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1
LIBRARY
JOHNS HOPKINS UNIVERSITY
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JUL 1 T985
IDENTIFIED AFTER USE
*i-
L
Jahrbuch
DES
KAISERLICH DEUTSCHEN
Archäologischen Instituts
Band xxix
1914
MIT DEM BEIBLATT ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER
BERLIN
DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER
1914.
\1\,^^^
*
k
■?
Inhalt.
Seite
Dehn G., Die Statue des Joven Orador in Madrid I2I
Friedländer P., Die Anfänge der Erdkugelgeographie. Mit 5 Abbildungen 98
Haus er F., Orpheus und Aigisthos. Mit 5 Abbildungen 26
Lippold G., Zum farnesischen Stier. Mit 2 Abbildungen 174
Malten L., Das Pferd im Totenglauben. Mit 40.Abbildungen 179
May bäum J., Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des
4. Jahrhunderts. Mit Tafel 6 — 7 und 2 Abbildungen 92
Meurer M., Form und Herkunft der mykenischen Säule. Mit 7 Abbildungen i
Pfuhl E., Der klazomenische Polyxenasarkophag und die Vase Vagnonville. 33
Robert C, Chrysippos und Antigone auf apulischen Vasen. Mit Tafel 1 1 — 13
und 2 Abbildungen 168
Schröder B., Mikon und Paionios. Mit Tafel 8 — 10, 2 Beilagen und 29 Ab-
bildungen 1 23
Weigand E., ßaalbek und Rom, die römische' Reichskunst in ihrer Ent-
wickelung und Differenzierung. Mit Tafel I — 5, 5 Beilagen und 16 Ab-
bildungen 37
Woelcke K., Dornauszieher-Mädchen. Ein Terrakottafragment aus Nida-
Heddernheim. Mit 10 Abbildungen 17
IV
Inhalt.
ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER
Spalte
Jahresbericht des Kaiserlich
Deutschen Archäologischen
Instituts I
Verzeichnis der Mitglieder des
Kaiserlich Deutschen Archäo-
logischen Instituts V
Institutsnachrichten 113, 521
Eduard-Gerhard-Stiftung 442
Nachruf für A. Conze 117
Todesanzeigen für H.Latteirmann,
E. Schmidt, F. Toebelmann.... 443
Todesanzeigen für E. Katterfeld,
H. Kohl.G. Matthies, K. Menadier,
W. R e i m p e 1 1 , M. L. Strack, S.
Sudhaus, J. Dechelette 445
Aßmann E., Zu einigen Namen auf
etruskischen Spiegeln 82
B i e b e r M., Bericht über Arbeiten
im Museum von Kassel. Mit
19 Abbildungen i
BruecknerA., Neue Funde amKe-
rameikos 91
OxeA., Die ältesten Terra-sigil-
lata-Fabriken in Montans am
Tarn. Mit 5 Abbildungen 61
Rodenwaldt G., Zum Vasen maier
Sky th e s. Mit 3 Abbildungen 87
Rodenwaldt G., Zur Aldobrandiui-
schen Hochzeit 447
V ie deban tt O., Das älteste römische
Längenmaß und der Tempel
des Jupiter Capitolinus. Mit
I Abbildung 75
Waser O., Theseus undProkrustes.
Mit 3 Abbildungen 32
Archäologische Funde im Jahre
1913:
Griechenland (G. Karo). Mit 7 Abbildungen. 121
Kleinasien (G. Karo) 167
Italien (R. Delbrueck). Mit 1 3 Abbildungen 174
Rußland (B. Pharmakowsky). Mit 1 1 1 Ab-
bildungen 205
Spalte
Ägypten (C. C. Edgar) 292
Nordafrika (A. Schulten). Mit 9 Abbildungen 297
Spanien und Portugal (P. Paris). Mit 59 Ab-
bildungen 316
F'rankreich jgg
Belgien (L. Renard-Grenson) 389
Britannien (F.Haverfield). Mit 1 3 Abbildungen 392
Schweiz ^og
Ungarn (G. von Finäly) 408
Serbien (N. Vulid und M. Vassits) 411
Bulgarien (B. Filow). Mit 11 Abbildungen 416
Rumänien (V.Pärvan). Mit 10 Abbildungen 429
Erwerbungsberichte:
Museum of fine arts in Boston 489
British Museum in London 476
Antikensammlungen Münchens. Mit
1 7 Abbildungen 453
Ashmolean Museum of Art and Archaeology
in Oxford 485
Musee du Louvre in Paris 476
Archäologische Gesellschaft zu
Berlin:
Dezember-Sitzung 1913 39
Januar-Sitzung 1914 43
Februar-Sitzung 1914 46
März-Sitzung 1914 54
April-Sitzung 1914 95
Mai-Sitzung 1914 97
Juni-Sitzung 1914. Mit i Abbildung .... 100
November-Sitzung 1914 506
Dezember-Sitzung 1914. Mit i Abbildung. 514
Gymnasial Unterricht und Ar-
chäologie 1914 518
Mclische Reliefs (P. Jacobsthal).
Mit 3 Abbildungen 107
Quellen der Religionsgeschichte lii
Preisaufgabe ; 57
Zur Bibliographie 58
Register 523
Bibliographie für das Jahr 1913 . i
JAHRESBERICHT
DES KAISERLICH DEUTSCHEN ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS.
Die ordentliche Plenarversammlung der
Zentral-Direktion fand am 21. — 23. April
1913 statt. Am 24. März 19 14 ver-
sammelte sich die Zentral-Direktion zu einer
außerordentlichen Plenarversammlung, zum
letztenmal in ihrer alten Zusammensetzung,
nachdem die neue Fassung der §§ 2 u. 6
des Instituts-Statuts unterm i. Februar die
Allerhöchste Genehmigung Sr. Majestät des
Kaisers gefunden hat und dementsprechend
von den dazu berufenen Instanzen eine
neue Zentral-Direktion gewählt ist. (Vgl.
Arch. Anz. 1914 S. 113/116.)
Mit dieser Neuordnung schied aus der
Zentral-Direktion Herr Conze aus, nachdem
er ihr 37 Jahre angehört und sie 24 Jahre
als ihr Vorsitzender geleitet hatte. Es
kann nicht Sache dieses Berichtes sein,
Conzes reiche Verdienste um unser Institut,
dem er in langjähriger Arbeit sein jetziges
Gepräge gegeben hat, zu schildern. Aber
ein Wort des Dankes für seine unermüd-
liche Tätigkeit als Leiter des Instituts, für
das nie versagende Interesse, mit dem er
als Mitglied der Zentral-Direktion jede
Lebensäußerung des Instituts begleitete,
darf auch an dieser Stelle nicht fehlen,
an der er selbst jahrelang über die Ent-
wickelung und Tätigkeit des Instituts be-
richtet hat. Die Zentral-Direktion ernannte
Herrn Conze nach seinem Ausscheiden
zum Ehrenmitgliede des Instituts als
äußeres Zeichen, wie sie sich auch weiter-
hin ihm eng verbunden fühlt und seiner
Mitarbeit gewiß ist.
Archäolofi^lscher Anzeiger 1914.
Aus der Reihe seiner ordentlichen Mit-
glieder verlor das Institut die Herren
Baron G. Barracco in Rom f 14. Januar
19 14, J. J. Bernoulli in Basel f 22. Juli
1913, A. Castellani in Rom f 23. Januar
19 14, C. Jacobsen in Kopenhagen f 10.
Januar 19 14, F. Leo in Göttingen f 14.
Januar 1914, A. Salinas in Palermo f 6.
März 1914, D. Vaglieri in Rom f 13. De-
zember 1 9 1 3 ; von den korrespondierenden
Mitgliedern verstarben die Herren E. Mar-
tinelli in Anagni, Ch. L. Thomas in Frank-
furt a. M. f 16. Dezember 19 13.
Neu ernannt wurden: zu ordentlichen
Mitgliedern die Herren Th. Ashby in Rom,
F. Dürrbach in Toulouse, A. Frickenhaus
in Straßburg i. Eis., St. Gsell in Paris,
H. Hepding in Gießen, F. Löhr in Wien,
A. Philippson in Bonn, J. Poppelreuter in
Cöln, A. von Salis in Rostock, O. Walter
in Athen, C. Weller in Berlin, S. Wide in
Upsala, W. Wilberg in Athen und J. Zingerle
in Wien ; zu korrespondierenden Mitgliedern
Fräulein M. Bieber in Schoenau und die
Herren F. Bölte in Frankfurt a. M., J. Car-
copino in Algier, G. Daressy in Kairo, G.
Darier in Genf, G. Dickins in Oxford, S. Ei-
trem in Kristiania, A. Gnirs in Pola, G.Hock in
Würzburg, Th. Hofmann in Elberfeld, H.
Hubert in Saint-Germain en Laye, R. Knorr
in Stuttgart, H. Koch in Bonn, H. Lietz-
mann in Jena, C. W. Lmisingh-Scheurleer
in Haag, E. Nachmanson in Upsala, L.
Poinssot in Tunis, J. E. Quibell in Kairo,
Walther Schmid in Graz, F. Sprater in
II
Speier, J. Sundwall in Helsingfors und D.
Viollier in Zürich.
Die Stipendien für klassische Archäologie
wurden den Herren E. Buschor, A. Neu-
gebauer, G. Matthies und W. Bremer, das
Stipendium für christliche Archäologie
Herrn H. Kunze verliehen.
Der Generalsekretär nahm an den
Sitzungen der Römisch-Germanischen Kom-
mission, des Römisch-Germanischen Zentral-
Museums und der Kommission für die Er-
forschung des Kaiserpalastes in Trier teil.
Kürzere dienstliche Reisen führten ihn nach
Homburg v. d. H., Erlangen und Frank-
furt a. M., eine längere zur I,eitung der Aus-
grabungen von Tiryns nach Griechenland,
von wo er über Rom zurückkehrte. Während
seiner Abwesenheit wurde er von Herrn von
Wilamowitz-Moellendorff vertreten.
Vom Jahrbuch und Anzeiger erschien
Band XXVIII, von den Antiken Denk-
mälern das 2. Heft des III. Bandes.
Aus dem Iwanoff-Fonds unterstützte die
Zentral-Direktion Herrn Weege bei der Fort-
setzung seiner Forschungen in der Domus
Aurea, über deren ersten Abschnitt im
XXVIII. Bande des Jahrbuchs und den
Antiken Denkmälern berichtet ist, eine
Arbeit, die auch als Sonderabdruck einzeln
käuflich ist. Weiter konnten aus dem
Iwanoff-Fonds Zuschüsse zu Herrn Schultens
Veröffentlichung . der Ausgrabungen von
Numantia und zu den Grabungen geleistet
werden, die das Athenische Institut unter
der Leitung der Herren Brueckner und
Knackfuß im Gebiete des Friedhofes vor
dem Dipylon unternimmt.
Mit den von Freunden des Instituts zur
Verfügung gestellten Mitteln konnte die
Bearbeitung der Keramik von Tiryns ge-
fördert werden, die die Herren Karo und
Kurt Müller demnächst als III. Band des
Tirynswerkes herausgeben werden. Vor
allem aber ermöglichten sie die Weiterführung
der Arbeiten in Pompeji, die durch die Herren
Winter, Pernice, v. Schöfer und Krischen so
weit gediehen sind, daß mit der Veröffent-
lichung begonnen werden kann. Den hoch-
herzigen Gönnern, deren Stiftung allein
uns die Förderung dieser wichtigen Unter-
nehmungen ermöglicht, danken wir auch
an dieser Stelle.
Gelegentlich ihres Aufenthaltes in Pom-
peji hielten die Herren Winter und Pernice
auf Veranlassung der Zentral-Direktion einen
Kursus vom 6. — ii. Oktober ab.
In Rom stand Herrn Delbrueck bis zum
September des Berichtsjahres noch Herr
Dr. E. Katterfeld zur Seite. Dann trat an
dessen Stelle Herr Dr. E. Schmidt, zeitweilig
unterstützt von Herrn Höfner. Am Real-
katalog arbeiteten die Herren v. Mercklin,
Weickert, Nachod, Wigand in Bonn, Bang
in Berlin, F'rl. Gütschow in Rom und Frl.
Läng in Budapest. Der I. Halbband ist er-
schienen, der Druck des II. hat begonnen.
Herr Delbrueck bereiste im Sommer
Venetien und die Lombardei. Im August
und September war er beurlaubt. Im Mai
und Juni leitete er gemeinsam mit Herrn
Karo einen Giro in den etruskischen Samm-
lungen und Ruinenstätten. Während Herr
Karo die etruskischen Sammlungen in Rom,
Corneto und Florenz erläuterte, führte Herr
Delbrueck in den Ruinen von Praeneste
und Falerii, Herr Nachod in der Nekropole
von Cerveteri; Herr Koch behandelte die
architektonischen Terrakotten der Villa di
Papa Giulio. Von Mitte November bis
Ende Dezember veranstaltete Herr Del-
brueck Führungen auf dem römischen
Forum. Im Januar schlössen sich daran
Herrn Amelungs Vorträge über griechische
Plastik.
Vom XXVIII. Band der Römischen Mit-
teilungen erschienen Heft i — 3. Am Gene-
ralregister der Römischen Mitteilungen
arbeitete Herr Naechster.
In Angriff genommen wurde die Ver-
öffentlichung von Plänen und ausgewählten
Grabmälern der südetruskischen Felsnekro-
polen durch die Herren Koch, v. Mercklin,
Weickert und v. Stockar. Zunächst wurde
in der Nekropole von Bieda gearbeitet.
In der Bibliothek betrug der Zuwachs
655 Werke. Mit Dank dürfen wir wieder
eine Reihe wertvoller Geschenke an die
Bibliothek erwähnen.
In Athen war neben den Sekretaren
Herr Fimmen tätig. Die Zuwendung eines
ungenannten Gönners, für die auch wir an
dieser Stelle herzlich danken möchten,
setzte das Sekretariat in den Stand, auch
Herrn Weigand für dieses Jahr nach Athen
— III —
zu ziehen und ihm zunächst die Weiter-
führung der von Herrn Struck hinter-
lassenen unvollendeten byzantinischen
Studien zu übertragen.
Herr Karo hat vom 7. — 11. April eine
Führung in Kandia und Knossos veran-
staltet. Während des Januar und Februar
erklärte Herr Karo die vormykenischen und
mykenischen Altertümer, Herr Knackfuß
die Bauten der Unterstadt, Herr Fimmen
ausgewählte Inschriftengruppen, Herr Wei-
gand byzantinische Kirchen. Auch an den
Führungen unserer österreichischen Kollegen,
Herrn Wilbergs auf der Akropolis und im
Dionysostheater, Herrn Walters im epi-
graphischen Museum, konnten sich unsere
Stipendiaten beteiligen. Vom 16. — 31. März
hat dann Herr Karo eine Führung in die
Argolis, nach Delphi und Olympia unter-
nommen, an letzterem Ort in dankens-
werter Weise von Herrn Wilberg unterstützt.
Die auf Veranlassung S. Majestät des
Kaisers in Corfu veranstalteten Forschungen
wurden auch im Berichtsjahre unter Lei-
tung von Herrn Dörpfeld fortgesetzt. Die
reichen und wichtigen Funde dieses Früh-
lings an Architektur, Inschriften und nament-
lich architektonischen Terrakotten fallen
indes bereits in das neue Geschäftsjahr.
Von Anfang September bis Ende Ok-.
tober hatten die Herren Dragendorfif, Karo
und Kurt Müller in Tiryns gegraben.
Nachdem im Frühjahr vom 2. — 18. März
noch einige ergänzende Arbeiten, an denen
sich neben Herrn Karo die Herren Bremer
und Matthies beteiligten, ausgeführt worden
sind, ist die Erforschung der Burg von Tiryns
zu ■ einem vorläufigen Abschluß gelangt.
Über die Ergebnisse orientiert kurz der
Bericht in den Athen. Mitt. XXXVIII 1913
S. 329 ff. Eine weitere Kampagne wird
jetzt noch die Erforschung der Nekropole
in Anspruch nehmen, mit der im Berichts-
jahre begonnen wurde. Dankbar dürfen
wir hier erwähnen, daß das schon so oft be-
währte Interesse des Herrn Goekoop uns
auch in diesem Jahre nicht fehlte und uns
in den Stand setzte, den glücklichen ersten
Fund in der Nekropole sofort auszunutzen
und das erste Kuppelgrab von Tiryns frei-
zulegen.
In Pergamon haben die Herren Knack-
fuß, Hepding und Schazmann vom Sep-
tember bis November den Rampenzugang
des oberen Gymnasiums mit der im vorigen
Jahre von Herrn Conze entdeckten Tor-
anlage freigelegt, ebenso das Gebäude beim
sog. Eumenischen Tore.
Von den Athenischen Mitteilungen er-
schien Band XXXVIII.
Der Bibliothek überwies Frau Geheim-
rat Lüders die Bücher ihres verstorbenen
Gatten, eine sehr wertvolle Zuwendung,
für die auch an dieser Stelle herzlich ge-
dankt sei. Im übrigen war die Vermehrung
der Bibliothek durch Tausch, Kauf und Ge-
schenke die übliche. Die Sammlung der
Photographien wurde namentlich durch
eine große Zahl von Aufnahmen aus Tiryns
vermehrt.
Erwähnt sei endlich, daß eine außer-
ordentliche Zuwendung aus Reichsmitteln
eine gründliche Reparatur des Instituts-
gebäudes ermöglichte.
Bei der Römisch-Germanischen Kom-
mission waren neben Herrn Ritterling als
wissenschaftliche Hilfsarbeiter die Herren
Barthel und Walter Müller tätig. An
Stelle des letzteren, der einer Berufung
nach Dresden gefolgt ist, trat dann Herr
Kutsch, der schon vorher freiwillig als
Hilfsarbeiter bei der Kommission tätig ge-
wesen war.
Die Jahressitzung der Kommission fand
am 19. März in Frankfurt a. M. statt.
Der VII. Bericht der Römisch -Ger-
manischen Kommission ist im Druck. Aus
seinem Inhalt sei namentlich die Museo-
graphie der süddeutschen Museen und die
Bibliographie der Römisch-Germanischen
Forschung für 191 2 hervorgehoben.
Von den seitens der Römisch - Germa-
nischen Kommission herausgegebenen und
unterstützten Publikationen erschien das
Werk von F. Henkel über die römischen
Ringe der Rheinlande. In der Serie der
Kataloge west- und süddeutscher Altertums-
sammlungen erschienen Band II: Die Sam-
lung Marx in Mainz, bearbeitet von F. Behn,
und Bd. III: Das Landesmuseum in Birken-
feld, bearbeitet von H. Baldes und G.
Behrens. Mehrere weitere Bände sind in
Arbeit. Eine neue Serien -Publikation:
Materialien zur römisch-germanischen Kera-
— IV
mik, eröffnete die Kommission mit Heft I,
das die Keramik des Kastells Niederbieber,
bearbeitet durch Fr. Oelmann, enthält.
Erwähnt sei endlich das Buch von A. Riese :
Das rheinische Germanien in den antiken
Inschriften, das auf Veranlassung der Rö-
misch-Germanischen Kommission erschienen
ist
Für den Katalog der italischen Terra-
Sigillata bereiste Herr Oxe die Schweiz,
Südfrankreich, Italien sowie einige süd-
deutsche und österreichische Museen.
Einen vorläufigen Bericht über die Ergeb-
nisse bringt der VII. Bericht der Römisch-
Germanischen Kommission.
Die Kommission unterstützte aus ihren
Mitteln die Ausgrabungen im Römerlager
bei Haltern, in den Erdkastellen bei
Hüfingen in Baden, bei Risstissen und Rott-
weil in Württemberg, der wahrscheinlich
frühtrajanischen militärischen Anlage am
Salisberg bei Kesselstadt, dem spätrömischen
Kastell Altrip. Auf dem Gebiet der Ring-
wallforschung sei die Aufnahme der „Burg"
bei Rambach im Reg.-Bez. Wiesbaden
durch Herrn Thomas und die Unter-
suchung der Anlagen auf dem Firtischberg
bei Kaysersberg i. E. erwähnt. Der neo-
lithischen Periode galten Untersuchungen
bei Worms und Sigmaringen.
Die planmäßige Erforschung des alten
Straßennetzes im linksrheinischen Gebiet
wurde namentlich im Elsaß kräftig gefördert.
Im August wurde in Verbindung mit
der Direktion des Provinzial-Museums ein
archäologischer Kursus in Trier abgehalten.
Die Reisen des Direktors und seiner
wissenschaftlichen Mitarbeiter berührten fast
alle Teile des ausgedehnten Arbeitsgebietes.
Besonders erwies sich zur Beschaffung des
Materials für die Museographie die plan-
mäßige Bereisung der Museen bestimmter
Bezirke als fruchtbringend.
Die Bibliothek vermehrte sich stark, vor
allem durch den immer regeren Tausch-
verkehr. Auch für eine Reihe von Schen-
kungen dürfen wir hier den Dank aus-
sprechen.
Endlich sei mit Dank erwähnt, daß die
Stadt Frankfurt a. M., nachdem das Ge-
bäude, in welchem sie der Kommission
seit 1909 Räume zugewiesen hatte, nieder-
gelegt ist, der Kommission als Ersatz dafür
wiederum einen Barzuschuß von 1500 M.
jährlich bewilligt hat.
ZENTRAL-DIREKTION
DES KAISERLICH DEUTSCHEN ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS
BERLIN W. 50, Ansbacherstr. 46.
berufen von Preußen auf
Vorschlag der Königlichen
Akademie der Wissenschaften.
berufen von Preußen.
20. 1
H. Dragendorff, Generalsekretär, Prof., Dr., Berlin-Lichterfelde (West), Zchlendorferstr. 55
C. Weller, Geh. Legationsrat, Vortragender Rat im Auswärtigen Amt, Berlin W. 30, Heilbronner-
Str. 19, vom Reichskanzler berufen.
0. Hirschfeld, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin-Charlottenburg,
Mommsenstr. 6,
E.Meyer, Geh. Reg.-Rat„ Prof., Dr., Berlin-Lichterfelde (West),
Mommsenstr. 7/8,
U. von Wilamowitz-Moellendorff, Wirkl. Geh. Rat, Prof., D.
Dr., Berlin-Westend, Eichen-Allee 12,
W. Dörpfeld, Prof., Dr., Berlin-Friedenau, Niedstr. 22,
G. Loeschcke, Geh. Reg.-Rat, Proi.,!)!., BerlinNW.40, Hindersinstr. 6,
C. Robert, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Halle a. S., Angerweg 40,
Th. Wiegand, Direktor, Dr., Berlin-Steglitz, Peter Lenn&tr. 30,
H. Bulle, Prof., Dr., Würzburg, Konradstr.
P. Wolters, Prof., Dr., München, Tengstr. 20,
F. Studniczka, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Leipzig, Leibnizstr. 11, berufen von Sachsen.
F. Noack, Prof., Dr., Tübingen, Gartenstr. 5g, berufen von Württemberg.
E. Fabricius, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Freiburg i. Br., Goethestr. 44, berufen von Baden.
C. Watzinger, Prof., Dr., Gießen, Gr. Steinweg 23, berufen von Hessen.
A. von Salis, Prof., Dr., Rostock, Augustenstr. 123, berufen von Mecklenburg-Schwerin.
B. Graef, Prof., Dr., Jena, Erfurterstr. 64, berufen von den Thüringischen Staaten.
A. Frickenhaus, Prof., Dr., Straßburg i. Eis., Taulerring 21, berufen von Elsaß-Lothringen.
G. Körte, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Göttingen, Wilhelm Weberstr. 11,
H. Graf von und zu Lerchenfeld auf Köfering und Schönberg, Bayerischer
Staatsrat und Gesandter, Dr., Berlin W. 9, Voßstr. 3,
F. Winter, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Bonn, Venusbergweg 25,
berufen von Bayern.
berufen vom Reichs-
kanzler auf Vorschlag
der Zentral-Direktion.
SEKRETARIATE
ROM, MoNTfi Tarpeo 28.
R. Delbrueck, Erster Sekretär, Prof., Dr., Rom, Monte Tarpeo 28.
Zweite Sekretarstelle z. Zt. unbesetzt.
ATHEN, Phidiasstr. i.
G. Karo, Erster Sekretär, Prof., Dr., Athen, Phidiasstr. i.
H. Knackfuß, Zweiter Sekretär, Baurat, Athen, Phidiasstr. i.
— VI —
RÖMISCH-GERMANISCHE KOMMISSION
FRANKFURT A. M., Eschersheimer Landstr. 107.
E. Ritterling, Direktor, Prof., Dr., Frankfurt a. M., Eschersheimer Landstr. 107.
H. Dragendorff, als Generalsekretär, siehe Zentral-Direktion.
O. Hirschfeld,!
r I heke ( ^°° ^^^ Zentral-Direktion aus ihrer Mitte gewählt, siehe daselbst.
G. Voigt, Oberbürgermeister, Frankfurt a. M., Zeppelin-Allee 21, >
E. Meyer, siehe Zentral-Direktion, j vom Reichskanzler berufen.
K. Schumacher, Direktor, Prof., Dr., Mainz, Zentral-Museum, )
H. Jacobi, Baurat, Homburg v. d. H., Dorotheenstr. 12, berufen von Preußen.
J. Ranke, Geh. Hofrat, Prof., Dr., München, Briennerstr. 23, „
P. Goessler, Prof., Dr., Sttdtgart-Degerloch, Olgastr. 20, „
E. Fabricius, siehe Zentral-Direktion, „
E. Anthes, Prof., Dr., Darmstadt, Heinrichstr. 96, „
R. Henning, Prof., Dr., Straßburg i. Eis., Sternwartstr. 16, „
F. Koepp, Prof., Dr., Münster i. Westf.,. Gertrudenstr. 41,
H. Lehner, Direktor, Prof., Dr., Bonn, Weberstr. 96,
F. Ohienschlager, Oberstudienrat, Prof., Dr., München, Luisenstr. 54,
C. Schuchhardt, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin-Lichlerfelde (West),
Teltowerstr. 139,
G. Wolff, Prof., Dr., Frankfurt a. M., Grüneburgweg 57,
Bayern.
Württemberg.
Baden.
Hessen.
Elsaß-Lothringen.
berufen vom
Reichskanzler auf
Vorschlag der Zen-
tral-Direktion.
VERZEICHNIS DER MITGLIEDER
DES KAISERLICH DEUTSCHEN ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS
I. SEPTEMBER 1914.
L EHREN - MITGLIEDER
Seine Hoheit Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen, Meiningen.
Seine Königliche Hoheit Prinz Rupprecht von Bayern, München.
Seine Hoheit Prinz Friedrich Karl von Hessen, Schloß Friedrichshof (Taunus).
Seine Durchlaucht der reg. Fürst Johann II. von und zu Liechtenstein, Wien.
Seine Durchlaucht Fürst von Radolin, Kaiserlicher Botschafter a. D., Schloß Jarotschin
(Posen).
F. Adickes, Oberbürgermeister a. D., Dr., Frankfurt a. M.
C. Freiherr von Bildt, Königlich Schwedischer Minister, Rom, Palazzo Capranica, Via del
Teatro Valle 16.
G. F. Gamurrini, Comm., Areszo.
C. Klügmann, Hanseatischer Gesandter a. I>., Dr., Berlin NW. 40, Alsenstr. 7.
H. Lehmann, Geh. Kommerzienrat, Dr., Halle a. S., Gr. Steinstr. 19.
H. Graf von und zu Lerchenfeld auf Köfering und Schönberg, siehe Zentral-Direktion.
Duc de Loubat, Paris, Rue Dumont d'Urville 53.
Donna Ersilia Caetani Contessa Lovatelli, Dottoressa, Rom, Palazzo Lovatelli, Piazza Campelli
Graf von Plessen-Cronstem, Kaiserlicher Gesandter a. D., Nehmten- Ascheberg (Holstein).
R. Schöne, Wirkl. Geh. Rat, Prof., Dr., Berlin-Grunewald, Wangenheimstr. 13.
E. von Sieglin, Geh. Hofrat, Dr., Stuttgart, Villa \Aeißenburg.
James Simon, Dr., Berlin W. 10, Tiergartenstr. 15 a.
- VII —
II. ORDENTLICHE MITGLIEDER
W. Amelung, Prof., Dr., Rom, Via Andrea Cesalpino i,
Villino Antonia.
E. Anthes, siehe Römisch-Germanische Kommission.
Conte A. Antonelli, Rom, Via Nazionale 158.
B. von Arnold, Geh. Hofrat, Dr., München,
Tengstr. 30.
Th. Ashby, Direktor der British School, Dr., Rom,
Piazza SS. Apostoli, Palazzo Odescalchi 80.
E. Babelon, Prof., Conservateur du Cabinet des
M^dailles, Paris, Rue de Vemeuil 30.
F. Bamabei, Comm., Prof., Dott., Consigliere di
Stato, Rom, Piazza S. Luigi de'Francesi 24.
F. W. Freiherr von Bissing, Prof., Dr., München,
Georgenstr. 10.
H. Blümner, Prof., Dr., Zürich IV, Öttiker-
straße 55.
J. Boehlau, Direktor, Dr., Cassel, Lessingstr. 2.
G. Boni, Comm., Ing. Arch., Direttore Ufficio scavi
Foro Romano e Palatino, Rom, Via S. Fran-
cesca Romana 53.
L. Borchardt, Geh. Reg. -Rat, Prof., Dr., Kairo,
Gesire-Garten, Deutsches Institut für Ägyptische
Alterturaskunde.
E. Bormann, Hofrat, Prof., Dr., Wien-Klosterneu-
burg, Buchberggasse 41.
R. Borrmann, Geh. Baurat, Prof., Berlin W. 50,
Bambergerstr. 7.
R. C. Bosanquet, Prof., Liverpool, Bedford Street 40.
A. Brueckner, Prof., Dr., Berlin-Friedenau, Spon-
holzstr. 19.
F. Bulid, Monsignore, Reg.-Rat, Direktor, Spalalo,
Archäologisches Staatsmuseum.
H. Bulle, siehe Zentral-Direktion.
R. Cagnat, Prof., Dr., Paris, Boulevard du Mont-
pamasse 96.
G. Calderini, Comm., Ing., Prof. R. Universitä,
Rom, Via Voltumo 58.
C. Cichorius, Prof., Dr., Breslau, Kastanien-Allee 24.
M. CoUignon, Prof., Dr., Paris, Boulevard St. Ger-
main 88.
Sir S. Colvin, London W., Palace Gardens
Terrace 35,
D. Comparetti, Comm., Prof., Senatore, Florenz, Via
La Marmora 20.
F. Cumont, Prof., Dr., Rom, Corso d' Italia 19.
J. Ddchelette, Conservateur, Dr., Roanne (Loire),
Rue de la Sous-Prifecture 22.
A. L. Delattre, Directeur du Musee, St. Louis de
Carthage (Tunis).
R. Delbrueck, siehe Sekretariat Rom.
G. De Petra, Comm., Prof., Dott., Neapel, Pallonetto
S. Chiara 8.
E. De Ruggiero, Prof., Dott., Rom, Via Aureli-
ana 53.
H. Dessau, Prof., Dr., Berlin-Charlottenburg, Leib-
nizstr. 57.
H. Diels, Geh. Ober-Reg.-Rat, Prof., D. Dr., Berlin
W. 50, Nürnbergerstr. 65.
A. von Domaszewski, Geh. Hofrat, Prof., Dr.,
Heidelberg, Bergstr. 28.
\V. Dörpfeld, siehe Zentral-Direktion.
J. Dragatsis, Gymnasial-Direktor, Athen, ö?ö{
H. Dragendorff, siehe Zentral-Direktion.
St. Dragumis, Premier-Minister a, D,, Athen, 0005
'AfAaXia? 26.
H. Dressel, Prof.,. Dr., Berlin W. 8, Kroneiistr. 16.
L. Duchesne, Monseigneur, Directeur de l'&ole
Frangaise, Rom, Palazzo Famese, und Paris,
Passage Stanislas 2.
F. Dürrbach, Prof., Dr., Toulouse, Rue du Japon 40.
F. von Duhn, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Heidelberg-
Neuenheim, Werrgasse 7.
J. Durm, Geheimrat, Prof., Dr., Karlsruhe, Tech-
nische Hochschule.
F. Ehrle, Padre, Prefetto della Biblioteca Vaticana,
Rom, Palazzo Vaticano.
A. Erman, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin-Steglitz,
Peter Lenn^str. 72.
Sir A. J. Evans, Prof., Dr., Berks, near Oxford,
Youlbury.
E. Fabricius, siehe Zentral-Direktion.
J. Ficker, Prof., D. Dr., Straßburg i. Eis., Lessing-
straße 2.
F. Fita, Dr., Madrid, Isabella Cat6lica.i2.
R. Foerster, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Breslau,
Kastanien-Allee 3a. -
P. Foucart, Prof., Dr., Paris, Rue Jacob 19.
G. Fougeres, Direktor der ficole Frangaise, Athen.
Sir J. G. Frazer, Prof., Dr., Cambridge, Trinity
College.
A. Frickenhaus, siehe Zentral-Direktion.
W. Fröhner, Dr., Paris, Rue Casimir-P^rier 11.
E. A. Gardner, Prof., Dr., Tadworth (Surry), Farm
Corner.
P. Gardner, Prof., Dr., Oxford, Banbury Road 105.
G. Gatti, Comm., Prof., Rom, Piazza S. Luigi dei
Francesi 24!
G. Ghirardini, Comm., Prot, Direttore del Museo
Civico, Bologna, Via dell' Indipendenza 54.
— vrn —
F. Graeber, Baurat, Bielefeld, Sparenberg 2 a.
B. Graef, siehe Zentral-Direktion.
Fr. LI. Griffith, Dr., Oxford, Norham Gardens 11.
St. Gsell, Prof., Dr., Paris, Rue de la Tour 92.
E. J. Haeberlin, Justizrat, Dr., Frankfurt a. M.-
Eschersheim, Ginnheimerstr. 46.
G. Hager, Generalkonservator, Dr., München, Koch-
str. 18.
F. Halbherr, Comm., Prof., Dott., Rom, Via Are-
nula 21.
Halil Edhem Bey, General-Direktor, Dr., Konstan-
tinopel, Ottoraanisches Museum.
A. Hamaek, General-Direktor, Wirkl. Geh. Rat,
Prof., D. Dr., Berlin-Grunewald, Kunz-Bunt-
schuhstr. 2.
P. Hartwig, Dr., Rom, Via Alessandrina 17.
J. A. Hatzidakis, Direktor, Dr., Candia, Museum.
F. Haug, Geh. Hofrat, Gymnasial-Direktor a. D.,
Dr., Stuttgart, Salzmannweg i.
B. Haussoullier, Prof., Dr., Paris, Rue S" C^cile 8.
F. Haverfield, Prof., ^ Dr., Oxford, Winshields,
Headington Hill.
R. Heberdey, Prof., Dr., Grass, Mandellstr. 26.
J. L. Heiberg, Prof., Dr., Kopenhagen, Classens-
gade 13.
W. Heibig, Prof., Dr., Rom, Villa Lante al Gia-
nicolo.
H. Hepding, Dr., Gießen. Schifienberger Weg 16.
A. H^ron de Villefosse, Conservateur au Mus^e du
Louvre, Paris, Rue Washington 16.
L. Heuzey, Paris, Boulevard Exelmans 90.
F. Freiherr Hiller von Gaertiingen, Prof., Dr., Berlin-
Westend, Ebereschen -Allee 11.
O. Hirschfeld, siehe Zentral-Direktion.
H. Hitzig, Prof., Dr., Zürich V, Casinostr. 18.
M. HoUeaux, Prof., Dr., Paris, Quai de la Tour-
nelle 27.
A. E. J. Holwerda, Prof., Dr., Leiden, Zoeter-
woudsche Singel 52.
Th. HomoUe, Administrateur gfe^ral de la Biblio-
theque Nationale, Dr., Paris, Rue de Petits-
Champs 8.
Ch. Hülsen, Prof., Dr., Florenz, Villa Toloraei, Via di
MarignoUe 6, Bellosguardo.
F. Imhoof- Blumer, Dr., Winterthur, Bühlhof.
H. Stuart Jones, Saundersfoot ( Pembrokeshire ) .
W. Judeich, Prof., Dr., Jena, Beethovenstr. 30.
C Jullian, Prof., Dr., Paris, Rue du Luxem-
bourg 30.
E. Kaiinka, Prof., Dr., Innsbruck, Adolf Pichlerstr. 5.
G. M. Kam, Nijmegen, Berg und Dalsche Weg 76.
G. Karo, siehe Sekretariat Athen.
P. Kastriotis, Ephoros der Altertümer, Athen, 680;
'Aß^pojtf 9.
P. Kawadias, Prof., Dr., General-Sekretär der
Archäologischen Gesellschaft, Athen, Hotel de
France.
B. Keil, Prof., Dr., Leipzig, Universität.
J. Keil, Sekretär des K. K. Österr. Archäolog. In-
stituts, Dr., Smyrna, österreichische Post.
F. von Kenner, Hofrat, Direktor a. D., Wien 111,
Traungasse i.
W. Klein, Prof., Dr., Prag, Deutsche Universität
H. Knackfuß, siehe Sekretariat Athen.
F. Koepp, siehe Römisch-Germanische Kommission.
R. Koldewey, Prof., Dr., Bagdad, Deutsches Kon-
sulat und Berlin-Friedenau, Rubensstr. 8.
A. Körte, Prof., Dr., Freiburg i. Br., Fuchstr. 16.
G. Körte, siehe Zentral-Direktion.
M. K. Krispis, Prof., Karditza (Thessalien).
E. Krüger, Direktor, Prof., Dr., Trier, Bergstr. 51.
W. Kubitschek, Reg.-Rat, Direktor, Prof., Dr.,
Wien IX, Pichlergasse i.
Sp. Lambros, Prof., Dr., Athen, 65ö; Maupoxop-
80TOU 10.
R. A. Lanciani, Comm., Prof., Senatore, Rom,
Piazza Sallustio 24.
K. Graf Lanckoronski-Brzezie, K. K. Wirkl. Geh Rat.,
Oberstkämmerer, Wien III, Jacquingasse 18.
B. Latyschew, Prof., Dr., St. Petersburg, Kaiser-
liche Archäologische Kommission, Winterpalais.
H. Lechat, Prof., Dr., Lyon, Quai Gailleton 22.
H. Lehner, siehe Römisch-Germanische Kommission.
B. Leonardos, Dr., Athen, öo6{ IlpooaTefo'j 59.
F. Löhr, Sekretär des K. K. österr. Archäolog. In-
stituts, Dr., Wien IX, Grünetorgasse 14.
G. Loeschcke, siehe Zentral-Direktion.
E. Löwy, Prof., Dr., Rom, Via del Progresso 23.
H. Luckenbach, Gymnasial-Direktor, Dr., Heidel-
berg; Sophienstr. 3.
Barone G. Lumbroso, Comm., Prof., Dott., Rom,
Via Sommacampagna 3.
H. Lyons, Captain, Dr., London, Heathview Gardens 5,
Roehampton.
L. Mariani, Prof., Dott., Rom, Via Pierluigi da
Palestrina 55.
0. Marucchi, Comm., Prof., Dott., Direttore del
Museo Egizio nel Vaticano, Rom, Via S. Maria
in Via 7 A.
G. Maspcro, Prof., Directeur du Service des
Antiquit^s, Kairo und Paris, Avenue de l'Obser-
vatoire 24.
M. Mayer, Dr., Berlin W. 35, Potsdamerstr. 46.
A. Meletopulos, Piräus, 65ö{ KoXoxorpwvr) 69.
IX —
A. Merlin, Directeur des Antiquit^s et des Arts, Tunis,
Rue de l'^glise. 73
M. Meurer, Prof., Rom, Via Margutta 53 B.
E. Meyer, siehe Zentral-Direktion.
E. Michon, Prof., Conservateur au Mus6e du Louvre,
Paris, Rue Barbet-de-Jouy 26.
L. A. Milani, Comm., Prof., Dott., Direttore del R.
Museo Archeologico e degli Scavi d'Etruria,
Florenz, Viale Principe Eugenio 9.
0. Montelius, Prof., Dr., Stockholm, Museum für
Altertümer.
J. H. Mordtmann, Kaiserlich Deutscher General-
Konsul a. D., Dr., Konsianlinopel-Pera, Deutsche
Post
C. D. Mylonas, Prof., Dr., Athen, Akademiestr. 17.
F. Noack, siehe Zentral-Direktion.
B. Nogara, Comm., Dott., Direttore del Museo Gre-
goriano Etrusco Vaticano, Rom, Salita di S. Ono-
frio 37 B.
R. Norton, c/o Shipley and Co., London, Pall Mall 123.
F. Ohlenschlager, siehe Römisch-Germanische Kom-
mission.
P. Orsi, Comm., Prof., Dott., Direttore del R. Museo
Archeologico, Syrakus.
E. Pais, Comm., Prof., Dott., Rom, Via di Ripetta 102.
R. Paribeni, Dott., Direttore del Museo Nazionale,
Terme di Diocleziano, Rom, Via dei Prefetti 22.
P. Paris, Prof., Directeur de l'^cole Municipale des
Beaux-Arts, Bordeaux, Rue Ausone 43.
A. Pasqui, Cav., Direttore dell' Ufficio degli Scavi di
Roma e Provincia, Rom, Via Nomentana 27.
C. Patsch, Reg.-Rat, Dr., Sarajevo, Bosn.-Herzegow.
Landes-Museum.
P. Perdrizet, Prof., Dr., Nancy, Avenue de la Ga-
renne 2.
E. Pernice, Prof., Dr., Greifswald, Karlstr. 4.
L. Pernier, Dott., Direttore della Scuola Arc'.eologica
Italiana, Athen, 6?ö{ Aiovuafou '^pEioTtayfTOu i.
Marchese N. Persichetti di Santa Mustlola, Aquila,
Piazza Cavallotti 5.
E. Petersen, Prof., Dr., Berlin-Halensee, Friedrichs-
ruherstr. 13.
W. M. Flinders Petrie, Prof., Dr., London, Well
Road 8, Hampstead.
E. Pfuhl, Prof., Dr., Basel, Schönbeinstr. 42.
B. Pharmakowsky, Prof., Dr., St. Petersburg, Kaiser-
liche Archäologische Kommission, Winterpalais.
A. Philippson, Prof., Dr., Bonn, Königstr. i.
L. Pigorini, Comm., Prof., Senatore, Dott, Direttore
del Museo preistorico, Rom, Via del CoUegio Ro-
mano 26.
L. Pollak, österreichischer Kaiserlicher Rat, Dr.,
Rom, Via del Tritone 183.
J. Poppelreuter, Direktor, Prof., Dr., Cöln, Eifel-
str. 14.
E. Pottier, Prof., Dr., Conservateur au Mus^e du
Louvre, Paris, Rue de la Tour 72.
A. Prachow, Wirkl. Staatsrat, Prof., Dr., St. Peters-
burg, Universität
A. von Premerstein, Prof., Dr., Prag-Smichow,
Preßlgasse 13.
E. Pridik, Prof., Dr., St. Petersburg, Woskressensky
Quai 22.
Sir W. M. Ramsay, Dr., Edinburgh, Braid Avenue 41.
S. Reinach, Conservateur du Mus6e de St. Germain,
Boulogne-sur-Seine, Avenue Victor Hugo 16.
E. Reisch, Hofrat, Direktor des K. K. Österr. Ar-
chäolog. Instituts, Prof., Dr., Wien XVIII, Karl
Ludwigstr. 28.
C. Ricci, Comm., Dott, Direttore Generale per le
Antichitk e Belle Arti, Ministero Pubblica Istru-
zione, Rom, Piazza Venezia 11.
R. B. Richardson, Prof., Dr., Woodslock, Connecticut.
O. Richter, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin-
Friedenau, Niedstr. 16.
A. Riese, Prof., Dr., Frankfurt a. M., Klettenberg-
straße 7.
E. Ritterling, siehe Römisch-Germanische Kom-
mission.
G. E. Rizzo, Prof., Dott, Turin, Universität und
Rom, Via Po 18.
C. Robert, siehe Zentral-Direktion.
E. Robinson, Direktor, Metropolitan Museum of Art,
New York.
H. von Rohden, Prof., Dr., Hagenau i. Eis., Gym-
nasium.
M. Rostowzew, Prof., Dr., St. Petersburg, Morskaja
34, 10.
0. Rubensohn, Direktor, Prof., Dr., Hildesheini,
Kaiser Friedrichstr, 10.
G. McN. Rushforth, Malvern Wells, Riddlesden.
A. von Salis, siehe Zentral-Direktion.
B. Sauer, Prof., Dr., Kiel, Lomsenstr. 30.
L. Savignoni, Prof., Dott., Rom, Via dcU' Anima 50.
P. Schazmann, Architekt, Genf, Grande Boissiere.
H. Schrader, Prof., Dr., Frankfurt a. M., Schu-
mannstr. 49.
C. Schuchhardt, siehe Römisch-Germanische Kom-
mission.
A. Schulten, Prof., Dr., Erlangen, Ratsbergcrstr. 22.
V. Schultze, Prof., Dr., Greifswald, Universität
W. Schulze, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin W. 10,
Kaiserin Augustastr. 72.
X —
K. Schumacher, siehe Römisch-Germanische Kom-
mission.
Jonkheer J. Six van Hillegom, Prof., Dr., Amster-
dam, Heerengracht 511.
A. N. Skias, Prof., Athen, 6S6{ BoXretateu 7.
A. H. Smith, London W. C, British Museum.
Sir Cecil H. Smith, Dr., London S.W., Victoria and
Albert Museum.
A. Sogliano, Prof., Dott., Neapel, Via Avvocata a
Piazza Dante 25.
G. Sotiriadis, Prof., Dr., Athen, 666? AouxtavoO 21.
V. Spinazzola, Comm., Prof., Dott., Direttore degli
scavi di Pompei, Neapel, Museo Nazionale.
V. Stais, Direktor, Dr., Athen, National-Museum.
E. Steinmann, Prof, Dr., Rom, Via Aracoeli 3.
E. von Stern, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Halle a. S.,
Lindenstr. 63.
J. Strzygowski, Hofrat, Prof., Dr., Wien, Universität.
F. Studniczka, siehe Zentral-Direktion.
J. N. Svoronos, Direktor des Numismatischen Mu-
seums, Athen, 6Sö? reoupyfo'j rsvvctSfcu 3 B.
L. von Sybel, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Marburg i. H.
Sybelstr. i.
A. Taramelli, Prof., Dr., Direttore del Museo di
Antichitä, Cagliari, Via Corte d'Appello 12.
H. Thiersch, Prof., Dr., Freiburg i. Br., Zascherstr. 67.
A. Trendelenburg, Gymnasial-Direktor, Geh. Reg.-
Rat, Prof., Dr., Berlin NW. 6, Albrechtstr. 26.
G. Treu, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Dresden-Weißer
Hirsch, Heinrichstr. 21.
Ch. Tsuntas, Prof., Athen, 68ö; Zoioodyou nrjyTj; 105.
Th. Uspenski, Geheimrat, Direktor, Dr., Konstan-
tinopel -Pera, Rue Sekis Agatsch, Russ. Archäolog.
Institut.
G. Vitelli, Prof., Dott., Florenz, Via Masaccio 55.
Marquis de Vogü(5, Paris, Rue Fabert 2.
M. Volonakis, Sektionschef, Athen, Kultusmini-
sterium.
E. Wagner, Direktor, Geheimrat, Prof., Dr., KarU'
ruhe, Hirschstr. 53.
H. Graf von Walderdorff, Regensburg.
Sir Ch. Waldstein, Dr., Cambridge, Newton, Newton
Hall.
0. Walter, Sekretär des K. K. österr. Archäolog.
Instituts, Dr., Athen, Boulevard Alexandra 18.
C. Watzinger, siehe Zentral-Direktion.
R. Weil, Prof., Dr., Berlin W. 35, Blumeshof 16.
C. Weller, siehe Zentral-Direktion.
J. W. White, Prof., Dr., Cambridge, Massachusetts,
Concord Avenue 18.
S. Wide, Prof., Dr., Upsala, Linn^gatan 18.
Th. Wiegand, siehe Zentral-Direktion.
U. von Wilamowitz-Moellendorff, siehe Zentral-
Direktion.
W. Wilberg, Sekretär des K. K. österr. Archäolog.
Instituts, Dr., Athen, Boulevard Alexandra 18.
U. Wilcken, Prof., Dr., Bonn, Buschstr. 20.
A. Wilhelm, Prof., Dr., Wien IX, Schlickgasse 5.
A. Wilmanns, Wirkl. Geh. Ober-Reg.-Rat, Prof.,
Dr., Berlin W. 10, Königin Augustastr. 48.
J. Wilpert, Monsignore, Protonotario apostolico, Rom,
Via Giovanni Lanza 63.
H. Winnefeld, Direktor, Prof., Dr., Berlin-Halensee,
Paulsbornerstr. 8.
F. Winter, siehe Zentral-Direktion.
G. Wissowa, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Halle a. S.,
Mühlweg 20.
G. Wolff, siehe Römisch-Germanische Kommission.
P. Wolters, siehe Zentral-Direktion.
R. Zahn, Prof., Dr., Berlin-Friedenau, Cranachstr. 20.
J. Ziehen, Stadtrat, Dr., Frankfurt a. M., Blumen-
straße 16.
J. Zingerle, Reg.-Rat, Vize - Direktor des K. K,
Österr. Archäolog. Instituts, Dr., Wien IX,
Türkenstr. 4.
III. KORRESPONDIERENDE MITGLIEDER
Marchese G. Antimi-Clari, Macerata Feltria, Via
Garibaldi 105.
P. Arndt, Dr., München, Himmelreichstr. 3.
A. S. ArvanitopuUos, Ephoros der Altertümer, Dr.,
Volo.
0. N. Asldtis, Chalki bei Rhodos.
E. Assmann, Geh. San.-Rat, Dr. med., Berlin W. 50,
Passauerstr. 5.
A. AudoUent, Prof., Dr., Clermont-Ferrand (Puy-de-
D6me), Chemin de l'Oradou 1.
M. Bang, Dr., Berlin W. 15, Pariserstr. 10.
F. Baraibar, Vitoria, Cercas altas 7 principal.
C. Bardt, Geh. Reg.-Rat, Gymnasial-Direktor a. D.,
Dr., Berlin-Charlottenburg, Demburgstr. 40.
A. Barmann, K. u. K. Österreichisch-Ungarischer und
K. Dänischer Vize-Konsul, Rhodos.
— XI
W. Barthel, Dr., Frankfurt a. M., Eschersheimer
Landstr. 57.
G. Bellucci, Comm., Prof., Perugia, Corso Cavour 9.
O. Beriet, Oberstleutnant, Minden, Heidestr. 19.
E. Bethe, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Leipzig, David-
straße I.
Fräulein M. Bieber, Dr., Schönau, Kreis Schweiz
a. W., Westpr.
Sir A. Biliotti, Rhodos.
R. Blair, South Shields, Harten Lodge.
Ch. Blinkenberg, Konservator, Dr., Kopenhagen,
National-Museum.
E. Bodensteiner, Prof., Dr., München, Häberlstr. 20.
R. Bodewig, Prof., Dr., Oberlahnstein, Gymnasium.
F. Bölte, Prof., Dr., Frankfurt a. M., Westendstr. 1.
0. Bohn, Prof., Dr., Berlin-Steglitz, Kurfürstenstr. 3.
U. Ph. Boissevain, Prof., Dr., Amsterdam, Heeren-
gracht 264.
E. Bourguet, Prof., Paris, Passage Stanislas 2.
C. G. Brandis, Direktor, Dr., Jena, Lutherstr. 117.
E. Breccia, Prof., Dott., Direttore del Museo Greco-
Romano, Alexandria.
A. Brinkmann, Prof., Dr., Bonn, Schumannstr. 58.
G. Canna, Prof., Dott., Pavia, Piazza Petrarca i.
L. Cantarelli, Prof., Dott., Rom, Piazza Manfredo
Fanti 132.
J. Carcopino, Directeur du Mus^e des Antiquit^s
Algeriennes, Algier, Rue Salvandy 40, Saint-
Eugene.
W. Cart, Prof., Dr., Lausanne, St. Pierre 13.
J. B. Carter, Direktor der Accademia Americana,
Prof., Dr., Rom, Villa Aurelia presso Porta
S. Sebastiano.
A. Casilli, K. u. K. Österreichisch-Ungarischer Konsul,
Rhodos.
L. D. Caskey, Curator, Museum of Fine Arts, Boston,
Massachusetts.
Barone F. B. Castiglioni, Spongano.
M. Cazurro y Ruiz, Catedratico, Dr., Gerona, Pro-
greso I.
J. Centerwall, Gymnasial - Direktor, Dr., Stockholm.
Marqu& de Cerralbo, Senator, Madrid, Calle Ventura
Rodriguez 2.
A. van Ceuleneer, Prof., Dr., Gent, Universität.
G. Cimorelli, Cav., Venafro.
F. A. Coelho, Prof., Dr., Lissabon, Curso Superior de
Lcttras.
G. A. Colini, Prof., Dott., Direttore del Museo Na-
zionale di Villa Giulia, Rom, Via Farini 17 int. 7.
G. F. Comfort, Direktor, Prof., Dr., Meadville,
Pennsylvania.
A. Conrads, Dr. med., Haltern i. Westf.
R. S. Conway, Prof., Dr., Didsbury, Draethen (Man-
chester).
F. Corazzini, Comm., Prof., Dott., Bologna.
F. Cordenons, Padua, Via S. Croce 45.
L. Correra, Comm., Priv. Doc, Dott., Neapel, Via
Saverio Correra 241.
J. Curie, Melrose, Priorwood.
C. Curtius, Prof., Dr., Lübeck, Stadtbibliothek.
L. Curtius, Prof., Dr., Erlangen, Burgbergstr. 45.
P. Da Ponte, Comm., Dott., Brescia, Via A. Taglia-
ferri 43.
G. Daressy, Conservateur-adjoint du Musie figyptien,
Kairo.
G. Darier, Genf, Avenue de Champel 31.
R. M. Dawkins, Direktor der British School, Athen.
S. N. Deane, Boston, Massachusetts, Museum of Fine.
Arts.
M. Deffner, Dr., Oberbibliothekar, Athen, öoö«
npoaaTefo'j 108.
J. Dell, Prof., Dr., Brunn, Deutsche Technische Hoch-
schule.
M. Della Corte, Dott., Pompei.
L. Deubner, Prof., Dr., Königsberg i. Pr.-Maraunen-
hof, Gottschedstr. i.
G. Dickins, Oxford, St. John's College.
W. B. Dinsmoor, Architekt der American School,
Athen.
P. Dissard, Conservateur du Musöe, Lyon, Palais
des Arts.
W. Dobrusky, Prof., Dr., Prag, Böhmische Universität.
F. Donati, Bibliotecario Comunale, Siena, Via Para-
diso 16/1S.
P. Ducati, Prof., Dr., Caiania, Universität.
C. C. Edgar, Inspecteur du Service des Antiquit^s
Egyptiennes, Kairo.
Edhem Bey, Vize-Direktor, Konstantinopel, Otto-
manisches Museum.
H. Egger, Prof., Dr., Graz, Universität.
O. Egger, Dr., Wien I, W^oUzeile 13.
H. Eidam, Medizinalrat, Dr. med., Gunzenhausen
( Mittelfranken).
S. Eitrem, Priv.-Doz., Dr., Kristiania, Munthes-
gate 25.
E. Esperandieu, Commandant, Clamart (Seine),
Avenue Victor Hugo 208.
Conte E. Faina, Senatore del Regno, Orvieto.
A. Fairbanks, Direktor, Dr., Boston, Massachusetts,
Museum of Fine Arts..
G. Faraone, Avvocato, Caiazzo, Via Portavetere 8.
L. R. Farneil, Dr., Oxford, Exeter College.
E. R. Fiechter, Prof., Dr., Stuttgart, Birkenstr. 15.
B. D. Filow, Direktor, Dr., Sofia, Patriarch Eutimi 41 .
XII —
D. Fimmcn, Dr., Alken, Phidiasstr. i.
G. von Findly, Direktor, Dr., Budapest VI, Munkdcsy-
U. 26.
Fräulein E. Fölzer, Dr., Frankfurt a. M., Jahn-
straße 28.
H. N. Fowler, Prof., Dr., Cleveland, Ohio, Cornell
Road 2033.
S. Frankfurter, Reg. -Rat, Dr., Wien IX, Wasa-
gasse 28.
C. Fredrich, Gymnasial-Direktor, Prof., Dr., Cüslrin-
N., Wamickerstr. 92.
H. von Fritze, Prof., Dr., Berlin W. 62, Courbiere-
straße 14.
L. Frölich, Direktor, Dr. med., Brugg i. Aargau-
Königsfelden.
A. L. Frothingham, Prof., Dr., Frinceion, New
Jersey, Universität.
E. Gäbriei, Prof., Dr., Ispettore del Museo Nazionale
di Villa Giulia, Rom, Via Boncompagni 79.
A. Galli, Comm., Prof., Direttore Generale dei
Musei e Gallerie Pontificie, Rom, Via Maria
Adelaide 14.
P. Gaudin, Paris, Rue de la Grande Chaumiere 8.
M. J. Gedeon, Sekretär des Oekumenischen Patri-
archats, Konstantinopel.
G. Gelcich, Prof., Ragusa.
Conte A. Gentiloni-Silveri, Tolentino, Via Niccolo
Vaccai 5.
N. Georgiadis, prakt. Arzt, Volo.
A. Gercke, Prof., Dr., Breslau, Universität.
A. von Gerkan, Dipl. Ing., Rostock, Brandes-
str. 6.
M. Gervasio, Dott., Direttore del Museo Provincialc,
Bari.
N. J. Giannopulos, Halmyros.
H. Gies, Legationsrat, Dr., Frankfurt a. M. -Bocken-
heim, Königstr.42.
E. Gilli^ron, Maler, Athen, ö?ö{ Sxou'fä 43.
G. Giovannoni, Prof., Ing. Arch., Rom, Via Torre
Argentina 34.
G. B. Giovenale, Ing. Arch., Rom, Via Bocca di
Leone 43.
A. Gnirs, Prof., Dr., Pola, Via Carducci i.
P. Goessler, siehe Römisch-Germanische Kommission.
J. Gottwald, Mersina, Österreichische Post.
K. Graefinghoff, Hauptmann, Metz, Elisenstr. 53.
M. Granados, Soria.
D. Hadjidimu, Mytilene.
W. G. Haie, Prof., Dr., Chicago, Illinois, Universität.
Miss J. E. Harrison, Dr., Cambridge, Newnham
College.
A. Haseloff, Prof., Dr., Rom, Viale della Regina 195.
F. W. Hasluck, Bibliothekar der British School,
Athen.
R. Hausmann, Prof., Dr., Dorpat, Universität.
P. Herrmann, Prof., Dr., Dresden-A, Stephanien-
straße 13.
R. Herzog, Prof., Dr., Gießen, Universität.
S. Heuberger, Rektor, Dr., Brugg i. Aargau.
E. L. Hicks, Bishop of Lincoln.
B. H. Hill, Direktor der American School, Athen.
G. F. Hill, Dr., London W. C, British Museum.
G. Hock, Konservator, Dr., Würzburg, Lessing-
straße I.
M. Hömes, Prof., Dr., Wien III, Ungargasse 27.
Th. Hofmann, Prof., Elberjeld, Straßburgerstr. 23.
F. von Holbach, Direktor der ottom. Tabakregie,
Mytilene.
J. H. Holwerda, Dr., Leiden, Zoeterwoudsche Singcl 53.
H. Hubert, Conservateur-adjoint du Musdc des
Antiquites Nationales, Saint-Germain en Laye
( Seine -et-Oise).
P. Ibarra y Ruiz, Archivero-Bibliotecario y Arqueö-
logo, Elche, Alicante.
G. loannides, Beamter der ottom. Tabakregie,
Pergamon.
H. Jacobi, siehe Römisch-Germanische Kommission.
M. Jatta, Ruvo.
L. Jeli6, Prof., Dr., Zara, Erzbischöfl. Seminar.
A. Kandakidis, Larissa.
A. D. KeramopuUos, Ephoros der Altertümer, Athen,
65ö{ Zcti jxT) 24 A.
0. Kern, Prof., Dr., Halle a. S., Gartenstr. 8.
J. B. Keunc, Direktor, Prof., Dr., Metz, Städtisches
Museum.
K. F. Kinch, Dr., Kopenhagen K., Töjhusgade 3.
J. Kirchner, Prof., Dr., Berlin-Wilmersdorf, Kaiser-
Allee 159.
L. Kjellberg, Prof., Dr., Upsala, Johannesgatan 24.
R. Knorr, Prof., Stuttgart, Römerstr. 69.
H. Koch, Dr., Bonn, Venusbergweg 43.
C. L. Kohl, Sanitätsrat, Dr. med., Worms, Paulus-
Museum.
C. Konen, Godcsberg a. Rh., Annabergerstr. 86.
K. Körber, Prof., Dr., Mainz, Albinistr. 14.
H. Kohl, Reg.-Baumstr., Dr., Berlin-Charlottenburg,
Friedbergstr. 15.
J. Kokidis, Generalmajor a. D., Athen, Ö8ö« 600X7)545.
W. Kolbe, Prof., Dr., Rostock, OrMansstr. 2.
N. P. Kondakow, Prof., Dr., St. Petersburg, Litöi-
naja 15.
A. Kondoleon, Delphi, Museum.
C. Kramer, Hauptmann a. D., Dr., Gießen, Lud-
wigsplatz 10.
xm —
D. Krencker, Reg.-Baumstr., Trier, Kaiserstr. 8a.
P. Kretschmer, Prof., Dr., Wien VIII, Floriani-
gasse 23.
F. Krischen, Reg.-Baumstr., Dr., Berlin-Schöneberg,
Hauptstr. 27.
E. Kroker, Oberbibliothekar, Prof., Dr., Leipzig,
Stadtbibliothek.
J. Kromayer, Prof., Dr., Leipzig-Gohlis , Berg-
gartenstr. 10.
K. Kuruniotis, Dr., Sektionschef für Archäologie,
Athen, Kultusministerium.
V. Kuzsinszky, Direktor, Prof., Dr., Btidapesl, Natio-
nal-Museum.
A. Lammerer, Major, München, Hiltensbergerstr. 28.
K. von Lange, Prof., Dr., Tübingen, Waldhäuser-
str. 29.
F. Leonhard, Prof., Dr., Freiburg i. Br., Loretto-
straße 45.
H. Lietzmann, Prof., D. Dr., Jena, Kaiser Wilhelm-
Str. 12.
N. Limnios, prakt. Arzt, Artake.
I. A. Lontos, Athen, öoö; EüpiitfSou 80.
R. Löper, Direktor, Dr., Chersones bei Sevastopol.
G. Lucciola, Prof., Dr., Padua, Universität.
W. Ludowici, Geh. Kommerzienrat, Jockgrim
(Pfalz).
H. Lugon, Kanonikus, Gr. St. Bernhard, Hospice du
Grand St. Bemard.
C. W. Lunsingh Scheurleer, Haag, Prinse Vinken-
park 16.
A. Lupatelli, Prof., Perugia.
F. von Luschan, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin-
Südende, Öhlertstr. 26.
K. Ljmcker, Hauptmann, Krotoschin.
E. Maass, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Marburg i. H.,
Reuthofstr. 19.
Th. Macridy Bey, Conservateur, Konstantinopel,
Ottomanisches Museum.
L. MaggiuUi, Comm., Muro Leccese.
H. Maionica, Prof., Triest, Via D. Rossetti 8.
W. Malmberg, Prof., Dr., Moskau, Universität.
R. Mancini, Cav., Ingegnere, Orvieto, Corso Cavour
138.
G. Mantovani, Cav., Prof., Bergamo, Via Porta di-
pinta 7.
G. Mariotti, Comm., Prof., Dott., Senatore, Direttore
del Museo di Antichitä, Parma.
J. Marshall, Rom, Via Gregoriana 25.
L. Martens, Gymnasial-Direktor, Prof., Dr., Ber-
lin C. 2, Klosterstr. 73.
F. Marx, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Bonn, Lcnnc-
straße 43.
K. Masner, Prof., Dr., Breslau, Schlesisches
Museum.
A. Matsas, Lehrer, Chalkis.
L. Mauceri, R. Ispettore degli scavi, Syrakus.
P. J. Meier, Direktor, Prof., Dr., Braunschweig,
Husarenstr. 43.
J. R. MÄlida, Direktor, Madrid, Valverde 16,
3° izgda.
G. Mendel, Paris, Rue de 1' observatoire 8.
A. Meomartini, Comm., R. Ispettore onorario dei
Monumenti e scavi di Antichitä, Benevento.
J. von Merz, Prälat, D. Dr., Stuttgart, Königstr. 44.
W. Meyer, Prof., Dr., Göttingen, Geismar Chaussee 31.
A. Elias de Möllns, Direktor, Barcelona, Museum.
Marques de Monsalud, Madrid, Jacometrezo 41.
M. G. Moreno, Granada, Placata de San Jose i.
F. Morlicchio, Scafati.
J. de Mot, Brüssel, Rue G&ard 214.
K. Müller, Dr., Göttingen, Planckstr. 18.
S. Müller, Direktor, Dr., Kopenhagen, National-
Museum.
F. Münzer, Prof., Dr., Königsberg i. Pr.- Mittelhufen,
Albrechtstr. 13.
J. L. Myres, Prof., Oxford, New College.
E. Nachmanson, Priv. Dez., Dr., Upsala, Universität.
J. Navpliotis, Naxos.
F. M. Nichols, Lawford near Mannington, Essex.
A. Nildtsky, Prof., Dr., St. Petersburg, Sjezs-
kinskaja 19.
M. P. Nilsson, Prof., Dr., Lund, Bredgatan 23.
F. Nissardi, Ispettore del Museo di Antichitä, Ca-
gliari. Via Genovesi 24.
N. Novosadsky, Prof., Dr., Moskau, Universität
G. Oberziner, Prof., Dott., Mailand, Via Manin 3.
R. Oehler, Prof., Dr., Berlin-Lichterfelde (West),
Zehlendorferstr. 52.
M. Ohnefalsch-Richter, Dr., London N.W., West
Hampstead, West End Lane, West End Man-
sions 3 c.
G. Oikonomos, Ephoros der Altertümer, Dr., Salonilci.
L. Otto, Prof., Dresden, Eliasplatz i.
A. Ox^, Prof., Dr., Crefeld, Blumentalstr. 33.
G. Paci, Cav., Ascoli Piceno, Via della Torre.
L. Pallat, Geh. Ober-Reg.-Rat, Prof., Dr., Berlin-
Wannsee, Otto Erichstr. 9.
B. A. Pantschenko, Sekretär des Russ. Archäolog.
Instituts, Konstantinopel, Russische Botschaft.
N. PappadaWs, Ephoros der Altertümer, Theben.
M. Papakonstantinu, Aidin.
M. Pardo de Figueroa, Medina-Sidonia.
V. Pärvan, Direktor, Prof., Dr., Bukarest, Bulevardul
Academiei 7.
XIV
W. R. Paton, Vathy (Samos). ^
G. Patroni, Prof., Dott, Paoia, Universität.
G. Pellegrini, Prof., Dott., Padua, Via Massimo 9.
J. C. Peristianes, Nicosia (Cypern).
A. Philadelpheus, Prof., Athen, 68Ö? KaviYyo; 18.
B. Pick, Prof., Dr., Gotha, Goethestr. 1.
J. Pijoan y Soteras, Prof., Barcelona, Ronda de
San Pedro, 68, pral und Rom, Via Giulia, Pal.
Monserrato.
G. Pinto, Cav., Avv., Venosa.
G. Pinza, Prof., Rom, Via Monserrato 25.
V. Poggi, Comm., Savona, Via Paleocapa 14.
L. Poinssot, Inspecteur des Antiquitfe et Arts
de la Tunisie, Tunis, Rue de l'feglise 73.
N. G. Politis, Prof., Athen, 686« MtjtpottcSXews 38.
F. Poulsen, Dr., Kopenhagen, Madvigs All^ 10.
E. Preuner, Prof., Dr., Berlin W. 62, Lützowplatz i.
K. Purgold, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Gotha, Rein-
hardtsbrunnerstr. 43.
A. Puschi, Direktor, Dr., Triest, Museo civico di
Antichitäi.
Q. Quagliati, Dott., Direttore del Museo Nazionale,
Tarent.
J. E. Quibell, Inspecteur du Musfe des Antiquit^s
figyptiennes, Kairo.
G. Rallis, Arzt, Pergamon.
Miss C. L. Ransom, New York, Metropolitan Museum.
F. von Reber, Geh. Rat, Prof., Dr., München, Kaul-
bachstr. 31.
K. Regling, Prof., Dr., Berlin-Charlottenburg, Suarez-
straße 22.
P. Reinecke, Konservator, Dr., München, Königin-
str. 61 a.
L. Reinisch, Hofrat, Prof., Dr., Wien VIII/2,
Feldgasse 3.
von Rekowsld, Geh. Legationsrat a. D., Wiesbaden,
Lanzstr. 16.
L. Renard-Grenson, Secr^taire de 1' Institut arch^o-
logique li^geois, LüUich, Rue Fabry 14.
0. Renzos, Dr., Vathy (Samos).
K. Rhomaios, Ephoros der Altertümer, Dr., Korju.
S. Ricci, Prof., Dott., Direttore del R. Museo Numis-
matico e Medagliere Nazionale di Brera, Mailand,
Via Statute 25.
G. T. Rivoira, Comm., Rom, Via Cavour 44.
P. Rizzini, Dott., Direttore del Museo Civico, Brescia,
Via Museo Romano.
H. Röhl, Gymnasial-Direktor, Dr., Halberstadt.
J. Roman, Embrun (Haiäes- Alpes) und Paris, Rue
Bonaparte iS.
O. Rossbach, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Königsberg
i. Pr., Prinzenstr.
Conte G. B. Rossi-Scotti, Direttore onorario del
Museo deir Universitä, Perugia.
A. Rubini, Notaro, Formia.
C. Ruga, Direttore del Museo Archeologico nel
Palazzo Ducale, Venedig.
N. Sakkelion, Tinos.
F. Salvatore-Dino, Prof., Dott., Archivista R.
Archivio di Stato, Neapel.
A. Santarelli, Avv., Comm., Direttore del Museo
Civico, Forli, Corso V. E. 44.
D. Santoro, Sindaco, S. Giovanni Incarico.
F. Sarre, Prof., Dr., Potsdam-Neubabelsberg, Kaiser-
straße 39.
R. von Scala, Prof., Dr., Innsbruck, Universität. .
H. Schäfer, Prof., Dr., Berlin-Steglitz, Breitestr. 24.
A. Schiff, Prof., Dr., Berlin W. 62, Kurfürsten-
damm 260.
A. Schindler, Oberstleutnant, Wien-Mödling, Tech-
nische Militär-Akademie.
W. Schmid, Dr., Graz, Landesmuseum.
H. Schmidt, Prof., Dr., Berlin-Steglitz, Belfort-
str. 31.
Th. Schmidt, Prof., Charkow, Universität, Museum
der schönen Künste.
A. Schöne, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Kiel, Niemanns-
weg 36.
H. Schöne, Prof., Dr., Greifswald, Karlstr. 9.
E. Schramm, Generalmajor, Dr., Bautzen.
B. Schröder, Dr., Berlin-Charlottenburg, Mommsen-
straße 62.
P. Schroeder, General-Konsul a. D., Dr., Jena,
Grietgasse 11.
0. Schultheß, Prof., Dr., Bern, Steinauweg 16.
H. Schultz, Privatdozent, Dr., Göttingen, Herzberger
Chaussee 30.
R. Schultze, Stadtbaurat, Kgl. Baurat, Bonn,
Beethovenstr. 10.
B. Schulz, Prof., Hannover-Waldhausen, Landwehr-
straße 23.
E. Schwartz, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Straßburg i. Eis.,
Universität
P. Serlendis, Syra.
M. Siebourg, Gymnasial-Direktor, Prof., Dr., Essen
(Ruhr), Dellbrügge 2.
J. Sieveldng, Prof., Dr., München, Steinsdorfstr. 4.
H. Skorpil, Prof., Dr., Rustschuk, Gymnasium.
K. Skorpil, Prof., Dr., Varna, Gymnasium.
V. Skorpil, Direktor, Kertsch, Archäologisches Mu-
seum.
E. Solaini, Dott., Direttore Museo e Biblioteca,
VoUerra.
A. G. Sophianos, Bankier, Mytileru.
— XV
Th. Sopbulis, General-Gouverneur von Makedonien,
, Dr., Saloniki-
G. Sorciini, Cav. Uff., Prof., Dott., Ispettore degli
scavi, Direttore del Museo Lapidario Comunale,
Spoleto, Via delle Terme, Palazzo Rosari-Spada.
G. Sotiriu, Dr., Sinyrna, EüaYYeXtxTj l.-foki\.
A. Spagnolo, Monsignore, Dott., Bibliotecario ,
Verona, Biblioteca Capitolare.
G. Spano, Dott, Pompei.
F. Sprater, Konservator, Dr., Speyer, Garten-
straße.
D. Stavropulos, Ephoros der Altertümer, Mykonos.
K. Stehlin, Priv. Doz., Dr., Basel, St. Alban-
vorstadt 66.
H. Stein, Prof., Dr., Oldenburg.
P. Steiner, Dr., Trier, Provinzial-Museum.
N. Stephanopulos, Rechtsanwalt, Tripoliiza.
J. R. S. Sterrett, Prof., Dr., Ithaca, New York, Uni-
versität.
P. Stettiner, Comm., Capo divisione Ministero Poste
e Telegrafi, Rom, Via del Boschetto 68.
C. Stomaiolo, Monsignore, Prof., Rom, Via della
Sagrestia, Canonica Vaticano.
M. L. Strack, Prof., Dr., Kiel, Roonstr. 14.
Mrs. E. Strong-Sellers, Vize-Direktor der British
School, Dr., Rom, Piazza SS. Apostoli, Palazzo
Odescalchi 80.
J. Sundwall, Priv. Doz., Dr., Helsingfors, Uni-
versität, z.Zt. Berlin NW. 21, Bundesratsuferi2.
H. Swoboda, Prof., Dr., Prag III, Malteserplatz 6.
Conte E. Tambroni-Armaroli, Appignano presse
Macerata.
J. Thacher-Clarke, Harrow, College Road 3.
F. von Thiersch, Geh. -Rat, Prof., Dr., München,
Georgenstr. 16.
E. Thrämer, Prof., Dr., Straßburg i. Eis., Sleidan-
straße 8 a.
C. Thulin, Dr., Malmö, Fredriksbergsg. i a.
M. N. Tod, Oxford, Oriel College.
G. Tria, Konia, AnatoUsche Eisenbahn.
M. Tsakyroglu, Dr., Smyrna, Rue des Roses 89.
D. Tsopotos, Konsul a. D., Volo.
H. L. Urlichs, Prof., Dr., München, Thierschplatz 3.
M. Valtrovits, Direktor, Dr., Belgrad, National-
Museum.
A. Vamarecci, Monsignore, Fossombrone.
J. Leite de Vasconcellos, Direktor, Dr., Lissabon
(Belem), Museu Ethnologico Portuguös.
J. de Vasconcellos, Prof., Dr., Porto, Cedofeita 159.
E. Vassiliu, Scholarch, Thera.
M. M. Vassits, Direktor, Dr., Belgrad, Pop Lukina
ulica I.
L. Viola, Prof., Dott., Tarent.
D. VioUier, Konservator, Zürich, Landes-Musenm.
J. C. Vollgraff, Prof., Dr., Utrecht, Universität.
W. Vollgraff, Prof., Dr., Groningen, Radesingel 11 a.
N. Vulic, Prof., Dr., Belgrad, Ing-Bogdana ul 15.
A. J. B. Wace, Cambridge, Pembroke College.
J. Wackernagel, Prof., Dr., Göttingen, Hoher
Weg 12.
E. P. Warren, Lewes, Lewes House (Sussex).
A. Weckerling, Prof., Dr., Worms, Paulus-Museum.
G. Weicker, Oberlehrer, Dr., Plauen i. V.
W. Weißbrodt, Geh. Reg.-Rat, Prof., Dr., Brauns-
berg, Akademie.
P. Weizsäcker, Rektor a. D., Dr., Ludwigsburg,
Schillerstr. 14.
B. L Wheeler,' Präsident, Prof., Dr., Berkeley, Cali-
fornia, Universität.
A. Wiedemann, Prof., Dr., Bonn, Königstr. 32.
P. Wilski, Prof., Dr., Freiberg i. S., Forstweg 17.
F. Winkelmann, Dr., Eichstätt (Mittelfranken).
K. Woermann, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Dresden-A.,
Hübnerstr. 5.
G. Wolfram, Geh. Reg.-Rat, Direktor, Prof., Dr.,
Straßburg i. Eis., Spachallee i.
K. Wulzinger, Dipl. Ing., Dr. Ing., München, Rott-
mannstr. 10.
St. A. Xanthudidis, Ephoros der Altertümer, Candia-
L. Zdekauer, Prof., Dott., Macerata, Universität.
M. von Zglinicki, Generalmajor, Berlin W. 30,
Motzstr. 73.
Th. Zielinski, Prof., Dr., St. Petersburg, Universität.
E. Ziller, Prof., Architekt, Athen, 686« MaupoiAtjfcfXi) 3.
IV. ÜBERSICHT SÄMTLICHER MITGLIEDER NACH ÖRTLICHKEITEN GEORDNET
1. Ägypten.
Kairo-- 0- M-: L. Borchardt, G. Maspero, C. M.: G.
Daressy, C. C. Edgar, J. E. Quibell.
Alexandria: C, M.: E. Breccia.
2. Belgien.
Brüssel: C. M.: J. de Mot.
Gent: C. M.: A. van Ceuleneer.
Lüttich: C. M.: L. Renard-Grenson.
XVI —
3. Bulgarien.
Sopa: C. M.: B. D. Filow.
Rustschuk: C. M.: H. Ökorpil.
Varna: C. M.: K. äkorpil.
4. Cypem.
Nicosia: C. M.: J. C. Peristianes.
S. Dänemark.
Kopenhagen: 0. M.: J. L. Heiberg, C. M.: Ch.
Blinkenberg, K. F. Kinch, S. Müller, F. Poulsen.
6. Deutschland.
Berlin und Vororte: E. M.: C. Klügmann, H. Graf
von und zu Lerchenfeld auf Köfering und
Schönberg, R. Schöne, J. Simon, 0. M:,
R. Borrraann, A. Brueckner, H. Dessau, H.
Diels, W. Dörpfeld, H. Dragendorfl, H. Dressel,
A. Erman, A. Harnack, F. Freiherr Hiller von
Gaertringen, O. Hirschfeld, R. Koldewey,
G. Loeschcke, M. Mayer, E. Meyer, E. Petersen,
O. Richter, C. Schuchhardt, W. Schulze, A.
Trendelenburg, R. Weil, C. Weller, Th. Wiegand,
U. von Wilamowitz-MoellendoriT, A. Wilmanns,
H. Winnefeld, R. Zahn, C. M.: E. Assmann,
M. Bang, C. Bardt, 0. Bohn, H. von Fritze,
J. Kirchner, H. Kohl, F. Krischen, F. von
Luschan, L. Martens, R. Dehler, L. Pallat, E.
Preuner, K. Regling, H. Schäfer, A. Schiff,
H. Schmidt, B. Schröder, J. Sundwall, M. von
Zglinicld.
Bautzen: C. M.: E. Schramm.
Bielefeld: 0. M.: F. Graeber.
Bonn: 0. M.: H. Lehner, A. Philippson, U. Wilcken,
F. Winter, C. M.: A. Brinkmann, H. Koch,
F. Marx, R. Schultze, A. Wiedemann.
Braunsberg: C. M.: W. Weißbrodt.
Braunschweig: C. M.: P. J. Meier.
Breslau: 0. M.: C. Cichorius, R. Foerster, C. M.:
A. Gercke, K. Masner.
Cassel: 0. M.: J. Boehlau.
Cöln: 0. M.: J. Poppelreuter.
Crefeld: C. M.; A. 0x4.
Cüstrin: C. M.: C. Fredrich.
Darmstadt: 0. M.: E. Anthes.
Dresden: 0. M.: G. Treu, C. M.: P. Herrmann,
L. Otto, K. Woermann.
EichstäU: C. M.: F. Winkelmann.
Elberfeld: C. M.: Th. Hofmann.
Erlangen: 0. M.: A. Schulten, C. M.: L. Curtius.
Essen (Ruhr): C. M.: M. Siebourg.
Frankfurt a. M.: E. M.: F. Adickes, 0. M.: E. J.
Haeberlin, A. Riese, E. Ritterling, H. Schrader,
G. Wolff, J.Ziehen, C. M.: W. Barthel, F. Holte,
E. Fölzer, H. Gies.
Freiberg i. S.: C. M.: P. Wilski.
Freiburg i. Br.: 0. M.: E. Fabricius, A. Körte,
H. Thiersch, C. M.: F. Leonhard.
Friedrichshof (Schloß): E. M.: Prinz Friedrich Kari
von Hessen.
Gießen: 0. M.: H. Hepding, C. Watzinger, C. M.:
R. Herzog, C. Kramer.
Godesberg a. Rh.: C. M.: C. Konen.
Gotha: C. M.: B. Pick, K. Purgold.
Göttingen: 0. M.: G. Körte, C. M.: W. Meyer,
K. Müller, H. Schultz, J. Wackemagel.
Greifswald: 0. M.: E. Pemice, V. Schultze, C. M.:
H. Schöne.
Gunzenhausen: C. M.: H. Eidam.
Hagenau i. Eis.: 0. M.: H. von Rohden.
Halberstadt: C. M.: H. Röhl.
Halle a. S.: E. M.: H. Lehmann, 0. M.: C. Robert,
E. von Stern, G. Wissowa, C. M.: O. Kern.
Haltern i. Westf.: C. M.: A. Conrads.
Hannover: C. M.: B. Schulz.
Heidelberg: 0. M.: A. von Domaszewsld, F. von
Duhn, H. Luckenbach.
Hildesheim: 0. M.: O. Rubensohn.
Homburg v. d. H.: C. M.: H. Jacobi.
Jarotschin (Schloß): E. M.: Fürst von Radolin.
Jena: 0. M.: B. Graef, W. Judeich, C. M.:
C. G. Brandis, H. Lietzmann, P. Schroeder.
Jockgrim (Pfalz): C. M.: W. Ludowici.
Karlsruhe: 0. M.: J. Durm, E. Wagner.
Kiel: 0. M.: B. Sauer, C. M.: A. Schöne, M. L.
Strack.
Königsberg i. Fr.: C. M.: L. Deubner, F. Münzer,
O. Rossbach.
Krotoschin: C. M.: K. Lyncker.
Leipzig: 0. M.: B. Keil, F. Studniczka, C. M.: E.
Bethe, E. Kroker, J. Kromaycr.
Ludwigsburg: C. M.: P. Weizsäcker.
Lübeck: C. M.: C. Curtius.
Mainz: 0. M.: K. Schumacher, C. M.: K. Körber.
Marburg i. H.: 0. M.: L. von Sybel, C. M.: E. Maass.
Meiningen: E. M.: Herzog Bernhard von Sachsen-
Meiningen.
Metz: C. M.: K. Graefinghoff, J. B. Kenne.
Minden: C. M.: 0. Beriet.
München: E. M.: Prinz Rupprecht von Bayern,
0. M.: B. von Arnold, F. W. Freiherr von Bissing,
G. Hager, F. Ohlenschlager, P. Wolters, C. M.:
P. Arndt, E. Bodensteincr, A. Lammcrer, F. von
XVII
Reber, P. Reinecke, J. Sieveking, F. von Thiersch,
H. L. Urlichs, K. WuJzinger.
Münster i. Westj.: 0. M.: F. Koepp.
Nehmten- Ascheberg (Holstein) : E. M. : Graf von
Plessen-Cronstem.
Oberlahnstein: C. M.: R. Bodewig.
Oldenburg: C. M.: H. Stein.
Plauen i. V.: C. M.: G. Weicker.
Potsdam: C. M.: F. Sarre.
Regensburg: 0. M.: H. Graf von Walderdorff.
Rostock: 0. M.: A. von Salis. C. M.: A. von Ger-
kan, W. Kolbe.
Schönau (Westpr.): C. M.: Fräulein M. Bieber.
Speyer: C. M.: F. Sprater.
Straßburg i. Eis.: 0. M.: J. Ficker, A. Frickenhaus,
C. M.: E. Schwartz, E. Thrämer, G. Wolfram.
Stuttgart: E. M.: E. von Sieglin, 0. M.: F. Haug,
C. M.: E. R. Fiechter, P. Goessler, R. Knorr,
J. von Merz.
Trier: 0. M.: E. Krüger, C. M.: O. Krencker,
P. Steiner.
Tübingen: 0. M.: F. Noack, C. M.: K. von Lange.
Wiesbaden: C. M.: von Rekowski.
Worms: C. M.: C. L. Kohl, A. WeckerUng.
Würzburg: 0. M.: H. Bulle, C. M.: G. Hock.
7. Frankreich.
Paris: E. M.: Duc de Loubat, 0. M.: E. Babelon,
R. Cagnat, M. Collignon, L. Duchesne, P. Fou-
cart, W. Fröhner, St. GseU, B. HaussouUier, A.
Heron de Villefosse, L. Heuzey, M. Holleaux,
Th. Homolle, C. JuUian, G. Maspero, E. Michon,
E. Pottier, Marquis de Vogü^, C. M.: E. Bourguet,
P. Gaudin, G. Mendel, J. Roman.
Algier: C. M-: J. Carcopino.
Bordeaux: Q. M.: P. Paris.
Boulogne-sur Seine: 0, M.: S. Reinach.
Clamart (Seine): C. M.: E. Esp^randieu.
Clermont-Ferrand (Puy-de-D6me): C. M.: A. Au-
dollent.
Embrun (H autes- Alpes ) : C. M.: J. Roman.
Lyon: 0. M.: H. Lechat, C. M.: P. Dissard.
Nancy: 0. M.: P. Perdrizet.
Roanne (Loire): 0. M.: J. D^chelette.
Saint-Germain en Laye (Seine-ei-Oise): C. M.: H.
Hubert.
Toulouse: 0. M.: F. Dürrbach.
8. Griechenland.
Athen: 0. M.: J. Dragatsis, St Dragumis, G. Fougeres,
G. Karo, P. Kastriotis, P. Kawadias, H. Knackfuß,
Sp. Lambros, B. Leonardos, C. D. Mylonas, L.
Archäologischer Anzeiger 1914.
Pernier, A. N. Skias, G. Sotiriadis, V. Stals,
J. N. Svoronos, Ch. Tsuntas, M. Volonakis, O.
Walter, W. Wilberg, C. M.: R. M. Dawkins,
M. Deffner, W. B. Dinsmoor, D. Fimmen, E.
Gilli^ron, F. W. Hasluck, B. H. HiU, A. D.
Keramopullos, J. Kolddis, K. Kuruniotis, L A.
Lontos, A. Philadelpheus, N. G. Politis, E. Ziller.
Candia: 0. M.: J. A. Hatzidakis, C. M.: St A.
Xanthudidis.
Chalkis: C. M.: A. Matsas.
Delphi: C. M.: A. Kondoleon.
Halmyros: C. M.: N. J. Giannopulos.
Karditza (Thessalien) : 0. M.: M. K. Krispis.
Korfu: C. M.: K. Rhomaios.
Larissa: C. M.: A. Kandakidis.
Mykonos: C. M.: D. Stavropulos,
Mytilene: C. M.: D. Hadjidimu, F. von Holbach,
A. G. Sophianos.
Naxos: C. M.: J. Navpliotis.
Piräus: 0. M.: A. Meletopulos.
Saloniki: C. M.: G. Oikonomos. Th. Sophulis.
Syra: C. M.: P. Serlendis.
Theben: C. M.: N. Pappadakis.
Thera: C. M.: E. Vassiliu.
Tinos: C. M.: N. Sakkelion.
Tripolitza: C. M.: N. Stephanopulus.
Vathy (Samos): C. M.: W. R. Paton, 0. Renzos.
Volo: C. M.: A. S. ArvanitopuUos, N. Georgiadis,
D. Tsopotos.
9. Großbritannien.
London: 0. M.: Sir S. Colvin, H. Lyons, R. Norton,
W. M. Flinders Petrie, A. H. Smith, Sir Cecil
H. Smith, C. M.: G. F. Hill, M. Ohnefalsch-
Richter.
Cambridge: 0. M.: Sir J. G. Frazer, Sir Ch. Waldstein,
C. M.: Miss J. E. Harrison, A. J. B. Wace.
Edinburgh: 0. M.: Sir W. M. Ramsay.
Narrow: C. M.: J. Thacher-Clarke.
Lawfordnear Mannington (Essex): C. M.: F. M. Nichols.
Lewes: C. M.: E. P. Warren.
Lincoln: C. M.: E. L. Hicks.
Liverpool: 0. M.: R. C. Bosanquet
Malvem Wells: 0. M.: G. McN. Rushforth.
Manchester (Didsbury): C. M.: R. S. Conway.
Melrose: C. M.: J. Curie.
Oxford: 0. M.: Sir A. J. Evans, P. Gardner, Fr.
LI. Griffith, F. Haverfield, C. M.: G. Dickins,
L. R. Farneil, J. L. Myres, M. N. Tod.
Saundersfoot ( Pembrokeshire ) : 0. M.: H. St. Jones.
South-Shields: C. M.: R. Blair.
Tadworih (Surrey): 0. M.: E. A. Gardner.
— xvm —
10. Italien.
Rom: E. M.: C. Freiherr von Bildt, Contessa E.
Caetani-Lovatelli, 0. M,: W. Amelung, Conte
A. Antonelli, Th. Ashby, F. Bamabei, G. Boni,
G. Calderini, F. Cumont, R. Delbrueck, E. De
Ruggiero, L. Duchesne, F. Ehrle, G. Gatti, F.
. Halbherr, P. Hartwig, W. Heibig, R. A. Lan-
ciani, E. Löwy, Barone G. Lumbroso, L.
Mariani, O. Marucchi, M. Meurer, B. Nogara, E.
Pais, R. Paribeni, A. Pasqui, L. Pigorini, L. PoUak,
C. Ricci, G. E. Rizzo, L. Savignoni, E. Stein-
mann, J. Wilpert, C. M.: L. Cantarelli, J. B.
Carter, G. A. Colini, E. Gäbrici, A. Galli, G.
Giovannoni, G. B. Giovenale, A. Haseloff, J.
Marshall, J. Pijoan y Soteras, G. Pinza, G. T.
Rivoira, P. Stettiner, C. Stomaiolo, Mrs. E.
Strong-Sellers.
Appignano presso Macerata: C. M.: Conte E. Tam-
broni-Armaroli.
Aquila: 0. M.: Marchese N. Persichetti di Santa
Mustiola.
Arezzo: E. M.: G. F. Gamurrini.
Ascoli Piceno: C. M.: G. Paci.
Bari: C.M.: M. Gervasio.
Benevento: C. M.: A. Meomartini.
Bergamo: 0. M.: G. Mantovani.
Bologna: 0. M.: G. Ghirardini, C. M.: F. Corazzini.
Brescia: C. M.: P. Da Ponte, P. Büzzini.
CagUari: 0. M.: A. Taramelli, C. M.: F. Nissardi.
Caiazzo: C. M.: G. Faraone.
Catania: C. M.: P. Ducati.
Florenz: 0. M.: D. Comparetti, Ch. Hülsen, L. A.
Milani, G. Vitelli.
Forli: C. M.: A. Santarelli.
Formia: C. M.: A. Rubini.
Fossombrone: C. M.: A. Vamarecci.
5. Giovanni Incarico: C. M.: D. Santoro.
Maceraia: C. M.: L. Zdekauer.
Macerata-FeUria: C. M.: Marchese G. Antimi-Clari.
Mailand: C. M.: G. Oberziner, S. Ricci.
Muro Leccese: C. M.: L. Maggiulli.
Neapel: 0. M.: G. De Petra, A. Sogliano, V. Spi-
nazzola, C. M.: L. Correra, F. Salvatore-Dino.
Oruielo: C. M.: Conte E. Faina, R. Mancini.
Fadua: C. M.: F. Cordenons, G. Lucciola, G. Pelle-
grini.
Parma: C. M.: G. Mariotti.
Paiito.- C. M.: G. Canna, G. Patroni.
Perugia: C. M.: G. Bellucci, A. Lupatelli, Conte G.
B. Rossi-Scotti.
Pompei: C. M.: M. Della Corte, G. Spano.
Ätßio; C. M.: M. Jatta.
Savona: C. M.: V. Poggi.
Scafati: C. M.: F. Morlicchio.
Siena: C. M.: F. Donati.
Spoleto: C. M.: G. Sordini.
Spongano: C. M.: Barone F. B. Castiglioni.
Syrakus: 0. M.: P. Orsi, C. M.: L. Mauceri.
Tarenl: C. M.: Q. Quagliati, 1. Viola.-
Tolentino: C. M.: Conte A. Gentiloni-Silveri.
Turiru 0. M.: G. E. Rizzo.
Venafro: C. M.: G. Cimorelli.
Venedig: C. M.: C. Ruga.
Venosa: C. M.: G. Pinto.
Verona: C. M.: A. Spagnolo.
Volterra: C. M.: E. Solaini.
11. Niederlande.
Amsterdam: 0. M.: Jonkheer J. Six van Hillegom,
C. M.: U. Ph. Boissevain.
Groningen: C. M.: W. VoUgraff.
Haag: C. M.: C. W. Lunsingh Scheurleer.
Leiden: 0. M.: A. E. J. Holwerda, C. M.: J. H.
Holwerda.
Nijmegen: 0. M.: G. M. Kam.
Uireeht: C. M.: J. C. VoUgraff.
12. Norwegen.
Kristiania: C. M.: S. Eitrem.
13. Österreich-Ungarn.
Wieru- E. M.: Fürst Johann von und zu Liechten-
stein, 0. M.: E. Bormann, F. von Kenner, W. Ku-
bitschek, K. Graf Lanckorofiski-Brzezie, F. Löhr,
E. Reisch, J. Strzygowski, A. Wilhelm, J. Zin-
gerle, C. M.: 0. Egger, S. Frankfurter,
M. Hömes, P. Kretschmer, L. Reinisch, A.
Schindler.
Budapest: C. M.: G. von Finily, V. Kuzsinsky.
Brunn: C. M.: J. Dell.
Graz: 0. M.: R. Heberdey, C. M.: H. Egger, W.
Schmid.
Innsbruck: 0. M.: E. Kaiinka, C. M.: R. von Scala.
Polo: C. M.: A. Gnirs.
Prag: 0. M.: W. Klein, A. von Premerstein, C. M.:
W. Dobrusky, H. Swoboda.
Ragusa: C. M.: G. Gelcich.
Sarajevo: 0. M.: C. Patsch.
Spalato: 0. M.: F. Bulid.
Triest: C. M.: H. Maionica, A. Puschi.
Zara: C. M.: L. Jelid.
— XIX —
14. Portugal.
Lissabon: C. M.: F. A. Coelho, J. L. de Vasconcellos.
Porto: C. M.: J. de Vasconcellos.
15. Rumänien.
Bukarest: C. M.: V. Pärvan.
16. Rufiland.
St. Petersburg: 0. M.: B. Latyschew, B. Pharma-
kowsky, A. Prachow, E. Pridik, M. Rostowzew,
C. M.: N. P. Kondakow, A. Nikitsky, Th. Zielinski.
Charkow: C. M.: Th. Schmidt.
Chersones bei Sevastopol: C. M.: R. Löper.
Dorpat: C. M.: R. Hausmann.
Helsingfors: C. M.: F. Sundwall.
Kertsch: C. M.: V. gkorpii.
Moskau: C. M.: W. Malmberg, N. Novosadsky.
17. Schweden.
Stockholm: 0. M.: 0. Montelius, C. M.: J. Centerwall.
Lund: C. M.: M. P. Nilsson.
Malmö: C. M.: C. Thulin.
Upsala: 0. M.: S. Wide, C. M.: L. KjeUberg, E.
Nachmanson.
18. Schweiz.
Basel: 0. M.: E. Pfuhl, C. M.i K. Stehlin.
Bern: C. M.: 0. Schultheß.
Brugg i. Aargau: C. M.: L. Frölich, S. Heuberger.
Genf: 0. M.: P. Schazmann, C. M.: G. Darier.
Gr. St. Bernhard: C. M.: M. Lugon.
Lavsanne: C. M.: W. Cart.
Winterthur: 0. M.: F. Imhoof- Blumer.
Zürich: 0. M.: H. Blümner, H. Hitzig, C. M.:
D. Viollier.
19. Serbien.
Belgrad: C. M.: M. Valtrovits, M. M. Vassits, N.
Vulic.
20. Spanien.
Madrid: 0. M.: F. Fita, C. M.: Marquis de Cerralbo,
J. R. Milida, Marquis de Monsalud.
Barcelona: C. M.: A. Elias de Molins, J. Pijoan y
Soteras.
Elche: C. M.: P. Ibarra y Ruiz.
Gerona: C. M.: M. Cazurro y Ruiz.
Granada: C. M.: M. G. Moreno.
Medina Sidonia: C. M.: M. Pardo de Figueroa.
Soria: C. M.: M. Granados.
Vitoria: C. M.: F. Baraibar.
21. Tunis.
St. Louis de Carthage: 0. M.: A. L. Delattre.
Tunis: 0. M.: A. Merlin, C. M.: L. Poinssot.
22. Türkei.
Konstantinopel: 0. M.: Halil Edhem Bey, J. H.
Mordtmann, Th. Uspensld, C. M.: Edhem Bey,
M. J. Gedeon, Th. Macridy Bey, B. A. Pan-
tschenko.
Aidin: C. M.: M. Papakonstantinu.
Artake: C. M.: N. Limnios.
Bagdad: 0. M.: R. Koldewey.
Chalki bei Rhodos: C. M. : 0. N. Askitis.
Konia: C. M.: G. Tria.
Mersina: C. M.: J. Gottwald.
Pergamon: C. M.: G. loannides, G. Rallis.
Rhodos: C. M.: A. Barmann, Sir A. Biliotti, A. Casilli.
Smyrna: 0. M.: J. Keil, C. M.: G. Sotiriu, M. Tsaky-
roglu.
23. Vereinigte Staaten von Amerika.
New York: 0. M.: E. Robinson, C. M.: Miss C. L.
Ransom.
Berkeley, California: C. M.: B. I. Wheeler.
Boston, Massachusetts: C. M.: L. D. Caskey, S. N.
Deane, A. Fairbanks.
Cambridge, Massachusetts: 0. M.: J. W. White.
Chicago, Illinois: C. M.: W. G. Haie.
Cleveland, Ohio: C. M.: H. N. Fowler.
lihaca, New York: C. M.: J. R. S. Sterrett.
MeadviUe, Pennsylvania: C. M.: G. F. Comfort.
Princeton, New Jersey: C. M.: A. L. Frothingham.
Woodstock, Connecticut: 0. M.: R. B. Richardson.
FORM UND HERKUNFT DER MYKENISCHEN SÄULE.
Die eigentümliche Form der mykenischen Säule hat die Kunstforschung schon
öfter beschäftigt, namentlich ihre abwärtsgerichtete Schaftverjüngung, die von
Anfang an so unwahrscheinlich dünkte, daß T. L. Donaldson in seiner Rekonstruk-
tion einer der Halbsäulen der sogenannten Atreustholos in Mykene diese bekanntlich
umgekehrt darstellte, indem er ihr Kapitell als Basis annahm. Wurde dieser Irrtum
nun auch bald aus den später nachgewiesenen Standspuren der Säulen erkannt,
so blieb der Zweifel an jener, dem allgemeinen Schema des Altertums widersprechen-
den Schaftverjüngung wenigstens für die Steinsäule mykenischer Zeit für manche
Gelehrte und Künstler auch weiter bestehen. Schloß sich doch ein so namhafter
Architekt und Kunstgelehrtcr wie Jos. Durm noch vor wenigen Jahren in den Jahres-
heften des österr. Archäologischen Instituts (Band X, 1907) in einem Artikel über
vormykenische und mykenische Architekturformen diesem Zweifel an, indem er
an der Hand der Säule des mykenischen Löwentores und der Atreustholossäulen
sowie eines Säulenstumpfes des von Frau Schliemann geöffneten Kuppelgrabes
die rein zylindrische Bildung des mykenischen Schaftes zu beweisen, die gegenteilige
Ansicht aber durch von ihm gegebene Maße und eine Photographie des Löwentores
als auf irrtümhchen Beobachtungen beruhend zu entkräften suchte.
Entscheidend für die Sicherung der fraglichen Verjüngung ist die unterdessen
mit Hilfe der Schaftstücke aus der Sammlung des Lord Sligo erfolgte Zusammen-
setzung der Halbsäulen der Atreustholos im Britischen Museum, welche Jos. Durm,
der die genannten Bruchstücke nur vor ihrer Eingliederung in diese Restauration
untersuchen konnte, bei Niederschrift seines Artikels noch nicht vor sich hatte.
Ist darnach das Urteil über die Frage jetzt wohl übereinstimmend, so dürfte
es doch am Platze sein, das Resultat verschiedener unmittelbarer Messungen zu
geben, die diese Verjüngung zahlenmäßig feststellen, und daran anschließend eine
schon früher von mir angedeutete Erklärung dieser von den sonstigen Säulenbildungen
des Altertums abweichenden Erscheinung eingehender zu begründen.
Von jenen beiden im Britischen Museum in ihrer vormaUgen Position zu Seiten
der Grabtüre aufgestellten Säulen der Atreustholos ist es namentlich die linke vom
Beschauer, die ihren Schaftverlauf bis über 4 m Höhe (nur der oberste Teil ist er-
gänzt) an den Originalstücken genau verfolgen läßt; Dieselbe wurde von mir unter
freundlicher Kontrolle des Herrn Architekten Phene Spiers in London aller halben
Meter hoch gemessen. Wenn sich dabei nun auch infolge des dem Schafte eingear-
beiteten ornamentalen Reliefs kleine Schwankungen ergaben, so war doch nach
allen Richtungen eine stets steigende Verdickung des Schaftes nach oben ohne jeden
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. I
M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule.
Zweifel festzustellen. Darnach wächst der der Wand anliegende Durchmesser des-
selben bis zu 4 m Höhe, von 0,516 (unten) bis auf 0,546 m (oben), also um 3 cm;
bei der von Phen^ Spiers auf 5,60 m angenommenen Höhe des ganzen Schaftes
würde sein Durchmesser unter dem Kapitelle, eine sich gleichmäßig fortsetzende
Schwellung vorausgesetzt, also nahezu 0,558 m, somit also eine Gesamtschwellung
von 4,2 cm aufweisen. Der Halbmesser des Schaftes (von vorn bis zur Rückwand)
zeigt eine noch etwas größere Schwellung, und zwar von 0,26 cm (unten) bis zu
0,28 m in 4 m Höhe, was für den obersten Halbmesser
in 5,60 m Höhe also ein Maß von 0,2856 m ergeben
würde. Dieses Maß stimmt nun, wie das zuvor mit
0,558 m angegebene des oberen Schaftdurchmessers,
nahezu mit den Maßen der Kapitellunterfläche überein,
die der Architekt Sebastian Ittar im Jahre 1803 an
Ort und Stelle am Originalkapitelle nahm, indem er
den Durchmesser seiner Unterfläche auf 0,563 m, den
Halbmesser aber auf 0,289 m feststellte. Bei Prüfung
des Halbkreises der Säule mit Bandmaß ergab sich
ein Unterschied von 0,828 m (unten) zu 0,884 m in
4 m Höhe, also ebenfalls eine dem Wachsen des
Durch- und Halbmessers entsprechende Zunahme des
Umfanges nach oben.
Während eines letzten Aufenthaltes in Athen
hatte ich nun auch Gelegenheit, das im National -
museum befindliche von Prof. Durm gemessene Schaft-
stück aus Nauplia zu untersuchen, welches mit Recht
der gleichen Tholos zugeschrieben wird. Ich konnte
in Übereinstimmung mit ihm und den von ihm ge-
gebenen Maßen nur konstatieren, daß dieses Schaft-
stück sich in der dortigen Position allerdings nicht nach
unten, sondern nach oben verjüngt; die Vergleichung
seines Ornamentes mit dem der richtig aufgestellten
Säulen im Britischen Museum läßt aber keinen Zweifel
darüber aufkommen, daß es seinerzeit verkehrt aufgestellt wurde: ein Versehen,
welches unterdessen von der Museumsverwaltung berichtigt worden sein dürfte.
Was nun die Wappensäule des mykenischen Löwentores anlangt (Abb. 4,
Fig. d), deren zylindrische Bildung Prof. Durm durch eine beigegebene Photographie
nachzuweisen sucht (am Originale selbst genommene Maße gibt er nicht), so zeigt
eine Prüfung mit dem Zirkel auch an dieser eine allerdings sehr unerhebhche Ver-
jüngung nach unten, die Vergleichung mit den drei großen, außerordentlich exakten
Aufnahmen der Kgl. Meßbildanstalt in Berlin, welche die Verjüngung genau fest-
stellen lassen, wie schwierig es ist, nach einer einzelnen photographischen Unterlage
ein sicheres Resultat zu gewinnen.
Ich selbst hatte keine Gelegenheit, die Säule des Löwentores, ebensowenig wie
Abb. I . Säulenstumpf am zweiten
Kuppelgrabe in Mykenai.
M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule.
liiti | inil I I I I I I
<«:
den von Prof. Durm eingehend besprochenen kannelierten Säulenstumpf der zweiten
mykenischen Tholos an den Originalen zu messen, erhielt aber auf eine im Jahre 1909
an das Athenische Institut gerichtete Anfrage von Herrn Prof. Karo folgende Aus-
kunft: »Nach Dörpfelds vor einigen Monaten vorgenommenen Messungen beträgt
r. die Verjüngung der Säule
am Löwentore nach unten
3 cm; 2. am zweiten Kuppel-
grabe die Maße von 9 Kanne-
lüren der Säule oben 47, unten
45 cm.« Eine Vergleichung
des ersteren Maßes mit dem
in der archäologischen Aus-
stellung in Rom befindlichen
neuerlichen Abgüsse des Lö-
wentoraufsatzes ergibt sogar
eine noch etwas größere Ver-
jüngung des Schaftdurchmes-
sers und zwar von 0,31 m
oben auf 0,273 m unten. Die
Dörpfeldsche Angabe bezüg-
lich des Säulenstumpfes der
zweiten Tholos vermag die
Abbildung i, soweit dies
eine Photographie kann, trotz
seines rechtsseitigen oberen
Defektes, ebenfalls nur zu
bestätigen.
Dürfte die vorliegende
Frage demnach zugunsten
der bislang angenommenen
Schaftverjüngung nach unten
entschieden sein, so wird die-
selbe auch durch eine Anzahl von kleinen Elfenbeinsäulchen (Abb. 2) erwiesen, die
bei den nachträglichen Grabungen der griechischen archäologischen Gesellschaft in den
Felsgräbern von Mykene gefunden wurden. Auch wenn man sie nur als Nachbildungen
von Gegenständen der Kleinkunst und nicht als solche von architektonischen Säulen
nehmen will, so bieten sie infolge ihrer klaren Formen interessante Vergleichungs-
objekte zu den zuvor besprochenen Steinsäulen. Zwei größere, nach Form und Maß
ganz gleichartige Säulchen dieser acht Fundstücke (Abb. 2, Fig. a und b) sind vor-
zügHch erhalten, während von anderen nur Bruchstücke vorhanden sind (Fig. c, d).
Nach Ansicht von V. Stais bildeten sie Teile von Votivtafeln, auf denen sie durch
teilweise noch erkennbare Bindemittel befestigt waren. Die Zapfen an ihrem Fuße
und Abakus beweisen, daß sie in Verbindung mit andern Ghedern standen, und
^
Abb. 2.
Elfenbeinsäulchen aus den Felsgräbern von Mykenai.
Nation. Mus. Athen Nr. 2398.
M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule.
die gleiche Größe von zwei derselben, daß diese zusammengehörten, vermutlich
also keine Einzelstelen, sondern Teile der Nachbildung einer zusammenhängenden
Architektur vorstellten. Ihre Kapitelle gleichen sowohl dem der Löwentorstele wie denen
der Atreustholossäulen; mit dem der ersteren haben sie außer der Kehle und dem
knopfartigen Echinus namentHch den zwischen Schaft und Kehle sitzenden, von
zwei Plättchen eingefaßten Rundstab gemeinsam; an der Rekonstruktion der Atreus-
säulen, die mir an dieser Stelle etwas unsicher erscheint, fehlt dieses Zwischenglied,
nicht zum Vorteil ihrer Erscheinung '). Die auf dem Knaufe beider mykenischen
Kapitelle sitzende flachausladende Kehle, welche den Abakus aufnimmt, ist an Fig a
der Abb. 2 nicht vorhanden, an dem Bruchstück c dagegen, allerdings noch mehr
») Ich möchte daher annehmen, daß auch sie den
betreffenden Rundstab trugen; an den Resten
derselben ist dies allerdings nicht nachzuweisen,
da beiden Säulen gerade das oberste Schaftstück
fehlt. Ein kleines Bruchstück im Münchener
Antiquarium, welches, wie mir Arthur Smith
freundlichst mitteilte, der Restauration des
Schaftendes zugrunde gelegt wurde, zeigt jeden-
falls keinen Ansatz eines Rundstabes, an seinem
oberen Rande viel-
mehr eine viertel-
kreisförmigeEinar- i
beitung von ca.2 cm
Höhe und i '/i cm
Tiefe, die vielleicht
eine Erklärung
gibt. Wenn das
Bruchstück, wie
wohl kaum zu be-
zweifeln, ^NTrklich
vom obern Schaft-
ende herrühren
sollte, würde sich
diese ringförmige
Einarbeitung des-
selben damit er-
klären lassen, daß
in ihr vormals ein
Bronzering von der
Form des Rund-
stabes der Löwen-
torsäule eingelas-
sen war : eine Vor-
aussetzung, welche
die Einziehung des
Unterteiles des
Kapitells nur zu
bestätigen ver-
Abb. 3. Rekonstruktion des
des Atreusgrabes in
möchte. Bei Betrachtung der Lücke zwischen
Schaft und Kapitell an der restaurierten Säule
des Britischen Museums (vgl. Abb. 3) kann man
sich des Eindrucks nicht erwehren, daß an dieser
Stelle etwas fehlt, was dieselbe deckte. Nach den
Maßen der Lücke könnte darin gerade einRundstab
von 31/2 cm Höhe gesessen haben, der aber noch
etwas höher gewesen sein dürfte, da anzunehmen
ist, daß sein unteres Plättchen über die Kante des
Schaftendes übergriff.
- — - Die Anwendung eines
solchen Bronzezierates
am mykenischen Ka-
pitelle (am ionischen
waren metallische In-
krustationen, z. B.
als Schmuck des Vo-
lutenauges durch ver-
goldete Bronzeroset-
ten ganz gebräuchlich)
gewinnt um so mehr
an Wahrscheinlich-
keit, als man aus den
unzähUgen, regelmä-
ßig geordneten Nagel-
löchern und einzelnen
Resten von Bronze-
stiften an den Innen-
wänden und den Türen
der Tholos überhaupt
auf eine reiche Aus-
stattung des Baues
mit metallischen De-
korationen zu schlie-
ßen berechtigt ist, die
schon in frühesten
Zeiten den Grabräu-
bern zur Beute fielen.
Oberteils der linken Halbsäule
Mykenai. Brit. Mus.
M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischeu Säule.
abgeflacht, noch erkennbar. Jedenfalls repräsentieren diese Elf enbeinsäulchen, wie
die schon früher in Spata gefundenen, den Typus der mykenischen Steinsäule.
Mit einer bisher noch nicht beobachteten Schaftbildung machen uns einige
Gipsausgüsse aufgefundener Hohlräume bekannt, die A. Evans in ingeniöser Weise
auf seiner in der Nähe des großen Palastes von Knossos gelegenen Villa nach dem
Vorgange pompejanischer Ausgrabungsmanipulationen ausführen ließ, Hohlräume, die
sich durch Vermoderung von Holzsäulen innerhalb des Ruinenschuttes eines Hauses
aus der ersten Hälfte spätminoischer Zeit gebildet hatten. Müssen dieselben nun
auch ihrer Publikation durch den Entdecker vorbehalten bleiben, so kann vorläufig
wenigstens gesagt werden, daß auch diese, wenn schon infolge von Terrainverschie-
bungen teilweise verbogen, ebenfalls eine Verjüngung nach unten, ihre Schäfte aber
eine Gliederung durch vertikale, dicht aneinander stoßende Rundstäbe erkennen
lassen.
Mit diesen verschiedenen Beispielen soll nun keineswegs die Möglichkeit be-
stritten werden, daß außer den sich nach unten verjüngenden Schaftformen in der
minoischen wie in der mykenischen Kunst nicht auch solche zylindrische oder sich
sogar nach oben verjüngende Schäfte vorgekommen seien, wie sie uns, allerdings
mit ganz anderem Kapitelle, ein Wandbild aus Knossos und der bekannte Steatit-
trichter des Museums von Candia kennen lehren; architektonische Reste von dieser
Form müssen indessen noch gefunden werden.
Der Hauptgrund,, der Prof. Durm an der Verjüngung mykenischer Säulen nach
unten zweifeln und solche Formen als »pervers« bezeichnen läßt, ist in dem von
ihm aufgestellten Satze zu suchen: »die Stütze entwickelt sich im Kunstgewerbe
seit uralten Zeiten beinahe durchweg auf kleinster Basis, im Hochbau auf breiter
Unterlage.« Kann man diesem Unterschiede in bezug auf den Steinbau nur
zustimmen, so ist seine Theorie nicht ohne weiteres auch auf den Holzbau anwend-
bar; mir scheint vielmehr, daß dieser Unterschied nicht nur in den mehr oder minder
architektonischen Bedingungen der jeweiligen künstlerischen Aufgabe, sondern
auch in dem Werkstoffe derselben zu suchen sei. Wird man die Verjüngung der
mykenischen Steinsäule nach unten sicher nicht als einen ästhetischen Aus-
druck ihrer Leistung betrachten dürfen, so läßt sich dieselbe bei der ihr voran-
gehenden Holzsäule nicht verwerfen, da sie ohne Zweifel in bezug auf Material und
Konstruktion eine gleiche, wenn nicht größere Berechtigung hat als die entgegen-
gesetzte. Jedenfalls ist die nach unten verjüngte Schaftform im Holzbau oder im
Steinbau mit hölzerner Deckenkonstruktion nicht minder zweckmäßig und daher
ebenso logisch wie die Verjüngung von Tisch- und Stuhlbeinen, welche die Platte
oder Sitzfiäche, mit deren Rahmenwerk sie verzapft sind, genau so sicher, ja besser
tragen, als wenn sie sich nach oben verjüngten; denn für das Ruhen auf dem Boden
dient die kleinere Fläche ebehso gut wie eine umfänglichere, wenn nur die Verbindung
der Stütze mit den zu tragenden Gliedern eine stabile ist; letzterem Zwecke ent-
spricht es aber viel besser, wenn der obere Abschluß des Beines der breitere ist,
weil dies eine solidere Verzapfung gestattet. Unsere gedrechselten, sich nach unten
verjüngenden Möbelbeine, deren Formen schon in der ägyptischen und assyrischen
M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule.
Kunst Vorbilder haben und häufig ein dem mykenischen Kapitelle ganz ähnliches
Kopfstück besitzen, entsprechen vollkommen unserem ästhetischen Empfinden,
während ein nach unten schwellendes Bein einen plumpen Eindruck macht; warum
sollten nun im Holzbau gleiche konstruktive Bedingungen, nur weil das Gebilde
größer und ein architektonisches ist, einen anderen formalen Ausdruck verlangen?
Die Hauptsache ist auch hier, daß der Säulenkopf mit dem Gebälk sicher verzapft
ist, um die Säule stabil zu machen; dann steht sie genau so fest, wie das Bein eines
Möbels, und zwar auch ohne Befestigung mit dem Boden. Daß die minoisch-myke-
nische Kunst damit rechnete, ergibt sich schon daraus, daß sich an den steinernen
Basen ihrer Holzsäulen keine Spuren einer Verzapfung finden, wie sie bei den späteren
Steinsäulen der Atreustholos angewendet wurde. Dieselbe wäre bei Bodenbewegungen
ihrer StabiUtät sogar gefährlich geworden, während ein unten unbefestigter Schaft
ein seitliches Ausweichen gestattete.
Die ästhetische Forderung der Höhenverjüngung, resp. zylindrischen Bildung,
die J. Durm an die Holzsäule stellt, scheint mir, wenigstens insoweit, als es sich
um Holzbauten oder Steinbauten mit hölzerner Deckenkonstruktion und um Säulen-
stellungen zwischen vertikalen Mauern und Pfeilern handelt, nur ein aus dem nach-
maligen griechischen Steinbaue zürückgeschlossenes künstlerisches Desiderat zu
sein. Anders würde die Sache bei Anwendung von nach unten verjüngten Säulen
an den Ecken von Bauten (z. B. bei peripteralen Anlagen) liegen, weil die nach
oben ausladenden Schaftlinien der monumentalen Wirkung des Bauwerks zweifel-
los geschadet hätten. Als Eckstützen sind solche Säulen aber, wie die Grundrisse
der Paläste von Knossos und Phästos zeigen, nicht angewendet worden. Ein in-
struktives Beispiel geben dafür die dem sogenannten Saale der Doppeläxte in Knossos
auf zwei Seiten (im Osten und Süden) vorgelagerten Säulenhallen, an deren Zu-
sammenstoße im SO ein quadratischer Stein die Aufnahme eines Pfeilers bezeugt,
während die Basen der Säulen kreisförmig sind.
Ob die Einziehung des Schaftes einer Stütze, sei es nach oben oder unten,
in älteren Zeiten überhaupt als eine für den Ausdruck ihres Wesens beabsichtigte
Kunstform angewendet wurde, scheint mir sehr fraglich; sie ergab sich vielmehr
aus der Verwendung von natürlichen Holzschäften, die zunächst in jener Richtung
ihrer Verjüngung unmittelbar benutzt wurden, die sich für den herzustellenden
Gegenstand als am praktischsten erwies. Daher die nach unten verjüngten Beine
von noch erhaltenem ägyptischem und assyrischem Möbelwerk und der uns in Ab-
bildungen überlieferten gleichartig verjüngten Zeltstangen beider Länder. Daß
diese ursprüngliche, dem Auge gewohnt gewordene Holzzweckform sich späterhin nun
zunächst auch auf architektonische Kunstformen anderen Materiales übertrug, daß
frühe mykenische Steinsäulen also auch die Verjüngungsart der Holzsäule noch
einige Zeit weiterführten, kann nach einem überall in der Bau- und Ornament-
geschichte hervortretenden phylogenetischen Entwicklungsgesetze gar nicht wunder-
nehmen. Diese Voraussetzung einer allmählichen Umbildung von überlieferten
Formen für ein anderes Material würde ihre Bestätigung in dem Umstände finden,
daß die Steinsäulen der Atreustholos eine schwächere Einziehung nach unten be-
M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule.
sitzen als die in den Wandmalereien von Knossos dargestellten minoischen Holz-
säulen. Für eine gleiche Übertragung von Holzstützformen auf architektonische Stein -
Säulen geben in Ägypten die von Prof. Durm angeführten Säulen im Heiligtum Thut-
mosis' HI. zu Karnak ein Beispiel; ihre Form entspricht in Schaft und Kapitell
o
J—X
y-r
-r-
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Abb. 4. Fig. a. Säule aus dem Festtempel Thutmosis' III. in Karnak. Fig. b. Zeltstange eines Barken-
gehäuses nach Reliefdarstellungen aus dem n. R. Fig. c. Assyrischer Zeltpfosten. Fig. d. Säule vom
Löwentore in Mykenai.
vollkommen den Holzsäulchen der an ägyptischen Tempelwänden dargestellten
Gehäusen heiliger Barken. Die nach unten gerichtete Blattdekoration ihrer Kapitelle,
aus welcher Prof. Durm auf die Umkehrung eines »Glockenkapitells « schließen zu müssen
glaubt, findet dabei ihre Analogien in gleichgerichtetem Blattbelage von Gefäß -
deckein ähnlicher Form im neuen Reiche. Die Thutmosissäule ist^ wie sie schon
M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule.
F. Borchardt richtig bezeichnete, nichts anderes, als eine ihrem Werkstoffe ent-
sprechend verdickte Nachbildung einer Zeltstange, oder wenn man sich genauer
ausdrücken will, der Stange eines aus früherem Zelte hervorgegangenen, stoffum-
kleideten Holzbaues (vgl. Fig. a und b der Abb. 4).
Diese ägyptischen Beispiele legen nun die Vermutung nahe, daß es sich mit
dem Ursprünge der minoisch -mykenischen Säule ähnlich verhalte, daß sie also auch
aus dem Schaft und der Bekrönung eines früheren Zeltpfostens hervorgegangen sei.
Weisen doch fast alle alten Säulentypen durch die sichtbaren Zeichen verschieden-
ster Formanpassungen ihrer Kapitelle deutHch darauf hin, daß sie nichts anderes
sind als Umgestaltungen früherer freiendender Schäfte: mit Blüten, Knospen und
auch tierischen Elementen gekrönter Würdenstäbe, Gauzeichen, Stelen usw.
An dem sogenannten Südzeichen des Vereinigungswappens von Ober- und
Unterägypten, dem Vorläufer des ionischen Kapitells, läßt sich dieser weitzurück-
liegende Prozeß einigermaßen verfolgen. Aus der Wappenpflanze von Oberägypten:
dem Blütenschafte einer Liliacee, hervorgegangen, wird die natürliche freie Endung
des Südzeichens, als welche sie sich noch im neuen Reiche, z. B. an den bekannten
großen Wappenstelen von Thutmosis III. in Karnak erhält, allmählich zu einem
tragenden Gliede. Ein frühestes Beispiel ihrpr Umgestaltung zu einem solchen gibt
das Vereinigungswappen von Ober- und Unterägypten an den Thronen der im Museum
zu Kairo befindlichen Chefrenstatuen, in welchem der mit einer Liliaceenblüte ab-
geschlossene Schaft seiner Mittelfigur (des Samzeichens) die Sitzfläche des Thrones
stützt; daß die Blüte hier bereits als ein Kapitell gedacht ist, beweist der ihr auf-
gelegte Abakus; im übrigen hat sie aber ganz die gleiche Form, wie die daneben -
stehenden freiendenden Blütenschäfte des »Südzeichens«. Der Stengel des pflanz-
lichen Landessymbols übernimmt die Rolle eines architektonischen Schaftes und
seine Blüte die eines Balkenträgers. Wie diese Stützform sind aber die meisten
ägyptischen Säulen: die Lotos-, Papyrus- und Palmensäule bekanntlich nichts
anderes als Adaptierungen natürlicher Schäfte und ihrer Blüten- oder Laubkronen
für den architektonischen Zweck. In gleicher Weise, wie dies mit natürlichen Formen
geschah, wandelte man nun auch die freien Endungen rein zwecklich geformter
Schäfte, ja selbst Gebrauchsgegenstände in Stützformen um, wie z. B. den Schaft
und Abschluß der Isisklapper in der sogenannten Hathorsäule.
Wenn wir uns auf Grund solcher Tatsachen nun nach dem Vorbilde der myke-
nischen Holzsäule und ihres Kapitells umsehen, so liegt die Vermutung nahe, daß
ihre Formen gleich denen der Thutmosissäule ebenfalls aus den Stangen einer früheren
Zeltkonstruktion hervorgegangen seien, wofür ein von mir früher publiziertes Zelt
des Sanherib ') auf den assyrischen Reliefs des Britischen Museums Anhaltspunkte
gibt (Abb. 5). Dasselbe ist zwar aus viel späterer Zeit als die minoisch-mykenische
Säule, der Umstand aber, daß dergleichen Werkformen, wie es die nachweisbare
Festhaltung gleichartiger ägyptischer Konstruktionen beweist, durch Jahrhunderte
stationär bleiben, gestatten indessen den Rückschluß, daß auch frühere Zelte, von
') Vgl. M. Meurer, Formenlehre S. 325, Rekonstruktion eines assyrischen Zeltes.
M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule.
denen sich zurzeit noch keine Darstellungen gefunden haben, die nämUchen Formen-
elemente aufweisen, und zwar schon deswegen, weil sie, um den gegebenen, sich
gleichbleibenden Bedingungen einer Zeltkonstruktion zu entsprechen, kaum anders
sein konnten. Ohne auf den ganzen Aufbau des Sanheribschen Zeltes zurückzu-
kommen, der sich auf dem genannten Relief bis in seine einzelnen Details verfolgen
läßt, seien hier nur die Formen seiner Pfosten (Abb. 4, Fig. c) gegeben, die das Gerüst
seiner textilen Umhüllung bilden. Sie gleichen einem großen Nagel; unter ihrem
Abb. 5. Assyrisches Königszelt auf den Reliefs Sanheribs im Brit. Mus.
ganz nagelartig gebildeten Kopfe, der dem Einschlagen des Pfostens in den Boden
diente, sitzt eine kräftige Einziehung, in welcher die, die einzelnen Pfosten unter
sich und mit dem Erdboden verbindenden, sich in der Decke überkreuzenden und
im Boden verkeilten Seile befestigt waren; ihr Abrutschen nach unten verhinderte
die obere Ausladung des Schaftes und ein kleiner, diesen abschheßender Rundstab.
Die Verjüngung des Pfostens nach unten zeigt, daß ein natürlicher Holzschaft ver-
kehrt genommen wurde, weil das dickere Ende der oberen Einkehlung der Zelt-
stange, das dünnere aber ihrem Eintreiben in den Boden besser diente.
Vergleichen wir nun die mykenische Säule mit diesem Pfosten (vgl. Abb. 2
und 3 mit Abb. 4, Fig. c), so ist zunächst die gleiche Verjüngung nach unten, nicht
minder aber auch ihr Kapitell auffäUig, dessen dem Echinus des dorischen Kapitelles
lO M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule.
entsprechendes Glied noch nicht, wie an diesem, nach oben ausladend, sondern knöpf -
artig, wie ein Torus, gebildet ist. Zwischen diesem GHede und dem Schaft liegt ferner
wie bei der Zeltstange eine kräftige Einziehung und unter ihr ein Rundstäbchen.
Die Ähnlichkeit dieser Formen, die bei dem Zeltpfosten einem praktischen Zwecke
entsprechen, während sie dies am Kapitell nicht in gleicher Weise tun, ja den Be-
dingungen einer Stütze sogar widersprechen, gibt zu denken. Dem Knaufe des Ka-
pitells ist bei der Säule des Löwentores wie bei der Atreustholos eine flachausladende
Kehle aufgesetzt, die den umfänglichen Abakus aufnimmt. Läßt dieses Auskunfts-
mittel, welches die für die Leistung des Kapitells nicht mehr geeignete Knopfform
des Zeltstangenkopfes noch beibehält, an sich schon die Abstammung von einer
freien Endung nicht verkennen, so weist die Kehle unter dem Knaufe des mykeni-
schen Kapitells, sowie der unter ihr sitzende, den Schaft abschließende Rundstab
auf die rein dekorative Weiterführung überlieferter Zweckformen, die mit der Funktion
eines Säulenkapitells nichts zu tun haben. Die Übernahme der Formelemente einer
früheren Zeltstange auf die Kunstformen einer nachmaligen architektonischen Stütze
gewinnt aber um so mehr an Wahrscheinlichkeit, als die mykenische Holzsäule aus
zuvor erörterten Gründen von der umgekehrten Anwendung der natürlichen Schaft-
verjüngung einen wirklich konstruktionsgemäßen Gebrauch machen konnte.
Selbst die eigentümliche, an toreutische Techniken erinnernde Ornamentierung,
welche die Säulen der Atreustholos tragen, würde sich erklären, wenn man annimmt,
daß sie Nachbildungen von früheren mit Metall umkleideten Zeltstangen gewesen
seien. Kann das vorliegende Zelt des Sanherib auf den Rehefs des Palastes von
Nimrud bei dem kleinen Maßstabe seiner Darstellung dafür auch keine Anhalts-
punkte geben, so liegt doch die Voraussetzung nahe, daß die Pfosten von prunk-
vollen Herrscherzelten, wenn sie überhaupt nicht ganz aus Metall waren, dieselbe
künstlerische Bronzeinkrustierung empfingen, die uns erhaltene Reste assyrischen
Möbelwerkes überliefert haben. Mit der Gesamtform der Zeltpfosten hätten sich
dann also auch die Formelemente ihrer technischen Ausführung in derselben Weise
auf die nachmalige mykenische Steinsäule übertragen, wie es bei der persischen
Säule und gewissen, ebenfalls auf ihre Herkunft aus der Metalltechnik zurückweisen-
den ornamentalen Einzelheiten protoionischer Kapitelle vorausgesetzt wird.
Für die Abstammung des mykenischen Säulenschemas aus den Typen früherer,
einer Basis entbehrender Zeltstangen spricht auch die noch ganz einfache Form
der minoisch-mykenischen Steinbasis, welche verrät, daß es sich bei ihr um keine
Weiterentwicklung eines überlieferten Vorbildes, sondern um ein, aus den Bedin-
gungen einer Holzstütze und deren Sicherung gegen zerstörende Bodenfeuchtigkeit
hervorgegangenes, neues und daher noch ganz primitives Konstruktionsglied handelt.
Analogien für die vorausgesetzte Anpassung der Zeltstangenform an die Zwecke
einer Stütze geben gewisse früheste Übergangsformen des dorischen Kapitells, aus
denen R. Koldewey und 0. Puchstein, dieser im Winckelmannprogramm von 1887
S. 51, jener in den griechischen Tempeln in Italien und Sizilien S. 99 ff. seinerzeit
mit Recht auf den Zusammenhang der mykenischen Säule mit der dorischen ge-
schlossen haben. Es kann kein Zufall sein, daß die ältesten der uns überlieferten
M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. 1 1
Steinkapitelle dorischer Bauten, wie z. B. die des Hexastylos und Enneastylos zu
Pästum und verschiedener sizilischer Tempel, die des Schatzhauses von Syrakus
und einer Säule vom Heräon in Olympia, unter ihrem seiner Leistung völlig an-
gepaßten Echinus noch eine Kehle tragen, die als keinem Zwecke dienend, nur als
die Fortführung einer Vorläuferform betrachtet werden kann, zumal sie häufig mit
einem gleichen stehenden Blätterkranze geschmückt ist wie die Kehle der mykenischen
Tholossäule. In welcher Weise diese Kehle für den Zweck eines tragenden Gliedes
allmählich zu einem Ablaufe des Schaftes unter dem Kapitelle, zu jener Apothesis
umgestaltet wurde, die weiterhin wieder einem gleichmäßig fortlaufenden Schaft-
ende wich, zeigt die Vergleichung jener älteren Bauten in Pästum mit dem späteren
dortigen Poseidontempel, mit dem Aphaiatempel in Ägina, dem Parthenon und
anderen Bauwerken nachfolgender Zeiten.
Der Entwicklungsgang, den das dorische Kapitell aus dem mykenischen nahm,
läßt sich demnach so vorstellen, daß zunächst in einer früheren Periode, aus der
uns keine Beispiele erhalten sind, der torusartige Echinus des letzteren zur Auf-
nahme eines steinernen Gebälkes nach oben zu immer breiter gestaltet wurde, während
sich die ihn mit dem Abakus verbindende flachausladende Kehle, die sowohl der
Säule des Löwentores wie den Tholossäulen eigen ist, als überflüssig ganz verlor.
Daß dies teilweise schon in mykenischer Zeit geschah, beweisen die kleinen in Abb. 2
gegebenen Elfenbeinsäulchen, denen dieses Glied fehlt. Dagegen wurde die Hohl-
kehle unter dem Echinus des mykenischen Kapitells nebst ihrer pfeifen- oder blatt-
artigen Dekoration, ebenso aber auch der unter ihr sitzende, den Schaft abschließende
Rundstab an der dorischen Säule noch längere Zeit weitergeführt. Bei dem Blatt-
belage dieser Kehle wird indessen bald der Einfluß des dorischen Kymation, und
zwar insofern sichtbar, als sich die Endungen seiner Einzelblätter allmählich zu
isolieren und zu einem aus der Kehle vorspringenden Profile umzubilden beginnen.
Von diesem Prozesse, der mit der Weiterentwicklung des dorischen Kymations aus
der glatten ägyptischen und frühdorischen, nur mit einem Blattschema bemalten
Kehle zu einer überfallenden Blattreihung zusammenhängt, gibt die Vergleichung
des noch ganz innerhalb der Kehle sitzenden Blattschmuckes verschiedener Kapitelle
des älteren Enneastylos mit den bereits auskragenden und sich leicht überschlagen-
den Blättern des jüngeren Hexastylos zu Pästum und weiterhin mit dem Blatt-
kranze unter dem Kapitelle des Xenvares '), dessen Schnitt bereits dem Profile des
klassischen dorischen Kymations entspricht, ein anschauliches Beispiel. Daß das Blatt-
ornament der Kehle, analog dem Blattschmucke früher ionischer Kapitelle und
der Stelen aus dem Perserschutt der Akropolis, anfänglich wahrscheinHch nur ein
gemaltes war, darauf lassen die glatten Kehlen der älteren sizilischen Tempel C, D
und F in Selinus schheßen; erst später übersetzte es sich in plastische Formen,
deren flaches, in den betreffenden Höhen kaum erkenntliches Relief aber darauf
hinweist, daß sie ebenfalls farbig dekoriert wurden.
Für die Fortführung des mykenischen Rundstabes als Abschluß des Säulen-
') Abbildung bei O. Puchstein, Das ionische Kapitell S. 47.
12 M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule.
Schaftes geben in den achäischen Kolonien Griechenlands ebenfalls die Säulen jenes
Hcxastylos den Beweis; sie tragen denselben durchgängig, während er an dem älteren
Enneastylos nur an der Ost- und Westseite des Tempels auftritt, an den erhaltenen
Resten sizilischer Tempel dagegen fehlt. Daß er aber wenigstens an dem ältesten
Tempel mit Kehlenkapitell, dem Tempel C in Selinus vormals wirklich vorhanden
war, darauf läßt eine Beobachtung Koldeweys schließen ^). Er konnte feststellen,
daß das an die Kehle stoßende Schaftende bei einer nachmaligen Restauration des
Tempels abgearbeitet, die Kehle selbst mit Stuck ausgefüllt und die Rhabdosis des
Schaftes in diesem Stucke entsprechend dem Schema späterer Säulenformen bis
unter die Ringbänder des Echinus fortgeführt wurde. Bei dieser Modernisierung
des Schaftendes, die sich auch auf andere Tempel derselben Zeit erstreckt haben
mag, ging natürlich auch sein Rundstab verloren. Seine nachmalige unmittelbare
Weglassung an den jenen frühesten Tempeln folgenden Neubauten veranlaßte weiter-
hin aber auch die Umbildung der Hohlkehle in jene Apothesis des Schaftendes,
welche für die das alte Kehlcnkapitell ablösende Form des Kapitells mit allmählich
steiler werdendem Echinus so charakteristisch ist. Diese Umgestaltung ergab sich
als notwendig infolge des ungünstigen Zusammenstoßes, in welchen die Hohlstreifen
.des Säulenschaftes nach Beseitigung des ihn abschließenden Rundstabes mit dem
Ansätze der tief eingeschnittenen Hohlkehle und ihres Blattbelages gerieten. Ein_
interessantes Beispiel dafür, wie dieser Konflikt empfunden und demgemäß zu um-
gehen versucht wurde, gibt das vorgenannte Kapitell des Xenvares, eine Übergangs -
form, in welcher die eingezogene Hohlkehle jener pästanischen und sizilischen Kapitelle
in eine vertikalansteigende, die Kannelüren des Schaftes fortsetzende Kehle um-
gewandelt ist; der in seinem unteren Teile nur durch Bemalung ausgedrückte, am
Skamillus des Schaftes ansetzende Blattbelag der Kehle ist dabei mit der Rhab-
dosis in der Weise in Zusammenhang gebracht, daß in je einem Hohlstreifen immer
je drei Blätter geordnet sind, deren plastisch gebildete, überfallende Kopfteile den
polygonalen Schnitt des Schaftes in die Kreisform des Echinus überführen. Daß
dieser Ausweg noch keine endgültige Lösung jenes Konfliktes zwischen Kehle und
Kannelür bedeutet, der erst mit der vollständigen Abstreifung der Hohlkehle und
ihres Blattbelages beseitigt wurde, ist klar. Auf die Phasen dieses Vorganges, der
mit der zunehmenden Einschrumpfung der Hohlkehle und ihrem steileren Anlaufe
beginnt und mit der Fortführung der Schaftkannelierung und ihrem kräftig aus-
ladenden Ablaufe gegen die Ringbänder des Echinus endet, hat R. Koldewey
a. a. O. bereits hingewiesen. Beispiele derartiger Übergangsformen geben u. a. die
drei verschiedenen Säulcntypen des Tempels F in Selinus in den sich zunehmend
verflachenden Kehlen ihrer Kapitelle und die Säulenschäfte der Tempel von Metapont,
die in ihrer stark ausladenden, noch ganz unterhöhlten Apothesis die Nachwirkung
des kymationartig überfallenden Blattbelages jener vormaligen Hohlkehlen deut-
lich erkennen lassen.
Wie die Kehle des mykenischen Kapitells mit ihrer Blattdekoration, geht am
■) Die griech. Tempel in Italien und Sizilien S. 99 r.
M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule. I •?
dorischen Kapitell aber auch der ornamentale Schmuck seines Echinus allmählich
verloren, der an den frühen pästanischen Tempeln noch in leicht rehefierten Palmetten-
reihungen und Flechtbändern, an dem Echinus der im Perserschutt der Akropolis
von Athen gefundenen Stelen in gemalten Schuppenmustern und Anthemien nach-
klingt; wenigstens haben uns die Reste späterer dorischer Bauten sichere Spuren
solcher Dekoration nicht bewahrt.
Die Beobachtung dieser Metamorphosen des dorischen Kapitells läßt darauf
schließen, daß es sich bei der Entstehung der mykenischen Säule um ähnliche Prozesse
handelt, daß sie also auch aus einer überlieferten Form abgeleitet sei, die den wech-
selnden Bedingungen einer neuen tektonischen Funktion erst allmählich angepaßt
wurde. Fehlen uns nun auch zu einem wirklichen Beweise, daß dieses Prototyp
eine Zeltstange gewesen sei, in der minoisch-mykenischen Kunst die Darstellungen
von Zeltbauten, wie sie uns ägyptische und assyrische Überlieferungen erhalten
haben, und fehlen uns ferner auch die Zwischenglieder, welche die ältesten uns be-
kannten Formen der dorischen Säule mit denen der mykenischen vermitteln, so
legen entwicklungsgeschichthche Analogien immerhin die Voraussetzung nahe, daß
es eine zusammenhängende Formenkette sei, welche die freiendenden Schäfte vor-
maliger Zeltbauten mit den architektonischen Stützen der mykenischen und dorischen
Kunst verband. Dieser Sachverhalt könnte um so weniger überraschen, als auch
an der ägyptisch -griechischen Decke der Einfluß der konstruktiven, technischen
und dekorativen Formelemente vormaliger Zelte oder zeltartiger Holzbauten überall
deutlich hervortritt.
Zum Schluß mag noch versucht sein, die Bedeutung jener eigentümlichen
Anhängsel zu erklären, welche sich am oberen Schaftende und am Abakus der auf
Wandmalereien in Knossos dargestellten mykenischen Säulen vorfinden (Abb. 6).
Man hat diese, den Säulen beiderseits in der Richtung ihrer Interkolumnien an-
gefügten GUeder mit A. Evans als eine symbolische Dekoration gedeutet, indem
man darin jene mykenischen Doppeläxte erkennen wollte, welche auf Gefäßmalereien,
geschnittenen Steinen und als Bekrönung der blattumkränzten Stelen der gemalten
Darstellungen auf dem Sarkophag von Hagia Triada vorkommen. Scheint mir
nun schon ihre Form, selbst wenn man die Flüchtigkeit der Malerei in Rechnung
zieht, nicht recht vereinbar mit den sonst sehr präzis gezeichneten derartigen Beil-
formen, so läßt mich ihre getrennte seitliche Anbringung an den dicken Säulen-
schäften, die den sonst üblichen Anwendungen der Doppelaxt als Abschluß
eines Stieles widerspricht, noch bedenklicher werden. Ich möchte an dieser Stelle
überhaupt ein praktisches, nicht aber bloß symbolisches Glied voraussetzen. Ich
vermute darin dem Säulenschaft eingezapfte Knöpfe von ähnlicher Form, wie wir
sie an unserer Leibwäsche oder als Gardinenhalter benutzen, welche hier dazu ge-
dient haben, die Vorhänge zu befestigen, mit denen man die offenen mykenischen
Tore und Säulenhallen gegen Sonne, Wind und Regen schützte. Die Zweckmäßig-
keit der Form zum Einhängen der die beiden Stoffenden haltenden Ringe oder
14 M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule.
Schnurschleifen ist augenscheinhch und findet in anderen uns aus dem Altertum
überlieferten, später zu erwähnenden architektonisch-dekorativen Ausstattungs-
gegenständen ihre Analogien.
Die Voraussetzung, daß man schon in minoischer Zeit die offenen Hallen der
Paläste, in denen man frische Luft und die herrlichen Ausblicke dieser auch in bezug
landschaftUcher Position so großartig angelegten Fürstensitze genoß, nach Bedürfnis
mit Teppichen oder Vorhängen geschlossen habe, und daß dies nicht ein der Zeit
unzukömmlicher Luxus gewesen sei, beweist schon der Reichtum ihrer Gewänder und
Teppichmuster, die uns in Knossos in so wohlerhaltenen Schildereien erhalten blieben.
Abb. 6. Gemalte mykenische Säulen aus dem Palaste von Knossos. Nach A. Evans.
Finden wir ähnlichen häuslichen Komfort doch auch in andern alten Kulturländern
selbst in noch viel früheren Zeiten. Im alten ägyptischen Reiche zeigen uns die
steinernen Scheintüren früher Dynastien in ihren Bemalungen die Nachbildungen
von gewebten Stoffen; in den unter ihrem Türsturze stets angebrachten, zurzeit
m. W. noch nicht erklärten Halbzylindern (in einer der frühesten Türen der dritten
Dynastie aus Sakkara im Museum zu Kairo ist dies Glied sogar als völliger Zylinder
ausgeführt) die Nachbildung einer textilen Vorrichtung, die ebenfalls dem zeit-
weiligen Verschlusse gegen Wind und Sonne diente, denn diese Zylinder bilden
offenbar Rolljalousien nach, wie sie, gewöhnüch aus horizontal durch Fäden an-
einandergefügten Holzstäbchen, wenn nicht aus Stoff hergestellt, auch heute noch,
wie z. B. in Italien, üblich sind. Einer der ältesten, in die Form eines Holzhauses
gekleideten Steinsarkophage aus der vierten Dynastie in dem gleichen Museum zeigt
diese Jalousien wie an der Tür, so an allen Fenstern, und eine von Perrot und Chipiez
veröffentlichte Scheintür aus dem Grabe des Ptah-hotep in Sakkara gibt in ihrer
Bemalung sogar die beiden um die Rolle laufenden Bänder wieder, an denen sich
M. Meurer, Form und Herkunft der mykenischen Säule.
15
die Jalousie in gleicher Weise wie die heutigen hochwickelte, wobei ein dicht neben
der Tür vertikal ablaufendes Kettenmuster mit den an seinen unteren Ende zu-
sammengefallen dargestellten Ringen der Kette die Zugvorrichtung wiederspiegelt.
An die unzähligen Abbildungen von Baldachinen, Barkenhäuschen und Naosformen
mit durch Stoffe geschlossenen Wänden, die bisweilen auch hochgezogen oder wie
auf den Götterbarken halbherabgelassen dargestellt werden, braucht kaum erinnert
zu werden. Auf gleiche Vorrichtungen für Stoffverschlüsse weist in Assyrien neben
manchen andern Überlieferungen das früher erwähnte Zelt Sanheribs auf dem Relief
des Britischen Museums, wo selbst die Rollscheiben der Seile sichtbar werden, mit
denen man die Stoffdecken des Zeltes auf- und abziehen konnte. Andere in Assyrien,
Abb. 7. Wandplatten aus farbig emaillierter Terrakotta aus dem Palast Assurnasirpals.
Bei der linken Figur ist der Mittelzapfen gebrochen und läßt seine Höhlung sehen.
Rechts: Vertikalschnitt durch Platte und Zapfen.
und zwar in dem Palast des Königs Assurnasirpal (885 — 865) zu Assur gefundene
Reste von Ausstattungen haben nun auch an seinen Wänden vormals befestigte,
jetzt im Museum von Konstantinopel befindliche Gegenstände aus weiß glasierter
und farbig ornamentierter Majolika erhalten, welche in ihrem Profile mit jenen
mykenischen Säulenanhängseln unverkennbare Ähnlichkeit besitzen (vgl. Abb. 6
mit Abb. 7). Auch sie sind von überall Symbole suchenden Forschern für solche,
und zwar für Phallusformen angesprochen worden, welche in Reihungen die Ober-
kanten der Wände zu schmücken bestimmt waren. Ohne nun die Bedeutung dieses
im Altertum so häufig angewendeten Symbols unterschätzen zu wollen, scheint mir
seine reihenweise Anwendung (nach Ausgrabungsberichten in ca. i m Entfernung
voneinander), noch mehr aber die mit dem natürlichen Vorbilde kaum vereinbare
mittlere Einziehung der als Phallus gedeuteten Zapfen (vgl. Abb. 7, Fig. r), dieser
Annahme entschieden zu widersprechen. Nicht nur die Art ihrer Anordnung an
dem Oberteile der Wände, sondern auch die Form und Befestigung dieser Gegen-
stände läßt vielmehr darauf schließen, daß sie zum Aufhängen von Stoffen oder
l6 M. Meurer, Form und Herkunft der raykenischen Säule.
Teppichen bestimmt waren, mit denen man kahle Wände verkleidete. Wie voll-
kommen sie diesem Zwecke entsprachen, läßt sich aus ihrem Profile sowie aus ihrer
sorgfältigen Befestigung in der Mauer, die für bloße Dekorationsstücke kaum not-
wendig war, deutlich erkennen; beides beweist, daß sie etwas zu halten hatten.
Sie bestanden aus ca. 30 cm großen quadratischen Platten, mit leicht ausgebuchteten
Rändern, aus deren Zentrum ein hohler, in seiner Mitte kräftig gekehlter, an seinem
Ende aber mit einem Knopfe versehener Zapfen ausspringt; eine Form, die zum
Einhängen und Festhalten der an der Oberkante der Teppiche befestigten Ringe
oder Schnurenschleifen die geeignetste ist. Daß die röhrenartige Höhlung des Zapfens,
die sich durch die Platte als gleich großes Loch fortsetzt, zur Aufnahme eines starken
Holzdübels diente, der in die Wand eingelassen war, ergibt sich aus zwei vertikal
gerichteten kleinen Löchern, die sich an allen Stücken oben und unten (diese Rich-
tung ist durch aufgemalte KeiHnschriften gesichert) in der Kehle der Zapfen be-
finden (vgl. den Schnitt von Abb. 7). In ihnen saß ohne Zweifel der Nagel, welcher,
den Holzdübel durchdringend, den Zapfen der in den Wandstuck eingelassenen Platte
noch besonders befestigte und so seine Widerstandsfähigkeit gegen das nach unten
ziehende Gewicht der angehängten Teppiche vermehrte.
Will man die gegebene Deutung dieser assyrischen Vorrichtung gelten lassen,
so liegt bei der Ähnlichkeit der Bedingungen und Formen der Schluß sehr nahe,
daß die den Holzsäulen mykenischer offener Hallen an der Seite ihrer Interkolumnien
angefügten Gegenstände einem gleichen Zwecke dienten, wobei es nur der Erklärung
bedürfte, warum, wie Abb. 6 zeigt, zwei Knöpfe übereinander, einer am Schaft-
ende und ein zweiter am Abakus der Säule angewendet wurden. Dies wird indessen
verständlich durch die breite Ausladung der Kapitelle; wären nur an deren Deck-
platte Knöpfe befestigt gewesen, so hätten die daran hängenden Gardinen breite
Öffnungen neben den Säulen gelassen, während die an den unteren Knöpfen be-
festigten die Interkolumnien völlig zu schließen vermochten. Die oberen Knöpfe
mögen daher zur Aufnahme einer Art von überfallendem Lamberquin bestimmt
gewesen sein, der die obere Öffnung deckte und wahrscheinlich nicht bewegUch war,
während die unteren Vorhänge zum Auf- und Zuziehen eingerichtet waren. Daß
auch solche Zugvorrichtungen den Tapezierern des Altertums vertraut waren, be-
weisen die vorerwähnten ägyptischen Scheintüren und Holzbauten wie die Dar-
stellung jenes assyrischen Königszeltes.
Rom, Jan. 1913. M. M e u r e r.
K, Woeicke, Domauszieher-Mädchen.
17
DORNAUSZIEHER-MADCHEN.
EIN TERRAKOTTAFRAGMENT AUS NIDA-HEDDERNHEIM.
Wenn von figürlichen Terrakotten, wie sie im römischen Germanien gefunden
werden, die Rede ist, so handelt es sich zumeist um dieselben Götterfiguren, um
das übliche Grabinventar '). Neben diesen stehen vereinzelt die menschlichen Bilder,
wie die Reiterfiguren ^), die Büsten 3), die als Germanin gedeutete fragmentierte
Frauenfigur aus Heddernheim 4). Die Stücke vollends, deren einzige Bestimmung
sein kann, ein ästhetisches Vergnügen, freilich nur bei ganz bescheidenen Ansprüchen,
entsprechend ihrem niederen künstlerischen Niveau, auszulösen, also als Nipp-
Abb. I.
Abb. 2.
Sachen in unserem Sinn gelten müssen, sowie die Karikaturen 5) verschwinden fast
ganz neben der großen Zahl der für den Kult- und Grabgebrauch gemachten und
■) Blanchet, M^moires de la Sociit^ Nationale des
Antiquaires de France 1890, p. 154: »Rien n'em-
peche de croire que les statuettes de divinites,
apres avoir figure dans le laraire du vivant,
^taient enferm^es dans la tombe du mort.«
Die Heddernheimer Terrakotten : Riese, Fest-
schrift zur Feier des 25 jährigen Bestehens des
Stadt. Histor. Mus. Frankfurt a. M. 1903, S. 67;
Riese, Hdd. Mitt. IV S. 29; Wolff, Hdd. Mitt. IV.
S. 52 Taf. XII 30—32 u. V. S. 64 Taf. IV, vgl.
Blanchet a. a. O. S. 105.
Die Literatur über die römisch-germanischen
Terrakotten in der Hauptsache bei Schumacher,
A. u. h. V. Bd. V S. 377 Taf. 65 Nr. 1200 ft.
») Hettner, Drei Tempelbezirke im Trevererlande
Taf. XII 68, 69. Riese, Festschrift S. 77 Taf. V
1 — 3 aus Heddernheim. L. Coutil, Les Figurines
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX.
en terre cuite des Eburovices, Veliocasses et
Lexovii, fivreux 1899 pl. XVI 6, 7 u. pl. C nach
Tudot 728 pl. XXI. 0. R. L. Nr. 8 Kastell
Zugmantel Taf. XX 36.
3) Riese, Festschrift S. 78 Taf. V 10 u. Hdd. Mitt.
IV. Taf. VI 2. Hettner, a. a. 0. Taf. XI u. XIII.
26, 29, 44 — 51. Schumacher, A. u. h. V. Bd. V.
Taf. 65 S. 380 Nr. 1206, 1207. L. Coutil, a. a. 0.
pl. XV u. pl. D nach Tudot. 0. R. L. Nr. 10.
Kastell Feldberg Taf. V 25; Nr. 59 Kastell Can-
statt Taf. VII 4; Nr. 66 c Kastell Faimingen
Taf. IX 24. P. Steiner, Katalog Xanten 191 1,
S. 150 Abb. 20, 3.
4) Riese, Festschrift Taf. V 6—8 S. 78. Schumacher,
Germanenkatalog 3. Aufl. S. 54 Nr. 33 b.
5) z. B. O. R. L. Nr. 29 Kastell Hofheim S. 25, 7
Taf. V Fig. 4 a u. b.
i8
K. Woelcke, Domauszieher-Mädchen.
den Kinderspielsachen, zu denen mit Sicherheit doch nur die Rasseln und die Puppen
zu rechnen sind ').
So bedeutete die Auffindung des Fragmentes Abb. I und 2, das am 3. September
1912 bei den Ausgrabungen im Gebiet der Römerstadt Nida zutage kam, ein kleines
Ereignis *). Nicht allein für Nida-Heddernheim, für die beiden germanischen Pro-
vinzen, stellt der kleine Torso ein Neues dar, ausgezeichnet durch einen nicht ge-
wöhnlichen Liebreiz, trotz anatomischer Unmöglich-
keiten, die wir erkennen, und durch das künstlerische
Motiv, das wir durch ihn vertreten sehen.
Das Figürchen war, wie die beiden Hälften
zeigen, die auf uns gekommen sind, wie übhch aus
einer mehrteihgen Form gepreßt. Es fehlen der Kopf,
beide Arme, der Sitz mit der unteren Hälfte des
rechten Oberschenkels, der rechte Unterschenkel. Wie
der scharfe Rand des fehlenden Oberteils vom linken
Fuß bis ans Knie zeigt, war dieses Stück zusammen
mit einem der fehlenden Arme, wohl dem linken Arm,
geformt. Das linke übergeschlagene Bein ist geson-
dert geformt und angefügt, was ein Bhck ins Innere
dartut. Trotzdem ist genug auf uns gekommen, um
die richtige Ergänzung, wie wir glauben, mit Sicher-
heit vorlegen zu können. Das Material ist ein gelber
feiner Ton, der überschlämmt ist. Die Höhe des er-
haltenen Stückes beträgt etwas über 6 cm. Es ist
der Oberkörper eines noch nicht ausgereiften Mädchens.
Die zartschwellenden Brüste, das breite Becken (vgl.
besonders die Rückenansicht mit dem für unsere
Terrakotten schön modellierten Rücken) lassen bei
dem Fehlen sonstiger Geschlechtsmerkmale keinen Zweifel aufkommen an der
Weiblichkeit des jugendlichen Körpers. Daß das linke Bein (Ober- und Unter-
Abb. 3.
O. R. L. Nr. 24 Kastell Kesselstadt S. 9. Riese,
Festschrift S. 79. Blanchet, a. a. 0. p. 153,
Anm. 3. — Denn daß aus dem Vorkommen eines
Hahns gleich auf ein Kindergrab zu schließen sei,
ist doch nicht angängig (Riese, Festschrift S. 78
u. Hdd. Mitt. IV. S. 29; GUndel, Nida-Heddern-
heim 191 3, S. 60). Alle die Tiere, Hahn, Huhn,
Taube, Widder, Bock, Pferd, Hund, Hase, Löwe,
sowie der Granatapfel, die vorkommen, haben
Beziehungen zur Unterwelt, zum Seelenkult, was
darzulegen nur Bekanntes wiederholen hieße.
Diese Deutung scheint mir auch für unsere Pro-
vinzialen das Richtige zu sein, wenn natürlich,
■wie bei den Götterfiguren (s. o. u. vgl. Blanchet,
a. a. O. S. 1 54 »Pour nous, il est probable, que
toutes ces figurines, divimt&, jouets, statuettes
de genre, si Ton peut s'exprimer ainsi, faisaient
d'abord partie du mobilier des vivants«) auch
vor dem Grabgebrauch eine andere Verwendung
nicht ausgeschlossen ist. Das können wir freilich
nicht mehr im einzelnen erweisen. Terrakotta-
hähne usw. in Wohnplätzen lassen sich jedoch,
soviel ich sehe, mit Sicherheit nicht nachweisen.
«) Frankfurt a. M., Stadt Histor. Museum Inv.
« 1969. Gefunden auf Agker Körber, Par-
£elle 902, im Südosten des römischen Stadt-
gebiets, im Aushub des großen verbrannten Stein-
kellers der Stadtzeit bei 60 m westlich des Feld-
wegs an der Südgrenze des Ackers. Das Gelände
ist gemischt.
K. Woelcke, Domauszieher-Mädchen.
19
schenke!) wesentlich zu kurz geraten ist, stört allein das Vergnügen, das der Torso
auslöst, und zeigt uns an, wie schwer dem Verfertiger der Form, die, wie man glauben
möchte, der Abdruck eines hellenistischen Originales war, das nicht auf uns ge-
kommen wäre, es geworden ist, einmal vom ausgetretenen Geleise abzubiegen.
Die Ergänzung ergibt sich von selbst. Durch die Sitzfuge, die dem Körper
folgt, ist nicht nur die Ebene der Sitzenden und damit die leichte Körperbiegung
nach rechts gegeben (vgl. Abb. 3), sie lehrt uns, daß eine ungleichförmige Unterlage,
ein Fels es war, auf der das Mädchen saß. Der Halsansatz am Nacken zeigt uns
die Neigung des Kopfes nach vorn
an, etwas nach der rechten Seite
hin, so daß der Blick auf den
linken Fuß gerichtet war, den die
linke Hand nach Ausweis des
Bruchs gefaßt hielt (s. 0.). Das
rechte Bein stand natürlich im
Knie gebogen vor dem Felssitz
auf dem Boden auf, wie es die
Körperhaltung bedingt. Nicht mit
Sicherheit können wir nun freilich
die Haltung der rechten Hand
erschließen. Für unsere Ergän-
zung brauchen wir nur auf die
bekannte Sitzfigur des »Dornaus -
ziehers« zu verweisen, um ihre
Richtigkeit darzutun. Die be-
kannten Mädchenfiguren, die sich
beim Baden die Füße abreiben '),
zeigen alle eine andere Körper-
haltung. Ein solches Zusammenkrümmen ist doch nur bei der von uns ange-
nommenen Betätigung nötig. Aus dem gleichen Grund kann der linke Arm nicht
untätig gewesen sein, wie bei der Terrakotta aus Myrina ^), die jedenfalls eine nahe
Verwandte unseres Mädchens ist und uns zeigt, daß der Hellenismus Gefallen an
solchen Figürchen nackter Mädchen in sitzender Stellung gehabt hat.
Aber wieviel reizvoller ist unser Mädchen, das sich den Dorn aus dem Fuß
zieht! Ganz hingegeben an diese einfache Beschäftigung, die jedem geläufig ist,
wenn er barfuß geht 3). Es liegt der Reiz des »Dornausziehers« in der schUchten
sachlichen Darstellung des einfachen Vorgangs. Durch die Übertragung des Motivs
auf ein junges Mädchen wird gewiß etwas hineingetragen, das dem Geist des Originals
Abb. 4.
') Winter, Typenkatalog d. Terrak. III. 2, S. 205. Nicropole de Myrina S. 271 Nr. 22 Taf. III 2.
S. Reinach, R^p. Stat. I. 323, 327; II. 407, 821; Winter, Typenkatalog d. Terrak. III. 2 S. 205, 5.
III. 115; IV. 229. 3) Vgl. Th. Schreiber, Alex. Toreutik. Abb. d.
=) B. c. H. IX. 1885 Taf. VI. Pottier-Reinach, sächs. Ges. d. Wiss. Bd. 34 (1894) S. 372 Nr. 152.
S. Reinach, Rep. Stat. III. 39.
20
K. Woelcke, Domausziehei-Mädchen.
entgegen ist, aber trotzdem ist nicht zu leugnen, daß in diesem Neuen sich ein feines
Gefühl verrät, denn die Anmut des Ganzen wird dadurch nicht unbedeutend ge-
steigert.
Abbildung 3 zeigt unsern Torso in der angegebenen Ergänzung. Diese macht
in keiner Weise Anspruch auf künstlerischen Wert. Sie soll, in der Werkstatt des
Historischen Museums durch den technischen Hilfsarbeiter W. Huth gemacht, nur
die Richtigkeit unserer vorgetragenen Ansicht stützen.
Wir haben also ein Dornausziehermädchen, eine Genrefigur,
wiedergewonnen, die im Zimmer eines Einwohners von Nida stand. Und das zeugt
gewiß von keinem schlechten Geschmack des römischen
Provinzialen.
Dieses Dornausziehermädchen erschien uns und
allen, die das Fragment sahen '), als etwas bisher Un-
bekanntes. Um so größer war unser Erstaunen, als
wir dann eine ganze
Familie dieser Mädchen
feststellen konnten, als
wir sie nicht nur lokali-
sieren, sondern auch zwei
Fabrikanten erkennen
konnten. Und das war
um so auffallender, als
sie alle schon publiziert
waren, freilich in Ver-
kennung des wirklichen
Geschlechts, als provin-
zielle Nachbildungen des
Spinario.
Zuerst bekannt
wurde uns das in Salz-
burg gefundene Stück,
das Löwi, Arch. epigr. Mitt. aus Ost. V. Taf. VI. S. 187, 38 abgebildet und beschrie-
ben hat 2). Und seine Beschreibung: »Von mehr weiblichen Proportionen mit
schmaler Brust und breiten vollen Hüften, Geschlechtsabzeichen nicht vorhanden«
gab bei der Übereinstimmung des abgebildeten Stücks, auch in den Maßen, mit
unserem Fragment, dessen Weiblichkeit mir von dem Moment an, wo ich's dem
Arbeiter an der Grabungsstelle aus der Hand genommen hatte, außer Zweifel stand,
Abb. 5.
Abb. 6.
•) Es konnte auf dem Südwestdeutschen Verbands-
tag für Altertumsforschung in Würzburg 10. u.
II. September 19 12 in Abgüssen, die dem Rö-
misch-Germanischen Zentralmuseum verdankt
werden (Abb, 2), vorgelegt werden.
*) Über die nach Löwi, a. a. 0. S. 187 u. S. 182
Anm. 6 im Münchener Antiquarium befindlichen
beiden Stücke, die er verdächtigt, konnte ich
leider nichts ermitteln, da sie nach freundlicher
Mitteilung von Herrn Prof. J. Sieveking dort nicht
vorhanden sind.
K. Woelcke, Dornauszieher-Mädchen.
21
die Veranlassung, diesen Terrakotten nachzugehen. Denn ich zweifelte keinen Moment
auch an der Weiblichkeit der Salzburger Terrakotta, um so weniger, als männliche
Terrakotten ohne Geschlechtsabzeichen aus Gallien und Germanien nicht bekannt sind.
Weitere Terrakotten, die als »Tireur d'^pine« beschrieben waren, stammen
aus der Fabrik des Tiberius in Toulon-sur-Allier, wie eine gestempelte Form bewies '),
und ebendaher von ESIEB (?) ^). Sie galt es
also zu untersuchen. Da Tudots Buch nicht
erreichbar 3) war, wandte ich mich durch
Professor Müllers Vermittlung an S. Reinach,
indem unser Zweifel an der Männlichkeit der
Terrakotten und die Zugehörigkeit unseres
Stückes zu den im gallischen Terrakotten -
Zentrum 4) gearbeiteten betont wurde. Seine
liebenswürdige und eingehende Beantwor-
tung, für die auch hier nochmals gedankt
sei, bestätigte unsere Vermutung. Schon 1824
ist im Departement Ardennes unweit Mezieres
eine Dornauszieherin gefunden und richtig
beschrieben worden, »une jolie Statuette en
terre cuite, de la nature de la terre de pipe,
qui ... est une figure de f emme arrachant
une epine de son pied gauche« 5). In der
Folge aber hat man diese richtige Beobach-
tung vergessen und alle die zahlreichen
Schwestern einfach als Nachbildungen des
Dornausziehers angesprochen *). Wie falsch
das war, • zeigt ein Blick auf die Abbildungen,
die ich nach Photographien, die Herrn S. Rei-
nach verdankt werden, wiedergeben kann. Abb. 7.
') E. Tudot, Collection de figurines en argile, Paris
1859, pl. 70 A. S. Reinach, Catalogue sommaire
du Mus^e de St. Germain-en-Laye, 4. Aufl. p. 117.
Pottier-Reinach, N^cropole de Myrina I p. 273.
Blanchet, a. a. 0. S. 190.
») Blanchet, a. a. 0. S. 93.
3) Das Exemplar des R. G. Zentralmuseums in
Mainz, das ich schließlich einsehen konnte, ist
unvollständig, und wie das immer geht, fehlt
gerade das, was ich brauchte.
4) Vgl. Blanchet, a. a. 0. S. 102.
5) M^m. de la soci^tÄ royale des Antiquaires de
France VII. (1826) S. XLIII. Wo die Figur hin-
gekommen ist, kann Herr S. Reinach nicht an-
geben.
') Sie sind zusammengestellt bei Blanchet, a. a. 0.
S. n Abb.
S. 190. Dazu S. 93, S. 75, S. 140. — Revue
arch^ol. :888. I. 147 gefunden »pres du bourg
de Chalain (Loire)«. Die besterhaltene Replik
in Bordeaux nach S. Reinachs Mitteilung: »evi-
dent weiblich, doch vom Herausgeber als männ-
lich betrachtet«, M^m. soc. arch^ol. de Bordeaux
III. pl. 27. Vgl. S. Reinach, Cat. sommaire du
MustSe des Antiquit(!s Nationales 3. Aufl. p. 116
u. 117. Pottier, Les statuettes de terre cuite dans
l'antiquit^ 1890 (Bibliotheque des merveilles)
p. 237. Pottier-Reinach, N&ropole de Myrina I.
273. Furtwängler, Meisterwerke S. 685 Anm. 3.
L^on Coutil, a. a. 0. S. 73. A. Aubert, Zeitschr.
für bild. Kunst N. F. XII. (1900/1)8. 69 Abb. 8.
Klein, Gesch. d. griech. Kunst I. (1904) S. 416.
F. Baumgarten, Schauinsland Bd. 31 (1904)
22
K. Woelcke, Dornauszieher-Mädchen,
Abb. 4 gibt die Figuren A, C, D nach Tudots Taf. 70 wieder aus der Fabrik
des Tiberius in Toulon-sur-Allier.
Abb. 5 gibt den Ausguß der TIBER signierten Form aus Collection Esmonnot
in Moulins wieder (St. Germain 27969), die nach Blanchet a. a. O. S. 75 zehn-
bis zwölfteilig ist (s. o. S. 18). Die Frisur unserer Ergänzung (Abb. 3) ist nach
diesen Stücken gemacht.
Abb. 6. St. Germain 30142 (früher im Museum zu Cluny Nr. 81 15), wesentlich
wegen des nur hier genau wie beim Salzburger Exemplar erhaltenen Sitzes und des
gleichen verkürzten linken Beines, wie es unser Heddernheimer Fragment zeigt.
Abb. 7, ebenda 30143 (gleiche Provenienz), stimmt zur Form des Tiberius.
Abb. 8.
Abb. 8 zeigt 4 weitere Vertreter des Typus. Alle in St. Germain: a und b
(28040) aus Puy de Dome; c (25493) aus Vichy; d (1691) aus Clermont-Ferrand.
Nach diesem Überbhck kann doch kein Zweifel mehr bestehen, daß diese
Mädchen, die sich einen Dorn aus dem Fuß ziehen, verbreitet und beliebt gewesen
sind. Es hat mehrere Redaktionen gegeben, die alle am AUier hergestellt sind. In
Toulon-sur-Allier selbst hat sich das mit ESIEB (?) auf dem Sockel signierte Exem-
plar, hat sich die Form des Tiberius gefunden, aus dessen Fabrik, wie wir dargelegt
zu haben glauben, die Salzburger Terrakotta und auch unser Heddernheimer Fragment
hervorgegangen sind. Wie die gleichzeitigen gallischen Sigillaten aus denselben Fabri-
kationsorten, z. T. von den gleichen Fabrikanten '), haben diese gallischen Terra-
kotten ihren Weg nach dem Rhein und Österreich gefunden, bevor am Rhein um
■) Schaafhausen, B. J. Bd. 89 (1890) S. 141. Blan-
chet, a. a. 0. S. 85 u. 86. D^chclette, Les vases
c^ramiques de la Gaule Romaine I. S. 149; II.
S. 323. Schumacher, A. u. h. V. Bd. V. S. 381.
Literatur ebenda. Zum Sigillatatöpfer Tiberius
vgl. C. J. L. XIII. 3, I looio, 1909.
K. Woelcke, Dornauszieher-Mädchen.
23
die Wende des ersten zum zweiten Jahrhundert eigene Werkstätten entstanden
waren ').
Ist dieses Dornausziehermädchen nun eine Erfindung dieser gallischen Töpfer ?
Daniel Brückner, Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel, XXIII. Stück,
Äugst. Basel 1763, p. 3017 Tab. XVI 4 bildet eine Bronze, die wir Abb. 9 wieder-
geben, ab *). Sie befand sich in seiner Sammlung. Wo sie heute ist, weiß ich nicht
anzugeben. Brückner hält sie zwar für ein »Weibsbild«, »so aus dem Bade kömmt
und sich an der Fußsohle sauber machen will«, aber es ist doch unzweifelhaft eine
Dornauszieherin. Und damit hätten wir das
Bronzevorbild für unsere Terrakotten gewonnen 3),
das doch vorausgesetzt werden muß, wenn wir
mit Sicherheit behaupten könnten, daß das Stück
antik sei, was nach der Abbildung natürlich der
Fall sein kann, was wir aber nicht erweisen
können.
Noch weniger wissen wir von der letzten
Dornauszieherin, die Forrer, Reallexikon S. 191
s. V. Dornauszieher mit den Worten: »das Alter-
tum kennt auch weibHche Repliken dieses Motivs
wie die in Pompeji gefundene Plattenmosaik
einer Dornauszieherin in weißem und schwarzem
Marmor« anführt 4). Abbildung oder Beschrei-
bung sind uns nicht bekannt geworden, auch
konnte nichts über genauen Fundort oder Auf-
bewahrung des wichtigen Stückes bisher ermittelt
werden. Herr Konservator Dr. Forrer, an den
wir uns brieflich wandten, kann auch nichts
Näheres angeben, da er das Manuskript mit den
Quellenangaben vernichtet hat. Es bleibt zu
hoffen, daß unser Heddernheimer Torso, der die
Veranlassung war, die gallischen Schwestern des
»Fedele« in ihr Recht einzusetzen, auch die Aufmerksamkeit auf dieses verborgene
Bild lenken wird. Etwa gleichzeitig den Terrakotten GalHens, beweist es, wenn
es überhaupt nötig ist, daß nicht am AUier die Umbildung des Motivs erfolgt ist,
wie wir schon wissen, daß vielmehr eine hellenistische Quelle zu suchen ist.
Um 460 V. Chr. entstanden, das Werk eines großen, noch unbekannten Meisters,
blieb die Bronzestatue des Dornausziehers 5) wie so vieles, was seiner Zeit voraus-
Abb. 9.
■) Lehner, B. J. iio S. 188.
*) Der Hinweis auf dieses Stück ■wird der Freund-
schaft Dr. Siegfried Loeschckes verdankt.
3) Vgl. Blanchet, a. a. O. S. 74 Anm. i.
4) Vgl. Forrer, Reallexikon S. 630 s. v. Platten-
mosaik: »die in Pompeji gefundene Dornausziehe-
rin, die man in weißem Marmor ausgeschnitten
und in schwarzen eingelegt hat«.
5) Heibig, Führer 13 Nr. 956. F-W. 215. Furt-
wängler. Der Dornauszieher u. der Knabe mit
der Gans 1876 = Kl. Schriften Bd. I. 1912 S. 60.
Furtwängler, Meisterwerke S. 685. CoUignon-
24
K. Woelcke, Domauszieher>Mädchen.
eilt, nicht verstanden. Aber in hellenistischer Zeit wird er neu entdeckt, und mit
einem Mal berühmt. Der Dornauszieher wurde populär, wurde kopiert und wie
stets von den Kopisten verbessert. So entstand die neue Auflage, die in der Castellani-
schen Brunnenfigur vom Esquilin im Britischen Museum noch nachlebt, ein Marmor-
werk doch wohl pergamenischer Arbeit '). Aus dem feinen Knaben ist ein rechter
Bauernjunge geworden. Linienführung, Stellung und Haltung entsprechen ganz
dem Original. Man hat wohl erkannt, daß nur ein Bauernjunge ohne Schuhe läuft,
aber man treibt den Naturalismus noch nicht so weit, daß man einsieht, daß zu
dem Bauernjungen die heroische Nacktheit des Originalwerks nicht paßt*). Bis
hart an die Grenze der Karikatur getrieben, zeigt sich dieser Naturalismus in der
Abb. lo.
Terrakotta des Berliner Antiquariums (8625) aus Priene 3). Ganz affenartig er-
scheint der Negerknabe in seinem lederartigen Gewandstück, die Mütze auf dem
Kopf. Wie behebt das Motiv war, zeigt die Aufzählung bei Furtwängler, Meister-
werke S. 685, 3 4). Auf Satyr und Eros und Hirt wird es übertragen. In Bronze 5),
Thraemer, Gesch. d. griech. Plastik 1897 Bd. I.
439. A. Aubert, Zeitschr. f. bild. Kunst, N. F.
XII. (i 900/1) S. 40 u. 65. Klein, Gesch. d. griech.
Kunst I. (1904)413 u. III. (1907)262. Sieveking-
Buschor, München. Jhrb. d. bildend. Kunst
191 2 S. 129. S. Ränach, R^p. Stat. I. 404,
II. 143 ff.
■) Mon. d. Inst. X. 30. Arch. Ztg. 1879 Taf. 2, 3.
British Museum Catalogue of Sculpture IIT.
Nr. 1755.
') Vgl. die Bronzefigur aus Sparta im Besitz E. v.
Rothschilds in Paris. Murray, Hist. of gr. sculp-
ture I. 1880, S. 227, 3. de Witte, Gaz. arch^oL
1882, Taf. 9 — II. Rayet, Mon. de l'art antique I.
Taf. 35. Furtwängler, Meisterwerke S. 685
Anm. 3. Collignon-Thraemer, Gesch. d. griech.
Plastik S. 443 Fig. 216. Klein, a. a. 0. L S. 413;
III. S. 262.
3) Wiegand, Priene S. 357 Abb. 434, 435. Winter,
Typenkatalog d. Terrak. III. 2 S. 448, i.
4) Vgl. Baumgarten, Schauinsland Bd. 31 (1904)
S. 10.
5) Vgl. auch V. Bissing, Ath. Mitt. XXXII 1907
Taf. IV 4.
K. Woelcke, Domauszieher-Mädchen. 25
Marmor und Ton, in Stein geschnitten und auf Wandgemälden erscheinen diese
entarteten Nachkommen des dornausziehenden Knaben. Ist nicht auch hier im
Kreis des hellenistischen Genres das Vorbild für unsere Mädchen zu suchen, um so
mehr, als die Freude an der Schönheit des weiblichen Körpers damals stärker war
als je?
Zum Schluß bilde ich noch zwei Elfenbeinfigürchen, Abb. 10, die gegen die Mitte des
l8. Jahrhunderts entstanden sein werden, ab. Sie stammen aus Barckhausens Samm-
lung, die 1786 an die Stadt Frankfurt a. M. kam. Heute befinden sie sich im Städti-
schen Historischen Museum (x 23732; X 23733) ')• ^^^ Gegenstücke gearbeitet,
stellen sie einen dornausziehenden Knaben und eine reife üppige Frau in der gleichen
Stellung dar. Also eine Nachfolgerin unserer Terrakotten. Freilich, wenn man
die Betonung der weiblichen Körperformen, des weiblichen Geschlechts beachtet,
so wird man die Vermutung nicht los, daß etwas anderes als die Freude am künstle-
rischen Motiv der Zweck ihrer Entstehung war. Jedenfalls belegt auch sie, daß
das Dornauszieher -Mädchen fortgewirkt hat, wenn es auch zugunsten des be-
rühmten Bruders 2) hat zurücktreten müssen und sogar schließlich verkannt wor-
den ist.
Diese Wiedererkennung der Dornauszieherin, die wir gallisch-römischen Terra-
kotten verdanken, möge auch diesen von der Kunstgeschichte verachteten Erzeug-
nissen antiken Kunsthandwerks etwas mehr Beachtung als bisher erwerben helfen.
Man sieht, daß diese Terrakotten, die Kunstwerke der Armen 3), über ihren Wert
als Dokumente des provinziellen Lebens hinaus — gewiß nicht wegen ihrer künst-
lerischen Qualitäten — gelegentlich auch für die Kunstgeschichte 4) zu unschätz-
baren Zeugen werden können.
Frankfurt a. M. K a r 1 W e 1 c k e.
Ju"g. Festschrift zur Feier des 25 jähr. Bestehens a. a. O. S. 37 Anm. i. — Dornausziehermädchen
des Histor. Mus. in Frankfurt a. M. 1903, S. 6 ff., in der Renaissance bezeugt A. Aubert, Zeitschr.
wo auch Hüsgens Katalog des Kunstschrankes f. bild. Kunst N. F. XII. (1900/1) S. 40.
S. 7 (Erstes Gefach 11 u. 12) abgedruckt ist. 3) v. Rohden, Terrak. von Pompeji S. 24. Blan-
»Wahrscheinlich ist auch der Inhalt des Kunst- chet, a. a. 0. S. 154.
schranks von Heinrich Karl von Barckhaus 4) Vgl. B. J. 120 S. 191 Taf. IX 3, wo ich in der
(gest. 1752) gesammelt worden.« Kölner Terrakotta aus des Vindex Fabrik die
2) Springer, Das Nachleben der Antike im Mittel- einzige statuarische Replik des Mars Ultor- Bildes
alter = Bilder aus der neueren Kunstgeschichte, aus dem provisorischen Tempel des Jahres 20
2. Aufl. 1886, Bd. I S. 14. Furtwängler, Mei- v. Chr. u. dem definitiven des Jahres 2. v. Chr.
sterwerke S. 685 Anm. 3. Baumgarten, Schauins- nachgewiesen habe. Derselbe Mars Ultor findet
land Bd. 31, 1904, S. i — 15. Klein, Gesch. d. sich auch auf Sigillaten des Janus von Heihgen-
griech. Kunst I. 416. Wenn Klein, wie uns scheint, berg (Forrer, Heiligenberg S. 148 Abb. 60) und
mit Recht annimmt, daß die »barbarischen Terra- des Verecundus von Ittenweiler (Forrer, a. a. O.
kottanachbildungen« auf die romanische Kunst S. 202 Abb. 137, S. 205 Abb. 179). Das mag
eingewirkt haben, wo bleiben dann dort die Dorn- hier zur Widerlegung von Blanchet, a. a. 0. S. 87 :
ausziehermädchen ? Man vgl. die Legende zum »on ne retrouve, pour ainsi dire, pas un seul type
Domauszieherfigürchen an der Bronzegrabplatte de Statuette parmi les personnages isoles ou grou-
eines Erzbischofs aus der ersten Hälfte des 11. pes, .... sur les vases en terre rouge vernissde«
Jahrhunderts im Magdeburger Dom. Springer, genügen.
26 P- Hauser, Orpheus und Aigisthos.
ORPHEUS UND AIGISTHOS.
Laut Bericht im Archäologischen Anzeiger 1913, 70 zog Georg Loeschcke in
einer Sitzung der Berhner Archäologischen Gesellschaft weitgehende Folgerungen
aus einigen Vasenbildern des strengschönen Stils mit Darstellung vom Tode des
Orpheus. Da diese Schlüsse auf sagengeschichtliches und hterarhistorisches Gebiet
übergreifen, somit in erster Linie an Philologen sich wenden, welchen, mindestens zu
ihrem größeren Teil, die Beurteilung des Gewichts archäologischer Argumente schwer
fällt, so möchte ich die Kollegen aus der Schwesterwissenschaft darauf hinweisen,
daß hier schwerwiegende Folgerungen auf schwachem Fundamente ruhen.
In jenen Vasenbildern, welche Gruppe in Roschers Lexikon III, II 84 auf-
zählt, führen die Thrakerinnen durchweg improvisierte Waffen: außer Steinen
namentlich Bratspieße, den Schlachthammer, auch zuweilen ein sichelförmiges Messer;
kurz »Küchengerät«, wie Loeschcke zu Anfang ganz richtig sich ausdrückt. Ob er
indessen jenem Messer mit Recht den Zweck zuschreibt, zum Abhäuten der Tiere
zu dienen, das bleibe dahingestellt, da man wohl Jäger und Metzger oft eine gerad-
linig geschliffene oder ausgebauchte Klinge bei dieser Arbeit benützen sieht, nie aber
eine Sichelform, die mir — bis auf bessere Belehrung — für den genannten Zweck
so ungeeignet wie nur möglich erscheint. Es handelt sich einfach um die echt thra-
kische Messer- und Schwertform, die «pitTj, welche als [xä^aipa xafiuuXT) beschrieben
wird, oder um das Opaztxov ?t«o; ijttxajxTC?, wofür Tomaschek, Die alten Thraker I
119 (Wiener Sitzungsberichte 1893), Belege gibt. Stände jedoch selbst die Bestim-
mung der Sichel zum Lostrennen der Haut fest, wie Loeschcke behauptet, so fiele
damit dieses Instrument noch lange nicht aus dem Begriff des Küchengeräts heraus.
Um weiter bauen zu können, setzt aber Loeschcke an Stelle von Küchengerät
vielmehr »Opfergerät« und reiht nun Schluß an Schluß: Opfergerät, somit ein Frauen -
opfer von Thrakerinnen, bei dem Orpheus die Weiber belauscht. Die Rasenden
halten den Sänger für ihr Opfertier, bringen ihn um mit dem Ritualwerkzeug. Eine
bisher unbekannte Orpheusmythe wäre damit gewonnen, welche Euripides in seinen
Bakchen auf Pentheus überträgt und umgestaltet.
Jedermann sieht, wie leicht dieser ganze scharfsinnige Aufbau wegzublasen
ist, sobald es sich tatsächlich um Küchengerät und nicht um Opfergerät handelt.
Zum Opfer braucht man einen Altar und braucht das xavouv; durch diese
beiden Kultgeräte charakterisieren Vasenmaler um die gleiche Zeit, als die Orpheus -
bilder entstanden, die unterbrochene Opferung des Herakles durch Busiris (Furt-
wängler-Reichhold II Tafel 73). Weder von dem einen noch von dem anderen
Requisit findet sich jedoch in irgendeinem der verschiedenen Orpheusbilder auch
nur die geringste Spur. Vor allem aber läßt sich erweisen, daß die Waffen der Thrake-
rinnen wirklich unter normalen Verhältnissen zu nichts anderem dienen, als ein
leckeres Mittagessen zu bereiten. Da für unseren Zweck der Nachweis genügt, daß
im vorliegenden Falle keine Opfergeräte gemeint sind, so beschränke ich mich auf
diesen Gegenbeweis, zumal da er uns Gelegenheit bietet, einige Vasenbilder zu be-
schauen, die ganz notwendig in diesen Zusammenhang hineingehören.
F. Hauser, Orpheus und Aigisthos.
27
Abb. I. Hydria in Boston.
Schlechterdings nicht unterzubringen sind in dem neugebackenen Mythos
zwei Figuren auf der Hydria in Boston 432, von Gruppe mit G bezeichnet, welche
wir nach dem Titelbild von Robinsons Vasenkatalog in Abb. I reproduzieren, näm-
lich zwei thrakische Epheben rechts und links am Ende der von beiden Seiten auf
die Mitte, auf Orpheus zu, stürmenden Halbchöre der Thrakerinnen. Demnach
stehen beide Epheben dicht nebeneinander am Ansätze des Vertikalhenkels der
Hydria. Einer der Jungen duckt sich, versteckt sich hinter Gebüsch. Da demnach
der Maler Charakteristik beabsichtigt, handelt es sich nicht um Lückenbüßer, sondern
um bedeutsame Gestalten, deren Verwertung die Exegese sich nicht ersparen darf.
Ich sehe in ihnen thrakische Epheben, die wie auf dem wohlbekannten Krater aus
Girgenti (Furtwängler, Kleine Schriften H, Tafel 50) sich um Orpheus scharten
und seinem Sänge lauschten. Beim Hereinbrechen des wilden Weiberheers ziehen
jedoch die jungen Helden Deckung im Schatten des Waldes vor.
Die Richtigkeit meiner Auffassung bestätigt sich durch jene weiteren, von
Loeschcke beiseite gelassenen Vasenbilder, welche einen der Tötung des Orpheus
vorausliegenden Moment des Mythos als Vorwurf wählen, und welche uns die Version,
auf welche die Betrachtung der Bostoner Hydria führte, geradezu vor Augen stellen.
Ich meine damit die Vasen
a) Hydria in Ronen, zugänglich abgebildet in Roschers Lexikon III, I181.
Andere Zitate gibt Reinach im Repertoire des Vases I, 403.
b) Kelchkrater mit Doppelfries in Neapel, Heydemann n. 2889. Verhältnis-
mäßig am besten abgebildet im Museo Borbonico IX, 12; danach hier in Abb. 2.
Beide Vasen sind zwar etwas, aber doch nur unbedeutend jünger als die von
Loeschcke besprochenen, da sie in die Zeit zwischen 460 und 450 gehören, während
die Bostoner Hydria sich enge mit den jüngsten Werken der »Frau Meisterin« (Furt-
wängler-Reichhold II S. 308), somit Werken der sechziger Jahre berührt.
Die Hydria a, welche nur fünf Gestalten Raum bietet, schildert Orpheus beim
Leierspiel auf dem Pangaion, vor ihm als Zuhörer ein Thraker, der überrascht die
Hand erhebt, überrascht ohne Zweifel dadurch, daß er eine bewaffnete Thrakerin
heranstürmen sieht, die auf der Vase, halb vom Henkel verdeckt, das Bild links
abschließt. Dem Weib gegenüber am entsprechenden Platze rechts steht dagegen
eine zweite Thrakerin mit Speer, völlig ruhig, indem sie auf Orpheus blickt. Ich
28
F. Hauser, Orpheus und Aigisthos.
denke sie mit überwältigt und gebändigt von Orpheus' Zaubersang, so wie Ovid
in den Metamorphosen XI, 15 ff. erzählt, die auf den Sänger geschleuderten Steine
Abb. 2, Krater in Neapel.
seien vor ihm zu Boden gefallen, abgeprallt, gebannt durch seinen Sang, solange
nicht das Gekreisch der Weiber seine Stimme übertönte. Unmittelbar hinter Orpheus
schaut ein Waldteufel von Satyr dem Vorgang zu, mit dem linken Unterarm auf
einen Felsen gestützt, wenn nicht ein Baumstumpf gemeint ist; er deutet den Berg-
F. Hauser, Orpheus und Aigisthos. 2Q
wald als umgebende Landschaft an; man möchte ihn für einen Urgroßvater des
praxitelischen Satyrs halten.
Der Wert dieses rohen und stark gekürzten Bildes beruht darin, daß es zwingt,
auf Krater b die in zwei Streifen zerlegte Darstellung als Einheit zusammenzu-
fassen, was nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden dürfte, da Krater mit Doppel-
streifen sich keineswegs regelmäßig auf einheitliche Szenen beschränken. Hier auf
b umringt den Orpheus ein reicheres Publikum von Thrakern, alle noch ganz hin-
gegeben an die Laute des Sängers. Nur einer von ihnen, fast noch ein Knabe, flieht
linkshin, indem er zurückblickt, offenbar dahin, wo er die von rechts herbeistürmen-
den Weiber mit ihren Waffen sieht, die notgedrungen in den unteren Fries geschoben
wurden; mit der Rechten aber weist der Junge vorwärts, doch wohl auf ein Ver-
steck, das er auch seinen Kameraden empfiehlt. Damit dürfte meine Auffassung
der beiden Epheben auf der Bostoner Hydria bestätigt und zugleich erwiesen sein,
daß auch in der von Loeschcke behandelten Klasse von Orpheusvasen das Weiber-
heer den Sänger im Kreis seiner thrakischen Freunde überfiel. Zwischen Loeschckes
Gruppe und den beiden von mir hinzugefügten Stücken besteht demnach zwar ein
Unterschied in der Wahl des Moments, nicht aber in der Ausgestaltung des Mythos.
Den unteren Fries füllen fünf Weiber mit ihren Waffen, und zwischen sie schiebt
sich eine Wiederholung des ängstlichen Jünglings vom oberen Streifen; möglich,
daß der Maler an einen verräterischen Denunzianten dachte. Unter den Thrake-
rinnen trägt eine ein Paar Akontia, eine andere aber, genau wie bei der Darstellung
des Mordes, den bekannten Bratspieß. Den Hammer einer dritten lasse ich beiseite,
weil den stillosen Abbildungen nach auch ein Doppelbeil gemeint sein könnte. Für
die Auffassung wird aber entscheidend, daß zwei der Thrakerinnen den mächtigen
hölzernen Stößel herbeischleppen, mit dem Hausfrauen das Korn im Mörser zu Mehl
stampfen (Blümner, Terminologie I^, i8). Die Mörserkeule Hegt der Frau, wie wohl-
bekannte Bilder der IHupersis erweisen, als Waffe besonders nahe. Dieser Stößel hat
nun aber mit Zeremonien des Kultus ganz sicher nichts zu schaffen, sondern er ist
ein Haushaltutensil. Da Bratspieße, Hammer und Messer mindestens zur gleichen
Kategorie gehören können, so dürfen wir sämtliche Attribute der Thrakerinnen,
mit Ausnahme der Speere und Steine, für nichts anderes erklären als für Küchen-
gerät. Und bei der nachgewiesenen Identität des in beiden Vasengruppen behan-
delten Mythos gilt diese Bestimmung auch für die Waffen der Weiber in der von
Loeschcke behandelten Gruppe. Wenn es sich aber dort nicht um Opfergerät handeln
kann, so bricht die kühne Hypothese unrettbar zusammen. Kein Euripides fand
jenen Orpheusmythos vor, welcher erst im Jahre 1913 auf Grund der euripideischen
Bakchen konstruiert wurde: kein alter Mythos wurde entdeckt, sondern ein
Märchen geschaffen, das allerneueste von archäologischen Märchen.
Der von sämtHchen hier genannten Vasenbildern behandelte Mythos behält
also die Form, welche ich zum Teile schon im Text zu Furtwängler-Reichhold HI
S. 108 erschlossen habe. Durch Sang und Lautenspiel zwingt Orpheus die männlichen
Thraker derart in seinen Bann, daß sie nur mit ihm und für ihn in den Bergen des
Fangaion leben wollen. Er sang ihnen, wie dort genannte Vasenbilder aussagen,
30
F. Hauser, Orpheus und Aigisthos.
von Liebe, aber nicht von Liebe zu Mädchen und Frauen. Darob der Grimm ver-
nachlässigter Weiber. Sie rotten sich zusammen, greifen zu den Waffen, die ihnen
am nächsten Hegen, namenthch also zu den Werkzeugen ihres Berufs; ergreifen alles,
was in Küche und Haus zu Marterzwecken sich eignet, greifen zu Steinen, die sie
am Wege finden, zu Speeren, welche sie als reitende Halbamazonen (Röscher 1186)
kaum zu entlehnen brauchten, überfallen den Sänger mit seinem betörten Gefolge
und laben sich nun daran, den Verführer die Gleichgültigkeit der Männer gegen ihre
Reize grausam büßen zu lassen. Der Dichter schilderte die männlichen Thraker nicht
Abb. 3. Stamnos in Boston.
mit schmeichelhaften Farben, da des Orpheus Anhänger keinen Versuch wagen, für
ihren Freund einzutreten, sondern feige sich verstecken, bis die Wut der Weiber durch
des Sängers Tod sich abkühlt. Ohne Zweifel haben die Thraker nun gelernt, dem
höheren weiblichen Willen sich zu fügen.
Nur diese Form der Rekonstruktion wird der von mir schon früher ausge-
sprochenen Beobachtung gerecht, daß Vasenbilder der ersten Hälfte des 5. Jahr-
hunderts männliche Thraker stets als Freunde, Thrakerinnen aber konstant als
grimmige Feinde des Sängers kennen.
Anhangsweise wiederholt Loeschcke ohne neue Argumente eine Ansicht, welche
Edward Robinson schon vor 20 Jahren in seinem Katalog der Bostoner Vasen
drucken ließ, daß nämlich der Stamnos 419 des Fine -Arts-Museum (Abb. 3) den
für Aigisths Ermordung geschaffenen Bildtypus zur Darstellung von Orpheus' Tod
mißbrauche. Wie Robinson, so verweist auch Loeschcke nur für die rechte Bild-
hälfte, für Orestes, Aigisthos und Elektra der Originalfassung, auf die Analogie
F. Hauser, Orpheus und Aigisthos.
31
des Berliner Stamnos 2184 (Abb. 4). Für die beiden Figuren links, die einen Hammer
gegen Orestes' Haupt schwingende Mutter, und für Fylades — der jugendlichen
Erscheinung wegen kann Talthybios nicht in Frage kommen — , welcher Klytai-
mestras Arm mit ihrem Beil aufzuhalten sucht, versäumten aber beide Herren einen
Krater mit Stangenhenkeln in Bologna (Pellegrini, Vasi Felsinei n. 230; unsere
Abb. 5 mit Erlaubnis des Verlages Bruckmann aus Furtwängler-Reichhold H S. 78)
beizubringen, der zwei vollkommen übereinstimmende Gestalten enthält.
Demnach besteht das Vasenbild in Boston aus zwei Gruppen, von denen jede
für sich in einer unanzweifelbaren Darstellung vom Tode des Aigisth wiederkehrt.
Abb. 4. Stamnos in Berlin.
Vier von seinen fünf Gestalten kopieren nicht mehr und nicht weniger treu als üblich
das Aigisthosbild, aus dem die beiden soeben genannten Vasen je eine Gruppe aus-
ziehen. Um das Bostoner Bild anders als auf die Ermordung des Aigisthos zu deuten,
bedürfte es also wirklich zwingender Gründe. Genügt aber hierfür die Variante in
der Figur des Aigisthos.? Er ist hier nicht als König auf dem gestohlenen Thron,
nicht im Alter eines Herrschers, sondern bartlos dargestellt, und er führt gar ein
seinem neuen Beruf so wenig angemessenes Attribut wie eine Leier. Genügt das,
um die doch wahrhaftig nächstliegende Deutung, welche bei den Vorbildern außer
Frage steht, auszuschließen?
Man mache sich zunächst die Summe von Torheiten klar, welche der Maler,
wenn er wirklich an Orpheus dachte, auf sein Gewissen geladen hätte. Die Szene
wäre vom Pangaiongebirge in ein Megaron verlegt. Orpheus würde erstochen von
einem Thraker (im Vorbild Orestes), bei dem auch die leiseste Andeutung von Natio-
nalkostüm vergessen wäre, und doch fällt der Sänger in den zahlreichen künstle-
32
F. Hauser, Orpheus und Aigisthos.
rischen wie literarischen Darstellungen niemals durch einen Mann, sondern* stets
durch Weiberhände. Eine Thrakerin (Klytaimestra) würde mit ihrem Beile nicht
nach Orpheus' Haupt, sondern auf den Kopf des gefälligen Bundesgenossen zielen j
ohne jede Waffe in der Hand ginge eine zweite Thrakerin (Elektra) dem Feinde
zu Leibe. An eine solche Häufung von Mißverständnissen glaube wer kann.
Wodurch wird es denn aber ausgeschlossen, daß sich einmal ein Grieche den
weichlichen, selbst für Meuchelmord zu feigen Aigisthos, welcher das noch warme
Abb. 5. Krater in Bologna.
Herz der alternden Königin gewann, als jungen Fant vorgestellt hätte, der an nichts
Ernsteres denkt als an Musizieren.? Bei meiner Lösung liegt lediglich eine selb-
ständige, aber keine unverständUche Auffassung des Aigisth vor, eine Auffassung,
welche das VerächtHche dieses Königs von seiner Frauen Gnade prägnanter, farbiger
aufträgt. Ein Schritt vom Weg der bildlichen Tradition — ja. Jedenfalls aber ließe
sich für eigenartiges Durchdenken des Stoffes, für Brechen mit der bildlichen Tradition
leichter ein anderes Beispiel aus attischen Vasenbildern beibringen als für ein so
völliges Verkennen der Situation, der Handlung und ihrer Motive, wie es Robinson,
und folglich auch Loeschcke, bei seiner Lösung dem Maler in die Schuhe schieben
muß.
Rom, November 1913.
Friedrich Hauser.
E. Pfuhl, Der klazomenische Polyxenasarkophag und die Vase Vagnonville. -55
DER KLAZOMENISCHE POLYXENASARKOPHAG UND
DIE VASE VAGNONVILLE.
Vor dem klazomenischen Polyxenasarkophag in Leiden hatte ich mir im Jahre
1907 notiert und skizziert, der Tymbos werde von zwei Sphingen bekrönt, die einander
gegenüber auf einer knappen Stufe säßen, die Schwänze schleifenförmig hochgeringelt.
Die rechte Sphinx scheint mir auch auf der Tafel Jahrb. XXVIII 1913, 3 deutlich.
Ich würde diese Reisenotiz nur den Leidner Kollegen brieflich zur Prüfung vor-
gelegt haben, wenn nicht Hauser a. a. 0. 274 dort, wo ich zwei Sphingen sah, loderndes
Feuer erkennte und damit auf die Frage des Tumulus über brennendem Scheiter-
haufen zurückkäme ^). Diese Frage bedarf aber der gemeinsamen Aufmerksamkeit
der Fachgenossen, damit wir aus der Aporie herauskommen, die Robert, Hermes
XLIX 1914, 21, I, feststellt — denn auch diese, an glänzenden Lösungen so überreiche
Abhandlung macht vor der Vase Vagnonville Halt. Ich stelle mich durchaus auf
den Standpunkt von Robert und gebe natürlich meine Reisenotiz, daß auf der Vase
Granatäpfel am Sockel des Tumulus dargestellt seien, preis gegenüber der genauen
Untersuchung des Originals durch Durm, Hauser und Kern ^). So gern ich mich
nun in die Reihe stellte, an deren Spitze der Altmeister Brunn steht, und so ungern
ich mich gegen Hausers Autorität wende — ich kann so wenig wie Robert die Frage
des brennenden Tumulus für gelöst halten.
Durm und Hauser vertreten Auffassungen, die von der Engelmannschen wesent-
lich verschieden sind. Engelmann nahm an, daß über jenen tiefen Brandgräbern
mit Luftrinne Grabmäler errichtet werden konnten, aus welchen nach der Fertig-
stellung noch Flammen herausschlugen. Meine Bedenken dagegen führt er in seinem
Schlußwort nicht mehr auf Begriffstutzigkeit zurück; er habe nicht 'die ganze Grabes-
frage' aufrollen gewollt. Dies ist aber doch die methodische Forderung, wenn man
eine singulare Grabdarstellung erklären will: man muß den Ausgrabungsbefund
übersehen und das, was vergleichbar erscheint, nicht nur andeuten, sondern die
praktischen Möglichkeiten scharf durchdenken. Daß dies bei Engelmanns Vor-
schlag zu keinem brauchbaren Ergebnis führt, glaube ich gezeigt zu haben, und
ein Kenner attischer Gräber wie Pernice hat mir zugestimmt 3).
Seitdem ist die Frage durch Durm und Hauser sehr vereinfacht worden. Hauser
betrachtet den Tymbos nicht als massiven Aufbau über einem unterirdischen Grab-
schacht, sondern als eine Art Verbrennungsofen wie ein Kohlenmeiler — also etwas
ganz Ähnliches wie die Töpfer- und Hochöfen auf den korinthischen Pinakes 4).
■) österr. Jahresh. XI 1908 Beibl. 107 ff., dort auch die Klarheit des Inhalts beeinträchtigt
die weitere Literatur. Daß mein Manuskript haben.
anders aussah als das, was gedruckt ist, kann ') Durm, Österr. Jahresh. XII 1909 Beibl. 209 ff.
sich der kundige Leser denken; ich habe schheß- Hauser a. a. 0. Kern bei Robert a. a. 0.
lieh nur mein Reichsdeutsch zur Not hergestellt, 3) Gercke und Norden, Einleitung in die Alter-
obwohl die redaktionellen Änderungen der Form tumswissenschaft II 63.
4) Z. B. Ant. Denkm. I T. 8, i, 4, 12, 19 b, 22; II T. 40, 21 a.
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 3
24 E- Pfuhl, Der klazomenische Polyxenasarkophag und die Vase Vagnonville.
Dies ist eine technisch klare Auffassung, aber sie wird durch die Funde in keiner
Weise bestätigt; vielmehr steht sie in einem eigenartigen Gegensatz zu ihnen.
Wir hätten in den Darstellungen tumulusförmige Verbrennungsöfen, zum Teil sogar
mit Epithemen darauf, in Wirklichkeit aber nur massive Tumuli über zugeschütteten
Grabschachten.
Dies müßten wir freilich als merkwürdigen Zufall hinnehmen, wenn Hauser
wirklich zwei Darstellungen nachgewiesen hätte, in welchen Flammen aus den Kuppen
von Tumuli herausschlügen. Das scheint mir aber sehr zweifelhaft. Auf dem klazo-
menischen Sarkophag glaubte ich, ebenso unbefangen wie einst Brunn gegenüber
der Vase Vagnonville, zwei Sphingen zu erkennen und sehe auch an der Abbildung
keine Flammen; und auf der 'tyrrhenischen' Amphora mit dem Opfer der Polyxena
sehe ich nur einen niedrigen Grabhügel oder Grabaltar, auf dem ein Opferfeuer
brennt ').
Ähnlich und doch im entscheidenden Punkte anders ist die Auffassung von
Durm, an die sich Hauser nicht erinnert zu haben scheint. Durm scheidet nämlich
sachlich scharf, wenn auch im Ausdruck nicht sehr glücklich, zwei ganz verschiedene
Dinge: einen überirdischen Feldbrandofen zur Verbrennung der Leiche, d. h. einen
mit Lehm ummantelten Scheiterhaufen mit Luftzügen und Schürlöchern unten,
und einen später über den Resten massiv aufgeschütteten Tumulus mit Stützmauern
am Rand, den er sich von wesentlich größerem Durchmesser als 'die Feuerstelle'
denkt. Auf der Vase Vagnonville erkennt er nun keineswegs einen brennenden Feld-
brandofen oder gar ein seiner Auffassung nach undenkbares Doppelwesen aus Scheiter-
haufen und Tumulus, sondern — und das ist das wesentlich Neue, womit er sich
prinzipiell auf meine Seite stellt — einen richtigen massiven Tumulus, an dessen
Sockel das Motiv der Schürlöcher des darunter begrabenen zusammengesunkenen
'Feldbrandofens' rein dekorativ verwendet sei ^). Der bienenkorbförmige Tymbos
wäre also die monumentale Verewigung des ummantelten Scheiterhaufens — ein
anregender Gedanke, der Nachprüfung im Zusammenhang der Formenreihe: Konus,
Omphalos, Steiltymbos, flacher Erdkegel verdient. Dafür ist hier nicht der Ort,
so wenig wie auf die zu weitgehenden architektonischen Folgerungen, die Durm
daran anschließt, eingegangen werden kann 3). Dagegen ist der Wunsch zu äußern,
es möge bei künftigen Grabungen genau beachtet werden, ob auf Verbrennungs-
plätzen oder ebenerdigen Brandgräbern unter aufgeschütteten Denkmälern Reste
des Durmschen Feldbrandofens kenntlich sind.
Hier ist der schwächste Punkt der ansprechenden Durmschen Hypothese:
die Reste des Lehmmantels hätten auch früher kaum übersehen werden können;
') Journ. hell. stud. XVIII 1898 T. 15 = Röscher, scheidenden, von seinem Wege abführenden
Mythol. Lexikon III 2737. Vgl. attische Weih- Folgerungen daraus zu ziehen,
reliefs, z. B. Röscher I 2499, 2559, dies besser 3) Nur zum Mausoleum von Halikarnass sei be-
bei Blinkenberg, Arch. Studien T. i. merkt, daß Podientempel und Stufenpyramide
') Diesen Gedanken hatte er offenbar Engelmann zu verbreitete Formen sind, um hier materia-
mitgeteilt, der ihn streift, ohne jedoch die ent- listisch gedeutet werden zu können. Bekrönung
durch Stufen zeigen schon der Obelisk Salmanassars und lyldsche Pfeilergräber.
E. Pfuhl, Der klazomenische Polyxenasarkophag und die Vase Vagnonville. 2C
meines Wissens kommen sie aber in den Ausgrabungsbericiiten, die ich freilich nicht
neu durchsehen konnte, nicht vor; für die großen theräischen Verbrennungsplätze
kann ich ihr völliges Fehlen bestimmt versichern '). Dazu kommt, daß wir das
typische attische Brandgrab ja gut kennen: es ist ein richtiges tiefes Grab, zum Teil
mit jener Luftrinne im Boden und an den Schmalseiten. Hier ist also der Grab-
schacht selbst der Ofen, dessen Zug man durch geeignete Schichtung des Scheiter-
haufens sicherstellte; war das Holz zusammengesunken, so konnte man nötigen-
falls nach dem Prinzip der Herdgrube oder Kochkiste immer noch eine starke
Glut erhalten. Nur führt von hier kein Weg zu dem flammenden Grabmal, das Engel -
mann mit diesem Grabtypus verbinden wollte ^).
Zusammenfassend wäre also folgendes zu sagen: Hausers monumentaler Ver-
brennungsofen ist technisch denkbar, aber unbezeugt und im Widerspruch mit den
Funden. Durms Annahme der massiven monumentalen Nachbildung eines schlichten
Feldbrandofens hat ihre Schwierigkeiten, ist aber zunächst als Arbeitshypothese
zu begrüßen. Vielleicht gelangen wir mit ihrer Hilfe einmal zum Verständnis der
Vase Vagnonville. Mag man sich wirkliche Tymboi nur mit dem architektonischen
Motiv der Schürlöcher, etwa wie auf der Londoner Lekythos 3), nicht aber mit
Andeutung von Flammen denken, so könnte der Maler der Vase Vagnonville Brand -
ofen und Tymbos vermengt haben — ein Schwanken der Vorstellung, für das es
viele Beispiele auf anderen Gebieten gibt; in dieser sonderbaren Darstellung könnte
sogar irgendeine Absicht damit verbunden sein.
Auf Hausers Bemerkungen zur Kompositionsweise der klazomenischen Sarko-
phage gehe ich nicht ausführlich ein, weil das hier sehr viel mehr Worte erfordern
würde als in meiner zusammenhängenden Darstellung im Handbuch, auf die ich im
voraus verweise. Nur den Zweifel daran möchte ich äußern, daß uns noch viele solche
Erfolge beschieden sein werden, wie sie Hausers Interpretationskunst auch hier beim
ersten Griff erzielt — ■ denn förderlich bleiben seine Bemerkungen über das andere
Polyxenabild auch dann, wenn ihre spezielle mythologische Fassung sich nicht be-
währen sollte. Auf dem von Hauser angedeuteten Wege der einheitlichen Erklärung
des ganzen Bildstreifens mit seinen geflügelten Reitern wird das freilich kaum ge-
schehen. Mir ist nicht einmal sicher, daß der Maler in seinen Flügelreitern Wind-
götter sah; denn auf einem anderen Sarkophag sind auch Wagenlenker geflügelt,
und dort verrät sich die dekorative Absicht: einer von den vier Flügeln füllt den
Raum über den Armen des Lenkers 4). Bei den Reitern entsprechen die Flügel dem
') Vgl. Ath. Mitt. XXVIII 1903, 46 f., 52 f. röhre und Schürlöcher und wisse nicht einmal,
') Durm hat die Frage angesichts des Vasenbildes daß Kalkstein zu Feuerungsanlagen unbrauchbar
mit der Folgerichtigkeit technischen Denkens sei. Gerade dies hebe ich ja hervor! Durm hat
angefaßt; damit war sie für ihn erledigt und er sich eben in die absurden Konsequenzen des
hat gar nicht bemerkt, daß Engelmann und ich Engelmannschen Gedankens gar nicht hinein-
von etwas ganz anderem sprechen, nämlich von finden können — was mir erfreulich ist, wenn
tiefen unterirdischen Gräbern mit einem ich auch unschuldig dafür büße.
Denkmal darüber. Daher tut er mir unbewußt 3) Murray and Smith, Athenian white vases in the
Unrecht, wenn er meint, ich verwechsle Ofen- Brit. Museum T. 13.
4) 'E'fTjix. äpx. 1907 T. 9.
^5 E. Pfuhl, Der klazomenische Polyxenasarkophag und die Vase Vagnonville.
mit einer Waffe ausholenden Arm in anderen Bildern '). Bei den Pferden muß
alles Mögliche zur Füllung herhalten: die typischen Hunde, die wenigstens zum
Wettrennen so wenig passen wie die Hasenjagd am gleichen Ort auf protokorinthischen
Lekythen, rankende Blüten und Deichselenden, neben den Pferden stehende Menschen,
endlich fliegende Dämonen, die man zu verschieden benennen könnte, um sie be-
nennen zu dürfen ^). Winter mag in seiner Feststellung rein formaler Symmetrie
und Parataxe hie und da zu weit gegangen sein; aber im ganzen stehen die Sarkophag-
maler doch vorwiegend im Banne jenes Geistes, dessen überwältigenden Ausdruck
bei den alten Sumeriern uns Ludwig Curtius nahegebracht hat 3). So kam es zu
jenen Bildern, deren eines Murray wörtlich nahm und für Leichenspiele zu Ehren
des armen Schachers Dolon hielt. Der sogenannte Dolon kann übrigens sehr wohl
ein beliebiger 'Kimmerier' sein; wenigstens hat von den angeführten Gründen allzu
wenig der Kritik standgehalten: ein einzelner nackter Knieläufer namens Dolon
auf einer korinthischen Vase kann nichts beweisen 4). So vermögen wir von all
den Gestalten der klazomenischen Sarkophagbilder nur zwei oder drei mit voller
Sicherheit mythologisch zu benennen: Athena, Polyxena und allenfalls Neoptolemos,
der sie opfert. Die einzige sichere Szene aus der Heldensage ist der Tod der Polyxena:
sehr passend auf den Särgen dieser Spätlinge des homerischen Rittertums, ein ferner
Nachklang der heroischen Menschenopfer am Grabe.
Basel. • ErnstPfuhl.
') Z. B. Murray, Terracotta sarcophagi in the 3) Sitz. Akad. München 191 2.
Brit. Mus. T. I ; Ant. Denkm. I T. 45. 4) Zahn, Darstellung der Barbaren, Diss. Heidel-
s) Murray a.a.O. T. i, 2, 6: berg 1896, 64 f.; Ath. Mitt. XXIII 1898, 60 f.
BAALBEK UND ROM, DIE RÖMISCHE REICHSKUNST
IN IHRER ENTWICKELUNG UND DIFFERENZIERUNG.
Mit Tafel i — 5 und Beilage i — 5.
Römische Kunst und römische Reichskunst sind zu einem viel umstrittenen
Begriff geworden. Die einen wollen gar nichts Römisches anerkennen, selbst die
Bezeichnung soll aus der Kunstgeschichte verschwinden (Strzygowski und An-
hang); andere lassen Rom darum gelten, weil sie in ihm nur den spätesten Vertreter
der hellenistischen Großstadtkunst sehen ohne Eigenart und römischen Eigenwert:
die römische Kunst sei »Hellenismus in Rom, getragen von Griechen und griechisch
Geschulten« (Sybel). Besonderen Nachdruck auf die kunstgeschichtliche Be-
deutung der römischen Kaiserzeit legt Riegl; Träger der Kunst sind auch ihm die
Griechen. Nur Wickhoff wagt es, eine selbständige Mission des römisch -lateinischen
Elements anzunehmen, und glaubt sogar den Zeitpunkt bestimmen zu können, in
dem der Römer den Griechen ablöste in der künstlerischen Weltherrschaft der
antiken Oikumene ■). An der Schaffung solcher Theorien haben allgemeine Er-
wägungen einen großen Anteil, in jedem Falle ist das Architekturornament nicht
gebührend und niemals in dem notwendigen breitesten Ausmaße herangezogen
worden, um auf Grund sicher bestimmbarer Tatsachen zu einem ebenso sicher
begründeten Urteil zu gelangen. Bei Riegl und Wickhoff spielen stilistische
Wertungen und ästhetische Formeln, das subjektivste Element in aller kunstge-
schichtlichen Forschung, eine überwiegende Rolle und verdichten sich zu kunst-
philosophischen Systemen; aber das primäre Untersuchungsmaterial ist viel zu spär-
lich, viel zu wenig in sich klar in seine jeweilige Entwickelungsreihe eingestellt, viel
zu wenig tragfähig für so weitreichende Schlüsse. So anregend das alles ist, so
unsicher ist es in seinen Grundlagen, so leichteres Spiel für die Gegner, so gefähr-
licher für formelgierige Schüler. Andere vergessen in ihren Erwägungen allzusehr,
daß Rom denn doch eine ganz andere Stellung zum griechischen Osten einnimmt als
je Antiochia oder Alexandria gegenüber Kleinasien und Hellas und als alle diese
untereinander im späteren Hellenismus: dort ist wirkUche Kulturgemeinschaft, die
auf dem stärksten Fundament, der Sprachgemeinschaft, ruht. Rom ist nie so weit
griechisch geworden, daß es seine Sprache aufgegeben hätte, es hat vielmehr im Westen
die griechische Sprache aus ältestem Besitz ohne Anwendung von Gewalt ganz natur-
■) Sybel, Christi. Antike II, Marburg 1909, referiert Orient über die hauptsächlichsten Forschungen
im einleitenden Kapitel: Hellas, Rom und der und Hypothesen und trägt seine eigenen An-
schauungen vor (17 ff.).
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. «f
»8 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
mäßig verdrängt und eine lateinische Welt im Westen der griechischen im Osten ent-
gegengesetzt. Vom Anfang an war Rom auf dem wichtigsten geistigen Gebiete
gezwungen und gewohnt, fremde Werte umzusetzen. Das ist grundlegend für die
ganze weströmisch -lateinische Kultur: nur so gab es eine Möglichkeit, trotz aller
Hereinnahme griechischen Kulturgutes durch eine gewisse Auswahl stofflich, durch
Nach- und Umprägung formal eine sich gemäße Selbständigkeit des geistigen Lebens
und seiner Ausdrucksformen zu wahren, die stärker als alle hellenistischen Zentren
losgelöst war von ihrem Quellboden: um es so auszudrücken, Rom will keine Fremd-
wörter, nur Lehnwörter in seinem Formenschatz. Religionsgeschichtlich (z. B.
Hermes ^ Mercurius) und literargeschichthch (z. B. neuere attische Komödie ^
Plautus) ist das längst klarer erkannt als kunstgeschichtlich; aber es verhält sich
doch ganz gleich hier: Bauten italisch-korinthischen Stils in hellenistischer Zeit sind
formal so eigenartig, daß sie allem gegenüber, was in den östlichen Mittelmeerstaaten
geschaffen wurde, eine Sonderstellung beanspruchen, und, was nicht minder wichtig
ist: diese Sonderformen werden schon damals in die kaum kolonisierten Gebiete
weitergegeben; Gallia cisalpina, Istrien und Südgallien erhalten schon so früh ita-
lisch-hellenistische Formen: das Vorkommen des italisch-korinthischen Kapitells
in Aquileja, Mailand und Lyon spricht klarer als viele Erwägungen ').
Doch begnüge ich mich hier mit diesem vereinzelten Hinweis; die Aufgabe,
die ich mir stelle, geht im wes'entHchen auf die Kaiserzeit: das Verhältnis von Ost
und West, der östlichen Provinzen untereinander und zu Rom und seinen westlichen
Einflußgebieten an der architektonischen Formensprache zu untersuchen. Das
Architekturornament verbürgt mir dabei einen doppelten Vorteil; die Datierung
ist vielfach inschriftlich gesichert, in anderen Fällen aus einer Vielheit von Argu-
menten nicht bloß stilistischer Natur: Baumaterial, Technik, Inschriftcharakter
usw., sicherzustellen, so daß für die schließlich übrig bleibenden die stilistische Analyse
ohne viele Irrtumsmöglichkeiten ihre Folgerungen ziehen kann; was aber besonders
wertvoll ist, die Reihe der Denkmäler gibt uns einen Maßstab für die Bodenständig-
keit der Formen, deren wir bei einem beweglichen Kunstwerk niemals von vorn-
herein sicher sind, da der antike Kunsthandel nicht nur innerhalb des Landes, sondern
auch, manchmal sogar leichter, über die See von Hafen zu Hafen austauschte. Wenn
wir nun auch für bestimmte Fälle wüßten, daß z. B. kleinasiatische Künstler in Rom
tätig waren, so bietet uns die Kenntnis kleinasiatischer Formensprache sofort die
Möglichkeit, Einsprengsel als solche zu erkennen, andererseits gibt uns die mehr-
hundertjährige Reihe der Denkmäler in Rom die Sicherheit, daß eine Beständigkeit
der Formenauffassung und -wiedergäbe besteht, die ihre tiefen Wurzeln im ganzen
geistigen Charakter Roms hat und darum nicht ohne weiteres durch herzuwandernde
Künstler grundstürzend beeinflußt werden kann. Diesen tiefen Wurzeln nachzugehen,
bleibt als letzte, schwerste Aufgabe einer ganz weitausgreifenden Forschung vorbe-
halten, uns kommt es nur auf die Ausdrucksformen an, und dabei wird sich heraus-
') Aquileja: Durm, Bauk. d. Etrusk. u. Rom. Mus. Sforz., wahrscheinlich vom röm. Theater;
Stuttgart '1905 f. 429 zu S. 392; Mailand: Lyon: Bazin, Vienne et Lyon gallo-romain,
Paris. 1891, 329 f.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 30
stellen, daß trotz einer grundsätzlichen Einheit des architektonischen Aufbaus in der
Kaiserzeit, die wir beinahe als Voraussetzung in die Untersuchung einstellen können,
und allen Wandels, bedingt durch die lange Zeit der Entwickelung, in römischer Zeit
eine konstant bleibende Trennung in eine griechische Ost- und eine lateinische West-
hälfte besteht, daß ferner innerhalb dieser zwei Hauptgruppen provinzielle Schattie-
rungen oft schon früh, jedenfalls immer stärker im Laufe der Entwickelung sich kund-
geben. Nur nebenbei wird in einzelnen Fällen die vorausliegende späthellenistische
Zeit herangezogen, die im ganzen und in dem Charakter einer bereits damals stark
ausgebildeten Differenzierung ein von der Kaiserzeit abweichendes Bild aufweist, das
keinesfalls aus innerer, unbeeinflußter Weiterentwickelung sich erklären läßt.
Baalbek ■) habe ich in den Mittelpunkt gestellt, weil es ein ganz besonderes
Problem der römischen Reichskunst zu beobachten gestattet. Die kunstgeschicht-
liche Erörterung darüber 2) hat sich bisher in sehr engen Grenzen gehalten, nament-
lich die Frage der inneren Entwickelung ist kaum gestreift worden. Mit einer gewissen
Resignation, die schon in den wenigen Bemerkungen von Wood durchklingt, hat
man den auffallenden Mangel antiker Quellennachrichten trotz der überragenden
Größe und Wucht der Bauten betont und um so lieber die sonst gewiß nicht weiter
ernst genommene Nachricht des byzantinischen Chronographen Malalas 3) aufge-
griffen, daß der Kaiser Antoninus Pius in Heliopolis am Libanon einen großen Zeus-
tempel gebaut habe, der zu den Weltwundern zählte. Nun ist ohne weiteres klar,
daß einer solchen Notiz »eines geschichtlichen Volksbuches« 4) nur sehr bedingter
Wert beizumessen ist, da wir seine Quelle nicht kennen; sie wäre ohne weiteres auf-
zugeben, wenn anderswie auf sicheren Wegen sich ergebende Tatsachen dazu in
Widerspruch treten. Bei Bauten von so gewaltigem Umfang und so übermenschlicher
Größe würde selbst die Bauinschrift eines einzelnen bedenklich machen, ähnliche
Anlagen wie das Olympieion von Athen und das Didymaion von Milet mit ihrer viel-
hundertjährigen Baugeschichte mahnen zu größter Vorsicht. Gar leicht versucht
der Ehrgeiz eines einzelnen sich daran, das Riesenwerk vieler vorhergegangener
Generationen für sich in Anspruch zu nehmen durch teilweise Fertigstellung und
Weihung, oder der Ferieget, der irgendwo eine Weihinschrift liest, deutet sie auf das
Ganze der Bauten, und seine falsche Notiz macht ihren Weg.
•) Die älteste im wesentlichen unzuverlässige Publi- öffentlichung der Forschungsergebnisse der deut-
kation durch Wood, Ruins of Balbec, London sehen Baalbekexpedition wird schwerlich früher
'757; photographische Aufnahmen des Zustandes als in zwei Jahren erfolgen können, wie mir H.
vor den deutschen Ausgrabungen bei Frauberger, Prof. Winnefeld mitteilt, dem ich für Über-
DieAkropolis von Baalbek, 1892. Photographien- lassung einiger Aufnahmen zu Studienzwecken
album vom Zustand nach den Ausgrabungen und Korrekturbeihilfe herzlichst zu danken habe.
V. Lüpke und Puchstein. Baalbek. 30 Ansichten 3) Chronogr. XI ed. Bonn, p. 280: »"Osti; [Av-
der Ausgrabungen, 1905. xwvtvo; lifo;] IxTiaev h 'HXiouiiöXei tt]; 'PoivtxTj;,
') Am wichtigsten die Ausgrabungsberichte Arch. toO Aißavou vaöv T(i) All (i^yotv, 'ha xal aÜTÖv ovra
Jahrb. XVI (1901), 134 ff. (Puchstein), XVII tiüv SeafxccTmv.«
(1902) S. 8711. (Puchstein u. Mitarbeiter) und 4) Krumbacher, Byzantinische Literaturgesch. Mün-
ein kurzes Referat über die ins Berliner Museum chen ' 1897, 325 ff.; es wimmelt bei ihm von
gelangten Architekturproben ebd. XXI (1906), »abenteuerlichen Verzerrungen und lächerlichen
Arch. Anz., Sp. 225 ff. (Puchstein). Die Ver- Irrtümern«.
AQ E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
Auch abgesehen von diesen Erwägungen gibt es eine Reihe von tatsächlichen
Anstößen, die eine längere Baugeschichte vor und nach Antoninus Pius für Baal-
bek wahrscheinlich machen. Winnefeld hat kürzlich die Zeugnisse für die Geschichte
des syrischen Heliopolis zusammengestellt und dabei einiges Neue über die kurzen
Ausgrabungsberichte hinaus mitgeteilt ^): der Name der Colonia Julia Augusta Felix
Heliopolitana sichert die Aussendung einer römischen Kolonie in der ersten Kaiser-
zeit; dementsprechend hat man bei den Ausgrabungen wenigstens zwei kleine In-
schriftfragmente gefunden, die »ihrem Ductus nach augusteisch« sein müssen^).
Dann fanden sich Inschriften, die vielleicht schon in Claudius', spätestens in Neros
Zeit gehören, andere in die fiavische, die trajanische und hadrianische Zeit, die weit-
aus größte Zahl der Ehreninschriften von Statuen, die also auf der Akropolis innerhalb
des Tempelbezirks aufgestellt waren, stammt aus der Zeit vor Antoninus Pius; es
sind darunter seit der neronischen Zeit Ehreninschriften für Römer, die namentlich
militärische Stellungen innehatten; unter Trajan erhielt ein Proprätor Syriens seine
Ehrenstatue im Tcmpelbezirk; Winnefeld 3) weist mit Recht darauf hin, daß darin
eine Steigerung des Ansehens des Gottes in der römischen Welt sich kundgibt, wie
sie für die gleiche Zeit durch eine Anekdote des Macrobius bezeugt war, nach der
Trajan vor dem parthischen Feldzug im Jahre 115 das Orakel des Juppiter Helio-
politanus befragt habe. Endhch haben wir sogar eine Kaiserinschrift auf Hadrian,
der vielleicht um 130 Baalbek besuchte. Da man an der Notiz bei Malalas nicht im
mindesten zweifelte, so mußte man annehmen, daß diese Statuen »ehemals an einem
anderen Orte, möglicherweise in dem älteren Heiligtume der heliopolitanischen
Götter gestanden haben und nach Errichtung des neuen hierher versetzt worden
seien« 4). Von einem älteren Heiligtume, das man sich immerhin nicht unbedeutend
würde vorstellen können, wenn Könige und Kaiser zu ihm wallfahrten und ihre
Statuen dort aufstellen lassen, hat sich indessen bei den Nachgrabungen keine Spur
gefunden, ein Hinweis darauf, daß das ältere Orakelheiligtum wohl nur ein umfriedeter
Bezirk mit unbedeutenden Baulichkeiten war; daß das in einer römischen Kolonie
bis zur mittleren Kaiserzeit möglich gewesen sei, will mir kaum glaublich erscheinen,
und eine Verlegung des Heiligtums kann man nur mit den allerzwingendsten Gründen
rechtfertigen.
Diese Tatsachen waren mir aber gar nicht gegenwärtig, vielmehr erwartete ich
durchaus Bauten des 2. Jahrhs. zu sehen, als ich durch die Ruinen ging5) und an zu
Boden liegenden Stücken zuerst, dann, aufmerksam geworden, durchgehends stili-
stische Unterschiede bemerkte, die sich nicht nach Jahrzehnten, sondern nach Jahr-
') Rhein. Mus. N. F. LXIX (1913), 139 ff. kennen zu lernen und durch zahlreiche photo-
') Arch. Jahrb. XVI (1901), 154. graphische Aufnahmen das für solche Unter-
3) a. a. O., 143. suchungen notwendige stets bereite, zuverlässige
4) Puchstein XVI (1901), 155. Vergleichsmaterial zu beschaffen. Es ist mir
5) 12. bis 14. Nov. 1912. Die zweimalige Verleihung ein herzlich empfundenes Bedürfnis, der seiner-
des Reichsstipendiums für christliche Archäologie zeitigen Archäologischen Zentraldirektion für
ermöglichte es mir, alle römischen Provinzen das bewiesene Vertrauen meinen tiefsten Dank
mit bedeutenderen Architekturresten auf Reisen auszusprechen.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 41
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Abb. I. Baalbek, Moschee,
Abb. 2. Alexandria, Museum.
Abb. 3. Alexandria, Museum.
A2 E- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
Hunderten zu bemessen schienen, und mir für gewisse am stärksten ins Auge fallende
Formen, die mit dem 2. Jahrh. unverträglich waren, augusteische Bauten im Westen
die nächsten Parallelen darboten. Waren mir auch nicht für alle Formen Analogien
gegenwärtig, so wurde ich doch bald fest in der Überzeugung, daß am großen Tempel
schon die augusteische Zeit gearbeitet haben müsse, während der kleine Tempel und
die Hof hallen frühestens mit den ersten Jahrzehnten des 2. Jahrhs. eingesetzt haben
können.
Selbst die vorrömische, noch hellenistische Zeit fand sich mit einem Stücke ver-
treten, nicht im Tempelbezirk, sondern in der Großen Moschee') (Abb. i), deren Säulen-
hallen fast ganz aus verschleppten Schäften und Kapitellen hergestellt sind; in der
ersten Säulenreihe vom Hofe her fast in der Mitte sticht ein Stück von den übrigen
ab durch seine besonders gedrungene Gestalt und seine vom korinthischen Typus der
Kaiserzeit abweichenden Formen: die 8 Kranz- und 8 Hochblätter schließen sich
fest an den Kapitellkörper; zwischen Je zwei Hochblättern kommen je zwei Helices
hervor, die äußeren stark, kantig, mit gehöhltem Mittelkanal unterstützen die Ecken
der Abakusplatte, die inneren dünn und rund steigen bis zur Oberkante des Abakus
hinauf und verschlingen sich dort in großen Spiralwindungen; die beiden HeUces
werden von Blattfiedern begleitet, die bis zu den Voluten heraufreichen. Auch die
freibleibende Fläche über dem mittleren Hochblatt wird durch ein Schmalblatt
gefüllt. Der Kalathos ist nicht zylinderförmig, eher viereckig mit abgerundeten
Ecken, ein Kalathoskelchrand ist nicht ausgebildet. Die Abakusprofile sind die
gewöhnlichen: Hohlkehle und Welle, die Blüte wird durch das Spiel der sich ver-
schlingenden Innenhelices ersetzt.
Das Kapitell weicht von der korinthischen Normalform hauptsächlich darin
ab, daß seine Doppelhelices in sich stark differenziert und nicht in einen Blattkelch
zusammengefaßt sind, der auf einem Schafte sitzt. Zugrunde liegt der Typus von
Epidauros, von dem sich Baalbek aber durch die runden Innenhelices und durch die
begleitenden Blattwedel unterscheidet. Die beiden Blattwedel erinnern an das
korinthische Normalkapitell, sie dürfen aber wohl kaum als Vorstufe dazu gelten,
sind vielmehr eher von der dort ausgebildeten Form rückwärts beeinflußt, weil die
Normalform des korinthischen Kapitells bis ins 4. Jahrh. zurückreicht *). Beide
Eigenschaften, runde Innenhelices und begleitende Blattfächer, und zwar teils ver-
eint, teils getrennt in verschiedenen Spielarten, finden sich besonders in Alexandria 3)
(Abb. 2, 3). Unser Kapitell verbürgt uns neben Petra 4) und Arak el Emir 5) neuer-
dings, daß die in Alexandria bekannt gewordenen reichen, spielerischen Formen des
•) Plan bei Thiersch, Pharos, Leipzig 1909, 235 im frühen 3. Jahrh. Kleinasien bzw. die Inseln;
f. 420; Strzygowski, Amida, Heidelberg 1910, 324 den Nachweis im einzelnen muß ich mir für eine
f. 271; Berchem-Fatio, Voyage en Syrie, Cairo andere Stelle vorbehalten.
1914, Taf. 78. 3) Vgl. außerdem Delbrueck, Hellenist. Bauten II,
ä) Das Kapitell vom Lysikratesdenkmal ist vor- Straßburg 1912, 159 ff.
läufig die ältest erreichbare Stufe mit allen 4) Chaznet Fir'ün; die besten Aufnahmen jetzt
Elementen des Normalkapitells, es gab einen bei Dalman, Neue Petra-Forschungen, Leipzig
zweiten ähnUchen Bau in Athen; dann kommt 1912, Abb. 57, 58, 59; 64, 65, 66.
5) Princeton Univ. Exped. to Syria II, A i, T. 2.
^A E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
Hohlkehle sitzt das Herzblattornament der lesbischen Welle nach oben gerichtet,
darüber ein Eierstab, die Abakusmitte ziert ein breit entfalteter Blattfächer von
Araceenform, dessen Stengel, über den Kalathosrand zwischen den verschlungenen
Helices hinabkriechend, hinter dem Hochblatt verschwindet.
Behalten wir dieses Bild fest im Gedächtnis und gehen einige Schritte weiter,
wo rechts vom Dammwege nahe dem großen Tempel ein zweites Kapitell (Abb. lO B. 2)
von gleichen Abmessungen liegt, ebenfalls vom Umgang der Ostseite. Nur bei ober-
flächlichster Betrachtung wird man es dem ersten gleich finden, da es denselben Auf-
bau zeigt, im einzelnen sind die Unterschiede aber auffallend: hier nur je zwei seit-
liche Blattlappen und Überfall, der Blattlappen von anderer Form, nicht gehöhlt,
sondern im ganzen eben, dafür aber jeder der 6 Blattzacken sehr kokett gezeichnet
von fast herzförmigem Umriß, mit erhöhten Rändern, eingesenkter Mitte und fein
ausgezogener und gebogener Spitze; eine dünne, tief dunkle, gebohrte, nicht wie dort
durch Zusammenfaltung entstandene Rille bezeichnet gewissermaßen die Blatt-
diagonale, nicht wie dort motiviert durch die Aufgabe der Herabführung des Blattes,
sondern offenbar zur Steigerung des ohnehin soviel mannigfaltigeren Licht- und
Schattenspieles im Blatte. Auf dem mittleren Blattsteg sitzt kein Fiederblatt, da
laufen die Rillen aus dem Überfalle aus; die Kranzblätter sind breiter, sitzen darum
engier, so daß die Hochblätter nicht mehr bis zum Fuße geführt werden können.
Der Caulis hat statt des Blättchenkranzes einen derben Strickknoten; der Hüllblatt-
kelch ist ebenso zweiteilig symmetrisch, aber bei Anwendung des Blattcharakters
der beschriebenen Art viel reicher durchgebildet im ganzen und einzelnen, statt des
einen glatten, etwas lahmen inneren Lappens dort, zwei einzelne Lappen und ein
abgesetzter Überfall hier; erhalten sind auch hier nur die Innenhehces, die vergleichs-
weise etwas dünner und energieloser scheinen, nicht ineinander verschlungen, sondern
nebeneinandergelegt und durch ein Bändchen verbunden; in der Abakushohlkehle
sitzen Pfeifen, sonst gleicht sich das übrige: alles in allem, hier bestehen beträcht-
liche Unterschiede in der Formenbildung bei gleichem Aufbau. Wie sind sie zu be-
werten, zeitlich und typengeschichtlich, wo und wann findet sich Ähnliches?
Die Eigentümlichkeiten des ersten Kapitells finden sich vollständig wieder in
einer Gruppe von Bauten, die der späteren augusteischen Zeit und dem westüchen,
römisch-lateinischen Kulturkreis angehören. Bauten wie die Augustusbogen von
Rimini, Aosta und der provinzielle Spätling von Susa bleiben für die Vergleichung
ebenso außer Acht wie etwa der Tempel von Assisi und andere, die z. T. der augu-
steischen Zeit zugeschrieben werden, aber älter sind, z. T. ihr zwar zugehören, aber
Formen spätrepublikanischer Zeit bewahrt haben (z. B. der sogen. Augustus- und
Liviatempel von Vienne); in Betracht kommen besonders in Rom der Magna-Mater-
tempel auf dem Palatin, der Mars-Ultor- und der Castortempel, in Pompeji der
Venustempel und der Tempel der Fortuna Augusta, der Augustus- und der Poseidon-
tempel und der Sergierbogen in Pola, der Cäsarentempel in Nimes und der Tiberius-
bogen von Orange. Beginnen wir mit dem Tempel der Fortuna Augusta in Pompeji ')
')Röin. Mitt. XI (1896), 269 ff., sicher vor 3 n. Chr. behandlung der Kapitelle erklärt sich aus dem
(Mau); der kleine Unterschied in der Fprm- Fortschritt während des Baues.
JAHRBUCH DES INSTITUTS 19 14.
Beilage 2 zu Seite 44 und 58 f.
12. Alexandria, Museum.
11. Vienne, Museum (Phot. Dr. Koch).
13. Ephesus, Markt.
14. Milet, Markiior.
15. Geras, Großer Peripieros (Nordtempel).
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 45.
und beträchten die Einzelheiten eines Pilasterkapitells (Abb. 7 B. l): man findet
den vierzackigen zu einem gehöhlten Blattfächer zusammengefaßten Lappen mit
den ganz glatten flachen Zacken, das breit fußende Blatt, das nur erst mäßig
gefaltet in schwellenden Höhlungen seine Blattlappen zum Fuße führt, den
starken Caulis mit den unten leicht gewundenen, oben gerade auslaufenden
Kannelüren, einen stark betonten, hier einfach ringförmigen Knoten, einen zweiteiligen,
symmetrisch gebildeten Blattkelch, dessen Lappenbildung der von Kranz- und
Hochblatt gleicht, Doppelhelices mit bohrerartigen Volutenaugen, die betonte
Kalathoslippe, glatte Abakusprofile; etwas verschieden ist die Blüte, die ihren
Stengel in einen unmittelbar auf den Hochblättern aufsitzenden zweiblättrigen
Kelch hinabsenkt: die grundlegende Ähnlichkeit besteht in der Bildung der Lappen
und Zacken, des Caulis und der Hüllblattkelche. Die Stufe, die dem Augustustempel in
Pompeji stadtrömisch entspricht, vertritt der Magna-Matertempel auf dem Palatino)
besonders in der breiten, nirgends stärker gefalteten Form der Akanthusblätter. Das
Kapitell ist freilich ziemlich stark mitgenommen, auch fehlt uns die letzte Schicht der
Oberflächenbearbeitung, da ja das grobe dunkle Peperinmaterial mit Stuck verkleidet
war. Ganz besonders interessant und lehrreich für die Geschichte der augusteischen
Baukunst ist der Cäsarentempel inNimes^) (Taf. HI, 2). Ganz wie am Augustustempel
in Pompeji kann man an ihm den Fortschritt in der Formenbehandlung während der
Zeit der Ausführung beobachten. Geht man an der Ostseite, von Norden beginnend,
entlang, so bieten sich uns zuerst korinthische Kapitelle mit ganz flach gelegten Blättern,
der Caulis ist schräg mit wenig gehöhlten Kanälen, die sich an einem starken Knoten
aufbiegen, der wie in Baalbek als hängender Kelchkranz von kurzen verbundenen
Blättchen gebildet ist und ungefalteten, zweiteiligen Hüllblattkelchen; mit dem zweiten
Kapitell in Baalbek haben sie im Abakus Pfeifen und Eierstab gemein. Je weiter wir
uns der Front nähern, desto mehr bemerken wir eine fortschreitende Lebendigkeit
der Formengebung, die ihren höchsten Grad an dem vorletzten Säulenkapitell in der
Vorhalle erreicht; da sind die Lappen stark gefaltet, vier Parallelrillen treten auf , in
Zusammenhang damit sind die Stege zwischen den flachen Kanälen am Caulis gebohrt,
so auch die Stege zwischen den Pfeifen im Abakus, im ganzen eine viel lebhaftere
Licht- und Schattenwirkung. Die Süd-, West- und Nordseite hält sich auf der Stufe
der älteren Kapitelle; da alle Ornamente am fertigen Bau ausgeführt wurden, können
wir den starken Fortschritt, den man in immerhin kurzer Zeit machte, gut beobachten,
und da die Weihung rund in die Wende der Zeit fällt, können wir die Zeit der Aus-
führung dadurch bemessen, ' daß das letzt beschriebene Kapitell zeitlich eng mit dem
vom Tiberiusbogen in Orange 3) (Abb. 8 B. l) zusammengeht. Die Blätter und Hüll-
•) Rom. Mitt. X (1895), 3 ff- (Hülsen): es ist zweifei- Stilistisch älter und etwa mit dem Castor-
los, daß wir in dem erhaltenen Bau nicht den der tempel gleichzusetzen ist wohl, wenn man nach
Zensoren M. Livius Salinator und C. Claudius Nero einem kleinen Kapitellfragment und vor allem
vom Jahre 204, sondern den augusteischen Um- nach den prächtigen Ranken (s. u.) urteilen
bau haben (Richter, Topographie der Stadt Rom, darf, der Augustustempel von Tarragona (Puig y
München 1901, 135 f.). Cadafalch, Arquit. roman. a Catalunya. Barcelona
') de Laborde, Mon. de France I. 1909, 207 f. 230, vom J. 15 p. nach Tac.
3) Caristie, Mon. d'Orange, Paris 1856, Taf. 11. Ann. I, 78).
^5 ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
blattkelche weisen den gleichen Grad der Faltung auf, gleich sind die Rillen im Caulis,
Pfeifen und Eierstab im Abakus, nur die Umbildung des Caulisknotens zum Blättchen-
kclch ist weiter gediehen, und ein charakteristisches Detail ist hinzugekommen, das
uns mehrfach in der später-augusteisch -tibcrianischen Zeit begegnet, Blattfieder, die
die Helices auch von oben einfassen. Das verbindet Orange mit den Bauten in
Pola'); der Augustustempel ist jedoch älter und stellt sich besser zu den stadt-
römischen Augustusbautcn um die Zeitwende: die Faltung des Akanthusblattes am
Sergierbogen (Abb. 9 B. i ) in Kranz- und Hochblättern und in den Hüllblattkelchen,
dazu die Fiederblätter, die die Helices von oben ganz umhüllen, geben dem Kapitell
ein Übermaß von bewegter pflanzlicher Dekoration, die den Kalathos gänzlich über-
wuchert, auch der Kelchschaft trägt statt des Knotens hängende Blättchen; die um-
bohrten Pfeifen und der Eierstab im Abakus sind recht wirkungsvoll behandelt, es
ist die letzte Form der augusteisch -julischen Epoche, die sich an Denkmälern ver-
folgen läßt.
Damit sind wir über die Zeitstufe unseres Baalbeker Kapitells schon hinaus-
gekommen; kehren wir nach Rom zurück, so bringen uns die beiden noch teilweise
erhaltenen Augustusbautcn in Rom in die unmittelbarste Nähe unseres Kapitells:
der Castortempel') (Abb. 6 B. i) hat die weichen, gehöhlten Lappen mit den wenig
eingeschnittenen Zacken und den vorschwellenden Pfeifen, das Blatt ist so schonungs-
voll behutsam gefaltet, als müsse man auf die zarte, natürliche Struktur achten, um
es nicht zu knicken; wie sehr sich darin die frühe Kaiserzeit schon von der f lavischen
und allen späteren Epochen unterscheidet, werden wir bald sehen: der ganz kräftige
Caulis mit kaum merkbar gewundener Kannelüre läßt die Kanäle umbiegen zu über-
hängenden Blättchen, auf die Stege ist von oben her je eine Eichel aufgelegt, darüber
sitzt noch einmal ein fester geriefelter Ringknoten. Der Hüllblattkelch zeigt bei
zweiteilig symmetrischer Anlage die Verwendung eines mehr palmettenartigen
Blattes, wie es auch am Kapitell des Konkordiatempels 3) und des Tempels von
S. Urbano alla Caffarella bei Rom begegnet. Was das Kapitell weiterhin aufs engste
verbindet mit Baalbek, ist, daß auch hier die Innenhelices sich durcheinanderschlingen
und die Volutenaugen stark bohrerartig herausgezogen sind ; über den Eckhelices liegt
ein Fieder, in der Abakushohlkehle verbreiten sich Ranken, die von einer Zwickel-
blüte ausgehen (ein wichtiges Motiv, das aber hier nicht besprochen werden kann);
darüber sitzt, wie gewöhnlich, der Eierstab. Der Mars-UltortempeH) (Abb. 5 B. i), in
der Stufe der Blattfaltung Baalbeck gleich, hat auch noch das bezeichnende Merkmal
des auf die Mittelrippe aufgelegten Sägeblattes, das meines Wissens hier zuerst be-
gegnet, dagegen sind die Blattzacken stärker individualisiert, dadurch daß sie sich
mit erhöhten Rändern gegeneinander absetzen; andererseits weist namentlich der
zweiteilige Hüllblattkelch die bezeichnendste Ähnlichkeit mit Baalbek auf; der
') Augustustempel: Noack, Bauk. d. Altertums, 500 f. 912; die Kapitelle sind sicher augu-
Taf. 75; Durm 585 f. 661; Sergierbogen: Rossini, steisch.
Archi trionfali Taf. 8. 3) Meurer, Vergleich. Formenlehre d. Ornam.
') Noack Taf. 79; Springer -Michaelis, 9 1911, Dresden 1909, 424 f. 8.
4) Springer-Michaelis, 459 f. 842.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickeliing und Differenzierung. 47
Abakus bleibt schmucklos. In der Zackcnbildung nächst verwandt mit dem Mars-
Ultortempel ist der AugustustempelinPola, mit Baalbek verbindet ihn die gewundene
Kannelierung des Caulis und der Strickknoten darüber, die Bildung seines HüUblatt-
kelchcs mit etwas übergreifendem Innenblatt weist in die Zukunft ; in die unmittelbarste
Nähe dieses Kapitells gehört endlich das oft abgebildete Kapitell im Thermenmuseum '),
mithin in die augusteische Spätzeit. Lesbische Blattdekoration (und allerdings auch
lesbisches Profil, dieses ganz ungewöhnlich unter Perlstab und Eierstab) hat im
Abakus das Kapitell des Concordiatempels.
In diesen Kreis und in diese Zeit stellt sich unser erstes Kapitell von Baalbek
so vollkommen sein, daß gar kein Zweifel darüber aufkommen kann, daß es auch
wirklich da hineingehört. Machen wir aber die Gegenprobe und stellen es Kapitellen
der antoninischen Zeit im Westen und im Osten gegenüber '). In Rom kommt da
der Antoninustempel 3) zuerst in Betracht, der in seiner Formengebung von Pantheon
und sogen. NeptunsbasiUka 4) und selbst den späteren Teilen des Trajansforums
kaum abweicht. Der Aufbau ist schlanker, gestreckter, die Blätter schmaler und
höher, die Lappen, die herabgeführt werden sollen, müssen enger zusammengedrängt
werden und gehen in Rillen über, aber Rillen und Stege sind nicht mehr eingesenkt
und vorgewölbt, sondern von der ebenen Stegfläche sind die Rillen eingebohrt mit
scharfwinkligen Kanten, auch durch das auf die Blattmitte aufgelegte Sägeblatt ist
eine Längsrille gelegt. Der Caulis ist gerade, hoch und freigestellt, nach oben sich ver-
dickend; die flachen Kannelüren verlaufen gerade und sind umbohrt; sie fallen oben
als hängende Blättchen über, dann folgt ein durch dunkle Rillen nach unten und oben
abgesetztes Scheibchen, darüber ein aufwärts gehender Kranz von reich gezackten
Blättchen: also eine dreiteilige, stark aufgelöste Form. Noch verschiedener ist der
Hüllblattkelch, durch ein ungemeines Überwiegen des Eckhüllblattes, das in Fort-
führung der Tendenz vom Augustustempel in Pola seinen untersten Lappen über den
des Innenhüllblattes übergreifen läßt und in die Mitte schiebt, — eine ungemein charak-
teristische Entwicklung, die sich von der spätaugusteischen Zeit an Schritt für Schritt
verfolgen läßt bis zur Vollendung in antoninischer Zeit, wo aus dem zweiteiligen
Hüllblattkelch ein dreiteiliger mit einem zentralen geradestehenden Blattfächer
geworden ist, in der Konsequenz dieser Entwicklung hat man einen sicheren Grad-
messer für die zeitliche Einstellung des weströmischen korinthischen Kapitells. —
Über dem mittleren Hochblatt sitzt in Ausgestaltung einer Kelchform vom Mars-
Ultortempel, die eine Verbindung mit der Abakusblüte herstellt und noch in flavischer
Zeit hart und streng ist, ein reiches Gebilde: zuerst ein hoch geschlossener Doppel-
kelch mit weit nach außen überfallenden Blattspitzen, daraus hebt sich ein dünner
Stengel, der gleich ein überhängendes Ringblättchen ansetzt, darauf sitzt endlich
') Noack Taf. 80 a; Ronczewski, Motive in d. röm. 3) Noack Taf. 78 a; Fragm. d'archit. antique ed.
Baukunst, Riga 1905, 52 f. 90; Durm f. 428 zu Baudry, T. 28 (Ginain).
S. 392. 4) Pantheon: Ronczewski 54 f. 92 nach Daumet
') Vgl. dazu Athen. Mitt. XXXIX (1914), Taf. II, bei d'Espouy; Neptunsbasilika : Springer-Michae-
3, 4 u. S. 20 f. lis, 506 f. 922.
^S ^ Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
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TT A.' A< k' k K' K'k' V' i<W»'\: f\
eine lange maiskolbenförmige Ähre, die am Kalathosrand die Rosettenblüte im
Abakus erreicht; die Veränderungen betreffen fast alle Teile des Kapitells, alles
ist reicher, effektvoller, unruhiger geworden. Die ganze Entwicklung des Blatt-
charakters vollzieht sich aber bereits in der späteren julisch-claudischen Zeit, und
nichts ist lehrreicher dafür, als mittel- und noch spätaugusteische und tiberianische
Formen des Akanthusblattes und der
Hüllblattkelche verglichen mit flavi-
schen, etwa vom Kaiserpalast auf dem
Palatin (Abb. l6).
Für den Osten haben wir ein da-
tiertes Beispiel an den Propyläen von
Geras, die den großen Peripteros mit
der unterhalb liegenden großen, nord-
südlichen Säulenstraße verbinden; sie
sind auf 150 datiert'). Ziehen wir ein er-
haltenes Pilasterkapitell (Abb. 18 B.3)
zum Vergleiche heran, so ergeben sich
grundlegende Unterschiede: Die Akan-
thusblätter *) haben ein ganz anderes
Aussehen als bei den bisher bespro-
chenen weströmischen Denkmälern; die
fünfzackigen Blattlappen sind nicht
gehöhlt und greifen nicht über, sondern
liegen in gleicher Ebene, aber jeder ein-
zelne Zacken ist tief ausgehoben und
setzt sich mit scharfen Rändern gegen
den andern ab, durch die längste mitt-
lere Zacke ist eine tiefdunkle Rille ge-
bohrt; auch die Stellung der Lappen zur
Blattachse ist eine andere; sie sitzen
stärker senkrecht dazu, darum wird
auch die Rillenführung eine grundver-
schiedene, im weströmischen Kreis bilden
sich die Rillen erst in der innersten
Lappenhöhlung und können bei der stark vertikalen Stellung der Blattlappen
ohne Umbicgung hcruntergeführt werden; so kommt es, daß dort bis zu 9 Rillen
parallel und senkrecht abwärts nebeneinanderlaufen, während hier die Rillen in
der äußersten Blattspitze einsetzen, schräg hereinschwingen, dann aber wegen der
tief einschneidenden Lappenösen und, um keinen unschönen Knick zu bilden,
ganz nahe aneinander auf den mittleren Blattsteg auflaufen; für das nächst höhere
Rillenpaar bleibt so keine Möglichkeit bis zum Fuße herabzukommen, und so
Abb. 16. Rom, Palatin.
") Arch. Jahrb. XVII (1902), 106, 34.
') Statt des stark beschädigten Klasterkapitells
betrachte man hierfür ein Säulenkapitell vom
Nordtempel selbst (Abb. 1 5 B. 2).
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 40
läuft auf dem Stege Rillenpaar über Rillenpaar sich tot; der Gegensatz wird
besonders deutlich an den schlanken, schmalen Hochblättern. Neben der
Lappen- und Zackenbildung ist dieses gegensätzliche Rillenschema für die wesent-
lich andere Formenauffassung sehr bezeichnend. Außerdem gehen die höheren
Blatteile viel stärker vom Kapitellkörper weg, verdecken, da sie enger zusammen-
treten, mehr den Caulis, der darum keine sorgfältigere Einzeldurchbildung erfährt.
Auf ihm sitzt ein ungemein hochgeschlossener Blattkelch, der ganz symmetrisch-
zweiteilig geblieben ist, nichts von der Verschiebung der Blattlappen am weströmischen
Kapitell zeigt. Die HeUces sind bedeutend dünner und schwächer als an weströmischen
Beispielen; daß die inneren sich einmal am Peripteros von 6era§ verschlingen, ist
eine ganz vereinzelte Reminiszenz. Die Abakusblüte hat einen sehr flatternden, auf-
geregten Charakter; meist als Rosette behandelt oder aus der Aracee entwickelt
hat sie das Volumen einer Viertelkugel und ist stark herausgeschoben; von der Blüte
kriecht gewöhnlich ein dünner Stengel über den Kalathosrand zwischen den Helices
hinab und verschwindet hinter den Hochblättern; nur in sehr reichen Beispielen wie
am Peripteros von öera§, am Zeustempel von Kenawat') u. a. sitzen noch über den
mittleren Hochblättern Rosetten, Kelche und andere Blattgebilde. Im Abakus
haben typisch Pfeifen und Eierstab ihren Platz.
Statt des eben gewählten Baues hätten wir aber irgendeinen anderen aus einer
beliebigen Stadt Syriens oder Palästinas vom I./3. Jahrh. wählen können:
Bosra, Kenäwat, Damaskus, Palmyra, Sebaste; die Gruhdzüge der Formengebung
bleiben die gleichen; nicht nur, wir können über das südliche Kleinasien: Adalia,
Termessos, Sagalassos u. a. zum vorderen weitergehen nach Hierapolis, Aphrodisias,
Milet, Ephesos, Pergamon und selbst mit gewisser Einschränkung nach Griechen-
land hinüber: Hadriansstoa in Athen, Exedra des Herodes Attikus in Olympia;
die Grundzüge bleiben auch hier einheitlich; darin grenzt sich am sichtbarsten
der östlichrömische, römisch-griechische Formenkreis ab.
Daß das erstbeschriebene Kapitell von Baalbek mit dieser Gruppe keine Ver-
bindung hat, ist ohne weiteres klar, dagegen steht das zweite unter dem gleichen
Prinzip der Formbehandlung: Rillen-, Lappen- und Zackenbildung. Aber in anderen
Punkten steht es doch dem ersten nahe: ein ganz besonderer Nachdruck ist dabei
auf die Bildung des Caulis zu legen, wie sich später noch herausstellen wird: der
tektonisch klare, straffe Caulis mit gewundenen Kannelüren, deren Stege glatt bleiben,
ist nur mittelaugusteisch, der Augustustempel in Nimes wie der in Pola lassen uns
erkennen, wie im Laufe der Bauausführung im Zusammenhange mit der effektvolleren
Bildung des Kapitellganzen die Stege erst eingeritzt und dann gebohrt werden;
die gewundene Kannelüre verschwindet ebenfalls in nachaugusteischer Zeit, man
bevorzugt die gerade, flache, rund auslaufende Kannelüre mit gebohrten Stegen.
Der Übergang zu der späteren Form vollzog sich offenbar sehr rasch, schon im 2. und
3. Jahrzehnt, da der Tiberiusbogen von Orange (vgl. Abb. 8 mit 16 und 7) schon
näher zu flavischen Beispielen gehört als etwa zum Tempel der Fortuna Augusta
») Butler, Archit. 353.
CO E- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
in Pompeji. Auch die liebevolle Durchbildung der einzelnen Zacken bezeichnet ein
Anfangsstadium gegenüber der schon stark ausgeschriebenen Form von GeraS. Ein
frühes Beispiel des gleichen Typus, das doch schon in charakteristischer Weise weiter
fortgeschritten ist, ist mir aus Vicnne bekannt an einem schönen Kapitell mit Götter-
büsten ') (Abb. II B. 2) (siehe darüber weiter unten). Die Kapitelle der noch
aufrecht stehenden Säulen in Baalbek (Taf . I, i ) gehören alle dem zweiten Typus an.
Die Einzel formen des Gebälks.
Zur stilistischen Einreihung haben wir aber nicht nur das Kapitell, sondern
das ganze zum ersten Kapitell gehörige Gebälk. Architrav und Fries (Taf. II, 2)
sind aus einem mächtigen Block gearbeitet; der Architrav ist dreiteilig, die
Faszien springen leicht übereinander vor und verdoppeln ihre Höhe von unten
nach oben zu, als Zwischenprofil dient der Perlstab; abgeschlossen werden die Faszien
durch Eierstab zwischen zwei Perlstäben und einem Profil, das wohl eher Karnies
als Hohlkehle ist und mit alternierenden Palmetten und Cauliculi verziert ist. Davon
weiter unten. Der Fries hat eine ungewöhnliche Form: auf vertikal stehenden Kon-
solen, die von Akanthusblättern unterfangen werden, kniende Löwen- und Stier-
vorderkörper, von Rücken zu Rücken hängt eine fiachbogige Girlande aus lorbeer-
artigen Blättern.
Um zu erkennen, wie das Stück zeitlich einzustellen ist, sind wir wieder auf
die einzelnen Formelemente angewiesen, in erster Linie auf den Eierstab. Da hatte
schon Puchstein auffallende Unterschiede bemerkt, aber geglaubt, mit der Annahme
einer klassizistischen Behandlung auszukommen*); es wird sich jedoch heraus-
stellen, daß eine solche Annahme nicht gerechtfertigt ist. Der Eierstab besteht aus
dem Eiblatt, der umrahmenden Schale und dem schmalen Zwischenblatt: das
Eiblatt von niedriger rundovaler Form ist durch die oben folgende Leiste um etwa
ein Viertel abgeschnitten, die Schale mit gerundeten Randstegen öffnet sich zu einer
bequemen Bettung für das Ei, das Lanzettblatt, mit erhöhtem Mittelgrat und seit-
lich abgedacht, haftet fest an den Schalen, die einzige stärkere Kontrastwirkung
liegt in der Aushebung zwischen Eiblatt und Schalenhülle. Der Eierstab findet sich
ferner am Kapitell und zweimal im Abschlußgesims. Noch zurückhaltender als am
Architrav ist er im Kapitell (Abb. 4), wo auch die Aushebung um das Eiblatt nur ganz
gering ist, eigentlich nur für eine Betrachtung aus nächster Nähe, nicht auf Wirkung
aus so gewaltiger Höhe berechnet. Im zweiten Kapitell (Abb. 10) ist das obere Profil
leider sehr stark beschädigt, nur soviel läßt sich erkennen, daß die Eier tiefer umbohrt
waren als beim ersten, da sie aus der Schale ausbrechen konnten. Das zeigen uns auch
die Kapitelle über den stehenden Säulen (Taf. I, l ) in zum Teil vortrefflicher Erhaltung;
das Lanzettblatt ist jedoch mit den Schalen noch fest verwachsen, nur seine Spitze
löst sich stärker los. Darin liegt der Anfang zur freieren Absetzung des Lanzett-
blattes, das schließlich bis auf zwei Haften umbohrt zum Pfeilblatt wird; und —
') Esp^randieu, Recueil d. bas-rel. rom. I, 280, ") Arch. Anz. 1906 Sp. 230.
Nr. 409.
E. Weigand, Raalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. c j
blicken wir auf den kleinen Tempel, so begegnet uns da der Eierstab mit Pfeilblatt
ausnahmslos, wenn das Zwischenblatt nicht noch reichere Formen annimmt.
Sehen wir uns dagegen in dem Kreise um, der die analogen Formen für das
korinthische Kapitell darbot, so bietet uns der Augustustempel in Pompeji in seinem
oben etwas abgeschnittenen Eiblatt, dem mit den Schalen fest verwachsenen, unten
breit aufsetzenden Lanzettblatt die nächste Parallele zu der Stufe, die der Abakus
des ersten Kapitells und besonders auch das Abschlußgebälk aufweist. Der Cäsaren-
tempel von Nimes hat das Eiblatt von Anfang an ziemlich freigesetzt, dagegen ist
das Lanzettblatt zunächst fest verwachsen und macht sich erst allmählich, mit der
Spitze anfangend, freier. Der Augustustempel von Pola schrägt seine Schalenstege
nach innen und läßt die Grate des Lanzettblattes steil abfallen, dadurch erzielt er
eine stärkere Fern Wirkung; ganz ähnlich geschieht es im Gebälk des Concordia-
tempels '). Der Eierstab im Abakus seines Kapitells hat statt des Lanzettblattes
einen ineinandergesteckten doppelten Blütenkelch, der vollständig umbohrt ist.
Eine immer weitergehende Freisetzung der Spitze des Lanzettblattes weisen dann
Tiberiusbogen in Orange und Sergierbogen in Pola auf; mit den letzteren läßt sich
die Bildung über den stehenden Säulen in Baalbek vergleichen. Für die unfreieste
Form des Eierstabes in Baalbek findet sich in Syrien selbst der Anknüpfungspunkt
am Peripteros von Suwedah *), dessen wir schon einmal gedachten; in Kleinasien
läßt sich neben der plumpsten Form vom Oktogonalbau in Ephesus besonders das
Mithradatestor ebenda vom Jahre 4/3 v. Chr. 3) (Abb. 36) heranziehen und in seiner
schön durchgebildeten Form der Augustustempel von Ancyra 4).
Überschreiten wir diese Zeitgrenzen, so ist es ganz natürlich, daß wir die zuletzt
bei den Tiberiusbauten hervorgetretene Richtung der Freisetzung des Lanzettblattes
sich weiterverfolgen sehen im Interesse einer gesteigerten Fernwirkung. Genau
datierte Bauten der nächsten Zeit fehlen; hierher gehört das noch oft zu nennende
Markttor von Milet 5), das vorflavisch ist und im Eierstab seiner Kompositkapitelle
wohl zuerst das Pfeilblatt aufweist, während der Eierstab im Architrav- und Fries-
abschluß und sonst noch zurückhaltender ist. Dagegen weist der jonische Hallenbau
in Milet, der zum Teil wenigstens in die Zeit des Claudius gehört, weder im jonischen
Kapitell noch im Gebälk das Pfeilblatt auf *). Sobald wir aber bei der flavischen
Zeit anlangen, finden wir an zahlreichen Beispielen durchgehends den Eierstab mit
Pfeilblatt: in Rom am Flavierpalast (Abb. 16) und Pädagogium auf dem Palatin,
dem Vespasianstempel und Titusbogen am Forum, am Nervaforum und selbst an
so schlichten Bauten wie an den zwei Vespasianstempeln in der Provinz in Nona und
') Springer-Michaelis, 459 f. 843; Durm f. 443 zu Rome et d' Auguste ä Ancyre: R^v. arch^ol.
S. 460. XXII (1870 — 71), 347 ff.: datiert ihn etwa
') Butler, Archit. 317, 332 f. i — 10 n. Chr.; ferner ebd. 1872, 29 ff.
3) österr. Jahresh. VII (1904), Beibl., Sp. 49 ff.; 5) Photographien der milesischen Bauten (u. a. für
wird liii 3. Bd. der Forsch, veröffentlicht Abb. 14 B. 2) verdanke ich dem freundlichen Ent-
werden. gegenkommen von Baurat Knackfuß.
4) Perrot-Guillaume, Galatie et Bithynie, Paris ') Milet, Hallenbau: Wiegand, 6. verlauf. Ber.
1872, II Taf. 30 f.; dazu Guillaumc, Temple de in Abh. Berl. Ak. Wiss. 1908, 14 f. 5.
C2 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
in Brescia'). DieForm geht eigentlich nie wieder verloren: die trajanisch-hadrianische
Zeit in Rom *), die so stark klassizistische Neigungen hat, bevorzugt zwar wieder ein
langes Lanzettblatt, das aber ebenso tief umbohrt ist wie das Pfeilblatt. Im Osten
weisen dasflavischeNymphäum inMilet, derTrajanstempel inPergamon, dasHadrians-
tor in Adalia 3) und alle späteren Bauten den Eierstab mit Pfeilblatt auf, ebenso in
Syrien; das geht bis zum Diokletianspalast in Spalato und den Konstantinsbauten
in Rom, ja bis zu den Kompositkapitellen der altbyzantinischen Zeit 4). Die Eierstab-
form vom großen Tempel stellt sich also, selbst in der Entwickelung, die wir an ihr
verfolgen können, noch ganz in den Kreis der augusteisch -julischen Bauten ein und
ist jedenfalls in der Flavierzeit unmöglich.
Gehen wir über zum Konsolenfries ! Für die vertikal gestellten Konsolen haben
wir wohl das früheste Beispiel am Rundbau von Ephesus 5), doch bietet er insofern
eine unvollkommene Parallele, weil die Konsolen dort nicht Friesdekoration sind.
Für die aufrecht gestellten Konsolen als Träger flacher Rundbogen bietet auch Pompeji
in ein paar Stuckdekorationen interessante Beispiele am Lararium des Vettierhauses
und dreimal wiederholt an der gewölbten Exedra der Gräberstraße, als Träger eines
innen umlaufenden Gesimses, im Fries über den oberen Kapitellen und dann
auch den Giebelschrägen entlang geführt *). Viel näher steht unserem Bau ein Ok-
togonalbau in Ephesus (Taf. III, i), der sich dadurch datiert, daß sein korinthisches
Kapitell die unmittelbarste Analogie zum Kapitell des Hekatetempels von Lagina 7)
bildet ^). Über einem dreistreifigen Architrav sitzt ein Eierstab späthellenistischer
Form, darüber ein merkwürdiger Fries geziert mit knienden Greifenvorderkörpern,
•) Flavierpalast: Ztschr. f. Gesch. d. Archit. 5) Forschungen I, 158 f. loi; Schedes Ansatz in die
I (1907/08) 113 ff. (Bühlmann); Pädago- mittlere Kaiserzeit (Traufleistenornament, Straß-
gium: M^l. Boissier 1903, 303 ff. (Hülsen), bürg 1909, 107 ff.) ist unberechtigt, s. u.
mir unzugänglich; Vespasianstempel: ')Vet tierhaus: Mau, Pompeji, Leipzig 1900,
Springer-Michaelis, 488 f. 893; Noack, Taf. 67 a; 254 f. 128; Exedra: ebenda 408, Einzel-
Titusbogen: d'Espouy- Joseph, Fragments aufnahmen habe ich keine ermitteln können,
archit. ant., Taf. 95 (Girault), Rossini, Architrionf., 7) Mendel, Mus. d. Constantinople, Cat. sculpt. I,
Taf. 45; Nervaforum: Noack, Taf. 77; Cple. 1912, 541 f. Nr. 233 '"^ Über die Datierung
B r e s c i a: Labus, Mus. Bresciano I; N o n a: des Tempels ebd. 448 ff.: der Ansatz von Cham-
österr. Jahrh. XIV (1911), Beibl., 90. monard in die Jahre nach dem mithridatischen
*) In der Provinz bleibt es beim alten z. B. im Krieg erhält eine starke Stütze stilistischer Art
Gebälk des trajanischen Tores von Asseria, dadurch, daß das Kapitell des Juppitertempels von
Österr. Jahrh. XI (1908), Beibl., 35 f. 14. Pompeji (Mazois Ruines de P., Paris 1829 III
3)Milet: Die Publikation bevorstehend (Hülsen); Taf. XXXV f. i) die nächste Analogie zu
Pergamon: Altertümer V, 2, Taf. 10; Ada- unseren beiden Kapitellen bietet; außerdem ver-
lia: Laäckoronski, Städte Pamphyl. u. Pisid. I, wandt in Milet: Delphinion, BerUn 1914,
Taf. 7. 146 f. 29: Halbsäulenkapitell, das gewiß nicht
4) Spalato: Niemann, Diokletianspalast, Wien zu der späteren römischen Halle gehören kann.
1910, und Hibrard-Zeiller, pal. de Diociöt., ^) Oktogonalbau : österr. Jahrh. XIV (1911)1
Paris 1912 passim; Rom: Konstantinsbogen : Beibl., 83. Die Photographie dieses unver-
Rossini, Arch. triom., Taf. 76, ebenso in der öffentlichten Stückes ist mir in hebenswürdigster
Konstantinsbasilika; Byzantinisches: z.B. Weise durch W. Wilberg zur Verfügung gestellt
Kompositkapitelle von Ravenna, Parenzo: For- worden, ebebso für Abb. 17.
schungen in Ephesos 1, 139 f., Abb. 70 ff. (Wilberg).
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskimst in ihrer Entwicklung und Differenzierung. c 5
die durch Vermittlung einer kleinen horizontalen Konsole die Hängeplatte unter-
stützen; mit den Protomen wechseln, mehr oder weniger regelmäßig, mit Akanthus
verkleidete, vertikal gestellte Konsolen, die ebenfalls durch Vermittlung einer Quer-
konsole die Hängeplatte unterstützen; in den Zwischenräumen sitzen Palmetten
und vom Fuß der Protomen ausgehende Rankenstengel mit Cauliculi. Für die Ent-
stehungsgeschichte dieser Form bietet uns Delos in Stuckdekorationen hellenistischer
Häuser die wichtigsten Anhaltspunkte. Da ist einmal auf einer Triglyphe ein Stier-
kopf (nicht Schädel, eher Protome) so befestigt, daß er die Triglyphe fast verdeckt;
in einer ganz ähnlichen Weise wie am ephesischen Bau sind ferner kniende Stier-
vorderkörper verwandt und auch kniende Löwen kommen in ähnlichen Verbindungen
vor. In der Marmorarchitcktur des sogenannten Portikus der Antigone wechselt
Triglyphe mit Stierprotome ab; in Delos sind endlich auch Stierköpfe und -vorder-
körper als Girlandenträger verwendet'). Da haben wir alle nur wünschenswerten Vor-
stufen und Vorbilder für unseren Fries, und hierin knüpft also Baalbek an eigenartige
Bildungen der späthellenistischen Zeit an, die, müde des Hergebrachten, sich in einer
bunten Mischung des korinthischen, jonischen und dorischen Stiles, in Ersetzung
und bizarrer Umdeutung der traditionellen Formen *) gefiel, wofür wir ja literarische
und monumentale Belege aller Art besitzen. Mit dem Beginn der Kaiserzeit setzt
sich — wahrscheinlich von Rom aus — ein neuer klassischer Formenkanon fest, und
nichts ist irriger als die Anschauung 3), barocke Freiheiten in der architektonischen
Formensprache könnten sich eher in der Kaiserzeit als im späten Hellenismus finden.
Nur ganz ausnahmsweise, bezeichnend genug in der spättrajanischen und hadria-
nischen Zeit, findet sich ein ähnliches Motiv wie am ephesischen Oktogonalbau wieder
am Trajaneum in Pergamon; das läßt uns vermuten, daß die ephesische Form der
Friesdekoration gerade im vorderen Kleinasien häufiger war, so daß es einem trajani-
schen Architekten klassizistischer Richtung — • die ja nur einen begreifhchen Rück-
schlag auf den flavischen Überschwang bedeutet — alt und kanonisch genug er-
scheinen mochte für seinen eklektischen Geschmack. Tiervorderkörper sind nicht
verwendet, nur senkrecht gestellte Konsolen mit Akanthusstützblättern und Medusen-
häuptern in den »Metopen«; Blattcharakter und andere Einzelheiten, besonders der
Eierstab, tragen aber deutlich den Charakter der trajanisch-hadrianischen Zeit,
Wesentlich anders und nicht hierher zu beziehen ist der Fries des Zeustempels von
Aezani 4) ; denn da handelt es sich nicht um Konsolen, sondern um zusammengeneigte
S-Voluten, die zwischen gereihte Akanthusblätter. gestellt sind, ein Motiv, das am
ehesten von einer griechisch-kleinasiatischen Kapitellform frühestens trajanischer
Zeit übernommen sein könnte (siehe unten S. Spf.).
Auch am Abschlußgesims (Taf. H, l) sind einige Momente von Bedeutung
für die stilgeschichtliche Bestimmung der Zeit des großen Tempels. Ein Flechtband
') Monuments Piot XIV (1908); Bulard, Peintures rel. II, 62, Nr. 56, Taf. XXIII: sehr ungenaue
murales et mosaiques de D^los, f. 52 dazu S. 60 f. Skizze; Institutsphot. Theben Nr. 3: die Triglyphe
') Ein sehr charakteristisches Beispiel des Über- biegt oben um zu einer Wulstrolle,
gangs einer Triglyphe in eine aufrecht stehende 3) Wie sie z. B. Schede a. a. 0. vertritt.
Konsole bietet ein Sarkophagfragment aus Theben, 4) Lebas-Reinach, Voyage arch^ol. Asie Min., T. 32.
sicher nicht römischer Zeit: Robert, Sarkophag-
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX.
e^ E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung,
als Friesabschluß ist geradezu unerhört in der Abschlußgesimsfolge der frühen und
mittleren Kaiserzeit; da haben nur Eierstab oder lesbische Welle ihren Platz; es
findet sich aber als Abschluß von figürlichen und Rankenfriesen nicht selten in Delos '),
und zwar als Vertretung eines Eierstabes oder einer lesbischen Welle, die öfter an
der gleichen Stelle erscheint. Über die Profilfolge weiter unten Näheres. Dagegen
bietet uns das Konsolgesims wieder eine auffallende Form: die Konsole ist in schön
geschwungener Wellenlinie nach hinten eingezogen, ihre Unterseite ist in drei Wülste
und zwei Kanäle aufgeteilt. Um die rechteckige Anschlußfläche läuft ein Eierstab,
der zugleich die Rosetten in den Zwischenfeldern umrahmt. Die einzigen nahe-
stehenden Beispiele bieten der Mars-Ultortempel *) und der Concordiatempel in Rom,
so einfache, kräftige Bildung ohne Beimischung pflanzlicher Dekoration ist der
späteren Zeit durchaus fremd. Die Konsole 3) geht ja wohl aus von der glatt be-
lassenen Mutulusplatte, hat darum zuerst die schlichte Form der Sparrenkonsole,
wie sie vielfach in Alexandria, Ephesus am Theater, in Rom z. B. am Cäsartempel
auf dem Forum, am Denkmal des Eurysakes, am Magna-Matertempel auf dem Palatin,
noch am Augustustempel in Pompeji, am Tempel von Assisi begegnen 4). Daneben
finden sich die S-förmig unterschnittenen Konsolen mit der Ausbauchung vorne,
der Einziehung hinten, ebenfalls schon sehr früh in Delos, in Athen, in Aegae, in
Pergamon, in Rom an der Regia, hier auch zum erstenmal mit unterlegtem Akanthus-
blatt und noch am Cäsaren tempel von Nimes ebenso 5). Die spätere Entwickelung
wird durch mehrere Dinge gekennzeichnet: die Sparrenkonsole verschwindet, die
S-Form der Unterseite wird so gebildet, daß die Einziehung vorn, die Ausbauchung
hinten liegt, die Blattdekoration, die auch schon am Augustusbogen in Rimini, in
Aosta, in Susa, dann an den übrigen nicht genannten Bauten augusteischer Zeit *)
auftritt, wird unverbrüchhche Regel; auch hier stellt sich also Baalbek mit seinem
Analogiebeispiel vom Mars-Ultor- und Concordiatempel und andererseits dem Tempel
in Nimes spätestens in augusteischer Zeit ein, die Form ist noch eher späthellenistisch
als römisch.
Dasselbe gilt vom Mäander unter der Sima: in augusteischer Zeit begegnet
er nur noch einmal am Cäsarentempel von Nimes. Zu gleicher Zeit kommt am Castor-
und am Concordiatempel (wohl zuerst) ein Muster auf, das in der Kaiserzeit je später
desto beliebter wird: die Pfeife. Dagegen ist der Mäander unter der Sima griechisches
und hellenistisches Motiv, ein sehr altes Beispiel bietet der Zeustempel von Olympia,
später das Leonidäon und die Südhalle dort, eine Terrakottensima aus Eleusis,
•) a. a. O., Taf. VI ff. 5) D e 1 o s: a. a. O., 156 f. 55; A t h e n , Turm d.
») d'Espouy, Fragm., Taf. 54. Winde : Stuart-Revett, Ant. of Athens I, 111,9 f. 2.;
3) Delbrueck, Hell. Bauten II, 164 f. Aegae: Bohn-Schuchhardt, Altert. vonÄ., 3 if. 29;
4) Alexandria: Delbrueck a. a. 0.; Ephe- Pergamon, Altert. II, 81 (Bohn); Rom:
sus: Forschungen II, 25 ff. 46, 47; Cäsar- die Arch. Jahrb. IV (1889), 242 f., Abb. 8 ff.
tempel: Archäol. Jahrb. IV (1888), 142 (Hülsen) abgebildeten sind nicht die von mir
(Richter); Eurysakesgrab: Ann. d. Istit. gemeinten; Nimes: Durm, 401 £.4450.
X (1838), tav. M, f. 6 (Canina); Palatin: ') Rimini: Rossini, Archi triom., Taf. 12 f.;
a. a. 0., ebensoP o m p e j i; A s s i s i: d'Espouy, Aosta: ebd., T. 5; Susa: Ferrero, I.'arc
Fragm., Taf. 48 (Bernier). d' Auguste ä Suse, Turin 1901.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 55
die Tholos von Epidauros'). Aus der Kaiserzeit ist mir kein weiteres Beispiel
bekannt.
Der Schraubenstab tritt ebenfalls in einer frühen Form auf, als gewundene
Kannelüre, die Zwischenstege sind nur eingesenkt, nicht gebohrt. Ähnlich wie mit
den Kanälen des Caulis, dem Lanzettblatt des Eierstabs geht es auch mit dem
Schraubenband, die Stege werden später gebohrt; das geschieht noch in vorflavischer
Zeit, wie Beispiele aus der Deckendekoration im Goldenen Haus des Nero, das Grab-
mal der Nävoleja Tyche u. a. in Pompeji beweisen *). In der späteren Kaiserzeit ist
der Schraubenstab in Vertretung des Perlstabes ungemein häufig.
Auch die Sima zeigt nicht gewöhnhche Dekorationselemente. Die Löwen -
köpfe sind ohne Rücksicht auf die ornamentale Einteilung eingesetzt. Es reihen
sich Fiederpalmetten, Akanthusblätter und einwärts gerollte Palmetten; die Pal-
metten haben am Fuße ein Deckblatt wie eine Art Bodenblatt, daraus kommt zuerst
liegend, dann rasch aufsteigend ein kräftiger Rankenstengel hervor mit gewundenen
Kannelüren und Strickknoten, darüber «in zweiteilig-symmetrischer Kelch, der
Doppelhelices entsendet; der eine von diesen Helices verschlingt sich mit einem
von der Gegenrichtung herkommenden über einem niedrigeren Akanthusblatt 3).
In diesen Cauliculi und Akanthusstengeln steckt ein Rest der Akanthusranken-
dekoration, die in plastischer Ausführung am Asklepiostempel von Epidauros und
am Pronoiatempel von Delphi in die Simadekoration eingeführt wird 4); schon in
der späteren hellenistischen Zeit wird aber diese reiche organische Dekoration der
Sima immer mehr aufgegeben, die lockere Reihung im Lotos- und Palmettenschema,
verbunden durch liegende S -Linien von mehr oder weniger Rankencharakter immer
beliebter; dabei treten Formen auf, die für die Simadekoration von Baalbek wichtig
sind: ain Dionysostempel von Teos 5) kommen zu beiden Seiten der Löwenköpfe
unter einem Akanthusblatt Stengel hervor, die sich volutenartig einrollen; an solche
Bildungen schließt Baalbek an, es ist eine Kompromißform, in der der alte Ranken-
charakter mit der Palmettenreihung ringt. Bei dem Caulis mit den Helices fühlt
man sich auch an den Konsolenfries des Oktogonalbaues in Ephesus erinnert, wo
ähnliche Rankenstengel mit Helices am Fuß der Greifenprotomen entspringen und
daneben Palmetten auftreten (Taf. HI, i), oder entfernter an die Trauf sima derCasa dei
Niobidi in Pompeji 6). Dabei ist ferner an das Abschlußprofil unseres Architravs 7)
zu erinnern, wo die Palmetten in Akanthuskelchen strenger Form sitzen, aus
denen zugleich rechts und links Stengel hervorkommen, die sich volutenmäßig ein-
rollen, vergleichbar mit einer Giebelsima vom Artemistempel in Magnesia*). Daß
eine solche Anordnung in der mittleren Kaiserzeit keinen Platz mehr hat, wird sich
•) Schede, Ant. Traufleistenorn.jTaf. III, 15; IV, 22; 3) Diese Akanthusblätter gehen ebenso wie die
V, 31; VI, 34 ff. Hüllblattkelche überein mit der Formenent-
') Goldenes Haus: Arch. Jahrb. XXVIII Wickelung in den Kapitellen.
(1913), T. 7 (Weege); Pompeji: Mau, 415 4) Schede, a. a. O., 36 ff.
f. 246. Zum Schraubenband im allgemeinen: 5) ebd., Taf. X, 61.
Studniczka, Tropaeum Trajani (Abh. sächs. Ges. ') ebd., Taf. XI, 70.
Wiss. XXII, 4), 74 ff. 7) Arch. Jahrb. XXI (1906), Anz., 231 f. i.
8) Schede, Taf. X, 60.
5*
e^ E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
weiter unten zeigen; sie weist nach rückwärts in die hellenistische Zeit so wie der
Protomenfries, das Flechtband darüber, die Konsolenform und der Mäander an der
Stirn der Hängeplatte.
Schließlich ist auch die Tatsache, daß die stehenden Säulen unkanneliert sind,
kein Beweis gegen eine frühe Ansetzung: schon am Apollotempel von Delos hat man
die Säulen unkanneliert gelassen, unkanneliert sind auch die zwei späthellenistischen
"Säulen für choregische Weihgeschenke, die an der Akropolis über dem Thrasyllos-
denkmal stehen. Ebenso finden sich unkannelierte jonische Halbsäulen in Alexandrien
in der Nekropole von Schatbi, dort auch aus Gabbari korinthische Halbsäulen;
unkannelierte Säulen hat ferner der Augustusbogen von Aosta ').
Unabhängig voneinander führen alle Beweisreihen auf den Anfang der Kaiser-
zeit, den Beginn des l. Jahrhs. : was am Großen Tempel zur Vollendung gebracht
wurde und heute noch unserer Beurteilung untersteht, wurde in augusteischer Zeit
begonnen und sicher vor der Flavierzeit ausgeführt, in nicht allzu langer Bauarbeit,
jedoch so, daß wir, wie übrigens an mehreren augusteischen Bauten — in Pompeji,
Nimes und Pola — den damals besonders rasch fortschreitenden Formenwandel
beobachten können. Schließlich hat diese zeitliche Ansetzung nichts Überraschendes:
sie fällt mit der Gründung der Kolonie zusammen. Sollte man nicht von vornherein
annehmen, daß eine römische Kolonie bei einer neuen Stadtgründung auch den Bau
eines würdigen Tempels in erster Linie betreibt und sich nicht anderthalb Jahr-
hunderte mit einem Heiligtume begnügt, das, wenn es auch als Orakelstätte verehrt
war, doch in seiner alten Form unmöglich dem Geschmack und Repräsentations-
bedürfnis der neuen Zeit entsprochen haben kann: eine römische Kolonie muß ihr
Kapitol und ihren Juppitertempel haben. Auf einen Bau im i. Jahrh. führen
auch die Weihungen: vielleicht war in claudischer Zeit der Tempel fertig oder ein
gewisser Abschluß erreicht, und die Größe und der Ruhm des neuen Tempels ließen
es auch Königen begehrenswert erscheinen, ihre Statuen dort aufgestellt zu sehen.
Eine Bautätigkeit, die in julisch-claudischer Zeit in größtem Stile einsetzt,
steht in Syrien nicht vereinzelt: in Palmyra sind durch die amerikanische Expedition
Inschriften aus den Jahren 28/29 und 70/71 an den Säulen des großen Peripteros
gefunden worden, die bezeugen, daß mindestens in Tiberius' Zeit, wahrscheinlich
aber, da es sich bereits um den Portikus des Hofes handelt, schon in augusteischer
Zeit ein mächtiger Bau begonnen wurde, dessen Ausführung sich sehr lange hinzog.
Ahnliches lehren uns Inschriften von Gera§ ebenfalls für einen Zeustempel: bereits
im Jahre 22/23 stiftete Zabdion, Priester des Tiberius, Geld für den Bau, gleiches
geschah in Stiftungen aus den Jahren 42/43 und 51/52, also auch hier eine mindestens
in den zwanziger Jahren einsetzende und lan^e dauernde Bautätigkeit, da es sich
jeweils um Bauten in größtem Stile handelt »).
■) D elo s: Arch. Jahrb. XXIII (1908), Anz., 108; 396 f. 425. Was ursprünglich Bosse, Zeichen
Alexandria: Breccia, Necropoli di Sciatbi, der UnvoUendung, war, lernte man später
Cairo 1912, Taf. III ff.; Gabbari: Delbrueck, stilistisch werten.
Hell. Baut. II, 159 f. 102; Aosta: Baumeister, ») Palmyra: Butler, Arch. 51; G e r a §: R^v.
Denkm. III. Taf. LXXXIII (Graf), Durm, biblique 1909, 441 ff. Der Fundort einer dieser
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 57
DER KLEINE TEMPEL UND DIE ARCHITEKTUR ANTONINISCHER ZEIT.
Unser Schluß, im wesentlichen unabhängig von der Betrachtung der übrigen
Bauten in Baalbek gewonnen, wird aus ihrer Untersuchung noch an Beweiskraft
gewinnen. Wendet man sich dem Bakchustempel zu, so zeigt ein überprüfender
Blick im allgemeinen dieselbe Anordnung (Taf. I, 2) wie am Juppitertempel; das
ist zunächst überraschend und scheint die beste Widerlegung der oben gezogenen
Schlüsse zu sein; denn daß auch der kleine Tempel und die Hofhallen, deren Formen-
verwandtschaft unter sich schon lange bemerkt ist, so früh anzusetzen seien, scheint
ausgeschlossen und — ist es auch. Bei näherem Zusehen löst sich aber der Wider-
spruch, wie sich bald herausstellen wird.
Der Bakchustempel steht wie der große auf einem hohen Podium, die Säulen
mit attischen Basen haben meist unkannelierte Schäfte aus mächtigen Trommeln,
über einem kräftigen Ablauf ring sitzt das korinthische Kapitell; das Gebälk besteht
aus dreiteiligem Architrav, Fries mit Protomen als Girlandenträgern, darüber 1 e s -
bische Welle, Zahnschnitt, Eierstab, Konsolengesims, Hängeplatte mit
Mäander, Schraubenband, Palmettensima (Taf. I, 2); in dieser Anordnung liegen also
nur geringe Abweichungen; um so stärker sind sie in den Einzelheiten und, wenn wir
nicht beim Äußern stehen bleiben, sondern auch die Gebälkentwickelung im Umgang
in der Vorhalle und in der Cella betrachten. Die äußere Tempelwand hat nur Eck-
pilaster, darüber aber bis zur flachgehöhlten Decke des Umgangs eine dem Äußeren
parallel gehende Gebälkentwickelung; über dreiteiligem Architrav liegt ein Ranken -
fries, darüber lesbische Welle, Zahnschnitt, Eierstab, Akanthuskonsolen, mit
Pfeifen geschmückte Stirnplatte, dann als Übergang zur Decke eine lesbische Welle;
in der Vorhalle dagegen, in der dieses Gebälk umbrechend weitergeht, folgt über
den Pfeifen Perlstab und Palmettensima. Im Innern der Cella, die mit einer vor-
geblendeten Architektur ausgestattet ist, sitzt über den kannelierten Dreiviertelsäulen
mit korinthischen Kapitellen ein dreiteiliger Architrav, ein Pfeifenfries, ein Abschluß -
gesims aus lesbischer Welle, Zahnschnitt, Eierstab, Balkenkopf konsolen. Hänge -
platte mit Pfeifen, Perlstab und Palmettensima.
Wenn ich zu den Einzelheiten übergehe, so bemerke ich gleich, daß ich nur
da länger verweile, wo sich brauchbare Anhaltspunkte für die Datierung ergeben;
da die verschiedenen Formglieder sich zu manchen Zeiten rasch entwickeln, dann
wieder Stabilitätsperioden von verschiedener Dauer haben, sind nicht alle gleich
brauchbar für unseren Zweck. Wir müssen aber und werden einmal, wenn erst
Inschriften befindet sich nahe dem Südtempel vom J. 142 p.; es ist natürlich anzunehmen, daß
(Bet el Tel), der jedoch durch eine andere In- die Propyläen vom J. 150, welche das monu-
schrift auf 162 p. datiert ist; im Bezirk des mentale Eingangstor von der Hauptstraße dar-
großen Peripteros (Nordtempels) hat sich ein stellen, den relativ spätesten Teil im ganzen Bau
Weihaltar an Artemis vom J. 98 p. gefunden darstellen, was stilistisch durchaus bestätigt wird,
(daher auch manchmal Artemistempel genannt), Zusammenstellung der bislang bekannten In-
femer eine Weihung an Zeus Helios, Serapis, Isis. . Schriften Syriens von 37a. — 735 p.: Brünnow-
Domaszewski, Prov. Arabia III, 308 ff.
c8 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
der Kaiserzeit systematisch die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt wird, dahin
gelangen, alle wichtigen Beispiele für jede Form zu finden und überall die lückenlose
Reihe zu bilden, die zweierlei leisten muß: die Datierungsfrage in engen Grenzen
sicherzustellen und zugleich das Gebiet bestimmt aufzuzeigen, in dem die Form
beheimatet ist; dann erst ist es Zeit, über römische Reichskunst, Orient oder Rom,
Beziehungen und Beeinflussungen, die tieferen Fragen der Kunstgeschichte mit
einiger Sicherheit zu urteilen.
Die Kapitellformen.
Ich halte mich zuerst wieder an das Kapitell, das uns in reicher Mannigfaltigkeit
der Formen allein am kleinen Tempel begegnet. Nehme ich eines der korinthi-
schen Kapitelle der Vorhalle (vgl. Frauberger, Taf. 13 mit Abb. 19 B. 3), so finde ich
an ihm alle Charakteristika des Kapitells vom Peripteros von Geraä: im Blatt- und
Zackencharakter — die vielfach abgebrochenen Spitzen lassen erkennen, wie stark
die Blätter hinterarbeitet sind — im gesamten Aufbau ; dadurch geben sich die Kapitelle
bestimmt als nicht zur weströmischen Gruppe gehörig zu erkennen. Zwischen den
ganz nahe zusammenrückenden Hochblättern kommt ein im Verhältnis zum Juppiter-
tempel überraschend dünner und kurzer Caulis hervor, der sich schwach nach oben
verdickt und in einen Wirtelknoten ausläuft, meist ist er so als Bosse stehen geblieben,
aber mehrfach auch in drei überhängende Blättchen aufgelöst; der hochgeschlossene
zweiteilige Hüllblattkelch, die dünnen Doppelhelices, die so frei durchbrochen ge-
arbeitet sind, der Abakus mit seiner Blüte und seinem Profilschmuck, Pfeifen und
Eierstab: alles bildet eine vollkommene Parallele zum Kapitellschmuck von Gera§.
Kehren wir wieder zum Caulis zurück und verfolgen seine Entwickelung etwas
für den östlichen Typus, da der westliche, abgesehen von dem gemeinsamen augustei-
schen Ausgangspunkt, eine grundverschiedene Entwickelung nimmt. Für das erste
Jahrhundert sind die Zeugen sehr dünn gesät oder schwer zu datieren. Es gehört
dahin ein Kapitell im Museum von Alexandria (Abb. 12 B. 2), dessen Caulis die
breite Schaftform der augusteischen Zeit aufweist. In die nächste Nähe der jüngeren
Kapitelle vom Juppitertempel gehört das schon genannte Kapitell mit Götter-
büsten aus Vienne') (Abb. 11 B. 2), dessen Caulis mit der Bildung am Tiberiusbogen
von Orange oder vielmehr den spätesten Beispielen vom Cäsarentempel in Nimes
zusammengeht. Dann würde ich das Kapitell vom Obergeschoß des Markttores
in Milet (Abb. 14 B. 2) und mehrere Kapitelle in Ephesus (Abb. 13 B. 2) anreihen,
in der Osthalle des Marktes stehend, die vielleicht mit einem neronischen Bau in
Zusammenhang zu bringen sind: der Caulis ist breit und stark, aber unverziert und
selbst ohne Knotenbildung, die Hochblätter lassen ihm noch Platz zur Entwickelung.
Daran ^eihe ich ein Kapitell vom großen Peripteros (Nordtempel) in Geraä, das mir
') Auch Esp^randieu datiert es ins i. Jahrh. a. a. 0., daß die Blüte von Vienne in der Zeit vor der
281; dafür bringt Babelon (Gaz. arch^ol. VI Zerstörung der Stadt durch die Vitellianer liegt;
(1880), 217 f.) den bemerkenswerten Grund bei, erst unter den Severern erhebt sie sich dann
neuerdings.
6o £•■ Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
Abb. 17. Ephesus, Bibliothek.
Abb. 23 b. Aphrodisias.
JAHRBUCH DES INSTITUTS 19 14.
Beilage 4 zu Seite 61 ff.
wä-y;.
24. Baalbek, Moschee.
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26. Sbeitia, Propylon.
27. Baalbek, Kl. Tempel.
29. Rom, S. Maria in Trastevere.
28. Rom, Palatln, Stadium.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 6l
Diokletianspalast von Spalato, dessen Kapitelle ihrem Blättcharakter nach östlich
sind, so begegnet meist der Hüllblattkelch auf einer kleinen Schuppe oder einfach
über das Kranzblatt gesetzt'); es kommt aber auch wenigstens einmal im Peristyl
ein hoher freigesetzter Caulis mit einer Art gerader Kannelüre, aber ohne Knoten
vor, und in dieser Ausnahme müssen wir westliche Beeinflussung erkennen wie in
einigen anderen. Soweit die frühbyzantinischc Kunst rein korinthische Kapitelle noch
verwendet — mir sind nur die Pilasterkapitelle des Goldenen Tores und das Kapitell
der Marciansäule bekannt^) — , bleibt der Caulis unverwendet. In der scheinbar
nebensächlichsten Form gehen also im Laufe mehrerer Jahrhunderte so charakte-
ristische Veränderungen vor sich, daß ihre Beobachtung es ermöglicht, die äußere
Stilgeschichte auf feste Formeln zu bringen.
Die Kapitelle des Bakchustempcls müssen also in eine Zeit gesetzt werden,
die vor den vier letzten Jahrzehnten des 2. Jahrhs. liegt, passen aber voll-
kommen in die hadrianisch-antoninische Zeit.
In der beschriebenen Form stellen sich die meisten Kapitelle des^Peristyls
und der Vorhalle dar und charakterisieren sich dadurch als zu dem großen östlichen
Formenkreis gehörig, den wir oben näher abgegrenzt haben. Aber gerade Baalbek
bietet am Bakchustempel so gut wie in den Hofhallen, am Rundtempel und besonders
an den in der Großen Moschee verbauten Stücken Kapitelle mit sehr merkwürdigen
Abweichungen. Nehmen wir die vierte Säule auf der Westseite des Tempels von der
Rückfront her gezählt (Abb. 27 B. 4), so fällt zuerst die ungewohnte Form des Hüll-
blattkelches auf: an Stelle des gewohnten zweiteiligen hochgeschlossenen Kelches
sehen wir einen dreiteiligen; zwischen Eck- und Innenhüllblättern sitzt, von beiden
gerahmt, ein schmales, hohes Blatt ; das ist eine Form der Kelchbildung von eigenem
Reiz, die man am ersten für eine Künstlcrlaune innerhalb des allgemeinen Schemas
nehmen möchte; dagegen sprechen aber verschiedene Tatsachen in einem ganz be-
stimmten Sinne: der dreiteilige Hüllblattkelch mit zentralem Blattfächer ist nämlich
im Westen von spätantoninischer Zeit ab ebenso Regel wie sonst im Osten der zwei-
teilige, und zwar läßt sich von augusteischer Zeit an (Augustustempel von Pola,
Castortempel usw.) die Entwickelung vom zwei- zum dreiteiligen Kelch Schritt
um Schritt verfolgen, so daß sich an der genauen Beobachtung dieser fortschreitenden
Umbildung ein nahezu unfehlbares Merkmal für die zeitliche Ansetzung ergibt. Der
Antoninustempel auf dem Forum, der von der Formcngebung des Pantheons stark
beeinflußt ist, weist die Zentralstellung eines Hüllblattlappens noch nicht auf, dagegen
findet sie sich am Eingangstor zum Kapitol von Sbeitla (Abb. 26 B.4), das eine Ehren -
Inschrift des Antoninus Pius vom J. 139 trägt, und die severische Zeit bietet uns
davon viele typische Beispiele: in Rom der erneuerte Oktaviaportikus, die sogenannte
') Niemann: 22 f. 20, an der Porta Aurea; 45 f. 54, >) P o r t a Aurea: Arch. Jahrb. VIII (1893),
von der Vorhalle; 52 f. 64, 65, vom Peristyl; 9 f. 6 (Strzygowski); Athen. Mitt. XXXIX (1914),
Hdbrard-Zeiller, Spalato Paris 1912, 57, von der Taf. I, i (Weigand); Marciansäule:
Porta Aurea; 65, vom Peristyl; das Kapitell mit Salzenberg, Altchrist. Baudenkm. v. Konstpl.,
Caulis 62. Berlin 1854, Taf. I, 5; Gurlitt, Baukunst Kpls.,
Berlin 1912, Taf. XVI, 5d. .
62 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reicbskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
Bibliothek auf demPalatin, Kapitelle von derExedra des Stadiums (Abb. 28 B.4) und
aus der Gegend des Septizoniums, Pilastcrkapitelle aus den Caracallathermen, der
Caracallabogen und der Tempel in Tcbessa; aus der Spätzeit des 3. und Anfang
des 4. Jahrhs. der Diokletiansbogen in Sbei'tla, in Rom die Pilasterkapitelle
des Konstantinsbogens und ein Pilasterkapitell aus der Konstantinsbasilika ').
Der weströmische Einfluß geht aber tiefer, nicht nur dieses Detail, der ganze
Blattcharakter des Kapitells ist von dem oben beschriebenen abweichend: vor allem
sind die Blattlappen tief gehöhlt, die Rille setzt erst, wie am weströmischen Akanthus-
Abb. 30. Baalbek, Propyläen.
Abb. 31. Baalbek, Rundtempel.
blatt, an der innersten Zusammenziehung des Blattlappens an, die Zacken sind nicht
mit ausgetiefter Mitte und stark erhöhten Rändern gebildet, sondern eben nur als
Bezackung des Lappens, der, wie im Westen, als übergeordnetes Prinzip, nicht als
die Summe der Zacken erscheint. Der Caulis bleibt aber ganz innerhalb des östlich-
römischen Typus. So ist die Mehrzahl der auf der Westseite befindlichen Kapitelle
des kleinen Tempels gebildet. Andererseits weist ein Kapitell, das von der Vorhalle
herabgestürzt ist, alle Merkmale des östlichen Typus auf, in erster Linie den Blatt-
charakter, hat aber den zentralen Fächer im Hüllblattkelch noch dazu mit einer
energisch wirkenden vertikalen Rille; gleiches finde ich an einem Pilasterkapitell
des östlichen Propyläenturmes (Abb. 30) und an einem Säulenkapitell (links vom
') S b e i 1 1 a: Cagnat-Gauckler, Mon. bist. Tunisie,
Temples paiens, Paris 1898. S. 14, Datierung,
keine Einzelheiten; Oktaviaportikus:
d'Espouy, Fragm., Taf. 64/65 (Paulin); Sta-
dium: Monum. Lincei V (1895), 55 f- 22;
Tebessa: Caracallabogen: Gsell, Mon. ant.
Alg^rie I, Taf. 43, keine Einzelheiten; Tempel:
ebd., Taf. 19, nur Gesamtansicht; Konstan-
tinsbasilika: Athen. Mitt. XXXIX (1914),
Taf. II, 2 (Weigand).
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Diflferenzierung. ö'?
Eingang) des Rundtempels (Abb. 31). Zwei andere Mischformen finden sich unter
den Kapitellen in der großen Moschee vertreten. Ein nur in seinem Oberteil erhaltenes
(Abb. 25B. 4) zeigt zum Teil die gehöhlten Lappen und Rillen als ihre Fortführung, halb
die Diagonalrille bis in den mittleren Zacken hinausgebohrt, der dünne Caulis hat
einen Knoten aus drei hängenden Blättchen, der Hüllblattkelch hat den Zentralfächer,
aber mit der senkrechten Rille. Ein anderes (Abb. 24 B. 4) weist die gehöhlten
Lappen in Kranz- und Hochblättern auf, aber dünnen Caulis und zweiteiligen
Hüllblattkelch in östlicher Art. Es ist anzunehmen, daß diese Kapitelle von den
Säulenstellungen vor den Exedren der Hof hallen stammen; sie sind nicht west-
römisch, sie würden in Rom ebenso fremd scheinen wie in Palmyra etwa oder
sonst in Syrien und Kleinasien, niemals bringt es ein solches Kapitell zu der viel
strengeren Haltung der Dekoration im weströmischen Kapitell: dazu gehören die
vertikalen Parallclrillen der Kranz- und Hochblätter, der starke Caulis, die straffen
Helices; sie bleiben weicher und üppiger; sie stellen eben eine Durchdringung des
östlichen und westlichen Typus dar. Es ist beachtenswert, daß mir nur an drei weiteren
Punkten korinthische Kapitelle mit östlichem Akanthustypus, aber mit Zentralfächer
im Hüllblattkelch begegnet sind: in Rom selbst, das ja zu allen Zeiten eine große
Duldsamkeit gegenüber östlichem Einfuhrgutc bewiesen hat, wenn es auch seinen
eigenen Charakter dabei fest wahrt: in die Galleria lapidaria des Vatikan sind zwei
Stücke gekommen, eines befindet sich im Langhaus von S. Maria in Trastevere (Abb. 29
B. 4) auf der linken Seite; möglicherweise könnte dieses wie andere Stücke, besonders
die jonischen Kapitelle mit den hübschen Köpfchen an Stelle der Abakusblüte, aus
den Caracallathermen dahin verbracht worden sein, es scheint tatsächlich später
als die Baalbeker Stücke '). Die anderen Beispiele fand ich in Madaba im Ostjordan-
lande, neben dem regulären zweiteiligen Hüllblattkelche tritt der dreiteilige auf an
Kapitellen, die der 2. Hälfte des 2. Jahrhs. angehören mögen; auch das Pilastcr-
kapitell vom Südtempel in Gera§ (Abb. 20) weist etwas unscheinbar und zaghaft diese
Bildung auf: hier könnte Baalbek selbst oder, was dasselbe ist, einer der Meister,
die dort, vielleicht auch in Rom selbst, lernten, diese Bildung veranlaßt haben.
Exkurs: Die Nische mit Muschelkuppel.
Einen Einfluß Roms in künstlerischen Dingen werden manche für den Osten
nicht ohne weiteres zugeben. Es wäre das ja freilich nur eine parallele Erscheinung
zu den lateinischen Inschriften, die neben griechischen auftreten; und die vereinzelte
Einwirkung auf Baalbek wäre etwa so zu beurteilen wie das ganz vereinzelte Auf-
treten von opus reticulatum an einem Grabbau bei Homs *). Jedoch gibt es ein
weiteres Motiv, das noch viel bestimmter und unabweisbarer eine Durchdringung
west- und oströmischen Einflusses in Baalbek kennzeichnet, das ist die Art der Muschel-
dekoration als Nischenabschluß. Sybel hat an Säulensarkophagen beobachtet, daß
stadtrömische Stücke Nischen mit Muschelschloß oben haben, ravennatische mit
') Iwanoff, Archjt. Studien III, Berlin 1898: Caracallathermen, 77; abgeb. beiDurm, f. 414, 415 zu S. 382.
') Butler, Archit. 49.
^4 ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
Muschelschloß unten; er glaubte, die ersteren seien darum älter, die letzteren jünger') ;
wie es sich damit in Wirklichkeit verhält, wird ein kleiner Ausblick zeigen, der uns
darüber aufklären kann, wie durch den scheinbar willkürlichen Wechsel, der in Baalbek
die Regel ist, die künstlerische Stellung Baalbeks beleuchtet wird und die scheinbar
nebensächliche Form uns zeigt, wie klar sich Ost- und Westrom in ihrer Formen-
tradition scheiden.
In Syrien -Palästina ist die Nische mit Muschelabschluß in kaiserzeitlichen
Bauten ungemein häufig: in allen Fällen außer in Baalbek sitzt das Muschelschloß
unten: an den Propyläen, am Sonnentcmpel und am Nymphäum von Gcra§, am
Theater und Propylon von Amman und Bosra, am Tychäon von Sunamen, am Cara-
callatempel von Atil, am Torbau von Siah, in Musmieh, an der christüchen Basilika
von Schakkah, in Palmyra, in Semoah, in Sufsaf, in Banias, in Kerazeh und Khirbet
Irbid, in Kefr el Ma und ed Dikkih, ebenso an einem jüdischen Sarkophag, wahr-
scheinlich aus den Gräbern der Könige; dementsprechend auch in der islamischen
Baukunst, z. B. in Amida. Nur eine Nische in Petra, über deren zeitliche Ansetzung
ein Urteil nicht möglich ist, weist das Muschelschloß oben auf ^). In Ägypten liegen
die Verhältnisse ebenso; je eine Nische in der Katakombe von Kom esch schukafa
und in der Wescherkatakombe [auch eine Nekropole von Kyrene wird man hierher
rechnen dürfen], zahlreiche Nischen im Roten und Weißen Kloster bei Sohag [daneben
kommt aber auch die Kassettierung vor wie in hellenistischer Zeit und die Aus-
kleidung mit pflanzlichem Dekor], endlich an den vielen koptischen Stelen, die
eine Ädikula mit Nischenkuppel darstellen wollen, sodann auch in der islamischen
Kunst an der Tulunidenmoschee in Kairo zeigen das. Überall sitzt das Muschel-
schloß unten 3). In Klcinasien bieten mir vereinzelte architektonische Beispiele das
Theater von Sagalassos und das von Ephesus, ferner die Kirchenfassade von
Kodscha Kalessi ; viel zahlreicher sind sie an Sarkophagen und Stelen: die
bäurisch groben Stücke aus dem Bergland von Isaurien und Pisidien, dann die
ganze Gruppe der Sidamarasarkophage, soweit sie wirklich als Tabernakelsarkophage
eng dazugehören; endlich die Gruppe um den Sarkophag von Melfi (s. u.), weiter
') Sybel, Christi. Antike II, 199. Taf. XII, 1, 2; Petra: Dalman, P., Leipzig
') Geraä, Propyläen: Rey, Voyage dans 1908, 216 f. 140. Wo keine Literaturnachweise
le Hauran, Paris 1860, Taf. 23; Amman: gegeben sind, entnehme ich die Tatsache aus
Arch. Jahrb. XXI (1906), Taf. IV (Schulz). eigenen Aufnahmen.
Bosra: Brünnow-Domaszewski, III, 67 f. 958; 3) Kom esch-schukafa: Wulff, Altchrist.
691.963; Siah: Butler, 364 f. 127; Schak- u. byz. Kunst, Berlin 1914, Taf. II, wiederholt aus
k a h: ebd.,367; Musmieh: Durm,4i8 f.465; Schreiber, Exped. Ernst Sieglin I, Taf. XVIII,
Palmyra: Wood, Ruins of P., London 1753, ferner ebd., Taf. XX; Wescherkat akomb e:
Taf. VI, IX; Sufsaf: Survey West. Palest., ebd.,Textbd. L33f- 19; Ky r ene: Wulff, 24 f. 18;
Memoirs I, Taf. zu 257; Banias: ebd., zu 109; Sohag: eigene Aufnahmen; Kopt. Stelen:
Kerazeh: ebd., zu 401 ; Khirbet Irbid: Crum, Coptic Monuments (Catal. gener. d. Caire),
ebd., zu 398; Kefr el M a: Schuhmacher, Kairo 1902, Taf. XXXII, 585 ff.; Wulff, Alt-
Across the Jordan, London 1886, 80 f. 32; christl.Bildwcrke (Kgl. Mus. Berlin), 37,Nr. 8off.;
e d Dikkih: ebd., 247 f. Abb. I45f.; Semoah: 34, Nr. 74; 76, Nr. 234 ff.; 79, Nr. 242 usf.; Tulu -
Luynes, Voyage d'exploration autour de mer nidenmoschee: Joum. hell. stud. XXVII
morte, Taf. 42; Ami da: Strzygowski-Berchem, (1907), 114 f. 11 (Strzygowski).
■E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Keichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. ^5
"Stelen aus Tschanakkalessi und Eskischehr; alle diese') haben in der Nischenkuppel
das Muschelschloß unten.
Gehen wir nach Italien über, so bietet uns wohl Pompeji die ältesten Beispiele
in Dekorationen des dritten Stiles, also mindestens seit augusteischer Zeit, in der
Mosaikfontäne im Neapeler Museum, bei gemalt angedeuteten Wandnischen in der
Casa del Torello, del Centauro, di Sirico, di Cecilio Secondo, in einer Nische der Forums-
thermen und Regio I. Ins. III Nr. 25: das Muschelschloß sitzt hier überall*) oben.
In Rom haben wir Beispiele in der Stuckdekoration eines Grabes an der Via Latina,
den zahlreichen Nischen des Janus quadratus, im Tempel des Romulus, des Sohnes
des Maxentius, an Grabaltären und anderen tektonischen Werken, endlich an Sarko-
phagen wie dem bekannten Junius-Bassussarkophag in den vatikanischen Grotten;
ich erwähne auch gleich einen anderen christlichen Sarkophag in der Krypta von
S. Ciriaco, Ancona (Ravenna wird für sich behandelt werden); alle dieses) weisen
die Nischenkuppel mit Muschclschloß oben auf.
Von den westlichen Provinzen bietet mir Germanien die zahlreichsten Beispiele
an Grabsteinen, in den Museen von Mainz, Trier, Koblenz, Bonn, Köln, Metz usw.
Nicht wenige, z. B. der Grabstein des Musius in Mainz oder der des Firmus in Kreuz-
nach, gehören noch der ersten Hälfte des l. Jahrhunderts an, und Altmann 4) schließt
mit Recht, daß der Typus in Italien, woher er stammt, noch älter sein müsse: überall 5)
das Muschelschloß oben, ebenso in Britannien an einem Votivaltar, in Südfrankreich
an Grabstelen und Sarkophagen, in Spanien an einem Sarkophag, in Nordafrika
am Bogen von Dschemila, am Prätorium von Lambäsis und einer Grabstele; ferner
') S a g al as s s: Lanckoronski II, 157 f. 133'; 3) V i a Latina: Springer-Michaelis 91911,
Ephesus: Forschungen II, 46' (keine Abb.); 511 f. 931; lanusbogen: Rossini, Archi,
Kodscha Kalessi: Headlam, Eccles. sites Taf. 60; R m u 1 u s t e m p e l:Durm, 576f. 650;
in Isauria JHS. Suppl. II (1892), Taf. II. Grabaltäre u. a. : Altmann, Rom. Gr. d.
Isaurien und Pisidien: Termessos: Kaiserzeit, Berlin 1905, 140 f. 114; Amelung,
Lanckoronski II, 74 f. 24; Ramsay, Studies in Skulpturen d. vatik. Mus. I, Taf. 25, Nr. 91 — 91a;
bist, and art of east. provinces. Aberdeen 1906, ebd., Taf. 29, Nr. 170 — 170 a; ebd., II, Taf. 58,
ff. I — 3, 6, 8, 21, 22, 31 (A. M. Ramsay); S i d a - Nr. 403; Bassussarkophag: Sybel,
marasarkophage: Strzygowski, Orient od. Christi. Antike II. Marburg 1909, f. 18; An-
Rom, Leipzig 1901, 46 f. 13 ff.; Zusammen- cona: Garucci, Storia di arte crist., Taf. 326.
Stellung bei Mendel, Cat. d. Brousse BCH. 33 Damit das für Rom charakteristische Moment
(1909), 333 f., kurze Nachträge: Mendel, Cat. d. des gelegentlichen Auftretens östlicher Formen
sculpt. I (Mus. d.Cple.), Cple. 191 2, 312 ff.; Melfi: nicht fehlt, hat der Grabaltar des Wunderknaben
Arch. Jahrb. XXVIII (1913), 277 ff. (Delbrueck); Q. Sulpicius Maximus die Nische mit Muschel-
Tschanakkalessi: Athen. Institutsph. schloß unten: Altmann, 219 f. 179.
Kleinasien Nr. 206, 207, 208; Eskischehr: 4) Grabaltäre, 208 f.
Radet, en Phrygie, Paris 1895, Abb. VI. 5) S. d. Material bei Klinkenberg, Die röm. Grab-
*) Pompeji: Mosaikfontäne: Ippel, d. dritte denkmäier K ö 1 n s , Bonner Jahrb. 108/9 (1902),
pompejan. Stil, Berlin 1910 (Diss.), 21 f. 9; Taf. I, i, 3, 7, 8; bei Weynand, Form u. Dekora-
C. il Torello: ebd., 24 f. 1 1 ; C. d. C e n - tion der röm. Grabsteine der Rheinlande im
tauro: Röm. Instph. 6061; C. d. Sirico: i. Jahrb., ebd., Taf. V, 5, VI, 5,6; ferner bei Bau-
Instph. 51 61; C. d. Cecilio Secondo: meister, Denkmäler III, 2052 f. 2265; 2054 f. 2267;
Presuhn, P.,Leipzigi882,Abt. I.Taf.V; Ther- 2056 f. 2269; für T ri e r: Hettner, Steindenk-
m e n: Mazois, Ruines d. P. IIP p., pl. XLVIII; mäler, 58 Nr. 92; 73 Nr. 137; 133 Nr. 308; Der-
Reg. L Ins. III, Nr. 25: Instph. 5211. selbe, Führer, 6 ff. Nr. 6; 10 ff. Nr. 11 ; 17 f. Nr. 14.
56 ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
an je einer Grabstele auch aus Aquileja und Agram: überall ') die Nische mit Muschel-
schloß oben: darin offenbart sich eine klare Scheidung zwischen Ost und West.
Interessant sind nun vor allem die Grenzgebiete und die späteren Jahrhunderte
bis zur justinianischen Zeit. Der Diokletianspalast bietet uns leider kein erhaltenes
Beispiel; wir würden wohl wie in Baalbek einen Wechsel zu erwarten haben. Saloniki
hat am Galeriusbogen Nischen mit Muschelschloß oben, während die Akanthusblätter
im Abschlußgesims von östlichem Typus sind. An den beiden dorther stammenden
Ambonen frühbyzantinischer Zeit sitzt das Muschelschloß unten, ebenso in einem
Mosaik der Demetriuskirche mit dem hl. Demetrius als Orans, in den Mosaiken der
Georgskirche dagegen oben*). Ganz ahn lieh verhält es sich mitRavenna: an den Sarko-
phagen, an kleinen Ädikulen, an den Nischen der Maximianskathedra sitzt das Muschel-
schloß unten, in den Mosaiken fast durchgeh ends oben: in Galla Placidia mit Adler-
kopf als oberem Abschluß, im Neonsbaptisterium in der Zone mit den Altären, in
S. Apollinare Nuovo zwischen den kleinen biblischen Szenen ganz oben und selbst
in S. Vitale in dem Zeremoniarbild über Theodora; dagegen strahlen die Kannelüren
der Flachnische im Chor von S. Vitale über der Empore von unten aus und, was sehr
bezeichnend ist, über den Stuckreliefs vom Neonsbaptisterium und in den Chor-
mosaiken von S. Apollinare in Classe wechselt wieder, wie in Baalbek, Muschel-
schloß oben und unten 3). Unverkennbar scheint mir daraus hervorzugehen, daß in der
Mosaikmalerei eine starke westliche Tradition 4) fortwirkt (von Pompeji aus."*);
so versteckte Anzeichen sprechen deutlicher als manche falsch angepackte stilistische
Untersuchung. Das Muschelschloß unten weisen die wohl von Konstantinopel aus-
') Bri t anni e n: z. B. Altarv. Bureni, jetztMus. bom '1913, 487 £. 185; Demetrius-
V. Edinburg: Rivoira, Origini dell'archit. lomb., kirche: Isvestija russ. Inst. Konstantinopel,
Müano ' 1908, 485 f. 433;Arles; Grabaltäre: XIV (1909/10), Taf. I, VI; Georgskirche:
Altmann, 207 f. 164, 208 f. 166, vgl. dazu Holtzinger, 151 f. 105.
Altar der Göttin Nehalennia aus Lugdunum 3) Sarkophage: die ganze Reihe mit einem
Batavorum (Leiden), Catal. mostra archeol. verwandten Stücke in Padua am bequemsten bei
Roma 1911 Abb. 163; Sarkophag: Sybel II, Venturi, Storia dell' arte ital. I, Mailand 1901,
f. 26, vgl. damit Sarkophag in L e i d e n: Wulff, 210 f. 197 ff.;Maximianskathedra: Ven-
Altchristl. u. byz. Kunst, 113 f. 94, und Sar- turi, 301 f. 2830.; Aedikulen: Holtzinger,
kophag in der Ny-Carlsberg-Glyptothek: Bil- 130 f. 99!.; Galla Placidia: Götz, Ra-
ledtavler, Kopenhagen 1907, Nr. 829 Taf. LXXII; venna, Leipzig 1901, 23 f. 16; N e o n s b a.p t i -
Spanien, aus Empuries: Puig y Cadafalch, sterium: Holtzinger, 115 f. 92; Venturi,
Arquitectura romanica a Catalunya, Barcelona 126 f. 114, für die Stucknischen ebd., 128 f. 116;
1909,272 f. 323; D j e m i 1 a: Gsell, Monum. I, S. Apollinare Nuovo: am besten bei
Taf. 36; Lambäsis: I, Taf. 8 (kaum zu er- Ricci, Ravenna, Bergamo '1906, Taf. 55, 56,
kennen); Stele in Timgad: Ballu-Cagnat, vgl. Venturi, 134 f. 1233.; S. Vitale: über
Mus. d. T., Paris 1903, Taf. V, 2; Aquileja; Theodoramosaik : Ricci, f. 100, Venturi, 130 f. 119;
nach Ny-Carlsberg gelangt: Altmann, 206 f. 163; in der Empore: Götz, 60 f. 49, vgl. mit Codex
Agram: Brunsmid, Kam. sporn. Vjesnik Rossanensis Venturi, 152 f. 142; S. Apollinare
N. S. X (1908/09), 163, Nr. 358. in Classe: Götz, 70 f. 62 über den Einzel-
^) Galeriusbogen: Kinch, L'arc de triomphe personen oben; über den Szenen, 71 f. 63 f.
de S., Paris 1890; Ambone: Holtzinger, Die unten.
altchristl. Archit. in systemat. Darstellung, Stutt- 4) Vgl. auch das Apsismosaik der Vorhalle des La-
gart 1889, 172 f. 115; mitdenMagierdarstellungen: teransbaptisteriums, sog. Kapelle der hh. Rufina
Kaufmann, Handb. d. christl. Archäol., Pader- u. Seconda: Venturi, 119 f. 106.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung, 67
gehenden profanen und sakralen Diptychen auf, in S. Marco die reliefierten Ziboriums-
säulen, Reliefs vom Sturzbalken des Nordportals, eine Nische in der Vorhalle, ferner
eine kleine Ädikula in Kreta, dagegen oben ein skulpiertes Marmorreliquiar in Parenzo,
eine in Marmor eingelegte Ädikula in der Agia Sophia und ein Elfenbeinrelief mit
Christus in Rom ').
Was ergibt sich daraus für Baalbek und weiter? Die geschlossene Reihe der
östlichen Beispiele hat die Nische mit Muschelschloß unten, die geschlossene Reihe
der westlichen Beispiele hat das Muschelschloß oben, und zwar schon vom Beginn
der Kaiserzeit an; es ist ohne weiteres verständlich, daß die Form im Osten in die
christliche Kunst, die koptische, syrische usw. und die islamische übergeht, während
im Gebiete der byzantinischen Kunst, namentlich, wo sie nach dem Westen über-
greift, die Verhältnisse in charakteristischer Weise gestört sind: in Ravenna können
wir daraus den sicheren Schluß ziehen, daß für die Plastik vorwiegend östHche, für
die Mosaikmalerei zum wenigsten auch westliche Einflüsse in Frage kommen;
ähnliches gilt für Saloniki, und die zwei Beispiele aus Parenzo und der Hagia Sophia
beweisen, daß von der ornamentalen Tradition des Westens nicht jede Spur in der
byzantinischen Kunst verloren gegangen ist, wofür übrigens auch noch mancherlei
andere konkrete Dinge sprechen. Daß Baalbek in der Kaiserzeit, Ravenna besonders
und Saloniki in frühbyzantinischer Zeit mehrmals im selben architektonischen
Ganzen wechseln, ist ein untrüglicher Gradmesser für die sich kreuzenden Einflüsse
und Traditionen von Ost und West. Daß das in Baalbek von Anfang an der Fall war,
dafür zeugt das zu allererst besprochene korinthische Kapitell, für das sich nur in
Rom und im Westen in der reifaugusteischen Zeit Analogien finden ließen. Es liegt
das nicht am Mangel an östlichen Beispielen allein, denn bei genauem Zusehen findet
sich schon eine kleine Anzahl, z. B. das Kapitell des Augustustempels von Ancyra,
des Peripteros von Suwedah, Kapitelle in Siah und eines in Athen ^); aber ebenso
wie der Osten in der Ausbildung der Akanthusranke, wenn man gleichzeitige
Beispiele im Westen vergleicht, Rom gegenüber bedeutend zurückgeblieben ist (siehe
unten S. 78 ff.), so wird er auch sonst in der Ausbildung der Ornamentik überhaupt
und besonders der kanonischen Form, des korinthischen Kapitells von der rasch
vorwärtsgehenden Hauptstadt überholt, die dann bei der gleichzeitigen Durch-
dringung auch des Ostens mit römisch-lateinischen Kolonien ihre neuen Schöpfungen
überallhin einführte und dadurch den Grund legte zu der überraschenden Einheit-
lichkeit der kaiserzeitlichen Architektur in allen Provinzen, was die Grundlagen
oder Voraussetzungen betrifft, im schroffsten Gegensatz zu den überall, besonders
in späthellenistischer Zeit, ausgebildeten provinzialen Sonderformen.
') Diptychen: Viel Material bei Venturi, 376 Holtzinger, 131 f. 101 mit falscher Beischrift;
f. 346 f.; 381 f. 350; 390 f. 356; 392 f. 358; ferner Agia Sophia: Lethaby-Swainson, Church
Wulff, 193 f. 194 ff.; S. Marco, Ciborium- of S. S., 245 f. 49; Antoniadis, Ekphrasis Ag.
Säulen: Venturi, 233 f. 220 ff.; Nordportal: Wulff, Soph., Athen 1908, 17 f. 201 ; Rom: Venturi,
132 f. 121 f.; Kreta: Gerola, Monum. veneti 431 f. 393.
di Creta II, 37 f. 16.; Parenzo: Lasteyrie, '^ Ancyra: Perrot-Guillaume, a. a. 0.; Su-
L'archit. relig. en France, Paris 191 2, 96 f. 80, u. wedah: Butler, a. a. 0. ; Siah: Butler 339;
Athen: Meurer, Vergleich. Formen!., 524 f. 4.
63 ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
Kehren wir wieder zum Bakchustempel zurück, sb bleiben uns neben den
Kapitellen des Peristyls noch die Kapitelle in der Cella, zunächst die
korinthischen über den vorgeblendeten Drei viertelsäulen ')! Gegenüber dem Kanon,
wie er aus der Summe der sonstigen Beispiele gewonnen wird, zeigen sie kleine, aber
eigenartige Abweichungen: die Blattlappen der Kranz- und Hochblätter sind weder
gehöhlt, noch sind die einzelnen Zacken selbständig durchgebildet (vgl. Abb. 32): diese
bilden nur die kurze Randbezackung eines im wesentlichen eben belassenen Lappens,
Abb. 32. Baalbek, kl. Tempel.
der sein Leben in Licht und Schatten nur durch die in der Lappendiagonale durch-
gebohrte Rille erhält, auf die hin die beiden Lappenhälften sich leise hereinneigen:
das Blatt nimmt so eine Mittelstellung zwischen den beiden Typen des Peristyls ein;
es macht in ausgesprochenster Weise den Eindruck einer in Metalltechnik geschaffenen
Form; es ist alles so fein ausgetrieben und wieder, wie in den Caulis und Helices,
so scharf umrissen; nur ein dunkel schimmerndes Material kann soviel größere glatt
belassene Flächen neben schmale Rillen setzen und doch die gleichen reichen Licht-
und Dunkelwirkungen erzielen wie die hellere, vielfach gebrochene Steinform.
Wenn ich mir ein Bronzekapitell vorstellen wollte, dessen Vorkommen in Baalbek für
Caracallas Zeit inschriftlich gesichert ist, für Palmyra sich aus den konischen glatten
Kapitellkörpern erschließen läßt *) — deren kostbares Material aber der Raubgier
') Vgl. Frauberger, Taf. 19.
') Baalbek: Arch. Jahrb. XVII (1902), 89;
Palmyra: Wood, Taf. XVII.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. ÖQ
der Jahrhunderte nirgends standhalten konnte — , s o würde ich es mir rekon-
struieren.
Die flachen Wandnischen zu Seiten des erhöhten Adytons sind reicher aus-
gestattet, ihre schön ornamentierten Bogen ruhen auf Pilasterkapitellen
kompositer Ordnung (Abb. 32); ihre Kranz- und Hochblätter haben
denselben Blattcharakter wie die übrigen korinthischen Kapitelle in der Cella. Die
Kalathosfläche ist zwischen der Blattreihe und den Horizontalkymatien des jonischen
Teiles besonders verziert, und zwar bevorzugt die linke Wand eine andere Form
als die rechte; die einen Kapitelle zeigen Pfeifenschmuck (vgl. Trajaneum in Per-
gamon, umlaufende Hallen, Hadrianstor von Adalia und sonstige besonders klein -
asiatische Beispiele '), die anderen die viel seltenere Bekleidung mit Schmalblättern,
die eine Mittelrille haben (ein analoges Beispiel bietet der erste Stock der Bibliothek
von Ephesus; der Ausgangspunkt sind sicher die sogenannten Schilf blattkapitelle
wie Athen, Turm der Winde 2) usw.). Der jonische Teil besteht aus dem daktylischen
Perlstab, einem Eierstab, der den Volutenkanal gänzlich überwuchert, ebenso üppig
sind die als Zwickelfüllung verwendeten, aus einer Blattdüse hervorsprießenden
Halbpalmetten, ganz frei bleibt nur das mittlere Eiblatt mit den Pfeilblättern: alles
ist sehr effektvoll, mit scharfen Graten und tiefen Durchbrechungen gearbeitet. Die
Voluten sind meist abgebrochen. Der Abakus ist insofern ungewöhnHch, als der
Volutenkanal des jonischen Aufsatzes die Hohlkehle des Abakus so ziemlich ver-
drängt hat, dafür ist die Welle mit einem kräftigen Blattstab verziert, über dem dann
in der Mitte die Blüte sitzt. Über eine andere merkwürdige Form eines kompositen
Pilasterkapitells siehe unten S. 89 f.
Die Einzelformen des Gebälks.
Wir setzen die Betrachtung am Gebälk fort, immer bemüht, brauchbare Kriterien
zu erhalten, um die Entstehungs- und Ausführungszeit unserer Bauten, den engeren
und weiteren Kreis, in den sie einzustellen sind, genauer zu umgrenzen und größere
Klarheit in der Formengeschichte der kaiserzeitlichen Architektur zu erzielen.
Der Architrav besteht hier durchgehends aus drei Faszien, die durch
Perlstäbe gegeneinander abgesetzt sind, der obere Abschluß besteht aus Eierstab
und Hohlkehle mit Palmettenreihung. Beobachten wir nun den E i e r s t a b , dessen
Entwickelung oben in größeren Zügen verfolgt worden ist, etwas näher, so zeigt sich,
daß seine Formbildung im stärksten Sinne auf fernsichtige Wirkung berechnet ist;
den entscheidenden Schritt zu dieser Behandlung hat wahrscheinlich schon die
claudische Zeit getan, jedenfalls sind seine Folgen in der flavischen Zeit in Rom
überall zu beobachten: Jedes selbständige Glied wird so tief umrissen, daß es hell
auf dunklem Grunde zu schweben scheint und ein plastisch modellierendes Ineinander-
") Pergamon: Altertümer V, 2, Taf. XII; ausführliche Erörterungen über das Pfeifen-
Adalia: Lanckoronski I, Taf. 7; das vorläufig kapitell namentlich in byzantinischer Zeit : Wulff,
früheste mir bekannte Beispiel bietet das Kom- Amtl. Ber. Kgl. Kunstss. 1912 (Jan.), 93 ff.
positkapitell vom vorflavischen Markttor in Milet; ') Athen: Stuart-Revett, I. Chap. III, pl. 7.
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 6
70 E- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
verschwimmen von Halblichtern und -schatten vermieden ist. Das Zwischenblatt,
durch die Umbohrung bis auf zwei Punkte von den Schalenstegen losgelöst, wird
im allgemeinen zum Pfeilblatt. Das genügt aber unserem Architekten von Baalbek,
der sicherlich kein schematischer Kopf war, sondern den Reichtum und die Ab-
wechslung der Formen bis zum Ungemessenen liebte, nicht: an Stelle des einfachen
Pfeiles tritt ein zwei- und dreigespitzter, die Spitze kehrt sich auf- und abwärts oder
wird rautenförmig, die Raute wird in der Mitte durchbohrt, eine Art Paragraphen-
zeichen und Gittermotive finden sich, im Rahmen der schönen Tür kommt selbst
einmal ein doppeltes Dreiblatt vor, das an die Kelchblüten zwischen den Eiblättern
im Abakus des Kapitells vom Concordiatempel erinnert. Ein gefiedertes Blatt
findet sich auch einmal am Tempel von Bosra (Taf. IV, 2). Die Regel bleibt jedoch
der Eierstab mit dem Pfeilblatt (in Syrien ist auch das Rautenblatt nicht selten),
der uns das erwünschte Vergleichsmaterial bietet. Am Tychetempel von Sunamen
(vgl. Abb. 21) vom Jahre 191 zeigt der Eierstab im Architravabschluß einen Eierstab
mit kurzen nach unten scharf zugespitzten Eiblättern, die Schale oben offen ansetzend,
in der Mitte aber außerordentlich ausgeweitet, die Schalenstege schmal. Das Pfeil-
blatt hat einen gleichmäßig geraden Stengel mit senkrecht dazu abgehenden Pfeil-
haken fast in Kreuzform. Der Peripteros von Damaskus, dessen Bauzeit sich über
das 3. Jahrh. erstrecken muß — die Kapitelle des sogenannten Triumph-
bogens auf der Westseite gehören etwa der Wende des 2./^. Jahrhs. an,
ein noch teilweise erhaltenes Kapitell des östlichen Zugangs zum Peripteros kann
nicht vordiokletianisch sein — , hat im sogenannten Triumphbogen ') eine verwandte
Form des Eierstabes mit weniger spitzem Eiblatt, dagegen ist die Schale so stark
ausgeweitet, daß sie längs oval ist im Gegensatz zum hochovalen Eiblatt, die Schale
hat schmale Stege und kurzschaftige Pfeilblätter, die seltener mit Rautenblättern
wechseln (vgl. Abb. 40 von der Südtür). In der Ausführung wird er durch eine gewisse
Trägheit und Unlust zu scharfer Linienführung charakterisiert, er befindet sich
bereits wieder auf dem abwärtsführenden Weg, den das 3. Jahrh. im Osten
und Westen gleichmäßig geht. Ähnlich charakterisiert sich auch der Tempel von
Bosra (Taf. IV, 2), der ebenfalls in die Wende des 2./3. Jahrhs. gehören
mag; die querovale, weit gehöhlte Schale bildet für diese Zeit das charakteristische
Element, das Pfeil- oder Rautenblatt tritt demgegenüber zurück. Das Nymphäum
(Taf. V, 2) von Gera§ zeichnet sich gegenüber den zwei letzten Beispielen durch die
scharfe und elegante Zeichnung aus, wiewohl auch hier das Ei kurz und rundhch,
die Schale klaffend in querovaler Richtung geöffnet ist. Als Zwischenblatt tritt Raute
und Pfeil auf, letzter mit fein ausgezogener Spitze. Kommen wir endlich zu den
Propyläen (Taf. V, l) des Großen Peripteros, so bemerken wir als auffallendsten
Unterschied die langovale Form des Eiblattes, deren Umriß auch die Schale mit
feinen Stegen folgt ohne auffallende Ausbauchung, das Pfeilblatt fußt ebenfalls in
Übereinstimmung mit dem Schalenrande breiter, die Pfeilhaken setzen hoch an,
die Spitze ist lang und dünn ausgezogen. Vergleichen wir damit den Eierstab vom
•) Abgeb. z. B. Hftrard-Zeiller, 165.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Diflferenzieiung. 7 i
Bakchustempel, so gibt es keine Form, die ihm näher stünde; so gut man das Pilaster-
kapitell von den Propyläen mit dem des Bakchustempel unbemerkt vertauschen
könnte, ebenso auch seinen Eierstab. Es scheint ja ganz begreiflich, daß beim natür-
lichen Fortgang der Entwickelung die Schale, die mit dem Eiblatt verwachsen war,
dann durch die Umbohrung abgelöst wird, zuerst ganz dem Umriß des Eiblattes
folgt und erst später selbständiger behandelt und in der Mitte ausgetrieben wird
bis zur klaffenden, querovalen Schalenform ; diese Entwickelung scheint sich in Syrien
in den letzten Jahrzehnten des 2. Jahrhs. erst vollzogen zu haben: auch das
Gebälk des Bet el Tei' genannten Tempels von Gera§ steht den Propyläen und Baalbek
näher als etwa Sunamen, und in Baalbek selbst ist an den Propyläen und am Rund-
tempel nirgends eine so weitgehende Zerformung wie am Tychäon und den ver-
wandten Beispielen zu bemerken.
Weiterhin schulden wir der Hohlkehle mit den abwechselnden Palmetten
Aufmerksamkeit: eingerollte und Fiederpalmetten folgen sich im Wechsel, vollkommen
unverbunden: wie ein feines Spitzengewebe überziehen sie die Hohlkehle; welcher
Unterschied gegenüber dem Großen Tempel mit den Blattkelchen und den Cauliculi,
wo trotz der größeren Zahl der Füllmotive noch viel mehr Grund freibleibt! Die
Entwickelung von der ersten zur zweiten Form zu verfolgen, müßte auch ergebnisreich
sein, allein dafür versagen uns die syrischen Beispiele ganz; nur die Innenseite der
Propyläen vonGeraä weist unter dem Pf eifenf ries die gleiche Reihung auf; die Straßen-
seite der Propyläen und dasNymphäum von öera§ (Taf. V, i, 2) haben an dieser Stelle
eine kleine Spiralranke, ebenso der Tempel von Bosra (Taf. IV, 2), der Tempel vonSuna-
men eine mit Kleeblatt ausgesetzte Spiralranke. Zur Verfügung stehen nur das Theater
von Amman und der sogenannte Triumphbogen (richtiger das Propylon) von Damaskus
und nichtsyrische Beispiele besonders in Kleinasien. Das Theater von Amman,
das sicher in die zweite Hälfte des 2. Jahrhs. gehört, zeigt Fieder- und auswärts
gerollte Palmetten unverbunden in grobschlächtiger, aber stark unterschnittener
Arbeit; dagegen ist die Reihung in Damaskus ganz flach, kaum umtieft gearbeitet.
In Kleinasien findet sich die zusammenhanglose Reihung am Aphroditetempel von
Aphrodisias und am Theater von Hierapoüs, beides Bauwerke aus der Wende vom
2-/3* Jahrh., am Theater von Aspendos aus Marc Aureis Zeit und am Nymphäum
ebenda, am Theater von Perge, am Tempel des Antoninus von Sagalassos usw. Am
Oberstock der Bibliothek von Ephesus sind Palmetten durch liegende S- Spiralen
verbunden '). An Feinheit der Ausführung reichen die späteren syrischen und klein-
asiatischen Beispiele nicht an Baalbek heran.
') Aphrodisias: Daß der Aphroditetempel
nicht in die hadrianische Zeit gehört, wie Mendel,
Comptes rend. 1906, 184 grundlos annimmt,
sondern im wesentlichen in das 2./3. Jahrh.,
habe ich Athen. Mitt. 1914, 43 bemerkt und
bringe hier weitere stilistische Belege; wahr-
scheinlich stammen zwei Kapitelle, die am Dorf-
eingange ganz in der Nähe der Propyläen des
Tempels sich finden und spätere Analogien zum
Caracallatempel von Atil bieten (0. Abb. 23 a, b),
aus einer der Hofhallen. H i e r a p o 1 i s: Datie-
rung annähernd aus der Inschrift : Humann, Alter-
tümer von Hierapolis (IV. Ergänzungsheft zum
Jahrb.), 69 (Judeich); Aspendos: Theater:
LanckoronsW I, 110 f. 86, Taf. XXVI; Nym-
phäum: 100 f. 78; Perge: ebd. I, 54 f. 39;
Sagalassos: ebd. 11, 148 f. 120; Ephesus:
österr. Jahresh. XI (1908), 132 f. 33 (Wilberg).
6*
72 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung uhd Differenzierung.
So bleibt vom Architrav nur noch der Soffittenschmuck vom Peristyl
zu besprechen'): er ist in jedem Interkolumnium in sich abgegrenzt und besteht
aus verschiedenen Wulstmotiven, z. B. dem fünfsträhnigen Flechtband mit Knopf-
schmuck dazwischen, dem Blattstab aus Lorbeerblättern und -fruchten mit einer
Rosette als Mittelstück und ähnlichem; gerahmt werden sie von der lesbischen Welle
im Kleeblattbogenschema syrischer Form. Um das syrisch zu begründen,
muß ich wiederum weiter ausholen.
Die lesbische Welle (dazu Beilage 5).
Über die ältere Geschichte des lesbischen Kymations sind wir neuerdings
durch eine Arbeit von Weickert *) besser unterrichtet, .für die spätere Kaiserzeit
jedoch und besonders die römische Provinzialkunst sind seine wenigen Darlegungen
unzureichend, das entwickelungsgeschichtliche Moment ist ebenso wie die klar aus-
geprägte provinzielle Differenzierung, die uns beide recht wertvolle Aufschlüsse
vermitteln, zu wenig betont. Für die Bestimmung der syrischen Form stehen nur
Propyläen, Bet el Te'i und Nymphäum in 6era§, der Bakchustempel, die Hofhallen
und der Rundtempel in Baalbek und der Tempel von Bosra zur Verfügung: der Klee-
blattbogen ist mit dem Lanzettblatt, das von der Spitze aus nach oben sich rasch
verbreitert und mit den Kleeblattbogen gleich Fühlung gewinnt, fest verwachsen,
das ehemalige Innenblatt, das seit der augusteischen Zeit von seinem umrahmenden
Schalensteg losgebohrt und selbständig, vielfach als Blume, stilisiert wird, wodurch
das entgegengesetzte Richtungsmoment in die lesbische Welle kommt, ist noch
einmal durch eine vertikale Rille geteilt, wodurch es in zwei Halbblättchen von
keuliger Form zerfällt (Abb. 33 a). Am jüngsten Beispiele in Bosra (Abb. 33 b)
zeigt sich, wie in allen übrigen Formen, eine starke Trägheit in der Durchführung,
aber der Typus bleibt. Eine Entwickelung zu erkennen, gestatten uns diese Beispiele
in der kurzen Zeit nicht, namentlich erfahren wir nicht, was wir gerne wüßten, wann
sich die Ausbildung des typischsten Bestandteils, die Zweiteilung des Innenblattes,
vollzogen hat. Glücklicher liegen dafür die Verhältnisse in Kleinasien. Beispiele
aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhs. bieten das Theater von Aspendos und
der korinthische Tempel von Termessos 3) : wir bemerken daran eine viel weiter-
gehende Umformung der lesbischen Welle: oben wird ein ganzes Stück durch das
folgende Profil abgeschnitten, so daß sich der Kleeblattbogen nicht mehr schließt;
das Lanzettblatt ist im Gegensatz zu Syrien gänzlich umbohrt, aber so, daß von den
beiden Bogennasen zwei schmale Stege sich loslösen und mitgehen, also drei Stege
innerhalb des Kleeblattbogens fußen. Dagegen bleibt das ehemalige Innenblatt
in seiner augusteischen Form so gut wie unberührt: Kleinasien verfährt also der
lesbischen Welle gegenüber gerade umgekehrt wie Syrien. In dieser typisch klein-
asiatischen Form tritt sie uns auch an einer Reihe von Werken der tektonischen Plastik
entgegen, die zum Teil durch den antiken Export weit von ihrem Ursprungslande
•) Frauberger, Taf. 9. >) W., Das lesbische Kymation, München 1913.
3) Laiickoronski I, 87 f. 42.
JAHRBUCH DES INSTITUTS 1914.
Beilage 5 zu Seite 72 ff.
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Abk. 3'4.« K^Ua^ B^za.nX..OrVLi,pioCLK^
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 71
weggebracht worden sind: an den Sarkophagen der Sidamaragruppe ; der größte Teil
der heute bekannten Stücke ist zudem in Klcinasien gefunden oder durch seinen
Marmor dahin verwiesen; es gehört aber auch mit voller Sicherheit der Sarkophag
von Melfi dahin und nicht etwa nach Griechenland '), auch steht er nicht allein,
sondern bildet mit anderen eine den Sidamarasarkophagen nächstverwandte, im allge-
meinen frühere Gruppe, die sich am auffälligsten durch ihre Kapitcllform von der
ersteren unterscheidet, worauf bei der bisherigen Zusammenstellung nicht geachtet
worden ist. Aus dem Mendelschen Katalog (s. o. S. 65')) müssen zum mindesten
Nr. 5 aus Üskeles in Lydien, Nr. 24 aus Giardino Colonna, Nr. 26 aus dem Vatikan,
Nr. 34 aus Myra, Nr. 36 aus Cassaba in Lydien in die neue Gruppe eingestellt werden,
dazu kommt ein Sarkophag in Sardes und ein größeres Eckfragment im Kunsthandel
in Smyrna, angeblich aus Ephesus, das mir durch Photographie bekannt wurde.
Wenn erst einmal die schon bekannten Stücke zureichend oder überhaupt publiziert
sein werden und der neuen Gruppe gleiche Aufmerksamkeif geschenkt wird wie der
alten, wird auch die 1 y d i s c h e G r u p p e , wie ich sie nach der wichtigsten Fundgegend
benennen möchte, bald ähnlich reich dastehen wie die Sidamaragruppe. Kleinasiatisch
sind ferner zwei schon miteinander in Beziehung gesetzte Sarkophage, der Bellero-
phonsarkophag in Athen, aus dem südlichen Kleinasien hergebracht, und ein
Sarkophag von Torre Nova in Rom, durch ihre Kapitellform unter sich und mit der
lydischen Gruppe verbunden. Beziehungen zu diesem Kreis hat endlich eine weitere
Gruppe aus vorläufig vier Sarkophagen mit Heraklestaten: im Palazzo Torlonia,
in der Villa Borghese, im Vatikan und im British Museum in London; ihre Kapitell-
form verbindet sie enger mit den beiden letzten Gruppen und trennt sie von der
ersten; aber es liegen gewisse Anzeichen von westhcher Beeinflussung vor, die es
wahrscheinlich machen, daß die Sarkophage zwar von Kleinasiaten, aber in Rom
selbst geschaffen wurden^).
Die kleinasiatischen Denkmäler gestatten uns aber, die für die Datierung
außerordentlich wichtige Frage zu lösen, in welchen Stufen sich diese Zerformung
der lesbischen Welle vollzogen hat. Noch hellenistisch ist die lesbische Welle am
Mithridatcstor von Ephesus in den Abschlußprofilen der zweistreifigen Archivolten-
stirnen um die Nischen der seitlichen Durchgänge: sie stellt sich zu Beispielen wie
') Delbrueck, Arch. Jahrb. XXVIII (1913), 307.
') Myra: Rott-Michel, Kleinasiat. Denkm., Leip-
zig 1908, 337 f. 127, was aus Petersen-Luschan,
Reisen II, 26 f. 24 nicht zu ersehen ist; Giar-
dino Colonna: Miinoz, Monumenti d'arte
mediaevale e modema, fasc. I; ein Kapitellchen
davon: Journ. hell. stud. XXVII (1907), 108 f. 6b
(Strzygowski) abgebildet; Vatikan: Ame-
lung I, Taf. 70, Nr. 518; Sardes: Amer.
Jour. Arch. 17 (1913), 476 f. 5;Torre Nova:
Rom. Mitt. XXV (1910), 97; A t h e n: Robert,
Sarkophagreliefs II, Taf. 50, Nr. 138; Tor-
lonia: Robert, Sarkophagreliefs III, Taf. 34 f.,
Nr. 126; Borghese: ebd., Taf. 38, Nr. 127;
auf der einen Seite hat das Zwischenblatt eine
unkleinasiatische, aber echt römische Umstili-
sierung zur ausgebildeten »Tulpenform« erfahren,
auch das Lanzettblatt ist eigenartig unver-
standen (Abb. 34 h); Vatikan: ebd., Taf. 39,
Nr. 130; Amelung I, Taf. loi; London:
Robert III, Taf. 39, Nr. 131: wahrscheinlich das
späteste Stück der Gruppe, denn seine lesbische
Welle geht überein mit Diokletianspalast u. a.,'
s. u.; dazu kommt wohl Robert III, Taf. 43,
Nr. 141 aus Pal. Mattei.
74 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
dem Neuen Tempel von Samothrake (Weickert, Taf. VI, 6), dem Artemision von
Magnesia (ebd. VII b) und Wandmalereien aus Delos (VII e, f); hellenistisch ist sie
auch noch am Augustustempcl von Ancyra, insofern das Innenblatt sich noch nicht
losgelöst hat, was im Westen in dieser Zeit an allen augusteischen Bauten'):
Tempel in Nimes, in Pola, in Tarragona usw. vollzogen ist. In dieser neuen Form
begegnet es uns am claudischen Hallenbau inMilet im Abakus des jonischen Kapitells
und am Markttor von Milet (Abb. 34 a), das äußerlich nicht datiert ist, aber nach
Akanth'usranken- und Eierstabbildung und sonstigen Merkmalen unmittelbar vor
die flavische Zeit gehört, unter der Hängeplattc über dem Zahnschnitt; nur eine
Beobachtung muß gemacht werden: die Spitze des Lanzettblattes ist abgeschnitten,
und es zeigt einen leicht erhöhten Stegwulst vorgewölbt. Zwei hadrianische Beispiele,
das Tor von Adalia und die Thermen von Aphrodisias *) (Abb. 34b), zeigen die Ent-
wickelung nur unmerklich weiter fortgeschritten; das Lanzettblatt fußt ganz breit,
man beginnt den runden Kopf freier zu setzen, doch ohne ihn tiefer zu umbohren,
der Stegwulst hebt sich stärker heraus ; das obere Profil schneidet an den Kleeblattbogen
scharf an, doch bleibt die Rundung innen geschlossen; dieselbe Stufe etwa zeigt
auch das untere Stockwerk der Bibliothek von Ephesus (Abb. 34 c), nur daß die
Umbohrung des runden Kopfes um eine Linie tiefer ist und der Stegwulst sich stärker
abhebt vom Grunde; das obere dagegen hat schon einen weiteren bedeutungsvollen
Schritt getan (Abb. 34 d): der Kleeblattbogen ist abgeschnitten, der runde Lanzett-
blattkopf stößt an das obere Profil an, er ist auch mit einer breiten Rille umbohrt
bis zum Nasenansatz des Bogens, nur der letzte Schritt ist noch zu tun, die deutlich
sich absetzenden Randstege des breiten Lanzettblattes im Zusammenhang mit der
Umbohrung des Blattkopfes abzubohren; das muß in der Zeit des Antoninus Pius
geschehen sein, denn in der Zeit Marc Aureis ist es schon in flotter Übung am Sarkophag
von Melfi (Abb. 34 e), — aber wohl erst in den späteren Jahren, denn am Antoninus-
tempel von Sagalassos scheint die Form vom Oberstock der Bibhothek von Ephesus
noch zu herrschen, da man den Zeichnungen Niemanns hier wohl ebenso trauen
kann wie bei Aspendos. Jedoch ist schon in der Bibliothek von Ephesus selbst an
Rankenpilastern des unteren Stockes die Furche zu selten des Steges vielfach gebohrt,
wenn auch noch nicht so, wie am Sarkophag von Melfi; konsequent ist die Bohrung
') Weickert hätte bei eingehender Stiluntersuchung
nicht entgehen sollen, daß die lesbische Welle vom
Forum holitorium (Taf. VIII, b) nicht von 180 a.
datieren kann, sondern nachaugusteisch sein muß;
in der Tat haben wir einen Neubau durch Tiberius
gesichert (Rom. Mitt. XXI [1906], lögff. [Hülsen]).*
') Datierung einzelner Teile in hadrianische Zeit
gesichert C. R. 1906, 167; als Randeinfassung
an den schönen Imposten, die z. T. ins Museum
von Konstantinopel gelangt sind, statt des
Lanzettblattes Palmettenfüllung, während sonst
das hier angezogene Lanzettblatt vorwiegt z. B.
ebd., 170 f. 2; ähnlicher Wechsel schon in Ancyra.
Aspendos: gehört in die Zeit des Antoninus
Pius nach den Gründerinschriften, die aus Italien
bekannte Personen nennen: LaAckoronski I, 91:
die Form der lesbischen Welle in dem oberen
Geschosse der Bühnenwand entspricht in der
Niemannschen Zeichnung, ebd., f. 87, merkwürdig
genau der vom Untergeschoß der Bibliothek von
Ephesus, während die Form in der Nischen-
verdachung schon mit dem Sarkophag von Melfi
übereingeht (ebd., f. 90); Melfi: nach der
Frauenfrisur um 170 datiert, Delbrueck a. a. O.,
299 ff. ; Sagalassos: Lafickoronsld II, f. 118,
120; Ephesus, Nymphäum: bekanntgemacht
in einer Sitzung des österr. arch. Instit. in Athen,
März 19 14, durch W. Wilberg.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 75
durchgeführt am neuentdeckten Nymphäum in Ephesus, dem bisher sogenannten
Claudiustempel; die Fertigstellung der beiden Bauten wird also wohl um 150
anzusetzen sein. Die Zerformung geht rasch weiter, wie gleich die Nischenverdachung
der Bühnenwand des Theaters von Aspendos im Verhältnis zu den unteren Stock-
werken erkennen läßt ^). Der Tempel von Aphrodisias (Abb. 34 f) und das Theater
von Hierapolis (Abb. 34 g) bieten Beispiele aus der Wende des 2./3. Jahrhs. ;
dann schließen die Sarkophage der Sidamaragruppe an, am frühesten Beispiele wie
etwa das Fragment von Isnik »), an späteren Beispielen wird die lesbische Welle
oder richtiger ein Ausschnitt: der Kleeblattbogen mit dem Lanzettblatt ohne das
(ehemalige) Innenblatt vollkommen unverständhch für den, der sich nicht die ganze
Entwickelung gegenwärtig hält. Die lesbische Welle in der traditionellen Reihung
erhält sich aber naturgemäß auch weiterhin; ein recht charakteristisches Beispiel
des 3. Jahrhs. bietet uns Hierapolis an einer Platte für eine Brunneneinfassung 3);
die Halbbogen, die schon im Theater, besonders an einer Tür der Skene, nur
mehr kümmerliche Ansätze des ehemals oben schließenden Rundbogens aufwiesen,
haben hier die eigene Erinnerung an ihre Vergangenheit verloren, treten zu selten
des dürr dastehenden Lanzettblattes weitauseinander und verbinden sich mit den
begleitenden Stegen des Lanzettblattes zu einer Art zweischenkliger Giebel mit einem
Knauf auf der Spitze; nur das Innenblatt bleibt stabil. Diese Form bildet einen
guten Übergang zu zwei Beispielen aus der großen Architektur, die recht weit-
tragende Schlüsse gestatten: die lesbische Welle in kleinasiatischer Form findet sich
am Diokletianspalast (Abb. 34 i) von Spalato im Abschlußgesims des Türsturzes
der Porta aurea, im Abschlußgesims unter der Wölbedecke im Innern des Baptiste-
riums, im Innern des Mausoleums über dem Puttenfries, in der gleichen Form auch
im Abschlußprofil der Hauptarchivolte des Konstantinsbogens in Rom auf der Süd-
seite. An beiden Bauten sind jedoch gewisse Veränderungen zu bemerken, die nicht
anders zu beurteilen sind als die bemerkten Umbildungen am Sarkophag der Villa
Borghese (Abb. 34 h) : das ehemalige Innenblatt, das während der ganzen Entwickelung
in Kleinasien unangetastet geblieben war, muß eine Art Tulpenform annehmen,
die ohne Zweifel unter dem Einfluß des -westlichen Typus steht, und auch das durch
das Auseinandertreten der Halbbogen ganz haltlos gewordene Lanzettblatt wird in
ähnlicher Weise neu ausstaffiert, nur daß ein rund umbohrter Knopf oben an die alte
Lanzettblattform erinnert. Im Diokletianspalast von Spalato findet sich aber anderer-
seits die lesbische Welle mit Blumenfüllung, eine charakteristisch weströmische
Form, im Abschlußgesims außen und in den Kassetten der Wölbung am Juppiter-
tempel (Baptisterium), ebenso auch am Konstantinsbogen an wiederverwendeten
und neugearbeiteten Gesimsstücken. Der östliche Einfluß macht sich am Bogen
in dieser merkwürdig sporadischen Form übrigens auch darin geltend, daß von den
^) Die höchstliegenden Teile von Bauten zeigen in im Interesse der stärkeren Fernwirkung, die ja
Ephesus (Bibliothek) und hier in Aspendos eine überhaupt das treibende Moment bildete,
unverhältnismäßig drastischere Auflösung der ') Strzygowski, Orient od. Rom, 46 f. 13.
Formen als die weiter unten liegenden, offenbar 3) Altert v. Hierap., 59, Nr. 5 (Winter), leider nur
in einer flüchtigen Zeichnung.
76 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
acht sicher neugearbeiteten Pilasterkapitellen eines auf der Südseite, das äußerste
nach dem Kolosseum hin, dem östlichen Typus angehört, wie die Kapitelle vom
Diokletianspalast, während die übrigen, so gut wie die Kapitelle des Diokletians-
bogens von Sbeitla oder die von der Maxentiusbasilika dem westlichen Typus zuzu-
zählen sind. In einer ganz zergangenen Form begegnet uns endlich die kleinasiatische
lesbische Welle auf einer byzantinischen Grabplatte vielleicht des 6. Jahrhs.
in Sitiä in Kreta, wo sie schon dem byzantinischen verschränkten Rundbogenfries
ähnlicher sieht als ihrem Vorbild^) (Abb. 34k).
Ganz lehrreich ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die Fassade der
Grabeskirche in Jerusalem, die als konstantinisch -syrisch angesprochen wurde *)
(Abb. 33 c). Die Gesimsfolge vom Zwischen- und Kranzgesims der Türwand folgt
antikem syrischen Schema bis auf den Schrägschnittstab, der sich zwischen Zahn-
schnitt und lesbische Welle drängt. Betrachten wir diese aber näher, so stellt sich
heraus, daß gar keine lesbische Welle von antiker Ornamentierung vorliegt, sondern
ein fünfzackiges Blattmotiv, das in offenbarstem Mißverständnis eines antiken
syrischen Vorbildes etwa von der Stufe in Baalbek sich die Form verständlich nach-
zubilden sucht und durch geschickte Bohrung auch tatsächlich einen ähnlichen
Eindruck erzielt 3): das ist neben vielen anderen stilistischen Anhaltspunkten (be-
sonders den Blattmotiven der Konsolen und der Sima) ein sicherer Beweis gegen die
konstantinische Entstehungszeit dieser Gesimse: die konstantinische Zeit kennt gar
kein so intensives Hinarbeiten auf Licht und Schatteneffekte, in der Ornamentik
ist sie müde ausgehende Antike; die meisten der Akanthusblattmotive von den
Simen und Konsolen sind vor der neuen justinianischen Blütezeit nicht zu belegen
und entwickelungsgeschichtlich nicht möglich, anderes nicht vor der Kreuzfahrerzeit
(z. B. die Stege zur Trennung der Simablattreihung, genau so an der Bogenleibung
des Fassadenfensters der St. Annakirche); das Ganze ist eben, worauf schon der genaue
Augenschein führt, Arbeit der Kreuzfahrerzeit, die es auch sonst sehr wohl verstanden
hat, sich andere antike, dazu byzantinische und arabische Elemente aufs beste anzu-
gleichen.
Schließlich komme ich noch kurz auf Griechenland zu sprechen, um auch den
Gegenbeweis zu führen, daß der Sarkophag von Melfi nicht hierhin gehören kann.
In der großen Architektur ist mir für die Kaiserzeit bisher überhaupt kein Beispiel
einer ausgeführten lesbischen Welle bekannt geworden: Griechenland ist so sparsam
und nüchtern und vor allem so konservativ wie keine andere Provinz, es lebt ganz
') Diokletianspalast, Baptisterium : Ko- gleiches Fragment bemerke ich auf einer alten
walczyk, Denkm. d. Kunst in Dalmatien, Berlin Aufnahme von Bonfils aus Athen von einer jetzt
1910, Taf. 40; H^brard-Zeillcr, 104 f.; Porta zerstörten Mauer aus größtenteils byzantinischen
Aurea, 46; Mausoleum ebd., 86, 87, 88; Kon- Marmorornamentstücken. Kreta : Gerola, Mon.
stantinsbogen: Die alten schematisieren- Yen. II, 58 f. 27.
den Aufnahmen geben davon nichts, hier tut die ^) Strzygowski, Orient od. Rom, Taf. IX, i,
Veröffentlichung neuer exakter architektonischer 127 ff.
Aufnahmen, die anscheinend gemacht worden 3) So daß S. selbst offenbar nicht darauf aufmerk-
sind (Am. Journ. Arch. 17 [1913], 487 f. [Fro- sam wurde; wenigstens gibt er es nirgends zu
thingham]), dringend not. Ein ganz kleines erkennen.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 77
in der Vergangenheit, es kopiert in hadrianischer Zeit nicht nur am Olympeion zum
weiteren Ausbau die hellenistischen Kapitelle, sondern wendet die dabei erworbene
Kenntnis auch beim Bau des Hadriansbogcns an '). Es gibt aber eine bestimmt
griechische Sarkophaggruppe, die als solche durch ihre weite Verbreitung in Griechen-
land und, wo sie außerhalb vorkommt, mehrfach durch das Material — pcntclischer
Marmor — gesichert wird : es haben sich Sarkophage bzw. Fragmente in Athen, Delphi,
Patras, in Korinth und dem Peloponnes, in Kreta und Saloniki gefunden, Stücke in
Tarent und Venedig sind aus pentclischem Marmor, von Sarkophagen in Konstan-
tinopel ist die Herkunft teils unbekannt, teils wird Saloniki angegeben, von einem
anderen in Oxford ist sie unbekannt, und es wird Klcinasien vermutet: alle diese *)
haben zur Einrahmung ihrer figürlichen Ornamentation oben und unten eine be-
stimmte Kymatienfolge: am Fuße nach innen zum Figurenfeld überleitend: Flecht-
band oder Blattwulst, aufwärts gerichtete lesbische Welle (und Perlstab); oben
nach auswärts gehend: Perlstab, Eierstab (und lesbische Welle) 3); diese lesbische
Welle (Abb. 35) hat die Form, die in spätest hellenistischer oder Anfang der Kaiser-
zeit üblich wurde, wo man eben anfing, das Innenblatt loszulösen und etwas selb-
ständiger — aber beileibe nicht als Blüte — zu stilisieren. So hat sie sich bewahrt
ohne jedes Zugeständnis an eine virtuosere Mache, die sonst überall in den Provinzen
sich entwickelt hatte.
Die lesbische Welle bietet uns also für die Kaiserzeit einen der wichtigsten
Anhaltspunkte für die Herkunftsbestimmung tcktonischer Denkmäler und zu-
gleich, zunächst für die kleinasiatischen Stücke, einen ziemlich sicheren Anhalts-
punkt für die Datierung, wenigstens in dem Sinne, daß man Sarkophage, die vor
die Zeit des Antoninus Pius gehören (z. B. zwei prächtige Stücke links von der
Treppe des Museums in Konstantinopel aus Kleinasien) und nachher (Sarkophag
') Am Olympieion ist die mittlere einzeln II, Taf. XLVII, Nr. 116; P e 1 o p n n e s: aus
stehende Säule von den übrigen noch vorhandenen Stavrochori, ebd., Nr. 121 und Nr. 113, letzteres
verschieden und sicher römisch. Am Ha- jetzt in London; Kreta: Jerapetra jetzt in
driansbogen sind die korinthischenKapi teile London, ebd. II, Taf. XI, Nr. 23, 23 a; Salo-
des Oberstockes z. B. in der Caulisform mit ge- n i k i : jetzt Konstantinopel, ebd. III, Taf. XLIV,
wundenen Kannelürcn ohne Knoten offenbar Nr. 144, 145; Tarent: ebd. III, Suppl. A,
vom Olympieion beeinflußt, ebenso die Pilaster- i a, b, f ; Venedig: ebd., Suppl. B II; K o n -
kapitelle unten in dem merkwürdigen Detail einer stantinopel: unbekannt woher, ebd. II,
tropfenförmigen Zwickelfüllung in den Voluten. Taf. LIII, Nr.152; Oxford: aus Kleinasien (?),
') Athen: Robert, Sarkophagrel. II, Taf. LIII, ebd. III, Taf. X, Nr. 36.
Nr. 151, Kastriotis, rXunxi TOÜ'Et)vixoO Moustfou, 3) Ein gleiches Fuß- und Abschlußprofil (jedoch oben
Athen, 1908 Nr. 2019; ferner die Fragmente ohne lesbische Welle) hat auch der Alexander-
Nr. 2020 — 2022, letztere von der römischen Sarkophag von Sidon (Hamdy Bey-Reinach,
Agora; Delphi: vor dem Museum auf- Nccropole royale, Paris 1892, Taf. XXV ff.),
gestellt; Patras: zwei Sarkophage jetzt in die Basis des Leochares aus dem Philippeion von
Athen, Nationalmuseum, Nr. 1186: Robert III, Olympia: (Baudenkm.) II, Taf. 82, 2, 3 und
Taf. LXX, Nr. 216 mit Darstellung der kaly- ein Rundaltar des II. Jahs. beim Dicnysos-
donisehen Jagd, und Nr. 11 87 mit Kinderdar- theater in Athen: besonders wichtig, weil sie
Stellungen s. Stais, Guide illustr^ (Marbres et beweisen, daß diese Profilfolge schon in frühest-
bronces) ^1910, I94fl.; Korinth: Robert hellenistischer Zeit in Griechenland feststand und
traditionell bewahrt wurde.
rrS E. Wcigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
von Torre Nova u. verw., Sarkophag Torlonia u. vcrw.) sicher unterscheiden kann;
auch für undatierte Bauten leistet sie den Dienst eines ziemlich zuverlässigen Zeit-
messers, und man sollte sich bei Datierungen in erster Linie hieran halten und nicht
willkürlich Bauten nach dem Eindruck der Architektur (mehr oder weniger technisch
gut) oder gar nach allgemeinen Erwägungen über das I. bis III. Jahrh. verteilen.
Die Friese.
Der Fries stellt eine dreifache Aufgabe, da er außen über den Peristylsäulen
an der Ccllawand im Peristyl und in der Vorhalle, endlich im Innern der Cella in drei
verschiedenen Formen auftritt. Ich behandle zuerst den Ranken- und Pfeifenfries,
da diese beiden die wirklich zeitgemäße Form der Friesverzierung darstellen. Die
Ranke ist die sogenannte Akanthusranke in wirkungsvollster Durchführung
auf einer vorgebauchten Fläche ausgeführt. Das stilgeschichtliche Grundgesetz
für die Entwickelung der Akanthusranke hat Riegl mit feinem künstlerischen Blick
erkannt, und Studniczka und Furtwängler haben im Kampfe um das Tropaeum
Trajani das Material besser gesichtet und durchgearbeitet '). Den dabei eingeführten
Ausdruck »Akanthisierung« halte ich allerdings nicht für glücklich, weil er nichts
besagt; denn es ist eben nicht die Eigenart des Akanthus, den Stengel mit Blättern
zu umkleiden, sich um Rosetten einzurollen usf.; man kann die Entwickelung nur
dadurch kurz charakterisieren, daß man von der fortschreitenden Umbildung der
Stengelranke zur Laubranke spricht.
Ich habe schon oben bemerkt, daß Rom und mit ihm der Westen die östlichen
hellenistischen Provinzen in der Entwickelung der Ranke bedeutend überholt hat.
Am Mithridatestore von Ephesus (Abb. 36) findet man die Ranke mit starkem, sich
ungewöhnlich verdickenden Stengel, wie er in dieser Form schon ähnlich bei frühen
attischen Grabstelen des 4. Jahrhs. auftritt; im Grunde ist die Ranke von
der Sima des Artemisions auch hier noch unverändert wiederholt, nur mit Hinzu-
fügung eines pflanzlichen Motivs, aber ohne innere Umwandlung: der geriefelte
Stengel bildet einen Ablauf gegen einen strickförmigen Knoten, auf den ein kurzer
zweiteiliger geschlossener Blattkelch folgt; aus ihm kommen drei geriefelte Caules
hervor, zwei äußere kürzere, während der innere die Ranke in der beschriebenen
Art fortführt, die äußeren setzen sich mit rund schUeßenden Kannelüren gegen einen
kleinen zweiteiligen Hüllblattkelch oder auch nur ein Hüllblatt ab: abwechselnd
einmal oben, einmal unten entsendet der eine Stengel einen unpflanzlichen, sich ein-
rollenden Cauliculus (Volute) in Helixform mit Kanal, der andere bildet ein pflanz-
liches Motiv: offene oder geschlossene Araceenblüte u. a. Einen ganz ähnlichen
Zustand bietet auch der Augustustcmpel von Ancyra in seinen Friesranken, nur daß
der Übergang vom Hüllblattkelch zum stengelumfassenden Hüllblatt sich dort schon
mehrfach zeigt und in der Ranke im Türrahmen in einer Art durchgeführt wird,
die am ehesten an das Julierdenkmal von S. Remy erinnert, aber doch fortgeschrittener
') Riegl, Stilfragen, 248 fi. Studniczka, Tropaeum, 93 ff. Furtwängler, Tropa'ion von Adamklissi, Abh.
bayr. Ak. Wiss. XXII (1905), 488.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 70
Abb. 36. Ephesus, Mithradatestor.
ist. Strenger ist in Syrien der etwas
ältere Peripteros von Suwedah') und
die Überreste von Akantiiusdekora-
tion in der Trauf leiste unseres Jup-
pitcrtempels.
Im Westen verläuft die Ent-
wickelung um deswillen rascher, weil
in augusteischer Zeit in die Ranke
ein neuer Trieb zu stärkerer Natu-
ralisierung kam, dessen Quellen vor-
läufig wenigstens verborgen sind,
dessen Wirkung aber, einem Fermente
gleich, die Entwickelung und Um-
gestaltung mächtig förderte. In
Pompeji liegen zwischen dem Girlan-
dengrab und der gewölbten Nische^)
zwei Rankenfriese, der eine aus Tuff
(Abb. 37), der andere aus Marmor
(Abb. 38) mit identischer Ranken-
bildung: von einem aufrechten mitt-
leren Akanthusblatt verbreiten sich
rechts und links die Ranken. Irti
Tuffries hat das mittlere Akanthus-
blatt den von italisch-korinthischen
Kapitellen her bekannten Blatt-
charaktcr, im Marmorfries haben die
Blattlappen vier kurze, dreieckspitze
Zacken. Das Tuffmaterial und der
italische Blattcharakter gestatten
einerseits nicht, das Datum sehr weit
herabzurücken, der identische Mar-
morfries daneben, der den Übergang
von Tuff- zu Marmorbauten bezeugt,
andererseits nicht weit heraufzu-
gehen: die beiden werden in die
frühaugusteische Zeit gehören. Der
Rankenstengel ist noch geriefelt und
setzt mit einem schmalen feinen Ring-
knoten vor dem Hüllblattkelche ab,
aber mit ihm kommen aus dem mittleren Kelche, der durch das Akanthusblatt und
zwei seitliche, sich unter diesem einrollende Schmalblätter gebildet wird, zwei dünne,
') Butler, S. 333, setzt ihn rund zwischen 50 und
: V. Chr.
Abb. 37. Pompeji, Tuflfrics.
Abb. 38. Pompeji, Marmorfries.
2) Mau, Pompeji, 407 £. 240.
3o ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
feine, echte Pflanzenstengcl vor: der untere krümmt sich in eleganter Rundung
unter die überfallende Spitze der seitlichen Schmalblätter und endet dort in einer
lilicnähnlichcn Blüte, der andere rollt sich unter dem Bogen des großen Rankcn-
stengels ein und endet dort in einer Rosette. Der Kelch des Rankenstengels ist offen
und besteht aus zwei ausschwingenden schmalen Ficdern, in der Mitte setzt sich
wieder der geriefelte, aber sich nicht merklich verdickende Rankenstengel fort, da-
neben drei wieder dünne, echte Pflanzenstengel: der eine biegt sich in schlanken
Windungen abwärts und läßt seine schwere Frucht, deren natürliches Vorbild mir
unbekannt ist, die aber zugleich an Eichel und Pinienzapfen erinnert, auf dem vor-
springenden Profilrand des Architravs aufruhen, wie man Kürbis und Melonen stützt ;
der Rankenbiegung folgend, verläuft der Stengel mit der Rosette, der Erbe des un-
pflanzlichen Cauliculus, in der Einrollung und nach oben tastet ein Greifhaken, so
wie wir ihn bei allen Schlinggewächsen beobachten können. Wieviel Naturmäßiges
steckt schon in diesen Ranken! In dieselbe Zeit gehören wohl auch Akanthus-
ranken in Barcelona von einem Friese, der in der römischen Mauer verbaut war ').
Eine ähnliche Stellung nehmen die Ranken vom Fries des runden Nai'skus
und von der Archivolte des zweiten Stocks am Julierdenkmal von S. Remy ^) ein.
Besonders wichtig für die Weiterentwickelung erscheint daran, daß die Ricfclung
des Stengels aufgegeben ist und der Stengel sich nicht mehr mit Ablauf und (Strick-)
Knoten vor dem Kelch absetzt, sondern sich einfach schlauchförmig zu einem Kelch
erweitert, wenn neue Verzweigungen entstehen sollen 3). Daran knüpft nämlich
die Rankenbildung besonders der Ära pacis 4) an: jeder Gedanke an den alten streng
stilisierten Caulis und die metallischen Cauliculi ist verschwunden; obgleich alles
mit höchster Kunst verteilt und im Grunde nicht minder stilisiert ist wie dort, ent-
faltet sich alles so triebkräftig, als ob es gewachsen wäre, so naturhaft, als ob es diese
künstlerische Art, sich natürlich zu geben, im Samenkorn mitbekommen hätte und
nun eben gewachsen sei nach seinem inneren Gesetze: und diese römische Ranken-
form ist älter als die Caulisranke von Ephesusl Daneben taucht im Westen eine
ganze Fülle verwandter Denkmäler auf; nicht tatsächlich älter, sondern jünger ist
') Annuari de l'inst. d'estud. catal. 1911/12, 416 f.,
Abb. 182 IT., und Puig y Cadafalch, Arquitectura
23 f. 22; 27 f. 23; Abb. S. 88; 89 f. 88. Man
vergleiche damit den Rankenfries vom Augustus-
tempel in Tarragona.
*) Antike Denkm. d. Instit. I, Berlin 1 89 1 , Taf. 1 3 — 1 7,
Text 87 f.; dazu C. I. L. XII, 1012: zwischen
Cäsar und Augustus.
3) Auch das ist nicht an sich neu, an Grabstelcn
kommt es schon früh und oft vor, aber in die
griechische Rankendekoration ist es fast nie
eingedrungen; doch ist es lehrreich, den einen
so behandelten Fall in Olympia (Baudenkm. II,
199, Taf. CXXIII, 2) mit unserem Denkmal
einerseits und mit den Ranken am Greifen-
kapitell der Propyläen des Appius Claudius
Pulcher in Eleusis andererseits zu vergleichen
(Springer-Michaelis, 355 f. 638, vgl. Athen. Mitt.
XIV (1889), 9 ff., Michaelis): in Olympia ent-
springen aus dem Kelch nur zwei Cauliculi,
gänzlich unpflanzlich; in Eleusis behalten bei
allen reichen Verschlingungen und trotz der
kleinen Rosetten und Araceenblüten die unpflanz-
lichen Cauliculi ihren Platz, erst am Julier-
denkmal sind sie ganz zugunsten pflanzenhafter
Formen ausgeschieden.
■*) 13 — 9 V- Chr., letzte bedeutende Äußerung:
Studniczka, Zur Ära pacis, Abh. sächs. Ges.
XXVII (1909), 899 ff., ein paarguteAbb. Strong,
Roman sculpture, London 1907, Taf. 17, 18, 20.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 8 1
der Rankenfries des Augustustempels von Tarragona, aber er bewahrt uns einen
älteren Zustand, der stadtrömisch wohl den frühen Augustusbauten zukäme; dann
reiht sich an der Rankenfries vom Theater in Arles, der Fries des Cäsarentempels
in Nimes, der Impostenschmuck der Bogen von Cavaillon und Orange, Imposten-
und Friesranke auch in Pola ') u. a. Den Fries des Augustustempels von Pola be-
trachten wir uns etwas aufmerksamer, weil er (für uns) das Prinzip aufstellt, nach
dem syrische Beispiele gerne verfahren: die Ranken nicht über die ganze Länge
in ununterbrochenem Zuge sich abrollen zu lassen, sondern in sich abzugrenzen und
eines oder zwei Interkolumnien als zu schmückende Einheit zu nehmen.
Aus einem dichten, eckumfassenden Akanthusbusch, der aus drei reich be-
wegten hohen Blättern und kleinen abwärts gekehrten Bodenblättern besteht, sprießt
neben einer prächtigen Traube ein mit Akanthus umkleideter Stengel hervor, der
sich oben umbiegend teilt; die Vcrzweigungsstelle liegt innerhalb einer engen Blatt -
Umhüllung, die nach einer kleinen zurückgeschlagenen Blattmanschette (wie man
sie an gewissen Schwämmen beobachtet) anhebt, nach unten rollt sich, neuerdings
umkleidet, der eine Rankenteil zu einer rauschenden Blätterspirale ein mit Trauben
dazwischen, während der andere etwas freibleibend die Ranke vorwärtstreibt; um
und durch die beiden im Winkel voneinander abgehenden Rankenäste schlingt sich
ein dünner kriechender Stengel, der in einer Rosette endigt und zusammen mit den
zurückgebogenen Spitzen der Hüllblätter aus den beiden Rankenästen den frei-
bleibenden Zwickel füllt, eine reizvolle, fein motivierte Befriedigung des künstlerischen
horror vacui. Nur ganz kurz bleibt der Stengel frei, gleich umfängt ihn wieder ein
Hüllblatt, das mit zur Zwickelfüllung dient, dann folgt die Blattmanschette, und
hinter einem neuen Hüllblatt teilt sich nun die Ranke unten zum zweitenmal, der
alte Stengel rollt sich in derselben Abfolge der Umkleidung mit Hüllblatt, Manschette,
Hüllblatt ein, nur sitzt diesmal in der Mitte eine große fünflappige Rosette, aus deren
Kelch ein dünner Stengel kühn über Blüte und Rankenwindung wegkriecht, um
für den oberen Zwickel ein neues Füllmotiv zu entfalten. Dann folgt an dritter Stelle
wieder der rauschende Blätterkelch wie an erster, an vierter eine große Araceenblüte,
an fünfter eine ähnlich wie die zweite gebildete Rosette, an sechster das Blattmotiv
von eins aufwärts gerichtet, mit der siebenten Einrollung ist die Friesmitte erreicht,
wo die beiden Rankenzüge von den Ecken her sich begegnen müssen: von oben
herabkommend und innen sich erhebend, bäumen sie sich auf wie edle Pferde unter
dem Ruck der Zügel und stehen still; als letztes Motiv sind rückwärts gegeneinander-
gekehrte gesprengte Halbpalmetten, die wirklich akanthisiert sind, d. h. pflanzHchen
Charakter bekommen haben.
Die Akanthusranke über den Säulen der Vorhalle des Bakchustempels (Frau-
berger, Taf. 13) hat mit der reif augusteischen das Organisationsprinzip gemeinsam:
das Ausgehen vom Akanthusblattbusch, die enge spiralige Einrollung um Blüten
') Tarragona: Puig y Cadafakh 206 f. 229; vaillon: Esp^randieu I, lyaf.; Orange
Nimes: s. Taf. 111,2; Arles: Espi5randieu, s. 0.; Pola: Sergierbogen, Impostenranke:
Recueil I, 158, Durm, f. 438 f. zu S. 389; Ca- Stuart-Revett, Antiquities, Vol. IV, chap. III,
pl. IX, 2; Augustustempcl, Fries: Noack, Taf. 75.
82 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
und Blattbüschel, die eng umfassenden Hüllblätter des Stengels, die Zwickelfüllung
durch HüUblattüberfali und kleine abgezweigte Blüten, aber in der Ausführung
waltet eine grundverschiedene Auffassung. An Stelle des Akanthusbusches stehen
drei gereihte Blätter in der Formgebung des östlichen Typus an Kapitellen; im Westen
erscheint im Zusammenhang mit der Ranke niemals der viel stärker tektonische
Blattypus vom Kapitell, sondern eine weichere natürlichere Form, die ein Blatt-
gebüsch zu bilden vermag. Die Formvorstellung des Ostens ist hierin viel naturferner,
lediglich auf die stärkere Wirkung durch abstrakt künstlerische Mittel ausgehend
(Kontrast der Bewegung von Ranke und ruhig stehendem Blatt, der Licht- und
Schattengebung durch die Rillung der Blätter). Noch mehr unterscheidet sich
die Ranke durch ihr Verhältnis zur Grundfläche; für den Beschauer ist sie gänzlich
vom Grunde losgelöst, wie eine Gitterung eingespannt zwischen den zwei Rand-
leisten. In augusteischer Zeit kommt der Grund trotz des Strebens nach guter Be-
deckung der Fläche immer durch; nicht nur, sondern jeder einzelne Teil geht von der
Grundfläche aus, betont, daß gerade im Hereinschwellen vom Grunde seine plastische
Form besteht. In Baalbek ist durch das geschickteste Zusammenwirken von Bohrer
und Meißel der Grund geleugnet; die Fernwirkung ist der bestimmende Gesichts-
punkt, nur für einen von großer Höhe herabwirkenden Fries hat sie Berechtigung
und ist sie geschaffen und angewandt worden (der beste Beweis dafür der sogenannte
schöne Fries an der Türwand in Augenhöhe ')): es ist derselbe Formengeist, der die
spätere Bildung des Eierstabes und der lesbischen Welle bestimmt. Im einzelnen
bleibt der Abstand zwischen der augusteischen und unserer Formenbildung aus den
gleichen Gründen derselbe: während dort das einzelne Blatt eine sorgfältige Ober-
flächenbehandlung mit modellierender Herausarbeitung der Blattstruktur, der
Berippung, sonstiger fein beobachteter Einzelzüge erfährt, wird hier kaum indi-
vidualisiert, die Zacken werden wie in das Blatt eingerissen und selbst in die Fläche
der Hüllblätter, da sie glatt bleibt und zu unbelebt erscheinen würde, werden durch
Längsrillen starke Drücker gesetzt.
Unser bewährtes Vergleichsstück, die Propyläen von Gera§ (Taf. V, i), bieten
in ihrem auf die Straße zu gerichteten Fries eine vollkommene Parallele: reicher
ist er nur insofern, als in die von Spiralen umrankten Blütenkelche figürliche Motive
gesetzt sind, springende Tiere und spielende Putten; übrigens findet sich hier an
einem herabgefallenen Stück auch einmal das Akanthusgebüsch mit herabhängenden
Bodenblättern. Nicht zu überbieten ist der gehäufte Reichtum amNymphäum(Taf.V,2),
wo an den zahlreichen Verkröpfungen die Ecke jeweils durch ein umgreifendes Akan-
thusblatt besetzt wird. Ein bedeutender Unterschied besteht jedoch: am Bakchus-
tempel und an den Propyläen bleibt bei allem Reichtum der Stengel das Maßgebende
in der Erscheinung: in der ganz dichten Füllung am Nymphäum ist er ungleich viel
weniger fühlbar, das gilt noch mehr für den Fries vom Tempel von Bosra (Taf. IV, 2)
und vom sogenannten Triumphbogen von Damaskus, auch was Sunamen und Atil
in traurigen Resten bieten, weist in die gleiche Richtung: das Stengelhüllblatt um-
') Puchstein u. v. Luepke, Baalbek, 30 Ansichten, Taf. 24: von zartester Wirkung.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 83
kleidet nicht mehr den Stengel so, daß er darunter fühlbar bleibt, es wird eins mit
ihm und führt seine Rolle fort: so wird aus der Stengelranke dann die Laubranke.
Ganz charakteristische Beispiele für dieses Stadium, das sich um die Wende
des 2./3. Jahrhs. in Syrien wie in Kleinasien vollzieht, bietet Aphrodisias
in den Rankenfriesen beim Propylon des Aphroditetempels und das Theater von
Hierapolis: die Zeit der reichen Stengelranke, jedoch in weniger dichter Füllung als
Baalbek vertritt das erste Geschoß der Bibliothek von Ephesus und die Ranken-
pilaster von der Tür des Tempels auf der Theaterterrasse von Pergamon. In vier
trefflichen Beispielen erreichen wir, von der flavischen Zeit rückwärts gehend, wieder
unseren Rankenfries von Ephesus; das Markttor in Milet bezeugt die Aufnahme
und Beherrschung der Formen, wie sie in weströmischen Rankenfriesen der reif-
augusteischen Zeit ausgebildet worden waren. Noch nicht so reich, aber von ähn-
licher Art sind die Akanthusranken vom jonischen Hallenbau in Milet, der zweiteilige
Hüllblattkelch behauptet sich jedoch trotz allem Neuen. Die Ranken einer Basis
von der Ostfront des Didymaions haben noch die sich verdickenden Stengel mit Ablauf,
Strickknoten und zweiteiligem Hüllblattkelch, aber die Cauliculi fehlen und in den
reichen Spiralen sitzen Blätter- und Rosettenmotive, wie wir sie am Augustustempel
von Pola beobachtet haben. An der Sima des Smintheions in der Troas endlich
haben wir annähernd die Stufe des Mithridatestores, nur daß neben den kleinen
Blattkelchen an den Verzweigungstellen auch umhüllende Blätter die CaulicuH
teilweise verkleiden ').
Im Innern derCella herrscht der Pfeifenfries auf ebener Grundfläche: gereihte
Kanäle unten horizontal abgeschnitten, oben gerundet; sie sind ganz wie Säulen -
kannelüren behandelt, also vor allem die Stege nicht gebohrt, die Kanäle nicht tief
ausgehoben: das ist ungewöhnlich streng für eine Zeit, deren Sucht für starke Augen -
reize im Architekturornament wir so vielfach beobachtet haben; daß das auch nicht
die Regel in Baalbek ist, sondern gerade hier ein gewollter Kontrast zu dem übrigen
Reichtum, sieht man an den zwei anderen Stellen, an denen die Pfeife auftritt: in der
Abakushohlkehle der Kapitelle, die auch an der Wand entlang fortgeführt ist, und
an der Stirn der großen Hängeplatte (ebenso auch an den kleinen Giebeln zwischen
den Säulen); hier zeigt sie sich in ihrer wahren Gestalt: der Kanal tief gehöhlt, die
Seitenflächen der Rinne sogar leicht gebaucht, der glatte Zwischensteg durch eine
Rille aufgehoben und nur metallartig dünne Ränder belassen.
Als immer dankbare Analogie auch hierin bieten sich die Propyläen von Geraä,
die, wie der Bakchustempel, am selben Bau abwechselnd Ranken- und Pfeifenfries
verwenden : auf der Tempelseite sitzen Pfeifen der letztbeschriebenen Form auf einer
") Aphrodisias, s. Athen. Mitt. 1914, T. VI, 2; Bildung der Kymatien, besonders des lesbischen,
Hierapolis: ein reiches gekrümmtes Gebälk- unmöglich über die trajanisch-hadrianische Zeit
stück, Architrav und Fries, offenbar von einer herabgerückt werden; das obere Gebälk scheint
Rundnische der Bühnenwand; Ephesus: später; D i d y m ai o n: Pontremoli-HausouUier,
s.o. S. 59'; Pergamon: Altert. IV, Taf.XXXI, Didymes, Paris 1904, 145, Noack, Taf. 55 a;
Text 67 : der Türrahmen und wohl auch die Smintheion: Antiq. o£ lonia IV, pl. 29,
jonischen Kapitelle können nach Rankenform und Schede VIII, 47.
84 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
bauchigen Grundfläche. Eine ebenso gute Parallele bietet in Kleinasien die Bibliothek
von Ephesus: Rankenfries im ersten, Pfeifenfries im zweiten Geschoß, ebenso findet
sich in Sagalassos in der Basilika, dem ehemaligen Dionysosheiligtum, Ranken-
und Pfeifenfries nebeneinander, nicht minder am Theater von Ephesus. Der Pfeifen-
fries ist auch sonst in Kleinasien häufig: in Termessos, in Pergamon im Kaisersaal
des oberen Gymnasiums, im Theater von Sagalassos und in Aezani auf einer karnies-
artigen Grundfläche, wie er auch in Saloniki an der »Incantada« auftrat. In Rom
findet er sich wiederverwendet an der Vorhalle des Lateransbaptisteriums — hier
über wiederverwendeten Kapitellen des östlichen Typus — und im Innern: man
kann sicher behaupten, daß er im stadt- und weströmischen Formenkreis nicht
heimisch ist •).
Dagegen ist die Pfeife in den zwei anderen Verwendungsarten im Westen ge-
bräuchlich bereits seit augusteischer Zeit: in der Abakushohlkehle und als Schmuck
der Stirnplatte: für die Abakushohlkehle haben wir Nimes, Orange und den Bogen
von Cavaillon, der vielleicht später als Orange, aber sicher vorflavisch ist, den Sergier-
bogen in Pola und die späteren Kapitelle unseres Juppitertempels, dann den Ves-
pasianstempel auf dem Forum, auch noch ein paar südgallische Beispiele; jedoch
wird sie in der späteren Zeit im Westen so gut wie aufgegeben, die glatte Hohlkehle
bevorzugt. Dagegen verwendet sie der Osten, Syrien insbesondere, im 2. und 3. Jahrh.
mit ganz besonderer Vorliebe: z. B. Gera§ am großen Peripteros, den Pro-
pyläen, den beiden Theatern, am Bet el Tei' (Abb. 39) und vielfach in den Säulen-
straßen, auch Kleinasien verwendet sie noch spät: in Aphrodisias namentlich am
späten Thermenumbau *). Die Pfeife als Schmuck der Stirnplatte des Konsolen-
gesimses findet sich augusteisch außer an dem für die antoninische Zeit in Anspruch
genommenen Gebälk des Castortempels am Concordiatempel, gerne wird sie so an
flavischen Bauten in Rom verwendet am Titusbogen, amVespasianstempel, amNerva-
forum, an einem domitianischen Theater in Albano, ferner am Antoninustempel
und zuletzt noch am Konstantinsbogen, hier wohl nur, weil die wiederverwendeten
Gesimsstücke dazu zwangen; denn im späteren 2. und besonders im 3. Jahrh.
bevorzugt man auch hier durchweg die glatte Stirnplatte 3). In Gallien wird seit
dem Bogen von Orange eine Art konvexer Pfeife beliebt, in Nordafrika verwendet
das Kapitol vonDugga die normale Pf eife an dieser Stelle 4). In Kleinasien haben wir
einige Beispiele: die Bibliothek von Ephesus im ersten Geschoß, das Theater von
Perge, die Faustinathermen in Milet, den Tempel auf der Theaterterrasse von
Pergamon 5) : jedoch bleibt auch hier die glatte Stirnplatte eigentlich die Regel.
■) Sagalassos: Lartckoronski II, 142 f. 112, ') C. R. 1906, 165 f. i.
Basilika E i; Ephesus: Forschungen II, 3) Für Rom vgl. Noack, Taf. 76 — 79. Albano:
Taf. VII; Termessos: Lanckoronski II, 87 Studi Romani II (1914), 23 f. 2 (Lugli).
f. 42, Taf. VI: mit davor gereihten Akanthus- 4) Dugga: Noack, Taf. 180.
blättern; P e r g am n: Institutsph. Perg., 955; 5) Perge: Lanckoronski I, 54 f. 39; Perga-
Sagalassos: Theater: Lanckoronski II, 156 mon: Altert. IV, Taf. 34, 35; M i 1 e t : Wiegand,
f. 131; A e z a n i : Lebas-Reinach, Voyagearch^- 7. vorl. Bericht: Abh. Berl. Ak. Wiss. 1911, 32
ol., Paris 1888, Arch. As. Min., 30; Salo- f. 12, Arch. Anz. 191 1, 429 f. 7.
niki: Stuart- Revett III, chap. IX, pl. IIL
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. g c
Abb. 39. Geras, Südtempel (Bet el Tei).
Dagegen bieten alle in Syrien verfügbaren Beispiele diesen Stirnschmuck: in Gera5
Propyläen, Bet el Te'i, Nymphäum, in Damaskus Propyläen und das prächtige
Verdachungsgesims des großen Südportals zum Tempel, der Tempel in Bosra, die
Synagoge von Kefr Birim ') und
die romanische Nachahmung an
der Fassade der Grabeskirche.
Die effektreiche Formenbehand-
lung — Vertiefung der Kanäle,
Austreiben der Seitenflächen und
Ränder, Stegrillen — bildet sich
in der mittleren Zeit desTiberius
und herrscht durch die flavische
und trajanisch-hadrianische Zeit
bis zur spätantoninischen. So-
bald wir aber in das 3. Jahrh.
eintreten, erlahmt, wie fast
überall, der Wille und die Kraft:
die Pfeifen verlieren ihre alte
Schlankheit, sie werden breiter
und kürzer; damit geht von
selbst auch die tiefe Höhlung
verloren, die Pfeifen nähern sich
einer Folge gestelzter Rund-
bogen. Die Umbohrung wird
zunächst noch ausgeführt, unter-
bleibt aber allmählich, genau so,
wie es beim östhchen Akanthus-
blatt geht: die Umbohrung be-
halten noch bei der Tempel von
Bosra und die Propyläen von
Damaskus, ihnen entspricht der
Aphroditetempel von Aphrodi-
sias. Niedrig und wenig umbohrt
sind sie bereits am Verdachungs-
gesims des großen Südtores des
Peripteros von Damaskus (Abb. 40); die Umbohrung unterbleibt ganz in den
Thermen von Aphrodisias an den vorhin genannten Kapitellen eines späten Umbaus.
Der Protomenfries (Taf. I, 2) über den Säulen des Peristyls ist in der
gleichzeitigen Architektur Syriens ein vollständiges Unikum und findet auch an dem
Konsolenfries des Trajaneums nur eine unvollkommene Parallele. Es ist klar, daß
diese Friesbildung unter dem maßgebenden Einfluß des älteren großen Juppiter-
Abb. 40. Damaskus, Tempel, Türgesims.
■) Survey. West. Palest. I, Taf. zu S. 230.
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX.
86 ^- Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
tempels entstanden ist und der Zwang der Harmonisierung mit dem sicher viel-
bewunderten Vorbild die Beibehaltung einer unzeitgemäßen Form bewirkt hat, die
man natürlich sofort fallen läßt, sobald dieser äußere Zwang aufhört. Trotz der
allgemeinen Anpassung hat man nicht sklavisch nachgeahmt, namentlich das Akan-
thusblatt geht mit dem Kapitell, und, was noch wichtiger ist, der Wechsel zwischen
Akanthus und Palmette, der sich allmählich im Konsolengesimse durchgesetzt hatte,
greift auch hierher über. An Stelle der hölzernen Zapfenblätter, die das Losgehen
der Protomen vom Friese des Juppitertempels schlecht und recht maskieren sollen
(Taf. II, 2) — von unten sind sie kaum sichtbar • — , ist am Bakchustempel ein Blatt-
kranz aus zurückgeschlagenen Blättchen getreten; wären die Köpfe der Protomen
besser erhalten, so würden auch Löwen- und Stierköpfe den Zeitunterschied
zwischen augusteischer und antoninischer Zeit sicher nicht verleugnen.
Derselbe Zwang der Harmonisierung mit dem Großen Tempel besteht im all-
gemeinen auch für die Glieder des Abschlußgesimses im Äußern; auch da sind gerade
die Abweichungen am bezeichnendsten. Das Flechtband ist ausgeschieden worden,
dafür vermittelt eine lesbische Bandwelle den Übergang von der Grundfläche des
Frieses zum Zahnschnitt. Der Eierstab zeigt die charakteristische Form der frühen
antoninischen Zeit in Syrien ebenso wie sonst am Tempel, wo immer er auftritt.
Konsolen und Mäander haben sich nicht merkbar verändert, das Schraubenband
weniger, als man annehmen sollte, da kein Schrägschnittstab mit Gegenübersetzung
der glatten Stabfläche und der queren Rille daraus geworden ist. An der Palmetten-
sima begegnet uns die bezeichnendste Abweichung. Wenn es der Architekt auch
fertiggebracht hat, glatte Konsolen und Mäander zu setzen, wo er gewohnt war,
Akanthuskonsolen und Pfeifen anzubringen, die Rankenstengel mit ihren Voluten
konnte er sowenig in der Sima beibehalten wie in der abschließenden Hohlkehle
des Architravs: es ist eine rechte kanonische Sima des 2. Jahrhs. geworden
mit der abwechselnden Reihung eingerollter und fiedriger Palmetten.
Die Cellawand dahinter hat als Profilfolge unter dem Konsolengesims: Eierstab,
Zahnschnitt, lesbische Welle, die Vorhalle innen: lesbische Welle, Zahnschnitt, Eier-
stab, die Cella innen: Eierstab, Zahnschnitt, lesbische Welle, ebenso die Hof hallen
wie auch der Bakchustempel; die gleiche Folge bieten Propyläen, Südtempel (Abb. 39)
und Nymphäum von G^raä, der Tempel von Bosra, der Peripteros von Damaskus,
die Synagoge von Kefr-Birim; man kann sie also die kanonische Folge in Syrien
nennen.
Das Konsolgesims an der äußeren Cellawand hat flache Konsolen mit unter-
gelegtem Blattornament, Akanthusblatt und Palmettenmotive wechselnd; ebenso
in der Vorhalle und in den Hof hallen, ebenso alle weiteren Beispiele in Syrien; nur
die Cella im Innern und der Rundtempel haben wieder vom Juppitertempel her die
geschwungenen Balkenkopfkonsolen. Die Pfeifen auf der Stirnplatte treten mit der
oben gekennzeichneten Ausnahme sonst in Baalbek durchgehends ebenso wie im
übrigen Syrien auf, desgleichen über einem Perlstab die Sima mit Blattreihungen,
wobei in der Regel Fieder- und eingerollte Palmette wechseln, es tritt aber öfter
auch das Akanthusblatt unregelmäßig oder in dreitaktigem Wechsel auf, der Tempel
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. 8?
von Bosra verwendet nur Fiederblätter. Stellen wir daraus die typische Folge
für Syrien im 2. und 3. Jahrh. fest, so erhalten wir: Eierstab, Zahnschnitt,
lesbische Welle, Blattkonsolen mit dem Wechsel von Akanthusblatt und Palmette
und umlaufendem Eierstab, Stirnplatte mit Pfeifenschmuck, Perlstab, Sima mit
Blatt- und Palmettenreihung.
Vergleicht man damit Kleinasien, so ist das Bild dort nicht so einheitlich: die
Folge: Eierstab, Zahnschnitt, lesbische Welle oder umgekehrt wird nicht regelmäßig
durchgeführt: der Eierstab ist vielfach in das Krönungsprofil des Frieses einbezogen
und dann durch eine glatte Leiste vom großen Abschlußgesims getrennt (Theater
von Perge), oder der Eierstab wiederholt sich (Hadrianstor von Adalia, Bibliothek
von Ephesus in beiden Geschossen, Faustinathermen in Milet), besonders häufig
unterbleibt überhaupt das dritte Profil (Theater von Aezani, Tempel auf der Theater-
terrasse von Pergamon, Theater von Sagalassos u. a.). Sehr gebräuchlich ist auch
die jonische Hängeplatte statt der korinthischen Konsolplatte (Hadrianstor von
Adalia, Thermen von Aphrodisias, Bibliothek von Ephesus erster Stock [Aphrodisias
hat über dem Zahnschnitt und unter der Hängeplatte ein Karnies mit gereihten
Akanthusblättern, ebenso die Propyläen bei der großen byzantinischen Kirche von
Milet, Ephesus mit intermittierender Wellenranke], Theater von Termessos), be-
sonders über Kompositkapitellen. Die Konsolen sind immer mit Blatt- und Palmetten-
motiven unterlegt. Die Stirnplatte ist, ausgenommen die wenigen schon angeführten
Beispiele mit Pfeifen und die ganz reich mit Ranken oder Rosettenmotiven prunkenden
Beispiele (Obergeschoß der Bibliothek von Ephesus), glatt. Der Perlstab unter
der Sima (Hadrianstor von Adalia, Nymphäum von Aspendos, Juppitertempel von
Aezani, Odeon von Laodicea) wird sehr oft ersetzt durch den Eierstab (Theater von
Termessos, Nymphäum von Side, Gebälk in Sillyon, Tempel in Pergamon) oder durch
die lesbische Welle (Theater von Aezani, Thermen von Aphrodisias, Bibliothek von
Ephesus). Nicht minder abwechslungsreich ist der Simenschmuck: besonders beliebt
ist die intermittierende Wellenranke (Theater von Perge, Nymphäum von Side, Theater
von Termessos und vielfach im südlichen Kleinasien, Bau in Laodicea, die oben
genannten Propyläen von Milet, der römische Hallenbau am Delphinion und die
Faustinathermen daselbst, vgl. ferner Bibliothek von Ephesus unter der Hänge-
platte). Wird die wechselnde Palmettenreihung angewandt, so sind die Palmetten
streng, fast dürr, nur eingerollt und auswärts geschwungen, vor allem fehlen die
reichen Fiederpalmetten (Juppitertempel und Theater von Aezani, Thermen von
Aphrodisias, Hadrianstor von Adalia, Tempel in Pergamon usw.), eine stark blättrige
Form einer Art Araceenpalmette wird kontinuierend gereiht an den Simen der Biblio-
thek von Ephesus ').
') Perge, Theater: Lanck. I, 54 f. 39; Adalia: Aphrodisias: für die gereihten Akanthusbl.
ebd. I, Taf. 7; Ephesus: Österr. Jahrh. XI vgl. Antiq. of lonia III, chap. II, pl. 26; Ter-
(1908), 124 f. 26 f.; Aezani, Theater: Lebas- messos, Theater: Lartck. II, 97 f. 55; Aspen-
Reinach, Taf. 14, Juppitertempel: ebd., Taf. 32; dos, Nymphäum: ebd. I, 100 f. 78; Side:
Pergamon, Theaterterasse : Altert. IV, ebd. I, Taf. 31; Sillyon: ebd. I, Taf. 14;
Taf. 34; Sagalassos: Lafick. II, 1561.131; Milet, Delphinion: Kawerau-Rehm, D.,
Berlin 1914, 144 f. 26.
7*
88 E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung.
Interessant ist auch hier ein Seitenblick auf den Diokletianspalast von Spalato,
den man ja als typisch-syrisches Bauwerk in Anspruch nehmen will '): das Abschluß-
gesims des Juppitertempels zeigt die Folge lesbische Welle (von stadtrömischer
Form), Zahnschnitt (kein drittes Profil), Akanthuskonsolen, glatte
Stirnplatte, kleine Hohlkehle, Sima mit intermittierender
Wellenranke'): schon bei den Formen der lesbischen Welle ergab sich, daß
in Rom und Kleinasien die Verwandten zu finden sind: auch hier. Die intermittierende
Wellenranke ist ja auch in Rom im allgemeinen, besonders aber auf Karniesprofilen
sehr beliebt: in der Sima des sogenannten Pädagogiums auf dem Palatin, am Nerva-
forum, im Architravabschlußgesims des Vespasianstempels, im Flavierpalast auf
cjem Palatin, am domitianischen Theater in Albano, in den Caracallathermen, am
aurelianischen Soltempel bei S. Silvestro, im Kämpfergesims des Severusbogens usw.
Dazu kommt, daß die sägezackige Akanthusform, die in Spalato mehrfach vorkommt
(an Kapitellen der oberen Säulenstellung und im Kämpfergesims des Mausoleums,
an den seitlichen Konsolen der Türe des Baptisteriums), ihre nächsten und fast
einzigen zutreffenden Parallelen in Kleinasien (und Rom) findet, während Syrien
an der Entwickelung dieser Form, soweit ich das Material übersehen kann, so gut wie
unbeteiligt ist 3). Daraus ergibt sich, daß syrische Kunst mit dem Diokletianspalast
nichts zu tun hat, wohl aber kleinasiatische und in sehr geringem Umfange Stadt-
römische.
Bisher stand der Bakchustempel im Vordergrund, die Hofhallen und der Rund-
tempel wurden gelegentlich herangezogen: es ergeben sich nirgends tief ergehende
Unterschiede, die einen größeren zeitüchen Abstand unter diesen Bauten bedingen.
Damit steht im Widerspruch die allgemeine Annahme, daß noch unter Caracalla
an der Akropolis gebaut worden sei. Man stützt sich dabei auf eine Inschrift, wonach
der Speculator Longinus bronzene und vergoldete Säulenkapitelle für die Propyläen
gestiftet hat. Das kann aber sehr wohl sogar längere Zeit nach Abschluß des Baues
stattgefunden haben, worauf schon Puchstein hingewiesen hat 4). Die erhaltenen
Pilasterkapitelle der Propyläen, deren eines einem Säulenkapitell vom Rundtempel
auffallend gleicht (Abb. 30, 31), können in keinem Fall bis an die Jahrhundertwende
herangerückt werden; das verbieten Sunamen und Atil und andere Bauten, die der
gleichen Zeit angehören. Für den Eierstab und den übrigen Profilschmuck gilt dieselbe
Grenze. Es handelt sich nur darum, zu wissen, wann die zweite Bauperiode von
Baalbek einsetzt. Da verweise ich auf das prächtige Peltenornament, das als Sima
über der sogenannten schönen Tür, in der Südwestecke des Altarhofes angebracht
ist; mir sind bisher zwei Beispiele aus Pompeji bekannt, ein skulpiertes 5) von einem
') Strzygowski, Mschatta. Jb. preuß. Kunsts. 25 ') H^brard-Zeiller, 104; im Innern 105; Mausoleum
(1904), 229 f. »Es ist längst bekannt, daß die S4S.; Peristyl 66 f.
Bauformen von Spalato typisch syrisch sind«; 3) Vgl. Athen. Mitt. XXXIX (1914) 39 ff., wo ich
vorsichtiger Hibrard - Zeiller, 1 58 £f. Auch die Entwickelungsgeschichte dieses Akanthus-
Mesopotamisches findet Strzygowski: Amida, typus verfolge.
148 f. 4) Arch. Jahrb. XVI (1901), 154,11.
5) Altmann, Grabaltäre, 181 f. 145.
E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und DiflFerenzierung. 8q
.Grabaltar und ein gemaltes
von einem neu aufgedeckten
Grabbau vor dem Tor d. Reg.
VI. Ins. XV. Eine andere Be-
obachtung führt uns vielleicht
weiter: Über der eben genann-
ten Tür befindet sich eine
ehemals prostyle Nische, deren
Pilaster eine ungewöhnliche
Kapitellform aufweisen : zwei
eckumgreifende Akanthusblät-
ter nehmen die Kapitellhöhe
bis zu den Eckvoluten ein,
zwischen ihnen sitzt am Fuß
des Kapitells ein Eierstab, die
Doppelhelices verbinigcn sich
unten, biegen über dem Eier-
stab um und rollen sich volu-
tenartig unter einer Blattpal-
mette ein, welche die Kapi-
tellmittc füllt; darüber sitzt
die gewöhnliche Deckplatte.
Diese auffallende Kapitellform
steht meines Wissens in Syrien allein; aber Kleinasien, Griechenland und Rom
bieten datierte Beispiele. Im Lateran gibt es ein paar Säulenkapitelle des
gleichen Typus, die nach ihrem Fundort mit gutem Recht dem Trajansforum
zugeschrieben werden. Verwandte St-ücke sind wiederverwendet in S. Martino
ai Monti und werden darum wohl aus den trajanischen Thermen stammen,
auf deren Gebiet die Kirche liegt; ebenso sind solche Kapitelle in S. Nicola
in Carcere (Abb. 41) wiederbenützt. In der Moles Hadriana gab es gleichfalls
solche Pilasterkapitelle. Ein klei-
nes Stück dieser Art ist im Kreuz-
gang von San Lorenzo fuori le
mura an der Wand befestigt, zwei
merkwürdig verkröpfte Ovalkapi-
telle des gleichen Typus befinden
sich an der Treppe zu S. Trinita
dci Monti, endlich befindet sich
auch ein solches PilastcrkapitcU
im Museum von Neapel; in allen
Fällen hat der Akanthus östlichen
Typus, die Stücke sind also sicher
Abb. 42. Pergamon, Gymnasien (Instph. 368 B). VOn Östlich geschulter Hand aUS-
Abb. 41. Rom, S. Nicola in Carcere.
QO E. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Gntwickelung und Differenzierung.
geführt '). In Griechenland bietet das früheste Beispiel der Hadriansbogen in
Athen, antoninische die großen Propyläen von Eleusis, die Exedra in Olympia
und das Odeon des Herodes Attikus, sonst findet es sich mehrfach in Athen,
verbaut an der kleinen Metropolis, im Dionysostheater, auf der Akropolis, bei der
Attalosstoa usw.; auch auf der Insel Thasos begegnet es in der gleichen Zeit ^).
Endlich ist der Typus reich vertreten in Pcrgamon (Abb. 42) in den Gymnasien,
ferner am Zeustempel von Aezani, in Aphrodisias, Halikarnaß 3) u. a. Es gibt
zwar auch ganz vereinzelte Nachläufer, sogar ein frühbyzantinisches Stück 4),
die Hauptmasse der Beispiele gehört jedoch in die spättrajanische, die hadria-
nische und die Zeit des Antoninus Pius; in denselben Zeitgrenzen hält sich
stilistisch, was wir vom korinthischen Kapitell und allen Einzelformen in Baalbek
kennen. Daraus folgere ich, daß die zweite Bauperiode von Baalbek in spät-
trajanischer Zeit eingesetzt haben mag, hauptsächlich in hadrianischer und anto-
ninischer Zeit durchgeführt und auch noch zur Zeit des Antoninus Pius abge-
schlossen wurde. Darin wird die versprengte Notiz bei Malalas ihre Richtigkeit
haben, daß in der Weihinschrift, die von der Vollendung der staunenswert groß-
artigen Akropolisbauten von Baalbek Zeugnis gab, der Name des Antoninus Pius
stand; eine spätere Zeit kann zum Ausbau nichts Nennenswertes beigetragen haben,
nur noch zur Ausschmückung.
Fasse ich ganz kurz zusammen, so ergibt sich mir: Der Baubeginn des großen
Tempels fällt in die Gründungszeit der römischen Kolonie Julia Augusta Heliopolitana;
seine Formengebung ist bestimmt durch stadtrömisch -augusteische Kunst in Durch-
dringung mit späthellenistischen Traditionen, die Differenzierung zu ausgeprägt
östlichen, römisch -griechischen Ornamenttypen setzt sehr bald ein; was erhalten
ist, fällt vor die flavische Zeit. In der zweiten Bauperiode bietet uns Baalbek inmitten
einer rein östlichen, römisch- (griechisch-)syrischen Umgebung das eigenartige Bild
einer stärker von weströmischen Einflüssen durchsetzten Kunst, die sich durch die
Ausbildung syrischer Künstler in Rom erklären mag. Der östliche griechische
■) Lateran: Ronczewski, Motive, 56 f., Abb. 97, 51; Arch. Ephim. 1912, 164 f. 3, Taf. lo (Ver-
103; Moles Hadriana: Rodocanachi, Le sakis); Kleine Metropolis: Athen.
ChateauSaint-Ange, Paris 1909, 8, pl. 2; Hülsen, Mitt. XXXI (1906), Beil., f. 9. Thasos:
II libro di Giul. da Sangallo, Leipzig 1910, f. 9: Ost. Jahresh. XI (1908), 163 f. 56 (Sitte):
die Vollendung durch Antoninus Pius wahr- sicher nicht V. Jh.
scheinlich schon 139, darnach Beisetzung der 3) Pergamon: Institutsph., 367 — 369, 753;
Asche Hadrians, die aus Pozzuoli überführt Aezani, Theater: Lebas-Reinach, Taf. 10; in
wurde. Aphrodisias in der Stadtmauer verbaut, vgl.
*) Hadriansbogen: Stuart-Revett, Antiquit., ferner Theater von E p h e s u s , Forschungen
Vol. III, chap. III, pl. VI— VIII; Eleusis: II, 63 f.iigff.; Halikarnaß: Institutsph.
IIpaxTtxa, 18S7, Taf. I. Plan; zur Datierung der Kleinasien, 297. Hellenistische Vorbilder dafür
großen Propyläen, ebd., 52, A" u. 53 f., die Büste wären Kapitelle wie Cockerell-Kinnard u. a.
im Clipeus muß ohne Zweifel als Antoninusbüste Antiquit. of Athens, London 1830, 55 u. Taf. IV, i
angesprochen werden, vgl. Am. Joum. Arch. XIV, aus Halikarnaß, dem ein Büstenkapitell in
1910, 155 A. (Dinsmoor); Olympia: Bau- Nimes parallel geht, s. Durm, Bauk. Etrusk. u.
werke II, Taf. XC, i, 3; Odeon: Stuart- Römer, Stuttgart ' 1905, 72 f. 80, 81.
Revctt, Antiqu., nicht genaue Vignette, Vol. III, 4) Aus Saloniki: Wulff, Altchristi, u. mittelalt.
Bildw., Berlin 1909, Nachtrag, 309, Nr. 1631.
K. Weigand, Baalbek und Rom, die römische Reichskunst in ihrer Entwickelung und Differenzierung. g i
Kulturkreis hat sich jedoch im übrigen eine selbständige, von der westlichen klar
unterscheidbare Formenwelt geschaffen, die ihren prägnantesten Ausdruck im Akan-
thusblattypus und der Behandlung des korinthischen Kapitells findet, sich aber
nirgends verleugnet. Innerhalb dieser östlichen Hauptgruppe setzt sich Syrien gegen-
über Kleinasicn (und dem starr konservativen Griechenland) klar ab durch anders-
artige Ausbildung, Gruppierung und Auswahl bestimmter Schmuckformen, besonders
der Kymatien, seit der hadrianischen Zeit scheint sich die Differenzierung rascher
und deutlicher auszuprägen: Kleinasien zeigt eine größere Mannigfaltigkeit und
Freiheit der Bildungen bei stärkerer Zurückhaltung in der technischen Mache, Syrien
hält sich mehr an einen eng und kanonisch begrenzten Formenkreis, dem es aber
die reichste Wirkung durch üppige Formenbehandlung abzugewinnen vermag. Soweit
der Osten nach dem Westen übergreift, scheint Kleinasien (und Griechenland) die
Formgebung zu bestimmen. In der gesamten Entwickelung gehen Syrien und Klein-
asien parallel, die höchste Blüte erreichen beide um die Mitte des 2. Jahrhs., in der
hadrianischen und antoninischen Zeit, mit dem Ausgang des 2. Jahrhs. beginnt ein
Erlahmen, das sich im 3. Jahrh. fortsetzt: Baalbek bezeichnet den Höhepunkt der
römisch -syrischen Baukunst vor dem langsam einsetzenden Rückbildungsprozeß.
Für die römische Kunst bezw. Reichskunst scheint sich mir endlich wenigstens
einiges Sichere zu ergeben: Die Tatsache, daß sich in römischer Zeit zwei große,
in sich einheitliche Formgruppen bilden, die in und trotz allen provinziellen Sonder-
entwickelungen bestehen bleiben, schließt m. A. n. die Einheitsformel »Hellenismus«
aus. Daß die künstlerische Grenzlinie zwischen beiden zugleich die sprachliche ist,
beweist, daß hier kein Zufall und keine Willkür waltet, sondern tiefer liegende
Gründe bestimmend sind: die lateinische Kultur des Westens, Rom im weiteren
Sinne, hat sich in der Kaiserzeit einen ebenso gerriäßen und notwendigen Aus-
druck seiner Wesensart geschaffen wie der griechische Osten. Es hat sogar mehr
getan: die oben gemachten Beobachtungen zeigen das augusteische Rom als künst-
lerisch fortgeschrittensten Punkt im ganzen Reiche; kraft eines Naturgesetzes übt
es darum auf die gesamte Richtung der künstlerischen Entwickelung einen un-
widerstehlichen Einfluß: wie von einem Hochdruckgebiete strömt er nach allen
Seiten aus, zugleich vernichtend und belebend. Die alten provinziellen Sonder-
formen gehen unter, die neuen Einheitsformen fassen Wurzeln; die weitere Ent-
wickelung geht in der Hauptsache den Weg, der in augusteischen Bauten des
Westens am frühesten vorgezeichnet ist. ^
Athen. EdmundWeigand.
02 J. Maybaum, Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts.
TRAGISCHE SZENE AUF EINEM KAMPANISCHEN
GLOCKENKRATER DES VIERTEN JAHRHUNDERTS.
Mit Tafel 6 und 7.
Der Fundort des in der Vorderseite auf Tafel 6, in der Rückseite auf der Anfangs-
vignette abgebildeten kampanischen oder lukanischen Gefäßes ist Bajae, wo es im
Jahre 1868 in Gegenwart des ersten Besitzers, des Barons von Nolcken, ausgegraben
wurde. Aus dessen Sammlung ging es mit einigen andern Gefäßen gleicher Her-
kunft durch Schenkung in die kleine Antikensammlung des Großherzoglichen
Museums zu Schwerin über. Höhe 40 cm, Randdurchmesser 40 cm, Höhe des
Bildfeldes 18 cm, Breite 30 cm; Form und Technik sind plump, ebenso wie die
bildliche Darstellung nur geringen Anspruch auf künstlerische Qualität erheben
kann. Jedoch erweckt sie ein erhebliches gegenständliches Interesse, und darum
ist das Gefäß wohl wert, veröffentlicht zu werden, wenn auch, wie ich gleich im
voraus bemerken möchte, eine Deutung bisher nicht gefunden ist.
Der dargestellte Vorgang ist einfach und an und für sich betrachtet ohne weiteres
verständlich. Auf einem Altar sitzt ein Schutzflehender, ein alter Mann mit vollem
weißem Haupt- und Barthaar. Er ist in ein langes, bis auf die Füße reichendes Ge-
wand gehüllt, das in der Mitte gegürtet ist und dessen Ärmel bis zur Handwurzel
herabgehen; es ist das Gewandstück, das auf der Bühne vornehme Männer tragen.
Dem Gewand entsprechen die reich geschmückten Schuhe. Der linke Arm ist unter
dem Mantel verborgen und in die Seite gestemmt, die rechte Hand mit einer Geste,
die Trauer, kummervolles Nachsinnen oder stumme Verzweiflung ausdrücken soll,
an das Gesicht gelegt, das Haupt gesenkt, der Blick starr und ziellos ins weite ge-
richtet. Die Form des Altars mit den hochgestellten Platten kehrt auf unteritalischen
Gefäßen häufiger wieder: als Beispiel nenne ich wegen der Verwandtschaft des Motivs
die höchst interessante und bedeutende Vase in den Wiener Vorlege-
J. Maybaum, Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts. 03
blättern B4. Der Altar ist mit Blut bespritzt, von einem großen Fleck in dem
Winkel zwischen dem Gewandzipfel und dem rechten Bein des Greises rinnt das
Blut herunter bis auf die Trittstufe, bildet hier eine Lache und tropft dann weiter
bis auf den Boden.
Der Hauptperson, die würde- und eindrucksvoll zu gestalten der Maler sich
möglichste Mühe gegeben hat, gegenüber sitzt ein jüngerer Mann mit dunklem Haar
und Bart. Er trägt einen Mantel, der die rechte Brust und den rechten Arm frei-
läßt, und ist durch das lange, verzierte Zepter ebenfalls als ein König oder Vornehmer
charakterisiert. Der Gestus ist unzweideutig der der Trauer: es ist das unsagbar
schöne Motiv vom Grabmal am IHssos, das hier, wenn auch in weitem Abstände,
fortlebt. Das Haupt ist dementsprechend leicht gesenkt, die Stirn gefurcht, der
Blick kummervoll auf das Gegenüber gerichtet. Er sitzt auf einem lehnenlosen,
mit einem Pantherfell bedeckten Stuhl.
Zwischen beiden Männern am Boden liegt ein weibliches Wesen, unbekleidet
bis auf die prächtigen Schuhe, durch die der Maler wohl andeuten will, daß es sich
auch um eine vornehme Person handelt. Daß es ein junges Mädchen ist, wird man
ohne weiteres aus dem zarten Körperbau und der starken Hervorhebung der Haar-
flechten schließen; daß sie tot ist, zeigen die geschlossenen Augenlider und das kraftlos
zur Seite gesunkene Haupt. Deutlich sichtbar ist ferner eine Wunde etwas unterhalb
der Brust, aus der das Blut heruntergerieselt ist und auf dem Boden eine Lache
gebildet hat; anscheinend ist auch eine zweite Wunde am Halse vorhanden. Der
rechte Arm ist an den Leib gepreßt, vielleicht verband der Maler einen Zweck damit
und wollte zur Erhöhung des Mitleids bemerkbar machen, daß die Jungfrau auch
im Tode der Schamhaftigkeit nicht vergaß, der linke ist nach rückwärts gesunken
und durch den eigentümlich nach vorn gedrehten Leib, dessen Haltung nicht ganz
verständlich erscheint, verdeckt; merkwürdig ist auch die Stellung der Beine. Ob
man in dieser gezwungenen Lage des Körpers, in der unnatürlichen Haltung der
Arme und der Verschränkung der Beine ein Ungeschick des Malers zu sehen hat,
der auf diese Weise den weiblichen Körper zeigen wollte, oder ob eine bestimmte
Absicht darin zum Ausdruck kommt, wird sich nur entscheiden lassen, wenn man
den dargestellten Vorgang erkannt hat. Ein charakteristischer Zug ist jedenfalls
die Bettung auf Blumen. Daß die mit gewisser Regelmäßigkeit verteilten, meistens
gleichmäßig zu dreien angeordneten Pünktchen Blumen bedeuten soller, kann man
aus der Vergleichung mit den ähnlich stilisierten Gebilden oben am Rande und auf
der Rückseite, daß sie etwas besonderes darstellen sollen, aus der Art, wie sie den
Körper vom Kopf an bis zu den Zehenspitzen begleiten, erschließen. Zweifellos
muß aus der gesamten Situation entnommen werden, daß das Mädchen am Altare
geopfert ist.
Bis hierhin ist die Darstellung in den Hauptzügen verständlich. Weiteren
Aufschluß jedoch gibt das Bild nicht. Wir erfahren nicht, wer das Mädchen getötet
oder geopfert hat, in welchem Verhältnis der Greis zu der Jungfrau steht, ob er etwa
ihr Vater ist; wir fragen vergebens, weshalb er sich schutzflehend auf den Altar
geflüchtet hat, ob er die Opferung vollzogen hat und nun irgendwelche Rache fürchtet,
QA J. Maybaum, Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts,
oder ob er in Besorgnis ist, von denen, die das Mädchen getötet haben, ein gleiches
Schicksal zu erleiden. Auch über das Verhältnis des zweiten Mannes zu den beiden
andern Personen erhalten wir keine Auskunft; nur werden wir mit einiger Sicherheit
sagen können, daß der Schutzflehende von ihm nicht bedroht wird, sondern daß
er als Mittrauernder gedacht ist. Beachtenswert ist vielleicht noch, daß eine Waffe,
etwa Schwert oder Opfermesser als Andeutung des Opfers, nicht vorhanden ist.
Die ganze Szene spielt sich im Freien vor einem deutlich als Heiligtum charakte-
risierten Hintergrund ab.
Der Maler ist nicht ganz ohne Geschick. Er versucht den Altar schräg von
der Seite zu sehen, die Perspektive wiederzugeben und Vorder- und Seitenansicht
und die Tiefe zur Anschauung zu bringen. Offenbar sollen wir uns den Altar in das
Bildfeld hineingerichtet denken, vör ihm etwa in gleicher Höhe das Mädchen und
gegenüber etwas im Hintergrunde die dritte Person. Freilich ist es dem Maler weder
gelungen, einen einheitlichen Ansichtspunkt zu gewinnen noch die sitzende Figur
mit dem Ganzen in Einklang zu bringen; es ist eine schiefe Darstellung heraus-
gekommen, in die man sich nur mit Mühe hineinsieht'. Immerhin ist wenigstens
ein Versuch gemacht, das zeichnerische Problem aufzufassen und den Eindruck
der perspektivischen Ansicht durch die Farbe zu unterstützen, auch ist das Mittel
der Schattierung angewandt. Einfacher lag die Sache bei dem Stuhl und ist hier
auch besser gelungen. Die ganz oder teilweis sichtbaren Stuhlbeine, das darüber
hängende Fell — man beachte auch die geschickte Ausnutzung des Schwanzes —
und die sitzende Figur sind in ein richtiges Verhältnis gebracht, das hellfarbige Zepter
dient dazu, den Tiefeneindruck zu verstärken. In der Wiedergabe des weiblichen
Körpers ist eine Art von Naturalismus nicht zu verkennen, z. B. in der Bildung
des rechten Oberschenkels (die untere Linie des rechten Arms bildet zugleich den
Kontur des Oberschenkels). — An Farben sind angewandt ein etwas schmutziges
Weiß, gelb in verschiedenen Abtönungen, braun, schwarz, verschiedene Nuancen
eines stumpfen Rot. Die Gliederung des Gefäßes zeigt die Nachwirkung alter Tradition.
Die vordere Bildfläche ist oben eingefaßt von einem Kymation, unten von einer
Mäanderborde, der stark ausgebogene Rand mit einer Efeuranke mit Früchten ge-
schmückt. Die Rückseite ist gleichgültiger behandelt (siehe die Anfangsvignette;
Dionysos mit bekränzter Schale und Thyrsos, ein Diadem im Haar, sitzt auf einem
Felsblock, ein Satyr steht vor ihm mit trichterförmigem Becher, links von dem
Gott Altar mit Flamme), unten durch ein wellenartiges Band abgegrenzt, oben
ohne Abgrenzung; die hintere Randhälfte zeigt ein pflanzliches Ornament, an-
scheinend einen Olivenzweig. Die Felder sind getrennt durch die Henkelpartien,
unter den Henkeln befinden sich Palmettenmotive, darüber sind rote Felder aus-
gespart, die bis an den Gefäßrand herantreten.
Wenn also auch unserm Vasenmaler unter seinesgleichen ein gewisses Geschick
nicht abgesprochen werden kann, so ist doch kein Zweifel, daß die Erfindung hoch
über der Ausführung steht. Die eigentliche Erfindung der Vorderseite, der wohl-
überlegte Aufbau der Gruppe, die wirkungsvolle Gegenüberstellung der beiden
scharf charakterisierten männlichen Gestalten, ihre bis ins einzelne durchgeführte
J. May bäum, Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts. nc
Individualisierung, die bewegte Horizontale des toten Mädchenleibcs zwischen
ihnen, die ausdrucksvollen Geberden, alles das beweist ein wirkliches künstlerisches
Vermögen. Wenn man hinzunimmt, daß die Darstellung nicht vollständig genug
ist, um aus sich heraus verständlich zu sein, so könnte man wohl auf den Gedanken
an ein Vorbild aus der hohen Malerei kommen. Doch ist es natürlich müßig, der-
artige Betrachtungen anzustellen. Soviel jedoch wird nach dem ganzen Charakter
der Szene als wahrscheinlich gelten können, daß die letzte Anregung auf ein Drama
zurückgeht. Der Vasenmaler konnte entweder annehmen, daß der zugrunde liegende
Vorgang so bekannt war, daß sein Gruppenbild auch in seiner UnvoUständigkeit
den Beschauern ohne weiteres verständlich sei, oder er machte sich überhaupt keine
Gedanken über den Zusammenhang und wollte nur eine traurige Geschichte darstellen,
die ihm gefiel, weil sie gleicherweise dem diesen unteritalischen Malern so häufig
eigenen Zug zur Grausamkeit wie zur Lüsternheit Genüge tat.
Mit diesem Bilde möchte ich ein zweites verbinden, und zwar von einem Gefäß
desselben Kunstkrc'ises (Bild der Hauptseitc Tafel 7, Gesamtansicht mit der Rück-
seite, auf der zwei Mantelfiguren dargestellt sind, in der Schlußvignette). Diese große
und prächtige Amphora stand früher in der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu
Petersburg, jetzt befindet sie sich in der Kaiserlichen Ermitage; sie ist 62 cm hoch und
an der breitesten Stelle 20 cm breit, der Umfang beträgt hier 70 cm, das Hauptbild ist
oben 27 cm, unten 24 cm breit. Sie ist bisher nicht abgebildet oder beschrieben und
wird, soweit ich sehe, nur bei Vogel, Szenen Euripideischer Tragödien S. 127 und danach
bei Röscher s. v. Oineus Sp. 762 erwähnt. Diese Erwähnung legte mir den Gedanken
an die Möglichkeit eines Zusammenhanges mit der Schweriner Vase nahe. (Die
Abbildungen, die Erlaubnis der Veröffentlichung sowie die Größenangaben verdanke
ich der ganz außerordentlichen Liberalität von Herrn E. Pridik, dem auch an dieser
Stelle zu danken mir inneres Bedürfnis ist.) Auch hier spielt die Szene vor einem
Heiligtum, auch hier sitzt auf einem Altare ein Schutzflehender, und zwar ein bärtiger
Mann in prunkvoller Gewandung. Hinter dem Altar oder auf demselben steht eine
Stele, auf ihr wird man wohl das Bild des Gottes zu ergänzen haben. Im Vorbei-
gehen möchte ich auf ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie die Statue eines Gottes
auf einer Stele hinter dem Altar steht und auf ihn herabblickt, aufmerksam machen,
das schönste, das mir aus der ganzen Vasenmalerei bekannt ist. Es findet sich auf
dem herrlichen attischen Krater aus Nola in der Sammlung Plaeberlin in Eschersheim
(abgebildet und kurz besprochen von Pagenstecher im Arch. Anzeiger 1 910 Sp. 460/463 ) ,
der sowohl wegen seiner Darstellung als wegen seiner hohen künstlerischen Qualität
eine eingehende Behandlung verdiente.
Hinter dem Altar liegt auch hier ein Mädchen. Daß sie tot ist, wird hinlänglich
klar durch die geschlossenen Augen, den herben Gesichtsausdruck, die Haltung des
Kopfes. Leider ist nur dieser sichtbar, der Leib aber durch den Altar verdeckt. Auf
diesen zu schreiten zwei Männer, der eine ein Greis, in gleicher Kleidung wie der
Schutzflehende, der andere ein Jüngling. Der linke Arm des Greises ist in den Mantel
gewickelt, die zum Stoß erhobene Rechte hält ein merkwürdiges Instrument, für
das ich eine Parallele nicht finde. Es ist eine Art von Stab, am untern Ende breit
q5 J> Maybaum, Tragische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts.
und abgeplattet, oben rundlich spitz zulaufend; am breiteren Ende ist deutlich eine
Umschnürung sichtbar, vielleicht kann sie für einen Kundigen den Ausgangspunkt
der Deutung bieten. Diesen Stab hat der Alte in der Mitte gefaßt und zwar so, daß
das breitere Ende dem Mann auf dem Altar zugekehrt ist, den er offenbar mit einem
Stoße bedroht. Neben dem Greis schreitet ein Jüngling einher, dessen mächtiger
Gliederbau von der Chlamys nicht verhüllt wird; auf den Haupte trägt er einen Pilos,
mit der Rechten streckt er ein entblößtes Messer vor sich, auf dessen charakteristische
Form und schönen Griff ich besonders aufmerksam machen möchte. Auch hier erheben
sich dieselben Fragen: wer hat das Mädchen getötet, wer ist ihr Vater, in welchem Ver-
hältnis stehen die Personen zueinander? Auch dieses Bild bleibt die Antwort schuldig.
Die Szene ist groß empfunden und hat eine dramatische Gewalt. Wie ein unent-
rinnbares Schicksal schreiten die beiden Männer auf den schütz- und wehrlosen
Gegner zu. Prachtvoll ist der Kopf des Alten. Aus der weißen Flut des Haares und
Bartes, die wild und mächtig das Haupt umlodert, treten höchst wirkungsvoll die
zornigen Augen und der fest zusammengepreßte Mund hervor; man meint eine
tragische Maske zu sehen. Daß beide, der Alte wie der Junge, den Schutzflehenden
bedrohen, erscheint zweifellos. Ebenso lehrt der Augenschein, daß dieser in dem
Alten seinen eigentlichen Gegner erblickt, denn sonst könnte er nicht diesen ent-
setzensvollen Blick auf ihn richten. Auch hier ist die Mimik von der größten Wirk-
samkeit und in dem angstvollen Blick der weit aufgerissenen Augen, den hoch-
gezogenen Brauen, der gefurchten Stirn, der großartigen Geste der das Haar raufenden
Hände das Entsetzen lebendig wiedergegeben.
Vieles entgeht gewiß bei fehlender Anschauung des Originals, aber das lehren
auch die schwachen Abbildungen, daß wir ein wirkliches Kunstwerk vor uns haben. •
In der Art, wie die Figuren, deren bedeutende Größe man sich an der Hand der oben
gegebenen Maße vergegenwärtigen möge, in den Raum gestellt sind, in der Stärke
und Eindringlichkeit der Charakterisierung, in der Sicherheit und dem lebendigen
Fluß der Zeichnung tritt uns eine nicht gewöhnliche künstlerische Fähigkeit entgegen.
Der Aufbau der nach oben sich etwas verbreiternden Gruppe in den gewaltigen
Vertikalen, deren Strenge nur leise durch die schwach betonten horizontalen Linien
gemildert ist, zeigt das feinste Gefühl für die Darstellungsmöglichkeiten, die diese
besondere Gefäßform dem Künstler bot (auch der Maler des Schweriner Gefäßes
hat ein richtiges Verständnis für die seiner Form angemessene Ausgestaltung des
Bildfeldes). Nicht unbeachtet lassen wolle man auch die lebendige Variation in der
Haltung der Arme und Hände, sowie in dem Fall und dem Linienfluß der Gewänder.
Die Gruppe steht fest und sicher in ihrem Raum und ist zu einer inneren Einheit zu-
sammengeschlossen, aber in sich wieder höchst glücklich abgestuft und variiert, alles
getragen von dem unbeirrbaren Gefühl für das Angemessene und Echte, das der grie-
chischen Kunst auf allen ihren Entwicklungsstufen eigen ist. Auch die besondere
Größe und Ausstattung (die Amphora ist polychrom, vgl. Roschcr a. a. 0. Sp. 762)
zeigen, daß es sich um ein Prunkstück handelt, dem besondere Sorgfalt zugewandt ist.
Das Pathos der Tragödie weht uns aus diesem Bilde an, und jeder wird beim
ersten Anblick die Empfindung haben, daß er eine tragische Szene mit Augen schaut.
J. Maybaum, Tragfische Szene auf einem kampanischen Glockenkrater des vierten Jahrhunderts. Q7
Die Wirkung des Theaters auf die Kunst, vor allem auf die Malerei, ist sicherlich
auch in formaler Hinsicht höchst bedeutend gewesen. Wir werden uns kaum eine
Vorstellung von der künstlerischen Vollendung der griechischen Bühne machen
können in Hinsicht auf den Aufbau der Gruppen, auf die Charakterisierung der
Einzelgestalt in Maske, Gang, Bewegung, Geste, Gewandung, auf die Abtönung der
Farben und vieles andere, was wir nur ahnen.
Stellen wir die beiden Gefäße nebeneinander, so springt die Ähnlichkeit beider
Darstellungen sofort in die Augen, allerdings ist ja auch die Verschiedenheit nicht
zu verkennen, die weniger in der Hinzufügung der dritten männlichen Figur zu suchen
ist als in der verschiedenen Rolle, die der Greis und der bärtige Mann spielen. Dennoch
scheint mir eine starke Wahrscheinlichkeit dafür zu sprechen, daß beide Darstellungen
oder ihre Vorlagen auf dasselbe Drama zurückgehen. Wie man jene Verschiedenheiten
erklären könnte, ob zwei verschiedene Szenen dargestellt sind oder ob man zu dem
allerdings etwas wohlfeilen Aushilfsmittel greifen will, der Schweriner Maler habe
den Vorgang nicht erfaßt und willkürlich entstellt, darüber zu reden wird erst dann
Zweck haben, wenn der Sinn der Sache erfaßt ist.
Leider muß ich mein Unvermögen bekennen, zur Deutung auch nur das geringste
beizutragen, und daher an dieser Stelle, wo die eigentliche Untersuchung beginnen
sollte, abbrechen. Trotz allem Nachdenken und Suchen ist es mir nicht gelungen,
etwas irgendwie Annehmbares zu finden; alle Einfälle, z. B. der Gedanke an Thyestes,
erwiesen sich näherem Zusehen als unhaltbar (eine Beziehung zu Oineus vermag
ich noch weniger zu erkennen). Ich begnüge mich also, wenn auch mit dem vollen
Gefühl des Unbefriedigenden, die beiden Gefäße zusammengestellt und vorgelegt
zu haben — hoffentlich bewährt sich diese Verbindung und hat das Suchen wenigstens
diese eine Frucht gehabt — und muß das Verdienst, die feineren Fäden aufzudecken,
Kundigeren überlassen.
Schwerin i. M. J. M a y b a u m.
og P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie.
DIE ANFÄNGE DER ERDKUGELGEOGRAPHIE.
I.
Am Schlüsse des platonischen »Phädon« steht die Offenbarung von den Schick-
salen der Menschenseele, ein umfangreiches und durchaus nicht einfaches Gebilde.
Zwei Vorstellungsreihcn treffen und vereinen sich hier: die erste ist kosmologisch
physikalisch, geographisch, die andere ist mythisch und eschatologisch. Überdenkt
man die Absicht des Dichterphilosophen, so besteht kein Zweifel, daß in dem escha-
tologischen Einschlag Zweck und Sinn des Ganzen ruht, während die naturwissen-
schaftlichen Gedanken, so viel sie dem Forscher Piaton bedeutet haben müssen,
doch in diesem Zusammenhang nur Unterbau und Grundlage sein können. Es ist
von Nutzen, wenn man die Jenseitsdichtungen des »Gorgias« und des »Staates«
vergleicht. Im »Gorgias« haben wir das Totengericht »auf der Wiese am Dreiweg«
und die beiden Orte für die Guten und für die Verdammten, hier die Inseln der Se-
ligen, dort den Tartaros — also rein mythische Landschaft ohne jeden Versuch,
ein wissenschaftliches Erd- oder Weltbild unterzubaucn. Diesen Versuch hingegen
macht der »Phädon«, und zwar mit solcher Ausführlichkeit, daß hinterdrein das
Totengericht und die Schicksale der Seelen fast wie ein Anhängsel wirken, wenn man
rein von außen .auf die Verteilung der Massen sieht. Und am Ende seines »Staates«
stellt Piaton in der Spindel mit den acht ineinandcrgesetzten Ringen, die um die
Erdachse kreisen, ein genau ausgedachtes und ausgerechnetes Bild des Weltalls hin,
bevor er die Seelen zur Wahl eines neuen Lebens vor die Schicksalsgöttinncn treten
läßt. So scheint schon dieser Vergleich darauf hinzuweisen, daß die Verbindung von
Kosmologie und Eschatologic erst durch Piaton selbst vollzogen worden ist. Im
»Gorgias« steht er der orphischen Jenseitslehre noch ganz nahe, und naturwissen-
schaftliches Interesse äußert sich nicht. In den späteren Werken sehen wir den
alten Strom mit einem neuen vermischt, der aus ganz anderer Richtung kam. —
Die verschiedenen Elemente innerhalb der Schlußdichtung des »Phädon« gilt es zu
sondern.
Weder die Größe noch die Beschaffenheit der Erde — so beginnt Sokrates
seine Überzeugung darzulegen • — entspricht der bei den Fachleuten verbreiteten
Ansicht. Die Erde ruht als Kugel in der Mitte des Wcltenraums infolge ihres eigenen
Gleichgewichts und der überall ebenmäßigen Form der Himmelssphäre. Das ist
genau die Theorie des Parmenides, und wenn man von der Kugelform absieht, schon
die desAnaximander. Die Erdkugel nun heißt »sehr groß«, nicht sowohl im Verhältnis
zum Weltall — wenigstens wird davon nichts gesagt — als im Verhältnis zu dem
kleinen Raum, den wir Menschen auf ihr einnehmen, »wir vom Phasis bis zu den
Säulen des Herakles«. Damit soll offenbar der östliche und der westliche Endpunkt
unserer Oikumene angegeben werden, die hier weniger in ihrer äußeren Begrenzung
gegen den Okeanos als gleichsam nach innen zu in ihrer Lagerung um das Mittclmeer
gesehen wird. Einen so kleinen Raum also beansprucht die uns bekannte Länder-
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie.
99
masse auf der großen Kugel, daß wir um das innere Meer hcrumwohnen »wie Frösche
oder Ameisen um eine Pfütze«. ...
Unser Wohnplatz ist aber nur einer von -vielen, die als Vertiefungen, Gruben
oder Höhlungen (xoila) rings um die Erdkugel verteilt sind. In diesen Ver-
tiefungen sammelt sich Wasser, Nebel und Luft, während »die eigentliche Erde«
(aÜTYj 7j 7^), also die Kugeloberfläche gleich-
sam dort, wo sie stehen geblieben und nicht
ausgehöhlt worden ist, in den reinen Äther
hinaufragt. Dies alles ist ganz genau vor-
gestellt und wird durch Zeichnungen (Abb. i
u. 2) am schnellsten klar. Unten auf dem
Boden der Einsenkung hat sich das Wasser
gesammelt, über ihm steigt das Land empor,
auf dem wir wohnen, umströmt von der Luft,
und die höchste Stufe ist »die eigentliche
Erde«, zu ihren Füßen umspült vom Luft-
meer wie unser Wohnort vom Wassermeer,
und selbst in den Äther ragend wie unser
Wohnort in die dichtere und trübere Luft.
Wie scharf dies gesehen und wie anschaulich
es gedacht ist, lehrt ein Einzelzug vielleicht
am besten : Die »eigentliche Erde « hat ganz
unserem Wohnort entsprechend ihre Inseln,
»die von der Luft umflossen werden und
nahe am Festland liegen« (iii a). Ein Blick auf die Abbildung 2 zeigt, warum
sie fern vom Festland, also aus der Mitte der Höhlung aufragend nicht wohl gedacht
werden konnten.
Abb. I. Zum »Phädon«. Erdkugel. (Die dunklen
Stellen sind die »Höhlungen«, in deren einer
unsere Oikumene liegt; weiß geblieben ist die
eigentliche Kugeloberfläche.)
Abb. 2. Zum »Phädon«. Durchschnitt durch die halbe »Höhlung« unserer Oikumene.
(Die Figur ist nach rechts ungefähr symmetrisch zu ergänzen.)
Was wir bisher verfolgt haben, ist ein rein naturwissenschaftliches Gedanken-
gebilde, das gar nichts eigentümlich Platonisches in sich trägt und von irgendeinem
Physiker erdacht sein kann. Bald aber wird an dem Glanz der Schilderung Piatons
lOO
P. Friedländer, Die Anfange der Erdkugelgeographie,
eigner Atem spürbar, (iiob) Könnte jemand die Erde von der Ferne anschauen,
so würde sie ihm wie ein bunter Ball erscheinen '). Denn die eigentliche Oberfläche
leuchtet in den herrlichsten und reinsten Farben, von denen die Farben unserer
Maler gleichsam nur Proben sind, und selbst die trüben »Höhlungen« wirken mit
jenen Stellen zusammengesehen als farbige Flecke. Die schönsten Gewächse gibt es
oben und köstliches Gestein, dessen Abfälle man hier bei uns als Edelsteine kennt,
und Gold und Silber. Auch Lebewesen hausen in dieser höheren Welt und sogar
Menschen mit um so feineren Sinnen und klarerem Denken begabt gegenüber den
Menschen hier unten, als sie sich in einem reineren Element bewegen. Ewiger Früh-
ling herrscht bei ihnen, so daß stete Gesundheit und ein viel längeres Leben als uns
ihnen beschieden ist. Und die Götter wohnen und verkehren unter ihnen. — Das
sind zuletzt Züge, die aus dem Bild der Seligen Inseln oder des Paradieses stammen *).
Recht eigentlich platonische Gesinnung durchtränkt aber schon das, was vor-
hergeht (109 c): Unsere Welt am Boden der Höhle ist nur ein trüber Abglanz der
Herrlichkeiten droben. Und doch wissen wir in seltsamer Täuschung nicht um
unsern Zustand. Wir glauben auf der Oberfläche der Erde zu wohnen und merken
nicht, daß wir in Wahrheit auf dem Boden einer tiefen Einsenkung leben 3). Wir
glauben den Himmel über uns zu erblicken und an ihm die Sterne, wie sie wirklich
sind; dabei sehen wir doch nur die obere Grenze der Luft gegen den Äther, und das
Licht kommt zu uns durch unsre trübe Atmosphäre geschwächt. Könnten wir aber
auftauchen über die Oberfläche unseres Luftmeers in den Äther, dann würden wir
erst des Irrtums gewahr werden und würden den wahren Himmel und das wahre Licht
über uns, die wahre Erde um uns haben.
Wie nahe wir hier dem Mittelpunkt platonischen Dichtens und Philosophierens
sind, kann niemandem entgehen. Der Seelenmythus im Phädrus, das Höhlengleichnis
im Staat bieten jedes in seiner Weise die innerlich verwandtesten Bilder und schlagende
Entsprechungen bis in den Wortlaut hinein 4). Und wenn wir den Ausdruck im
»Phädon« betrachten, so sind Formeln wie »die Erde selbst«, »die wahre Erde«, »der
■) Daß in der 8uj8exc!sxutos acpatpa irgend-
etwas Allegorisches stecke (Olympiodor in Phae-
donem p. 199 Norvin und mit ihm Wyttenbach,
Phaedo 293, K. F. Hermann, Geschichte und
System der piaton. Philosophie, 687, Suserühl,
Genetische Entwicklung d. pl. Phil. I, 461 denken
an das pythagoräische Dodekaeder), darf man
nicht glauben; das brächte etwas völlig Fremdes
hier herein. Bunte Lederbälle aus 12 (wohl
zwickeiförmigen) Stücken muß es gegeben haben.
») Vgl. etwa Pindar, Ol. II 77, Frg. 129.
3) Diese Sinnestäuschung ist durchaus nichts Un-
vorstellbares. Man denke sich nur den Boden
der Höhle hinreichend groß und lasse etwa die
Wände schräg in die Höhe steigen. Wir wohnen
ja keineswegs am Ende unserer Oikumene, son-
dern ziemlich in deren Mitte. Da brauchen wir
die weit entfernten Wände unserer Höhlung so
wenig zu sehen, wie etwa ein Bewohner der Nord-
seeküste die Alpen. Die Abbildung wird dem
nicht ganz gerecht.
4) K. F. Hermann, Geschichte und System der
plat. Philos. 688. Für den Vergleich von »Phädrus«
und »Phädon« vgl. Pohlenz, Aus Platos Werdezeit
333 f. Wenn Pohlenz die Anregung zu dem
Mythus auf Philolaos zurückführen will, so kann
ich dem nicht beistimmen. Der Anklang von
Vorsokr. 32 A 20 scheint mir zu allgemein, die
Vorstellung zu verschieden. Wyttenbach, Phaedo
p. 291 eriimert an Anaxagoras (Fr. 4 D.). Aber
dort steht nur, daß es auch anderwärts als bei
uns hier Menschen geben müsse. Eine Vorstellung,
die natürlich sehr viele geteilt haben, und die das
Wesentliche von Piatons Dichtung gar nicht trifft
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. lOI
wahre Himmel« (ctu-CT) f, -(r^, yj u)? dXyjOui? 77^, 6 öXyj&üj; oupavoc, to dXrj&tvöv (pöj;)
ebensoviele Hinweise auf die ausgebildete Ideenlehre. Kann man doch geradezu
sagen: der metaphysische Gegensatz zwischen Ideenwelt und Welt der Erscheinungen
ist hier auf die Erde herabgeholt und spiegelt sich in dem Wertgegensatz der »wahren
Erde« und unserer Oikumene auf dem Boden der Höhlung. Dieser Wertgegensatz
also, mit ihm die ganze phantasievolle Schilderung der »wahren Erde« und dieser
Name selbst: das mindestens ist eigentümlich platonische Schöpfung und gehört
jedenfalls in eine andere Sphäre als die Physik, mit der Sokrates seinen Vortrag
begann.
Löst man diese Schicht ab, die Piatons von der Ideenlehre erfüllte Phantasie
hingebreitet hat, so bleibt ein in sich geschlossenes kosmologisches Bild zurück:
die Erde als eine große Kugel in der Mitte des kugelförmigen Weltenraumes ruhend;
auf der Erdkugel zahlreiche Einsenkungen, deren eine unsere Oikumene ist. Auch
die Verteilung der Elemente, nach der sich Wasser und Luft in jenen Höhlungen
sammeln, während die eigentliche Erdschale in den Äther ragt, paßt durchaus zu
diesem Ganzen. Nun geht, wie bekannt und schon gesagt, die Kugeltheorie mit-
samt der Begründung des In-der-Mitte-Schwebens auf Parmenides zurück. Der-
selbe scheint auch gezeigt zu haben, daß wir auf der großen Erdkugel ein verhält-
nismäßig nur kleines Stück bewohnen "). Aber von den Höhlungen ist nirgends
sonst etwas überliefert, und man kann wohl fragen, ob etwa Piaton sie erfunden
habe, um für jenen fast metaphysischen Wertgegensatz die stoffliche, gegenständ-
liche Unterlage zu gewinnen, oder ob er sie übernahm und die Farben der eigenen
Phantasie auf das Übernommene warf. Hat man die Frage so gestellt, dann wird
der Entscheid ohne großes Zögern erfolgen dürfen: Es ist sehr begreiflich, wenn
Piaton über einer physikalischen Theorie seinen phantastischen Mythus erbaute,
hingegen fast unvorstellbar, wie jener Mythus ohne solche Grundlage entstanden
sein, ja diese von sich aus geschaffen haben sollte. Doch erscheint uns zunächst gar
nicht einmal die Quellenfrage als der wesentliche Punkt, sondern die Hauptsache
ist, daß man sich bewußt werde, wie das Weltbild, soweit wir es bisher betrachtet
haben, gleichsam ganz verschiedenen Bezirken des Denkens angehört, wie sich die
physikalische Unterschicht und die mythisch-metaphysische Oberschicht deutlich
voneinander abheben lassen, und wie die Lehre von den Höhlungen entschieden
auf die Seite der Naturwissenschaft tritt.
Wurde die Untersuchung bis jetzt rein vom Gedanken her geführt, so scheinen
schriftstellerische Form und Ausdruck das Ergebnis zu bekräftigen 2). Man muß
durchaus darauf acht geben, mit welchem Nachdruck Piaton zu Anfang auf dem
wissenschaftlichen Charakter dessen, was er vortragen will, in immer neuen Wen-
dungen besteht. Zunächst: Sokrates' Theorie über Form und Gestalt der Erde tritt
in Gegensatz zu dem, was die meisten Fachleute (01 rapl y% sttoöoTsj Xs^etv)
') Vgl. Berger, Gesch. d. wissenschaftl. Erdkunde mich (im Anschluß an einen im Philologischen
der Griechen 209 ff. und s. unten! Verein von mir gehaltenen Vortrag) Herr Dr.
') Bei diesem Gesichtspunkt ausführlicher zu ver- Mussehl angeregt. Anderes habe ich von anderen
weilen, als ursprünglich beabsichtigt war, hat in der Diskussion gelernt, besonders von W. Kranz.
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 8
J02 P> Friedländer, Die Anfilnge der Erdkugelgeog^rapbie.
davon lehren. Er selbst ist durch jenianden »überzeugt« worden (irlTCWjiat).
Auch Simmias hat vielerlei Meinungen über die Erde gehört. Nun möchte er die
»Überzeugung« des Sokrates (a as itsi'ftst) kennen lernen. Darzustellen »was
ist« (a f' lUTt'v), das sei nicht schwer, erwidert Sokrates. Freilich zu beweisen,
daß es sich so verhalte, sei eine ungeheuer schwierige und umfassende Aufgabe.
Aber das Bild der Erde wolle er seiner »Überzeugung« nach ausführen. Und dann
beginnt er mit dem Wort »ich bin überzeugt«, jene kosmologisch-physikalische Aus-
einandersetzung. Ganz anders später dort (lio b), wo er die Schilderung der »wahren
Erde« gibt, und wo eine Zwischenbemerkung des Unterredners ausdrücklich den
neuen Abschnitt markiert. Da spricht er von einem »Mythos«, den er erzählen wolle,
und stellt so mit allem Nachdruck dieses metempirische Gebiet in Gegensatz zu der
rein naturwissenschaftlich gemeinten Darstellung am Anfang. Allerdings muß man,
nachdem der prinzipielle Gegensatz aufgewiesen ist, doch andrerseits eingestehen,
daß sich die Teile ganz so reinlich nicht sondern, wie es ja in Piatons Geist nichts
Unverbundenes gab. Denn schon bevor das Wort »Mythos« als Grenzmarke dasteht
und die Schilderung der oberen Erde beginnt, ist jener Gegensatz von Sein und
Schein auf die Erde herabgeholt worden, der durchaus nur von der Ideenlehre und
von keiner Physik her verstanden werden kann. Aber mag auch der Übergang
einigermaßen fließend sein, so darf Piatons eigene Angabe, daß der eine Pol seines
Gebildes wissenschaftlich (in unserem Sinne), der andere mythisch ist, keinesfalls
unterschätzt werden. Und deutlich macht er auch erkennbar, wo der Mythos wieder
sein Ende erreicht. Denn nachdem er die ganze Seligkeit der Bewohner auf jener
wahren Erde hat ahnen lassen (lll c xai tt,v aXXr/v süoat^oviav Toutmv äxoXou&ov s?vat),
kehrt er mit einem merklichen Übergang an die Stelle zurück, bis zu der das
naturwissenschaftliche Bild ausgeführt worden war.
Hatte Sokrates früher (109 b) nur betont, daß die »Orte« zahlreich und von
verschiedener Gestalt und Größe seien, so macht er jetzt diese Unterschiede an-
schaulich. Manche der Höhlungen seien tiefer und mit einer weiteren Öffnung (also
mit schrägeren Seiten) versehen als unsere Oikumene, manche seien tiefer, aber
mit engerer Mündung, wieder andere weniger tief und gleichzeitig sanfter nach unten
geböscht. Und so sind noch mannigfache Formen denkbar. Die Höhlungen nun
stünden in vielfacher unterirdischer Verbindung miteinander, und durch die ver-
bindenden Kanäle fließe Wasser, warmes und kaltes, aber auch Schlammströme
verschiedener Art und gewaltige Feuerströme. Die Bewegung in diesen Adern werde
reguliert von dem großen Zentralreservoir, dem Tartaros. Der sei selbst eine solche
»Höhlung«, unterscheide sich aber von den übrigen dadurch, daß er die ganze Erd-
kugel durchziehe. Und je nachdem nun die »Schaukel« (aioipa) dieser Wassermasse
bald nach der einen, bald nach der anderen Richtung vom Erdmittelpunkt stärker
ausschlage, würden bald hier, bald dort die unterirdischen Kanäle stärker gefüllt ■).
') Oder, Ein angebliches Bruchstück Demokrits, denn seine aimpa ist ein mechanisches Prinzip,
Philologus Supplem. VII, 275 (den Hinweis ver- welches zu der vitalistischen Vorstellung des ein-
danke ich Diels): »Um zu wirken hat Plato sich und ausatmenden Erdtieres schlecht paßt«,
nicht gescheut, disparate Elemente zu vereinigen; Demgegenüber muß gesagt werden, daß diese
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. jqj
Unter den zahlreichen und verschiedenartigen Strömen, die die Erde durchsetzen,
seien die wichtigsten der Okeanos und dann jene drei: Acheron, Pyriphlegethon und
Kokytos.
Der Lauf dieser Unterweltsströme braucht nun in allen Einzelheiten hier nicht
nachgezeichnet zu werden: ihr Ursprung aus dem Tartaros, in den sie dann wieder
zurückkehren, ihre Windungen im Innern der Erde, wie etwa Kokytos und Pyri-
phlegethon dem Acherusischen See an je einer Stelle ganz nahe kommen, ohne doch
ihr Wasser mit ihm zu vermischen. Nur darauf kommt es an, daß man erkenne,
wie alle diese Züge in der einen Absicht erfunden und dargestellt sind, um die Schick-
sale der verschiedenen Seelenklassen vorzubereiten und möglich zu machen. Der
Acherusische See ist für die »Mittelmäßigen« da, damit sie dort Lohn und Strafe
empfangen. In Kokytos und Pyriphlegethon treiben die schweren, aber immer noch
heilbaren Verbrecher. Und die Strömung führt sie an die Punkte, wo jeder Fluß
sich dem Acherusischen See bis auf eine ganz kurze Entfernung nähert, und von
dort aus müssen sie die Verzeihung derer, an denen sie gesündigt haben, und deren
Aufenthalt jener See ist, zu erbitten bemüht sein, damit ihnen der Übergang in den
See und so die Befreiung aus dem Strom zuteil werde. Es läßt sich noch weiter
bis ins einzelne verfolgen, wie die Beschreibung der Unterweltsstcöme nicht etwa
aus naturwissenschaftlichen Gedankengängen entspringt, sondern ganz darauf
angelegt ist, für das sogleich folgende Jenseitsbild eine topographische Grund-
lage zu liefern.
Nun sind die vier besonders herausgehobenen Ströme ja keineswegs die ein-
zigen in ihrer Art, vielmehr nur die bemerkenswertesten unter zahllosen ihresgleichen.
Diese unterirdischen Gänge aber, in denen Wasser, Schlamm und Feuer strömt, und
die von dem großen Reservoir in der Mitte stärker oder schwächer gefüllt werden,
haben mit Eschatologie nicht das mindeste zu tun. Sie dienen in Piatons Zusammen-
hang freilich dem Zweck, die Unterweltsströme einer weiteren Kategorie von Er-
scheinungen einzuordnen, um sie nicht durch Isolierung unglaubhaft und unver-
ständlich wirken zu lassen. Aber sie besitzen an sich einen viel weiter reichenden
Sinn. Sie geben eine bis ins einzelne ausgebildete Theorie von Quelle und Fluß,
Ebbe und Flut, Überschwemmung und Trockenheit, Schlamm- und Lavaausbruch,
Wind und andern geophysischen Vorgängen. Von theologischen, eschatalogischen
Gedankenreihen entfernt sich das so weit als nur möglich, und wie noch Aristoteles in
seiner Meteorologie (II 2, 355b 32) die Lehre eingehender Bestreitung für wert
hält, so tritt sie auch für uns mit entschiedener Klarheit auf die naturwissenschaft-
liche Seite des platonischen Denkens.
Diese geophysische, von aller Theologie befreite Lehre hängt nun aufs innigste
mit jener früher besprochenen Theorie der »Höhlungen« zusammen, fordert sie
geradezu als ihre Voraussetzung. Denn erstens sind eben die Höhlungen durch die
Kanäle verbunden, die Kanäle durchbohren die Wände und Wälle, die zwischen den
»vitalistische Vorstellung« bei Piaton durchaus daß die oben dargestellte geophysische Theorie
nur als Vergleich auftritt ((usjiEp 1 1 2 b), und einheitlich mechanisch ist.
I04
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie.
einzelnen Höhlungen gleichsam stehen geblieben sind (vgl. Abb. 3), so daß, denkt
man die Höhlungen fort, ersichtlich auch die Wege zwischen ihnen jeden Sinn ver-
lieren müßten. Zweitens ist der Tartaros, also der große Regulator, in dem alle
Kanäle letztlich Anfang und Ende haben, selbst nur eine der Höhlungen unter den
vielen, obschon die mächtigste und die einzige, die sich durch die ganze Erdkugel
erstreckt, so daß, denkt man die Höhlungen fort, mit ihnen logisch auch der Tar-
taros, mit diesem die Kanäle fortgedacht wären ■).
Wenn also eine rein auf den Sachverhalt gerichtete Analyse die Zusammen-
gehörigkeit beider Theorien erweist, so ergibt sich die beste Bestätigung, sobald
man den Blick auf die formal-darstellerische Seite richtet. Nachdem das phantasie-
volle Bild der »eigentlichen Erde« vor uns aufgerollt worden ist (iiob — m c),
kehrt der Schriftsteller (es wurde schon darauf hingewiesen) ausdrücklich zu den
rings um die Erdkugel gelagerten »Orten in den Höhlungen« zurück und beschreibt
.o3E3
Abb. 3. Zum »Phädon«. Durchschnitt durch einen Teil der Erdkugel.
genauer ihre verschiedene Gestalt, während er vorher (109 b) nur die Tatsache ihrer
Verschiedenheit berührt hatte. Das tut er, um nun die physikalische Theorie an-
knüpfen zu können, und so wird rein durch den Aufbau der »Mythos« von der »wahren
Erde« als etwas Für-sich-stehendes fühlbar, und rein durch den Aufbau fügen sich
jene beiden naturwissenschaftlichen Gedankenkomplexe zu einer Einheit.
Nachdem dieser enge Zusammenhang sowohl von der Gedankenanalysc wie
von der Beobachtung der darstellerischen Form her gesichert ist, sei zuletzt daran
erinnert, daß wir vorher die erste jener Theorien aus ihrer Verknüpfung mit. dem
») Die Lehre von der Porosität der Erde begegnet
bei Diogenes von Apollonia (Seneca Nat. Quaest.
IV 2, 28 sunt enim perforata omnia et invicem
pervia) und ähnlich schon bei Anaxagoras (Vor-
sokr. 46 A 90) TÖ u8iop zu oiä rrj? ytj« öirj8o6-
(jievov xal StaJtXüvov aiTTjv äX(i.'jpöv yfvcTai
Tüii ix^vi TTjv yfjv TotO'JTOUt yjjxoü? it aÜTrji).
Aber fast alle Besonderheiten der plato-
nischen Theorie fehlen vollständig, und ich
kann daher nicht zustimmen, wenn sie in zwei-
felnder Form von Diels (Über die Genfer Frag-
mente des Xenophanes und Hippon, Sitzungsber.
d. Berl. Ak. 1891, 581 [7]) auf Diogenes oder
scharf genug
Anaxagoras, zuversichtlicher von Oder (a. a. 0.
275) auf Anaxagoras zurückgeführt wird. Die
platonische Theorie erklärt eine viel größere An-
zahl von Erscheinungen durch eine einheitliche
Konstruktion. Die -/ot).tü[iLaTa im Erdinnern,
von denen Anaxagoras sprach (Doxogr. 562, 10),
gleichen weder den platonischen xoiXa der Erd-
oberfläche, noch dem einen, die ganze Erde durch-
ziehenden Tartaros, und keinesfalls läßt sich ein-
fach das eine für das andere setzen oder aus dem
platonischen Bau irgendein Stein herausziehen,
ohne das Ganze zu gefährden. Man kann die
Einheitlichkeit in Piatons Gesamtbild gar nicht
hervorheben.
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. lOC
metaphysisch gefärbten Mythos, die zweite aus ihrer Verknüpfung mit Eschatologie
gelöst und jede für sich als ein rein naturwissenschaftliches Gebilde erkannt haben.
Jetzt gibt ihr Zusammenschluß die letzte Bestätigung.
Noch bedarf der eschatologische Mythos eines kurzen Überblickes, der von
einem Vergleich mit dem entsprechenden Mythos des »Gorgias« ausgehen soll. Hier
kennt Piaton nur zwei Seelenklassen, die Sünder und die Gerechten, und dement-
sprechend zwei Orte für ihr Leben nach dem Tode, Tartaros und Insel der Seligen ').
Im »Phädon« sind aus den zwei Klassen vier geworden, und dementsprechend hat
sich auch die Topographie des Jenseits ausgestaltet. Aber bei näherem Zusehen er-
kennt man doch ohne Mühe den Weg, der von der älteren, einfacheren Ansicht zu
der jüngeren, reicheren führt. Die Seligen sind hier wie dort eine Einheit geblieben,
nur daß für die Philosophen im »Phädon« noch eine Sonderstellung angedeutet wird.
An Stelle der Sünder aber sind drei Gruppen getreten: die Mittelmäßigen, die unheil-
baren Verbrecher und die Heilbaren. Allen drei Gruppen ist ihr Aufenthalt unter
der Erde bestimmt, und es zeigt sich somit ihre Zusammengehörigkeit gegenüber
den Guten, die allein droben auf der »wirklichen Erde« ihr seliges Leben führen.
Um diesen Wohnsitz würdig für sie zu bereiten, hat Piatons dichterische Phantasie
jene »wirkliche Erde« mit allen Farben geschmückt, die ihm Paradiescsvorstellungen
seines Volkes und die eigene ins Anschaulich -Bildhafte gewendete Ideenlehre reichten.
Wir haben früher den metaphysischen Mythos von seiner physischen Grund-
lage, der Höhlentheorie, geschieden und dann die Eschatologie von ihrer physischen
Grundlage, der Aderntheorie. Die physikalischen Theorien schlössen sich zusammen,
und jetzt erkennt man, wie auch der Mythos und die Eschatologie ineinandergreifen,
wie jener bestimmt ist, diese vorzubereiten. Man kann also recht wohl den Aufbau
der platonischen Gesamtschöpfung auf eine einfache Formel bringen und ihn leicht
schematisierend in vier Teile sondern. Der erste gibt die Schilderung der Welt und
der Erdoberfläche bis in die Höhlungen hinab. Daraus entwickelt sich der zweite,
welcher das mythische Bild der »wirklichen Erde« ausmalt. Der dritte knüpft aus-
drücklich an den ersten an und lehrt die Beschaffenheit des Erdinnern kennen.
Daraus entwickelt sich viertens die Eschatologie, mit der nunmehr Abschluß und Ziel
des Ganzen erreicht ist. Teil l und 3 sind rein naturwissenschaftlich, Teil 2 und 4
mythisch -eschatologisch zu verstehen.
IL
In die Geschichte der geographischen Wissenschaft wollen wir das platonische
Erdbild hineinstellen. Deshalb richten wir unseren Blick auf jene eigentümlichen
»Höhlungen« der Erdoberfläche und fragen, was mit ihnen gewollt sei. Da scheint
zunächst klar: wenn es viele solcher Höhlungen gibt, und wenn eine davon unsere
Oikumene ist, die einzige von allen, die man kennen kann, so muß die Theorie von
dieser Oikumene ausgegangen sein und muß die übrigen Höhlungen nach dem Vor-
') Zur Analyse und Geschichte dieser Vorstellungen vgl. Malten, Arch. Jahrb. XXVIII 1913, 49.
j06 P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie.
bild dieser einen geformt haben. Denn man konnte nicht mit dem Unbekannten
beginnen und danach das verhähnismäßig Wohlbekannte gestalten, sondern nur so
ist der Vorgang möglich: Auf der großen Erdkugel dachte man sich in einer ver-
gleichsweise kleinen Einsenkung unsere Oikumene. Da es aber jeder Wahrschein-
lichkeit gespottet hätte, daß dieser uns zufällig bekannte Wohnplatz wirklich auch
der einzige wäre, so setzte man durch einen Analogieschluß zahlreiche andere Wohn-
plätze auf die Erdoberfläche und gab ihnen eine entsprechende Form, d. h. man
stellte sie sich als Höhlungen vor. Mithin müssen wir, um den Ursprung des selt-
samen Gedankens zu begreifen, von unserer Oikumene ausgehen und müssen fragen,
wie man dazu kam, sie auf den Boden einer solchen Höhlung zu versetzen. Bevor
sich aber eine Antwort geben läßt, ist es notwendig, ganz kurz die beiden Entwick-
lungslinien ins Auge zu fassen, auf denen sich die Wissenschaft vom Erdbild bis
dahin bewegt hatte.
In lonicn schuf Anaximander die Geographie als Wissenschaft, indem er die
erste Erdkarte entwarf. So sagt die antike Überlieferung, und sie hat recht. Denn
man muß es scharf betonen, daß seine Erdkarte keine praktische, sondern eine
wesentlich theoretische Leistung war und eben dadurch eine Wissenschaft begründet
hat '). Karten zum Gebrauch des Lebens, Itinerarien, Portulanen, gab es längst *).
Die Kolonisationsfahrten in den Pontus sind ohne solchen Behelf nicht denkbar,
und wie sollte den loniern fehlen, was der Südseeinsulaner aus Stäbchen und Muscheln
darzustellen weiß! Die Tat Anaximanders kann nur darin bestanden haben, daß
er ein Ganzes schuf. Das wird dem praktischen Gebrauch gar nicht so sehr gedient
haben. Denn wenn det milesische Steuermann durch den Hellespont fuhr, brauchte
er nichts vom Peloponnes oder Sizilien zu wissen, und wer ein bestimmtes Fahrtziel
hatte, dem mochte eine Erdkarte eher verwirrend als nützlich sein. Der theoretische
Charakter geht sogar soweit, und darin zeigt sich ganz besonders die Wissenschaft-
lichkeit der Schöpfung, ihr Streben zum Gesamtbild, daß auch jene Gegenden der
Erde notwendig mit dargestellt waren, die man aus keiner Erfahrung kannte, sondern
rein aus dem Gedanken heraus konstruieren mußte, ja Gegenden wie den äußeren
Rand der Karte, den Okeanos und seine Küsten, die man in keinen Zeiten jemals
erreichen zu können vermeinte.
Die runde Erdkarte des Anaximander hat Hekataios verbessert. Herodot hat
als Empiriker dagegen gekämpft, daß man vorschnell konstruiere, wo man doch
■) Auch Diels, Wissenschaft und Technik bei den liehen vorbeigegangen. Wie verständnislos
Hellenen, Neue Jahrbücher XXXIII 1914, 5, stellt moderne Geographen der wissenschaftlichen
die praktische Weltkarte in Gegensatz zu der Großtat des Anaximander gegenüberstehen, zeigte
theoretischen Leistung Anaximanders als Philo- mir die »Kartenkunde« der Sammlung Göschen
sophen. Und gewiß ist die Karte um eine Stufe S. 20 f.
praktischer. Dennoch scheint mir eben in dem, ') Berger a. a. 0. 250 scheint den richtigen Sach-
wo sie über das unmittelbar Praktische hinaus- verhalt umzukehren, wenn er die Entwicklung so
geht, sich ihr Wissenschaftscharakter zu offen- darstellt, als seien im vierten Jahrhundert an
baren. Berger, Gesch. d. wissensch. Erdkunde d. Stelle der allgemeinen Erdkarten Hafenverzeich-
Gr. 35 ff., ist, wenn ich nicht irre, an dem Wesent- nisse und Küstenbeschreibungen getreten.
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 107
keine Sicherheit haben könne '). Sein Einspruch war in gewissem Sinne berechtigt
und ist auch nicht ohne Erfolg gebhebcn, wie denn nichts diese Wissenschaft mehr
gefördert hat als das Auf und Ab von Konstruktion und Kritik. Aber die ionische
Rundkarte dauerte fort, und vom Standpunkt der Erdkugelgeographic und der
ausgebildeten Zonenlehre hat Aristoteles in ganz ähnlichen Worten wie ehedem
Herodot seine Stimme gegen Geographen erhoben, welche die Erde kreisförmig
zeichnen ^). Dieselbe Polemik trifft man noch bei Geminus 3) an, und in den Rad-
karten des ausgehenden Altertums und des frühen Mittelalters gewinnt das runde
Erdbild wieder die Herrschaft, nur daß, was ehedem frische und kindliche Wissen-
schaft war, jetzt zum kindischen Schematismus erstarrt ist.
Die geographische Theorie des Anaximander ist von seiner physikalisch -astro-
nomischen Gesamtanschauung nicht trennbar, und wir müssen uns in seinem Sinne
die kreisförmige Erdkarte auf die Oberfläche der »Säulentrommel« gelegt denken,
als welche ihm die Erde im Weltraum schwebte. Zwar nicht die Säulentrommel,
aber, was hier auf dasselbe herauskommt, eine diskosförmige Erde setzte noch
Demokrit an, und da er gleichfalls nicht nur ein Erdbild entworfen, sondern auch
eine Erdkarte veröffentlicht hat, so muß er sich gleichfalls die bewohnte Erde irgend-
wie genauer auf jene Oberfläche aufgetragen gedacht haben 4). Bei Anaximander,
dem die Erde eine Trommel, die Oikumene kreisförmig war, lag hier kaum eine
Schwierigkeit. Demokrit hingegen 5) bestimmte bei der Oikumene das Verhältnis von
Länge zu Breite wie 3 : 2, und es bleibt ungewiß, ob er ihr andere bewohnte Inseln
zur Seite stellte, oder sie noch immer wie Anaximander die einzige sein ließ, bloß
mit einer geänderten Relation zum Kreisrand der Erdoberfläche.
Eine Einzelheit muß noch hervorgehoben werden. Wenn man den Erdkörper
als Scheibe dachte und die Oikumene mitsamt dem umgebenden Okeanos darauf
konstruierte, so mußte unfehlbar jener jugendliche, auf das Greifbare gerichtete Sinn
nach dem äußeren Abschluß des Ganzen fragen. Derb gesprochen: der Okeanos
würde nach außen hinabfließen, wenn dort nichts wäre, um ihn festzuhalten. In
gewissem Sinne hat ja schon die Nekyia der Odyssee mit ihrem Jenseitsland die
Lösung vorbereitet, und von den ionischen Physikern sind viele gefolgt. Im allge-
meinen gibt Kleomedes die alte Theorie und ihre auf der Hand liegende Begründung
(Kykl. Theor. I 8, 40). Die einen hätten die Erde für flach gehalten, andere aber
hätten in der Überlegung, daß das Wasser nur auf ihr bleiben könne, wenn sie tief
■) IV 36 yeXü) ii öptüv yffi 7iEpi(ä5o'j{ ypä'iavTot ypatfovTEt xd? yEtuypatpfoj itoX'j xfjc äXrßtiai zhi
noXXout rfifj tlolI o'!>8iva voov iy/iYzuii ^;Tjy»jaa- TiETrXavrjjjivot. — ■ Geminus gehört in die sulla-
(Aevov. Ol 'Q/.Z1W11 T£ fi^ovra yptt'fO'Jli irepi; -rijv nische Zeit; s. R-E VII 1027.
YTjv äoüaav xuxXoxEpia (ü; citiö X'lpvou zocl xtjv 4) Diels, Vorsokratiker 55 A 94. B 15; dazu die Vor-
'Aij(rjv xcil EipcürrjV iioiE'ivxiuv ijrjv. bemerkung der SchoHen zu Dion. Per., Geogr. Gr.
') Meteor. II 5, 362 b 12 8iö xal yEXofuJS ypätpo'jai Min. II 424; letztlich aus Eratosthenes.
vüv xa« 7rEpi(58o'j{ T7j{ Yi« ■ ypätpouai yäp xuxXoxsp^ 5) Vorsokratiker 55 B 15 irpuixo; Ik AT)|a(5xpixo;
x»)v oixo'jfiivrjv. suvEiOEv, oxi ^TpOfiVjxTjt ^ ffi i?j(ji.i(!Xiov x6 affMi
3) EisaytüY») üi xi tfaiv(!(j.Eva 16, 2. oi oe axpOYyuXaj xoü i:Xocxou{ lyouia.
I08 P- Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographje.
und ausgehöhlt (ßa&era xal xoiXyj) sei, ihr solche Form gegeben^). Ausdrück-
lich als Vertreter dieser Lehre sind uns Demokrit und Archelaos bezeugt: Demokrit
nennt die Erde »scheibenförmig und in der Mitte vertieft« (SiaxosiS?, täi ■kKoItu,
xoiX>)v 5s TAI [1230)1 Vorsokr. 58 A 94)*), Archelaos »ringsum hoch, in
der Mitte vertieft« (xuxXwi (xsv ouaav u<{;rjXT^v, [xssov 5s xoi'Xi]v Vorsokr. 47 A 4).
Die gleiche Ansicht ist wohl auch für Anaximenes daraus zu erschließen, daß er (wie
Archelaos) die Sonne nicht »untergehen«, sondern »von den höheren Teilen der Erde«,
also von einer Art Randgebirge, verdeckt werden ließ (Vorsokr. 3 A 7). Ja, er selbst
oder ein Nachtreter von ihm möchte im »Phädon« (99 b) mit dem Ungenannten ge-
meint sein, welcher der Erde »wie einem flachen Troge (waTrsp xap56i:a)t itXaxstat)
die Luft als Trägerin unterschiebt«. Der Trog weckt wieder die Vorstellung eines
Gegenstandes mit konkaver Oberfläche.
Als Demokrit seine Erdkarte auf seine Erdscheibc legte, war schon seit nahezu
einem Jahrhundert im Westen die Kugeltheorie aufgestellt worden. Parmenides
und die Pythagoräer haben sie gelehrt. Parmenides wird auch von Poseidonios als
Begründer der Zonentheorie genannt 3). Da er, abweichend von der sozusagen
klassischen Lehre, die »verbrannte Zone« nicht zwischen die Wendekreise ein-
schränkte, sondern sie weit über diese hinausgreifen ließ, so muß er, um die bewohn-
bare Zone nicht übermäßig zusammenzudrücken, die Erdkugel selbst sehr groß
gedacht haben 4). Wieweit er sich mit der Frage beschäftigt hat, unserer Oikumene
genauer ihren Platz auf der Erdkugel anzuweisen, steht nicht fest, und durch allge-
meine Erwägungen ist nicht voranzukommen.
Es braucht jetzt kaum noch ausdrücklich gesagt zu werden, wie man das Erd-
bild Piatons verstehen muß: es ist ein jugendlich kühner Versuch, die beiden Linien
zu vereinigen, das Erdbild der lonier auf die Kugel des Parmenides und der Pytha-
goräer zu legen. Der auffälligste Zug in der platonischen Konstruktion waren die
»Höhlungen«. Die bieten jetzt dem Verständnis keine Schwierigkeiten mehr, seit-
dem wir bei den loniern haben verfolgen können, wie sie mit einer gewissen Not-
wendigkeit dazu gedrängt wurden, ihre flache Erdscheibe an den Rändern erhöht,
in der Mitte eingesenkt zu denken. Der Ausdruck xoTXo; war dafür stehend; es ist
derselbe, der uns bei Piaton begegnet. Die wissenschaftliche Forderung mußte sich
einmal erheben, daß man mit der Erdkugeltheorie das von den loniern so energisch
entwickelte Erdbild vereinige. Dann lag nichts näher als die Höhlung beizubehalten
und durch einen Wahrscheinlichkeitsschluß zahlreiche analoge Gebilde dazuzu-
denken. Auch war man auf diese Weise einer Schwierigkeit überhoben, die sich in
den Anfängen der Erdkugeltheorie manchem aufdrängen mochte: wie auf der ge-
•) Ähnlich Martianus Capella VI 590: Formam ter- globosara. Und nachher: si emersi solis exortus
rae non planam, ut aestimant positioni qui eam concavis subductioris terrae latebris abde-
disci diffusioris assimilant, neque concavam, retur.
ut alii qui descendere imbrem dixerunt telluris in 2) Vgl. Vorsokr. 46 A 87 Ott oUte xo^Xt] fj y^ <•>{
gremium (die Begründung ist etwas anders ge- A7j[X(5xptT0j oÜte jiXaxeta (!){ 'AvaSaydpa;.
faßt und mutet altertümlich an), sed rotundam 3) Strabo II, p. 94; vgl. Berger, a. a. O. 208.
' 4) So richtig Berger 213.
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. lOQ
wölbten Kugelfläche ein Aufenthalt denkbar sei, wie zum mindesten die Wölbung
von niemandem empfunden werde.
Wer diesen Schritt, der gewiß als ein wissenschaftlich bedeutender Schritt
anzusehen ist, nun eigentlich vollzogen habe, können wir nicht mit Sicherheit sagen.
Die Linie geht von Parmenides zu Plato. Daß Parmenides, der die Erdkugeltheorie
vermutlich schuf, selbst schon so weit gegangen wäre, die ionische Geographie in
seine Konstruktion einzubeziehen, wird nicht nur mir schwer glaubhaft erscheinen.
Daß erst Plato jenes kosmologisch-physikalischc Ganze erdacht habe, zu dem bei-
spielsweise die Theorie der unterirdischen Adern untrennbar gehört, dürfte gleich-
falls kaum jemandem wahrscheinlich sein. So möchte die Annahme am meisten für
sich haben, daß irgendein Forscher zwischen Parmenides und Piaton, und diesem
zeitlich näher als jenem, ein Pythagoräer etwa, den wir nicht nennen können, als
Resultat eines starken, kombinatorischen Denkens jenen kosmologisch-physikalischen
Aufbau errichtet hat, den dann Piaton übernahm, um ihn seinem eschatologisch-
metaphysischen Zweck dienstbar zu machen.
III.
Das Erdbild des »Phädon« ist in Piatons Werk nicht das einzige. Scharf heben
sich von ihm die Vorstellungen ab, die der Anfang des »Timäus« (24 e) als geogra-
phische Grundlage für den Atlantisroman entwickelt. Mit dem Weltbild des »Timäus«
hat das nichts zu tun, sondern gehört sachlich einem ganz anderen Gedankenkreise,
eigentlich ja dem »Kritias«, an.
Rings von Meer umflossen liegt unsere Oikumene, »Europa und Asien«. Draußen
vor den Säulen des Herakles erhob sich ehemals aus dem Ozean die Insel Atlantis,
die später durch gewaltige Erdbeben und Sturmfluten zugrunde ging und das Meer in
jenen Gegenden unbefahrbar flach gemacht hat. Vordem aber bestand Verkehr von der
Atlantis zu unserer Oikumene und zu den anderen Inseln im Meere, dann weiter zu
dem »wahren Festland«, das sich um das »wahre Meer« herumlegt. Der Ausdruck
»wahres Meer« ist gewählt im Gegensatz zu dem kleinen Mittelmeer, »wahres Fest-
land« im Gegensatz zu unserer »Oikumene«, die als Insel, als eine unter mehreren,
gedacht wird.
All das ist vollkommen vorstellbar und läßt sich im wesentlichen durch Zeich-
nung vergegenwärtigen (Abb. 4): ein großes Meer; in ihm eine Reihe größerer und
kleinerer Inseln, von denen eine unsere Oikumene ist; das große Meer rings umgeben
von einem riesigen Festland. Dieses Festland erstreckt sich um die ganze Erdkugel
herum; das immerhin sehr ausgedehnte Meer erscheint in ihm als Binnensee einge-
bettet, und wir dürfen es im Sinne des Schöpfers dieser Theorie für durchaus möglich
erklären, daß es noch anderwärts inmitten des »wahren Festlands« abgeschlossene
Meeresbecken gebe.
Ob es sich aber hier nicht überhaupt eher um ein Spiel der Phantasie als um
eine geographische Hypothese handele, könnte wohl jemand fragen. Dem wäre zu
erwidern: Für den Roman sind höchstens Oikumene und Atlantis notwendige Er-
HO
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdliugelgeographie.
fordernisse, überflüssig aber sind Inseln, wahres Meer und wahres Festland. Nun
gehen alle Einzelheiten mitsamt diesen überflüssigen Zügen in eine Einheit zu-
sammen, sind also unabhängig von dem Roman erdacht worden, sind also ein Theorem
der physischen Geographie, nicht die spielende Erfindung eines Dichters. Und
wahrhaftig ist das nicht im Spiel erfunden, was einen gewaltigen Fortschritt des
wissenschaftlichen Denkens darstellt.
Die fundamentale Verschiedenheit dieses Erdbildes von dem des)>Phädon« wird
jedem deutlich geworden sein '); man kann den Hauptgegensatz vielleicht folgender-
maßen in Worte fassen: Die einzelnen »Höhlungen« dcs»Phädon« sind durch unüber-
Abb. 4. Zum »Tiinäus«. Erdkugel. (Das »wahre Festland« erstreckt sich auch um die
abgewandte Seite der Kugel.)
steigbare Schranken voneinander getrennt. In der platonischen Ausgestaltung schieben
sich geradezu transzendente Welten zwischen unsere »Höhlung« und jede andere.
Aber auch wenn man sich nur auf die physische Grundlage einstellt, so erscheint
der Gedanke, von unseier Oikumene etwa in die benachbarte gelangen zu wollen,
phantastisch und widersinnig. Wir müßten anders organisierte Menschen sein,
müßten Äther atmen können statt Luft, um jemals unseren Ort zu verlassen. Das
Erdbild des »Timäus« bannt uns nicht mehr durch solche metaphysischen Grenzen
auf einem kleinen Fleck der Kugel fest. Es ist ein rein praktisches Hindernis, wenn
') Daß Proklos in seinem Timäuskommentar I, 180
Diehl den Gegensatz nicht erkannt hat, verzeiht
man ihm leicht. Leider hat noch Berger, Die
Grundlagen des marinisch-ptolemäischen Erdbil-
des, Bcr. der sächs. Gesellsch. 1898, S. 91 ff. arglos
das Widersprechende durcheinandergemischt.
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. 1 1 j
der Atlantische Ozean zu flach geworden ist, um noch die Durchfahrt zu gestatten.
Ehedem aber war der Verkehr ungehindert zwischen den Inseln, ja selbst zum Fest-
land, und wer konnte beispielsweise auf dem Boden dieser geographischen Vor-
stellung den Gedanken verwehren, daß vielleicht im Osten zu wagen sei, was im
Westen freilich durch jenes praktische Hindernis ausgeschlossen war? Die abso-
luten Schranken, durch die der »Phädon« unsere Erdoberfläche in einzelne für immer
voneinander getrennte Bezirke aufgelöst hatte, sind hier gefallen; die Erdoberfläche
ist eine Einheit geworden und weiterer Forschung, weiteren Entdeckungen geöffnet.
Daß hier die geographische Wissenschaft einen mächtigen Schritt getan hat,
den man, auf die Linie der weiteren Entwicklung blickend, einen Fortschritt nennen
muß, kann nicht zweifelhaft sein. Unsicher bleibt, wie weit die Akademie an dieser
Entwicklung beteihgt ist. Einerseits können wir sagen, daß Analogien zu der geo-
graphischen Vorstellung des »Timäus« nicht völlig fehlen. Das »wahre Meer« ist ja
im Grunde nichts anderes als der alte Okeanos. In dem »wahren Festland« verkennt
man schwer das jenseits des Okeanos gelegene Land, wie die Nekyia der Odyssee
es schildert, wie es gewiß der Volksmeinung angehörte, ja, wie es eigentlich noch in
dem hochragenden Erdrand der ionischen Physiker dauert '). Ob schon jemand
unter diesen im Gegensatz zu Anaximander und Hekataios nicht eine runde Oiku-
mene, sondern mehrere große Inseln auf die flache Scheibe setzte, das zu entscheiden
versagt die Überlieferung. Möglich ist es durchaus. Vielleicht könnte Demokrit
so gedacht haben, der ja die Oikumene nicht kreisrund, sondern oval mit dem Ver-
hältnis der Achsen wie 3 : 2 konstruierte, sich also jedenfalls über ihre Lage zum
Kreisrand der Erdfläche seine Gedanken gemacht haben maß. Aber dies soll nur eine
Möglichkeit, nicht einmal eine Vermutung sein.
Sind hier also Vorstufen teils nachweisbar, teils denkbar, so spürt man andrer-
seits an einem Punkte ganz sicher Piatons eigenen Geist: in den Benennungen »wahres
Meer« und »wahres Festland« (6 dXrjfttvo? tovtoj. sxsrvo 82 to irsXa^o; ovtwc ^ ts
itspisj(ouaa auxo -y^ iravTsXu)? d^TjOtö? opOoTax' av Xs-^otTO -^ireipoc). Hier gehen
sie ausschließlich auf die Größe, einen Wesensunterschied bezeichnen sie nicht. Und
doch muß jeder sehen, daß ihnen wiederum, wie abgeblaßt auch immer, der platonische
Gegensatz von Idee und Erscheinung zugrunde liegt ^). Daher wird man nicht
zweifeln, daß zum mindesten ein Stück der Gedankenbewegung, wenn nicht die ganze,
die von dem älteren Bild nach dem jüngeren hin zu vollziehen war, sich innerhalb
der Akademie abgespielt hat. Lebhafteste Beschäftigung mit physischer Erdkunde
ist so für Piaton und seine Schule augenscheinlich. Das gibt dem Bilde, in welchem
') Vgl. Martin, foudes sur le Timde I, 312; Berger, 104, den Begriff des wahren Festlandes »durch-
Ber. d. sächs. Gesellsch. 1898, 98. Auch das aus mythisch« nennt. Nur durch fast unbegreif-
äußere Land, das auf der Karte des Kosmas liehe Irrtümer kann derselbe Gelehrte dieses
Indikopleustes den Okeanos umgibt, gehört in wahre Festland als eine Vorstufe zu dem marinisch -
dieselbe Gedankenrichtung; vgl. The Christian ptolemäischen Erdbilde (mit seiner Geschlossen-
Topography of Cosmas ed. by Winstedt 129, 26 heit des Indischen Ozeans und seinem Landzu-
(= p. 185 A) und Tafel VII. sammenhang zwischen Ostasien und Ostafrika)
*) Nicht ohne Bedenken ist es, wenn Berger, a. a. 0. betrachten.
112 P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie.
Usener ') die Organisation der wissenschaftlichen Arbeit innerhalb der Akademie
gezeichnet hat, wohl einen neuen Zug, aber keinen fremden. —
Man weiß, daß die Erdvorstellung des »Timäus« mitsamt den romanhaften
Motiven des »Kritias« von Theopomp in einen utopistischen Exkurs seines Geschichts-
werks übernommen worden ist ^). Das wahre Festland hat er beibehalten, das wahre
Meer heißt bei ihm Okeanos, und statt der vielen Inseln kennt er, wenn Allans Be-
richt (Var. Hist. III i8) vollständig ist, nur drei, Europa, Asien, Afrika. Er wäre
danach in mancher Hinsicht zu einfacheren Vorstellungen zurückgekehrt, hätte die
vielen Inseln des Weltmeeres als uncrwiesene Hypothese beseitigt und aus den drei
überlieferten Elementen, unserer Oikumene, dem sie umgebenden Okeanos und dem
wahren Festlande, sein Erdbild konstruiert. Auch daß er die drei Erdteile als Inseln
voneinander sondert, wird ein Archaismus sein 3). Aber leider kennen wir weder
die Einzelheiten seiner Theorie noch wissen wir, wie weit er es mit ihr ernst nahm.
Immerhin müssen ihm die Voraussetzungen als möglich gegolten haben 4).
IV.
Antike Wissenschaftsgeschichte gleicht einem unterirdischen Strom, der nur
hier und dort auf kürzere oder längere Strecken an das Licht tritt. Da wir dem
Problem der Erdkugelgeographie im)>Phädon« begegneten, war es ersichtlich von dem
Ort seines Ursprungs höchstens einige Schritte entfernt. Dann aber muß es mit
großer Energie und Lebhaftigkeit weiter entwickelt worden sein. Im »Timäus«, also
wenige Jahrzehnte später, finden wir es gewaltig gefördert, und daß es, einmal auf-
geworfen, nicht wieder zur Ruhe kam, lehrt uns Aristoteles, der schon wieder einen
ganz neuen Standpunkt vertritt. Mit dem Ausblick auf diesen Versuch wollen wir
schließen.
Nachdem Aristoteles in seiner Schrift Ilspl oüpavou die Beweise für die Kugel-
gestalt der Erde beigebracht hat, fährt er fort (II 14, 297 b 30), es folge aus den
Himmelserscheinungen nicht nur, daß die Erde eine Kugel, sondern auch daß sie
eine nicht eben große Kugel sei. Denn bei einem geringen Wechsel unseres Auf-
enthalts in nördlicher oder südlicher Richtung ändern sich die Meridianhöhen der
Gestirne. Sterne, die man in Ägypten oder Cypern sieht, werden weiter nördlich
(also in Griechenland) unsichtbar, andere, die im Norden Zirkumpolarsterne sind,
gehen weiter südHch auf und unter. Der Schluß auf die Kleinheit der Erde erscheint,
nachdrücklich wie er ausgesprochen wird, als eine Korrektur der älteren Ansicht,
') Vorträge und Aufsätze 82 ff. Entwicklung recht verstanden, widerlegt ihn hin-
') Vgl. Rohde, Griech. Roman' 219. reichend. Vgl. auch Partsch, Aristoteles Ȇber
3) Zugrunde liegt die primitive Vorstellung, daß die das Steigen des Nil«, Abh. d. Sachs. Gesellsch.
Grenzflüsse zwischen den Erdteilen, also Nil und XXVII 16, 599 [49].
Phasis oder Nil und Tanais das Binnenmeer mit 4) Auf Plato geht auch zurück, was bei Plutarch,
dem Okeanos verbinden. Ganz vergeblich sucht De facie in erbe lunae, cap. 26 p. 941 von dem
Berger, Gesch. d. wissensch. Erdkunde 92 ff., »wahren Festland« erzählt wird; ebenso fußt auf
was von Zeugnissen in diese Richtung weist, zu Piaton Mcif>XEX),0{ äv Tol; Ai8iomxoT{ in Proklos'
entkräften. Die eine Argonautensage, in ihrer Timäuskommentar I, 177 Diehl.
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie.
^13
die uns bei Piaton und sehr wahrscheinlich schon bei Parmenides entgegentritt. Da
man zuerst die Erde als Kugel begriff und auf ihr den uns bekannten Länderbezirk
unterzubringen versuchte, mußte sie diesem gegenüber mit einer Notwendigkeit,
die wir leicht nachfühlen werden, unendlich groß erscheinen, unsere Oikumene als
ein winziger Fleck, den man auf der ungeheuren Fläche nur unvollkommen zu loka-
lisieren wußte. Und es ist wieder begreiflich, ja es erscheint als notwendiger Schritt
der Entwicklung, wenn dann das Pendel nach der anderen Seite ausschlägt.
Der Fortschritt liegt ersichtlich darin, daß man bei dem ersten Stand der Dinge
nicht wagen durfte, die Frage nach der Lage unserer Länder und ihrem Verhältnis
Nördliche gemäßigte Zone
(unsere Oikumene).
Heiße (verbrannte) Zone.
Sudliche gemäßigte Zone.
Abb. 5. Zu Aristoteles. (Der größte Teil der abgewandten Kugelseite
ist von dem Festland erfüllt zu denken.)
zur Größe des Ganzen ernstlich zu stellen. Das war erst möglich, als man der Über-
sehbarkeit des Erdglobus sicher geworden war.
Die relative Kleinheit unserer Erde ist für Aristoteles eine erwiesene Sache.
Nicht so sicher, aber wohl erwägenswert scheint ihm der Schluß, den manche gezogen
hätten, daß sich die Gegend der Heraklessäulen auf der einen Seite, also das West-
ende der Oikumene, und Indien auf der anderen, also ihr Ostende, nahekommen,
und daß infolgedessen der Atlantische und der Indische Ozean nur ein Meer seien ").
Die Vorstellung ist im allgemeinen durchaus klar und auch im Bilde zu vergegen-
wärtigen (Abb. 5)2). Zweifelhaft und viel erörtert, freilich für unseren Zusammenhang
') Einen Vertreter dieser Ansicht können wir mit
Namen und Datum nennen. »Athinagoras
Arimnisti inquit unum esse mare quod rubrum
et quod extra Eracleas columpnas. « Aristoteles
Tztfi TTfi ToO NefXo'j dvaßaSEtuc, Aristotelis
Fragmenta ed. Rose p. 194 1. 3. Es war zwischen
357 und 349, daß Athenagoras jene Theorie vor
Artaxerxes Ochos vertrat. Vgl. Partsch, Des
Aristoteles Buch »Über das Steigen des Nil«
S. 572 [22] 7.
') Die Küstenlinien außerhalb der gemäßigten Zone
sind punktiert, um anzudeuten, daß sie sich nach
der Ansicht jener Zeit empirischer Kenntnis ent-
ziehen. Die von uns angedeutete Form wird
sich im folgenden rechtfertigen.
IIA P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie.
auch nicht von entscheidender Bedeutung ist die Frage, wie das Wort auvctTrcstv
aufzufassen sei, in dem Satze tou? uuoXajißotvovTa? auvaitrsiv xhv irepl tä? 'HpaxXsou;
OTjjXa; Touov töji irspt 'Ivot/r^v, ob es nur ein Nahekommen bedeute, oder ob die
von Aristoteles wiedergegebene Theorie wirkliche Berührung, also eine oder mehrere
Landbrücken von Ostasien nach Europa und Libyen angenommen habe. Daß gram-
matisch beides möglich ist, steht fest '), und auch der folgende Satz, der sich für
diese Theorie auf das Vorkommen von Elefanten an den beiden »äußersten Punkten«
beruft, scheint nicht unbedingt für die eine oder die andere Ansicht verwertbar,
wiewohl sich bezweifeln läßt, daß bei dem Vorhandensein einer Landbrücke von
»äußersten Punkten« überhaupt die Rede sein kann ^). Aristoteles hätte sich unzwei-
deutiger ausgedrückt, wenn die Entscheidung nach einer von beiden Seiten für sein
Problem irgendwie bedeutsam gewesen wäre 3).
In der gemäßigten Zone eine einzige Landmasse, der Rest von Meer erfüllt:
das ist die Anschauung, die sich auch aus zwei Stellen der »Meteorologie« als
aristotelisch ergibt. An der einen (Met. II l, 354 a l) liest man folgende Deduktion.
Es soll bewiesen werden, daß Meere im Gegensatz zu Flüssen keine Quelle haben.
Das lehrt die Erfahrung an Binnenmeeren, deren Ufer man ja ringsum kennt. Von
ihnen hängt das »Rote Meer« an einem Punkt mit dem »Meer außerhalb der Säulen«
zusammen, das hyrkanische und das kaspische hingegen sind von diesem völlig
getrennt und mit Land umgeben. Da ist die Unterordnung des Roten Meeres unter
die Binnenmeere eigentlich unlogisch, aber psychologisch vollkommen begreiflich.
Es ist »beinahe«, bis auf eine schmale Verbindungsstelle, ein Binnenmeer, darf alo
für den vorliegenden Zweck als solches betrachtet werden. Diese Charakteristik
paßt vortrefflich auf das auch von uns so genannte »Rote Meer« und kann sich nur
auf dieses beziehen, weil die ganze Erörterung einen empirisch bekannten Gegenstand
verlangt, der Indische Ozean aber oder das Meer zwischen Arabien und Indien, das
sonst noch mit dem Roten Meere gemeint sein könnte, durchaus nicht überall er-
forscht war und durchaus nicht jene Beschreibung zuließ. Der Wortlaut ^at'vi-at
xoivfovouaa bestätigt die vorgetragene Ansicht. Läßt mithin Aristoteles das »Rote
Meer« mit dem »Meer außerhalb der Säulen« verbunden sein, so ist dafür die Vor-
■) Strabo I, p. 56 sagt in einem ganz anderen Zu- wicklung der geogr. Kenntnis von der Neuen Welt
sammenhang, der aber zufällig dasselbe sprach- I, 120: »Das sinnreiche Argument, welches Ari-
liche Problem bietet: tö 6e 8r) „Tevorf^Cetv tov stoteles von dem Vorkommen der Elefanten auf
XejfSivra T(5nov ouvcfjtrovTa TiJöi zrfi 'EpuSpäs den gegenüberliegenden Küsten Afrikas und
x<iXjr(ui " ä(ji(p(ßoX(5v ^(JTiv, ^TtEiSi) tö auvcc^ruEiv Indiens entlehnt, gründet sich auf den unbe-
orjuafvEi xat xö CTuvcfTfiCsiv xai xö daÜEiv. Vgl. deutenden Abstand der beiden Ländermassen,
Sorof, De Aristot. geographia (Dissert. Halle indem vorausgesetzt wird, daß sich an den beiden
1886) p. 8. Endpunkten der Oikumene übereinstimmende
*) Simplicius p. 548 Diels sagt über das Argument: Erzeugnisse vorfinden müssen.« Es ist also nicht
O'j yäp 6fioi(5xTjxa xüiv x(i7r(uv teiSEi^ai po'iXExai richtig, aus dem Elefantenargument eine Land-
u>i oTpiai 8iä xo'ixuv ä)Aä yEixvfasiv. Aber Verbindung zu erschließen. Vgl. Berger, Gesch.
Nachbarschaf t ist noch nicht Landzusammenhang. d. Erdkunde 318.
Lehrreich ist die Beurteilung Alexanders von 3) Auf welcher Seite der Verfasser dieses Aufsatzes
Humboldt, Krit. Unters, über die histor. Ent- steht, wird durch die Zeichnung deutlich.
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeograpbie. I i e
äussetzung notwendig, die in Ilspi oupotvou formuliert wurde, daß der Atlan-
tische Ozean mit dem Meer östlich von Indien zusammenfällt ").
An einer späteren Stelle (Met. II 6, 362 b 21) wird auseinandergesetzt, daß
sich die Bewohnbarkeit der Erde auf die gemäßigten Zonen beschränke. Es gebe
also zwei durch die heiße Zone geschiedene Oikumenen, die nach Norden und Süden
an unbewohnbaren Gegenden ihre Grenze fänden. Wohl aber sei in ost -westlicher
Erstreckung prinzipiell keine Grenze gegeben, und nur die Größe des Meeres ver-
hindere praktisch eine Reise um die Erde in gedachter Richtung (Aar' et \x.-q
icou xcuXust OaXaTTT,? rXT,9o; Stmv etvai ■KOpsuaijjiov). Zwischen Ostasien und den
Heraklessäulen scheine das Meer den Zusammenhang aufzuheben.
Ohne das würde; unsere gemäßigte Zone einen fortlaufenden bewohnbaren
Landgürtel bilden (xi os ttj? 'IvSixtj? e;u) xal täv 'HpaxXsiujv (Jt/jXäv 01« t})v OaXaTiav
oü (patvovTai ouvsi'pstv -rtöi awsyßii stvai iräsav oixou[j.£vr(V). Es mögen in dem Ge-
dankenzusammenhang, den Aristoteles hier nur streift, mehrere Möglichkeiten er-
wogen worden sein. Unter ihnen kann es leicht auch die Theorie eines zwischen
Ostasien und Westeuropa liegenden Erdteils, eines »Amerika«, gegeben haben. Aber
Aristoteles scheint auch hier wieder der Annahme geneigt zu sein, daß unsere Zone
nur eine einzige Landmasse trage. So gewinnt man zunächst den Eindruck, als
ob das in der Meteorologie vertretene Theorem mit der in IlEpt oüpavou unter Vor-
behalt gegebenen Ansicht stimme, wie sie sich in unserer Abb. 5 ausgedrückt findet.
Aber hier erkennt man bei schärferem Zusehen doch noch einen wesentlichen Unter-
schied. Um die Verkehrtheit der kreisförmigen Erdkarte darzulegen, führt Aristoteles
aus, die Erfahrung der Land- und Seereisen habe gelehrt, daß Länge und Breite
nicht gleich seien, sondern sich verhielten wie »mehr als 5 zu 3«, also
6 : 3 > L : B > 5 : 3.
Wie breit Aristoteles die gemäßigte Zone angenommen hat, wissen wir nicht ').
Setzen wir einmal aufs Geratewohl die uns geläufigen 43" ein 3) und berechnen
wir die Länge auf dem 36. Breitengrade (dem Parallel von Rhodos), so ergibt
sich (wie ich mit freundlich gewährter mathematischer Hilfe festgestellt habe),
daß die Länge der Landmasse Y4 oder etwas mehr des gesamten Kreises
beträgt oder zwischen 90" und 108" liegt. Und wenngleich diese Rechnung mehrere
ganz unsichere Positionen enthält, fest steht auf jeden Fall, daß bei jenem Verhältnis
von Länge und Breite das Land viel weniger, das Wasser viel mehr als die Hälfte
der Zone füllt, daß also Abb. 5 durchaus nicht der von Aristoteles in der Meteorologie
vorausgesetzten Anschauung entsprach. Wobei es dahingestellt bleiben kann,
wieweit er sich rechnerisch die Konsequenzen klar gemacht hat, und wie weit er
die angegebenen Zahlen für endgültig hielt.
Ist hier nun ein unleugbarer Widerspruch vorhanden, indem die Landmasse
') Faßt man, wie zuletzt Partsch, a. a. O. 569 [19] ') Berger, Gesch. d. Erdkunde 305.
tut, den Ausdruck »Rotes Meer« in weiterem 3) Wahrscheinlich war sie noch erheblich schmaler.
Sinne, so ändert sich ganz und gar nichts an Vgl. Berger 320.
unserem Ergebnis.
I ] 5 P- Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie.
nach der einen Theorie weit mehr, nach der andern weit weniger als die halbe Erd-
kugel umfaßt haben muß, so sinken doch diese beiden gegensätzlichen Meinungen,
gegen die Folie etwa der »Timäus «-Geographie gesehen, auf den Wert von Varianten
derselben Grundthese zurück: die Erdkugel ist klein, die uns bekannte Landmasse
Europa, Asien, Libyen, nimmt einen sehr erheblichen Teil in der gemäßigten Zone
ein. Daß zwischen Westeuropa und Ostasien noch andre Landmassen liegen sollten,
ist nach der in Oepl oupavou zitierten Ansicht ausgeschlossen, nach der Meteoro-
logie zwar an sich möglich, aber nicht der aristotelischen Meinung entsprechend.
Wie hat sich aber Arietoteies das Festland, von dem unsere Oikumenc ein
Ausschnitt ist, nach Süden hin gestaltet gedacht? Er nahm ja in der südHchen
gemäßigten Zone eine der unseren entsprechende Oikumene an. Verband seine
Theorie die beiden durch eine Landmasse zu einem großen einheitlichen Kontinent,
wie er der Wirklichkeit einigermaßen entspricht, oder war ihm die verbrannte Zone
von einem Gürtelozean erfüllt, so daß er die Theorie des Kleanthes und Krates in
gewissem Sinn vorweggenommen hätte.-' ')
Diese zweite Ansicht schien sich auf eine Stelle der Meteorologie (II 5, 363a 5)
berufen zu können, wo von den Ost- und Westwinden »auf dem südlichen Meer
außerhalb Libyens« [Tztpl xtjv sJcu Atßurj? OaXocrrav xrjv voxtav) gesprochen wird ^).
Eingehendere Betrachtung lehrt jedoch die bezeichneten Worte ganz anders
verstehen. Aristoteles legt dar, daß der Südwind nicht etwa vom Südpol komme.
Sonst müßte, da sich die südliche und die nördhche Halbkugel in den wesent-
lichen Naturerscheinungen entsprechen, der Nordwind auf die südliche Halbkugel
hinübergreifen. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Vielmehr hört er schon hier
(in unserer gemäßigten Zone) auf und kann nicht weiter nach Süden dringen, da
»auf dem südlichen Meer außerhalb Libyens«, wie bei uns Nord- und Südwinde, so
dort Ost- und Westwinde herrschen. (Gedacht scheint, daß sie sich wie eine Quer-
barre vor die Bahn des Nordwindes legen.) Es handelt sich an dieser Stelle der Ar-
gumentation ersichtlich um eine empirisch feststehende Tatsache. Dann kann aber
ein Äquatorialozean gar nicht gemeint sein. Denn vorausgesetzt selbst, die Theorie
hätte ihn aus irgendeinem Grunde erfordert, so wäre er doch als in der verbrannten
Zone liegend, jeder möglichen Erfahrung entrückt gewesen, man hätte also auch
nicht wie etwas Selbstverständliches angeben können, was für Winde auf ihm wehen.
Gemeint sein kann nach alledem nur »das südliche Meer an Afrikas Ost- und West-
küste« (noch innerhalb unserer Zone), und darauf möchte auch der Wortlaut führen 3).
Wir scheinen mit dem bisher benutzten Material eine Entscheidung der Frage
nicht erzwingen zu können, ob Aristoteles einen Äquatorialozean ansetzte oder
') Berger, a. a. O. 215 (und Ber. d. sächs. Ges. 1898, Asien und Libyen 44, wo die Schwierigkeit richtig
121), findet die Ansicht des Krates von den sich gefühlt, aber nicht scharf zu Ende gedacht ist.
kreuzenden Gürtelmeeren bereits im »Phädon« 3) Bei ^ e;(o SaXorra denkt Aristoteles an den
vorgebildet. Das beruht auf den allerschwersten Osten oder Westen. Meteor. I 13, 350 b 13
sprachlichen und sachlichen Mißverständnissen. Xpefi^xitj; . . . . eis xrjv s^uj ^ei SäXarrav. 362 b 28
') Sorot, De Aristotelis geographia 14; Berger, Gesch. xoi hi iffi 'IvoiäTj; ?;u> xcti xüiv sttjXiüv xiüv
d. Erdk. 321 ; Bolchert, Aristoteles' Erdkunde von 'HpaxXeiuiv.
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie.
117
nicht i). Hilfe bringt erst die bisher unbenutzte Schrift »Über die Nilschwelle«.
Partsch hat in einer ausgezeichneten Abhandlung erwiesen, »daß der in mittelalter-
licher Übersetzung uns erhaltene liber de inundacione Nili nicht mit Unrecht den
Namen des Aristoteles an der Stirn trägt, sondern eine allerdings nicht unwesentlich
abgekürzte, aber anscheinend nur durch rein formale Zutaten veränderte Über-
lieferung einer dem Eratosthenes in unverkürzter Form vorliegenden echten Ab-
handlung des großen Philosophen darstellt^).« Wer die Skepsis sehr weit treiben
und von der Person des Aristoteles absehen wollte, würde doch zugeben müssen,
daß die Schrift unter den Augen des Meisters entstanden ist, wo man sich denn für
jede wesentliche Frage und Ansicht doch immer auf ihn zurückgeführt sähe. Hier
wird nun unter den verschiedenen Theorien auch die des Nikagoras von Cypern
beigebracht: der Nil steige im Sommer, weil er in einem Teil der Erde entspringe,
wo Winter herrsche, wenn wir Sommer haben. Schärfer gefaßt, sagt Aristoteles,
ergibt dies die Vorstellung, daß die Quellen in der südlichen gemäßigten Zone an-
zusetzen sind. Und widerlegt wird die Theorie nicht etwa durch den Hinweis auf
einen Gürtelozean, der dem Strome seinen Weg von der südlichen zur nördlichen
Halbkugel abschneiden würde, sondern durch die Erwägung, daß der Strom zwischen
den Wendekreisen eine Zone doppelt so breit wie die gemäßigte durchfließen müßte
(ein Lauf von solcher Länge war aber schon vorher als mit den Erscheinungen unver-
träglich abgewiesen worden), und daß dies die »verbrannte Zone« wäre (in der offen-
bar das Wasser verdampfen würde, anstatt in solcher Fülle zu uns zu kommen).
Durch dieses Doppelargument ist die Theorie widerlegt. Aber die Widerlegung steht
mit ihr grundsätzlich auf demselben geographischen Standpunkt. Wir wissen jetzt,
daß sich in dem Erdbild des Aristoteles eine Festlandmasse ununterbrochen von der
nördlichen Polarzone bis mindestens in die südliche gemäßigte Zone erstreckt hat.
Welchen Männern sich Aristoteles in seinen geographischen Theorien an-
schließt, erfahren wir nicht. Doch dürfte mehr als eine Spur darauf weisen, daß man
die Richtung durch den Namen Eudoxos einigermaßen bezeichne. Damit soll Eudoxos
nun durchaus nicht als »Quelle« für Aristoteles hingestellt werden. Aristoteles hat
gar keine einheitliche »Quelle«, und andrerseits wird sich gar ein Widerspruch zwischen
') Berger, a. a. 0. 323, sagt ganz richtig, daß dem
Verhalten des Aristoteles zur Ozeanfrage der
Schein der Zurückhaltung anhafte.
') Partsch, Des Aristoteles Buch Ȇber das Steigen
des Nil«. Der Text in: Aristotelis Fragmenta
ed. Rose p. 188 sqq. — Diels, Doxogr. 226 sq.,
hielt die Schrift wenigstens für altperipatetisch
(während er jetzt nach seiner freundlichen Mit-
teilung Partsch folgt). Ein Argument, das ihm
gegen die Autorschaft des Aristoteles zu sprechen
schien, glaube ich entkräften zu können. Wenn
nämlich der Verfasser von De inundacione Nili
bei der Polemik gegen Thaies sich genau an
Herodot anschließt, so muß man daran denken,
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX.
wie Herodots Polemik gegen die Rundkarten mit
wörtlichem Anklang bei Aristoteles wiederkehrt
(s. S. 107, Anm. i u. 2). Ein anderer Anklang
wird dann auch nicht zufällig sein : Herod. I, 203
TT(V fih yip'EXXrjVc; va'jTtXXovxat Träaa xal ij e$tu
3TTj)iu)v [wozu will man 'HpaxX^ujv einfügen ? ]
^aXalda ^ 'AxXavTi; xaXEOfj^vr) xai ij 'EpuSpr] fxirj
eoüaa Tuy/avEi. Arist. de caelo 298 a 9 tou;
'!)7toXafißctvovTa{ ouvaTtTeiv t6v repl Tat 'HpaxXefey?
HTljKai T^!Tov T(üi Trepi ttjv 'IvSixrjv xal toütov
tÖv Tprfnov Eivat TTjv öciXaTTav [it'av. Danach
wird aus dem Verdachtsmoment eher ein
Argument für aristotelischen Ursprung, wenn es
nach Partsch dessen noch bedürfte.
1X8 P- Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie.
ihm und Eudoxos auftun. Dennoch scheint es, daß man den großen Mathematiker
und. Naturforscher in unseren Zusammenhang rücken muß, und es gilt, das wenige,
was von seinen geographischen Lehren übriggeblieben ist, zum Vergleich heranzu-
ziehen ').
Eudoxos hat die Kugelgestalt der Erde gelehrt. Das folgt schon aus allge-
meinen Erwägungen zwingend genug ^). Es ist aber geradezu überliefert in einer Stelle
des Aetius (Doxogr. 386), wo die Ansicht des Eudoxos über die Nilschwelle mit-
geteilt wird. Er erklärte sie unter Berufung auf »die Priester« aus Regengüssen
und diese aus der »Gegensätzlichkeit der Jahreszeiten« (xatä tt,v ävTiTrspiataaiv
Tcöv (upüiv) 3) Wenn bei uns unter dem nördlichen Wendekreis Sommer herrsche,
so hätten die »Gegenwohner « (ä'v-oixot) unter dem südlichen Wendekreis Winter,
und von dort komme das Überschwemmungswasser des Stromes. Die Hypothese
— sie ist uns schon in Aristoteles' Buch von der Nilschwelle begegnet 4) — setzt
ersichtlich die durchgebildete Kugel- und Zonentheorie voraus.
Wenn nun weiter Aristoteles für die Kleinheit der Erdkugel geltend macht,
Sterne, die in Ägypten und Cypern sichtbar seien, verschwänden weiter nördlich,
also etwa in den Breiten Griechenlands, so muß man an die Tatsache erinnern, daß
die im Altertum berühmteste Beobachtung der Art, den Kanobosstern betreffend,
eben von Eudoxos ausgegangen war. Bekanntlich hatte Eudoxos den hellen Stern
in Ägypten kennen gelernt und ihn dann auf seiner Warte über der Stadt Knidos
eben noch am Horizont wiederfinden können. Poseidonios entsann sich, als er in
Spanien war, dieser Entdeckung (Strabo H 119). Und ob nicht Aristoteles eben
•) Daran, daß die Ttj; reptoBos dem berühmten Griechen und Römer I 2, 216 und mit Berufung
Mathematiker Eudoxos von Knidos gehöre, ist auf Diels, Seneca und Lucan 17 bemerke) in der
wirkUch (trotz Berger, a.a.O. 242 ff.) kein Sache undenkbar, daß die ausgebildete Erdkugel-
Zweifel möglich. Das Entscheidende hat Boeckh, und Zonentheorie auf die ägyptischen Priester
Über die vierjährigen Sonnenkreise der Alten zurückgehe, obgleich auch Diodor I 40 die An-
15 ff., dargelegt, Daß der große Eudoxos zu den sieht des Eudoxos »einigen Philosophen in Mem-
bedeutendsten Geographen gehörte und Ver- phis« zuschreibt. Eudoxos scheint sich gern
fasser einer rf,; r:ep(ooo; war, sagt die auf Era- auf seinen ägj-ptischen Aufenthalt und seinen
tosthenes zurückgehende Übersicht über die Verkehr mit der Priesterschaft berufen zu haben.
Entwicklung der geographischen Wissenschaft, Vgl. auch Diog. Laert. VIII 79 über die angeb-
die in verschiedenen Brechungen bei Strabo I i, lieh aus dem Ägyptischen übersetzten »Hunde-
Agathemeros I i und im Anfang der Scholien dialoge«.
zu Dionysios Periegetes vorliegt. Zum T>'pus 4) Was dort dem Nikagoras zugeschrieben wird,
der Ftj; XEpi'oöo; gehören aber seit dem VI. Jahr- ist nur die grobe Vermutung ohne die wissen-
hundert sowohl die Kartenkonstruktion im schaftliche Grundlage der Zonentheorie. Diese
ganzen als auch Länder- und Völkerkunde. Wenn baut erst Aristoteles unter, indem er sie mit den
Älian Dinge als eudoxisch zitiert, die nichts mit W'orten einleitet: Non plane autem hoc deter-
Eudoxos zu tun haben können, so kann das die minat. videtur enim nichil negociatus esse circa
andere Überlieferung nicht verdächtigen. hoc quod dicitur. So aber wie nun die Ansicht des
^) Forbiger, Handbuch der alten Geographie Nikagoras auf die Höhe einer wissenschaftlichen
I 112; Berger, Gesch. der wissensch. Erdkunde Hypothese erhoben wird, stimmt sie mit dem,
247. was von Eudoxos überliefert ist, und man wundert
3) Ungenau ist die Nachricht im Schol. 477. — sich, diesen bei Aristoteles nicht genannt zu
Es ist doch wohl (wie ich gegen Ukert, Geogr. d. finden.
P. Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie. I ig
dieselbe im Auge hat, darf man wohl fragen ^). Andrerseits ist es zwar nicht über-
liefert, aber alles eher als unwahrscheinlich, daß schon Eudoxos, der iiaS)7j[jia-:f/ö?
dvTjp xal ii}(rj[xax«uv Ejxirstpo? xal xXtfia'-cjuv (Strabo IX 390), aus jenem Tatbestand
denselben Schluß wie Aristoteles gezogen habe, nämlich auf die Kleinheit der Erd-
kugel. Und daß er sie in der Tat nicht sonderlich groß vorgestellt hat, wird durch
die nun folgende Erörterung deutlich werden.
Wir schlössen vorhin, daß Aristoteles die heiße Zone nicht von einem Gürtel-
ozean durchströmt dachte, sondern daß er die »alte Welt« im wesentlichen richtig
als eine auf die südliche Halbkugel übergreifende Festlandsmasse sah. Dasselbe
läßt sich für Eudoxos sehr einfach zeigen. Wir kennen bereits seine Ansicht, der
Nil entspringe in der südlichen gemäßigten Zone. Also mußte er die heiße Zone durch-
queren, und Afrika hat sich bei Eudoxos von der nördlichen gemäßigten mindestens
bis in die südliche gemäßigte Zone erstreckt *). Diese Landverteilung stimmt zu
Aristoteles und beweist außerdem, wie schon angedeutet, die relative Kleinheit der
eudoxischen Erdkugel.
Bei Aristoteles standen zwei Ansichten über die Verteilung von Land und Wasser
nebeneinander. Die erste legte auf den Globus einen Kontinent von solcher »Länge«,
daß Westeuropa und Ostasien nur durch ein schmales Meer noch getrennt wurden.
Die zweite, die sich Aristoteles mehr zu eigen macht, beschränkte die ostwestliche
Ausdehnung erheblich und ließ sie in der uns allein bekannten Zone vermutlich
weniger als ein Viertel der Gesamtlänge einnehmen. Dann war an sich Raum für
ein »Amerika« vorhanden. Doch schien wenig auf eine solche Theorie bei Aristoteles
hinzuweisen. Eudoxos gibt ein ganz ähnliches Verhältnis, und stellt man die beiden
Gleichungen nebeneinander:
Eudoxos 3) Länge : Breite = 2 : i,
Aristoteles 6:3 (= 2 : i) > Länge : Breite > 5 : 3,
so wirkt die aristotelische Ansicht fast wie eine Korrektur der eudoxischen,
und noch in der Abweichung ist die Verwandtschaft unverkennbar.
Ob Eudoxos sich den übrigen Teil der Oberfläche durch Meer ausgefüllt dachte,
oder ob er noch andere Landmassen annahm, wissen wir nicht. Worin er aber mit
Aristoteles stimmt, das sei hier nochmals hervorgehoben. Beide setzen die Erd-
kugel verhältnismäßig klein an. Aristoteles benutzt als Beweis die Veränderung
der Meridianhöhen, für welche eben Eudoxos die im ganzen Altertum berühmteste Ent-
deckung gemacht hatte. Auf dieser Kugel erstreckt sich bei beiden die Landmasse
Europa, Asien, Afrika aus der nördlichen kalten bis mindestens in die südliche ge-
mäßigte Zone. Über das Verhältnis von Länge zur Breite unserer Oikumene sind
zwar die beiden Autoritäten nicht derselben Meinung, aber der Unterschied spricht
eher für einen Zusammenhang, als daß er ihn ausschlösse. —
') Es ist kein Beweis, aber doch der Erwähnung Stellen bei Berger, Gesch. d. Erdkunde. 247,
wert, daß Simplicius z. d. St. (p. 547 Diels) als Anm. 5.
Beispiel eben den Kanobos anführt. Andere =) Anders Ukert, a. a. 0.
3) Agathemeros I 2 (Geogr. Gr. min. II 471) EjooSo; oe t6 (ifjxo; oitt^.oOv toü TrXaTO'j;.
I20 P- Friedländer, Die Anfänge der Erdkugelgeographie.
Bei Eudoxos und den Gewährsmännern des Aristoteles finden wir über Piaton
hinaus die entscheidenden Schritte für die Erkenntnis der Erdoberfläche getan.
Es ist dieselbe Linie, die später unter den Antoninen von Marinus und Ptolemäus
fortgesetzt wird '). Auch für diese gibt es eine einzige mächtige Landmasse, die
sich durch die nördliche und die südliche Halbkugel erstreckt und freilich eine viel
größere ost-westliche Ausdehnung hat als bei Eudoxos und wenigstens in der einen
aristotelischen Theorie. Die bekannte Länge betrug nach Marinus 225", während
Ptolemäus sie auf 180° reduzierte. Wie weit sich das feste Land noch über Sera und
Kattigara nach Osten hindehnte, darüber enthielten sich jene in Kenntnissen wie
in Entsagung fortgeschrittenen Forscher jeder Hypothese.
Welchen Sinn kann letzten Endes diese ganze geschichtliche Betrachtung
haben ? Es ist nichts Neues, was hier gesagt werden, wird, aber man soll Sic zat xpt?
Xi-jnv T« -/aXa.
Wir haben den ersten, tastenden, bald immer festeren Schritten nachgespürt,
mit denen menschliche Wissenschaft den Boden, auf welchen wir gestellt sind, zu
erobern trachtete. Die Griechen sind es, die unsere Erde entdeckt haben. Auch
als Columbus es unternimmt, »pasar a donde nacen las especerias navegando al
occidente«, folgt er griechischen Gedanken.
Es ist der Gedanke, der unsere Erde entdeckt hat. Der Gedanke ordnet den
zufälligen empirischen Stoff, der ohne ihn rohe und wirre Masse bleiben müßte,
und ergänzt ihn durch die Kraft der Hypothese zu einem sinnvollen Ganzen. Der
Gedanke und die »vorgefaßte Meinung« fordert dazu auf, Dunkles zu erhellen und
das Gebiet des Erfahrungswissens zu erweitern. Nur wenn die Leidenschaft des
Gedankens führt, kann die Entdeckung wahrhaft fruchtbar und wertvoll sein.
Auch dies ein Beispiel, wie das Zurückgehen auf die geistesgeschichtlichen
Anfänge und Urphänomene, also auf die Griechen, die Situation klärt und das Urteil
befreit. Auch dies ein Beitrag zur Frage nach dem Nutzen und Nachteil der Historie
für das Leben.
Berlin. PaulFriedländer.
') Vgl. Berger, Die Stellung des Posidonius zur Erdmessungsfrage, Ber. d. sächs. Gesellsch. d. Wiss.
1897, 73-
G. Dehn, Die Statue des Joven Orador in Madrid. 121
DIE STATUE DES JOVEN ORADOR IN MADRID.
(Zu Jahrbuch XXVII (1912) S. 199 ff.)
In den Jahresheften des Österreichischen Instituts Bd. XV S. 279 hat Wilhelm
Klein meine Stellungnahme zu der Statue des Joven Orador angegriffen. Ich be-
schränke mich auf folgende Richtigstellung:
Durch das außerordentlich liebenswürdige Entgegenkommen der Direktion
des Kgl. Münzkabinetts in Berlin habe ich die bewußte Münze von Anchialos ')
im Abguß studieren können ^). Es ergab sich dabei sofort, daß ich 3) mich in einem
Punkt durch die ungenaue Abbildung im Jahrbuch XIII 4) hatte täuschen lassen:
die Stellung der Beine stimmt entgegen meiner damaligen Behauptung im wesent-
lichen mit der des Joven Orador überein. Im übrigen kann ich getreu der mir von
Klein gewidmeten Formel »Dehn kann nicht sehn« ebenso wie Pick 5) und die Be-
arbeiter der Antiken Münzen Nördgriechenlands Bd. II Thrakien ^) weder die Herme
noch das darüberliegende Gewandstück erkennen. Und zwar erklärt sich dieses
Nichtsehen der Herme nicht etwa, wie Klein zu meinen scheint, durch den Mangel
'>der porträthaften Wiedergabe des Kopfes«, sondern durch die höchst einfache
Tatsache, daß überhaupt kein Kopf vorhanden ist, und daß die Form der ganzen
Stütze niemals die einer Herme ist, sondern wohl am richtigsten mit Pick 7) als hohe
Stele bezeichnet wird. Was nun das »Gewand über der Herme« betrifft, so bleibt
es Klein vorbehalten, es als vorhanden zu erkennen; der Abguß zeigt auch nicht die
kleinste Spur davon ^).
Ist nun auch, worauf ich noch zurückkomme, überhaupt die Münze von ganz
untergeordneter Bedeutung für das Problem der Madrider Statue, so sei doch noch
darauf hingewiesen, daß die Gruppierung des Kindes im Verhältnis zur Statue auf
dem Münzbild völlig abweichend ist von der der Kleinschen Rekonstruktion, die
sich aus den vorhandenen Resten ergab: Die Vertikalachse des Kinderkörpers liegt
auf dem Münzbild außerhalb der Stele, während sie bei der Madrider Statue beinahe
mit der Vertikalachse der Stele zusammenfällt.
Die Abweichungen des thrakischen Münzbildes bildeten aber nicht den Haupt-
inhalt meiner Ausführungen im Jahrbuch 1912 (3 Zeilen Text); es wurde hier an
der Hand von Abbildungen der Beweis erbracht, daß der zugehörige Kopf des Joven
Orador in Madrid in Zukunft nicht mehr als getreue Kopie eines griechischen Originals,
') Vgl. Archäol. Jahrb. XXVII 191 2, 200, 5 — 5) Vgl. Anm. 4.
dazu »die Antiken Münzen Nord-Griechenlands« ') Vgl. Anm. i.
Bd. II Thrakien Taf. VI 12 S. 223 Nr. 427. 7) a. o. a. 0.
') Bei der Vorzüglichkeit der Abbildung auf der *) Zu meiner Beruhigung habe ich eine Reihe
Tafel des thrakischen Münzkorpus (vgl. Anm. i) von Fachgenossen um ihre Meinungsäußerung
genügt es, auf diese zu verweisen, da sie alles, über diese zwei Punkte gebeten; ich habe niemand
was der Abguß zu sehen erlaubt, wiedergibt. gefunden, der trotz bester Vergrößerungsgläser
3) Archäol. Jahrb. 191 2 S. 200. Herme und Gewand auf der Münze zu erkennen
4) Behrend-Pick S. 173 Taf. X 33. vermochte.
Jalirbuch des archäologischen Instituts XXIX. lO
122 G. Dehn, Die Statue des Joven Orador in Madrid.
sondern als bewußte Umgestaltung eines römischen Künstlers anzusehen ist. Ganz
abgesehen also von der Frage, ob die Madrider Statue jemals mit einem Kind zu-
sammengruppiert war oder nicht, müssen wir daran festhalten, daß, solange die
Zugehörigkeit des Kopfes nicht bezweifelt wird, der Madrider Joven Orador auch
hinsichtlich der ganzen statuarischen Komposition nicht als getreue Kopie eines
griechischen Originals gelten darf. Ein Kopist, der sich nicht scheut, bei der Ge-
staltung des Kopfes die Bildung der Haare einem nicht dahingehörigen Vorbild zu
entnehmen, kann nicht erwarten, daß wir seiner Treue für die übrige statuarische
Komposition ohne Einschränkung vertrauen.
Paris. .. GeorgDehn.
MIKON UND PAIONIOS.
Mit Tafel 8—10.
Die Nereiden des nach ihnen
benannten Nereidendenkmals
von Xanthos ') zeigen einen Gc-
wandstil, der an diesem Werk
zum erstenmal in der griechischen
Kunstgeschichte auftritt. Der
Stoff, der die Gestalten bekleidet,
preßt sich bei der eiligen Be-
wegung eng an die Körper, hebt
sich von ihnen nur in einzelnen
dickeren Falten ab und bildet
hinter den Körpern eine reich -
bewegte Masse (Abb. i — 3). Eins
der Mädchen 2) ist vor den Ge-
nossinnen durch einen besonders
feinen ionischen Chiton ausge-
zeichnet. Nur über der Brust
ist der Leib von einer stärkeren
Stoff masse, dem Überschlag, be-
deckt. Der Stoff ist als dünnes
Gewebe dadurch gekennzeichnet,
daß über die ganze Fläche des
Gewandes zart modellierte Falten
und dünne Ritzhnien hinlaufen,
leicht gewellt und einander oft
berührend. Der untere Teil des
Rockes aber weht auch hier in
großen, geschwungenen Falten
zurück (Abb. 3).
I.
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9
Abb.
Nereide von Xanthos.
') Catalogue of sculptures in the British Museum
11 909 ff., Friederichs -Wolters 987 fE. Mon.
Inst. X Taf. 1 1 ff. Reinach, Repertoire de la
statuaire II S. 382 ff. Unsere Abbildungen i — 3
nach Brunn-Bruckmann 211 — 213 mit gütiger
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX.
Erlaubnis des Bruckmannschen Verlags. Ebenso
die später anzuführenden nach Furtwängler-
Reichhold, Gr. Vasenmalerei und Arndt-Amelung,
Einzel-Verkauf.
») Cat. sc. II PI. IV.
124
B. Schröder, Mikon und Paionios.
Es ist unmöglich, sich
diese Darstellung von Peplos
und Chiton in einen vor der
Natur gewonnenen Eindruck,
etwa von besonders dünnen
Stoffen oder Modellstudien mit
feuchten Gewändern, unmittel-
bar zurückzuübersetzen; der
Akt ist zu aufdringlich betont,
und die Falten sind zu geflis-
sentlich vereinfacht. Die Frage
erhebt sich, wie die Künstler
zu dieser Stilisierung gekommen
sind. Die Gewänder ent-
sprechen weder der Natur des
Marmors, den man lieber als
Masse gewahrt sieht, noch dem
Stil der Bronze; denn solche
dünnen, lose flatternden Flächen
im Ton oder Wachs zu model-
lieren, würde große Schwierig-
keiten machen und umständ-
liche Stützvorrichtungen er-
fordern. Noch weniger befriedigt
der Gedanke an einen dekora-
tivcn Geschmack, »der in jede
Naturbeobachtung sogleich tek-
tonisch wirkungsvolle Schmuck -
formen hineinsieht« (^Bulle,
Schöne Mensch zu Taf. 121/2).
W. Klein (Kunstgeschichte II
S. 197) bemerkt dagegen die »malerischen Elemente« in den Nereiden: »Sie machen
den Eindruck, als ob sie weder in Stein noch in Bronze gedacht, sondern wie aus
einer Zeichnung in Stein übertragen wären. Namentlich erinnert an einigen die Art
der Gewandung lebhaft an die tralucida vestis der polygnotischen Frauen und der
ihnen entsprechenden Gestalten der Vasenmalerei.« Zusammenhang mit der
Malerei ist auch von einem nahe verwandten Werk, der Nike des Paionios, wegen der
ganzen Erfindung oft behauptet worden, z. B. von Klein, Kunstgeschichte II S. 191:
»Unverkennbar ist die Mitwirkung der malerischen Anschauung in diesem die
Gesetze der Schwere überwindenden plastischen Meisterwerk.« Das Problem der
fliegenden Menschengestalt ist »von Haus aus malerisch« (Studniczka, Siegesgöttin
S. 18), und nur mit Mühe wird durch den Adler, die Seevögel und die Delphine der
körperliche Zusammenhang mit der Basis und die notwendige stoffliche Stützung der
Abb. 2. Nereide von Xanthos.
B. Schröder, Mikon und Paionios.
125
Figuren hergestellt. In der
Zeichnung dagegen ist es ohne
weiteres möglich, schwebende
Gestalten darzustellen. Frei-
lich bestreitet H. Bulle sowohl
in diesem besonderen Falle
(Schöne Mensch zu Taf. 123)
wie im allgemeinen das Be-
mühen, Erscheinungen in der
Plastik aus der Malerei herzu-
leiten, »die alle Motive für die
Plastik gewissermaßen erst
ausprobiert habe« '), und zur
Nike bemerkt er: »Die Malerei
dieser Epoche war noch gar
nicht fähig, eine Bewegung von
so starker räumlicher Tiefe, ein
so energisches Vorwärtsdringen
gegen den Beschauer darzu-
stellen. Jeder Zug an der Nike
ist von Anfang an plastisch ge-
fühlt.« Aber räumliche Tiefe ist
doch gerade das, was die Lö-
sung des Paionios noch ver-
missen läßt, und was erst später
durch Chiasmus und diagonale
Komposition erreicht wurde.
Die Gestalt ist vielmehr recht
unbeweglich, »der Körper steht
sozusagen still«*). Kann man
ferner dies Gewirr der Falten,
die Schattenwirkung des Mantels, den Gegensatz zwischen nackten und beklei-
deten Körperteilen, die gewaltsame Behandlung des Marmors »plastisch« nennen?
Endlich: Die Malerei für alle Erscheinungen in der Plastik verantwortlich zu
machen, ist wohl nie im Ernst versucht worden. Studniczka (Siegesgöttin S. 17/18)
zog die bronzenen Nike-Akroterien des Paionios und die parischc Nike 3) heran.
Er meinte, Paionios habe seine verwegene Komposition erst in Erzguß versucht,
bevor er sie in den spröden Marmor übertrug, und wie für die Komposition sei die
parische Figur auch für die Marmorbehandlung eine Vorläuferin des späteren Meister-
werks. Aber diese Interpretation der Inschrift des Paionios liest zuviel hinein
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Abb. 3. Nereide von Xanthos.
') Brunn-Bruckmann, Denkmäler zu Taf. 649 S. 9
Anm. 17.
') Sauer, Neue Jahrbb. f. Altert. Wiss. 1912, S. 484.
3) Siegesgöttin, Taf. VI 32, 33; G. Rösch, Alter-
tümliche Marmorwerke von Faros Taf. 5 S. 23.
Reinach, R6p. stat. III 117, 3.
1 26 B. Schröder, Mikon und Paionios,
in die einfach stolze Feststellung, daß der Künstler »auch beim Anfertigen der
Akroterien für den Tempel den Preis erhalten habe«. Über das Aussehen der
Bronzeakroterien und ihr Verhältnis zur Nike können wir nicht das Mindeste ver-
muten. Ja, es hält schwer, sich den Stil der Marmornike auch an den Bronze-
akroterien zu denken, schon wegen der technischen Schwierigkeiten, die er der
Modellierung in Wachs und dem Guß bereitet haben würde. Die parische Figur aber
ist im Gewandstil gerade das Gegenteil der Paioniosnike. Ihre schwere und stoff-
reiche Gewandung drückt sich nur ein wenig an den Körper, und über die Fläche
des Rocks sind schematische, unten umgebogene Linien gezogen, die zwar aus der
Malerei wohl bekannt, aber von dem Stil der Paioniosnike ganz verschieden sind ').
Mit solchen allgemeinen Behauptungen und Erwägungen ist jedoch die Frage nach
dem Ursprung von Stil und Komposition der Nereiden und der Nike nicht zu erledigen
und auch ihre Herleitung aus der Malerei weder zu beweisen noch zu bestreiten. Aller-
dings fehlen malerische Originale und brauchbare Nachrichten, die einen u n-
mittelbaren Zusammenhang zwischen der Malerei und den statuarischen
Werken außer Zweifel lassen, doch vermitteln den Zusammenhang die Re-
liefs, die dieselben Erscheinungen wie die Statuen aufweisen. Die Krieger auf
den Friesen des xanthischen Denkmals (Mon. Inst. X Taf. XI ff., Reinach, Repertoire
des Rehefs I S. 473 ff., vgl. Beilage 2) tragen Chitone, die bis über das Knie hinab-
reichen, in ihrem Stil dem Chiton der Nereide Abb. 2 gleichen und ebenso wie dieser
zwischen dem Peplos der Nereide Abb. i und dem Chiton der Nereide Abb. 3
genau die Mitte halten (s. Beilage i). Überall ist der Akt vollkommen sichtbar, und
darüber liegen feine, langgezogene Faltengrate. Wo diese Grate sich vom Körper
lösen und über den Grund hin ausstrahlen, gleichen sie vollkommen den Falten
an den wehenden Röcken, die bei allen Meermädchen in der gleichen Weise
stilisiert sind.
Ist nun diese Stilisierung des Stoffes echt plastisch ?
Wie eine ältere Vorstufe sieht der Chiton auf dem melischen Relief
mit der trauernden Elektra (Mon. VI Taf. LVII). aus. Auch hier sind über den
völlig sichtbaren Akt dünne, gewellte Grate gezogen. Auch die geschwungenen Grate
des bewegten Gewandes über dem sichtbaren Akt sind in den melischen Reliefs vor-
gebildet *). So wahrscheinlich der Zusammenhang dieser Rehefs mit der Malerei ist,
zumal bei den schwebenden und schwimmenden Gestalten, so schwierig ist es doch,
genau stimmende stilistische Parallelen aus der Vasenmalerei zu den allgemeinen
Übereinstimmungen der gleichen Kunststufe beizubringen. Aber auch, wenn dies ge-
länge, wäre der Zusammenhang der melischen Reliefs mit den xanthischen Friesen
nicht erwiesen.
Doch läßt sich von den xanthischen Reliefs auf geradem
Wege zu der Malerei gelangen, die der Plastik die Vorbilder geliefert hat.
Furtwängler hat schon in der Arch. Zeitung 1882 S. 358 auf die Verwandtschaft des
■) z. B. Arch. Ztg. 1854 Taf. 68. Furtwängler- Taf. XLV. Mon. Inst I Taf. X/XI. Gerhard,
Reichhold, Gl. Vm. Taf. 26. Mon. Inst. VIII A. V. CLVI. Arch. Ztg. 1883 Taf. 17.
=) Müller-Wieseler Taf. XIV 52; Schöne, Gr. Reliefs Taf. XXXI 126; Taf. XXXV 135, u. a. m.
B. Schröder, Mikon und Paionios. 127
xanthischen Frieses mit den Kompositionen der großen ionischen Wandmalcr des
5. Jahrhunderts hingewiesen, »von deren Wirksamkeit in Athen wir zufälHg etwas
wissen, deren sonstige ausgebreitete Tätigkeit wir nur ahnen können, und deren tief
eingreifendem und umgestaltendem Einfluß auf die ganze attische Kunst nachzu-
forschen unsere dringende Aufgabe ist. . . . Das Nereidenmonument kann uns in
etwas den völHgen Verlust jener ionischen Wandbilder ersetzen. . . . Das Nereiden-
monument ist nicht nach attischen Werken geschaffen, sondern direkt aus der Quelle
geflossen, welche die athenische Kunst gegen die Mitte des 5. Jahrhunderts neu be-
fruchtet hatte« (vgl. Meisterwerke S. 220 Anm. 4). Jetzt läßt sich die damals ausge-
sprochene Vermutung begründen und der Begriff »ionische Wandmalerei« schärfer
formulieren. Wir beobachten auf den Friesen eine Menge von Kampfmotiven, die
hier zum erstenmal in der großen Kunst so massenhaft auftreten und ganz verschieden
sind von den Typen der archaischen Kunst mit ihren Stichschwertern und steifen
Lanzenkämpfen. Es ist, als ob in dieser Werkstatt ganz bewußt die unendliche
Mannigfaltigkeit der Kämpferstellungen auf Formeln gebracht sei, die gleichsam in
Kombinations- und Permutationsrechnung gefunden sind. Angriff gerade auf den
Gegner zu, Angriff im Zurückweichen, Vorderansicht und Rückansicht, Vordringen
und Flucht, Verwundung und Tod, Kampf zu Pferde, zu Fuß, kniend, im Sitzen —
alle Möglichkeiten scheinen hier ausprobiert, und nur mit Mühe hat die folgende Zeit
neue, meist künstliche Motive erfinden können. Die hier gegebenen Lösungen sind
nur in der Eleganz der Linienführung zu verbessern; Verstärkung des Ausdrucks
führt zu überspreizten Bewegungen, wie z. B. auf dem Kopenhagener Amazonen-
relief Brunn-Bruckmann Taf. 646 unten und den im Text damit verglichenen
Werken. Genau auf derselben Stufe wie der xanthische Fries, mit denselben Mo-
tiven, derselben Härte der Zeichnung, dem großen Maßstab und dem unfreien Aus-
druck der Gemütsbewegung stehen nun eine Anzahl von Vasen, die die Kämpfe von
Griechen und Amazonen vor Augen führen. Es sind die Vasen, die sich um das
schönste Stück der Art, die Münchener Penthesileaschale, gruppieren: i. Oinochoe in
New York, Bulletin of the MetropoHtan Museum 1906 vol. I Nr. 6; LeMusee III 1906
S. 57; Sambon, Vases antiques de terre cuite, Collection Canesa 1904, Nr. 234.
2. Stangenkrater in München, Vasensammlung Nr. 2380. 3. Lekythos in Wien,
Fairbanks, White Athenian Lekythoi S. 131 Abt. 35 Nr. 19. 4. Amphora aus Nola,
Pharmakowski, Attische Vasen Taf. XVII. 5. Vase in Palermo, Raffaello Politi,
Esposizione di sette Vasi Greco-Sicoli-Agrigentini 1832 Taf. II. 6. Krater aus Gela
in Palermo, F.-R., Gr. Vm. Text zu Taf. 75/6. 7. Krater aus Ruvo inNeapel, F.-R.,
Gr. Vm. Taf. 26, Rein. Rep. II, 276. 8. Münchener Penthesileaschale, F.-R., Gr. Vm.
Taf. 6. 9. Krater in Bologna, F.-R., Gr. Vm. Taf. 75/6. lO.- — -13. Kratere, Stamnos
und Stangenkrater in Bologna, [Pellegrini, Atti e Memorie della storia patria delle
provincie della Romagna XXI 1903 Taf. II, S. 266 und 268. 14. Volutenkrater in
New York, F.-R., Gr. Vm. Taf. 11 6/7. 15. Glockenkrater in New York, F.-R., Gr.
Vm. Taf. II 8/9. 16. Nolanische Amphora, Zeichnung in Gerhards Sammlung von
Vasenbildern, Mappe XXIII, 22. 17. Zannoni, Scavi della Certosa Taf. 91, 5.
18. Stangenkrater in Genf (unpubl.). 19. Glockenkrater in Neapel, Heydemann,
128
B. Schröder, Mikon und Paionios.
Abb. 4. Stamnos in Florenz,
Katalog 1768. 20. Stamnos in Florenz, Museo archeologico Verz. Nr. 1973 (4CX)4)
(Abb. 4).
Die Vasen sind in ihrer Erscheinung voneinander recht verschieden; es sind teils
künstlerisch hochstehende Werke, wie die Penthesileaschale und der Krater in
Bologna (F.-R. Taf. 75/6), teils ängstliche Handwerkerarbeiten, wie die Neapler
B. Schröder, Mikon und Paionios.
129
Amazonenvase. Auch die Komposition ist nicht überall dieselbe, sondern entweder
friesartig oder mit landschaftlichen Andeutungen oder in reicher Staffelung angelegt.
Auch ist der Stil in der oben gegebenen Anordnung von strengen zu freier bewegten
Gestalten entwickelt. Die Vasen können also nicht von einem Vorbilde abhängig
sein; sie stehen aber nahezu auf derselben Stilstufe und unterscheiden sich
deutlich von einer jüngeren Gruppe von Vasen mit Aniazonenkämpfen, die
etwa der Stilstufe des Amazonenkampfes von Trysa entsprechen, z. B.: i. Krater
in Bologna, Pellegrini, Atti e memorie .... della Romagna 1903 Taf. III. 2. Mon.
ant. dei Lincei XVII Taf. 43. 3. Mus. Gregoriano II Taf. XXIV, 2. 4. I. H. St.
XXIV 1904 Taf. VIII S. 309. 5. Mon. Inst. X Taf. IX, i. Brit. Mus. Cat. E 280.
6. Mon. Inst. X Taf. IX 2. 7. Mus. Greg. II Taf. XX. 8. Gerhard, A. V. 163, 164,
165, 3. 4. 9. Mon. ant. XIV Taf. LI. 10. Annali 1867 Taf. F. 11. Luynes Taf. 43.
12. Mon. Inst. VIII Taf. XLIV; CR. 1866 Taf. 6. 13. Not. degU scavi 1891 S.407/8.
14. Panofka, Cab. Pourtalcs Taf. 35. 15. Lcbes Stoddart, F.-R., Gr. Vm. Taf. 58.
16. Inghirami, Vasi fittiU. II, 168; Tischbein II, 10. 17. Tischbein IV, 20. u. a. m.
Sie sind auch noch durch Einzelheiten in der Tracht verbunden: Die SchuTter-
spangen der Männer, die eigentümlichen Helmformen (Arch. Jahrb. XXVII 191 2,
S. 317 ff.), die Musterung der nordischen Jacken und Hosen der Amazonen. Der
Schluß auf eine Gruppe einander nahestehender Werke als Vorbilder läßt sich nicht
abweisen. So wie am Nereidendenkmal der große Fries mit der Feldschlacht neben
der malerisch gehaltenen Stadtbclagerung steht, so mögen auch die Vorbilder der
Vasenmaler entweder friesartig, wie die Mehrzahl der angeführten Amazonenvasen,
oder Gemälde auf großen Wandflächen gewesen sein, auf denen die Kampfgruppen
übereinandergestaffelt waren, sich zum Teil gegenseitig verdeckten oder durch
Geländelinien abgekürzt waren, wie es der Krater in Bologna (Atti e Memorie della
Romagna XXXI, Taf. II) nachzuahmen scheint. Zu gleicher Zeit mit der Entstehung
der Amazonenvasen, in den sechziger Jahren des 5. Jahrhunderts, hat der Meister
Mikon in Athen Wandmalereien, darunter Amazonenschlachten, ausgeführt. Seine
Bilder wird man also mit Wahrscheinlichkeit unter den Vorbildern der Amazonen-
vasen suchen dürfen.
Ich muß kurz zusammenfassen, was bisher, namentlich von Robert, Furtwängler
und Hauser hierzu geäußert worden ist: Bezeugt ist von Mikon eine Amazonen-
schlachtinderPoikile Stoazu Athen(Overbeck, S. 0. 1054, 1081, 1082). Wir wissen aber
von dem Bilde nur, daß die Amazonen beritten waren. Zweitens wird im Thcseus-
tempel zu Athen (Overbeck, S. Q. 1086) außer einer Kentauren- undLapithenschlacht
und dem Abenteuer des Theseus auf dem Meeresgrunde eine Amazonenschlacht erwähnt.
Von diesen Bildern war das Abenteuer des Theseus, nach einer beiläufigen Äußerung
des Pausanias, von Mikon gemalt. Man hat durch Konjektur (iv t^ öttjuso)? ispul statt
iv TÜii Oififjoupü)) und Kombination verschiedener Nachrichten erweisen wollen, daß
Polygnot vielleicht die andern Bilder, also auch die Amazonenschlacht, gemalt habe.
Aber diese Schlüsse können nicht als bindend gelten. Mikon kann auch die Amazonen
im Theseion gemalt haben, sicher waren die in der Stoa von seiner Hand. Deren Stil-
stufe aber bezeugen uns die angeführten Amazonenvasen, wenn wir die Vasenmalerei
130
B. Schröder, Mikon und Paionios,
Abb. 5. Amphora in München.
mit ihrem schwarzen Grund in die bunte Erscheinung des Wandbildes zurücküber-
setzen und das, was den verschiedenen Vasenbildern gemeinsam ist, als Vertre-
tung der Stilstufe nehmen, auf der auch Mikon gestanden hat. Wir sind hierzu be-
rechtigt, denn ganz nahe verwandt sind die Vasen, auf denen Nachwirkungen von
anderen Mikonischen Werken zu erkennen sind. So scheint das Berliner Krater-
B. Schröder, Mikon und Paionios.
131
bfuchstück mit einer Kentauren -
Schlacht (Arch. Zeitung 1883 Taf.
17) dem einen Bild im Theseion
nachgebildet'). Ist aber Mikon
als dessen Urheber nicht sicher,
seist doch die Marathonschlacht
in der Stoa von ihm, und Ein-
zelheiten daraus sind, wie mir
scheint sicher, auf einigen streng
schönen Vasen nachgebildet, die
den Amazonenvasen gleichen, auf
denen aber der Stil des Vorbildes
auch durch verschiedene Maler
verschieden wiedergegeben wor-
den ist (Arch. Jahrb. XXVI 191 1
S. 281 ff.).
Die Richtigkeit all dieser
Kombinationen und die nahen
Beziehungen zwischen den Ama-
zonenvasen und den Nereiden -
friesen zugegeben, fragen wir
nach dem Gewandstil auf den
Vasen. Wo Chitone vorkom-
men, sind sie auf eine der Vasen-
malerei bis dahin fremde Weise ^)
charakterisiert: mit dünnen,
flüssigen und leidlich eng ge-
stellten Linien, die bei einigen
sorgsam gemalten Exemplaren, den Krateren in Paris (F.-R. Gr. Vm. Taf. 108),
Neapel (F.-R. Taf. 26/7) und Bologna (F.-R. Taf. 75/6) den Akt durchscheinen
lassen. Es ist auch in der Vereinfachung durch die Vasenmalerei ersichtlich,
Abb. 6. Vom Krater von Ruvo in Neapel.
■) Hauser, Furtw.-Reichh., Gr. Vm. II Text zu
Taf. loS.
') Altere und abweichende Beispiele durchsichtigen
Chitons: i. Als glatte Fläche mit Streumustern:
Gerhard, A. V. 159. Gardner, Vases in the
Ashmolean-Museum 318 Taf. 24. In Relief: Ger-
hard, Etruskische Spiegel Taf. LXXXIX. 2. Mit
Tremolierstrichen: Euthymides: F.-R., Gr. Vm.
Taf. 14. De Ridder, Vases peints Bibl. Nat.
S. 280 Nr. 386, Abb. 57. Amphora in München,
F.-R. Taf. 33. Pelike in Wien, F.-R. Taf. 72.
In Relief: Hermes am Fries der »wagenbestei-
genden Frau«. A. M. XXX 1905 Taf. XII.
W. Müller, Nacktheit und
3. Gerade Striche, in Gruppen zusammengefaßt
oder dicht gestellt. Der untere Rand des Chitons
ist gezackt, a) Kurzer Chiton : I. H. St. XXX
1910 PI. II. Gerhard A. V. 234. Luynes 34.
Millingen Taf. 9 = München, Jahn 227 (Abb. 5).
Euphronios: F.-R. Taf. 5. Duris: F.-R. Taf. 74.
De Ridder, Vases peints Bibl. nat. S. 433 Abb. 107
Nr. 575 = Luynes 141. F.-R. Taf. 86. Nach-
wirkung; Gerh. A. V. 184. Mon. II Taf. XIV.
h) Langer Chiton: Gerh. A. V. 168. F.-R. Taf.
16. Euphronios: F.-R. Taf. 23. Makron: F.-R.
Taf. 85. Brygos: F.-R. Taf. 50; Hartwig, Msch.
Taf. XXXIV. Arch. Zeitung 1861 Taf. 150. Vgl.
Entblößung S. 108 ff.
172 B- Schröder, Mikon und Paionios.
daß im Vorbild auf die Körperformen und die eigene Bewegung des Stoffes
geachtet war. Besonders peinlich ist der Chiton auf dem Ruveser Krater gemalt
(Abb. 6). Hier hat der mehr fleißige als begabte Maler sich offenbar bemüht,
eine wegen ihrer Neuheit auffallende Eigentümlichkeit des Vorbildes genau wieder-
zugeben, nämlich wie der sorgfältig und mit allenEinzelheiten gezeichnete
Akt unter den dünnen Chitonfalten sichtbar bleibt. Setzt man diesen Stil in eine
etwas flottere Zeichnung, wie sie die Kratere in Bologna zeigen '), und in die
Mittel der Wandmalerei um, wie sie ältere weißgrundige Schalen und Vasen verwen-
den (Riezler, Weißgrundige attische Lekythen S. 65), so ergibt sich genau der
Gewandstil des großen Frieses am Nereidendenkmal, nur
daß hier natürlich die Körperformen gerundet erscheinen und die Falten als Grate
darauf liegen. Man mache umgekehrt die Probe: Strichzeichnungen nach den Relief-
figuren des Frieses (Mon. d. Inst. X, Taf. 11 — 15) ergeben Figuren, wie wir sie als ge-
meinsame Vorbilder für den Stil der Vasenmaler erschließen können. Sicher haben die
Amazonenbilder des Mikon den Friesen noch näher gestanden, als es nach den oben
angeführten Vasen scheinen könnte. Die Tracht der Griechen auf den Friesen, der
lange Chiton 2), ist in rotfig. Malerei sonst nur bekannt als Tracht eines Kitharöden
(Dumont-Chaplain, Les Ceramiques PL XVI), als nordische Tracht des Dionysos
(Gaz. arch. 1879 pl. 15), eines Thrakers (Ann. 1844 tav. H) und vereinzelt auf einer
etruskischen Urne 3). Auf den angeführten Amazonenvasen tragen die Griechen
den attischen kurzen Chiton; nur auf der Florentiner Amazonenvase, Verz. Nr. 1973
(4004), die wir in Abb. 4 mit gütiger Erlaubnis des Herrn L. A. Milani abbilden,
trägt der verfolgende Grieche genau denselben langen Chiton wie die Kämpfer auf den
attischen Friesen. Diese Tracht kann also auf den Wandmalereien keineswegs ge-
fehlt haben.
Dieselbe Erscheinung läßt sich auf Vasen beobachten, die den betrachteten
mikonischen Vasen im Stil der groß und etwas steif gezeichneten Gestalten nahestehen.
So auf den Volutenkrateren in Bologna (Iliupersis), Mon. X Taf. LIV, XI Taf.
XIV/XV4), dem Stangenkrater in Bologna (Kentaurenkampf), Pellcgrini, Catalogo
dei vasi dipinti delle Necropoli Felsinee Nr. 199 Abb. 47, und den Vasen mit Giganten-
schlachten: a) in Florenz Mus. Etr. 4226, Milani, II r. museo archeol. di Firenze S. 154,
Athena und Gigant. (Die Seite mit Poseidon und Gigant: Overbeck, Kunst-
mythologie Taf. XII, 26.) b) Collections I. P. Lambros u. Dattari, Auktionskatalog
Paris 1912 Taf. XI (Gigant), c) Millingen, Unedited ancient monuments Taf. 49/50
(ungenau) 5).
') F.-R. Gr. Vm. 75/6 (Amazonenschlacht); Pelle- denChiton zu zeichnen: Lebes, Mon. Inst ITaf.
grini, Catalogo dei Vasi dclle Necropoli Fei- 38; Hydria, Noel des Vefgers, L'Etrurie Taf. 39;
sinee, Nr. 199 Abb. 47 (Kentaurenkampf). Assteasvase mit dem rasenden Herakles Mon.
») Amelung, P.-W. Chiton S. 2333. Inst VIII Taf. 10. Furtw.-Reichh., Gr. Vm. III
3) Brunn, Urne etr. I, 69, 2 = Reinach, R^p. des S. 62 Abb. 29. Leroux, Vases grecs de Madrid
Reliefs III S. 466. Nr. 369. Neben dieser Darstellung des dünnen Chi-
4) vgl. F.-R. I. S. 133. tons ist um die Mitte des 5. Jahrhs. eine andere
5) Jüngere Fortsetzungen dieser »mikonischen« Art, Art aufgekommen, die in Malerei den Stofi mit
B. Schröder, Mikon und Paionios.
133
Zu den großfigurigen Vasen gehört ferner die Gigantenvase von Altamura '),
Hier sehen wir den Chiton zum Teil in einer an Archaisches anknüpfenden Manier
mit gruppenförmig zusammengefaßten dünnen Strichen und Sternmustern darge-
stellt, einer Art, die auch auf dem Bologneser Amazonenkrater F.-R. Taf. 75/6 noch
nachklingt. Aber an den Ärmeln der Hera (Abb. 7) erkennt man deuthch die von
uns oben erschlossene Art der Chitonzeichnung mit wenigen Strichen über dem
sichtbaren Akt und ebenso am rechten Ärmel der Athena (Abb. 8) auch im Kleinen
Abb. 7. Von der Gigantenvase von Altamura.
Abb. 8. Von der Gigantenvase von Altamura.
den Faltenschwung, wie er an den Röcken der Frieskämpfer und Nereiden im Großen
durchgeführt ist.
Dies Zeugnis ist willkommen, denn sonst ist es nicht leicht, für die fliegen-
den Röcke genau entsprechende Vorbilder in der Malerei nachzuweisen; wir
können aber noch verfolgen, wie sich das Motiv allmählich entwickelt hat. Abge-
sehen von der altertümlichen und lange bewahrten Darstellung des Gewandes als
einer unbewegten und nur mit Streumuster belebten Fläche *) wird in älterer Malerei
vielen, lejcht hingeworfenen Strichen über dem
Akt andeutet und in derPlastik ihre vornehmsten
Denkmäler in den Parthenongiebeln und dem
Reiterrelief Albani hat. Hierüber soll später ge-
handelt werden.
•) Brit. Mus., Cat. of vases E 469; 6. Hallisches
Winckelmanns-Programm 1881, Tafel.
=) Coghill 22; Millingen 35 (Reinach); Annali 1878
tav. K; A. Z. 1852 Taf. 41.
134
B. Schröder, Mikon und Paionios.
mehr das Hängen und das Ausstrahlen des Rockes über den gespreizten Beinen an-
gedeutet^). Erst allmähhch wird man des Widerstandes inne, den der Stoff an den
Beinen findet, und zeichnet die Falten so, daß sie von dem vorderen Kontur des
vorgestellten Beins zurückfließen*) und sich ebenso an dem rückwärts aufstehenden
Bein brechen 3). Zu gleicher Zeit befaßt man sich mit dem Motiv, wie der Stoff
von der Bewegung und dem Widerstände der Luft sich im S-förmigen Schwung
bläht 4). So ergibt sich der wallende Gewandstil aus der Vereinigung der eben ge-
sondert betrachteten und lange gesondert verwandten Motive. Die ältesten zeich-
nerischen Beispiele, durch deren künstlerische Dürftigkeit der große Stil durch-
schimmert, finden sich auf dem etruskischen Spiegel G. Körte, Etr. Spiegel IV
Taf. 362, und auf der Silberschale C. R. 1881 Taf. I, 5; die Mänaden auf der Schale
^m^
Abb. 9. Von einem Stamnos in Bologna.
kommen den Nereiden schon nahe, die laufenden Krieger auf der dazugehörigen Schale
C. R. 1881 Taf. I, 3, sind den Nachbildungen von Mikons Perserschlacht zu ver-
gleichen (A. J. XXVI 191 1 S. 281 ff.).
Die flatternden Mäntel des xanthischen Frieses fehlen auf den Amazonen-
vasen, denn sie waren dem Vasenmaler unbequem, da er den schwarzen Grund
brauchte, um die Körper voneinander zu scheiden. Das zeigt sich ganz deutlich noch
») Ann. 1849 Taf. B; Mon. Inst. IX Taf. XVII.
Mon. VIII Taf. XV; u.a.
») Gerhard, A. V. Taf. 180; Mon. IX Taf. XLVI;
Mon. II Taf. XLVIII; C. R. 1872 Taf. IV. Ann.
1860 Taf. L, M. Millingen, Coli. Coghill 14/15;
Ann. 1833 Taf. C; DeRidder, Vases peints de la
Bibl. Nat. Fig. 120, Nr. 846.
3) Luynes 30/31, 36; Laborde II 33; Murray, De-
signs of gr. Vases in the Br. Mus. PI. XIII, 50.
Zannoni, Gli scavi della CertosaTaf. XXIII. Bu-
sirispriester. Abb. 9. Mon. ant. XIV S. 914
Abb. 109 u. a. m.
4) Mon. III Tav. XXIII; Brit Mus. Cat. Vases E.
439. Pellegrini, Vasi delle Necropoli Felsinee
Fig. 69 Nr. 273. Mon. 1856 Taf. XI. Mus. Greg.
II Taf. LXXXIV. Im Relief früh auf Mün-
zen von Katana, Brit. Mus. Cat. of coins,
Sicily S. 41.
B. Schröder, Mikon und Paionios. lit
auf der Xenophantosvase Ant. du Bosph. Cimm. Taf. XLVI, i, auf der die Jäger
mit fliegenden Mänteln in Relief aufgesetzt sind, während von den gemalten Jägern
nur einer einen leicht wehenden Mantel, die andern nur den anhegenden Leibrock
haben. Aber gerade die Mäntel auf dem Fries verraten in ihrer Linienführung die
Hand, die über die große Wandfläche frei hinwegfahren konnte und diese prachtvollen
Wellen in großem Schwung auf die Fläche warf. Ganz nahe steht dem Fries die Vase
Laborde I Taf. XVIII, deren Stil in der Wiedergabe offenbar vom Zeichner verjüngt
worden ist; hier ist der in großen Wellen nach hinten fliegende Mantel als wirkungs-
volles Motiv verwendet. Mit dem runden Schwung der Falten kommt der Mantel
außerhalb Xanthos und gleichzeitig mit den Friesen auf dem Reliefbilde des Reiters
in Kadyanda vor '), in zeichnerischer Kunst zuerst auf der etwas jüngeren fikoro-
nischen Ciste, später in allen Kunstgattungen unendlich oft. Wir werden also an-
nehmen dürfen, daß die geschwungenen Mäntel nicht als alleinige Erfindung dem
Meister der xanthischen Friese gehörten, sondern in der großen Malerei der Zeit
vorgebildet waren.
Wollen wir aus der vereinfachenden Wiedergabe der Vasenmaler den Gewand-
stil der Wandmaler wieder herstellen, so nehmen wir an, sie hätten den Akt mit
schwarzen Linien in Umriß und Innenzeichnung ohne Schraffierung oder Schatten-
gebung auf die Fläche gesetzt und das Gewand in strenger Stilisierung durch lang-
gezogene Faltenstriche angedeutet: den feinen Chiton mit ganz dünnen Linien, die
über den sichtbaren Akt gelegt sind, den Pcplos, die Mäntel und die unteren Teile
der Chitonröcke mit weiter voneinanderstehenden, dickeren Doppelstrichen; die
fliegenden Mäntel waren vermuthch mit deckender Farbe zugestrichen und die Falten-
striche in hell oder dunkel darauf gesetzt (vgl. die Penthesilcaschale, F.-R. Gr. Vm.
Taf. 6). War auch bei den Peplosgestalten das Gewand mit Deckfarbe zugestrichen,
so konnte der Akt durch die dünne Schicht erkennbar bleiben, wie auf den attischen
Lekythen und auf den Grabstelen von Pagasai ^), und die Falten auf die gedeckte
Fläche aufgemalt sein (vgl. die Europaschale F.-R. Gr. Vm. Taf. 114). Ebenso in
deckender Technik waren wohl auch die gemusterten Kleider der Amazonen, die
Muskclpanzer (Gr. Vm. Taf. 75/6) und die landschafthchen Einzelheiten, Boden-
erhöhungen und Pflanzen ausgeführt. Dies scheint mir aber der Stil zu sein, den
der Fries von Xanthos und seine vorauszusetzende Vorlage zeigt. Wollte der Pla-
stiker diese Chitone mit ihren anliegenden und frei fliegenden Teilen und diese frei
flatternden Mäntel meißeln, so mußte er die Grate erhaben über die Körperflächen
führen; sollten diese in ihrem Umriß deutlich erkennbar sein, mußte der Grund rings
herum tief gehöhlt werden. Nun wurden die erhöhten Faltengrate auch außerhalb
des Körpers weitergeführt, so daß sie hier über dem Reliefgrunde doppelt hoch
heraustraten. So ist der Gewandstil der xanthischen Friese aus der Technik der
Malerei zu verstehen 3).
') Benndorf u. Niemann, Reisen im südwestlichen 3) Wenn wir Bewegungsmotive und Gewandbehand-
Kleinasien I, Taf. 45. lung der Gemälde aus der Zeit des Mikon mit
') W. Riezler, Weißgrundige attische Lekythen den xanthischen Reliefs vergleichen, so dürfen
S. 49 f. wir uns bei diesen noch einer Erfindung des Mikon
136
B. Schröder, Mikon und Paionios.
II.
Nun läßt sich das enge Verhältnis zur Malerei auch bei andern Reliefs feststellen,
deren Stil in bewegten Gestalten die Art des Nereidendenkmals teilt oder weiterführt.
Von Reliefs im Stil des 5. Jahrhunderts sind zu nennen:
I. Steinreliefs:
Die Sarkophage des Merehi und Payava aus Xanthos, Smith, Cataloguc of
sc. II Nr. 951 und 950; Reinach, Rep. Reis. I S. 487 f.
Grabmal in Limyra, Petersen und v. Luschan, Reisen Taf. XV.
-Das Grabmal von Tics, Benndorf-Niemann, Reisen S. 140 Abb. S. 144. Kampf-
szenen und Bild einer Stadt, wie am Nereidendenkmal und an dem Grabmal von
■Pinara (Benndorf-Niemann, Reisen I S. 54).
Widderopfer aus Larymna, Weihrehef in Chalkis, Arch. Jahrb. XXVIII 1913
Taf. 27.
Hermes und Nymphen, Weihrelief in Berlin, Beschreibung der Bildwerke 709 A,
Brunn-Bruckmann, Denkmäler 548 oben.
Mänaden, tanzend auf Reliefs in Madrid, Winter, 50. Berliner Winckelmanns-
"programm S. 97 ff. Arndt -Amelung, E. V. 1683 — 1686, mit einem Stier auf Re-
liefs in Rom und Florenz nach einem gemeinsamen Vorbild, Amelung, Vatikan II
Taf. 7 Nr. 94; Br.-Br. 342, b. Reinach, Reis. III S. 384 und 36.
Der lykische Sarkophag von Sidon (Hamdi-Bey und Reinach, Necropole de
Sidön Taf. 14—17)-
Das Kasseler Artemisrelicf aus Athen, M. Bieber, Athen, Mitt. XXXV 1910, 9 ff.
Grabmal des Dexileos, Conze, Att. Grabreliefs Nr. 11 58.
Relief eines Apobaten, Svoronos, Das Athener Nationalmuseum Taf. LVI
Nr. 1391. Reinach, Reis. II S. 421.
Metopen und Friese von Phigalia (Smith, Brit. Mus. Cat. of sc. I, Nr. 519 ff.
V. Duhn, Heidelberger Abgüsse 151 — 159), Argos (Waldstein, The Argive Heraeum 1
S. 144 ff., zum Stil: Furtwängler, Athen. Mitt. 1878 S. 296. Arch. Studien f. Brunn
S. 90, Anm. III. Berl. phil. Wschr. 1904 S. 817), Trysa (Lit.: v. Duhn, Heidelb.
Abg. 194 — 202), von der Tholos in Delphi (Rev. de l'Art 1901, 366 ff.), vom
Erechtheion (Ant. Denkm. II Taf. 31 — 34), vom Tempel der Athena-Nike (Brit.
Mus. Cat. of sc. I S. 239 ff.) und von der Balustrade beim Tempel der Athena-
Nike (Kekul6, Die Reliefs an der Balustrade der Athena-Nike; v. Duhn, Heidelb.
Abg. 191, 192)')-
erinnern. Die Anekdote von dem Butes, der auf
einem Bilde Mikons nur am Helm und einem
Auge erkennbar war und im übrigen hinter einem
Berge verschwand, wird anschaulich gemacht
sowohl durch den Volutenkrater in New York
(F.-R., Gr. Vm. 117), wie durch die Kämpfer,
die auf dem xanthischen Fries in der belagerten
Stadt hinter den Zinnen verborgen sind, und
von denen außer dem Schildrande nichts als
Auge und Helm zu sehen ist (Six, J. hell. St.
XIII S. 132), am besten aber durch den Payava-
sarkophag, der dem Nereidenmonument so nahe
steht, und auf dessen großer Kampfdarstellung
am Unterbau ein Krieger angedeutet ist, von
einem Berg und seinem Schild und Helm bis
auf sein Auge unsichtbar gemacht (Smith, Brit.
Mus. Cat. of sc. II Taf. IX).
') Auch die Ost- und Westmetopen vom Parthenon
B. Schröder, Mikon und Paionios.
137
2. Mctallrcliefs:
Münzen von Mallos in Kilikien, Studniczka, Die Siegesgöttin, Taf. III Abb. 12.
Silberrhyton in Triest, Rev. arch. XXXIX (2) 1901, Taf. 16/18; Österr. Jahrh. IV
1902 Taf. I S. 112 ff. S. 124 ff. Spiegel in Berlin, Studniczka, Siegesgöttin, Taf. II
Abb. II.
Überall empfindet man die große Übung und Vorliebe der Künstler, die Linien
in,schwungvoller Rundung, selbst auf Kosten der Natürlichkeit und Richtigkeit über
die Fläche zu führen. F. Winter, der dies bei den
Madrider Mänadenreliefs hervorhebt (50. Winckel-
manns-Programm S. 121), irrte indessen, wenn er
hierin nicht so sehr einen Fortschritt in der Zeichen-
technik als in der Technik der Marmorbehandlung
sah und die Erfindung eines neuen Werkzeugs,
des laufenden Bohrers, für den Stil verantwortlich
machte. Die Zeichnung ist das erste, zunächst
gegebene. In zeichnerischer Technik hat der Ge-
wandstil sich herausgebildet, und die Plastik, die
den Stil übernimmt, schafft sich in dem laufenden
Bohrer das nötige Werkzeug. Auch beweisen die
genannten Metallreliefs, daß der Stil nicht an den
Stein und seine Werkzeuge gebunden ist; daß aber
Stempelschneidekunst oder Treibarbeit den Stil
erfunden hätten, wird niemand behaupten.
Der Fries von Phigalia ist immer mit der
Malerei in enge Beziehung gesetzt worden. Murray
(Hist. of gr. Sc. II S. 176) und Kekule (Gr.
Skulptur^ S. 116) dachten an die polygnotische
Malerei. »Vielleicht sind wirklich in beiden Teilen
des Frieses Entlehnungen und Anregungen aus
Gemälden mit solchen Amazonen- und Kentauren-
kämpfen verwertet.« Im besonderen zeigt sich die
vorbereitende Tätigkeit des Malers, der nicht an die
stoffliche Oberfläche des Steins gebunden ist, in der
Darstellung des einen gefallenen Kentauren, der mit dem Oberkörper nach vorn gestürzt
ist und in stärkster, dem Relief nicht angemessener Verkürzung erscheint. Auch ist
zu beachten, wie auf die Mitwirkung der Farbe gerechnet war, z. B. bei dem Mantel
der nackten Frau am Idol und bei den übrigen »flach reliefierten Gewandstücken
um Köpfe und Körper der vermutlich hell davorstehenden Gestalten, und bei denen
die Phantasie die Farbe sogleich ergänzt.« Von erhaltenen Werken der antiken
Zeichenkunst ist die etruskische Ciste (Mon. Inst. VI/VII, Taf. LXI, LXII) zu ver-
Abb. 10. Von einer Hydria in Berlin.
und die Metopen von Sunion (A. M. IX 1884 Taf. 17 — 19) gehören hierher, doch ist auf ihnen
zu wenig Gewand erhalten.
138
B. Schröder, Mikon und Paionios.
gleichen, deren untere Friese nach Vorlagen des 5. Jahrh. eingeritzt sind. Der
unterste, ein Kentaurenfries, zeigt dieselben leidenschafthchen Bewegungen, die
flatternden Mäntel und die thrakischen Helme wie der Fries von Phigalia. Beziehungen
der Friese von Trysa zur Malerei sind von Benndorf dargelegt worden; auch für die
Nikebalustrade lassen sich ähnliche Erscheinungen aus der Malerei aufzeigen, die
Zeichnungen auf Holz Ant. Bosph. Cimm. LXXIX, 17 und die Vasen I. H. St.
XV 1895 PI. XV. Dubois-Maisonncuve, Introd. Taf. 33. 'E<p. %. 1897 Taf. 9.
Stackeiberg, Gräber Taf. 24 und Zannoni, Scavi della Certosa Taf. LXXHI, 15. Das
Kasseler Artemisrelief (A. M. XXXV 1910 Taf. H) ist mit der Pelike im Britischen
Museum (ebenda Taf. HI) nicht bloß durch das Motiv verbunden. Die Vase zeigt
Abb. II. Von einer Pelike in St. Petersburg.
am Rock der Artemis, wenn auch gleichgültig vereinfacht, noch die Doppelstriche
der Falten wie auf dem Relief und im Gewand der Nike die Fortentwicklung des
Stils, die in der Plastik zu den Niken des Balustradenreliefs führte. Den Mänaden
gleicht die laufende Frau auf der Hydria in Berlin, Furtwängler, Beschr. 2636,
Gerhard, Ant. Bw. Taf. 44, El. c6t. IV Taf. V. (Abb. 10), einen Nachklang von
der Art zeigt noch die Vase Ant. Bosph. Cimm. LVI, i (Abb. II). Später führen
die unteritalischen Vasen, z. B. Mon. Inst. XII, Taf. XV/XVI; Mon. 1854 Taf. 16
den Stil in verfeinerter, aber schwächerer Weise weiter.
III.
Den Xanthischen Friesen schließen sich unmittelbar die Nereiden an, sowohl
in der gebundenen Bewegung wie im Stil der wehenden Rockfalten. Eine Über-
tragung des am Relief ausprobierten Stils auf die freie Skulptur war nur eine Frage
der Kühnheit und bei so reliefmäßig komponierten Gestalten nicht einmal sehr ver-
B. Schröder, Mikon und Paionios.
139
messen. Den nahen Zusammenhang mit der Malerei verraten im besonderen noch
die Mäntel, die, von beiden Händen gehalten, sich hinter den Nereiden blähen
und für die Körper einen effektvollen Hintergrund bilden. Für Mäntel als Hinter-
grund bietet die Vasenmalerei, zumal die Kunst der Schalenmaler, eine Menge
Beispiele (z. B. großfigurig auf einer Lekythos, nach einem Vorbild der großen
Wandmalerei Murray, White Athenian Vases pl. VHI; Schalen: Hartwig, Meister-
schalen S. 284 u. 337), und es bedarf keiner Worte, um zu beweisen, daß die Wirkung
solcher Mäntel bei dunkler Färbung sich noch erheblich steigert. Die Art aber,
wie die Nereiden mit den Händen den Mantel halten, daß er sich hinter ihnen bläht,
kommt auf Vasen selten vor. Vorgebildet erscheint das Motiv bei den Nereiden
auf dem Halsbild der Neapler Amazonenvase (F.-R., Gr. Vm. 26/7) [mit ihren
Abb. 12. Von einer Hydria in Athen.
schmalen Mäntelchen, denen sich aus jüngerer Zeit die schon erwähnte Frau auf der
Talosvase vergleichen läßt. Besser entspricht den Nereiden eine rotfig. Hydria
schönen Stils, deren Darstellung, eine Iliupersis, den Zusammenhang mit der großen
Malerei (vgl. den Krater von Orvieto, Mon. Inst. X. Taf. 54) deutlich zeigt. Abb. 12,
nach einer Aufnahme, die Herr G. Matthies im athenischen Kunsthandel her-
gestellt und uns freundlich überlassen hat, zeigt ihren Stil. Die Zeichnung der
Chitone ist in bequemer Ateliertradition, die der Köpfe und Bewegungen ziemhch frei
gehalten. Hier faßt Helena den Mantel ganz in der Art der Nereiden, und es
ist offenbar, wie leicht es die Malerei hatte, solche Mäntel zu malen. Keine
Technik, die mit bildsamem Stoff arbeitet, konnte darauf verfallen, solche Flächen
aufzubauen, und nur die Marmortechnik durfte es wagen, sie aus der bestehenden
Masse herauszuholen.
Auch für die eigentümliche Art des Chitons der Nereide Abb. 2 lassen sich
Parallelen in Relief und Malerei nachweisen. Auf der im Stil noch recht strengen
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 12
140
B. Schröder, Mikon und Paionios.
esquilinischcn Reliefstele des Mädchens mit dem Mantel (Bullettino communale IX
1881 Taf. 14. Br.-Br. 417. Reinach, Reis. III S. 335. Abb. 13) ist die weite Masse
des Chitons in genau derselben Weise mit
feinen Ritzlinien bedeckt, und ebenso ist
auf der im Stil noch sehr gebundenen
Vase Dumont-Chaplain, Les ceramiques
PI. XVIII (Abb. 14) das Gewand des
knienden Priesters über dem sichtbaren
Akt durch leicht hingeworfene gewellte
Striche angedeutet. Die Vorstufen er-
scheinen auf der Berliner Euphronios-
schale (Hartwig, Meisterschalen Taf. LI),
der Anesidoraschale (Murray, White Athe-
nianVasesPl.XIX), derPenthesileaschale
(F.- R. Gr. Vm. Taf. 6) und der Hermo-
naxvase in Paris (Phot. Alinari 23701).
Ein jüngeres Werk mit derselben Ge-
wanddarstellung ist die Talosvase (F. -R.
Gr. Vm. Taf. 38/39, Abb. 15); hier ist der
Chiton der laufenden Frau und ihrHima-
tion mit den langen, gewellten Strichen
gezeichnet, die einander zu haschen und
zu fliehen scheinen. Die Talosvase scheint
der fikoronischen eiste in der Komposition
als Gegenstück zu entsprechen, beide
Werke scheinen also zusammen zu ge-
hören und auf ein gemeinsames Vorbild
zurückzugehen, in dem mit Wahrschein-
lichkeit die Darstellung von Argonauten
im Dioskurentempel zu Athen, ein Werk
des Mikon, vermutet worden ist (F. Behn,
Die ficoronische Cista S. 68 f.). Nach den
inzwischen gewonnenen Erkenntnissen
müßte das von der Ciste ziemhch treu,
von der Talosvase sehr frei nachgebildete
Vorbild einer späteren Zeit des Meisters
entstammen, in der sein freier gewordener
Stil dem seines jüngeren Mitarbeiters Po-
lygnot so sehr ähnelte, daß sie zusammen
mit der gemeinsamen Ausmalung eines
Gebäudes betraut werden konnten. Da das Anakeion nicht sicher datiert ist, steht
dieser Annahme nichts im Wege. Es ist also denkbar, daß der Maler der Talosvase
sich auch in der Darstellung des Gewandes an das Mikonische Vorbild angeschlossen hat.
Abb. 13. Grabstele vom Esquilin.
B. Schröder, Mikon und Paionios.
141
Natürlich konnte auch die
Plastik Unterstützung durch die
Farbe nicht entbehren. Farbig
zugedeckt waren vermutlich Mäntel
und schmückende Einzelheiten.
Körper und Chitone sind wohl mar-
morfarbig zu denken. An der Nike
des Paionios ist der Grund von
Peplos und Binden für eine pastose
Färbung gerauht, und an einem
Zipfel des Überschlags hat sich in
den Faltentiefen ein wenig Rosa ge-
halten (Treu, Olympia III, 193).
Das hat seinen Grund, da die GHed-
maßen so plastisch vor dem Gewand
stehen und also auch auf die Fern-
richtung farbig von ihm unterschie-
den werden mußten. Es liegt nahe,
gerade hierin Nachahmung der Malerei
und der Wirkung hellen Malgrundes vor dunkel gemaltem Peplos und Himation
anzunehmen.
Den Nereiden folgt alsdann eine Reihe statuarischer Werke, von denen hier,
wo es sich um die Entstehung des Stils handelt, nur die älteren genannt seien.
Abb. 14. Von einer Pelike aus Athen.
Abb. 15. Von der Talosvase.
12'
142
B. Schröder, Mikon und Paionios.
Die Nike des Paionios, Olympia IIITaf. 46 — 48. Br.-Br.444, 445. Bulle, Schöne
Mensch Taf. 123. Literatur: von Duhn, Heidelberger Gipsabgüsse Nr. 189.
Apollon in Kopenhagen, Arndt, La Glyptotheque Ny Carlsberg Taf. 33.
Apollon in Berlin, Beschr. d. Bildw. 50.
Apollon im Vatikan (Braccio Nuovo), Amelung, Die Skulpturen des Vatikans I,
Taf. 7 Nr. 41.
Apollon im Vatikan (Sala delle Muse), Amelung-Helbig, Führer 263; Savignoni,
Ausonia II 55/6 Abb. 26.
Apollon in Morillon bei Genf, E. V. 191 1 — 1913.
Apollon in München, Furtwängler, Beschr.
213 a; E. V. 1180/1.
Artemis in Rom, Jones, Sculptures of the
MuseoCapitolino, Salone 26, PI. 71; Clarac 573,
1225.
Artemis Colonna in Berlin, Beschr. d.
Bildw. 59; A. J. XXVI 1911, 34 ff.
Artemis in Dresden, Becker, Augusteum
Taf. LV (jetzt ohne die Ergänzungen aus-
gestellt).
Artemis in München, Fr.-W. 450. Br.-Br.
562. Furtwängler, Beschr. d. Glyptothek Nr.
197; Clarac 563, 1246 B.
Artemis in London, Smith, Cat. sc. 1558;
Clarac 569, 121 1.
Athena in Rom, Museo Capitolino, Salone
36. Jones Taf. 73.
Eos {}) in Triest, E. V. 579.
Mänade in Rom, Museo Capitolino, Atrio
10, Jones a. a. O. PI. 3, lO; Clarac 697, 1642.
Mädchen in Neapel, flügellose Nike? E.
V. 765; Le Musee II S. 301.
Flügellose Nike in Athen, Svoronos, Das Athener Nationalmuseum Taf. XXVII,
1732; Studniczka, Kaiamis Taf. 5 S. 51.
Nike in Rom (Kunsthandel), E. V. 1179.
Die Giebelgruppen von Delos, Bulletin de corr. hell. III 1879 Taf. X — XII.
Torso in Sevilla E. V. 1831 (Abb. 16).
Die statuarischen Vorbilder zu den Münzbildern auf antoninischcn Medaillons:
Apollon: Poole, Cat. Rom. M6d. PI. VIII, i; Gnecchi, Medaglioni Romani II Tai.
48, 8; Artemis: Fröhner, Les Medaillons Romains S. 50; Gnecchi, ebenda II Taf. 43, 7,
Roschers Lexikon unter Artemis Sp. 606. Hier Abb. 17 nach Abgüssen, die wir
den Herren G. F. Hill und K. Regling verdanken.
Das gemeinsame Kennzeichen dieser Werke besteht wie bei den Reliefs in der
wehenden Kleidung, die stark stilisiert den Akt absichtlich zeigt, auch sind die Figuren
Abb. 16. Torso in Sevilla.
B. Schröder, Mikon und Paionios.
143
alle außer den Nereiden auf strenge Vorderansicht berechnet und in die Fläche aus-
gebreitet. Diese Eigentümlichkeiten widersprechen der angenommenen Beziehung
zur Malerei nicht. Schon bei der Nike des Paionios wurde der geringen räumlichen
Tiefe und der unvollkommenen Bewegung gedacht, die weniger mit plastischen
Mitteln wiedergegeben als durch den Faltenschwung vorgetäuscht wird; so haben
auch die anderen Statuen eher den Anschein einer gehemmten als einer vordringenden
Bewegung, und doch zeigen sie künstlerisch einen Fortschritt in der Bewältigung
des Bewegungsproblems über die Nereiden hinaus, die sich mit dem Unterkörper
zur Seite bewegen und dabei den Rumpf dem Beschauer zukehren. Derselbe Wechsel
hat sich in der Malerei vollzogen. Die Vereinigung von Vorderansicht des Körpers
mit Profilstellung der Beine war aus der archaischen Kunst geläufig. Man kann
noch verfolgen, wie dann die Maler zwischen Profil und Vorderansicht geschwankt
Abb.
17-
Zwei antoninische Medaillons.
haben; es fragte sich, welches den Vorzug erhalten sollte (vgl. Studniczka, Sieges-
göttin Taf. III). Einen energischen Vorstoß zur Lösung des Problerns muß die
Wandmalerei gemacht haben; das lehrt u.a. die reitende Amazone auf dem New Yorker
Glockenkrater F.-R., Gr. Vm. Taf. 118. Wenn solche auf den Beschauer zukom-
menden Figuren in der Vasenmalerei selten erscheinen, so mag daran ein Rest von
Stilgefühl bei den Malern schuld sein, die vielleicht die Fläche des Gefäßes nicht
noch mehr vergewaltigen und gänzlich aufheben wollten. Sind doch schon stehende
Figuren in Vorderansicht gegen die Profilfiguren in der Minderzahl.
Was die in ihren Mitteln noch beschränkte Kunst der Darstellung unbewegt
schwebender Körper schuldig bleiben mußte, suchte sie durch sinngemäße Behand-
lung des Gewandes auszugleichen. Zuerst hängt es wie ein Sack herab '). Dann
wird der Widerstand der Luft 2), der S-förmige Schwung 3) und das Gegen-
') Brit Mus. E 513; Studniczka, Die Siegesgöttin, 2) C. R. 1874 Taf. VII; Gerhard, A. V. 82; Nouv.
Taf. III Abb. 26. Ann. 1839 Taf. H.
3) Benndorf, Griech. u. Sicil. Vasenbilder 47, i.
144
B. Schröder, Mikon und PaioDios.
wehen gegen die Beine beobachtet, deren Kontur und Rundung nun sichtbar wird').
Auf der schönen Kanne in Kopenhagen (Sammlung im Prinzenpalais Nr. 73), die
wir mit gütiger Erlaubnis von Herrn Chr. Blinkenberg auf Taf. 8 abbilden, ist
der Körper ganz in Vorderansicht wiedergegeben, der Kopf zur Seite gewendet,
das Gewand von den sichtbar gezeichneten Beinen in starker Wölbung zur Seite
geweht. Ein Schritt weiter, und der Kopf stünde in Vorderansicht und das Ge-
wand wäre wie bei der Paioniosnike zu beiden Seiten ausgebreitet. Auch diese For-
mulierung des Gewandes kommt vor, wenn auch selten, so bei einem der fliegenden
Figürchen auf dem Astragal des
Britischen Museums^). Ähn-
liches ist in der Gestalt der
schreitenden Mänade Mon. Inst.
V Taf. XXXV angestrebt: Der
Akt ist fast ganz sichtbar und
das Gewand in langen Strichen
vorgetäuscht; der Rock schlägt
nach beiden Seiten und deutet
in stark geschwungenen Linien
heftige Bewegung an (Abb. 18).
Diese Proben zeigen, wie
ernsthaft selbst die Vasenma-
lerei sich mit den Problemen
der Bewegung sowohl des Kör-
pers wie der freien Gewand -
masse beschäftigt hat, und daß
sie mit ihren bescheidenen Mit-
teln Lösungen brachte, die auf
die große Kunst Rückschlüsse
erlauben. Daß die große Malerei
sich in jener Zeit auch um das
Problem der fliegenden Men-
schengestalt bemüht hat, lehrt
die bekannte Nachricht über Aglaophon, den Vater des Polygnots); freilich, wie er
Bewegung und Gewand seiner Nike wiedergegeben hat, erfahren wir nicht.
Die Vorstufe zu den vorwärtsschreitenden Statuen erscheint im Relief auf dem
Grabmal von Limyra (s. oben S. 136). Der Torso in Sevilla E. V. 1831 erinnert mit
der Entblößung des einen Beins an die Nike des Paionios, mit der Art der Gewand-
falten an die Berliner Hydria, Abb. 10; er ist zugleich so flach gearbeitet, daß man
ihn für den Rest eines Reliefs halten könnte; ersteht auf der Grenze, wo Zeichnung
und Relief einerseits und Rundplastik andererseits ineinander übergehen (Abb. 15).
Abb. 18. Von einer Schale aus Vulci.
■) tl c6t. II Taf. CVIII A. Luynes 38. Br. Mus.
E 144. Nike auf der Talosvase, Arch. Zeitung
1848 Taf. 24; F.-R., Gr. Vm. Taf. 38/39.
>) Stackeiberg, Gräber Taf. XXIII; F.-R., Gr. Vm.
Taf. 136.
3) Schol. zuAristophanesAv. 573;Overbcck,S.Q.3i5.
B. Schröder, Mikon und Paionios.
145
Es ist auch zu beachten, wie leicht später solche auf den Beschauer mit ausgebreiteten
Gewändern zukommenden Gestalten in Relief erdacht oder aus freier Plastik in Relief
übersetzt werden konnten. So scheinen die Mänade auf der Pythiasara (Hauser
Br.-Br. Text zu Taf. 599; S. 13 Fig. 11; Neugebauer, Skopas S. 69; Altmann, Grab-
altäre Abb. 205 vgl. S. 273) die weibliche Gestalt auf dem Dresdner Schauspieler-
relief '), und die Vertreterin der Stadt Aegae auf der Basis von Puteoli (Br.-Br.
575) nach statuarischen Vorbildern der hellenistischen Zeit gearbeitet. Diese Statuen
Abb. 19. Melisches Relief in Berlin.
aber zeigen, wenn auch in jüngerer Stilisierung, die von uns behandelten Merkmale
in Gewand und Bewegung. Man sieht demnach, daß eine Darstellung solcher Ge-
stalten in flacher Kunst, also auch in der Malerei, möglich ist.
Ein Wort verdienen noch die Seetiere und Vögel, die bei den schwebenden Ge-
stalten den tektonischen Zusammenhang mit der Basis herstellen. Auf melischen Re-
liefs, deren Zusammenhang mit der Malerei schon oben als wahrscheinlich ange-
nommen wurde, finden sich unter dem Widder, der den Phrixus durch die
Wellen trägt.'Fische in dem purpurn gemalten Wasser (Abb. 19; Berlin, Antiquarium
Mise. Inv. Nr. 8417). Die Vasenmalerei läßt mit wenigen Ausnahmen (Fiorelli,
Vasi Cumani Taf. IX) das Wasser, das die Figuren umspült, weg und malt nur die
') Schreiber, Hellenistische Reliefbilder Taf. 86; vgl. M. Bieber, Das Dresdner Schauspielerrelief S. 85.
146
B. Schröder, Mikon und Paionios.
Abb. 20. Aus dem Westgiebel des
Nereidendenkmals.
Fische. Höchstens wird das Wasser unterhalb
der Figur durch ein Wellenband angedeutet, und
die Fische und Delphine springen durch die
Luft '). Wie die Vasenmalerei kann auch die
freiplastische Kunst die Wassermasse nicht dar-
stellen. Sie deutet daher das Element mit seinen
Lebewesen an, wie mit den bärtigen Tritonen
unter den Reitern von Lokri (R. M. 1890 pl. 9;
Antike Denkmäler I Taf. 50), und bei solcher
Gewöhnung des Auges und Verstandes konnte
es geschehen, daß die Nereiden durch Delphine
und Wassertierc ganz über die Wellen hinaus-
gehoben wurden oder daß die Vorstellung von
den über die Wellen hinspringenden Meermäd-
chen*) auf diese Weise leicht verständlichen
Ausdruck fand. Ebenso wird auf einem Meli-
schen Relief durch die getötete Meduse unter
dem Bellerophon das Fliegen des Rosscs an-
schaulich gemacht (Müller-Wieseler XIV, 51). In
der Vasenmalerei werden bei fliegenden Gestalten
wie Eros noch lange solche Tiere beibehalten,
obwohl doch nun das Fliegen längst durch die
Haltung und Bewegung des menschlichen Körpers
ausgedrückt wird (El. c6t. IV Taf. 50 (Hund),
Taf. 56 (Gans)). Wenn dann Eros und Nike auf
diese Tiere Jagd machen, so ist das eine Weiter-
bildung des hübschen Motivs (El. cer. I Taf. 100,
IV, Taf. 45). Der Adler unter der Nike des
Paionios ist also mit älteren und jüngeren Bei-
spielen zu vergleichen und aus nichts so gut wie
aus malerischer Technik zu erklären. Dasselbe
gilt, wenn Furtwänglers Rekonstruktion richtig
ist, von dem Roß unterhalb der dclischen Gruppe,
A. Ztg. 1882 p. 339, das nach der Bemerkung
Homolles B. C. H. 1879 S. 517 noch zur Hälfte
im Marmorblock steckt und damit, wie es scheint,
noch ans Relief erinnert.
') Europa auf Stier: Brit. Mus. F. 184. fil. cer. I
Taf. XXVII. Helle auf Widder: Tischbein 111,2.
Nereiden, C. R. 1876 pl. V. Aphrodite auf
Schwan: fil. cer. IV pl. IV usw.
') Himerius, Or. 16,2; Kalkmann, A. J. X 1895 S- 57-
Das Motiv der stehend, auf Delphinen über das
Wasser hinfahrenden Nereide (Overbeck, Kunst-
mythologie Taf. VI, 12) ist spätere Erfindung
und vielleicht aus plastischen Werken von der
Art der xanthischen Nereiden entstanden.
B. Schröder, Mikon und Faionios.
14;
IV.
Vom Relief aus gelangen wir auch zu den ruhig stehenden Gestal-
ten, bei denen naturgemäß das Motiv der wehenden Kleidung wegfällt, der
Stoff aber doch eng am Körper anliegt, so daß sich die Verwandtschaft mit den
oben aufgeführten Werken ergibt. Im
Relief des Giebels vom Nereidenmo-
nument ist ein stehender Jüngling im
kurzen Chiton dargestellt (Abb. 20).
Das Gewand folgt nicht dem Gesetz
der Schwere, wie es beim ruhigen
Stehen der Fall sein müßte; vielmehr
schmiegt es sich eng an den Körper
an, dessen Formen von den ge-
schwungenen Faltenlinien umschrieben
werden. In ganz ähnlicher Weise ist
das Gewand am Oberkörper der neben
ihm thronenden Frau behandelt. Zu-
mal bei dem Jüngling ist das zeichne-
rische Element noch deutlich fühlbar;
auch hier setzen sich die Falten für
das nachschaffende Gefühl nicht in
Meißelarbeit um, sondern in Striche,
die die Hand mit dem Stift oder Pinsel
gezogen hat.
Hieran schließen sich unmittel-
bar die Triester Nike E. V. 579 und
einige Werke der Kleinplastik:
In der Bronzestatuette des Anti-
quariums zu Berlin'), die wir auf
Taf. 9 abbilden, steht der Jüng-
ling mit leicht zurückgesetztem Bein
aufrecht, die Linke ist gesenkt, die
Rechte in Schulterhöhe gehoben und
mit der Fläche nach unten gekehrt.
Der Kopf ist leicht nach rechts ab-
wärts gesenkt, das reiche, gewellte Haar
wird von einem Bande zusammen-
gehalten, unter das auch die hochgekämmten Nackenhaare gesteckt sind. Unter-
leib und Oberschenkel bedeckt ein dünner Chiton, der von zwei gedrehten Trag-
bändern über den Schultern gehalten wird 2).
Dionysos im Louvre.
') Mise. Inv. 7308, H. 20 cm. in Smyrna erworben;
angeblich in Adrianopel gefunden. Arch. Anz.
1901 S. 229; Arch. Zeitung 1879 S. 104.
^) Zu dieser Tracht s. den Torso der Kyrene im
Brit. Museum Cat. of sc. II Nr. 1472 (Rein. Rep.
stat. II 317, 10); die Wiener Statuette der Ata-
148
6. Schröder, Mikon und Paionios.
Die rechte Hand ist innen roh bearbeitet; ob sie einstmals auf einem Gegen-
stande aufgeruht hat, ist nicht zu erkennen und kaum wahrscheinhch; ähnhch ist
die Stellung von Arm und Hand bei der Kalathiskostänzerin, Vente Greau pl. 95,
Reinach, R6p. stat. IV 242, 9, hat hier aber sicher eine andere Bedeutung. Die hohen
Stiefel geben der Gestalt Ähnlichkeit mit Dionysos, die Chitontracht mutet ungrie-
chisch oder wenigstens fremdartig an, der Fundort Adrianopel leitet die Vor-
stellung unwillkürlich zu thrakischen Gottheiten; an einen der jugendlichen Teil-
Abb. 22. Amazone in Neapel.
nehmer am Dionysischen Thiasos oder an Gestalten wie Zalmoxis möchte man
denken »). Das Gewand zeigt in geistvoll andeutender Mache den Charakter
lante, Arch. Anz. 1892 S. 51; Wiener Jahrbücher
XII I S. 81 (Rein., Kip. II 315, 8); die Artemis
Babelon-Blanchet,' Bronzes de la Biblioth^que
Nationale 128 (Rein, R^p. stat. II 316, 1); die
Karyatide R. M. 1897 S. 130, 7 (Rein., R^p. stat
II 425, 7); Torso vom Fries des Athenatempels
in Priene. Wiegand-Schrader, Priene S. 115
Abb. 87; Relief der Artemis aus Oberctschdorf
Rein., R^p. Reliefs III 528, 6; Amazonen auf
der Vase Tischbein, II pl. 8 und der etruskischen
Urne Brunn, Urne Etrusche I 67, i; Rein, R^p.
Reis. III 445; Virtus auf dem Hippolytos-Sarko-
phag Robert, Die ant. Sarkophagreliefs Taf.
LII/LIII.
') Tomascheck, Wiener Akademie, Sitzungsberichte
1894 s. 37 a
B. Schröder, Mikon und Paionios,
149
dünnen Stoffes, der die Körperformen nur schwach verhüllt. Der Akt ist mit allen
Einzelheiten dadurch sichtbar gemacht, daß aus der Masse des Wachsmodells Teile
wieder entfernt wurden, also ganz entsprechend der Arbeit am Marmorklotz; hier am
kleinen Objekt ist die Bewegung der Hand noch herauszufühlen: es war eine strei-
chende Bewegung, ganz anders als das Hämmern oder Bohren am Steinklotz, anders
auch als das Auftragen und Glätten größerer Gewandfalten: es ist ein Strichziehen,
das wiederum die Bewegung der
zeichnenden Hand in die Er-
innerung ruft. Die Stellung, Form
der Stiefel, die Art, wie das Haar
im Nacken hochgekämmt ist, Bil-
dung des Nackten an der Brust und
im Gesicht, namentlich an den
Augen, rücken die Statuette neben
die Bronzefigur eines Dionysos im
Louvre (Mon. Piot I Taf. 15/16;
Studniczka, Kaiamis Taf. 7 a; De
Ridder, Les Bronzes antiques du
Louvre Taf. 17 Nr. 154), deren Stil-
bestimmung zwischen peloponne-
sischer und attisch-ionischer Kunst
schwankt (Studniczka, Kaiamis
S. 80). Auch die »quattrocen-
tistisch -eckige Grazie des geknickten
Handgelenks« läßt sich an beiden
Werken vergleichen (Abb. 21).
Starke Ähnlichkeit mit der Gesichts-
bildung der Neapler Amazone (E.V.
772/3) glaube auch ich zu er-
kennen, deren Gewandstil, wie mir
scheint, dem Vorbild des New
Yorker Volutenkraters (F.-R. Gr.
Vm.Taf. 116) vollkommen geglichen
haben muß (Abb. 22). Die Ama-
zone rechts in der Hauptgruppe neben dem Felsen (Abb. 23) mit ihrem halbgelösten
Chiton, den tütenförmigen Falten des unteren Teils und den Hängefalten dazwischen
scheint mir in den wesentlichsten Zügen vergleichbar, sowie das Pferd der Neapler
Statuette den Pferden auf dem Krater gleicht, zumal denen der Rückseite (F.-R.
Taf. 117) mit ihren aufgewehten Stirnschöpfen. Also auch von dieser Seite gelangen
wir wieder in den Kunstkreis, von dem wir ausgingen.
Ein Werk derselben Hand und gleichen Stils ist die Bronzestatuette im Louvre,
De Ridder, Les Bronzes antiques du Louvre Taf. 19 Nr. 185; Reinach, Rep. stat.
II, 504, 8, hier Abb. 24 nach einer Aufnahme, die wir Herrn A. de Riddcrs gütiger
Abb. 23. Von einem Volutenkrater in New York.
ISO
B. Schröder, Mikon und Paionios.
Vermittlung verdanken: ein Jüngling in gegürtetem Chiton, Chlamys über dem 1. Arm
und hohen Stiefeln, mit der Rechten, zu der das Haupt sich neigt, libierend.
Der dünne Chiton über dem fast ganz sichtbaren Akt zeigt dieselben Eigenschaften
wie der an der Berliner Statuette; auch die Chlamys ist in wenig stofflicher Weise
Abb. 24. Statuette im Louvre.
gegeben; das Spiel der Falten ist in zwei Gruppen, die senkrecht hängenden und die
schräg über den Arm weglaufenden, aufgeteilt. Ob ein jugendlicher Gott oder Sterb-
licher gemeint ist, läßt sich schwer sagen. Das Stück verrät auch kein ethnogra-
phisches Merkmal, außer den hohen nordischen Stiefeln. Auch die Statuette
Nr. 488 des Louvre (De Ridder Taf. 37, aus Macedonien) gehört anscheinend in
diesen Kreis. Sie ist der Pariser Bronze 154 und der Berliner durch den Akt, Kopf
B. Schröder, Mikon und Paionios. jC}
und die Bildung des Haares, der Pariser Bronze 185 durch den Akt nah verwandt.
Auch hier wieder ein jugendHcher dionysischer Gott und ein nordgriechischer Fundort.
Hierher gehört ferner als Werk des 5. Jahrhs. eine Tonstatuette der Artemis
(Taf. 9 a), die mit der Sammlung von Gans ins Berliner Antiquarium gelangt ist (Invcn-
tar7678), eine gutcReplik des Typus Winter, Typenkatalog H 163,2 (Berlin, Inv.8543,
aus Phokis). Die Göttin steht aufrecht, ganz leicht zur Unken Seite geneigt, wohin
auch der Kopf blickt; die Rechte umspannt in gefälliger Haltung die beiden Speere,
die Linke ist in den Rücken gestemmt und rafft den Mantel, dessen Spange auf der
linken Schulter ruht. Quer um den Leib ist ein Fell gelegt und straff festgebunden^
nach einer Mode, die um die Mitte des 5. Jahrhs. weitere Verbreitung gewinnt ').
Der mit einem Tuch umwundene Kopf zeigt gescheiteltes und leicht gewelltes Haar
und im Antlitz groß aufgefaßte, breitflächige Formen von ernstem Ausdruck, die
an den Hertzschen Kopf und die Köpfe des Frieses vonPhigalia erinnern. Der Figur
ist an ihrer schwachen Stelle, hinter den mit Endromides bekleideten Füßen eine
ästhetisch günstig wirkende Stütze in dem liegenden Hunde gegeben. Das Ganze
ist bis auf die allzu kurzen Unterschenkel von solcher Mächtigkeit, daß es im kleinen
Maßstab ein statuarisches Werk wiederzugeben scheint. Die Stiefel, das umgürtete
Fell sowie der über die Knie reichende Chiton erinnern an Dionysos und an die
thrakischc Bendis, mit der diese Artemis auch in der Führung zweier Lanzen über-
einstimmt. Zwar liegt das Himation in so reizvoll - zufälligen Falten^ daß man
hier an eine naturalistische Studie nach dem Modell denken möchte. Auch das Fell,
mit dem schief sitzenden Kopfe mutet als Nachahmung der Wirklichkeit an. Aber
der Chiton, der bis über die Knie hinabreicht, liegt so eng am Körper an, und die Falten
der Grate sind so unstofflich und zeichnerisch langgezogen, daß auch hier wiederum
nicht die Umsetzung der natürlichen Erscheinung, sondern die Übung eines
Ateliers anzunehmen ist.
So denken wir uns ferner mit Hilfe des Hegesoreliefs (Conze, Die attischen Grab-
reliefs Nr. 68, Taf. 30) und rotfiguriger Vasen wie Mon. Inst. 1854 Taf. XVI (Dienerin),
Tischbein, Vases Hamilton II, 25 (Nike) und Gerhard, Ant. Bildw. 59; F.-R. Taf. 59
(Phaonkrater), die sogenannte Genetrix und ihre Verwandten ^) nicht in Bronze
(S. Reinach, Rev. arch. 1900 S. 386), sondern in Zeichnungen zurück, auf denen der
Akt im Umriß gegeben und das Gewand nur durch einzelne dünne Faltenstriche an-
gedeutet war.
Einige Verwandte der Genetrix, Aphrodite Colonna (E.V. I132), Lazzaroni
(E. V. 1169), mit ihren Repliken Valentini und Odescalchi (Furtw., M. W. S. 653 f.,
E. V. 2061), die verschollene Statue Altemps, Clarac 410 H, 827 D (Watzinger, Ö. J.
1914), die Aphrodite im Kapitohnischen Museum (Jones, Katalog Taf. 23; Clarac 609,
1350) und die Torse im Akropolis-Museum, E. V. 1286 und 1287, setzen diese Art des
Hartwig, Bendis S. 8. Arndt. La Glyptotheque Sauerlandt, Gr. Bildwerke 66. Statuette in Neape
Ny Carlsberg zu Taf. 88. E. V. 498; Statue Albani E. V. 1106. Statue
') Lit bei v. Duhn, Heidelb. Gipsabgüsse Nr. 190; in Wien (Modena), A. ep. M. Ö. III Taf. i. Statue
besonders: Statue im Thermenmuseum, Br.-Br. in Rom (Colonna) E. V. 1 132/3. Torso inMantua
474, Amelung, Moderner Cicerone I S. 458, Ausonia III 1909 S. 100 ß.
I £2 B. Schröder, Mikon und Paionios.
»feuchten« Chitons in reicherer Ausführung fort. Über die Beziehungen der Aphro-
dite Lazzaroni zum Rehef (Basis von Rhamnus, Erechtheion und GrabreHefs)
s. Amelung zu E.V. 1 169. Von Vasenmalereien sind z. B. Panofka, Cabinet Pourteles
Taf. 16, Mon. Inst. V Tai. XXIII, Ann. 1868 Taf. L, M, unmittelbar zu vergleichen.
Daß dieselbe Stilisierung in Ton (Winter, Typenkatalog II 198, i und 199, 2) und
Bronze (z. B. Br. Mus., Bronzes 311) wiederkehrt, beweist nur, wie sich die
verschiedenen Techniken der Kleinkunst der bequemen Stilisierung bemächtigen.
Von den jüngeren Verwandten der Genetrix haben die Aphroditen Colonna
(E. V. I132) und Lazzaroni (E. V. I169), die im Kapitohnischen Museum (Clarac 609,
1350), aus der Sammlung Altemps (Clarac 410 H, 827 D) und der Torso in Athen
(E. V. 1287) zu dem dünnen Chiton das umgelegte Himation. An den
beiden zuerst genannten Aphroditen, denen sich die Statue Doria Pamfili (R. M.
XVI 1901, Taf. I) und in weiterer Entfernung die Aphrodite aus Epidauros sowie,
von attischen Stilelementen beeinflußt, die Hera Borghese mit ihren Verwandten
(Arndt, La Glyptotheque Ny Carlsberg pl. 56 ff.) anschließen, ist das Himation
ganz erhalten, und zwar in einer Stilisierung, die in seiner gleichsam feuchten Er-
scheinung der Natur widerspricht. Auch dies ist in der Malerei vorgebildet, sehen wir
doch nicht selten auch in der Vasenmalerei den Akt unter dem Himation ganz oder
teilweise durchgeführt'), und auch im Relief wenigstens angedeutet, so in der
Alxenorstele und am Nereidenmonument bei den Männern vor dem Satrapen. Es
braucht aber die Durchsichtigkeit des Stoffes nicht notwendig vorhanden zu sein.
Auch ruhig stehende Figuren mit hängendem Gewand, wie die Karyatiden von der
Via Appia *) und in Kairo 3), sind nun in ihrer unwirklichen Gewandbehandlung,
die schon an die Artemis Colonna hat denken lassen (Bulle R. M. IX 1894 S. 159,
Arch. Jahrb. XXVI 191 1 S. 36), verständlich.
Hier reiht sich eine Peplosstatue an 4), die durch eine Einzelheit, die rund
ohne herabfallende Falten gebildete Brust, mit dem Phigaliafriese und Malereien wie
Mon. Inst. IX Taf . VI verbunden ist und in andern Teilen, wie dem von eng anliegendem
Stoff bekleideten linken Bein, der Genetrix ähnelt. Die geraden Steilfalten am
rechten Bein können ebensowohl einer plastischen Auffassung, wie an den bronzenen
Peplosfiguren 5) , wie einer malerisch reliefmäßigen Formulierung, wie z. B. an der
Pcnelope des Frieses von Trysa, entstammen. Sichtbarkeit des Aktes unter dem
Peplos erscheint in der Vasenmalerei auf Lekythen sehr oft, indem der Peplos ton-
grundig gezeichnet wird oder der Akt durch die dünne Lasur des Gewandes durch-
scheint oder gar der Körperkontur mit Weiß auf die Deckfarbe aufgesetzt wird.
So darf mit Furtwängler auch die Athena von Leptis *) in diesen Kreis gezogen
werden, an der die Falten um das rechte Bein sich den gewöhnlichen, rein pla-
i) F.-R., Gr. Vm. Taf . 54 (Duris), Taf. 71 (Hydria), sculpture Nr. 27 449 ; Reinach, R^p.stat. IV 139, 1.
III S. 20 (Peithinos); fil. cer. II Taf. XVI; 4) Furtwängler, Griech. Originalstatuen in Venedig
Riezler, Weißgrundige attische Lekythen Taf. 36. S. 25 Taf. IV, 2; Clarac 640, 1450.
») Bulle, R. M. IX 1894 S. I59ff. ; Clarac.444, 814B; 5) Wiegand, 71. Berliner Winckelraannsprogramm.
Fr.-W. 1557. S) Furtwängler, Gr. Originalstatuen in Venedig S. 6.
3) Edgar, Catal. g^nöral du Mus^e du Cairc, Grcek Bulle, Schöne Mensch Abb. 166/7.
B. Schröder, Mikon und Paionios.
153
stischen Gewohnheiten nicht fügen wollen. Die Zeichnung ist auch hier als Vorbild
ohne Mühe zu erschließen. Endlich fällt an einer Phidiasischen Peplosfigur im
Kapitolinischen Museum (Atrio 4, Jones, Sculptures of the Museo Capitolino S. 27
Taf. 3) die Einzelheit auf, wie am hnken Bein im Gegensatz zu der ganzen übrigen
Gestalt das Gewand anklebt und in großen Schwungfalten zurückweht. Es genügt
nicht, hier Einfluß der Paioniosschule festzustellen (Amelung, R. M. XVI 1901 S. 30).
Wie solche Falten entstehen konnten, wird sogleich klar, wenn man ein Vasenbild '
Abb. 25. Krieger in Florenz.
wie Benndorf, Gr. u. siz. Vbb. XV vergleicht. Die Falte am linken Bein der stehenden
Frau ist mit einem frechen Pinselhieb gemalt. Ein Vorbild derselben Art ist an der
kapitolinischen Statue in Stein übertragen.
Wenigstens in einem Augenblick der Ruhe zwischen heftigen Kampfbe-
wegungen befindet sich der Krieger in Florenz, Gori, Mus. Flor. Bd. III
Taf. LXXVII, Clarac 850, 2155, Dütschcke, III Nr. 239 (Abb. 25): im Lauf nieder-
kniend, mit dem Muskelpanzer und bis zu den Knien reichendem Chiton, die Füße
in Schnürsandalen und um die Brust den Schwertriemen. Zu den hängenden Falten
des Chitons sind am Nereidenmonument bei der stärkeren Bewegung der Gestalten
zufällig keine genauen Parallelen; aber die Bildung der Falten mit Graten und flachen
Tälern ist genau dieselbe wie dort. Der Reiter auf der Grabvase Fr. -W. 1080,
I e^ B. Schröder, Mikon und Paionios.
Conze Taf. 218/9, Nr. 1073, ist ein weiteres Beispiel für diese Bildung im Relief;
für die Muskelpanzer mit Chiton geben das Nereidenmonument, der Fries von Phigalia
(Reinach, Reis. I S. 221, 5), und die genannte Grabvase, aus der Vasenmalerei der
Amazonenkrater von Bologna F.-R. 75/6 und der Dionysos C. R. 1867 Taf. IV Bei-
spiele genug. Zur Stellung vgl. die knienden Krieger auf dem Bologneser Krater
und im Westgiebel des Nereidenmonuments (Reinach, Reis. I S. 486, 2).
Die Datierung des Nereidendenkmals stand bisher nicht fest. Der Name des
darin beigesetzten Herrschers ist uns durch keine Inschrift gegeben, die belagerte
Stadt auf dem kleinen Fries läßt sich nicht identifizieren, denn über Ereignisse dieser
Art schweigen unsere für die lykische Geschichte sehr dürftigen Quellen. Den einzigen
Anhalt bieten der Stil und die verwandten Denkmäler. In die letzten Jahrzehnte
des 5. Jahrhs. wollte es Benndorf setzen (Das Heroon S. 231 ff., 243). So auch Treu
(Olympia III S. 191). Unsicher war noch Amelung (R. M. IX 1894 S. 196 Anm. i),
der die Zeit etwa zwischen 440 und 420 vorschlug. Furtwängler (Meisterwerke 220
Anm. 4) setzte das Denkmal »höher ins 5. Jahrh., kaum nach 440« und in die Nähe
der Parthenonmetopen. Bulle betonte die altertümlichen Züge bei den Nereiden und
das Gebundene, Unfreie in ihrer Bewegung (Schöne Mensch zu Taf. 121) und wollte
die Datierung bis vor 450 hinaufgeschoben wissen. Diese Datierung läßt sich durch
andere Denkmäler stützen, vor allem durch die Beziehung der Friese zu den Ama-
zonenvasen, die nach den bisher erworbenen Kenntnissen über die Chronologie der
attischen Vasenmalerei in die sechziger Jahre des 5. Jahrhs. fallen müssen und mit
der Chronologie des Mikon, soweit wir sie erschließen können, zusammengehen. Seine
datierbare Tätigkeit ist bezeugt für das Theseion, das man nicht allzuweit von der
Überführung der Gebeine desThescus nach Athen (a. 474 v. Chr.) entfernen wird, und
für die Poikile Stoa, die noch in die Zeit des kimonischen Regiments fallen muß, also
vor 460. Auch die Inschrift aus Olympia, die den Mikon als Bildhauer nennt, zeigt
altertümliche, ionische Schrift, und wenn Furtwängler (Sammlung Somzee Taf. I ff.)
mit Recht den schönen Athleten der Sammlung Somz6e mit der Basis von Olympia
verbindet, so würde auch sein Stil der Ansetzung in die sechziger Jahre entsprechen.
Man hat sich gewöhnt, zwischen der Malerei und der Verwertung ihrer Erfindungen
durch die Plastik einen gewissen Zwischenraum anzunehmen. Doch ist zu bedenken,
daß dem Besteller eines so prunkvollen Grabbaues, wie das Nereidendenkmal war,
gewiß nur die neueste Mode gut genug war. So meine ich, kommen wir mit der Da-
tierung in der Tat vor die Mitte des 5. Jahrhs. Für die Chitonzeichnung der Nereide
Abb. 3 wurde die Stele vom Esquilin (Bull. comm. IX 1881, Taf. 14) verglichen. An
ihr ist das Nackenhaar auffällig streng stilisiert, ein Zeichen, wie hoch die Datierung
dieser Chitonzeichnung hinaufgehen darf.
Können wir die Nereiden datieren, muß ihr in kurzem Abstand die Nike folgen,
um deren Datierung bekanntlich zwei Termine, 425 ') und gegen 450 v. Chr.,
') Dafür zuletzt Hauser, Österr. Jahresh. XVII 1914 S. 77.
B. Schröder, Mikon und Paionios. ice
streiten. Der strenge Stil des Gewandes, die gerade Haltung des Körpers, die ge-
bundenen Formen des Hertzschen Kopfes, des nächsten Verwandten der Nike
(Amelung, R. M. IX 1894, 162 ff.) mußten es »weitaus glaublicher erscheinen lassen,
daß sie bereits um die Mitte des 5. Jahrhs. entstanden ist« (Bulle, Schöne Mensch
zu Taf. 123). Diese Datierung findet eine Stütze in der strengen Haltung und
Haartracht des ApoUon Ince, den Sauer mit Glück der Paioniosnike an die Seite
gesetzt hat (Arch. Jahrb. XXI 1906, 175/6). Dazu passen die andern Werke der
Schule, zu deren Datierung wir Hilfsmittel außer dem Gewandstil haben. So scheint
es mir sicher, daß die Artemis Colonna mit ihrem noch recht strengen Haupte ziem-
lich hoch ins 5. Jahrb., etwa die 40er oder 30er Jahre, zu setzen ist. Daran reiht
sich der Tempel von Phigalia, der während des peloponnesischen Krieges geweiht
worden ist, das Heraion von Argos, gebaut nach 423 (Waldstein, The Argive Hcraeum
I S. 118), und die Nikebalustrade, spätestens 410 geweiht (Furtwängler, Meister-
werke 222; Gricch. Originalstatuen 28; Keil, Anonymus Argentinensis 324). Die
späte Datierung der Hegeso und des Dexileos, die sich aus der Anlage des Fried-
hofs und der Dexileos-Inschrift ergibt (Brückner, Friedhof am Eridanos S. 106 und
59), kann nicht für den Stil zutreffen. Die Steine müssen älter oder nach älteren
Vorlagen gearbeitet sein. Die Sirenen vom Dexileosgrab stimmen mit der Datierung
ins Jahr 394, sind aber im Stil erheblich jünger als das Relief, ebenso das Relief
A. M. XXXV 1910 Taf. 12, das aus demselben Jahr stammt.
Auch die Heimat der von den xanthischen Künstlern wie von Paionios
vertretenen Kunst war bisher nicht sicher erkannt worden; nur ihr ionischer Cha-
rakter stand außer Frage (Bulle, Schöne Mensch zu Taf. 123). Vielleicht führt auch
hier die ältere Malerei weiter. Mikon nennt sich auf der Inschrift aus Olympia
Athener; das kann athenisches Bürgerrecht, muß nicht athenische Herkunft be-
deuten; bezeichnet sich doch der Karer Bryaxis auf den Inschriften als Athener
(Amelung, Ausonia III 1908, 115 Anm.). Die Inschrift des Mikon ist in ionischem
Alphabet geschrieben, und schon daraus hat man, wenn auch nicht mit Sicherheit,
auf außergriechische Herkunft Mikons geschlossen ').
Eine besondere Untersuchung hat ergeben, daß die Helmformen, die zugleich
mit Mikon plötzlich in die attische Vasenmalerei eindringen, nordischer Herkunft,
d. h. aus den Mützen der äxpoxo[Aoi Opijixe? entwickelt sind (Arch. Jahrb. XXVII
1912 S. 317 ff.), und es konnte die Vermutung ausgesprochen werden, daß Mikon
sie aus seiner künstlerischen oder politischen Heimat, dem thrakischen Norden, mit-
gebracht habe. Ist man einmal auf dieser Fährte, wird man versucht sein, auch
die Kunst Mikons, Rosse zu malen, und die berühmte thrakische Rossezucht mit-
einander in Beziehung zu bringen.
Nun sehen wir die thrakischen Helmformen auch am Nereidendenkmal, am
Fries von Phigalia und an den Metopen von Argos. Der Gedanke, die ganze
Schule, die sich an das Nereidendenkmal anschließt, könne in einer nordischen
') Fränkel, Arch. Zeitung 1876 S. 227. Loewy Bildhauerinschriften Nr. 4t. M. Heinemann,
Landschaftliche Elemente S. 96.
Jahrbuch des archäologflschen Instituts XXIX. IX
156
B. Schröder, Mikon und Paionios.
Stadt ihre Heimat haben, drängt sich auf und wird durch weitere Beobachtungen
bestätigt.
Den Löwen am Nereidendenkmal gleicht sowohl die Chimära auf einem Meli-
schen Relief wie — außer anderen lykischen Löwen und der Florentiner Chimära
— der Löwe auf einem Relief aus Akanthos in Makedonien (Br.-Br. zu Taf. 641 — 645
Text S. 13 f.)- Der Meister Paionios stammte »nicht aus der Pallene, sondern aus
dem ionischen Mendc bei Ainos« (Paus. V 10, 8; Loewy, Bildhauerinschriften Nr. 49).
Wenn man die Schicksale von Künstlern aus neuerer Zeit betrachtet, so wird man
finden, daß es bei kleinen Verhältnissen und schwierigem Verkehr üblich und natürlich
ist, wenn ein kunstbegabter junger Mensch bei dem tüchtigsten Meister, der in der
Nähe zu haben ist, in die Lehre gegeben wird. So muß man die Schule des Paionios
an einem nicht zu weit entfernten Kulturort suchen.
Das Nichtattische der Phigaliafriese ist immer empfunden worden (Kekule,
Griech. Skulptur^ S. iio). Genaue Parallelen waren schwer anzugeben; an die
olympischen Skulpturen erinnerte wohl die ganze Art. Kekule sprach daher mit
sorgsam gewähltem Ausdruck von »Blutsverwandtschaft«, aber als genaue stilistische
Ähnlichkeit konnte er nur die Verhüllung der Unterschenkel anführen. Eine wirk-
liche stilistische Verwandtschaft findet sich in einem statuarischen Werk, der Ama-
zone Patrizzi (Matz-Duhn 948)') in Zeichnung auf der oben angeführten Ciste
Mon. Inst. VI/VII Taf. LXI, LXII, und in Relief auf der Schwertscheide von
Nikopol (C. R. 1864 Taf. V; Ant. de la Scythie Taf. XXXV; Reinach, R6p. Reliefs
III S. 497) mit dem Bilde einer Perserschlacht. Der Stil dieses Schlachtenbildes
hält die Mitte zwischen den Friesen von Xanthos und Phigalia; man vergleiche die
Gruppe des Kriegers, der einen Verwundeten wegzieht, auf den drei Denkmälern ^)
Die Bewegungen der Krieger geben der Wildheit der Gestalten von Phigalia wenig
nach; auch der Faltenwurf gleicht dem von Phigalia sowohl in der allgemeinen
schwungvollen Bewegtheit wie in dem Motiv des straff gespannten oder hochgewehten
Chitonsaums. Auf der Schwertseite sind zweimal korinthische Helme der thraki-
schen Mützen- und Helmform mit runder, vorn überhängender Spitze angeähnelt (A. J.
XXVII 1912 S. 321), die thrakischen Helme auf dem Fries von Phigalia sind von
■) Ich benutze die Gelegenheit, um das wichtige, sehen, vollkommen dem von Phigalia, sowohl in
jetzt verschollene Werk nach der Zeichnung des der Muskulatur an dem Pferdeleib wie in der
Codex Pighianus (fol. 291) abzubilden (Beilage i), weicheren Faltengebung des Gewandes (s.
die anscheinend treuer ist als die Zeichnung bei Beilage 2). pas Motiv kommt noch am Fries
De Cavalleriis, Antiquarum statuarum urbis des Athena-Nike-Tempels (Overbeck, Gr. Plastik
Romae 2 Vol. II44; Reinach, R6p. stat. II 326, I. Tafel zu S. 483 Platte o) und auf der unter-
Die Statue gleicht im Motiv dem absteigenden italischen Vase Mon. Inst. X 28 wieder vor, auf die
Reiter auf dem xanthischen Fries Reinach, Rdp. Matz und v. Duhn hingewiesen haben. Auch das
Reis. I 473 E (s. Beilage 2); auch die Art, wie zusammenstürzende Roß mit dem Perser auf
das Gewand sich gelockert hat und von der Schul- der Schwertscheide von Nikopol (Rein., R^p.
ter herabhängt, kommt in Xanthos öfter vor. Reis. III 497) hat eine ähnliche Bewegung.
Der Stil der Statue ist aber nicht so großflächig ') Xanthos: Reinach, R^p. Reis. I S. 475, Q. Phi-
wie der von Xanthos, sondern gleicht, wenn wir galia, ebenda S. 222, 9 und 17. Schwertscheide
durch die kleinliche Art des Zeichners hindurch- von Nikopol, Reinach, Reis. III, 497 ; vgl. Trysa:
ebenda I S. 452, 2. 458, 3. 463, 4.
JAHRBUCH DES INSTITUTS 191 4.
Beilage i zu Seite 1 56.
Amazone Patrizzi (nach der Zeichnung des Codex Pighianus).
JAHRBUCH DES INSTITUTS 19 14.
Beilage 2 zu Seite 156.
Vom Fries des Nereidendenkmals.
Vom Fries aus Phigalia.
B. Schröder, Mikon und Paionios. icy
besonders reiner Form (A. J. XXVII 1912 S. 332, 335). Fr. Hauser (Neuattische
Reliefs S. 126) hat die Vermutung ausgesprochen, die südrussischen Goldwaren
möchten von Kyzikos importiert sein. Seine Gründe waren der unattische, ionisch
weiche Stil, die Legierung des Goldes mit Silber, wie an den kleinasiatischcn Elektron-
münzen, die kleinasiatische Prüderie in den Darstellungen und zumal die Überein-
stimmung des Stils mit Münzen von Kyzikus, dessen Handelsbeziehungen mit Süd-
rußland durch kyzikenischc Statere aus der Gegend von Kertsch erwiesen sind.
Ebendahin weist der Stil des Fhigaliafriescs. So hat die Gruppe Reinach, Rep. des
Reliefs I S. 221, i mit dem in die Knie gesunkenen Kentauren die größte Ähnlichkeit
im Stil und Motiv mit einer kyzikenischen Münze (v. Fritze, Nomisma VII 1912
Taf. V, 18), die zu v. Fritzes dritter Gruppe, also in die Phidiasische Zeit ge-
hört. Auch die bärtigen Köpfe auf etwas jüngeren kyzikenischen Münzen aus der
vierten v. Fritzeschen Gruppe lassen sich noch mit den Kentaurenköpfen von
Phigaha vergleichen (Nomisma VII 1912 Taf. V, 30 — 33). Nun findet sich in
Phigalia eine wichtige Einzelheit. Der Wagen, auf dem Artemis in den Kampf
zieht, wird von Damhirschen gezogen. Diese Tiere sind zwar in ganz Kleinasien
heimisch, aber im besonderen müssen sie auf Prokonnesos zu Hause gewesen sein,
das ihnen den Namen und das redende Münzbild verdankt. Damhirschköpfe als
Schmuckstücke erscheinen unter südrussischen Goldsachen z. B. Ant. Bosph. Cimm.
XXIV 17, XXXII II, und eine ganze Damwildjagd auf der Silbervase Ant. Bosph.
Cimm. XLII. Ein Damhirschkopf wird von einem Greif zerfleischt auf der
Schwertscheide von Nikopol C. R. 1864 Taf. 5, Ant. de la Scythie 1866 Taf. 35,
deren Beziehung zu lonien und im besonderen zu Kyzikos schon erwähnt wurde.
Das Tier findet sich nun öfter in dem Kreis der hier behandelten Kunst. So
bildet ein Damwildkopf auch den Behälter bei dem Tarentiner Rhyton, das sich
jetzt in Triest befindet und Österr. Jahresh. V 1902 S. 124 ff. von Winter mit
ionischen Werken des 5. Jahrhs. verglichen worden ist. Die Parallelen, die Winter
später (Österr. Jahresh. VI 1903, Beiblatt S. 62) mit Tarentiner Terrakotten zog,
um zu erweisen, daß das Rhyton vielleicht in Tarcnt verfertigt sei, wirken nicht so
überzeugend, doch werden auch sie recht behalten, sind doch die Ursprünge der
unteritalischen Kunst ebensosehr in lonien wie in Attika zu suchen '). Wir sehen
nun auf dem Rhyton die wehenden Falten, den geschwungenen Saum, den am Grunde
ausgebreiteten Mantel der Athena und bei dem gelagerten Liebespaar die gespreizten
Hände wie bei den großen Kampffriesen, zumal Phigalia, so daß der ionische Ur-
sprung und die Verwandtschaft mit der Nereiden-Paioniosgruppe in der Tat kaum
zweifelhaft sein kann. Ein nahestehendes Kunstwerk, das Silberrhyton in St. Peters-
burg, Ant. du Bosphore Taf. 36, Reinach, Rep. Reis. III S. 496 ist wieder in Süd-
rußland, in Pantikapaion, gefunden worden. Ein Damhirsch steht auch neben der
Artemis auf dem antoninischen Medaillon (oben Abb. 17), deren mutmaßliches
Vorbild wir mit unter den Statuen aufgeführt haben; einen Damhirsch reitet Artemis
auf der Perservase, Mon. Inst. IX Taf. L, LI, die im Stil wie die anderen tarentiner
■) Watzinger, De vasculis Tarentinis S. 27/28.
13*
158 B. Schröder, Mikon und Paionios.
Vasen den Stil jener Malerei fortsetzt, die wir hier für die Plastik des 5. Jahrhs. als
Vorbild annehmen.
Auf dem oben angeführten Relief aus Larymna (Arch. Jahrb. XXVIII 191 3,
Taf. 27) ist ein Widderopfer dargestellt, das von dem Herausgeber A. Rodenwaldt mit
Wahrscheinlichkeit auf den Kabirenkult bezogen wird. Als nächste Parallele dienen ihm
hierbei Münzen von Gela und Kyzikos (NomismaVII 191 2 Taf. V, 4, S. 12; Rodenwaldt,
Abb. 7), und dies Bild auf den Münzen von Kyzikos ist in religiöser Hinsicht mit
Nachrichten und Monumenten zu verbinden, die aus dem Gebiet rund um Kyzikos,
aus Thrakien bis nach Pergamon, stammen. Von dorther ist also auch die Vorlage
des Reliefs von Larymna herzuleiten. Die Nikebalustrade ist in einigen Motiven,
der Führung und Tötung des Opfertiers, durch das pergamenische Relief Amtl.
Berichte d. Kgl. Preuß. Kunstsammlungen XXXII 191 1, Nr. 11 S. 242, hier Abb. 28,
und durch das melische Relief Schöne, Gr. Reliefs Taf. XXXI Nr. 126, im Stil durch
die Reliefs von Phigalia und Argos vorbereitet; in der attischen Kunst fehlt es an
Vorläufern. Außer den oben zum Vergleich herangezogenen Malereien finden sich
schlagende Analogien nur auf den Münzen von Kyzikos (von Fritze, a. a. O. Taf. VI,
13; VI, 28; Taf. V, 2), und nach Kyzikos scheinen auch ihre inhaltlichen Beziehungen
zu weisen. »So halte ich denn auch jetzt noch fest an den von Kekule früher ver-
muteten Beziehungen der Geländerreliefs auf Alkibiades' hellespontische Siegestaten«
(A. Michaelis, Athen. Mitt. XIV 1889 S. 364 ff.), d. h. in erster Linie die See- und
Landschlacht bei Kyzikos. Der Nachricht, daß die Kyzikener den Alkibiades mit
Opferticrcn versorgten (Athenaeus XII 534; Hasluck, Kyzikos S. 167), mag man
sich wohl bei der Darstellung der opfernden Niken erinnern. Wie eine jüngere Weiter-
bildung des Berliner Nymphenreliefs mutet ein Relief aus Gallipoli an, dem alten
Kallipolis am Bosporus '). Es ist aus weißem, grobkörnigem Marmor und verrät in
den breit wallenden Rockfalten der Nymphen das gemeinsame Kennzeichen der im
Abschnitt II zusammengestellten Werke. Der Typus des in attischer Kunst nicht
heimischen Dexileosreliefs erscheint im 3. Jahrh. wieder auf einem' Reitergrabstein
aus Abdera (B. C. H. 1913 S. I19), der dann weiter zu den Typen der rheinischen
Reitergrabsteine führt (Rom. -Germ. Korr.-Bl. 1914 S. 37).
In dieselbe Gegend weisen die statuarischen Denkmäler. Die Nike des Paionios
hat mit keiner Nikedarstellung des 5. Jahrhs. soviel Verwandtschaft wie mit der
kyzikenischen Münze Nomisma VII Taf. V, i. Auf den Kyzikenern unterscheiden
sich Typen, die nur als Münzstempel brauchbar und dafür gemacht sind, von den
Typen, die von größeren Reliefs oder malerischen Darstellungen abhängen (z. B.
V. Fritze, a. a. O. Taf. V 5, 6, 18, Taf. VI 18, 19, 20, 28) oder statuarische Werke nach-
bilden (z. B. Taf. IV 5, 6, 32, 33, 36, Taf. V 12, Taf. VI 12, 15, 18, 22). Zu diesen
letzten gehört die Nike Taf. V i, die wie nach einer Rundplastik in Seitenansicht
abgebildet und vom Stempelschneider durch den schlechten linken Flügel entstellt
erscheint. Diese Plastik würde der Paioniosnike zeitlich nur um ein geringes nach-
■) Arch. ep. Mitt. Ost. I 1 877 Taf. i. v. Schneider, Album Taf. 11, S. 5. Reinach, Reis. II S. 142.
Als Fundort gilt auch Lampsakus.
B. Schröder, Mikon und Paionios. i cg
stehen. Die Artemis Colonna mit ihrem eigenartigen Motiv, wie sie mit vorgestreck-
ten Armen vorwärts läuft, gleicht den zum größten Teil nordgricchischen Darstel-
lungen, auf denen Artemis erscheint, laufend im langen, vom Winde zurückgeschla-
genen Gewand, in den Händen lange Fackeln (Kyzikos: v. Fritze a. a. O. Taf. VI, I2;
Stater (Demeter?). Brit. Mus. Cat. of coins, MysiaXV, 4; XIII, 8; XII, 12; XI, 7 auf
dem Altarbau, cf. Studniczka, Österr. Jahresh. VI 1903 S. 126. Apameia: Brit. Mus.
Cat. of coins, Pontus XXV, 12. Prusa: ebenda XXXV, 5 und 8. Parium: Cat. of
coins, Mysia XXII, 14. Zum Typus vgl. ferner die Reliefs von Thespiae, E.V. 1303
und Thasos, Conze, Reisen auf den Inseln des thrak. Meeres Taf. X. Zum Typus
des Kopfes vgl. Cat. of coins, Mysia VIII, 8.) Die Artemisstatuettc der Sammlung
von Gans wurde oben mit Darstellungen der fiiXofX'^? Bendis verglichen; die auf thraki-
schem Gebiet gefundene Bronzestatuette Taf. IX schien uns einen ungriechischen,
vielleicht thrakischen Gott darzustellen. Aus Makedonien stammt die ihr verwandte
Statuette des Louvre, De Ridder, Les Bronzes Nr. 488. Der lange, über die
Knie reichende Chiton, den der Gott wie die Krieger am Nereidenmonument und
auf dem Florentiner Stamnos Nr. 1973 (4004) Abb. 4 trägt, ist auch dem Dionysos in
der Vasenmalerei eigen •) und als thrakische Tracht bei dem Trabanten des Midas,
Ann. 1844 tav. H, sowie bei der tätowierten laufenden Mänade auf dem Münchener
Krater Nr. 2379 erkennbar. Es ist der Bassara genannte thrakische Chiton irooijpr/s
itoixiXos (Etymologicum magnum p. 191, 5) ^).
Die Genetrix ist schon in griechischer Zeit in Tonstatuetten nachgebildet
worden, die in Myrina, Aegae, Amisus und in der Troas gefunden worden sind.
(Winter, Typenkatalog II S. 214). Die Rätsel, die das Werk aufgibt, werden weder
durch die Reihe der nahe verwandten Werke noch durch die bekannte, bald abgelehnte,
bald angenommene Hypothese von der Urheberschaft des Alkamenes gelöst. Ohne
uns für oder gegen Alkamenes zu entscheiden, wollen wir doch auf die eine Über-
lieferung, er stamme von Lemnos, hinweisen. Auch von dem Typus der Aphrodite
Lazzaroni (E. V. I169) ist in Myrina eine Terrakotta-Nachbildung gefunden worden
(Furtwängler, Meisterwerke Abb. 126).
Im In-Tepe bei Troja ist eine schöne Terrakottagruppe zweier Tänzerinnen
gefunden 3), die die Fortbildung des ionischen Gewandstils »in seinem Heimatlande«
zeigt, in einer Weise, die die »Herbheiten der Nereiden überwunden« hat, aber die
»Freude am phantasievollen, dekorativen Schwung« beibehalten hat. Auf der Basis
vonPuteoli, Br.-Br. 575, ist eine Anzahl von Städten durch statuarische Typen darge-
stellt, deren verschiedener Charakter zeigt, daß ihre Vorbilder bestimmte Beziehungen
zu den betreffenden Städten hatten. Unter ihnen fällt die Darstellung von Aegae
') Amelung, P.-W. s. v. Chiton S. 2333; Gaz. arch- ihn De Ridder, Vases peints de la Bibl. Nat. II
1879 Taf. 15; Röscher, Lexikon I Sp. 1108. S. 348 Abb. 79 Nr. 456, und die geometrischen
^) Auch die »barbarische Tracht« des faltenlosen, Ornamente auf den Kitteln gleichen denen der
gemusterten Kittels, der mit der großfigurigen großen thrakischen Reitermäntel (Furtwängler,
Vasenmalerei aufkommt (F. -R., Gr. Vm. IS. 130 50. Berliner Winckelmannsprogramm S. 158.)
zu Taf. 26/7) ist thrakisch. Eine Mänade trägt 3) Rev. arch. i89iTaf.VIII;Winter,TypenkatalogII,
145, 6; Bulle, Schöne Mensch S. 264 zu Abb. 58.
l5o B. Schröder, Mikon und Paionios.
auf, die sich ebenso von den übrigen Typen unterscheidet, wie sie den hier behandelten
schreitend -hüpfenden Gestalten mit dem wehenden Kleid ähnelt. Aegae liegt in der
Troas, unweit Myrina, auf mysischem Gebiet. So konnte auch in der weiblichen Figur
auf dem Dresdener Schauspielerrelief die Personifikation einer kleinasiatischen Stadt
oder Phyle erkannt werden ').
Fassen wir alle diese Indizien — lokale, ethnographische und zoologische —
zusammen, so umschreiben wir damit die nordöstliche Ecke des ägäischen Gebietes.
Von allen Ortschaften aber war keine so oft zu nennen wie das reiche, prächtige, von
Marmor erbaute und mit Marmor befestigte Kyzikos. In seiner nächsten Nähe liegen
ergiebige Steinbrüche. Prokonnesos lieferte einen Marmor, dessen Verwendung für
das Altertum wiederholt bezeugt ist ^). Auf eine marmorreiche Gegend ließen
schon all diese besprochenen Skulpturen schließen, mit ihrer Virtuosität der
Meißelführung, die sich nur an einem wohlfeilen Material erlernen läßt. Zu dem
Nachweis, daß die Originale unter ihnen auch wirklich aus Kyzikos selbst stammen,
reichen leider die vorhandenen Nachrichten nicht aus. Doch ist zu bemerken, daß
am Nereidenmonument, das aus ,,parischem Marmor« sein soll (Smith, Cat. of sc.
Bd. II S. 7) die Platten jede mit einer in sich abgeschlossenen Darstellung geschmückt
ist (Smith, Cat. II S. 11, 19, 27). Zu den Phigaliaskulpturen bemerkt Kekule von
Stradonitz (Gr. Skulptur^ S. 117): »Die einzelnen Friesplatten enthalten stets in sich
abgeschlossene Gruppen und Gestalten, die nirgends auf eine benachbarte Platte
übergreifen. So gerät man leicht auf die Vermutung, daß sie auswärts fertiggestellt
und fertig nach Bassai gebracht worden seien«. Die Bemerkung des Katalogs, der
Marmor sei »probably obtained in the neighbourhood«, ist dagegen eine unbegründete
Vermutung. Die Nike des Paionios ist von »großkristallinischem Inselmarmor«
(Lepsius, Marmorstudien S. 106 Nr. 374) 3). Die Skulpturen von Trysa sind aus
Kalkstein, kommen also hier nicht in Frage. Die Skulpturen von Argos sollen von
parischem Marmor (Waldstein, The Argive Heraeum I S. 146 Anm.- 1), die der Nike-
balustrade von pentelischem Marmor sein (Kekule, Balustrade S. 20); es sei jedoch
auf die Bemerkung von Lepsius hingewiesen, er habe in Phigalia und Olympia
Werkstücke weißen Marmors gesehen, der einen Stich ins Hellgraue und längliche
Kristalle hat und den er für »Inselmarmor« hielt (Marmorstudien S. 57). Nach
der Beschreibung könnten diese Stücke von prokonnesischem Marmor sein.
Mag also hier unsere Aufzählung von Indizien mit einer Frage schließen, deren
Beantwortung einen Marmorkenner erfordert, so glaube ich doch, genügt das Übrige,
um als Heimstätte der Paioniosschule Kyzikos anzunehmen, auch wenn in
unserer Literatur eine Schule von Kyzikos nicht ausdrücklich genannt wird.
So kommen wir endlieh dazu, der letzten Ursache für die effektvolle Anwen-
dung des malerischen Gewandstils zur Darstellung von Bewegung nachzuspüren.
') M. Bieber, Das Dresdner Schauspielerrelief, 3) Das Material des »Hertzschen Kopfes« (R. M.
Tafel und S. 13; zum Gewandstil s. S. 85. IX 1894 Taf. VII. v. Duhn, Heidelb. Abgüsse
') Blümner, Technologie III S. 36. Marquard, Cy- Nr. 189), bläulicher Marmor mit sehr kleinen
zicus und sein Gebiet S. 34. Strzygowski, Orient Kristallen, würde wichtig sein, wenn der Kopf
oder Rom S. 54. Hasluck, Cyzicus S. 30. sicher Original und nicht Kopie wäre.
B. Schröder, Mikon und Paionios. jgl
Immer ist, wenn man diese Gewänder kennzeichnen wollte, von der Wirkung
der Luft, des frischen Seewindes gesprochen worden, der so den Stoff eng an den
Leib preßte und die Falten beweglich flattern ließe. Es kann als ausgemacht gelten,
daß auf die Vorliebe für solche fliegenden Gewänder keine Schule verfallen konnte,
die im Binnenlande, etwa in Argos oder Athen, arbeitete'), und daß der gewohnte
Anblick wehender Gewänder die Vorstellungskraft der Künstler mit solchen ge-
schwungenen Faltenmotiven erfüllen und ihre Hand führen mußte. So dürfen wir
uns mit Fug des Nordwindes erinnern, der immer um die »frigida Cyzicus« tost ^).
Das Kunstmittel der zeichnerischen Darstellung durchsichtigen Gewandes ist älter
als das Nereidenmonument und der Malerei und dem älteren plastischen Kunst-
gewerbe, wie an den melischen Reliefs ersichtlich, vertraut. Aber es mußte die Be-
obachtung des Lebens und der Natur hinzukommen, um dem Kunstmittel seine
ganze Wirkungskraft zu erschließen, die nur leider bald in Manier entarten sollte.
Dieser Ausgleich von Stil und Natur wurde zuerst von Malern gefunden und dann
sogleich von den Bildhauern übernommen, die zu seiner Ausführung in runder
Plastik natürlich der körperlichen Natur nicht entraten konnten, sich ihrer aber nur
in idealer Läuterung im Erinnerungsbild bedienten. So wäre es also falsch, den
Stil »malerisch« oder »plastisch« mit einseitiger Betonung zu nennen. Die
Schwesterkünste haben gleichen Teil an der Schaffung des Stils und an dem
Gleichmaß von Idealismus und Natur, das die älteren Leistungen der Schule, vor
allem die Nike des Paionios, in die Reihe der unvergänglichen Kunstwerke stellt.
VL
Außer den prächtigen Münzen sind Werke sicher kyzikenischer Herkunft selten.
Für das kyzikenische Kunstschaffen in archaischer Zeit zeugen die Reliefs Annual
of the Brit. School VIII 1901/2 Taf. IV (Herakles; Stier und Löwen) und B. C. H.
XXXIII 1909 Taf. 7, Reinach, Reis. II S. 176, 3, Roschcrs Lexikon unter Gryps
S. 1767 (Wagenrennen), für das 5. Jahrh. außer Androkydes, dem Zeitgenossen und
Nebenbuhler des Zeuxis und Parrhasios, authentisch nur noch ein statuarisches Werk,
das aus Kyzikos stammt, jetzt dem Britischen Museum gehört und hier (Taf. 10)
mit gütiger Erlaubnis von Herrn A. H. Smith abgebildet wird 3). Seine hohe Schön-
heit bedarf keines Lobes. Erhalten ist der Torso bis auf den Kopf, beide Unter-
schenkel, den ganzen rechten Arm und den unteren Teil des linken. Der rechte Arm
war hoch erhoben und scheint sich auf einen Stab gestützt zu haben, der linke war
im Ellenbogen vorgestreckt. An den Hüften sitzen Reste von Stegen, die den Rumpf
mit dem linken Arm und dem Attribut der Rechten verbunden hatten. Ferner sind
beide Füße mit einem Stück der eigentümlich geformten Plinthe erhalten (Abb. 26).
Die Füße stehen auf einem scharfkantigen Gegenstande, der im Londoner Katalog als
Schiffsvorderteil erklärt wird; hinten steigt die Phnthe wie Erdreich an, vorn scheinen
') B. Sauer, Die griechische Kunst und das Meer. son, Reisen und Forschungen im westlichen
N. Jahrb. f. Altert. -Wiss. XV 1912 Nr. 7 S. 482. Kleinasien S. 50.
») H. V. Moltke, Briefe. Ges. Schriften Bd. 8 S. 59. 3) Smith, Cat. of sc. 1538. Reinach, Rep. stat. II
Th. Wiegand, Athen. Mitt. 1904 S. 294. Philipp- 30, 5.
l62
B. Schröder, Mikon und Paionios.
Wellen heranzuspülen. Neben dem linken Fuß ist der Rest einer Stütze sichtbar, ob
von einem Delphin, wie der Katalog angibt, kann ich nicht entscheiden. Die Wellen
genügen wohl, um die Benennung »Poseidon« zu rechtfertigen. Der hohe Gegenstand,
auf den sich die Linke stützt, wird also ein Dreizack gewesen sein; die ausgestreckte
Rechte wird einen Delphin oder Thunfisch gehalten haben '). Der Torso wird im
Katalog in hellenistische Zeit gesetzt. In das 5- Jahrh. weisen jedoch die, wenn auch
ausgebildeten, so doch nicht in hellenistischer Weise übertriebenen Muskeln, die
ruhige Haltung und Einzelformen, wie die streng in fein ziselierten Löckchen
gebildeten Schamhaare. Die Haltung des Körpers mit dem hohen Aufstützen der
einen Hand ist im 5. Jahrh. nicht ungewöhnlich '). Der Stil des Torsos ist ganz ver-
schieden von argivischen oder attischen Akten. Zu vergleichen sind ionische
Werke: der Apollo von Ince Blundell Hall (Sauer, Arch. Jahrb. XXI 1906 S. 163 ff.),
mit dem er auch den unentschiedenen
Stand auf beiden gleichmäßig belasteten
Beinen gemein hat, die nackten Krieger
am großen Fries und der Jüngjingstorso
vom xanthischcn Nereidendenkmal, der
Boreas des Akroters vonDelos, also lauter
Werke aus dem oben behandelten Kreise.
Nahe verwandt ist auch das wertvolle
Bruchstück in Sevilla, E. V. 1830, hier
Abb. 27: ein Mann, der am Boden halb
sitzt, halb liegt und sich mit dem Arm
auf den Boden stützt, ähnlich dem am
Boden ruhenden Heros auf dem Marathon-
bild des Pariser Niobidenkraters (F.-R.
Gr. Vm. Taf. 108) und dem Aktaion
auf dem Krater F.-R., Gr. Vm. Taf. 115. Die Chlamys über dem linken Arm und
hinter dem Körper verrät namentlich in dem Stück im Hintergrund genau die Auf-
fassung wie am Nereidendenkmal mit den wenigen hochstehenden Graten über
flachen Tälern. In dem Motiv, wie die vordere Hälfte der Chlamys über die
linke Schulter zurückgeschlagen ist, ähnelt das Werk dem Neapler Adonis (Br.-Br.
334, Clarac 865, 2203), dessen Chlamys ganz ebenso stilisiert ist, dessen weiche
Körperformen aber eine jüngere Datierung verlangen. Ferner gehören hierher der
Kapaneus Albani (Br.-Br. 607) und die Stele von Pella in Konstantinopel, an der
im Akt namentlich eine ungewöhnliche Einzelheit, die tiefe Delle unterhalb des Brust-
beins mit dem Torso aus Kyzikos zu vergleichen ist 3). Diese Stele sieht auch dem
ApoUon von Ince Blundell Hall im Profil so ähnlich, daß man sie dem Kreis des
Abb. 26. Fuße des Torsos aus Kyzikos.
') Vgl. die Münze von Kyzikos, Brit. Mus. Cat. of
coins, Mysia PI. XI, 8; Relief im Vatikan, Ame-
lung, Katalog II Taf. 15.
') Athena in Madrid, E. V. 1508/09. Br.-Br. 502
links. Reinach IV 165, 6. Torso in Sevilla, E.
V. 1810 u. a. m.
3) Fr.-W. 37; Mendel, Cat. des Sculptures du Mus^e
Ottoman I S. 132 Nr. 39. Rodenwaldt, Arch.
Jahrb. XXVIII 1913 S. 318.
B. Schröder, Mikon und Paionios.
163
Paionios einreihen möchte. Von jüngeren Werken schließt sich der Ares Borghcse an,
dessen Helm unter den thrakischen Helmen, Arch. Jahrb. XXVH 1912 S. 322, Form 7,
hätte aufgezählt werden müssen und somit wieder in die nordische Gegend weist.
Ebendahin führt uns eine Reihe älterer Werke, die dem Torso nahe stehen, die
Gruppe der Tyrannenmörder und die selinuntischen Metopen des Tempels E, zumal
der sitzende Zeus der Zeus-Hera-Metope. Diese Metopen sind jüngst durch die Ver-
Abb. 27. Torso in Sevilla.
wandtschaft des Zeuskopfes mit dem Aristogeitonkopf des Britischen Museums,
Arch. Jahrb. XXVHI 1913 S. 26 ff. '), in eine noch engere Verbindung mit den
I) Auf eine dritte Replik (Herme) dieses Kopfes
im Neapler Museum hat mich L. Curtius freund-
lich hingewiesen. Diese Herme ist besser als der
»Pherekydes«, aber schlechter als das Londoner
Exemplar, von dem sie in wesentlichen Einzel-
heiten abweicht. Eine — wenn auch schwache —
Stütze meiner Deutung des Londoner Kopfes
sehe ich in einer Doppelherme des Britischen
Museums (Ancient Marbles H Taf. XVH, Müller-
die sie vollends
Wieseler Taf. XXXVI, 429, Catalogue of sc.
1623). In ihr ist ein bärtiger Kopf, an dem die
Bartlocken genau in derselben Art wie am Phere-
kydes gebildet sind, mit einem jugendlichen
Kopf verbunden, der trotz aller Verflachung
noch ein Vorbild strengen Stils von der Art
des Harmodios verrät. Auf die beiden künst-
lerisch völlig wertlosen Köpfe ist dann eine
konventionelle archaisierende Haarfrisur gestülpt,
unkenntlich macht.
104 B- Schröder, Mikon und Paionios.
Tyrannenmördern gesetzt worden, als es früher schon auf Grund der Akte und
Stellungen usw. möglich war '). Nun scheint mir aber der Zusammenhang der
Tyrannenmörder nicht nur mit manchen Gestalten der Amazonenvasen (Hauser,
F.-R., Gr. Vm. II S. 322), sondern vor allem mit dem Apollon auf dem Niobiden-
krater unverkennbar. Die Niobidentötung ist von dem Maler auf die Rückseite
des Gefäßes und mit weniger Sorgfalt als die Hauptseite mit der »aktuellen«
Darstellung der Marathonschlacht gemalt. Sie verrät aber dieselbe Schule wie
jenes Bild, nur auf etwas älterer Stufe (M. Heinemann, Landschafthche Elemente
S. 99 ff. Dazu, ohne die These M. Heinemanns zu widerlegen, P. Jacobsthal,
Theseus auf dem Meeresgrunde S. 21 ff.). .Der Maler hat die Vorlage von der
vorigen Saison auf den zweiten Platz verwiesen, wie sonst die ältere Vorlage auf den
oberen Bildstreifen, auf den Hals der Vase oder, wie bei den klazomenischen Sarko-
phagen, an das Fußende rückt. Wir sind auch hier im Zusammenhang mit der Mi-
konischen Schule*). Neben den Tyrannenmördern steht auch der Akropolisknabe3),
neben diesem der Knabentorso in Palermo, E. V. 550, durch den sich Arndt an einen
Torso in Eregli (Perinth) am Marmarameer, also in unmittelbarer Nähe von Kyzikos,
erinnert fühlte, und der auch durch sein Material, leicht bläulichen Marmor, Herkunft
aus den Brüchen von Prokonnesos zu verraten scheint. Ob in der Darstellung der
Tyrannenmörder und des Epicharinos (?) auf Kyzikener Münzen 4) eine engere Be-
ziehung des Kritios und Nesiotes zu Kyzikos zu erkennen ist, mag eine offene Frage
bleiben; auch die nahe Verwandtschaft der Selinuntischen Metopen mit dem schönen
Berliner Nikerelief aus Pergamon 5) mag für die Herkunft des Stils noch nicht beweis-
kräftig genug sein. Aber die selinuntische Metope mit dem Kampf zwischen Athena
und dem Giganten gibt wieder einen Anhalt mit ihrer engen Beziehung zu der
Brygosschale mit dem Gigantenkampfe de Luynes, Vases PI. XIX, Hartwig, Meister-
schalen S. 356. Leider fehlt auf der Schale gerade der Kampf der Athena; wäre er
erhalten, man meint, er müßte der Selinuntischen Metope geglichen haben, so sehr
stimmen Gewänder und Bewegungen in den Kampfgruppen auf beiden Werken über-
ein. Der Helm des Giganten ist arg zerstört, doch scheinen die hohe Kappe und der
runde Kontur einer Verzierung über dem Ohr von der thrakischen Helmform mit dem
hohen Kopf und dem seitlich aufgerollten Stirnschirm herzustammen; die Brygos-
schale ist aber eins der ältesten Werke griechischer Kunst, auf denen die thra-
') vielleicht ist es nicht Zufall, daß auf dem Marmor- Petersburger Krater C. R. 1867 Taf. VI. Der
sessel J. H. St. V 1884 Taf. XLVIII auf der Dionysos mit seinem flachen Schädel, den spiral-
einen Seite die Gruppe der Tyrannenmörder, förmigen Bartlocken und seiner Ausfallstellung
auf der anderen eine Kampfszene aus einer gleicht dem Aristogeiton, wie der Gigant mit
Amazonenschlacht wiedergegeben ist, die sehr seinem thrakischen Helm und seiner knienden
wohl einem »Mikonischen« Wandgemälde ent- Stellung vielen Figuren der Amazonenvasen,
lehnt sein kann. Der stilistische Unterschied 3) A. M. 1880 Taf. i. Bulle, Schöne Mensch Taf. 40.
zwischen beiden Gruppen würde zu der Datierung Schrader, Archaische Marmorskulpturen S. 58.
des Denkmals und der Gemälde stimmen. 4) v. Fritze, Nomisma Heft VII, 1912, S. 27, Taf. IV
*) Zwischen dieser Niobidentötung und den Tyran- 5, 6.
nenmördem auf der einen Seite und den Mikoni- S) Amtl. Berichte XXXII Nr. 11 S. 242. Hierzu
sehen Vasen auf der anderen vermittelt der Abb. 28.
B. Schröder, Mikon und Paionios.
165
kische Helmform erscheint, und zugleich in der Art der Bewegungen und den
(besonders am Hephaistos) durchsichtig gezeichneten Gewändern direkter Vorläufer
der »Mikonischen« Vasen, im besonderen des Petersburger Kraters') C. R.
1867 Taf. VI. Diese Metopen sind aber auch mit dem oben behandelten Kreis
jüngerer Werke verknüpft, und zwar durch die Beziehungen zwischen den Zeus-
Hera-Metopen von Sehnunt und Phigaha (Sauer, Ber. d. "Sachs. Ges. 1895 S. 231).
Abb. 28. Relief aus Pergamon in Berlin.
Scheint also die Bildung des Londoner Torsos nicht nur auf den Kreis des
Nereidendenkmals, sondern zugleich auf die unmittelbar vorhergegangenen Phasen
derselben Kunstschule zu deuten, so weist auch die Darstellung des Gewandes in
dieselbe Gegend.
Das Gewand besteht in einer Chlanis, die über die Schulter geworfen, lang vor
und hinter der linken Körperhälfte herabhängt, eng am Leib anliegend, als ob sie
') Siehe Seite 164 Anm. 2.
i66
B. Schröder, Mikon und Paionios,
im Schreiten vom Wind dagegcngepreßt würde, also ganz ähnlich wie die Kleidung
bei den oben betrachteten laufenden und schreitenden Gestalten. Dies lange Stück
Zeug, aus archaischer Kunst wohl bekannt, genießt in der Zeit nach den Perser-
kriegen besondere Vorliebe in Malerei und Plastik. Es wird lose über beide Schul-
tern gelegt '), teilweise um Arm oder Schulter gewickelt ^) oder mehr oder weniger
schmal zusammengeschoben über eine Schulter geworfen 3), auch zuweilen durch den
Abb. 2g. Von einer Nolaner Amphora der Sammlung Barre.
Gürtel gezogen 4), um nicht im Kampf herabzurutschen und sich um die Beine zu
schlingen, wie in den Kämpfen an den Friesen von PhigaHa, am Niketempel, am
') Furtwängler, Gemmen X, 3. Arch. Zeitung 1845
Taf. 36 u. a. m.
') Bullett. communale 1908 Taf. I, Statue in Rom.
Oinomaos von Olympia. Anakreon Borghese.
Vasen mit Erich thoniosgeburt: Mon. Inst. X, 39
und Gerhard A. V. 151 (Sauer, Das Theseion
S. 60, 62/3).
J) Kapaneus Relief Br.-Br. 607. Trysa: Anführer
in der Feldschlacht und Telemachos im Freier-
mord Reinach Reis. I S. 449, 4; 445, 3. Lapith
auf dem Krater Laborde I, 25. Stele von Pella
F.-W. 37. Reiter auf dem Stamnos De Ridder
Vases Bibl. Nat. Taf. XIII, 388. Polydeukes
auf der Talosvase. Grabmal des Aristonautes
Komos Miliin I, 36 u. a. m.
<) Inghirami, Vasi fittili II Taf. 169. Trysa, Krieger,
Reinach, R^p. Reis. I S. 451, 3 und oftauf unter-
italischen Vasen, z. B. Inghirami III CCXXII.
B. Schröder, Mikon und Paionios. 167
Panciatichirelief ') (Br.-Br. 607) und auf der Gigantenvase des Aristophanes und
Erginos (F.-R. Gr. Vm. III Taf. 127). Auch wird der Schal mit dem einen Zipfel
lose seitwärts um den Leib, über den Arm oder rückwärts über die Schulter ge-
schlagen^) oder kreuzweis gelegt und wie eine Schärpe geknotet3). Die Mehrzahl
der Denkmäler gehört dem ionischen Kreise, in dem eine Vorliebe für die Schärpen-
tracht bestanden zu haben scheint. Im Stil wird aber diese Chlanis bei den ver-
schiedenen Kunstv/erken sehr verschieden behandelt. Fast archaisch unstofflich auf
Vasenbildern wie Inghirami, Vasi fittih II, Taf. 169, de Luynes Taf . 40, der Neapler
Amazonenvase F.-R. 26/7, Brygosschale F.-R. 25, Erichthoniosvase Gerhard, A. V. 151
und an der Statue in der Villa Borghese Bull. comm. XXXVI 1908 Taf. I — III; bronze-
mäßig modeUiert und, um tiefe, schwarz beschattete Hohlräume zu vermeiden, mit
dem Körper eng verbunden, an der Anakreonstatue; stofflos in Strichmanier stihsiert
und doch dem Körper angepaßt z. B. auf dem Bologneser Amazonen- Krater F.-R.
75/6, dem Pariser Niobidenkrater, der Aristophanesschale und der Jünglingsstele von
Pella, die in der Zeichnung der Chlaina und Stellung des Körpers dem Dionysos auf
der Vase in Neapel, Museo Borbonico II Taf. XLV sehr ähnlich sieht. Ebenso un-
materiell, aber weicher und breiter, erscheint das Kleidungsstück am Oinomaos in
Olympia. Gerade der Vergleich mit dem zuletzt genannten zeigt, wohin der Lon-
doner Torso gehört: zu den Mikonischen Vasen und der Stele von Pella. Diese Stele
verrät noch deutlich die Hand, die auf der Oberfläche des Steins oder in der Vorlage
über dem gezeichneten Akt die Faltenstriche leicht von oben nach unten zog. Bei
dem niedrigen Relief blieb die Körperoberfiäche samt der Chlaina nahezu eben; bei
einer stärkeren Relieferhebung wäre der Stoff ebenso den Rumpfformen gefolgt,
ohne die Gesetze des eigenen Gewichts zu achten, wie es an dem Kyzikener Torso
der Fall ist. Der Eindruck, als sei der Stoff vom Wind oder der Bewegung ange-
preßt, ist eine zunächst zufällige, in diesem Fall dann sinnvoll angewandte Begleit-
erscheinung des Stils. Die Falten der Chlanis wirken wie eine Verfeinerung der
Falten am Kapaneusrelief und am Himation des Zeus auf der Selinunter Metope,
bei dem die ganze Gewandung sich ohne weiteres in gezogene Striche zurücküber-
setzt. Auch die Falten auf dem Bologneser Krater und dem Berhner Fragment, A. Ztg.
1883 Taf. 17, sind noch etwas strenger stilisiert. Die Zeichnung der Falten auf der
fikoronischen Ciste würde am ehesten entsprechen, die Chlaina auf der Schale des
Aristophanes und Erginos würde dagegen schon ein jüngeres Stadium vertreten.
So ergibt sich auch aus der Vasenchronologie ein relatives Datum, das wir nicht zu
weit von der Mitte des 5. Jahrhs. ansetzen werden. Was also den Torso mit den oben
') Das Panciatichirelief scheint doch original zu sein Spinelli A. J. XVIII 1903 S. 46. Niobidenkrater
und nur überarbeitet. Ich glaube auf der Tafel F.-R. Taf. 108. Schale mit Epheben, De Ridder,
Br.-Br. 6o7nochdenKonturdesehemalsrichtigen Vases Bibl. Nat. Abb. III.
Helmbusches und über der rechten Hand mit 3) Dubois-Maisonneuve, Introd. Taf. XXIII. Brygos-
dem sinnlos nach unten gekehrten Schwert noch schale F.-R. Taf. 25. Onesimosschale Hartwig,
die Spur der rechten Hand mit aufwärtsge- Msch. S. 550/1. Iliupersis Mon. X Taf. LIV.
kehrtem Schwert zu erkennen. Volutenkrater in New York F.-R. Taf. 116/7.
') Krater in Bologna F.-R. Taf. 75/6. Pelike Glockenkrater in Genf F.-R. II S. 314. Lebes
Stoddart F.-R. Taf. 58.
l58 C. Robert, Chrysippos und Antigene auf apulischen Vasen.
behandelten Skulpturen verbindet, ist der Stil sowohl des Rumpfes wie der Gewandung,
in der ich meine, weniger ein Abbild der natürlichen Erscheinung als Nachahmung
zeichnerischer Technik zu erkennen. Man verfolge mit dem Auge oder mit dem
Stift die langen, gewellten Faltenstriche und sehe, wie die Striche so willkürlich an-
setzen, ausweichen und verlaufen (vgl. die Iliupersis, Froehner, Verkaufskatalog
Paris 1878, CoUection M. de Albert B(arre), hier Abb. 29); das ist nicht am Modell
studiert, sondern Nachahmung einer nicht plastischen Technik, die das Erinnerungs-
bild bewegten Stoffs mit zeichnerischen Mitteln festhielt. Wenn dann dieser Torso
ebendaher stammt, wo wir den Stil der stilistisch verwandten Skulpturen entstanden
glaubten, so meinen wir in ihm eine wertvolle Bestätigung der Theorie zu erkennen,
die die Skulpturen aus dem Kreise des Paionios mit der nordionischen Malerei
und mit der Stadt Kyzikos als Sitz dieser Schule in Zusammenhang bringt.
Berlin. B. Schröder.
CHRYSIPPOS UND ANTIGONE AUF APULISCHEN
VASEN.
Mit Taf. II— 13.
Drei viel besprochene Vasenbildcr findet der Leser auf Taf . 11 — 13 nach neuen
Zeichnungen Lübkes zum ersten Male stilgetreu abgebildet. Über den Anlaß zu ihrer
Publikation an dieser Stelle, der ein rein zufälliger ist, habe ich zunächst ein Wort zu
sagen. Einer im Druck befindlichen mythologischen Monographie wollte ich diese
Vasenbilder in kleinen, anspruchslosen Textabbildungen beigeben und wandte mich
deshalb an meine verehrten Freunde V. Spinazzola und R. Zahn mit der Bitte um
geeignete Vorlagen. Da traf es sich denn, daß die beiden Berliner, bisher nur in Ger-
hards Apulischen Vasenbildern veröffentlichten Amphoren gerade gereinigt und von
den modernen Übermalungen befreit wurden, eine vortreffliche Gelegenheit, um
wenigstens ihre gegenständlich wichtigsten Bilder, die Chrysippszenc und die
Antigoneszene, von Lübkes geschickter und erfahrener Hand neu zeichnen zu lassen.
Von der Neapler Chrysippdarstellung aber, die bisher nur in Overbecks Heroischer
Gallerie I 2, man kann nur sagen, karikiert abgebildet war, hat mir Spinazzola mit
gewohnter Liebenswürdigkeit vier Teilphotographien anfertigen lassen. Auf diesen
hat Lübke die ganze Komposition wieder so hergestellt, wie sie auf Taf. 1 1 erscheint.
Aber auch von jenen Teilphotographien wenigstens die beiden schönsten hier in den
Text zu setzen, habe ich mir nicht versagen können (Abb. i, 2). Daß aber jene drei,
unter dem ständigen Beirat von Zahn und Rodenwaldt mit so großer Mühe und
schönem Gelingen geschaffenen Zeichnungen Lübkes ihren Zweck schon erfüllt haben
sollten, wenn sie als Vorlagen für die erwähnten Textabbildungen gedient hatten.
C. Robert, Chrysippos und Antigone auf apulischen Vasen.
169
das wollte vielen Beteiligten und Interessierten nicht in den Sinn. Vielmehr mußte
sich der Wunsch aufdrängen, sie in Originalgröße veröffentlicht zu sehen. Diesem
Wunsche kam mein hochverehrter Freund Dragendorff in freundlichster Weise ent-
gegen, indem er mir für diesen Zweck das Jahrbuch zur Verfügung stellte. Ich selbst
aber befinde mich jetzt, wo ich zu den Tafeln ein paar begleitende Worte aufsetzen
soll, in einer etwas schiefen Position. Denn während sonst der Hausbrauch dieser Zeit -
Abb. I. Teilansicht des Kraters im Museum zu Neapel (zu Taf. 11).
Schrift ist, daß die Abbildung das Wort erläutert, ist hier die Publikation die Haupt-
sache, der Text nur Beigabe. Und wenn ich nur für die Deutung und das Verständnis
der Darstellungen etwas Neues oder Wesentliches beibringen könnte. Aber nicht
einmal das ist der Fall. Ich kann nur Bekanntes und Anerkanntes wiederholen; denn
das eigentliche Problem, die Frage nach den poetischen Quellen der Darstellungen,
läßt sich nicht so nebenher, sondern nur in ganz großem Zusammenhang erörtern und
führt über die Grenzen einer archäologischen Zeitschrift, mag man diese auch noch
so weit stecken, unendlich hinaus. Auch daß es sich um zwei ganz verschiedene Ge-
schichten handelt, die zwar beide dem thebanischen Sagenkreis angehören, im übrigen
170
C. Robert, Chrysippos und Antigene auf apulischen Vasen.
aber in keinerlei Verbindung miteinander stehen, ist der Einheitlichkeit der Dar-
stellung nicht förderlich. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als daß ich mich wie in
einem Katalog im wesentlichen auf die Angabe des Tatsächlichen beschränke, hier und
da ein paar aphoristische Bemerkungen einstreue und die Probleme kurz formuliere,
ohne auf ihre Lösung näher einzugehen.
Die Taf. 11 abgebildete Darstellung vom Raub des Chrysipp nimmt die eine
Abb. 2. Teilansicht des Kraters im Museum zu Neapel (zu Taf. 1 1).
Seite des oberen Bauchstreifens einer Ruveser Amphore im Neapler Museum ein;
HeydemannVasens. 1769, Overbeck a. a. O. S. 7. Sehr verwandt ist die Darstellung
desselben Vorgangs auf der berühmten pränestinischen Cista Barberini, Mon. d.
Inst. VIII tav. 29, 30 (darnach Wien. Vorlegebl. 1889 Taf. VIII 2); vgl. G. Matthics,
Die pränest. Spiegel S. 71 Abb. 10, Heibig 3 II S. 3i8f. Nr. 1768 a. Laios entführt
Chrysippos auf seinem Viergespann; der Pädagoge des Knaben macht den aus-
sichtslosen Versuch, dem Räuber seine Beute abzujagen. Auf der Cista wird er dabei
von einem Spielkameraden des Chrysippos, vielleicht einem seiner Brüder (Atreus ? ),
und zwei Hunden unterstützt. Von diesen ist auf der Vase nur der eine übrig ge-
C. Robert, Chrysippos und Antigone auf apulischen Vasen. 1 7 1
blieben, aber an andere Stelle, unter das Viergespann, versetzt, wo er sich an einer
erbeuteten Schlange ergötzt, zugleich aber, durch das Herandonnern des Wagens
ängstlich geworden, den Schwanz zwischen die Beine kneift. Während auf der
Cista nur eine hinter dem Pädagogen angebrachte Taube andeutet, daß Aphrodite
dem Knabenräuber huldvoll gesinnt ist, arbeitet der Vasenmaler mit einem viel
größeren erotischen Apparat. Ein Eros führt den rechten itapa'ssipo? am Zügel, ein
Eros bringt Chrysippos Kranz und Tänie, und der Knabe ist durch seinen Anblick
und die Geschenke so hingerissen, daß er bewundernd zu ihm aufblickt und des Päd-
agogen ganz vergißt, nach dem er auf der Cista hilfeheischend die Arme ausstreckt
(vgl. auch Taf. 12). Aber auch Aphrodite selbst ist gegenwärtig. Neben einer weib-
lichen Herme ") sitzend, auf deren Haupt sie den Ellbogen stützt, weist sie mit ge-
lassener, aber eindrucksvoller Handbewegung den verfolgenden Pädagogen zurück.
In der Rechten hält sie einen Ball: otpatpirji Ssuxs (xs i:opcpup£ifji ßctXXtuv j^puooxojxrj«
'Epto; xtX. Den kurzen, keulenartigen Gegenstand auf der Plinthe der Herme vermag
ich nicht zu deuten. Ein Thyrsos, als welchen ihn Heydemann beschreibt, ist es
gewiß nicht. Der Platz dieser Herme wird auf der Ciste durch eine ionische Säule
eingenommen, die wohl das Ende des Hippodroms, die vuaaa, bezeichnen soll. Statt
sie zu umfahren, fährt Laios über sie hinaus und bricht so aus den Schranken des
Hippodroms, so daß dem Pädagogen seine Absicht, den Knaben zu entführen, klar
wird. Hat auf der Vase die Herme dieselbe Bedeutung wie die Säule auf der Ciste .?
Man könnte an die von Hesych bezeugte 'A<spo5iTifj ' luitoSajisia erinnern, so daß sich
die Göttin hier wieder einmal auf ihre eigene Herme stützen würde; weiter daran, daß
in historischer Zeit auf der einen vutJd« des olympischen Hippodroms ein Erzbild der
Hippodameia stand toiiviav xe lynnaoi xal dvaSeiv tov IlsXoTca (xsXXouaa itiX t^i vi'xiji
(Paus. VI 20, 19), natürlich nur als Analogen, denn zur Zeit des auf der Vase dar-
gestellten Vorgangs ist die Heroine Hippodameia noch am Leben. Aber das alles
hieße dem Vasenmaler viel zu große Gelehrsamkeit zutrauen. Denn allem
Anschein nach gibt doch die Cista die Vorlage getreuer wieder als die Vase, so daß
die Aphrodite auf Rechnung des Vasenmalcrs kommt. Nur daß die Herme tat-
sächlich die der Aphrodite ist, scheint mir der Erwägung wert. Als Kontrastfigur zu
Aphrodite ist links der jugendliche Pan mit Keule und Syrinx ^) angebracht.
Die hier dargestellte Sagenversion berichtet kurz und bündig Apollodor III 44,
Amphion und Zethos töv jiIv Auxov xTeivouai . . . Aat'ov 8e dSeßaXov. 6 8k ht FleXoirov-
v-^Stot SiaxsXöiv irijevouxat OeXom, xal xouxou TcaTöa Xpilaiitirov otpftaToSpopiEtv SiSotaxwv IpaaÖEk
dvapiraCsi. Daß dies ein Tragödienstoff ist, liegt auf der Hand; fraglich ist nur, ob es
der des 410 zugleich mit Ofvoixao? und Ooividaai aufgeführten XpuaiTrTro; ist, was
Welcker annahm, Wilamowitz aber bestreitet.
•) Vgl. die Herme auf der Perservase. Schwanken haben sich Lübke und Rodenwaldt
2) Da hier ein überschmierter Bruch durchgeht, Heß für letzteres entschieden. Dieser hat aber jetzt
sich nach der Photographie nicht mit Sicherheit an dem Original festgestellt, daß alle Röhren
feststellen, ob die Röhren der Syrinx von gleicher gleich lang sind, die Syrinx also die ältere Form
oder ungleicher Länge sind. Nach langem hat. In diesem kleinen Detail bedarf also Lübkes
Zeichnung der Berichtigung.
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. 14
172
C. Robert, Chrysippos und Antigene auf apulischen Vasen.
Die Taf. 12 abgebildete Paralleldarstellung findet sich auf einer Amphora
derselben Form im Berliner Museum, und zwar gleichfalls im obersten Bauchstreifen,
Furtwängler, Vasenkat. 3239, Gerhard, Apul. Vasen Taf. VI. Hier nimmt statt des
Pädagogen Vater Pelops selbst die Verfolgung auf, und da sein Trabant dem Gespann
von vorn in die Zügel fällt, hat es fast den Anschein, als ob ihm die Befreiung seines
Sohnes gelingen werde, der denn auch hier die Arme hilfeheischend zu ihm zurück-
streckt, wie auf der Barberinischen Cista nach dem Pädagogen. Und in der Tat liest
manÄhnhches beiHygin fab. 85, wo aber Pelops, um seinen Sohn wiederzugewinnen,
einen förmlichen Krieg führt [hello recuperavit), und bei dem sogenannten Dositheos in
Pseudo-Plutarchs kleinen Parallelen 33. Aber bei näherem Zusehen erkennt man, daß
beide Male das Motiv nur eingeführt ist, um zwei absolut unvereinbare Sagenversionen
gewaltsam miteinander zu verknüpfen, die Entführung des Chrysippos durch Laios,
die unbedingt mit dem Selbstmord des geschändeten Knaben enden muß (Ael. nat. an.
VI 15), und seine Ermordung durch seine Brüder Atreus und Thyestes. Die Befreiung
des Chrysippos aus den Armen des Laios ist also nichts wie ein Produkt jämmerlich-
ster Mythenklitterung, Pelops' Befreiungsversuch auf der Vase muß ebenso ver-
geblich sein wie der des Pädagogen auf den beiden anderen Repliken '). Das beweist
auch der mit Kranz und Tänie auf Chrysippos zufliegende Eros, das genaue Abbild
der entsprechenden Figur auf der Neapler Vase. War es schon an sich kaum glaub-
lich, daß auf dem Berliner Exemplar eine andere Sagenform befolgt sein sollte wie
auf dem Neapler, durch diese beiden Vasen gemeinsame Figur wird die Sache ent-
schieden.
Eine Amphora ganz derselben Form, derselben Provenienz und derselben Fabrik
ist es endlich, die die Taf. 13 abgebildete Antigonedarstellung enthält, wieder im
obersten Bauchstreifen, Furtwängler, Vasenkat. 3240, Gerhard, Apul. Vasen Taf. XI,
darnach Arch. Zeit. 1870 Taf. 40, i, Wien. Vorlegebl. 1889 Taf. IX 12 u. ö. Die richtige
Benennung der Figuren hat Heydemann auf Grund der von ihm zuerst publizierten
Ruveser Antigonevase gegeben ^), auch erkannt, daß hier dieselbe Tragödie illustriert
wird, deren Inhalt Hygin fab. 72, allerdings seiner Gewohnheit nach mit manchen
fremden Zutaten, wiedergibt. Darnach ist der Moment dargestellt, wo Herakles den
König Kreon um Gnade für Haimon und Antigene bittet. Haimon hatte Antigone,
statt sie nach seines Vaters Befehl zu töten, heimlich auf dem Lande verborgen ge-
halten; sie hat ihm einen Sohn geboren, der bei den Knabenwettspielen in Theben
den Sieg errungen und von Kreon an dem Muttermal der Sparten, der Lanze, als
sein Enkelkind erkannt worden ist. Antigone wird vor den König geführt; sie soll
') Auf einer vierten Replik, einer Vase der Samm-
lung Pulzky (Wien. Vorlegebl. VI 11, 2), die
übrigens die älteste erhaltene Illustration des
Vorgangs ist, beschränkt sich die Darstellung
auf das Viergespann des Laios und Chrysipp und
im Hintergrund dessen klagende Mutter.
*) Abgeb. Nacheuripideische Antigone, darnach
Arch. Zeit. XXVIII 1870 Taf. 40, 2. Besser, aber
keineswegs gut, Mon. d. Inst X tav. 27, darnach
Wiener Vorlegebl 1889 Taf. IX 12 ti. ö. Hinzu-
gekommen ist das wichtige Karlsruher Fragment
Hauser, Arch. Zeit 1884 Taf. 19, darnachWiener
Vorlegebl. Ser. E Taf. VI 3, Schumacher, d. Z.
IV 1889 Taf. 7 Nr. 227 f. Winnefeld, Vasen-
sammlung in Karlsruhe S. 62, und am besten
A. Winkler, Darstellungen der Unterwelt S. 30, 35
und Aus der Anomia S. 149.
C. Robert, Chrysippos und Antigene auf apulischen Vasen. . lyt
mit ihrem Gatten Haimon des Todes sterben. Da kommt als deus ex machina,
aber als einer, der noch auf Erden wandelt, Herakles, um für sie zu bitten. Auf dem
Bilde sehen wir den Sohn des Haimon von seinem Großvater weg auf seine gefesselte
Mutter zuschreiten, während er auf dem Ruveser Exemplar hinter Kreon steht.
Rechts finden wir in tiefer Niedergeschlagenheit seinen Vater Haimon. Hinter dem
König steht sein Doryphoros, dem der Übermaler in die gesenkte Rechte einen
Kranz gegeben hatte, der sich jetzt als ein Pilos {?) entpuppt hat.
So weit ist wohl alles gesichert. Nur zweierlei ist kontrovers. Erstens ob die
Geschichte so ausging wie bei Hygin, daß Herakles' Bitte erfolglos bleibt: cum
Hercules pro Haemone deprecaretur, ut ei ignosceret, non impetravit. Kann man sich
eine solche vergebliche Bitte des xaXXivuo? schon an sich schwer vorstellen, so ist
es doch geradezu absurd, daß sich ein Künstler einen solchen Mißerfolg des Zeus-
sohnes zum Gegenstand seines Gemäldes gewählt haben sollte. Bei Hygin erklärt
sich das Paradoxon daraus, daß er ähnlich wie in der oben besprochenen Chrysipp-
fabel Konkordanz zwischen zwei unvereinbaren Sagenformen herstellen wollte;
denn er fährt fort : at Creon Megaram filiam suam Herculi dedit in coniugium, wodurch
dieser sein Erbe wird, vgl. fab. 32. Da mußte freilich Haimon aus der Welt geschafft
werden. Nach Sophokleischem Vorbild läßt ihn der Mythograph sich selbst um-
bringen.
Die zweite Kontroverse ist, ob diese Tragödie die 'AvtqovT) des Euripidcs oder
ein Drama des vierten Jahrhunderts ist. Für die zweite Alternative sind nach Heyde-
mannsVortritt sehr viele Forscher, zuletztPaton, Harvard StudiesXH, 1901, p. 267 ff.,
und Bruhn in der Einleitung zu seiner vorzüglichen Neubearbeitung von Naucks
Antigone -Ausgabe S, 28 £f. eingetreten, für die erste Max. Mayer, De Euripidis
mythopoeia p. 73, und, im wesentlichen ihm folgend, Huddilston, Americ. Journ. of
Archaeology HI, 1899, p. 183 ff. Die Entscheidung hängt von der Interpretation
der Worte des Aristophanes von Byzanz in der Hypothesis zu Sophokles' Antigone
ab, zu der vor kurzem Th. 0. H. Achelis im Philologus LXXHI 1914 S. 150 gute
Bemerkungen veröffentlicht hat.
Halle a. S C. R o b e r t.
174
G. Lippold, Zum famesischen Stier.
ZUM FARNESISCHEN STIER").
W. Klein hat kürzlich nachzuweisen versucht, daß unter den kampanischen
Wandgemälden fast gar keine Kopien älterer, »klassischer« Bilder vorhanden seien,
daß eine große Anzahl überhaupt keine malerischen Vorlagen, sondern Werke der
Plastik nachbilde. Von den Gründen für diese Behauptung, die sich großenteils leicht
widerlegen lassen, soll hier nur ein scheinbar besonders schlagender betrachtet werden.
»Daß auch das Bild des Vettierhauses, die Bestrafung der Dirke (Herrmann Taf. 43),
von dem Original des Toro Farnese abstammt, das er mit ähnlicher Freiheit malerisch
umgesetzt hat, hat meines Erachtens Herrmann gegen Sogliano und Mau vergebens
in Abrede zu stellen versucht.«
Abb. I. Detail von einer etruskischen Aschenurne.
Bei Erörterung dieser Frage ist auffallenderweise ein schon lange bekanntes
Monument nicht in Betracht gezogen worden, das die sicherste Entscheidung gibt:
eine etruskischc Aschenurne (Abb. i) ^), die von dem Werke des ApoUonios und
Tauriskos gewiß nicht abhängig ist, da sie älter ist als dieses 3). Hier ist die Gruppe
schon wesentlich in der späteren Fassung vorhanden. Daß auf der Urne der eine
der beiden Brüder Flügel bekommen hat (auf der fragmentierten Wiederholung
fehlen sie), kann bei dem Charakter dieser Reliefs nicht auffallen, ebensowenig wird
l) Studniczka, Zeitschr. f. bild. Kunst XIV (1903),
171 ff. — Klein, Österr. Jahresh. XIII 1910, 123 ff.
(vgl. bes. 147). — Rodenwaldt, Komposition der
pompeian. Wandgemälde 219 ff. — Herrmann-
Bruckmann Taf. 43. — Während des Druckes
ist erschienen die Dissertation von H. Schaal,
»De Euripidis Antiopa«, wo die Urnen bereits
richtig verwertet sind; verfehlt scheint mir da-
gegen die Polemik gegen Studniczka.
») Brunn-Körte, Urne etrusche II, tav. IV, I.
Ebenda Nr. 2 eine fragmentierte Wiederholung.
3) Zur Datierung der Urnen: Körte, Das Volumnier-
grab S. 33. Tosi, Studi e Material! IV p. 35
Anm. 110..
G. Lippold, Zum famesischen Stier. lyc
man die nackte Frau links, mit der Antiope gemeint sein wird, zur ursprünglichen
Komposition rechnen. Das Relief beweist die Existenz einer derartigen Komposi-
tion — und zwar wahrscheinlich in Malerei — vor ApoUonios und Tauriskos. Ver-
gleichen wir nun das pompeianische Bild einerseits mit dem Urnenrelief, andererseits
mit der zu erschließenden ursprünglichen Fassung der plastischen Gruppe '), so kann
kein Zweifel sein, welchem von beiden Typen das Gemälde zuzuweisen ist: es stellt
sich entschieden zu dem Urnenrelief: mit ihm teilt es das Vorwärtsschreiten des
Amphion, während er in der Gruppe noch bemüht ist, den Stier zurückzuhalten.
Zethos wendet in der Gruppe dem Beschauer den Rücken und packt Dirke bei den
Haaren, seine Rechte ist hoch erhoben (vgl. Abb. 2); auf Urne und Gemälde erscheint
er mehr von vorn und ist beschäftigt, die um den rechten Arm der Dirke geschlungene
Fessel straffer anzuziehen. Diese Übereinstimmungen können nur erklärt werden,
wenn auch das Bild von der älteren Vorlage abhängig ist, die dem Relief zugrunde
liegt. Diese ältere Komposition haben auch ApoUonios und Tauriskos benutzt,
natürlich mit größerer Freiheit, da sie ja etwas Neues schaffen wollten und zudem die
Umsetzung in die Rundplastik manche Abweichungen
nötig machte.
Es bestätigt sich somit die von Herrmann und Ro-
deawaldt aus inneren Gründen angenommene Priorität
der malerischen Komposition. Diese aus den vor-
handenen Wiederholungen auch nur in dem Maße herzu-
stellen, wie es bei der plastischen Fassung möglich ist,
wird nach dem Charakter jener Wiederholungen nicht
gehngen können.
Die Verfertiger der Urnen verfügen über ein so be-
schränktes Können und haben von ihren Vorbildern Abb. 2. Paste der Sammlung Amdt
offenbar nur so ungenügende Skizzen besessen, daß wir
zufrieden sein müssen, wenn wir hier eine Komposition nur in den gröbsten Umrissen
wiedererkennen. Die pompeianischen Bilder andererseits, soweit ist Kleins Ansicht
begründet, können in keinem Falle als Kopien in dem Sinne betrachtet werden wie
die Masse der Marmorkopien. So scheint bei dem Dirkebild z. B. die Lage der Dirke
verändert zu sein: denn sowohl die Urnen wie die plastische Komposition geben sie
mit dem Kopf nach der Seite des Amphion zu. Bei der Ungenauigkeit der Kopien
wird man bei der Datierung des Vorbildes sehr vorsichtig sein müssen. Rodenwaldt
schheßt: das Dirkebild ist Pendant zu dem Pentheusbild desselben Zimmers (Herr-
mann- Bruckmann Taf. 42), letzteres hat seine nächsten Analogien am pergamenischen
') Zu den antiken Wiederholungen ist hinzuzufügen Gemme bei Jahn, Archäol. Beiträge Taf. III 3
eine Paste der Sammlung Arndt (hier Abb. 2), (»Berlin« - — in Furtwänglers Katalog nicht auf-
die trotz einiger Flüchtigkeiten (der linke Arm geführt; Cades III B. 90) antik ist, weiß ich
der Dirke ist nicht angegeben, ebensowenig der nicht; sie stimmt mit keiner der beiden Fassungen
des Zethos) die Gruppe gut wiedergibt; wichtig genau; eher stellt sie sich noch zu der des Vettier-
ist der hocherhobene Arm des Zethos. — Ob die hauses.
I ^5 ^- Lippold, Zum famesischen Stier.
Altar, folglich ist die Vorlage pergamenisch. Dagegen hat v. Salis ') mit Recht ein-
gewendet, daß die Übereinstimmung des Pentheusbildes mit dem Altarfries sich
dadurch erklärt, daß bei diesem die Malerei des 5. Jahrhunderts ausgenutzt ist und
das Pentheusbild ebenfalls ein Werk des 5. Jahrhunderts reproduziert. Die Ähnlich-
keiten in der Komposition mit dem Dirkebild sind aber keineswegs zwingend und
werden noch bedeutungsloser, wenn man erwägt, daß die beiden Bilder im Vettier-
haus gar keine Pendants sind: das zeigt die Abbildung bei Herrmann S. 52 Fig. 13:
das Pentheusbild liegt dem Eingang gegenüber, während zu beiden Seiten, als Gegen-
stücke, das Herakles- und das Dirkebild angebracht sind. Endhch haben wir eben
bemerkt, daß die Lage der Dirke wahrscheinlich gegenüber dem Original verändert
ist. Dann fällt für die Originale eine wichtige Parallele der Komposition weg. Das
Pentheusbild darf also für die Datierung des Dirkebildes nicht herangezogen werden.
Dieses werden wir nach der starken Tiefenentwicklung frühestens in das spätere
4. Jahrhundert setzen.
Das Dirkebild ist nicht das einzige Beispiel der Wiederkehr der nämlichen Kom-
position auf pompeianischen Bildern und etruskischen Urnen. Herrmann publiziert
Taf. 12 seines Werkes ein Exemplar einer zweimal, beidemal unvollständig erhalte-
nen Darstellung, die er, Brunn folgend, auf die Entführung der Helena deutet. Unter
den Gründen für diese Erklärung hat er jedoch den entscheidenden, schon von Brunn *)
gefundenen, nicht angeführt: die Komposition entspricht, nur im Gegensinne, einem
häufig wiederkehrenden Bilde etruskischer Urnen 3), bei denen die Deutung völlig
sicher ist. Auch hier erscheint Helena, zögernd, von einem Manne und einem Kinde 4)
geführt, auf das Schiff zuschreitend; hinter ihr Begleiter des Paris. Von den Leuten
im Schiff streckt der eine die Hand aus. Paris selbst sitzt auf einem Schemel, aber
nicht in, sondern vor dem Schiff; es ist möglich, daß die etruskischen Künstler hier
ihre Vorlage geändert haben, weil sie zu schwierig wiederzugeben war. Die Ähnlich-
keit der Hauptgruppe ist ausschlaggebend für die Zurückführung des pompeianischen
Bildes auf die gleiche Vorlage. Daraus folgt weiter, daß der Mann, der Helena ge-
leitet, nicht, wie Herrmann wollte, Paris sein kann; dieser ist weiter rechts, in oder
vor dem Schiff sitzend, anzunehmen. Daß sich die Darstellung im Gegensinn wieder-
holt, ist nicht auffällig: eine Parallele dazu bietet die Darstellung des Abschieds des
Theseus von Ariadne, die v. Sahs und Hauser mit Sicherheit auf ein griechisches
Original der Wende vom 5. zum 4. Jahrhundert zurückgeführt haben 5). Hier gibt
das älteste Zeugnis, die unteritalische Vase, das Schiff des Theseus auf der Unken
Seite des Bildes, während die späteren *), die pompeianischen Bilder 7), das Relief
im Vatikan und die Sarkophage, das Schiff auf der rechten Seite, die ganze Kom-
•) Arch. Jahrbuch XXV 1910, 144. «) Die von v. Salis a. a. O. S. 138 Abb. 5 abgebildete
') Kleine Schriften III, S. 91. attische Scherbe zeigt Theseus nach rechts eilend ;
3) Brunn-Körte, Urne I, tav. XVII ff. doch ist die Lage der Ariadne anders, und auch
4) Auf den Wandbildern ein Mädchen, auf den Urnen Hypnos ist von Theseus abgewandt,
regelmäßig ein Knabe. 7) Bei Herrmann- Bruckmann Taf. 16 ist auch die
5) V. Salis, Arch. Jahrb. XXV 1910, 138 ff. Hauser, Figur der Athena aus dem Original übernommen,
Furtwängler-Reichhold III S. 104 ff. wie die Vase beweist, nur dem späteren Ge-
schmack entsprechend, schwebend abgebildet.
G. Lippold, Zum famesischen Stier,
177
Position im Gegensinne zeigen'). Hier wird man bei dem noch selbständigen Vasen-
maler am ehesten eine Änderung annehmen, die kaum voneinander abhängigen
späteren Zeugen für treuer halten. Diese Komposition gibt uns zugleich ein weiteres
Zeugnis für die Benutzung älterer Gemälde in der pompeianischen Malerei, also
gegen Kleins Theorie.
Das Ergebnis unserer Betrachtung des Dirkebildes legt nahe, auch das ver-
wandte Problem des Laokoonbildes vom neuem zu erwägen. Man ist jetzt vielfach
der Ansicht, alle römischen Laokoondarstellungen seien von der Gruppe abhängig *).
Dabei muß man für das pompeianische Bild ein besonderes, »römisches« Original
annehmen, von dem — direkt oder indirekt — wieder Filipino Lippis Zeichnung be-
einflußt wäre 3). Nun steht es fest, daß schon in sehr viel älterer Zeit die Laokoon-
geschichte künstlerische Darstellung gefunden hat. Es würde auch sehr gut zu dem
Charakter der späthellenistischen Kunst passen 4), wenn die Künstler des Laokoon
ein älteres Gemälde in ihrer Gruppe benutzten. War ein solches vorhanden, so wird
man nach Analogie des Dirkebildes annehmen, daß die römischen Maler auch bei den
Laokoondarstellungen nicht der plastischen, sondern der malerischen Vorlage folgten.
Dieser dürfen wir natürlich nicht das Beiwerk, namentlich den Hintergrund, zu-
schreiben. Dagegen ist der durch die Situation eigentlich geforderte und sehr charak-
teristische Stier, wie auch Rodenwaldt gesehen hat, gewiß dem Original entnommen.
Genauer läßt sich dieses allerdings bei der Dürftigkeit der Nachbildungen nicht
rekonstruieren.
Der enge Zusammenhang, in dem die Komposition einer ganzen Reihe von
römischen Wandbildern mit Werken anderer und zum Teil älterer Kunstgebiete steht,
und auf den hier in einigen Beispielen hingewiesen werden sollte, ist ein zwar sicherer,
aber doch nur äußerhcher Beweis für die von Klein so mit Unrecht angezweifelte Ab-
hängigkeit dieser Kunst von der klassischen Malerei: wichtiger ist die nicht so strikt
zu beweisende Erkenntnis, daß unter aller römischen und zum Teil provinzialen Ver-
gröberung durch die Hand der kampanischen Dekorationsmaler in diesen Werken
soviel künstlerisches Gut der großen griechischen Kunst durchschimmert, daß es sich
lohnt, immer wieder die Ausscheidung des Echten zu versuchen — auf die Gefahr hin,
weit unsicherer zu gehen und weit schwerer zu irren als auf dem Gebiete der Kopien-
forschung in der Plastik.
München. GeorgLippold.
') Eine Ausnahme macht nur das rohe Relief 'Etpirjfi. 4) Wenn Tosi (Studi e Materiali IV, p. 28 f.) mit
dipy. 1896, Taf. 5, das, worauf mich Prof. Wolters
aufmerksam macht, ebenfalls unsere Komposition
nachbildet
') Dagegen Rodenwaldt S. 263 ff.
*3) Daß diese auf das gleiche Vorbild zurückgeht,
haben Foerster und Rodenwaldt mit Unrecht
geleugnet. Die Abweichungen bei dem natürlich
nicht einfach kopierenden Renaissancekünstler
fallen gegen die Übereinstimmung in Hauptzügen
nicht ins Gewicht.
Recht auf einer etruskischen Urne (Brunn Tav.
XLVII, 26) die Wiederkehr des Motivs der Kopen-
hagener Iphigeniengruppe (Studniczka, Winckel-
mannsblatt 1912) erkannt hat, wäre auch für
diese die Abhängigkeit von einem älteren Gemälde
wahrscheinlich gemacht: denn die Gruppe kann
aus stilistischen Gründen kaum vor das 2. Jahrh.
V. Chr. datiert werden, ist also vielleicht jünger als
die Urne. Doch ist die Übereinstimmung nicht
genau genug, um zum Beweis dienen zu können.
DAS PFERD IM TOTENGLAUBEN.
Die wachsende Einsicht, daß das homerische Epos für die Götterwelt der
Hellenen keinen Anfang, sondern in mancher Hinsicht einen Bruch mit älteren Vor-
stellungen bedeutet, hat den Blick von den Menschengöttern Homers auf die alten
mutterländischen Kulte zurückgelenkt und dort den Ursprüngen der religiösen
Begriffsbildungen nachzufragen gelehrt. Alte, noch im Stadium einer theriomorphen
Religion wurzelnde Verbindungen zwischen Poseidon und der Erdmutter, uns greif-
bar vor allem in dem meerabgeschiedenen Arkadien, ließen einen chthonischen Gott
erkennen, der im Boden die Erde erschütterte, dann wieder ihm den Segen in Saat
und Quell entsprießen ließ '). Erst von Küstenbewohnern oder eher durch die Kolo-
nisation über Meer wurde der Herr der süßen Wasser zum Gebieter auch der Meeres-
flut, die doch seit alters der ötXio; -(ipmv (A 538, 2 141) und die Töchter des Nereus
bevölkerten und die alte Genossin des Triton.
Als ein in der Erdtiefe waltender Gott steht Poseidon naturgemäß dem Unter-
weltsgebieter nahe, den wir mit seinem umfassendsten Namen Hades nennen. Er-
schüttert Poseidon die Erde, so fürchtet Hades, die Strahlen der Sonne möchten
in sein Reich einbrechen; so rückt noch das Epos (Y 54 ff.) die beiden Götter in
enge Nähe.' Alte Genealogien und Alternationen in den gleichen Sagen ver-
binden den einen Gott aufs nächste mit dem anderen; verständlich werden sie, wenn
man vom chthonischen Poseidon ausgeht; sie datieren sich daher in vorhomerischc
Zeit hinauf. 'Ev IluXu) iv vsxusaat wird Hades von Herakles in der Ilias (E 395 ff-)
verwundet; für Hades tritt bei Hesiod (Rzach frg. 33) eine speziellere Ausdrucks-
form des Unterweltsherrn ein, Neleus, der Erbarmungslose^): bei Pindar (Olymp.
IX 30 ff.) kämpfen mit sichtlicher Verdoppelung im gleichen Kampfe Poseidon und
Hades Schulter an Schulter. Nun heißt Neleus selber Sohn des Poseidon (X 235 ff.);
des Neleus gewaltigster Sohn, wiederum Herakles' Gegner, ist der Unterweltsherr
') Wilamowitz Sitzungsber. Berl. Akad. 1906, 67, Kultur), Bresl. 1906. Weitere Literatur Kyrenc
Griech. Trag. III 70; die erste ausführlichere Be- 120, i. Auch Furtwängler Samml. Sabouroff
gründung bei O. Hoffmann, Poseidon (84. Jahres- I 25, 36 weist kurz auf den ursprünglich chthoni-
bericht der Schlesischen Gesellsch. für vaterländ. sehen Charakter des Poseidon hin.
») S. unten S. 188.
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX. I^
i8o
L. Malten, Das Pferd im Totenglaubea.
(Peri)klymenos'); und dieser heißt in anderen Genealogien Sohn des Poseidon*) und
empfängt von Poseidon die Gabe, sich in die mannigfachsten Gestalten zu ver-
wandeln, eine Gabe, die noch der neugriechische Todesgott Charos besitzt 3). Sie
alle, Poseidon, Hades, Neleus, Periklymenos variieren in dieser Sage in verschiedenen
Ausdrucksformen den gleichen Begriff des Unterweltsherrn 4) ; Poseidon ist unter
ihnen die Gestalt mit dem umfassendsten Wesensgehalt; daher er hier und sonst
genealogisch als der 'Vater' erscheint. In der kyrenäischen Sage sind der 'Herr der
weiten Höllentore', Eurypylos, und 'der, den man nur mit frommem Schauder
nennt*, Euphemos, Poseidonsöhne; ihre Sage spielt am Tainaronkap, wo zugleich
Poseidon und Hades wohnen 5). ErichthoniosErechtheus, der 'gewaltige Herr der
Chthon' (unten S. 1^9 f.), verbindet sich auf der Akropolis mit dem Poseidon im
Burgfelsen zu einer Gestalt. Erginos von Orchomenos ist Sohn des Poseidon *) oder
des Klymenos 7), ebenso entstammt Idas bald dem Poseidon *), bald dem Klyme-
nos 9), Nykteus dem Poseidon •") oder dem Chthonios"); Hyperes ist Sohn des
Poseidon") oder desMelas'3). Chthonios gilt als Poseidonsohn '4), der 'Allauf nehmer'
(Polydektes) '5) ist Sohn des Poseidon ^^); durch Vermittelung des (fremdländischen)
Chrysaor ist der Unterweltsgott Geryones '7) Enkel des Poseidon. In Koroneia
') HesiodRz. frg. Ii2b (Wilamowitz Herrn. XXXIII
1898, 522) Klymenos selbständiger Unterwelts-
gott in Hermione (Lasos bei Athen. 624 E), an
der Seite der Chthonie (Paus. II 35, 9), die Lasos
Köre nennt. Periklymene Mutter des 'Unbe-
zwinglichen' (Admetos) im Argonautenkatalog
bei Hygin Fab. 14. IlEpixX'jficvo; 6 nXoixtuv
Hes. s. V.
') Sohn des Poseidon Pindar Pyth. IV 173 ff. (Eurip.
Phoen. 1163 K.) und der Chloris (Schol. Pind.
Nem. IX 57 ff.); über letztere unt. S. 188;
über die ursprüngliche Einheit der beiden Peri-
klymenoi der Sage Wilamowitz, Aischylos, Inter-
pretationen 102, 2.
3) Hesiod a. a. 0. Periklymenos verwandelt sich in
Adler (so auch Hygin Fab. 10), Ameise, Biene und
Schlange. In neugriechischen Volksliedern ver-
wandelt sich Charos in Schlange, Adler und
Schwalbe (B. Schmidt, Volksleben der Neugriech.
228, 231). In einem von Radermacher Jenseits
:io, 2 angezogenen Beleg im Testamentum
Abraham wandelt sich Sävatot in mannigfache
Gestalten, auch die wechselnde Gestalt der Empusa
(Aristoph. Frösche 288 ff.) gehört in diesen
Zusammenhang.
4) Die Konsequenz, in diesen Sagen Poseidon als
Meergott zu fassen, mußte zu Formulierungen
führen, die den inneren Widerspruch in sich
tragen, wie in Useners Satz 'Periklymenos, der
ebenso gewiß zur Sippe des Poseidon gehört wie
er seiner Benennung nach ein Hades ist' (Rhein.
Mus. LIII 1898, 367 = Kl. Schrift. IV 295).
Demzufolge mußte Usener auch den Neleus als
den Verkörperer des 'Götterstromes' fassen
(Göttern. 13, Rhein. Mus. a. a. O. 353, Stoff
des griech. Epos 8) und den Neliden Nestor
als 5Xto« ■^ipw'/ (Stoff des griech. Epos 8 f.). —
Die nahen Beziehungen von Neleus zu Poseidon
betonte bereits Wilamowitz Sitzungsber. Berl.
Akad. 1906, 67; 1910, 389, 2, Götting. Anz.
1914, 71 f.
5) Kyrene 120 f.
') Apoll. Rhod. I 185 ff.
7) Pind. Olymp. IV 19. In der Erginossage wird
Klymenos im Poseidonhain zu Onchestos ver-
wundet (Apd. Bibl. II 67).
') xaxi roXXoi; Apd. Bibl. III 117.
9) Parthen. Narr. amat. 13.
'") Sohn des Poseidon Hyg. Astron. 2, 21, Fab. 157,
Enkel des Poseidon Apd. III in.
") Apd. Bibl. III 40.
") Paus. II 30, 8.
■3) Pherekydes FHG I 86, 55.
'.) Diod. 5, 5-, 1.
'5) Homer. Hymn. auf Demeter 9 nennt den Hades
TtoKij^ixTTji, 17, 430 iroXuS^Yfiiov.
■') Tzetz. Lyk. 838, Abkömmling Poseidons bei
Pherekydes Schol. Apoll. Rhod. IV 1091.
•;) Wilamowitz Herakl. » I 65, zuletzt Weicker P.-W.
VII 1289.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
I8l
entspricht die Kultverbindung zwischen Hades und Athene der sonst gewöhnlicheren
zwischen Poseidon und Athene ').
Es war nötig, die engen Beziehungen, die zwischen den beiden Göttern be-
stehen, so, daß der eine für den anderen eintreten kann, kurz zu charakterisieren,
damit es nicht mehr als Zufall
erscheine, daß die beiden yßovioi
von allen männlichen Göttern der
Hellenen eine engste und gemein-
same Beziehung haben: die zum
Pferde.
Bei Poseidon reicht diese
Verbindung in die vorhomerische
Periode des Gottes zurück. Nicht
nur erscheint er in Lokalsagen in
mannigfachen Variationen als
Schöpfer, Vater, Geber des Rosses,
empfängt er Pferdeopfer und führt
die mannigfachsten vom Pferde
abgeleiteten Epitheta, werden ihm
zu Ehren Wagenwettkämpfe ge-
feiert, fährt er selber zu Wagen
oder reitet zu Pferde (Abb. 1,2)2);
alte binnenländische Sagen führen den Hippios selbst in Gestalt des Rosses
ein. Es sind die bekannten Geschichten von Thelpusa (Paus. VHI 25, 5) und
Phigaleia (Paus. VHI 42, i ff.), in denen
Poseidon als Hengst der stutengestal-
teten Demeter-Erinys 3) naht; nach der
Sage von Thelpusa gebiert Demeter eine
Tochter, wie natürlich, in Stutengestalt,
als zweites Kind einen Hengst, Erion;
für Phigaleia nennt Pausanias die Toch-
ter nach jüngerer Auffassung (es ist
Köre) menschengestaltet (VHI 42, i),
während das dort angeführte delphische
Orakel (§ 6) noch von der 'Göttin, die
ein Füllen geboren hat', der miroXsj^r,?
Abb. 2. Poseidon zu Pferde, auf korinthischem Tonpinax. Ar^O), spricht; das alte Kultbild der
Abb.
Poseidon und Amphitrite zu Wagen, auf korin-
thischem Tonpinax.
') Strabon 411; Gruppe Griech. Myth. 1139.
') Auf korinthischen Tonpinakes des 6. Jahrhunderts
(Arch. Jahrb. XII 1897, 21 Abb. 11 und 23
Abb. 14; daher unsere Abb. i und 2.) Für das
übrige genüge der Hinweis auf de Ridder Bull,
de corresp. hellen. XXII 1898, 228 ff., Gruppe
Griech. Myth. Il40ff., E. H. Meyer in Roschers
Mythol. Lex. III 2822 ff., Nilsson Griech. Feste
69 f., Farnell Cults of the Greek states IV 74.
3) Von Interesse wäre es, wenn die thelpusische
Kupfermünze mit Erion auf der einen, Demeter-
kopf auf der anderen Seite (Abbild. Zeitschr. für
Numismat. I 1873, 133, Journ. of hellen, stud.
VII 106 Taf. LXVIII Nr. XXII, Head Hist.
15*
I82
L. Malten, Bas Pferd im Totenglauben.
Göttin mit Pferdekopf (§ 4) lehrt, daß auch hier theriomorphe Vorstellungen die ur-
sprünglichen waren. Nicht anders hat auch die Sage in Lykosura gelautet, wo der
Vater der Despoina den Namen Hippios trug (Paus. VIII 37, 10), wie denn auch am
Gewandschmuck der Göttin neben anderen Tieren das Pferd erscheint '). Längst ist
auch gesehen, daß die arkadische Sage, in der Rhea dem Kronos statt des Poseidon-
kindes ein Füllen zu verschlingen gibt (Paus. VIII 8, 2, Schol. Vergil Georg. I 12),
mit der Pferdegestalt des Gottes operiert^), ebenso daß noch im Epos ein Nachhall
daran sich findet, wenn Antilochos ('t' 582 ff.), zu seinem Ahn Poseidon betend, die Hände
auf die Häupter seiner Pferde legt 3). Vorausgesetzt wird die Roßgestalt Poseidons
ferner in den Sagen, die von der Zeugung des Pegasos handeln; daß, wie zu fordern,
<:i'
t;'i. ,,
Abb. 3. Medusa auf böotischer Reliefvase.
auch die Mutter des 'starken' Rosses Stutengestalt trug, lehrt ausdrücklich die böotische
Reliefvase (Abb. 3)4), auf der Medusa mit Pferdeleib und Menschenkopf erscheint. In
Verbindung mit dieser Darstellung erfordern jetzt einige Vasenbilder erhöhte Aufmerk-
samkeit, auf denen umgekehrt die Göttin den Pf erdekopf trägt: ein altrhodischer Kylix
(Abb. 4) 5), eine schwarzfigurige Berliner Schale (Abb. 5) '') und eine rotfigurigeNeapler
num.' 456) als Halsbandschloß der Göttin den
Kopf eines Pferdes aufwiese. Tierkopf ist wohl
gesichert; nach einer gütigen Mitteilung Imhoof-
Blumers,der mir auch einen Abguß zur Verfügung
stellte, ist Pferdekopf wahrscheinlicher als Löwen-
kopf; doch ist Sicherheit nicht zu gewinnen.
') Cawadias Fouilles de Lycosura Taf. IV, S. 11,
Ann. Brit. School 1906/7 Taf. 14, M. Bieber
Photogr. des Instit. Athen II 356 nr. 6235,
Reinach Rupert, de rel. II 424. Wenn die tzC~-
via 8r)p(üv Pferdeköpfe in den Händen hält
(Thompson Journ. of hellen, stud. XXIX 1909,
289 fl.) ist hier das Tier nur eines unter den vielen,
über die die Herrin der Natur gebietet.
^) de Visser Die nicht menschengestalt. Götter der
Griechen 50.
3) Gruppe Griech. Myth. 1141, i.
4) Böotische Reliefvase: de Ridder Bull, de corr.
hellen. XXII 1898, 449, 453 f. Tafel IV/V (dar-
nach Roschers Myth. Lex. III 2034 und uns.
Abb. 3). Die Bedeutung dieser Darstellung in
ihrem Wert erkannt von Wilamowitz Griech.
Tragöd. II 227, ebenso bei Hannig, de Pegaso,
Bresl. phil. Abhandl. VIII 1902, 3; 6.
5) Rhodisches schwarzfig. Gefäß: C. Smith Journ.
of hellen, stud. V 1884, 221 fl., 239 f., Tafel XLIII
= Brit. Mus. Cat. 2 B, 380; darnach uns. Abb. 4.
') Furtwängler Berlin. Vasenkatal. 1753; abgeb.
Gerhard Griech. und etrusk. Trinkschalen Taf. II,
III; Müller-Wieseler II 897; unsere Abb. 5 nach
einer durch B. Schröder freundlichst vermittelten
Photographie aus dem Berliner Museum.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
183
Amphora (Abb. 6) '), auf der Medusa, auf einem Felsen sitzend, mit großem Pferde-
haupt dargestellt ist. Auf allen drei Darstellungen ist, im Gegensatz zu der alten
^.v:1^:f:fMN-*»,;|f:
Abb, 4. Medusa auf altrhodischem Kylix
Abb. 6. Medusa auf einer rotfigurigen
Amphora in Neapel.
Abb. 5. Medusa auf einer schwarzfigurigen Schale im Berliner Museum.
Relief vase. Persans auf der Flucht; dem Mythos zufolge ist also die Enthauptung bereits
geschehen^) und der Pferdekopf würde, im Sinn späterer Vasendarstellungen, als der
') Heydemann Die Vasensammlungen des Museo Borbonico XIII Taf. 59; darnach (mangels besserer
nazion. zu Neapel nr. 1767, abgeb. Real Museo Vorlage, die nicht zu beschaffen war) uns. Abb. 6.
^) Auf der Berliner Schale ist mit dem Streifen am Hals wohl Blut angedeutet.
184 L- Malten, Das Pferd im Totenglauben.
des Pegasos zu verstehen sein, der aus dem Halse der Meduse herauswächst. Der
Augenschein unterstützt diese Deutung nicht: der Kopf scheint mehr oder weniger
fest auf den Schultern der Göttin zu sitzen i). L ie böotische Reliefvase führt darauf,
daß nach alter Tradition Medusa pferdegestaltig gedacht wurde und daß erst sekundär
im Zusammenhang mit dem Perscusmythos man zwei Elemente der Sage, die alte
Pferdegestalt der Göttin und die (normal erfolgte) Geburt des Rosses von den beiden
roßgestaltetcn Göttern, dahin kombinierte, daß in wunderlicher Darstellung nach der
Köpfung der Göttin aus ihrem Halse ein kleiner Pegasoskopf emporschoß, dem dann
in weiterer Entwicklung ein kleiner menschengestalteter Chrysaor an die Seite gestellt
wurde. Medusa, die Waltende, ist eine Ausdrucksform der Erdgöttin ^) (wie Poseidon
selber Eurymedon ist 3); sie alterniert also in Wesen und Erscheinung mit der stuten-
gestalteten Demeter-Erinys und der 'schwarzen Stute', Melanippe (unten S. ipSf.).
In den Kreis ihrer 'Schwestern', der Gorgonen, die, aus apotropäischen Fratzen erst
allmählich zu voller Menschengestalt entwickelt '^), das Dämonisch-Schreckhafte von
Anbeginn an verkörpern, gehört die 'Weitwaltende' mit ihre.n umfassenderen Wesen
nicht von vornherein hinein; doch konnte sie hineingezogen werden, da Medusa,
wie jede Erdgottheit, gebend und nehmend, gnädig und zürnend ist; die Ent-
wicklung führte wohl über die 'Gebieterin der Toten', wie denn die gespenstige
Hekate, die auch ihrerseits zuweilen als Stute dargestellt wird 5), iraaijxsSouaot ^)
heißt. Die Stutengestalt der Medusa war ihr gewiß schon eigen, bevor sie in den
Gorgonenkreis eintrat?); nicht als Gorgone ist sie Stute; ihre Gorgonen-
schwestern tragen auf den Bildwerken die Pferdegestalt nicht. — In der Erinnerung
an die alte Pferdegestalt der Demeter treten schließlich die lakonischen Demeter-
priesterinnen als TiujXoi auf 8).
Die Sagen selbst lehren, was Wilamowitz zuerst scharf formuliert hat, daß
der llo3£i5iüv, '\i:mo; Ersatz ist für den llocrsiStüv "lTnto?9). Zugleich beweisen
■) Wahrgenommen haben das bereits F. Knatz köpf (Orph. Argon. 978, Lydus de mens. 3, 8
quomodo Persei fabul. artif. tractaverint. Bonn S. 41, 20 ff. W.). Hekate als Reiterin s. unt.
1893, 18, 48 und Hannig a. a. 0. S. 197.
') Wilamowitz Griech. Trag. II 226 f. ') Wünsch Zaubergerät aus Pergamon 25.
3) Pindar Olymp. VXII 31. Daß der Name der 7) Von Poseidon und Medusa stammt das Roß
Medusa mit dem Poseidon Eurymedon zu ver- Pegasos (Hes. Theog. 278), nach ursprünglicher
binden sei, dessen Geliebte sie ist, hat Gruppe Vorstellung haben es die beiden Götter natur-
Griech. Myth. 1 141 zutreffend bemerkt. 'Medusa gemäß in Pferdegestalt gezeugt. Bei Hesiod ist
ist nur noch ein besonders fürchterliches höllisches nach der Art seiner religiösen Auffassung die
Gespenst, aber ihr Name sagt, daß sie einst mehr anthropomorphe Gestalt durchgedrungen; doch
war' (Wilamowitz Griech. Trag. II 227). Die vergleiche man die Art seiner Schilderung h
Zusammenhänge nicht richtig eingeschätzt von (jiaXaxiiJ XetjJLtövt xai äv9c3t Eiapivoiai etwa mit
Ziegler P.-W. VII 1632. 11 150 f. oder T 221 ff. oder der arkadischen
1) Furtwängler in Roschers Myth. Lex. I 1 704 ff. Sage, wo in ähnlicher Situation die weidenden
5) Sie heißt Ir.Tzoi bei Porphyr, de abstin. IV 16 und Rosse auf der Wiese sich verbinden.
auf einem Londoner Papyrus (Wünsch Aus einem *) Inscr. Gr. V 1 , 594, Wide Lakon. Kultei72, Athen,
griech. Zauberpapyr. = Lietzmann Kl. Texte 84, Mitt. XIX 1894, 281 f., de Visser a. a. 0. 43.
22), 'trjTOTtpo'citüro; Seot Papyr. Par. 2549, iKjroxuiov V) Griech. Trag. II 227, I. Ebenso S. Reinach,
a. gl. O. 2614 (Abt, DieApol. des Apuleius, R.V. Cultes, mythes et religions III 140, Gruppe
V. IV 222, 6). Unter ihren Köpfen ist ein Pferde- Griech. Myth. 1141, i.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
185
sie (was bei der Natur des Pferdes als Landtier auch das Gegebene ist), daß
das Pferd bereits dem festländischen Poseidon zugehört. Als dann
der Gott mit seinen Verehrern übers Meer zog, fuhr nunmehr auch das Rosse-
gespann des Poseidon über oder durch die Wogen. So formulieren es in aller
Klarheit die antiken Vergleiche: die Wogen klaffen auseinander, unbenetzt fährt
das Gespann durch die Wogengasse; in der Tiefe machen die xi^ty) ihre Reverenz:
■^'Ti&oauvrj Ss OaT^aara SiiaxaTO • xot 8s totovco
pt'ixcpct [la'X' oüo' uirsvsp&ö Siai'vsxo yakx&Oi ä'Jtuv (N 29 ff.).
Ähnlich Vergil (Aen. I 147), nach dessen Bild unter Poseidons Gespann die vom
Meere gepeitschten Wogen sich glätten; die gleiche Vorstellung noch bei Quintus Smyrn.
5, 88 ff. Dagegen ist die Identifizierung vonRoß undWelle dem antiken Menschen
nie geläufig gewesen, sie fehlt auch dem Typenschatz des antiken Vergleichs ganz
und gar '). Es muß dies um so mehr betont werden, da heutige Forscher ohne Be-
denken von dem natursymbolischen Bilde denAusgang nehmen-), wie es uns Modernen
in den white horses, den cavalloni, den 'weißen Wellenrossen', den 'schwarz-
grünen Rossen mit silbernen Mähnen' in Heines 'Nordsee' vertraut geworden ist 3).
Poseidons Rosse sind älter als der Meergott Poseidon. Nichts mit Natursymbolik
hat es auch zu tun, wenn der Dämon, der zu Lande in Pferdegestalt umgeht, als
solcher dem Boden seine Schätze entlockt, der Huf des dämonischen Rosses die
Quelle schlägt 4). Hesiod (Theog. 6) nennt auf dem Helikon die 'Roßquelle',
') Den Gegensatz sieht man recht deutlich an dem
vielverwendeten Vergleich zwischen dem dahin-
ziehenden Schiff und dem Pferd: 8 708 (iXö;
t-TTOi), V 81 ff., Find. Pyth. IV 25 (die Argo mit
einem Schiff verglichen; der Anker ihr Zaum),
Sophokl. Frg. 129, Plautus Rud. 267, Artemidor
I 56. Der Pegasos rationalistisch als Schiff ge-
deutet Palaiph. 29. Bekannt ist der Schiffs-
name "I;:'jtia. Das Ungestüm der Rosse wird mit
dem dahinbrausender Flüsse verglichen U 384 ff. ;
der Wettlauf zweier Ströme mit dem Wett-
lauf zweier Stuten in der indischen Ballade bei
Geldner, Festgr. der Universität Marburg zur
52. Philologenversamml. 1913, 102 f.
2) So Preller-Robert Griech. Myth. 568, Rader-
macher Jenseits 108 u. a., dagegen bereits 0. Hoff-
mann a. a. O. 6, v. Negelein Teutonia, Arbeiten
zur german. Philol. II 1903, 75, 8.
3) "Schaumwellen glich die Mähne' Graf Strachwitz,
Die Perle der Wüste.
4) Wilamowitz spricht Griech. Trag. II 230 allgemein
von Wassergeistern, die Hippukrene und Aganippe
geschlagen; anderwärts (Berlin. Klassikertexte
V 2, 49, I ; Griech. Literaturgesch.3 25) weist er
in konkreterer Formulierung dem roßgestalteten
Poseidon dies Werk zu. Die Voraussetzungen für
diese Kombination bieten ihm 1. die Existenz des
Poseidon auf dem Helikon, wie sie der homer.
Hymn. XXII 3 und Hom. Epigr. VI 2 gewähr-
leiste (Sitzungsber. Berlin. Akad. 1906, 46).
Da jedoch Aristarch (Schol. E 422) von einem
Kult an dieser Stelle nichts wisse, wird die
Ableitung bestritten von Nilsson Griech. Feste 74 f.,
Ziehen Gott. Anz. 1911, 115, Sittig P.-W. VIII
1856, bezweifelt von Bölte P.-W. VIII 6 f.
2. Die Existenz des roßgestalteten Poseidon in
Böotien, die aus seiner Paarung mit der 'schwarzen
Stute', Melanippe, hervorgehe (Griech. Trag. II
227, i). Dies ist zutreffend; es würde aber, wenn
der männliche Gott die Hippukrene schlägt, für
die Quelle Aganippe die Nötigung vorliegen, eine
Gestalt wie die stutengestaltige Demeter oder
Melanippe als Quellöffnerin zu erschließen. Daß
jedoch für Hippukrene wie Aganippe die Sub-
stituierung der großen Götter entbehrlich ist, lehren
die Beispiele oben im Text; Sittig a. a. 0.,
der das Gleiche hervorhebt, weist auch mit
Recht auf " Iiraou «xpo, "Itijtou -/(öfirj, "Itijiou arjiia,
EüfTTTTT) (in Karlen), entsprechend bei uns Roß-
berg, Roßfelden u. v. a., in denen die gleiche
Selbständigkeit des Pferdedämons sich ausspricht.
Als dann der tttj^ö; Ir.Tzo;, der Pegasos, (unt.
lg5 L- Malten, Das Pferd im Totenglauben.
Hippukrene, unweit von ihr liegt dieAganippe, die eine freundliche Stute geschlagen;
auch in Trözen gab es eine Hippukrene (Paus. II 31, 9). Im Katalog der Süß-
wassermädchen (Theog. 351) begegnet eine Hippo; sie gehört begrifflich zur Aga-
nippe; in Ephesos heißt aus der gleichen Vorstellung heraus eine Quelle Kallippia
(Plin. n. h. V 115) '). Aufs Meer übertragen, reiten die Meermädchen, die
Hippothoe, Hipponoe, Menippe (Theog. 251, 260) auf dem Hippokampen*), wie Poseidon
mit dem Rossegespann über die Wogen fährt; auch hier aber bleibt die Vor-
stellung ganz konkret, wie sie es auch in den germanischen Sagen vom quellöffnenden
Rosse ist 3).
Die nahen Beziehungen Poseidons zum Pferde faßt Pindar (ed. Schroeder 1908
frg. 243) in dem Beinamen ■/XuT6irtu>,o;4) zusammen; das gleiche Epitheton gibt das ho-
merische Epos dem Hades. Wenn der Kämpfer dem sterbenden Feinde zuruft: otoau»
f^oyriv'Aihi xXutoj:(uXii) (A 445, E 654, [\ 625), so blickt aus der kurzen Formel die volle
Vorstellung durch, daß der Gott mit seinem Gespann erscheint, die Seele des
Toten in Empfang nimmt und sie mit sich in sein Reich hinabführt. Den Vorgang
so im einzelnen sich vorzustellen, gibt die Koresage an die Hand. Wie die Schlacht -
Szenen der Ilias zeigen, ist es zu eng, bei dem xXutokcuXo; der Ilias an den braut -
raubenden Gott zu denken; die Koresage ist vielmehr nur die individuelle Aus-
prägung einer allgemeinen Auffassung, in die das Motiv des Brautraubes hinein-
gewoben ist 5).
Hades xXutottwXo? steht in dieser Ausprägung im Epos allein, und die Forschung
noch in P. Stengels Aufsatz über den xXutottcuXos ^) hat ihn in dieser Isolierung gelassen.
Das Material läßt aber wesentliche Erweiterung des Vorstellungskreises zu und eröffnet
damit für die Deutung der Verbindung von Unterweltsgott mit Pferd neue Wege.
I. Ein athenisches Relief, das im Typus des Koreraubes die Entführung der
Basile durch Echelos hinunter in die Erdtiefe darstellt, hat gelehrt, daß die 'Königin'
eine Ausdrucksform für die Herrin der Unterwelt ist 7); den Namen ihres Gemahls
S. 207 f.) mit dem TTr^yal in Verbindung gebracht 4) Die Deutung des Wortes auf die 'berühmten
wurde (zuerst bei Hesiod Theog. 282), wurde der Rosse' hat Wilamowitz Herm. XXXIV 1899,
namenlose Hippos der Hippukrene zum Pegasos; 71, i gegen Verrall Journ. of hell. stud. XVIII
im Grunde heißt auch das nicht mehr, als daß 1898, i ff. gerechtfertigt. ittüXot und "7:7:0« unter-
das'Quellroß'denQuellschlägt(Hannig dePegaso schiedslos nebeneinander stehen auch in der vü$
92 ff., 131 ff.) (jieXavi7:7:o« (Aeschyl. Heliad. N.* 69) und der
») Fernzuhalten ist die Quelle ' l7:'ippa (so) in Halaesa Xz\i-Ä6Tzmkoi iifiifa (Pers. 386; xijt 'H(x^pa{ 7:0)-
auf Sicilien (Inscr. Graec. XIV 352). Xov Xeuxöv Schol. Hes. Theog. 325).
*) Der Typus des Hippokampen reicht in weit ältere 5) Arch. für Religionswiss. XII 1909, 308 ff.
Zeit hinauf; er erscheint zuerst gesichert in der ^) Opferbr. der Griechen 1546.
an bizarren Mischwesen reichen Zeit der Insel- 7) Kekule, 65. Berlin. Winckelmannsprogr. 1905,
steine. Material und Ursachen für diese Misch- 9 ff. ; über den Fund der zugehörigen Basis Arch.
bildungen bei Lamer P.-W. VIII 1751. Anz. 1910, 155. Zur Deutung der Basile Robert
3) Weinhold Die Verehrung der Quellen in Deutsch- und E.Meyer Herm. 30, 1895, 285 f., Kern P.-W.
land (Abhandl. der Berl. Akad. der Wissensch. III 41, Wilamowitz Sitzungsber. Berl. Akad.
1898) 12 ff., L. Freytag Das Pferd im german. 1906, 67. Erinnert sei auch an die j^&ovfuiv
Volksglauben (Festschr. zu dem fünfzigjähr. ßosO.eioiauf den Goldplättchen von Thurioi (Diels
JubiläumdesFriedr.-Realgymnas. Berlin 1900)46. Vorsokr.3 II 176, 18 f.).
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
187
Echelaos verstehen wir durch Vergleichung mit 'Ayr^atXaos ') und 'A-^T^ctavSpo? ^), be-
zeugten Namen für den Unterweltsgott; er ist in dieser Ausdrucksform 'Fürst der
unterirdischen XaoC, der Toten 3); als solcher entführt er, wie das Relief zeigt, die
Geliebte auf einem Gespann feuriger Rosse. Vom gleichen Typus sind ein Relief
in Rhodos, ein anderes in Chios gefunden 4); die Namen sind vom Künstler nicht
beigeschrieben; sie könnten den Kreis des rosseführenden Gottes durch unbekannte
Lokalnamen erweitern.
Abb. 7. Totenmahlrelief in Triest mit Weihung an Zeuxippos und Basileia.
2. Einen solchen bringt ein Totenmahlrelief in Triest, das dem Zeuxippos
und der Basileia geweiht ist (Abb. 7) 5). Hier heißt der Gott direkt nach seinem
') Das Material bei Usener Göttern. 361, 25; y^i'iwi
'Hysaftoiot Nikander frg. 74 vs. 72. Möglicher-
weise ist damit zu verbinden ein Name wie
Ageleos (Nikander mp. 3 bei Anton. Lib. 2), der
Bruder des Klymenos, der Gorge und Melanippe ist.
') Hesych s. v. 'A-p^ravopoi • 4 "AiSt/j.
3) Malten, Archiv für Religionswiss. XII 1909, 310,
E. Petersen a. gl. O. XIII 1910, 61.
auch Wilamowitz Reden
4) Kekule a. a. 0. 3 ff., 15 f.
5) Conze Sitzungsber. Wien. Akad. 1872, 323 Taf. i,
2. Inscr. Gr. II 1573. Unsere Abb. 7 nach einer
Photographie, die A. Puschi in Triest freundlichst
übersandt hat. Damit vergleicht Furtwängler
Samml. Sabour. I 37 ein Weihgeschenk' aus dem
5. Jahrhundert an Chrysippos (in Verona, Dütschke
535). Als Unterweltsherrn erkennt den Zeuxippos
und Vortr.3 71, i an.
igg L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
Gespann. Das weibliche Pendant zu diesem 'Rosseschirrer' ist Zeuxippe, die in
bedeutsamen genealogischen Verbindungen wiederkehrt (s. u. S. 195, 6).
3. Wiederum mit Basile vereint ist Neleus; mit der gemeinsam er in Athen
ein Temenos hat'). Alternierend mit Echelos und Zeuxippos muß auch Neleus König
der Tiefe sein. Die Spuren dürfen wir nicht m Epos suchen; ihm ist Neleus Mensch
so gut wie Admetos, Amphiaraos, Rhadamanthys ^). Jedoch aus dem Namen hat man
das Wesen des Gottes längst erschlossen; das vrlKs.1; r^ixotp des Epos, die vr^kzrjit'iiwiM'npan
xai Kfjps? (Hesiod Theog. 217), der vr^XsiTjc KIppEpo? (ebd. 770), der vr/siTj? "Aiotj? 3) mit
dem v/jXssc r^Top (Hesiod 455 f.) haben die sichere Deutung auf den 'Erbarmungslosen'
gegeben 4). Seine Gattin ist Chloris. /Xtupöv ist die Farbe des jungen, blaßgrünen
Blattes; dementsprechend gibt Ovid (Fast. V 195) die hellenische Chloris mit Flora
wieder. Andrerseits bezeichnet yXwpbv das E laßfahle, wie im Epos das y)^tophv oioi, bei
Aischylos /Xcupov osifia; ykiopm ist die Finsternis, die keine Farbe hat (Hesiod Aspis
265), der Acheron hat ein yXiopov /süixa (Anyte Anthol. Palat. VH 486); yXwpov ist die
Farbe der Krankheit bei Thukydides (II 49); der Thanatos in der Apokalypse reitet
einen nnro; yXiupo? (6, 7). Entsprechend reden die Lateiner von der mors pallida,
den pallida Ditis regna oder der lurida mors. Wenn die Strigen einem Kinde das
Blut ausgesogen, sagt Ovid (Fast. 6, 149 f.) von der Gesichtsfarbe: color oris erat,
qui frondibus olim esse solet seris, quas nova laesit hiems; das würde dem
griechischen yXcopo; entsprechen 5). Für die Gattin des Schonungslosen, die selbst
Tochter der Fersephone heißt (Schol. Ä 289), ist nur die Deutung in dem Sinne
'die Fahle' passend. Der gewaltigste der Neleussöhne trägt den Namen Peri-
klymenos, d. h. einen Kultnamen des Unterweltsgottes; auch er übrigens wieder
Sohn der Chloris (Schol. Find. Nem. IX 61); daß Neleus selbst Sohn des Unter-
weltsgottes Poseidon ist, Herakles in seinem Reiche iv FluXti) ev vsxüsaat kämpft,
wurde oben bemerkt. Neleus nun, durch Namen, Verwandtschaft und Sagen als
Unterweltsgott fest gesichert, ist Herr eines berühmten Gespannes von Rossen;
entgegen natürlichem Gesetz vererben sich die Tiere in seiner Familie, so daß Nestor
sie in der Ilias führt; er heißt nach ihnen hmza; sie aber bewahren in der Bezeich-
nung NifjXi^tai Tinroi (A 597) den Namen des Gottes, für den sie charakteristisch
sind, und als fluXoqsvss? (M" 303) die Erinnerung an ihren Ursprung von den Toren
der Hölle 6). Dies der objektive Bestand; der einzelne epische Dichter freilich ist sich
dieser alten Beziehungen nicht mehr bewußt, die doch wichtig genug sind, daß sie
■) Inscr. Gr I. Suppl. II p. 66, 53 a (aus dem 'fahler bin ich als Gras'. Ähnlich wenn an den
Jahre 418). Nemeen, die aus einem Leichenagon hervorge-
') Ich bemerke das gegen W. Kranz Herrn. L 1915, gangen sind, der Kranz if. yXtopöiv jrXixeTcti
96, 2, der sich auf das Epos stützt, das nur seXivtov (Schol. Pind. Nem. Argum. 4).
rein äußerlich älteste Überlieferungen gibt. *) Auf diese Bedeutung der Neleuspferde wie der des
3) Epigr. des Lukian Anthol. Palat. VII 308; vrjXer); Erichthonios und Admetos hat bereits Wilamowitz
iväyxa Alkman (Bgk. 4 8i). aufmerksam gemacht, ebenso auf die Verblassung
4) E. Meyer a. a. 0., Furtwängler Samml. Sabour. der ursprünglichen Ideen im Epos (Griech. Trag.
I 22, Wilamowitz Red. und Vortr.3 71, i, Griech. III 68, Red. und Vortr.3 71, i). Unter den zwölf
Trag. III 68, Sittig P.-W. VII 2420. Ncleussöhnen haben drei das Pferd im Namen
5) Sappho Bgk.l 2, 4 /Ätopotif/a 0^ ttoiol; Ijijjii (Hippokoon,Hippolochos,Lysippos Schol. A 692).
; L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. igg
als altes Typengut weiterleben; die Verpflanzung der Vorstellungen von dem Mutter-
landc übers Meer hatte den Ursprungscharakter verdunkelt und nur die Formen
gelassen.
4. Seit 0. Müller ist anerkannt, daß Admetos, der 'Unbezwingliche', der
Sohn der Klymene (Schol. Eur. Alk. 16) oder Pcriklymene (Hyg. Fab. 14), den
Unterweltsgott repräsentiert '), in einer, dem Namen zufolge, ähnlichen Auffassung
wie Neleus. Des unterirdischen Königs Tochter ist die gespenstige Hekate (Hes.
s. V. 'ASjiTJTOu xopif)); nur bei einem Gotte konnte Apollon ein langes Jahr Blutschuld
sühnen; unter seiner Pflege gediehen die Rosse ^) und die übrigen Herden 3) des
Unterweltsherrn. So erzählte die Geschichte ein hesiodisches Gedicht •»), das nach
der Weise des Epos Admetos als reichen König einführte; die in der Sage liegende
Voraussetzung, daß die Dienstschaft in der Unterwelt stattfand, deutet das epische
Gedicht leise noch darin an, daß Leto ihren Sohn von der härtesten Strafe, einer
Verbannung in den Hades, losbitten muß 5). Auf die in diesem Gedicht behandelten
Sagen verweist die Ilias an zwei Stellen, beidemal um der Rosse des Admetos willen.
Vor Troja führt sie des Admetos Sohn Eumelos, 8? imrotjtJv^ Ixe'xaaxo (*I'"288); im
Schiffskatalog heißt es von ihnen (B 763 ff.)
tirirot [i£v (xs-y' ä'ptatat saav (I)rjp7)Tia5o(o,
T«; 'Eu[j.r;Xo? sXauve iroofu/saj opvi&a? (7jc,
TOS iv ritspti;] &psi|i' dpYupoTO^os 'AttoXXujv,
ajxcpo) ÖTjXst'a?, csoßov 'ApTjo? cpopsoucra?.
Wieder beweist das Wunderbare, daß der Held nicht seine eigenen Rosse führt,
sondern die einer früheren Generation, daß die Pferde für den Vater charakteristisch
sind; Unterweltsgott und Pferd stehen auch hier in enger Verbindung. Auch hier
ist die Erinnerung geblieben, daß die Vorstellung im Mutterlande wurzelt; von dort
ist das Tatsächliche übernommen worden; die ursprünglichen Ideen sind im Epos
verblaßt. ■
5. Mit überirdischen Kräften begabt sind die Rosse, die der Troerkönig
Erichthonios in der Ilias führt (Y 219 ff.). Sie laufen, 3000 an Zahl, über die Halme
der Felder und die Kämme der Wogen, ohne sie mit den Hufen zu berühren; Boreas
zeugt mit ihnen unsterbliche Nachkommen. So trägt auch den Schmied Ilmarinen,
wenn er zum Teufelskönig fährt, sein Fohlen, das mit dem eisernen Zaum, dem
kupfernen Geschirr und mit stählernen Zügeln geschirrt ist, sausend übers offene
Meer, ohne daß des Pferdes Huf dabei naß wird ^).
Der Name des Erichthonios, den bereits Wilamowitz 7) über die Erichtho
= Erichthonie der Würzburger Phineusschale mit Chthonie in Beziehung setzte, darf
■) Prolegom. 300 ff., Wilamowitz Isyllos 75, Griech. 4) Rekonstruiert von Wilamowitz Isyllos 57 ff.,
Trag. III 68, Wentzel P.-W. I 380, E. Rohde Griech. Trag. III 71 ff.
Psyche» II 80, 2. 5) Hesiod bei Philodem n. eOssß. 63, Comp. 34.
') Kallim. Hymn. auf Apollon II 48, Schol. 1'"288, *) E. Schreck Finnische Märchen 3 ff., Radermacher
Stat. Theb. VI 332 f. Daher der Sohn Hippasos. Jenseits 63.
3) Eurip. Alk. 588, 601. Daher der Sohn Eumelos 7) Arist. und Athen II 128, Kretschmer Griech. Va-
und die Tochter Perimele. seninschr. 228, Böhlau Athen. Mitt. XXV 1900, 47.
ipo
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
in seinen einzelnen Bestandteilen als gedeutet gelten, seitdem eine Vase im Perser-
schutt der Akropolis einen Perichthonios zutage gefördert (Abb. 8) '); darnach
ist Erichthonios der 'gewaltige Herr der Chthon' ^). So, als yßöviog, haben auch die
Attiker ihren Erichthonios empfunden: aus der Tiefe der Erde hebt auf den Vasen-
bildern die Mutter Erde ihr Kindlein ans Licht 3); h -jr,? ßXaaösvxa nennt ihn Euri-
pides 4) ; er trägt die Gestalt der Schlange, die
Erscheinungsform der ypövioiS); als solche emp-
fängt er den Honigkuchen, der den chthonischen
Mächten zusteht 6). Wollte man bei anderen
Göttern, wie bei Hermes, ihre chthonische Seite
hervorheben, so gab man ihnen das Beiwort
kpiybövio? 7). Die gleiche chthonische Urnatur ist
auch bei Erichthonios' Doppelgänger Erechtheus
unverkennbar, der mit ihm in der Wurzel zu-
sammenhängt; für den Wechsel von s und i ver-
gleiche man außer dem von Wilamowitz beige-
brachten 'Epix&eu? der parischen Chronik^) und
den 'EptTi[j.o?-'EpsTt|xo?, 'Api\i.oiyo^, 'ApsaTpaxoc, die Fick-
Bechtel 9) zitieren, das Nebeneinander von 'Epitpu^
und 'EpetpuXrj in Arkesine ">) und den 'AvravSpo?
'Epeoajiou AtyipatTj? "); die Identität empfindet noch
in peisistratischer Zeit ") der Dichter von B 547 ff., der den Erechtheus, ent-
sprechend der Erichthoniosgeburt auf den Vasen, aus der apoupa hervorgehen läßt '3).
Abb. 8. Vasenscherbe von der Akropolis
mit Inschrift Perichthonios.
^) Graf, Vasen der Akropolis Taf. 33 (b); darnach
unsere Abb. 8.
') Kyrene 83, 4, P.-W. VIII 351.
3) Zusammenstellung bei Escher P.-W. VI 444, Ab-
bild. Arch. Jahrb. XXVI 191 1, 108 f. Eine nur
in der Form verschiedene Ausdrucksform dafür
ist, wenn Erichthonios der Ge Kurotrophos einen
Altar stiftet (Said. s. v. -/O'jpoTpotpo; yfj), im
Grunde wieder dieselbe Vorstellung, wenn die
Nemesis von Rhamnus (eine Erdgöttin, Wilamo-
witz Griech. Trag. II 222, 2) Mutter des Erech-
theus wird (Mantissa bei Leutsch Paroim. Gr. II
769) oder wenn Erechtheus Sohn der Unterwelts-
herrin Zeuxippe ist (Apd. III 193). In die Ver-
bindung von Erichthonios mit Ge, die nur zum
Ausdruck bringt, daß der Gott ein yTjYcvi^t, ein
y8(ivio{ ist, ist Athene erst sekundär eingedrungen :
P.-W. VIII 350 f.
4) Ion 227; ägavf^xe y?] 1005 f.
5) P. -W. VI 442 f., VIII 351, PoweU Erichthonios
and the daughters of Cecrops 1906, 6, 18 f.,
Frickenhaus Athen Mitt. XXXHl 1908, 171,
Küster, Die Schlange in der griech. Kunst und
Religion (Relig. Vers, und Vorarb. XIII) 99.
') So auch den Schlangen im Erdheiligtum des
Trophonios (Stengel Kultusaltert.' 71).
7) Literatur bei Escher P.-W. VI 446; dazu Wilamo-
witz Griech. Trag. III 69, i.
8) Arist. u. Ath. a. a. O.
9) Griech. Personenn. 374. Das umgekehrte Ver-
hältnis liegt vor in 'E3(0,ao{ IlXaTate'ij (Fick-
Bechtel 470) neben dem üblichen 'Ejf^Xao«.
'") Inscr. Graec. XII 7, 54 und 203.
") Inscr. Graec. VII 540.
") Wilamowitz Hom. Unters. 247.
'3) B 548 9pii|e sc. 'AftVjvTj, T^xe JefSmpo; äpoupo.
Ein ähnliches Kompromiß liegt vor in der Sage
des O t o s und Ephialtes X 307 ff. exEXE sc.
Iphimedeia von Poseidon, dp^ie C^ßtupo; äpo'jpa.
In dem letzten schimmert die Tradition einer
Erdgeburt der beiden Riesen durch; direkt be-
zeugt wird diese von Eratosthenes (Schol. Apoll.
Rhod. I 482), der die Riesen pry^evsTc nennt, die
von Iphimedeia herangezogen seien (Tpa^T)vai):
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
191
Weil er ein y^wio? ist, kann Erechtheus die enge Verbindung mit dem Poseidon
-fatTjo^os') auf der Burg eingehen, der hier ebenfalls noch der alte chthonische
Gott ist. Erst die aus dem Epos zurückflutenden neuen Vorstellungen haben
bewirkt, daß der Blitzschlag, mit dem der alte Gott vom Burgfelsen Besitz er-
griffen ^), zum Schlag mit dem Dreizack umgedeutet ward und daß das leicht
salzhaltige Wasser des Burgfelsens 3) von einer öa'Xa-rca Zeugnis ablegen mußte.
So wenig Verwandtes Erechtheus mit diesem späteren Meergott Poseidon hat,
so nahe steht er, der im yd<s\i.a der Burg haust, dem faiVjoxo?, von dem er nach
späterer Auffassung in das yäcsiioi hineingebannt wurde 4). Als /^ovw? schließlich
trägt auch Erechtheus Schlangengestalt 5), als ypono^ ist er Sohn einer Zeuxippe
(Apd. III 193), Vater einer Chthonie (Apd. Bibl. III 196) und der rechte Ahn
eines Volkes, das selbst der x&wv zu entstammen sich rühmt ^) ; wenn nach Hesiod
(Paus. II 6, 5) Erechtheus Vater des Ortseponymen Sikyon ist, hat der Unter-
weltsherr hier als Erechtheus die gleiche Funktion wie in Milet der Sohn der
Ge: Anax7).
also umgekehrt nuanciert wie in der Odyssee.
Inhaltlich widersprechen die beiden Traditionen
einander nicht; Poseidon ist wiederum der Gott
der Erdtiefe, die 'gewaltig Waltende' die Erd-
mutter, die in einer Version selber Poseidon-
tochter heißt (Hyg. fab. 28); in Mylasa hatte sie
einen Kult mit -jipa [AcyctXa (Paus. X 28, 8).
■) Die Zeugnisse bei Usener Göttern. 140. Priester
des Poseideon Erechtheus sind die Eteobu-
taden; ihr Ahnherr Butes ist Sohn des Poseidon
(Hesiod frg. 124 Rz.), seine Mutter Zeuxippe
(Apd. III 193, Hyg. fab. 14), seine Gattin
Chthonie (Apd. III 197); Poseidon wiederum
nicht als der Meergott, um dessentwillen 'der
Hirt' zum Meerdämon werden müßte (Töpffer
Att. Geneal. 113 f., Böhlau Bonn. Stud. für
Kekule 127), sondern der alte chthonische Gott,
der über den Erdsegen wacht, der (puTaXfiio?. In
einem noch älteren Stadium werden wir den
Butes wie Agreus und Nomios als Sondergott
zu fassen haben (Kyrene lof., Weinreich Lykische
Zwölfgötter-Reliefs. Sitzungsber. d. Heidelberger
Akad. d. Wissensch. 1913, 16 ff.).
') Bekannt, seitdem Balanos in der Decke über
dem Mal drei Löcher fand, das typische Zeichen
für das Blitzmal (Dörpfeld Athen. Mitt. XXVIII,
1903, 465 ff.). Die entscheidenden Rückschlüsse
für Poseidons Waffe hat Usener gezogen (Rhein.
Mus. LXVIII, 1903, 189), der auch an S 385 f.
erinnert: Seivov aop TavjTjxcs . . . eixeXov daxE-
poit^ (a. gl. 0. LX 1905, 23 = KI. Schrift. IV
490). Ursprünglich führt Poseidon das Feuer-
symbol in Blumenform (darüber Jacobsthal Der
Bhtz, Berlin 1906), ein Residuum davon z. B. noch
auf den korinthischen Pinakes (s. die Tabelle bei
Walters Journ. hell. stud. XIII 1892/3, 17; Jacobs-
thal S. 30, 32), wo die florale Bildung der Poseidon-
waffe nicht sekundäre Ornamentalisierung ist,
sondern Rest der alten Blumenbildung. Letzte Be-
handlung bei Ch. Blinkenberg The underweapon
in religion and folklore, Cambridge 1911, 51 ff.
Den Folgerungen von E. Petersen, Burgtempel
derAthenaia 72, daß auf der Akropolis ursprüng-
lich Erichthonios der Blitzträger gewesen, kann
ich nicht beistimmen.
3) Festgestellt von Köster Woch. klass. Phil. 1908,
656 f., E. Schmidt Athen. Mitt. XXXVIII 1913, 73.
4) Eurip. Ion 292, Rohde Psyche' I 136. Poseidons
Blitzstrahl, mit dem er sich des Burgtelsens be-
mächtigt, läßt den alten Hauptgott, den Rivalen
des Zeus, erkennen; die Bannung des Erechtheus
durch Poseidon in das ytdafia ist ein Zeichen für
die Auseinandersetzung des einen mit dem anderen
chthonischen Herrn des Burgfelsens ; die ftotXaosa
resultiert erst aus dem Eindringen des homerischen
Meergottes in die älteren Vorstellungskomplexe.
So meine ich scheiden zu sollen, was Petersen
Burgtemp. 68 für Dubletten erklärt.
5) Euripid. N.» 930 (Wilamowitz Kyd. 141, 228).
') Auch Erichthonios erscheint hie und da als
Ahnherr der Athener; da die Zeugnisse ziemlich
rar sind (Ermatinger Die attische Autochthonen-
sage 110 f.), sei 'Epi5(9ov(ou ßXrfaxTjiJia aus den
Anapästen Berl. Klassikert. V 2, 133, 138 notiert.
7) Paus. I 35, 6, u. s. (Wilamowitz Sitzungsber.
Berl. Akad. 1906, 66).
192
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
Wie nun der Troer Erichthonios, von dem wir ausgingen, über wunderbare
Rosse verfügt, so weisen die Attiker Erichthonios und Erechtheus ähnliche enge
Verbindung mit dem Pferd auf. Erichthonios gilt als erster Bändiger des Pferdes,
als Erfinder des Viergespanns'); der himmlische Fuhrmann trägt seinen Namen*).
Entsprechend heißt auch Erechtheus Erfinder des Viergespanns 3); auf einem Ge-
mälde im Erechtheion war er als Wagenlenker dargestellt 4). Aus der Gleichheit
des Attributs bei den beiden Erichthonioi 5) und schon aus der Verbindung des
Pferdes mit einer Gestalt dieser Art folgt, daß das Pferd für Erichthonios wesen-
haft ist; Erichthonios mit dem Pferd ist ein neuer Typus des Unterweltsherrn mit
dem Rosse.
6. Tiefer als der Troerkönig Erichthonios und seine Rosse, von denen nur das
Y berichtet, wurzelt im Epos, als Besitzer berühmter Pferde, der troische König
Laomedon. "Eve)( imwtv Aaojisoovxo; unternimmt Herakles seinen Zug gegen Tro ja
(K 640) ^) ; Zeus selber gab diese Rosse, «ptaiot uttouv, oaaoi saa.v uir' r^öa r^ikiöv
TS (E 266 f.) 7); der Dichter der ''A&Xa (*I^348) zitiert sie als Muster von Schnellig-
keit; Anchises legt ihnen heimlich seine Stuten unter, in dem Wunsch, von ihnen
•) Marm. Par. 140 (Jacoby S. 44 f.), Eratosth.
Kataster. 13, Varro bei Philargyr. zu Vergil
Georg. III 113, Vergil a. a. 0. und Probus z. St.,
Hyg. Astr. II 13, Euseb. Chron. 32 Seh., Erma-
tingcr a. a. 0. 47, 52.
») Eratosth. Kataster. 13.
3) Aristid. Panath. 1 170 D. und Schol. (III p. 62 D.),
Themist. XXVII, 337 a.
4) Schol. Arist. Panath. III p. 62 D., von Petersen
Burgtemp. 1 1 1 für das Gemälde des Ismenias in
Anspruch genommen; dagegen G. Körte Götting.
Anz. 1908, 850.
5) WieNeleus, Admetos usw. werden dieHellenen auch
die Vorstellung vom Erichthonios aus dem Mutter-
lande mit nach lonien gebracht haben; ob frei-
lich, sobald die umfassendere Bedeutung des
Namens erkannt ist, in dem Erichthonios des
Epos speziell der attische Erechtheus -Eri-
chthonios zu sehen ist (Bethe Neue Jahrb. VII
1901,673), ist mir zweifelhaft (vgl. auch Petersen
Burgtemp. 88). Daß Phanodemos (Dion. Halik.
Antiqu. Rom. I 61, Strab. 604) kombiniert und
keine tatsächliche Überlieferung gibt, hat Crusius
(Sitzungsber. Münch. Akad. 1905, 777) zutreffend
bemerkt. Nicht gerechtfertigt ist umgekehrt
Gruppes Forderung (Bursians Jahresber. Suppl.
1907, 489, Berl. phil. Wochenschr. 1908, 1597),
der Name müsse des Ipt- wegen aus dem Epos
stammen. Namen mit ^pi- z. B. in Athen
no[T]äfJHov 'Ept ... (Inscr. Gr. III 1, 1259), in
Attika Erithalion (Inscr. Gr. I Suppl. p. 162 zu
C 179 d), in Aigina 'EpfTifios (Inscr. Gr. IV 13),
in Euboia auf einer Bleitafel Eriklees (Roehl
Inscr. antiqu. 372, 106), auf Amorgos Eriphyle
(Inscr. Gr. XII 7, 203). ipt- und (Jpi- stehen als
Paralleltormen nebeneinander; als Parallele diene
Iparjv und äpiTjV, die in jedem Dialekte möglich
sind. Auch im Namen des Rosses Arion (so das
Epos) und Erion (in Arkadien) ist wohl mit Recht
der Wechsel von dpi- und äpi- erkannt worden
(Bechtel Bezz. Beitr. VIII 326, Solmsen Unters,
zur griech. Laut- und Verslehre 53).
') Damit ist zu verbinden T 145 ff-, wo vom -».rfOi
die Rede ist; Friedländer Herakles 7, 3 sieht hier
mit Recht Beziehung auf das Hesioneabenteuer
(Apd. II 104, Ovid Metam. XI 214 fordert He-
rakles die Rosse für die Befreiung der Hesione).
Die Rosse des Laomedon waren im Epos ge-
geben; der Dichter, der Herakles nach Troja
bringen sollte, greift sie als ein fertiges Motiv
auf; für Herakles um so leichter, als sein Ver-
langen nach berühmten Pferden aus der Sage
der Rosse des Diomedes gegeben war.
7) An dieser Stelle wie anschließend im Aphrodite-
hymnus 211 ist Tros der Empfänger der Rosse,
als Gegengabe für den Raub des Ganymed. Wie
wenig die Pferde für Tros charakteristisch sind,
lehrt das Konkurrenzmotiv; in der Kleinen Ilias
(Schol. Euripid. Troer. 821) erhielt Tros als Ent-
gelt den goldenen Weinstock. Auch Robert Stud.
zur Ilias 540 hält die Verbindung der Rosse mit
Tros für unursprünglich.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. ig^
Nachwuchs zu gewinnen {F. 265 ff.) '); nach ihnen heißt Troja suTtwXo? oder xXoto-
uwXo?. Wer ist der König Laomedon } In dem ausschließlich mit bedeutsamen Namen
arbeitenden Stemma der troischen Könige ein schattenhafter 'Volksherrscher' } Götter
treten bei ihm in Dienst, Apollon und Poseidon haben ihm die Mauern gebaut (H452f.),
nach anderer Version Poseidon allein, während Apollon des Königs Herden weidet
{<P 441 ff.) ^). Die beiden Götter kommen -apa Ato?; sie haben eine Strafe abzu-
büßen sk svtauTov. Schon den Alten war die hier angedeutete Beziehung unver-
ständlich; sie einigermaßen zu erklären, las Zenodot im A (400), wo von einem
Aufstand der Olympier gegen Zeus die Rede ist, an Stelle der übhchen Lesart "Hpr^
T r^Ss RoastSatüv xoti riaXXot? 'AOtjvtj an letzter Stelle Ooißo? 'AiroXXouv: die Buße im
<I) sollte der Versündigung im A entsprechen 3). Uns drängt sich der Vergleich
mit der Admetossage auf: Tzapa Ato? hat Apollon auch in Admetos' Dienst gemußt
und bei ihm sh sviauTov die Herden gehütet 4). Beide Sagen sind einander so ähnlich,
daß wir einen Zusammenhang irgendwelcher Art nicht gut abweisen können. Nun
ist Admetos als Herr der Unterwelt sicher gedeutet; die Folgerung auf den mit ihm
alternierenden Laomedon liegt nahe. Name und Genealogien führen nach der gleichen
Richtung. Aao[j.so(uv gehört der Namenskette an, aus der wir 'A-^rpiXao^/EyßXciLOi u.a.
als urkundlich gesicherte Namen des Unterweltsherrn kennen gelernt haben; es
sind die unterirdischen Xaot', über die er gebietet 5); der "AvaJ in Milet entspricht
der gleichen Auffassung. Seiner Eigenschaft als Herrn der Tiefe wie als Besitzer
der Rosse entspricht es schließlich, wenn er eine Zeuxippe *) (oder Leukippe 7) zur
Gemahlin hat; da diese, wie oben gezeigt, mit der Unterweltsherrin Basile alter-
niert, entspricht das Paar Laomedon — Zeuxippe in Namen wie Charakter den sicher
gedeuteten Paaren Echelos — Basile und Zeuxippos-r— Basileia.
Erichthonios und Laomedon, beide Ausdrucksformen des Unterweltsherrn mit
dem Pferd, begegnen beide als Herrscher im Stammbaum der troischen Könige;
die Erkenntnis ihres Wesens ist für den Aufbau des troischen Stammbaums
') Aineias' Rosse stammen von denen des Laomedon 4) Pherekyd. im Schol. Eurip. Alkest. i, Apd. Bibl.
ab (E 272 f.); Diomedes trachtet nach ihnen; III 122: aus der Koroniseöe, Wilamowitz Isyllos
W 291 f. besitzt er sie. 63 ff.
^) Als Mauerbauer erschienen die beiden Götter auch 5) Den Laomedon, Laodamas u. a. deutet schon
bei Hesiod frg. 142 Rz., bei Panyassis (frg. 16K.) Gruppe Griech. Myth. 307 vermutungsweise auf
und bei Pindar Olymp. VIII 32 f. Apollon hält Gottheiten des Hades. Einen anderen mit Xa<5{
Wilamowitz (Griech. Tragöd. III 264, 2) für den gebildeten Namen, Aao'Soxo?, hat Usener Arch. für
ursprünglichen in der Verbindung; er hat auch Religionswiss. VII 1904, 327 ff., als alten Hades-
die Mauern des Alkathoos gebaut Theogn. 773 ff.; namen gedeutet und mit noX'i?£ivo«, noXuS^YiJuuv
bei Poseidon wird man nicht an den fon-fioyoi zusammengestellt. Der zweite Bestandteil -fi^Suiv
denken dürfen, vielmehr an den na-f ofXios, der kehrt wieder in sOpu[A^5tuv als Beinamen für den
z. B. eine aus dem Meer aufgetauchte Insel festigt unterirdischen Poseidon, M^Sousa als Namen der
(Strab. 57) oder im Tartaros Tore baut (Hesiod Erdherrin, ähnlich gehalten sind i'va; (s. o. S. 191)
Theog. 732 ; Preller-Rob. 585). und Pasianax (Wünsch Rhein Mus. LV 1900, 67 f.).
3) Die Absicht der Konkordanz wird in den be- 6) Alkman Bgk.4 113.
treffenden Iliasscholien und im Schol. Pind. 7) Schol. zu Lykophr. 18; ein Leukippos in der
Olymp. 8, 41 unmittelbar ausgesprochen. sikyonischen Genealogie Euseb. Chron. 16 Seh.,
Augustin. de civit. dei XVIII 3.
Xg^ L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
von besonderer Bedeutung. In einer der jüngsten Zutaten der Ilias, dem Zweikampf
des Hektor und Aineias'), zählt Aineias die Reihe seiner Ahnen auf (T215 ff.): vom
Zeussohn Dardanos entstammt Erichthonios, dessen Sohn ist Tros, von diesem
stammt Ilos, des Ilos Sohn ist Laomedon, der Vater des Priamos. Vom Trossohne
Assarakos stammt über Kapys und Anchises der Redende, Aineias selber. Aineias
ist Führer der Dardaner (B Sipf.)^); auf die Verherrlichung des Dardanos zielt
auch der Stammbaum: Dardanos hat eine Stadt Dardanie am Ida gegründet, die
älter ist als Ilios (V 215 ff.); im gleichen Zusammenhang prophezeit Poseidon, das
Geschlecht des Dardanos werde nicht vergehen (V 303 ff.); Aineias und seine Nach-
kommen würden über die Troer herrschen für alle Zeiten (307 f.). Das gleiche Orakel
begegnet wieder im Aphroditehymnus (103 f., 196 ff.), der zu Ehren der Aineiaden
gedichtet ist; beide Partien, das V wie der Hymnus, sind oracula ex eventu;
als sie gedichtet wurden, herrschen über Ilios nicht mehr die Troes, sondern
die Dardanoi. Das historische Verständnis für diese Vorgänge, speziell für die
Herkunft der Dardaner, hat P. Kretschmer 3) angebahnt. Als thrakisch-
illyrisches Volk begegnen, belegbar seit dem Jahre 284 v. Chr. Geb., von da an fort-
laufend die Römerzeit hindurch bis ins 7. Jahrhundert n. Chr. 4), im Gebiet des
Axios und der Morawa die Aapoavist? oder AapSavtäxai, von dort sich nach Samothrake
vorschiebend, wo schon Hellanikos 5) den Dardanos kennt, und an den Hellespont,
ah dem eine Stadt Dardanie*) gelegen ist, deren Erinnerung noch in den Dardanellen
lebt. Der Vergleich mit den Wanderungen der Phryger, der Myser und Päonen lehrt,
daß auch die Dardaner einst aus dem Nordwesten der Balkanhalbinsel nach Kleinasien
hinübergezogen sind 7). Ihr Eponym Dardanos hebt sich darnach als Vertreter
eines fremden Volkstums, das einmal Herr über die Troer geworden sein muß und
seine Stadt am Ida daher mit dem üblichen naiven Anspruch des späteren Siegers
für älter als Ilios erklärte ^), von dem ursprünglichen Bau des Stemmas als letzte
') T 75 ff. wird ein Zusammenstoß zwischen Achill sten bei Tomaschek Die alten Thraker I (Sit-
und Hektor vorbereitet; erst vs. 364 ff. kommt zungsber. Wien. Akad. 1893) 23 ff.
das Motiv zur Ausführung; dazwischen steht un- 5) Hellanikos FHG I 63, 129. Bei Dionys von
vermittelt die Aineiasepisode. Die Unursprüng- Halikarn. Ant. i, 61 kommt der Dardanossohn
lichkeit des Zusammenhangs sah schon Kammer, Idaios (der Name nach der Stadt Dardanie am
Zur homer. Frage 38 f., 45 ff. Das Stemma der Ida) aus Samothrake.
Könige mit L. Friedländer zu athetieren, ist ') Zuerst genannt von Herodot V 117 (für die Zeit
nicht möglich, da der Stammbaum und das des Dareios). Weitere Literatur bei H. Degen,
spätere Orakel des Poseidon (T 303 ff.) einen de Troian. scaenic. Leipz. 1900, 11.
einheitlichen, dem gleichen Zwecke dienenden 7) Für den Hügel Batieia (B 8n ff.) erinnert H.
Zusammenhang ausmachen. Jacobsohn (Herm. XLV, 1910, 81, 2) an die epi-
') Ein Gegensatz zwischen ihm und den Troern ist rotische Stadt Baxtai und den illyrischen Namen
auch N 460 deutlich. Bdrcuv.
3) Einleit. in die Geschichte der griech. Sprache 185, *) Die Nachricht über diese Stadt Dardanie am Ida
245 f., weiter fortgeführt durch Bürchner P.-W. (T 216, Hellanikos F. H. Gr. I 127; Konon 21)
IV 2157 und Thrämer ebd. 2177. Auch Wilamo- wird in Zusammenhang stehen mit den Traditi-
witz Griech. Liter.3 15 knüpft die Dardanoi des onen, die den Dardaner Aineias auf dem Ida
Epos an die illyrischen Dardaner an. gezeugt werden lassen von Anchises und der Berg-
*) Die Zeugnisse über die Dardaner am vollständig- mutter des Ida, die in diesem Falle mit Aphro-
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. ige
Oberschicht ab. Der Stammbaum beginnt dann mit Erichthonios, dem Herrn der
Wunderpferde, d. h. mit dem Urkönig. Es folgen der Vertreter des Stammes, Tros,
und der Vertreter der Stadt, Ilos. Mit Laomedon begegnet zum zweiten Male der
Urkönig, wieder als Besitzer der Rosse, ihm folgt, mit unhellenischem Namen,
Priamos. Die doppelte Existenz des Urkönigs in dieser Reihe lehrt, daß das Stemma
allmählich gewachsen ist. Nun sitzt Laomedon in der Ilias ungleich fester als der nur
im r zitierte Erichthonios; es heißt auch Priamos im f 250 Actojisoiv-tctorj? '), anstatt,
wie an vielen anderen Stellen, Aapoavtor^c. Man hat sich also einmal darauf beschränkt,
den Priamos Sohn des Urkönigs zu nennen, eine Formulierung, die ihn als Autochthon
kennzeichnen will. Dann schoben sich die Vertreter von Volk und Stadt davor, der
Urkönig trat noch einmal an die Spitze der erweiterten Genealogie, diesmal als Eri-
chthonios. Wenn für ihn und Laomedon in der Ilias die Rosse typisch sind, diese da-
gegen weder fürDardanos noch für Ilos oder Priamos existieren, für Tros nur einmal in
unursprünglichem Zusammenhang(ob. S. 192, 7), so lehrt dasdeutlich, daß Erichthonios
und Laomedon eine identische Grundanschauung repräsentieren^). Wie schließlich die
hellenischen Namen im Stemma der Troerkönige beweisen, ist der Stammbaum
von Griechen so geformt worden, mit Benutzung einzelner einheimischer Namen;
die Einleitung mit dem Urkönig entspricht ganz hellenischer Art: die Milesier leiten
sich so vom Urkönig Anax ab, und ebenso steht der Urkönig in der Gestalt des Zeux-
ippos an der Spitze einer Genealogie, deren sikyonischen Ursprung Wilamowitz
aufgedeckt hat 3). Das sikyonische Herrscherstemma +) gibt endlich einen einwand-
freien Beleg für die Möglichkeit einer mehrfachen Existenz des Urkönigs in Stamm-
bäumen, die nicht aus einem Gusse sind. In der Genealogie von Sikyon, die so zu-
sammengeschoben ist, daß der Eponym erst in der Mitte des Stemmas erscheint,
deren Schluß uns auch noch in mehreren Brechungen vorliegt 5), begegnet Laomedon
in der bedeutsamen Funktion als Vater des Ortseponymen Sikyon; zur Tochter
hat Laomedon eineZeuxippe^), das weibliche Pendant zum Unterweltsherrn Zeuxippos,
dite (so der homerische Hymnus, der sie noch 3) MeXctviTtüO; 6 K6x),(ür:o« 6 ZeuSitittou (Wilamowitz
ganz als ttotvi« örjpöiv charakterisiert), sonst mit Kydathen 147, Aristot. und Athen II 130, 10).
Artemis identifiziert wurde (Kyrene 73). 4) Paus. II 5, 6 ff., Euseb. Chron. Schöne 38 ff.,
') Bei Vergil Aen. 3, 248 heißen die Troer insgesamt E. Schwartz, die Königslisten des Eratosth. und
Laomedontiadae. Die Bedeutung des Laomedon Kastor 50 ff.
leuchtet auch daraus hervor, daß nach einer bei 5) Pfister Rhein. Mus. LXVIII 1913, 529 ff.
Servius zu Verg. Aen. II 241 angeführten Tradi- ') Über Zeuxippos und Zeuxippe ob. S. 187 f. Die
tion von der Integrität des Grabes des Laomedon, genealogischen Verbindungen, in denen Zeuxippe
das super portam Scaeam lag, der Bestand Trojas erscheint, können eine Gegenprobe abgeben für die
abhing. Daß die Stadt erst unter Laomedon ihre oben gegebenen Deutungen einiger Einzelgestal-
Mauern (ob. S. 193) erhielt, erscheint passend, ten. Zeuxippe erscheint als i. Mutter des Erech-
sobald man in ihm den Urkönig sieht; aber die theus (Apd. III 193), 2. Mutter des Laomedon
Folge ist, daß nach dem Stemma der Eponym (Paus. 2, 6, 5), 3. Mutter des Priamos, d. h.
Ilos und die anderen Vorgänger des Laomedon Gattin des Laomedon (Alkman, Schol. F 250),
strenggenommen über ein mauerloses Ilion ge- 4. Mutter einer Chthonophyle, deren Name für
herrscht haben. sich spricht (Paus. 2, 6, 5 f.), 5. Tochter des
*) So werden denn auch die Rosse beider verwech- Hippokoon (Diod. 4, 68, 5), in dem also eine
seit; Hyg. fab. 89 von den Laomedonpferden Gestalt nach der Art des Zeuxippos stecken wird,
qui super aquas et aristas ambulabant.
Jahrbuch des archäolo|pschen Instituts XXIX. - l5
ig6
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
der selbst einige Stufen tiefer in derselben Genealogie erscheint '). Auch in Milet
hat man keinen Anstoß daran genommen, Anax und Neleus in einer und derselben
Genealogie zu führen, und in der Abfolge der attischen Könige stehen Kekrops,
Erichthonios und Erechtheus unbeschadet nebeneinander.
Die Zusammenstellung der verschiedenen Formen, in denen der Unterwelts-
herr in Verbindung mit dem Pferde auftritt, ergibt ein erstes Resultat: das Pferd
im Besitz des Unterweltsfürsten ist wurzelhaft. Damit wird der Versuch
von P. Stengel ^) als unzulänglich erwiesen, der das Roß des xXuToitcuXo; mit Hilfe eines
Analogieschlusses deuten wollte: weil die Toten in der wilden Jagd Rosse besäßen,
könne es nicht verwunderlich sein, das Roß auch im Besitze des Hades zu finden.
Da das Fundament sich über den xXuTortuXo? des A hinaus wesentlich verbreitert
hat, hat der Analogieschluß nicht mehr die notwendige Tragkraft. Auch würde er
positiv zu einer unzutreffenden Folgerung führen: es müßte dann Hades Führer der
wilden Jagd sein; eine Funktion, die er im hellenischen Glauben nicht ausübt, dem
vielmehr Hekate die Führerin des gespenstigen Heeres ist 3).
Gegenüber der alten Sage, die das Pferd in Zusammenhang mit dem Jenseits-
herrn kennt, treten, wie schon öfter angedeutet, im homerischen Epos die ursprünglichen
Ideen in den Hintergrund ; ein Musterbeispiel dafür, daß sie zwar in ihren äußeren Formen
noch vorhanden sind, während doch die ihnen ursprünglich anhaftenden Vorstellungen
■) Vielleicht darf man in den Kreis alter Unterwelts-
götter mit dem Pferde auch den 'Eyir.uiXoi im
W 296 ff. aufnehmen, der hier wie Zeuxippos und
Melanippos ebenfalls aus Sikyon stammt und dessen
Reichtum besonders hervorgehoben wird, so wie
Erichthonios (T 220) der 'Reichste der Menschen'
genannt wird, eine Bezeichnung, die dem Unter-
weltsgott als Herrn der Bodenschätze wohl an-
steht.
') "AiOTjS xXuTOTiiu/o; (Opferbräuche der Griechen
154 ff.); die wertvollen Einzelergebnisse werden
unten verwendet. Stengel fürchtet, eine Ausdeh-
nung der Untersuchung über das ganze griechische
Gebiet und auf die verwandten Völker würde die
Unsicherheit des Urteils nur erhöhen. Das darf
nicht schrecken. Er hofft, eine Einschränkung
auf das Gebiet des Kultus werde zu bescheidene-
ren, aber vielleicht aussichtsvolleren Resultaten
führen. Das ist ein Irrtum. Jedes Problem muß
so weit gegriffen werden, wie es selbst sich dar-
stellt; im Ausschnitt behandelt, birgt es von
vornherein den Fehlerquell in sich. Nur das
auvopäv kann der Wahrheit näherführen.
3) Der 'Jäger Hades' und die 'Jägerin Persephone'
pflegt nach K. Dilthey Arch. Zeitg. XXXI 1874,
82 zitiert zu werden. Nun gibt es gewiß auch
eine Auffassung des Unterweltsgottes als Jäger;
als KuvTjYETTj; erscheint er z. B. mit seinen -/ivs;
(Inscr. Gr. II 1651, Komiker Piaton bei Athen.
442 a, Wilamowitz Isyllos 100, Herakl.^ II 195),
in Böotien (im Gegensatz zu Attika) denkt man
sich dem entsprechend auch den Toten als Jäger
(Rodenwaldt Arch. Jahrb. XXVIII 1913, 314,
337); doch ist es ein öfters begangener Fehler in
mythologischen Untersuchungen, dergleichen Ein-
zelausprägungen ohne weiteres auf das Konto des
großen Gottes Hades zu setzen. Die von Dilthey
für die 'Jägerin Persephone' zitierte Pausanias-
stelle (IX 39, 4) handelt von der Kopr^; 9i^pa in
Lebadeia, die, so wenig wie die verwandte 'Jäge-
rin' (Thero) vonChaironeia, etwas mit Persephone
zu tun hat (Kyrene 76, 2). Der Jäger Agreus
(und Zagreus) sind Sondergestalten, die erst all-
mählich sich größeren Göttern unterordneten
(Kyrene 10 f.). Wenn Dionysos Jäger ist, hängt
das mit dem orgiastischen Wesen einer bestimm-
ten, ursprünglich unhellenischen Religionsform
zusammen und ist für Hades nicht zu verwerten.
Dilthey faßt unter dem Schlagwort 'Wilde Jagd'
Dinge zusammen, die ganz divergenter Natur
sind. — Über Hekate als Führerin des wilden
Heeres s. unt. S. 237.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 107
blaß geworden, bieten die Athla im W. In dem Wagenrennen treten fünf Helden
mit ihren Gespannen in die Schranken: Eumelos mit den Rossen seines Vaters
Admetos (>]'' 288 f.), Antilochos mit denen seines Ahnen Neleus, die der Dichter
nuXoifsvsE^ nennt (vs. 303), Diomedes mit den geraubten Abkömmlingen der Lao-
mcdonpferde (vs. 290 f.); Menelaos führt die Stute, die sein Bruder vom Sikyonier
Echepolos erhalten hat; ohne jede Charakterisierung bleiben nur die Pferde des
Meriones (vs. 351). Paradigmatisch, als Muster für Schnelligkeit, nennt der
Dichter außerdem noch den Arion des Adrastos und die Laomedonpferde (vs. 347 f.).
Unabhängig vom Epos hat unsere Untersuchung gelehrt, daß die Pferde des
Admetos, Neleus, Laomedon nach altem, mutterländischem Glauben Tiere des Unter-
weltsherrn waren; für die Stute des Echepolos wurde das gleiche wenigstens ver-
mutet (S. 196, i). Davon weiß der Dichter der Athla nichts mehr; mit der Ver-
pflanzung nach Kleinasien ist der Ursprungscharakter verloren gegangen. Aber
er gruppiert diese Pferde und keine anderen; eine Tradition existierte also auch
noch für ihn. Und er behandelt sie, die aus alter Tradition stammen, unter-
schiedlich gegenüber den traditionslosen Rossen des Meriones, den ßapoiarctt, wie er
sie nennt (vs. 530), die für die Entscheidung nicht in Betracht kommen. Meriones
ist der kretische Bogenschütze'); der Dichter greift mit ihm einen bekannten
Namen des Epos auf, mit dem er die Zahl seiner Wettkämpfer erhöht, und gibt dem
Schützen Rosse; aber es ist in der Ordnung, daß Hans und Grefe keine Lorbeeren nach
Haus tragen. Noch ein anderes Mal berührt das Epos die Frage nach den äpn-oi i-kt.ol
Am Schluß des Katalogs der Helden, als die Muse Auskunft geben soll, welches die
trefflichsten Rosse seien (B 761 ff.), entscheidet sie: fewji jisv iii-f äpi^-oti saav <I)r,rjr,T'.a6ao,
xä? 'Eu[xr,>.o? IXciuvs Ttootuxia; ö'pvt&a; &; d. h. wieder die Admetospferde; daran ge-
reiht werden die Renner des Achill: auch diese aber entstammen dem Kreise des
Unterweltsherrn, als Geschenk des Unterweltsgottes, des iizmo; rioasioöJv, an Peleus
{W 277 f.).
In den Vorstellungen des hellenischen Volkes hat sich lebhafter als im Epos
der alte vorhomerische Glaube vom Pferd als Begleiter des Todesgottes erhalten;
er ist noch heut lebendig. So reitet die 'Grimme', die Todesgöttin Brimo, auf den
Münzen ihres Kultortes Pherai ein springendes Roß^), die Fackel in der Hand, die
bei ihr so wie bei den Erinyen 3) sengen, nicht leuchten soll; auf einer Fluchtafel
ist die gespenstige Hekate nach einer wahrscheinlichen Besserung Wünschs tTrirsuipta 4).
In der Apokalypse (VI 8) reitet der Tod einen rcTtoc /Xtupo? 'und ich sah, und siehe,
ein fahles Roß, und der darauf saß, hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach'. Moira,
als Dämon des Todes bekannt 5), erscheint in einem Leidener Papyrus als Motpa
airavia uspiimta;o[j.£v)i) &), im -Papyrus Mimaut wird ein ikito? rffi 'Axxai'rj?, wiederum
■) Im V selbst 860 ff. ist er der berühmte Schütze, 4) Antike Fluchtafeln (= Lietzmann Kl. Texte 20)
der sogar den Teukros übertrifTt. Auf dem Ge- S. 19, wo i;r7:eiTpo überliefert ist.
spann erscheint er nur noch P 610. 5) Dieterich Nekyia' 59, Deubner Athen. Mitt.
=) Catal. Brit. Mus. Thessaly Tat. X nr. i6. XXVll 1902, 264.
3) Wilamowitz Griech. Trag. II 236, 3. ') Dieterich Abräxas 95, Nekyia' 59, 3, der auch
16*
ig3 L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
einer Unterweltsgöttin '), genannt; eine der Medusen, Stheno, heißt auf einem
Zauberstein aus Pergamon it).Tjci--o? ^). Der Teufel wird im heutigen Griechenland
mancherorts reitend gedacht; so soll die Roß trappe auf Kalauria von ihm her-
rühren 3). Bekannt ist, daß der neugriechische Todesgott Charos beritten ist; im
Mondenschein schirrt er sein Roß zum Ausritt 4); er zieht über das schwarze, in
Nacht und Nebel gehüllte Gebirge, mit den geschiedenen Seelen: 'er treibt die Jungen
vor sich her und hinterdrein die Alten, am Sattel hat er zart und jung die Kinder
angereihet' 5). Des Charos Pferd ist schwarz *) wie er selbst ■ — auch dieser Zug
ist alt; wenn sich auch der homerische Demeterhymnus über die Farbe der Rosse
nicht äußert, so kennt sie die orphische Tradition als Rappen; in dem neugefun-
denen Traktat ist ansprechend ergänzt worden s-i' dp[x[a't(uv] y.[uav]i'--(uv 7), in den
orphischen Argonautika I194 hat Pluton xuavÖTpix«^ i-üw;; für Ovid, der in seinen
beiden Darstellungen des Koreraubes ^) die schwarze Farbe der Rosse kennt, war
das alexandrinische Koregedicht des Kallimachos 9) maßgebend; ein Mosaik mit
Koreraub, in Rom gefunden, nennt die Rosse des Hades XOövto?, 'Epsßiüc, Zocjo;
und Aufaw; (Inscr. Gr. XIV 1303).
Unter den einzelnen Unterweltsherren, die wir zusammengestellt'"), heißt Eri-
ch thonios nach seinem Sitz in der Erdtiefe; Neleus Admetos fassen den Gott
nach der Seite des Töters, Laomedon Echelaos als Herrscher über die Toten, Zeux-
ippos als Herrn des Rossegespanns. Wenn für Namen von so verschiedener Färbung
die Verbindung mit dem Pferd konstant ist, so haben wir zu folgern, daß in der
Verbindung Gott und Pferd der Akzent auf dem Pferde liegt. So
erhebt sich die Frage, wie weit bei den Hellenen das Pferd als Erscheinungsform für
die chthonischen Mächte, speziell für solche dämonischen Charakters, gegolten hat.
Daß die großen chthonischen Götter, Poseidon und Demeter-Erinys, Pferde-
gestalt trugen, war erwähnt; ebenso daß Medusa auf altertümlichen Gefäßen als Stute
dargestellt war. In den gleichen Kreis wie beide gehört Melanippe; ihr Gatte ist
zutreffend den Zusammenhang mit dem xX'jTd- ') B. Schmidt a. a. 0. 225, Waser Charon, Charun,
ruiXot betont. An die pferdeköpfigen Dämonen Charos 97, 99.
in gnostischer Literatur, an die die Zunge des 7) Berlin. Klassikertexte V I, 9 Kol. 3 vs. 4; K. Fr.
Lästerers gebunden wird, erinnert Dieterich W. Schmidt Woch. klass. Philol. 1908, 281 ff.
Nekyia' 208, 2. 8) Metam. 5, 360, 404 (atri equi), Fast. 4, 446 (cae-
•) Pap. Mimaut 31, Wünsch Rhein Mus. LV 1900, ruleis equis).
258 f., Radermacher Jenseits 44, 3. 9) Malten Herrn. LXV 1910, 506 ff., Wilamowitz
^) Wünsch Antik. Zaubergerät aus Pergamon 27. Sitzungsber. Berl. Akad. 1912, 535.
Auch eine Gestalt wie Lyssa wird reitend gedacht; ■") Auf den thrakischen Reiter gehe ich mit Bedacht
Herakles, von ihr geritten, 'galoppiert' zum Morde nicht ein; hier ist erst eine reichere Publikation
des alten Vaters (Euripides Herakl. 1001 tirnciet, des Materials und eine genauere Sonderung
mit Wilamowitz' Erläuterung II 217). vielverschlungener Fäden nötig, ehe mit einiger
3) B. Schmidt Volksleben der Neugriech. 177. Sicherheit über diese Gestalt geurteilt werden
4) A. Passow, Liebes- und Volkslieder des neugriech. kann. Letzte Behandlung bei Seure Rev. des
Volkes 55. ^tud. anciennes XIV 1912, 137 ff., 239 ff., 382 ff.,
5) Passow a. a. 0. 56. Ähnlich ebd. ein Liedchen, methodisch wertvolle Weiterführung bei Wein-
in dem ein Vogel aus der Unterwelt vom reiten- reich Athen. Mitt. XXXVIII 1913, 62 ff.
den Todesgott Charos spricht.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. ]qq
Poseidon, sie selbst die 'schwarze Stute'; ohne besonderen Eigennamen vertritt diese
Gestalt die Stute Demeter-Erinys der arkadischen Sage; Erdmutter die eine wie die
andere '). Das unmittelbare Pendant zu Melanippe haben wir in Melanippos; als
Stadtgründer (von Triteia, Paus. VII 22, 8) entspricht er dem Unterweltsherrn
Anax in Milet; eine sikyonische Genealogie hebt an mit den bedeutungsvollen
Namen MsXa'vnrTro? 6 Kux>.tuTto? 6 Zsu£i7t7tou (Wilamowitz Kydath. 147), in Athen
gibt es ein MiXotviir-iioy (Harpokr. s. v.), dessen Inhaber dem des dortigen N/jXsTov
entsprochen haben wird ^). Hippomenes von Onchestos (Apd. III 210) gehört in
denselben Kreis; darauf weist der Name des Roßstarken, der Vater Poseidon und
die im IlostSi^iov d'ikoLhv ä>,30c zu Onchestos (B 506, Hymnus auf den pyth. Apollon
52 ff., Pindar Isthm. I, 33) begangenen Zeremonien mit den equi conscii 3).
Sproß der Verbindung zwischen Poseidon und Melanippe ist Aiolos^); er selbst
wiederum zeugt mit Hippe, der Stute, eine Melanippe. Daß auch er einmal in Rpßgestalt
gedacht wurde, legt schon die Abstammung von solchen Eltern nahe; Kontrolle bietet
die Odyssee (x 2), die des Aiolos Vater 'Iir-o-:/)? nennt; darin steckt der lloasioiüv "Ittkio?,
wie auch die Späteren verstanden, die mit dem Paare Poseidon-Melanippe alter-
nierend Hippotes-Melanippe Eltern des Aiolos nennen (Diod. IV 67, 3) 5). Aiolos,
der Windgott, in Roßgestalt ist nicht überraschend; die Roßgestalt der Winde ist
bekanntlich weit verbreitet ^). Die Winde in Roßgestalt jagen über die Wogen des
Meeres 7) ; in Roßgestalt zeugen sie im Epos mit stutengestalteten Harpyien treff-
liche Renner; so Boreas mit der Harpyie Podarge den Xanthos und Balios (H 149);
das Roß Erion stammt von Zephyros und der Harpyie ^j. Spätere variieren in
') Wünsch Rhein. Mus. IL 1894, 108; Wilamowitz und von einer Kuh gesäugt; dieser Zug der
Griech.Literaturgesch.325.- Das in gewissem Sinn Sage entfließt der ursprünglichen Stiergestalt des
Gegensätzliche, das Wünsch darin vorzuliegen Boiotos. Die säugende Stute für Aiolos ist wohl
schien", daß Melanippe zugleich chthonische nur zufällig nicht überliefert; sie findet sich
Gottheit und Geliebte des Poseidon ist, löst in den Sagen für Hippothoon, Neleus, Pelias.
sich nach dem Grundprinzip dieser Untersuchung, 5) Vgl. auch S. Wide Lakon. Kulte So, 2, Usener
wonach in all solchen Fällen Poseidon noch Rhein. Mus. LIII 1898, 359 = Kl. Schrift, IV 287.
nicht der Meergott ist. ^) Einiges bei Steinmetz de ventor. descript. Götting.
») Melanippos als Unterweltsgott: Usener de carmine 1907, 6, 2; Arch. Jahrb. XXV 1910, 33, 5. Auch
quod. Phoc. 30, Wünsch Rhein. Mus. IL 1894, im deutschen Volksglauben spricht man vom
108, Kuhnert in Roschers Myth. Lex. IV 530, Wind 'füttern'; man opfert dem Wind oder wirft
Neustadt de Jove Cretico 12, Wilamowitz Heu in die Luft (Wuttke-Meyer3 Deutscher
Aischylos, Interpret. 102. Volksabergl. 294), oder man streut dem Winde
3) E. H. Meyer in Roschers Myth. Lex. III 2829. Mehl hinaus, damit er 'was zu fressen habe'
Aus der Natur des Vaters entfließt die Sage (E. H. Meyer Mythol. der German. 230).
von der Tochter Leimone, die von einem Pferd 7) Eurip. Phoin. 210 'jr.ip c(xo(p-i3T(ov rcBfiov
zerrissen wird (Kallim. frg. 457 Sehn. u. s). StxcXfaj Zecpipo'j i:voaI{ tezE'iaotvro;, Horaz
4) Der zweite Sohn ist Boiotos, der Ahnherr der Carm. IV 4, 44 Eurus per Siculas equitavit
Böoter; auch er ist ursprünglich in Tiergestalt undas, wo der Eurus als Roß durch die Wogen
zu denken (Wilamowitz Gr. Trag. II 227, i). Ein galoppiert, nicht als Reiter zu Pferd sitzt (Wila-
Rind weist die Stelle, wo Theben gebaut werden mowitz Herakl.' II 217).
soll; Parallelen dazu gibt es aus jederzeit; Kadmos 8) Eustath. zur II. 23, 246, Quint Smyrn. 4, 570;
als Städtegründer ist dem gegenüber sekundär. In daneben Parallelversion, die Poseidon und Erinys
Euripides' MeXavinKr] <3o'ffj werden die Kinder oder Poseidon und die Harpyie als Eltern nennt:
Aiolos und Boiotos von einem Stier bewacht Schol. Y 346.
200
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
den Namen '). Da die Harpyien unverkennbar raffende Stürme sind ^), der Ver-
gleich von Wind und rasch dahinfliegendem Pferde dem Altertum geläufig ist 3),
hat der Vergleich zwischen Roß und Wind zur Verbreitung der Vorstellung vom
roßgcstalteten Winde gewiß wesentlich beigetragen; hinzuzunehmen ist, daß dem
antiken Glauben die Winde unheimliche Gesellen sind, die man mit nächtlichem
Opfer besänftigt 4), und daß auch die Harpyien im Volksglauben als raffende Dämo-
ninnen gelten wie Sirenen, Keren usw. (unt. S. 239ff., 242 f.); solche Wesen sind
es, denen im Volksglauben die Erscheinungsform des als gespenstig empfundenen
Pferdes besonders gern gegeben wird 5).
Waren es in den bisher behandelten Fällen bestimmte Gestalten des Glaubens,
Götter der Tiefe oder Dämonen, die Roßgestalt annahmen, so führen Spuren in der
Tragödie darauf, daß ganz allgemein der (namenlose) Dämon, der Verderben bringend
den Menschen anspringt, in der Gestalt des tretenden Pferdes vorgestellt wird. Die beiden
bezeichnendsten Beispiele hat Wilamowitz *) herausgehoben und erläutert. oat'jAovo;
X'rl^^l ßctpsia 5'j!JTux<üj irsuXTjyjisvoi 'der schwere Huf des Dämons hat uns furcht -
•) Podarge als Mutter der Dioskurenrosse bei Ste-
sichoros (Suid. s. v. K'iXXapo?), Boreas verbunden
mit den Stuten des Erichthonios T 221 ff.,
. Boreas mit der 2i9ovi7j "Apruia äeXXcJro;
(Nonn. Dion. XXXVII 154 ff.), Zephyros mit
der Harpyie bei Quint. Smyrn. 8, 154 f., Boreas
mit der 'Eptvy; ßXoa'jp&Tii; 8, 241 ff. Winde be-
fruchten Stuten (Preller-Robert 473, 2; Gruppe
442, 3). In dem von Furtwängler (Arch. Zeitg.
XL 1882, 339 ff.) rekonstruierten Akroterion in
Delos (abgeb. Roschers Myth. Lex. I 1277) er-
scheint unter Oreithyia ein Pferdchen. Nach
Analogie der anderen Gruppe, die den Hund
unter Kephalos bildet, muß das Pferd eher als
auf Boreas auf Oreithyia bezogen werden
(Loeschcke Dorpat. Progr. 1886, 3). Zur Erklä-
rung der Oreithyia geht Loeschcke von der Nereide
Oreithyia i 39 ff. aus; doch Oreithyia ist 'die im
Gebirge stürmt' (Wilamowitz Hom. Unters. 324);
als solche ist sie älter als ihre Verwendung im
Katalog des Epikers. Dieser häuft für seine Meer-
mädchen klingende Namen, die auch sonst zum
großen Teile (Doto, Phemo, Nemertes, Apseu-
des u. a.) nichts mit dem Meer zu tun haben;
der Nereidenkatalog bei Hesiod Theog. 243 ff.
entbehrt denn auch der Oreithyia. Als W i n d -
d ä m n gleich Boreas kommt auch der Oreithyia
Roßgestalt zu; ein letzter Nachklang ist, wenn
sie der Penthesileia ein Roß schenkt, das
ftoi^m |ji£T^7TpeTrEv 'Apz-jirfli (Quint. Smyrn. i,
169). Vgl. jetzt auch Ch. Fränkel Satyr- und
Bakchennamen auf Vascnbildcrn 1912, 48, 6.
^) Milchhöfer Anf. d. Kunst 64, Wilamowitz Griech.
Trag. II 229 f., Stengel Herm. XXXV 1900, 634,
Gruppe Gr. Myth. 846, 6. Bei Hesiod Theog.
267 ff. laufen die Harpyien ävifjicuv zvoti^Ji.
3) Die Rosse des Rhesos laufen av^[ioi3i 6(10101
(K 437). Die Boreade Kleopatra ist 5(ii7r7tO{
Soph. Antig. 985; ein Roß ist iOXir.O'Ji bei Pind.
Nem. I, 6; Pherenikos ist möXo; äsXXoSpdfAa;
(Bakchyl. 5, 37); izXKi'jti Ir.r.oi Soph. Oed. Kol.
463; 8e(JvTtov «){ äv^fiiuv Kallim. frg. 135.
Man beobachte, wie anders hier die Situation ist
als bei dem angeblich im Altertum so weit ver-
breiteten Vergleich zwischen Roß und Welle
(ob. S. 185).
4) Kult an den pdDpot von Titane Paus. II 12, 2.
Daß die Opfer und Zeremonien in allen Teilen
chthonisch sind, zeigt Stengel Herm. XXXV
1900, 632 ff. ; für das Alter der Kults wird dadurch
nichts präjudiziert, daß das homerische Epos
Ähnliches nicht kennt: ähnliche Voraussetzungen,
den verderblichen Ausbruch der Winde zu be-
schwichtigen, müssen auch den Opfern der athe-
nischen Heudanemen am Spalte der Semnai zu-
grunde gelegen haben. Menschenopfer an Winde,
Herod. II 119, Vergil Aen. II 110 f.
5) Wie Wind und Harpyien sind bei Alkman auch
die Träume in Rossegestalt gedacht (Wilamowitz
Herm. XXXII 1897, 252, 2).
«) Herm. XXXIV 1890, 70 f., Griech. Tragöd. II
231, zustimmend Gruppe Bursians Jahresb.
Supplem. 1907, 381 f.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 2OI
bar getroffen'; darin faßt am Ende des Agamemnon (vs. 1660 Wil.) Klytaimestra das
ganze Leid zusammen, das das Atridenhaus getroffen. Damit zu verbinden sind
die Worte des Oidipus. auch sie am Ende des Stückes: xi; 6 uTjor^sa? ^iziCova
(■Krfir^^'XTa) 8at'[i.(üv xwv [xazw-iuv und »opa'S/jv (= csspofisvo?), lü> ootitxov, Tv' izfikto;
(Oidip. Tyr. 1300 f., 1308 f., gegen Ende des Dramas); der Dämon ist in die Höhe
gesprungen i), damit der Schlag des Hufes um so wuchtiger auftrifft. 'Es ist schauer-
lich schön, wenn man nur daran denkt, daß der Dämon in Roßgestalt entweder
noch gedacht wird oder doch von ihm aus älterer Tradition so geredet wird' =>). In
die gleiche Vorstellungsreihe tritt Aeschyl. Pers. 515 w ououovtjTs Socijagv, w? ayctv
ßapy? TTGOotv svr/ou tcocvxI flspir/w •(ivsi; das ^oootv aXXe3i)at entspricht, wenngleich ab-
geschwächt, dem yji'k^ T:sTrXrjY[i.ivoc und dem siaXXscrOa'. der beiden erstgenannten
Stellen; um einen weiteren Grad schwächer heißt es in demselben Drama vs. 911
(bc u)[i.o»p6vu); Sai'[i.u>v sve^tj rispdüiv -/cvs5. Das 'Springen' und das Ziel des Sprunges
gibt Sophokles Antig. 1345 -ot'o' s-l xpax'' [j.ot totjao? 8uaxojxt3xo? siir^XotTO, zum dritten
Mal an der markanten Stelle am Dramenschluß; parallel ist Sophokl. Oidip. Tyran.
263 vüv 8' I; xh xst'vou xpäi svT^XaS)' r; Tu/rj und, in weiterem Abstände, Fragm.
trag, adesp. N.- 486 dXX' f|[xEpa? r^ vuxxö? t; Atx>) ttoxs xm ooassßoOvxt ary' v/ou::' ivr^-
Xaxo. rioxixo?, Tu}(7j, Ai'xi] erfüllen hier, was in der stärksten und ursprünglichen
Prägung des Bildes Sache des Sai'ixtuv war. Dem £;- st?- Iva'XXsjDoti verwandt
ist (s[i)-ixvsi.y 3) : Agamemn. 1 1 75 Sai'jxwv uuspßapTj; sjxtlixvwv, 1468 oarjiov, 8? ifxmxvsi? 8(u[A(x3t,
Hippolyt. 575 '-«i^aSoc sv oojxoi? raxvst, Herakl. 597 tovov xiv I; 8o[iou? TisTtxtuxoxa, Philokt.
965 i[iot [ib otxxo? oitvöc EtiuiTrxwxs xi?, ferner öpioa/.stv: Sophokl. Trachin. 1028 Optiiaxsi
8iiXo(ia . . . vo30f, Oid. Tyr. 470 'AiroXXtuy s-ivfypiuJXE'., weiter 7r-/)o5v: Eurip. Hippol. 1351
•rc/j8ä acpot'xiXo;. Anderwärts ist es nicht der roßgestaltige Dämon selber, der den
Schlag tut, sondern der junge Gott auf dem Rosse reitet die alten Mächte nieder:
Eumeniden 150 vso? oh. -^paw? ootip.ova; xctöi-Traso); dazu 731, 808 f . Die angeführten
Stellen entstammen der älteren Tragödie; im Epos, das volkstümlichen Anschau-
ungen weit ferner steht, findet sich Vergleichbares nicht.
Ist in den Zeugnissen aus der Tragödie das Roß als Inkarnation eines in ihm
wirkenden bösen Geistes gedacht, so hat die hellenische Sage aus dem Volksglauben
heraus, der zumal das schwarze Pferd als unheimlich empfand, zwei Rossen in alten
bedeutsamen Mythen ein individuelles Dasein gegeben; sie werden zum bösen Dämon
ihres Herrn und tragen ihn in das unabwendbare Verderben. Es sind der Erion
des Adrastos und Pegasos, das Roß des Bellerophontes.
Die Genealagie des Erion gibt den ersten Aufschluß über sein Wesen. Nach
arkadischer Sage, die Pausanias (VIII 25, 4 ff.) aus Thelpusa berichtet, entstammt
Erion chthonischen Mächten, dem Poseidon tumo? und der Erinys, die hier als die
'zürnende' galt, wenngleich ihr Wesensgehalt erlaubte, sie mit Demeter zu verbinden.
Die Sage von dem Rosse und seinen göttlichen Eltern hatte im alten Epos Eingang
gefunden; nach den Homerscholien fand sie sich bei den x'jxXixot'; daß dahinter
die kyklische Thebais steckt, hat Bethe 4) zutreffend bemerkt. Auf denselben Vor-
') So erklärt Bruhn z. St. zutreffend das IS^W.ssSai. 3) Wilamowitz Hippolyt. S. 213.
') Wilamowitz Herrn. a.a.O. 4) Schol. zu l*" 347, Bethe Theban. Heldenlieder 90 f.
202 L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
aussetzungen fußt Antimachos in seiner Thebais, in der er die Demeter-Erinys wie
auchThelpusa namhaft machte (Paus. VIII 25, 4, 9); mit leichter Umbiegung läßt er
das Roß aus der y«?» hervorgehen; der Erdschoß gebiert, wenn die beiden unter-
irdischen Götter ihre Vereinigung vollzogen; so entsteht auch das Roß Skyphios')
aus der ^aw, wenn Poseidons Samen sie befruchtet^). Auch der Ilias ist die Genealogie
bekannt; 'Apt'(uv ftsoo-.v ^^vo? wird in den Athla {W 346 f.) zitiert. Wie Erions Vater
der Kuayo/otiTTj; ist, gilt das gleiche Epitheton nach mehrfacher Bezeugung für den
Rappen Erion selber 3).
Der Gebieter des Rosses ist Ad ras tos; ihn soll das Roß nach- feststehender
Tradition als einzigen aus dem unglücklichen Zuge der Sieben gegen Theben nach
Hause gerettet haben. Diese Angabe erschien befremdlich: wie sollte der, 'der
nicht entrinnen kann', allein dem Verhängnis entflohen sein? Von dieser Über-
legung ausgehend, zog Usener 4) die epische Überlieferung vom Tode der beiden
Brüder Amphios (Kurzform zu Amphiaraos) und Adrestos heran 5), um daraus
Z.U folgern, daß auch Adrastos nach der ursprünglichen Form der Sage im Kampfe
erlegen sei. Darin steckt eine richtige Empfindung, wenngleich die Folgerung, es sei
Adrastos in einem konkreten Epos gefallen, nicht haltbar ist ^). Das «ptüiov ij<söiSoc
liegt darin, daß Useners Formulierung den Erion aus der alten Sage ausschaltete:
warum die Sage dem Rosse seine spezifische Abkunft gegeben, blieb unerklärt;
unbeachtet auch, warum sie gerade dieses Fluchroß mit einem Reiter 7) eben dieses
Namens verbunden. Die Lösung hat Wilamowitz gefunden *) und damit einer der
grandiosesten Sagen des Altertums Sinn und Zusammenhang wiedergegeben. Wohin
trägt der Erion den Adrastos? Nach der einen Tradition, die den Hintergrund
für Äschylus' Eleusinier und Euripides' Hiketiden abgab, entführte das Roß den
') Den Namen glaube ich verbinden zu sollen mit 4) Bei Bethe a. a. O. 65 ff., Stoff des griech. Epos
Xenophons Ttttto; ■A'yf(xyuiy6i (de re equestr. 7, 37 ff-, 40 = Kl. Schrift IV 234 ff.; unabhängig
10: ■fj'nrjyikio U, 7)v |ji£v /utpaYtufd-cpo; f, ö itt- davon Gruppe Griech. Myth. 507.
7:0t, avcoT^pu) Tat? yep5(v, r^v 5^ [jiäXXov ävaxE- 5) A 328 ff. (wo die Eigennamen ausgefallen
X'jtptbj, xoTioT^pm). Daraus Pollux 1, 197, Libanios sind: Wilamowitz Isyllos 52, 20), B 830 ff.
Vol. 4 p. 203, 21 ixEpoYväS«) (?7Ti:<{)) xai Die homerische Auffassung von dem im Kampf
xu'f GcYiuyoüvTi ; vgl. X'jtpdvouTo;. Den Namen getöteten Adrastos wirkt noch bei Vergil Aen. VI
hat das Roß nach einem körperlichen Fehler 480 nach, wo Adrastos unter Kriegsgefallenen
in derselben scherzenden Form, in der ein erscheint. Selbst getötet hat er sich in der Novelle
Dioskurenpferd Kyllaros, 'Lahmfüßchen', heißt bei Herodot (I 45) und bei Hygin Fab. 242.
(WilamowitzAristot.undAth.il 176 'eigentlich ') P. Friedländer Rhein. Mus. LXIX 1914, 333.
kein Kompliment für ein Pferd, das Hera <) Ich gebrauche hier wie sonst der Kürze halber
schenkt', Sapph. und Simon. 241, 2). den Ausdruck 'Reiter', obwohl in älterer Zeit
') Heeg Roschers Myth. Lex. IV 1076. gefahren wird. Für die vorliegende Untersuchung
3) Thebais bei Paus. VIII 25, 8, Aspis 120 (|i.^Yav kommt es mehr auf die Verbindung mit dem
fTTitov 'Apteva xuavoxa''njv). Daher Adrastos' Pferd als auf dessen Verwendung an. Für
Sohn Kyanippos (Apd. I 103); bei Hyg. Fab. Adrastos mit oder auf dem Erion Bethe Theban.
242 Hipponoos. Für Statins ist Erion ein Falbe Heldenlieder 93, 25.
(VI 279 rutilae manifestus Arien igne iubae, 479 ") Ausgesprochen in gelegentlichen Hinweisen:
flavus Arion). Herrn. XXVI 1891, 225, i; XXXIV 1899, 71;
Griech. Trag. I 192, i ; II 226.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben, 203
Adrastos auf seiner Flucht an den Kolonos Hippios ') — dorthin, wo die Erinyen
zu Haus sind. Bei Pindar kehrt Adrastos nach Argos zurück^), nach einer dritten
Version nach Sikyon 3) — • für beide Orte ist Kult der Erinyen -Eumeniden 4) bezeugt.
Sohn der Erinys ist Erion: zu der Mutter in die Erdtiefe kehrt das Roß heim und
trägt ihr seinen Reiter zu, der so den Mächten der Tiefe, der 'Hölle', nicht entrinnt.
Die antike Tradition hat die Elemente der Sage — • Abstammung des Erion von der
Erinys, Entrinnen des Adrastos auf dem Erion aus dem Kampfe, Rast auf dem
Roßhügel — treu gewahrt, nur ist der innere Zusammenhang im Epos verloren ge-
gangen. Der im Epos 'entkommt', ist doch zugleich nach dem ursprünglichen Sinn
der Sage seinem Geschick verfallen.
Daß Erion aus der alten Sage nicht mit Usener auszuschalten ist, in ihr vielmehr
eine bedeutsame Rolle spielte, läßt sich auch von anderer Seite her zeigen. Wilamo-
witz hat gelegentlich darauf aufmerksam gemacht, daß die redenden Rosse Achills
im T (404 ff.) eine Steigerung der weinenden Rosse im P (437 ff.) darstellen, und
hat daran die Bemerkung geknüpft, 'leider kann man nicht beweisen, daß er (der
Dichter des T) den Arion des Adrestos vor Augen hatte, aber der Sohn des Poseidon
und der Erinys muß mindestens in der originalen Sage handelnde, also auch redende
Person gewesen sein' 5). Diese Vermutung ist um so frappanter, als Wilamowitz
nicht herangezogen hat, daß unsere Überlieferung in der Tat den redenden Erion
kennt. Als Adrastos den letzten Versuch gemacht, den Kampf der beiden feindlichen
Brüder zu schlichten,
fugit omnia linquens
castra, viros, g.enerum, Thebas, ac fata monentem
conversumque iugo propellit Ariona (Statins Thebais XI 441 fT.).
Bei einer anderen Gelegenheit, bei den Leichenspielen, die in Nemea zu Ehren des
toten Archemoros gefeiert werden, nennt Statins (VI 402) den Arion praesagus:
•) Etym. Magn. s. v. iTniia . . . Jj oxi 'A^potSTOj sammen, die auf megarischem Boden Spuren der
8i^ßir)8sv tpe'jYwv, {tA KoXiuvtjJ an^raj to\)? Ttttio'j;, Sieben finden, Überlieferungen, die verständlich
IIo3Ei5mva xai 'AStjV^ t7T:ii'o'j; 7:po3TjY<!p£'JIsv ; werden, wenn man alte Zusammengehörigkeit der
Bachmann Anecd. I p. 38, 10 aXXoi 0^ tpasiv lü; Megaris mit Böotien annimmt (Wilamowitz
"AopaaTov tpö'iyovTa xotl ^rcl KoXiuvoO OTTfimTd Griech. Trag. I 190, Aischylos, Interpretat. lOl, 3
TOi){ i'7i7:o'j; xtX., Bekker Anecd. S. 350, Schol. u. s.). Auch Aigialeus, Adrastos' Sohn, hatte ein
Soph. Oedip. Kol. 712 6 yip KoXwvöj 'iTiTteüj (ovo- Heroon im megarischen Pagai (Paus. I 44, 4; IX
fintaSbj T.ixp' ii iit^ifxrj^i otiT^ii oii xov "Aopaaxov. 19,2), während er doch seinem Namen zufolge
Vgl. auch ApoUod. III 77, 79. Heroon des Adrastos nach Aigialeia-Sikyon gehört,
auf dem Kolonos Paus. I 30, 4. 4) Für Argos durch die Votivreliefs Athen. Mitt. IV
') Isthm. VII 11 ii 'ApYO{ Tttttiov (nach dem ersten 1879, Taf. IX f., für Sikyon durch Paus. II 11, 4.
Zuge gegen Theben), Pyth. 8, 55 "AßoivTo; ct^uiic Die doppelte Seite der Göttinnen als segnende
(nach dem Epigonenzug). • und strafende Mächte zugleich heben eine Reihe
3) Dieuchidas im 3. B. der Megarika nennt für der Lokalkulte besonders hervor; so verstehen
Sikyon ein leeres Grab des Adrastos (Schol. Pind. sich die 'weißen' und 'schwarzen' Erinyen in
Nem. 9, 30, Paus, i, 43, i), das eigentliche Grab Megalopolis (Paus. VIII 34, 3) und die ähnlichen
sei in Megara. Letztere Notiz des megarischen Überlieferungen in Keryneia (Paus. VII 25, 7;
Schriftstellers gehört mit einer Reihe anderer zu- Schol. Oidip. Kol. 42).
5) Herrn. XXXV 1900, 563 f.
204 ^' M^lt^"' ^'^ Pferd im Totenglauben.
senserat adductis alium (sc. den Polyneikes) praesagus Arion
Stare ducem loris.
Bei der doppelten Bedeutung des Wortes praesagus könnte aus dem Zusammen-
hang heraus daran gedacht werden, daß das Roß mit seinem Ahnungsvermögen,
seiner Witterung, den fremden Lenker spürt; auf die Bedeutung 'weissagend' im
Sinne eines allgemeinen Epithetons führt jedoch eine Stelle des Properz, der in der-
selben Situation das Roß vocalis Arion nennt ')
qualis et Adrasti fuerit vocalis Arion,
tristis ad Archemori funera victor equus.
Der Tod des Archemoros, dessen Namen die Sage als 'Anfang des Unheils' ver-
steht (das Epos bildet ähnlich E 63 vr^ot; dp^^sxa'xou;), gibt eine passende Gelegen-
heit, an der das Roß seinem Herrn zum ersten Mal das kommende Unheil ange-
deutet haben wird ^).
Wir haben darnach zwei Gelegenheiten, bei denen Erion in Aktion tritt ; zuerst bei
denAthla in Nemea, zum zweitenmal vor Theben. Es fragt sich, wie hoch wir diese
Traditionen hinaufverfolgen können. Der Tod des Archemoros und die Athla zu seinen
Ehren sind im 5. Jahrhundert allbekannt; Simonides 3), 'Pindar'4), BakchylidesS),
Aeschylus*), EuripidesV) berühren sie; Kallimachos führt den 'xApxoi? uTTto? 'Api'cuv ein,
der beim Zeus Apesas siegte ^). Aus der Thebais des Antimachos wissen wir wenigstens
soviel, daß der Dichter, vor der eigentlichen Expedition, eine Opferschau oben auf dem
Apesas ansetzte9). Daß die Tradition von Archemoros und seinen Leichenspielen nach
573, dem Einsetzungsjahr der Nemeen, entstanden sei, ist aus mehreren Gründen
sehr unwahrscheinlich; erstlich hätte diese Sage sich schwerlich entwickelt, nach-
dem einmal der große Gott seine Hand auf die Spiele gelegt, dann weisen noch mehrere
an den Nemeen geübte Bräuche, wie die Trauerkleidung der Preisrichter und der
Eppich als Gabe für den Sieger '°), darauf hin, daß die Nemeen sich an einen älteren
Leichenagon angeschlossen, endlich liegen Parallelen in den gleichfalls aus Leichen-
spielen hergeleiteten Olympien und Isthmien vor "). Das Alter solcher Agone
wird durch die aUXa ert IlsXta ")_ die verschiedenen Leichenagone in Theben, auf
die die Ilias verweist (A 389 ff., *F 679 f.) und die dUXa eirl HaTpoxXw genügend be-
wiesen. Nach all dem ist naheliegend, daß die geschlossene Tradition des 5. Jahr-
') II 34, 37 ff. mit Rothsteins Note. 7) In der Hypsipyle (Oxyrh. Pap. VI S. 65 frg. 60
») Tümpel (P.-W. II 622) meint, daß es den Tod vs. 9g ff.).
des Archemoros beklage. Nebenbei sei ein Ver- *) Frg. 82, der Apesas auch frg. 29.
sehen Tümpels berichtigt; Ovid Met. VI 118 ff. 9) Schol. Statins Theb. III 460 und Wilamowitz
spricht von zwei Rossen, dem Erion (ohne Herm. XXXIII 1898, 513 f.; XXXIV 1899, 601.
Attribut) und dem Pegasos, der volucris heißt. ">) Argum. IV zu Pindars Nemeen; Belege für den
Erion hat keine Flügel. Eppich als Totenblume Olck P.-W. VI 256.
3) Bergk * fr. 52. ") Rohde Psyche I» 152, i. Auch die Parallel-
4) Nem. X 28 ^v 'A^paardvi vofiii), Didymos zu vs. Version, nach der die Feier zu Ehren von Adrastos'
49, Argum. III zu den Nem., Boeckh S. 425. Bruder Pronax eingesetzt sei (Hypoth. III zu
Den Apesas erwähnt Pindar frg. 280 b (Bcrgk). Pind. Nem., Aelian Var. bist. IV 5) knüpft an
5) VIII (IX) 10 ff. äSXxjClav ^!t' 'ApyEfJi'ipiii. einen Leichenagon an.
') In den N^(i£a (N.^ S. 49). '^) Wilamowitz Textgesch. der Bukoliker 196, 2,
Friedländer Herakl. 64 f., Rhein. Mus. LXIX 1914, 306.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 205
hunderts auf eine epische Quelle zurückgeht'). Nun zitiert die Ilias ('F 346 f.)
den Arion mit einer Genealogie, die mit derjenigen der Thebais sich deckt
0Ü8' ei -/.SV [xstwiaösv 'Apiova oiov sXauvoi,
'Aopijsxnu xayhv ittkov, o? sx Osocsiv "csvo? t^sv,
und zwar zitiert sie das Roß inbinnen von Leichenspielen (zu Ehren des Patroklos)
als Paradigma aus der Vergangenheit. Darin einen direkten Verweis auf die 'Thebais' *)
zu sehen, in ihr die gesuchte Vorlage zu finden und zu folgern, daß eben hier Erion
in Leichenspielen vorkam, liegt um so näher, als die geforderte Szene bei Properz und
Statins noch vorliegt; das gleiche lehrt die mythographische Tradition, nach der
Adrastos bei den Leichenspielen zu Ehren des Archemoros als erster mit dem Erion
siegte (Apd. 11166)3), der Schluß von der Ilias auf die 'Thebais' ist für den um so
verpflichtender, der auch in den Verweisen der Ilias auf die anderen, in Theben ange-
setzten Leichenagone Hinweise auf alte, vorhomerische Sage vom thebanischen Kriege
erkennt 4). Was die zweite Warnung des Erion angeht, so mag man nach inneren
Gründen abwägen: es weissagt Erion wie der Xanthos Achills; Erion aber ist in der
Sage von einer ganz anderen Konsistenz als der 'Schecke' und der 'Falbe', und es ist
von einer ganz anderen Kraft, wenn das Unglücksroß, der Sohn chthonischer Eltern,
seinem Herrn von dem künftigen Verderben Kunde gibt. Wir wissen, daß in der
Thebais Erion den Adrastos aus der Schlacht trug; er flieht s.i\i.a-a Xu^pä ospwv aüv'Apiovt
xuavoj(atr(j5): wenn in der Schlußszene des Feldzuges, angesichts des Brudermordes,
Erion den Adrastos an das kommende Unheil mahnt, so ist die Warnung unmittelbar
vor der Katastrophe von größerer Ursprünglichkeit als die Mahnung der Rosse Achills
an des Helden doch noch weiter entfernten Tod. Man glaubt auch hier in der epischen
Tradition der Spätzeit einen Reflex aus einer alten Dichtung resp. einer alten, ihr
zugrunde liegenden Sage zu spüren, die schon auf die Ilias gewirkt hat.
Die Heldensage hat, wie wir oben bei den Rossen des Neleus usw. feststellten,
die Tendenz, die dämonischen Züge der Rosse zurücktreten zu lassen. So ist auch
der [xs-^a? 'Aptwv, wenn er in der Aspis (vs. 120) das Roß des xaXXivty.o? wird, nichts
mehr als ein edles Ritterpferd. Und doch brechen selbst in unserer trümmerhaften
Überlieferung immer wieder Erinnerungen an alte, ursprüngliche Züge durch. Wie
kommt noch Statins dazu, von Erion, selbst im Dienste des Herakles, zu sagen illi etiam
ferus indocilisque teneri (VI 291).? Auch bei den Leichenspielen für Archemoros,
wie Statius sie darstellt, bewährt Erion wieder seine alte dämonische, dem Reiter
Unglück bringende Macht. Adrastos überläßt ihn dem Polyneikes:
iratusque oneri insolito truculentior ardet (Theb. VI 405).
aurigam fugit, aurigae furiale minatur
I) So schon Welcker Episch. Cycl, II 350 f., anders lieferung cipfioiTi xcil oi'sxiu, woraus schon Valcke-
Bethe Theban. Heldenl. 172, P.-W. II 456. naer a),(iaTi machte; 5X|j.a und 0(5x0; folgen ein-
») d.h. die Summe der vorhomerischen Sagen vom ander auch ft 128 f. Damit schwinden Welckers
thebanischen Kriege in ihrem epischen Nieder- Bedenken Episch. Cycl. II 352 f.
schlag; 'Thebais' verstanden in dem Sinne von 4) Zuletzt Friedländer a. a. 0. 318 ff.
Wilamowitz Griech. Liter.3 23. 5) Paus. VIII 25, 8; in 'befleckten' Gewändern, wie
3) Adrastos siegt Imzuy, Amphiaraos nach der Über- BetheTheban.Heldenlied. 93,25 zutreffend erklärt.
2o6 L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
efferus (407 ff.),
nam flavus Arion
ut videt, saliere iubae, atque erectus in armis
stat sociumque iugi comitesque utrumque laboris
secum alte suspendit equos. Ruit ilicet exul
Aonius (479 ff.).
Zäher noch als der Mythus hat der Volksglaube die Erinnerung an das dämonische
Roß wachgehalten. In Argos, so erzählt Gavius Bassus '), gab es ein Roß, das
nacheinander all seine Besitzer, den Gn. Seius, den Dolabella, C. Cassius und Anto-
nius in den Tod getragen, so daß der equus Seianus sprichwörtlich ward; magnitudine
invisitata, colore poeniceo, ut quisquis haberet eum possideretque, ut is cum omni
domo familia fortunisque omnibus suis ad internecionem deperiret. Es ist schwer,
den Erion des Argivers Adrastos zu verkennen. So stiftet auch das Halsband der
Eriphyle später noch phokischen Frauen Unheil -), so erfüllt sich beim aurum
Tolosanum3) wie beim Nibelungenhort an jedem neuen Besitzer der alte Fluch.
In seiner verderblichen Wirksamkeit dem Erion des Adrastos verwandt ist
der Pegasos des Bellerophontes. Auch er wird seinem Reiter zum Verhängnis; auf
dem vermessenen Flug zum Himmel, so berichtet Pindar 4), wirft er seinen Herrn
in die Tiefe. Wie natürlich und von Pindar geglaubt, führte der Sturz zum Tode;
erst die Kontamination mit der Sage vom äXSai)«!, das die Ilias (Z 200 ff.) an Stelle
des Sturzes vom Rosse einführt, machte eine Situation möglich, wie sie Euripides
(N.^ S. 443) im 'Bellerophontes' gestaltet, wo der Held vom Fall humpelnd die Bühne
betritt. Das Roß ist Sproß des Poseidon und der Medusa 5); diese, zugleich die All-
waltende und doch wieder auch Gorgonenschwester, ist der Demeter-Erinys in
ihrem doppelten Wesensgehalt verwandt; die Genealogien für Erion und Pegasos
decken sich also, wie das Wesen der Tiere. Weiterbildungen in der Sage lehren,mark, aber auch bei den Wenden,
auf einem dreibeinigen Roß und bringt Pest 5). Von ihr kaufen sich die alten Skan-
dinavier durch einen Scheffel Hafer los, der für das Pferd bestimmt ist; noch jetzt
legen die Bauern von Mielberg einen Sack mit Hafer auf den Hestenberg; nachts
kommt dann 'Jemand' und holt den Hafer für das Pferd ^). Ähnlich läßt man
anderwärts über Nacht einen Sack auf dem Feld für 'König Abel' 7) ; der reitet
in der gespenstigen Jagd auf einem kleinen Pferde, von drei glühenden Hunden
begleitet, am Körper und Gesicht kohlschwarz *). In Schleswig sagt der Genesende:
Jeg gav döden en skiäppe havre9); damit hat er sich vom Tode losgekauft; wer
stirbt, gibt dem Tod Futter ab '°). Wir erinnern uns, daß auch im griechischen Zauber-
papyrus (ob. S. 198) von dem cttttos ttj; 'Axtai'?); die Rede war; das Pferd steht
vornean, aber schon wird es näher charakterisiert durch das Hinzutreten einer
bestimmten Unterweltsgöttin. Auch der gespenstige Zug hält an einer bestimmten
Stelle und füttert die Pferde mit etwas Hafer "). In der Oberpfalz kommt der Tod
auf einem mageren Schimmel angeritten '2); in Rügen heißt der Tod auch Schimmel-
reiter 13). In Siebenbürgen klopft der wilde Jäger als Todesgott an die Türen '4).
Er reitet auf kopflosem, schwarzem Pferde oder auf einem Schimmel, dessen Nüstern
•) d. h. Heipferd. Altnord, hestr bedeutet Pferd Mythol.4 788 f., Rochholz I 114 Anm.); in Meck-
jeden Geschlechts (Kluge Etymol. Wörterb.7 lenburg ließ man noch im 18. Jahrh. am Ende
204). jedes Roggenfeldes einen Streifen unabgemäht;
') Grimm4 704, 261, Jahns I 399 (Dänemark). Arbeiter schließen darum einen Kreis und sprechen
3) Rochholz Schweizersagen aus dem Aargau 1856, dreimal 'Wode, hol deinem Roß nun Futter'
I 199. (Wuttke-Meyer 3 19,296; Müllenhoff Sagen, Mär-
4) ZW XI 416. chen und Lieder der Herzogtümer Schleswig-
5) Jahns I 399, Rochholz I 128. Holstein und Lauenburg 1845, 244 f.). Der 'corn-
') V. Perger Deutsche Pflanzensagen 1864, 115. Mit spirit' geht als Pferd durchs Getreide (Frazer
dem Ausdruck 'Jemand* meidet der Volksglaube, Golden Bough II 281 ff.).
die unheimliche Macht bei Namen zu nennen; die 9) Grimra4 704, Jahns I 399.
hellenischen Parallelen zuletzt Arch. Jahrb. "•) Schönwerth Aus der Oberpfalz 6. Auf dem helhestr
XXVIII 1913, 47; zu dem -rij der dort zitier- reitet denn auch der Helljäger, der im Hellhaus
ten Pindarstelle ist zu vergleichen Deubner Herrn. alljährlich sein Opfer empfängt (Simrock Deut-
XXXXIII 1908, 641. sehe Mythol.3 199). Daß der Hellreiter die
7) Wuttke-Meyer3 297. jüngere Stufe der Entwicklung darstellt, betont
8) Freytag 28. Ähnliches scheint bei Erntebräuchen auch K. Helm, Altgerman. Religionsgesch. 1913
geübt zu werden: auf der Insel Möen jagt der I 262 f.
Grönjette jede Nacht zu Pferd, das Haupt unter ") Rochholz I 114.
dem Arm. Zur Erntezeit legen die Bauern ihm ") Schönwerth 6.
ein Gebund Haber für sein Pferd hin (Grimm '3) a. gl. 0. 7.
■4) ZW XII 379.
Jahrbuch des arohänlog-ischen Instituts XXIX. 17
212 L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
Funken entsprühen '), oder auf einem großen, weißen Pferd, von 24 wilden Hunden
begleitet»).
5. Die gleichen Züge gelten vom Teufel und anderen dämonischen Mächten;
wiederum in der Entwicklung, daß der reitende Dämon den pferdegestalteten ab-
löst. Nach französischer Sage weidet zur Nachtzeit auf den Kirchhöfen ein großes,
schwarzes, seine eisernen Spannketten mit unheimlichem Geräusch schüttelndes
Roß, die Inkarnation des Teufels 3); als schwarzes Roß erscheint der germanische
Teufel im Gefolge der drei Fräulein 4) ; er treibt sich als Schimmel um oder beißt
als Hund die Herden auseinander 5), verwandelt sich beliebig in einen
Rappen ^) ; das Teufelsroß wird der Jungfrau Maria in Stutengestalt
gegenübergestellt 7). Der italienische und südtiroler Orco erscheint in Gestalt
eines weidenden Pferdes 8). Im Stall der Unterwelt steht ein weißköpfiges
Pferd; das ist des Teufels Großmutter 9); der Pferdefuß, den er nicht missen kann,
ist ein Rest der ursprünglichen Tierbildung ">). Nach ungarischem Glauben ist das
Pferd aus dem Teufel entstanden "). Ebenso erscheint die Hexe als weißes Pferd");
um den Hügel, wo die Hexen sich sammeln, trabt während des Mahles ein graues,
kopfloses Pferd '3). Selbst den bösen Traum denkt man in Roßgestalt: die gespen-
stigen Heiderosse dringen durch verschlossene Türen nachts in die Schlafkammer,
legen sich mit ihren Vorderhufen dem Schlafenden auf die Brust und stieren ihn
mit glühenden Augen an h). Zuweilen glaubt man im dämonischen schwarzen Rosse
auch den wilden Jäger verkörpert ^5).
6. Ein Übergangsstadium repräsentieren Beispiele, in denen die theriomorphe
Vorstellung neben der anthropomorphen steht; so erscheint im Hardtwald der böse
Geist bald als grüner Jäger, bald als ledig umherlaufendes Roß ^^).
7. Im esthnischen Märchen hat der Wirt der Unterwelt ein schwarzes Pferd in
seinem Stall "7), nach Schweizersage hat der Teufel einen Roßstall am^Weg, wo er
die Rosse an den Schwänzen hinauszieht und alle Vorübergehenden plagt '8) ; der
schwarze Höllenfürst bringt einen rabenschwarzen Gaul, aus dessen Nüstern Feuer
sprüht '9), Mephisto und Faust brausen auf schwarzen Rossen daher»"); des Teufels
Großmutter reitet einen großen, schwarzen Hengst»'). Mit dem Pferde wechselt
der Wagen; der Teufel holt die eitle Gräfin in einem Wagen mit sechs schwarzen
•) Grimm Myth.4 774. ■•) ZW a. gl. 0. 416, 6.
') Ranke Die deutschen Volkssagen 77. ") Freytag 48.
3) ZW XII 388. -3) Vernaleken Alpensagen 58.
4) Jahns I 324. 14) Tobler 50.
5) Rochholz I 206. 15) Frey tag 51.
') ZW XI 419. 16) Rochholz I 292.
7) Rochholz II 21. - »7) Kreutzwald 97.
«) ZW XI 416. -8) Rochholz I HO.
9) Esthnisches Märchen (bei F. Kreutzwald, übers. '9) Hessel Sagen und Geschichten des Rheinthals 77f.
von F. Löwe, Halle 1869) 184. ">) Faust 'Nacht, offenes Feld'.
■") 0. Tobler, Die Epiphanie der Seele in deutscher ") Frenssen, Klaus Hinrich Baas 12.
Volkssage, Diss. Kiel 1904, 46, 3.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 213
Pferden ') u. ä. Vom Dämon selbst schließlich geht die Vorstellung weiter zu un-
heilwirkenden Mächten: so setzt sich nach altem Sprachgebrauch das kalte Fieber
in Gestalt eines Weibes auf den von ihm Befallenen und reitet ihn ^).
Die angeführten Beispiele, die sich beliebig vermehren lassen, ergeben in Material
wie in den Entwicklungsgliedern gesicherte Parallelen zu den hellenischen Vor-
stellungen. Sie lehren, wie beiden Völkern der Natur des Pferdes etwas Unheim-
liches anzuhaften schien, wodurch es geeignet wurde zur Erscheinungsform gespen-
stiger Mächte 3). Sie lehren weiter, wie sich die Tiergestalt für die Dämonen zäh
noch hielt, als schon anthropomorphe Vorstellungen in den Vordergrund traten.
Sie lehren schließlich, warum in einer Epoche, in der die menschengestaltigen Bil-
dungen sich durchgesetzt, das Pferd mindestens als Attribut dämonisch -göttlicher
Mächte sich behauptete. Die gleichen Voraussetzungen haben auch zu gleichen Ausprä-
gungen geführt. Wenn der Dämon bei den Hellenen mit schwerem Hufschlag Ver-
derben bringt, so trifft nach unserem Volksglauben das weiße Pferd den Sterbenden
mit dem Hufe 4) ; des heiligen Michael Pferd hat ihn geschlagen, heißt es in Ungarn
vom tödlich Erkrankten 5); das gespenstige schwarze Roß mit glühenden Augen
springt von hinten auf nächtliche Wanderer zu *) ; das weiße Roß der Idesfelder
Hardt rennt nächtlich feuerschnaubend an den Totenhügeln hin und springt Vor-
übergehenden todbringend auf die Schulter 7). Wenn der Erion den Adrastos in
die Hölle entführt, so vergleichen wir die Sagen vom Neck, der die Menschen lockt,
um sie in den See zu stürzen ^), oder die Entführungssagen, in denen das gespenstige
Pferd seinen Reiter ins Totenland trägt. 'Wer nicht ist wie der Himmel, den holt
der Teufel auPm Schimmel', droht Abraham a S. Clara 9). Im wilden Heer erblickte
man einst ein gewaltiges Roß, das bestimmt sein sollte, den wilden Grafen von der
Mark abzuholen, der auch bald darauf starb. Auch Papst Benedikt wurde vom
schwarzen Teuf eisrosse in die Hölle geholt '"). Ihre grandioseste Ausprägung hat
diese Vorstellung im germanischen Glauben gefunden in dem gewaltigen kohlschwarzen
') Vernaleken Alpensagen 84; ähnlich Tettau und die Seele des Verstorbenen zu zerreißen droht;
Temme Die Volkssagen Ostpreußens 226. er ist also kein 'Seelenlöwe'.
') Bastian Die Seele und ihre Erscheinungsweisen 4) Frey tag 51.
in der Ethnographie. Berlin 1868, 87. ZW XII 5) Jahns I 323.
23. 6) a. gl. 0. 48.
3) Ebenso nahm die dämonische Macht Platz auch 7) v. Negelein Teutonia II 19, Freytag 62.
in anderen Tieren: im Löwen (Usener de Iliad. *) Wuttke-Meyer 3 48 f. (der bösartige, roßgestaltete
carm. quod. Phocaic. 33 ff.), im Bären (Deubner Nix); wenn der Neck in sein Element zurückkehrt,
Athen. Mitt. XXVII 1902, 261 f., 264), im Dra- nimmt er Pflug und Pflüger mit in die Flut (Sim-
chen (Wilamowitz Griech. Trag. III 171, 3) u. s. rock Deutsche Mythol.3 431, Henne am Rhyn 77,
Von ihnen begegnet der Löwe häufig in der Negelein Teutonia 73, Ranke Die deutschen
Grabkunst (Brueckner Friedhof am Eridanos 76, Volkssagen 201). Öfters wird erwähnt, daß das
79 u. s.), hier, wie alle derartige Darstellungen, dämonische Roß bei dem Ritte riesengroß an-
als Symbol. Tritt einmal, wie in der Inschrift schwillt (Rochholz II 20 f., 26, ZW XI 416, XII
auf Antipatros von Sidon (Kaibel Epigr. ex lapid. 389)-
coli. nr. 96), das redende Wort hinzu, so wird der 9) Kuhn Sagen und Gebräuche Westfalens II 57.
iyßpokifoy als der böse Dämon bezeichnet, der '") Jahns I 405.
17*
214 ^' ^^t'D, Das Pferd im Totenglauben.
Rosse, das sich dem Dietrich von Bern näherte und ihn aus dem Kreise der Menschen
ins unbekannte Land entrückte ').
II.
Die bisherige Untersuchung bewegte sich im Kreise dämonischer Mächte, die
mit dem Pferd in Verbindung standen; das Resultat war, daß vom Töter als Be-
sitzer des Rosses, das er fährt oder reitet, eine Entwicklungslinie hinaufführt zum
Töter in der Gestalt des gespenstigen Pferdes. Eine parallele Entwicklungslinie
läßt sich für den Toten ziehen; auch er erscheint in hellenischem wie in nordisch-
deutschem Glauben zugleich in der Erscheinungsform des Pferdes, daneben fahrend
oder reitend im Besitze des Rosses.
Vor der Schlacht bei Leuktra erschien dem Pelopidas im Traum der Vater
Skedasos, dessen Töchter einst von lakedämonischen Jünglingen vergewaltigt waren
und sich dann selbst getötet hatten, mit der Aufforderung, am Grabe der Jungfrauen
ein Opfer darzubringen^); nach der einen Version forderte er das Opfer eines weißen
Füllens 3), nach der anderen das einer Jungfrau 4). In beiden Fällen erkennt, als
Pelopidas ratlos ist, der Seher das gesuchte Opfer in einer plötzlich erscheinenden
weißen Stute 5), die dann am Grabe geopfert wird. Die Mädchen erhalten also ein
Stutenopfer. Nun lehrt eine Beobachtung der verschiedenen Opfer, daß häufig
dasjenige Tier als Opfer gebracht wird, in dessen Erscheinungsform man sich ur-
sprünglich den Opferempfänger vorstellte: Poseidon, der Tinrioc, empfängt Pf erde -
opfer^), den Winden, die in Roßgestalt gedacht wurden, werden Pferde dargebracht?),
der böse Geist am Schweizer Pilatus, der in Roßgestalt umgeht, wird mit Pferde-
opfern versöhnt^), der Skamander empfängt Pferde und Stiere (O 131 f.): aus dem
') ZW XI 418. nicht Deine), die nahe der Küste im Meer auf-
^) Xenoph. Hellen. VI 4, 7, Diod. XV 54, Plutarch sprudelte; das gilt dem Poseidon, der Herr der
de Herod. malign. 11 (Rohde Psyche^ II 349, 5, Erdtiefe und der ihr entfließenden Quellen ist
Pfister Reliquienkult im Altertum I 308 f.). (ob. S. 179). Daß Pferdeopfer selten sind (Usener
3) Plutarch Narr. amat. 3 (müXoj Xe'Jxö«). ^ Stoff des griech. Epos 8, Wilamowitz Griech. Trag.
4) Plutarch Pelopid. 21 f. (^lapö^vo; Savfli^). II 230, i) ist bei dem Wert des Tieres begreiflich.
5) Plutarch Pelopid. 22 ä; ä.'^iXTfi nwkoi dTcotpuyoüoa Auch enthielten sich die Griechen des Pferde-
. . . 15 TE ■/p6a axiXpousa ttjj jjakirj; TruparfraTov. fleisches, Galen VI p. 664 K, Porphyr, de
') Weiße Rosse werden ihm von Mithridates ins abstin. I 14; S. Reinach Cultes, mythes et
Meer gesenkt (Appian Bell. Mithr. 70), S. Pom- relig. III 129), wozu die als dämonisch emp-
peius stürzt ihm Pferde ins Meer (Dio Cassius 48, fundene Natur des Tieres beigetragen haben
48); Stengel Philol. XXXIX 1880, 182 ff., Jahrb. mag. Von manchen Kulten, wie dem des
f. klass. Philol. XXVIII 1882, 733 ff., Opferbr. Apollo oder der Alektrona, war das Pferd
der Griechen 155 ff. [Arr. Anab.VI 19, 5 ist zu ausgeschlossen (Th. Wächter Reinheitsvorschr.
streichen;eshandelt sich da um Stiere]; S. Reinach im griech. Kult, Relig. Versuche und Vorarbeit.
Cultes, myth. et relig. III 132. Das Roß wird IX 91).
hier in die Meeresfluten versenkt, natürlich, da 7) Festus S. 181 Lacedaemonii in monte Taygeto
Poseidon seit Jahrhunderten zum Meergott ge- equum ventis immolant.
worden. In alter Zeit, wie Pausanias (VIII 7, 2) *) Rochholz, Schweizersagen aus dem Aargau II
hervorhebt, warf man ihm Pferde in die Süß- 23, 25.
wasserquelle Dine, (den 'Sprudel* vgl. schon <I) 132 ;
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
215
Wasser entsteigen der Neck in Pferdegestalt oder der Secbulle'); Hekate, selbst
zu(ov, erhält Hundeopfer *). Das führt darauf, sich die toten Mädchen in Stutengestalt
umgehen zu denken. Seine Bestätigung findet dieser Schluß in den Namen, die
für eine der Jungfrauen überliefert werden: Hippo oder Euxippes). Wie darnach die
Erdmutter als Melanippe, als schwarze Stute, vorgestellt wird, so denkt man sich
die toten Mädchen, die Leuktrides, in der Gestalt weißer Stuten 4). — 'Schimmel*,
Xanthippos, heißt auch der Heros, der in Tronis Opfer empfängt; andere sahen
in ihm den Eponym Phokos 5) ; das verbinden wir dahin, daß man sich den Phokos
in der Erscheinungsform des Schimmels umgehen dachte*).
Das führt uns wieder auf die Rosse, die der Totengott in seinem Gespann führt.
Irdischer Art sind sie nicht; dem Höllenfürsten gebühren dämionische Tiere. Nun
ist bekannt, daß nach antikem und modernem Glauben die Seelen als Hunde im
Gefolge der Hekate oder des wilden Jägers schweifen 7) ; man ziehe für die Rosse
im Gespann des Hades den parallelen Schluß, den die eben erwiesene Pferdegestalt
des Toten an die Hand gibt: der Gott der Toten schirrt die Seelenrosse
') Auch Helios empfängt Roßopfer (in Rhodos
Fest. s. V. October equus S. l8l ; auf dem
Taygetos Paus III 20, 5; anderes bei Stengel
Opferbräuche 156 f.; hinzuzufügen Aelian de
natur. anira. 14, 18 töv 8^ tküXov (ävfo;(OVTi xtjj
'HXftjj xctxaö'iouaiv) ; begreiflich, wenn man hin-
zunimmt, daß nach altem indogermanischem
Glauben man sich die Sonne als ein über den
Himmel stürmendes Roß dachte (unt. S. 251).
An den Sonnenwagen knüpft noch Festus a. a. 0.
das Opfer an (quod is tali curriculo fertur circum-
vehi mundo); wie Helios ein Rossegespann hat,
so ist die 'HfJi^pa XeuxdTKuXos und die Nyx (jieXäv-
i-^ot (ob. S. 186, 4), ebenso reitet Eos (Eurip.
Orest. 1004; danach von Wilamowitz im Phaeton
ergänzt Berl. Klassikert. V 2, 81 £(o(? litTTEÜei))-
Mit dieser Erklärung entfällt die Schwierigkeit,
mit Stengel die Roßopfer an Helios als Vhtho-
nisch* deuten zu müssen; von anderer Seite da-
gegen schon Nilsson Griech. Feste 428. Die Er-
scheinungsform eines Gottes, die Gestalt, in der
seine Priester oder Priesterinnen agieren, und das
Opfertier tragen so oft die gleiche Gestalt, daß
hier ein zusammenhängender Komplex vorliegen
muß; das näher auszuführen, würde hier zu weit
abführen.
») unt. S. 237.
3) Bei Pausan. IX 13, 5 heißen die Namen MoXnia
und [izizii), bei Plutarch Narr, amator. 3 Ittttu),
und MiJ>rjT(a oder 9eav(ö und Eü;{7nrrj. Konstant
ist in den drei Angaben die "Stute', für die andere
Schwester mußte ein anderer Name gesucht wer-
den, der denn auch variiert; MiXt^t!« ist wohl bei
Plutarch in MoXTtia zu ändern. Ohne nähere Be-
gründung, die der Ort verbot, deutet auch Wila-
mowitz Staat und Gesellsch. 26 an, daß die Hel-
lenen sich ihre toten Helden in Pferdegestalt um-
gehend dachten. Wie ich einer mündlichen An-
deutung verdanke, ist Wilamowitz von anderer
Seite her zu dem gleichen Resultate gelangt.
4) Schon hier sei darauf verwiesen, daß nach Parallel-
sagen dieselben Mädchen auch als Wölfinnen er-
scheinen (unt. S. 238, 20) und daß im allgemeinen
die Toten in Hundsgestalt gedacht werden (unt.
S. 2381.).
5) Paus. X 4, 10.
') Roßopfer an Tote: für Patroklos (T 171 f.), für
Diomedes (Strab. S. 215; dazu jetzt M. Mayer
Apulien 399), für Marmax, den Freier der Hippo-
dameia (Paus. VI 21, 7), für Menelaos (Eurip.
Helene 1258 K: h ßapß^poi; jaev iztiov fj taüpov vd-
[AOt, sagt Theoklymenos, nicht, wie man geglaubt
hat, um die Sitte als barbarische einer hellenischen
entgegenzusetzen ; vielmehr nennt er, um derHelene
entgegenzukommen, den Landesbrauch, um, falls
dieser zur Hellenensitte stimme, die Tiere von
sich aus anzubieten. In der Tat wird nachher
vs. 1556 ff. wenigstens der Stier zum Opfer für
den Toten aufs Schiff geschafft; auf das Roß
verzichtet der Dichter). Eine Erinnerung an ein
Roßopfer liegt wohl auch vor, wenn nach dem
Tode der Alkestis den Pferden in Thessalien
die Mähne abgeschoren wird (Eurip. Alkest. 443).
7) s. unt. S. 2381.
2l6
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
vor seinen Wagen'). 'Ich gehe', erzählt M. Gorki aus seiner Kindheit ^), 'und
war eben auf den Fußweg unten auf dem Grund der Schlucht gelangt, als mit einem-
mal ein schreckliches Pfeifen und Heulen in der Schlucht anhebt. Ich blicke auf
und sehe, wie ein Dreigespann von schwarzen Rappen auf mich zujagt, und ein
Abb. 9. Lakonische Stele aus Chr)-sapha.
dicker Teufel mit einer roten Mütze sitzt drin und lenkt sie im Schlitten saßen
gleichfalls lauter Teuf el . . . . und so fuhren sieben solcher Schlitten an mir vorüber. . .
und alle Pferde waren ganz schwarz wie die Raben; in Wirklichkeit aber waren
es lauter böse Menschen, die von ihren Eltern verflucht waren. Solche Menschen
dienen den Teufeln zur Lust und Freude, sie spannen sie vor ihre Wagen und
hetzen sie an ihren Feiertagen durch die finstere Nacht'. Was für das Altertum
auf mühsamem Wege erschlossen werden mußte, hier bringt es eine moderne Stirn -
') Vgl. auchWilamowitz in einem Briefe an Wiegand Mit den Ausführungen oben im Text sind zu-
(Athen. Mitt. XXIX 1904, 298): 'der Tod ist sammenzuhalten S. 209 und 249.
xXuT(5ittoXo{, weil er die Seelenrosse beherrscht'. ') 'Meine Kindheit'. Autobiogr. Roman. Voss. Zeitg.
8. Mai 1914.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
117
mung in den entsprechenden Formen zum Ausdruck. Die Rosse des Hades sind
schwarz '), Persephone fährt auch mit weißen ^); die hilfreichen Mädchen des Skedasos
sind weiße Stuten. Weiße und schwarze Rosse (ohne daß auf die Farbe Ent-
scheidendes ankommt) sind die guten und bösen Seelen oft auch im germanischen
Glauben. Mit Verwendung all dieser Elemente dichtet auf dem Grund alter Vor-
stellungen seines Volkes Piatons erhabener Mythos weiter; die Seele, als Wagen-
lenker, eine Süfi'-puTo; 5uva[n? üuoTcispou Csuf'^u? xs xotl rjvtoyou . . . i7t7TO[j.öp»u) jisv 8uo
Abb. lo. Grabstele aus Kyzikos.
v.vk siBij, Tjvio/ixov 3s £100? xpiTov 3), lenkt das Gespann der beiden Seelenrosse, des
weißen, das nach oben, des schwarzen ([xsXa'-j-xptu?), das nach unten strebt. Aus der
Seele als Pferd, wie der Glaube sie bot, sind im Mythos die Rosse der Seele geworden.
Die alte Erscheinungsform der Toten bleibt, die Bewußtheit der ursprüng-
lichen Bedeutung tritt zurück: so wird aus dem Toten als Pferd der Tote
mit dem Pferde. Auf dem Schlachtfeld von Marathon, wo eine Reiterschlacht
nicht stattgefunden, setzen die als Heroen verehrten Toten den Kampf in der
Nacht weiter fort; dabei hört man das Gewieher ihrer Rosse 4).
') s. ob. S. 198.
») Pind. Olymp. 6, 95.
3) Phaedr. c. 25, 34.
4) Paus. I 32, 4 dvo räsav vixTa xa\ iTtiKuv ypE-
[j.ETtt(5vTU)v xal äv?p(öv liiYoiihuiv eSTtv aisB^üftat.
Richtige Folgerung aus dieser Stelle bei Stengel
Opferbräuche 160.
2l8
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
Abb. 1 1. Relief aus dem Athener Asklepieion mit Inschrift ÖEÖötufyo; i/ptu;.
Zu den Zeugnissen in der Literatur treten, diese wesentlich ergänzend, die
Monumente der bildenden Kunst. Das Pferd erscheint hier auf einer Reihe von
Denkmälern, die zunächst das eine gemeinsam haben, daß sie sich, z. T. laut direkter
inschriftlicher Bezeugung'), auf den Toten beziehen: eine lakonische Stele aus
Chrysapha (Abb. 9) ^), Grabreliefs (Abb. 10) 3) und andere mit dem Namen des
Toten signierte Reliefs (Abb. 11)''), der Sockelreiter auf altattischen Grabstclens),
') Totenmahlreliefs mit dem Namen des Heros:
Milchhöfer Athen. Mitt. IV 1879, 164, i, Arch.
Zeitg. XXXIX 1881, 295, 13, Furtwängler Athen.
Mitt. VII 168, Gardner Sculpt. tombs of Hellas
97, Tod and Wace Catal. of the Sparta Mus. 105,
Jacobsthal, Xa'piTEt Leo dargebracht 459, Karo
Arch. Anz. 1912, 246. Lakonische Stelen mit In-
schrift: Milchhöfer Athen. Mitt. II 1877, 481, IV
128, Arch. Zeitg. XXXIX 1881, 295, Furt-
wängler Athen. Mitt III 297, 3, VII 162, Reliefs:
Furtwängler Athen. Mitt. III 291 u. s.
*) Die Stele, gefunden in Chrysapha bei Sparta,
abgeb. Athen. Mitt. VII 1882 Taf. VII (darnach
unsere Abb. 9), ausgezeichnet besprochen von
P'urtwängler S. 160 ff., ist bisher in dem Kreise
verwandter Stelen (Athen. Mitt. II Taf. XX—
XXV, III Taf. VIII mit Beischriften Timokles
und Aristokles) das einzige Beispiel, auf dem das
Pferd erscheint. Die Stele gehört nach Milch-
Att. Grabrel. Taf.
höfer (Athen. Mitt. II 448) und Furtwängler
S. 160 der zweiten Serie der lakonischen Reliefs
an. Wie hier, ist das Pferd beim thronenden
Heros auch dargestellt auf dem Woodschen Relief
aus Patras (Athen Mitt. IV 125, VII 164 = uns.
Abb. 12, die nach einer neuen Photographie aus
dem Berliner Museum hergestellt ist).
3) Stele aus Kyzikos (Arch. Jahrb. XX 1905, 50;
daher uns. Abb. 10).
4) Vgl. unt. S. 219, I.
5) Das berühmteste Beispiel ist die Lyseasstele
(Loeschcke Athen. Mitt. IV 1879 Taf. I, Conze
Attische Grabreliefs Taf. i); eine neue, halblebens-
große Darstellung wird nach der Kopie Gilli6rons
in den Antiken Denkmälern III Taf. 32/33 dem-
nächst erscheinen. Für das 'Beipferd' auf dem
Sockel s. unt. S. 222. Andere Beispiele Athen.
Mitt. a. a. 0. Taf. II — IV; der Sockelreiter auf
der Stele in der Sammlung Barracco Conze
IX I (Text S. 8).
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
219
Abb. 12. Totenmahlrelief aus Patras.
eine Reihe von Totenmahlreliefs (Abb. 12 — 14) '), einige Pferdekopfamphoren
') Die Hypothese von Svoronos (-Barth) Athen.
Nationalmus. 533 ff., es seien die sog. Totenmahl-
reliefs auf Asklepios und Hygieia zu beziehen,
muß hier soweit erörtert werden, als Reliefs mit
Pferd oder Pferdekopf in Betracht kommen. Der
horror vacui soll die Künstler veranlaßt haben,
leere Räume mit Pferdekopf auszufüllen (S. 534):
gut, aber warum gerade mit Pferdekopf? Das
Pferd soll durch ein 'Fenster' hineinsehen (S. 534f.,
539): ein solches ist auf attischen Reliefs nicht
beabsichtigt (unt. S. 223, 4); das Relief von Patras
(ob. Abb. 12), dessen 'Fenster' Svoronos (S. 539)
besonders nennt, zeigt, wie gewöhnlich, deutlich den
Kasten. Letzten Endes soll das Fenster für das Haus
beweisen, in dem nach Svoronos das Symposion
der Götter stattfindet. Bei den kleinasiatischen
Reliefs will Svoronos die Asklepioshypothese
nicht durchführen (S. 535, 539); es muß also
ein Bruch in der Entwicklung angenommen
werden; das Pferd soll hier, wiederum möglichst
bedeutungslos, für Stand oder Liebhaberei des
Toten zeugen (S. 539). Ein im Athener
Asklepieion gefundenes Relief, das einen Reiter
darstellt mit der Inschrift ösdSiopos %«>;
(S. 538, 4, Taf. XXXIII Nr. 1401, darnach
unsere Abb. 11) darf nicht einen gewöhnlichen
heroisierten Sterblichen darstellen, sondern soll auf
einen Heros aus dem Asklepioskreis, vielleicht einen
Sohn, vielleicht einen Geliebten, vielleicht einen
Pferdearzt des Gottes gehen. Fünf andere Reliefs
müssen mit Gewalt auf Asklepios umgedeutet
werden (S. 5408.): bei dem ersten ist die -Deu-
tung der Inschrift IlpaSiT^Xrjs auf Asklepios
willkürlich, beim zweiten wird die Ergänzung der
Inschrift 7]pu)i av^ihjxsv Eüxo'Xuji zu ösoüi] TJpiui
(= Asklepios) äv^SrjXEV eüzdXw widerlegt durch das
dritte Relief, dessen Inschrift "HouXos mi%rpi.f^
EixdXoi unantastbar ist. c'j-/oXo5 ist Beiname nicht
nur des Asklepios, sondern auch des Hermes; daß
eine Sondergestalt Eukolos anzusetzen ist, lehrt
Eukoline, die übrigens nicht zu Asklepios, sondern
zu Hekate neigt (Jessen P.-W. VI 1055 f.). Als
viertes muß das Zeuxippos-Basileia-Relief (ob.
S. 187 f.) auf Asklepios-Hygieia gedeutet werden,
trotzdem dasEchelos-Basile-Relief (ob. S. 186 f.),
das den Raub darstellt, deutlich erwiesen hat,
daß die Basile mit Kore-Persephone zusammen-
gehört, und Zeuxippos seine Analogien im Hades-
kreis hat. Auf dem fünften Relief mit Inschrift
'rTjiaärji (Janssen, Griech. Grabrel. VI 16; unsere
Abb. 13 nach neuer, von A. E. J. Holwerda
gütigst übersandter Photographie aus Leiden),
deren "Richtigkeit Svoronos mit Glück gegen
Furtwängler verteidigt, muß die einzig
mögliche Beziehung auf einen Toten namens
Teiades, für welchen Namen Svoronos selbst die
Belege bringt, angezweifelt werden, damit 'der
Teier' (Ti^ios) = Asklepios herausspringt.
220
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
Abb. 13. Totenniahlrelief im Museum zu Leiden.
Abb. 14. Totenmahlrelief aus Teos.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
221
(Abb. 15) '), deren eine, die Aristionvase, mit Knochen und Asche gefüllt war^), Pferde
in Gräbern 3), Vasen mit Darstellungen, die auf den Toten hindeuten 4). Während
bei den meisten dieser Gruppen die Beziehung auf den Toten nicht geleugnet werden
konnte, sind andere, aus dem Zusammenhang gelöst, vielmehr als Erinnerungsbilder
aus dem Leben des Verstorbenen aufgefaßt worden, so besonders der Sockelreiter.
Er sollte nach ConzeS) Stand und Reichtum der Familie des Verstorbenen andeuten,
nach anderen Gelehrten, wie namentlich Deneken ^), Fabricius 7), Brueckner *) und
Abb. 15. Pferdekopfamphora in Dresden.
') Dresden Nr. 1773 (Arch. Anz. 1902, 117, Jahrbuch
XXII 1907, 141). Photographie und Publikations-
erlaubnis wird G. Treu verdankt.
') Loeschcke Archäol. Jahrb. II 1887, 276, Hackl
Archäol. Jahrb. XXII 1907, 78 ff., 141.
3) In dem Kuppelgrab von Menidi S. 5, vor allem
Wolters Arch. Jahrb. XIV 1899, 108, 112, I2iff.,
128; in böotischen Gräbern: Furtwängler Samml.
Sabour. I 37; in der theräischen Nekropole: Dra-
gendorfif Thera II S. 77, 125, 306 f. (archaisch),
S. 77 (hellenistisch).
4) Sophilosvase aus Menidi mit Schlange vor dem
Gespann (Wolters Arch. Jahrb. XIII 1898, 26,
28, Taf. I, XIV 128), Amphora 'Etprjfji. äp^- 1897
Taf. 5 mit Wagenfahrenden, davor Löwe, oben
Hahn (Wolters XIV 128, 23), vielleicht die Nio-
bidenvase mit vier reitenden Jünglingen (Loeschcke
Arch. Jahrb. II 1887, 275 ff., Ant. Denkm. I
Taf. 22), Louvre E 646 mit reitendem
Epheben auf der einen, Hahn auf der anderen
Seite; herangezogen von Hackl Arch. Jahrb. XXII
1907, 95 u. s.
5) Att. Grabreliefs Text S. 4.
6) Roschers Myth. Lex. I 2584.
7) Athen. Mitt. X 1885, 164.
8) Athen. Mitt. XVIII 1893, 152, Arch. Jahrb. XVII
1902, 42. Ebenso S. Würz Studien zu attischen
Kriegergräbern. Münster 1913, 70 f.
222
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
Heibig'), soll er eine Hindeutung auf den ritterlichen Stand des Toten enthalten*).
Wesentlich war für diese Hypothese die angebliche Existenz eines zweiten,
ledigen Pferdes, das der Sockelreiter auf der Lyseasstele führe; dadurch sollte
der Knappe mit dem Beipferd charakterisiert sein. Wie eine neue Kopie der
Lyseasstele von Gillierons Hand, die in der
Sitzung der Berliner Archäologischen Gesell-
schaft vom 2. April 1913 ausgestellt war und
von G. Loeschcke besprochen wurde 3), zeigt,
war das eine Täuschung; ein Beipferd ist nicht
vorhanden; daß nun der allein dahinsprengende,
nicht etwa seines Herrn harrende Reiter der
Knappe des Priesters sei, entbehrt jeder Wahr-
scheinlichkeit, wie es auch bei einem Denkmal
dieser Zeit auffallend wäre, daß der 'Knappe'
auf einer anderen Stele nackt dargestellt sein
sollte 4). Dazu traten bei den Ausgrabungen
an der athenischen Stadtmauer Grabstelen ans
Licht, die so unverkennbar auf Grabsymbolik
bezügliche Sockeldarstellungen aufweisen wie
die Gorgo (Abb. 16) 5). Damit ist der Kreis
markiert, in den wir den Sockelreiter zu setzen
haben; es ist der Tote, der reitet^). Nicht
Lyseas, etwa gar im Jugendporträt 7) ; der Tote,
generell genommen, sitzt auf dem Pferde. Den
oberen Streifen nimmt der Priester ein, der den
Weiheguß spendet; dem Leben gegenüber sind
die Gespenster auf den Sockel hinuntergedrängt.
Von der Grundvoraussetzung ausgehend,
daß der Tote reite, fragten andere, wozu und
wohin der Ritt gerichtet sei, und deuteten die
Darstellung des sprengenden Toten auf die
Abb. 16.
Gorgone auf einer attischen
Grabstele.
') Les 'iTnrctt Athöniens S. 49 ff. Konziliatorisch
erkennt Kekule Griecli. Skulptur* 193 f. zwar das
dämonische Element des Pferdekopfes an, meint
aber, daß dieser wenigstens im Beginn vielleicht
nur dann gewählt worden sei, wenn der Heroi-
sierte auch im Leben mit Reiten und Pferden zu
tun hatte.
') Dagegen machten schon Furtwängler Samml.
Sabour. I39 und Rohde Psyche' 1241,3 geltend,
daß das Pferd auch bei Frauen stehe, Wolters
Arch. Zeitg. XL 1883, 304, 13, daß auch Kinder
reiten; Belege bei Deneken Roschers Myth. Lex.
I 2585-
3) Arch. Anz. 1913, 62 f.; vgl. ob. S. 218, 5 Anm.
4) Conze Taf. IX 2, Text S. 8.
5) Abgeb. Athen. Mitt. XXXII 1907 Taf. XXI f.,
darnach unsere Abb. 16. Noack S. 523 ff., ohne
die Folgerung aus seinem Fund zu ziehen
(S. 540, 3). Vgl. auch. unt. S. 250.
') Loeschcke Arch. Jahrb. II 1887, 277; Arch. Anz.
1913, 63, Furtwängler Samml. Sabour. I 36.
7) Das bemerkte schon Conze Text S. 4. An Jugend-
bildnisse resp. an Vater und Sohn auf dem oberen
und unteren Teil der Stelen denkt Petersen
Österr. Jahresh. VIII 1905, 80 mit Anm. 18.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 223
letzte Reise ins Jenseits. Für einen Teil der Monumente, zumal für die Pferde
in Gräbern, wird das zutreffen'); darauf deuten die Gespanne, die sich, z. B.
in Menidi, neben den ledigen Pferdchen finden, darauf z. B. auch die Sporen,
die man in einem pergamenischen Grabe mitgefunden hat ^). Aber ander-
wärts ist, z. B. auf der Barraccostele 3), der Heros auf stehendem, nicht bewegtem
Pferde dargestellt, oft ist, wie auf den Totenmahlreliefs, nur der Pferdekopf sichtbar;
es macht nicht den Eindruck, daß dabei an Entführung gedacht ist. Auf das 'Fenster',
durch das der Pferdekopf öfters auf Totenmahlreliefs zu blicken scheint, darf man
sich nicht berufen, etwa im Gedanken an das germanische Totenpferd, das am Fenster
des Schwerkranken erscheint, ihn zu holen: die attischen Reliefs geben den Kopf im
Kasten oder Rahmen 4), auf ostgriechischen Reliefs ist das 'Fenster' von Pfuhl in seine
Bestandteile aufgelöst 5), erst auf den späteren Reliefs ist wirklich in realistischer
Ausdeutung ein Fenster dargestellt*). Und schließlich widerraten Hund und
Schlange auf Stelen und Totenmahlreliefs nachdrücklich, an Entrückung zu denken.
Furtwängler, dessen Behandlung des gesamten Monumentenkomplexes grund-
legend bleibt 7), hat sich daher mit gutem Grunde gegen die Entrückungstheoric,
soweit sie auf diese Monumente ausgedehnt wird, ausgesprochen und betont, daß
das Pferd allgemeingültigen Charakter habe, es sei 'symbolisch-attributiv' ^).
Von Loeschcke 9), Wolters ■<>), v. Fritze "), Rohde ^^), Pfuhl '3), Weicker m), Wila-
mowitz '5), Eitrem '^) ist diese Auffassung aufgenommen und das Pferd als 'Symbol'
des Heros erklärt worden, d. h. als ein Merkmal, mit dem der Künstler andeute, daß
der hier Dargestellte ein Toter sei. Freilich war sich Furtwängler ^7) bewußt, daß
mit dem 'Symbol' eine letzte ursprüngliche, den Monumenten zugrunde liegende
Deutung des Pferdes nicht gewonnen sei; eine solche könne nur bei einer Über-
schau über das gesamte, nicht auf das Hellenische beschränkte Material erwartet
werden.
Jedes Symbol ist etwas starr gewordenes; es gibt nicht mehr das Sein, sondern
') Poulsen Dipylongräber 1905, 31 f., dazu Pfuhl ') Pfuhl a. a. 0. 141.
Gott. Anz. 1906, 347. Dabei wird dann der Ge- 7) Athen. Mitt. VII 1882, 160 ff., Einleitg. zur
danke mitgespielt haben, daß man das Terrakotta- Samml. Sabouroff I.
pferdchen als Ersatz für ein eigentlich geopfertes *) Athen. Mitt. a. a. 0. 164, Samml. Sabour. I 25,
Pferd mitgab (Bloch Neue Jahrb. VII 45 f., 39.
Dragendorff Thera 11 122, Keller Ant. Tierw. 9) Arch. Jahrb. II 1887, 276 (gegen Athen. Mitt.
1909, 1252!.). Spuren von Tieropfern in Gräbern: IV 1879, 44, 291 f.).
Stengel Opferbr. 136 f., 140 f. ■») Arch. Zeitg. XL 1882, 304, Ant. Denkm. I 48,
») P. Jacobsthal Athen. Mitt. XXXIII 1908, 435. Arch. Jahrb. XIV 1899, 128.
3) Ob. S. 218, 5. ") Athen. Mitt. XXI 1896, 347.
4) Vor dem 'Fenster* warnen schon Friederichs- '^) Psyche- I 241, 3.
Wolters 1071, F'urtwängler Samml. Sabouroff I "3) Arch. Jahrb. XX 1905, 151; XXII 1907, 126, 36.
35 f. M) Der Seelenvogel 10, 6.
5) Arch. Jahrb. XX 1905, 136, 141. Auch der Vor- '5) Wilamowitz bei Wiegand Athen Mitt. XXIX
hang, hinter dem öfters das Pferd erscheint 1904, 298.
(S. 124 f.) oder der Mauerrand (S.I28), sind, wie '*) P.-W. VIII 1143.
die Parallelen zeigen, nicht um des Pferdes '7) Athen. Mitt. a. a. 0. 165; ein Deutungsversuch
willen da. Samml. Sabour. I 25.
224
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
ein Ti auixßoXXstai. Eine Primärstufe wird /nit keinem 'Symbol* getroffen,
so wenig wie mit einem 'Attribut'; auch Götterattribute pflegen starrgewordene
Residua älterer lebendiger Vorstellungen zu sein. Aber dürfen wir primäre Angaben
von dem einzelnen Verfertiger unserer Bildwerke überhaupt erwarten? Neben-
einander stellt der Künstler zu dem Toten Pferd, Hund und Schlange, von denen
jedes einzelne schon genügte; der Hund unserer lakonischen Stele, die als einzige
das Pferd zeigt, springt, anders als auf verwandten Monumenten (Abb. 17), bereits
Abb. 17. Lakonische Stele aus Sparta.
genrehaft spielend am Toten empor '), bald wird die anfängliche Parataxe allge-
mein zu einer spielenden Syntaxe ^), in der z. B. der Verstorbene mit der Schlange
im Grunde seine eigene Seele nährt. Das sieht nicht darnach aus, als ob in den
Ideen der Bildner noch ein ursprüngliches lebendiges Bewußtsein wach wäre; es
wird seine Richtigkeit damit haben, daß im Kreise dieser Kunstwerke starr ge-
wordenes Typengut, 'Symbole', tradiert werden. So hantiert auch der epische
Dichter mit den Nr^Xr^iai r-mcoi, den 'x\o[i.Tj-ou iizr.'ji u. a. ; so wenig aber etwa dem
Dichter der ''A&Xa ihre Ursprungsbedeutung noch durchsichtig war, so wenig wird
zumeist der einzelne Bildhauer des 5. oder 4. Jahrhunderts noch darüber bewußten
') So auf dem Relief der i. Serie Athen. Mitt. II Hund neben dem Thron des Toten sitzt (Furt-
Taf. XXII (darnach unsere Abb. 17), wo der wängler a. gl. 0. VII 166).
') Furtwängler Samml. Sabour. I 33 f.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
225
Aufschluß haben geben können, was es mit dem 'symbolischen' Pferdekopf, den er
dem Toten beifügte, für eine ursprüngliche Bewandtnis habe.
Für unsere Erkenntnis jedoch müssen wir jenseits des 'Symbols' zurück; und
glücklicherweise deuten die Monumente selbst uns den Weg. Von den zumal auf
den Totenmahlreliefs dem Toten beigegebenen Tieren repräsentiert die Schlange,
wie niemand bezweifelt, die Seele des Toten; sie ist eine Erscheinungsform des Toten.
Abb. 18. Eidolon und Schlange aut einer Hydria im Berliner Museum.
Wenn mit ihr alternierend oder gemeinsam Pferd und Hund erscheinen, so ist es
methodisch, ihnen gegenüber das gleiche Erklärungsprinzip anzuwenden, d. h. sie
ebenfalls als alte Erscheinungsformen des Toten anzusehen. Sowohl für Pferd wie
für Hund ') bestätigen das die literarischen Zeugnisse und die germanischen Paral-
') Die Beispiele für den Hund als Erscheinungsform
des Toten unt. S. 238 f. Den Ausdruck 'Höllen-
hund' (Pfuhl Arch. Jahrb. XXH 1907, 127)
möchte ich für unsere Denkmäler meiden; er
führt uns zu stark an den Hund des Töters (unt.
S. 236 f f . ) ; eingehende Versenkung indenGeistder
Totenmahlreliefs, lakonischen Stelen und Pterde-
kopfamphoren lehrt aber, daß auf ihnen alles dem
Toten zugehört; Pf erd, Hund, Schlange so gut wie
Waffen usw. Insofern ist auch Wolters' Wider-
spruch (Arch. Zeitg. XL 1882, 304) gegen Furt-
wängler (Athen. Mitt. VII 165 f.), den dieser
nicht gelten lassen wollte (Samml. Sabour. 25, 6),
doch berechtigt: Furtwängler brachte für das
Pferd des Toten den xXuTfeioXos als Parallele,
während Wolters zutreffend innerhalb der Sphäre
des Toten bleiben wollte. Wie schliei31ich in letzter
Linie das Pferd des Töters und des Toten einander
nahestehen, wird unten (S. 248) gezeigt; hier
handelt es sich darum, zunächst den Monu-
menten das Ihre zu geben. — Den einheitlich auf
den Toten gestimmten Geist der Monumente ver-
kennt jede Interpretation dieser Denkmäler, die
Pferd, Hund und Schlange auf ihnen nach ver-
schiedenen Prinzipien deuten will. Dahin gehört
Samters Annahme (Geburt, Hochzeit und Tod
226
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
lelen '). Der Künstler, dem die Erscheinungsform zum 'Symbol' geworden, ver-
koppelt sie und häuft damit in Pferd, Hund und Schlange auf einem und demselben
Monument die 'Merkzeichen' für die Toten ; seine schlagende Parallele hat dies darin, daß
auf demselben Bildwerk die Seele zugleich als Eidolon und als Schlange dargestellt
werden konnte (Abb. i8) ^). Und zweitens, zum gleichen Ergebnis führend: von den
Abb. 19. Pferdekopfamphora aus München.
Pferdekopfamphoren haben einige nur den Pferdekopf zum Schmuck, andere weisen
auf der einen Seite den Pferdekopf, auf der anderen ein menschliches Profil auf; auf
206, 5), es sei das Pferd nicht nur in den Gräbern,
sondern auch auf den Totenmahlreliefs zum
Ritt ins Jenseits bestimmt. Oder ist auch der
Hund ein Entrückungshund und die Schlange
eine Entrückungsschlange ?
') Unt. S. 233 ff., 238.
') Hydria im Berliner Museum Furtwängler 1902
Heroenreliefs s. auch Pfuhl Arch.
(unsere Abb. 18 nach neuer Photographie).
Ähnliche Häufungen auf der Amphora des
Britischen Museums, abgeb. in Keschers Myth.
Lex. III 1711 sowie auf der Amphora im Mus.
nazion. zu Neapel, abgeb. in Roschers Myth.
Lex. III 3223. Über den Parallelismus der ver-
schiedenen Erscheinungsformen der Seele auf
Jahrb. XX 1905, 69. 60.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
227
einer Münchener Amphora (Abb. 19, 20) ') ist es eine Frau, auf einem Pariser Exemplar
ein Mann ^). Eine Göttin wird die Frau des Münchener Exemplars nicht sein 3);
das Gegenbild aus dem Louvre zeigt einen menschlichen Krieger. Wenn nun das
Prototyp dieser Vasen, die Aristionvase, mit Knochen gefüllt war, die anderen großen
Pferdekopfamphoren also mit Wahrscheinlichkeit ebenfalls entweder selbst Gräber
waren oder auf Gräbern standen 4), wenn der Pferdekopf und das menschliche Profil
als einziger Schmuck auf ihnen erscheint, so werden wir zu der Gleichung geführt: wie
Abb. 20, Andere Seite der Amphora Abb. 19.
die toten Mädchen den Skedasos als Stuten umgehen, so erscheint der resp. die Tote,
deren Bild die eine Seite trägt, auf der Rückseite der Amphora in der Erscheinungs-
forj^ des gespenstigen Pferdes. Dabei kann es dahingestellt bleiben, ob der einzelne
Hackl Arch. Jahrb. XXII 1907, 84 f., Abb. 5,
6, hier Abb. 19, 20.
') Louvre (Pottier E 822 Taf. 58; leider ist nur
die Seite mit Pferdekopf abgebildet; eine Photo-
graphie der anderen war wegen des Krieges
nicht zu erhalten); Hackl 86.
3) So Hackl S. 95, der doch selbst an den Krieger-
kopf der Louvrevase erinnert sowie daran, daß
an klazomenischen Sarkophagen Bildnisse der
Verstorbenen angebracht seien.
4) Wolters Ant. Denkm. I 48, Hackl Arch. Jahrb.
XXII 1907, 88 f.
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX.
18
228
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
Künstler noch so ursprünglich empfand, oder ob er für seine Person den Pferdekopf
nur noch als 'Merkzeichen' seinem Toten beifügte ').
So stehe ich nicht an, für die lakonische Stele von Chrysapha, die Toten-
mahlreliefs und die Pferdekopfamphoren die Erscheinung des Toten als Pferd als
die hinter den Monumenten liegende Vorstellung zu bezeichnen, die dem 'Symbol',
zu welchem sie in der Regel den Künstlern geworden, zugrunde liegt.
In weiterer Entwicklung zeigen uns die Monumente den Toten zu Pferd, fahrend
oder reitend; nicht zunächst auf einem Ritt im Hades oder zum Hades, sondern eben
nur reitend, in jener ursprünglichen Verbindung mit dem Tier, das für ihn kenn-
zeichnend ist, in dessen Gestalt er selbst einst umgegangen. So erscheint der Tote
reitend auf den Sockeln der altattischen Grabstelen wie der Lyseasstele, auf nord-
griechischen und böotischen Grabstelen ^), auf ostgriechischen Grabreliefs, wo die
drei typischen berittenen Jünglinge, die im Hintergrund des Grabbezirks erscheinen
(Abb. 14), von Pfuhl richtig als reitende Tote gedeutet sind 3).
Daneben bemächtigt sich der Entrückungsgedanke auch des Pferdes. Wer
dem Toten, wie in Menidi, den Schild mitgab 4), doch dazu, daß er ihn im Jenseits
trüge, gab ihm wohl auch das Roß zu dem Zwecke ins Grab mit, daß er auf
dem Wege ins Jenseits und im Hades des Pferdes nicht entbehre. So tritt das
entrückende. Pferd neben das Schiff 5), das ins Jenseits hinüberführt, oder die
') Hackl in seinem Aufsatz über die Pferde-
kopfamphoren (Arch. Jahrb. XXII 1907,
78 ff.) deutet den Pferdekopf auf diesen Vasen
als Erscheinungsform des Toten, in dem Sinne,
daß der Künstler sich dieser Auffassung voll
bewußt ist. Wenn Hackl Loeschcke für seine
Ansicht zitiert, ist das freilich eine mißverständ-
liche Deutung von Loeschckes Ausführungen Arch.
Jahrb. II 1887, 276, in denen nur von Symbol,
nicht von Erscheinungsform gesprochen wird. Wie
mir Loeschcke mündlich äußerte, hält er daran
fest, in dem Pferdekopf auf den Monumenten
nicht mehr als ein Symbol, ein Merkzeichen für
den Verstorbenen, zu erblicken. Was Hackl
meint, ist schwerlich für die ausübenden Künstler,
wohl aber für die Auffassung einer ihnen voran-
liegenden Zeit, deren Glauben sie als Typengut
weitergeben, gültig. — - F. Poulsen in seinen auf-
schlußreichen Ausführungen über die Enkomi-
funde (Arch. Jahrb. XXVI 191 1, 240) wendet
gegen Loeschcke und Hackl ein, es werde 'die
religiöse Deutung' des Pferdekopfes auf den alt-
attischen Vasen 'nicht mehr möglich sein, wo wir
den Ursprung und die Wanderung dieses Motivs
kennen'. So wenig jemand leugnen wird, daß der
Pferdekopf in älterer Kunst auch rein dekorativ
verwendet wurde, so wenig darf Typenverbreitung
und inhalthche Bedeutung miteinander identi-
fiziert werden. Wenn irgendwo der Glaube
existierte, daß das Pferd zu dem Toten in Be-
ziehung stehe, konnte dieser Glaube sich zur
Ausdrucksform einen Typus wählen, der ihm
ohne diese Bedeutung von anderwärts zuge-
kommen war; das Flügelpferd ist Erfindung des
Orients, nicht aber der Pegasos. Poulsen sucht
für die attischen Vasen formellen Anschluß an
Kunstprodukte anderer Provenienz und schließt
daraus auf das Manko religiösen Inhalts ; Loeschcke,
Hackl und ich stellen die gleichen Vasen,
deren eine mit Knochenresten gefüllt war,
in inneren Zusammenhang mit dem Pferd auf
lakonischen Stelen und Totenmahlreliefs und
gewinnen so einen Zusammenhang, der für den
Pferdekopf der Amphoren eine bestimmte inhalt-
liche Bedeutung ergibt.
2) Zusammenfassend Furtwängler Athen. Mitt. VIII
1883, 370 f., Samml. Sabour. I 36 ff. Aus Böotien:
G. Körte Athen. Mitt. III 1878, 309 ff., zuletzt
Rodenwaldt Arch. Jahrb. XXVIII 1913, 313 f.,
330 f., 338, Taf. XXIV, aus Thessalien: Lolling
Athen. Mitt. XI 1886, 51 ff.
3) Arch. Jahrb. XX 1905, 123, 126, 150 ff. Unsere
Abb. 14 aus Arch. Jahrb. a. a. 0. 123.
4) Wolters Arch. Jahrb. XIV 1899, 118 ff., 127.
5) Dieterich Mithraslithurgie » 183, 235; Waser
Charon 5, Gruppe Griech. Myth. 1651, i. Ton-
L Malten, Das Pferd im Totenglauben. 229
Abb. 21. Votivrelief aus Lokroi Epizephyrioi mit Entführung der Köre.
Schuhe'), Kleider ^), Nahrung, die man für die letzte Reise mitgibt. In diesem Sinne
gibt der Pergamener die Sporen mit ins Grab. Entrückend trägt auch das Gespann des
Unterweltsgottes die Seele des Sterbenden hinüber ins Jenseits. Für die fallenden
Helden in der Ilias wurde die Vorstellung oben (S. i86) erläutert; der Raub einer weib-
lichen Seele fand seine typische Ausdrucksform in der Sage vom Raube der Köre
durch Hades ; die Göttin selbst ist in diesemMythos Prototyp für die weibliche Seele
schlechthin 3 ) . Zu den bekannten Darstellungen traten vor kurzem einige Votivrelief s aus
Schiffchen in apulischen Gräbern: Pagenstecher ») Solche verlangt die tote Melissa bei Herod. V 92.
Sumbol. litter. in honor. J. de Pelra,Neapeli9ii, 3) Archiv für Religionswiss. XII 1909, 308 ff.
62 ff. Natürlich wird um dieses Mythos willen nicht
') Samter Neue Jahrb. XIX 1907, 136, Geburt, etwa die Göttin Köre selbst eine 'Seele'.
Hochzeit und Tod 195 ff.
18*
230
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
Abb. 2 2. Votivrelief aus Lokroi E".pizephyrioi mit Entführung einer Verstorbenen.
Lokroi Epizephyrioi '), auf denen der bärtige Hades die Geliebte entrafft (Abb. 21)=').
Am gleichen Orte wurden einige Darstellungen gefunden, auf denen ein unbärtiger
Dämon, meist unter Vorantritt des Hermes, eine Frau entführt (Abb. 22)3), zuweilen
bleibt hinter dem Führer des Gespanns, der eben den Wagen betritt, eine Schar
trauernder Frauen zurück (Abb. 23) 4). Diese auf die Gespielinnen der Anthologie
zu deuten, ist mißlich, da jedes charakterisierende Merkmal, wie Blumen oder Körb-
chen, fehlt. Der Herausgeber Quagliati scheint daher mit Recht für diese Gruppe
die Deutung auf den Koreraub abzulehnen; dargestellt ist die Entführung einer weib-
lichen Verstorbenen durch einen Hadesdämon; im Grunde genommen eine Vorstellung,
die vom Koreraub nur graduell verschieden ist; die ähnlichen Formen der äußeren
Darstellung sind also auch innerlich berechtigt. So ergibt diese Gruppe einen Über-
') Ausonia III 1909, 136 ff., 152 ff., mit Ergänzungen ') Unsere Abb. 21 nach S. 169 Abb. 24.
und Nachträgen von Oldfather Philol. LXVII 3) Abb. 22 nach S. 154 Abb. 18. Von Hermes ist
1908, 433, 75, LXIX 1910, 114 ff., 120. vor dem Gespann ein Rest erkennbar.
4) Abb. 23 nach S. 164 Abb. 20.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
231
Abb. 23. Votivrelief aus Lokroi Epizephyrioi mit Entführung einer Verstorbenen.
gang ZU den etruskischen Darstellungen, auf denen der Tote auf dem Gespann oder
zu Pferde von Charun ins Jenseits geleitet wird (Abb. 24) ■). Überall ist hier der
Entrückungsgedanke lebendig; als Voraussetzung fordert dieser Glaube aber bereits
die Existenz eines gemeinsamen Totenlandes unter oder jenseits der Erde, in dem
die Toten sich sammeln; recht volkstümlich ist dieser Glaube trotz aller Dichtung
im hellenischen Volke nicht geworden, das sich den Toten lieber am Grabe
weilend dachte (Plato Phaidon 81 d), wo er seine Spenden empfangen konnte, wo
er nützte und schadete; beruht doch der Glaube an die Nützlichkeit der Heroen-
gebeine, der noch die Athener des 5. Jahrhunderts veranlaßte, ihren Thescus zu
holen, auf der alten Anschauung, daß der Tote sei und wirke, wo seine Gebeine
liegen.
Im Zusammenhang mit dem Entrückungsgedanken steht es weiter, wenn
der alte, generelle Glaube, daß der Tote reite, dahin verengt wird, daß der Tote
sein Lieblingstier^) mitbekommt, ein Glaube, der noch heute darin lebt, daß man
dem Verstorbenen sein Leibroß zum Grabe nachführt 3), ursprünglich, um es ihm zu
schlachten; so werden dem Marmax, dem unglücklichen Freier der Hippodameia,
seine Rosse, mit denen er den Wettkampf gegen Oinomaos verloren, in den Tod nach-
■) Etruskische Urne Volterra I2i; unsere Abb. 24
nach einer von G. Körte freundlichst überlassenen
Photographie. Abgeb. auch bei Darcmberg-
Saglio I iioo, Martlia, L'art etrusque 17S, Reinacli
Rupert, de reliefs III 472. Radermacher jenseits
112: Charon oder die Läse führen den reitenden
oder fahrenden Toten ins Jenseits. Ritt oder
Fahrt zum Hades auf etruskischen Grabsteinen:
Delbrueck Arch. Anx. 1912, 271.
^) Selbst dies war als Grundidee für die Pferde auf
der lakonischen Stele und den Totenmahlreliefs
erklärt worden; gut von Furtwängler Athen. Mitt.
VII 1882 163 mit der Frage abgetan, «b auch
die Granate in der Hand des Toten seine Lieb-
lingsgranate sei. Vgl. auch Wolters Arch. Zeitg.
XL 1882, 304, 13.
3) So wird dem Pallas sein Leibroß zum Grabe
nachgeführt (Vergil Aen. XI 89 f.).
232
L. Malten, Das Pferd im- Totenglauben.
Abb. 24. Etruskische Urne aus Volterra mit Darstellung des von Charun entführten Toten.
gesandt'). Das individualisierende Moment dringt dann auch in der bildenden Kunst
auf der ganzen Linie vor: eine Frau, die Eutamia heißt, bekommt, im Spiel mit dem
Namen, eine große Hündin, die treue Wächterin des Hauses, an ihrem Grabmal
zu Häupten dargestellt^), ein großer Hund inbinnen der Inschrift 'F^Xto? EüoSi'a
TTj {)ps'j(aT(j |xv3ta? '/i[''-^ deutet darauf, daß die Verstorbene die gute Wächterin
des Kindes gewesen 3), ein Mann erhält das alte Grabsymbol, den Löwen, nur weil
er i\s(ov heißt 4), in römischer Zeit hat jeder Anspruch, ein Pferd auf sein Grabmal
zu bekommen, der dem Ritterstand angehört 5). Dem individuellen Lebensschicksal
gilt es auch, wenn Dexileos ^), der tapfere Ritter, zu Roß im Kampf mit dem unter-
liegenden Feind auf seinem Grabstein dargestellt wird, weil er es im Leben so geübt.
Je mehr man sich müht, die Mannigfaltigkeit der Vorstellungen zu begreifen, ohne
künstlich zu schematisieren oder einzuengen, um so leichter tritt schließlich aus
der anfangs verwirrenden Fülle der Weg von uralten, allgemeingültigen Vor-
') Paus. VI 21, 7 OMfiMv öl £7:ixo[Taa'fa';ai [j.£v
T«; ITTITO'j; TU) MctpfAaxi.
') Conze Att. Grabrel. Taf. XXVIII, Friederichs-
Wblters 1029.
3) Collignon Revue archdol. IV 1904, 48 ff.
4) Conze Taf. CCLXXVI.
5) Br. Schröder Bonn. Jahrb. CVIII/IX 1902, 49 ff.
im Zusammenhang mit 'dem lächerlichen Stolz
auf das Ritterpferd, der Fiktion des Adels' steht
es auch, wenn man seit dem ausgehenden fünften
Jahrhundert dreigliedrige Namen mit -i;:ro; kom-
poniert, die z. T. pompös, z. T. von einem sinn-
losen Wohlklang sind (Wilamowitz Arist. und
Ath. II 29, 39, K. Schmidt Herrn. XXXVII
1902, 355).
«) Conze Tat. CCXLVIII, Brueckner Der Friedliof
am Eridanos 57 ff.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 2^3
Stellungen bis zu den persönlichen Umgestaltungen und Abtönungen einer späteren
Zeit zutage.
♦
Nun die Parallelen aus dem Norden. Die Toten gehen als schnaubende und
tobende Pferde um'); öfters wird, da man in fortgeschrittener Zeit die Tiergestalt
als etwas Entwürdigendes empfand, die Tiergestalt besonders bösen Menschen oder
Selbstmördern, auch Ermordeten, zugeschrieben, die dazu verdammt werden, als
kopfloses Pferd oder als dreibeiniger Hund mit tellergroßen Feueraugen umzu-
gehen^). Eine keltische Sage berichtets); 'Osschin, der Sohn des Fionn Mac Cumhal,
hörte, daß ein Kornfeld nachts immer zertreten werde. Da bleibt Osschin eines
Abends auf dem Felde zurück. Er hört in der Stille der Nacht ein Rauschen im
Korn und gewahrt ein weißes Füllen ohne Makel. Das Roß flieht; Osschin verfolgt
es und faßt es endlich bei der Mähne. Da tut die Erde sich auf, Roß und Verfolger
versinken und befinden sich bald in einem schönen, weiten Wiesenland. .... Hier
wird das Füllen zu einer weißen, glänzenden Jungfrau, die Osschin willkommen
heißt und ihn bald die Erde vergessen macht. Als der Held ein Jahr, wie er meint,
hier zugebracht, sehnt er sich nach der Oberwelt zurück. Da ist er aber 300 Jahre
bei den Toten gewesen.' Der ruchlose Hirt im Tiroler Reute geht als Schimmel um 4) ;
der tote Pferdedieb trägt Roßgestalt 5); der geizige Junker von Rued wird nach seinem
Tode in ein Pferd verwandelt ^) ; die Vorfahren des der Hölle verfallenen Ritters
erscheinen als kohlschwarze Rappen 7). Das 'kleine graue Männlein' hat Eltern
und Großeltern des ruchlosen Edelmanns in Rappen verwandelt ^). Die verwünschte
Prinzessin erscheint alle sieben Jahre als weißes Pferd 9), eine weiße Jungfrau geht
um als Roß mit glühenden Hufeisen •"). Die Seelen der sündigen Toten stehen als
Pferde im Horsel(= Pferde)berg "). Das Oerkentier, der Geist eines Ermordeten,
erscheint als Roß"^). Der erhängte Fuhrmann heißtRoßheiri"3). Zuweilen gewahren
wir eine Zwischenstufe zwischen Tier und Mensch: der betrügerische Bauer erscheint
als Mensch mit Pferdefüßen 14) ; in Oldenburg erscheint die böse Seele ebenfalls als
Mensch mit Pferdefuß '5). In anderen Fällen wird in einem und demselben Falle
alternierend Tier- oder Menschengestalt angeführt: der tote Hirtenknabe erscheint
als Schimmel, Hund oder Mönch »6), das Oerkentier mitunter als Pferd, auch als
großer Mann mit Hundebegleitung '7); daß der begleitende Hund den Toten in Hunds-
gestalt ersetzt, ist deutlich '8). Uns Modernen ist der uralte Glaube an die Erschei-
") Wuttke-Meyer Deutscher Volksaberglaube 3 473. ") v. Negelein XII 23 ff.
») Ranke Die deutschen Volkssagen 53. '^) Rochholz II 67.
3) Mannhardt German. Mythen, Berlin 1858, 462. '3) Rochholz II 27.
4) Freytag 45. "4) Tobler 62.
5) Freytag 47. : "5) Wuttke-Meyer 3 473.
^) Freytag 50. '*) Vernaleken Alpensagen 77.
7) Freytag 51. ■') Rochholz II 67.
8) Freytag 37. '*) Ähnlich muß der Junker nach seinem Tode als
9) Tobler Die Epiphanie der Seele, Dissert. Kiel Schwein gehen; hin und wieder darf er auch in
1911, 49 f. Menschengestalt umgehen; dann erscheint er als
■°) Tobler 80. Jäger mit Hund (Rochholz I 98).
2 1A L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
nung des Toten in der Gestalt des, meist weißen, Pferdes zu starker Lebendigkeit
geworden in Ibsens 'Rosmersholm' '). 'Fräulein, ich glaube, es sind die Toten,
die so lange an Rosmersholm hängen. . . . Meines Wissens würde sonst doch wohl
nicht das weiße Pferd kommen' (S. 6). 'Wenn er nur nicht dem weißen Pferd be-
gegnet. Denn mir ist bange, wir werden bald von irgendsolchem Spuk hören' (S. 29).
'Äußerlich war sie ruhiger, aber als sie ging, sagte sie: jetzt können Sie bald das
weiße Pferd auf Rosmersholm erwarten' (S. 36). 'Die wilden Einbildungen kommen
in jedem Augenblick dahergejagt und erinnern mich an die Tote. Wie das weiße
Pferd auf Rosmersholm' (S. 51). 'Man erzählt sich hier, daß die Toten als jagende,
weiße Pferde zurückkommen' (S. 62). 'Mir war, als hätte ich einen Schimmer von
den weißen Pferden gesehen. — Von den weißen Pferden! Am hellen Mittag! —
Ach, die weißen Pferde auf Rosmersholm gehen zu allen Tageszeiten um* (S. 75).
'Wenn es nur ein Irrtum wäre? Eines jener weißen Pferde von Rosmersholm? —
Mag sein, denen entkommen wir nicht, wir hier auf dem Hofe' (S. 90). 'Die
verstorbene Frau hat sie geholt' (Schlußworte des Dramas). Unheilverkündend
wie die weiße Frau unserer Schloßsagen erscheint die weiße Stute auf Ros-
mersholm.
Von der älteren theriomorphen Stufe übernimmt eine begrifflich weiter ent-
wickelte Vorstellung das Pferd, aber nur noch als Attribut des Toten, der nun reitend
oder fahrend gedacht wird. Die geizige Äbtissin erscheint nach ihrem Tode als Schim-
mclreiterin ^), im nächtlichen Zuge der Toten im Scaläratobel in Graubünden reiten
die Vornehmen auf weißen Schimmeln 3). 'Bald wird dich der weiße Schimmel
holen', sagt man dem Sterbenden 4). Die Seelen in den norwegischen Sagen müssen
bis ans Ende der Welt auf kohlschwarzen Rossen umreiten 5). Die Toten ziehen zu
Wagen hoch über die Erde dahin 6). In diesen Zusammenhang gehört auch das
Leonorenmotiv; der tote Bräutigam holt das Mädchen auf seinem Schimmel?);
die Toten reiten so schnelle ^).
Der Tod, selber zu Roß, setzt den Toten auf sein Tier 9); im Kampfe lädt er
die Seelen auf seinen Säumer"). So trägt das Pferd den Toten ins Jenseits. Der
Entrückungsgedanke ") nähert sich auch hier den einfacheren Vorstellungen vom
reitenden Toten. Das Roß trägt den Toten zu Hei '=); dem Vornehmen wird sein
eigenes Roß für die Reise mitgegeben: quorundam igni et equus adicitur '3). Mit
') Die angeführten Stellen verteilen sich über alle 9) Grimm D. Myth.4 704.
Akte. Zitate nach der Übersetzung bei Rcclam. '") Jahns Roß und Reiter I 400.
^) Tobler 73. ■■) Entsprechend nahm der Tote auch Schuhe, Schiff,
3) Vernaleken Alpensagen 60. Fahrgeld, Diener und Kleider mit auf den Heiweg
4) A. Kuhn Sagen, Gebräuche und Märchen aus (Grimm D. Myth.4 701).
Westfalen II 57, Wuttke-Meyer 3 199. ") Freytag 37; K. Helm Altgerman. Rcligionsgesch.
5) Panzer Bayer. Sagen und Bräuche II 437. I 213 deutet die Darstellung auf golländischen
°) Rochholz I 225 ff., Radermacher Jenseits 76 f. Grabsteinen dahin, daß der Tote auf ihnen nach
7) Hessel Sagen und Gesch. des Rheintals 47 f. Walhall reite.
*) Grimm D. Myth.4 704, 2, Simrock D. Myth.3 342, '3) Tacitus German. 27, Belege dafür bei Müllen-
V. Negelein XI 418, XII 380, Freytag 23. hoff D. Altertumsk. IV i, 382.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
235
Sattel und Zaum wird das Roß zu dem Toten gelegt. So wird der Frankenkönig
Childerich mit seinem Rosse beerdigt •); den in der Bravallaschlacht gefallenen
König Hilditönn läßt Ring von Schweden auf einen Wagen legen; das Roß wird
getötet und der Sattel beigegeben, indem er dem Toten sagte, er möge jetzt tun,
wie er wolle, nach Valhöll reiten oder fahren ^).
Nicht erst vom Grabe beginnt die Jenseitsreise mit dem Pferde; bis in
unsere Tage trägt das Pferdegespann den Toten vom Hause zum Grabe, wie auf
den attischen ixcsopat'-Darstellungen 3); zuweilen wird sogar, wie mittelalterliche
Zeugnisse lehren, der Tote auf ein Pferd gebunden, daß er reitend den letzten Erden -
weg vollende 4).
III.
Das Ergebnis der beiden ersten Kapitel ist in Kürze: der Töter wie der Tote
erscheinen nach ältester Anschauung in der Gestalt des gespenstigen Pferdes; im
Abb. 25. Kopf des Hades auf einem Grabgemälde
von Orvieto.
Abb. 26. Kopf des Hades auf einem
Grabgemälde von Corneto.
Verfolg der Entwicklung, mit zunehmenden anthropomorphen Anschauungen, treten
sie in menschlicher Gestalt neben das Pferd, das in mannigfachen Varianten sich
als ihr Attribut behauptet. Diese Duplizität, die dem Töter wie dem Toten die gleiche
Erscheinungsform verleiht, fordert eine Erklärung; wir werden sie sicherer zu geben
imstande sein, wenn wir den Kreis weiter ziehen und die Untersuchung auf einige
verwandte Begriffe ausdehnen.
') E. H. Meyer Mytholog. d. German. 1913, 109.
^) VVeinhold Altnord. Leben 495.
3) Beispiele bei Kroker Arch. Jahrb. I 1886, 95 f.,
Wide Arch. Jahrb. XIV 1898, 202 ff.
4) Rochholz II 21 bringt Belege aus dem 11., 13.
und 16. Jahrhundert. Ein Weg im Baselland, an
dem die alten Gräber lagen, hieß darnach der
'Reitweg'.
2^6 L- Malten, Das Pferd im Totenglauben.
I. Der Hund'). Die'AiSo? v-wir^, die in der Ilias (E845) Athena aufsetzt, die
ihrem Träger axotoj verleiht ^), ist mehr als die tarnhut der nordischen Zwerge: wie
der Name besagt undDarstellungen, etwa aus den Gräbern von Orvieto (Abb. 25)3) und
Corneto (Abb. 26)4), lehren, wurde sie gedacht in der Form eines gewaltigen, geöffneten
Hunderachens, der das Haupt des Unterweltsgottes überragt. Analoge Erscheinungen
haben gelehrt, darin den Überrest einer ursprünglichen Hundsgestalt des Töters
zu erblicken; daß dieser von Anbeginn an Hades geheißen, ist nicht gefordert; es
wird umgekehrt der Rest einer theriomorphen Bildung des Töters sich als Besitz-
stück des Gottes Hades behauptet haben. Im Kerberos 5) wie im Orthros des
Geryoneus ^) kennen wir noch solche hundgestaltete Unterweltsdämonen. Freilich
sind nach der dem späteren Hellenentum geläufigen Anschauung die Funktionen
des Kerberos nur noch sehr beschränkte; er ist der Pförtnerhund des Hades,
der /Mtov UTuyspo? 'Aioan (9 368) : das setzt bereits einen anthropomorphen
Herrn der Erdtiefe voraus; er bewacht den Eingang zur Unterwelt: das fordert
ein gemeinsames Reich der Toten; er läßt die Eintretenden freundlich ein und be-
grüßt sie durch Senken der Ohren und hindert nur das Entweichen aus dem Hades?):
dieses unnatürliche Verhältnis mußte sich entwickeln, sobald einmal ein für die
Toten bestimmtes Reich postuliert war; da durfte der Hund naturgemäß keinen
mehr am Eintritt hindern. Abstrahiert man von den Zutaten, so bleibt eine
Vorstellung, nach der der dämonische Hund, eine Inkarnation des Töters,
die dahinscheidenden Seelen verschlang ^). Auf verschiedenem Wege sind
') Eine Fundgrube für Material ist Roschers Ab- Religionswiss. X 1907, 224 ff. gesammelten Bei-
handlung 'Das von der Kynanthropie handelnde spiele. Der Honigkuchen ist der Schlange so
Fragment des Marcellus von Side' (Abhandl. der wenig speziell zu eigen wie dem Hunde; er gilt
sächsischen Gesellsch. der Wissensch. XXXIX ganz allgemein im Opfer an die ^8($vioi, da man
[XVII] 1897, 25 ff. dem Honig besänftigende Kraft beimaß (Stengel
^) Aristoph. Acharn. 390. Opferbräuche 183 u. ö.). Wenn Dieterich und
3) Abgebildet in Roschers Myth. Lex. I 1807; dar- Radermacher Jenseits 75 im Kerberos 'die fressen-
nach, dank der Verlagsbuchhandlung B. G. de Erdtiefe selbst in Gestalt eines furchtbaren
Teubner, unsere Abb. 25. Hundes' sehen, so ist mir das zu symbolisch aus-
4) Abgebildet Mon. d. Inst. IXTaf. 15, 15 a (darnach gedrückt. Wilamowitz Her.» I 46 'der Herr des
unsere Abb. 26) und bei Bulle Der schöne Todes mag in dem Erdinnern hausen als ein
Mensch» I 648. Anziani M61. d'arch^ol. et gräßlicher Hund'; Griech. Trag. III 80. Vgl.
d'hist. XXX 1910, 273 ff. erklärt die Kappe als auch Weicker Arch. Jahrb. XXII 1907, iio.
Wolfsrachen; er publiziert einige etruskische '') Über Geryoneus als Unterweltsherrn zusammcn-
Denkmäler, auf denen er einen wolfsköpfigen fassend Weicker P.-W. VII 1289 f.
Dämon dargestellt findet. Vgl. auch unt. S. 7) Hesiod Theog. 769 ff. Hier und da sind Spuren
238, 20. ursprünglicherer Auffassung erhalten; so knurrt er
5) Das Material bei Immisch in Roschers Mythol. bei Sophokl. Oed. Kol. 1571 die Kommenden an.
Lex. II II 19 ff. Gegen Immischs Deutung des ^) Einen ähnlichen Weg der Deutung hat bereits
Kerberos als ursprüngliche Schlange haben schon Loeschcke Aus der Unterwelt, Dorpat. Progr.
Röscher Kynanthr. 44 und Dieterich Nekyia' 49 1888 beschritten. Die Darstellung auf dem Sarko-
. Einspruch erhoben. Wenn der Hund mit Schlan- phag von Klazomenai (abgebild. in Roschers
genschwanz dargestellt wird, liegt eine Konta- Myth. Lex. II 1127), von der Loeschcke ausgeht,
mination zweier Unterweltstiere vor; wie weit zeigt einen Jüngling mit je einem Hahn in jeder
diese geht, lehren die von R. Herzog Arch. für Hand und je eine Hündin, von rechts und links
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
237
Wilamowitz i) und Radermacher 2) dazu gelangt, auch im Totenschergen Charon
ursprünglich einen Dämon in Hunds- (oder Löwengestalt) zu erkennen.
Wie diese Dämonen der Unterwelt, so ist die Führerin des gespenstigen Heeres,
Hekate, Hündin; bellend zieht sie an der Spitze ihrer Scharen; weil sie selbst
hundsgestaltet ist, empfängt sie Hundsopfer 3); abgeschwächt lebt die alte Vorstellung
fort in Beinamen und Geschichten 4). Als Hunde erscheinen auch Wesen wie Keren 5),
Erinyen ^), zuweilen auch die Tclchinen 7), Hündin ist ein verderbliches Scheusal
wie Skylla 8). Ein dämonischer Hund ist der Pestdämon, der den Leuten von Ephesos
im Theater in der Gestalt eines alten Bettlers entgegentritt; der Feuerblick der
Augen, den er mit Blinzeln verdecken will, wird hier, wie sonst, besonders hervor-
gehoben; nach der Steinigung liegt unter dem Haufen ein toter Hund 9). Im
griechischen Mittelalter erscheint der Teufel als Hund '»); Dämonen in Hundsgestalt
spielen im neugriechischen Volksglauben ").
an ihm emporspringend. Die unmittelbare Be-
ziehung auf die zwei Hunde des Yama läßt sich
so nicht mehr aufrechterhalten; auf die Zweizahl
kommt in dem Sarkophagbild wohl überhaupt
nichts an; die Szene ist im 'antithetischen Wappen-
schema 'angelegt. DenGrundgedanken Loeschckes,
daß die Darstellung sich auf einen Toten bezieht
und die Hündin den Verstorbenen anspringt, der
Hahn, so häufig das Opfertier, ihn schützt, halte
ich für ansprechend. — ■ Für die Vorstellung vom
Unterweltsgott als reißendem Tier zitiert Norden
Vergils Aeneis VI 207 Leti sub dentibus (Lucrez
I 852) und die fauces Orci (Arnob. adv. gcnt. H
53)-
') Hom. Unters. 225, 23, Herm. XXXIV 1899, 230,
Textgesch. der Bukol. i8i, 2, Griech. Tragöd. III
80, ausgehend von yapoTtoj, dem funkelnden
Blicke des Hundes {yjxpn-'x x4(ov Poet. lyr. Bgk.3
frg. adesp. loi). Eine Inschrift von Mytilene mit
tppoüpoc ETretJTi 0' 6?p] yapoTrd; wird von Paton
und Collignon (Rev. arch^ol. IV 1904, 50, 5) auf
die Statue eines Hundes bezogen. Charon
Hundename: Waser Charon 16 f.
>) Wien. Stud. XXXIV 19 12, 30 ff., von den
scharfen Zähnen und der Gefräßigkeit ausgehend
(xapyapdSo'j? xüujv).
3) Hes. s. V. ä-jaX^ia 'Exätrj;, Porphyr, de abstin. HI
17, IV 16, Imtox'ifuv (Wünsch Aus einem griech.
Zauberpapyr. = Lietzmann Kl. Texte 84, 22).
Hundekopf: Joh. Lyd. de mens. 3, 8 S. 41, 3 W.
'Bellen' der Hekate: Röscher Kynanthrop. 43,
119. Eivootct ist xuiov iiiXotita. (Pap. Paris, v.
1434): daher Opfer schwarzer Hündinnen an
sie (Paus. III 14, 9).
4) Röscher Kynanthr. 30, 75; 43, 119; Dieterich Ne-
kyia^ 51, 2, Rohde Psyche» II 83, 3, 408, 413,
Wünsch Jahrb. für klass. Philpl. Suppl. XXVII
1902, 115 f., Abt, Apolog. des Apulejus (R. V. V.
IV 202, 3; 222, 6), Orth Der Hund im Altertum,
Progr. Schleusingen 1910, 35 f., Heckenbach P.-
W. VII 2776 f., S. Reinach Cultes, mythes et
religions I 58 f., Wilamowitz Griech. Trag. III
267.
5) Material bei Röscher Kynanthrop. 46 ff.
•i) Röscher a. a. 0. 48 ff. Das Gebell ausdrücklich
hervorgehoben Äschyl. Eumen. 131 f., Euripid.
Iphig. Taur. 285 K.
7) Kyrene 91 f.
8) Das lehrt der Name (Maaß Herm. XXV, 1890,
405, 2); Hunde bellen in der Odyssee ([a 85)
um ihre Hüften; vgl. CatuU LX 2; die hunds-
gestaltete Hekate ist ihre Mutter (jVkusilaos
Schol. Apoll. Rhod. IV 825), ihre Augen sind
jrjpoEi8eT{ (Schol. [a 85).
9) Philostr. Leben des ApoUon. von Tyana 4, 10;
Röscher Kynanthr. 32 ff.
'") Röscher 50.
") K. Dieterich Zcitschr. des Vereins für Volkskunde
XV 1905, 387 ff. — Die Hunde des Yama
spüren die Menschen aus, die sterben sollen
(Zimmer Altind. Leben 422, E. Meyer Gesch. des
Altert. I 23, 909). — Nach mexikanischem Glauben
setzt ein Hund die Seele des Toten über den
Strom der Unterwelt (de Sahagun, Hist. gen6r.
des choses de la nouvelle Espagne, trad. par
Jourdanet, Paris 1880, 223 f.. Seier, Codex
Borgia. Berlin 1904, I 125 f., 194, 197 f., 305).
238
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
Der germanische Teufel erscheint gern als schwarzer Pudel'); die Hexen
als Hunde oder Katzen*); Frau Holle, die Führerin des gespenstigen Zuges,
bellt 3), als Hündin gedacht wie Hekate. Der wilde Jäger zieht als Hund über
den herrschaftlichen Teich zu Stolberg*). Dämonen in Hundsgestalt umkläffen
nach kroatischem Glauben den Sterbenden und verschlingen seine Seele 5); ge-
spenstige Hunde deuten in Deutschland vielerorts auf Tod; so umkreist in West-
falen der 'Krüppelhund' in der Nacht dreimal das Haus, in dem ein Mensch sterben
soll, in Böhmen legt sich ein großer, schwarzer Hund vor das Haus, in dem ein
Sterbender liegt ').
Wie die dämonischen Mächte, so erscheinen entsprechend auch die Seelen in
Hundsgestalt. Als Hündin jagt die tote Hekabe bellend im Gefolge der Hekate:
z'/.afYarj'. TapjA'jjjoujav iwu^roi; ßpOTO'j;?). Ilovr^pol oii^v/z; nennt Porphyrios die Seelen
der Abgeschiedenen, die als ovoospot -/.ovcf im Gefolge der dämonischen Hündin jagen *).
Ein viy-pö; spukt als Hund, bis er ordnungsgemäß begraben wird 9). Der Hund ist
eine der Erscheinungsformen des Toten bereits in einer Zeit, die jenseits der lakoni-
schen Stelen und der Totenmahlreliefs liegt, in denen er, wie Pferd und Schlange, als
'Symbol' für den Toten fortlebt '»).
Analog wieder im Germanischen. Frau Gaude (Führerin des gespenstigen
Heeres wie Frau Holle oder Perhta) hat hinter sich im Zuge vierundzwanzig Hün-
dinnen; das sind ihre vierundzwanzig Töchter, die frevelndliche Jagdlust in der
ewigen Jagd abbüßen; vier 'übernehmen den Dienst der Rosse am Jagdwagen der
Mutter' "). Der wilde Jäger ist ein verfluchter Freischütz, den nun seine Frau und
Kinder als Hunde begleiten '*). Nach einer Sagenform war Hackelberg ein Mensch,
der seine sieben Söhne grausam getötet; nach ihrem Tode werden sie zu sieben
Hunden '3). Die Seelen zweier Feinde kämpfen über dem Grabe weiter als Hunde'4);
die verfluchte Seele eines Verräters geht in Hundsgestalt um '5); ebenso der er-
schossene Hochschüler als schwarzer Pudel '^). Die Nonnen, die mit dem Kloster
versanken, sah man nachher als Hunde (oder Rehe) '7); der ungetreue Geistliche '^)
oder der Selbstmörder '9) erscheinen als schwarzer Hund. Die weißgekleidete Frau
wird erlöst, wenn der Schatzheber den großen schwarzen Hund auf dem Schatze
streichelt und küßt *°). •
') Tobler Die Epiphanie der Seele in der deutschen
Volkssage, Kiel 1911, 41, 46.
=) Wuttke-Meyer 3 160.
3) Herrlein Sagen des Spessarts 189.
4) Pröhle Unterharzige Sagen 206, W. Mannhardt
Germ. Mythen 96.
5) V. Negelein XIII 370 f.
') Wuttke-Meyer 3 33.
7) Lykophr. 1176 ff., Ovid Metam. 13, 571 (ululavit);
Röscher 31 f.
*) Bei Euseb. Praep. evang. 4, 23, 7.
9) Lukian Philopseud. 31.
'") s. ob. S.225f. Rohde Psyche» I 241,3 erklärte,
über den Hund auf diesen Denkmälern keine
sichere Meinung zu haben; daß er auf dem rich-
tigen Wege war, beweist die Frage II 83, 3 'Hunde
als Bilder der Seelen auf Grabreliefs?'.
") Grimm Deutsche Mythol.4 771.
") Mannhardt German. Myth. 300.
■3) Mannhardt a. gl. 0.
'.) Tobler 49.
'5) Tobler a. gl. 0.
■") Baader Badische Volkssagen 391.
■7) Panzer Bayer. Sagen und Bräuche II 182.
■') Wuttke-Meyer 3 473.
■J) a. gl. O. 475. Tobler 69.
-°) Mit dem Hund zoologisch und mythologisch ver-
wandt ist der Wolf (Röscher Kynanthrop. 50 f.,
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
239
2. Vogelgestalten. Die Sirenen der Odyssee sind lockende Todesdämonen; sie
hausen auf einer fernen Insel auf blumiger Aue, aber um sie liegt bleichendes Toten-
gebein. Wird das Totenreich unter der Erde gedacht, so ist ihr Sitz im Hades '),
wo sie Aioou vjiiouj öpooüsi ^), von wo die Chthon ihre Töchter emporsendet 3).
Entsprechend stellte auch die bildende Kunst raffende Todesdämoninnen in Vogel-
gestalt dar. Auf einem korinthischen Aryballos (Abb. 27) liegt vor einem menschen-
köpfigcn Vogel hilflos ein Mann; der Todesdämon 'scheint sich an der Todesangst seines
Opfers zu weiden wie ein Raubtier' 4). In denselben Vorstellungskreis gehören die weib-
Abb. 27. Korinthischer Aryballos mit menschenköpfigem Vogeldämon.
einschränkend Kroll Rhein. Mus. LII 1897, 343).
In seiner Gestalt erscheint nach späteren Zeug-
nissen Artemis (Röscher 61), die auch ein-
mal als xiiuv die Milesier geführt (Liban. Orat.
5, 36 F., Wilamowitz Sitzungsber. Berl. Akad.
1906, 65, 2). Der Heros Lykon ^poj; äaxtv iipös
TOI« i^^ 'A9/jv«i{ SixaSTTjpi'oij, toü örjofou jjinpcfTjV
?j((üv (Eratosth. bei Harpokr. s.v. 0£XC(C<uv); die
Töchter des .Skedasos, die eine Version als Stuten
vorstellte (ob. S. 2i4f.), werden auch in Wolfs-
gestalt erscheinend gedacht; darauf führt die Er-
zählung bei Paus. IX 13, 4 f., nach der die in
den Herden des Kleombrotos tinbrechenden Weife
ein (xi^vifAd der Skedasostöchter waren (Deneken in
Roschers Myth. Lex. I 2472, Röscher Kynanthr.
61). Auch der Heros Phokos, in Gestalt eines
weißen Pferdes erscheinend (ob. S. 215), wurde
in anderen Traditionen wohl als Wolf gedacht
(Gruppe Gricch. Myth. 806). Entsprechend er-
scheinen die Seelen auch im germanischen Glau-
ben in Wolfsgestalt (Beispiele bei Röscher 57 ff.).
Daß die Seelen auch als schwarze Katzen (Tobler
47) oder als Bär (Wolf, Hessische Sagen 107)
oder, im Kreise der malayischen Völker, als
Tiger u. s. erscheinen (Bastian Die Seele
und ihre Erscheinungsweisen in der Ethno-
graphie, Berlin 1868, 102 f.), lehrt nur wieder,
daß es auf das einzelne Tier nicht ankommt;
es ist der gleiche Akt der Phantasie, dei bald
in diesem, bald in jenem Tier eine geeig-
nete Erscheinungsform für die abgeschiedene
Seele findet.
■) Plato Kratyl. 403 D.
2) Sophokl. N.» 777.
3) Eurip. Hei. 168 u. s.
■t) Hackl Arch. f. Religionswiss. XII 1909, 2043.;
daher, dank der Verlagsbuchhandlung B. G. Teub-
ner, unsere Abb. 27.
240
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
liehen geflügelten Dämonen auf einem Berliner Vasenbild (Abb. 28) ') und an einer
etruskischen Situla (Abb. 29) ^); in beiden Fällen hält die beflügelte Gestalt ihr Opfer
mit beiden Händen gepackt 3). Oder es verfolgt der vogelköpfige Dämon sein Opfer
im Laufe, wie auf einer etruskischen Amphora in der Göttinger Vasensammlung
(Abb. 30) oder auf einem attischen Pelikenfragment in Berlin (Abb. 31). 4). Der Typus
des Vogelmenschen ergänzt hier, wie Jacobsthal zutreffend bemerkt, den Menschen -
Abb. 28. Vasenbild im Berliner Museum mit raffendem Vogeldämon.
vogel (d.h. Vogel mit menschlichem Kopf) der sonstigen Tradition; es ist ein ähnliches
Verhältnis, wie es zwischen der Medusa als Stute mit Menschenkopf und der als
') Furtwängler nr. 2157, abgeb. Archl Jahirb. I 1886
210, Keschers Myth. Lex. I 1847. Unsere Abb. 28
nach einer neuen Photographie aus dem Ber-
liner Museum. Das Wesen, von Engelmann
Jahrb. a. a. 0. als Harpyie, von Crusius (Roschers
Myth. Lex. II 1138) als Ker, von Weicker,
Seelenvogel 31, als Sirene mit Gorgoneion ge-
deutet, bleibt besser unbenannt.
') Walters Catal. of the bronzes in the Brit. Mus.
650; darnach unsere Abb. 29. Zitiert und mit
ähnlichen Darstellungen zusammengestellt bei
Weicker Seelenvogel 6 f. und Roschers Myth.
Lex. IV 608 ff.
3) Gemildert zu einem sanften Davontragen durch
mütterlich gebildete Dämonen erscheint die gleiche
Vorstellung auf dem 'Harpyien'monument von
Xanthos, wo Bulle Strena Helbigiana 35, i diese
Wesen Sirenen nennt, während Sittig P.-W. VII
2423 auf Benennung verzichtet, da lykische Ein-
flüsse vorliegen könnten. In der Stimmung ähn-
lich ist die westgriechische Terrakotta Berlin
nr. 8299, abg. Roschers Myth. Lex. III 3255. Zu
der von Bulle zitierten Alabasterschale von Nau-
kratis treten einige Alabastergefäße aus Olbia
mit ähnlicher Darstellung, Arch. Anz. 1913,
200 f.
4) P. Jacobsthal Götting. Vas. Tat. II 9 (S. 8 ff.);
darnach unsere Abb 30. Durch Vergleich mit
dem attischen Fragment (Abb. 10; darnach, mit
Erlaubnis der Weidmannschen Verlagsbuch-
handlung, unsere Abb. 31), erweist Jacobsthal
die Darstellung als hellenisch.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
241
Mensch mit Pferdekopf vorliegt (oben S. 182 f.). Zugrunde liegt den verschiedenen
Vogelbildungen in den behandelten Darstellungen der Gedanke, daß der verderb-
liche Dämon als Raubvogel sich auf sein Opfer stürzt. — Daneben erscheint nach
einer weitverbreiteten Auffassung die Seele in der Erscheinungsform des Vogels,
Abb. 29. Etruskische Situla mit raffendem Vogeldämon.
von der bildenden Kunst z. T. in den gleichen Typen dargestellt '). So entweicht
die Seele als Menschenvogel dem Munde der Prokris auf einem attischen Vasen-
bilde 2), wie sie dem Aristeas als Rabe, der Ktesylla als Taube entweicht 3), oder
') Die letzte zusammenfassende und lehrreiche
Behandlung bei Waser Arch. f. Religionswiss.
XVI 1913, 337 ff.
^) Abgeb. Roschers Mytb. Lex. II iioi.
3) Waser a. a. 0. 343 mit Parallelen.
242
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
sie lebt im Grabbezirit ■), in dem überhaupt alle Vögel ursprünglich als Seelen zu
deuten sind ^).
3. Kcrcn3). Höllische Dämonen sind die Kcren. Die Seele des Patroklos jam-
mert, die avj-(iprj Ar^p habe sie 'umgähnt' (otii'fs^^avs ^' 78 4), wir denken an die
verschlingenden Keren in Hundsgestalt: 'At'Sao xuvsj heißen sie bei Apollonios
von Rhodos (IV 1666) 5). Selbst Herakles^ist der Kcr nicht entronnen (1 117),
Abb. 30. Scherbe einer etruskischen Amphora in Göttingen mit spatzenköpfigem Vogeldiimon.
die alle Sterblichen bezwingt {\ 398), tausendfach auf sie lauert (M 326) und sie
in den Hades bringt (f 207), wo die Scheusale selber wohnen (Eurip. Herakl. 870).
') Nachgewiesen von Weicker, zuletzt Roschers
Myth. Lex. IV 609.
') Pfuhl Arch. Jahrb. XX 1905, 94.
3) Das Material bei Crusius in Roschers Myth. Lex.
II 113611.
4) Die i>'jyfi des Patroklos fährt fort: ^ nEp Xdytt
Ytv(i[iEV(iv jrep. Die 'mitgeborene Ker' verstehen
wir am besten, wenn wir den 'mitgeborenen Dai-
mon' des einzelnen damit vergleichen (Piaton
Phaidon 107 D, 113 D), an den auch Oidipus
denkt (Sophokl. Kön. Oidip 1479 mit Bruhns
Note), ein Dämon, der ättavTi dv8pi ouixjrapaSTaxEt
Eü9ü; yEvofi^vtu, ptuaTaftuYÖ; toü ßfcu ii7.^6i
5)
Kynanthrop.
(Menand. frg. 550 K.), auch an die Motpa, den
Todesgeist des einzelnen, in der Pistis Sophia
kann gedacht werden (Dieterich Nekyia- 59, 3).
Das Komplement ist der 'gute Geist' des ein-
zelnen: angebahnt in den Ziyßd'Aai Kr^pE? des
Epos I 411, später reichlicher für Ker belegt
(Crusius II 1158); ebenso werden Theogn. 161 (1.
der Satjjiiuv äa9Xö; und der ?£iX(i; einander kon-
trastiert. 'Sein Schutzengel hat ihn bewacht',
'sein böser Geist hat ihn getrieben', würde
in unserem Empfinden dieser Doppelheit ent-
sprechen.
Mehr bei Wilamowitz Her.' II 195, Röscher
46 f.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
243
'Im Geleite der Hölle', xrjps3ciicp6pr|T0t, sind die Griechen vor Troja erschienen ').
Als schreckliche Dämonen mit gewaltigen Krallen stellte die alte Kunst die Keren
dar; so auf dem Achillschilde (1 535 ff.), auf dem Perseusschilde (Aspis 249 ff.) und
auf der Kypseloslade (Paus. V 19, 6). Die mit diesen Wesen verknüpften Vorstel-
lungen werden recht lebendig, wenn man die Nachbarschaft beachtet, in der sie auf-
treten: auf dem Achillschild kämpfen sie zusammen mit Eris und Kydoimos, auf
dem Perseusschild mit Achlys, im homerischen Epos sind sie eng verbunden mit
Abb. 31. Attisches Pelikenfragment mit geierköpfigem Vogeldämon.
den Moiren ^), bei Hesiod (Theog. 211 ff.) sind sie Schwestern von Moros und Thana-
tos, bei Empedokles (Diels Vorsokr. 3 I 269, 121) sind Phonos, Kotos und andere
Wesen derart ihresgleichen; als Saaten vernichtende Dämonen alternieren sie mit den
Teichinen 3). So erscheinen sie denn auch als das Gefolge strafender Götter: dem
Apollon, wenn er gegen den Mörder losspringt, folgen die Keren (Sophokl. König
Ödip. 472 ff.), die Erinyen, sittliche Mächte 4), die selbst eine Verbindung mit einer
') 9 527 (= "A X'iP^? ^veyxav ocjToi? sc. nach
Troja). Vergleichbar ist A 332, wo die Keren die
Söhne des Merops 'führen' (äyeiv). Crusius' Deu-
tung (II 1137), 'von den Keren entrafft', in pro-
leptischem Sinn, halte ich nicht für richtig.
') Die Stellen bei Crusius 1138.
3) Wilamowitz Nachr. Götting. Gesellsch. der Wis-
sensch. 1895, 242; Crusius 1145.
langt das Thema eine
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIX.
4) Wilamowitz Her.' II 195, Griech. Trag. II 233 ff.
Aischylos, Interpret. 58, i, 79, 221, 251; daß
die bisher für die Seelennatur der Erinyen
beigebrachten Zeugnisse zweifelhaft seien, be-
merkt Gruppe Griech. Myth. 768, 2; Bursians
Jahresb. Suppl. 1907, 491 f. In Hinsicht auf die
oft wiederholten Deutungen der Erinyen als
rächende Seelen durch Crusius und Rohde ver-
besondere Bearbeitung.
«9
244
L. Malten, Das Pfetd im Totenglauben.
Abb. 32. Sphinx auf Relief von Tenos.
Gottheit wie Demeter eingehen können, werden mit den Keren gepaart (Äschyl.
Sieben 1055 Wil.).
Neben diesen Zeugnissen, die ganz unverkennbar für die Keren als Dämonen
Abb. 33. Sphinx auf Vase aus Gela.
sprechen, finden sich Spuren, nach denen die Keren auch gleichbedeutend mit Seelen
sind. Das wichtigste Zeugnis ist der Ruf, der das Anthesterienfest beschließt:
'üupaCe, Kfjpe?, oux sx' 'AvöeoTTjpia' ; wenn die Deutung überhaupt einen Zweifel
zuließe, müßten die aus anderen Völkern beigebrachten Parallelen für das 'Seelen-
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
245
Abb. 34. Sphinx auf Vasenscherbe in Athen.
austreiben' entscheiden '). Für das Alter der Vorstellung wertvoll wäre es, wenn
Crusius' Annahme zutrifft, daß Ktjp und xT^p im Epos in nahem Zusammenhang stehen.
So ist es denn auch möglich, daß die Seelchen, die auf den Denkmälern erscheinen,
und die wir zunächst Psychai oderEidola zu nennen haben, auch als xr^ps? bezeichnet
worden sind ^). Freilich hat Aischylos (oder seine epische Quelle), der die Wägung
Abb. 35. Sphinx auf Vase in Paris.
•) Crusius 1148, Rohde Psyche' I 239, Waser Arch.
f. Religionswiss. XVI 1913, 368.
*) Crusius II II 50. Ein wirklich gesichertes Zeugnis
für Keren = Seelen wüßte ich sonst nicht; Orph.
Hymn. XII 16, wo Herakles die xrjpe; vertreiben
soll, kann auf die Seelen gehen, doch steht es
dem Kii]po[ji.'ivTijs auch an, schädliche Dämonen
zu verjagen. Eine Krjp TUfißoüyos steht auf dem
Grabe ihres Überwinders Koroibos (Anth. Pal.
VII 154); da diese die [Ioivt^j ist, die Koroibos
besiegt hat (Paus. I 43, 7), dürfen wir die Ker
nicht als eine Seele fassen; üoiviq ist ein Wesen,
das mit Dike, Phobos, Erinyen gepaart erscheint
(Ilberg in Roschers Myth. Lex. III 2602 ff.).
.9*
246 ^- Malten, Das Pferd im Totenglauben.
der KtjPSi; im Homer (X 209 ff., darnach 70 ff.)') durch eine Wägung der Seelen
ersetzte *), nicht den alten Namen beibehalten, sondern sein Drama ^'oyoaraaiai
genannt.
Als Resultat ergibt sich, daß der Begriff Kr^ps? doppeldeutig ist; er umfaßt
sowohl Todesdämonen wie Seelen, ganz, wie die antiken Grammatiker es formuliert
haben: zT,p£;- ']i'jya'.- aufisopo«', jAorpat OavaT»i»op'-ji (Hes. s. v.). Man hat die
Dämonen und Seelen mit dem gleichen Namen belegt und sie sich, wie die Beschrei-
bungen und Denkmäler es zeigen, in der gleichen äußeren Erscheinungsform gedacht 3).
Das vorgelegte Material genügt, um erkennen zu lassen: Pferd, Hund,
Vogel gleichermaßen haben sowohl dem hellenischen wie dem germanischen
Empfinden als Träger für unheimliche Gewalten gegolten, sie sind Erschei-
nungsformen sowohl für den Töter wie für den Toten. Wie ist diese
Doppelheit zu erklären } Eine frühere Periode der Forschung legte den Nachdruck
auf die dämonische Seite dieser Wesen; dabei kamen die Seelen zu kurz. Es be-
deutete daher einen Fortschritt, als der Animismus in den Untersuchungen von
Crusius 4), Rohde, Weicker 5) besonders alle Züge herausarbeitete, die für die andere
Seite, die Seelennatur, sprachen. Dann aber schlug der Animismus ins Extrem
über; jeder Vogel mußte nunmehr ein Seelenvogel, jede Ker eine Totenseele sein.
Den raffenden Dämonen der bildnerischen Darstellungen wurde imputiert, sie seien
mitsamt Seelen, der Literatur, die sie nicht genügend lieferte, mußten die alten
ursprünglichen Seelenvorstellungen nahezu ganz verloren gegangen sein. Daß aber
sehr konkrete Vorstellungen von den Dichtern des Epos und der Folgezeit wie
auch von den bildenden Künstlern zumal mit den Keren verbunden wurden und
daß diese Vorstellungen die Keren an die Seite dämonischer Mächte aller Art
stellten, wurde als sekundär zurückgeschoben. Als Polygnot den Eurynomos malte,
■) Wilamowitz Sitzungsber. Berl. Akad. 1910, sich der Jüngling beidemal an der Sphinx fest;
386 f. so mußte sich der Künstler behelfen, wenn er
') Zuletzt Studniczka Arch. Jahrb. XXVI 1911, die Sphinx (ohne Menschenarme) stehend oder
132 ff. (mit Literatur) und Waser a. a. O. 361 ff. in langsamer Bewegung bildete. Was gemeint
3) Bei der Sphinx kann ich ein gesichertes Indizium ist, lehren die fliehenden Jünglinge auf 33 zur
für die 'würgende Totenseele' nicht finden. Das Genüge; ebenso deutlich ist 35, wo die Sphinx
Material, literarisches (Ilberg in Roschers Myth. im Ansprung dargestellt ist. Der letzte Bear-
Lex. IV 1366) wie bildnerisches (1370), erweist beiter, Ilberg, auf dessen treffliche Zusammen-
die Sphinx als Todesdämon. Abb. 32 (Relief Stellung des Stoffes verwiesen sei, geht ent-
aus Tenos, abgeb. Roschers Myth. Lex. IV 1370, schieden zu weit, wenn er die Sphingen um der
hier nach einer von P. Jacobsthal freundlichst animistischen Keren- und Erinyenhypothese
geliehenen Tuschzeichnung von Otto, die das willen als ursprüngliche Totenseelen (Sp.
Relief ohne die späteren Zutaten gibt), 33 (von 1377 ff.) faßt. Daß sie möglicherweise auch ein-
einer Vase aus Gela, nach Monum. dei Lincei XIX mal als solche gefaßt wurden, soU in Hinblick auf
1908/9, 99 Abb. 8), 34 (von einer Prothesis- die Ausführungen ob. S. 249 f. prinzipiell nicht
Amphora aus Athen, nach Münch. Jahrb. der für unmöglich erklärt werden,
bildend. Kunst I 1906, 4), 35 (von einer Vase 4) Über die Sirenen: Philol. L 93 ff., über Ker:
in Paris, nach de Ridder, Catal. des vases peints Roschers Mythol. Lex. II 1136 ff., überErinyen:
de la Biblioth. nation. I 187 Nr. 278) zeigen ebd. 1 162 ff.
diesen Dämon, wobei die Darstellung von 33 5) Der Seelenvogel in der alten Literatur und Kunst,
und 34 von Interesse ist: strenggenommen hält Leipzig 1902.
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben.
247
der ihm ein leichenfressender Hadesdämon war •), der aber, wie sein Name lehrt,
einst mehr bedeutete ^), gab er ihm einen Geierbalg unter, damit andeutend, daß der
Dämon in Geiergestalt gedacht wurde 3). Der Thanatos in Euripides' Alkestis 4)
ist TTTspeu-oc, auf einer Lekythos des Britischen Museums 5) trägt er gewaltige
Flügel; der Oberkörper ist von Flaumfedern bedeckt (Abb. 36), woraus mit Recht
gefolgert wurde, daß der Todesdämon einmal in Gestalt eines Raubvogels vorgestellt
Abb. 36. Befiederter Thanatos auf einer Lekythos im Britischen Museum.
') Paus. X 28, 7. Hier und da waren Hades oder
Hekate selbst leichenfressend gedacht (Dieterich
Nekyia' 47, Abt, Apolog. des Apul. [Relig. Vers.
und Vorarb. IV] 203).
') Der 'Weitwaltende', der Todesgott selber (Robert
Nekyia des Polygnot 61, Kern P.-W. VI 1340,
P. Kretschmer Mitteil, der anthropol. Gesellsch.
in Wien XXXI 1901, 64). Die Wesensverengung
hat ihre Parallele in der der Medusa s. ob. S. 184.
Das Pendant zu Eurynomos istEurynome; über
sie Arch. Jahrb. XXVII 1912, 261.
3) Polygnot hat das Mittel, Tiergestalt durch ein
untergelegtes Sitzfell anzudeuten, öfters verwen-
det, so, indem er mit dem Hirschfell auf die Meta-
morphose des Aktaion, mit dem Bärenfell auf die
Bärengestalt der Kallisto hindeutete (Kyrene 87).
4) Alkest. 261 ßXfcüjv TrrepuiTot (sc. Öavaro;) °Ai8av
(so Wilamowitz bei Robert Thanatos 36, Griech.
Trag. III 155, für °Ai5t)0.
5) Abgeb. bei Robert Thanatos Taf. II (darnach
unsere Abb. 36) = Heinemann, Thanatos, Mün-
chen 1913, Taf. 8.
248
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben,
wurde'). Will nun der Animismus auch den Thanatos als 'Seele' reklamieren?
Treten nicht vielmehr die hinwegraffenden Vögel, soweit sie deutlich als Dämonen
gekennzeichnet sind, an die Seite dieses vogelgestalteten Todesdämons? Am schwer-
sten begreiflich ist, wie verkannt werden konnte, daß die Vorstellung von dämonischen,
d. h. von vornherein überirdischen und außerhalb der Sphäre des Menschlichen ge-
legenen Mächten in der Wurzel verschieden sein muß von der anderen, die den abhältnismäßig spät gelangt. Mit Hilfe der Denkmäler können wir auch
für Vorderasien nicht über das dritte Jahrtausend hinauskommen; andere Zeugnisse
scheinen zu fehlen. Die ältesten bisher bekannten Darstellungen entstammen
Abb. 40. Knossischer Siegelabdruck.
Siegeln und Tontafeln aus Kültepe (Kappadokien) im dritten Jahrtausend ^), die
älteste Erwähnung in Sinear findet sich in einem altbabylonischen Briefe, der in die
Zeit Chammurapis gesetzt wird 3); nach Ägypten ist das Pferd erst im zweiten Jahr-
tausend gedrungen *). Dem entsprechend spielt das Pferd in diesen Ländern auch
E. Meyer Gesch. des Altert. I 2 3, 613, 651 f., 654.
Ungnad und B. Meißner (Mitteil, der Vorderasiat.
Gesellsch. XVIII 1913, i ff.), der neues Material
beibringt,' halten das Pferd in Babylonien mög-
licherweise für älter als die Zeit Chammurapis.
Ich verdanke den Hinweis Herrn Dr. E. Herzfeld.
') Vita S. Ottonis II 32 und das übrige, bei MüUer-
Velschow aus germanischem, slavischem, skan-
dinavischem Glauben beigebrachte Parallelmate-
rial.
') E. Meyer, Reich und Kultur der Chetiter, 1914,
54 f.
3) Ungnad Orientalist. Literaturztg. X 1907, 638 f., 4) Schnittger Prähist. Zeitschr. II 1910, 176,
E. Meyer I 2 3, 64, 442.
254 ^' ^"It'»! ^'^ Pferd im Totenglauben.
in den religiösen Vorstellungen eine geringe Rolle; es ist schon von Eduard Meyer
gefolgert worden, daß in der babylonischen Urgeschichte bei Bcrossos die pferd-
gestalteten Dämonen unursprünglicher Einschub sind '). Als alleinstehendes Beispiel
religiöser Verehrung des Pferdes in Babylonien führt F. Poulsen -) die Darstellung
der Nebuchadrezzarstcle von Abu Habbah an (Abb. 38), wo der Pferdekopf auf einem
Altar in einem heiligen Bezirk, also religiös verehrt sei; ein löwenköpfiger Dämon
über einem Pferd erscheint auf einem assyrischen Bronzerelief, dessen unterster
Streifen eine Darstellung aus der Unterwelt geben soll (Abb. 39) 3). Auch in Kreta,
wohin das Pferd nicht vom griechischen Festlande, sondern aus ägyptisch-orien-
talischem Kulturkreise gekommen zu sein scheint 4), sind Pferdedarstellungen selten;
nicht sicher gedeutet ist noch die Darstellung eines gewaltigen Rosses auf einemknossi-
schen Siegelabdruck (Abb. 40) auf oder neben einem Schiffe 5); auf dem Sarkophag
von Hagia Triada, auf dem man den 'Toten' *) von einem Pferdegespann gezogen
glaubte, sind nach Mercklins 7) und Rodenwaldts *) Beobachtung Pferde nicht dar-
gestellt; auch in den kretischen Stierspielen wurden, im Gegensatz zu den thessa-
lischen, Pferde nicht verwendet 9). In den religiösen Bildungen der kretischen
Religion finden wir denn auch Taube, Schlange, Löwe ">), nicht das Pferd. Die
Phantasie der Völker Vorderasiens und der mit ihnen verbundenen Länder war mit
anderen religiösen Konzeptionen gefüllt "), ehe das Pferd bei ihnen Eingang fand.
Um so stärker ist die Rolle, die es bei den indogermanischen Völkern hat, bei
denen das Tier seit alters einheimisch war '^) ; auch die Hellenen haben das Pferd
von Norden her empfangen; wir begegnen seinen Darstellungen von der mykeni-
schen Zeit her '3). Darum aber von einem 'indogermanischen Gedanken* zu
') Gesch. des Altert. I 23, 442. 7) Der Rennwagen in Griechenland 18 denkt an
') Arch. Jahrb. XXVI 1911, 238; daher uns. Abb. 38. ein Maultierpaar.
3) Perrot-Chipiez Hist. de l'art II 364; darnach «) Athen. Mitt. XXXVII 1912, 139, 2, Tiryns II
uns. Abb. 39, Furtwängler Samml. Sabour. I 106, i hält die Tiere möglicherweise für kre-
25, 5. tische Bergziegen.
4) E. Meyer I 2 3, 442. 9) Reichel Athen. Mitt. XXIV 1909, 95, 97.
5) Evans Ann. Brit. school XI 1904/05, 13 ■") Prinz Athen. Mitt. XXXV 1910, 1563.
(darnach unsere Abb. 40), nach Nilsson Götting. ") E. Meyer I 2 3, 442, 455, 757.
Anz. 1914, 526 ein Zeugnis des Importes nach '») E. Meyer I 2 3, 651 f., 860, 882, 904. Über das
Kreta; dazu der (unpublizierte) Siegelabdruck Alter des Pferdes im Norden Schnittger Prähist.
aus Hagia Triada, entstammend der ersten Ztschr. II 1910, 174 ff-, 180, E. Meyer I 2 3, 8:9,
spätminoischen Periode, mit Gespann vor 822, Helm Altgerm. Religionsgesch. I 206, 82.
einem Wagen (Rodenwaldt Tiryns II 106). Für die Darstellungen des Pferdes in den prä-
Pferd auf tönernen Schrifttäf eichen: Mercklin, historischen Höhlen Frankreichs und Spaniens
Rennwagen 15 ff., Rodenwaldt Athen. Mitt. zur Zeit des Magdal^nien neues Material bei
XXXVI 191 1, 240, 2, Evans Script. Min. I 42 £f. P. Paris Promen. arch^ol. en Espagne 1910, 21 ff.,
Pferdeknochen inTylisos; Hatzidakis '.Xpy.'Etprjfx. 33, Arch. -Anz. 1912, 427; 1914, 321, Abbe Breuil
1912, 231. Rev. arch. XIX 1912, 196 f., 211. Für die Zeit-
6) Wilamowitz Liter. Zentralbl. 1909, 1571, zu- bestimmung E. Meyer I 23, 246 f., 938.
letzt Rodenwaldt Athen. Mitt. XXXVII 1912, '3) Fragmentierte Fresken aus dem Palast von
139, i bemerken, dai3 vielmehr göttliche Wesen Mykene 'Etp. 5<p-/. 1887 Taf. XI, ergänzt durch
dargestellt sind. Rodenwaldt Athen. Mitt. XXXVI 1911,
L. Malten, Das Pferd im Totenglauben. 255
Sprechen •), erscheint verfrüht; gleiche Verwendung konnte das Tier in religiöser Be-
griffsbildung überall finden, wo es heimisch war. So hat, um nur ein Beispiel zu geben,
das Pferd in der vorbuddhistischen Religion Japans, dem Shinto, einen festen Platz;
den Göttern werden weiße Pferde geweiht, in den größeren Shintotempeln pflegt ein
besonderer Raum zu sein, in dem das heilige Pferd gezogen wird, öfters finden sich
darin lebensgroße hölzerne oder bronzene Pferdefiguren ^). Im Nihongi wird bei
einem Ereignis kriegerischer Art besonders verzeichnet, daß 'ein Pferd von selbst
Tag und Nacht um die goldenen Ställe eines buddhistischen Tempels (in Kudara)
herumlief und bloß beim Grasfressen stille stehen blieb' 3). Auch gab man den toten
Fürsten Terrakottafiguren eines gesattelten Pferdes mit ins Grab 4) und opferte den
Toten Tiere, die aus Gurken oder weißen Eierfrüchten gebildet wurden 5), alles
zum Ersatz für ursprüngliche Tieropfer ^). Man muß also auch hier am Pferd
Züge entdeckt haben, die es als geeignet erscheinen ließen, mit Göttern und Ver-
storbenen in Beziehung gesetzt zu werden; welche Ideen im einzelnen damit
verbunden waren, kann nur auf Grund genauer Kenntnis des Landes und seiner
religiösen Vorstellungen beantwortet werden.
Berlin. Ludolf Malten.
231 ff., 236, von der Akropolis in Mykene ') v. Negelein XI 406.
a. gl. O. 239 ff., 246, 249. Malereien ausTiryns: ^) Aston Shinto 60 f., E. Schiller Shinto 1911, 50,
Wagenfries sowie Fragpiente von Gespannen Rathgen Staat und Kultur der Japaner 22.
und Pferdeköpfe aus dem älteren Palast, Tiryns 3) Nihongi übers, und erkl. von K. Florenz Mitteil.
11 10 fi., 12, 15, Jagdfries aus dem jüngeren der Deutschen Gesellsch. für Natur- und Völkerk.
Palast, II 96 ff., 103 ff., 162. Goldring aus dem Ostasiens. Suppl. zu Bd. VI 1897, Buch 26 S. 13.
4. Schachtgrab in Mykene, beste Abbildung 4) Abbild, bei Rathgen S. 16 Abb. 16. •
Tiryns II 105; Sardonyx aus Vaphio Mercklin S) Rathgen 22.
Rennwagen 2, mykenische Grabstelen a. gl. 0. ') Münsterberg Japan. Kunst 4. Für Literaturhin-
7 ff., Gemmen 11 ff., mykenische Tonmodelle weise bin ich Herrn Dr. E. Walter zu Dank ver-
12 ff., Vasenbilder 2off. pflichtet.
Nachtrag zu Seite 221. — Nach Abschluß des Reindrucks gehen dank der Direktion
des Athener Nationalmuseums durch G. Karos freundliche Vermittelung zwei Photo-
graphien ein: Abb. 41, die viel genannte, noch unpublizierte Aristionvase (Ephem. arch.
1838, 130, 18, Conze Grabrel. S. 4, weitere Literatur oben S. 221), und Abb. 42, eine
neue Aufnahme der Amphora Ant. Denkm. I 47.
Nachtrag zu Seite 230!. — Die Andeutung der Anthologie ist gegeben auf den
Reliefs bei Orsi Bollet. d'arte III 1909, 465, 33; 466, 35; daher sind die Darstellungen
im Typus uns. Abb. 22 und 23 wohl eher als auf die Entführung einer Toten mit Orsi
und Pagenstecher, Eros und Psyche (Sitzungsber. Heidelb. Akad. 191 1) 15!. auf den Raub
der Köre zu deuten.
Abb. 41. Aristionvase im Athener Nationalmuseum (CoUignon-Couve 662).
Abb. 42. Pferdekopfamphora im Athener Nationalmnseum (CoUignon-Couve 661).
Berlin. Ludolf Malten.
Archäologischer Anzeiger
Beiblatt
ZUM Jahrbuch des Archäologischen Instituts
1914. I.
BERICHT ÜBER ARBEITEN IM MU-
SEUM VON KASSEL.
Die Kasseler Antikensammlung verdankt
ihre Entstehung, wie viele andere Museen,
dem Sammeleifer der Fürsten. Unter
den Naturalien, Kunstuhren und astronomi-
schen Instrumenten befanden sich schon im
XVII. Jahrhundert in der Kunstkammer
der hessischen Landgrafen einige griechi-
sche Reliefs und Inschriften, die hessische
Truppen aus Athen mitgebracht hatten,
nachdem sie dort im Dienst der Venezianer
geholfen hatten, den von den Türken als
Pulvermagazin benutzten Parthenon in die
Luft zu sprengen (vgl. Ath. Mitt. XXXV
1910, I ff.). Im Jahre 1700 brachte Land-
graf Karl aus Italien antike Bronzen und
Gemmen mit. Wilhelm VIII. erwarb in
Holland neben den Hauptschätzen der Ge-
mäldegalerie eine große Antikensammlung,
die leider hauptsächlich aus Fälschungen
besteht. Die wichtigsten Antiken erwarb
der Landgraf Friedrich IL, der Zeitgenosse
und treue Anhänger Friedrichs des Großen.
Er hatte einen tätigen Agenten in Frank-
furt, den Legationsrat Schmidt de Rossau.
Dieser erwarb nicht nur in Frankfurt und
auf Reisen den Rhein herauf ganze Privat-
sammlungen und einzelne Stücke aus dem
Kunsthandel, sondern grub auch selbst auf
Kosten des Landgrafen in Heddernheim,
Praunheim und Nieder-Ursel aus, so daß sich
ziemlich viel provinzielle Altertümer in
Archäologischer Anzeiger 1914.
Kassel befinden. Vor allem aber kaufte
Friedrich II. im Jahre 1777 in Rom und
Neapel zahlreiche Bronzen und Skulpturen.'
Seine Lieferanten waren die berühmtesten
Kunsthändler der Zeit, Hamilton und
Jenkins, die selbst Ausgrabungen in Ostia,
in der Villa Hadrians bei Tivoli, im Albaner-
gebirge und in der sonstigen Umgebung von
Rom vornahmen und nebst der Ausbeute
hieraus auch die Schätze römischer Villen
ins Ausland verkauften (vgl. Michaelis,
Ancient Marbles 74 ff.). Nach dem damals
und schon seit der Renaissance selbstver-
ständlichen Grundsatz, daß jede Statue voll-
ständig sein müsse, um Wert zu haben, ließ
Jenkins das Gefundene mit antiken und
modernen Bestandteilen ergänzen. Da er
ein guter Kenner des Altertums war und sich
des gebildetsten Restaurators der Zeit,
Cavaceppi, bediente, so waren die antiken
aufgesetzten Köpfe oft so geschickt gewählt,
daß es schwer war, zu entscheiden, ob sie
auch ursprünglich zu der Figur gehörten
und nur abgebrochen waren oder erst mo-
dern mit einem fremden Torso verbunden
worden sind.
Bei den Kasseler Figuren war das beson-
ders schwer, weil sie mehrfach restauriert
worden sind. Sie standen kaum 28 Jahre
in dem von du Ry erbauten Museum Fri-
dericianum, da wurden sie 1807 nach Paris
entführt, um zusammen mit den Schätzen
aus Berlin, Braunschweig, dem Vatikan,
dem Kapitol und der Villa Borghese in Rom
Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel.
das Musfe Napolfon zu bereichern. Bevor
sie dort ausgestellt wurden, wurden sie noch-
mals geputzt und ausgebessert. Als sie
dann 1815, teilweise erst 1816 über Berlin
nach Kassel zurückkamen, mußten wieder
einige Glieder neu ergänzt und allerlei ge-
flickt werden. So konnte es kommen, daß
in der Literatur über Kasseler Antiken mehr-
fach fremde Köpfe als zugehörig und mo-
derne Gliedmaßen als antik galten, weil sie
wieder geflickt waren und den noch neueren
Ergänzungen gegenüber alte Patina hatten.
Nach gründlicher Untersuchung sind im
vorigen Jahr durch den Bildhauer Nüßlein
die meisten modernen Bestandteile entfernt
worden. Die Köpfe sind von den ihnen
fremden Torsen heruntergenommen und in
richtiger Haltung auf Postamente gesetzt
worden. Ergänzungen wurden nur vorge-
nommen, wo sie durch sichere Überlieferung,
besonders durch besser erhaltene Repliken,
gerechtfertigt sind. Die Kasseler Antiken -
Sammlung ist durch diese Arbeiten nicht
nur an Zahl bereichert worden, da dreiviertel
der vorhandenen Statuen falsche Köpfe
trugen, sondern hat auch in künstlerischer
und wissenschaftlicher Beziehung gewonnen.
Die Güte mancher der bekannten Stücke
ist erst durch die richtige Aufstellung klar
geworden. Andere haben erst nach der Be-
freiung von modernem Beiwerk bestimmt
und kunstgeschichtlich eingeordnet werden
können.
Die bekannteste Antike von Kassel, 'der
sogenannte Kasseler Apoll, wurde unter
dem Papst Innocenz XIII. (1721 — 24) aus
dem Hause Conti in einem kleinen Tempel
am Ufer eines Sees, des Lago di Soressa,
in der Nähe von Terracina, zwischen Neapel
und Rom, gefunden und stand in Rom im
Palazzo Conti (Kekule, Ath. Mitt. I 1876,
1791.). Die Statue ist fast vollständig auf-
gefunden worden. Es fehlten hauptsächlich
drei Finger der rechten Hand und das rechte
Knie. Alles übrige aber war in zahlreiche
kleine Stücke zerbrochen. Bei der Zu-
sammensetzung beging der italienische Re-
staurator des XVIII. Jahrhunderts mehrere
Fehler. Das fehlende rechte Knie ergänzte
er zu kurz, so daß die Statue etwas nach
ihrer rechten Seite überhing, was besonders
die Wirkung des Kopfes beeinträchtigt, der
wie horchend etwas auf die Seite gelegt zu
sein schien. In der Mitte des linken Ober-
schenkels setzte er nicht fest Bruch auf
Bruch, sondern schmierte soviel Kitt da-
zwischen, daß die Verbindung sich wieder
lockerte. Da zudem an der linken Seite
ein bei der Morschheit des Marmors zu
schwaches Eisen eingezogen wurde, so wurde
nicht nur die Neigung nach rechts begün-
stigt, sondern es drehte sich auch der ganze
Oberkörper um die Bruchstelle als Dreh-
punkt nach rechts hinten. Dadurch wurde
wieder ein dritter Fehler des Ergänzers ver-
stärkt. Er hat nämlich die Vorderseite der
modernen Basis, in die er die antike Plinthe
einließ, nicht nach der Vorderseite des
frontal gestellten Rumpfes, sondern nach
dem nach links gewandten Kopf orientiert.
Durch die Drehung nach rückwärts wurde
der Winkel zwischen den Vorderfiächen der
Basis und des Körpers noch vergrößert.
So stand die Statue schief, unglücklich
balancierend und mit falscher Drehung auf
ihrer Plinthe (Abb. i).
Mit Sorgfalt und Geschicklichkeit hat
Nüßlein die Statue an den kritischen Stellen,
dem rechten Knie und der Mitte des 1. Ober-
schenkels, nochmals auseinandergenommen.
Er hat den Kitt entfernt, den Oberkörper
vorgedreht, genau Bruch auf Bruch gesetzt,
das rechte Knie in richtiger Länge in Gips
ergänzt und links ein starkes Eisen einge-
zogen, um der Gefahr einer neuen Ver-
schiebung und Senkung vorzubeugen. Die
moderne Basis wurde soweit als möglich ab-
gemeißelt, um die Vorderkante in gleiche
Richtung mit der Vorderfläche der Brust
zu bringen, doch konnte nicht weit genug
gegangen werden, so daß noch immer eine
leichte Divergenz herrscht und die beste An-
sicht etwas links von der Mitte ist (Abb. 2).
Erst jetzt kommt der Charakter des Werkes
richtig zur Geltung: die streng frontale
Stellung des Rumpfes, die stolze, straff auf-
gerichtete Haltung mit zurückgenommenen
Schultern. Vor allem hat der Kopf durch die
richtige Stellung gewonnen (Abb. 3). Erst
jetzt erkennt man, welche majestätische Er-
habenheit, welcher gedankenschwere Ernst,
welche trotzige Kraft und göttliche Unnah-
barkeit in ihm ausgedrückt ist. In dem Ge-
sicht erkennt man eine lebhafte, willensstarke
Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel.
Abb. I. Kasseler Apull. ^Vhe /u.Taiiiuiciijelzung.
Abb. 2. Kasseler Apoll. Neue Zusammensetzung.
Intelligenz. Der Kasseler Apoll wurde früher
bald dem Pythagoras (Klein, Bulletino com.
XVIII 1890, 231 ff., Gesch. d. griech. Kunst
I 402 ff.), bald dem Myron (Furtwängler,
Meisterwerke 371 ff.) zugewiesen. Man
glaubte, in der komplizierten Drehung den
Rhythmus des Pythagoras zu finden. Da
diese Drehung nur durch den Restaurator
hereingebracht war, so kann man jetzt die
feierlich ruhig stehende Figur nicht mehr
mit dem bewegten Apollon des F. identi-
fizieren. Gegen Myron spricht vor allem
der Kopf. Man kann keinen größeren Kon-
trast zwischen gleichzeitigen Werken denken
als den durchgeistigten Kopf des Apoll und
die ruhigen Köpfe des Myron. Unmöglich
hätte man ' auch im Altertum von dem
Meister des Kasseler Apoll sagen können,
er habe die Haare nicht besser gebildet
quam rudis antiquitas, wie es Plinius
XXXIV 58 für Myron überliefert. Es gibt
aus der Mitte des V. Jahrh. kein zweites
Beispiel einer so originellen, geistreich er-
dachten und reich ausgeführten Haartracht:
Bericht Über Arbeiten im Museum von Kassel.
vier Zöpfe sind am Hinterkopf angeordnet und
ein wundervoller Lockenkranz umrahmt die
Stirn. Kürzlich wurde der Apoll dem jungen
Phidias zugeschrieben (Curtius zu Brunn -
Bruckmann Taf. 6oi — 3). Gegenüber dessen
strahlendem, harmonischem, lebensfreudigem
Schönheitsideal scheint er jedoch ein ganz
anderes Ideal zu
repräsentieren.
Er ist von ern-
ster, fast abwei-
sender Schön-
heit. Er ist in
den Formen we-
niger abgerun-
det, härter als
Werke des jun-
gen Phidias. Er
ist eher das Mei-
sterwerk eines
geistig tiefen,
reifen Meisters,
der noch mit
archaischer Ge-
bundenheit der
Formen ringt,
als das Jugend-
werk eines ge-
nialen jüngeren
Künstlers. Wir
wissen also den
Namen des Mei-
sters nicht. Er
muß aber zu
den allergrößten
Künstlern des
V.Jahrhunderts
gehört haben.
Die eigenarti-
gen Formen des
Kopfes zeigt noch besser die Wiederholung in
Florenz (Br.-Br. Taf. 601). Sie beweist, daß
das Original aus Bronze war, da ihre Arbeit
sich genau an die Technik dieses Materials
anschließt. Die Haare mit den herrlichen
Lockenwellen sind wie ziseliert, die ein-
zelnen Partien des Gesichts stoßen hart und
eckig aneinander, Augen und Mund sind
scharf umrändert. Der Kopist, der der
augusteischen Epoche angehört, scheint
das Original Zug für Zug getreu nachgebildet
zu haben. Bei dieser kühlen Sachlichkeit
Abb. 3. Kopl des Kasseler Apoll in richtiger Haltung.
ist aber die Hauptsache verloren gegangen:
das große Ethos, das der Künstler in seinem
Werk verkörpert hatte. Der Kopist der
Kasseler Statue hat dagegen zwar weniger
genau gearbeitet, aber die Großzügigkeit
des Werkes nachempfunden. Daher ist die
Kasseler Statue nicht nur wegen ihrer besten
Erhaltung die
wertvollste unter
allen Repliken.
An der Kasse-
ler Statue fehl-
ten hauptsäch-
lich nur die drei
ersten Finger der
rechten Hand
und die Attri-
bute. Über diese
kann kein Zwei-
fel bestehen.
Attische Münzen
mit Nachbildun-
gen des Apoll
zeigen, daß er
links einen Bo-
gen, rechtseinen
Lorbeerzweig
hielt (Studnicz-
ka, Kaiamis,
Abh. Sachs. Ge-
sellsch. d. Wiss.
XXV 1907 Nr.
IV, 66 f. Taf. 90
u. d). Der Bogen
kennzeichnet
den Gott, der die
Frevler straft,
der Lorbeer den,
der die Schul-
digen entsühnt.
Die Verbindung dieser beiden Merkmale des
Apollon ist auch sonst monumental bezeugt
(vgl. Amelung, Vatikan-Katalog 11 259 f.).
Wir haben es daher probeweise gewagt, die
Attribute zu ergänzen (Abb. 4). Für den
Bogen war das einfach. Sein Mittelstück
in der linken Hand ist noch vorhanden.
Ein Dübelloch im 1. Oberschenkel ergab
seine Länge und bewies zusammen mit
den Münzen, daß er schräg vorgeneigt
war. Der vorgeschobene Mittelfinger mußte
mit einem Pfeil gefüllt werden. Auf
Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel.
10
Vasenbildern werden bekanntlich öfters
von derselben Hand Bogen nebst ein oder
zwei Pfeilen gehalten. Schwieriger war
die Entscheidung, wie der Lorbeerzweig
gehalten worden
ist. Die jetzige
Stellung nach unten
scheint noch nicht
ganz richtig zu sein.
Bei der Stellung
nach oben wirkte
der Zweig aber zu
aufdringlich, bei
der nach vorn trat
er zu stark aus der
Fläche heraus. Bei
der jetzigen Lösung
stört der Zweig
wenigstens in kei-
ner Weise die Kom-
position; doch darf
sie noch nicht als
endgültig betrach-
tet werden.
Noch nicht end-
gültig gelöst ist
auch die Aufgabe,
die Athena zu er-
gänzen, die Furt-
wängler auf die von
lemnischen Kolo-
nisten geweihte,
von Phidias gear-
beitete Statue auf
der Akropolis zu-
rückgeführt hat.
Bekanntlich sind
die besten Wieder-
holungen des Kör-
pers in Dresden,
die des Kopfes in
Bologna. Die Kas-
seler Replik des
Torso trug früher
einen Kopf der sog.
Athena Giustiniani (Abb. 5 ; vgl. Furt-
wängler, Meisterwerke 7 f.). Jetzt ist sie
mit einem Gipsabguß des Bologneser
Kopfes ergänzt (Abb. 6). Die Verbindung
wirkt gut, obwohl die Kasseler Figur nicht
stilgetreu gearbeitet, sondern in einen effekt-
volleren Stil mit tiefen Unterschneidungen
Abb. 4. Kasseler Apoll. Rekonstruktionsversuch.
umgesetzt ist. Der linke Arm mit Speer
wurde mit Benutzung des Stückes Oberarm
an der einen und des Finzapflochs für die
Lanze auf der Basis vor dem linken Fuß
der anderen Replik
in Dresden sicher
richtig ergänzt.
Dagegen bleibt die
Ergänzung des
rechten Arms noch
ein Problem. Das
Original hielt nach
Nachbildungen der
ganzen Figur auf
dem Relief aus
Epidauros (Arndt-
Amelung Nr. 1256)
und des Oberkör-
pers auf Gemmen
(Furtwängler, Gem-
men 346 Taf.
XXXVIII Nr. 34
—38 XXXIX Nr.
32) einen Helm auf
der rechten Hand.
Dieser ist denn auch
in Rekonstruktio-
nen in Straßburg
(Arch. Anz. XXI
1906, 323 Abb. 5)
und in München
(Bulle, Schönet
Mensch Taf. 120)
ergänzt worden. Es
scheint jedoch, daß
er hier zu hoch,
dort zu tief gehal-
ten wird, da er auf
den Gemmen ge-
rade in Schulter-
höhe steht (vgl.
Amelung, Österr.
Jahreshefte XI
1908, 2071.). Ab-
gesehen von dieser
Ungenauigkeit haben wir auch deshalb
keine der beiden Rekonstruktionen für
Kassel benutzt, weil es gar nicht ausge-
macht ist, daß die stark umgearbeitete
Replik noch das ursprüngliche Attribut
hatte. Es ist sehr möglich, daß sie an
Stelle des seltenen Helms die übliche Schale
II
Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel.
12
Abb. 5. Torso der »Athcna Lemnia« in Kassel, ergänzt mit Kopf der
»Athena Giustiniani«.
oder eine Eule hielt. Zahlreiche Bronze-
statuetten der Athena haben das eine
oder andere dieser beiden Attribute in
der rechten, wenn sie mit der linken Hand
den Speer aufstützen, dagegen niemals den
Helm (vgl. Reinach, R6p. de la Stat. II
13
Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel.
14
Abb. 6. Torso der »Athena Lemnia« in Kassel, ergänzt mit Gipsabguß
des Bologneser Kopfes.
.279, 9 u. 10; 281 f.). Wegen dieser Ungewiß-
heit ist der rechte Arm des Kasseler Torso
unergänzt geblieben.
Auf die Lcmnicrin hatte der Restaurator
des XVIII. Jahrhunderts eine Wieder-
holung des Kopfes der sog. Athena Guisti-
15
Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel.
i6
Abb. 7. Kopf der »Athena Giustiniani« in Kassel. Abb. S. Kopf der »Athena Hephaistia« in Kassel.
niani (Helbig3 Nr. 33 u. 782) gesetzt. Erst
nachdem der Kopf von dem Torso herunter-
genommen und in richtiger Haltung auf
einem Postament angebracht worden ist,
kann man erkennen, daß er die beste Replik
des Typus ist (Abb. 7). Die Wangen sind
zwar leicht modern geputzt, aber Haare und
Augen sind unberührt und zeigen vorzüg-
liche Arbeit. Das Datum der Statue ist
bisher umstritten. Arndt (zu E. V. Nr. 226)
wollte sie in das dritte Viertel des fünften
Jahrhunderts, Amelung (zu E. V. Nr. 497,
Vatikan-Kat. I 138 ff.) in die Wende des
fünften zum vierten, Furtwängler (Meister-
werke 593 ff.) sogar in das vierte Jahrhundert
setzen und dem Euphranor zuschreiben.
Die gute Replik in Kassel entscheidet für
die letzten Jahrzehnte des fünften Jahr-
hunderts, da die einfachen großen Formen
und die strenge Zeichnung der Augen an
Werke aus der Schule des Phidias erinnern.
Der Kasseler Kopf trägt auch zur Lösung
einer anderen Frage bei. Die Wiederho-
lungen der ganzen Statue zeigen bald über
dem feingerippten Chiton eine Ägis und
gleichzeitig eine Sphinx oben auf dem Helm,
wie die Replik im Vatikan, bald fehlt beides,
wie bei der Replik im Kapitol. Die Frage
ist, ob beides Kopistenzutaten sind, oder
ob beides dem Original angehört und vom
Kopisten fortgelassen ist. Der gute, stil-
getreue Kasseler Kopf, dem die Sphinx
fehlt, scheint für erstereszu entscheiden, was
auch von vorneherein wahrscheinlicher war.
Noch ein zweiter Athenakopf war in seiner
Wirkung durch den Restaurator des XVHI.
Jahrhunderts beeinträchtigt worden, der
ihn auf einen minderwertigen Athenatorso
17
Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel.
aufgesetzt hatte. Schon bei dieser un-
günstigen Stellung hatte Amelung (Neue
Jahrb. f. d. klass. Altert. V 1900 I 13 ff.
Taf. II Abb. 9 — 11) erkannt, daß er die
beste Wiederholung der sog. Athena
Hephaistia ist (Abb. 8). Erst jetzt aber
kommt die Schönheit der jugendlich zarten,
aber doch festen runden Formen und der
individuelle Ausdruck des Gesichts zu voller
Kasseler Kopf kann nicht von einer genauen
Replik der Statue von Cherchell stammen,
deren Kopf geradeaus blickte, sondern von
einer der häufigen Variationen, wo der Kopf
nach links unten gewandt war, wie in den
Statuen im Vatikan und in Palazzo Rospi-
gliosi in Rom.
Die Kasseler Sammlung ist reich an
Werken Polyklets. Von dem Doryphoros,
>
Abb. 9. Kopf des Diadumcnos von Polyklct in Kassel, richtig aufgestellt.
V
Geltung. Die präzise Arbeit läßt engen
Anschluß an das bronzene Vorbild erkennen.
Bekanntlich haben Sauer (Theseion 231 ff.)
und Reisch (Österr. Jahresh. I 1898, 55 ff.
Fig. 32 — 36 Taf. III) als Original des
Typus das bronzene Kultbild erkannt, das
417/16 im Hephaistostempel zu Athen auf-
gestellt und wahrscheinlich von Alkamenes
gearbeitet ist. Sie erkannten in dem
Akanthuskelch, auf den eine Athenastatue
in Cherchell ihren Schild aufstützt, das für
jene Statue bezeugte avOsjiov wieder. Der
dem Kanon des Meisters, ist eine Replik des
Körpers vorhanden, die bisher den mit zu
starker Neigung aufgesetzten Kopf einer
zweiten Replik trug, während sie jetzt mit-
telst eines Gipsabgusses der vollständigen
Wiederholung in Neapel ergänzt ist. Von
dem zweiten Hauptwerk, dem Diadumcnos,
ist die bekannte schöne Kopie des Kopfes
vorhanden (Brunn-Br. Taf. 340). Er saß
bisher mit falscher Wendung auf einer mo-
dernen Büste. Nachdem er von dieser be-
freit und in genau gleicher Haltung wie er
«9
Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel.
20
Abb. lo. »Faustkämpfer« des Polyklet in Kassel.
Seitenansicht.
Abb. II. Torso des »Faustkämpfers«
Abb. lo.
auf der Statue saß, aufgestellt worden ist,
kommen die Vorzüge wie die Fehler der Arbeit
erst richtig zum Vorschein (Abb. 9). Die Vor-
züge bestehen in der frischen und geistvollen
Ausführung, in der lockeren Behandlung der
Haare, in der reichen Modellierung aller
Formen, in der Beseelung der Züge. Dies
alles zeigt der Diadumenos im Gegensatz
zu dem schlichteren Kopf des Doryphoros,
weil Polyklet in seinen späteren Jahren unter
attischem Einfluß stand. Der Fehler des
Kasseler Kopfes besteht in der zu großen
Betonung dieses Einflusses, in einer etwas
zu großen Weichheit in Formen und Aus-
druck, weil sich der Kopist nicht genau an
das bronzene Original anschloß, sondern das
Werk in den Marmorstil umsetzte. Der
Charakter des Kopfes muß wegen der Mi-
schung von echt polykletisch-argivischen
mit attischen Zügen schwer zu fassen ge-
wesen zu sein, da der Ausdruck der vielen
erhaltenen Kopien ganz verschieden ist.
Bald ist er dem Doryphoros mehr oder
weniger ähnlich, bald mehr oder weniger
21
Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel.
22
attisch. Der Kasseler Kopf gehört zu den
attischsten zusammen mit der Wiederholung
der ganzen Figur in Madrid (Mon. Piot IV
PI. VIII— IX). Diese ist ebenfalls von
ästhetischem Standpunkt aus die schönste
Replik des Diadumenos, während man ihren
Cavaceppi war. Der rechte Arm ist tat-
sächlich älter als der linke, aber nur um
höchstens 50 Jahre, d. h. die Arme wurden
ursprünglich in Rom ergänzt, und in Paris
oder Kassel wurde dann der abgebrochene
linke Arm durch einen neuen ersetzt. Der
Abb. 12. Kopf des »Westmacottschen Epheben«, früher auf dem »Faustkämpfer« Abb. 10 f.
Wert für die Kenntnis des Originals nicht
ebenso hoch anschlagen darf.
Furtwängler hat in den Meisterwerken
(446 f. Fig. 69) eine Statue aus Kassel als die
eines Faustkämpfers von Polyklet abgebildet
(Abb. 10). Er hielt Kopf und Körper für zu-
sammengehörig, den rechten Arm für antik,
und glaubte eine Replik der Figur in Lands-
down House gefunden zu haben. Furt-
wängler ist durch den Erhaltungszustand
und die Geschicklichkeit des Restaurators
getauscht worden, der in diesem Fall sicher
Beweis für den modernen Ursprung der
Arme ist die unantike Form des Caestus.
Diese findet sich nicht nur an der vermeint-
lichen Replik wieder, sondern noch an einer
zweiten Faustkämpferstatue mit anderem
Bewegungsmotiv in Landsdown House, die
nachweisbar von Cavaceppi ergänzt ist
(Michaelis Nr. 36. Reinach, Rep. de la
Stat. I 521,7). Denkt man an den
Diadumenos, so muß es auffallen, wie
stark die Arme nach vorn und hinten
heraustreten, während Polyklet sich sonst
23
Bericht Über Arbeiten im Museum von Kassel.
24
Abb. 13. Öleingießer in Kassel, ergänzt mit Kopf
des »Narkissos«.
bemüht, die Glieder möglichst in eine
Fläche zu legen. Daß Kopf und Körper
nicht zusammen gehören, beweist einmal
die Verschiedenheit des Marmors, dann der
Umstand, daß der Kopf zu einem ganz anderen
statuarischen Typus gehört. Allerdings hat
der Restaurator sehr geschickt sein Pasticcio
aus zwei wirklich polykletisch'en Elementen
Abb. 14. Torso des Öieingießcrs
Abb. 13.
aufgebaut. Der Körper (Abb. 11) erscheint
auf den ersten Blick dem Diadumenos so
nahe verwandt, daß man geneigt ist, ihn für
dessen Replik zu halten (vgl. Ath. Mitt.
XXXIV 1910, 374f.). Die Arme waren
ähnlich erhoben wie dort. Die Körperformen
sind aber weicher, jünger. Es ist ein Knaben-
sieger, der dem Diadumenos wie einem älteren
25
Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel,
26
Abb. 15. Praxitelischer Knabe in Kassel,
ergänzt mit Satyrkopf.
Abb. 16. Torso des Knaben Abb. 15.
Bruder nahesteht. Er kann als Illustration
des von Plinius (XXXIV 56) überlieferten
Urteils des Varro dienen, daß Polyklet
alle seine Statuen paene ad ununi exem-
plum, fast nach einem Schema, gebildet
habe.
Der Kopf (Abb. 12) stammt von einer
anderen Knabenstatiie Polyklets. Er ist stark
27
Bericht über Arbeiten im Museum von Kassel.
28
mit Säure geputzt, doch sind die echt poly-
kletischen Hauptzüge klar erkennbar. Es
ist ein Werk, das dem Doryphoros näher
■ steht als dem Diadumenos. Der Kopf mit
kurzen anliegenden Haaren ist nach rechts
geneigt. Über dem rechten Ohr ist eine
unausgearbeitete Stelle. Hier näherte sich
die Hand dem Kopf, wie Repliken der ganzen
Statue zeigen, von denen die beste der sog.
ebenso stilgetreu polykletisch wie die vor-
zügliche Replik im British Museum.
Ein ähnliches, geschickt gearbeitetes Pa-
sticcio bietet der Knabe, der aus einem Ary-
ballos Öl auf seinen Körper träufelt (Abb. 13;
vgl. Furtwängler, Meisterwerke 468 Anm. i).
Die linke Hand fängt die Tropfen auf, um sie
in die Haut einzureiben. Das Motiv ist be-
kanntlich in den letzten Jahrzehnten des
Abb. 17. Satyrkopf, früher auf dem Torso Abb. 15 f.
Westmacottsche Athlet ist (Br.-Br. Taf.46).
Auch die ganze Statue erinnert an den
Doryphoros mit ihrer echt polykletischen
Schrittstellung. Es ist noch strittig, ob die
rechte Hand mit einem Kranz oder einer
Strigilis sich dem Kopf näherte. Die Statue
wird mit der Siegerstatue des Kyniskos
identifiziert, die in Olympia stand. Merk-
würdigerweise gibt es Wiederholungen, die
ganz in attischen Stil umgesetzt sind (vgl.
Furtwängler, Meisterwerke 452 ff. Fig. 72
bis 75. Mahler, Polyklet 44 ff. Fig. 10 u. 11.
Bulle, Schöner Mensch 104 Taf. 51. HelbigS
Nr. 1083). Der Kasseler Kopf ist aber
fünften Jahrhunderts sehr beliebt gewesen
und sowohl von Polyklet als von attischen
Meistern verwandt worden. Die Kasseler
Figur erinnert am meisten an den poly-
kletischen Öleingießer in Petworth (Furtw.
465 Fig. TT. Bulle, Schöner Mensch 108 f.
Abb. 19) und tut es noch mehr, nachdem
der ergänzte rechte Arm entfernt ist (Abb. 14),
der zu sehr nach vorn kam, anstatt in einer
Fläche mit der Schulter über dieser zu liegen.
Der Torso trug wieder den Kopf eines
anderen, wenn auch fast gleichzeitigen
statuarischen Typus. Furtwängler (a. a. O.
483 Anm. 3q) hatte schon erkannt, daß
29
Bericht Über Arbeiten im Museum von Kassel.
30
Abb. 18. Torso der »Dresdener« Artemis,
falsch ergänzt.
Abb. 19. Torso der »Dresdener« Artemis,
richtig ergänzt.
der Kopf eine gute Replik des soge-
nannten Narkissus ist. Auch hier kommt
der Charakter erst bei richtiger Stellung,
also in diesem Falle starker Drehung, Nei-
gung und Senkung zur linken Schulter zur
Geltung. Der Kopf ist ganz für diese eine
Ansicht gearbeitet, z. B. ist das linke, in
dieser Haltung kaum sichtbare Ohr nur
abpzziert. Der Kopf läßt gut die Mischung
attischer und polykletischer Elemente er-
kennen, die sich im letzten Viertel des
fünften Jahrhunderts vollzogen hat. Die
kantige Kopfform ist polykletisch, das zarte
Gesicht und die schwermütige Stimmung
sind attisch. Diese Mischung ist durchaus
nicht in allen Repliken erkennbar, sondern
wie beim Diadumenos sind sie bald poly-
kletisch-argivisch, bald attisch stilisiert.
Der Kasseler Kopf stimmt völlig mit der
besten und stilgetreusten Wiederholung im
Louvre überein (Mon. Piot I 115 ff. PI.
XVIII). Auch die ganze Statue zeigt die
Stilmischung. Die Füße haben polykle-
tische Schrittstellung. Die linke Hand
3»
Tbeseus und Prokmstes.
32
stützt sich auf einen Pfeiler wie bei der
Amazone Polyklets, aber das kräftigere Auf-
stützen, die Art wie die rechte Hand unge-
zwungen im Rücken hegt und die starke
Neigung des Kopfes, die tiefe Schwermut
ausdrückt, weisen auf eine jüngere Zeit.
Eine andere Statue ist aus jüngeren Ele-
menten zusammengesetzt (Abb. 15). Der
Restaurator hat aus einem zarten Knaben-
torso (Abb. 16) und aus einem für diesen
etwas zu großen Satyrkopf (Abb. 17) mit
modernen Gliedmaßen ein Werk komponiert,
das inhaltlich etwa an den auf Praxiteles
zurückgeführten ausruhenden Satyr erinnert.
Der Torso hat nun allerdings praxitelische
weiche Formen. Die beiden Körperseiten
sind stark differenziert. Die rechte Seite ist
zusammengeschoben, weil die Hüfte aus-
gebogen ist und der rechte Arm herabhängt.
Dagegen ist die linke Seite ausgedehnt,
weil das Bein völlig entlastet und die linke
Schulter emporgehoben ist. Der Körper
neigt nach links herüber, also war wahr-
scheinlich der linke Ellbogen aufgestützt.
Der Rhythmus erinnert stark an den
Apollon Sauroktonos. Wahrscheinlich ist
auch ein jugendlicher Apollon, vielleicht
Ganymcd, dargestellt, aber keineswegs ein
Satyr, zu dem ihn nur der Restaurator durch
den fremden Kopf und ein modernes
Schwänzchen gemacht hatte.
Der Kopf paßte nicht nur deshalb schlecht
auf die Statue, weil er zu groß war. Er muß
von einem später entstandenen und lebhaft
bewegten Werk stammen. Er war nach
links gedreht und geneigt, während der
Blick aus den etwas schief gestellten Augen
nach links oben geht und der Mund zu einem
leisen Lächeln geöffnet ist. Die krausen
wirren Löckchen starren widerspenstig über
der Stirn empor. Aus diesem Charakter
kann man auf eine in hellenistischer Zeit
geschaffene komplizierte Satyrstatue schlie-
ßen, die ganz anders ausgesehen haben muß
als die vornehmen, verträumten Gestalten
des Praxiteles.
An zwei Kopien nach demselben Werk
des Praxiteles kann man den Unterschied
zwischen einer Ergänzung des XVHI. Jahrh.
und einer modernen zeigen. In Kassel sind
im ganzen drei Wiederholungen der lang-
gewandeten Artemis, die nach der einzigen
mit Kopf erhaltenen Replik die Dresdener
genannt wird. Der eine Torso (Abb. 18)
trägt einen antiken, aber fremden und
übel zugerichteten Kopf. Die r. Hand
hängt mit einem Kranz herab, die 1. ist
mit nichtssagender Pose emporgestreckt.
An dem zweiten Torso (Abb. 19) haben
wir dagegen Kopf mit oberem Teil der
Brust und die Arme vermittelst eines
Gipsabgusses von der Dresdener Figur er-
gänzt und so gewissermaßen eine Rekon-
struktion der schönen Figur gegeben, die
im 1. Arm den Bogen hielt und mit der
Rechten nach einem Pfeil im Köcher griff.
An der dritten Kopie sind alle wesentlichen
Ergänzungen entfernt.
Die wenigen Proben aus der Kasseler
Sammlung genügen wohl, um zu zeigen,
wie die Antiken durch Befreiung von mo-
dernen Zutaten an Wert gewinnen können.
Rom.
Margarete Bieber.
THESEUS UND PROKRUSTES.
Für Roschers Mythologisches Lexikon mich
befassend mit Skiron, stieß ich auch auf die
Darstellung eines schwarzfigurigen S k y p h o s
der Kaiserl. Ermitage zu St. Petersburg
(Nr. 116), die seinerzeit Ludolf Stephani im
Compte-rendu de la Commission imp. arch.
pour l'ann^e 1866 S. 155 in natürlicher
Größe als Vignette publiziert und S. 177 f.
auf Theseus und Skiron gedeutet hat (dar-
nach auch S. Reinach, Rep. des vases I 55, 6
und unsere Abb. i). Da Stephani bloß eine
in stilistischer Hinsicht ungenügende Umriß-
Zeichnung geboten, bei der z. B. übersehen
ward das braune, auf der rechten Seite des
Unterliegenden herabfließende Blut, wandte
ich mich nach Petersburg an Dr. Oskar
Waldhauer, und dieser hatte denn auch
die Güte, mir nebst ein paar begleitenden
Bemerkungen eine Photographie des kleinen
Gefäßes zur Verfügung zu stellen, die bei-
stehend wiedergegeben ist (Abb. 2). Der
doppelhenklige Napf, mit der Campanaschen
Sammlung in die Kaiserl. Ermitage gelangt,
ist aus Stücken zusammengesetzt, doch
33
Theseus und Prokrustes.
34
Abb. I. Theseus und Prokrustes auf dem sf. Skyphos der Kaiserl. Ermitage zu St. Petersburg Nr. 116.
Nach C.-R. de St. Petersb. 1866 S. 155.
Abb. 2. Theseus und Prokrustes auf dem sf. Skyphos der Kaiserl. Ermitage zu St. Petersburg Nr. 116.
Nach Photogr.
Archäologischer Anzeiger 1914. 2
35
Theseus und Prokrustes.
36
ist nichts ergänzt'); er mißt in der Höhe
0,1 m, im Durchmesser 0,18 m. Die Figuren
sind im allgemeinen schwarz gehalten auf
rotem Grund, die innern Linien zum Teil
eingeritzt. Dieselbe Darstellung wiederholt
sich auf Vorder- und Rückseite: »beide
Seiten entsprechen sich so vollkommen, daß
nur an ganz kleinen Ornamenten am Gewand
der Athena Unterschiede festgestellt werden
können« ■). Im Beisein der Athena über-
wältigt der attische Nationalheros einen
durch die Konturierung, die überall in dem
Bilde für die Haarpartien eine besondere
ist. Lebhaft rechtshin ausschreitend, hat
Theseus mit der Linken den Gegner an der
rechten Schulter gepackt, in der gesenkten
Rechten schwingt er den Hammer (links
hinter Theseus sieht man noch seine Chlamys
und sein mit weißem Band versehenes
Schwert). Auch der bärtige Gegner hat das
Haupthaar umwunden von einer braunen
Binde, im übrigen ist er ein völlig nackter
Abb. 3. Theseus und Prokrustes auf der rf. »Tricoupi-Kylix« (Athen. Privatbesitz).
Nach Joum. of hell. Stud. X 1889 pl. 1.
seiner Gegner. Theseus links ist angetan
mit ganz kurzem gegürtetem Chiton (mit
Ärmeln bis zu den Ellbogen), von dessen
weißer Farbe sich braunrote Streifen, Tupfen
und Kreuzchen abheben, im Haar trägt er
ein braunes Band. Es hat den Anschein,
als sei er bärtig, und auch Dr. Waldhauer
schreibt, Theseus sei offenbar bärtig gedacht,
freilich am Bart keine Spur von Rot zu
bemerken — keine Spur von Rot: somit
ist Theseus doch wohl jugendlich u n -
bärtig gegeben, was auch zur Evidenz
hervorgehen dürfte aus der Vergleichung
einerseits mit der Athena rechts, die gleicher-
maßen ein nach unten verlängertes Kinn
aufweist, und mit dem Gegner anderseits,
dessen Bart deutlich genug herausgehoben
ist durch den Farbauftrag sowohl wie auch
■ ') Nach brieflicher Mitteilg. von Dr. O. Wald-
hauer.
Riese, tief ins rechte Knie gesunken, im
alten Knielaufschema rechtshin gegeben,
dabei aber die Brust von vorn und der Kopf
dem Theseus zugewendet, direkt im Profil
nach links. Mit der Linken umklammert
er den Felsen im Hintergrund, die Rechte
hat er gegen Theseus ausgestreckt, die
gespreizten Finger dessen Gürtel nähernd.
Bereits weist er an der rechten Seite eine
Wunde auf, der das Blut entströmt. Von
rechts tritt Athena herzu mit vorgestreckter
rechter Hand (mit braunen Spangen am
Gelenk). Die sichtbaren nackten Teile des
Körpers haben weiße, die Haare braune
Farbe. Die Göttin trägt auf dem Kopf den
attischen Helm, dessen Busch weiß ist;
sie ist bekleidet mit Chiton und Himation,
dieses reich verziert mit braunen Streifen
und weißen Blumen; auf ihrer Brust sieht
man einen Teil der schuppigen Aigis, doch
37
Theseus und Prokrustes.
38
kein Gorgoneion. Endlich erhebt sich im
Hintergrund, zwischen der Göttin und dem
Riesen, der weiße Fels, an dem sich dieser
festhält, und den Felsen überragt noch ein
schwarzer Baum, dessen stilisierte Ranken
die ganze Bildfläche überspinnen. Der
Darstellung nun dieses schwarzfigurigen
Petersburger Skyphos, in welchem Paul
Wolters ein »ganz spätes, der rotfigurigen
Technik schon gleichzeitiges Produkt«
sehen möchte '), stellt sich direkt an die
Seite ein wirklich rotfiguriges Vasenbild,
die eine Darstellung der »Tricoupi-Kylix«,
die Jane E. Harrison aus athenischem
Privatbesitz veröffentlicht hat, Journ. of
hell. stud. X 1889, 231 ff. z. pl. I (darnach
unsere Abb. 3). Es fehlt hier Athena, es
fehlt auch der Baum hinter dem Felsen und
das den Hintergrund füllende Gerank; aber
im allgemeinen wie auch bis auf Einzelheiten
ist das Abenteuer in entsprechender Weise
erzählt. Von links nach rechts sieht man
zunächst Chlamys und Wehrgehänge (hier
deutlich aufgehängt gedacht), weiter, wie der
(hier entschieden jugendlich gebildete) Heros,
diesmal nackt, aber wieder die L. vor-
gestreckt, die R. zurückgehalten und gesenkt
mit Doppelaxt, eindringt auf den vor ihm
flüchtenden nackten Riesen, der wieder mit
der Linken an den aufragenden Fels sich
klammert, die Rechte dagegen wie ab-
wehrend zurückstreckt gegen Theseus, dem
er auch sein bärtig Antlitz zuwendet. Und
selbst in Einzelheiten herrscht Überein-
stimmung, sind beim Jüngern Bild Anklänge
an das andere: wieder bemerkt man im
Haupthaar der beiden Gegner die rote Binde
und auch hier unterhalb der rechten Brust
die blutüberströmte Wunde. Jedenfalls
ist beidemal dem Theseus derselbe Gegner
gegenübergestellt — wer ist es ? Skiron oder
Prokrustes.''*) Während Stephani a. a. O.
S. 178 auf Skiron deutete und meinte, dies
Gemälde liefere den Beweis, daß man
keineswegs, wie bisher geschehen (er zitiert
Gerhard, Auserles. Vasenb. IH 33 — 36)
den von Theseus mit dem Doppelbeil be-
■) Vgl. P. Wolters, Sitzungsberichte d. philos.-
phil. u. d. histor. Klasse d. K. B. Akad. d. VViss. z.
München 1907 S. 117.
') Ob sich der Maler selbst darüber klar war.'
kämpften Gegner stets für Prokrustes zu
halten habe, vertritt neuerdings Wolters a.
a. 0. S. 116, 4 den Standpunkt, der Hammer
in der Hand des Theseus entscheide für
Prokrustes. Und dasselbe Schwanken in der
Deutung wiederholt sich bei der »Tricoupi-
Kylix«: dachte Jane Harrison zunächst an
Kerkyon als Gegner des Theseus (Class, Rev.
H 1888, 234 f.), so ließ dann (s. Journ. of
hell. stud. a. a. 0. S. 232) der irsXsxu?
sie sich entscheiden für Prokrustes, wogegen
man hinwieder nach Konrad Wernicke (in
diesem Jahrb. VH 1892, 213 A.) das Bild
ebensogut wie auf Prokrustes auch auf
Skiron beziehen könnte... Nach all dem
Gesagten kehren wir zurück zur Darlegung
von Eduard Gerhard, der seinerzeit den
Hammer (bzw. die Axt) hingestellt hat als
des Theseus Waffe, die in erster Linie das
Abenteuer mit Prokrustes charakterisiert,
vgl. a. a. O. S. 33 ff. und A. 9 f. 16.
Nach Gerhard ist — und vielleicht hat er
recht — als Prokrustes zu bezeichnen »der mit
dem Hammer als seiner eigenen gemiß-
brauchten Waffe bedrohte Mann«, und zwar
ist es der Hammer, der die auf einen Ambos
gelegten Unglücklichen den Maßen des
Prokrustischen Bettes anpassen sollte (»in-
cudibus suppositis extendebat eum, usque
dum lecti longitudinem aequaret«, heißt
es bei Hyg. fab. 38 p. 68, 19 f. Seh.), vgl.
Gerhard a. a. 0. S. 35, oder — fügen wir
bei — es ist die Doppelaxt, mit welcher der
Unhold jeweilen seine zu länglich gewach-
senen Opfer kürzte (praecidebat). Nach dem
Prinzip aber, daß die Bestrafung stets in
dem Sinne erfolgt, wie sich der Bösewicht
vordem vergangen, und mit dem Gerät,
dessen er sich dabei zu bedienen pflegte,
wird Skiron nicht erschlagen von Theseus,
sondern vom Felsen gestürzt, oder, wenn
Theseus gegen Skiron eine Waffe gebraucht,
so ist es nicht der Hammer oder die Axt,
sondern es ist das Skiron zugehörige Wasch-
becken, mit dem ihm Theseus den Schädel
zertrümmern will, und das Waschbecken
und die Schildkröte sind besondere Merk-
male zur Charakterisierung der Skiron-
Darstellung.
Zürich.
Otto Waser.
39
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Dezember-Sitzung 1913.
40
ARCHÄOLOGISCHE GESELLSCHAFT
ZU BERLIN.
Sitzung vom 9. Dezember 1913.
73. Winckelmannsfest.
Das diesjährige, 73. Winckelmanns-Pro-
gramm ist von Herrn Theodor Wie-
gan d verfaßt und handelt über die «Bronze-
figur einer Spinnerin im Antiquarium der
Königlichen Museen«.
Da der Vorsitzende, Herr G. Loeschcke,
durch Krankheit leider am Erscheinen ver-
hindert war, leitete Herr H. D r a g e n -
d o r f f die Festsitzung, die in gewohnter
Weise im großen Festsaale des Architekten-
hauses stattfand, und begrüßte die zahlreich
erschienenen Mitglieder und Gäste. Eine
besondere Auszeichnung war der Sitzung
dadurch gegeben, daß der im Mai 1913 ge-
machte große Goldfund von Ebers-
walde, über den Herr C. Schuchhardt
vortrug, von Sr. Maj. dem Kaiser, dem jetzi-
gen Besitzer, der Gesellschaft für den Abend
gnädigst zur Verfügung gestellt war. Der
prächtige Schatz war in einer Glasvitrine
ausgestellt und dadurch zum ersten Male
einem größeren Kreise im Original zugäng-
lich gemacht.
Wenige Wochen nur trennten denWinckel-
mannstag von dem 60. Geburtstage W i 1 -
helmDörpfelds, dessen von Schülern
und Fachgenossen gestiftete Büste in der
Winckelmannssitzung des Institutes in
Athen enthüllt werden sollte. Herr
Dragendorff gedachte der bahnbrechenden
langjährigen Wirksamkeit Dörpfelds, in dem
die Archäologie einen ihrer Pfadfinder aner-
kennt, den Begründer der modernen wissen-
schaftlichen Architekturforschung, den gro-
ßen Lehrmeister der Grabungstechnik, als
dessen Schüler sich direkt oder indirekt alle
bekennen müssen, ob sie iri Griechenland
oder in Germanien den Spaten ansetzen.
Olympia, Tiryns, Troia, um nur einiges her-
vorzuheben, sind Marksteine in der Ge-
schichte unserer Wissenschaft, und sie alle
sind aufs engste mit dem Namen Wilhelm
Dörpfelds verbunden.
Der Redner gedachte sodann der sieg-
reichen Kriege Griechenlands. Was diese
Expansion Griechenlands für die .Archäo-
logie bedeutet, kann ebenfalls in wenigen
Namen angedeutet werden: Kreta, Mace-
donien, vor allem Dodona sind heute grie-
chisch. Voll Dankes für die Liberalität der
griechischen Regierung, die sich auch hier
wieder, wie stets, bewährt hat, teilte der Redner
mit, daß die Erforschung D o d o n a s dem
deutschen Archäologischen Institut über-
lassen sei. Damit fällt deutscher Forschung
eine der vornehmsten Aufgaben, die der
Archäologie auf griechischem Boden gestellt
sind, zu. Es gilt zu zeigen, daß das Ver-
trauen, das die griechischen Kollegen deut-
scher Wissenschaft mit dieser Zuweisung
bezeugt haben, gerechtfertigt ist. Das
letzte noch fast unberührte panhellenische
Heiligtum, eine griechische Kulturinsel im
Norden, einen Platz, dessen Erforschung
durch alle Jahrhunderte des Altertums
führen muß, gilt es aufzudecken. Eine
Riesenaufgabe, zu deren Bewältigung es alle
Kräfte, geistige und materielle, anzuspannen
gilt, damit einst neben der Erforschung von
Olympia ebenbürtig die Erforschung von
Dodona steht und im Kranze deutscher
archäologischer Wissenschaft neben dem
Ölzweig von Olympia das Eichengrün von
Dodona nicht fehle.
Sodann sprach Herr C. Schuchhardt
an der Hand von Lichtbildern und unter Hin-
weis auf die im Saal ausgestellten Originale
über den »Goldfund von Ebers-
wald e«. Da seine umfassende Publikation
des Fundes schon binnen kurzem erscheinen
wird, soll hier über den Vortrag nur kurz be-
richtet werden. Der Fund besteht aus 8
Goldschalen, mehreren dicken Hals- und
Armringen, einer großen Menge dünner
Spiralringe aus Doppeldraht, die teils wohl-
crhalten, teils als verbraucht zu Draht-
bündeln zusammengewickelt sind, und meh-
reren Stücken Rohmaterials, besonders einem
ganzen Barren. Die Goldgefäße zeigen Hall-
stattstil und datieren den ganzen Fund in
das 7. oder 8. Jh. v. Chr. Sie sind Trink-
schalen, das beweisen die vielen verwandten
Formen aus Ton oder Bronze jener Zeit, wie
auch die ganz ähnlichen Gefäße, die eine
hettitische Königin im 8. Jh. (Stele von
Sendschirli) und noch weit später Gestalten
auf griechischen Vasenbildern im Begriff
sind, zum Munde zu führen. Die vielen
41
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Dezember-Sitzung 191 3.
42
Drahtspiralen werden am ehesten als Haar-
halter anzusprechen sein. Der Fund enthält
also lauter Gegenstände profanen Gebrauchs.
In der unmittelbaren Nachbarschaft der
Fundstelle sind auch früher schon mehrfache
Anzeichen einer reichen Siedlung zutage
getreten. Somit werden wir nach Analogie
der ähnlich zusammengesetzten Edelmetall-
funde von Troja, von Vettersfelde, von
Hildesheim, in den Goldsachen den Haus-
schatz einer hochstehenden Persönlichkeit,
eines Fürsten, zu erkennen haben, und
zwar der Semnonen, die in diese Gegend
gehören und nach Tacitus der älteste und
edelste Stamm unter den Suebenvölkern
waren.
Zum Schluß trug Herr A. Bru eckner,
ebenfalls unter Vorführung von Lichtbildern,
über »Neue Kerameikos-Gra-
b u n g e n« vor. Durch das Entgegenkom-
men des Kgl. griechischen Kultusministeri-
ums ist die Vollendung der Ausgrabungen
im athenischen Kerameikos seit dem Juli
19 13 dem Deutschen Archäologischen In-
stitute überlassen. Der Vortragende, der in
diesem Sommer zur Fortführung früherer
Arbeiten durch die private Initiative eines
heimischen Förderers der Sache angeregt
und, auch in den Kriegszeiten, von den grie-
chischen Behörden unterstützt worden ist,
berichtete, was dort bisher erreicht und was
sich weiter zu verfolgen empfiehlt.
Da, wo im Altertum die große Fahrstraße
vom Piräus mit der heiligen Straße von
Eleusis und drittens von der Akademie her
die von den Staatsgräbern des Kerameikos
gesäumte Straße in das Haupttor der Stadt
einmündeten, hat die griechische Regierung
ein Gebiet von etwa 45 000 qm seit Jahr-
zehnten expropriiert. Ein Drittel dieses Ge-
bietes ist noch völlig unerforscht. Von den
übrigen zwei Dritteln haben die Arbeiten
der Hetairia Archaiologike in den 60er und
70er Jahren zwar die hohe Verschüttung ent-
fernt und dadurch eine Gräberstraße und
Reste der Stadtmauer festgestellt; das waren
Funde, die für die Topographie der Stadt
eine Grundlage geschaffen und für die An-
schauung athenischer Grabmalkunst Epoche
gemacht haben, aber doch Funde, die sich an
der Oberfläche hielten. Denn die eigentliche
Untersuchung des alten Erdbodens war dabei
kaum angefaßt worden; es war eben noch
die Zeit, um bei Athen zu bleiben, bevor
P. Kavvadias es in den 80er Jahren unter-
nommen hat, der Akropolis auf den Grund
zu gehen. Daher darf man mutatis mutandis
sagen: unten im Kerameikos ist noch die-
selbe Arbeit zu leisten, die oben auf der Burg
nun abgeschlossen ist. Beweis dafür sind an
der Stadtmauer die reichen Ergebnisse
F. Noacks, welche 1906 über das Werk des
Themistokles an ihr zu klarer Anschauung
führten, und innerhalb des Gräberfeldes die
Ausräumung seiner Hauptstraße, welche
1909/10 im Auftrage der Hetairia Archaio-
logike durch den Vortr. geschehen ist. Noch
steht an der Stadtmauer wie im Gräberfelde
die Vollendung der Arbeiten aus.
Auf ein drittes Problem, die Wasseran-
lagen vor dem Tore, ging der Vortr. näher
ein. Neuere Nachgrabungen haben ein
Kanalsystem aufgedeckt , das dicht vor
der Stadtmauer am linken Ufer des heute
verschütteten Eridanos- Baches seinen An-
fang nimmt und von der Epoche des The-
mistokles an bis in spätrömische Zeit das
Wasser des Baches in 4 bis 5, mit der Auf-
höhung des Bachbettes immer erneuerte
Kanäle leitete und auf die Gärten und Felder
des Vorgcländes verteilte. Die Verfolgung
der Kanäle brachte mannigfaltige Einzel-
funde namentlich von Skulpturen, die da-
hinein, teils vom Gräberfelde, teils aus um-
liegenden Heiligtümern stammend, im späten
Altertum verbaut worden sind; als Schutt
vom nahen Markte der Stadt fanden sich
über 40 mit Namen athenischer Politiker
bekritzelte Tonscherben von einem Scher-
bengerichte aus der Zeit des peloponnesischen
Krieges.
Zum Schluß führte der Vortr. durch die
Gräberstraße. An ihr hat die begonnene
Untersuchung gelehrt, daß das Gräberfeld,
in seiner Benutzung bis ins 7. vorchristliche
Jahrhundert zurückreichend und durch Auf-
schüttung immer aufs neue benutzbar ge-
macht, die alten Gräber bis heute unberührt
bewahrt hat, so daß es zusammen mit den
übrigen Problemen, welche diese bedeu-
tungsvolle Stelle birgt, ein reiches Material
künftiger deutscher Erforschung bietet.
43
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Januar-Sitzung 1914.
44
Sitzung vom 6. J anuar 1914.
Den Vorsitz führte Herr G. L o e s c h c k e ,
der die außerordentlich stark besuchte
Sitzung mit begrüßenden Worten eröffnete.
Ihren Austritt aus der Gesellschaft haben
zum Jahresbeginn angezeigt: Staatsminister
Frhr. v. Thielmann, Architekt
A b e s s e r , Prof. Dr. Köhler (jetzt
Direktor des Gymnasiums in Hersfeld), Ren-
tier Ferdinand Meyer in Frankfurt
a. M., Prof. Dr. W e n t z e 1 und Prof. Dr.
W. S i e g 1 i n. Als neue Mitglieder wurden
angemeldet: Regierungsbaumeister Dr.
Kohl, der der Gesellschaft bereits von
191 1 bis 1913 angehört hat, Lehramtskandi-
dat Dr. M u s s e h 1 , Dr. phil. Pedro
Bosch -Gimpera aus Barcelona, zur-
zeit in Berlin, und Fräulein Dr. phil. Mar-
gret Heinemann.
Der in Halle a. S. lebenden Witwe von
Ludwig Roß, Frau Emma Roß, waren
zu ihrem 90. Geburtstage, den sie am 31. De-
zember 1913 in seltener körperlicher und
geistiger Frische feiern konnte, telegraphisch
die herzlichsten Glückwünsche der Gesell-
schaft übermittelt worden. Ihr warmes
Dankschreiben gelangt durch den Schrift-
führer zur Verlesung.
Sodann erstattete Herr A. Schiff als
Schriftführer und Schatzmeister den Ge-
schäfts- und Kassenbericht
für das Jahr 1913. Unter Hinweis
auf den im Anhang des 'j'^. Winckelmanns-
Programms abgedruckten Jahresbericht wies
er darauf hin, daß seit längerer Zeit zum
ersten Male die Zahl der Mitglieder im Be-
richtsjahre nicht gewachsen, sondern auf 163
stehen geblieben ist, da Abgang und Zugang
(je 14) sich ausgeglichen haben, und daß das
erste weibliche Mitglied der Gesellschaft bei-
getreten sei. Die Festtafel des 73. Winckel-
mannsfestes am 9. Dezember v. J. zählte
93 Teilnehmer; aus Stendal, der Geburts-
stadt Winckelmanns, war wieder ein vom
Oberbürgermeister Dr. Schütze unterzeichne-
tes Begrüßungstelegramm eingelaufen, für
das telegraphisch der Dank der Gesellschaft
ausgesprochen worden ist. Die Kassen-
verhältnisse sind geordnet und gün-
stig; die kleinen Überschüsse, die in den
letzten Jahren alljährlich herausgewirt-
schaftct werden konnten, haben sich zu
einem Fonds angesammelt, der es der Gesell-
schaft ermöglicht, gelegentlich außerordent-
liche Aufwendungen im Interesse ihrer Mit-
glieder zu machen. Zu Kassenrevi-
soren für 1913 wurden wieder die Herren
Winnefeld und P r e u n e r bestellt,
die dieses Amt schon seit 1907 versehen.
Im Anschluß an die Ausführungen des
Herrn Schiff stellt der Vorsitzende, Herr
G. Loeschcke, im Namen des Vor-
standes den Antrag, von dem Überschuß der
Vorjahre einen Betrag bis höchstens zur
Hälfte, d. h. bis zu 700 M., zur Neuheraus-
gabe derjenigen Winckelmanns-Programme
zu verwenden, die im Buchhandel vergriffen
sind. Der Anfang soll, unter Zustimmung
des Verfassers, mit Carl Roberts »Thanatos«
(39. Winckelmannsprogramm, 1879) gemacht
werden, und zwar, indem der Text unver-
ändert zum Abdruck gelangt, während die
Abbildungen völlig erneuert werden, damit
sie den erhöhten Anforderungen entsprechen,
die man heute zu stellen berechtigt ist. Die
Versammlung stimmte dem Antrage freudig
zu. Des weiteren regte der Vorsitzende an,
in Zukunft gelegentlich Sitzungen, insbe-
sondere das Winckelmanns-Fest, zu öffent-
lichen Sitzungen zu gestalten, um durch
einen größeren Kreis eingeladener Gäste,
auch von Damen, die Publizität der Gesell-
schaft zu erhöhen. Auch diese Anregung
wurde zustimmend aufgenommen.
Bei der Vorstandswahl wurde auf
Vorschlag des Herrn Trendelenburg der vor-
jährige Vorstand durch Zuruf wiederge-
wählt. Der Vorstand besteht somit für das
Jahr 1914 aus den Pierren Loeschcke
(Vorsitzender), Dragendorff, Wie-
gand, Brueckner und Schiff
(Schriftführer und Schatzmeister).
Herr v. Wilamowitz-Moellen-
d o r f f besprach das eben vollendete III.
Heft der von Herrn Wiegand herausgegebe-
nen Ergebnisse der Ausgrabungen und Un-
tersuchungen von Milet, das das Delphinion,
bearbeitet von Georg Kawerau und Albert
Rehm, enthält. Für den Inhalt seiner Aus-
führungen kann auf die mittlerweile erschie-
nene eingehende Besprechung in den Göt-
tingischen gel. Anzeigen 1914 Nr. 2 verwiesen
werden.
45
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Februar-Sitzung 1914.
46
Dann berichtete Herr Dragendorff
über die Ergebnisse der Ausgrabungen des
Archäologischen Instituts in Tiryns 1913,
wofür auf den mittlerweile gedruckten Be-
richt in den Athen. Mitteilungen 1913
S. 329 ff. verwiesen sei.
Herr A. Deißmann machte eine
kurze Mitteilung über neuentdeckte vor-
christliche griechische Pergamenturkunden
aus dem Arsakidenreiche. Von Kurden im
Avroman -Gebirge (Kurdistan) in einem
Steinkrug aufgefunden, kamen die Blätter
durch Vermittlung eines griechischen christ-
lichen Arztes nach England, wo sie von Mr.
Minns in der Society for the Promotion of
Hellenic Studies in Cambridge kurz be-
sprochen wurden, zwei griechische Perga-
menturkunden vom Jahre 88 und 22 v. Chr. ;
die eine hat einen noch nicht entzifferten
Fehlcvi-Text auf der Rückseite. Eine dritte
im gleichen Krug gefundene Urkunde ist
ebenfalls Pehlevi und soll inzwischen von
Herrn Andreas gelesen sein. Es handelt sich
wohl um Erbpachtverträge über einen Wein-
berg; formell und inhaltlich sind sie reich an
Parallelen zu den Ptolemäerurkunden aus
Ägypten und liefern den Beweis, daß die
Hellenisierung des Partherreiches eine stär-
kere gewesen sein muß, als man seither an-
nahm. Die Vertragschließenden und die
Zeugen sind sämtlich, nach den Namen zu
schließen, Nichtgriechen (gewiß Parther) aus
einem kleinen Dorfe; die Orts- und Personen-
namen sind zum großen Teil für die iranische
Namenforschung von Interesse, aber auch
für die allgemeine Geschichte sind die nach
Arsakiden und ihren Gemahlinnen unter Zu-
grundelegung der seleukidischen Ära datier-
ten Blätter von hohem Werte. Sie zeigen
auch erfreulicherweise, daß selbst in einem
für die Erhaltung von Pergamenten zweifel-
los ungünstigen Klima Originalurkunden sich
durch zweitausend Jahre erhalten können,
und eröffnen daher die Möglichkeit, daß auch
außerhalb Ägyptens noch antike Texte auf
Pergament usw. zu finden sind. Mr. Minns
wird die Urkunden mit Kommentar ver-
öffentlichen.
Öffentliche Sitzung in der Sing-
akademie am 3. Februar 191 4.
Zum ersten Male seit ihrem Bestehen hatte
unsere Gesellschaft die hohe Ehre und Freude,
S. M. d e n Kaiser und I. M. die
Kaiserin in einer ihrer Sitzungen als
Gäste begrüßen zu dürfen. Die Teilnahme an
der Sitzung, die durch das freundliche Ent-
gegenkommen des Direktoriums in der Sing-
akademie stattfand, war nicht auf die Mit-
glieder beschränkt; vielmehr war eine große
Zahl von Gästen, Herren und Damen, ein-
geladen, so daß etwa 800 Personen anwesend
waren. Das Thema der beiden durch zahl-
reiche Lichtbilder illustrierten Vorträge der
Herren Dörpfeld und Loeschcke bildeten
die unter den Auspizien des Kaisers auf
Korfu unternommenen Ausgrabungen und
Untersuchungen. Nach Schluß der Sitzung,
die 13/4 Stunden dauerte, empfing der Kaiser
die Herren des Vorstandes und Herrn Dörp-
feld in seiner Loge.
Zuerst sprach Herr Dörpfeld über die
von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser
auf der Insel Korfu unternommenen Gra-
bungen. In der Einleitung dankte er dem
Kaiser im Namen der deutschen Archäologen
für das lebhafte Interesse und die wirkungs-
volle Förderung, die dieser während der
25 Jahre seiner Regierung allen deutschen
Ausgrabungen und archäologischen Arbeiten
hat zuteil werden lassen, zugleich gab er
auch seinem persönhchen Dank Ausdruck
für die tatkräftige Unterstützung, die seine
eigenen Arbeiten zur Lösung der Homer-
Frage, seine Ausgrabungen in Troja und
Tiryns, in Alt-Pylos und auf Leukas-Ithaka,
seit 25 Jahren von selten des kaiserlichen
Mäcen gefunden haben. Er versicherte dem
Kaiser, daß dadurch zum mindesten ein
ehrliches wissenschaftliches Suchen nach der
Wahrheit über die homerischen Gedichte
unterstützt worden sei.
Sodann berichtete er, wie der Kaiser seit
dem Jahre 191 1 auf der Insel Korfu selbst
zum Spaten gegriffen hat und erfolgreiche
Ausgrabungen unternimmt, mit deren Lei-
tung er den Vortr. betraut hat.
Den Anstoß zu den Grabungen auf Korfu
gab der zufällige Fund eines Reliefs, das den
Kampf zwischen Zeus und einem Giganten
47
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Februar-Sitzung 1914.
48
darstellt und im Gebiete der antiken Stadt
Kerkyra bei dem Kloster der beiden Heiligen
Theodoroi zutage gekommen war. Der
Kaiser war selbst zugegen, als bei Nach-
grabungen an derselben Stelle viele weitere
Reliefstücke dem Boden entstiegen. Die
ausführlichen Telegramme, die der Kaiser
selbst damals jeden Abend der Archäologi-
schen Gesellschaft in Berlin sandte, sind
dauernde Zeugen seines lebhaften Sach-
interesses und seiner berechtigten Finder-
freude.
Die Reliefs gehörten, wie ihre Form un-
zweideutig lehrte, zum Giebel eines archai-
schen Tempels. Diesen Bau zu finden, war
die erste Aufgabe der Grabungen. Da die
Skulpturen augenscheinlich noch in ihrer
Fall -Lage gefunden worden waren und zum
westlichen Giebel eines Tempels gehört
hatten, konnte die Stelle dieses Baues leicht
bestimmt werden: sie mußte östlich von der
Fundstelle der Skulpturen liegen. Aber ein
durch diesen Platz gezogener Graben ergab
ein negatives Resultat: außer mehreren
kleinen Fundamentsteinen fand sich keine
einzige Mauer. Der Tempel war ganz zer-
stört; seine Säulen und Wände, ja sogar
seine Fundamentmauern waren systematisch
abgebrochen worden, um als Baumaterial
zur Errichtung irgendwelcher Festungs-
mauern in Korfu verwendet zu werden,
deren Auffindung leider bisher noch nicht
gelungen ist.
Auf dem Tempelplatze wurden nur ein-
zelne Fundamentsteine aufgedeckt, die einst
die großen Fußbodcnplatten der Ringhalle
getragen haben. Außerdem konnten an der
Art und Färbung der Erdmassen die Stellen
bestimmt werden, wo die Fundamentmauern
der Säulen und Wände einst gelegen hatten.
Nach diesen Anhaltspunkten ließ sich der
Grundriß des Tempels zwar im allgemeinen
wiederherstellen; im einzelnen kann er aber
erst gezeichnet werden, wenn die ganze
Fläche des Tempels freigelegt sein wird,
was im Frühjahr 1914 geschehen soll. Da
weiter viele Fragmente dorischer Säulen und
ein ganzes, sehr altertümliches Kapitell, dazu
zwei ganze Triglyphen und viele Fragmente
anderer Bauglieder gefunden wurden, ließen
sich auch die Aufrisse des Tempels in großen
Zügen schon wiederherstellen:
Je acht altdorische Säulen, die denen der
älteren Tempel von Pästum ähnlich sind, er-
hoben sich einst an den Fronten und trugen
ein Triglyphen -Gebälk und über dem hori-
zontalen Gesimse ein Giebeldreieck, das mit
den Reliefs der Gorgo und des Giganten -
kampfes geschmückt war. Die gefundenen
Skulpturen bildeten das hintere westliche
Giebelfeld, vom Ostgiebel des Tempels
kamen leider nur wenige Fragmente zum
Vorschein. Außer den Simen und Stirn-
ziegeln aus Marmor, die den Tempel krönten,
fanden sich ähnliche, aber ältere Stücke aus
Terrakotta, die vermutlich den ursprünglichen
Schmuck des Tempeldaches bildeten und
später durch die jüngere marmorne Dach-
bekrönung ersetzt wurden.
Der göttliche Inhaber des Heiligtums hat
sich bisher noch nicht bestimmen lassen;
die vorgeschlagenen Namen beruhen ledig-
lich auf Vermutungen.
Während der Tempel selbst fast ganz zer-
stört ist, haben wir von dem vor der Ost-
front des Tempels liegenden großen Brand -
opferaltar ein großes Stück von etwa 10 m
Länge und über 2 m Breite auffallend gut
erhalten vorgefunden. Auf zwei Stufen
stehen noch 15 Triglyphen und Metopen
aufrecht und trugen einst eine Steinplatte
zur Aufnahme des Altarfeuers. Neben dem
Altar liegt noch ein polygonal gepflasterter
Opferplatz, der durch einen ebenso ge-
pflasterten Weg mit dem östlichen Eingang
des Tempels verbunden war. Von der Um-
fassungsmauer des heiligen Bezirks, der den
Tempel und Altar einschloß, sind bisher nur
an der Nordseite Stücke aufgedeckt.
Eine zweite Ausgrabungsstätte auf Korfu
war der schon bekannte Tempel von Kardaki,
so benannt nach einer alten Quelle im könig-
lichen Schloßpark Monrepos. Er hat schon
längst wegen seiner schlanken, an den Holz-
bau erinnernden Verhältnisse und wegen des
gleichzeitigen Vorkommens dorischer und
jonischer Bauglieder eine wichtige Rolle in
der Geschichte der griechischen Baukunst
gespielt. Schon vor 90 Jahren von den Eng-
ländern ausgegraben, war er aber seitdem
allmählich wieder so verschüttet und von Ge-
strüpp so überwachsen, daß fast nichts mehr
von ihm zu sehen war. Mit Genehmigung
S. M. des verstorbenen Königs Georg wurde
49
Archäologische Gesellschaft xu Berlin. Februar-Sitzung 1914.
50
der Bau im Jahre 19 12 wieder freigelegt
und seine Säulenstümpfe, soweit sie sich
noch vorfanden, wieder aufgerichtet. Der
vordere Teil des peripteralen Tempels,
einschließlich des Pronaos, fehlt vollständig;
er ist ins Meer hinabgestürzt. Erhalten sind
nur der untere Teil der drei hinteren Wände
der Cella, der Unterbau für das Kultbild
und von der äußeren Ringhalle noch der
Stylobat und mehrere Säulentrommeln. Nur
eine einzige Säule ist noch ganz vorhanden
und trägt jetzt wieder ihr Kapitell.
Die etwa aus der ersten Hälfte des 5. Jahr-
hunderts stammenden dorischen Säulen der
Ringhalle sind in der englischen Publikation
(Stuart-Revett, Antiquities of Greece, Lon-
don 1830, III, Taf. 4 — 8) richtig gezeichnet.
Der Architrav ist aber insofern falsch abge-
bildet, als das jonische Kyma sich nicht an
der inneren, sondern an der äußeren Seite
befindet. Der von den Engländern gezeich-
nete Fries hat niemals bestanden; die dazu
benutzten Steine mit ihrem altertümlichen
skulpierten Eierstabe gehören vielmehr zum
ansteigenden Giebelgeison. Triglyphen hatte
der Tempel nicht, sein mit einem ungewöhn-
lich geschwungenen Profile ausgestattetes
Hauptgesims lag unmittelbar auf dem Archi-
trav. Daß das Giebeldreieck über der
Hauptfront mit Reliefs geschmückt war oder
wenigstens geschmückt werden sollte, läßt
sich aus der Zurichtung des hinteren Giebel-
dreiecks erkennen, bei dem ein beabsichtigter
Reliefschmuck nicht zur Ausführung gelangt
ist. Stücke von Stirnziegeln und auch viele
Fragmente einer Nike, beide aus Terra-
kotta, wurden gefunden und werden zum
Dachschmuck gehört haben.
In den Fundamenten der Cellawand und
der Kultbildbasis fanden sich Steine eines
älteren Heihgtums verbaut, mehrere flache
steinerne Wasserbecken und der Unterstein
einer Stele. Sie werden zu einem älteren
Heiligtum gehört haben, das unterhalb des
Tempels bei der Quelle angenommen werden
darf und vermutlich den Nymphen geweiht
war. Später ist nun hoch über der Quelle
der dorische Tempel erbaut worden, der dem
Apollon oder Asklepios zugeschrieben wird,
weil der in einer Inschrift vorkommende
Göttername mit A anfängt.
Die weitgestellten Säulen und die alter-
tümlichen jonischen Formen des Gebälks,
die G. Semper veranlaßten, den Tempel dem
7. Jahrhundert zuzuteilen (Der Stil, II,
S. 399), lassen sich meines Erachtens am
besten durch die Annahme erklären, daß ein
älterer hölzerner Tempel später in Stein
umgebaut worden ist. Da zu beiden Seiten
der Ruine noch alte unberührte Schutt-
massen liegen, empfiehlt es sich, noch weitere
Grabungen vorzunehmen. Es wäre möglich,
dort noch Weihgeschenke oder Inschriften
zu finden, die uns über die Geschichte des
Tempels und über seinen göttlichen Inhaber
aufklären könnten.
Noch andere kleinere Grabungen haben
an mehreren Stellen der antiken Stadt und
auch in anderen Teilen der Insel stattge-
funden, so bei der Kirche Palaiopolis, bei
dem Kloster der Panagia Kassopitra, bei
dem Dorfe Kassopo, dem alten Kassiope,
und in Paläokastrizza, wo Victor Berard die
Stadt der homerischen Phäaken ansetzt.
Von den an diesen Plätzen gemachten Fun-
den mögen hier erwähnt werden: eine wert-
volle Marmorinschrift mit zwei Briefen der
Römer an die Behörden und das Volk von
Kerkyra aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.,
gefunden bei Palaiopolis, ferner eine Weih-
inschrift für eine Statue des Timon, die von
der Mutter Timareta »den Göttern« geweiht
war, und ein altertümliches dorisches Ge-
bälk, dessen Triglyphen geschwungene Ein-
schnitte aufweisen (bei der Panagia Kasso-
pitra).
Bei allen diesen Grabungen sind keinerlei
mykenische oder prähistorische Gegenstände
gefunden worden, obwohl wir besonders
darauf geachtet haben. Denn seit der klassi-
schen Zeit wird bekanntlich vielfach ange-
nommen, daß Korfu die Insel der homeri-
schen Phäaken sei, und daß ihre Stadt mit
dem Palaste des Alkinoos bei der antiken
Stadt Kerkyra gelegen habe. So wissen wir,
daß die alten Kerkyräer ihren östlichen
Hafen nach Alkinoos benannten und in der
Nähe auch ein Heroon dieses Königs be-
saßen. Aber dürfen wir denn heute noch
an die wirkliche Existenz der Phäaken Ho-
mers glauben.? Ist nicht seit Welckers be-
rühmtem Aufsatze (Rhein. Mus. 1832, 219)
festgestellt, daß die Phäaken ein erdichtetes
Volk waren und auf den phantastischen
5«
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Februar-Sitzung 1914.
52
Inseln der Seligen wohnten? Ist nicht vor
kurzem noch dargelegt worden, daß sie die
Schiffer waren, welche die Toten ins Jenseits
fuhren? Ich halte diese Ansichten für irr-
tümlich und glaube aus Homer beweisen zu
können, daß die Phäaken ein wirkliches aus
Kreta stammendes Schiffervolk waren, das
unter dem Vater des Königs Alkinoos nach
Kerkyra ausgewandert war und dort die
Fahrt über das Westmeer bis nach Italien
betrieb. Ihnen diese Beweise vorzulegen,
ist hier nicht möglich. Doch in einem
werden Sie mir auch ohne diese Beweise alle
zustimmen: Nachdem die homerischen Bur-
gen und Paläste in Troja und Kreta, in
Mykenai und Tiryns, in Orchomenos und
Pylos gefunden sind, und nachdem die An-
gaben Homers über die Kultur und Geo-
graphie der heroischen Zeit sich in einer
Weise als wahr herausgestellt haben, wie es
Welcker nicht einmal ahnen konnte, sind
wir jetzt verpflichtet, mindestens zu unter-
suchen, ob die Angaben Homers über die
Phäaken der Wirklichkeit entsprechen oder
nicht. Es wäre unwissenschaftlich, diese
Untersuchung zu unterlassen.
Homer kennt die Phäaken als allerletzte
der Menschen, bevor man in den unbe-
kannten Westen kam; sie wohnten auf einer
Halbinsel zwischen zwei Häfen; bei ihnen
landete, wer vom fernen Westen nach Grie-
chenland fuhr; in einer Nacht konnte man
von ihrer Stadt nach Ithaka fahren, konnte
aber auch zu Lande über Dodona diese Insel
erreichen.
Da uns nun Thukydides (I. 36, 2) über-
liefert, daß der Weg von Sizilien nach Grie-
chenland stets über Kerkyra führte, da wir
ferner aus Strabon (324) wissen, daß man
vom Vorgebirge Phalakron, der Nordwest -
spitze von Korfu, abzufahren pflegte, um
nach Tarent und Sizilien zu gelangen, und
da wir endlich aus Homer entnehmen kön-
nen, daß Odysseus von Westen kommend,
mit dem Nordstern zur Linken, also in öst-
licher Richtung, zu den Phäaken fuhr, so
müssen wir die Stadt der Phäaken, wenn
sie bestanden hat, an der nordwestlichen
Küste von Kerkyra suchen. An der west-
lichen Küste befinden sich auch die steilen,
imzugänglichen Felswände, die Homer be-
schreibt, nicht an der Ostseite der Insel.
Im April 1913 habe ich die nordwestlichen
Vorgebirge der Insel zum ersten Male be-
sucht und dabei zu meiner großen Über-
raschung gerade auf jenem Vorgebirge Phal-
akron, das heute Kap Kephali heißt, prä-
historische und mykenische Topfscherben
gefunden. Eine Versuchsgrabung zeigte,
daß die oben auf dem 80 m hohen Vorgebirge
gelegenen Gebäude dieser prähistorischen
Ansiedlung leider fast ganz vernichtet zu
sein scheinen; sie waren durch keine spätere
Ansiedlung überbaut und geschützt. Nur
eine kleine, unscheinbare Mauer wurde bisher
aufgedeckt. Ferner fanden wir Reste eines
antiken Heiligtums bei einer christlichen
Kapellenruine unten an der nördlichen der
beiden Hafenbuchten.
Ob die hierdurch konstatierte Ansiedlung,
die sicher dem 2. Jahrtausend v. Chr. ange-
hört, zu den Angaben Homers über die Phäa-
kenstadt im einzelnen paßt, müssen weitere
Grabungen lehren. Für die Frage nach der
Glaubwürdigkeit Homers würde es offenbar
von großer Bedeutung sein, wenn sogar die
seligen Phäaken sich als ein Schiffervolk der
Wirklichkeit und wenn ihre Stadt sich als
von Homer richtig beschrieben herausstellen
sollte.
Schon liegt e i n wertvoller Beweis hier-
für vor, auf den ich zum Schlüsse noch
hinweisen möchte. Homer erzählt uns, wie
Poseidon das Schiff der Phäaken, das den
Odysseus in die Heimat gebracht hatte, auf
der Rückfahrt im Angesichte der Phäaken-
stadt in einen Fels verwandelte. Tatsächlich
liegt heute vor dem Kap Kephali eine kleine
Felseninsel, die genau wie ein Segelschiff
aussieht, heute den Namen Karawi (Segel-
schiff) trägt und sogar von mir und meinem
Begleiter zuerst für ein wirkliches Segelschiff
gehalten wurde. Die Bewohner von Korfu
kennen christliche Sagen über dies ver-
steinerte Schiff, die J. Partsch ^Kerkyra
S. 73) schon veröffentlicht hat. Dieser Fels
wurde auch schon im Altertum von einigen
für das Schiff der Phäaken erklärt, denn
Plinius (H. n. IV, 12, 53) überliefert: »a Pha-
lacro Corcyrae promontorio scopulus, in
quem mutatam Ulyssis navem a simili specie
fabula est«.
Daß in dem Felseneiland vor Kap Kephali
in der Tat derjenige schiffähnliche Fels vor-
53
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. März-Sitzung 1914.
54
liegt, der den Dichter der Odyssee zu der
Sage von der Versteinerung des Phäaken-
schiffcs durch Poseidon veranlaßt hat, wer
will das noch leugnen ?
Hoffentlich werden die geplanten Aus-
grabungen auf dem Kap Kephali weitere
Argumente zur Lösung der Phäaken -Frage
und damit auch zur Lösung der Homer-
Frage liefern.
Herr Loeschcke besprach darauf die
Giebelfiguren des Tempels von Korfu. Da der
Vortrag an anderer Stelle in erweiterter Form
mit ausführlicherer Begründung erscheinen
soll, genüge hier eine summarische Übersicht
des Gedankenganges. Herr Loeschcke
schilderte zunächst die erhaltenen Reste,
von denen jedem seine ursprüngliche Stelle im
Giebelfeld mit Sicherheit zugewiesen werden
kann. In der Mitte Gorgo mit ihren beiden
Kindern, Pegasos und Chrysaor. Rechts und
links je ein gewaltiges Raubtier, das der Vor-
tragende, unter Beruf ungaufandereDenkmäler
verwandten Kunstkreises, für einen Löwen,
nicht einen Panther erklärt. In der rechten
Ecke Zeus, der einen Giganten niederblitzt,
während ein zweiter Gegner, bereits getötet,
die Giebelecke füllt. An der linken Seite in
der äußersten Ecke wieder ein liegender
Toter, davor eine langgewandete, wohl
weibliche Gestalt auf einem Sitz, den L.
für einen Altar erklärt; sie erhebt bittend
die linke Hand gegen einen Angreifer, von
dem gerade noch die gegen die Brust der
Sitzenden gerichtete Lanzenspitze erhalten
ist. Eine Deutung dieser Gruppe ist bisher
nicht sicher gelungen.
Zwei Elemente scheiden sich deutlich,
auch dem Maßstabe nach. In der Mitte die
Gorgo und die Löwen, an den Seiten die
kleineren Gruppen, die unter sich wieder
inhaltlich offenbar nicht zusammenhängen.
Die Mittelgruppe ist apotropäisch — - die seit-
lichen Gruppen erzählend. Es sind gleich-
sam zwei Schichten griechischer Kultur,
zwei Welten, die aufeinanderstoßen, die alte
Welt der feindlichen Götter und Dämonen
und daneben die homerische Welt, die Kunst,
die in der Heldensage wurzelt, die sich in
den Giebelecken hineindrängt. Einen Schritt
weiter führt der Giebel des alten Athena-
tempels auf der Akropolis von Athen: hier
sind Gorgo und die Löwen als apotropäische
Akroterien auf den Giebelfirst und die
Giebelccken gerückt, das ganze Giebelfeld
nimmt die erzählende Kunst ein.
Ausgeführt ist der Giebel von Korfu am
Anfang des 6. Jahrhunderts, ein Beispiel
dafür, wie die peloponnesische Kunst sich
mit der Aufgabe der Reliefbildnerei in
großem Maßstabe abfand.
Sitzung vom 3. März 1914.
Den Vorsitz führte Herr G. Loeschcke.
Als neue Mitglieder wurden die Herren
Prof. Dr. Adolf Busse, Direktor des
Prinz -Heinrich -Gymnasiums in Berlin-Schö-
neberg, und Prof. Dr. Aby Warburg
in Hamburg angemeldet.
Vor Eintritt in die Tagesordnung legte
Herr Loeschcke neue Photographien
der troischen Küste vor, die kürzlich von
Offizieren S. M. S. »Breslau« aufgenommen
worden sind und die in der November-
Sitzung vorigen Jahres gezeigten Photo-
graphien dankenswert ergänzen. Er be-
sprach sodann eingehend einen von Dr. H.
Degering in der Vossischen Zeitung (Nr. lOi
vom 25. Februar d. J., Morgenausgabe, i.
Beilage) veröffentlichten Aufsatz »Das Gie-
belfeld des Tempels von Korfu«, der sich
gegen die von Herrn Loeschcke in der Fe-
bruar-Sitzung der Gesellschaft vertretene
Interpretation des Gorgo -Giebels, insbeson-
dere gegen die Deutung der linken Eck-
gruppe, richtet.
Den einzigen Vortrag des Abends hielt
(als Gast) Herr E. Krüger aus Trier über
die bisherigen Ergebnisse der
Ausgrabung des Trierer Kai-
serpalastes. Seine von zahlreichen
Lichtbildern unterstützten Ausführungen
lauteten im wesentlichen:
Die Ruine des »Kaiserpalastes« ist nicht
nur der schönste und malerischste Rest des
römischen Trier, die ausgezeichnete Lage im
Stadtplan, die Größe der Grundfläche und
die hervorragende Schönheit des Grund-
risses haben das Gebäude immer als eine
Schöpfung der römischen Kaiser erkennen
lassen, die vom Ende des 3. bis zum Ende
des 4. Jahrhunderts in Trier residiert haben.
Die Kaiser -Thermen sah man bisher
in den großen römischen Bädern von St.
55
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. März-Sitzung 1914.
56
Barbara in Trier. Deshalb deutete man die
großen Säle des anderen Bauwerks als den
Fest- und Repräsentationsbau der römischen
Kaiser, als den Kaiserpalast.
Die These, daß auch dieses Gebäude von
Anfang an als eine Therme errichtet worden
sei, hat der architektonische Leiter der
Kaiserpalastgrabung schon sehr bald nach
Beginn der Neuuntersuchung aufgestellt.
Sie kann jetzt öffentlich ausgesprochen und
vertreten werden, nachdem ermittelt ist,
wie sich das Bauwerk in die Entwicklungs-
reihe der römischen Thermen einfügt. Diese
Tatsache, daß der Bau als Therme errichtet
worden ist, und zwar von Konstantin I., ist
das eine große Ergebnis, das bis jetzt ge-
wonnen ist. Fraglich ist, ob dieser Thermen-
bau vollständig fertig geworden und wenn
dies der Fall war, auch schon in Benutzung
genommen ist. Einige Anhaltspunkte für
diesen letzteren Fall scheinen vorzuliegen.
Die ganze Anlage ist später nach einem
großzügigen Plane umgebaut worden, indem
der Säulenhof der Thermenpalästra auf
Kosten des ganz beseitigten Langsaales des
Frigidariums nahezu verdoppelt wurde. Die-
ser Umbau ist durch keinen größeren zeit-
lichen Zwischenraum von der Therme ge-
trennt und gehört auf jeden Fall noch in
römische Zeit.
Wichtigere Einzelbeobachtungen bei den
Grabungen, die durch Lichtbilder veran-
schaulicht wurden, sind z. B. die zahlreichen
Wandkanäle in den heute noch stehenden
Mauern des Caldariums — die sehr sorgfältig
gebauten, breit vorspringenden Fundamente,
die eine Vorstellung von den gewaltigen Ge-
wölbelasten geben, für die sie bestimmt
waren — mehrere Apsiden, mit denen die
Palästra ausgestattet war u. a. Die Da-
tierung des ersten Baues gibt eine Münze
frischer Erhaltung aus den Jahren 313 — 317,
die unmittelbar an einem der freigelegten
Fundamente gefunden wurde, und ein Grab-
relief späten Stiles, das in der Therme zum
zweiten Male, als Türwange, verwendet ist.
Gleichfalls für konstantinische Zeit spricht
die Entdeckung von Grabmälerquadern in
den Fundamenten, wie sie in ganz gleicher
Weise von dem konstantinischen Kastell in
Neumagen an der Mosel bekannt ist.
Für den Umbau ist charakteristisch die
Rücksichtslosigkeit, mit der auch die schwer-
sten Mauern des Frigidariums und der an-
grenzenden Räume beseitigt sind, um Platz
zu schaffen für die Langhallen, die den ver-
größerten Säulenhof umgeben. Die Art und
Tiefe der Fundamentierung und der An-
schluß der Umbaufundamente an die des
alten Baues lassen deutlich erkennen, daß
auch dieser Umbau noch in die römische Zeit
gehört. Zu ihm gehört auch ein unmittelbar
benachbartes kleines Peristyl mit verschiede-
nen Zimmern, der Teil eines Wohnbaues,
möglicherweise ein kleines Bad. Der große
kreuzförmige Saal des Caldariums hat, und
zwar schon im frühen Mittelalter, als Kirche
zum heiligen Kreuz gedient. Man muß
fragen, ob etwa schon im 5. Jahrhundert die
Therme im Zustande halber Zerstörung in
diese Kirche umgewandelt sein könnte. Oder
ist die Therme — vielleicht in der Zeit des
Kaisers Gratian — als Palastbau herge-
richtet und benutzt worden.'' Beide Lösun-
gen der noch schwebenden Frage dieser
zweiten Benutzung Würden ein Resultat von
allergrößtem historischen Interesse be-
deuten.
Der ursprüngliche Bau, die Trierer Kon-
stantinstherme, nimmt in der Entwicklungs-
reihe der römischen Thermenbauten eine
besonders wichtige und lehrreiche Stelle ein.
An den Hauptthermen einiger Provinzial-
städte Afrikas, wie Cherchel, Lambaesis und
Timgad, läßt sich eine ganz organische Ent-
wicklung des Typus der Thermen mit sym-
metrischem Grundriß aufzeigen, der seine
höchste Vollendung und bedeutendste Aus-
gestaltung für die Provinzialstädte in den
Thermen von St. Barbara in Trier gefunden
hat. Diese andere Trierer Therme gehört
nach der Verteilung der Räume mit denen
der Provinzialstädte zusammen, während sie
sich durch die Größe der Säulen neben die
Kaiserthermen der Stadt Rom stellt. Diese
letzteren bilden einen Spezialfall der Ther-
menentwicklung, dessen Eigenart in der
symmetrischen Anlage von zwei Palästren
statt der normalen einen Palästra und in
der Verbindung dieser Palästren mit dem
alles beherrschenden Hauptsaal des Ge-
bäudes, dem des Frigidariums, beruht. Der
Benutzungsgang der Baderäume, vom Aus-
kleideraum durch ein erstes Tepidarium und
57
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. — Preisaufgabe. — Bibliographie.
58
Caldarium in die Sudatio und von da durch
die großen Säle, das zweite (Haupt-)Cal-
darium, das zweite Tepidarium in den Frigi-
dariumsaal als Schluß der Benutzung scheint
überall derselbe gewesen zu sein. Einzig die
Konstantinstherme in Rom ist mit nur einer
Palästra und der ganzen Raumverteilung der
einzige Repräsentant des provinzialstädti-
schen Thermentypus in der Hauptstadt
Rom. Gerade diese Therme zeigt in ihren
Hauptzügen deutliche Übereinstimmung mit
der Trierer Konstantinstherme, unserem
»Kaiserpalast«, und gibt damit der Er-
kenntnis, daß wir darin eine Therme zu
erblicken haben, eine neue Bestätigung.
Die anschließende Diskussion, an der sich
die Herren Loeschcke, Dragen-
dorf f und W i e g a n d beteiligten, drehte
sich im wesentlichen um die Frage, ob wir in
den gewaltigen Bauresten eine Thermen-
oder eine Falastanlage zu erkennen haben,
beziehentlich ob durch den nachweisbaren
Umbau die ursprünglichen Thermen in einen
Kaiserpalast umgewandelt worden sind.
PREISAUFGABE.
Die K. Bayer. Akademie der Wissen-
schaften stellt auf Vorschlag ihrer philo-
sophisch-philologischen Klasse zur Bewer-
bung um den von Herrn Christakis
Zographos gestifteten Preis mit dem
Einlieferungstermin 31. Dezember 191 7
folgende neue Aufgabe:
„Das Unterrichtswesen im byzan-
tinischen Reiche vom Zeitalter
Justinians bis zum i 5. Jahrhundert."
Über das Unterrichtswesen der byzantinischen
Frühzeit ist in den letzten Jahren durch wertvolle
Untersuchungen Licht verbreitet worden. Im An-
schluß daran soll der Versuch gemacht werden,
auch für das byzantinische Mittelalter die Anstalten
und Einrichtungen festzustellen, die dem niederen
und dem höheren Unterricht dienten. Dabei wäre
zunächst die äußere Organisation zu schildern, der
Anteil des Privathauses, der staatlichen und der
geistlichen Behörden, dann vor allem der Betrieb
und die Methode des Unterrichts sowohl in den
Elementarfächem wie auf den verschiedenen Stufen
des höheren Unterrichts. Da bis jetzt nur wenige
Vorarbeiten für einzelne Unterrichtsanstalten und be-
stimmte Zeitabschnitte vorliegen, müßte die ge-
druckte Literatur vollständig durchgearbeitet werden,
vor allem die Schriften der Grammatiker und
Rhetoren, sowie die Kommentare zu den Werken
der antiken Klassiker; außerdem aber ist in den
griechischen Handschriften der europäischen Biblio-
theken ein reiches Material überliefert, das bisher
nicht verwertet worden ist.
Die Bearbeitungen dürfen ohne Rück-
sicht auf die Nationalität der Verfasser nur
in deutscher, lateinischer oder griechischer
Sprache geschrieben sein und müssen an
Stelle des Namens des Verfassers ein Motto
tragen, welches auf der Außenseite eines
mitfolgenden, den Namen des Verfassers
enthaltenden, verschlossenenBriefumschlages
wiederkehrt.
Der Preis beträgt 2000 Mark, wovon die
Hälfte sofort nach Zuerkennung des Preises,
der Rest nach Vollendung des Druckes
zahlbar ist.
BIBLIOGRAPHIE.
Die Bibliographie erscheint von jetzt ab,
wie bereits im vorigen Jahre mitgeteilt ist
(Arch. Anz. 191 3 Sp. 90), getrennt vom Ar-
chäologischen Anzeiger als ein gesondertes
und getrennt paginiertes Heft des Archäo-
logischen Jahrbuches, mit dem sie bezogen
wird. Sie wird in dieser Form zum ersten
Mal dem Jahrgang 1914 beigegeben, die
Erscheinungen des Jahres 19 13 umfassen
und Anfang Mai ausgegeben werden. Mit
Rücksicht auf die von der Römisch-Ger-
manischen Kommission d. K. Archäol. In-
stituts in ihren Berichten herausgegebene
ausführliche Bibliographie des Römisch-
germanischen Gebietes sieht die Biblio-
graphie des Jahrbuches ein für allemal von
den dort eingehend behandelten Gebieten,
also Deutschland, Holland, der Schweiz,
Frankreich, Belgien und Österreich-
Ungarn ab.
Der Bezugspreis des Jahrbuches ein-
schließlich des Archäologischen Anzeigers
und der Bibliographie wird vom Band XXIX
19 14 ab, entsprechend dem gesteigerten
Umfang der Bände, auf 24 M. erhöht. Die
Bibliographie ist auch gesondert zum Preise
von 4 M. zu beziehen.
Archäologischer Anzeiger
Beiblatt
ZUM Jahrbuch des Archäologischen Instituts
1914. 2.
DIE ÄLTESTEN TERRA-SIGILLATA-
FABRIKEN IN MONTANS AM TARN.
Die ältesten feineren Tongefäße aus roter
Terra sigillata, die uns am Rheine bei den
Ausgrabungen römischer Kulturschichten
begegnen, stammen ausschheßhch aus Italien,
namentlich aus Arezzo. Lange Zeit be-
herrschte die italische Terra sigillata ohne
provinziale Konkurrenz den gallischen und
rheinischen Markt. Erst nach Chr. Geb. trat
ein Wandel ein: im südlichen Gallien ent-
standen Terra-sigillata-Fabriken, deren Er-
zeugnisse die italischen Muster täuschend
nachahmten und die italische Ware schließ-
lich vollständig aus Gallien und vom Rheine
verdrängten.
Diese starke Umwälzung auf einem wich-
tigen Gebiete des gallischen Handels vollzog
sich natürlich nicht mit einem Schlage.
Zunächst waren es gewisse italische Töpfer,
die durch einen viel stärkeren Warenabsatz
ihre italischen Konkurrenten weit übertrafen
und aus dem Felde schlugen, sei es, daß sie
zielbewußter und erfolgreicher die Einfuhr
nach Gallien zu beherrschen verstanden, sei
es — was mir wahrscheinlicher dünkt — ,
daß sie ihre Arbeiter mit dem nötigen Gerät
wie Werkzeuge, Farbmittel, Formschüsseln
nach Gallien entsandten und dort eigene
Betriebe ins Leben riefen. Es waren dies vor
allen die Töpfermeister in dem Hause des
Cn. Ateiits wie Chrestus, Eukodus, Makes,
Xanlhiis und Zoilus, die, obwohl nur Sklaven
Archäologisclier Anzeiger 1914.
oder Freigelassene, doch mit großen Mitteln
und regem Unternehmungsgeist ein aus-
gedehntes Geschäft nördlich der Alpen be-
trieben. Um dem offenbar schweren Kon-
kurrenzkampfe auf dem gallischen Markte
besser gewachsen zu sein, verbanden sich
Chrestus und Euhodus, Makes und Zoilus,
Xantkus und Zoilus zeitweilig zu einem
gemeinsamen Geschäftsbetriebe in Gallien.
Fanden sich doch von den 30 bekannten
Gesellschaftsstempeln dieser drei Ateius-
Paare 29 Stück in Gallien und am Rhein
und nur eins in Tarraco in Spanien'), keins
aber bisher in Italien und Afrika. Diese
Kompagniegeschäfte italischer Töpfer auf
gallischem Boden fallen, da ihre Erzeugnisse
auch in den jüngeren Halterner ^) Schichten
vertreten sind, etwa in die Zeit von 5 — 15
n. Chr.
Wie die Funde in gleichzeitigen römischen
Kulturschichten zeigen und wie die Ent-
wicklung der Terra-sigillata-Industrie im
Norden beweist, waren in dem genannten
Zeitraum die Konkurrenten des Hauses
Cn. Ateius nicht mehr die alten itali-
schen, sondern bereits die neuen galli-
schen Terra-sigillata-Firmen. Denn da
unter den Halterner Funden gallische Marken
wie Foni[ei), Fronto II feci, Jotkur, Rustici,
■) CIL II 4970, 61 b.
') Vgl. Siegfr. Loeschckc, Keram.
Funde aus Haltern, Mi«, d. A. K. f. Westf. V 1909;
Karl H ähnle, Keram. Funde aus Haltern,
ebend. VI, 191 2, 35 ff.
6l
Die ältesten Terra-sigillata-Fabriken in Montans am Tam.
64
C. Tigranei stark vertreten sind, kann es
nicht mehr zweifelhaft sein, daß d i e
gallische Terra-sigillata- In-
dustrie bereits am Ende der
Regierungszeit des Augustus
mit Erfolg arbeitete.
Der Platz oder die Plätze, wo in Gallien
die neue Industrie zuerst Wurzel schlug,
sind noch nicht mit Sicherheit festgestellt.
Das bekannte Töpfergebiet 1 a G r a u -
fesenque') (D^p. Aveyron) scheint mir
nach den bisher dort gemachten Funden
nicht in Frage zu kommen. Aus der umfang-
reichsten Sammlung daselbst gefundener
Terra-sigillata- Stücke, die im Besitze des
Abbe Hermet in l'Hospitalet (Cevennen)
ist und die mir vor einem Jahre dank dem
Entgegenkommen des Besitzers zugänglich
war, scheint mir vielmehr hervorzugehen,
daß die frühesten Betriebe in la Graufesenque
erst in das zweite Viertel des I. Jahrhunderts
n. Chr. fallen.
Zu den südgallischen Töpfereien, die älter
sind als die von la Graufesenque und die
als Konkurrenten der y^i«M5-Gesellschaften
in Betracht kommen, gehören sicherlich die
ältesten Betriebe in Montans am Tarn,
an der Grenze von Aquitania und Gallia
Lugdunensis. Ein Besuch der Museen in
Poitiers, Saintes, Perigueux, Bordeaux, Albi
und namentlich Toulouse 2), wo jetzt die
meisten Töpfereifunde aus Montans ver-
einigt sind, ermöglichte mir, an Hand der
dort aufbewahrten glatten und verzierten
Gefäße, der Namensstempel und der Gefäß -
formen eine genauere Datierung der Mon-
tanser Erzeugnisse zu gewinnen, als die bis-
herigen Veröffentlichungen gestatteten. Noch
Jos. D^chelette, der in seinem grundlegenden
Buche 'Les vases c6ram. orn6s' I, 129 ff.
die Reliefgefäße von Montans einer ein-
gehenden Würdigung unterzieht, glaubte
wegen der ungenauen Fundangaben von
einer bestimmten Datierung absehen zu
') Vgl. Jos. D^chelette, Les vases c^ram. orn^s
de la Gaule Romaine, Paris 1904, I 64 f[.
») Für die bereitwillige Unterstützung in den
genannten Museen möchte ich auch an dieser Stelle
den Herren Dr. Jos. D6chelette in Roanne (Loire),
Charles Dangibeaud in Saintes, Marquis de FayoUe
in Perigueux, Emil Cartailhac in Toulouse meinen
Dank aussprechen.
müssen und hebt nur hervor, daß die Reihe
der gefundenen Münzen zwar von Augustus
bis Marc Aurel reicht, daß aber Augustus,
Agrippa, Nemausus und Claudius häufiger
auftreten.
Nach dem Vorgange Camille Jullians,
des verdienstvollen Erforschers des römischen
Bordigala '), ist man noch heute wohl all-
gemein geneigt, die aus Montans stammen-
den Gefäße verschiedener Eppii, eines Felicia,
Nepos und C. C. 0. »wegen der archaischen
Buchstabenformen in die ersten Jahre des
ersten Jahrhunderts« zu setzen. In der Tat
bilden die angeführten Töpfer eine Gruppe
für sich. Ihre Namen stehen in einem lang-
gezogenen Rechtecke, dessen Ecken in
manchen Exemplaren abgerundet erscheinen,
weil die Stempelmatrizen gerade an diesen
Stellen stark verschhssen wurden; die Buch-
staben sind groß, dick, roh und nachlässig
gestaltet; zuweilen ist der ganze Name von
rechts nach links zu lesen, zuweilen sind
nur einzelne Buchstaben verdreht. Das
sind aber alles Erscheinungen, die den
älteren Gefäßstempeln des I. Jahrhunderts
fremd sind. Dazu kommen Ligaturen, in
denen der erste Buchstabe nach links aus-
schlägt (z. B. EP = Ep), eine Schriftmode,
die in früheren Epochen auf den Gefäß-
stempeln — und wohl auch sonst — sehr
selten ist und erst, wenn ich richtig sehe,
seit Domitians Zeit üblicher wird. Vor
allem verweisen die dicken Wandungen,
die Farbe und die Form, teilweise bei JuUian
I 488 abgebildet, diese Gefäße etwa in die
Tage Hadrians und des Antoninus Pius.
Die vermeintliche »vorklassische« Genetiv-
form Eppiai (JuUian I 520. CIL XIII
looio, 848. 852) ist natürlich mit diesem
Zeitansatze nicht vereinbar und ausge-
schlossen. Die Existenz eines Namens Eppia
ist überhaupt fraglich: wahrscheinlich sind
die recht rohen Marken Vldd3 und IViddB
als Eppiu(s) und Eppiu(s) f{ecit) zu lesen.
Jedenfalls gehört diese Gruppe Montanser
Töpfer nicht dem Beginn des I. Jahrhunderts,
sondern frühestens dem Ende des I. oder
dem II. Jahrhundert an.
Allein ein Name, der bisher zu Unrecht
") Cam. Jullian, Les inscriptions Romaines
de Bordeaux I 485 ff. Vgl. auch CIL XIII looio.
65
Die ältesten Terra-sigillata-Fabriken in Montans am Tarn.
66
von den Herausgebern den Eppitcs -Stempeln
zugesellt wurde, muß von dieser späten Ge-
sellschaft geschieden und an die Spitze der
ältesten Montanser Töpfernamen gestellt
werden: LEPTA. Auch im CIL XIII lOOiO,
851 wird er irrtümlich in einen L. Ep{pius)
Tae[....) zerlegt. Jedoch auf allen seinen
in klaren und zierlichen Buchstaben ge-
schnittenen Stempeln fehlen Punkte, welche
eine Verteilung der fünf oder sechs Buch-
staben auf drei Namen rechtfertigten. Viel-
mehr bildet Lepta e i n Wort und ist ein
gutes römisches Cognomen (auch Leptas).
In Ciceros Briefen ist oft die Rede von
seinem 'praefectus fabrum' namens Q. Lepta;
hier spricht die Auslassung des Nomen
gentile und die Benennung des Sohnes mit
an einer dunklen Museumswand in Gips
eingelassen, verraten gleichwohl, soweit
kenntlich, dieselbe frühe Zeit. Wir werden
sehen, daß die drei Stempelformen, so un-
scheinbar sie sind, diese Datierung durchaus
bestätigen.
Alle drei Stempel des Lepta sind zwei-
zeilig gehalten, eine Eigentümlichkeit, die
ohne weiteres sie in das erste Viertel des
I. Jahrhunderts verweist, gleich den übrigen
wenigen südgallischen Genossen gleicher Art,
wie z. B. Senecjionis, Corn/utus, Cap/itu u. a.
Die ältesten gallischen Stempelformate sind
Rechtecke, die dem Quadrate noch recht
nahe kommen. Sehr bald schon wurde
dieses gedrungene Format in Gallien un-
beliebt und das langgezogene Rechteck,
Abb. I. I. gef. in Montans [Mus. Toulouse, 2 Exemplare]. — ■ 2. gef. in Poitiers [Mus. Soc,
2 Exemplare]. — 3. a gef. in Montans [Mus. Toulouse], b Bordeaux [Mus.].
demselben Cognomen nur für die Güte
dieses Cognomens. Auch ein angesehener
Bürger aus Cafes (CIL X 4654) führt dieses
Cognomen: Q. Paconius Q. f. Lepta. Nach
diesen Parallelen darf man in dem Montanser
Töpfer dieses Namens eher einen Freien
als einen Freigelassenen oder einen Sklaven
vermuten.
Drei verschiedene, gleich lehrreiche Stem-
peltypen ') dieses Töpfers sind bekannt.
Von diesen sechs Stempeln stehen vier
(i und 3) auf konischen Tassen, wie sie in
der augusteischen und ersten tiberischen
Zeit gebräuchlich waren 2). Die übrigen
beiden Gefäßfüße aus Poitiers, leider dort
>) Die 18 Stempelbilder auf den Abbildungen i — 5
sind nach meinen Skizzen von Herrn Dr. Feister
gezeichnet, dem ich dafür zu besonderem Danke
verpflichtet bin. Die so entstandenen Stempelbilder
1: eanspruchen nur eine ungefähre Ähnlichkeit.
») Vgl. S. L o e s c h c k e , a. a. 0. Taf. X
Type 8. — E. Ritterling, Das frühröm. Lager
bei Hofheim, Annal. d. Ver. f. Nass. Alt. u. Gesch.
XL 1912, Taf. XXXI Typ. 5.
dessen Ecken oder Kurzseiten abgerundet
werden, allgemein bevorzugt.
Die Eigenart des ersten Lepta-Stempek,
die Wiederholung des gleichen Namens in
beiden Zeilen, ist nicht neu, sondern italischen
Vorbildern entlehnt. Ähnlich ist doppelt
wiederholt auf Terra-sigillata-Gefäßen der
Name Q. Ar{vi) in Chiusi, L. Tarq[uini) in
Neuß, L. Tit(i) in Scherschel, Vibio{rum) in
Karthago; ferner Alban{i), Clari, Diome{dis),
FeK[cis), Urhan{i) auf Gefäßen, die sich be-
sonders im Rheinland in römischen Kultur-
schichten der beiden ersten Jahrzehnte
unserer Zeitrechnung fanden '), u. a. auch
in Haltern. Darnach gehört dieser Lepta-
Stempel in dieselbe Zeit.
Die zweite Stempelform Leptas zeigt eine
auffällige Ähnlichkeit mit puteolonischen
Töpferstempeln der gleichen Epoche. Der
Kranz aus schmalen, spitzen Blättchen,
') E. Ritterling, Mitt. d. A. K. f. Westf.
II, 1901, 144 Anm. — Siegfr. Loeschcke,
ebenda Heft V, 1909 175.
3*
61
Die ältesten Terra-sigillata-Fabriken in Montans am Tarn.
68
darin nicht rundlaufende, sondern quer-
gestellte Schrift in einer oder zwei Zeilen,
ist ein bekanntes Merkmal puteolanischer
Sigillatamarken des A^. Naevius, Q. Ponipeius
Serenus, L. Urbanus, Anthus, Eros, Gamus,
Tüus '). Auch drei andere Stempel aus
Montans, die jetzt im Museum zu Toulouse
sind, haben die kranzartige Einfassung.
Nr. 4 steht auf einem Teller, dessen Rand
ohne Eckleiste senkrecht aufsteigt (Haltern
Typ 2, I — 6 S. 143), und der mit einem
anderen Teller im Brennofen zusammen-
gebacken ist. Nr. 5 steht, wie ein gleicher
Stempel in Saintes, auf einer konischen
Tasse (Haltern Typ. 8). Stempel 6, auf den
wir unten noch zurückkommen werden,
ist auf einer zu stark gebrannten, daher
werksmäßige Verrichtungen besorgte, son-
dern leitete einen größeren Betrieb mit
mehreren Arbeitern, den er mit der Sprache
und dem Stolz des Provinzlers o/ficina
nannte. Seine italischen Zunftgenossen be-
zeichneten bekanntlich viel bescheidener
ihre Werkstatt als figlina und sich selbst als
figuli; so lauten italische Terra-sigillata-
Stempel: A. Tili figuli Arrelini, A. Vibi
figuli, Senti figuli, M. Servili figuli. Das
stolzere Wort officina — entstanden zwar
aus opi-ficina, von den gallischen Töpfern
aber fast durchweg oficina, ofic, oft, of ge-
schrieben — kommt wohl sonst im Töpfer-
gewerbe vor »), ist aber weit üblicher zur
Bezeichnung der vornehmen Werkstätten
der Gold- und Silberschmiede, aus denen die
violetten Tasse eingedrückt von der Form
Haltern 11, der Vorform zu Drg. 27.
Mehr Beispiele zu diesen Montanser Typen
führt das CIL XIII 10009, I und 5 (zu
Typus 6), 221 (zu Typ. 4) an. Alle diese
Rundstempel sind, wie die Umrahmung
des Kranzes zeigt, von puteolanischen
Mustern derselben Zeit (etwa 5 — 15 n. Chr.)
beeinflußt.
Anders Typus 3. Mit der Abfassung dieses
Stempels verließ Lepta seine bisherigen
italischen Muster und wagte eine wichtige,
spezifisch gallische Neuerung: er schuf den
ersten oder sicherlich einen der ersten
0//ia'Ma- Stempel. Lepta war also damals
nicht mehr ein schlichter Töpfermeister, der
selbst Lehm grub und Ton schlemmte, mit
dem Fuß die Drehscheibe rührte und mit
der Hand den Ton knetete, die Gefäße selbst
färbte und brannte und dergleichen hand-
') Von dem bekannten italischen Töpfer T. Mallius
Fortunatus ist ein derartig umkränztet Rundstempel
bisher nur in Bordeaux gefunden mit der einzig-
artigen Fassung T. Manli // Fort.
viel kunst- und wertvolleren Gefäße aus
Edelmetall hervorgingen. Die gallischen
Töpfer scheinen sich demgemäß auch nicht
figuli, sondern lieber wie die Goldschmiede
vascularii genannt zu haben.
Ehe wir die Töpferei Lepias verlassen,
lohnt es sich, noch einen Blick auf das
Absatzgebiet seiner Waren zu werfen. Es
ist sehr bescheiden. Außer in Montans
sind seine Waren nur in Bordeaux, Poitiers,
Limoges und Angers nachgewiesen (CIL
XIII loooio, 851). Auch sein Zeitgenosse
Rufus (Typ. 4) fand keinen weitergehenden
Absatz: er ist außer in Montans nur noch in
Poitiers (2) und le Mas d' Agenais gefunden
(CIL XIII 10009, 221). Die Verbreitung
des Typ. 6 wird unten besprochen werden.
Unter den vielen Tausenden von gallischen
O/^awa- Stempeln gibt es außer von Lepta
nur noch von Acutus Zweizeiler. Dieser
Töpfer arbeitete mit Lepta zur gleichen
Zeit und am gleichen Orte, wie der schon
Vgl. Plin. n. h. XXXV 161 : roiae officina.
69
Die ältesten Terta-sigillata-Fabriken in Montans am Tarn.
70
oben (Typ. 6) angeführte Stempel beweist
und eine ebenfalls aus Montans stammende
Formschüssel mit seinem Namen (CIL XIII
lOOll, 28). Und wie in Lepta werden wir
auch in Acutus eher einen Freien als Unfreien
vermuten '). Von seinen Gefäßstempeln ^)
kommen für unsere Untersuchung außer
dem Typus 6 (s. o.) noch 7 — 11 in Betracht.
Schon ein flüchtiger Blick läßt erkennen,
daß die Stempel des Acutus eine weitere
Entwicklung erlebt haben als die des Lepta,
und daß somit Acutus länger arbeitete als
Lepta. Ist doch offenbar aus dem Zweizeiler
Acljuti, der im stilgerechten runden Kranze
steht (Typ. 6), der Einzeilcr Acut(i) in
einem stilwidrigen viereckigen Kranze (Typ. 7)
hervorgegangen; haben sich doch ferner
(s. o. Sp. 62) zweizeilig: nur der jüngste
Xanthi [et] Zoili ist bereits einzeilig. In Neuß
fand sich sowohl Proti // Calidi wie Prot.
Calidi, inPuteoIi Favor jj Nävi neben Favor
Na{vi). Man wird nach diesen analogen
Beispielen auch in der Fabrik des Acutus
den Übergang vom zweizeiligen zum ein-
zeiligen Stempel lieber vor 20 n. Chr. als
darnach annehmen.
Wie wir aus der äußeren F"orm der Stempel
ein längeres Bestehen dieser Montanser
Töpferei erschließen können, so gibt auch
eine Zusammenstellung derjenigen Orte, wo
die einzelnen Stempeltypen gefunden wur-
den, ein höchst lehrreiches Bild von dem
mehr und mehr gesteigerten Absatz und
dem gewaltigen Emporblühen ihres Be-
©WI&
Abb. 3.
C@¥i€A€W l)
<) 10 11
nur aus dem gedrungenen Zweizeiler offtclj
Acuti die langgestreckten Einzeller o'ßc. Acuti
und of. Acuti entwickeln können. Lepta\\2.t,
wie wir sahen, die Entwicklung des zwei-
zeiligen Stempels zum Einzeller nicht mehr
erlebt. Es liegt diesem Übergang vom
Zweizeiler, der im Quadrat oder gedrungenen
Rechteck steht, zum Einzeller im länglichen
Rechteck ein ganz charakteristischer Ge-
schmackswechsel zugrunde, der sich auch
auf den italischen Töpfermarken um 10 — 15
n. Chr. bemerkbar macht. So sind die
Gesellschaftsstempel der verschiedenen Ateius
') Vgl. z. B. CIL XII 4969 L. Man. L. f. Acutus.
') Die Jüngern Stempel Acuti m, Acutus, Aquti
u. a. stammen schwerlich alle aus seiner Fabrik.
Acutus steht in Vechten [Leiden] au£ zwei Tassen
der Form Drg. 27 und in Windisch [Mus. Brugg
n. 235] auf einer halbkgl. Tasse der Form Drg. 24.
Acuti in Elche (Spanien) auf Tasse der Form Drg. 27.
Acuti m(anu) in Neuß auf Reliefhumpen Drg. 29.
Vielleicht gehört hierher auch der zweizeilige Stempel
ACVTI//BILI.AR, der m. E. eher zu Acuti (et)
Bili(cati) Ar(vernorum) zu lösen ist als zu Acutibili
Arfyerni) und der anzudeuten scheint, daß Acutus
und Bilicalus zeitweise zusammenarbeiteten.
triebes. In der ersten Zeit ihres Bestehens,
wo noch die runden Kranzstempel in An-
wendung kamen, war das Absatzgebiet — •
ähnlich wie bei Lepta und Rufus — • nur
ein beschränktes: Bordeaux, Poitiers (3),
Varennes und Autun '). Der etwas jüngere
viereckige Stempel Acut (im rechteckigen
Kranz) drang dann bereits bis Mandeure
(Museum Montbeliard) vor. Als darauf der
Betrieb zu einer officina ausgestaltet wurde,
wuchs mit der Leistungsfähigkeit auch das
Absatzgebiet. Die Zweizeiler offic // Acuti
u. ä. gelangten nach Poitiers, Vichy, Va-
rennes (2), Chäteau Landon, Tours, dem
Mont Beuvray ^) und Trier 3).
') Dazu kommt in jüngster Zeit noch Silchester
in England, wie mir Haverfield-Oxford mitteilt;
der dort gef. Stempel Ac. 'in Corona', auf Tasse
Haltern-Form 8, wird in dem Museum zu Reading
bewahrt.
2) Bulliot, Fouilles du Mont Beuvray 1899
T. II 164.
3) Das Trierer Exemplar (Prov. Mus. Nr. 6361 ^),
ein gut erhaltener Teller mit schönen Innenprofilen
(s. Abb. 4) und mit dem Stempel Typ. 8, ein Kleinod
der frühesten gallischen »Officinen«, wurde 1902 im
71
Die ältesten Terra-sigillata-Fabriken in Montans am Tarn.
72
Den Höhepunkt ihrer Leistung erreichte
die Acutus-Offizin ein wenig später, zur Zeit,
wo ihre Stempelmarken das langgezogene
Format des Einzeilers haben. Die Gefäße
aus dieser Epoche sind nicht nur in Bordeaux,
Jarnac, Gievres, Bourges, Voroux, Clermont,
Lyon (2), Gent gefunden worden, sondern
in erheblicher Anzahl auch am Rheine in
Vcchten (10 Ex.), Nymegen [Samml. Kam],
Xanten, Asberg [Mus. Duisburg], Neuß
(4 Ex.), Mainz (mindestens 5 Ex.), Worms,
Bregenz; ferner auf dem Auerberg (Bayern)
und in Windisch [Mus. Zürich] und sogar
in den spanischen Küstenstädten Tarraco
(2 Ex.) und Elche. Aus diesen verschiedenen
Übersichten der Fundplätze geht eins klar
ohne innere Eckleiste ') stellte die junge
gallische Fabrik her, wie Funde in Vechten
(2 Ex.), Neuß (Samml. Sels 153), Bregenz
und Windisch beweisen. Ein großer Töller
dieser Form mit der Marke of. Aculi, der
in Asberg (Asciburgium) gefunden ist und
jetzt im Museum Duisburg verwahrt wird,
hat noch den alten breiten Fuß der arretini-
schen — oft viermal gestempelten— Platten^).
Ein gleiches Exemplar in Narbonne (Samm-
lung Rouzaud). Der letztgenannte Stempel
findet sich am häufigsten auf den konischen
»Tassen mit gegliederter steiler Lippe«, die
in Haltern besonders zahlreich auftreten 3);
sechs solcher Acutus -T aussen in Vechten, vier
in Mainz, je eine in Neuß und Worms.
@glFg(g
Abb. 4. Maßstab des Trierer Tellers i : 2, des Stempels i : i.
hervor: Acutum, der seinen Töpferbetrieb
aus kleinen Anfängen zu einer mächtigen
Entwicklung brachte, war an der Er-
oberung des ganzen gallischen und rheini-
schen Marktes und damit zugleich an der
vollständigen Verdrängung der italischen
Vorläufer aus diesen Gebieten lebhaft be-
teiligt.
Die Gefäßformen, mit denen in
diesem Wettstreit die jungen gallischen
Firmen auf den Plan traten, waren die
gleichen wie die ihrer Partner. Der in Trier
gefundene Teller des Acutus (Abb. 4)
könnte nach seiner Form (»hängende Lippe«)
ebensogut in Haltern gefunden sein '). Zwei
Teller des Acutus, die in Vechten und
Nymegen gefunden wurden und den ein-
zeiligen Stempel ofic. Acuti tragen, sind von
derselben Form. Auch Teller mit Steilrand
römischen Gräberfeld vor der Porta Nigra Paulin-
str. 123 bei den Kanalisationsarbeiten ausgegraben.
') Vgl. die Formtafeln S. Loeschckes a. a. 0.
S. 139, Abb. I und Taf. X la.
Neben diesen Gefäßen italischer Form
begann die Acutus-Oiiizm auch schon die
Herstellung von Gefäßen rein gallischer Art,
von Reliefhumpen der Form »Dragendorff
29«: mir ist ein solches Gefäß aus Mainz
mit dem Stempel ofic A[cuti] und eins aus
Vechten mit dem Stempel Acuti m[anu)
bekannt. Beide dürften somit zu den
ältesten Vertretern dieses rein gallischen
Typus zählen. Da gewisse Elemente der
Reliefs dieser älteren gallischen Schüsseln,
insbesondere das »fischblasenartige« Voluten-
ornament, auf italische Konkurrenzmuster
zurückgehen, die den Stempel des Cn. Ateius
Xanthus oder Bargathe{s) — M. Perenni
tragen 4), so muß man schon aus rein stilisti-
schen Gründen das Aufkommen der galli-
') Vgl. ebenda S. 143 Abb. 2, i — 6 und 9 — 10,
Taf. X 2 a und 5 a.
«) Vgl. zur Form des Fußes a. a. O. S. 139 Abb. i , 7
und Taf. X 4 b.
3) a. a. 0. Taf. X 8 und S. 147 ff.
4) Vgl. a. a. 0. Taf. XVII 6 und S. 160. R. Knorr,
T.-Sig.-Gef. V. Aislingen, 1913, S. 14 ff. und Taf. I.
73
Die ältesten Terra-sigillata-Fabriken in Montans am Tarn.
74
sehen Reliefschüsseln Drg. 29 etwa in die
Zeit 15 — 25 n. Chr. setzen.
Auch zwei gut beobachtete Schichten -
fynde rechtfertigen diesen Zeitansatz für die
Acutus -Oifizin. Auf dem Mont Beuvray,
dessen Baulichkeiten in der Hauptmasse
um 5 V. Chr. geräumt wurden •), fanden
sich in einer ausdrücklich als jünger er-
kannten Kulturschicht *) die beiden Marken
Ateijl Xanthi und ofß.cin jj Acuti. In Mainz
(Lahnstr.) fanden sich am 5. August 1902
in derselben Kulturschicht neben der itali-
schen Marke Mena // Avih mehrere früh-
gallische, darunter jene vier konischen Tassen
mit of. Acuti. Sowohl der genannte Ateius-
wie der Avülius •Stem.'ptX gehört zu den jün-
geren Marken in Haltern.
Montans fanden sich 6 Exemplare, je eins in
Poitiers und Auch, abgebildet im CIL XIII
lOOiO, 2846 k und 2815. Vielleicht ist
zu lesen L. Aurelio{s) ') oder L. NigeUo[s).
Während auf der Mehrzahl der gallischen
Stempel nur das Cognomen des Töpfers
genannt wird, steht hier nach guter römischer
Sitte jener Zeit Praenomen und Gentile,
aber letzteres in der keltisierenden Nomi-
nativform auf ■io[s) statt -lus.
Surus II Nigri ist in zwei Exemplaren
bekannt. In Montans fand sich ein Tassen -
boden (Drg. 24.^), in Saintes ein großer
Tellerboden mit breitem Fußring der alten
arretinischen Form.
Ainicicu{s) oder Ainicisu{s) und Contouca
sind offenbar keltische Namen; Contouca
Abb. 5.
Da wir nur die ältesten Montanser
Töpfer hier zu behandeln beabsichtigen,
mögen am Schlüsse noch die Töpfernamen
aufgeführt werden, die — in Montans ge-
funden und im Toulouser Museum auf-
bewahrt — durch ihre zweizeiligen Stempel
ihr höheres Alter dartun.
Von den in Abb. 5 nach einer Skizze
wiedergegebenen Marken 12 — 18 harrt Nr. 12
noch einer sicheren Entzifferung: die älteren
klaren Abdrücke stehen auf konischen Tassen
mit Steilrand, Typus Haltern 8, die jüngsten
auf halbkugligen Tassen der Form Drg. 24.
Die jüngsten Abdrücke haben fast ovale
Gestalt angenommen und die Umrahmung
fast eingebüßt, da offenbar in der rauhen
Hand des Töpfers die vierkantige Matrize
des Handstempels im Gebrauch mehr und
mehr verschliß und sich abrundete. In
') D^chelette, Vas. c^r. orn6s 1 S. 31.
») BuUiot, Fouilles du mont Beuvray, iS
T. II 164.
(Nr. 18) steht auf einer konischen Tasse
(Form Haltern 8), Contouca f{ecit) (Nr. 17)
auf einem frühen Reliefhumpen der Form
Drg. 29.
Endlich ist die Marke 13 Para/tus f{ecil)
auf einem frühen, feinen Tellerboden, Marke
14 Parati ■m{anu) auf einer Formschüssel für
Reliefgefäße des Typus Drg. 29 zwischen
den Ornamenten am oberen Rande ange-
bracht. Der Platz dieses letzten Stempels
ist für eine gallische Reliefschüssel des
genannten Typus durchaus ungewöhnlich;
die nächste Parallele sind italische verzierte
Kelche, besonders solche mit den rücksichts-
los zwischen den Verzierungen angebrachten,
derben Namenszügen des Bargathe{s) —
M. Perenni.
Auf italischen Terra-sigillata-Marken be-
gegnet uns das Wort manu ebensowenig wie
officina. Beide Ausdrücke scheinen in den
') Vgl. CIL XIII 10009, 72 Saintes: Aür I eliu(_s)
auf einer konischen Tasse, wie mir schien.
75
Das älteste römische LängenmaB und der Tempel des Jupiter Capitolinus.
76
Töpfereien zu Montans aufgekommen zu
sein; denn nach unseren bisherigen Er-
fahrungen zählen die beiden Montanser
Stempel Acuti in{anu) und Parati m(anu)
zu den ältesten Beispielen. Bezeichnender-
weise stehen die beiden Stempel auf relief-
geschmückten Schüsseln der Form Drg. 29,
also Gefäßen, die durch den eigenartig ge-
drehten Fuß und durch den Kantenwulst
zwischen zwei Perlstäben von jeher metal-
lische Vorbilder vermuten ließen. Erwecken
doch die beiden Perlstäbe die Vorstellung,
als seien an dieser Stelle die beiden Orna-
mentstreifen des Bodens und der Wand mit
Nägeln aneinander genietet und seien die
anstoßenden Ränder durch den Rundstab
zwischen den beiden Nagelreihen verdeckt
und gedichtet. Es ist daher um so weniger
wunderbar, daß auch auf dieser Gefäßsorte
der gallische Töpfer für seine Fabrikmarke
die Terminologie der feinen römischen
Toreutik in Anspruch nahm. Von kostbaren
Gefäßen aus Edelmetall sagt z. B. Cicero
(in Verrem lib. IV 32 und 38): hydria
B o e t hi manu facta und perbona
toreumata, in Ms pocula quaedam, quae
Thericlia nojninantur, Mentoris manu
summo artificio facta. Ebenso regelmäßig
wie bei Cicero steht auch auf den gallischen
Gefäßstempeln das Wort manu hinter dem
Künstlernamen; umgekehrt steht der Aus-
druck officina auf den älteren Gefäßmarken
immer vor dem Namen des Fabrikbesitzers.
Eine Auflösung des abgekürzten Wortes zu
m{anibus) ist nach lateinischem Sprach-
gebrauch nicht statthaft; auch die vorbild-
lichen Griechen sagten in diesem Falle
^eipi; auch wir Deutsche sprechen nicht
von den Händen, sondern von der Hand des
Künstlers, wenn wir an die Werke seiner
schaffenden Rechten denken.
Crefeld.
A. Oxe.
DAS ÄLTESTE RÖMISCHE LÄNGEN-
MASS UND DER TEMPEL DES JU-
PITER CAPITOLINUS.
Die Frage, nach welchem Maß die in die
Königszeit hinaufreichenden Fundamente des
alten Jupitertempels auf dem Kapitol gelegt
sind, glaubte 0. Richter (Hermes XVIII
1883, 616 ff. und XXII 1887, 17 ff.) auf
Grund der metrologischen Untersuchungen
Dörpfelds, Nissens und Mommsens ') dahin
entscheiden zu können, daß das Baumaß
der sog. oskische Fuß im Betrage von
ca. 278 min') gewesen sei, für dessen Vor-
handensein in Latium er (XXII 23) wert-
volles Material beigebracht hat. Dieser
Auffassung möchte ich im folgenden, ohne
gegen Richter im einzelnen zu polemisieren,
eine andere These entgegenstellen.
Im Zusammenhang einer größeren metro-
logischen Untersuchung 3) ergab sich mir
die Gewißheit, daß Dörpfelds Auffassung,
auf die Richter (a. a. O. 22) Bezug nimmt,
das gesamte ursprüngliche Maß- und Ge-
wichtssystem der Römer basiere auf eben
jenem oskischen Fuß, hinfällig ist. Vielmehr
habe ich die Überzeugung gewonnen, daß —
was auch plausibler erscheint — das
altrömische Maß und Gewicht mit dem
etruskischen identisch war, und daß die
Etrusker dasselbe in direktem Kulturaus-
tausch von den Phöniziern erhalten haben 4),
bzw. daß es das Maß der alten Tursa-
Tuparjvoi' im östlichen Mittelmeer gewesen ist.
Unter diesem Gesichtspunkt trete ich an
die Maßfrage des Tempels heran: ich bin
der Meinung, daß das Baumaß die sog.
ägyptische Königselle von 525 mm bzw. ihr
Fuß von 350 mm gewesen ist, Maße, die im
Bereiche der altorientalischen Kultur, wie
feststeht, die weiteste Verbreitung gehabt
haben 5). —
Dionysios von Halikarnaß berichtet (Arch.
Vgl. Dörpfeld, Athen. Mitt. X 1885, 289 ff.
Herrn. XXII 79 ff. Nissen, Pompejanische Studien,
Leipzig 1877, 86; Metrologie bei J. Müller, Handb. I ',
884!. Mommsen, Herrn. XXI 418 fi".
2) Dies der wahrscheinlichste Normalwert (Grenz-
beträge 275 — 278, 2)nach Dörpfeld. Nissens Messungen
in Campanien ergaben 275 mm.
3) Vgl. (demnächst) Metrologische Forsch' ngen II,
Hermes L 1915 Heft 2.
4) Über die enge Liierung von Latium und Etrurien
und Etruriens Verbindung mit den Phöniziern in
der römischen Königszeit sind keine Worte zu ver-
lieren (vgl. neuerdings U. Kahrstedt, Klio XII 1912,
461 ff.). • — Die Ruinen unseres Tempels können
den etruskischen Einfluß nicht verleugnen.
5) Vgl. Herrn. XLVII 592.
17
Das älteste römisclie Längenmaß und der Tempel des Jupiter Capitolinus.
Abb. I. Tempel des Jupiter Capitolinus. Maßstab i : 500.
IV 61, 3) über den Tempel folgendes: STrotr^&T)
hrX y.p/jTrroo^ u'J/TjXtjJ ßsßrjxm? oxxoc'-XsOpo; ttjv
TTSpi'oooy, oiaxoai'ojv ttoSöjv s"CYt3Ta ttjv TrXeupäv
ej^MV exotair/v iXt^ov 8s Tt tö SiaXXa'xxov
supoi Tis av xifi tjTzspoyjffi tou [iTjZou? irotpa
To TiXaTo; O'jo' oXu)V TrEVTäxaiOcxa ttoowv. im
fip Totc ottjTor; OiixcXtoi? 6 [xsTa ttjv EjAupr^aiv
oiV.ooo[xr(i)iic xaTÖc tou? TraTspa? -fifiüiv supiö/j
Tfj ToXoTiXsia xr,? uXr^? jxovov öwXXotTTtov tou
dpyxho, £x [j.£v toS xaxa 7rpo3(u-ov [Aspou?
TOU TTpO? [XSarjlxßpl'otV ßXäTTOVTO? TplTlXo) TCcpl-
XotfißotvofiEvo? tJTOt'y(w xiovo)V, ix ok TÜ>v T:Xcq((ov
auXü)* Iv o'(xuT(u Tpör? £vsi3t T/jXol rapot'XXr^Xot
xoivä; s/ovTs? TrXsupa?, [jlscjo; [xIv 6 tou Atoc,
irap' sxocTcpov os xo [xspo; ts tt^? "Hpoc? xoti
6 T7)c 'Aör^vä? u'j' svö? o(£Tou xal [iiä? azi-^rfi
xaXuitTO[X£vot. — Das von Dionys verwendete
Maß ist zweifellos der attisch-römische Fuß
von etwa 295 — 296 mm bzw. dessen Plethron
von 100 Fuß oder etwa 29,5 — 29,6 m.
Für die jetzt unter dem Palazzo Caffarelli
verborgenen Rohfundamente des Tempels —
die Bekleidung ist nicht erhalten — finde
ich bei Richter (a. a. 0. 17 ff.) ') folgende,
wie es' scheint, gesicherte Messungsangaben:
I. Die Höhe der Bauquadern schwankt
zwischen 0,30 und 0,32 m (0,31 — 0,32 nach
') Vgl. dess. Topographie bei J. Müller, Handb.
III 3 ', 122.
79
Das älteste römische Längenmafi und der Tempel des Jupiter Capitoliuus.
80
Jordan, Topographie I 2 68). — 2. Von
den sechs Stylobatmauern des Tempels
haben die beiden äußeren eine Dicke von
5,6, die vier inneren von 4,2 m. — 3. Die
kürzere Seite des Tempels mißt 52,50 m.
Dazu bemerke ich: ad i) Die Höhe der
Quadern ist 3/5 Königselle bzw. 9/,o Königs-
.525 ■ 3 ^_... 0,35 ■ 9
fuß oder
(^
5
-ibzw.°^-
10
.)o,
315 m.
— ad 2) Die Dicke der Stvlobatmauern
beträgt (~^ =)
\o,525 /
Ellen bzw. ( -^^^^ = I 1 2 und |
\o,35 /
und {— — =) 10V3
Vo,525 /
Vo,35 ;
16 Fuß.
wand des Tempels mißt genau
vo,525 /
ad 3) Die unbekleidete kürzere Selten-
es
525
100 Ellen bzw. 150 Fuß, woraus sich ergibt,
daß der Tempel ein exfZTOfiirrjj^u? war, wie
der alte Athenetempel auf der Akropolis in
Athen ein IxaTojjLitsooc war.
Die übrigen Dimensionen stellen sich zu
folgenden Beträgen. Die Differenz der
Länge zur Breite betrug im Königsmaß
8 Ellen oder 12 Fuß, d. i. 14,2 — 14,4 römische
Fuß oder 4,2 m. Der Gesamtumfang des
Tempels ohne Bekleidung stellt sich auf
2 • (52,5 + 56,7) d. i. 218,4 m; der Gesamt-
umfang mit Bekleidung (nach Dionys) auf
8 (attische) Plethren, d. i. 8-29,5 bis 29,6
oder 236,0 bis 236,8 m. Demgemäß ist die
Bekleidung selbst, wie es scheint, zu 8 • 4
Ellen oder 12 • 6 Fuß d. i. 8 • 2,1 oder 16,8 m
zu berechnen, da die Addition 218,4 + 16,8
die Summe von 235,2 m, d. h. bis auf die
verschwindende Differenz von 0,8 bis 1,6 m
genau den Betrag von 8 Plethren wieder-
gibt.
Seine bauliche Gliederung anlangend, hatte
der Tempel in der kürzeren Vorderfront 6,
in den Seitenfronten je 7 Säulen (die hintere
Abschlußwand als Säule gerechnet; vgl. die
Planskizze Abb. i). Er hatte also vorn 5, seit-
lich je 6 Interkolumnien. Letzterer Umstand
legt es nahe, die lOO Ellen bzw. 150 Fuß
der Vorderfront in 5 Teile von je 20 Ellen
oder 30 Fuß zu zerlegen; und in der Tat
dürfte man beim Planentwurf von dieser
Gliederung ausgegangen sein. Aber der
Tempel hatte drei Zellen, und diese kann
man kaum zu gleicher Breite angesetzt
haben. Vielmehr ist das normale Ver-
hältnis nach Vitruv hier 4:3 gewesen");
und wenn man dieses auch für unsern
Tempel in Anspruch nimmt, so muß man
das Mittelinterkolunmium bzw. die Breit-
wand der Mittelzelle zu 24 El. oder 36 F.,
die beiden anschließenden Interkolumnien
und Zellenbreiten links und rechts zu je 18 El.
oder 27 F. (insgesamt 60 El. oder 90 F.)
ansetzen. Dann bleiben für die beiden
äußeren Abschnitte je 20 El. oder 30 F.,
und da diese ihrerseits nicht wie jene drei
mittleren Interkolumnien von Säulenzentrum
zu Säulenzentrum bzw. von Wandmitte zu
Wandmitte gemessen sind, sondern die
ganzen Basen der Außensäulen rechts und
links mit einschließen, so bleibt nur die eine
Schlußfolgerung möglich, daß auch die
beiden Außeninterkolumnien, wie die an-
schließenden, je 18 El. oder 27 F. betragen
haben, oder daß man rechts und links je
eine halbe Säulenbasis zu 2 El. oder 3 F.
abzurechnen hat, und endlich, daß die
Säulenbasis selbst bzw. der untere Durch-
messer der Säulen für unsern Tempel zu
4 El. oder 6 F. = 2,1 m anzunehmen ist,
welch letzteres durch aufgefundene Baureste
in der Tat bestätigt wird '). Die gesamte
Vorderfront des Tempels aber stellt sich
jetzt zu folgendem klaren Gliederungs-
schema:
') Vgl. Richter, Topogr. ' 123.
') Über die gefundenen Säulenbruchstückc be-
richtet Jordan (Topogr. I 2, 72, 69): 'I. KleinesBruch-
stück des Schafts einer kannelierten Säule ver-
baut in der den Pal. Caffarelli von den Dependen-
zen des Konservatorenpalasts trennenden Mauer . . .,
unzweifelhaft nicht weit davon gefunden. Zuerst
geraessen von Lanciani (Bull. mun. 1875, 185).
Drei Kanneluren sind meßbar. Jede derselben mißt
(nach der genauen Messung Schupmanns; s. dessen
Bericht S. 151 und meine Bemerkung S. 166)0,235 m
(Höhlung 0,190, Steg 0,045), was bei der wahr-
scheinlichen Annahme von 24 Kanneluren auf einen
oberen Durchmesser von 1,80, einen unteren von
2,ro (Lanciani kam auf 2,10) führen würde. —
2. Kleines Bruchstück (Ausschnitt) einer attischen
Basis, gefunden imSchutt vor der Front des Palasts. . .
Den Durchmesser der Basis bestimmte ein Architekt
auf 2,26'. — Bemerkt sei, daß diese Bruchstücke
nicht dem alten Tempel, sondern einem jüngeren
Bau angehören, was aber in Anbetracht der Tat-
sache, daß dieNeubauten auf den alten Fundamenten
und nach den ursprünglichen Dimensionen errichtet
wurden, nicht bedenklich ist.
8i
Archäologische Miszellen.
82
(4+)2+i8+i8+24+i8+i8+2(+4) =
(6+)3+27+27+36+27+27+3(+6) =
100 (+8) Ellen] = „ . ( 4. , 3^ m
150 (+12) Fuß] 5^'- ^+4,2jm.
Die Seitenfronten maßen im Rohfunda-
ment nach unseren bisherigen Feststellungen
108 El. oder 162 F., die sich ihrerseits deut-
lich in 6 Teile von je 18 El. oder 27 F.
gliedern. Indes nimmt man demgemäß
auch das Seiteninterkolumnium wie die Vor-
derinterkolumnien zu eben diesem Betrage
an, so stößt man zunächst insofern auf eine
Schwierigkeit, als für die beiden Enden
dieser Fundamentwand je eine halbe Säulen -
basis zu fehlen scheint. Eine Verlängerung
der Gesamtlänge der Wand (116 El. = 174 F.)
um 4 El. oder 6 F. aber ist nicht angängig,
da damit der von Dionys zu 'nicht ganz'
15 römischen Fuß angegebene Differenz -
betrag der beiden Seiten auf über 20 Fuß
gesteigert würde. Aber eine solche Ver-
längerung ist auch durchaus nicht erforder-
lich. Denn bedenkt man, daß der Säulen-
umgang des Tempels nur dreiseitig war, und
daß der hintere Abschluß des Bauwerks
unmittelbar durch die Zellenmauer gebildet
wurde, so wird man annehmen dürfen, daß
die Rückseite des Tempels überhaupt keine
Bekleidung gehabt hat, und damit werden
hier 4 El. oder 6 F. überschüssig, die man
jetzt für die fehlenden beiden Basenhälften
ansetzen kann. Demnach maßen die Seiten-
fronten des Tempels im Rohfundament nicht,
wie bisher angegeben, 108 El. oder 162 F.,
sondern 112 El. oder 168 F., und die ganze
Seitenfront gliederte sich — von vorn nach
hinten gesehen — nach folgendem Schema:
(4+)2+i8-f 18+ i8+i8-f 18+18+2 =
(6+)3 + 27 + 27+27+27+27+27+3 =
•ii2(+4) Ellenl gg , ,
i68(+6) Fuß 1 5"'" ^+ ^■
I m.
So maßen also die Wände des Tempels
nach dieser Darstellung mit der Bekleidung
je 56,7 bzw. 60,9 m, auf römisches Reichs-
maß übertragen, je ca. 191,5 bis 192,2 bzw.
205,7 bis 206,5 F"ß- Dionys konnte also mit
Recht berichten, jede Seite des Bauwerks
messe ganz nahe an 200 Fuß und die Diffe-
renz der Länge zur Breite, in Wirklichkeit
14,2 — 14,4 Fuß, betrage nicht einmal ganze
15 Fuß.
Die beigegebene Planskizze wird, da der
Augenschein ein besserer Lehrer ist als viele
Worte, nicht unwillkommen sein. Bemerkt
sei, daß auf derselben die die Stylobat-
mauern angebenden punktierten Linien des-
halb nicht allseitige Gewähr bieten können,
weil diese Fundamente zum Teil gar nicht
sicher gemessen sind. Im übrigen hat meine
Auffassung vorläufig natürlich nur den Wert
einer Hypothese, deren Beweisfähigkeit da-
von abhängen wird, ob das, was sich für den
Jupitertempcl hat aufstellen lassen, an
anderen Bauten wird bestätigt werden
können. Solche Frage läßt sich naturgemäß
nicht aus der Ferne und am Schreibtisch
erledigen; und darum schließe ich mit dem
Wunsch, daß die Archäologen des Spatens
mein Ergebnis an Ort und Stelle (in Latium
und in Toskana) kritischer Nachprüfung
unterziehen möchten.
Potsdam.
0. Viedebantt.
ARCHÄOLOGISCHE MISZELLEN.
I. ZU EINIGEN NAMEN AUF ETRUSKI-
SCHEN SPIEGELN.
Die etruskische Welt ist trotz aller Be-
mühungen der Gelehrten noch immer eine
rätselvolle geblieben. Auch auf den Spiegeln,
wo man wegen der Verbindung von Bild und
Beischrift ein erleichtertes Verständnis er-
hoffen mochte, ist recht vieles dunkel, auch
in solchen Fällen, wo von in griechischer
Technik geschulten Künstlern Personen der
griechischen Sagenwelt dargestellt zu sein
scheinen. Gar zu oft stimmt dann das Dar-
gestellte ganz und gar nicht mit griechischer
Überlieferung überein, wie ja auch der
Typus des etruskischen Charun dem des
griechischen Charon widerspricht. Die Zahl
der bisher völlig unverständlichen Namen
ist groß, es dürfte demnach als willkommen
und nützlich erscheinen, wenn für einige
derselben eine glaubhafte Erklärung und
Etymologie entdeckt werden könnte. Viel-
leicht gelingt solches in den folgenden
Zeilen.
Gerhard (Etr. Spiegel IV 6, 73) sieht
in der auf Tafel 413 abgebildeten Szene die
83
Archäologische Miszellen.
84
dem Alltagsleben entlehnte, erotische Be-
gegnung eines nackten Jünglings mit einem
nackten Mädchen nach dem Bade. Das
Mädchen ist durch die Beischrift Talitha
bezeichnet. Niemand versuchte die Er-
klärung dieses Namens, und doch war die-
selbe durch das Neue Testament auch für
den Sprachunkundigen sehr leicht gemacht.
Nach Luther heißt es im Ev. Marci 5, 41,
daß Jesus bei der Auferweckung der Tochter
des Jairus sprach: »Talitha kumi! Das ist
verdolmetschet: Mägdlein, ich sage dir,
stehe auf!« Jesus sprach aramäisch, und
in dieser westsemitischen Sprache bedeutet
talitha »Mädchen«. Bei dieser Beleuchtung
passen Bild und Beischrift, Name und
Namensträgerin auf das genaueste zu-
sammen. Es Hegt die Annahme nahe, daß
die Benennung des jungen Lebemannes
(Truisie) derselben Sprache entstammen
werde wie die des Mädchens, ich kann
jedoch ein fertiges Vorbild nicht nachweisen
und verzichte auf eine künstliche Ety-
mologie.
Ein anderer Spiegel zeigt eine bacchische
Handlung, den Tanz eines Satyrs und einer
Bacchantin (Etr. Sp. IV 3, 45 ; TL 314). Der
Satyr heißt laut Beischrift Chelphun, und
dieser Name, welcher nur hier vorkommt,
ist bisher in seiner Ableitung und Bedeutung
»dunkel« geblieben (Klügmann und Körte,
Etr. Sp. V 55). Ich gehe davon aus, daß
für ein Mitglied des bacchischen Kreises
in erster Linie ein Name aus dem Haupt-
gebiete des Weingottes angemessen er-
scheinen muß, also eine auf den Wein bezüg-
liche Bezeichnung. Nun galt im Altertum
unter den Weinen Vorderasiens der in
Chelbon, einer Ortschaft nördlich von Damas-
kus, erzeugte als die feinste, weit und breit
berühmte Marke. Im Anfange des 6. Jahr-
hunderts V. Chr. nennt Ezechiel 27, 18 den
Wein von Chelbon unter den bedeutendsten
Handelswaren von Tyrus. Die Perser-
könige tranken nur den XoXußwvtoj otvo;
aus Syrien (Athen, i, 28 d; Strabo 15, 735).
Noch heute zeichnet sich das Dorf Chelbun
durch starken Weinbau aus. Chelbon mußte
in etruskischer Schreibung zu Chelphun
werden, weil der Etrusker das ihm fehlende b
durch p, ph (oder v) ersetzte und das fehlende
o durch u. Der Satyr des Spiegels trägt
also den Namen eines kostbaren, berühmten
Weins. Der Name seiner Genossin lautet
Munthuch und hat, wie mir von semitisti-
schen Fachmännern bestätigt ward, ganz
das Aussehen eines semitischen Gebildes,
doch fehlt noch ein gesichertes Vorbild.
Mehrere Spiegel zeigen eine stattliche,
sitzende Frau, welche von Dienerinnen aus
dem Kreise der Liebesgöttin Turan mit
prächtigem Gewände, Prunkschuhen, Hals-
band und Diadem bekleidet wird, wobei
man ihr auch einen Spiegel vorhält. Es
handelt sich um ein Stück des Alltagslebens,
um »die Schmückung einer Frau« (Etr. Sp.
V 25 ff., vgl. auch Röscher, Mythol. Lex.
II 2301), also um eine Handlung, wie sie,
ich möchte sagen, in erster Linie auf die
Rückseite eines Spiegels paßt, da dieser
doch fast ausschließlich von Frauen benutzt
wurde. Diese prächtig bekleidete Frau führt
die Beischrift Malavisch (einige lasen Mala-
fisch, einmal erscheint Malavis), es ward
schon vielfach über sie geschrieben von
Panofka, Braun, Gerhard, Corssen, Deecke,
Körte. Man versuchte erfolglos (Etr. Sp.
V 27) die Etymologie des Namens, dachte
zunächst auf Grund falscher Lesung (Mala-
cisch) an eine »Zarte« oder an das seltene
[xaXot/wv »Geschmeide«; Corssen wollte
mittels djxaXo; und videre eine »Sanft-
blickende« konstruieren. Ich frage: Gibt
es etwa bei den Sprachen der antiken Mittel-
meervölker ein Wort, welches deutlichen
Gleichklang mit Malavisch oder doch dieselbe
Konsonantenfolge mlvsch aufweist und in
seiner Bedeutung auf das Anlegen feiner
Kleidung hinweist .'' Das Wort könnte
malabisch bzw. mlbsch lauten, da der
Etrusker ein fremdes b durch v ersetzt
haben würde. Meines Wissens vermag nur
das Hebräische hier Passendes zu liefern.
Malbisch ist der, welcher jemanden be-
kleidet, anzieht, melubasch der mit Staats-
oder Amtskleid Geschmückte, malbusch das
Kleid.
Lasa Thimrae (Etr. Sp. III 180 Taf. 181)
heißt einer jener geflügelten, weiblichen
Dämonen, welche nach Gerhard Schicksals-
gottheiten vorstellen, während Körte (Pauly-
Wissowa 6, 767) sie in den Kreis der Liebes-
göttin Turan verweist. Thimrae ist eine Laut-
bildung, welche ihresgleichen wohl nur in
85
Archäologische Miszellen.
86
dem hebräischen thimrah »(Rauch)säule«
findet. Eine Verbindung dieses Wortes mit
der übernatürlichen Welt läßt sich leicht
herstellen, da die Rauchsäule zu den Wunder-
zeichen gehört, durch welche Gott seinen
Willen offenbart (Joel 3, 3), wie man auch
aus der Rauchsäule des Brandopfers ersah,
ob das Opfer der Gottheit genehm war oder
nicht.
Angesichts solcher Funde drängt sich die
Frage auf, welche Umstände wohl das Auf-
treten westsemitischer Beischriften in etrus-
kischen Bildern befördern konnten. Man
darf darauf hinweisen, daß die Etrusker
andauernd in lebhaftem Verkehr, zuweilen
auch in politischem Bündnis, mit den Kar-
thagern gestanden haben, welche letzteren
in Korsika, Sardinien und Sizilien ihre Nach-
barn am Tyrrhenischen Meere waren. Schon
vor der Entfaltung von Karthago und vor
dem Auftreten von Griechen und griechischer
Ware sind die Phönizier ohne Zweifel die
ältesten Träger überseeischen Einfuhrhandels
in Etrurien gewesen (Körte bei Pauly-Wissowa
6, 756). Somit konnten semitische Ein-
wanderer nach Etrurien gelangen, welche
dann, sei es als Verfertiger, sei es als Käufer
von Spiegeln das Vorkommen semitischer
Namen auf denselben verursachten. Ein
solcher westsemitischer Bruchteil unter den
Etruskern macht sich, wie mir scheint, in
einer Reihe von Familiennamen bemerkbar,
welche morgenländischen Ursprungs stark
verdächtig sind, was folgende Beispiele
zeigen mögen. Anani (CIE 3875 — 85)
gleicht auffällig dem bei den Hebräern so
häufigen 'Avavi'a; (Act. apost. 5, l),
Umria (CIE 2398, 3016) dem Omri, König
von Israel (i. Könige 16, 23, keilschriftlich
Chumria), Amuni (CIE 4746) dem Ammoni
»Ammoniter«, Armunia (CIE 1747, 4236)
dem Armoni, Sohn des Saul (2. Sam. 21, 8).
Bei dem Tuskernamen Satanas (CIE 4939)
muß man des biblischen (Hiob i, 6; Ev.
Matth. 4, 10) Satan, 2a-:ava? gedenken.
Mestri (CIE 4396; Mestrius aus Vulci CIL
XI 2931) blieb wohl nur deshalb unver-
standen, weil man einen Blick ins Morgenland
verabsäumte. Mea-cpaw?, Msatpifj, Msorpaia
»Ägypter, Ägypten« (Joseph, ant. i, 6, 2;
Syncell. P 51 C; 91 A) entstanden aus
semitischen Namen (hebr. Misri Ägypter,
Misrai'm, Masor Ägypten, babyl. Misir, assyr.
Misri; über Wiedergabe des Sade durch ffr
vgl. Lewy, Semit. Fremdwörter im Griech.
25). Ägyptens erster König hieß Msa-patjx
(Syncell. a. a. O.), wozu die Lesung Mestres
bei Plinius 36, 64 paßt. Nebenbei sei hier
bemerkt, daß ich (dies. Jahrb. VI 1 1 892, 43 ff. ;
Borchardt, Grabdenkmal des Königs Sahure
2, 158) in einem Grabe zu Vulci das Bild
eines ägyptischen Kriegsschiffes von etwa
600 V. Chr. nachwies. Nach W. Schulze,
Zur Geschichte der latein. Eigennamen 286,
zeigt Hatile (CIL XI 3660 aus Caere) trotz
lateinischer Schreibung einen rein etrus-
kischen Habitus. Ich möchte davor warnen,
Hatile für echt etruskisch zu halten, da es
anscheinend mit dem Hebräernamen Chattil
(Esra 2, 57) zusammenhängt. Schon die
Anzahl dieser und weiterer ähnlicher Glei-
chungen verbietet den Gedanken an ein Spiel
des Zufalls.
Zum Schlüsse sei noch kurz eine Dar-
stellung auf einem Spiegel erörtert, in welcher
Körte (Etr. Sp. V 96 zu Taf. 78) »über einer
Pyramide von Blättern die strahlenum-
gebene Sonnenscheibe« sieht. Auch hier
ist eine richtigere Auffassung aus dem
Morgenlande zu holen; nicht Blätter sind
gemeint, sondern Berge, von deren Kuppe
der untere Teil der Sonne noch verdeckt
wird. Die so eigentümliche Bergzeichnung
in Form halbkreisförmiger, dachziegelartig
angeordneter Schuppen mit doppelten Um-
rissen, welche mit dem griechischen oder
gräzisierenden Charakter des übrigen Spiegel-
bildes recht wenig übereinstimmt, hat ihre
Heimat, wo sie allein häufiger vorkommt,
in babylonisch-assyrischen Landen. Mehr
als ein Dutzend Male zeigt sie sich an den
Palasttoren des Salmanassar III (860 — 824
V. Chr.; Beiträge zur Assyriologie 6 Taf.l — 4;
Perrot-Chipiez 2 Abb. 51; vgl. 38. Taf. 12)
und schon früher erscheint sie auf babyloni-
schen Zylindern bei der Darstellung des Vor-
gangs, wie der seine Strahlen aussendende
Sonnengott über die Berge des Ostens
emporsteigt (Ward, Seal cylinders of western
Asia Abb. 251 a. 258. 271). Dieses letztere
Motiv ist unverkennbar zum Vorbild jener
etruskischen Zeichnung geworden.
Berlin.
Ernst Aßmann.
87
Archäologische Miszellen.
88
II. ZUM VASENMALER SKYTHES.
G. E. Rizzos Veröffentlichung der inter-
essanten, in Caere gefundenen Schale mit
der Malersignatur des Skythes (Mon. Piot
XX loiff.) hat für die Beurteilung der
Epilykos-Vasen eine neue Grundlage ge-
geben. Sie veranlaßte mich gelegentlich
zu einer Nachprüfung der Berliner PLpily-
kosfragmente, die Rizzo in seiner um-
sichtigen Behandlung der ganzen Gruppe
nur kurz erwähnt hat. Die beiden Frag-
mente, die hier (Abb. i und 2) zum ersten
Inschriften beider zu 'ETCtXuxo? e^pa^osv.
Diese Zusammenstellung ist in allen folgen-
den Behandlungen bis zu Sauer in Thiemes
Künstlerlexikon (dort die übrige Literatur mit
Ausnahme des noch nicht berücksichtigten
Rizzoschen Aufsatzes) beibehalten worden.
Was zunächst die Form der Vase anbelangt,
so sprach P. J. Meier von einem becher-
artigen Gefäß, Furtwängler von einer niederen
tiefen Schale oder einem Napf, dessen
Form nicht mehr genau festzustellen sei.
Nun sieht man an dem größeren Fragment,
daß es über den Köpfen der Figuren in
einer horizontalen Linie gebrochen ist, an
Abb. I.
Male nach Photographie wiedergegeben
werden, hat P. J. Meier in der Arch. Zeit.
1884, 240 f, Taf. 17, I veröffendicht. Er
verteilte sie auf die zwei Seiten einer Vase
Abb. 2.
und ergänzte die Namens-Inschrift zu 'EiiiXu-
xo? xaÄo?. Während Klein, Meistersignaturen
I i4f. diese Ergänzung übernahm, setzte Furt-
wängler, Berliner Vasenkatalog 4041, beide
Fragmente nebeneinander und verband die
der innen der Anfang eines etwas ein-
springenden Profils fühlbar ist. Es folgte
also oben ein besonders abgesetztes Glied.
Dadurch wird es äußerst wahrscheinlich,
daß die Fragmente zu der Schalenform
mit abgesetztem Rande zu ergänzen sind,
die Furtwängler, Ägina 494 f. und Griech.
Vasenmalerei II 178 bei der Publikation
der stilistisch nahe verwandten Hegesibulos-
Schale behandelt hat. Freilich ist der
untere Teil hier bauchiger als bei der Schale
des Hegesibulos oder der unsignierten Ber-
liner Brygosschale (Berlin 2309; leider ist
dieses meisterhafte Werk immer noch un-
publiziert); aber die Stärke der Wölbung
variiert bei dieser Gattung sehr stark.
Leider erlaubte die außerordentliche Em-
pfindlichkeit der durch Brand beschädigten
Fragmente nicht, die Rekonstruktion prak-
tisch auszuprobieren.
89
Archäologische Miszellen,
90
P. J. Meier hat berechnet, daß das Ge-
fäß in der Höhe der Basislinie, auf der
die Figuren stehen, einen Durchmesser von
10,8 cm hatte. Es ist nun klar, daß der
Gewandrest an dem rechten Rande des
größeren Fragments nicht mit der vorderen ,
Figur auf dem kleinen Fragment in Ver-
bindung gebracht werden kann, sondern
daß man mindestens eine Figur ergänzen
muß (vgl. Abb. 3 nach Arch. Zeit.), wo-
durch der Zusammenhang beider Inschriften
schon recht in Frage gestellt wird. Er-
gänzt man nun noch am linken Ende
die Figur, von der nur ein Fuß er-
Analogien ist es unmöglich, beide Dar-
stellungen auf einer Seite zu vereinigen. Es
bedarf kaum noch der Erwähnung, daß ein
zweimaliges z-jpa'sazv auf derselben Vasen-
seite — wenn man die Inschrift am linken
Rande des größeren Fragments nicht zu
s-otsasv ergänzen will — ungewöhnlich wäre.
Gehören nun die Fragmente auf ver-
schiedene Seiten der Schale, so fällt die
Verbindung 'EmXu/o? l-ypacpasv, und es steht
uns frei, beide Inschriften zu ergänzen.
Nichts zwingt uns dazu, eine Verdoppelung
oder gar Verdreifachung derselben Inschrift
anzunehmen. Bestimmt in andere Richtung
Abb. 3.
halten ist, sowie die beiden Henkelpal-
metten, so wird der Streifen bereits zu
lang, um auf der einen Hälfte der Vase
Platz zu finden. Dafür, daß die Fragmente
auf die zwei Seiten der Vase zu verteilen
sind, hat nun aber schon Meier einen
durchaus triftigen Grund beigebracht, näm-
lich den Inhalt und die Komposition der
Darstellungen. Auf dem großen Fragment
haben wir Gruppen ruhig stehender oder
sitzender Figuren, zu denen wir rechts eine
dritte ergänzen werden, auf dem großen
die diagonal bewegten Figuren eines xüifios;
denn schräg auf den Stab gelehnte Fi-
guren wie die von Furtwängler richtiger
beschriebene des vorderen Mannes auf
dem kleinen Fragment werden häufiger in
einen xSfio? eingeschoben. Nach allen
führt uns die neue Schale aus Caere. Hier
finden wir die nächste stilistische Parallele
zu den Berliner Fragmenten; in der unbe-
absichtigt komisch wirkenden naiven Ernst-
haftigkeit der Figuren mit den ungelenken
Bewegungen und den viel zu großen Köpfen,
in den ganz eigenartigen Gesichtstypen, in
Einzelheiten der Zeichnung von Gewand
und Körper. Selten kann man mit einem
so hohen Grade von Wahrscheinlichkeit
wie hier behaupten, daß beide Gefäße von
derselben Hand gemalt sind. Daraus er-
geben sich für die Inschriften des Berliner
Gefäßes die Ergänzungen zu 'ETTt^^uxc? xa-
X6? und Sxuftrj? sypatpoüv; sind sie richtig,
so ist ein zweites signiertes Werk des
Malers Hxu&tj? gewonnen.
Berlin. G. R o d e n w a 1 d t.
91
Neue Funde am Kerameikos.
92
NEUE FUNDE AM KERAMEIKOS.
Das Deutsche Archäologische Institut
zu Athen hat die Ausgrabung vor den
Nordwest-Toren Athens, welche das Kgl.
Griechische Kultusministerium ihm über-
tragen hat, unter Leitung der Herren
Brueckner und Knackfuß begonnen. Herr
Bru eckner berichtet über die bisherigen
Ergebnisse :
Die Grabungen vom 8. April bis 27. Juni
erreichten den ersten Aufschluß des aus-
gedehnten Geländes, welches sich auf dem
rechten Ufer des Eridanos zwischen der
Stadtmauer und der nördlich von ihr in
125 m Abstand verlaufenden modernen
Piräusstraße erstreckt. Die Absicht der
griechischen Regierung, in die Nordost-
Ecke dieses Grundstücks, an die Piräus-
straße, die Kirche der Hagia Trias zu ver-
legen, vorausgesetzt, daß dort keine Alter-
tümer aufgefunden würden, war für den
Ausgangspunkt der Grabung bestiminend.
Es wurde daher zunächst in diese Ecke
des Grundstückes hinein ein Graben längs
der Piräusstraße gezogen, 35 m lang. In
seinen westlichen zwei Dritteln fand sich
nichts als Zuschwemnmng bis in eine Tiefe
von 5, 80 m. Mit dem letzten Drittel aber,
dem weiter ab vom Eridanos-Tal gelegenen,
näherten wir uns der Flucht des Dipylon,
und damit änderte sich der Befund : aus
4 m tiefer Verschüttung tauchte ein hoch-
ragender marmorner Grenzstein auf, fest
und aufrecht in seiner Basis, OPOS KEPA-
MEIKOY auf Vorder- und Rückseite be-
schriftet, mit dem vielbesprochenen Grenz-
stein an der Stadtmauer zur Seite des
Dipylon IG II. iioi völlig übereinstim-
mend und fluchtgerecht. Die Auffindung
des neuen Steines etwa 120 m vor der
Stadtmauer in der Richtung des Tores
löste alle Fragen und Zweifel, welche der
andere, so lange er allein war, verursacht
hat; die Abgrenzung hat nichts mit dem
innern und äußern Töpfer-Demos, auch
nichts mit dem Stadtmauerbau zu tun,
sondern bezeichnet den Rand der aus dem
Tore führenden Straße. Sie bestimmt die
Fluchtlinien des Kerameikos, der berühm
ten, 6 Stadien langen Gräberstraße, die
bei der Akademie endend die irdischen
Reste aller apiaroi der Stadt Athen seit
Kimons Zeit aufgenommen hat. Die halbe
Straßenbreite ist nun durch den Abstand
des Grenzsteins an der Stadtmauer von
der Mittelachse des Dipylon gegeben; rund
19,10 m. Die ganze Breite der Straße
betrug danach über 38 m. Der Keramei-
kos stellt sich als sehr viel stattlicher
heraus, als die bisherigen kartographischen
Rekonstruktionen des Stadtbildes annehmen,
als eine lata via, wie ihn Livius 31,24
bezeichnet und wie es seiner Benutzung auch
als Rennbahn entspricht.
Der neugefundene Grenzstein weist unsern
nächsten Arbeiten ihre Richtung. Es gilt,
durch die 4 m hohe Schuttdecke hindurch
den andern Grenzstein an der Stadtmauer
zu erreichen, auf dieser 120 m langen
Strecke die Erhaltung der Anlagen des
fünften und vierten vorchristlichen Jahr-
hunderts und ihre Geschichte bis zu ihrer
schließlichen Aufgabe und Zerstörung zu
erkennen. Dazu ist es notwendig, den
Ausgangspunkt für die Beschreibung des
Kerameikos, die Pausanias uns liefert, den
Anfang bei der Stadtmauer, zu gewinnen.
Aus dem äußern Grunde der Ermöglichung
der Schuttabfuhr kann die Grabung nur
von der modernen Piräusstraße aus, von
außen auf die Stadtmauer zu fortschreiten.
Erst wenn wir so die Stadtmauer selbst
erreicht haben, wird ein sicherer Vergleich
mit den überlieferten Nachrichten möglich
und ergibt sich die historische Bestimmung
der einzelnen an der Straße aufgefundenen
Bauwerke und Grabbezirke. Die gute
Hälfte der Arbeit dazu ist geleistet. Etwa
60 m weit ist die alte Straßenfront auf
der kaum merkbar gebogenen Linie von
Grenzstein zu Grenzstein bisher verfolgt.
Etwa 48 m von dem, welcher den Aus-
gangspunkt unserer Untersuchung des Ke-
rameikos bildete, 75 m von demjenigen an
der Stadtmauer, ist ein Drilling zu diesen
Steinen aufgetaucht, zur gleichen Zeit dieser
Absteckung, in der zweiten Hälfte des vierten
vorchristlichen Jahrhunderts, eingefügt in
die hochanstehende Quadermauer eines
älteren Grabbezirkes. Nur 40 m deckt
noch die ganze Schutthöhe. Der Rest vor
der Stadtmau.er ist bei ihrer früheren Auf-
deckung soweit freigelegt, daß es nur mehr
93
N^ue Funde am Kerameikos.
94
einer Nachschürfung bedarf, um Zusammen-
hang in die Aufdeckung des Kerameikos
zu bringen.
Was hinter den Grenzsteinen, an der
Straße, aufgefunden ist, rechtfertigt den
Drang zur Weiterarbeit. Von dem der
Stadtmauer nahen Ende unseres Grabens
überschauen wir bei dem zuletzt bezeich-
neten Grenzstein die Mauern aus Piräus-
kalk von drei Grabbezirken, die auf eine
Strecke von 20 m hin bis zu 4 — 5 Quader-
lagen noch aufrecht die schlichte Würde
verraten, in welcher im fünften Jahrhundert
der Anbau der Straße begonnen worden
ist. Ihre Grundstücke haben gleichmäßig
die bescheidene Tiefe von 3,80 m, wohl
12 attische Fuß. Ihr steinerner Unterbau
scheint, nach dem aufgefundenen Lehm-
ziegelschutt zu schließen, Erdmäler getragen
zu haben. Dahinter ist, soweit unser 16 m
breiter Graben aufgedeckt hat, ein privates
Gräberfeld nach der Weise der stadt-
athenischen Nekropolen durch periodische
Anschüttung immer höher an den Rück-
wänden der Ehrengräber, welche die Front
der Straße innehatten, emporgewachsen.
Die Untersuchung dieser Anschüttung er-
laubt, in einer ihrer Schichten den Schutt
aus den Zerstörungen festzustellen, welche
auf Sullas Belagerung der Stadt im ersten
mithridatischen Kriege zurückgehen; wir
finden da verbrannte Dachziegel, reiche
Mengen von Wandputz mit feiner Bemalung;
Bruchstücke von Terrazzo-Fußböden, haufen-
weise Geschirr in Trümmern, in Summa
Schutt aus zerstörten Häusern hellenistischer
Zeit, zeitlich durch datierbare Grabsteine
und Münzen klar bestimmt.
An der Straßenfront schließen sich an
die angegebenen Grabbauten einfachere
Mauern aus Bruchsteinen, bisher auf eine
Strecke von 17 m verfolgt, an. In diese
Bauten noch unbekannter Bestimmung ist
in frührömischer Zeit auf 1,50 m seit dem
4. Jahrhundert erhöhtem Niveau ein großes,
wohlerhaltenes Bassin, wohl eine Vieh-
tränke vor dem Stadttore, verlegt. Nach
einer noch verbliebenen Lücke von 1 1 m,
die wegen ihrer späteren Überbauung noch
nicht auf die älteren Reste hin untersucht
werden konnte, kommen wir dann am
andern Ende unseres Grabens zu einem
Archäologischer Anzeiger 1914.
Überaus stattlich angelegten Grabbezirk
von etwa 15 m Front und 7,80 m Tiefe,
dem Doppelten jener Bezirke des fünften
Jahrhunderts. Die vordere Hälfte des
Grundstückes war für die reich entwickelte
Front benutzt, an der zwischen beiderseits
vorspringenden FlUgelbauten die Mitte ein
Rundbau von annähernd 7 m Durchmesser
einnahm. Die Fassade gab die Stützmauer
für das in der hinteren Hälfte und im
Rundbau hochliegende Erdreich ab, in
welchem Brandgräber sich erkennen lassen.
Das kostbare Material der Fassade ist in
später Zeit abgeräumt und der Grundriß
nur mehr aus dem Fundament zu ent-
nehmen ; doch sind von dem Skulptur-
schmuck der überlebensgroße Torso eines
liegenden Hundes und eine besonders große
Marmor-Lekythos und einige andere Splitter
in der bisher untersuchten einen Hälfte
des Bauwerks aufgefunden worden. Seinem
Stile nach ist dies Mausoleum um die
Mitte des vierten Jahrhunderts zu setzen.
Es kommt dafür deshalb unter den Gräbern,
welche Pausanias nahe vor dem Dipylon
erwähnt, das des Strategen Chabrias in
Betracht, der 357 vor Chios gefallen ist.
Pausanias hat den Kerameikos noch in
seiner vollen Breite, freilich bereits arg
verschüttet, gesehen. Im Laufe des dritten
nachchristlichen Jahrhunderts, in der Peri-
ode der valerianischen Stadtmauer, lag die
Straße gegen das vierte vorchristliche Jahr-
hundert etwa 3 m höher; in dieser Zeit
sind die überragenden alten Reste abge-
tragen und zu neuen Bauten benutzt, die
in den alten Straßenraum weit vorgreifen.
Damals ist also der Kerameikos aufgegeben
worden. In einer letzten Periode früh-
christlicher Zeit hat inmitten unserer bis-
herigen Grabungsstelle ein Verein oder eine
Gemeinde sich eine Begräbnisstelle unter
Benutzung eines spätrömischen Baues ge-
schaffen, indem reihenweise gemauerte
Grabstellen von 90 cm Tiefe angelegt
wurden, anscheinend für jede Familie eine,
in der neben und übereinander die Leichen
zu Haufen geschichtet sich fanden. Ihre
Beigaben an Lampen, Gefäßen und Tier-
figuren ergeben für. das Ende der athenischen
Töpferei ein anschauliches und charakte-
ristisches Material.
95
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. April-Sitzung 1914.
96
Von Einzelfunden seien hervorgehoben
ein Ostrakon vom Scherbengericht wider
Dämon, den Sohn des l^amonides, den
politischen und musikalischen Freund des
Perikles, und ein ausgezeichnetes männ-
liches Profilporträt späthellenistischer oder
römischer Zeit aus Terrakotta, h. 0,08.
Daß im übrigen die Sammlungen in
unserm Arbeitsmuseum am Dipylon, in
welchem Dr. Buschor und Dr. Freiherr
von Kaschnitz ordnend tätig sind, mannig-
fachen Zuwachs erfahren haben, ist bei
einer Grabung in oder bei dem Künstler-
viertel des alten Athen selbstverständlich.
ARCHÄOLOGISCHE GESELLSCHAFT
ZU BERLIN.
Sitzung vom 7. April 1914.
Vorsitz: Herr Dragendorff.
Als neues Mitglied wird Herr Prof. Dr.
M. Kremmer, Direktor des Arndt-Gym-
nasiums in Dahlem, aufgenommen. Aus-
getreten ist Herr Dr. A. Ippel. Zu Be-
ginn verliest der Vorsitzende die von S. M.
dem Kaiser bei dem Arch. Institut einge-
gangenen Berichte über die Ergebnisse der
Ausgrabungen in Korfu, die Allerhöchster
Weisung entsprechend den Mitgliedern der
Gesellschaft bekannt gegeben werden sollen.
Herr C Watzinger aus Gießen (als
Gast) sprach über die historische Stel-
lung der galiläischen Synagogen.
Der Vortragende erläutert ein Modell der
Synagoge von Teil Hüm (Kapernaum) und
eine Reihe Rekonstruktionszeichnungen ga-
liläischer Synagogen, die Herr Regierungs-
baumeister Dr. H. Kohl auf Grund der
Untersuchungen und Aufnahmen der Syn-
agogenexpedition der D. O.-G. vom Jahre
1905 und 1907 für die demnächst er-
scheinende Publikation ausgeführt hat.
Zu den Architekturformen werden die
nächsten Parallelen in der Architektur des
Hauran und der Ledschah aus der Anto-
ninenzeit nachgewiesen. Während die
einzelnen Schmuckformen der heidnischen
Architektur des endenden II. Jahrh. n. Chr.
entstammen, geht der basilikale Grundriß
und der Aufbau des Inneren auf helle-
nistische Tradition zurück, wie u. a. die
im Talmud erhaltene Beschreibung der
großen Synagoge von Alexandria lehrt.
Die neben den jüdischen Emblemen er-
scheinende figürliche Dekoration ist schwer-
lich aus einer laxen Auffassung des Geset-
zes zu erklären ; sie ist wohl damit zu be-
gründen, daß diese ersten monumentalen
Synagogenbauten in Galiläa heidnische
Stiftungen, also Geschenke eines dem
Judentum wohlgesinnten römischen Kaisers,
sind. Die heidnische Überlieferung, mit
der jüdischen Tradition im Talmud kom-
biniert, gestattet, im Verein mit den Archi-
tekturformen, als Zeit der ersten galiläischen
Synagogen die gemeinsame Regierung des
Septimius Severus und Caracalla im Osten
zu bestimmen und insbesondere unter dem
im Talmud genannten Antoninus, Sohn des
Severus, der in freundlichen Beziehungen
zu dem Patriarchen Juda I ha Nasi stand,
den Kaiser Caracalla zu verstehen.
Zuletzt geht der Vortragende auf die
wichtigen Zusammenhänge ein, die den
neuen Bautypus der Synagoge mit den
ersten christlichen Basiliken der Konstan-
tinischen Zeit im Osten verbinden, und
zeigt an einigen Beispielen die Bedeutung
der Synagoge für die Entstehung der christ-
lichen Basilika. Eine ausführliche Darstel-
lung der hier nur angedeuteten F>gebnisse
wird in diesem Jahre in der Veröffent-
lichung der Synagogenexpedition der D.
O.-G. erscheinen.
Herr Br. Schröder legt den Abguß
eines Marmorfragments aus dem Bonner
Kunstmuseum vor : zwei Hände, die einen
Diskos halten, also den Rest von der
Statue eines Diskobolen in der Stellung, die
in der Ausführung des Wurfes der Stellung
des myronischen Diskobolen oder, was
wahrscheinlicher ist, der Ludovisischen
Diskobolenherme vorhergeht. So wird
nun durch ein Werk großer Plastik er-
wiesen, daß die rechte Hand den Diskos
mit gespreizten Fingern hielt und den
Rand nur mit den Fingerspitzen packte.
Theorien, die der Vortragende in seiner
Broschüre »Zum Diskobol des Myron« ver-
treten hat, werden also durch das Bonner
Bruchstück bestätigt. Kunstgeschichtlich
97
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Mai-Sitzung 191 4.
98
betrachtet scheint dieser Statuenrest zu
einem Werk zu gehören, das der Zeit des
Myron entstammt und einen starken un-
bekümmerten Naturalismus verraten haben
muß.
Sitzung vom 5. Mai 1914.
Vorsitz: Herr Loeschcke. Als neues
Mitglied ist Herr Geheimer Medizinalrat
Hans Virchow angemeldet. Die zwei
letzten Kaisertelegramme über die Aus-
grabungen in Korfu kommen zur Verlesung.
Herr Brueckner berichtet brieflich über
die Auffindung eines neuen opo?-Steines
am Kerameikos. Herr I>oeschcke legt
die neuen Werke von Bourguet über Del-
phi, den 5. Band von Esperandieu's
Recueuil und Kinchs Vrouliä vor.
Den Hauptvortrag des Abends hielt
Herr von Bissing aus München (als
Gast) über die Entwicklung der
Pfeiler und Säulen in der alt-
ägyptischen Kunst.
Der Vortragende verfolgte zunächst die
reiche Entwicklung des Steinpfeilers vom
viereckigen, basis- und kapitellosen bis
zum 2 8 kantigen Pfeiler mit viereckiger
Basis. Neben der Abkantung der Ecken,
die ursprünglich dem Innenraum mehr
Licht zuführen soll, tritt seit dem mittleren
Reich die echte Kannelur auf, deren An-
fänge sich an kleinen, dekorativen Pfeiler-
chen bis in die I. Dynastie zurückver-
folgen lassen, und die, wie Semper es aus-
gesprochen, einem ästhetischen Gefühl ent-
springt. Der Abakus der Pfeiler erweist
sich nach Gestalt und Ausmaßen überall
als der Rest des ursprünglichen viereckigen
Pfeilers, dessen oberes Ende man zur Er-
höhung der Tragfähigkeit stehen läßt. Vor
den vierkantigen Pfeiler (beim »Hathor-
pfeiler« auch vor polygonale Stützen) stellt
nun die ägyptische Kunst aus symbolischem
Bedürfnis ikonische und anikonische Götter-
bilder: das bekannteste Beispiel sind die
Pfeiler mit Osirisbildern (in der XVIII.
Dyn. auch im Reichstempel zu Karnak ver-
wandt) und die Hathorpfeiler, deren Er-
klärung als die Himmelsdecke stützende
Sistra eine alle Tatsachen verleugnende
Phantasterei war. Bei den polygonalen
Hathorpfeilem ist der Übergang zur runden
Säule, der wohl seit dem mittleren Reich
vollzogen wird, besonders leicht. Aber
auch hier wird in der Zeit vor Dyn. XXVI
der Kuhgöttinkopf nur an zwei Seiten des
Kapitells angebracht.
Vierkantige Pfeiler des alten Reichs und
der XVIII. Dyn. verwenden das Motiv
eines gegen den Pfeiler gestellten Symbols
anscheinend in anderem Sinne: sie stellen
echte Pflanzensäulen mit Basis und Abakus
an die Frontseite, doch wohl, um den Raum
gleichsam illusionistisch zu erweitern. Be-
merkenswert bleibt, wie dabei die Pfeiler
Tuthmosis III. in Karnak scharf unter-
scheiden zwischen der Pflanzensäule und
der auf der andern Seite abgebildeten, aus
dem Wasser ohne Basis und Abakus auf-
ragenden Papyrus- oder Irispflanze, einen
Unterschied, den eine gedankenlose Er-
gänzung freilich verwischt hat.
Neben dem viereckigen Steinpfeiler steht
seit alter Zeit die runde, aus der Stangen-
stütze entwickelte Holzsäule, die wir jetzt
auch in Stein übertragen aus der V.
Dyn. in den sog. Stammsäulen von Abusir
kennen. Die hauptsächlichsten Formen,
die Papyrussäule, die Lotossäule, die Nym-
phäensäule, die Kompositsäulen und die
Palmsäulen wurden in ihrer Entwicklung,
meist seit dem alten Reich, verfolgt, für
die bisher nur aus Abbildungen oder aus
der Spätzeit nachgewiesenen Kompositsäu-
len ein erhaltenes Exemplar aus El Amarna
(Petrie T. IX) aufgezeigt und die Vermutung
ausgesprochen, daß diese Säulen im Holzbau
der Privatarchitektur sich entwickelt haben
und wie manche andere Elemente aus
dieser leichten Architektur in der Zeit
Amenophis IV. in den Prunk- und Steinbau
übernommen worden sind. Nachdrücklich
wurde die reiche Ausgestaltung und Um-
wandlung des Kompositkapitells der Spät-
zeit dem Einfluß des korinthischen Kapi-
tells zugeschrieben.
Die Entwicklung all dieser Pflanzensäulen
läuft im wesentlichen parallel: überall sind,
von der Palmsäule abgesehen, wohl ur-
sprünglich Bündelsäulen gemeint, deren
polygonale Stämme sich allmählich ab-
runden, stets ist eine Basis vorhanden (die
das Vorbild dieser Säulengattung, die Holz-
99
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Juni-Sitzung 191 4.
100
Säule, naturgemäß braucht), stets ruht über
dem Kapitell der viereckige Abakus als
Träger, eine Entlehnung von dem Stein-
pfeiler bei der Übertragung der mit dem
Gebälk verzapfbaren Holzsäulen in den
Steinbau. Auf diesen Abakus haben die
alten Ägypter für die Erscheinung der
Säule den größten Wert gelegt, er ist
fast immer sichtbar und wird regelmäßig
von ihnen abgebildet. Die Auffassung,
daß die Pflanzensäulen frei aus dem
Wasser aufragende, nichts tragende Pflan-
zen seien, können die Architekten des
neuen Reichs unmöglich gehabt haben,
sonst hätten sie nicht seit Dyn. XVIII Ende
in steigendem Maße den Stamm der
Säule mit Inschriften und Darstellungen
überzogen. Aber auch die alten Baumeister
müssen anders empfunden haben, denn die
Bemalung des Stammes ist schon im mitt-
leren Reich willkürlich, und die Verwendung
von Lotos und Nymphäen, deren Blüten nie
hoch über die Oberfläche des Wassers auf-
ragen, schließt nüchterner Weise jeden Ge-
danken aus, die nach ihnen benannten Säulen
stellten lebendige Pflanzen dar. Die beste
Widerlegung aber bringt die Palmsäule: bei
ihr, deren entlaubter Stamm unmittelbar
als Stütze verwandt wurde, hat man erst
in einigen ptolemäischen Exemplaren natura-
listisch den Charakter des Stammes wieder-
gegeben, und zwar nur am oberen Ende,
und frühestens die späte XVIII. Dynastie
fügt in der Privatarchitektur zwischen die
Palmwedel Dattelbündel ein, wie sie in der
Steinarchitektur nicht vor der Spätzeit
auftauchen. Alle Palmsäulen zeigen aber
am Ansatz der Wedel ein mehrfach um den
Stamm geschlungenes Band, dessen Propor-
tionen die Deutung der aus ihm hervor-
sehenden Schleife als der Schlaupe, die
sich der Bauer beim Befruchten der Palme
um den Leib schlingt, unmöglich macht:
es ist das Band, mit dem die Palmwedel
als Schmuck am oberen Ende des Stammes
angebunden sind.
Bekannte Reliefs, die den Bau von Fest-
hütten zeigen, stützen diese Auffassung,
alle Pflanzensäulen sind als Holz- (oder
Stein-)stützen gedacht, um deren Schaft oder
auch nur oberes Ende Pflanzen gebunden
sind : der Schaft mit dem Abakus ist der
wirkliche Träger. Gegenüber der künst-
lichen, den Tatsachen Gewalt antuenden
Auffassung Borchardts behält grundsätz-
lich der alte Quatremere de Quincy recht,
wenn er sagt: „L'ornement en Egypte ne
repose dans aucune de ses parties sur
des formes prescrites par la construction.
II en est independant de la meme ma-
niere que celui qui s'applique aux vases,
aux meubles et ä une multitude d'usten-
sils. II serait ridicule de fonder en
Egypte l'invention de la colonne sur
l'imitation de l'arbre ou de !a plante.
Ce serait supposer que l'accessoir aurait
produit le principal. L'analogie de quel-
ques plantes avec quelques colonnes en
Egypte n'est autre chose qu'une analogie
decorative et non une analogie constitu-
tive."
Herr Dragendorff legt M. Rostow-
zews Veröffentlichung der griechischen
Wandmalereien aus Süd-Rußland vor, hebt
einige Hauptergebnisse für die Geschichte
der antiken Wandmalerei hervor und
weist auf das vielseitige Interesse hin,
das das reiche, in mancher Beziehung
einzigartige Material durch die eindrin-
gende gelehrte Bearbeitung Rostowzews
gewonnen hat.
Sitzung vom 9. Juni 1914.
Vorsitz: Herr Loeschcke.
Als neue Mitglieder sind die Herren Prof.
Seeger in Burg bei Magdeburg und Baurat
Boerschmann in Charlottenburg ange-
meldet. Herr Loeschcke legt neue photo-
graphische Aufnahmen von Skulpturen des
Berliner Museums vor.
Herr Th. Wiegan d sprach über die
byzantinischen Kaiserpaläste zu
Konstantinopel.
Der Redner schilderte zunächst kurz die
Lage der drei hervorragendsten Kaiser-
paläste innerhalb Konstantinopels (Palast
Konstantins des Großen am Hippodrom,
Palast der Blachernen am Nordende der
Stadt, Palast Bukoleon am Marmarameer),
ging dann zu einer kurzen Kritik der Werke
von Labarte (1861), Paspatis (1885) und
Ebersolt (19 10) über und besprach die
Bedeutung des von Kaiser Konstantin VII.
lOI
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Juni-Sitzung 1914.
102
Porphyrogennetos (fgSg) verfaßten liber de
caerimoniis, der die wichtigsten topogra-
phischen Angaben enthält. Es folgte eine
Schilderung der Hauptteile des konstan-
tinischen Palastes am Hippodrom und seiner
Erweiterungen durch Justin II., Justinian
Rhinotmetos und besonders durch die
Herrscher der makedonischen Dynastie.
Bis vor kurzem war von den Resten der
ungeheuren Anlage fast nichts sichtbar.
Der große Brand in Stambul von 191 2
hat aber das ganze moderne Stadtquartier
in Trümmer gelegt, aus diesen ragen nun
einzelne Baumassen der byzantinischen Zeit
hervor, die auf Veranlassung des Redners
durch Diplomingenieur Dr. Karl Wulzinger
sorgfältig aufgenommen wurden. Diese
Arbeit ist noch nicht abgeschlossen. Es
zeigte sich eine Fülle von Substruktionen
aller Art, Pfeilern, gewaltigen Gewölben,
ein sehr großes Treppenhaus, das auch von
Pvbersolt schon beobachtet wurde. Es kann
in größeren Zusammenhang mit einem
weiter oberhalb von ihm liegenden großen
Komplex gebracht werden. Wulzinger
stellte hier u. a. eine geradlinige Stützmauer-
flucht von mehr als 150 m Länge fest.
Auch nördlich dieser Terrassenmauer ist
die ganze Gegend (Ishak-Pascha, unterhalb
der Moschee Sultan Ahmets und des
Justizministeriums) erfüllt von einem System
unterirdischer Gewölbe, die den modernen
Bewohnern zum Teil als Keller und Zisternen
dienten. Der Vortragende betonte die
Wichtigkeit systematischer Freilegung des
ganzen Brandgebietes und sprach die Hoff-
nung aus, daß die Untersuchung durch-
geführt werden möge, ehe die Stätte wieder
nach den neuen Plänen der Stadtverwaltung
überbaut werde. Die Behandlung, welche
die derzeitige Stadtpräfektur den byzan-
tinischen Denkmälern von Stambul erweist,
ist beklagenswert. Nicht nur nimmt der
neue .Stadtplan zu wenig Rücksicht auf die
ältere Topographie, sondern man scheut
sich nicht, zahlreiche noch aufrechtstehende
historische Baureste rücksichtslos nieder-
zureißen. So hat in diesen Tagen die
Präfektur bei Mewlewi-Kapu die Mauern
mit Brechmaschinen einreißen lassen und
Psammatia-Kapu ist heimlich in der Nacht
abgerissen worden. Auch den neu ge-
fundenen Substruktionen bei der Gothen-
säule hat die Stadtpräfektur übel mitgespielt.
Wieviel man aber aus einfacher Beob-
achtung der noch aufrechtstehenden Palast-
reste ermitteln kann, beweist die von dem
Vortragenden gemeinsam mit Dr. Wulzinger
unternommene Untersuchung des soge-
nannten Hormisdaspalastes, der zu dem
großen Komplex des „Palastes am Meer"
gehört. Die Ruine, an der die Eisenbahn
dicht vorbeifährt, steht mit der Front auf
der Seemauer und zeigt eine Reihe nach
dem Meer sich öffnender, reich dekorierter,
marmorner Balkontüren, auch die Tragsteine
der Balkons sind zum Teil noch vorhanden.
Östlich und westlich schlössen sich säulen-
getragene Bogenstellungen an. Die Schmuck-
teile der Portale und Bogen sind älteren
Bauten entlehnt, auch die Seemauer selbst
enthält in jener Gegend zahlreiche Werk-
stücke älterer Epochen. Es ergibt sich,
daß die genannten Portale und Bogen-
stellungen zu einem Erweiterungsbau
gehören, und daß die Reste des älteren
Palastes an dieser Stelle ursprünglich nicht
bis an die heutige Seemauer heranreichten.
Die Erweiterung ist auf Nikephoros Phokas
(963 — 69) zurückzuführen, der nach dem
Zeugnis des Kedrenos ältere Bauten zu
diesem Zweck geplündert hat. Von der
Festungsmauer, mit welcher Nikephoros den
Palast umgab, ist auch ein Teil noch vor-
handen, leider fiel das dazu gehörige, mit
vier Säulen geschmückte Tor, das von
Paspati noch gesehen wurde, 187 1 dem
Bahnbau zum Opfer, ohne daß vorher eine
Aufnahme gemacht wurde.
Der wichtigste neue, von dem Redner
erbrachte Nachweis ist, daß sich in dem Vor-
sprung der Seemauer beim Hormisdaspalast
ein großartiges, aufsteigendes, innen von
Säulen gestütztes und überwölbtes Treppen-
haus befindet, das nichts anderes sein kann
als der kaiserliche Aufgang von der
See zum großen oberen Palast Kon-
stantins des Großen. Der Aufgang zeigt
zwei sehr hohe und breite Bogenöffnungen,
vor denen die kaiserlichen Galeeren an-
legten. Diese Portale sind später in ganzer
Höhe vermauert worden. Ihre Dimen-
sionen sind überaus gewaltig, die Dicke
des Ziegelbogengewölbes, im Scheitel
103
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Juni-Sitzung 1914.
104
Abb. I,
gemessen, beträgt 3,60 m. Damit ist die
berühmte äKoßd&pa tou ßaadsto? wieder-
gefunden, von der u. a. Wilhehn von Tyrus
(XX. 25) im Jahre 1169 folgendes berichtet:
„Es ist aber in der Stadt selbst an dem
östlichen Meeresstrande ein kaiserlicher
Palast, welcher der konstantinische genannt
wird, der einen Eingang gegen das Meer
hat, mit bewundernswürdigem und präch-
tigem Gebälk, und marmorne Stufen hat
bis an das Meer selbst, Löwen und Säulen
mit königlichem Aufwand errichtet, aus
demselben Material. Hier pflegt nur für
die Kaiser der Aufgang zu den oberen
I05
Archäologische Gesellschaft zu Berlin. Juni-Sit7.ung 1914.
106
Teilen des Palastes zugänglich zu sein,
aber dem Herrn König (Amalrich von
Jerusalem) wurde im Hinblick auf sein vor-
zügliches Ansehen gegen die gemeine Regel
etwas nachgesehen, so daß ihm von dieser
Seite einzutreten gestattet war."
Auf Grund der gesamten Beobachtungen
wurden Rekonstruktionsversuche Wulzingers
im Lichtbild vorgeführt, die sowohl von
den Galerien des Palastes am Meere als
auch von der kaiserlichen «TroßaDpa eine
sehr eindrucksvolle Vorstellung vermittelten.
Abb. I zeigt die kaiserliche Anlegestelle
vom Meere aus.
An zweiter Stelle sprach Herr La tt er-
mann über Alea und Stymphalos auf
Grund seiner Aufnahmen und Beobachtungen
im Juni 19 10'). Die Lage und die vor-
trefflich erhaltenen Mauern von Alea führte
er in Lichtbildern vor; eine Vermessung
des Ortes, die erwünscht wäre, hatte die
Kürze der Zeit verboten. Wichtig ist die
Beobachtung an den Mauern, daß die
Türme nicht im Verband, mit den Kurtinen
stehen. Anscheinend rühren die Mauern
erst aus der Zeit des achäischen Bundes
her. Der Ort muß immer wegen seiner
Lage an einer bequemen Straße, Athen-
Sparta, eine Rolle gespielt haben. — Für
Stymphalos lag bisher nur eine be-
scheidene Skizze von Curtius vor. Der
Vortragende bedauerte, daß auch ihm die
knappe Zeit nicht erlaubt hat, einen genauen
Plan aufzunehmen. Immerhin konnte er
feststellen, daß Curtius sich bei der
Orientierung seiner Skizze um etwa 60"
geirrt hat: die I,ängsachse des Burgberges
ist nicht nach OSO, sondern nach NO ge-
richtet. Auch im einzelnen ist das Bild
der Stadt etwas klarer geworden; so ließ
sich in der W-Mauer unterhalb des Burg-
berges ein Tor nachweisen, und als Bei-
spiel der schon von Roß geforderten
Einzelaufnahme konnte Grundriß und An-
sicht der merkwürdigen Exedra am SO-
Rande des Burgberges gezeigt werden.
Das sehr beachtenswerte Fundament des
Artemistempels (neben dem sog. Katholi-
ken, einer mittelalterlichen Anlage zweifel-
') Vgl. Hiller v. Gaertringen und Lattermann,
Arkadische Forschungen, Anh. z. d. Abhandlungen
der Berliner Akademie 191 1, S. 9 f.
hafter Bestimmung) ist durch Peilungen an
den eigentlichen Stadtplan angeschlossen
worden; leider werden diese Reste, die
wichtige Aufschlüsse versprechen, von den
Bauern immer mehr zerstört. Schließlich
hat Herr Lattermann noch im N der Stadt
nahe dem heutigen Dorfe Kionia einen
aus dem lebendigen Felsen sehr sorgfältig
gemeißelten Götterthron über einer (le'eren)
Grabkammer entdeckt. Auch bei diesem
Teile des Vortrages unterstützten zahlreiche
Photographien die Ausführungen und er-
weckten eine lebendige Vorstellung von
dem hochinteressanten Orte und seiner
reizvollen Umgebung. Einen ausführlichen
Bericht gedenkt Herr Lattermann an
anderer Stelle zu geben.
Zum Schluß sprach Herr v. Luschan
über den Bogen des Pandaros.
Der Bogen des Pandaros muß von dem
des Odysseus durchaus getrennt werden.
Der letztere ist ein typisch asiatischer Bogen,
genau wie die im Querschnitt aus Holz,
Hörn und Sehnenbündeln zusammenge-
setzten Bogen der Turkvölker, der Inder,
Perser, Chinesen usw. Darüber kann nach
dem, was ich i8g8 in der Festschrift für
Otto Benndorf ausgeführt, nicht der
Schatten eines Zweifels bestehen, und wer
das nicht begreift, der kann vielleicht lesen,
aber er kann nicht sehen. Hingegen ist
der in der Ilias A 104 ff. erwähnte Bogen
des Pandaros vermutlich wirklich der Länge
nach aus zwei Hörnern von Oryx Beisa
zusammengesetzt. Jedenfalls ist es technisch
möglich, solche Hörner ohne weitere Be-
arbeitung auf ein festes Mittelstück von
Holz aufzustecken und durch Umwicklung
der Stirnenden vor dem Platzen zu sichern.
Ein solcher Bogen kann niemals die staunens-
werten Eigenschaften des asiatischen Bogens
haben, aber man kann jedenfalls mit ihm
schießen wie mit einem gewöhnlichen ein-
fachen Holzbogen. Hat man die Hörner
eines großen und alten Tieres gewählt, so
gibt das sogar einen sehr kräftigen Bogen,
mit dem ein muskelstarker und geübter
Mann zur Not auch auf eine Entfernung
von einigen hundert Schritt schießen und
auf geringere Entfernung auch eine gewi.sse
Durchschlagskraft erzielen kann. Hörner
von jungen Tieren brechen leicht. In
I07
Melische Reliefs.
io8
einem Falle ist mir schon beim ersten
Versuch, den Bogen zu spannen, eines der
Hörner glatt durchgesplittert.
Wie Pandaros dazu kam, eine Oryx-
Antilope zu erlegen, weiß ich nicht; daß
es aber völlig unmöglich ist, Hörner von
Capra aegagrus in solcher Weise auf ein
Mittelstiick aus Holz zu stecken und dann
mit einem derartig improvisierten Bogen
zu schießen, habe ich bereits an anderer
Stelle gesagt und kann es hier nur einfach
wiederholen. Auch die Hörner von Oryx
leukoryx eignen sich nicht zur Herstellung
eines Bogens. Zwei in den letzten Jahren
in Ägypten gemachte P"unde von kleinen
Bruchstücken, die vielleicht zu Bogen ge-
hören, stammen auch von Oryx Beisa.
MELISCHE RELIEFS.
Der Unterzeichnete ist mit der Sammlung
und Herausgabe der melischen Reliefs be-
schäftigt. Ihm wurden solche in den Museen
von Athen, Basel, Berlin, Breslau, Dresden,
Jena, London, München, New York, Paris,
Würzburg bekannt. Leiter anderer Museen
und Private, die melische Reliefs besitzen,
würden ihn durch Mitteilung derselben zu
lebhaftem Dank verpflichten. Insbesondere
wo befinden sich heute folgende Stücke:
1. Untenstehend Abb. i abgeb. nach Mon.
d. Inst. I Taf. XVIII (Weicker Annali
1830, 65). Einst von dem Baron
Beugnot in Aegina erworben, später
im Besitz des Vicomte de la Passe,
Sekretärs der Gesandtschaft in Neapel.
(Vgl. Rayet im Bull. d. corr. hell. III
1879, 329.)
2. Das hier in Abb. 2 nach Bull. d. corr.
hell. III 1879 Pl- XIII abgebildete
Relief. Im Besitz O. Rayets. S. cat.
de la collection Rayet 1879 p. 8 Nr. 28.
Dann in Sammlung E. Piot, mit der
es im Mai 1890 für 3000 fr. verkauft
wurde. Wer kaufte es?
3. Odysseus und Penelope. Abg. bei
Müller, Die antiken Odyssee-Illustra-
tionen S. 90 Fig. 83. Hier Abb. 3.
4. Fußwaschung des Odysseus. Voll-
ständigeres Exemplar des von Robert
in den Ath. Mitteilungen 1900, Taf. XIV
publizierten Fragmentes. 19 12/13 im
Kunsthandel.
5. Orest und Elektra am Grabe Agamem-
nons. Früher in Besitz O. Rayets bis
1879 (catal. de vente p. 7 no. 27), dann
bei Lecuyer. Abg. cat. de la coli.
Lecuyer pl. XXX. Bis auf geringe
Abb. I.
109
Melische Reliefs.
110
Abb. 2.
Abb. 3.
Archäologischer Anzeiger 1914-
III
Quellen der Religionsgeschichte.
112
Varianten dem Exemplar in Würzburg
gleichend, das Sitd, Parerga zur alten
Kunstgeschichte (Würzburg 1893)
Taf. II abgebildet hat. Beide dem
Exemplar des Louvre Mon. d. Inst.
VI Taf. LVII ähnlich.
6. Flügelfrau, ein Kind auf den Armen
haltend (Harpyie mit Seele). Früher
in Sammlung Piot. Fröhner, catal.
de vente de la collection Piot p. 77
nr. 324 abg. pl. XI. Ähnlich London
cat. of the terracottas B 362 (abg.
Salzmann necr. d. Camirus pl. 2 ;) und
das Exemplar des Louvre (Schöne,
Griech. Reliefs S. 61 Nr. 20).
7. Peleus und Thetis ringend. Früher
bei Vassos in Athen. Abgeb. bei
Schöne a. a. O. Taf. XXXIV, Nr. 133
und Dumont-Chaplain II pl. I.
8. Zweikampf eines Griechen und Bar-
baren. Früher bei Vassos in Athen.
Abgeb. bei Schöne a.a. O. Taf. XXXIII,
Nr. 131.
9. Fragment einer Bellerophon-Chimaira-
Darstellung. Erhalten nur die Chimaira,
vom Bellerophon und Pferd nur ge-
ringe Spuren. Früher Sammlung Cal-
vert Dardanellen. Phot. d. Athen.
Instituts Samml. Calvert Nr. too.
Marburg a. L.
P. Jacobs thal.
QUELLEN DER RELIGIONS-
GESCHICHTE.
Aus dem Programm der Kommission
bringen wir folgende, für das Gebiet des
Altertums wesentliche Absätze zum Ab-
druck: Bei der Königlichen Gesellschaft der
Wissenschaften zu Göttingen ist eine Reli-
gionsgeschichtlicheKommission ge-
bildet worden, die, unter Mitwirkung der kom-
petentesten inländischen und ausländischen
Gelehrten, »Quellen der Religionsgeschichte«
zu sammeln und in deutscher Sprache heraus-
zugeben die Aufgabe hat. Die Mitglieder
dieser Kommission sind die Göttinger Pro-
fessoren Friedr. C. Andreas, Wilh. Bousset,
Herm. Oldenberg, Rud. Otto, Rieh. Pietsch-
mann, Edw. Schröder, Kurt Sethe, Arth.
Titius, Jac. Wackernagel, und Paul Wend-
land. Ihr Vorsitzender ist Herr Oldenberg.
Der geschäftsführende Ausschuß besteht aus
den Herren Andreas, Rud. Otto und Titius,
von denen die beiden letzteren zugleich die
geschäftsführenden Sekretäre der Kommis-
sion sind.
Der Zweck dieses neuen, von der Reli-
gionsgeschichtlichen Kommission geleiteten
Unternehmens läßt sich kurz dahin angeben,
der religionsgeschichtlichen Forschung ein
möglichst umfassendes und zuverlässiges
Quellenmaterial zur Verfügung zu stellen
und damit zunächst für die deutsche Wissen-
schaft, der heutigen Erweiterung des Hori-
zonts entsprechend, zu leisten, was einst die
Sacred Books of the East für die Forschung
bedeuteten. Wo es wünschenswert ist,
sollen die Originaltexte in einer vom Haupt-
unternehmen getrennten zwanglosen Reihe,
als Texte zu den Quellen der Religions-
geschichte in kritischen Ausgaben beige-
geben werden. Doch soll die streng philo-
logische, geschichtliche und literaturge-
schichtliche Forschung, die allein die sichere
Grundlage zu liefern imstande ist, hier nicht
Selbstzweck sein, sondern der Religions-
wissenschaft die Wege ebnen und sich in
ihren Dienst stellen. Apologetische, partei-
liche, philosophische, ästhetische, subjektive
Beweggründe und Maßstäbe, die bei der
Darbietung religionsgeschichtlicher Urkun-
den oft störend mitwirken, sollen gänzlich
ausgeschaltet werden.
Die »Quellen der Religionsgeschichte«
werden unter die folgenden Gruppen verteilt
erscheinen: i. Religionen des indogermani-
schen Sprachgebiets in Europa. 2. Ägypti-
sche und altsemitische Religionen (mit Ein-
schluß der mandäischen). 3. Judentum.
4. Islam. 5. Religionen der ural-altaischen
und der arktischen Völker. 6. Iranische, ar-
menische, kleinasiatische, kaukasische Re-
ligionen. 7. Indische Religionen außer 8.
Buddhatum. 9. Ostasiatische Religionen.
10. Afrikanische Religionen. II. Amerikani-
sche Religionen. 12. Primitive ReHgionen
Südasiens und Ozeaniens.
Für griechische und römische Religion
sind bisher in Aussicht genommen: Ur-
kundenbücher zu einigen Religionssystemen
und Kulten besonders des späteren Syn-
113
Institutsnachrichten,
114
kretismus. Vor Aufstellung eines Programms
für den Gnostizismus müssen die in Aus-
sicht gestellten Arbeiten der Kgl. Akademie
der Wissenschaften zu Berlin abgewartet
werden. In Frage kommen ferner Sammlung
der Nachrichten antiker Autoren über orien-
talische Religionen sowie Ausgaben von
Quellenschriften, die für einzelne synkre-
tistische Gebilde wichtig und noch nicht zu-
reichend ediert sind (z. B. Hermetische
Literatur. Plutarch de Iside et Osiride.
Titus von Bostra. Sallust irspi ösöiv. Rekon-
struktion des Chairemon). Erwünscht ist
eine Untersuchung und Darstellung des re-
ligiösen Einschlags in die Philosophie, beson-
ders von Posidonius an bis zum Neupiatonis -
mus (Proklos), ferner eine Sammlung der
nur in orientalischer Übersetzung erhaltenen
griechischen Zaubertexte.
INSTITUTSNACHRICHTEN.
Mit Allerhöchstem Erlasse vom i. Februar
1914 hat Se. Majestät der Kaiser nach er-
folgter Zustimmung des Bundesrates die fol-
gende von der Zentral-Direktion beantragte
neue Fassung der §§ 2 und 6 des Statuts
für das Kaiserlich Deutsche Archäologische
Institut zu genehmigen geruht:
§2.
I. Das Archäologische Institut wird von
einem Generalsekretär geleitet, der nach
Maßgabe des Statuts an die Beschlüsse einer
Zentral-Direktion gebunden ist.
Als ständiger Beirat des Generalsekretars
dient ein engerer Ausschuß, der gebildet
wird aus dem Generalsekretär als Vorsitzen-
dem, dem unter § 2, i b genannten Reichs-
beamten und einem von der Zentral-Direk-
tion aus ihrer Mitte gewählten Mitglied, das
den Generalsekretär im Falle seiner Behinde-
rung zugleich auch vertritt. Als Ersatz-
männer für den Generalsekretär und das
ordentliche Ausschußmitglied wählt die Zen-
tral-Direktion aus ihrer Mitte außerdem noch
zwei Mitglieder. Diese sind berechtigt, den
Sitzungen des Ausschusses beizuwohnen.
Die Wahl geschieht auf drei Jahre; die Mit-
glieder sind wieder wählbar. Den Vertreter
für den Reichsbeamten ernennt der Reichs-
kanzler.
Die Zentral-Direktion besteht aus:
a) dem Generalsekretär als dem Vor-
sitzenden,
b) einem vom Reichskanzler aus der Zahl
der Beamten des Auswärtigen Amtes
zu bestimmenden Mitglied,
c) Vertretern der klassischen Altertums-
wissenschaft, die von den Regierungen
der Bundesstaaten, die durch wissen-
schaftliche Anstalten an der archäo-
logischen Forschung und Lehre be-
teiligt sind, ernannt werden. Dem-
gemäß ernennt von diesen Vertretern
Preußen 7, davon 3 auf Vorschlag der
Königlichen Akademie der Wissen-
schaften in Berlin, Bayern 2, Sachsen,
Württemberg, Baden, Hessen, Meck-
lenburg-Schwerin, die an der Universi-
tät Jena beteiligten Thüringischen
Staaten und Elsaß -Lothringen je einen,
d) aus drei vom Reichskanzler auf Vor-
schlag der Zentral-Direktion zu ernen-
nenden Mitgliedern. Der erstmalige
Vorschlag erfolgt auf Vorschlag der
jetzigen Zentral-Direktion.
e) Im Bedarfsfall können je nach Um-
ständen der Direktor der Römisch-
Germanischen Kommission und die
Leiter der Zweiganstalten in Rom und
Athen zu den Sitzungen der Zentral-
Direktion mit Stimmberechtigung zu-
gezogen werden.
2. Die Mitgliedschaft ist Ehrenamt. Die
Ernennung der unter c und d Genannten er-
folgt jeweils auf 5 Jahre; die Wiederwahl
eines nach dieser Zeit ausscheidenden Mit-
glieds ist gestattet.
3. Die jetzigen Mitglieder der Zentral-
Direktion bleiben nach den Vorschriften des
bisherigen Statuts bis zum Zusammentritt
der nach dem neuen Statut gewählten
Zentral-Direktion im Amte.
§ 6.
Der Zentral-Direktion liegt ob:
a) auf Grund der Vorschläge des Aus-
schusses diejenigenPersonen zu wählen,
die Sr. Majestät dem Kaiser oder dem
Reichskanzler für die Besetzung einer
115
Institutsnachrichten.
Ii6
Institutsbeamtenstelle vorzuschlagen
sind,
b) Ehrenmitglieder, Mitglieder und Kor-
respondenten zu ernennen,
c) über die Verwendung der Mittel zu
wissenschaftlichen Zwecken zu ent-
scheiden,
d) über Anträge auf Etatsänderungen zu
entscheiden,
e) dem Reichskanzler Vorschläge für die
Verleihung der archäologischen Reise-
stipendien zu machen,
f) die Vorschläge für die Statuten zu ent-
werfen und Instruktionen der Beamten
zu machen,
g) über alle Angelegenheiten zu entschei-
den, worin der Generalsekretär die
Hilfe der Zentral -Direktion in Anspruch
nimmt.
Die auf Grund dieses neuen Statuts ge-
wählte Zentral-Direktion besteht aus den
Herren:
H. Dragendorff, Generalsekretär,
Prof., Dr., Berlin.
C. Weller, Geh. Legationsrat,
Vortragender Rat im Aus-
wärtigen Amt, Berlin, vom
Reichskanzler berufen.
O. Hirschfeld, Geh. Reg. -Rat,
Prof., Dr., Berlin,
Ed. Meyer, Geh. Reg.-Rat,
Prof., Dr., Berlin,
U. V. Wilamowitz-Moellendorff,
Wirkl. Geh. Rat, Prof., D. Dr.,
Berlin,
W. Dörpfeld, Prof., Dr., Berlin,
G. Loeschcke, Geh. Reg.-Rat,
Prof., Dr., Berlin,
C. Robert, Geh. Reg.-Rat, Prof.,
Dr., Halle a. S.
Th. Wiegand, Direktor, Dr.,
Berlin,
H. Bulle, Prof., Dr., Würzburg, 1
P. Wolters, Prof., Dr., München, j
F. Studniczka, Geh. Hofrat, Prof., Dr.,
Leipzig, berufen von Sachsen.
F. Noack, Prof., Dr., Tübingen, berufen von
Württemberg.
E. Fabricius, Geh. Hofrat, Prof., Dr., Frei-
burg i. Br., berufen von Baden.
C. Watzinger, Prof., Dr., Gießen, berufen
von Hessen.
berufen von
Preußen auf
Vorschlag
der König-
lichen Aka-
demie der
Wissen-
schaften.
berufen von
Preußen.
berufen von
Bayern.
berufen von»
Reichskanz-
ler auf Vor-
schlag der
Zentral-
Direktion.
A. v. Salis, Prof., Dr., Rostock, berufen von
Mecklenburg- Schwerin.
B. Graef, Prof., Dr., Jena, berufen von den
Thüringischen Staaten.
A. Frickenhaus, Prof., Dr., Straßburg i. Eis.,
berufen von Elsaß -Lothringen.
G. Körte, Geh. Reg.-Rat, Prof.,
Dr., Göttingen,
H. Graf von und zu Lerchenfeld
auf Köfering und Schönberg,
Bayerischer Staatsrat und Ge-
sandter, Dr., Berlin,
F. Winter, Geh. Reg.-Rat, Prof.,
Dr., Bonn,
Die Plenarversammlung fand am 21., 22.
und 23. April statt.
Die Reisestipendien wurden auf Vorschlag
der Zentral-Direktion vom Auswärtigen
Amte den Herren G. Matthies, A. Neuge-
bauer, K. Latte, F. Matz und K. Menadier
verliehen.
Für den Winter 1914/15 sind seitens des-
Instituts folgende Vorträge und Führungen
geplant:
a) In P o m p e i werden die Herren Pernice
und Winter vom 5. — 10. Oktober eine Füh-
rung veranstalten. Anmeldungen dazu
bitten wir an Herrn Geh. Rat Winter in
Bonn, Venusbergerweg, zu richten.
b) In Rom wird Herr Delbrueck vom
15. November bis Ende Dezember Vorträge
für vorgebildete Teilnehmer halten. An-
meldungen erbittet das Sekretariat.
c) In Athen wird in den Monaten De-
zember und Januar Herr Karo in den Mu-
seen, Herr Knackfuß auf der Akropolis vor-
tragen.
d) Herr Knackfuß ist bereit, in der zweiten
Hälfte Oktober eine Führung in den Ruinen
vonPergamon und daran anschließend in
Priene, Milet und Didyma zu veranstalten.
Der genauere Zeitpunkt ist durch das Sekre-
tariat in Athen zu erfahren.
e) Seitens des Sekretariats Athen werden
im Frühjahr voraussichtlich wieder die üb-
lichen Reisen nach Delphi, Olympia, in die
Argolis und nach Kreta unternommen. Nä-
heres ist auch hierfür durch das Sekretariat
zu erfahren.
JAH^üCH DES INSTITUTS XXIX 1914
TAFEL 1
1. BAALBEK, GROSSER TEMPEL
2. BAALBEK, KLEINER TEMPEL
JAHRBUCH DES INSTITUTS XXIX 1914
TAFEL 2
BAALBEK, GROSSER TEMPEL
jL«»?iarÄ^
2. BAALBEK, GROSSER TEMPEL
JAHRBUCH DES INSTITUTS XXIX 1914
TAFEL 3
1. EPHESUS, OKTOGONALBAU
2. NIMES. CAESARENTEMPEL
JAHRBUCH DES INSTITUTS XXIX 1914
TAFEL 4
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GERAS. PROPYLÄEN. STRASSENSEITt
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2. GERAS, NYMPHAEVM
JAHRBUCH DES INSTITUTS XXIX 1914
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JAHRBUCH DES INSTITUTS XXIX 1914
TAFEL 7
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Archäologischer Anzeiger
B EIBLATT
ZUM Jahrbuch des Archäologischen Instituts
1914. 3.
Am Abend des 19. Juli ist ALEXANDER CONZE sanft entschlafen. Nur
schwer vermögen wir zu fassen, daß er nicht mehr unter uns weilt, der noch
als fast Dreiundachtzigjähriger so ungebeugt und unbezwungen durch das
Alter erschien; der als der Nestor der deutschen Archäologen aus einer
anderen Generation in die unsrige hineinragte und doch so ganz zu der
unsrigen gehörte. Mit ihm ist einer von denen dahingegangen, in denen
die Entwickelung der archäologischen Forschung in mehr als einem halben
Jahrhundert sich verkörperte, einer der seltenen Männer, die eine so lange,
reiche Entwickelung nicht nur mit erlebt, sondern bis zuletzt mitgemacht
haben" und mit ihr fortschritten. Bis in seine letzten Tage rastlos an der
Arbeit, ist CoNZE ohne längeres Krankenlager von uns genommen.
Es kann an dieser Stelle nicht CoNZEs wissenschaftliche Bedeutung dar-
gelegt werden. Dankbar hat das Institut, mit dem er seit Jahrzehnten aufs
engste verbunden war, hier zu bekennen, was CONZE ihm gewesen, dankbar
sich zu erinnern, daß seine jetzige Gestalt im wesentlichen CoNZEs Werk ist.
Im Jahre 1 860 ist CONZE mit Michaelis als erster Stipendiat des Instituts
nach Griechenland gezogen, das er dann immer und immer wieder auf-
gesucht hat und in dem er heimisch geworden ist wie wenige, einer der
Archäologen, die am energischsten die Wissenschaft ins Terrain hinaus-
führten und die unsere Ausgrabungen zu großzügig angelegten wissenschaft-
lichen Unternehmungen gemacht haben. So war CoNZE wie kaum ein
zweiter geschaffen, die Leitung unseres Archäologischen Instituts zu über-
nehmen. Nachdem er schon seit 1877 der Zentraldirektion angehört hatte,
übernahm er 1880 als Generalsekretär ihre Leitung und hat sie bis 1905
geführt. Unter CONZE hat sich die athenische Zweiganstalt als eine eben-
bürtige Schwester neben die ältere römische gestellt. Unter ihm trat im
Jahre 1902 auch die jüngste, die Römisch-Germanische Abteilung, hinzu.
Archäologischer Anzeiger 1914.
I I p Nachruf Conze. 1 20
und mit dem gleichen Interesse hat CoNZE, der schon während seiner
Wirksamkeit in Wien erkannt hatte, wie notwendig die Einbeziehung der
einheimischen provinzialen und prähistorischen Forschung in den Arbeits-
bereich der Archäologie sei, sich ihr gewidmet. Die Grabungen im Römer-
lager von Haltern hat er mit dem gleichen wissenschaftlichen Interesse
verfolgt wie die Grabungen auf der Königsburg von Pergamon.
Bis in die Einzelheiten, sachliche wie persönliche, hinein orientiert, hat
er den immer wachsenden Organismus des Instituts gekannt und geleitet, fort-
schreitend mit der Zeit und ihren wechselnden Forderungen, nie neuerungs-
süchtig und doch jeder berechtigten Neuforderung zugänglich; nie nach bil-
liger Popularität suchend, sondern stets bereit, persönlich hinter der Sache
zurückzutreten; treu seinen alten Freunden, seinen alten Arbeitsgenossen, aber
auch jedem, der neu in seinen Gesichtskreis trat und ihm als ernster Arbeiter
erschien, mit gleicher Freundlichkeit entgegentretend. So haben wir ihn alle,
auch die jüngsten unter uns, noch gekannt. Er war für uns kein Name, sondern
ein Mann, zu dem wir ein Verhältnis hatten. Er verstand sich mit den Jüngsten
geradeso gut wie mit seinen Altersgenossen, auch darin nicht alternd.
Das Band, das CoNZE mit dem Institut verknüpfte, riß nicht ab, als er
sich im Jahre 1905 entschloß, von der Stelle des Generalsekretars zurückzu-
treten. Als Mitglied der Zentraldirektion wie der Römisch-Germanischen
Kommission nahm er weiter aktiv an der Institutsarbeit teil, leitete nach
wie vor die Grabungen in Pergamon, half, wo er konnte, mit Rat und Tat.
Erst in diesem Frühjahr trat er aus der Zentraldirektion aus, die ihn zu
ihrem Ehrenmitgliede ernannte.
Noch einmal machte sich der Unermüdliche im Frühling dieses Jahres
auf nach Griechenland. An sein Lebenswerk, die Sammlung der attischen
Grabreliefs, wollte er in Athen die letzte Hand legen. Und mit Interesse
hat er dort die jüngste Institutsunternehmung, die Grabung im Kerameikos
in Athen, der ihm so vertraut war, verfolgt. Noch einmal hat er sich über-
zeugen können, wie seine Anregungen auf fruchtbarem Boden sich weiter
entwickelten. Noch einmal hat er sich von griechischer Sonne, die er so
liebte, bescheinen lassen und kehrte, wie uns schien, erfrischt heim. Einen
leisen Schatten warf auf seine letzten Tage die Kunde, daß die Wogen
wilden Rassenkampfes auch sein Pergamon getroffen, und seine letzte Sorge
war der Schutz dessen, was er dort geschaffen, und die Hülfe für alte
treue Helfer auf der Arbeitsstätte seines Lebens.
Treu war er sich selbst, seiner Arbeit, seinen Freunden. Treu bleiben
auch wir ihm und halten dankbar sein Gedächtnis in Ehren.
121
Archäologische Funde im Jahre 19 13. Griechenland.
122
ARCHÄOLOGISCHE FUNDE IM
JAHRE 19 ISO-
Griechenland.
Trotzdem im Jahre 1913 zwei furcht-
bare Kriege Griechenland auf die härteste
Probe stellten, ist weder ein Stillstand in
der archäologischen Erforschung des Landes
eingetreten, noch hat man es an der nötigen
Fürsorge für die schon bekannten Monu-
mente fehlen lassen. Ja sogar in den kaum
erst befreiten neuen Provinzen hat sofort
rüstig die Arbeit eingesetzt. Bedenkt man
die beschränkten Kräfte, an Menschen wie
an Geld, über die das Königreich verfügt,
so muß man den Ephoren und nicht minder
der Archäologischen Gesellschaft das höchste
Lob zollen für ihre fruchtbare Tätigkeit,
mitten in dem Ringen der Nation um ihre
Existenz ^).
In Athen sind östlich vom Dionysos -
theater einige Häuser abgerissen worden.
Die hier geplante Ausgrabung des peri-
kleischen Odeions kann wegen der sehr
kostspieligen Expropriationen nur ganz lang-
sam fortschreiten, ebenso die der Agora,
auf deren Gebiet nun heuer das alte tür-
kische Me'dresse, nördlich vom Turm der
Winde, abgetragen worden ist. Hinter der
Fixschen Brauerei sind nicht weit vom
IHssos drei Grabsäulen der üblichen Form
gefunden worden, mit den Namen Hsvtov
Aiovuatou EtTsaio?, AavixTj Nixa^opou OuYaxT^p
und 'HSsta ArjfiYjTpt'ou EucovujAsa)? bo'(axf^p,
'HpaxXsiTou 'EXsuatvtou -^uvt^. Nicht weit
davon lag eine schöne marmorne Hydria,
die Knochenasche, ein Silbergefäß und
ein paar Blätter eines goldenen Toten -
kranzes barg {Uavabr^vaM XXVII 1914, 31).
An der Küste nördlich von Laurion,
beim Hafen ßptujiOTtoucrcJi, kam ein spät-
römisches Mosaik zutage, 1,50 m im Geviert:
ein nackter Athlet mit Halteren schickt
') Infolge des Kriegsausbruchs konnte die über-
wiegende Mehrzahl der Berichte, die sämtlich vor
Ausbruch des Krieges eingegangen waren, den
Autoren zur Korrektur nicht übersandt werden, so
daß die Redaktion die Verantwortung für die Rich-
tigkeit im einzelnen trägt.
') Von den IlpaxTtxa des laufenden Jahres liegen
mir, dank Kavvadias' gewohnter Güte, die Druck-
bogen seines allgemeinen Berichts vor. Mehr ist
bisher (Juli 1914) noch nicht gesetzt.
sich zum Sprunge an. Zwischen seinen
Füßen die Inschrift BXadto? lirotVjae (Flav-
aÖT^vata a. a. O.)
Aus Attika, wohl aus der Nähe von Athen,
stammt auch ein Grabrelief, wohl aus dem
Ende des I. Jh. n. Chr. : ein Jüngling in kurzem,
gegürtetem Chiton undHimation hält seinem
Hunde eine Traube (.?) hin. Darüber die
Inschrift 'Axi>.X£U?. Im Giebelfelde ein
Schild, auf der Leiste darunter gemalte
Binden (Ilavaöi^vaia XXVI 1913, 219).
In Oropos nimmt Leonardos seine lang-
jährigen Arbeiten wieder auf, und zwar an
der heiligen Straße, die von Osten zum
Heiligtum führte. Hier lag der antike Ort,
von dem mehrere Häuser nun freigelegt
sind: sie waren in Straßen und insulae
(mindestens acht) geordnet. Starke Stütz-
mauern waren am steilen Abhang nötig.
Ein großes Gebäude nördUch vom heiligen
Weg (18 X 14 m), mit dorischen Säulen-
hallen auf drei Seiten, ist wohl kein Privat-
haus (vielleicht ein Jsvojv für Pilger, ähn-
lich dem sehr viel größeren von Epidauros ?).
An Einzelfunden sind zu erwähnen: ein
Amphiaraos -Torso, im Typus des Askle-
pios, mit Schlangenstab, viele Münzen und
eine Inschrift, die Tuma (geweihte Relief-
glieder, Augen und Ohren) nennt. Leonar-
dos hat auch hier ein Lokalmuseum ein-
gerichtet.
In der Umgebung von Aulis hat Papa-
dakis mehrere Versuchsgrabungen ange-
stellt, deren Resultate er mir aufs Freund-
lichste mitteilt: i. Auf der Lithosoros ge-
nannten Hügelkuppe liegt eine mykenische
Ansiedlung, etwa lOO x 50 m groß. Gegen
dreißig Hausruinen sind hier untersucht
worden. Sie liegen an mindestens zwei
Straßen in Gruppen geordnet und bestehen
fast alle aus einem Megaron und einem
Vorzimmer. Im SO. ist der Hügel be-
festigt, im S. und SW. greift die Ansiedlung
auch auf den Abhang hinab. Die Stätte ist
in nachmykenischer Zeit nicht mehr be-
wohnt worden. Der gewachsene Boden
liegt 7 m tief. Die Funde umfassen wenige
ganze Gefäße, aber viele Scherben, älter-
mykenische und sog. minysche nebenein-
ander. Bemerkenswert ist eine mit geome-
trischen Ritzornamenten verzierte Bein-
röhre, wie sie ähnlich auf den Kykladen
6*
123
Archäologische Funde im Jahre 1913.
124
erscheint. Auch gleichzeitige, sehr ärm-
liche Plattengräber mit liegenden Hockern
kommen vor. 2. Auf dem Hügel Dramesi
am Meere lag ebenfalls ein mykenischer Ort,
der leider arg zerstört ist. Hier sind die
Scherben durchaus spätmykenisch, die
>>minysche« Schicht Hegt tiefer. Letztere
enthält auch mattbemaltes Geschirr. Dar-
unter wiederum eine Schicht mit grober,
handgemachter, zum Teil polierter oder mit
Urfirnis bemalter Ware, primitiven tönernen
und steinernen Idolen, Obsidiansplittern usw.
Auch hier fanden sich dieselben Hocker-
gräber. — 3. Oberhalb des Hafens von Aulis,
beim H. Nikolaos, wurde bisher das Artemis-
heiligtum angesetzt. Auf einem nördlich an-
stoßenden steinigen Hügel kamen mykeni-
sche Scherben zutage, sowie mindestens zwei
Häuser jener Zeit. — 4. Noch nicht ausge-
graben ist eine durch sehr schöne mykenische
Scherben bezeugte Ansiedlung beim Hafen
Levkantis, südlich von Vasilikö an der
euboeischen Küste, auf einem felsigen Vor-
gebirge. 5. Dasselbe gilt von einem runden
Hügel an der Südseite der Landenge von
Vourkou, der mit minyschen Scherben über-
sät ist, sowie 6. von der Stelle Vatöntai,
nördlich von Chalkis, in deren Nähe Papa-
vasiliu vormykenische Gräber entdeckt hatte.
Auch hier sind Mauerreste und Scherben
schon ohne Grabung sichtbar.
In Euboea hat auch Papavasiliu seine
Untersuchungen fortgesetzt. Eine Stunde
von Chalkis beim Dorfe Dukos hat er ein
kleines ländliches Heiligtum entdeckt. Bau-
liche Reste ließen sich nicht feststellen; aber
neben einem großen Felsen, der vielleicht
einst von Mäuerchen umfriedet war, fegen
in der Erde dreizehn kleine, bronzene Stiere,
ein paar ebenfalls eherne nackte Männ-
chen auf gemeinsamer Standplatte und eine
Anzahl »phönikischer« bunter Glasperlen.
Der Stil all dieser Gegenstände weist etwa
ins VIII./VII. Jahrh. Wenn wirklich eine
mykenische Gemme im Museum von Chalkis
(Papavasiliu, llspt x. Iv Eüßoi'a dp5(. xa'cstuv
Taf. XV 2) von dieser Stelle stammt, wie
behauptet wird, hat sie jedenfalls mit unse-
rem geschlossenen Fundkomplex nichts zu
tun. Weitere Grabungen an dieser Stätte
wären gewiß lohnend. Vgl. Papavasiliu,
npaxxixa 1912 (ausgeg. 1913), 145.
Im lelantischen Felde, zwischen Chalkis
und Eretria, hat Papavasiliu an einer kleinen
Bucht, jetzt AY)voßp6)(t genannt, warme Quel-
len gefunden, die er mit den von Strabon
447 genannten identifiziert. Sulla sollte nach
diesem Gewährsmann sie gebraucht haben,
während er nach Plutarch (Sulla 26) in
Aidepsos gebadet hätte. Die Frage wird erst
gelöst werden können, wenn an den neuent-
deckten Quellen auch antike Anlagen fest-
gestellt sind (IlpaxTixa 1912, 141).
Beim euboeischen Kyme hatte man auf
der alten Akropolis, die jetzt Kastri oder
Palaiokastri heißt, Felsblöcke mit einge-
ritzten Zeichen bemerkt, die Papavasiliu
nun publiziert (npaxTixä 1912, ligff.). Die
Abbildungen zeigen, daß es undatierbare
Kritzeleien sind. Wichtiger ist eine vor-
läufige Erforschung der kleinen elliptischen
Hügelkuppe, mit ihrem doppelten Mauer-
ring, deren älterer polygonal, der jüngere
aus Quadern gefügt ist. Im Innern liegen die
Reste mehrerer Häuser, im Norden führt ein
gedeckter Gang zu einer Quelle am Hügel-
fuße hinab. An der südwestHchen Seite der
Akropolis wurde schon 1909 ein Grenzstein
mit der Inschrift NujicpÄv 'A)(sX<uiou gefun-
den, in der Nähe auch eine hübsche Bronze-
statuette einer langgewandeten Frau mit
Füllhorn in der Linken (Mitte des V. Jahrh.).
Keramopullos hat bei Theben wieder-
um ein Dutzend mykenischer Kammergräber
geöffnet, die großenteils in byzantinischer
Zeit wiederverwendet und ausgeraubt waren.
Immerhin enthielten sie noch außer Vasen,
die aus den Scherben rekonstruiert werden
konnten, Reste von Schwertern mit Gold-
knöpfen, Halsketten aus Glas, Gold und
Halbedelsteinen und drei schöne geschnittene
Steine, darunter eine sehr große Gemme
(Durchm. 2,7 cm) mit einem Löwen, der
einen Stier zerfleischt, und ein dreiseitiges
Prisma mit der sehr seltenen Darstellung von
zwei Schmetterlingen und einer Biene. Im
Dromos der einen Gruft befanden sich grie-
chisch-römische Gräber. Von ihrem ver-
wüsteten Inhalt sind zwei kleine bemalte
Porosstelen wichtig: auf der einen erkennt
man noch eine stehende Frau mit einem
Wickelkind im linken Arme.
Südlich von Theben hat Keramopullos
die vor zwei Jahren von Pappadakis ent-
125
Griechenland,
126
deckte mykenische Wasserleitung weiter
verfolgt und am Westabhang der Kadmeia,
unmittelbar vor ihrer Mauer, mykenische
Häuserreste aufgedeckt. — ■ Wenig erfolgreich
war dagegen eine Versuchsgrabung beim
Kabirion; dort wurde vergebens nach dem
Gebäude gesucht, welches eine neugefundene
Weihinschrift nennt: Osoi? aeßaaxot? (xsy«-
Xot? Ka|ßsipu)V xat uatSl örjßaioi sx xäJvjt^?
Ta|i,ia? (so die schlechte Abschrift: Keramo-
pullos vermutet ttj? lafiiEuastus oder xsia-
[AtsujjLsvwv) TTpoa65(ov xö dva'xTopov dvs&TjXav,
i7tt|i,sXYj&£VJT0? TTjC XaTaTOSUTj? XOU l£p6c'p)(0uj
TiTou OXaßt'ou riofiTOSa. Vgl. Oava&T^vaw
XXVII 1913, 60.
KeramopuUos hat auch in Mykenai ge-
arbeitet, wo zwischen dem i. und 4. Schacht-
grabe im Winter 1913 der morsche Fels zu-
sammengebrochen war. Dabei kam eine
Höhlung zutage, die durch ein kleines, mit
Lehmziegeln verstopftes Loch mit dem
I. Grabe in Verbindung stand, mit dem 4-
durch eine größere Öffnung. Im Innern
fanden sich drei aufeinander folgende Brand-
schichten und viele Scherben, von minyschen
und matt bemalten bis zu spätmykenischen,
ferner ein Stück Blei, ein Hirschhorn und
viele Flußkiesel. Dieser Fund ist von größter
Bedeutung für die Geschichte des Schacht-
gräberrundes. Man durfte bisher mit großer
Wahrscheinlichkeit annehmen, daß der Plat-
tenring und die große Böschungsmauer,
welche die Schachte umschließt, den großen
Kuppelgräbern etwa gleichzeitig seien. Jetzt
hängt das Alter dieser großartigen Anlage
von der Frage ab, ob jene Höhlung — doch
wohl am ehesten eine Opfergrube — damals
verschüttet wurde oder weiter im Gebrauch
blieb. Letzteres scheint mir wahrschein-
licher, denn es geht doch schwer an, den
Flattenring und damit das Löwentor bis in
spätmykenische Zeit hinabzurücken.
Über Arvanitopullos' erfolgreiche Ar-
beiten in Thessalien ist im Vorjahre
(A. Anz. 1913, 97) nur kurz berichtet worden.
Ausführhcher handelt er darüber in den
IIpaxTixd 1912, 154 ff. Zunächst ist ein topo-
graphisches Ergebnis bedeutsam: südlich der
Ruinenstätte, die bisher als Pagasai galt, hat
er den mächtigen Mauerzug einer Stadt ver-
folgt, die dicht an jene heranreicht. Die
ältesten Mauerteile sind noch polygonal, die
jüngeren, mit zahlreichen Türmen versehe-
nen, gehören auch noch dem 5. Jahrh. an.
Alle sind stark zerstört, und zwar schon im
Altertum. Die beiden Stadtanlagen können
nicht gleichzeitig sein, die nördlichere (jün-
gere) überschneidet sogar zum Teil die ältere,
ist also erst nach ihrer Zerstörung entstan-
den. Folglich ist, nach Arvanitopullos' ein-
leuchtendem Schlüsse, in der südlichen das
von den Pheraiern gegen Ende des V. Jahr-
hunderts gegründete Pagasai zu erkennen,
in der nördlichen Demetrias, die Gründung
des Demetrios, die nach Strabon (IX 436)
zwischen Neleia und Pagasai am Meere lag.
Auch die benachbarten Städtchen Neleia und
Ormenion fielen dem erzwungenen Synoikis-
mos des Demetrios zum Opfer: ersteres
erkennt Arvanitopullos in den Ruinen auf
dem Hügel von Goritsa, letzteres auf der
Kuppe von Nevestiki. Pagasai blieb als
Dorf bestehen, wie das Ethnikon Da^aaiTT)?
auf Inschriften des III. und IL Jahrh. v.
Chr. beweist (OpaxTtxä 191 2, 213 ff.).
Die Ausgrabungen sind in dem neu-
getauften Demetrias erfolgreich fortgesetzt
worden: in geringerem Umfange im Theater
(S. 156 ff.) und in den Ruinen eines großen
Tempels auf der AkropoUs, in dessen Nähe
eine tiefe Grubenanlage, erst zum Teil er-
forscht, sehr schöne Bauglieder wohl des
IV. Jahrh. gehefert hat (S. 161 ff.); ferner
in den Resten zweier anderer Tempel, die
leider arg zerstört sind. Der erste bleibt
vorläufig namenlos (die hier gefundenen
Scherben reichen vomV. bis ins III. Jahrh.),
der zweite war vielleicht Poseidon geweiht.
Aus den schon im Vorjahre erwähnten drei
neuen Türmen sind in reicher Zahl bemalte
Stelen und Bauglieder geborgen worden : eine
Auswahl der Aufschriften gibt Arvanito-
pullos S. 186 — -189. Die Ethnika umfassen
ganz Griechenland, von den ionischen Inseln
bis zum Pontos, außerdem mehrere Bar-
baren (Mysier, Illyrier, Geten, einige Juden)
und bieten eine gute Vorstellung von dem
regen Verkehr in dieser blühenden hellenisti-
schen Stadt. Ihre Identifikation mit Deme-
trias ist auch für die Datierung der bemalten
Stelen ein willkommener neuer Anhalt.
Über ihre Konservierung berichtet Arvani-
topullos ausführlich S. 218 ff. Auch eine
Reihe von Gräbern, aus dem IV. — II. Jahrh.,
127
Archäologische Funde im Jahre 1913.
128
hat er geöffnet: die meisten waren recht
arm oder beraubt. Zwei hübsche helle-
nistische Pyxiden mit Tierfüßen und Relief-
deckel sind S. 196 abgebildet, zusammen
mit einem sehr schönen und seltenen, fast
lebensgroßen tönernen Torso des V. Jahrh.,
aus dem Heiligtum der Pasikrata (A. Anz.
191 3, 97) '). Er mag das ältere Kultbild der
Göttin aus ihrem Tempel in Pagasai sein,
das dann die Pagasaeer in die neue Stadt
mitgenommen und im III. Jahrh. durch
eine Marmorstatue ersetzt hätten: deren
allein gefundener schöner Kopf ist auf
S. 207 f. abgebildet; die Schilderung der
spärlichen Reste S. 198 ff. Die zahl-
reichen Terrakotten (S. 204 f.) sind durch-
weg hellenistisch oder römisch, den Namen
der Göttin lehrt ein spätes Altärchen (S. 206) :
npduxä? I Haar/päTa | eu^r/V.
Bei Volo hat ArvanitopuUos das Kuppel-
grab von Kapakli, das Kuruniotis im
Jahre 1905 des Grundwassers wegen nicht
ganz ausgraben konnte ('Ecp. dp^. 1906,
211 ff.), ausgeräumt, gereinigt, die bau-
fälligen Teile gestützt und das Ganze mit
einem Gitter umgeben. Einige kleine Gold-
sachen lohnten die Arbeit, vor allem aber
die klarere Kenntnis der Anlage, besonders
der Türe (Br. 2,17 m) und des sehr kurzen
Dromos (L. 6,10). Der Durchmesser des
Kuppelraumes beträgt 9,95 m. Vgl. Ilpax-
Ttxä 1913, 229 ff.
Endlich hat ArvanitopuUos bei Larisa
(Sakalär) einen prähistorischen Tumulus
ausgegraben und dort unter den üblichen neo-
lithischen Resten auch ein interessantes
kreuzförmiges Marmoridol gefundenj auf
dem in Rot die Gesichtszüge und das Ge-
wand aufgemalt sind.
Die zahlreichen archäologischen Beobach-
tungen, die er als Reserveoffizier auf dem
Siegeszuge durch das südhche Makedonien
(Hestiaeiotis und Perrhaibia) gesammelt
hatte, zählt er kurz auf S. 234 ff. auf. Sip
zu verwerten erlaubten die politischen Ver-
hältnisse noch nicht. Am gespanntesten
werden wir auf zwei große Kammergräber
sein dürfen, deren eines bei Tsaritsaina, dem
Olymp gegenüber. Hegt, das andere bei
■) Vgl. die Pasikrateia auf der Inschrift von Selinus
(Benndorf, Die Metopen von Selinunt 27; Litteratur
in Roschers Myth. Lex. III, 1665).
Sarantaporos. Die reich geschmückte Mar-
mortür des letzteren liegt frei.
Auf Kephallonia hat Kavvadias seine
Grabungen an mehreren Stellen fortgesetzt,
während uns ein reich illustrierter Aufsatz
in den FIpaxTixd 191 2, 247 ff. über die schon
1909 geöffneten mykenischen Gräber bei
Kokkolata belehrt. Besonders die Grab-
formen (Kuppelgräber mit Gruben) sind
interessant, ebenso die zahlreichen Gemmen,
die von gut mykenischen Exemplaren bis zu
den schlechtesten und spätesten, schon an
»Inselsteine« erinnernden, herabgehen (S.
2561., 267).
Mehrere Reste prähistorischer Ansied -
lungen fand Kavvadias auch 1913, Vor-
mykenisches bei Same (wo nichts My-
kenisches erscheint), bei Menifes und Kastri,
bei Pezviiles, Griechisches bei Dalichion
(zweistöckiges Haus mit Wandmalereien)
und Same. In den prähistorischen Ansied -
lungen sind hier die Häuser rechteckig, wie
in Thessalien, die Gräber rund, wie auf
Leukas. Reste solch früher Wohnstätten
hat jüngst auch Rhomaios im Heiligtum
von Thermon entdeckt: sie enthielten Vasen,
die denen von Chaironeia gleichen sollen
(riavaOr^ata XXVII 1913, 61).
Auch in den neuen Provinzen hat gleich
die Arbeit eingesetzt: Philadelpheus gräbt
in Nikopolis, der Siegesstadt, die Au-
gustus nach der Schlacht bei Actium er-
baute: auf hohem Hügel ist dort der große
Tempel wiedergefunden, den der Sieger dem
Poseidon und Ares weihte. Nur die Funda-
mente des 56 : 25 m großen korinthischen
Baues liegen noch an ihrer Stelle, aber zahl-
reiche Bauglieder und auch Stücke des Frieses
mit der riesigen lateinischen Weihinschrift
erlauben hoffentUch eine zeichnerische Re-
konstruktion. Die Nekropole lieferte bis-
her drei Marmorsarkophage und zahlreiche
Beigaben, aus über 150 Ziegelgräbern.
Auf Mitylene untersuchte Kyparissis
das Inselchen zwischen den beiden Häfen,
auf dem jetzt die Festung steht, einst die älteste
Stadt lag. Doch sind bisher nur junge
Funde zutage gekommen, eine Hekate und
ein Grabrelief aus Marmor, sowie einige
Terrakottaköpfchen.
Auf Chios hat Kuruniotis an mehreren
Stellen gegraben: Unweit der Hauptstadt
129
Griechenland.
130
Chora, bei einem alten Steinbruch, der
heute noch Latomi heißt, Hegt ein großer
Friedhof des ausgehenden VI. Jahrh., dessen
tönerne Särge genau denen von Klazomenai
gleichen; nur fehlen ihnen die gemalten
Ornamente. Die Funde waren zwar sehr
spärlich — meist nur eine kleine schwarz-
figurige attische Lekythos — aber zur Da-
tierung auch der klazomenischen Sarkophage
nicht unwichtig. Nur eines dieser Gräber,
das auch einen Tymbos hatte wie die
gleichzeitigen attischen, war etwas reicher.
An der Südspitze von Chios, bei Kato
Fhanäs, wo nach Strabon das alte Fhanai
mit seinem guten Hafen und seinem Apollo-
tempel lag, hat Kuruniotis die Reste des
letzteren freizulegen begonnen. Der Peri-
bolos des Heiligtums, aus großen Kalkstein-
blöcken sorgsam geschichtet, maß ungefähr
80 m auf jeder Seite. Von dem ionischen
Marmortempel des VI. Jahrh. haben die
später hier hausenden Byzantiner fast alles
zerstört. Die Säulenbasen gleichen denen
des Heraions von Samos, alle gefundenen
Säulentrommeln sind unkanneliert, von den
Kapitellen sind bisher nur sehr kleine
Brocken aufgetaucht. Geison und Sima
tragen reichen Relief schmuck (Palmetten -
lotosbänder, Eier- und Perlstäbe). Reste
eines älteren Heiligtums, aus den ersten
Jahrhunderten des ersten Jahrtausends
(geometrische Scherben und kleine Weihe -
gaben) sind an dieser Stätte bereits fest-
gestellt. Auch ist bei Pyrgion ein gleich-
zeitiger, kleinerer, aber reicherer ionischer
Tempel aufgedeckt, mit ähnlichen Basen,
kannellierten Säulen und sehr prächtigen
Ornamentbändern an Geison und Sima.
Ein Eckstück der Sima trägt eine Reihe
von Kegeln und an der Ecke ein pracht-
volles Gorgoneion. Diese schönen Funde,
deren Vergleich mit anderen archaisch -
ionischen Bauten — Samos, Ephesos, Del-
phi — besonders lehrreich sein wird, be-
rechtigen zu den besten Hoffnungen für die
weitere Erforschung von Chios.
Ebenso wichtig dürfte eine zweite große
Unternehmung in den neubefreiten Pro-
vinzen sein, die Ausgrabung von Pella in
Makedonien. Sie hat aus politischen Grün-
den noch nicht beginnen können. Unter-
dessen hat K. Zesios mit der Erforschung
der christlichen Reste von Makedonien und
Epirus begonnen und dabei vor allem die
byzantinischen Kostbarkeiten von Meleni-
kon vor den Bulgaren gerettet.
Auf Kreta endlich kann Hazzidakis
sehr bedeutsame minoische Funde aus
Arkalochori verzeichnen: er veröffent-
licht sie im diesjährigen British School
Annual.
Die von Seiner Majestät dem Kaiser
alljährlich auf Korfu veranstalteten Gra-
bungen haben in diesem Frühling, von
Ende März bis Anfang Mai, wieder bedeut-
same Funde geliefert. Die fortgesetzte
intensive Bewohnung der Insel hat eine
ganz ungewöhnlich starke Zerstörung der
antiken Reste bewirkt: aber alles, was ihr
entgangen ist, zeichnet sich durch Seltenheit
und wissenschaftlichen Wert hervorragend
aus. Doerpfeld, der die Ausgrabungen
wieder geleitet, berichtet über sie in den
Athenischen Mitteilungen. Daher hebe ich
hier nur das Wichtigste hervor, nach seinen
mir freundlichst gesandten Notizen und aus
eigener Anschauung während eines Teiles der
Grabung.
Vom Gorgotempel bei Garitsa ist nun
auch die Nordseite freigelegt, leider, wie das
übrige, so gründlich zerstört, daß selbst vom
Fundament nur zwei Reihen kleiner Blöcke
in situ übrig sind: sie trugen einst die Fuß-
bodenplatten der nördlichen Ringhalle und
erlauben wenigstens, die genauen Maße des
Tempels zu nehmen (48,95 : 23,80 m).
Mehrere gut erhaltene Triglyphen und glatte
Metopen sind gefunden worden. Dagegen
scheinen zwei Relieffragmente, die an der
Ostseite zutage kamen, eher einem Friese
anzugehören, wie ihn ja schon der alte
Tempel von Priniä auf Kreta (siehe unten
Sp. 145) an der Front trug. Das eine dieser
Fragmente ist bis zur Unkenntlichkeit ver-
stümmelt, das andere zeigt einen aus-
fallenden Krieger, hinter dem noch die
Hand einer zweiten Figur erhalten ist. Der
Krieger trägt Schienen am rechten Ober-
und Unterarm, eine seltene Panzerung, die,
wie es scheint, hoch archaisch ist; denn die
attischen Maler des VI. Jahrhunderts (z. B.
Exekias, Furtwänglcr-Reichhold III Taf. 131
und S. 68, und Cholchos, Wiener Vorlegebl.
1889 Taf. I) verstehen die Armschienen nicht
131
Archäologische Funde im Jahre 1913.
132
mehr so recht. Vgl. Furtwängler, Olympia
IV Text S. 161 f. Für Schienen am Ober-
und Unterarm ist das Relief von Korfu
m. W. das einzige Beispiel. Im Stil gleicht
es durchaus den kleineren Giebelfiguren,
nur ist die Relieferhebung entsprechend
seiner Verwendung am Friese geringer. Das
Dach des Gorgotempels bestand ursprüng-
lich aus Ton, wie zahlreiche erhaltene Ziegel
beweisen. Auch von der tönernen Sima ist
ein Stück erhalten, das mit seinen gemalten
Rosetten den Metopen von Thermon sehr
ähnlich, ihnen wohl auch gleichzeitig ist.
Es sind aber auch noch zahlreiche Frag-
mente einer prachtvollen, mächtigen Sima
zutage gekommen, die ein anderes Gesimse
und ein hölzernes Gebälk voraussetzt. Des-
halb nimmt Doerpfeld an, daß sie von einem
anderen großen Tempel stamme, der nörd-
lich vom Gorgotempel gelegen habe. Hier
erhebt sich eine höhere Terrasse, von sehr
altertümlichen polygonalen Stützmauern im
Süden begrenzt und noch nicht untersucht.
Diese Sima ist mit Blattüberfall, einem sehr
reichen Flechtband, strengen Rosetten und
vierfachem Spiralbande geschmückt, alles
in flachem Relief eingepreßt und bemalt.
Die vortreffliche Arbeit und der Stil er-
innern an die besten protokorinthischen
Vasen. Eine ganz entsprechende Sima be-
findet sich im Museum von Delphi.
In der zweiten Hälfte des VI. Jahr-
hunderts ist dann der Gorgotempel mit
einer Sima und Antefixen aus Inselmarmor
ausgestattet worden. Von letzteren sind
ein paar vollständige Exemplare, mit sehr
schönen, scharf gezeichneten Falmetten in
flachem Relief, zutage gekommen. Nord-
lich vom Gorgotempel liegt eine offenbar
in später Zeit aus allerhand älteren Bau-
gliedern und Weihgeschenken geschichtete
Terrasse. Daher stammt ein dreikantiger
Weihgeschenkträger mit der Inschrift: MJsvxi?
'AptdTsa 'ApTO('p.tTi '), ferner ein Giebel eines
kleinen Monuments, mit der Weihung
Xspdt/potTiSäv I iraiptuiCTTäv, ein sehr wert-
voller Beweis für das Fortleben des Ge-
schlechts, das sich von einem der Gründer
Kerkyras herleitete. Wir dürfen hoffen,
■) E. Petersen weist mich freundlich auf die
Analogie zwischen dieser dreikantigen Weihung und
der dreigestaltigen Artemis Hekate hin.
daß weitere Forschungen uns auch den
Namen der Gottheit verraten werden,
dem der Gorgotempel gehörte. Die eine
Weihung an Artemis ist hierfür noch nicht
beweisend.
Unterdessen hat Doerpfeld noch einen
anderen großen Tempel wenigstens in Spuren
nachweisen können, auf einem etwa lOO m
im Geviert messenden Plateau im Parke von
Monrepos, einem nördlichen Ausläufer der
Akropolis von Kerkyra. Leider ist auch hier
alles grausam zerstört. Indessen beweisen
die Einarbeitungen im Felsen, vereinzelte
Fundamentblöcke und eine Menge kleiner
Splitter von Baugliedern, daß es ein mäch-
tiger dorischer Porosbau war (45 : 20 m),
mit marmorner Sima und Löwenköpfen als
Wasserspeiern. Der Stil der letzteren weist
etwa ins Ende des V. Jahrhunderts. Daß
aber an dieser oder einer benachbarten
Stelle ein großer, höchst archaischer Tempel
stand, lehren mehrere Bruchstücke riesiger
Wasserspeier aus Ton, Löwen- und
Gorgonenköpfe, die letzteren dadurch be-
deutsam, daß sie die sogenannten Etage-
locken tragen. Diese Terrakotten, die
ältesten und größten ihrer Art, stellen sich
zu der ältesten Sima von Garitsa und
stammen, wie diese, von einem sehr alter-
tümlichen Holzbau. Die besten Analogien
bieten die frühesten Terrakotten von
Thermon, die älter sind als der Tempel der
bemalten Metopen (vgl. Koch, Athen. Mitt.
1914 Heft 3/4). Setzt man diese in das Ende
des VII. Jahrhunderts, so müssen jene etwas
älter sein. Das stimmt gut zu ihrer stilisti-
schen Analogie mit Protokorinthischem.
Und für die aus Korinth selbst bisher kaum
bekannte archaische Tonplastik ist es sehr
lehrreich, ihre Ableger in Delphi, Thermon,
Kerkyra zu finden.
Rings um das Plateau, auf dem jener
Tempel des V. Jahrhunderts — und viel-
leicht auch der ältere — stand, läuft eine
Umfassungsmauer aus gtoßen Quadern. Im
Norden stößt daran eine Brunnenanlage,
bei der eine Menge archaischer Werkstücke,
besonders dorische Kapitelle von mehreren
kleinen Bauten, aber auch eine ganz eigen-
artig geformte, unten verbreiterte Eck-
triglyphe und ein Antenkapitell mit Ranken-
ornament in flachem Relief verbaut sind.
133
Griechenland.
134
Diesen Bauten nachzuspüren, bleibt der
nächsten Kampagne vorbehalten.
Über die Grabungen des Deutschen
Instituts in Tiryns orientiert der Be-
richt von H. Dragendorff, Athen. Mitt.
XXXVIII 1913, 329 ff. Im September und
Oktober 1913 hat er den großen westlichen
Aufgang von der Unter- zur Oberburg voll-
kommen ausgeräumt. Im März 1914 haben
dann Bremer, Matthies und ich auch die
mächtige Stützmauer der Mittelburg ganz
freigelegt. Die Mittel dazu hatte uns der
treue Freund unseres Instituts, Herr A. E. H.
Goekoop, wiederum auf das Gütigste zur
Verfügung gestellt. So erscheint jetzt die
niedrigen Hügelrückens ein geräumiges, vor-
nehmes mykenisches Haus erbaut, in dem
nur jungmykenische Scherben gefunden
wurden. Dieses selbst aber war schon zer-
stört, als der mächtige Mauerring der Unter-
burg angelegt und innerhalb seines Verlaufs
der Hügel planiert wurde. Dabei ist jenes
Haus tief verschüttet worden, die Ring-
mauer durchschneidet eine seiner Mauern.
Damit ist der Beweis erbracht, daß diese
riesenhafte Befestigung, zu der auch die
große westliche Bastion sowie die berühmten
Galerien gehören, aus recht spät mykenischer
Zeit stammen. Die Unterburg trug in dieser
Zeit keine Gebäude, sie war eine Zufluchts-
Abb. I. Schnitt durch den Töpferofen (Tiryns).
ganze Befestigung in ihrer monumentalen
Pracht, obwohl die Mauern jetzt viel weniger
hoch aufrecht stehen als im Altertum.
Diese »kyklopischen« Mauern galten bisher
immer für besonders altertümlich. Das
überraschendste Ergebnis von Dragendorffs
Arbeiten war der Nachweis, daß sowohl der
äußere Mauerring der Oberburg wie jene
Abschlußmauer der Mittelburg erst in jung-
mykenischer Zeit entstanden sind. Und
dasselbe gilt von der Unterburg: diese war,
wie zahlreiche Versuchsgräben im Herbst
und Frühjahr sicher bewiesen haben, zwar
in vormykenischer Zeit von Häusern be-
deckt, in älterer mykenischer (XVI. —
XV. Jahrhundert) aber verlassen. Erst
etwas später (vielleicht im XIV. Jahrhundert)
hat man auf dem westlichen Abhang dieses
bürg von ähnlichem Aussehen wie heute.
Vor der Stützmauer der Mittelburg haben
wir sogar zwischen anstehenden Felsen ein
ärmliches spätmykenisches Grab gefunden.
In früher Zeit war das anders: die runden,
elliptischen oder rechteckigen Häuser der
vormykenischen Bevölkerung überzogen den
ganzen Hügel. Mindestens drei aufeinander-
folgende Perioden der Besiedelung lassen
sich feststellen. Eine größere Fläche dieser
Art, mit ihren Hausruinen, haben wir im
Frühjahr aufgedeckt: sie soll offen bleiben,
während auf der Oberburg die Reste vor-
mykenischer Zeit wieder zugeschüttet werden
müssen. Dieses Schicksal hat leider auch
den großen Rundbau ereilt, den wir im
Herbste 191 2 entdeckt hatten (Athen. Mitt.
XXXVIII 1913 Taf. 3). Doch haben wir
135
Archäologische Funde im Jahre 19 13.
136
durch Versuchsschachte unter dem Herde
des Megaron und im Hofe davor wenigstens
sicher beweisen können, daß es ein voller
Rundbau war. Der Radius des Fundament-
sockels läßt sich nun auch genauer auf
13,85 — 95 m berechnen, das Zentrum
des Kreises liegt auf der Schwelle zwischen
Vorhalle und Vorsaal des Megaron.
Auf der Mittelburg sind die vormykeni-
schen Schichten näher erforscht worden:
dabei kam unvermutet ein mykenischer
Abb. 2. Dromos und Tür des Kuppelgrabes
(Tiryns).
Töpferofen zutage (Abb. i), der zur "Her-
stellung des charakteristischen, unbemalten
gelben Geschirrs diente, wie man es an allen
Stätten jüngermykenischer Kultur gefunden
hat. Doch ist auch dieser Ofen älter als die
große Grenzmauer zur Unterburg, nördlich
von ihm.
Die Ausbeute an vormykenischer Keramik
ist weniger reich, als wir erwartet hatten.
Immerhin können wir sagen, daß die drei
(oder vier) vormykenischen Wohnschichten
durchaus von der sogenannten Urfirnisware
beherrscht werden. Diese setzt schon in der
ältesten Schicht vollentwickelt ein, etwa
der Stufe der jüngeren Kykladengräber ent-
sprechend. Neben sie treten dann sehr bald
schwarzpolierte Vasen, dann mattbemalte
und sogenannte »minysche«, die schon zum
Frühmykenischen überleiten. Indessen be-
rührt sich diese letztere Ware nur eben noch
mit dem Urfirnis, den sie vielmehr ablöst.
Kretischer Einfluß erscheint erst in dieser
Phase, etwa um die Mitte des XVI. Jahr-
hunderts v. Chr.
Seit Jahren hatten wir nach den vor-
nehmen Gräbern von Tiryns gesucht. Nun
bescherte uns das Glück ein Kuppelgrab,
das zwar wesentlich kleiner und unschein-
barer ist als die Prachtbauten von Mykenai,
aber doch eines der sehr wenigen intakt
erhaltenen. Es liegt am Westabhang des
H. Elias -Berges, etwa 800 m östlich von
Tiryns. Ein 13,7 m langer Dromos führt
zu dem eindrucksvollen Kuppelraum (Dm.
8,5 m), dessen Gewölbe eine merkliche Kurve
macht (Abb. 2 und 3). Im Innern fand
Dragendorff einen Grabschacht (d), dessen
Wände und Boden mit Stuck verkleidet
waren. Ähnliche Anlagen zeigen gerade
die älteren Kuppelgräber wie Vaphio oder
Kakovatos, Heraion. Leider können wir
das unsere nicht fest datieren, da es bis auf ■
die letzte mykenische Scherbe ausgeraubt
war. In römischer Zeit hatte man eine Öl-
fabrik daraus gemacht: der Mühlstein (g),
ein kleines gemauertes Bassin (b) und
einige in den Boden eingelassene, um-
mauerte Gefäße (e, e, e, e) zeugen dafür,
ebenso eine große Zahl von Ölfläschchen aus
Ton.
Der neue Fund legt uns die Pflicht auf,
weiter zu forschen in der Nekropole von
Tiryns. Am Ostabhange des H. Elias haben
wir auch schon das Vorhandensein von
Felskammern konstatiert. Ältere mykeni-
sche Scherben, die hier herumliegen, ver-
sprechen guten Erfolg. Die Erforschung der
Burg von Tiryns dürfen wir als abgeschlossen
betrachten; die Grenzen der Unterstadt
bleiben noch zu bestimmen. In diesem
Frühjahr haben wir sie südlich bis in den
Garten der Ackerbauschule hinein verfolgt.
Über die Grabung des Deutschen Instituts
im Kerameikos, vor dem Dipylon zu
Athen, hat Brueckner schon oben (Sp. piff.)
berichtet. Eine hervorragende neue Auf-
gabe, die Erforschung von Dodona, die
137
Griechenland,
138
uns von der griechischen Altertumsver-
waltung mit ihrer gewohnten selbstlosen
Liberalität überlassen worden ist, werden
wir in Angriff nehmen, sobald es die poli-
tischen Verhältnisse erlauben.
Das Österreichische Institut hat in
Elis im Jahre 1913 nicht gearbeitet, 1914
von Mitte April fast drei Monate lang
unter der Leitung O. Walters, dem Eichler
und eine Zeit lang Schilcher zur Seite stan-
den. Walter hat mir gütigst die folgenden
Angaben zur Verfügung gestellt: »Die in
früheren Kampagnen gefundenen griechi-
schen Gebäude wurden näher untersucht,
insbesondere die Umgebung des vor zwei
Jahren aufgedeckten tempelartigen Gebäudes.
gerissenen Mauer, die einer zur »Scherben -
halle« parallelen Halle angehören dürfte.
Zwischen den beiden Hallen im höheren
Niveau wurde ein christliches Mosaik auf-
genommen. Südlich davon noch Reste von
zwei Gebäuden guter Zeit, die ihrem Niveau
nach auch noch an der Agora liegen könnten.
Im allgemeinen ist die Verschüttung auf
dem Agoraplateau eine ganz geringe, wie
auch die zahlreich erhaltenen Wasserrinnen
und Leitungen zeigen; daher auch der
traurige Zustand der dort gelegenen Gebäude,
die dem Steinraub vollkommen ausgesetzt
waren.
In einer schon früher auf das Theater
hin vergebens untersuchten Mulde wurde
Abb. 3. Plan des Kuppelgrabes (Tiryns).
Nördlich davon haben wir Mauern und
Propylon eines Temenos gefunden, hinter
letzterem eine im natürlichen Lehmboden
eingeschnittene Grube (favissae) mit vielen
Weihgeschenken, insbesondere Terrakotten;
darunter etwa 40 Köpfe verschiedener Größe
bis zuLebensgröße. Dabei auch eine archaische
Bronzeinschrift, in fünf Zeilen bustrophe-
don beschrieben. Wem der Bezirk heilig
war, läßt sich nicht bestimmt entscheiden:
nach der Mehrzahl der Funde und der Lage
würde man auf Aphrodite schließen, einzelne
der Terrakotten (Artemisstatuette, Schwein)
scheinen aber dagegen zu sprechen.
Weitere Untersuchungen auf dem für
die Agora in Anspruch genommenen Plateau
ergaben: Einige kleine Altäre, resp. deren
Unterbauten, aus Feldsteinen mit Stuck
überzogen (Paus. VI 24, 3); einige schöne
griechische Quadern einer im übrigen heraus -
abermals, und diesmal mit Erfolg, nach dem
Skenengebäude gesucht; es befindet sich
in einem im Verhältnis, zu andern elischen
Bauten guten Zustand und ist nahezu ganz
aufgedeckt. Zunächst kann man zwei
Perioden unterscheiden: die Teile der
älteren zeigen tiefere Fundamentierung und
I — I- Klammern, während die jüngeren ein
höheres Niveau voraussetzen und die Steine
überhaupt nicht oder mit Schwalbenschwanz-
klammern verbunden sind. An den Mittel-
teil, der durch eine Mauer in zwei gleich
tiefe Räume mit vorliegendem Proskenion
geteilt wird (L. ca. 22 m, T. im ganzen ca.
10 m) schließen sich Flügel an, so daß das
ganze Gebäude eine Länge von ca. 48 m er-
reicht. Auf der Proskenionmauer stehen
14 gesäulte Pfeiler aufrecht, die beiden Eck-
pfeiler fehlen. Die aus Stuck gefertigten
Basen und Kanellüren der Säulen sind
139
Archäologische Funde im Jahre 1913.
140
ionisch, später wurde zwischen ihnen ein
Mäuerchen errichtet; ein zugehöriges Ka-
pitell wurde vor Jahren in einem byzan-
tinischen Gebäude verbaut gefunden. Pro-
skenion, Vorder-, Zwischen- und Hinterwand
der Skene haben je drei in derselben Geraden
liegende Türen. Längs der östlichen Quer-
mauer ist der Kanal durchgeführt. Die
Flügelbauten hatten ursprünglich nicht die-
selbe Tiefe wie der Mittelteil, wurden aber
später wenigstens teilweise vertieft und ver-
breitert. Die jüngeren Flügelbauten be-
nutzen die älteren als Fundamente, an den
äußeren Enden ist aber Erde dazwischen;
dort stehen sie noch über 2 m aufrecht. Teil-
weise freigelegt wurde die östliche Parodos,
wo die Stützmauer des Zuschauerraums und
daran in der Parodos eine Bank gefunden
wurde. An der Innenseite der Vorder- und
Rückwand der eigentlichen Skene sind
Steine mit Löchern für aufrechtstehende
Balken. Parallel mit dem Proskenion,
ca. 5 m vor diesem, wurde später ein aus
Ziegeln gemauerter Kanal angelegt. Einzel -
funde wurden beim Theater sehr wenige
gemacht, bedeutsam sind viele scheiben-
förmige Tesserae aus Bronze, teils mit den
Buchstaben FA(AEION). Die ältere An-
lage des Theaters weist in hellenistische
Zeit; doch zeigen viele Quadern Klammer-
löcher, die deren frühere anderwärtige Ver-
wendung beweisen, so daß man vielleicht
einen älteren Theaterbau — etwa ohne
steinernes Proskenion — vermuten darf.
Von Steinsitzen des Zuschauerraumes wurde
weder in dem nahezu in der Mitte durchge-
zogenen Radialgraben noch an der östlichen
Parodos etwas gefunden, allerdings scheinen
auch der große Entwässerungskanal und
eine andere Einfassung der Orchestra gänz-
lich entfernt. Der Terrainbeschaffenheit
nach scheint das östliche Analemma sicher
künstlich aufgeschüttet. Pausanias VI 26,1
spricht von einem dsatpov dpj^atov; dies ist
wohl am ehesten so zu verstehen, daß es im
Gegensatz zu anderen griechischen Theatern
in römischer Zeit nicht mit einem pulpitum
versehen wurde. Nach Pausanias liegt es
(iSTac'j TTj? d-copä? xat toü Mtjviou. Tat-
sächlich befindet sich das Plateau, auf dem
wir die Agora ansetzen, unmittelbar süd-
westlich davon, so daß für die Richtigkeit
ihrer Lokalisierung ein neuer Beweis ge-
funden ist. Den Mi^vto? dürfen wir wohl
in einem von der Akropolis herabkommenden,
jetzt allerdings fast immer trockenen Bach-
lauf erkennen.
Nordwestlich des Theaters wurde eine
Stützmauer mit einem Grenzstein und weiter
nördlich viele späte Gräber gefunden; in
einem dieser ein Goldplättchen mit Dar-
stellung der stehenden Athena mit Schild
und Lanze.
Am Südwestabhang der Akropolis ist
ein Teil ihrer Umfassungsmauer gefunden
und freigelegt; sie wurde, wie wir aus Diodor
XIX 87 wissen, von Telesphoros, dem Ad-
miral des Antigonos, im Jahre 312 v. Chr.
errichtet, aber bald wieder geschleift. Der
aufgedeckte Teil zeigt polygonale Bauart
und eine Dicke von ca. i m.«
Die Amerikanische Schule hat ihre
Ausgrabungen in Korinth erst im Früh-
jahr 1914 wieder aufgenommen. Unter-
dessen haben Miß Walker und Miß Gold-
man bei Halae in Lokris zwei weitere
Kampagnen unternommen (Hersbt 1913,
Frühjahr 1914), über deren Resultate sie
mich freundlichst unterrichtet haben (vgl.
A. Anz. 1913, 104).
Die erste Aufgabe bildete die Freilegung
des Mauerringes der Akropolis. Die erste,
altertümlich polygonale Anlage enthielt in
den Fugen zwischen den Blöcken nur rein
geometrische Scherben, die ja freilich h er,
wie in Boeotien, wohl weiter herabreichen als
etwa in Attika. Immerhin kann man die
Mauer kaum jünger als etwa 600 v. Chr.
datieren. Ihre Nord-, Süd- und Westseite
liegen jetzt frei; letztere ist zum Teil durch
die gleich zu erwähnende jüngere Befesti-
gung zerstört. Diese alte Mauer besaß
wenige Türme — bisher ist nur ein großer
runder an der SW.-Ecke gefunden worden
— dafür aber mehrere vorspringende Ecken.
Im Norden führte ein Tor aus der Stadt
auf eine von Gräbern eingefaßte Straße,
wohl die nach Larymna. Das wohlerhaltene
Tor ist früh wieder geschlossen worden.
Eine gepflasterte Straße läuft von hier bis
in die Mitte der Stadt. Die jüngsten Funde
aus den angrenzenden Hausruinen sind
Scherben des IV. Jahrh.
Um die Wende des V. und IV. Jahrh.
141
Griechenland.
142
ist diese alte Befestigung an der ganzen
Ostseite und an den SW.- und SO. -Ecken
durch eine Quadermauer aus rötlichem
Porös, mit vielen Türmen, ersetzt worden.
Vorzüglich erhalten ist an der Ostseite ein
von zwei Türmen flankiertes Tor (der nörd-
liche viereckig, der südliche rund). Auch
hier ist die aus der Stadt herausführende
Straße eine Strecke (40 m) weit verfolgt
worden. Sie zeigt fünf Schichten überein-
ander, zu Unterst ein unregelmäßiges Stein-
pflaster mit Radspuren. Wie lange sie im
Gebrauche war, beweist auch eine Grenz-
mauer im Norden der Straße, deren poly-
gonales Mauerwerk dem ältesten Festungs-
ring entspricht.
Ein zweiter wichtiger Eingang in die
Stadt muß von jeher nahe der SW.-Ecke
existiert haben: es war das Seetor, denn
eine benachbarte kleine Bucht scheint nach
den Resten von Schiffshäusern der Hafen
des alten Halai zu sein. Über die ältere
Toranlage belehren uns nur geringe Reste;
die jüngere umfaßte ein breites Tor mit
einem dorischen Propylon auf der Stadt-
seite. Im IV. — III. Jahrh. ist dann darüber
ein großer viereckiger Turm erbaut worden ').
Nicht weit davon wurde die Basis einer
Marmor- (oder Poros-)Statue gefunden:
nach der in boeotischem Alphabet geschrie-
benen Inschrift eine Weihung des Demos
von Halai an Athena, mit der Signatur des
Künstlers. Dies ist das erste urkundliche
Zeugnis dafür, daß hier wirklich Halai lag.
Das dorische Propylon führte auf einen
weiten gepflasterten Platz. Nur in der
Mitte fehlt das Pflaster aus Porosbrocken.
Hier stand wohl ein älteres Heiligtum, von
dem noch Mauerreste, mit Spuren bunter
Stuckbemalung, und eine zerbrochene Herme
übrig sind. Der ganze Platz aber war mit
Baugliedern übersät. Darunter sind einige
sehr alte Stücke, wie ein dorischer Säulen-
splitter mit bunter Bemalung (blau, rot,
schwarz), der Torso eines archaischen »Apol-
lo«, der Oberteil einer sehr altertümlichen
Frau im Stil der Nikandre von Delos, der
Unterteil einer an die Branchiden erinnern-
') In dessen Füllung lagen viele Bauglieder
und architektonische Terrakotten archaischen Stils,
darunter auch ein Löwe und ein kleiner Frauen-
kopf, wohl von Akroterien.
den Sitzfigur; dann zahlreiche, teilweise
sehr alte Terrakotten und Scherben, einige
Silber- und Elfenbeinsachen, eine Masse
kleiner Bronzegeräte (Ringe, Fibeln, Arm-
bänder u. ä.). Besondere Beachtung ver-
dienen Fragmente einer großen Terrakotta-
gruppe (etwa Drittellebensgröße), die Pferde
und Menschen umfaßte. Diese reichen
Funde legen den Schluß nahe, daß in der
Nähe ein wichtiger Tempel stand. Hoffent-
lich bietet dieser ganze Platz, offenbar der
vornehmste der kleinen Stadt, weiter reiche
Ausbeute. Unter den verstreuten Funden
ist noch eine Basis mit metrischer Weihung
in Bustrophedonschrift zu erwähnen.
Die vielseitige Tätigkeit der Italieni-
schen Schule kommt jetzt gut zur Geltung
in dem eben erschienenen ersten Annuario
della Scuola Archeologica di Atene
e delle Missioni Italiane in Oriente
(Bergamo 1914). Durch Perniers Freund-
schaft lagen mir schon handschriftliche No-
tizen vor. Die große Arbeit in den Palästen
von Phaistos und H. Triada ') kann als ab-
geschlossen gelten; Pernier gibt (p. 357 ff-')
eine äußerst dankenswerte knappe Über-
sicht der Baugeschichte von Phaistos, mit
gutem Plane (Abb. 4 nach S. 359). Wir
lernen daraus, daß unter den späteren Ge-
bäuden an ein paar Stellen Reste rechtecki-
ger Häuser aus den Anfängen frühminoi-
scher Zeit gefunden sind; daß ferner der
ältere Palast nicht ganz zu Anfang der
mittelminoischen Zeit entstand, sondern erst
um die Wende von MM. I und II, und daß
er noch vor dem Ende von MM. III zerstört
wurde.
Wie lange dann der jüngere Palast bestehen
blieb, läßt sich nicht genau ermitteln: wahr-
scheinlich wurde er, wie der von Knossos,
im Laufe des XV. Jahrh. wenigstens teil-
weise eingeäschert.
Sehr viel wichtiger noch ist die ausführ-
liche Abhandlung, die Pernier den archai-
') Leider sind die schon vor einem Jahrzehnt
ausgegrabenen, längst publizierten Fresken von H.
Triada, die schönsten und wichtigsten minoischen
Malereien, auf unbestimmte Zeit wieder verschlossen
worden. Bei aller Dankbarkeit für Halbherrs große
Verdienste muß im Interesse der gesamten Wissen-
schaft gegen ein solches Verfahren protestiert
werden.
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Abb. 5. Fassade des Hauptbaus von Prinia.
Abb. 6. Cellatür der Fassade Abb. 5,
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Abb. 4. Plan von Phaistos.
145
Griechenland.
146
sehen Tempeln von Priniä widmet (An-
nuario 18 — ili, Taf. i — 3; vgl. A. Anz. 1909,
96). Wir erhalten hier zum ersten Male
genaue Pläne dieser Bergfeste und ihrer so
außerordentlich bedeutsamen Tempel; ferner
eine Rekonstruktion des Hauptbaus (A),
deren ganz fremdartige Erscheinung Pernier
mit guten Gründen stützt: an der Fassade
der bekannte Reiterfries, darüber ein flaches
Dach (Abb. 5 nach Taf. 6), von zwei Sphin-
gen in der Mitte und zwei Volutenakroterien
an den Ecken bekrönt; eine einzige Mittel-
stütze trägt mit den Parastaden den schweren
Fries. Noch überraschender ist dieKonstruk-
steht, ist nun vollkommen freigelegt (Per-
nier, Annuario I 373 ff.; vgl. A. Anz. 1912,
268) (Abb. 7 nach S. 375). Einige Besonder-
heiten in den Enden der Cavea und in den
Seiten der Bühne erklären sich aus der An-
passung des neuen Bauwerks an das ältere.
An jeder Parodos befinden sich zwei Nischen
und eine kleine Treppe: in der westlichen ist
eine Inschrift verbaut, die ein Bestehen des
Baus bis zum Ende des III. Jahrh. n. Chr.
beweist. Die Bühnenwand, mit den üblichen
drei Türen, wird durch acht vorspringende
Pilaster gegliedert. Hinter der Bühne Hegt
eine Pfeilerhalle. Neben den verbauten
Abb. 7. Odeum in Gortyn.
tion der Cellatür (Abb. 6 nach Taf. 5): über
der mittleren Stütze sind die zwei archa-
ischen Sitzstatuen angebracht, die durch
den Hohlraum über ihnen sehr geschickt
den Türsturz entlasten. Diese ganz eigen-
artige Architektur zeigt noch klar mi-
noische Reminiszenzen, wenn sie auch schon
rein griechisch und nicht älter ist als das
VII. Jahrh. Das beweisen, außer dem Stil,
auch die unter dem Tempel gefundenen
reif geometrischen und archaisch orientali-
sierenden Scherben des VIII./VII. Jahrh.
(Pernier S. 71).
Auch in Gortyn haben Pernier und
seine Genossen weiter vortreffHch gearbeitet.
Das Odeum, welches über und in dem alten
Rundbau mit dem »Recht von Gortyn«
archaischen Inschriftfragmenten sind auch
einige von Skulpturen aufgetaucht, darunter
zwei archaische. — Östlich vom Odeum
liegen Zimmer von späten Häusern und
Thermen. Im Hauptsaal ein schönes Mosaik.
Zwei Inschriften aus der zweiten Hälfte des
II. Jahrh. v. Chr. sind hier vergraben: eine
Liste von Agoranomen und die Weihung
eines Agoranomos und Gynaikonomos. Sie
bestätigen Halbherrs Annahme, daß hier
die Agora lag.
Über ein schönes Nymphäum der Kaiser-
zeit in Gortyn ist schon früher (A. Anz.
1912, 268) kurz berichtet worden. Nun
erhalten wir von Maiuri eine Publikation
des wichtigen Baues mit Plan, rekon-
struierter Fassade und Abbildung der wich-
147
Archäologische Funde im Jahre 191 3.
148
tigsten Funde (Annuario I iipff., die Skulp-
turen von Bendinelli behandelt, S. I37ff.).
Daran reiht sich eine kurze Besprechung
(S. 149 ff. von Perali) eines zweiten Nym-
phäums und anderer Brunnenreste in
Gortyn.
Wichtiger sind die neuen Ausgrabungen
im Prätorium von Gortyn, wo die Italiener
auf den Spuren ihrer venezianischen Vor-
fahren aus dem XVI. und XVII. Jahrh.
wandeln. Einen Bericht gibt Pace, An-
nuario I 377 ff. Zunächst ist hier, wohl zu
Anfang des I. Jahrh. n. Chr. (nach einer
leider fragmentierten Inschrift), ein groß-
artiger, weiträumiger Ziegelbau errichtet
worden, der noch gegen Ende des IL Jahrh.
in Gebrauch war (Statuenbasis des P. Sep-
timius Geta, vor 193). Dann erfolgte ein
Umbau in Stein, unter Gratian, Valentinian
und Theodosius, 380 — 383, wie die Weih-
inschrift am Eingang kündet. In dieser
Periode wurde, wie es scheint, ein mäch-
tiger Hof mit Säulenhallen zwischen Prä-
torium und Pythion gebaut. In der Ost-
halle sind auf einem Stylobat (aus Werk-
stücken und Inschriften des älteren Baus)
eine Reihe von Basen erhalten, deren In-
schriften zum großen Teile Verschöne-
rungen der Anlage durch OfxoofASVio?
A<juaiS)sos 'AaxXrjTTioSoTO? ActjATTpotaxo? uira-
Tixöc rühmen. Dafür stiftet ihm das
Koinon der Provinz Kreta - Kyrene ein
Denkrnal. — Eine Reihe prächtiger Archi-
tekturglieder dieses neuen Prätoriums sind
gefunden, nur wenige Reste der bunten
Marmorsäulen und der reichen Inkrustation
des älteren Baues '). Ferner ergab die
Grabung zahlreiche, zum Teil seit der
Renaissance verschollene, nun wiedergefun-
dene Inschriften, sowie mehrere Skulpturen.
Zu jener Basenreihe des Hofes gehören
zwei kopflose Statuen von Beamten und
Fragmente von einigen anderen ; zum ersten
Bau mehrere Götterstatuen: Fragmente
einer Athena, einer Aphrodite mit der Urne,
einer Gruppe des Sarapis-Osiris mit Harpo-
krates und Kerberos; eine eigenartige, lang-
gewandete Artemis, nach einem Original
') Die arge Zerstörung erklärt sich aus der
byzantinischen Bebauung der Stätte, im X.— XIII.
Jahrh.
des IV. Jahrh., eine »Isis-Tyche« mit
langem Fransenmantel und großer Blumen-
girlande vor der Brust — die Rechte hielt
einst wohl das Füllhorn. Die Köpfe fehlen
stets. Hoffentlich ergibt die vollständige
Freilegung des Prätoriums, in diesem Som-
mer, weitere schöne Resultate.
Ein glücklicher Fund Oliverios hat uns
das Heiligtum der ägyptischen Götter von
Gortyn, nördlich vom Pythion, wieder-
geschenkt (Annuario I 376 f.). Nach der
Weihinschrift auf dem Architrav haben
Flavia Philyra und ihre Söhne diesen otxo?
von Grund auf erbaut und Isis, Sarapis und
deoi? aovvaoi? geweiht. Es ist ein recht-
eckiger Raum mit Ziegelfußboden und
einer Mitteltür in der erhaltenen Vorder-
wand. Im Osten befindet sich ein Podium
(4i75 m lang, 0,55 hoch), durch zwei Mäuer-
chen dreifach geteilt. Von den vier daneben
gefundenen überlebensgroßen Marmorsta-
tuen gehört die Isis, mit Frauenschleier und
Halbmond auf der Stirne, auf den nördlichen
Teil des Podiums; in der Mitte stand Sarapis
mit Kalathos, zu seiner Rechten Kerberos
gelagert, auf dem Südteil eine Frau gerin-
gerer Qualität — • die beiden anderen Sta-
tuen sind vortrefflich erhalten und von
schöner Arbeit. Zu dieser Frauenstatue
gehört wohl ein davor stehender zylindri-
scher Cippus (H. 0,72 m), die Weihung einer
Frau, zum Dank an Isis und Sarapis. Die
vierte hier liegende Statue, ein guter kopf-
loser Hermes mit Beutel in der R. und
Kerykeion in der L., gehört nicht auf das
Podium: ein nahebei gefundener Hundskopf
legt die Deutung auf Hermanubis nahe.
Längs der Südwand des oTxo? ist durch
eine Parallelmauer ein mit Stuck verputzter
Raum abgetrennt, wohl ein Bad (L. 2,80,
T. 0,80 m), daneben ein tieferliegendes
rechteckiges Zimmer (L. 7 m), in dem ein
Treppchen zu einer quadratischen Grube
(T. 1,55 m) hinabführt. Der Zugang liegt
an der Südwand, die anderen enthalten je
eine kleine Nische. In der nördlichen lagen
noch eine tönerne weibliche Mantelstatuette
und ein Marmorköpfchen; in die beiden
anderen Nischen gehören vielleicht einige
kleine tönerne Stiere, die knieend mit
erhobenem Kopfe dargestellt sind. Die
ganze Anlage dürfte für Weihebräuche
149
Griechenland.
150
bestimmt sein und erhöht dadurch die Be-
deutung des Fundes.
Endlich ist auch ein kurzer Bericht von
Face über die spärlichen prähistorischen
Funde von Gortyn zu erwähnen: Annuario I
372;
Über einige kleine Versuchsgrabungen der
Italiener auf Rhodos belehrt ein kurzer
Bericht im Annuario I 364 ff. Sie ergaben
acht spätmykenische Gräber von lalysos,
mit Vasen und ein wenig Schmuck; in
Kamiros ein mykenisches Kammergrab,
zwei der bekannten großen Reliefpithoi mit
hockenden Skeletten und ein Grab mit
interessanter, bunt bemalter hellenistischer
Hydria; in Kymisala (Siana) ein paar In-
schriften ') und einen Altarplatz.
Die Englische Schule hat die Arbeit
in Kreta wieder aufgenommen. Wie wir
ihr schon die Erforschung der minoischen
Heiligtümer von Psychrö (BSA. VI 94 ff.)
und Petsofä bei Palaikastro (BSA. IX 356 ff.)
verdanken, so jetzt die erste genaue Kennt-
nis von der Höhle von Kamares auf dem
Südabhang des Idagebirges. Aus dieser
Höhle stammen die ersten bunten mittel -
minoischen Gefäße, die dieser ganzen Gat-
tung den Namen Kamares -Vasen gegeben
haben. Aber obwohl jene durch Hazzidakis
geretteten Vasen und Scherben seit zwanzig
Jahren bekannt sind (Myres, Proceed. Soc.
Antiqu. 1895, 351; Mariani, Mon ant.
Lincei VI 1896, 185), ist die oftgenannte
Höhle kaum je besucht, nie eigentlich er-
forscht worden (Taramelli, Amer. Journ.
Arch. 1891, 437). Es war auch keine leichte
Aufgabe, an diesem unzugänglichen und
unwirtlichen Ort hoch oben im Gebirge die
Arbeit zu organisieren. Dawkins hat nun
die Aufgabe gelöst und berichtet darüber im
letzten Bande des British School Annual.
Einsicht in die Druckbogen verdanke ich
seiner Freundschaft.
Leider hat der Erfolg die großen An-
strengungen nicht belohnt. Außer vielen
Vasen und Scherben hat die Höhle fast
nichts geliefert. Aber diese Scherben er-
gänzen zum Teil die alten Funde, zum Teil
') In dem ärmlichen Grabe, zu dem die S. 367
abgebildete Inschrift KaXXfcTTO'j gehört, lagen 1907
Scherben einer weißgrundigen hellenistischen Kalpis
(jetzt im Bonner Kunstmuseum).
Archäologischer Anzei^^er 1914.
lassen sie sich zu neuen, schönen Gefäßen
ergänzen. Die Höhle selbst besteht, wie so
viele auf Kreta, aus zwei Hälften. Ein breiter
Eingang (ca. 33 m breit, 18 — 20 m hoch)
führt in die vordere geräumige Halle, deren
Boden in steiler Neigung in den Berg hinab-
führt. Die kleine Plattform vor dem Ein-
gang ist offenbar nie als Kultplatz benutzt
worden, wie die vor der Höhle von Psychrö.
Im Innern liegen eine Menge gefallener
Blöcke, die sich schon seit uralter Zeit dort
befanden; denn unter ihnen ist nichts ge-
funden worden, alle Weihegaben sind neben
oder zwischen sie gestellt. Am unteren
Ende der ersten Höhle führt ein ganz nied-
riger, breiter Felsspalt in die zweite, eine
lange, gewölbte, stark abwärts geneigte
Halle. Nur ganz wenige alte Scherben
lagen hier, diese hintere Höhle ist nicht, wie
in Psychrö, das Allerheiligste gewesen, son-
dern wohl überhaupt nie als Kultraum ver-
wendet worden. Einige hier gefundene Tier-
knochen stammen aus jüngster Zeit.
Die zahlreichsten Funde lagen in Höh-
lungen zwischen großen Blöcken, am hin-
teren Ende der vorderen Höhle '). Die ganz
wenigen neolithischen und frühminoischen
Scherben lassen sich für den Kult nicht
verwerten, die ebenfalls spärlichen spät-
minoischen, die nahe dem Eingang der Höhle
lagen, spielen keine Rolle gegenüber der
großen Masse mittelminoischer Keramik.
Diese ist, von ihrem Anfang bis zu ihrem
Ende, durch ganz ausgezeichnete Beispiele
vertreten. Aber die Formen sind viel weni-
ger zahlreich als sonst auf kretischen Fund-
stätten. Besonders Schalen und Becher
sind selten, am häufigsten das zweihenkelige
kugelige Gefäß mit Ausguß, das für die
ganze mittelminoische Keramik so bezeich-
nend ist. Hier hat es gewiß als Vorrats-
gefäß gedient, ebenso wie die ungemein
zahlreich vertretene unbemalte, grobe Ware
(Pithoi, Becken u. a. große Gefäße). Reste
von Korn zeigen, was man der Gottheit in
diesem Bergheiligtum darbrachte; auch an
Milch, Wein und Öl kann man denken.
Aus der ersten mittelminoischen Periode
bietet die Höhle vortreffliche Vasen, beson-
') Aus den ganz spärlichen Resten von Mäuer-
chen läßt sich nichts entnehmen.
151
Archäologische Funde im Jahre 191 3.
152
ders der Barbotine-Technik, die ja über-
liaupt in der Messarä sehr gut vertreten ist
(in Phaistos, Hagia Triada, Kumasa). Ein
prachtvoller Pithos mit roten Zweigen auf
schwarzem, mit weißen Punkten übersäten
Grunde und die längst bekannte, aber erst
jetzt gut abgebildete Vase mit rotweißen
Fischen (Mon. ant. VI Taf. X 8), verdienen
besondere Erwähnung. Noch viel wert-
voller aber sind die Exemplare der II. mittel-
minoischen Periode. Es überrascht, in
diesem entlegenen Bergheiligtum so viel
von dieser zarten, feinen Keramik zu finden,
die sonst fast nur in den reichsten Palästen,
Knossos, Phaistos, H. Triada, erscheint. Es
werden hier Weihungen vornehmer Herren
sein. Eines der allerschönsten Gefäße ist
mit weißen Purpurmuscheln verziert, den
ersten, die wir in minoischer Keramik
kennen. Die rauhe Oberfläche der Muscheln
ist in Barbotine nachgeahmt, weißrote
Punktrosetten füllen zwischen ihnen den
Grund. — Nicht minder wichtig sind die
Reste der III. mittelminoischen Periode.
Eine große Vase trug einen Fries von weißen
Krokusblüten mit roten Staubfäden, eine
andere, leider arg zerstörte, Tintenfische,
deren Körper und Fangarme (es sind nur
sechs) in Form und Polychromie (rot, orange,
weiß) ganz streng stilisiert sind. Beide
Motive, die gegen Ende der Periode und in
der folgenden so häufig werden, treten hier
zum ersten Male auf. Ganz einzigartig ist
auch eine hochfüßige Schüssel (fruit-stand),
deren Musterung und Farben (hellbrauner
Firnisgrund mit unregelmäßigen Flecken
und Netzwerk in Schwarz, Rot, Gelb, Weiß)
offenbar ein Steingefäß aus bunter Breccia
nachahmen. Eine so reiche Farbenskala
war uns bisher auf minoischer Keramik nicht
bekannt.
Leider geben alle diese Gefäße über den
Kult keinen näheren Aufschluß. Und wie
gesagt, fehlen sonstige Funde so gut wie
ganz '). Aber die Vasen beweisen wenigstens,
daß diese Höhle, so weitab sie auch im Hoch-
■) Die eisernen Pfeilspitzen, die hier gefunden
wurden, könnten leicht zu irrigen Schlüssen führen,
wäre nicht mit ihnen eine venezianische Münze des
X\'I. Jalirh. aufgetaucht. Offenbar ist die Höhle,
wie die meisten kretischen, oft als Zufluchtsstätte
in Kriegszeiten verwendet worden.
gebirge Hegt, gewiß nicht nur den umwohnen-
den Hirten und Bauern als Kultstätte diente.
Sehr richtig betont Dawkins, daß der Kult
hier älter ist als in Psychrö, so wie dieser
älter ist als der der idäischen Zeusgrotte.
Doch kann ich nicht glauben, daß hieraus
eine Aufeinanderfolge desselben Kultes
abgeleitet werden kann, um so weniger, da
Beloch in einem viel zu wenig beachteten
Aufsatz ') nachgewiesen hat, daß es eine
diktäische Zeusgrotte dort überhaupt nie ge-
geben hat. Kamares ist nur eines, für uns bis-
her das älteste Höhlenheiligtum auf Kreta.
Im vorigen Jahre waren mir durch ein
höchst bedauerliches Versehen die Arbeiten
der Französischen Schule auf Delos
entgangen, die gerade besonders wichtig
waren. Außer dem kurzen Vorbericht von
Avezou (Revue de l'Art ancien et moderne
XXXIV 1913, 113 ff.) stehen mir durch die
Güte der Ausgräber nun auch handschrift-
liche Notizen zur Verfügung, die sich auf
die Arbeiten von 1913 beziehen.
In dem nördlich vom Heiligen See ge-
legenen Stadtviertel ist die sog. alte oder
granitene Palästra nun vollständig freigelegt
worden. Vgl. Avezou -Picard, M^langes
Holleaux (1913), i ff., und den allgemeinen
Vorbericht, Comptes rendus de l'Acad. d.
Inscr. 1913, 689 ff. Ursprünglich besaß
der mächtige Bau nur eine Säulenhalle im
Norden. Später hat man eingreifende Um-
bauten vorgenommen, den Hof in der Mitte
aufgehöht, ein Peristyl und eine große
Zisterne darin angelegt. Diese ist durch
Quermauern in vier Abteilungen gegliedert,
die durch Öffnungen in den Mauern mitein-
ander in Verbindung standen. Zahlreiche
Bauglieder lagen in der Zisterne.
Eine zweigeschossige Säulenhalle umgab
den Hof auf allen vier Seiten. Die grani-
tenen Säulenschäfte trugen marmorne Ka-
pitelle. Hinter den Hallen lagen auf drei
Seiten des Hofes (O., S., W.) Zimmer, an
der Nordseite eine Pfeilerhalle. Im Süden
grenzt die Palästra an eine Straße von ärm-
lichen, späten Häusern. Eine zweite Straße
schneidet diese im rechten Winkel und läu