten Staatssteuem in Cleve und 
Mark bis zum Ausgang des Mittelalters. Münster'sche Diss., Düsseldorf 1891. 
HeinrichWeis, Die ordentlichen direkten Staatssteuem von Kurtrier im Mittel- 
alter, Münster'sche Diss., Münster 1893, Josef Metzen, Die ordentlichen direkten 
Staatssteuern des Mittelalters im Fürstbistum Münster, Münster'sche Diss., Münster 
1895. Otto Merklinghaus, Die Bedeverfassung der Mark Brandenburg bis 
zum 14. Jahrb. Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte, 
Bd. VIII (1895), S. 59ff. Albert Egg er s. Das Steuerwesea der Grafschaft Hoya, 
Marburger Diss., Marburg 1899. Adolf Brennecke, Die ordentlichen direkten 
Staatssteuem Mecklenburgs im Mittelalter, Marburger Diss., Marburg 1900. Ernst, 
Die direkten Staatssteuern in der Grafschaft Wirtemberg, Württemb. Jahrbücher f. 
Statistik u. Landeskunde, Jahrg. 1904, I, S. 55 ff. u. II, S. 78 ff. (auch als Sonder- 
druck Stuttgart 1904 erschienen). Hermann Eeuter, Die ordentliche Bede 
der Grafschaft Holstein (bis zur Mitte des 14. Jahrb.), Kieler Diss., Kiel 1905. 
Hans Spangenberg, Hof- und Zeutralverwaltung der Mark Brandenburg im 
Mittelalter (Veröffentlichungen des Vereins f. Geschichte der Mark Brandenburg), 
Leipzig 1908. Hugo Sonnenkalb, Die Steuer im Fürstentum Lüneburg 
während des Mittelalters, Kieler Diss., Kiel 1908. Heinrich Plönes, Die 
direkten Staatssteuem unter den Grafen und Herzögen von Geldern bis zur 
Zeit des Venloer Traktats (1543), Münster'sche Diss. 1910—1911, Münster (ohne 
Jahr). Karl Sterzenbach, Das Steuerwesen des Siegerlandes im Mittelalter^ 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 29 

Stellung, Ausbreitimg, und besonders ihrer Bedeutung als Steuer 
immer noch keine vollständige Uebereinstimmung in der Wissenschaft 
erzielt wurde. Die Klarheit wird dadurch erschwert, daß man 
mit Beden sowohl jene Abgaben bezeichnet, die, zunächst unregel- 
mäßig, dann in einer gewissen Ordnung mehr oder minder freiwillig 
gezahlt wurden, als auch die Leistungen, die kraft eines Herrschafts- 
verhältnisses und zwangsweise erhoben, als Steuern im modernen 
Sinne angesprochen werden müssen ^). In den verschiedenen Ge- 
bieten ist zu verschiedenen Zeiten die Umwandlung von der ersten 
in jene zweite Art der Bede erfolgt, mit der allein wir uns hier zu 
beschäftigen haben. Nach dem heutigen Stand der Forschung ist 
diese Umbildung ungefähr in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahr- 
hunderts in den meisten Gebieten abgeschlossen^). Die Macht 



Münster'sche Dissertation 1910 — 1911, Münster (ohne Jahr). Emil Christophel, 
Die direkten Staatssteuern in Baden bis zum 16. Jahrb., Freiburger Diss., Frei- 
burg i. Br. 1911. Rudolf Hübner, Die ordentliche Kontribution Mecklenburgs 
in ihrer geschichtlichen Entwicklung und rechtlichen Bedeutung, Festschr. Otto 
Gierke zum Geburtstag, Weimar 1911, S. 1141ff. Alexander Puff, Die Finanzen 
Albrechts des Beherzten, Leipziger Diss., Leipzig 1911. Alphons Schmitz, Die 
Bede in Kurköln, Freiburger Diss., Freiburg i. Br. 1912. Arnold Thoelke, Die 
Bede in Kurpfalz von ihren Anfängen bis ins 16. Jahrb., Neue Heidelb. Jahrbücher, 
Bd. 17 (1913), S. 85 ff. Für die österr. Gebiete vgl. vor allem Ferdinand Kogler, 
Das landesfürstliche Steuerwesen in Tirol bis zum Ausgang des Mittelalters, L Teil, 
Wien 1901 (abgedruckt im Archiv für österr. Geschichte Bd. 90 (Wien 1901), S. 419 ff.) 
und Franz Freiherr v. Myrbach, Zur Steuergeschichte Tirols, Finanzarchiv, 19 
(1902), S. 583 ff. — Georg v. Below's Probleme der Wirtschaftsgeschichte 
(Tübingen 1920) haben mir bei Abschluß dieser Arbeit noch nicht vorgelegen. 

1) lieber den Steuerbegriff besteht keine Uebereinstimmung; neuerdings be- 
zeichnet Lotz (Finanzwissenschaft, 1917, S. 216) als Steuern „Natural- oder Geld- 
leistungen, welche von der Obrigkeit kraft Herrschaftsrechts von Personen ein- 
gefordert werden, über die sie ihre Herrschaft geltend machen kann". Andere 
Finanztheoretiker, so z. B. W. Vocke, Die Grundzüge der Finauzwissenschaft 
(Hand- u. Lehrb. der Staatswissenschaften in selbständigen Bänden, II, 1), Leipzig 
1894, S. 159, 192, Adolph Wagner (Finanzwissenschaft, I, S. 499), v. Hecke! 
(Lehrb. der Finanzwissenschaft, Leipzig 1907, I, S. 120 n. Artikel „Steuer" im 
Wörterbuch der Volkswirtschaft, III. Aufl. (1911), II, S. 989), Eheberg (Finanz- 
wissenschaft, 10. Aufl., Leipzig 1909, S. 157), J. A. R. Helferich (Allgemeine 
Steuerlehre in Schönberg's Handb. der Politischen Oekonomie, III, Tübingen 1885, 
S. 137), Schäffle („Die Steuern", I, S. 21) und Schönberg (Finanzverhältnisse 
der Stadt Basel im 14. u. 15. Jahrhundert, Tübingen 1879, S. 9, Anm. 1) nehmen 
in den Steuerbegriff noch als Zweck der Steuer die Befriedigung der Gemeinschafts- 
bedürfnisse auf. Röscher (a.a.O., S. 144), Wagner, Schäffle, Schönberg 
und V. H e c k e 1 sprechen nicht, wie Lotz, von Personen, sondern von Einzel- oder 
Sonderwirtschaften. Vgl. auch G. N. Leon, Der Begriff der Steuer, Finanzarchiv, 
Bd. 31 (1914). 

2) Bei den Zeitangaben über die Umbildung der Bede in eine wirkliche Steuer 
— unter Zugrundelegung des Lotz 'sehen Steuerbegriffs (s. vorhergehende An- 
merkung) — ist zu bemerken, daß die derartigen Angaben zugrunde liegenden Nach- 
richten gewöhnlich gelegentliche Steuer- oder Bedebefreiungen in den Urkunden 
sind, aus denen auf das Vorhandensein der Steuern geschlossen wird. Es ist 
also durchaus möglich, daß die Bede als Steuer auch schon vor derartigen ge- 
legentlichen Erwähnungen bestand. Es ist ferner zu berücksichtigen, daß die 
Arbeiten, aus denen wir die folgenden Zeitangaben über die Umbildung der Bede 
in eine richtige Steuer zusammenzustellen gesucht haben, nicht immer mit der 
"Wünschenswerten Klarheit die einzelnen Formen der Bede scheiden. Z, B. in 



30 



Otto Nathan, 



der Territorialherren hatte sich zu konsolidieren begonnen; aber 
noch sind diese Territorien Gebiete, in denen kein reges Wirtschafts- 
leben die einzelnen Glieder bindet und in denen sich dadurch eine 
staatsbürgerliche Gesinnung bei den Insassen hätte ausbilden können, 
wie sie für die Städte charakteristisch ist. So sind die Beden, zu 
denen grundsätzlich alle Insassen der Territorien verpflichtet 
waren ^), von keinerlei Bewilligung abhängig. Der Territorialfürst 
legt sie jetzt kraft seiner landesherrlichen Autorität auf, wie er 
früher, gestützt auf seine gräfliche Gerichtsbarkeit, um sie bat 2). 
Sie sind als Vermögenssteuern gedacht^), lasten daher, dem wirt- 
schaftlichen Zustand der Zeit entsprechend, fast nur auf Grund und 
Boden, zu denen dann in den Städten die Häuser als Steuergrund- 
lage hinzukommen*). Dadurch mögen die schwachen Anfänge 
einer Differenzierung des Vermögensbesitzes zum Ausdruck ge- 
kommen sein^). 

Eine besondere Bedeutung hat in vielen wissenschaftlichen Be- 



n 



Kurtrier: zwischen 1169—83 (vgl. Weis, a. a. 0., S. 10); in Kurpfalz: 1190 
(vgl. Thoelke, a. a. 0., S. 90); in ßrabant: 1196 (vgl. Müller, a. a. 0., S. 41); 
in den weifischen Landen: um 1200 (vgl. Sonnenkalb, a. a. 0., S. 3); in 
Bayern: 1212 (vgl. Baasch, a, a. 0., S. 7); im Fürstbistum Münster: in den 
ersten Jahrzehnten des 13. Jahrh. (vgl. Metzen, a. a. 0., S. 45; vielleicht schon 
1191, vgl. ebenda S. 33); in Cleve: 1235 (vgl. Niepmann, a. a. 0., S. 4); in 
Baden: 1252 (vielleicht schon 1233) (vgl. Christoph el, a. a. 0., S. 4); in der 
Mark Brandenburg: 1279—82 (vgl. Spangenberg, a. a. 0., S. 339). 

1) Teilweise Steuerfreiheit genossen die Geistlichkeit, die Ritter und später 
die Städte; vgl. G. v. Below, Art. „Bede", Handwörterb. d. Staatswissenschaften, 
3. Aufl. (1909), II, S. 735; ferner ausführlicher: G. v. Below, Geschichte der land- 
ständischen Verfassung . . ., Teil III, Heft 1, S. 13—25; Ernst, a. a. 0., I, S. 64 
bis 68; Metzen, a. a. 0., S. 62—79; Sonnenkalb, a. a. 0., S. 8—22; Müller, 
a. a. 0., S. 47-53 und 60—66; Weis, a. a. 0., S. 18—31; Eggers, a. a. 0., 
S. 19-33; Reuter, a. a. 0.,S. 43— 55; Spangenberg, S. 341— 353; Christophel, 
a, a. 0., S. 13 — 22; Merklinghaus, a. a. 0., S. 84 — 85; Niepmann, a. a. 0., 
S. 9—29; Brennecke, a. a. 0., S. 44—75; Schmitz, a. a. 0., S. 47—60, 
Sterzenbach, a. a. 0., S. 5—16; Thoelke, a. a. 0., S. 108—120. 

2) lieber den rechtlichen Ursprung der Bede gehen bekanntlich die Ansichten 
der Forscher noch stark auseinander, darüber ist hier nicht näher zu handeln. Die 
allermeisten der oben (s. S. 28, Anm. 3) angegebenen Arbeiten vertreten — mit 
Zeumer und v. Below — die Ansicht, daß die Bede eine durchaus neue Steuer 
ist, die sich an keine ältere Einrichtung anlehnt und zunächst kraft der gräflichen 
Gerichtsbarkeit erhoben wurde. Abweichend : Vor allem jetzt K o g 1 e r , a, a. 0., passim. 

3) So auch Schmoller, Umrisse und Untersuchungen .. ., S. 110; Wagner, 
Die sogenannten direkten Steuern . . ., S. 191; v. Below, Landständische Ver- 
fassung . . ., III, 1, S. 25—31 und hauptsächlich „Zur Frage nach dem Ursprung 
der ältesten Steuer", S. 457, Anm. 4, Vgl. dazu auch besonders Thoelke, a. a. 0., 
S. 99ff. 

4) Ueber Besteuerung von Häusern auf dem platten Lande, vgl. Bruno Moll, 
Untersuchungen zur Geschichte des Objektes direkter Steuern (Volkswirtschaftliche 
und wirtschaftsgeschichtliche Abhandlungen. Wilh. Stieda als Festgruß zur 
60, Wiederkehr seines Geburtstages, herausgegeben von Wilh, Ed. Biermann, 
Leipzig 1912), S. 45—46 und Thoelke, a. a. 0., S. 101, 

5) Ferner dürften die schwachen Vermögensunterschiede durch die Anfänge 
einer Bonitierang Ausdruck gefunden haben, von denen mehrere der angeführten 
Arbeiten berichten, z. B, v. Below, Landständische Verfassung . . ., III, 1, S, 31 ff. 
(vgl, aber Weis, a. a. 0., S. 64f.). 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 31 

trachtungen die Frage gewonnen, ob die Bede als die älteste 
deutsche Steuer zu betrachten sei^); wir werden weiter unten sehen, 
daß schon rein chronologisch die Frage nicht leicht zu beantworten 
ist. Die Entscheidung darüber wird aber auch, neben anderen Ge- 
sichtspunkten, so z. B. ob die Bede auf einem besonderen ßechts- 
titel ruhte, wesentlich davon abhängen, welcher Definition des Steuer- 
begriffes 2) man zu folgen geneigt ist. Nimmt man mit Wagner, 
v.Heckel,v. Eheberg, Helferich, Schönberg und Schaf fle 
an, daß zur begrifflichen Bestimmtheit der Steuer auch die Ver- 
wendung ihrer Erträge für Gemeinschaftsbedürfnisse gehört, dann 
wird man häufig zweifeln dürfen, ob, besonders in der früheren Zeit, 
die Beden als Steuern zu betrachten sind ^). In der Tat haben denn 
auch im Gegensatz zuZeumer*), v. Below^) und vonHeckeP), 
die die Bede als älteste deutsche Steuer betrachten, v. Arnold'), 
Gierke^), Schönberg'^) und, auf sie gestützt, auch Adolph 
Wagner^") die Ansicht vertreten, daß die erste moderne Steuer 
erst innerhalb der Städte entstand. 

In den Städten war die ökonomische Entwicklung, die wir 
kennen lernten, auch finanzwirtschaftlich nicht ohne Einfluß ge- 
blieben, als die alten Einnahmen aus dem Grundbesitz^^) — die 
Städte haben ja nie ganz ihren agrarischen Charakter verloren ^'-^) — , 
aus den städtischen Betrieben, aus dem Silber- und Kupferhandel, 
aus Gebühren, Strafgeldern und Bußen die stark vermehrten Aus- 



1) Vgl. oben S. 28, Anm. 2, 

2) Vgl. oben S. 29, Anm. 1. 

3) Ueber die Verwendung der Bedeerträge läßt sich sehr wenig Generelles 
sagen. Immerhin geht vielfach aus den erwähnten Arbeiten hervor, daß die Beden 
weder ausschließlich, noch in der Hauptsache für die privaten Bedürfnisse des 
Territorialherrn verwandt wurden. Zeumer (Die deutschen Städtesteuem . . ., 
S. 46) erwähnt, daß schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts vereinzelt geltend ge- 
macht wird, daß Steuern und Beden im Interesse des Landes und nicht mehr aus- 
schließlich des Herrn notwendig seien. Auch Wagner (Finanzwissenschaft, III, 
S. 75) bemerkt, daß die Beden vornehmlich nur da gefordert wurden, wo es sich 
um Beihilfe von Kostendeckung von solchen „öffentlichen" Leistungen handelte, 
die die zu den Beden berechtigten Autoritäten, wie Vogt, Graf, Bischof, Landes- 
herr und König von amtswegen auszuführen hatten. Vgl. besonders auch: 
Schmitz, a. a. 0., S. 16 und Merklinghaus, a. a. 0., S. 60, ebenso Hübner, 
a. a. 0., S. 1141. 

4) „Die deutschen Städtesteuern . . .", S. 1. 

5) „Die städtische Verwaltung des Mittelalters . . .", S. 432; „Zur Frage nach 
dem Ursprung der ältesten deutschen Steuer", S. 455 und an mehreren anderen Stellen. 

6) Artikel „Bede" im Wörterbuch der Volkswirtschaft, 3. Aufl. (1911), I, 
S. 402. 

7) „Verfassungsgeschichte der deutschen Freistädte", Hamburg und Gotha 
1854, II, S. 138. 

8) Das deutsche Genossenschaftsrecht, Berlin 1873, II, S. 698 ff. 

9) a. a. 0., S. 8 ff. 

10) Finanzwissenschaft, III, S. 51 u. 57 ff. 

11) Ueber die Bedeutung des Allmendbesitzes als Einnahmequelle für die Städte, 
YgL Schönberg, a. a. 0., S. 14 — 16. 

12) Vgl. auch: Boos, a. a. 0., 11, S. 275 und Gustav Schmoller, Grund- 
riß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Leipzig 1900, I, S. 265. 



32 Otto Nathan, 

gaben nicht mehr zu decken vermochten. In den Stadtstaaten 
hatte die Geldwirtschaft vollkommen gesiegt, auch den öffentlichen 
Haushalt durchdrungen und die Entwicklung zur Differenzierung 
von Volkseinkommen und Volksvermögen so weit gefördert, daß ein 
selbständig lebensfähiger, mit eigenen wirtschaftlichen Machtmitteln 
ausgerüsteter dritter Stand entstehen konnte^). Wir sahen schon 
oben, wie starke Wurzeln hier die Idee der Gemeinschaftlichkeit 
geschlagen hatte, die in mannigfachen Vereinigungen und Zu- 
sammenschließungen ihren Ausdruck fand. Die Steuern, die hier 
erhoben werden mußten, waren keine Abgaben, die, wie in den 
Territorien, kraft einer Herrschaftsbefugnis aufgelegt wurden, ohne 
a,n die Zustimmung, Bewilligung oder Kontrolle irgend eines Organs 
gebunden zu sein. Hier hatte reges wirtschaftliches Leben die mehr 
oder minder atomisierenden Zustände des platten Landes überwunden 
und zu einer res publica mit gemeinsamen Interessen und Zielen 
geführt, die ihre Steuern der Genehmigung und Kontrolle der städti- 
schen Verwaltung unterwarf. Jenes Gefühl der Zusammengehörig- 
keit, das Bewußtsein, Mitglied eines Gemeinwesens zu sein, das zur 
eigenen wirtschaftlichen Existenz unentbehrlich war, hat dann auch 
hier die für die weitere Entwicklung so außerordentlich wichtige 
Idee einer Steuerpflicht „an ein übergeordnetes Abstraktum, an die 
selbständige, städtische Rechtspersönlichkeit" ^) in vollem Umfange 
entstehen und erstarken lassen^). 

Wie die wirtschaftliche Entwicklung dieser mittelalterlichen 
Städte nicht einheitlich ist und auch nicht einheitlich sein kann, 
weil ja die mannigfaltigen Momente, die sie bedingen, nicht überall 
gleichzeitig und gleichmäßig auftreten, wie sie, durch die verschie- 
densten Einflüsse angeregt, bald früher, bald später, hier langsamer, 
dort schneller reift und wie auch das wirtschaftliche Leben, auf 
dem Höhepunkte der staatlichen Entwicklung, noch so viele Ver- 
schiedenheiten zeigt, daß eine rückschauende historische Betrachtung 
vor allem versuchen muß, die großen gemeinsamen Linien zu er- 
kennen, so finden wir auch auf steuerlichem Gebiete durchaus keine 
Einheitlichkeit in den vielen Städten, die sich im Laufe der wenigen 
Jahrhunderte gebildet hatten. Praktisch muß sich ja immer das 
positive Steuerrecht, zu dem eine wirtschaftliche Entwicklung reif 
ist, erst in einem häufig zähen Kampf mit der jeweiligen politischen 
Gewalt und einer Reihe entgegenstehender Interessen und wider- 
strebender Mächte durchsetzen. So erklärt es sich, daß sich die 
leitenden Ideen, die sich in ihm geltend machen, an verschiedenen 
Orten eines Gebietes mit gleichartiger wirtschaftlicher Entwicklung 



H 



1) Vgl. So hm, a. a. 0., S. 257. 

2) Adolph Wagner, Finanzwissenschaft, III, S. 57. 

3) Auf diese Bedeutung der Städte in steuerlicher Hinsicht ist schon ver- 
schiedentlich hingewiesen worden. Vgl. u. a. Schönberg, a. a. 0., S, 8 — 10; 
Oierke, a.a.O., II, S. 742-43; Schäffle, Steuern, II, S. 463; Preuß, a.a.O., 
S. 53; V. Eheberg, Art. „Finanzen . . .", S. 162; Wagner, Finanzwissenschaft, 
III, S. 56—58; Lotz, Finanzwissenschaft, S. 27—28. 



^Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 33 

oft ZU verschiedener Zeit und in verschiedenen Formen durchringen. 
Zudem zeigt ja die ökonomische Entwicklung in den verschiedenen 
Städten des Mittelalters, die bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts 
unserer Darstellung zugrunde liegt, immerhin nicht unbedeutende 
Differenzierungen ^). Aber überall haben sich doch die gleichen 
grundsätzlichen Momente übereinstimmend herauszukrystallisieren 
vermocht, die sich aus den vielen Einzelheiten, die die mannigfachen 
Forschungen^) der letzten Jahrzehnte gebracht haben, abheben^): 
überall hatte sich jene staatsbürgerliche Gesinnung verbreiten können, 
die den Städtebewohnern die Abgaben und Steuern als eine Pflicht 
gegenüber der Gesamtheit erscheinen ließ, üeberall waren, dem er- 
starkenden Handel und Verkehr angepaßt, Akzisen und Ungelder — 
Abgaben auf den Verbrauch und Verkehr, auf Verzehrungs- und 
Genußmittel — zur Einführung gelangt, die durch die Besteuerung 
von Vermögen und Erwerb ergänzt wurden. Seine Begrenzung — 
zeitweilig allerdings auch eine Anregung ! — fand das Steuerwesen 
dann durch das (später aber zu verhängnisvollen Zuständen führende *)) 

1) Vgl. auch Heinr. Sieveking, Die mittelalterliche Stadt, Vierteljahrs- 
schrift' für Sozial- uud Wirtschaftsgeschichte, II (1804), S. 207 und F. Keutgen, 
Hansische Handelsgesellschaften, vornehmlich des 14. Jahrhunderts, Vierteljahrs- 
schrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, IV (1906), S. 284. 

2) Eine knappe Zusammenstellung dieser Literatur gibt Adolph Wagner, 
Finanzwissenschaft, III, S. 88 — 89. Eingehendere Literaturnachweise bei L. Schön- 
berg, Die Technik des Finanzhaushalts der deutschen Städte im Mittelalter, 
Stuttgart und Berlin 1910 (103. Stück der Münchener Volkswirtschaftlichen Studien) 
und Felix Zedermann, Die Einnahmequellen der deutschen Städte im Mittelalter 
(Mit Ausnahme der Vermögenssteuern. Personalsteuern und Anleihen), Würzburger 
Dissertation, Erlangen 1911. An seitdem erschienenen Arbeiten sind besonders zu 
nennen: Walter Hobohm, Der städtische Haushalt Quedlinburgs in den Jahren 
1459 — 1509 (Forschungen zur thüringischsächsischen Geschichte, 3. Heft), 1912; 
Wilh. Staude, Die direkten Steuern der Stadt Rostock im Mittelalter, Freiburger 
Dissertation, Schwerin 1912; Otto Pahlbusch, Finanzverwaltung der Stadt 
Braunschweig seit dem großen Aufstande im Jahre 1374 bis zum Jahre 1425 
(Untersuchungen zur Staats- und Rechtsgeschichte, herausgegeben von 0. v. Gierke, 
116. Heft), Breslau 1913; Heinz Potthoff, Der öffentliche Haushalt von Hamburg 
im 15. u. 16. Jahrhundert, Zeitschrift des Vereins für Hamburgs Geschichte, 
Bd. XVI, Heft 1, 1911. In den Quellen zur Rechts- und Wirtschaftsgeschichte der 
rheinischen Städte (Bd. XXIX der Publikationen der Gesellschaft für rheinische Ge- 
achichtskunde) für die Städte: Neuß (herausgegeben von Lau, Bonn 1911), 
Blankeuberg (herausgegeben von Kaebler, Bonn 1911), Deutz (herausgegeben 
von Hirschfeld, Bonn 1911), Trier (eingeleitet von Kentenich. Bonn 1915); 
Max Foltz, Geschichte des Danziger Stadthaushalts (Quellen und Darstellungen 
zur Geschichte Westpreußens, Nr. 8), Danzig 1912. 

3) Vgl. auch J. Härtung, Die Augsburger Vermögenssteuer und die Ent- 
wicklung der Besitzverhältnisse im 16. Jahrhundert, SchmoUer's Jahrbuch für Gesetz- 
gebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Bd. 19 (1895), S. 867—868 und 883. 

4) Vgl. R. Knipping, Das Schuldenwesen der Stadt Köln im 14. u. 15. Jahr- 
hundert, Westdeutsche Zeitschrift XIII (Trier 1894) S. 340, besonders Anmerkung 2 ; 
Schmoller, Umrisse und Untersuchungen . . . ., S. 130; Richard Ehrenberg, 
Das Zeitalter der Fugger, Jena 1896, I, S. 35ff; zusammenfassend: Julius Land- 
mann, Zur Entwicklungsgeschichte der Formen und der Organisation des öffent- 
lichen Kredits, Finanzarchiv XXIX (1912), S. 21—23. Vgl. ferner für Hamburg : 
Stieda, a. a. 0., S. 40 — 41; für Dortmund: Karl Rubel, Dortmunder Finanz- 
und Steuerwesen, I., Dortmund 1892, S. 39ff ; für Worms und Speyer : Boos, a. a. 0., 
S. 259—260; für Nürnberg: JohannesMüller, Die Finanzpolitik des Nürnberger 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 3 



34 Otto Nathan, 

Anleihewesen, als die immer umfangreichere Verkehrs- und Geld- 
wirtschaft auch kreditwirtschaftliche Formen und bewegliches Ver- 
mögen gezeitigt hatte. Da dann die Städte ihre für heutige Begriffe 
eigenartige Kreditstärke ^), die ihnen im Schuldenwesen eine fast 
monopolartige Sonderstellung verschaift hatte, in großzügiger, bisher 
yon Kommunalverwaltungen wohl nie wieder erreichter Weise für 
die städtischen Finanzen zu nutzen verstanden % erübrigte sich 
dadurch eine weitere Ausdehnung der Besteuerung oder eine Ver- 
schärfung der Sätze ^). 

Muß es eingehenderer Einzelforschung vorbehalten bleiben, die 
Frage zu klären, wie weit das in den einzelnen Städten sehr ver- 
schiedene und stark wechselnde Verhältnis zwischen jenen beiden 
Steuergruppen*) einerseits untereinander und dann ihr Verhältnis 

Eates in der zweiten Hälfte des des 16. Jahrhunderts, Vierteljahrsschrift für Sozial- 
nnd Wirtschaftsgeschichte Bd. VII (1909) S. 1; für Braunschweig: Otto Fahl- 
busch, Finanz Verwaltung der Stadt Braunschweig seit dem großen Aufstande im 
Jahre 1374 bis zum Jahre 1425 (Untersuchungen zur Staats- und Rechtsgeschichte, 
herausgegeben von 0. v. Gierke, 116. Heft) Breslau 1913, S. 163—178; für Nörd- 
lingen: Fried r. Dorner, Die Steuern Nördlingens zu Ausgang des Mittelalters, 
Münchener Dissertation, Nürnberg 1905, S. 28; für Köln: Knipping, Das Schulden- 
wesen ..., 8. 369 ff. u. 377 ff. 

1) Sohm (a. a. 0., S. 262) macht auf den besonders im 15. Jahrhundert mächtig 
aufstrebenden Handels- und Geldverkehr aufmerksam, der durch die veränderten 
Geldgeschäfte gekennzeichnet werde, und betont, daß die Stadtgemeinde, als einzige 
in Betracht kommende juristische Person, zum Mittelpunkt des Mobiliarkredits und, 
im Interesse des Gemeinwesens, zum gewerbsmäßigen Bankier geworden sei. 

2) In Basel wird z. B. von 1365/6 bis 1482/3 jedes Jahr eine städtische An- 
leihe aufgenommen (vgl G. v. Schönberg, a. a. 0., S. 90), so daß man annehmen, 
darf, daß die Anleihe zu einem Teil, und einem nicht geringfügigen Teil der 
ordentlichen städtischen Finanzverwaltung geworden war. In seinen Unter- 
suchungen über die territorialen Kreditverhältnisse der Herzogtümer Braunschweig 
und Lüneburg hat A. von Kostanecki (Der öffentliche Kredit im Mittelalter, 
nach Urkunden der Herzogtümer Braunschweig und Lüneburg, Leipzig 1889, 
SchmoUer's Staats- und Sozialwissenschaftliche Forschungen IX, 1) Schönberg's- 
Basler Feststellungen für die Städte Braunschweig, Lüneburg, Hannover und Göt- 
tingen bestätigend ergänzt; für Köln: R. Knipping, Das Schuldenwesen der 
Stadt Köln . . . ., u. a. Eine zusammenfassende Darstellung der verschiedenen 
Formen des Schuldenwesens findet sich bei B. Kuske, Das Schuldenwesen der 
deutschen Städte im Mittelalter, Tübingen 1904 (Ergänzungsheft XTI der Zeit- 
schrift für die gesamte Staatswissenschaft); ferner bei Landmann, a. a. 0., S. 14—23;. 
einiges auch bei Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft, S. 130 ff. Vgl. schließ- 
lich auch F. J. Mone, Finanzwesen vom 13. bis 16. Jahrhundert (Zeitschrift für die 
Geschichte des Oberrheins VIII (1857), S. 257—306), der viele Einzelheiten bringt. 

3) So schreibt R. Knipping (Ein mittelalterlicher Jahreshaushalt.,.., 
S. 153), „Der öffentliche Kredit war für die Kölner Finanzverwaltung der ständig 
angewandte Regulator zur Gleichgewichtserhaltung im städtischen Haushalt". 

4) In einer für die mittelalterlichen Verhältnisse besonders bedenklichen 
Weise, die einer klaren Begriffsbildung äußerst hinderlich ist, werden oft in der 
wissenschaftlichen Literatur diese beiden Steuergruppen mit den Ausdrücken „direkt" 
und „indirekt" bezeichnet. Besteht darüber schon für die modernen Verhältnisse 
keine Uebereinstimmung, so wird die Anwendung dieser Begriffe für das Mittel- 
alter besonders erschwert, weil über die Frage der Ueber wälzung sehr wenig Zu- 
verlässiges bekannt ist und auch die Erhebungsarten äußerst schwankend und ver- 
schieden waren; die Verbrauchs- und Verkehrsabgaben „wurden beim Verkäufer und 
Wirt oder beim Konsumenten oder von beiden erhoben". (Wagner a. a. 0., III^ 
fi. 60—61.) 




Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 35 

ZU dem Anleihewesen ^) im Einklang mit den zur gegebenen Zeit 
und am gegebenen Orte maßgebenden wirtschaftlichen Zuständen 
sich befand^), muß es einer solchen Untersuchung auch überlassen 
bleiben, den Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Stand der öko- 
nomischen Entwicklung und dem in den verschiedenen Städten sehr 
verschiedenen Zeitpunkt aufzuhellen ^), an dem die einzelnen Steuern 
wirksam wurden, so muß an dieser Stelle einiges Grundsätzliche und 
Gemeinsame noch besonders betont werden. 

Wir haben oben *) bereits zu zeigen versucht, welche wirtschaft- 
lichen Faktoren die Bildung der mittelalterlichen Städte teils ver- 
anlaßten, teils beeinflußten und begünstigten. Uns schien es not- 
wendig, in dieser Beziehung besonders auf die Arbeitsteilung und 
ihre Wirkungen hinzuweisen, die wir vor allem in der Ausbreitung 
der Verkehrswirtschaft feststellen konnten. Wie weit die städtischen 
Bewohner die Entwicklungsstufe einer sich selbst genügenden und 
nur für den eigenen Konsum arbeitenden Hauswirtschaft überschritten 
hatten und darin den auf dem platten Lande Angesiedelten um Jahr- 
hunderte voraneilten, wie sehr die Stadtwirtschaft auf Kunden- 
produktion und Tausch, auf Markt- und Geld verkehr eingestellt war 
und dadurch ihr charakteristisches Gepräge erhielt, das zeigt sich 
auch in dem Einfluß, den diese Entwicklung auf das Steuerwesen 
übte. In den Städten wird zum ersten Male*^), und teilweise schon 



1) Ueber die Höhe der durch die verschiedenen Steuern erzielten Einnahmen 
und über den Umfang der aufgenommenen Anleihen, wie auch über die Steuersätze, 
den wechselnden Zinsfuß der Kredite und die Entwicklung der gesamten Ein- 
nahmen und Ausgaben bringen die einzelnen Untersuchungen über städtisches 
Finanzwesen im Mittelalter (s. o.) teilweise sehr eingehendes statistisches Material. 
Besonders anschaulich und wertvoll sind die Zusammenstellungen von Harms 
(Bernhard Harms, Die Steuern und Anleihen im öffentlichen Haushalt der Stadt 
Basel, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 63 (1907), S. 627 ff.). 

2) Knipping (Das Schuldenwesen . . ., S. 341 ff.) erwähnt, daß in Köln von 
1370 — 1512 nur ein einziges Mal (1371) eine „direkte" Steuer erhoben wurde, daß 
Köln mit seinem außerordentlich reichen Verkehrs- und Produktionsleben das Schwer- 
gewicht auf die Akzisen und, dank des in Köln reichlich vorhandenen beweglichen 
Kapitals, auf die Anleihen legen konnte. 

3) Einige charakteristische Beispiele über diese verschiedenartige Entwicklung 
bei L. Schönberg, a. a. 0., S. 5—7. 

4) Vgl. S. 22 ff. 

5) Ueber die Akzise herrscht, wie über die meisten Einrichtungen des Mittel- 
alters, noch keine Uebereinstimmung; hauptsächlich nicht über die mit ihr verbun- 
denen Kechtsverhältnisse. Ueber ihre wirtschaftliche Seite, die hier für uns allein 
in Betracht kommt, folgt die Forschung heute meist der Ansicht Sohm's; während 
man seine Formulierung insofern bekämpft, als er die Akzise auch rechtlich als 
eine spezifisch städtische Steuer betrachtet, gibt man im allgemeinen zu, daß die 
Ausbildung und Erhebung der Akzise zuerst auf städtischem Boden erfolgten; so 
besonders Gr. v. Below, Zur Entstehung der deutschen Stadtverfassung, II, Histo- 
rische Zeitschrift, Bd. 59 (1888), S. 240—241 und Städtische Verwaltung . . ., 
S. 482 — unter ausdrücklicher Berufung auf So hm — : „Eine Steuer verdankt den 
Städten allerdings ihr Dasein: die indirekte Steuer, die im Mittelalter sog. Akzise 
(Ungeld)"; anderer Auffassung anscheinend: Alfons Dopsch, Die älteste Akzise 
in Oesterreich, Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, 
Bd. 28 (1907), S. 657. Ueber den spezifisch städtischen Charakter der Akzise vgl. 
auch G. v. Below 's Polemik gegen Schmoller, Der Untergang der mittelalter- 

3* 



36 Otto Nathan, 

recht frühzeitig ^), eine Abgabe erhoben, auf die die wirtschaftlichen 
Verhältnisse geradezu hinwiesen und die außerordentlich genau deren 
typische Züge widerspiegelt ^) : das Ungeld oder die Akzise, die teils 
den Verkehr, teils den Verbrauch belastete. ' Zu ihrer Einführung 
in den Städten bedurfte es zwar fast immer der landesherrlichen 
Genehmigung^); aber sie war doch erst durch die städtische 
wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht worden und war hier, nicht 
in den Territorien, zum ersten Male — vielleicht in Anlehnung an die 
alten Zölle und Marktabgaben — aufgelegt worden, so daß sie 
Sohm*) „gewissermaßen eine Entdeckung der Stadtgemeinde" nennen 
konnte^). Anfangs wurden die Ungelder hauptsächlich von Ge- 
tränken und anderen Genußmitteln, dann aber, wohl mit fort- 
schreitender Entwicklung der allgemeinen Lebensverhältnisse, von 
einem immer umfangreicheren Kreis *) von Gegenständen in mannig- 
fachen Formen ') erhoben. Ihre Ausgestaltung folgt also der regen 
Ausdehnung von Handel und Verkehr, der Steigerung der Bedürf- 



lichen Stadtwirtschaft . . ., S. 626, Anmerkung 235. Vgl. ferner über diese Frage : 
Karl Wagner, Das Ungeld in den schwäbischen Städten bis zur zweiten Hälfte 
des 14. Jahrhunderts, Marburger Dissertation, Marburg 1903, und Friedrich Hol- 
länder, Studien zum Aufkommen städtischer Akzisen am Niederrhein, Bonner 
Dissertation, Bonn 1911. 

1) Vgl. Boos, a. a. 0., III, S. 237 u. 242; für Worms besonders III, S. 242 f. 
In Köln im Jahre 1206 (vgl. Holländer, a. a. 0., S. 21) oder im Jahre 1212 
(vgl. E,. Knipping, Die Kölner Stadtrechnungen des Mittelalters mit einer Dar- 
stellung der Finanzverwaltung, Bonn 1897, I, S. LH); in Aachen im Jahre 1215 
(vgl. Holländer, a. a. 0., S. 21); in Basel im Jahre 1218 (vgl. TJrkundenbuch 
der Stadt Basel (herausgegeben von Eudolf Wackernagel und Eudolf 
Thommen), Basel 1890, I, S. 60-61. (Nach Boos, a. a. 0., III, S. 237 — 
ohne Quellenangabe — , sei das Ungeld in Basel wahrscheinlich schon am Ende des 
12. Jahrhunderts gefordert worden); in Lübeck im Jahre 1226 (vgl. Dop seh, Die 
älteste Akzise . . ., S. 655); in Ulm im Jahre 1231 (vgl. Karl Wagner, a. a. 0., 
S. 26); in Eßlingen im Jahre 1231 (vgl. Karl Wagner, a. a. 0., S. 42); in 
Wien im Jahre 1239 (vgl. Dopsch, Die älteste Akzise . . ., S. 652—656); in 
Eees im Jahre 1240 (vgl. Holländer, a. a. 0., S. 32); in Augsburg im Jahre 
1246 (vgl. Karl Wagner, a. a. 0., S. 10); in Trier im Jahre 1248 (vgl. Quellen 
zur Eechts- und Wirtschaftsgeschichte der rheinischen Städte, Kurtrierische Städte, 
I, Trier (Bd. XXIX der Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichts- 
kunde) Bonn 1915, Einleitung von G. Kentenich, S. 44*); in Neuß im Jahre 
1258 (vgl. Quellen zur Eechts- und Wirtschaftsgeschichte der rheinischen Städte, Kur- 
kölnische Städte, I, Neuß (Bd. XXIX der Publikationen der Gesellschaft für rhei- 
nische Geschichtskunde) Bonn 1911, Einleitung von FriedrichLau, S. 128*) u. a. 

2) K. Hegel, Die Chroniken der deutseben Städte vom 14. — 16. Jahrhundert, 
Leipzig 1862, I, S. 281: „So natürlich und naheliegend erscheint diese Steuer für 
die Oekonomie eines städtischen Gemeinwesens! . . . ." 

3) Nach G. v. Below (Artikel „Ungeld" im Handwörterbuch der Staats- 
wissenschaften, 3. Aufl. (1911), VIII, S. 94) kamen auch Usurpationen von selten 
der Städte vor. 

4) a. a. 0., S. 259. 

5) S. oben S. 35 Anmerkung 5. 

6) Am Ende des 14. Jahrhunderts fließen (nach Knipping, Das Schulden- 
wesen . . ., S. 342) der Stadt Köln mit Einrechnung der mannigfachen Bußgelder 
aus 150 Quellen Einkünfte zu. 

7) Vgl. oben S 34 Anmerkung 4. Vgl. auch über die vielfältigen Steuerformen 
beispielsweise des Weins Zedermann, a. a. 0., S. 113—125. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 37 

nisse der Stadtbewohner und ihren üppigeren Lebensformen, die 
einen gewissen Reichtum und eine zu Differenzierungen führende 
Erwerbsverteilung und Vermögensbildung voraussetzten. 

Diese Entwicklung dürfte es auch verständlich erscheinen lassen, 
daß die Besteuerung von Vermögen und Einkommen, die auch in 
verschiedenen Formen erfolgte^), in den Städten fast überall erst 
später als die Akzisen zur Einführung gelaugte^). Allerdings ist 
hier nochmals auf die Beden hinzuweisen, die ja auch Vermögens- 
steuern waren und denen ja doch auch die Städte, wenigstens grund- 
sätzlich, unterworfen waren. Nach dem heutigen Stand der Forschung 
wird man bei einem Vergleiche der uns zugänglich gemachten Zeit- 
angaben über das Wirksamwerden von Beden und Akzisen'*) an- 
nehmen dürfen, daß in den einzelnen Gebieten die Beden älter waren 
als die Akzisen, wenn in dieser Beziehung auch noch manche Einzel- 
untersuchung zu führen ist. Waren also die Vermögenssteuern älter 
als die Akzisen in den Städten? Nein, denn die Bede lastet auf 
der Gemeinde, die für sie haftet. Während auf dem platten 
Lande der Erhebungsmodus wechselt, die Einziehung der Steuer 
bald durch die Gemeinden"*), bald durch den Landesherrn selbst^) 
erfolgt, hatten die Städte frühzeitig die Ablösung der Bede durch 
eine festgesetzte, von ihnen zu zahlende Summe erreicht*), die sie 



1) Vgl. die folgenden Ausführungen ; zusammenfassend auch : M. E. Heiden- 
hain, Städtische Vermögenssteuern im Mittelalter, Leipziger Dissertation, Leipzig 

2) Daß im allgemeinen die Akzisen in den Städten älter sind, als Steuern auf 
Vermögen und Erwerb, daran wird mit der Mehrheit der Autoren (so z. B. Arnold, 
a. a. 0., II, 139; Benno Gliemann, Die Einführungen der Akzise in Preußen, 
Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 29 (1873), S. 178—179; Sohm, 
a. a. 0., S. 260; Hegel, a.a.O., I, 8.281 u. 284; v. Below, Die städtische Ver- 
waltung . . ., S. 432 und Entstehung der Stadtverfassuug . . ., II, S. 245; 
Chr. Meyer, a. a. 0., S. 563; Preuß, a. a. 0., S. 53; Karl Wagner, a. a. 0., 
S. 110; a. A.: Stieda, a. a. 0., S. 32; Schmoller, Umrisse und Untersuchungen . . ., 
S. 30 und Studien über die wirtschaftliche Politik Friedrich des Großen, Schmoller's 
Jahrbuch . . ., Bd. VIII (1884), S. 38; und anscheinend auch Zeumer, Die deut- 
schen Städtesteuern . . ., S. 90 ff.) auch jetzt noch festzuhalten sein, wenn auch 
neuerdings Zedermann (a. a. 0., S. 112—113) einige Städte zusammenstellt 
(Weimar, Köln, Aachen, Braunschweig und Lübeck), in denen zuerst Vermögens- 
und Erwerbssteuern eingeführt worden sein sollen. Diese wenigen Ausnahmen 
kommen bei der großen Zahl der mittelalterlichen Städte kaum in Betracht. Eine 
Steuer muß sich ja immer erst gegen starke Widerstände durchsetzen; so mögen in 
jenen Städten besondere Umstände die Umlage einer Akzise länger als sonstwo 
verzögert haben. 

3) siehe S. 29 Anmerkung 2 und S. 36 Anmerkung 1. 

4) z. B. in Kurköln, vgl. Schmitz, a. a. 0., S. 38 u. 39, S. 60 ff, S. 73 ff., 
S. 81. 

5) z. B. in Kurtrier, vgl. Weis, a. a. 0., S. 72; in Münster, vgl. Metzen, 
a. a. 0., S. 83f; vgl. ferner v. Below, Landständische Verfassung . . ., III, 1, 
S. 44ff.; Keuter, a. a. 0., S. 39; Baasch, a. a. 0., S. 32ff.; für Kurpfalz: 
Thoelke, a. a. 0., S. 130 u. 131. 

6) z. B. in Frankfurt a. M., vgl. Friedrich Bothe, Die Entwicklung der 
indirekten Besteuerung in der Eeichsstadt Frankfurt bis zur Kevolution 1612—1614 
(Schmoller's Staats- und Sozialwissenschaftliche Forschungen XXVI, 2) Leipzig 1906, 
S. 27; für Mecklenburg: Brennecke, a. a. 0., S. 41. 



38 



Otto Nathan, 



nach Gutdünken aus ihren mannigfachen Einkünften, aus Akzisen 
oder sonstwie decken konnten, so daß die Bede nicht unmittelbar 
von den städtischen Bewohnern erhoben wurde. Sicherlich gilt das 
von den Beden nach ihrer Umbildung zur Steuer, so daß die erste 
Abgabe mit steuerlichem Charakter innerhalb der Städte die — 
wohl wenige Jahrzehnte nach der Umgestaltung der Bede zur Ein- 
führung gelangte — Akzise ist, der dann die Besteuerung von Ver- 
mögen und Erwerb folgt. 

Ob man in dieser Art der Besteuerung das Bestreben der Stadt- 
verwaltungen sehen darf, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ^) zu 
erfassen und, den Ansprüchen einer sozialen Gerechtigkeit folgend, 
einen Ausgleich für die Unzulänglichkeiten der rohen Formen der 
Ungelder zu schaffen, die Arme wie Eeiche in gleicher Weise be- 
lasteten, scheint uns sehr zweifelhaft. Wir glauben vielmehr, daß 
ursprünglich die ja selbst so sehr sich der wirtschaftlichen Ent- 
wicklung anpassende Finanzverwaltung, die „kaufmännischer, geld- 
wirtschaftlicher Geist durchdringt" ^) und die früh schon in Geld 
besoldete Beamte beschäftigt ^), bei den drängenden finanziellen An- 
sprüchen, die an sie herantreten, die Besteuerung jeweils der fort- 
schreitenden ökonomischen Entwicklung angleicht. Aus rein finan- 
ziellen Erwägungen wird sie wohl die Gelegenheit zur Steigerung 
ihrer Einnahmen wahrgenommen haben, die sich ihr bei der Ent- 
faltung der Stadtwirtschaft durch die Differenzierung der Klassen 
und Stände, durch die Ausbildung von Vermögen und verschiedenen 
Erwerbsarten bietet. Trotz mancher sozial gerichteten Maßnahmen *), 
wie beispielsweise der Freilassung eines Existenzminimums ^) — man 
hüte sich übrigens, die damaligen Verhältnisse, wie es häufig ge- 
schieht, allzu sehr mit modernen Maßstäben zu messen und jede 
überlieferte Einrichtung kunstvoll zu erklären — , liegt doch der 




1) So ähnlich Adolph Wagner, a. a. 0., III, S. 62. 

2) vgl. Lotz, Finanzwissenschaft, S. 27. 

3) Einen kurzen Ueberblick über die Organisation der Finanzverwaltung gibt 
Stieda, a. a. 0., S. 5 — 11. Ausführlicher L. Schönberg, a.a.O., passim. Vgl. 
ferner die interessante Schilderung eines städtischen öffentlichen Haushalts im 
Mittelalter in dem Vortrag Karl Bücher's auf der III. Versammlung deutscher 
Historiker 1895 (Bücher, Der öffentliche Haushalt der Stadt Frankfurt im Mittel- 
alter, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 52 (1896), S. Ifi.). 

4) Daß man übrigens aus der Art der Besteuerung noch nicht auf eine ge- 
rechte Verteilung der Steuerlasten schließen darf, sucht Zeder mann (a. a. 0., 
S. 143 — 159) durch eingehende Belege für die mittelalterlichen Verhältnisse zu 
böwcisGn. 

5) Für Frankfurt: vgl. Bothe, a. a. 0., S. 37 u. 69 und Karl Bücher, 
Zwei mittelalterliche Steuerordnungen. Kleinere Beiträge zur Geschichte von Do- 
zenten der Leipziger Hochschule, Festschrift zum Deutschen Historikertage in 
Leipzig, Ostern 1894, Leipzig 1894, S. 127 u. 128. Für Augsburg: J. Härtung, 
Die Augsburger Zuschlagssteuer von 1475, Schmoller's Jahrbuch für Gesetzgebung, 
Verwaltung und Volkswirtschaft Bd. 19 (1895), passim, besonders S. 96 und Chr. Meyer, 
a. a. 0., S. 565; für Braunschweig: Fahlbusch, a. a. 0., S. 107; für Hildesheim: 
P. Hub er. Der Haushalt der Stadt Hildesheim am Ende des 14, und in der ersten 
Hälfte des 15. Jahrhunderts (Volkswirtschaftliche und wirtschaftsgeschichtliche Ab- 
handlungen, Heft 1), Leipzig 1901, S. 58. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 39 

Oedanke nahe, daß aus rein finanziellen Gründen yielleiclit auch 
deshalb die Akzisen und Ungelder fast überall Kern und Grund- 
lage^) des Steuersystems blieben, weil sie allein alle Einwohner er- 
faßten ^). So wußte sich beispielsweise die Geistlichkeit ^) mit ihrem 
ganzen, oft umfangreichen Anhang kraft ihres vom Stadtrat gewöhn- 
lich anerkannten, im kanonischen Eecht begründeten Privilegium 
immunitatis direkt erhobenen Steuern auf Vermögen und Einkommen 
fast immer zu entziehen*). 

Müssen wir es so ablehnen, die mittelalterlichen Steuerverhält- 
nisse unter dem Gesichtspunkte zu betrachten, als ob der Gedanke 
der steuerlichen Gerechtigkeit oder ähnliche neuzeitliche Prinzipien 
für die Ausgestaltung des Steuerwesens damals maßgebend gewesen 
wären % — eine oft angestellte Untersuchung, der immer etwas 



1) Vgl. Sohm, a. a. 0., S. 260; J. Härtung, Die Augsburger Zuschlags- 
steuer . . ., S. 131; Boos, a. a. 0., III, S. 238 und G. v. Below, Untergang der 
mittelalterlichen Stadtwirtschaft . . ., S. 626, Anm. 235. 

2) Allerdings mögen auch bei mancher Akzise Steuerfreiheiten vorgekommen 
sein. So wurden die im Jahre 1451 neu eingeführte Weinsteuer und Pfandzoll 
nach G. Schönberg (a. a. 0, S. 262 ff.) nur „von den weltlichen Haushaltungs- 
vorständen" erhoben (vgl. für Worms und Speyer auch Boos, a. a. 0., III, S. 242). 
Bei den Akzisen mußten aber wohl die Steuerbefreiungen schon deshalb häufig 
unterbleiben, weil die Erhebungsformen der Ungelder sie doch oft unmöglich ge- 
macht hätten. 

3) Außer der Geistlichkeit genossen auch noch andere Einwohner, so haupt- 
sächlich Angehörige des ritterlichen Standes und Untertanen benachbarter Landes- 
herren, in den Städten bisweilen Steuerfreiheit; vgl. Fahl husch, a. a. 0., S. 108 
bis 109; Zeumer, Die deutschen Städtesteuern . . ., S. 82—83; Bothe, a. a. 0., 
S. 24—25, 49 ff.; v. Below, Landständische Verfassung . . ., III, 1, S. 23; 
Friedrich Schäfer, Wirtschafts- und Finanzgeschichte der Reichsstadt Ueber- 
lingen am Bodensee in den Jahren 1550 — 1628 (Untersuchungen zur Staats- und 
Eechtsgeschichte, herausgegeben von v. Gierke, 44. Heft), Breslau 1893, S. 123 ff. ; 
J. Hartwig, Der Lübecker Schoß bis zur Reformationszeit, Leipzig 1903 (Schmoller's 
Forschungen XXI, 6) S. 57 ff. Bezeichnend ist für die Steuerbefreiungen, daß in 
Frankfurt nicht alle Schulden beim Schuldner besteuert wurden,' sondern nur die 
bei geistlichen und fremden Gläubigern eingegangenen (vgl. Bothe, a. a. 0., S. 59, 
Anm. 1; ähnlich auch in Braunschweig, vgl. Fahlbusch, a. a. 0., S. 116). 

4) Ueber die Ansprüche der Kirche auf Steuerbefreiungen und die häufig 
'dieserhalb mit den Städten ausgebrochenen Streitigkeiten vgl. u. a. für Basel: 
G. Schönberg, a. a. 0., S. 168; für Frankfurt: Bothe, a. a. 0., S. 19; für 
Braunschweig: Fahlbusch, a. a. 0., S. 111 — 15; für Ueberlingen: F. Schäfer, 
a. a. 0., S. 122—23; für Lübeck: Hartwig, a. a. 0., S. 21 ff.; für Nördlingen: 
Dorner, a. a. 0., S. 17 ff.; für Mainz: K. Hegel, a. a. 0., Bd. 17, S. 124 ff.; für 
Köln: A. Henning, Steuergeschichte von Köln in den ersten Jahrhunderten 
städtischer Selbständigkeit bis zum Jahre 1370, Leipziger Dissertation, Dessau 1891, 
S. 19 ff.; vgl. ferner Boos, a. a. 0., III, S. 157 u. S. 242—43; Preuß, a. a. 0., S. 64 
und G. V. Below, Die Ursachen der Reformation, Akademische Rede, Freiburg 
1916, S. 56. Vgl. auch Zeumer (Die deutschen Städtesteuern . . ., S. 72—82), 
der an Hand interessanter Belege zeigt, wie bedeutungsvoll und schwerwiegend für 
die betroffenen Städte unter Umständen die von der Kirche gestellten und gewöhn- 
lich auch bewilligten Ansprüche auf Steuerfreiheit waren. 

5) Damit soll keineswegs gesagt sein, daß die Gedanken der Leistungsfähig- 
keit und Rechtsgleichheit, für die u. a. neuerdings öfters auch Lotz (Finanzwissen- 
schaft, S. 27, 241 u. 265) für die damalige Zeit eintritt, dem Mittelalter vollkommen 
fremd gewesen seien. Es scheint nur verfehlt, in künstlichen Konstruktionen alle 
Einrichtungen mit diesen Begriffen erklären zu wollen. 



40 Otto Nathan, 

Willkürliches und Spekulatives anhaften wird — , so müssen wir 
andererseits feststellen, daß die uns aus jenen Jahrhunderten der 
Städtegeschichte überlieferten steuerlichen Einrichtungen und ihre 
technische Durchbildung beweisen, wie große Fortschritte das Wirt- 
schaftsleben gemacht hatte, wie sehr man aber auch zur Erkenntnis 
ökonomischer Zusammenhänge gelangt war und sie zu verwerten 
wußte. Betrachten wir kritisch die überaus mannigfachen, häufig^ 
von Stadt zu Stadt wechselnden Formen, in denen die Personal- 
besteuerung auftritt — wenn wir mit diesem, wie wir noch sehen 
werden, in unserem Falle auch nicht vollkommen zutreffenden Aus- 
druck alle die in Frage stehenden Abgaben bezeichnen wollen — , 
so müssen wir zunächst den Eindruck gewinnen, daß die mittel- 
alterlichen Städte sich bemühten, ihr Steuersystem der in dieser 
Periode gewonnenen Erkenntnis der verschiedengearteten Vermögens- 
funktionen anzugleichen, die die wirtschaftlichen Verhältnisse in 
Erscheinung treten ließen. War das Vermögen bei der Bede noch 
fast allgemein durch einen Wertanschlag auf Grund und Boden und 
Gebäude erfaßt worden, so finden wir jetzt mannigfache Abstufungen 
in der Steuerveranlagung des Besitzes, die sich an die ökonomische 
Fortbildung der städtischen Verhältnisse anschließen. In verschie- 
denster Weise kommt eine Sonderung von Nutz- und Ertragsvermögen 
zum Ausdruck, Begriffe, die erst eine Zeit mit starker arbeits- 
teiliger Organisation schaffen konnte, wie wir sie in den Städten des 
Mittelalters kennen lernten. Die Steuerordnungen mancher Städte 
ziehen beispielsweise den ganzen Hausrat, also das Nutzvermögen ^) 
oder wenigstens seinen größten Teil, bei der Vermögensbesteuerung, 
dem Schoß oder der Losung, mit einem Vorschuß — einer gewöhn- 
lich für alle gleichmäßig festgesetzten Summe — kopfsteuerartig heran 
und unterwerfen erst das übrige Erwerbsvermögen ^) einer ver- 
schiedengearteten Abstufung. Andere wieder lassen diesen Hausrat 
steuerfrei^) und erkennen dadurch die voneinander durchaus ver- 
schiedenen Funktionen des Vermögens an. Innerhalb des Erwerbs- 



1) Mit Recht weist Heidenhain (a. a. 0., S. 41 — 47) darauf hin, daß diese 
Begriffe im Zusammenhang mit den mittelalterlichen Verhältnissen verstanden sein 
wollen; er zieht aus seinen interessanten Untersuchungen das Ergebnis, daß der 
Kreis des Nutzvermögens, wie er jenen Steuerverordnungen zugrunde gelegt wurde, 
ein viel größerer gewesen sein muß, als wir ihn heute ziehen. 

2) Da, wo der Hausrat Steuerfreiheit genoß, erstreckte sich diese Vergünstigung 
häufig auch noch auf andere, in verschiedenen Städten verschiedene Vermögens- 
bestandteile. Heiden hain (ebenda) sucht dies mit der Eigenart der wirtschaft- 
lichen Verhältnisse des Mittelalters zu erklären, die von Stadt zu Stadt wechselten 
und die einen Vermögensbestandteil in der einen als Nutz-, in der anderen aber 
als Produktionsvermögen erscheinen lassen mußten. Vgl. auch Bothe, a. a. 0., 
S. 54 — 55 und P. Sander, a. a. 0., S. 337. Gänzlich steuerfrei war das Nutz- 
vermögen in Ueberlingen (vgl. F. Schäfer, a. a. 0., S. 121, 137 — es handelt 
sich hier allerdings um Steuerordnungen von 1560, bzw. 1606! — ), in Augsburg 
(vgl. He^el, Chroniken IV, S. 137), in Ulm (vgl. Adolf Kölle, Die Vermögens- 
steuer der Reichsstadt Ulm vom Jahre 1709, Stuttgart 1898, S. 54, 124) und in 
Regensburg (vgl. Carl Theodor Gemeiner, Reichsstadt Regensburgische 
Chronik, Regensburg 1800 ff., II (1803), S. 325). 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 41 

Vermögens wurde häufig nach vielen weiteren Gesichtspunkten ge- 
schieden, die durch die Erkenntnis der differenzierten Produktiv- 
kräfte) der einzelnen Vermögensbestandteile bestimmt wurde ^). 

Die Steuerveranlagung der Vermögen war im Mittelalter so 
weitgehend und feingegliedert, daß Zeumer**) — unseres Erachtens 
mit Recht — die „Vermögenssteuern als bis in die äußersten Konse- 
quenzen ausgebildet" charakterisieren konnte. So liegt denn bei 
der nahen Verwandtschaft zwischen Vermögens- und Einkommen- 
steuern, die ja bei den meisten Völkern sich erst aus jenen heraus- 
gebildet haben*) und deren terminologische Scheidung, weil diese 
Begriffe oft ineinander überfließen, häufig sehr schwierig ist, der 
Gedanke nahe, daß die städtischen Personalsteuern des Mittelalters 
auch Elemente einer, wenn auch nur primitiven Einkommensteuer 
umfaßt haben. Die allgemeinen Verhältnisse, wie sie sich in den 
stadtstaatlichen Organismen des Mittelalters herausgebildet hatten, 
waren ja der Einführung einer Abgabe günstig, die zur Erfassung 
der Leistungsfähigkeit des individuellen Haushalts und zu seiner 
Heranziehung zu den öftentlichen Lasten an das Einkommen an- 
knüpft. Die Voraussetzungen*^) zu jeder Einkommensteuer, die sich 
auf die Erklärungen der einzelnen zur Abgabe verpflichteten Per- 
sönlichkeiten stützen muß — die Durchdringung des ökonomischen 
Lebens mit der Geld Wirtschaft in einem Umfange, der den Steuer- 
pflichtigen selbst die Schätzung ihrer geldwerten Einkünfte und 
die Kenntnis ihrer davon zu kürzenden Kosten gestattet, und anderer- 
seits eine Stufe des politischen Gemeinschaftslebens, die nicht nur 
das subjektive Gefühl von der Steuerpflicht an ein übergeordnetes 
Abstraktum bereits hat erstehen lassen, sondern auch in einem ge- 
wissen Ausmaße ein Vertrauensverhältnis zwischen Regierung und 
Regierten ermöglicht — , diese Voraussetzungen waren ja in den mittel- 
alterlichen Städten gegeben. Ehe wir nun der Frage nähertreten 
können, ob sich bei einer genaueren Betrachtung der mittelalterlichen 
Steuersysteme ergibt, ob und wie weit jene Voraussetzungen auch 
wirklich zu einer Durchsetzung der Personalabgaben mit Elementen 
der Einkommenbesteuerung geführt haben, müssen wir festzustellen 
suchen, ob die ökonomischen Bedingungen der Stadtstaaten schon 
die verschieden gearteten Einkommenskategorien ^) hatten ausreifen 
lassen. 



1) Vgl. für Frankfurt: Bothe, a. a. 0., S. 34, für Nürnberg: Sander, a. a. 0., 
S. 337 und Hegel, Chroniken II, S. 16—17, für Worms: Boos, a. a. 0., III, 
S. 250. (Boos gibt leider nicht an, aus welcher Zeit die von ihm mitgeteilte 
Steuerordnung stammt; die von ihm angegebenen Urkunden quellen waren mir 
nicht zugänglich.) 

2) Darüber hinaus findet sich aber auch noch eine andere Differenzierung des 
Steuerfußes, auf die wir weiter unten (S. 50—51) zurückkommen. 

3) Die deutschen Städtesteuern . . ., S. 89. 

4) Vgl. ßoscher, a. a. 0., S. 304; Adolph Wagner, Finanzwissenschaft, 
II, S. 497 ff.; V. Heckel, Finanzwissenschaft I, S. 350—51. 

5) Vgl. Lotz, Finanzwissenschaft, S. 408. 

6) Wenn auch die herrschende Lehre heute unter Einkommen die Summe der aus 
den Produktions- und Erwerbszweigen fließenden Erträge versteht (abweichend z. B. 



42 



Otto Nathan, 



Hatten die wirtschaftlichen Verhältnisse jener Zeiten, um nur 
einiges Grundsätzliche zu erwähnen, die verschiedenen Formen des 
Einkommens, wie wir sie heute als Arbeitslohn, Grundrente und 
Kapitalzins unterscheiden, schon entstehen lassen, hatte sich die 
Einteilung in fundiertes und unfundiertes Einkommen bereits durch- 
gesetzt? Wir erinnern uns, daß die starke Differenzierung des 
Volksvermögens durch die sich anbahnende Arbeitsteilung geschaffen 
wurde ^), die die Grundlagen des ökonomischen Lebens völlig ver- 
änderte und die wachsende Differenzierung ^) in der wirtschaftlichen 
Lage jedes Einzelnen bedingte. Die Untersuchungen über die 
ökonomischen Verhältnisse in den mittelalterlichen Städten ^) zwingen 
zu der Annahme, daß zwar die Landwirtschaft Grundlage jedes 
Einzelhaushalts in der mittelalterlichen Stadt blieb*). Aber fast 
jeder Stadtbewohner mußte zur Befriedigung seiner und seiner 
Familie, in jener Zeit immerhin schon beträchtlichen Lebensbedürf- 
nisse Zuschuß zu den Erträgnissen seines landwirtschaftlichen Be- 
triebes durch Verwertung seiner Kapitalien oder seiner Arbeits- 
kraft notwendigerweise suchen, sei es als Rentenverkäufer oder als 
Handwerker oder im Handel ^). Diese Entwicklung hatte sich gegen 
Ende des Mittelalters noch viel schärfer zugespitzt. Sie läßt er- 

G. Schanz, Der Einkommensbegriff und die Einkommensteuerg'esetze, Finanz- 
Archiv 13 (i896) passim), so kommt auch schon den einzelnen Teilen die Ein- 
kommensqualität zu (vgl. EobertMeyer, „Einkommen (Begriff und Einteilung)", 
Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl. (1909), III, S. 660 — 61). In diesem 
Sinne wird im folgenden von Arbeitseinkommen, Zinseinkommen usw. gesprochen. 

1) Auf die wissenschaftliche Meinungsverschiedenheit, hauptsächlich zwischen 
Bücher und Schmoller, was in den Beziehungen zwischen Arbeitsteilung und 
Vermögensbildung, zwischen denen sicherlich starke Wechselwirkungen bestehen, das 
Primäre und was das Sekundäre ist, ist hier nicht näher einzugehen. 

2) Wie stark sich die Differenzierung durchgesetzt hatte, das zeigen die uns 
von den verschiedenen Forschern auf Grund der Steuerlisten zugänglich gemachten 
Vermögensberechnungen und deren Verteilung (besonders anschaulich die ver- 
schiedenen Tabellen bei G. Schönberg, a. a. 0., passim). Auch der Umfang der 
Kreditgeschäfte, von denen wir beispielsweise aus Köln schon aus dem Jahre 1228 
Kunde haben (vgl. Knipping, Das Schuldenwesen . . ., S. 346) beweist das. Eine 
Zusammenstellung und kritische Betrachtung der Vermögensverteilung im Mittel- 
alter gibt G. Schmoller, Einkommensverteilung in alter und neuer Zeit (SchmoUer's 
Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, Bd. 19 (1895). S. 1067 
bis 1094). Zu vergleichen ist hier auch Franz Eulenburg, Zur Bevölkerungs- 
und Vermögensstatistik des 15. Jahrhunderts, Zeitschrift für Sozial- und Wirt- 
schaftsgeschichte, Bd. III (1895), besonders S. 444 ff. Mit besonderer Deutlichkeit 
werden uns hier die schon stark differenzierten Vermögensverhältnisse gezeigt. 
Hervorragendes Interesse gewinnen aber die von Eulenburg aufgestellten Tabellen 
dadurch, daß sie den Unterschied zwischen Stadt und Land (besonders S. 448—53) be- 
sonders gut veranschaulichen und dadurch den Einfluß beweisen, den das städtische 
Wesen auf die Vermögensbildung und die Differenzierung der Vermögen ausübte. 

8) Vgl. Karl Bücher, Die Bevölkerung von Frankfurt a. M. im 14. und 
15. Jahrhundert, Tübingen 1886, S. 261—65 und Boos, a. a. 0., II, S. 272 und 
III, S. 63 ff. 

4) So auch Zeumer, Die deutschen Städtesteuern . . ., S. 85 — 86; A. Oncken, 
a. a. 0., S. 105; Kötzschke, a. a. 0., S. 104. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt 
für Köln: J. Härtung, Die Augsburger Zuschlagssteuer von 1475 . . ., S. 113 — 14. 

5) Vgl. auch Preuß, a. a. 0., S. 13, 16, 47, 61; ferner Bücher, Zwei 
mittelalterUche Steuerordnungen . . ., a. a. 0., S. 147. 




Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 43 

kennen, wie weit sich die Volkswirtschaft in den mittelalterlichen 
Städten schon von jenem Zustande entfernt hatte, in dem sich das 
Volkseinkommen in einfachster Weise dnrch den überall fast gleich- 
artigen landwirtschaftlichen Betrieb in verschiedene Einzeleinkommen 
verteilt, die recht gleichmäßig sind und eine differenzierte Ver- 
mögensbildung nicht begünstigen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse 
hatten jetzt schon dazu geführt, aus den einzelnen Beschäftigungs- 
arten gesonderte Berufe entstehen zu lassen. Der Gewinn, den 
man aus ihnen zog, floß den Einnahmen neben dem wohl kaum 
schon als Einkommensbestandteil erkannten Ertrage des landwirt- 
schaftlichen Betriebes zu: so traten verschiedene Einkommens- 
arten in Erscheinung! Man wird zweifeln dürfen, ob, wenigstens 
in den früheren Jahrhunderten des mittelalterlichen Städtewesens, 
sich schon ein Kapitalzins im modernen Sinne herausgebildet hatte, 
weil Kreditgeschäfte ja fast ausschließlich in Form von Immobiliar- 
krediten getätigt wurden. Da nun die aus ihnen entstehenden, 
auf dem Grund und Boden oder den Gebäuden ruhenden Reallast- 
berechtigungen zu den Liegenschaften gerechnet wurden^), dürften 
wohl auch die aus ihnen fließenden Eenten als Grundrenten empfunden 
worden sein 2). Mit der Ausdehnung der Kreditgeschäfte aber, 
hauptsächlich durch ihre Zentralisation in städtischen Banken ^), mit 
ihrer Ausweitung in Mobiliarkredite als einfache zinsbare Dar- 
lehen und Leibrenten *) ist neben der Grundrente und dem Arbeits- 
lohn als dritte Einkommenskategorie der Kapitalzins, neben dem 
unfundierten Einkommen aus der Arbeitskraft der durch Kapital- 
besitz bedingte Ertrag entstanden. Das erhellt schon aus dem Um- 
fang, den gegen Mitte und Ende des 14. Jahrhunderts die Kredit- 
geschäfte und die Einnahmen, die aus ihnen flössen, bei einzelnen 
besonders kapitalkräftigen Bürgern genommen hatten^). Das wird 
aber auch aus den Rentenregistern ersichtlich, aus denen hervor- 
geht, daß im 15. Jahrhundert neben dem großen auch das kleine 
Kapital zur gewinnbringenden und sicheren Anlage drängt und 
Handwerker, ja selbst Dienstboten mit Beträgen von 1, 2, 3, 4 oder 
5 Gulden immer häufiger zu Rentengläubigern der Stadt werden^). 
Wie über den Begriff und das Wesen des Einkommens in der 
Wissenschaft keine Uebereinstimmung besteht '), so ist auch darüber 
noch keine Klarheit erzielt worden, wann das Einkommen als solches 



1) Vgl. Heidenhain, a. a. 0., S. 38. 

2) Aehnlich auch Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft, S. 132—33, 

3) S. oben S. 34 Anmerkung 2. 

4) Ueber die Entwicklung der Kreditgeschäfte im Mittelalter vgl. Boos, II, 
&. £i2i. 

5) Vgl. Knipping, Das Schuldenwesen . . ., S. 344; vgl. auch besonders 
Karl Lamprecht, Deutsche Geschichte, V, 1 (Berlin 1894), S. 57 ff. 

6) Vgl. Knipping, Das Schuldenwesen . . ., S. 380; Boos, a. a. 0., II, 
S. 272; Huber, a. a. 0., S. 146 ff. 

7) Vgl. die verschiedenen nationalökonomischen Lehrbücher oder auch Robert 
Meyer, a. a, 0.; im Hinblick auf die Steuerlehre vor allem G. Schanz, Der 
Einkommensbegriff . . ., S. 1 — 31. 



44 



Otto Nathan, 



erkannt worden ist, wann wohl die Menschen zum Bewußtsein 
seiner wirtschaftlichen Bedeutung und Funktion gelangt sind^). 
Bücher hat aus den Steuereinrichtungen einiger Städte den Schluß 
ziehen wollen, daß zur Zeit des mittelalterlichen Städtewesens „Ein- 
kommen und Vermögen sich noch nicht klar voneinander abge- 
schieden hätten", wenn auch immerhin Grundrente und Handwerks- 
lohn schon deutlicher hervorgetreten seien ^). Soweit Bücher hier- 
mit vielleicht zum Ausdruck bringen will, in welchem Ausmaße sich 
die begriffliche Erkenntnis des Einkommens in den mittelalter- 
lichen Städten durchgerungen hatte, müssen wir seine Feststellung 
an dieser Stelle auf sich beruhen lassen; wir möchten immerhin 
bemerken, daß es kaum im vollen Umfange beweiskräftig sein 
dürfte, aus wenigen konkreten Besteuerungsmaßnahmen, deren Fest- 
setzung ja immer von vielfachen Momenten beeinflußt wird und die 
sich häufig erst in hartnäckigem Kampfe mit starken, widerströmen- 
den Tendenzen und Mächten durchsetzen müssen, solch weitgehende 
Schlüsse auf das Begriffs- und Vorstellungsvermögen entlegener 
Zeiten in wichtigen ökonomischen Angelegenheiten ziehen zu wollen. 
Unsere Untersuchung hat sich vielmehr der Frage zuzuwenden, 
ob die verschiedenen Einkommenskategorien, die, wie wir gesehen 
haben, die wirtschaftlichen Verhältnisse des Mittelalters bereits aus- 
gebildet hatten, in den städtischen Steuerordnungen jener Zeiten 
einen Ausdruck gefunden haben — gleichviel ob von den Ratsver- 
waltungen bewußt oder unbewußt, ob von ihnen beabsichtigt oder 
unbeabsichtigt, ungeachtet auch des Umfanges, in dem das Ein- 
kommen als solches klar begrifflich in jener Zeit bekannt oder viel- 
leicht noch völlig unbekannt war. 

Eine nähere Betrachtung der uns bekannten Steuersysteme 
zwingt uns, diese Frage zu bejahen^). In mehreren Städten*) des 

1) Friedrich Kleinwächter (Das Einkommen und seine Verteilung, Hand- 
und Lehrbuch der Staatswissenschaften in selbständigen Bänden. I, 5, Leipzig 1896) 
hat darauf hingewiesen (S. 2 — 3), daß F. B. W. v. Hermann in seinen bekannten 
Ausführungen zur Einkommenslehre (Staatswirtschaftliche Untersuchungen, 2. Aufl.^ 
München 1874, S. 582 ff.) das Aufkommen der Tauschwirtschaft und W, Röscher 
(System der Volkswirtschaft, Grundlagen der Nationalökonomie, 20. Aufl., Stuttgart 
1892, S. 390 ff.) das Aufkommen der Geldwirtschaft als die Entstehujigszeit des 
Einkommensbegriffes anzunehmen scheinen. Kleinwächter selbst begrenzt etwas 
mehr die Zeitangabe, nach ihm (S. 18) sei der Begriff des Einkommens im Publikum 
erst entstanden, „nachdem das Geld in den Verkehr eingedrungen war". (Dazu 
ein gewisser Widerspruch in seinen Darlegungen S. 4!) Neuerdings glaubt Bücher 
(Entstehung der Volkswirtschaft . . ., S. 132—33) nachgewiesen zu haben, daß die 
mittelalterlichen Städte den Unterschied zwischen Einkommen und Vermögen noch 
nicht kannten (siehe im übrigen unseren Text). Ihm folgt Philippovich, Grund- 
riß der Politischen Oekonomie, 12. Aufl., Tübingen 1918, I, S. 339 f. 

2) Entstehung der Volkswirtschaft . . ., S. 132 — 133 und Zwei mittelalterliche 
Steuerordnungen . . ., a. a. 0., passim. 

3) Auch hier dürfte im wesentlichen zutreffen, was Alfred Manes (Die Ein- 
kommensteuer in der englischen Finanzpolitik. Beitrag in den Festgaben für Wilhelm 
Lexis, Jena 1907, S, 110) über die Einführung der englischen Subjektsteuer nach 
1166 sagt. 

4) Für Braunschweig: vgl. Pahlbusch, a. a. 0., S. 103; für Augsburg: 
J. Härtung, Die Augsburger Zuschlagssteuer . . ., S. 109 und Hegel, Städte- 




Onindsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern, 45 

Mittelalters begegnet uns bei den Person alstenern eine nach unten 
so wirkende Progression, daß die kleineren Vermögen stärker be- 
lastet waren als die großen. G. Schönberg ^) hat diese für 
unsere heutigen Begriffe merkwürdige Erscheinung in scharfsinniger 
Weise dahin gedeutet, daß überall da, wo keine Einkommensteuer 
zur Erhebung gelangt, das Arbeitseinkommen, das nach seiner Vor- 
aussetzung mit der Abnahme des Vermögens steigt, unberücksichtigt 
bliebe, wollte man das Vermögen mit einem proportionalen oder gar 
nach oben progressiven Steuerfuße heranziehen. Durch die Pro- 
gression nach unten würde aber indirekt dann auch das in den 
weniger vermögenden Klassen größere Arbeitseinkommen von der 
Steuer getroffen. Härtung^) hat durch eingehende Berechnungen 
diese Ansicht zu widerlegen gesucht % Prüft man diese mittelalter- 
liche Einrichtung an den modernen Prinzipien möglichster Erfassung 
der individuellen Leistungsfähigkeit oder steuerlicher Gerechtigkeit, 
so ergeben allerdings Hartung's Untersuchungen, daß die nach 
unten gerichtete Progression diese Grundsätze nur in seltenen Fällen 
zu verwirklichen vermochte, daß vielmehr die Belastung der weniger 
Besitzenden häufig hinter der der Vermögenden um nur Weniges 
zurückblieb, sie bisweilen sogar übertraf. Dieses Ergebnis scheint 
uns aber gegen Schönberg's Auslegung nicht entscheidend zu 
sein, um so mehr als Härtung, trotz Anerkennung *) der theoreti- 
schen Schönberg' sehen Voraussetzungen, gerade dadurch die 
Grundlage der Untersuchungen verschiebt, daß er das Arbeits- 
einkommen mit fallendem Vermögen nicht steigen läßt, also nicht 
bei steigendem Besitz verminderte berufliche Tätigkeit annimmt ^). 
Man wird doch auch bei derartigen Beweisführungen immer wieder 
daran erinnern müssen, daß die Prinzipien steuerlicher Gerechtigkeit 
und möglichster Ausnutzung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit 
des Einzelnen selbst heute noch meist Ideale sind, die, trotz aller 
Bemühungen und besonderer Einrichtungen, auch in der modernen 
Zeit noch keineswegs verwirklicht sind. Ergibt eine Prüfung, 
daß auch das Mittelalter sie nicht zu erreichen vermochte, so kann 
ein derartiges Ergebnis, gerade für die damalige Zeit, keineswegs 

Chroniken . . ., IV, S. 310; für die Au^sburg-er Hussitensteuer : Hegel, Chroniken , . ., 
IV (1865), S. 321 und XXII (1892), S. 71; für die Nürnberger Hussitensteuer: 
P. Sander, a. a. 0., S. 342 ff. ; für die Nürnberger Steuer 1431: Hegel, Städte- 
chroniken . . ., I, S. 381; für Trier 1427 und 1434: Quellen zur Rechts- und Wirt- 
schaftsgeschichte der rheinischen Städte . . . (Trier, herausgegeben von F, Rudolph), 
S. 758—759; für Hildesheim: vgl. Hub er, a. a. 0., S. 60; für Basel: vgl. 
G. Schönberg, a.a.O., S. 175—176; für Nördlingen: vgl. Dorn er, a. a. 0., S. 79 
bis 80. 92; für Worms: vgl. Monumenta Wormatiensia (III. Teil der Quellen zur 
Geschichte der Stadt Worms, herausgegeben von Heinrich Boos, Berlin 1898), 
S. 638—639. 

1) a. a. 0., S. 176 ff. 

2) Die Augsburger Zuschlagssteuer . . ., S. 112 — 132. 

3) Seinen Ausführungen schlössen sich andere Autoren an; so z. B. Boos, 
a. a. 0., III, S. 252—253, Heidenhain, a.a.O., S. 107—108 und Zedermann, 
a. a. 0., S. 150-151. 

4) a. a. 0., S. 112. 

5) lieber den Wert der Hartungschen Berechnungen siehe unten S. 49 f. 



46 Otto Nathan, 

für die Annahme zeugen, als seien sie gar nicht beabsichtigt worden. 
Andererseits würde ein gegenteiliges Ergebnis kaum als Beweis 
dafür in Anspruch genommen werden dürfen, als hätte das Mittel- 
alter mit Bewußtsein seine Steuerordnungen jenen Prinzipien unter- 
worfen. Wir haben oben ^) schon darauf hingewiesen, wie verfehlt 
es uns scheint, die damaligen Einrichtungen unter dem Gesichts- 
punkte zu werten, als seien für ihre Ausbildung moderne Grund- 
sätze maßgebend gewesen. Man sah sich in der zwingenden Not- 
wendigkeit, jede Möglichkeit, die die wirtschaftlichen Verhältnisse 
zur Besteuerung boten, für die wachsenden Ausgaben zu verwerten, 
und man wird kaum von dem Arbeitseinkommen, das in steigendem 
Maße ins Gewicht fiel, haben absehen wollen. Dabei waren wohl 
nicht unerhebliche Widerstände zu überwinden, die man um so höher 
wird einschätzen müssen, als es bei den damaligen herkömmlichen 
Besteuerungssitten, die in der Hauptsache nur das Vermögen als 
Steuergrundlage kannten, eine große Neuerung bedeuten mußte, 
auch die Arbeitskraft, die noch nicht wie heute als „Bestandteil 
des Vermögens eines Menschen" ^) begriiflich klar erfaßt war, zur 
Besteuerung heranzuziehen. Allerdings macht gerade Härtung^) 
darauf aufmerksam, daß eine auf plutokratischer Grundlage be- 
ruhende Zunftaristokratie gemeinsam mit dem Patriziat oder wenig- 
stens einem Teile davon ohne große Schwierigkeiten bei der Rege- 
lung des Steuerwesens ihren besonderen Interessen und ihrem stark 
entwickelten Egoismus Geltung zu verschaffen wußte. Aber auch 
trotz dieser sicherlich starken und auch, besonders später, kräftig 
sich regenden Mächte dürfen doch die Schwierigkeiten nicht unter- 
schätzt werden, mit denen sich häufig das konkrete Steuerrecht durch- 
zusetzen hat. Man wird es daher schon als Erfolg jener Bestrebungen 
betrachten müssen, wenn die so seltsam scheinende Veranlagungs- 
methode einen Teil jener für die damalige Zeit schon recht be- 
deutungsvollen Arbeitseinkommen für die städtischen Finanzen zu 
erfassen vermochte — und das hat sie zweifellos erreicht — , ohne 
sie vielleicht voll ausnützen zu können. So lange keine andere 
Deutung des nach unten progressiven Steuerfußes gelingt, wird man 
daher mit Schönberg in diesem Besteuerungsmodus den Versuch 
sehen dürfen*), auch das Arbeitseinkommen zur Steuer heran- 
zuziehen ^). 

1) Vgl. S. 38 ff. 

2) Vgl. Röscher, Finanzwissenschaft, S. 305. 

3) a. a. 0., S. 135—136. 

4) Neuerdings schließt sich Bruno Moll (a. a. 0., S. 52) der Schönberg- 
schen Erklärung an. Moll will auch in dem kopfsteuerartigen Vorschoß mancher 
Städte die Heranziehung des Arbeitseinkommens zur Steuer sehen. Angesichts der 
außerordentlich vielseitigen Methoden, die für den Vorschoß in Betracht kamen, ist es 
schwer, sich Moll anzuschließen; Moll macht selbst darauf aufmerksam, daß, zum 
mindesten in einigen Städten, die Steuerordnungen gerade gegen seine Annahme 
sprechen. Andere Beispiele wären hier noch hinzuzufügen, so daß es fast wahrschein- 
licher ist, daß die Kopfsteuer der Best einer früheren roheren Besteuerung ist. 

5) Auch eine Besteuerung des Lohnes — also eine wirkliche Besteuerung des 
Arbeitseinkommens! — war dem Mittelalter nicht fremd; vgl. Hartwig, a. a. 0., 



1 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 47 

Mit viel größerer Sicherheit läßt sich feststellen, daß die Steuer- 
ordnungen in einer ganzen Keihe von Städten an das aus Kapital- 
besitz stammende Einkommen anschlössen. Scheint es auch fest- 
zustehen, daß eine kleinere Anzahl unter ihnen ^) die Rente in der 
Weise zur Steuer heranzog, daß die Steuerpflichtigen diese Ein- 
künfte, wie alle anderen Vermögensteile, nach ihrem Verkaufs- 
werte schätzen mußten — wobei also nicht die Rente als solche, 
sondern das Kapital, dessen Zins sie war, Steuerobjekt wurde — , 
so wird in einer großen Reihe anderer mittelalterlichen Stadtstaaten 
die Rente als das behandelt, was sie in Wirklichkeit war, als Ein- 
kommensbestandteil : Frankfurt a. M. ^) und Nürnberg ^) erheben einen 
gewissen Prozentsatz der Rente als Steuer^) — sie ist also hier 
eine reine Partialeinkommensteuer! In anderen Städten^) mußte 
die Rente nach einem von der Verwaltung vorgeschriebenen festen 
Umrechnungssatze, der sich nach dem jeweils üblichen Zinsfuß 
richtete und im Laufe der Zeit, der Entwicklung der allgemeinen 
wirtschaftlichen Verhältnisse auf dem Kapitalmarkt angepaßt, den 
stetig sich steigernden Wert von Nutzkapitalien zum Ausdruck 
brachte, in Vermögen umgerechnet werden. Man^) hat als Mangel 
des Frankfurt-Niirnberger Verfahrens geltend zu machen gesucht, 
es sei dadurch unvollkommen gewesen, daß es Renten von ungleichem 
Kapitalwerte mit der gleichen Abgabe getroffen hätte. Aber gerade 
das zeugt für den Charakter dieser Abgabe als wahre Einkommen- 
steuerart, die sich nur an das Einkommen und nicht an die Kapitalien 
anschloß, durch die es gewonnen wurde. In gleichem Maße ist dafür 
aber auch die andere Methode kennzeichnend, die sich der Um- 
rechnungssätze bediente, also auch von dem den Steuerpflichtigen als 



S. 44 — 45. Darauf lassen auch die Steuerbefreiungen der Dienstboten usw. in be- 
sonderen Fällen schließen (vgl. S. 38 Anmerkung 5). 

1) Vgl. fürUlmrKölle, a. a. 0., S. 125; für Basel: G. Schönberg, a. a. 0., 
S. 259; für Speyer: Boos, a. a. 0., III, S. 249; für Bern: Karl Schindler, 
Finanzwesen und Bevölkerung der Stadt Bern im 15. Jahrhundert, Berner Disser- 
tation, 1900, S. 27. Nach Hub er (a. a. 0., S, 60) wird hierzu auch Hildesheim zu 
rechnen sein. 

2) Vgl. Bti ch er , Zwei mittelalterliche Steuerordnungen . . ., a. a. 0., S. 131, 153. 
8) Vgl. Sander, a. a. 0., S. 337 und K Hegel, Städte Chroniken . . ., II, 

S. 16—17, bes. S. 16, Anm. 9. 

4) Nach Wilh. Staude (Die direkten Steuern der Stadt Rostock im Mittel- 
alter, Freiburger Dissertation, Schwerin 1912, S. 32) traf diese Art der Besteuerung 
auch in Eostock für einen Teil der Kenten — für die von der Stadt gezogenen 
Kenten — zu. Ferner wurde auch in Ueberlingen (nach Schäfer, a. a. 0., S. 135) 
bei der „Anlage" — einer von Ueberlingen zugehörigen ländlichen Gebieten erhobenen 
Steuer — eine Steuer des Eenteneinkommens erhoben. Allerdings liegt dieser 
Angabe eine Steuerordnung von 1607 zugrunde, mit der aber (nach Schäfer, a. a. 0., 
S. 135, Anm. 1) die Ordnungen von 1566, 1583 und 1595 sachlich durchaus über- 
'einstimmen. 

5) Vgl. z.B. für Eostock: Staude, a. a. 0., S. 30—31; für Braunschweig: 
Fahlbusch, a. a. 0., S. 116; für Lübeck: Hartwig, a. a. 0., S. 42—43; für 
Dortmund: Karl Eübel, Dortmunder Finanz- und Steuerwesen, I, Dortmund 1892, 
S. 38: für Augsburg: Chr. Meyer, Der Haushalt einer deutschen Stadt . . ., S. 565 
und Hegel, Städtechroniken . . ., IV, S. 137. 

6) Vgl. Heidenhain, a. a. 0., S. 77 u. S. 80—81. 



48 Otto Nathan, 

Teil ihres Einkommens zufließenden Ertrage ausging. Ja, man wird '' 
sogar berechtigt sein, auch in jenen Steuerordnungen, die den von 
den Steuerpflichtigen geschätzten Verkaufswert der Renten zur 
Grundlage ihrer Leistungen machten, deutliche Elemente einer Ein- 
kommensbesteuerung zu sehen. Der ursprüngliche Verkaufswert der 
Eente hatte sich ja bei ihrem, besonders in der früheren Zeit, nicht 
selten über Jahrhunderte ausgedehnten Bestand — als Reallast- 
berechtigungen auf den Grundstücken! — völlig verschoben, und 
der Rentenempfänger wird nur durch Umwertung der Rente in 
Kapital, auf Grund der gerade herrschenden Sätze, ihren Verkaufs- 
wert haben berechnen können. 

Wurden bei der Eigenart des mittelalterlichen Kreditwesens die 
Renten fast immer ^) dem Grund und Boden oder den Gebäuden, 
auf denen sie ruhten, gleichgeachtet ^) und häufig wohl kaum als 
Zinseinkommen ausgeliehener Kapitalien empfunden, so liegt der 
Gedanke nahe, daß die Grundstücke und Gebäude in gleicher oder 
ähnlicher Weise wie die Renten zur Steuer herangezogen wurden. 
Tatsächlich finden sich auch neben Städten^), in denen die Steuer- 
pflichtigen ihr Vermögen als Ganzes nach dem Geldwert einschätzen 
und nach einem oder mehreren*), nach besonderen Merkmalen ab- 
gestuften Sätzen versteuern mußten, andere stadtstaatliche Orga- 
nismen^), die die einzelnen Vermögensbestandteile, teilweise auch 
mit einem abgestuften Steuerfuße, zur Abgabe heranzogen. Diese 
wurden hierbei entweder mit festen, mit Rücksicht auf ihren indi- 
viduellen Wert nicht veränderlichen Sätzen getroffen^), oder die 
Gegenstände der Fahrnis wurden nach ihrem Geldwert berechnet, 
während die Grundstücke und Gebäude von ihren Besitzern wie die 




1) Nach Hub er (a. a. 0., S, 60) rechnet das Hildesheimer Stadtrecht die 
Kentenbezüge seit 1300 zum mobilen Vermögen. 

2) Nach Bothe (a. a. 0., S. 33, Anm. Ij wurden in Frankfurt a. M. noch 1611 
„alle Kenten, Zinsen, Gülten, ewig oder ablösig, Pacht, verpfändete Schulden, Erb- 
beständnisse „„samt den Briefen und Verschreibungen, über solche Stücke sagend"" 
zur liegenden Habe gezählt". 

3) Vgl. für Braunschweig: Fahlbusch, a. a. 0., S. 102—103, 107; für 
Basel : G. S c h ö n b e r g , a. a. 0., S. 259 ; für Augsburg : H e g e 1 , Städtechroniken . . ., 
IV, S. 137; für Bern: Schindler, a. a. 0., S. 27; für Danzig: Max Foltz, Ge- 
schichte des Danziger Stadthaushalts (Quellen und Darstellungen zur Geschichte 
Westpreußens, Nr. 8), Danzig 1912, S. 46, 50—52, 238; für Hildesheim: Hub er, 
a. a. 0., S. 60; für Lübeck: Hartwig, a. a. 0., S. 40—44; für Mainz: Hegel, 
Städtechroniken . . ., XVIII, S. 99; für Nördlingen: Dorner, a. a. 0., S. 12, 79; 
für Regensburg: Gemeiner, a. a. 0., II (1803), S. 325; für Konstanz: Schulte, 
a. a. 0., S. 621; für Speyer: Boos, a. a. 0., III, S. 249; für Trier: Rudolph, 
a. a. 0.. S. 758; für Ueberlingen: Schäfer, a. a. 0., S. 120—121, 135—136; für 
Ulm: Kölle, a. a. 0., S. 55, 124. 

4) Siehe unten S. 50-51. 

5) Vgl. für Frankfurt a. M. : Bücher, Zwei mittelalterliche Steuerordnungen . . ., 
S. 130 ff.; für Nürnberg: Sander, a. a. 0., S. 337—338 und Hegel, Städte- 
chroniken . . ., II, S. 16—17; für Worms: Boos, a. a. 0., III, S. 250; für Rostock: 
Staude, a. a, 0., S. 29—30; für Augsburg: Hegel, Städtechroniken . . ., IV, 
S. 137. 

6) So Worms (Boos, a. a. 0., III, S. 250) und Prankfurt (Bücher, Zwei 
mittelalterliche Steuerordnungen . . ., S. 130 ff.). 



grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 49 

Renten nach Sätzen versteuert werden mußten, die an den jeweiligen 
Ertrag anknüpften ^) und diesen Einkommensbestandteil der Liegen- 
ßchaftsinliaber zum Steuerobjekt machten. 

An der Heranziehung der verschiedenen Einkommenskategorien 
zur Besteuerung sind also Zweifel nicht zulässig. Hat sich nun 
auch in den Steuersystemen eine Scheidung nach fundiertem und 
unfundiertem Einkommen geltend gemacht? Darüber läßt sich die 
wünschenswerte Klarheit nicht gewinnen, weil uns nirgends eine reine 
Einkommensteuer entgegentritt, die daraufhin geprüft werden könnte, 
ob sie abgestuft die einzelnen Einkommenskategorien heranzog. Zu- 
dem finden sich die Einkommensteuereleriiente in den Vermögens- 
steuern eingearbeitet; die Abstufungen, die da begegnen, sind also 
zwischen zwei verschiedenen, nicht vergleichbaren Größen, zwischen 
Vermögen und Einkommen, vorgenommen, wodurch die Berechnung 
eines Verhältnisses unmöglich gemacht wird. Schließlich fand ja auch 
das Arbeitseinkommen, also der unfundierte Teil des Einkommens, 
wie wir gesehen haben, keinen konkret faßbaren Ausdruck. So 
können auch die Berechnungen, die Härtung anstellt'^), kaum be- 
friedigen. Härtung versuchte, an Hand von uns überlieferten 
Arbeiter- und Handwerkerverdiensten, die Belastung zu finden, die 
deren Einkommen durch die in Augsburg im Jahre 1475 eingeführte 
Zuschlagssteuer erfuhr, und damit diejenige zu vergleichen, die die 
in irgendwelcher Form arbeitenden großen Vermögen zu ertragen 
hatten. Die Ergebnisse, zu denen Härtung kommt — und die nach 
mehr denn einer Richtung interessant scheinen — können aber doch 
nur mit großer Vorsicht benutzt werden, da alle Grundlagen, von 
denen er ausgeht, sowohl die Arbeiter- und Handwerkereinnahmen, 
wie die Verzinsungsziffern der großen Vermögen usw. in keiner 
Weise fest verbürgt sind. 

Wenn Härtung aus einem anderen Teile seiner Berechnungen 
folgern zu können glaubt^), daß das unfundierte Einkommen schwächer 
belastet gewesen sei, als das fundierte*), so können wir uns auch 
hier seinen Ergebnissen nicht anschließen und sie nicht für unsere 
Untersuchungen verwerten. Denn Härtung stützt auch diese Be- 
rechnungen auf keineswegs sichere Annahmen und wendet irrtüm- 
licherweise auf in Handels- oder Gewerbebetrieb arbeitendes Kapital 



1) So in Nürnberg (vgl. Sander, a. a. 0., S. 337) und teilweise in Frankfurt 
(vgl. Bothe, a. a. 0., S. 57—58 und Bücher, Zwei mittelalterliche Steuer- 
ordnungen . . . , S. 130 ff.), Augsburg (vgl. Hegel, IV, S. 137) und nach Staude 
(a. a. 0., S. 29-30) auch Eostock. 

2) Die Augsburger Zuschlagssteuer . . ., S. 112 ff. 

3) a. a. 0., S. 119. 

4) Bemerkenswert ist übrigens, daß Härtung an dieser Stelle Einkommen 
aus als Leihgeld verwandtem Kapital und aus solchem, das in Handels- oder Ge- 
werbebetrieb arbeitete, gegenüberstellt — also in beiden Fällen fundiertes Ein- 
kommen! An anderer Stelle, wo er wirklich die Besteuerung des unfundierten 
Einkommens, des Arbeitsertrages, mit der des fundierten Einkommens vergleicht, 
kommt er zu wesentlich anderen Ergebnissen. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 4 



50 Otto Nathan, 

die gleichen Steuersätze an als auf zinsbar ausgeliehenes Geld, also 
auf Renten ^). 

Hiermit kommen wir auf ein Letztes, auf die äußerst interessante 
verschiedene Höhe der Steuersätze. Die hauptsächlichste Abstufung 
nämlich, die sich in den Steuersätzen findet, ist die zwischen liegender 
und fahrender Habe, zwischen Liegenschaften und Fahrnis. Sie findet 
sich ebenso in solchen Städten und Steuerordnungen, die die Ver- 
mögensstiicke nach ihrem Geldwert erfaßten ^), als auch da, wo sich 
die Besteuerung auf den Ertrag oder auf Sätze, die für jeden Vermögens- 
bestandteil genau bestimmt waren, stützte ^). Zu den Liegenschaften 
zählten fast überall, wie wir schon feststellten*), neben dem Grund 
und Boden und den Gebäuden auch die Renten; die Liegenschaften 
umfaßten also einen Teil der Einkünfte, die wir heute als „fundiertes 
Einkommen" bezeichnen — Grundrente und Kapitalzins — , außer- 
dem aber auch die Kapitalien oder Werte selbst, aus denen jene 
flössen. Ueberall, wo wir nun verschiedene Steuersätze iür Fahrnis 
und Liegenschaften angewandt finden, wurde die fahrende Habe — 
meist das Nutzvermögen, Bargeld und Waren ^) — stärker, gewöhn- 
lich doppelt so stark zur Steuer herangezogen, als die Liegen- 
schaften. Hier finden wir also gerade das entgegengesetzte Ver- 
hältnis in der Heranziehung der Vermögenswerte, als wir es nach 
unseren modernen Begriffen erwarten sollten: die Liegenschaften 
und Renten, die ihren Besitzern gesicherte, arbeitslose Erträge 
liefern, werden doppelt so stark besteuert als reines Nutzvermögen, 
als Handelswaren und seinem Besitzer häufig wohl recht unproduk- 
tives Bargeld! Der Umfang, den diese Besteuerungsart im Mittel- 
alter hatte — sie begegnet uns ja in mehreren Städten ver- 
schiedenster Gegenden und zu ganz verschiedenen Zeiten — , zwingt 
zu der Annahme, daß hier keine zufällige oder willkürliche Ein- 
richtung^) getroffen wurde, sondern daß wichtige ökonomische Zu- 




1) Auf diesen Irrtum macht auch Heidenhain (a. a, 0., S. 39, Anm.) aufr 
merksam. 

2) Vgl. für Konstanz: Aloys Schulte, Geschichte des mittelalterlichen 
Handels und Verkehrs zwischen Westdeutschland und Italien mit Ausschluß von 
Venedig, Leipzig I (1900), S. 612— 621; für Augsburg: Härtung, Die Augsburger 
Zuschlagssteuer . . ., S. 103—104; für Ulm: Kölle, a. a. 0., S. 54—55, 124 und 
Schulte, a. a. 0., S. 612; für Ueberlingen: Schäfer, a. a. 0., S. 120 (Steuer- 
ordnung von 1560!); für Trier: Eudolph, a. a. 0., S. 758. 

3) Für Frankfurt: Bothe, a. a. 0., S. 39; Nürnberg: Sander, a. a, 0.,. 
S. 337-338. 

4) Vgl. oben S. 43 u. 48. 

5) Für die Besteuerung kamen allerdings nach Heidenhain's Annahme 
(a. a. 0., S. 40—47) von der fahrenden Habe nur Bargeld und Ware zum Verkauf 
m Betracht. 

6) Auch da, wo statt der Besteuerung nach dem Geldwert die Steuer- 
veranlagung nach dem Ertrag begegnet, kann es sich unseres Erachtens nicht um 
zufällige wülkürliche Maßnahmen handeln. Das schon deshalb nicht, weil mehrfach 
beide Besteuerungsmethoden zu gleicher oder verschiedener Zeit in der gleichen 
Stadt vorkommen. Wir wissen ja nun (vgl. oben S. 33 Anmerkung 1), daß es sich bei 
den mittelalterlichen wirtschaftlichen Verhältnissen — kurz der „Mittelalterlichen 
Stadtwirtschaft" — nicht um einen mehrere Jahrhunderte lang stationären Zustand, 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 51 

sammenhänge, die uns noch unbekannt sind, zu diesem eigenartig 
gestalteten Steuerfuß Veranlassung gegeben haben. Wir hatten 
hier diese Feststellung zu machen, um unser Unvermögen zu er- 
klären, die oben gestellte Frage, ob die Steuersysteme der mittel- 
alterlichen Städte zwischen fundiertem und unfundiertem Einkommen 
schieden, zu beantworten; darüber hinaus ist aber hier nicht der 
Ort, in eine Kritik der Versuche einzutreten, die verschiedentlich 
unternommen worden sind^), um diese auffällige Erscheinung zu 
deuten. Es mag immerhin erwähnt werden, daß keiner dieser Ver- 
suche befriedigen kann. Auch die neuerdings von Heidenhain 
mit vielem Scharfsinn ausgearbeitete Auslegung % die sich möglichst 
an die konkreten wirtschaftlichen Verhältnisse des Mittelalters an- 
lehnt, kann nicht ganz überzeugen^). 

Es erübrigt sich hier noch, die mehr methodologische Frage zu 
beleuchten, wie weit sich die mittelalterlichen Besteuerungsarten 
als Einkommen- oder als Ertragssteuern charakterisierten. Vieles 
spricht gegen die begriffliche Einteilung in Einkommensteuern*); 
wir erinnern nur daran, daß unseres Wissens nirgends das gesamte 
Einkommen, das hinsichtlich seiner genauen begrifflichen Abgrenzung 
und Festlegung so stark umkämpfte Charakteristikum der modernen 
Einkommensteuergesetzgebung, als Maßstab der Besteuerung be- 
gegnet und immer nur einzelne Einkommensteile den Vermögens- 
steuern eingegliedert werden. Anderes hingegen, wie die eidlichen 
Fassionen und die starke Anlehnung der Abgaben an das Steuersubjekt, 
die doch meistens zu einer Zusammenfassung seiner Leistungsfähigkeit 



sondern um eine Entwicklung, eine Bewegung handelt. Nur aus ihr heraus werden 
sich diese Eigentümlichkeiten erklären lassen; vorläufig sind aber die einzelnen 
Phasen dieser Entwicklung, vor allem für jede einzelne Stadt, noch zu wenig be- 
kannt. Die beiden Erklärungsversuche dieser verschieden gearteten Besteuerung 
(vgl. Bücher, Steuerordnungen . . ., S. 138 — 139 und Heidenhain, a. a. 0., 
S. 10 — 23) können kaum ganz befriedigen. 

1) Vgl. Härtung, Die Augsburger Zuschlagssteuer . . ., S. 104 und passim; 
Bothe, a. a. 0., S. 39 f., 43, 60, 67 ; Hartwig, a. a. 0., S. 46— 47 ; Moll, a.a.O., 
S. 51. 

2) a. a. 0., S. 23—53. 

3) Ob sich B üch er s Annahme (s. oben S. 44), in den mittelalterlichen Stadt- 
staaten hätten sich Einkommen und Vermögen noch nicht klar voneinander abge- 
schieden, gerade aus den Steuerordnungen rechtfertigen läßt, scheint also doch 
mindestens zweifelhaft. Die Generalisierung zweier Beispiele ist immer gefährlich. 
Ganz besonders muß dies aus den öfters angeführten Gründen (vgl. z. B. S. 46) 
auf steuerlichem Gebiete der Fall sein. So dürfte es sich auch empfehlen, aus den 
beiden von Bücher (Steuerordnungen . . ., a. a. 0.) angeführten Steuerordnungen 
nicht zu weitgehende Schlüsse auf das mittelalterliche Steuerwesen zu ziehen. 

4) Ganz besonders groß müssen die Schwierigkeiten bei der Kennzeichnung 
einer Abgabe als Einkommensteuer sein; denn da ja schon der Begriff des Ein- 
kommens äußerst umstritten ist, kann auch der Begriff der Einkommensteuer nicht 
einheitlich sein. Immerhin glaubten wir, davon ausgehen zu können, daß der 
Sprachgebrauch — auch der wissenschaftliche — heute unter Einkommensteuer 
eine Steuer versteht, die das gesamte Einkommen zur Abgabe heranzieht; in 
anderen Fällen spricht man eben von „partieller" oder „spezieller" Einkommen- 
steuer. Deshalb wird man nicht unbedingt dem Vorschlag von Manes (a. a. 0., 
S. 106), die Steuer als „Gesamteinkommensteuer" zu bezeichnen, zustimmen können. 

4* 



52 Otto Nathan, Grundsätzl. üb. d, Zusammenh. zw. Volkswirtsch. u. Steuern. 

in dessen Person und nicht zu einer gesonderten Veranlagung nach 
einzelnen Steuerobjekten führte, läßt auch die Begriffsbestimmung 
als Ertragssteuer nicht angängig erscheinen, für die doch die ge- 
trennte Erfassung des Ertrages aus Arbeitseinkommen, aus Kapital- 
und Grundbesitz, aus gewerblicher Tätigkeit usw. typisch ist. In 
besonders anschaulicher Weise zeigt es sich hier^), wie schwierig 
es häufig ist, Begriffe, die erst neuzeitliches Leben und die moderne 
Entwicklung gebildet haben, auf alte Formen und Einrichtungen 
früherer Zeiten übertragen zu wollen, wenn man nicht, wie es häufig 
geschieht, Einzelerscheinungen verallgemeinern will. Es wird aber 
auch klar, wie nahe verwandt diese beiden Steuerarten sind und 
wie flüssig die Grenzen, die sie scheiden. Wir haben, allerdings 
unter diesen Vorbehalten, in unserer Darstellung diese in die Ver- 
mögenssteuern des Mittelalters eingestreuten Besteuerungselemente 
als partielle Einkommensteuern kennzeichnen zu müssen geglaubt, 
weil uns die starke Heranziehung des Steuersubjektes in der Er- 
fassung seiner Leistungsfähigkeit durch eine Steuer, die allerdings 
in sich gegliedert ist, gegen die Ertragssteuer ausschlaggebend zu 
sein scheint. 



1) Was Man es (a. a. 0., S. 110) von der englischen Subjektsteuer von 1166 
sagt, trifft auch in unserem Falle zu: „Daß man dabei zwischen Vermögen, Ertrag 
und Einkommen keine scharfen Grenzen zog, daß man in einem und demselben 
Steuergesetz Auflagen anordnete, welche man heute einzeln als Vermögens-, Er- 
trags- nnd spezielle Einkommensteuern bezeichnet, ist sehr natürlich." 



I 



(Fortsetzung folgt im nächsten Heft.) 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 53 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 



Die wirtschaftliche Gesetzgebung des Deutschen 

Reiches. 

(Die Zeit vom 1. Januar bis 31. März 1921 umfassend.) 
Von Dr. Johannes Müller*Halle, Weimar, 
Vorbemerkung: Wegen der Uebersichten für 1920 vgl. Bd. 61, S. 244. 

I. Gesetze, Verordnungen usw., die den Wiederaufbau des 
Wirtschaftslebens betreffen. 

Gesetz gegen die Kapitalflucht. Vom 24. Dezember 1920 
(RGBl. 1921, S. 33 ff.). 

Auf in- oder ausländische Währung lautende Zahlungsmittel dürfen nur durch 
Vermittlung von Banken nach dem Ausland versandt oder überbracht werden ; für 
gewisse (geringe) Höchstsummen sind Ausnahmen zugelassen. Die Banken haben 
von allen Versendungen u. ä. m. dem zuständigen Finanzamt Mitteilung zu machen; 
die gleiche Mitteilung an das Finanzamt hat bei der Auslieferung ausländischer 
Wertpapiere an Privatpersonen im Inland zu erfolgen. Einer im Ausland ansässigen 
Person oder Firma darf ein auf Reichswährung lautender Kredit nur mit Ein- 
willigung der Reichsbank eingeräumt werden. 

Der Reichsönanzminister wird ermächtigt, durch Verordnung Maßnahmen zur 
steuerlichen Erfassung geflüchteten oder versteckten Vermögens zu treffen. — Die 
bisherigen Bestimmungen, die durch dieses Gesetz kodifiziert werden, werden auf- 
gehoben. 

Bekanntmachung betr. das Abkommen über die Erhaltung 
oder Wiederherstellung der durch den Weltkrieg betrof- 
fenen gewerblichen Eigentumsrechte. Vom 14. Januar 1921 
(RGBl. S. 83 f.). 

Japan, Ceylon und Trinidad sind dem genannten Abkommen (vgl. Bd. 60, 
S. 510) beigetreten, nach Bekanntmachung vom 26. März 1921 (RGBl. S. 446) auch 
Dänemark, Jugoslavien und Neu-Seeland. 

Gesetz betr. eine weitere vorläufige Regelung des Reichs- 
haushalts für das Rechnungsjahr 1920. Vom 22. Januar 1921 
(RGBl. S. 87). 

Der Teuerungszuschlag zum Grundgehalt der Beamten war durch Gesetz vom 
8. Mai 1920 auf 50 v. H. festgesetzt worden. Er wird jetzt mit Wirkung vom 
1. Januar 1921 ab für die Orte 

der Ortsklasse A auf 70 v. H. 
« » B « 67 „ „ 

n n ^ w "5 » » 

» » ß » 60 „ „ 



J54 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

festgesetzt. Vgl. auch Gesetz vom 11. Dezember 1920, Bd. 60, S. 245 und Haus- 
haltspläne 1920 und 1921, unten S. 58 f. 

Gesetz betr. die weitere vorläufige Regelung des Reichs- 
haushalts für das Rechnungsjahr 1920, Vom 2. Februar 1921 
(RGBl. S. 135 ff.). 

Die Keichsregierung wird ermächtigt, bis zur gesetzlichen Feststellung des 
Keichshaushaltsplanes für den Monat Februar 1921 alle Ausgaben zu leisten, die 
zur Erhaltung gesetzlich bestehender Einrichtungen, zur Durchführung gesetzlich 
beschlossener Maßnahmen u. ä. m. erforderlich sind (für die Monate April bis 
Januar 1921 waren die gleichen Ermächtigungen durch Gesetze vom 31. März, 
6. Juli 1920, 30. Oktober und 20. Dezember 1920 ausgesprochen worden). Außer- 
dem werden u. a. zur Verfügung gestellt: 

400 Mill. M. für die durch innere Unruhen verursachten Schäden, 
1325 Mill. M. zur Verbilligung von Auslandsmais für Futterzwecke, 
5550 Mill. M. zur Verbilligung von Auslandsgetreide und Auslandsmais für 

die Brotversorgung, 
500 Mill. M. zur Erleichterung der Einfuhr von Kohstoffen für phosphor- 
säurehaltige Düngemittel, 
400 Mill. M. für Ueberteuerungszuschüsse zu Handelschiffsneubauten. 

Zur Bestreitung dieser Ausgaben darf der Eeichsfinanzminister 11 Milliarden M. 
Kredite aufnehnen, außerdem 1 Milliarde M. für die voraussichtlichen Fehlbeträge 
und einmaligen Ausgaben der Eisenbahnen. — Vgl. auch das Gesetz vom 26. Fe- 
bruar 1921, unten S. 55. 

Gesetz über die Betriebsbilanz und die Betriebgewinn- 
und -Verlustrechnung. Vom 5. Februar 1921. 

Die nach dem Betriebsrätegesetz (vgl. Inhaltsangabe in Bd. 60 S. 35 ff. und 
III A, Absatz 3 Ziffer a) vorzulegende Betriebsbilanz muß für sich allein die Be- 
standteile des Vermögens und der Schulden des Unternehmens derart ersehen lassen, 
daß sie unabhängig von anderen Urkunden eine Uebersicht über den Vermögens- 
stand des Unternehmens gewährt. Nötigenfalls sind noch erläuternde Auskünfte 
zu geben. 

Verordnung betr. Aenderung der Postordnung vom 2 8. Juli 
1917. Vom 17. Februar 1921 (RGBl. S. 170ff.). 
Die Eilbotengebühren werden erhöht u. ä. m. 

Bekanntmachung betr. den Internationalen Verband zum 
Schutze des gewerblichen Eigentums und das Abkommen 
über die Erhaltung oder Wiederherstellung der durch den 
Weltkrieg betroffenen gewerblichen Eigentumsrechte. Vom 
11. Febr. 1921 (RGBl. S. 174). 

Jugoslavien zeigt seinen Beitritt zu der Pariser Verbandsübereinkunft vom 
20. März 1883 zum Schutze des gewerblichen Eigentums (mit Nachtragsverträgen) 
sowie zum Berner Abkommen vom 30. Juni 1920 — vgl. Bd. 60 S. 510 — an. 

Gesetz betr. die vorläufige Förderung des Wohnungsbaues. 
Vom 12. Februar 1921 (RGBl. S. 175 f.). 

Die Länder sind verpflichtet, zur Förderung des Wohnungsbaues in den 
Rechnungsjahren 1921 und 1922 zusammen mindestens einen Betrag von 30 M. aiif 
den Kopf der Bevölkerung aufzuwenden. Zur Deckung der aufzuwendenden Be- 
träge haben die Länder für die Kechnungs jähre 1921 bis längstens 1940 eine Ab- 
gabe von den Nutzungsberechtigten solcher Gebäude zu erheben, die vor dem 
1. Juli 1918 fertiggestellt sind. Die in Frage stehenden Beträge können jedoch 
auch im Wege von Zuschlägen zu Steuern vom bebauten Grundvermögen erhoben 
werden. 



I 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 



55 



Gesetz betr. die weitere vorläufige Regelung des ßeichs- 
haushalts für das Rechnungsjahr 1920. Vom 26. Februar 1921 
<RGB1. S. 193 f.). 

Die gleiche Ermächtigung, die der Reichsregierung durch Gesetz vom 2. Februar 
1921 (Vgl. oben S. 54) für den Monat Februar erteilt worden ist, wird ihr durch 
vorliegendes Gesetz auch für den Monat März erteilt, und hierfür die Beschaffung 
von 2V2 Milliarden M. im Wege des Kredits gestattet. Fernerhin wird der Reichs- 
finanzminister ermächtigt, zur Bestreitung einmaliger außerordentlicher Ausgaben 
für die Ausführung des Friedensvertrages 6 Milliarden M. im Wege des Kredits 
flüssig zu machen. 

Gesetz betr. zeitweise Aussetzung der Erhebung der Ver- 
kehrssteuer für die Beförderung auf Wasserstraßen. Vom 
ö. März 1921 (RGBl. S. 225). 

Die Regierung wird ermächtigt, die Erhebung der Verkehrssteuer — vgl. 
Gesetz vom 8. April 1917, Bd. 56 S. 49f. — für die Beförderung auf Wasserstraßen 
zeitweise auszusetzen. 

Bekanntmachung betr. den Beitritt Oesterreichs zur revi- 
dierten Berner internationalen Urheberrechtsübereinkunft 
vom 13. November 1908 undZusatzprotokollzudieserUeber- 
einkunft vom 2 0. März 1914. Vom 4. März 1921 (RGBl. S. 225). 

Nach Bekanntmachung vom 29. Mai 1921 (RGBl. S. 449) ist auch die Tscheche- 
Slowakei beigetreten. 

Gesetz über Postgebühren. Vom 22. März 1921 (RGBl. S. 237 ff.). 

Die Postgebühren erfahren eine abermalige Erhöhung. Die Entwicklung der 
Gebühren für die wichtigsten Sendungen seit Kriegsbeginn ist nunmehr folgende 
gewesen: (in Pfennigen) 



Gebühren für 



tu 


Nach Gesetz 

vom 
21. Juni 1916 


5 


7V2 


IG 


15 


5 


7V2 


3 


3 


5 


5 


IG 


IG 


2G 


2G 


2G 


20 


3G— 6g 


3G— 60 


25 
50 


30 
60 



o 



QO 




tH 


05 


S2>S 


»H 






(M 





Nach Gesetz vom 
29. April 1920 



O 



a N 



(M 



Briefe, Ortsverkehr bis 20 g 

„ Femverkehr „ 20 „ 

Postkarten, Fernverkehr 

Drucksachen bis 50 g 

50—100 „ 

„ 100—250 „ 

250—500 „ 

Postanweisungen 5 — 100 M. } 



über 100 



/ 

'} 



Pakete bis 5 kg Nahzone 
„ » 5 „ Femzone 

Gesetz zur Aenderung des 
22. März 1921 (RGBl. S. 242 f.). 

Die Postscheckgebühren werden erhöht 
durchgemacht (in Pfennigen) ^) 



IG 


15 


15 


2G 


IG 


15 


5 


5 


7V2 


IG 


15 


2G 


25 


30 


25 


40 


4G— 70 


60 — lOG 


40 


75 


75 


125 



40 
40 
30 

IG 
2G 
40 
60 

( bis 50 M. 50 

\ 50 — 25G „ IGG 
/2SG— 50G „ I5G 
\5GO — lOGO „ 200 

125 

20G 



40 
60 
40 

15 
30 
60 
80 

50 
100 

150 
2GG 
300 
400 

Vom 



Postscheckgesetzes. 

Sie haben folgende Entwicklung 



1) Die Zahlen sind nicht ganz genau vergleichbar, da die Einzel- 
5)estimmungen der drei Gesetze sich nicht genau decken. Immerhin gibt nachstehende 
Zusammenstellung für den Maßstab der Erhöhung ausreichende Anhaltspunkte. 



56 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 



Art der 
Gebühren 



Nach Gesetz vom 
24. März 1914 



Nach Gesetz vom 
8. September 1919 



Nach Gesetz vom 
22. Mai 1921 



Einzahlungs- 
gebühr 

bis 25 M. 
25— 50 „ 
50-500 „ 
über 500 „ 
Auszahlungs- 
gebühr 



lo + Vio V. T. 

des ausgezahlten 

Betrages 



25 

50 
100 — 200 



S + Vio V. T. 

des ausgezahlten 

Betrages 

Gesetz betr. Aenderung der Telegraphengebühren 
22. März 1921 (RGBl. S. 243). 

Die Telegraphengebühr wird wiederum erhöht 
Entwicklung genommen: 

Friedensbetrag 

Gesetz vom 21 

VI «■ 26. 

« 

» » 6 
. 22. 



30+Vio V. T. 

des ausgezahlten 

Betrages 

Vom 



sie hat (für ein Wort) folgende 

5 Pf. 

7 „ 



Juni 1916: 
JuU 1918: 
Sept. 1919: 10 
Mai 1920: 20 
März 1921: 30 „ 

Verordnung betr. die Aenderung der Rohrpostordnung für" 
Berlin vom 3 0. Januar 1909. Vom 22. März 1921 (RGBl. S. 245f.). 

Die Eohrpostgebühren werden wiederum erhöht. Sie haben folgende Ent- 
wicklung genommen (in Pfennigen für einen Rohrpostbrief): 
Friedensbetrag: 30 Pf. 

Gesetz vom 26. Sept. 1919: 60 „ 
„ „ 30. April 1920: 1,40 M. 
„ „ 22. März 1921: 2,25 „ 

Gesetz zur Aenderung des Einkommensteuergesetzes. 
Vom 24. März 1921 (RGBl. S. 313 ff.). 

Neben einer Reihe weniger wesentüeher Aenderungen wird vor allem eine- 
starke Herabsetzung der unteren Steuerstufen vorgenommen. 

Die Steuerstufen lauten nunmehr: 
für die ersten angefangenen oder voUen 24000 M. des Einkommens 



weiteren 



6000 

5000 

5000 

5000 

5000 

70000 

80000 

200 000 



Beträge 



10 
20 

25 
30 

35 
40 

45 
50 
55 
60 



V. E. 



Während weiterhin bisher 1500 M. als Existenzminimum mit Zuschlägen von 
500 und 700 M. für weitere Haushaltungsangehörige (vgl. im einzelnen Bd. 60 S. 39) 
steuerfrei waren, ist zwar nach vorliegendem Gesetz das ganze Einkommen steuer- 
pflichtig, es werden aber Ermäßigungen der Steuern vorgenommen, die bei dem 
Steuerpflichtigen selbst 120 M. (bei 10 v. H. Steuer also gleich einem steuerfreien 
Einkommen von 1200 M.), ebenso für weitere Haushaltsangehörige 120 M. beträgt ^). 



1) bei Einkommen über 60000 M. 
mäßigung ! 



nur je 60 M., über 100000 M. keine Er- 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 



57 



Eine ftinfköpfige Familie mit niedrigem Einkommen hatte also nach altem Gesetz 
3900 M., nach neuem 6000 M. steuerfreies Einkommen. 

Im folgenden seien einige Steuerstufen dieses Gesetzes neben die des alten 
Gesetzes vom 29. März 1920 gestellt: 

Es beträgt die Steuer vom steuerpflichtigen Einkommen: 



für die ersten vollen oder angefangenen 
„ d. vollen od. angefang. Einkommensteü v. 



bei dem Einkommensteil von 











Gesetz vom 








29. 


Mai 


24. März 








1920 


') 


1921 2) 




I 000 


M. 


10 


V. 


H. ^ 




I ooo — 


2 000 


jj 


II 


n 


>f 




2 000 — 


3 000 


M 


12 


n 


n 


10 V. H. 


14000 — 


15 000 


n 


24 


» 


» 




21 000 — 


23 000 


n 


28 


» 


n ^ 




28 000 — 


31 000 


» 


31 


n 


» 


20 r, » 


31 000 — 


34000 


n 


32 


n 


» 


25 „ „ 


37000— 


40000 


n 


34 


n 


n 


30 ;, „ 


40 000 — 


45 000 


n 


35 


r> 


» 


35 n „ 


45 000 — 


50000 


n 


36 


n 


n 


40 „ „ 


70000 — 


75000 


n 


41 


n 


» 


45 „ „ 


15 coo — 


[ 20 000 


» 


47 


n 


» 


45 r> „ 



des 



zum 
März 



usw. mit nur noch geringen Abweichungen gegen die Sätze des früheren Grades. 
Auch die Bestimmungen über die Anrechnung gezahlter Kapitalertragssteuer 
werden abgeändert. Es werden jetzt angerechnet bei einem Einkommen von 
bis 5 000 M. 100 V. H. der gezahlten Steuer 
5 000 — 6 000 y, 90 „ „ „ „ „ 

usw. in gleichen Stufen bis 
13000 — 14000 M. 10 V. H. der gezahlten Steuer. 

(Wegen der früheren Kegelung vgl. Bd. 60, S. 40.) 

Die Einhebung der Steuer geschieht wie bisher durch Abzug vom Gehalt 
bzw. Lohn durch den Arbeitgeber. 

Gesetz betr. die Verlängerung der Gültigkeitsdauer 

Kohlensteuergesetzes. Vom 19. März 1921 (RGBl. S. 325). 

Die Gültigkeitsdauer des Kohlensteuergesetzes, die ursprünglich bis 
31. Juli 1920 vorgesehen, dann nach Gesetz vom 31. Juli 1920 bis zum 31, 
1921 verlängert worden war, wird weiter bis zum 30. Juni 1921 verlängert. 

Verordnung über die Verlängerung der Kündigungsbeschrän- 
kung zugunsten Scbwerbeschädigter. Vom 21. März 1921 
(RGBl. S. 327). 

Die Frist, innerhalb derer einem Schwerbeschädigten nur mit Zustimmung 
einer Hauptfürsorgestelle gekündigt werden darf — vgl. Gesetz vom 6. April 1920 
Bd. 60 S. 226 — , die schon mehrfach verlängert worden ist, wird auf Grund der 
Ermächtigung des Gesetzes vom 22. Oktober 1920 (vgl. Bd. 61 S. 244) bis zum 
30. April 1921 veriängert. 

Gesetz über vorläufige Zahlungen auf die Körperschaf ts- 
8 teuer. Vom 26. März 1921 (RGBl. S. 342). 

Die der Körperschaftssteuer unterliegenden Erwerbsgesellschaften — vgl. Gesetz 
vom 30. März 1920, Bd. 60 S. 40f. — haben ohne besondere Aufforderung 
binnen einem Monat nach Feststellung der Bilanz oder des sonstigen Abschlusses 
als vorläufige Zahlung auf die Körperschaftssteuer 10 v. H. des ausgewiesenen 
Eeingewinnes zu entrichten. 



1^ oberhalb des steuerfreien Einkommens; vgl. wegen diesem dritten Absatz. 
2) einschl. des steuerfreien Einkommens; die Differenz beträgt 1200 M., ist 
also nicht sehr ins Gevricht fallend. 



58 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Gesetz betr. die Feststellung des B-eichshauslialtsplanes 
für dasKechnungsjahr 1920. Vom 26. März 1921 (RGBl. S. 375ff.). 
Der Keichshaushaltsplan schließt in Einnahme und Ausgabe ab: 

a) im ordentlichen Haushalt der allgemeinen Reichsverwaltung mit 40 Milliarden M. 

b) „ außerordentl. „ „ „ „ „ 69 V^ „ „ 

c) „ Haushalt der Reichspost und -Telegraphenverwaltung ^) „ S „ „ 

Einnahme 
„„„„„ „ „8 Milliarden M. 

Ausgabe 

d) „ „ „ Reichseisenbahnen „ 31 Milliarden M. 

Haupteinnahmeposten sind: Direkte Steuern mit 21^/^ Milliarden M., 
Zölle und Verbrauchssteuern mit 9 Milliarden M., Reichsbank mit IV2 Milliarden M., 
an Einnahmen aus Anleihen sind 67 Milliarden M. vorgesehen; die Eisenbahnen 
sollen 15 Milliarden einnehmen, die Post 5 Milliarden M. 

Hauptausgabeposten, ordentliche : Polizeilicher Schutz 1 V4 Milliarden M., 
Reichsheer und Marine 3 Milliarden M., Versorgungsgebühmisse an Kriegsteilnehmer 
3^/4 Milliarden M., Reichsschuldenverwaltung 12 Milliarden M., Ueb erweisungen aus 
Steuereinnahmen an Länder und Gemeinden usw. 9^/2 Milliarden M. ; an einmaligen 
ordentlichen Ausgaben werden für das Reichsministerium für Ernährung und Land- 
wirtschaft 3 Milliarden angefordert, an außenordentlichen Ausgaben 8 Milliarden M., 
das Reichsarbeitsministerium beansprucht an außerordentlichen Ausgaben 4^/4 Milli- 
arden M., Heer und Marine 1^/4 Milliarden M., dann zur Abwicklung der alten 
Wehrmacht weitere 4 Milliarden M. Hauptausgabeposten des außerordentlichen Haus- 
halts sind jedoch der Wiederaufbau mit 6V2 und die Ausführung des Friedensvertrags 
mit 43 Milliarden M. Die Eisenbahnen erfordern löVa Milliarden, die Reichspost 
3 Milliarden M. Zuschuß. 

Der Reichsfinanzminister wird ermächtigt, die noch erforderlichen bislang noch 
nicht beschafften Mittel (ß'/a Milliarden M.) im Wege der Anleihe flüssig zu machen. 

Die Teuerungszuschläge zu den Beamtengehältem werden festgesetzt für 

Grundgehalt und Ortszuschlag Kinderzuschläge 
(vgl. Ges. vom 22. Jan. 1921, (vgl. Ges. vom 11. Dez. 1920, 

oben S. 53 f.) Bd. 61, S. 245) 

Ortsklasse A auf 70 v. H. 150 v, H. 

B „ 67 „ 125 « 

« C „ 65 „ 100 „ 

« 'D „ 60 „ 75 „ 

E „ 55 » 75 „ 

Gesetz betr. die Feststellung des E-eichshausbaltsplanes 
für das Rechnungsiahr 1921. Vom 26. März 1921 (RGBl. S. 405 ff.). 
Der Reichshaushaltsplan schließt in Einnahme und Ausgabe ab 

a) im ordentl. Haushalt der allgemeinen Reichsverwaltung mit 47 Milliarden M. 

b) „ außerordentl. „ „ „ „ „ 44 „ „ 

c) im Haushalt der Reichspost- und Telegraphenverwaltung ^) mit 9 „ „ 
d „ „ „ Reichseisenbahnen 37 » » 

Haupteinnahmeposten sind: Besitz- und Verkehrssteuern: 28 Milli- 
arden M., Zölle und Verbrauchssteuern IOV2 Milliarden M., Sonstige Abgabe 4 Milli- 
arden M., Reichsbank IV2 Milliarden M., die Eisenbahnen sollen 27^2 Milliarden M. 
einnehmen, die Post 5^3 Milliarden M., Reichsnotopfer 8 Milliarden M., Einnahmen 
aus Anleihen sind mit 33 Milliarden vorgesehen. 

Hauptausgabeposten, ordentliche, sind^): polizeilicher Schutz IV4 (IV«) 
Milliarden M., Reichsheer und Marine 37* (3) Milliarden M., Versorgungsgebühmisse 



^ 



einschl. Reichsdruckerei, 
einschl. Reichsdruckerei. 
3) die entsprechenden Ausgabeposten für 1920 sind in Klammern beigefügt. 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 5Ö 

an Kriegsteilnehmer l^U (S^U) Milliarden M., Reichsschuldenverwaltung 15 V2 (12) 
Milliarden M., Ueberweisungen aus Steuereinnahmen an Länder und Gemeinden 
usw. 10 (SVa) Milliarden M. An außerordentlichen Ausgaben sind vorgesehen für 
das Eeichsarbeitsministerium 3 (4V4) Milliarden M., die Ausführung des Friedens- 
vertrags wird 26 (43) Milliarden M. erfordern. An Zuschüssen für die Eisenbahnen 
sind 9V4 (I5V2), darunter jedoch ö'/a Milliarden M. für außerordentliche Aasgaben, 
für die Post SVs (3) Milliarden M. erforderlich. 

Der Reichsfinanzminister wird ermächtigt, für die einmaligen, außerordent- 
lichen Ausgaben 33 Milliarden M. im Wege der Anleihe flüssig zu machen (vgl. 
oben : Haupteinnahmeposten). 

Teuerungszuschläge sind in derselben Note wie für 1920 vorgesehen. 

H. Gesetze, Verordnungen usw., die die TJebergangswirt- 
schaft oder den Abbau der Kriegswirtschaft betreffen. 

Bekanntmachung über Druckpapier. Vom 31. Dezember 1920 
(RGBl. 1921 S. 47 ff.). 

Wie im vergangenen Vierteljahr (vgl. Bek. vom 30. September 1920, Bd. 60, 
S. 515) werden auch im Vierteljahr 1. Januar bis 31. März 1921 für die Zeitungen 
Einschränkungen des Umfanges von 11 — 44^2 Proz. (gegen den Umfang im Jahre 
1915 berechnet) festgesetzt; für kleine Zeitungen werden Ausnahmen vorgesehen. 
Vgl. wegen der früheren Regelungen Bek. vom 19. Juni 1918, Bd. 57, S. 442, 
28. Dezember 1917, Bd. 57, S. 42 f., 30. November 1918, Bd. 58, S. 323, 27. De- 
zember 1918, Bd. 58, S. 325, 23. Dezember 1919, Bd. 59, S. 326, 27. März 1920, 
Bd. 60, S. 48, 24. Juni 1920, Bd. 60, S. 241 und 23. September 1920, Bd. 60, S. 515. 

Bekanntmachung über Druckpapierpreise. Vom 4. Januar 1921 
(RGBl. S. 75 f.). 

Jeder Empfänger von Druckpapier hat den Preis zu zahlen, den er für die 
letzte ihm vor dem 1. Juli 1915 gemachte Lieferung zu zahlen hatte, zuzüglich 
eines Aufschlages von rund 285 M. (bislang rund 395 M.) für 100 kg. 

Verordnung über Kunsthonig. Vom 7. Januar 1921 (RGBl. 
S. 79 f.). 

Die Kunsthonighöchstpreise werden wieder nicht unwesentlich ermäßigt. Sie 
haben nunmehr folgende Entwicklung genommen (für je 1 Pfd. in Pappschachteln) 
14. November 1916 55 Pf. 

7. Dezember 1917 75 „ 

8. November 1918 80 „ 
10. Dezember 1919 370 „ 

1. April 1920 720 „ 

7. Januar 1921 470 „ 

Bekanntmachung zur Aenderung der Ausführungsbestim- 
mungen zur Verordnung über den Verkehr mit Seife, Seifen- 
pulver und anderen fetthaltigen Waschmitteln vom 21. Juni 
1917 (RGBL S. 546)/12. Mai und 28. Juli 1920 (RGBL 
S. 9 74 und 147 9). Vom 13. Januar 1921 (RGBL S. 84f.). 

Seifenpulver wird völlig verkehrsfrei; die Höchstpreise für Feinseife werden 
aufgehoben. 

Verordnung über die Preise für Sommerungssaatgut von Ge- 
treide. Vom 20 Januar 1921 (RGBL S. 88). 

Die Höchstpreise der Verordnung vom 26. Juli 1920 werden etwa um die 
Hälfte erhöht. 

Verordnung über die Einfuhr von Schweineschmalz. Vom 
31. Januar 1921 (RGBL S. 137 f.). 

Schweineschmalz wird einfuhrfrei. — Vgl. folgende Verordnung — . 



60 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Verordnung betr. Aufhebung der Bewirtschaftung von 
Schmalz (Schweineschmalz). Vom 31. Januar 1921 (RGBl. S. 138). 

Schweineschmalz wird verkehrsfrei. — Vgl. Bek. vom 20. Juli 1916. 

Gesetz über den Erlaß von Verordnungen für die Zwecke 
der TJebergangswirtschaft. Vom 6. Februar 1921 (RGBl. S. 139f.). 

Bis zum 1. April 1921 kann die Keichsregierung mit Zustimmung des Keichs- 
rats und eines besonderen Reichstagsausschusses die Maßnahmen anordnen, die aus- 
schließlich die Regelung des Ueb erganges von der Kriegswirtschaft in die Friedens- 
wirtschaft betreffen, soweit sie notwendig und dringend sind. 

Verordnung betr. Aufhebung der Verordnung über die 
Enteignung und vorläufige Sicherstellung von rohen 
Häuten und Fellen sowie Leder vom 2. Juli 1919 (RGBl. 
S. 6 2 9). Vom 2. Februar 1921 (RGBl. S. 141). 

Vgl. Bd. 59, S. 134. 

Verordnung zur Sicherstellung der Haferablieferung. Vom 
4. Februar 1921 (RGBl. S. 141). 

Auf Grund der allgemeinen Bestimmungen der Reichsgetreideordnung 1910 
hatte die Reichsgetreidestelle im Dezember 1920 eine Haferumlage ausgeschrieben, 
nachdem vorher durch Verordnung vom 26. August 1920 (vgl. Bd. 60, S. 512) die 
Verfütterung selbstgebauten Hafers freigegeben worden war. Vorliegende Verord- 
nung droht liefersäumigen Landwirten für ihnen znr Lieferung auferlegten, aber 
nicht gelieferten Hafer die Zahlung eines Schadenersatzes in Höhe des dreifachen 
Höchstpreises an. 

Verordnung über die Einfuhr von Schlachtvieh, Fleisch, 
Zubereitungen von Fleisch und tierischen Fetten. Vom 
3. Februar 1921 (RGBl. S. 162 ff.). 

Die genannten Gegenstände werden — natürlich abgesehen von den Veterinär" 
polizeilichen Bestimmungen — einfuhrfrei. 

Verordnung über die Beendigung der wirtschaftlichen 
Demobilmachung. Vom 18, Februar 1921 (RGBl. S. 189f.). 

Die Demobilmachungsausschüsse — vgl. Verordnung vom 7. November 1918, 
Bd. 58, S. 37 — sind bis zum 31. März 1921 aufzulösen. Ihre Aufgaben können 
anderen Ausschüssen übertragen werden. — Die Reichsregierung bestimmt den Zeit- 
punkt, zu welchem das Amt der Demobilmachungskommissare — vgl. a. a. 0. — 
durch die Landeszentralbehörde aufzuheben ist. Die Anordnungen der Reichs- 
ministerien und der übrigen Demobilmachungsbehörden auf Grund der die Demobil- 
machung betreffenden Befugnisse treten mit dem 31. März 1922 außer Kraft. 

Verordnung betr. Aufhebung der Bekanntmachung über 
die Beschränkung der Herstellung von Fleischkonserven 
und Wurstwaren. Vom 18. Februar 1921 (RGBl. S. 190). 

Die Bekanntmachung vom 31. Januar 1916 — vgl. Bd. 52, S. 226 — tritt 
außer Kraft. 

Verordnung über die Einfuhr von Oelfrüchten und Oel- 
Bämereien. Vom 21. Februar 1921 (RGBl. S. 192). 

Die Einfuhr der genannten Gegenstände wird genehmigungsfrei. 

Bekanntmachung betr. die Herstellung von Margarine und^^^ 
Kunstspeisefett. Vom 3. März 1921 (RGBl. S. 207). 

Die Bekanntmachung vom 22. Dezember 1917 — vgl. Bd. 57, S. 42 — wird 
aufgehoben. Danach ist die Herstellung der genannten Stoffe Jedermann freigegeben. 

Verordnung über die Einfuhr von Futtermitteln. Vom 
19. Februar 1921 (RGBl. S. 208). 



M 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 61 

Die Einfuhr einer Reihe von Futtermitteln (Leinsamenmehl, Melassse, 
Melassetrockenschnitzel, Oelknchenmehl, Trockenschnitzel, Zuckerschnitzel u. a. m.) 
wird genehmigungsfrei. Vgl. auch Verordnung vom 25. August 1920 — Bd. 60, 
S. 511 — mit der die Einfuhr von Mais freigegeben worden ist. 

Verordnung betr. Abänderung der Verordnung über die 
Freimacliung von Arbeitsstellen während der Zeit der 
wirtschaftlichen Demobilmachung vom 2 5. April 1920 
(RGBl. S. 7 8). Vom 5. März 1921. 

Die Bestimmungen der Verordnung vom 28. März 1919 u. 25. April 1920 — 
vgl. Bd. 58, S. 335 — werden in zwei wichtigen Punkten abgeändert. Einmal 
wird die Befugnis der Demobilmachungsausschüsse, die Arbeitgeber zur Freimachung 
von Arbeitsstellen anzuhalten, auf die Großstädte beschränkt. Weiterhin wird der 
Begriff der „erheblichen Arbeitslosigkeit", die die Voraussetzung für die vorerwähnte 
Befugnis bildet, dahin umschrieben, daß sie nur dann vorliegen soll, wenn regelmäßig 
mehr als I72 v. H. der Bevölkerung (die Familienangehörigen nicht eingerechnet) 
Erwerbslosenunterstützung erhält. 

Verordnung betr. den Hefeverband. Vom 8. März 1921 (RGBl. 
S. 223). 

Die erstmalig durch Verordnung vom 22. September 1919, dann durch Ver- 
ordnung vom 20. Juli 1920 bis zum 30. September 1921 festgesetzte Verlängerung 
des Gesellschaftsertrages des Hefeverbandes wird auf den 31. März 1921 zurück- 
datiert. 

Verordnung über Kartoffeln. Vom 9. März 1921 (RGBl. S. 223 f.). 

a) Die Verwaltungsabteilung der Reichskartoffelstelle wird aufgelöst. 

b) Es werden aufgehoben 

a) Verordnung über die Kartoffelversorgung vom 9. Oktober 1915 mit 
Abänderungs- und Ergänzungsverordnungen — vgl. Bfl. 51, S. 361 f., 
Bd. 52 S. 226 und 227 f. 

b) Verordnung über die Regelung der Kartoffelpreise vom 28. Oktober 1915 
mit Abänderungs- und Ergänzungsverordnungen — vgl. Bd. 51, S. 366 
und Bd. 52, S. 226. 

c) Verordnung betr. Einfuhr von Kartoffeln vom 7. Februar 1916, vgl. 
Bd. 52, S. 227. 

d) Der Rest der Verordnung vom 18. Juli 1918, vgl. Bd. 57, S. 547 in 
Verbindung mit Bd. 56, S. 293, wodurch auch die Landes- bzw. 
Provinzialkartoffelstellen hinfällig werden. 

Wegen des bisherigen Abbaus der behördlichen Kartoffelbewirtschaftung vgL 
Verordnung vom 24. August 1920, Bd. 60, S. 511. 

Verordnung betr Aufhebung der Verordnung über die 
Regelung des Absatzes von Erzeugnissen der Kartoffel- 
trocknerei und der Kartoffelstärkefabrikation. Vom 9. März 
1921 (RGBl. S. 224). 

Die Verordnung vom 31. August 1916 über die Regelung des Absatzes von 
Erzeugnissen der Kartoffeltrocknerei und der Kartoffelstärkefabrikation (vgl. Bd. 54, 
S. 175 in Verbindung mit Bd. 51, S. 356 und Bd. 50, S. 62 f.) wird aufgehoben. 

Verordnimg über die Bereitung von Kuchen. Vom 11. März 
1921 (RGBl. S. 226 f.). 

Bei Bereitung von Kuchenteig und Tortenmasse in gewerblichen Betrieben 
darf Mehl aus Brotgetreide nur bis zu 30 v. H. der insgesamt verwendeten Mehle 
oder mehlartigen Stoffe verwendet werden; Butter, frische Milch und Sahne dürfen 
überhaupt keine Verwendung zur Herstellung von Kuchen, Eis u. dgl. finden. 
Endlich wird die Herstellung von Sehlagsahne verboten. Vgl. wegen der bisherigen 
Regelung Verordnung vom 16. Dezember 1915, Bd. 52, S. 217. 



QQ Nationalökonomische Gesetzgebung. 

Bekanntmachung betr. Aufhebung und Aenderung der Be- 
kanntmachung betr. Ausführungsbestimmungen zur Ver- 
ordnung über Mineralöle, Mineralölerzeugnisse, Erdwachs 
und Kerzen vom 18. Januar 1917 (RGBl. S. 61) in der 
Passung der Bekanntmachung vom 2 4. Februar 1917 (RGBl. 
S. 17 0). Vom 10. März 1921 (RGBl. S. 227 f.). 

Die genannte Bekanntmachung — vgl. Bd. 55, S. 213 — wird im wesentlichen 
aufgehoben. 

Bekanntmachung wegen Aufhebung der Verordnung betr. 
die Herstellung, die Einfuhr von Roh- und Reinglyzerin 
und denVerk ehr damit, vom 5. Februar 1919 (RGBl. S. 16 7). 
Vom 22. März 1921 (RGBl. S. 325 f.). 

Vgl. Bd. 58, S. 330. 

Verordnung über die Einfuhr von Honig. Vom 4. Februar 1921 
(RGBl. S. 326). 

Die Einfahr von Honig wird genehmigungsfrei. 

Verordnung über die Rückgew ährvonBeiträgenbeiprivaten 
Pensionseinrichtungen. Von 30. März 1921 (RGBl. S. 369f.). 

In Privatbetrieben beschäftigte Personen, die auf Grund ihres Arbeits- oder 
Dienstvertrages verpflichtet waren, privaten Betriebspensionskassen u. ä. m. bei- 
zutreten, haben, falls sie in der Zeit vom 1. August 1914 bis 31. Dezember 1919 
aus der Beschäftigung und der Versicherung ausgeschieden sind, ohne einen Vor- 
teil aus der Versicherung gehabt zu haben, einen Anspruch auf ßückgewähr ihrer 
Beiträge ohne Zinsen. 

Verordnung betr. Regelung des Warenverkehrs zwischen 
unbesetztem und besetztem Gebiet. Vom 26. März 1921 (RGBl. 
S. 440 f.). 

Der Eeichskommissar für Aus- und Einfuhrbewilligung wird ermächtigt, für 
den Warenverkehr zwischen unbesetztem und besetztem Gebiet Vorschriften zu er- 
lassen, insbesondere einzelne Bestimmungen betr. Regelung der Ein- und Ausfuhr 
für anwendbar zu erklären. 

Verordnung über MaßnahmengegendieKapitalabwanderung^ 
in das Saarbeckengebiet. Vom 22. März 1921 (RGBl. S. 441f.). 

Die Vorschriften schließen sich eng an die des Gesetzes vom 24. Dezember 1920 
gegen die Kapitalflucht an, vgl. daher die Inhaltsangabe oben S. 53, die in ihren 
wesentlichen Punkten auch für das Saargebiet gilt. 

Bekanntmachung über die Aenderung der Preise für Kleie. 
Vom 31. März 1921 (RGBl. S. 449). 

Die Kleiepreise werden weiter erhöht. Sie haben nunmehr folgende Ent- 
wicklung genommen (Abgabepreise der Bezugsvereinigung der deutschen Land- 
wirte für 1 t): 

1. November 1917 147,— M. 

19. Dezember 1919 290, — „ 

28. Februar 1920 355,— „ 

19. Mai 1920 397,50 „ 

20. August 1920 495,— „ 
31. März 1921. 532,50 „ 

Verordnung über die Bildung einer Preisausgleichsstelle' 
für phosphorsäurehaltige Düngemittel. Vom 31. März 1921 
(RGBl. 450 ff.). 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 63 

Die Preisausgleichsstelle tritt als einheitliche Stelle an die Stelle der früheren 
"besonderen Preisausgleichsstellen für Thomasphosphatmehl (Bek. vom 9. August 1919, 
Bd. 59, S. 138), Superphosphat (Bek. vom 29. März 1920, Bd. 60, S. 49) und 
Knochenmehl (Bek. vom 29. März 1920, Bd. 60, S. 49). 

Bekanntmachung betr. Abänderung der Ausführungsbestim- 
mungen zur Verordnung über den Verkehr mit fettlosen 
Wasch- und Reinigungsmitteln vom 5. Oktober 1916 
(RGBl. S. 1130) 21. Juni 1917 (RGBl. S. 544) vom 11. Mai 
1918 (RGBl. S. 405). Vom 31. März 1921 (RGBl. S. 453). 

Das Aufsichtsrecht des Keichsausschusses für Fette und Oele — vgl. Bek. vom 
11. Mai 1918, Bd. 57. S. 438, Satz 2 der Inhaltsangabe — fällt fort. 



64 



Miszellen. 

Miszellen. 



I. 
Die Bevölkerung der Erde,') 

I. 

Areal und Bevölkerung der einzelnen Erdteile und Länder.^) 



n 



Staaten 


Fläche 
in qkm 


Bevölke- 
rung 
in lüOO 


Staaten 


Fläche 
in qkm 


Bevölke- 
rung 
in ICÖO 


Europa ^) 


9 961 194 


467 000 


Salvador 


21 160 


1323 








Nicaragua 


128 340 


750 


Asien: 






Costa-Rica 


48410 


459 


Britische Besitzungen 


5 324 292 


324910 


Panama 


86 250 


450 


Niederländ. Besitzungen 


I 520 630 


47000 


Cuba 


114 524 


2900 


Französ. Besitzaugen 


803 568 


17267 


Haiti 


28676 


1631 


Portugies. Besitzungen 


22 806 


980 


DominikanischeRepublik 


48577 


955 


Kussische Besitzungen 


17 414 167 


36326 


Columbia 


I 206 200 


5 473 


Besitzung. d.Ver. Staaten 


296310 


9000 


Venezuela 


942 300 


2845 


Japan 


674233 


80200 


Brasilien 


8 497 540 


31 000 


China 


II 138900 


320650 


Ecuador 


307 243 


2500 


Slam 


600 000 


8928 


Peru 


I 137 000 


7300 


Nepal 


140 000 


5639 


Bolivia 


I 470 196 


2 890 


Afghanistan 


558000 


6381 


Paraguay 


253 100 


I 050 


Persien 


I 645 000 


9000 


Uruguay 


178 700 


1463 


Oman 


212 000 


500 


Argentinien 


2 789 462 


8533 


Uebrige Länder 


4 126 314 


20000 


Chüe 
Canadische Seen 


757673 
240 841 


3952 


Summa : 


44476 220 


886 781 


— 




Summa : 


40406 777 


212108 


Afrika: 












Britische Besitzungen *) 


1 1 834 042 


60029 


Australien : 




J 


Belgische Besitzungen 


2 419 000 


17 500 


Britische Besitzungen 


8 503 937 


68ii 


Französ. Besitzungen 


10 155 285 


40540 


Niederländ. Besitzungen 


394791 


24? 


Italienische Besitzungen 


I 590 110 


1368 


Französ. Besitzungen 


22651 


81 


Spanische Besitzungen ^) 


560 466 


589 


Japanische Besitzungen 


2476 


68 


Portugies. Besitzungen®) 


2069961 


8352 


Besitzung. dVer. Staaten 


17415 


228 


Abessinien 


I 120400 
95400 


8000 

I 500 

60 


Das übrige 


13367 


— 


Liberia 
Tanger 
Nyassa-, Tanganika und 


Summa : 


8 954 637 


7430 


\j\j\j 


Polarländer: 






Tsadsee 


87520 


— 


Grönland, Dänische Be- 
sitzungen 


88100 


^ 


Summa : 


29 932 784 


137 938 


Amerika: 






Das übrige 


II 181 000 


— 


Summa: 


11 269 100 


li 


Britische Besitzungen 


10335982 


10 717 








Niederländ. Besitzungen 


130 231 


141 


Die ganze Erde: 




■ 


Französ. Besitzungen 


91 248 


460 


Land 


145 000712 


I 711 27; 


Ver. Staaten usw. 

Mexiko 

Guatemala 


9 380 224 

I 985 200 

113 030 


107 000 

15502 

2 200 


Meer 


364950713 


* • 


Summa: 


509 951425 


1311271 

M 


Honduras 


114 670 


614 


' 




1 



1) Nach dem Statistisk Ärsbok för Sverige (Annuaire statistique de la Suede 
8° annee) 1921 S, 315 ff, 2) Nach den neuesten Zählungen. 3) Verteilung von 
Fläche und Bevölkerung auf die einzelnen Staaten Europas cf. sub IL 

4) Aegypten (ohne Sudan) 994275 qkm mit 12 751000 Einwohnern. 

ö) Ohne Kanarische Inseln. 6) Ohne Azoren und Madeira. 



Miszellen. 



65 



n. 

Areal und Bevölkerung der Staaten Europas 1913 und 1921. 
Am Ende des Jahres 1913 Im Monat Oktober 1920 



Staaten 


Fläche 
in qkm 


Bevölke- 
rung') 


Staaten 


Fläche 2) 
in qkm 


Bevölke- 
rung '') 


Schweden 


448 278 


5 639 000 


Schweden 


448 278 


5 880 000 


Norwegen 


322 909 


2 459 000 


Norwegen 


322 909 


2 640000 


Dänemark 


145 217 


2 956 000 


Dänemark 


44318 


3250000 








Island 


104 785 


93000 








Finland 


377 426 


3350000 


Großbritannien u. 






Großbritannien u. 






Irland 


314795 


46 791 000 


Irland 


314 795 


48 000000 


Niederlande 


34186 


6 213000 


Niederlande 


34186 


6 880 000 


Luxemburg 


2586 


268000 


Luxemburg 


2586 


270000 


Belgien 


29451 


7 639 000 


Belgien 


30440 


7 700 000 


Deutschland 


541 i8i 


67 384 000 


Deutschland 


472 423 


61 000000 








Saargebiet 


1924 


658000 








Danzig 


1850 


357000 








Memel 


2 300 


140000 


Oesterr.-Ungarn 


676615 


52 970 000 


Oesterreich 


81879 


6413 000 


Liechtenstein 


159 


II 000 


Liechtenstein 


159 


12000 


Schweiz 


41 298 


3 882 000 


Schweiz 


41 298 


4 100000 


Frankreich 


536 464 


39 700 000 


Frankreich 


550 986 


38 000 000 


Monaco 


21 


20000 


Monaco 


21 


20 000 


Italien 


286 610 


35598000 


Italien 


310776 


39 000 000 


San Marino 


59 


II 000 


San Marino 


59 


12000 


Andorra 


453 


5 000 


Andorra 


453 


5 000 


Spanien *) 


505 197 


20 356 000 


Spanien *) 


505 197 


21 700000 


Portugal») 


91948 


6 080 000 


Portugal *) 


91948 


6 500000 








Estland 


67750 


I 750000 








Lettland 


64856 


I 628000 








Litauen 


— 


— 








Polen 


360000 


27000000 


Rußland (mit Fin- 












land) 


5 456 208 


144 344 000 


Rußland 


— 


— 








Ukraine 


— 


— 








Tschechoslowakei 


141 632 


13 700 000 








Ungarn 


92 500 


8200000 


Rumänien 


137 902 


7 640 000 


Rumänien 


292 000 


15 400000 


Serbien 


87300 


4600000 


Serbien -Kroatien! 






Montenegro 


14 180 


435000 


Slavonien / 


225 000 


14 500000 


Albanien 


28000 


850000 


Albanien 


28000 


800000 


Griechenland 


120 060 


4821 000 


Griechenland 


150884 


5 600 000 


Bulgarien 


114017 


4753000 


Bulgarien 


87445 


3900000 


Türkei 


26 100 


I 891 000 


Türkei 




— 


Summa 


9 961 194 


467 316 000 


Summa 


9961194 


467 000000 



1) Die Mehrzahl der Bevölkerungsangaben beruht auf Schätzung. 

2) Die Grenzen mehrerer Staaten waren noch nicht genau festgesetzt; hier 
sind die Zahlen nur annähernd richtig. 

3) Für mehrere Staaten fehlen die Zahlen noch. 

4) Mit den Kanarischen Inseln. 

5) Mit Azoren und Madeira. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 5 



66 



Mlszellen. 



n 



n. 

Bevölkerungsbewegung 

in den preußischen Großstädten im Jahre 1920. 

Von Dr. Jos, Ehrler in Freiburg i, Br. 

In Nr. 20 der vom preußischen Statistischen Landesamt herausgegebenen 
„Statistischen Korrespondenz" wird eine gedrängte Uebersicht über die- 
Bevölkerungsbewegung in den 32 preußischen Großstädten im Jahre 1920, 
verglichen mit 1919 und 1913, als Ergebnis einer vorläufigen Auszählung 
veröffentlicht, welche eine entschiedene Wendung zum Besseren erkennen 
läßt und für weitere Kreise von Interesse sein dürfte. Infolge des Aus- 
scheidens von Danzig ist die Zahl der Städte um eine zurückgegangen ; 
diese beträgt jetzt 32 mit rund 9^/^ Mill. Personen, das sind rund ein 
Viertel der Einwohner des preußischen Staates. 

Die Heiratsziffer (Eheschließungen auf 1000 der mittleren Be- 
völkerung) ist im Berichtsjahr gegen das Vorjahr im Durchschnitt noch 
etwas gestiegen (von 13,42 Prom. auf 14,76 Prom.). Die Spannung 
zwischen höchster (16,46 Prom. Frankfurt a. M.) und niedrigster (12,74 Prom. 
Neukölln) war mit 3,72 Prom. geringer als im Vorjahre (4,08 Prom.). Auf 
die Großstädte entfielen 1919 24,1 Proz. der Heiraten des ganzen Staates. 

Beträchtlich zugenommen hat die Geburtenziffer, die mit 
23,90 Prom. im Durchschnitt die Ziffer des letzten Friedensjahres 1913 
mit 24,20 Prom. fast erreicht. Berücksichtigt man jedoch, daß die Heirats- 
ziffer seit Kriegsende beträchtlich über den früheren Friedensstand gestiegen 
ist, so bedeutet die scheinbar größere Geburtenziffer immer noch eine Ab- 
nahme der Geburtenhäufigkeit. Die Geburtenziffer war übrigens 
in allen Großstädten im Jahre 1920 größer als imVorjahr; 
die Geburtenziffer des Jahres 1913 wurde in 14 Fällen übertroffen, darunter 
am stärksten in "Wiesbaden mit 5,21 Prom. und in Cassel mit 4,88 Prom. 
Diese beiden Städte sind die einzigen, in denen sich die Heiratsziffer von 
1920 gegen 1913 mehr als verdoppelt hat. Die Spannung zwischen höchster 
und niedrigster Geburtenziffer war mit 26,02 Prom. im Jahre 1920 größer 
als 1919 (20,18 Prom.), dagegen geringer als 1913 (31,45 Prom.) Außer- 
ordentlich hohe Geburtenziffern hatten 1920 wieder wie im Vorjahre auf- 
zuweisen: Hamborn (37,20 Prom.), Bochum (33,65 Prom.) und Gelsen- 
kirchen (31,02 Prom.), besonders niedrige Wilmersdorf (11,18 Prom.), 
Schöneberg (13,01 Prom.), Lichtenberg (15,97 Prom,), Charlottenburg 
(16,43 Prom.) und Berlin (18,08 Prom.). Von den Berliner Großstädten 
macht nur Neukölln eine Ausnahme, wo die Geburtenziffer nur wenig hinter 
dem Mittel sämtlicher Großstädte zurückblieb. Im Jahre 1919 betrug der 
Anteil der Großstädte an den Geburten des ganzen Staates 21,3 Proz. 



Miszellen. 67 

Die mittlere Sterblichkeit der Großstädte war 1920 mit 14,77 Prom. 
geringer als 1919 (15,45 Prom.) und damit nur noch um 1,42 Prom. 
größer als 1913. In den Städten Essen, Stettin, Duisburg, Dortmund, 
Halle a. S., Altona, Mühlheim a. d. Kuhr, Erfurt, "Wilmersdorf und Hamborn 
war die Sterblichkeit 1920 größer als 1919, in Hamborn (Höchstfall) um 
3,23 Prom. Auch die größte Abnahme der Sterblichkeit gegen 1919 betrug 
rund 3 Prom., und zwar in Schöneberg und Crefeld. Unter die Zahl von 
1913 sank die Sterblichkeit im Berichtsjahr in Breslau und Neukölln, jedoch 
nur um Bruchteile eines Tausendstels. Die Spannung zwischen höchster 
(Halle a. S. 19,54 Prom.) und niedrigster (Neukölln 7,74 Prom.) Sterblich- 
keit mit 11,80 Prom. war von der im Jahre 1919 (12,01 Prom.) kaum 
verschieden, während sie 1913 geringer (10,78 Prom.) gewesen war. Die 
Großstädte waren 1919 an der Gesamtzahl der SterbefäUe des preußischen 
Staates mit 22,6 Proz. beteiligt. 

Entsprechend der gestiegenen durchschnittlichen Geburtenziffer der 
Großstädte und der etwas gesunkenen durchschnittlichen Sterbeziffer ist die 
Geburtenüberschußziffer im Mittel von 3,08 Prom. (1919) auf 
9,13 Prom. (1920) gestiegen und hat damit die Zahl von 1913 (10,85 Prom.) 
fast erreicht. Einen Sterbeüberschuß hatte 1920 keine Großstadt 
mehr, dagegen einige recht beträchtliche Geburtenüberschüsse, den höchsten 
Hamborn (19,00 Prom.), dann Bochum (15,44 Prom.) und Gelsenkirchen 
(14,18 Prom.), die niedrigsten mit wenig über 1 bis höchstens 2 Prom. 
die 5 Städte, die im vorigen Jahre noch einen Sterbeüberschuß hatten, 
nämlich Berlin, Schöneberg, Lichtenberg, Wilmersdorf und "Wiesbaden ; 
dagegen hatte Neukölln einen Geburtenüberschuß von 13,64 Prom. 



5* 



68 



Miszellen, 



III. 

Arbeitsverhältnisse und Organisation der häuslichen 
Dienstboten in Bayern.^) 

Von Dr. Ph. Schwartz, München. 

Die zahlreichen familienpolitischen Veröffentlichungen des Bayerischen 
Statistischen Landesamts, dessen Vorstand Fr. Zahn auf dem Gebiete der 
Familienpolitik eine führende Stellung einnimmt, werden durch die vor- 
liegende, von B. Steinbrecht verfaßte, Abhandlung um einen wertvollen. 
Beitrag bereichert. 

Die Dienstbotenfrage bildet insofern ein wichtiges Teilgebiet der ge- 
samten Familienpolitik, als in ihr die dem patriarchalischen Charakter des 
Familienzusammenhangs feindlichen individualistischen und zum TeU auch 
sozialistischen Tendenzen in besonderer Schärfe zur Geltung kommen. 
Ihre "Wirkungen offenbaren sich in Gestalt des Dienstbotenmangels und 
der Dienstbotenbewegung. 

Der Rückgang der Dienstbotenzahl wird mit Hilfe der Berufskranken- 
kassen- und Arbeitsmarktstatistik eingehend beleuchtet. Dagegen fehlen 
entsprechende Nachweise über den Bestand der auf Dienstbotenhaltung 
angewiesenen Familien. "Wenn diese in erschöpfender "Weise auch nicht 
zu beschaffen sind, so hätte der Verfasser doch immerhin neben der 
Berufsstatistik auch die Haushaltungsstatistik ergänzend heranziehen können. 
Aus der Reichsstatistik ist z. B. ohne weiteres zu entnehmen, daß im 
Jahre 1910 in Bayern 1187 081 Familienhaushaltungen mit 2 tmd mehr 
Personen, abzüglich derjenigen mit Gewerbegehilfen und ländlichen Ge- 
sinde, vorhanden waren, von denen 134158, also 11,3 Proz. Dienstboten 
hatten. Da die Dringlichkeit der Dienstbotenhaltung mit der Kopfzahl 
der Familie wächst, so hätte auch diese berücksichtigt werden müssen, 
was mit Hilfe der Reichsstatistik leicht möglich gewesen wäre. 

Jedenfalls steht fest, daß die meisten Familien, welche vom Stand- 
pimkt der Gesamtheit zur Dienstbotenhaltung berechtigt wären, um wert- 
volle Arbeitskräfte nicht am unrechten Ort zu verwenden oder um ihren 
erwerbstätigen Gliedern die unentbehrliche Erholung imd Kräftigung in 
der Familie zu gewähren, nicht in der Lage sind, Dienstboten zu halten 
oder alle schlimmen Folgen tragen müssen, welche die der Dienstboten- 
knappheit parallel laufende Qualitätsverschlechterimg des häuslichen Dienst- 
personals mit sich bringt, wodurch eine dauernde, den Famiüenzusammen- 
hang zermürbende, Störung ihres häuslichen Friedens bewirkt wird. "Wenn 



1) Vgl. Heft 94 der „Beiträge zur Statistik Bayerns". München 1921. 



Miszellen. 69 

diese Entwicklung eine stärkere hauswirtschaftliche Betätigung der weib- 
lichen Familienglieder oder auch eine weitgehendere Verwendung außer- 
häuslicher Arbeitskräfte zur Folge hat, kann sie, wie der Verfasser zu- 
treffend bemerkt, nicht ohne weiteres als unerwünscht angesehen werden. 
Da diese Ersatzleistungen aber nicht durchweg möglich sind, ist für eine 
große Zahl von Familien die Auflösung ihrer häuslichen Konsumtions- 
tätigkeit zu befürchten, wodurch ihr Familienleben seines hauptsächlichsten 
Inhalts beraubt werden würde. 

Als die wichtigste Ursache des Dienstbotenmangels, die auch vom 
Verfasser eingehend erörtert wird, erscheint eine der neuzeitlichen Zeit- 
strömung entspringende Abneigung gegen die im Haushalt unentbehrliche 
Unterordnung, wobei die Reibungsflächen noch dadurch vergrößert werden, 
daß die Leitung des Haushalts im wesentlichen in den Händen einer Frau 
ruht. Dazu kommen die geringen Aufstiegsmöglichkeiten, welche der 
Dienstbotenbenif bietet — obwohl solche vorhanden sind, wie an der 
Hand von Münchener Erhebungen nachgewiesen wird — imd die Unge- 
messenheit der Leistungen nach Art, Menge und Zeit. Namentlich die 
lange Zeit der Arbeitsbereitschaft und die kurze Freizeit werden als 
drückend empfunden. Klagen über den Charakter der Stellenvermittlung 
spielen eine nur geringe Rolle, da nach der Münchener Erhebung von 1914 
auf die allein anfechtbare gewerbsmäßige Stellenvermittlung nur 5 Proz. 
aller Fälle treffen, im übrigen aber private Umschau, Zeitungsinserate und 
die Tätigkeit öffentlicher oder sozial-karitativer Arbeitsnachweise in Be- 
tracht kommen. Auch die Lohn- und "Wohnverhältnisse sind im allge- 
meinen nicht unbefriedigend. 

Dagegen haben gewisse rechtliche Zwangsvorschriften gegen die Dienst- 
boten, ihre späte Einbeziehung in die Krankenversichenmg und der lang- 
Jährige Mangel jeglichen Arbeitsschutzes die Abneigung gegen diesen 
Beruf stark erhöht. 

Als dann vollends die Kriegsindustrie große Mengen weiblicher Arbeits- 
kräfte an sich zog und auch die Landwirtschaft ihren weiblichen Nach- 
wuchs in zunehmendem Maße zurückbehielt, erreichte der Dienstboten- 
mangel seinen Höhepunkt. Er ist auch gegenwärtig nicht behoben, ob- 
wohl die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt sich geändert haben und 
durch neue gesetzgeberische Maßnahmen — für Bayern kommt die Ver- 
ordnung des Staatskommissars für Demobilmachimg vom 13. Dez. 1918 
in Betracht — die alten Zwangsvorschriften avifgehoben sind, ein gewisser 
Arbeitsschutz eingeführt ist und der Abschluß von Normalhausdienstver- 
trägen begünstigt wird. 

Angesichts dieser noch immer ungünstigen Lage der auf Dienstboten- 
haltung angewiesenen Familien betont der Verfasser mit Recht die großen 
Bedenken, welche der in einigen Großstädten geplanten, nach der Größe 
der Dienstbotenzahl bemessenen, Kommunalsteuem entgegenstehen. 

Sehr dankenswert siad die aus zahlreichen Quellen geschöpften Nach- 
weise über die gesellschaftliche Lage der Dienstboten, welche ihren Ge- 
sundheitszustand, ihre Eheaussichten und ihre Kriminalität als günstig er- 
scheinen lassen, ihrer Geschlechtsmoral aber kein günstiges Zeugnis aus- 
stellen. 



70 



Miszellen. 



Aus der umfangreichen Darstellung des Organisationswesens der Dienst 
boten ergibt sich die interessante Tatsache, daß die patriarchalische Tradi 
tion, deren Zersetzung im persönlichen Verhältnis der Dienstboten und 
Dienstherrschaften unverkennbar ist, auf die Dienstbotenbewegung, ent- 
sprechend der meist bäuerlichen oder kleinbürgerlichen Herkunft der 
Dienstmädchen einen bedeutenden Einfluß ausübt. Er offenbart sich im 
großen TJebergewicht der konfessionellen Organisationen gegenüber den 
Freien und auch den Christlichen Gewerkschaften. Im ganzen war bis 
zum Herbst 1920 etwa der 15. Teil aller Dienstboten in Bayern organi- 
siert, in München der 10. und in Nürnberg sogar der 7. Teil. Wenn 
diese Anteile auch verhältnismäßig gering erscheinen, so ist doch deswegen 
die Bedeutung der Normalhausdienstverträge, die von den Dienstboten- 
organisationen mit den weit weniger entwickelten Vertretungen der Haus- 
frauen abgeschlossen wurden, keineswegs so gering einzuschätzen, wie der 
Verfasser es tut. Es sind doch immerhin bis zum Herbst 1920 28 der- 
artiger Verträge, und zwar meist in den größeren Orten, zustande ge- 
kommen, wobei durchaus anzunehmen ist, daß die Dienstherrschaften im 
Interesse des häuslichen Friedens und unter dem Drucke der Dienstboten- 
knappheit die Vertragsbestimmungen auch ohne Zwangs- und Kontroll- 
mittel respektieren werden. Ob allerdings diese Institutionen, über deren 
Inhalt ausführliche systematische Angaben gemacht werden , für die 
Sicherung guter gegenseitiger Beziehungen zwischen Dienstherrschaften 
und Dienstboten, auf die ja beide Parteien in der Hauptsache hinarbeiten, 
geeignet sind, bleibt abzuwarten. Jedenfalls dürften die mit ihnen ge- 
machten Erfahrungen bei der bevorstehenden einheitlichen Regelung des 
Rechtes der Hausangestellten nicht übersehen werden. 



n 



Miszellen 71 



IV. 

Preisausschreiben 
der Schweizerischen Statistischen Gesellschaft. 

Die Schweizerische Statistische Gesellschaft schreibt hiermit, einem 
Beschlüsse der Jahresversammlung von 1920 entsprechend, zwei Preise im 
Gesamtbetrage von 2250 Fr. aus für die besten Bearbeitungen des Themas : 

Gleitende Lohnskalen 

(Anpassung tarifvertraglich gebundener Lohnsätze an die Schwankungen 
der Lebensunterhaltskosten). 

Die Schweizerische Statistische Gesellschaft verlangt von den Be- 
arbeitern der Preisfrage : 

1. eine kritische Besprechung der Methoden, nach welchen die 
schweizerischen Indexzahlen gewonnen werden, eine Würdigung 
dieser Zahlen unter dem Gesichtspimkte ihrer Eignung zur Be- 
stimmung der Lebensunterhaltskosten (hierbei ist insbesondere 
auch die Frage zu erörtern, ein wie großer Teil der gesamten 
Lebensunterhaltskosten durch die Indexzahl erfaßt wird) \ind evtl. 
Vorschläge zur Neugestaltung der Methoden für die Berechnung 
einer zu einer solchen Bestimmung geeigneten Indexzahl; 

2. eine kritische Besprechung der bisherigen (in der Literatur er- 
örterten oder in der Praxis versuchten) Methoden, zwischen der 
Indexzahl der Lebensunterhaltskosten und der Höhe der Löhne 
eine funktionelle Beziehung herzustellen; 

3. eine Untersuchung, nach welcher Methode eine funktionelle Be- 
ziehung zwischen einer schweizerischen Indexzahl imd den Lohn- 
sätzen aöi zweckmäßigsten und den Bedürfnissen der schweize- 
rischen Praxis (insbesondere den Bedürfnissen der Einigungsämter 
und der Tarifstellen) am besten entsprechend hergestellt werden 
könnte. Die vorgeschlagene Formel ist an einer Reihe prak- 
tischer Beispiele darzulegen. 

Die (womöglich in Schreibmaschinenschrift erstellten) in deutscher, 
französischer oder italienischer Sprache verfaßten Preisarbeiten sind, mit 
einem Motto versehen und in Begleitvmg eines Umschlages, welcher das- 
selbe Motto als Axifschrift trägt und den Namen des Verfassers einge- 
schlossen enthält, bis spätestens 31. Dez. 1922 an den Präsidenten der 
Schweizerischen Statistischen Gesellschaft, Herrn Prof. Dr. Fr. Mangold, 
in Basel, Mittlere Straße Nr. 157, einzusenden. 



72 Miszellen. 

Das Preisrichterkollegium setzt sicli zusammen aus den Herren : 

Aug. Huggler, Nationalrat, Sekretär der sozialdemokratischen 
Partei der Schweiz, in Bern; 

Prof. Dr. Fr. Mangold, Präsident der Schweizerischen Statisti- 
schen Gesellschaft, Mitglied des Internationalen Statistischen In- 
stitutes, in Basel; 

Dr. W. Pauli, Oberrevisor des Verbandes landw. Genossenschaften 
von Bern und benachbarter Kantone, in Bern; 

W. Sarasin-Iselin, Großindustrieller, Mitglied der schweize- 
rischen Delegation zum Komitee der Internationalen Vereinigung 
für gesetzlichen Arbeiterschutz, in Basel; 

Dr. G. Seh ä rtlin, Direktor der Schweiz. Lebensversicherungs- 
und ßentenanstalt, Mitglied des Internationalen Statistischen In- 
stitutes, in Zürich. 

Das Preisrichterkollegium wird seine Beurteilung der Preisarbeiten 
bis spätestens 30. Juni 1923 in der Zeitschrift für schweizerische Sta- 
tistik und Volkswirtschaft bekanntgeben. 

Der für Aussetzung von Preisen zur Verfügung stehende Gesamt- 
betrag von 2250 Fr. soll vergeben werden : 

mit einem ersten Preis in der Höhe von 1500 Fr. und 
mit einem zweiten Preis in der Höhe von 750 Fr. 

Die Schweizerische Statistische Gesellschaft behält dem Preisgerichte, 
für den Fall, daß keine der eingereichten Arbeiten mit dem 1. Preise 
gekrönt werden könnte, die Freiheit vor, zwei zweite Preise und einen 
dritten Preis oder auch Aufmunterungsprämien zu verleihen. Die 
Schweizerische Statistische Gesellschaft erwirbt mit der Preisverleihung 
das Hecht, die preisgekrönten Arbeiten in der Zeitschrift für schweize- 
rische Statistik und Volkswirtschaft zu veröffentlichen. 

Basel und Freiburg, den 23. April 1921. 

Schweizerische Statistische Gesellschaft» 

Namens des Direktion skomitees, 

Der Präsident: 
Prof. Dr. Fritz Mangold. 

Der Aktuar: 
Prof. Dr. Hans Schorer. ' 



n 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 73 



üebersicht über die neuesten Publikationen 
Deutschlands und des Auslandes. 

1. Geschichte der Wissenschaft Encyklopädisches. Lehrbücher. Spezielle 
theoretische Untersuchungen, 

Spann, Othmar, Fundament der Volkswirtschaftslehre. 
Jena (Gustav Fischer) 1918. 8». XH u. 292 SS. (Preis: 12.— M. u. 
100 Proz. T.-Z.) 

Obgleich der wesentliche Inhalt dieses Buches in diesen „Jahrbüchern" 
TTT. Folge Bd. 55 (Bd. 110) erschienen ist und somit den Lesern bereits 
bekannt sein dürfte, scheint es doch gerade im gegenwärtigen Zeitpunkte 
der Neuorientierung der Volkswirtschaftslehre gerechtfertigt, noch einmal 
auf den bedeutend erweiterten Sonderabdruck der damaligen Aufsätze hin- 
zuweisen. Hat doch die Absicht Spanns, die Volkswirtschaftslehre als 
Gesellschaftswissenschaft zu begründen, inzwischen auch durch die politisch- 
wirtschaftlichen Ereignisse der letzten Jahre erhöhte Bedeutung gewonnen 
und Anerkennung und Unterstützung bei einer Anzahl jüngerer Gelehrter 
gefunden, die die Beschränkung auf die Wert- und Preistheorie zu über- 
winden trachten und der staatlich-gesellschaftlichen Bedingtheit und Be- 
stimmtheit der Wirtschaft verstärktes Interesse zuwenden. 

Die Arbeit Spanns ist in zwei Bücher gegliedert, deren erstes den 
Begriff der Wirtschaft, die Lehre von den allgemeinen leistungsmäßigen 
Grundbegriffen, den morphologischen Aufbau der Volkswirtschaft, den Bau- 
plan der Volkswirtschaft und die Theorie des Gutes und der wirt- 
schaftlichen Fruchtbarkeit behandelt, während das zweite der „Lehre vom 
Verfahren" gewidmet ist und Umrisse einer Logik der volkswirtschaft- 
lichen Begriffsbildung und des logischen Aufbaus der Volkswirtschafts- 
lehre bietet. 

Der erste Abschnitt des ersten Buches dient in ausführlicher Dar- 
stellung der einwandfreien Bestimmung des Begriffes der Wirtschaft. Das 
Ergebnis ist dieses: „Wirtschaft ist die Widmung von Mitteln für Ziele 
auf Grund ausgleichenden und sparenden Abwägens bei Ueberfülle an 
Zielen und Knappheit an Mitteln; oder kürzer: Wirtschaft ist die Wid- 
mung von Mitteln für Ziele auf Grund des Abwägens der Mittel" (S. 54). 
Neuartig an dieser Begriffsbestimmung ist das Herauslassen der anderen 
Sphären angehörenden Zielbestimmung und die sich daraus ergebende 
strenge Beschränkung auf die zur Zielerfüllung notwendige Mittelbeschaf- 
fung und -Verwendung. Doch scheint mir die sprachliche Formulierung 
— wie noch oft in dem Buche — nicht eben glücklich und wenig ein- 
prägsam. Ich möchte auf Grund der Darlegungen Spanns eher sagen : 
„Wirtschaft ist die Beschaffung und abwägende (ausgleichende, sparende) 



74 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 



Verwendung geeigneter Mittel zur Erfüllung feststehender Ziele." — Bei 
der Anwendung seiner Begriffsbestimmung auf die empirische Wirklichkeit 
gelangt Spann zu folgenden Erscheinungsformen der Wirtschaft: der 
reinen Wirtschaft (= streng notwendig und eindeutig aufgebautes 
System von Widmungen) ; der Unwirtschaft oder TJnwirtschaft- 
lichkeit (= nicht streng notwendig aufgebautes, sondern aus mangel- 
haftem Ausgleich der Mittel und mangelhafter Einstellung der Wirtschaft 
auf neue Ziele gegen das wirtschaftliche Prinzip verstoßendes, daher viel- 
deutig entwickelbares System) ; der Wirtschaftslosigkeit (= bloß 
technisch, aber nicht wirtschaftlich aufgebautes System von Widmungen) ; 
der Nebenwirtschaft (= abgeleitete , nur nebenher laufende Wirt- 
schaft, bei Mitteln einsetzend, die nicht durch eigene mittelbeschaffende 
Tätigkeit, sondern durch andere, in sich selbst gerechtfertigte Zwecktätig- 
keit entstanden sind) ; der Wirtschaftsumschichtung (= Aenderung 
im Aufbau der Wirtschaft durch Aenderung der Ziele) mit dem Sonder- 
fall der unbeständigen Wirtschaft (= Wirtschaft, die aus ver- 
nunftwidrigem, sprunghaftem Wechsel der Ziele Verschwendung der Mittel 
treibt, daher zugleich ein Sonderfall der Unwirtschaft ist). Gegenstand 
der Volkswirtschaftslehre ist von diesen Erscheinungsformen regelmäßig 
nur die reine vollständige Wirtschaft. Da sie sich aus einem System von 
Leistungen, deren Träger die gewidmeten Mittel sind, und einem System 
von Leistungsgrößen (Werten und Preisen) aufbaut, bietet sie der Volks- 
wirtschaftslehre zwei grundverschiedene Elemente der Erkenntnis. Insofern 
die Wirtschaft ein System von Leistungen ist, ist die Volkswirtschaftslehre 
gleich der Physiologie Leistungslehre, Beschreibung und Theorie der 
Leistungen oder Funktionen (z. B. der Verrichtungen des Geldes, der 
Banken, der Börse, des Handels) ; insofern die Wirtschaft ein System von 
verschiedenen Leistungsgrößen darstellt, ist die volkswirtschaftliche Theorie 
Leistungsgrößenlehre (Wert- und Preistheorie). Demgemäß sind auch zwei 
Begriffssysteme zu unterscheiden : das System der Leistungsbegriffe und 
das System der Leistungsgrößenbegriffe. 

Im zweiten Abschnitt entwickelt Spann die elementare Leistungs- 
lehre (Lehre von den allgemeinen leistungsmäßigen Grundbegriffen), die 
sich auf den Kategorien der Leistungsträger (leistende Elemente = Pro- 
duktionsfaktoren), der Leistungsgrößen, der Leistungsarten (unmittelbare 
Leistung oder Gebrauchsleistung, mittelbare oder Kapitalleistung, negative 
KapitaUeistung oder Gewährleistung, Kapitalleistung höherer Ordnung, 
Vorleistung oder Vorbereitung aller Leistungen, Bücklage oder Potential- 
leistung), der Leistungsabfolge (Zeitabfolge, Stufenfolge der Leistungen), 
der Leistungsbeeinflussung (Leistungsmodifikation), der Gesamtbewährung 
(allgemeine Erfolgskategorie der Wirtschalt, wirtschaftliche Fruchtbarkeit, 
Produktivität) aufbaut. In der Gestaltenlehre der Leistungen, 
d. h. der Lehre vom morphologischen Aufbau der Volkswirtschaft, der 
der dritte Abschnitt gewidmet ist, werden die monogenetischen Leistungs- 
erscheinungen (der einwurzeligen Wirtschaft) von den vielwurzeligen 
Leistungserscheinungen (der Verkehrswirtschaft) unterschieden. Als be- 
sonders fruchtbar erweist sich dabei der Begriff der Entsprechung (Ver- 
hältnismäßigkeit, Korrelation), den Spann als wirtschaftliches Gegenstück 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 75 

zum Begriffe des Gleichgewichts in der Mechanik entwickelt. Im sach- 
lichen Aufbau der Leistungen, dem Bauplan der Volks- 
wirtschaft (vierter Abschnitt) stehen auf der untersten Stufe die Ge- 
bilde der Werkreife, denen die Gebilde der Marktreife, die Gebilde 
der Genußreife, die Gemeinsamkeitsreife und die Vorreife folgen. Dieser 
Stufengang scheint mir logisch nicht einwandfrei, da die Vorreife 
ja allen anderen Stufen vorausgeht. Indessen handelt es sich zunächst 
nur um die Skizzierung der Grundlinien und Hauptgestalten der Leistungen 
höherer Ordnung, die in systematischer Aufeinanderfolge den Bauplan der 
Volkswirtschaft ausmachen. „Diesen wirklich zu schildern, ist Aufgabe 
einer volkswirtschaftlichen Leistungslehre oder Phänomenologie, welche 
neben die bisher fast allein ausgebildete Leistungsgrößen- oder Wert- 
und Preistheorie gestellt werden muß. Eine solche Leistungslehre darf 
nicht beim bloßen Bauplan stehen bleiben. Sie muß zum Schematismus 
des lebendigen Fortganges der Leistungen weiterschreiten, um den leist- 
eamen Kreislauf der Wirtschaft in ähnlichem Streben wie Quesnays großes 
„tableau economique" zu erkennen" (S. 148). Sehr dankenswert ist die 
in diesem Zusammenhange erfolgte Untersuchung über „Die Volkswirt- 
schaft als Gebilde höchster Ordnung", in der folgende Vereinheitlichungs- 
stufen der gesellschaftlichen Wirtschaft unterschieden und gekennzeichnet 
werden: 1. die verkehrswirtschaftliche Einheit (bloße Aneinanderreihung 
der in Beziehung zueinander stehenden Einzelwirtschaften, herbeigeführt 
durch die Kraft des freien Wettbewerbes) ; 2. die Volkswirtschaft (in einer 
Verkehrswirtschaft bestehend, die durch gemeinsames Kapital höherer 
Ordnung, das sind die Staatseinrichtungen, vereinheitlicht wird) ; 3. die 
Vereinheitlichung der Volks- und Verkehrswirtschaft durch Gemeinsamkeit 
der Ziele ; 4. die organisierte Gemeinwirtschaft (das ist die Verwandlung 
der gesellschaftlichen Wirtschaft durch planmäßige organisatorische Zu- 
sammenfassung zur wirklichen Einheit der Gemeinwirtschaft, der organi- 
sierten Gesamtwirtschaft, des Kollektivbetriebes). Abgesehen davon, daß 
in der Darlegung der verkehrswirtschaftlichen Einheit die organisierende 
und vereinheitlichende Kraft des Marktes, die doch xmter Umständen 
selbst die staatlich und volklich gesetzten Grenzen der Wirtschaft sprengen 
kann, allzusehr unterschätzt werden, scheinen mir die Merkmale des Be- 
griffes der Volkswirtschaft gut herausgearbeitet. Leider aber ist Spann 
nicht — wie bei der Wirtschaft — zu einer strengen Definition der 
Volkswirtschaft gelangt, die die Vielfältigkeit der empirischen Erscheinungs- 
formen wirklich umfaßt und erschöpft. So handelt es sich auch hier zu- 
nächst nur um eine Vorarbeit, die der Weiterführung und Vollendung 
bedarf. 

Weniger befriedigt als die bisher berührten Abschnitte des ersten 
Buches hat mich die im fünften Abschnitt dargebotene „Theorie des 
Gutes und der wirtschaftlichen Fruchtbarkeit". Das gilt 
sowohl für die Begriffsbestimmung des Gutes („Gut ist das passive Mittel") 
als auch für die des Kapitals, bei der das wesentliche Merkmal der Wert- 
beständigkeit (A. Voigt) nicht oder doch nicht genügend erfaßt ist. Wert- 
voll sind dagegen die Bemerkungen zum Begriff des Volksvermögens, zu 
dem Spann — entgegen dem Begriff, der die Grundlage für alle bisherigen 



76 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Berechnxingen bildete — nicht nur das Inventar der Arbeitskräfte und 
alle immateriellen Güter (soweit sie selbständig, neben den aktiven Kräften 
und den Sachgütem, mit denen sie verbunden sind, erfaßt werden können), 
sondern aucb das Kapital höherer Ordnung (d, s. die staatlichen Pro- 
duktivkräfte : Rechtsordnung , Währungswesen , Steuerwesen usw.) , die 
freien Naturkräfte (die sog. freien Güter) und die schlummernden (latenten) 
Güter rechnet und für ihre Bewertung mit Recht den Gedanken der 
Verhältnismäßigkeit aller Teile und Glieder des Gesamtinventars zueinander 
nachdrücklich betont. Auch in der „Theorie der wirtschaftlichen Frucht- 
barkeit" gelangt Spann nicht zu einer einheitlichen Definition. Er ver- 
wirft eine solche sogar, wenn er auf S. 184 sagt: „Nur das kann wirt- 
schaftlich fruchtbar sein, was allen leistenden Bestandteilen, die im wirt- 
schaftlichen System der Mittel enthalten sind. Genüge tut, was in allen 
leistenden Momenten zur Zielerreichung führt, d. h. was die formalen 
Bedingungen der Zielerreichung widerspruchslos erfüllt. Der Begriff der 
wirtschaftlichen Fruchtbarkeit kann daher kein einfacher Begriff sein, als 
welcher er bisher behandelt wird, sondern muß notwendig mehrere Ele- 
mente enthalten. Er ist eben Leistsamkeit aller Bestandstücke (Kom- 
ponenten), allgemeine Erfolgkategorie; an einem „Erfolg", an der Ziel- 
erreichung müssen immer mehrere Elemente beteiligt sein: Fruchtbarkeit 
besteht in Leistsamkeit mehrfacher Art," Die Sonderbegriffe , die er 
demgemäß entwickelt, sind die folgenden : 1. Fruchtbarkeit der Leistungen 
an und für sich (Ergiebigkeit, Gedeihlichkeit) ; 2. Fruchtbarkeit im Gefüge 
oder Gebilde (d. h. im Verhältnis zur Fruchtbarkeit mit anderen Leistungen, 
verhältnismäßige Fruchtbarkeit, Fruchtbarkeit höherer Ordnung) ; 3. Frucht- 
barkeit im Leben des Gebildes (Nachhaltigkeit, Gedeihlichkeit) ; 4. Frucht- 
barkeit der Leistungsbeeinflussung (bedingende Fruchtbarkeit) ; 5, Frucht- 
barkeit der über- und untergeordneten Leistungen (Fruchtbarkeit der 
beiden Leistungselemente , selbständige und abhängige Fruchtbarkeit) ; 
6. Stetigkeit und Veränderung der Fruchtbarkeit (Fortschritt und Bück- 
schritt) ; 7. erstmalige und wiederholte Fruchtbarkeit ; 8. Zielgültigkeit 
(Abhängigkeit der Fruchtbarkeit vom Ziel). Das dürfte in der Begriffs- 
gliederung reichlich weit gegangen sein. Aber selbst die Berechtigung 
einer solchen Gliederung zugegeben, so überhebt sie doch nicht der Not- 
wendigkeit einer allgemeinen Definition der Fruchtbarkeit, der alle Sonder- 
begriffe zu subsumieren sind. Diese Arbeit dürfte also auf alle Fälle 
noch zu leisten sein. 

Im zweiten, der „Lehre vom Verfahren" gewidmeten Buche haben 
mich die Darlegungen über die logische Natur der volkswirtschaftlichen 
Begriffsbildung mit ihrer vollständigen Verwerfung des kausaltheoretischen 
Standpunktes zugunsten des teleologischen nicht in jeder Weise überzeugt. 
Doch ist eine Auseinandersetzung darüber im Rahmen dieser kurzen An- 
zeige nicht angängig. Dagegen verdienen die Ausführungen über den 
logischen Aufbau und die systematische Gliederung der Volkswirtschafts- 
lehre alle Beachtung. Das Ergebnis sei deshalb hier nochmals kurz wieder- 
gegeben : 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 77 

I. Theorie der Leistungen : 

1. Elementartheorie der Leistungen (Elemente der Wirtschaft — 
Begriff der Wirtschaft — Grundbegriffslehre); 

2. Gestaltentheorie (Morphologie der Leistungen, Theorie des formellen 
Aufbaus der Volkswirtschaftslehre) ; 

3. sachliche Theorie der Leistungen (Theorie des sachlichen Stufen- 
baus der Volkswirtschaft und der gesamten Verknüpfiing der 
Leistungen einfacher und höherer Ordnung sowie ihrer Ent- 
sprechung und Häufung) ; 

4. Theorie der Entwicklung (Inbegriff der Bewegungs- und Ver- 
schiebungslehre, einschl. der Krisenlehre). 

n. Wert und Preistheorie : 

Theorie der Leistungsgrößen, mit den Sondergebieten der Theorie 
vom Arbeitspreis, vom Bodenpreis, vom Kapitalpreis, vom Unter- 
nehmerge winn . 

in. Methodologie (Logik der Volkswirtschaftslehre). 

Hervorzuheben sind endlich auch die Abschnitte über das Verhältnis 
der Volkswirtschaftslehre zu den Naturwissenschaften (insbesondere zur 
Psychologie) sowie zu den sog. angewandten Wissenschaften (Wirtschafts- 
politik , Privatwirtschaftslehre , Technologie) und die treffende Abwehr 
ihrer Ansprüche auf selbständigen wissenschaftKchen Charakter (die in 
letzter Zeit besonders vordringlich von der Privatwirtschaftslehre geltend 
gemacht worden sind). Zu unserer Befriedigung lehrt auch die erneute 
logische Durchdringung der Frage durch Spann, was wir bereits wußten: 
Es gibt nur eine Wirtschafts Wissenschaft, die Volkswirtschaftslehre 
(Nationalökonomie) ; alles andere ist entweder Anwendung ihrer Ergebnisse 
oder Kunstlehre, Technik, mögen sich auch die Vertreter dieser Wirt- 
ßchaftstechniken (deren praktische Bedeutung natürlich nicht angezweifelt 
werden soll) noch so sehr dagegen sträuben. 

Alles in allem ist das Buch ohne Zweifel eine bedeutsame Leistimg, 
deren wesentliche Stücke wirklich zum Fundament der zukünftigen Volks- 
wirtschaftslehre als Teil der Gesellschaftswissenschaft werden können. 
Leider aber wird die Verständlichkeit und — was schlimmer ist — die 
Wirkung der Untersuchung sehr stark durch Stil und Wortbildung be- 
einträchtigt. Das allzu eifrige Bestreben , Fremdwörter zu vermeiden, 
führt des öfteren zu Umständlichkeiten und Unverständlichkeiten, die die 
Lektüre des Buches ungemem erschweren. In der Neubildung von Worten 
für die entwickelten , sicherlich vielfach neuartigen Begriffe ist Spann 
nicht immer glücklich. Schon aus dem oben gegebenen kurzen Ueberblick 
geht das hier und da hervor. Viele Ausdrücke sind ohne den Text über- 
haupt nicht verständlich, weil sie vollständig und wohl ganz bewußt vom 
Sprachgebrauch abweichen. Wo das ohne Not geschieht, d. h. dort, wo 
ein Abweichen vom bisherigen Begriffe gar nicht vorliegt und nur eine 
schärfere Fassung seines Inhalts erstrebt wird, ist das unter allen Um- 
ständen zu verwerfen. Werden dagegen neue Begriffe gebildet, so kann 
man natürlich nicht ohne neue Bezeichnungen und selbst Wortbildungen 
auskommen. Aber auch hier muß meines Erachtens nach Möglichkeit 



78 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 



eine Anlehnung an den Sprachgebrauch versucht werden, da sich sonst 
wieder Erklärungen nötig machen oder zur größeren Verdeutlichung 
mehrere Ausdrücke für dieselbe Sache nebeneinander verwandt werden 
müssen, wie das in dem Buche häufig geschieht. So besteht leider die 
Aussicht, daß das viele Gute und Neue, das die Arbeit bringt, sich nicht 
einprägt und einbürgert und dadurch die praktische Fruchtbarkeit der 
Untersuchung stark herabgemindert wird. Ich brauche nach allem nicht 
zu betonen, daß ich diesen unerwünschten, wenn auch nicht unverschuldeten 
Erfolg sehr bedauern würde. 

Braunschweig. Georg Jahn. 

Doerr, (Handelssch.-Dir.) Alexander, Einführung in die Volkswirtschafts- 
lehre. Ein Wegweiser für Berufs- und Fachschulen. Leipzig, G. A. Gloeckner, 
8. IV— 124 SS. M. 10.-. 

Po hie, (Prof. d, Staatswiss.) Ludwig, Die gegenwärtige Krisis in der 
deutschen Volkswirtschaftslehre. Betrachtungen über das Verhältnis zwischen Poli- 
tik und nationalökonomischer Wissenschaft. 2. unveränderte Ausgabe. Leipzig, 
A. Deichertsche Verlagsbuchh. Werner Scholl, 1921. gr. 8. XVI— 132 SS. M. 18.—. 

Schmidt, (Priv.-Doz.) Prof. Dr. Max, Der soziale Wirtschaftsprozeß der 
Menschheit (Grundriß der ethnologischen Volkswirtschaftslehre, Bd. 2) Stuttgart, 
Ferdinand Enke, 1921. 4». VII— 226 SS. M. 40.—. 

Journe, M., Prßcis d'economie politique. Paris, F61ix Alcan, 1921. 16. 
495 p. fr. 12.—. 

L e s c u r e , (Prof.) Jean, La baisse des prix et ses probl6mes. Paris, L. Tennin, 
1921. 8. 75 p. 

N g a r , (Prof.) Bertrand, Traite elementaire d'6conomie politique. 2» edition, 
revue et augmentee des Clements d'economie politique. Paris, M. Giard et Cie., 
1921. 8. VI— 301 p. fr. 30.—. 

Maciver, K. M., The elements of social science. London, Methuen. 8. 6/. 

Williams, James Mickel, The foundation of social science. New York, 
Knopf. 8. 494 p. $ 6.—. 

Pareto, Vilfredo, Manuale di econonia politica. Milano, Societä editrice 
übraria. 16. 1. 30.—. 

2. Greschichte und Darstellung der wirtschaftlichen Kultur. 

BiCchlin, Wilhelm, Syriens Stellung in der Weltwirtschaft. (Greifs- 
walder staatswissenschaftliche Studien. Hrsg. von W. Ed. Biermann und 
W. Kahler. 1. Heft.) Greifswald (ßatsbuchhandlung L. Bamberg) 1920. 
80. 151 SS. 

Auf Grund eigener Anschauung, als jemand, der mit dem Volke zu 
fühlen und denken gelernt hat, hält sich der Verfasser, wie er im Vor- 
wort sagt, besonders berufen, die Wirtschaft des syrischen Volkes zu er- 
gründen und zu beschreiben. Er geht in seinen Betrachtungen von den 
konkreten Grundbedingungen der syrischen Volkswirtschaft aus, wendet 
sich dann der Darlegung von Syriens Produktionsförderungsmitteln zu, um 
sich darauf ausführlicher mit Syriens Produktivkräften zu befassen und im 
letzten Kapitel der Arbeit Syriens Handel vorzuführen. Im ersten Teil 
wird gesprochen von dem Land und seinen Bewohnern, d. h. von den 
geographischen Verhältnissen und der Bevölkerung, von Rasse und Volks- 
charakter, von Bevölkerungsdichte und Bevölkerungsziffer auf der einen 
Seite sowie von der Landeskultur, d. h. von Sprache, Schule, Religion und 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes, 79 

Recht auf der anderen Seite, wobei die betonte Beschränkung der Unter- 
suchung auf das Konkrete nicht ganz verständlich bleibt. Im zweiten 
Kapitel findet sich eine ähnliche Unstimmigkeit ; denn unter den Produktions- 
förderungsmitteln werden neben Lage der Städte und Häfen, Verkehrs- und 
Nachrichtenwesen, Geld- und Bankwesen auch die Steuern genannt, die 
gerade im türkischen Orient nur mit übermäßig gutem "Willen unter solchem 
Gesichtswinkel anzuschauen sind. Wie aber soll es sich logisch recht- 
fertigen lassen, wenn unter dem Titel der Produktivkräfte Untergruppen 
auftreten wie etwa Handelsgewächse, wildwachsende Nutzpflanzen, Oel- und 
Seifenbereitung? Statt mit Syriens Produktivkräften sind die Schilderung 
und die Analyse der Land- und Forstwirtschaft, des Bergbaues, der In- 
dustrie und des Handwerks doch wohl richtiger mit Syriens Produktion 
zu bezeichnen und es schließt sich daran dann viel ungezwungener das 
Kapitel über Syriens Handel an. 

Der Verfasser meint, es gebe noch kein Buch, das die gesamte "Wirt- 
schaft Syriens behandle und dabei erkennen lasse, daß der Autor dem 
Volke selbst nahe stehe, daß er das Volk kenne. Diese Lücke zu schließen 
ist seine Absicht, er hofft unter "Wahrung eines objektiven Urteils in 
innigem Verstehen der syrischen Volksseele gesprochen zu haben. Dem 
"Wollen entspricht das Tun nicht ganz. "Wohl wird auf die besonderen 
Eigenarten syrischer "Wirtschaft und syrischer Völker hingewiesen, wohl 
wird mancherlei bald hier bald da gestreift, aber daß diese spezifische Ein- 
stellung überall spürbar sei, vermag niemand zu behaupten. Im allgemeinen 
fußt die Arbeit auf den wissenschaftlichen Vorgängern, von denen nicht 
wenige das Land gleichfalls kennen. "Wie Vieles und gerade entscheidend 
"Wichtiges ist allein durch E, u p p i n dem Verfasser nahe gebracht. Dessen 
Schätzungen werden gelegentlich übernommen, ohne selbständige Stellung- 
nahme ; und wird dann neben sie eine andere Schätzung eines deutschen 
Konsulats gestellt, trotz einleitend absprechender Bemerkung wiederum 
ohne kritische Beleuchtung des "Wertes der Quelle, so gewinnt die Be- 
handlung dadurch nicht. An manchen Stellen fehlt ihr überhaupt die 
Lebendigkeit, die gerade aus eigener Anschauung fließen müßte : die Dar- 
stellung sinkt zu monotoner Aufzählung herab. Dennoch gibt die Ab- 
handlung im ganzen betrachtet ein knappes nüchternes Bild der wirtschaft- 
lichen und andeutungsweise auch der politischen und sozialen Verhältnisse 
auf jener schmalen Völkerbrücke, die eingekeilt zwischen einem "Wasser- 
und einem Sandmeer den asiatischen Orient mit dem afrikanischen ErdteU 
verbindet und von der uralten kunstvollen Kultur des Euphrat-Bewässerungs- 
gebietes zu der in gleicher Struktur sich vordem auslebenden Nil- Kultur führt. 

Kiel. Friedrich Hoffmann. 

Burkhardt, Robert, Die Entstehung und Entwicklung der Stadt Swine- 
münde bis zum Jahre 1806 (Geschichte des Hafens und der Stadt Swinemünde 
T. 1 B.). Swinemünde, W. Pritzsche, 1921, 8. VIII— 167 SS, M. 15.—, 

Gide, (Prof,) Charles und ßist, (Prof.) Charles, Geschichte der volks- 
wirtschaftlichen Lebrm einungen (Histoire des doctrines economiques depuis les phy- 
sioerates jusqu'ä nos jours), Preisgekr. von d. Academie des scieuces morales et 
politiques. 2. Aufl. nach d, 3, franz, Ausg, hrsg, von Prof. Dr, phil, et med. Franz 
Oppenheimer. Deutsch von R. W, Hörn, Jena, Gustav Fischer, 1921. gr. 8. 
XX— 804 SS, M. 74.—. 



80 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes^ 



Huber, (Prof.) Friedrich, Geschichte des französischen und deutschen 
Sozialismus. Bühl i. B., Prof. Friedr. Huber, 1921. gr. 8, 39 SS. m. Abb. M. 6.—. 

Jesse- Hamburg, Dr. Wilhelm, Geschichte der Stadt Schwerin. Von den 
ersten Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 2: Das 19, Jahrhundert. Schwerin (Meckl.), 
Baerensprung^sche Hof buchdruckerei, 1920. gr. 8. S. XXI— XXV, 351—601, 57 bis 
149 mit Abb., Taf. 36-69 u. Kt. 14—16. M. 52.—. 

Roth, Hermann, Ein Jahrhundert Pschorrbräu 1820—1920. Festschrift 
zu einer dreifachen Gedenkfeier des Hauses H. Pschorr in München. Ein Beitrag 
zur Geschichte Münchens mit Benutzung älterer Quellen und archival.-Nachweise 
von Joseph Kirchner und Josef Benno Sailer. München, J. Lindauersche Univ.- 
Buchh. (Schöpping) 1921. gr. 8. 67 SS. m. Abb. M. 6.—. 

Volckmann, Erwin. Alte Gewerbe und Gewerbegassen, Deutsche Berufs-, 
Handwerks- und Wirtschaftsgeschichte älterer Zeit. Würzburg, Gebrüder Mem- 
minger, 1921. gr. 8. VIII— 354 SS. M. 36.—. 

3. BeTÖlkerungslehre und Bevölkernngspolitik. Auswanderang und 

Kolonisation. 

Jiessen, Eckart, Siedlungswesen in Heide und Moor (Mit Zeichn. und 
Bildern). Camburg, Eobert Peitz, 1921. 8. 40 SS, und 3 S. Abb. M. 6.—. 

4. Bergbau. Land- und Forstwirtschaft. Fischereiwesen. 

Altrock, Dr. sc. pol. (Dir. d. Preuß. Landwirtschaftskammern) Walther v., 
Die Organisationen der deutschen Landwirtschaft, der Forstwirtschaft, des Garten- 
baus, der Fischerei und der landwirtschaftlichen Nebengewerbe. In Verbindg. mit 
Dr. Franz Mendelsohn und Dr. Kurt Schleising (Einers Betriebs-Bücherei. Hrsg. 
von Tänzler, Sorge u. W. v. Karger. Bd. 14.) Berlin, Otto Eisner, 1921. kl. 8. 
287 SS. M. 21,80. 

Bornhak, Conrad, Grundriß des Deutschen Landwirtschaftsrechtes. Leipzig, 
A. Deichert'sche Verlagsbuchh. Werner Scholl, 1921. gr. 8. IV -140 SS. M. 24.—. 

Kohlenwirtschaft, Die, Bayerns bis Ende 1920. Im Auftr. d. bayer. 
Staasministeriums f. Handel, Industrie und Gewerbe hrsg. von der Landeskohlenstelle 
und vom Bayer. Oberbergamt. München, Bayerische Landeskohlenstelle, 1921. 4°. 
11-49 SS.; Anl. 2 SS. M. 15.—. 

Pölzl, (Fischzüchter) Franz, Die Fischzucht. (Die Kleinwirtschaft. Von 
Helmer u. Alfonsus). Stuttgart, Eugen Ulmer, 1921. 8. IV— 212 SS. M. 16.—. 

Ritter, Dr, Kurt, Die Einwirkung des weltwirtschaftlichen Verkehrs auf die 
Entwicklung und den Betrieb der Landwirtschaft, insbesondere in Deutschland. 
Berün, Paul Parey 1921. VI— 124 SS. m. 5 Textabb. M. 10.—. 

Hawley, Ralph Chipman, The practice of silviculture, with particular 
reference to its application in the United States. New York, Wiley. 8. 11 -j- 
353 p. $ 4.—. 

5. Crewerbe und Industrie. 

Hähnsen, Fritz, Geschichte der Kaeler Handwerksämter. Ein 
Beitrag zur schleswig-liolsteinisclien (jewerbegeschichte. (Mitteilungen der 
Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Nr. 30.) Kiel (Lipsius u. Tischer). 
1920. 8°. XV u. 467 SS. (Preis: M. 25.—.) 

In sehr ausführlicher Weise werden in diesem Buche die Kieler 
Handwerksämter behandelt. lieber ihre Entstehung ist nichts bekannt; 
auch für Kiel trifft der allgemeine Grundsatz zu, daß die ältesten Zünfte 
älter sind als die ältesten Zunftrollen; die frühesten Zeugnisse über die 
Kieler Handwerksämter entstammen erst den Jahren 1372 und 1378. 
Bemerkenswert ist, daß von Beginn an in Kiel das Zunftrecht seinen Ur- 
sprung vom B-at aus genommen und daß dieser stets die Herrschaft über 



^ 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 81 

das Zunftrecht behauptet hat; auf die Zunftgerichtsbarkeit hat er aller- 
dings weniger Einfluß gehabt. lieber die Motive, die zu der Zunftbildung 
geführt haben, verlautet nichts ; dafür sind die Nachrichten über die älteste 
Zeit zu spärlich; und die Rollen selbst sprechen sich über die Motive 
nicht aus. Auch in Kiel werden die wirtschaftlichen Motive vorwiegend 
gewesen sein; in der ältesten Nachricht über die Zünfte (1372) wird der 
Beitrittszwang (S. 33, 47) erwähnt, der natürlich von wirtschaftlicher Be- 
deutung ist. Die religiösen und geselligen Zwecke kommen auch in Be- 
tracht; ob sie bei der Begründung der Zünfte entscheidend mitgewirkt, 
entzieht sich der Kenntnis. Ueberhaupt liefert das Buch mehr Stoff erst 
für die Zeit vom 15. Jahrhundert an. Hier ist ein reiches Material vor- 
handen und vortrefflich verarbeitet. Das Eingreifen der Landesherren in 
die Ordnung des Gewerbewesens von der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts 
an, die Aufhebung des Zunftzwanges im Jahre 1615, die Wiedereinfüh- 
rung der Zünfte von 1628 an wird ausführlich geschildert. Es folgt eine 
Darstellung der äußeren und inneren Geschichte der Aemter, ihrer Ver- 
fassung, des TJebergangs zum Konzessionssystem, des Verhältnisses zwischen 
Handel und Handwerk. Vom 17. Jahrhundert an macht sich auch in 
Kiel eine stärkere Beschränkung des Marktrechts, der freien Einfuhr aller 
Handwerkserzeugnisse geltend ; mit Recht nimmt der Verf. (S. 288) an, 
daß Lübeck den Kielern hierin als Beispiel gedient hat ; überhaupt ist 
ein starker Einfluß der benachbarten Hansestädte auf die Kieler gewerb- 
lichen Verhältnisse nicht zu verkennen. Die Gewerbeschutzpolitik des 
Rats hat bis tief ins 18. Jahrhundert einen ausgesprochen prohibitiven 
Charakter. Gleichzeitig dehnte sich die Konkurrenz innerhalb des Hand- 
werks aus, was Regelungen der dadurch entstehenden Konflikte erforder- 
lich machte. Auch die Vereinigung von ganz Schleswig-Holstein unter 
dänischer Herrschaft (1773) hat an diesen Verhältnissen zunächst wenig 
geändert; erst im 19. Jahrhundert wurde der Zunftzwang beseitigt, nach- 
dem manche Beschränkungen schon seit dem Ende der Gottorper Epoche 
den Bedürfnissen der Zeit zum Opfer gefallen waren. 

Auffallend ist der völlige Mangel an Nachrichten über die Kieler 
Schiffbauer; sie werden auch in den Zusammenstellungen der Aemter nicht 
genannt (S. 55, 99). Erst im 19. Jahrhundert erscheinen sie (S. 384). 
Damit rechtfertigt sich wohl auch der Mangel an Nachrichten über den 
älteren Kieler Schiffbau, den ich schon 1899 in meinem Buche „Beiträge 
zur Geschichte des deutschen Seeschiffbaues und der Schiffbaupolitik" 
(S. 124 ff.) festgestellt habe. 

Ereiburg i. Br. E. Baas eh. 

Geschichte des Kriegsausschusses der deutschen Baum- 
wollindustrie, zugleich Abriß der Baumwollwirtschaft während des 
Krieges. Im Auftrage des Kriegsausschusses der Deutschen BaumwoU- 
industrie bearbeitet von Dr. W. F. Brück. Berlin (Kriegsausschuß der 
deutschen Baumwollindustrie i. Liqu.) 1920. 8. 328 SS. 

Die umfangreiche Arbeit gliedert sich in drei Teile: Die geschicht- 
liche Darstellung, die hauptsächlichsten Maßnahmen auf dem Gebiete der 
Baumwollbewirtschaftung während des Krieges, die geschäftliche Organi- 
Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 6 



82 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

sation des Kriegsausschusses. Die geschichtliche Darstellung geht von 
einem kurzen TJeberblick über die deutsche Baumwollindustrie vor dem 
Kriege und die Rolle des Bremer Baumwollhandels aus, der aber leider 
kein klares Bild des Aufbaues und der Organisation, der Rohstoffversorgung 
und des Produktionsumfanges derselben gibt, und schildert dann in ein- 
gehender "Weise die ersten Einwirkungen des Krieges, die Lage der Baum- 
wollindustrie im ersten Vierteljahr 1915, die planmäßige Bewirtschaftung 
der Baumwolle seit dem zweiten Vierteljahr 1915, die Preisregelung und 
die weitere Bewirtschaftung durch den Kriegsausschuß und die bei ihm 
gegründete Garn- und die Spinnstoffverwertungsstelle. Die Darstellung der 
Bewirtschaftung ist bis Ende 1919 fortgeführt, ohne aber die wichtige 
TJeberleitung in den Friedenszustand mit ein zubegreifen. Im Anhang zu 
diesem ersten Teile sind die Entschädigungsgemeinschaften der Baumwoll- 
spinnerei und -Weberei von den Grundgedanken, den Berechnungsgrundlagen, 
der Verteilung, Zahlung und Ausschüttung der Entschädigungen an die 
stillgesetzten Betriebe bis zur Liquidation unter Mitteilung aller notwendigen 
Unterlagen in so ausführlicher Weise behandelt, daß eine wesentlich kürzere 
Darstellung m. E, nicht nur möglich, sondern auch nützlicher gewesen wäre» 
Der zweite Teil bringt außer einer Zeittafel über die hauptsächlichsten 
Maßnahmen auf dem Gebiete der Baumwollbewirtschaftung Archivmaterial 
zum ersten Teil (die Statuten der Bohbaumwoll- und der Baumwollgarn- 
Abrechnungsstelle sowie des Kriegsausschusses, einige wichtige Verordnungen 
u. dgl.), zwei erläuternde Abhandlungen, von denen die über die Handweber 
(von M. Buch) wertvolles Zahlenmaterial über den Umfang der Handweberei 
im Kriege enthält, während die andere, von H. Speidel verfaßte über die 
technischen Leistungen der Spinnstofiverwertungsstelle berichtet und in der 
Tat die Veröffentlichung verdient hat, endlich statistisches Material, von 
dem die ausgezeichneten Tabellen und Kurven über die Baumwolleinfuhr, 
die Baum wollbestände und die Baumwollpreise, die BaumwoUgarnbestända 
sowie den Beschäftigungsgrad der Höchstleistungsbetriebe der Spinnerei 
und Weberei (1917/18) besonders hervorgehoben seien. Im dritten Teil 
werden unter Mitteilung archivalischer Unterlagen Aufgaben, Organisation 
und Geschäftsführung des Kriegsausschusses dargelegt. 

"Wenn der Bearbeiter im Vorwort besonders darauf hingewiesen hat^ 
daß die Arbeit lediglich ein objektiver Bericht über die Tätigkeit des 
Kriegsausschusses der deutschen Baumwollindustrie sein soll, so ist das nur 
zu berechtigt. Es ist in der Tat nicht mehr als eine Chronik, die zugleich 
alle für die Beurteilung notwendigen Unterlagen mitteilt und gewiß sorg- 
fältig gearbeitet ist, aber alle theoretischen und wirtschaftspolitischen Er- 
örterungen mit Absicht ausschaltet. Während die Umstände, die zu den 
getroffenen Maßnahmen geführt haben, ziemlich eingehend geschildert sind, 
erfahren wir nichts oder doch nur sehr wenig über ihre volkswirtschaft- 
lichen Wirkungen (obwohl diese doch für den Nationalökonomen gerade 
das Wichtigste sind !). Mich hat infolgedessen die Lektüre des Buches 
sehr wenig befriedigt. Für die nationalökonomische Forschung sind solche 
Darstellungen kaum mehr als Rohmaterial. Falls jeder der zahlreichen 
Kriegsausschüsse und Kriegsgesellschaften in ähnlicher Weise seine Ge- 
schichte bearbeiten lassen sollte, teils um seine Verdienste um die Kriega- 



Uebersicht über die neuesten Pablikationen Deutschlands und des Auslandes. 83 

Wirtschaft in das rechte Licht zu rücken, teils um sich zu rechtfertigen, 
so können wir uns auf eine stattliche Reihe von Bänden gefaßt machen. 
Es fragt sich aber doch sehr, ob sich die Veröffentlichung derartiger 
Chroniken in einer Zeit rechtfertigen läßt, in der wichtige Forschungs- 
arbeiten aus Mangel an Mitteln ungedruckt bleiben müssen und die Not 
der Wissenschaft zum Himmel schreit. M. E. würde es durchaus genügen, 
wenn die an sich dankenswerten Tätigkeitsberichte der Kriegsausschüsse 
und Kriegsgesellschaften an einer Stelle gesammelt und von hier aus der 
nationalökonomischen Wissenschaft nach Bedarf zugänglich gemacht würden 
(in ähnlicher Weise wie jetzt die ungedruckten Dissertationen), wage aber 
nicht zu hoffen, daß diese keineswegs überflüssige Mahnung zur Sparsam- 
keit etwas fruchten wird. 

Braunschweig. Georg Jahn. 

Leitner, (Handelshochsch.-Prof.) Friedrich, Die Selbstkosten-Berechnung 
industrieller Betriebe. 7. verm. Aufl. Frankfurt a. M., J. D. Sauerländers Verlag, 
1921. gr. 8. VIII -384 SS. M. 48.—. 

Riittimann, H. E., Die Großbetriebsbildung in der schweizerischen Müllerei 
und ihre ökonomischen Folgen. (Schweizer Industrie- und Handelsstudien Heft 6.) 
Weinfelden, A.-G. Neuenschwander'sche Buchdruckerei u. Buchhdlg., 1921. 8. 
160 SS. M. 30.—. 

Werner, (Steiger, Mitgl. d. Eeichswirtschaftsrats) Georg, Die Krise in der 
Kaliindnstrie. Berlin, Buchhdlg. Vorwärts, Paul Singer, 1921. 8. 47 SS. M. 3,50. 

Zusammenschluß, Der, des mitteldeutschen Handwerks. Hrsg. vom 
Mitteldeutschen Handwerkerbund. Erfurt, Mitteldeutscher Handwerkerbund, 1921. 
8. 54 SS. M. 4,50. 



Diemer, Hugo, Industrial Organization and management. Chicago, La 
Salle Extension Univ., 1921. 8. 15 + 291 p. $ 3.—. 

Simon, Algie Martin. Personnel relations in industry. New York, 
Konald Press. 8. 11 + 341 p. ^3.—. 

Thomas, Edward, Industry, emotion and unrest. London, Allen and 
Unwin. 8. 10/6. 

6. Handel und Verkehr. 

Gothein, (M. d. R.) Dr. ing. Georg, Das Interesse von Handel und Industrie 
an der Friedensbewegung. (Volkswirtschaft!. Zeitfragen Nr. 316). Berlin, Leonhard 
Simion, 1921. gr. 8. 32 SS. M. 3.—. 

Klocke, (Dipl. Handelslehrer) Wilhelm, Die Bewertung der BUanzzahlen. 
Leipzig-Möckem, AßC-Verlag Georg Flock, 1921. kl. 8. 130 SS. M. 12.—. 

Mathies, (ßechtsanw.) Dr. Otto, Die ständigen Scniedsgerichte des Ham- 
burger Großhandels. Eine Monographie. (Hamburg. Forschungen. Hrsg. von 
Karl Rathgen u. Franz Stuhlmann, Heft 8). Braunschweig, Georg Westermann, 
1921. gr. 8. 204 SS. M. 30.—. 

Pesl, Dr. jur. u. Dr. scient. polit. Ludwig Daniel, Das Dumping. Preis- 
unterbietungen im Welthandel. München, J. Schweitzer Verlag (Arthur Sellier), 
1921. gr. 8. VIII— 139 SS. M. 21.—. 

Pohlmeyer, (Stad.-R.) Adolf, Handelbetriebslehre für den Schulgebrauch 
und zum Selbstunterricht. 3. Aufl. Leipzig, G. A. Gloeckner, 1921. 8. VIII— 312 SS. 
M. 22.—. 



Lichtenberger, (Prof.) Henri, Petit, (Prof.) Paul, L'imperialisme 
economique allemand. Paris, E. Flammarion, 1921, 16. 295 p. fr. 5,75. 

Sonlier, Charles, et Joseph Bonnet, Cours pratique de droit commercial 
ä l'usage des negociants. Paris, Delagrave. 8. fr. 12. — . 

6* 



84 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 



Lupino, David, Istituzioni di diritto commerciale. 15" ediz. riveduta. 
Firenze, Barbera. 16. 580 p. 1. 15.—. 

Navarrini, U., Trattato teorico-pratioco di diritto commerciale. 5 vol. Torino, 
Fratelli Bocca. 8. 1. 30,—. 

7. Finanzwesen. 

Kuczynski, ß., Ein Reichsfinanzprogramm für 1920. (Recht und 
Staat in Geschichte und Gregenwart. Eine Sammlung von Vorträgen und 
Schriften aus dem Gebiet der gesamten Staatswissenschaften. Heft 17.) 
Tübingen (J. 0. B. Mohr, Paul Siebeck) 1920. 8«. VH u. 66 SS. (Preis: 
M. 4.— zuz. 50 Proz. Verl. T.-Z.) 

Es handelt sich um einen anregenden und lesenswerten Vortrag aus 
Dezember 1919, der im Anhang (S. 28 — 66) durch recht interessantes 
und kritisch gewertetes Zahlenmaterial ergänzt ist. Ausgangspunkt ist eine 
scharfe Kritik der Erzbergerschen Steuerreform, von deren Einzelposten 
„tatsächlich kein einziger einer genaueren Prüfung standhält". Das „Reichs- 
finanzprogramm für 1920" besteht vor allem in „einer wirklich großen 
einmaligen Vermögensabgabe an Stelle des Reichsnotopfers mit einem 
Ertrage von 130 Milliarden M., wovon rund 100 Milliarden sofort gezahlt 
werden". Die bekannten wirtschaftlichen und sozialen Argumente pro und 
contra werden ziemlich schnell abgetan, „die Volkswirtschaft wird nach 
einer solchen Vermögensabgabe weit lebensfähiger" sein als vorher; wenn 
führende Praktiker einen anderen Standpunkt vertreten, sind sie „sehr 
kurzsichtig". Schließlich: „sie haben zunächst kein Interesse an der 
Gesundung unserer Volkswirtschaft". 

Jena-Münster. Terhalle. 

Becher, (Kechtsanw. u. Notar) Kichardu. (Eechtsanw.) Dr. KurtLiebes, 
Eeichsnotopfergesetz vom 31. XII. 1919. Kommentar mit Ausführungsbestimmnngen, 
Eilfstaf., Vollzugsverordnung, Bewertungsgrundsätzen sowie Ausgleichsbesteuerangs- 
gesetz u. ausführl. Sachreg., erl. Halbbd. 2, Hälfte 1. Berlin, Hermann Sack, 1921. 
gr. 8. S. 161—288, 69-108. M. 26.—. 

Becher, (Rechtsanw.) Dr. Carl, Kommentar zum Umsatzsteuergesetz vom 
24. XII. 1919 nebst Ausführungsbestimmungen. 2. völlig neubearb. Aufl. d. Kommen- 
tars zum Umsatzsteuergesetz vom 26. VII. 1918. Berlin, Hermann Sack, 1921. 
gr. 8. 632 SS. M. 88.-. 

Beuck, (Steuersynd.) Willi, Reichs-Einkommenbesteuerung. Nachtrag: 
Novelle zum Einkommensteuergesetz vom 24. III. 1921. Berlin, Otto Eisner, 1921. 
kl. 8. 40 SS. M. 2,25. (Eisners Betriebs-Bücherei, Bd. Nr. 11., Nachtrag.) — 

— Steuerlich zweckmäßige Gesellschaftsformen. Ist die Umwandlung von Ge- 
sellschaftsformen aus steuerlichen Gründen ratsam ? 2. verm. u. verb. Aufl. Berlin, 
Industrieverlag Spaeth u. Linde, 1921. 8. 100 SS. M. 12.—. 

Breit, (Rechtsanw.) Dr. James, Erbschafts- u. Schenkungssteuer. T. 1: 
Erbschaftssteuer. Anh.: Das Erbschaftssteuergesetz vom 10. IX. 1919. Berlin, 
Hermann Sack, 1921. gr. 8. 320, 48 SS. M. 49.—. 

Le Coutre, (Dipl. Kfm.) Dr. V^alter u. (Dipl. Kfm.) Richard Altenloh, 
Die kaufmännische Bilanz als Grundlage der Besteuerung. Ein Leitfaden f. Kauf- 
leute, Juristen u. Steuerbeamte. Berlin, Haude u. Spenersche ßuchhdlg. Max Paschke, 
1921. 8. 116 SS. M. 15.—. 

Erythropel, (Min.-R., Geh. Ob. Fin.-R.) Dr. Hermann, Die preußischen 
Besoldungsgesetze vom 17. XII. 1920. Hrsg. u. erl. 2. völlig umgearb. Aufl. 
Berün, H. W. Müller, 1921. 8. 459 SS. M. 38.—. 

Eymess, (Treuhänder) Dr. Alfred u. Dr. Kurt Mielert. ABC der Körper- 
schaftssteuer. Gesetzestext u. alphabetisch geordnete Gesetzeserl. Leipzig-Möckern, 
ABC-Verlag Georg Flock, 1921. kl. 8. 104 SS. M. 12.—. 



XJebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 85 

Geletneky, (Reg.-R.) Dr. Paul, Was muß jeder Besitzer von Kapital- 
vermögen über sein Gläubigerrecht auf Einziehung seiner Kapitalerträge ohne 
Ertragssteuerabzug über die Kückvergütungsmöglichkeiten nach erfolgtem Steuer- 
abzug wissen ? Ein prakt. Ratgeber f. alle Steuerpflichtigen, f. d. Finanzämter zum 
Dienstgebr. Mit Anh.: Das Verfahren bei den Finanzämtern. Berlin, Hermann 
Sack, 1921. 8. 23 SS. M. 5.—. 

Grünwald, (Min.-R.) Dr. Paul, Die einmalige große Vermögensabgabe 
(Gesetze, Staatsverträge, Dnrchführungsverordnungen, Durchfübrungserlasse, Recht- 
sprechung). Erg.-Bd. (Manz'sche große Sonderausgabe Nr. 64 b). Wien, Mauz, 
1921. 8. VIII— 339 SS. M. 35.—. 

Ott, (Reg.-R.) Rudolf, Die Befreiung von der Zwangswirtschaft im Wohnungs- 
wesen unter Erfassung des Wertzuwachses an Grundstücken durch Ausbau des 
Besitzsteuergesetzes. Ein Vorschlag zur beschleunigten Hebung d. Bautätigkeit 
u. Schaffung einer ausbaufähigen Einnahmequelle f. d. Gemeinden. Berlin-Bohns- 
dorf, Schild u. Scholle Verlagsgesellschaft, 1921. 8. 34 SS. M. 3,20. 

See gel, (Dipl. Handelslehrer) Otto, Wer trägt die Steuer? Untersuchungen 
üb. d. Probleme der Steuerüberwälzung. (Beruf, Politik, Leben Nr. 3) Hamburg, 
Hanseatische Verlagsanstalt, 1921. gr. 8. 13 SS. M. 1,70. 

Raviart, (Dr.) Emile et Marcel Raviart, Les impöts sur le revenu. 
Etüde detaillee des impöts cedulaires et de l'impöt general sur le revenu. Paris, 
Rousseau et Cie., 1921. 8. 317 p. fr. 12,50. 

Rossmoore, E. E., Federal corporate income taxes. New York, Dodd, Mead. 
8. 33« p. $ 7,50. 

Stamp, Josiah, The fundamental principles of taxation in the light of 
modern developments. London, Macmillan. 8. 10/6. 

Ricca Salerno, Giuseppe, Scienza deUe finanze. Nuova ediz. con aggi- 
unte e note bibliografiche a cura di R Dalla Volta. Firenze, G. Barbera. 16. 
XII— 329 p. 1. 15.—. 

8. Geld-, Bank-, Kredit- und Versicherungswesen. 

Grande, (Ing.) Max, Geldentwertung. Grund- und Hausrente. Grundsätz- 
liches zur Gesundung der Staatsfinanzen u. d. Wohnungskultur. Das Kleinrentner- 
problem. Karlsruhe, G. Braun, 1921. 8. 47 SS. M. 5.—. 

H a n 1 s , (kgl. ung. Staatssekr.) Dr. E 1 e m e r , Die Zukunft des Geldes. (Finanz- 
u. volkswirtschafl. Zeitfragen. Hrsg. von Georg Schanz u. Julius Wolf, Heft 74.) 
Stuttgart, Ferdinand Encke, 1921. 4°. 76 SS. M. 11,20. 

Liefmann, Robert, Beteiligungs- u. Finanzierungsgesellschaften. Eine 
Studie üb. den modernen Effektenkapitalismus in Deutschland, d. Vereinigten 
Staaten, der Schweiz, England, Frankreich u. Belgien. 3. neubearb. Aufl. Jena, 
Gustav Fischer, 1921. 4. VIII— 582 SS. m. 2 Taf. M. 100.—. 

Naphtali, Fritz, Wertschwankungen und Bilanz. Frankfurt a. M., Frank- 
furter Sozietäts-Druckerei, 1921. 8. 24 SS. M. 2,20. 

Schmidt-Essen, Dr. Alfred, Valutafibel. Eine Einführung in die Fragen 
des Geldwesens. Für Lehr- und Vortragszwecke, sowie zum Selbstunterricht mit 
bes. Berücks. d. heut. Verhältnisse. Jena, Gustav Fischer, 1921. 8. VII— 100 SS. 
M. 8.-. 



Herbelot, L. et G. FrauQois, Les monnaies, les changes, les arbitrages. 
Paris, Gauthier- Villars. 8. fr. 15.—. 

Withers, Hartley, Qu'est se que la monnaie? (Le marche monetaire 
anglais.) Traduction de l'anglais par Cyrille et Joseph Ri viere. Revue et precedee 
d'une introduction par Charles Rist. Paris, M. Giard et Cie., 1920. 8. XXII— 288 p. 
fr. 12.—. 

Hall, Ray Ovid, Chapters and documents on Chinese national bank. 
Washington, William Ballantyne and Sons, 1921. 8. 198 p. $ 2.—. 

Lavington, F., The English capital market. London, Methuen 8. 18/. 

Ceccherelli, La ternica del bilancio con speciale riguardo alle aziende 
bancarie. Milano, Francesco Vallardie. 16. XII— 228 p. 1. 12.—. 



86 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

9. Gewerbliche Arbeiterfrage. Armenwesen und Wohlfahrtspflege. 
Wohnungsfrage. Soziale Frage. Frauenfrage. 

"Weber, Adolf, Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit. Gewerk- 
schaften und Arbeitgeberverbände in Deutschland. 2. neubearbeitete ATiflage. 
Tübingen (I. C. B. Mohr, Paul Siebeck) 1920. 8«. XIX u. 448 SS. 
(Preis: M. 18.— u. 50 Proz. T.-Z.) 

Das vor mehr als einem Jahr in 2. Auflage erschienene, umfangreiche 
"Werk Adolf Webers wird gerade in der heutigen Zeit, die von revolu- 
tionären wirtschaftlichen Ideen erfüllt ist , als eine der bedeutendsten 
theoretischen Erscheinungen auf diesem Gebiete gelten können, und es ist 
deshalb außerordentlich zu begrüßen, daß Weber sich entschlossen hat, 
sein zuerst 1910 erschienenes Buch in ziemlich veränderter Form neu 
herauszugeben. Aus diesem Grunde rechtfertigt sich auch eine ein- 
gehende, erneute Betrachtung des Werkes, das schon, abgesehen 
von seiner Stellungnahme zu den brennenden Tagesfragen, allein durch 
die Fülle des verarbeiteten Materials und die vorzügliche metho- 
dische Behandlung des viel umstrittenen Themas zu den wertvollsten 
Werken der neueren sozialpolitischen Literatur gezählt werden muß. 
Webers Buch wird deshalb in dieser Zeit, in der sich leider jeder berufen 
fühlt, über die wichtigsten Probleme der Wirtschaft mitzureden, ohne sich 
in die Fragen wirklich vertieft zu haben, ein unentbehrliches Hilfs- 
mittel darstellen. 

Nach dem Erscheinen der ersten Auflage hat Weber heftige An- 
griffe erfahren, so daß er sich jetzt mit Recht gegen den Verdacht 
des Manch estertums verwahrt. In der kleinen 1914 erschienenen 
Schrift Webers: „D ie Lohnbewegungen in der Gewerkschafts- 
demokratie" hat sich Weber schon einmal mit seinen Kritikern aus- 
einandergesetzt. Dieselben Argumente, die er dort für sich sprechen läßt, 
verwendet er jetzt wieder und betont, daß er das Thema ganz objektiv 
zu behandeln versuche. Daß er vielleicht doch der einen Seite zu viel 
Recht gibt, soll noch bewiesen werden. Zu bedauern ist es, daß Weber 
in seinem Werk einige bedeutungsvolle Probleme gar nicht oder 
nur sehr kurz behandelt hat, so daß das Buch infolgedessen nicht ganz 
erschöpfend ist. Ich denke vor allem an die Rätefrage, die gerade 
bei Erscheinen des Buches, ein Jahr nach der Revolution, im Mittelpunkt 
der Debatten stand. Dasselbe gilt für das Problem der Sozialisierung. 
Gemeinsam mit der ersten Auflage (vgl. Besprechung von Carl Ergang 
in diesen „Jahrbüchern", III. F., 42. Bd., S. 131, 1911) ist dem Buche 
trotz aller Veränderungen der pessimistische Grundcharakter 
geblieben. 

Eine Behandlung der Frage des Kampfes zwischen Kapital 
und Arbeit ist gerade jetzt besonders aktuell. Glaubte man doch durch 
die Revolution diesen Kampf sofort zu Ende führen zu können. Spricht 
man eigentlich mit Recht von einem Kampf zwischen Kapital und 
Arbeit? Beide Produktionsfaktoren sind durchaus gleichberechtigt. 
Es kann sich also nur um die historisch-rechtliche Kategorie „Kapital" 
handeln, die bekämpft werden soll, und die sich in der Idee des Kapitalis- 
mus verkörpert. Auch die mittelalterlichen Gesellen gerieten in Differenzeit 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 87 

mit ihren Meistern, aber ihr Kampf zielte nur darauf hinaus, ihre Lage 
zu verbessern, und sie wurden von denselben Gedanken geleitet, die auch 
für die späteren Gewerkvereine und die Trade Unions maßgebend waren. 
Niemals war das Leitmotiv dieser Organisationen, die Besitzer der Pro- 
duktionsmittel zu expropriieren. Diese Idee ist marxistisch, und da sich 
der deutsche Gewerkschaftsgedanke hauptsächlich in den Freien sozialistischen 
Gewerkschaften verkörpert, hätte dieser Gegensatz zwischen den beiden 
Richtungen unter den Gewerkschaften schärfer herausgearbeitet 
werden müssen. Sehen wir doch auf der einen Seite der Partei „Arbeit" 
die Kämpfer, die das Bestehende anerkennen und nur ihre eigene 
Lage verbessern wollen ; auf der anderen Seite jedoch diejenigen, die zum 
Vernichtungsfeldzug ausrücken, die zwar auch ihre eigene Lage zu 
verändern beabsichtigen, aber im tiefsten Grunde ihres Herzens ihre Gegner 
■verschwinden lassen und sich an deren Stelle setzen wollen. In diesen 
Gedanken wurzelt letzten Endes auch die Idee der Sozialisierung. 
Gewiß waren die Freien Gewerkschaften vor dem Kriege niemals so 
revolutionär und sind es auch heute nicht. Hieraus erklärt sich auch der 
Kampf, der ursprünglich zwischen den Freien Gewerkschaften und der 
Sozialdemokratie bestand, und über den "Weber ausführlich berichtet (S. 135 ff.). 
Wollten die sozialistischen Gewerkschaften jedoch leugnen, daß die Be- 
seitigung des Kapitalismus ihr Ziel sei, dann würden sie ihre eigenen 
Ideale abschwören. Die Gewerkschaften als solche sind ihnen infolgedessen 
nur Mittel zum Zweck; ein Gnmd für die Stellungnahme, die Marx ihnen 
gegenüber einnahm. Hier vermisse ich ganz besonders eine Behandlung 
der Frage der Betriebsräte. Sind sie nicht auch eine ähnliche 
Etappe im Kampfe um das große Ziel der Sozialisten? Vielen sind sie 
ein neues, den Gewerkschaften ein koordiniertes, vielen anderen ein den 
Gewerkschaften übergeordnetes GÜed, besonders auf kommunistischer Seite, 
weil sie revolutionärer als die Gewerkschaften sind. Bezeichnend sind 
hierfür die Ausführungen, die Sinowjew auf dem Parteitage der U. S. P. D. 
in Halle gemacht hat, und in denen er die Gewerkschaften als die Zuflucht 
der Arbeiteraristokratie erklärte, die der Hort des Reformismus wäre (vgl. 
G. Sinowjew: „Die Weltrevolution und die HE. kommunistische Inter- 
nationale", Verlag der kommunistischen Internationale 1920). Die Ideen, 
die Sinowjew in Halle vertrat, sind seit langem von bolschewistischer Seite 
propagiert worden. Mir fehlt deshalb ein Hinweis Webers auf diese Frage. 
Webers Grundauffassung ist eine pessimistische. Die 
Gewerkschaften können endgültig nach seiner Meinung nur wenig 
erreichen. Die Arbeiter können durch Vorenthaltung ihrer Arbeitskraft 
die volkswirtschaftliche Güterverteilung kaum dauernd zu ihren Gunsten 
beeinflussen (S. 426 ff.). Er polemisiert deshalb gegen Brentano, dem 
der Beweis des Erfolges der Gewerkschaften nicht gelungen sei (S. 405 ff.). 
Der Streik führt nicht immer zum Ziel. Gerade jetzt, wo kaum ein Tag 
ohne Streik vergeht, wird man Weber recht geben müssen , daß der 
"Soziallohn durch die Gewerkschaften nicht gesteigert werden kann, 
wenn auch der Reallohn dank ihrer Tätigkeit sehr gestiegen ist. Helfen 
kann nur — und der Beweis ist gerade heute wieder leicht zu erbringen 
— eine Vermehrung der Produktion und eine Steigerung der 



88 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes; 



Gütermenge, ohne die alle Lohnerhöhungen nutzlos sind. Trotzdem 
muß betont werden, daß die Lage der Arbeiter ohne die Gewerkschaften 
eine wesentlich ungünstigere wäre. Das unstrittige Verdienst der Gewerk- 
schaften ist die Schaffung der fabelhaften Organisationen, die ihrer ganzen 
Klasse eine vorher nie geahnte Einheitlichkeit und Macht verliehen hat,^ 
so daß sie ein ebenbürtiger Faktor gegenüber den Trägem des Kapitals 
geworden sind. Nur durch die Gewerkschaften haben die Arbeitnehmer 
die großen Verbesserungen im Lohne, in der Arbeitszeit und in ihrer 
rechtlichen Stellung erreicht. Deshalb sind sie unmöglich fortzudenken, 
solange es einen Kapitalismus geben wird. Das gibt Weber, wenn auch 
zögernd, zu und hierin sehe ich eine gewisse Einseitigkeit in seiner 
Stellungnahme (vgl. S. 367 ff.). Wenn auch im Ziel verschieden, sind sich 
heute im Kampfe selbst die Gewerkschaften alle einig. Aehnliche Gedanken 
entwickelt Weber bereits in seiner kleinen 1914 erschienenen Schrift 
(s. oben). 

Die strittigste Frage des ganzen Buches ist unbedingt die, ob 
es den Gewerkschaften durch ihre Kampfmittel gelungen ist, den Sozial- 
lohn zu steigern. Zu ähnlichen Schlüssen wie Weber ist trotz aller 
Abweichungen V. Zwiedineck-Südenhorst gelangt, wenn er in seiner 
„Lohnpolitik und Lohntheorie" (Leipzig 1900) (S. 349) betont, daß die 
von unten ausgehende Bewegung mit dem Ziel der Einkommenerhöhung 
sich nur in einer Geldentwertung äußern würde, falls sie nicht von einer 
Steigerung der nationalen Produktion begleitet wäre. 

In Kürze soll noch der Inhalt des Weberschen Buches skiz- 
ziert werden: 

Nach einer Betrachtung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Arbeiter, 
deren Lage sich vor dem Kriege außerordentlich gebessert hatte, und die 
im Kampf um die Erweiterung ihrer Rechte große Fortschritte gemacht 
hatten, geht Weber zu einer ausführlichen Darlegung der Entwicklung 
der Gewerkschaftsbewegung über. Er schildert die Versuche 
eines Stephan Born, eines Winkelblech, Arbeiterorganisationen zu 
begründen und berichtet von den Gründungen Lassalles, Schweitzers, 
B e b e 1 s und Liebknechts, und macht uns bekannt mit der Entstehung 
der Hirsch-Dunckerschen und Christlichen Gewerkschaften. Sehr instruktiv 
sind die Kapitel, in denen Weber den Aufbau imd die Verfassung der 
Gewerkschaften, sowie das Verhältnis der Gewerkschaften zu anderen 
Arbeiterorganisationen darlegt. Wenn er betont, daß die Gewerkschaft 
„nicht revolutionierend die bestehende Wirtschaftsordnung durch eine 
andere ersetzt, sondern nur reformierend die Lage der Lohnarbeiter inner- 
halb der gegebenen Wirtschaftsordnung zu bessern versuche" (S. 128/129) 
wird er dem Endziel der sozialistischen Gewerkschaftsbewegung nicht ganz 
gerecht, worauf schon verwiesen wurde. — Gegenüber den Gewerkschaften 
sind die Arbeitgeberverbände, die sekundäre Erscheinung. Ihr 
organisatorischer Aufbau ist ein wesentlich anderer als der der Gewerk- 
vereine, und der Zusammenschluß der Arbeitgeber war stets viel schwieriger 
als der der Arbeitnehmer, weil hier eine bestimmte Weltanschauung fehlte* 
Das Solidaritätsgefühl unter den Arbeitern ist immer größer als das unter 
den Arbeitgebern gewesen, und die Anstrengungen, die die Arbeiter ge- 



TJebersicht über die neuesten Pnblikationen Deatscblands und des Anslandes. 89 

macht haben, um ihre Gewerkschaften immer mehr auszubauen imd ihnen 
die nötige Schlagkraft zu verleihen, waren leichter zu erreichen als ähn- 
liche Maßnahmen auf Seiten der Arbeitgeber. Beide Parteien haben im 
Laufe der Jahre die verschiedensten Kampfmittel erprobt, die 
Weber eingehend schildert. 

Im letzten Teile des Buches bespricht er die Leistungen und 
Gegenleistungen, die sozialen Leistungen der Arbeiter und die der 
kapitalistischen Unternehmer. Das Kapitel über die Unternehmer- 
leistungen dürfte gerade heute besondere Aufmerksamkeit finden, in 
dem er auf die Leistungen des modernen Unternehmers hinweist, der das 
Kapital nicht nur des Genusses wegen liebt, sondern des Schaffens, 
Gestaltens und Bildens willen, was ihn in erster Linie überhaupt erst zum 
Unternehmer macht und ihn zu neuen Unternehmungen anspornt (S. 345), 
Worte, die heute besonders beherzigt werden sollten. 

Zum Schluß behandelt Weber ausführlich die Frage, ob der ge- 
werkschaftlicheZusammenschlußes ermöglicht habe, die soziale 
Lage der Arbeiterklassen dauernd zu heben, und verneint die 
Behauptung L e g i e n s , daß die Vorenthaltung der Arbeitskraft nötig sei, 
um eine Steigerung ihres Wertes herbeizuführen. Wir sind auf diese 
Frage und auf die pessimistische Beurteilung Webers schon zu Beginn 
unserer Besprechung ausführlich eingegangen. Er gibt zwar zu, daß 
die Gewerkschaften den Nominal- und Reallohn unstrittig gesteigert haben, 
meint aber, daß ein künftig vermindertes Angebot von mensch- 
licher Arbeitskraft auch eine dauernde Produktionsver- 
minderung zur Folge habe. Aus diesem Grunde glaubt er, daß die 
Arbeiterkoalition nur zwei Möglichkeiten besitze, um den Lohn effektiv zu 
steigern : es müsse ihr entweder gelingen, die der Volkswirtschaft zur Verfügung 
stehende Gütermenge zu vermehren, oder sie müsse es erreichen, daß die 
Nichtarbeiter weniger improduktive Aufwendungen machen. Die pessi- 
mistische Auffassung, die Weber schon in der ersten Auflage seines 
Buches geäußert hat, daß eine Folge der Kämpfe eine Stagnation der 
Volkswirtschaft herbeiführe, erhält er auch jetzt aufrecht. 

Am 15. November 1918 wurden zwischen den Führern der Gewerk- 
schaften und denen der Arbeitgeberverbände die Arbeitsgemein- 
schaften begründet. Mit ihrer Errichtung hat sich der verstorbene 
1. Vorsitzende des deutschen Gewerkschaftsbundes, Legien, ein un- 
streitiges Verdienst erworben, denn hier treten Kapital und Arbeit zum 
erstenmal als gleichberechtigte Faktoren auf. Der „Betriebsunter- 
tan" wird so, wie es Naumann forderte, zum „Betriebsbürger", und die 
Sozialdemokratie hat damit auch wirtschaftlich das Erfurter Programm preisge- 
geben und ihren Vernichtungsfeldzug gegen den Kapitalismus, wenn sie es auch 
noch nicht offiziell zugesteht, eingestellt. Beweis hierfür sind die heftigen 
Angriffe, die die Arbeitsgemeinschaften von radikaler Seite erfahren. Weber 
hat auf diese Arbeitsgemeinschaften leider nur in Kürze hingewiesen. Das 
enorme Anwachsen der Gewerkschaften in Deutschland beweist auch, daß 
der Pessimismus Webers nicht gerechtfertigt ist. Nach einer kürzlich 
veröffentlichten Statistik zählten die Freien Gewerkschaften 1920 bereits 
mehr als 8 Mül. Mitglieder, entgegen einer Mitgliedszahl von 3,7 Mill. im 



90 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Jahre 1913. Die Christlichen Gewerkschaften verfügten über 858000 
Mitglieder entgegen 343 000 im Jahre 1913, und die Hirsch-Dunckerschen 
besaßen 190 000 gegenüber 107 000, so daß also in Deutschland mehr als 
9 Mill. Angehörige der arbeitenden Klassen fest organisiert waren, eine 
Armee, die beweist, daß der Faktor „Arbeit" im modernen Deutschland 
eine nie geahnte Machtstellung erreicht hat. 

Berlin-Schöneberg. K. Zielenziger. 

Brumby, (Stadtrat) Georg, Groß-Berliner Wohnungsnotrecht. Bekannt- 
machung des Magistrats zum Schutz der Mieter u. über Maßnahmen gegen den 
Wohnungsmangel für d. neue Stadtgemeinde Berlin. Dargest. u. erl. Berlin, Franz 
Vahlen, 1921. kl. 8. 60 SS. M. 6.-. 

Der seh, (Min.-R.) Dr. Hermann, Betriebsrätegesetz vom 4. II. 1920 nebst 
Wahlordnung. Mit allen einschl. Bestimmungen eingehend erl. 3. unveränd. Aufl. 
(Sammig. deutscher Gesetze 50). Mannheim, J. Bensheimer, 1921. kl. 8. XIX — 448 SS. 
M. 21.—. 

Erwerbslosen-Fürsorge in Sachsen, Die. (Reichsverordnung üb. Er- 
werbslosen-Fürsorge in Fassung d. Bekanntmachang v. 26. I. 1920.) Hrsg. v. Carl 
Frommhold Müller. 2. Aufl. Nachtr. von (Reg. R.) Dr. Martin Zschucke. Dresden, 
C. Heinrich, 1921. gr. 8. S. 97—123. M. 4,50. 

Kaufmann, (Wirkl. Geh. Oberreg. R. Präs.) Dr. Paul, Neue Ziele der 
Sozialversicherung. München-Gladbach, Volksvereins-Verlag, 1921. gr. 8. 16 SS. 
M. 2,50. 

Kulemann, (Landger.-R. a. D.) Wilhelm, Gewerkschaften u, Beamte. 
Berlin, Wirtschaftsverlag, 1921. gr. 8. 40 SS. M. 4.—. 

Manes, Prof. Dr. Alfred, Sozialversicherung. 4. wesentlich, veränd. Aufl. 
(Samnilg. Göschen 267). Berlin, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walther 
de Gruyter u. Co., 1921. kl. 8. 123 SS. M. 4,20. 

Noack, Victor, Wohnungsmangel in Stadt und Land. Ergebnis einer 
Studienreise im Auftrage der Sozialisierungskommission in den Provinzen Brandenburg 
und Sachsen. Berlin, Hans Robert Engelmann, 1921. gr. 8. 21 SS. M. 4,50. 

Schumacher, M., Tarifverträge und Schlichtungswesen. (Staat u. Wirt- 
schaft). Berlin, Zentralverlag, 1921. 8. 82 SS. M. 2,50. 



I 



Bardoux, Jacques, L'ouvrier anglais d'aujourd'hui. Paris, Hachette. 8. 
fr. 12.—. 

Earp, (prof. of theology) Edwin Lee, Rural social Organization. New York, 
Abingdon Press, 1921. 12. 144 p. $ 1.—. 

Freeman, Austin, Social decey and regeneration. With introd. by Have- 
lock EUis. London, Constable. 8. 18/. 

Bonatta, G., Guistizia e moderazione nelle riforme sociali. Firenze, R. Bem- 
porad e Figlio. 16. 46 p. 1. 1,50. 

10. (xenossenschaftswesen. 

Hilmer, (Geschäftsführer, Verb.-Sekr.) Franz, Agrarpolitik und Genossen- 
schaftswesen. (Bücherei für Agrarpolitik und Agrargesetzgebung.) Graz, Heimat- 
Verlag Leopold Stoeker, 1921. 8. 27 SS. M. 2.— . 

11. Gesetzgebung, Staats- und Verwaltungsrecht. Staatsbürgerkunde. 

Adams, (Rechtsanw.) Dr. Josef, Deutsches Staatsrecht. Eine Anleitung 
zum Studium. Nr. 2: Reichsverwaltungsrecht. Bonn, Ludwig Röhrscheid, 1921. 
gr. 8. XII— 96 SS. M. 12.-. 

Arndt, (Geh. u. Oberbergr.), Prof. Dr. Adolf , Die Verfassung des Freistaats 
Preußen vom 30. XI. 1920. Mit Einleitung, vollständigem Kommentar, Landeswahl- 
gesetz und Nachtrag. (Guttentag'sche Sammlung Preußischer Gesetze. Textausg. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 91 

m. Anm. u. Sachreg. Nr. 1.) Berlin, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter 
de Gruyter u. Co., 1921. kl. 8. 158 SS. M. 10.—. 

Bayrhoffer, (Reg.-R.) Walter, Die Behördenorganisation. Zusammen- 
gestellt und mit einem ausführlichen Sachregister versehen. (Eisners Betriebs- 
Bücherei. Hrsg. von Tänzler, Sorge u. W. v. Karger. Bd. 15.) Berlin, Otto Eisner, 
1921. kl. 8. 184 SS. M. 17.—. 

Bordihn, (Dr. jur.) Franz, Das positive Recht der nationalen Minderheit. 
Eine Sammlung der wichtigsten Gesetze und Entwürfe. (Das Selbstbestimmungs- 
recht der Deutschen. Hrsg. von Job. Tiedje. Heft 2.) Berlin, Hans Robert Engel- 
mann, 1921. 8. IV— 104 SS. M. 14.—. 

D c h w , (Prof. Dr.) Franz, Verwaltung und Wirtschaft, Grundriß zur Ein- 
führung in das geltende Recht. Berlin, Industrieverlag Spaeth u. Linde, 1921. 8. 
46 SS. M. 4,40. 

Doerr, (Handelssch.-Dir.) Alexander, Der Staats- und Gemeindebürger. 
Eine Bürgerkunde auf geschichtlicher, wirtschaftlicher, rechtlicher und politischer 
Grundlage. 2. erw. u. verb. Aufl. Leipzig, G. A. Gloeckner, 1921. 8. VIII — 
160 SS. M. 12.—. 

Eichelsbacher, (Reg.-R.) Dr. Franz, Reichsversicherungsordnung vom 
19. VII. 1911 nebst Einführungsgesetz samt den Ergänzungsbestimmungen unter 
Berücksichtigung aller Abänderungen. Textausg. m. Verweisungen u. alph. Sach- 
reg. 4. Aufl. (Deutsche Reichsgesetze, Textansgabe mit Sachreg.) München, C. 
H. Beck'sche Verlagsbuchhdlg., 1921. kl. 8. XVIII-505 SS. M. 20.—. 

Frank, (Oberstaatsanw.) Dr. Felix, Das Preistreibereigesetz (Bundesgesetz 
vom 9. III. 1921) über die Bestrafung der Preistreiberei, des Schleichhandels u. a. 
ausbeuterischer oder die Versorgung der Bevölkerung gefährdender Handlungen 
(Preistreibereigesetz) auf Grand der Gesetzesmaterialien erläutert. (Sammlung 
deutscher u. Österreich. Gesetze.) Wien, F. Schalk, 1921. 8. 48 SS. M. 6.—. 

Giese, (Prof. Dr.) Friedrich, Grundriß des neuen Reichsstaatsrechts. (Der 
Staatsbürger. Sammlung zur Einführung in das öffentliche Recht, hrsg. vom Rechts- 
anw. Heinrich Kamps. Nr. 1.) Bonn, Ludwig Röhrscheid, 1921. 8. VIII— 168 SS. 
M. 16.—. 

Hasbach, Wilhelm, Die moderne Demokratie. Eine politische Beschreibung. 
2. unveränd. Aufl. Jena, Gustav Fischer, 1921. 4. IX— 621 SS. M. 60.—. 

Isay, (Rechtsanw.) Dr. Hermann, Die privaten Rechte und Interessen im 
Friedensvertrag. 2. Aufl. Berlin, Franz Vahlen, 1921. gr. 8. XVIII— 256 SS. 
M. 40.—. 

Kaiserberg, (Min. -R.) Dr. Georg, Die Wahl des Reichspräsidenten. (Ver- 
ordnung über die Wahl des Reichspräsidenten.) Wahlordnung vom 25. X. 1920 
auf Grund amtlichen Materials für die Praxis erläutert. Berlin, Carl Heymanns 
Verlag, 1921. gr. 8. VIII— 65 SS. M. 15.—. 



Hauriou, (Prof.) Maurice, Precis de droit administratif et de droit public 
ä l'usage des etudiants en licence et en doctorat des sciences politiques. Paris, 
Libr. de la Societe du Recueil Sirey, 1921. 8. VIII— 544— III p. 

Moreau, Felix, Precis elementaire de droit constitutionnel (Organisation 
des Pouvoirs publics et Libertes publiques). 9" edition complfetement revue. Paris, 
Libr. de la Societe du Recueil Sirey, 1921. 8. 301 p, 

Dickinson, Edwin de Witt. The equality of states in international law. 
Cambridge, Harvard Univ., 1920. 8. 437 p. (18 p. bibl.) $ 4.—. (Harvard studies 
in jurisprudence.) 

Putney, Albert Hutchinson, United States constitutional history and 
law. New York, Central Bk. Co. 8. 599 p. $ 4.—. 

Loris, G., Diritto amministrativo e cenni di diritto costituzionale. ad uso 
degli istituti tecnici. 12» ediz. riveduta. Milano, U. Hoepli. 16. XXIV— 485 p'. 1. 12.—. 

Orlando, V. E., Principi di diritto costituzionale. 2* rist. della 5* ediz. 
riveduta e ampliata. Firenze, G. Barbera, 1921. 16. 323 p. 1. 15.—. 

— , Principi di diritto amministrativo. 2' rist. della ö» ediz. riveduta. Firenze, 
G. Barbera, 1921. 16. XV— 456 p. 1. 15.—. 



92 



Die periodische Presse des Auslandes. 

12. Statistik. 

Deutsches Keich. 



n 



Beiträge zur Statistik Bayerns. Heft 94: Arbeitsverhältnisse und 
Organisation der häuslichen Dienstboten in Bayern. München, J. Lindauersche 
Univ.-Buchh. (Schöpping) Verlags-Abteilg., 1921. 4. 105 SS. M. 8.—. 

Aus den Ergebnissen der Volkszählung am 8. X. 1919 in Baden. Die Haus- 
haltungen und Wohnbevölkerung nach dem Gebietsstand auf Anfang 1921. Bearb. 
im Bad. Statist. Landesamt. Karlsruhe, C. F. MüUersche Hofbuchh., 1921. 4. 
16 SS. M. 1,50. 

Statistik des Deutschen Kelchs, Bd. 289: Die Krankenversicherung 
im Jahre 1914. Bearb. im Statist. Reichsamt. Berlin, Puttkammer u. Mühlbrecht^ 
1921. 4. 60, 67 SS. M. 12.—. 

Versicherungs-Statistik für 1916 über die unter Reichsauf sieht stehenden 
Unternehmungen. Hrsg. vom Reichsaufsichtsamte für Privatversicherung. Berlin, 
Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter u. Co., 1921. 4. 81 — 
394 SS. m. 1 Taf. M. 150.—. 

Zuckermann, S., Statistischer Atlas zum Welthandel. Berechnet, gez. u. 
erl. T. 1, 2 (in 1 Bd.). 1. Text u. Tab., XVI— 191 SS. 2. Graph. Taf., IV S., 
156 Taf. Berlin, Otto Eisner, 1921. 33,3X24,4 cm. M. 600.—. 

13. Verschiedenes, 

Ehrhardt, (Korv.-Kap. a. D.) Hermann, Deutschlands Zukunft. Aufgaben 
und Ziele. München, J. F. Lehmanns Verlag, 1921. 8. 38 SS. M. 3.—. 

Kahler, (Prof.) Dr. Wilhelm, Lage und Aufgabe der Universitäten in der 
Gegenwart. Eröffnungsvortrag auf dem Greifswalder Universitätstag in Hinter- 
pommem. (Greifswalder Universitätsreden. 6.) Greifswald, Ratsbuchhdlg. L. Bamberg, 
1921. gr. 8. 16 SS. M. 2,40. 

Scheidemann, Philipp, Papst, Kaiser und Sozialdemokratie in ihren 
Friedensbemühungen im Sommer 1917. Berlin, Verlag f. Sozialwissenschaft, 1921. 
4. 26 SS. M. 5.—. 



Die periodische Presse des Auslandes. 

A. Frankreich. 

Journal de la Societe de Statistique de Paris. 62^ Annee, avrll 1921, Nr. 4r 
Proces-verbal de la seance du 16 mars 1921 et Annexes au proces-verbal. L'etalon 
monetaire, la monnaie et les prix, par Yve^ Guyot. — 1920. Annee d'affaires et 
d'activite; Annee de speculation, boursouflage, degonflement (suite et fin), par Alfred 
Neymarck. — Chronique agricole, par M. de Ville-Ch abrolle. — etc. — Mai 1921, 
Kr. 5: L'industrie siderurgique fran§aise ä la fin du XVIII* siecle et au dehnt du 
XIX", par Hubert Bourgin. — Chronique de demographie, par Michel Huber. — 
Chronique des banques et des questions monetaires, par G. RouUeau. — etc. 

Journal des Economistes. 80* Annee, avril 1921: Les gouvernements et la 
Situation economique, par Maffeo Pantaleoni. — Pour la deflation contre le defaillisme 
monetaire, par Arthur Raffalovich. — Les bilans et les inventaires de societes de 
commerce, par J. Tschernoff. — Cuba, par Brisson-Martin. — Le Chili, par Jacques 
Legros. — Les actions de travail, par Georges de Nouvion. — Societe d'economie 
politique (Reuuion du 5 avril 1921): Le commerce exterienr de la France depuis 
l'armistice et la politique commerciale. Communication de M. Truchy. — etc. 

B. England. 
Review, The Contemporary. May 1921, Nr. 665: Goal strikes or coalition?, 
by Charles A. McCurdy. — The coalition liberalism, and labour, by C. F. G. 
Mastermann. — The international Situation of Belgium, by Emile Cammaerts. 
— etc. 



Die periodische Presse Deutschlands. 93 

Review, The Fortnightly. May 1921: The coal trouble and the delusions 
of labour, by Politicus. — Shall the öermans rebuild France?, by John Bell. — 
The Iure of gold, by John 0. Miller. — etc. 

C. Oesterreich. 
Handelsmuseum, Das. Hrsg. von der Direktion des Handelsmuseums. 
Bd. 36, 1921, Nr. 18: Der Handelsverkehr Trients und seine Zukunftsaussichten, 
von Dr. Mario Perlmutter. — Bericht der Kommerziellen Abteilung des Handels- 
museums über den Stand der Handelsbeziehungen zwischen Italien und Oesterreich. 

— etc. — Nr. 19 : Die Mineralschätze Deutsch-Üesterreichs (Forts.), von Otto Sauer. 

— Deutsch -Oesterreichs Eisenlager und seine wirtschaftlichen Beziehungen zu 
Deutschland, von Alexander Lehnert. — Wanderung und Schiffahrt: Die Aus- 
wanderung als Problem, von A. Wamhelm. — etc. — Nr. 20: Die Bedeutung der 
Papiergarne für Mittel-Europa, von (Textiltechniker) Osias Weinreb. — Die Industrie 
Oberschlesiens, von (Generaldir. Geh. ßergrat) Williger. — etc. — Nr. 21: Die 
Mineralschätze Deutsch-Oesterreichs (Forts.), von Otto Sauer. — Die Bedeutung der 
Papiergarne für Mittel-Europa (SchluIJ), von (Textiltechniker) Osias Weinreb. — Der 
argentinische Markt zu Anfang 1921 und sein Einfluß auf das Kommissionsgeschäft. 

— etc. — Nr. 22 : Die Mineralschätze Deutsch-Oesterreichs (Forts.), von Otto Sauer. 

— Die 5. Schweizer Mustermesse in Basel, von Dr. Max Smolensky. — etc. 



Die periodische Presse Deutschlands. 

Archiv für Eisenbahnwesen. Hrsg. im Keichsverkehrsministerium. Jahrg. 
1921, Mai und Juni, Heft 3 : Technik und Rechtsknnde in der Eisenbahnverwaltung, 
von (Staatssekr.) Kumbier. — Die europäischen Eisenbahnen und der Krieg, von 
(Reg.-Baum.) Kurt Heineck. — Auslese und Ausbildung des Personals für den 
unteren Betriebsdienst, von (Reg.-Baum.) Dr. ing. Hans Busse. — Geschichte der 
elektrischen Zugförderung auf den ehemaligen preußisch-hessischen Staatseisen- 
bahnen, von Karl Trautvetter. — Bestrebungen zur Vereinheitlichung im Eisenbahn- 
wesen (Schluß), von (Geh. Reg.-R.) Wernekke. — Entwicklung der Kleinbahnen in 
Preußen (Abgeschl. am 31. III. 1920). — Die württembergischen Staatsbahnen in 
den Jahren 1917 und 1918. — etc. 

Archiv für innere Kolonisation. Bd. 13, Jahrg. 1920/21, April 1921, Heft 7: 
Bericht über die Mitgliederversammlung der Gesellschaft zur Förderung der inneren 
Kolonisation vom 25. II. 1921: Eröffnungsansprache des Vorsitzenden, Reg.-Präs. 
V. Schwerin; Bericht über die Tätigkeit der Gesellschaft im Jahre 1920, von Dr. 
Keup ; Stand und Absichten der Siedlungsgesetzgebung in Preußen, von (Ministerial- 
dir.) Articus ; Stand und Absichten der Siedlungsgesetzgebung und Siedlungstätigkeit 
in Bayern, von (Oberaratmann) Dr. Eichhorn; Die Erfahrungen mit vereinfachtem 
Bauwesen in der Siedlung, von (Reg.-R.) Stegemann. — etc. 

Bank, Die. Juni 1921, Heft 6 : Kriegsentschädigungen, von Alfred Lansburgh. 
— Das Kreditprinzip der Banken, von Dr. Ph. Weinschenk. — Der Blanko-Wechsel 
der Regierung. — Vorzugsaktien gegen Ueberfremdung. — Teuerungszahlen. — etc. 

Bank-Archiv. Jahrg. 20, 1921, Nr. 16: Zur Annahme des Antrags MüUer- 
Trimborn, von (Geh. Justizr.) Prof. Dr. Riesser. — Betrachtungen zum Ministerial- 
erlaß vom 15. IV. 1921 betr. den Geschäftsbereich der Sparkassen, von Dr. jur. 
A. Koch. — Sparkassen, Stadt- und Kreisbanken, von Dr. Fritz Wilhelmi. — Die 
Kapitalertragssteuerpflicht der Zinsen auf den Femsprechbeitrag, von (Rechtsanw,) 
Dr. Rau. — etc. — Nr. 17: Das Akkreditiv, von Dr. Alfred Jacoby. — Rechts- 
stellung der Banken bei Kreditgewährung gegen Uebergabe von Dispositions- 
papieren (§ 363, 2 BGB.), von Dr. A. Koch. — Die erste Körperschaftssteuererklärnng, 
von (Rechtsanw.) Dr. Koeppel. — etc. 

Export. Jahrg. 43, Mai 1921, Nr. 18—21: Aus Mittel- und Südamerika. — 
Die latein-amerikanischen Staaten. — Das deutsche Auslandsinstitut und das Reichs- 
wanderungsamt. — Die Wirtschaft Niederländisch-Indiens. — Der industrielle Export 
Oesterreichs. — Breslauer Maschinenmarkt und Technische Messe. — Die Arbeiten 
der Deutschen Ostmesse Königsberg. — etc. 



94 Die periodische Presse Deutschlands. 

Jahrbücher, Preußische. Bd. 184, Juni 1921, Heft 3: Bismarcks Sturz, von 
(Hofrat) Prof. Eduard v. Wertheimer. — Die Kriais des Lohnsystems, von Dr. 
Wilhelm Ziegler. — Die staatsrechtliche Stellung des Generalstabs in Preußen und 
dem Deutschen Reiche, von (Generalleutn. z. D.) Georg Graf Waldersee. — Englische 
Politik gegenüber Amerika, von Walther Schotte. — etc. 

Kartell-Eundschau. 19. Jahrg., 1921, Heft 5: Verleitung zum Bruch der 
Kartellverpflichtungen, von (ßechtsanw.) Dr. Eudolf Isay. — etc. 

Kultur, Soziale. 41. Jahrg., Mai/Juni, 1921, Heft 5/6: Handelskammern und 
freie Verbände, von Dr. Wilhelm Fonk. — Die sozialen Beziehungen, von (Hofrat) 
Prof. Dr. E. Schwiedland. — Ein Blick in die Kolonialgeschichte (VIII Italien), 
von Dr. Eugen Jaeger. — Die sozialdemokratische Bildungsarbeit, von Joseph Kipper. 

— Der Weg zur Heimstätte, von v. Läer. — Darlehnskassen für Minderbemittelte, 
von Dr. Bruno Beyer. — Theorie der Wirtschaftsordnung, von E. Schwiedland. 

— etc. 

Monatshefte, Sozialistische. 27. Jahrg., 56. Bd., 1921, Heft 10: Die Festigung 
des britischen Eeichszusammenhangs , von Max Schippel. — Kegierungswechsel, 
Ultimatum und Reparation, von Ludwig Quessel. — Die deutsche Arbeiterklasse 
und die Fragen der Zukunft, von Hermann Schützinger. — etc. — Heft 11: Die 
Gärung unter den amerikanischen Farmern, von Max Schippel. — Technik und 
soziale Ethik, von Victor Engelhardt. — etc. 

Oekonomist, Der deutsche. 39. Jahrg., 1921, Nr. 2002: Die Hand an der 
Kehle. — Verrannte Europa-Politik, von (Synd.) Dr. Friedrich Hasselmann. — etc. 

— Nr. 2003: Die Liquidierung der Reparationsforderungen und die Aufbringung 
der ]\Iittel durch Deutschland, von Dr. Hans Joachim. — Geldmarktfragen, von 
Hans Wittenberg. — etc. — Nr. 2004 : Die Reichsbank über das Wirtschaftsleben, 

— Wie kann gezahlt werden ? — etc. — Nr. 2005 : Die Raten der Kriegsentschädi- 
gung und das Programm der Regierung, von Dr. Hans Joachim. — Antidumping, 
von E. Trott-Helge. — Arbeitslosigkeit, von N. Johanssen. — Nr. 2006: Die Stellung 
des Reichstags und vorläufigen Reichswirtschaftsrats zum Finanz- und Wirtschafts- 
programm der Regierung. — Wieder einmal Danzig. — etc. 

Plutus. 18. Jahrg., 1921, Heft 11: Oesterreich. — Goldabschreibungen und 
Papierreserven, von G. B. — Der Valutaindex bis Anfang Mai, von Ernst Kahn, 

— etc. — Heft 12: Demokratie der Arbeit. — Die Auffüllung der Papierreserven, 
von G. B, — etc. 

Praxis, Soziale, und Archiv für Volkswohlfahrt. Jahrg. 30, 1921, Nr. 20: 
Die 8. Hauptversammlung der Gesellschaft für Soziale Reform (II). — Berufskassen, 
von Dr. Heinz Potthoff. — Lohn- oder Preisabbau?, von (Gewerkschaftssekr.) Jos. 
Treffert. — Die 7. Tagung des Verwaltungsrats des internationalen Arbeitsamts, 
von (Reg,-R.) E. Kuttig. — Zu den Grundgedanken des künftigen Arbeitsvertrags- 
gesetzes, von Dr. W. Vollbrecht. — Das deutsche Bauprogramm 1921 — 1924. — 
etc. — Nr. 21: Abbau oder Reform der Armenpflege?, von (Bürgermstr. a. D.) Dr. 
E. V. Hollaender. — Zur Reform des Entlohnungsystems, von Br. Georg. — Die 
Arbeiterkammern in Deutsch-Oesterreich, von Dr. Fritz Rager. — Arbeitsvertrags- 
gesetz und Gewerbeaufsicht, von (Gewerberat) Dr. Bender. — Die Wirkungen des 
amerikanischen Alkoholverbots, von Dr. G. Flaig. — Reform des Abzahlungswesens 
auf gemeinnütziger Grundlage, von (Geschäftsführer der Zentrale für private Für- 
sorge) Paul Frank. — Mietsteuer und Wohnungsluxussteuer. — etc. — Nr. 22: 
Zur Kritik des neuen Entwurfs einer Schlichtungsordnung (I), von (Landgerichts- 
rat a. D.) W. Kulemann. — Wirtschaftsbezirke und internationale Vermittlung, von 
Karl Gairing. — Sozialversicherungsgesetzgebung in Frankreich, von Dr. Mina 
Büttel. — etc. — Nr. 28: Die deutsche Arbeitnehmerschaft und das Londoner 
Ultimatum, von (M. d. R.) Anton Erkelenz. — Zur Kritik des neuen Entwurfs einer 
Schlichtungsordnung (Schluß), von (Landgeriehtsrat a. D.) W. Kulemann. — Die 
Statistik des Reichsamtes über die Teuerung im Reich, von Martha Wilhelm. — 
Vorschläge zum Bauarbeiterschutzgesetz, von Franz Kramer. — Tagung der 
Deutschen Wohnungsämter, von (Dir.) Dr. Gut. — etc. 

Recht und Wirtschaft. 10. Jahrg., Juni 1921, Nr. 6: Die Znkunftsbedeutung 
des Reichswirtschaftsrats, von (Wirkl. Geh. R. Präs. des Reichswirtschaftsrats) Fried- 
rich Edlen v. Braun. — Warum wir eine Wohnabgabe brauchen, von (Oberbürgermstr.) 



Die periodische Presse Deutschlands. 95 

Dr. Luther. — Die Zuständigkeit der Bezirkswirtschaftsräte, von (Oberbürgermstr.) 
Mitzlaff. — Aufbau der Bezirkswirtschaftsräte, von (M. d. ß.) S. Aufhäuser. — 
Kartellprobleme, von (Rechtsanw.) Dr. Rudolf Isay. — etc. 

Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft 
im Deutschen Reiche. 45. Jahrg., 1921, Heft 1: Die Koalitionspolitik im Zeitalter 
1871 — 1914, von Rudolf Kjellen. — Das soziologische Problem der Gleichheit, von 
Dr. Gaston Roffenstein. — Die Eisenbahnpolitik der Vereiuigten Staaten von Amerika 
bis zum Ende des Weltkrieges, von Alfred v. der Leyen. — Die Brüsseler inter- 
nationale Finanzkonferenz von 1920 (II), von (ord.Prof.) Walter Lotz. — Die Soziali- 
sierung des Kohlenbergbaues, ein Vortrag, von Gestaldio. — Die baltischen Rand- 
staaten und ihre handelspolitische Bedeutung, von H. F. Crohn-Wolfgang. — Die 
wirtschaftsgeschichtliche Auffassung W. Sombarts zur Begriffsbestimmung des 
Kapitalismus, von (ord. Prof.) Georg v. Below. — etc. 

Wirtschafts- Ztg., Deutsche. Jahrg. 17, 1921, Nr. 10: Spruchgerichte, ein 
Vortrag von (Exz.) Drews, besprochen vom (Reichswirtschaftsrichter) Dr. Wiedersum. 

— Neuregelung des Warenverkehrs zwischen besetztem und unbesetztem Gebiet, 
von (Assess.) Dr. jur. S. Rosenberg. — Ueber das Verhältnis zwischen Staat und 
Wirtschaft im neuen Deutschland, von (Reg.-R.) Dr. Wachsmann. — Die Börsen- 
ordnung für Berlin vom 10/29. Dez. 1920, von (stellv. Synd. d. Handelskammer 
Berlin) Dr. E. Loewenstein. — Wirtschaftsgesetze des Auslands gegen Deutschland, 
von G. Buetz. — Versicherung, von (Rechtsanw.) Dr. Gottschalk, — etc. — Nr. 11: 
Die Auflösung der fiskalischen Kriegsverträge, eine Entgegnung von (Ministerialrat 
Geh. Reg.-R.) Corwegh. — Die englischen Eisenbahnen und die Börse, von 
(Geh. Reg.-R.) Wemekke. — Bremen und die nordwestdeutsche Kanalfrage, von 
Dr. Flügel — etc. 

Zeit, Die Neue. 89. Jahrg., 2. Bd., 1921, Nr. 8: Zur Schuldfrage; ein fran- 
zösischer Entlastungszeuge, von Ferdinand Tönnies. — Australiens Wirtschafts- 
entwicklung, von Erich Pagel. — etc. — Nr. 9 : Zur Schuldfrage ; ein französischer 
Entlastungszeuge (Schluß), von Ferdinand Tönnies. — Neumarxismus, von Artur 
Heichen. — Reichsgesetzliche Neuregelung des Bodenrechts, von Otto Albrecht. — 
etc. — Nr. 10: Die Belastung des deutschen Volkes durch die Reparation, von 
Artur Heichen. — Ferdinand Lassalle und Heinrich Heine, von Heinrich Cunow. — 
Reichsgesetzliche Neuregelung des Bodenrechts (Schluß), von Otto Albrecht. — etc. 
Nr. 11 : Lloyd Georges Kontinentalpolitik und die oberschlesische Frage, von 
Heinrich Cunow. — Die soziale Befreiertätigkeit der Technik, von Max Schoen. — 
Auswärtige Politik und sozialdemokratische Presse, von Kurt Heinig. — etc. 

Zeitschrift für Handelswissenschaft und Handelspraxis. 14. Jahrg. 1921/22, 
April 1921, Heft 1: Die Verrechnung des Produktionsprozesses, von Prof. Dr. 
H. Nicklisch. — Transitorische Theorie und Leistungstausch; eine historisch -theo- 
retische Studie, von (ehem. Handelsschuldir.) Manfred Berliner. — Das Betriebs- 
journal, von (Schulrat) Hans Belohlawek. — Die Bilanzbestimmungen des Handels- 
gesetzbuches im Lichte der Buchhaltungstheorie, von (Oberbergrat) Martin Witte. — 
Reform der Staatsbuchführung im Freistaat Sachsen, von (Studienrat) Oskar Schulz. 

— Die Gewinnverteilung der Aktiengesellschaften unter besonderer Berücksichti- 
gung der Körperschaftssteuer, von (Handelslehrer) Dr. Malteur. — Geld wertsch wan- 
kung und Bilanz, Erwiderung von Dr. Julius Jäckle. — etc. ~ Mai 1921, Heft 2: 
Kalkulation und Unkosten im Warenhausbetrieb, von (Reg.-R.) Prof. Dr. Georg Obst. 

— G. m. b. H. u. Co., von (Handelslehrer) R. Malteur. — Das japanische Handels- 
museum in Singapore, von Prof. Anton Schreinert. — Typisierung, Markenartikel 
und Automat, von Prof. Franz Findeisen. — etc. 

Zeit Schrift für Kommunal Wirtschaft U.Kommunalpolitik, Jahrg. 11, Mai 1921, 
Nr. 9 (Sonderheft Siedlung u. Ernährung) : Siedlung und Ernährung, Anmerkungen 
zu dem Problem, von (Bürgermstr.) Finke. — Kommunale Siedlung als Mittel zur 
\yiederherstellHng der Selbstverwaltung, von Leberecht Migge. — Selbstversorger- 
Siedlungen, von K. V. Meyenburg. — Die Siedlungsgesetzgebung, von (Ministerialrat) 
Krüger. — Das Siedlungswerk in Deutschland, von (Generalsekretär) A. Otto. — 
Selbsthilfe der Städte ; ein Kapitel vom Städtebau, von Dr. ing. Erwin Gutkind. — 
Kommunale Bodenpolitik und Siedlungsarbeit, von (Techn. Stadtrat) Dr. ing. 
Hahn. — Die Siedlungsmöglichkeiten der Landkreise, von (Landrat) v. Laer. — 



96 



Die periodische Presse Deutschlands. 



Die Zukunft der deutschen Landwirtschaft, von (Oekonomierat) Dr. L. Meyer. — 
„Größen- Wahn", von (Architekt)) Dr. ing. h. c. Hermann Jansen. — Schrebergarten- 
siedlung an Stelle von Erwerbslosenfürsorge und Erwerbslosenversieherung, von 
(Ratsass.) Max Sefzat. — Kleintierzucht und ihre Bedeutung für die Ernährungs- 
siedlung, von (Gartenbaulehrer) Max Schemmel. — II. Teil: Die Siedlungspraxis; 
Vorbemerkung; Die intensive Siedlungsschule Worpswede, von A. Otto. — Die 
Schmude'sche Siedlungs- und Arbeitsgenieinschaft „Neu-Deutschland", e. V., und 
Kolonie Völpke. — Siedlung Münckeberg — Die Sorauer Siedlung, von (Dir.) 
K. Wagner. — etc. 

Zeitschrift für Sozialwissenschaft. 12. Jahrg., 1921, Heft 3/4: Vom Lehr- 
wert der Wertlehre und von dem Grundfehler der Marxschen Verteilungslehre, von 
Heinrich Dietzel. — Die Oekonomik des Geldverkehrs (Schluß), von Andreas Voigt. 
— Die Entwicklung der Bergarbeiterlöhne im deutschen Erzbergbau, von Bruno 
Simmersbach. — Zur Abtragung von Schuldansprüchen aus Zeiten der Geldent- 
wertung, von A. Zeiler. — Die Wohnungsverhältnisse der kinderreichen Familien 
Freiburgs, von Dr. Ehrler. — Staatsbegriff und Intellektuelle, von Dr. Rocke. — 
Bayerns Handel und Industrie in der Lebensmittelversorgung, von Dr. Julius 
Luebeck. — etc. 



H 



G. Pätz'sche Buchdr. Lippert & Co. G.m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Otto Nathan, Gruudsätzl. üb. d. Zusammenh. zw. Volkswirtsch. u. Steuern. 97 



IL 

Grundsätzliches über die Zusammenhärige 
zwischen Volkswirtschaft und Steuern. 

Von 

Dr. Otto Nathan-Berliu. 

(Fortsetzung.) ^) 

IL Nach dieser Betrachtung der Steuerverhältnisse in den Stadt- 
republiken des deutschen Mittelalters, die nur die Grundzüge 
von typischer Bedeutung aus dem reichen Material herausschälen 
konnte, sind wir an einem Punkte unserer Darlegungen angelangt, 
der es uns gestattet, ihre Ergebnisse festzustellen. Wir haben zu- 
nächst zu erwähnen, daß die Wagner'schen Gesetze, an die wir 
unsere Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen Volks- 
wirtschaft und Steuern anknüpfen konnten ^), durch verschiedene Teile 
unserer Ausführungen eine Bestätigung gefunden haben. Sowohl 
die Entwicklung im griechischen und römischen klassischen Alter- 
tum, wie auch die allmählich sich bildende Gestaltung nach der 
Frühzeit des deutschen Mittelalters beweisen, daß immer erst mit 
der sich ausbreitenden mehr oder minder geldwirtschaftlich ge- 
leiteten Tauschwirtschaft es möglich wurde, die Kosten der staat- 
lichen Produktionswirtschaft auf dem Steuerwege zu decken. Wir 
sahen ferner, daß, wie die Besteuerung als solche von der Organi- 
sation der Volkswirtschaft abhängig ist, auch ihr Umfang mit der 
Differenzierung des Volks Vermögens sich notwendigerweise erweitert, 
ihr System sich spezialisiert. Darüber hinaus führen uns aber 
unsere Untersuchungen zu einem Ergebnis von grundsätzlicher Be- 
deutung: wir haben feststellen können, daß auch die konkreten 
Formen, in denen die Besteuerung auftritt, sich immer dem je- 
weiligen Zustande der Volkswirtschaft, den Tendenzen und Strö- 
mungen, die gerade in ihr wirksam sind, anlehnen. Unsere Unter- 
suchungen gestatten nicht den Schluß, daß zwischen Volkswirtschaft 
und Steuern immanente Kräfte wirksam sind, die jeweils eine ganz 
bestimmte Form der Besteuerung bedingen; wohl aber haben wir 
feststellen können, daß überall da, wo sich die Besteuerung durch- 
ringt oder wo sich ihre Ausdehnung und Erweiterung im Kampfe 

1) Vgl. oben S. Ifg. 

2) Vgl. S. 7—8. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 7 



98 Otto Nathan, 

mit vielen Hemmnissen durchsetzen, ihre Formen sich dem jeweiligen 
Zustande der wirtschaftlichen Verhältnisse anpassen. Obwohl wir 
nicht zu der Annahme berechtigt sind, daß jede Organisation der 
Volkswirtschaft die ihr adäquate Art der Besteuerung gesetzmäßig 
verwirklicht — wenn wir auch keineswegs aprioristisch die Möglich- 
keit, einen derartigen Beweis zu führen, verneinen wollen^) — , 
so können wir doch feststellen, daß, soweit wir die geschichtliche 
Entwicklung verfolgen konnten, sich das positive Steuerrecht immer 
nach den herrschenden Strömungen des wirtschaftlichen Lebens 
ausrichtete. Gerade die starken Widerstände, gegen die häufig die 
sich bildenden Steuerformen anzukämpfen haben, würden es erklär- 
lich erscheinen lassen, wenn das konkrete Steuerrecht hinter der 
Entwicklung zurückbliebe und sich den Tendenzen der ökonomischen 
Bewegung nicht anpassen könnte. Auf eine längere Dauer scheint 
das aber nie möglich zu sein. Wohl wird manche Steuerart und 
manche steuerliche Ausbildung, zu denen die wirtschaftliche Ent- 
wicklung reif ist und die sich ihr durchaus eingliedern könnten, nie 
verwirklicht werden, weil kein Bedürfnis sie heischt oder weil sich 
ihrer Nutzbarmachung überstarke Widerstände entgegenstemmen. 
Aber immer wieder scheint die innere Logik der wirtschaftlichen 
Verhältnisse in den Besteuerungsmaßnahmen Formen zu bedingen, 
die im Einklang mit den Tendenzen der ökonomischen Entwicklung 
stehen. Ein Zwiespalt zwischen beiden scheint auf längere Zeit 
nicht möglich. 

Wie in Griechenland die ersten Abgaben als Zölle, Hafen-,^ 
Markt- und Verkaufssteuern auftreten, als sich das Wirtschaftsleben 
vom Agrar- zum Handelsstaat umstellt^), wie dann die Sklaven als 
Subjekt oder Objekt von Steuern erscheinen, als sie zum Träger 
der wirtschaftlichen Kraft des Landes geworden sind ^) und wie mit 
der Differenzierung des Volksvermögens die reichen Bürger zu 
Vermögensabgaben herangezogen werden *), so paßt sich auch in Rom 
die Besteuerung den wirtschaftlichen Verhältnissen an: die ersten 
Abgaben sind auch hier Zölle, die den in Rom schon frühzeitig 
tätigen Handel belasten ^). Die Vermögensstücke, die dem bereits in 
alter Zeit erhobenen tributum unterworfen sind, sind zunächst nur 
auf Grund und Boden beschränkt, erweitern sich aber entsprechend 
der Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse*), Als dann das 
wirtschaftliche Uebergewicht auf die Provinzen übergeht, treten die 
Steuern in Rom fast vollständig zurück und leben erst wieder mit 
jener bedeutsamen Umstellung auf, die die den Provinzen gegenüber 
beobachtete Politik vollkommen verändert und sie langsam aus der 



n 



1) G. V. Below (Die landständische Verfassung . . ., Teil III, Heft II, Düssel- 
dorf 1891, S. 199—200) lehnt es ab, von einer immanenten Entwicklung der Be- 
steuerung zu sprechen, weil die Uebereinstimmung der Entwicklung der Besteuerung 
mit der Entwicklung der Volkswirtschaft nicht vollständig genug sei. 

2) Vgl. oben S. 9—10. 3) Vgl. oben S. 10. 
4) Vgl. oben S. 10. 5) Vgl. oben S. 12. 
6) Vgl. oben S. 12. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 99 

Hauptstadt untergeordneten zu gleichgeordneten Gliedern des ge- 
waltigen Reiches werden läßt. Die Formen, in denen aber dann die 
Steuern in Rom wirksam werden, sind den inzwischen vollkommen 
veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen angepaßt^). 

Mit bedeutend größerer Sicherheit als die Verhältnisse in den 
antiken Staaten, über die der heutige Stand der Forschung immer- 
hin noch keine unbedingte Klarheit vermittelt, läßt sich die Ent- 
wicklung im deutschen Mittelalter überblicken. Während die Er- 
fassung des Vermögens durch die landesherrlichen Beden sich nur 
auf Grund und Boden erstreckte^), sehen wir ungefähr um die 
gleiche Zeit — und das ist, wie wir andeuten konnten, äußerst 
charakteristisch für die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft 
und Steuern — in den mittelalterlichen Stadtrepubliken, in denen 
viel früher als auf dem platten Lande geldwirtschaftliche Verhält- 
nisse wirksam wurden und wo sich bald schon der Besitz der Be- 
wohner stark differenziert hatte, eine häufig äußerst spezialisierte 
Steuer auf eine große Zahl von Vermögensstücken, wir sehen eine 
Scheidung zwischen Nutz- und Erwerbsvermögen ^). Wie sich dann 
mit der Ausbreitung des Handels und Verkehrs, mit der Erweite- 
rung der Bedürfnisse der Bevölkerung die Verbrauchsabgaben auf 
einen immer größeren Teil von Gegenständen erstrecken ^), so ziehen 
auch die Steuerordnungen Nutzen aus den verschiedenen Ein- 
kommenskategorien, die die ökonomische Entwicklung hatte reifen 
lassen ^). 

So gewinnen wir aus unseren Untersuchungen über die griechi- 
schen und römischen und die mittelalterlich-deutschen Steuerverhält- 
nisse Ergebnisse, die, wie wir noch sehen werden, von größter Be- 
deutung für die theoretische finanzwirtschaftliche Betrachtung sein 
müssen. Ihr Wert würde noch stark erhöht, wenn es möglich wäre, 
auch die Entwicklungsgeschichte anderer Zeiten und anderer Länder 
unter dem Gesichtspunkte zu verfolgen, in welchem Verhältnis 
sich jeweils die Steuern zu dem Stande des ökonomischen Lebens 
befanden. Wir können hier nur noch, um unsere Feststellungen zu 
erhärten, eine kurze Betrachtung über die Entwicklung dieser Ver- 
hältnisse in Deutschland im Mittelalter außerhalb der Städte und 
in der nachmittelalterlichen Zeit anfügen; der Stand der Vorarbeiten 
verbietet heute noch eine eingehendere Würdigung dieser Ent- 
wicklung. 

Mit viel größerer Ausführlichkeit konnten und mußten wir bei 
unseren Darlegungen über die mittelalterliche Steuerentwicklung die 
Verhältnisse in den Städten beleuchten, nicht nur weil wir über sie 
die eingehendsten, aufschlußreichsten Forschungen besitzen, sondern 
auch weil sie in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung um Jahrhunderte 
den Territorien vorangehen, für die sie in vieler Beziehung vorbild- 

1) Vgl. oben S. 14—18. 2) Vgl. oben S. 30. 

3) Vgl. oben S. 40—41. 4) Vgl. oben S. 36—37. 

5) Vgl. oben S. 42—52. 

7* 



100 



Otto Nathan, 



lieh wurden, und weil die Steuersysteme, die in ihnen reifen, mehr 
oder minder schon alle Elemente des modernen Besteuerungswesens 
enthalten. Dazu hatten sie ihre wirtschaftliche Stärke und ihre 
politische Stellung befähigt. 

Aber verhältnismäßig nur kurze Zeit wußten sich die Städte 
auf ihrer heute noch achtunggebietenden, machtvollen Höhe zu 
halten. Ursachen mannigfachster Art untergruben ihre Stärke und 
schmälerten ihre Bedeutung: die Blüte des deutschen Wirtschafts- 
lebens, das sich in der Hauptsache in den Städten konzentriert 
hatte ^), begann durch die allerdings sich erst allmählich zeigenden 
Folgen der großen Entdeckungen des ausgehenden 15. Jahrhunderts 
zu welken^), die Kapitalmacht der großen oberdeutschen Kauf- 
häuser und Handelsgesellschaften brach zusammen^). Während im 
Osten und Südosten der Wechsel der politischen Konstellation die 
deutsche Wirtschaft schwer beeinträchtigte, stärkte sich die Macht 
Skandinaviens und der Niederlande, begann Englands außerordent- 
licher ökonomischer Aufschwung. Die städtischen Gemeinwesen 
konnten den an sie herantretenden Aufgaben nicht mehr genügen, 
weil ihre Einrichtungen erstarrten und ihre Verfassungen verfielen, 
weil jahrhundertelange Zunftkärapfe ihre Kraft lähmten und innere 
Umwandlungen bewirkten^) und weil frühe schon der korporative 
Geist, auf dem ihre Stärke beruht hatte, starke Einbußen erlitt. 
In den Kämpfen um die Führung der Stadtgeschäfte zwischen 
Patriziat und Kaufmannsgilden einerseits und Zünften andererseits 
hatte es sich gezeigt, daß auch in diesen, vom hohen Ernst starken 
Gemeinsinns getragenen Republiken Partei- und Standesegoismus 
sich durchzusetzen wußte. In diesen die städtischen Organismen 
jahrhundertelang bewegenden Auseinandersetzungen war die sieg- 
hafte Kraft des korporativen Geistes erlahmt und konnte die Städte 
nicht mehr befähigen, zur Stärkung ihrer Widerstandsfähigkeit und 
zur Erfüllung von Forderungen, wie sie die wirtschaftliche 
Entwicklung in der Bildung größerer politischer Zusammenballungen 
stellte, sich das agrarische Element des platten Landes anzugliedern. 
Sie suchten sich in Verkennung der wirklichen Lage immer mehr 
gegen das Land abzusperren und verstanden so nicht, durch eine 
derartige Angliederung über sich selbst hinauszuwachsen und eine 
Entwicklungsmöglichkeit auszunutzen, der die italienischen Städte 
ihre Erhebung zu urbanen Staaten verdankten^). 

So konnte sich die Welle, die in jenen Jahrhunderten über 
Europa die absolute Monarchie brachte, in Deutschland nur am 



1) Vgl. G. Schmoller, Umrisse und Untersuchungen . . ., S. 5. 

2) Vgl. die Darstellung bei v. Inama-Sternegg, Deutsche Wirtschafts- 
geschichte, IV, S. 499. 

3) Vgl. HeinrichSieveking, Grundzüge der neueren Wirtschaftsgeschichte 
vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart (A. Meister's Grundriß der Geschichtswissen- 
schaft, II, 2), Leipzig 1907, S. 20 und Kötzschke, a. a. 0., S. 139f. 

4) Vgl. auch Oncken, a. a. 0., S. 137. 

5) Vgl. Preuß, a. a. 0., passim. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 101 

Landesfürstentum fangen, da die Kaisermacht verfallen und auch 
die Städte, die eine Zeitlang zu ihren Erben berufen schienen, ihre 
Stärke nicht zu behaupten vermochten und dem gemeinsamen An- 
sturm von Landadel und Territorialfürsten erlegen waren. Das 
außerordentliche Erstarken der mittelalterlichen Stadtrepubliken 
war ja, wie wir gezeigt haben, entscheidend durch die Machtfülle 
gefördert worden, die ihnen infolge der sich ständig mindernden 
Bedeutung des deutschen Königtums zugewachsen war, dessen staat- 
liche Rechte, Befugnisse und Aufgaben zu einem großen Teile auf 
sie übergingen. Nur dem Umstände, daß die ökonomische Entwick- 
lung durch geldwirtschaftliche, arbeitsteilige Verhältnisse bei ihnen 
größere Fortschritte gemacht hatte, als auf dem platten Lande, 
hatten sie es zu danken, daß sie die erstarkenden Landesgewalten 
überflügeln und an ihrer Stelle zu Trägern des Staatsgedankens 
und in dieser Beziehung zu Erben des Königtums werden konnten. 
Denn auch die Territorialherren, als welche seit dem 12. Jahrhundert 
neben den geistlichen Fürsten auch weltliche Große, planmäßig 
Territorien bildend, hervorgetreten waren ^), hatten sich in jenen 
Jahrhunderten eifrig bemüht, sich selbst, statt des versinkenden 
Königtums, in den Besitz wertvoller Hoheitsrechte und Befugnisse 
zu setzen, ihre Macht zu steigern und die wirtschaftliche Wohlfahrt 
ihres Gebietes zu fördern. Wenn sie trotz dieser Bemühungen die 
Führung im Wirtschaftsleben und in der Vertretung Deutschlands, 
hauptsächlich auch in Fragen der äußeren Politik, den Städten über- 
lassen mußten, so war dafür allein die außerordentliche Stärke 
maßgebend, die die Städte der eigenartigen wirtschaftlichen Kon- 
zentration in ihren Mauern und deren schon erörterten Wirkungen 
verdankten ^). Aber auch auf dem platten Lande hatten sich die 
Geld Wirtschaft, Handel und Gewerbe, wie in den Städten, die später 
Stadtrecht erhalten hatten, Eingang verschafft; nur reifte die Ent- 
wicklung hier viel langsamer als in den Städten. Immerhin setzte 
sie sich auch auf dem Lande und in den Territorien immer stärker 
durch ^), das städtische Beispiel und die dort günstigen Kaufs- und 
Verkaufsgelegenheiten halfen, die Hauswirtschaft auch auf dem 
Lande mehr und mehr zurückzudrängen, den landwirtschaftlichen Be- 
trieb intensiver zu gestalten und ihn mehr auf eine in den Städten 
schon blühende Verkehrswirtschaft auszurichten. Vielfach zeigt 
diese Bewegung Aehnlichkeiten mit der städtischen Entwicklung. 
Die Macht, die hier der Rat verkörperte, wurde in den Territorien 
mehr und mehr von den erstarkten Landesherren ausgeübt. Diese 
unterwarfen sich, als sie, durch die Reformation und das Auf- 
kommen einer rationalistischen Staatsphilosophie begünstigt, voll- 
kommen absolute Fürsten geworden waren, in steigendem Maße auch 



1) Vgl. F. Keutgen, Der deutsche Staat des Mittelalters. Jena 1918, S. 122ff. 

2) Sie konnten „ihre geldwirtschaftliche Ueberlegenheit unmittelbar in politische 
Macht umsetzen" (vgl. Preuß, a. a. 0., S. 43). 

3) Vgl. auch Lamprecht, Deutsche Geschichte, V, 1, S. 3 ff. 



102 Otto Nathan, 



die Städte ^), die sich ihre Städtefreiheit bis ins 16. Jahrhundert hinein 
gewahrt hatten nnd völlig, allerdings erst im 17. Jahrhundert, ihre 
Selbständigkeit ^) verloren. Die Wirtschaftspolitik, die die Territorial- 
fiirsten verfolgten und die von der Absicht bestimmt war, aus diesen 
Ländern in sich geschlossene, autarke Wirtschaftsgebiete erstehen 
zu lassen, zeigt äußerst mannigfache Verwandtschaft mit der Wirt- 
schaftsführung der Stadtrepubliken. 

Betrachten wir nun im Zusammenhang mit dieser Bewegung 
der ökonomischen Verhältnisse die Steuerentwicklung im ausgehenden 
Mittelalter, die wir für die Städte verfolgten, im übrigen Deutsch- 
land, so ist zunächst die Feststellung wesentlich, daß eine eigent- 
liche Reichssteuer nicht begegnet. In den Jahrliunderten, in denen 
die wirtschaftliche Entwicklung zur Steuererhebung reif geworden 
war, war die Reichsmacht schon so geschwächt, hatte sie sich ihrer 
Hoheitsrechte, Regalien, Domänen und Gerechtigkeiten schon in 
solchem Umfange zugunsten der Städte und der Territorialherren 
begeben, daß eine wirksame Durchführung von Reichssteuern un- 
möglich geworden war; die von ihr unternommenen Versuche — 
der gemeine Pfennig^) und die Römermonate ^) — kommen da- 
her für unsere Darstellung nicht in Betracht *). Vielmehr entwickeln 
sich die deutschen Steuern — neben den Städten — in den Terri- 
torien im Einklang mit der Bedeutung, die sie wirtschaftlich und 
verfassungsrechtlich mehr und mehr erlangten und die in dem Maße 
erstarkte, als einerseits die Schwäche der Reichsgewalt zunahm und 
andererseits später die Städte von ihnen abhängig wurden. Die 
finanzielle Lage der Territorialherren war im 12. und 13. Jahr- 
hundert, wohl auch gestützt durch die landesherrlichen Beden, ver- 
mutlich noch recht günstig^). Dann waren auch hier, wie in den 
Städten, die Ausgaben teils zur Hebung der wirtschaftlichen Kraft 
des Landes, teils für staatliche Erfordernisse — wie die Finan- 
zierung häufiger kriegerischer Unternehmungen, das Aufkommen 



n 



1) Ueber die Wirksamkeit der Territorialherren auch in wirtschaftlichen An- 
gelegenheiten schon vor der Reformation, besonders in der Ausbildung einer wirk- 
lichen Gewerbepolitik, in Maßnahmen der Agrar- und Handelspolitik unterrichtet 
G. V. Below, Die Neuorganisation der Verwaltung in den deutschen Territorien 
des 16. Jahrhunderts, Historisches Taschenbuch, VI. Folge, VI. Jahrg., Leipzig 1887, 
S. 310 f. (Abdruck in G. v. Below, Territorium u. Stadt, München und Leipzig 1900, 
S. 283 ff.). 

2) Vgl. Sieveking, Die mittelalterliche Stadt . . ., S. 213 und G. v. Below, 
Untergang der mittelalterlichen Stadtwirtschaft . . ., S. 451. 

3) Vgl. die kurzen zusammenfassenden Darstellungen im Handwörterbuch der 
Staatswissenschaften 3. Aufl. (G. v. Below, Artikel „Gemeiner Pfennig", a. a. 0,, 
VI (1910), S. 1036—37 und Artikel „Römermonate", a. a. 0., VII (1911), S. 156. 

4) tf eher die Versuche zur Einführung einer Reichssteuer berichtet Z e u m e r , 
a. a. 0., passim. — Die einzigen steuerartigen Leistungen, die an das Reich ab- 
geführt wurden, waren die sog. „Städtesteuern" ; vgl. darüber : Z e u m e r , a. a. 0. ; 
Jakob Schalm, Ein unbekanntes Eingangsverzeichnis von Steuern der königlichen 
Städte aus der Zeit Friedrichs II., Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche 
Geschichtskunde, Bd. 23 (1898), S. 519 ff. und Zeumer, Zur Geschichte der Reichs- 
steuern im früheren Mittelalter, Historische Zeitschrift, Bd. 81 (1898), S. 24—45. 

5) Vgl. G. V. Below, Die landständische Verfassung . . ., III, 1, S. 55. 



«Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 103 

eines Berufsbeamtentums und, mit dem Verfall der alten Welirver- 
fassung, eines Söldnerheeres — immer stärker gewachsen. So waren die 
Territorialherren immer häufiger gezwungen, sich zur Stärkung ihrer 
finanziellen Leistungsfähigkeit mit der Bitte um Bewilligung von 
Steuern an die Landstände zu wenden. Die Steuern, die jetzt ent- 
stehen, unterscheiden sich rechtlich insofern scharf von den landes- 
herrlichen Beden, die den Territorialherren früher oder später auf 
mannigfache Weise verloren gingen ^), als sie mehrere Jahrhunderte 
hindurch von der Genehmigung der Landstände abhängig sind. 
Konnte es bei den Beden, wie wir sahen, noch häufig zweifelhaft 
sein, ob es sich bei ihnen um eine für das öffentliche Wohl und die 
Gemeinschaftsinteressen der Steuerpflichtigen erhobene Abgabe 
handelte, so ist hier in der Regel schon durch die Bewilligung der 
Landstände, an die die Steuern geknüpft waren, und die häufig von 
ihnen ausgeübte Kontrolle, Verwaltung and Erhebung jeder Zweifel 
darüber beseitigt. 

Wie die wirtschaftliche Entwicklung in den Territorien sich 
ganz in den Bahnen bewegt, die wir in den Städten kennen lernten, 
wie die Landesherren vielfach das städtische Vorbild in ihrer Wirt- 
schaftspolitik so sehr nachahmen, daß der Merkantilismus als die 
für ein größeres Gebiet angewandte Stadtwirtschaft erscheint ^) und 
sich in vielen Maßnahmen Geltung verschafft, die von den Städten 
erprobt waren, so zeigt auch die Steuerentwicklung in den Terri- 
torien in vieler Beziehung die gleichen Züge, wie sie uns in den 
Städten begegnet sind. Allerdings bieten sich bei ihrer Beurteilung 
außerordentliche Schwierigkeiten, da die uns über sie erschlossenen 
Nachrichten auch nicht annähernd jene Reichhaltigkeit, Ausführlichkeit 
und Genauigkeit aufweisen, wie die Forschungen über die mittel- 
alterlichen Städte, und da wir besonders auch über die Einzelheiten 
der wirtschaftlichen Entwicklung jener Gebiete durchaus kein ge- 
naues, zuverlässiges Bild gewinnen können. So darf jeder Versuch, 
die Ergebnisse jener Bearbeitungen festzustellen, nur mit äußerster 
Vorsicht unternommen werden % 



1) Vgl. dazu die oben S. 28 Anm. 3 angegebenen Arbeiten, besonders G. v. 
Below, Art. Bede, a. a. 0., Brenn ecke, a. a. 0., S. 100 ff, 

2) Vgl. Sombart, a. a. 0., I, S. 363; Sieveking, Die mittelalterliche 
Stadt . . ., S. 213; G. v. Below, Der Untergang der mittelalterlichen Stadtwirt- 
schaft . . ., passim; Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft . . ., S. 136 f.; 
Sieveking, Grundzüge der neueren Wirtschaftsgeschichte . . ., S. 2. 

3) Der folgenden Darstellung liegen außer den schon oben S. 28 Anm. 3 ge- 
nannten Arbeiten von Bielfeld, Müller, v. Below, Niepmann, Hetzen, 
Eggers, Ernst, Plönes, Weis, Spangenberg, Sterzenbach, Christo- 
ph el und Puff und von Gliemann (oben S. 37 Anm. 2) hauptsächlich zugrunde: 
W. Vocke, Beiträge zur Geschichte der Einkommensteuer in Bayern, Zeitschrift 
für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 20 (1864), S. 221—275; Johannes Falke, 
Die Steuerbewilligungen der Landstände im Kurfürstentum Sachsen bis zu Anfang 
des 17. Jahrhunderts, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 30 (1874), 
S. 395ff.,Bd.31(1875), S. 114ff.; Gustav Schmoller, Die Epochen der preußischen 
Finanzpolitik, Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, Bd. I 
(1877) (abgedruckt in „Umrisse und Untersuchungen . . ." 1898, S. 104 ff.); Die 



104 Otto Nathan, 

In den Territorien erstreckt sich die Steuerentwicklung, die — 
abgesehen von den Beden — viel später als in den Städten einsetzt^ 
auf einen bedeutend größeren Zeitraum, wie ja auch die territorialen 
wirtschaftlichen Verhältnisse sehr viel langsamer als dort reifen» 
Auch hier begegnen Steuern auf Vermögen, Einkommen und Ertrag 
und andererseits Abgaben auf Verbrauch, Verzehr und Verkehr — 
Ungelder und Akzisen. Ob, wie Schmoll er annimmt^), im 
Gegensatz zu den Städten in den Territorien die Person alsteuern 
älter sind als Ungelder und Akzisen, darüber läßt sich ein zuver- 
lässiges und vor allem ein für die verschiedenen Territorien gültiges 
Urteil nicht gewinnen. 

Längere Zeit hindurch waren zunächst die Personalsteuern außer- 
ordentlich und unregelmäßig erhobene, gewöhnlich jeweils neu be- 
willigte Abgaben, die neben den Beden bestehen. Aber auch hier 
zeigt sich, wie in den Städten, daß sich die Auswahl der Besteuerungs- 
objekte der wirtschaftlichen Entwicklung anpaßt und daß in den 
einzelnen Territorien bald an Stelle des Wertanschlags auf Grund 
und Boden, worin zur Zeit des Aufkommens der alten landesherr- 
lichen Beden ja noch fast ausschließlich das Vermögen der Bede- 
pflichtigen bestanden hatte, eine Heranziehung vieler, oft mit großer 
Ausführlichkeit aufgezählten Vermögensstücke — sowohl liegende,, 
wie fahrende Habe — erscheint ^). Auch hier begegnet, wie in den 



% 



Vermögenssteuer und die Steuerverfassung in Älthessen während des 16. u. 17. Jahr- 
hunderts und die aus der Vermögenssteuer Hessens hervorgegangene Grundsteuer 
(ohne Verfasser), diese „Jahrbücher", Bd. 25 (1875), S. 297 ff,; Ludwig Hoffmann,. 
Geschichte der direkten Steuern in Bayern vom Ende des 13. bis zum Beginn des 
19. Jahrhunderts (Schmoller's Staats- und Sozialwissenschaftliche Forschungen IV, 5), 
Leipzig 1883; G. Schanz, Die direkten Steuern Hessens und deren neueste Form, 
Finanzarchiv II (1885); v. Eiecke, Die direkten Steuern vom Ertrag und vom 
Einkommen in Würtemberg, Württembergische Jahrbücher für Statistik und Landes- 
kunde, Jahrgang 1879, L Bd., L Hälfte, S. 71ff.; G. Schanz, Die Steuern im 
Herzogtum Anhalt, ihre Entwicklung und neueste Reform, Finanzarchiv IV (1887), 
S. 961 ff. ; W. Metterhausen, Die direkten Landessteuern im Großherzogtum 
Mecklenburg-Schwerin seit dem landesgrundgesetzlichen Erbvergleich vom 18. April 
1755, Marburger Dissertation, Marburg 1894; G. Schubert, Fragen zur Bier- und 
Weinbesteuerung in Württemberg, Finanzarchiv XIII (1896); OttoBuppersberg, 
Die hessische Landsteuer bis zum Jahre 1567, Tübinger Dissertation, Bonn 1904; 
Karl Seiffert, Beiträge zur bayerischen Finanzgeschichte, Zeitschrift für diß 
gesamte Staatswissenschaft, Bd. 57 (1901), S. 736ff. ; Fr. Stumpff, Die geschicht- 
liche Entwicklung des württembergischen Staatssteuerwesens in allgemeinen Zügen, 
Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 61 (1905), S. 710 ff.; August 
J. Fineisen, Die Akzise in der Kurpfalz, Heidelberger Dissertation, Karlsruhe 
1906 ; ErichTrescher, Die Entwicklung des Steuerwesens im Herzogtum Sachsen- 
Gotha (Abhandlungen des staatswissenschaftlichen Seminars zu Jena II, 3), Jena 
1906; Ludwig Blasse, Die direkten und indirekten Steuern der Churpfalz, 
Heidelberger Dissertation, Eochlitz 1914. 

1) Vgl. „Umrisse und Untersuchungen ..." S. 30 (Schmoller nimmt übrigens 
auch für die Städte an, daß sich dort die Personalsteuern früher als Ungelder und 
Akzisen hferausgebildet hätten (vgl. auch oben S. 37 Anm. 2). Strenger scheidet 
G. V. Below; nach ihm (Landständische Verfassung . . ., III, 2, S. 151) sind unter 
den landständischen Steuern die Akzisen und Ungelder jünger als die Personal- 
Steuern. 

2) In der Kurpfalz erscheint die erste Steuer von beweglichem und nn- 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 105 

Städten, eine Sonderung von Nutz- und Erwerbsvermögen ^), auch 
hier wird u. a. von der Freilassung eines Existenzminimums 2) und 
der Heranziehung von Einkommensbestandteilen zur Besteuerung^) 
berichtet. Nur lassen sich diese Einzelheiten viel weniger genau 
verfolgen als in den Stadtstaaten, besonders weil uns eine fast 
verwirrende Fülle von — in den Bearbeitungen nicht immer mit 
der nötigen Schärfe geschiedenen — steuerlichen Einrichtungen be- 
gegnet, die häufig recht rasch wechseln und immer wieder neue 
Formen zeitigen. Die hier bedeutend langsamer fortschreitende 
ökonomische Entwicklung hatte ja in den Territorien viel später als 
in den Städten die enge wirtschaftliche Verknüpfung der Einzelnen 
untereinander und ihre Ein- und Unterordnung an eine Gesamtheit 
gebracht. So bildet sich hier denn auch viel langsamer und später, 
als dort, die allgemein erkannte und anerkannte Pflicht zur Steuer- 
leistung an eine übergeordnete Rechtspersönlichkeit heraus, sodaß, 
besonders in den früheren (im 14. und 15.) Jahrhunderten sich steuer- 
liche Maßnahmen erst nach vielen Kämpfen zwischen Landesherren 



beweglichem Gut nach dessen Geldwert 1439 (vgl. Blasse, a. a. 0., S. 7), 1557 
„von allem Hab und Gut" (ebenda, S. 10); in Bayern erscheint eine allgemeine 
Vermögenssteuer schon 1396 (vgl. Hoff man, a. a. 0., S. 12); in Württemberg 
mnlite 1470 der gemeine Mann „all sein Gut, Barschaft, Cleinott, Schulden, liegend 
oder fahrend" nach dem Geldwert versteuern (vgl. v. Riecke, a. a. 0., S. 77); in 
Sachsen wird 1481 zum ersten Male von einer Steuer von beweglichem und un- 
beweglichem Vermögen berichtet (vgl. Falke, a. a. 0., S. 408); aus Sachsen- 
Gotha ist die erste sichere Nachricht einer Besteuerung von beweglichen und 
unbeweglichen Gütern nach dem Wert vom Jahre 1531 (vgl. Tr esc her, a. a. 0-, 
S. 8 — 9); aus dem Fürstentum Siegen wird im Jahre 1542 sicher von einer Ver- 
mögenssteuer auf eine sehr große Zahl unbeweglicher und beweglicher Güter be- 
richtet (vgl. Sterzenbach, a. a. 0., S. 53); in Hessen kam es 1532 zur Ein- 
führung einer ähnlichen Steuer (vgl. „Die Vermögenssteuer . . ." diese „Jahrbücher" 
1875, S. 298-299); in Baden: 1554 (vgl. Christophel, a. a. 0., S. 68). 

1) Eine Scheidung von Nutz- und Erwerbsvermögen begegnet in Bayern: 
1396 (vgl. Hoff mann, a. a. 0., S. 12), in Württemberg: 1470 (vgl. v. Riecke, 
a. a. 0., S. 77), in Magdeburg: 1531 (vgl. Bielfeld, a. a. 0., S. 19—20), in 
Hessen: 1532 (vgl. „Die Vermögenssteuer", „Jahrbücher" 1875, S. 299). Gewöhnlich 
bleibt das Nutzvermögen oder wenigstens ein Teil davon steuerfrei. 

2) In Magdeburg werden 1531 „arme oder alte Leute" nicht zur Steuer 
herangezogen (vgl. Bielfeld, a. a, 0., S. 23); in Bayern sollen 1396 alle die 
Diener, Knechte usw. nicht versteuern, die nicht bereits Erbe oder Eigen haben 
oder für sich selbst Kaufmannschaft treiben oder Teil oder Gemein daran haben 
(vgl. Hoff mann, a. a. 0., S. 12), 1507 wird von einer Steuerbefreiung bei ganz 
armen und unvermögenden Personen berichtet (ebenda, S. 44); in Württemberg 
bleiben 1470 Dienstknechte und Dienstmägde steuerfrei (vgl. v. Riecke, a. a. 0., 
S. 78). 

3) Der Lohn der Handwerker und Tagelöhner ist Gegenstand der Besteuerung 
z.B. in Magdeburg: 1481 (vgl. Bielfeld, a. a. 0., S, 12) und in Württem- 
berg: 1514 (vgl. V. Riecke, a. a. 0-, S. 79); Dienstboten, Knechte und Mägde 
werden mit ihrem Arbeitsverdienst zur Steuer herangezogen in Sachsen: 1481 
(vgl. Falke, a. a. 0., S. 408—409), in Magdeburg: 1481 (vgl. Bielfeld, S. 12), 
in Bayern: z. B. 1507 und 1554 (vgl. Hof fmann, a. a. 0.. S. 42—43 und S. 61), 
in Sachsen-Gotha: 1531 (vgl. Trescher, S. 8 — 9); ziemlich häufig erscheint 
auch Rentenbesteuerung, vgl. z. B. „Die Vermögenssteuer . . ." „Jahrbücher" 1875, 
S. 300, V. Schanz, Die direkten Steuern Hessens . . ., S. 236, v. Below, Land- 
ständische Verfassung . . ., III, 2, S. 4 ff. 



106 Otto Nathan, 

und Ständen erzielen lassen und daher zur gegenseitigen Verständi- 
gung häufig die mannigfachsten Besteuerungs- und Veranlagungs- 
methoden gesucht werden. Auch die Ungelder und Akzisen ^) haben 
sich, wie in den Stadtrepubliken, zunächst auf nur Weniges, gewöhn- 
lich auf Getränke, und dann mit der Ausweitung und Vervielfältigung 
der wirtschaftlichen Verhältnisse, mit den Aenderungen, die sich 
allmählich in den Formen der allgemeinen Lebenshaltung vollzogen, 
auf einen immer größeren Kreis von Gegenständen erstreckt. 

Im einzelnen vollzog sich die Steuergestaltung in den Territorien 
in äußerst mannigfachen Formen, mit vielfältigen, starken Ab- 
weichungen in den verschiedenen Gebieten. Auch hier, wie in den 
Städten, steht diese Entwicklung im Zusammenhang mit der unter 
großen Verschiedenheiten und in den einzelnen Territorien zu 
sehr verschiedenen Zeiten einsetzenden Ausbildung und Ausgestaltung 
des ökonomischen Lebens durch die Geld- und Verkehrswirtschaft 
und durch die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung. 

Die Einzelheiten dieser steuerlichen Entwicklungsreihen hier 
zu verfolgen, ist weder möglich, noch für unsere Untersuchung not- 
wendig. Wenn es sich für uns um die Feststellung handelt, ob die 
aus der Steuergeschichte Griechenlands, Roms und der deutschen 
mittelalterlichen Städte gewonnenen Ergebnisse — daß sich das 
positive Steuerrecht der jeweils vorherrschenden Struktur der wirt- 
schaftlichen Verhältnisse anpaßt — auch durch die Steuerentwick- 
lung in den deutschen Territorien gedeckt werden, so kann bei der 
Dürftigkeit des uns für diese Zeit zugänglichen Materials kein Be- 
weis geführt werden, der alle Besonderheiten dieser Entwicklung 
erfaßt. Andererseits genügt aber auch die Aufhellung der für diese 
Zeit und diese Gebiete typischen Verhältnisse. Denn da sich, wie wir 
gesehen haben, die wirtschaftliche Entwicklung in den Territorien 
in der gleichen Weise vollzog wie in den Stadtstaaten des Mittelalters, 
so ist unsere oben gemachte Feststellung durch die steuerliche Ge- 
staltung auch dieser Gebiete erhärtet, wenn sich ergibt, daß sie sich 
in den uns von den Städten bekannten Bahnen bewegte^). Diese 
Annahme wird aber gestützt und gerechtfertigt durch die Haupt- 

1) Die ersten Nachrichten über Akzisen und Ungelder besitzen wir aus 
Baden: 1233 (vgl. Christophel, a. a. 0., S. 4); aus Böhmen: 1336 (vgl. 
Spangenberg, a.a.O., S. 459); aus Hessen: 1375 (vgl. Euppersberg, S. 2, 
Anm. 4 nur in Oberhessen !) ; aus Bayern: 1395 (vgl. Hoff mann, a.a.O., S. 22); 
aus Württemberg: um 1400 (vgl. Schubert, a. a. 0., S. 664); aus Jülich: 
1413 (vgl. V. Below, Landständische Verfassung . . ., III, 2, S. 152, Anm. 6; die 
erste landständische Akzise aber erst 1521 (ebenda, S. 151); aus Sachsen: 
1438 (vgl. Falke, a. a. 0., Bd. 30 (1874), S. 401; abweichend: Puff, a. a. 0., 
S. 132: 1470); aus Sachsen-Gotha: 1438 (vgl. Trescher, a. a. 0., S. 6); aus 
dem Fürstentum Siegen: 1444 (nach Sterzenbach, a. a. 0., S. 21 bestand sie 
1444, wann sie eingeführt wurde, ist nicht bekannt) ; aus Magdeburg: 1481 (vgl. 
Bielfeld, a. a. 0., S 7 — 9); aus der Mark Brandenburg: 1488 (vgl. Spangen- 
berg, a. a. 0,, S. 457 — 461); aus Anhalt: ungefähr 1580 (vgl. G. Schanz, Die 
Steuern im Herzogtum Anhalt . . ., S. 963); aus der Grafschaft Hoya: Ende des 
14. Jahrhunderts (vgl. Eggers, S. 55). 

2) Vgl. dazu auch K. Hegel, Städtechroniken . . ., I, S. 284. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 107 

Züge der an sich zwar zahlreichen, für unsere Betrachtung aber zu 
großer Vorsicht mahnenden und daher wenig ergiebigen Nachrichten 
aus jener Zeit. 

Es handelte sich für uns hier noch darum, die Entwicklung in 
jenen Gebieten kennen zu lernen, die zum Beginn der Neuzeit 
gegenüber einem machtlosen Kaisertum, zu Trägern der deutschen 
Gestaltung wurden und in denen sich dann auch, weit bis ins 
19. Jahrhundert hinein, die Grundlagen gebildet haben, auf denen 
unser heutiges Steuerrecht ruht. 

Diese Entwicklung aber vollzog sich, wie wir gesehen haben, durch- 
aus in Uebereinstimmung mit der Gestaltung der wirtschaftlichen 
Verhältnisse, die bis ins 18. Jahrhundert durch stadtwirtschaftlich- 
merkantilistische Ideen beherrscht sind und durch sie ihr charak- 
teristisches Gepräge erhalten. Erst als sich um die Wende des 
19. Jahrhunderts durch die sich ausbreitende Technik, den sich 
geltend machenden Großbetrieb und die immer stärker um sich 
greifende kapitalistische Wirtschaftsorganisation ein völliger Um- 
schwung des Wirtschaftslebens vollzog, der eine Umstellung der 
jahrhundertelang beobachteten Wirtschaftspolitik bedingte, als, in 
Wechselwirkung damit, eine Revolutionierung aller staatlichen, so- 
zialen, kulturellen und gesellschaftlichen Ueberlieferungen sich durch- 
setzte und der Wirtschaftspolitik durch die Physiokraten und die 
klassischen Nationalökonomen neue Wege gewiesen wurden, da erfuhr 
auch das Besteuerungswesen beträchtliche Aenderungen. Vorher waren 
schon in einzelnen Territorialstaaten, wie vor allem in Oesterreich 
und Preußen, wohl im Einklang mit der dort besonders stark aus- 
geprägten wirtschaftlichen Entwicklung^), Reformen durchgeführt 
worden. Die Aenderungen, die sich jetzt im Besteuerungswesen 
durchsetzten, lehnten sich, wenn sie sich auch organisch auf dem 
Ueberkommenen aufbauten, doch ganz an die neuen Formen des Wirt- 
schaftslebens an. 

Daß diese Entwicklung der letzten drei Jahrhunderte äußerst 
mannigfaltige und vielfältige Formen zeitigte, das erklärt sich nicht 
nur durch die in den einzelnen Gebieten in verschiedener Stärke 
und zu verschiedenen Zeiten zum Durchbruch gelangenden wirt- 
schaftlichen Strömungen und der stark differenzierten ökonomischen 
Struktur der einzelnen Länder, — das wird besonders verständlich, 
wenn man an die Ereignisse der inneren und äußeren Politik und die 
Entwicklung des Verfassungslebens und des Verwaltungsrechts denkt, 
die in den verschiedenen deutschen Territorien einen so stark ver- 
schiedenen Ausdruck gefunden haben. Wir wissen ja — und wir 
kehren damit zu unserem Ausgangspunkt zurück — , daß alle diese 
Faktoren bestimmenden Einfluß auf die Steuergestaltung üben. 

Wenn wir versucht haben, die Beziehungen aufzuhellen, die 
unter dem Eindruck all' dieser Einflüsse, zwischen Besteuerung und 



1) Vgl. G. V. B e 1 w , Der Untergang der mittelalterlichen Stadtwirtschaft 
629. 



108 Otto Nathan, 

wirtschaftlichen Verhältnissen bestehen und die wir in dem Satze 
glaubten zusammenfassen zu können, daß sich trotz aller technischen 
Hemmungen und trotz aller Widerstände das positive Steuerrecht 
immer den wirtschaftlichen Bedingungen einer Zeit angleicht, so er- 
wächst uns noch die Aufgabe, diese Ergebnisse für die moderne 
finanzwissenschaftliche Betrachtung zu verwerten. Denn jede Unter- 
suchung über Probleme der Finanzwissenschaft, die nicht der be- 
sonderen Aufgabe dieser Wissenschaft Rechnung trägt, müßte unvoll- 
ständig bleiben. Es besteht unter der Mehrzahl der finanzwissen- 
schaftlichen Theoretiker^) Uebereinstimmung, daß der Zweck jeder 
Untersuchung auf finanzwissenschaftlichem Gebiet, die induktiv zu 
Erkenntnissen zu gelangen strebt, immer die Anwendung dieser 
Ergebnisse auf die Probleme sein muß, die die modernen Verhältnisse 
dem Theoretiker stellen. Es ist zu bedauern — gerade in dieser Zeit 
äußerst drängender finanzieller Entscheidungen — , daß vielleicht nicht 
immer in den letzten Jahrzehnten ^) die vielfachen Einzeluntersuchungen 
und Monographien in unserer Wissenschaft systematisch verwertet 
und durch die Theorie der Praxis in einer Form zugänglich ge- 
macht wurden, die ihr die Ausgestaltung des Steuerwesens nach 
Regeln und Gesichtspunkten hätte gestatten können, die, nicht ein 
Ergebnis philosophischer, sozialer oder politischer Wünsche, sondern, 
durch die geschichtliche Betrachtung induktiv gewonnen, unbedingt 
feststehen und jeder wissenschaftlichen Kritik standhalten. Wenn 
wir so unsere Betrachtungen theoretisch abschließen wollen, wenn 
wir die Frage stellen, welche Forderung an das moderne Besteuerungs- 
wesen wir aus der Feststellung zu ziehen gezwungen sind, daß sich 
das positive Steuerrecht immer den wirtschaftlichen Tendenzen einer 
Zeit anpaßt, so haben wir zunächst zu untersuchen, in welcher 
Richtung sich gegenwärtig die ökonomischen Strömungen durch- 
setzen. 

III. Versucht man, über die wirtschaftlichen Entwicklungs- 
tendenzen unserer Zeit zu einem leidenschaftlosen und wissenschaft- 
lich feststehenden Urteil zu gelangen, so wird man sich sofort der 
besonderen Schwere dieser Aufgabe bewußt: wie in der Geschichte 
des Wirtschaftslebens die Fülle der Erscheinungen, der Kampf um 
Grundsätze, der Wechsel der Formen, der Ablauf der „Stufen" fast 




1) Vgl. Adolph Wagner, Pinanzwissenschaft, I, S. 16 — 17; Eheberg, 
Finanzwissenschaft, S. 11 und Artikel „Finanzwissenschaft" im Handwörterbuch der 
Staatswissenschaften, 3. Aufl., IV (1909), S. 292; Geffcken, a. a. 0., S. 10; 
V. He ekel, Finanzwissenschaft, S. 3 und Artikel „Finanzwissenschaft" im Wörter- 
buch der Volkswirtschaft, 3. Aufl. (1911), I, S. 865; Vocke, Finanzwissenschaft, 
a. a. 0., S. 13ff. ; Lotz, Finanzwissenschaft, S. 6— 7; (abweichend: Cohn, 
a. a. 0., S. 8—9); so sagt Franz Meisel in einer Besprechung von Heckel's 
Finanz Wissenschaft (Finanzarchiv XXV (1908), S. 843: „Die Finanzwissenschaft ist 
eine Erkenntnis- und eine Wirklichkeitswissenschaft". 

2) Vgl. dazu Franz Meisel, Stand und Wert der deutschen Finanzwissen- 
sehaft, SchmoUer's Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, 
Bd. 42 (1918) und besonders Franz Meisel, Wo steht die deutsche Finanzwissen- 
schaft? Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, Bd. 74 (1919), S. 361 ff. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 109 

das Bild verwirren, das sich dem rückschauenden Historiker bietet, 
so ist auch die Gegenwart von sich kreuzenden Erscheinungsformen 
so stark durchdrungen, daß es nicht leicht ist, hier Klarheit zu ge- 
winnen. Wenn wir einerseits wissen, daß es „in dem ewigen 
Kampfe des Werdenden mit dem Gewordenen" ^), in der rastlosen 
Entwicklung, in deren fortwährendem Wechsel sich einzig eine Be- 
ständigkeit zeigt, keine Ordnung von dauerndem Bestände geben 
kann, so dürfen wir auf der anderen Seite nicht vergessen, 
daß immer nur langwierige Entwicklungsprozesse, häufig über viele 
ausgedehnte, voneinander nur wenig verschiedene Zwischenstufen, 
zu Gestaltungen von grundsätzlich neuer Art führen ^j. Wir 
müssen daher darauf verzichten, die Symptome, die sich uns in 
unserer Zeit darbieten, so deuten zu wollen, als ob wir uns be- 
rechtigt glaubten, aus ihnen auf Umgestaltungen von grundlegender 
Bedeutung für eine Aenderung der Wirtschaftsform schließen zu 
dürfen. Wir müssen uns versagen, uns durch Wünsche, die wir viel- 
leicht durch philosophische, soziale oder ethische Erwägungen an- 
geregt, hegen könnten, beeinflussen und uns zu Urteilen von grund- 
sätzlicher Bedeutung verleiten zu lassen, die wir, durch die Er- 
fahrungen der Geschichte gewitzigt, nicht fällen können. Wir müssen 
streng das Seiende von dem Seinsollenden scheiden und müssen, 
ohne philosophische Spekulationen in den Kreis unserer Betrachtungen 
zu ziehen, die Tendenzen zu erkennen suchen, die sich, in rein 
ökonomischen Erscheinungen, in unserem Wirtschaftsleben zeigen. 
Adam Smith' ökonomische Lehren sind die Grundlage für die 
wirtschaftspolitische Entwicklung seit dem Ende des 18. Jahr- 
hunderts geworden. Wenn Smith, wie Spann mit Recht hervor- 
hebt^), teilweise auch vom Sozialprinzip*) ausging, — immer 
wieder in der Menschheitsgeschichte sind ja nur „Kompromisse" 



1) Vgl. Riezler, a. a. 0,, S. 71. 

2) Vgl. auch Bücher, Sozialisierung, II. Aufl., Tübingen 1919, S. 21 f. und 
Karl Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft I, S. 150. 

3) Vgl. Othmar Spann, Die Haupttheorien der Volkswirtschaftslehre, 3. Aufl., 
Leipzig 1918, S. 52; vgl. auch Karl Diehl, Theoretische Nationalökonomie, Jena 
1916, Bd. I, S. 157— 1H5. 

4) „Individual-" und „Sozialprinzip" werden hier in dem Sinne, wie ihn 
Heinrich Dietzel (Theoretische Sozialökonomik, Lehr- und Handbuch der politi- 
schen Oekonomie, herausgegeben von A. Wagner. II. Hauptabteilung, Bd. I) 
Bd. I, Leipzig 1895, S. 7 und „Individualismus" (H. d. St., V (1910), S. 590) formuliert 
hat, gebraucht. Es ist notwendig, hier darauf hinzuweisen, daß Individual- und 
Sozialprinzip die Zusammenfassungen ethischer Forderungen sind, die an sich 
mit wirtschaftlichem Individualismus oder antiindividualistischen Wirt- 
schaftsformen nicht identisch sind. Sie können beim einzelnen Menschen die 
Ursache werden, sich für eine der beiden Wirtschaftsverfassungen zu entscheiden 
(darüber vgl. auch Heinrich Dietzel, Beiträge zur Geschichte des Sozialismus 
und Kommunismus, Zeitschrift für Literatur und Geschichte der Staatswissen- 
schaften, Bd. I (1893), besonders S. 7 und S. 16, Anm. 2), bei denen aber eine ge- 
naue Abgrenzung, ob sie dem einen oder anderen System zuzurechnen sind, kaum 
möglich ist. (Hierauf macht auch C. Grünberg (Art. „Sozialismus", Wörterbuch 
der Volkswirtschaft, 3. Aufl., (1911), II, S. 829) Dietzel gegenüber aufmerksam, 
der Kommunismus und Sozialismus nach jenen beiden ethischen Grundprinzipien 



IIQ Otto Nathan, 

zwischen Individual- und Sozialprinzip ^) richtunggebend geworden ^) 
— , so war doch mit ihm, wie vorher schon mit den Physiokraten, 
die sich, wie er, in ihrer philosophischen Grundlage auf Grotius 
und Hobbes stützten, wirtschaftlich der Gedanke an ein indivi- 
dualistisches System fruchtbar geworden. Smith hatte aus Ge- 
danken, die er von der griechischen Stoa und dem Naturrecht über- 
nommen hatte, seinen großen Optimismus gewonnen : wenn nach der 
Idee der Weltenordnung ihr Zweck nur die menschliche Glückselig- 
keit sein kann, die daher aufs wirksamste gefördert werden muß, 
wenn andererseits die allgemeine Wohlfahrt nur die Summe des 
Wohlergehens der Einzelnen ist, so muß, wie er von seinem 
egoistisch-utilaristischen Standpunkt aus — daß alle Menschen selbst- 
süchtig und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien — folgert, 
dem Einzelnen größte Bewegungsfreiheit gegeben werden. Daher 
legt Smith auch den Ausgangspunkt für die von ihm befürwortete 
Wirtschaftspolitik in die Forderung unbedingtester Freiheit der 
Person : das dem Menschen innewohnende Erwerbsstreben und freier 
Wettbewerb '*) müssen nach seiner Ansicht das Wirtschaftsleben be- 
herrschen und regeln. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts haben 
sich Smith' Forderungen in Deutschland, zunächst in politischen 
Maßnahmen, dann auch in wirtschaftlicher Hinsicht durchzusetzen 
vermocht und haben, trotz aller Strömungen, die sich gegen das 
Smith 'sehe System — sowohl gegen seine philosophischen Grund- 
lagen durch die Romantik und die klassische Philosophie, wie auch 
gegen seine wirtschaftlichen Leitsätze durch zahlreiche National- 
ökonomen verschiedenster Richtung — bemerkbar machten, die 
Struktur unseres Wirtschaftslebens mehr und mehr, gegen Ende 
des zweiten Drittels des letzten Jahrhunderts fast völlig bestimmt. 
Die ungeheure Bedeutung, die die Ausrichtung unseres ökonomi- 
schen Mechanismus auf das freie Spiel eines ungezügelten Erwerbs- 



% 



scheiden will.) Wie flüssig die Grenzen sind, beweist z. B. auch W. Lexis, wenn 
er (Art. „Individualismus", Wörterbuch der Volkswirtschaft, 3. Aufl. (1911), I, 
S. 1353 ff.) den Sozialismus in seiner modernen Gestalt als ein unzweifelhaft 
individualistisches System bezeichnet, denn er setze sich eine gesellschaftliche 
Ordnung als Ziel, deren Zweck es sei, allen einzelnen einen gleichmäßigen, möglichst 
großen Gütergenuß zu verschaffen. Vgl. auch Leopold v. Wiese, Individualismus 
und Staatssozialismus (Verhandlungen des evangelisch - sozialen Kongresses 1912) 
S. 18ff. Wiese geht in diesem Vortrag auf die „Nuancen" im Individualismus 
und Sozialismus ein. Vgl. endlich Leopold v. Wiese, Staatssozialismus, Berlin 
1916, S. 28—29. 

1) Vgl. S. 109 Anm. 4. 

2) Vgl. Adolph Wagner, Die akademische Nationalökonomie und der 
Sozialismus, Rektoratsrede, Berlin 1895, S. 34 und Eobert Liefmann, Bringt 
uns der Krieg dem Sozialismus näher? (Politische Flugschriften, Heft 56.) Stuttgart- 
BerHn 1915, S. 7 f. 

3) Adolph Wagner (Grundlegung der politischen Oekonomie, 3. Aufl. 
Leipzig 1892, Lehr- und Handbuch der politischen Oekonomie, I. Hauptabteilung, 
I. Teil), S. 8) glaubt, die Lehre Adam Smith' nach ihrem wichtigsten Prinzip 
für die wirtschaftliche Rechtsordnung und nach demjenigen, welches die für die 
Praxis gewonnene Bedeutung der Doktrin am Richtigsten kennzeichnet, kurzweg 
„das System der freien Konkurrenz" nennen zu können. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. Hl 

triebes für die Entwicklung unseres Wirtschaftslebens im 19. Jahr- 
hundert gewann, kann kaum überschätzt werden. Diese Bedeutung 
lag weniger darin, daß die auf den Grundsätzen des ökonomischen 
Liberalismus aufgebaute Wirtschaftspolitik alle einengenden und 
regelnden polizeilichen Verordnungen, alle staatlichen Bevormun- 
dungen, die aus dem Mittelalter und den Jahrhunderten des Mer- 
kantilismus auf vielen Gebieten noch in die neue Zeit hineinragten, 
verschwinden ließ, — wenn auch die Wirkungen des individualisti- 
schen Systems nach dieser Richtung hin sehr stark waren. Wir sehen 
vielmehr das bedeutungsvollste, folgenreichste Moment für die ganze 
ökonomische Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts in dem 
Umstände, daß die Einstellung unserer Volkswirtschaft auf das per- 
sönliche Gewinnstreben jedes Einzelnen, das den gesamten volks- 
wirtschaftlichen Organismus leiten sollte, den Unternehmer und 
später den Großunternehmer geschaffen und es so ermöglicht hat, 
daß die kapitalistische Wirtschaftsordnung sich in dem uns be- 
kannten Umfang ausgestalten und unsere ganze Wirtschaft revo- 
lutionieren konnte. Auch Jaffe, der neuerdings die mannigfachen 
Forschungen kurz zusammenfaßt^), in denen in den letzten Jahr- 
zehnten verschiedene Autoren durch großangelegte Untersuchungen 
Entstehung, Begriff und Wesen des modernen Kapitalismus zu er- 
klären und zu bestimmen gesucht haben, — ohne daß es bis jetzt ge- 
lungen wäre, über dieses wichtige Problem auch nur annähernd eine 
Uebereinstimmung zu erzielen — , macht auf die große Bedeutung 
aufmerksam, die das System der freien Konkurrenz für die Ent- 
faltung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung im 19. Jahrhundert 
gewann : wenn wir heute wissen, daß eine ganze Anzahl -von ver- 
schiedenen Verursachungsreihen die kapitalistische Wirtschafts- 
ordnung entstehen ließ, so war für den Typus, in dem sie uns 
im 19. Jahrhundert entgegentrat, neben den als Kausalfaktoren 
für die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung über- 
haupt erkannten religiös-psychischen Mächten ^), neben den materiellen 
Produktionsverhältnissen') und noch einer Reihe anderer Faktoren 
besonders die spezielle Form maßgebend, unter der die Wechsel- 
wirkung zwischen jenen Faktoren stattfand und die wir im Prinzip 
der freien Konkurrenz zu erkennen haben. Durch sie erst ist der 
Unternehmer ins Zentrum des ganzen Produktionsprozesses gerückt 
und hat der kapitalistischen Wirtschaftsordnung des 19. Jahr- 
hunderts so sehr das sie von anderen Wirtschaftsverfassungen ab- 



1) Edgar Jaffe, Der treibende Faktor in der kapitalistischen Wirtschafts- 
ordnung, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 40, S. 4 ff. (auch als 
Beitrag in der „Festschrift für Lujo Brentano zum 70. Geburtstag", München und 
Leipzig 1916, S. 251 ff. erschienen). 

2) Vgl. Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist" des Kapita- 
lismus, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 20 (1905) und Bd. 21 
(1906) ; WernerSombart, Der moderne Kapitalismus, passim ;WernerSombart, 
Die Juden und das Wirtschaftsleben, Leipzig 1911; Werner Sombart, Bourgeois, 
München 1913 u. a. 

3) Vgl. Karl Marx, Kapital, passim, und andere Schriften. 



112 Otto Nathan, 

hebende Gepräge gegeben, daß Passow das moderne Wirtschafts- 
leben — mit einem, unseres Erachtens, seine Wesenheit allerdings 
nicht erschöpfenden Ausdruck — als das „Zeitalter der großen Unter- 
nehmungen" begrifflich festlegen wilP). 

Eingehende Darstellungen^) haben uns die außerordentlichen 
Wirkungen zu veranschaulichen gesucht, die diese ökonomische Ord- 
nung auf unser Wirtschaftsleben im 19. Jahrhundert ausübte. Wenn 
aber, wie wir gesehen haben, erst durch das System des indivi- 
duellen Ertragsstrebens, durch „die Glorifizierung des Erwerbs- 
triebes" ^) diese Wirtschaftsordnung die unser ganzes Wirtschafts- 
leben im 19. Jahrhundert revolutionierende Gewalt erlangen konnte, 
dann muß, wenn wir die Tendenzen erkennen wollen, die heute in 
unserem ökonomischen Leben wirksam sind, die Frage gestellt 
werden, ob noch der ungezügelte Erwerbstrieb uneingeschränkte 
Geltung besitzt, ob noch das System der freien Konkurrenz unseren 
ökonomischen Organismus charakterisiert. 

Es ist hier nicht notwendig, ausführlicher darzulegen, daß der 
Gedanke der freien Konkurrenz — „durch das große Gesetz einer 
natürlichen Harmonie sei für das allgemeine Wohl dann am besten 
gesorgt, wenn jeder Einzelne nach seinem Willen und Interesse 
seine wirtschaftlichen Bestrebungen verfolge und durch keine Ein- 
wirkung des Staates gehemmt oder unterstützt werde" *) — nie bis 
in seine letzten Konsequenzen zur Durchführung gelangte. Schon 
lange ehe in Deutschland das System seine stärkste Anwendung er- 
fahren hatte, hatte sich in theoretischen Kreisen Widerspruch gegen 
seine restlose praktische Durchführung geltend gemacht. Fast alle 
Theoretiker, schon seit den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, 
waren, bei aller Bewunderung und Anerkennung der Smith 'sehen 
Lehre, davon überzeugt, daß in der Praxis die Regel des „laissez 
faire" bedeutende Einschränkungen erfahren mußte ^). Zu Beginn 
der 70 er Jahre fand diese theoretische Gegnerschaft ihren prakti- 



1) Vgl. Eichard Passow, Kapitalismus, diese „Jahrbücher" 107. Bd. 
(1916), S. 492ff. und ausführlicher Richard Passow, Kapitalismus, Jena 1918, 
S. 125 ff. 

2) Vgl. Werner Sombart, Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert, 
Berlin 1903, passim; W. Wygodzinski, Wandlungen der deutschen Volkswirt- 
schaft im 19. Jahrhundert, Köln 1907, passim, besonders S. 21; Ludwig Pohle, 
Die Entwicklung des deutschen Wirtschaftslebens im letzten Jahrhundert, Leipzig 
1908, passim; Eugen von Philippovich, Die Entwicklung der wirtschafts- 
politischen Ideen im 19. Jahrhundert, Tübingen 1910, S.126ff. ; Walter Troeltsch, 
Ueber die neuesten Veränderungen im deutschen Wirschaftsieben, Stuttgart 1899, 
passim. 

3) Vgl. Wygodzinski, a. a. 0., S. 21. 

4) Vgl. E. Leser, ,.Freihandelsschule", Handwörterbuch der Staatswissen- 
sehaften, 3. Aufl., IV (1909), S. 460. 

5) Vgl. RudolfKeibel, Ansichten über Freiheit und Beschränkung des inneren 
Handelsverkehrs, Beitrag XXVIII in „Die Entwicklung der deutschen Volkswirt- 
schaftslehre im 19. Jahrhundert zum 70. Geburtstag Gust. SchmoUer's", II, Leipzig 
1908, passim; Wilh. Röscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland, 
München 1874, passim; Philippovich, Die Entwicklung der wirtschaftspolitischen 
Ideen . . ., passim. 



-Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern, 113 

sehen Ausdruck durch die Gründung des „Vereins für Sozialpolitik", 
der bald, ebenso wie die sich Geltung verschaffenden staatssozialisti- 
schen Bestrebungen, bedeutenden Einfluß zu gewinnen vermochte. 
Die außerordentlich gefährlichen Auswirkungen, die das auf den 
Gedanken des ungezügelten und von Staatswegen keineswegs ge- 
hemmten Erwerbstriebs aufgebaute Wirtschaftssystem zeitigte, boten 
nur allzubald Veranlassung, starke Eingriffe in das Wirtschaftsleben 
zu fordern und sie auch durchzusetzen. Andererseits führten auch 
mannigfache Verhältnisse, die aus der extrem individualistischen 
Wirtschaftsordnung herauswuchsen, mit zwingender Notwendigkeit 
zu Einrichtungen, die das System der freien Konkurrenz durchbrachen 
und ihm emplindlich Abbruch taten. 

Die letzte Auswirkung dieser ökonomischen Ordnung, wie wir 
sie vielleicht im Anarchismus zu sehen hätten, hätte sich in einer 
vollkommenen Atomisierung unseres Wirtschafts- und Gesellschafts- 
lebens durchsetzen müssen. Uns scheint kein Zweifel möglich, daß 
dazu die Vorbedingungen im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht 
gegeben waren. Im Gegenteil! die Entwicklung, wie sie sich seit 
dem Frühraittelalter gestaltet hatte und wie wir sie in unseren 
Untersuchungen mehrfach andeutungsweise verfolgen konnten, drängte 
gerade nach der anderen Richtung; und sie mußte um so stärker 
dorthin drängen, je mehr der Prozeß fortschritt, durch den sich das 
Dasein und die Arbeit jedes Einzelnen mit dem Dasein und der 
Arbeit vieler anderen verflechten ^). So zwang auch die innere 
Logik aller wirtschaftlichen Verhältnisse in den letzten Jahrzehnten 
nicht zu einer Zersplitterung, sondern zu einer Zusammenfassung 
der Kräfte. Die mehr und mehr sich ausbreitende Verflechtung in 
die Weltwirtschaft, die die Umstellung Deutschlands vom Agrar- 
zum Industriestaat teils voraussetzte, teils veranlaßte, trug ihrer- 
seits in nicht geringem Maße zur Bildung starker Organismen bei, 
die sich aus vielen Einzelwirtschaften zusammensetzten und sich auf 
dem Gedanken aufbauten, die freie Konkurrenz zwischen ihren ein- 
zelnen Gliedern auszuschalten, und die nicht immer des staat- 
lichen Interesses in irgendeiner Form entbehren konnten. 

In weitem Ausmaße war das System der freien Konkurrenz ver- 
lassen, als der Krieg ausbrach. Noch regelte der Erwerbstrieb des 
Einzelnen, das Eigeninteresse des Individuums den Kleinverkehr und 
hatte noch starke Bedeutung. Aber im Großbetriebe der Wirt- 
schaft war der Einzelne hinter der Masse zurückgetreten, hatte über 
eine atomisierte Gesellschaft die Organisation^) gesiegt, die das 
Einzelinteresse an die Interessen einer Gesamtheit band und im 
Wirtschaftsleben nicht die Rücksicht auf die Persönlichkeit, sondern 



1) Vgl. Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft I, S. 151. 

2) Auf die Entwicklung der „Organisation" und des Organisationsgedankens 
(vgl. Franz Klein, Das Organisationswesen der Gegenwart, Berlin 1913, passim) 
und seine Bedeutung besonders für die Kriegsverhältnisse ist schon häufig hin- 
gewiesen worden; vgl. dazu z. B. J. Jastrow, Im Kriegszustand, Berlin 1914, 
besonders S. 126; Bücher, Sozialisierung, S. 73; die Schriften Plenges (s. u.) u. a. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. m (Dritte Folge Bd. 62). 8 



114 Otto Nathan, 

die auf den ganzen Stand oder das ganze Gewerbe oder den ganzen 
Handelszweig maßgebend werden ließ. Die unpersönlichste Form 
der Gesellschaft, die Aktiengesellschaft — eine Kapitalgesellschaft, 
die die persönlichen Sonderinteressen von einem Massen willen ab- 
hängig macht und der Adam Smith höchstens für einige wenige 
große Unternehmungen auf die Dauer Geltung versprochen hatte ^)^ 
— war zu einem herrschenden Faktor in unserem Wirtschaftsleben 
geworden, die Unternehmung wurde „entindividualisiert", „anonym" ^). 
Jetzt wurde nicht mehr für das allgemeine Wohl dadurch gesorgt, 
daß jeder Einzelne nach seinem Willen und Interesse seine wirt- 
schaftlichen Bestrebungen verfolgte und der Staat, die Gesellschaft 
nur die Aufgabe hatte, so weit wie irgend möglich die Bewegungs- 
freiheit der Wirtschaftenden zu schützen, sondern die Rücksicht auf 
das allgemeine Wohl zwang neben den Privatorganisationen, die zu- 
nächst das Wohl ihrer Gesamtheit verfolgten, den Staat, die Ver- 
körperung des Volksganzen, zu wirtschaftlicher Tätigkeit, zwang 
ihn, im großen Maßstab zum Unternehmer zu werden, um die In- 
teressen aller wahrnehmen zu können. Schon lange hatte es sich 
als unmöglich erwiesen, eine Wirtschaftsordnung aufrecht erhalten 
zu können, in der keiner in der Verfolgung seiner wirtschaftlichen 
Interessen durch die Einwirkung des Staates gehemmt oder unter- 
stützt wird. Frühzeitig hatte schon der Staat durch vielerlei Maß- 
nahmen die Vertragsfreiheit der Gewerbeordnung einschränken und 
durch Befähigungsnachweise und Arbeitsverbote, durch Arbeiter- 
versicherungs- und Arbeiterschutzgesetze und viele andere soziale 
und sozialgesetzliche Einrichtungen immer mehr zu einem „Abbau 
der Bewegungsfreiheit" ^) beitragen müssen, der „die Niederdrückung 
des Individuums unter die Regel, unter das Schema, unter einen un- 
abänderlichen Gemeinschaftswillen" *) brachte und der den größten Teil 
des letzten halben Jahrhunderts charakterisiert^). Jetzt hatte aber 
die Entwicklung auch dahin geführt, den Staat zum Unternehmer 
größten Stils werden zu lassen, wodurch auf zahlreichen Gebieten die 
Privatinitiative als regelnder Faktor des Wirtschaftslebens zugunsten 
der Allgemeinheit ausgeschaltet wurde. Waren in privaten Organi- 
sationen Gewerkschaften, Angestellten- und Arbeitgeberverbände,^ 
Syndikate und Kartelle, Konsumvereine, Produzentengenossenschaften 
und Absatzkonventionen, eine festgeschlossene Bankoligarchie, Kon- 
zerne und Monopolwirtschaften entstanden, die die freie Konkurrenz 
auf ihren Gebieten vollkommen ausschalteten und allmächtig ihren 
Wirkungskreis regelten, so hatte der Staat vor allem Post und 

1) Vgl. Eugen v. Philippovich, Monopole und Monopolpolitik, Archiv für 
die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, VI (1916), S. 157. 

2) Vgl. Karl Kenner, Marxismus, Krieg und Internationale, Stuttgart 
1917, S. 78. 

3) Vgl. Justus Wilh. Hedemann, Das bürgerliche Kecht und die neue 
Zeit, Akademische Eede, Jena 1919, S. 6. 

4) Ebenda, S. 12. 

5) Vgl. auch Carl Johannes Fuchs, Die deutsche Volkswirtschaft im 
Kriege, Tübingen 1915, S. 22. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 115 

Eisenbahn, hatten die Kreise und Gemeinden in zahlreichen Fällen 
Elektrizität, Gas und Wasser in gemeinwirtsehaftlichen Betrieben 
monopolisiert ^). 

So standen wir, als der Krieg unsere Wirtschaft scheinbar aus 
ihren Bahnen riß, in einer Entwicklung, die die Person hinter dem 
Ganzen immer mehr zurücktreten ließ, die eine Wirtschaftsform an- 
bahnte, in der nicht mehr die schrankenlose Freiheit der Einzelnen 
in der Wahrnehmung ihrer Interessen, sondern mehr und mehr die 
Rücksicht auf Massenbildungen Produktion und Austausch bestimmte. 
Wo der Staat nicht selbst als Unternehmer auftreten konnte, wies die 
Entwicklung klar den Weg : er mußte sich, so wie es seit der Jahr- 
hundertwende immer mehr und immer dringender gefordert wurde '% 
in steigendem Maße an den im wirtschaftlichen Kampfe Allmacht 
gewinnenden Organisationen beteiligen oder sich Rechte des Ein- 
spruches oder der Mitberatung vorbehalten ^), um Mißbräuchen dieser 
gewaltigen Kräftevereinigungen vorzubeugen und seine eigenen Inter- 
essen — die der Volksgesamtheit — zu wahren *). In diesen Prozeß 
griff die Kriegswirtschaft und beschleunigte ihn, der sich in fried- 
licher Weiterentwicklung vielleicht erst in Jahrzehnten vollendet 
hätte. Wir kennen aus zahlosen Darstellungen, umfassenden Be- 
trachtungen und Monographien die Mannigfaltigkeit der Verordnungen 
und Gesetze und die Vielheit der Organisationen, die die Kriegs- 
notwendigkeit schuf. Es ist hier nicht der Ort, sie näher zu be- 
trachten: wenn wir aus ihnen die Ueberzeugung gewinnen, daß 
sich unsere Wirtschaft vielfach einer Bedarfsdeckungswirtschaft 
näherte, in der nicht die Rücksicht auf den Gewinn, sondern Größe, 
Umfang und Art des Bedarfes die Produktion leiteten °), so können 
wir andererseits auch feststellen, daß unsere wirtschaftlichen Ver- 

1) Vgl. dazu jetzt vor allem Edm. Fischer, a. a. 0., passim. Eine kurze 
Zusammenstellung über die staatlichen und gemeindlichen Betriebe gibt in jüngster 
Zeit auch Wilh. Stieda, Die Zukunft des deutschen Wirtschaftslebens, diese 
„Jahrbücher" Bd. 114 (1920), S. Iff. 

2) Vgl. z. B. Gust. Schmoller, Das Verhältnis der Kartelle zum Staat 
(Referat auf der Mannheimer Generalversammlung 1905 des Vereins für Sozial- 
politik und die sich anschließende Debatte), Schriften des Vereins für Sozialpolitik, 
Bd. 116, Leipzig 1906, S. 237 ff. 

3) Leopold V. Wiese (Staatssozialismus, Berlin 1916, S. 69) sieht das Grund- 
prinzip des Systems der Wirtschaftspolitik der letzten 25 Friedensjahre bei den 
Völkern des europäisch-amerikanischen Kulturkreises darin, „die Bedeutung der 
Staatsmacht für das ökonomische Leben der Völker zu dokumentieren", und nennt 
diese Wirtschaftsordnung deshalb „Neumerkantilismus", weil sie dieses Grundprinzip 
mit dem des Merkantilismus gemeinsam hätte. Vgl. auch Paul Lensch, Die 
Neugestaltung der Wirtschaftsordnung (im Sammelwerk „Die Arbeiterschaft im 
neuen Deutschland", herausgegeben von Fried r. Thimme und Carl Legien, 
Leipzig 1915), S. 140. 

4) Vgl. z.B.: Robert Liefmann, Bringt uns der Krieg dem Sozialismus 
näher?, S. 15; v. Wiese, a. a. 0., S. 75f.; Johann Plenge, 1789 und 1914, 
Die symbolischen Jahre in der Geschichte des politischen Geistes, Berlin 1916, 
S. 111; Robert Liefmann, Die Kartelle in und nach dem Kriege, Annalen für 
soziale Politik und Gesetzgebung, VI (1919), S. 103. 

5) Vgl. Gust. Eckstein, Der Krieg und der Sozialismus, Neue Zeit, 
Jahrg. 34, I. Bd., S. 234 ff. 

8* 



W^Q Otto Nathan, 



hältnisse den Staat gebieterisch dazu zwangen, auf allen Gebieten 
unseres ökonomischen Lebens bald leitend, bald teilend, bald be- 
stimmend, bald organisierend, bald selbst unternehmend, monopolbildend 
und konkurrenztötend aufzutreten. 

In wissenschaftlicher Durcharbeitung dieser Kriegsverhältnisse 
ist eine umfangreiche Literatur entstanden. Die große Mannigfaltig- 
keit, die nicht nur in den wissenschaftlichen, sondern auch in den 
Welt- und Lebensanschauungen der Autoren dieser Schriften besteht, 
macht es begreiflich, daß die Ergebnisse, zu denen sie gelangen, stark 
voneinander abweichen. Die besonders große Verschiedenheit ihrer 
Urteile wird aber dadurch erklärlich, daß im Mittelpunkte ihrer Unter- 
suchungen die ganzen Probleme stehen, ob die verstärkte, staatliche 
Tätigkeit, die der Krieg veranlaßte, wird aufrecht erhalten werden 
und ob die ökonomischen Auswirkungen des Krieges unsere Wirt- 
schaftsverfassung dem Sozialismus genähert haben. Wie könnte 
hier eine Uebereinstimmung möglich sein, solange sich mit dem 
Worte „Sozialismus" ein wissenschaftlich so wenig feststehender 
und klar umrissener Begriff verbindet, der von Autor zu Autor 
wechselt ^) ! 

So sind auch die Ergebnisse dieser Literatur über den „Kriegs- 
sozialismus", wenn sie auch im einzelnen äußerst anregend und be- 
fruchtend gewirkt haben mögen, keineswegs so, daß sich ihre Ver- 
wertung für wissenschaftliche Untersuchungen leicht ermöglichen 
läßt. Sind schon die Antworten, die jene Fragen in diesen Dar- 
stellungen fanden, sehr verschieden, bald bejahend, bald verneinend, 
in sich graduell sehr stark geschieden, so stehen ihrer Nutzbar- 
machung für unsere Darlegungen auch deshalb Schwierigkeiten ent- 
gegen, weil nur wenige ^) dieser Autoren an der Spitze ihrer Schrift 
klar umschreiben, wie sie gerade den so sehr verschieden gefaßten 
Begrilf „Sozialismus" verstanden wissen wollen. Des weiteren 
scheint uns auch aus einem anderen Grunde die Heranziehung jener 
Ergebnisse nicht tunlich. Wir haben es ablehnen müssen*^), aus 
den Symptomen, die sich in den jetzigen ökonomischen Zuständen 
zeigen, Schlüsse auf eine grundsätzliche Aenderung unserer 
wirtschaftlichen Verfassung zu ziehen — wie es zweifellos mit der 
Fragestellung, ob uns der Krieg durch seine Notwendigkeiten auf 
ökonomischen Gebiete einer sozialistischen Wirtschaftsordnung ge- 
nähert habe, geschieht. Wollten wir die Tendenzen erkennen, die 
sich gegenwärtig in unserer Volkswirtschaft geltend machen, so 



ft 



1) Vgl. C. Grünberg, a. a. 0., S. 828 f. Vgl. ferner jetzt neuerdings den 
Begriff des Sozialismus z. B. bei Johann PI enge, Eevolutionierung der Ee- 
volutionäre, Leipzig 1918, S. V, XVI, 39 f., 44 u. 178f. und Johann Pienge, 
Zur Vertiefung des Sozialismus, Leipzig 1919, S. 7, 13 u. 20 oder bei Robert 
Wilbrandt, Sozialismus, Jena 1919, S. 91 u. 309 f. oder bei Franz Oppen- 
heimer, Kapitalismus, Kommunismus, Wissenschaftlicher Sozialismus, Berlin 
1919, S. 7 f. 

2) So z.B. bei Liefmann, Bringt uns der Krieg dem Sozialismus näher?, 
S. 9f. und bei Carl Johannes Fuchs, a. a. 0., S. 22. 

3) S. oben S. 109. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 117 

war es, wie wir gesehen haben, nötig, die Entwicklung ihrer kon- 
kreten Merkmale zu verfolgen. Hatten wir aber als wichtigsten 
dieser Faktoren für die Wirtschaftsordnung des 19. Jahrhunderts 
die freie Konkurrenz, das Prinzip des privaten Ertragsstrebens erkannt, 
so muß auch hier wieder unsere Untersuchung anschließen. Wie es 
nun feststeht, daß die Entwicklung der letzten Jahrzehnte vor dem 
Kriege an diesem System vielfach und erfolgreich zugunsten einer 
mehr gebundenen Wirtschaftsordnung gerüttelt hat, so ist auch kein 
Zweifel möglich — und darin stimmen fast alle jene Untersuchungen 
überein — , daß der Krieg diese Bewegung nur noch verstärkt und 
beschleunigt hat. Alle Organisationen und Vereinigungen, alle Aus- 
fuhrverbote und behördliche Preisfestsetzungen, alle Verordnungen 
und Gesetze bezweckten und erreichten die Einschränkung der freien 
Konkurrenz, die Loslösung unseres Wirtschaftslebens von dem Prinzip 
des Erwerbsstrebens des Einzelnen als regelndem Faktor unserer 
ökonomischen Ordnung. Wenn so jetzt nicht mehr die freie Unge- 
bundenheit der Individuen in der Verfolgung ihrer wirtschaftlichen 
Interessen die Organisation unserer Volkswirtschaft bestimmt, so ent- 
steht die ungeheuer bedeutende Frage, welches Prinzip jetzt 
unserem Wirtschaftsleben Form und Richtung gibt. 

Wir haben hier zunächst daran anzuknüpfen, daß niemals ein 
Prinzip allein und ausschließlich im Wirtschaftsleben zur Geltung 
kommt, daß es sich immer nur darum handeln kann, welches der 
beiden — freien oder gebundenen — Wirtschaftssysteme jeweils über- 
wiegt und den Ausschlag gibt^). Die Bewegung, die sich in den 
letzten Jahrzehnten vor dem Kriege durchgesetzt hatte und die darin 
gipfelte, das System der freien Konkurrenz einzuschränken und damit 
das freie individuelle Ertragsstreben aus seiner unser ökonomisches 
Leben beherrschenden Stellung mehr und mehr zu verdrängen, war 
noch zu stetig-langsam, hatte mit zu großen Widerständen und 
Hemmungen zu kämpfen, um in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit 
große, grundlegende Gesichtspunkte hervortreten zu lassen, die 
unserem Wirtschaftsleben Richtung hätten geben können. Die freie 
Konkurrenz wurde eingeschränkt zunächst zugunsten großer Interessen- 
vertretungen und machtvoller Organisationen, also einer größeren 
Gesamtheit, aber nicht der Volksgesamtheit schlechthin. 

Hier hat nun der Krieg eine bedeutsame Wendung gebracht: 
die Verhältnisse, in die er uns zwang, die Organisationen, die er 
uns aufnötigte, die Beschleunigung, die durch ihn der nie ruhende 
Prozeß wirtschaftlicher Formen bildungen erfuhr, haben klar die 
Tendenz hervortreten lassen, daß zum regelnden Faktor aller Orga- 
nismen, aller Verfügungen und Verordnungen, aller gesetzlichen 
Regelungen und Bestimmungen einzig das Wohl der Gesamtheit ge- 
worden war. Regelte früher das Interesse des Einzelnen den volks- 

1) Vgl. Dietzel, Theoretische Sozialökonomik, I, S. 86. Aehnlich auch 
Andreas Voigt, Kriegssozialismus und Friedenssozialismus, Zeitschrift für Sozial- 
wissenschaft, Neue Folge VII (1916), S. 3. 



IIQ Otto Nathan, 

wirtschaftlichen Prozeß, so ist jetzt die Eücksicht auf das Allg-emein- 
wohl, die Kücksicht auf die Volkswirtschaft — im umfassendsten 
Sinne des Wortes — richtunggebend für den wirtschaftlichen Mechanis- 
mus geworden. Wir wissen, daß damit noch nicht alle Ausstrahlungen 
der freien Konkurrenz ausgeschaltet sind, die jedenfalls immer noch 
große Bedeutung hat und vorerst auch noch behalten wird, — denn 
es wäre ebenso gefährlich wie unmöglich, in kurzer Zeit den volks- 
wirtschaftlichen Organismus grundstürzend umändern zu wollen und 
in eine Form zu drängen, die nur langwierige Prozesse reifen lassen 
können. Aber wir müssen erkennen, daß durch die Entwicklungen 
während des Krieges, die jetzt nach Friedensschluß, trotz aller rück- 
läufigen Bewegungen, die bei solch umgestaltenden Prozessen niemals 
vermieden werden können, nur noch stärkere Bedeutung gewonnen 
haben, die Einzelwirtschaft als das Primäre, Ausschlaggebende zu- 
rücktreten mußte hinter der Volkswirtschaft, die jetzt nicht mehr 
wie früher die Zusammenfassung aller Einzelwirtschaften ist, sondern 
die gleichsam selbst Leben erhielt, daß jetzt die gebundene Wirt- 
schaftsform die immer noch wirksame freie Organisation überwiegt. 
Wollen wir also die Frage beantworten, welchen Einfluß der Krieg 
auf unser Wirtschaftsleben hatte, welche Strömungen sich jetzt in 
unserer ökonomischen Verfassung zeigen und was an Stelle des in- 
dividuellen Ertragsstrebens jetzt unseren wirtschaftlichen Mechanis- 
mus beherrscht, so müssen wir feststellen, daß der Krieg nur die 
Tendenzen verstärkte, die vor Kriegsausbruch schon in unserem 
ökonomischen Leben hervortraten, daß unser Wirtschaftsleben noch 
das Gepräge einer kapitalistischen Wirtschaftsorganisation mit Privat- 
eigentum^) usw. zeigt, daß aber die besondere Form, unter der die 
verschiedenen Faktoren dieser Wirtschafts Verfassung jetzt wirksam 
werden, nicht mehr wie früher die freie Konkurrenz, das Interesse 
des Einzelnen ist, sondern das Interesse der Gesamtheit, die Rück- 
sicht auf die Vo 1 k s Wirtschaft. Wir werden ferner zu erkennen haben, 
daß unser ökonomisches Leben durch die Wirkungen des Krieges 
den Formen einer gemein wirtschaftlichen Organisation näher rückte. 
Noch ringt unser Wirtschaftskörper in vielen Kämpfen um sie^), 



1) Gerade auf dem Gebiete des Eigentumrechts hat aber auch die Entwicklung 
— besonders während des Krieges — starke Aenderungen zu Ungunsten des 
Individualismus gebracht. Vgl. darüber, wie überhaupt über die Veränderungen 
auf dem Gebiete des Rechtes, z. ß. Hedemann, a. a. 0. und Justus Wilh. 
Hedemann, Der Krieg als Lehrmeister auf dem Gebiete des Rechts (Vorträge 
der Gehestiftung zu Dresden, Bd. VIII (1917), besonders S. 19 f. Mit Recht durfte 
Walther Rathenau (Von kommenden Dingen, Berlin 1917, S. 87) sagen: „Eigen- 
tum, Verbrauch und Anspruch sind nicht Privatsache" und (ebenda, S. 95) „Wirt- 
schaft ist nicht Privatsache, sondern Gemeinschaftssache". 

2) Vgl. hierzu Walther Rathenau, a. a. 0.; Walther Rathenau, 
Probleme der Friedenswirtschaft, Berlin 1917; Walther Rathenau, Die neue 
Wirtschaft, Berlin 1917; Walther Rathenau, Autonome Wirtschaft (Deutsche 
Gemeinwirtschaft, Schriftenreihe, Heft 16), Jena 1919 u. a.; Rudolf Wisseil und 
Wichard von Moellendorff, Wirtschaftliche Selbstverwaltung (Deutsche Ge- 
meinwirtschaft, Heft 10), Jena 1919; die Schriften Plenge 's (s.o.); Wilbrandt, 
a. a. 0., u. a., vor allem die Schriften der marxistischen Sozialisten. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 119 

aber jetzt schon erkennen wir, daß, gleichviel welche Organisation 
unser Wirtschaftsleben in vielleicht jahrzehntelangen Prozessen finden 
wird, die Idee der Volksgesamtheit, die Idee des Gemeinwohls, die 
Idee der Volkswirtschaft^) als leitender Faktor unseren ökono- 
mischen Organismus beherrschen muß^). Einen äußerst charakte- 
ristischen Ausdruck hat diese Bewegung, hauptsächlich nach Kriegs- 
schluß, der freilich zunächst auch manche Abschwächung des Kriegs- 
sozialismus brachte — ohne daß dadurch an der Gesamttendenz der 
Entwicklung etwas geändert wird — , durch die Gesetzgebung ge- 
funden % Wie ja immer das Recht nur der äußere Ausdruck längst 
vorhandener Entwicklungstendenzen ist, die es nicht erzeugt, sondern 
nur in juristische Formen kleidet und dadurch von Staats wegen 
anerkennt *), so hat auch die neueste Gesetzgebung Formen gefunden, 
die einerseits die individuelle Bewegungs- und Vertragsfreiheit weiter 
einschränken % andererseits die Machtsphäre des Staates zugunsten 
der Allgemeinheit außerordentlich erweitern®). Am bemerkens- 
wertesten ist hier, neben der neuen Reichsverfassung, das Soziali- 
sierungsgesetz, das in seinem ersten Paragraphen bestimmt '), daß jeder 
Deutsche, unbeschadet seiner persönlichen Freiheit, die sittliche 
Pflicht hat, seine geistigen und körperlichen Kräfte zugunsten des 
Wohles der Gesamtheit zu betätigen. 

Wir sind an dem entscheidenden Punkte unserer Darlegungen 
angelangt. Wir hatten die grundsätzlichen Zusammenhänge zwischen 
Volkswirtschaft und Steuern zu untersuchen und hatten induktiv 
das Ergebnis gewonnen, daß sich die Steuern immer den jeweils 
herrschenden Tendenzen und Strömungen im wirtschaftlichen Leben 
eines Volkes anpassen. Die Größe eines modernen Staatshaushaltes, 
der in der heutigen auf kapitalistischen Formen aufgebauten Wirt- 
schaftsordnung eine große Zahl der verschiedensten Steuern bedingt 
und bedingen muß, verbietet eine Betrachtungsweise, die eine ein- 



1) Plenge (an vielen Stellen, z. B. Revolutionierung . . ., S. 7, Der Krieg 
nnd die Volkswirtschaft, 2. Aufl., Münster i. Westf. 1915, S. 254) prägte für einen 
derartigen Wirtschaftsstaat den Begriff der „Volksgenossenschaft". 

2) Natürlich gehören auch alle Systeme und Formen des marxistischen 
Sozialismus hierher, der ja den Klassenkampf nur als Mittel zum Zweck verwenden 
will und in den Worten des Erfurter Programmes (vgl. Karl Kautsky, Das 
Erfurter Programm, Stuttgart (ohne Jahr, „unverändert nach der 13. Auflage" 
S. 44 f.) „die Befreiung nicht hloß des Proletariats, sondern des gesamten Menschen- 
geschlechts" anstrebt. Vgl. dazu auch z. B. Karl Kautsky, Demokratie oder 
Diktatur, 2. Aufl., Berlin 1918, S. 7. 

3) Vgl. die mannigfachen Gesetze und Verordnungen im Reichs-Gesetzblatt, 
Jahrgang 1919 und 1920. 

4) Vgl. Tröltsch a. a. S. 19. 

5) Vgl." z. B. Betriebsrätegesetz vom 4. II. 1920, Reichs-Gesetzblatt, 1920, S. 147 ff. 

6) Vgl. besonders Sozialisierungsgesetz vom 23. III. 1919, Reichs-Gesetzblatt, 
1919, S. 341. Gesetz über die Regelung der Kohlen Wirtschaft vom 23. III. 1919, 
ebenda, S. 342 (vgl. dazu auch RGBl. 1919, S. 1449 ff.); Gesetz über die Regelung 
der Kali Wirtschaft vom 24. IV. 1919, RGBl. S. 413 ff. (vgl. dazu auch S. 663 ff ); Gesetz 
betr. die Sozialisierung der Elektrizitätswirtschaft vom 31. XII. 1919, RGBl. 1920, 
S. 19 ff. u. a. 

7) a. a. 0., S. 341. 



120 Otto Nathan, 

zelne Steuer unter dem Gesichtspunkte prüfen wollte, ob sie sieb 
mit den Tendenzen des ökonomischen Lebens im Einklang befindet.. 
Seit Adam Smith' bekannten Steuerregeln ^) hat man sich viel- 
mehr daran gewöhnt, theoretisch die leitenden Gesichtspunkte zu- 
sammenzufassen, die bei der Besteuerung für den Praktiker maß- 
gebend sein sollen. Wir haben also zu prüfen: passen sich die 
gegenwärtig im Steuerwesen gültigen Prinzipien den herrschenden 
Strömungen der wirtschaftlichen Zustände an? 

Sieht man von den Grundsätzen ab, die, wie das Prinzip der 
Steuergleichheit, der Steuergerechtigkeit usw. für unsere Erwägungen 
nicht in Betracht kommen, zieht man vielmehr nur jene Leitsätze 
heran, in denen die Prinzipien zusammengefaßt zu werden pflegen, 
die vom ökonomischen Standpunkt aus beim Steuerwesen zu beachten, 
sind, so handelt es sich zunächst um die sog. „volkswirtschaftlichen 
Grundsätze" ^). Hierbei hielt sich die Steuertheorie bis gegen Aus- 
gang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts streng an die Lehren, 
der klassischen Schule: die Besteuerung soll so wenig, wie irgend 
möglich, das Wirtschaftsleben des Einzelnen stören und ihn so wenig,, 
wie irgend angängig, in seinen Wirkensmöglichkeiten beeinträchtigen. 
Wenn Brentano bemerkt^), daß sich durch Adolph Wagner 's 
Betonung eines sozialpolitischen Zweckes der Steuer hierin eine 
Aenderung vollzogen habe, so ist ihm nicht beizupflichten. Wohl 
aber hat die Betrachtung der volkswirtschaftlichen Grundsätze für 
die Besteuerung bei Adolph Wagner insofern eine wesentliche 
Verschiebung erfahren, als er, durch die von ihm mitbegründete 
Lehre von dem doppelten Charakter des Kapitals, und im Zusammen- 
hang mit seinen allgemeinen wirtschaftlichen Anschauungen — seinem 
Staatssozialismus — , wie er sie in seiner „Grundlegung" umrissen 
hat, einen viel weniger individualistischen Standpunkt einnahm und 
die Steuern verschiedentlich in ihrer Wirkung auf die Volkswirt- 
schaft als Ganzes, auf die „Zwangsgemeinwirtschaft" untersuchte.. 
Wagner' s Lehre von den „Nebenzwecken" der Besteuerung — 
wie Lotz, wohl nicht ganz zutreffend, Wagner 's Unterscheidung 
eines zweiten Steuerzweckes, neben dem finanziellen jenen sozialpoli- 
tischen Zweck genannt hat % regulierend in die Verteilung des Volks- 
einkommens und Volksvermögens und in die Verwendung des Einzel- 
einkommens und Vermögens einzugreifen ^) — wurde von der Theorie 

1) Vgl. Adam Smith, Ueber die Quellen des Volkswohlstandes. Bearbeitet 
von C. W. Asher, Stuttgart 1861, II, S. 346 ff. 

2) Der Ausdruck hierfür wechselt; während Eheberg (Finanzwissenschaft,^ 
S. 179) von „Volkswirtschaftlichen Grundsätzen" spricht, faßt Wagner (Finanz- 
wissenschaft II, S. 304 u. 314) die betr. Abschnitte unter dem Begriffe „Die volks- 
wirtschaftlichen Prinzipien" zusammen, von He ekel (Finanzwissenschaft I, S. 148) 
unter dem Begriffe „Die Steuer als volkswirtschaftliche Erscheinung", u. a. 

3) Vgl. Lujo Brentano, Wirtschaftspolitik und Finanzpolitik (Volkswirt- 
schaftliche Zeitfragen Nr. 247), Berlin 1919, S. 18. 

4) Vgl. Walther Lotz, Fiskus als Wohltäter, Betrachtungen über Neben- 
zwecke bei der Besteuerung (Volkswirtschaftliche Zeitfragen, Heft 219), Berlin 1906. 

5) Vgl. Ad. Wagner, Finanzwissenschaft, II, S. 207. 



Grundeätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft n. Steuern, 121 

nur wenig angenommen. Aber seine Betrachtung der Steuer in ihren 
Wirkungen auf die Wirtschaft der Gesamtheit hat, wenn sie auch 
nirgends von der Theorie übernommen wurde, doch Einfluß geübt: 
wohl auch im Zusammenhang mit dem Uebergangsstadium, in dem 
sich unsere wirtschaftlichen Verhältnisse, wie wir zeigten, seit den 
beiden letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts befanden, 
ist bei den Theoretikern in dieser Frage kein methodisch scharf 
umrissener Standpunkt, keine sichere Klarheit zu erkennen, wie es 
in Zeiten nur allzu erklärlich ist, in denen die Wirtschaftszustände 
in langsam reifenden Prozessen eine grundsätzlich neue Richtung 
annehmen und in denen die Theorie vielfach versucht, in Kompro- 
missen zwischen dem Alten und Neuen eine Lösung zu finden. Zu 
erwähnen sind hier besonders Helferich^), Eheberg '^) und 
V. Heckel*^), die alle zwar bei den grundsätzlichen Erörterungen 
über die Steuerprinzipien die Interessen der Volkswirtschaft berück- 
sichtigen, indem sie von dem Steuersystem fordern — wie es z. B. Ehe- 
b e r g umschreibt ^) — , daß es „die volkswirtschaftliche Entwicklung 
nicht störe". Aber diese Berücksichtigung der Forderungen, die von 
Seiten der Volkswirtschaft zu stellen sind, erschöpft sich dann, solange 
man die Volkswirtschaft als die Zusammenfassung aller Sonderwirt- 
schaften begreift, zum großen Teil in Betrachtungen über die Wir- 
kungen der Steuern auf die Einzelwirtschaften und über die Grenzen, 
die von dieser Seite aus der Besteuerung gezogen werden müssen. 
Auf der anderen Seite kommt aber Schäffle, wie es angesichts 
seiner allgemeinen ökonomischen Anschauungen natürlich ist, der 
Wagner 'sehen Betrachtungsweise nicht nur nahe, sondern geht in 
manchen Punkten noch über sie hinaus^). 

Im engen Zusammenhang mit diesen „volkswirtschaftlichen 
Grundsätzen" steht die Ueberwälzungsfrage, die seit langer Zeit die 
wissenschaftliche Betrachtung beschäftigt. Schon vor den Physio- 
kraten, die bekanntlich, im Einklang mit ihren sonstigen Lehren, 
annahmen, daß jede Steuer letzten Endes vom Landbau getragen 
werden müsse, und die daher die Grundsteuer als „impot unique" 
verlangten, wurde der Ueberwälzungsfrage Beachtung geschenkt. 
Seit Adam Smith hat jedoch auch dieses Problem eine ganz be- 
sondere Richtung genommen: der individualistischen Wirtschafts- 
organisation der freien Konkurrenz und des laissez faire angepaßt, 
dem Grundsatz folgend, so wenig wie möglich in den Wirkensbereich 
der Steuerpflichtigen einzugreifen, so wenig wie möglich seine ge- 
schäftlichen Unternehmungen zu stören, wird jede Steuer in ihren 
Wirkungen auf den Einzelnen untersucht. Eingehend wird geprüft, 



1) a. a. 0., S. 165—266. 

2) Vgl. Finanzwiasenschaft, S. 179 ff. und Artikel „Steuer", Handwörterbuch der 
Staatswissenschaften, 3. Aufl. (1911), VIT, S. 976 ff. 

3) Finanzwissenschaft, I, S. 148—149, 154 ff. und Artikel „Steuer", Wörterbuch 
der Volkswirtschaft, 3. Aufl. (1911), II, S. 996. 

4) Art. „Steuer", a. a. 0., S. 976. 

5) Vgl. „Die Steuern", I u. II, passim, besonders I, S. 42 ff. 



122 Otto Nathan, 

wer unter den Sonderwirtschaftenden als Steuerträger und wer als 
Steuerquelle zu gelten habe, und welche ökonomischen Folgen daher 
bei den Einzelwirtschaften durch die Steuerüberwälzungen ein- 
treten. Während genaue Untersuchungen über die wirklichen Ueber- 
wälzungsvorgänge — von wenigen Ausnahmen abgesehen ^j — bis 
heute noch fehlen, kehren in den Begründungen zu Steuerreformen, 
in Parlamenten und in den Erörterungen der Praxis immer von 
neuem Betrachtungen wieder, die die Gefahren der Besteuerung für 
die einzelnen Betriebe oder die von der Steuer betroffenen Gewerbe 
mit außerordentlichem Nachdruck betonen. Häufig wird dabei, ohne 
Berücksichtigung der wirklichen volkswirtschaftlichen Erfordernisse 
und ohne die betr. Maßnahme am Maßstab allgemein volkswirt- 
schaftlicher Erwägungen — und nicht an dem von Sonderinter- 
essen — zu messen, die in Frage stehende steuerliche Einrichtung 
abgelehnt, um die Sonderbetriebe nicht zu gefährden oder zu beein- 
trächtigen oder um das Gewerbe zu erhalten. Dabei bleibt die 
Frage leider nur allzu oft unberücksichtigt, ob sich eine der- 
artige Politik vom Standpunkt a 1 1 g e m e i n - volkswirtschaftlicher 
Interessen überhaupt empfiehlt. In theoretischen Betrachtungen 
allerdings ist die Bedeutung der üeberwälzungsfrage scharf zurück- 
gegangen. Seitdem Schanz an einem konkreten Beispiel nach- 
gewiesen hat, daß bei den Steuerüberwälzungs Vorgängen „von einem 
glatten, einfachen Prozesse absolut keine Rede sein könne", daß 
verschiedene Möglichkeiten der Ueberwälzung vorkommen und mög- 
licherweise gleichzeitig im einzelnen Falle zusammenwirken^), seit- 
dem man durch Beobachtungen erkannt hat, daß die wirklichen Er- 
scheinungen bei der Ueberwälzung ganz andere sind, als man sie 
nach den Lehren der älteren Schule vorausgesetzt hatte, hat sich 
die Theorie mehr und mehr von diesem Problem abgewandt und 
hat begonnen, sich mehr mit den Wirkungen der Steuern zu be- 
schäftigen. 

Es war nur folgerichtig von einer im wesentlichen auf der 
freien Konkurrenz und dem individuellen Ertragstreben aufgebauten 
Wirtschaftsorganisation, deren staatliche Wirtschaftspolitik, wie 
Philippovich es umschrieben hat^), nur die einzige Aufgabe 
hatte, die Hindernisse hinwegzuräumen, die der Geltendmachung 
der privaten Interessen, der Interessen der Individuen, im Wege 
stehen, auch in der Besteuerung die Allgemeinheit hinter der Einzel- 
persönlichkeit zurücktreten zu lassen und nur selten die Wirkungen 
der Steuer auf die Volkswirtschaft als Ganzes in Erwägung zu 
ziehen. Es war nur folgerichtig von einer Wirtschaftsordnung, die 



n 



1) Vgl. G. Schanz, Zur Frage der Ueberwälzung indirekter Verbrauchs- 
steuern, auf Grund des bayerischen Malzaufschlags. Jahrbuch für Gesetzgebung, 
Verwaltung und Volkswirtschaft, Bd. VI, 1882; E. Laspeyres, Statistische Unter- 
suchungen zur Frage der Steuerüberwälzung, geführt an der Hand der preußischen 
Mahl- und Schlachtsteuer, Finanzarchiv Bd. 18 (1901). 

2) Vgl. G. Schanz, Zur Frage der Ueberwälzung . . ., S. 602. 

3) Die Entwicklung der wirtschaftspolitischen Ideen . . ., S. 3. 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 123 

nach der Lehre von der natürlichen Harmonie der wirtschaftlichen 
Interessen der Individuen und der Gesamtheit durch das Wohlergehen 
der Einzelnen das Wohl der Gesamtheit anstrebte, alles zu ver- 
meiden, Avas diese Einzelnen in ihren ökonomischen Verhältnissen 
beeinträchtigen konnte, und auch in ihren steuerlichen Maßnahmen 
besonderes Gewicht darauf zu legen, die wirtschaftliche Wohlfahrt 
der Einzelpersönlichkeit nicht zu stören, einen gesunden Fortschritt 
und eine gedeihliche Weiterentwicklung der Volkswirtschaft als 
Ganzes aber kaum in Betracht zu ziehen. 

Alle steuerlichen Maßnahmen der letzten Jahrzehnte, auch 
noch diejenigen der letzten Jahre, sind mehr oder minder unter 
diesen Gesichtspunkten aufgestellt, besprochen, beraten und be- 
schlossen worden. Wie aber in unseren wirtschaftlichen Verhält- 
nissen sich seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts neue 
Kräfte herausgebildet haben, die in wachsendem Maße Einfluß und 
Stärke gewannen, wie dadurch — wie wir zeigen konnten — sich 
die innere Struktur unseres ökonomischen Lebens stark geändert 
hat, wie das Prinzip der freien Konkurrenz als regelnder Faktor 
der wirtschaftlichen Beziehungen in vielen, wenn auch bei weitem 
noch nicht den meisten Fällen weichen mußte und mehr und mehr 
die frühere Bedeutung verlor, die dem Gedanken an die Volks- 
wirtschaft als oberstem Prinzip unseres Wirtschaftslebens zuwuchs, 
so müssen sich auch im Steuerwesen neue Kräfte, neue Gedanken, 
neue Prinzipien durchringen, die durch diese wirtschaftlichen Ver- 
änderungen bedingt werden. Denn durch unsere Untersuchungen, 
durch die Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung des Steuer- 
wesens erhellte ja die Bedeutung, die jeweils die Eigenart und die 
besonderen Formen der ökonomischen Verhältnisse für die Gestaltung 
der Steuern gewinnen. Es kann nach den Erfahrungen der Ge- 
schichte, wie wir sie verfolgen konnten, für uns keinem Zweifel 
unterliegen, daß sich, früher oder später, jene neuen Kräfte, jene 
neuen Gesichtspunkte unseres wirtschaftlichen Lebens auch im 
Steuerwesen durchsetzen werden. Der Theorie erwächst aber, gerade 
durch die wissenschaftliche Betrachtung der großen geschichtlichen 
Zusammenhänge, die Pflicht — und hier zeigt sich der Wert jeder 
induktiven Einzeluntersuchung ebenso sehr, wie die Doppelaufgabe 
gerade der finanz wissenschaftlichen Forschung — , rechtzeitig und 
frühzeitig auf die Veränderungen und Umgestaltungen hinzuweisen, 
die sich, unter dem Drucke des wirtschaftlichen Entwicklungs- 
prozesses, anbahnen. Ihnen sind, soweit wie tunlich, die Wege zu 
ebnen, um Schwierigkeiten und Steuerkämpfe nach Möglichkeit zu 
vermeiden und im Interesse unserer gesamten Volkswirtschaft die 
Durchsetzung der an die neuen wirtschaftlichen Verhältnisse an- 
gepaßten Grundsätze zu fördern. 

Je mehr dieser Prozeß reifen, je stärker sich die Entwicklung 
so durchsetzen wird, daß die gebundene Wirtschaftsform mehr und 
mehr die dezentralistische Organisation überwiegt und die Kück- 
sicht auf das allgemeine Wohl Formen und Richtung des Tausch- 



124 Otto Nathan, 

Verkehrs bestimmt, desto klarer wird es sich zeigen müssen, daß 
jetzt nicht mehr die Beurteilung jeder Steuer fast ausschließlich 
nach ihren Wirkungen auf die Sonderunternehmungen angebracht 
sein kann, wie es beim umgekehrten Verhältnis jener beiden Wirt- 
schaftsformen und bei der vorherrschenden Bedeutung der freien 
Konkurrenz möglich und durch die Verhältnisse bedingt war. Viel- 
mehr wird auch im Steuerwesen die Rücksicht auf die Allgemein- 
wirtschaft des Volkes die Bedeutung erlangen müssen, die ihr bei 
der veränderten Struktur unseres ökonomischen Mechanismus zu- 
kommt und die sich um so stärker durchsetzen muß, je mehr diese 
wirtschaftliche Entwicklung fortschreitet. Die wichtigste Prüfung 
bei aller Besteuerung, das oberste Prinzip im ganzen Steuerwesen 
wird die Frage sein müssen : welches sind die Wirkungen der Steuer 
auf die Volkswirtschaft? Welches sind ihre wirtschaftlichen 
Folgen nicht für den Einzelnen, sondern für die Gesamtheit aller 
Atome, für die Gesamtwirtschaft? 

Aus dieser Fragestellung erhellt schon, wie sehr die Er- 
örterungen und Untersuchungen über Steuerfragen aus der mehr 
abstrakt-theoretischen Betrachtungsweise, die an den Prinzipien der 
Steuergerechtigkeit, Steuergleichheit, Steuerallgemeinheit usw. das 
Besteuerungswesen prüfte, in einen Problemkreis gerückt sind, der 
die wichtigsten und grundlegendsten Fragen unserer Wirtschafts- 
politik umfängt. Die Untersuchungen der Wirkungen einer Steuer 
auf die Volkswirtschaft als ein Ganzes werden immer davon aus- 
zugehen haben, welche Ziele dieser Volkswirtschaft gesteckt sind, 
welche Tendenzen sie verfolgen muß, welche Notwendigkeiten ihr 
vorschweben müssen. Eine so gerichtete Steuerpolitik wird sich 
der Wirtschaftspolitik ein- und unterordnen, wird sie, soweit irgend 
möglich, fördern müssen. 

Wir haben oben ^) bereits darauf hingewiesen, daß auch früher 
schon in der Literatur — allerdings nur selten — eine stärkere 
Durchdringung der Steuerpolitik mit den Aufgaben der Wirtschafts- 
politik von einzelnen Schriftstellern gefordert wurde. Am weitesten 
ging hierbei Schaf fle, der bei der Aufstellung „volkswirtschaft- 
licher Prinzipien der Besteuerung" die tunlichste Schonung der 
Produktivität der Nationalarbeit, die möglichste Reproduktivität 
des Steueraufwandes, die mindeste Störung der gegebenen volks- 
wirtschaftlichen Interessen und die wirtschaftlichste Steuereinhebung 
verlangt^). Weiterhin ist in Kreisen, die einer individualistisch 
geleiteten Wirtschaftspolitik ferne standen und eine zentralistisch 
geführte ökonomische Ordnung anstrebten, die Forderung der Wirt- 
schaftlichkeit der Steuer in den Vordergrund gerückt worden, — 
alle Steuern wurden als unwirtschaftlich verworfen, die die Kosten 
der Völkswirtschaft erhöhen^). Unter dem Einfluß der kriegs- 

1) Vgl. S. 120 f. 

2) Vgl. Schaf fle, Steuern I, S. 43. 

3) Vgl. Ed. Bernstein, Die Steuerpolitik der Sozialdemokratie, Berlin 
1914, S. 21. 



^ 



Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 125 

finanziellen Ereignisse sind dann in den letzten Jahren verschiedene 
Schriftsteller, wie z. B. Jaffe^), Jastrow^), v. Zedlitz^j, 
Schwarz*), Eulenburg^) und Mombert^), für eine stärkere 
Ausrichtung unserer Steuerpolitik nach gesunden wirtschafts- 
politischen Rücksichten eingetreten. Besonders Eulenburg und 
Mombert haben, von anderen Voraussetzungen als den in unseren 
Untersuchungen entwickelten Gedanken ausgehend und unter anderen 
Gesichtspunkten, häufig und energisch auf die zwingende Notwendig- 
keit hingewiesen, die Steuerpolitik wirtschaftlich zu durchdringen, 
die Maßnahmen, die sie verlangt, mit den drängenden Beorderungen 
unserer Wirtschaftspolitik in Einklang zu bringen. Mit besonderem 
Nachdruck wurden von dieser Seite die starken Einflüsse betont, 
die die Besteuerung — vornehmlich bei den so ungeheueren Be- 
trägen, die jetzt durch sie aufgebracht werden müssen, — auf das 
ganze wirtschaftliche Leben üben muß, auf die Bedeutung, die sie 
daher auch für die so wichtigen Fragen der Produktionssteigerung, 
der Kapitalneubildung, der Bevölkerungspolitik usw. gewinnt. 

Lange Zeit hindurch wurde, hauptsächlich in der Praxis, die 
allgemein wirtschaftliche Seite der Besteuerung vollkommen über- 
sehen, das Hauptaugenmerk wurde auf die Ergiebigkeit der Steuer 
gelenkt. Dabei wurde nicht untersucht — was jetzt ganz be- 
sondere Beachtung verdient — , ob mit der betreffenden Steuer 
ein vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus bedeutungsvoller und 
wichtiger Wirtschaftszweig nicht erdrosselt, ob die allgemeinen 



1) Vgl. Edgar Jaffe, Grundsätzliches zur Frage : Kriegskostendeckung und 
Steuerreform (in : Neuordnung der deutschen Finanzwirtschaft, Bd. 156 der Schriften 
des Vereins für Sozialpolitik, herausgegeben von H. Herkner), Leipzig 1918 und 
Edgar Jaffe, Die kommende ßeichsfinanzreform, Earop. Staats- und Wirtschafts- 
zeitung 1917, besonders S. 1147. 

2) Vgl. J. Jastrow, Gut und Blut fürs Vaterland, Vermögensopfer — Steuer- 
fragen — Erhöhung der Volkswirtschaft, Berlin 1917, S. 123. Damit steht aller- 
dings in einem gewissen Widerspruch: J. Jastrow, Wirtschaft und Verwaltung 
nach dem Kriege, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 43, S. 405 ff. 

3) Vgl. V. Zedlitz-Neukirch, Neuaufbau der Finanzen nach Friedens- 
schluß und qualitative Sparsamkeit (Heft 41 der Finanz- und volkswirtschaftlichen 
Zeitfragen, herausgegeben von Schanz und Wolf), Stuttgart 1917, S. 6. 

4) Vgl. Otto Schwarz, Finanzpolitik in Reich, Staat und Gemeinde (Heft 58 
der Finanz- und volkswirtschaftlichen Zeitfragen, herausgegeben von Schanz und 
Wolf), Stuttgart 1919, S. 79. 

5) Vgl. Franz Eulenburg, Vorfragen zur künftigen Finanzwirtschaft (in: 
Neuordnung der deutschen Finanzwirtschaft, Bd. 156 der Schriften des Vereins für 
Sozialpolitik, herausgegeben von H. Herkner), Leipzig 1918, besonders S. 14 ff.; 
Franz Eulenburg, Unsere Finanzwirtschaft nach dem Kriege, Deutsche Steuer- 
zeitung, 6. Jahrgang, S. 198 ff. 

6) Vgl. Paul Mombert, Der Finanzbedarf des Reiches und seine Deckung 
nach dem Kriege, Karlsruhe i. B., 1916; Paul Mombert, Eine Verbrauchs- 
einkommensteuer für das Reich, Tübingen 1916; Paul Mombert, Zementmonopol 
oder Monopolsteuer, Europ. Staats- und Wirtschaftszeitung, Jahrgang 1916, S. 1229; 
Paul Mombert, Gedanken über die Deckung und Aufbringung der Kriegskosten, 
Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 43, besonders S. 752ff. ; Paul 
Mombert, Betrachtungen zur kommenden Reichsfinanzreform, Deutsche Wirtschafts- 
zeitung, 15. Jahrgang (1919), S. 121 ff. 



126 



Otto Nathan, 



Produktionskosten der Volkswirtschaft nicht stark erhöht und die 
Wirtschaft dadurch erschwert, oder aber ob auf der anderen Seite 
ein volkswirtschaftlich durchaus entbehrliches oder gar schädliches 
Gewerbe nur mit Rücksicht auf die in ihm verkörperten Sonder- 
interessen und aus Sorge um seine Erhaltung über Gebühr mit 
Steuern verschont wurde. Derartige Erwägungen müssen jetzt, da 
unsere Betrachtungen — dem Charakter unserer Volkswirtschaft 
entsprechend, in der jetzt die gebundene Form die freie Organisation 
überwiegt — , vielmehr von volks-, als von privatwirtschaftlichen 
Gesichtspunkten geleitet werden müssen, ganz besondere Bedeutung 
gewinnen, sie müssen für die Steuerpolitik ausschlaggebend werden. 
Noch vor ganz wenigen Jahren — während des Krieges — 
meinte Elster, als er seinen Vorschlag einer ßeichsaufwandsteuer 
begründete, daß eine Steuer weder den Zweck habe, erzieherisch zu 
wirken, noch die Produktion anzuregen oder zu fördern. Ihr Daseins- 
zweck sei : Erträge zu bringen ^). Und vor wenigen Monaten wurde 
in der Begründung zum Entwurf eines Gesetzes zum ßeichsnotopfer 
ausgeführt, daß „keine der möglichen Quellen, aus denen dem Reiche 
Mittel zufließen können", in unserer schweren Lage unerschöpft 
bleiben darf^). Mit diesen Anschauungen muß gebrochen werden, 
das Dogma, das in früheren finanz wissenschaftlichen Erörterungen 
immer wiederkehrt, daß man die Henne nicht töten dürfe, die die 
goldenen Eier lege, muß in seiner volkswirtschaftlichen Gefährlich- 
keit erkannt werden. Gewissenhafteste Prüfung, nur von Rück- 
sichten auf die Erhaltung und Stärkung unserer Wirtschaft ge- 
leitet, muß darüber Klarheit bringen, ob es sich wirklich mit den 
allgemein-wirtschaftlichen, mit den volkswirtschaftlichen Interessen 
verträgt, diese Henne nur am Leben zu erhalten, weil sie dem 
Staate — häufig recht bescheidene — Erträge liefert, oder ob nicht 
in einer Einschränkung und Verkleinerung des betreffenden Wirt- 
schaftszweiges ein viel größerer volkswirtschaftlicher Gewinn 
läge, als in den Steuerbeträgen, die durch ihn gewonnen werden. 
Im Zusammenhang mit den so außerordentlich zahlreichen und 
wichtigen Fragen unserer Wirtschaftspolitik müssen die steuer- 
politischen Fragen erörtert und durchberaten werden. Nur eine 
starke lebenskräftige Wirtschaft, der eine großzügige, weitblickende 
Wirtschaftspolitik dienen muß, wird auf die Dauer die außerordent- 
lichen Erträge liefern können, deren der Staatsschatz bedarf. Es 
wird sich also in erster Linie bei den Steuerfragen um die jetzt 
im Vordergrund des volkswirtschaftlichen Interesses stehenden 
Probleme der Wirtschaftspolitik handeln müssen — um die Steigerung 
der Produktivkraft unserer Wirtschaft, um die Niederhaltung der 
Produktionskosten zur Wiederanbahnung eines kräftigen Außen- 
handels und um die zahlreichen anderen drängenden Materien — , 

1) Vgl. Karl Elster, Nochmals die Keichsaufwandssteuer, diese „Jahrbücher" 
Bd. 107 (1916), S. 817. 

2) Vgl. Drucksachen der Deutschen Nationalversammlung (Anlagen zu den 
stenographischen Berichten), Nr. 677, S. 461. 




Grundsätzliches über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft u. Steuern. 127 

natürlich ohne daß dabei die anderen bekannten Steuerprinzipien 
vernachlässigt werden dürften. 

Es war ein schwerer Nachteil für die Entwicklung unseres 
Steuerwesens in den letzten Jahrzehnten, daß ihm jeder einheitliche 
große Gedanke fehlte, daß jede neue Gestaltung die Frucht zahl- 
loser Kämpfe und vieler Kompromisse war, daß sie nur von dem 
Gedanken beherrscht war, auf irgendeine Weise dem Reiche Geld- 
quellen zu erschließen, wobei die Interessen der jeweils Stärksten 
geschont, der Entwicklung unserer Volkswirtschaft als solcher aber 
kaum die genügende Beachtung geschenkt wurde. 

Nicht nur durch die infolge der Kriegsereignisse so überaus 
ernst gewordenen Verhältnisse auf allen Gebieten unseres öko- 
nomischen Lebens ist es bedingt — wie es jene Schriftsteller, und 
besonders Eulenburg und Mombert, immer wieder betonen — , 
sondern es liegt auch, wie wir gezeigt zu haben glauben, tief be- 
gründet in dem Gang der wirtschaftlichen Entwicklung, die Steuer- 
politik nach großen wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten aus- 
zurichten. Nachdem auch die schweren Kämpfe um „direkte" 
oder „indirekte" Steuern zurückgetreten sind und an Schärfe ver- 
loren haben, nachdem selbst von den hartnäckigsten Streitern in 
dieser Beziehung nicht mehr an einem dogmatisch-starren Stand- 
punkt festgehalten wird ^), ist der Weg — auch in dieser Hinsicht 
— frei, die Steuerpolitik von einer großen Idee, von der Idee einer 
der Volksgesamtheit dienenden Volkswirtschaft beherrscht sein zu 
lassen: mehr denn je ist Steuerpolitik Wirtschaftspolitik geworden; 
die Ausgestaltung des Steuersystems muß bewußt von dem Gedanken 
getragen sein, an der Wiederaufrichtung des so sehr geschwächten 
und zerrütteten Wirtschaftslebens mitzuwirken, die Produktivkräfte 
des Landes und Volkes zu heben, die Bestrebungen, die auf Arbeits- 
und Menschenökonomie, auf „eine Oekonomisierung der ganzen Volks- 
wirtschaft" ^) gerichtet sind, nicht zu hemmen, sondern wirksamst 
zu unterstützen. 



1) Vgl. z. B. Eduard Bernstein, Die Sorge für die Kapitalanhäufung, 
Neue Zeit, Bd. 34. I, S. 752 und Karl Kautsky, Sozialdemokratische Steuer- 
poütik, Neue Zeit, Bd. 34, I, S. 739. 

2) Vgl. Lief mann, Die Kartelle in und nach dem Kriege, a. a. 0., S. 116. 



128 P- Weigel, 




III. 

Indexziffern. 

Von 
Dir. P. Weigel, Leipzig. 



Indexziffern sind in der Statistik so lange bekannt und sie' 
treten namentlich in der jüngsten Zeit in solchem Umfange auf, daß 
man annehmen sollte, es müsse über die Bedeutung des Begriffes 
völlige Klarheit herrschen. Das ist aber durchaus nicht der Fall. 
Vielmehr besteht weder in der Praxis noch in der Theorie Einig- 
keit darüber, was eigentlich unter Indexziffern zu verstehen ist, und 
der Name wird tatsächlich für ganz verschiedene Arten von Zahlen 
verwendet. Dabei besteht — das macht die Zersplitterung im 
Sprachgebrauch besonders auffällig — kaum eine ins Gewicht 
fallende Meinungsverschiedenheit über die Gründe, die die Berech- 
nung besonderer, eben als Indexziffern zu bezeichnender Zahlen in 
der Statistik notwendig machen, und über den Zweck, den die 
Zahlen zu erfüllen haben, wenn sie als Indexziffern angesprochen 
werden wollen. Es ist auch, wenn man der Frage einmal ernstlich 
näher tritt, durchaus nicht etwa schwierig zu erkennen, daß es tat- 
sächlich nur eine einzige Art von Zahlen gibt, denen danach der 
Name Indexziffern ohne jede Einschränkung zukommt, und daß alle 
die anderen Zahlen, die sonst noch so bezeichnet werden, den Namen 
nicht mit Recht tragen. Ferner haben, wie ich wenigstens an- 
nehmen möchte, Theorie und Praxis ein gleich starkes Interesse 
daran, hier Wandel zu schaffen. Denn selbstverständlich führen die 
Unklarheiten zu allerhand Schwierigkeiten bei der Verwendung der 
Zahlen, Schwierigkeiten, für die man letzten Endes — hier sicher 
nicht ohne jede Berechtigung — die Statistik überhaupt verantwort- 
lich macht. Trotz alledem ist bisher noch nicht einmal der Versuch 
gemacht worden, den Begriff der Indexziffern eindeutig festzulegen, 
obwohl an theoretischen Untersuchungen über die Indexziffern, auch 
an sehr eingehenden, durchaus kein Mangel ist. Wenigstens hat 
bisher, soweit ich sehe, keine dieser Untersuchungen, wenn dabei 
die Frage, um die es sich hier handelt, überhaupt aufgetaucht ist, 
eine wirklich befriedigende Antwort gegeben. Meist allerdings 
bildet diese Frage überhaupt nicht den Gegenstand der Erörterungen, 
sondern andere Probleme, die die Indexziffern stellen, wenn auch 
mitunter ein gewisser Zusammenhang zwischen diesen Problemen 
und jener Frage besteht. So widmet, um nur die bedeutendste der 



I 



Indexziffern. 129 

neueren Sonderuntersuchungen auf diesem Gebiete hier zu erwähnen, 
Irving Fisher in seinem bekannten Werke über die Kaufkraft des 
Geldes (Berlin 1916) den Indexziffern zwei besondere Kapitel (IX u. X) 
und außerdem einen sehr umfangreichen Anhang dazu (SS. 316 — 357), 
in dem er 44 verschiedene Arten solcher Zahlen theoretisch und 
zwar vorwiegend mathematisch beleuchtet. Allein auch seine überaus 
tiefgründigen Darlegungen gehen auf die Frage, ob die verschiedenen 
Ziffern überhaupt Indexziffern sind oder nicht — worauf es nach 
dem Vorstehenden zunächst einmal ankommt — , nicht, wenigstens 
nicht direkt, ein, sondern er untersucht lediglich, welche der Ziffern, 
deren Charakter als Indexziffern er also wohl als gegeben annimmt, 
der besonderen Art ihrer Berechnung nach als die für seine Zwecke 
und vielleicht auch allgemein als die brauchbarste anzusehen ist. 

Hiermit werden Gegenstand und Ziel der folgenden Auseinander- 
setzungen und ebenso auch die Gründe, die den Anlaß dazu gegeben 
haben, genügend klar bezeichnet sein. 

Für vier verschiedene Arten von Zahlen wird gegenwärtig, so- 
weit ich sehe, die Bezeichnung Indexziffern verwendet, nämlich: 

1. Sehr häufig in der Praxis, nicht selten aber auch in der 
Theorie bezeichnet man mit diesem Namen die Verhältniszahlen, 
die gewonnen werden, wenn man eine Zahl einer zeitlichen Ent- 
wicklungsreihe oder auch den Durchschnitt aus mehreren Zahlen 
der Reihe gleich 100 setzt und dann die übrigen Zahlen entsprechend 
umrechnet. Es handelt sich dabei hier zunächst nur um einfache 
Zahlenreihen, wie etwa die der Preise einzelner Lebensmittel oder 
sonstiger Waren; von den Reihen, die etwa durch Addition der 
Preise mehrerer Waren entstanden sind, wird später die Rede sein. 
Mit anderen Worten: Man versteht in diesen Fällen unter Index- 
ziffern dasselbe, was sonst die Theorie als Koordinationszahlen zu 
bezeichnen pflegt. Beispiele aus der Praxis anzuführen, kann ich mir 
ersparen. Soweit die Theorie in Frage kommt, sei in erster Linie 
auf V. Mayr, Statistik und Gesellschaftslehre, 2. Aufl., Bd. 1, S. 161, 
verwiesen, wo gesagt ist, daß solche einfache Koordinationszahlen 
nach englischem Muster gewöhnlich als Indexziffern — index- 
numbers — bezeichnet werden. Daß v..Mayr tatsächlich nur die 
einfachen Koordinationszahlen im Auge hat, geht außerdem klar 
daraus hervor, daß er fortfährt: „Die einzelnen Indexzahlen ver- 
schiedener Reihen können für die Zwecke wissenschaftlicher Forschung 
— insbesondere auf dem Gebiete der Preisgestaltung — miteinander 
in Verbindung gebracht und zu sog. Generalindexzahlen ausgestaltet 
werden. Sie stellen eine Kombination von Verhältniszahlen dar." 
Näheres über die Art, wie die Verbindung zustande kommt, wird 
leider nicht gesagt. 

Ebenso wie v. Mayr bezeichnet Zizek (Mittelwerte, 1908, S. 123) 
einfache Koordinationszahlen als Indexzahlen, wie es scheint aller- 
dings nur solche, die berechnet werden, um daraus sog. Hauptindex- 
zahlen zu gewinnen. Auch er stützt sich dabei auf die englische 
Theorie und Praxis. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 9 



130 P- Weigel, 

Allein allgemein wird der Name Indexziffern in England sicher 
nicht in diesem Sinne verwendet. Bowley wenigstens (Elements of 
Statistics, 3. Aufl., London 1907), der von den Indexziffern einmal 
im Abschnitt über die gewogenen Mittel (S. 111) und dann außer- 
dem noch in einem besonderen Kapitel (IX, S. 217 ff.) spricht, nennt 
die einfachen Koordinationszahlen nirgends index-numbers, sondern 
immer nur ratios, also einfache Verhältniszahlen. Unter Index- 
ziffern versteht er andere Zahlen — s. darüber unter Nr. 3 — , und die 
Bezeichnung „total index-numbers" kommt bei ihm überhaupt nicht 
vor. Und Jrving Fisher, der, wie schon erwähnt, 44 verschiedene 
Arten von Indexziffern aufzählt und das offenbar auf Grund auch 
der englischen Literatur tut, spricht trotzdem von dieser Art der 
Indexziffern überhaupt nicht, wie sich aus der Tafel zu S. 346 mit 
einem Blick ersehen läßt. 

Dagegen definiert, um auch einen Italiener zu erwähnen, Virgilii 
(Statistica, 5. Aufl., S. 123) den Begriff Indexzahlen in derselben 
Weise wie v. Mayr und Zizek, wenn auch freilich nicht ganz ein- 
deutig. Aus den Beispielen, die er gibt, läßt sich nämlich ent- 
nehmen, daß er in Wirklichkeit unter Indexziffern etwas anderes 
versteht als einfache Koordinationszahlen. Sicher ist ferner, daß 
jedenfalls in der italienischen Praxis der Name Indexziffern auch in 
anderem Sinne verwendet wird, wie später noch gezeigt werden solL 

2. Allgemein bekannt sind die Indexziffern von Richard Calwer. 
Er berechnete auf Grund der Ration, die früher ein Marinesoldat nach 
den Verpflegungsvorschriften erhielt, für eine vierköpfige Familie 
die Lebenshaltungskosten nach den Preisen, die in den einzelnen 
Orten für die in Frage kommenden Lebensmittel festgestellt werden. 
Diese Berechnungen wiederholte er von Monat zu Monat und erhielt 
so für jeden Ort eine zusammenhängende Zahlenreihe, aus der die 
Veränderungen in den Lebenshaltungskosten ersehen werden können. 
Diese Zahlen nennt er Indexziffern, also, was das hier Wesentliche 
ist, die Grundzahlen selbst. Verhältniszahlen berechnet er nicht. 

Die Teuerungszahlen, die das Reich seit längerer Zeit be- 
rechnen läßt — die Grundzahlen, nicht die Verhältniszahlen, die 
auch mit veröffentlicht werden — , wären demnach als Indexziffern 
anzusprechen, und in Italien, wo diese Zahlen seit dem Kriegsende 
eine nicht minder große Rolle spielen als bei uns, werden sie auch 
tatsächlich so genannt. Vgl. dazu die Monatsberichte des römischen 
Arbeitsamtes, insbesondere Nr. VII, IIL Jahrg., Juli 1920,. S. 217 ff. 
und die folgenden, wo sehr ausführlich über diese Indexzahlen und 
ihre Berechnung geschrieben ist. 

3. In England selbst, wo bekanntlich die Indexziffern am längsten 
im Gebrauch sind, geschieht nach Kaufmann (Theorie und Methoden 
der Statistik, 1913, S. 473) die Berechnung so, daß, um z. B. den 
Preisindex zu gewinnen, die Preise der einzelnen Waren für eine 
Reihe von Jahren in Koordinationszahlen umgerechnet und dann 
aus den Verhältniszahlen, die sich für jedes Jahr ergeben haben, 
die Durchschnitte — eben die Indexziffern — gezogen werden.^ 



1 



i 



Indexziffern. 131 

Kaufmann stützt sich dabei vor allem auf Bowley und ohne Frage 
mit Recht, wie sich aus dessen Darlegungen über die Berechnungs- 
methode (S. 218 a. a. 0.) und aus dem Beispiel, das S. 112 mitge- 
teilt ist, klar ergibt. Wenn Zizek (a. a. 0.) annimmt, daß diese 
Durchschnitte aus mehreren Koordinationszahlen in England als 
total index-nurabers bezeichnet würden, so trifft das für Bowley 
jedenfalls nicht zu. Ob die Bowleysche Definition sonst in England 
die allgemein übliche ist, wie man nach Kaufmann annehmen muß, 
vermag ich nicht zu sagen. Sicher ist jedenfalls, daß es in England 
als Indexziffern bezeichnete Zahlen.. gibt, die der Definition nicht 
entsprechen. Die bereits erwähnte Übersicht bei Irving Fisher be- 
weist das. Vor allem aber beweist es Bowley selbst, denn er be- 
zeichnet als Indexziffern auch Zahlen, auf die seine Begriffsbestim- 
mung nicht zutrifft. Darauf wird unter Nr. 4 zurückzukommen sein. 

Außer bei Kaufmann habe ich Bowleys Auffassung über die 
Indexziffern in der Literatur nicht vertreten gefunden. Aber die 
Indexziffern, die u. a. Virgilii a, a. 0. als Beispiele anführt, sind 
zweifellos solche, die nach der Bowleyschen Methode zustande ge- 
kommen sind. Daß im übrigen die Praxis solche Zahlen wohl kennt, 
zeigt wiederum I. Fisher. 

4. Schott (Statistik, 1. Aufl., 1913, S. 100) stimmt mit Calwer 
und mit Bowley insofern überein, als er unter Indexzifiern stets nur 
Zahlen versteht, die durch Zusammenfassung verschiedener Einzel- 
reihen zu einer einzigen Reihe entstanden sind. Er spricht durchaus 
glücklich von Reihenverschmelzung, und daß er damit dieses in der 
Tat wesentliche Merkmal der Indexziffern, soweit ich sehe als erster, 
ausdrücklich betont hat, ist sein unstreitiges Verdienst. Im übrigen 
aber weicht Schott von Calwer insofern ab, als er stets nur Ver- 
hältniszahlen, nämlich Koordinationszahlen, als Indexziffern anspricht, 
nicht also wie Calwer die Grundzahlen selbst. Und anders als 
Bowley koordiniert er nicht die Einzelreihen und berechnet dann 
Durchschnitte, vielmehr koordiniert er die durch Verschmelzung ge- 
wonnene neue Reihe der Grundzahlen. Die Indexziffern der Lebens- 
haltungskosten z. B. kommen also nach Schott so zustande, daß zu- 
nächst die Kostensummen für die einzelnen Zeitabschnitte genau 
wie bei Calwer berechnet, dann aber diese Summen auch noch 
koordiniert werden. Dabei ist Schott offenbar der Auffassung, daß 
auch in England unter Indexziffern lediglich das verstanden werde, 
was er mit diesem Namen bezeichnet. Wenigstens muß man das nach 
seinen Darlegungen annehmen. Allerdings die Sauerbeckschen Index- 
ziffern, die er als Beispiel anführt, bilden dafür kaum einen Beleg. 
Denn sie sind schwerlich anders zustande gekommen, als nach der 
unter Nr. 3 behandelten Bowleyschen Methode. Das ergibt sich, wie 
mir scheint, aus der ohne weiteres erkennbaren Tatsache, daß die 
Generalindexziffern, die Schott neben die Gruppenindexziffern der 
Nahrungsmittel und Rohstoffe gestellt hat, nichts als Durchschnitte 
aus diesen Gruppenindexzahlen darstellen. Sicher hätten sich andere 
Zahlen ergeben, wenn die Geueralindexziffern nach der von ihm an- 

9* 



132 



P. Weigel, 



gegebenen Methode berechnet worden wären, wie später noch näher 
zu zeigen sein wird. Aus Irving Fisher (Tafel zu S. 346, Sp. 3) 
geht denn auch hervor, daß tatsächlich Sauerbeck seine Indexziffern 
nach der von Bowley geschilderten Methode berechnet, nicht aber 
so, wie Schott das annimmt. Dasselbe gilt für die Indexziffern des 
Economist, die Schott ebenfalls anführt. Sauerbeck kennt freilich, 
wie es scheint, auch Indexzahlen im Sinne Schotts. Wenigstens 
deutet darauf Sp. 11/12 der Fisherschen Tafel hin. 

Dagegen hätte sich Schott für seine Auffassung mit vollem 
Recht auf Bowley beziehen können. Denn, wie schon angedeutet 
worden ist, hat Bowley zwar vollkommen eindeutig die Methode 
gekennzeichnet, nach der die Indexziffern einzig und allein berechnet 
werden können, aber seine weiteren Darlegungen decken sich damit 
nicht. Da schildert er Berechnungen und gibt Beispiele von Index- 
ziffern — auffälligerweise übrigens, ohne sie als von seiner Methode 
abweichend zu kennzeichnen — , die durchaus der Schottschen Auf- 
fassung entsprechen. Auf die mathematischen Formeln S. 220 unter 
Systems of weights sei zum Beweis nur verwiesen, dagegen mag 
das Beispiel S. 226, das ganz unmißverständlich ist, etwas ausführ- 
licher mitgeteilt sein. Bowley nimmt da an, es seien für zwei ver- 
schiedene Jahre die folgenden Ausgaben für Lebensmittel festgestellt 
worden : 

Für das erste Jahr: 



1 



6 Vierpfundbrote zu 6 d 
4 Pfd. Fleisch zu 7 d 
Va Pfd. Tee zu 3 sh 



zusammen 6 s lo d 



für das zweite Jahr; 



7 Vierpfundbrote zu 5 d 
5 Pfd. Fleisch zu 8 d 
IVt Pfd. Tee zu 1 s 4 d 



zusammen 



2 S II d 

3 n 4 „ 

^ n n 

8 s 3 d 



Auf Grund dieser Unterlagen berechnet er dann Indexziffern 
wie folgt: 

a. Das Budget des zweiten Jahres würde nach den Preisen des 
ersten Jahres kosten 10 s 11 d. Das gibt, wenn das erste Jahr = 100 
gesetzt wird, die Indexziffer 

100.8s 3d 



10 s 11 d 



= 75,6. 



b. Das Budget des ersten Jahres würde zu den Preisen des 
zweiten Jahres 5 s 10 d kosten ; die Indexziffer ebenso berechnet, 
wie vorher, ergäbe 

100-5 s 10d _Q^^ 
öslOd -«^'^- 

c. Das Mittel aus den in beiden Jahren verbrauchten Lebens- 
mittelmengen, nämlich 



Indexziffern. 133 

6V2 Vierpfundbrote, 

4^2 Pfd. Fleisch und 

1 „ Tee 
würde im ersten Jahre 8 s IOV2 d, im zweiten 7 s V2 d gekostet 
haben. Aus diesen beiden Summen ergibt sich die Indexziffer 79,3. 

d. Sieht man von den verbrauchten Mengen ab und koordiniert 
einfach die Preise der einzelnen Lebensmittel und zwar für je 
1 Pfund, so ergibt sich als Durchschnitt aus den Koordinationszahlen 
des zweiten Jahres die Indexziffer 80,8. 

e. Verteilt man die Summe des zweiten Jahres auf die einzelnen 
Lebensmittel nach demselben Verhältnis, wie sich die Summe des 
ersten Jahres verteilt, und berechnet man dann, wieviel die Waren- 
mengen im zweiten Jahre nach den dafür geltenden Preisen gekostet 
hätten, so erhält man 10 s 10 V2 d. Das gibt die Indexziffer 

100.6 s"lOd_„„ 
-löTTo'd''-^'^'^- 

Ohne weiteres ist hieraus zu ersehen, daß nur eine dieser Index- 
zahlen, nämlich die unter d, nach der Methode berechnet ist, die 
Bowley ohne jede Einschränkung als die hierfür gegebene bezeichnet 
hat. Alle übrigen sind Koordinationszahlen der Summen, also Index- 
ziffern im Schottschen Sinne, wenn auch Bowley selbst, wie ange- 
nommen werden muß, der methodische Unterschied nicht zum Be- 
wußtsein gekommen ist. Denn wie bereits erwähnt wurde, sagt er 
selbst darüber nichts, daß die Berechnungen a, b, c und e methodisch 
etwas anderes sind als d, er macht auch nicht den naheliegenden 
Versuch zu ermitteln, wie sich etwa die Indexziffer des Beispiels a 
gestaltet hätte, wenn er sie ebenso berechnet hätte wie die unter d. 

Soweit ich sehe, ist im übrigen die Methode der Berechnung 
von Indexziffern, die hier als die Schottsche bezeichnet worden ist, 
sonst in der Theorie nicht bekannt, zum mindesten kommt das 
nirgends ganz klar zum Ausdruck. In der Praxis fehlt es dagegen 
nicht an Indexziffern im Schottschen Sinne. 

5. Der Name Generalindexziffer — Hauptindexziffer, total index- 
number — bezeichnet, um darüber noch ein Wort zu sagen, keine 
Art von Indexziffern, die nicht im vorstehenden schon mit erwähnt 
wäre. Gewöhnlich wird er gebraucht, um zum Ausdruck zu bringen, 
daß es sich nicht um Einzelindexzahlen, also um eine einfache Ko- 
ordinationsreibe handelt, sondern um eine der von v. Mayr so ge- 
nannten Kombinationen. Das ist insofern unlogisch, als die Ko- 
ordinationszahlen einer Einzelreihe unter allen Umständen methodisch 
etwas anderes darstellen, als etwa die oben unter Nr. 3 behandelten 
Indexziffern, während man natürlich aus dem gleichen Namen 
schließen mußte, daß es sich in beiden Fällen um dieselbe nur dem 
Maße nach verschiedene Sache handele. . Logisch richtig wird der 
Begriff nur dann angewendet, wenn, wie das bei Schott der Fall 
ist, Generalindexziffern und Gruppenindexziffern unterschieden werden, 
wenn also z. B. aus den Preisen etwa für die Lebensmittel und 



134 P. Weigel, 

Rohstoffe besondere Indexzahlen berechnet werden und außerdem 
noch solche, die alle Warenpreise zur Grundlage haben. Denn nur 
hier handelt es sich in beiden Fällen um methodisch gleichgeartete 
Zahlen, die sich lediglich so voneinander unterscheiden, wie es die 
Zusätze zu dem Worte Indexziffern zum Ausdruck bringen. Da, wie 
bereits erwähnt worden ist, Bowley jedenfalls von Generalindex- 
zahlen oder total index-numbers überhaupt nicht spricht, und da 
ferner nach Kaufmann S. 474 angenommen werden muß, daß auch 
in England die Bezeichnung Generalindexziffer nur im Schottschen 
Sinne verwendet wird, ist vielleicht der Gegensatz Einzelindex — 
Generalindex überhaupt nur auf irrtümliche Auffassung zurückzu- 
führen. 

Daß in der Tat über die Bedeutung des Wortes Indexziffern 
alles andere, nur keine Klarheit herrscht, wird nach diesen Dar- 
legungen niemand ernstlich bestreiten wollen, und es bleibt deshalb 
nur noch zu erörtern, wie etwa zu einem einheitlichen Sprach- 
gebrauch zu kommen wäre, und welcher Art er sein sollte. Wie 
schon angedeutet worden ist, ergibt sich die Antwort auf die Frage 
verhältnismäßig leicht aus dem Sinn und Zweck, den die Index- 
ziffern nach allgemein anerkannter Auffassung haben. Noch ein- 
facher sogar liegt, wie mir scheint, die Sache bei den oben unter 
Nr. 1 behandelten einfachen Koordinationszahlen, also den Verhältnis- 
zahlen, die entstehen, wenn etwa aus der zeitlichen Entwicklungs- 
reihe der Preise eines einzigen Lebensmittels die Zahl für einen 
bestimmten Zeitabschnitt oder auch der Durchschnitt aus verschie- 
denen solchen Zahlen gleich 100 gesetzt und danach die übrigen 
Zahlen umgerechnet werden. Denn bei diesen Zahlen bedarf es 
nicht einmal des näheren Eingehens auf das Wesen der Indexziffern, 
um zu erkennen, daß für sie der Name Indexziffern nicht am Platze 
ist. Daß sie in Theorie und Praxis noch immer so genannt werden 
— meist, wie oben erwähnt, mit dem sicher nur mit starker Ein- 
schränkung berechtigten Hinweis auf englische Uebung — , ist schwer- 
lich ein stichhaltiger Einwand hiergegen. Denn die Verhältnis- 
zahlen, die hier in Frage kommen, unterscheiden sich in keiner 
Weise von den Zahlen, die sonst allgemein als Koordinationszahlen 
bezeichnet werden. Sie haben keinerlei höhere Bedeutung als jene, 
und ihr statistischer AVert wird auch nicht dadurch irgendwie ge- 
steigert, daß sie etwa im einzelnen Falle berechnet werden, um aus 
ihnen andere Zahlen von besonderer Bedeutung zu gewinnen, wie 
die in diesem Falle gewöhnlich sog. Generalindexziffern. In Wirk- 
lichkeit läuft also der Gebrauch der Bezeichnung Indexziffern für 
diese Zahlen auf nichts anderes hinaus als auf die Verwendung 
zweier verschiedener Namen für dieselbe Sache. Solche Doppel- 
beuennungen sind aber natürlich stets vom Uebel und sicher ganz 
überflüssig bei Zahlen von ihrer Natur nach so beschränktem selb- 
ständigen Wert, wie die Koordinationszahlen. Es ist ja hinlänglich 
bekannt, daß ihnen unter allen Verhältniszahlen, die die Statistik 
verwendet, weitaus die geringste Bedeutung zukommt. Wo und zu 



1 



Indexziffern, 135 

welchem Zwecke mithin solche Zahlen berechnet werden mögen, sie 
sollten nie als Indexziffern, sondern stets nur als Koordinationszahlen 
bezeichnet werden. 

Indexzifi"ern werden in der Statistik berechnet, um prägnante, 
schlagwortartige Ausdrücke für Erscheinungen zu gewinnen, die 
zwar äußerlich — etwa ihrer Benennung nach — einheitliche Tat- 
sachen sind, in Wirklichkeit aber die Summe einer mehr oder weniger 
großen Zahl von Einzelerscheinungen darstellen, die sämtlich berück- 
sichtigt werden müssen, wenn man zu einem zusammenfassenden 
Urteil über die Gesamterscheinung kommen will, die aber ohne 
weiteres solche zusammenfassende Beurteilung entweder überhaupt 
nicht oder wenigstens sehr schwer gestatten. Das bekannteste, 
wiederholt schon erwähnte, überdies gegenwärtig auch besonders 
aktuelle Beispiel bildet die Stärke der Teuerung, also die Beant- 
wortung etwa der Frage, um wieviel höher gegenwärtig die Kosten 
der Lebenshaltung gegenüber früher sind. Offenbar bedarf es hierzu 
der Feststellung und des Vergleichs der früheren und jetzigen Preise 
aller der Dinge, die zum Leben gebraucht werden, und es liegt auf 
der Hand, daß sich die Aufgabe spielend leicht lösen ließe, wenn 
alle die in Frage kommenden Preise in gleichem Umfange gestiegen 
wären. Das ist nun aber, wie bekannt ist, durchaus nicht der Fall ; 
vielmehr zeigen die zeitlichen Reihen der Preise einen ganz ver- 
schiedenen Verlauf, jetzt natürlich noch mehr als in weniger un- 
ruhigen Zeiten, und es ist tatsächlich kaum möglich, aus diesen 
Reihen, selbst wenn man sie noch so sorgfältig und zweckmäßig 
anordnet, ein Urteil über die Gestaltung der Lebenshaltungskosten 
insgesamt zu gewinnen. Zu diesem Ziele ist nur zu gelangen, wenn 
man nur einige wenige, am besten nur eine einzige Reihe von Zahlen 
vor sich hat, denn nur sie läßt sich schnell und leicht übersehen. 
In der Tat stellt man denn auch eine einzige solche Zahlenreihe 
her, indem man die vielen Preiszahlen für jeden einzelnen Zeit- 
abschnitt zu einer einzigen zusammenfaßt, „indem man die vielen 
Reihen zu einer einzigen neuen Reihe verschmilzt", wie Schott sagt. 
Diese neue Reihe gibt — vorausgesetzt natürlich, daß man richtig 
vorgegangen ist — ohne weiteres die Möglichkeit, die Gestaltung 
der Lebenshaltungskosten im Laufe der Zeit zu erkennen, also den 
Grad der Teuerung zu beurteilen. Die neuen Zahlen bilden mithin 
das, was man für die Praxis braucht, sie sind Indexziffern. 

Da über alles das, was eben ausgeführt worden ist, wie schon 
hervorgehoben wurde, keinerlei Meinungsverschiedenheit besteht, so 
ist danach klar, daß zweierlei unbedingt erforderlich ist, eine Zahl 
zur Indexziffer zu stempeln: sie muß den Bestandteil einer Reihe 
bilden, die durch Reihenverschmelzung entstanden ist, und sie muß 
ferner so beschaffen sein, daß sie den Zweck der Indexziffern erfüllt, 
also den zutreffenden Ausdruck der im einzelnen Falle in Frage 
kommenden Gesamterscheinung bildet. 

Es bedarf kaum eines besonderen Hinweises, daß einfache Ko- 
ordinationszahlen keinem dieser Erfordernisse entsprechen, daß sie 



136 P- Weigel, 

also als Indexziffern keinesfalls anzusprechen sind, auch ganz davo» 
abgesehen, was darüber oben gesagt worden ist. Dagegen sind die 
übrigen oben unter Nr. 2, 3 und 4 geschilderten Zahlen offenbar 
sämtlich durch Reihenverschmelzung zustande gekommen. Sie unter- 
scheiden sich insoweit lediglich durch die Art und den Grad der 
Verschmelzung. Während — um mit wenigen Worten ins Gedächtnis 
zurückzurufen, was darüber oben gesagt worden ist — bei den 
Zahlen unter Nr. 3 — sie seien kurz als die englischen bezeichnet 
— die Verschmelzung so geschieht, daß die Einzelreihen koordiniert 
und dann aus den Koordinationszahlen für die in Frage kommenden 
Zeitabschnitte Durchschnitte berechnet werden, verschmelzen Calwer 
sowohl wie Schott (oben Nr. 2 und 4) durch Addition alle Einzel- 
preise eines jeden Zeitabschnittes zu einer Summe. Für Calwer 
sind diese Summenzahlen die Indexziffern; Schott dagegen koordi-^ 
niert die Summen noch und betrachtet erst die Koordinationszahlen 
als Indexziffern. 

Die Frage, ob diese Zahlen alle oder etwa nur die eine oder 
andere von ihnen Indexzahlen zu nennen sind, läßt sich demnach 
offenbar nur danach entscheiden, ob und inwieweit diese Zahlen 
geeignet sind, den Zweck der Indexziffern zu erfüllen. 

Verhältnismäßig leicht ist da zunächst festzustellen, daß die 
hier sog. englischen Indexziffern — oben Nr. 3 — trotz ihres histo- 
risch scheinbar besonders begründeten Rechts auf den Namen keine 
wirklichen Indexziffern sind. Denn sie bilden nicht den Ausdruck 
der Stärke der Veränderung einer Gesamterscheinung — was 
doch das Wesentliche bei Indexziffern ist — , sondern sie sind nur 
der Ausdruck für die durchschnittliche Stärke der Bewegung der 
Einzelerscheinungen, aus denen sich die Gesamterscheinung zu- 
sammensetzt. Konkreter gesprochen: Wenn schon beispielsweise 
der Grad der Teuerung durch im Wege der Reihenverschmelzung 
gewonnene Verhältniszahlen ausgedrückt werden soll, so bilden den 
dazu geeigneten Ausdruck unter allen Umständen einzig und allein 
die Koordinationszahlen der Summen aller Preise der einzelnen Zeit- 
abschnitte, nicht aber die Durchschnitte aus den Koordinationszahlen 
der einzelnen Preise. Es ist allerdings richtig, daß sich die Zahlen^ 
die auf dem einen Wege gewonnen werden, unter bestimmten Vor- 
aussetzungen mit den anderen Zahlen fast decken, oder daß sie 
wenigstens nur geringfügige Abweichungen aufweisen. Das wird 
z. B. der Fall sein, wenn die Einzelpreise nur wenig schwanken 
oder annähernd gleichmäßig verlaufen. Aber das ändert nichts an 
der Tatsache, daß beide Zahlenarten ihrer Natur nach gi'undver- 
schieden sind, und daß der Durchschnitt aus den Einzelkoordinations- 
zahlen den richtigen Maßstab für die Veränderung der Gesamt- 
erscheinung grundsätzlich überhaupt nicht bilden kann. Wie die 
oben angeführten Beispiele hinreichend zeigen, wird das offenbar 
nicht selten übersehen, worauf zweifellos zum guten Teil die Un- 
klarheiten überhaupt zurückzuführen sind, die über die Indexziffern 
bestehen. Der Beweis ist jedoch sehr leicht zu erbringen. Man 



n 



Indexziffern. 137 

braucht nur einmal eine Anzahl beliebig aufgestellter Reihen auf 
beide Arten umzurechnen. Da wird sich sofort herausstellen, daß 
sich die neuen Reihen durchaus nicht decken, ja daß sie vielleicht 
sogar entgegengesetzt verlaufen, daß also die eine da eine Steigerung 
aufweist, wo die andere fällt. Der einfache Grund hierfür ist der, 
daß die Durchschnitte, die ja in beiden Fällen berechnet werden — 
die Summen bedeuten hier tatsächlich dasselbe wie Durchschnitte — 
in vollkommen verschiedenem Sinne gewogen sind. Bei den Summen 
der Grundzahlen ist das Gewicht allein der Preis in Verbindung 
mit der Warenmenge, nach der er berechnet ist. Die Durchschnitte 
aus den Verhältniszahlen s'ind dagegen außerdem gewogen nach den 
Zahlen, die die Veränderung gegenüber dem Grundjahr ausdrücken. 
Wenn sich also z. B. die Preise dreier Waren eines Jahres zu den 
Preisen des Grundjahres, deren jeder = 100 gesetzt ist, verhalten 
wie 90, 120, 70, so wirken diese 3 Zahlen als neue besondere Ge- 
wichte, die den Einzelpreisen außer dem Grundgewicht noch an- 
gehängt werden, wenn man aus ihnen den Durchschnitt berechnet. 
Selbstverständlich ändern sich diese Gewichte jedesmal wieder, wenn 
der Grad der Veränderung ein anderer ist. Es wird also hier 
letzten Endes gegen einen Elementarsatz der Statistik verstoßen: 
es werden ungleichartige Zahlen verglichen. 

Die mathematischen Unterlagen für die Beurteilung des Problems 
gibt übrigens Irving Fisher im Anhang zum X. Kapitel seines öfter 
schon zitierten Werkes (S. 324 ff.), allerdings ohne den Unterschied 
vollkommen klar zu betonen. Immerhin führen aber seine dem 
Nichtmathematiker freilich im einzelnen schwer verständlichen Dar- 
legungen praktisch auch in seinem besonderen Fall zu demselben 
Ergebnis. S. 349 stellt er ausdrücklich fest, daß die Koordination 
der Summen die wertvollste Indexziffer — in seinem Sinne — ist. 

Um schließlich sogleich noch einem Einwand zu begegnen, der 
vielleicht erhoben werden wird, sei noch hervorgehoben, daß die 
falschen Gewichte, die die Zahlen der einzelnen Zeitabschnitte bei 
der Durchschnittsberechnung aus den Verhältniszahlen erhalten, auch 
dadurch ihre Bedeutung nicht verlieren, daß sehr viele Einzelreihen 
verschmolzen werden. Wenn es auch richtig ist, daß bei Durch- 
schnittsberechnungen im allgemeinen der Einfluß der Gewichte mit 
der Zunahme der Zahl der Einzelposten geringer wird, so liegt doch 
trotzdem hier kein Fall vor, wo das Gesetz der großen Zahl unter 
allen Umständen wirksam ist. Es kann ein Ausgleich stattfinden, 
es ist aber durchaus nichts Auffälliges, wenn er nicht stattfindet, 
und bei sehr ungleichmäßigen Reihen ist der Ausgleich sicher un- 
wahrscheinlich, selbst wenn ihre Zahl sehr groß ist. Praktisch wird 
zudem die Möglichkeit, sehr viele Reihen zu verschmelzen, nur ver- 
hältnismäßig selten gegeben sein, einfach weil es an den nötigen 
Feststellungen fehlt, und in sehr vielen Fällen muß man sich sogar 
mit ganz wenigen solchen Einzelreihen begnügen. 

Wenn also die Zahlen, die sich auf diesem Wege ergeben, mit- 
unter fast völlig oder wenigstens soweit richtig sind, daß sie immer- 



138 P- Weigel, 

hin als brauchbar angesehen werden können, so ist das stets mehr 
oder weniger Zufall. Meist werden sie nicht zu dem Ergebnis 
führen, das man bei der Berechnung von Indexziifern im Auge hat, 
und wahrscheinlich ist das mit ein Grund dafür, daß man zum Teil 
seine Zuflucht zu immer komplizierteren Berechnungsarten genommen 
hat, die kaum noch verständlich und schon deshalb praktisch un- 
brauchbar sind. Die Tafel zu S. 346 bei Irving Fisher mit ihren 
44 Formeln im Kopf bildet dafür den ausreichenden Beleg. 

Mögen also immerhin die hier sog. englischen Indexziffern seit 
langer Zeit und in weitem Umfange berechnet und verwertet werden, 
sie sind keine wirklichen Indexziffern. Sie sind Durchschnitte aus 
Koordinationszahlen und haben nur den Wert und die Bedeutung 
solcher Durchschnittszahlen. Sie durch die Benennung „Indexziffern" 
zu besonders wichtigen statistischen Ausdrücken zu stempeln, die 
sie nicht sind und nicht sein können, liegt kein Anlaß vor. 

Die hier als Indexziffern im Sinne Schotts bezeichneten Ko- 
ordinationszahlen — oben Nr. 4 — bilden, wie sich aus diesen Aus- : 
führimgen schon mit ergibt, im Gegensatz zu den englischen Index- 
ziffern sicher einen Ausdruck für die Stärke der Veränderungen von 
Gesamterscheinungen, die durch Indexziffern gekennzeichnet werden 
sollen. Sie erfüllen also den Zweck solcher Zahlen zweifellos besser 
als jene; unter bestimmten Voraussetzungen genügen sie sogar dem 
Bedürfnis in vollem Umfange, nämlich dann, wenn es lediglich 
darauf ankommt, für ein einziges bestimmtes Beobachtungsgebiet, 
etwa für ein Land, ein Urteil über die zeitliche Entwicklung einer 
Erscheinung zu erhalten, und wenn ferner gewisse objektive An- 
haltspunkte für die Wahl des Ausgangszeitpunktes gegeben sind, 
also für die Bestimmung der Zahl, die gleich 100 gesetzt werden 
soll. Da aber, wie sogleich näher darzutun sein wird, die zweite 
dieser Voraussetzungen von jeher nur ausnahmsweise gegeben war, 
und da die erste — heutzutage wenigstens — sehr oft nicht zu- 
trifft, wenn Indexziffern gebraucht und verwendet werden, so er- 
füllen auch die Koordinationen der Summen nicht ihren Zweck, sie 
sind nicht Indexziffern schlechthin. Daß man sie auch jetzt noch 
allgemein so bezeichnet, ist historisch wohl zu erklären, aber schwer- 
lich gerechtfertigt. 

Ursprünglich sind nämlich Indexziffern offenbar — und daran 
hat sich, wie es scheint, erst in der jüngsten Zeit etwas geändert — 
lediglich für bestimmte Gebiete und lediglich für zeitliche Vergleiche 
berechnet und verwendet worden. Ein Bedürfnis nach örtlichen 
Vergleichen lag wahrscheinlich nicht vor, oder man sah von solchen 
Vergleichen ab, weil sich dazu das Material nicht eignete, das zur 
Verfügung stand. So gibt es Preisindexziffern z. B. nach dem eng- 
lischen Vorgang auch in anderen Ländern schon seit langer Zeit, 
aber sicher war bei ihrer Berechnung der internationale Vergleich 
höchstens Nebenzweck ; in erster Linie wollte man ein Bild von der 
Preisgestaltung im ganzen im eigenen Lande haben. Man beschied 
sich dabei bis auf wenige Versuche, die gemacht wurden, weil der 



Indexziffern. 139 

Beschaffung wirklich vergleichbarer Zahlen unüberwindliche Schwierig- 
keiten im Wege standen. Wenn man einmal die Indexziffern des 
englischen Handelsamtes, die Sauerbeckschen und die Schmitzschen, 
ferner für Deutschland etwa die Soetbeerschen und für Italien die 
Beninis daraufhin etwas genauer ansieht, wird das ohne weiteres 
verständlich. Noch weniger war die Möglichkeit solchen Vergleichs 
für einzelne Gebiete eines Landes, etwa die großen Städte, unter- 
einander gegeben, denn hier fehlte es an jedem brauchbaren Material. 
In Deutschland wenigstens ist meines Wissens Richard Calwer der 
erste gewesen, der überhaupt den Versuch gemacht hat, Zahlen für 
verschiedene Gebiete zu schaffen. 

Die erste der beiden Voraussetzungen für die Brauchbarkeit 
der Koordiuationszahlen als Indexziffern war also in allen diesen 
Fällen gegeben, und es ist deshalb durchaus verständlich, daß 
Zweifel an der Berechtigung, sie so zu bezeichnen, nicht auftauchten. 
Denn die Schwierigkeit der Wahl des Ausgangszeitpunktes konnte 
schon deshalb dazu weniger Veranlassung geben, weil sie, wenn 
man sich ihrer überhaupt bewußt wurde, überwindbar erscheinen 
mochte und tatsächlich in manchen Fällen auch überwindbar war. 
Irving Fisher z. B. (S. 165 a. a. 0.) glaubt, daß für seine Zwecke 
die Frage der Wahl des Basisjahres, wie er es nennt, befriedigend 
gelöst ist, wenn immer ein Jahr mit dem unmittelbar vorhergehenden 
in Beziehung gesetzt wird. Jedes Jahr wird also nach und nach 
gleich 100 gesetzt und danach das folgende umgerechnet (Ketten- 
system). 

Bei der Berechnung und Verwendung von Indexziffern lediglich 
für zeitliche Vergleiche ist es aber nun nicht geblieben, sondern 
im Laufe der Zeit und namentlich gegenwärtig ist man mehr und 
mehr dazu übergegangen, solche Zahlen auch für örtliche Vergleiche 
heranzuziehen. Besonders war es das Gebiet der Lebenshaltungs- 
kosten, das es wegen der ganz außergewöhnlichen Verhältnisse, die 
hier als Folgen des Krieges herrschen, dringend geboten erscheinen 
ließ, Feststellungen nicht bloß für einzelne Länder oder das ganze 
Reich, sondern auch für die einzelnen Orte, die größeren wenigstens, 
zu treffen. Es ist bekannt, daß die Frage der Ortsklasseneinteilung 
nach der Besoldungsordnung dabei eine wichtige, wenn nicht die 
wichtigste Rolle gespielt hat. Aber selbst von diesem praktischen 
Fall abgesehen, ergab sich die Verwendung solcher Ziffern für ört- 
liche Vergleiche gewissermaßen ganz von selbst, nachdem einmal 
nach gleichen Grundsätzen berechnete Zahlen für verschiedene Orte 
geschaffen und in üebersichten, die selbstverständlich veröffentlicht 
wurden, zusammengestellt waren. Denn solche Tabellen fordern zum 
Gebrauch in diesem Sinne geradezu heraus, wie die Erfahrung hin- 
reichend gelehrt hat, und sie werden so benutzt, selbst wenn noch 
so eindringlich davor gewarnt wird. Dazu kam noch, daß die ab- 
norme Teuerung seit dem Ende des Krieges international ist; 
wenigstens in den europäischen Staaten zeigt sie sich überall, wenn 
auch nicht gleich stark. Auch in anderen Staaten ging man des- 



140 P- Weigel, 

halb an die statistische Bearbeitung des Problems, teilweise sogar 
noch früher und energischer als bei uns, wie es scheint. Ich ver- 
weise hier nur auf die schon erwähnten Monatsberichte des Arbeits- 
amtes der Stadt Rom und auf die Mitteilungen, die seit einiger Zeit 
in der vom Statistischen Reichsamt herausgegebenen Monatsschrift 
„Wirtschaft und Statistik" über diese Frage gegeben werden. 
Natürlich liegt auch darin ein Anreiz zur Anstellung örtlicher Ver- 
gleiche, und nicht anders ist das mit den Indexziffern der Waren- 
preise, die in derselben Zeitschrift für verschiedene Staaten in 
Tabellenform veröffentlicht werden (s. z. B. die Nr. 5 vom Mai 1921). 

Mögen demnach die Koordinationszahlen, um die es sich hier 
handelt, früher immerhin den Dienst von Indexziffern zufrieden- 
stellend versehen haben, heutzutage genügen sie dem Bedürfnis 
nicht mehr. Denn zu örtlichen Vergleichen sind sie eben, wie an- 
gedeutet worden ist, nicht geeignet. Ohne jede Einschränkung gilt 
das, soweit es darauf ankommt, über den Umfang und die sonstige 
Beschaffenheit einer Erscheinung an sich, also nicht allein über die 
Stärke der Veränderungen, die sie im Laufe der Zeit erlitten hat, 
Auskunft zu geben und zu erhalten. Darüber sagen die Koordi- 
nationszahlen nichts und können nichts sagen, aber gerade solcher 
Auskunft bedarf heutzutage die Praxis sehr häufig. Der beste Be- 
weis dafür kann in der Tatsache erblickt werden, daß Koordinations- 
zahlen trotz aller Warnungen, die man ihnen wohl beisetzt, hierzu 
immer und immer wieder verwendet werden. Der Mißbrauch, der 
so z. B. mit den Indexziffern von Dr. Moritz Elsas (Frankfurt a. M.), 
die nichts als solche Koordinationszahlen sind, bisher nur allzu 
häufig getrieben worden ist und noch getrieben wird, zeigt das mit 
aller nur wünschenswerten Klarheit. Aber auch die Verhältniszahlen, 
die das Reich regelmäßig mit den Teuerungszahlen selbst veröffent- 
licht — auch das sind Koordinationszahlen in dem hier in Frage 
kommenden Sinne — , werden genau so falsch angewendet, obgleich 
das Statistische Reichsamt im Gegensatz zu Dr. Elsas selbstver- 
ständlich stets betont hat, daß das nicht zulässig ist. Allein selbst 
wenn verschiedene Orte lediglich nach der Stärke der Bewegung 
einer Erscheinung auf Grund der Koordinationszahlen verglichen 
werden, so führt schon das sehr oft zu falschen Urteilen, obwohl 
doch die Koordinationszahlen ihrem Wesen nach gerade als Maßstab 
der Stärke der Bewegung in erster Linie in Frage kommen. 

Der Grund für die sonach sehr beschränkte Verwendbarkeit 
der Koordinationszahlen liegt darin, daß sie Verhältniszahlen und 
nichts als solche sind. Ohne die Grundzahlen, aus denen sie abge- 
leitet sind, können Verhältniszahlen ganz allgemein nur sehr wenig 
sagen, zum mindesten können sie leicht auf Irrwege führen. Ins- 
besondere gilt das für die Koordinationszahlen, von denen Kaufmann 
(Theorie und Methoden der Statistik, 1913, S. 461) durchaus zutreffend 
sagt, daß sie für die statistische Analyse überhaupt keine Bedeutung 
haben, sondern im Grunde nur Demonstrations- oder Anschauungs- 
mittel sind. Allerdings hebt er zugleich hervor, daß die als Index- 




a 


Eoordinationszahlen 
A 

b a 


B 


b 


lOO 


— 


100 




— 


200 

280 


100 
140 


133 
200 




100 

150 



Indexziffern. 141 

Ziffern bezeichneten Koordinationszahlen auch in der statistischen 
Analyse eine Rolle spielen, aber das trifft sicher nur insoweit zu, 
als es einer weitverbreiteten Meinung Ausdruck gibt. Eine wirk- 
liche Begründung dieser Auffassung läßt denn auch Kaufmann ver- 
missen, obwohl er S. 473 ausführlich über die Koordinationszahlen 
als Indexziffern spricht. 

Weiter auf diese Sache hier einzugehen, glaube ich mir er- 
sparen zu können, da es sich dabei um Dinge handelt, die jedem 
Fachgenossen ohnehin hinlänglich bekannt sind. Nur ein etwas ver- 
einfachtes Beispiel aus der Praxis der Teuerungsstatistik möchte 
ich anführen, um das hier Wesentliche einigermaßen zu unter- 
streichen. Es sei angenommen, daß für zwei verschiedene Städte A 
und B die Teuerungszahlen für April 1919, 1920 und 1921 festge- 
stellt und danach die Koordinationszahlen berechnet worden seien, 
wie sich aus der folgenden Uebersicht ergibt: 

Teuerungszahlen 
A B 

1919 250 450 

1920 500 600 

1921 700 900 

Ohne weiteres ist aus diesen Zahlen zu ersehen, daß die Stärke 
4er Bewegung in beiden Städten gerade umgekehrt erscheint, wenn 
man einmal vom Jahre 1919, das andere Mal von 1920 ausgeht, ob- 
wohl die tatsächlichen Verhältnisse völlig die gleichen geblieben 
sind. Und wenn etwa jemand, wie das nur allzuhäufig geschieht, 
aus den Verhältniszahlen Aa und Ba allein Schlüsse auf die Teue- 
rungsverhältnisse in beiden Städten ziehen würde, so würde er un- 
fehlbar auf den Holzweg geraten müssen. Denn darnach erscheint 
A als die teurere Stadt, während sich aus den absoluten Zahlen 
einwandfrei ergibt, daß B ganz wesentlich höhere Lebenshaltungs- 
kosten hat. Ohne die Grundzahlen sind demnach die Verhältnis- 
zahlen so gut wie wertlos; und so wie hier ist es in den meisten 
Fällen, wo solche Zahlen berechnet werden. 

Es gibt demnach in der Tat — nach dem Vorstehenden braucht 
das lediglich noch ausdrücklich festgestellt zu werden — nur eine 
einzige Art von Zahlen, denen der Name Indexziffern ohne Ein- 
schränkung zukommt. Es sind das die Grundzahlen, die durch die 
Summierung mehrerer Eeihen gewonnen werden. Sie allein ent- 
sprechen den Bedingungen vollständig, die oben als Voraussetzung 
für die Bezeichnung Indexziffern genannt worden sind: sie kommen 
durch Reihenverschmelzung zustande, und sie sind in jeder Be- 
ziehung für die Zwecke verwendbar, um die es sich hier handelt. 
Sie sind ebenso der Ausdruck für die Größe der Erscheinung selbst 
wie für ihre Entwicklung und deren Stärke, und sie können des- 
halb als Grundlage für zeitliche und auch für örtliche Vergleiche 
dienen. Das alles trifft für die 3 Zahlenarten, die sonst noch als 
Indexziffern bezeichnet werden, entweder überhaupt nicht oder 



142 P. Weigel, 

wenigstens nur zum Teil zu. Der Einwand, daß die Summenzahlen 
für den praktischen Gebrauch viel zu groß werden müßten, wenn 
es sich z. B. um sehr viele Eeihen von Einzelzahlen handele, würde, 
falls er gemacht würde, nicht stichhaltig sein. Denn in solchen 
Fällen, wo also als die Gesamterscheinung keine konkrete, sondern 
nur eine mehr oder weniger abstrakte Masse angenommen wird — 
man denke an die aus 114 Einzelwarenpreisen berechneten Preis- 
indexe von Soetbeer — , braucht nur der Durchschnitt aus den ver- 
schiedenen Summen gezogen zu werden. Damit wird dann ohne 
weiteres die nötige zahlenmäßige Einfachheit erzielt, ohne daß an 
dem Wesen der neuen Eeihe grundsätzlich etwas geändert wird. 
Eines besonderen Beweises dafür bedarf es nicht. Ebensowenig be- 
gründet wäre der Einwand, daß für örtliche Vergleiche auch die 
Grundzahlen nur sehr beschränkt verwendbar seien, weil sie der 
dazu erforderlichen Homogenität ermangeln. Natürlich ist das an 
sich richtig, und es ist mir wohl bekannt, daß hier meist unzählige 
Hindernisse im Wege stehen, die zu überwinden der Statistik — 
wenigstens bisher — noch nicht gelungen ist. Insbesondere haften 
den Teuerungszahlen, von denen wiederholt die Rede war, und die 
ja im vorstehenden Sinne wahre Indexziffern sind, obwohl sie das 
Statistische Reichsamt nicht so nennt, solche Mängel ohne Frage an. 
Darauf habe ich selbst schon wiederholt amtlich hinzuweisen ge- 
habt, da in der Tat diese Zahlen trotzdem öfter zu unzulässigen 
Vergleichen — zu zeitlichen übrigens ebenso wie zu örtlichen — 
verwendet worden sind. Und an solchen Hinweisen hat es auch 
sonst nicht gefehlt. Kein Zweifel darum, daß, solange die Statistik 
nicht in der Lage ist, völlig vergleichbare Unterlagen für solche 
Berechnungen zu beschaffen, auch die Grundzahlen nur mit großer 
Vorsicht zu Vergleichen verwendbar sind. Allein darauf kommt es 
hier nicht an, wie ohne weiteres klar ist. Für alle die Fragen, die 
hier erörtert worden sind, ist die volle Vergleichbarkeit der Berechnungs- 
grundlagen selbstverständliche Voraussetzung. Ueberdies ist der Ein- 
wand auch deshalb schon hinfällig, weil auch die Verwendbarkeit der 
Verhältniszahlen die volle statistische Homogenität der Berech- 
nungsunterlagen zur unbedingten Voraussetzung hat, weil also in- 
soweit keinerlei Unterschied zwischen Grundzahlen und Verhältnis- 
zahlen besteht. Denn es ist ja klar, daß sachliche Mängel der 
absoluten Zahlen nicht durch Umrechnung in Verhältniszahlen be- 
seitigt werden können. 

Schließlich sei hier, um einem immerhin möglichen Irrtum von 
vornherein vorzubeugen, noch ausdrücklich hervorgehoben, daß den 
hier in Frage kommenden Koordinationszahlen durch die Entziehung 
des Namens Indexziffern natürlich nicht die Existenzberechtigung 
überhaupt abgesprochen werden soll. Vielmehr steht ihrer Berech- 
nung danach auch für ' die Zukunft da nichts im Wege, wo sie für 
angebracht gehalten wird, und man wird sie sogar nach wie vor 
überall dann berechnen müssen, wenn es sich darum handelt, die 
Stärke der Entwicklung einer Erscheinung besonders anschaulich 



■ 



Indexziffern. 143 

ZU machen. Denn hierfür sind sie mit der durch ihre Natur als 
Verhältniszahlen gegebenen Beschränkung doch am besten geeignet. 
Nur liegt keine Veranlassung vor, den Zahlen durch den Namen 
„Indexziffern" eine Bedeutung zu geben, die sie nicht haben und 
nicht haben können. Ihrem Wesen als lediglich abgeleiteten 
Zahlen entspricht nur die Bezeichnung koordinierte Indexziffern 
oder auch schlechthin Verhältniszahlen, wenn sich aus dem Zu- 
sammenhange ergibt, um welche besondere Art von Verhältniszahlen 
es sich handelt. 

Kurz zusammengefaßt ist demnach das Ergebnis der vorstehen- 
den Erörterungen: 

1. Indexziffern sind nach dem gegenwärtigen Stand der statisti- 
schen Arbeit auf diesem besonderen Gebiete die Zahlen, die in 
Fällen, wo es sich darum handelt, für eine nur auf Grund vieler 
Einzelerscheinungen beurteilbare Gesamterscheinung einen zusammen- 
gefaßten Zahlenausdruck zu haben — das Nähere darüber ist oben 
gesagt worden — , auf dem Wege der sog. Reihenverschmelzung 
durch Addition der für jeden Zeitabschnitt gegebenen Einzelzahlen 
gewonnen werden. Den auf diese Weise berechneten Summen für 
die einzelnen Zeitabschnitte stehen die Durchschnitte aus den 
Einzelwerten der verschiedenen Zeitabschnitte gleich, wenn nicht — 
wie z. B. bei den Lebenshaltungskosten — die Summe zugleich Aus- 
druck einer mehr oder weniger konkreten Gesamttatsache ist. Denn 
der Durchschnitt aus der Summe der Einzelwerte bedeutet in solchen 
Fällen grundsätzlich nichts anderes als die Summe selbst, voraus- 
gesetzt natürlich, daß alle Durchschnitte nach genau denselben 
Grundsätzen berechnet werden. 

2. Werden Indexziffern koordiniert, d. h. in der Weise in Ver- 
hältniszahlen umgewandelt, daß eine Zahl der Reihe oder auch der 
Durchschnitt aus mehreren = 100 gesetzt wird, so entstehen 
„koordinierte Indexziffern" oder auch Verhältniszahlen schlechthin, 
wenn diese Bezeichnung nach Lage des Falles hinreichend deutlich 
ist. Als Indexziffern schlechthin sind jedenfalls die Koordinations- 
zahlen nicht zu bezeichnen. 

Generalindexziffern, Hauptindexziffern, total index-numbers, sind 
ihrem Wesen nach nichts anderes als die Zahlen, die mit dem Namen 
Indexziffern zu bezeichnen sind. Die besondere Benennung ist nur 
dann berechtigt und zulässig, wenn damit zum Ausdruck gebracht 
werden soll, daß die Zahlen aus sämtlichen zur Verfügung stehenden 
Einzelreihen gewonnen sind, im Gegensatz zu den sog. Gruppen- 
indexziffern, bei denen die Reihen nach besonderen Gesichtspunkten 
in Gruppen zerlegt und dann für diese Gruppen gesondert ver- 
schmolzen worden sind. Beispiel : Rohstoffe — Lebensmittel — Roh- 
stoffe und Lebensmittel zusammen. 

3. Einzelindexziffern, d. h. aus einer einzigen Reihe berechnete 
Lidexziffern, gibt es begrifflich nicht. Solche Zahlen sind als 
Koordinationszahlen oder einfach als Verhältniszahlen zu bezeichnen. 



1^44 P- Weigel, Indexziffern. 

4. Auch die Durchschnitte aus mehreren solchen Koordinations- 
zahlen sind keine Indexziffern. Ihre richtige Bezeichnung ist Durch- 
schnitte aus den Koordinationszahlen oder den Verhältniszahlen, 
nämlich denen, um die es sich im einzelnen Falle handelt. 

Würden diese Benennungen, die jede der hier behandelten 
Zahlenarten schon rein äußerlich ihrem \¥esen nach deutlich kenn- 
zeichnen, von der Theorie und Praxis übernommen — und wenn 
die vorstehenden Ausführungen als zutreffend anerkannt werden, 
sollte das kaum allzugroßen Schwierigkeiten begegnen — , so wären 
mit einem Schlage alle die Unklarheiten und die sich daraus er- 
gebenden Unzuträglichkeiten beseitigt, die infolge des unsicheren 
Sprachgebrauchs jetzt unvermeidlich sind. Das bedarf sicher keines 
besonderen Beweises. Damit ist aber zugleich gesagt, daß die 
ganze hier erörterte Frage nicht etwa lediglich formeller und des- 
halb nebensächlicher Natur ist, sondern daß sie durchaus auch 
materiell von Bedeutung und deshalb der Beachtung der Fach- 
genossen wohl wert ist. 



Miszellen. 145 



Miszellen. 

V. 

Technik und Idealismus. 

Von Prof. Dr. h. c. Rudolf Stolzmann. 

Für den Nationalökonomen bieten die anregenden Schriften ^) eines 
in der Jenaer Glasindustrie erprobten und gleichzeitig in der Philosophie 
bewanderten Technikers schon deshalb Interesse , weil sie die Technik 
auch in ihrem Verhältnis zur „Wirtschaft" behandeln. Freilich kommt 
diese dabei nicht gerade glimpflich davon. Denn alles, was man sonst 
mit Recht oder zu Unrecht der Technik zur Last legt , das schreibt 
Z. auf das Schuldkonto der Wirtschaft: die Verunstaltung der Natur, die 
zunehmende Entseelung und „Entpersönlichung" des Menschen , seine 
Herabwürdigung im Frondienste schnöder Erwerbsgier. Diesen Anklagen 
gegenüber macht Z. den der Technik innewohnenden Zug zum Idealen 
geltend. Sie stehe darin gleichwertig und selbständig neben den beiden 
anderen Gebieten menschlicher Freiheit, den Gebieten der gesellschaftlichen 
und der sittlichen (er sagt : der „psychologischen") Freiheit : die Technik 
sei das Gebiet der „materiellen Freiheit", da sie erst die Grundlage 
bereite, auf der sich das ganze Gebäude der Kultur erheben kann. In der 
Technik nicht minder wie auf den beiden anderen Gebieten schaffe sich 
der Wille die Formen zur Ileberwindung der widerstrebenden Mächte der 
Natur, der äußeren Natur wie der widerstrebenden inneren Natur des 
Menschen, des „Tieres, in dem wir wohnen". Auch in der Technik werde 
der wilde Lauf der Natur so geregelt, daß eine „zweite Natur" entsteht, 
in welcher der schöpferische Wille nun Freiheit hat, d. h. kann, was er 
will. Auf dies Können ziele die Technik ganz besonders ab, sie sei eine 
„Kunst" wie die anderen Künste. Dies komme schon im griechischen 
Sprachgebrauch zum Ausdruck, der beides mit dem gemeinsamen Worte 
bezeichne : tixviq. 

Nur die ewige Verwechslung von Technik und Wirtschaft — und 
dahin zielt seine „Kritik des Unsinns über die Technik" — mache für 
die Erkenntnis blind, daß hinter der Wirtschaft noch etwas steckt, was 
schöpferische Menschen aus einer Idee , der Idee der Technik geboren 

1) Dr. Zschimmer, Eberhard: 

1. „Philosophie der Technik. Vom Sinn der Technik und Kritik des 
Unsinns über die Technik", 2. Aufl., 1919; 

2. „Technik und Idealismus", Vortrag vom 6. Juli 1920, veranstaltet 
durch den Allg. Studentenausschuß der technischen Hochschule München ; 

3. „Philosophische Briefe an einen Arbeiter", 2. Aufl., 1920, 
sämtlich erschienen im Verlage der Jenaer Volksbuchhandlung. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 10 



j[46 Miszellen. 

haben; die gesamte "Wirtschaft lebe und zehre von der technischen Idee^ 
vom Erfinden. Ideenblindheit nennt es Z., wenn man immer wieder nur 
an Fabriken und Maschinen denke, als die toten Dinge von Stahl und 
Eisen. Auf das Wozu komme es an, auf die Ziele, die mit dem Arbeits- 
mittel verfolgt werden: „Maschinen sind Ideen". „Wer hat uns den 
Himmel erobert, die Tiefen der Kleinwelt, den Bau der Moleküle und 
Atome sichtbar gemacht ? — Der Wille zur Wahrheit allein hätte niemals 
zur Entdeckung geführt; erst die Idee der Technik ist es, die wir 
im Sehen mit Fernrohr und Nahrohr als die Seite des wissenschaftlichen 
Werkes miterleben, die dieses Werk der Forschung zu einem Werk der 
Willensfreiheit und damit erst zu dem macht, was es ist." Nicht das 
fertige Dampfschiff eines Fulton, die fertige Lokomotive eines Stevenson, 
das fertige Flugzeug Zeppelins war das Ziel der Schiffahrtskunst, des 
Eisenbahnbetriebes und der Luftschiffahrt, sondern die Freiheit auf dem 
Wasser, die Freiheit des Heisens, die Freiheit in der Lvift. Mag das 
Fahrzeug anfangs äußerlich noch so unvollkommen und plump sein, man 
kann damit schiffen, man kann damit fahren. Es geht, es geht, das 
ist was bewundert wird, das ist der Jubelruf der errungenen Freiheit. 

Was ist es dann aber mit den Anklagen, die Z. gegen die Wirt- 
schaft erhebt, welches ist der Grund, aus dem er i h r das Lob versagt, 
das er der Technik so überschwänglich spendet? Ich glaube, es beruht 
ebenfalls auf einer „Verwechslung", aber auf einer solchen von selten Z.s. 
Wenn er von der Verteidigung der Technik zum Angriff gegen die „Wirt- 
schaft" überging, so hätte er der von ihm selbst (S. 19 seines Vortrages), 
aufgeworfenen Frage recht sorgfältig nähertreten sollen: „Wirtschaft — 
was ist denn das eigentlich?" Aber er lehnt die Beantwortung der Frage 
ab ; denn, sagt er, „die wissenschaftliche Feststellung vom Wesen des 
Wirtschaftlichen an sich geht mich ja nichts an, da meine Sache di& 
Technik ist". So hätte er nicht vorgehen sollen. Was man beschuldigt,, 
das soll man erst in immanenter Kritik zu verstehen suchen. Wie Z. 
selbst unterscheidet zwischen dem ausübenden Schaffen technischer Arbeit 
und der Technik als Wissenschaft, als Technologie, so hätte er auch 
scheiden sollen zwischen dem „Handeln" des Einzelwirtschafters, der ja, 
ohne daß ihm daraus ein Vorwurf zu machen ist, auf seinen Gewinn be- 
dacht sein muß, und auf der anderen Seite zwischen dem, was man die- 
Volkswirtschaft nennt, die für den Einzelnen vorher da ist und in deren 
vorgeschriebenen Rahmen er sein Tun einzufügen hat. Wie zwischen 
Privatwirtschaft und Volkswirtschaft, so hätte er dann auch unterscheiden 
müssen zwischen dem, was man heute Privatwirtschafts 1 e h r e nennt und 
dem, was die Lehre vom Wesen der Volkswirtschaft bedeutet. Er würde 
dann auch hier auf die idealen Elemente gestoßen sein, die der Volks- 
wirtschaft mindestens nicht weniger als der Technik innewohnen. Er hätte 
einsehen müssen, daß es auch eine ethische Nationalökonomie gibt, die 
neben den natürlich-technischen Elementen — man nennt sie auch die 
rein-ökonomischen Kategorien — vor allem auch die sozial-sittlichen Grund- 
lagen der Volkswirtschaft zu beachten hat, m. a. W. die Volkswirtschaft 
nicht bloß als Natur-, sondern als ethisches Zweckgebilde, als ein eben- 
falls selbständiges, autochthones und autonomes Gebilde, als ein verant- 



Mi sz eilen. 147 

wortliches Menschenwerk, eine geistige Schöpfung menschlicher Freiheit. 
Ich darf hierüber auf meine zahlreichen Schriften und Abhandlungen (auch 
in diesen „Jahrbüchern") verweisen, endlich auf die ausführlichen Darlegungen 
in meiner letzten Arbeit: „Grundzüge einer Philosophie der Volkswirt- 
schaft", Gustav Fischer, Jena 1920. Technik so gut wie Volkswirtschaft 
sind an sich jenseits von gut und böse, sie sind insoweit neutrale Größen, 
sie können "Wohltat, sie können Plage und Unheil wirken. 

Wozu also der Streit? Ich schöpfe aus gelegentlichen eigenen 
Aeußerungen Z.s die feste Ueberzeugung, daß schließlich er selbst, vom 
esoterischen Kerne seines idealen Standpunktes aus, zugestehen wird, die 
Volkswirtschaft als Ganzes kann und soll und ist vielleicht noch unmittel- 
barer wie die Technik von Ideen getragen , so daß wir beide, Z. wie 
ich, als Kampfgenossen zum selbigen Ziele streben, wenn auch auf 
verschiedenen Wegen. 

Z. ist entschieden im Recht, wenn er S. 19 — 22 seines Vortrages 
außer den hergebrachten „Faktoren" : Natur, Kapital und Arbeit noch 
als vierten die Erfindungen aller Zeiten geltend macht : „Wie Adam und 
Eva die von der Natur erzeugten Früchte im Garten Gottes essen, so 
zehrt das gottlose Wirtschaftsleben seit ihrer Vertreibung durch den Erz- 
engel von den Früchten des technischen Geistes ..." Aber das ist 
doch nur technisch-kausal, rein ökonomisch, genetisch gedacht, nicht volks- 
wirtschaftlich und systematisch. Die Volkswirtschaft ist mehr als eine 
technische Produktionsmaschine. Die „Frage des AV o z u" hätte Z. auch 
hier in den Vordergrund stellen sollen ; er hat sie nicht weit genug ge- 
faßt, wenn er die Zwecke vernachlässigt, die sich aus dem Wesen der 
Volkswirtschaft als ethischen Zweckgebildes ergeben. Nicht auf die tech- 
nische Herkimft der Güterhaufen kommt es an, sondern auf ihre sozial- 
ökonomischen Funktionen. Erst aus diesen ergibt sich der Charakter der 
sog. „wirtschaftlichen" Güter, also nicht bloß aus dem materiellen Produk- 
tionsprozeß, sondern zugleich aus ihren Funktionen der Aneignung und 
der „Verteilung". Auf dem langen Wege von der Rohproduktion bis zur 
Fertigstellung der Endprodukte wird keine Arbeit geleistet, kein Gut er- 
zeugt und von Stufe zu Stufe weitergegeben als zu dem Werte, der der 
Einlage entspricht und der aus dem „Nationalprodukt" wieder zur Ein- 
lösung kommen soll. Nur Güter mit dieser Bestimmung sind wirtschaft- 
liche Güter, und auch die Technik kommt als „volkswirtschaftlicher Faktor" 
niu' soweit in Betracht, als ihre Erfolge bezahlt werden. Nur insoweit 
wird ihm der Produktionserfolg hinterher „zugerechnet". Denn, abgesehen 
vom kurzzeitigen Patentschutz, wii'd alle Erfindung Gemeingut, ein 
„freies" Gut, wie Wasser, Luft und alle anderen „besitzfreien" Natur- 
kräfte — ein „freies" Gut, nicht als Kapital im praktisch-volkswirtschaft- 
lichen, sondern nur im, ich möchte sagen : bildlich weitesten Sinne. Nur 
mittelbar zehren die heutigen und künftigen Generationen von diesem 
„Kapital", ohne eigenes Verdienst und Schuldigkeit, aber nicht bloß die 
Unternehmer, sondern auch die Arbeiter. Denn nicht nur, wie Marx 
sagt, dem Unternehmer kostet dies Kapital „keinen Deut", sondern auch 
nicht dem Arbeiter. Auch er nimmt an den Erfolgen der Erfindungen 
nur nach Maßgabe der zeitweiligen Machtverhältnisse teil, durch welche 

10* 



2^48 Miszellen. 

die sozialbedingten Abfindungsgesetze bestimmt werden. Was Marx vom 
Kapital sagt, daß es ein gesellscbaftliches „Verhältnis" ausdrücke, das gilt 
für alle Güter von Wert, sie sind der Ausdruck gesellschaftlicber Funk- 
tionen, einer Regelung nicht zwischen Natur und dem Menschen, sondern 
eine soziale Regelung zwischen den Menschen untereinander, freilich 
in bezug auf die natürlichen Güter. Das gerade ist der entscheidende 
Unterschied zwischen dem technischen und dem sozialökonomischen Wesen 
der Betrachtung. 

Dem Nationalökonomen gegenüber wird Z. diese vmvermeidlichen 
Wahrheiten sicher auch gar nicht in Abrede stellen. Er hat nur unter- 
lassen, sie zum Ausdruck zu bringen. Einen schwierigeren Stand wird 
er gegenüber den Philosophen zu gewärtigen haben, weniger aller- 
dings gegenüber der Ideetrunkenheit der Hegelianer als gegenüber den 
Kantianern und Neukantianern mit ihrem gestrengen Logizismus reiner 
Vernunft. Sie werden vor allem der Technik die von Z. ihr zugebilligte 
Selbständigkeit abstreiten. Denn für sie fällt dies Zwischenreich fort, 
das die Technik, vermittelnd zwischen Natur und Freiheit, in Anspruch 
nimmt, für sie gibt es nur eine theoretische Vernunft und die praktisch- 
sittliche, nur Naturgebundenheit und sittliche Freiheit. Tertium non datur. 
Sie werden mit Kant unterscheiden zwischen Zweck im höheren, morali- 
schen Sinne des Worts und bloßer pragmatischer „Zweckmäßigkeit", die 
sich in technisch- praktischen Regeln erschöpft, als eine Kunst der 
Geschicklichkeit und Klugheit. Ihre Aufgabe beschränkt sich darauf, 
schon vorweg gegebene Zwecke in der Sinnenwelt wirklich zu machen, 
aber ihr fehlt der Selbstzweck im ethischen Sinne. Sie bewegt sich ledig- 
lich im Rahmen kausalbegrifflicher Naturnotwendigkeit, als „KoroUar" 
nicht der teleologisch-sittlichen, sondern der theoretischen Philosophie. 
Kant, „Kritik der Urteilskraft", Reclamausg. S. 8 ff. u. 13. 

Mehr Anklang ^vird der philosophisch gerichtete Teil der Z. sehen 
Gedanken bei denjenigen Philosophen finden, die nicht vom formalen 
Vernunftprinzip, sondern von der Psychologie und dem reichen Inhalte 
des lebendigen Erlebens ausgehen. So hat auch Wundt neuerdings 
darauf hingewiesen, daß wie die Einzelwissenschaften der Philosophie be- 
dürfen, so die Philosophen mit dem Stande der Einzelgebiete vertraut 
sein müssen, und das sprechendste Zeugnis hierfür die merkwürdige Er- 
scheinung sei, daß mehrere Vertreter derjenigen Wissenschaft, der man 
noch vor kurzem höchstens eine Art Zwischenstellung zwischen Wissen- 
schaft und Handwerk angewiesen, der Technologie, die Ueberzeugung 
ausgesprochen haben, die Technologie sei eigentlich keine Natur-, sondern 
eine Geisteswissenschaft. Das Urteil, sagt Wundt, ist wohl kaum zu- 
treffend, aber es beleuchtet scharf die engen Beziehungen, die in unseren 
Tagen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften eingetreten sind. So 
sei es gekommen, daß es heute durchweg nicht die Philosophen sind, die 
sich mit den Problemen der Gegenwart und Zukunft beschäftigen, sondern 
Männer aus anderen Berufen, die sich einen offenen Blick für die Auf- 
gaben bewahrt haben, die uns bevorstehen ; Wundt „Erlebtes und Er- 
kanntes", Kröners Verlag, Stuttgart 1920, S. 394 ff. Auch führt Wuudt 
in dem im gleichen Verlage 1920 erschienenen Bd. 10 seiner Völker- 



Miszellen 149 

Psychologie, S. 306 ff., zugunsten der Technik aus: Es ist auffällig, daß 
nach der „materialistischen Geschichtsauffassung", wonach das Materielle 
den Unterbau, das Geistige einen Oberbau bilden, die technische Erfindung 
selbst zu den materiellen Fortschritten gehöii, die zunächst/ aus materiellen 
Lebensbedürfnissen hervoi-gehen und höchstens sekundär in den diesen 
Bedürfnissen entgegenkommenden Werkzeugen ihre Quelle haben. Daß 
bei dieser Ableitung Ursache und Wirkung vertauscht werden, sei ein- 
leuchtend ; aus der verbesserten Technik und insbesondere auch aus der 
technischen Erfindung sei vielmehr der Fortschritt der materiellen und 
zum Teil selbst der geistigen Kultur hervorgegangen, nicht umgekehrt. 
In der Tat habe sich in diesem Punkte seitdem bei den Vertretern der 
Technik ein bedeutsamer Wandel vollzogen, und unter den Hauptver- 
tretern dieser die materielle Auffassung der technischen Kultur be- 
kämpfenden Technik nennt er gerade Zschi mm er , „Phil, der Technik", 
1914, an erster Stelle, neben Wendt, „Die Technik als Kulturmacht", 
1906, und Kraft, „Das System der technischen Arbeit", 1902. 

Ich möchte noch hinzufügen, wie dies alles vielleicht ganz allgemein 
nur einen Ausdruck modern-philosophischer Ueberzeugungen darstellt, 
wonach die Einzelwissenschaften im Reiche der Gesamtwissenschaft und 
der Philosophie eine wachsende Berücksichtigung finden. Auch die Neu- 
kantianer lassen trotz ihres reinen Logizismus die Bedeutung der Einzel- 
wissenschaften für den Ausbau der Philosophie keineswegs unbeachtet. 
Und das kommt ja auch der Nationalökonomie zugute, wie ich in meinen 
„Grundzügen" des näheren ausgeführt habe. Mit Hecht weist A. Liebert, 
unter besonderer Berufung auf Cohen und Riehl, darauf hin, daß schon 
Kant den Ausbau der Kritik der rein spekulativen Vernunft von einem 
bloßen „Traktat der Methode" zu einem vollständigen System 
nicht nur von oben her durch die aufwärts noch weiter fortgesetzte 
Zergliederung der Fundamente des Wissens, sondern nunmehr auch nach 
unten zu, also in der Richtung zu den einzelnen „konkreten" Bedin- 
gungen und Begriffen erwartet, wie solche in der positiven Wissenschaft 
gebraucht werden (A. Liebert, „Das Problem der Geltung", F. Meiner, 
Leipzig 1920, 2. Aufl., S. 193, zu vgl. auch S. 239, 248, 254; ferner: 
„Wie ist kritische Philosophie übei'haupt möglich?", 1919, S. 162 ff.). 



Fazit für die Volkswirtschaftslehre : Z.s Gedanken über das Ver- 
hältnis der Technik zu den Geisteswissenschaften bilden eine wertvolle 
Ergänzung zu den bekannten zahlreichen Abhandlungen über Technik, die 
mehr vom Standpunkte der Nationalökonomie aus geschrieben sind, so z. B. 
zu der wohl ausführlichsten Arbeit dieser Richtung von Gottl-Ottlilienfeld : 
„Wirtschaft und Technik", Bd. 2 des „Grundrisses der Sozialökonomik". 

Fazit für die Technik selbst: Ihre Idealisierung durch Aufnahme in 
das Reich der schöpferischen Freiheit, Würdigung der Bedeutung techni- 
schen Schaffens und dadurch die Hebung des Ansehens, des Selbstbewußt- 
seins und der Schaffensfreude des technischen Berufs. Das tritt besonders 
in den Schlußworten des Z. sehen Vortrags hervor: 

„Eine ernste und harte Sache wird die Arbeit der zukünftigen Mensch- 
heit an der Erhaltung des Lebens und der Grundlagen der Geisteskultur 



150 Miszellen. 

immer bleiben ; ein Paradies auf Erden gibt es nicht und wollen wir nicht 
erträumen. Und dennoch : das höchste Glück des Menschen bleibt seine 
Arbeit — Arbeit als schöpferische Betätigung seiner Freiheit." Der 
Techniker aber hat neben dem Handarbeiter seine verantwortungsvolle, 
den ganzen Mann verlangende Arbeit zu tun, er wahrt dabei die Würde 
seines im Grunde geistigen, idealen Berufs, wenn er „im Bunde der 
Geistigen" die hohe Mission erfüllt, zwei Welten miteinander zu versöhnen, 
die wissenschaftliche, an materielle Interessen gebundene Arbeit und die 
Geistesarbeit im Dienste der Idee. „Endlich muß sich doch zeigen — 
diesen Glauben habe ich, solange ich lebe — : daß Geist stärker als 
Materie ist!" 



Miszellen. 



151 



VI. 

Frankreichs Finanzen seit 1914. 

Von Dr. Ernst H. ßegensburger, Berlin. 

Die französische Staatsschuld stieg von 28 IVIilliarden Frcs. zu Beginn 
des Weltkrieges auf 234 im Juli 1920 und auf 302 Milliarden Frcs. zu 
Anfang März d. J. an. Es entspricht dies einer Zunahme von 274 Milliarden 
oder einer Steigerung auf beinahe das 10 fache. 83 Milliarden des an- 
gewachsenen Schuldbetrages entfallen auf die äußere Schuld, wobei diese 
zum Kurse von Ende Februar d. J. umgerechnet wurde; 219 Milliarden 
kommen auf die innere Schuld, und zwar sind hiervon konsolidiert 
133 Milliarden, schwebende Schuld 61 und Vorschüsse der Banque de 
France 25 Milliarden Frcs. 

Nach einer Aufstellung ^) des derzeitigen Finanzministers Doumer 
wurden die von August 1914 bis Juli 1920 222 Milliarden Frcs. be- 
tragenden französischen Staatsausgaben mit 

43 Milliarden Frcs. aus Steuereinnahmen, 

26 „ » n Vorschüssen der Banque de iFrance u. Banque d'Algerie, 

34 -„ „ „ Begebung der auswärtigen Anleiben, 

46 „ » » dem Verkauf von Schatzwechseln und „bons de Ja defense 

nationale", 
73 „ „ „ der Begebung der inneren Anleihen 

bestritten. 

Die Mittel zur Finanzierung des Krieges wurden hiemach in erster 
Linie durch die Ausgaben, von Kriegsanleihen, „Emprunts nationals", 
beschafft. Bis Juli 1920 wurden insgesamt 5 innere Anleihen begeben, 
die Einzahlungen im Gesamtbetrag von 72,9 Milliarden Frcs. erbrachten, 
lieber die Einzelheiten der Anleihen gewährt die folgende Aufstellung 
«inen Ueberblick : 









Gezeich- 
neter 
Nominal- 
betrag 
Milliarden 
Frcs. 


Eingezahlter Betrag 


Ausgabe- 


Verziüauug 


überhaupt 

Milliarden 

Frcs. 


davon Bar- 
zahlungen in 
Proz. der Ein- 
zahlungen 


davon in Bons de la 


Datum 


nominell 
Proz. 


tatsächl. 
Proz. 


defense nationale 
in Proz. der Ein- 
zahlungen 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


Nov. 1915 
Okt. 1916 
Dez. 1917 
Okt. 1918 
Febr. 1920 


5 
5 
4 
4 
5 


5,73 
5,71 
5,83 
5,65 
5,00 


15,2 
11,5 
14,9 
31,3 
16,2 


13,3 
10,1 
10,2 
22,1 
16,2 


47 
54 
50 
32 
40 


17 
37 
45 
59 

54 



1) Föderal Eeserve Bulletin, February 1921, Documents Parlementaires 1920/21. 



252 Miszellen. 

Ebenso wie in Deutschland sank trotz der stetigen Verbesserung der 
Zeichnungsbedingungen — die Anleihe vom Februar 1920 ist mit 
150 Proz. rückzahlbar, die folgende vom November 1920 darf nicht vor 
1931 konvertiert oder getilgt werden — der Prozentanteil der Barzahlungen. 
Der Anteil der sonstigen Zahlungsmittel, als welche zum Teil die übrigen 
französischen Renten, Kriegsanleihen, unbezahlte garantierte Russenkupons, 
Obligations de la defense nationale und Bons de la defense nationale an- 
genommen wurden, stieg naturgemäß im entsprechenden Verhältnis. Im 
November 1920 wurde noch eine Anleihe aufgelegt, die mit 6 Proz. ver- 
zinslich, zu Pari ausgegeben wurde und nominell 27 Milliarden, an barem 
Gelde aber nur 14,5 Milliarden Pres, erbrachte. 

Zur Vorbereitung der Ausgabe der Kriegsanleihen diente der Verkauf 
von 1 — 12 monatlichen Schatzwechseln, die der Popularisierung halber den 
Namen „Bons de la defense nationale" erhielten. Im Laufe des 
Krieges wurden sie in Stücklungen bis zu 5 Pres, herab ausgegeben und 
an den Postschaltern verkauft. Im Mai 1918 wurden sogar Schatzwechsel 
mit 1 monatlicher Gültigkeit in Stücklungen von 100 bis 500 Pres, aus- 
gegeben, die mit 3,60 Proz. zu verzinsen waren. Infolge dieser Ausstattung 
erfreuten sich die Bons de la defense nationale einer großen Beliebtheit 
und eines wachsenden Absatzes. Mit Ausnahme der Zeiten, wo neue 
Kriegsanleihen ausgegeben wurden, nahm daher der Betrag der ausgegebenen 
Bons dauernd zu. So waren in Umlauf (in Milliarden Pres.) am 



10. Jan. 1915 


2,0 


15. Nov. 


1917 


23,0 


31. Okt. „ 


8,5 


31. Dez. 


n 


19,5 


31. Dez. „ 


6,3 


31. Okt. 


1918 


30,0 


30. April 1916 


io,0 


31. Dez. 


ft 


22,3 


30. Sept. „ 


15,1 


30. Juni 


1919 


33,9 


31. Okt. „ 


11,6 


30. Nov. 


>? 


46,5 


31. Dez. „ 


12,6 


1. Juli 


1920 


44,2 


31. März 1917 


15.4 









Um den Betrag der schwebenden Verpflichtungen zu konsolidieren 
und um die Einzahlungen auf die S^/g proz. Rente — die unmittelbar vor 
Kriegsausbruch aufgelegt und beinahe viermal überzeichnet worden war — 
zu beschleunigen, wurden erstmalig im Februar 1915 Obligations de 
la defense nationale ausgegeben. Die Verzinsung betrug 5 Proz. , 
die Laufzeit 5 und 10 Jahre; sie wurden, ohne an eine bestimmte 
Zeichnungsfrist gebunden zu sein, in den Zeiten zwischen den Kriegs- 
anleihen aufgelegt, für die sie dann in Zahlung gegeben werden konnten. 
So betrugen die ausgegebenen „obligations" am 31. Dez. 1915 3,7 Milli- 
arden Pres., am 1. Januar 1916 — nach Ausgabe der ersten ICriegs- 
anleihe — aber nur noch 0,6 Milliarden. Niemals belief sich der aus- 
gegebene Betrag auf mehr als 4 Milliarden Pres. Am 1. Juli 1920 war 
nur der verhältnismäßig geringe Betrag von 0,2 Milliarden 5 jähriger und 
0,8 Milliarden Pres. 10 jähriger „obligations" im Umlauf. 

Neben den inneren Anleihen hat Frankreich noch große Anleihe- 
beträge im Ausland aufnehmen müssen, da es einerseits infolge der 
Invasion seiner industriereichsten Provinzen gezwungen war, Rohstoffe, 
Nahrungsmittel und Munition im Ausland zu kaufen, während andererseits 
die Geldmittel des Landes zur Finanzierung des Krieges nicht ausreichten. 



Miszellen. 153 

Diese Beträge beliefen sich am 1. Juli 1920 nach einer amtlichen französi- 
schen Aufstellung auf 34,3 Milliarden Frcs. Tatsächlich sind jedoch die auf- 
genommenen Summen bedeutend größer, da die Umrechnung der geliehenen 
Beträge zu Pari erfolgte, und die französische Valuta bekanntlich immer 
stärker an Wert verlor. Da, wie aus der folgenden Aufstellung zu er- 
sehen ist, die Verpflichtungen in den meisten Ländern nur kurzfristiger 
Natur sind, müssen sie entweder weit über Pari zurückgezahlt oder die 
Rückzahlimgstermine hinausgeschoben werden. Die ausländischen Ver- 
pflichtungen Frankreichs setzten sich am 1. Juli 1920 im einzelnen wie 
folgt zusammen : 





MiU. Frcs. 


In England diskontierte Schatzwechsel 


31 


Bei der Bank von England diskontierte Schatzwechsel 


1639 


Beim englischen Schatzamt „ „ 


12327 


In den Vereinigten Staaten „ „ 


128 


In Japan diskontierte Schatzwechsel 


78 


Kurzfristige Kredite in 




Spanien 


593 


Schweden 


70 


Norwegen 


83 


Argentinien 


145 


Schweiz 


140 


Niederlande 


115 


England 


321 


Uruguay 


80 


Englisch-franz. Anleihe in den Vereinigten Staaten 


1295 


Anleihen der Städte Paris, Lyon, Bordeaux, Marseille 


492 


Anleihe in Japan 


258 


Vorschuß des Amerikanischen Schatzamtes 


14428 


Zur Bezahlung von Heeresvorräten der amerikanischen Ke- 




gierung übergebene Schaldverschreibungen 


2 072 


Insgesamt 


34296 



Weitaus die größten Beträge sind hiernach bei den Schatzämtern der Ver- 
einigten Staaten und Englands geliehen, so daß eine Verlängerung dieser 
Kredite nicht unwahrscheinlich ist. Die Gewährung des bis zwei Jahre 
nach Kriegsende dauernden Kredits von 1,6 Milliarden Frcs. durch die 
Bank of England erfolgte gegen Hinterlegung von 24 jVIill. £ Gold durch 
die Banque de France. Am 30. September 1920 betrug die auswärtige Schuld 
Frankreichs — zum damaligen Kurs umgerechnet — 77 Milliarden Frcs., 
wovon 44 Milliarden langfristige Anleihen und 33 Milliarden schwebende 
Schulden waren. 

Außer durch Hinterlegung von Gold hat die Banque de France auch 
sonst in starkem Maße durch Gewährung von Vorschüssen an den 
Staat zur Finanzierung des Krieges beigetragen. Gleich zu Beginn des 
Krieges machte die Regierung von dem ihr zustehenden Rechte, 2,9 Milli- 
arden Frcs. bei der Banque de France gegen eine Verzinsung von 1 Proz. 
zu leihen, Gebrauch. Angesichts des dringenden Geldbedarfs des Staates 
und der bequemen Art der Geldbeschaffung wurde jedoch diese Höchst- 
grenze und entsprechend auch die Höchstgrenze für die Notenausgabe 
während des Krieges dauernd heraufgesetzt; letztere beträgt zur Zeit 
43 Milliarden Frcs. Wie die Vermehrung der Vorschüsse an den Staat 



154 



Miszelleu. 



auf den Notenumlauf der Banque de France wirkte, zeigt die folgende 
TJeb ersieht : 



Datum 


Vorschuß an 

den Staat 
MilliardenFrcs. 


Notenumlauf 
MilliardenFrcs. 


Datum 


Vorschuß an 

den Staat 
MilliardenFrcs. 


Notenumlauf 

MilliardenFrcs. 


Juli 1914 

Dez. 1914 

- 1915 

; 1916 

: 1917 


o,2 
3,9 
5,9 
9,4 
15,9 


6,7 
io,0 
13,4 
i6,7 

22,3 


Dez. 1918 

„ 1919 

Juli 1920 

Dez. 1920 


20,9 

29,5 
29,6 

32,8 


30,4 
37,3 
37,7 
37,9 



Die Vorschüsse an den Staat sind hiernach von 0,2 auf 32,8 Milliarden Frcs. 
dauernd gestiegen, eine Zunahme , die nur bei Auflegung der Kriegs- 
anleihen und beim "Waffenstillstand unterbrochen werden konnte ; in diesem 
Betrage waren zu Ende 1920 aber noch 4,0 Milliarden Frcs. enthalten, 
die der Staat der Banque de France für Vorschüsse an Verbündete 
schuldet. Die Vorschüsse der Banque d'Algerie stiegen von 75 Mill. Frcs. 
zu Ende 1915 auf 231 im Dezember 1919, um bis Ende 1920 wieder 
auf 43 Mill. Frcs. zu sinken. 

Schließlich sind noch die regulärste Quelle zur Finanzierung des 
Krieges, die Steuereinnahmen zu erwähnen, aus der von August 1914 
bis Juli 1920 43 Milliarden Frcs. flössen. Zu ^/^ bestanden diese Ein- 
nahmen aus indirekten Steuern und Erträgen der Monopole, zu ^|^ aus 
direkten Steuern. Eine Vermehrung der Steuerlast ist während des Krieges 
nur in geringem Umfange vorgenommen worden, so daß die Gesamt- 
einnahmen nur von 4,1 Milliarden Frcs. im Jahre 1915 auf 10,2 Milliarden 
1919 anstiegen. Erst im Jahre 1920 wurden die Steuern in größerem 
Umfange erhöht und neue geschaffen , wodurch die Einnahmen auf 
12,9 Milliarden gebracht wurden. 



Miszellen. 155 



VII. 

Volkswirtschaft und Außenhandel Costa Ricas. 

Von Dr. Ernst Schnitze, Leipzig. 

Das schwere Zerwürfnis zwischen Panama und Costa Rica lenkt die 
Augen der Welt von neuem auf die Verhältnisse Mittelamerikas. Es ist 
ein typischer Konflikt, der hier ausgebrochen ist : z-svischen einem der 
nordamerikanischen Union abhold gesinnten — und einem in ihrem Fahr- 
wasser segelnden Staatswesen. Panama hat manche Ursache (nicht nur 
wegen der Art der diu'ch eine korrupte Revolution erfolgten Lostrennung 
des Landstreifens beiderseits des Panamakanals) den Vereinigten Staaten 
zu zürnen. In Costa Rica dagegen ist wenigstens die Regierung den 
letzteren günstig gesinnt, und da bisher kein Grund vorliegt, einen Teil 
des costaricanischen Gebietes für die Union zu beanspruchen, der Außen- 
handel des Landes sich aber ganz nach dem Wunsche Nordamerikas ent- 
wickelt, so scheinen beide ein Herz und eine Seele, wie denn die erregten 
Kundgebungen in Panama sich nicht aus Zufall gemeinschaftlich gegen 
Costa Rica und den Gesandten der Union richteten. 

Der Außenhandel Costa Ricas zeigt eine wachsende wirtschaft- 
liche Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten. Schon 
vor dem Kriege ging mehr als die Hälfte der Ausfuhr Costa Ricas nach 
der Union, auch an der Einfuhr war sie fast in derselben Höhe beteiligt. 
An zweiter Stelle stand Deutschland, an dritter England ; alle anderen 
Staaten folgten in weiterem Abstand. Was den Vereinigten Staaten den 
Handel mit diesem Lande besonders erwünscht macht, ist einerseits, daß 
es eine eigene Industrie noch nicht einmal in den allerbescheidensten An- 
fängen besitzt — und andererseits, daß es eine Anzahl von Nahrungs- 
mitteln und Rohstoffen in großem Maßstab liefert, die für Nordamerika 
unentbehrlich sind ; dazu außerdem noch Gold und Silber in nicht geringer 
Menge. 

Beschränkt sich doch die Industrie auf die Verarbeitung von Kaffee, 
Zucker und Tabak, ferner auf die Herstellimg von Branntwein, die Staats- 
monopol ist, von Bier, IVIineralwasser, Eis, gewöhnlichen Seifen, Kerzen 
und Streichhölzern, weiter auf die elektrische Erzeugung von Licht und 
Kraft, die Anfertigung von Schuhwerk, einfachen Backsteinen und Mosaik- 
platten, Seilen und Stricken. Unter den Gewerbebetrieben stehen also an 
der Spitze die wirtschaftlichen Nebenbetriebe. Von den übrigen hat 
sich zu einer gewissen Blüte nur die Möbelfabrikation entwickelt, da 
vortreffliche Rohstoffe (namentlich Zeder- und Mahagoniholz) im Lande 
selbst reichlich vorhanden sind. Die Möbelerzeugung ist durch einen 



156 Miszellen. 

hohen Schutzzoll vor dem ausländischen Wettbewerb geschützt. Irgend- 
welche Ausfuhr von Industrieerzeugnissen aber ist nicht zu verzeichnen. 
In den Jahren vor dem Kriege stellte sich die Außenhandels- 
bewegung Costa Ricas in folgenden Ziffern dar (in Colones) : 

Einfuhr Ausfuhr Ausfnhr- 

ohne gemünztes ausschließlich ;ii.<,,.a»v,,iR 

Gold Barrengold uDerscüuu 

1909 13 139653 17583348 4443695 

1910 16984377 18009385 1025008 

1911 19059609 19 191 808 132 199 

1912 18 558 621 21273905 2715284 

Wenn die Einfuhr 1911 erheblich zunahm, so waren daran mancherlei 
Umstände beteiligt: für das Ende des Jahres war ein neuer Zolltarif an- 
gekündigt (der mit einigen Aenderungen am 15. März 1912 in Kraft trat) 
— - so daß die Kaufleute vorher nicht unerhebliche Vorräte der Gegen- 
stände einführten, deren Zölle eine Erhöhung erfahren sollten. Mehrere 
Geschäftshäuser in der Hauptstadt und in Colon brannten im gleichen 
Jahre ab, so daß durch gesteigerte Einfuhr Ersatz für die vernichteten 
Waren geschaffen werden mußte. Endlich herrschte eine erhöhte Bau- 
tätigkeit, weil die starken Erdbeben des Jahres 1910 die Stadt Cartago 
in Trümmer gelegt und in vielen anderen Ortschaften bedeutenden Schaden 
angerichtet hatten, so daß eine vermehrte Einfuhr von Baumaterialien nötig 
war. Infolgedessen sank der Ausfuhrüberschuß 1911 auf wenig mehr als 
100 000 Colones (1 Colon = 1,95 Goldmark), während er sich in der Regel 
auf mehrere Millionen stellte. 

An der Einfuhr waren in absoluten und in relativen Ziffern, sowie 
in Verhältnisziffern in den Jahren 1911 und 1912 beteiligt: 



Vereinigte Staaten 

Deutschland 

England 

Frankreich 

Spanien 

Italien 

Belgien 

Spanisch- Amerika 

Die deutsche Einfuhr hatte 1910 erst 11,95 Proz, der Gesamteinfuhr 

ausgemacht und damals erst die englische, die den zweiten Platz inne 

hatte, überholt. Beispielsweise hatten die Ziffern für 1907 und 1908 

gelautet : 

1908 1907 1908 1907 1906 

Wert 1000 Colones Proz. der Gesamteinfuhr 

Vereinigte Staaten 5408 7124 

Großbritannien 2649 3690 

Deutschland 175° 1716 

Frankreich 904 790 

Spanien 311 34 1 

Italien 254 401 

Belgien 199 124 

Spanisch-amerikan. Länder 578 1425 



1911 


1912 


1911 


1912 


Wert in 


Colones 


Proz. der Gesamteinfuhr 


8 836 495 


9 363 349 


46,29 


50,46 


3627 118 


3 199 881 


19,03 


17,24 


3 304 507 


2 959 580 


17,34 


15,95 


944 667 


902 529 


4,95 


4,86 


413 781 


363 306 


2,17 


1,96 


527523 


390 826 


2,76 


2,11 


139 251 


115 561 


0,73 


o,62 


212549 


275 135 


1,10 


1,48 



46,50 


44,95 


48,49 


22,78 


23,28 


21,71 


15,05 


io,83 


11,20 


7,77 


4,98 


4,99 


2,68 


2,15 


2,66 


2,19 


2,53 


2,32 


1,71 


o,78 


0,74 


1,25 


8,99 


4,95 



Miszellen. 157 

Diese Verschiebung hatte der deutsche Handel zum Teil der gesteigerten 
Einfuhr folgender Waren zu verdanken : Zement, Stearin, Dünger, pharma- 
zeutische Waren, Wollen- und Baumwollengewebe, Steingut, eisernes Ge- 
schirr, Goldschmuck, Eisenkonstruktionen, Spielwaren. 

Die Gesamteinfuhr verteilte sich auf die folgenden hauptsäch- 
lichsten Waren gruppen: 





1910 


1911 


1912 






Wert in Colones 




ßeis 


279 142 


336 496 


484 405 


Kohle 


318428 


419288 


313936 


Bier 


138935 


197 411 


169853 


Gegerbtes Leder 


185 558 


211 327 


251 831 


Konserven 


159912 


164 024 


141 851 


Eisenkonstruktionen 


624 528 


549 737 


625 108 


Röhren 


619 105 


242 079 


253 660 


Weizenmehl 


730851 


840 560 


718419 


Holz 


329 145 


319300 


336 181 


Schmalz 


467 673 


428 141 


368 428 


Möbel 


105 636 


130843 


130017 


Baumaterial 


147 833 


94468 


82 904 


Elektr. Material 


233757 


198 731 


271475 


Material für Eisenbahnen 


529 780 


569 723 


583372 


Material für Straßenbahnen 


172648 


80356 


48980 


Material für Kanalisation 


83661 


28154 


16 194 


Pharmazeutische Produkte 


274 444 


383 308 


421 078 


Kautabak 


117 769 


132 024 


115 194 


Rohtabak 


74258 


80273 


98 142 


Verarbeiteter Tabak 


105 893 


118 445 


152834 


BaurawoUengewebe 


I 770 716 


2 630 653 


I 972 181 


Wollengewebe 


166457 


201 064 


122696 


Seidengewebe 


125 410 


320 458 


270 703 



Das gi'oße Uebergewicht der nordamerikanischen Einfuhr 
beruht einmal darauf, daß die Vereinigten Staaten den Vorzug der geo- 
graphischen Nähe haben, weiter aber auf dem Umstand, daß große und 
kapitalkräftige nordamerikanische Gesellschaften (die United Fruit Co., 
Northern ßailway Co., Minengesellschaften, Bergwerksgesellschaften usw.) 
ihre Bedürfnisse systematisch in den Vereinigten Staaten zu decken 
suchen. Außerdem ist das Land auf die Einfuhr mancher Lebensmittel 
(beispielsweise Mehl, Büchsenfleisch und Speck) angewiesen, die hauptsäch- 
lich aus den Vereinigten Staaten bezogen werden. 

Immerhin befanden sich die größten Einfuhrhäuser in San 
Jose in den Händen von De u t s c h e n , mit Zweiggeschäften in Limön, wo 
übrigens auch die United Fruit Co. ihr Hauptgeschäftshaus hat. 

Der Groß- und Kleinhandel mit Lebensmitteln, sowie die Kurz- und 
Weißwarengeschäfte befanden sich hauptsächlich in den Händen von 
Spaniern, während Eisenwaren und Haushaltungsgegenstände von Colum- 
bianern verkauft werden, und die Kleinhändler endlich, die von den 
Einfuhrhäusern beziehen, größtenteils Costaricaner und Syrier sind. 
In der westlichen Hälfte des Landes sind auch Chinesen darunter, die 
in Costa Rica ebensowenig beliebt sind, wie in den übrigen Ländern Mittel- 
amerikas. 



158 Miszellen. 

Unter den Ländern, nach denen eich die Ausfuhr Costa Ricas 
richtet, stehen die Vereinigten Staaten an der ersten Stelle. Für 1910 
und 1911 lauten die Ausfuhrziffem 

1910 1911 1912 

Proz. der 
Wert in Colones Gesamt- 

ansfuhr 
Deutschland 591,2 647,0 i 190,6 5,55 

Vereinigte Staaten von Amerika 10845,4 10581,8 10692,9 49,90 

Großbritannien 6360,5 7631,7 8921,3 4i,64 

Frankreich 81,6 129,0 280,0 i,30 

Daß England hier Deutschland erheblich übertraf, beruhte auf der 
Zusammensetzung der costaricanischen Ausfuhr: etwa die Hälfte der Ge- 
samtausfuhr besteht aus Bananen, die aUergrößtenteils nach Nordamerika 
oder nach Großbritannien gingen; von dem an zweiter Stelle stehenden 
Kaffee gingen ^/^ nach England ; während Gold und Silber, die an 
dritter Stelle kamen, ihre Hauptabnehmer überwiegend in Nordamerika 
fanden — oder vielmehr (handelsbilanzmäßig ausgedrückt) die nordameri- 
kanische Einfuhr nebst den Löhnen und Gehältern der in Costa Rica 
lebenden Nordamerikaner zum Teil durch diese Gold- und Silberausfuhr 
gedeckt werden mußte. 

Wenn trotzdem 1912 der Wei't der Ausfvihr Costa Ricas nach 
Deutschland fast auf das Doppelte in die Höhe ging, so war dies auf 
den Umstand zurückzuführen, daß damals größere Mengen Kaffee, die sonst 
über London gingen, unmittelbar nach Hamburg verschifft wurden; wie- 
viel von der übrigen scheinbar nach England bestimmten Ausfuhr von dort 
zur Wiederausfuhr nach Deutschland und anderen Ländern bestimmt war, 
läßt sich aus der Handelsstatistik Costa Ricas nicht ersehen. 

Das Bananengeschäft gehört größtenteilt der United Fruit 
Co., einem nordamerikanischen Unternehmen. 1912 gehörten ihr von der 
insgesamt mit Bananen bestandenen Fläche von 32 000 ha mehr als die 
Hälfte (17 388 ha). Zu ^/^ ging die Bananenausfuhr nach den Vereinigten 
Staaten, der Rest nach England. Die Verschiffung betrug: 

1909: 9 365 690 Büschel 
1910: 9097285 
1911: 9309586 
1912: 10647 702 „ 

Nur 1907 und 1908 hatte die Bananenausfuhr bereits 10 Mill. Büschel 
erreicht; 1912 kam man wieder auf dieselbe Höhe. 

Die zweitwichtigste Ausfuhr ist der Kaffee. Auf ihn entfällt etwa 
^/g der gesamten Ausfuhr des Landes. Allein die Bedeutung des Kaffees 
für das Wirtschaftsleben Costa Ricas ist größer als die der Bananen : die 
Kaffee-Ernte entscheidet geradezu über die Kaufkraft der Bevölkerung. 
Die mit Kaffee angebaute Fläche wurde 1912 auf rund 33 000 ha ge- 
schätzt, also unwesentlich höher als die Bananenfläche. Manches für 
Kaffeepflanzungen benutzte Stück Land hatte man wegen Uebermüdung 
des Bodens zu Weide machen müssen. Die Versuche, zu einer inten- 
siveren Bewirtschaftung überzugehen, knüpften sich an die Verwendung 
künstlichen Düngers, den man vor allem aus Deutschland bezog; gute 



Miszellen. 159 

Erfolge wurden mit Schwefel- und chlorsaurem Kali erzielt, das die 
Blätter der Kaffeepflanze kräftigt und die Einwirkungen der Trockenzeit 
widerstandsfähig macht; daneben findet Phosphorsäure Verwendung, der 
man einen günstigen Einfluß auf die Entwicklung der Blüte zuschreibt, 
sowie Stickstoffdünger, der die Notreife verhüten soll. Zur Vordüngung 
verwendet man Kalk, der im Lande selbst vorhanden ist. "Wo noch ge- 
nügend frisches Land zur Verfügung stand, wurde Dünger früher kaum 
verwendet. Der Kaffeebauer begnügte sich damit, die Schalen in die 
Pflanzung zu schütten. Nicht einmal Viehdünger wurde benutzt, da keine 
Stallfütterung bestand. 

An Kaffee wurde verschifft: 

von der Ernte kg Rohgewicht Wert in Colones 
1908,09 12 030 104 5 677 146 

1909/10 14396926 5 916 181 

1910/11 12 641 156 6109542 

1911/12 12237875 7623561 

Von den einzelnen Bestimmungsländern erhielten an Kaffee in 
je 1000 kg: 

Deutschland Yer. Staaten England Frankreich 

von der „„„„u-u ^^ der „„„„u«i* in der „»c„i,ku i° der „„„„usu 

Ernte «^'"^''^^ Schale »^'"^^^ Schale «^''^^* Schale «^'^^^* 

1910/11 317 641 933 96 3349 7013 274 

1911/12 498 953 654 42 4791 4868 372 

1912/13 653 499 225 56 6114 4312 321 

Der bei weitem größte Teil der Kaffeeverschiffungen ging über den 
Hafen Limön an der atlantischen Küste. Beteiligt waren vor allem 
die Dampfer der „Hapag", der „United" und der mit letzterer verbün- 
deten „Eiders and Fyffes"-Linie. 

Gold und Silber, für die Handelsbilanz Costa Ricas wie gesagt 
von erheblicher Bedeutung, wurden in Barren in jenen Jahren ausgeführt 
im "Werte von: 

1909 : I 705 048 Colones 

1910: 1744487 

1911: 2517372 „ 

1912: 1625 117 „ 

"Unter der übrigen Ausfuhr war von Bedeutung die von Hölzern. 
Davon wurden verschifft: 

kg Wert in Colones 

1909 4 635 806 69 509 

1910 5668059 169079 

1911 6 III 893 193732 

1912 7 843 369 265 483 

Die Verladung der hauptsächlich zur Ausfuhr gelangenden Edelhölzer 
(Zeder, Mahagoni, Cocobolo- und Gelbholz) erfolgte ohne Ausnahme über 
die pazifischen Küstenplätze, da die "Waldungen Costa Ricas in der west- 
lichen Landeshälfte liegen ; auch die Eisenbahn in der pazifischen Hälfte 
feuert mit Holz, während die atlantische Eisenbahn mit Kohlen heizt, die 
eingeführt werden müssen. Die Ausfuhr der Hölzer geschah zum Teil 
mit Dampfern der „Kosmos "-Linie, zum andern Teil auf Seglern ver- 
schiedener Nationen. Das auf der atlantischen Seite wachsende Holz ist 



160 



Miszellen. 



infolge des dort herrschenden feuchten Klimas zu weich und schwammig, 
als daß es sich zur Ausfuhr eignete. 

Auch die Ausfuhr von Häuten und Fellen war nicht unerheblich : 

kg Wert ia Colones 

1909 402 945 244 772 

1910 393 475 269719 

1911 299118 188542 

1912 405 731 251 073 

^/jo davon waren Rindshäute ; der Rest Rehfelle. Der größte Teil 
der Häute und Felle ging in die Vereinigten Staaten. 

Endlich war für die Ausfuhr von Bedeutung die von Kakao: 

kg Wert in Colones 

1909 234997 119 926 

1910 183895 88556 

1911 343027 185806 

1912 309410 182988 

Schließlich wäre Kautschuk zu nennen, von dem geerntet wurde ^) : 

kg Wert in Colones 





1909 




66201 


154314 




1910 




84261 


219957 




1911 




73958 


180 784 




1912 




78748 


200 825 


Der Krieg brachte dem 


Außenhandel Costa Ricas fast sofort eine 


be deutende 


Steigerung. 


Englische Quellen gaben dafür folgende 


Ziffern an (in 


£): 












Einfuhr 


Ausfuhr 


Ausfuhr-Ueberschuß 


1908 




I 158448 


I 592 199 


— 433751 


1909 




I 253 194 


I 682 116 


— 428922 


1910 




I 539 165 


I 714826 


-- 175 661 


1911 




I 823 886 


I 836 536 


12650 


1912 




2 087 189 


I 050 523 


— 36 666 


1913 




I 787 335 


2 124 107 


-- 336772 


1914 




I 557 047 


2239535 


-- 682488 


1915 




923 460 


2055996 


--I 132 536 


1916 




I 361 634 


2 293 025 


-- 931 391 


1917 




I 153658 


2 346 839 


+ I 193 181 



Von anderer Seite wurden etwas abweichende Ziffern genannt. So 
gibt das „Commerce Monthly" der National Bank of Commerce in New 
York 2) für den Außenhandel Costa Ricas folgende Ziffern an (in je 
1000 Colones): 

Einfuhr 
18532 
9632 
14 202 
12033 
8032 
16 168 



1910—14 durchschnittlich 
1916 
1916 
1917 
1918 
1919 



Ausfuhr 


Ausfuhr-Ueberschuß 


20837 


2305 


21444 


11812 


23916 


9714 


24478 


12445 


20697 


12 665 


38170 


22 002 



Nur in den ersten Monaten des Krieges war der Außenhandel des 
Landes wie von einer Lähmung befallen. Die deutschen Schiffe blieben 



1) Die bisher genannten Ziffern entstammen zum großen Teil verschiedenen 
Nummern der „Nachrichten für Handel, Industrie und Landwirtschaft". 

2) Dezember 1920, S. 26. 



Miszellen. 161 

aus, die deutsche Einfuhr war abgeschnitten, aber auch der Handel mit 
den übrigen Ländern war infolge der Zerrüttung der weltwirtschaftlichen 
Beziehungen gelähmt. Allein diese Stagnation dauerte nicht lange, und 
erst 1918 stellte sich, nachdem die Ziffern der vorhergehenden Jahre 
immer weiter in die Höhe geschnellt waren, ein empfindlicher Rückgang 
sowohl der Einfuhr wie der Ausfuhr ein. Indessen blieb der Ausfuhr- 
überschuß auf derselben Höhe wie 1917. Im Jahre 1919 aber schnellte 
der Ausfuhrüberschuß von 12,7 bis auf 22,0 Mill. Colones hinauf. 

In den Kriegsjahren gelang es den Vereinigten Staaten, ihren 
Handel mit Costa Rica gewaltig auszudehnen. Die europäischen Konkur- 
renten schalteten sich zum großen Teil selbst aus, vmd so wurde es den 
USA möglich, 1918 nicht weniger als 90 Proz. der gesamten Ausfuhr 
Costa Ricas an sich zu ziehen. 

Das ist nun freilich 1919 in relativen Ziffern (nicht in absoluten!) 
wieder anders geworden. Indessen verhinderte die Produktionschwäche, 
unter der die europäischen Länder immer noch leiden, eine kräftige Wieder- 
gewinnung der Absatzmärkte in Costa Rica durch England und Deutsch- 
land, so daß 1919 von der Einfuhr Costa Ricas mehr als 75 Proz. aus 
den Vereinigten Staaten kamen. 

Von 1913 bis 1919 stellten sich die wichtigsten Ausfuhrziffern 
Costa Ricas in je 1000 Colones: 

1913 1914 1915 1916 1917 1918 1919 

Bananen ii 171 10 163 9522 10059 8690 7130 7271 

Kaffee 7753 10029 8022 9123 8128 7965 25104 
Gold und Silber in 

Barren 1828 1911 1733 2165 2197 i 711 1579 

Kakao 226 182 376 480 605 512 i 158 

Häute und Felle 286 256 344 325 ') 663 *) 272 386 

Gummi 96 26 106 140 96 22 — *) 

Hölzer 304 266 106 HO 618 987 578 

üebrige Waren 533 526 1235 1 514 3481 2098 2094') 

Zusammen 22197 23359 21444 23916 24478 20697 38170 

Von der Bananen ausfuhr geht nach wie vor etwa '/^ in die Ver- 
einigten Staaten, der Rest nach England. Die Arbeitskräfte werden größten- 
teils von Negern aus Jamaica gestellt, die gegen das gelbe Fieber immun 
sind, das in dem Bezirk an der atlantischen Küste, wo die Bananen haupt- 
sächlich gepflanzt werden, herrscht. 

Auch von den übrigen in der letzten Tabelle genannten Ausfuhr- 
waren ging der größte Teil in den letzten Jahren in die Vereinigten 
Staaten ; die Gold- und Silberausfuhr sogar ausschließlich. 

Von der Kaffee produktion Costa Ricas nahm vor dem Kriege Eng- 
land den größeren Teil auf, während als zweitbester Käufer die Vereinigten 
Staaten und Deutschland in Betracht kamen. Heute geht die Kaffee-Ernte 
Costa Ricas fast genau zur Hälfte nach den Vereinigten Staaten und nach 
England. Ein großer Teil des Kaffees wird von kleinen Pflanzern gebaut 



1) Für 1916 und 1917 sind hier nur die Viehhäute angegeben. 

2) Die Gummiausfuhr ist 1919 in den 2 094 000 Colones der „übrigen Waren** 
mitgezählt. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 11 



162 



Miszellen. 



auf Farmen, deren Betriebsgröße zwischen 2 und 20 acree (acre = 0,4 ha) 
schwankt. Da sie über wenig Betriebskapital verfügen, lassen sie sich 
die Ernte in der E.egel schon vorher von den Kaffeefabriken beleihen, 
während diese ihrerseits sich Vorschüsse von den Exporteuren geben lassen. 
1919 waren die Kaffeepreise ungewöhnlich hoch, so daß auch die Pflanzer 
gute Gelderträge erzielten. Aber das blieb nur bis in den Anfang des 
Jahres 1920 so : Im März wurde Costa B,ica-Kaffee im New Yorker Groß- 
handel mit 28 Cents das Pfund verkauft; dann geriet der Preis ins 
Wanken, gab allmählich bis auf 22 Cents nach — um dann schnell auf 
ungefähr 14 Cents zu stürzen. In London ging der Costa Rica-Kaffee 
von etwa 180 — 200 sh für den Zentner um rund 40 sh zurück. Die 
Aussichten für die Pflanzer sind deshalb trübe, die Pfianzungsfläche hat 
eine Einschränkung erfahren. 

Auf die Kaufkraft des ganzen Landes hat dieser Preisrückgang 
des hauptsächlichsten Stapelprodukts verderblich gewirkt. Noch 
während der zweiten Jahreshälfte 1919 bis in den Anfang 1920 hinein 
war die Einfuhr sehr stark, da man annahm, der Kaffeepreis werde auf 
seinem Hochstand verharren; man hatte daher zahlreiche Bestellungen ins 
Ausland vergeben. Als der Preissturz eintrat, war die Folge, daß die 
Warenlager mit Gütern überfüllt waren, die sich nun schwer verkaufen 
lassen, so daß die Einfuhr bedeutend gesunken ist. 

Die Einfuhrziffern für 1919 sind mir nach Warenklassen noch 
nicht bekannt. Immerhin läßt sich aus den Zahlen für die vorhergehenden 
Jahre ein Bild der Zusammensetzung der Einfuhr nach Costa Rica ge- 
winnen. Die Zahlen lauten : 

Einfuhr nach Costa Rica nach Warenklassen 
(in je 1000 Colones) 

1913 1914 1915 1916 1917 1918 

Baumwollwaren 1820 1721 1004 1 414 532 350 

Mehl 560 407 483 1 05 1 1 203 607 

Kaffeesäcke 191 166 212 282 175 241 

Eisenbahnmaterial 861 519 134 64 1 052 58 

Beis 317 345 234 307 333 93 

Drogen u. Chemikalien 335 353 249 158 317 14 

Schmalz 431 441 310 375 271 32 

Weizen 472 788 718 1 — — 

Eindvieh 695 477 206 396 272 1 028 

Elektrische Materialien 332 375 205 242 151 — 

Kohle 564 538 230 172 181 44. 

Automobile 150 64 50 147 85 22 

Andere Waren 11950 10046 5597 9593 7461 5543 



Zusammen 



18678 16240 



9632 



14202 



12033 



8032 



In der Einfvihr spielen also Lebensmittel eine bedeutsame RoUe,. 
während der zweitwichtigste Posten aus Baumwollwaren besteht. Die 
Kriegsjahre brachten bedeutende Schwankungen. Zunächst ging die Ein- 
fuhr zwischen 1914 und 1915 von 16 auf 9 Mill. Colones zurück, um 
jedoch 1916 wiederum 14 MiU. zu erreichen. Wenn in den beiden 
folgenden Jahren wiederum ein Absinken auf 12, bzw. 8 Mill. erfolgte, 
so kann die Ursache nicht wohl in verminderter Kaufkraft gelegen haben,. 



Miszellen. 163 

da die Ausfuhr sich ja durchaus günstig entwickelt hatte. Vielmehr 
sickerten nun eben die Einfuhrquellen infolge des Krieges spärlicher. Man 
sieht das namentlich an dem Rückgang der Einfuhr von Baumwollwaren 
und ganz besonders an dem Eisenbahnmaterial, dessen Einfuhr 1916 sich 
auf weniger als den 13. Teil von 1913 stellte, um 1917 einen merk- 
würdigen Sprung nach oben zu tun, 1918 aber noch tiefer zu sinken. 
Wenn die Einfuhr von Reis in dem letzteren Jahre ungewöhnlich niedrig 
stand, so ist die Ursache in der Reis-Teuerung zu suchen, die damals in 
der ganzen Welt zu spüren war. Dagegen ist die Einfuhr von KafEee- 
säcken ziemlich gleichmäßig geblieben , da ja die Kaffeeaußfuhr keinen 
Rückgang erlitt. 

1919 betrug der Gesamtwert der Einfuhr IH 168 000 Colones. Es 
war mithin eine aktive Handelsbilanz von 22 Mill. zu verzeichnen; 
indessen ist durch die allzugroßen Bestellungen, die man damals ans Aus- 
land vergab, eine Ueberspannung eingetreten , die den Devisenkurs 
Costa Ricas zu scharfem Rückgang brachte. Da die Einfuhr zum großen 
Teil aus den Vereinigten Staaten kommt, und die Valuta Costa Ricas 
ebenso wie die der meisten mittel- imd südamerikanischen Länder jetzt in 
New York unterwertig ist (während der Kriegsjahre war das nicht immer 
so), so drückt die Ueberspannung der Einfuhr auf das Wirtschaftsleben 
des Landes empfindlich. 

Auch die Entwicklung der Staatsfinanzen hat seit dem Kriege 
eine ungünstige Richtung eingeschlagen. Freilich waren schon früher die 
Ausgaben gewöhnlich etwas größer als die Einnahmen. Indessen ist der 
Fehlbetrag seit 1914 bedeutend gewachsen: 1919 erreichte er eine 
Höhe von 9 813160 Colones. Für 1920 waren beträchtliche Ersparnisse 
geplant, so daß der Voranschlag mit einem kleinen Ueberschuß abschloß; 
indessen dürfte die Wirtschaftskrisis, der Costa Rica nun verfallen ist, 
einen Strich durch diese Rechnung machen. Ein Fehlbetrag von 9 813160 
Colones ist für ein Land von insgesamt etwa 450 000 Einwohnern, die 
keineswegs wohlhabend sind, sicherlich eine erhebliche Last. — Den 
Zinszahlungen auf seine im Ausland aufgenommene Staatsschuld 
ist Costa Rica seit 1911 regelmäßig nachgekommen. Damals wurde eine 
Sanierung der Finanzen durchgeführt, indem eine Anleihe von 2 Mill. £ 
zu 4 Proz. ausgegeben wurde, um dafür notleidende Anleihen früherer 
Jahre und unbezahlte Zinsen aus der Welt zu schaffen. Für das Kapital 
und die Zinsen jener neuen Anleihe haften in erster Linie alle ZoU- 
einkünfte. Es wurde damals vereinbart, daß vom Januar 1921 die Ver- 
zinsung auf 5 Proz. steigen und gleichzeitig ein Tilgungsfonds von nicht 
weniger als 1 Proz. jährlich angesammelt werden sollte. 

Mehr als die Hälfte dieser Staatsschuld befindet sich in Händen von 
Nordamerikanern, ein kleiner Teil im Besitz von Franzosen, der Rest in 
englischen Händen. — Auch im Wirtschaftsleben Costa Ricas spielt das 
ausländische Kapital eine bedeutende Rolle: der größere Teil stammt 
aus Nordamerika, an zweiter Stelle folgt englisches Kapital. Amerika- 
nisches Kapital herrscht z. B. in den Eisenbahnuntemehmungen nach den 
Bananenbezirken vor, soweit sie mit amerikanischem Kapital arbeiten oder 
unter USA-Einfluß stehen. 

11* 



164 



Misz eilen. 



Freilich ist das Eisenbahnnetz noch bescheiden: es umfaßt nur 
etwa 650 km Schienenstränge. Die Hauptlinien verknüpfen San Jose mit 
Puerto Limön vmd Puntarenas, dem wichtigsten Hafen am Stillen Meer. 
Der größte Teil des Verkehrs im Lande spielt sich auf Straßen ab, die 
im Sommer leidlich gut sind, während der Regenzeit aber stets in böse 
Verfassung geraten, da der Untergrund lehmig ist. 

Amerikanisches Kapital schaut sehnsüchtig nach den Schätzen 
Costa Ricas aus. Da gibt es wertvolle Harthölzer, die man abholzen, 
prächtiges Land, das man mit Kakao bepflanzt sehen möchte — und einen 
Landstrich, den man zur Zuckerproduktion für noch geeigneter hält als 
Kuba. Ohne Verbesserung des Straßenwesens und ohne Erweiterung des 
Eisenbahnbaus wird man jedoch diesen Plänen nicht nähertreten können. 
Zunächst verzichtet man überhaupt auf sie, weil die Weltwirtschaftskrisis 
neue Produktionsanlagen für Kakao oder Zucker im Augenblick unrentabel 
machen würde. 



Miszellen. 16Ö 



VIII. 

Zunahme der Ehescheidungen in den deutschen 

Großstädten. 

Von Dr. Jos. Ehrler in Freiburg i. Br. 

Das Statistische Amt der Stadt Köln hat vor einiger Zeit eine Ehe- 
scheidungsstatistik für die Jahre 1885 — 1917 veröffentlicht (Kölner Statistik, 
2, Jahrgang, Heft 2, 1919. Verlag von Paul Neubner in Köln), welche 
eine Musterarbeit darstellt und daher in weiteren Kreisen Beachtung ver- 
dient. Eine besondere Bedeutung kommt der Ehescheidungsstatistik für 
dip Beurteilung der sittlichen Zustände der Bevölkerung zu. In dieser 
Hinsicht bieten die für Köln festgestellten Ergebnisse ein geradezu er- 
schreckendes Bild, das aber in den anderen deutschen Großstädten kaum 
günstiger sein dürfte. 

Während im Jahre 1885 bei einer Bevölkerung von 161 401 Seelen 
9 Ehescheidungen zu verzeichnen waren, betrug deren Zahl 1917 bei einer 
Bevölkerung von 548 830 genau 316. Demnach steht einer annähernden 
Vervierfachung der Bevölkerung innerhalb eines Zeitabschnittes von 
32 Jahren die 35 fache Zahl der Ehescheidungen gegenüber. Wie in der 
Darstellung (Verfasser Dr. Schoelkens) aber ausdrücklich hervorgehoben 
wird, ist diese gewaltige Zunahme der Ehescheidungen nicht etwa eine 
Eigentümlichkeit der Stadt Köln, die steigende Gefährdung der Ehe ist 
vielmehr eine allgemeine Krankheitserscheinung an unserem Gesellschafts- 
körper. Ganz besonders ausgeprägt tritt sie in den modernen Groß- 
städten zutage. Um die Bedeutung dieser Entwicklung richtig zu er- 
kennen, muß man die Zahl der Ehescheidungen in Beziehung setzen zu 
den entsprechendfci; Zahlen der Ehen und Eheschließungen. Es entfielen 
im Jahre 1885 auf 10 000 stehende Ehen 3,64 und auf 100 Eheschließungen 
0,58 Scheidungen, im Jahre 1917 dagegen 25,34 und 7,05. 

Die durch Krieg und Revolution auf allen Gebieten des menschlichen 
Lebens hervorgerufene Demoralisierung und die in den letzten 3 Jahren 
gewaltig gesteigerte Heiratshäufigkeit hat eine weitere beträchtliche Zu- 
nahme der Ehescheidungen zur Folge gehabt, wie einem Bericht des 
Statistischen Amts der Stadt Kiel für das Jahr 1919 zu entnehmen ist. 
Die Zahl der Scheidungen stieg hier von 89 im Jahre 1916 auf 128 und 
141 in den beiden folgenden Jahren. Für 1920 ist eine noch größere 
Zahl zu erwarten. Die Ehe ist in den Städten mit dem zunehmenden 
Wachstum der Bevölkerung und dem damit verbundenen Zusammendrängen 
großer Massen auf einer gegebenen Fläche weit mehr gefährdet als 
auf dem Lande. Außer den Mißständen im Wohnungswesen übt das lieber- 



166 



Miszellen. 



maß großstädtischer, zum Teil sehr zweifelhafter Vergnügungen auf die 
sittlichen Anschauungen leichter veranlagter Ehegatten einen überaus 
ungünstigen Einfluß aus. Hierzu kommen die in der Natur der Großstadt 
liegende Ungebundenheit des Verkehrs der Geschlechter und die Leichtig- 
keit, diesen der Beobachtung zu entziehen. Die Unterschiede in der Ehe- 
scheidungshäufigkeit sind daher auch zwischen Stadt und Land, wie aus 
der nachstehenden Uebersicht hervorgeht, außerordentlich groß. 
Auf je 1000 Eheschließungen entfallen Ehescheidungen : 



in Preußen 


im Reeierangsbezirke Köln 








davon ins- 








davon ins- j 


im 


über- 


in den 


bes.inden 


anf dem 


über- 


in den 


bes. in den auf dem 


Jahre 


haupt 


Städten 


Groß- 
städten 


Lande 


haupt 


Städten 


Groß- Lande 
Städten 


1912 


32,9 


51,2 


70,0 


13,3 


37,0 


51,3 


58,4 


7,2 


1913 


34,5 


53,9 


74,5 


13,8 


37,4 


52,7 


63,6 


7,4 


1915 


39,1 


54,4 


72,3 


19,0 


35,7 


44,0 


46,1 


9,7 


1916 


36,2 


49,3 


64,1 


17,2 


44,2 


55,8 


63,0 


12,0 



Wenn auch die vorstehenden Verhältniszahlen für die Kriegsjahre 
wegen des starken Ausfalls an Eheschließungen kein zutreffendes Bild 
geben, so lassen die Zahlen für 1912 und 1913 doch erkennen, daß die 
Ehe in den Städten in Preußen etwa drei- bis vierfach, in den Großstädten 
sogar fünf- bis sechsfach stärker gefährdet ist als auf dem Lande. Ln 
Regierungsbezirk Köln insbesondere ist die Ehescheidungshäufigkeit 
in den Städten etwa siebenmal größer als auf dem Lande. In der Dar- 
stellung wird weiter hervorgehoben, daß im Rheinland die Scheidungs- 
häufigkeit für die ländlichen Bezirke ganz erheblich niedriger ist als im 
Gesamtstaate, eine Tatsache, die in der konfessionellen Zusammensetzung 
der Bevölkerung vorwiegend ihre Erklärung findet. 

In einer interessanten Tabelle sind sodann für 33 preußische 
Großstädte, für welche die erforderlichen Angaben erhältlich waren, 
die Zahlen der Ehescheidungen und Eheschließungen im Jahre 
1917 nebst den auf 100 Eheschließungen berechneten Verhältniszahlen 
zusammengestellt. Die höchsten Ziffern haben danach aufzuweisen : Altona 
(11,4), Neukölln (10,41) und Berlin-Schöneberg (10,8); in absteigender 
Linie folgen Berlin (9,03), Düsseldorf (8,57), Halle a. S. (8,43), Frank- 
furt a. M. (8,14), Magdeburg (7,89), Hannover (7,75), Elberfeld und Erfurt 
(7,70) sowie Köln (7,05) ; mit den niedrigsten Ziffern sind vertreten : 
Hamborn (2,24), Mülheim a. Ruhr (2,33), Krefeld (3,18), Gelsenkirchen 
(3,22), Cassel (3,65), Duisburg (3,69), Essen (4,21), Aachen (4,28) und 
Breslau (4,39). Eine neuere Statistik dürfte aber dvirchgehends eine wesent- 
lich höhere Scheidungshäufigkeit für die Nachkriegszeit ergeben. 

Vom Standpunkt der Moralstatistik ist am wichtigsten die Frage nach 
dem Scheidungsgrund, wie er jeweils im Urteil angegeben wird. 
„Wenn auch naturgemäß die Statistik niemals einen Einblick in die eigent- 
lichen Beweggründe, um derentwillen die Scheidungsklage angestrengt wird, 
sowie in die sittlichen Defekte der gelösten Ehen und anderen Ursachen 



Miszellen. 167 

ehelich zerrütteter Familienverhältnisse gewähren kann, so müssen doch die 
Hauptscheidungsgründe, wie sie der Statistik in § 1565 BGB. (Ehebruch), 
§ 1567 (böswilliges Verlassen) und § 1568 (Verletzung der durch die Ehe 
begründeten Pflichten, ehrloses und unsittliches Verhalten) vorliegen, nach 
dem Kieler Bericht als symptomatisch bedeutungsvoll angesprochen werden." 
In weitaus der Mehrzahl der Fälle kommt Ehebruch als Scheidungs- 
grund in Betracht, und zwar wurden in den Jahren 1900 — 1917 von 100 
geschiedenen Ehen 42 — 60 infolge Ehebruchs als alleinigen Grundes ge- 
schieden. Nimmt man dazu die Fälle, bei denen außer Ehebruch noch 
andere Scheidungsgründe im Urteil bezeichnet waren, so erhöht sich dieser 
Prozentsatz wesentlich. Im allgemeinen ist eine erhebliche Steigerung der 
Zahl der infolge Ehebruchs ausgesprochenen Scheidungen festzustellen. 
Das gleiche wurde auch in Kiel beobachtet, wo im Jahre 1919 65,9 Proz. 
aller Urteile (gegenüber 53,3 Proz. in der Friedensperiode und 51,9 Proz. 
in der Kriegszeit) auf Ehebruch lauteten. Die anderen Scheidungsgründe 
(böswillige Verlassung und Verletzung der durch die Ehe begründeten 
Pflichten usw.) treten diesem gegenüber stark zurück. 

Gliedert man nun die Schuldfrage in bezug auf Mann und 
Frau, so zeigt sich, daß in der Vorkriegsperiode die Schuld des 
Mannes bei weitem die Schuld der Frau überwiegt, wie es bei der ver- 
schiedenen Stellung, welche die Gesellschaft den beiden Geschlechtern zu- 
weist, leicht erklärlich erscheint. In der Kriegs- und Nachkriegs- 
zeit hat sich aber das Verhältnis zuungunsten der Frau verschoben. 
In Kiel wurden im Jahre 1919 doppelt soviel Frauen wie Männer wegen 
Ehebruchs verurteilt; die gleiche Erscheinung wurde füi' 1917 in Köln 
festgestellt. In diesem Zusammenhange ist auch die Frage von Interesse, 
von welcher Seite vor%vT.egend die Scheidungsklage angestrengt wird. Bis 
zum Kriege traten als Kläger bzw. erste Kläger in etwa drei Fünftel der 
Fälle die Frauen auf. Wie bei der Schuldfrage, so ist auch hier in den 
Kriegsjahren eine Verschiebung eingetreten. Die Zahl der Scheidungsfälle 
mit dem Mann als Kläger ist seit 1915 ständig gestiegen. Nach der Kieler 
Statistik, die sich auf das Jahr 1919 erstreckt, wurde in 91 Fällen 
(64,5 Proz.) der Klageweg vom Mann, in 50 Fällen (35,5 Proz.) von der 
Frau beschritten; 20 mal (14,2 Proz.) erhob der Mann, 46 mal (32,5 Proz.) 
die Frau Widerklage. 

Eine Betrachtung der Scheidungen nach dem Alter der Ehe- 
gatten zur Zeit ihrer Eheschließung zeigt, daß die von jugendlichen 
Personen geschlossenen Ehen in erheblich stärkerem Maße der Scheidxmgs- 
gefahr unterliegen als die im reiferen Alter zustande gekommenen. Be- 
sonders auffallend ist der große Anteil der geschiedenen Frauen, welche 
im Alter bis zu 20 Jahren in den Ehestand getreten sind. Aber auch 
bei den Männern stellen die Geschiedenen, die im Alter von 20 — 25 Jahren 
geheiratet haben, einen auffallend hohen Prozentsatz dar. Im allgemeinen 
nehmen die Statistiker auch eine mit dem größeren Altersabstand der Ehe- 
gatten steigende Ehegefährdung an, die sich namentlich bei Verheiratung 
junger Männer mit älteren Frauen bemerkbar machen soll ; für Köln konnte 
eine höhere Scheidungsgefahr in diesen Fällen nicht nachgewiesen werden. 
Was die Ehedauer anbetrifft, so wurden die meisten Ehen nach einer 



168 Miszellen. 

Dauer von 5—10 Jahren geschieden, verhältnismäßig selten ist natürlich 
die Scheidung im ersten Jahr; bemerkenswert häufig sind dagegen die 
Scheidungen nach längerer Ehedauer. So bestanden etwa 11 Proz. aller 
geschiedenen Ehen schon über 20 Jahre. 

Eine große Bedeutung kommt ferner der Frage des Kinderbesitzes 
bei den Ehescheidungen zu. Das Vorhandensein von Kindern und das 
dadurch bedingte gemeinsame Interesse üben an sich schon auf die Zer- 
rüttung des ehelichen Lebens und namentlich auf die Neigung zur Tren- 
nung einen hemmenden Einfluß aus. Dementsprechend sind auch unter 
den geschiedenen Ehen die kinderlosen besonders stark vertreten. Von 
den in den Jahren 1908 — 1917 in Köln geschiedenen 2829 Ehen waren 
1116 oder rund 40 Proz., in Kiel nach der Statistik für 1919 sogar 46 Proz, 
ohne lebende Kinder. In 1672 Fällen waren minderjährige Kinder vor- 
handen, und zwar waren 43,2 Proz. (in Kiel 29 Proz.) der geschiedenen 
Ehen solche mit einem Kind, 27,3 Proz. (10 Proz.) mit 2, 16,2 Proz. 
mit 3, 7,2 Proz. mit 4 und 5,9 Proz. mit mehr als 4 Kindern. 

Nun noch eine kurze Bemerkung über das Religionsbekenntnis 
der Geschiedenen. Daß die Religionszugehörigkeit bei den Ehescheidungen 
von nicht geringer Bedeutung ist, und zwar einmal mit Rücksicht auf die 
mehr oder weniger starke Einwirkung religiöser Anschauungen und Grund- 
sätze auf das eheliche Zusammenleben überhaupt, sodann aber besonders 
auch wegen der verschiedenen Auffassungen der religiösen Gemeinschaften 
über die Lösbarkeit der Ehe oder die Möglichkeit einer Scheidung, zeigt 
ein Vergleich der Zahlen von Köln mit Kiel. Von der Gesamtzahl der 
in Köln in den Jahren 1905 — 1917 geschiedenen Männer waren rund 
72 Proz. katholisch, 25 Proz. evangelisch und 1,5 Proz. israelitisch; für 
die Frauen lauten die entsprechenden Zahlen : 74,24, 28,86 und 1,9 Proz. 
Wenn diesen Zahlen die verhältnismäßige Verteilung der Kölner Bevölkerung 
nach der Religionszugehörigkeit überhaupt gegenübergestellt wird, so ergibt 
sich nach der Volkszählung vom Jahre 1910 für die Männer ein Prozentsatz 
von 76,6 Katholiken, 20,1 Evangelischen und 2,4 Israeliten, für die Frauen 
ein solcher von 80,1, 17,1 und 2,3. Danach ist der verhältnismäßige 
Anteil der Katholiken an der Zahl der Geschiedenen niedriger, der der 
Evangelischen erheblich höher als ihre verhältnismäßige Vertretung in der 
Gesamtbevölkerung. 

Einen genaueren Einblick in die Gestaltung der Ehescheidungen nach 
der konfessionellen Seite gibt die Kombination der Religion des Mannes 
und der Frau. Wie in einer tabellarischen Uebersicht näher dargetan wird, 
hat im großen und ganzen der verhältnismäßige Anteil der rein katholischen 
Ehen sowohl bei den Scheidungen wie bei den Eheschließungen abgenommen, 
die Mischehen dagegen haben entsprechend zugenommen. Ferner zeigte 
sich auch hier wieder, daß der verhältnismäßige Anteil der rein katho- 
lischen Ehen bei den Scheidungen erheblich niedriger ist als der ent- 
sprechende Anteil an den Eheschließungen, während für die rein evange- 
lischen und israelitischen Ehen das Gegenteil zutrifft. Auch bei den Misch- 
ehen ist der Prozentsatz an den Scheidungen im allgemeinen wesentlich 
höher als an den Eheschließungen. Es bestätigt dies die auch anderweitig 
gemachte Beobachtung, daß die konfessionell gemischten Ehen 



Miszellen. 169 

einer stärkeren Scheidungsgefahr ausgesetzt sind als die 
Ehen gleicher Religionszugehörigkeit. Eine weitere Zergliederung der 
Mischehen nach ihren Hauptgruppen zeigt, daß die Mischehen mit katho- 
lischem Mann und evangelischer Frau in der Masse der Ehescheidungen 
erheblich stärker vertreten sind als bei den Eheschließungen, wogegen bei 
den Ehen mit evangelischem Mann und katholischer Frau die entgegen- 
gesetzte Erscheinung festzustellen ist. Die den Verhältnisziffern zugrunde 
liegenden Zahlen der Stadt Köln sind jedoch zu klein, um Schlüsse allge- 
meiner Art daraus zu ziehen. 

In Kiel waren von 141 geschiedenen Ehen 122 rein evangelisch, in 
8 Ehen war der Mann evangelisch und die Frau katholisch und in 7 anderen 
der Mann katholisch und die Frau evangelisch ; 3 andere Ehen waren 
wiederum rein katholisch und in einer letzten war der Mann Baptist und 
die Frau bekannte sich zur evangelischen Kirche. 

Der gesteigerten Heiratshäufigkeit in der Nachkriegszeit ist allent- 
halben, insbesondere aber in den größeren Städten, eine beträchtliche Zu- 
nahme der Ehescheidungen gefolgt. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß 
der Höhepunkt hier noch nicht erreicht ist. Es ist daher eine dankens- 
werte Aufgabe der Statistik, dieser Entwicklimg in den nächsten Jahren 
ihre besondere Aufmerksamkeit zu widmen. 



170 üebersicht über die neuesten Pnblikationeu Deutschlands und des Auslandes. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen 
Deutschlands und des Auslandes. 

1. Geschichte der Wissenschaft. Encyklopädisches. Lehrbücher. Spezielle 
theoretische Untersuchungen. 

Bondam, Kich. , La mal social et ses remedes. Paris (Soci6te 
mutuelle) 1920. 8». 379 SS. (Preis: 6,50 frcs.) 

Nach einer scharfen Kritik der heutigen Gesellschaft, die atrophische 
und hypertrophische Teile in sich schließt, spricht Verf. die Meinung aus, 
daß die Anwendung des Grundsatzes der Gerechtigkeit eine zweckmäßige 
Verteilung der Vermögen bewirken würde. Diesem Grundsatze entspräche 
nun die Entlohnung des einzelnen nach den gesellschaftlichen Diensten, die 
er leistet, sowie die möglichste Gleichstellung aller am Ausgang ihrer 
Lebensbahnen. 

Zu diesem Zweck schlägt Verf. eine Einschränkung, oder, wenn man 
lieber so sagen will, Erweiterung des Erbrechts vor. Dieses sei das 
TJeberbleibsel eines einstmaligen Gruppeneigens der Familie. Er befürwortet 
nun die Bildung von Bezirken mit etwa 200 000 Seelen, innerhalb deren 
das Erbrecht sozialisiert würde. In jedem Bezirk würde eine Kreditanstalt 
die Erlöse der Erbschaften des Jahres einstreichen und jedem der ihr zu- 
gehörenden Lebewesen zu gleichen Anteilen gutschreiben. Am Ende des 
Jahres könnte jeder eigenberechtigte Insasse des Bezirkes über sein Konto 
verfügen. Zu diesem Behufe müßten wohl die Erbsmassen in hohem Maße 
zu Geld gemacht werden ; bei Liegenschaften schreibt B. ausdrücklich deren 
Versteigerung vor, wobei im Falle gemeinsamen Eigens der überlebende 
Gatte die Hälfte des Erlöses bar ausgezahlt erhielte. 

Von diesen sehr einschneidenden Maßregeln erwartet B. eine Gleich- 
stellung der Lebenschancen. Um diese zu vervollständigen, will er den 
Kindern der unbemittelten Schichten eine besondere Erziehungsfürsorge 
gewähren. Die Folge seiner Reformen wäre dann, daß die tatsächlichen 
Vermögensungleichheiten nicht mehr derart vom Zufall abhingen, wie jetzt. 
Davon aber erwartet er reichen Segen, darunter die Abwendung des kultur- 
lichen Verfalles, der die Folge der zu geringfügigen natürlichen Ver- 
mehrung der Gebildeteren und der zu starken Vermehrung der ungebildeten 
Klassen ist. 

Verf., ein Holländer, ist von Beruf MittelschuUehrer. Dem verdankt 
das Buch vortreffliche Ausführungen über die Nachteile des gegenwärtigen 
Schulwesens. Im allgemeinen wird man den kritischen Ausführungen in 
seinem Buche mit Zustimmung folgen können. 

Wien. E. Schwiedland. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 171 

Gide, Charles, Cours d'economie politique. 6. Aufl., in zwei 
Bänden zu je 600 Seiten. Paris (Societe Sirey) 1921. 8". (Preis: 
55 frcs.) 

Charles Gide, der Nestor der französischen Nationalökonomen, der im 
vorigen Jahre an der rechts- und staatswissenschaftlichen Abteilung der 
Pariser Universität seinen Schülern Platz gemacht hat, war in Frankreich 
stets eine oppositionelle Figur — als Begründer der jetzt im 36. Jahrgang 
erscheinenden Revue d'economie politique, als Wortführer der französischen 
Wirtschaftßgenossenschaften, als Protestant sowie als außerhalb der Akademie 
der Wissenschaften gebliebener Gelehrter und als dem Verdachte der 
Deutschfreundlichkeit verfallener Volkswirt. Tatsächlich hat seine Zeit- 
schrift, die ich bis zum Kriegsausbruch gemeinsam mit ihm herausgeben 
durfte, viel zur Verbreitung der deutschen Forschungsergebnisse in der 
Uebersee beigetragen und sein der Stellung Keynes ähnliches Verhalten 
gegenüber dem Diktatfrieden hat es bewirkt, daß die auf Anregung und 
Kosten der französischen Genossenschaften geschaffene Lehrkanzel für Ge- 
nossenschaftswesen am College de France, die Gides Altenteil zu bilden 
bestimmt war, andauernd unbesetzt bleibt. 

An dem kleineren, in 22. Auflage erschienenen und in neun Sprachen 
übersetzten Lehrbuche, Principes d'economie politique, und an dem seit 
1909 in sechs Auflagen erschienenen umfangreicheren zweibändigen Cours 
bildet sich gleichwohl die Nationalökonomie studierende Jugend Frankreichs. 
Zu diesem Erfolge hat die Klarheit der Darstellung Gides und seine 
elegante Schreibweise ebenso beigetragen, wie die große Objektivität, mit 
der er alle Fragen und von der seinigen abweichende Meinungen behandelt. 
Er steht der klassischen Richtung und dem Sozialismus in gleichem Maße 
fern, obwohl er die Ausschaltung der privaten Unternehmergewinne für 
wahrscheinlich hält. Gleichwie er die Bedeutung der Organisation der 
Verbraucher unermüdlich hervorhebt, so widmet er auch in seinem Lehr- 
buche einen Abschnitt von hundert Seiten der wirtschaftlichen Rolle der 
Verbraucher, der Ausgabenwirtschaft, dem Sparwesen und den einschlägigen 
Fragen. 

Wien. . E. Schwiedland. 

Kolnai, Aurel, Psychoanalyse und Soziologie. Zur Psychologie 
von Masse und Gesellschaft. Leipzig, Wien, Zürich (Tntern. psycho- 
analytischer Verlag) 1920. 8». 152 SS. 

Die Schrift erörtert die Frage, inwieweit die Anwendung psycho- 
analytischen Vorgehens, mithin das Zurückgehen auf die Ursprünge des 
Seelenlebens, die Gesellschaftskunde zu fördern vermag. Dabei werden 
fantastische Begriffsverbindungen verfolgt, so zwischen Wahngebilden und 
philosophischen Systemen. Trotz ihrer fließenden Darstellung dürfte die 
Schrift, schon infolge der weitreichenden Anwendung der besondern psycho- 
analytischen Terminologie, außerhalb der Freudschen Schule kaum erheb- 
lichen Einfluß üben. Ein Zusammenfassen der erreichten vermeintlichen 
Ergebnisse und die Einschaltung eines Inhaltsverzeichnisses würde die Be- 
nutzbarkeit des Buches erhöht haben. 

Wien. E. Schwiedland. 



172 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des ALUslandes. 

Arndt, Prof. Dr. Paul, Wie studiert man Nationalökonomie? Frankfurt a. M., 
Blazek u. Bergmann, 1921. gr. 8. 28 SS. M. 4.—. 

Bischoff, Dr. med. et phil. Ernst, Die geistigen Kräfte im Wirtschafts- 
leben und ihre Erforschung. Wirtschaftspsychologische Aufsätze. Hamburg, W. Gente, 
1921. 8. 67 SS. M 3.—. 

Heller, Prof. Dr. Wolf gang, Die Grundprobleme der theoretischen Volks- 
wirtschaftslehre. Leipzig, Quelle u. Meyer, 1921. 8. 104 SS. M. 8.—. (Wissen- 
schaft u. Bildung. 62.) 

Muhs, (Priv.-Doz.) Dr. Karl, Materielle und psychische Wirtschaftsauffassung. 
Versuch einer Begründung des Identitätsprinzips der Wirtschaftstheorie. Jena, 
Gustav Fischer, 1921. gr. 8. IV— 96 SS. M. 12.—. 

Pye, Philip, Freiwirtschaft. Ein Ausweg gegenüber der vermeintlichen 
Zwangswahl zwischen Kapitalismus und Sozialisierung. (Free-economy. An alter- 
native to capitalism and socialism.) Uebers. aus d. Engl, durch G. Brauns. Erfurt, 
Freiland-Freigeld-Verlag, 1921. gr. 8. 16 SS. m. Abb. M. 2.—. 

Salomon, Alice, Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Ein Leitfaden 
für den volkswirtschaftlichen Unterricht. 5. Aufl. Leipzig, B. G. Teubner, 1921. 
8. IV— 132 SS. M. 2,80 + 120 Proz. T. 

Spann, Prof. Dr. Othmar, Fundament der Volkswirtschaftslehre. 2. durch- 
ges. Aufl., verm. durch einen Anh.: Vom Geist der Volkswirtschaftslehre. Jena, 
Gustav Fischer, 1921. gr. 8. XVI— 372 SS. M. 38.—. 

Ströbel, Heinrich, Die Sozialisierung, ihre Wege und Voraussetzungen. 
Hrsg. von „Aufbau und Werden", Gesellschaft für praktische Volksaufklärung. 
Berlin, „Der Firn", Verlag für praktische Politik und geistige Erneuerung, 1921. 
gr. 8. 236 SS. M. 24.—. 



Greef, Guillaume de, L'economie sociale d'aprös la methode historique 
et au poiut de vue sociologique. Bruxelles, Office de Publicite. 8. fr. 30. — . 

Worms, Eene, La sociologie, sa nature, son contenu, ses attaches. Paris, 
Giard. 8. fr. 25. — . (Bibliotheque social, int.) 

Dealey, J. Q., Sociology. Its development and applications. London, Appleton. 
8. 562 pp. 15/. 

Gobbi, TJlisse, Elementi di economia politica. Milano, Federazione italiana 
delle biblioteche popolari. 16°. 1. 3,50. 

2. GescMcMe und Darstellung der wirtschaftlichen Kultur. 

Sciimoller, Gustav, Preußische Verfassungß-, Verwaltungs- und 
Finanzgeschichte. Berlin (Verlag der Täglichen Rundschau) 1921. 8°. 
236 SS. (Preis: geheftet M. 18.—, in Leinen geb. M. 25.—.) 

Der Titel des Buches wird so manchen in vergangene Zeiten zurück- 
versetzt haben. In das Auditorium Maximum der Berliner Universität, in 
dem Gustav Schmoller vor einer dicht gedrängten Zuhörerschaft unter 
dieser oder einer ähnlichen Bezeichnung über seine Studien zur inneren 
Geschichte Preußens las. Mochte er nun die knappen Worte seiner Leit- 
sätze diktieren, oder sich in freier Kede über die in ihnen niedergelegten 
Tatsachen und Gedanken verbreiten, immer hatte der Hörer das zwingende 
Gefühl, hier spricht ein Mann über ein Gebiet ureigenster langjähriger 
Forschung und spendet aus Quellen, die schier unerschöpflich genannt 
werden müssen. In wie vielen Hörern mag sich in jenen Stunden der 
Wunsch geregt haben, aus dieser Vorlesung ein das Lebenswerk Schmollers 
zusammenfassendes Buch entstehen zu sehen, das das flüchtig am Ohr 
vorüberrauschende Wort für die Zukunft festbannt und damit auch in 
weitere Kreise trägt. Aber dieses große Buch ist nicht geschrieben worden. 
Ich habe es für meinen Teil stets als. eine tragische Fügung empfunden, 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 173 

daß Schmoller anstatt dessen nach dem Lorbeer des Systematikers rang, 
den zu gewinnen ihm die seiner Befähigung gezogenen Grenzen versagten. 
Und so blieb ein Werk ungeschrieben, das in der eigenartigen Prägung, 
die ihm die Persönlichkeit Schmollers gegeben hätte, in aller Zukunft nicht 
mehr geschrieben werden kann. Nicht nur deswegen, weil eich kein Ge- 
lehrter mehr finden wird, der eine solche zusammenfassende Kenntnis des 
Stoffes und eine so unmittelbare, aus den Quellen geschöpfte Anschauung 
der Vergangenheit besitzt. Sondern sehr viel mehr noch, weil jenes Werk 
der Reflex einer ganz bestimmten Zeitstimmung geworden wäre, die un- 
widerbringlich dahin ist. Der Reflex einer Zeit, die an die soziale Mission 
des neuen deutschen Kaisertums glaubte, und diese ihre Ueberzeugung 
durch den Nachweis von dem sozialen Charakter des Königtums der Hohen- 
zollern im 18. Jahrhundert zu verstärken und zu vertiefen suchte. Niemand 
hat wohl diese Stimmung voller empfunden und lebhafter vertreten als 
Gustav Schmoller. In ihm projizierte sich die preußisch-teleologische Auf- 
fassung, die Gustav Droysen in der Betrachtimg der äußeren Geschicke 
Deutschlands zum schärfsten Ausdruck gebracht hatte in das Gebiet der 
innerstaatlichen Entwicklung und schuf damit wieder die Atmosphäre, aus 
der in unseren Tagen Oswald Spengler das luftige Gebilde seines „Preußen- 
tum und Sozialismus" hervorwachsen ließ. Jene SchmoUersche These wird 
in ihrem ganzen Umfang heute von keinem Forscher mehr geteilt. Schon 
die nächste Generation preußischer Gelehrter, die er selbst noch mit heran- 
gebildet, hat andere Züge im Charakter des Hohenzollernschen Staates 
stärker betonen zu müssen geglaubt. Und Schmoller ist auch der Gefahr 
nicht entgangen, vor der schon Max Weber in seiner Freiburger Antritts- 
rede mit deutlichem Hinblick auf ihn gewarnt hat. Er ist zum „unfrei- 
willigen Apologeten" einer ökonomischen Entwicklung geworden, da er 
diese „vornehmlich von oben her, von der Höhe der Verwaltungsgeschichte 
großer deutscher Staaten aus" verfolgte. Aber die SchmoUersche Auf- 
fassung war zweifellos eine große in sich geschlossene Konzeption, deren 
klassische Formulierung durch ihren Schöpfer dauernden Wert behalten 
hätte. Auch in Erinnerung daran, daß diese Auffassung die Staatspraxis 
jener Tage ebenso fördernd beeinflußt hat, wie die eben angedeutete Rolle 
des Apologeten, in die sich Schmoller mehr und mehr hineinlebte — seine 
„20 Jahre deutscher Politik" bieten dafür fast erschütternde Beispiele — 
für die Entwicklung des politischen Denkens im neuen Reich auch ver- 
hängnisvoll geworden ist. 

Die Lücke, die Schmoller selbst in seinem Schaffen gelassen hat, wird 
durch die vorliegende posthume Veröffentlichung nicht ausgefüllt. Denn 
was wir in ihr erhalten, ist nur eine von Schmoller selbst durchgesehene 
Ausarbeitung des Kollegs vom Wintersemester 1886/87, die von Otto Hintze 
herrührt. Man muß einmal diesen Text mit späteren Aufzeichnungen aus 
dem gleichnamigen Kolleg verglichen haben, um voU ermessen zu können, 
wie sehr Schmoller im Laufe der Zeit in seinen Stoff hinein gewachsen 
ist, wieviel breiter und reicher der Rahmen wurde, in den er die Branden- 
burg-Preußische Entwicklung hineinstellte, wieviel sorgfältiger die Detail- 
zeichnung. Ebenso wie die neue Publikation ein anderes nicht vermittelt, 
was zum mindesten in späteren Jahren einer der stärksten Vorzüge und 



174 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

der größte Reiz jener Vorlesung war: Daß sie nicht nur eine Geschichte 
der staatlichen Institutionen gab, sondern in glänzender Charakteristik die 
Männer vorführte, die — Fürsten wie Diener — diese Institutionen ge- 
schaffen und weiter gebildet haben. 

Die Aufzeichnung, auf der die neue Publikation beruht, liegt heute 
mehr als 30 Jahre zurück. Mit aufrichtiger Bewunderung wird man aus 
ihr ersehen, wie groß die Kenntnisse Schmollers von der inneren Geschichte 
Brandenburg-Preußens in jener Zeit schon gewesen sind, zumal wenn man 
sich vor Augen hält, daß er sich das Meiste davon selbst aus den Quellen 
erarbeitet hat. Aber diese Bewunderung darf doch nicht darüber hinweg- 
täuschen, daß die systematische Erforschung dieser Entwicklung, wie sie 
sich in den von Schmoller selbst geschaffenen Acta Borussica verkörpert, 
ziemlich genau erst mit dem Zeitpunkte dieser Aufzeichnungen eingesetzt 
hat. Im Jahre 1892 ist der erste Band dieser langen Publikationenreihe 
erschienen. So ist die vorliegende Schrift zwar indirekt ein Beweis für 
die großen Leistungen Schmollers als Organisator wissenschaftlicher For- 
schung, konnte aber natürlich nicht die Ergebnisse dieser Arbeiten zur 
Brandenburg-Preußischen Geschichte berücksichtigen, ebensowenig wie die 
vielfachen Anregungen, die von der zum guten Teil neuen Problemstellung 
auf das gesamte Gebiet der Verwaltungs-, Verfassungs- und Wirtschafts- 
geschichte ausgegangen sind. Die Schrift gibt uns einen interessanten 
Beitrag zur Entwicklung Schmollers und der wissenschaftlichen Anschauungen 
auf diesem Gebiete, aber alles andere als einen Ueberblick über den neuesten 
Stand der gesicherten Forschungsergebnisse. Man darf bei aller Pietät die 
Frage auf werfen, ob diese Veröffentlichung eines veralteten Kollegheftes 
berechtigt gewesen ist. 

Das scheint auch der alte Verlag, dessen Name mit allen Veröffent- 
lichungen Schmollers unauflöslich verbunden war, empfunden zu haben. 
Der neue Verlag ist der Aufgabe, ein Werk Schmollers zu verlegen, inner- 
lich nicht gewachsen gewesen. Davon zeugt die bisher im deutschen wissen- 
schaftlichen Verlag nicht übliche Art, in der die Schrift eines Gelehrten 
zur Ankündigung anderer Verlagswerke sehr ephemeren Charakters benutzt 
worden ist. Gewiß ist dieses Buch aus dem Nachlasse Schmollers wohl 
keines von denen, die einen dauernden Platz in der Geschichte der wissen- 
schaftlichen Literatur behaupten werden. Immerhin — „es tut mir in der 
Seele weh, wenn ich Dich in der Gesellschaft seh". 

Halle, Saale. Gustav Aubin. 

Beer, Max, Allgemeine Geschichte des Sozialismus und der sozialen Kämpfe. 
Teil 1: Altertum. 2. durchges. Aufl. (Soziaiwissenschaftliche Bibliothek Bd. 14.) 
112 SS. M. 6.—. Teil 2 : Mittelalter. 110 SS. M. 6.—. Berlin, Verlag für Sozial- 
wissenschaft, 1921. 8. 

Dopsch, Prof. Dr. Alfons, Die Wirtschaftsentwicklung der Karolingerzeit 
vornehmlich in Deutschland. T. 1. 2. veränd. u, erw. Aufl. Weimar, Hermann 
Böhlaus Nachfolger, 1921. gr. 8. XIV— 402 SS. M. 64.—. 

Gisevius, (Geh. Keg.-E.) Prof. Dr. Paul, Die Ostländer als internationale 
Produktionsgemeinschaft in der Bodenproduktion. (Osteuropa-Institut in Breslau. 
Vorträge und Aufsätze. Abt. 2. Heft 1.) Leipzig, G. B. Teubner, 1921. 8. 
M. 2,50 + 120 Proz. T. 

Kuno, Prof. Dr. Bruno, Gustav Mevissens Stellung in der Wirtschaf ts- 
entwicklung. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen und rheinischen Wirtschafts- 



i 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 175 

tendenzen. Vortrag, gehalten am Stiftungstag der Universität 30, Mai 1921. (Kölner 
Universitätsreden 2.) Köln, Oskar Müller, 1921. gr. 8. 16 SS. M. 5,40. 

Kuske, Prof. Dr. Bruno, Die wirtschaftliche Eigenart der Stadt Köln. 
Historische Betrachtungen für die Gegenwart. (Kölner wirtschafts- und sozial- 
wissenschaftl. Studien. Hrsg. : Beckmann, Eckert u. a. Heft 2.) Köln, Paul Neubner, 
1921. gr. 8. 56 SS. M. 10.—. 

Plechanow, Georg, Beiträge zur Geschichte des Materialismus. Holbach, 
Helvetius, Marx. 3. Aufl. (Internationale Bibliothek. Nr. 29.) Stuttgart, J. H. W. 
Dietz, 1921. 8. VIII-236 SS. M. 16.—. 



Lawson, W, R., Europe after the world war. A financial and economic 
survey. London, Financial News. Cr. 8. 276 pp. 7/.6. 

Mackinnon, J., The social and industrial history of Scotiand, from the Union 
to the present time. London, Longmans. 8. 306 pp. 16/. 

Poley, A. P., The Imperial Commonwealth. A survey of commercial, industrial 
and social history from the Tudor period to recent times. London, Cassell. 8. 
368 pp. 12/.6. 

Loria, Achill e, L'evoluzione economica. MiJano, Federazione italiana delle 
biblioteche popolari. 16». 1. 3,60. 

3. Bevölkernngslehre und BevölkerungspoHtik. Auswanderung und 

Kolonisation. 

Obst, Prof. Dr. Erich, Die Vernichtung des deutschen Kolonialreichs in 
Afrika. Eine Untersuchung der politisch-geographischen Struktur des schwarzen 
Erdteils nach dem Gewaltfrieden von Versailles. Berlin, Carl Flemming u. C. T. 
Wiskott, 1921. 8. 54 SS. mit 14 färb. Abb. auf 2 Taf. M. 13.—. 

Schnee, (früh. Gouverneur) Dr. Heinrich, Braucht Deutschland Kolonien? 
Ein Vortrag. Leipzig, Quelle u. Meyer, 1921. gr. 8. VI— 56 SS. M. 4.-. 

Struwe, Hans, Wohin sollen wir auswandern? Argentinien, Chile, Brasilien, 
Nordamerika. Schilderungen und Erlebnisse eines deutschen Proletariers. 2. Teil 
von „Sollen wir auswandern?" Hamm, Otto F. Dabelow, 1921. 8. 39 SS. M. 3,50. 

Wiechula, (Ing.) Arthur, Siedlungen ohne Anzahlung und billigste Be- 
schaffung von Lebensmitteln. Berlin-Friedenau, Kleinfarm- Gesellschaft, 1921. 8. 
XVI— 156 SS. m. Fig. u. eingedr. Kt. M. 14.—. 

4. Bergbau. Land- und Forstwirtschaft. Fischereiwesen. 

Bosch, Margarete, Die wirtschaftlichen Bedingungen der Befrei- 
ung des Bauernstandes im Herzogtum Kleve und in der Grafschaft Mark 
im Rahmen der Agrargeschichte Westdeutschlands. (Tübinger staatswiss. 
Abhandlungen, hrg. von C. J. Fuchs in Verbindung mit L. Stephinger. 
N. F. H. 21.) Berlin, Stuttgart, Leipzig (W. Kohlhammer). 1920. 8«. 
XVn u. 240 SS. (Preis: M. 25.—). 

In dieser Arbeit wird für Kleve gezeigt, wie eich dort der Prozeß 
der Feudalverfassung in dem Gegensatz der geschlossenen Hauswirtschaft 
und der Tauschwirtschaft oder "Warenproduktion und ferner in dem sozialen 
Gegensatz zwischen Grundherrn und Grundhörigen bewegte, und wie die 
Warenproduktion und Geldwirtschaft die sozialen Grundlagen der grund- 
herrlichen Wirtschaftsverfassung untergrub. Für die weitere Entwicklung 
wird der Einfluß der Getreidepreise und -ertrage auf die Bodenrente und 
die Betriebs- und Besitzrechtsform untersucht. Im 2. Teil wird der 
Kampf um das Zeitpachtverhältnis in der Grafschaft Mark behandelt, d. h. 
der Kampf zwischen den Bauern, die auf einzelnen, einem kleinen Grund- 
herrn gehörigen Höfen saßen, und diesem um die Landleihe auf Zeit, die 



176 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

im 13. Jahrhundert in der Grafschaft zuerst vorkommt. Wie bei dem 
Tiefstand der landwirtschaftlichen Technik eine Erhöhung der Pacht- 
abgaben allmählich unmöglich wird und damit das Zeitpachtverhältnis im 
17. Jahrhundert immer mehr zurücktritt, wie andererseits im 18. Jahr- 
hundert unter dem Einfluß der besseren Marktlage und höheren Technik 
die Zeitpacht wieder zunimmt, obwohl das tatsächliche Erbrecht der Bauern 
doch in weitem Umfange gewahrt wird, und die Zeitpachtstrebungen der 
Grundherren schließlich an dem Mangel eines großen Verkehrs, städtischer 
Entwicklung und städtischen Kapitals scheitern, wird anschaulich geschildert. 
Preiburg i. Br. B. Baas eh. 

Dahms, (Bergrat) Albert, Grundzüge der Bergwirtschaftslehre. 2. durchges. 
Aufl. Lucka S.-A., Eeinhold Berger, 1921. 8. 72 SS. M. 6.—. 

Doljau, (Reg.-R.) Emil, Handbuch der modernen Fischereibetriebslehre. 
Unter besonderer Berücksichtigung der Alpen- und Voralpengebiete für Studierende 
und zum Selbstunterricht hrsg. unter Mitwirkung von Prof. Dr. Oscar Haempel. 
Wien, Wilhelm Frick, 1921. 4». Vlll— 176 SS. m. 38 mikrophotogr. Aufnahmen 
auf 5 Kunstdr.-Taf. u. 27 Abb. im Text. M. 30.—. 

Kr äfft, (weil. Prof.) Dr. Guido, Die Ackerbaulehre. 13. u. 14. Aufl. neu- 
bearb. von Prof. Dr. Carl Fruwirth. (Lehrbuch der Landwirtschaft auf wissen- 
schaftlicher und praktischer Grundlage. Bd. 1.) Berlin, Paul Parey, 1921. 8. 
VIII- 372 SS. M. 38.—. 

Potonie, Prof. Dr. Henry, Die Steinkohle, ihr Wesen und Werden. Erg. 
n. hrsg. von Dr. phil. Robert Potonie. Mit 3 Taf. u. 12 Abb. im Text. (Bücher 
der Naturwissenschaft. Bd. 30.) (Reclams Universal -Bibliothek Nr. 6212/6214.) 
Leipzig, Philipp Reclam, 1921. kl. 8. 214 SS. M. 4,50. 

Varga, Eugen, Die Agrarfrage in der ungarischen proletarischen Revolution. 
Reichenberg, Volksbuchhdlg. Runge u. Co., 1921. gr. 8. 19 SS. M. 1,60. 



Grüner, M. L., Cours d'exploitation des mines. T. 1. 2. Paris, Eyrolles. 
8. fr. 18.—. 

Green, F. E, A new agricultural policy. London, Parsons. Cr. 8. 169 pp. 4/.6. 

Jackson, H.. A short manual of forest management. London, Camb. Press. 
«. 80 pp. 7/.6. 

5. Crewerbe und Industrie. 

Mey, Siegfried, Das württembergische Handwerk im Weltkriege. 
(Tübinger staatswissenschaftliche Abhandlungen. Hrsg. von Fuchs in Ver- 
bindung mit Stephinger. N. F. Heft 22.) Berlin, Stuttgart, Leipzig 
(W. Kohlhammer) 1920. 8». 82 SS. (Preis: M. 18.—.) 

Auf die gesamte deutsche Volkswirtschaft hat der Krieg eine unheil- 
volle Wirkung ausgeübt. Das im einzelnen darzutun ist eine der wichtigsten 
Aufgaben der wissenschaftlichen Forschung. Zum Teil liegen deren Er- 
gebnisse schon vor, wenngleich man von einem Abschluß begreiflicherweise 
noch nicht sprechen kann ; dafür ist das Gebiet zu groß, die Wirkung des 
Krieges auch noch nicht völlig übersehbar. Um so mehr freut man sich, 
wenn schon Einzelberichte erscheinen. Zu diesen gehört die Meysche Ab- 
handlung über das württembergische Handwerk. Sie erörtert zunächst die 
unmittelbare Wirkung des Krieges, die sich durch die Notwendigkeit äußert, 
Handwerksbetriebe still zu legen, weil der Unternehmer zum Heeresdienst 
-einberufen wird. Die Stillegung tritt in diesem Falle besonders beim 
Handwerksbetrieb häufig auf, weil er seiner Art entsprechend auf die 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 177 

tätige Mitwirkung des Unternehmers angewiesen ist und sich nicht leicht 
durch andere Personen über längere Zeit hinweg aufrecht erhalten läßt. 
Selbst die in der Heimat verbleibenden Handwerker geraten durch die 
Störung des Wirtschaftslebens in Not. Für sie sorgt die „Mittelstands- 
hilfe", die in Württemberg gut geregelt war. Sie hilft den Handwerkern 
durch Kredit. Demselben Zwecke dient die „Kriegshilfe", die sich den 
aus dem Feld Heimkehrenden zum Wiederaufbau ihres Geschäftes widmet. 
Doch der Krieg wirkt nicht nur zerstörend auf das Handwerk; er weckt 
einen starken Bedarf an Gütern, die zu beschaffen das Handwerk mit be- 
rufen wird. Es erhält mit der Zeit einen immer stärkeren Anteil an den 
Heereslieferungen. Das, sowie die Wirkung des Hilfsdienstgesetzes, die 
Rohstoffversorgung und schließlich die Vorbereitung der TJebergangswirt- 
schaft schildert Mey in seiner Abhandlung, die man als bemerkenswerten 
Beitrag über die Entwicklung des Handwerks im Kriege bezeichnen kann. 
Düsseldorf. J. Wilden. 

Huth, Dr. Walter, Der deutsche Schiffbau und seine Zukunft. (Deutsch- 
lands wirtschaftliche Zukunft, Monographien zu Deutschlands wirtschaftlichem 
Wiederaufbau. Hrsg. von Dr. Walter Huth. Heft 1.) Niederramstadt (Kr. Darmstadt), 
Carl Malcolmes Verlagsbuchhdlg., 1921. gr. 8. XIV— 90 SS. M. 10,80. 

Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten Württembergs für 1920. 
Stuttgart, H. Lindemanns Buchh. H. Kurtz, 1921. gr. 8. IV— 131 SS. M. 5.—. 



Cestre, Charles, Production industrielle et justice sociale en Amörique. 
Paris, Garnier freres, 1921. 16. XXIX— 343 pag. fr. 7,50. 

Jauch, L., Le petrole et son industrie. Paris, Challamel. 8. fr. 25. — . 

Pawlowski, Auguste, L'industrie textile dans les regions envahiees. Hier, 
aujourd'hui, demaiu. Paris, Impr. speciale de l'Information, 1921. IG. 93 pag. fr. 4. — . 

Boughey, Davidson, The film industry. London, Pitmann. 8. 3-. 

Lee, J., Managment. A study of industrial Organisation. London, Pitman. 
8. 134 pp. 5/. 

Supino, Camillo, Le crisi industriali. Milano, Federazione italiana delle 
biblioteche popolari. Iß". 1. 3,50. 

6. Handel und Verkehr. 

Graeffner, (Stadtr.) Dr. Ernst u. (Rechtsanw.) Max Herrmann. Preis- 
wucher, Schleichhandel und verbotene Ausfuhr. 2. verm. Aufl. der Verordnung 
gegen Preistreiberei vom 8. V. 1918 mit Wuchergerichtsordnung, Schleichhandels- 
verordnung, der Verordnung zur Fernhaltung unzuverlässiger Personen vom Handel 
sowie dem Gesetz vom 18. XII. 1920 (Verschärfungsgesetz). Für den praktischen 
Gebrauch unter ausgiebiger Berücksichtigung der Rechtsprechung ausführlich er- 
läutert. Berlin, Industrie v erlag Spaeth u. Linde, 1921. kl. 8. 471 SS. M. 33.—. 

Hoeniger, Prof. Dr. Heinrich, Handelsrechtliche Gesetze außerhalb des 
Handelsgesetzbuchs (Handelsrechtliche Nebengesetze). Systematisch zusammengest. 
Textausg. m. Sachreg. (Sammlung deutscher Gesetze 68.) Mannheim, J. Bensheimer, 
1921. kl. 8. XVI-948 SS. M. 50.—. 

Hoffmeister, (Reklameanw.) Emil, Gründung und Organisation eines Ver- 
sandgeschäfts. (Violets Globus-Bücherei.) Stuttgart, Wilhelm Violet, 1921. kl, 8. 
VIII— 80 SS. m. Abb. M. 8.—. 

Possberg, Dr. Hubert, Die neuere Entwicklung des Kohlenmarktes in 
Deutschland. (Veröffentlichungen des Zentralverbandes der Kohlenhändler Deutsch- 
lands E. V. Hrsg. von Karl Borehardt. Nr. 6.) Berlin, Verlag Deutsche Kohlen- 
Zeitung, 1920. 8. 140 SS. M. 15.—. 

Rompel, (Dir. des Statist. Amtes Mainz) Dr. Josef, Die Zoll- und Handels- 
bestimmungen für das Rheinland mit Uebersichtskarteu. Die Verordnungen 81 und 
Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 12 



178 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

82 der Kheinlandkommission und die Ausführungsbestimmungen mit ausführlichen 
Erläuterungen und Zollmerkblatt. Mainz, H. Prickarts, 1921. 8. 23 SS. M. 4,50. 

Schär, (Handelshochsch.-Prof.) Dr. hon. c. Johann Friedrich, Allgemeine 
Handelsbetriebslehre. 4. neu bearb. Aufl. (Handels-Hochschul-Bibliothek. Hrsg. 
von Max Apt. Bd. 11.) Leipzig, G. A. Gloeckner, 1921. gr. 8. XXXVl— 458 SS. 
mit Fig., 4 Taf. M. 60.—. 

Schaps(t), (Eeichsger.-E.) Dr. Georg, Das deutsche Seerecht. Kommentar 
zum 4. Buche des Handelsgesetzbuchs (als Ergänzung zu Staubs Kommentar) nebst 
Erläuterungen zu den seerechtlichen Neben gesetzen. 2. vollst, umgearb. Aufl. Nach 
dem Tode des Verf. fertiggestellt und hrsg. von (Sen.-Präs.) Dr. Max Mittelstein 
und (Kechtsanw.) Dr. Julius Sebba. Bd. 1: Handelsgesetzbuch 4. Buch. Berlin, 
Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter u. Co., 1921. gr. 8. 
VIII— 1091 SS. M. 160.—. 

Staub, Hermann, Kommentar zum Handelsgesetzbuch. 11. Aufl. Bearb. 
von (Sen.-Präs.) Heinrich Koenige, (Just.-R.) Albert Pinner, (Geh. Just.-E.) Dr. Felix 
Bondi. Bd. 1, Halbbd. 1, 2, Bd. 2, Halbbd. 1, 2. Berlin, Vereinigung wissenschaft- 
licher Verleger Walter de Gruyter u. Co., 1921. gr. 8. M. 280.—. 

Troje, (Preuß. Steuerrat) Fritz, Das Vereinszollgesetz vom 1. Juli 1869 
mit Ausführungsbestimmungen, Erläuterungen und einem Anhang wichtiger Ge- 
setze usw. Ein Handbuch für Zollpflichtige, Zollbeamte, Gerichte und Verwaltungs- 
behörden. Nach amtlichen Quellen neu bearb. u. vervollst, von (Oberzollrev. a. D.) 
August von Dresky-Düsse. 8. Aufl. (Troje- Bibliothek Bd. 2.) Liegnitz, H. Krumb- 
haar, 1921. gr. 8. XII— 273 SS. M. 18.—. 

Zimmermann, (Legat.-R. a. D,) Dr. Alfred, Deutschlands handelspolitische 
Lage nach dem Versailler Vertrage. (Volkswirtschaftliche Zeitfragen. Nr. 317. 
Jahrg. 42, Heft 1.) Berlin, Leonhard Simion Nachf., 1921. gr. 8. 31 SS. M. 4.—. 



Leake, P. D., Commercial goodwül. Its history, value and treatment in 
accounts. London, Pitman. 8. 272 pp. 21/. 

Parsons, F. W., American business methods. London, Putnams. 8. 15/. 

Supino, Camillo, Protezionismo e libero scambio. Milano, Federazione 
italiana delle biblioteche popolari. 16°. 1. 3,50. 

7. Finanzwesen. 

Conrad, J. (-{■), Grundriß zum Studium der politischen Oekonomie. 
in. Teil : Finanzwissenschaft. VII. erw. u. erg. Aufl.^) bearb. v. H. Koeppe. 
Jena (Gustav Fischer) 1919. VIH u. 487 SS. (Preis: M. 21.—). 

von Tyszka, Carl, Grundzüge der Finanzwissenschaft mit beson- 
derer Berücksichtigung der ßeichsfinanzreform von 1919/20. Jena 
(Gustav Fischer) 1920. VH u. 347 SS. (Preis: M. 24.—). 

Die gleichzeitige Besprechung einer Neuerscheinung und einer Neu- 
auflage eines altbekannten Lehrbuches der Finanzwissenschaft regt schon 
an sich zur kritischen Würdigung der Fortschritte oder Rückschritte auf 
diesem Gebiete der Lehrbuchliteratur an. Ein derartiger E-ückblick liegt 
besonders nahe in einer Zeit, die für die Finanzpolitik aller öffentlichen 



1) Inzwischen ist bereits die VIII., abermals erheblich erweiterte Auflage des 
III. Bandes des Conradschen Grundrisses (Jena 1921. VIII u. 515 SS. — Preis: 
M. 40. — ) erschienen. Der Bearbeiter hat sich bemüht, die Veränderungen in der 
Organisation des gesamten deutschen Finanzwesens sowie die weitere Neugestaltuag 
der Keichs-, Landes- und Gemeindebesteuerung zur Darstellung zu bringen. (Vgl. 
insbesondere auch den Nachtrag S. 485 f.) Die verschiedenen Steuerreformen im 
Auslande sind gleichfalls, soweit zuverlässige Angaben vorlagen, tunlichst berück- 
sichtigt. Bei der derzeitigen Gesetzgebungshast, vor allem auf dem Gebiete der 
Finanzen, ist trotzdem manches schon wieder überholt, was als ebenso selbstverständ- 
lich wie unvermeidlich hingenommen werden muß. L. E. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 179 

Körperschaften früher ganz unerhörte Aufgaben mit sich gebracht hat. 
Man könnte meinen, die Fülle und die Tragweite der Tagesaufgaben müsse 
das ältere Lehrbuch untauglich gegenüber demjenigen machen, das sich die 
„besondere Berücksichtigung" der jüngsten Entwicklung zum Ziel gesetzt 
hat. In Wirklichkeit kann davon leider nicht die Rede sein. Vielleicht 
stehen wir überhaupt noch zu sehr mitten in der Entwicklung und in der 
Tagesnot, haben noch nicht die nötige Distanz gewonnen, um schon jetzt 
zu einer erschöpfenden, wissenschaftlich gründlichen Darstellung der Dinge 
gelangen zu können. Aber damit erklärt sich der Minderwert des neuen 
gegenüber dem älteren Lehrbuch nicht. Zwei weitere Momente kommen 
vielmehr hinzu : die Methode der finanzwissenschaftlichen Lehrbuchliteratur 
im allgemeinen und die Gründlichkeit und Zuverlässigkeit des speziell zu 
besprechenden Werkes. 

Schon die Tatsache, daß bei dem schnellen Gang der Dinge finanz- 
wissenschaftliche Lehrbücher so schnell „veralten", der neuesten Gestaltung 
während der Drucklegung immer häufiger notdürftig mit „Anhängen" 
Rechnung getragen werden muß, legt die Frage nahe, ob es nicht geboten 
ist, wieder mehr das Grundsätzliche herauszuarbeiten, die Darstellung der 
momentanen Zustände dagegen als „Illustration" des Lehrbuches und nicht 
mehr oder weniger als dessen Hauptzweck anzusehen. Es soll gewiß nicht 
verkannt werden, daß die Tatsachen in der Finanzwissenschaft eine besonders 
große Bedeutung haben, aber nicht ihre Darstellung im einzelnen, sondern 
die Systematik auf Grund einer Behei-rschimg der Materie ist doch das, 
worauf es vor allem ankommt. Es spricht gewiß kaum für die neuere 
Literatur, wenn man bei ernster Arbeit in älteren Schriften und Lehr- 
büchern oft genug besser und tiefgründiger selbst über letzthin ent- 
scheidende Tagesfragen unterrichtet wird als in der neueren Literatur. 
Man braucht auch heute nur Adolph Wagners an Tiefgründigkeit und an 
Reichweite noch einzig dastehende Finanzwissenschaft zur Hand zu nehmen, 
um dafür einen — wenn auch besonders markanten — Beleg zu haben. 

Alles dies gilt auch für „Grundzüge", „Einleitungen" usw. in die 
Finanzwissenschaft; für diese vielleicht erst recht. Die jetzt zwar erstrebte, 
oft aber auch nur durch starke Willkürlichkeit eiTeichte Komprimierung 
des Tatsachenstoffes im Interesse der Handlichkeit der grundlegenden Lehr- 
bücher wäre bei einer Aenderung der Methode eher möglich. Wichtiger 
aber ist, daß durch stärkere Berücksichtigung der „Theorie" Leser und 
Studierende weniger auf Tatsachenkenntnis als vielmehr auf eigenes Denken 
und Urteilen gedrängt würden. Die Art und Weise, wie in der Oeffent- 
lichkeit nicht nur, sondern häufig genug auch in amtlichen Denkschriften 
finanzwirtschaftliche, insbesondere Steuerfragen behandelt werden, müssen 
auch die Wissenschaft an ihre Mission erinnern. Vergleicht man amtliche 
Denkschriften mit einem Lehrbuch nach Art des Tyszkaschen, so weiß 
man manchmal nicht recht, wo der letzte Grund für die — sagen wir 
„eigenartige" Behandlung schwieriger Probleme liegt, ob hüben oder 
drüben; jedenfalls wünscht man, daß keine der beiden Publikationen 
„führend" werden möchte. 

Diese grundsätzlichen Bemerkungen enthalten schon eine weitgehende 
Stellungnahme zu den oben zitierten Werken, Conrads Finanzwissen- 

12* 



180 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Schaft ist seit Jahren in den Fachkreisen bekannt und insbesondere bei 
den Studierenden beliebt. K o e p p e hat in der von ihm bearbeiteten 
Neuauflage an den Grundlagen und der Methode der früheren Auflagen 
festgehalten. Die gegenüber der VI. Auflage hinzugekommenen 10 Para- 
graphen umfassen die von 1913 bis Anfang 1919 eingetretenen Aende- 
rungen im In- und Ausland, namentlich auf dem Gebiete des Steuer- 
wesens. Trotz mancher Streichungen ist der Umfang des Buches um 
75 Seiten gewachsen. 

Auch das neue Lehrbuch von T y s z k a s zeichnet sich durch leichte 
Lesbarkeit aus, ebenso wie durch eine brauchbare Disposition, Vorzüge, 
die es gerade „für Studierende und Finanzbeamte sowie gebildete Laien" be- 
gehrenswert und — gefährlich machen. Denn T.s Grundzüge weisen in besonders 
ausgeprägtem Maße die oben grundsätzlich bekämpfte Methode auf. Ihnen 
kommt überdies nicht die langjährige Forscherarbeit und Lehrtätigkeit 
mehrerer Herausgeber und Verfasser zugute, sie sind vielmehr ohne diese 
starke und gewichtige „Tradition" — trotz der häufigen engsten An- 
lehnung an andere Lehrbücher — im Hauptteil unter dem Einfluß von 
Tages fragen nicht nur, sondern auch Tages Strömungen geschrieben. 

Das Buch zerfällt in 5 Teile : An eine kui'ze Uebersicht über 
„Finanzgeschichte und -literatur" (I.Teil S. 6 — 31) schließt sich ein 11. Teil: 
„Der öffentliche Bedarf und die öffentlichen Ausgaben" (S. 32 — 38), der 
(einer in vielen neueren Lehrbüchern üblichen Methode entsprechend) einen 
stark kursorischen Ueberblick versucht. Der Nachdruck des Buches liegt 
auf dem III. Teil: „Die öffentlichen Einnahmen." Es wird unterschieden 
zwischen „Einnahmen öffentlich-rechtlicher Natur, insbesondere der Steuern" 
(S. 38 — 255) und „Einnahmen aus Staatsvermögen und öffentlichen Unter- 
nehmungen" (S. 256 — 278). In der Einteilung der Steuern folgt T. der 
von Lotz wieder eingeführten Gliederung in „veranlagte" und „tarifierte" 
Steuern, Recht knapp kommen auch die beiden letzten IV. u. V. Teile 
weg: „Der öffentliche Haushalt und der öffentliche Kredit" (S. 280—297) 
und „die Gemeindefinanzen" (S. 298 — 310). 

Im einzelnen begegnet man bei T. mancher treffenden und berechtigten 
Kritik, freilich auch solcher, die man wohl nicht mehr als wissenschaftlich 
bezeichnen kann. Nicht selten fordert sie aber zu Widerspruch heraus, 
zumal, wo sie nur teilweise den Gegenstand erschöpft, z. B. bei der Erb- 
schaftssteuer, Grundstücksumsatzsteuer, Warenhaussteuer u. m. a. Trotz 
der stark überwiegenden Einzeldarstellung wünscht man gelegentlich statt 
allgemeiner Umschreibung eine einzige oder zwei Zahlen, die eine Vor- 
stellung vermitteln. Wichtiger aber ist , daß dem Verf. eine größere 
Anzahl von Unrichtigkeiten tatsächlicher Art unterlaufen sind, die man 
mit der riesigen Menge des Materials nicht mehr entschuldigen kann. 
Wenn der doch im AVirtschaftsleben ebensowenig wie in bezug auf seinen 
Ertrag nicht unwichtige Gesellschaftsvertragsstempel weder bei den Börsen- 
steuem noch in der Inhaltsübersicht nur erwähnt ist, so kann man dar- 
über hinweggehen, nicht aber darüber, daß in einem einführenden Lehr- 
buche, das in der Darstellung des Tatsächlichen den Schwerpunkt sucht, 
eben dieses Tatsächliche vielfach unvollständig oder unrichtig wieder- 
gegeben wird. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 181 

Daß man in grundsätzlichen Fragen der Finanzwissenschaft endlich 
nicht auf seine E-echnung kommt, kann nach dem kein Wunder nehmen. 
Man ist darauf bereits gefaßt, wenn man gleich eingangs erfährt, die 
Finanzwissenschaft werde „nur ihres TJmfanges wegen" in eigenen Vor- 
lesungen behandelt. AVäre das richtig, dann sind z. B. fiskalische und 
Gerechtigkeitsprinzipien entweder in der Finanzwissenschaft überflüssig 
oder in der Sozialökonomik unentbehrlich. 

Jena-Münster. F. T erhalle. 

Bühl er, Prof. Dr. Ottmar, Der Steuerfeldzug gegen die Kriegsgewinnler 
und sein voraussichtliches Ergebnis nebst Ausblicken auf die Fortführung unserer 
Steuergesetzgebung. Berlin, Georg Stilke, 1921, 8. 56 SS. M. 8.—. 

Eckstein, Haus und Fritz Buchwieser (Obersteuerinspektoren), Bilanz 
lind Reichseinkommensteuer (einschließl. Körperschaftssteuer), 2. verb. Aufl. München, 
J. Schweitzer Verlag (Arthur Sellier), 1921. gr. 8. VIII— 208 SS. M. 25.-. 

Erbschaf tssteue rgesetz vom 10. IX. 1919. Mit Einleitung, Erläuterungen, 
Ausführungsbestimmungen und Sachregister bearbeitet von (Reg.-R.) Dr. Hans 
Berolzheimer. (Reichssteuergesetze, hrsg. von Heinrich Rheinstrom, Bd. 3.) München, 
C. H. Beck'sche Verlagsbuchhdlg. (Oscar Beck), 1921. kl. 8. XX— 438 SS. M. 45.—, 

Erler, (Oberreg.-R.) Dr. Friedrich und (Rechtsanw.) Dr, Fritz Koppe, 
Die Einkommensteuernovelle. Gesetz zur Aenderung des Einkommensteuergesetzes 
(vom 29. III. 1920) vom 24. HI. 1921. Mit eingehenden Erläuterungen, dem voll- 
ständig abgeänderten Gesetzestexte des Einkommensteuergesetzes, Tarifen usw. 
Berlin, Industrieverlag Spaeth u. Linde, 1921. kl. 8. 244 SS. M. 14,40. 

— Die Ausführungsbestimmungen zum Einkommensteuergesetz, mit ausführ- 
licher Einleitung, vollständigem Text, kurzen Anmerkungen und (eingedruckten) 
Mustern. (Das Reichseinkommensteuergesetz vom 29. III. 1920. Erg.-ßd.) Berlin, 
Industrie Verlag Spaeth u. Linde, 1921. 8. 114 SS. M. 12,40. 

Höpker, Dr. jur. Dr. rer. pol. (Reg- u. Volkswirtsch.-R.) Heinrich, Führer 
diirch die Reichseinkommensteuer. Ein Handbuch und Kommentar der Reichsein- 
kommensteuer in der Fassung vom 24. IIL 1921. Berlin, Otto Eisner, 1921, kL 8. 
163 SS. M. 15.—. 

Höpker, (Reg.- u. Volkswirtsch.-R.) Dr. jur. et rer, pol. und (Steuerinsp.) 
Bruno Hotop, Die beschleunigte Einziehung des Reichsnotopfers. Gesetz betr. 
die beschleunigte Veranlagung und Erhebung des Reichsnotopfers vom 22. XII. 
1920 nebst Vollzugsanweisung. (Höpker, H. : Reichsnotopfer Nachtr.) Berlin, Carl 
Heymanns Verlag, 1921. kl. 8. 64 SS. M. 6,60. 

Juliusberger I, (Rechtsanw.) Dr. Fritz, Steuerstrafrecht und Steuerstraf- 
verfahren. Bd. 1: Steuerstrafrecht. Berlin, Industrieverlag Spaeth u. Linde, 1921. 
8. 128 SS. M. 13.20. 

Knof , Dr. Edwin, Die steuerliche Revision der Unternehmungen des Handels 
und der Industrie. (Betriebs- und finanzwirtschaftliche Forschungen. Hrsg. von 
F. Schmidt. Heft 12.) Leipzig, G. A. Gloeckner, 1921. 8. IV— 90 SS. M. 12.—. 

Kuhn, (Geh. Reg.-R.) Karl, Das Einkommensteuergesetz vom 29. III. 1920/ 
24. III. 1921. Erl. Handausgabe. Berlin, Carl Heymanns Verlag, 1921. kl. 8. 
VIII— 415 SS. M. 36.—, 

P Opitz, (Geh. Reg.-R.) Dr. Johannes, Kommentar zum Umsatzsteuergesetz 
vom 24. XII. 1919 und zu den Ausführungsbestimmungen vom 12. VI. 1920. 
2. gänzlich neubearb. u. verm. Aufl. auf der Grundlage des Kommentars zum Ge- 
setze vom 26. VII. 1918. Schluß-Lfg. 4: Ausführungsbestimmungen zu §§ 34—210. 
Anh. — Sachverz. — Titelbogen zum Halbbd. 1 u. 2. (Die deutschen Finanz- und 
Steuergesetze in Einzelkommentaren, hrsg. unter Leitung von E. Schiffer, Lfg. 4.) 
Berlin, Otto Liebmann, 1921. gr. 8. XXXI SS. u. S. 737—1221, VIII SS. M. 71.—. 

Reparations Schuld, Die deutsche. (Auf Grund des Londoner Beschlusses 
vom 5, V. 1921.) Ihr Umfang und die Art ihrer Abtragung. Berlin, Zentralverlag, 
1921. 8. 34 SS, M, 2,50. 

Rosendorff, (Rechtsanw.) Dr. Richard, Ergänzungshand zum Körper- 
schaftssteuergesetz. 1. Das Gesetz über vorläufige Zahlungen auf die Körperschafts- 



182 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Steuer vom 26. III. 1921 nebst Ausführungsbestimmungen und die Vollzugsanweisung. 
2. Der Einfluß des Gesetzes zur Aenderung des Einkommensteuergesetzes vom 
24. III. 1921 auf das Körperschaftssteuergesetz. 3. Die Ausführungsbestimmungen 
zum Körperschaftssteuergesetz nebst der Verordnung über die erste Veranlagung 
zur Körperschaftssteuer. Mit ausführlichen Erläuterungen, Einleitung, den Gesetzes- 
texten und den Mustern für die Steuererklärungen. Berlin, Industrieverlag Spaeth 
u. Linde, 1921. 8. 149 SS. M. 16,50. 

Stenger, (Bürgermstr.) Dr. Hermann, Neue Gemeindesteuern. Sammlung 
von Mustervorschriften mit Erläuterungen, -Einleitung und Sachregister. (Die Ge- 
meinde-Steuern. Hrsg. von Hermann Stenger. Bdch. 2.) München, Bayer. Kommunal- 
schriften-Verlag, 1921. 8. 106 SS. M. 9,50. 

Badulesco, W., Le prelevement sur le capital comme moyen de liquidation 
des charges financieres de la guerre en AUemagne. Paris, Giard. 8. fr. 4.—. 

Bonnet, Georges et Eoger Auboin, Les finances de la France. Paris, 
Payot. 8. fr. 7,50. 

Gottlieb, L. K., Finances d'apres-guerre. Paris, Giard. 8. fr. 5. — . 

Jeze, G., Le partage des dettes publiques au cas de demembrement du 
territoire. Paris, Giard, 8. fr. 3. — . 

Martel, Charles, L'impot sur le capital. Paris, Giard. 8. fr. 3,50. 

Köpers, Louis, Le röglement des dettes moratories. Paris, La Vie 
universitaire. 8. fr. 12. — . 

Bogart, Ernest Ludlow, War costs and their financing; a study of the 
financing of the war and the after-war problems of debt and taxation; with an 
introd. by Russell C. Leffingwell. New York, Appleton. 12. 23 -|- 509 p. $ 3.—. 
(Problems of war and of reconstruction.) 

Fisk, H. E., English public finance. From the revolution of 1688. With 
chapters on the bank of England. London, Pitman. 8. 207 pp. 7/.6. 

Bonomi, Ivanoe, Le entrate e le spese delle provincie e dei communi. 
Milano, Federazione italiana delle biblioteche popolari. 16o. 1. 3,50. 

Falzoni, Carlo, L'imposta normale sui redditi e l'imposta complementare : 
esposizione schematica. Torino, Unione tipografico - editrice Torinese. 8, XII — 
234 p. 1. 18.—. 

8. Geld-, Bank-, Kredit- und Versicherungswesen. 

Feitelberg, Magnus, Das Papiergeldwesen in Räte- 
Rußland. Statistische Beiträge zur Währungsfrage Rußlands. Berlin 
(R. L. Prager) 1920. 8». 51 SS. 

Es ist Material, das die Schrift bietet; selbstverständlich unkontrol- 
lierbares Material und — wie der Verfasser selbst im Vorwort sagt — 
„kein unbedingt einwandfreies Material". Die Inhaltsübersicht mag folgen : 
1. Geldverfassung und Goldbestand. 2. Budget. 3. Geldumlauf. 4. Geld- 
surrogate. 5. Geldemissionen. 6, Inflation, deren Ursachen und Wir- 
kungen. 

Der Verfasser sagt, daß „die außerordentlichen Verhältnisse in der 
russischen Räte-Republik, die kein Beispiel in der Geschichte der Volks- 
wirtschaft aller Völker und Zeiten aufweisen, die Möglichkeit eines Ver- 
gleiches mit ähnlichen Zuständen" ausschlössen. Das ist ganz sicher richtig. 
Diese Erscheinungen müßten „eben so hingenommen werden, wie sie sind". 
Auch dem ist kaum zu widersprechen. Das Folgende aber bestreite ich : 
„Die einzelnen Momente bieten .... interessantes Material, das für zu- 
künftige theoretische Erforschungen Verwendung finden dürfte." — Ach 
nein : dieses Material ist wirklich alles eher, als wissenschaftlich interessant. 
Es ist nur langweilig : so langweilig, daß selbst die gelegentliche Feststellung^ 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 183 

des Verfassers, nach der die Budgetschwierigkeiten der Räterepublik heute nur 
in der technischen Insuffizienz der Geldfabriken begründet liegen, als Ab- 
wechslung für den ermüdeten Leser nicht recht genügt. Für die theore- 
tische Forschung ist dieses Material durchaus belanglos. Es ist ein leerer 
Unfug mit der Za^. Warum die Staatsfinanz- und Wähiningspolitik der 
Sowjetherrscher die Folgen haben mußte, die sie hat — lohnt es der Theorie 
zu reden nicht. 

Jena. Karl Elster, 

Argentarius (d. i. Alfred Lansburgh). Vom Gelde. (Argentarius : Briefe 
eines Bankdirektors an seinen Sohn.) Berlin, Bank-Verlag A. Lansburgh, 1921. 
kl. 8. 124 SS. M. 12,50. 

Bastian, (Landesbankdir. Geh. Finauzrat) Emil, Banken, Sparkassen und 
Genossenschaften. Ihre Beamten, ihr Aufbau und ihr Arbeitsfeld. Mit Bilanz- 
Analysen. 80 SS. M. 10.—. 

— Banktechnisches für junge Juristen und Volkswirtschaftler, Handelshoch- 
schüler, Bankbeamten und Kaufleute. 3. neubearb. Aufl. 94 SS. M. 10. — , Stutt- 
gart, Muth'sche Veriagshdlg., 1921. gr. 8. 

Deutsch, (Priv.-Handelssch. Inh. u. Dir.) Ernst, Einführung in das Bank- 
und Börsenwesen. 2. verb. u. verm. Aufl. (Sammig. Deutsch, Bd. 3.) Wien, 
M. Kuppitsch Wwe., 1921. 8. 37 SS. M. 7,50. 

Döring, Dr. Herbert, Die Geldtheorien seit Knapp. Ein dogmenhistorischer 
Versuch. Gedr. mit Unterstützung der Gesellschaft von Freunden und Förderern 
der Univ. Greifswald. (Greifswalder staatswissenschaftliche Abhandlungen, hrsg. 
Ton W. Ed. Biermann u. W. Kahler. 7.) Greifswald, Ratsbuchhdlg. L. Bamberg, 
1921. gr. 8. VIII— 239 SS. M. 21.—. 

Isaac, Alfred, Ueber das Selbstkostenproblem im Bankbetriebe. (Betriebs- 
und finanzwirtschaftliche Forschungen. Hrsg. von F. Schmidt. Heft 11.) Leipzig, 
G. A. Gloeckner, 1921. 8. IV— 53 SS. m. Kurven. M. 10.—. 

Kurz, Dr. med. et rer. pol. Simon, Die Ueberfremdungsgefahr der deutschen 
Aktiengesellschaften und ihre Abwehr. (Betriebs- und finanzwirtschaftliche For- 
schungen. Heft 18.) Leipzig, G. A. Gloeckner, 1921. 8. VIII— 62 SS. u. 1 Taf. 
M. 14.—. 

Lengyel, Prof. S., Die Bilanzen der Versicherungsuntemehmungen. Eine 
Bilanzlehre und eine Büanzanalyse. Berlin, Leopold Weiß, 1921. 8». VIII— 159 SS. 
m. 1 Taf. M. 32.—. 

Mahlberg, (Handel-Hochschul-Prof.) Dr. Walter, Bilanztechnik und Be- 
wertung bei schwankender Währung. (Betriebs- und finanzwirtschaftliche For- 
schungen. Heft 10.) Leipzig, G. A. Gloeckner, 1921. 8. VI— 57 SS. M. 12.—. 

Zergiebel, Dr. Dankmar, Der Kreditschutz in Handel und Gewerbe, ins- 
besondere die Vereine Creditreform. Leipzig, G. A. Gloeckner, 1921. gr. 8. 94 SS. 
M. 10.—. 

Bourbeau, Henri, La bourse des valeurs de Paris pendant la guerre 
1914—1920. Paris, Libr. gen. de droit. 8. fr. 25.—. 

Financial (R. Mennevee), La politique economique et financifere de la haute 
l)anque frangaise. Paris, Edition des documents politiques, diplomatiques et financiers, 
1921. grand in 8. 44 pag. fr. 3,50. 

Marion, Marcel, Histoire financiere de la France depuis 1715. T. 3: Du 
20 sept. 1792 au 4 fevrier 1797. La vie et la mort du papier monnaie. Paris, 
Rousseau et Cie. 8. fr. 25. — . 

Thery, Andre, Les grands Etablissements de credit frangais avant, pendant 
et apres la guerre. Paris, Sagot. 8. fr. 15. — . 

Gregory, T. E., Foreign exchange. Before, during, and after the war. „The 
World of to-flay series." London, Oxford Press. Cr 8. 116 pp. 2/.6. 

Sakolski. Aaron Morton, Elements of bond Investment. New York, 
Ronald Press. 8. $ 2.—. 

Shagrue. M. J., Problems in foreign exchange. London, Appleton. Cr. 8. 
189 pp. 10/.6. 



184 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

S palding, William F., Bankers credits and all that appertains to them 
in their practical, legal und everday aspects. London, Pitman. 8. 10/.6. 

— , — , The functions of money. A handbook dealing with the subject in its 
practical, theoretical, and historical aspects. With a foreword by G. Armitage- 
Smith. London, Pitman. 8. 179 pp. 7/.6. 

Palumbo, Pietro, I banchieri privati. Nuova rist. Torino, Unione tipo- 
grafico-editrice Torinese. 8. 80 p. 1. 4. — . '^^ 

Tagliabue, Guido, La moneta e il cambio, con speciale riguardo all'attuale 
situazione del mercato monetario italiano. Eoma, E. Mantegazza. 16. 31 p. 1. 2. — . 

9, Grewerbliclie Arbeiterfrage. Armenwesen nnd Wohlfahrtspflege. 
Wohnungsfrage. Soziale Frage. Frauenfrage. 

Koller, Philipp Alexander, Das Massen- und Führe r- 
problem in den freien Gewerkschaften. (Ergänzungsheft XVIH 
des Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik.) Tübingen (Mohr). 1920. 
8**. XII u. 115 SS. (Preis: M. 17. — , dazu der derzeitige Teuerungs- 
zuschlag.) 

Der Verfasser behandelt ein Problem, das in der sozialwissenschaft- 
lichen Literatur seit Jahrzehnten eine Rolle spielt und, um das vorweg 
zu nehmen, er behandelt es mit guter Kenntnis der Materie, mit vorsich- 
tiger Unterscheidung und mit gesundem, treffendem Urteil. Seine Frage- 
stellung geht darauf hinaus, ob in den freien Gewerkschaften neben dem 
Massen- und Führergegensatz im weiteren Sinne, der mit jeder Organi- 
sation verbunden ist und auf der natürlichen Abneigung des Individuums 
gegen die restlose Erfassung durch eine Gesamtheit beruht, ein Massen- 
und Führergegensatz im engeren Sinne bestehe, als Ergebnis der Ent- 
rechtung der Organisierten durch eine Obligarchie von Führern, imd er 
kommt auf Grund einer sorgfältigen Untersuchung der Verfassung der 
freien Gewerkschaften sowohl als auch der Vorkommnisse, in denen das 
Aufbegehren der Massen gegen die Führer eine bedeutendere Rolle ge- 
spielt (Streiks, Abschuß von Tarifverträgen), zu einer glatten Verneinung. 
Soweit der erstere Gegensatz die Gewerkschaften im Hinblick auf ihre 
ausnahmsweise starken Anforderungen an die Unterordnung des einzelnen 
besonders schwer belastet, betont der Verfasser mit Recht die überragende 
Bedeutung des Problems der „inneren Distanzierung des Arbeiters gegen- 
über den Notwendigkeiten seiner Organisierung als Gewerkschaftsmitglied"^ 
wenn die Gewerkschaften überhaupt dahin gelangen sollen, unausweichliche 
Gegensätze erträglich zu gestalten. Die Stellung des Verfassers wird 
dadurch wesentlich erleichtert, daß er sich nicht verleiten läßt, an die ganz 
eigen geartete Gedankeneinstellung und psychische Veranlagung der Massen 
mit dem Maßstab wissenschaftlicher Terminologie und Klassifizierung heran- 
zutreten. Wäre er in dieser Beziehung noch etwas strenger gegen sich 
selbst gewesen, so würde das den Gang seiner Untersuchung vielleicht 
noch vereinfacht haben. Wer den Gegensatz zwischen Massen und Führern 
in den freien Gewerkschaften ein paar Jahrzehnte lang aus einer gewissen 
Nähe sorgfältig beobachtet hat, weiß, daß derselbe letzten Endes mit der 
Hineinzerrung des parteipolitischen Streites in die freien Gewerkschaften 
zusammenhängt und immer aufs neue von einer zu geringen Würdigung 
der gewerkschaftlichen Erfolge seinen Ausgang nimmt. Mit der Frage, 
ob die Gewerkschaftsarbeit Sisyphusarbeit ist oder zu positiven Erfolgen 



n 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 185 

führt, ist aucli der Massen- und Führergegensatz unlöslich verbunden. Der 
radikale Sozialismus beantwortet die Frage im ersteren Sinne, weil er die 
Gewerkschaftsarbeit an der Förderung oder Schwächung des Klassenkampfes 
mißt; die Gewerkschaftsführer beantworten sie in letzterem Sinne, weil sie 
davon ausgehen, daß die Gewerkschaften ein Auefluß aus der bestehenden 
Ordnung sind und daher die Maßstäbe an ihre Arbeit zunächst von hier aus 
angelegt werden müssen. Indem nun der Radikalismus das Blickfeld der 
Massen in seinem Sinne einstellt, fällt es ihm nicht schwer, das „Bonzen- 
tum" der Gewerkschaftsführer in grellen Farben zu schildern und so den 
Beweis für den Gegensatz zwischen den klassenbewußten Massen und dem 
klassenentfremdeten Führer gleichsam zu erschleichen. Man erinnere sich 
daran, daß es den Abgesandten des russischen Bolschewismus in Deutsch- 
land auf dem Haller Parteitag der Unabhängigen sogar gelang, die sozia- 
listische Gewerkschaftsinternationale als eine gelbe, kapitalistenfreundliche 
Organisation der Mehrheit des Parteitages verhaßt zu machen — und man 
hat den Beweis dafür, daß die freien Gewerkschaften, wollen sie Gewerk- 
schaften in dem bisher üblichen Sinne bleiben, auch fürderhin mit dem 
Wiederaufklaffen des so, nämlich künstlich, geschaffenen Gegensatzes zu 
rechnen haben werden. 

Köln a. Rh. Dr. Th. Brauer. 

Boos, Dr. Roman, Soziale Zukunft. Grundsätzliches zur Dreigliederung. 
Hrsg. vom Schweizer Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus. (Inter- 
nationale Bücherei für Sozial- und Geisteswissenschaften.) Stuttgart, Der Kommende 
Tag A.-G., 1921. gr. 8. VII-176 SS. M. 14.—. 

Boslet, (Eef. im Ministerium f. soziale Fürsorge München, Architekt) B. D. A., 
Beiträge zur Förderung des Kleinwohnungsbaues. Im Benehmen mit d. Ministerium 
f. Soziale Fürsorge hrsg. vom Bayer. Landesverein zur Förderung des Wohnungs- 
wesens. (Schriften des Bayer. Landesvereins zur Förderung des Wohnungswesens. 
Heft 17.) München, Ernst Keinhardt, 1921. 4°. 48 SS. m. Abb. M. 9.—. 

Brumby, (Stadtr.) Georg, Groß-Berliner Höchstmieten. Bekanntmachung 
des Magistrats vom 16. VI. 1921 über Abänderung der Miethöchstgrenze und der 
Regelung in Heizungshäusern für die neue Stadtgemeinde Berlin. Dargest. u. erL 
Berlin, Franz Vahlen, 1921. kl. 8. 63 SS. M. 6.— . 

Chrzan, Dr. Julian, Die volkswirtschaftüche Bedeutung einer industriellen 
Arbeitsgemeinschaft mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse des Freistaats 
Danzig. Gedr. mit Unterstützung der Gesellschaft von Freunden und Förderern 
der Univ. Greifswald. (Greifswal der Staatswissenschaftliche Abhandlungen, hrsg. 
von W, E. Biermann u. W. Kahler, 10.) Greifswald, Ratsbuchhdlg. L. Bambersr, 
1921. gr. 8. 158 SS. M. 18.-. 

Gesetz über die Betriebsbilanz und die Betriebsgewinn- und -Verlustrechnung 
(vom 5. II. 1921) nebst den einschlägigen Bestimmungen d. Betriebsrätegesetzes, 
d. Handelsgesetzbuchs u. d. handelsrechtl. Nebengesetze, erl. von (Rechtsanw.) Dr. 
Fritz E. Koch (Bücherei d. Arbeitsrechts. Hrsg. von F. Syrup u. 0. Weigert, Bd. 11). 
BerHn, Reimar Hobbing, 1921. 8. 81 SS. M. 12.—. 

Gesundheitswesen, Das, des Preußischen Staats in den Jahren 1914/18. 
Im Auftrag d. Herrn Ministers f. Volkswohlfahrt bearb. in d. Medizinal-Abt. des 
Ministeriums. Berlin, Verlagsbuchhdlg. von Richard Schoetz, 1921. gr. 8. X— 154 SS. 
M. 24.—. 

Gewerkschaften, Die christlichen, Unveränd. Nachdr. d. 1. Aufl. von 1908 
(Arbeiter-Bibliothek Heft 2). 112 SS. M. 6.—. 

— Die „freien" u. d. Hirsch- Dunkerschen bis 1907. Unveränd. Nachdr. aus 
d. 1. Aufl. vom Jahre 1907. (Arbeiter-Bibüothek Heft 1). 71 SS. M. 4.—. 
M.-Gladbach, Volksvereins-Verlag, 1921. 8. 

Krankenversicherung, Die, in neuester Fassung. (Reichsversicherungs- 



186 Uebersicht über die neuesten Pablikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Ordnung vom 19. Juli 1921, Buch 2, Krankenversicherung). Hrsg, von (Hilfsref.) 
J. Eckert, Wilh. Herrmann. Berlin, Vossische Buchhdlg., 1921. 8. VIII— 236 SS. 
M. 20.—. 

Nestriepke, Siegfried, Die Gewerkschaftsbewegung. Bd. III. Stuttgart, 
Ernst Heinrich Moritz, 1921. kl. 8. VIII— 422 SS. M. 80.—. 

Roser, (Geh. Reg. R.) Dr, Max, Die Betriebsräte bei der Reichseisenbahn- 
verwaltung. Verordnung üb. d. Bildung von Betriebsvertretungen nebst Aus- 
führangsbestimmungen, Verordnung über die Errichtung von Sonderschlichtungs- 
ausschüssen nebst Ausführungsbestimmungen u. Wahlordnung zu diesen Verord- 
nungen erl. (Die Bibliothek der Reichsverkehrsverwaltung, hrsg. von Reg.-R. Walter 
Pietsch, Bd. 1/2). Berlin, Verlag f. Politik u. Wirtschaft, 1921. kl. 8. 298 SS. 
M. 28,50. 

Zwing, Karl, Gewerkschaftliche Probleme. Beiträge zu d. neuen Aufgaben 
d. Gewerkschaften. Stuttgart, J. H. W. Dietz Nachf., 1921. 8. 69 SS. M. 5.— . 



Huard, G., Les classes sociales. Paris, Giard. 8. fr. 3,50. 

Hook, A., The social and industrial problem. London, Cassei. Cr. 8. 334 pp. 6/. 

Wallas, G., Our social heritage. London, Allen and Unwin. 8. 292 pp. 12/.6. 

10. Genossenschaftswesen. 

Genossenschaftsgesetz, Das neue polnische, vom 29. Okt. 1920, übers, 
u. mit Anm. vers. von Dr. Roman Pretzel. Berlin Leonhard Simion Nachf., 1921. 
gr. 8. 46 SS. M. 10.—. 

Kerb 1er, (Oberlandesrat) Viktor, Das landwirtschaftliche Genossenschafts- 
wesen in Ober-Oesterreich. Ein Beitrag zum Ausbau d. genossenschaftl. Organi- 
sation d. Landwirtschaft in Ober-Oesterreich. 2. umgearb. Aufl. Linz a. D., Preß- 
verein (Auslieferung f. Deutschland: München, Schellingstr. 41). 1921. 8. 99 SS. 
M. 10.—. 

Petri, (Lehrer an d. Landwirtschaft!. Lehranstalt) Karl, Landwirtschaft- 
liches Arbeiterwesen und landwirtschaftliches Genossenschaftswesen. Leipzig, 
Reichenbach'sche Verlagsbuchhdlg. Hans Wehner, 1921. 8. III— 44 SS. M. 4.—. 

11. Gesetzgebung, Staats- und Yerwaltungsrechti Staatsbürgerkunde. 

Anschütz, (Geh. Just.-R.) Prof. Dr. Gerhard, Fälle und Fragen des Staats- 
nnd Verwaltungsrechts. 3. völlig umgearb. Aufl. (Praktika des bürgerlichen u. 
öffentl. Rechts. Hrsg. von G. Anschütz, A. Graf zu Dohna, K. Heinsheimer, Bd. 2) 
Berlin, Otto Liebmann, 1921. kl. 8. 88 SS. M. 10.—. 

Bodesohn, (Rekt.) August, Handbuch der Staats- u. Bürgerkunde. Ein 
Lehr- und Lesebuch f. d. Unterricht in Schulen sowie zum Selbstunterricht. 3. neu 
bearb. verb. Aufl. Wittenberg (Bez. Halle), R. Herrose's Verlag, 1921. gr. 8. 
X— 455 SS. M. 38.—. 

Cohn, Dr. jur. Rudolf, Die Reichsaufsicht über die Länder nach der Reichs- 
verfassung vom 11. VIII. 1919. Berlin, Carl Heymanns Verlag, 1921. gr. 8. 
VII— 64 SS. M. 12.—. 

Gebhardt, (Dir.) Dr. Robert, Allgemeine deutsche Staatsbürgerkunde. 
Zum Gebr. an höheren Lehranstalten sowie Fachschulen bearb. Leipzig, Julias 
Klinkhardt, 1921. 8. 160 SS. M. 10.—. 

Knappmeyer, (Reichsmüitäranwalt) Bernhard, Die Rechtsverhältnisse 
der Reichsbeamten. Zusammenstellung d. beamtenrechtl. Bestimmungen der Reichs- 
verfassung u. d. Reichsbeamtengesetzes mit Berücks. d. durch d. Reichsgesetze vom 
17. u. 21. XII. 1920 eingetretenen Aenderungen mit Einl. u. Erl. (Deutsches Be- 
amten-Archiv Sonderheft 6). Berlin, Wirtschaftsverlag (A. Sudan), 1921. 8. 44 SS. 
M. 5,70. 

Lieb ig, Prof. Dr. Hans Frh. v., Wege zur politischen Macht. München, 
J. F. Lehmanns Verlag, 1921. gr. 8. 132 SS. M. 16.—. 

Otto, (Üniv.-Prof.) Dr. Walter, Die deutsche Frage. Bundesstaat oder 
Einheitsstaat? (Im neuen Deutschland. Hrsg. von H. Jordan, Heft 5). Berlin, 
Vossische Buchhdlg., 1921. gr. 8. 36 SS. M. 4,50. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 187 

Rukser, (Rechtsanw.) Dr. Udo, Die Rechtsstellung der Deutschen in Polen. 
Berlin, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter u, Co., 1921. 
gr. 8. 256 SS. M. 36.—. 

Schlegelberger, (Geh. Reg.-R.) Dr. Franz n. (Reg.-R.) Dr. Werner 
Ho che. Das Recht der Neuzeit. Ein Führer durch d. gelteude Recht Deutsch- 
lands aus der Zeit von 1914 bis 1921. Berlin, Franz Vahlen, 1921. 8. 113 SS. 
M. 18.—. 

Schwarz, (Oberlandesger.-R.) Dr. Otto Georg, Preußisches Staatsrecht. 
Berlin, Carl Heymanns Verlag, 1921. gr. 8. VII— 129 SS. M. 18.—. 

Verfassung der Polnischen Republik vom 17. III. 1920. Hrsg. von d. 
Vereinigung d. deutschen Volkstums in Polen u. d. Deutschtumsbund Posen 
E. V. Posen, Joseph Jolowicz, 1921. gr. 8. 20 SS. M. 4.—. 

Vierkandt. (Univ. Prof.) Dr. Alfred, Staat u. Gesellschaft in d. Gegen- 
wart. Eine Einführung in d. staatsbürgerl. Denken u. in d. polit. Bewegung unserer 
Zeit. (Wissenschaft und Bildung, Nr. 132). Leipzig, Quelle u. Meyer, 1921. 8. 
148 SS. M. 9.—. 

Brunet R., Le principe democratique dans la Constitution allemande. Paris, 
Giard. 8. fr. 3.—. 

Siville, Leon, Code politique et administratif de la Belgique. BruxeUes, 
Larcier. 8. fr. 32.—. 

Davis, J. W. Constitution of the United Staates. London, Hodder and Sons. 
8. 1/.6. 

Dunning, William Archibald, A history of political theories. From 
Rousseau to Spencer. London, Macmillan. 8. 21/. 

12. Statistik. 

Deutsches Reich. 

LipraanUj Otto, Abzählende Methoden und ihre Verwendung in der psycho- 
logischen Statistik. Leipzig, Johann Ambrosius Barth, 1921, gr. 8. IV — 78 SS. 
M. 15.—. 

Statistik des Deutschen Reichs, Bd. 294: die Krankenversicherung im Jahre 
1915. Bearb. im Statist. Reichsamt. Berlin. Puttkammer u. Mühlbrecht, 1921. 4*. 
XV n. 39 SS. m. Abb. M. 6.—. 

Statistisches Jahrbuch der Stadt Leipzig. Bearb. im Statist. Amt. 
Bd. 5: 1915— 1918. Leipzig, Wilhelm Schunke, 1920. 4°. XVII— 316 SS. M. 6.— . 

Oesterreich. 

Beiträge zur Statistik der Republik Oesterreich. Heft 9: Beiträge zur 
Arbeitsstatistik. Die kollektiven Arbeitsverträge in d. Jahren 1917 u. 1918. Die 
Arbeitsvermittlung in d. Jahren 1918 u. 1919. Wien, Staatsdruckerei Oesterr. Verlag, 
1921, 4. 84 SS. Kr. 25.—. 

Schweiz. 

Schweizerische Statistische Mitteilungen. Btilletin de statistique suisse. 
Jg. 3, 1921. Heft 1: Die Erwerbs- u. Vermögenssteuern in 41 Gemeinden 
der Schweiz im Jahre 1920. Les impöts sur le revenu et le capital dans 41 com- 
munes de la Suisse en 1920. Bern, A. Francke, 1921. 4°. 30 SS. fr. 3.—. 

England. 

Boddington, A. L., Statistics and their application to commerce. London, 
Foulks Lynch. 8. 235 pp. 12/.6. 

Bowley, A. L.. Ofticial statistics. What they contain and how to use them. 
„The World of to-day series". London, Oxford Press. Cr. 8. 63 pp. 2/.6. 

13. Verschiedenes. 

Frankenstein, Luise, Die soziale Kriegsbeschädigtenfiirsorge 
während des Krieges. Eine Sonderuntersuchung auf Grund der Akten der 
Geschäftsstelle für Kriegsbeschädigtenfürsorge des Stadtkreises Aachen. 
Aachen (Creutzer) 1920. 8». 112 SS. u. 12 Anlagen. (Preis: M. 10.—.) 



188 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Die Abhandlung ist eine der unzähligen Darstellungen örtlicher 
Kriegsbeschädigtenfürsorgebetätigung, die im Ergebnis bei den im "Wesen 
der Xriegsbescbädigtenfürsorge liegenden großen Schwierigkeiten der Er- 
fassung und Durchdringung des Stoffes vielfach gar nicht befriedigen können. 
Das Material gestattet gerade auf diesem Gebiete keine restlose Erschöpfung. 
Es liegt im Charakter der besonderen Entwicklung und Gestaltung der 
Kriegsbeschädigtenfürsorge, daß ihren wissenschaftlichen oder auch nur 
beschreibenden Darstellungen Grenzen gesetzt sind. Unter diesem Gesichts- 
winkel dürfen wir auch die vorliegende Schrift werten, die im Haupttitel 
aber schon auf ihre örtliche Bedeutung hinzuweisen hätte. Der einführende 
erste Teil bringt einige allgemeine Andeutungen zum Gegenstand, was an 
sich bei wissenschaftlichen Abhandlungen erforderlich ist. Hier wäre aber 
eine systematischere Disposition unter scharfer Herausarbeitung und Ab- 
grenzung der grundsätzlichen und lokalen Fragen zweckmäßig gewesen. 
Die Bezeichnung des zweiten Teils als „wissenschaftliche" Bearbeitung des 
zugrunde gelegten Aktenmaterials ist nicht glücklich, wie überhaupt stellen- 
weise eine wohl in der Kriegsbeschädigtenfürsorge allgemein kaum übliche 
Ausdrucksweise störend wirken dürfte, die vielleicht auf örtlichen Gebrauch 
zurückzuführen wäre. "Wertvoll ist die Beigabe einzelner methodischer 
Unterlagen für die Beobachtung der praktischen Kriegsbeschädigtenfürsorge- 
arbeit, besonders des Kopfes vom Personal Journal oder wie es sonst be- 
zeichnet wird, nicht aber nur mit „Statistisches Formular", was dessen 
Wert und Bedeutung gerade in diesem Zusammenhange schwerlich erkennen 
lassen dürfte. Die Einbeziehungen von Erörterungen über die wissen- 
schaftliche Bedeutung der Statistik im Rahmen einer praktischen Dar- 
stellung wäre nur zu begründen, wenn der so sehr wichtigen Frage einer 
einheitlichen und grundlegenden Kriegsbeschädigtenfürsorgestatistik nähere 
Beachtung geschenkt würde. Für die rein örtlichen Verhältnisse können 
wir die vorliegende Arbeit nicht als unbrauchbar bezeichnen. Hinsichtlich 
ihrer literarischen, wissenschaftlichen Auswertung für die Kriegsbeschädigten- 
fürsorge im allgemeinen würde das eingangs Gesagte Geltung haben. 

Erfurt. Herbst. 

Fünfzehn Jahre Königliche und Staatsbibliothek. Dem scheidenden General- 
dir. Exz. Adolf v. Hamack zum .31. III. 1921 überreicht von den wissenschaftl. 
Beamten der Preußischen Staatsbibliothek. Berlin, Behrend u. Co., 1921. VI — 285 SS. 
m. Abb., 9 Taf. M. 120.—. 

Hamman, Otto, Der mißverstandene Bismarck. 20 Jahre deutscher Welt- 
politik. Berlin, Eeimar Hobbing, 1921. 8. 204 SS. M. 24.-. 

Kaeber, (Archivar d. Stadt Berlin) Dr. Ernst, Berlin im Weltkriege. 
5 Jahre städtischer Kriegsarbeit. Im Auftr. d. Magistrats auf Grund der Berichte 
d. städt. VerwaltungssteUen hrsg. Mit 2 Lichtdr., Taf. u. 3 Abb. im Text. Berlin,, 
Trowitzsch u. Sohn, 1921. 4. VII— 567 SS. M. 100.—. 

Schubert, Harald, Die Weltpresse als Wertmesser der Weltgeltung. 
(Bibliothek f. Volks- u. Weltwirtschaft. Hrsg.: Franz von Mammen, Heft 75.) 
Dresden, „Globus" Wissenschaftl. Verlagsanstalt, 1921. gr. 8. 101 SS. M, 8.—. 



Bataul, Georges, Le probleme juif. La renaissance de l'antisemitisme. 
Paris, Plön. 8. fr. 7,50. 

Hindenburg, Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorf. Out 
of my life; tr. by F. A. Holt. 2 V. New York, Harper, 1921. 8. 8 + 267 p., 
296 p. $ 7,50. 



Die periodische Presse des Auslandes. 189 

Die periodische Presse des Auslandes. 

A. Frankreich. 

Journal de la Societe de Statistique de Paris. 62° Annee, Juin 1921, Nr. 6: 
Les travaux statistiques reiatifs aux mouvements de noa effectifs pendant la 
guerre, par Pierre Boutroux. — Les devastations allemandes en France et les inex- 
actitudes de Keynes, par Henri Brenier. — Chronique des banques et des questions 
monetaires, par G. Koulleau. — etc. 

Journal des Economistes 80" Annee, Mai 1921 : Le pire des emprunts, par 
Yves Guyot. — La e^reve des mineurs, par N. Mondet. — Les interpretations du 
Traite de paix, par Fernand Jacq. — Les grandes compagnies de chemins de fer en 
1920, par Georges de Nouvion. — Societe d'economie politique (4. Mai 1921): La crise 
des changes et le commerce exterieur. Communication de M. J. Decamps. — etc. 

B. England. 

Keview, The Contemporary. June 1921, Nr. 666: The coal problem- 
I. By Lord Gainford. II. By R. H. Tawney. — The French working class and 
reparation, by Pierre Renaudel. — The future of oil supply, by Prof. J. W. Gregory. — 
A Jacob and Esau budget: 1921 — 1922, by W. M. J. Williams. — Sea fisheries, 
by A. G. Cowie. — etc. 

Review, The Fortnightly. June 1921: Sanctions or concordat? by 
Sisley Huddieston. — The State and the railways, by J. A. R. Marriott. — British 
labonr and the Bolshevik danger, by Politicus. — From North Sea to Pacific: The 
new naval problem, by Archibald Hurd. — etc. 

C. Oesterreich. 

Handelsmuseum, Das. Hrsg. von der Direktion des Handelsmuseums. 
Bd. 36, 1921, Nr. 23: Der Taylorismns in seiner Bedeutung für d. Wirtschaftsleben, 
von Felix L. Hartmann. — Handel mit China, von Dr. H. E. Braun. — etc. Nr. 24: 
Die Mineralschätze Deutsch-Oesterreichs (Forts.), von Otto Sauer. — Der Tayloris- 
mus in seiner Bedeutung für d. Wirtschaftsleben (Schluß), von Felix L. Hartmann. 
— etc. Nr. 25 : Der Handel mit Rußland, von Dr. Harald E. Braum. — etc. 

Zeitschrift für Volkswirtschaft und Sozialpolitik. Hrsg. von Ernst Plener, 
Richard Reisch, Othmar Spann, Friedrich Wieser. Neue Folge 1. Bd. 1921, Heft 
1 — 3: Wesen und Entstehung des Kapitalismus, von (Landes- Archivdir.) Dr. Theodor 
Mayer. — Wirtschaftliche Bestimmungen des Friedensvertrages von Saint- Germain, 
von (Üniv.-Prof.) Dr. Richard SchüUer. — Die Gesetzgebung auf dem Gebiete der 
Innenkolonisation im Deutseben Reiche, von Prof. Dr. Emanuel Vogel. — Der 
Staatsbegriff der „verstehenden Soziologie", von (o. ö. Prof. an der Univ. Wien) 
Dr. Hans Kelsen. — Der nordische nationalökonomische Kongreß in Stockholm, 
August — September 1920, von Fritz Hayek. — Ueberblick über das Schrifttum des 
Geldwesens von 1914 bis 1920, von Dr. Richard Kerschagl. — etc. 

G. Holland. 

Gids, De Sozialistische. Maandschrift der sociaaldemocratische arbeiders- 
partij. Jaarg. VI, Maart/April 1921, No. 3 en 4: De S. D. A. P. en de ontwapening, 
door J. H. Schaper. — Socialistische Wethouders, door S. R. de Miranda. — De 
Lager-Onderwijswet 1920, door Th. J. Thijssen. — Een goede Onderwijsbezniniging, 
door P. Hoogland. — Het Russische Landbouwvraagstuk, II, door Paul Olberg. — 
Waar gaan we heen?, II (Slot), door M. J. Th. Vas Dias. — Arbeider of Ambtenaar?, 
door B. Poustein. — De krietiek op het Taylorsysteem en Socialisatie, door M. van 
der Graaf. — etc. — Mei 1921, Nr. 5: De tragedie van Georgie, door Paul Olberg. 
Naar intern, eenheid, door Jos. Loopuit. — Is een communistische samenleving 
mogelijk?, door Dr- K. Tjebbes. — Nogmaals socialisme en socialisatie, lU, door 
R. Kuyper. — Sociale wetgeving en meutaliteit, door J. G, Keesing. — De plannen 
van het N. V. V. inzake de ziekteverzekering, door E. Kupers. — etc. 



190 Die periodische Presse Deutschlands. 



Die periodische Presse Deutschlands. 

Bank, Die. Juli 1921, Heft 7: Das rote und das weiße „Weltgeld", von 
Alfred Lansburgh. — Die Berliner Großbanken im Jahre 1920, von A. L. — Um 
die Eeparation. — etc. 

Bank- Archiv. Jahrg. 20, 1921, Nr. 18: Dividenden und Zinssätze, von Dr. 
Kichard Hauser. — Ktickzahlung u. Verzinsung von Hypotheken in Elsaß-Lothringen 
(Goldklausel), von (Rechtsanw.) Dr. Bruno Weil. — Das Akkreditiv (Schluß), von 
Dr. Alfred Jacoby. — etc. Nr. 19: Der Entwurf der Novelle zum Körperschafts- 
steuergesetz unter bes. Berücks. der Erwerbsgesellschaften, von (Gerichtsass. a. D. 
Synd.) Max Blankenburg, — Der Einfluß des Gesetzes zur Aenderung des Ein- 
kommensteuergesetzes vom 24. März 1921 auf das Körperschaftssteuergesetz, von 
(Rechtsanw.^ Dr. Richard Rosendorff. — Tschechoslowakische Wertpapiere, von 
(Rechtsanw.) Polster. — etc. 

Export. Jahrg. 43, Juni 1921, Nr. 22—25. Zur Lage, von E. Brass. — 
Die wirtschaftliche Lage von Santos. — Aus Süd- und Mittelamerika. — Aus- 
wanderung u. Landhunger, von 0. Sperber. — Der Stand der Export- Industrie in 
Finnland. — Amerikanische Geschäftsmoral. — Kolonialtagungen. — Der Uebersee- 
frachtenmarkt. — etc. 

Jahrbücher, Landwirtschaftliche. 56. Bd. 1921, Ergänzungsbd. 1 : Berichte 
der höheren staatlichen Gärtnerlehranstalten zu Dahlem, Geisenheim a. Rh. u. 
Proskau 1918 u. 1919. Erstattet von den Anstaltsdirektoren. 

Jahrbücher, Preußische, Bd. 184, Juli 1921, Heft 4: Die Hemmnisse der 
politischen Befähigung der Deutschen und ihre Beseitigung, von Georg v. Below. 

— Das preußisch-deutsche Problem seit der Reichsgründung, von Siegfried Kahler. 

— Preußischer Partikularismus, von Walter Schotte. — etc. 

Kartell-Rundschau. 19. Jahrg., 1921, Heft 6: Die wirtschaftliche Inter- 
essenvertretung des Maschinenbaues. — Kartelle in der Fertigfabrikatsindnstrie u. 
dem zugehörigen Handel, von Dr. L. Tschierschky. — etc. 

Monatshefte, Sozialistische. 27. Jahrg., 56. Bd. 1921, Heft 12/13: Deutsch- 
lands Leistungsfähigkeit und Deutschlands Arbeiter, von Max Sehippel. — Die Be- 
drohung des europäischen Friedens, von Ludwig Quessel. — Deutschland und Ruß- 
land, von Max Cohen. — Zur Frage der Frauenbildung, von Anna Siemsen. — 
Arbeitstarifgesetz und Gewerkschaftswesen, von Philipp Loewenfeld. — etc. — 
Heft 14 : Valutaelend, Reparationen und Amerika, von Max Sehippel. — Die deutsche 
Arbeit beim Wiederaufbau, von Ludwig Radlof. — Das Ergebnis der bolschewistischen 
Wirtschaft in Rußland, von Michael Smilg-Benario. — Der deutsche Wohnungs- 
bolschewismus, von Ludwig Quessel. — Zukunftswege der Frauenarbeit, von Frida 
Voigt. — etc. 

Oekonomist, Der Deutsche. 39. Jahrg., 1921, Nr. 2007: Das Ultimatum 
und die deutsche Außenhandelspolitik, von (Reg.-Assess.) Dr. Gl. Heiß. — etc. 
Nr. 2(X)8: Deutsche und englische Führer der Volkswirtschaft zur Reparations- 
frage. — etc. Nr. 2009: Die Berliner Großbanken im Jahre 1920, von Hans Witten- 
berg. — Der Reichshaushalt für das Jahr 1921. — etc. Nr. 2010: Die Berliner Groß- 
banken im Jahre 1920 (Schluß), von Hans Wittenberg. — Zur Frage des Aus- 
gleichs der Inlands- u. der Weltmarktspreise, von (Geh. Reg.-R.) Eggebrecht. — 
Die Aufbringung der Mittel zur Durchführung des Ultimatums nach dem Programm 
der Regierung. — etc. 

Plutus. 18. Jahrg., 1921, Heft 13: Reparationen. — Handelsrecht und Steuer- 
gesetz, von G. B. — Bauförderung durch d. Industrie, von Willy Hirschmann. — 
etc. Heft 14. Risikoprämie u. Preissteigeruugsverordnung, von Prof. Friedrich 
Leitner. — Einkommen und Schulden, von G. B. — Recht u. Wirtschaft im Spiegel 
der Entscheidungen des Reichsgerichts, von (Rechtsanw.) Dr. Max Kollenscher. — 
etc. 

Praxis, Soziale u. Archiv für Volkswohlfahrt. Jahrg. 30, 1921, Nr. 24: Die 
finanzielle Lage der Invaliden- und Hinterbliebenenversieherung, von (Geh. Oberreg. 
R.) Düttmann. — Eine Krisis im Arbeitstarifvertragswesen, von J. Kurth. — Zur 
kommenden Schlichtungsordnung, von W. Jutzi. — Berufsständische Bedarfsgüter- 



Die periodische Presse Deutschlands. 191 

Versorgung, von (Postinsp.) Scharringhausen. — Die Freigabe der Vernichtung 
lebeneunwerten Lebens vom Standpunkt der Wohlfahrtspflege, von (Stadtrechtsrat) 
Dr. Sperling. — etc. Nr, 25: Probleme der geminderten Erwerbsfähigkeit und 
Schwerbesc^ädigtengesetz, von (Oberreg.-R.) Dr. Wölz. — Was erwarten wir vom 
Reichstuberkulosegesetz?, von Prof. Dr. B. Möllers. — Das neue Angestellten- 
gesetz in Deutschösterreich, von (Sektionschef) Dr. Felix Mayer-Mallerau. — Das 
städtische Wohlfahrtsamt in Spandau nach der Neuorganisation, von (Magistratsass.) 
F. Memelsdorff. — Die Fürsorgestelle für Kleinrentner beim Düsseldorfer Wohlfahrts- 
amt, von (Stadtass.) Dr. Alfred Schappacher. — Legislative Invalidenfürsorge in 
Deutschösterreich, von Prof. Dr. Leo Wittmayer. — etc. Nr. 26: Das deutsch- 
österreichische Wohn- und Siedlungsgesetz, von (Abg.) Eichard Schmitz. — Bauen 
tut Not!, von (Landrat) Dr. Scheuermann. — Das deutsche Kleingartenwesen. Ein 
Eückblick u. Ueberblick von Dr. Gertrud Diesel. — etc. Nr. 27: Sparzwang als 
Mittel zur Kapitalerneuerung (I), von Prof. Dr. Ernst Günther, — Vom internatio- 
nalen Arbeitsrecht, von Prof. Dr. E. Francke. — Generalversammlung freier Ge- 
werkschaften. — Das englische Schlichtungs- und Schiedsgerichtswesen. — Die 
obligatorischen Schiedsgerichte in Australien (Nach Bryce), von Prof. Dr. Tönnies. 

Kecht und Wirtschaft. 10. Jahrg., Juli 1921, Nr. 7: Verlorener Krieg 
und Wirtschaftsbelastung, von (Mitgl, des Vorläufigen Wirtschaftsrats) Eud. Wisseil. 

— Der Vorläufige Eeichswirtschaftsrat und seine Kritiker, von Dr. Hans Schäffer. 

— Die Bedeutung der Handelskammern im Hinblick auf die Bezirks Wirtschafts- 
organisationen, von Dr. Otto Freutzel. — Das Eeichswirtschaftsgericht, von (Senats- 
präs.) Dr. Hertel. — Eeichswirtschaftsgericht und Eeicbsverwaltungsgericht, von 
(Senatspräs.) Dr, St. Genzmer. — etc. 

Weltwirtschaft. Jahrg. 11, Juni 1921, Nr. 6: Der Friedensvertrag und 
Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft, von Dr. Max Eoscher. — Die Be- 
deutung des Kunstdüngers für Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft, von 
(Geheimrat) Prof. Dr. N, Caro. — Vermag der Ehein-Schelde-Kanal die deutschen 
Nordseehäfen zu schädigen?, von Prof. Dr. Eichard Hennig. — Weltwirtschafts- 
bericht; Weltpreisbeweguug; Internationale Banken- und Geldstatistik. Bearbeitet 
von Dr. Eobert Arzet. — Die Hauptländer in der Weltwirtschaft. Bearbeitet von 
(Bankvorsteher) Dr. Erich Busch. — Weltverkehr, Bearbeitet von Prof, Dr, 
Eichard Hennig. — etc. 

Wirtschaft und Statistik. Jahrg. I, Juni 1921, Nr. 6: Deutsche Wirt- 
schaftskurven. — Die Steinkohlenproduktion der Welt. — Deutsche Kalisalz- 
gewinnuDg. — Deutsche Werke A,-G. — Saatenstand im Deutseben Eeich Anfang 
Juni 1921. — Deutschlands Außenhandel im November 1920. — Der Außenhandel 
Dänemarks. — Entwicklung des internationalen Handels 1920/21, — Der Seeverkehr 
in den deutschen Hafenplätzen im Jahre 1919, — Verkehr im Kaiser- Wilhelm-Kanal 
1896—1920. — Der Schiffsverkehr auf dem Ehein. — Die Teuerung im Mai 1921. 

— Kleinhandelspreise im Mai 1921. — Großhandelspreise Mai — Juni 1921. — Die 
internationale Entwicklung des Steinkohlenpreises. — Gehaltsverhältnisse der Büro- 
angestellten. — Lohnabbau im Auslande. — Valuta und Warenpreisniveau. — Die 
Entwicklung des Sparkassenwesens. — Heiraten, Geburten und Sterbefälle im 
Deutschen Eeich im Jahre 1920. — Der Altersaufbau der Bevölkerung Deutsch- 
lands 1910 u. 1919. — etc. 

Wirtschafts-Zeitung, Deutsche. Jahrg. 17, 1921, Nr. 12: Zur Ver- 
gütung der Wegeschäden im besetzten Gebiet, von (Senatspräs.) Dr. Paul Dreist. 

— Die Entwicklung des Eeparationsproblems, von (Geh. Eeg.-E ) Dr. Poerschke. — 
Zulaufsgenehmigung, von (Assess.) Dr. Eosenberg. — etc. — Nr. 13: Der erste 
Baustein im Fundament des wirtschaftlichen Neubaus, von (Wirkl. Geh.-Eat) 
Friedrich Edler v. Braun. — Abgeltung von Ansprüchen an das Eeich, von (Geh.- 
Eeg.-Eat) Corwegh. — Ueber das Verhältnis der Wirtschaft zur Verwaltung, von 
(Eeg.-Eat) Dr, Wachsmann. — Nationale Wirtschaftspolitik, von Dr. Lorenz Zach. 

— Zusammenbruch der Haferzwangswirtschaft, von (Synd.) Dr. Otto Lauts, — 
Deutschlands Wirtschaftslage im Mai lt^21, von Dr. Ernst H. Eegensburger. — etc. 

Zeit, Die Neue. 39. Jahrg., 2. Bd., 1921, Nr. 12: Produktivkraft und In- 
landverbrauch, von H. Molkenbuhr. — Demokratisierung der inneren Verwaltung, 
von Wilhelm Guske. — Auswärtige Politik und sozialdemokratische Presse (Schluß), 



192 Die periodische Presse Deutschlands. 

von Kurt Heinig. — Verhesserung des Nachrichtendienstes, von Friedrich 01k. — 
Gewerkschaftliche Probleme, von Paul Barthel. — etc. — Nr. 13: Abrüstung oder 
neue Kriegsrüstung? von H. Fehlinger. — Die Einwanderung der Ostjuden (I), 
von Th. Müller. — Der bevölkerungspolitische Kongreß der Stadt Köln, von Henri 
Lehmann. — Ausbildung zur Wohlfahrtspflege, von H. Waehenheim. — etc. — 
Nr. 14: Preußen-Probleme (I), von Karl Severing. — Die Stellung der Technik in 
der Marx'schen Wirtschaftsauffassung, von Heinrich Cunow. — Zur gegenwärtigen 
Staatsau fassung des Sozialismus, von (Privatdoz.) Dr. Siegfried Marck. — Die 
Einwanderung der Ostjuden (II. Schluß), von Theodor Müller. — etc. — Nr. 15: 
Preußen-Probleme (II), von Karl Severing. — Der Selbstmord Alt-Europas, von 
Hermann Lutz. — Die Stellung der Technik in der Marxschen Wirtschafts- 
auffassung (Schluß), von Heinrich Cunow. — etc. 

Zeitschrift für die gesamte Versicherungswissenschaft. 21. Bd., Juli 1921, 
Heft 3: Die Weiterentwicklung der Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung, 
von (Geh. Oberreg.-Rat) Düttmann. — Die Umgestaltung des Geld- und Kapital- 
marktes und die deutsche Sachversicherung, von Dr. rer. pol. Blanck. — Einfluß 
der erhöhten Versicherungsleistung auf die Prämie, insbesondere bei der Haft- 
pflichtversicherung, von Prof. Dr. jur. W. Kisch. — Kapitalertragssteuer und 
Lebensversicherung, von (Wirkl. Geh. Bat) Prof. Friedrich Herz. — Versicherungs- 
geometrie, von (Reg.-ßat) Prof. Dr. phil. P. E. Böhmer. — Die gesundheitlich 
minderwertigen Leben und die Versicherungsmedizin, von Dr. med. Josef Sturm. 

— Der Lebensversicherungsschein als hinkendes Inhaberpapier, von Dr. jur. 
Th. Dörstling. — etc. 

Zeitschrift für Handelswissenschaft und Handelspraxis. 17. Jahrg., 1921/22, 
Juni 1921, Heft 3: Die Waren- oder Dokumentenakkreditive, von W. Boes. — 
Grundsätzliches zum Bilanzsteuerrecht, von Paul Fleischfresser. — Kaufgeschäfte 
der Betriebsräte, von Franz Goerrig. — Grundzüge für die Schätzung von Grund- 
stücken, von Walter Rothkegel. — etc. 

Zeitschrift für Kommunalwirtschaft und Kommunalpolitik. Jahrg. 11, 
1921, Nr. 10: Wohnungsbau und Baukostenzuschüsse in Sachsen, von Dr. Naumann. 

— Die jetzige Lage der städtischen Bibliotheken, von (Dir.) Dr. Müller. — Neue 
Gemeindesteuern, Nachtrag, von Dr. jur. et rer. pol. Lüsebrink. — etc. — Nr. 11: 
Die Umsatz- und Grunderwerbssteuer den Gemeinden!, von Dr. jur. et rer. pol. 
Lüsebrink. — Die Regelung der Kommunalbankfrage, von (Reg.-Ass.) Dr. H. Peucker. 

— etc. — Nr. 12 (Sonderheft aus Anlaß der Stuttgarter Tagungen): Ueber die 
Finanzlage der Stadt Stuttgart, von (Rechtsrat) Dr. Kopp. — Das Selbstverwaltungs- 
recht der Gemeinden, von (Oberbürgermeister) Dr. Schwammberger. — Die Aus- 
bildung der württembergischen Gemeindebeamten, von (Oberbürgermeister) Ja ekle. 

— Der Württembergische Städtetag, von (Rechtsrat) Dr. Frank. — Zur Lebens- 
mittelversorgung von Stuttgart während und nach dem Krieg, von (Bürgermeister) 
Dr. Dollin ger. — Die landwirtschaftlichen Betriebe der Stadt Stuttgart, von (Bürger- 
meister) Klein. — Die Wohnungsfürsorge in Stuttgart, von (Rechtsrat) Dr. Wald- 
müller. — Die Gasversorgung Stuttgarts, von (Gaswerkdirektor) Göhrum. — Die 
Bedeutung des Neckarkanals für die von ihm beeinflußten Gemeinden, von (Bürger- 
meister) Sigloch. — etc. 

Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Jahrg. 12, 1921, Heft 5/6. Die Frage 
der Kommunalisierung als Problem der Unternehmungs-Organisationsform (I), von 
Dr. rer. pol. Erich Adler. — Die Gefahren der Entartung des Sparkassenwesens, 
von Dr. Rocke. — Was ist geistige Arbeit?, von Dr. Arthur Cohen. — Zur Aus- 
nützung der süddeutschen Wasserkräfte, von Bruno Simmersbach. — Der deutsche 
Anteil an der Besiedlung der Vereinigten Staaten Amerikas, von H. Fehlinger. — 
Die „Wohlfahrtspflege" nach dem Sächsischen Gesetz v. 30. V. 1918, von (Rats- 
assessor) Zehrfeld. — Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Fideikommisse in 
Württemberg, von Dr. Jos. Ehrler. — Grundsätzliches zur Verfassung der ein- 
getragenen Genossenschaft, von Dr. K. H. Maier. — etc. 



Gr. Pätz'sche Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Othmar Spann, Tausch und Preis. 193 



IV. 

Tausch und Preis 

nach individualistischer und universalistischer Auffassung. 

Von 
Othmar Spann. 

Inhalt: 1. Der Begriff des Tausches. — 2. Der Begriff des Preises. — 
3. Ursächlichkeit oder Gliedlichkeit ? — 4. Der Begriff der volkswirtschaftlichen 
Verteilung. — 5. Ist Preis oder Leistung das Erste? — 6. Preis und Zurechnung. 
— 7. Der Wettbewerb als Erstes oder Abgeleitetes. 

Die Wert- und Preistheorien Ricardos, Marxens und, mit wenigen 
Einschränkungen, selbst der Grenzuutzenlehre, haben alle einen 
individualistischen Preisbegriff ausgebildet, der sich notwendig von 
einem individualistischen Tauschbegritf ableitet. „Was soll aber 
hier der Begriff „individualistisch"?" — so wird man einwenden. 
„Der Preis ist doch eine eindeutig bestimmbare Erfahrungstatsache, 
die darin besteht, daß z. ß. zwanzig Ellen Leinwand gegen einen 
Rock getauscht werden (also den Preis von einem Rock haben), oder 
daß ein Ballen Baumwolle die Summe von X Mark kostet. Ferner: 
Ebenso eindeutig gegeben erscheint die Erfahrungstatsache des 
Tausches. Der Börseaner A tauscht von dem Börseauer B Aktien 
gegen die Geldsumme von X Mark ein (anders gesagt „kauft" Aktien 
zum Preise von . . .); der Pferdezüchter P tauscht mit dem 
Landwirt L Pferde gegen Hafer oder gegen die Geldsumme von 
Y Mark (d. h. kauft Pferde zum „Preise" von . . .). Ist an dieser 
unzweifelhaften Tatsache etwas zu rütteln?, kann man hier von 
individualistischer oder universalistischer Auffassung des Tausches 
reden?" 

Dem möchte ich Folgendes entgegen halten. Es handelt sich in 
der Volkswirtschaftslehre nicht nur um die Feststellung des 
äußeren Antlitzes der Tatsachen an sich, daß A und B miteinander 
tauschen (obwohl in der Art der Feststellung stets schon eine Spur 
von Ausdeutung, von Theorie liegt); sondern auch um das Be- 
greifen des beobachtend Festgestellten, um das Wesen des Tausches. 
Da sich (wie sich zeigen wird) von dem Begriffe des Tausches aus 
erst der des Preises ableitet, hiervon wieder jener der Verteilung, so 
heginne ich mit der Untersuchung des Tauschbegriffes. 

1. Der Begriflf des Tausches. 

Wenn man nicht nur die unmittelbare äußere Erscheinung, 
sondern auch den Begriff des Tausches dahin faßt, daß der 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 13 



j:94 Othmar Spann, 

Börseaner B mit dem Börseaner A, der Pferdezüchter P mit dem 
Landwirt A tauscht, so hat man : 1. die Erscheinung in ihrer äußer- 
lichen Form, gleichsam nach Art einer Augenblicksaufnahme, ge- 
treulich festgestellt; sie aber 2. auch dahin begrifflich ausgedeutet, 
daß wirklich der L selber, also selbständig und selbstbestimmt, so- 
zusagen selbstwüchsig seine Handlung vornehme (allerdings in 
bezug auf den B), der B selber, selbständig und selbstbestimmt seine 
Handlung (allerdings in bezug auf den A) vornehme. Diese Aus- 
deutung zeigt sich auch schon in der Form des von der individualisti- 
schen Lehre überall verwendeten Grundbeispieles: der Nomaden- 
stamm N begegnet zufällig dem Nomadenstamm Nj; beide haben 
je ein bestimmtes Gut (z. B. der erste Salz, der zweite Eisen) in ver- 
hältnismäßigem Ueberfluß; beide tauschen nun diese zufällig über- 
schüssigen Güter aus. Die äußere Feststellung (1.) jener Erscheinung 
nun, wonach A und B selbst tauschen, ist richtig; auch das Nomaden- 
beispiel ist logisch möglich ; die begriffliche Ausdeutung (2.) ist aber 
falsch und das Nomadenbeispiel nur ein letzter Grenzfall, also kein 
Grundtypus und daher als Beispiel unbrauchbar (siehe darüber noch 
unten S. 198). 

Zuerst steht die Sache so, daß hier die Feststellung mit der 
Ausdeutung gleichgesetzt wird: da A und B ersichtlich und hand- 
greiflich als Tausch Parteien auftreten, wird auch schon das Wesen 
des Tausches in diesen persönlichen (und den Persönlichkeiten zu- 
gerechneten) Handlungen erblickt. Feststellung und Ausdeutung, 
die hier leichthin zusammengeworfen werden, sind aber in Wahrheit 
doch zwei verschiedene Dinge. Dafür mögen die Sterne am Himmel 
als Beispiel dienen. Daß sie (der äußeren Erscheinung nach) be- 
stimmte Bewegungen haben, stellten die Sternkundigen aller Zeiten 
übereinstimmend fest; ob aber das festgestellte Bewegungsbild da- 
durch zustande kommt und zu begreifen ist, ob ich mich bewege 
oder der Stern, das war die Frage der begrifflichen Ausdeutung 
jener Erscheinung, die Frage des Begriffes, der „Theorie" der 
Himmelserscheinung. Genau so auch in unserem Falle: daß die 
Börseaner A und B voneinander Papiere kaufen, kann niemand be- 
zweifeln. Die Frage ist aber, was von eigentlicher Realität dahinter 
stecke?: ob die Börseaner die Tauschbewegung machen und darauf- 
hin sich das wirtschaftliche Himmelsgewölbe drehe, oder ob deren 
Tauschbewegung nur Ausdruck, nur Bestandteil der Drehung des 
wirtschaftlichen Himmelsgewölbes sei ; die Frage ist also, ob der rechte 
Begriff jener persönlichen Tauschhandlungen wirklich darin liege, daß 
die Handlungen je als individuelle (selbstwüchsige) Handlungen ihrer 
Träger betrachtet werden ! Das ist die Frage des Tausch-B e g r i f f e s, 
das ist die eigentliche Frage aller Tausch- und Preistheorie. 

Die individualistische Tauscherklärung besteht nun, das kann 
nicht deutlich genug wiederholt werden, darin, daß sie behauptet, 
mit der Feststellung der Erscheinung sei auch der Begriff schon 
gegeben: Der A sei tatsächlich derjenige, der tausche oder kaufe 
(ebenso der B); es seien seine wirtschaftlichen Entschließungen, 



Tausch und Preis. 195 

Handlungen, die hier verwirklicht würden ; es stünden zwei für sich 
selbst dastehende, selbständige, selbstbestimmte wirtschaftliche Ein- 
zelne einander gegenüber. — Man muß diese Tauschauffassung not- 
wendig als atomis tisch erkennen, weil sie den Markt zusammen- 
gesetzt denkt aus lauter einzelnen Tauschern, aus (deren) einzelnen 
Wirtschaftshandiungen , demgemäß aus einzelnen Partikelchen, 
Atomen! — Die dargelegte Auffassung des Tausches sagt also: Die 
einzelnen Tauschhandlungen stammen alle aus den 
einzelnen Wirtschaftern undsindjefür sich einewirt- 
schaftliche Wirklichkeit; sie ist mit dieser Anschauung: 
individualistisch, denn jede wirtschaftliche Handlung erscheint 
damit als eigenes Einzelnes, als Individuum, in welchem die primäre, 
selbstwüchsige Wirklichkeit liegt. Die dargelegte Auffassung sagt 
damit ferner: daß die einzelnen Tausch handlungen wie 
selbständige Kraft partikelchen oderAtome auftreten 
und wirken; sie ist damit, wie auseinandergesetzt, atomistisch. 
Angebot und Nachfrage ebenso wie der ganze Markt sind nur die 
Zusammenballung, nur die Summation dieser Atome, wie in der Folge 
jede Wirtschaftserscheinung aus ihnen als den allein Ersten, Ursprüng- 
lichen und Wirklichen zusammengesetzt ist. Die individualistisch- 
atomistische Auffassung sagt endlich: diese Kraftzentren oder 
Atome wirken aufeinander, ganz ähnlich wie die physika- 
lischen Körper — nach Ursächlichkeit! Diese Wirkungen und ihre 
Verkettung ergeben erst die Wirtschaftsvorgänge aller Art und zu- 
letzt den Gesamtgang der Volks- und Weltwirtschaft. Die indivi- 
dualistisch-atomistische Auffassung ist damit in ihrer verfahrenmäßigen 
Beschaffenheit : kausalwissenschaftlich. 

Individualistisch — atomistisch — ursächlich, das sind drei Be- 
stimmungsstücke bei dieser Betrachtung des Tausches, die aufeinander 
hinführen, die zueinander gehören. 

Ganz anders die universalistische Auffassung des Tausches. Sie 
kann, was den Erfahrungsgegenstand anbelangt, das äußerliche 
Beobachtungsbild der individualistischen Auffassung allerdings nicht 
bestreiten: „A tauscht mit ß", „P tauscht mit L" und zwar der 
Einzelne „A", „B" usw. kraft jener Entschließungen, die er selbst 
faßt. Insoweit stimmen individualistische und universalistische Lehre 
überein — in der Feststellung der rein äußeren Tatsache, in der 
Umschreibung des äußeren Beobachtungsbildes. Anders aber in der 
Deutung dieser festgestellten Tatsache. Die universalistische Aus- 
deutung leugnet, daß wirklich die Einzelnen „A", „B", „P", 
„L", diese Individuen als solche dabei miteinander in Verbindung 
träten, daß es sich dabei wirklich um individuelle wirtschaft- 
liche Betätigung in dem Sinne handle, daß jene Betätigung auch 
wirtschaftlich den Individuen selbst zuzurechnen sei (im wirt- 
schaftlichen, nicht etwa psychologischen oder sittlichen Sinne !) ; daß 
demgemäß wirklich die einzelnen Kräfte dieses Namens wie Atome, 
wie Stücke je für sich aufträten und aufeinander wirkten. 

13* 



X96 Othmar Spann, 

Was geschieht denn in Wahrheit, wenn der A z. B. Aktien der 
Zentralbank deutscher Sparkassen an den B verkauft?; dieses: A 
tritt aus dem Bankbetrieb „Zentralbank deutscher Sparkassen", 
dessen (wenn auch abgeschwächter) Teilhaber und Mitleiter er durch 
Aktienbesitz war, aus, er zieht seine Teilhaberschaft davon zurück 
und der Käufer B tritt statt seiner in diesen Betrieb, in dieses 
Wirtschaftsgebilde, diese Teil-Ganzheit, ein. Der objektive Wirt- 
schaftsvorgang besteht also nicht darin, daß A und B 
für sich wirtschafteten; sondern: an einem Betrieb, 
einem Wirtschaftsgebilde, gleichsam einer Zelle im 
Organismus der Volkswirtschaft ging eine Veränderung 
vor sich, nämlich durch einen Wechsel der Teilhaberschaft und 
die dadurch gegebenen Sachveränderungen. Nicht die (tauschenden) 
Personen kommen als wirtschaftliche irgendwie in Frage: ob sie 
sich „entschließen", ob sie dabei (persönlich) „eigennützig" u. dgl. sind 
— dieses, wie alles Psychologisch-Persönliche, kann auf der wirtschaft- 
lichen Denkebene überhaupt nicht aufscheinen!! Einzig und allein 
wesentlich ist: welche Veränderungen an wirtschaftlichen „Gebilden", 
„Betrieben" durch die betreffenden Handlungen vor sich gehen! — 
Das andere Beispiel. Was geschieht, wenn der Landwirt L von dem 
Pferdezüchter P ein Pferd kauft? Ein Erzeugnis des Pferdezucht- 
betriebes „P" wird in den (gleichsam weiter verarbeitenden, ver- 
wendenden und fortpflanzenden) Betrieb „L" übergeführt. Der Tausch 
zwischen L und P heißt also nicht, daß „L" als Einzelner, P als 
Einzelner irgendwie wirtschaftlich handelten und taten, was ihnen 
zuzurechnen sei; es heißt, daß ein Pferd aus dem Vorbetrieb (P) in 
einen Verwendungsbetrieb (L) übertrat. Wenn dann ferner Herr L an 
Herrn P einen Preis zahlt, heißt dies wieder nur, daß P aus anderen 
volkswirtschaftlichen Betrieben, z. B. aus der Schmiede dafür Huf- 
eisen bezieht (deren Abgabe an P wieder darin begründet sein kann, 
daß L ein Erzeugnis, z. B. Erdäpfel an diese Schmiederei abgibt). — 

In beiden Fällen gilt: Nicht das Individuum A war es, das 
selbst tauschte (d. h. das in dem Sinn tauschte, als sei ihm seine 
Handlung wirtschaftlich zuzurechnen), sondern der Bankbetrieb X 
(der gleichsam durch einen Abgeordneten einen Teil seines Besitzes 
verkauft) ist es, mit dem eine Veränderung vorging (Wechsel der 
Teilhaber verbunden mit dem entsprechenden Wechsel von sach- 
lichen Einflüssen und Abhängigkeiten); nicht die Individuen L und 
P waren es, die für sich tauschten und wirtschafteten, sondern der 
landwirtschaftliche Betrieb L und der Pferdezuchtbetrieb P haben 
eine Veränderung dadurch erfahren, daß ein Erzeugnis des Be- 
triebes P in den Betrieb L überging (und der Betrieb P dafür einen 
Gegenwert empfing, welcher die Zurückführung anderer Erzeugnisse 
aus anderen Betrieben der Volkswirtschaft in den Betrieb L in 
sich schließt). 

Das Gleiche gilt bei allen anderen Tausch- und Kaufvorgängen. 
Ob ein Schieber einen Wagen Fett kauft, ein Finanzmann die 
Aktienmehrheit erwirbt : immer sind es nicht Schieber N noch Finanz- 



Tausch und Preis. 197 

mann Nj, die in Frage kommen, sondern die objektiven Vorgänge in 
den Fetterzeugungs- und Fettverwendungsbetrieben, in der organi- 
schen Verbindung des neu „kontrollierten" Aktienbetriebes mit 
den anderen Betrieben des Finanzmannes als Vor- und Nachstufen 
der Erzeugung. 

In dieser eben dargelegten Erkenntnis, daß immer „Gebilde" 
„Betriebe", kurz Organe, Ganzheiten der Volkswirtschaft es sind, 
die beim Tausch verändert werden, liegt das Wesentliche der 
universalistischen Erklärung der Tauschvorgänge. Und hierin 
allein liegt die Urentscheidung, welche den Gegensatz „individua- 
listisch — universalistisch" in die Mitte stellt und unausweichlich 
macht: daß der einzelne Tauscher (genauer: die einzelne Tausch- 
handlung) entweder für sich, selbst wüchsig, primär und das ist 
individualistisch und atomistisch betrachtet wird, oder daß er als nur 
scheinbar für sich, in Wahrheit aber stets bloß als Vertreter (Exponent) 
einer wirtschaftlichen Gruppe, einer Teil-Ganzheit handeln kann. 

Alle bisherigen Beispiele und Betrachtungen zeigten immer 
wieder, wie man den „Tausch" wohl psychologisch dem Ein- 
zelnen zurechnen kann, z. B. sofern er sich sagt „Ich verkaufe meine 
Aktien", „Ich kaufe mir Pferde statt der Ochsen"; aber wie wirt- 
schaftlich diese Handlung nicht im Umkreise der jeweils tauschen- 
den Personen stecken bleibt, und ferner auch nicht ihrem Umkreis 
entsprungen sein kann. Die Tauschhandlung ist wirt- 
schaftlich nichts Sebstwüchsiges, nichts Atomhaftes. Wirt- 
schaftlich besteht Tausch überhaupt nicht in der Handlung Einzelner, 
sondern bedeutet die organische Verbindung von wirtschaftlichen 
Betrieben, bedeutet organische Vorgänge im Ganzen der Volkswirt- 
schaft. Tausch ist Ausdruck der organischen Verbindungs- und 
Auseinandersetzungsvorgänge wirtschaftlicher Betriebe. Nicht die 
Individuen als selbständige, eigene, selbstbestimmte oder gar will- 
kürliche (autarke usw.) sind es, die tauschen, sondern die Be- 
triebe verschiedener Stufen der Erzeugung sind es, die im Tausche 
ihre Erzeugnisse aneinander abgeben und verrechnen ; die aneinander 
gelagerten und zu verbindenden Wirtschaftskreise sind es, die auch 
im „Handel" und in der „Börse" ihre Waren, Kapitalien, Schulden 
aneinander abgeben. Noch anders gesagt: Die im Abgeben 
und Uebernehmen gegebene Aneinanderordnung der 
Wirtschaftsbetriebe („Gebilde") zu höheren Ganzen 
ist es, die im Tausche sich vollzieht. Tausch ist daher: 
die Sichtbarwerdung jener Ganzheit, als deren Glieder sich die 
Tauschenden offenbaren. Im Tausche werden die Wirtschafts- 
mittel (und zwar auch in Form von Kapitalien, Aktien), aus dem 
einen Betrieb herausgenommen und in einen anderen Betrieb hinein- 
gestellt. Auf diese Weise müssen Warentausch, Haudel, Spekulation, 
Arbitrage, Steuerzahlung, Zinsenzahlung usw. (lauter Arten von 
Tausch) jeweils ganz andere volkswirtschaftliche Vorgänge, ganz 
eigene Arten der Herstellung von Verbindungen, des Erscheinens 
höherer Teil-Ganzer bedeuten, trotzdem sie äußerlich die Form von 



198 Othmar Spann, 

„Tausch" der Einzelnen oder „Kauf und Verkauf" in bar oder 
Stundungsform haben, also scheinbar nur Einzelnen zuzurechnen 
waren. In Wahrheit ist aber der Tausch durch Einzelne nur die 
Erscheinungsform, in der die als Verbindung und Auseinandersetzung 
vor sich gehende Zusammenordnung wirtschaftlicher Gebilde statt- 
findet. Daß die Einzelnen allein es sind, welche diesen Tausch 
vollziehen, wird nicht geleugnet, aber nur gleichsam als Schau- 
spieler — wenn auch vielleicht aus dem Stegreif spielende, aber 
stets im Ganzen dichtende Spieler!; daß die Einzelnen für sich, als 
solche es wären, die tauschten, das muß geleugnet werden. Hier- 
mit kommen wir wieder bei dem an, was sich schon eingangs 
unserer Zergliederung der Tauscherscheinung vom universalistischen 
Standpunkte aus ergab: die Einzelnen tauschen nicht als 
solche, sondern als Träger wirtschaftlicher Gebilde, 
die hinter ihnen stehen. Daß die Einzelnen diesen Tausch 
vollziehen, ist also nur eine äußere Erscheinungsweise gesamtvolks- 
wirtschaftlicher Tatsachen. Die Individuen als Tauschende sind 
nur die Träger der organischen Verbindungs- und Auseinander- 
setzungsvorgänge, die zwischen den wirtschaftlichen Gebilden statt- 
finden. Diese Gebilde, z. B. „Gutshof", „Fabrik", (aufkaufender) 
„Handel", „Eisenbahn", „Börse", „Zerstreuungshandel", „Klein- 
verschleiß" sind lauter organische Teilsganze, welche den Körper 
der Volkswirtschaft bilden (wie ich sie etwa im „Bauplan der Volks- 
wirtschaft" meines „Fundament" skizziert habe). Diese Gebilde 
selber haben wieder die Form des „Betriebes". „Betrieb" kann 
wieder Alleinbetrieb, Klein- oder Großbetrieb sein — nicht ob viele 
oder wenige darinnen arbeiten, ist maßgebend, sondern die Natur 
derselben, eine Zelle im Gebäude der volkswirtschaftlichen Ganzheit 
und in sich selber wieder ein System (ein Teilsystem) zu sein. Als 
Träger (Funktionär, Exponent) solcher wirtschaftlicher Handlungen, 
als Vertreter seines Gebildes tritt der Börseaner, ebenso wie der 
Bauer, Pferdezüchter auf, als wirkender, aber unbewußter Delegierter. 
Die Gebilde sind auf ihre Einzelvertreter angewiesen, aber die 
meisten Individuen wissen das nicht! 

Von hier aus ist nun auch das vorhin angeführte Nomadenbeispiel mit seinen 
drei Zufällen aufzulösen. Ich will nicht sagen, daß der Fall unlogisch gedacht sei, 
denn es ist logisch möglich, daß zufällig der Stamm N Salzüberschnß, zufällig 
der Stamm Nj Eisenüberschuß habe und beide einander zufällig treffen. Das 
Zufällige daran zeigt aber, daß es sich hier um einen Grenzfall des Möglichen, 
keinen Typus handle. Das tiefste Wesen dieses Tausches besteht aber, wie in allen 
Fällen, hier ebenfalls darin, daß Salz und Eisen einander ergänzen müssen: wodurch 
die beiden Wirtschaften Glieder einer Ganzheit werden. Denn die Eisen erzeugende 
Wirtschaft war nun Vorerzeuger für die Eisen verwendende und die Salz erzeugende 
Vorerzeuger für die Salz verwendende. Beide Wirtschaften müssen denn auch, in- 
dem sie in das Verhältnis von Vor- und Nacherzenger gegenseitig eintreten, ihren 
gesamten Wirtschaftsplan ändern, was der deutlichste Beweis dafür ist, daß beide 
Wirtschaften in organischer Verbindung miteinander stehen, d. h. in Bezug auf die 
„Salz-Eisen- Wirtschaft" und die damit zusammenhängenden Hilfs- und Nachbar- 
gebilde eine Ganzheit bilden, deren Glied nunmehr nur jede einzelne Wirtschaft ist. 

Alles dieses wird später noch von mehreren Seiten her klar werden. 



Tausch und Preis. 199 

Nach allem Bisherigen dürfen wir zusammenfassend sagen: 
Unter Tausch im individualistischen Sinne versteht man das 
auf dem Handeln der für sich gesehenen Einzelnen beruhende Ab- 
geben von Gütern gegen andere (oder gegen Geld — „Kauf"); unter 
Tausch im universalistischen Sinne verstehen wir die organische 
Verbindung und Auseinandersetzung der wirtschaftlichen Gebilde, 
als deren Träger (Vertreter) nur die tauschenden Einzelpersonen 
auftreten; Tausch im individualistischen Sinne ist das Ergebnis 
selbstwüchsigen wirtschaftlichen Handelns Einzelner; Tausch im 
universalistischen Sinne ist nur der Ausdruck des organischen 
Angelegtseins volkswirtschaftlicher Vorgänge aufeinander, bzw. ihrer 
ganzheitlichen Zusammenordnung; Tausch im individualistischen 
Sinne ist die Angelegenheit zweier tauschender Einzelpersonen 
(z. B. zweier Börseaner, die sich vielleicht gegenseitig übers Ohr 
hauen möchten); Tausch im universalistischen Sinne ist die Platt- 
form der Verbindungs- und Auseinandersetzungsvorgänge der ein- 
zelnen Teilganzen („Gebilde") zu höheren Teilganzen im Rahmen 
der Volkswirtschaft. 



2. Der Begriflf des Preises. 

Individualistisch gefaßt, ist der „Preis" gleich dem Verhältnis 
der ausgetauschten Waren (der „Tauschrelation"). Sind z. B. 
20 Ellen Leinwand gleich 1 Rock oder gleich X Mark, so ist der 
Preis von 20 Ellen Leinwand 1 Rock. Hier wird der Preis ge- 
nau so wie der Tausch, mit dem er ja eigentlich einerlei ist, er- 
klärt. Das geschieht auch, wenn es heißt, der Preis sei von An- 
gebot und Nachfrage abhängig, denn das bedeutet individualistisch 
doch nur : von Tausch wäre und Gegentausch wäre = von der Summe 
aller Tauschhandlungen. Nach welcher besonderen Gesetzmäßigkeit 
diese Summierung der Tauschhandlungen geschieht, versuchen dann 
die verschiedenen Preistheorien je in ihrer Weise zu ermitteln. Aber 
sowohl bei Ricardo wie bei Böhm-Bawerk sind es die Tauschhand- 
lungen der Einzelnen, aus denen sich der Preis ergibt. Ja hier ist 
Böhm-Bawerk in gewissem Sinne noch individualistischer als Ri- 
cardo und Marx, da bei den letzteren der Wert (obzwar die Tausch- 
handlung nur dem Einzelnen zugerechnet wird) grundsätzlich durch 
eine objektive Tatsache, nämlich die in ihr steckende Arbeitsmenge be- 
stimmt ist; bei Böhm dagegen nur die Schätzungshandlungen der 
Einzelnen allein in ihrer Verschlingung den Preis ergeben. 

Anders die universalistische Auffassung. Ist der Tausch nur 
Ausdruck organischer Verbindung von wirtschaftlichen Stufen, 
Betriebsgruppen und Erzeugungszweigen der Volkswirtschaft, ist er 
nur die Plattform der Verbindungs- und Auseinandersetzungsvorgänge, 
und in diesem Sinne selbst ein Organ, dasjenige Organ, das zuletzt 
die Ganzheit jener Vorgänge im Rahmen der Volkswirtschaft herstellt 
— dann ist der „Preis" auch nicht das bloße Verhältnis der einzelnen 



200 Othmar Spann, 

getauschten Waren selbst, dann hängt er auch nicht von dem bloßen 
jeweils gegebenen Angebot und der jeweils gegebenen Nachfrage ab. 
Sondern „Preis" ist nun: der Anzeiger der organischen Ver- 
bindungsvorgänge der sich berührenden volkswirt- 
schaftlichen Stufen und Erzeugungszweige. „20 Ellen 
Leinwand gegen 1 Rock", „X Wagen Leder gegen Y Wagen Schuhe", 
„X Ballen Baumwolle gegen Z Sack Mehl", oder : 1 Elle Leinwand 
= A Mark, 1 Rock B Mark, usw. — all dieses heißt nun nicht, 
daß Herr A von ungefähr oder mit Vorsatz Leinwand, B Röcke, 
C Leder usw. tauscht oder kauft, denn diese Tatsache ist belanglos; 
sondern daß die Vorstufe „Leinwanderzeugung" („Leinwandangebot") 
in einem bestimmten Verhältnis zur Nachstufe Rock- 
erzeugung (Nachfrage für Leinwand) steht. 

Denn es muß ja, wenn „Volkswirtschaft" eine Ganzheit und 
kein Haufen sein soll, jede Vor-, Nach- und Nebenstufe der Wirt- 
schaft in einer organischen Verbindung, einem bestimmten Ver- 
hältnis der Entsprechung zu jeder anderen stehen. Vom Hochofen 
hängt das Walzwerk, vom Walzwerk die Klein-Eisenerzeugung, die 
Maschinenerzeugung usw. ab. „Walzwerk" muß zu seinen Vor-, 
Nach- und Nebengewerben in einem ganz bestimmten Verhältnis 
stehen. Dieses Verhältnis ist das Erste, der Preis bloßer Ausdruck, 
bloßer Anzeiger (Exponent) gegenständlicher volkswirtschaftlicher 
Verhältnismäßigkeiten; er ist nicht etwas, was den einzelnen Tausch- 
handlungen als solchen, den einzelnen Tauschein als solchen zu- 
gehört und entspringt, noch aus einem Summationsvorgang „An- 
gebot — Nachfrage", noch aus dem „Gleichgewicht" derselben. 

Diese Auffassung des Preises als Anzeiger ist noch keine voll- 
ständige Preistheorie, sondern gibt nur den Rahmen an, in dem sich 
die universalistischen Preiserklärungen zu bewegen haben. Die 
besondere Preistheorie hat (auf der angegebenen allgemeinen Grund- 
lage) noch darzutun, nach welchen Gründen jenes „Anzeigen" „Aus- 
drücken" organischer Beziehungen der Teilganzen im volkswirtschaft- 
lichen Gesamtganzen vor sich geht, welcher der Gang und Verlauf 
dieses „Anzeigers" ist. Die österreichische Schule, welche den Wert 
von Bedürfnisstand und Gütermenge (d. h. vom Verhältnis der Mittel 
zu den Zielen abhängig macht) und den Preis als Ergebnis der 
Marktlage begreift, ist durchaus auf dem rechten Wege; jedoch muß 
Ziel- und Mittelbestand der Einzelnen, muß die Marktlage stets als 
Aeußerung der volkswirtschaftlichen Ganzheit begriffen werden, 
nicht als Zufälliges, als bloß Summiertes, das aus sich zusammen- 
findenden Atomen bestünde. Es ist richtig, daß sich Ganz- 
heit nur durch Einze Iheit (Subjektivität) vermittelt, 
darstellt; aber das Gegenteil dieser Grundtatsache 
ist, daß die Summe der Einzelheiten (Subjektivitäten) 
das Reale wäre. 

In meinem „Fundament der Volkswirtschaftslehre" (2. Aufl. 1921; § 19) habe 
ich das Wesen des Preises bestimmt als „die Leistungsgröße eines Mittels 
im ttberindividuellen Zusammenhange aller Mittel". 



Tausch und Preis. 201 

Diese Bestimmung ist nur eine nähere Ausführung der obigen Grundbestimmung 
(und zwar im Sinne meiner Auffassung der „leistungsmäßigen", „verrichtsamen", d. h. 
„funktionellen" nicht aber „kausalen", Natur aller Wirtschaft). Denn die organische 
Verbindung der Vorstufe von Erzeugung mit der Nachstnfe kann nur dadurch her- 
gestellt werden, daß die Güter der Vorstufe (z. B. von „Hochofen") im Betrieb der 
Nachstufe (z. B. von „Walzwerk") eine Verwendung finden, d. h. also eine bestimmte 
Leistung in dieser Nach stufe, im nächsthöheren Ganzen vollbringen, in das (jeweils 
als Ganzes schon gegliedertes!) Gebäude dieser Leistungen mit ganz bestimmten 
Verrichtungen eingehen. Je nachdem viele oder weniger Güter von der Vorstufe 
geliefert werden, werden wichtigere oder unwichtigere Leistungen verwirklicht 
werden können, wird die „Grenzleistung" eine verschiedene sein. 

Alles zusammengefaßt, schließt der Begriff des Preises als „Aus- 
druck organischer Verbindung" „Anzeiger von Verhältnismäßigkeit" 
dreierlei in sich: 

1. daß der Preis Ausdruck von Gliederung der Wirtschaftsmittel, 
von Ganzheit ist; 

2. daß das einen Preis erlangt habende Gut eine besondere 
Stelle in der Ganzheit einnimmt; 

3. daß der Preis die Richtung jener Aenderung, welche in der 
Ganzheit vor sich geht, ausdrückt. 

Zu 1 und 2 : Der Preis ist (so führten wir früher aus), Exponent jener 
jeweiligen Ganzheit, welche die getauschte Güterverbindung jeweils 
in ihrer Weise darstellt. Damit ist der Preis Ausdruck (Zeiger) der auf 
dem Markt (jeweils) auftretenden Gliederung des beteiligten Wirt- 
schafsmittels: des Angebotes und der Nachfrage sowohl der getauschten 
Güter wie aber auch jener, die als stellvertretende Güter in Betracht 
kämen (man denke an eine Art Waren- Arbitrage für verwandte Güter 
innerhalb des Marktes wie zwischen den Märkten.) Weiter: die auf 
dem Markte auftretende Gliederung der beteiligten Wirtschaftsmittel 
ist weder Ausdruck der Gliederung aller Wirtschaftsmittel d. h. 
der vollen Ganzheit der Volkswirtschaft. Selbst die Volkswirtschaft 
ist wieder abhängig von ihrem Zusammenhange mit dem Gesamt- 
ganzen „Weltwirtschaft". 

Daß jede Ware in der Gliederung des Ganzen der Volkswirt- 
schaft eine ganz bestimmte Stelle einnimmt (von der Weltwirtschaft 
sei hier abgesehen), bewirkt, daß der Preis nicht nur die Ganzheit, 
die Gliederung der Wirtschaftsmittel ausdrückt, die hinter ihm steht, 
sondern auch die besondere Stelle, an der die bewertete Ware steht. 
Es ist daher ganz natürlich, daß dieselbe Ware in Wien und Graz 
einen abweichenden Preis hat, und zwar auf den Großmärkten, wo 
sie der volkswirtschaftlichen Ganzheit noch näher steht, weniger 
als auf den Kleinmärkten. „Dasselbe" Gut ist eben an verschiedener 
volkswirtschaftlicher Stelle ein verschiedener Exponent (Besonderer) 
der Ganzheit, schon weil seine Leistung dann verschieden ist. (NB.: 
Wenn -sich umgekehrt zeigt, daß dagegen ein Buch in Königsberg 
und Leipzig den gleichen Preis hat — ja sogar in Königsberg und 
Wien, also sogar über die Volkswirtschaften hinweg — so geschieht 
dies nur dadurch, daß die zünftlerische Organisation des Buchhandels 
eine einheitliche Gliederung selber darstellt und örtliche Verschieden- 
heiten fast ganz ausgleicht.) 



202 Othmar Spann, 

Hieran sei noch eine weitere Betrachtung geknüpft. 

Aus der Grundtatsache, daß an jeder Stelle der volkswirtschaft- 
lichen Ganzheit „dasselbe" Gut die Ganzheit in anderer besonderer 
Weise widerspiegelt, daher notwendig auch einen anderen Preis hat, 
also, um noch einige weitere Beispiele anzuführen : der Kuchen beim 
Bäcker einen anderen Preis als im Gasthof, das Mehl einen anderen 
beim Großhändler und Kleinhändler, „dieselbe" Ware als „Brief" und 
„Geld" einen anderen Kurs an der Börse — aus dieser Grundtat- 
sache folgt: daß das Umwechslungsverhältnis einer Ware 
zu allen anderenWaren der Volkswirtschaft kein ein- 
deutiges ist; daß daher der Preis eines Gutes auch nicht 
vollkommen rechenbar ist, sondern stets ein irratio- 
nales Element enthält. „1 Rock = 20 Ellen Leinwand = 20 M." — 
dieses Verhältnis ist wohl ein eindeutig gerechnetes. Steht aber 
der Rock, stehen die 20 M., zu allen anderen Gütern der Volkswirt- 
schaft damit schon in einem eindeutigen Verhältnis? — Nein! Denn 
für 20 M. kann ich zwar allerlei kaufen — aber nicht jede der betr. 
Waren zu ein und demselben Preise ! Sollen 20 M. etwa in 1 Mittag- 
essen und Wohnungsmiete für 24 Stunden umgesetzt werden, so 
kann ich „dasselbe" Mittagessen im Gasthofe A, B, C oder in Wien 
und Linz nur zu abweichenden Preisen kaufen und ebenso wird die 
Miete für 24 Stunden in Gasthof, Herberge oder eigener Wohnung 
nur zu sehr verschiedenen Preisen zu kaufen sein. Bekannt ist 
auch, daß nicht jede Fabrik für die gleichen Leistungen die gleichen 
Löhne zahlen kann: die „gleiche" Arbeitsleistung eines Eisendrehers 
erzielt daher in jeder Fabrik einen anderen Preis, weil sie an einer 
anderen Stelle des Organismus der Volkswirtschaft steht! Nicht 
die Gattung und Güte der Ware, die ich kaufen will, bestimmt 
daher den Preis eindeutig, sondern die volkswirtschaftliche Stelle, 
an der die konkrete von mir gekaufte Ware steht, ist dafür aus- 
schlaggebend!— Hier aus folgt weiter,d aß die individualistische 
Annahme, als könnten durch Wettbewerb wenigstens 
idealerweise diePreise absolut ausgeglichen werden, 
falsch ist, da jede Ware an verschiedener Stelle not- 
wendig einen verschiedenen Preis haben muß. 

Nicht der Wettbewerb, sondern höchstens sein Gegenteil, die 
Organisation, kann die Preise vollkommen ausgleichen — Kartell, 
Zunft, Kollektivarbeitsvertrag! Und zwar tut sie dies gegen die Natur der Wirt- 
schaft, die verschiedene Preise verlangt, je nachdem die Ware an einer anderen 
Stelle im volkswirtschaftlichen Ganzen steht (ob in den Folgen nützlich oder nicht 
ist ja eine andere Frage!). Am deutlichsten zeigt sich dies daran, daß der Ober- 
leiter einer kommuDistischen Volkswirtschaft für die gleichen Schuhe einer Schuh- 
fabrik in Graz andere Selbstkosten haben würde als in Wien, z. ß. infolge anderer 
Materialkosten, Frachtkosten, Gründungskosten (,.Eegie"), abweichenden Wirkungs- 
grades von Arbeit und Maschine. Ein Ganzes besteht eben überall nur aus Gliedern, 
damit aber aus Unterschiedenem, nicht aber aus Homogenem, aus gleichen Atomen. 

Zu 3 : Der gegebene Preisbegriff schließt ferner in sich, daß der 
Preis, wenn er von einem früheren Stande abweicht, auch eine Ab- 
weichung, eine Aenderung seiner Grundlagen anzeigt. Die Preis- Aende- 



Tausch und Preis. 203 

rung ist daher von ganz besonderer Bedeutung, sie zeigt an, daß die 
jeweilige Gliederung der Wirtscliaftsmittel, die jeweilige Verhältnis- 
mäßigkeit aller Teil-Ganzen in einer Verschiebung begriffen ist! 
Um uns die Grundtatsache „Gliederung" klar zu machen, mußten 
wir ein Augenblicksbild der Gegliedertheit einer Volkswirtschaft 
festhalten, d. h. eine beständige, feste Gliederung annehmen („sta- 
tische" Wirtschaft). In Wahrheit ist aber die Wirtschaft lebendig, 
ist sie in steter Bewegung. Die Preise zu Beginn des Marktes und 
am Ende des Marktes, des vorigen und heutigen Tages, des Früh- 
jahrs und Herbstes, des vorigen und heurigen Jahres (usf.) wechseln 
und schwanken unaufhörlich! Ein gegebener Preis (verglichen 
mit einem früheren) spiegelt daher nicht nur eine Gliede- 
rung des Augenblicks von Marktlage und Volkswirt- 
schaft wider, sondern auch eine Aenderung dieser 
Gliederung in einer ganz bestimmten Richtung (die von 
ihm allein aus allerdings noch nicht erkennbar ist, hierüber s. Näheres 
unten S. 207). 

Zur vollen Klarstellang ist es vielleicht nützlich, noch eine kurze Bemerkung 
über die Sonderstellung der Börse zu machen. Auf der Börse werden nämlich nicht 
Gebrauchsgüter, sondern „repräsentative Güter" gehandelt, z. B. Effekten oder 
Wechsel. Wie steht es hier, so könnte man fragen, mit der organischen Verbindung 
von Vor- und Nachstufe durch Tausch und Preis? Genau so, wie auf dem Waren- 
markte, denn zuletzt wird ja nur ein Warenmarkt (= Markt von Leistungen) auch 
auf der Börse vermittelt. Hinter dem Handel mit repräsentativen Gütern, z. B. mit 
Aktien, stehen Fabriken, hinter jenem mit staatlichen Rentenpapieren stehen Zinsen 
und Geld, die als Wirtschaftsmittel (sei es für Warenerzeugung, Warenhandel oder 
für andere Wirtschaftsvorgänge) allein Bedeutung haben. 

3. Ursächlichkeit oder Gliedlichkeit ? 

Die individualistische Auffassung, wonach die einzelne Tausch- 
handlung als ursprüngliche selbstwüchsige Wirklichkeit auftritt, 
muß diese Wirklichkeit methodologisch fassen: als Kraftzentrum, 
das eindeutige „Ursache" für „Wirkungen" ist, als Atom, das ein- 
deutig bestimmbar (nach dem Eigennutz) „wirkt". Dieses „Wirken" 
wird methodologisch ernst genommen, nämlich als Kausalität (Ur- 
sächlichkeit) und die Theorie der Tausch- und Preiserscheinungen 
wird daher als ein Inbegriff von „Kausalgesetzen" gefaßt. Die 
Preisgesetze sind „Naturgesetze"; Ursachenerklärung, Ursächlichkeit 
ist die Kategorie der nationalökonomischen Denkweise. Die Wirt- 
schaftserscheinungen werden da so betrachtet wie die Gegenstände 
der Chemie. Der Chemiker wirft verschiedene Reagentien in den Bottich, 
worauf es brodelt und braut und eindeutige, weil ursächlich bestimmte, 
Hergänge entstehen. Ebenso betrachtet der individualistische Wirt- 
schaftsforscher den Markt. Dieser ist ihm der Bottich, in welchem 
verschiedene Reagentien, die Wirtschaftsatome (die einzelnen Tauscher, 
bzw. ihre Tauschhandlungen) brodeln und brauen und eindeutig be- 
stimmte Folgeerscheinungen in diesem ursächlichen Aufeinander- 
Wirken erzeugen, z. B. Preise als „Gleichgewicht" von Angebot 
und Nachfrage. „Wertgesetze", „Preisgesetze", „Verteilungsgesetze" 



204 Othmar Spann, 

sind der Ausdruck solcher ursächlicher Verkettungen, sind die „Natur- 
gesetze" der Wirtschaft. 

Diesen Boden muß die universalistische Auffassung gänzlich 
verlassen, und es ist dies vielleicht die schwerste Zumutung, welche 
an den gestellt wird, der in der bisherigen (ursächlichen, individua- 
listischen) Denkweise groß wurde. Zwar sind die Wirtschaftsvor- 
gäuge für die universalistische Auffassung nicht minder eindeutig 
bestimmt als für die individualistische, jedoch nicht auf dem Boden der 
Ursächlichkeit. An Stelle der Kategorie Ursache— Wirkung tritt 
für die universalistische Auffassung die Kategorie Ganzheit — Glied: 
„Gliederung" des Ganzen in Teile, „Gliedlichkeit" der Teile, „Ent- 
sprechung" (Korrelation) der Glieder oder Teile untereinander und 
im Ganzen (wie Herz und Lunge, Nerven- und Muskelsystem ein- 
ander entsprechen). Das sind die Kategorien, die Denkformen, in 
denen sich die volkswirtschaftliche Erkenntnis abspielt. Ein 
„Warum" und „Weil" gibt es auch für uns: aber nur als 
logisches Warum, als gliedliches Warum — nicht als 
mechanisches, kausales! Wir sahen, daß sich im „Tausch" eine 
Ganzheit bildet, in der sich die Gliedlichkeit der Teile (der Tausch- 
handlung) darstellt, wir sahen, daß der Preis Ausdruck von Gliede- 
rung ist, seine Aenderung einen Umbau der Gliederung der betroffenen 
Ganzheit anzeigt; die Tausch- und Preisgesetze wie alle anderen 
Gesetze der Volkswirtschattslehre sind daher sämtlich Gesetze, welche 
die Bezogenheit der Teile in der Ganzheit betreffen, Gliederungs- 
gesetze, Entsprechungsgesetze usf. Als solche sind sie eindeutig 
(weil z. B. Herz- und Lungenentsprechung, Handels- und Erzeugungs- 
entsprechung unter gegebenen Umständen eindeutig sind); ja sie 
sind sogar einsichtig, d. h. ihre Notwendigkeit, ihre Gültigkeit 
kann unmittelbar eingesehen werden, leuchtet ein (während nicht 
einleuchtet, warum die Thermometersäule steigt [Wirkung], wenn es 
wärmer wird [Ursache]); aber sie sind niemals und in keinem Sinne 
ursächlich ! 

An dieser Stelle soll dieses schwierige Gebiet nicht weiter betreten werden, 
es sollte nur auf die verfahreukundliche Folgerung hingewiesen werden, die entsteht, 
wenn die Tausch- und Preislehre es mit Ganzheiten statt mit Einzelhandlungen, 
mit Wirtschaftsatomen, zu tun hat Weitergeführt ist der Gedankengang in 
meinem „Fundament der Volks wirtschaftsl." 2. Aufl. 1921, S. 20 ff., 249 f., 262 f. 

4. Der Begrifif der volkswirtschaftlichen Yerteilung. 

Die individualistische Volkswirtschaftslehre wird auch mit 
Bezug auf den Verteilungsbegriff geneigt sein zu leugnen, daß es 
eine eigene individualistische und universalistische Betrachtungs- 
weise gäbe. In ihrer methodologischen Unbefangenheit würde sie 
etwa sagen: Die Betrachtung des Wertes und Preises führt von 
selbst notwendig auf Tatsachen, die sich nachträglich als volkswirt- 
schaftliche „Verteilung" herausstellen; d. h. ganz genau gefaßt als 
etwas, das eine sozialistische Ordnung „Verteilung" nennen würde; 



Tausch und Preis. 205 

denn der Preis ist es, in dessen Gestalt sich das Abströmen des 
Hervorbringnisses vollzieht; „Tausch", „Preis" schließt daher schon 
„Verteilung" in sich; daher gilt für den Individualisten: Die 
Handlungen der Einzelnen ergeben den Preis; der 
Preis ergibt die Verteilung; aus den Preisgesetzen 
ergeben sich die Verteilungsgesetze. In diesem Punkte 
kann daher eine andere, die universalistische Betrachtung nichts 
Neues ergeben — so etwa könnte man den Gedankengang Ricardos 
oder Böhm-Bawerks als Einwand gegen uns formulieren. — 

Es steht anders! Der Preis schließt zwar eine Verteilung in 
sich — aber wieder eine durchaus individualistisch gedachte, eine 
solche, die aus den souveränen Tausch-Handlungen der Einzelnen 
folgt! Wenn der Preis sich aus dem Tun Einzelner ergibt, 
dann ergibt sich auch die Verteilung aus dem Tun Einzelner, sie 
summiert sich, aus vielen einzelnen Tauschakten, Preisbildungen. 
— Die selbstwüchsigen Handlungen sollen plötzlich statt eines Chaos 
eine geordnete volkswirtschaftliche Verteilung ergeben! Die alten 
individualistischen Klassiker erkannten auch oifen dieses Rätsel an. 
Sie priesen den glücklichen Zufall, daß durch den Eigennutz der 
Einzelnen nicht ein Chaos herauskäme und nannten das „prästa- 
bilierte Harmonie". Nach diesem Grundsatze hat denn auch Ricardo, 
hat die Grenznutzenlehre, haben alle anderen Individualisten die 
Verteilungserscheinungen erklärt! Die Verteilung ergibt sich ihnen 
(um es zu wiederholen) nachträglich, nachdem 1. im individuellen 
Tausche die Preise sich bildeten und 2. nachdem die Erzeugnisse 
schon selbstwüchsig erzeugt waren (wie beim Fabrikanten) bzw. 
schon selbstwüchsig weiter bewiitschaftet waren (wie beim Händler 
oder Bankmann). Die Individuen machen hier die Verteilung — 
freilich unbewußt und ungewollt. Oder, von der Preisseite her aus- 
gedrückt: Die Preise bestimmen die Verteilung; sie be- 
stimmen dadurch ferner auch das, was sich (nach individualistischer 
Betrachtungsweise) nachträglich als die organische Verbindung der 
einzelnen Wirtschaftszweige herausstellt und zwar soll dieses nach 
dem Gesetz von Angebot und Nachtrage erfolgen, indem die weniger 
versorgten Wirtschaftszweige große Profite, die mehr versorgten 
kleine Profite erzielen, Kapital und Arbeit daher den Stellen höheren 
Gewinnes zuströmen. Durch diese Ursächlichkeit, diesen blinden 
Mechanismus stellt sich der volkswirtschaftliche Organismus 
her! — So die individualistische, so die ganze herrschende Auf- 
fassung seit Adam Smith. 

Gerade umgekehrt wieder die organische, die universalistische 
Auffassung! Hier muß es heißen: Die Verteilung bestimmt 
den Preis; die Gliederung der Teilganzen in der Wirtschaft, d.h. 
die organischen Verhältnisse der Wirtschaftszweige erzeugen die 
Verteilung; nicht aber die Preise bestimmen die Verteilung und die 
organischen Entsprechungen, die in ihr beschlossen liegen ! Ebenso 
gilt: die Verteilungs Schwankungen bestimmen die 
Preisschwankungen, (welche nur die Richtung der Aenderung 



206 Othmar Spann, 

in den organischen Entspreclmngsverhältnissen anzeigen), nicht aber 
die Preisschwankungen die Verteilungsschwankungen. 

Geht man dieser Frage des Verhältnisses von Verteilung oder 
Wirtschaftsgliederung zum Preis auf den Grund, so gelangt man zu 
der noch allgemeineren wichtigen Frage: ob überhaupt der Preis 
oder der Wirtschaftsvorgang, d. h. die Leistung, die in ihm liegt, 
das Erstwesentliche sei? „Erstwesentlich" bedeutet dabei das 
„logisch Erste", das logisch (nicht zeitlich) Primäre. Wir wenden 
uns der Frage in dieser ihrer allgemeineren Form zu. 



5. Ist Preis oder Leistung das Erste? 

Die Frage, ob Preis oder Leistung das Erstwesentliche (Primäre) 
ist, wird von der individualistischen Auffassung gemäß ihier Ver- 
teilungslehre dahin beantwortet, daß der Preis das Erste in der 
Wirtschaft sei, von dem sich alles andere, d. h. von dem sich der 
weitere Wirtschaftsvorgang erst ableite; natürlich, denn alles, was 
der Einzelne in der Wirtschaft tut, ergibt sich ja erst aus dem 
Preis, richtet sich nach dem Preis, den er erzielt (oder zu erzielen 
hofft). „Alle Wirtschaftserscheinungen leiten sich daher von der 
Wert- und Preiserscheinung ab" — so haben seit Smith, bewußt 
oder unbewußt, alle Volkswirte außer Adam Müller, List und 
wenigen anderen gedacht. Daß es neben dem Preis auch etwas 
anderes in der Volkswirtschaft gebe, das wurde im Grunde gänzlich 
übersehen, weil jeder Wirtschaftsvorgang in einen Preisbildungs- 
vorgang aufgelöst erschien, so daß die obige Frage: Ob Preis oder 
Leistung das Erste sei, methodisch eigens gar nicht untersucht 
wurde; die Erstwesentlichkeit (logische Priorität des Preises) galt 
als selbstverständlich. 

Anders für die universalistische Auffassung. Ein Organismus 
von Leistungen, d. h. ein Organismus wirklicher Wirtschaftszweige, 
Wirtschaftshandlungen, die Entsprechungsverhältnisse dieser Zweige 
und Handlungen, der stufenweise, gegenseitig aufeinander angelegte 
Gesamtplan aller Teile ist hier stets und notwendig das Erste. Von 
ihm allein kann alles andere abgeleitet sein, daher insbesondere auch 
der Preis. Der Preis kann nur Anzeiger, Index, Uhrzeiger sein. 
Der Preis kann die stattgefundenen Gliederungen wie 
ihre Bewegungen und Veränderungen ausdrücken, er 
kann sie nicht bewirken. 

Betrachten wir hierfür einige Beispiele. Wenn ein neues Erzlager 
entdeckt wird, dann ändern sich die Verhältnismäßigkeiten von Eisen 
und Eisenwaren zu allen anderen Waren : die Gliederung der Wirt- 
schaftsmittel hat sich geändert — die Verteilung, und damit auch die 
Preise. Das Gleiche geschieht, wenn ein neues Verfahren erfunden 
wird : dadurch werden gewisse Waren reichlicher und die Gliederung, 
Verteilung der Volkswirtschaft und ihrer Teilganzen ändert sich, 
damit auch die Preise. Auch die Aenderungen der „Konjunktur" 



Tausch und Preis. 207 

und „Marktlage" sind in ihrem ersten Wesen Veränderungen in der 
Verteilung, in der Gegliedertheit der Volkswirtschaft und Weltwirt- 
schaft. Wenn z. B. die Walzwerkserzeugung gegenüber den ver- 
brauchenden Gewerben zurückgeblieben ist, so zeigt diese Störung 
der organischen Entsprechungen ein erhöhter Preis an; der Preis 
hat aber dieses Zurückbleiben nicht bewirkt; wenn das unverhältnis- 
mäßige Zurückbleiben im Preise zum Ausdruck gekommen ist, so 
entstehen Kräfte, es wieder gutzumachen. Der Preis bewirkt 
auch hier nicht eigentlich, daß die Walzwerke sich vergrößern und 
ins rechte Verhältnis gesetzt werden, sondern er vermittelt nur 
diese Bewegungen. Die Preissteigerung ist ja erst die Folge dieses 
Zurückbleibens; und die Notwendigkeit für die Verbrauchergewerbe, 
höhere Preise zu zahlen, ist die Folge ihres Ueberwucherns. Der 
höhere Preis der Walzwerkerzeugnisse beweist daher nicht ein- 
deutig, daß sich die Walzwerke nun vergrößern werden — denn 
statt der Vergrößerung der Walzwerke kann auch eine Verkleinerung 
der Verbrauchergewerbe eintreten, welche den hohen Preis nicht 
zahlen können; in diesem Falle zeigt der Preis an, daß die organische 
Gliederung nicht durch Zurückbleiben der Walzwerke, sondern durch 
Ueberwuchern der Kleineisengewerbe gestört wurde. Die organische 
Verbindung der volkswirtschaftlichen Erzeugungszweige ist es, nach 
der sich die eine oder andere Bewegung richten wird. Der Preis 
zeigt sowohl nach rückwärts die Veränderung an (dem Walzwerk 
gegenüber, dessen augenblickliches Zurückbleiben und daher die 
Preis- und Profitsteigung), wie auch nach vorwärts (den Verbraucher- 
gewerben gegenüber das Ueberwuchern und damit die erhöhten 
Preisopfer, die geringeren Gewinne und Profite). Eine Preiserhöhung 
zeigt also nicht, wie die individualistische Ansicht lehrt, an, daß das 
gestiegene Gut schlechthin knapper geworden ist; sondern: eine 
Preiserhöhung kann, weil sie nur die organische 
Störung als solche anzeigt, nicht eindeutig die Rich- 
tung dieser Störung anzeigen. Die Erhöhung kann nach 
vorwärts zeigen und dann überträgt sie sich stufenweise auf alle 
Nacherzeugnisse; in diesem Falle zeigte sie Knappheit, erhöhte 
Wichtigkeit der gestiegenen Ware an (z. B. : einer Erhöhung des Roh- 
eisenpreises folgt ohne Ermattung die entsprechende Erhöhung aller 
Preise der Nacherzeugnisse). Die Erhöhung kann nach rückwärts 
zeigen ; dann bedeutet sie eine Rückbildung der Nachfrage, zeigt sie 
an, daß der Verbrauch die erfolgte Ueberwucherung der erhöhten 
Erzeugung nicht erträgt und nicht die Vorerzeugungen nach den 
Nachstufen sich umgliedern, sondern sich die Nachstufen in das alte 
Verhältnis zurückgliedern. 

Immer wieder zeigt sich, was wir schon früher sahen: Nicht 
der Preis bestimmt die Verteilung, sondern die Verteilung bestimmt 
den Preis, und die Aenderung der Verteilung bestimmt die Aenderung 
des Preises und die weitere Entwicklung der organischen Verteilungs- 
änderung in der Volkswirtschaft bestimmt, ob der neue Preis eine 
Vergrößerung der zurückgebliebenen Organteile der Volkswirtschaft 



208 Othmar Spaun, 

anzeigen und vermitteln oder eine Verengung ihrer überwucherten 
Organteile anzeigen und vermitteln wird. Weil die individualistischen 
Freihändler von einer organischen Gliederung, von einer Beschränkung 
der Marktgröße nichts wissen wollen, denken sie immer nur an die 
Knappheit der gestiegenen Ware auf dem jeweils betroffenen Markt, 
nicht daran, daß die anderen Organteile der Volkswirtschaft nun in 
Entsprechung gebracht werden müssen, am wenigsten, daß dabei 
Rückbildungen stattfinden könnten, daß sich die Märkte auch nicht 
vergrößern könnten. — Universalistisch ist dagegen schon die Vor- 
stellung, daß die Individuen nicht einfach den Preisen nachlaufen, 
sondern sich erst fragen: ob sie kaufen wollen, ob sie im Eahmen 
aller Nutzungen kaufen dürfen, wie sie ihre Mittel gliedern 
sollen. 

6. Preis und Zurechnung. 

Ist der Preis Ausdruck organischer Verhältnise der Erzeugungs- 
zweige (Leistungszweige) in der Volkswirtschaft, so ist die eigent- 
liche und maßgebende primäre Preistheorie nicht die von Angebot 
und Nachfrage, nicht die Theorie des Markttreibens und Markt- 
tumultes, sondern: die Zurechnung. Es wird vielleicht Wiesers 
größtes Verdienst bleiben, daß er die Lehre von der Zurechnung 
auf eine vor ihm nicht gekannte Höhe gebracht hat, wenn auch 
seine Lösung selbst noch immer nur ein Anfang ist. Nicht das Er- 
gebnis zufälliger Marktlagen, zufälliger Summierung atomistischer 
Handlungen, sondern die Ganzheit der Volkswirtschaft, nicht das 
wirre Durcheinander der von augenblicklichen Nachfrage- und 
Angebotsschwankungen, sondern die Zurechnung, indem sie von einem 
gegebenen Wert auf dessen Glieder („Faktoren") zurückgeht, indem 
sie sowohl die Organlehre des Betriebes, wie die Organ- 
lehre der ganzen Volkswirtschaft ist, diese ist eigentliche 
und maßgebende Preislehre! Gewiß äußert sich auch die Zurechnung 
in den subjektiven Wertschätzungen der Betriebs- und Haus- 
haltsführer; aber ihre Schätzungen sind nicht isolierte Wertungen 
einzelner Güter für sich, sondern sie gründen sich auf die Gliederung 
der gesamten Betriebs- und Haushaltsmittel, sie sind — Zurechnungen! 
Die Preislehre der Marktvorgänge, wie sie z. B. in Böhm-Bawerks 
Pferdemarktformel, und überhaupt im „Gesetz der Grenzpaare", sich 
darstellt, hält bei genauer Untersuchung nicht vollkommen stand. 
Die Preislehre muß in Zurechnungslehre aufgelöst werden, kann nur 
eine Hilfslehre sein für die Zurechnung im Rahmen der Volkswirtschaft 
und im Rahmen der Betriebe. Wie die Gliederung der Leistungen das 
Erste ist und die Preise das Abgeleitete sind, so ist im Gebiete der 
Preise die Zurechnung das Erste und die Marktpreislehre das aus der 
Zurechnungslehre Abgeleitete, das aus der Zurechnung im Betriebe 
und der höheren Zurechnung im Ganzen der Volkswirtschaft sich erst 
Ergebende und Ableitende. Denn „ Wert" ist nur möglich als gegliederter 
Wert, als Teil wert eines Gebäudes, einer Ganzheit von Werten; 




Taasch und Preis. 209 

den gegliederten Wert aber erforscht die Zurechnungslehre. Eben- 
so ist Preis nur möglich als gegliederter Preis, als Gliederung aller 
Preise. Die Marktpreise müssen daher als Preisglieder des Marktes 
und des Zusammenhanges aller Märkte, d. h. aber: aus Zurechnung 
begriffen werden! Die „Zurechnung" ist daher die universalistische 
Wertbetrachtung, die Marktpreislehre nach Art des Böhm-ßawerk- 
schen „Gesetzes der Grenzpaare", ist die individualistische Wert- 
betrachtung; „Zurechnung" leitet sich von Gliederung der Leistungen 
(d. i. der Wirtschaftsvorgänge) ab; jene Marktpreislehre aber muß 
vom atomistischen Wertungsakte des Einzelnen ihren Ausgangspunkt 
nehmen, diese Wertungen summierend zusammensetzen, eine mecha- 
nische Mittelgröße als Preis („Gleichgewichtspreis") suchen und ver- 
liert auf diese Weise ebenso alle organische Gliederung der Wirt- 
schaft wie sie aus dem mechanisch erlangten Preisstand erst die 
Wirtschaftsvorgänge ableitet. 

Einige weitere Ausführungen darüber in § 19 meines „Fundament der Volks- 
wirtschaftslehre" 2. Aufl. 1921 (Gustav Fischer, Jena) S. 139. 



7, Der Wettbewerb als Erstes oder Abgeleitetes. 

Nach der individualistischen Auffassung ist der freie Wettbewerb 
ein Erstes und zwar ein von den Individuen, die das vollkommen 
Erste (Primäre) und Einzige in der Volkswirtschaft sind, Getragenes. 
Wettbewerb ist ihr eine Aeußerung individueller Kräfte. 

Dieses kann wieder, als Erscheinung und Beobachtung ge- 
nommen, von der universalistischen Auffassung nicht geleugnet 
werden, — dennoch ist es nicht richtig. Primär sind stets die 
Gliederungen der volkswirtschaftlichen Kräfte, die Ganzheit der 
Volkswirtschaft, die Teilganzen (Gebilde, Betriebe usw.), die als 
Organ und Teilorgan der Gesamtganzheit „Volkswirtschaft" ent- 
falten und im Rahmen dieses Gesamtganzen bestehen. Der 
Wettbewerb der Individuen untereinander kann wieder nur als 
Gliederungsvorgang der Ganzheit erscheinend in den Individuen 
betrachtet werden. Im Wettbewerb tritt Bezogenheit der Einzelnen 
aufeinander in Erscheinung, vermittelt sich Ganzheit in der Be- 
zogenheit Einzelner aufeinander. Der Wettbewerb erscheint am 
Individuum, aber er entstehtundbestehtnurinsoweit, als 
er Ganzheiten aufbaut oder zerstört — er ist so recht 
eigentlich eine bildende oder zerstörende Kraft im Ganzen (im 
Ganzen der Volkswirtschaft), eine Kraft, die, um es zu wiederholen, 
wohl nur durch die Individuen vermittelt wird, nicht aber von 
den Individuen erst wesentlicherweise ausgeht. Das Individuum 
kann wetteifern nur, sofern damit ein Ganzes gebaut oder zer- 
stört wird. Daher ist der Wettbewerb primär eine 
bildende, eine gliedernde Kraft im Ganzen, nicht eine 
Aeußerung des Individuums als solchen (ob auch eine 
zureichende, gute Art gliedernder Kraft? — das allerdings ist eine 

Jahrb. f. Nationalök. u, Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 14 



210 



Othmar Spann, Tanscli und Preis. 



andere Frage). Er ist eine Inbeziehungsetzung der Individuen unter- 
einander, daher eine nur in der Ganzheit wirkende, nur Ganzheit 
vermittelüde, bauende oder zerstörende Kraft. „Wetteifer" der 
Einzelnen heißt: In eine Ganzheit eintreten, „Wetteifer" heißt 
nicht, daß das Individuum willkürlich und etwas, das auf es selbst 
beschränkt bleiben könnte, tut. 



n 



Wo auch immer betrachtet, bei Tausch, Wert, Preis, Markt, 
Verteilung, Zurechnung oder Wettbewerb, nie zeigt sich Wirtschaft 
als Summe und Zusammensetzung von Einzelnem, sondern stets als 
Gliederung von Teilen eines Ganzen, als Gliederung von Ganzheit 
in Teile. Ganzheit zeigt sich als die wahre, Einzelheit (für sich 
genommen) nur als unterstellte (fiktive), bloß durch Abstraktion 
gewonnene Wirklichkeit. Immer und notwendig ist das Ganze 
logisch früher als der Teil, wie das alte, tiefsinnige Wort Aristoteles' 
und Piatons schon vor Tausenden von Jahren verkündete: ro ya^ 
oXov TtqötBQOv ävayyialov elvat tov ^eqovg. 



I 



Bichard Eerschagl, Universalismus und Individnalismas usw. 211 



V. 

Universalismus und Individualismus 
in der Methodik der Geldtheorie. 

Versuch einer 
dogmengeschichtliclien und wirtschaftstheoretischen Kritik. 

Von 
Dr. Richard Kerschagl-Wien. 

I. 

Die Zeiten des reinen Metallismus, von den Merkantilisten an- 
gefangen bis hinauf zu Ricardo, und ihrer ganzen Dekadenz von 
Knies bis zu den heutigen Epigonen, welche in dem Allheilmittel 
einer reinen Goldwährung eine radikale Lösung und Rettung aus den 
Geldschwierigkeiten finden wollen, die schier unentwirrbar alle Staaten 
umstrickt haben, kann man nicht mit Unrecht als die Zeiten der 
Blüte des Individualismus in der Geldtheorie bezeichnen. Die Idee 
des Goldes als der reinsten und konzentriertesten Verkörperung des 
Tauschwertes, ja vielleicht sogar des Wertes überhaupt ließ die 
Anschauungen soweit gelangen, daß das, was ursprünglich nur eine 
Unkenntnis der Geldfunktionen war, schließlich geradezu zu einer 
Betrachtung des Goldes und damit des Geldes als Selbstzweck führte. 
Es mag sein, daß ursprünglich in der Idee des Allerweltgeldes Gold 
der universalistische Gedanke der Völkergemeinschaft verborgen war, 
dem die Natur ein Bindeglied der ökonomischen Staatengemeinschaft 
im Golde zu geben schien, ein Bindeglied, das durch die Natur voll- 
bringen solle, wozu die menschliche Erkenntnis nicht gelangt war. 
Im allgemeinen aber kann man sagen, daß die Auffassung des Geldes 
als Ware, wozu allerdings auch die ausschließliche Edelmetallqualität 
des damaligen Geldes beitrug, die Erkenntnis vom wahren Wesen 
des Geldes fünf Jahrhunderte lang aufhalten konnte. Vielleicht habe 
ich zuviel gesagt mit dem Ausdruck „vom wahren Wesen des Geldes", 
immerhin aber verhinderten die Anschauungen über die scheinbar 
alleinige Berechtigung des Metallgeldes jedwedes Eindringen in die 
soziologische Struktur des Geldproblems. Man darf nicht vergessen, 
daß damals allerdings eine Anschauung vom Gelde, wie sie ein so 
bedeutender Mann wie Ricardo hatte, für den damaligen Stand der 
Wissenschaft den gar nicht hoch genug einzuschätzenden Vorteil 

14* 



212 



Richard Kerschagl, 



der Einfachheit zu haben schien. Es war ja so furchtbar einfach, 
das Geldproblem zu „lösen", wenn man nur die dynamische Seite 
desselben und diese nur in teilweiser Kenntnis der verschiedenen 
Geldfunktionen zu lösen trachtete. Das statische Problem er- 
schien den Leuten damals geradezu nur als eine banktechnische 
Frage. Hierzu kam noch, daß die meisten Gelehrten, die sich damals 
mit Geld beschäftigten, fast nur die praktische Seite im Auge hatten 
und daß der Gedanke, das Geld könne auch etwas anderes sein als 
„eine eminent absatzfähige Ware" '), auch den bedeutendsten Köpfen 
nicht diskutabel erschien. Bei aller Hochachtung vor dem Genie 
der Nationalökonomen des 18. Jahrhunderts und der ersten Hälfte 
des 19., ist es doch eine bedauerliche Tatsache, daß man der Be- 
handlung des Geldproblems in dieser Zeit fast zu viel Ehre antut, 
wenn man sie als individualistisch bezeichnet. Es war ganz einfach 
dem Charakter jener Zeit und jener Forschung viel zu fremd, viel 
zu unverständlich, sich eingehend mit dieser Seite zu befassen. Der 
damalige Stand der Wertlehre — die absolute Werttheorie, die doch 
individualistisch durch und durch war, in ihren verschiedenen Formen 
beherrschte ja unumstritten das Feld, und es ist geradezu ergötzlich, 
auch für den, der nicht auf dem Boden der Grenznutzentheorie steht, 
die Leute von damals in ihrer Weise vom „Geldwert" sprechen zu 
hören — begünstigte auch nicht gerade ein Nachdenken in einer 
anderen Richtung als in der der Funktion des Geldes im Tausche, 
wenn es hoch ging, in der staatlichen Organisierung dieses Tausches. 
Organisierung ist streng genommen schon zu viel gesagt, es drehte 
sich hier eigentlich in den meisten Fällen nur um die Rolle des Staates 
als Münzmeister, resp. als sachverständiger üeberprüfer für Güte 
und Wert des Geldes, oder, richtiger gesagt, der „Geldware". Von 
ganz bedeutendem Einfluß war auch, daß die Schule der klassischen 
Nationalökonomie durchwegs in die Periode des aufkommenden 
Liberalismus fällt, mit seinem Entstehen beginnt und mit seiner 
höchsten Blüte endigt. Die Verkünder des „Laissez faire, laissez 
passer" waren natürlich nicht diejenigen, welche im Geld etwas 
anderes sehen wollten, als einen Ausdruck des von ihnen so warm 
propagierten „freien Spiels der wirtschaftlichen Kräfte". So war 
derselbe Liberalismus, welcher als Fortsetzung der französischen 
Revolution die Freiheit des Einzelnen verkündete und der mit dem 
gleichen Rechte aller begonnen hatte, nicht nur auf wirtschafts- 
theoretischem, sondern auch auf wirtschaftspolitischem Gebiete nach 
und nach zum Verkünder des Individualismus geworden. 

Und da finden wir auf einmal als einen Mann der politisch 
konservativsten Staatsauffassung A d a m Müller, und er ist es, der 
zum ersten Male die Anschauung vom Gelde als soziologischem Pro- 
blem, als organischer Einheit predigt ^). Es möge mir gestattet sein, 
hier noch ein paar Worte zu sagen, die eigentlich nicht streng zum 




1) Vgl. Ricardo, Principles of political economy, London 1824, 2^ ed. 

2) Adam Müller, Versuch einer neuen Theorie des Geldes. 1816. 



Universalismus und Individualismus in der Methodik der Geldtheorie. 213 

Thema gehören. Der Konservativismus, welcher im strengsten 
Zentralismus gipfelte, der die Einheit des Amtes gegenüber der Ge- 
waltentrennung verkündete, dessen Ausdruck der Polizeistaat mit 
seiner detaillierten Organisierung war, mußte schließlich und end- 
lich einen Punkt erreichen, wo er dem reinen Universalismus recht 
nahe kam. Universalistische Ideen hatte er zur Genüge in sich auf- 
genommen. Nur eines erscheint auf den ersten Blick fast wunder- 
bar: daß die staatliche Idee des Geldes in einer ähnlichen Form, 
wie sie Knapp sechzig Jahre später verkündete, nicht damals schon 
einen Propheten fand. Vielleicht liegt dies aber auch daran, daß 
der romantische Geist der damaligen Zeit einer so klaren, ja gerade- 
zu beispiellos durchsichtigen Art der Betrachtung, wie sie Knapps 
staatliche Theorie darstellt, nicht günstig war und, was Adam Müller 
speziell betrifft, daran, daß er ein viel zu vielseitiger Nationalökonom 
war, um sich einseitig genügend eingehend mit dem Thema des 
Geldes allein zu beschäftigen. Aber die Auffassung Müllers vom 
Gelde als des Ausdrucks der ökonomischen Einheit vieler, diese Be- 
trachtung von der soziologischen Seite her, ist sicher eine der 
größten Ideen, welche das 19, Jahrhundert in nationalökonomischer 
Hinsicht aufzuweisen hat. lustinktmäßig fühlte er, daß das Geld 
mit Stoffwert der natürliche Gegner der von ihm verkündeten Idee 
war, daß dieser künstliche Doppelwert des Geldes die Aufgabe des- 
selben erschwerte, ja sogar häufig verhinderte, nämlich das richtige 
Bindeglied einer ökonomischen Gemeinschaft zu sein. Vielleicht 
auch erkannte er, daß die Verkündigung eines Weltmetallismus, des 
internationalen Goldgeldes, in der Form, wie es die Klassiker taten, 
die Gefahr in sich barg, zur Verkündigung eines Weltindividualis- 
mus zu werden. Groß, wenn auch nicht immer vollständig klar, 
steht über allen Betrachtungen Müllers der Gedanke des Geldes als 
ökonomischer Funktion, als Wirtschaftsgedanke für die Zukunft und 
als Erkenntnisgedanke für Vergangenheit und Gegenwart. Stephinger ^) 
hat die Geldidee Adam Müllers ausgeführt und kommentiert; aber 
bis zum heutigen Tage haben wir es bloß zu einer recht viel disku- 
tierten „Philosophie des Geldes" ^) gebracht, nicht aber zu einer 
„Soziologie des Geldes", die wir wahrhaft nötig hätten^). 

Die Stellung des Sozialismus zum Geldproblem ist mit wenigen 
Worten zu kennzeichnen. Er behandelt diese so wichtige Frage 
durchwegs mehr als stiefmütterlich und schenkt ihr nur ganz wenig 
Beachtung. Dies mag sich teilweise dadurch erklären lassen, daß 
dem Sozialismus das direkte Verteilungsproblem viel mehr am 
Herzen lag als eine indirekte Lösung von der Geldseite, die er nur 
als Umweg und vielfach sogar nur als Unaufrichtigkeit betrachtete. 
Schließlich konnte eine Lehre, die im Gelde vielfach den Ausdruck 
des Kapitalismus in seiner vollendetsten Form sah, ja oft gar 

1) Die Geldlehre Adam Müllers, Tübingen 1909. 

2) von Simmel, 3. Aufl. Leipzig 1920. 

3) Vgl. hierzu insbesondere auch Kerschagl, Die Lehre vom Gelde in der Wirt- 
schaft, Manz, Wien 1921. 



214 



Richard Kerschagl, 



SO weit ging, diese beiden nicht nur zu identifizieren, sondern das Geld 
einfach als direkte Ursache und Grundlage des Kapitalismus darzu- 
stellen, dem Geldproblem von vornherein nur mit außerordentlichem 
Mißtrauen, Uebelwollen und vielleicht auch Unverständnis entgegen- 
kommen. Wenn wir nur das „eherne Lohngesetz" betrachten, so 
erkennen wir schon, daß es sich in all diesen Fragen immer nur 
um einen Reallohn handelte, um ein Verteilungsproblem, das mit 
dem Gelde immer nur recht wenig zu tun haben wollte. Die mo- 
dernsten Richtungen im Sozialismus hingegen, und wir werden darauf 
bei Silvio Gesell zurückkommen, sehen im Gelde vielfach nur die 
Möglichkeit zu ungerechtfertigter Kapitalsbildung und Kapitals- 
anhäufung, und das Geld, welches sie als Ideal vorschlagen, haben 
sie zu diesem Zwecke vorher aller wirklichen Geldqualitäten ent- 
kleidet. 

In Knies feierte nochmals der individualistische Metallismus 
gewissermaßen eine Auferstehung, allerdings schon wesentlich ge- 
mildert. Das „valutarische Geld" erinnert schon etwas an die ehe- 
malige Erkenntnis vom Staat als „Geldmacher", und zwar vielleicht 
mehr in dem Sinne des Staates als Ausdrucks der Allgemeinheit, 
als im rein merkantilistischen Sinne. Da tritt im Jahre 1905 
Knapp mit seiner „Staatlichen Theorie des Geldes" ^) auf den Plan. 
Auf den ersten Blick scheint vSich uns hier ein universalistischer 
Aufbau ersten Ranges zu zeigen und tatsächlich kann man sagen, 
daß es Knapp gelungen ist, mit bewundernswerter Konsequenz die 
chartale Theorie im rein universalistischen Sinne ausgebildet zu 
haben, so daß sein Werk einen der wichtigsten Denksteine der Er- 
kenntnis vom Geldproblem bildet. Freilich behandelt er und will 
er auch nur behandeln die statische Seite des Geldes. Die dyna- 
mische Seite des Geldprobleras in seiner rein soziologischen Er- 
scheinung als Verteilungsproblem hätte wohl noch mehr eines 
Forschers bedurft, der eine Lösung im universalistischen Sinne ver- 
sucht hätte. Knapp aber sah ganz richtig, daß der geradezu beispiel- 
gebende, lückenlose, logische Aufbau seiner Theorie sich nur auf die 
statische Seite des Problems erstrecken durfte, er hat ganz richtig 
die Grenzen seiner Fähigkeiten erkannt und in Selbstbeherrschung 
ein Werk von dauernder Größe geschaffen. Daß trotz aller Klarheit 
eine Menge Leute, die sich lauter oder weniger laut als seine Schüler 
und Nachfolger bekannten, ihn zum Teil ganz mißverstanden haben, 
teils seinen Namen nur als Schild gebrauchen, teils aber auf seiner 
Grundlage selbständig weiter bauten, um sich immer mehr und mehr 
von seinen Grundlagen zu entfernen, ist nicht seine Sache. Haus- 
manns „Goldwahn" ^) kann man heute wohl ruhig als eine ziemlich 
ausgiebige Verirrung auf wissenschaftlichem Gebiete bezeichnen. 
Wenn man den Mann, der sich als Verfechter der universalistischen 
Lehren vom Geld ausgibt, sieht, wie er dabei von dem einmal vor- 



1) Duncker u. Humblot, I, Aufl. 1905, München u. Leipzig. 

2) Berlin 1911. 



Universalismus und Individualismus in der Methodik der Geldtheorie. 215 

handenen Goldgeld einen willkommenen Gebrauch im individuellen 
Handelskampf der Völker machen will, so kann man wohl bei sehr 
viel gutem Willen seine Entgleisungen mit einem gewissen über- 
triebenen Nationalgefühl entschuldigen, kaum aber billigen. 

Otto Heyn^), der das Geld kurzweg als eine Anweisung auf 
Güter oder Dienste bezeichnet, gibt sich zwar Mühe, in das Wesen 
der organischen Funktion des Geldes einzudringen. Er kommt aber 
schließlich zu Schlüssen, welche zwar den Chartalismus propagieren, 
die aber doch als individualistisch bezeichnet werden müssen, ganz 
besonders in ihrer währungspolitischen Anwendung. Nur hier und 
da dringt der Gedanke der staatlich-wirtschaftlichen Zusammen- 
hänge durch und nimmt einen leider nicht konsequent verfolgten Weg. 

Ein Kapitel für sich ist Bendixen ^). Ich will hier nicht davon 
reden, daß er in seinen Debatten mit Heyn und Dalberg seine uni- 
versalistische Anschauung betont und verteidigt und seinen Gegnern 
Individualismus und zwar mit Recht vorwirft. Betrachten wir ein- 
mal sein Lehrgebäude. Wenn er das Geld als Generalnenner aller 
Werte bezeichnet, so liegt dieser Anschauung sicher der Gedanke 
zugrunde, daß das Geld gewissermaßen die als notwendig konstruierte 
Werteinheit, welche eine objektiv-gesellschaftliche Wertschätzung des 
Wertganzen, welches eine Ware darstellt, ermöglichen soll. Das 
Geld soll und will nichts anderes sein, als die künstlich geschaffene 
Basis des Vergleiches, welche eine möglichst stabile Grundlage für 
den Güteraustausch geben soll. Das Geld als Vertreter der Ware 
soll eben jenen Austausch der Waren selbst vermitteln, den wir als 
indirekten Tausch bezeichnen und welcher der ökonomische Ausdruck 
einer Kultur- und Interessengemeinschaft einer bestimmten Anzahl 
von Warenbesitzern ist, wie Adam Müller sagen würde. Daß daher 
die Geldschöpfung als solche ihre beste Basis im Warenwechsel hat, 
erscheint leicht erklärlich, denn nur dadurch, daß die Geldmenge 
organisch mit der geschaffenen Gütermenge, welche dem Umsatz zur 
Verfügung steht, zusammenhängt, kann das Geld seine Aufgabe er- 
füllen, eine handliche Vergleichseinheit für den indirekten Tausch 
zu schaffen. Daß im Wesen des Geldes die Stoffwertlosigkeit liegt, 
geht aus den eben erörterten Aufgaben desselben hervor. Ein Eigen- 
wert des Geldes, dargestellt durch den Stoff desselben, muß ja höchst 
störend im ganzen organischen Autbau wirken, und hier glaube ich, 
liegt der erste große universalistische Gedanke Bendixens. Die 
Gütermenge ist das Ergebnis der Produktion von größeren oder 
kleineren, zu Produktionszwecken zusammengestellten Menschen- 
mengen. Das Geld nun bildet das bei Arbeitsteilung unumgänglich 
notwendige Mittel zum Austauch dieser Güter. Dies hat ja schon 
Smith erkannt. Wie kann nun ein Geld, das selbst ein Gut ist und 
seinen Wert aus seiner Gutsqualität herleitet, nebenbei noch einen 

1) Erfordernisse des Geldes, 1912; Irrtümer auf dem Gebiete des Geldwesens, 
1908; Unser Geldwesen nach dem Krieg, 1916. 

2) Vgl. insbesondere : Das Wesen des Geldes, 2. Aufl. München u. Leipzig 1918 ; 
•Oeld und Kapital, 2. Aufl. Jena 1920. 



216 



Richard Kerschagl, 



Wert als Vertreter einer bestimmten Gütermenge haben, ohne di 
organische Einheit des Tausches schwer zu schädigen? Bendixen 
als Schüler Knapps hat die Lehre von der staatlichen Theorie über- 
nommen, auch für ihn ist das Geld eine gesellschaftliche Einrichtung, 
geschaffen durch den Willen der Gesellschaft zur Ermöglichung einer 
Existenz- und Arbeitsgemeinschaft vieler. Das stoffwertlose Geld^ 
welches nur die richtige Güterverteilung vermittelt, also lediglich 
ein Umlaufsmittel und dadurch ein Vergleichsmittel für Werte dar- 
stellt, das erscheint als ideale Lösung des Geldproblems. Und logisch 
kann man sich ja eigentlich eine vollständige Bestimmung der not- 
wendigen Geldmenge nur mit einem stoffwertlosen Geld vorstellen, 
das nicht heute oder morgen wieder zur Ware werden kann und 
dadurch willkürlich und unbeabsichtigt die Menge des Geldumlaufs 
gewaltig ändert. 

Viel verurteilt worden, und vielleicht in mancher Beziehung 
nicht ganz mit Unrecht, ist Bendixens Schrift über Kriegsanleihen 
und Finanznot ^). Er schlägt darin vor, die Kriegsanleihen einfach 
in Noten umzuwandeln und so die ganze innere Schuld Deutschlands 
gewissermaßen zu verteilen. Wir wollen hier nicht die ungeheuer- 
lichen Inflationswirkungen besprechen, welche diese Maßnahme zur 
Folge hätte, wir wollen auch nicht die schon rein technisch sehr 
erschwerte Möglichkeit dieser Maßnahme erörtern. Auch die Stel- 
lung zum Inflationsproblem und die Frage, ob Bendixen es richtig 
aufgefaßt hat, soll hier nicht besprochen werden. Aber denken wir 
einmal nach : das Volk hat während des Krieges große Gütermengen^ 
die es eigentlich erst in der Zukunft erwarten konnte, auf Kosten 
derselben verbraucht. Die nun erfolgte Verteilung durch die Noten 
bedeutet nun natürlich eine starke Herabminderung des Geldwertes, 
eine starke Erhöhung des Wertes der Gegenwartsgüter. Ist es nicht 
eigentlich fast selbstverständlich, daß die vorhergenossenen Zukunfts- 
güter sich nun rächen, indem sie die Möglichkeit, Gegenwarts- und 
Zukunftsgüter zu erwerben, vermindern? Es liegt ein tieferer Ge- 
danke in diesem Projekt Bendixens, als man auf den ersten Augen- 
blick vermuten würde. Die ungeheuerliche Vermehrung des Geldes 
und dessen Wertminderung sollen der richtige Ausdruck sein für 
die Wertsteigerung der noch verbliebenen Güter, für den ungünstigen 
Stand der gegenwärtigen Volkswirtschaft, sie sollen die Lasten des 
Krieges gewissermaßen vereinheitlichen und verteilen. Daß dieses 
Experiment Bendixens heute praktisch nicht durchführbar erscheint, 
ist wohl klar. Die schönste Kur, welche den Kranken vor seiner 
Heilung erst umbringen würde, ist eben nicht sehr empfehlenswert. Ich 
begreife vollkommen, wenn man den praktischen Vorschlag Bendixens 
recht herb beurteilen hört, aber man möge bei noch so berechtigter 
Kritik nicht eine Idee bekritteln und verkleinern, die dem unbe- 
fangenen Beobachter organisch und groß erscheinen muß. 




1) Jena 1919. 



Universalismus und Individualismus in der Methodik der Geldtheorie. 217 

Es würde zu weit führen, alle Schüler Knapps und ihre mehr 
oder minder von der grundlegenden Lehre ihres Meisters abweichen- 
den Ansichten anzuführen. Heliferich steht durchaus auf dem univer- 
salistischen Standpunkte Knapps, vielleicht mit der kleinen Ein- 
schränkung, daß er eben diese universalistische Funktion und 
Entstehung des Geldes als typisch für das Geld von heute be- 
zeichnet. Seine Ausführungen über die Bedeutung und den Einfluß 
der heute so zahlreichen und immer mehr zunehmenden Verpflichtungen 
der Menschen untereinander auf die heutige Gestaltung des Geldes 
sind außerordentlich interessant und würden wohl einem Soziologen 
Stoff genug geben, einmal den Zusammenhang des staatlichen Geldes 
und der universalistischen Staatsidee mit der Zunahme der gegen- 
seitigen Verpflichtungen bzw. der zunehmenden Intensivierung des 
staatlichen Organismus genauer zu untersuchen. 

Dalberg, soweit er sich nicht in Polemiken gegen die Gold- 
währung verliert — es ist sehr schade, daß seine Betrachtungen zu 
einem nicht unbeträchtlichen Teile auch von äußeren politischen 
Momenten beeinflußt waren — scheint in seinen ersten Werken leider 
ein Gegenstück zu Heyn und Hausmann abgeben zu wollen. Seine 
letzten Schriften hingegen, speziell die über die Geldentwertung ^), 
sind immer mehr von der Erkenntnis durchdrungen, daß das Geld- 
problem von heute doch nicht einfach einen Kampf zwischen stoff- 
wertigem und stoffwertlosem Geld darstellt, sondern daß hier der 
Kampf des Kapitals mit der Arbeit, das heißt, ein Erzeugungs- und 
Verteilungsproblem der letzte Grund der Gelderscheinungen sind. 
Eulenburg ^), obzwar bis zu einem gewissen Grade Eklektiker, steht 
im Wesen doch auf dem Boden der staatlichen Theorie; seine Ab- 
handlung über das Inflationsproblem bringt wenig Neues, zeigt aber 
doch deutlich die inneren Zusammenhänge im Geldprobleme auf und 
ist eine derartig gute, eingehende Erörterung der Inflationserschei- 
nungen, wie sie tatsächlich bisher gefehlt hat^). 

Einen ausgesprochenen Individualisten auf dem Gebiete der 
Geldtheorie stellt Mises*) dar. Vielleicht hängt dies auch damit 
zusammen, daß er Metallist ist. Er selbst verwirft zwar aufs ent- 
schiedenste die Einteilung in Metallismus und Chartalismus, im 
wesentlichen steht er selbst aber doch auf dem Boden eines reinen 
Metallismus. Außerordentlich scharf sucht er die universalistischen 
Momente der staatlichen Geldtheorie zu bekämpfen. Es ist natür- 
lich Anschauungssache, ob man nicht auch heute noch ein stoff- 
wertiges Geld für den Tausch am geeignetsten halten kann, weil 
man durch den realen Güteraustausch (denn zu etwas anderem führt 
ja dieser Güteraustausch nicht) alle Erschütterungen des Geld- 

1) Die Entwertung- des Geldes, Berlin 1918. 

2) Vgl. hierzu insbesonders seine Arbeit im Bankarchiv April 1920. 

3) In historisch- deskriptiver Beziehung am besten die hübsche Studie von 
Schmidt-Essen und Kurt Singer über „Inflationen. Ihre Entstehung, ihr Verlauf 
und ihre Heilung", Hamburg 1920. 

4) Theorie des Geldes und der ümlaufsmittel, Dunker u. Humhlot 1912. 



-218 



Kichard Kerschagl, 



Wesens zu vermeiden hofit. Ob man aber da nicht in der Sicherung, 
welche noch dazu größtenteils auf rein psychologischen Momenten 
beruht, zu weit geht und tatsächlich ein Hindernis für eine wirklich 
organisch ausbaufähige Wirtschaft schajfft, sei dahingestellt. Ich für 
meine Person habe immer den Eindruck, daß Mises sich gar nicht 
in die staatliche Theorie vollkommen hineindenken kann, denn sonst 
könnte er doch nicht gegen eine Theorie des staatlichen Geldes mit 
Beispielen kommen, welche das staatliche Geld in der Praxis 
kritisieren sollen. Es geht doch nicht, daß man den Charta- 
lismus einfach als „Ueberschätzung der währungspolitischen Ver- 
fügungen des Staates" bezeichnet (S. 68) und ununterbrochen darauf 
hinweist, daß das Geld dem Staate heute ja hauptsächlich als Mittel 
zur Kreditbeschaffung diene, wie dies Mises in seiner Polemik gegen 
Helfferich tut. Nach einer Aufzählung der grundlegenden An- 
schauungen des Chartalismus und einer im obengenannten Sinne da- 
gegen gerichteten Polemik schließt er: „Soweit reicht der immer 
und immer wieder überschätzte Einfluß des Staates auf das Geld- 
wesen". So richtig die Ausführungen des Verfassers darüber sind, daß 
die staatliche Theorie heute sehr leicht dazu verwendet werden kann, 
um staatliche Maßnahmen gewissermaßen zu rechtfertigen, mit anderen 
Worten, aus der Not eine Tugend zu machen, so bleibt doch dem 
Leser der „Theorie des Geldes", wenn er sie noch einmal überdenkt, 
der Eindruck, als sei Mises der methodische Geist der Lehren Knapps 
so fremd geblieben, wie eben das Organische dem Anorganischen, 
das Universalistische dem Individualistischen eben — fremd 
bleiben muß. 

Zum Schluß möchte ich noch einen sozialistischen Geldtheoretiker 
erwähnen, der zwar heute, teils infolge seiner politischen Bloßstellung 
(ehemaliger Finanzminister der Räterepublik Bayern!), teils wegen 
seiner auf den ersten Blick recht merkwürdig anmutenden Ansichten 
von vornherein schon ungünstig beurteilt wird. Ich spreche hier von 
Silvio Gesell^). Es ist außerordentlich merkwürdig zu sehen, 
wie der Mann, welcher zu seinen theoretischen Anschauungen aus 
der Praxis gekommen ist, die Schwierigkeiten der Umsetzung der- 
selben, ja sogar die vielfache Unmöglichkeit nicht einzusehen vermag. 
Er ist Vertreter von einer Art extremen Chartalismus, dabei aber 
kann man seine Lehre als eine ganz eigentümliche Mischung 
universalistischer und individualistischer Gedanken bezeichnen. Den 
Ursprung des Geldes sieht er ganz richtig im indirekten Tausch. 
Er leugnet die Notwendigkeit eines stoä'wertigen Geldes im heutigen 
Zeitpunkt ab, da ein solches die Qualität des Geldes als Umlaufs- 
mittel einfach vernichten würde; die Verwandlung des Metallgeldes 
in eine Ware, resp. die Einschmelzung desselben und die erleichterte 
Thesaurierung der gewissermaßen über Zeit und Ort weiter dauern den 
Güterqualität, verhindere jede Ausbildung des Geldes in seiner eigent- 
lichen Funktion, das ist der als Umlaufsmittel. In der erhöhten 



1) Geldreform, Freüand- und Freigeldverlag 1919. 



Universalismus und Individualismus in der Methodik der Geldtheorie. 219 

Aufbewahrungsmöglichkeit des Geldes, d. i. der Abziehung des Geldes 
von seiner Aufgabe als Vermittler des Tausches und dessen Ver- 
wendung zur Wertaufspeicherung, sieht er die Hauptursache aller 
Geldiibel von heute. Er schlägt nun vor, ein Papiergeld zu schaffen, 
und zwar nach Art des „staatlichen Geldes", welches von Woche 
zu Woche einen bestimmten Prozentsatz an Wert verliere. Diese 
Eigenschaft des neuen Geldes soll nun nach dem Muster des schönen 
Spiels mit dem Weitergeben des glimmenden Holzstümpfchens 
eine außerordentlich große Umlaufsgeschwindigkeit besitzen, seine 
Thesaurierung und seine Verwendung als Kreditzeichen sollen ver- 
hindert werden. In seiner letzten Veröffentlichung, dem Plane einer 
„Valutaassoziation" ^), vertritt Silvio Gesell eine Idee, der man eine 
gewisse Größe des universalistischen Gedankens nicht absprechen 
kann. Ein Valutabund, dessen Geld bei den einzelnen Staaten 
nach dem eben angeführten Rezept Gesells eingerichtet ist, soll die 
Beeinflussung der Wirtschaft des anderen Landes durch die Valuta 
und umgekehrt derartig durchführen, daß Erzeugung und Verbrauch 
in der für die Allgemeinheit günstigsten Weise geregelt werden sollen. 
Im letzten Teile dieser Schrift vertritt er auch die Idee, daß unter 
Umständen eine Herabdrückung der Produktion — nicht etwa eine 
Valorisation im heutigen Sinne!! — ein Gebot der Notwendigkeit 
für die Weltwirtschaft sein könnte. Daß eine Ueberproduktion ge- 
wisser Güter auch bei einer gänzlich geregelten Verteilung unter 
Umständen ungünstig wirken kann — ganz abgesehen von der 
Frage der Rentabilität — und daß diese Erscheinungen durch die 
heutige Konstruktion des Geldwesens gefördert und erleichtert 
werden und die Krisengefahr bedeutend erhöhen, dieser Gedanke 
ist zwar nicht ganz neu, aber es ist doch ein Verdienst, darauf 
hinzuweisen, als überzeugendstes Argument für eine internationale 
Geld- und Wirtschaftsregelung. Der Gedanke einer Valutaassoziation 
als Vorstufe für eine gewisse Wirtschaftsvereinigung aller Länder, 
das ist ein universalistischer Gedanke von einer gewissen Trag- 
weite. Ich glaube, man kann die Bedeutung dieses vielfach allzu hart 
beurteilten, wohl auch häufig unklar und unwissenschaftlich werden- 
den Mannes am besten würdigen, wenn man sagt: den Satz „Or- 
ganisch heißt organisiert bis ins Kleinste", hat Gesell immer wieder 
aus tiefster Ueberzeugung verfochten und so einen Grundgedanken 
des Universalismus wesentlich gefördert, der da fordert, daß die 
Organisation der praktische Ausdruck der inneren Zusammengehörig- 
keit werde, die uns die Natur gegeben zu haben und die Erkenntnis 
von den Gesetzen des Seins zu bestätigen scheint. 

IL 

Nachdem wir nunmehr die Grundideen des Geldproblemes 
dogmengeschichtlich betrachtet haben, müssen wir uns darüber 



1) Internationale Valuta- Assoziation. Freiwirtschaftlicher Verlag 1920. 



220 



Richard Kerschagl, 



klar werden, in welcher Richtung sich eine universalistische Be 
trachtung der Geldtheorie bewegen muß. Bis zu einem gewissen 
Grade wird dies natürlich davon abhängen, wie stark die universa- 
listische Grundidee im weiteren Ausbau der Theorie immer wieder 
hervortritt. Im allgemeinen aber, glaube ich, kann man sagen, daß 
jede individualistische Anschauung vom Gelde eine Grundlage hat, 
die Betrachtung des Geldproblems als Verteilungsproblem. Wer 
einmal in dieses Wesen der Geldidee eingedrungen ist, und dies 
kann so gut ein Metallist wie ein Chartalist sein, dem wird sich 
das Geldproblem als das offenbaren, was es tatsächlich ist, als die 
Regelung der Wechselwirkung zwischen Verbrauch und Hervor- 
bringung, jener Vorgang, den wir eben als Verteilung bezeichnen. 
Eigentlich steht mit dieser Betrachtung selbst die Anschauung vom 
Geld als reiner Ware nicht im Widerspruch. Ja, es erscheint der 
schroffste Metallismus, wenn er die gewonnenen Metallvorräte nur 
als eine Kontingentierung für die Geldausgabe betrachtet, von vorn- 
herein nicht als eine unbedingte Abkehr von diesem Gedanken. 
Man ist vielmehr versucht, daran zu denken, wie die Kinder in der 
ersten Volksschulklasse das Rechnen lernen. Sie schieben an einer 
Drahtstange eine bestimmte Anzahl von Kugeln, welche die gewünschte 
Zahl darstellen sollen, nach einer Seite, um so eine plastische An- 
schauung der gewünschten Zahl zu gewinnen, da ihnen der rein 
gedächtnismäßige Sinnenausdruck dafür noch fehlt. Mit Ziffern 
schreibt sich diese Sache natürlich viel bequemer. Man denke aber 
daran, daß auch Erwachsene (ich will hier gar nicht erst auf die 
Eigentümlichkeit gewisser Volksstämme, mit den Händen im allge- 
meinen zu reden und zu rechnen hinweisen) sich einer ähnlichen 
Methode bedienen, wenn sie z. B. beim Skrutinium die sogenannte 
Fünfstrichelmethode anwenden. Es ist nicht unbedingt möglich zu 
sagen, unter allen Umständen sei ein chartales Geld einem metalli- 
schen vorzuziehen. Ebensowenig kann man einem Geldwesen auf 
metallischer Grundlage von vornherein eine unorganische Struktur 
vorwerfen. 

Wesentlich im Widerspruch mit den Ideen des Universalismus 
scheint die Funktion des Geldes — und dies kommt wohl am stärksten 
beim Metallgeld zum Ausdruck — als konstantes unveränderliches 
Wertaufbewahrungsmittel zu stehen. Das Wesen einer Verteilung 
liegt ja eben darin, daß sie das Ergebnis der Produktion einer ent- 
sprechenden Konsumtion zuführt, daß sie aber andererseits bei ge- 
steigertem resp. vermindertem Konsumbedürfnis einen entsprechen- 
den Einfluß auf die Erzeugung nimmt. Das fluktuierende Moment 
in der Erzeugung und im Verbrauche soll eben durch das Nach- 
geben in der Verteilung gewissermaßen stabilisiert werden. Hier 
liegt eine der wesentlichen Funktionen des Geldes verborgen und 
es ist kein Zufall, daß gerade der kommunistische und ideal 
sozialistische Staat das Geldproblem mehr oder weniger ignoriert. 
Wenn wir einmal so weit sind — die Möglichkeit und die Zweck- 
mäßigkeit eines solchen Zustandes sei hier nicht erörtert — Pro- 




Universalismas und Individualismus in der Methodik der Geldtheorie. 221 

duktion und Konsumtion direkt nacheinander einzurichten, dann 
hätte das Geld viel von seiner Bedeutung verloren. Aber auch dann 
bliebe noch die Frage offen, ob nicht die arbeitsteilige Produktion 
als solche schon ohne Geld überhaupt undurchführbar erschiene. 
Hier liegt aber auch eine wichtige Erkenntnis, nämlich, daß in einem 
derartigen Staate eintretende Störungen viel schroffer und unver- 
mittelter auftreten können, daß die Katastrophengefahr um ein be- 
deutendes vergrößert ist und daß diese Idealgebilde von Staaten auch 
Idealgebilde von Menschenmassen voraussetzen. Die erhöhte Empfind- 
lichkeit einer derartigen Volkswirtschaft hat ja vielleicht bei einem 
wirtschaftlich blühenden Staate und einer vom Verantwortungsgefühl 
getragenen Arbeiterschaft den Vorteil, daß ersichtliche Uebelstände 
rasch und wirksamer bekämpft werden können. Heute aber können 
wir, glaube ich, sagen, daß, sowie die Gienzen des menschlichen Wissens 
und Könnens die allzu rasche Ausführung anüberlegter Taten von 
unberechenbarer Größe häufig verhindert haben, so hat dieselbe Ein- 
richtung des Geldes, welche erst die Entwicklungsmöglichkeiten einer 
modernen Wirtschaft geschaffen hat, gleichzeitig durch eine gewisse 
Schwerfälligkeit des so geschaffenen Apparates eine bestimmte Wirt- 
schaftsstabiiität gesichert. — 

Wenn manche Theoretiker behaupten, das Geld verdanke seine 
Entstehung dem indirekten Tausche, so haben sie damit im wesent- 
lichen nur vielleicht eine technische Seite berührt. Den indirekten 
Tausch kann ja eine Ware bis zu einem gewissen Grade auch er- 
möglichen. Wenn man das aufs Geld überträgt, so kommt man da 
natürlich zu der „eminent absatzfähigen Ware". Das Geld aber 
gilt uns als Erscheinung einer Wirtschaftseinheit, welche erst durch 
den indirekten Güteraustausch ermöglicht wird. Wir haben viel- 
leicht Ursache und Wirkung richtiger erfaßt, wenn wir Arbeits- 
teilung und indirekten Tausch als eine der vielen, wenn auch viel- 
leicht eine der wichtigsten Grundbedingungen für die Entstehung 
jeder größeren Wirtschaftseinheit auffassen und diese Wirtschafts- 
einheit dann schließlich als den „Geldschöpfer" betrachten. Die 
W^eiterentwicklung der Volkswirtschaft zur Völkerwirtschaft und 
schließlich zur Weltwirtschaft führt mit Notwendigkeit zu gewissen 
Vereinbarungen und Uebereinkommen im Geldwesen. So bescheidene 
Ansätze, wie sie die verschiedenen Münzkonventionen darstellen, 
besagen da eigentlich nicht viel. Immerhin ist aber hier für 
den aufmerksamen Beobachter der Wirtschaftsgeschichte wiederholt 
gezeigt worden, wie ein Zusammenarbeiten der Wirtschaft ver- 
schiedener Staaten schließlich vielleicht fast unbewußt zu gewissen 
Geldübereinkommen geführt hat. Daß wir bis heute größtenteils 
solche Uebereinkommen nur in rein metallischer Hinsicht kennen, 
das ist vielleicht mit ein Zeichen der noch nicht weit genug fort- 
geschrittenen Erkenntnis des Wesens und der Bedeutung inter- 
nationaler Arbeitsteilung. 

Des Geldwert- und des Geldmengenproblems möchte ich aber noch 
mit ein paar kurzen Worten gedenken, zumal, was ihren Zusammen- 



222 



Richard Kerschagl, 



hang mit der Frage nach dem Substanzwert des Geldes anbelangt 
Ausführlich habe ich mich über diese Probleme an anderer Stelle' 
ausgesprochen und auch im vorhergehenden mit der Frage der 
Menge mich ein wenig befaßt ^). Ich möchte ganz kurz zusammen- 
fassen : der anorganische, individualistische Charakter der Quantitäts- 
theorie läßt dieselbe für die organisch gegliederte Volkswirtschaft 
im Staate nicht mit Recht anwendbar erscheinen. Ganz abgesehen 
von der Unhaltbarkeit jeder objektiven, absoluten Wertlehre über- 
haupt, die auch dadurch nicht richtiger wird, daß sie aufs Geld 
angewandt oder gar mit den juridischen Begriffen der Geltung, 
des Nennwertes usw. wiederholt verquickt wird, ist wohl die außer- 
ordentliche Wichtigkeit der Einkommensbildung, die zwar in erster 
Linie für die subjektive Bewertung des Geldes von Bedeutung ist, 
mittelbar aber natürlich einen ganz gewaltigen Einfluß auf den 
objektiven Geldwert nimmt, eine Erkenntnis, die für die universa- 
listisch-organische Betrachtung überaus wichtig und kennzeichnend 
erscheint und die heute wohl kaum mehr mit Erfolg bestritten 
werden kann. Das hat an und für sich mit der Frage nach dem 
Substanzwert unmittelbar noch nichts zu tun, da ja auch ein Metallist 
ganz gut auf dem Boden einer subjektiven Wertlehre stehen kann 
(vgl. Mises!). Die Erkenntnis von der subjektiven Wertbildung 
des Geldes wie jedes anderen „werten" Gebildes überhaupt läßt 
aber die Frage nach dem Wesen des Ursprungs des Wertes viel 
zwangloser beantworten; der Funktionswert des Geldes als Mittel 
zur Erreichung eines gesellschaftlich- wirtschaftlichen Zweckes, näm- 
lich des indirekten Tausches und der arbeitsteiligen Wirtschaft, er- 
scheint selbstverständlich, wenn man über den Anteil und den Ein- 
fluß der Substanzfrage bei der Wertbildung ganz im klaren ist. Die 
Frage nach der Zweckmäßigkeit des Metallismus wird wesentlich 
beeinflußt durch die Tatsache, daß auch Geld wie jede andere 
Substanz einen absoluten Wert natürlich nicht haben kann, genau 
so den Gesetzen der subjektiven Wertschätzung unterliegt wie jede 
Funktion, die nicht substantiell ist. Dann schwinden aber die Streit- 
punkte zwischen Chartalismus und Metallismus dahin. Für einen 
logisch denkenden Metallisten kann die Forderung nach dem eigen- 
werten Geld nur mehr eine Forderung nach der straffsten Kon- 
tingentierung bilden, die es nur geben kann, nach der natür- 
lichen Kontingentierung der Geldschöpfung durch den vorhandenen 
Metallvorrat, der, solange der Stein der Weisen nicht entdeckt ist^ 
allzu willkürlicher Vermehrung ja nicht ausgesetzt werden kann. 
Der Chartalismus hält in der Praxis wie in der Theorie die Möglich- 
keit einer anderen zweckmäßigen Kontingentierung durch staatlichen 
Einfluß oder welch andere Maßnahmen immer auch beim stoffwert- 
losen Geld für gegeben. So wird das Substanzproblem ein Kon- 



1) Vgl. dazu insbesonders: „Die Lehre vom Gelde", Einleitung und Schluß, 
sowie: „Das Geld als Zahlungsmittel im Staate". „Bankarchiv." August 1921. 



Universalismus und Individualismus in der Methodik der Geldtbeorie. 223^ 

tingentierungsproblem, ein Mengenproblem und das Geld in Wahr- 
heit jenes Etwas, „dessen Qualität seine Quantität ist" . . . 

Wenn wir noch einmal kurz zusammenfassen wollen, was uns 
als wesentlichster Erfolg der Anwendung der universalistischen 
Methode bei der theoretischen Betrachtung des Geldes, des Geld- 
wertes und der Geldmenge, erscheinen muß, so wäre vor allem her- 
vorzuheben: Das Verständnis der Stellung des Geldes in der Wirt- 
schaft, seine Funktion und die Bildung seines Funktionswertes. 
Wir sehen sodann die Gesetze, denen die Veränderung jenes „Geld- 
wertes" in unserem Sinne unterworfen ist, gleichlaufend den all- 
gemeinen Wertgesetzen der Wirtschaft sich entwickeln, wir erkennen 
jene Rolle, welche die Einkommensbildung und eine Reihe volks- 
wirtschaftlicher Vorgänge, die ganz ferne von dem eigentlich 
währungstechnischen Probleme liegen, bei der Bildung des Geld- 
wertes spielen. Wir lernen schließlich die Grenzen unserer Er- 
kenntnis hinsichtlich der Bestimmung und Beeinflussung des Geld- 
wertes richtiger einschätzen. Das Wissen und Erkennen von der 
Rolle des Geldes als eines der Mittel zur Erreichung der gesell- 
schaftlichen arbeitsteiligen Wirtschaft, die durch das Geld bedingt 
ist und selber wieder auf die Geldfunktion bestimmend einwirkt, 
die Wahrnehmung alljener organischen Zusammenhänge ist eine Sache, 
deren Bedeutung über die Formulierung erkenntnistheoretischer 
Sätze für die Theorie noch weit hinausgeht, die vor allem auch 
die richtige Erkenntnis und die richtigen Maßnahmen in den Wirt- 
schaftsproblemen der Gegenwart sichern kann. 



224 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 



n 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 



IL 

Die wirtschaftliche Gesetzgebung des Deutschen 

Reiches. 

(Die Zeit vom 1. April bis 30. Juni 1921 umfassend.) 
Von Dr. Johannes Müller-Halle, Weimar. 

Vorbemerkung: In das Berichtsvierteljahr, dessen gesetzgeberische Aus- 
beute sonst nicht allzugroß ist, fällt eine Maßnahme von weittragendster Bedeutung 
für unser Wirtschaftsleben: die Annahme des Ultimatums des feindbundes, betr. 
unsere „Ileparation8"pllicht. Die Grundzüge dieses Ultimatums sind auf S. 225 f. 
wiedergegeben. 

Vgl. wegen der Uebersicht über das 1. Vierteljahr 1921: oben S. 53 ff. 

I. Gesetze, Verordnungen usw., mit dauernder Wirkung 

auf das Wirtschaftsleben. 

Gesetz betr. Aenderungen in der Unfallversicherung. Vom 

II. April 1921 (RGBl. S. 467 ff.). 

a) Die Vergütungsgrenze für die Versicherungspflicht der Betriebsbeamten 
gegen Unfälle wird von 5 00Ü auf 40 000 M. erhöht; ähnlich wird auch die Grenze 
hinausgeschoben, innerhalb derer durch Satzung eine über das Gesetz hinaus- 
gehende Versicherungspflicht festgesetzt werden kann; weiterhin wird das Recht 
der freiwilligen Versicherung der Unternehmer bis zur Verdienstgrenze von 40 000 M. 
ausgedehnt. Weiterhin wird bei Festsetzung der Rente der Jahresarbeitsverdienst 
erst jenseits der Grenze von 10200 M. (bisher 1800 M.) nur noch mit einem Drittel 
angerechnet. 

b) Die durch Verordnung vom 5. Mai 1920 — vgl. Bd. 60, S. 236 f. — ge- 
währten Zulagen werden für das Jahr 1921 verdoppelt. 

c) Die Bekanntmachung über die Unfallversicherung der Betriebsbeamten 
vom 15. November 1917 (vgl. Bd. 56, S. 588) tritt mit dem 31. Dez. 1921 
außer kraft. 

d) Außerdem trifft das Gesetz noch zahlreiche, jedoch weniger wesentliche 
Einzelbestimmungen, deren Aufführung im einzelnen hier zu weit führen würde. 

Verordnung über die Verlängerung der Kündigungs- 
bescbränkung zugunsten Schwerbeschädigter. Vom 28. April 
1921 (TlGBl. S. 494). 

Die Frist, innerhalb deren Schwerkriegsbeschädigten nur mit Zustimmung 
der Hauptfürsorgestelle gekündigt werden darf, wird bis zum 1. April 1922 ver- 
längert. 

Gesetz betr. die Verteilung des Gewinns der E-eichsbank 
für das Jahr 1920. Vom 7. Mai 1921 (EGBl. S. 507). 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 22& 

Vom Gewinn der Reichsbank für das Jahr 1920 wird vorweg ein Betrag von 
68 Mill. M. an das Keich abgeführt. Im übrigen regelt sich die Gewinnverteilung 
nach den Vorschriften des Bankgesetzes. — Vgl. für die Vorjahre die Gesetze vom 

24. Dez. 1915, Bd. 52, S. 219 

27. März 1917, Bd. 55, S. 331 

20. März 1918, Bd. 57, S. 55 

27. März 1919, Bd. 58, S. 335 

81. März 1920, Bd. 60, S. 49. 

Gesetz betr. die Feststellung eines Nachtrage zumReichs- 
haushaltsplane für das Rechnungsjahr 192 0. Vom 12. Mai 1921 
(RGBL S. 673 ff.). 

Es treten noch 25V2 Milliarden M. zu dem ursprünglichen Haushaltplan — 
vgl. oben S. 58 — hinzu, die in der Einnahme zu 2V2 Milliarden aus Steuern, 
sonst im wesentlichen aus Anleihe gedeckt werden sollen; von den Ausgaben ent- 
fallen 41/2 Milliarden M. auf Nachträge zum ordentlichen Haushalt, 2OV2 Milliarden M. 
auf Reichszuschüsse zur Deckung der Fehlbeträge der Post und Eisenbahn. 

Bekanntmachung betr. den Internationalen Verband zum 
Schutz des gewerblichen Eigentums. Vom 8. Juni 1921 (RGBl. 
S. 734). 

Der Beitritt Bulgariens wird bekannt gegeben. 

Gesetz über die Ausgabe von Schuldverschreibungen zur 
Ausführung des Zahlungsplans der Reparationskommission 
vom 5. Mai 1921 für die Sicherstellung und Erledigung der 
Reparationsverpflichtung Deutschlands nach Artikel 231 
bis 233 des Vertrages von Versailles vom 2 8. Juni 1919 
(RGBl. S. 6 8 7). Vom 26. Juni 1921 (RGBL S. 761 ff.). 

Der Reichsminister der Finanzen wird ermächtigt, die im Zahlungsplan der 
Reparationskommisäion bezeichneten Schuldverschreibungen über 

132 Milliarden Goldmark 
auszugeben. Zu dieser Summe kommt noch die belgische Schuld an die Alliierten, 
Von ihr abzuziehen sind die auf Reparationskonto bezahlten Beträge, der Wert 
des Staatseigentums m den abgetretenen Gebieten u. a. m. Auf 12 Milliarden M. 
soll vom 1. Mai 1921 ab, auf 38 Millipirdeu M. vom 1. November 1921 ab eine 
jährliche Zahlung von 6 v. H. geleistet werden, von denen 5 v. H. für Verzinsung, 
1 V. H. für Tilgung der Schuldsumme zu verwenden sind. Ueber die restlichen 
82 Milliarden Goidmark werden der Reparationskommission zunächst nur die Schuld- 
verschreibungen ohne Zinsscheine übergeben; die Ausgabe dieser Schuldver- 
schreibungen erfolgt von der Reparationskommission nach deren Ermessen. In 
Ausführung dieses Zahlungsplanes soll Deutschland zunächst jährlich zahlen: 

a) 2 Milliarden Goldmark, 

b) eine Abgabe im Werte von 26 v. H. seiner Ausfuhr oder einen ent- 
sprechenden Betrag, der gemäß einem anderen von Deutschland vorgeschlagenen 
und von der Kommission angenommenen Index zu berechnen sein würde. 

Zur Ueberwachung der Zahlungen wird ein besonderes „Garantie- 
komitee" eingesetzt. 

Zur Sicherstellung der nach Vorstehendem festgesetzten Zahlungen werden 
(unbeschadet der Haftung der gesamten Besitztümer und Einnahmen des Deutschen 
Reiches und der Länder) im besonderen verpfändet: 

a) Die Zollerträgnisse, 

b) die Erträgnisse einer Ausfuhrabgabe in Höhe von 25 v. H., 

c) die Erträgnisse derjenigen direkten oder indirekten Steuern oder irgend- 
welcher anderer Fonds, die auf Vorschlag der deutschen Regierung von dem Garantie- 
komitee in Ergänzung oder als Ersatz der oben unter a) oder b) genannten Ein- 
künfte angenommen werden. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 15 



226 



Nationalökonomische Gesetzgebung:. 



Deutschland verpflichtet sich weiterhin, das Material zu beschaffen und die 
Arbeit zu leisten, die von irgendeiner Macht des Feindbundes zum Zwecke des 
Wiederaufbaus der zerstörten Gebiete oder der Entwicklung ihres industriellen oder 
wirtschaftlichen Lebens angefordert wird. 

Gesetz über die Verlängerung der Gültigkeitsdauer des 
Kohlensteuergesetzes. Vom 27. Juni 1921 (RGBL S. 766f.). 

Die Gültigkeitsdauer des Kohlensteuergesetzes vom 8. April 1917 — vgl. 
Bd. 5H, S. 50 — , die schon einmal verlängert worden war — vgl. Gesetz vom 
31. Juli 1920, Bd. 60, S. 506 — , wird weiter bis zum 31. März 1922 verlängert. 

Gesetz über die Erhebung einer Abgabe zur Förderung 
des Wohnungsbaues. Vom 26. Juni 1921 (HGBl. S. 773ff.). 

In Ergänzung des Gesetzes vom 12. Februar 1921 (vgl. oben S. 54 f.^ wird 
bestimmt, daß die Einkünfte aus der Abgabe der Nutzungsberechtigten der vor 
dem 1. Juli 1918 fertiggestellten Gebäude in erster Linie zur Verzinsung und 
Tilgung der Beträge bestimmt sein sollen, welche für nach dem 1. Oktober 1920 
begonnene Wohnungsbauten verwandt werden. Diese Förderung des Wohnungs- 
baus ist jedoch an die Voraussetzung geknüpft, daß die betreffenden Wohnungs- 
bauten unter behördlicher Kontrolle ausgeführt werden und daß sie dauernd im 
Eigentum öffentlich-rechtlicher oder gemeinnütziger Stellen verbleiben. Abgabe- 
schuldner ist der Nutzungsberechtigte des betreffenden Gebäudes. Der Abgabe ist 
der jährliche Mietwert der Gebäude nach dem Stande vom 1. Juli 1914 zugrunde 
zu legen ; sie beträgt 5 v. H. des Nutzungswertes. Die Gemeinden haben hierzu 
einen Zuschlag in Höhe von weiteren 5 v. H. zu erheben. Außerdem sind sie be- 
rechtigt, von übergroßen Wohnungen eine Wohnungsluxussteuer zu erheben. Von 
den beiden ersteren Abgaben sind 10 v. H. des Rohertrages an das Reich zwecks 
Herbeiführung eines Ausgleichs zwischen den Ländern abzuführen. 

Gesetz über die Beschränkung des Luftfahrzeugbaues. Vom 
29. Juni 1921 (RGBl. S. 789 f.). 

Auf Grund der Forderung'en der alliierten Regierungen werden Herstellung 
und Einfuhr von Luftfahrzeugen und Teilen solchei- und Luftfahrzeugmotoren bis 
auf weiteres verboten. Für die entstandenen Schädigungen wird vom Reich Ersatz 
geleistet. 




H. Gesetze, Verordnungen usw., die die TJebergangswirt- 
schaft oder den Abbau der Kriegswirtschaft betreffen. 

Bekanntmachung betr. das Abkommen über die Erhaltung 
oder Wiederherstellung der durch den Weltkrieg betroffe- 
nen gewerblichen Eigentumsrechte. Vom 6. April 1921 (RGBl. 
S. 479). 

Belgien zeigt seinen Beitritt zu dem genannten Berner Abkommen (vgl. 
Bd. 60, S. 510) an, ebenso Ungarn gemäß Bekanntmachung vom 21. April 1921 
(RGBl. S. 493). 

Verordnung über die Versorgungsregelung. Vom 16. April 1921 
(RGBl. S. 486). 

Der zweite Teil der Verordnung vom 25. Sept. / 4. Nov. 1915 (vgl. Bd. 51, 
S. 357 u. 367 f.) wird aufgehoben. Danach fällt das Recht der Landesaentral- 
behörden, Kommunalverbände und Gemeinden zur Regelung der Versorgung ihrer 
Bevölkerung mit Gegenständen des notwendigen Lebensbedarfs (vgl. im einzelnen 
a. a. 0.) fort. Lediglich zur Verhinderung eines Notstandes in der Versorgung 
mit Lebensmitteln: (! also nicht z. B. Kohlen) können die Landeszentralbehörden 
mit Zustimmung des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft Anord- 
nungen treffen. 



i 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 227 

Verordnung betr. Aufhebung der Bekanntmachung über 
wirtschaftliche Maßnahmen in der Binnenschiffahrt. Vom 
lö. April 1921 (RGBl. S. 488). 

Vgl. Bekanntmachung vom 18. August 1917, Bd. 56, S. 444. 

Verordnung zur Abänderung derVerordnungüberBier und 
bierähnliche Getränke. Vom 23. April 1921 (RGBl. S. 490f.). 

Es darf bis zur Höchstmenge von 25 v. H. des insgesamt im Inlande abge- 
setzten Bieres nunmehr auch Bier mit einem Stammwürzegehalt von mehr als 8 v. H, 
hergestellt werden (vgl. wegen der bisherigen Regelung Verordnung vom 30. Sent 
1920, Bd. 60, S. 514). 

Bekanntmachung betr. Aufhebung der Verordnung über die 
Höchstpreise für Petroleum und die Verteilung der 
Petroleumbestände vom 8. Juli 1915 (RGBl. S. 420). Vom 
21. April 1921 (RGBl. S. 491). 

Vgl. Bd. 50, S. 329. 

Bekanntmachung betr. die Stundung patentamtlicher Ge- 
bühren aus Anlaß des Krieges. Vom 22. April 1921 (RGBl. 
S. 493). 

Die Frist zur Zahlung der gestundeten Gebühren und alle sonstigen Er- 
leichterungen erreichen mit dem 30. Sept. 1921 ihr Ende. Vgl. Bekanntmachung 
vom 31. März 1915, Bd. 50, S. 68 und 10. Sept. 1914, Bd. 49, 8. 65. 

Bekanntmachung betr. Aufhebung der Ausführungsbestim- 
mungen zur Verordnung über den Verkehr mit Seife, 
Seifenpulver und anderen fetthaltigen "Waschmitteln vom 
18. April 1916 (RGBl. S. 3 7). Vom 28. April 1921 (RGBl. S. 487). 

Die behördliche Bewirtschaftung von Seife usw. wird nunmehr gänzlich auf- 
gehoben. 

Bekanntmachung über die Aufhebung der Bewirtschaftung 
von Druckpapier und der Vorschriften über Papier, Karton 
und Pappe sowie über Rollenpapier. Vom 28. April 1921 (RGBl. 
S. 497). 

Es werden aufgehoben: 

a) alle auf Grund der Bekanntmachung vom 18. April 1916, Bd. 53, S. 72, 
erlassenen Bekanntmachungen, vgl. daselbst. 

b) Verordnung vom 15. Sept. 1917 (Bd. 56, S. 450) über Papier, Karton und 
Pappe, 

c) Bekanntmachung vom 12. Nov. 1919 (Bd. 59, S. 318) betr. Meldepflicht 
für EoUeupapier. 

Verordnung über den Verkehr mit Milch. Vom 30. April 1921 
(RGBl. S. 498 ff.). 

Die Verordnung über die Bewirtschaftung von Milch und den Verkehr mit 
Milch vom 3. Nov. 1917, vgl. Bd. 56, S. 584 wird aufgehoben. Es werden nur noch 
folgende Einschränkungen aufrecht erhalten: 

a) Es wird verboten, Milch oder Sahne anders als zu Butter oder Käse zu 
verarbeiten, insbesondere wird die Herstellung von Schlagsahne verboten; 
die Verabfolgung von Milch und Sahne in Gastwirtschaften und anderen 
Erfrischungsräumen wird untersagt. 

b) Die Kommunalverbände und Gemeinden können innerhalb ihrer Bezirke 
Maßnahmen zur geregelten Verteilung der zur Verfügung stehenden Milch 
zwecks Versorgung der Kinder, Kränken und werdenden Mütter treffen. 

15* 



228 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 



x) Es wird eine Keihe von weiteren Vorschriften getroffen, die die Aufrecht- 
erhaltung der bisherigen Milchlieferungen sicherstellen sollen. 

Verordnung über die Aufhebung der Bewirtschaftung von 
Speisefetten und Käse. Vom 30. April 1921 (RGBl. S. 500f.). 

Es werden aufgehoben : 

1. Bekanntmachung über Speisefette vom 20. Juli 1916, Bd. 53, S. 205; 

2. die Bekanntmachung über Festsetzung von Grundpreisen für verdorbene 
Speisefette und die Preisstellung für den Weiterverkauf im Großhandel 
vom 20. Okt 1916, Bd. 54, S. 311 f.; 

3. die Bekanntmachung- über den Verkehr mit Zentrifugen und Butter- 
maschinen vom 24. März 1917, Bd. 55, S. 330; 

4. die Bekanntmachung über die Errichtung eines Schiedsgerichts nach § 22 
der Verordnung über Speisefette vom 20. Juli 1916 und 9. Juni 1917, 
Bd. 56, S. 171; 

5. die Verordnung über die Preise für Butter vom 25. Aug. 1917, Bd. 56, 
S. 446; 

6. die Verordnung über Käse vom 20. Okt. 1916, Bd. 54, S. 312 in Verbindung 
mit Bd. 52, S 222; 

7. die Bekanntmachung über Herstellung von fettarmen Käse vom 30. März 1917, 
Bd. 55, S. 331 f.; 

8. die Verordnung über die Regelung des Verkehrs mit Käse, Quark, Molken- 
eiweiß und ähnlichen Erzeugnissen vom 15. Juli 1918, Bd. 57, S. 444. 

Gesetz betr. Aenderung des Bankgesetzes vom 14. März 
1875 (RGBl. S. 17 7). Vom 9. Mai 1921 (BGBL S. 508). 

Die Vorschrift des ßankgesetzes, wonach der Teil der im Umlauf befindlichen 
Keichsban knoten, der durch kursfähiges deutsches Geld, Reichskassenscheiue oder 
durch Gold in Barren oder ausländischen Münzen gedeckt sein soll, ein Drittel 
nicht unterschreiten darf, wird bis zum 31. Dez. 1923 außer Kraft gesetzt. 

Verordnung über die Einfuhr von Butter und Käse, Vom 
10. Mai 1921 (BGBl. S. 512). 

a) Die Einfuhr von Butter wird genehmigungsfrei. 

b) Es treten außer Kraft die Bekanntmachungen über die Einfuhr von Käse 
vom 11. März 1916 mit Nachtragsbekanntmachungen, vgl Bd. 52, S. 238f. und 
Bd. 54, S. 166 und 168 und die Durchfuhr von Käse vom 25. April 1916, Bd. 53, S. 74. 

Bekanntmachung über die Einfuhr von Kaffee und Tee. Vom 
14. Mai 1921 (BGBl. S. 690). 

Die Einfuhr von Kaffee und Tee wird genehmigungsfrei. 

Verordnung betr. Aufhebung der Verordnung über die Ein- 
fubr von Wein vom 23. März 1918 (BGBl. S. 14 7). Vom 
14. Mai 1921 (BGBl. S. 712). 

Vgl. Bd. 57, S. 55 f. 

Bekanntmachung betr. die Aufhebung der Bundesratsverord- 
nung über Besenginster vom 17. Oktober 1918 (BGBl. 
S. 1247). Vom 21. Mai 1921 (RGBl. S. 712). 

Vgl. Bd. 58, S. 34. 

Bekanntmachung betr. die Aufhebung der Bundesratsverord- 
nung über den Absatz von Brennesseln vom 2 7. Juli 1916 
(RGBl. S. 839). Vom 21. Mai 1921 (RGBl. S. 712). 

Vgl. Bd. 53, S. 209. 



Nationalökonomische Gesetzgebung. 229 

Verordnung über künstliche Düngemittel. Vom 25. Mai 1921 
(RGBl. S. 713 f.). 

Die Preise werden weiter erhöht. Sie haben nunmehr folgende Entwicklung 
genommen : 

aj für Phosphorsäuredüngemittel: 

Verordnung vom 11. Jan. 1916: 58— 76 Pf. 

„ „5. Juni 1916: 58—106 „ 

„ „ 4. Juli 1916: 58—110 „ 

„ 28. Aug. 1917: 124-138 „ 

„ „ 19. Dez. 1917: 179— 193 „ 

„ „ 3. Aug. 1918: 194-208 „ 

„ 9. Aug. 1919: 410-418 „ 

„ 9. Dez. 1919: 558-566 „ 

„ „ 2b. Mai 1921: 700 „ 

Die Höchstpreise gelten bei der Verordnung vom 25. Mai 1921 für 1 kg Proz. 
wasserlösliche Phosphorsäure, vorher für 1 kg Proz. zitratlösliche Phosphorsäure. 

b) für stickstoffhaltige Düngemittel (Beispiele einiger wichtiger Düngemittel, 
je 1 kg Proz. Stickstoff): 

nach Verordnung 
vom 

11. Jan. 1916 
5. Juni 1916 
3. Aug. 1918 

13. März 1919 

12. Juü 1919 
12. Nov. 1919 
26. Febr. 1920 
25. Mai 1921 

Bekanntmachung betr. Aufhebung der Verordnung über die 
Errichtung einer Herstellungs- und Vertriebsgeeellschaft 
in der Seifenindustrie vom 9. Juni 1917 (RGBl. S. 485). 
Vom 3. Juni 1921 (RGBl. S. 735). 

Vgl. Bd. 56, S. 171 ff. Die Gesellschaft tritt alsbald in Liquidation. 

Gesetz über die Regelung des Verkehrs mit Getreide. Vom 
21. Juni 1921 (RGBl. S. 737 ff.). 

I. Umlage. Während bisher das gesamte geerntete Getreide der Beschlag- 
nahme unterlag, hat nunmehr der Landwirt an sich freie Verfügung über sein Ge- 
treide; er ist lediglich zur Lieferung einer Umlage verpflichtet. Diese wird durch 
vorliegendes Gesetz für das gesamte Reichsgebiet auf 2% Mill. t Getreide festge- 
setzt. Sie ist zu Vi bis 15. Okt. 1921. zu einem weiteren V* bis 15. Dez. 19'i:il, 
mit dem Rest bis 28. Febr. 1922 zu liefern. Die Umlage der einzelnen Länder 
wird unter Abzug des Selbstversorgerbedarfs nach dem Anteil berechnet, mit 
dem sie an dem durchschnittlichem Ernteertrag der Jahre 1906—1920 beteiligt ge- 
wesen sind. Die Unterverteilung auf die Kommunalverbände ist Sache der Länder, 
die Unter Verteilung auf die einzelnen Landwirte Sache der Kommunalverbände, 
wobei zwischen die beiden letzeren noch die Gemeinden als weitere Verteilungs- 
stellen eingeschoben werden können. Während die Länder in der Unterverteilung 
auf die Kommunalverbände verhältnismäßig freie Hand haben, müssen bei der 
Festsetzung des Liefersolls der einzelnen Landwirte eine Reihe von Gesichtspunkten 
berücksichtigt werden. So müssen Getreideanbauflächen von 1 ha und weniger frei 
gelassen werden, die verschiedenen Größengruppen abgestuft (der Großgrundbesitz 
am stärksten) herangezogen, die Zahl der Selbstversorger, die Höhe der Deputate 
u. a. m. berücksichtigt werden. Zur Entscheidung gegen Beschwerden sind besondere, 
aus Erzeugern und Verbrauchern unter behördlicher Beteiligung zusammengesetzte 
Ausschüsse zu bilden. 



Schwefelsaures 
Ammoniak 


Natronsalpeter 


KalkstickstoS 


148 — 149 


Pf. 


— 


147 Pf. 


— 




— 


HO „ 


180— 181 


n 


— 


HO „ 


i8o 


n 


275 Pf. 


HO „ 


290 


n 


340 „ 


HO „ 


290 


n 


340 „ 


HO „ 


950 


n 


1250 „ 


HO „ 


H50 


n 


'750 „ 


1290 „ 



230 Nationalökonomische Gesetzgebung. 

II. Reichsgetreidestelle. An der Spitze der gesamten Organisation 
steht nach wie vor die Keichsgetreidestelle ; sie besteht aus einer Verwaltungs- 
uud einer Geschäftsabteilung. Die Verwaltungsabteilung ist eine Behörde und setzt 
sich aus einem Direktorium und einem Kuratorium zusammen. Während die Mit- 
glieder des ersteren sämtlich vom Reichsminister für Ernährung und Landwirt- 
schaft ernannt werden, besteht das letztere zum größeren Teile (14) aus Bundesrats- 
bevollmächtigten; vom Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft werden 
jedoch außerdem (21) Vertreter von Landwirtschaft, Handel, Industrie und Ver- 
brauchern ernannt. Die Verwaltungsabteilung, und hier insbesondere das Direk- 
torium (es bedarf jedoch für Erlaß der grundlegenden Anordnungen der Zustimmung 
des Kuratoriums) hat die allgemeinen Grundsätze des Verbrauchs festzulegen, so 
z. B., welche Mehlmenge täglich auf den Kopf der versorgungsberechtigten Be- 
völkerung verbraucht werden darf, welche Rücklage anzusammeln ist, bis zu 
welchem Mindestsatz das Getreide auszumahlen ist, u. a. m. Die Geschäftsabteilung 
ist eine G. m. b. H. ; ihre Aufgabe ist die praktische Durchführung der Verteilung 
des Getreides und Mehles, d. h. insbesondere die Fürsorge für die rechtzeitige Ab- 
nahme, Bezahlung, Unterbringung und Verwaltung der von den Kommunalver- 
bänden zu liefernden Früchte und umgekehrt auch die rechtzeitige Lieferung des 
Mehls an die Kommunalverbände u. ä. m. 

III. Aufbringung der Umlage. Die Erzeuger haben in der Wahl der 
Art des von ihnen zu liefernden Getreides freie Hand, doch wird Hafer nur zu */6 
auf die Umlage angerechnet. Sie haften dem Kommunalverbande für die rechtzeitige 
Erfüllung des Liefersolls in der Form, daß sie für nicht rechtzeitig geliefertes Getreide 
Schadenersatz zu zahlen haben. Dieser ist gleich dem Unterschiede zwischen dem 
Umlagepreis für Weizen und dem Preise für ausländischen Weizen zuzüglich eines 
Viertels dieses Unterschiedes. Bei nicht rechtzeitiger Lieferung können die Kom- 
munalverbände aber an Stelle der Eintreibung des Schadenersatzes Getreide und 
Erzeugnisse daraus bis zur Höhe der abzuliefernden Menge enteignen ; für so ent- 
eignetes Getreide ist nur die Hälfte des gewöhnlichen Umlagepreises zu zahlen. 
Aehnlich wie die Erzeuger den Kommunalverbänden haben die Kommunalverbände 
den Ländern, die Länder dem Reiche für nicht rechtzeitig geliefertes Getreide 
Schadenersatz zu leisten. Letzteres kann hierbei die ihm geschuldeten Beträge im 
Wege der Aufrechnung gegen Steuerüberweisungsverpflichtungen beiziehen. 

IV. Verbrauchsregelung. Es gibt wie bisher selbstwirtschaftende und 
nicht selbstwirtschaftende Kommunalverbände; im Unterschied zu früher erreicht 
jetzt aber jeder Kom.-Vrb. das Recht der Selbstwirtschaft einfach dadurch, daß er von 
der Reichsgetreidestelle die Ueberweisung von Getreide verlangt, wobei letztere ihn 
auf seine Umlage verweisen kann. Die Regelung der Versorgung der versorgungs- 
berechtigten Bevölkerung im einzelnen bewegt sich ungefähr in den früheren 
Bahnen. So müssen die Komm.-Vrb. Kleihandelshöchstpreise für Mehl und Brot 
festsetzen, Brotkarten ausgeben u. ä. m.; doch fallen infolge des Wegfalls der 
Getreidebeschlagnahme und der Einführung der Geldhaftung der Erzeuger die um- 
fangreichen Kontrollmaßnahmen zur Ueberwachung der Landwirte, Mühlen usw. 
fort. Indessen können nach wie vor kaufmännische und gewerbliche Betriebe, die 
sich als unzuverlässig in der Erfüllung der ihnen obliegenden Verpflichtungen 
erwiesen haben, geschlossen werden. 

V. Schlußvorschriften, a) Das Verfütterungsverbot für Brotgetreide 
(also nicht Gerste!) bleibt aufrechterhalten; auch die Verarbeitung von Brotgetreide 
und Mehl auf Branntwein bleibt nach wie vor verboten, für die Verarbeitung von 
Gerste auf Branntwein bestimmt der Reichsminister für Ernährung und Landwirt- 
schaft das Nähere. 

b) eine Reihe von Verordnungen wird aufgehoben, nämlich: 

1. die Verordnung über das Verfüttern von grünem Roggen und Weizen 
vom 20. Mai 1915, vgl. Bd. 50, S. 318, 

2. die Verordnung über das Verfüttern von Brotgetreide, Mehl und Brot 
vom 28. Juni 1915, vgl. Bd. 50, S. 315, beachte jedoch Absatz a), die 
Aufhebung hat also nur formelle Bedeutung, 

3. die Verordnung über den Verkehr mit ausländischem Mehl vom 13. März 
1917, vgl. Bd. 55, S. 325, 




Nationalökonomische Gesetzgebung. 231 

4. die Verordnung über das Verbot des Brennens von Hafer, Buchweizen, 
Hirse und Hülsenfrüchten vom 26. Sept. 1919, vgl. Bd. 59, S. 144, 

5. die Verordnung über Kleie aus Getreide vom 19. Dez. 1919, mit Nach- 
tragsbestimmungen, vgl. Bd. 59, S. 324, Bd. 60, S. 238 und 511 und 
oben S. 62, 

6. die Verordnung über die Bereitung von Backware vom 14. Oktober 1920, 
vgl. im wesentlichen Inhaltsangabe in Bd. 50, S. 52, 

7. die Verordnung über die Bereitung von Kuchen vom 11. März 1921, 
vgl. oben S. 61. 

Bekanntmachung betr. Auf hebung der Bekanntmachung über 
denVerkehr mit Margarine vom 9. Sept. 1915 (RGBl. S. 555). 
Vom 18. Juni 1921 (RGBl. S. 754). 

Vgl. Bd. 51, S. 354. 

Bekanntmachung über die Aufhebung der Bewirtschaftung 
von Rohtabak und der Vorschriften über die äußere Kenn- 
zeichnung von Tabak-Mischwaren und tabakähnlichen 
Waren. Vom 18. Juni 1921 (RGBl. S. 755). 

Vgl. insbesondere Bekanntmachung vom 10. Okt. 1916, Bd. 54, S. 311 f., 
weiterhin Bd. 56, S. 588, Bd. 58, S. 31 und 34 f., Bd. 59, S. 317, Bd. 60, S. 44 und 
233 f., sowie Bd. 57, S. 547. 

Gesetz über vorübergehende Herabsetzung oder Auf- 
hebung von Zöllen. Vom 21. Juni 1921 (RGBl. S. 757). 

Die Reichsregierung wird ermächtigt, im Falle eines dringenden wirtschaft- 
lichen Bedürfnisses für bestimmte Warenarten die Zölle des allgemeinen Tarifs bis 
auf die bei Kriegsausbruch gültig gewesenen Vertragszölle herabzusetzen oder 
ganz aufzuheben; auf Grund dieser Ermächtigung sind die Zölle für bestimmte 
Gerbstoffe herabgesetzt bzw. aufgehoben worden. 

Bekanntmachung betr. Aufhebung der Bekanntmachung über 
das Verbot der Verwendung von pflanzlichen und tierischen 
Fetten undOelen zur Herstellung von kosmetischen Mitteln 
usw. vom 1. Mai 1916 (RGBl. S. 346)/20. Jan. 1920 (RGBL 
S. 7 0). Vom 25. Juni 1921 (RGBl. S. 788). 

Vgl. Bd. 53, S. 74. 



232 



Miszellen. 



Miszellen, 



IX. 



Wesen und Gruppierung der Betriebsarten und 
Berufsarten. 

Von Dr. pol. Dr. jur. Wagner-Roemmich-Hamborn. 

A. Die Wesensyerschiedenheit von Betriebsarten und Berufsarten ► 

Die Systematisierung der Berufsarten ist ein im wissenschaftlichen 
Schrifttum sehr selten behandelter Stoff. Es fehlt uns deshalb noch eine 
klare, folgerichtige, wissenschaftlich durchgebildete Systematisierung der 
Berufsarten. Grundlegend ist diese für die Berufsstatistik und für die 
Arbeitsmarktstatistik, die zueinander als Zustandsstatistik und Bewegungs- 
statistik desselben Erscheinungsgebietes in Beziehung stehen. Praktisch 
wichtig ist die Systematisierung für die Ordnung der Berufsberatungs- 
technik und für die Darstellung der Erforschungen über das Arbeitsleben, 
deren Ergebnisse wiederum die Berufsartengruppierung erst richtig offen 
legen (vgl. „Handbuch der Berufe" im „Arbeitsnachweis in Deutschland", 
Berlin, Band 6, Seite 189 und „Zentralinstitut für Arbeitsforschung" in 
Schrift 2 des Landesarbeitsamts der Rheinprovinz, Düsseldorf 1921). 

In unseren bisherigen Systematisierungsversuchen steckt ein grund- 
legender Fehler : die mangelhafte Trennung zwischen Berufs- 
art und Betriebsart. Beides sind heute völlig verschiedene Dinge 
geworden, stehen aber untereinander in Wechselwirkung. 

Jeder Arbeitende gehört einem Beruf und einem Betrieb an. Der 
Stellensuchende gehört meist einem Beruf an, gehört aber meist keinem 
Betrieb an. Der Arbeitsmarkt verteilt die Berufszugehörigen auf die Be- 
triebe und hiermit auf die Betriebsarten. Hierdurch kann auch die Be- 
rufsart geändert werden. Der Buchhalter gehört dem Kaufmannsberuf an, 
der Arbeitsmarkt reiht ihn dem Handel, dem Baugewerbe, der landwirt- 
schaftlichen Genossenschaft ein, ohne daß der Beruf des Buchhalters sich 
in diesen verschiedenen Betriebsarten ändern muß, während die Berufsart 
eines Maschinenschlossers in einem Eisenbahnbetrieb, in einer Herdfabrik, 
in einer Dampfpflugfabrik sich verschieden gestalten kann. 

Betrieb und Beruf, Betriebsart und Berufsart müssen klar geschieden 
werden. 

Der Betrieb ist eine einheitliche Dauereinrichtung zwecks Dar- 
"bietung verkehrsfähiger Leistungen (ohne Einheit der Einrichtxmg wären 
die leistenden Teile dieser Einrichtung selbst Betriebe; die Einrichtung^ 



Miszellen. 233 

umfaßte sonst hier mehrere Betriebe nebeneinander. Ohne Verkehrs- 
fähigkeit der Leistung wären die anderen Einrichtungen, denen geleistet 
wird, Teile des Betriebes selbst ; die Einrichtung umfaßte sonst hier keinen 
ganzen Betrieb. Diese beiden Verwahrungen entsprechen sich genau in 
ihren Beziehungen zueinander und zu dem Erklärungssatz). Ob die ver- 
kehrsfähigen Leistungen auch in Verkehr gesetzt werden, ob ein landwirt- 
schaftlicher Betrieb die Erzeugnisse verkauft und ob der Unternehmer 
dieses Betriebes beim Bäcker und Fleischer kauft, oder ob der Unter- 
nehmer die Erzeugnisse sämtlich im eigenen Haushalt verbraucht, ist für 
den Betrieb nicht wesentlich. Auch läßt sich der Haushalt als einheit- 
licher selbständiger Betrieb auffassen, dessen Leistungen verkehrsfähig sind 
und häufig auch in Verkehr gesetzt werden. (Aufnahme von Kostgängern, 
Schlaf gangem, Zöglingen.) 

Die Art des Betriebes wird bestimmt von seinen Erscheinungen. Die 
wichtigste Erscheinung ist offenbar der Betriebszweck. Diese Be- 
triebserscheinung ist vor allem artbestimmend. Der Betriebszweck 
kann unmittelbares Schaffen von Kultur sein, von Erkenntnis, Gesundheit, 
Schönheit, Persönlichkeit, also persönliches Schaffen, oder er kann mittel- 
bares Schaffen von Kultur, von Kulturmitteln, also wirtschaftliches Schaffen 
sein, oder gesellschafts - organisatorisches Schaffen, Verbindung dieses un- 
mittelbaren und mittelbaren Kulturschaffens. Der Betriebszweck ist aber 
nicht allein artbestimmend. Artbestimmend sind noch andere Betriebs- 
erscheinungen, kvdturelle, soziale, organisatorische, rechtliche, wirtschaft- 
liche, technische Erscheinungen, insbesondere auch die beruflichen Er- 
scheinungen. Diese Erscheinungen verzweigen sich im einzelnen wieder, 
und diese Zweige können wieder artbestimmend sein. So wird die Be- 
triebsart nicht immer, aber häufig, von folgenden Erscheinungen mitbestimmt, 
von denen manche mehr, manche weniger bestimmen: 

Betriebsnutzen: Gemeinnutzen oder Privatnutzen — der Privat- 
nutzen als Lohn und als Zins — verschiedene Größen des Gesamtlohnes 
und des Gesamtzinses eines Betriebes. 

Betriebsmittel: Verschiedene Rohstoffe und verschiedene Werk- 
zeuge — die Verbindung von Kohstoff und Werkzeug, also die technische 
Arbeitsart — Werkzeuge als Handwerkszeuge oder als Maschinen — 
Arbeitsmittel ändern sich und mit ihnen die Betriebsart ohne Aenderung 
des Betriebszweckes. 

Betriebsstufe: Förderung oder Verarbeitung oder Verteilung — 
Förderung: Den Kulturmitteln werden wirtschaftliche Gestalt und wirt- 
schaftliche Träger gegeben. Verarbeitung: Die Gestalt der Kulturmittel 
wird geändert. Verteilung: Der Träger der Kulturmittel wird geändert. 
— Förderung : rein als Bergbau (einschließlich Stein- und Erdbruch) ; Ver- 
arbeitung : rein als Gewerbe (Industrie imd Handwerk) ; Verteilung : rein 
als Handel (Großverteilung und KleinverteUung) ; als Zwischenform: die 
fördernde und verarbeitende Land-, Garten- und Forstwirtschaft; der ver- 
arbeitende und verteilende Verkehr. 

Betriebsbreite: Sammelbetriebe oder Fachbetriebe (Sammelbetriebe, 
meist gemischte Betriebe genannt, weil sie aus einer Mischung selbständiger 



234 



Mi sz eilen. 




Betriebe entstanden : Hüttenzechen, Warenhäuser. Diese Sammelbetriebe 
können verschiedene Betriebsstufen zugleich umfassen). 

Betriebsbedeutung: Hauptbetrieb oder Nebenbetrieb. 

Betriebsgröße: Großbetrieb oder Kleinbetrieb (meist nach Kapital- 
größe, Menge oder Wert der in den Verkehr gebrachten Leistungen, nach 
der Zahl der Betriebszugehörigen, Größe der aufgewandten mechanischen 
Kraft usw. Richtiges aber schwierigstes Maß ist wohl die Gesamtsumme 
der im Betrieb erreichten Wertsteigerungen). 

Betriebstätte: Werkstattbetrieb oder Heimbetrieb. 

Betriebsseßhaftigkeit: ortsständig oder wandernd. 

Betriebszugehörigkeit: Dauer der Zugehörigkeit der einzelnen 
zur Betriebsart (Betriebsartwechsel) und zu den einzelnen Stellen derselben 
Betriebsart (Stellenwechsel innerhalb derselben Betriebsart). 

Betriebszeit: durchgehend oder unterbrochen : Mittagspause — 
Nachtpause — Tagespause (also Nachtbetrieb) — Saisonpause (also 
Kampagnebetrieb) usw. 

Betriebsherr: öffentlich oder privat — Privat: mehrere oder 
einzelne. — 

Betriebsrisiko: mit beschränkter Haftung — mit unbeschränkter 
Haftung. 

Die Aufzählung dieser Betriebserscheinungen läßt sich beliebig fort- 
setzen, sie werden alle die Art des Betriebes irgendwie beeinflussen. Eine 
einzelne Erscheinungsgleichheit kann allein die Betriebsart nicht bestimmen 
und eine einzelne Erscheinungsverschiedenheit kann die Betriebsarten nicht 
voneinander trennen: Windmühlen und Wassermühlen und Dampfmühlen 
müssen wegen ihrer verschiedenen Betriebsmittel zunächst als besondere 
Betriebsarten trotz des gleichen Betriebszwecks gelten, dörfliche Gemischt- 
handlungen und großstädtische Warenhäuser ebenso wegen ihrer ver- 
schiedenen Größe trotz der gleichen Betriebsstoffe, gewerbsmäßige Stellen- 
vermittler und die Arbeitsämter wegen ihres verschiedenen Nutzens, 
Spielwarenfabriken und Spielwarenverleger wegen ihrer verschiedenen Be- 
triebsstätte. Wie weit diese verschiedenen Betriebserscheinungen als art- 
bestimmend gelten sollen, wie viel verschiedene Arten aufgestellt werden 
sollen, ist eine mehr praktische als theoretische Frage und richtet sich 
nach dem Zweck der Arteneinteilung. Soll der Arbeitsmarktverkehr ver- 
schiedener Betriebsarten festgestellt werden, so werden die Betriebe viel- 
leicht anders gruppiert, als wenn der Gesundheitszustand verschiedener 
Betriebsarten festgestellt werden soll. Die Explosionsgefahr von Spreng- 
stoffabriken und von Farbenfabriken darf nicht zu einem Gefahrendurch- 
schnitt der chemischen Industrie vereinigt werden, während bei einer Be- 
triebsgrößenstatistik diese verschiedenen Betriebsarten vielleicht nicht 
getrennt zu werden brauchen. 

Die Grundlegung der Berufsartengruppierung kann mit genau den- 
selben Erklärungs- und Verwahrungssätzen beginnen, nur mit kleiner Worte- 
änderung. 

Der Beruf ist eine einheitliche Dauerarbeit zwecks persönlicher 
Leistungen. (Ohne Einheit der Arbeit wären die leistenden Teile dieser 



I 




Miszellen. 235 

Arbeit selbst Berufe, die Arbeit umfaßte sonst hier mehrere Berufe neben- 
einander. Ohne Persönlichkeit der Leistung wären die anderen Arbeiten, 
denen geleistet wird, Teile des Berufes selbst; die Arbeit umfaßte hier 
sonst keinen anderen Beruf; auch hier Erklärungssatz und Verwahnmgen 
einander entsprechend wie beim Betrieb). 

Die Art des Berufes wird bestimmt von seinen Erscheinungen. Die 
wichtigste Berufserscheinung ist offenbar die Berufsbildung, soweit 
sie ausreichend ist für einen Beruf und soweit sie notwendig ist für einen 
Beruf, oder die unter seiner Einwirkung mit Notwendigkeit entsteht. Diese 
Berufserscheinung ist vor allem artbestimmend. Die Berufsbildung 
ist ursprünglich oder ist erworben , mehr das eine oder mehr das andere, 
ist also ungelernte Berufsart, angelernte Berufsart, gelernte Berufsart, ge- 
schulte Berufsart, studierte Berufsart, Statt imgelemte heißt es besser: 
geübte Berufsart; denn ungelernt ist nur verneinend, charakterisiert nicht, 
und die unterste Art der Dauerarbeit verlangt oder bringt doch wenigstens 
TJebung, Gewöhnung, was die Voraussetzung eines Berufes überhaupt ist. 
Diese Berufsbildung ist nicht nur verschieden nach Ursprünglichkeit und 
Erworbenheit, sondern auch nach der Bildungsverschiedenheit der einzelnen 
Muskeln und Nerven. Die Berufsbildung ist aber nicht allein artbestimmend. 
Artbestimmend sind noch andere Berufserscheinungen, kulturelle, soziale, 
organisatorische, rechtliche, wirtschaftliche, technische Erscheinungen, ins- 
besondere auch die betrieblichen Erscheinungen. Auch hier verzweigen 
sich diese Erscheinungen im einzelnen wieder und diese Zweige können 
wieder artbestimmend sein. Wie also die Betriebsart vom Betriebszweck 
bestimmt wird, so die Berufsart von der Berufsbildung ; wie dort, so treten 
auch hier Erscheinungen anderer selber Erscheinungsgebiete hinzu und die 
beruflichen Erscheinungen bestimmen die Betriebsart mit; die betrieblichen 
Erscheinungen bestimmen die Berufsart mit. 

Die Berufsbildung wird bestimmt von den Aufgaben des Berufes, 
von der Art seiner Mitwirkung für den Betriebszweck. So verschieden 
aber auch die Zwecke der Betriebe sein mögen, so sind doch die Auf- 
gaben gleicher Berufszugehöriger in verschiedenen Betrieben gleich oder 
nur unwesentlich verschieden ; denn sonst sind auch die Berufe verschieden. 
Die Art der Mitwirkung für den Betriebszweck, die Berufsaufgabe be- 
stimmt aber nicht unmittelbar die Berufsart, sondern nur auf dem Um- 
weg über die von der Aufgabe geforderte oder von ihrer Durchführung 
geschaffene Berufsbildung. Verschiedenberufliche können auch gemeinsam 
in engster Arbeitsgemeinschaft an derselben Aufgabe mitwirken. Die- 
selben Aufgaben können ganz verschiedenen Berufszugehörigen übertragen 
werden und wir müssen uns beispielsweise die Möglichkeit vorbehalten, 
rechtswissenschaftlich geschulte Schiedsrichter und geschäftlich geschulte 
Schiedsrichter mit genau gleichen Aufgaben verschiedenen Berufsgruppen 
zu überweisen. Sonst könnte die Berufsaufgabe statt der Berufsbildung 
als wesentlich angesehen werden. 

So können die bei der Berufsart mitbestimmenden zweiten Er- 
scheinungen, von denen manche mehr, manche weniger bestimmen, den die 
Betriebsart mitbestimmenden zweiten Erscheinungen genau entsprechend 
aufgestellt werden : 



236 



Miszellen. 



Berufsnutzen: Fremdnutzen oder Eigennutzen (Fremdnutzen aua-i 
Gefälligkeit — Eigennutzen zwecks Lohn — , verschiedene Größen dee,| 
Lohnes.) 

Berufsmittel: (Muskeln, Nerven, deren verschiedene und ver-- 
schieden große Bemühung). 

Berufsstufe: Vorstufe: — Anfänger (Lehrling, Anlerner, Ein- 
gewöhner). — Hauptstufen: — Arbeiter, Vorarbeiter, Einsteller, Ein- 
richter, "Werkführer, "Werkmeister, Teilleiter, Zweigleiter, Betriebsleiter usw. 
— Nachstufe: — Ausgediente (Rentner, Pensionär), die noch stück- 
weise mitarbeiten. 

Manche Berufe erstrecken sich nur auf eine Berufsstufe, die art- 
begrenzend ist; andere umfassen mehrere Berufsstufen. Es entsteht eine 
Laufbahn von Stufe zu Stufe ohne Aenderung der Berufsart. 

Berufsbreite: Sammelberufe oder Pachberuf e (universal und 
Spezial). Der wichtigste Sammelberuf ist der Hausfrauenberuf, der, wie 
alle Berufe alter Art, nur einer Betriebsart entspricht und von dieser 
bestimmt wird. Das Hausfrauentum, im Gegensatz zu Kindergärtnerinnen 
und Hausgehilfinnen usw., nicht als Beruf gelten zu lassen, ist wissen- 
schaftlich und praktisch unrichtig, jedoch ist das Hausfrauentum meist 
nur bei Kleinkindern ein Vollberuf. 

Berufsbedeutung: Hauptberuf oder Nebenberuf. 

Berufsgröße: Vollberuf oder Halbberuf (dem Leben genügenden 
Berufsinhalt gebend oder eine Leere lassend — nicht zu verwechseln mit 
dem Hauptberuf und dem Nebenberuf, denn auch der Nebenberuf kann 
ein Vollberuf sein und auch der Hauptberuf kann ein Halbberuf sein). 

Berufsstätte: "Werkstattarbeit oder Heimarbeit. ("Wie der Unter- 
nehmer im Heim arbeiten kann, einen Heimbetrieb haben kann als 
Schneidermeister in seiner Wohnung für Privatkunden, so kann der Arbeit- 
nehmer im Haus arbeiten, eine Heimarbeit haben wie der Näharbeiter für 
eine Fabrik. Der Betrieb des Schneidermeisters ist für diesen Meister 
ein Heimbetrieb; aber sein Geselle ist kein Heimarbeiter. Der Betrieb 
des Fabrikanten ist für diesen ein "Werkstattbetrieb, vielleicht nur aus 
einem Büro bestehend, aber seine Arbeiter sind Heimarbeiter.) 

Berufsseßhaftigkeit: Platzberuf oder Mobilberuf (an einen be- 
stimmten Arbeitsplatz gebunden wie ein Schrankenwärter oder überall 
den Beruf ausüben könnend, z. B. ein Pfarrer in der Kirche, auf dem 
Friedhof, in seinem Büro, in der "Wohnung anderer, während der Betrieb 
der Pfarrei doch ortsständig ist). 

Berufszugehörigkeit: Dauer der Zugehörigkeit zur Berufsart 
(Berufswechsel), zu den einzelnen Stellen der Berufsart (Stellenwechsel 
innerhalb derselben Berufsart). 

Berufszeit: Durchgehend oder unterbrochen (was sich nicht mit 
den Betriebszeiten zu decken braucht). 

Berufsherr: Arbeitgeber oder Arbeitnehmer — (Arbeitnehmer als 
Angestellter oder als Arbeiter — Hausgemeinschaft oder Haustrennung, 
Familienzugehörigkeit oder Nichtverwandtschaft zwischen Arbeitgeber und 
Arbeitnehmer. — Der freie Beruf als Zwischenform. Vgl. über diesen: 
Zeitschrift „Arbeitsnachweis", Wien, Bd. 1918, H. 5, S. 275). 



Miszellen. 237 

Berufsrisiko: Gewinn oder fester Lohn. 

Betriebsarten und Berufsarten stehen also deutlich neben- 
einander. Mögen mitunter nahezu alle Berufszugehörigen einer selben 
Betriebsart angehören und mag diese Betriebsart nahezu immer aus Zu- 
gehörigen dieser einen Berufsart bestehen, mögen sich mitunter Betriebs- 
art und Berufsart nahezu decken, die örstere bleibt eine Einrichtung und 
die letztere bleibt eine Arbeit, von denen hier nur beide ganz aufeinander 
angewiesen sind. Aber Betriebsarten und Berufsarten kreuzen sich immer 
mehr. Früher entsprachen sich Berufsart und Betriebsart häufiger. Der 
Tischler arbeitete immer in der Tischlerei, und die Tischlerei war ein 
selbständiger Betrieb, dem nur Tischler zugehörten, während heute bei- 
spielsweise einem Postunternehmen Briefträger, Kraftwagenführer, Pferde- 
pfleger, Elektro-Installateure, Bankbuchhalter, Fernsprechgehilfinnen imd 
viele andere Berufsarten zugehören, die zugleich in Landwirtschafts- und 
Gewerbe- und Handelsbetrieben verschiedener Art zu finden sind. Die 
Arbeitsmarktstatistik muß Betriebsart und Berufsart gesondert beobachten, 
und was artbestimmend ist , muß geklärt werden. Die Grenzen der 
Betriebsarten sind wohl leichter zu erkennen als die Grenzen der Be- 
ruf sarten. 

Die Betriebsstatistik stellt die Betriebsarten fest, zählt die Betriebe 
insgesamt und die Betriebe besonders, die zu einer selben Betriebsart ge- 
hören, zählt insgesamt und innerhalb der einzelnen Betriebsarten die Be- 
triebe mit bestimmten gleichen Erscheinungen. 

Die Berufsstatistik stellt die Berufsarten fest , zählt die Berufs- 
zugehörigen insgesamt und die Berufszugehörigen besonders, die zu einer 
Beiben Berufsart gehören; sie zählt insgesamt und zählt innerhalb der 
einzelnen Berufsarten die Berufe mit bestimmten gleichen Erscheinungen. 

Die Arbeitsmarktstatistik als Teil der Betriebsbewegungsstatistik 
und als Teil der Berufsbewegungsstatistik zählt den Verkehr innerhalb 
der einzelnen Betriebsarten und innerhalb der einzelnen Berufsarten, ver- 
gleicht den Verkehr der einzelnen Betriebsarten und den Verkehr der 
einzelnen Berufsarten, beobachtet den Verkehr zwischen den einzelnen 
Betriebsarten und zwischen den einzelnen Berufsarten (Wechsel der Be- 
triebsartzugehörigkeit und der Berufsartzugehörigkeit), beobachtet die 
gegenseitige Einwirkung von Betriebsartenverkehr und Berufsartenverkehr, 
die einander in ihren Bewegungen stärken und schwächen können, er- 
forscht den Ursprung der Verkehrsänderungen, der in einer Betriebsart 
und in einer Berufsart liegen kann. Dieser gegenseitige Einfluß ist sehr 
lehrreich und kann erst richtig beobachtet werden, wenn die Arbeitsmarkt- 
etatistik in sich eine besondere Betriebsartenstatistik und eine besondere 
Berufsartenstatistik bildet. Nur wenn die miteinander verwobenen ein- 
zelnen Betriebsarten und einzelnen Berufsarten getrennt gesehen werden, 
wird das Ganze nicht mehr nur als Masse gesehen, sondern als organi- 
sierte Masse, die Bewegung wird nicht nur als Gesamtbewegung, sondern 
als ein Ineinander vieler Einzelbewegungen gesehen. Dann erst wird die 
Arbeitsmarktstatistik kulturell und sozial und wirtschaftlich und technisch 
bedeutsam. 



238 



Miszellen. 



Die Unterscheidung von Betriebsarten und von Berufsarten darf nicht 
zu allgemein sein. Werden aber viele Betriebsarten und viele Berufsarten 
unterschieden, vielleicht je 100 oder auch nur je 50, so kann zwar ohne 
große Mühe der Arbeitsmarktverkehr für jede Berufsart und jede Betriebsart 
festgestellt werden , aber der Arbeitsmarktverkehr des Anteils jeder 
Berufsart an jeder Betriebsart und des Anteils jeder Betriebsart an jeder 
Berufsart läßt sich nicht feststellen. Denn dies erfordert eine Tafel von 
100 X 100 oder 50 X 50 Feldern, jedes Feld 3 Zahlen enthaltend. (Be- 
werber, offene Stellen, vermittelte Stellen.) Deshalb kann die Betriebs-^ 
artenstatistik mit der Berufsartenstatistik nicht verbunden werden. 
Jedoch läßt sich je nach Bedarf in der Berufsartenstatistik bei einzelnen 
wichtigen Berufsarten der Anteil der Betriebsarten und in der Betriebs- 
artenstatistik bei einzelnen Betriebsarten der Anteil einiger Berufsarten 
vermerken. Sonderuntersuchungen für einzelne Arten, dauernd oder zeit- 
weilig, lassen sich immer einschalten in den allgemeinen fest und dauernd 
gegebenen Betriebsartenrahmen und Berufsartenrahmen. 



B. Systematisierung der Betriebsarten und Berufsarten. 

Die Betriebsartenklärung und Berufsartenklärung muß dem Ausbau 
der Statistik vorangehen. Wenn bei den Betriebsarten zunächst der 
Betriebszweck artbestimmend ist und er die Hauptbetriebsarten von ein- 
ander scheidet, so ist vielleicht auf der zweiten Gruppierungsstufe eine 
andere Betriebserscheinuug mehr unterscheidend. Bei der Gruppierung 
der wirtschaftlichen Betriebsarten, die den Arbeitsmarkt beherrschen, 
scheint die Betriebsstufe stark artbestimmend zu sein. Die wirtschaft- 
lichen Betriebe schaffen Kulturmittel, also nicht unmittelbar Kultur. Die 
wirtschaftliche Arbeit gilt der Gestalt und dem Ort der Kulturmittel. 
Die Förderung von Kulturmitteln (Okkupation, Urproduktion) gibt diesen 
wirtschaftliche Gestalt und wirtschaftlichen Ort. Die Verarbeitung von 
Ktdturmitteln ändert die Gestalt. Die Verteilung der Kulturmittel ändert 
den Ort. Förderung, Verarbeitung, Verteilung sind die drei Betriebsarten, 
in denen produziert und erworben wird und nach denen 5 wirtschaftliche 
Hauptbetriebsarten (Wirtschaftszweige) unterschieden werden können : 

Bergbau nebst Steinbruch und Erdgräberei ist reine Förderung. 

L a n d b a u nebst Forstbau, Weinbau, Jagd und Fischerei ist zugleich 
Förderung und Verarbeitung. 

Gewerbe, Industrie und Handwerk umfassend, ist reine Verarbeitimg» 

Handel ist zugleich Verarbeitung und Verteilung. 

Verkehr ist reine Verteilung. 

Förderung, Verarbeitung, Verteilung schließen sich so ungezwimgen 
aneinander an, ineinander übergreifend. Zwischen dem fördernden Berg- 
bau und dem verarbeitenden Gewerbe steht der fördernde und verarbeitende 
Landbau, Zwischen dem verarbeitenden Gewerbe und dem verteilenden 
Verkehr steht der verarbeitende und verteilende Handel. 

Das landwirtschaftliche Anbauen, das zugleich ein Abbauen imd ein, 
Aufbauen ist, steht zwischen dem bergbaulichen Abbauen und dem gewerbr 




Miszellen. 



239 



liehen Aufbauen. Dem gewerblichen Aufbauen folgt das händlerische Aus- 
bauen, das zugleich ein Aufbauen und ein Einbauen ist. Als letztes ent- 
spricht der Verkehr als reines Einbauen in neuem Zusammenhang dem 
ersten, dem bergbaulichen Abbauen aus altem Zusammenhang. 

Oft verkennt man die verarbeitende Art des Landbaues und stellt 
ihn als reine Förderung neben den Bergbau. Oft verkennt man auch 
die verarbeitende Art des Handels und stellt ihn als reine Verteilung 
neben den Verkehr, so daß das Gewerbe als reine und einzige Verarbeitung 
in der Mitte steht. Der Handel hat schon durch seine warenvermischende 
und warenzusammenstellende Art verarbeitenden Charakter, mehr aber 
noch durch Leitung und Beeinflußung der gewerblichen Verarbeitung. 
Auch in einer sozialistischen Gesellschaft wird die warenbestellende und 
die verarbeitungleitende Art des Handels nicht verschwinden. Hier wird 
eine sorgfältige Schätzung des Gemeinnutzens und der Opfer der Produktion 
nötig sein, wo heute der private Erwerbserfolg allein berechnet wird. 

Die Nebeneinanderstellung der fünf Wirtschaftszweige ist keine syste- 
matische Spielerei, sondern entspricht grundverschiedenen Eigenarten, aus 
denen sich verschiedene praktische Folgerungen ergeben. So unterscheidet 
sich der Landbau durch seine organische Art von seinen beiden Nach- 
barn, von Bergbau und Gewerbe, die beide mechanischer Art sind. Beim 
Landbau werden die Stoffe in organischer Entwicklung gefördert, 
beim Bergbau mechanisch. Beim Landbau werden die Stoffe in orga- 
nischer Entwicklung verarbeitet, beim Gewerbe mechanisch. Der gemein- 
same Förderungscharakter gibt aber auch wieder dem Bergbau und dem 
Landbau Gemeinsames. So ist ist für beide Rohstoffe und Werkstatt ein 
und dasselbe. 



Fördening 



Verarbeitung 



Verteilving 




Landbau 



Gewerbe 



Verkehr 



y 

Bergbau 

Dies nur als Beispiel, wie die Gruppierung angefangen und wie das 
Gruppierungsverfahren zu begründen ist. Bei der weiteren TJntergrup- 
pierung werden wieder andere Betriebserscheinungen — hier war es die 
Betriebsstufe — artbestimmt sein. 

Schwieriger ist die Berufsartengruppierung. 

Das Gewerbeverzeichnis der deutschen Betriebszählung von 1907 
und das Berufsverzeichnis der deutschen Berufszählung von 1907 
(Statistik des Deutschen Reiches Band 202 und 213) enthalten noch keine 
klare Systeme der Betriebsarten und Berufsarten. Eine Erforschung des 
Wesens und der Grenzen der Berufsarten und Betriebsarten konnte noch 
nicht zugrunde gelegt werden, sondern nur eine Sichtung und Systemati- 
sierung gesammelter Berufs- und Betriebsbezeichnungen. Die Haushaltungs- 
liste der Beruf szählimg fragt in ihren Spalten 10/11 (Statistik des deutschen 
Reichs, Band 202, Textseite 4*) nach der Berufs- und Betriebszugehörig- 
keit. Spalte 10 fragt „welchem Gewerbe, Erwerbszweige, Beruf (bei Be- 



240 



Miszellen. 



amten Dienst oder Verwaltungszweig) gehören Sie durch Ihre Tätigkeit 
im Hauptberuf gegenwärtig an"? Spalte 11 fragt nach der besonderen 
Art des Hauptberufs. Berufsart und Betriebsart werden also miteinander 
vermischt. Erst die Erläuterungen und Beispiele zeigen hier ein Neben- 
einander der beiden verschiedenen Fragen nach der Betriebsart (Gewerbe- 
zweig, Handelszweig, Behördenzweig wie Landwirtschaft, katholischer 
Kirchendienst, Maschinenfabrik, Schuhmacherei) und nach der Berufsart 
(landwirtschaftlicher Pächter, Kaplan, Dreher, Handwerksmeister). "Weder 
die Systematik noch die Einzelbezeichnungen der beiden Verzeichnisse 
lassen aber deutlich erkennen, ob Betriebsarten oder Berufsarten gemeint 
sind. Beispiel Klempnerei und Klempner: Betriebsverzeichnis (Gewerbeliste) 
B V c 3 lautet : Industrie einschließlich Bergbau und Baugewerbe : Metall- 
verarbeitung : Eisen- und Stahl : Klempner (Beispiele : Baublechner, Bau- 
flaschner, Bauklempner, Bauspengler, Bechler, Blechner, Blechner für Blei- 
lötung, riaschner, Elickspengler, Klempner, Löter, Ornamentblechner, 
Schiffsklempner, Schwarzblechklempnerei, Spengler, "Weißblechner). Be- 
rufsverzeichnis B V 30 lautet : Industrie einschließlich Bergbau und Bau- 
gewerbe : Metallverarbeitung : Klempner (Beispiele : Baublechner, Bau- 
flaschner, Bauklempner, Bechler, Blechner, Blechner für Bleilötung; Elasch- 
ner, Flickspengler, Klempner, Klempnerlehrling, Löter, Ornamentblechner, 
Schiffsklempner, Spengler, Weißblechner), Betriebsverzeichnis und Beruf a- 
verzeichnis decken sich nahezu, es müßten aber die Klempnereien nach ganz 
anderen Beobachtungsrichtungen eingeordnet und mit anderen Beispielen 
belegt werden, als die Personen, die klempnern. Am deutlichsten ist dies 
bei den Kaufleuten. Die Kaufleute erscheinen in den Betriebsarten Berg- 
bau, Industrie, Handel usw., beim Handel im Großhandel und Kleinhandel 
in Eisen-, Leder-, Tuch- und Nahrungs waren. Die Kaufleute erscheinen 
in der Berufsart Kaufleute und in den Unterberufsarten : Geschäftsführer, 
Buchhalter, Briefwechselführer, Schreibgehilfe, Lagerhalter, Versandleiter, 
Verkäufer, Reisender usw. ; erst für die Untergruppierung der Berufsart 
Verkäufer sind Warenarten maßgebend, hier bestimmen die verschiedenen 
Betriebsarten auch verschiedene Berufsarten. Ein Tuchverkäufer gehört 
nicht nur zu einer anderen Betriebsart als ein Glasverkäufer, sondern auch 
zu einer anderen Berufsart, während der Buchhalter im Tuchgeschäft der- 
selben Berufsart angehört, wie der Buchhalter im Glasgeschäft. Wenn 
also auch Betriebsverschiedenheiten verschiedene Berufsarten ausbilden, so 
kann deshalb das Betriebsverzeichnis nicht ohne weiteres zu einem Be- 
rufsverzeichnis umgestellt werden. Das seltsamste ist wohl, daß Akkord- 
arbeiter, also Arbeiter einer bestimmten in sehr vielen Berufsarten geläufigen 
Entlohnungsart als Beispiel für Lohnarbeit wechselnder Art (D. XXI. V 2 
des Berufsverzeichnisses) und in der Arbeitsmarktstatistik, deren Gruppen 
den Berufszählungsgruppen folgen, mit den Gelegenheitsarbeitern in 24 f 
als „sonstige Tagelöhner aller Art" erscheinen. Deutlich müßten die Be- 
rufsgruppen scheiden zwischen gelernten und angelernten Facharbeitern und 
ungelernten Arbeitern. Die ungelernten Arbeiter sind heute in ihrer 
Hauptmasse auf die landwirtschaftlichen Berufsgruppen (insbesondere: 
„Gelegenheitsarbeiter aus anderen Berufen"), auf die „Fabrikarbeiter ohne 
nähere Bezeichnung" und auf „sonstige Lohnarbeit" verteilt, also auf die 



Miszellen. 241 

drei Berufsgruppen 1/2 (auch Angestellte und Facharbeiter enthaltend), 19 
(auch Maschinisten enthaltend) und 24 (auch Kutscher, Kraftfahrer, Dienst- 
boten enthaltend). Ein Teü der ungelernten Arbeiter, der auf bestimmte 
Arbeitsarten eingeübt ist, wird von vielen Arbeitsnachweisen in die Fach- 
gruppen, also in die chemischen Arbeiter, Papierarbeiter usw. eingesetzt. 
Hier werden offenbar Berufsarten und Betriebsarten miteinander ver- 
mischt. Die Gruppiervmg der Angestellten ist in der Arbeitsmarktstatistik 
noch unzxireichend. Die Berufsgruppe 1/2 enthält die landwirtschaftlichen 
Angestellten, Gruppe 20 die Handelsangestellten und Gruppe 25 enthält 
den ganzen Best ohne Unterteilung, also Techniker und Badefrauen und 
Musiker und dann die Schreiber, die doch wiederum von den Handeis- 
Maschinenschreiberinnen der Gruppe 20 kaum zu trennen sind, wenigstens 
mit ihnen eine gemeinsame Hauptgruppe bilden müßten. Eine Unter- 
teilung der Handelsangestellten, also der Kaufleute, ist vielleicht nötiger 
als die sehr ins einzelne gehende nicht immer deutliche von den Arbeits- 
vermittlern recht willkürlich geübte und von Verschiedenheiten des Arbeits- 
marktes nicht überall geforderte Unterteilung der Metallarbeiter. 

Die Gruppierung der Arbeitsmarktstatistik muß die Arbeitsmarktver- 
schiedenheiten beachten, wenn die Statistik lehren soll. Da der Arbeits- 
markt für Berufsarten, die der Hauswirtschaft dienen, ganz anders liegen 
kann als für Berufsarten, die gewerblichen Betrieben dienen, dürfen beide 
erst in den letzten Summen zusammengezählt werden. Auch wäre es be- 
sonders lehrreich, wenn der meist festere Arbeitsmarkt der hauptsächlich 
der Hauswirtschaft und der Ortswirtschaft imd dem Tagesverbrauch 
dienenden Betriebsarten und Berufsarten getrennt vom bewegteren Arbeits- 
markt der an den großen Wirtschaftsmarkt angeschlossenen Arten beobach- 
tet werden könnte. 

"Wer als Wissenschaftler die heutige Berufsarten- und Betriebsarten- 
Systematik liest, ist nicht befriedigt. Wer als Praktiker sieht, wie die 
Zahlen in diese Systematik ohne genügende Ueberlegung und Stetigkeit 
eingereiht werden, welche Mühe und Kleinigkeitskrämerei aber auch viele 
Arbeitsvermittler auf ihre Statistik verwenden, deren Unterlagen oder deren 
statistische Gebräuche schief sind, muß eine Neuordnung der Arbeits- 
marktstatistik fordern. Zunächst nur eine Berufsartenstatistik und diese 
in großen, aber in allen wesentlichen Zügen ! Männer, Frauen, männliche 
Jugendliche, weibliche Jugendliche sind zu trennen und in die gleichen 
Berufsarten zu gruppieren, die Männer nach mehr Unterarten, die Jugend- 
lichen nur in Hauptarten. Allmählicher Ausbau dieser Statistik, sobald die 
Berufsarten in ihren Grenzen geklärt sind imd sobald die Arbeitsnachweise 
sich statistisch genügend eingerichtet haben. Erst später auch eine Betriebs- 
artenstatistik! Die Betriebsartenstatistik neben der Berufsartenstatistik ist zwar 
notwendig, um den Arbeitsmarkt wirklich verstehen zu können. Auch zeigt die 
nach Betriebsarten gesonderte Arbeitsmarktstatistik nicht nur die Erscheinungen 
des Arbeitsmarktes, sondern auch den Wirtschaftsmarkt, führt zur Wirtschafts- 
marktstatistik hinüber. Die Gunst oder Ungunst des Wirtschaftsmarktes 
und des Arbeitsmarktes sind durchaus nicht gleichartig. Sollen hier die 
richtigen Schlüsse gezogen werden, bei denen nicht allein die Arbeitsnach- 
weise, sondern auch Wirtschaftsämter zu beteiligen sind, so muß die Sta- 
Jahrb. f. Nationalök, u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). lö 



242 



Miszellen. 



tistik sehr sorgfältig und sicher begründet werden, was nur allmählich ge- 
schehen kann. Schon bei der anfänglichen allgemeinen Statistik muß zu 
genauester Wahrung der notwendigen Feinheiten erzogen werden : so müssen 
die Bewerber sorgfältig in der für sie wesentlichen Berufsart 
und Betriebsrat gezählt werden, nicht in der Gruppe, in die sie vielleicht 
nur zufällig und gelegentlich vermittelt wurden. Die Stellenvermittlung 
muß häufig in einer anderen Gruppe als die Bewerbung gebucht werden. 
Richtige und verständnisvolle Eingruppierung ist aber nur möglich, wenn 
das Wesen und die Verschiedenheit der Berufsarten und Betriebsarten allen 
ausführenden Organen geläufig geworden ist und wenn die Gruppierung in 
großen einfachen Zügen erfolgt. 

Bisher unterschied die Arbeitsmarktstatistik sehr viele Berufsgruppen, 
die weder unter sich noch gegenüber den Betriebsgruppen klar getrennt 
sind. Ausbildungsgruppen (Studierte, Gelernte usw.) wurden fast überhaupt 
nicht beachtet, obwohl die Ausbildungsgruppen oft größere Verschiedenheiten 
auf dem Arbeitsmarkt zeigen als die Berufsgruppen. Aus meinen Er- 
fahrungen aus der Verwaltung der Arbeitsnachweise und aus der Arbeits- 
marktstatistik scheint mir folgendes Schema einfach und wissenschaftlich 
interessant : 



Berufsgruppen: 


studiert 


fach- 
geschult 


gelernt 


angelernt 


ein- 
gewöhnt 


Landwirte 

Bergarbeiter 

Metallgewerbler 

Baugewerbler 

Gastwirtsgehilfen 

Haushaltsgehilfen 

Gelegenh eits arb eiter 

usw. 

usw. 













30 Berufsgruppen genügen, jede getrennt nach Männern, Frauen^ 
männlichen Jugendlichen, weiblichen Jugendlichen, soweit diese Trennung 
interessante Ergebnisse erwarten läßt. Jede Spalte enthält drei Zahlen: 
Bestand an Bewerbern, Bestand an offenen Stellen, Vermittlungen seit dem 
letzten Zähltag. Gezählt wird höchstens zweimal monatlich, am 10. und am 25. 

Diese Zahlen geben leicht und klar ein lehrreiches Bild über die 
Lage des Arbeitsmarktes, zugleich über die Erfolge des Arbeitsnachweises. 



Miszellen. 24B 



Die Brotpreise in Berlin nebst den Kosten des 

Ernährungs- und Lebensbedfirfes in Berlin während 

der ersten Hälfte 1921. 

Von Dr. Hans Guradze, Berlin. 

Die erschütternde Vateriinserstelle „Unser täglich Brot gib' uns 
heute" gewinnt anläßlich der bevorstehenden Brotpreiserhöhung verstärkte 
Bedeutung. Solange man noch nicht aus Steinen Brot machen kann — eher 
gilt wohl das Umgekehrte ! — , wird die Brotpreisstatistik ihren Wert 
nicht verlieren. Für Berlin haben wir den in Bede stehenden Gegenstand 
zuletzt in Bd. 61 S. 254 f. dieser „Jahrbücher" bis Ende 1920 behandelt. 
Seitdem zeigt die Entwicklung nach Verwiegungen des Statistischen Amtes 
der Stadt Berlin für 1 kg in Pfennigen folgenden Verlauf, wobei wieder 
I Januar, II Februar usw. bedeutet : 



Monat 


Roggenbrot 


1921 

Weizenbrot 


1920 
Roggenbrot 


Weizenbrot 


I 


241,35 


317,28 


120,02 


156,14 


II 


241,49 


321.72 


119-89 


159,74 


III 


242,64 


326,59 


144,75 


i8i,67 


IV 


243,55 


331,49 


H3,63 


173,18 


V 


269,83 


362,32 


243,40 


318,00 


VI 


270,15 


358,57 


245,05 


344,33 


1. Halbjahr 


251,50 


336,33 


169,46 


222,18 



Nach wie vor handelt es sich um gesetzlich bestimmte Höchstpreise 
und Ausmahlungen, nämlich um Kartenbrot. Also sind Schleichhandels- 
preise nicht gemeint. — Im Dezember 1920 zahlte man für das Kilo- 
gramm Roggenbrot 241,66 Pf., Weizenbrot 305,94 Pf. Seitdem ist zunächst 
kein oder nur geringes Ansteigen erfolgt; aber im Mai bemerkt man 
starke Preiszunahme. 

Gegen das Vorjahr 1920 ergeben sich nachstehende, bis April erheb- 
liche, monatliche Spannungsunterschiede immer in Prozent und positiven 
(-}-) Sinne: 

bei Januar Februar März April Mai Juni 

Roggenbrot ioi,09 ioi,43 67,63 69,57 10,86 io,24 

Weizenbrot 103,20 ioi,40 79,77 9i,41 i3,94 4,13 

Der Unterschied im Ausmaß der Spannung beider Brotsorten ist also 
am größten im April mit 21,84 Plusprozent beim Weizenbrot. 

Für das ganze 1. Halbjahr 1921 ergibt sich im Vergleich zum ent- 
sprechenden Zeitraum 1920 eine prozentuale Preiszunahme von 48,41 beim 

16* 



244 



Miszellen. 



Roggenbrot, 51,38 beim Weizenbrot. Das Gewicht des 5 0-Pf. -Roggen- 
brotes stellte sich im 1. Halbjahre 1921 auf 0,20 kg, 1920 auf 0,30 kg. 
In diesen zwar einfachen, aber gerade deswegen lapidaren Zahlen wird die 
Teuerung deutlich erkennbar. 

Bekanntlich lebt man nicht allein vom Brot. Daher wollen wir uns 
auch mit den weiteren Ernährungs- und Lebensbedarfskosten beschäftigen, 
und zwar zimächst wieder nach dem Vorgehen des Statistischen Amtes 
der bisherigen Stadt Berlin (Prof, Dr. Silbergleit), das sich vorläufig immer 
noch mit dem Existenzminimum des Nahrungsbedarfes begnügt. Zugrunde 
gelegt wird hierbei — es muß das zur Vermeidung von möglichen Miß- 
verständnissen immer wieder besonders betont werden — im Verfolg der 
Kalorien- oder Wärmeeinheitentheorie, deren alleinige Gültigkeit oder besser 
Tragweite und Anwendbarkeit auf das vorliegende Arbeitsgebiet von ver- 
schiedenen Seiten stark angezweifelt wird, der physiologisch mindest not- 
wendige Ernährungsbedarf, bestehend aus Fetten und Kohlehydraten, die 
als vertauschbar angenommen sind, soweit die menschHche Verdauungs- 
tätigkeit es zuläßt. Für den erwachsenen Mann wird mit 3000 pro Tag 
notwendigen Wärmeeinheiten gerechnet, für die Frau entsprechend mit 
2400, für 1 Kind im Alter von 7—12 Jahre mit 1500 Kalorien. AUe 
Angaben beziehen sich — leider immer noch — auf unzubereitete, also 
ungekochte und ungebratene Lebensmittel, sowie natürlich auf verdauimgs- 
kräftige (gesunde) Menschen, so daß es sich in der Tat um das „bloße" 
Existenzminimum im weitesten, oder, wenn man will, auch engstem Sinne 
handelt. Daß die Feuerungskosten nach wie vor hierbei nicht mit ange- 
führt und eingerechnet werden, ist ein entschiedener Mangel, der sich auch 
durch die Hervorhebung der Notwendigkeit der Erhaltung der Vergleichs- 
möglichkeit mit den bisherigen Ergebnissen nicht aus der Welt schaffen 
läßt. Denn nichts hindert doch, die Angaben getrennt nach ohne und mit 
Feuerungskosten zu machen. 

Die so ermittelten mindest notwendigen Tagesausgaben für die Er- 
nährung werden sinngemäß auf die Woche, den Monat und das ganze 
Jahr erweitert. Der durch die Papier- und Druckersparnisrücksichten 
gebotenen Kürze wegen seien nachstehend nur die aus den jeweiligen 
Monatszahlen errechneten gesamten Jahresausgaben in Mark, sowohl für 
die rationierten wie die im freien Handel erworbenen Lebensmittel, ange- 
führt, wobei wieder I Januar, II Februar usw. bedeutet : 







1921 






1920 








Mann 
allein 




Ehepaar 


Mann 
allein 


Ehepaar 


nat 


ohne 


mit 1 Kinde 


ohne 


mit 


1 Kinde 




Kinder 


V. 7— 12 Jahren 


Kinder 


V.7 


—12 Jahren 


I 


3184 


5486 


6816 


3266 


. 




. 


II 


3021 


5247 


6514 


3278 


5021 




6091 


III 


2920 


5235 


6428 


3522 


5501 




6683 


IV 


2884 


5155 


6284 


3714 


6305 




7195 


V 


2S52 


5126 


6264 


3646 


6051 




7130 


VI 


2956 


5337 


6466 


3524 


5976 




7028 



Im Dezember 1920 beliefen sich die entsprechenden Aufwendungen auf 
3197 bzw. 5517 und 6831 M. Mithin bemerkt man bis Mai 1921 — 
trotz aber vielleicht gerade wegen der Zimahme des freien Handels — 






Miszellen. 



245 



ständige Abnahme, im Juni setzt dann, besonders wegen steigender Ge- 
müse- und Kartoffelpreise, ein starkes Anziehen ein. 

Wir verlassen damit vorläufig die Statistik des (Klein-) Berliner 
statistischen Amtes und wenden uns der des Schönbergers (Dr. Kuczynski) 
zu. Diese beschäftigt sich in der „Finanzpolitischen Korrespondenz" mit 
dem gesamten Existenzminimum in Großberlin. Für den Juni ergeben 
sich folgende Mindest-Ausgaben pro "Woche in Mark, wobei stets in der 
Familienspalte ein 4köpfiger Haushalt, also Ehepar mit 2 Kindern, ange- 
nommen wird: 



Ernährung 

Wohnung 

Heizung, Beleuchtung 

Bekleidung 

Sonstiges 



Mann 
allein 

55 
9 

25 
27 

36 



1921 

Ehepaar 



Mann 



1920 
Ehepaar 
mit 
2 Kindern 



allein 



98 

9 

25 

45 

54 



142 

9 

25 

63 

72 



50 
9 
22 
36 
29 



81 
9 
22 
60 
43 



121 

9 

22 

84 
59 



Woche des Juni zusammen 152 
Ganzes Jahr zusammen 7900 



231 
12 000 



311 
16200 



146 
7600 



215 
II 200 



295 
15300 



Für Ernährung und "Wohnung würden sich hieraus nachstehende 

Prozentanteile an der Gesamtausgabe herausstellen: 

Ernährung 36,18 42,42 45,66 34,25 37,67 41,02 

Wohnung 5,92 3,90 2,89 6,16 4,19 3,05 

Der Emährungsanteil ist also inzwischen gewachsen, was wohl der 
"Wirklichkeit mehr als bisher näher kommt, wenngleich ich die Quoten 
immer noch für zu niedrig halte. Auch der ProzentanteU der "Wohnung, 
der abgenommen hat, dürfte entschieden zu klein sein, namentlich für die 
4köpfige Familie. 

Die Ausgaben für die Ernährung stimmen im Jxini 1921 bei beiden 
Autoren leidlich überein. So rechnet pro "Woche für den Mann allein 
Silbergleit 57 M., Kuczynski 55 M., für das kinderlose Ehepaar ersterer 
103 M., letzterer 98 M. 

Das Deutsche Statistische Reichsamt legt seiner Teuerungsstatistik 
für Ernährung, "Wohnung, Heizung und Beleuchtung eine 5köpfige Fa- 
milie, bestehend also aus Ehepaar und 3 Kindern — alles natürlich im 
Mindestmaß — zugrunde und gelangt für die Monate VI = Juni, V = Mai 
usw. in der alten Reichshauptstadt zu nachstehenden 4 wöchentlichen Aus- 
gaben in Mark: 

Jahr I II III IV V VI 

1921 960 916 913 897 875 880 

1920 . 648 804 913 884 844 

Rechnet man die entsprechenden Zahlen bei Kuczynski, also die für 
Ernährung, "Wohnung, Heizung, Beleuchtung zusammen, beispielsmeise für 
Juni 1921, so erhält man für eine Woche beim Ehepaar mit 2 Kindern 
176 M., mithin für 4 Wochen 704 M., so daß, um mit der Reichs- 
etatistik in Uebereinstimmung zu gelangen, das 3. Kind 176 M. in 
4 Wochen kosten müßte, was immerhin möglich ist, zumal wenn es sich 
um das älteste von den dreien handelt. 



246 Miszellen. 



XL 

Die englischen Eisenbahnen im Jahre 1920. 

Von Ober- und Geh. Kegierungsrat Wernekke. 

Das im Jahre 1919 gegründete englisclie Verkehreministerium hat 
.eine besondere Vorliebe für Statistik entwickelt. Es hat auf Grund der 
Ermächtigungen, die ihm das Gesetz erteilt, von den Eisenbahngesellschaften 
statistische Angaben eingefordert, die vorher nicht üblich waren. Das 
macht sich nun zum ersten Male nach außen hin in dem einstweiligen Be- 
richt über die Betriebsergebnisse des Jahres 1920 bemerklich, den das 
Verkehrsministerium Ende April veröffentlicht hat, indem er eine Anzahl 
Angaben enthält, die früher nicht gemacht werden konnten, die aber für 
die Beurteilung der Betriebsleistungen von Bedeutung sind. Es fehlt frei- 
lich infolge des TJmstands, daß sie zum ersten Male gemacht werden, die 
Möglichkeit eines Vergleichs mit früheren Jahren und damit auch eines 
Urteils über die Entwicklung, die die englischen Eisenbahnen in den letzten 
Jahren durchgemacht haben. Soweit die Angaben des Jahresberichts für 
1920 auch in den früheren statistischen Veröffentlichungen enthalten waren, 
sind ihnen in dem Bericht die entsprechenden Zahlen des Vorjahres und 
des Jahres 1913 als des letzten vollen Friedensjahres gegenübergestellt, 
so daß man wenigstens durch diese Zahlen einen lehrreichen TJeberblick 
über den Einfluß des Krieges auf das englische Wirtschaftsleben, soweit 
es im Eisenbahnverkehr zum Ausdruck kommt, und auf die Entwicklung, 
die es seitdem gewonnen hat, erhält. 

Zunächst einige von den Angaben, die zum ersten Male gemacht werden. 
Die Entfernungen sind dabei in englischen Meilen (= 1,609 km), die Ein- 
heitspreise in Pence (1 Benny = 8,5 Pf. nach Friedenswährung) angegeben. 
Um dem deutschen Fachmann einen unmittelbaren Vergleich mit den Zahlen 
zu ermöglichen, die er aus seinem Betriebe kennt, sind die englischen Werte 
nach den vorstehend angeführten Sätzen umgerechnet und in Klammer 
hinzugefügt. Die Durchschnittseinnahme aller englischen Vollspurbahnen 
für 1 t und 1 Meüe betrug im Jahre 1920 1,643 Pence (8,67 Pf/t/km). 
Die Durchschnittsentfernung, auf die Güter aller Art befördert wurden, 
war 58,06 Meilen (93,5 km), die durchschnittliche Ladung eines Güter- 
wagens wog 5,41 t. Ein Zug bestand im Durchschnitt aus 34,76 Güter- 
wagen und war mit 132,49 t beladen. Die geringe Ladefähigkeit der 
englischen Güterwagen, ihre schlechte Ausnutzung, die kleinen Entfernungen, 
auf die die schwachen Zugeinheiten in England verkehren, kommen in 
diesen Zahlen deutlich zum Ausdruck ; sie bedeuten nach einer Bemerkung, 
die Railway Gazette bei ihrer Besprechung macht, teilweise selbst für 



Miszellen. 247 

den englischen Fachmann eine Ueberraschung. Die Zahl der beladenen 
Wagen betrug 24,49 für den Durchschnitt der Güterzüge oder 70,46 Proz. 
In der allgemeinen Stückgutklasse war die Entfernung, auf die Güter be- 
fördert wurden, im Durchschnitt 92,64 Meilen (149,2 km) und die Ein- 
nahme auf die TonnenmeUe 2,682 Pence (14,16 Pf/t/km), während im 
Kohlen- und sonstigen Wagenladungsverkehr die entsprechenden Zahlen 
46,98 Meilen (75,6 km) und 1,001 Penny (5,28 Pf/t^tm) waren. Die 
Durchschnittseinnahmen haben sowohl im Personen- wie im Güterverkehr 
gegenüber den Jahren 1919 und 1913 zugenommen, was auf die Fahr- 
preiserhöhungen im Laufe des Krieges und seit seiner Beendigimg — 50 Proz. 
am 1. Jan. 1917 und 75 Proz. am 6. Aug. 1920 — und die Erhöhung 
der Frachtsätze und sonstigen Gebühren im Güterverkehr, die zum ersten 
Male am 15. Jan. 1920 und dann nochmals am 1. Sept. 1920 vorgenommen 
wurden und durch die die Frachtsätze auf etwa 212 Proz. der Vorkriegs- 
sätze gebracht worden sind, zurückzuführen ist. Der geringen Höhe 
dieser Steigerungen und ihrem Verhältnis zueinander entspricht auch die 
Vermehrung der Einnahmen. Ein Reisender brachte im regelmäßigen 
Verkehr 1913 10 Pence (85 Pf.), 1919 1 sh 3 Pence (1,275 M.) und 1920 
1 sh 4,2 Pence (1,377 M.), 1 t Güter in denselben Jahren 3 sh 5,5 Pence 
(3,528 M.), 4 sh 3,3 Pence (4,361 M.) und 7 sh 9,1 Pence (7,914 M.) ein. 
Die Gesamtlänge der im Betrieb befindlichen Vollspurbahnen betrug 
1920, auf eingleisige Strecke zurückgeführt, einschließlich der Nebengleise 
51248 Meüen (82 509 km) gegen 51170 MeUen (82 384 km) im Vorjahre 
und 50 425 Meilen (81 184 km) vor dem Kriege. Der Zuwachs von 1919 
zu 1920 — 78 Meilen (126 km) — ist also verschwindend, während der 
Zuwachs in der KJriegszeit — 745 Meilen (1199 km) — verhältnismäßig 
hoch ist, wenn man bedenkt, daß der Streckenneubau, soweit nicht Bahnen 
für Heereszwecke in Frage kommen, fast vollständig geruht hat; in diesen 
Zahlen ist aber einerseits die Fertigstellung der Bauten enthalten, die 
bei Kriegsausbruch im Gange waren, andererseits auch die Bahnhofser- 
weiterungen, die Neuanlage von Bahnhöfen, Anschlußgleisen und dergl. 
für Heereszwecke ; es darf aber auch nicht außer acht gelassen werden, 
daß zur Gewinnung von Oberbau an zahlreichen Stellen Gleise abgebrochen 
worden sind, wodurch manche Strecken ganz stillgelegt, andere, zweigleisige, 
in eingleisige umgewandelt worden sind. Das Anlagekapital dieser Eisen- 
bahnen machte 1920 1158 700 000 £ gegen 1153 300 000 £ im Jahre 

1919 und 1134100000 £ im Jahre 1913 aus. 

Das Verhältnis der Streckenlänge zum Anlagekapital in den Jahren 
1913, 1919 Tind 1920 bietet einen wertvollen Einblick in die Entwicklung 
der Preise in den sieben Jahren des in Frage kommenden Zeitraums. 
Setzt man die Zahlen für 1913 gleich 100, so ergibt sich für 1919 und 

1920 ein Anlagekapital von 101,69 und 102,17 und eine Streckenlänge 
von 101,48 und 101,63. Während also die Zunahme des Anlagekapitals 
und diejenige der Streckenlänge zwischen 1913 und 1919 mit großer An,- 
näherung verhältnisgleich sind, eilt die Zunahme des Anlagekapitals der- 
jenigen der Streckenlänge im Jahre 1920 erheblich voraus. Hierin kommjb 
einerseits die Teuerung, die nach dem Kriege eingesetzt hat, andererseits 
die Tatsache zum Ausdruck, daß die englischen Eisenbahnen im Jahre 



248 



Miszellen. 



1920 beträchtliche Mengen von Betriebsmitteln zu Lasten des Anlage 
kapitale beschaffen mußten, um ihren im Kriege heruntergewirtschafteten 
Betriebsmittelpark wieder aufzufrischen. 

Die Betriebseinnahmen der englischen Eisenbahnen, einschließlich der 
Zuschüsse von Seiten der Begierung als Entschädigung für die Leistungen 
für Heer und Flotte im Kriege, die in Form einer Gewährleistung für 
die Dividende auch jetzt noch zu zahlen sind ^), betrugen in den Jahren 

1920 1919 1913 

297 800 000 226 100 000 129 700 000 £. 
Ihnen stehen Betriebsausgaben von 

250 800 000 1 79 300 000 83 500 000 £ 
gegenüber, so daß ein Betriebsüberschuß von 

47 000 000 46 800 000 46 200 000 £ 

erzielt wurde, der zusammen mit anderen Einnahmen einen Gesamtüber- 
schuß von 

51300000 51200000 49800000 £ 

ergab. In der Gleichmäßigkeit des üeberschusses gibt sich zu erkennen,, 
daß die Regierung für einen Rückgang des Reingewinns aufzukommen 
hat, der sonst ohne diese Gewährleistung bei der Steigerung der Löhne 
trotz der Erhöhung der mit ihr in keinem richtigen Verhältnis stehenden 
Tarife unvermeidlich gewesen wäre. 

Die Zahl der Reisenden ist von 1184196 000 im Jahre 1913 auf 
1507117 000 im Jahre 1919 und 1566834000 im Jahre 1920 gestiegen, 
während das Gewicht der beförderten Güter von 364162 500 t im Jahre 
1913 auf 304 662 000 t im Jahre 1919 und 317 877 500 t im Jahre 1920 
gesunken ist. 1920 zeigt also sowohl im Personen- wie im Güterverkehr 
eine Zunahme gegen 1919, aber im Güterverkehr ist die vor dem Kriege 
beförderte Menge noch nicht wieder erreicht, während im Personenverkehr 
die Zahl der vor dem Kriege beförderten Reisenden bei weitem überholt 
ist. Letzteres mag mit den hohen Löhnen und sonstigen hohen Einnahmen 
weiter Kreise zusammenhängen, die es ihnen ermöglicht, trotz höherer 
Fahrpreise zahlreiche Reisen zu machen, während der Rückgang des Güter- 
verkehrs seinen Grund darin hat, daß im Kriege viel Privatgüter wegge- 
fallen sind, die damals durch Heeresgut mehr als ersetzt wurden, daß aber 
nunmehr, nachdem letzteres nicht mehr in solchem Umfang in Frage 
kommt, der Privatverkehr sich noch nicht auf seine alte Höhe entwickelt 
hat. Von den Reisenden entfielen 1913 2,15 Proz. auf die 1. Klasse^ 
1919 waren es 2,88 Proz. und 1920 nur noch 2,36 Proz. Der die ge- 
wöhnlichen Fahrpreise bezahlende Verkehr der die 3. Klasse benutzenden 
Reisenden machte 1913 75,40 Proz, der Gesamtzahl, 1919 69,41 Proz. 
und 1920 68,02 Proz. aus. Dies wird zum Teil auf die Zunahme in der 
Benutzung von Dauer- und Arbeiterkarten zu ermäßigten Preisen zimick- 
geführt, zum Teil wird es, wie aus der stärkeren Benutzung der 1. Klasse 
hervorgeht, damit zusammenhängen, daß hohe Einkünfte manchen Reisen- 
den die Benutzimg höherer Klassen als früher ermöglichen. 




1) Die Gewährleistung hat mittlerweile (am 15. August) ihr Ende erreicht. 



Miszellen. 249 

Der "Wagenpark der englischen Eisenbahnen umfaßte Ende 1920 
789 735 Güter- und 51999 Personenwagen; die entsprechenden Zahlen 
des Jahres 1913 waren 781518 und 54 853 und die des Jahres 1919 
777 431 und 52 517. Dampflokomotiven waren Ende 1920 24162 vor- 
handen, gegen 23 545 im Jahre 1913 und 23 958 im Jahre 1919; dazu 
kamen Ende 1920 noch 86 elektrische Lokomotiven, 3 mehr als 1913, 
3 weniger als 1919. Der Rückgang des Bestandes an Betriebsmitteln 
während des Krieges erklärt sich durch Außerdienststellung alter Wagen, 
dem kein entsprechender Ersatz durch Beschaffung neuer gegenüberstand, 
namentlich aber durch die Abgaben von Betriebsmitteln auf die Kriegs- 
schauplätze, von wo viele nicht, zum Teil vielleicht auch noch nicht zu- 
rückgekehrt sind. Der Güterwagenpark ist im Jahre 1920 so weit auf- 
gefüllt worden, daß der Bestand von 1913 übertroffen ist, ebenso steht 
es bei den Lokomotiven, auffallend ist aber, daß die Zahl der Personen- 
wagen im Jahre 1920 weiter gesunken ist. 

Nun zum Schluß noch eine Zusammenstellung der beförderten Reisen- 
den und Güter (s, die Zahlentafel auf S. 250). Die Zahlen sind mit 
1000 gekürzt, sind also je mit 1000 zu vervielfältigen. Sie zeigen neben dem 
Gesamtergebnis die Verteilung des Verkehrs auf die verschiedenen Landes- 
teile: England, "Wales, Schottland und L-land. Vorstehend ist allerdings 
allgemein von den englischen Eisenbahnen gesprochen worden, wobei Eng- 
land und englisch in dem Sinne gebraucht worden ist, wie es in Deutschland 
üblich ist, nämlich als die drei Königreiche England, Schottland und L-- 
land und die Grafschaft "Wales umfassend. Der Engländer nennt dieses 
Staatengebilde aber das Vereinigte Königreich, das für ihn wieder in Groß- 
britannien und Irland zerfällt, und beschränkt den Namen England ledig- 
lich auf den Südteil der Hauptinsel, wobei er auch noch die Halbinsel 
Wales ausnimmt. 



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Miszellen. 251 



XII. 

Die Bewegung der englischen Bergarbeiter 
seit Beendigung des Krieges. 

Von Dr. Charlotte Leubuscher. 

Das Abkommen, das am 28, Juni ds. Js. im Handeleamt unter Ver- 
mittlung von Mitgliedern der Regierung zwischen den britischen Bergwerks- 
besitzern und den Vertretern des Bergarbeitei'verbandes (Miners' Federation 
of Great Britain) abgeschlossen worden ist, hat nicht nur den 14 Wochen 
währenden Ausstand der Bergarbeiter beendet, sondern scheint bis zu 
einem gewissen Grade auch eine Entspannung jenes chronischen Krisen- 
zustandes gebi-acht zu haben, der seit Kriegsende den englischen Kohlen- 
bergbau und damit das englische Wirtschaftsleben fast fortdauernd be- 
unruhigt hat. Ist auch eine Voraussage darüber unmöglich, ob während 
der vorläufig auf 18 Monate bemessenen Geltungsdauer des Abkommens 
der Friede in der Industrie gewahrt bleiben wird, so hat es doch eine 
Reihe von Momenten ausgeschaltet, die unter dem System der staatlichen 
Kontrolle die Streitfälle komplizierten und eine Verständigung zwischen 
den Parteien erschwerten. In knappen Worten läßt sich seine Bedeutung 
dahin zusammenfassen, daß es den Weg freigemacht hat für die Rückkehr 
des Kohlenbergbaus aus einer staatlich kontrollierten und 
regulierten in eine durch kollektive Vereinbarung von Unter- 
nehmern und Arbeitern auf dem Boden der freien Wirt- 
schaft geführte Industrie; für die Abmachungen zwischen den 
Parteien werden aber die Machtverhältnisse des freien Verkehrs, nicht zu- 
letzt die Lage des Weltmarkts, wiederum das ausschlaggebende Moment, 
Erscheint somit der jüngste Streik als das — vielleicht letzte — Glied 
in einer Kette von die Industrie und mit ihm die englische Volkswirt- 
schaft erschütternden Kämpfen, so ist seine Bedeutung auch nur im Rahmen 
der Gesamtbewegung der englischen Bergarbeiter seit Ende des Krieges 
verständlich. Diese soll deshalb im folgenden kurz in ihren Hauptzügen 
und entscheidenden Wendungen gezeichnet werden. 

Der Krieg hatte, wie in anderen von ihm erfaßten Ländern, so auch 
in England das Machtgefühl der Arbeiterschaft in hohem Maße gesteigert. 
Dies gilt in besonderem Grade von den Bergarbeitern, die sich neben den 
Arbeitern der Rüstungsindustrie als die für die Kriegführung und das 
Wirtschaftsleben wichtigste Arbeitergruppe erwiesen hatten. Gleichzeitig 
hatte ihre Organisation in den Kriegsjahren eine bedeutende innere 
Festigung und Stärkung dadurch erfahren, daß in allen mit der Regierung 
geführten Verhandlungen von dieser der nationale Bergarbeiter- 



252 Miszellen. 

verband als die Vertretung der Bergarbeiter angesehen wurde, während 
früher der Schwerpunkt der mit den Zechenbesitzern geführten Verhand- 
lungen und damit auch der gewerkschaftlichen Organisation in den 
einzelnen Kohlenrevieren gelegen hatte. Unter dem während des Krieges 
eingeführten System der staatlichen KJriegskontroUe , das den Unternehmern 
einerseits die Gewinne der Vorkriegszeit garantierte, ihnen andererseits 
aber die freie Verfügung über das Produkt durch Festsetzung der Preise 
für den inländischen und den ausländischen Absatz und durch Rationierung 
der zu exportierenden Kohle nahm ^), war die Regierung tatsächlich zum 
Arbeitgeber der Bergarbeiter und zum Garanten der diesen während des 
Krieges gewährten Lohnzulagen geworden. Letztere wurden in Verhand- 
lungen der Regierung mit dem Bergarbeiterverband vereinbart und führten 
zu einer weitgehenden Angleichung der in den einzelnen Bergwerksrevieren 
gezahlten Löhne, da der in der Vorkriegszeit für die einzelnen Distrikte 
in verschiedener Höhe vereinbarte Grundlohn immer mehr an relativer Be- 
deutung gegenüber den Kriegszuschlägen verlor. Diese Entwicklung setzte 
sich auch in der Nachkriegszeit fort, namentlich bei der im Hinblick auf 
die gestiegenen Kosten der Lebenshaltung gewährten allgemeinen Lohn- 
erhöhung von 20 Proz. im Frühjahr 1919, dem sog. Sankeylohn. 

In den ersten anderthalb Jahren nach Beendigung des Krieges blieb 
die Marktlage für englische Kohle im wesentlichen dieselbe wie während 
der Kriegsjahre : eine durch den Rückgang der Förderung noch weiter 
verschärfte Knappheit an Kohle im Inlande, die eine JRationierung der 
Ausfuhrkohle erforderlich erscheinen ließ, und eine scheinbar un- 
begrenzte Aufnahmefähigkeit des Weltmarktes auch bei sehr hohen Preisen. 
Nutznießer der hohen Exportgewinne war unter dem System der staat- 
lichen Kontrolle neben der Industrie der englische Staat als finanzieller 
Teilhaber an ihr ^). Diese günstige finanzielle Situation brachte es mit 
sich, daß Lohnforderungen der Arbeiter verhältnismäßig geringen "Wider- 
stand auf Seiten der Unternehmer und der Regierung fanden; auch der 
durch die Herabsetzung der Arbeitszeit von 8 auf 7 Stunden bedingte 
Lohnausfall im Frühjahr 1919 wurde für Akkordarbeiter bereitwillig durch 
eine Lohnerhöhung ausgeglichen. Im Mittelpunkte der Politik des Berg- 
arbeiterverbandes standen deswegen in der Zeit vom "Winter 1918/19 bis 
zum Frühjahr 1920 nicht Verbesserungen, die sich auf die Arbeits- 
bedingungen in engerem Sinne bezogen, sondern die Sozialisierung 
der Bergwerke^). Unter diesem vieldeutigen Schlagwort verstand ein 
vom Bergarbeiterverband der parlamentarischen Untersuchungskommission 
für den Kohlenbergbau (sog. Sankey Commission) vorgelegter Gesetz- 
entwurf den Uebergang der Bergwerke in den Besitz der Allgemeinheit, 

1) Vgl. über die staatliche Kriegskontrolle des englischen Bergbaus und ihre 
Wirkungen C. Leubuscher, Sozialismus und Sozialisierung in England, Jena 1921, 
S. 158—162. 

2) Nach einer Berechnung des „Economist" vom 18. Sept. 1920 wurde im 
Finanzjahr 1920 für den Fiskus eine Einnahme von 32 Mill. £ aus dem Kohlen- 
export erwartet. 

3) Vgl. für das Folgende C. Leubuscher, Das Nationalisierungsproblem im 
englischen Kohlenbergbau, Reichsarbeitsblatt 1920/21 (N. F.) Nr. 7, S. 279* f., ferner 
Sozialismus und Sozialisierung in England, S. 192 — 207. 




Miszellen. 253 

d. h. des Staates, und die UebertragTing ihrer Ausbeutung auf Selbst- 
verwaltungskörper der Industrie, die aus demokratischen Wahlen der in 
ihr Beschäftigten hervorgehen sollten. Mit der Propagierung des so auf- 
gefaßten Sozialisierungsgedankens durch die Bergarbeiter bekannte sich zum 
ersten Male eine große Arbeitergruppe geschlossen zu' den Zielen des 
Gildensozialismus ^). Die Sozialisierungsforderung, über die zweimal — 
im Frühjahr und im Herbst 1919 — ein allgemeiner Streik der Berg- 
arbeiter auszubrechen drohte, erhielt einen starken moralischen B,ückhalt 
gegenüber der öffentlichen Meinung durch den Bericht des Vorsitzenden 
der parlamentarischen Untersuchungskommission, Sankey, der sich im Jimi 
1919 für eine gemein wirtschaftliche Verfassung der Kohlenindustrie auf 
Grundlage des öffentlichen Eigentums an den Kohlenvorkommen aus- 
sprach ^). Eine Zeitlang — etwa bis zum "Winter 1919/20 — konnte es 
scheinen, als ob die Befürworter einer Sozialisierung des Kohlenbergbaus 
mit ihrer Forderung durchdringen würden, und als ob es ihnen gelingen 
würde, diese über den Kampf der unmittelbar Beteiligten zu einer Frage 
der allgemeinen Politik zu erheben. 

Besonders wirkungsvoll war dabei das von den Vertretern der 
Bergarbeiter immer wieder geltend gemachte und von Sankey auf Grund 
der TJntersuchimgsergebnisse der Kohlenkommission übernommene Argu- 
ment, daß unter der bestehenden Eigentums- und Betriebsverfassung die 
von allen Seiten als notwendig erachtete Steigerung der Produktion nicht 
zu erzielen sei, einmal weil sich das privatwirtschaftliche System mit 
Beiner weitgehenden Zersplitterung der Eigentums- und Betriebs Verhältnisse 
als unwirtschaftlich und wenig leistungsfähig erwiesen habe, zweitens weil der 
hohe Spannungsgrad der sozialen Gegensätze in den Bergarbeitern Er- 
bitterung und Arbeitsunlust erzeuge. Eine Abhilfe könne daher nur im 
TJebergang zu einer gemeinwirtschaftlichen Industrieverfassung gefunden 
werden. „Es ist richtig, daß viele befürchten, das Staatseigentum werde 
die Initiative ersticken. Aber wir sehen uns heute in den Kohlen- 
revieren zunehmender industrieller Unruhe und einem ständigen Kampf 
zwischen moderner Arbeiterschaft imd modernem Kapitalismus gegenüber. 
Ich glaube, daß die Gefahr, die aus der Gewißheit der Portdauer dieses 
Kampfes im Kohlenbergbau erwächst, schwerer wiegt als die fragliche 
Gefahr einer Einbuße an Initiative." '^) 

Im Frühjahr 1920 schien das Land abermals unmittelbar vor einer 
allgemeinen Arbeitseinstellung der Bergarbeiter zu stehen, die auf dem 
Wege der direkten Aktion die Sozialisierung durchsetzen woUten. Doch 
trugen damals die gemäßigten Elemente innerhalb der gesamten organi- 
sierten Arbeiterschaft den Sieg über den radikalen Teil der Bergarbeiter 
davon. Der im März 1920 in London tagende außerordentliche Gewerk- 
schaftskongreß, der diese Entscheidung fällte und damit zeigte, daß die 
Mehrheit der organisierten Arbeiter nicht bereit war, sich für das Ziel 



1) Vgl. Eeichsarbeitsblatt, a. a. 0. 

2) Goal Industry Commission Act, 1919: Second Stage Reports (Cd. 210). Vgl. 
ferner Reichsarbeitsblalt, a. a. 0. und Leubuscher, Sozialismus und Sozialisierung in 
England, 8. 196—203. 

3) Sankey Report, S. 11 u. 12. 



254 



Miszellen 



der Sozialisiemng der Bergwerke in einen Arbeitskampf von unabsehbarer 
Tragweite reißen zu lassen, bedeutete — einem großen Teile der Betei- 
ligten damals vielleicht unbewußt — den vorläufigen Abschluß des um 
die Sozialisierung geführten Feldzuges der Bergarbeiter. 

Die in den folgenden Monaten von den Bergarbeitern gestellten For- 
derungen richteten sich in erster Linie auf Lohnerhöhungen, deren Be- 
rechtigung mit den steigenden Kosten der Lebenshaltung begründet wurde. 
Dabei wurde von den Wortführern der Bergarbeiter betont, daß diese 
nicht nur eine Anpassung ihrer Löhne an die Kosten der Lebenshaltung 
fordern müßten, sondern entschlossen seien, die durch den Sankeyentscheid 
vom Frühjahr 1919 erzielte Aufbesserung ihrer allgemeinen Lebenshaltung 
festzuhalten; diese müsse daher bei einer Angleichung an die Kosten der 
Lebenshaltung außer Anrechnung bleiben. Während somit in dem vorher- 
gehenden Zeitabschnitt die Stellung des Arbeiters im Produk- 
tionsprozeß, sein Anspruch, an der „Kontrolle der Lidustrie" beteiligt 
zu werden, im Mittelpunkt der Bewegung stand, richteten sich vom Früh- 
jahr 1920 ab die Hauptbemühungen der Bergarbeiter darauf, ihre Kon- 
sumentenlage zu verbessern bzw. vor einer Verschlechterung zu 
bewahren. 

Die vom Bergarbeiterverband gestellten Lohnforderungen wurden zu- 
nächst im Mai 1920 zu einem erheblichen Teil von der Regierung be- 
willigt. Heber weitere Forderungen des Bergarbeiterverbandes konnte je- 
doch keine Einigung erzielt werden; die sich monatelang hinziehenden 
Verhandlungen fanden deswegen im Oktober 1920 ihren Abschluß in einer 
allgemeinen Arbeitsniederlegung von einwöchiger Dauer. Die Verhand- 
lungen scheiterten vor allem daran, daß die Bergarbeiter bedingungslos 
eine Lohnerhöhung verlangten, daß dagegen die Regierung sie nur ge- 
währen wollte, wenn gleichzeitig die im volkswirtschaftlichen Interesse als 
dringend notwendig erkannte Erhöhung der Produktion gesichert erschien. 
War doch die jährliche Fördermenge von 287 MiU, t im Jahre 1913 auf 
229 Mill. t im Jahre 1920 gesunken, obwohl die Zahl der Bergarbeiter 
tim 200 000 gestiegen war ; die wöchentliche Förderung pro Arbeiter, die 
1913 5^/2 t betragen hatte, belief sich 1920 nur auf 3,6 t^). Tatsächlich 
knüpfte auch das Abkommen, das den Oktoberstreik beendete, weitere 
Lohnerhöhungen vom Januar 1921 ab an eine vermehrte Förderung. Die 
Kosten der den Bergarbeitern zu gewährenden Zulagen sollten aus den 
beträchtlichen Exportgewinnen der Industrie bestritten werden. Die da- 
mals erzielte Regelung war nur provisorisch ; ein paritätisch gebildeter 
Ausschuß sollte der Regierung bis zum 31. März 1921 einen Plan für 
die künftige Lohnfestsetzung unterbreiten. Da die Bergarbeiter in den 
beiden ersten Monaten nach Abschluß des Abkommens ihre Arbeitsleistimg 
nicht unwesentlich steigerten — die dxirchschnittliche wöchentliche Förder- 
menge pro Arbeiter betrug im November und Dezember 4,3 t gegen 3,6 t 
im Durchschnitt des Jahres 1920^) -^, erschienen die Aussichten, zu 



1) Economist, 9. April 1921. 

2) Im März 1921 sank sie wieder auf 3,5 t. 
9. Aprü 1921. 



Vgl. The Economist vom 



Miszellen. 25& 

einem tlbereinkomnien zu gelangen, nicht ungünstig, als der Ausschuß im 
Januar zusammentrat. Bald sah er sich jedoch vor eine völlig veränderte 
Situation gestellt, in der sich das Oktoberabkommen nur noch mit starker 
finanzieller Beihilfe der Regierung als durchführbar erwies. Der Sturz 
der Kohlenpreise auf dem Weltmarkt unter die Produktionskosten eines 
Teiles der englischen Bergwerke, vor allem des überwiegend auf den Ex- 
port angewiesenen Süd -"Waliser Kohlenreviers^), das erfolgreiche Vor- 
dringen amerikanischer Kohle auf einem Teil der früher von England 
beherrschten Auslandsmächte, die Massenlieferungen deutscher Reparations- 
kohlen an Frankreich und an Belgien brachten den englischen Kohlenexport 
fast zum Erliegen ^), während infolge der wirtschaftlichen Depression auch 
die inländische Nachfrage empfindlich stockte. Die Folge war, daß eine 
Anzahl von Bergwerksunternehmungen nur noch mit Verlust arbeitete, 
andere die Produktion ganz einstellten. Für den Ausfall mußte unter 
dem System der staatlichen Kontrolle die Regierung aufkommen, die in 
den Monaten Februar und März etwa 11 Mill. £ Lohnzuschüsse zu leisten 
hatte, dies in einem Zeitpunkt, in dem die öffentliche Meinung von dem 
durch die Regierung selbst ausgegebenen Schlagwort des „anti-waste", 
der Durchführung der größtmöglichen Ersparnisse in der öffentlichen Ver- 
waltung, beherrscht war. Die Regierung suchte sich deswegen weiteren 
finanziellen Verpflichtungen zu entziehen, indem sie Anfang März ihren 
Entschluß kund gab, das System der staatlichen Kontrolle und Teilhaber- 
schaft am Kohlenbergbau mit dem 31. März zu beenden. Der hierdurch 
geschaffenen kritischen Lage glaubten die Unternehmer nur mit einer sehr 
scharfen Lohnherabsetzung begegnen zu können ^), bei der die unterste 
Grenze etwa 50 ^/„ unter den im März gezahlten Löhnen gelegen hätte. 
Die folgende Arbeitseinstellung stellte sich im Gegensatz zu den Kämpfen 
der vorhergehenden Jahre vom Standpunkte der Bergarbeiter als Abwehr- 
kampf dar und wurde in diesem Sinne von ihnen auch als Aussperrung, 
nicht als Streik, bezeichnet. 

Die Abwehr war eine doppelte. Einmal richtete sie sich gegen den 
Grad der beabsichtigten Lohnsenkung, die in einer Anzahl von Kohlen- 
revieren, namentlich für die Bergarbeiter von Süd -Wales, eine Herab- 
drückung des Reallohnes unter den Stand der Vorkriegszeit bedeutet hätte, 
sodann gegen die Beseitigung der unter der staatlichen Kontrolle durch- 



1) Nach einer Angabe des Präsidenten des Zechenverbandes, Evan Williams, 
wurde beste amerikanische Kohle in Frankreich für 47 sh 6 d pro t geliefert, 
während die Produktionskosten für Waliser Kohle ohne die Transportkosten sich 
auf 55 sh 1 d stellten. Die für Exportkohle erzielten Preise, die im letzten Quartal 
1920 auf 83 sh 2 d gestanden hatten, waren im März 1921 auf 43 sh 6 d pro t 
gesunken. 

2) „Unsere Exportmärkte sind uns entglitten" (have been slipping away from 
us) erklärte der Vertreter des Zechenverbandes, Mr. Evan Wilhams, in der Ke- 
gierungskonferenz am 11. April. Vgl. Official Verbatim Report of Conference 
between the Government, the Coalowners, and the Miners, April llth 1921. Re- 
printed by The Times. 

3) Die Bergarbeiterlöhne standen im März etwa 163 Proz. über dem Stande 
der Vorkriegszeit, die Kosten der Lebenshaltung dagegen nach den amtlichen 
Indexziffern für April 133 Proz. Die Bergarbeiter erklärten sich deshalb mit einer 
Herabsetzung des Lohnes bis 30 Proz. einverstanden. 




256 Miszellen. 

geführten einheitlichen Lohnfestsetzung. Die Zechenbesitzer wollten zu 
der vor dem Kriege üblichen Methode der Lohnbemessung zurückkehren, 
bei der die durchschnittliche Rentabilität der einzelnen 
Kohlenreviere die Grundlage für die distriktweise festzusetzenden 
Löhne abgegeben hatte. Da die Produktionskosten, hauptsächlich infolge Ver- 
schiedenheiten der geologischen Verhältnisse, in den einzelnen Revieren stark 
voneinander abweichen — beispielsweise standen die Produktionskosten pro t 
im Februar in Süd -Wales um 24 sh 3 d über denjenigen in Yorkshire 
und 16 sh 4 d über dem Durchschnitt des Landes — , so bedingt diese 
Art der Lohnfestsetzung auch sehr weitgehende Unterschiede in den Berg- 
arbeiterlöhnen, d. h. die bevorstehende Herabsetzung hätte die Arbeiter 
in den einzelnen Revieren in sehr verschiedener Weise getrofEen. Nach 
den vom Zechenverband aufgestellten Berechnungen hätte sie difEeriert 
zwischen 2 d pro Tag in einem Teile von Yorkshire und 7 sh pro Tag 
in Süd -Wales. Diese unterschiedliche Behandlung stellte jedoch eine Ver- 
letzixng des grundlegenden Satzes der gewerkschaftlichen Lohnpolitik dar, ' 
demzufolge ohne Rücksicht auf Umstände, die außerhalb des Willens der Ar- 
beiter liegen, für gleiche Arbeitsanspannung der gleiche Lohn 
gezahlt werden soll. In der gesamten englischen Gewerkschaftsbewegung 
geht eine starke Tendenz dahin, diesem Grundsatz eine nationale Aus- 
dehnung zu geben; die stark zersplitterte gewerkschaftliche Organisation 
hat deswegen in den letzten Jahren durch Verschmelzungen und Födera- 
tionen in zahlreichen Gewerben eine beträchtliche Konsolidierung erfahren. 
Für die Bergarbeiter im besonderen, deren Organisation jahrzehntelang 
nnter dem Partikularismus der einzelnen Kohlenreviere gelitten hatte, war 
die Stärkung ihres nationalen Zusammenschlusses und die Anerkennung 
des Bergarbeiter Verbandes als Vertretung der gesamten Bergarbeiterschaft 
durch die Regierung die wertvollste Errungenschaft der Kriegszeit. Mit 
der Festsetzung der Löhne nach einem Maßstabe, der in den Distrikten 
gefunden wurde, mußte aber auch der Schwerpunkt der gewerkschaft- 
lichen Organisation in diese zurückverlegt werden. Die außerordent- 
liche Beharrlichkeit und Einmütigkeit, mit der die Bergarbeiter für den 
Gedanken der einheitlichen Lohnfestsetzung 3 Monate lang einen ent- 
behrungsreichen und wenig aussichtsvollen Kampf auch in den Revieren 
führten, in denen sie sich bei distriktweiser Festsetzung sogar günstiger 
gestanden hätten als bei einem einheitlichen nationalen Lohn, läßt sich 
nur daraus erklären, daß sie in den Vorschlägen der Zechenbesitzer und 
in dem Verhalten der Regierung einen bewußten Angriff auf ihren natio- 
nalen Zusammenschluß erblickten. Der Sekretär des Bergarbeiterverbandes, 
Frank Hodges, traf zweifellos den Kern des Streites, wie er sich vom 
Standpunkte der Arbeiter aus darstellte, als er es geradezu als raison 
d'etre des Verbandes bezeichnete, darauf bedacht zu sein, daß die Lage 
der Bergarbeiter unabhängig von den geologischen Verschiedenheiten 
der einzelnen Kohlenreviere, die ihrer Einwirkung entzogen sind und 
doch den Ertrag ihrer Arbeit in weitgehendem Maße beeinflussen, ge- 
staltet werde ^). Die Führer der Bergarbeiter waren sich darüber klar, 



1) Official Verbatim Report of Conference, April llth 1921, S. 12. 



Miszellen. 257 

daß bei der sehr verschiedenen Rentabilität der einzelnen Kohlenreviere 
und Bergwerksunternehmungen eine derartige einheitliche Lohnfestsetzung 
nach Aufhebung der staatlichen Kontrolle nur durchführbar sei, wenn 
innerhalb der Industrie ein Gewinnausgleich stattfände, bei dem die gut- 
rentierenden Unternehmungen den ungünstiger gestellten aus ihren Ge- 
winnen Zuschüsse zu leisten hätten, um sie in den Stand zu setzen, die 
Standardlöhne zu zahlen. Der Versuch, den Kampf für diesen Gedanken 
des Gewinnausgleiches, des „national pool" zu führen, erwies sich als 
schwerer taktischer Fehler der Bergarbeiterführer, da ihnen nicht nur von 
den Unternehmern, sondern auch von der Regierung unter Hinweis auf 
die Erfahrungen der Kriegswirtschaft entgegengehalten werden konnte, 
daß eine Gewinngarantie den Ansporn zu einer Vervollkommnung der 
Produktionsmethoden lähme und unwirtschaftliche Betriebe auf Kosten 
der leistungsfähigen am Leben erhalte, also dem volkswirtschaftlichen 
Interesse widerspreche. 

Es kann hier nicht auf Einzelheiten des 14 Wochen währenden Lohn- 
kampfes eingegangen werden '), der, bei sinkender Konjunktur begonnen 
und auf die psychologisch verfehlte 'Forderung des national pool gestützt, 
von Anfang an für die Arbeiter unter ungünstigen Auspizien stand, die es 
durchaus verständlich erscheinen lassen, daß die besonnenen Führer der 
Eisenbahner und der Transportarbeiter es ablehnten, die von ihnen ge- 
führten Arbeitergruppen gleichfalls in einen Kampf ziehen zu lassen, der 
nicht nur dem englischen Wirtschaftsleben, sondern vor allem der gewerk- 
schaftlichen Organisation der Arbeiterschaft verhängnisvoll zu werden drohte. 

Das am 28. Juni abgeschlossene Abkommen bedeutet für die Berg- 
arbeiter inbezug auf ihre prinzipiellen Forderungen — nationale Lohn- 
festsetzung und nationaler Gewinnausgleich — eine vollständige Nieder- 
lage ; hinsichtlich der materiellen Bedingungen haben sie jedoch nicht 
unwesentliche Verbesserungen gegenüber den ursprünglichen Vorschlägen 
der Arbeitgeber erzielt. 

1, Der Lohnabbau wird mit Hufe eines staatlichen Zuschusses von 
10 Mill. £ über einen Zeitraum von 3 Monaten erstreckt und erfolgt 
in viel weniger schroffer Weise als ursprünglich beabsichtigt war (3 sh 
für erwachsene, 1 sh 6 d für jugendliche Arbeiter im Höchstfalle p. 
Schicht gegenüber dem im März gezahlten Lohn). 

2, Den Bergarbeitern wird ein Grund(Standard)lohn zugesichert, 
der allen anderen Forderungen vorangeht, und unter den ihr Einkommen 
keinesfalls automatisch sinken kann. Dieser Standardlohn, der schon in 
den früheren Angeboten der Unternehmer vorgesehen war, wird zwar von 
Distrikt zu Distrikt verschieden, jedoch nach einheitlichen Maßstäben und 
allgemein höher bemessen, als anfänglich beabsichtigt war. Niedrig gelohnten 
Tagesarbeitern, deren Lohn nach Ansicht der paritätisch zusammengesetzten 
Distriktsämter zum Unterhalt nicht ausreicht, kann von diesen ein höherer 
Schichtlohn bewilligt werden. 



1) Vgl. hierüber C. Leubuscher, „Der jüngste Arbeitskampf im englischen 
Kohlenbergbau und seine Beilegung", Reichsarbeitsblatt 1921 (N. F.), Nr. 20, 
S. 807*. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 17 



258 Miszellen. 

3) Als zweite Forderung an die Industrie steht ein Anspruch der Unter- 
nehmer auf Standardgewinn in Höhe von 17 Proz. der für Standardlöhne- 
gezahlten Summe. Die Unternehmer sind jedoch bereit, auf einen Gewinn 
in der Uebergangszeit so lange zu verzichten, als sie nur mit Hilfe der 
Regierungeunterstützung den Standardlohn zu zahlen vermögen. Wird 
später in einer Rechnungsperiode der Standardgewinn nicht erreicht, sa 
bildet der Fehlbetrag einen bevorrechteten Anspruch der Unternehmer an 
spätere Gewinne vor einem Gewinnanteil der Arbeiter. Auch für diese Be- 
rechnung bildet der Distrikt die Grundlage. 

4. Der nach Abzug von Standardlöhnen, Standardgewinnen und der 
übrigen Betriebsunkosten verbleibende Ueberschuß wird im Verhältnis von 
83 : 17 zwischen Arbeitern und Unternehmern geteilt. Ursprünglich hatten 
die Zechenbesitzer ^/g, dann 20 Proz. des Reingewinnes beansprucht. 
Der Reingewinn wird periodisch in den einzelnen Distrikten durch von 
beiden Seiten bestellte Revisoren ermittelt. In der unbedingten Offen- 
legung ihrer Geschäftsbücher für Vertrauensleute der Arbeiter ist wohl 
das bedeutendste Zugeständnis der Unternehmer zu erblicken. 

Wie eingangs hervorgehoben, ist es kaum möglich, dem Abkommen 
eine Prognose zu stellen. Tatsächlich bedeutet es in den entscheidenden 
Punkten die Rückkehr zu der vor dem Kriege im englischen Kohlenberg- 
bau üblichen Lohnbemessungsmethode. Auch das von Lloyd George und 
von den Vertretern der Parteien als grundlegende Neuerung gekennzeich- 
nete System der Gewinnbeteiligung war im Prinzip bereits in der 
früher angewandten Methode der gleitenden Lohnskala enthalten. 
Allerdings hat der dieser Methode zugrundeliegende Gedanke, daß die 
Arbeiter nach einem bestimmten Maßstabe an der Prosperität der Industrie 
beteiligt werden sollen, jetzt eine wesentliche Verfeinerung insofern er- 
fahren, als früher für die den Arbeitern zu gewährenden Zuschläge die 
Verkaufspreise der Kohle ausschlaggebend waren. Mögen diese auch ein 
wichtiges Symptom für die Geschäftslage sein, so bleiben bei dieser Be- 
messungsart doch alle anderen gewinnsteigernden Momente — verbesserte 
Produktionsmethoden, erweiterte Absatzgelegenheit und vor allem erhöhte 
Anspannung der Arbeiter — unberücksichtigt. Von gewerkschaftlicher 
Seite wurde ferner gegen das Prinzip der gleitenden Lohnskala auf Grund 
der Verkaufspreise geltend gemacht, daß es ungünstig auf die gewerkschaft- 
liche Organisation einwirke, da es den Arbeitern automatische Lohnerhö- 
hungen zusichere und daher in den Augen vieler Arbeiter die Zugehörig- 
keit zu einem Gewerkverein als überflüssig erscheinen lasse. Die Erfah- 
rung muß zeigen, ob sich dieses Bedenken nicht auch gegen die verfeinerte 
Methode der Lohnstaffelung auf Grund des erzielten Gewinnes richtet, und 
ob diese einen Anreiz zu gesteigerter Arbeitsleistung auszuüben vermag, 
von der das Oktoberabkommen v. Js. Lohnerhöhungen abhängig machte. 
Die unmittelbare Bedeutung des Abkommens für die englische Volks- 
wirtschaft liegt darin, daß es den Weg für einen allgemeinen Lohn- 
abbau frei gemacht hat. Eine Reihe anderer Arbeitergruppen — Eisen- 
bahner, Maschinenbauer, Arbeiter der Eisen- und der Textilindustrie — haben 
aus der Niederlage der Bergarbeiter die Konsequenz gezogen und kampf- 
los in die durch die allgemeine Marktlage notwendig gewordene Lohnherab- 




Miszellen. 259 

Setzung gewilligt. So sehen wir heute die englischen Gewerkvereine, 
die noch vor wenigen Monaten mit Leichtigkeit die Löhne nicht nur ent- 
sprechend den Kosten der Lebenshaltung, sondern zum Teil auch schneller 
als diese zu steigern vermocht hatten, fast auf der ganzen Linie in Abwehr- 
stellung gedrängt. Die Notwendigkeit, darauf bedacht zu sein, daß der 
Lohnabbau nicht zu einer Senkung des Reallohnes für die davon betroffenen 
A»beitergruppen wird, muß aber die Aufmerksamkeit der Gewerkvereine 
wieder mehr dem Verteilungsproblem zuwenden, das in den Jahren 
der Hochkonjunktur der Kriegs- und Nachkriegszeit zurückgetreten war 
hinter Forderungen, die für den Arbeiter erweiterte Rechte bei der 
Kontrolle der Industrie begehrten. Aus der allgemeinen wirtschaft- 
lichen Situation erklärtes sich somit, daß die Sozialisierungsfrage, 
die in den ersten l^/g Jahren nach Beendigung des Krieges im Mittelpunkt 
nicht nur der Bewegung der Bergarbeiter, sondern der gewerkschaftlichen 
Politik überhaupt stand, zum mindesten für die nächste Zeit aus der Reihe der 
praktischen, unmittelbar Lösung heischenden sozialwirtschaftlichen Probleme 
ausgeschieden zu sein scheint. Für die englische Arbeiterschaft in ihrer 
Gesamtheit erhebt sich aber aus den Erfahrungen der letzten Monate die 
Frage, ob die gewerkschaftliche "Waffe des Streiks, die sich zur Durch- 
führung prinzipieller Forderungen als untauglich erwiesen hat, sich nicht 
durch allzu häufigen Gebrauch abgenutzt habe, und ob es nicht an der 
Zeit sei, wieder mehr Aufmerksamkeit der politischen Organisation und 
Wirksamkeit der Arbeiterklasse zuzuwenden. Bisher allerdings noch ver- 
einzelte Stimmen lassen eine derartige Wendung als möglich erscheinen. 



17* 



260 



Miszellen. 



XIII. 

Die Volkswirtschaft Westturkestans. 

Von H. Fehlinge r. 

Im Jahre 1917 wurde das bis dahin russische "Westturkestan als 
selbständige Republik ausgerufen, doch wurden 1919 und 1920 die Völker 
dieses Landes mit "Waffengewalt gezwungen, sich wieder der Moskauer 
Herrschaft zu unterwerfen. Was ihr weiteres Schicksal sein wird, ist 
heute noch durchaus ungewiß ^). In der verhältnismäßig kurzen Zeit, 
während der Turkestan ein Teil des Russischen Reiches war (nicht eine 
Kolonie desselben) hat seine Einwohnerzahl infolge des inneren Friedens, 
der Seuchenbekämpfung und der Hebung des wirtschaftlichen Wohlstandes 
beträchtlich zugenommen. Auf einer Gebietsfläche von 1 969 000 qkm 
lebten 1897 7 620 000 und 1911 8 830 000 Menschen. Die Bevölkerungs- 
dichte war 1897 3,9 und 1911 4,5 auf den Quadratkilometer, sie ist also 
gering, was teils in der Unfruchtbarkeit weiter Landstrecken und andern- 
teils in den ununterbrochenen Kriegen begründet ist, die vor der russischen 
Besitznahme zwischen den Einheimischen untereinander sowie zwischen 
diesen und vordringenden fremden Völkern geführt wurden. Am größten 
ist die Volksdichte in den Provinzen Samarkand und Ferghana (1911 12,5 
und 16,3) sowie in den beiden Chanaten Chiwa und Buchara (8 und 8,8), 
während Transkaspien, das nahezu ganz Wüste ist, weitaus am dünnsten 
bevölkert ist (0,9). Die Zahl der Russen war 1897 197 000 und 1911 
407 000, sie ist also im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gering ; infolge 
des Krieges ist sie wieder zurückgegangen. 

lieber die Landesnatur Westturkestans, sowie über seine Bevölkerung 
und Volkswirtschaft, unterrichtet ausführlich Dr. Fritz Machatscheks kürzlich 
veröffentlichte „Landeskunde von Russisch-Turkestan" "), die auf eigenen 
Forschungen des Autors und seiner gründlichen Kenntnis der einschlägigen 
Literatur beruht und als das beste auf der Höhe der Zeit stehende Werk 
über jenes wenig bekannte Land gelten kann, das in deutscher Sprache 
vorhanden ist. Dem volkswirtschaftlichen Teile dieses Werkes ist zu ent- 
nehmen, daß etwa ^/g (68 Proz.) der Fläche von Westturkestan anökumenes 
Gebiet sind, auf das 10 Proz. der Gesamtbevölkerung treffen. Der Anteil 
des Halbkulturlandes beträgt etwa ein Fünftel (21 Proz. der Bodenfläche 
mit 22 Proz. der Bevölkerung), während nur 11 Proz. der Fläche Kultur- 
land sind, auf dem 68 Proz. der Bevölkerung leben. In den einzelnen 



1) Den bisherigen russischen Vasallenstaaten Chiwa und Buchara wurde kürz- 
lich von der Sowjetregierung wieder Unabhängigkeit zugestanden. 

2) Stuttgart 1921 ; Engelhorn Nachf. 100 M. 



Miszellen. 



261 



Yerwaltungsgebieten ist der Umfang des Kultur- und Halbkulturlandes 

wie folgt: 

Kulturland 

Proz. der Ge- 
bietsfläche 



Gebiete 



qkm 



Halbkulturland 

Proz. der Ge- 
bietsfläcbe 



qkm 



Transkaspien 

Chiwa 

Syrdarja 

Samarkand 

Ferghana 

Semirjetschie 

Buchara 



8 400 
61 000 
20400 
23 600 
61 500 
31 400 



12 
12 
23 
17 
16 
16 



24 100 

31 000 

36200 

298 700 

136 200 

82 000 



6 
42 
82 
36 
40 



"Westlich vona 68. Längengi'ade herrscht das anökumene Gebiet weitaus 
vor ; nur am Unterlaufe des Sarafschanflusses, dann längs des Syr- und 
Amudarja und im Berglande an der persischen Grenze gibt es landwirt- 
schaftlich nutzbaren Boden und eine stellenweise verhältnismäßig dichte 
Bevölkerung. Die Landschaften am Balkaschsee und nördlich des Syrdarja 
sind ebenfalls fast ganz unfruchtbar. 

Das eigentliche Kulturland ist am besten vertreten in Ferghana, im 
mittleren Samarkand und im östlichen Teil von Syrdarja. Dort ist in 
manchen Gegenden die Bevölkerungsdichte so groß (60 — 90 auf den qkm), 
daß die Grenze der Uebervölkerung erreicht ist. Daneben aber finden 
sich weite, von Kulturareal stark durchsetzte Gebiete, wie die Oasenzone 
von Transkaspien oder die Kulturstreifen längs der großen Flüsse, die 
einer Erhöhung ihrer heutigen Volksdichte (10 — 30) noch sehr wohl fähig 
wären. Auch manche Steppengebiete könnten durch Ausdehnung der künst- 
lichen Bewässerung wirtschaftlich besser nutzbar gemacht werden und eine 
größere Zahl von Menschen beherbergen als jetzt ; eine Ausnahme bilden 
die Lehm- und Salzsteppen am Kaspisee, sowie zwischen dem unteren 
Syrdarja und dem Balkaschsee. Die Böden der Ebene und der Vorhügel 
der Gebirge, die für die Landwirtschaft in Betracht kommen, sind vor- 
wiegend Löß, der durch die Bewässerung erst zu entsalzen ist. Die höher 
liegenden Zonen mit stets zunehmendem Humusgehalt entsprechen dem 
Schwarzerdeboden der Strauch- und Wiesensteppe ; sie haben durch die 
reichlichen Niederschläge bereits eine ausreichende Entsalzung erfahren 
und bedürfen der Bewässerung nicht. Die Bewässerungswirtschaft reicht 
zweifellos in die Zeit der ersten Besiedlung des Landes zurück, dessen 
Klima in der geologischen Gegenwart niemals ein wesentlich anderes war 
als heute. Die vorhandenen großen Kanäle, die heute die Eigenarten 
natürlicher Flußläufe angenommen haben, setzen voraus, daß schon in alter 
Zeit starke politische Organisationen bestanden , die große Menschen- 
massen zu gemeinschaftlicher Arbeit zusammenfassen konnten. Ein guter 
Teil der früheren Bewässerungsanlagen wurde durch die einbrechenden 
Nomadenstämme zerstört und nicht wieder erneuert. Die gegenwärtigen 
Bewässerungsanlagen sind in mancher Hinsicht mangelhaft. Es mangeln 
z. B. Sammel- und Entwässerungskanäle; das von der Vegetation nicht 
verbrauchte "Wasser verliert sich daher im Boden und es tritt bei zu ge- 
ringem Gefälle und undurchlässigem Boden leicht Versumpfung und Ver- 
salzung ein. So sind unterhalb Taschkent etwa 100000 ha kulturfähigen 



262 



Miszellen. 



Landes durch Salzsumpfbildung verloren gegangen und auch im östlichen 
Semirjetschie sind seit der Ansiedlung der mit der Bewässerung nicht 
vertrauten Tarantschen große Flächen zu Salzsumpf geworden. Die 
russische Verwaltung hat das Bewässerungssytem im allgemeinen unver- 
ändei't gelassen, nur ganz ausnahmsweise wurden durch russische Initiative 
neue Bewässerungsanlagen geschaffen. Die Ausdehnung des bewässerten 
Landes beträgt im Generalgouvernement Turkestan 3,1 Mill. Hektar; 
dazu kommen in roher Annäherung etwa 1^/^ Mill, ha in Buchara und 
300 000 ha in Ohiwa , so daß in ganz Turkestan das bewässerte Land 
etwa 46 000 qkm, d. i. bloß 2,3 Proz. der Gresamtfläche ausmacht. 

Die Unzulänglichkeit der Bewässerungsanlagen wird zum Teil wett- 
gemacht durch die sogenannte Bogarakultur, bei der der Anbau in gleicher 
Weise wie in unserem Klima sich vollzieht. 

Die landwirtschaftlichen Betriebsweisen sind je nach den örtlichen 
Verhältnissen verschieden. Aber selbst wo die Wirtschaft intensiv be- 
trieben wird, sind die Ackergeräte seit den ältesten Zeiten dieselben ge- 
blieben. Düngung ist nur in der Nähe größerer Städte häufiger; zumeist 
besorgt das Irrigationswasser die Zufuhr neuer Nährstoffe bei der Schlamm- 
ablagerung oder auf indirektem Wege durch Lösung, oder es wird der 
bei der Reinigung der Kanäle oder sonst irgendwo gewonnene Löß-Schlamm 
auf die Felder gebreitet und damit die Ackerkrume erneuert. 

Trotz der in den letzten Jahrzehnten stattgefundenen Wandlungen 
der turkestanischen Landwirtschaft entfällt noch immer der größte Teil 
der Kulturflächen auf den Getreidebau und von den einzelnen Getreide- 
arten ist Weizen die wichtigste. Gerste dient meist nur als Pferde- 
futter und Hafer war vor der russischen Zeit fast unbekannt, ebenso 
Roggen und Buchweizen. Seit alters, sagt Machatschek, ist die Hirse 
heimisch, die als zweite Frucht nach dem Weizen auf bewässertem Land 
beliebt ist und wegen ihres geringen Wasserbedürfnisses beim primitiven 
Ackerbau der Halbnomaden eine Rolle spielt. An zweiter Stelle unter 
den Getreidearten steht aber der Reis. Wegen seiner langen Entwick- 
lungszeit und des großen Wasserbedarfs ist er auf die wärmsten und zu- 
gleich leicht bewässerbaren Gebiete beschränkt und kommt daher nament- 
lich in Chiwa, am Unterlauf des Sarafschan, am unteren Tschirtschik und 
Angren und im östlichen Ferghana vor, wo er in manchen Gegenden über 
40 Proz. der Anbaufläche einnimmt. Nach Semirjetschie wurde er nach 
1880 durch die Danganen und Tarantschen gebracht. Meist werden solche 
Flächen zum Reisbau herangezogen, die ohne Anbau Sumpf werden müßten, 
er hat aber auch zur Versumpfung weiter Flächen und zur Ausbreitung 
der Malaria geführt. Hülsenfrüchte sind allgemein verbreitet, ferner ver- 
schiedene Oelpflanzen. Der Tabakbau hat geringe Bedeutung. Die von 
den Russen eingeführte Zuckerrübe liefert vorzügliche Ergebnisse. Die 
Luzerne liefert in den südlichen Landesteilen bis zu sechs Ernten im Jahr. 

Von weltwirtschaftlicher Bedeutung ist die in Turkestan uralte Kultur 
der Baumwolle. Die Anbaufläche schwankte seit der russischen Okkupa- 
tion zwar erheblich, im ganzen nahm sie aber zu. Machatschek gibt folgende 
amtliche Zahlen der Anbaufläche wieder : 1902 214000 ha, 1906 255 000 
1910 359 000 und 1913 441000 ha; hiervon trafen auf die Provinz Perg- 



Miszellen. 263 

hana 298 000 ha, Syrdarja folgt mit 69 000, Transkaspien mit 45 000 und 
Samarkand mit 29 000 ha. In Ferghana dient durchschnittlich über ein 
Viertel, in manchen Gregenden fast die ganze bewässerte Fläche der Baum- 
wollkultur. Ueberdies sind in Buchara schätzungsweise 110 000 und in 
Chiwa 56 000 ha mit Baumwolle bebaut. 

Einer bedeutenden Hebung wäre der in Turkestan überall verbreitete 
Obstbau fähig. Die Ausfuhr getrockneter Früchte betrug in den letzten 
Vorkriegsjahren rund 320000 dz jährlich, die Ausfuhr frischer Früchte 
aber nur etwa 20 000 dz. Der "Weinbau wurde durch den Islam stark 
zurückgedrängt. Am meisten verbreitet ist er in Samarkand und Buchara, 
er nimmt aber in ganz Turkestan kaum mehr als 40 000 ha ein und be- 
schränkt sich, soweit er von Eingeborenen betrieben wird, auf das Innere 
der Städte und Dörfer. 

Die Anbaufläche der wichtigsten Nutzpflanzen verteilte sich 1911 in 
den unter russischer Verwaltung stehenden Provinzen wie folgt : 



Provinz 


Getreide 


Eeis 


Luzerne 


Baumwolle 


raro- u. uei 
pflanzen 


■ Kartoffel 


Semirjetschie 


83,6 


0,6 


11,7 


— 


3,5 


0,6 


Syrdarja 


74,1 


6,0 


9,2 


5,4 


5,1 


0,2 


Ferghana 


53,3 


9,9 


8,4 


26,1 


2,2 


0,1 


Samarkand 


80,2 


5,7 


3,4 


6,7 


3,9 


0,1 


Transkaspien 


72,0 


— 


2,0 


24,9 


1,0 


0.1 



Die einzige ünterhaltungsquelle der Bevölkerung weiter Steppen- 
gebiete Turkestans ist die Viehzucht, aber rationelle Viehhaltung und 
Rassenzucht kommt nur ausnahmsweise vor. Der Viehbestand der Nomaden 
schwankt mit dem Witterungscharakter innerhalb sehr weiter Grenzen, da 
sie Futterstapelung zumeist nicht kennen. Mit der Neigung zum Seßhaft- 
werden nehmen die Viehbestände der "Wandervölker ab. Am wichtigsten 
sind Pferde-, Schaf- und Rinderzucht ; namentlich bei den Turkmenen spielt 
auch die Kamelzucht eine Rolle. In den fünf russischen Provinzen gab 
es 1911 insgesamt 2444000 Pferde, 21 174000 Rinder, 15 460 000 Schafe, 
2 570 000 Ziegen, 42 800 Schweine, 86 000 Esel und 834 000 Kamele. 
Die Schweinezucht ist auf die russischen Kolonistendörfer beschränkt. 

Die Bevölkerung mancher Gegenden lebt vornehmlich oder ausschließ- 
lich von der Fischerei. Besonders gilt das von der öden Küste des Kaspi- 
sees, wo der Fischfang, namentlich auf Stör und Hausen, einige russische 
Siedlungen ins Leben gerufen hat und einen Ertrag von durchschnittlich 
^/g Mill. Rubel lieferte. Auch im Bereich des Aralsees und im Mündungs- 
gebiet des Amu- und Syrdarja wird die Fischzucht in beträchtlichem Um- 
fang betrieben. 

Bemerkenswert ist, was Machatschek über den Einfluß des IJeber- 
gangs Turkestans an Rußland auf die Landwirtschaft sagt : Die Turkmenen 
im Südwesten des Landes wurden mit einem Schlage ihrer bisherigen 
sozialen Organisation beraubt und gezwungen, zur völligen Seßhaftigkeit 
überzugehen ; sie haben diesen Prozeß, wohl mehr dank ihrer glücklichen 
völkischen Veranlagung als dem anregenden Beispiel der wenigen russischen 
Kolonisten, überraschend schnell und erfolgreich vollzogen. Auch bei den 
Kirgisen der Steppen des Nordostens „machte sich die zunehmende Hemmung 



} 



264 



Miszellen. 



ihrer bisherigen IJngebundenheit in der verstärkten Neigung zur Seß- 
haftigkeit geltend, die von der Verwaltung durch eine eigene Ansiedlungs- 
kommission und in Form von Zuweisung brachliegender Ländereien unter- 
stützt wurde". Der altansässigen sartischen und tadschikischen Bevölke- 
rung im Südosten „brachte die russische Herrschaft zunächst die Be- 
freiung vom Steuerdruck und der Willkür der Chane ; aber es vergingen 
noch Jahrzehnte, bis die russische Verwaltung begann, das Land nicht 
nur als eine militärische, sondern auch als eine wirtschaftliche Erwerbung 
anzusehen. Bis dahin war alle Weiterentwicklung der Initiative einzelner 
Privatpersonen und mehrfachen, meist an der Unkenntnis der Verhältnisse 
scheiternden Spekulationen überlassen. Eine grundlegende Aenderung 
trat erst ein, als die russische Volkswirtschaft in der turkestanischen 
Baumwolle das geeignetste Objekt ihrer Betätigung zu erkennen glaubte. 
Es entstand damit die für die ganze weitere Entwicklung des Landes, 
namentlich seiner drei Kernprovinzen, maßgebend gewordene BaumwoU- 
frage, der wie in einer Massenhypnose alle anderen Interessen unterge- 
ordnet wurden, und die Herrscher und Beherrschte in ihren Bann schlug". 
Die Eolge des Bestrebens auf Ausdehnung der Baumwollkultur war, daß 
bei gleichbleibender Technik Raubbau betrieben wurde, und daß der für 
die Volksernährung wichtige Getreidebau zurückging. Auch entstand aus 
früheren Bauern ein besitzloses Proletariat, daß in manchen Gegenden 
Ferghanas bereits 30 Proz. der Bevölkerung ausmacht. 

Der Bergbau ist in Turkestan nicht bedeutend. Gegenwärtig wird 
Steinsalz an verschiedenen Orten gewonnen ; in modernen Betriebsformen 
aber bloß auf der Insel Tscheieken im Kaspisee. Naphtavorkommen 
gibt es an der Ostseite des Kaspisees und am Südrand des Beckens von 
Ferghana. Die Qualität übertrifft jene des Bakuöles. Die bisher auf- 
gefundene Kohle ist minderwertige Braunkohle mit hohem Wasser- und 
Schwefelgehalt. Sie kommt an vielen Stellen vor, aber nirgends in be- 
deutenden Mengen. Von den Erz- und Metallvorkommen bieten wenige 
Aussicht auf nennenswerte Erträge. Gold wird in ganz geringfügigen 
Mengen gewonnen. Wichtiger wird vielleicht der Kupferbergbau werden, 
der im dsungarischen Alatau und in den Gebirgen von Ferghana und 
Samarkand betrieben wird. Thermen und Mineralquellen treten an mehrerert 
Orten zutage. 

Die recht hoch stehende gewerbliche Produktion der turke- 
stanischen Bevölkerung, die völlig auf häuslicher Arbeit beruhte, wurde 
seit etwa 30 Jahren durch die europäische Wirtschaftsweise beeinflußt, 
„indem einerseits eine Reihe von landwirtschaftlichen Gewerben teils ver- 
vollkommnet, teils neu ins Leben gerufen wurde, andererseits durch die Ein- 
fuhr billiger russischer Massenartikel das heimische Gewerbe zunächst 
quantitativ, bald aber auch qualitativ zurückgedrängt wurde. Es sank 
zu einer bloß des raschen Gewinnes wegen betriebenen Fertigkeit herab, 
das die minderwertigen europäischen Erzeugnisse nachzuahmen trachtete, 
führte europäische Muster, Farben und Maschinen ein und verlor jeden 
Zusammenhang mit der Kunst". Jedoch haben trotz dieser rückgehenden 
Entwicklung noch einige Zweige kleingewerblicher Tätigkeit volkswirt- 
schaftliche Bedeutung behalten, wie die Erzeugung wollener Filze, Teppiche 



Miszellen. 265 

und Decken, die Erzeugung seidener und halbseidener Tücher und Kon- 
fektionsartikel sowie die Herstellung von Kupfergefäßen und Silberschmuck- 
gegenständen. 

Durch das Einströmen russischer Baumwollfabrikate ging die ein- 
heimische BaumwollverarbeituDg stark zurück. Die im Lande gewonnene 
Baumwolle wird hier nur gereinigt und dann ausgeführt. Daneben werden 
Baumwollöl und Oelkuchen erzeugt, auch werden Samen- und Kapselfasern 
zu Stricken, Watte und Papier verarbeitet. Von europäischen Industrien 
sind noch zu nennen die Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, Tabakver- 
arbeitung, Gerberei und die in ihrer Art auf der Erde einzig dastehende 
Santoninfabrik in Tschimkent, die den als Wurmmittel sehr geschätzten 
Samen der in der Umgebung dieser Stadt auf großen Flächen wachsenden 
Artemi sia cinna verarbeitet und bis zum Weltkrieg nach Hamburg ausführte. 

Das Verkehrswesen wurde in den ersten zwei Jahrzehnten der 
russischen Herrschaft nur ganz wenig verändert. Später hat die russische 
Verwaltung allerdings die Lösung der Verkehrsprobleme mit großem Eifer 
betrieben. Für den 1880 begonnenen Bau der ersten Eisenbahn vom 
Kaspisee ins Innere von Transkaspien waren militärische Gründe maßgebend^ 
ebenso für die Weiterführung bis zum Amu (1885 — 86). Erst nachdem 
die Passierung der Wüste gelungen war, erwachte auch das wirtschaftliche 
Interesse an der Eisenbahn. Im Jahre 1899 wurden die beiden End- 
punkte Andischan und Taschkent erreicht; 1897 — 98 wurde der rein 
militärischen Zwecken dienende Murgbabflügel von Merw nach Kuschk 
an der afghanischen Grenze erbaut. Die Gesamtlänge dieser Eisenbahn 
beträgt nunmehr 2560 km. Eine bessere Verbindung Turkestans mit den 
Absatzgebieten seiner Erzeugnisse wurde durch den Bau der Eisenbahn 
Orenburg-Taschkent hergestellt, die 1906 dem Verkehr übergeben wurde. 
Von den 1860 km dieser Linie treffen auf Turkestan 1040 km. In den 
letzten Jahren erfuhr das turkestanische Eisenbahnnetz noch eine weitere Aus- 
gestaltung durch kürzere Lokallinien in Ferghana, die vorwiegend dem 
Baumwollhandel dienen ; andere sind projektiert. Von großer wirtschaft- 
licher Bedeutung wird die 1914 begonnene Linie sein, die der alten Post- 
straße folgend von der Station Aryss der Taschkent-Orenburger Linie über 
Aulie-ata und Wjernij bis ins östlichste Semirjetschie führen und einmal 
über Semipalatinssk an die sibirische Bahn anschließen soll. Die süd- 
bucharische Bahn von Kagan nach Termes (490 km) wurde 1916 voll- 
endet. Noch mehr als die Murghabbahn, sagt Machatschek, könnte 
diese Linie, falls einmal Afghanistan seinen Widerstand gegen Eisenbahn- 
bauten aufgeben sollte, als Beginn einer direkten Landverbindung Europa- 
Indien zur Geltung kommen, womit ein neuer Verkehrshochweg geschaffen 
wäre. Mit Einschluß aller Nebenlinien verfügt heute Turkestan über ein 
Eisenbahnnetz von 4300 km. 



266 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen 
Deutschlands und des Auslandes. 

1. Geschichte der Wissenschaft. Encyltlopädisches. Lehrbücher. Spezielle 
theoretische Untersuchungen. 

Schwiedland, Eugen, Volkswirtschaftslehre. Dreiundvierzig Vor- 
lesungen. Neubearbeitete zweite Auflage. Wien ("Wiener Literarische An- 
stalt) 1920. 8». 775 SS. 

Die erste Auflage dieser Kollegienhefte erschien 1918 und war in 
Jahresfrist vergriffen ^). Die zweite Auflage überschreitet nicht den Umfang 
der ursprünglichen Ausgabe, weist ihr gegenüber jedoch mannigfache Er- 
gänzungen auf. Als sein Ziel bezeichnet Verfasser Tatsachenfülle und 
Anschaulichkeit sowie eine das gesellschaftliche und wirtschaftliche "Werden 
erfassende Darstellung, die den Ursachen, dem "Wesen und den Folgen 
der gegebenen Verhältnisse Rechnung trüge und auch die Eigenart der 
Gegenwart erfaßte. Dieses Ziel kann als erreicht bezeichnet werden. 

"Wien. Dr. Johann Weinbererer. 



Lenz, Adolf, Der "Wirtschaftskampf der Völker und seine inter- 
nationale Regelung. Stuttgart (Enke) 1920. 8<>. 326 SS. 

Der Imperialismus, als Machtentfaltung außerhalb der eigenen Grenzen, 
tritt in wirtschaftlichen sowie in politischen Formen auf. Verf., Professor 
der Rechte in Graz, erblickt das "Wesen des wirtschaftlichen Imperialismus 
in der Anwendung gewaltsamer Mittel, um der eigenen Volkswirtschaft 
wachsenden Anteil auf dem "Weltmarkte zu sichern. Aggressive Methoden 
der "Wirtschaftspolitik haben nun alle Großmächte ausgebildet : Schutzzölle, 
Kampfzölle, Ausfuhrprämien, Ausfuhr zu Schleuderpreisen — Maßregeln, 
welche die Macht der Kartelle, der Trusts und der Interessengemeinschaften 
gesteigert haben. Die also entstandenen Gegensätze zwischen wirtschaft- 
lichen Herren- und Sklavenvölkern bedrohen aber bereits die Kultur des 
Abendlandes. Prof. Lenz vertritt daher den Plan einer rechtlichen 
Regelung der nationalen Anteile am zwischenstaatlichen wirtschaftlichen 
Getriebe. 

Das Ziel wäre, die "Wirtschaftspolitik der einzelnen Völker den ge- 
meinsamen Bedürfnissen aller unterzuordnen. Anstelle der 
schrankenlosen "Willkür in der Verfügung über die eigenen Rohstoffe und 
Lebensmittel, Arbeitskräfte und Fabrikate fordert er, daß die den nationalen 
Eigenbedarf überschreitenden Mengen, die U ebermaße, gemeinnützig ver- 



1) Die erste Auflage ist in diesen „Jahrbüchern" im 57. Bd. der III. F. 
S. 226 f. eingehend besprochen. D. Red. 



ä 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Ausländes. 267 

wendet werden. Das würde die Gewährung eines wirtschaftlichen Existenz- 
minimums für jede Volkswirtschaft — Anspruch auf zwischenstaatliche 
Aushilfe in "Waren, insbesondere in Lebensmitteln und Rohstoflfen, zur Ver- 
hütung körperlicher wie industrieller Aushungerung, sowie Anspruch auf 
Gewährung solcher zwischenstaatlicher Anleihen begründen, die ein Empor- 
kommen der unterstützten Volkswirtschaft nicht unterbinden. Auf diesem 
"Wege entstände eine wirksame Gemeinschaft der Völker. 

Der Untersuchung der "Wirtschaftspolitik, die zum gegenwärtigen Zu- 
stand geführt hat, sowie der Formulierung seiner eigenen Vorschläge zur 
Errettung aus der Herrschaft des Chaos und der Gewalt kommt die 
juristische Klarheit und Genauigkeit des Verf.s und seine mühelose Be- 
herrschung der bestehenden rechtlichen Bestimmungen zugute. Mögen seine 
emsige Arbeit und sein dankenswerter Optimismus zur Herbeiführung 
praktischer Ergebnisse beitragen ! 

Wien. E. Schwiedland. 

Engländer, (Priv.-Doz.) Oscar, Bestimmungsgründe des Preises, ßeichen- 
berg, Gebrüder Stiepel, 1921. gr. 8. XV— .300 SS. KL 52.—. 

Hof mann, (ßeg.-ß.) Dr. Emil, Indexziffern im Inland und Ausland. Eine 
kritische Studie. Karlsruhe, G. Braun, 1921. gr. 8. IV- 127 SS. M. 20.-. 

Leu buscher, Dr. Charlotte, Sozialismus und Sozialisiernng in England. 
Ein Ueberblick über die neuere Entwicklung der sozialistischen Theorien und über 
die Probleme der Industrieverfassung in England. Jena, Gustav Fischer, 1921. 
gr. 8. X-229 SS. M. 30.-. 

Liefmann, Prof. Dr. Kobert, Die Unternehmuugsformen mit Einschluß 
der Genossenschaften und der Sozialisierung. 2. umgearb. Aufl. Stuttgart, Ernst 
Heinrich Moritz, 1921. 8. 259 SS. M. 16.—. 

Mayr, (Handels- Akad.-Prof.) Dr. Richard, Lehrbuch der Handelsgeschichte 
auf Grundlage der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Mit einem bibliographischen 
Anhang. Wien, Alfred Holder, 1921. 8. VI— 297 SS. M. 24.—. 

Schmitt, (Synd.) Dr. Franz August, Die Volkswirtschaft im neuen 
Deutschland. Betrachtungen zur wirtschaftlichen Lage nach dem Londoner 
Ultimatum. München, Dr. Franz A. Pfeiffer u. Co., 1921. gr. 8. 64 SS. M. 10.—. 



Foignet, Rene, Manuel elementaire d'economie politique conforme aux 
nouveaux programmes ä l'usage des etudiants en droit de premiere annee suivi 
d'un resume en tableaux synoptiques et d'un recueil methodique des principales 
questions d'examen. 9" edition, revue, considerablement augmentee et mise au 
courant des theories les plus recentes. T. 1. Paris, Rousseau et Cie. 16. 413 — 
XXII pag. fr. 12.—. 

Truchy, (Prof.) Henry, Cours d'economie politique. T. 2. Paris, Libr. de 
la Societe du Recueil Sirey, 1921. pag. 225 ä 464. 

Wallis, P. and A., Prices and wages: An investigation of the dynamic forces 
in social economics. London, King. Royal 8. 463 pp. 25/. 

2. Gleschichte und Darstellung der wirtschaftlichen Kultur. 

Becker. Dr. rer. pol. A 1 p h o n s , Die Geschichte des Reichseisenbahngedankens. 
(Staatsbürger-Bibliothek, Heft 98.) M.-Gladbach, Volksvereins - Verlag, 1921. 8. 
72 SS. M. 4,50. 

Dees, Dr. K. Otto, Die Geschichte der Porzellanfabrik zu Tettau und die 
Beziehungen Alexander v. Humboldts zur Porzellanindustrie. (Hammer und Ambos, 
Buch 4.) Leipzig, Eulen- Verlag, 1921. gr. 8. III— 64 SS., 8 z. T. färb. Taf. M. 10.—. 

Hamilton, (Doz.) Louis, Canada. (Perthes' kleine Völker- und Länderkunde 
zum Gebrauch im praktischen Leben. Bd. 8.) Gotha, Friedrich Andreas Perthes, 
1921. 8. XI-256 SS., 1 Kt. M. 24.—. 



268 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes» 

Mattes, Dr. Wilhelm, Die bayerischen Bauernräte. Eine soziologische und 
historische Untersuchung über bäuerliche Politik. (Münchener volkswirtschaftliche 
Studien. Hrsg. von Lujo Brentano und Walter Lotz. Fortgef. in Verbindung mit 
Max Weber. Stück 144.) Stuttgart, J. G. Cotta'sche Buchhdlg., 1921. gr. 8 
VIlI-210 SS. M. 24.—. 

Mendelsohn, Dr. Charlotte, Wandlungen des liberalen England durch 
die Kriegswirtschaft. (Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Hrsg, von 
Edgar Jaffe. Erg.-H. 18.) Tübingen, J. C. B. Mohr, 1921. gr. 8. VII— 128 SS. 
M. 30.—. 

Sieveking, Heinrich, Wirtschaftsgeschichte. 2 : Vom Ausgang der Antike 
bis zum Beginn des 19. Jahrh. (Mittlere Wirtschaftsgeschichte.) (Aus Natur und 
Geisteswelt. Bd. 577.) Leipzig, G. B. Teubner, 1921. kl. 8. 136 SS. M. 6,80. 

Wellhausen, Julius, Isralitische und jüdische Geschichte. 8. Ausg. 
Berlin, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter u. Co., 1921. 
gr. 8. 372 SS. M. 40.-. 

High am, C. S. L., History of the British empire. New York, Longmans. 
12. 8 + 276 p. $ 1,50. 

Jaarboek, Economisch-historisch. Bijdragen tot de economische 
geschiedenis van Nederland. Deel 6. Haag, Nijhoff. 8. fl. 9,60. 



3. Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik. Auswanderung und 

Kolonisation. 

Kelletat, Hugo, Die Auswanderung nach der Republik Argentinien. Kassel, 
Verlagshaus der deutschen Baptisten J. G. Oncken Nachf., 1921. gr. 8. 16 SS. M. 3.— . 

Sartorius v. Walterhausen, früh. Prof. Aug., Die Vereinigten Staaten 
als heutiges und künftiges Einwanderungsland. (Finanz- und volkswirtschaftliche 
Zeitfragen. Hrsg. von Georg Schanz u. Julius Wolf. Heft 15.) Stuttgart, Ferdinand 
Enke, 1921. 4°. 70 SS. M. 10,20. 



Townsend, Mary Evelyn, Origins of modern German 
1871—1885. New York, Longmans. 8. 205 p. (4V4 bibl.) $ 2,25. 



colonialism. 



4. Bergbau. Land- und Forstwirtschaft. Fischereiwesen. 

Boerger, Albert, Sieben La Plata-Jahre. Arbeitsbericht 
und wirtschaftspolitischer Ausblick auf die Weltkornkammer am Rio de 
la Plata. Mit 60 Abbildungen auf 30 Tafeln und 3 Kartenbeilagen. 
BerHn (Paul Parey) 1921. 8». VH u. 447 SS. (Preis: M. 36.— u. 
25 Proz. T.-Z.). 

Das vom Verf. seinem Lehrer, Geheimrat Remy-Bonn, gewidmete 
stattliche Werk von 447 Seiten zerlegt den Stoff in 3 verschiedene 
Teile, die persönlichen Erinnerungen eines tatkräftigen deutschen 
Fachmanns in einem fremden Weltteil während einer bewegten Zeit, die 
von ihm in der Republik Uruguay geleistete erfolgreiche pflanzen- 
züchterische und experimentelle Arbeit, sowie allgemeine tief- 
sinnige weltwirtschaftliche Betrachtungen und namentlich wirtschafts- 
politische Ausführungen über die Vorbedingungen und die 
Aussiebten der Weltkornkammer am Rio de La Plata. 

Prof. Dr. Boerger wurde auf Vorschlag des Unterzeichneten im Jahre 
1911 nach Uruguay berufen, um als erprobter wissenschaftlicher und 
praktischer Landwirt und speziell als Pflanzenzüchter auf einen der neu 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 269 

zu gründenden staatlichen Lehrgüter eine für die Praxis des Landes nutz- 
bringende Saatzucht zu begründen. Er brachte neben Wissen und Können 
auch ein gutes Stück zäher Ausdauer und kluger Weltgewandtheit mit, 
um die bestehenden Schwierigkeiten zu überwinden. Da das betr. süd- 
amerikanische Land von Natur aus reich gesegnet ist , setzen sich die 
Hindernisse zusammen aus der Wankelmütigkeit der romanischen Be- 
völkerung und Unsicherheit der republikanischen parlamentarischen 
Regierungsform. Im Gegensatz zu Nordamerika ist Zeit nicht Geld und 
die Verschiebung aller schwierigen Angelegenheiten auf manana (morgen) 
kann sich erfahrungsmäßig auf Wochen, Monate und Jahre erstrecken. 
Dagegen richtet man mit deutschem Drang, mit offenem und ehrlichem 
Kampf und siegreicher Ueberwindung des Bösen nichts aus , wohl aber 
durch Anpassungsfähigkeit, durch politische und diplomatische Schachzüge 
und durch geschickte Ausnutzung der nationalen Eitelkeit und des glühen- 
den Patriotismus. Soweit Verf. sich überhaupt öffentlich äußern durfte, 
sind seine Schilderungen ein interessantes Beispiel dafür, wie der Deutsche 
wohl berufen ist, in jungfräulichen Ländern an der Erschließung der 
reichen Naturschätze mitzuwirken, sich selbst und dem Vaterland dadurch 
Vorteil zu verschaffen, vor allem aber den Ländern, die die deutschen 
Kulturpioniere heranziehen, unschätzbare Dienste zu leisten. 

Die Schwierigkeiten wurden durch den Ausbruch des Weltkrieges, 
durch den Uebergang Uruguays zu unseren Feinden vermehrt. Boerger 
verleugnete nicht seine vaterländische deutsche Gesinnung, brachte es aber 
doch zuwege , daß man auch im feindlichen Lande ihn ruhig bei der 
Arbeit ließ. Die von ihm angebotene Entlassung wurde nicht angenommen. 
Die Schilderung seiner Erlebnisse bringen viele Beweise deutscher Treue 
und deutschen Heldentums während des Weltkrieges, aber auch Beweise 
des scheußlichen Lugs und Betrugs der Gegner. 

Ebenso wie diese persönlichen Erinnerungen interessieren hier weniger 
die technischen Ausführungen des Buches. Mit deutschen wissenschaft- 
lichen Methoden begann Boerger alle für den betr. Teil des südamerika- 
nischen Kontinents wichtigen Kulturpflanzen in ihren verschiedensten 
Abarten vergleichend zu prüfen. Er machte sich aber auch wieder frei 
von jeder Voreingenommenheit und begann vollständig neue Sorten heran- 
zuzüchten, die dann vermehrt und in die Praxis des ganzen Landes bald 
übertragen wurden. Die von Boerger gezüchteten beiden Pedigree- Weizen 
brachten im Vergleich mit dem älteren vorhandenen Wirtschaftssaatgut in 
der Ernte 1918/19 durchschnittlich eine Ertragssteigerung von 85,6 und 
105,0 Proz. Das ergibt natürlich verallgemeinert auf die Landwirtschaft 
des großen Landes viele Mill. t Mehrerträge und erhebliche Mehrgewinne. 
Boergers Pedigree-Gerste brachte 3790 kg Körner pro ha gegenüber 
1585 kg von gewöhnlichem Saatgut. Sein Hafer brachte bei 2 Ver- 
gleichen 800 und 1589 kg Ertrag vom ha gegenüber 350 und 1000 kg 
von gewöhnlichem Hafer. Der gezüchtete Lein endlich ergab 2 — 3 mal 
soviel Ertrag wie die seither verwendete Saat. Ebenso sind in der 
Züchtung von Mais vielversprechende Arbeiten begonnen. Auch der Aus- 
wahl und Verbesserung von Futterpflanzen, namentlich der Luzerne wid- 
mete sich Verf. 



270 Uebersicht über die neuesten Publikationön Deutschlands und des Auslandes. 

Bereits in seinem allgemeinen Teil geht das Werk auf die euro^ 
päischen Vorurteile über die südamerikanischen Länder ein und bringt 
Material zur wirklich zutreffenden Beurteilung dieses zukunftreichen Erd- 
teils. In dem Schlußabschnitt werden die für die "Weltwirtschaft und für die 
deutsche Volkswirtschaft wichtigen Betrachtungen zusammengestellt. Die 
ungeheure Entwicklungsfähigkeit der La Plata-Länder wird geschildert. 
Ganz besonders interessiert die Aufnahmefähigkeit des süd- 
amerikanischen Marktes für unsere hochwertigen Industrie- 
produkte. Selbstverständlich erfordert aber ein großer Export nach 
Argentinien, Uruguay, Paraguay, Chile, Brasilien und den anderen süd- 
amerikanischen Ländern auch wieder einen Bezug von dortigen Erzeug- 
nissen. Billige Nahrungsmittel und wertvolle Rohstoffe für die Industrie 
sind die Austauschprodukte. Die freundliche politische Haltung, welche 
trotz englischer und französischer Lüge und Verhetzung von Seiten ver- 
schiedener südamerikanischer Länder Deutschland während und nach dem 
Weltkrieg entgegengebracht wurde, läßt viele Deutsche, die die Not der 
Zeit zur Auswanderung treibt, an Südamerika denken. Boerger bringt auch 
hierüber wichtige Betrachtungen, zur Vorsicht und zur richtigen Durch- 
führung mahnend, aber doch auch wieder die Möglichkeit eines Erfolges 
bejahend. 

Der Bio de la Plata brachte im letzten Jahrfünft vor dem Welt- 
kriege einen Ausfuhrüberschuß von 2,2 Mill. t Weizen, wohingegen 
Deutschland einen Einfuhrüberschuß von 1,8 Mill. t hatte. Es werden 
nun interessante Zahlen gebracht über den geringfügigen Kornanbau und 
die niedrigen Ernteerträge. Der allgemeinen Anschauung, daß deshalb 
die La Plata-Länder ungeheure Mehrausfuhrziffern an Weizen und Mais 
bringen könnten, tritt jedoch Boerger entgegen. Der weiteren Ausdehnung 
des Ackerbaus stehen gewisse Schwierigkeiten entgegen. Durch intensiveren 
Anbau und namentlich durch den von Boerger so erfolgreich beschrittenen 
Weg der Verwendung besseren Saatguts, lassen sich unstreitig mehr Er- 
träge erzielen. Aber auch diese Hoffnung darf man nicht überschätzen. 
Beispielsweise wird eine systematische Düngung auf lange Zeit hinaus 
noch nicht durchgeführt werden. Dem Ackerbau entsteht ein großer 
Wettbewerb durch die Viehzucht. Die zunehmende Bevölkerung und die 
vermehrte industrielle Verarbeitung wird in Zukunft einen sehr viel mehr 
erhöhten Konsum an Getreide aufweisen. So wichtig deshalb die 
La Plata-Länder für die zukünftige Wirtschaftspolitik 
sind, so darf man nicht an unbegrenzte Möglichkeiten 
glauben. Vor allem sind auch dort die Produktionskosten ganz be- 
deutend gestiegen. Aus diesen Gründen sollte der Blick der Wirt- 
schaftspolitiker vom nahen Osten, von Rußland und Sibir i en 
nicht durch Südamerika abgelenkt werden. Auch die Donau- 
länder können eine wichtige Rolle spielen. Jedenfalls aber ist für den 
Pessimisten und Anhänger des Malthus kein Grund der Besorgnis. Wenn 
aus dem Trümmerhaufen des Weltkrieges Aufstieg und Glück des 
Menschengeschlechts erfolgen soll, so ist es eine Beruhigung, daß es an 
Mitteln und Wegen, das tägliche Brot zu beschaffen, nicht fehlt. 

Doberan i. Meckl. Backhaus. 




Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes 271 

Adametz, (Hofr.) Prof. Dr. Leopold, Welche Grundsätze müssen für die 
Hebung der österreichischen Viehzucht leitend sein? Keferat. (Arbeiten der 
Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft für Oesterreich. Heft 8.) Wien, Carl 
Gerold's Sohn, 1921. gr. 8. 33 SS. M. 15.—. 

A r diu ger, Heinrich, Sozialdemokratie und Landwirtschaft. 2. Aufl. Graz 
(Steiermark), Heimat-Verlag Leopold Stocker, 1921. 8. 63 SS. M. 5.—. 

Klassenbach, Dr. Walter, Die Getreidegesetzgebung für die Ernte 1921 
unter besonderer Berücksichtigung der Gesetzgebung über ausländisches Getreide. 
Berlin, Franz Vahlen, 1921. kl. 8. 75 SS. M. 10.-. 

Osann, (Bergakadem.-Prof. Geh. Bergrat) Bernhard, Lehrbuch der Eisen- 
hüttenkunde. Verfaßt für den Unterricht, den Betrieb und das Entwerfen von Eisen- 
hütten anlagen. Bd. 2: Erzeugung und Eigenschaften des schmiedbaren Eisens. 
Leipzig, Wilhelm Engelmann, 1921. gr. 8. XVI— 794 SS. mit 651 Abb. im Text 
u. 10 Taf. M. 145.—. 

Ryba, (Oberbergr. Ing.) Gustav, Der Kohlenbergbau im Teplitz-Brüx-Komo- 
tauer Becken des nordwestlichen Braunkohlenreviers. Teplitz-Schönau, Adolf Becker, 
1921. gr. 8. Kö. 15.—. 

Wedding, (weil. Geh. Bergr.) Prof. Dr. Hermann, Das Eisenhüttenwesen. 
6. Aufl. (Aus Natur und Geisteswelt. Bd. 20.) Leipzig, B. G. Teubner, 1921. 
kl. 8. 134 SS. m. 22 Abb. M. 6,80. 



Crenon, Henri, La question de la nationalisation des mines en Angleterre. 
Paris, Duchemin. 8. fr. 10. — . 

Storm, A. V. and K. C Davis, How to teach agriculture. London, Lippin- 
cott. 8. 12/.6. 

5. Gewerbe und Industrie. 

Schrepfer, Karl, Das Handwerk in der neuen Wirtschaft. München 
und Leipzig (Duncker u. Humblot) 1920. 8«. 132 SS. (Preis: M. 7,50.) 

Die kleine Schrift nimmt in bemerkenswerter "Weise Stellung zu den 
Fragen, die das Handwerk nach dem Kriege berühren. Und zwar, wie 
der Verfasser selbst betont, im Sinne liberaler Handwerkerpolitik. Doch 
muß man dem Verfasser zugestehen, daß er in allen Fragen durchaus 
sachlich bleibt. Man kann ihm in der grundsätzlichen Beurteilung fast 
überall beipflichten. Was Schrepfer über die Wirkung des § 100 q der 
Gewerbeordnung sagt, scheint mir freilich unzutreffend und jeden- 
falls nicht liberal zu sein. Wenn er nämlich meint, die Zwangsinnung sei 
durch diese Bestimmung der Gewerbeordnung bedeutungslos geworden, so 
wird man ihm darin nicht zustimmen können. Man kann sogar sehr wohl 
der gegenteiligen Aviffassung sein ; wonach sogar eine gesunde Entwicklung 
der Zwangsinnung überhaupt unmöglich gewesen wäre, wenn die Zwangs- 
inniing ihre Mitglieder in der Festsetzung der Preise und in der Annahme 
von Kunden hätte beschränken können. Würde das nicht geradezu eine 
Quelle ewigen Streites und von Uneinigkeit unter den Handwerkern ge- 
wesen sein? Wenn man schon überhaupt eine Zwangsinnung gelten läßt, 
dann wird man nicht so weit gehen können, der Zwangsinnung das Recht 
zuzusprechen, ihre Mitglieder in den Angelegenheiten des eigenen Betriebes 
zu beschränken. Gibt man den § 100 q der Gewerbeordnung preis, dann 
verleiht man damit der Zwangsinnung Rechte, wie sie kaum die mittel- 
alterliche Zunft besessen hat. Lobenswert muß man das Bestreben des 
Verfassers anerkennen, auch an den schwierigsten Fragen der Gegenwart nicht 



"272 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

vorüber zu gehen, z. B. an der der Sozialisierung und der Kommunalisierung 
von Gewerbebetrieben, die der Verfasser mit guten Gründen ablehnt. Doch 
will er der Oeffentlichkeit ein Mitbestimmungsrecht in der Beaufsichtigung 
der Betriebe, in der Gestaltung der Preise und in manchen anderen Einzel- 
heiten zugestehen. In einem besonderen Abschnitt „Neue Bahnen" wirbt 
die Schrift für die Idee des Werkbundes und zwar in einer Weise, die 
volle Anerkennung verdient. Auch die in der neueren Zeit, namentlich 
während des Krieges hervorgetretenen Notwendigkeiten, die für den ge- 
nossenschaftlichen Zusammenschluß sprechen, werden eingehend behandelt. 
So erhält man in der Schrift eine kurz gefaßte Uebersicht über das ganze 
Gebiet der neueren und neuesten Handwerkerfrage, wie sie namentlich die 
Zeit nach dem Kriege hervorgebracht hat. 

Düsseldorf. Josef Wilden. 



Beckmann, Prof. Friedrich, Der Zusammenschluß in der westdeutschen 
Großindustrie. Festrede zur 3. Stiftungsfeier der Universität. Mit Chronik des ver- 
gangenen Jahres, gegeben durch den Kektor (Geh. Med.-R.) Prof. Dr. Friedrich 
Moritz (Kölner Universitätsreden, 5.) Köln, Oscar Müller, vorm. Hugo Inderau 
Buchhdlg., 1921. gr. 8. 30 SS. M. 6,80. 

Hottinger, (Ing.) Max, Geschichtliches aus der schweizerischen Metall- 
und Maschinenindustrie. Unter Mitwirkung der in der Schrift erwähnten Firmen 
zusammengestellt und bearbeitet. Frauenfeld, Huber u. Co., 1921. 8. XII — 200 SS. 
Fr. 6.—. 

Munzmger, Dr. Albert, Die Entwicklung der Industrie von Kaisers- 
lautern. Kaiserslautern, Hermann Kayser, 1921. gr. 8. VIII— 120 SS. M. 20.—. 

Peiseler, Dr. ing. Gottlieb, Zeitgemäße Betriebswirtschaft. T. 1: Grund- 
lagen. Leipzig, B. G. Teubner, 1921. gr. 8. VI— 182 SS. m. 30 Abb. M. 80.— 

Schottenloher, (Oberbibliothekar) Dr. Karl, Das Eegensburger Buch- 
gewerbe im 15. und 16. Jahrhundert mit Akten und Druckverzeichnis. (VeröSent- 
lichungen der Gutenberg-Gesellschaft, 14 — 19.) Mainz (Stadtbibliothek), Gutenberg- 
Gesellschaft, 1921. 4. XIII— 289 SS. m. 15. Taf. M. 450.—. 



Lipson, E., The history of the wooUen and worsted Industries. „The histories 
of English Industries" series. London, Black. 8. 283 pp. 10/.6. 

Woodhouse, T. and P. Kilgour, The jute industry. From seed to finished 
-cloth. „Pitman's common commodities and Industries series." London, Pitman. 
<:;r. 8. 143 pp. 3/. 



6. Handel und Verkehr. 

Bott, Karl, Die neuzeitliche Organisation des Geschäftsbetriebes. 3. Aufl. 
(Hamburger Handelsbüeher. Hrsg.: Karl Bott. Bd. 5.) Hamburg, Hanseatische 
Verlagsanstalt, 1921. kl. 8. 107 SS. M. 8.—. 

E r d ra a n n , (Otto Linne) — Christian Rudolf König. Grundriß der allgemeinen 
Warenkunde unter Berücksichtigung der Technologie und Mikroskopie. Für Handels- 
schulen, Handelsakademien und Handelshochschulen, gewerbliche Lehranstalten, zur 
Vorbildung der Lehramtskandidaten, Wirtschaftspolitiker und zur Weiterbildung 
für Kaufleute und Techniker im Betriebe. 16. vollst, durchges. Aufl. von (Ing. 
Staatsrealgymn.-Prof.) Ernst Eemenovsky. In 2 Bdn. Leipzig, Johann Ambrosius 
Barth, 1921. XXXIV— 1196 SS. m. 630 Abb. u. 15. Taf. M. 180.—. 

Fechner, (Mitgl. d. bnlgar. Ökonom. Vereins), Otto, Grundzüge der bulga- 
rischen Wirtschafts- und Handelspolitik. (Osteuropa-Institut in Breslau. Vorträge 
und Aufsätze. Abt. 1, Heft 3.) Leipzig, B. G. Teubner, 1921. 8. IV— 18 SS. 
M. 4,50. 



üebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 273 

Haeger, H., Die kaufmännische Organisation in der Schwerindustrie. Mit 
Mustern für die Buchführung. Neuwied, J. Meincke, 1921. 4. 69 SS. m. 4 Taf. 
M. 68.—. 

Varga, Eugen, Die Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft. Hamburg, 
•Carl Hoym Nachf. Louis Cahnbley, 1921. 8. V— 64 SS. M. 1,50. 



Picard, Roger, La crise economiqae et la baisse des salaires. Paris, 
Eiviere. 8. fr. 3. — . 

Scholfield, A., The legal aspect of commerce. „Pitman's commerce series". 
London, Pitman. 8. 253 pp. 7 .6. 

Lanzoni, P., Storia del commercio. Padova, La litotipo editrice universitaria. 
8. 96 p. 1. 7.—. 

7. Finanzwesen. 
Grruntzel, Josef, Grundriß der Finanzwissenschaft. Wien und 
Leipzig (Alfred Holder) 1920. 8". 125 SS. (Preis: M. 7.20). 

Daß ein 1920 als eine Ergänzung zu des Verfassers verbreitetem „Grund- 
riß der Wirtschaftspolitik" erschienener Abriß, der doch zuerst Unterrichts- 
zwecken dienen will, die deutsche Reichsfinanzreform nach 1915 weder in 
wichtigsten Einzelheiten berücksichtigt, noch in ihren Grundlinien syste- 
matisch entwickelt, ist bedauerlich und der pädagogischen Absicht zuwider ; 
daß er für Preußen noch einen Einkommensteuersatz von „bis zu 4 Proz." 
konstatiert, ein Zeichen für die vielfache Mitteilung überholter Tatsachen, 
selbst von Fehlern ; daß über Eisenbahnen rund eine Seite geplaudert 
wird, symptomatisch : auch insofern, als man vergeblich nach der Wieder- 
gabe von Resultaten der Finanzpolitik oder auch finanzpolitischer Uebersichten 
sucht. Wenn damit auf ein kaum entbehrliches Hilfsmittel der Anschau- 
lichkeit, die ein solcher Grundriß im allgemeinen erstrebt, verzichtet wird, 
wäre der dabei gewonnene Raum wohl für* finanztheoretische Erwägungen 
ausnutzbar gewesen. Es fehlt auch nicht an einem Abschnitt „die Theorie 
der Steuern" — was er oder andere Kapitel an wissenschaftlicher Erörterung 
enthalten, ist aber so dürftig, daß wenigstens eine systematische Literatur- 
verweisung statt der lückenhaften und teilweise veralteten Schlußzusammen- 
stellung zu geben Pflicht eines Dozenten war, der mehr als eine Examens- 
präparation bieten wollte. Daß aber z. B. „die Geschichte der Finanz- 
wissenschaft" höchstens dieses, keinesfalls zu billigende, Ziel erstrebt, muß 
ich nach ihrer Dürftigkeit und ihrem Stil annehmen — auf wissenschaftliche 
Vertiefung wird anscheinend verzichtet. Sonst könnten auch Sätze wie 
der folgende nicht gedruckt werden: „die Finanzwissenschaft hat es aus- 
schließlich mit jederzeit erschließbaren Beiträgen in Geld zu tun, die aus 
vier Quellen stammen können: 1. aus erwerbswirtschaftlichen Einnahmen, 
2. aus verwaltungstechnischen Einnahmen, 3. aus Steuern und 4. aus der 
Aufnahme von Staatsschulden." (S. 16.) Die nicht nur in Bundes- 
staaten, sondern (wie die neueste deutsche Entwicklung zeigt) auch im 
Einheitsstaat immer wichtigere Gruppe der Zuweisungen oder TJeb erweisungen 
von einer (öffentlichen) Finanzwirtschaft an eine andere wird nicht ge- 
würdigt, weder hier noch an anderer Stelle. Es bleibt weiter die bedenk- 
liche Fassung der Ziffer 4, die zunächst ja hingehen mag wie die Plaudereien 
über Existenzminimum („verschiedene Gründe sprechen" usw. ; S. 41 erwähnt 
davon einige, wobei diese Gelegenheit nicht dazu dient, das zu erläutern, 
Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 18 



274 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 



•was man unter sozialpolitischer Ausgestaltung der modernen Abgabesysteme 
zu verstehen hat. Auch bei Besprechung des Begriffs der Leistungs- 
fähigkeit geschieht das nicht!). Voraussetzung dafür, daß solche populäre 
Redewendungen nicht schaden, ist aber bekanntlich spätere ausführlichere 
Erläuterung, die bei Gruntzel fehlt. Seine pädagogischen Absichten — 
daß er wissenschaftliche habe, zeigt leider der Grundriß nicht — werden 
aber durch zehn Seiten sogenannter Darstellung der öffentlichen 
Schulden nicht gefördert. Daß manchmal zuviel vorausgesetzt wird (wie 
beim Hinweis, daß bei Anleihen die Zukunft zugunsten der Gegenwart 
belastet sei) oder wenn zu wenig die „Verwandlung" der Gewerbesteuer 
in einigen Staaten in eine Vermögens- oder Einkommensteuer erläutert 
wird, ist dem Zweck auch nicht zuträglich, der allein solche Bücher wie 
das vorliegende oder das von Bräu er in der Zeitschrift für Sozial- 
wissenschaft mit Recht als unbrauchbar gekennzeichnete Tyszkasche recht- 
fertigen könnte. Und doch wäre durchaus ein Bedürfnis für volkstümlich 
im guten Sinn, aber zugleich selbständige wissenschaftliche Stellung offen- 
barende Zusammenfassungen, die von den akuten Krisen der Steuer- bzw. 
Schuldenstaaten ausgehen, gegeben. Da bleibt trotz Meiseis kenntnis- 
reichen Kritiken (in der Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft)^ 
— der aber bisher durch keine positive entsprechende Eigenleistung seine 
Ueberheblichkeit rechtfertigte und sich über seinen schönen Goethezitaten 
vielleicht einmal überlegt, welche Arbeit ^n einem Lehrbuch wie dem Lotz- 
oder Ehebergschen steckt oder welche — wohl gern geübte — Entsagung die 
Neuherausgabe eines von einer ausgeprägten Persönlichkeit wie Conrad 
geschriebenen Grundrisses von den Bearbeitern verlangt und zwar von Koppe, 
der auf meinen Vorschlag die neueste Auflage übernahm, ebenso wie von mir 
— doch dei; Hinweis auf Lotz oder Eheberg oder Conrad nach wie vor an- 
gezeigt ; selbst die entsprechenden Bändchen der Sammlungen „Aus Natur und 
Geisteswelt" oder Göschen erscheinen mir empfehlenswerter zur allerersten 
Orientierung als das vorliegende Buch. 

Dresden. ' G e h r i g. 

Bauckner, Dr. Arthur, Der privatrechtliche Einkommensbegriff. (Achen- 
bachs Steuer-Bibliothek. Hrsg. von Heinrich Eheinstrom und Arthur Bauckner. 
Bd. 11.) München, Deutscher Steuerschriften- Verlag Robert Achenbach, 1921. 8. 
86 SS. M. 16.—. 

Deiter, (Eeg.-R.) Dr. Georg, Preußisches Stempelsteuergesetz in der 
Fassung der Bekanntmachung vom 30. VI. 1909, unter Berücksichtigung des 
preußischen Gesetzes vom 14. I. 1921 zur Aenderung des Stempelsteuergesetzes 
vom 30. VI. 1909 und der Reichsgesetzgebung. Berlin, Hermann Sack, 1921. 8. 
188 SS. M. 26.—. 

Fischer, Carl August, Zur Lehre vom Staatsbankrott. (Volkswirt- 
schaftliche Abhandinngen der badischen Hochschulen. Hrsg. von Karl Diehl, 
Eberhard Gothein u. a. N. F. Heft 39.) Karlsruhe, G. Braun, 1921. gr. 8. 
VIII— 129 SS. M. 20.-. 

Gutmann, Prof. Dr. Franz, Grundsätzliches zum Reparationsplan. Jena, 
Gustav Fischer, 1921. 4". 20 SS. M. 3,50. 

Koppe, (Rechtsanw.) Dr. Fritz und (Reg.- Ass.) Dr. Kurt Ball, Die 
Körperschaftssteuererklärung der Erwerbsgesellschaften auf Grund des Körper- 
schaftssteuergesetzes vom 30. III. 1920, Mit in Zweifarbendruck ausgefülltem 
Musterformular für die Steuererklärung, Erl. und Anleit., sowie die Kapitalertrag- 
steuererklärung. Berlin, Industrieverlag Spaeth u. Linde, 1921. 8. 86 SS. M. 10,20. 



I 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 275 

Koppe, Die Neuregelung des Lohnabzugs vom 1. VIII. 1921 ab (Gesetz vom 
11. VII. 1921). Zusammenstellung und Erläuterung aller zurzeit geltenden Vor- 
schriften über den Lohnabzug mit praktischen Musterbeispielen, Berlin, Industrie- 
verlag Spaeth u. Linde, 1921. 8. 78 SS. M. 9,20. 

Otto, (Reg.-E.) Richard, Das Einkommensteuergesetz vom 29. III. 1921. 
Eine gemeinverständliche Darstellung des Hauptinhaltes des Gesetzes mit Berück- 
sichtigung der Aenderungen gegenüber dem Preußischen Einkommensteuerrecht 
und den notwendigen Ergänzungen aus der Reichsabgaben-Ordnung. Berlin- 
Bohnsdorf, Schild u. Scholle-Verlagsgesellschaft, 1921. 8. 48 SS. M. 6,50. 

Pfeiffer, (Geh. Reg.-R.) Ernst, Das Gesetz gegen die Kapitalflucht vom 
24. XII. 1920 in der Fassung vom 4. VII. 1921 und die das Gesetz ergänzenden 
Verordnungen erl. (Sammlung deutscher Gesetze 67.) Mannheim, J. Bensheimer, 
1921. kl. 8. III— 140 SS. M. 10.—. 

Combat, F. J. , La taxe sur le chiffre d'affaires et la taxe de luxe. Comp- 
tabilite, obligations des commer^ants, plan comptable. Paris, Berger-Levrault. 8. 
fr. 15.—. 

8. Geld-, Bank-, Kredit- und Tersichernngswesen. 

Jores , Carl (-J-), Grundzüge des Geld-, Kredit- und Bank- 
wesens. Vierte, vermehrte und verbesserte Auflage, herausgegeben von 
Karl Heinz Lemke. Leipzig (G. A. Glöckner) 1920. 8». IV u. 
296 SS. (Preis: (geb.) M. 24.—.) 

Das Buch will Grundzüge geben, „die sowohl dem Studierenden 
als auch dem in der Praxis stehenden Interessenkreis" (soll vermut- 
lich heißen : Interessentenkreis) „vornehmlich den (?) der Bank, des Handels 
und der Industrie, ein (einen?) Führer bedeuten, der zur Vertiefung 
und Weiterentwicklung der dieses Gebiet umfassenden wirtschaftlichen 
Fragen beisteuert". (Vorwort.) In drei Teilen werden behandelt: Das 
Geld und seine Ersatzmittel — der Kreditverkehr — das Bankwesen. 

Den "Wert des Buches für den Studierenden halte ich für nur be- 
schränkt. Seine theoretischen Teile sind offensichtlich seine schwächsten 
Teile. Besser — u. m. D. im allgemeinen gut — sind die mehr tech- 
nischen Angaben und Darstellungen, insonderheit das reiche tabellarische 
und Zahlenmaterial. Sie werden dem Leser aus der Praxis zustatten 
kommen. 

Ein schwerer Irrtum findet sich auf Seite 277 : Es ist natürlich nicht 
richtig, daß ein Drittel der Beichsbanknoten „in bar (deutschem Gold, 
B-eichskassenscheinen, Noten anderer deutschen Banken, Gold in Barren 
oder ausländischen Münzen)" gedeckt sein müsse. Statt „deutsches Gold" 
muß es „deutsches Geld" heißen; vor allem aber: die fremden Noten sind 
zur „Bardeckung" überhaupt nicht zugelassen. Der Verfasser, der gleich 
nachher die Vorschriften über das Notenkontingent behandelt, bringt hier 
die Bestimmungen über den „Barvorrat" und diejenigen über „Bardeckung" 
durcheinander. Daß beide miteinander nichts zu tun haben, bedarf nicht 
der Begründung. 

Jena, Karl Elster. 

Heyn, Otto (■}-), lieber Geldschöpfung und Inflation. 
(Finanz- und volksvtdrtschaftliche Zeitfragen, herausgegeben von Schani u. 
Wolf, 73. Heft.) Stuttgart (Ferd. Enke) 1921. 8. 79 SS. (Preis: M, 12.—.) 

18* 



276 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

Die Schrift, die ich hier anzuzeigen habe, ist wohl die letzte Gabe 
Otto Heyns, und sie ist erst nach seinem Tode erschienen. Das Bild 
seines unermüdlichen Wirkens bedurfte für uns keiner Vervollständigung 
mehr; aber es zeigt sich uns hier noch einmal in hellem Lichte. 

Der Platz des Verewigten in der Literatur vom Gelde ist heute ge- 
sichert und seinem Namen die Dauer verbürgt. Im Kampf um die "Währung 
stand Otto Heyn in vorderster Linie ; oft fand er Zustimmung, öfter wohl 
Widerspruch, immer Beachtung. 

War er der Vorläufer des heute sich immer stärker entfaltenden 
„Nominalismus" ? Der „Johannes" der neuen Lehre ? Ich glaube es nicht. 
Nicht am Anfange einer Entwicklungsreihe steht Otto Heyn ; wohl eher — 
doch dies mag die Zukunft erweisen — stand er am Ende. 

Heyn war nicht „Metallist" im Sinne Knapps ; dem „Metallismus" galt 
der Kampf seines Lebens. Noch weit schärfer aber schied seine grund- 
legende Meinung, das Geld sei ein Gut und habe — weil nützlich und 
selten — Wert, ihn von den Anhängern der Staatlichen Theorie, die den 
Geldwert nicht kennen und die Gutsqualität des Geldes bestreiten. Auch 
unter den „Nominalisten" anderer Hichtung hatte der Theoretiker Heyn 
keinen Wegesgenossen. Er stand allein. 

Soweit wir heute sehen können, wird er es bleiben. Die Wissen- 
schaft hat andere Wege eingeschlagen, als Heyn sie ging; ein Einfluß 
seines mehr als fünfundzwanzigjährigen Wirkens ist nirgends erkennbar. 
Hier liegt die Tragik eines Lebens, das dennoch köstlich gewesen ist, 
weil es so reich gewesen ist an Mühe und Arbeit. 

Das vorliegende Buch behandelt auf der Grundlage der bekannten 
Heynschen Leitsätze die Frage der Geldschöpfung, das Inflationsproblem 
und die Deckungsfrage. „Die weitere Bearbeitung wird zweckmäßig bis 
nach Eingang anderer Meinungsäußerungen verschoben" — so schrieb er. 
An dieser Arbeit selbst noch teilzunehmen, war ihm nicht beschieden. 

Jena. Karl Elster. 

Dick, Dr. Ernst, Das Geldwesen und der Weg zum sozialistischen Staat. 
2. Aufl. Erfurt, Freiland-Freigeld- Verlag, 1921. gr. 8. 15 SS. M. 1.—. 

Kitzing, Carl, Börsentechnik. Vorteilhafte Börsengeschäfte. 2. Aufl. 
12 SS. M. 3,.^0. 

— , Der kleine Börsenspekulant. Praktische Winke in Börsenangelegenheiten, 
2. Aufl. 12 SS. M. 3,50. Berlin, Pattkammer u. Mühlbrecht, 1921. gr. 8. 

Kleines Salin g's Börsen-Jahrbuch. Ein Handbuch für Kapitalisten und 
Effektenbesitzer. Bearbeitet von John Weber und Ernst Heinemann. 1921—1922. 
10. Aufl. Berlin, Verlag für Börsen- und Finanzliteratur 1921. kl. 8. XX -672 SS. 
M. 36.—. 

Oehler, (Oberbürgermstr.) Dr. A dal her t, Das Recht der öffentlichen Spar- 
kassen. Seine Bedeutung für das Spar- und Kreditwesen und seine Weiterent- 
wickelung. Vortrag, gehalten in der Fürst Leopold-Hochschule für Verwaltungs- 
wissenschaften in Detmold vor dem Sparkassen-Aussprache-Lehrgang im Juni 1921. 
Detmold, Meyersche Hofbuchhandlung, 1921. 8. 74 SS. M. 5.—. 

Peitgen, Fritz, Die wirtschaftliche Bedeutung des Wechselverkehrs und die 
Frage eines Weltwechselrechts. Leipzig, Buchhandlung Gustav Fock, 1921. gr. 8. 
176 SS. M. 20— (Würzburg, Jur.-Dissertation von 1920). 

Prange, Gustav, Das deutsche Kriegsnotgeld. Eine kulturgeschichtliche 
Beschreibung. 1. Aufl. Bd. 1. Görlitz, Verlagsanstalt Görlitzer Nachrichten und 
Anzeiger, 1921. 4. VII— 116 SS. mit 3 Taf. M. 18.—. 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 277 

S c h i g u t , Prof. Eugen, Abschreibungen und Erneuerungsfonds. Eine 
biJanzwisseuschaftliche Studie. Wien, M. Perles, 1921. 8. 16 SS. M. 3.— . 

Tafel, Dt. Paul, Die Nationalisierung des Bankwesens. München, J. F. 
Lehmanns Verlag, 1921. 8. 8 SS. M. 0,80. 

Zeil er, (Reich<ger.-E.) Alois, Dr. Rudolf Wassermann, Dr. Adolf 
Mayer (Rechtsanwälte), Die Geldentwertung als Kredit-, Kalkulations- und Be- 
steuerungsproblem. (Werkerhaltungskosten.) München, J. Schweitzer Verlag (Arthur 
Sellier) 1921. gr. 8. VIU— 94 SS. M. 15.—. 



Arthuys, Jacques, Le probleme de la monnaie. Paris, Nouv. libr. nat. 8. 
fr. 6,50. 

Hare, Sir Lancelot, Currency and employment. Deflation of the currency. 
A reply to the anti-deflationists. London, King Cr. 8. 59 pp. 2/.6. 

Längsten, Loyd Helvetius, and Whitney, Nathan Ruggles, 
Banking practice; a textbook for Colleges and schools of business administration. 
New York, Ronald Press. 8. 17+395 p. $ 3.—. 

Moir, Henry. Life assurance primer; a textbook dealin g with the practice 
and mathematics of life assurance for advauced schools, Colleges and universities, 
3rd rev. and enl. ed. New York, The Spectator Co. 8. 7+230 p. $ 3. 

Spalding, William F., The fanctions of money; a handbook dealing with 
the subject in its practical, theoretical, and historical aspects; with a foreword by 
George Armitage-Smith. New York, Pitman, 1921. 8. 11+168 p. $ 3.—. 

Tillyard, F., Banking and negotiable instruments. A manual of practical 
law. 6th edn. London, Black. Cr. 8. 419 pp. 10/.6. 

Walters, F. Y., Money and money 's worth. With a preface by the Rt. Hon. 
J. R. Clynes, London, St. Catherine Press. Cr. 8. 160 pp. 2/. 

Ramella, Agostino, Trattato delle assicurazioni, Milane , Francesco 
Vallardi. 16°. XII-570 p. 1. 65.-. 

9, Gewerbliche Arbeiterfrage. Armenwesen und Wohlfahrtspflege. 
Wohnungsfrage. Soziale Frage. Frauenfrage. 

Cole, G. D. H., Guild socialism re-stated. London (Parsons) 1921. 
80. 224 SS. (Preis: 6 sh.) 

Field, G. C, Guild Socialism; a critical examination. London 
(Weiss Gardner, Darton u. Co.) 1920. 8». 158 SS. (Preis: 5 sh.) 

Der österreichische Sozialistenführer Dr. Otto Bauer kennzeichnet in einer 
Schrift die Ziele des englischen Gildensozialismus, den er als Vorbild anerkennt, 
wie folgt : Die Arbeitsmittel sollen Eigentum des Staates werden und der Staat 
soll ihre Verwaltung den Arbeitenden selbst übertragen. Jede Gewerkschaft 
verwandelt sich in eine „nationale Gilde", das beißt in eine das ganze 
Staatsgebiet umfassende Produktivgenossenscbaft, und diese übernimmt die 
Verwaltung ihres Industriezweiges. In der inneren Verwaltung ihres 
Industriezweiges bleibt die nationale Gilde vom Einflüsse des Staates frei. 
Wo aber die einzelne Industrie der Gesellschaft gegenübertritt, dort treten 
der Staat, lokale Selbstverwaltungskörper oder Konsumgenossenschaften ihr 
als Sachverwalter der Verbraucher gegenüber: ein gemischtes Komitee, 
aus der Gilde und der zur Vertretung der allgemeinen Verbraucher- 
interessen berufenen Körperschaften zusammengesetzt, entscheidet über die 
Beschaffenheit und über die Preise der zu erzeugenden Waren. So überläßt 
der Staat jeden Industriezweig in seinen inneren Angelegenheiten der 
Selbstverwaltung seiner Arbeiter und in den Angelegenheiten, die die Ver- 
braucher mitberübren, der gemeinsamen Selbstverwaltung der Arbeiter und 
der Verbraucher. Der Staat selbst aber gleicht die Anteile aller Arbeitenden 



278 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 

am gesellschaftlichen Arbeitsertrag einander an , indem er von jeder 
nationalen Gilde eine Rente einhebt und durch die Abstufung dieser Renten 
die Unterschiede zwischen den Arbeitseinkommen ausgleicht. 

Die Erträge würden somit, zum Unterschiede vom produktivgenossen- 
schaftlichen Typus bisheriger Art, der zuständigen Gebilde verrechnet werden, 
die der bestehenbleibende Schattenstaat zu besteuern hätte. 

1 e , einer der Führer der englischen Literaten, die (u. a. in der 
Monatsschrift The Guildsman) diesen Gedanken ersonnen haben xmd ver- 
fechten , geht davon aue, daß die Forderung nach einer Beherrschung 
(„control") der Industrie durch die Arbeiterschaft nicht mehr zurücktreten 
und daß ein gesellschaftlicher Frieden erst nach deren Erfüllung sich er- 
geben werde, zumal der Weltkrieg, die Umstürze in seinem Gefolge und 
die Kommunistenherrschaft in Rußland das Machtbewußtsein der organi- 
sierten Arbeiter ungeheuer gestärkt hätten. Das politische Repräsentativ- 
system — Parlamentssouveränität und Regierungsautokratie — seien in- 
folgedessen überholt; der einzelne Staatsangehörige müsse sich in umfang- 
reicher Weise — all seinen Zielen gemäß — organisieren und je nach 
den Problemen seine Vertreter bestellen können. Deren Wirken wird 
einen berufständischen Aufbau der Gesellschaft herbeiführen. Im einzelnen 
werden freilich die politischen Ziele der Verschiedenheit der Völker gemäß 
zu verschiedenartigen Organisationen führen. Handwerker wie Bauern 
bleiben außerhalb des Systems. 

Die von den Gildensozialisten aufgestellten Grundsätze erfahren vom 
Lehrer der Philosophie an der Liverpooler Universität Field eine scharfe 
Kritik. Er weist auf die Schwäche des Staates in der Gesellschafts- 
konstruktion der Gesinnungsgenossen Coles hin; der Staat der Gilden- 
sozialisten könnte sich nicht als bester Hüter der Wohlfahrt bewähren. 
Und eine „industrielle Demokratie" lasse sich nicht, wie die politische, 
mit bloßen Wahlzetteln bewirken; um im Wirtschaftsleben fortlaufend 
sachgemäße Entschlüsse fassen zu können, bedarf man besonderer Sach- 
kunde und der Erfahrung. Die Uebertragung der gesellschaftlichen Gewalt 
an die Gewerkschaftsverbände würde den stärksten unter ihnen (so etwa 
jenem der Transportarbeiter) eine schrankenlose Verfolgung ihrer Sonder- 
ziele gestatten. Diese Verhältnisse würden die Freiheit des einzelnen 
Arbeiters wie des Verbrauchers wesentlich beeinträchtigen. Im übrigen 
scheint F. nicht den Eindruck zu haben, daß ein nennenswerter Bruchteil 
der englischen Arbeiter den Wunsch habe, die höchste Gewalt für ihre 
Klassengenossen zu beanspruchen. 

Wien. E. Schwiedland. 



Kaufmann, Paul, Wiederaufbau und Sozialversicherung. 
Vorschläge zur Aenderung der Reichsversicherungsordnung. Berlin (Georg 
Stilke) 1920. 8. 61 SS. (Preis: M. 4.—.) 

Wenn jemand berufen ist, über die Frage einer modernen Aus- 
gestaltung der Reichsversicherungsordnung zu sprechen, so ist es der be- 
währte Präsident des Reichsversicherungsamts, und es ist zu begrüßen, 
daß Präsident Kaufmann seine Reformvorschläge durchaus dem Geist 
der Zeit entsprechend formuliert. — Mit Recht betont er, daß Deutschland 



Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutscblands und des Auslandes. 279 

besonders seiner sozialpolitischen Gesetzgebung den Aufstieg der breiten 
Massen und die Erhöhung der Leistungsfähigkeit verdankt, und daß nur 
dadurch die enormen Leistungen der vier Kriegs jähre fundiert werden 
konnten. Kaufmann verlangt vor allem eine Neubearbeitung der Reichs- 
versicherungsordnung, besonders eine Vereinfachung des viel zu kompli- 
zierten Versicherungsgesetzbuches. — In der Unfallversicherung soll 
die Tätigkeit der Berufsgenossenschaft erst mit der Wiedereinstellung des 
Unfallbetroffenen abschließen und eine Arbeitsbehandlung eingeführt werden, 
die den einzelnen wieder zu seiner oder zu einer anderen Arbeit fähig 
macht. Das wäre natürlich für die Kriegsverletzen von großer Bedeutung. 
Kaufmann hält eine Mitarbeit der Arbeitnehmer an der Leitung der Be- 
Tufsgenossenschaft für außerordentlich bedeutend. Er verlangt eine Erweite- 
rung des Begriffes „Betriebsunfall" und eine Vereinfachung des Renten- 
verfahrens. — In der Krankenversicherung muß die Mutterschafts- 
fürsorge ausgebaut und die Krankenbehandlung auch auf die Familien- 
angehörigen ausgedehnt werden. — In der Invaliden- und Hinter- 
bliebenenversicherung wäre eine Erhöhung der Versicherungsgrenze, 
aber natürlich auch eine Erhöhung der Renten erforderlich. 

Sehr wichtig erscheint mir der Vorschlag Kaufmanns, die Angestellten- 
versicherung schon zur Vereinfachung der Verwaltungskosten aufzidösen 
und ihre Einbeziehung in die bestehenden Versicherungszweige. In ähn- 
licher Weise wie Prange die Teilnahme der Versicherten bei den Organen 
■der Sachversicherung, verlangt Kaufmann sie für die Träger der Personal- 
versicherung. 

Das Bändchen ist inzwischen in zweiter Auflage erschienen! 

Berlin-Schöneberg, K. Zielenziger. 

Beyer, (Reg.-R.) Dr. med. Alfred, Gesundheit und gewerbliche Arbeit. 
Ein Beitrag zur Erweiterung und Organisation des Gesundheitsschutzes der Arbeit- 
nehmer. (Veröffentlichungen aus dem Gebiet der Medizinalverwaltung. Bd. 13, 
Heft 5.) Berlin, Verlagsbuchhandlung von Richard Schoetz, 1921. gr. 8. 174 SS. 
M. 24.—. 

Brauns, (Reichsarbeitsmin.) Dr. H e i n r i c h , Lohnpolitik. M.-Gladbach, Volks- 
vereins-Verlag, 1921. kl. 8. 32 SS. M. 2.—. 

Feig, (Geh. Reg.-R.) Dr. Johannes und (Geh. Reg.-Rat) Dr. Friedrich 
Sitzler, ßetriebsrätegesetz. 7. u. 8. Aufl. (Das neue Arbeitsrecht in erläuterten 
Einzelausgaben. Hrsg. von Dr. Joh. Feig und Dr. Friedrich Sitzler. Bd. 1.) Berlin, 
Franz Vahlen, 1921. kl. 8. 380 SS. M. 25.—. 

George, Henry, Soziale Probleme (Social problems). Deutsch von Franz 
Stöpel. 4. unveränderte Aufl. Mit einem Vorwort von Adolf Damaschke. Jena, 
Gustav Fischer, 1921. gr. 8. VIII— 183 SS. M. 15.—. 

Kaufmann, (Präs.) Dr. Paul, Die soziale Bekämpfung der Tuberkulose. 
Rückschau und Ausblick. (Vortrag auf dem deutschen Tuberkulose-Kongreß in 
Bad Elster.) Berlin, Franz Vahlen, 1921. 8. 24 SS. M. 2.—. 

Palla, Dr. Edmund, Kammer für Arbeiter und Angestellte in Nieder- 
österreich. Die Interessenvertretung der Arbeiterschaft in Oesterreich. Eine Denk- 
schrift zur Errichtung der Arbeiterkammern. Wien, Wiener Volksbuchhandlung 
F. Skaret u. Dr. Danneberg, 1921. 8. 60 SS. M. 5.—. 

Weber, Prof. Dr. Adolf, Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit. Ge- 
werkschaften und Arbeitgeberverbände in Deutschland. 3. und 4. Aufl. Tübingen, 
J. C. B. Mohr, 1921. gr. 8. XX— 465 SS. mit 3 Tab. M. 60.—. 



280 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes.. 

Assurances (les) sociales en Alsace et en Lorraine. Les assurances sociales 
fran^aises. Maladie. Invalidite. Vieillesse. Accidents industriels et agricoles. 
Employes prives. 2" edition completee et annotee. Strasbourg, Impr. stras- 
bourgeoise, 1921. 8. 262 pag. fr. 6,50. 

Leger, J. Augustin, La regression des salaires. Paris, impr. Ohaix, 
1921. 8. 44 pag. 

Salaire des ouvrieres ä domicile dans l'industrie du vetement. Ronen, Impr. 
nouvelle, 1921. 8. 74 pag. 

Balderston, Robert W., and Gary, Eichard L., Social and industrial 
conditions in the Germany of to-day. Philadelphia, The Am. Academy of Political 
and Social Science. 8. 13+166 p. $ 1,50. 

Graham, W. , The wages of labour. London, Cassell. Cr. 8. 166 pp. 5/. 

Lloyd, C. M., Trade unionism. Revised and enlarged. London, Black. 
Cr. 8. 300 pp. 5/. 

S 1 e s s e r , H. H., Trade unionism. 2 nd edn. revised. London, Methuen. Cr. 8. 
144 pp. 5/. 

Tannenbaum, Frank, The labor movement; its conservative functions 
and social consequences. New York, Putnam. 8. 9+259 p. $ 2.—. 

Zimand, Savel, Modern social movements; descriptive summaries and 
bibliographies. New York, H. W. Wilson Co., It21. 8. 6+260 p. $ 1,25. 

Problemi (I) economico-sociali dell' ora presente. Relazione del IX. Con- 
gressso di studi sociali, Roma, 13—18. dicembre 1920. Torino, Societä editrice 
internazionale. 16o. 160 p. 1. 5. — . 

10. Genossenschaftswesen. 

Hildebrand, (Gen.-Rev. d. Landw. Zentral-Darlehnskasse f. Deutschi. u. 
Handelshochsch.-Doz.) Karl, Die Finanzierung eingetragener Genossenschaften. 
(Einzelwirtschaftliche Abhandlungen. Hrsg. von Friedrich Leitner. Heft 4.) Berlin, 
Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter u. Co., 1921. ffr. 8. 
XII— 210 SS. M. 30.—. ^ 

Jahresbericht des Generalverbandes der deutschen Raiifeisen-Genossen- 
schaften, e. V., für 1920 und Ergebnisse der Statistik der Raiffeisen-Genossenschaften 
für 1919 oder 1919/20. Berlin, Generalverband der deutschen Raiffeisen-Genossen- 
schaften 1921. 4. 126 SS. M. 20.—. 

11. Gesetzgebung, Staats- und Verwaltungsrecht. Staatsbürgerkunde. 

Baumgartner, (Min.-R.) Dr. jur. u. Dr. phil. E u g e n , Kurze Einführung in 
die Staatslehre. Freiburg i. B., Herder u. Co., 1921. 8. IV— 39 SS. M. 3.50. 

Beyerle, (Geh. Hofr.) Prof. Dr. Konrad, Parlamentarisches System — oder 
was sonst? München, Dr. Franz A. Pfeiffer u. Co., 1921. 8. 24 SS. M. 3.—. 

Blume, Prof. Dr. Wilhelm, Die Verfassung Württembergs vom 25. IX. 1919. 
Textausg. m. Anm. Durchges. Abdr. (Mohr'sche Ausgabe Württemberg. Gesetze). 
Tübingen, J. C. B. Mohr, 1921. 16. 42 SS. M. 3,60. 

Breme, (Min.-R.) Das Reichsversorgungsgesetz (Gesetz über die Versorgung 
der Militärpersonen und ihrer Hinterbliebenen bei Dienstbeschädigung) vom 12. V. 
1920 nebst den daza gehörigen Gesetzesbestimmungen und Erlassen, erläutert und 
mit Anmerkungen versehen. (Stilkes Rechtsbibliothek Nr. 6). Berlin, Georg Stilke, 
1921. kl. 8. VIII— 440 SS. M. 37,50. 

Bürger, Der, im Volksstaat. Eine Einführung in Staatskunde und Politik. 
In Verbindung mit Eugen Baumgartner und anderen, hrsg. von Dr. Hermann 
Sacher. Freiburg i. B., Herder u. Co., 1921, 8. VIII— 321 SS. M. 15,50. 

Engländer, Prof. Dr. Kon r ad. Zur Theorie des Patentrechts. Jena,. 
Gustav Fischer, 1921. gr. 8. III— 96 SS. M. 15.—. (Aus: Jherings Jahrbücher 
für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts Bd. 71. 2. F. 35) 

Groener, (Eeichsverkehrsmin.) Wilhelm, Die Eisenbahn als Faktor der 
Politik. Vortrag, gehalten in der Hochschule für Politik. (Finanz- und volkswirtr 
schaftliche Zeitfragen. Hrsg. von Georg Schanz u. Julius Wolf, Heft 76). Stutt- 
gart, Ferdinand Enke, 1921. 4. 13 SS. M. 3,60. 




TJebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 281 

Grumbkow, Dr. Waldemar von, Die Geschichte der Kommunalaufsicht 
in Preußen. Berlin, Carl Heymanns Verlag, 1921. gr. 8. VI-224 SS. M. 20.—. 

Hub er, (Min.-Dirig., Geh. Oberjustizr.) Eudolf, Die Verfassung des Frei- 
staats Preußen vom 30. XI. 1920. Erl. (Sammlung deutscher Gesetze 71). Mann- 
heim, J. Bensheimer, 1921. kl. 8. XXX— 210 SS. M. 15.—. 

Kinkel, (Rektor) 0., Theorie xind Praxis der staatsbürgerlichen Erziehung 
und Bildung. Beiträge. Gießen, Emil Roth, 1921. gr. 8. 114 SS. M. 8,50. 

Koellreutter, Prof. Dr. Otto, Das parlamentarische System in den deut- 
schen Landesverfassungen (Recht und Staat in Geschichte und Gegenwart 19). 
Tübingen, J. C. B. Mohr, 1921. gr. 8. III-14 SS. M. 4,50. 

Lamm er 8, (Oberreg.-R.) Dr. Hans- Heinrich, Das Gesetz über den Staats- 
gerichtshof vom 9. VII. 1921. Erl. (Taschen-Gesetz-Sammlung 53). Berlin, Carl 
Heymaims Verlag, 1921. kl. 8. XII-117 SS. M. 14.—. 

Lukas, Prof. Dr. Joseph, Deutschland und die Idee des Völkerbundes. 
Münster, E. Obertüschens Buchh., Adolf Schnitze, 1921. gr. 8. XI— 127 SS. M. 14.—. 

Nawiasky, Prof. Dr. Hans, Der föderative Gedanke in und nach der 
Reichsverfassung. Nach einem Vortrag im Zyklus 1 der gemeinverständlichen Einzel- 
vorträge der Universität München. (Politische Zeitfragen. Jg. 3, Heft 7). München, 
Dr. Franz A. Pfeiffer u. Co., 1921. 8. S. 137—160. M. 2,50. 

Negenborn, (Oberreg.-R., Mitgl. d. Preuß. Landtags) Dr. jur. Karl Georg, 
Preußen — Eine deutsche Frage. Berlin. Otto Eisner, 1921. gr. 8. 41 SS. M. 5,50. 

Thoma, (Geh. Hof rat) Prof. Dr. Richard, Badische Gesetze des Verfassungs- 
rechts und des allgemeinen Verwaltungsrechts. Zsgest. (Sammlung deutscher Ge- 
setze 73). Mannheim, J. Bensheimer, 1921. kl. 8. IX— 218 SS. M. 15.—. 

Waldecker, Prof. Dr. Ludwig, Die Verfassung des Freistaats Preußen 
vom 30. XI. 1920. Mit Erl. u. Sachreg. (Stilkes Rechtsbibliothek Nr. 7). Berlin, 
Georg Stilke, 1921. kl. 8. 164 SS. M. 20.—. 



Democraties les modernes, par M. M. W. Steed, C. Bougle, H. Bois, 
E. Doumergue, G. Lanson, B. Vallotton, E. Boutroux, Ch. Andler, P. Doumergue. 
Paris, Ernst Flammarion, 1921. 18. 281 pg. fr. 7,50. 

Chapman, A. E. Guide to railway law. London, Pitman. 8. 235 pp. 7/.6. 

Cole, G. D. H., The future of local government. London, Cassell. Cr. 8. 
186 pp. 5/. 

Corwin, E. S., Constitution, and what it means to-day. London, Oxford 
Press. Cr. 8. 116 pp. 6/.6. 

Fairlie, John Archibald, The national administration of the United 
States of America. New York, Macmillan. 8. 7 +274 p. $ 2,75. 

James, Herman Gerlach, Local government in United States. New 
York, Appleton. 8. 15 + 482 p. $ 3,50. 

Leacock, S., Elements of poUtical science. New and enlarged edn. London, 
Constable. Cr. 8. 403 pp. 12/. 

Lord, A. R., The principles of politics; an introd. to the study of the evo- 
lution of political ideas. New York, Oxford Univ. Press., 1921. 8. 308 p. $ 3,40. 

Armani, Istuzioni di diritto pubblico. Padova, La litotipo editrice universitaria. 
8. 296 p. 1. 22.—. 

Mosca, Gaetano, Appunti di diritto costituzionale. 3* ediz. riveduta, corretta 
e accresciuta. Milano, Societä editrice libraria. 16°. X — 194 p. 1. 12. — . 

12. Statistik. 

Deutsches Reich. 
Segall, Dr. oec. publ. Jacob, Die deutschen Juden als Soldaten im Kriege 
1914—1918. Eine statistische Studie. M. e, Vorwort von Prof. Dr. Heinrich Silber- 
gleit. Berlin, Philo Verlag u. Buchhdl., 1921. gr. 8. 58 SS. M. 7.—. 

Oesterreich. 
Beiträge zur Statistik der Republik Oesterreich Heft 6: Ergebnisse der 
außerordentlichen Volkszählung vom 31. I. 1920. Alter und Familienstand, Wohn- 



282 Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes 

Parteien. Bearb. u. hrsg. von d. Statist. Zentralkommission. 35, 54 SS. 2 Ta: 
Kr. 150. — . Heft 10 : Statistik der Nationalratswahlen des Jahres 1920. 1 : Haup 
ergebnisse. 48 SS. M. 20.—. Wien, Staatsdruckerei österr. Verlag. 4. 

Frankreich. 
Statistique agricole annuelle 1919. Paris, impr. nationale, 1920. 
452 pag. (Ministere de l'agriculture. Direction de l'agriculture. Office de renseigne- 
ments agricoles). 

England. 
Holland, R. W., Business statistics. The preparation, compilation and presen- 
tation. London, Pitman. Cr. 8. 93 pp. 3/.6. 

Jones, D. C, A first course in statistics. London, Bell. 8. 295 pp. 15/. 

Italien. 
Tivaroni, J., Statistica. Padova, La litotipo editrice universitaria. 8. 247 p. 
1. 18.—. 

13. Verschiedenes. 

Fischer, Alfons, Tuberkulose und soziale Umwelt. Eine 
Grundlage für die Bekämpfung der Tuberkulose durch die Gesetzgebung. 
(Sozialhygienische Abhandlungen. Nr. 4.) Karlsruhe (C. F. Müller) 1921. 
8^. 20 SS. (Preis: M. 7,20.) 

von Wassermann, Robert, Volkswirtschaftliche Be- 
trachtungen zur Steigerung der Tuberkulose-Sterblichkeit 
während des Krieges. (Greif swalder Staatswissenschaftliche Ab- 
handlungen. Hrsg. von Prof. Dr. W. Ed. Biermann und Prof. Dr. W. 
Kahler, IV.) Greifswald (ßatsbuchhandlung L. Bamberg) 1920. 8^ 
.88 + XIV SS. (Preis: 14.—.) 

In der vorliegenden erstgenannten Schrift zeigt der bekannte Sozial 
hygieniker, daß die Tuberkulosehäufigkeit und die Größe ihrer Gefahr eng zu- 
sammenhängen mit der allgemeinen Lebenshaltung, daß man also nicht so sehr 
von der Ansteckung oder von der Wohnungsbeschaffenheit allein, sondern mehr 
von einem Komplex wirtschaftlicher und sozialer Umstände, bei denen die Er- 
nährung eine hervorragende Holle spielt, die besondere Gefährdxing her- 
zuschreiben hat. Vergleiche zwischen dem Deutschland nach Einführung 
der Sozialversicherung und England ergeben, daß es namentlich die Lebens- 
mittelpreise und der Nahrungsbedarf der Bevölkerung sowie das Maß der 
gewerblichen freien Arbeit sind, die bestimmend auf die Erkrankungs- 
häufigkeit an Tuberkulose einwirken. Dazu kommen natürlich weitere 
begleitende Ursachen und Umstände, so daß neben jeder Besserung der 
Ernährungsmöglichkeit und Einschränkung der freien Arbeit erforderlich 
sind: Untersuchung der Kinder aller Altersklassen und Behandlung der 
erkrankten Kinder (Familienversicherung), Ausbau der gesundheitlichen 
Einrichtungen in allen Gewerbebetrieben, Verbesserung im Wohnungswesen 
und überhaupt hygienische Belehrung aller Volksschichten. Mit der Ein- 
kommenshöhe sinkt die Schwindsuchtshäufigkeit, die Selbständigen im Beruf 
sind weniger gefährdet und weniger anfällig als die Unselbständigen. Er- 
gänzt werden diese Feststellungen durch die von Fischer zum Schluß noch 
erwähnten Ermittlungen von Dr. R. von Wassermann, der eine fast ganz 
gleichlaufende Kurve des Absinkens des Kalorienwertes der Nahrung und 




Uebersicht über die neuesten Publikationen Deutschlands und des Auslandes. 283 

der ^/g bis 1 Jahr später sich ergebenden Erhöhung der Tuberkulose- 
häufigkeit ermittelt hat. 

So ist Fischers kleine Arbeit an wichtigen Aufschlüssen reich. 

Diese auch von Fischer erwähnte Wassermannsche Arbeit macht einen 
vorzüglichen Eindruck. Sie ergründet mit gi'oßem Fleiß unter Benutzung 
der vorhandenen Quellen die Tatsachen, die darauf hinauslaufen, daß es 
weit mehr als die Wohnung die Ernährung ist, durch deren Mangelhaftig- 
keit die Tuberkulosesterblichkeit gesteigert wird und zwar in besonders 
hohem Maße bei den Altersklassen, die dem jüngeren erwerbstätigen Alter 
angehören. Die große volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Tatsache liegt 
in der vorzeitigen Abnutzung der Arbeitsfähigkeit des Menschen. Besonders 
interessant ist des Verfassers Versuch einer Berechnung dieser Schädigung ; 
sie beträgt nach ihm '/s ^^^ gesamten Arbeitseinkommens, wovon dann 
noch einige Posten wieder abzusetzen sind, so daß für das Deutsche Reich 
ein jährlicher Verlust von 6,740 Milliarden M., in 4^/2 Jahren also ein 
solcher von 30,3 Millarden M. auf diesem Konto eingetreten ist (S. 66). 
Dazu kommt aber noch der Verlust durch zu frühen Tod in erwerbsfähigem 
Alter. Als dringend notwendig wird von Wassermann die Auffütterung 
namentlich durch Pleischnahrung bezeichnet, die sich für den Wiederaufbau 
reichlich bezahlt machen werde. Arbeiteransiedlung sei ebenfalls außer- 
ordentlich wichtig. Wertvolle Kurven und andere graphische Darstellungen 
beschließen das methodisch treffliche und praktisch aufschlußreiche kleine 
Werk Wassermanns. 

Berlin. Alexander Elster. 

Greenwood, Arthur, Public ownership of the liquor trade. 
London (Parsons) 1921. 8". 188 SS. (Preis: 4 sh 6 d.) 

Die englische Arbeiterpartei will dem gemeinen Manne seinen Trunk 
nicht vergällen, wohl aber ihn davor bewahren, daß er durch das in der 
Herstellung und im Vertriebe alkoholischer Getränke veranlagte TJnter- 
nehmerkapital dazu verleitet werde, möglichst viel und oft und in kon- 
zentrierteren Formen Alkohol zu sich zu nehmen. Sie tritt demgemäß 
für die Monopolisierung der Erzeugung wie des Handels und des Ver- 
schleißes alkoholhaltiger Getränke ein. Um dieses Ziel zu erreichen, 
knüpft sie an die Kriegsgesetzgebung an, die im Central Control Board 
(Liquor Traffic Act vom Mai 1915) eine besondere Körperschaft zur Ein- 
schränkung des Alkoholkonsums und zui* Durchführung einer Gasthaus- 
reform ermächtigt hat. 

Auf Grund dieser Bestimmungen wurden namentlich in Carlisle und 
Umgebung erfreuliche Fortschritte erzielt, deren Schilderung im Anhang 
des Buches (S. 160 — 188) enthalten ist. Die Errichtung von Munitions- 
werkstätten hatte in diesem Oiiie sowie in seiner Umgebung einen un- 
geheuren Zuzug von Arbeitern und eine außerordentliche Wohnungsenge 
und in der Folge eine starke Zunahme der Trunksucht herbeigeführt. 
Nun wurden dort 42 Proz. der Schanklizenzen eingezogen und die be- 
stehen gebliebenen Stätten in öffentliche Verwaltung übernommen. Die 
Betriebe wurden durch Verabreichung von Speisen sowie von leichten 
Erfrischungsmitteln vom Interesse an der Steigerung und Hochhaltuug 



284 



Die periodische Presse des Auslandes. 



des Alkoholabsatzes gelöst und eine vorbildliche Gasthausreform wurde 
auch in sonstigen Belangen durchgeführt. Seither gilt die Ausdehnung 
dieses Systems auf das ganze Land als erforderlich. Verf. ist einer der 
Funktionäre, der diese Vergesellschaftung fördernden „Labour Campaign 
for the public ownership and control of the liquor trade" (London WCl, 
Mecklenburgh squ. 45). 

Wien. E. Schwiedland. 

Hauser, Otto, Easse und Kassefragen in Deutschland. Weimar, Alexander 
Dancker, 1921. 8. VII— 132 S8. M. 8.—. 

Lips, Dr. Julius Ernst, Die internationale Studentenbewegung nach dem 
Kriege. („La confederation internationale des etudiaiits".) Leipzig, Verlag Vivos 
voco (Koßstr. 14), 1921. gr. 8. VII— 112 SS. M. 6.50 + 10 Proz. T. 

Lucius V. B all h aus en (Staatsmin.) Robert Frh., Bismarck-Erinnerungen. 
Stuttgart. J. G. Cotta'sche Buchhdlg. Nachf., 1921. gr. 8. XII— 622 SS. mit einem 
Bildnis und 1. Faks. M. 38.—. 

Paumgartten, Karl, Judentum und Sozialdemokratie. 2. vollst, umgearb. 
Aufl. Graz, Heimat-Verlag Leopold Stocker, 1921. 8. 60 SS. M. 5.—. 

Spickernagel, Dr. Wilhelm, Fürst Bülow. Hamburg, A Ister- Verlag, 
1921. 8. 264 SS. mit 1 Titelb. M. 30.—. 

Strecker, Karl, Unsere Kaiserin. Lebensbild einer deutschen Frau. Berlin, 
Verlag der „Deutschen Zeitung," 1921. 8. 134 SS. mit Abb., 8 (1 färb.) Taf. 
M. 15.—. 



1 



Die periodische Presse des Auslandes. 



I 



A. Frankreich. 
Journal des Economistes. 80" Annee, Juin 1921: Le budget du Royaume 
— Uni pour 1921 — 1922, par W. M. J. Williams. — Le retpur ä l'ecole de 
Manchester, par Gerald B. Hurst. — La dette publique des Etats — Unis de 
1789 ä 1861, par Arthur Raffalovich. — Le credit industriel et commercial, par 
J. L. S. — La Situation economique et fin andere du Japon en 1920, par Georges 
de Nouvion. — etc. Juillet 1921; Les salaires et les prix,,par Yves-Guyot. — Les 
Industries electriques en Chine, par Fernand-Jacq. — L'Etat et l'interet general, 
par N. Mondet. — Le Canada peudant les six dernieres annees (1914 — 1920), par 
Arthur Raffalovich. — La crise economique en Espagne, par Angel Marvaud. — 
L'economique comme base de la morale, par J. B. Legros. — etc. 

B. England. 

Review, The Contemporary. July 1921, Nr. 667: President Harding's first 
stage, by S. K. Ratcliffe. — The evolution of the German republic, by Eduard 
Bernstein. — Is there an alternative government?, by Watchman. — Infant 
mortality and the welfare movement, by Eric Pritchard. — etc. 

Review, The Fortnightly. July 1921: The State and the railways (II), by 
A. R. Marriott. — German finance and reparations, a letter from Berlin, by Robert 
Crozier Long. — The Austrian question, by Theodor von Sosnosky, — Goal and 
revolution, by Gerald Gould. — Palestiue, by Mrs. Rosita Forbes. — etc. 

C. Oesterreich. 
Handelsmuseum, Das. Hrsg. von der Direktion des Handelsmuseums. 
Bd. 36, 1921, Nr. 26: Die handelspolitische Seite der Wiedergutmachungen, von 
(Priv.-Doz.) Dr. Siegmund Schilder. — Die Ukraine als Absatzgebiet. — etc. Nr. 27 : 
Die Wiener Wirtschaftsbehörden, von Herbert Hofmann. — etc. Nr. 28: Wien und 
der nahe Osten, von Gustav Herlt. — Gemeinwirtschaftliche Betätigung in Deutsch- 



Die periodische Presse Deutschlands. 285 

Oesterreich. — etc. Nr. 29: Die Wirtschaftslage Rumäniens zu Ende Juni 1920, 
von Leopold Fischl. — Die Bedeutung der Lagerhäuser der Gemeinde Wien für 
Durchfahrhandel und Industrieförderung, von Herbert Hofmann. — Steuerrechtliche 
Begünstigungen von Anlagen und Einrichtungen zur Brennmaterialersparnis. — 
€tc. Nr. 30: Oesterreichs Außenhandel im Jahre 1920, von Dr. Harald E. Braun. 
— Deutsche Schiffahrtsverhältnisse. — etc. Nr. 31 : Oesterreichs Außenhandel im 
Jahre 1920 (Schluß) von Dr. Harald E. Braun. — etc. 

Volkswirt, Der österreichische. Jahrg. 13, 1921, Nr. 40: Dogmatismus und 
Opportunismus in der Demokratie, von Dr. Friedrich Hertz. — etc. Nr. 41: Ge- 
danken über die Ausgestaltung der Wiener Messe, von Dr. Julius Wilhelm. — etc. 
Nr. 42: Der englische Kohlenstreik, von Dr. Toni Kassowitz. — Die Wohnungs- 
frage, von Dr. Edmund Hahn. — etc. Nr. 43: Der ungarische Staatshaushalt, von 
Dr. G. St. — Die Geldliteratur der letzten zwei Jahre. Eine Darstellung und eine 
Kritik, von Dr. Richard Kerschagl. — etc. Nr. 44: Die ungarische Finanzreform, 
von Dr. G. St. — etc. Nr. 45: Romantischer Sozialismus, von Dr. T. St. — Pro- 
duktive Energiestatistik, von (Doz.) Dr. ing. M. Dolch. — etc. 

Q. Holland. 

Gids, De Sozialistische. Maandschrift der sociaaldemocratische arbeiderspartij. 
Jaarg. VI. Juni 1921, No. 6 : De aanbangige Grondwetsherziening, door J. H. 
Schaper. — Wetmatigheid in natuur en maatschappij, door J. v. d. Wijk. — De 
sociale positie van den kunstenaar, II, door C S. Adama van Scheltema. — Nog- 
maals socialisme en socialisatie. IV, door R. Kuyper. — De ziekteverzekering 
(antwoord aan Kupers), door M. J. Th. Vas Dias. — etc. — Juli 1921, No. 7: 
Klassen- en Partijdictatuur, door Karl Kautsky. — De sociale positie van den 
kunstenaar, III, door C. S. Adama van Scheltema. — Wetmatigheid in natuur 
en maatschappij, II, door J. v. d. Wijk. — Technies-Economies overzicbt, XV, 
Medezeggenschap in het spoorwegbedrijf, door Dr. Jr. Th. van der Waerden. — 
In memoriam J. G. van Kuijkhof, door Jos. Loopuit. — De aanbangige Grondwets- 
herziening, door J. Rensen. — Repliek, door J. H. Schaper. — etc. 



Die periodische Presse Deutschlands. 

Archiv für innere Kolonisation. Bd. 13, Jahrg. 1920,21, Mai/Juni, Heft 8/9: 
Wiederkaufsrecht und Vorkaufsrecht zu Siedlungszwecken, von (Geh.-Reg.-R.) 
Haaek. — Die Mängel des gesetzlichen Vorkaufsrechts, von Dr. Röhr. — Die Zu- 
kunft der deutschen Ansiedluugen in Westpreußen und Posen, von (Rechnungs- 
rat) Noack. — Die ungarische Agrarreform, von Dr. Heinrich Schiller. — Die 
21. Tagung der Direktoren der provinziellen und Landessiedlungsgesellschaften, 
Beratung über den Entwurf eines Reichsgesetzes betreffend den Verkehr mit land- 
wirtschaftlichen Grundstücken. — Das estnische Agrargesetz vom 10, X. 1919. — 
Das ungarische Agrarreformgesetz. — etc. 

Archiv für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie. Bd. 14, 1921, Heft 4: 
Ueber den Charakter der Geltungsprobleme in der Rechtswissenschaft (II), von 
(Priv.-Doz.) Dr. C. A. Emge — Zur psychischen Wirtschaftstheorie (IV), von 
(ord. Honorarprof.) Dr. Robert Liefmann. — Grundgedanken einer deutschen Straf- 
prozeßreform, von Dr. Leo Haber. — etc. 

Archiv, Weltwirtschaftlicbes. Bd. 17, Juli 1921, Heft 1. Kräfte, Ziele und 
Gestaltungen in der deutschen Industriewirtschaft, von (ord. Prof.) Dr. Herbert 
V. Beckerath. — Die holländischen Kolonien und der Freihandel, von Prof. Dr. 
J. C. Kielstra. — Die Entstehung der englischen Währung, von (Priv.-Doz.) Dr. Kurt 
Singer. — Das Wesen, die Grenzen und die Wirkungen des Bankkredits, von (ord. 
Prof.) Dr. L. v. Bortkiewicz. — Der Kreislauf der Wirtschaftspolitik des russischen 
Kommunismus, von Dr. Hans v. Eckardt — Chronik der Bevölkerungspolitik, von 
Prof. Dr. Adolf Günther. — Chronik der Eisenbahnverkehrspolitik, von Fr. Wernekke. 
— Chronik der Postverkehrspolitik, von Dr, Erich Staedler. — Polens Handels- 



286 



Die periodische Presse Deutschlands. 



bilanz, von L. — Die Entwicklung des internationalen Wettbewerbs auf dem Kali- 
markt, von Dr. Robert Moraht. — Indian exehange and currency during 1920, vou: 
Prof. Brij Narain. — Die Finanzlage der Schweiz, von Prof. Dr. Fritz Karl Mann. 

— Chronik der Außenhandelspolitik für das Jahr 1920, von (Priv.-Doz.) Siegmund 
Schilder. — Randstaatenpolitik, von Dr. H. F. Crohn- Wolf gang. — Organisatiou 
und Tätigkeit der landwirtschaftlichen Genossenschaften in Kanada, von 
A. Schroeder. — etc. 

Bank, Die. August 1921, Heft 8: Steuern, von Alfred Lansburgh. — Dag 
bolschewistische Geld, von Dr. Friedrich Köhler. — Statistik der Großbank- Ab- 
schlüsse 1920 (zum Aufsatz „die Berliner Großbanken im Jahre 1920" im Juliheft). 

— Das Loch im Westen. — Das Privileg der deutschen Privatnotenbanken. — «etc. 

Bank-Archiv. Jahrg. 20, 1921, Nr. 20: Die bankmäßige Behandlung der 
Gutscheine für Exportabgaben, von (Bankdir.) Dr. Lammers. — Die Rechtsverhält- 
nisse beim Kauf von Wertpapieren, die mit französischer Opposition belegt sind, von 
(Rechtsanw.) Dr. Ernst Boesebeck. — Die Behandlung von Zinsscheinen aus- 
geloster Wertpapiere mit Rücksicht auf das Kapitalertragssteuergesetz, von 
(Rechtsanw.) Dr. Rau. — Notengläubiger und Notenbankdeckung, von (Landes- 
gerichtsrat) Dr. Otto Weinberger. — etc. Nr. 21: Zur Frage der Vorzugsaktien 
mit mehrfachem Stimmrecht, von Heinrich Dove. — Einzelfragen zur Körper- 
schaftssteuer, von (Rechtsanw.) Dr. Walter Asch. — etc. 

Export. Jahrg. 43, Juli 1921, Nr. 26—29: Aus Süd- und Mittelamerika. — 
Zur Lage in Spanien, von Dr. Dierks. — Auswanderer, die keine sind. — Der 
Frachtmarkt im nahen Orient. — Die Brasilianische Ausfuhr im Jahre 1920. — 
Die Bedeutung der Nordischen Woche für die Exportindustrien, von H. Henschel 
vom Hain. — Di§ Zollerhöhungen in der Schweiz. — Der amerikanische Handel 
mit Deutschland. — etc. 

Jahrbücher, Landwirtschaftliche. Bd. 56, 1921, Heft 1: Organisations- 
fragen und Forschungsprojekte in der Arbeit der Versuchsstationen, von Dr. 
H. Morstatt. — Arbeiten aus dem landwirtschaftlichen Institut der Universität 
Königsberg i. Pr. 26. Mitteilung : Das Wirkungsgesetz der Wachstumsfaktoren, 
von E. A. Mitscherlich. Unter Mitwirkung von Franz Dühring und Susanne von 
Saucken. — Die Tierzucht und ihre Bedeutung in Niederländisch-Ostindien, von 
Dr. Max Müller. — etc. Heft 2: Untersuchungen über Systematik und An- 
wendungsbereich der Lohnberechnungsweisen in der Landwirtschaft. — Pensum- 
lohn, Prämie, Akkord, Anteillohn, Tantieme, von Doktor der Landwirtschaft 
L. W. Ries. — Eine norddeutsche Wirtschaft unter dem Einflüsse des Krieges, von 
Dr. Tornau. — Der Einfluß des elektrischen Lichts auf das Pflanzenwachstum, von 
K. Tjebbes und J. C. Th. Uphof. 

Jahrbücher, Preußische, Bd. 185, August 1921, Heft 2: Amerika und 
Europa, von (Gouverneur) Dr. Heinrich Schnee. — Ziele und Ergebnisse der Kohlen- 
forschnug, von (Geheimrat) Prof. Dr. Franz Fischer. — Das junge Frankreich und 
das junge Deutschland, von (ord. Universitätsprof.) Dr. Eduard Wechsler. — Inter- 
nationale, von Walter Schotte. — etc. 

Kultur, Soziale. 41. Jahrg., Juli/August 1921, Heft 7/8: Vorläufer der 
Volkshochschule in Deutschland (I), von (Studienrat) Dr. Dieck. — Die Bedeutung 
der Baumwolle für Deutschland (I), von Hans Corty. — Staatliche Gasthausreforra 
in England, von E. Schwiedland. — Förderung der Produktivgenossenschaften in 
Frankreich, von E. Schwiedland. — Die Bedeutung der heimischen Stickstoff gewinnnng 
für die Landwirtschaft, von A. R. Erlbeck. — etc. 

Monatshefte, Sozialistische. 27. Jahrg., 57 Bd. 1921, Heft 15: Die Pro- 
gramme der deutschen Sozialdemokratie, von Conrad Schmidt. — Sozialistische 
Einigung, von Max Schippel. — Großbritannien und das europäische Festland, von 
Ludwig Quessel. — Die Sehlichtungsordnung, von Heinrich Stühmer. — etc. 

Oekonomist, Der Deutsche. 39. Jahrg., 1921, Nr. 2011: Hypotheken- 
banken und Wiederaufbau, von W. Erichsen. — Das weltwirtschaftliche Ueber- 
gewicht der Vereinigten Staaten von Amerika, von (Priv.-Doz.) Dr. Schnitze. — 
etc. Nr. 2012: Gesetz über die Abgabe zur Förderung des Wohnungsbaus. — Das 
Einziehungsverfahren, von Otto Schoele. — Zur Weltwirtschaftskrise. — etc. 



Die periodische Presse Deutschlands. 287 

Kr. 2013: Die Sachleistungen für den Wiederaufbau. — Lehren des deutsch- 
russischen Transportabkommens, von E, Trott-Helge. — etc. Nr. 2014: Polens 
Finanzelend in Oberschlesien. — etc. 

Plutus. 18. Jahrg., 1921, Heft 15: Privatnotenbanken. — ßankpolitik von 

1920, von Fritz Neisser, — etc. Heft 16: Verschleuderte Arbeit, von Eduard 
Simmel. — Die Stockholmer Effekten-Deroute. — etc. 

Praxis, Soziale u. Archiv für Volkswohlfahrt. Jahrg. 30, 1921, Nr. 28: Aus 
den deutschen Gewerbeaufsichtsberichten für das Jahr 1920 (Sachsen, Baden, 
Württemberg, Hamburg), von Dr. Käthe Qaebel. — Sparzwang als Mittel der 
KapitaJerneuerung (Schluß), von Prof. Dr. Ernst Günther. — Zur reichsgesetz- 
lichen Regelung des Lehrlingswesens, von Irmgard Rathgen. — Ausblick in die 
Sozialversicherung Deutschlands. — Nr. 29: Die provisorische Wohnungsabgabe, von 
Dr. Hans Heinrich Zisseler. — Aus den deutschen Gewerbeaufsichtsberichten für 
das Jahr 1920 (Sachsen, Baden, Württemberg. Hamburg II. Schluß), von Dr. 
Käthe Gaebel. — Die Generalversammlung des Gewerkvereins Christlicher Arbeiter 
Deutschlands, von Dr. W. Röpke. — etc. Nr. 30: Wohlfahrtspflege, von Helene 
Simon. — Um das Trinkgeld, von Prof. Dr. Ludwig Heyde. — Die Ergebnisse des 
Sparzwangs für jugendliche Personen unter 18 Jahren im Gemeindebezirk der Stadt 
Charlotten bürg. — Die Auslandshilfe in der Kinder-Ernährung, von Dr. Betke. — 
Psychopathenfürsorge, von Ruth v. der Leyen. — Die Volksgesundheit Deutschlands 
im Sommer 1921, von (Priv.-Doz.) Dr. Christian. — etc Nr. 31 : Die Regelung der 
Arbeitszeit in gewerblichen Betrieben, von Prof. Dr. E. Francke. — Deutschland 
und die Beschlüsse der internationalen Seemannskonferenz. — Zur Frage des Sozial- 
lohnes, von (Priv.-Doz.) Dr. Muhs. — Wer soll zum Wirtschaftsrat wählen?, von 
(Beigeordn.) Dr. Wagner-Roemmich. — Der Entwurf eines Gesetzes über Beamten- 
vertretung, von Fritz Winters. — Der Bauarbeitermangel, von Dr. Lüttgens. — 
Der deutschösterreichische Krankenkasseutag und der neue deutschösterreichische 
Invalidenversicherungsgesetz-Entwurf, von (Hofrat) Prof. Dr. Kögler. — etc. 

Wirtschaft und Statistik. Jahrg. I, Juli 1921, Nr. 7: Deutsche Wirt- 
schaftskurven. — Die Getreideversorgung Deutschlands mit besonderer Berücksich- 
tigung der Preisgestaltung. — Der Saatenstand im Deutschen Reich Anfang Juli 

1921. — Die Kohlenvorkommen im Deutschen Reich. — Neugründungen und Auf- 
lösungen von Genossenschaften im 1. Halbjahr 1921. — Der Außenhandel Deutsch- 
lands im Jahre 1920. — Die Entwicklung des Außenhandels in England, Frank- 
reich und den Vereinigten Staaten. — Entwicklung des internationalen Handels 
1920/21. — Die Entwicklung der Eisenbahntarifsätze seit Kriegsbeginn. — Die 
englischen Eisenbahnen im Jahre 1920. — Die Teuerung im Juni 1921. — Die 
Kleinhandelspreise im Juni 1921. — Großhandelspreise. — Bergarbeiterstreik und 
Lohnentwicklung in Großbritannien. — Lohnentwicklung in den Vereinigten Staaten 
von Amerika. — Die Aktiengesellschaften im Deutschen Reich. Entwicklung von 
1909 bis Juni 1921. — Die Reichsbank im Jahre 1920. — Die Valuta im Juni/Juli 1921. — 
Die Ehescheidungen im Deutschen Reich. — Fruchtbarkeitsziffer, Säuglingssterblich- 
keit und Totgeburtenquote im Deutschen Reich 1900 — 1920. — Selbstmord im 
Deutschen Reich in den Jahren 1918 und 1919. — Neue Volkszählungsergebnisse 
(Frankreich, Vereinigte Staaten, Rußland). — etc. 

Wirtschafts-Zeitung, Deutsche. Jahrg. 17, 1921, Nr. 14 : Außenhandels- 
kontrolle und Boykottbewegung, von Dr. jur. F. Mühlbach. — Besteuerung der 
Kartelle, von (Oberreg.-R) Dr. Schröter, — Eine Ausnahmegesetzgebung gegen 
den Seehandel?, von Dr. Alfred Gildemeister. — Entwicklungstendenzen in der 
deutschen Seifenindustrie, von Dr. L. Barck. — Deutscher und englischer Außen- 
handelsnachrichtendienst, von (Dipl. Kaufmann) Fritz Runkel. — Der amerikanische 
Notstands-Zolltarif, von G. Buetz. — etc. — Nr. 15: Steuerlich zweckmäßige Gesell- 
schaftsformen von (Rechtsanw. u. Univ.-Prof.) Dr. Geiler. — Der Warenbegriff der 
Einfuhrverordnung, von (Gerichtsass. a. D.) Dr. K. Roseuberg. — Rechtsirrtum bei 
Zuwiderhandlungen gegen Einfuhrverbote, von (Univ.-Prof.) Dr. A. Nußbaum. — 
Gesetzgebung und Verwaltung, von Prof. Dr. Dochow. — Produktive Erwerbs- 
losenfürsorge, von Dr. Max F. Michel. — etc. 

Zeit, Die Neue. 39. Jahrg. 2. Bd., 1921, Nr. 16: Neue Aufgaben der Ge- 
werkschaften, von A. EUinger. — Der 21. Parteitag der britischen Arbeiter, von 



288 



Die periodische Presse Deutschlands. 



M. Beer. — Die Umwandlung der Wertpapiere in Buchwerte, von Dr. pol. et. jur. 
Wagner- Roemmich. — Die Bedeutung der Heimvolksschule für den Sozialismus,! 
von Dr. Victor Engelhardt. — Sonderveranstaltungen des Kölner bevölkerungs- 
politischen Kongresses, von Henni Lehmann. — etc. Nr. 17: Die Krise der Arbeiter- 
bewegung in Frankreich, von J. Steiner-Jullien. — Der deutsche Außenhandel und 
Deutschlands Bevölkerungskapazität, von Wilhelm Schüttler. — Das neue deutsche 
Wirtschaftsrecht, von W. Guske. — Der Sinn des Jungsozialismus. Zur jung- 
sozialistischen Konferenz in Bielefeld, von Kurt Wegner. — Zum Studium des Sozia- 
lismus, Kommunismus u. Anarchismus, von R. Ballerstaedt. — etc. Nr. 18: Arbeits- 
gemeinschaften oder Sozialisierung? von A. Ellinger. — Die Rüstungen der Mächte 
vor dem Kriege, von Graf Max Montgelas. — Ursprung und Wesen des Gildeu- 
sozialismus, von M. Beer. — Strafgesetzgebung und Bevölkernngspolitik, von 
H. Jäker. — etc. Nr. 19 : Zur Kritik des Programmentwurfs, von Heinrich Cunow. — 
Staat und Marxismus, von Dr. Siegfried Marck. — Parasiten des heutigen Wirt- 
schaftslebens, von Theod. Müller. — etc. 

Zeitschrift des Bayerischen Statistischen Landesamts. 53. Jahrg. (1921), 
Nr. 3: Bewegung der Bevölkerung in Bayern im Jahre 1919. — Hauptergebnisse 
der Statistik der Bevölkerungsbewegung vom Jahre 1920. — Bayerische Hochschul- 
statistik für das Studienjahr 1918/19. — Indexziffern. — Die Entwicklung der Er- 
werbslosenfürsorge in München in den ersten zehn Monaten nach Eintritt der De- 
mobilmachung. — Verbrauch und Statistik. — Streiks und Aussperrungen in Bayern 
im Jahre 1920. — Die statistische Erfassung der wirtschaftlichen Lage und des 
Arbeitsmarktes in Bayern. — Der Verkehr auf den bayerischen Wasserstralien im 
Jahre 1920. — etc. 

Zeitschrift für Handelswissenschaft und Handelspraxis. 14. Jahrg. 1921/22, 
Juli 1921, Heft 4: § 59 a Reichseinkommensteuergesetz und die Abschreibungspolitik 
kaufmännischer Betriebe, von Prof. Dr. Franz Findeisen. — Grundzüge für die 
Schätzung von Grundstücken, von Walther Rothkegel. — Kaufmann und Mieter- 
schutz, von (Dipl. Kaufmann) Alb. Krohs. — Nachkriegsbilanzen, von (Handels- 
schulrat) Dr. Hans Hübner. — etc. 

Zeitschrift für Kommunalwirtschaft und Kommunalpolitik Jahrg. 11, 1921, 
Nr. 13: Die Stuttgarter Tagungen. Vorbericht. — Die Finanzlage der Städte, I. von 
(Bürgermstr.) Dr. Eucerins. — II. von (Oberbürgermstr.) Dr. Delius. — Selbsthilfe 
der Städte. Eine Erwiderung gegen Dr. ing. Gutkind, von Prof. Dr. ing. Vetterlein. 
— etc. Nr. 14: Die Finanzlage der Städte, III. von (Bürgermstr.) Dr. Bucerius. 
IV. von (Stadtrat) Dr. Merkel. — Die Not der württembergischen Städte und Mittel 
zur Abhilfe, von (Oberbürgermstr.) Dr. Schwammberger. — 6. Mitgliederversamm- 
lung des Vereins für Kummunalwirtschaft und Kommunalpolitik am 21. VI. 1921 
im großen Stadtgartensaale zu Stuttgart. — Die Tätigkeit des Vereins für Kommunal- 
wirtschaft und Kommunalpolitik — etc. 

Zentralblatt, Deutsches Statistisches. Jahrg. 13, Mai/Juli 1921. 
Nr. 5/6 : Die Berücksichtigung des Religionsbekenntnisses bei der Statistik der Be- 
völkerungsbewegung im Deutschen Reich, von (Pater) H. A. Krose. — Zur nächsten 
Berufs- und Betriebszählung im Deutschen Reich, von (Dir. Prof.) Dr. H. Losch. — 
Volkszählung in der Tschechoslowakei. A. Erwiderung von (Prof.) Dr. W. Mild- 
schuh; B.Rückantwort von (Hofsekretär) Dr. W. Winkler. — Aus der statistischen 
Literatur. — etc. 



G. Pätz'sche Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. 



Fr. Lenz, Woher stammt d. Wort „Proletarier aller Länder vereinigt Euch !" ? 289 



VI. 

Woher stammt das Wort 
„Proletarier aller Länder vereinigt Euch!"^) 

Von 

Professor Friedrich Lenz. 

Der verdiente Herausgeber des „Archiv für die Geschichte des 
Sozialismus" sowie der „Hauptwerke des Sozialismus und der 
Sozialpolitik" hat in Heft 5 N. F. dieser Reihe die Londoner 
kommunistische Zeitschrift von 1847 abgedruckt und 
kommentiert. Das Verdienst der Neuherausgabe einer fast ver- 
schollenen Zeitschrift liegt hier klar vor Augen. Denn Grünberg 
führt uns unmittelbar an die ideengeschichtlichen Wurzeln des 
Marxismus und wir lernen an einem neuen Beispiel kennen, daß 
jene entscheidungsschweren Jahre zwischen 1840 und 1847 die uns 
erschütternden Bewegungen des Sozialismus und des Kommunismus 
hervorgetrieben haben. 

Wertvolles für den Ideengehalt des heutigen Marximus läßt 
sich jenen Vorentwürfen des berühmten „kommunistischen Manifests" 
entnehmen, welche Grönberg zusammen mit der Zeitschrift abdruckt. 
Genannt sei zunächst der „Entwurf eines kommunistischen 
Glaubensbekenntnisses", den Grünberg nach zwei Bundes- 
adressen der kommunistischen Zentralbehörde in London zusammen- 
stellt: dieser Entwurf ist noch ohne unmittelbare Einflußnahme 
von Marx entstanden und umschreibt den Kommunismus als 
ein System, demzufolge jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten 
und nach seinen Kräften genießen solle. Darin tritt die französische, 
Saint-Simonistische Wurzel jeder „positiven Theorie" des heutigen 
Kommunismus klar zutage! Marx selber, in seiner bedeutsamen 
Kritik des „Gothaer Programms" von 1875, hat nichts Besseres als 
Kennzeichen der kommunistischen Gesellschaft anzuführen gewußt. 

Im Vorbeigehen sei sodann aus dem „Entwurf* erwähnt, daß in 
seiner „völlig neuen" Zukunftsgesellschaft „die Arbeit, welche die Be- 
tätigung des Lebens, des Individuums ist, wahrlich keiner anziehen- 
den Mittel bedarf, daß die Arbeit selbst das Anziehendste ist, was es 
geben kann". Diese Ansicht steht in einem anziehenden Wider- 



1) Carl Grünberg, Die Londoner Kommunistische Zeitschrift und andere 
Urkunden aus den Jahren 1847/1848 (C. L. Hirschfeld, Leipzig 1921, 93 S.). 
Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 19 



290 



Friedrich Lenz, 



Spruch ZU dem heute üblichen Ausgangspunkt der Wirtschaftslehre, 
wonach jede Arbeitsmühe mit Unlustempfinden verbunden ist; sie 
hat jedoch keinerlei Erweisbarkeit für sich. Daß sog. Solidaritäts- 
empflnden in der Zukunftsgesellschaft an Stelle des erwerbswirtschaft- 
lichen Eigennutzens treten werde, ist von den ersten französischen 
Kommunisten bis auf Kautsky und Ballod immer wieder beweis- 
los postuliert worden. Wir vermögen heute zu ermessen, wie utopisch 
eine solche Motivenlehre innerhalb der Zukunftsgesellschaft sich aus- 
nimmt, wie völlig unkräftig eine solche Triebfeder für eine revolutio- 
nierte und womöglich entstaatlichte Wirtschaft bleiben muß. Hin- 
sichtlich dieser Motivationslehre sei übrigens auf Graf Degenfelds 
systematische Darstellung verwiesen. 

Somit bleibt die „positive Theorie" des Kommunismus gerade in 
den entscheidenden Punkten vor wie nach Karl Marx utopisch; sie 
vermag den Kreislauf der gesellschaftlichen Wirtschaft nicht im 
Gang zu halten. Daß die Kommunisten dies fühlten, geht schon aus 
ihrem Rundschreiben vom Februar 1847 sowie aus ihrer Londoner 
Zeitschrift von 1847 hervor. Sie sagen dort: „Wir können nicht 
über Nacht aus einer unharmonischen in eine harmonische Wirt- 
schaft eingehen; es bedarf hierzu einer nach Umständen längeren 
oder kürzeren Uebergangsperiode." Eine Gütergemeinschaft ohne 
demokratische Uebergangsperiode, in welcher das persönliche Eigen- 
tum erst nach und nach in gesellschaftliches umgewandelt werde, 
sei ebenso unmöglich, wie eine Ernte ohne Aussaat. Wir erinnern 
uns, auch diesen Gedanken in Marxens Kritik des „Gothaer Programms" 
von 1875 wiederkehren zu sehen und ebenso bei seinen Nachfolgern 
bis zu den „Bolschewisten". Diese Zweiteilung entspricht daher 
durchweg einer Zweiteilung der programmatischen Forderungen: in 
solche für die Uebergangszeit und solche für den erreichten geschichts- 
wie staatslosen Endzustand. Sowohl Marxens kommunistisches Mani- 
fest wie das Gothaer Parteiprogramm wie auch die „bolschewistische" 
Taktik kennen solche Forderungen für eine zeitlich begrenzte, vom 
Kampf und Sieg des Proletariats erfüllte Uebergangszeit. Marx 
selber hat von Paris aus, in den Märztagen des Sturmjahrs 1848, 
derartige „Forderungen der Kommunistischen Partei in 
Deutschland" formuliert; sie sind erstmals auszugsweise von 
Friedr. Engels und nunmehr vollständig durch Grünberg wiederge- 
geben worden. 

Alle Uebergangsforderungen, welche die Kommunisten von 1846 
bis zu den „Bolschewisten" hin formulierten, zeigen gleich ihrem 
messianischen Endziel unter sich ' wieder übereinstimmende Züge. 
An anderer Stelle habe ich darauf hingewiesen, wie nahe z. B. die 
Taktik der „Bolschewisten" dem Programm der damals Marx-feind- 
lichen Fraktion Willich-Schapper von 1850 stellt^). An den 
von Marx 1848 formulierten „Forderungen" fällt uns nun grund- 



1) S. mein Buch „Staat und Marxismus. Grundlegung und Kritik der 
marxistischen Gesellschaftslehre" (Cotta 1921), S. 148. 



Woher stammt das Wort „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!"? 291 

Sätzlich auf, daß sie ohne jeden zwangsläufigen Zusammenhalt mit 
jenem chiliastischen Endziel stehen, welches Marx doch damals be- 
reits in seinem „kommunistischen Manifest" umrissen und begründet 
hatte. Auch die analogen Uebergangsformeln des Marxschen „Mani- 
fests" sowie des „Gothaer Programms" zeigen hier, wie man öfters 
bemerkt hat, einen Bruch und stehen außer organischem Zusammen- 
hang mit ihrem Saint-Simonistisch fundierten Endziel. Das Ent- 
scheidende all dieser „Forderungen" ist vielmehr, daß sie die bis- 
her vorherrschenden Stände im Staat an der Wurzel treffen und 
sowohl politisch wie auch wirtschaftlich vernichten sollen! Die 
ersten 15 der von Marx 1848 formulierten Punkte dienen derart aus- 
schließlich dazu, wie die Londoner Kommunisten es 1846 ausdrückten, 
„die ganze gesellschaftliche Ordnung einzureißen". Erst Punkt 16 
und 17 bringen Marxens positive Vorschläge für das Proletariat in 
der Uebergangszeit. Erstaunlich genug weiß Marx, der doch dikta- 
torischer Leiter des Kommunistenbundes war und dessen Denken 
durchaus „ä la hauteur des principes" des Kommunismus stand, nur 
zweierlei zu fordern: „Allgemeine, unentgeltliche Volkserziehung" 
sowie „Errichtung von Nationalwerkstätten. Der Staat garantiert 
allen Arbeitern ihre Existenz und versorgt die zur Arbeit Unfähigen". 

Auffallend ist, daß Marx die Vornahme irgendwelcher „despo- 
tischer Eingriffe" in das gewerbliche Privateigentum scheinbar hinaus- 
schiebt, während er die Landgüter des Adels, die Bergwerke und alle 
Transportmittel sogleich entschädigungslos zu Staatseigentum erklärt. 
Aber auch wenn wir annehmen, daß die von Marx nicht genannten 
Fabriken in die sofortige Verstaatlichung einbegriffen seien, 
wird das Bild dadurch nicht klar. Wie kann Marx, dessen Theorie 
1848 im wesentlichen bereits feststand, derart eine sofortige, un- 
mittelbar aktiv-politisch zu verwirklichende Umwälzung aller Pro- 
duktionsverhältnisse fordern, zu ihrer Durchsetzung das deutsche 
Proletariat „mit aller Energie" aufrufen? Wo bleibt seine technisch- 
ökonomische, fatalistisch abwartende theoretische Haltung, derzu- 
folge das Proletariat keinerlei Ideale zu verwirklichen hat, wenn 
die Praxis einer Revolution alle Theorie über Bord werfen und den 
sofortigen gewaltsamen Riß des ökonomischen Gewebes fordern heißt? 
Schneidet Marx seine „Forderungen" nicht derart auf das agrarisch- 
feudale, ökonomisch zurückgebliebene Deutschland von 1848 zu, daß 
er das theoretisch Erheblichste — das Industriekapital — überhaupt 
zu erwähnen unterläßt? Wie reimt sich dies alles mit den be- 
rühmten Schlußsätzen seines „Kapital" vom ökonomisch-gesetzlichen 
Reifen der kapitalistischen Gegenwart? 

Sind „Verstaatlichung" und „Vergesellschaftung" der Produk- 
tionsmittel, politisches Willensziel und technisch-ökonomische Be- 
dingtheit sich irgend gleich? Erinnern wir uns, daß die „Bolsche- 
wisten" Marxens 15 Punkte, gleichfalls ohne Rücksicht auf den 
ökonomischen Reifegrad ihres Landes, übernahmen und daß Marx 
selber, am Ende seines Lebens, den Russen einmal zugegeben hat, 
daß ein politischer Sturz des Zarismus sie vom Einhalten der „öko- 

19* 



292 



Friedrich Lenz, 



nomischen Bewegungsgesetze" entbinden könnte^). Welchen Sinn 
behält dann das „Kapital", welchen die „positive Theorie" des End- 
ziels für Marx und den Marxismus? 

Das Bild gewinnt, wie gesagt, nicht an Klarheit, wenn wir Punkt 
16 und 17 heranziehen. Denn namentlich, was sie über „National- 
werkstätten" ausführen, ist zwar durch Marxens Unterschrift, niemals 
jedoch durch Marxens Theorie gedeckt. Die Forderung von „National- 
werkstätten", die 1848 im Paris Louis Blaues aktuell genug war, 
ist ja gerade von der deutschen Partei als unmarxistisch ausgestoßen 
worden^). Staatliche Existenzsicherung und Untentgeltlichkeit 
des Unterrichts konnten nur den rein praktischen Zweck haben, 
unbekümmert um jede Theorie als Lockmittel für das deutsche 
Proletariat des März 1848 zu dienen. Ganz klar wird dieser tak- 
tisch-machtpolitische, theorie-feindliche Charakter im Schlußabschnitt 
der Marx'schen „Forderungen": Nur durch deren Verwirklichung 
könnten die bisher in Deüschland ausgebeuteten Millionen zu ihrem 
Recht und zu derjenigen Macht gelangen, die ihnen, als den Her- 
vorbringern alles Reichtums, gebührt. 



Es verfängt nichts, daß Marxens 17 Punkte — gleich dem erst 
später berühmt gewordenen „Komm. Manifest" — für den Augen- 
blick ohne den gewollten Einfluß blieben; war doch auch Marxens 
unmittelbares Eingreifen mittels der „Neuen Rheinischen Zeitung" 
1848/49 machtpolitisch gedacht und hielt sich frei von ökonomischer 
Theorie sowohl wie von den besonderen Belangen einer proletarischen 
Bewegung. Wir brauchen künftig nicht mehr die bislang übliche 
„Zweiseelentheorie" zu Hilfe zu rufen, um uns den offenbaren Zwie- 
spalt zwischen dem Denker des „Kapital" und dem politischen 
Kämpfer zu erklären. In meinem obengenannten Buch „Staat und 
Marxismus" glaube ich endgültig dargetan zu haben, aus welchen 
seelischen Grundkräften und Lebensschicksalen die Einheit in 
Marxenspersönlichkeit folgt. Aus diesem Einssein des Denkers 
mit dem Kämpfer Marx werden alle jene Widersprüche verständlich, 
lernen wir das Bleibende seiner ökonomischen Theorie scheiden von 
der Tendenz, in deren Dienst seine ökonomische wie vollends seine 
soziologische und politische Arbeit standen. Dieser Grundtendenz 
des Marxschen Wesens konnte schon Ende 1847 die Eingangsformel 
zu den Statuten des Londoner Komraunistenvereius entpringen, welche 
in Marxens Formulierung sagt : Zweck des Londoner Vereins sei der 
Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung 
der alten und die Gründung einer neuen menschlichen Gesellschaft. 
Die „Zukunftsgesellschaft" als Vereinsziel zu proklamieren, müßte 



1) lieber die Marxsche Wurzel des „Bolschewismus" siehe mein obengenanntes 
Buch S. 145 — 153. Beispielsweise forderte Marx schon 1848 die in Kußland 1918 
verwirklichten „Arbeitsarmeen". 

2) Auch die „Arbeitsarmeen" — Punkt 4 der Marxschen Forderungen — sollten 
der damals aktuellen „Organisation der Arbeit" im Sinne Louis Blancs dienen. 



Woher stammt das Wort „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!"? 293 

vom Standpunkt der Theorie naiv anmuten, wenn man nicht wüßte, 
daß alle Theorie für Marx nur Waffe und Werkzeug war im 
Dienst eines ihn durchaus beherrschenden praktisch - politischen 
Willensziels. 

Von hier aus lösen wir alle jene Widersprüche, welche wir so- 
eben festgestellt haben und die, wie man oft hervorgehoben hat, 
seither innerhalb der marxistischen Bewegung Theorie und Taktik 
spalteten. Gleicht das chiliastische Endziel nur einem Banner, das 
man den Massen beim Sturm auf die gegenwärtige Staats- und Ge- 
sellschaftsordnung vorträgt, dann reicht in der Tat die Saint-Simo- 
nistisch utopische Formulierung des Endzustands vollkommen aus. 
Haben die Gegenwartsforderungen nur, wie schon Grünberg fest- 
stellt, zum Zweck, die alten Mächte zu entwurzeln, dann brauchen 
sie weder mit der Theorie des „Kapitals" noch mit der „positiven 
Theorie" des chialistischen Endziels übereinzustimmen. Marxens 
17 Punkte von 1848 sind vollinhaltlich in Rußland 1917, ihre for- 
mal demokratische Minderheit 1919 in Deutschland und Oesterreich 
verwirklicht worden. Daß sie ihren Zweck erfüllten, das verhaßte 
Staatensystem der Heiligen Allianz stürzen zu helfen, darin liegt 
der Sinn solcher Uebergangspostulate wie der erwähnten Ueber- 
gangsepoche zum Endziel überhaupt. Was auf dieser Linie lag, war 
und blieb marxistisch; was von ihr abwich, den Staat und die Ge- 
sellschaft der Gegenwart bejahte, das trat innerhalb der marxistischen 
Parteibewegung als neues, störendes Element auf Von hier aus, 
wie es denn nicht anders sein kann, sind der Lassalleanismus, der 
Revisionismus, der Kriegsmarxismus, ja schon die partikularistisch- 
demokratischen Elemente des „Eisenacher" Parteianfangs zu be- 
werten: in ihrem Verhalten zum Staatsgedanken vereinen 
und scheiden sich die Geister. Unter diesem zentralen Gesichts- 
punkt ist Marx wie der Marxismus zu erfassen. Für Karl Marx 
selber habe ich dies an der genannten Stelle durchgeführt; die Ge- 
schichte der „Sozialdemokratie" ist derart, frei von verzerrender 
Tendenz, noch nicht geschrieben worden. Und doch sollte dieser 
Gesichtspunkt, eben für die Geschichte einer politischen Partei als 
solcher, selbstverständlich sein. Nicht weil die ökonomischen 
Voraussetzungen auf England oder die Vereinigten Staaten minder 
zutrafen — im Gegenteil! — , sondern weil die Einstellung dieser 
Nationen zum Staatsgedanken anders war, sind die marxistischen 
Parteien dort, gleichwie in Frankreich, ohne umwälzende Kraft 
geblieben. 

Carl Grünberg erwähnt dies alles nicht und er würde seinem 
Amt als Herausgeber damit genüge tun, wenn es nun doch nicht 
andererseits Partei nähme, Licht und Schatten gelegentlich ungleich 
verteilte (vgl. S. 43). Dies trifft auch auf denjenigen Punkt zu, den 
ich meiner' Abhandlung in der üeberschrift vorangestellt habe, auf 
die Frage: woher stammt die berühmte Devise des Marxismus 
„Proletarier aller Länder vereinigt Euch!"? 



294 



Friedrich Lenz, 



Historisch ist zunächst zu sagen, daß sie erstmals dem Probe- 
blatt der Londoner Kommunistischen Zeitschrift vom Sep- 
tember 1847 vorangestellt wird. Sodann erscheint sie vor den 
Statuten des Bundes der Kommunisten vom 8. Dezember 
1847, dann beschließt sie Marxens berühmtes Kommunistisches 
Manifest vom Februar 1848 und endlich steht sie als „Motto" vor 
den 17 Punkten Marxens vom März 1848. 

Da Marx an der Statutenberatung im November 1847 ent- 
scheidenden Anteil nahm, so dürften wir mit der international herr- 
schenden Meinung ihn unbedenklich als den Urheber ansprechen, 
wenn eben nicht jenes frühere Auftauchen im September 1847, 
während dem Marx in Brüssel weilte, uns stutzig machen müßte. 
Grünberg hat hierauf gebührendes Gewicht gelegt, glaubt jedoch 
„den klingenden Euf" nach wie vor als „von Marx formuliert" an- 
sprechen zu sollen (s. S. 22/23). Daß die zündende Formel weder 
aus dem Kreise der Londoner Bundeszentrale noch von Friedr. Engels 
stamme, zeige ein Blick auf deren Vorentwürfe zum „Kommunistischen 
Manifest". 

Tatsächlich findet sich in diesen Vorentwürfen die Devise nicht. 
Freilich erbringt Grünberg den Gegenbeweis, daß Marx der Autor 
sei, ebensowenig! Die von ihm vermuteten schriftlichen Meinungs- 
äußerungen Marxens für London aus dem Mai 1847 sind — falls 
Grünbergs beweislose und nicht widerspruchsfreie Vermutung hier 
überhaupt zutrifft — nirgends überliefert worden und schon darum 
ohne Beweiskraft. Ein solcher Gegenbeweis könnte aber nur dann 
von uns erlassen werden, wenn Grünbergs erste Annahme beweislos 
richtig wäre, daß Engels und der Zentralbehörde Vorentwürfe ihrer- 
seits die einzige sedes materiae sein könnten. Träfe dies zu, wären 
diese Vorentwürfe zum „Manifest" der einzige Ausgangspunkt, dann 
könnte man allenfalls e contrario Marx für die Quelle halten. Dies 
ist nun aber durchaus nicht der Fall! Eben jenes Londoner Probe- 
blatt vom September 1847 ist vielmehr, wie ich gleich zeigen will, 
nach Motto wie Text unsere sedes materiae. Grünberg selber hebt 
nun hervor (S. 23), wie dies Probeblatt „immer noch mehr negativ 
als positiv" von Marx-Engelsschen Anschauungen beeinflußt war; 
Grünberg bemerkt ganz richtig (S. 43), daß gerade der Einleitungs- 
artikel „in schroffem Widerspruch" zu Marx-Engelsschen Anschau- 
ungen stand. Da nun, wie sich zeigen wird, eben diese „Ein- 
leitung" zum „Probeblatt" vom September 1847 (wohl 
im Juni/Juli 1847 geschrieben) unsere Devise erstmals ausdrücklich 
enthält, so ist ganz unwahrscheinlich, daß Marx bei der Abfassung 
die Devise hereingebracht habe. Die Stelle, an der sie steht (s. S. 45, 
Zeile 4 v. o.) proklamierte vielmehr die Vereinigung der Londoner 
Kommunisten mit Karl Heinzen,dem damals erbittertsten Wider- 
sacher eben von Karl Marx! Nicht auf Marx hin, sondern von ihm fort 
führt also der unmittelbare Ursprung des berühmt gewordenen Worts, 

Damit dürfte die unmittelbare Autorschaft Marxens bereits er- 
ledigt sein. Die Wahrscheinlichkeit spricht von vornherein dafür. 



Woher stammt das Wort „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!"? 295 

daß der Verfasser der „Einleitung" der epigrammatischen Formulierung 
der von ihm umschriebenen Devise nahe stehe. Keinesfalls kann er, 
der mit beidem gerade den Marxgegner Karl Heizen meinte, eben 
hierzu von Marx unmittelbar veranlaßt worden sein! Grünbergs 
unbewiesene Vermutung, daß Marx die Devise formuliert habe, wird 
durch die Tatsachen widerlegt; da der Verfasser der „Einleitung" 
der Londoner Bundesbehörde angehörte, so wird uns vielmehr augen- 
scheinlich, daß diese und namentlich Karl Schapper, als Redakteur 
des „Probeblatts", dem Ursprung unserer Devise nahestanden. 

Um nun dem von Grünberg zu Unrecht geleugneten unmittel- 
baren Anteil des Londoner Kommunistenkreises, aber auch Marx' 
etwaigem mittelbaren Einfluß gerecht zu werden, will ich dem kri- 
tischen Ergebnis meiner Untersuchung einen zweiten Teil beifügen, 
in dem ich auseinandersetze, wieweit wir auf dokumentarischer Grund- 
lage den tatsächlichen Ursprung des weltbewegenden Wortes zurück- 
verfolgen können. Ich halte mich dabei an die von Grünberg selber 
beigebrachten Dokumente ^). 

Wir haben mit Grünberg in der Geschichte des Londoner Kom- 
munistenbundes zwei Abschnitte zu scheiden, deren erster von 1840 
bis 1846, deren zweiter von da bis zur Auflösung des Bundes reicht. 
Abweichend von den Kommunistenvereinen auf dem Festland war 
die Londoner Zentralbehörde international zusammengesetzt. Diese 
Internationalität beeinflußte, wie Grünberg mit Recht hervorhebt, 
auch ihr geistiges Gefüge; überdies zwang der Londoner Platz den 
deutschen Flüchtlingen dort eine positive Politik gegenüber den 
Radikalen der anderen Nationen auf. Namentlich Schapper nahm 
1845 teil, als die Gesellschaft der „DemocraticFriends off All Nations" 
gegründet wurde. Die bekannten „Fraternal Democrats" wandten 
sich schon 1845 ausdrücklich an „die Arbeiter aller Länder"; ihr 
Motto „Alle Menschen sind Brüder" ward von Schappers Kommu- 
nistenbund ausdrücklich übernommen. 

Wir sehen: die Internationalität der Bewegung wird schon in 
jenem ersten Zeitabschnitt erkannt und ausgesprochen. Was inhalt- 
lich noch fehlte, war der Begriff des Proletariats. Er ward seit 
dem Herbst 1846 aufgenommen. Er entstammt dem Gedankenkreis 
des französischen Kommunismus; von dort her hat auch Marx ihn 
übernommen und — gerade in diesen Jahren — ihn mit seinem spezifisch 
marxistischen Inhalt erfüllt. Unsere Devise kennt ihn, ohne jedoch 
diesen spezifischen Gehalt vorauszusetzen; die mehrerwähnte „Ein- 
leitung" leitet vielmehr das Wort „Proletarier" ausführlich ab, ohne 
dabei die Marxsche Ideologie irgendwie anzunehmen. Wir dürfen 
in diesem Teil der „Einleitung" (s. S. 37—39) denjenigen „ent- 
schiedenen" Kommunimus erkennen, der erst infolge Marxens Ein- 



1) Vgl. auch Ernst Drahn, Zur Vorgeschichte des Kommunisti- 
schen Manifests ("„Neue Zeit" 37, 2 vom 9. Mai 1919). Drahn druckt dort die 
beiden Adressen der Londoner Bundesbehörde, vom November 1846 und vom Februar 
1847, kommentarlos ab. 



296 Friedrich Lenz, 

fluß, erstmals in den „Statuten" voni 8. Dez. 1847, durch die spezifisch 
Marxsche Lehre vom Proletariat vertieft und ersetzt worden ist. 
Freilich steht fest, daß schon vor dem November 1846 Marxens 
Korrespondenzen von Brüssel her auf die Londoner Kommunisten 
wirkten; sie bestärkten deren Vorhaben, die internationale Verein- 
heitlichung der kommunistischen Bewegung zu betreiben, bereits 
•ehe Marx den entscheidenden Einfluß für sich gewann; daß jedoch 
gerade er den Ausdruck „Proletarier" ihnen gelehrt habe, trifft 
nach der Herkunft dieses Worts wie dem Inhalt jener „Einleitung" 
nicht zu^). 

Genug, daß wir Marx' mittelbares Einwirken von der eigenen 
Haltung der Londoner Kommunistenführer unterscheiden. Letztere 
sprachen — durch ein Sendschreiben vom November 1846 — ihre Ab- 
sicht aus, „die Anhänger der neuen Lehre aus allen Weltgegenden" 
um das Banner der Londoner Zentrale zu scharen. Nicht weniger 
als viermal mahnten sie darin zur „Einheit" und „Einigkeit", warnten 
noch mehrfach vor Uneinigkeiten unter dem internationalen Proletariat. 
Erst Ende Januar 1847 forderten sie auch Marx und Engels auf, dem 
Londoner Bunde beizutreten, und eröffneten diesen beiden damit 
einen unmittelbaren Anteil an der Bundesarbeit; nachdem sie der- 
art „in Belgien und Frankreich provisorisch von neuem organisiert" 
hatten, hielten sie den ersten Bundeskongreß am 1. Juni 1847 ab; 
an ihm nahm Engels aus Paris, nicht aber Marx aus Brüssel teil. 
Der Kongreß hatte, wie Grünberg hervorhebt, lediglich vorbereitende 
Bedeutung; die Londoner Bundesführer waren noch keineswegs ge- 
sonnen, die geistige Leitung aus der Hand zu geben, geschweige 
denn sie dem abwesenden Marx zu übertragen. Karl Schapper, 
der Präsident des Bundes, übernahm auch die Redaktion der „Kom- 
munistischen Zeitung", die man seit dem November 1846 plante und 
nunmehr in London herauszugeben beschloß. Wegen des „Glaubens- 
bekenntnisses" wandte man sich noch einmal an alle festländischen 
Zweigvereine, deren einen Marx nunmehr in Brüssel leitete. Erst 
auf dem 2. Bundeskongreß im November 1847 erschien Marx in 
London, setzte seine spezifische Ansicht vom proletarischen Kampf 
durch und ward mit der Abfassung des „Glaubensbekenntnisses" 
betraut; die obenerwähnten „Statuten" vom 8. Dez. brachten nun 
eingangs — gleich nach unserer „Devise" — seine Auffassung vom 
Klassenkampf als offizielle Bundesmeinung. Ende Januar 1848 schrieb 
er das Glaubensbekenntnis — nach Engels' Vorschlag „Kommu- 
nistisches Manifest" genannt — nieder. Ende Februar, gleichzeitig 
mit dem Ausbruch der kontinentalen Revolutionen, erschien dann 
das „Kommunistische Manifest", in welchem Marx seine spezifische 
Lehre vom gesetzmäßigen Ablauf der Klassenkämpfe ausklingen ließ 
in das Motto der „Zeitschrift" und der „Statuten": Proletarier aller 
Länder vereinigt Euch! Dies Motto klang in der Tat voller als 



1) Schon im November 1846 war der Begriff den Londonern ganz ge- 
läufig; s. 8. 19. Anm., und S. 20, desgl. S. 82. 



Woher stammt das Wort „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!"? 297 

die Drohung, man werde die Namen der Tyrannen „dem Fluch der 
öffentlichen Meinung übergeben" (s. S. 45), oder als die Mahnung, 
den Tyrannen ihre Masken abzureißen (s. S. 85). Nicht umsonst hatte 
man es schon dem Probeblatt der „Zeitschrift" wie den „Statuten" 
vorangesetzt und es damit gleichsam zur Bundesdevise erhoben ; vor 
Marxens 17 Punkten, die doch ausschließlich dem deutschen Prole- 
tariat galten, fungierte es, wie wir sahen, in gleicher Eigenschaft. 
Jetzt freilich, im März 1848, unterzeichnete Marx als Präsident und 
Schapper nur mehr als Sekretär der Zentralbehörde ; seit dem 8. Dez. 
1847 stand ja Marxens geistige Herrschaft im Bunde fest, war er 
schließlich (am 3. März 1848) anstatt Schappers zum diktatorischen 
Leiter bestellt worden. 

Wir sahen oben, wie der Gedanke eines internationalen Zusammen- 
schlusses und der Begriff des Proletariats, unabhängig von Marx, 
die Londoner Bundeszentrale seit dem Herbst 1846 beherrschten; 
wir stellten ferner fest, daß jenes vom Bundespräsident Schapper — 
einem ehemaligen Gießener Forststudenten — redigierte Londoner 
„Probeblatt" die sedes materiae sei, und endlich wiesen wir nach, 
warum das an jener Stelle erstmals geprägte Wort unmöglich von 
Marx dorthin lanciert sein konnte. Positiv ergab sich, daß unsere 
Devise im Kreis der Londoner Zentralbehörde formuliert worden 
sei und daß Marx erst nach dem November 1847 sie seinen Arbeiten 
einverleibt habe; den Marxschen Arbeiten jener Zeit war der Ge- 
danke unseres Mottos fern, während er die Londoner Bundesbehörde 
von 1846, wie ihr Rundschreiben uns zeigte, ganz erfüllte. Mein 
Nachweis, daß Marx unmöglich im Sommer 1847 unser Motto gleich- 
sam gebrauchsfertig von Brüssel aus zur Verfügung gestellt haben 
könne, ist hiermit bereits geschlossen; kritiklose Marxverehrung 
wäre es, wollte man trotz alledem an Marx als dem Vater eines 
derart „klingenden Rufs" festhalten. Um auch den letzten Zweifel 
zu zerstreuen, will ich zum Schluß wörtlich nachweisen, welcher 
Art die beiden entscheidenden Elemente unserer Wortverbindung 
in den Dokumenten der Londoner Zentrale, vom Herbst 1846 bis 
zum September 1847, zusammengefügt worden sind, wie also unsere 
Devise dort positiv entstanden ist, bevor sie von da ins „Kommu- 
nistische Manifest" überging. Auch hierfür genügen die von Grün- 
berg beigebrachten Dokumente. 

Wir sagten, daß der Bundesvorstand die älteren Vereinigungs- 
pläne seit dem Herbst 1846 energisch auf die kommunistische Be- 
wegung anwenden und diese um das Londoner Banner scharen wollte. 
Aus diesem Grunde — und nicht allein im Gefühl ihrer Unter- 
legenheit! — suchten sie Karl Heinzen sogut wie Engels und Marx 
an sich heranzuziehen. Darum stellten sie in jenem Zeitraum ihren 
Anhängern die Frage: „Ist es wünschenswert und möglich, eine all- 
gemeineVereinigungallerSozialisten zustande zu bringen, 
und wenn, auf welche Weise kann diese Vereinigung am schnellsten 
und sichersten herbeigeführt werden?" (s. S. 84 und Drahn 1. c. 
S. 134). 



298 



Friedrich Lenz, 



Auf dem ersten Bundeskongreß, am 1. Juni 1847 in London, 
ward sodann die Herausgabe der „Kommunistischen Zeitschrift" be- 
schlossen, um „für die Befreiung des Proletariats zu wirken und, 
damit dieselbe sobald als möglich zustande komme, alle Unter- 
drücktenzurVereinigung aufzufordern" (s. S, 22). Man sieht: 
die beiden Elemente des Kampfrufs sind schon gegeben und brauchen 
nur noch verbunden zu werden, damit unser Kampfruf erschalle. 
Und zwar geschieht eben dies im Hinblick auf die „Zeitschrift", 
deren „Einleitung" wir als sedes materiae kennen lernten; hier 
haben wir nunmehr völlig den Sitz und Kernpunkt des berühmten 
Wortes vor uns. AVir können das Vierteljahr bis zum Erscheinen 
des „Probeblattes", vom Juni bis August 1847, und den Redaktions- 
ausschuß in London, mit Karl Schapper als Haupt, auf den Geburts- 
schein des Leitworts der marxistischen Arbeiterbewegung setzen. 
In der „Einleitung" zum „Probeblatt" seiner Zeitschrift hat der 
Redaktionsausschuß die von ihm erreichte Einsicht in den Kommu- 
nismus niedergelegt; eben dort finden wir jetzt, abschließend, jene 
beiden Elemente des Kampfrufs vereinigt, welche soeben, im Beschluß 
vom 1. Juni, noch in zwei Halbsätzen nebeneinander standen. 

„Für die Sache der Unterdrückten", ihre Sache, sollen die 
Proletarier sich aus ihrem Schlaf erheben: „schließt Euch fest an- 
einander! Die Menschheit verlangt von jedem Manne, daß er seine 
Pflicht tue". Solche „soziologische" Verballhornung des Nelson'schen 
Signals^) leitet über zu einer Erklärung der Herkunft und Bedeu- 
tung des Worts Proletarier; der akademisch gebildete Verfasser 
erklärt seinem Leser, warum er ihn mit diesem ungewohnten Fremd- 
wort zur Vereinigung aufrufe! 

Das Streben nach Vereinigung sei ein Fortschrittsmerkmal 
gegenüber dem Proletariat des alten Rom. „Vereinigen wir uns 
daher und es kann beiden Teilen geholfen werden": den besitzlosen 
Handarbeitern wie der kleinen Bourgeoisie und den freien Berufen, 
die sämtlich im gesellschaftlichen Kampf wider das Kapital stehen. 
„Für die Befreiung des Proletariats zu wirken, und damit dieselbe 
so bald als möglich zustande komme, alle Unterdrückten zur Ver- 
einigung aufzumuntern, soll die Aufgabe dieses Blattes sein." Aber- 
mals finden wir, dem Beschluß vom 1. Juni wörtlich hier entnommen, 
die beiden Elemente unserer Devise beieinander; der ganze Artikel 
ist nur eine Umschreibung des damaligen Beschlusses, seine Her- 
kunft damit aufs festeste umrissen. Der Verfasser unterscheidet 
den Bundesvorstand und Redaktionsausschuß im nächsten Abschnitt 
ausdrücklich von „unseren Freunden auf dem Festlande" ; zu letzteren 
zählten Engels und Marx (s. S. 19—22, 25). 

Zum Schluß richtet der Verfasser noch einige Worte an die- 
jenigen Proletarier, „welche anderen politischen oder sozialen Par- 
teien angehören". Anstatt sich zu vereinigen, bekämpften sie sich 
leider hur allzu häufig; anstatt alle vereinigt Hand ans Werk zu 



1) Sie ist dem Eingang der Bundesadresse vom Februar 1847 entnommen. 



i 



Woher stammt das Wort „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!"? 299 

legen, befeindeten sie sich über den Ausbau ihrer auf Gemeinschaft ge- 
gründeten Gesellschaft. „Es ist jetzt wahrhaftig an der Zeit, unsere Feind- 
seligkeiten beiseite zu legen und uns alle zur gemeinschaftlichen 
Verteidigung die Hände zu reichen. Damit dieses aber geschehen 
könne, müssen die Schriftsteller der verschiedeneu Parteien aufhören, 
andere Meinungen auf das bitterste zu bekämpfen und die Anhänger 
derselben mit den gemeinsten Schimpfwörtern zu belegen." Wir 
sehen : der Verfasser, dessen ganzes Denken um die Vereinigung des 
Proletariats kreist, trennt sich ausdrücklich von solchen kommuni- 
stischen Schriftstellern, welche die „Kritik der Kritik" mit äußerster, 
auch persönlicher Scliärfe handhabten; Schriften wie Marxens 
„Heiliger Max" und dessen kritische „Pamphlete" waren ganz offen- 
bar nicht nach seinem Sinn. Sein Ziel war nicht die literarische 
Vernichtung der Gegner, die er vielmehr sämtlich um das Banner 
der Londoner Zentrale zu vereinigen strebte. Eben dies hatte vSchon 
das Londoner Rundschreiben vom November 1846 angestrebt. In 
diesem Sinn fordert er nun namentlich Carl Heinzen zur Ver- 
einigung auf. Dieser hatte kürzlich die deutschen Kommunisten 
aufs schwerste angegriffen und sich selber als Anhänger des Einzel- 
erwerbs und Einzelbesitzes bekannt. Trotzdem rechnet unser Ver- 
fasser ihn, schon um des Einheitszieles, den Kommunisten zu. Leider 
habe er sich „durch persönliche Feindschaft, welche zwischen ihm 

und mehreren Kommunisten besteht, hinreißen lassen", „die 

Fackel der Zwietracht in die Reihen seiner eigenen Waffengefährten 
zu werfen". Sachlich sei ihr Standpunkt nicht allzu verschieden. 
„Es wäre daher vernünftig, wenn wir uns alle vereinigten, um das 
von Carl Heinzen Verlangte zu erreichen — ". Engels und Marx 
bereiteten eben damals ihre scharfe Antikritik des Heinzen sehen 
Standpunkts vor; unser Verfasser dagegen schreibt: „wir wollen 
keineswegs Hm auch noch angreifen; im Gegenteil, wir werden die 
Hand zur Vereinigung nicht ausschlagen. Einigkeit macht stark 
und sie nur allein kann uns zum Ziele führen. Darum Prole- 
tarier aller Länder vereinigen wir uns — ". 

Wir sind am Ziel meiner Untersuchung angelangt. Der Satz, 
welcher epigrammatisch erstmals der „Einleitung" voransteht und 
dessen Elemente wir schon beieinander fanden, tritt uns hier — als 
Schlußstein im Gedankengefüge unseres Londoner Verfassers — von 
diesem formuliert entgegen. Von einigen weniger erheblichen Sätzen 
gefolgt bildet er den Abschluß des programmatischen Artikels, dem 
unsere Devise zum erstenmal, aus den gleichen Worten formuliert, 
aufrufend voransteht. Der Artikel ist nichts anderes als eine aus- 
führliche Umschreibung seines Mottos. Warum er, positiv wie nega- 
tiv, von Marxschem Einfluß frei ist, habe ich damit begründet; es 
geht nicht allein aus seiner Haltung gegen Heinzen, sondern ebenso 
aus seinen Ausführungen über Wesen und Begriff des „Proletariats" 
und des „Kommunismus" klar hervor. Der Artikel trägt keine 
Unterschrift und kennzeichnet sich als Werk der Redaktion, an 
deren Spitze eben Schapper, der Präsident des Kommunistenbundes, 



300 F r. L e n z , Woher stammt d. Wort „Proletarier aller Länder vereinigt Ench !" ? 

stand. Ueber Verbreitung und Wirkung der Zeitschrift sind wir 
nicht näher unterrichtet. Jedenfalls sahen wir, daß von hier aus — 
über die „Statuten" vom 8. Dezember 1847 — unsere Devise ihren 
Weg zum „Glaubensbekentnis" des Bundes genommen hat, — eben 
in Marxens „kommunistisches Manifest." 



Zwei grundsätzliche Anmerkungen seien mir gestattet, nun wir 
das Schlagwort „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" in seinem 
Ursprung bloßgelegt haben. 

Einmal erhellt zur genüge aus jeder Lektüre des „Komm anistischen 
Manifests", wie anders seine Einordnung bei und durch Marx ge- 
worden ist. Daß Marx die Bundesdevise für das „Glaubensbekennt- 
nis" des Bundes verwertete, lag ja aut der Hand; jedoch wie er dies 
tat, zeigt seine Selbständigkeit. Indem er das Wort aus einer 
epigrammatischen Devise in den Schlußruf wandelte und den Ge- 
dankengehalt der „Einleitung" durch den spezifisch marxistischen 
Inhalt seines „Manifests" ersetzte, wandelte er auch das Wesen jenes 
vom Bunde übernommenen Kampfrufs. Nun erst konnte er — nicht 
sogleich, sondern im Gefolge der Marxschen Ideologie — seine 
zündende und werbende Kraft zeigen. Er ward an seinem Teil 
Zeichen der Kraft, aber auch der inneren Zwiespältigkeit, welche 
der Lehre des Kämpfers und Theoretikers Marx eignet und über 
die ich in meinem obengenannten Werk Klarheit geschaffen zu 
haben glaube. 

Damit haben wir unseren Gegenstand in seinen geschichtlichen 
Zusammenhang eingefügt. Indem wir Marx der Autorschaft des 
Wortes entsetzten, haben wir doch nicht unterlassen, seinen letzthin 
überragenden Anteil an der Sinngebung und Verbreitung unseres 
Wortes darzulegen. Carl Grünberg ist der richtigen Spur nicht 
nachgegangen, auf die ihn doch sein Fund hinwies. Was ihm gegen- 
über Angelegenheit wissenschaftlicher Erkenntnis bleiben durfte, 
würde bei einem Anhänger oder Gegner Marxens aus der Sphäre des 
Erkennens in den Bereich politischer Tendenz rücken ! Ein „marxi- 
stischer" Epigone möchte im Ergebnis derartiger Untersuchungen 
ein Sakrileg erblicken, seine „Genossen" in der „reinen" Tradition zu 
halten suchen. Wir haben jeden Anlaß zu wünschen, daß solche 
Fragen dem Getriebe tendenziöser „Partei Wissenschaft" entrückt 
würden; das Wissen um Marx und den Marxismus entspringt nur 
allzu oft getrübten Quellen. 



Ernst Peterffy, Die Entwickl. d. amerikan. Eisenbahn wes. in neuest. Zeit, 301 



VIL 

Die Entwicklung des amerikanischen 
Eisenbahnwesens in neuester Zeit. 

Von 
Dr. Ernst Peterffy-New York. 

In der großen Haupthalle der Endstation der New York Central 
Railroad Company in New York steht an der östlichen Seite auf 
einer Estrade eine miniaturenhafte Dampflokomotive mit drei Per- 
sonenwagen, welche im Jahre 1831 zum ersten Male die Linie von 
Albany nach Schenectady im Staate New York unter großem Jubel 
der Bevölkerung zurückgelegt haben. Der ganze Zug besitzt 
kaum die Länge einer heutigen amerikanischen Mallet-Güterlokomo- 
tive und mutet mit seiner so unbeholfen aussehenden kleinen Loko- 
motive mit dem kurzen Bauch und einem spindellangen Rauchfange 
und den schaukeiförmig gebauten zierlichen kleinen Personenwagen, 
in welchen je vier Personen Platz nehmen konnten, den heutigen 
Beschauer recht merkwürdig an. Jeden Tag besichtigt eine große 
Menge neugieriger Reisende, deren Weg durch die große Halle führt, 
diesen spielzeugartigen Eisenbahnzug, dessen Erscheinen zu seiner 
Zeit als der größte Triumph der Technik gefeiert wurde. Und doch, 
wie kurz die Spanne Zeit, kaum 90 Jahre, welche uns seit dem 
ersten Erscheinen dieses winzigen Zuges trennt, und wie gewaltig 
die Entwicklung, welche seitdem gerade das amerikanische Eisen- 
bahnwesen aufzuweisen hat, ein Eisenbahnwesen, welches in der 
technischen Vollkommenheit des Betriebes, in der Leistungsfähigkeit 
des Transports und in der Ausdehnung seines Eisenbahnnetzes auf 
der ganzen Welt ohne Rivalen dasteht. Kein besseres und dauern- 
deres Wahrzeichen der auf diesem Gebiete gemachten Fortschritte 
konnten die Erbauer der New York Central, heute eine der größten 
Eisenbahngesellschaften der Welt, dem amerikanischen Eisenbahn- 
wesen und der ganzen Welt stellen. 

Vielleicht in keinem anderen Lande hat das Eisenbahnwesen 
im nationalen Leben eines Volkes eine so wichtige und ausschlag- 
gebende Rolle gespielt, wie in den Vereinigten Staaten. Die Er- 
schließung einer ungeheuren Fläche mit unermeßlich reichen Natur- 
schätzen, mit überaus fruchtbarem Boden, der die Kornkammer 



302 



Ernst Peterffy , 



der ganzen Welt werden sollte, die Entfaltung von Industrie, eines 
lebhaften Handels und Austausches von Gütern sowohl im Innern 
des Landes, als auch durch die Seehäfen aus allen Teilen der 
Welt, sind mit dem Ausbau und mit der Entwicklung des 
amerikanischen Eisenbahnwesens von Stufe zu Stufe aufs engste 
verbunden. Allein dem großen Fortschritte auf dem Gebiete des 
Eisenbahntransportwesens verdankt die Stahl- und Kohlenindustrie 
der Vereinigten Staaten ihren großen Aufschwung und auf den- 
selben Umstand ist die Erschließung der großen fruchtbaren Fläche 
des Mississippibeckens für Ackerbau und Landwirtschaft zurück- 
zuführen. Von Norden nach Süden und von Küste zu Küste durch- 
laufen heute die amerikanischen Bahnen diesen großen Kontinent, 
wie Adern eines großen Körpers, durch welche der Verkehr eines 
rastlos tätigen Volkes mit fieberhafter Schnelligkeit pulsiert. Es 
lohnt sich, einen kurzen üeberblick nicht so sehr über die ersten 
Stadien der Entwicklung des amerikanischen Eisenbahnwesens zu 
geben, sondern mehr noch die großartigen Fortschritte, welche auf 
diesem Gebiete hauptsächlich in den letzten zwei Jahrzehnten ge- 
macht worden sind, näher zu beleuchten. 

In diesem Zeitraum hat der Bau neuer Linien im Vergleiche 
zu der fieberhaften Tätigkeit früherer Jahre bedeutend nachge- 
lassen. Die ungünstigen Erfahrungen, welche mit dem Bau kon- 
kurrierender Strecken, die nicht immer einem wirklichen Verkehrs- 
bedürfnisse entsprochen haben, in finanzieller Hinsicht gemacht 
worden sind, hat das amerikanische Kapital zu größerer Vorsicht 
veranlaßt. Es scheint auch, daß durch den Ausbau der wichtigsten 
Haupt linien (trunk lines) zwischen der pazifischen und der atlan- 
tischen Küste und zwischen dem Norden und Süden den Bedürf- 
nissen des Landes nach einem weitverzweigten Eisenbahnnetz im 
wesentlichen genügt war, so daß sich keine praktische Notwendig- 
keit zum Bau weiterer neuer großer Linien ergab. Es muß auch 
in Betracht gezogen werden, daß das Einkommen, der Betriebs- 
gewinn, der Eisenbahnen in den letzten zehn Jahren weit unter den 
Erfordernissen einer entsprechenden Rentabilität des angelegten 
Kapitals zurückgeblieben ist, und daß dieser Ausfall nur durch den 
steigenden Umfang des allgemeinen Verkehrs und durch weitgehende 
Verbesserungen und Neuerungen im Betriebe selbst wettgemacht 
werden konnte. 

Man hat dem amerikanischen Eisenbahnwesen oft den Vorwurf 
gemacht, daß bei dem Bau von neuen Linien auf Gründlichkeit, Ver- 
läßlichkeit und Verkehrssicherheit in der Konstruktion zu wenig 
Rücksicht genommen worden sei und daß man mehr die augenblick- 
liche Rentabilität, als die obigen grundlegenden Faktoren vor Augen 
gehabt habe. Tatsache ist, daß die Bauart mancher Eisenbahnlinien, 
besonders jener im Westen Amerikas in bezug auf Güte und Ver- 
kehrssicherheit manches zu wünschen übrig läßt. Tatsache ist aber 
nicht minder, daß das Bestreben obwaltet diese Uebelstände mehr 
und mehr zu beseitigen. 



Die Entwicklung des amerikanischen Eisenbahnwesens in neuester Zeit. 303 

Bei Beurteilung dieser Frage muß vor allem auf die ganz ver- 
schiedenen Umstände und die abweichenden Zwecke, unter welchen 
und für welche Eisenbahnlinien in den Vereinigten Staaten und in 
Europa gebaut wurden, hingewiesen werden, 

In Europa wurden Eisenbahnlinien durch bereits dichtbevölkerte 
Gebietsstriche angelegt ; eine ausgiebige Benutzung der neugebauten 
Linien durch die Bevölkerung, durch Handel und Industrie und 
hiermit die Wahrscheinlichkeit eines Betriebsgewinnes schienen 
mehr oder weniger gesichert. Nicht so in den Vereinigten Staaten. 
Hier wurden neue Eisenbahnlinien zum größten und überwiegenden 
Teil durch völlig unbewohnte Gebiete geführt, wo noch keine Industrie, 
kein Ackerbau vorhanden war, wo noch keine menschliche Hand eine 
Zivilisation errichtet hatte, wo alles erst geschaffen werden mußte. 
Der Zweck des Baues von Transportwegen durch diese weiten Land- 
striche war daher, menschliche Ansiedlungen überhaupt erst zu 
ermöglichen, damit sich in deren Gefolge Ackerbau, Handel und 
Gewerbe entwickeln konnten. Das Kapital, das den Bau solcher, 
Pionierzwecken dienenden neuen Linien unternahm, konnte daher 
nicht gleich von allem Anfange an sich auf eine kostspielige Bau- 
art einlassen, weil dies den finanziellen Ruin der meisten neuen 
Linien zur Folge gehabt hätte. Die künftigen Anforderungen des 
Verkehres mußten hinter der Wichtigkeit der Erschließung neuer 
Gebietsteile für menschliche Zivilisationszwecke zurücktreten. Die 
Erbauer der neuen Eisen bahn wege konnten daher erst nach Verlauf 
einer gewissen Zeit auf einen Ertrag der investierten Mittel hoffen, 
und eine Bauart, welche diesen Erwägungen nicht Rücksicht ge- 
tragen hätte, wäre unvorsichtig gewesen. Es ist eine bekannte 
Tatsache, daß selbst bei den verhältnismäßig niedrigen Kosten der 
damaligen Eisenbahnbauten nur die wenigsten Unternehmungen, und 
nur jene einen Gewinn und einen entsprechenden Ertrag des in- 
vestierten Kapitals aufzuweisen hatten, deren Linien durch bereits 
bewohnte und kultivierte Landstriche führten. 

Seither sind die wichtigsten Eisenbahnlinien in den Vereinigten 
Staaten den gesteigerten Anforderungen der Jetztzeit entsprechend 
verbessert worden. Es ist wahr, daß die Kosten dieser Rekonstruk- 
tion des amerikanischen Transportwesens in erster Reihe vom großen 
Publikum getragen werden mußten, aber andererseits wurden gerade 
diese wichtigsten Linien auch im Interesse der Bevölkerung erbaut. 

Vor allem ist der Fortschritt in der Verwendung schwerer und 
aus Stahl erzeugten Eisenbahnschienen ein bedeutender ^). An Stelle 
der „open hearth"-Schiene, ist die Bessemer Stahlschiene getreten, 
welche weniger Phosphor enthält und daher nicht so leicht zu einer 
Kristallisierung hinneigt. 90 Proz. aller Eisenbahnlinien hat heute 
nur mehr Schienen aus Bessemer Stahl. Vs dieser Bessemer Stahl- 
schienen sind 80— 90 pfundig, Vg 60— SOpiündig und ca. 13 Proz. 
90— 100 pfundig. 



1) s. A. M. Sakolski, American Eailroad Economics, 1913. 



304 



Ernst Peterffy, 



Die fortschreitende Verbesserung des Schienenmaterials geht, 
aus den Ziffern hervor, welche zeigen, wie viel Eisenbahnschienen' 
einer der bestangelegten Eisenbahnbetriebe der Welt, die Pennsyl- 
vania Railroad Company, jährlich gebraucht: 

Verbrauch an Stahlschienen durch die Pennsylvania 
Eisenbahngesellschaft: 



1903 
1904 
190Ö 
1906 
1907 
1908 
1909 
1910 
1911 
1912 



156 522 Bessemer Schiene 


HO 591 


n n 


128 591 


» n 


163 797 


n » 


149878 


n » 


31563 


n n 


137 665 


n n 


162 790 


>» » 


III 799 


n n 


153 693 


n n 



I 



Den größten Verbrauch an Schienenmaterial weisen die Jahre 
großer Geschäfts- und Transportkonjunktur (1903, 1906 und 1910) 
auf, während in Jahren der wirtschaftlichen Depression ein Eück- 
gang zu beobachten ist (1904, 1908, 1911). 

Die Länge und die Zahl der mehrgleisigen Eisenbahnlinien in 
den Vereinigten Staaten hat sich in den letzten 20 Jahren ebenfalls 
stark erhöht. Dies geht aus folgender Zusammenstellung hervor: 



Jahr 

1897 
1907 
1917 



1 Gleise 
Meilen 
183294 
227 454 
232 697 



2 Gleise 
Meilen 
II 018 
19 420 
29 912 



3 Gleise 
Meilen 

995 
I 960 

2774 



4 Gleise 
Meilen 
780 

1389 
2 189 



Aus obigen Ziffern ist ersichtlich, daß die Länge der mehr- 
gleisigen Eisenbahnlinien sich in dem Zeitraum von 1897 — 1917 
mehr als verdoppelt hat. Die Gesamtlänge aller Linien betrug 
(einschließlich der Rangiergleise): 



in 1890 


167 191 engl. Meilen 


„ 1900 


198964 „ 


„ 1910 


249 992 „ 


„ 1916 


397014 „ 



Das heißt: das Eisenbahnnetz in den Vereinigten Staaten hat 
sich in dem Zeitraum von 1890 — 1916 um 138 Proz. vergrößert, also 
in den verflossenen drei Jahrzehnten mehr als verdoppelt. 

Die Baltimore and Ohio, die Pennsylvania und die New York 
Central Eisenbahngesellschaften haben heute fast durchwegs 2, 4 
und sogar 6 gleisige Eisenbahnlinien. Die New York Central Eisen- 
bahngesellschaft hat von New York nach Chicago auf einer Ent- 
fernung von 912 englischen Meilen eine 4 gleisige Linie. 

In den letzten Jahren ist der Bau von neuen Linien größten- 
teils unterblieben, teilweise als eine Folgeerscheinung des Krieges, 
teilweise wegen der den Eisenbahnunternehmungen gegenüber ver- 



Die Entwicklung des amerikanischen Eisenbahnwesens in neuester Zeit. 305 

folgten ungünstigen Tarifpolitik der demokratischen Partei und der 
Interstate Commerce Commission. In 1917 wurden insgesamt nur 
ca. 1000 Meilen neue Linien fertiggestellt. 

Für den Bau von modernen Endstationen in den großen ameri- 
kanischen Metropolen haben die führenden Eisenbahngesellschaften 
des Landes ungeheuere Summen ausgegeben. Die Pennsylvania 
Station in New York hat auf den Bau des Tunnels unter dem Hudson- 
fluß und auf die Errichtung einer der größten und auf das modernste 
eingerichteten Eisenbahnstation der Welt die Summe von 100 Millionen 
Dollars verausgabt ; die große Endstation der New York Central an 
der 42 sten Straße im Herzen New Yorks hat der New York Central 
Eisenbahngesellschaft über 75 Millionen Dollars gekostet. Die Penn- 
sylvania Eisenbahn gesellschaft beabsichtigt, ihre Endstation in Phila- 
delphia in derselben Weise auszubauen, ebenso plant sie die Errich- 
tung einer großen Endstation in Chicago; die New York Central folgt 
unmittelbar diesen Bestrebungen. 

Im Bau und in der Konstruktion der Bahnen sind in den 
letzten Jahren ebenfalls bedeutende Fortschritte zu verzeichnen, 
besonders auf dem Gebiete der Verminderung des Gefälles des Eisen- 
bahnkörpers. Noch bis vor einem Vierteljahrhundert wurde die 
Herabsetzung des Gefälles bis auf 1 Proz. (d. h. eine Steigerung 
von 1 Fuß auf eine Entfernung von 1000 Fuß) als eine bedeutende 
Errungenschaft betrachtet. Wie sehr die amerikanische Eisenbahn- 
technik auf eine fortwährende Verbesserung des Transportwesens 
bedacht ist, geht daraus hervor, daß selbst dieses Minimum an Gefälle 
manchen Eisenbahnunternehmungen nicht genügend erschien und daß 
das Gefälle weiter bis auf */io Proz. und sogar auf -j^q Proz. ver- 
mindert worden ist. Dieses Bestreben nach fortschreitender Ver- 
besserung des Eisenbahnkörpers hat in den Vereinigten Staaten bis 
zu einem Punkte geführt, wo es fraglich ist, ob ein weiterer Auf- 
wand für diesen Zweck nicht einer Verschwendung an Kapital gleich- 
kommt. Die amerikanischen Eisenbahnunternehmungen kennen jedoch 
keine Rast und Ruhe, die unerbittliche Konkurrenz spornt sie zu 
immer neuen Taten an. Es liegt auf der Hand, daß Verbesserungen 
gerade dieser Art besonders kostspielig sind ; aber andererseits werden 
die Leistungsfähigkeit einer Linie und die Sparsamkeit im Betriebe 
hierdurch wesentlich gefördert. Besonders im Güterverkehr spielt 
die Stärke des Gefälles eine große Rolle, und Linien mit kleinerem 
Gefälle sind im Frachtenverkehr solchen Linien gegenüber, deren 
Gefälle ein größeres ist, erheblich im Vorteil. Dieser Umstand hat, 
um ein Beispiel anzuführen, die Atchison, Topeka & Santa Eisen- 
bahngesellschaft bewogen für den Frachtenverkehr über die Rocky 
Mountains von Kansas City bis Rio Puerto auf eine Entfernung von 
ca. 1000 Meilen eine eigene Güterlinie zu erbauen, deren größtes Ge- 
fälle ^/jo Proz. beträgt. Die Erie Railroad Co. hat von Hornell bis Cuba 
im Staate New Y^ork gleichfalls eine besondere Linie für den schweren 
Güterverkehr mit einem minimalen Gefälle von 7io Pi'oz. (die so- 
genannte Genesee River Railroad Linie) geschaffen. 

Jahrb. f. Nationalök. u. Stat. Bd. 117 (Dritte Folge Bd. 62). 20 



306 



Ernst Peterffy, 



Hand in Hand mit der ständigen Erweiterung des ameri- 
kanischen Eisenbahnnetzes gingen die Bestrebungen, die Güter- und 
Personenbeförderung zu heben, zu verbessern und leistungsfähiger 
zu gestalten. 

Die Zahl der Lokomotiven ist von 37 663 in 1900 auf 58947 
in 1910 und auf 61533 in 1917 gestiegen, jene der Güterwagen von 
1365531 in 1900 auf 2135121 in 1910 und auf 2549363 in 1917 
angewachsen. 

Das Gesamtgewicht der beförderten Güter betrug in: 



1895 


686 614000 


Tonnen 


1900 


I 081 983 301 


n 


1910 


I 849 900 lOI 


r> 


1917 


2270035053 


n 



Während also die Zahl der Lokomotiven im Zeitraum von 
1900—1917 sich nicht ganz verdoppelt hat, ist das Gesamtgewicht 
der beförderten Güter von 1895 an um mehr als das dreifache ge- 
stiegen, was nicht nur mit der Erweiterung des Eisenbahnnetzes 
in diesem Zeitraum, sondern vor allem mit der ständigen Ver- 
besserung des rollenden Eisenbahnmaterials, der technischen Ver- 
besserung der Lokomotiven, der Raum- und Tragfähigkeit der Güter- 
wagen und der inhaltlich gründlicheren Beladung der Güterwagen 
im Zusammenhange steht. Die großen Fortschritte, welche im ameri- 
kanischen Eisenbahnwesen auf diesem Gebiete gemacht wurden, 
erfordern eine nähere Betrachtung, weil der Güterverkehr den wich- 
tigsten Platz einnimmt. 

In 1917 gab es 61 533 Expansions-Lokomotiven, welche 95 Proz. 
des ganzen Lokomotivenparkes ausmachten. Die Zugsfähigkeit und 
das durchschnittliche Gewicht der Lokomotiven ist in dem Zeitraum 
von 1903 — 1913 um durchschnittlich 35—40 Proz. gestiegen. 



Durchschn. Zugsfähigkeit 
(Exp. Lokom.) 
1907 25 439 Pfand 

1917 33 932 „ 



Durchschn. Gewicht 
(Exp. Lokom.) 
1907 68 Tonnen 

1917 86 



I 



Eine ähnliche Verbesserung weisen die 4 zylindrischen Com- 
pound-Lokomotiven auf, deren Gewicht von 101 Tonnen in 1907 auf 
139 Tonnen in 1914 erhöht wurde und deren Zugsfähigkeit in 1914 
durchschnittlich 40000 Pfund betrug. Die Baldwin Lokomotiv- 
Werke in Philadelphia haben noch vor dem Kriege Lokomotiven 
gebaut, welche ein Eigengewicht von 426,5 Tonnen hatten, und 
einen Lastzug von 250 Lastwagen mit einem Eigengewicht von 
17 912 Tonnen und einer Frachtlast von 12550 fortzubewegen im- 
stande waren; ein solcher Zug hatte eine Länge von 4^/^ Meilen 
und jeder Güterwagen eine Frachtbeladung von je 50 Tonnen. Es 
ist wahrscheinlich, daß die amerikanische Lokomotiventechnik selbst 
mit diesen Leistungen sich nicht begnügen wird und daß die weitere 
Entwicklung in einer Erhöhung des Gewichtes und der Zugsfähig- 
keit der Lokomotiven und damit in einer größtmöglichen Ausnutzung 



Die Entwicklung des amerikanischen Eisenbahnwesens in neuester Zeit. 307 

der Dampfkraft bestehen wird. Die Lokomotiven für den Güter- 
transport sind schon jetzt in Amerika von einer Größe und einem 
Gewicht, wie man sie sonst nicht kennt. Für den Gütertrans- 
port kommen hauptsächlich die Typen „Mykado" (Eigengewicht 
86000—320000 Pfund), „Atlantic" (Eigengewicht 126000—215000 
Pfund) und „Hallet" (Eigengewicht 204000-520000 Pfund) in Be- 
tracht; letztere besitzt, eine Zugkraft von 100000 Pfund. 

In betreif des Baues von Güterwagen sind die Fortschritte in 
den letzten Jahren nicht minder eindrucksvoll. 

Die folgenden Ziffern veranschaulichen die bedeutende Erhöhung 
der Ladefähigkeit von Güterwagen seit 1903. 

Durchschnittliche Ladefähigkeit von Güterwagen: 



Gewöhnl. Güterw. 


Kohlenw. 


Lories 


Viehw. 


Versch. and. W. 


t 


t 


t 


t 


t 


1903 28 


33 


27 


25 


29 


1913 34 


44 


35 


31 


39 


1917 36 


48 


38 


33 


46 



Die durchschnittliche Ladefähigkeit eines amerikanischen Güter- 
wagens betrug in 1917 40 Tonnen. Wie bekannt sind die ameri- 
kanischen Güterwagen vierachsig gebaut. Der Vorteil dieser Bauart 
liegt hauptsächlich in der Verminderung des Eigengewichtes des 
Güterwagens im Verhältnis zur Fracht, wodurch die größtmögliche 
Ausnutzung der fortbewegenden Kraft der Lokomotive ermöglicht 
wird. In Betracht zu ziehen ist weiterhin die bedeutende Friktions- 
verminderung und Verminderung des Luftwiderstandes durch die 
Verteilung der Wagenstruktur auf einer zweiachsigen Basis. Schließ- 
lich spielen, besonders zur Jetztzeit, die Ersparnis an Materialkosten 
ebenfalls eine große Rolle. Ein Güterwagen mit einem Fassungs- 
vermögen von 40 Tonnen kostet freilich mehr als ein Güterwagen von 
30 Tonnen Fassungsvermögen ; das Gewicht ist nur um ca. 3000 Pfund 
größer und der Preis stellt sich nur um ca. 50 $ höher. 

Auch im Bau von Personenwagen ist der Fortschritt der letzten 
Jahre ein unverkennbar großer. Die Länge eines amerikanischen 
Personenwagens betrug noch vor einigen Dekaden 40 — 50 Fuß; 
heute beträgt die Länge 75 — 85 Fuß, mit einem Fassungsvermögen 
von 88 Personen. Die Holz- und Eisenkonstruktion hat schon vor 
ca. 10 Jahren der Ganzstahlkonstruktion (all steel construction) 
Platz gemacht. Die Pennsylvania- Eisenbahngesellschaft hat bereits 
in 1912 ein auf Jahre hinaus vorbereitetes Programm der stufen- 
weisen Ersetzung des ganzen Wagenparkes durch Stahlwagen ein- 
geführt und hat heute nur aus Stahl gebaute Waggons im Betriebe. 
Die Erfahrung hat den Beweis geliefert, daß bei Eisenbahnunglücks- 
fällen die Stahlkonstruktion einer Zertrümmerung der Wagen viel 
größeren Widerstand zu leisten vermag, als die ältere Holz- und 
Eisenbauart. In dieser Beziehung gewährt das Reisen auf den 
amerikanischen Bahnen für das Leben der Passagiere heute größere 
Sicherheit als in Europa. Die Personenwagen älterer Bauart werden 

20* 



308 



Ernst Peterffy, 



auf allen Linien nach und nach aus dem Verkehr gezogen und 
durch Ganzstahlpersonenwagen ersetzt, so daß bereits gegenwärtig 
90 Proz. sämtlicher Personenwagen in den Vereinigten Staaten ganz 
aus Stahl gebaut sind. 

Die von Jahr zu Jahr steigende Leistungsfähigkeit der amerikani- 
schen Eisenbahnen kann man am besten daraus ersehen, wenn man 
die ziffermäßige Steigerung des Gütertransportes und des Personen- 
verkehres in den letzten vier Jahrzehnten verfolgt^). 

Die folgende Tabelle gibt eine vergleichende Darstellung der Ver- 
mehrung der Bevölkerung von 1880 — 1917 und des Anwachsens des 
Personenverkehrs und mehr noch des Güterverkehrs in diesem 
Zeitraum : 



Jahr 
1880 
1890 
1900 
1910 
1917 



Bevölkerung 

50155783 
62 947 714 
76 085 794 

92174515 
103 500 473 



Zahl d. bef. Personen Tonnenz. d. bef . Güter 
5 740 1 12 502 32 348 846 693 



II 847 785 617 
16 039 007 217 
32 338 496 328 
39 739 682 000 



76 207 047 298 
141 599 157270 
255016910451 
394 040 446 000 



Aus diesen Ziffern ist ersichtlich, daß, während die Bevölkerung 
in dem Zeitraum von 1880—1917 sich verdoppelt hat, die Zahl der 
beförderten Personen um das achtfache, und die Tonnenzahl der 
beförderten Güter um mehr als das zehnfache gestiegen ist. Aller- 
dings sind dies absolute Zahlen. Auf die Kopfzahl der Bevölkerung 
umgerechnet ergibt sich folgendes: 





Zahl der beförderten 


Tonnenzahl der beförderten 


Jahr 


Personen pro Meile u. pro 


Güter pro Meile u. pro Kopf 




Kopf der Bevölkerung 


der Bevölkerung 


1880 


114 


645 


1890 


188 


1211 


1900 


211 


1861 


1910 


351 


2767 


1917 


384 


3807 



1 



Das bedeutende Ueberwiegen des Güterverkehrs gegenüber dem 
Personenverkehr ist auf den ersten Blick erkennbar. Gütertransporte 
spielen eine überragend wichtige Rolle. Nach der letzten statisti- 
schen Berechnung der Interstate Commerce Commission fielen 68 Proz. 
der Gesamteinnahmen der Eisenbahnen auf den Güterverkehr und 
nur 23 Proz. auf den Personenverkehr. Trotzdem ist auch der 
Personenverkehr auf einer Stufe der Leistungsfähigkeit, wie vielleicht 
in keinem anderen Lande der Welt. 

Zu einem noch überraschenderen Ergebnis gelangt man aber, 
wenn man die Zunahme des durch Frachtzüge beförderten Güter- 
gewichts pro Zugmeile einer Prüfung unterzieht. Die Leistungen 
der amerikanischen Eisenbahnen in dieser Hinsicht sind geradezu 
staunenerregend. Als kurz nach Ausbruch des Krieges in Europa 



1) s. G. EUis Baker, Economic Statesmanship, 1920. 



Die Entwicklung des amerikanischen Eisenbahnwesens in neuester Zeit. 309 

ein großer wirtschaftlicher Aufschwung in Amerika einsetzte, waren 
die Bahnen so gut wie völlig unvorbereitet, die Flut von Gütern 
zu befördern, welche über weite Strecken nach den Hafenplätzen 
transportiert werden mußten. Bei den niedrigsten Tarifsätzen für 
den Personen- und Güterverkehr und den hohen Löhnen, ja man 
kann sagen höchsten Löhnen, die in der ganzen Welt an Eisenbahn - 
angestellte bezahlt werden, haben es die Eisenbahnen ermöglicht, 
einen Güterverkehr zu bewältigen, dessen Umfang aus folgenden 
Ziffern ersichtlich ist: 

Durchschnittliches Gütergewicht von Frachtzügen 
pro Zugmeile (trainmile) 



Jahr 


Tonnen 


Zunahme in Tonnen 


Zunahme in I 


1890 


177,42 


— 


— 


1895 


189,69 


12,27 


6,92 


1900 


270,86 


8i,17 


42,79 


1905 


322,26 


51,40 


i8,98 


1910 


380,38 


58,12 


18,04 


1915 


474,45 


94,07 


24,73 


1916 


534,95 


60,50 ^) 


12,75^) 


1917 


620,00 


145,55*) 


30,68«) 



Eine Zergliederung obiger Zahlen zeigt, daß in den hier ge- 
nannten fünfjährigen Perioden die höchste Steigerung in der Belastung 
eines Güterzuges pro Zugmeile auf die Zeit von 1910 — 1915 fäUt. 
Aber schon in dem darauffolgenden einen Jahre machte sich der 
vollständig veränderte Umfang des Gütertransportes bemerkbar. In 
diesem einen Jahre allein stieg die Tonnenzahl pro Güterzug und 
Zugmeile um 60,50 Tonnen, und im nächsten Jahre um weitere 
80 Tonnen, so daß in zwei Jahren 1916 und 1917 die Belastung 
pro Güterzug und Zugmeile um 145.55 Tonnen zugenommen hat; 
das heißt: die Steigerung war in diesen zwei Jahren um 43 Proz. 
größer als in irgendeinem der vorhergehenden fünfjährigen Zeit- 
räume. 

Wenn man nach den Ursachen forscht, welche eine so gewaltige 
Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Bahnen ermöglichten, so ist 
vor allem auf die zielbewußte Verwaltung und Verkehrspolitik der 
leitenden Kreise im amerikanischen Eisenbahnwesen hinzuweisen. 
Das ganze Programm von Verbesserungen und Neubauten wurde, 
soweit dies in der kurzen Spanne Zeit möglich war, in beschleunigtem 
Tempo und mit unerhörter Energie durchgeführt. Umfassende Ver- 
besserungen an den Gleisen, Brücken und Kurven wurden ohne 
Verzögerung vorgenommen. Die Zahl der Gleise auf den Eangier- 
bahnhöfen und auf den Endstationen wurde vermehrt, um eine 
schnellere Abfertigung der Züge, Auf- und Abladung der Güterwagen, 
Waggonverschiebung usw. zu ermöglichen. Lokallinien wurden in 



1) Zunahme in einem Jahr. 

2) Zunahme in zwei Jahren. 



310 Ernst Peterffy, 

elektrische Bahnen umgewandelt. Der Schreiber dieser Zeilen kann 
selbst bestätigen, wie in Philadelphia 1915 binnen wenigen Monaten 
die ganze Lokalstrecke zwischen den Malvern und Philadelphia in 
eine elektrische Schnellbahn umgewandelt wurde. Der Lokomotiyen- 
und Wagenpark wurde schleunigst vergrößert ; es wurden Lokomotiven 
gebaut, wie die oben geschilderten, mit erhöhter Zugkraft zur Be- 
förderung besonders schwerer Lastzüge und Güterwagen von größerer 
Beladuugsfähigkeit. Auf diese Weise konnte eine größere Fracht- 
konzentrierung auf weniger Züge, Verminderung der Gleisebenutzung 
und Vermeidung von Stauungen an Endstationen erreicht werden. 
An den Bahnkörpern selbst wurden radikale Verbesserungen vor- 
genommen, wo es sich als notwendig erwies. Signalverbesserungen 
und verschiedene andere Einrichtungen wurden getrolfen, welche 
eine glattere Abwicklung des Verkehres ermöglichen sollten. Alle 
Personen- und Güterwagen wurden mit automatischen Kupplungs- 
vorrichtungen und Luftdruckbremsen versehen. Sicherheitsmaßnahmen 
wurden vorgeschrieben und neue Sicherheitsvorkehrungen eingerichtet. 
Gleiseüberschreitungen unter Aufwand erheblicher Kosten durch 
Bau von Tunneln oder Gleisen über Brücken abgeschafft, usw. 

Nirgends wird der kardinale eisenbahnwirtschaftliche Grundsatz 
der „längsten Frachtzüge, bei größtmöglicher Ladefähigkeit und Be- 
ladung" mit solcher Konsequenz durchgeführt, wie in den Vereinigten 
Staaten. Das bezeichnende Merkmal der amerikanischen Güterwagen 
sind die Länge und die Ladefähigkeit der Güterwagen. Die Durch- 
schnittslänge eines Güterwagens variiert zwischen 30 — 42 Fuß; die 
Ladefähigkeit beträgt im Durchschnitt, wie oben bereits angeführt, 
40 Tonnen, variiert aber zwischen 30—80 Tonnen; das Eigengewicht 
eines Güterwagens beträgt ca. 24—37 Tonnen. Bei Transporten von 
schweren, massigen Artikeln, wie Kohle, Eisenerz, Holz usw. auf große 
Entfernungen ist eine solche Bauart der Güterwagen nicht nur un- 
erläßlich, sondern geradezu eine" Voraussetzung dafür, daß solche 
Artikel noch mit wirtschaftlichem Nutzen für die Produktion ver- 
wendbar sind. Wie wir sehen werden, müssen die wichtigsten 
Stapelartikel in Amerika, vor allem Kohle und Erze auf sehr große 
Entfernungen transportiert werden. Es ist nicht nur eine Frage der 
Tarifsätze, sondern eine unmittelbare praktische Kostenfrage, welche 
die amerikanischen Eisenbahnunternehmungen nötigte, dieses Problem 
so zu lösen, daß alle Vorteile für die Industrie wie auch für die 
Eisenbahnunternehmungen gewahrt blieben. Man hat es in dieser 
Hinsicht heute bereits soweit gebracht, daß Güterzüge, die große 
Entfernungen zu durchlaufen haben, zwecks Ausnützung der traktiven 
Kraft der Lokomotiven bei einer fast unwahrscheinlichen Länge, ein 
gesamtes Gütergewicht von 2500—3000 Tonnen befördern können. 
Wenn man bedenkt, daß 50 Proz. des gesamten Güterverkehrs auf 
den amerikanischen Eisenbahnen in mineralischen Produkten, vor 
allem in Kohle und Erz besteht, wird man diesen Leistungen der 
amerikanischen Eisenbahnfachleute besondere Anerkennung zollen 
müssen. 



Die Entwicklung des amerikanischen Eisenbahnwesens in neuester Zeit. 311 

Im amerikanischen Eisenbahntransportwesen wurde bereits früh- 
zeitig die Wichtigkeit der Ausgestaltung von folgenden drei grund- 
legenden Faktoren erkannt und alles daran gesetzt das Transport- 
wesen in dieser Richtung hin zur höchsten Vollkommenheit zu bringen: 
1. eine möglichs