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Full text of "Jahrbuch des Schweizer Alpenclub"

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I 







M 




1^ j 







In unserem Verlage ist erschienen: 

lieber Eis und Schnee 



-Ö9&- 



Die höchsten Gipfel der Schweiz 

und 

die Geschichte ihrer Besteigung. 

Von 

Cjt. Studei*^ 

alt Regierungsstatthalter, Hitglied des schweiserischen, Ehrenmitglied 
des «nglieohen und italienuclien Alpenclabs. 

IV. Band. 
Preis: Fr. O. — 



Beim Erscheinen dieses Bandes haben wir die 3 ersten 
Bände desselben Werkes: 

Bd. I. Berner Alpen, Bd. IL Walliser Alpen, 

Bd. III. Bernina, 

im Preise herabgesetzt und offeriren dieselben, so lange der 
geringe Vorrath des I. Bandes noch ausreicht, zusammen- 
genommen : 

broschirt statt Fr. 10. 50 zu Fr. 6. — 

gebunden y^ ,, 12. 25 ,, ,, 7. 50« 
Einzelne Bände behalten ihren alten Preis von ä Fr. 3. 50. 

Stnder's Werk, bekanntlich größtentheils ans eigener Anschannng 
gesohrieben, ist für den Alpenclubisten, der sich über oben genannte 
Gebiete orientiren will, nnentbehrUcb. 

Bern. j. Dulp'sclie Bach- & Ennstliaiiillanjt (E. Sdunid), 



9 /V-. f*f- 



% ^ * ^ 4 



Jahrbuch 

Schweizer Alpenclub. 



Nennasehiitet* JaitvgBJaf[. 

1883-1884 




Bern. 

Veriac der Expedition des Jahrbaches dee S. A. C. 

i. !)il|i-Kfa< Biiab- A EouthindlDiig (E. Schmld). 



9 • 
» 



SUmpfli'scIie Bvchdruokerei in Bern. 



Inhaltsyerzeiehniss. 



-^ - s ->, 



Seite 
Vorwort VII 

L Clubgebiet 

1. Prof. Dr. JT, Schulz. Sechs Tage im Ezcursions- 

febiet 3 
r. Körber, Drei Letschentbalpftsse ... 47 
S. E, V. FdUnberg, Alte und neae Pfade und Aben- 
teuer in Goms 69 

IL Freie Fahrten. 

1. Th. Borel. Der Grand-Combin . .119 

2. Dr. H, Christ Pointe de la Rosa Blancbe . 139 

3. R^ Mächler. Vom Gorneren- in's Erstfeldertbal . 156 

4. O. V. PfiBter, Aus der Silvrettagrappe . .173 

5. A. Reewuski. Die erste Besteigung des Pizzo 
Torrone 201 

6. Dr. Th. Ourtius. Erinnerungen an Siis-Maria 214 

IIL Abhandlungen. 

1. Prof. 0. JSBfr. Ueberaielit der nivalen Flora der 
Schweiz 257 

2. Prof. Dr. F,^A. ForeL Les variations p^riodiques 

des glaciers des Alpes 298 

3. Prof. Dr. L. Bütimeyer. Berieht über die Arbeiten 

am Rhonegletscber 1883 326 



IV 

4. A. Trautweüer, Beiträge zur Mechanik und Physio- 
logie des Bergsteigens 334r 

5. J3. Lindt Ueber Oebirgsreisen mit Schülern 356> 

6. Dr. H. Dübi. Die Römerstraßen in den Alpen . 381 

7. Prof. Dr. G. Meyer van Knonau, Eine Schweizer- 

reise eines Gelehrten im XYI. Jahrhundert . . 417 

8. F, Käser, Das Avers. Land und Leute 458^ 

9. Pfr. L, Hümer. Stockhom und Stockhorngruppe 48^ 

IV. ELleinere Mittheilungen. 

1. BedacUon, Neue Bergfahrten in den Schweizer- 
alpen 1883 51^ 

2. Prof. Dr. K, Schule, Zur ersten Besteigung des 

Bietschhoms . 527 

3. — — Der Monte Rosa von Maou- 

gnaga aus .... 527 

4. — — Beminasoharte . 53S 
6. Dr. J. M. Ludwig, Der Tod des Grafen de La Baume 536^ 

6. J. Beck, Photographie in der Hochregion . . ö4S 

7. 22. Rüg, Antiquarisches von Walliser Felsblöcken 54& 

8. Prof. Dr. /. Bckchmann. Yerzeichniß der im Kanton 
Bern erhaltenen Ffindlinge 551 

9. Prof. A. Heim. EKJnsee und Blegisee 567' 

10. lL>r,A,Bdltzer. Zum Winterschlaf der Murmelthiere 571 
11.1%. Felber, Ein Zwergwald im Et. Appenzell I.-Rh. 574 

12. Pfr. B, Genoer. Dündengrat .... 577 

13. — — Frauenbalmhtttte 577 

14. BedctcUon, Zum Balmhom-Panorama . 578^ 

15. — Bignasco 57^ 

16. G, Bugnion. Remarques sur lltinöraire de 

M. de Fellenberg .... 580 

17. — Remarques sur la feuiUe XVII de 

ratlas Dufour .... 581 

18. BedacUon, L'Echo des Alpes 1883 . . . 582^ 

19. — Alpine Journal. Vol. XI. Nr. 79—82 584 

20. — Zeitschrift des D. und Oe. Alpenv. 1883 586- 

21. — Oesterr. Alpenzeitung. Y. 1883 . . 58» 

22. •— Oesterr. Touristenzeitung, m. 1883 . 591 

23. — Societi degU Alpinist! Tridentini. IX. 

1882—83 59^ 

24. — Annnaire du C. A. F. IX. 1882 . 59a 

25. — BoUettino del C. A. I. . . . 595> 

26. E. Combe, Tavole Prontuario per la misura delle 
altezze col mezzo del barometro .... 59& 



Seite 

27. Eedaction. A. Ceresole. Les Legendes et la Hytho- 

lo8:ie de nos Alpes vandoises 697 
/ — Jiil.Mearer. Illustr. Specialftthrer durch 

28. I die Ortler-Alpen 697 

\ — P. Christen. Rachisberg bei Bargdorf 597 

29. A, Francke. Die alpine Literatur des Jahres 1883 598 

V. Chronique du G. Ä. S. pour Pannöe 1883. 

I. FSte annuelle i Beme 627 

A. Procös Terbal de rAssembl6e des Dölöguös 627 

B. ProtokoU der XX. Generalversammlung 632 

C. A. Groß: Festbericht 638 

n. Vingti^me compte-renda du Comit^ central du 

Club alpin snisse (1883) 644 

m. Rapport du Comitö central sur Texposition de 

Zürich 659 

rv. Sections 720 

V. Vingt et uniöme R6sum6 des Recettes et Döpenses 

du C. A. S. (1883) 757 



Index 761 

Artistische Beilagen. 

a» In der Happe. 

1. Ezcursionskarte des S. A. C. für 1882-84. Adelboden, 
Gemmi, Blfimlisalp, Kippel. 1 : 50,000. 

2. H. Zdkr-Hamer. Aussicht vom Balmhom (3712») auf 
die Bemer Hocfaalpen. Farbendruck. 

3. FVdl, Becker, Ingenieur-Topograph. Oberaarhom-Galmi- 

hömer vom Studerflm aus ges. Lithogr. 
rWasenhom (3457"') vom Ritzenhorn aus 

^ _ I gesehen. Lithographie. 

ILöffelhom (3098°*) vom Geschenerstock 
l aus gesehen. Lithographie. 



b« Im Buche* 



Seite 



1. Heubncr, Das Bietschhom. Holzschnitt. Titelbild. 

2. — Sattelhom und Umgebung vom Petersgrat aus. 
Nach einer Photographie von W. A. Donkin in 
London. Lithographie 32 

3. H. Körber, Von der Mfinzterrasse zu Bern. Holz- 
schnitt 48 



VI 

Seite 

4. B, Bxtz. Tbalhintergrand von Lötschen. Lithogrr. 48 
• 5. H, Körher, Vom Schloß Burgdorf aus. Holzschnitt 49 

6. — Karte der GomBeralpen. 1 : 60,000 . 112 

7. F. Becker, Vorder-Galmihom Tom Kastelenhom 
g^esehen. Zinko^aphie 113 

8. — Grand-Combiii und Mont-Velao von der Gabane 
d'Omy aus gesehen. Nach einer Photographie von 
Nestler in Vevey. Lithographie .... 128 

9. B, Mächle$\ Gomerenthal von der Hohbengalp 

aus. Lithographie 160 

10. — Die Jamthalhütte. Nach einer Photographie von 
Immler in Bregenz. Lithographie .... 176 

11. B. PatUcke. Pizzo Torrone. Lichtdruck 208 

12. cT. Caviezeh P. Bacone vom unteren Ende des 
Fornogletschers. Zinkographie .... 240 

13. Der P. Bacone von der Miindung der Ova 

dei Orot gesehen. Zinkographie .... 240 

14. Die Südseite des Bacone vom Pso. di Casnile 247 

15—19. Th. Trauttoeüer. 5 Tafeln zur Mechanik und 
Physiologie des Bergsteigens. Holzschnitt 

338, 342, 347, 349 

20. — Th. Meyer's Portrait des Johannes Stumpf. 
Zinkographie 419 

21. — Stumpfs Kartenskizze des Oberhasli. Zinkogr. 431 

22. F. Käser. Das Pfarrhaus von Cresta. Holzschnitt 480 

23. L. Hümer. Der Stockhorngipfel vom Solhorn aus 
gesehen. Zinkographie ...... 501 

24. ±t, BiU, Die heidnische Kirche bei Turtmann. 
Lithographie 544 

25. Prof. A, Heim. Klönsee und Oberblegisee. Tiefen- 
karte und Profil. Lithographie .... 508 



Vorwort 



Das 19. Jahrbuch des 8. A. C. ist in Folge starken 
Stoffandranges so dick geworden, daß die Redaction 
gerne darauf verzichtet hätte, seinen Leibesumfang 
noch durch ein Vorwort zu vergrößern ; indessen kann 
sie doch nicht umhin, dem Buche ein paar Zeilen mit 
auf den Weg zu geben, einerseits um allen Mitarbeitern 
ihren Dank auszusprechen, andererseits um dem S. A. 0» 
zu Nutz und Frommen späterer Jahrbücher und Re- 
dactionen ein paar Wünsche an's Herz zu legen. Es 
sind dies die folgenden: 

1) Das Glubgebiet sollte stärker berücksichtigt 
werden. An dem Stoffttberfluß des 19. Bandes hat 
das Excursionsfeld keinen Theil. Es wurde vielmehr 
nur durch ein Zwangsanleihen bei dem nächsten Club> 
gebiet mögfich, für diese Rubrik die sprichwörtlich 
nothwendige Dreizahl herauszubringen. 

2) Die romanischen Sectionen sollten sich stärker 
betheiligen; seit mehreren Jahren sind es nur die 
Sectionen Diablerets und Monte Rosa, die dem offi- 
ciellen Organ des gesammten Clubs Arbeiten zu- 
wenden; Genf, Neuenburg, Molöson halten sich con- 
sequent fem. 

3) Bei dem knappen Raum des Jahrbuches sollten 
die einzelnen Arbeiten durchschnittlich iVa bis 2 
Druckbogen nicht übersteigen. 



VIII 

4) Die Mannscripte sollten in Form und Inhalt 
druckfertig, leserlich geschrieben, mit breitem Rande 
versehen sein und rechtzeitig in die Hände der Redaction 
gelangen. Die üblichen Termine sind I.Januar fUr Alles, 
was das Clubgebiet und die artistische Ausstattung des 
Buches betrifft, 1. Februar fttr die Freien Fahrten und 
die Abhandlungen, 1. März ftlr Kleinere Mittheilungen. 
Die Vermeidung unliebsamer Verapätungen liegt sowohl 
im Interesse der Autoren, wie des Buches. Namentlich 
sollten auch allfUllige Correcturen, die den Autoren 
auf ihr Verlangen zugestellt worden sind, prompt 
besorgt und zurückgeschickt werden. Die diesjährige 
Verspätung des Jahrbuches, fttr welche die Redaction 
jede Verantwortlichkeit ablehnen muß, rührt, neben 
der verzögerten Ablieferung der Excursionskarten, 
hauptsächlich von der verspäteten Rücksendung einer 
unumgänglich nothwendigen Ck)rrectur her. 

Mit diesen Wünschen und Bemerkungen übergibt 
die bisherige Redaction, deren Amtsdauer hiemit zu 
Ende ist, dem S. A. C. den 19. Band seines Jahrbuches 
und, indem sie ihm dasselbe zur ferneren werkthätigen 
Unterstützung bestens empfiehlt, spricht sie zugleich an 
dieser Stelle dem Oesammtclub für sein langjähriges 
Zutrauen und all den vielen Clubgenossen, die während 
dieser 13 Jahre, von 1871 bis 1884, dem Jahrbuche 
Beiträge zugewendet haben, fttr ihre Mitarbeit ihren 
herzlichen Dank aus. Vivat fioreat crescat S. A. C ! 

Bern, im Juni 1884. 

A. Wäber. 



I 

Clubgebiet. 



Sechs Tage im Excursionsgebiet. 

Von 

Prof. Dr. JT. Schidz in- Leipzig (Section St. Gallen). 



1. Tenaeh auf das Bietschhoni Ton Süden» 

Nach drei mäßigen oder schlechten Sommern endlich 
einmal wieder ein großentheils guter, wenigstens ein 
vortrefflicher August. Von ihm wird der Bergsteiger 
noch lange mit Freuden erzählen. 6ei dem herr- 
lichsten Wetter hatte ich den Piz Bemina über die 
Berninascharte, den Monterosa von Macugnaga und 
das Matterhom von Zermatt nach dem Col de Lion 
traversiren können, so daß in.Zennatt das begehr- 
liche Auge sich auf das Bietschhorn richtete und der 
Plan reifte, auch dieses auf der ganzen Längsrichtung 
seines von Sttd nach Nord ziehenden Hauptkammes 
zu überschreiten. Wohl ist der Berg vom Westgrat 
Ober den Nordgrat und umgekehrt, femer einmal von 
der Ostseite Aber den südöstlichen Kamm nach dem 
Nordgrat flberschritten worden, wobei die Wege am 
Oipfel starke Winkel bilden; in seiner gewaltigen 
Ausdehnung von Sttd nach Nord war er noch nicht 
betreten worden, und an die Besteigung der Südseite 



4 JT. Schule. 

mit ihren farchtbaren Thttrmen und wilden Zacken 
hatte bisher wohl weder ein Führer noch ein Tourist 
gedacht. Das üeberschreiten eines Berges in seiner 
größten Ausdehnung ist aber sicherlich nicht lediglich 
ein Ziel bergsteigerischen Ehrgeizes mit seinen manch- 
mal auch ungesunden Auswüchsen, sondern entschieden 
die Art der Besteigung, welche die vollkommenste 
und allseitigste Einsicht in den Bau und die topo- 
graphische Gliederung des Berges gestattet. Ich 
meine, daß sich aus diesem Grunde ein derartiges 
unternehmen auch dann rechtfertigen läßt, wenn der 
neue Weg Gefahren bietet, und mehr Gefahren, als 
die bisher betretenen. Am Mittwoch den 22. August 
1883 brach ich mit meinen Ftthrem, Alexander 
Burgener aus Stalden und Clemens Perren ans Randa, 
von Vispach nach dem Baltschiederthal auf. Perren 
und ich kannten das Bietschhom und seine Umgebung 
gar nicht, Burgener hatte es einmal in Sturm und 
Nebel ttber den Nordgrat bestiegen. Daß wir eine 
bestimmte Vorstellung von unserem Unternehmen ge- 
habt hätten, kann ich daher nicht behaupten; es 
war eben unsere Absicht, dem Berg auf den Leib zu 
rttcken und zu sehen, ob es gehe. Burgener sprach 
davon, er glaube, es gehe auf einem Grat, der zwischen 
dem Westgrat und der Südseite sei; den habe er 
vom Saasthal ans manchmal angesehen. Wir hätten 
dann vom Bietschthal aus den Versuch machen müssen. 
Ich entschied mich jedoch in Vispach für das Balt- 
schiedertiial, weil ich beabsichtigte, wenn die Südseite 
sich bei der Betrachtung mit dem Femrohr als un- 
ersteiglich erweisen sollte, über das Baltschiederjoch 



Sechs Teige im Excursionsgebiet, 5 

ins Lötschenthal zn gehen und den Ostabhang des 
Berges, wo die Herren Maund nnd Dent ihren Auf- 
stieg gemacht hatten ^)y mir näher anzusehen. 

Wir nahmen einen Träger mit Decken von Vispach 
mity welches wir Mittags um 12 Uhr 20 Min. ver- 
ließen. Durch's Rhonethal ließ sich die Sonnenhitze 
ertragen, aber als wir hinter Baltschieder den steilen 
Fußpfad ttber die . Kalkwände der Thaleinfassung 
hinaufgingen, wären wir vor Sonnenbrand bald um- 
gekommen. Die ersten Erlenbtlsche und der erste 
Waldbach dflnkten uns eine erlösende Oase. Nur mit 
verschiedenen längeren Halten war das Vordringen 'im 
Baltschiederthal möglich. Erst eng von steilen Wänden 
eingeschlossen, erweitert sich dann das Thal und bietet 
reiche grttne Weide und anmuthige Landschaftsbilder. 
Schon guckte das Bietschhom mit seinem Schneegipfel 
manchmal hervor, worauf Burgener mit dem Femrohr 
eifrigst prüfte. Auf der oberen Sennhütte, die dicht 
am Gletscherbach auf dessen linker Seite liegt, tranken 
wir einen ganzen Eimer voll kalter Milch aus. Wir 
stiegen dann weiter empor, wobei uns die sehr großen 
Massen unbenutzten nnd verfaulenden Holzes auffielen, 
überstiegen eine mit dichtem Buschwerk besetzte alte 
Moraine und kamen an einigen gewaltigen Schnee- 
massen, Lawinenresten aus diesem Frühjahr, vorüber. 
Eine derselben ließ uns vom rechten Ufer des Baches 
auf das linke übergehen und dann nach der Oalki- 
kmnme und der Zunge des Baltschiedergletschers zu 
in die Höhe steigen. Burgener hatte unterwegs mefar- 



') Alpine Journal Vol. X, pag. 20. 



6 K. Schuh. 

nialB Wasser aus dem Bach getrunken^ obwohl ich 
ihn davor warnte, es nach dem Genüsse so vieler 
Milch ZQ thun. Richtig klagte er bald über Leib- 
schmerzen, und als wir gegen 6 Uhr bei einigen 
großen Blöcken zwischen üppiger Grasvegetation Halt 
machten, stimmte er eifrigst dafür, hier unser Nacht- 
quartier aufzuschlagen. Es geschah leider, denn 
richtiger wäre es gewesen, mehrere Stimden höher zu 
schlafen. Nach meinem Aneroid hatten wir nur eine 
Höhe von circa 1750™ erreicht. Das Bietschhom zeigte 
sich uns hier als ein breiter Aufbau entsetzlich wilder 
und zerrissener rothgelber Zacken mit kleinen Schnee- 
feldem, gekrönt von dem Schneegipfel. Nachdem 
wir gekocht und gegessen, ließ uns ein milder und 
warmer Abend bald prächtig schlafen, über uns das 
Sternenzelt, zur Seite der Gletscherbach mit seinem 
einförmigen, einschläfernden Tosen. 

Am 23. August brachen wir um 2 Uhr 15 Min. 
nach Entlassung des Trägers auf. Wir gingen mit 
der Laterne etwa eine halbe Stunde auf der linken 
Seite des Baches aufwärts und sahen uns da, wo 
jenseits des Bergwassers die unteren Ausläufer des 
Stockhomes beginnen, nach einem Uebergang um. 
Bei der sehr warmen Nacht war das Wasser jedoch 
stark angeschwollen und toste wild zwischen großen 
Blöcken hinunter. Wir versuchten hier und da, und 
leuchteten mit der Laterne über die brausenden Wellen 
hinweg, nirgends schien ein Uebergang möglich. Zu 
spät merkten wir, daß wir am Abend auf der rechten 
Seite des Baches hätten bleiben sollen. Endlich, 
nachdem wir noch circa 20 Minuten höher gegangen 



Sechs Tage im Excursionsgebiet. 7 

waren, verbreiterte sich das Bett des Baches etwa» 
und es schien, als wenn wir von einem Block -zum 
andern springend das jenseitige Ufer gewinnen könnten. 
Zwei bis drei Blöcke waren passirt, wir standen 
mitten im Strom — der tobte und brauste, daß es 
wie Donner in die Ohren klang — um den nächsten 
weiten Sprung zu thun, wurde ich an's Seil gebunden 
— endlich waren wir, wenn auch etwas naß geworden, 
drüben. Nun ging es, zuerst wieder rückwärts^), 
durch dichtes niederes Buschwerk an den Abhängen 
des Stockhoms hin, dann wandten wir uns etwas links, 
mehr nach der Mitte der tiefen Einbuchtung ^) zwischen 
Thiereggenhom und Stockhom. Um 5 Uhr machten 
wir einen Halt von 20 Minuten ; wir hatten eine Höhe 
von 2470 ™ erreicht. 

Um 6 Uhr betraten wir den kleinen Qletscher, 
der die obere Einbuchtung ausfüllt. Vom Stockhom 
zieht ein wilder, in mächtigen und grotesken Zacken 
aufgebauter Kamm zum Bietschhom hinUber. An- 
fänglich glaubten wir diesen Kamm vom Gletscher 
aus erreichen zu können; als wir näher heran waren^ 
schien Burgener die Gangbarkeit nicht sicher, er 
brummte über abgeschnittene Platten und — was ent- 
scheidend für unseren Entschluß war, von diesem 
Kamm abzusehen — wie es hinter der obersten Zacke 
bis zum Gipfel des Bietschhorn aussah, konnten wir 
nicht sehen. Wir hielten uns daher auf dem Gletscher 



*) Reichlich eine Stande war mit dem Uebergang ver- 
loren worden. 

*) Die Dnfourkarte hat für dieselbe den Namen: „in 
der Trift." 



8 K. Schuh. 

etwas links und gingen anf die niedrigste Lttcke in 
dem Kamm zwischen Thiereggenhorn nnd Bietschhom 
zn. Sie erhebt sich nnr etwa 5 bis 6 Meter über 
den Gletscher, anf dem wir standen, während auf der 
anderen Seite, nach dem Bietschthal zn,'der Bietsch- 
gletscher wohl 30 bis 40 Meter tiefer liegt. Anf 
dieser Lttcke ttbersieht man nun erst das Bietschhom 
in seinem ganzen gewaltigen Absturz bis zum Bietsch- 
gletscher. 

Beim Aufstieg nach der Lücke hatten wir von 
dieser Südwand nicht viel gesehen. Jetzt standen 
wir vor dem wildesten Felsbau, der mir bisher in den 
Alpen entgegengetreten, drei, vier Galerien von 
mächtigen Thttrmen bauten sich über einander auf,^ 
dazwischen Schneeflecken und scheinbar direct zum 
Gipfel hinauf leitend ein schmales Schnee- und Eis- 
couloir. Eine Prüfung mit dem Auge und dem Fern- 
rohr ergab schnell : rechts und links von dem Couloir 
sind unersteigliche Thürme und Wände, das Couloir^ 
welches in einem breiten Schneebecken mündete, schien 
unten Schnee zu haben; weiter nach oben, wo es 
enger wurde, kam augenscheinlich Eis, ganz oben 
schien es ein gerade herunterstürzender gefrorener 
Wasserfall. Der Gipfel lag noch ziemlich viel zurück 
hinter der obersten Felswand, in welcher das Eis- 
couloir sich herunterzieht. 6 Uhr 50 Min. hatten wir die 
Lücke betreten. Wir aßen etwas und berathschlagten^ 
was zu machen sei. Burgener meinte: ^Das einzige^ 
was wir versuchen könnten, ist das Couloir. Vielleicht 
geht es, wahrscheinlich aber nicht; nach oben zu 
wird das Couloir eine schmale Eisrinne und das Eia 



Sechs Tage im ExcurHonsgebiet. 9 

darin ist Überhängend.^ Ich sagte mir selbst, daß 
der Versnch durch das Couloir gefthrlich und wahr- 
scheinlich resultatlos sei, und äußerte: „Nun gut, dann 
lassen wir es; wenn Sie es für zu gefährlich erklären, 
gehen wir nicht.^ Nachdem ich die WShe der Lücke 
mit dem Aneroid auf 3080 "> gemessen, stiegen wir 
wieder auf den Gletscher, ttber den wir gekommen 
waren, herab, und ich schlug vor, über das Balt- 
schiederjoch nach Ried zu gehen. Ich meinte bh 
völlig ernst, und hatte den Plan auf das Bietschhom 
von dieser Seite ohne Murren aufgegeben. Ob ich 
trotzdem ein etwas unzufriedenes Gesicht gemacht 
habe, ich weiß es nicht; jedenfalls stieg Burgener 
plötzlich mit Ferren statt abwärts ttber den Gletscher 
wieder auf demselben in die Höhe nach einer etwas 
höher gelegenen Lttcke im Grat. ^Wir wollen noch 
einmal schauen,^ meinte er. Ich kletterte nach und 
auf das Couloir blickend sagte Burgener: f,Wir wollen 
es versuchen, wenn Sie wollen; Sie denken sonst 
doch, wir wollten nicht.^ Ich entgegnete ihm, ich 
beharre durchaus nicht auf dem Plan, wenn er den 
Weg für zu gefährlich halte. Ohne darauf weiter ein- 
zugehen, fragte er mich: „Wollen Sie oder nicht ?^ 
So beim eigenen Müth gefaßt, sagte ich kurz ent- 
schlossen: „Ja.^ „Also vorwärts,^ war die Antwort. 
Ich hätte gerne noch eine Skizze von dem überaus 
großartigen Anblick des Bietschhoms von diesem Grat 
aus gemacht, dazu war keine Zeit mehr. 

7 ühr 30 Min. stiegen wir vom Kamm etwa 
10 — 15 Meter nach der Bietschthalseite ab und be- 
gannen nach Anlegung des Seils die eingebuchtete 



10 K, Schtde, 

Felswand nach dem Schneefeld unter dem Couloir 
hin ziemlich horizontal zu traversiren. Directer wäre 
der Weg Über den Bietschgletscher nach dem Schnee- 
feld gewesen, aber unter diesem letzteren fielen, wenn 
auch nicht sehr hohe, so doch ganz glatte Fels- 
wände nach dem Gletscher ab, über welche nicht in 
die Höhe zu kommen war. So ging es an der Fels- 
wand des Grates, zwischen Stockhom und Bietsch- 
horn ^) hin, über sehr brüchiges Gestein, namentlich 
zerbrochene Platten. In dieser unwirthlichen Gegend, 
wo kaum je Jäger verkehrt • haben , waren merk- 
würdiger Weise öfters Stellen, wie wenn etwas wie 
ein Pfad hier geführt hätte, sicherlich Gemsgänge. 
Das Gestein ist, wie am ganzen Bietschhom, ein heller, 
oft gelblicher Gneißgranit. An einer Stelle, wo es 
links steil zum Gletscher hinunter ging — Perren war 
etwas zurückgeblieben — hatte gefrorenes Sickerwasser 
die Felsen glacirt. Burgener kratzt das Eis mit dem 
Pickel weg, hinter ihm gehend und mit ihm durch das 
Seil verbunden, glaube ich auf diese vom Eis befreite 
Stelle zu treten, plötzlich schwanke ich, aber ich 
kann mich noch halten, nicht ohne von Burgener eine 
Lection zu bekommen, ich möge besser aufpassen. 
In weitem Bogen geht es an dem Felsencireus hin, 
nirgends mehr eine Spur von Vegetation, außer einigen 
Flechten, nur ödes Steingetrümmer ; über eine von 
fallenden Steinen ganz abgeschürfte Stelle laufen wir 
eilig hin. 



V. Fellenberg nennt sie flberhängend (Itinerarium für 
1882 und 1883, S. 165), was sie jedoch nur an einzelnen 
8tellen ist. 



Sechs Tage m Excursionagebiet 11 

8 Uhr 55 Min. betreten wir das unter der Mttndnng 
des Ck)uloir8 sich ausbreitende Schneefeld. Es wird 
nach links aufwärts auf einen Felskamm zu traversirt, 
den wir 9 Uhr 10 Min. betreten. Wir machen Halt 
bis 9 Uhr 30 Min. Mein Aneroid er^bt 3360 "*. 
Ueber einen Schneekamm, auf dem Stufen geschlagen 
werden, geht es empor, wieder auf Fels, in dem eine 
lange schmale Spalte zu durchklettern ist. Jetzt sind 
wir am Eingang des Couloirs. Sorgsam wird es nach 
Spuren von Steinfall geprüft. Die Rinne in der Mitte, 
die häufigen Steinfall verräth, ist nicht vorhanden, auf 
dem Schnee liegen nur ganz vereinzelt Steine. Es 
kann also nicht schlimm sein. Wir halten uns links, 
an der westlichen Wand und suchen möglichst die 
Felsen zum Fortkommen zu benutzen. Mehrfach 
werden diese ganz glatt, wir müssen uns der Eisrinne 
anvertrauen und mühsam im glatten Eis Stufen schlagen* 

Perren ist am Seil voraus, dann Burgener, zuletzt 
ich. Da kommen zwei kleine Steine das Couloir 
herunter, surrend und pfeifend, sie halten sich in der 
Mitte und thun uns nichts, es folgt ein größerer. 
weh, die Sonne übt an dem schönen Tage schon 
ihre Macht, zumal es nicht stark gefroren hatte. Die 
rechte (vom Aufsteigenden aus) oder östliche Wand 
des Couloirs ist eine senkrechte Wand, zum Theil 
sehr hoch, Schnee haftet an ihr nicht, die lockeren 
kleinen und schmalen Gneißplatten sind an ihr lose 
geschichtet, wie die Knochen in einem Beinhaus. Die 
linke oder westliche Wand ist meistens flacher. Etwa 
in der Mitte des Eiscouloirs mündet von Westen ein 
Felscouloir. 



12 K. SehttU. 

Als ¥rir unter demselben durchgingen, krachte 
es über uns, hoch oben in der Felswand lösten sich 
Steine, sie poltern herunter, invner lauter — Gk>tt sei 
Dank, sie haben einen anderen Weg genommen» 
Längere Zeit mttssen Stufen geschlagen werden, der 
Winkel des Couloirs wird im Durchschnitt 40 — 45 Grad 
betragen. Ein kleiner Stein schlägt Perren auf die 
Hutkrempe ; da — wir stehen noch in Eisstufen ttber 
einander, ohne die Möglichkeit, auszuweichen — fUngt 
es wieder links llber uns zu krachen an, erst weit 
oben, dann sich nähernd immer lauter und furcht- 
barer; Burgener ruft: „Oh weh, jetzt kommt es aberl^ 
Perren ruft mir zu: „Niederducken, nicht aufwärts 
lotzen !^ ^) Ehe man sich besinnen konnte, fuhr der 
Steinhagel ttber uns hin, von den Wänden ricoche- 
tirend und den Schwefelgeruch von aufschlagendem 
Gestein hinterlassend. Tief aufathmend sahen wir den 
im Couloir hinunterjagenden Steinen nach. 

Es war zwischen 11 und 12 Uhr; wir waren zu 
spät. Um unseren Weg gefahrlos zu machen, hätten 
¥rir drei Stunden frtther sein mttssen. Doch jetzt 
umkehren war gefährlicher als vorwärts gehen. Wir 
konnten uns jetzt meist an den Fels zu unserer 
Linken halten, aber auch hier ging es nur sehr 
langsam vorwärts, es war sehr steil, der Fels oft 
locker, oft ganz glatt und ftlr Hand und Fuß nur 
wenig Halt gewährend. Einem Funde von schOnen 
kleinen Rauchkrystallen konnten wir nur flüchtige 
Aufmerksamkeit schenken. Wir waren schon ziemlich 



BUcken. 



Sechs Tage im Excursionsgebiet, 13 

hodi gekommen und hatten jetzt den gefrorenen 
Wasserfall nahe vor uns ; die Eisrinne war nieht viel 
breiter als ein bis zwei Meter, in phantastischen 
Formen, runden Buckeln und Zapfen, hing das EIb 
wohl 15 bis 20 Meter hoch herunter. Wenn es auch 
nieht ttberh&ngend war, wie Burgener unten gemeint 
hatte, es war fast senkrecht und kein Gedanke daran, 
sich an ihm hinauf Stufen zu schlagen. Dorthin wai* 
kein Ausweg. Aber plötzlich Offiiet sich im Westen 
nach oben hin ein breites Couloir, dort scheint ein 
Durchgang, vielleicht geht es doch ! Voller Hoffnung 
steigen wir noch durch ein steiles Kamin, lassen 
unsere Eisrinne dann rechts liegen und klettern 
langsam und vorsichtig über steile Oneißplatten empor. 
Das ganze Grestein besteht aus Platten, die vielfach 
geschichtet sind, zum Theil nach dem Inneren des 
Berges zu und dann phantastische Formen, lange 
^arren und schiefe Thttrme bildend, zum Theil dach- 
ziegelartig von oben nach unten und dann ein sehr 
schlechtes Feld zum Klettern gewährend. Alles ist 
lose und geht polternd in die Tiefe. Wir haben vor 
uns eine steile Wand, deren Kamm sich nach rechts 
in die Höhe zieht; dort scheint der Grat vom Stock- 
horh nach dem Gipfel des Bietschhorn hinzulaufen. 
Je höher wir kommen, je steiler wird die Wand. 

Es ist 1 Uhr geworden, wir ruhen und essen ; der 
Gipfel des Berges ist nicht zu sehen. Nach einer 
halben Stunde schickt Burgener den Perren voraus, 
um nach dem Kamm der Wand hinaufzuklettern und 
zu sehen, ob es weiter geht. Es ist das eine Tactik 
von Burgener, an schwierigen Stellen den zweiten 



U K. Schulz, 

Ftthrer voraaszaschicken, um die Sache zu prttfeD. 
Geht es, bo kommt Burgener mit dem Tonristen nach ; 
geht es nicht, so hat der letztere den Weg nicht an- 
n<5thig gemacht. Ich bin für diese Praxis nicht ein- 
genommen, weil dabei der Fortgang einer Partie 
leicht vom Urtheii des zweiten Führers abhängig ist, 
ohne daß man ihn controliren könnte. 

Die Kletterei war schwierig, Perren kletterte aber 
zu weit links, er hätte rechts gehen sollen. Als er 
nach einiger Zeit den Kamm erreicht hatte, verfolgte 
er ihn eine Strecke nach rechts oder Osten, meines 
Erachtens nicht weit genug. Er rief: „Ich sehe den 
Gipfel noch nicht, es kommt ein tiefer Einschnitt, 
dann geht es wieder in die Höhe, es wird nicht 
gehen. ^ Während dessen zog von Südwest Nebel 
herauf und hüllte die Gegend des Gipfels ein, auch 
das Couloir fUUte sich mit Nebel. In demselben ertönte 
auf einmal ein lautes Krachen, wie ein gewaltiger 
Donnerschlag, so daß wir unwillkürlich zusammen- 
fuhren. Ich deutete auf den Nebel und sagte: „Da 
unten ist ein Gewitter^ ; aber Burgener meinte, es sei 
kein Donner, nur ein großer Steinfall im Couloir. 
Das sich verziehende Geräusch bewies, daß er recht 
hatte. Mit besorgter Miene fUgte er hinzu: „Jetzt 
gäbe ich meinen ganzen Fuhrerlohn von dem Jahre 
darum, wenn wir gesund wieder unten wären.** 
Perren kam langsam unter fortwährendem Abwerfen 
von Steintrttmmem zu uns zurück. Ich machte noch 
einmal den Vorschlag, vorwärts zu gehen; wenn wir 
den Grat zwischen Stockhom und Bietschhom erreichen 
könnten, von dem aus die Herren Maund und Dent 



SecJis Tage im ExcursioiMgehieU 15 

da8 letztere eretiegen ^), würden auch wir noch zum 
Ziele kommen, aber Burgener sagte: „Sie haben ja 
gehört, daß es nicht geht. Wir können nicht vor- 
wKrts und können heute auch nicht durch das Couloir 
zurttck, wir mttssen hier oben schlafen.^ Auch Perren 
meinte, er wolle um keinen Preis durch das Couloir 
zurttck. An Proviant war nur noch ein schmaler 
Abendimbiß und einige Schluck Wein vorhanden. 
So machte nach dem letzt^i Steinfall die Macht 

^) Alpine Journal Vol. X, pag. 20. Leider sind die topo- 
graphiBchen Angaben dieses interessanten Aufsatzes zu an- 
genau, als daß sie mir einen sicheren Anhalt hätten gewähren 
können. Es heißt, ein breites Schneecouloir zwischen zwei 
Felsgraten ziehe auf der Ostseite vom Jägifim ans beinahe 
direet zum Gipfel hinauf, zum Aufsteigen seien die Felsen 
neben diesem Couloir und zum Theil der Schnee im Couloir 
selbst benutzt worden. Nach ihrer weiteren Schilderung 
erreichten die Herren indeß keineswegs direet den Gipfel, 
sondern einen Punkt des Grates zwischen Stockhom (Breit- 
horn) und Bietsehhom, von welchem Punkt bis zum Gipfel 
des letzteren sie noch volle 3V> Stunden aufwenden. Der 
Widerspruch zwischen dem zum Gipfel leitenden Couloir als 
maßgebend für die Richtung des eingeschlagenen Weges und 
dem erreichten Punkt des Grates liegt auf der Hand. Die 
Tour ist bis Jetzt nicht wiederholt worden. Die englischen 
Herren haben sie unter recht bedenklichen Umständen ge- 
macht — während ihres Aufstieges gingen in dem mit fHschem 
Schnee gefülltem Couloir 40 bis 60 Schneelawinen ab — 
unter solchen Verhältnissen sollte sie nicht wiederholt werden. 
Dagegen war in der zweiten Hälfte des August 1883 der 
Schnee am Bietschhom in so guter Verfassung, daß am 
Morgen das Couloir ohne irgend welche Gefahr zu pasairen 
war und die Tour in viel kürzerer Zeit unbedenklich hätte 
gemacht werden können. 



16 K. Schulz. 

der Sitaation sieh aueh über mich geltend; ich ließ 
die bis dahin gehaltenen Fäden der Untemehmmig 
nuB den Händen gleiten. Das Gefühl^ daß ich mit 
meinem Entschluß am Morgen die Verantwortung fUr 
den Ausgang der Sache trlige, drückte schwer auf 
mir, und ich vermochte, nachdem die Leute meinen 
Wünschen so weit nachgekommen waren, nicht, weiter 
in sie zu dringen.^) In der That konnten uns noch 
große Schwierigkeiten entgegentreten. Ich hatte mit 
dem Aneroid eine Höhe von 3850 ™ gemessen, Perren 
war noch 20 bis 30 Meter höher, vom Gipfel (3953 ») 
trennten uns demnach bloß 103, resp. 70 bis 80 Meter ; 
im günstigsten Fall hätte sich der Weg in l'/s Stunden 
zurücklegen lassen, vielleicht hätten wir auch mehr 
gebraucht, und wenn der Gipfelgrat des Berges in 



Durch die für den Fall eines Unglücks getroffene 
weitgehende finanzielle Fürsorge für die Familien meiner 
nicht versicberten Führer hielt ich meine VeraDtwortnng 
nicht für vermindert. Nach den Unglücksfällen am Lanter- 
aaijoch (Haller), an der Dent Blanche (Gabbett), am Wetter- 
horn (Penhall), an der Aignille Blanche de Penteret (Balfoor) 
halte ich eine derartige finanzielle Fürsorge für eine Ehren- 
pflicht des TooriBten bei angewöhnlichen Touren oder über- 
haupt bei einem längeren Engagement des Führers. Dadurch, 
daß man sein eigenes Leben gegen Anfälle bei Bergtonren 
hoch versichert und über die Verwendung der Versicherungs- 
summe seinen Angehörigen durch einen beim Koffer zurück- 
gelassenen Brief genaue Vorschriften macht, kann auch der 
Unbemittelte diese Fürsorge treffen. Die Führerversicherung, 
deren immer weitere Ausdehnung dringend zu wünschen ist, 
wird sich naturgemäß in bescheidenen Grenzen halten müssen, 
80 daß jene Ehrenpflicht dadurch nicht beseitigt wird. Von 
Halfour ist sie übrigens bereits geübt worden. 



Sechs Tage im Excurstansgebiet 17 

schlechter VerfasBung war, hätten wir unter Umständen 
auf dem Nordgipfel zu übernachten gehabt. Viel 
schlimmer als da oben, wo* wir waren, konnte es 
freilich nicht werden ; indeß ich schwieg und erklärte 
mich nachher, als Bnrgener einige Steine zum Lager 
zurechtrückte, bereit, zu bleiben. Die Stelle war steil, 
wie der ganze Abhang, und wir hätten uns, um zu 
schlafen, mit dem Seil • an den Felsen binden müssen. 
Es war 3 Uhr geworden, das Wetter blieb gut, wenn 
auch hier und da Wolken und Nebel sicli erhoben 
und auch am Bietschhom hafteten. Die Aussicht 
war schon außerordentlich großartig, obwohl ich ge- 
stehen muß, daß ich noch niemals einer Aussicht so 
wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe, als hier am 
Bietschhom. Nur Mischabelgruppe und Weißhom 
haben sich unvergeßlich meiner Erinnerung eingeprägt. 
Während wir so besiegt und gedrückt von der Wild- 
heit und Größe der Alpennatur stumm und still dasaßen, 
verzog sich der Nebel aus dem Couloir, und wir be- 
merkten, daß es völlig im Schatten lag. Bereits eine halbe 
Stunde lang waren keine Steine mehr gefallen, und Bur- 
gener äußerte: „Wenn wir noch etwas warten, können 
wir vielleicht wagen, durch das Couloir wieder hinunter 
zu gehen. ^ Ich stimmte zu, steckte mir ein Stück 
des Qneißgranites ^) von unserem Halteplatz ein und 



*) Er besteht aus zweierlei Feldapatli, Orthoklas und 
Plagioklas , der letztere ist zum Theil grünlich, ähnlich dem 
Saassoriti ferner In gleicher Menge Quarz, sowie in geringerer 
Quantität mattschwarzer Hornblende in Tupfen. Qlimmer, 
fttr den man ohne genaueres Znsehen die Hornblende halten 
kann, kommt in dem Stück nicht vor. Die Structur ist 
nicht feinkörnig. 2 



18 K. Sehüle, 

ma 3 Uhr 30 Min. traten wir langsam und vorsichtig' 
den Rttckweg an. Perren voraus am Seil, ich in der 
Mitte, Burgener zuletzt« Nur kein Fehltritt! wird 
mir eingeschlürft. Erst geht es über die Wand hin- 
unter, dann in's Eiscouloir, in dessen Mitte jetzt ^n 
Wässerchen fließt; dann durch den ELamin und immer 
an der westlichen Felswand hin. Wir suchen die 
Stufen im Eise wieder auf, Perren hat sie vielfach 
nachzubessern. Wir gehen so, daß Perren und ich 
sich vorwärts bewegen, während Bui^ener einen festen 
Stand hat; haben wir, namentlich ich, dann einen 
guten Halt gewonnen, so kommt Burgener nach an 
unseren Platz, und wir gehen wieder vorwärts. Die 
Mündung des westlichen Felsoouloirs wird mit ver- 
haltenem Athem und ge^>itzten Ohren passirt; gerade 
hier sind die Stufen erweicht und aufhaltende Hack- 
arbeit ist nöthig. Indeß in der Natur herrscht groß- 
artige Stille, nur die Wasserrinne im Eiscouloir rauscht 
leise. Kein Stein fällt bis an den Ausgang des Couloirs, 
nur zwei kleine ja^en hinunter, als wir 5 Uhr 30 Min. 
in dem Felsen unter dem Couloir geborgen sind. Die 
ernste Gefahr ist jetzt vorüber ; wir athmen erleichtert 
auf. Dann geht es durch die Felsspalte hinab, in 
der mit dem einen Bein Halt gesucht werden muß. 
Es kommt der spitze Schneerttcken, der in seinem 
erweichten Zustande Vorsicht erfordert. Rückwärts, 
und nach jedem Schritt den Pickel tief einrammend 
in den Schnee, steigen wir abwärts. Auf dem Fels- 
rücken machen wir einen kleinen Halt. Wir traver- 
siren wieder das Schneefeld; das Couloir sendet uns 
noch einige kleine Steine nach, jetzt stehen wir vor 



Sechs Tage im Excurgionsgebiei. 19 

der Felswand, die wir wieder und zunächst etwas 
aufsteigend, dann horizontal durch die Einbuchtung 
zu traversiren haben. Hier sendet die Sonne ihre 
letzten Strahlen, vor uns üießt durch den Schnee ein 
Gletscherbach, alle Augenblicke brechen hoch oben 
aus der mit Eis verkleideten Wand Steine aus und 
springen in den Bach und in seiner Rinne hinunter. 
Wie es einmal still ist, springen wir schnell hinüber 
und gerade, wie wir an den schützenden Felsen hinanf- 
klettem — es ist 6 Uhr 45 Min. — sendet die Wand 
wieder ihre Steingesehosse. Die Sonne geht unter 
und bald fängt es leise an zu dämmern. Auf dem 
glatt gefegt^i Felsterrain poltern wieder Steine, Perren 
und ich sind glllcklich eilig darttber hingerannt, 
Bnrgener als letzter ist etwas tiefer gegangen und 
mufi gewagte Sprttnge machen; schon glaubten wir 
ihn fallen und gleiten zu sehen, als er hinter einem 
Felsblock auftauchte und vorwärts trieb. Die Passage 
ttber die verwitterten Gneifiselialen und Platten ist 
unangenehm und mühsam, trotzdem gehen wir so 
sehnell als möglich; der Felsencircus ist halb durch- 
messen und sorgsam mustern wir, ehe es Nacht wird, 
die Stelle, wo die Felsen uns das Erreichen des 
Bietschgletscbere gestatten, und den weiteren Weg 
über den Gletscher. Unser Plan ist, an's Bietschthat 
abzusteigen and vielleicht die oberste Alpe noch zu 
erreieken. 

Jetzt sind wk an der StoOe des Grates zwischen 
Bietsdibom und l^nreggenhorn, wo vir a» Morgen 
hembler geatiegen sind, fltelt zu ihm aussteigen, 
gehen wir nsch «twas na^ Süden vor und wenden 



20 K. Schulz, 

uns dann nach dem Gletscher hinunter. Der von der 
Felswand drüben ausgekundschaftete Pfad bewährt 
sich, gerade mit einbrechender Dunkelheit •— es ist 

8 Uhr 10 Min. — stehen wir vor dem Bergschrund^ 
der sich ohne große Mühe überspringen läßt. 

Eilig geht es über den noch immer erweichten 
Gletscher hinunter, ziemliche Strecken können wir 
stehend abfahren; freilich die Steine, die die Fahrt 
unangenehm unterbrechen und mich ein paar Mal um- 
fallen lassen, sieht man nicht mehr, auch die tiefen 
Furchen im Schnee sind unangenehm und spreizen 
die Beine. 8 Uhr 40 Min. erreichen wir Grund und 
Boden, entzünden die Laterne und gehen noch bis 

9 Uhr 30 Min. abwärts. Große glatt geschliffene 
Platten (Gletscherschliff) nöthigen uns mehrmals zu 
Umgehungen oder zu ängstlich vorsichtigem Ueber- 
schreiten derselben. Endlich macht die Natur ihre 
Rechte geltend; schwer ermüdet, wie wir alle drei 
sind, finden wir es zwecklos, mit der Laterne noch 
weiter hinunter zu gehen — die oberste Alp liegt 
noch Stunden weit unten. Also wo der erste dünne 
Rasen sich zeigt, legen wir uns nieder, um zu schlafen. 
Von Decken war natürlich keine Rede. Wir zogen 
die nassen Strümpfe und Schuhe aus, glücklicherweise 
hatte ich im Rucksack noch trockene Strümpfe, zogen 
an, was sich irgend anziehen ließ, z. B. ein zweites 
Hemd, und suchten nun noch etwas Abendbrod zu- 
sammen. Alles, was sich beim Umdrehen der drei 
Rucksäcke fand, war eine trockene Zwetsche, die mir 
mit einer gewissen Feierlichkeit überreicht wurde, 
ein paar Stückchen Zucker und eine kleine Blech- 



Sechs Tage im Excursionsgebiet 21 

bttchse mit Cacaopalver. Meine leeren Gummiflaschen 
worden zum Wasserholen benutzt nnd ein kleiner 
Schnellkocher mit Spiritne bereitete mir bald eine 
Tasse Cacao. Burgener ufid Perren hatten es sich 
inzwischen, so gut es ging, bequem gemacht; ersterer 
hatte es offenbar am besten, da er als Kopfkissen 
einen großen neuen Mnrmelthierranzen mit prächtigem 
Fell hatte. Er war ganz besonders mttde und schlaf- 
trunken, schimpfte nur noch auf den „schlechten 
Teufel^, das Bietschhom, dessen Couloir gerade so 
schlecht sei, wie das Couloir am Col de Lion, und 
schnarchte schon, ehe er die letzte der mehrmaligen 
Versicherungen, er habe nie eine schwierigere und lang- 
wierigere Tour als die heutige gemacht, beendet hatte. 
Als ich die zweite Tasse Cacao gekocht hatte, 
mußte ich ihn schon wieder ordentlich wecken. Er 
liebte den Cacao nicht, trank ihn aber aus Hunger. 
Ich rückte nun mein Kopfkissen zurecht, welches 
meine mit Filz überzogene Gummiilasche bildete, die 
auf der inneren Seite eine Einbauchung hat, legte 
den leeren Rucksack unter mich und benutzte als 
Zudecke einen einzelnen wollenen Handschuh, dessen 
Gefährte mir auf dem Matterhom vom Wind entfUhrt 
worden war. Auch ich schlief schnell ein und hatte einen 
erquickenden Schlaf, bis uns gegen 2 Uhr der kalte 
Oletscherwind weckte. Wir gingen im Mondschein 
etwa l*/i Stunden tiefer hinunter und legten uns in 
dichtem Gestrttpp nochmals zum Schlafen bis Tages- 
anbruch nieder. 4 Uhr 30 Min. liefen wir hungrig 
das Bietschthal hinab, passirten große Flecken von 
Lawinenschnee, ttberschritten den Gletscherbach von 



22 K. Schule. 

seinem linken zum rechten Ufer und machten in seinen 
Fluthen eine elegante Morgentoilette, wobei sogar 
Zahnbürste und andere Werkzeuge einer ttberfeinerten 
Cultur eine Rolle spielten. Unser Feind, das Bietsch- 
hom, gewährt vom oberen Bietschthai aus einen 
fascinirend großartigen und gewaltigen Anblick, was 
merkwürdiger Weise noch kein Photograph heraus- 
gefunden hat. Ich wendete immer wieder die Augen 
nach dem zauberhaften Bild und suchte endlich etwas 
von dem Eindruck durch die Skizze festzuhalten, nach 
der von Hm. Heubners kunstfertiger Hand die beigefttgte 
Zeichnung (pag. 16) angefertigt ist. Die mittlere der 
drei Zacken rechts unter dem Gipfel des Berges 
characterisirt ungefähr Höhe und Ort der von uns 
erreichten Wand. Unsere Aufstiegsroute ist nicht 
direct zu sehen, nur das Bchneefeld, über dem das 
Coulouir sich öffnet, sieht rechts ein Stück hervor. 

Lange Gesichter machten wir, als die oberste Alp 
im Thal leer und verfallen war; die Hoffnung, unseren 
Hunger zu sdllen, war getäuscht. Wir kamen in 
schönen, großen Wald und fielen begierig über die 
Erdbeeren her, die zahlreich zu finden waren. Das 
Bietschthai ist romantisch und wild, auch hier verfault 
ebenso wie im Baltschiederthal eine Menge schönes 
Holz; Wald und Flora sind „im Bietschi^ schöner 
und reicher als „im Baltschiederli^. Das Thal verengt 
sich zur furchtbar eingeschnittenen, engen Klus. Wir 
gehen immer hoch auf der steilen rechten Seite des 
Thaies. Wie sich das Rhonethal in entzückender 
Weise vor uns öffnet ! Im wundervollen Morgensonnen- 
schein gehen wir über Raron- Staffel nach Raron, 



Sechs Tage im JBxcursionsgebiet 2S 

wo wir am 24. August, früh 8 Uhr 10 Min., ankommen. 
Baron hat wohl ein altes Schloß, aber kein Wirths- 
haus; indeß finden Burgener und Perren bald eine 
gastliche Familie, die uns, wenn auch nicht Kaffee 
oder Milch, welche es nicht gab, so doch Wein und 
ELäse vorsetzte, wovon bedeutende Quantitäten ver- 
tilgt wurden. Von Raron fuhren wir nach Gampel, 
und dort wußte es Burgener so einzurichten, daß 
nnser Einzug in Ried im Lötschenthal hoch zu Roß 
stattfand; die Hitze war zu groß und das Bietsch- 
hom steckte uns noch in den Beinen. 

Daß die Besteigung des Bietschhorn auf dem von 
uns betretenen Wege durchzusetzen ist, nehmen sowohl 
ich als Burgener, wie er mir später gesagt hat, an. 
Wir scheiterten bei dem ersten Versuch, weil für uns 
Alles neu und unbekannt war und weil wir in Un- 
kenntniß Ober die uns entgegen tretenden Hindernisse 
an das entscheidende Couloir mehrere Stunden zu 
spät gekommen waren. Am Morgen vor 8 oder 9 Uhr 
wird in dem Couloir kaum Gefahr sein, und wenn 
in demselben guter Schnee statt blankem Eis, wie 
wir es fanden, angetroffen wird, dürfte nicht einmal 
die Hälft« der Z^it nöthig sein, die wir zur Ersteigung 
brauchten, unter den Verhältnissen, die wir trafen, 
machte die Tour auf mich den Eindruck, als gehöre 
sie zu dem Schwierigsten und Gefährlichsten, was man 
iD den Alpen machen kann. Vielleicht mäßigt sich 
dieser Eindruck bei einer glücklicheren Wiederholung 
und unter besseren Umständen, wie dies so häufig 
bei größeren Ersteigungen stattgefunden hat. 



24 K, Schulz. 

2. SattoUaeke, Sattelhorn, Kleines Aletschhom, 

Beiohgrat« 

Das Clubgebiet ist so reich an lieriiichen Gipfeln^ 
Pässen und Thälern, daß auch die verlängerte Ex- 
cursionszeit (drei Jahre, statt zwei) noch genug zu 
thun Übrig lassen wird. Außer seiner natürlichen 
Schönheit hat es noch einen anderen großen Vorzug* 
Es hat durch Herrn E. v. Fellenberg ein ganz vor- 
treffliches Itinerar bekommen. ^) Nach demselben 
waren 1882 noch unbestiegen: Sattelhom 3745"»^ 
(Itinerar S. 151), Distelhom, anscheinend noch unge- 
messen (8.151 2), Jägihom 3420°» (8. 159), Elwerück 
3530°» (8. 159), Kleines Bietschhorn 3320°» (8. 169),. 
Thorberg 3570 °> (8. 153), 8tockhom 3255 °» (8. 172),. 
Thiereggenhorn und mehrere Gipfel in seiner Nälie 
(8.172), Rothlauihom 3150°» (8.170), Fäschhorii 
3325 °> (8. 170) u. s. w. 

Einen Glanzpunkt im Excnrsionsgebiet bildet die 
wundervolle Bergkette vom Hohgleifen bis zum 8attel- 
hörn, die von keinem Punkt sich schöner ausnimmt, ala 



Itinerarium fUr das Excursionsgebiet des S. A. G. fQr 
die Jahre 1882 und 1883. Die westlichen Berner Kalkalpen 
und der westliche Theil des Finsteraarhorn-CentralmassiTS.. 
Bern, 1882. (VI u. 224 S.) Der Titel wird fttr die Be- 
sitzer des Jahrbuchs, die nicht Mitglieder des S. A. C. sind^ 
hierher gesetzt. Hoffentlich wird es ihnen durch den Buch> 
handel zugänglich gemacht, denn bei dem größeren Umfang- 
hat das Itinerar zum ersten Mal im Jahrbuch keine Stelle 
finden können. 

*) Nach Blatt 493 (Aletschgletscher) des SiegfHed-AtIa» 
3748" hoch. Änm, d. Bed. 



Sechs Tage im Excwrsianagebiet, 25 

von der Höhe des Peteragrates. ^) Dieses Sattelhoni^ 
als den höchsten unter den noch unbestiegenen Bergen 
des Clubgebiets, hatte ich mir zu ersteigen vorge- 
nommen. Den stattlichsten Anblick gewährt der Berg 
vom Ober-Aletschgletscher aus, aber auch vom Peters- 
grat, von Ried im Lötschenthal und von der Lötschen- 
Ittcke aus macht er einen ganz respectabeln Erdrück. 
Auf den älteren Abzügen der Dufourkarte, Bl. XVIII, 
trägt er die Höhenangabe 3745 *>■, aber keinen Namen ; 
auf den jüngeren Abzügen ist der Name Sattelhom 
beigeftlgt. In der Literatur findet sich auch der Name 
Stegithalhom , so bei Tschudi^) und Studer^), den 
die Lötschthaler jedoch nicht zu kennen scheinen. 

Wir untersuchten den Berg von Ried aus mit dem 
Femrohr; danach wäre der Weg durch die Sattel- 
Ittcke am kürzesten gewesen. Der alte Johann Sigen, 
der die SattellUcke einmal vor langen Jahren vom 



^) Ein 8ehr gelungenes pbotograpliisches Panorama dieser 
Gebirgskette bieten die von dem englischen Touristen Herrn 
W. F. Donkin anfgenommenen vier Blätter : From the Peters- 
grat, Nr. 61 a, 61 b, 61 c, 61 d (Series 1882). Nr. 61 a ist mit 
gütiger Erlaabniß des genannten Herrn in diesem Jahrgang 
des Jahrbachs vervielfältigt worden. 

») Tourist Nr. 66. D. i) Lötschlücke: „Stegithalhorn, 
3745 *, von hier aus ersteigbar.** Unter k) Sattellücke wird 
der gleiche Berg „Sattelhom 8746"' unbestiegen'' genannt. 
Die Identität der Höhenangabe beweist, daß es sich um 
denselben Berg handelt 

*) Ueber Eis nnd Sehnee, III. Abtheilung, Seite 228: 
23. Spitze südlich der Lötschenlücke (Stägithalhom) 3745 "". 
Erste Besteiger: Unbekannt, vielleicht von Lötschthaler 
Jägern bestiegen, v. Fellenberg erwähnt im Itinerar nur den 
Namen Sattelhom. 



26 K. Schuh. 

Lötschthal aus bestiegen hatte, Bchilderte sie als sehr 
schlecht und meinte, man wOrde eher von der Lötschen- 
Iflcke aus über die steile Schneewand aufkommen. 
Es wären so „Bossen" (Buckel) von Firn an der Wand, 
die man aber wohl umgehen könne. 

Am 25. August, der ein Sonnabend war, hielten 
wir Rasttag. Das Wetter war gleichmäßig gut. Ich 
wollte nun am folgenden Sonntag nicht wieder rasten, 
aber mein zweiter Führer, Perren, weigerte sich mit- 
zugehen, da er am Sonntag die Messe hören müsse. 
Ich lasse in solchen Dingen den Leuten gerne ihren 
Willen, so störend auch diese Beobachtung der reli- 
giösen Formen ist, auf die der Tourist bei den Walliser 
Führern meistens wird rechnen müssen. Am Sonntitg 
den 26. August brach ich mit Burgener und dem als 
Träger engagirten Joseph Rittler von Wyler, einem 
Knecht der Gebrüder Sigen, leider erst 4 Uhr 15 Min. 
von Ried auf, da wir im Hotel Nesthom statt um 
1 Uhr erst um 3 Ulir geweckt worden waren. Burgener 
wollte anfangs gar nicht mehr gehen, fügte sich aber, 
als er merkte, daß mir an der Tour gelegen war. 
Wir gingen über Gletscherstaffel, betraten dann die 
Moraine, hielten uns ziemlich rechts (linkes Gletscher- 
ufer) und gelangten 7 Uhr 15 Min. auf den Gletscher. 
Wiederum war ein prachtvoller Morgen, der uns die 
beiden das obere Lötschenthal einfassenden Bergketten 
Tschingelhom, Breithorn, Großhom, Mittaghorn, Ahnen- 
grat auf der nördlichen und Bietschhorn, Breithorn, 
Schienhorn, Distelhorn und Sattelhom auf der süd- 
lichen Seite in der schönsten Beleuchtung zeigte. 

Wir waren mit der Absicht ausgegangen, nach dem 



Sechs Tage im Excursionsgebiet. 27 

Lötsebsattel zu gehen und von dort ^ den Aufstieg zu 
versuchen. Je näher wir aber der SattellUcke kamen, 
die etwa 20—30 Min. unterhalb der Höhe des Lötsch- 
satteis sich befindet und Battelhom und Distelhom 
durch einen tiefen Einschnitt trennt, um so mehr 
schien mir ein Versuch hier Erfolg zu versprechen. 
Die Sattellttcke war bisher vom Lötschthal aus nur 
von Johann Bigen und Ebiner und nicht von Touristen 
bestiegen worden, während vom Ober-Aletschgletscher 
aus V. Fellenberg 1875 nur bis zum Col aufgestiegen, 
nicht aber auf den Lötschengletscher hinuntergegangen 
war. ') Das zu ihr hinaufführende Couloir ist steil 
und schmal. Mit Schnee gefüllt, wird es von hohen 
Felswänden mit lockerem Gestein eingeschlossen. Vor 
der Mündung des Couloirs liegende Steine deuteten 
auf Steinschlag, aber es war noch früh genug, um den 
Aufstieg zu wagen. Wir tranken einen Schluck Wein 
und machten uns, ohne bisher gerastet zu haben, an 
den Angriff. Ein großer Bergschrund öffnete sich vor 
der Mündung, an einer Stelle war er jedoch von 
lockerem Schnee verschüttet ; auf diese steuerten wir los. 
Beim ersten Versuch brach der vorausgehende Rittler 
durch, an einem anderen Punkt kamen wir glücklich 
hinüber und betraten um 9 Uhr die unteren Felsen 
des Couloirs. Eine tiefe Rinne als Canal für die 
fallenden Steine zog sich weit im Schnee hinauf. 
10 Min. lang kletterten wir über die Felsen zur 
Linken (rechte Flanke des Couloirs), dann betraten 
wir den noch hart gefrorenen Schnee, querten die 

*) Itinerar S. 174. 



28 K, Schule. 

Rinne nach rechts und stiegen im Schnee auf. Burgener 
war an die Spitze getreten und schlug unverdrossen 
und ohne nur einmal auszuruhen, beinahe fUnf Viertel- 
stunden lang Stufen. Mit drei bis vier Schlägen war 
allemal eine Stufe fertig. Von Steinfall blieben wir 
bis auf kleine unschädliche Stückchen verschont. 10 Uhr 
15 Min. betraten wir dicht unter der Lficke wieder 
Felsen, die aus losem Glimmerschiefer bestanden, und 
erreichten um 10 Uhr 30 Min. die Höhe des Ein- 
schnittes. £in prachtvoller Blick öffnete sich auf 
Schienhom und Distelhom. Ich maß mit dem Aneroid 
3380°». Wir frühstückten vergnügt, denn die Unter- 
suchung der zum Grat des Sattelhoms ftlhrenden 
Felswand und des weiter zum Gipfel aufsteigenden 
Grates gab uns gute Hoffnung, daß wir den Gipfel 
erreichen würden. Von der Sattellücke zieht sich ein 
breiter Gletscherarm nach dem Gber-Aletschgletscher 
hinab, der von Süden her einen leichten Zugang er- 
öffnet. Unsere Lücke wäre daher ganz gut auch zum 
Uebergang von Ried nach Beialp zu benutzen; um- 
gekehrt nicht, weil der Abstieg durch das Couloir^ 
sowie die Sonne gewirkt haL zu gefährlich ist. 

11 Uhr 10 Min. brachen wir wieder auf und 
kletterten über aufrecht stehende dünne Schieferplatten 
links von der Lücke nach dem Grat des Berges empor. 
Es kamen einige steile Stellen, aber im Ganzen war 
die Kletterei nicht gerade schwierig und das Gestein 
ziemlich fest. An einer kleinen flachen Höhle im 
Felsen sahen wir plötzlich eine große Anzahl präch- 
tiger Rrystalle. An vielen hatte ein grüner Chlorit- 
Überzug die scharfen Kanten der Spitzen zerstört^ 



Sechs Tage im Excursionsgehiet 29 

nber einige waren vollkommen und von schönster 
Reinheit. Ich wünschte natttrlich sehr, eine solche 
Trophäe vom jungfräulichen Sattelhom mitzubringen, 
und Alezander machte sich eifrig an's Werk, die 
umgebenden Steine wegzuräumen, um zu denen zu 
gelangen, an welchen die Rrystalle saßen. Da wir 
keine geeigneten Instrumente besaßen, nur unsere 
Pickel, ging die Sache nicht so leicht. Erst nach 
langer Klopferei, wobei große Felsstttcke als Hämmer 
dienten, kriegten wir den schönsten der Strahlen 
wirklich los; die Übrigen saßen auf einem großen 
Felsstlick, welches wir zwar auch herausbrachten, 
von dem wir aber die Krystalle durchaus nicht un- 
verletzt losbringen konnten. 35 Min. hatten wir damit 
angebracht ; als wir weiter gingen, hatte Burgener so 
^iel Staub in die Augen bekommen, daß sie ihn eine 
kurze Zeit lang sehr schmerzten. Der Felsgrat ver- 
läuft in ein kleines Sehneefeld, ^us dem sich ein 
Schneegrat nach dem Gipfel zu fortsetzt. Wir ver- 
folgten denselben und betraten nach einiger Zeit — 
es war 12 ühr 30 Min. geworden — wieder Felsen. 
Nach einem Halt von 20 Min. wurde der nahe Gipfel 
endlich um 1 ühr erreicht. Eine große Schneegwächte 
dicht unter demselben war zu umgehen, dann ging 
es noch ein Stückchen Über Fels, aus dem dann der 
Schneedom des Gipfels circa 1°^ die letzten« Felsen 
überblickend hervorragte. Der Gipfel wird aus einem 
direct von Süd nach Nord verlaufenden und nach 
Nord ansteigenden Grat gebildet. Nach Süden ziehen 
zwei steile, große Felsrippen zum Gletscher hinab, 
nach Westen fiült der von uns beim Aufstieg benutzte 



30 K. Schulz. 

Orat zur Sattellttcke ab. Nach Osten zieht ein Schnee* 
kämm, der die Verbindung mit dem Aletschhom her- 
stellt, nach Norden fliUt eine steile Fimwand zum 
L<5tschsattel hinab. Auf dem Gipfel und den an den- 
selben herantretenden Felsen nirgends eine Spur von 
einstiger Anwesenheit von Menschen; im Gegentheil 
lag dicht am Gipfel im Schutt ein schöner heiler 
Bergkrystall (einen Zoll im Durchmesser und drei Zoll 
hoch), den frühere Besucher gewiß gefunden haben wür- 
den, daneben Gruppen von kleineren Strahlen, femer eine 
über einen Fuß große Platte mit sehr schön entwickelten 
Adular-Kiystallen. ^) Wir bauten auf dem Felsen ') dicht 
am Schneegipfel einen breiten 4 Fuß hohen Steinmann 
und bargen unter seine obersten Steine in Ermanglung^ 
einer Glasflasche ein hölzernes SchwefelholzbUchschen 
mit meiner Visitenkarte, auf welcher die Daten der 
Besteigung notirt waren. Daa Wetter war klar und 
schön geblieben, dazu die Temperatur auf dem Gipfel 
mild und warm; nur an einzelnen Theilen des Hori- 
zonts tauchten einige Wolken auf. 

Die mannigfache und schöne Aussicht umfaßt die 
Bergkette vom Petersgrat zur JungA*au, Rranzbei^ 
und Trugberg, den Mönch (sehr schön), Vieschergrat^ 

Die dankelgriinen, monoklinen Kryatalle bestehen ans 
Feldspath (Orthoklas) mit ChloritUberziig. Sie sitzen auf 
einem stark homblendehaltigen GneiO (haaptsaehlleli Feld- 
spatb and Hornblende, auch etwas Quarz, fast kein Glimmer> 
von ziemlich feiner Structnr nnd bandartig gestreift Ich 
konnte von der Platte nur ein Stück mitnehmen. 

*) Das anstehende Gestein am Gipfel ist zumeist ein 
Gneiß mit sehr stark hervortretendem Glimmer, so daß ea 
sich dem Glimmerschiefer nähert 



Sechs Tage nn JBxcarsiansgebiet, 31 

YieficherhÖrner und Giilnhoni, das gewaltig anfragende 
Finsteraarhorn, die Walliser Viescherhörner, ganz nahe 
und imposant ist das Aletschhorn, dann starrt uns 
der nahe Grat mit einem zweiten Sattelhom ^) , dem 
Rothhom und den Fnßhömem entgegen, worauf sich 
der Blick in die Feme öffnet zum Monte Leone, zu der 
in ihren einzelnen Windungen sichtbaren Simplonstraße 
und zu den Fletschhömem. An diese schließen sich 
die Mischabelhömer und das Matterhom, sowie rechts 
vom Nesthom das Weißhom an. In größerer Nähe 
wieder, zieht der lange Kamm vom Sparrenhöm zum 
Nesthom empor. Unmittelbar vor uns ragen Schien- 
hörn und Distelhora auf, dahinter Breithorn und 
Bietschhom. Hierauf öffnet sich der überaus reizende 
Blick in's Lötschenthal, westlich davon erheben Balm- 
hom und Alteis, Doldenhom und die vom Breithorn 
zum Theil verdeckte BlUmlisalp ihre characteristischen 
kahlen Südwände. 

Jetzt trat die Frage auf: Wie nach Ried zurück- 
kehren? Durch die Sattellttcke und das Couloir 
wieder abzusteigen, wiesen Burgener und ich sofort 
zurück. Vielleicht konnten wir über die Fimwand auf 



■; Die nene topographische Karte gibt den Namen dem 
Pankt H746" aaf dem vom Aletochbom südlich ziehenden 
Grat, während die ältere Dnfoorkarte diesen Punkt nnbe- 
nawit läßt imd den Namen SaUelhom dem Punkt 3270 "* 
beilegt, der sich aof der östUchen Fortsetsnng dieses Grates 
am Einfluß des mittleren Aietschgletschers in den großen 
befindet. Der zweifache Name in so großer Nähe ist jeden- 
falls von Uebel. Heines Erachtens paßt er wohl tär den 
▼00 mir bestiegenen, neben einem Sattel anfragenden Berg, 
ideht aber fbr Ponkt 8746 oder 3270. 



32 K, Schulz. 

den LötBchsattel hinabkommen. Direct nach Norden 
war steiler Abfall; wir gingen deßhalb ein wenig 
nach Sllden^ betraten dann den hier ansetzenden 
schmalen östlichen Schneegrat und versuchten nun, 
nachdem wir circa 200 Schritte auf demselben hin- 
gegangen waren, links hinunter zu gehen. Auf der 
Schneide war der Schnee weich, aber auf der nach 
Norden gekehrten Wand war der Firn sehr hart. Es 
war nicht möglich, den Pickel einzurammen,' und Stufen 
an der steiler und steiler werdenden Wand hinab- 
zuschlagen, hätte, trotzdem die Höhendifferenz nur 
circa 600 *" betrug, zu lange aufgehalten. Wir ließen 
den Rittler noch ein Stück am Seile hinab, um zu 
sehen, ob es unten besser komme. Er verneinte es 
jedoch und so gingen wir auf dem östlichen Ramm 
wieder hinauf und gingen weiter nach Osten, um zu 
sehen, ob wir, wo der Ramm sich etwas senkt, hin- 
untergehen könnten. Auch da meinte Burgener, wie 
kurz vorher: „Hinunter kommen wir, aber, wenn wir 
nicht bis in die Nacht Stufen schlagen, nicht ganz- 
beinig." Was war zu machen? Sollten wir jetzt noch 
nach dem Gipfel des Sattelhorns zurück, zur Sattel- 
lücke und von hier auf den Ober-Aletschgletscher ? 
Lieber vorwärts auf die schöne Schneekuppe, die sich 
zwischen uns und dem Aletschhorn erhebt, bisher 
nicht bestiegen und nicht gemessen worden ist. Von 
ihr werden wir den Weg zum Ober-Aletschgletscher hin- 
unter schon finden. So entschieden wir uns, nachdem eine 
Prüfung zweier steiler Schneecouloirs, die zur Rechten 
directer zum Ober-Aletschgletscher hinunter führten, 
deren Begehen bei der Erweichtheit des Schnees und 



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Sechs Tage im Excuraionsgebiet. 33 

den weiter UDteu zahlreich auf dem Schnee liegenden 
gefallenen Steinen fls nicht räthlich hatte befinden 
lassen. Das Gehen auf dem Schneekamm war nicht 
angenehm y rechts zogen sich Schrunde und Spalten 
bis nahe an die Schneide, links nach Norden zu 
hingen große Gwächten über. Rittler, der zerrissene 
Schuhe, keine Gamaschen und über dem Hemde nur 
ein blaues Fuhrmannskittelchen anhatte, ging tapfer 
voraus, aber ich, sein Hintermann, und Burgener 
maßten tüchtig auf ihn aufpassen, da er ganz un- 
erfahren war, beinahe in jeden Spalt hineintrat oder 
auf den Kopf der Gwächte hinauf wollte. Wir amtt- 
airten uns sehr über die Kjreuz- und QuerzUge seiner 
ersten Gletscherwanderung und Burgener sagte ihm 
beim nächsten Halt, daß er sicherlich mindestens zehn 
Mal hinabgestürzt sein würde, wenn wir ihn nicht 
am Seile gehabt hätten. 3 Uhr 45 Min. hatten wir 
den namenlosen Schneegipfel zwischen Aletschhom 
und Sattelhom erreicht. Nach meiner Aneroidmessung 
ist er circa 5 ™ höher als das Sattelhorn, also, wenn 
dessen Messung richtig ist, 3750 ■" hoch. Nach dem 
Ober-Aletschgletscher fallen Felswände ab und von 
diesem Gletscher aus gesehen zeigt der Berg eine 
80 selbständige Gipfelbildung ^), daß er wohl verdient, 



^) Ein hübsches BUd derselben, sowie des Sattelhorn 
TOD Süden aus, gibt die Photographie: The Ober-Aletsch- 
Glacier from the Sparrenhom, to face page 141 in H. B. 
George, the Oberland and its Glaciers: explored and ilhi- 
strated with ice-axe and camera. London, 1866. Auf unserer 
llluBtration nach Donkins Photographie ist der Scbneekopf 
links vom Sattelhorn das kleine Aletschhorn. Donkin be- 

3 



34 JT. Schule, 

einen Namen zu erhalten. Als solcher empfiehlt sich 
meines Erachtens ^Kleines Aletschhom^, da er zum 
Aletschhom in einem ganz ähnlichen Verhältniß al» 
Vorberg steht, wie das Kleine Bietschhom zum Bietsch- 
hom. Der Gipfel des Aletschhorn lag ganz nahe vor 
uns. Er wäre von hier ohne große Schwierigkeit in 
etwa drei Stunden zu erreichen gewesen. Den einen 
Moment auftauchenden Plan, in den Felsen am Aletsch- 
hom zu übernachten und am nächsten Tag den stolzen 
Berg auf dieser neuen Seite zu besteigen, ließen wir 
nach näherer Prüfung fallen, da Proviant für den 
nächsten Tag nicht mehr vorhanden war. Nach kurzem 
Aufenthalt auf dem Gipfel stiegen wir in die nach 
.Westen gekehrte Felswand hinein, die aus dünnen 
Schieferplatten bestand. Wir traversirten die Wand 
nach einem Schneefeld nach links hinüber, fuhren 
über dasselbe ab, die Augen öfters nach rückwärts 
gewendet, da ein paar Mal große Felsblöcke sich von 
der oberen Wand lösten und durch den Schnee herunter 
wälzten. Es hatten sich Furchen und Rinnen dicht 
neben einander gebildet, in denen sich beim Abfahren 
der weiche Schnee so sackte, daß man in kurzen 
Zwischenräumen von der einen Rinne in die andere 
springen mußte, um von der Schneemasse nicht um- 
gerissen zu werden. Um 5 Uhr trafen wir wieder 
auf Felsen dicht über dem flachen Ober-Aletschgletscher. 
Hier machten wir einen Halt von 30 Min. 



zeichnet die Photographie 61 a irrthümlich als Aletschhom etc. 
Vom eigentlichen Aletschhorn ist auf derselben nichts za 
sehen. Dicht rechts am Sattelhom befindet sich die Sattel- 
lücke, dann folgen Distelhorn und Schienhom. 



Sechs Tage im ExcwrBionagehiet. 35 

Ganz urplötzlich hatte sich am Gipfel des Sattel- 
hörn ein Gewitter zusammengezogen, der Donner 
krachte und dichter Hagel brachte ans eisige Kälte. 
Aber schnell, wie es gekommen, verzog es sich auch 
wieder; noch einmal fuhren wir tlber Schnee ab, 
nachdem wir über die Reste einer großen Lawine 
hinweg geklettert waren, und erreichten den ebenen 
Gletscher um 5 Uhr 45 Min. Weit auf denselben 
hinaus war der Kopf einer Lawine gerollt. Wir gingen 
an ihr vorüber nach dem Thorberg zu. Das Wetter 
war wieder ganz hell geworden und es entstand in 
der Abendbeleuchtung eine ganz wundervolle Aussicht 
auf die den Kessel des Ober-Aletschgletschers um- 
gebenden Spitzen : Schienhom, Distelhom, Sattelhorn, 
Kleines und Großes Aletschhorn. Wo die Felsrippen 
des letzteren herunterziehen, glaubten wir unter großen 
Felsblöcken eine Hütte zu sehen; mit dem Femrohr 
sahen wir nach unserer Meinung die geöffnete Thtir ; 
indeß wurde uns nachher die Existenz einer Hütte 
an dieser Stelle bestritten. Der Gletscher wurde bald 
aper, lange Morainen streckten sich in schön ge- 
schwungenen Linien hinab; leider wurde er in der 
NHhe des Thorbergs sehr naß und unangenehm zu 
begehen. 6 Uhr 30 Min. waren wir am Zusammen- 
treffen von Beichfirn und Ober-Aletschgletscher. In 
einer Stunde kam die Nacht ; was thun ? Die Beialp 
wXre wohl in 2^/s Stunden zu erreichen gewesen, der 
gute zu ihr führende Fußweg noch vor Einbruch der 
Nacht. Aber in Ried wartete auf mich ein Freund 
und zu telegraphiren war nicht von Beiaip nach dem 
telegraphenlosen Ried. Ich dachte daran, wie es einem 



36 K, Schulz 

hervorragenden Basier Touristen gegangen war, der 
von Beialp aus das Nesthom bestieg und statt, wie 
er geäußert hatte, nach Beialp zurückzukehren, auf 
dem Berge den Entschluß faßte, durch das Gredetsch- 
thal in's Rhonethal abzusteigen. Auf der ersten Tele- 
graphenstation im Rhonethal telegraphirt er nach Beialp 
seine glückliche Rückkehr. Aber die Leitung ist unter- 
brochen, das Telegramm kommt nicht an und am 
folgenden Tage geht von Beialp eine Anzahl suchender 
Führer ab. Das Resultat war eine Rechnung von 
mehreren hundert Franken fUr den Touristen. Ich 
wünschte daher, wenn irgend möglich, Ried noch in 
der Nacht zu en^eichen. Burgener machte den Vor- 
schlag, an einer geschützten Stelle in den Felsen zu 
übernachten. Ich stinunte für Vorwärtsmarachiren, 
da Schutz unter Felsen auch später noch zu er- 
reichen sein würde. So ging es denn vorwärts mit 
langen Schritten den stark erweichten Beichfim hinauf 
nach dem Einschnitt des Beichgrates zu. Unser 
Lötschthaler Bäuerlein marschirte unverdrossen mit 
dem (von Krystallen) schweren Tornister voraus, immer 
vergnügt und in guter Stimmung. Nach den jenseits 
des Rhonethals gelegenen Bergen, dem Monte Leone 
u. s. w., eröffnet sich vom unteren Beichfim eine 
wundervolle Aussicht. Schwere Gewitterwolken raubten 
sie uns plötzlich, sie drangen aus dem Rhonethal 
herauf, starkes Wetterleuchten entlud sich aus ihnen 
und dumpfer Donner hallte durch die Thäler. „Wenn 
wir nur, ehe es Nacht wird, die Trace noch finden — 
der Beichgrat wird häufig begangen — dann geht 
es vielleicht noch", äußerte Burgener seine Besorgnisse. 



Sechs Tage im Excwrsionsgebiet 37 

^Wenn uns nur das Gewitter nicht noch einen bösen 
Streich spielt." Schon legte sich die Dämmerang in's 
Thal. Wir hielten etwas links nach der Belalpseite 
nnd endlich hatten wir die Fußspuren. Nun ging es 
auf ihnen vorwärts unter den steilen Abhängen des 
Nesthorn hin. Hinter dessen Gipfel setzte sich das 
Gewitter fest und majestätisch rollte der Donner durch 
die erhabene Landschaft. 7 Uhr 30 Min. betraten 
wir die Moraine Über dem Beichfim. Es war bereits 
ziemlich dunkel, die losen Blöcke kollerten uns in 
die Beine — da plötzlich einige Tropfen und heftige 
Windstöße — jetzt geht's los. Aber nein, es zieht in's 
Gredetschthal hinunter, wir können vorwärts gehen; 
die Spuren freilich haben wir auf der Moraine ver- 
loren. Nach mühsamem Suchen finden wir sie ziemlich 
weit rechts auf dem Schneefeld wieder. Um sie nicht 
wieder zu verlieren, zünden wir um 8 Uhr die Laterne 
an. Links aufwärts traversirend erreichen wir die 
Höhe des Beichgrats 8 Uhr 30 Min. Die Spuren 
führen nicht in die Tiefe des Cols, sondern links auf- 
wärts in die Felsen. Die Leute scheinen aufs Breit- 
hom gegangen zu sein. Keiner von uns war jemals 
auf dem Beichgrat gewesen; am Morgen hatten wir 
ihn uns nicht einmal von unten angesehen, weil wir 
nicht daran dachten, daß wir über ihn zurück- 
kehren könnten. Wir wußten nicht, ob wir in's Lötsch- 
thal hinunter über Gletscher oder über Felsen zu 
gehen hatten. 

So versuchten wir denn erst, vom Col direct hinab 
zu kommen, da starrten uns aber bald so steile 
Schnee- und Eiswände im nächtlichen Dunkel ent- 



38 K. Schulz. 

gegen, daß wir doch wieder die Felsen links oben 
aufsuchten. Die zu ihnen hinauf führenden Spuren 
hörten freilich im Felsgeröll auf, es kostete uns lange 
Zeit, mit der Laterne wieder die Eindrücke von Nägeln 
KU finden. In lockerem Oestein mit fallenden und 
rutschenden Steinen gingen wir ein Stück steil hin- 
unter. Endlich kamen wir auf Schnee — es war der 
Distelgletscher — der weich war und uns längere 
Zeit gut abwärts kommen ließ. Rittler, der vorne die 
Laterne trug, kam an der steilen Wand ein paar Mal 
in's Rutschen und zum Sitzen, ich konnte ihn jedoch 
jedes Mal halten. Wir betraten dann die zu unserer 
Rechten aufragende Moraine — die, wie ich später 
erfuhr, den eigentlichen Weg darstellt — gingen aber 
wieder links auf den Schnee, da uns die Moraine 
aufzuhören schien. Auf einmal gähnte uns der erste 
große Spalt entgegen, wir gingen weiter links an die 
Abhänge des Breithorn heran ; wieder zwei tiefe Spalten. 
So irrten wir wohl eine halbe Stunde hin und her, 
immer hemmten riesige Schrunde unsern Weg. Schon 
glaubten wir uns in der Mausefalle und zum Ueber- 
nachten auf dem Gletscher gezwungen, als endlicli 
Burgeners Orientirungssinn das Rechte traf. Wir hatten 
die Laterne ein paar Mal geschlossen, um die weitere 
Umgebung erkennen zu können. Plötzlich rief er: 
Rechts geht's, vorwärts! Wir stiegen wieder empor 
und fanden richtig rechts die Moraine wieder, die 
uns über Schneefiecken, grüne Abhänge, über häßliche 
Blöcke und über den ungestümen Bach zum Thale 
hinunterleitete. Einmal geriethen die Blöcke so in's 
Rollen, daß sie an die Laterne sprangen und sie ver- 



Sechs Tage im Excursionsgebiet. 39 

löBchteB. Ihre dauerhafte Gonstruction hatte aber den 
Puff vertragen. 

Mehrere Male schon war uns unten im Thal in 
der Gegend von Gletscherstaffel ein Licht aufgefallen, 
welches sich hin und her bewegte und im Thal auf- 
wärts ging. Wir dachten uns, daß es wohl Leute 
«eien, die uns bemerkt hatten und uns entgegen kamen, 
um uns unter Umständen hülfreich zu sein. In einer 
Entfernung von etwa 30 Min., als wir unseres Weges 
längst sicher waren, riefen wir uns zu, worauf sie 
unten Halt machten. Sie saßen am Bach und em- 
pfingen uns mit den Worten : ^^^^ meinen, es kommen 
Geister." Es waren vier junge Leute aus Gletscher- 
fltaffel, darunter ein Student aus Sitten, Herr Henzen ; 
sie hatten unsere Laterne schon auf der Höhe des 
Beichgrates bemerkt, hatten uns beobachtet und als 
«ie uns so hin und her irren sahen — wie wir zwischen 
den Spalten lavirten — waren sie uns entgegen ge- 
kommen. Sie hatten dann eine Zeit lang geglaubt, 
wir wollten wieder über den Grat zurück — als wir 
aus den Spalten heraus wieder aufwärts gingen — und 
das Räthsel, was das da oben sein möge, war für sie 
immer größer geworden. Wir trafen uns 10 Uhr 50 
Min., erreichten mit den jungen Leuten Gletscherstaffel 
11 Uhr 50 Min., wo uns Henzen aufs Freundlichste 
mit Milch bewirthete. 12 Uhr 20 Min. verließen wir 
Oletscherstaffel und kamen nach Ried um 1 Uhr 50 
Min. Circa 22 Stunden waren wir demnach unterwegs 
gewesen, hatten nicht viel geruht und waren meist 
sehr rasch gegangen. 

In Ried trafen wir den Wirth Lehner und seine Leute 



40 K, Schulz. 

schon wieder auf, da eine Partie über den Petersgrat 
gehen wollte. Es war mir recht, daß er an der Zeit 
unserer ZurUckkunft merkte, daß wir ihn am Morgen 
wegen des zu späten Weckens nicht ohne Grund aus- 
gescholten hatten. 

Auf dem nächtlichen Wege nach Ried machte mir 
noch ein kleines Vorkommniß großen Spaß. Rechts 
am Wege blockte ein Schaf mit einer allerdings ab- 
normen und heiseren Stimme, und es ließ sich ein 
schwarzer Gegenstand wahrnehmen. Burgener, der 
hinten ging, erschrack, eilte vor und überließ mir den 
gefährdeten Posten des Hintermannes. Gewiß zehn 
Mal sah er sich um und entgegnete, als ich ihn aus- 
lachte, vor Menschen und vor Felsen fUrchte er sich 
nicht, mit Geistern wolle er aber nichts zu thun 
haben. 



8. Der rothe Ualm (8140 >")• 

Wenn man vom Hotel Nesthom in Ried zum Balt- 
schiederjoch hinauf sieht, ragt aus dessen Fimgewand 
ein schön geformter Kegel hervor, der nach den 
braunroth oxydirten amphibolitischen Schiefem, aus 
denen sein Gestein besteht, den Namen „rother Galm" 
erhalten hat. v. Fellenberg erwähnt ihn in seinem 
Itinerar nur beiläuüg ^), da er bloß ein aus der Fels- 
wand zwischen Bietschhom und Breithorn hervor- 



«) S. 138, 176. — Häberlin hat ihn beim Uebergang über 
das Baltschiederjoch kennen gelernt und schildert ihn im 
VI. Bd. des Jahrb., 8. 66 ff. — H. ist durch eine Kehle unter 
großen Beschwerden aufgeklettert, während ich über den 
Orat gegangen bin. 



Sechs Tage im ExcttrsionsgebieL 41 

tretender Felsgrat ist, der den Birchgletscher und 
den Standbachgletscher von einander trennt, eine 
selbständige Gipfelbildung, trotz seines hübschen An- 
blicks von Ried aus, aber nicht darstellt. 

Der Weg zum Baltschiederjoch fllhrt über ihn oder 
neben ihm hin, so daß er auch touristisch schon häufig 
genug betreten sein wird. Wenn ich ihm trotzdem 
hier einige Zeilen und zwar als selbständigem Ziel 
einer Alpenfahrt widme, so hat das darin seinen 
Grund, daß seine Besteigung immerhin zu den zahl- 
reichen interessanten Touren minderen Ranges zählt, 
die man von Ried aus machen kann, und zwar zu 
denen von ihnen, die man auch noch bei schon vor- 
gerückter Tagesstunde zu unternehmen im Stande ist. 

Außerdem wollte ich dabei meine Erfahrungen auf 
einer ohne Führer und allein ausgeführten Wanderung, 
die doch immerhin über 3000 "» führte, erzählen. 

Die mit meinen Führern verabredete Reisezeit ging 
am 27. August zu Ende; beide fanden in Ried ein 
neues Engagement, welches sie in's Wallis /tthrte. 
Der von mir erwartete Freund war noch nicht ange- 
kommen ; so mochte ich am schönen 28. August nicht 
im Thal herumschlendern, sondern entschloß mich 
kurz, dem gegenüberliegenden, so schön spitz zu- 
laufenden Gipfel einen Steinmann aufzusetzen. Ich 
hatte dabei auch die Hoffnung, einen weiteren Ein- 
blick in den Bau des Bietschhorns zu gewinnen. 

Um 9 Uhr machte ich mich auf den Weg, ging 
5 Ifinuten oberhalb Ried über die Lonza und über 
Wiesen in das Tobel hinein, in dem der Bach vom 
Birchgletscher herunterkommt. Wo die Schlucht enger 



42 K. Schtae. 

• 

wird, ging ich vom linken auf das rechte Ufer des 
Baches, und da sich hier einige Spuren eines Fuß- 
wegs fanden, stieg ich an den steilen Wänden dieses 
rechten Ufers empor. Sie bestanden meist aus Kies 
und waren in Folge des langen schönen Wetters sehr 
hart und dürr gewordeiK An manchen Stellen mußte 
ich mir Stufen machen, da sonst nicht aufzukommen 
war. Einmal kletterte ich über lockere Felsen empor ; 
nachdem ich viele lose Steine entfernt hatte, glaubte 
ich feste zu fußen, aber plötzlich hatte ich in jeder 
Hand einen Stein und rutschte auf der Kieswand 
hinunter. Glücklicherweise konnte ich mich aufrecht 
erhalten und an einem Baum dem Rutschen Einhalt 
thun. Meine Taschen in der Joppe waren dick voll 
Kies und Erde. Ich gewann nun die obere Waldpartie 
und ging über Rasenwuchs , der immer spärlicher 
wurde, nach dem mächtigen, mit rothbraunen losen 
Blöcken ') ganz übersäten Morainenkopf zu, hinter dem 
der rothe Galm aufsteigt. Der Zugang zu diesem 
Morainenkopf sah überall gleich schlecht aus, so daß 
ich mich vorne an ihm hinaufarbeitete. Mit den losen 
Blöcken rutschte ich öfter wieder ein Stück zurück. 
Oberhalb des Kopfes breitet sich eine schnee- und 
gletscherbedeckte Terrasse aus, von der vier Felsgräte 
zum Gipfel des Galm hinauflaufen, um sich in dessen 
schlanker Pyramide zu vereinigen. Von dem Schnee- 
feld ging ich links nach einem Einschnitt hinauf, von 



*) Nor die Außenfläche des Oesteins (Hornblendegesteine) 
hat, wie ich mich durch Aufschlagen Überzeugte, die eigfeu- 

« 

thttmliche rothbraune Farbe, die von Verwitterung fein ein- 
gemengter Schwefelkiese herrühren soll. 



Sechs Tage im Excursionsgebiet 43 

dem ich aaf den Standbachgletscher hinübersah, wandte 
mich dann wieder rechts in die Felsen, kletterte über 
mehrere Absätze empor und erreichte über den öst- 
lichen mittleren Grat nm 3 ühr den Gipfel des rothen 
Galm. Die Felsen sind nicht schwer, aber zum Theil 
recht lose. Die Stellen, über die man klettert, muß 
man öfters ganz abräumen, und dann jagt eine wilde, 
stets wachsende Masse von Getrttmmer, bei jedem 
Aufschlag zersplitternd, die Felscouloirs hinunter. 
Einmal mußte ich mich an einer steilen Stelle auf- 
ziehen, das Gestein schien fest zu sein, mit einem 
Male weichen die Steine unter meinen Füßen und 
meiner rechten Hand, nur die linke bat festen Fels 
gefaßt, und mit ihr vermag ich mich zu halten und 
empor zu klettern. 

Auf dem Gipfel baute ich einen vier Fuß hohen 
Steinmann und erfreute mich an der reizvollen und 
anmuthigen Aussicht. Im Westen thront der Mont- 
blanc, stattlich erhebt sich das Balmhom, die lang- 
gestreckte Blttmlisalp wird von der bekannten schönen 
Bergkette, die sich vom Petersgrat nach der Jungfrau 
erstreckt, in den Schatten gestellt. Vom Bietschhom 
sieht man nur ein Stück des nordöstlichen Abfalls. 

3 Uhr 40 Min. brach ich wieder auf und stieg 
über das dicht am Gipfel beginnende, mit Firn ge- 
füllte Couloir auf der westlichen Seite, zwischen dem 
westlichen mittleren und äußeren Grat herunter. Als 
der Fimhang etwas steiler wurde, konnte ich in 
respectvoller Entfernung von einer durch fallende Steine 
gebildeten Schneefurche prächtig abfahren. Erst ver- 
gewisserte ich mich öfters, daß ich die Herrschaft 



44 K. Schulz. 

über meinen eilenden Flug bewahrte, dann ließ ich 
sorgloser ein rascheres Tempo zu — auf einmal waren 
meine Beine weg, ich lag auf der Seite und da der 
sofort zum Hemmen einzuschlagen versuchte Pickel 
auf dem mit dünnem Schnee bedeckten Eise nicht 
faßte, ging meine Reise mit wachsender Schnelligkeit 
in die Tiefe. Nach einigen bangen Secunden kam 
wieder Schnee, der unter dem verzweifelt einge- 
schlagenen Pickel hoch in die Höhe spritzte — meine 
Fahrt stand still. Ich ließ nun das Abfahren bleiben 
und ging langsam mit bei jedem Schritt eingerammtem 
Pickel den letzten Theil des Couloirs hinab und auf 
den mit Schnee bedeckten Absatz. Der Schnee war 
stark erweicht und ich bekam, da ich ohne Gamaschen 
ging, stark durchnäßte Schuhe. Auf den Blöcken des 
rothen Morainenberges zog ich meine Schuhe ab, rang 
die Strumpfe ordentlich aus und trocknete die Schuhe 
innen tüchtig mit dem Taschentnche aus. Dann zog 
ich dieselben Kleidungsstücke wieder an und hatte 
nach 15 Minuten weiterer Bew^egung ganz trockene 
Füße und Schuhe. Von dem Geröllberg kamen so viele 
Steine mit mir herab, daß ich stets traversii-en mußte, 
hinter mir lärmte und tobte es wie das wilde Heer. 
Als ich die oberen Rasenhänge wieder gewonnen 
hatte, hatte ich gar keine Lust, meinen Weg vom 
Morgen wieder hinab zu gehen. Ich überschritt deß- 
halb das tief eingeschnittene Thal in westlicher Richtung 
und erreichte die obere Waldpartie auf dem vom 
Kleinen Bietschhom herabziehenden Felsgrat. In dem 
sehr schattigen Thale fand ich — was in dieser Jahres- 
zeit selten ist — die wundervollsten Alpenrosen, viele 



Sechs Tage im Excwsionsgebiei, 45 

Zweige noch gar nicht aufgeblüht, aber voller Knospen. 
Ich schnitt mir einen großen Strauß und fügte im 
Wald noch die schönen weißen Blflthen und präch- 
tigen Blätter eines Ebereschenbaumes hinzu. Am 
Waldessaum traf ich auf einen Fußweg, der mich 
zunächst horizontal in westlicher Richtung führte. 
Als ich aus dem Wald trat, befand ich mich in dem 
Thal zwischen dem Schafberg und dem Kleinen Bietsch- 
hom, in dem oben der Nestgletscher liegt. Der zur 
Clnbhtttte führende Fußweg war bald gefunden und 
um 7 Uhr erreichte ich wieder das Hotel Nesthorn. 
Der Wald auf diesem Weg, namentlich in den oberen 
Partien vielfach wahrer Urwald, ist von großartiger 
Schönheit. Ich erinnere mich einiger Wetterfichten, 
die wahre Prachtstücke für den Maler waren. 

Ich habe die kleinen Abenteuer auf diesem ein- 
samen Spaziergang, von denen jedes schlimm hätte 
endigen können, wahrheitsgetreu erzählt, um daran 
den Schluß zu knüpfen, daß auch ein vielgewanderter 
Tourist in der eigentlichen Hochgebirgsregion nicht 
allein gehen soll. Die Tour hat auf mich einen eigen- 
thümlichen psychologischen Reiz geübt; ich bin jedem 
Fkhmetterling nachgelaufen, habe jede Blume und jeden 
Stein besehen, wie es mir gefiel, und habe die Bilder 
einer großartigen Natur mir vielleicht tiefer eingeprägt, 
als das in Oesellschaft hätte geschehen können — aber 
schon der Gedanke, in welche schreckliche Lage auch 
nur ein kleiner Unfall den Einzelnen bringen kann, 
sollte lehren, auf diesen Reiz zu verzichten und sich 
gegenüber den furchtbaren Mächten der Alpennatur 
•der Hülfe des Menschen zu versichern. 



46 K. Schuls, 

Das entzückend schöne und großartige Lötschenthal 
mit einer originellen und sympathischen Bevölkerung 
wird bisher leider nur wenig besucht, fast ausschließlich 
von Hochgebirgstouristen. Es verdient aber allseitig 
aufgesucht zu werden. Nicht blos der Bergsteiger^ 
auch der Maler, der Naturfreund, der in der Alpenluft 
Stärkung Suchende wird hier seine Rechnung finden. 
Zu einem längeren Aufenthalt eignet sich am besten 
Ried mit seinem kleinen, aber gemUthlichen und recht 
empfehlenswerthen Hdtel Nesthom. Dasselbe ist ein 
Actienuntemehmen des Gastwirths Lehner und der 
Gebrüder Sigen, und Lehner ist nachzurühmen, daß 
er sich alle Mühe gibt. Freilich geht es manchmal 
so, daß wenn einmal 5 --6 Gäste da sind, der Wirth 
Forellen kommen läßt; ehe sie kommen, zieht dann 
bei schönem Wetter Alles über die Berge und Herr 
Lehner kann seine Fische allein essen. Ein häufigerer 
Besuch wird auch die Verpflegung der Gäste, mit der 
ich übrigens stets durchaus zufrieden war, erleichtem 
und höheren Ansprüchen genügen lassen. Die Ab- 
wesenheit von Kellner, Portier u. s. w. habe ich 
meinerseits immer als eine besondere Wohlthat em- 
pfunden. 

Bei meiner Ankunft in Ried fand ich liebe Freunde 
vor; mit ihnen ging ich am 29. August über den 
Beichgrat nach Beialp — diesmal bei Tage und 
wiederum beim schönsten Wetter. Die Spuren von 
der nächtlichen Wanderung der „Geister^ über den 
Paß waren noch deutlich zu sehen. Auf der Paß- 
höhe nahm ich ftir dies Jahr Abschied vom schönen 
Clubgebiet. 



Drei LOtschenthalpässe. i) 

Von 

H, Körher (Section Bern). 



Der Sommer 1883 war meinen kleinen Expeditionen 
nicht günstig. Trotz allerlei schöner Pläne, die im 
Winter geschmiedet worden waren, kann ich von 
keinem nennenswerthen Gipfel erzählen, den ich er- 
klommen hätte, und wohl nur dem Umstand, daß 
Manche von Ihnen in der gleichen Lage sein mögen, 
habe ich es zu verdanken, daß mir heute die Ehre 
wird, ttber die Wandertage, die ich an der Seite unseres 
W. Bnmner verlebte, zu Ihnen sprechen zu dürfen. 



Seit zwei Tagen lagen wir in Ried, studirten Fellen- 
bergs Itinerarium, betrachteten den Zug der Wolken, 
die nut staonenswerther Hartnäckigkeit aus Südwesten 
daher trieben, die Gipfel der vor uns gelagerten Bietsch- 
homkette umflatternd, und den neuen Schnee, der, 
statt zu mindern, von Nacht zu Nacht tiefer herab- 
stieg. 



Vortrag, gebalten in der Section Bern, 7. Nov. 1883. 



48 H, Körher. 

Wir thaten, was unter solchen Umständen das 
einzig Nützliche und Angenehme war: fügten uns 
in's Unvermeidliche und beschwichtigten unsern Groll 
mit des Wirthes vortrefflichem Fendant. 

Wir schlössen Freundschaft mit der prächtigen, 
einfachen und fleißigen Dorfbewohnerschaft, von der 
wir bald jedes Gesicht kannten, vom Geißbuben bis 
zum Gemeindepräsidenten. Es ist ein liebes Volk da- 
hinten, voll offener Herzlichkeit, daß es Jedem in ihrer 
Mitte wohl werden muß. 

Sie werden nicht erwarten, daß ich Edm. Fellen- 
bergs Schilderung des schönen Thaies und seiner Ge- 
birge wiederhole, oder daß ich dessen erschöpfender 
Darstellung etwas Beachtenswerthes beizufügen wüßte. 

Und doch möchte ich, da uns Gebirgspartien, 
welche wir von unsern heimatlichen Höhen aus zu 
erblicken vermögen, vertrauter und lieber sind als 
fem abgelegene, diejenigen Punkte der Bietschhom- 
kette aufzählen, die meines Wissens von Bern und 
dessen nächster Umgebung sichtbar sind. 

Ich nenne in erster Linie das Lauihom (auf der 

Gspaltenhorn. Laaihorn. BlOmlinlp. 

Tschiagelhorn. 




Bikttlassen. Oamchilttcke. 

Von der Münzterrasse zu Bern. 



Ahntngrat 3605' 




Bd. XiX 




Drei Lölschmthalpässe. 49 

neuen eidgenüssischeii 
Karte Bieitlauihorn ge- 
nannt), welches an allen 
Aussichtspunkten Berns 
Über der tiamchilUcke sich 
1 zeigt. Besonders schijii 

I erscheint es bei Abend- 

I , beleuchtnng , wenn die 
BlUmÜBalp ihre Schatten 
gegen das Tschingelhom 
wirft und über dem, dun- 
kein Streifen seine Fels- 
I thümichen im Alpen- 
t glühen sich vom Horizont 
'S, abheben. 

« Das Breithom, der 
^ nordöstliche Nachbar des' 
I Lauihom, ist auf dem 
g östlichen Oipfel des Gur- 
> ten sichtbar, wo es als 
schmaler weißer Streifen 
rechts am Tachingelhoni 
erscheint. Auf der KUhle- 
wylegg ist sein Schnee- 
gipfel gänzlich BJchtbar. 
Groll - Neathom ver- 
mögen Sie zu erblicken 
von Bnrgdorf, von Buniers- 
bucli ob Zäziwyl, von 
Ringgis und den älinlicli 
gelegenen Punkten des 
Emmenthals. Auf dem 



50 H, Körher. 

Gurten erscheint es zwischen Ospaltenhorn und Breit- 
hom. 

Das stolze Bietschhorn tritt, vom Kirchbtthl und 
Schloßhof in Burgdorf gesehen, als prächtige Pyra- 
mide links der Blttmlisalp frei hervor. Und endlich 
darf zur Vervollständigung wohl noch das in's gleiche 
Revier gehörende, Ihnen allbekannte Aletschhom ge- 
nannt werden, dessen oberste Spitze bei Morgen- 
beleuchtung als hellglänzender Stern über die schattige 
Wand der Ebnefiuh hertiberblinkt. Schöner zeigt es 
sich auf Leutschen bei Kirchlindach, Säriswylhubel 
und ganz besonders auf dem Knörihubel bei Walk- 
ringen, wo es in der Einsattlung zwischen Ebnefluh 
und Gletscherhom sichtbar ist und ein scharfes Auge 
den charakteristischen Bergschrund nahe unter seinem 
Gipfel zu unterscheiden vermag. 

Das Wetter wollte nicht besser werden, doch be- 
schlossen wir, um der ünthätigkeit ein Ende zu machen, 
den Uebergang über das Baltschiederjoch nach Vispach 
und verabredeten mit den Führern Peter Siegen und 
Joseph Rubi das Nöthige. Und in der That, die Au- 
spicien waren nicht günstig, als wir Morgens 5 Ulir 
am 15. September vor's Haus traten. 

Lau fegte der Wind durch das Thal, die Gipfel 
der südlichen Thal wand waren nebelbedeckt, der Mond 
vom schönsten Hof umgeben, den man sich denken 
kann. Doch wohlgemuth zogen wir hinaus, froh, mit 
dem Schlendrian der letzten Tage zu brechen, froh^ 
hinauf zu steigen in neue schöne Reviere. 

Kurz oberhalb des Dorfes überschritten wir auf 
fest gezimmertem Steg die schäumende Lonza und 



Drei Lötschenthalpässe. bt 

bogen über präcbtig stehende Wiesen in einen Lärehen- 
wald, zwischen dessen weitstehenden Stämmen Siegens 
junge Rinder weideten. Die lieben Thiere schienen 
ihren Herrn zu kennen ; sie kamen auf uns zugetrabt, 
als er sie rief, und beschnupperten uns, ob wir wohl 
etwas Leckbares bei uns hätten, und Peter sprach mit 
ihnen in wahrhaft zärtlichen Tönen. 

Unser Weg begann zu steigen und zwar sofort 
ganz energisch. £s geht am Rand der Runse, welche 
der Birchbach gegraben hat, steil und stetig aufwärts 
durch jungen mageren Wald. Im Jahre 1818 ist es 
gewesen, daß eine Gewaltsiawine hier nieder ging, 
die Lonza zudeckte und bis in's Dorf Ried eindrang, 
und 65 Jahre der Sorge und Pflege bedurfte es, um 
den Hang wieder so zu beforsten, wie wir ihn heute 
sehen. 

In gleichmäßigem Tempo aufwärts schreitend, er- 
reichten wir um 6 Uhr 40 Min. das untere Ende des 
Birchgletschers. Ein Trttmmerhaufe von flechtenbeklei- 
detem Granit erhob sich vor uns ; eine Heerde Schafe, 
schöne schwere Thiere, hatten sich hier zusammen 
gefunden, darunter ein Prachtskerl von einem Bock, 
mit blauschwarzem, fast seideglänzendem Vließ. Ein 
Trupp Schneehühner, 8 oder 10 Stück, flog auf und 
suchte klatschenden Fluges das Weite. 

Wir nahmen unser wohl verdientes Frühstück und 
hielten Umschau. Vor uns thürmten sich Fels und ein 
schneeerfülltes Couloir, nach rückwärts öffnete sich 
ein freier Ausblick auf das lang gestreckte Lötschen- 
thal mit seinen freundlichen Dörfern und seiner Lonza, 
deren Rauschen zu uns herauf tönt. Wir überblicken 



h2 H. Körher. 

die Gipfel, welche nordwestlich das friedliche Gelände 
einfassen. 

Da ist das Nivenhörnli (2776'°) mit seinem feinen 
Doppelgipfel, ein kanm bekannter, aber, nach Siegens 
Aussage und seiner Lage entsprechend, unzweifelhaft 
schöner Aussichtspunkt, in Gestalt wie unser Niesen 
und gelegen fast so gttnstig wie Hohgleifen. Ihm 
zur Seite erhebt sich schlank das felsige Gerüst des 
Falduner Rothhorn (2839°^), sodann der Lauchem- 
spitz (2848 ^) mit dem bis nach Ferden sich hinunter 
ziehenden Lauchemgrat. Mit ihm durch die Einsatt- 
lung des Restipasses verbunden, erhebt sich dreigipilig 
das Restirothhom (2974 'b) in kahlen rothen Wänden, 
hierauf des Mannlihoms (2932 ^) schlanke Spitze. Im 
Fimfeld, das seinen Fuß bedeckt, vermögen wir den 
sagenhaften „Mfillerstein^ zu erblicken. lieber den 
Sattel des Ferdenpasses blickt der Gipfel des Maing- 
homs. 

Es folgt die massige Gestalt des Ferden-Rothhoms, 
die vergletscherte Einsenkung der Gitzifurke, das 
Plateau des LÖtschenpasses und in drohend schwarzen 
Flühen das Balmhom. Auch die schlanke Nadel des 
Hockenhoms dringt noch durch den Nebel ; die weiter 
östlich gelegenen Partien sind uns leider verhüllt. 
Doch indem wir uns noch einmal nach Westen wenden, 
erblicken wir zwischen Niven und dem Fußgestell des 
Hohgleifen in weiter Feme sonnenbestrahlt des Mont- 
blanc hohen Dom. 

lieber uns aber ballen und senken sich die Nebel ; 
es beginnt zu schneien. Es wird Zeit, daß wir vor- 
wärts machen. 



Drei Lötschenthalpässe, 53 

Wir Überklettern das erwähnte Trtimmerfeld und 
wenden uns links nach dem Conloir, das in mäßiger 
Steilheit aufwärts führt. Der Schnee, in dem wir uns 
empor arbeiten, ist erst gestern gefallen, er verbirgt 
gefromen alten Schnee ; Vorsicht ist daher am Platze 
und die Spitze des Pickels wird fest aufgesetzt, hier 
und da ein paar Stufen gehackt. 

Um 8 ühr 40 Min. stehen wir an den Felsen der 
Galm. Wären sie schneefrei, so könnte man in an- 
genehmer Kletterei direct über dieselben hinauf zum 
Baltschiederjoch gelangen, rascher und üotter als auf 
dem gewohnten Wege. Die Nebel sind uns in dem 
Maße, wie wir aufwärts stiegen, nach unten entgegen 
gekommen, doch haben wir immer noch circa hundert 
Meter freien Blick vor uns. Wir lassen die Galm links 
und steigen weiter einen schneebedeckten Hang hinan. 
Die Handschuhe werden hervorgeholt, der Filzhut fester 
über die Ohren gezogen und tapfer arbeiten wir uns 
in das Nebeigewoge hinein und hinauf. Um 10 Uhr 
stehen wir auf der Paßhöhe 3300". 

Das Baltschiederjoch ist ein schöner Punkt. Der 
Wanderer glaubt auf dem Rand eines Kraters zu 
stehen, gebildet von dem Lötschthalgrat im Norden 
und Westen, dem Stockhomgrat im Süden, den Gräten 
des Jägihoms, Grub- und Strahlhoms im Osten; sie 
bilden scheinbar zusammen einen völligen Kreis, aus 
welchem kein Ausweg sichtbar ist. Zur Linken erhebt 
sich des herrlichen Bietschhoms vergletscherte Ost- 
flanke. — Sie würden sich aber sehr irren, wenn Sie 
glaubten, wir zwei arme Schneestampfer hätten von all 
dieser Herrlichkeit auch nur das kleinste Zipfelchen 



54 H, Körber. 

gesehen. Wir standeD auf dem weiten Baitschiederfirn und 
sahen buchstäblich nichts als Nebel und Schneeflocken. 
Mir war fast zu Muth wie einem compaßlosen Schiffer 
auf weitem Ocean. Einen Compaß hatten wir wohl, 
aber er taugte nichts: wie man ihn hinstellte, blieb 
er stehen. Zum Glück hatte unser alter Peter ein 
anderes AuskunftsmitteL Indem er erklärte, daß er 
wohl jetzt noch die Richtung wisse, aber nicht sicher 
sei, sie ohne Orientirungsmittel einhalten zu können, 
stellte er uns am Seil in eine gerade Linie, sich selbst 
an die Spitze, und übertrug dem Letzten in der Reihe 
das Amt des Steuermanns, mit der Aufgabe, ihn zurecht 
zu weisen, sobald er von der geraden Linie abweichen 
sollte. So setzten wir uns in Bewegung und der 
Steuermann waltete mit Eifer seines Amtes. Laut 
erscholl im Nebel seine Stimme : Links, Peter — Links 
— geradeaus etc., je nach Bedarf. 

Wir tappten eine starke halbe Stunde auf diese 
Weise vorwärts, da wurde es lichter, die rothen 
Wände des Jägihorns und die schwarze Pyramide 
des Stockhoms wurden sichtbar. Wir befanden uns 
am Rande des Eissturzes, welcher den üebergang 
vom Baltschiedertim zum Baltschiedergletscher bildet. 
Den Abstieg suchten wir am rechten Rande des 
Gletschers, wir lavirten von EisrUcken zu^ Eisrttcken, 
bis wir in einem Wirrwarr von Trümmern und blauen 
Schrunden standen, aus dem ein vernünftiger Ausweg 
nicht sichtbar war. Also Umkehr zum Firn. Nach 
halbstündigem Zeitverlust sind wir am linken Gletscher- 
rand ; auch hier geht der Abstieg nicht gerade glatt. 
Wir balanciren über manches Eisgrätchen und über- 



Drei Lötachenthälpässe. 55 

springen wer weiß wie viele Spalten, bis wir endlich 
die Morttne gewinnen und am Jägiweidli anlangen. 

Der Schneefall hatte sich in ausgiebigen Regen 
verwandelt. Das hinderte nicht, daß wir Mittagsrast 
machten; der Tornister barg Schätze von gedörrtem 
Rindfleisch, altem Käse, frischem Roggenbrod nebst 
Butter und Honig, dazu ans der Blechflasche ein Glas 
Fendant. Ich bin sicher, daß es Jedem von Ihnen 
an unserer Tafel gut geschmeckt hätte. 

Ein Bild grauser Verwüstung umgab uns; wir be- 
fanden uns inmitten einer der mächtigsten Moraine* 
bildungen, welche die Alpenwelt aufweist. Innerer 
und äußerer Baltschiedergletscher waren früher eins. 
Durch Zurttckschmelzen hat sich der erstere abge- 
trennt und quer über alten Gletschergrund sind neue 
Moränen von großer Mächtigkeit gebildet worden* 
Imposant ist die alte linksufrige Moraine, welche sich 
in einer durchschnittlichen Höhe von 60'», in einer 
Länge von Über 5 km. vom Gredetschhömli bis zum 
Fuß des Rothlanihoms erstreckt. Granitblöcke von 
ungewöhnlicher Größe sind in ihr eingebettet. 

Wir folgten eine Strecke weit der Gletscherzunge, 
erkletterten dann die rechte Moraine und stiegen über 
Scbaftriften abwärts. Am kaum erkennbaren Pfad 
ist das primitivste Kapellchen, das wir noch gesehen 
haben. Mit ein paar Steinen ist ein Loch im Boden 
ausgekleidet; darin steht aus rohen Schindeln gemacht 
ein Kreuz und in Glas und Rahmen ein schauerliches 
jüngstes Gericht. Andächtige Hirten haben Blumen- 
atrilußchen und ein paar Heiligenbildchen dazu gelegt. 
Das Ganze ist nicht größer als eine mäßige Puppen- 



56 H. Körber, 

Stube. Unsere FUhrer sprachen ihr Gebet und 
forderten uns auf, unsere Karte zu deponiren; sie- 
wollten sie mitten unter die Heiligen legen, wogegen 
sich aber unsere Bescheidenheit sträubte; wir ver- 
steckten sie hinter das jüngste Gericht und wünschen^ 
daß sie einst ein Freund dort finden möge ! 

Es war inzwischen 2 Uhr geworden und rasch 
ging es nun dem Thale zu, durch üppiges Alpen- 
rosen- und Wachholdergestrftuch, über alte Mondnen^ 
über Reste von Lawinen, welche die spärliche Sommer- 
wärme nicht zu schmelzen vermocht hatte, an mächtigen^ 
Granittrttmmem vorbei, endlich durch Weißtannenwald 
zu den ersten menschlichen Behausungen, den Senn- 
hütten von Baltschieder. 

Schon hier oben beginnen die ersten Wasser- 
leitungen, mit deren milchfarbigem Inhalt im wasser- 
armen Rhonethal die Wiesen gedüngt und die Reben 
getränkt werden. 

Die Führer rissen aus wie besessen; es war als 
ob sie sich Beine von doppelter Länge angeschraubt 
hätten, so daß ich genug zu thun hatte, um ihnen 
nachzukommen, und zu Aus- und Umschau keine 
Möglichkeit mehr war. Ich weiß nur noch, daß die 
Vegetation immer schöner, das Gestrüpp dichter und 
der Weg immer schlechter wurde, bis er endlich 
durch eine schlnchtartige Enge an abscheulich 
«teinigem und staubigem Abhang in's große Thal 
mündete. 

Um 6^4 Uhr waren wir im Hotel de la Poste 
in Vispach, freundlich empfangen vom würdigen Ehe- 
paar Stampfer. 



Drei Lötschenthalpässe. 57 

Der folgende Tag war eidgen. Bettag. Im Balt- 
schiederthal regnete es stark, im Saasthal waren die 
Berge verhängt. 

AbendB fahren wir nach Raron nnd sprachen in 
Abwesenheit jeglichen Gasthauses den Krämer ^es 
Orts, Herrm Johann Schröter, um Herberge an, welche 
uns von seiner Seite bereitwillig gewährt wurde, 
während die brave Mme. Schröter nicht besonders 
entzückt schien über die Störung ihrer Sonntagsruhe. 

Raron ist ein ganz interessanter Ort. Kleine 
weiße Steinhäuser mit grauen Dächern sind malerisch 
um einen Bergvorsprung gelagert, auf dessen Spitze, 
scheinbar nur von einer Seite zugänglich, die Kirche 
thront; an den Häusern empor und Über die Straße 
sind Reben gezogen, welche den malerischen Anblick 
erhöhen. Man glaubt sich in einem Dörfchen des 
Tessin. Tritt man in eines dieser unscheinbaren 
Häuschen, so findet man sich behäbigen Menschen 
gegenüber und umgeben von allem dem Comfort, an 
den man in städtischen Btirger Wohnungen gewöhnt ist. 

Auf unserem Gang durch ]die Straße ward uns 
Grelegenheit, Herrn Nationalrath v. R. zu grUßen, dessen 
Einladung zu einem Plauderstündchen bei einem Glase 
edeln Walliser Gewächses wir gern und dankbar 
annahmen und so den Tag aufs Angenehmste schlössen. 

Am 17. September, Morgens 5^/2 Uhr, setzten 
wir uns nach dem Bietschthal in Bewegung. Nur 
eine kurze Strecke zogen wir durch Weingelände und 
Maisfelder hinauf nach dem Dörfchen Raronkummen^ 
wo unter offenem Schuppen eine altvaterische, aus 
ganz riesigen Holzblöcken erstellte Weintrotte uns 



5S H, Körher. 

auffiel. Bald folgten Bergweiden, dann eine Wasser- 
leitung, der wir eine kurze Zeit folgten, endlich wildes 
Geröll, durchwachsen vom Gestrüpp. Das Thal ist 
zur Schlucht verengt, links Schutthalde mit Lawinen- 
resten, rechts glatt polirte Felswand. 

Der Pfad führte abwärts zum Bach und ein Wald 
von Weißtannen und Dählen nimmt uns auf, wie sie 
gewaltiger und gesunder nirgends zu sehen sind. 
Da gäbe es herrliche Studien flir die SchUler von 
Calame und Diday : rechts die wilde Wand und der 
brausende Bach, im Thalgrund und an der Berghalde 
diese düstere, Jahrhunderte alte, fast unbetretene Wald- 
einsamkeit. 

Wohl eine Stunde schritten wir zwischen diesen 
hohen Riesen. Wir stiegen eine Thalstufe hinan und 
vor uns öffnete sich der friedlich einsame Thalhinter- 
grnnd. Ein leeres Blockhaus stand am Ausgang des 
Waldes und eine Anzahl Hürden für die Schafscheid. 

Fast eben führt nun der sonnige Pfad über Weiden 
und dünnes Geröll in den hintersten Thalgrund „im 
Jägisand^, am Fuß der Felsen „im Rämi^. Unter 
einem Gewaltsblock fanden wir die Wohnung des 
Schafhirten, des einzigen Bewohners dieses drei 
Stunden langen Thaies. Die Höhlung ist geräumig, 
sie würde für sechs Mann reichlich Platz bieten. 
Die Asche des Herdfeuers war noch glimmend, da- 
neben lag ein zerfetzter Tornister, welcher wohl die 
ganze Habe des Hausherrn barg. Er selber ist seiner 
Arbeit nachgegangen, ein verstiegenes Schaf zu suchen ; 
wir hören hoch in den Felsen seinen Pfiff. 

„Im Rämi^ ist ein auffallend regelmäßig auf- 



Drei Lötschenthalpässe. 59 

gebautes Amphitheater gletschergeschliffener, wasser- 
polirter Granitfelsen, 3 km. im Darchmesser, 1200°^ 
hoch. Denken Sie sich eine ungeheure, halbirte und 
vielfach gesprungene Heimberger Kachel von diesen 
Dimensionen, so haben Sie ein ungefähres Bild des- 
selben. Es ist flänkirt im Westen vom Wylerhom, 
im Osten vom Thieregghorn, gekrönt von dem blanken 
Firn des Bietschgletschers und gewaltig überragt vom 
Bietschhom, dessen frisch beschneite, sonnenglanzum- 
wobene Felsen hoch in den Aether strebten. 

Wir ergötzten uns lange an dem Anblick und 
studirten mit Interesse den zerrissenen Stidgrat des 
Bietschhoms, ttber welchen am 23. August Professor 
Schulz aus Leipzig vergeblich versucht hatte, den 
Olpfel zu gewinnen. Es war 9 Uhr geworden. 

Nun begann ernstere Arbeit; es galt, diesen Hang 
glatter Felsen zu überwinden. Wo sich Risse dar- 
boten, waren dieselben mit Schutt gefüllt und von 
magerer Vegetation überzogen und ging der Aufstieg 
gut. Aber nicht immer ließen sich solche benutzen ; 
dann gab es ein Klettern, wo bei den spärlichen und 
glatten Angriffspunkten Hand und Fuß, Knie und 
Ellbogen und jeder Muskel mit vollem Kraftaufwand in 
Anspruch genommen wurde. 

Vier Stunden, inclusive eine halbstündige Ruhe- 
pause, bedurften wir, um in solcher Weise uns auf- 
wärts arbeitend gegen 1 Uhr den Bietschgletscher 
zu erreichen, über dessen sanft geneigte Fläche weiter 
steigend wir um l^a Uhr den scharfen Kamm des 
Schafbergs und die Höhe des Bietschjochs (3250») 
betraten. 



60 H. Körher, 

Wir hatten somit in 8 Stunden von Raron, welches 
die Quote von i640 ™ hat, eine Höhendifferenz von 
2600 "», und mit Hinzurechnung der Einbuße, welche 
das Niedersteigen von Raronkummen in die Thal- 
Schlucht bedingte, von mehr als 2700™ überwunden. 

Ich glaube dies erwähnen und vergleichsweise 
folgende Höhendifferenzen aniUhren zu dürfen: 

Weißhorahütte - Wetterhorn 1365 "■; Rothloch- 
Finsteraarhom 1425 " ; BerglihUtte - Jungfrau (den 
Abstieg zum Jungfraufim eingerechnet) 1503 " ; 
Riffelhaus-Dufourspitze (Abstieg zum Gomergletscher 
eingerechnet) 2223 ™. 

In leidiger Beharrlichkeit blieb sich unser Wetter 
treu; im Thale Sonnenschein, auf den Höhen Nebel. 
Als die Sonne, welche uns am Morgen freundlich 
geleitet hatte, sich dem Meridian näherte, zogen Wolken 
auf, und als wir auf dem Grate des Schafbergs 
zwischen den scharfkantigen, mit schwarzen blatt- 
förmigen Flechten bewachsenen Steinen saßen, war 
uns wieder jeder Ausblick versagt. Schade! denn 
unser Standpunkt inmitten zwischen den westlichen 
Bemeralpen und den hochstrebenden Penninen wäre 
wohl geeignet gewesen, ein schönes Panorama zu 
bieten. 

Freundlich grüßten zu uns herauf die bekannten 
Häuschen von Ried und Wyler und Blatten. Wir 
glaubten sie fast lothrecht unter uns zu sehen und 
hörten das Rauschen der Lonza. Weißschimmemd 
zwischen rothen Steinen sahen wir das Dach der 
Clubhütte, unser nächstes Ziel. 

Wir bezeichneten unsern üebergangspunkt durch 



Drei Lötachenthdlpässe. 61 

einen Rebstickel, den die Führer von Raron mit- 
geschleppt und mit den Initialen W. B. gezeichnet 
hatten, und traten den Abstieg dnreh ein sehr steiles^ 
gerade abführendes Couloir an. 

Es mag hier am Platze sein, eine kleine Gorrectur 
zum demnächst erscheinenden Blatt Rippel des topo- 
graphischen Atlas anzubringen, von welchem das topo- 
graphische Bureau uns bereitwillig einen Probeabdruck 
zur Verfügung gestellt hatte. Der Name Bietschjoch 
ist dort so angebracht, als ob der Uebergang vom 
Bietschgletscher aus nordwestlich von dem Bietsch- 
hom durch gegen Nestgletscher und Klein-Nesthom 
führe. Auf der Uebersichtskarte zum Itinerarium ist 
der Name viel richtiger placirt, indem er im rechten 
Winkel den Grat des Schaf bergs schneidet. So wenig- 
stens bewerkstelligten wir den Uebergang und sind 
sicher, den geradesten und praktikabelsten Weg ge- 
wählt zu haben. 

Unser Couloir muß, wenn es schneefrei ist, recht 
gut zu machen sein. Uns machte der Schnee zu 
schaffen. Bei jedem Schritt sondirten wir die Tiefe 
des neuen Schnees, unter welchem hart und glatt 
gefroren der alte lag und bei der bedeutenden Steil- 
heit unseres Weges die Gefahr des Gleitens recht nahe 
legte. Indessen erreichten wir wohlbehalten um 4 Uhr 
die wohnliche Schirmhtttte, wo ein kurzes Schläfchen 
meine ziemlich aufgebrauchten Kräfte restaurirte. 

Diese Hütte, im vorigen Jahr von der Lötsch- 
thaler Führerschaft auf eigene Kosten errichtet, ist 
aus Lärchenholz gebaut, enthält Stube und Küche, 
erstere mit gedieltem Fußboden und hölzerner Decke, 



62 H, Körher, 

und bietet Schlaf steilen fOr acht Mann. Da der 
Alpenclub sich am Bau nicht betheiligt hat, auch 
sie nicht in Eigenthum und Unterhalt tlbernahm^ 
scheint es uns nicht ganz richtig, daß sie auf der 
Karte mit ,,Clnbhütte^ bezeichnet ist. Sie sollte 
entweder mit dem neutralen Namen ,,Schirmhtttte^ 
eingezeichnet sein, oder aber, was nur billig wäre^ 
der S. A. 0. sollte den Lötschenthaiem eine kleine 
Entschädigung zahlen und die brave Hütte einer Section 
zur Obhut übergeben. 

Im raschen Laufe ging es nun über Schafweiden 
und durch steilen Wald dem Thale zu. Um 6^4 Uhr 
rückten wir in unserem Hauptquartier wieder ein. 

Am 18. September hielten wir Rast, spazierten 
nach Blatten und Eisten, besuchten die Tellialpen und 
Rieds hochgelegene Vorstadt Weißenried. Die Be- 
wohner waren überall fleißig am Emden und klagten, 
daß es dies Jahr gar nicht trocknen wolle. Die Frauen 
sammelten dem Fluß und der Straße entlang Ahorn- 
und Eschenlaub , welches getrocknet ein beliebtes 
Geißenfutter gibt. 

Den Abend verkürzte uns die Durchsicht des 
sehr interessanten Fremdenbuches. Man wird nicht 
leicht anderswo so viele Autographen der bekanntesten 
englischen Clnbisten und schweizerischen Berggänger 
auf so wenigen Blättern vereinigt finden. 



Ende gut. Alles gut! konnten wir rufen, als am 
19. September, Morgens 3 Uhr, der Mond vom wolken- 
losen Himmel strahlte, das Thal mit taghellem Licht 
Übergießend, während die Fimfelder des Bietsch- und 



Drei Lötschenthalpässe, 68 

BreithornB seine Strahlen blitzend zurückwarfen. Haben 
wir keinen rahmreichen Feldzug zu verzeichnen, so 
können wir doch heute einen glänzenden Rttckzug aus- 
fUiren. 

Bald nach 4 Uhr waren wir unterwegs und stiegen 
erst zwischen den Getreide- und Kartoffelfeldern von 
Ried und Weißenried, dann durch Wald empor zu den 
Alpen im Telli. Zum Marschiren auf steiniger Bahn 
liefert der Mond ein trügerisches Licht, namentlich, 
wenn man ihn im Rücken hat und Alles beleuchtet 
ist mit Ausnahme der Stelle, wo man auftreten soll. 
Ich hatte wunde Füße und jeder Fehltritt that heil- 
los weh. Doch bald waren wir im Telli, auf dessen 
weichem Rasenboden es nun gemächlich vorwärts ging. 

lieber der Lötschenlücke wurde es hell, alle Spitzen 
ringsum grüßten den jungen Tag, und als wir den 
Hintergrund des grünen Thälchens erreicht hatten, 
ei^ltfhten sie, eine nach der andern, im goldigen Sonnen- 
licht. Wie ist doch ein thaufrischer Frühmorgen auf 
hoher Alp so köstlich, wie jubelt das empfängliche 
Herz ob der Schöpfungspracht, ob dem stillen Frieden, 
der darüber ausgegossen liegt ! 

Wir standen am Fuß der langen wilden Schutt- 
halde, über welche ich im Jahr 1880 mit R. Bratschi, 
nach Uebersteigung der Gamchilücke und des Peters- 
grates, im heißen Sonnenbrand hinabgeeilt war. 

Ueber dieselbe und ein paar gefrorne Schneefelder 
hinauf erreichten wir um 7 Uhr 45 Min. den nörd- 
lichen Fuß der Tellispitzen, welche in kühnem Auf- 
schwung als fein zugespitzte Zähne dem Gletscher 
entragen. 



64 IT, Körher, 

Wir traten aus dem Schatten in's goldene Sonnen- 
licht und auf ein Firnfeld ^ das sich in fleckenloser 
Weiße weit um uns ausdehnte, Angesichts eines einzig 
schönen Panoramas. Lasse ich es im Geist an mir 
vorüber gleiten, so sehe ich im Osten des Ahnengrats 
beschneite Felsen, die Grenzscheide zwischen Aletsch- 
gebiet und Lötschenthal ; von ihm durch die Lötschen- 
llicke getrennt Sattelhorn und Distelhom, hinter ihnen 
die Spitze des hochragenden Aletschhorn. Es folgte 
nach Südosten und Süden die reinweiße Schneepyramide 
des Nesthorrift, des Breithorns breiter Rücken und 
hohe Kuppe, das zackige Lauihom und des Elwerücks 
einsamer Zahn, und endlich der König des Thaies, 
das trotzige Bietschhom. Fünf Tage lang waren wir 
um dasselbe herum geschlendert und hatten es (mit 
Ausnahme von Bietschen) gar nie zu sehen bekommen. 
Es war uns mit ihm fast gegangen, wie jenem Rei- 
senden, der im Ohar-ä,-banc rund um den Genfersee 
fuhr und ihn nirgends fand. 

Jetzt grüßte es hoch herab zum Abschied. Oder 
soll es heißen „Auf Wiedersehen"? Wer kann es 
wissen, wer versteht die Sprache der Berge? Auch 
Du spiegelst Dein glänzend Schneefeldchen und zeigst 
Deine schwarzen Spitzen, Du liebe kokette Hohe Gleife ! 

Links vom Bietschhom, Wylerhom, Kastlerhom, 
Hohgleifen überragend, folgen Zahn an Zahn, Spitze 
an Spitze die Eiszinnen des Südwallis, vom Täschhom 
bis zum Montblanc. Ihrer sind zu viele, ihre Formen 
und Namen sind mir zu wenig vertraut, als daß ich 
sie nennen könnte. Die Rundsicht wird geschlossen 
durch die schwarzen, mit weißen Schneebändern ver- 



Drei Lötschenthalpässe, 6& 

zierten FlUhe des Balmhorn, Doldenhorn und der 
Blttmlisalp. 

Auf den Firn gelagert hielten wir köstliche Rast, 
erfreuten uns der so großen und ernsten und doch 
wieder so sonnig lachenden Welt. 

Wer von hier seinen Weg in gerader Linie nach 
Norden foilsetzt, gelangt über die sanfte Wölbung 
des Petersgrates in kurzer Frist auf den Tschingel - 
um, jene groQe Krenzstraße, deren östlicher Arm Über 
den Tschingeltritt in's Lauterbrunnenthal, deren nörd- 
licher über die Gamchilttcke in's Kienthal, deren west- 
licher über den Kanderüm nach Gasteren führt. 

Wir dagegen wandten uns östlich nach der Wetter- 
Ittcke. In gerader Linie über den noch gefromen, die 
Sonnenstrahlen tausendfach zurückblitzenden Firn ging 
der Weg vier Kilometer lang total eben dahin bis 
zum Sttdabsturz des Tschingelhom. Und wahrlich, so 
nahe am Himmel, so vergnüglich und sorglos, An- 
gesichts solcher Rundsicht habe ich noch nie einen 
Morgenspaziergang gemacht. Dahin, ihr Touristen 
ans aller Herren Ländern, müsset ihr kommen, wenn 
ihr das Ideal eines ,,Höheweg^ oder einer „Hohen Pro- 
menade^ sehen wollt! 

Vier Mann neben einander schlenderten wir dahin, 
munter plaudernd und Pippli smoking (wie Rubi sagt) 
und hStten tausend Augen haben mögen, um alle ßerg- 
schönheit ringsum unvergänglich uns einzuprägen. 

Wir longirten den Südabsturz des Tschingelhom, 
deasen Felsgipfel blauschimmemd von einer mächtigen 
und seltsam geformten . Gwächte gekrönt ist. Nur zu 
bald nahm unsere Promenade ein Ende; wir traver- 

5 



66 H, Korber. 

sirten abwärts watend einen Schneehang und fanden 
uns 10^8 Uhr auf der Einsattlung der Wetterlücke: 
rechts das Breithom, links das Tschingelhom al& 
grandiose Grenzsäulen zwischen Wallis und Bemerland. 

Die eisgepanzerte, so schön gegliederte Wand^ 
welche, von Bern gesehen, scheinbar in gerader Linie 
die Jungfrau mit dem Breithom verbindet, dehnt sich 
in mächtigem Kreisbogen zu unserer Rechten, ihre 
Gletscher und unzählige Bäche hinabsendend in de» 
hintersten Grund des Ammertenthales , aus welchem 
als einziges freundliches Zeichen der blaugrilne Spiegel 
des Oberhornseeleins heraufschimmert. 

Die Jungfrau, elegant sich aufschwingend von 
ihrem Fußgestell, dem schwarzen Mönch, und aus der 
£ismulde des Roththals, weist uns ihre schneefreie 
Südwestseite; Ebnefluh, Mittaghom und Großhom 
zeigen sich stark verkürzt in ganz ungewohnten 
Formen, das Breithom erscheint als gewaltiger Zahn. 
Wir sehen alle die Joche und Sättel, die so lange 
Jahre die Thatkraft unserer bewährtesten Kletterer 
herausforderten, bis ihre Eroberung, eine nach der 
anderen, endlich gelang. 

Zur Linken sehen wir den Tschingelgrat, die 
blaue Eiszunge des Tschingelgletschers mit dem 
Tschingeltritt und das Plateau von Murren. 

Endlich Überblicken wir seiner ganzen Länge nach 
das Lauterbmnnenthal, wir sehen die grünen Matten 
des Bödeli, die sonnigen Halden von Beatenberg, die 
Gasthäuser von Tschuggen und Schynige Platte. Das 
Oemmenalphom sendet uns seinen Gruß. 

Vor uns senkt sich in rapidem Falle und furchtbar 



Drei Lötschenthalpässe. 67 

verschrundet der Breithorngletscher. Moore, welcher 
am 22. Juli 1864 als der Erste über die WetterlUcke 
ging, sagt: „The descent of the Breithorngletscher, 
which, especially in its upper portion, is fearfully 
dislocated, was very difficult and taxed Almer's powers 
at the utmost. Later in the season, or with less 
snow this pass might be inpracticable on both sides.^ 
Der heutige Tag war zu schön, als daß wir uns 
durch die zu erwartenden Schwierigkeiten hätten uro 
die frohe Laune bringen lassen. Wohlgemuth stampften 
wir durch den Firn abwärts, bis wir • am Rand des 
Seracs standen. Links an der Wand des Lauter- 
brunner Wetterhom hin schien mir ein bequemer 
Abstieg zu sein, aber Siegen traute nicht; rechts 
nach dem Schmadrigletscher zu war offenbar nichts 
zu machen. Also mitten hinein, es wird ja schon 
gehen. Da gab es ein mühsames Sondiren, ein Hacken 
und Seilen, ein Rutschen und Klettern ohne Ende, in 
langer Ungewißheit, ob und wie wir uns herausarbeiten 
würden. Erst nach 3^/2stUndiger Arbeit, um 1 Uhr 
20 Min., erreichten wir die Gletscherzunge, und die 
noch auf der Paßhöhe gehegte Hoffnung, um 6 Uhr 
nach Interlaken zu gelangen, mußte definitiv aufge- 
geben werden. Auch die Gletscherzunge erwies sich 
als sehr zerrissen und wir mußten manchen weiten 
Umweg nehmen, um ttber die Schrunde zu kommen. 
Auf dem Gletscher fianden wir schöne Stücke Glimmer- 
schiefer und auf einem Kalkblock den scharfen Ab- 
draek einer handgroßen Muschel ; wir bedauerten, ihn 
uieht absprengen zu können. Endlich ließ uns der 
Gletscher los und auch die Moraine war überwunden. 



68 H. K&i'ber. Drei Lötschenihalpässe, 

Am Oberhornsee gedachten wir zu rasten; da er- 
wartete uns eine gar freundliche Ueberraschung; denn 
wer hätte gedacht, hier inmitten der Gletscher- und 
Felseneinsamkeit, auf den Klippen des Seeufers, drei 
liebliche Jungfräulein ohne alle Begleitung und Führung 
anzutreffen ? 

Trostlos eilten sie an Ufers Rand, denn ein Berg- 
stock war ihnen entglitten und schaukelte sich auf 
den Wellen. Es versteht sich, daß wir eifrig besti-ebt 
waren, des Flüchtlings mit List und Gewalt habhaft 
zu werden. AJs es gelungen, nahmen sie ihn dankend 
in Empfang, verschmähten aber jede Einladung zu den 
Genüssen, welche wir ihnen aus unserem Proviantvorrath 
oiferirten. Leichtfüßig entschwanden sie thalwärte. 

Wohl folgten wir nach kurzer Rast, aber jede 
Spur blieb verloren, im ganzen Thal hatte Niemand 
sie geseheii. MMr können daher nichts Anderes glauben, 
als daß es Bergelfen gewesen sind, vielleicht Schwestern 
der großen Jungfrau, ausgesandt, uns zu begrüßen. 

Mit den bekannten langen Schritten über Stock 
und Stein eilten wir abwärts in's schöne Lauter- 
brunnenthal, und mag man doch sagen, was man will, 
mag mau kommen, woher man will: das bleibt doch 
das allerschönste, das klassische Thal unserer Alpen ! 
so malerische Mannigfaltigkeit der Formen, so schöne 
Verbindung von stolzem Gebirgsbau und freundlichem 
Thalgrund, solchen Gletscher- upd Wasserreichthum 
findet der Wanderer nirgends wieder. 

Im frohen Gefühl, eine genußreiche Reise mit dem 
schönsten Tag beschlossen zu haben, rückten wir bei 
dunkelnder Nacht in Lauterbrunnen ein. 



\ 



Alte und neue Pfade und Abenteuer in Goms. 

Von 

Edm. V, FeUenberg (Section Bern). 



Unter den Tausenden von Reisenden, welche all- 
jährlich im Sommer in der verschiedensten Fuhrwerke- 
Mannigfaltigkeit; sei es auf der luftigen Imperiale oder 
Bankette thronend oder in die schwellenden Polster 
des Interieurs eines eidgenössischen Postwagens ge- 
drückt, sei es in offenem Zwei- oder Einspänner oder 
gar auf einem bescheidenen Bauernwägelein, dem Be- 
sitzthum irgend eines kleinen Wirthes oder Dorf- 
magnaten aus einem der sttdlichen Nebenthäler des 
Wallis, gerüttelt, die schöne Straße durch das Gomser- 
thal nach dem Rhonegletscher und der Furka fahren, 
sieht man von Fiesch weg, der belebten Central Station 
fUr Eggischhom und Binnenthal, selten einen in den 
vielen dicht gedrängten Dörfern des Hochthaies aus- 
steigen, um der nördlichen Gebirgskette sich zuzu- 
wenden. 

In Ulrichen allerdings verlassen diejenigen Wanderer 
den Postwagen, welche durch 's Eginenthal, sei es nach 
der Nufenen und Bedretto, sei es über den Ories in's 



70 E. V. FeUmberg. 

Formazzathal und an die italienischen Seen zu ge- 
langen trachten. In MUnster Stationiren sogar Pen- 
sionäre, welche sich jedoch meist mit kleineren Spazier- 
gängen im Thale begnttgen. Dann und wann wird 
von Münster aus das Blinnenthal begangen und dem 
Blinnenhorn, einem der schönsten Aussichtspunkte des 
Oberwallis, ein Besuch abgestattet. Als einziges Object 
des wenn auch nicht gerade häufigen Besuches der 
nördlichen Kette gilt das Löffelhom (3098™), einer 
der Gipfelpunkte der zackigen Kette, welche, im Wasen 
horu am Fieschergletscher anhebend, in sUdwest- 
nordöstlicher Richtung das Becken des Galmifimes und 
das lange Gletscherthal des Oberaargletschers vom 
Gomserthale trennt. Mit Ausnahme des Löffelhomes 
im Westen, des Großen und Kleinen Sidelhomes im 
Osten dieser Kette ist sie selbst, wie die verschiedenen 
an ihr hinansteigenden Thäler und Schluchten, noch 
bis auf den heutigen Tag dem Touristen beinahe eine 
terra incognita geblieben und bis vor Kurzem mit 
Ausnahme von Strahlern und Jägern nur von dem Meß- 
tisch der eidgenössischen Ingenieure und Topographen 
betreten worden. Unmittelbar neben dem geräusch- 
vollen Straßenverkehr des Gomserthales dehnen sich 
stille Thäler in majestätische Felswüsteneien und 
Gletscherwildnisse hinein, die mit berühmten Mode- 
thälem rivalisiren können, wie das Bieligerthal, Bächi- 
thal, Mttnsterthal und Trützithal, in denen aber außer 
dem Rauschen der Wasserfälle und dem Geläute 
der Heerdenglocken, dem Sausen des Windes und 
Krachen der Lawinen kein profaner Laut an das Ohr 
des Wanderers dringt, kein Hotel seinen Reclamen- 



Alte und neue Pfade und Abenteuer in Goms. 71 

Schild zum Himmel streckt, kein Kellnerheer Bück- 
linge macht und blasirtes Städtethum zum Himmel 
gähnt. Dort lebt noch der einsame Hirt unter steinerner 
Hfitte und sieht den ganzen Sommer hindurch ab und 
zn einen Geißbub, einen Jäger oder auch Monate lang 
Niemanden. Wer von der Landstraße nach Norden 
blickt, erschaut blos sanft gerundete Wiesenabhänge 
und sorgfältig gepflegte Kartoffel- und Gerstenäcker, 
darüber lichte Lärchenwälder, Alles übersäet mit 
Blöcken der verschiedensten Gesteine, den Zeugen alter 
Vergletscherung, als der Rhonegletscher noch seine 
tausend Meter mächtigen Massen hier durch's Thal 
wälzte. Durch die Einschnitte der Thäler sieht man 
im Hintergrund einzelne Felswände starren, Schnee- 
flecken erglänzen gleich Augen im Sonnenglanz, sonst 
aber bleibt der Hintergrund und Verlauf der Thäler 
dem Blick verborgen und reizt zu Entdeckungsfahrten, 
die hier noch mit Aussicht auf Erfolg gemacht werden 
können und gemacht zu werden verdienten. 

Es war mir vor einigen Jahren von unserem hoch- 
verehrten Clubgenossen Herrn Ingenieur Frdl. Becker, 
dem ich die Hlustrationen zu diesem Aufsatze hiemit 
wärmstens verdanke, mitgetheilt worden, es wäre 
wttnschenswerth, die Kette zwischen Oberaargletscher 
und Gomserthal gründlich zu begehen und die 
Nomenclatur derselben, die noch sehr lückenhaft 
und unvollständig, unklar und widersprechend sei, 
definitiv festzusetzen und zu vervollständigen. Herr 
Becker war damals mit der Neuaufnahme des Blattes 490 
(Obergestelen) , im Maßstab der Originalaufnahmen 
(Vftoooo) beschäftigt und hatte Mühe, an Ort und Stelle 



72 E, V, FeUenherg, 

selbst bei den Anwohnern , Jägern und Hii*ten die 
richtigen Namen der einzelnen Homer und Gebirgs- 
abschnitte zu erhalten; auch stellte Herr Ingenieur 
Becker noch verschiedene jungfräuliche Gipfel und 
n^v zu machende Pässe in Aussicht, was mich leb- 
haft nach diesem Theiie meines Arbeitsfeldes hinzog. 
Es war mir jedoch erst nach Beendigung meiner geo- 
logischen Aufnahmen im Lötschenthale und Aletschgebiet 
möglich, endlich den lange gehegten Wunsch zu er- 
fUllen, und dies geschah erst im letzten Jahr, nachdem 
inzwischen Beckers treffliches Kärtchen Obergestelen 
publicirt worden war. 

Hatte ich bisher durch mehrfache Begehungen der 
Thalsohle des Gomserthales und des Grimselweges^ 
die geologischen Verhältnisse des ersteren und dea 
östlichen Theiles der Sidelhornkette festgestellt, so 
blieb mir allerdings noch die höhere Partie, das West- 
ende der Wasenhorn-Sidelhornkette, zu untersuch^^ 
obgleich ich annehmen durfte, es müßte diese Kette 
die genaue geologische Fortsetzung der Wannehömer 
am Aletsch- und Fieschergletscher sein, deren Fn& 
und Seiten ich genugsam kannte. So entschloß ich 
mich letzten Sommer, diese LUcke auszufüllen, diesea 
Versäumte nachzuholen und noch einmal die ganze 
Gomser Nordkette oder Gomseralpenf wie ich sie ji^r 
Kürze wegen benennen will, unter den Hammer zu 
nehmen und besonders in ihrem westlichen Theiie 
auch topographisch zu untersuchen. Die Entdeckung 
ganz ungekannter geologischer Verhältnisse und über- 
raschender Neuigkeiten, die Eröffnung eines neuen, sehr 
interessanten Passes waren trotz des vielen schlechten 



Alte und neue Pftide und Äbefiteuer in Goms. 78 

Wetters, welches im September vorfierrschend geworden, 
ein einigermaßen befriedigender Ersatz für ein noch 
weit ausgedehnteres Programm, welches ich mir vor- 
genommen und welches wie viele fUr den Monat 
September 1883 gemachte Pläne zu Wasser geworden 
ist. Hier sei nur des touristisch Wichtigsten Erwäh- 
nung gethan. 

Um in der Himmelsrichtung Südost-Nordwest die 
Gomseralpen zu überqueren und ein Profil zu erhalten, 
welches sich auf eine ziemliche Länge des Streichens 
der Hauptkette ausdehnen sollte, gedachte ich von 
den Alpen westlich des Grimselpasses , sei es von 
Grimsel-Altstaifel oder der Alphütte im Ktththal, in 
nordwestlicher Richtung zum Löffelhorn emporzusteigen, 
dem dominirenden aussichtsreichen Gipfelpunkt zwischen 
Galmihömem und Grimselpaß. Ich stieg daher am 
Abend des 5. September in Begleitung von Caspar 
Blatter von Meiringen, pro tempore beurlaubter Wild- 
hüter und Fülircr, und seinem jungen Sohne Menk von 
Ulrichen hinauf nach Altstaffel, da man uns versicherte, 
die Kühthalhtttte sei schon verlassen. Wir traten in 
die niedrige, wie alle Hütten in Goms aus bloßen 
Feldsteinen gebaute Hütte ein, wo außer dem Herd- 
feuer, über dem der Kessel hing, und einer mit 
reinlichem Stroh und Wachholder- oder Alpenrosenreisig 
belegten Pritsche nur einige hölzerne Sparren an den 
Wänden das einfache Mobiliar trugen. Welcher Unter- 
schied gegen die geräumigen hölzernen Sennhütten in 
Lötschen mit Zimmer und Bett ! Wir fanden die Hütte 
und Umgebung von einer zahlreichen Gesellschaft 
Männer und Weiber besetzt, welche einen vor der 
Hütte sitzenden alten bebrillten Mann umstanden. 



74 E. t\ FeUenberg. 

Dieser hatte auf den schlotternden Knieen ein 
großes Quartheft ausgebreitet, worin in gedruckte 
Colonnen oder Rubriken der heute am zweiten und 
letzten Milchwägungstag gemolkene Gehalt an Milch 
einer jeden Kuh eingetragen wird. Die sehr gut 
gearbeitete eidgenössisch geaichte Waage hing vor 
der Hütte an einem in die Fugen derselben ein- 
gesteckten Sparren. Nachdem jeder Besitzer einer oder 
mehrerer Rühe seine Stücke gemolken, wurde der 
Mulken genau gewogen und das Volumen eingetragen. 
Nach dem Mittel zwischen dieser Milchwägung und 
derjenigen im Frtthsommer beim Bezug der Alpen 
wird der Ertrag einer jeden gesömmerten Kuh be- 
stimmt und darnach die Bezahlung von Seite des 
Sennen an den Sömmemden normirt. Zwei Zeugen 
umstehen die Waage, lesen das Gewicht ab und rufen 
es laut aus, worauf es vom Schreiber eingetragen wird. 
Die Leute waren im Allgemeinen wenig befriedigt, 
die naßkalte Witterung des Juli , die vielen Schnee- 
fälle mitten im Sommer und die schlechte Entwick- 
lung der Vegetation in den höheren Alpen hatten die 
Sommerung 1883 zu einer der geringsten seit vielen 
Jahren gemacht. Wir verbrachten einen sehr vergnügten 
Abend, mit den Sennen plaudernd am flackernden 
Feuer, nachdem sich die Gesellschaft nach Beendigung 
der Milchwägung verzogen hatte. Zum Nachtessen 
wollte ich mir Kaifee kochen lassen und verlangte 
nach einer Pfanne, um Wasser zu kochen. Is nich! 
hätte der Berliner gesagt, und Factum war's, weder 
Pfanne noch Kessel zum Kochen (außer dem großen 
Käsekessel) war in der Hütte vorhanden. ^Aber um's 



Alte ttnd neue Pfade und Abenteuer in Gofns, 75 

Himmels willen, macht ihr denn nie Kaffee?" fragte ich 
den Obersenn. „Wir brauchen's nit!" antwortete dieser; 
„wir haben Milch und Sirwolten (Molke)". „Und Brod ?" 
„Ja, aber altes, Sie können es nicht beißen, wir be- 
kommen einmal im Frtthsommer von jedem Sönmiern- 
den per Knh ein halbes Brod !" Von trockenem Fleisch 
oder Speck war in dieser Hütte ebenso wenig die 
Rede, also nichts als Milch und Molke, Zieger und 
magerer Käse und als Seltenheit einmal ein Stück 
Brod, hart wie Stein, das ist die Nahrung dieser 
Sennen. — Hundert Schritt von der lackstiefel- und 
toumiirenbegangenen Grimselstraße, zwei Stunden vom 
Leckertisch und den Champagnerpfropfen des H5te] 
du glacier du Rhdne, welcher Contrast! Man hätte 
sich im abgelegensten Säter des norwegischen Hoch- 
landes denken können und nicht am Wegesrande des 
Welttouristenverkehrs. Da es aus Mangel an einem 
Kochgeschirr keinen Kaffee gab, genossen wir der 
Sennen Kost und bestiegen um 9 Uhr Abends unsere 
Pritsche. 

Die^Nacht war auffallend geruhsam, kein mensch- 
licher Parasit störte unsem gesunden Schlaf; ich 
schreibe dieses Fehlen der sonst üblichen Einquar- 
tieruDg den steinigen Mauern der Hütte und der Kälte 
und dem Luftzuge durch die Fugen derselben zu. 
Um 5 Uhr Morgens früh, nachdem wir wiederum 
mit landesüblicher Milchkost gefrühstückt hatten, 
wollten wir vom Sennen die Addition. „Gebt, was ihr 
wollt, 's ist nicht der Rede werth", war des beschei- 
denen Mannes Antwort. Gottlob, es gibt noch ehr- 
liche Seelen im Hochland 1 Vom Altstaffel marschirten 



76 E. V. Fellenberg, 

wir nach dem verlasBenen Läger im Etththal, wo 
ich erstaunt war, um die Hütte herum große Granit- 
blöcke liegen zu sehen. Vom Euhalpläger stiegen wir 
langsam nach dem Gestelergalen (2338 "") empor, wo 
ein Steinmannli einen Vermessungspunkt andeutet. 
Nun sehen wir erst auf die Höhe der Hauptkette. 
Ueber uns das große Sidelhorn (2881"), dann der 
Ulricherstock (2890") und Gesc/ienersfoc/c (2894 "). 
Das Löffelhorn war noch nicht sichtbar. Ueber den 
Trtimmerhalden und Schneeflächen, den Hochmooren 
und WassertUmpeln strichen unterdessen gewaltige 
Nebelballen, der Wind fing an zu blasen und bald 
fielen schwere Tropfen nieder. Vom Löfifelhom war 
heute nicht mehr die Rede, nicht einmal vom Groß- 
Sidelhorn, dessen Gipfel wir in zwei Stunden bequem 
erreicht hätten. Wir stiegen daher in den obern Theil 
des Oberthals*) hinab, von dessen oberster Schafalpe 
wir einem hübschen Wasserfall entlang in den untern 
Thalboden abstiegen und am rechten Thalgehänge 
hinaus zur elenden, auf aussichtsreicher Vorstufe liegen- 
den Alp Nessel (1711°), wo zwei in Felle gehüllte 
Buben, wahre Audifaxe, uns wie „Gebilde aus Himmels- 
höhen" anglotzten und erst nach wiederholter Ansprache 



Dieses wie sein Nachbar östlich, das Kühthal^ und 
westlich das Niedei'thal zeigt im untern Verlaufe eine enge, 
sich allmälig nach oben erweiternde Schlucht. Der obere 
Theil des Thaies wird aus zwei deutlich ausgesprochenen 
halbkreisförmigen Hochterrassen gebildet, deren untere der 
Kuhweidenregion angehört, die obere trümmerbedeckte Schaf- 
triften aufweist. Diese drei kleinen Seitenthäler sind zum 
Verwechseln ähnlich. 



Alte und netnc Pfade und Abenteuer in Goms. 77 

»eitens Menk, der ihnen wähl verwandtschaftlich am 
nächsten stand, zu einigen im Deutsch des 12. Jahr- 
hunderts gegebenen topographischen Erklärungen über 
die nächste Umgebung zu bringen waren. Da das Wetter 
sich zusehends verschlimmerte, war auch hier unseres 
Bleibens nicht, und wir stiegen steil tlber die runden 
Formen des gletschergeschliffenen Abhanges durch 
Felder von Alpenrosen und ehrwUrdige Lärchen- 
waldungen nach Ulrichen hinab. Ehe man ganz zu 
Thale steigt, überschreitet man östlich von Ulrichen 
auf dem rechten Ufer des Oberthalbaches eine präch- 
tige alte Moräne des Rhoneglctschers, die aus Grus 
und Blöcken aus dem oberen Rhonethal besteht und 
deren weiße Geißberger- (Granit-) Blöcke zu March- 
steinen und anderen Bauzwecken verarbeitet werden. 
Ehe ich Ulrichen verlasse, wo ich seit acht Tagen 
mein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, geziemt es 
mir, dem dortigen Wirthe und dessen regierendem 
Töchterlein, Fräulein Seiler, ein gebührendes Kränzchen 
zu widmen für alle die Freundlichkeit und Aufmerksam- 
keit, mit welcher der Gast dort behandelt wird, für 
treffliche Rost und reelles Getränke, billige Preise 
und alle Annehmlichkeit, die ein ländliches Gasthaus 
gewähren kann, wo eine steife langweilige Table d'höte 
noch nicht eingeführt ist und wilFs Gott auch nie 
eingeführt wird. 

1. Das Loffelhorn (3098 >»). 
Samstag den 8. September Abends spät kam, direct 
von Bern her gereist, meine liebe Fraa mit der Post 
von Brig angefahren. Ich erwartete sie vor dem 



78 E, V. Feüenbei'g. 

Gasthof in Mttnster. Ich hatte ihr eine Bergtour ver- 
sprochen und deshalb das Löifelhorn verspart, bis sie 
meine Begleiterin sein könne. Also morgen auf den 
Großen LöfFler? war mein erstes Wort. — Einverstanden ! 
Sonntag den 9. September um 5 Uhr Morgens traten wir, 
gehörig gestiefelt und gespornt, in's Freie. Da meine 
Frau ohne Alpenstock hergereist kam, klopften wir in 
einem Hause außerhalb des Dorfes, wo schon Rauch 
dem Kamin entflog, an und baten um einen Stock. Der 
fand sich in der Gestalt einer beinißten harthölzemen 
Stange, um den Backofen des Bäckera, der dort 
wohnte, auszuräumen. C. Blatter hatte rasch mit 
seinem Messer eine Spitze am verkohlten Ende zu- 
geschnitten und bald klapperte der Backofenstock auf 
dem Steinpflaster des langsam über Wiesen und durch 
Aecker sich hinaufziehenden Weges. Wir erreichten 
bald den Eingang einer Schlucht, wo der Weg, statt 
in dieselbe einzubiegen, sich nach Osten in einigen 
Zickzacks an der Südseite des Berges hinzog, und 
gelangten in einen prächtigen Lärchenwald, nach- 
dem wir eine kleine halbe Stunde lang gestiegen, zog 
sich der Weg horizontal am Gehänge hin dem Ein- 
gang in's Trtttzithal zu. Nach einer weiteren halben 
Stunde waren wir an der Einbiegung des Weges hoch 
über der Schlucht des unteren Trtttzithales angelangt. 
Tief unter uns rauschte der Bach, glatte Felsen fallen 
jäh in die Tiefe ab. Der Pfad wird schlechter und 
schlechter, kaum mehr kenntlich zieht er sich über 
höckerige Wurzeln, rund geschliffene Felsen, durch 
nachgiebigen Morast oder tiber verwitterte Schiefer- 
platten hin, ab und zu in alle möglichen Falten des 



Alte %md neue Pfade und Abenteuer in Garns, 79 

Berghanges einbiegend. Es heißt hier etwas aufpassen; 
denn ein Ausrutschen und Fall würde sehr fatale 
Folgen nach sich ziehen und an ein Aufhalten auf 
der abschttssigen Bahn wäre kaum zu denken. So 
geht der Pfad wohl 20 Minuten gegen Norden am 
Eingang in's Trtttzithal hin. An einer Stelle war 
durch die langen Regengttsse der letzten Zeit ein 
ganzes Stück Halde, bestehend aus verwittertem sehr 
schiefrigem Sericitgneiß, abgerutscht und zu Thal ge- 
fahren, der Pfad absolut abgeschnitten. Wir gingen 
einzeln über die heikle Passage, nachdem Blatter 
einige Trittchen in's morsche Schiefergestein gehauen. 
Das war aber auch die letzte böse Stelle. Bald waren 
wir auf der schönen blumigen Alp des unteren TrUtzis, 
umgeben von freundlich muhenden Ktihen und grun- 
zendem Schweinevolk. Ehe wir den Eingang des 
Trtttzis erreicht hatten, entdeckte Menks scharfes Auge 
jenseits des Tobeis am Ende des Waldes in den jähen 
Grashalden ein einsam weidend Oemslein. Rasch 
nahm ich meinen Tubus heraus und auf unser helles 
Jauchzen setzte es sich in kurzen Trab und rannte 
lange Zeit innerhalb Sehweite gegen den Grat des 
Oberthals hinauf. Nach kurzem Halt bei der eben- 
falls bloß aus rohen Steinen zusammengefügten Senn- 
hfitte schritten wir thalanfwärts. Eine Stunde ober- 
halb der untern Hütte fängt die Steigung an, steiler 
zn werden. Ein gut gebahnter Kuhweg führt in langen 
Zickzacks über die gerundeten Felsen, über welche 
der Trützibach in verschiedenen kleineren Wasser- 
fällen herunterstürzt. Die Thalwände des Trützithales 
sind hier noch einförmige fluhbanddurchzogene Schaf- 



80 E. V, Fellenbcrg. 

triften und steile Trttmmerhalden. Um 8 Uhr hatten 
wir die obere Hütte erreicht und am Rande eines 
klaren Wässerchens Angesichts der hohen Wände, 
welche halbkreisförmig das Thal einschließen, hielten 
wir unsere erste Frtthstiicksrast. Auch hier fielen mir 
viele Blöcke eines weißen Granits auf, von demselben, 
der an der Handeck vorkömmt und mir schon im 
Kuhthal hinten aufgefallen war. Ich hatte früher die 
ganze Kette der Gomseralpen als Gneiß in verschie- 
denen Abänderungen angesehen. Da C. Blatter ge- 
rechnet, in drei Stunden sollten wir von hier den Gipfel 
des Löffelhoms erreichen können, ließen wir uns alle 
Zeit und brachen erst um 9 Uhr wieder auf. Wir 
überschritten den Trtttzibach und nun ging's steil über 
gerundete Felsen und dürftige Schaftriften, durch 
schutterfUllte Kehlen und sumpfige Stellen empor zur 
Hochterrasse, auf weicher der einsame TriUzisee (26S1°^) 
liegt. Es war 10 Ulir, als wir die Hochterrasse er- 
reichten. Ringsum ein Felstrümmermeer, kaum von 
den grünen Flecken der endenden Vegetation unter- 
brochen. Zu unsern Füßen lag der Trützisee, zu zwei 
Dritttheilen noch dick zugefroren und unter Lawinen- 
Kchnee begraben. Jenseits steigen steile weiße Granit- 
wände empor, welche das schöne zum Gipfel des 
Löffelhorns führende Schneefeld westwärts einschließen. 
Ueber erweichte Schneefelder umgingen wir den Ost- 
rand des Trütziseeleins und hatten vor uns mühsame, 
von den letzten Spuren von Vegetation durchzogene 
Trümmerhalden zu überwinden, bis wir die Moräne 
des vom Löffelhom absteigenden Gletschers , der 
spaltenlos als Hochfirn sich zum Gipfel hinaufzieht, 



Alte und neue Pfade und Abenteuer in Goms. 81 

erreichten. Hatte ich unten bei der Hütte vereinzelte 
Oramtbl(>cke angetroffen, so befand ich mich hier 
mitten im anstehenden Granit (Gneißgranit, Protogin). 
Ich konstatirte hier, sowie später am Sidelhom und 
frtther am Maienwang ob dem Rhonegletscher, eine 
bisher nicht gekannte Zone dieses Gesteins, welche 
parallel mit, aber unabhängig von der Hauptgranitzone 
des Finsteraarhommassivs verläuft, welch letztere weit 
nördlicher, von der Grtinhomlttcke und dem Ab- 
schwung am Lauteraargletscher nach dem Escher- 
bom und Thierberg und hinüber nach der Handeck 
streicht. Wir rasteten auf den eckigen frischen Granit- 
blöcken der Moräne neuerdings, zogen die Gamaschen 
an, schnallten das Seil vom Ränzchen und hielten 
Umschau. Gegen Norden umgrenzen zackige, voll- 
kommen kahle und nackte Granitwände die weite 
schneeerfttUte Mulde, in die der Gletscher ausläuft. 
Diese Granitwände ziehen sich in scharfem Grat zum 
Gipfel des Löffelhoms hin. Gegen Süden ragen eben- 
falls Klippen am Rande des Gletschers hervor und 
nähern sich concentrisch der nördlichen Felswand. Am 
Gipfel des Löffelhoms nähern sich beide Einrahmungen 
einander und geben so dem ganzen Schneefeld die 
Form eines Löffels, dessen halbrunde Schale der 
weite Kessel ist, in dem wir jetzt sitzen, der Stiel 
sich verengernd bis zum Gipfel des Homs reicht. 
Gegen Osten dehnt sich eine weite TrOmmerfläche aus, 
über die am Westfufie des Geschenerstocks der Sattel 
des Trützipasses (2809»), ein Uebergang nach dem 
Oberaargletscher und nach der Grimsel, führt. Der 
steinige Theil dieser Hochterrasse, über welche der 

6 



82 E, V. Feüenberg. 

AufBtieg zum Trtttzipaß führt, heißt, wie mir Jäger 
später sagten, der €LöffeUät8ch>^ ein Name, der uns 
noch vielfach Gaudium bereitete. Es gibt mehrere 
solcher Tatsche , wie Eltvertätsch in Lötschen und 
Jeizenentätsch nördlich des Grimselspitals. (Ueber 
die Bedeutung des Namens siehe unten.) Um 11 Uhr 
brachen wir, wohl an das Seil gebunden, auf. An- 
fangs war der Schnee gut, weiter oben etwas weich, 
die Sonne schien grell durch fahrende Nebel auf den 
Firn. Der Anstieg war ziemlich steil. Meiner Frau^ 
die zum ersten Mal in dieser Höhe auf blendendem 
Firn wandelte, fingen die Wirkungen der Lichtstrahlung 
und Gletscherluft an, sich bemerklich zu machen. Wir 
mußten öfter ein wenig anhalten. Deshalb zogen wir uns 
gegen eine Trfimmerhalde , welche den Sttdfnß des 
höchsten Kamms des Löffelhomgrates besäumt. Es 
war 12 Uhr, als wir die Trümmerhalde erreichten, 
und nun sahen wir, daß wir mit dem Betreten dieses 
Gufers einen schlechten Tausch gemacht. Locker und 
gefUhrlich lagen die wilden Granittrtimmer auf und 
über einander, ein verrätherisches Terrain, würdig 
der Bietschhomtrohlfelsen. Mühsam ging das Ueber- 
klettern der Trohlfelsen, bis wir den Kamm in einer 
seiner thurmähnlichen Auszackungen erreichten und 
nun plötzlich durch den Blick auf den grandiosen 
Oberaargletscher und hinüber an den Thierberg und 
Zinkenstock belohnt wurden. Nun hatten wir noch 
eine lange Strecke dicht unter dem Felsgrat auf der 
Südseite zu traversiren, im erweichten Schnee zu 
tappen, über lose Blöcke zu klettern, unter labilen 
Oranittafeln durchzukriechen, bis wir das Ende des 



Alu und neue Pfade und Abenteuer in Goms, 83 

Hochfims, ein ziemlich schmales Felsgesimse, erreicht 
hatten; 30 Fuß ttber uns ragte die letzte Zacke, der 
eigentliche Gipfel, empor. Es war 1 ^'2 Uhr. Meine Frau 
war von der mühsamen Kletterei über die lockeren 
Granittrümroer ziemlich erschöpft und maßte vor Allem 
ans etwas ansrahen. Während dessen klopfte ich 
Handstficke, schrieb Notizen und kletterte mit einiger 
Nachhülfe Blatters auf den höchsten Punkt. Dieser 
ist kaum zwei Fuß lang und einen Fuß breit. Eine 
Person kann nothdürftig aufrecht stehen. Die beiden 
Blatter saßen rechts und links rittlings auf dem 
Kamm. Ein kleines Brett mit eingeschnittenen Initialen 
and einigen Bleistiftnotizen gibt Kunde von früheren 
Besteigungen, meist von Leuten aus der Umgegend. 
Eine Flasche mit Notizen einer kurz vorher von Herrn 
Seiler in Münster ausgeftlhrten Besteigung lag ein- 
geklemmt in einer Felsspalte. Leider war die Aus- 
sicht, die von diesem gegen Ost and West freistehen- 
den Gipfel sehr schön sein soll, durch überall hockende 
Nebel vielfach unvollständig. Die ganze südliche 
Walliserkette, die Gebirge von Formazza, Blinnenthal, 
Binnen- und Simplongegend waren verhüllt. Nui* die 
nähere Umgebung war frei. Grandios und grausig ist 
der Blick hinunter in die schauerliche Einöde des 
Mflnsterthales und auf dessen vielzerklüfteten Gletscher. 
Wir übersehen den Felskamm der Thalschyen, der 
HoasenhömeTy um uns zu erfreuen am Anblick der 
schönen FimgHlte der Galmihömer, der schlanken 
Felspyramide des Oberaar'RothhamSf endlich des in 
Anbetracht des unsichtbaren Finsteraarhoms weit und 
breit dominirenden Oheraarhoms, Unser Blick taucht 



84 E. r. Feümberg. 

tief hinab auf den Oberaargletscher und ich grüße das 
vor 20 Jahren zum ersten Male betretene Oberaarjoch. 
Leider war auch gegen Grimsel und äandeck, gegen 
Galenstock und Triftgebiet Alles verhüllt. Nur die 
nähern St(5cke und Felskegel des Gesehener- und 
Ulricheratocks und die Sidelhörner ragten ans dem 
breiten Grate empor. Ich blieb eine Viertelstunde oben, 
ließ mich wieder auf die kleine Guferterrasse hinunter- 
hissen, wo meine Frau nach kurzem Schlaf sich voll- 
ständig erholt hatte und nun auch den höchsten Punkt 
betreten wollte. Dem wurde schleunigst willfahrt; das 
Seil fest um die Taille gebunden, und in kräftigem 
Zuge wurde sie, mit Händen und Füßen nachhelfend, 
das Wändli hinaufgehißt. Wie sie oben stand, schien 
plötzlich die Sonne wieder, und manche Nebel, die mir 
vorhin das Meiste verhüllt, wichen galant der ersten 
Besteigerin des Löffelhoms. 

Nachdem nun wieder Alle beisammen auf dem 
Guferband besammelt waren, sprachen wir fröhlich 
im hellen Sonnenschein den mitgebrachten Vorräthen 
wacker zu und brachen um 3 Uhr zum Abstieg auf. 
Um die abscheulichen Granittrohlfelsen zu umgehen, 
beschlossen wir, da der Schnee gut und auf dem Eise 
dick genug war, direct die steilen Fimhalden nach 
dem Gletscher abzusteigen. Wir waren Alle am Seil, 
voran Menk Blatter, Sohn, dann ich, dann meine 
Frau, zu hinterst 0. Blatter, Vater. Langsam und 
vorsichtig, tüchtig mit den Absätzen einstechend, d^i 
Stock horizontal in die Fimlehne gestoßen, ging*8 
ganz sicher die steilen Fimhänge des Löifestieles 
nach den sanfteren Hängen des Löffels hinab. Da 



Alte und neue Pfade und Abenteuer in Goms, 85 

alle Schrttnde gedeckt waren , hätten wir auch eine 
GliBBade riekiren können, jedoch wollte ich es doch 
meiner Fran wegen nicht wagen, da wir nicht wußten, 
ob weiter unten nicht hartes Eis unter dem Schnee 
auftauche. Herr Seiler und Gesellschaft war acht 
Tage Yorher Yom Oipfel in wenig Minuten nach dem 
flacheren Gletscher hinabgerutscht. Qui va piano, va 
sano. — Um 4 Uhr hatten wir die Moräne erreicht, 
banden uns vom Seile los und stiegen munter und 
jodelnd die felsigen und steinigen Abhänge zur oberen 
Trtttzihtttte hinab. Dort wurde schnell ein Schluck 
Wasser genossen, dann ging*s eilenden Laufs das 
Trtttzithal hinaus zum untern Läger. Es war 5 Uhr, 
als wir dort anlangten und schnell ein Glas frisch 
gemolkene Milch genossen ; dann sputeten wir uns, um 
den bösen Pfad zum Trützi hinaas noch bei Tag zurück- 
zulegen. Der Vorsicht halber und um mehr Halt zu 
geben, ließ ich an den gefährlichen Stellen das Seil ab- 
packen und die Gesellschaft anbinden. Mit einbrechen- 
der Dämmerung hatten vir den schlimmen Weg hinter 
uns und um 8 Uhr rttckten wir bei herrlichem Mond- 
schein munter und etwas müde in Münster ein. 

In Summa ist die Besteigung des Löffelhoms, mit 
Ausnahme des allerobersten Fluhsatzes, ohne alle 
Schwierigkeit, das Aufsteigen durch das Trtttzithal 
ein schöner Morgenspaziergang. Will man oben die 
mühsame Stolperei über die Granittrttmmerhalde er- 
sparen, so gehe man die schneebedeckte Fimwand 
bis zum Gipfel wändli hinauf, wobei man jedoch der 
großen Steilheit wegen wird Stufen hacken müssen. 
Wir hatten von Münster auf den Gipfel S'/s Stunden 



86 E. f}. Feüenherg, 

gebraucht, wovon circa 2 Stunden auf Halte kommen. 
Ein sehr guter Gänger wird in 5 —6 Stunden den Gipfel 
erreichen können. Die Steigung beträgt ilOS^ von 
Münster aus auf den Gipfel. ^) 



2. Die Bieliger-Lüoke. diö8 "'. 
Hatte ich vom Löfifelhorngipfel einen Blick in*8 
tief eingerissene Münsterthal gehabt, auf dessen wilden 
Gletscher und an die befimten Gräte der Rossen- und 
Galmihömer, so waren mir noch zwei Seitenthäler 
von Goms verborgen geblieben, und da es in meiner 
Absicht war, auf irgend einem, womöglich auf neuem 
Wege, nach dem Oberaarjoch zu gelangen, so hatte 
ich nur die Wahl zwischen BächUhal und WaUi- 
oder Bieligerthal. Vergleicht man die Dufourkarte 



^) In Hennann A. Berlepsch's Älpina 1856, Beis^oumal 
für Alpenwanderer in der Schweiz, einer Wochenschrift, 
welche als Vorläuferin der Alpenpost gelten maß, ist in 
Nr. 12, pag:. 164 ff., eine Besteigung des Löffdhoms von Herrn 
Pater Joseph Kämpfen, Regens in Lenk, beschrieben, welche 
sowohl manche Unklarheit in Betreff des eingeschlagenen 
Weges enthält, als auch in topographischer Hinsicht sehr 
confus und in der Schilderung der Aussicht geradezu phan- 
tastisch ist. — Der Verfasser steigt nach der Triitzialp. 
dann westlich des Trützisees über den Heidenwang auf den 
Galengrat (auf der Karte Münstergalen genannt), von wo 
ziemlich weite und interessante Aussicht, dann westlich vom 
Triitzisee auf den unteren Stock (Stock bei 2780 ■» auf der 
Karte), wo weite und umfassende Femsicht, der Triitzisee 
östlich zu den Füßen des Wanderers; westlich, ganz in der 
Nähe, breitet sich der Münstergletscher aus, welcher von den 
Abhängen des Mönchs und der Jungfrau (! ?) sich bis in den 



Alu und neue Pfade und Abenteuer in Goms. 87 

mit dem neuesten Blatt Ohergestelen, so sieht man^ 
wie grundfalsch auf ersterer die ganze Partie im Hinter- 
grund dieser Thäler gezeichnet ist. Das Wallithal 
z. B. sehließt auf Dufonr hinten mit entsetzlichen 
Felswänden ab, tlber die ein hangender Gletscher, die 
Hangend Firren, ragt. Nach Dufour wäre dort ein 
Uebergang, wenn nicht unmöglich, so doch jedenfalls 
sehr schwierig. Sehen wir uns nun Beckers Ober- 
gestelen-Blatt an, so finden wir einen Gletscher im 
Hintergrund des Thaies, der sich neben den Hangend - 
Firren durch bis zu einem Sattel zwischen Wasen- 
und Vorder-Galmihom hinanzieht. Wollte ich auf den 
oberen Fieschergletscher und zur neuen Oberaarhtttte 
gelangen, so war jene im Hintergrund des Bieligerthales 
gelegene Lttcke mein Uebergangspunkt. Durch das 
Atünsterthal hinauf, am Oheraarrothhom vorbei wäre 
ich direct auf den Oberaargletscher gelangt, jedoch 
hatte ich noch die Wahl, durch's Bächithal hinüber auf 

Thaügrand hinabsenkt und die mannigfaltigsten Zacken 
bildet. Nun geht's etwas bergab und wieder bergauf nach 
dem oberen Stock und von da eine halbe Stande lang auf 
sehneebedecktem Gletscher allmälig die Böschung des Gipfels 
hinauf auf die Spitze (?) des LÖffelhoms, Von der Trümmer- 
halde and dem steilen Gipfelwändli sagt K. nichts. Wäre es 
möglich, daß 1856 der Firn sich bis zum Gipfelgrat des 
LÖffelhoms erstreckte nnd die 10 — 15 Meter der Gipfelwand 
seither heransgeschmolzen wären? Ich glaub's nicht, sondern 
weit eher, daß K. gar nicht auf dem wirklichen Löffelhom 
war, sondern eher auf dem südlichen, durch die steile Mm- 
wand, einen Sattel und scharfen Grat vom höchsten Punct 
getrennten Vorgipfel. Punkte Aussichtsschilderung will ich 
bloß anfuhren, daß K. auch die Schreckhömer und das Wetter- 
Harn gesehen haben will, was eine pure Unmöglichkeit ist. 



88 E. V, Fellenberg, 

den Fieschergletscher m gelangen. Ein wichtiger Grand, 
der mich fUr das Bieligerthal entscheiden ließ^ war 
ein mineralogischer. Seit Jahren wurden von Strahlern 
aus dem Oberwallis schöne Amethyste verkauft, die 
ans dem Hintergrund dieses Thaies, vom BieUgerberg, 
einer allgemeinen Bezeichnimg für die Alpen diese» 
Thaies, kommen sollen. Mir selbst hatte vor vielen 
Jahren ein in Gluringen angesessener Hemer, Dähler, 
einen prachtvollen, von dorther stammenden Amethyst- 
krystall gebracht. So erkundigte ich mich denn nach 
einem in der Gegend des Bieligerthales bekannten 
Aelpler, und ich wurde an einen altem Strahler,^ 
Clemens Guntren im Dorfe Biel am Ausgange des 
Walli' oder Bieligerthales, gewiesen. 

Am 11. September traf ich in Biel mit Guntren 
zusammen, der mir versicherte, den Uebergang nach 
dem Fieschergletseher schon mehrmals auf der Krystall- 
jagd gemacht zu haben. Er ging viel mit einem 
Bemer Strahler Abplanalp und hatte die Umgebung 
des Oberaar- und Fieschergletschers, sowie die ganze 
Kette der Gomseralpen in allen Ecken und Winkeln 
gründlich durchsucht. Auch bei der Ausbeutung der 
Amethyste im Hintergrand von Bieligen war er be- 
theiligt gewesen und erklärte mir, wir kämen an der 
nun ausgebeuteten Stelle vorbei. Das war mein Mann. 
Ich engagirte ihn für die Tour nach der Oberaarhtttte 
und zurück über Grttnhomlttcke nach Eggischhorn, 
wohin meine Frau noch am selbigen Tage verreist 
war, um mich in Kathreins trefflichem Hotel in der 
lady- imd missreichen Gesellschaft zu erwarten. Am 
12. Abends traf ich mit den beiden Blatter in Biel 



Alte wnd neue Pfade und Abenteuer in Garns, 89 

ein, wo ich beim Rainer Royina, einem freandlichen 
altem Manne, der einen Kramladen und kleinen Wein- 
sehank führt, Unterkommen and Nachtquartier fand. 
In einem nebenan stehenden großen alten Haas stand 
ein Stockwerk leer, dort hatte man mir ein großes 
Zimmer bereitet. Ein Bett mit sauberem frischem 
Ueberzng, frisch gefülltem Strohsack, ein Toiletten- 
tisch, korz Alles, war für mich aufs Beste hergerichtet, 
so daß ich ohne Bedenken mich hier für längere Zeit 
hätte einquartieren lassen. Am Abend nach unserer 
Ankunft kam GL Gnntren herüber zu Rovina. Dort 
wurde nun der Feldzugsplan aaf den folgenden Tag 
festgestellt und der Proviant, so weit ich ihn nicht 
von Münster mitgebracht, vervollständigt. Holz ge- 
dachten wir auf der Alp mitzunehmen. Wir ließen 
ana Käthis, Rovinas schwarzäugiger Tochter, Kaffee 
mit Polenta, frische Butter, Käse und währschaften 
Eiertätsch trefflich schmecken, saßen gemttthlich um 
den säubern Ahomtisch bei der Lampe mildem Scheine, 
tranken noch zwei Liter trefflichen, goldenen Land- 
weins, rauchten und schmauchten ein Pfeifchen nach 
dem andern, kurz es war ein urgemüthlich Dorfen^ 
bis die Mahnung an frühen Aufbruch uns zur Ruhe 
trieb. 

Eb wurde 5 Uhr Morgens, ehe wir unter herz- 
lichem Händedruck und bestem Danke von Papa 
Rovina und schön Käthi schieden, von ihren besten 
Segenswünschen begleitet. Der Proviant war ziemlich 
gleichmäßig unter meine drei Begleiter, Ol. Guntren, 
Caspar BUtter und Menk Blatter vertheilt worden. 
Menk trug noch meine Tasche mit einigen Kleidungs- 



90 E. V. Fdlmberg. 

stücken zum Wechseln, wie auch Steinsack und Hämmer, 
Alles auf ein von Guttannen mitgebrachtes neues RiCf 
(Tragbrett) verpackt. Cl. Guntren trug das kleine 
Butili (Bulggi oder Logeli), ein Weinfäßchen aus Holz, 
4 — 5 Liter haltend, C. Blatter Gletscherseil, meine 
Gamaschen und übrige Ausrüstung. In der Erwartung, 
am Abend in der Oberaarhtttte genügend Decken zu 
finden, hatte ich mein großes Plaid als zu schwer 
nach Fiesch gesandt. 

Gleich hinter dem Dorfe Biel stiegen wir steil 
empor, etwa eine halbe Stunde lang, bis wir einen 
gut ausgetretenen Weg fanden, der in's Bieligerthäl 
hoch über dem in tiefer Schlucht brausenden Walli- 
bach beinahe ebenen Weges hineinführt. Hier sei nun 
gleich die Nomenclatur des Thaies betreffend bemerkt, 
daß der Bach, der aus dem Thale fließt, Wallihach 
heißt, die linke Thalseüe des Baches heißt Bieliger- 
thäl , weil die Alpen links des Baches den Bielern 
gehören, während die rechte Thaheite Selkingerthal 
heißt, weil die Alpen rechts nach dem an Biel anstoßen- 
den Dörfchen Selkingen gehören. Nun ist aber Biel das 
eigentliche Kirchdorf, und es erscheint am passend- 
sten, dem Thale den Namen Bieligerthäl zu geben, 
heißen doch die größten Alpen im Thalboden der 
Bieligerherg. Mit dieser definitiven Bezeichnung ist auch 
Herr Ingenieur Frdl. Becker durchaus einverstanden. 
Um 6 Uhr kamen wir an den schmutzigen wieder aus 
bloßen Feldsteinen erbauten HUtten des unteren Bieliger- 
staffels vorbei, eine zahlreiche Kuhheerde drängte sich 
um die Hütten herum, um gemolken zu werden, schöne, 
meist schwarze oder graubraune Thiere. Der Aufstieg 



Alte und neue Pfade und Abenteuer in Goms, 91 

Ton der untern Alp zum obem Läger, FriUt benannt, 
ist ein selir gleichförmiger, allmäliger, auf gutem Pfade 
längB der linken Thalwand hin. Um 7 Uhr machten wir 
bei der obem Htttte, die verlassen war, Halt, und da 
wir nicht sicher waren, in der Oberaarhtitte Holz vorzu- 
finden, lud Jeder hier ein kleines Btlndei Reisig und 
Bpältenholz, welches bei der Hütte lag, auf, eine Vor- 
sichtsmaßregel, die uns noch wohl kommen sollte. Ueber 
der Hütte fängt die Steigung zur oberen Terrasse des 
Thaies an. Die Umgebung wird großartiger. Gegen 
West erheben sich die hohen Oranitwände des süd- 
lichen Ausläufers des Wctsenhoms 3157"', ein Glet- 
scher, der über die nackten Wände in blauer, zer- 
klüfteter Wand von wohl 40™ Höhe abbricht, heißt 
< Hangend GUtacher^y nicht < Hangend Firren>j 
wie auf der Karte. Gegen Süden ziehen sich weiße, 
kahle Granittrümmerhalden zu einer noch höheren 
Thalstufe empor, welche von der Moräne des noch 
unsichtbaren, höher liegenden Gletschers gekrönt ist. 
Oestlich steigen zackige Felsgräte empor, pyramidal, 
Zacken an Zacken, der Grenzkamm gegen Bächithal, 
von Guntren Gdlmiengrat benannt. Ohne langen Auf- 
enthalt streben wir in die immer großartiger werdende 
unbekannte Landschaft vorzudringen. Die Vegetation 
wird ärmer, das Pfeifen der Murmelthiere ringsum 
beweist, daß hier gottlob die Wildvemichtung noch 
nicht schwunghaft betrieben wird. Wir sind in das Ge- 
biet des Granits eingetreten; die zu unsem Füßen 
liegenden glatt polirten Rundhöcker sind prächtiger 
weißer, stellenweise sogar etwas rosenroth angehauchter 
Granit (Gneißgranit, Protogin) ; eine riesige Trümmer- 



92 E, V, FeOenberg, 

halde rander Granitblöcke nimmt nns auf. Wir wenden 
ans etwas östlich, wo mehr Felsen hervortreten, nnd 
erreichen um 9 Uhr den oberen Rand der höchsten 
Thalstnfe am Rande der Moräne des Bieligergletachers. 
Bin prächtiger Gebirgscircus entfaltet sich vor uns. 
In vollkommen glatten, unnahbar steilen Wänden er- 
hebt sich der scharfe Grat des WasenhomSj 3457 ■», 
gegen Westen. Seine östliche Seite gipfelt in einem 
zweiten Felszacken, um jäh zu einer tief eingesägten 
Felsscharte abzufallen, östlich welcher ein scharfer, 
zum Vorder - Galmihorrij 3524 ™ , sich erhebender 
zackiger Grat aufsteigt. Gegen diese Felsenscharte 
haben wir zu steuern. Dies ist unser Uebergangs- 
punkt. Gegen Norden erhebt sich aus breiter Fim- 
mulde das klotzige, gwächtengekrönte Vorder-Galmü 
horriy dann östlich über einem fimerfüllten Seiten- 
thälchen die Reihe dreieckiger pyramidaler Kegel, 
3223 ^ und 3241 ">, welche zum Galmihom ansteigen : 
oberwähnter Gälmiengrat Gantrens. Hier, an der 
Grenze der Vegetation, auf moosartigem Polster ge- 
lagert, hielten wir unser erstes substantielles Früh- 
stück, und da wir Zeit genug vor uns hatten, das 
Wetter prächtig war, obgleich im Thale sich dicke 
Nebelballen sammelten , so brachen wir erst um 
9 ^'2 Uhr auf. Wir zogen die Gamaschen an nnd gingen 
an's Seil. Anfangs ging's flach ttber den Gletscher 
nordwärts, dann fing die Steigung an bedeutender zu 
werden. Der Schnee war in vortrefflichem Zustand^ 
so daß wir rasch in die Höhe rttckten. 

Hier rief aaf einmal Menk Blatter: „Halt! Btill! 
Gemseni, luegit dert!^ und richtig sahen wir auf 



Alte und nette Pfade und Abenteuer in Goms, 93 

8teilem Lawinenzuge gegen die Lücke zwischen dem 
Gipfel des Wasenhoras und dem südlichen Gipfel 
3341 ™y zwei Gemsen in vollem Laufe bergauf jagen 
In der Lücke oben auf dem Grate verschwanden sie 
vermnthlich ist hier ein Wechsel nach dem Fiescher 
gletscher hinüber. Jäger mußten in der Nähe sein 
Denn vor uns friedlichen Wanderern wären die Thiere 
nicht so schnell flüchtig geworden, waren sie doch 
einen halben Kilometer von uns entfernt. 

In der Mitte des gegen' die Felswände der Lücke 
ansteigenden Fimhanges zeigte mir nun Guntren etwa 
2 — 3fK) Meter gegen Osten eine vom Gälmietigrai 
westlich vorstehende Felsrippe. Dort sei der Amethyst 
in einem Quarzband gefunden und ausgebeutet wor- 
den; in einer halben Stunde wären wir an Ort und 
Stelle gewesen. Ich verzichtete darauf, hinaufzu- 
steigen, da nichts mehr zu finden sein sollte und 
erst weitere Sprengungen vielleicht neue Funde er- 
hoffen ließen. Die Sonne brannte heiß auf den blen- 
denden Firn. Ich hatte schon eine Zeit lang bemerkt, 
daß Guntren leichenfahl aussehe und ganz violette 
Lippen habe; plötzlich fing er an, hin und her zu 
sehwanken, und fiel dann der Länge nach in den 
Schnee. Wir luden ihm sein Gepäck ab, rieben ihm 
die Btime mit Schnee und gössen ihm einen tüchtigen 
Schluck Cognac in den Mund. Nachdem wir ihn eine 
kleine halbe Stunde hatten ruhen lassen, erholte er 
sieb von seiner Uebelkeit, und wir brachen auf, um 
nach einer letzten steilen Fimwand, wo man bei 
aberem Gletscher Stufen hacken müßte, die letzten 
Schneemaiden am Fuß der Lücke zu erreichen. Um 



94 E. V. FeUenherg. 

11' 2 Uhr waren wir am Fuß der ganz glatt und 
meist senkrecht mauerartig aufstehenden Felswand^ 
welche die Lücke bildete. Das Wändchen mißt circa 
40—50 Meter Höhe und ist von einer Rinne durch- 
zogen, welche in stufenförmigen Absätzen eingesägt 
ist und zum Klettern guten Qriff gewährt. Ich schickte 
die Mannschaft mit dem Gepäck voraus und bald 
verkündete ein fröhlicher Jauchzer, daß sie die Höhe 
erreicht hatten. Blatter kam mit dem Seil zu mir 
zurück. Unterdessen hatte ich auf den schmalen Fels- 
absätzen Alles gesamm'elt, was hier oben als ganz 
isolirte Vegetationscolonie noch wuchs. Folgende Arten 
fanden sich nach der Bestimmung Professor Fischers : 
Gentiana bavarica L. (Hochalpenform) ; Saxifraga 
bryoides L. ; Chrysanthemum alpinum L. ; Erigeron 
uniflorus L. ; Cardamine alpina Willd. ; Silene acauiis L. ; 
Alsine Cherleri Fenzl; Saxifraga muscoides Koch, 
varietas integrifolia ; Cerastium latifolium L., var. 
glaciale; Veronica alpina L. ; Androsace helvetica Gald ; 
Alchemilla alpina L. und fissa? : Poa sp. ? — im Ganzen 
ein Dutzend Phanerogamen, meist blühend und viel- 
leicht noch andere wenig entwickelte Kräuter, die 
mir entgangen sind. Weder an den Gräten des 
Wasen- noch Vorder -Galmihoms, noch an der Nord- 
seite der Lücke war eine Spur von Vegetation 
sichtbar; nur hier am sonnigen, trockenen Süd- 
abhang der Gneißwand erfreute ein kaum noch in 
Biüthe entwickelter Flor in der öden Schneewttste 
als äußerster Vorposten organischen Lebens Herz 
und Auge. Daß diese kleine Oase in der Wüste 
auch ihren practischen Nutzen habe, bewiesen zahl* 



1 



Alte und neue Pfade und Abenteuer in Goms, 95 

reiche Fußspuren und Loosung von Gemsen, die hier 
duftige Weide finden und nach dem Fieschergletscher 
hinüber wechseln. Mit einiger Nachhülfe Blatters war 
ich bald durch die kaminartige Rinne den Andern nach- 
geklettert und stand um 12 Uhr auf der ßieliger- 
lücke, 3158™, wie wir den Paß getauft haben. 
Die Lücke selbst ist höchstens 6 — 8 Meter weit und 
1 — 2 Meter breit, gegen Ost steigt ein sehr zer- 
klüfteter lockerer Felsgrat schneelos zum Vorder- 
Galmihom empor ; der Grat gegen West zum Wasen- 
hom ist scharf, eisig und gwächtengekrönt. Beide 
Gräte sind gangbar, der gegen das Vorder-Galmihorn 
vielleicht schwieriger und der lockeren Felsen wegen 
gefährlicher. Der Ausblick nach Westen ist höchst über- 
raschend. Zu Füßen dehnt sich die schöne weiche Mulde 
des Studerfims aus, gegenüber erhebt sich das Finster- 
aar-Roikhom als steiler Felsenkegel, zu Füßen in- 
mitten großer FelstrOmmer das schwer erkennbare 
Rothloch, Jahre lang die einzige höchst willkommene 
Herberte für die Finsteraarhombesteiger. Wir über- 
sahen den Fiescherfim gegen die Grünhornlücke hinauf 
and nach Norden, jenseits des Galmifirns auf einem 
Felsvorsprung glänzt golden in der Sonne das neu 
erbaute Glubhüttchen am Oberaatjochf unser heutiges 
00 nahes Ziel. In höchstens zwei Stunden sind wir 
dort, meint Caspar, und da wir die Hauptarbeit ge- 
macht wähnen, übergeben wir uns schrankenlos dem 
momentanen geistigen und materiellen Genüsse und 
legen uns auf die trockenen Gneißplatten nieder, wo 
eine einzige GentianaschoUe über 20 Blüthen weist, und 
«fröhlich kreiste der Becher im kleinen Kreise herum !^ 



96 E. V. Fdlenberg, 

Unsere Sorglosigkeit sollte sich noch bitter genug 
strafen. Obgleich die Spnne noch hell und grell genug 
auf uns hernieder schien, hätten wir merken sollen, 
daß im Thal unten finstere Wolken sich angesammelt^ 
daß aus dem Bieliger- wie Fiescherthal der Nebel in 
Form gewaltiger Ballen sich thalaufwärts tiber die 
Gletscher rollte. Schon waren alle höheren Gipfel 
in Wolken gehUllt, das uns geradellber stehende, hoch 
alle überragende Finsteraarhom war uns unsichtbar; 
plötzlich verschwand auch der Felsen mit dem Ober- 
aarhttttli uns aus den Augen; wie eine glänzende 
Sirene hatte es uns gelockt, und da wir ihm nicht 
gleich gefolgt, httllte es sich wieder in Unsichtbarkeit. 
Plötzlich wurden wir aus unserer Gemttthlichkeit durch 
einen scharfen kalten Windstoß aufgescheucht. Nun 
blies Caspar zum Aufbruch. Bis wieder Alles in 
Ordnung und aufgepackt war, war's 3 Uhr. 

Wir banden uns an's Seil und begannen den 
Niederstieg. Die Eiswand, die von der Bieligerltlcke 
gegen den Studerfim abfiillt, hat oben eine Neigung 
von 45 — 50 ^, in trockenen Sommern mttßte hier 
stundenlang gehackt werden, heute erlaubt der tiefe 
Schnee, sicher einzustechen und in kurzen Zickzacks 
die jähe Wand hinunter zu steigen. Weiter unten 
macht uns der kolossale Bergschrund zu schaffen, 
dessen oberer Rand 3 — 4 Meter höher steht, als der 
untere. Zudem hing die obere Lippe so trügerisch 
Über, daß wir uns nicht an deren äußersten Rand wagon 
durften, aus Furcht, sie breche mit uns in den Schrund 
ab. Wir mußten weit gegen das Wasenhom zu 
traversiren, bis wir endlich eine schmale Stelle des 



Alte und neue Pfade und Abenteuer in Goms. 97 

BergBcbrunds entdeckten und eine genügende Schnee- 
brttcke zum Uebergang bentltzen konnten. Unter dem 
Bergschmnd nahm die Neigung der Firnwände ab 
und lustig trollten wir dem weiten Fimbecken des 
Studerfimes zu. Es war circa 4 Uhr, eine halbe Stunde 
mochten wir schon auf dem Studerfim in der Richtung 
Sud-Nord gewandelt sein, als plötzlich sich ein dicker 
ruhiger Nebel auf Thal und Höhen senkte und wir 
keine zwanzig Schritt mehr vor uns sahen. 

Caspar ging voran und gedankenlos trappten wir 
anderen nach. Wir marschirten in langweiligem Einerlei 
lautlos dahin und stiegen und stiegen immer, eine 
Stunde, 1 ^'s Stunden, und nichts vor und um uns als Nebel 
und wieder Nebel. „/ glaube^ Vater, mer sy lätz/* fing 
auf einmal hinten an der Colonne Menk an. Wir standen 
still. j^WcLs weliisch wüssen, du tonders Stürmif*^ 
antwortete Caspar. — „/ glaub e, du haltisch z'viel 
rechts,*^ erwiderte ruhig der Junge. Caspar fing an 
zu fluchen, er wisse^ wo wir seien, da vor uns mttsse 
das Oberaarjoch sein. Plötzlich stehen wir vor einem 
ungeheuren Fimschrund, in welchen wir beinahe un- 
versehens hinein getappt wären. Da ich von großen 
FimschrOnden am Westfuß des Oberaarjoches nie 
etwas gemerkt hatte, wurde ich stutzig und hielt an. 
y^Caspary^ sagte ich, j^am Fuss des Oberaarjochs sind 
keine Schrunde, was hat's mit dem da für eine 
Bewandtnisse und was ist das für eine blaue Eis- 
wand und die colossale Gwächte darüber?^ fuhr ich 
fort, indem bei'm momentanen Dttnnerwerden des 
Nebels ttber uns eine dreiseitige Eisfläche sichtbar 
wurde, gekrönt mit mächtiger überragender Eiswand. 

7 



98 E, V. Fellenberg. 

Zwischen uns und der blauen Eiswand gähnten noch 
mehr Schrtlnde. „i^as muss d's Oheraarhom si// 
meinte Caspar, ^mer sy wahrschynlich am Oher- 
aarjoch vorby, mer wey rechts halte,^ Ich entgegnete^ 
von Oheraarhom könne da keine Rede sein, es sei 
felsig und von keiner blauen Eiswand mit überragender 
Gwächte gekrönt, zudem seien wir in einem Gewirr 
lieilloser Schrunde, aus denen wir vor der Nacht heraus 
zu kommen suchen müßten. — Meinetwegen halten 
wir rechts, — gab ich zu. Wir schritten dem großen 
Schrund parallel in der Richtung, aus der wir her- 
gekommen waren. Plötzlich senkte sich das Fim- 
feld und im Nebel wurde ein Felsen sichtbar, um 
denselben zu erreichen, mußten wir bedeutend nieder- 
steigen. Als wir an der glatten Felswand angelangt 
waren, sahen wir, daß da von Oberaarjoch keine 
Rede sein könne. Jenseits des Felsens fiel der Firn 
in eine tiefe Mulde ab; was tiefer lag, war verbolzen. 
Es fing an zu schneien, die Dämmerung fing an, ihre 
langen Schatten durch Nebel und Schneeriesel auf die 
endlosen Schneewellen zu werfen. „ Wir sind verirrt S**^ 
erklärte ich nun Caspar des Bestimmtesten, der in 
fieberhafter Aufregung mit offenem Hemd, schwitzend 
und fluchend betheuerte, er wisse gut, wo wir seien, das 
Oberaarjoch sei da, da oder da — ganz nah! — „und 
das Beste ist, wir suchen einen Felsen auf, um dort 
undnicht auf dem blanken Gletscher zu bivouakiren,*' 
Am letztgenannten Felsen konnten wir nicht bleiben, 
er bot als glatte Wand gar keinen Schutz, wir hätten 
uns in die vorliegende Schneewand eingraben müssen. 
Hingegen hatten wir im Heraufsteigen im Düster des 



Altf und neue Pfade und Abenteuer in Gonis. 99 

Nebels eine Zeit lang einen dunkeln Fleck am Horizont 
gesehen, Menk mit seinen Adlerangen hatte erkannt, 
daß es Flnh oder Guter sein müsse. So gingen wir 
unserer Spur nach zurück, wieder zum großen Schrund 
unter der Eiswand und dann quer über den Gletscher 
gegen den dunkeln Punkt, der uns eine Stunde vorher 
erschienen war. Deutlicher und deutlicher trat er 
ans dem Nebel heraus, schon sahen wir eine hohe 
Felswand in festen Umrissen, noch wenige Schritte 
nnd vor uns thttrmte sich ein Chaos über einander 
gestürzter Blöcke, welche gerade an der Stelle, an 
der wir den Felsen erreichten, eine Art Vorscherm 
bildeten. Hier ist gut sein, sagten wir (natürlich ver- 
hXltnißmäßig), und da bleiben wir. Also wurde ab- 
geladen und unser Bivouakplatz uAher untersucht. 
Drohend und unheimlich lagen die Blöcke, die sich 
von der hohen Felswand einmal abgelöst hatten, über 
einander geschichtet, besonders einer ragte zwischen 
andern eingeklemmt mit seiner langen Seite circa sechs 
Fuß weit heraus. Wir untersuchten vorsichtig jeden 
Stein, rissen kleine lockere heraus, verebneten ein 
bischen den Platz, scharrten den Schnee aus einzelnen 
Löchern und fingen an, ein Feuerchen anzuzünden aus 
unserem mitgebrachten Holz, das uns jetzt unschätzbar 
schien. 

Es war ganz Nacht geworden. Um 7 Uhr hatten 
wir den Felsen erreicht. Noch war s nicht sehr kalt. 
Um die Scenerie freundlicher zu gestalten, wurde die 
Laterne angezündet und an einem in einen Felsspalt 
eingesteckten Pickelstock aufgehängt. So verbreiteten 
die Laterne und unser Feuerchen freundlichen Licht- 



tOO E, V. Fellenberg, 

schein. Zum Kochen hatten wir kein GeBchirr, als 
nur ein zur blechernen Schnapsflasche eines weiland 
intemirten Znaven gehöriges blechernes Becherlein. 
In diesem Blechbecher wurde nun der Reihe nach 
etwas Rothwein mit Zucker Über dem Feuer warm 
gemacht, dann kam Fleischextract an die Reihe, 
Kätherli's kalte Polenta dazu sollte das Brod ersetzen. 
So wurde ein Becher nach dem andern warm gemacht, 
bis wir alle etwas Warmes genossen hatten. In 
meinem Täschchen hatte ich noch ein zweites Hemd, 
welches ttber das Flanellhemd angezogen wurde, 
zwei Paar Strümpfe ttber einander schtttzten gut vor 
Kälte, während die Bergschuhe am Feuer trockneten. 
Endlich hatte ich noch eine gestrickte wollene Leib- 
jacke und den Sommerttberzieher angezogen , so 
daß ich vorläußg nicht von Kälte litt. Menken gab 
ich ein Paar Sommerhosen, die ich in meiner Tasche 
hatte, um über seine nassen, etwas defecten Inex- 
pressibles anzuziehen. Auch Caspar und Clemens 
richteten sich für die Nacht ein, Nastttcher um 
den Kopf gebunden, Ueberstrümpfe an's Feuer zum 
Trocknen, Seil und Tornister als Unterlage, noch ein 
Pfeifchen geschmaucht, so wurde es 9 Uhr Abends. 
Ich hatte unter einem drohend hervorragenden Felsstttck 
mir einen ziemlich ebenen Raum herrichten können, 
wo ich mich ausstrecken konnte. Hätte jedoch der 
obere Block sich um einige Centimeter gesenkt, wäre 
ich zu Brei zerdrückt worden. Caspar und Clemens 
kauerten am Feuer nieder, Menk suchte sich in einer 
Felsenspalte etwas gegen den Wind zu schützen. 
Gegen, 10 Uhr Nachts ßng's an,- kalt zu wehen, dann 



Alte imd neue Pfade und Abenteuer in Garns. 101 

wieder zu Bchneien, zneret nur als feiner Riesel, 
später in krystallinischen Flocken. Ich hatte noch 
ein Nachthemd in meinem Täschchen, das nahm ich 
Hber den Kopf gehüllt, wie die Kopfhttlle der Frauen 
im Orient, zum Schutz gegen den Schneegnx in's 
Gesicht. So litten wir uns bis gegen Mittemacht, 
die Ekäite nahm zu, unser Feuer glimmte nur noch 
in der Asche; da befahl ich, unser schönes Guttanner 
Räf aus Buchenholz zu zerschlagen und mit zu feuern. 
Das half dem Feuer wieder bis gegen 2 Uhr Morgens 
auf, dann schlugen wir unser Butili (WeinfUßchen), 
dessen Inhalt als Glühwein schon vertilgt war, auch 
in Stücke, so daß wir doch bis zum Morgengrauen 
einen Hauch des belebenden Elementes verspürten. 
Von Schlaf war später keine Rede mehr, der Sturm 
nahm von Stunde zu Stunde an Intensität zu, immer 
dichter wurde der Schnee, horizontal vom rasenden 
West fortgetrieben; wir waren eingeschneit wie in 
Grönland. Endlich wurde es Tag und wir hofften 
doch einmal auf eine momentane Aufheiterung, um 
endlich auszuforschen, wo wir eigentlich steckten. 
Unser Feuerplatz war zollhoch mit Schnee bedeckt, 
#ir selbst schnatterten wie die Gänse vor Kälte, lange 
Eiszapfen hingen über der Feuerstelle von der Decke 
herab, woran sich das niedergeschlagene Dampfwasser 
in Eis umgewandelt hatte. Immerzu raste der Schnee- 
sturm, keine zehn Schritt sah man vor sich hinaus. 
Caspar Blatter war vor Aerger krank und ßeberte^ 
Cl. Guntren ruhiger, jedoch sehr kleinlaut, nur Menk 
war noch voll guten Muthes. Wir zwangen uns, etwas 
zu essen, dann schüttelten wir den Schnee von den 



102 E. V. Fellenherg. 

Kleidern und liefen weiter am Felsen hin, um ein 
gegen den rasenden Sturm etwas geschützteres Plätzchen 
zu ßnden. Gegen 9 Uhr Morgens sah es einen Moment 
aus, als wolle sich das Wetter aufklären. Caspar 
wollte nun allein auf Recognoscirung gehen, ich wider- 
setzte mich, wir alle oder keiner; denn bei dem 
Sturm wären seine Spuren bald verweht gewesen und 
er hätte riskirt, uns auch noch zu verlieren. So 
banden wir uns wieder an's Seil und wandten uns in 
tiefem frischem Schnee quer über den Gletscher gegen 
die Gegend^ wo Caspar noch immer das Oberaarjoch hin- 
zaubern wollte. Vergeblich Bemühen ! Wir kamen wieder 
an dieselben Schrunde w^ie gestern. Eine Schwalbe saß 
ganz matt und halb verfroren im Schnee, wir hätten 
sie mit der Hand ergreifen können. ^^Ja ja,^ sagte 
Blatter, „du bist verloren und wir auch /'^ Ich 
befahl, das unnütze im Nebel Herumstolpem verur- 
theilend, zurück zu marschiren nach unserem Bivouak- 
platz. Dort angelangt, erklärte ich, jeder weitere 
Versuch, bei dem Nebel und Sturm den Ausweg aus 
dem Sack, in dem wir steckten, zu suchen, sei eitel 
Unsinn. Sollten wir eine zweite Nacht hier zubringen 
müssen ohne Feuer und ohne Warmes kochen zu 
können, so müßten wir uns wenigstens so viel als 
möglich vor dem Erfrieren schützen. Wir fingen nun 
an, etwas oberhalb unserer Bivouakstelle einen Raum 
Schuttes umzugraben, um trockenen Boden zu erhalten ; 
dann trugen wir, um uns zu erwärmen, Steine herbei 
und fingen an, gegen die Windseite eine Mauer auf- 
zuführen, hinter welcher wir, wenn es hätte sein 
müssen, auf einander gekauert und halb in den Boden 



Alte und neue Pfade und Abenteuer in Gonis, 103 

eingegraben die zweite Nacht zuzubringen versnobt 
hätten. Es war Mittag vorüber, aber Niemand mochte 
essen ; eine dttstere Stimmung hatte sich meiner Leute 
bemächtigt. Da schien das Schneegestöber durch- 
sichtiger zu werden, wie Lichtblicke im Nebel er- 
glänzten einzelne Stellen der allgemeinen grauen Wand. 
Da bat Caspar, rechts von den Felsen Ausschau halten 
zu dtlrfen. Ich erlaubte es ihm unter dqr Bedingung, 
daß er nicht vom Fuß der Felsen sich entfernen 
dörfe. 

Er war keine Viertelstunde fort, als hie und da 
der Nebel zerriß, einzelne Schneefelder und Hönier 
kamen zum Vorschein und als um 2 Uhr plötzlich 
der Nebel von unserm Gletscher wich, erkannte ich 
an der Hand des Blattes Obergestelen, wo wir waren. 
AVir saßen hoch oben auf dem Galmifim am Südfuss 
des Oberaar-Rothharns, uns gegenüber lag die gestern 
gesehene blaue Eiswand, es war die Nordfläche des 
Vorder-Galmihoms. Nun that es sich auch unten auf 
dem Fieschergletscher auf und da sahen wir Finsteraar- 
Uoihhorn^ Rothloch und bald auch die Wannehömer, 
Caspar, der, als ich beim ersten Aufheitern durch 
Bück auf die Karte sogleich erklärt hatte, wo wir 
seien, noch immer auf seiner Idee bestand, das Ober- 
aarjoch liege im Hintergrund des Gletschers, an dem 
wir bivouakirt, gab sich nun besiegt und nachdem ich 
befohlen, alles aufzupacken, steuerten wir, uns in der 
Höhe haltend, gegen Westen und bald, als wir den 
äußersten, südwestlichen Ausläufer des Oheraar-Roth- 
horns passirt hatten, glänzte wie gestern um diese 
Zeit das gelbe HUttli am Oberaarjoch sirenenhaft in'a 



104 E, V. Feüenberg, 

GletBcherland hinaus. Nun stürmten wir in wolil- 
begreiflichem Jubel durch fußtiefen frischen Schnee 
dem Clubisten-EIdorado zu, das uns um 3 Uhr Nach- 
mittags, genau 24 Stunden, nachdem wir es zuletzt 
von der Bieligerlücke erblickt hatten, in seinen 
gastlichen Raum aufnahm. 

Wie ein Feenpalast kam uns das zierliche Club- 
zimmerchen auf dem Oberaarjoch vor. Hell, freundlich^ 
sauber, mit allem Comfort ausgerüstet, mit Stühlen^ 
Tisch, Bänke, Kochofen, Theemaschine, vollständiger 
batterie de cuisine für 6 Mann, Handtuch, Säge, etc., 
endlich, last but not least, einer Pritsche voll 
saubersten duftigsten Bergheus. Kein Wunder, daß 
wir es uns den Rest des Tages recht gründlich wohl 
sein ließen. Da ich noch Kaffeepulver und Tapioca- 
conserven genug hatte, zudem Käse, Brod und ge- 
troknetes Fleisch übrig war, lebten wir herrlich und 
in Freuden, kochten Kaffee und Suppe nach Herzens- 
lust und trockneten in der behaglichen Wärme des 
Zimmerchens unsere nassen Kleider. Der Abend war 
ganz klar und am Platz des Schneesturms trat bittere 
Kälte ein. Großartig ist der Blick von der wie ein 
Adlerhorst auf hohem Felsen, 150 Meter hoch über 
dem Studerfirn thronenden Hütte, welche auf der 
Südseite sich an eine senkrechte Felswand lehnt, an 
welche sie noch durch Eisenstangen befestigt werden 
soll. *) Prächtig nimmt sich dasFinsteraarhom in seinem 
scharfen Ostprofile aus, davor der zuckerstockförmige 



Ist, wie mir Herr Grimselwirth A. Nägeli letzthin 
mittheilte, seither ausgeführt worden. 



Alte und neue Pfade und Abenteuer in Goms. 105 

Kegel des Finster aar-Roihhoms; links streckten die 
Wannehömer ihren langen Gipfelgrat in den klaren 
Abendhimmel hinaas, leicht geröthet von der untergehen- 
den Sonne. Das scharfkantige Wasenhom und der 
Eselsrttcken des Vorder-Galmihorns schlössen dieses 
Gletscherbild ernster Natur ab. Im Hintergrund trat 
bescheiden das weit hinunter eingeschneite E^sch- 
hom hervor. ^Was denken sie wohl dort, wo wir 
stecken^? dachte ich fortwährend bei mir, da wir 
ja schon gestern im Eggischhom erwartet wurden. 
^Wenn sie gescheidt sind, so schicken sie Jemand zum 
Joch über dem Märjelensee, um zu sehen, ob Licht 
in der Oberaarhtttte scheint; sehen sie heute Abend 
unser Licht in der Hütte, so können sie denken, wir 
seien geborgen.^ Noch war kein Verlaß auf das 
Wetter, finstere Wolken stiegen wieder von Süden 
über Italien und den Alpen von Binnen herauf. Um 
9 Uhr legten wir uns nieder. Etwas nach Mitter- 
nacht wurde ich durch Stöße aufgeweckt, wie wenn 
Jemand unter unserer Pritsche säße und mit dem 
Rücken dieselbe heben wollte. Diese Stöße machten 
das ganze Gebäude erzittern. Wie brüllender Donner 
toste der Windsturm an unser Obdach und das Ge- 
bäude ächzte und krachte, daß uns angst und bange 
wurde, wir könnten sammt der Hütte weggetragen 
werden. Wie wäre es uns nun diese Nacht auf dem 
Oalmi ergangen? Der Sturm unserer Bivonaknacht 
war ein Kinderspiel gegen diesen Orkan. Gegen 
Morgen gab der Sturm etwas nach und als wir um 
6 Uhr die Thttre unseres Asyls aufthaten, schneite 
and stürmte es fort wie im Winter. Von Grünhorn- 



-106 E. V. Fellenberg. 

Iticke-Eggischliorn kann keine Rede mehr sein, ich würde 
mich bedankt haben, stundenlang in zwei Fuß tiefem 
frischem Schnee zu waten: daher zu Thal über das 
zahme Oberaarjoch so schnell wie möglich! war die 
Losung. 

Um 7 Uhr verließen wir unser lieb gewordenes 
Htittchen voller Dankbarkeit gegen unsem S. A. C, 
der solche Asyle aufbaut, nicht nur um allen mög- 
lichen Bergfexen die Befriedigung ihrer Kletterlust 
zu ermöglichen, sondern um verirrten Wanderern und 
ernsten Forschern in der Wildniß Asyl, ja vielleicht 
Lebensrettung, zu bieten. Wir stellten alles in 
Ordnung her, ich constatirte den Bestand der Aus- 
rüstung, schrieb mich in's Buch ein und schloß cUe 
Thttre mit dem festen Vorsatz: Auf Wiedersehen! 
Musterhtittli ! — 

In dickem Schneesturm und Nebel stiegen wir 
zum Joch empor und da wir eine scharfe G wachte 
für den Kamm hielten, wären wir beinahe wieder irre 
gegangen und wieder gegen den Studerfim abgestiegen, 
als plötzlich Menk rief: € Vater ^ mer sy umhi latz!* 
und richtig thronte die OlubhUtte links über unsern 
Köpfen! Nun stellte ich mich an die Spitze der 
Oolonne und that 0. Blatter, der an den Augen leidet, 
an den Schwanz, nahm meinen Compaß zur Hand und 
steuerte gerade Ost. So erreichten wir in einer 
Viertelstunde das Joch und stiegen auf den Oberaar- 
gletscher hinab, wo wir uns beim besten Willen nicht 
mehr verirren konnten. Weiter unten, in der Höhe 
des Thierbergs, traten wir aus dem Nebel und Schnee- 
gux heraus und es fing säuberlich an zu regnen. 



Alte und neue Pftide tmd Ahente%Ler in Gotns, 107 

An den Abhängen des hinteren Zinkenstocks sahen 
wir fünf Gemsen friedlich sich anf einer kleinen 
Schneeplötsche tummeln. Es war in C. Blatters 
Wildschutzrevier und er erklärte, es seien gegen- 
wärtig in den Gebirgen der Oberaar wieder Rudel 
von 15 — 20 Stück bei einander. 

Um 11 Uhr waren wir bei der verlassenen Hütte an 
der Oberaar. Wir hielten hier Mittagsrast und ver- 
zehrten den Rest des Proviants, stiegen dann, um 
möglichst rasch wieder in's Rhonethal zu einem Tele- 
graphenbttreau zu gelangen, hinter der Oberaarhtttte 
gegen den Truhtensee empor, südlich von diesem hin- 
auf zum Sattel westlich des kleinen Sidelhoms bei 
2651 °> und hinab über die Grimaelwänge, merk- 
würdige weitausgedehnte Rundhöckerbildungen, zum 
Orimselsträßchen liinab. Wir kamen wieder an unserm 
früheren Quartier Altstaffel vorbei, die Sennen waren 
jedoch anderswohin gezogen. Um 7 Uhr waren wir 
glücklich, wohl und munter zurück in Ulrichen, von 
wo ich sogleich nach dem Eggischhom unsere glück- 
liche Rückkunft in's Thal telegraphirte. Nicht den 
geringsten Schnupfen hatte uns dieses Sturmbivouak 
eingebracht, was wohl dem zuzuschreiben ist, daß 
vnr uns in der Clubhütte gehörig durchwärmen und 
trocknen konnten. Wie ich später erfuhr, hatte Nie- 
mand daran gedacht, vom Eggischhom aus nachzusehen, 
ob am Abend des 15. in der Oberaar Licht zu sehen 
sei, was durch die dunkle Nacht ganz gut möglich 
sein muß, da das Fenster der Clubhütte gegen Süden 
sieht. Als wir am 14. Abends nicht einrückten, war 
man der Meinung, wir seien bei dem schlechten Wetter 



108 E. V. FeUenberg, 

gar nicht fort. Es kam aber durch Kutscher von 
Biel ans Nachricht, wir seien den 13. aufgebrochen 
und als man am 15. Abends noch immer nichts von 
uns wusste, wollte Herr Kathrein schon Leute in der 
Nacht ausschicken, uns aufzusuchen, als mein Tele- 
gramm männiglich Beruhigung brachte, nicht am 
wenigsten meiner lieben Frau, die, obgleich meinet- 
wegen sonst sehr ruhig, doch anfing sich zu ängstigen. 



8. Topographlsehes. 

Das Resultat dieser Tour war in touristischer 
Beziehung von nicht unbedeutendem Werth. Bekannt- 
lich ist der Aufstieg von Fiesch nach dem Oberaar- 
joch längs des beinahe ungangbaren Fieschergletschere 
nicht nur äußerst mtthsam, sondern beim Aemmerbach, 
der fallenden Steine wegen, sehr oft gefährlich. Auf 
die gefährliche Passage am Aemmerbach folgt die 
scheußlich zerschrundete Partie des obern Fiescher- 
glet Sehers, wo man in gewissen Jahren auch beinahe 
nicht durchkommt. Dies Alles vermeidet man, wenn 
man die Bieligerlücke Überschreitet, um vom Gomser- 
thal nach dem Oberaarjoch zu gelangen. Wer eine 
Stunde früher aufbricht als wir, z. B. im Hochsommer, 
wird von Münster aus die Tour beginnen, wo ein 
treffliches Hotel ist. Will man die Tour abkürzen, 
so kann man Abends bis zum Bieligerstaffel gehen und 
dort übernachten, so erspart man von Münster aus 
mindestens 2 Stunden. Zudem ist das obere Bieliger- 
tbal sehr schön und pittoresk, der Aufstieg zur Lücke 
eine allerliebste Kletterei ohne alle Schwierigkeit, der 



Alte und neue Pfade und Abenteuer in Goms. 109 

Blick auf die Firnreviere des Fieschergletschers im- 
posant. Die ganze Tour bis zum Oberaarjoch wird von 
Biel 8 — 9, von Münster aus 10 — 11 Stunden erfordern. 

Durch die treflFliche Karte Nr. 490 (Obergestelen) 
von Herrn Ingenieur Frdl. Becker ist erst Klar- 
heit in die Nomenclatur dieser Gegend gekommen. 
Jetzt erst stehen die verschiedenen Galmihömer 
am rechten Ort. Bei der Zeichnung der Bieliger- 
IHcke habe ich bloß zu bemerken^ daß auf der Karte 
der Gletscher auf der Bieliger Seite bis zur Lücke 
hinauf gezogen erscheint, während eine mindestens 
40 — 50" hohe Felswand sich schroff, mauerartig, 
ohne Unterbrechung vom Wasenhom zum Vorder- 
Galmiham hinüber zieht. Was die Nomenclatur dieser 
Partie anbetrifft, so ist wünschenswerth , daß die 
verschiedenen Roihhörver in jener Gegend von ein- 
ander unterschieden werden; deßhalb nenne ich das 
Rothhorn am Südostfuss des Finsteraarhorns , an 
dessen Fuß das Rothloch liegt: Finateraar- Rothhorn, 
3549 ™, dasjenige Rothhorn zwischen Oberaarjoch und 
Hinter 'Galmihom: Oh er aar 'Rothhorn, 3458". In- 
teressant ist der Name der Ros^enhömer zwischen 
Oheraar-Rothhom und Löffelhorn. Wir haben es hier 
offenbar mit einer Wurzel zu thun, die mit dem Aus- 
druck Ross für Pferd absolut nichts gemein hat. Es 
ist dieselbe Wurzel wie in Rosenhorn, Schneerose etc., 
offenbar mit Runse zusammenhängend. 

Herr Becker gibt eine andere Erklärung (siehe 
unten). Derselbe schreibt mir auf Anfrage wegen einiger 
oben angeführter Namen (z. B. Gälmiengrat, dem Fund> 
ort der Amethyste) Folgendes: 



110 E. V. FeUenberg, 

„Der Name Bieligerlücke. scheint mir auch gan? 
passend. Den Namen Wallithal habe ich weggelassen^ 
das Thal selbst hat zwei Namen, die linke Thalseite 
mit der Alp heißt: Bieligerthal, die rechtsseitige 
Alp Selkingerthal, der Bach : Wallihach. Der Name 
Gälmiengrat ist offenbar identisch mit Galmigrat^ 
Was Galmi und Gälmien heißt, ist mir unklar^ 
jedenfalls steckt das Wort Galerie Galm, Galmgrat 
dahinter, Gälmien oder Gälmje = schmaler Grat^ 
wie alpien aus alpje, sewien aus seewje; Seeli 
(Pluralis). 

Ein directer üebergang vom Galmißm in*s Bächi- 
thal ist jedenfalls möglich und könnte man jene Lücke 
zwischen Vorder- und Hinter-Galmihorn: Galmilücke 
oder Bächilücke nennen; Schwierigkeiten könnten 
einzig auf der Westseite wegen sehr steiler Gletscher- 
wand sich bieten. Den üebergang Galmifim' Münster- 
gletscher haben Sie selber unfreiwillig recognoscirt (?). 
Bei gutem Wetter dürfte derselbe ohne welche Schwierig- 
keiten zu bewerkstelligen sein. Leicht ist der üeber- 
gang vom Münsfergletscher in's Bächiihal entweder 
direct südlich von Punkt 3247 °» oder nordwestlich 
von Punkt 3091" (Firrenhorn). Wir haben dort einmal 
zwei Wilderer zu einem offenbar nicht beabsichtigten 
Abstieg veranlaßt. Auf den Münstergletscher selbst 
ist zu gelangen von Süderi über das Firrenhom 
gegen Punkt 28W^ oder dann über das Platt und 
den Rossen (Rossen -= viereckige Löcher, in denen 
sich Wasser sammelt, ähnlich wie in den Riedem und 
Torfmooren), üebergänge vom Münstergletscher auf 
den Oberaargletscher gibt es mehrere: bei Punkt 



Alte und neue Pfade tmd Abenteuer in Goms. llt 

2931 » (Thalschyen), zwischen 3113 ™ und 3183", bei 
3108" und links (westlich; 3154"», ob man aber bei 
den zwei letzteren direct auf den oberen Theil des 
Oberaargletschers hinunter steigen kann, bezweifle 
ich, der starken Schrttnde wegen; man müßte um den 
Punkt 2790*° herum schwenken und käme dann bei 
den letzten rechtsseitigen Felsen des Oberaargletschers 
auf dessen Mitte; damit wäre aber der eigentliche 
Zweck eines solchen Uebergangs mit Endziel Ober- 
cuirjoch verfehlt und wäre ein üebergang südlich 
Rothhom (bei 3305 ■*) rathsamer. Uebrigens könnte 
nian diese Lücke als am Ende des Galmißrns : Galmi- 
lücke und die vorher besprochene bei 3402 " : Bächi- 
lücke nennen. Den Namen Löffeltätsch kann mau 
nieinetwegen aufnehmen. Solcher Tatsche, aller- 
dings nicht immer in Verbindung mit einem Löffel 
oder einem andern Eßinstrument, gibt es allerdings 
viele, es sind gewöhnlich Lugplätze der Jäger und 
mit Vorliehe auf der Sonnenseite (stimmt!), wo man 
auch angenehm etwa einschlafen kann. Hangend 
Gletschei* statt Hangend Firn: meinetwegen, rich- 
tiger wäre vielleicht Oletscher. Mit den Namen habe 
ich in diesem Oebiete meine liebe Noth gehabt und 
ist gerade in solchen Oebieten ein ungemein uner- 
bauliches Frage- und Antwortspiel, bei dem der Ant- 
wortende immer mit dem Fragenden wechselt.^ 

^Daß Sie den Beweis geleistet, daß die Bteliger- 
lücke der richtigere Weg nach dem Oberaarjoch ist, 
als über den Fiescherfim, freut mich sehr; allerdings 
entgeht einem der Anblick des wilden oder wildesten 
Fieschergletschers. Das Oebiet der Oalmihörner ist 



112 E. i'. FeUenberg. 

überhaupt wertb, mehr besucht za werden, als es 
bis dahin geschah, und wäre das hauptsächlich eine 
lohnende Aufgabe für das Excursionsfeld des S. A. C,^ 
So weit Hr. Becker. 

So viel mir bekannt, ist keines der Galmihörner^ 
noch das prächtig-stolze Wasenhorn bestiegen; Gäl- 
miengrat, Firrenhom, 3280", und Kastlerhom, 
2844™, dürften wohl schon von Jägern und Hirten 
bestiegen worden sein. Ich schließe mich der von 
Herrn Ingenieur Becker vorgeschlagenen Nomenclatur 
vollständig an und fasse sie folgendermaßen zusammen : 

1) Lücke zwischen Wasenhorn und Vorder- 
Galmihorn: Bieligerlüche, 3158™. 

2) Lücke zwischen Vorder- und Hinter- Galmi- 
horn. (Uebergang vom Galmifirn ins Bächithal) : Bächi-- 
lücke. 3402«. 

3) Lücke zwischen Hinter-Galmihom und Ober- 
aar-Rothhom (Uebergang vom Galmifirn auf den 
Münstergletscher) : Galmilücke. 3205 ". 

4) Ferner ist noch ein von Mrs. F. T. und E. P. 
Wethered den 22. August 1879 *) gemachter Ueber- 
gang zu erwähnen, südlich vom Oberaarjoch und 
nördlich vom Oberaar-Rothhorn bei der Quote 3325", 
vom Oberaargletscher nach dem Studerfim und 
Rothloch, welches ^Kasienjoch^ genannt wurde. Der 
Name rührt von einem alten Panorama im Eggisch- 
homhotel her, wo das Oberaar-Rothhorn fälschlich 
Kastenhom heißt. Da aber das Kastenhom ganz 
anderswo liegt, nämlich südlich zwischen Bächi- und 



Siehe Alpine Journal Vol. IX, pag. 368. 



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114 E. V. FeUenberg, 

Münsterthalf so fällt der Name Kastenjoch dahin,, 
and ich schlage vor, diesen Paß Rothhomjoch oder 
noch besser Oberaar-Rothjach, «um Unterschied vom 
gegenüber liegenden Rothhomsattel (zwischen Finster- 
aar-Rothbom und Finsteraarhom) und dem Roththal- 
sattel an der Jungfrau zu nennen. 

5) Der Uebergang vom Münsterglelscher an den 
Rossenhömem vorbei (bei 3108"*) direct vom Münster- 
gletscher auf den Oheraargletscher : Rossenjoch. 

6) Der Uebergang aus dem BächUhal in's Bieliger- 
thal bei 3143™, südlich vom Vorder - Galmihom : 
Gälmiengraty und die südlich davon gelegenen 
Spitzen 3241™ und 3233™: Gälmienhömer ^ und 
endlich : 

7) der Uebergang vom Bächigletscher nach dem 
Münstergletscher, südlich des Hinter-Galmihorns 
(3482™), zwischen letzterem und dem Firrenhom 
(3280™) bei 3247™, Firrenlücke oder Firrengrat. 



4. Geologische Noticen. 

Es bleibt mir zum Schluß noch übrig, einige 
Worte über die geologischen Verhältnisse der Gomser- 
alpen beizufügen, welche der Hauptzweck und die 
nächste Veranlassung zu den erfolgreichen Begehungen 
des letzten Jahres waren. Wie schon erwähnt, habe 
ich eine bisher nicht bekannte Zone von Granit (Gneiß- 
granit, Protogin) constatiren können, welche südlich 
des Wannehoms am Fieschergletscher anhebt und sich 
in einer großem Mächtigkeit von höchstens einem 
Kilometer durch den Hintergrund der Thäler von 



Alte und neue Pfade und Abenteuer in Qoms. 115 

Bieligen, B»chi, Münster, Trützi, Oberthal, Ktththal 
bis ZQ den Sidelbörnern und dem Orimselpaß erstreckt, 
wo dieselbe Granitzone zn einem wenige Meter breiten 
Oange verschmXlert erscheint. Als Hanptformation 
der Gomseralpen erscheint sttdlich der Granitzone 
der Gneiß der südlichen Zone des Finsteraarhom- 
Centralmassivs. Es sind diese Gkieiße in Aussehen 
and Znsammensetzung wesentlich verschieden von den 
Gneißen der nördlichen Zone, z. B. den Gneißen der 
Jnngfran, des Mettenberges, Schreckhoms oder des 
Trogbei^. Die Gneiße der südlichen Zone sind 
entweder wie am Nollen bei'm Grimselspital sehr 
grobflasrige Protogingneiße und Augengneiße mit 
sehnppigem grauem Glimmer, großen Feldspathkry- 
stallen und linsenförmigen Quarzkömem oder eigent- 
liche Augengneiße mit großen eingewachsenen Feld- 
spathkrystalien, welche bis zolllang werden und por- 
phyrartig in einem silberglänzenden, manchmal glimmer- 
schieferartigen Gneiß, meist aber in einem blättrigen 
sericitischen Schiefer oder Gneiß eingewachsen sind. 
Diese prachtvollen sericitischen und glimmerigen Augen- 
gneiße treten am schönsten im mittleren und unteren 
Theile der Thäler von Trtttzi, Oberthal und Ktihthal, 
sowie auch oberhalb Obergestelen auf. Wunderschöne 
Ablüidenuigen finden sich in den Mauern an der 
PoBtstraße bei Ubichen, Münster und Biel. Durch 
diese mJtchtigen Zonen von Augengneiß nun ziehen 
sich sehr regelmäßige Zonen eines zerreiblichen, 
weiß-silbergrauen, glänzenden Sericitschiefers, der 
durch Aufnahme von Quarz- und Feldspathkömem 
Serieitgneifl wird. Diese Zone hebt auf der Höhe 



116 E. V. FeUenberg. AUe und neue Pfade etc. 

des Grimselpasses an, ist nachzuweisen ob «den 
Zeichen* an der Grimselstraße, oberhalb der oberen 
Sennhütte im Ktththal; am Eingang des Trützithales, 
unter dem Eggischhomhotel, dann weiter unten ob 
Mund, ob Baltschieder u. s. w. Durch das ganze 
sttdliche Gneißmassiv durch sind mehrere dieser 
Sericitgneiß-Einlagerungen zu constatiren. Es sind 
mindestens zwei, eine obere und eine untere. Endlich 
bleibt noch eine Einlagerung von Homhlendefels zu 
erwähnen an der Furkastraße zwischen Gletsch und 
Oberwald und eine interessante schmale Zone von 
Kalkstein und Dolomit im Thalgrund bei Obergestelen 
und Ulrichen. Sie bildet die Fortsetzung der Kalk- 
schiefer an der Furkastraße auf der Höhe und bis 
Realp und Andermatt. 



n. 

Freie Fahrten. 



Der Grand Combin, 4317 ".i) 

Von 

Th. Borel (Section St. Gallen). 



„Der Große Combin", sagt G. Studer in den 1859 
erschienenen Berg- und Gletscherfahrten in den Hoch- 
alpen der Schweiz, „ist ungeachtet seiner bedeutenden 
Höhe von den Touristen lange Zeit unbeachtet ge- 
blieben, hauptsächlich wohl aus dem Grunde, weil er 
schweizerischer Seits, seiner zurückgeschobenen Lage 
wegen, aus der Tiefe der Thäler fast nirgends oder 
doch nur in sehr verktlmmerter und unkenntlicher 
^lestalt erblickt werden kann. Es sind nur einige 
Stellen im Hintergrunde des Bagnesthales, wo man 
seines östlichen Gipfelabfalles ansichtig wird. Um 
ihn in seiner ganzen Schönheit bewundern zu können, 
ist es nöthig, Standpunkte in weiter Feme oder auf 
hohen Bergspitzen zu suchen, von wo aus gesehen 
sein silbergeki'öntes Haupt den weißen Scheiteln seines 
Hofstaates zu entragen vermag. Auf der blauen Wiege 
des Leman, von den fruchtbaren Hügeln der Waadt, 

Sämtliche Höhenzahlen nach Blatt 530 (Grand Combin) 
des top. Atlas, 1 : 50,000. 



120 Th. Borel 

von den Gipfeln des Jura von der D51e bis zum 
Chasseral, von den Zinnen des Mol^son, der Dent de 
Brenleire, des Ochsens und Stockhoms und von den 
hohen Kämmen der Gebirgskette, die das Thal der 
Rhone gegen Norden abschließt, erscheint dem For- 
schenden sein lichtes Bild am blauen Horizont. Unter 
den leicht zugänglichen, nahen Standpunkten sind es 
fast nur die unmittelbaren Uitigebungen des Großen 
St. Bernhard, wo man, freilich schon in verkürztem 
Profil, seine Riesengestalt neben dem Mont-Velan empor- 
tauchen sieht; aber so wilden trotzigen Aussehens, 
daß sie wenig zu näherer Bekanntschaft einladet. 

Dagegen blickt der Combin frei und kühn hinüber 
nach den piemontesischen Alpen und Bergen und 
hinab in das schöne und fruchtbare Thalbecken von 
Aosta. Die Bewohner dieser alten Römerstadt haben 
ihn täglich vor Augen; sie lieben aber mehr ihre 
sorgfältig gepflegten Weinberge und Maisfelder, ihre 
üppigen Wiesen und Weiden, als die unwirthlichen 
Gipfel von Eis und Schnee, und es mag von dort aua 
kaum je ein Versuch gemacht worden sein, diesen 
Gebirgsriesen zu bezwingen.'* 

Die Gebirgsgruppe des Grand Combin erhebt sich 
im Hintergrunde des. Thaies von Corbassi^re, eines^ 
vergletscherten Seitenthaies des Yal de Bagnes, auf 
der Grenze von Piemont und der Schweiz. In diesem 
schmalen Bergthale, das auf hoher Berglehne gegen- 
über den Hütten von Granges-Neuves in das Hauptthal 
ausmündet, befinden sich nur die zwei Alpen von 
Corbassiöre und S6ry, beide an Berghängen zur Seite 
des Gletschers gelegen. Les Herbes de Panossi^re, 



Der Ch'and Combin, 121 

welche noch als letzte Schafweiden benatzt werden^ 
bestehen ans einem schmalen Streifen mageren Alp- 
bodens, längs der Moraine des Gletschers bis znm 
Punkte 2713 an der rechten Thalseite, und gehören 
zur Alp Corbassiere. Es ist ein raohes und wildes 
Hochthal, das sich da hinzieht wohl an 5 Stunden 
lang, zwischen den zwei Gebirgsketten, die, vom 
Combin ausgehend, die Thäler von Bagnes und Entre- 
mont scheiden. Der Thalgrund ist vollständig vom 
Gletscher ausgeflillt und an den Abhängen zu beiden 
Seiten ist außer den erwähnten zwei Alpen kein grüner 
Fleck zu sehen; entweder Schutt- und Felsmassen 
oder kleinere Seitengletscher, die nach dem Haupt- 
becken abfallen. Die linke Seite zeigt einige pracht- 
volle Gletscherstürze, wie der Glacier des FoUats 
und des Avolions; hängende Eismassen, furchtbar 
wild und zerrissen sich zu Thale senkend. 

Der Corbassi^regletscher hat einen Flächeninhalt 
von 24,30 km' ; an seinem Ende geht er als schmale 
Eiszunge zu Thal, nimmt aber aufwärts eine immer 
größere Ausdehnung an und mag bei Punkt 3653 
nahezu die Breite von 4 km. haben. In diesem weiten 
Gletscherrevier ist der Grand Combin der Schlußstein 
und der Herrscher ohne Rival. Von ihm aus geht 
an der rechten Thalseite der Gebirgszug, welcher das 
Bagnesthal nach Westen begrenzt und bei Fionney 
seinen Abschluß findet. Erwähneuswerthe Punkte 
sind hier außer der Tour de Boussine nur der 
Toumelon-Blanc und der Grand Tav^. Der andere, 
westliche Ausläufer des Combin beginnt mit den 
Felsenzacken der Maisons Blanches, verzweigt sich 



122 7%, Borel, 

aber bald in zwei verschiedene Arme : der eine bildet 
die rechte Seite des Val d'Entremont und schließt 
den kurzem, aber characteristisch geformten Zweig 
in sich, welcher den Gletscher einrahmt und den 
Combin de Corbassi^re 3722, les Follats 3130 1), les 
Avolions und den Bec de 86rey 2867 als Gipfel- 
erhebungen aufweist. Der Kleine Ck)mbin 3671 steht 
ganz isolirt als schwarzer Felsenkegel in dem unbe- 
nannten Gletscherfelde, das zwischen diesen beiden 
Bergketten eingebettet ist. Man wird seiner erst an- 
sichtig, wenn die obere Gletscherstufe bei Zahl 3291 
erreicht ist. Den Großen Combin dagegen gewahrt 
man schon von weiter unten her; aber auch erst auf 
der Höhe, oberhalb der Alp Corbassi^re, bei Punkt 2542, 
hat man den vollen Anblick seiner Nord- und West- 
seite, ein gewaltiges Massiv in blendend reinem Schnee- 
und Eisgewand. Nur an wenigen Stellen tritt der 
schwarze Fels zu Tage. 

Der Combin steht zwar nicht in dem Rufe eines 
Unglücksberges, dafUr hat er aber das Renomm^, seine 
Besucher meistens unhöflich zu empfangen. Selten 
sieht man ihn frei, im vollen Glänze seines Silber- 
kleides, gewöhnlich erst Abends bei Sonnenuntergang. 
Seine Nebelkappe ist bald so sprichwörtlich wie der 
Hut des Pilatus, und Stunn und Unwetter wüthen 
mehr um seine Gipfel, als daß Sonnenschein seine 
scharfen Eiskämme in duftigem Schimmer über die 
weite Umgebung glänzen läßt. 

Es ist eben Zufall, einen günstigen Tag zu treffen. 

») Auf Blatt 530 (Siegfriedatlas) ohne Namen. 



Der Grand Combin. 128 

Wir wollten es gat machen, blieben einen Tag länger 
als beabsichtigt in den Einöden der Gletscherwild- 
nisse and . hatten es dennoch ganz spottschlecht ge- 
troffen. Das kleine Hotel Gi^troz auf Mauvoisin hatte 
uns beinahe eine Woche lang als einzigen Tourist 
freundlich und gut beherbergt, und obschon bei dem 
einsamen Aufenthalte die Plage der Langeweile gewiß 
nicht die vornehmste war, so that es doch Noth, den 
Standort zu wechseln. Hatten wir es in Mauvoisin 
60 lange aasgehalten bei ganz geringer Witterang 
(nur eine Ersteigung der Raloette 3879 war uns in 
der Zwischenzeit vergönnt), so ließ sich an einem 
andern Orte auch wieder leben. Und im Nothfalle 
konnten wir immerhin wieder nach unserm Ausgangs- 
punkte zurückkommen oder weiter dem Entremont- 
thale und dem Großen St. Bemard zuwandern. 

In Begleitung der beiden Führer Seraphin und 
Etienne Bessard von Chables traten wir Montag den 
21. August 1882 den Weg nach der neuen Clubhütte 
Panossiere an. Um von Mauvoisin dahin zu gelangen, 
muß der linksseitige Gebirgskamm des Bagnesthales 
überschritten werden. Der Uebergangspunkt, Co! de 
Plangolin % ist circa 2850 ". Hotel Gi^troz liegt auf 
1824"*. Zeitdauer des Marsches 3—3^2 Stunden. 

Wie lange wir da oben in den SteinwUsten de» 
(Jorbassi^regletschers logiren werden, hängt vom Zufall, 
d. h. vom Wetter ab. Wir sind nicht Willens, un- 
verrichteter Dinge abzuziehen; darum haben wir uns 
mit Proviant auf 3 Tage versehen und im Nothfalle 
ist das H5tel nicht außer Bereich. 



*) Blatt 530: Col des Otanes. D. Ked. 



124 Th. Bord, 

Wie wir mit Proviant, so haben sich die Führer 
noch rechtzeitig mit Tabak versorgt, nnten bei den 
Sennen der Alp Maz6riaz, welchen wir Sonntag Nach- 
mittags bei strömendem Regen einen gemeinschaftlicheD 
Besuch machten. Es war ein ganz eigenartiges Bild, 
das sich uns darbot da unten auf der Alp. In einem 
kleinen Lärchenwalde saßen ihrer zwölf Hirten und 
Sennen, alle mit großen Schaffell-Ueberwthfen ange- 
than, in den verschiedensten Stellungen einträchtig 
beisammen um ein hoch loderndes Feuer. Da es 
Sonntag war, hatten sie sich hier zusammengefunden 
aus den umliegenden Alpen, ganz junge Geißbuben 
und alte bärtige Sennen, und hielten einen Schmaus. 
Am Feuer wurden^*Ärtüfieln gebraten, ein einfaches 
Mahl fürwahr, nur mit BuÖ^^d Käse gewürzt; 
aber gleichwohl waren sie alle f^KWieh und heiter, 
schmauchten dazu ihre Pfeifen und erzäftjtt^ einander 
alte und neue Schmugglergeschichten. Di^ Regen 
fiel in Strömen, der Nebel zog dicht am BoSen ^^^ 
und der Wind strich pfeifend durch die '^^' 
Draußen auf der Alp hörte man einzelne Glocken Y^ 
Heerde, das Vieh trieb den UUtten zu und in di 
Ställe. Es war ein herbstlich Bild, recht sttirmiscL 
und kalt; aber trotz Regen, Nebel und Wind ließen J 
sich die Sennen nicht stören, bis die letzte Kartoffel ül 
verspeist war. Dann erst konnte Bessard seinen | 
Tauschhandel in Tabak machen; unterdessen aber 
hatten wir beinahe eine Stunde im Regen gestanden 
und ganz durchnäßt zogen wir drei dann beim Dunkel- 
werden wieder zum Hotel hinauf. 

Heute hatten wir nun die Kehrseite ; der Himmel 



Der Grand Comhin. 125 

war tief blau, wolkenlos, and die Sonne, die sich 
gestern den Tag über gar nie batte blicken lassen, 
sandte ihre Strahlen nur zu verschwenderisch auf den 
steilen Pfad herab. Der Weg bis hinauf zum lieber- 
gangspunkte ist ein sehr anstrengender. Es bedarf 
2^/3 Stunden eines unausgesetzten starken Steigens 
über jähe Rasenhänge, dann Schutthalden und zuletzt 
etwas leichter über den kleinen Gletscher an der Fels- 
mauer „Les Otanes^ vorbei, bis die Höhe erreicht 
ist. Die Aussicht ist beschränkt und zeigt nur gegen 
Osten einige frappante Punkte, wie den Mont Pleureur, 
die Ruinette und den Montblanc de Seiion. 

Der Uebergangspunkt wird Col de Plangolin ge- 
nannt, etwas weiter unten vermittelt der Col des 
Pauvres den Verkehr zwischen Bonatchesse und der 
Alp Corbassi^re. Es ist ein öfters begangener, nicht 
sehr beschwerlicher Alpweg zwischen Les Otanes und 
dem Bec de Corbassi^re. Auf diesem Pfade soll vor 
Jahren ein armer Mensch, welcher im Sommer den 
Alpen nachzog, um sich seine Nahrung zu erbetteln, 
verunglückt sein, daher der Name „die Bettlerlücke^. 
Es ist im Wallis vielfach Brauch und Sitte, daß ärmere 
Gemeinden ihre unterstützungsbedürftigen Mitbürger 
zum Bettel im Lande herumschicken , anstatt sie in 
Armenhäusern zu versorgen, und es kommt nicht selten 
vor, daß einzelne dieser Leute bis in die höchsten 
Alpen hinauf gehen. Einem Exemplar eines solchen 
Alpenbettlers begegneten wir an dem Tage, da wir 
nach der Alp La Liaz gegangen waren, unten in der 
' Gi6troz8chlucht. Als wir um die große Felsenecke 
^ bogen, stand ein Mensch vor uns, den die Bessard 

♦ 



126 Th. Boret 

nicht als ihren Landsmann anerkennen wollten und 
fttr einen Italiener aus Valpelline oder Ollomont hielten. 
Es war ein halb verwildertes Subjeet, nicht ganz 
Cretin, aber doch ein Idiot. Seine Sprache war ein 
Grunzen einzelner beinahe unverständlicher Worte, und 
nur mit vieler Mtlhe gelang es uns, zu erfahren, 
daß er von Chamoson im Rhonethale sei und eben 
auch wie Andere von Alp zu Alp wandere, wie das 
von jeher Recht und Brauch sei. In seiner Hütte 
waren erbettelte Vorräthe und Ueberreste von Brod, 
Käse und Zieger recht sorgsam in abgetragene 
Strümpfe und schmutzige Fußlappen eingewickelt. 
Sein Verlangen war nach Kautabak, und als ihm nicht 
willfahrt wurde, trollte er sich, trotz Verabreichung 
eines Sttlck Kleingeldes recht mißvergntlgt, weiter 
gegen Chermontane, das sein nächstes Ziel war. 

Von der Höhe des Col de Plangolin ist es eine 
halbe Stunde hinunter nach der Schafweide von 
Pannossi^re, die der neuen Clubhtitte den Namen 
gegeben • hat. Am äußern Ende dieser magern Weide, 
die in einem schmalen Streifen steinigen Bodens sich 
längs der Moräne hinzieht, ist die Htttte in Felsen 
eingemauert, erst sichtbar, wenn man ganz in deren 
Nähe die großen Steinblöcke, die den Eingang zu 
versperren scheinen, überschritten hat. Wie zu er- 
warten war, fanden wir sie unbesetzt. Erinnern wir 
uns recht, so sind wir nach den Aussagen Bessard's 
der zweite Gast in dieser höchst seltsamen Wohnung. 
Der Bau ist noch nicht ganz fertig; es fehlen die 
Fenster im ersten und zweiten Stock: darum mlissen 
wir bei hellem Tage mit brennendem Lichte und ge- 



Der Grand Comhin. 127 

schlosfienexn Laden uns zurecht finden. Trotz der 
mangelhaften Beleuchtung sind wir bald eingerichtet 
and nach einem kurzen Nachtessen schon um 7 Uhr 
im zweiten Stockwerke auf dem Heulager. Wir ge- 
denken, am Morgen bald nach 3 Uhr, beim ersten 
Schimmer des Tages, aufzubrechen. Gegen 2 Uhr 
aber Regen und es regnet noch um 7 Uhr, damit 
ist die Partie ftlr einmal außer Frage; es handelt 
sich jetzt nur dainmi, wie den Tag verbringen. 
Bessard weiß aber Bescheid. Zuerst errichten wir 
die große Signalstange, die an Ort und Ställe bereit 
lag; das beschäftigt uns während zwei Stunden. Dann 
schicken wir uns an, nach Corbassi^re hinunter zu 
gehen; es fehlt an Milch fUr den folgenden Tag, 
denn bei unseren Vorräthen spielt Chocolade eine 
Hauptrolle. 

Der Tag hat sich unterdessen zu einem glanzvollen 
gestaltet; der Regen hat aufgehört und der dichte 
Nebel, der wie eine schwere Wolkenmasse auf dem 
Gletschen lag, ist verschwunden. Gegen 11 Uhr gehen 
wir von der Htttte weg, auf die große Seitenmoräne, 
die wir verfolgen wollen bis zu den ersten Alphtitten. 
Wir sind im Begriffe, weiter zu gehen, werfen noch 
einen Blick nach dem obem Theile des Gletschers 
und bleiben plötzlich wie festgebannt stehen. Es hat 
A;h in dieser Eisregion etwas zugetragen, das uns 
im ersten Moment ganz unerklärlich ist. Auf der 
obersten Abstufung des weiten Fimfeldes, am Fuße 
des Großen Combin, zeigen sich deutliche Fußspuren 
bis hinunter zum Combin de Corbassiöre. Das war 
gestern nicht, dessen sind wir sicher, und heute kann 



128 Th, Bor eh 

es auch nicht geschehen sein, denn kein Mensch kann 
sich an frühem Morgen bei Nebel und Regenwetter 
Ober den Gletscher gewagt haben. Wir strengen 
Augen und Ohren an, rufen und erhalten keine Ant- 
wort. Leute aber müssen hier gegangen sein, das ist 
ganz unzweifelhaft. Lange Zeit stehen wir rathlos 
da, tauschen unsere Vermuthungen aus, bis sich das 
Räthsel auf die einfachste Weise erklärt. Aus der 
Vertiefung des Gletschers tauchen drei Gestalten auf, 
die quer zu uuserm Standpunkte hinübersteuem. Es 
ist ein juhger Engländer mit Zermatter Führern, die, 
so viel wir in Erfahrung bringen konnten, den Oombin 
vom Entremontthale her ersteigen wollten. Von den 
Chalets d'Amont im Valsorey, wo sie über Nacht ge- 
blieben, um 7 Uhr aufgebrochen, gehen sie jetzt weiter 
nach Mauvoisin. Damit war das Räthsel gelöst. Jede 
andere Voraussetzung lag außer dem Bereiche der 
Möglichkeit. Das war die erste Begegnung an diesem 
Tage ; eine zweite, etwas weniger überraschend, wurde 
uns auf der Alp Oorbassi^re. Die Sennen waren ab- 

■ 

gezogen und hatten ihr Lager unten bei Fionney 
aufgeschlagen. Dadurch wurden wir genöthigt, auch 
so weit abzusteigen. Es war ein langer Weg, drei 
Stunden abwärts und vier hinauf; im Ganzen sieben 
Stunden, um etwa zwei Maß Milch. Unterwegs, nach- 
dem wir Alp Corbassi^re passirt hatten, begegneteih 
wir vier Männern. Es waren zwei Führer und zwei 
Touristen, und ihr Ziel offenbar die neue Clubhütte. 
Wie sie näher kamen, erkannten die Bessard ihren 
Bruder Justin und Bemard Troillet, einen alten Gems- 
jäger von Chables. Die Touristen waren Franzosen, 



H,r PM ,. I1„IUr, 



■ C.Bd.XlX 



Der Chrand Combin. 129 

echte Pariser, junge kräftige Leute. Die Begegnung 
war etwas förmlich; die Herren schienen noch nicht 
lange der Atmosphäre der Weltstadt entronnen zu 
sein, denn hier auf hoher Alp fand ganz salonmäOig 
eine Vorstellung statt. Eine recht höfliche Verbeu- 
gung, gegenseitiger Austausch der Namen, Hutab- 
ziehen und Weitergehen; damit war die Begegnung 
fllr einmal zu Ende. Keine Frage nach woher und 
wohin; wir hätten die Leute gerne irgendwo anders 
gewünscht, denn Abends, als wir zur Hütte zurück- 
kamen, blieb ihr Benehmen dasselbe: sehr reservirt 
und förmlich, wo nicht gar steif. Hätten wir nicht 
durch die Führer erfahren, daß ihr Ziel ebenfalls der 
Gombin war, es wäre nicht über die gewöhnlichen 
Höflichkeitsgespräche gekommen. 

Auch heute gingen wir früh, schon gegen 7 Uhr, 
zur Ruhe. Das Wetter versprach, schön zu werden, 
und es galt, am Morgen zeitig aufzubrechen. Beide 
Partien machen den gleichen Weg; Abstieg über Coi 
des Maisons Blanches 3426 ^ nach Bourg St.-Pierre. 

Morgens um 3 Uhr sind wir auf und um halb 
4 Uhr zum Abmärsche bereit. Es ist aber noch zu 
dunkel, zu früh, um den Gletscher zu betreten. Wir 
müssen das erste Morgengrauen abwarten und unter- 
dessen stehen wir an die Mauer der Hütte gelehnt 
and rauchen schnell noch eine Cigarre. Den Tag 
über wird sich für dieses Vergnügen wohl kaum mehr 
Zeit finden. 

Fünf Minuten vor 4 Uhr wird die Wanderung an- 
getreten. Die Herren Franzosen wollen gleich von 
Anfang an, wie es ihnen als Söhnen der großen 

9 



130 Th. Barel 

Nation gebührt, ihre Ueberlegenheit zeigen , nicht nur 
in Worten, Bondem auch in der That; denn kanm 
ertönt das Conunandowort zum Abmärsche, so sind 
auch beide schon in drei, vier Sprüngen oben auf der 
Moraine und jenseits verschwunden. Die Führer haben 
Eile, nachzukommen, und bis wir den Gletscher be- 
treten, ist im Halbdunkel von unsem Vorgängern 
nichts mehr zu sehen. Wir hören nur das Knistern 
des Eises und das Klirren der Eisbeile. Daraus 
können wir entnehmen, welche Richtung sie ein- 
geschlagen. Hie und da taucht eine dunkle Gestalt 
links vor uns auf der Oberfläche des Gletschers auf, 
die aber im nächsten Augenblicke wieder verschwindet. 
Wir sehen, die Leute suchen die erste Terrasse des 
Gletschers direct zu gewinnen, um dann erst auf dem 
obem Plateau nach rechts auf die linke Seite hinüber- 
zukommen. Wir dagegen steueni quer Über den 
Gletscher gegen den Fuß des Combin de Oorbassi^re. 
Das Ueberschreiten des Eisfeldes erfordert genau 40 
Minuten. Es ist 4 Uhr 35 Minuten und unterdessen 
völlig Tag geworden, bis wir unsere Richtung ändern 
und anstatt westlich jetzt genau südlich gehen. 
Unsere Reisegefährten haben inzwischen einen Vor- 
sprung, vielleicht stark einen Kilometer, gewonnen. 
Von da an bis gegen 6 Uhr sind wir gegenseitig 
außer Sicht. Dann sehen wir, daß die Distanz 
zwischen uns sich merklich verringert hat; die Herren 
sind kaum noch fünf Minuten vor uns. Unausgesetzt 
marschiren beide Partien weiter; es sind keine 
schwierigen Stellen zu überwinden, hie und da eine 
größere Spalte oder ein kleiner Bergschrund zu um- 



Der Grand Comhin. 131 

gehen, sonst ist in der obern Hälfte nur glatter Firn 
bis zur letzten, dritten Terrasse, dem großen Gletscher- 
felde am Westfnße des Grand Combin gegen die Maisons 
Blanches und der Abzweigung des Glacier de Boveyre, 
die damit zusammenhängt. Von Corbassi^re angerechnet 
sind es drei große Abstuftingen, die der Gletscher, durch 
die Bodenverhältnisse bedingt, bildet. Sie liegen 
teiraBsenförmig über einander und zwischen hinein sind 
weite ebene Fimfelder eingebettet. Die Höhendifferenz 
von der Glubhtttte bis zum obersten Plateau ist circa 
600™. Dies läßt sich ziemlich genau ausrechnen, 
obschon die Lage der Hütte noch auf keiner Karte 
bestimmt ist. Das oberste Plateau hat nach der 
neuen Ausgabe des Topographischen Atlas die H5he 
von 3291™ und die Clubhtttte ist etwas unterhalb 
Zahl 2713™ zu suchen, in dem Felsenabsturze des 
Grand Tav^, ganz in der Nähe des kleinen Gletscher- 
seeleins, welches auch auf den neuen Siegfiried-Karten, 
wie schon auf unsem Excursions-Karten, unrichtiger- 
weise in den Gletscher hinein versetzt wird, während 
es zwischen Moraine und Felsen liegt. 

Bis 7^8 Uhr sind wir ohne ünterbmch marschirt 
und finden uns jetzt erst am Fuße des Berges. Die 
Riehtang wird nun zum dritten Male geändert; 
g^en Osten müssen wir uns wenden. Wir sind am 
Anfange des sog. Corridors, der sich stark aufwärts 
hinzieht, dem Abstürze des Berges entlang, neben der 
glatten abgeschliffenen Eiswand des eigentlichen 
Massivs. Dieser Corridor ist ein y\ icßruthengang, 
bei zweifelhafter Witterung nicht gerade der ein- 
ladendste. Von einem Ende zum andern, von Zahl 



132 Th. Bor ei. 

3600 Mb gegen 4080» ist der Weg mit EiebrUchen 
gepflastert. Man geht nicht mehr auf Firn, sondern 
während iVa Standen bis zur Schalter am Fnße des 
ersten Gipfels nur auf Trttnunem von Eisstfirzen. Es 
ist hier ein wahres Chaos von Eistrttmmem, herab- 
gefallen von der glatten Wand des Combin. Alle 
möglichen Schattimngen sind da vertreten; strecken- 
weit ist der Weg wie mit dem feinsten Gartenkies 
übersäet, dann kommen Stellen, die wie aufgerissenes 
Straßenpflaster aussehen. Blöcke und Nadeln in allen 
möglichen Formen und Dimensionen sind auf diesem 
^FrOmmerfelde vorhanden; manchmal muß man sogar 
einen Umweg machen. Das Begehen dieser Strecke 
ist recht mühsam und anstrengend, doch kommt man 
rasch in die Höhe. Bis zum großen Bergschrund 
unterhalb des obersten Plateau, bei 4080 o', das die 
Führer die „Schulter^ nennen, bedarf es 1 Vs Standen 
eines ununterbrochenen Marsches, dann noch eine 
starke halbe Stunde bis an den Fuß der Eiswand, 
die zur ersten Spitze hinaufführt. Unterwegs ist ein 
großer Bergschrund zu umgehen. 

Um 7 Va Uhr haben wir unsere Reisegesell- 
schaft verlassen; die Herren nahmen ihr Frühstück 
ein und blieben von da an zurück. Wir unserseits 
begnügten uns stehend mit einem Glase Wein, mit 
Kaffee vermischt, vertheilen unter uns dreien ein 
halbes Pfund getrocknete Zwetschgen, stecken Käse und 
Brod ein und gehen ohne Aufenthalt weiter und auch 
ohne auszuruhen der Eiswand zu. Es ist 9 Uhr 
.35 Minuten; werfen wir einen Blick rückwärts, so 
sehen wir uiibere Nachfolger tief unter uns, nur so 



Der Orcmd Combm, 188 

groß wie kleine schwarze Punkte, sich emsig aufwärts 
bew^en. 

Die Wand oder wie der französische Ausdruck 
lautet ;,la paroi du Combin^ ist eine glatte abge- 
schliffene Eiswand von circa 400 Fuß Höhe und einer 
Neigung von Ober hO^, Der untere Theil ist harter 
Firn, der obere blankes Eis. Wie gesagt, sie ist 
glatt und abgeschliffen wie Spiegelglas und nicht der 
kleinste Vorsprung fUr einen Handgriff an ihr zu 
entdecken. 

Wir machen uns sofort daran, sie zu erklimmen ; 
die Stufen, welche zu diesem Behufe geschlagen werden, 
sind ungefähr zwei Fuß von einander entfernt und 
mflssen tief in das Eis gehauen werden ; jede braucht 
16 bis 18 und 20 Streiche; es ist dies nothwendig 
des Abstiegs wegen. Bessard hat hier eine harte 
Arbeit vor sich, aber ununterbrochen, ohne auch nur 
einen Moment auszuruhen, arbeitet er während einer 
Stunde unverdrossen fort. Dann gönnt er sich einige 
Minuten Ruhe und eine Stärkung und nimmt dann 
seine Arbeit wieder auf. Im Verlauf dieser Stunde 
sind wir, wie Schwalben an einer Mauer hängend, 
verhältnißmäßig rasch in gerader Linie aufwärts auf 
ungefähr drei Viertel der Höhe der Wand gekommen. 
Dann geht's etwas langsamer vorwärts; das Eis 
wird ganz hart und das Stufenhauen nimmt viel 
mehr Zeit in Anspruch, als vorher. Als wir uns 
der obersten Abdachung bis auf eine kurze Strecke 
genähert, muß die Richtung geändert werden. Der 
Rand ist ttberhängend und bildet eine scharfe vor- 
springende Kante, welche um ein bis zwei Fuß ttber 



184 Th, Bord, 

die Wand hinausragt. Da es nicht wohl angeht, eine 
Art Tunnel oder einen Graben hindurch zu machen, so 
müssen wir etwas tiefer, da wo die Kante zusammen- 
gebrochen ist, unsem Ausweg suchen. 

Inzwischen sind unsere Reisegefährten herangerückt; 
sie waren stark um eine Stunde zurückgeblieben und 
haben jetzt nichts Anderes zu thun, als abzuwarten, 
bis wir an den letzten Stufen sind, um dann nach- 
zufolgen. Unterdessen beschäftigen sie sich mit einem 
zweiten Frühstücke, dieweil wir recht angestrengt 
arbeiten und seit 4 Uhr Morgens nichts mehr ge- 
nossen haben. Wie wir dann bis auf wenige Tritte 
uns der Kante genähert haben, rücken sie nach und 
schließen sich uns an. Auf solche Art sind Uoch- 
gebirgstouren leicht; doch der Ernst des Tages 
trat auch' an sie heran. — Wir haben die Kante 
überschritten und den obersten Theil des Berges be- 
treten , die schmale Schneescheide, welche zum Gipfel 
führt; es war 11 Uhr 25 Minuten. — Ein Westwind, 
rauh und kalt, der pfeift und heult, ein Schneesturm, 
der den Firn aufwirbelt und Eissplitter uns in's Ge- 
sicht jagt, ist unser Empfang. Nun müssen unsere 
Reisecollegen den Vortritt übelnehmen; unser Führer 
bedarf der Ruhe nach zwei Stunden angestrengter 
Arbeit. Es geht eine Viertelstunde, aber viel zu lang- 
sam; der eine der Herren ist wohl ängstlich. Rechts, 
hart dem Fuße nach ein klaffender Beigschrund, 
links bis auf zwei, drei Schritte der überhängende 
Schneegrat mit der Aussicht auf den 1000°» unter 
uns liegenden Glacier du Mont Durand : das wai* ihnen 
etwas ungewohnt. Nur einzehi. Schritt um Schritt, 



Der Grand Cambin. 135 

^eng'8 vorwärts; das paßte nnserm Bessard iiicbt. 
Wir treten wieder in erste Reihe und strengen uns 
an, möglichst rasch vorwärts zu kommen. In den 
Momenten, wo der Wind nachläßt, gehen wir im Lauf- 
sdiritte vor; kommt der Sturm wieder, so halten wir 
den ersten Anprall mit fest eingerammtem Eisbeile 
anf dem Boden knieend aus, um gleich darauf in 
raschem Laufe wieder eine Strecke vorzugehen. Dieses 
Manöver wiederholt sich beinahe regelmäßig von fUnf 
zu fttnf Minuten. Gregen zwölf Uhr passiren wir die 
erste niedrige Spitze, die als scharf zugespitzter 
Schneegipfel etwa zwanzig Fuß tlber uns aus dem 
Nebel auftaucht. Je weiter wir vorwärts gehen, desto 
stärker werden die Windstöße ; die letzte Strecke von 
zwölf Uhr an bis halb ein Uhr war ein Ringen gegen 
den Sturm. Abwechselnd auf den Knieen liegend, 
dann mit vorgebeugtem Oberkörper rasch vorwärts 
gehend gegen heftigen Wind und Wirbelstuno, Schnee- 
gestöber und Nebelwog^ ankämpfen, das war die Auf- 
gabe dieses letzten Ganges. Das eigene Wort verhallte 
lautlos in dem aufrtthrerischen Elemente. Man hörte 
sieh gegenseitig nicht und es gab Momente da man 
seinen Vordermann nur als Nebelbild vor sich sah. 
Unter diesen Umständen kam eine Art Zeichensprache 
zur Anwendung, in Ermanglung des Commando ein 
Oesfeienliren, das Bessard sehr ausdrucksvoll zur Gel- 
tung zu bringen wußte, wenn es sich um das Nieder- 
knieen handelte. Wären wir nicht so nahe am Ziele, 
es wäre Thorheit, sich so lange abmühen zu wollen. 
Aber wir sind so nahe, daß das Letzte gewagt wird« 
Wir betreten um 12 Ulir 32 Minuten die höchste 



136 Th. Boret 

Spitze, die sich uns eine halbe Stunde vorher in der 
Form einer Mondsichel, ktthn and scharf in der Luft 
gezeichnet, aus dem wogenden Elemente gezeigt hatte, 
mitten in einem Nebelsturm. Eine Flasche, umgekehrt 
im Schnee eingegraben, ist etwa sechs Fuß ttber unserm 
Standpunkte; das ist das Zeichen, daß wir am Ziele 
sind. Ringsumher Schneegestöber, scharfer Wind und 
schwere Gewitterwolken, die mit Blitzesschnelle an 
uns vorüberziehen. Wir sind mitten im Nebel und 
im Dunkeln, wie an einem finstem Wintertage. Ein 
Glas Wein macht die Runde, dieweil wir den Wahr- 
zeddel schreiben und Bessard kriechend die Flasche 
herunterholt. Wir warten nur ab, bis unsere Nach- 
folger herangerückt sind, um gleich abwärts zu gehen. 
Um zw(5lf Uhr 50 Minuten sind sie da, fünf Minuten 
später wird abmarschirt. Stehenden Fußes wie sie 
ankommen, werden sie auch zur Rückkehr gezwungen. 
Wir nehmen ihnen ihren Zeddel ab und drängen zum 
Abwärtsgehen. Die Herren möchten etwas ausruhen 
und würden auch vorziehen, in zweite Linie zu treten, 
aber diesmal hilft ihnen kein Widerstreben. Bis unter 
die Wand müssen sie vorangehen. Es hat sich beim 
Aufstiege ereignet, daß der Jüngere mitten in den 
Stufen von einer Anwandlung des Bergfiebers befallen 
wurde, und die Gesellschaft hatte einige mißliche 
Momente durchzumachen, bis der Mann wieder sattel- 
fest war. 

Um 12 Uhr 32 Minuten angekommen, sind wir 
um 12 Uhr 55 Minuten bereits wieder auf dem Rück- 
wege. Gesehen haben wir so viel ¥ne Nichts. Ließ 
der Sturm einen Augenblick nach, dann zeigten sich 



Der Grand Camhin. IST 

blitiäirtig einzelne Lichtatreifen , die minutenlange 
Brachstttcke der Aussicht grell und mit scharfen 
Schlagschatten beleuchteten. Die Mont-Blanc-Oruppe 
war mit tiefen, schweren Wolken behangen, die uns 
keinen Zweifel darüber ließen, daß Gewitter und Regen 
in kurzer Zeit uns ereilen werde. 

Bis unter die Wand machen wir den Weg in 
40 Minuten, 12 Uhr 55 Minuten bis 1 Uhr 35 Mi- 
nuten. Aufwärts haben wir dazu 2 Stunden und 
57 Minuten gebraucht. Beim Abstiege zählen wir 
die Stufen; es sind deren 191. — Ohne Aufenthalt 
gehen wir weiter; um 2 Uhr 15 Minuten nehmen wir 
unser Gepäck auf, welches Morgens halb 8 Uhr ab- 
gelegt wurde. Es enthält unsem sämtlichen Proriant, 
mit Ausnahme des Wenigen, das wir bei uns tragen, 
aber abgesehen vom Weine in der Zwischenzeit nicht 
angerührt haben. Seit halb 4 Uhr des Morgens sind 
wir nttchtern und doch fühlt keiner von uns das Be- 
dttrfniß des Essens. Das Gepäck wird aufgeschnallt 
und ohne Rast gehen wir weiter in der Richtung 
des Gol des Maisons Blanches. Im Sturmschritt eilen 
wir über den schwach ansteigenden Gletscher; es 
ist weniger die Zeit, welche dazu drängt, als das 
immer näher rttckende Unwetter. 

3 Uhr 5 Minuten , Höhe des Cols bei 3426 ». Die 
Aussicht gegen die Mont-Blanc-Gruppe und auf den 
Mont Velan ist überraschend und außergewöhnlich 
großartig von diesem Standpunkt aus. — 

Der Abstieg durch die steile Runse dauert eine 
Stunde und 5 Minuten. Um 4 Uhr 10 Minuten sind 
wir nahe den Chalets d'Amont (2192 1>0 im Valsorey 



188 Tlu Boret Der Gh-and Combin. 

bei einem klaren Bergwasser angelangt. Ungeachtet 
des Regens und Schneegestöbers, die sich inzwischen 
wieder eingestellt, lassen wir uns, nothdfliftig ge- 
schützt, hinter einem großen Felsblocke zum Mittags - 
mahle nieder. Der Proviant, welcher den Tag über 
unberührt blieb, wird vorgenommen. Das französische 
Sprichwort, daß der Appetit mit dem Essen kommt, 
findet hier seine richtige Befolgung. Alles, was wir 
bei uns haben: Wein, Kaffee, Eier, Brod and Käse, 
Salami, Schaffleisch, Butter und schließlich noch eine 
Büchse Sardinen, welche ganz zweckwidrig erst hier, 
anstatt auf der Spitze des Gombin, sich in unsern 
Taschen vorfindet, wandelt den Weg alles Vergäng- 
lichen. 

Um fünf Uhr, als unsere Nachfolger heranrücken, 
sind wir wieder reisefertig und immer wieder vob 
Nebel und Sturm begleitet ziehen wir eilenden 
Schrittes durch das Valsorey hinaus und treffen etwa« 
vor sieben Uhr im Hdtel du Dejeuner de Napoleon 
im Dorfe Bourg St-Pierre, Val d*Entremont, ein. 



Pointe de la Rosa Blanche. 

r3348 ".) ^ 

Von 

Dr. H. Christ (Section Basel). 

Wenn wir hier die Aufmerksamkeit unserer Chib- 
genossen auf diesen Gipfel lenken, so ist es lediglich 
deshalb, weil er mit leichter Erreichbarkeit eine Aus- 
sicht Terbindet, die in Bezug auf malerischen, ich 
möchte sagen poetischen Reiz geradezu unvergleichlich 
ist und darin die meisten, zum Theil weit hohem 
Gipfel der Walliser Kette übertrifft. Auch darum 
mag von der Rosa Blanche in diesem Jahrbuch wieder 
einmal die Rede sein, weil seit der kurzen Notiz von 
Weilenmann in den Sechsziger- Jahren (siehe Jahr- 
buch IV) ihrer kaum mehr in den Annalen des S. A. C. 
gedacht wurde und die Besteigung des schönen 
Beides den zum Jahresfest von 1874 in Sitten ver- 
sammelten Clubgenossen diverser Mißgeschicke halber 
nicht wohl gelang. 

unter der bewährten Führung der Herren 0. W, 
nod F. V. R. traf am Abend des 2. August 1883, 
bei herrlichem Wetter, eine muntere Schaar von 12 



140 Ä Christ 

Bergfahrern in den Mayens von Sion (1300" z\u 
gammen. Ersterem gebührt, so viel wir wissen, der 
Ruhm der ersten Besteigung des Berges von der 
Nendaz-Seit«. Die Gesellschaft zählte 5 Damen in 
ihrem Kranz und war von 2 Maulthieren begleitet; 
kein Wunder, daß nicht allzu früh aufgebrochen wurde, 
denn erst gegen 4 Uhr Abends gelang es, die Colonne 
in Marsch zu setzen, um so eiliger aber huschte 
die lange bunte Tirailleurkette der Fußgänger dem 
Bis de Vex entlang und dem Hintergrund des Nendaz- 
thals entgegen, indeß die Maulesel den holprigen 
Reitweg über Beuson einschlugen. Der Weg am Bis 
ist eine wahre Lust: es geht eben fort, dicht am 
Rande des kühlen, rasch uns entgegen fließenden 
Gletscherwassers; durch Wald und Wiesen zuerst, 
Ober welche das große Rhonethal und die Waadt- 
länder Alpen, vor allem auch der erhabene Haut de 
Gry, schon in tiefem Schatten, hereinschauen. Bald 
ist unter dem Dörflein Verrey die Ecke erreicht, 
wo man in's Nendazthal einbiegt. Gegenüber steigen 
die zahlreichen Terrassen von Nendaz mit gelben 
Roggenfeldern hoch empor; im Hintergrund glänzt 
der Mont de Sion in seinem Schneegewand herab, 
eine beschränkte, aber charactervolle Thallandschaft 
in den tiefen, energischen Farben der Südalpen. 

Leider ist's zum Botanisiren nicht Zeit; im Fluge 
nur bemerken wir, daß bis Verrey (1466 ") die süd- 
liche Thal Vegetation des Wallis mit Wermuth, Felsen- 
nelken und prächtigen Heckenrosen hinaufsteigt, um 
welche noch ein großer, dunkler Falter einzeln herum- 
schwebt. Doch nun umfängt uns dunkler Nadelwald ; 



Pointe de la Boaa Blanche. 141 

zugleich auch wird der Bis einigermaßen ^interessant^, 
indem er sich an der schroffen Wand auf Balken 
hinzieht, über welche es gilt, im Laufschritt hinttber 
zu turnen. Wären wir allein, so würden wir hier 
überlegen und zögern; doch unsere Qesellschaffc be- 
isteht vorwiegend aus Wallisem, und wir werden 
durch ihr gutes Beispiel im Fluge mit hinttber ge- 
rissen. Ein „schlimmer^ Bis ist es ohnehin nicht; 
nicht wie der Bis von Lens, der gräßlich an den 
Wänden des Rawyl hängt, oder wie der Himmel 
Btflrmende und Gott versuchende davi^se-Bis, auf dem 
jiuch der kaltblütigste Dentblanche-Besteiger verzagen 
«dürfte; auch nicht wie jener Bis ob Randa, in den 
mich einmal vor 27 Jahren ein Domherr (freilich 
-ein Walliser) hinein ritt, ohne auch nur zu ahnen, 
daß mir das Kopf und Magen afficiren könnte; und 
nicht einmal wie der tückische Bis, der vom Schallen- 
berg in's Saltinethal hinein geht und auf dem unser 
heutiger Carawanenchef, Freund 0. W., seine bota- 
nischen Excursionen ausführt. Quod licet Jovi, non 
licet bovi: was ein Walliser in den Bergen spielend 
leistet, das ist xlem Menschlein der Ebenen auf ewig 
verboten. 

£ben als wir in den Abstürzen uns tummelten, 
erscholl aus großer Höhe herab grüßendes Jauchzen 
jnehrerer Stimmen und Stimmchen, vom tiefen Baß 
bis zum feinsten Discant. Wir sehen die ganze 
Familie .0,, den schwarzen Papa an der Spitze, wie 
•Orgelpfeifen am Abhang stehen, die ein Abendspazier- 
gang von ihrem Majen aus hieher geführt und die 
.ans nun gute JKeise zurufen. Bald ist die Tumerei 



142 H. Christ 

ZU Ende, die Thalsohle von Nendaz gewonnen und 
ein kleiner Halt am klaren Bach vereinigt die frohe 
Bande. Ein Mädchen, das des Weges kommt, Über- 
läßt nns ein Körbchen frischer Heidelbeeren und 
dreht das empfangene Geldstück unschlüssig und 
verlegen in den Fingern herum: es findet vielleicht^ 
es sei zu wenig, vielleicht auch, es hätte gar nichts 
annehmen sollen. 

Von nun an dunkelt der Abend; eisige, köstliche 
Kühlung strömt aus dem begletscherten Thalgmnd 
herab; der Mont de Sion erglüht im letzten tief 
fenerfarbenen Lichtstrahl und blau und grau umfängt 
uns der Wald, den wir rüstig auf allen erdenkliehen 
Abkürzungen des Zickzack weges hinan eilen. Wir 
erreichen einen öden, mit Arvengruppen wechselnden 
Weidegrund, den der Bach in breiten Schlingen 
durchzieht. Wir folgen ihm nicht, sondern gewinnen 
sofort wieder ansteigend die obere Waldterrasse. Vom 
Dunkel heben sich noch dunklere, sehr stattliche 
Arvenmassen zwischen den hochragenden Lärchen ab. 
Fast wie Gespenster schimmern die hellen Gewänder 
durch die feierliche Nacht, welche ein strahlendes 
Sternenheer nicht zu lichten vermag; stille ziehen 
wir, wie Geister, in diese lautlose Geisterwelt hinein. 
Nichts ist erhabener als die Ruhe, welche Gott selbst 
durch den Untergang seiner Sonne allem Leben auf- 
erlegt; doppelt erhaben im Urwald der Alpen. 

Am Rande des hochalpinen Bassins von Gleu- 
son (2126"") halten wir endlich stille. Es ist schon 
9 Uhr; einsam, mit verschlossener Thür, steht der Käse- 
speicher da, in dem wir zu ruhen gedenken ; wir warten 



Pointe de la Eosa Blanche, 143 

auf den Hirten und fachen derweil ein Feuerlein an. 
Endlicherscheint derPätre, aber verschließt sich wortlos 
vorerst in die Tiefen seines Räseheiligthums, und erst 
nachdem er die Käse gezählt und die „Räsefische^ 
abgeschnitten, gibt er uns Bescheid. Mit warmem 
Abendtrunk oder Abendbrod ist es nichts, eine Feuer- 
. stelle gar nicht vorhanden; wir müssen froh sein, 
dem wohlig schmunzelnden Hirten die prächtigen von 
Sion herauf getragenen Kartoffeln, unser geträumtes 
leckeres Nachtmahl, ungekocht zu schenken und 
nach Grenuß einigen trockenen Proviants uns in's 
seltene Stroh des obem Bodens zurückzuziehen, wo 
alle Schrecken und Freuden alpiner Näehtigung übor 
uns ergehen. Wie schade! Unten im Gaden lagerte 
ein halbmannshoher Klotz von über 700 Pfund süßer 
Alpenbntter. Wie wird der Senn und der Zusenn 
and der Kühjunge morgen sich zu unsem edeln Early 
Roses daran laben, während wir in ritterlicher Ent- 
sagung unsem Hunger mit einigem salzigen Rauch- 
werk täuschen ! Doch genug der niedrigen, materiellen 
Regungen ! Denn nach kurzem Hindämmern auf harter 
Streu ertönt W.'s harmonischer Reveilleruf, ein noch 
nicht edirtes Opus des genialen Musikers, das er 
hoffentlich der Kunstwelt nicht lange mehr vorent- 
hält, dann aber dem S. A. C. feierlich auf dem Titel- 
blatt dedicirt. Im schwankenden Halbdunkel eines 
schönen Frühmorgens ziehen wir, stolpernd und watend 
durch Bäche und Torfmoor, hinan zum obersten Staffel 
der Alpe Gleuson, wo die Kühe weiden; wir ziehen 
der Rosa Blanche, aber auch — und in erster Linie — 
dem Frühstück entgegen. Nach einer starken Stunde 



144 H. Christ. 

fitehen wir mitten unter den kleinen, aber schmucken 
und feinen Rindern, und die Sennen, ans ihren niedem, 
ganz aus Steinen znsammengethürmten Hütten kriechend, 
melken uns nicht allzu rasch eine Kuh. Die oberste 
OleuBonhtitte liegt einsam, bei 2500 *>>, im baumlosen, 
geröllbedeckten Circus, und nur thalauswärts glänzt 
der Diableretsgletscher herein, der sich eben leuchtend 
gelb fUrbt von der aufgehenden Sonne. In den Felsen 
unterhalb der Hütten kleben eine Menge kleiner Büsche 
von Gletscherweiden, theils tief grün mit schneeweißer 
Blattuntenseite, theils in weiches Silbergrau gekleidet; 
die letzte, überaus graziöse höhere Vegetation, die wir 
bis zum spSten Abend erblicken. 

Jetzt schnüren wir die Schuhe fester, nehmen die 
Kleider zusammen, senden die Maulthiere thalwärts 
und steigen über die Felsenbänder aufwärts, um das 
Becken des Glacier du grand d6sert zu gewinnen. 
Lange kann es so nicht gehen; Weg haben wir 
keinen ; überaus streng durch senkrechte „chemin^es^, 
über steile Schneehänge geht es in einer Kletterei 
empor; der Eispickel von R. muß ein üebriges thnn: 
er schlägt nicht blos Stufen , sondern hißt auch die 
mindern Steiger , zu denen Schreiber dieses gehört, 
federleicht über ganze Absätze empor. Ganz plötz- 
lich stehen wir am Rande der weiten, ansteigenden 
Thalfläche, welche in völlig ununterbrochener Reinheit 
den Gletscher ausfüllt , in jeder Richtung mehrere Kilo- 
meter messend. Rechts fällt schwarz und zerklüftet 
der Montfort (3330"») zu dieser Fläche ab, links ein 
niedrigerer Grat; oben schwebt über dem sanften 
Fimsattel des Col de Cleuson (der von Nendaz nach 



Pointe de la Bosa Blanche, 145 

Bagnes führt) der tiefdunkle Alpenhimmel. Die Sonne 
hat uns erreicht; ein allgemeiner intensiver Glanz 
tritt an die Stelle der Leichenfarbe; es ist Zeit, die 
dankein Brillen, die Schleier, die Handschuhe anzu- 
ziehen. Zu 6 und 6 werden wir kunstgerecht und ge- 
wissenhaft an die Seile gebunden, die sich darch die 
bekannte rothe Schnur im Innern als patent docu- 
mentiren ; an einem balbgefrornen Gletscherteich vorbei 
wandern die zwei Sturmcolonnen mit löblicher Ge- 
lassenheit, doch wacker ausgreifend, aufwärts. Alle 
Spalten sind von tiefem Schnee sicher zugedeckt ; der 
Schnee selbst ist noch fest; der Gang, der unter 
andern Verhältnissen vielleicht anstrengend wäre, ist 
ein herrliches, unvergleichliches Wandern der himm- 
lischen Höhe, dem lichten Aether entgegen. Zuerst 
ist Alles stumm und nimmt die edeln Eindrücke dieser 
Natur andächtig auf; bald aber wecken die liebliche 
Sonne , die sich über uns in freiem Spiel herum - 
jagenden Gemsen — wir zählen deren nicht weniger 
als fünf — die Freude an einem solchen Tage nach 
langem schlimmem Wetter , die Munterkeit und die 
laute Lust, und mitten im starren Grand d^sert be- 
ginnt die jüngere Marschcolonne , nachdem sie die 
Stöcke in Pyramide gestellt, am Seil eine glaciale 
Ronde keck und verwegen über unbekannten Spalten 
und grausigen Tiefen zu tanzen. Wie wunderbar 
eben und sanft ist dieser Tanzplatz! Ich werfe, auf 
dem Firn liegend , kräftigen Schwungs eine leere 
Flasche über die ansteigende Ebene hin; sie fliegt 
und fliegt und entschwindet dem Auge, und ich „denke 
an nichts^. Da erschreckt mich plötzlich die Flasche, 

10 



146 B. Christ. 

die nach langer Bahn genau an die Ausgangsstelle 
znrUckläuft und gewaltsam mein volles Glas weit in 
den Schnee hinaas schmettert. 

Dicht oben am Gol, den wir nach zweistündiger 
Seiltour erreichen, ist auch der Tanzplatz der Gemsen ; 
wir sehen die tiefen Spuren; eine hat sich Über- 
schlagen im wilden Rennen, denn wir sehen die Löcher, 
welche die Hörnchen in die feste, trockene Fimschicht 
gebohrt. Der Gol (2916") eröffnet den Blick mit 
einem Mal nach Bagnes hinüber, wo die Wände fast 
senkrecht in die gänzlich verdeckte Thalschlucht ab- 
fahren und gegenüber schon die ganze Gombinkette 
majestätisch auftaucht, während im Rücken, über das 
Nendazthal, die Gletscher der Diablerets bereits in 
gleicher Höhe mit unserm Standpunkt sich ausdehnen. 
Nun erst erblicken wir die Rosa Blanche , wie sie 
links über dem Gol als ein dunkler Grat noch reich- 
lich 400 Meter rauh aufsteigt. Wir nehmen sie so- 
fort mit vereinten Kräften in Angi'iff, binden uns los 
vom hindernden Seil und klimmen über die losen, 
scharfkantigen Blöcke, aus welchen sie aufgethürmt 
scheint, empor. 

Stets haben mich diese Gipfel , welche gänzlich 
aus losen, bizarr und willkürlich über einander ge- 
bauten , oft fast schwebenden Steinfragmenten be- 
stehen , lebhaft interessirt; man fragt sich , wie und 
woher denn ein solches Haufwerk just auf der höch- 
sten Zinne der Alpen kann zusammengetragen sein. 
Die Frage löst sich allein durch die Verwitterung. 
Was heute als zertrümmerter Grat erscheint , war 
einst solides Gebirgsinneres , das der Zahn der Zeit, 



Pointe de la Bosa Blanche. 147 

> nämlich der Wechsel von Frost und Hitze, von 

Wasser und Sonnenstrahl, schließlich in einzelne Fels- 
stücke zerlegt hat. In einer kleinen Stunde lebhafter, 
in allen erdenklichen Stellungen ausgeführter Gym- 
nastik war die ganze Gesellschaft auf der Spitze, und 
unverholenes Entzücken spiegelte sich auf allen Mienen. 
Vor Allem kam mir die Schönheit der Aussicht zu 
tiefstem Bewußtsein. Es gibt ja Gipfelaussichten, die 
geradezu unendlich weit und groß sind , die einen 
guten Theil des Alpei^ogens und Tausende von 
Gipfeln umfassen. Solche Fernsichten sind aber deß- 
halb nicht zugleich auch schön im menschlich warmen 
Sinne des Wortes. Sie können bei alier Größe und 
Vollständigkeit recht einförmig, recht todt und düster 
sein , und es gibt Berge, wo man recht eigentlich nur 
den trockenen, wenn auch gewaltigen topographischen 
üeberblick erhält, wo die Farben, die Formen, die 
Gruppirung uns kalt lassen. Gerade in der unsäg- 
lich schönen Gruppirung einer wenn auch beschränk- 
tem Bergwelt beruht der Werth der Rosa Blanche. 
Vor Allem verdankt sie ihn dem Combin. Nicht als 
einzelnes Berghaupt, als ganzes, wohl gegliedertes Ge- 
birgsindividuum steht er da und zeigt seine gewal- 
tige östliche Langseite. Hoch über der Spalte von 
Bagnes, hinter einem felsigen Grate, läuft parallel 
mit der Thalrichtung der Corbassi^regletscher hin, 
stnndenlang, nach unten in eine graue Zunge aus- 
gehend, nach oben in die zahllosen silberhellen Fim- 
beeken am Fuß der Gipfel sich verzweigend. Und 
nun die Gipfel, die vom Boden in herrlichem Rhyth- 
mus ansteigen zu der dreifach gekrönten Graf- 



148 H Christ 

fenel're selbst! Diese Graffenelre ist der zierlichste 
all' der zahlreichen Walliser Viertausender: in den 
feinsten geschweiften Schönheitslinien spitzen sich 
sanft und allmälig seine obersten SchneerUcken zu 
den drei Gipfeln zu. Unter den Trabanten des großen 
Hauptberges zeichnet sich der Gombin de Gorbassi^re 
durch eine abgestutzte, vierkantig umrahmte Schnee- 
wand aus. So viel Relief, so herrliche Gliederung 
hat kein anderer Berg; all' die zahlreichen Schnee- 
berge im Osten des Gom1)|n : Mont Collon , Pigno 
d' Aroila, bis zum Monte Rosa hin sind schwerern, 
gröbern Aufbaus, haben mehr schreckhafte als ästhe- 
tisch anmuthende Formen. 

Neben dem Combin, den ganzen westlichen Hori- 
zont erftlUend, ragt die zweite hochbedeutende Ge- 
stalt dieses Bergchors auf: die Montblanckette. Genau 
wie der Combin zeigt auch sie das ganze Profil : alle 
die stolzen, dunkeln Nadeln anstrebend, anstürmend 
zum breiten gerundeten Gipfel, auf welchem deutlich 
der Schnee in ffederigen Wölkchen emporwirbelt. Auf 
den obersten Firnen des Gombin und des Alpen - 
monarchen glänzt jener ätherische, gelbe Schimmer, 
der nur die höchsten Alpengipfel auszeichnet. 

Zwischen dem Combin oder eigentlich dem an ihn 
sich schmiegenden Velan und dem Massiv des Mont- 
pleureur, auf dessen Grat wir schon stehen, ist eine 
tiefe, breite Scharte: die Berge, welche darin sich 
zeigen, sind niedrig und tief am Horizont, aber den- 
noch sucht sie das Auge mit jener mächtigen Sehn- 
sucht, die weit entfernte, aber einst durchwanderte 
Gebiete erwecken. Da stehen der Mont Emilius und 



Pointe de la Bosa Blanche. 149 

die spitzigen Cogner Alpen : Grivola und Gr. ParadiB, 
die wir 1861 durchstreiften, rechts davon, undeut- 
licher und doch unverkennbar, die Gruppe des Pelvoux 
and der Ifeije, jener edelsten Berggestalt des Südens, 
die uns 1880 auf dem Lautaret entzückte, und end- 
lich am Ende eines langen, dunkleren Grats ein im 
tiefsten Luftmeer leise schwebendes, dreikantiges Ge- 
bilde: der Monte Viso, an dessen Fuß wir in den 
lieben WaldenserthSlem geschwelgt, an dessen Schulter 
wir den Gol de la Croix gekreuzt, jener dunkelste, 
wildeste aller Alpengipfel, um den ewig die aus der 
Po-Ebene aufsteigenden Gewitter grollen. Heute aber, 
uns zu Ehren, hängt er klar und rein im dSmmemden 
Blau der mehr als einen Breitegrad betragenden Ferne. 
Sich verschiebend, einer über den andern seltsam 
hervordrängend, erheben sich zur Linken im Osten 
alle Gipfel der Walliser Alpen; im Rücken die edle 
Jnngfrangruppe und die in ihren Kammlücken bereits 
tief unter uns liegenden Bemer Alpen. Erstaunt sehen 
wir über die Scharte des Sanetsch ein Stück der 
Stockhomkette und darüber das blaue Band des Jura 
auftauchen. Am Fuß der Dent du Midi und des Gram- 
mont, tief unten, bezeichnet ein kleiner heller Spiegel 
einen Theil des Genfersees. 

Unmittelbar zu unsem Füßen nichts als Fimfelder 
and Gräte, abstürzende Felsen, überhängende Schnee- 
gwächten. 

Unsere Walliser Freunde — es war Freitag — 
begnügten sich auf dem Giffel mit einem „magern^ 
Frühstück frugalster Gonsistenz; wir thaten unserm 
letzten Bissen die Ehre an. Nach ausgiebiger Rast von 



150 fr. Chrüt 

10 Uhr bis nach 12 Uhr stiegen wir auf der SUd- 
kante abwärts. Wir sammelten von den schönen Ge- 
steinen des Gipfels, wo weißer Quarz und Albit in 
großen Massen dunkeln Ohlorits steckt ; am schönsten 
aber sind die Mengen von Magneteisencrystallen, die 
das Gestein durchsprengen, und die ,, Blitzperlen'', die 
uns Hr. W. mit kundigem Auge auffand: vom Blitz 
in runde Kugeln eingeschmolzene solche Krystalle. 
Denn diese Spitze ist, gleich dem nahen Montfort, ein 
electrisch-magnetisches Phänomen, das die Magnetnadel 
senkrecht anzieht und sich benimmt wie ein riesiger 
Magnet. Auch die zahllosen kleinen Flechten des 
Gipfels, worunter die hochgelbe Parmelia Wolfii, Mtill. 
aarg., sammelten wir, und wie wir einige Meter an 
der Südseite herabstiegen, so klebten in den Winkeln 
der Blöcke in voller BlUthe die rosenrothen Rasen 
der Androsace glacialis, im Verein mit der rauh- 
haarigen, gelben Potentilla frigida, der zierlichen tief- 
blauen Gentiana bavarica imbricata Schi, und dem 
trttbweißen Ranunculus glacialis v. velutinus. Wo der 
Grat im Gletscher endet, war ein mit Eis unter 
weichem Schnee bekleidetes Couloir zurückzulegen, 
gerade heikel genug, um die Partie, die «onst nach 
W's. Meinung allzu bequem gewesen wäre, etwas zu 
salzen. Einmal auf dem Firnjoch am Sttdfuß der Rosa 
Blanche, galt es nun, das hintere Val d'H6r6mence zu 
gewinnen. Wir konnten dies über den breiten Ecoulaies- 
Gletscher bewerkstelligen; aber die bergkundigen 
Freunde entschieden, den neuen, von Touristen noch 
nie begangenen, aber directen Weg über den zunächst 
gelegenen Glacier de Monrti einzuschlagen. Wäre das 



Pointe de la Bosa Blanche. 151 

Eis za Tage gelegen, so wäre dieser Gletscher wegen 
seiner starken Neigung schwer und bedenklich zu 
passiren; bei der heuer herrschenden Schneemasse 
fand die Abfahrt ganz unschwierig statt, nur daß wir 
tief in die weiche Masse einsanken und oft in's Gleiten 
geriethen. Der Firn am Fuß der mürben Wände der 
Rosa Blanche war freilich ganz dicht mit frisch ge- 
fallenen Steinen aller Größe bestreut, aber gnädig 
wurden wir von diesen Bomben bewahrt ; das Einzige, 
was sich neben uns in Bewegung setzte, war ein — 
Alpenhase, der in emsigem Flug über den Schnee 
abwärts eilte und kugelte. In weniger als einer Stunde 
standen wir aufathmend auf der öden Moräne am Fuß 
des Mourtigletscbers, knüpften uns los und ruhten aus. 
Schon zeigten sich die Gufer- und Sandpflanzen der 
Uochalpen in Menge: Artemisia spicata, Saxifraga 
biflora, Poa laxa und minor, Ranunculus glacialis, 
Oarex incurva etc. üeber eine ungewöhnlich steile, 
zum Theil fast senkrechte, aber dennoch bereits von 
Ktthen abgeweidete Grashalde eilte Alles in aufge- 
löster Colonne abwärts zum Bach, wo die reizende 
Lychnis alpina blühte, und diesem folgend zur sanften 
Böschung, bereits im offenen Hauptthal, auf welcher 
die Hoehalp La Barma (2467°*) liegt. Freundliche 
Hirten boten uns Rahm und Zieger (Serac), wie wir 
ihn fetter und köstlicher nie gegessen. — Ein lieb- 
licheres und zugleich größeres Hochalpenthal gibt es 
nicht, als dieses hinterste H^r^mence, hoch über dem 
Bsomwuchs. Am Fuß einer Gruppe von mächtigen 
Schneespitzen breitet sich völlig flach der Liappey- 
Gletscher aus; der Bach durchzieht mäandrisch die 



152 Ä Christ 

weite Thaliläche, auf welche die gewaltigen Abhänge, 
im zarten Grün der Alpenregion, sanft und in ruhigen 
Linien abfallen. Es waltet eine Ruhe, eine Geschlossen- 
heit, ein Friede über diesem weiten Hochthal, der 
herzerquickend wirkt und doch in leise Wehmuth 
ausklingt. Auffallende Ansichten fehlen, aber das Ganze 
ist von bleibendem Reiz. Hier ist nichts von „Welt^ 
und Gasthauswesen ; es herrscht noch die Urzeit un- 
gebrochen, und man muß die Gastfreundschaft der 
Hirten suchen. Diese selbst sind beneidenswerthe 
Männer, leutselig und selbstbewußt; der Friede der 
Seele glänzt in ihrem offenen Auge. Ein herrlicher, 
warmer Sommemachmittag wob in dem Azur der Lüfte. 
Alles lud zu langer Rast, aber es mußte sein: wir 
waren erwartet. Wir grüßten unsere lieben Gefährten, 
die noch heute nach Liappey wollten, und begannen 
entschlossen den Marsch thalauswärts. 

Die Vall6e des Dix, das Thal der zehn Alpen, 
senkt sich stundenlang sehr wenig abwärts, ja, der 
Weg steigt noch einmal beträchtlich, bis endlich die 
erste Thalschwelle erreicht ist. Von da an folgen 
Schwellen auf Schwellen, Terrassen auf Terrassen» 
Erst 2 Stunden unter La Barma wurde die Baum- 
grenze erreicht und dann durch Wald die Thalsohle 
bei Prazlong, 1608 *", gewonnen. Die Scenerie ist 
stets eingeschlossen, aber groß und hehr; Sturzbäche 
kommen hoch herab; einzelne Stellen sind mit dem 
mittleren Zermatterthal zu vergleichen. Etwas unter 
Prazlong bemerkt man hoch an den Felswänden der 
rechten Thalseite, mitten im Wald, eine Oeffnung 
im Felsen, die seltsamerweise mit einer halb offenen 



P&inte de la Eosa Btanche. 153 

Thilr Tersehen ist, an der ein rosenfarbener Anstrich 
noch theilweise sichtbar ist ; auch ist vor der Oeffnnng 
eine Brüstung aus Holz angebracht. Was bedeutet 
diese, von oben wie von unten ganz unzugängliche 
Grotte? Ist's ein „Hochlicht", ein Wächterposten, 
wo man in Kriegszeiten ein Feuersignal anzttndete, 
deren in Wallis, am Simplon, am Rosa, bis in die 
größten Höhen sich finden? Ist's der Rest einer Ein- 
siedelei, wo einst ein Eremit gehaust, wie heute noch 
am Eingang des Eringer Thals zu Longe-Borgne ? 
Keines von beiden, antwortet der Wailiser Volks- 
glaube. Es ist die Grotte des Fayes, die Wohnung 
der Feen. Das sind Frauen, die sich unsichtbar 
machten und in den Läden von Sitten Dinge kauften, 
ohne sie zu bezahlen. Das konnte man schließlich 
nicht dulden. Man beschloß, sie auszutreiben. Ver- 
gebens anerboten sie, neun unzerstörbare Brücken 
über die Rhone zu bauen, wenn man sie ungestört 
ließe. Unerbittlich und mit Recht wurden sie ver- 
jagt, denn kann man Leuten, und wären es auch 
Damen, und wären es selbst Feen, gestatten, ohne 
baare Zahlung auf Credit zu leben? Diese Geschichte 
paasirte vor etwa hundert Jahren, ehe die Franzosen 
und andere Lumpen in's Land kamen, in der guten 
alten Zeit, wo die Walliser noch Meister waren in 
ihrem Lande. 

Köstlich sind all die hundert Wasser, die von 
der rechten Thalseite zum Wege niederrauschen; 
edleres, leichteres Quellwasser ist nirgends in größerer 
Menge zu finden, und doch konnten wir unseren Durst 
nicht stillen. Zwar waren wir, Dank dem Mittel des 



154 H. Christ 

HeriTi W., auf dem Gletscher so ziemlich vom Somien- 
brand verschont geblieben; es besteht einfach darin, 
sich jede halbe Stande das Gesicht und den Kopf 
tüchtig mit Schnee zu reiben. Allein ein Abstieg von 
2000 Meteiii verdunstet den Menschen ohnehin fast 
gänzlich. Endlich bogen wir, auf guter Straße, in*s 
offene H6r6mence hinaus, durchzogen die Döi*fer, 
kamen im Dunkel des Abends in H6r^mence an, dem 
urältesten Dorf von Wallis, mit seinen Brunnenhallen 
und seinem Gemeindehaus von schwarzem Lärchen- 
holz, an dem die Schädel von Bären, Wölfen und 
Luchsen bleichen, und standen gegen 10 Uhr auf dem 
Plateau der Mayens de Sion. Aber hier, wo sie enden 
sollten, begannen erst unsere Abenteuer. Trotz eines 
kundigen Bauern, den wir als Führer aufgegriffen, 
trotz der Lichtem von Sion, die zu uns herauf- 
blitzten und uns orientiren sollten, verirrten wir uns 
in dem Wirrsal von Wäldchen, Hecken, Wasserrinnen 
und Häusern so gründlich, daß wir endlich an einem 
fremden Mayen anklopften und um Begleitung baten. 
Mit jener unversieglichen Freundlichkeit, die ein 
Characterzug des Wallisers ist, kleidete sich der 
Hausherr an und führte uns zu unserm ganz nahen 
Hause, um das wir sonst wohl die halbe Nacht her- 
umgeirrt wären. Selbst Landeskindeiii hat übrigens 
das coupirte TeiTain der Mayens dieselbe Tücke ge- 
spielt. Freund C. erzählte uns, wie er dicht bei 
seinem Mayen mit einem Maulthier nur durch langes 
Rufen und das Herbeieilen seiner Leute endlich den 
Weg wieder fand, und wie er ein ander Mal mit 
einer fremden Herrschaft, die er heimführen sollte, 



Pointe de la Bosa Blanche. 155 

wie behext durch Gräben und Wasser, über Zäune 
und Mauern stieg und fiel, indeß die Dame, eine 
lebhafte Neapolitanerin, den St. Januarius und alle 
blutigen und unblutigen Heiligen des Südens anrief 
und der Herr schon eine allgemeine Mordnacht ge- 
kommen glaubte. 

Unser etwas schadenfroher Trost war, daß es 
unsem engem Landsleuten X. und Y., welche gleichen 
Abends vom Vouasson heim zogen, um kein Haar 
besser ergangen war und daß auch Ersterer von 
ii^end einem mitleidigen Mayenbesitzer, in dessen 
Gehege er gerathen war, nach Hause gelootst werden 
maßte. 



Vom Gornern- in's Erstfelderthal. 

Von 

B, Mächler (Section Gotthard). 



Zwischen der das Meienthal nördlich begrenzenden 
Bergkette des Schynstocks, des Glattenstocks, der 
Schafscheuche a. s. w., und den Ausläufern der Titlis- 
Spannort-Gruppe gegen das Reußthal hin liegt ein 
einsames, wildes Alpentbal. Es ist nur während etwa 
zwei Sommermonaten von einigen anspruchslosen Aip- 
hirten bewohnt. Im Gomernthal, von dem ich hier 
sprechen will, herrscht Schrecken und Tod im Winter, 
Schrecken und Tod aber auch im Sommer. Jähe Fels- 
stürze und Steinschläge zerstören oft in wenigen Mi- 
nuten das idyllische Bild eines reizenden Aelplerlebens. 
Die braven Leute ab Gurtnellen wissen davon zu er- 
zählen. 

Schon im Frühjahr 1882 hatte ich mir vorge- 
nommen, sobald die Witterung und Schneeverhältnisse 
es gestatteten, diesem Thal einen Besuch abzustatten, 
um für eine spätere Tour den Aufstieg aus dem Thale 
zum Saasfim zu recognosciren. Zu dem Zwecke drang 
ich schon am 7. April 1882 mit zwei anderen Club- 



Vom Gomern- in's Erstfelderthah 157 

genossen der Section Gotthard bis zur Hobengalp vor. 
Es war ein theilweise recht mUhsamer Weg, in tiefem 
-weichem Schnee, doch der Weg war lohnend. Das 
Resultat der Tagfahrt ist die beigegebene Ansicht 
vom Hintergrunde des Gomemthales, das Facit der 
feste Entschluß zur Besteigung des Krönten mit Ab- 
stieg nach dem Erstfeld erthal. 

Die „Spichem" (Speicher 1289 »") oder den eigent- 
lichen Eingang zum Gornemthal erreicht man vom 
Reußthal aus auf drei verschiedenen Wegen. 

Der am meisten begangene dürfte der gewöhnliche 
Kirchweg von der Gotthardbahnstation Gurtnellen 
nach dem Gurtnellerberge sein. Etwas unterhalb der 
Kirche zw^eigt links zurückführend der eigentliche 
Alpweg von Gurtnellen nach der Gomernalp ab. 

Direct^r ftlhrt uns ein zweiter Weg von der Station 
Gurtnellen nach den „Spichem". Derselbe ist Anfangs 
scheinbar ein gewöhnlicher Privatfußpfad und führ 
linksseitig des Gomerbaches durch den Wald hinauf 
bei der sogenannten Stäubentanne vorbei. Diese Stäuben- 
tanne ist ein stark besuchter Wallfahrtsort der ümer 
Oberländer. Der Sage nach hat einst eine arme 
Mntter, die ihr einzig Kind verloren, bei dieser Tanne 
ein Marienbild gefunden und es pietätvoll mit heim- 
genommen. Als sie nicht lange hernach wieder hier 
vorüber wollte, da war, o Wunder! das Bild wieder 
bei der Tanne und das arme verlassene Mutterherz 
erkannte, daß die Gnadenmutter damit sagen wollte, sie 
sei hier an verlassener einsamer Stelle eine Trösterin 
aller Verlassenen und Bekümmerten. Die Stäuben- 
tanne wird, so sich kein zweites Wunder mehr er- 



15H 22. Mächler. 

eignet, einst moi*sch und altersschwach werden, der 
fromme Glaube des ümervölkleins aber wird sie über- 
dauern und die Stelle dereinst mit einem Kirchlein 
zieren. 

Von der Wundertanne aus flihrt ein schmaler Fuß- 
weg im Zickzack den Berg hinan bis zum oben an- 
geführten Alpweg. Links braust und donnert der 
Gornerbach in tiefer, oft sehr malerischer Schlucht 
dem Reußthale zu. Wer übrigens, wie Verfasser dieses, 
einmal das Vergnügen gehabt hat, während der streng- 
sten Winterszeit bei Nebel und Schneefall 2— 3 Tage 
lang in einer solchen Schlucht Meßtischaufnahmen für 
Schichtenpläne aufzunehmen, der legt nachher dem 
Malerischen der Sache etwas weniger Werth bei und 
eilt weiter, neuen, weniger bekannten Gegenden zu. 

Außer den beiden genannten, von Gurtnellen aus- 
gehenden Wegen führt auch noch ein dritter von 
Wassen, resp. vom Pfaffensprung aus nach dem Gomern- 
thal. Derselbe zweigt beim sogenannten Pfaffensprung 
am linken Reußufer von der Gotthardstraße ab and 
führt über Häggrigen (Häggergen, Bl. 394 des Sie^- 
friedatlas) und Egg nach den Spichern. 

Gewaltig bepackt und noch ohne Begleiter wanderte 
ich am Morgen des 12. August 1882 diesen letztem 
Weg; das Wetter versprach, auf zwei Tage mindestens, 
herrlich zu bleiben. Wenn man den Wald von Egg 
bis Spichern emporgestiegen ist und denselben zu 
verlassen im Begriffe steht, so hat man sofort einen 
mächtigen Wall Lawinen- und Rüfenschuttes einer 
vom Leidstock herkommenden Kehle zu überschreiten. 

Hier mußte ich mich nun noch zuerst nach dem 



Vom Gwnern- in's Ei'stfelderthal. 159 

bereits bestellten Träger umsehen, den Steg bei 1289 
überschreiten und auf dem linken Bachufer etwa 80 '" 
abwärts wandern, wo ich dann auch meinen Mann, 
Namens Anton Tresch, vorfand, jedoch durchaus nicht 
etwa in Reisebereitschaft. Tresch schien der Sache 
nicht ganz zu trauen, da er gutmUthig einwarf: I 
chnmmä scho mit, aber d'Eindig (Kundschaft) weiß i 
dann halt nit! Nachdem ich ihn über seine Besorg- 
nisse beruhigt und wir noch tüchtig gefrühstückt hatten, 
brachen wir, es war Morgens 8 Uhr, gegen Rosti auf. 
Versehen waren wir mit etwas Holz zum Feuern, Re- 
quisiten zum Zeltbivouac, Proviant etc. Schon nach 
10 Minuten waren wir wieder am obgenannten Wall 
und ich freute mich erst jetzt, nachdem die bisher 
noch etwas zweifelhafte Begleitung gesichert war, des 
prachtvollen Anblicks der Berge im Thalhintergrunde. 
Der Vordergrund sieht weniger sympathisch aus, überall, 
za beiden Seiten des Thaies, steiles, zerrissenes Fels- 
gehänge, zu Füßen der Gehänge zum Theil mit Vege- 
tation bedeckte, aber bis an die Gornerbachufer mit 
Felstrümmem übersäete Sehuttkegel, einer dicht neben 
dem andern, meistens schon nahe an der Spitze in 
einander übergehend. 

Bei Grub sind die letzten ordentlichen Ställe. Von 
da ab fUhrt der Weg auf dem linken Bachufer in fast 
gleichmäßiger Steigung thalaufwärts bis zu den in 
Blatt 394 angedeuteten Hütten bei Bissig- und Ruppen- 
staffel. Diese „Gebäulichkeiten" verdienen aber nicht 
einmal den Namen Htltten; vorhanden ist jetzt nur 
noch etwas elendes Trockengemäuer, dem die Ueber- 
dachung ganz oder theilweise fehlt. Bei'm Ruppen- 



160 B. MäcfUer. 

Staffel setzt der Weg über den Gomerbach, d. h. er geht 
aufs rechte Ufer desselben. Von da ab scheinen eben 
die Steinschläge vom Geißberg oder Wittenstock her 
bedeutender und gefährlicher zu sein, als die vom 
südlichen Thalabhange her, daher der sonst gänzlich 
unmotivirte Uebergang des Weges. 

Unmittelbar vor der Alp Rosti, wo sich zwei Senn- 
hütten mit diversen primitiven Ställen vorfinden, über- 
schreitet der Weg den Bach wieder, diesmal aber 
nicht, oder doch kaum, um der Gefahr der Stein- 
schläge auszuweichen ; denn zwischen diesem Steg und 
den Rostihütten hat am 15. August 1880 ein einziger 
Steinschlag über 15 Stück Rindvieh erschlagen. Noch 
jetzt liegen auf dem sonst hübsch grünen Schuttkegel 
der Rostialp weit herum versäet die frischen Trümmer 
des Glimmerschiefergesteins, das Tod und Verderben 
der friedlich weidenden Heerde und gewiß auch großen 
Jammer in manche der armen Familien der Gemeinde 
Gurtnellen brachte. Es wäre wohl besser, wenn ein 
Theil dieser gefährlichen Schutthalden aufgeforstet 
werden könnte; ihr Ertrag aus der Alpwirthschaft 
ist ohnehin sehr gering und im ganzen Thale von den 
Spichern an kein Holz mehr vorhanden, so daß die 
Aelpler das Holz entweder eine starke Stunde weit 
tragen oder mit Feuerung durch Alpenrosenstauden (im 
Umerland auch, dem tessinischen Giup entsprechend, 
„Juppen" genannt) sich behelfen müssen. Ob die Auf- 
forstung trotz der im Winter und Frühjahr überall 
niederstürzenden größern und kleinem Lawinen möglich 
ist, wage ich freilich nicht zu entscheiden. 

Kurz vor 10 Uhr war die Rostihütte (1588") 



Vom Gomem-' in's Erstfelderthah 161 

erreicht; wie die meisten AlphUtten im urnerischen 
Oberland, bietet auch sie das Minimum von Bequem- 
lichkeit; kann man darin doch kaum fröhlich aufrecht 
stehen. Dagegen treffen wir da recht freundliche Sennen, 
die sich gewaltig wundem, daß wir uns an den 
,, höchsten^ Krönten wagen wollen. 

Nach einer kräftigen Erfrischung durch warme 
Milch, Brod und Zieger wurde von einem Anno 1880 
zu Thal gefahrenen Steinblocke aus eine Ansicht des 
Thalhintergmndes (Rothbergli bis Zwächten) aufge- 
nommen und dann punkt 12 Uhr abmarschirt. Es war 
allerdings bei dieser Hitze nicht die gttnstigste Tages- 
zeit zum Marschiren; es galt aber, in möglichst hoher 
Lage einen passenden Bivouakplatz aufzufinden, sich 
wohnlich einzurichten und wo möglich noch etwas zu 
zeichnen. Auf sehr bequemem Wege gelangen wir 
nach Balmen (1650™). Die Thalsohle ist hier etwa's 
sumpfig, auch viel breiter als sonst irgendwo im Thale. 
Unter großen vom Balmenstock niedergestürzten Fels- 
blöcken mögen vermuthlich die Gomeralphirten vor 
Erbauung ihrer „comfortabeln Gemächer^ ihre Schlaf- 
stätten gefunden haben, daher der Name Balmen; 
denn der Umer nennt alles überhängende, irgend 
welchen Schutz bietende Gestein, nicht nur den über- 
hängenden festen Fels, eine Balm. Ich bin daher auch 
entschieden der Ansicht, daß der Balmenstock seinen 
Namen von diesen Blöcken und nicht umgekehrt 
letztere, resp. die Gegend um sie herum, ihn von 
ersterem erhalten haben. 

Wir gelangen, instinctiv wieder auf die rechte Thal- 
seite hinüber marschirend, allmälich zu dem Punkt 1814, 

11 



162 R. Mächier. 

wo die Hobengalphtltte stehen sollte, finden aber statt 
der Hütte nichts als einige große Blöcke, an deren 
einem sich zwei unbedeckte Trockenmäuerchen anlehnen. 

Der Abschluß des Thaies liegt vor uns; rechts 
taucht der Krönte, unser Reiseziel ftir morgen, mit 
seinem lang gestreckten Rücken empor. Unverweilt 
wird weiter marschirt bis zu dem Punkte, wo sich 
der vom Bächlifim her kommende Bach mit demjenigen 
des Hauptthals vereinigt, dann der Bach überschritten. 
Dicht unter der Fluh hin führt uns nun ein kaum 
bemerkbares Geißweglein hinauf in die gegen den 
Saasstock führende Kehle. Nach Blatt 394 des Sieg- 
friedatlasses zieht sich der Abfluß des Saasfims durch 
diese Kehle, was unrichtig ist. Genannter Gletscher* 
bach führt weiter westlich in ganz enger, tief ein> 
geschnittener Rinne zu Thal. In der großen Kehle 
fließt nur ein ganz unbedeutendes Wässerlein. 

£8 war ein heißes Stück Arbeit bei dieser Tages- 
zeit. Nach einer halben Stunde gelangen wir an eine 
Stelle, wo gemäß unserer Recognoscirung die Kehle 
verlassen werden muß; es gilt eine kleine Kletter- 
partie über glatte Platten und steiles Felsgehjinge, 
die Vorsicht und sichern Fuß erforderte, übrigens aber 
harmloser Natur ist. In einer Viertelstunde schon sind 
wir oben auf einem weichen Rasenbödeli, auf dem 
sich's herrlich ausruhte und auf dem der Kirsch mit 
Zuckerwasser und Brod gar trefflich mundete. Der 
Ausblick erweitert sich bereits und das Auge erfrischt 
sich an den wilden, abwechslungsvolien Formen der 
Bächlistöcke und des Zwackten. 

Wir haben die Höhe von circa 2250"^ erreicht« 



Vom Gomem- in'a Erstfelderthal 163 

doch i8t 68 immer noch früh am Tage und wisBen 
wir auch, daß wir kaum höher 'als 2400—2500» 
werden bivouakiren können. Also : Eile mit Weile ! 
Langsam ansteigend merken wir uns bereits einzelne 
^nstige Plätzchen für das Zeltlager, die wir im Noth- 
falle wieder finden werden. Noch sind wir in guter 
Schafweide; wir sehen aber weit und breit herum 
keine Schafe, flberhaupt weit und breit herum kein 
lebendes Wesen. Doch, dort drüben unter dem Spitz- 
plankfim krabbelt eine Heerde Scha^ am öden Hang 
herum, kaum dem freien Auge bemerkbar und nur in 
Folge ihrer Bewegungen von den weißen Felstrttmmem 
unterscheidbar. — Es war am 2. September 1881, 
als dort drttben an der ,,Schaf8cheuche^ eine ganze 
große Schafheerde von 180 Stück in Folge eines Stein- 
Hchlages sich voller Angst über eine hohe Felswand 
hinunter stürzte und jämmerlich zu Grunde ging. Man 
sieht, der Beig trägt seinen alten Namen noch immer 
mit vollem Recht. 

Um 3^'S Uhr sehen wir uns endlich in der Höhe 
von drca 2500" an einem relativ sehr günstigen 
Plätzchen angelangt ; wenig höher beginnt die nackte 
wttste Moräne des Saasfims, und so erkläre ich denn 
meinem Begleiter nach kurzem Besinnen: Hier ist 
gut sein, laß uns unsere Hütte bauen! Gesagt, ge- 
than. Das Wetter ist ganz zweifellos gut, die Nacht 
wird wahrscheinlich nicht sehr kalt, also braucht es 
keiner allzu großen Schutzmaßregeln. Rasch errichten 
wir nord- und westwärts circa ein Meter hohe schützende 
MMuerehen um den Zeltplatz, dann werden von Hand 
und mit dem Pickel trockene Rasenstücke von den 



164 R, Mächler. 

Felsen gerissen und geschürft, dann in 2— 3 Lagen 
ttber einander gescnichtet und noch vor Sonnenunter- 
gang ist das Zelt, das im Nothfalle auch vier Mann 
hfttte beherbergen können, darüber errichtet. 

Sodann holt Tresch noch Wasser aus dem nahen 
Gletscherbach, worauf wir uns zum Abendessen an- 
schicken. Der Abend ist wundervoll, die Bergesgipfel 
uns gegenüber leuchten in vollem Purpurglanze. Immer 
mehr tauchen sie hinunter in des Thaies D&mmerung. 
GewiB, es sind weihevolle Stunden, die der Alpen- 
gftnger in solchen Gegenden zu verleben das Glttck 
hat. Rings herum die Todtenstille einer wilden, hehren 
Gebirgsnatur ; kaum, daß uns das kurze Gekrftchze 
eines Schneehuhns oder das Gerftusch eines von dem 
immer thStigen Gebirge niederstürzenden Steinbrockens 
in unserm eifrigen Sinnen, Staunen und Bewundem 
zu stören vermöchte. Da fühlt sich der Mensch so 
ganz in seiner erbärmlichen ELleinheit, da lernt er die 
ganze ungeheure Allmacht des Schöpfers der Welten 
so recht und tief erkennen und schätzen. Was schon 
so viele vor mir gefunden und ausgesprochen haben, 
ich muß es doch auch hier wiederholen: in solchen 
Stunden kennt der Mensch in Gesellschaft eines An- 
dern keinen Unterschied der Bildung, des Standes, 
der Anschauungen und es ist mir dies auch so ge- 
gangen. Mein Anton Tresch ist ein Mann von höchst 
beschränkten Weltanschauungen ; er vermochte aller- 
dings meine Bewunderung der hehren Gebirgswelt 
kaum zu theilen, nicht einmal zu begreifen, wußte er 
ja, so zu sagen, keine Namen von Bergen des Thaies, 
in dem er von frühester Jugend an jährlich einige 



Vom Oomem' in^s Erstfelderthal. 166 

Sommermonate verlebt hatte. Allein es zieht uns 
Menschen doch immer wieder zum Menschen, wir 
rattssen uns doch, wenn auch in möglichst einfacher 
Weise, mit ihm unterhalten ; wir plaudern von unsem 
Familien beinahe, als ob wir in nächster Verwandt- 
schaft sttlnden, wir plaudern von Freiheit und Vater- 
land, obgleich selbstverständlich mein guter Tresch 
hieven nur so viel versteht, daß er weiß, daß auch 
er fUr seinen Theil in Altdorf eine väterliche Regie- 
rung, die für sein zeitliches, und in Gurtnellen einen 
waekem Kaplan besitzt, der für sein ewiges Heil und 
Wohlergehen besorgt ist. 

Dieweil die Dämmerung einbricht, wird zur blei- 
benden Erinnerung an diesen Abend noch der Bivouak- 
platz mit Schneehfihnerstock und Saasfim skizzirt; 
indessen bringt Tresch Holz und Reiseeffecten sorg- 
lich unter Dach. 

Um halb 9 Uhr Rückzug in's Zelt. Anfangs be- 
nutzten wir die Reisedecke als Unterlage, doch schon 
oaeh einer Stunde machte sich die Kälte so empfind- 
lieh spürbar, daß wir vorzogen, auf dem bloßen Rasen- 
teppich zu liegen und die Decke über uns auszu- 
breiten. Die Nacht brachte, wenigstens für mich, wenig 
Schlaf. Kurz nach 2 Uhr krochen wir aus dem Zelt; 
war es drinnen puncto Temperatur noch erträglich 
gewesen, so fingen wir jetzt, kaum unter dem schützen- 
den Tuch hervorgekrochen, sofort an, lebhaft um die 
Wette zu schlottern. Doch schon nach wenig Minuten 
brannte ein lustiges Lagerfeuer, an dem wir den in 
einer Flasche mitgenommenen „Schwarzen^ etwas er- 
wärmten und uns mittelst Fleisch- und Eierspeisen 



166 R. Mächler. 

für die Mtthen der bevorstehenden Tagfahrt zu kräf- 
tigen sachten. Alles Ueberflttssige und Brennbare 
wanderte in die Flammen, selbst die zwölf buchenen, 
eigens zu diesem Zwecke geschnitzten ZeltpflScke, so 
daß wir beim behaglichen Feuerlein sitzen konnten, 
bis die Morgendämmerung so weit yorgeschritten war, 
daß wir den Augriff auf den zunächst liegenden Moränen- 
wall wagen durften. Der Morgen war prachtvoll, 
der Btemenhimmel von antadelhafter Reinheit, dw 
Eindruck von der soeben verlebten Nacht ein er- 
hebender, als wir um 3 Uhr das eigentliche mühe- 
volle Tagwerk wieder aufnahmen. Der Wall wurde 
im Halbdunkel vorsichtig erklommen, dann, bereits 
bei Tageshelle, das dahinter liegende Thälchen über- 
schritten. Sodann wird der ziemlich steile untere Fim- 
hang genommen, indem wir immer die Absicht ver- 
folgen, mehr gegen die Felswände des Krönten hin 
zu kommen, wo der Gang über den Firn offenbar 
günstiger ist. Obschon an und ftir sich der Firn ganz 
ungefährlich erscheint und es auch für Leute von 
Routine sein mag, wollte ich dennoch die Benützung 
des Seiles nicht verschmähen; wir binden uns also 
an's Seil und ich nehme die Führung. Im Anfang 
geht es rasch über das sanft ansteigende harte Eis. 
Der Schnee ist hier in Folge Wärmereflexion der 
Felswand total geschm(»lzen. Nach und nach kommt 
eigentlicher harter Firnschnee und noch weiter, gegen 
den Sattel (Punkt 2831) hin, liegt über dem alten 
frisch gefrorener neuer Schnee. Auf der ganzen Fim- 
partie begegnen wir nur wenigen unbedeutenden und 
leicht passirbaren Schrunden. Oben, wo sich das Cou- 



Vom Gomem- m's Erstfelderthal. 167 

loir zwischen SehneehtthnerBtock and Krönten immer 
mehr verengt und die Passage steiler zn werden be- 
ginnt, fangen wir an zn traversiren. Ein Stnfenhanen 
aber ist Überflüssig« Endlich stehen wir am Berg- 
schnind, einer weit klaffenden Spalte, ttber welche 
direct zn gelangen höchst gefährlich erscheint, da 
jenseits der Firn beinahe senkrecht zum Sattel an- 
steigt. Also halten wir uns rechts gegen die Fels- 
wand nnd suchen den Schmnd dort zn übersetzen. 
Dies gelingt, nicht ohne einen kleinen Dnrchbruch, 
and in wenigen Minuten gelangen wir ttber den zer- 
klüfteten Fels kletternd hinauf in den Sattel. Wie 
ich anf die weite, weiße Fläche hinanstrete, spaziert 
gemächlichen Schrittes ein Gtomslein, keine 200"' weit 
von uns entfernt, an nns vorttber, den Spannörtem 
zu. Nach einer Rast von 20 Minuten, während der 
ich mich in vollen Zügen an dem prachtvollen Aus- 
blick gegen Norden weidete, treten wir unsem Ab- 
stecher, die Besteigung des Krönten, an. Der Marsch 
flihrt, beständig in östlicher Richtung, anfangs über 
eine steile Schneelehne, theilweise von Trümmerfeldern 
durchsetzt, die mit Vorsicht überschritten werden 
müssen. Wie ich beim Abstieg bemerkte, hätten wir 
viel besser daran gethan, gleich anfangs die äußerste 
Oratkante zu verfolgen. Die zweite Hälfte des Weges, 
vom Sattel bis zum Kröntengipfel, ftihrte uns meist 
ttber feinem Schutt krystallinischen Schiefers; es war 
ein reiner Spaziergang. Wie wir uns einmal ttber den 
Grat hinaus lehnen, um auf den Saasiim zu unsem 
Fttßen niederzuschauen, macht mich der scharf aus- 
lugende Tresch anf drei Oemsen aufmerksam, die auf 



168 B. Mächler. 

den schmalen Bändern zwischen dem Saasfirn and nna 
sich an spärlicher Weide gütlich thon. Vom Schnee- 
hUhnerstock her kommt soeben noch eine vierte. Die 
Tliiere schienen keine Ahnung von uns zu haben, so 
harmlos tanzen sie auf den Steinen hemm. Erst das 
Geräusch eines ttber die Felswand geworfenen Stein- 
chens machte sie etwas stutzig, und als wir uns erst 
mit hellen Jauchzern hören ließen, da war ihres 
Bleibens nicht mehr und sie stürmten in wilder, ver- 
wegener Flucht von dannen, den Saasstöcken zu. An 
diese Lokalität wird sich wohl die in Erstfeld gehende 
Sage knüpfen, welche mir Herr Pfarrhelfer Wipfli in 
dort freundlichst mittheilte. Ein Erstfelder Jäger war 
auf der Gemsjagd am Ejrc^nten. Blinder Eifer führte 
ihn auf immer gefährlichere Wege, frischen Grems- 
spuren nach. Endlich aber kommt er an eine soge- 
nannte BaJm, wo nicht nur die Thierspuren plötzlich 
aufhören, sondern sich auch die Unmöglichkeit zeigt, 
weiter zu gelangen, ja er schrickt jetzt selbst vor 
dem Rückwege als verderben- und todbringend zurück. 
Rathlos will er sich unter die Balm zurückziehen. 
Doch, was ist das ? Unter der Balm liegt das bleiche 
Gerippe eines unglücklichen Vorgängers, neben dem- 
selben die verrostete Büchse und eine noch ziemlich 
gut erhaltene Weidmannstasche. Der Mann, der vor> 
her weder Beschwerde und Anstrengung, noch Gefahr 
gefürchtet hatte, er erblaßt ob dem grausen Schicksal, 
das seiner sicher wartet; er weiß, daß die Reste 
dort unter der Balm einem längst vermißten, seiner 
Verwegenheit wegen rühmlichst bekannt gewesenen 
Gemsjäger, der seines Gleichen nicht hatte, angehören ; 



Vom Gomem- in'a Erstfelderthal, 169 

er weiß jetzt, daß er binnen Kurzem erfroren oder 
▼erfamigert neben jenem dort unter der Balm den 
ewigen Schlaf antreten wird. Verzweiflungsvoll wirft 
»ich der Aermste auf die Knie und bittet zu Gott um 
Rettung. Er macht ein Gelttbde, er will ein Gott 
wohlgefUlliges Werk vollbringen, falls er gerettet wird. 
Er raft verzweif lungsvoll um Hülfe, obschon er wissen 
könnte, daß auf Stundenweite keine Menschenseele 
sich aufhält, die ihm helfen könnte. Und doch, auf 
einmal hört er Stimmen aus der Tiefe. Mit größter 
Anstrengung verstärkt er seine Htilferufe, er wird 
bemerkt und nach langen qualvollen Stunden aus seiner 
Nothlage befreit. 

Um 6^/s Uhr, wir gingen den ganzen Morgen sehr 
langsam, war der Gipfel des höchsten Krönten er- 
reicht. Sobald man demselben näher kommt, begreift 
man ganz leicht, woher die Namen „Krönte, Krönten 
oder Krönlet" stammen. Der eigentliche, langgestreckte 
Bergrücken ist auf der höchsten Stelle mit einem thurm- 
minenartigen Belv^d^re gekrönt, das sich noch circa 
8 — 10 Meter ttber den Hauptgrat erhebt. Südlich 
hinter diesem Belvödere durch zieht sich der Hauptgrat. 
Denkt man sich an Stelle des schmalen, circa 4 Meter 
langen Grätchens, das beide verbindet, und an dessen 
beiden Seiten jähe Kehlen in furchtbare Abgründe 
hinunter führen, eine Fallbrücke, so hat man ein voll- 
ständiges Bild einer alten Raubritterburg. Der Auf- 
stieg zu dieser unserer Raubritterburg ist viel weniger 
gefährlich, als er auf den ersten Blick erscheint ; das 
Gestein erhebt sich wohl beinahe senkrecht, doch ist 
68 so zerklüftet, daß fttr den schwindelfreien, geübten 
Kletterer die Erklimmung ein Kinderspiel ist. 



170 2t. MächUr. 

Da der Wind mit großer Vehemenz um die Berg- 
spitze pfiff, ich meinen Begleiter Tresch, einen Familien- 
vater von sechs Kindern, keiner Gefahr aussetzen und, 
selbst Familienvater, nicht allein hinaufgehen wollte, 
obwohl mich der Reiz lange kitzelte, so verzichtete 
ich endlich auf den Thurm ; allerdings trat zu obigen 
die Erwägung, daß derselbe dem voU^ Genüsse des 
Panoramas ja gar nicht im Wege sei. 

Ich will nun, während wir uns bei der Flaache 
Bassella niederlassen, dem verehrten Leser nicht etwa 
des langen und breiten mit Aufzählung all der 
mächtigen Berghäupter, Gipfel und Gipfelchen auf- 
warten, die sich da rings um den Krönten hemm 
erheben. Panorama bleibt Panorama. Gewöhnlich 
sind es wenige characterische Momente, die das eine 
vom andern unterscheiden, und diese sind fast immer 
zunächst des Standorts zu suchen. So z. B. beim 
Bristenstock ist es das Reußthal mit dem See und 
das Maderanerthal, beim Scheerhom die Tödi- und 
die Windgällen -Rüchen -Gruppe, beim Lochberg die 
Dammakette, an die sich unsere Blicke immer und 
immer wieder heften. Hier oben auf dem Krönten 
sind es vornehmlich die Titlis-Spannort-Gruppe, dann 
auch die schlanke Form des großen WindgäUens, der 
Fleckistock und die Sustenhömer, die theils durch 
ihren imposanten Aufbau, theils durch das Charac- 
terische der Form in bevorzugter Weise unsere Auf- 
merksamkeit wach halten. 

Bei günstigem Windverhältniaaen würde ich wohl 
versucht haben, wenigstens diese hervorragenden 
Partien auf das bereits vorbereitete Panorama zu 



Vom Gamem- m'n Erstfelderthal, 171 

bringen, allein der Wind wurde geradezu unausstehlichy 
so daß ich froh sein mußte, noch den Kröntengipfel 
skizziren zu können. (Allfälligen zeichnnngBlustigen 
spXtem Besuchern des Krönten aus dem S. A. C. steht 
das Panorama (40 cm. Projectionsradius und circa 
80 aufgetragene Punkte) beim Vorstand der Section 
Ootthard zu Diensten. 

Um 8^-s Uhr wird der Rückmarsch angetreten 
und dabei bis zum Sattel zurück der Felsgrat ver- 
folgt. Von dort ab binden wir uns vorsichtshalber, 
aber jedenfalls auch wieder unnöthiger Weise, an's 
8eil, dann geht's in raschem, sehr regelmäßigem Tempo 
gegen das sogenannte Grau hinunter. Südöstlich vom 
Fimkt 2374 des Blattes 390 klettern wir lange Zeit 
zwischen den beiden Bächen die steile felsige Lehne 
hmonter, mit beständigem Blick auf den düstem 
Obersee. 

Etwa 150 Meter über dem Seespiegel wenden wir 
uns gegen den vom Obersee-Männtli gegen den See- 
kessel sich hinziehenden Felswall, überschreiten den- 
selben, verfolgen auf dessen Nordseite ein über ver- 
schiedene Bänder hinunter führendes Geißweglein und 
kommen endlich circa um 10 Uhr an hübschen Wasser- 
fällen vorbei zur Fulenseealp. Nun fragt es sich, 
welchen der beiden sich hier trennenden Wege wählen? 
Ich hielt den Weg, der über den vom Pankenstock 
gegen den Fulensee sich ziehenden Bergrücken fUhrt, 
weil kürzer und hoch an der Thallehne liegend, daher 
bessere Uebersicht über das Thal gewährend, für 
gflnstiger, mußte aber später meine Auswahl bereuen * 
Der Weg zieht sich nämlich eine große Strecke weit 



172 B. Mächier. Vom Garnemr m's Erstfdderthal 

durch Niederwald, der den Ausblick aufs Thal hemmt; 
sodann aber ist dieser Weg ttber die Maßen schlecht, 
sumpfig, stellenweise sehr steil und holprig. Wie ich 
später vernahm, ist der Weg am Fulensee vorbei nach 
dem Altstaffel hinunter viel besser und interessanter, 
besonders auch des hübschen Wasserfalls wegen, der 
sich hinten in der Kühplankenalp ttber die Felswand 
ergießt. Im Uebrigen ist das Erstfelderthal einer großen 
Anzahl von Clubgenossen aus eigener Anschauung be- 
kannt; gar viele haben von der Station Erstfeld aus 
schon mit bewundernden Blicken zum Schloßberg- 
gletscher und zu den ktthn aufgebauten Wänden des 
Schloßberges hinauf geschaut. Also eilen wir weiter, 
hinunter durch den dunkeln, ktthlen Tann, hinab durch 
die saftig grttnenden Triften, vorttber an den lieb- 
lichen Berghäuschen der Bodenberge, dem schäumen- 
den Alpbach entlang nach Erstfeld, hinunter wieder 
in das Gepfeife und Geräusch des Alltaglebens, zurttck 
wieder zum bitteiii Kampf um's Dasein! 



Aus der Silvrettagruppe. 

Angstspitze (3227"* ö, 3230" S*), Patznaaner Gemsspitze 

<3062 ■■ ö, 3106" ß), Ochsenfurkel, Dreiländerspitz (3155- S), 

Fnorcla del Conftn, SilvrettapaQ (8026" 8). 

Von 

0. V, Pfister (Section Uto). 



Zweifellos! Der alte Zauberer Baretta, in dessen 
Bahne im Vereinathal ich einst geruht, oder sein hold- 
seliges Töchterlein Silvretta haben mir's angethan. 
Seit Jahren zieht's mich hinaus in die Weite, einmal 
etwas Anderes, Neues, ja Großartigeres zu schauen, 
üls die stille Bergwelt zwischen lU, Trisanna und Inn. 
Im Westen winken die Hochspitzen des Bemer Ober- 
landes und des Wallis, im Osten der Ortler und die 
Taaem. Wie brennt mein Herz, endlich ihre Herrlich- 
keit zu schauen; und doch, wenn die Ferienzeit da 
ist, führt aus der Qual der Wahl der einzige Aus- 
weg mich immer wieder in das mir längst lieb ge- 
wordene Montavon, und auf die Gefahr hin, den ver- 

') Ö =3 Höhenangabe der nenen österreichischen Map- 
pining (1 : 75000). S = Höhenangabe des schweizerischen 
topographischen Atlas (1 : 100000). 



174 0. V. Pfister. 

ehrlichen Leseni langweilig zu werden, kann ich den- 
selben auch heute von nichts Anderem erzählen, als 
von — wenigstens mir — neuen Streifereien aus einem 
altbekannten Gebiet — der Silvretta. *) 

Seit den letzten Mittheilungen, welche ich im Jahr- 
buch des S. A. C. aus dem Jamthale brachte, hat die 
Section Schwaben des D, u. Ö. A. V. die in den- 
selben besprochene VereiBshütte am Fuße des Äugst- 
berges gebaut und mit dem Comfort ausgestattet, 
welcher den neueren Vereinsbauten in den öster- 
reichischen und deutschen Alpen eigen ist. 

Es waren fröhliche Festtage, als wir im August 
des Jahres 1882 das neue Haus einweihten, obwohl 
der Himmel etwas trübe und mißmuthig dreinsah. Von 
allen Seiten waren sie gekommen. Fremde und Ein- 
heimische, um sich am Vorabende der Httttenweihe 
im gastlichen Rößle zu Galtttr die Hand zu drücken. 
Böllerkrach und Raketenknall erftUlte die Luft und 
die finsteren Bergwände erstrahlten ab und zu in dem 
magischen Lichte bengalischer Feuer. 

Ich ergreife gerne die Gelegenheit, den Wechsel, 
welcher in dem Gasthaus zum Rößle zu Galttlr statt- 
gefunden hat, hier kund zu thun. 

Mit bedeutenden Opfern hat der Besitzer, Herr 
Mattli, das Haus im Innern und Aeußem restaurirt. 
Ein gutes Bett, Atzung und Trunk, wie man sie an 
so entlegenem Punkte nicht besser erwarten darf, und 
freundliche Bedienung findet der Wanderer nunmehr 



^) Siehe Jahrbuch des S. A. C. , Band XD, 1877 ; XV, 
1879/80; XVI, 1880/81. 



Au8 der Süvrettagruppe. 175 

daselbst, so daß die Gegenwart im erfreulichsten 
Gegensatz zu der von mir in einem frühem Band 
dieses Jahrbuchs geschilderten Vergangenheit steht. 

Dem frohen Gelage in Galtttr folgte ein ernsterer 
Sonntag in der Hochgebirgseinsamkeit. Mit weihe- 
vollen Worten, denen die kleine Gemeinde stille 
lauschte, wurde das neue, trauliche Bergfahrerheim 
seiner Bestimmung übergeben. Unser dreißig ruhten 
die erste Nacht auf Matratzen und Heu unter seinem 
schützenden Daeh, die Andern waren gegen Abend 
thalaus gezogen. 



Angstspitae (3227» Ö, 3230'" Sj. 

Am folgenden Morgen trennten wir uns in ver- 
schiedene Gruppen, die Einen wandten zum Futschöl- 
paü, die Andern zum Fluchthom die Schritte; die 
Hauptzahl, siebzehn Tonristen mit sechs Führern in 
vier Seilcolonnen, führte die ziemlich mühelose Be- 
steigung der Augstspitze aus. Der Weg führt erst 
über den großen Jamthalfemer, dessen Ende ungefähr 
zwanzig Minuten von der Hütte entfernt ist, sanft 
hinan, dann nach etwa anderthalbstündlgem Marsche 
bei einer großen Moräne links auf den Gletscherarm 
hinüber, welcher von der Chalaus-Scharte herabkommt, 
und über das Fimbecken des Chalausgletschers hinüber 
und hinan zur Spitze. Die Tour geht fast durchaus 
über Gletscher, ist leicht und unter Anwendung des 
Seiles gänzlich gefahrlos. Die Aussicht ist derjenigen 
des Fluchthomes nahezu gleich und gewinnt, was sie 
durch dasselbe nach Norden verliert, durch den An- 



176 0. V. Pfister. 

blick dieses prächtigen Colosses selbst wieder. Sie 
erfordert von der Jamthalhtttte aus ungefUhr fUnf 
Stunden. Auch vom Fntschölpaß aus ist die Spitze 
seither durch die Herren Blezinger aus Heidenheim 
und Dr. Strauß aus Gonstanz in A^k Stunden von der 
Jamtlialhütte ohne Schwierigkeiten erstiegen worden. 
Ueberhaupt sind einzelne Mitglieder der Section 
iSchwaben, an ihrer Spitze die Herren 0. Blezinger 
aus Heidenheim und Emil Zöppritz aus Calw, in der 
Durchforschung der noch wenig bekannten nordöst- 
lichen Züge der Silvrettagruppe sehr emsig und erfolg- 
reich gewesen. ') Außer dem Fluchthom und Augsten- 
berg empfingen Piz Fatschalv, Jamthalfemer-Spitz 
(Gemsspitz der Dufourkarte, 3169» Ö, 3155"» S), 
Dreilanderspitz (3199» S), Grenzeckkopf (3045» Ö, 
3173» S), Patznauner Gemsspitze (Jamspitze, 3052» Ö, 
3106 » S), Hochnörderspitze, Sedelspitze, Ballunspitze 
theils erste, theils wiederholte Besuche. 

Diese Touren gaben Gelegenheit, tttchtige Führer 
ilir das genannte Gebiet heranzuziehen. In der Person 
der beiden Brüder Gottlieb und Ignaz Lorenz, von 
ihrem Hof in Wirl bei Galtttr die beiden Balluner 
genannt, besitzt das Patznaun zwei treffliche Führer, 
denen sich als gleichfalls patentirt Johann Walter in 
Galtttr und als zur Zeit noch nicht patentirt, aber 
recht brauchbar, der junge Benedict Walter anreihen. 
Auch Weilenmanns berühmter Gefährte, Franz Pöll 
in Mathon, führt trotz seiner hohen Jahre noch im 
Gebirge. 

*) Siehe Mittheilungen des D. u. Ö. A. V. 1881, Nr. 8: 
1882, Nr. 8; 1883, Nr. 3, 4 nnd 6. 



Jim/ach aiVmtyoch '. 



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DIE JAMTHALHÜTTE A 



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Aus dei' SUtrettagruppe. 177 

Ein mit großer EioBicht entworfener Tarif regelt 
die mäßigen Führer- und Trägertaxen. 

AIb wir vom Angstenspitz in Zeit Ton zwei Stun- 
den wieder in die gastliche Hütte zurückgekehrt waren, 
minderte sich abermals die Zahl der Genossen. Nur 
Einige harrten noch aus, um folgenden Tages eine 
Recognoscirung in das Gebiet zwischen Jamthaler- 
femer-Spitze (schweizerische Gemsspitze) und Drei- 
länderspitze zu unternehmen, in welches weder die 
Karten, noch die Literatur bisher volle Klarheit und 
Uebereinstimmnng zu bringen vermochten. So günstig 
die persönlichen Constellationen erschienen — wir 
waren drei Touristen, die das Gebiet im Uebrigeu 
ziemlich genau kannten, und hatten Führer aus den 
drei hier zusammenstoßenden Läüdem Graubünden, 
Vorarlberg und Tyrol bei uns — , so ungünstig ge- 
staltete sich die Oonstellation des Wetters. Der Regen 
des kommenden Morgens zerstreute auch uns nach 
allen Windrichtungen. Aber gerade dies vereitelte 
Projeet wurde zum Haken, der mich mit Macht 
wieder in die Fimeinsamkeit von Jam zog, und so sah 
mich denn der 12. August 1883 zum ich weiß nicht 
wie vielten Male wieder auf dem Pfad vom Montavon 
über das Zeinisjoch in's Patznaun. Noch hing der 
Himmel voll drohenden Gewölks; ich hatte mich aber 
gleich bei der ersten Regung des Barometers zum 
Bessern auf den Weg gemacht und mein Vertrauen 
auf dasselbe sollte nicht unbelohnt bleiben. 

Als ich den sumpfigen Hügel von Allhöh im Rücken 
und die zackigen Berge Tyrols in strahlendem Abend- 
sonnenlicht vor mir hatte, bog ich rechts vom Wege. 

12 



178 0. V. P/ister. 

Über die Wiesen direct aaf den alten Ballnnhof zu, 
wo die beiden Brüder Lorenz mit ihren Familien 
hausen. Ein kleiner Kranskopf gab mir den mißliehen 
Bescheid, daß Vater und Oheim mit Fremden fort- 
gegangen und man nicht wisse, wohin, noch, wann sie 
zurückkehren. 

Ich eilte nach Galttlr — auch Johann Walter war 
fort. Doch gelang mir's, mich des jungen Benedict 
Walter zu versichern, welcher, obwohl nicht autori- 
sirter Führer, doch das nöthige Geräthe besitzt und 
ein ganz wackerer Begleiter ist. So war mir doch 
wenigstens ein Gefährte gewiß, ohne welchen ein vor- 
sichtiger Wanderer nicht ttber Gletscher gehen winl. 

• 

Patsnanner Geaisspitse (Jamspitie, 3052'" ö, 3106« sj. 

Am 13. August, früh 4 Uhr 20 Min., brachen wir 
von Galtttr auf und erreichten um 6 Ulir 40 Min. die 
JamthalhUtte. Schon eine halbe Stunde zuvor hatten 
wir am grofien Jamthaler Ferner zwei schwarze Punkte 
entdeckt, die sich im Femglas als zwei menschliche 
Figuren präsentirten , welche eiligst den Gletscher 
hinab wanderten. 

An der Hütte selbst trafen wir mit ihnen zu- 
sammen. Es waren die gesuchten Brüder Lorenz, 
welche Tags zuvor Fremde nach Ai*detz gebracht und 
Morgens 2 Uhr den Rückmarsch angetreten hatten. 

Ein herzlicher Gruß, ein paar Worte der Ver- 
ständigung mit Walter und Ignaz und es war ent> 
schieden, daß einer Verabredung vom Vorjahre gemäß 
Gottlieb, der ältere Balluner, mein Begleiter ftir die 
beabsichtigten Streifzüge sein sollte. 



Aus der Silvrettagruppe. 179 

Wir kochten eine kHlftige Carne-pnra-Suppe und 
yertießen eine halbe Stande nach unserer Begegnung^ 
7 Uhr 15 Min. die Hütte. 

Fttr eine nmfassendere Recognoscirong in der 
Richtung des Grenzknotens der Dreiländerspitze war 
es für heute zu spät; so wandten wir uns der Patz- 
naoner G^msspitze zu, welche meinen ersten Versuch, 
Hie zu besteigen, nahe am Ziel schnöde abgewiesen 
hatte (siehe Jahrbuch des S. A. C, Bd. XVI, 188081, 
Jamspitze). 

Man geht erst den großen Jamthaler Ferner hinan 
bis zu der großen Schnttmoräne am östlichen Ufer, 
wo der Oletscherann, welcher vom Augstberg und 
der Chalaus-Scharte herabkömmt, einmündet, circa 
1 ' 4 Stunden von der Hütte. Nun biegt man nach 
Osten auf diesen Gletscherarm aus, wie bei der Be- 
steigung der Augstspitze, wendet sich aber bald südlich 
zwischen dem Moränenzug und dem Punkte 2951 ^ O 
(3120™ S) des Augstberges hindurch, steigt fortwährend 
über wellige, bald steilere, bald flachere Schneefelder 
hinauf zu dem breiten Fimrticken, welcher die Grenze 
zwischen Oesterreich und der Schweiz trägt, und hat 
nun östlich vor sich die breite Wölbung, welche 
Vadret Chalaus von Vadret d'Urezas scheidet; un- 
mittelbar südlich erhebt sich der braune Felszug der 
Patznanner Gemsspitze (Jamspitze) in mäßiger Höhe 
aas der blendenden Firndecke. Ueber die obersten 
Scbneehänge der Vadret d'Urezas erreichen wir den 
Steinbau an seiner östlichen Seite und erklettern den- 
selben mit einiger Vorsicht über seine nordöstliche 
Flanke. Um 10 Uhr, 2^/4 Stunden nach dem Aufbruch 



180 0. V. Pfister. 

von der Hütte, ist das Ziel erreicht. Wären wir 
frtther an der Zeit und der Schnee härter und gang- 
barer gewesen, so hätten wir wohl noch eine halbe 
Stunde sparen können. 

Das ist eben der große Vortheil unserer Vereins- 
hlltten in hoch gelegenen Thälem, am Ausgangspunkte 
einer ganzen Reihe von Touren, daß wir Unterneh- 
mungen, welche frtther ganze Tage von und nach den 
nächsten menschlichen Stätten erforderten, nun in 
wenigen Stunden machen können, daß wir zum Auf- 
bruch die Wahl unter mehreren Tagesstunden haben, 
bei Mhem Aufbruch den Schnee noch hart treffen, 
auf den Gipfeln verweilen dürfen, so lange es uns 
gefällt und allenfalls an einem Tage sogar mehrere 
Besteigungen ausführen können, während wir auch 
bei nächtlichem Ausmarsch von der nächsten Wohn- 
stätte — wie im vorliegenden Fall — an den Schnee 
erst herankommen, wenn er schon durchweicht ist. 

Belohnt wurden wir durch eine Femsicht, wie man 
sie selten von gleicher Reinheit und Klarheit trifft. 
Vom Bemer Oberland bis zu den Tauem, von den 
Olamer Bergen bis in die Salzburger Alpen lag das 
ganze Meer der Spitzen und Bergzüge vor uns. Do- 
minirend traten unter denselben die Beminagruppe, 
der Ortler und die Oetzthaler Berge hervor. 

Nach fast zweistündigem Verweilen traten wir den 
Rückweg an, den wir durch den Abstieg durch eine 
der Schneekehlen, welche direct unter der Spitze nord- 
westwärts zum großen Jamfemer abfallen, erheblich 
abkürzten, so daß wir schon nach fünf Viertelstunden 
wieder in der Hütte waren. 



Aus der Silvrettagruppe. 181 

Die Fleisehconserven, welehe dieselbe beherbergt, 
bildeten eine willkommene Erweitenmg der Mittags- 
tafel. Nach kurzer Zeit kamen noch zwei Herren mit 
Josef Walter von der Augstspitze zurück nnd beim 
in's üngemessene verlängerten „schwarzen Kaffee^ 
mit obligatem Ranchkrant verträumten wir den Nach- 
mittag inmitten der ernsten Hochgebirgsnatnr, unseren 
Blick bald von der zu unseren Fttßen zwischen male- 
rischen Felstrilmmem und saftigen Wiesflecken mur- 
melnden Quelle zu den darüber in finsterer Pracht 
aufsteigenden Zacken des Fluchthoms erhebend, bald 
über die blanke Zunge des Jamfemers und die ihn 
umgebenden Häupter, oder durch die Thalfurche von 
Jam nach den Fluhspitzen im fernen Hintergrunde 
schweifen lassend. 

Ee ist ein unbeschreiblich beseligendes und er- 
hebendes Gefühl, welches in solchen Stunden geistiger 
und körperlicher Ruhe von der einsamen Hochgebirgs- 
weit auf uns überströmt. Uns ist, als kehrten wir, 
losgelöst von Allem, was tausendjährige Cnltur zwischen 
uns und sie gelegt , heim zur Urmutter Erde , nicht 
leblos, wie auf unserer letzten Fahrt zu ihr, sondern 
bewußt, mit warm pulsirendem Herzen, und aufs Neue 
durchdringt uns das Gefühl des Einsseins mit ihr, 
der wir entsprossen, und mit der Macht, welche sie 
und uns geschaffen. 

Langsam stieg die Abendröthe auf und verklärte 
mit glühendem Schimmer Fels und Firn; allmälig 
erbleichend, wich sie dem silbernen Licht des Mondes, 
in welchem die Contouren der schwarzen Bergmassen 
nnd die matt glänzenden Gletscher von dem tiefblauen 



182 O. V. Pßste%\ 

BterneDhimmel scharf sich abhoben. Der kalte Nacht - 
wind trieb uns in die trauliche Hütte und bald deckte 
uns erquickender Schlaf. 



Oehsentarkel, BreiltedenpitM (S1&6- 8), F«*reU 4el 

ConllB, SÜTrett^ass. 

Nicht ndnder lächelte uns die Gunst des Wetters, 
als wir am andern Morgen (14. August 1883) frtUi 
4 Uhr 30 Min. aus der Hütte traten. Diesmal galt's 
der Dreilttnderspitze, in Verbindung mit einem Marsch 
durch die ganze Längenentwickelung des Silvretta- 
Gletschergebiets, vom Jamthalfemer im Nordosten bis 
zum Ende des Silvrettagletschers im Westen, mit dem 
freundlichen Klosters als Tagesziel. Es ist eine rieh* 
tige, volle Tagestour, welche vor uns lag, der längste 
Gletsehermarsch, welcher in der Silvrettagmppe über* 
haupt Gombinirt werden kann, und auch schon vor eiii 
paar Jahren mit der Variante, daß statt der Drei- 
länderspitze der Buin bestiegen wurde, von Gottlieb 
Lorenz mit einigen Touristen ausgeführt. 

Wieder führte unser Weg über den Jamthaler 
Ferner hinan. Die Steigeisen beflügelten unsere Schritte 
auf dem harten, blanken Eise und schon um 5 Ulir 
35 Min. standen wir in der weiten Fimmulde ober- 
halb der Seracs, welche der Gletscher bei der Pres- 
sung um die Ostkante des vordem Satsgrates auf- 
wirft. Südwestlich dem Rücken zusteuernd, welcher 
den Jamthalfemer vomVermuntferner trennt, erreichtOD 
wir die südliche Passage über denselben, die südliche 
oder obere Ochsenfurkel, um 6 Uhr 40 Min. 



Aus der Silvrettagruppe, 183 

Wir tiberachritten hier um ein Geringes die Grenze 
zwischen Tyrol und Vorarlberg und wandten uns nacli 
Ablegnng alles überflUssigen Gepäckes südwärts den 
steilen Schneehang hinan, welcher sich zum obersten, 
felsigen Gipfel der unmittelbar vor uns sich erhebenden 
Dreiländerspitze emporzieht. Der reichliche JSeuschnee 
verursacht tiefes Einsinken, doch wird endlich die 
kleine, eiserftillte Kehle gewonnen, welche zur obersten 
Spitze lührt, nnd um 7 Uhr 30 Min. sitzen wir bei 
dem verwitterten Stummel der Signalstange. 

So rein und klar die Aussicht auch heute ist, so 
versagen wir uns doch den Genuß ihrer eingehenderen 
Betrachtung und wenden nnser Augenmerk während 
des kurz bemessenen Aufenthaltes mehr dem Studium 
der verschiedenen, hier auf dem Grenzpunkt dreier 
Länder zusammentreffenden Gebirgszüge zu. Eins nur 
in der Fernsicht frappirt uns. Durch die Flucht des 
Vermuntthals, über dem Schnittpunkt der Hänge des 
Strittkopfs und der Cresperwand, erscheint im engen 
AoBsehnitt das Kirchlein von Außer -Bartolomeberg 
oberhalb Schruns, das sonst von keinem Gipfel der 
Klvretta sichtbar ist. Und siehe, die bald heniach 
angestellte Probe ergab, daß von der genannten Kirche 
aas in der That die kleine, fingerhutförmige oberste 
Spitze des Dreiländerspitzes, sonst aber, wie gesagt, 
sieht ein Berg der inneren Silvretta sichtbar wird. 

So sehr die Sonne bereits den Neuschnee durch- 
weicht hatte, so sehr litten wir auf der Spitze von 
einem scharfen, eisigen Wind, der das Hantiren mit 
Karten und Stift sehr erschwerte. 

Gleichwohl will ich versuchen, das Ergebniß meiner 



184 0. t?. Pfister. 

Vergleichangen zwischen Karten and Wirklichkeit kurz 
zusammenzufassen. 

Es ist bekannt, daß weder die schweizerische, noch 
die österreichische Generalstabskarte die Silvretta- 
gmppe correct wiedergeben, sondern daß beide auch 
in wesentlichen Punkten von der Wirklichkeit mehr 
oder minder stark abweichen. 

Jenen Theil des Haupt- und Grenzkammes, welcher 
vom Futschölpaß westlich bis zum Jamjoch zwischen 
Punkt 3052 "Ö (3106» 8) und Punkt 3169 »Ö 
(3155 ^ S) sich erstreckt, gibt die österreichische 
Karte verhAltnißmAßig am getreuesten. CharacteristiBch 
ist insbesondere der den Punkten 2951» Ö (3120" 8) 
und 3052« Ö (3106« 8) westlich vorgelagerte Moi«nen> 
und Felszug; nur ist er in seinen südlichen Partien 
zu groß gezeichnet und zu sehr nach Westen gekrUmmt, 
wodurch das weite Fimbecken des großen Jamthal- 
femers bis zur Unkenntlichkeit verengt und klein 
erscheint. 

Auf der Schweizerkarte fehlt dieser fUr die Orien- 
tirung wichtige Zug gänzlich und ist überhaupt die 
ganze Nordabdachung des Grenzkammes vom Futschöl- 
paß selbst an viel zu sehr mit conventioneilen in 
Wirklichkeit nicht vorhandenen Schneefeldem bedacht. 
Richtig ist in der österreichischen Karte femer die 
Zeichnung des nördlichen Verlaufs des Jamthalfemers, 
welcher sich durch das Hineingreifen des Satzgrates 
(Todtenfeld der österreichischen Karte) von Westen, 
unter Anftreibung der oben erwähnten Seracs, zur 
schmalen, langen Zunge verengt, während die Dufour- 
karte den Satzgrat so weit nördlich rtickt, daß er erst 



Aus der Süvrettagruppe, 185 

am unteren Ende des Jamthalferners erscheint und 
dem letzteren dadurch eine Breitenentfaltung gibt^ 
welche er weitaus nicht besitzt. Durch diese Nord- 
wärtsschiebung des Satzgrates wird auch die Strecke 
zwischen Dreiländerspitz (3199™) und dem angeb- 
lichen Pielthalerspitz (2850 "<^) unnatürlich verlängert 
und dann mit einem langen Felszu^, welcher die 
Namen Ochsenkopf und Radtspitz trägt, ausgefüllt. 
In dieser Ausdehnung existirt dieser Zug nicht. Es 
ragt vielmehr nur ein kürzeres Felsenriff ans der 
Mitte des Gletschersattels auf, wie es in der öster- 
reichischen Karte mit der HQhenquote 3038 '^ be- 
zeichnet ist. Der Schneeübergang nördlich dieses Riffes 
ist die gewöhnliche ,,Ochsenfurkel^ ; den höheren 
Uebergang, südlich desselben, wird man daher richtig 
als „obere Ochsenfnrkel^ bezeichnen dürfen. 

Die Benennungen Ochsenkopf und Radtspitze der 
Dufourkarte sind weiter nach Norden, in die Um- 
wallung des Pielthales, zu verweisen, wie denn über- 
haupt die ganze Nomenclatur in jenem Revier noch 
höchst unsicher ist. Daß die Patznauner den Punkt 
3052« Ö (3106 '>' S), den ich s. Z. unter dem Namen 
Jamspitze beschrieb, Gemsspitze nennen, während die 
Dufourkarte unter diesem Namen den Punkt 3169 "^ O 
(3155"* S) versteht, habe ich schon oben angedeutet. 
Die Patznauner ihrerseits nennen diesen Punkt Jamthal- 
femerspitz, und unter diesem Namen ist er in die 
alpine Literatur übergegangen. Bemerkenswerth ist 
indessen, daß, während nach den Karten eben diese 
beiden Höhenquoten sich auf einen und denselben 
Punkt zu beziehen scheinen, sie in Wirklichkeit zwei 



186 0. V, Pfisier. 

verschiedenen, wenn auch sehr benachharten Gipfeln 
angehören dürften, welche die beiden Karten, je nach- 
dem sie dieselben mehr von Norden oder Sttden be- 
trachten, in Eins zusammenziehen. 

Die Dufourkarte läßt den kecken, pickelhanhen- 
förmigen Bau der nördlicheren Jamthalfemerspitze 
unter einigen in Wirklichkeit nicht vorhandenen Fels- 
bändem verschwinden und rückt die von ihr betonte 
Gemsspitze (3155 >") dem entsprechend etwas nach 
Norden in den Grenzkamm. Die österreichische Karte 
stellt richtig die Jamthalfemerspitze (3169 ™) auf die 
Grenzscheide und sucht der sttdlich aus derselben 
gerückten Gemsspitze, welche sie unterdrückt, dadurch 
einigermaßen gerecht zu werden, daß sie den Punkt 
3169^ etwas zu stark nach Sttden abbiegt. In Wirk- 
lichkeit steht, wie gesagt, aus dem Grenzkamm ent- 
rückt, sttdlich vom Jamthalfemerspitz eine zweite 
annähernd gleich hohe Felskuppe, vermuthlich die 
eigentliche Schweizer Gemsspitze; beide Berge sind 
durch ein breites Schneejoch getrennt. 

Viel zu massig ist auch die Dreiländerspitze (3199"*) 
auf der Schweizerkarte gezeichnet; auch sie scheint 
etwas von der verschwundenen Jamthalfemerspitze 
abgekriegt zu haben. Richtiger ist dieser Punkt auf 
der österreichischen Karte dargestellt, wo ihm indessen 
merkwürdigerweise, trotz seiner Länder scheidenden 
Bedeutung, sowohl Benennung als Höhenpunkt fehlen. 

Ziemlich correct ist auf der österreichischen Karte 
femer der mehrfach erwähnte Zug, welcher die Drei- 
länderspitze mit dem Satzgrat verbindet, die tyrolisch- 
vorarlbergische Grenze trägt und von den beiden 



ÄU8 der 8ävrett€Lgruppe. 187 

Ochsenfurkeln überschritten wird ; allein es fehlt nord- 
wlrtB dann sofort die nöthige Individaalisirnng der 
einzelnen Spitzen : Ochsenkopf, Pielthalerspitze etc. 

Die Nomenclatur scheint dort selbst unter den 
Eingebomen noch außerordentlich schwankend, und 
der Einblick von unserem Beobachtungspunkt aus war 
nicht hinreichend, daß ich es wagen möchte, meine 
Wahrnehmungen und Schlußfolgerungen an dieser 
Stelle zu notiren. Hen* E. Zöppritz aus Calw war 
dort drttben. Vielleicht bringt seine Feder gelegentlich 
einige genauere Aufklärung. ^) 

War in dem bisher besprochenen Revier die öster- 
reichische Karte im Allgemeinen die correctere, so 
beginnt, wenn wir vom Dreiländerspitz aus dem Haupt- 
und Grenzkamm westlich weiter folgen, das Gebiet, in 
welchem die Schweizerkarte als die richtigere erscheint. 

^) Diese Erwartung ist inzwischen in der Zeitschrift des 
D. n. Ö. A. V. 1883, Seite 459 ff., in ErfflUung gegangen, nnd 
zu meiner Genngthnnng stimmen die Wahrnehmungen und 
Aafiieichnnngen des Herrn E. Zöppritz mit den meinigen fast 
YoUstäadig Hberein. 

Wichtig ist vor AUem, daß auch er das Vorhandensein 
Ton zwei aoageprägten Bergindividnen am 8fldrand des Jam- 
thalerfemers constatirt, wo die beiden Karten je nur Eines, 
■SmHch die sehweizetiscbe Karte nur die Gemsspitze (3155 "), 
die öaterreiehische nur den Punkt 3169 " (Jamthalfemerspitz) 
«aflUiren. Herr Zöppritz scheidet sie zum ersten Male dorch 
dkl BeneoBuiigen Tordere and hintere Jamthalfemerspitae, 
wttrend nach meiner oben angedeuteten Anschauung die 
Beaennang Schweizer (Jemsspitze (3155**) der Schweizer 
Karte dem Bfldlichen Gipfel (hintere Jamthalfemerspitze nach 
Zöppritz), die Bezeichnung Punkt 3169'* der österreichischen 
Karte (Jamthalfemerspitze der deutschen Alpenliteratnr) dem 



188 0. V. Pfister. 

Ganz gut gibt die letztere die Absenkung des 
Zuges zum Vennuntpaß, über dessen Pforte der Piz 
Mon (3133'^) sieh erhebt, jedoch fehlt ihr der kleine 
Felsgrat, welcher vom Piz Mon nördlich in den Ver- 
muntfemer ragt und in der österreichischen Karte 
richtig gezeichnet ist. Im Uebrigen aber gibt die 
letztere den Zug vom Dreiländerspitz bis zum Piz 
Buin durch einen steifen, conventioneilen Felazog' 
wieder, durchbrochen von einer schmalen Gletscher- 
zunge, welche den breiten Vermuntpaß darstellen soll. 
Am Buin selbst ttbertrifft sie noch einmal die Schweizer- 
karte in der Wiedergabe des starken Astes, welcher 
von diesem Berge sich nordwärts zieht und den Ver- 
muntgletscher in zwei annähernd gleiche Hälften theilt. 
Dieser Ast ist auf der Schweizerkarte verkümmert 
und westwärts gedrückt. 

Dem Vermuntpaß, östlich von diesem Ast, ent- 

nördlichen Gipfel (vordere Jamthalfemerspitze nach Zöppritz) 
zukommt. 

Den Schneesattel, welcher in sfid-nördücher Richtung 
beide, circa 600 Meter von einander entfernte Gipfel ver- 
bindet, nennt Herr Zöppritz Jamjocb, während er das von 
mir in Ermanglung irgend welcher Anhaltspunkte s. Z. Jam- 
jocb genannte gangbare Joch zwischen Schweizer Gems- 
spitze (Slöö^^S) und Patznauner Gemsspitze (3106"" S, SOöS" ö) 
Galtürerthäli oder Ureza^och nennt, Namen, welche sehr 
wohl acoeptabel sind, wenn nicht auf Schweizer Seite bereis 
eine andere feste Benennung besteht, was ich nicht weiO. 

Bezüglich der ganz auf österreichischem Gebiet liegenden 
Entwickelnng des am Dreiländerspitz ausgehenden hintereii 
Satzgrates, welcher sich in den Ast der Radseite und des 
vorderen Satzgrates gabelt, wird auf die interessante Arbelt 
des Herrn Zöppritz selbst verwiesen. 



ÄU8 der dävreitagmppe. 189 

spricht westlich you demselben alft Uebei-gang nach 
Oraubtinden die Faorcia del Confin^ von welcher man 
entweder über Plan Rai nach Gnarda, oder ttber 
Vadret Tiatscha oder Vadret Chama nach Lavin hinab- 
steigen oder aber über den Silvrettapaß nach Klosters 
gelangen kann. 

Anf der österreichischen Karte fehlt der kleine 
Bain gXnzlich; dafür ist der Zug znm Silvrettahorii 
viel zn lang gerathen, so daß flir Signalhorn und Eck- 
hom kein Raum mehr blieb. Nach den schweizerischen 
Karten, deren wohl ausgebildete und bereits einge- 
bürgerte Nomenclatur in diesem Terrain wohl den 
Vorzug verdient, steht unmittelbar nordwestlich ttber 
der Füorcla del Confin das Signalhorn (3207 ""). Nörd- 
lich vom Signalhorn führt ein Gletscherjoch vom Ver- 
miintfemer unmittelbar zum oberen Silvrettagletscher 
hinflber. Auf der Excursionskarte des S. A. C. von 
1865 ist dies Joch ziemlich kenntlich, doch fehlt ihm 
die Gletscherverbindung zum Vermuntfemer. 

Wer, gleich uns, ostwärts vom Buin her kommt, 
ist leicht der Verwechslung dieses Joches mit der 
Fuorcla del Conün ausgesetzt. 

Dieses Joch wird im Norden fiankirt vom Eckhoni, ihm 
folgt dominirend das Silvrettahom (3248 ^). Anstatt alF 
dieser den Schweizer Clubisten wohl bekannten Berge 
hat die österreichische Karte nur die vage Bezeichnung 
Hennebergerspitzen und bei genauer Vergleichung beider 
Karten kommt man unwillkttrlich zu dem Gedanken, daß 
Silvrettahom 3283«, Punkt 3191«, Punkt 3195 «Ö 
und SigDAlhom 3207», Eckhom?», Silvrettahom 3248« S 
identisch sein sollen, trotz der starken Höhendifferenzen. 



11K> (), t?. Pfisier, 

Dann freilich ist die Grenze auf der österreichischen 
Karte falsch gezogen. Sie maßte, statt von ihrem 
falschen Silvrettahom fast rein westlieh zum Punkt 
2716™ Ö (2719"^ S) zu springen, sich erst nördlich 
zu Punkt 3191»» Ö oder, falls Punkt 3195» Ö dem 
wahren Silvrettahom entsprechen sollte, bis zu diesem 
ziehen und dann erst westlich ausbiegen, wie diese 
Cnrve auch aus der Schweizer Karte gar anschaulich 
zu ersehen ist. 

In der That annectirt' die österreichische Karte 
den nordöstlichsten Seitenarm des Silvrettagletschers^ 
ein Umstand allerdings, der nicht einmal für die beider- 
seitigen Gemsjäger von erheblicher Bedeutung sein 
dtlrfte, und sonst werden wohl Wenige ein Interesse 
an der Sache haben. 

Der mächtige Felsbau der Rothfluh, weiche im 
Grenzzaun nur die schmale Lücke der Rothfurka läßt^ 
ist auf der österreichischen Karte Htl schlich unter 
weiten Schneegeülden, welche Klosterthaler- und Sil- 
vrettagletscher verbinden, untergetaucht. Die Schweizer 
Karten geben diesen Zug richtig wieder. 

Wir sind in unserer Schilderung der kartogra- 
phischen Verhältnisse demjenigen, was wir vom Gipfel 
der Dreiländerspitze aus wahrnehmen konnten, etwas 
vorangeeilt und haben die Beobachtungen, welche wir 
im weiteren Verlauf unserer Wanderung machten, im 
Interesse der Einheitlichkeit der Darstellung gleich 
hier angereiht. 

Es erübrigt uns nur, hinsichtlich der Beziehungen 
derartiger Kartendifferenzen zu den Leistungen der 
Hochgebirgsgeometer dasjenige zu wiederholen, was 



Aus der Silvrettagruppe. \\n 

wir andern Ortes schon nachdrücklieh ausgesprochen 
haben: Wer selbst im Hochgebirge Bescheid weiß, 
wird sich stets nur über die Höhe des durch mensch- 
liches Wollen und Können Erreichten wundem, niemals 
aber über vereinzelte Fehler und IrrthUmer. 

Nach einem etwa halbstündigen Aufenthalt ver- 
ließen wir den Gipfel der Dreiländerspitze auf dem 
nUm liehen Weg, aufweichen wir gekommen, und standen 
mn 8 Uhr 20 Min. wieder auf der obem Ochsenfurkel. 

lieber das weite Bchneefeld eilten wir hinab zum 
Vermuntgletscher und durchschnitten um 8 Uhr 55 Min. 
die zum Vermuntpaß fahrende Mulde nahe bei der 
Pa61ttcke selbst. Um in das westliche Firnbecken des 
Vermuntgletschers und zur Fuorcla del Confin zu ge- 
langen, hatten wir die Wahl, entweder den Vermunt- 
gletscher soweit hinabzusteigen , bis der vom Buin 
sich nach Norden absenkende starke Berggrat zu um- 
gehen war, oder über das Gletschergewölbe, welches 
den Fuß des Buin im Norden deckt, stets in west- 
licher Richtung ansteigend, durch eine Lücke in dem 
erwähnten Grat, diesen selbst zu überschreiten und 
in's jenseitige Gletscherbecken hinüber zu steigen. 
Wir wählten den letzteren, augenscheinlieh kürzeren 
Weg. Ziemlich dem obersten Saum des Gletschers 
entlang, an den furchtbaren Steilwänden des Buin uns 
haltend, erreichten wir nach einer Stunde anstrengenden 
Steigens und Watens im durchweichten Schnee mn 
lo Uhr die Lücke im Buingrat, von welcher aus erst 
etwas südlich gerückt die Fuorcla del Confiji sichtbar 
wird. Das Gletscherjoch, nahe westlich vor uns, 
welches ich früher vom Patznauner Gemsspitz und dem 



192 0. f. Pßsier. 

Dreiländerepitz ans gesehen und, irre geleitet durch die 
österreichiBche Karte^ für die Fnorela del Confia ge- 
halten, erwies sich als der oben erwähnte Einschnitt 
zwischen Signalhom und Eckhom. 

Ein schönes und im Wesentlichen getreues Bild 
der ganzen Gegend gibt das Panorama des Silvretta- 
passes von Jules Jacot, welches dem Jahrbuch des 
S. A. C, Bd. III, 1865, beigegeben war. 

Den Mittel- und Vordergrund seiner linken HXlffce 
bildet die Schneefläche eines Gletschers „ohne Namen^, 
G. 0. N.; es ist der große Vermuntgletscher, durch 
den vom Buin herab kommenden mehr erwähnten Grat, 
der hier etwas zu schneeig gehalten ist, in zwei 
Hälften getheilt. Ueber dem linken, tieferen Gletscher- 
theil, welcher Über den Ausläufern des Signalhorns 
sichtbar wird, erhebt sich das Zackengebilde der 
Dreiländerspitze. Der Einschnitt links von ihr ist die 
obere Ochsenfurkel, der Einschnitt rechts, vom Bain 
begrenzt, der Vermuntpaß. Ueber das Felsriff im 
Vordergrund, welches über den Worten „Grenze gegen 
Vorarlberg" sich bis über das Wort „Panorama" hin- 
zieht, führt ziemlich in der Mitte zwischen beiden 
Worten die Fuorcla del Confin. 

Vom Buingrat fuhren wir auf den oberen Vermunt- 
gletscher hinab und strebten über dessen weite Schnee- 
fläche der Fuorcla del Confin zu, welche wir um 
11 Uhr erreichten. Westwärts die Schneehänge tra- 
versirend, standen wir um 11 Uhr 30 Min. auf der 
Silvrettapaßhöhe und hatten solcher Gestalt gewisser- 
maßen von der Ochsenfurkel aus das ganze Jacot'sche 
Panorama bis zu dessen rechtem Ende durchwandert. 



ÄU8 der Silvrettagrt*pp€. 193 

Nach einer viertelstündigen Rast wandten wir uns 
den viel begangenen Silvrettagletsclier hinab, dessen 
Schönheiten durch die dicke Decke Neuschnees stark 
beeinträchtigt waren ; um 1 Uhr standen wir an seinem 
untern Ende, banden uns vom Seil los, das wir wäh- 
rend nahezu acht Stunden getragen^ und zehn Minuten 
später betraten wir die Glubhtttte des S. A. C. Ich 
^äll nicht verschweigen, daß mir, als Mitglied des 
S. A. C, der Vergleich zwischen der Hütte in Jam- 
thal und jener am Silvrettagletscher, welclier sich mir 
unwillkürlich aufdrängte, ein schmerzliches Gefühl 
weckte. Nicht wegen der einfacheren Bauart, nein; 
als die SilvrettahUtte entstand, machte man noch nicht 
so hohe Ansprüche an den alpinen Comfort, wie heut- 
zutage, Ansprüche, über deren Maß sich mitunter 
streiten ließe; aber Ordnung und Reinlichkeit sind 
zwei Eigenschaften, welche man auch von der schlich- 
testen Wohnstätte erwarten darf. Ein schmutziger, 
mit Fett und Talgtropfen bedeckter Tisch, rostiges 
Besteck in einem zerbrochenen Cigarrenkistchen, auf 
allen Gesimsen eine Menge schmutziger, theils zer- 
brochener Flaschen und Fläschchen, in dem spär- 
lichen Kochgeschirr alte Speisereste ; wer wollte sich 
da mit langer Mühe und Arbeit erst wohnlich ein- 
richten, der nicht durch die Umstände dazu unab- 
änderlich gezwungen ist? Wenn auch müde und 
hungrig, wird der Wanderer Anstrengung und Zeit 
lieber darauf verwenden, tiefer im Thal eine ein- 
ladendere Unterkunft zu suchen. 

Ehrensache der Führer sollte es sein, die Hütten, 

welche der Club ihrer Obhut in erster Linie anver- 

13 



194 0. t?. Pfister, 

trauen muß^ vor dem VerUsaen stets wieder in ordent- 
lichen und reinlichen Stand zu setzen. Geschieht dies 
regehnäßig, so ist die Arbeit niemals groß; ist eine 
Hütte aber einmal vernachlässigt, dann wird ihre 
Säuberung zur Augiasarbeit. In diesem Punkte dürfen 
in der That die Patznauner Führer als Muster auf- 
gestellt werden. 

Wir verzichteten unter diesen Umständen auf das 
geplante Abkochen und beschränkten uns darauf, die 
nasse Fußbekleidung zu wechseln und einen kalten 
Bissen zu verzehren; dann trollten wir in gemäch- 
licherem Tempo der Sardasca-Alpe zu und betraten 
kurz vor 6 Uhr Abends die gastliche Pension Florin 
zu Klosters. 

Die ganze Wanderung, wie ich kecklich behaupten 
darf, die lohnendste, welche in der Silvrettagruppe 
überhaupt gemacht werden kann, erfordei-te sonach 
ungefähr dreizehn Stunden inclusive aller Aufenthalte. 
Ohne den so hinderlichen weichen Neuschnee gestaltet 
sie sich erheblich leichter und gewiß um eine bis 
zwei Stünden kürzer. 



<i(aiieri4oeh (2488*" Ö, 2460" 8). 

Am Morgen des 15. August 1883 verkündeten 
einige weißliche Streifen am Himmel, daß des Wetters 
wechselnde Gunst für einmal wieder zur Neige gehe. 

Der Tag war bestimmt, durch das Schlapinathal 
und das Ganerajöchl (2488 " Ö, 2460 °» S) die Rück- 
kehr in's Montavon zu bewerkstelligen und daneben 
die mir noch unbekannte Südseite des Schlapinajoches 



Ätu der Sihrettagruppe. 195 

in AogenBchein zu nehmen, sowie, falls das Wetter 
es erlaubte, die Kttbliserspitze (2836 ™ S) zu besteigen. 

Um 6 Uhr 10 Min. verließen wir Klosters und 
um 7 Uhr 50 Min. standen wir im Thalknie, etwas 
oberhalb der mit zahlreichen Hütten und Ställen be- 
sXeten Schlapina-Alpe. 

Unschwer verfolgt das Auge den alten Saumpfad, 
welcher hinauf führt zum Schlapinajoch und hinttber 
durch's Oargellathal in's Montavon. Es ist eine stille 
Hoffnung der Montavoner, daß dieser Paß dereinst 
in fahrbaren Stand gesetzt werde, und daß dann der 
lebhafte und friedliche Verkehr zwischen hüben und 
drüben wieder erwache, wie er früher stattgefunden, 
da noch die langen Züge schellengeschmückter Saum< 
pferde fast tagtäglich über das Joch stiegen. 

Nicht immer freilich war es das harmlose Saum- 
thier, von dessen Huf die Steine des Pfades klirrten. 
Zu wiederholten Malen wälzten wilde Rriegshorden 
sich über den Paß, dem Nachbar Tod und Verderben 
bringend; so am 12. Juli 1620, als die Thalleute von 
Mootavon ohne Oenehmigung der österreichischen 
Rriegsleitung in's Prättigäu einbrachen; am 17. Oc- 
tober 1621, als Oberst Eberhard Brion dieses Thal 
unten und oben sperrte, um es durch Soldatengewalt 
und Kapuziner zum alten Glauben zurückzuführen; 
am 4. Juli desselben Jahres, da die Bttndner unter 
Robert von Salis den Oesterreichem diese Einfälle 
blutig vergalten , und später wieder , in den fran- 
zösischen Rriegen, als am 10. März 1799 ein Theil 
der von Massena bei Maienfeld, Zizers und Chur ge- 
sprengten österreichischen Truppen über Schlapin floh, 



196 0. t?, Pfister. 

und am 1. und 13. Mai des nämlichen Jahres^ als 
die OeBterreicher erst einen mißglückten^ dann einen 
erfolgreichen combinirten Angriff in fttnf Golonnen 
über den Rhätikon auf die französischen Streitkräfte 
im Prättigäu unternahmen. Am letztern Tage ging 
Oberst Plunqnet mit dreitausend Soldaten und der 
Montavoner Landesschtttzen-Compagnie Keßler über 
Schlapin nach Klosters und verfolgte am 14. Mai die 
geschlagenen Franzosen sowohl über Laret und Davos, 
als über Saas gegen Küblis hinab. Selbst eine Ab- 
theilung Modena-Dragoner passirte damals das wilde 
Joch. 

Dies war der letzte und wohl auch größte Trup- 
penzug über das Schlapiner Joch , zu dessen Vorbe- 
reitung schon während des im Hochgebirge so rauhen 
Aprilmonats in der Nähe der Pässe Proviant- und 
Munitionsvorräthe angehäuft wurden , wobei selbst 
Weiber Trägerdienste geleistet hatten. 

Diese mannigfachen historischen Erinnerungen 
kürzten uns den etwas einförmigen Weg zum Ober- 
säß der Schlapinalpe , wo wir um 9 Uhr 30 Min. 
ankamen und, nachdem wir von den Hirten einige 
Auskunft über den Weg erlangt hatten , ohne Ver- 
weilen fürbaß wanderten. 

Jenseits des Schlapinbaches zieht sich der Pfad 
einen steilen Hang hinan, welcher oben in eine sanft 
ansteigende Mulde übergeht. In die von Trümmern 
und Schutt von den ringsum stehenden Bergen ge- 
bildete Sohle dieser Mulde hat der Bach ein tiefes 
Bett gegraben. Wir überschreiten dasselbe und halten 
uns mehr am linken Bei^hang hin. Jagende Nebel 



ÄÜ8 der Sävrattagruppe. 197 

beraaben ans des Ausblicks nach der Schweiz; sie 
mahnen ans zur Eile , damit wir die Nordseite des 
Joches nnd den uns Beiden unbekannten Abstieg noch 
Aehen^ ehe das drohende Grau Alles verhüllt. 

Das Terrain wird steiler, die spärliche Vegetation 
erlischt und macht einzelnen Schneeflecken Platz, 
welche zwischen den Felsrippen und den Blockwttllen 
eingebettet sind; um 11 Uhr 30 Blin., zwei Stunden 
nachdem wir den Obersäß passirt, stehen wir in der 
Paßlttcke des Oanerajochs (2488" Ö, 2460" S) und 
sehen in das gleichnamige Thal hinab. Der Blick 
ist noch frei, nar die Berghftnpter stecken schon in 
den Wolkenkappen, so insbesondere auch unser Nach- 
bar zur Rechten, der KUbliserspitz (2836" S), auf 
dessen Besteigung wir unter solchen Umständen ver- 
zichten müssen. Nach dem, was wir später noch von 
ihm bruchsttickweise zu sehen bekamen, wäre die 
Besteigung vom Ganerajoch aus nicht schwierig ge- 
wesen ; zwischen allerlei Felscoulissen hindurch wären 
wir meist auf Schnee am Nordhang des Gipfels in 
sfidöstlicher Richtung vorgedrungen und von dieser 
Seite selbst zur Spitze gelangt; den Abstieg hätten 
wir wahrscheinlich fahrend über die langen und steilen 
Schneestreifen , die sich von ihr nach Norden ab- 
senken, nehmen ki)nnen. 

Ein andermal vielleicht! — Das Montavon ver- 
steht es, auch durch mißglückte Projecte mich stets 
aufs Neue anzuziehen. 

Den Abstieg vom Ganerajoch zu Thal wählten 
wir falsch. Die Schweizerkarten zeigen zwei Fuß- 
pfade ; der eine geht gerade aus nördlich, der andere 



198 0. t?. Pßster. 

biegt auf der ersten Weideterrasse nach Osten ans, 
umgeht den Hintergrund des Thaies und führt am 
rechten Bachnfer zur Ganera-Alpe. 

Wir wählten den erstem, einmal weil er kürzer 
schien, dann, well der einzige in der österreichischen 
Karte angedeutete Pfad mit diesem identisch zu sein 
schien. 

Lorenz hatte zwar große Lust, der kleinen Schaf- 
htttte auf dem obersten Boden zuzusteuern, allein die 
gedachten Erwägungen gaben den Ausschlag; vrir 
blieben am linken Thalhang , wo bald unter der 
obersten Thalterrasse der Weg sich verlor und wir 
uns endlich gezwungen sahen, mit Pickel und Steig- 
eisen den Abstieg Über einen außerordentlich steilen 
Fels- und Grashang zu erzwingen. Unten sahen wir 
dann den guten Weg, welcher aus der innersten Falte 
des Thaies, drtlben am Plattenspitz, herausführt. Um 
12 Uhr 45 Min. hielten wir Einkehr bei den freund- 
lichen Leuten auf der obem Ganera-Alpe und labten 
uns in deren reinlicher Hütte mit einer tUchtigen 
Came-pura-Erbsensuppe. 

Bald stellte ein furchtbares Donnerwetter sich ein 
und zeigte das Aelplerleben , wie es ist , in grellem 
Contrast mit dem, wie die idyllische Poesie dasselbe 
zu malen liebt. 

Es war Melkzeit; die achtzig Ktthe waren von 
allen Seiten herabgekommen, um ihrer kostbaren 
Gabe entledigt zu werden. In einer Stunde mußten 
sie wieder auf dem Wege zu ihren Weideplätzen sein, 
wenn sie dieselben rechtzeitig wieder erreichen wollten. 
Da galt es kein Besinnen. Trotz des strömenden 



Aus der Silvrettagruppe. 199 

Regens, bei dem man nicht einen Hund vor die Thüre 
Jagen möchte , banden die alte Sennerin und ihre 
Tochter den Melkstuhl um, hüllten sich in unglaub- 
liche Decken und machten sich an das harte Geschäft 
des Melkens. Auch der Hirte, obwohl nach der alp- 
verfassungsmäßigen Arbeitstheilnng zu solchem Dienst 
nicht verpflichtet, wurde durch die Versprechung eines 
wannen Kaffees herangezogen , und bald bis auf die 
Haut durchnäßt liefen die Drei eilfertig mit den vollen 
Kttbeln zur Hütte und mit den leeren wieder hinaus 
in Wetter und Sturm, dabei sorgfältig achtend, daß 
jedes Bauern Milch extra gestellt werde ; denn sie zu 
mengen und nachher das Product pro rata zu theilen, 
wäre ein Gollectivismus, den der Montavoner Bauer 
nicht versteht, obwohl sein Eigenthum und Nutzungs- 
recht am Boden der Alpe selbst einen sehrjausge- 
prägten Gollectivismus zeigt. 

Da bleibt denn die Milch acht Tage und darüber 
stehen, bis die Reihe der Butter- oder Käsebereitung 
wieder an den einzelnen Alpgenossen kommt und die 
Sennerin dessen Milchvorrath in einem Zustand in 
Bearbeitung nimmt, welcher ein gesund und rein 
schmeckendes Erzeugniß im Vorhinein ausschließt. 

Die beharrliche Dauer des Regens auch nach ver- 
zogenem Gewitter ließ uns ahnen , daß ftlr den fol- 
genden Tag nichts Gutes zu hoffen sei; so gab ich 
denn den letzten Rest meines Projectes , die Nacht 
bei den freundlichen Leuten zu bleiben und am andern 
Morgen dem Hochmaderer (2821 >" Ö u. S) einen Be- 
such zu machen , auf. Gegen 4 Uhr verließen wir 
die Hütte und eilten, getrieben vom leise rieselnden 



200 0, V, Pfister. Äw der Süvreitagruppe. 

Regen, in weniger als zwei Stunden nach Gaschnrn 
hinaas. 

Hatte das Wetter auch den fttr mich weniger 
wichtigen Schluß der kleinen Rundtour durch und um 
die Silvrettagruppe beeinträchtigt, so gehören doch 
die Tage in Jam zu jenen begnadeten , welche sich 
auf Zeitlebens dem Gemüth einprägen. 



Die erste Besteigung des PIzzo Torrone 

(3331 ■). 

Von 

Ä. Bsetmski (Section Rhätia). 

Der Sommer des Jahres 1882 wird wohl hIIod 
Clubißtengutim Gedächtniß geblieben sein. Einen Tag 
Regen und Nebel, den anderen Nebel und Regen; 
hatte man einen Tag das Barometer glücklich einige 
Zehntel Millimeter ,,hinaufgeklopft^, so kam in der 
Nacht ein milder Föhn und verdarb die mühsam voll- 
brachte Arbeit und — so manchen wohldurchdachten 
Plan zu einer Bergfahrt. So ging es auch mir. Nach 
einer Besteigung des Piz Bernina folgte ich der freund- 
lichen Eanladung des Herrn Apotheker Paulcke aus 
Leipzig, meines Gefährten auf so mancher fröhlichen 
Fahrt, und vertauschte Pontresina mit Sils-Maria um 
so lieber, als ich etwas von noch unerstiegenen Berg- 
spitzen in der Nähe dieses Ortes vernommen hatte. 

Acht Tage saß ich schon in Sils und besuchte conse- 
qnent täglich die meteorologische Station; indeß die 
Aussichten auf gutes Wetter blieben aus. Endlich 
— es war am 26. Juli — ließ das Barometer die 



202 Ä. Bzeumski, 

unzweideutige Absicht erkennen, steigen zu wollen; 
Nordwind hatte eingesetzt, wir trafen rasch unsere 
Vorbereitungen und verließen, Herr Paulcke und ich, 
mit den Führern Christian Rlucker und Eggenberger 
Sils-Maria. Wir hatten es auf den Pizzo Torrone 
abgesehen, der bis jetzt zwei Besteigem getrotzt hatte. 
Herrn Pauicke's Gespann brachte uns schnell nach 
Maloja, Yon wo aus wir der Alp Cavloccio im Mu- 
rettothaP) zuschlenderten, die wir zu unserem Nacht- 
lager auserkoren hatten. 5 Uhr Abends waren wir 
dort angelangt. Das Wetter schien sich immer gün- 
stiger zu gestalten; wir freuten uns schon auf die 
morgige Bergfahrt und gingen wohl alle mit bester 
Hoffnung in's Heu. Indessen der Mensch denkt und — 
Jupiter pluvius lenkt. Hatte uns schon in der Nacht 
das undichte Dach der Alphtltte nur zu genau über 
die Windrichtung sowie über das Wetter Aufschluß 
gegeben, unsere Schlappe wurde zur Gewißheit, als 
uns Morgens 1 Uhr, wo wir aufzubrechen gedacht 
hatten, die Führer meldeten, der Schneegux heule 
auf den Bergen. Was blieb uns übrig, — wir krochen 
tiefer in*s Heu und traten um 8 Uhr den Rückweg 
nach Maloja an, wo uns ein famoser Glühwein bald 
Unglück und die durchfrorene Nacht vergessen ließ. 
Bei unserem Einzug in Sils sahen wir verschiedene 
Gesichter, die uns deutlich sagten, daß wer den 
Schaden hat, fUr den Spott nicht zu sorgen braucht. 
Der Abend des 28. Juli sah uns schon wieder 
am Lago di Cavloccio ; wir hatten uns vorgenommen. 



^) Siehe Blatt 520 (Maloja) des topographischen Atlas. 



l>t> erste Besteigung des Pizzo Torrone. 308 

«uf keinen Fall wieder umzukehren und den unfreund- 
lichen (xeBellen Torrone aus äußerster Nähe kennen 
zu lernen. 80 saßen unsrer drei — Herr Paulcke 
war zurückgeblieben, um zu zeichnen — um ein 
lustig prasselndes Feuer von Arvenästen vor der Alp- 
htttte, rtthrten abwechselnd die Griesmehlsuppe und 
ergötzten uns an den Salontöuristen, die vom Besuch 
des Fomo-Gletschers zurückkehrten. Da gab es so 
manche schöne Oestalt. Sieh da, der französische 
Jtfaigling mit den gelben wildledemen Gamaschen, 
dem Tyrolerhut mit der riesigen Spielhahnfeder auf 
dem Kopf, ktthn, mit großer Eleganz „nimmt er^, auf 
seinen Bergstock gestützt, ein kleines unschuldiges 
Bächlein; ob er es mit Gletscherspalten ebenso ge- 
macht hat, oder sollte sich da nicht ein kleiner „horror 
vacui^ zugesellt haben? Gaudeamus igitur — klingt 
es um die Felsecke und wir erblicken ein Fräulein mit 
ihrem Bruder, einem Gymnasiasten. Das Pärchen 
hat uns gar nicht bemerkt, der künftige Studio singt 
lustig weiter, kräftig unterstützt von seiner hübschen 
Schwester. Da jauchzt einer der Führer — der Ge- 
sang verstnnmit; verwundert schaut sich das Pärchen 
nach den drei Gesellen am Feuer um und verdoppelt 
seine Schritte; es scheint ihm nicht recht geheuer. 
Eben wollte noch Klucker eine heitere Bemerkung 
nachrufen, da kochte unsere Suppe über ; wir wandten 
unsere ganze Aufmerksamkeit nunmehr dem fertigen 
Abendessen zu. Als Herr Paulcke nach kurzer Zeit 
herankam, waren wir mit dem allerdings kurzen Menü 
l)ereit8 fertig. Auch er hatte sein Souper bald be- 
endigt und wir gingen daran, unser Schlafcabinet 



204 A. Bzewusku 

einzurichten. Jeder machte es sich nach seiner Art im 
Heu bequem ; wir schliefen ganz leidlich, trennten uns 
aber, als uns die Führer um 12 Uhr weckten mit der 
Nachricht, es sei sternhell, gern von unserem Lager. 
Während Rlucker die Chocolade zum Frühstück kochte, 
brachten wir unsere Toilette in Ordnung. 1 Uhr 
25 Min. Morgens waren wir reisefertig und brachen auf. 
Ein Fußweg, auf dem man, zumal bei dem Schein 
einer Flaschenlateme, ohne Mühe die Beine brechen 
konnte, brachte uns in 35 Minuten an die Alphütten 
von Pian canino und ein weiterer Marsch von 40 Min. 
über Wiesen und die Moräne an den Gletscher. Er 
war hart gefroren und das erste Stück daher unan- 
genehm und ermüdend. Je heller es wurde, um so 
mehr hatten wir Veranlassung, die einzelnen Theile der 
prächtigen Umgebung zu be wundem. Aber erst gegen 
4 Uhr, wo wir uns am sogenannten Signal, in der 
Mitte des Gletschers etwa, befanden, wurden wir des 
Torrone und seiner Trabanten ansichtig, die die riesige 
Gletscherbucht, in welcher der Fomo-Gletscher be- 
ginnt, begrenzen. Die Cima di Rosso, der Monte Sissone, 
der Pizzo Torrone, die Cima di Castello, die Cima di 
Cantone, alle senden ihre kleineren und größeren 
Eisströme in diesen prächtigen Gletschercircus , der 
sich dem staunenden Beschauer hier öffnet. Wir rasteten 
auf einem mächtigen Felsblock, der hier neben vielen 
andern auf dem Gletscher lag, um in Ruhe den 
weiteren Feldzugsplan zu entwerfen. Wir sahen alß- 
bald, daß uns mit der Besteigung des Torrone noch 
harte Arbeit bevorstand. Seinen Fuß umgibt ein 
steiler, zerrissener Fimhang und über diesem thttrmt 



Die erste Besteigung des Pizzo Torrone, 205 

«ich in schroffen Wänden unersteiglich scheinend das 
Massiv des Berges auf. Bald waren wir überein ge- 
kommen ^ über die linke Seite des Fimhangs vor- 
zudringen, die weniger steil und zerklüftet erschien, 
als die rechte, und hofften, am Fuße der Felsen an- 
gelangt, dann irgendwo eine Aufstiegsroute zu finden. 
Nachdem wir uns tüchtig gestärkt hatten, lenkten wir 
unsere Schritte mehr nach links an den Fuß der Cima 
di Rosso, umgingen diesen, schwenkten noch ein 
wenig nach links und schritten nun über den beinahe 
ebenen Gletscher direct auf den Torrone zu. 

Hier sei mir eine kleine Digression erlaubt, zu 
der mich verschiedene IrrthÜmer in Betreff der Lage 
unseres Gipfels , sowie die Arbeit des Grafen Lurani 
„Le Montagne di Val Masino** veranlassen. ^) 

Als ich bald nach der Besteigung des Torrone ver- 
schiedene Karten dieses Gebietes mit einander ver- 
glich, gewahrte ich außer Fehlern in der Zeichnung 
eine eigenthümliche Nomenelatur der Gipfel. Unser 
Pizzo Torrone, von den Führern in Pontresina und in 
Sils, auch von Herrn Altlehrer Caviezel daselbst als 
solcher bezeichnet, liegt, wie Graf Lurani richtig an- 
gibt, am 14. Grenzstemchen links vom Sissone. ^) Der 
Name Torrone hat jedenfalls den Grund in einer 
Bei^orm; man wird wohl nie eine Alp Torrou^ 
nennen ohne Bezug auf einen bestimmten thurmähn- 
lichen Gipfel in der Nähe. Daß es sich mit der Alp 
Torrone im Val di Hello so verhält, ist wohl zweifellos, 



») Vergl. Jahrbuch XVHI, pag. 462. 

') Blatt 523 (Castasegna) des topographischen Atlas. 



206 A. RzewmkL 

selbst wenn wir etwa hier eine Ausnahme des sonst 
üblichen Modus der Benennung von Berggipfeln im 
Val Masino vor uns hätten. Der Name Torrone be- 
zeichnet so prägnant die Bergform, daß er meiner 
Ansicht nach nicht auch für den westlichen Gipfel der 
Rette (PizzoTorrone< des topographischen Atlas Torrone 
occidentale des Grafen Lurani) paßt. 

Das Volk, von dem die Namen wohl grttßtentheiis 
herrühren, wird nie formwidrige Namen geben und 
ebenso wenig einen weißen Berg ,,Schwarzhom'' nennen, 
als einen breiten dreieckigen „Thurm^ (Torrone ^) ; ein 
weiterer Grund für mich, anzunehmen, daß der Name 
Pizzo Ton'one auf dem Blatte 523 (Castasegna) des 
topographischen Atlas an unrichtiger Stelle steht. 
Diese Abschweifung war um so nothwendiger, als 
unser Gipfel auf eben erwähnter Karte namenlos ist, 
mithin das Verständniß der weiteren Besteigung leicht 
leiden konnte. — 

6 Uhr 30 befanden wir uns am Fuß des genannten 
steilen Fimhanges. Hier begann die Arbeit. Wir 
banden uns an's Seil, als Erster Rlucker, dann Herr 
Paulcke, heraach ich, und Eggenberger beschloß den 
Zug. Obgleich das Terrain vieles Stufenhauen verlangte, 
kamen wir anfangs doch ziemlich rasch vorwärts. In- 
dessen mehrten sich die Schlünde \ wir wurden zu Um- 
wegen gezwungen und hatten so Muße, die ganze 
Großartigkeit der Umgebung zu genießen. Da sah 



V Versal. Larani : Le Montagne diVal Masino (Kilano 1883). 
Die dieser Studie beigeg^ebene Skizze S (dalla CSma di Prato 
Baro) zeigt allerdings den Torrone orienidU deutlich als 
mächtigen Felsthurm. Anm. d. Red. 



Die erste Besteigung des Pizzo Torrone. 207 

ich Über 40 Fuß hohe senkrechte Fimwände, die 
wie mit einem Messer durchschnitten schienen und 
circa 30 Schneeschichten erkennen ließen. Wir hatten 
vor 10 Tagen im „Labyrinth" am Bemina gelungen^ 
in diesem Fimgebiet setzten viele Stellen eine größere 
Leistungsfähigkeit und Kaltblütigkeit voraus. Ganz 
besonders im Gedächtniß ist mir eine Passage ge- 
blieben; wir waren nämlich gezwungen, einen Firn- 
hang von etwa 50^ Neigung, dessen Fuß eine breite 
tiefe Spalte umschloß, zu traversiren. Wohl eine 
Stunde wurden wir dadurch aufgehalten, Klucker 
mußte unausgesetzt Stufen hauen, vielerorts war blankes 
Eis unter dem nur dlinn aufliegenden Schnee, so daß 
alle Vorsicht am Platze war. Es ist schwer, solche 
und ähnliche Stellen in nur einigermaßen richtigem 
Lichte darzustellen; bei der Besteigung ist man auf- 
geregt, leicht geneigt, die Gefahr zu überschätzen, und 
macht sich, schreibt man bald darauf, oft der Ueber- 
treibung ohne Wissen schuldig; läßt man dagegen 
einige Zeit vergehen, so verwischen sich die Ein- 
drücke nur zu gern und wir unterschätzen in der 
Schilderung. Besser als alle Beschreibung werden 
folgende Zahlen sprechen. 

Der Fimhang am Fuße des Ton*one steigt nach der 
Karte auf eine Entfemnng von etwa 500" um 400". 
Dies entspricht also einer ungefUhren Neigung von 
40 <> im Durchschnitt. Bedenkt man, daß viele Stellen 
oft eine sehr geringe Neigung haben, so kann man 
sich eine Vorstellung von dieser Partie machen. Als 
wir 9 Uhr 10 Min. auf der Höhe des Firns, am Fuße 
des Torrone, ankamen, wurden wir überrascht durch 



WH A. Bzeumsbi. 

eine großartige Fernsicht. Wir standen wie auf einem 
Balkon, zu Füßen das Val di Melle, links einzig 
sch(5n der Monte della Disgrazia, rechts unten das 
grüne Val Masino mit S. Martine und dicht neben 
uns in erdrückender Nähe die fürchterlichen, uner- 
steiglichen Süd abstürze des Torrone, lieber Italien 
der Himmel wolkenlos, in den Thälem wunderbar 
zarte Farben, während in der Schweiz hinter uns die 
Nebel ihr tolles Wesen trieben. Wir lagerten uns 
auf unserer Balustrade im warmen Sonnenschein und 
freuten uns des Glücks, das wir bis jetzt gehabt. 
Aber wie weiter?! Nebel, die uns bis dahin gegen 
die Sonnenstrahlen angenehm schützten, verhinderten 
jetzt jegliche Recognoscirung der Ostwand, der ein- 
zigen von hier zugänglichen Seite des Torrone. In 
der Hoffnung, daß ein freundlicher Luftzug uns als- 
bald aus diesem Dilemma befreien werde, ließen wir 
unserem Appetit und Durst freien Lauf. Und in der 
That, nach etwa einer halben Stunde war der Nebel 
verschwunden und wir konnten nur zu genau die 
Arbeit beurtheilen, die uns noch bevorstand. Zunächst 
noch eine kleine Firnwand, dann blankes Eis und 
zuletzt Felsen; ob diese ersteigbar, das sollten wir 
erproben. Herr Paulcke nahm mit seinem nie er- 
müdenden Stift die Ansicht des Torrone von hier auß 
auf. Eifrig stritten die Führer in romanischer Sprache; 
sie waren endlich über eine Aufstiegsroute überein- 
gekommen, die auch uns die einzig mögliche schien. 
Nur schwer trennten wir uns nach einer Stunde von 
dem prächtigen Plätzchen, dessen Aussicht sich mit 
keinem mir bekannten im Engadin vergleichen läßt. 




B. FaiiU±t dtL 



LickUraek ton J. B. Olxni^lL^. 



Der Plno Tairone. 



Dit erste Besteigung des Pizeo Torrone, 209 

und steuerten in der alten Reihenfolge der Eiswand 
zu. Da gab es bald für Klucker strenge Arbeit, denn 
das Eis war hart und der Hang hat sicher 45 <> 
Neigung. Nach einer Stunde etwa hatten wir die 
Wand mit circa 100 Stufen überwunden und standen 
an den Felsen, es war 11 Uhr YormittagB. Die 
ersten Schritte auf diesen bewiesen uns, daß wir noch 
lange nicht Sieger waren ; in einer Felsennische ließen 
wir unsere Eispickel zurück, wir brauchten alle wahr- 
haftig unsere Hände. Nur einzeln konnten ¥nr vor- 
rfleken, jeder Schritt mußte erwogen sein, wollte man 
sieht sich und alle verderben. Herr Paulcke und 
ich, beide des Klettems im Granit ungewohnt, ver- 
spürten bald die Nachtheile dieser Gesteinsart im 
Vergleich zum gewohnten Kalkfelsen. In diesem ge- 
währt ein noch so kleiner Yorsprung Halt fUr den 
Fuß, im Granit gleitet er machtlos von der harten 
Fläche ab, wodurch das Klettern dem Ungewohnten 
erschwert wird. Auch hatten wir alle Nachtheile 
einer ersten Besteigung in vollem Maße. So die 
lockern Steine. Die ersten mußten jeden Griff, jeden 
Tritt zuerst versuchen, ehe sie sieh ihm anvertrauten, 
und dennoch war unser Aufstieg von einem beinahe 
inomerwährenden Getöse fallender Felsblöcke begleitet. 
Besonders eine kleine Felswand machte uns viel zu 
schaffen. Sie war durchzogen von einem etwa zwei 
Finger breiten Spalt und das der einzige Halt, den wir 
an ihr hatten. Wir mußten seitwärts hinüber; es schien 
unmöglich, gelang aber glücklich, und wir hatten ge- 
siegt. Nach kurzer Zeit waren wir auf dem äußerst 

sehmalen Oipfelgrat, der heute fllr uns aber keine 

U 



210 Ä. Bßewuski. 

Schrecken mehr haben konnte. Im EilmarBch beinalie 
ging's weiter und 12 Uhr 10 Min. standen wir auf 
dem Gipfel. Ein vierstimmiges Hurrah erscholl^ der 
Sieg war uns nicht leicht geworden. Der Steinmami^ 
den ich auf dem Gipfel eigentlich befürchtete^ war 
nicht da, auch sonst keine Spur von der Anwesenheit 
eines menschlichen Wesens, wir durften uns mit allem 
Recht als die ersten Besteiger betrachten und die 
Siegesfrende genießen. Es war auch wunderherrlich 
da oben. Der Gipfel, ein riesiger Granitblock, bot 
für uns alle vier Raum zum Liegen oder Sitzen, die 
Luft war köstlich warm (15^ 0.) und absolute Wind- 
stille. Wir zündeten unsere Spirituslampe an, um 
unser Mittagessen zu bereiten. Wer je die Wohlthat 
eines warmen Stückchens Braten auf einem hohen 
Berge genossen, möge nie versäumen, eine Büchse 
englischer Fleischconserven, wie wir sie heute hatten ^ 
mit zu nehmen! 

4 

Als nun noch der Champagnerbecher kreiste, be- 
mächtigte sich unser eine beinahe ausgelassene fröh- 
liche Stimmung. Die Fernsicht war nach der nörd- 
lichen Schweiz hinüber durch Wolkenmassen voll- 
ständig gehindert, aber nach Italien und dem Wallis 
war alles wolkenlos geblieben. Die nächste Umgebung 
war zu unserem größten Leidwesen immer nur stellen- 
weise und fiü* wenige Augenblicke nebelfrei, so daß 
wir uns nur wenig über die Lage des Torrone zu 
anderen Gipfeln orientiren konnten. Daher auch der 
Fehler in der „Neuen Alpenpost^ (Jahrgang 1883, 
Nr. 15): der höhere Gipfel der Kette (Torrone des 
topographischen Atlas) sei mit der Cima di Castello 



Die erste Besteigung des PUseo Tarrone. 211 

ZQsammenhängeiid. In Bezug anf die Höhe nnsereB 
Berges m&chte ich zu Klncker die Aenßernng, wir 
fieien 80 hoch als der Sissone, was ja thatsächlich 
der Fall ist. Das ganze Torronemassiv besteht ans 
Oranity der in riesigen Blöcken den Gipfel bildet; es 
\%ty als ob Titanenhände den Ban aufgeftlhrt hätten. 
Mit vereinten Kräften bauten wir einen ziemlich hohen 
Steimnann, dem wir die leere Champagnerflasche mit 
unseren Namen und einigen kurzen Angaben über den 
Verlauf der Besteigung anvertrauten. So gerne wir 
zum Abstieg einen anderen Weg gewählt hätten, wir 
mußten davon, der Nebel wegen, abstehen. Direct 
Yon Sttden ist der Torrone unzugänglich, denn in einer 
Flucht stürzen die Wände senkrecht in das Val Mello 
ab. Von der „Nadel** (Jahrb. S. A.C. 1877/78, pag. 318) 
am westlichen Fuße des Torrone her bestieg Herr 
Prof. Schulz aus Leipzig im Sommer 1883 den Berg 
und stieg über unsere Seite herab. Als Siegestrophäe 
sandte er dann Herrn P. einen auf dem Gipfel zurück- 
gelassenen Portemonnaiekalender. Einen freundlichen 
Gruß unserem Herrn Nachfolger, sein Aufstieg war 
sicherlich nicht leichter als der unsrige. 1 Uhr 35 
Min., nach einem Aufenthalt von 1 Stunde 25 Hin. 
auf dem Gipfel, schickten wir uns zum Abstieg an. 
War schon beim Aufstieg an verschiedenen Stellen 
große Vorsicht am Platze, beim Abstieg mußten wir 
«e verdoppeln, üeber das oben erwähnte Wändchen 
wurde jeder einzeln am Seil hinüber practicirt. Nach 
Verlauf von 1 Stunde und 25 Min. — wir hatten 
15 Min. abwärts mehr gebraucht als aufwärts — 
0tjtnden wir wieder auf dem Eis und 15 Min. später 



212 A. BzetouskL 

auf unserem schönen Rastplatz vom Vormittag. Wir 
gönnten uns kaum einen Moment Ruhe und wandten 
uns dann dem weiteren Abstiege zu. Es gelang uns, 
eine Abkürzung des Weges zu finden, und so standen 
wir schon 3 Uhr 10 Min. am Fuße des steilen Firn- 
hanges und waren außer aller Gefahr. Herr Paulcke 
hatte sich die Mühe genommen, auf dem Fimhange 
die Stufen zu zählen. Es waren mit den getretenen 
zusanunen nahe an 1200, gehauen waren circa 800. 
Der Torrone hUllte sich mittlerweile in einen Nebel- 
schleier, wir konnten nicht einmal den zurückgelegten 
Weg nochmals betrachten. Der 8chnee war sehr weich 
und so kam es, daß wir erst 4 Uhr 40 Min. uns 
vom Seile abbanden. 5 Uhr 20 Min. waren wir 
an unserem ersten Rastplatz vom Morgen angelangt 
und gönnten uns hier erst 45 Min. Ruhe, um die 
Reste unseres Proviantes zu verzehren. Eggenberger 
hatte keinen Appetit mehr, die Fleischconserven auf 
dem Gipfel hatten ihm zu gut geschmeckt! 6 Uhr 
10 Min. verließen wir den Gletscher, waren nach 
50 Min. am Lago di Oavloccio und nach weiteren 
60 Min. gemtithlichen Bummels, auf der übrigens recht 
hübschen Straße, in Maloja. Während wii' unser 
Abendessen verzehrten, brachte ein Telegramm die 
Kunde von der glücklich ausgeführten Besteigung nach 
Sils, von wo uns sofort der Zweispänner des Herrn 
Paulcke entgegen gesandt wurde. 18 Stunden 35 Min. 
hatten wir nöthig gehabt, um die Besteigung Gav- 
loccio -Torrone -Maloja auszuführen, waren aber öfters 
aufgehalten worden, wie es ja bei einer ersten Be- 
steigung nicht anders ist. In Sils kamen wir knrs 



Die erste Besteigung des Fizzo Tarrone. 213 

vor 1 1 ühr Abends an und wurden von den Bewohnern, 
die sich freuten, daß die Besteigung mit Silser Führern 
gelungen war, mit Jubel empfangen, so ganz anders 
wie vor zwei Tagen. — 

Zum Schlüsse bleibt mir noch die Bitte an die 
verehrten Clubgenossen, diese Arbeit, zu der ich von 
verschiedenen Seiten aufgefordert worden bin, als die 
eines Anfängers mit dem Pickel sowohl als mit der 
Feder in der Hand aufnehmen und als solche beur- 
theilen zu wollen. 



Erinnerungen an Sils-Maria. 

Von 

Dr. Theodoi' Ourtius in Manchen. 
(Section Bern.) 



Beneidenswerth ist der Wanderer, welchem es ver- 
gönnt war in der zweiten Angusthälfte des verflossenen 
Jahres in den Bergen zu verweilen, um für die nassen 
Tage vergangener Herbste, für vergeudete Zeit und 
Mühe endlich Genugthuung zu erhalten. 

Vierzehn beständige, zum Theil ganz wolkenlose 
Tage im Oberengadin ! Den Klang dieser Worte wird 
nur der vollkommen zu würdigen verstehen, welchem 
wie mir die unaufhörlichen Regengüsse der letzten 
drei Jahre die Wander wochen in den Bergen gründ- 
lich verdorben haben. 

Noch heute empfinde ich das Behagen, mit welchem 
ich in jenen Augusttagen das Wetterglas betrachtet 
habe. Feierlich beharrte die Quecksilbersäule, die 
mich so oft durch neckisches Einziehen ihres eben 
noch hoffnungsvoll glänzenden Köpfchens oder durch 
unerwartete Sprünge am Vorabende einer Expedition 
geärgert hatte, diesmal an ihrer Stelle. Nur, wenn 



Erinnerungen an Sils- Maria, 215 

am Morgen der regelmäßig wiederkehrende Südwind 
ttber die Maloja strich, und ungehenre, seltsam ge- 
formte Wolkenballen an den Sttdabstürzen der Bergeller 
Berge in die Höhe krochen, ihre drohenden Häupter 
ohnmächtig in das wolkenlose Engadin hintiben*eckend, 
verrieth ein leises Zucken nach unten, daß die Last, 
welche uns armen Menschen von oben aufgebUrdet 
wird, eine veränderliche ist. Wenn aber die Sonne 
sich ihrem Untergänge suneigte, und die letzten Nebel 
im Stfden zerflossen waren, dann hatte Freund Baro- 
meter wieder seinen alten Platz erklommen, und das 
von schimmerndem Mondlicht übergossene Thal gab 
ihm auch volle Berechtigung dazu. 

Eigentlich hatte mich nur der Kummer darüber, 
daß ich keinen meiner altgewohnten Bemer Führer, 
Johann Tännler und Caspar Maurer, disponibel fand, 
in's Engadin getrieben. Ich wollte mit jenen über die 
schönen Pässe und Gipfel von Zermatt nach Chamonix 
nnd in's Dauphin^ wandern und konnte mich, ohne 
diese meine alten Wandergefährten um mich zu haben, 
nicht dazu entschließen. Mit dem Geschicke grollend 
gab ich daher die ganze Tour nach dem Westen auf 
und beschloß mein Glück in dem entgegengesetzten 
Winkel der Schweizer Alpen zu versuchen. Ich habe 
diesen Entschluß nicht zu bereuen gehabt. 

I>er Anblick der in den wolkenlosen Himmel 
ragenden Alpen vom Rigi nnd Pilatus — wie viele 
alte Bekannte grüßten da nicht traulich herüber — 
hatte die Sehnsucht nach Eis und Fels stärker denn 
je in mir geweckt. Ein entsetzlich schwüler Gewitter- 
tag entführte mich dnreh den Gotthard nach Lugano, 



216 Theodor Curtius. 

ein zweiter, schönerer nach Bellagio. Aber der im 
vollen Sonnenglanze leuchtende Comersee vermochte 
mit allen seinen Herrlichkeiten das dem Hochgebirge 
einmal zugewandte Herz nicht auf lange zu fesseln. 
Mit lieben Freunden wanderte ich schon am nächaten 
Tage von Chiavenna die Maloja hinauf nach Sils. Ich 
beabsichtigte noch am gleichen Tage Pontresina zu 
erreichen, um dort Standquartier zu nehmen. Das 
Gepäck war aber nach Sils bestellt und noch nicht 
angekommen. Dieser geringfügige Umstand entschied 
über mein Schicksal; ich lernte am selben Abend 
wackere Ftthrer kennen und blieb fünfzehn Tage in 
der gastlichen ^^Alpenrose^ von Sils-Maria. 



Pis Corvatseh. 

Ich war mit einem mir befreundeten Amerikaner 
diesmal in die Alpen gekommen. Mr. C. hatte noch 
keine hohen Berge bestiegen. Die große Gewandtheit, 
Kraft und Ruhe, mittelst welcher er den steilen Weg 
vom Eibsee auf die Zugspitze hin und zurück unter 
mißlichen Verhältnissen anfangs Juni vorigen Jahres 
mit mir zurückgelegt hatte, ließen ihn auch schwie- 
rigeren Partien gewachsen erscheinen. Um so mehr 
bedauerte ich, daß mein Freund durch die Sonne in 
einer so eigenthtimlichen Weise afficirt wurde, daß er 
weiterhin nicht mehr wagen durfte lange Wege im 
Hochgebirge zurttckzulegen. 

Zusammen haben wir deshalb nur den Piz Cor- 
vatsch, gleich am Tage nach unserer Ankunft in Sils 
(19. August), besucht. An dieser Besteigung war einzig 



Erinnerungen^ an SÜS' Maria. 217 

der Umstand merkwürdig, daß wir sie niciit über den 
westlichen Felsabsturz des Berges ausführten, ein 
W^, welcher von Sils aus ktirzer und interessanter 
ist, als derjenige über Fuorcla Surlej, und direct auf 
der eigentlichen Corvatschspitze ausmündet. Am Abende 
meiner Ankunft in Sils hatte ich Johann E^genberger 
engagirt. Ich schlug ihm den genannten Weg als Auf- 
stieg vor. Er meinte, es liege noch zu viel Schnee 
in den Felsen ^) , bei dessen Abthauen Steinschläge 
zu befürchten seien. Da wir uns gegenseitig noch 
nicht kannten, machte ich keine Einwendungen. Als 
wir aber zusammen von der Spitze die Felsen hin- 
unter blickten, bedauerten wir beide sehr, den mono- 
tonen Aufstieg über Surlej unteniommen zu haben. 
Wir konnten nun nicht einmal die Felsen hinab, da 
der Zustand meines Freundes, der auf dem Piz Mortui 
zurttckgeblieben war, die Möglichkeit unsem Rückzug 
in dieser Weise auszuführen ausschloß. 

Ich will hier noch der sonderbaren Thatsache Er- 
wähnmig thun, daß die überaus zahlreichen, von Pon- 
tresina ans geleiteten Corvatschbesteigungen fast aus- 
nahmslos auf dem Piz Mortui (3442 ">) zu enden 
pflegen. Ich kam auf diesem Punkte ungefähr drei 
Viertelstunden früher an als meine beiden Gefährten. 
Sobald diese nachgekommen waren, gingen Eggen- 
berger und ich zur eigentlichen Corvatschspitze (3458^) 
in 14 Minuten hinüber. Die Aussicht ist von dort 
eine viel malerischere, besonders auf den südwest- 
lichen Vordei^rund. Hier war die einzige Stelle am 

') Am 16. August üelen beträchtliclie Menden frischen 
Schnees mit Hagel untermischt im Engadin. 



218 Theodor Cwritus, 

('Orvatschkamme, soweit ich demselben gefolgt bin^ 
an welcher sich kein tiberhängender Schneeschild be- 
fand. Daher gewährte der frei über die prächtigen 
FelsabstUrze auf den dttstem Lej Sgrischns hinab 
gleitende Blick ein höchst eigenthtlmliches, anziehendes 
Bild. Der Rückweg znm Piz Mortui erforderte 11 'a Mi'<- 
nuten. Während dessen hatte sich auf dem letzteren 
Oipfel; von dem herrlichen Tage angelockt, eine be- 
trächtliche Menschenmenge angesammelt. Niemand 
ging aber auf den Oorvatschgipfel hinüber, da die 
begleitenden Führer denselben als nicht zum Oorvatsch, 
dessen natürliche Spitze er bildet, gehörig bezeich- 
neten. Einige nannten ihn Piz Chttem, ein auf der 
Excnrsionskarte mit 2694 >" bezeichnetes, kleines Pla- 
teau oberhalb Cui*t]ns im Fexthale. Letzteren Punkt 
habe ich an Ruhetagen zwei Mal von Sils aus besucht. 
Dicht dabei liegt der eben genannte Lej Sgrischii», 
welcher, durch den Schnee des Corvatsch und jeden- 
falls auch durch Quellen genährt, wie man ans dem 
für den kleinen See überaus lebhaften Abfluß schließen 
kann, in seinem dunkelgrünen Wasser noch zahlreiche 
Fische birgt. Vor Jahren, eraählen die Leute unten 
im Thale, stürzte zur Zeit der Schneeschmelze eine 
gewaltige Lawine vom Corvatsch in dieses Seelein 
und schleuderte dessen Wasser bis über die Matten 
von Curtins hinab; im Sommer fand man noch zahl- 
reiche Fische auf den Wiesenhängen der Thalwand. 
Dieser schauerliche See, an welchen sich noch die 
Erzählung von einem Morde knüpft ') , wird von den 

^) .T. J. Weilonmann: ^Ans der Fimenwelt". II, 869. 



Erinnerungen an Sils- Maria. 219 

Fremden im Thal noch wenig besucht. £r ist, wie 
Tschad! vom Fornogletscher sagt, außer der Mode. 
Das kommt den zahlreichen Gemsen zu gut, deren 
ich jedes Mal dort angetroffen habe. Die Umgebung 
dee Sees ist wild und großartig. Vom Piz Chüerrij 
dessen Stelnmannli nur wenig Minuten vom Ufer ent- 
fernt fast eben von dort zu erreichen ist, hat man 
einen sehr hübschen Ausblick auf den Hintergrund 
des Fexthaies und auf die Höhen des Corvatsch. In 
kaum einer halben Stunde kann man ttber steile 
WeidenhSnge nach Cui*tins hinablaufen. Als Aufstieg 
von Sils empfiehlt sich am meisten ein fast bis zum 
See erkennbarer Pfad ttber Marmore, zwei Stunden 
Wegs für einen rüstigen Wanderer. 

Während des ganzen Tages, an welchem ich den 
Piz Corvatsch besuchte, war keine Wolke in den 
Bergen zu erblicken und die außerordentlich um- 
fassende Aussicht über alle Beschreibung erhaben. 
Unter der kleinen Gemeinde, die sich auf dem Berge 
eingefunden hatte, herrschte auch — es war gerade 
ein Sonntag — eine fast feiertägliche Stimmung. 



PIczo della Margna« 

Am folgenden Morgen wandeiiie ich mit Eggen- 
berger auf den Gipfel des Pvvio della Margna. Die 
Besteigung dieses ausgezeichnet schönen Berges kann 
nicht genug empfohlen werden. Sie ist außerordent- 
lich kurz und bietet doch alle Reize einer großen 
Expedition „en miniature" : Gute Felsen, an welchen 
man nach den verschiedensten Richtungen und allen 



220 Theodor Ckirtius, 

Graden der Schwierigkeit heromkletteiii kann, einen 
knrzen, aber scharfkantigen und unter umständen 
Vorsicht erheischenden Schneekamm, der sich in ele- 
gantem Bogen zur höchsten Spitze emporschwingt, und 
endlich eine Aussicht, welche eine seltene Fülle der 
köstlichsten und mannigfaltigsten Bilder aufweist. Erst 
in den letzten Jahren wird diese Partie, welche sieh 
der Leser aus der unvergleichlichen Schilderung Weilen- 
mann's ^) vergegenwärtigen möge , häufiger von Sils 
und auch von St. Moritz ausgeftihrt. In 3 Stunden 
42 Min. mit Einschluß einer Pause von 21 Min. er- 
reichten wir vom Hotel Alpenrose in Sils-Maria aus 
die Spitze. Der ohne Aufenthalt bewerkstelligte Rück- 
weg erforderte 2 Stunden und 25 Min. Der letzte 
Theil des Weges, welchen wir zum Aufstieg benutzten, 
läuft ungefähr mit der oberen Kante des auf der 
Excursionskarte schwarz schraffirten, sich nach Nord- 
osten hinabsenkenden Felskammes parallel. Den Hinab- 
weg veränderten wir derart, daß wir, nachdem wir 
die Firnschneide hinter uns hatten, direct die Felsen 
nach Osten hinunter klettei*ten, bis wir die letzten 
Ausläufer des Schneefeldes erreichten, welches sich 
zu der breiten, südlichen Schulter der Margna hinauf- 
zieht, lieber letzteres ftlhite eine ziemlich frische Spur; 
der Gipfel selbst schien länger nicht betreten zu sein. 
1 '/2 Stunde sonnten wir uns auf dem höchsten Felsen 
und genossen die herrliche Femsicht. Der Bück 
schweift durch die Thäler des Oberengadin und Bei^U 
fast ihrer ganzen Länge nach. Erstaunt war ich hier 

*) J. J. Weilenmann: „Aus der Firnenwelt". II, 358. 



Erinnemngen an Süs-MaHa. 221 

fast noch mehr wie auf dem Piz Corvatsch über die 
Mächtigkeit, mit welcher die Monterosagruppe noch 
aus dieser Entfernung vor den Blicken aufsteigt. Ihr 
Fuß war heute unsichtbar; die gewaltigen Eisriesen 
schienen in der blauen Luft frei zu schweben, und 
der überaus zarte röthliche Schimmer, mit welchem 
ihre Fimfelder einzig unter all' den Bergketten über- 
gössen waren, vermochte das entzückte Auge immer 
wieder aufs Neue zu fesseln. 



Pis Beruina. 

Für die nächsten Tage hatte ich eine Tour in die 
Disgraziagruppe geplant. Meine Absicht war über den 
Fomogletscher und die Spitze des Monte Sissone das 
Val dl Melle zu erreichen, den Disgrazia von dort 
ans mit Zuhülfenahme einer der italienischen Hütten 
zu attaqniren und dann durch eine der Lücken, welche 
sich in dem trotzigen Gebirgskamme vorfinden, der 
das Beigell vom Val Masino trennt, entweder in's 
Val dell' Albigna oder Bondasca zu gelangen. Zur 
Ausführung dieses Planes waren mindestens drei, wahr- 
scheinlich aber vier Tage durchaus guten Wetters und 
ein zweiter Führer erforderlich. Christian Rlucker, 
der ältere der beiden Silser Führer, war aber bereits 
von Herrn L. Bemus ans Frankfurt a./M. engagirt. 
Ich benutzte daher den nächsten Ruhetag dazu mit 
Letzterem ein Bündniß zu schließen. Dasselbe kam 
auf dem Dache des merkwürdigen, dreirädrigen Fuhr- 
werkes zu Stande, welches täglich den Verkehr der 
Bewohner der beiden Gasthöfe in Sils mit St. Moritz, 



222 Theodor Ourtius. 

resp. der Maloja vermittelt und wegen seiner durch 
nichts zu erschütternden Langsamkeit jedem, der ein- 
mal damit gefahren ist, unvergeßlich bleibt. Herr 
Bernus und ich vereinigten uns und unsere Ftthrer; 
wir verproviantirten uns in St. Moritz und machten 
die nächsten Wanderungen in Gemeinschaft mit ein- 
ander. 

Da mein neuer Gefährte vor Allem dem Piz Ber- 
nina einen Besuch abzustatten wünschte, verschob 
ich meine Pläne auf den Disgrazia — leider kam ich 
nun überhaupt nicht mehr dazu — und es wurde 
beschlossen dem König der Engadiner Berge auf dem 
von Sils aus natürlich gegebenen Wege, über den 
Fex-Scerscen-Pass^ in den Rücken zu gelangen und 
ihn von Süden anzugreifen. 

Gegen 2 Uhr Nachmittags des 22. August stand^i 
wir vier auf dem oberen Rande einer senkrechten 
Felswand am Südende des Scerscengletschers , über 
welche dieser prächtige Eisstrom einst hinabgeflossen 
zu sein scheint, während er jetzt, bescheiden geworden 
wie die meisten seiner stolzen GoUegen, sich begnügt, 
sein südlichstes Ende um jene herum in's Val Lan- 
tema hinabzuschieben. Wir waren alle eifrig be- 
schäftigt , mit einem guten Femrohr die neu erbaute 
italienische Hütte zu suchen, welche den Namen des 
am Südabhang des Monterosa verunglückten Berg- 
steigers Marinelli trägt und uns für heute als Nacht- 
quartier dienen sollte. 

Wir suchten, sage ich, die Hütte, weil für uns 
Alle der Weg , den wir von hier bis zur Höhe der 
Fuorcla Grast' agüzza zurückzulegen hatten, terra in- 



Erinnerungen an SÜ8*Maria, 223 

e(^nita war. Rlucker hatte nur einmal seiner Zeit 
Hans Graß auf dem üblichen Wege von Pontresina 
aaf den Piz Bernina begleitet. Wo die erst in jttngster 
Zeit fertig gewordene Clabhtttte lag, wußte ebenfalls 
keiner von uns. Ein Ding wie eine Olubhütte, welches 
sieh von den Felsbiöcken, die herum liegen, kaum 
unterscheidet, zu finden, ist, wenn man auf eine Stunde 
im Umkreis nicht genau weiß, wo es liegt, eine miß- 
liche Aufgabe, und das verbitterte uns etwas die 
Erinnerung an den schönen Weg Über den Fex-Scerscen- 
Sattel, den wir eben unter den denkbar günstigsten 
Umständen in 6^/« Stunden sehr behaglich zurück- 
gelegt hatten. Dazu war unser jetziger Standpunkt 
einer der herrlichsten, welchen man überhaupt inmitten 
der Eis weit gewinnen kann. Er bietet eine vollkommene 
Uebersicht über den colossalen Fels- und Gletscher- 
eirens, welchen die Sttdabstürze der Beminagruppe 
bilden. 

Meinem Wandergenossen, Herrn Bemus, gebührt 
das Verdienst das Ziel unserer Wünsche zuerst ent- 
deckt zu haben; das heißt ein Steinmannli, welches 
sich in der Nähe der Hütte auf einem Felsvorsprunge 
befindet. Kaum hatte er auf dieses hingedeutet, als auch 
ein Schrei des auf dem Bauche liegenden und eifrig 
am Femrohr beschäftigten Eggenberger uns anzeigte, 
daß die Hütte gefunden sei. Richtig, da stand sie,- 
ein kleines, graugelbes Gemäuer, sehr viel höher und 
näher unserem morgigen Ziele, als wir erwartet hatten. 
Wir schätzten den Weg, den wir , um zu ihr zu ge- 
langen, nöthig haben würden, auf 1 ^2 Stunden. Ebenso 
viel hatten wir mit unseren teleskopischen Studien 



*224 Theodor Curtius. 

zugebracht. Gegen 5 Uhr waren wir wirkHeh an der 
Hütte. 

Eine italienische Geseltschaft, bestehend aus einer 
Dame und drei Herren nebst Führern und Trägem, 
welche statt in ihren Bettln in Chiesa einmal die 
Romantik einer Nacht in ihrer neu erbauten Hütte 
durchkosten wollte, langte wenige Minuten vor uns 
dort an. Ein alter Mann, welcher den Herrschaften 
Sachen hinaufgetragen hatte, trat gerade wieder seinen 
Rückweg an, als wir an der Hütte ankamen. An« 
seiner Hand führte er ein höchstens sieben Jahre altes 
Mädchen. Den traurigen Blick des Kindes, das so 
muthig den sechsstündigen Weg, den es eben erst 
hinaufgekommen, durch die Nacht wieder antrat, konnte 
ich lange nicht vergessen. Die Gesellschaft aus Chiesa 
war sehr zuvorkommend und freundlich gegen uns; 
da sie aber absolut Rindfleisch in einer Höhe von 
3000 'B gar kochen und außerdem noch ein Huhn 
braten mußte, so ward es sehr spät, ehe wir unsere 
Nachtruhe finden konnten. Der Gedanke, daß unsere 
wackeren Führer nur wenige Hobelspähne als Unter- 
lage und Bedeckung zugleich haben konnten, ver- 
kümmerte mir den Rest derselben gänzlich, und ich 
war froh, als wir an einem kalten, wolkenlosen Morgen 
endlich dem unteren Ende der steilen Felsstürze zu- 
steuerten, welche sich zur Spitze der Grast' agüzza 
hinaufthürmen. 

Wir stiegen gegen den Bergschrund der Fuorcia 
Tscliierva-Scerscen (Güßfeldtpforte) noch ein großes 
Stück hinauf, ehe wir uns auf dem oberen Rande einer 
breiten Spalte nach Osten in die Felsen wandten. Nach 



Erinn^'ungen an Siis-Maria. 225 

2* 2-stfindigem, unschwierigem Klettern saßen wir 
auf dem fast flachen Schneesattel, welcher die obersten 
Gehänge des Piz Bemina von dem Felsgrate der 
Grast' agüzza trennt und erfreuten uns des in der 
Morgensonne strahlenden Piz Belle, dessen Formen - 
Schönheit, von hier aus betrachtet, von keinem Berge 
Oraubttndens ttbertroifen wird. Als wir diese Stelle 
betraten, verschwanden gerade drei Personen hoch 
oben am Beminagrat nach der Spitze zu. Die Leute 
kamen uns wieder entgegen, als wir die Hälfte des 
Beminakanmies überwunden hatten. Ich würde diesen 
Umstand nicht erwähnt haben, wenn nicht ein lako- 
niBches „piu tosto'^ als Antwort des älteren, ein- 
heimischen der beiden Ftthrier auf die Frage Kluckers 
nach dem Zustande des Labyrinthes mich zu dem 
festen Entschluß gebracht hätte, nicht durch letztere»« 
auf den Morteratschgletscher hinabzusteigen, so ver- 
lockend die Schneeverhältnisse heute auch erschienen. 
Nach einem Marsche von 7 Stunden und 45 Min., 
eingerechnet 40 Min. Pause, erreichten wir den höcli- 
43ten Gipfel des Berges. Wir waren meinem Gefährten 
zn Liebe sehr langsam, obgleich ziemlich stetig vor- 
wärts gedrungen. Lege ich den Maßstab an, unter 
welchem ich allein mit Rlucker und Eggenberger die 
später zu erwähnende AVanderung von Sils ttber den 
Piz Glflschaint nach Pontresina ausführte, so ist es 
unter solch' außerordentlich günstigen Verhältnissen, 
wie wir sie auf allen unseren Expeditionen in diesen 
Wochen antrafen, für einen geübten Gänger sehr wolil 
möglich, von der Capanna Marinelli aus den Gipfel 
des Piz Bernina in 5^8 Stunden zu erreichen. 

15 



226 Theodor Ourtias, 

Fast eine Stunde haben wir auf der schneidigen 
Spitze dieses schönen Berges verträumt, lieber uns 
herrschte ein wunderbar tiefes Blau. Keine Wolke 
haftete an den Bergen der Beminagrnppe. Eigent- 
liche Femsicht aber hatten wir nicht, namentlich nicht 
gegen Süden hin. Obwohl wir uns, auf den Felsen 
sitzend, äußerst behaglich fühlten und wohlthätige 
Wärme alle Glieder durchströmte, zeigte das Thermo- 
meter, auf Armeslänge frei in die Höhe gehalten und 
von den Sonnenstrahlen voll beschienen, nur — 0,5® C- 
Aehnliche Contraste habe ich am 8. April 1882 auf 
der Spitze des Iffinger bei Meran in einer Höhe von 
nur 2551°^ erlebt. Einen halben Zoll hoch über dem 
Boden zeigte der Thermometer bei wolkenlosem Himmel 
-{- 17<> C; sieben Fuß über demselben, ebenfalls in 
der Sonne, — 4,5«' C. 

Als wiv das unterste Ende des Kammes wieder 
erreicht hatten, tauchte die Gesellschaft, welche wir 
auf dem Hinaufwege begegnet hatten, unten am soge- 
nannten „Loch^ wieder auf. Sie hatte letzteres als 
Hückzugslinie benutzen wollen, und wir wußten nun, 
daß diese Stelle unpassirbar sei. Wir gingen daher 
bis auf den Crast'agüzza- Sattel zurück und waren 
gezwungen, den gewaltigen Umweg über BellaviBta 
und die Fortezza zurückzulegen, um nach Pontresina 
hinabzugelangen. 

Nach meiner Ansicht ist die sogenannte Festung 
die mißlichste Stelle der ganzen Berninaeipedition 
von Pontresina aus. Eine kurze, vereiste Felsab- 
Senkung, mit der Aussicht bei einem Fehltritte über eine 
steile Eiswand, an der kein Halten möglich, bis auf den 



Ei-innertmgen an Sils-Maria. 227 

Morteratschgletscher hinabzasttlrzen, kostete uns eine 
volle Stunde Arbeit. An der eminenten Sorgfalt, 
welche unsere beiden Führer an dieser eigentlich 
mischeinbar aassehenden Stelle entwickelten, habe 
ich im Stillen mich ungemein erfreut. Sie zogen 
dabei in Betracht, daß wir nicht mehr mit den Füßen 
gingen, mit welchen man am frühen Morgen eine 
derartige Passage zu überwinden pflegt. Als wir im 
Geschwindschritt die Schneehalden nach Isla Pers 
hinabzueilen begannen, erschien die andere Gesell- 
schaft auch auf dem oberen Felsrande der Festung. 
Die beiden Führer hatten ihren Herrn, welcher das 
Seil in der Mitte angefaßt hatte, indem sie selbst 
wie Wagenpferde neben einander gingen, buchstäblich 
aas dem „Loch^ heraus gezogen. Ich halte dieses 
für einen unverzeihlichen Leichtsinn. Und die drei 
würden gewiß ebenso gedacht haben, wenn sie hätten 
ahnen können, daß bereits das Frühlicht des über- 
nüchsten Tages mit seinen Strahlen auf ein bleiches 
Antlitz fallen sollte, das todt und starr nicht weit 
▼on eben dem Wege da lag, welchen sie so sorglos 
heute zurückgelegt hatten, auf das erste Opfer des 
Königs der Engadiner Berge. ^) Wiederholt donnerte es 
lang anhaltend im Labyrinth, während wir über die 
Festung nach Isla Pers abstiegen, und jetzt waren 
wir alle herzlich froh diesem unheimlichen Gesellen 
aus dem Weg gegangen zu sein. Schon war das 
Thal in tiefe Dämmerung gehüllt, als wir endlich das 

*) Am 25. Aagnst yenmglfickte der Graf Baume. Es 
ist dies der erste derartige Fall, welcher sieh am Bemina 
ereignet hat. 



228 Theodor Curtius. 

Eis verließen, welchem wir 16^2 Standen treu ge- 
blieben waren, und der Morteratsch - Restauration 
zueilten. 

Wieder goß der Mond seinen magischen Schimmer 
über die herrliche Thallandschaft, als vier meist 
schlafende Menschenkinder, nach wohl vollbrachtem 
Tagewerk im offenen Wagen am 1 Uhr Morgens in 
das friedliche Sils-Maria einfahren. 



Ente ürsteigang des Pii Olfischaiiit (8697 ") von der 
HBhe der Faorela Fex-Scersoen« 

Seit dem Jahre 1875 ist der Piz Glüschaint ein 
sich stets wachsender Beliebtheit erfreuender Ziel- 

• 

punkt ftlr kleine und gi*oße Bergsteiger in Pontresina 
geworden. Raum auf irgend einem Gipfel kann man 
mehr leere Flaschen sehen, als dort oben. Man pflegt 
die Partie „von der Kinderseite", wie Hans Graii 
den Weg genannt hat^), zu machen, das heißt, man 
gelangt, den Kamm des Berges von Norden nach 
Süden beschreitend, auf die höchste Spitze. Der 
„mauvais pas", auf welchem Herr Dr. E. Burckhardt^> 
1875 den Gipfel von Westen über die außerordentlich 
steile und glatte Firnwand gewonnen hat, welche die 
Blicke des von Pontresina den Hintergrund des 
Rosegthales Betrachtenden am meisten auf sich lenkt, 
und deren schimmernder Eisfläche der Berg wohl 
seinen Namen verdankt, dürfte kaum, oder doch nur 
ausnahmsweise wieder betreten woi-den sein. 



J. d. 8. A. C. XIV, 95. 



Erinnerungen an Süs-Maria. 229 

Niemals scheint, so viel ich habe erfahren können, 
auch nur ein Versuch gemacht worden zu sein dem 
nach Südwesten weiter verlaufenden und in das Firn- 
bassin des Scerscengletsehers abstürzenden Kamme 
des Berges weiter als bis auf die Spitze zu folgen 
oder etwa vom Scerscengletscher aus letztem in um- 
jrekehrter Richtung zu gewinnen. 

Klncker hatte gleich, als wir uns kennen lernten, 
davon gesprochen, ob wir nicht einen Versuch machen 
wollten, den Piz Glttschaint von der Höhe des Fex- 
Soerscen-Passes zu besteigen. Ich war damals noch 
7M wenig in der Gegend orientirt, um sofort beson- 
deres Interesse für diesen „mittleren" Gipfel zu 
empfinden. Nachdem aber mein Wandergenosse, 
H*»rr Bemus, abgereist war, und die mir zu Gebote 
stehende Zeit für eine Disgraziafahrt nicht mehr 
ausreichte, kam das Project doch noch zwischen 
Klucker, Eggenberger und mir zur Ausführung. 

Am 29. August 7^2 Uhr standen wir an einem 
herrlichen Morgen zum zweiten Male innerhalb einer 
Woche auf der Höhe der Fuorcia Fex-Scerscen, 
Noch heute bedauere ich lebhaft, dem Marmorgipfel 
des Piz Tremoggia, den man von hier aus in einer 
Stunde erreichen kann, auch bei dieser sich wieder- 
holenden Gelegenheit keinen Besuch abgestattet zu 
haben. Damals gebot es die vorgeschrittene Tages- 
zeit und die Schonung für den folgenden Tag; heute 
verhinderte uns die Ungewißheit über die Schwierig- 
keiten, welche sich der Erreichung des eigentlichen 
Zweckes in den Weg stellen konnten, an der Er- 
steigung dieses schönen Berges. 



280 Theodor Curtius, 

Von der höchsten Stelle des Passes giiffen wir 
die Felsen zur Linken direct an. Zahlreiche Steiii- 
trtimmer mahnten zur Vorsicht. Im Anfange war 
das Gestein schiefrig und lose; allein je höher wir 
hinauf kamen, um so besser und gediegener wurde 
das Klettermaterial unter uns. Wir verglichen 
unsere Höhe häufig mit der Kuppe des Piz Tremoggia, 
der wir mehr und mehr ebenbürtig wurden. All- 
mftlich wurde es lichter ttber uns. Kleine Schnee- 
bänder drängten sich von oben her zwischen den 
Felsrippen hinunter. Endlich erschien ein blen- 
dender Schneesaum zu unseren Häuptern, und nach 
1 Stunde 5 Minuten Klettems standen wir anf der 
Höhe des Fimwalles, welcher das Rosegthal vom 
Scerscengletscher trennt, wenig Schritte nordöstlich 
vom Punkt 3382 der Excursionskarte. Die Höhe 
der erstiegenen Felsen beträgt 262 °>. Sie sind kaum 
schwieriger zu begehen, als diejenigen, welche die 
Westseite der Fuorcla Crast'agüzza flankiren, nur ist 
das Gestein, wie schon bemerkt, im Anfang trü- 
gerischer. Als wir die Höhe betraten, blendete fast 
der in ttberraschender Großartigkeit plötzlich sich 
aufthuende Blick auf die Eiswelt des Rosegthales 
unsere an das Dunkel der Felsen gewöhnten Augen. 

Wir hatten nun unser eigentliches Ziel vor ims, 
und ich kann nicht sagen, daß es von dem Stand- 
punkte, den wir einnahmen, besonders einladend oder 
zugänglich ausgesehen hätte. Dttster und trotzig stieg 
nur wenige Schritte nordöstlich ein Felskamm aus dem 
umgebenden Eise, zwei Gipfel bildend, von denen der 
uns mehr zugewendete, niedrigere von dem höheren 



Erinnerungen an Süs-Maria, 231 

dureh eine Bcharfe EInsattelang getrennt schien. Oh 
diese letztere ttherhaapt passirbar sei, konnte von 
miBerem Standpunkte ans noch nicht mit Sicherheit 
«ntscfaieden werden. 

Wir wanderten nun ohne Zaudern ein Stttck weit 
fast eben über den hartgefrorenen Schnee nach Osten 
auf das Stidende des Gipfelkammes zu, hackten uns 
dann eine Fimschneide hinauf und erreichten die 
Felsen da, wo sie auf einer Felsmauer fußen, welche 
nahezu 1000 Fuß fast senkrecht und gänzlich unnahbar 
in das Fimbassin des Scerscengletschers abstttrzt. Eine 
Aussicht von ergreifender Wildheit und Großartigkeit 
geniefit man von dieser Ecke. Zur Linken die eisstarren- 
den Terrassen des Roseggletschers, zur Rechten der 
schwindelnde Felsabsturz mit dem Scerscengletscher 
unmütelbar zu den Füßen. Ein etwas ttberhängender 
Felsen von 15 — 20 Fuß H5he versperrte zunttchst 
das Weiterkommen. Klucker überwand ihn mit 
großer Geschicklichkeit, und mit Hülfe des Seiles 
waren ich und Eggenberger sofort oben. Das Gestein 
war von hier ab das denkbar sicherste und vorzüg- 
lichste. Für unser Weiterkommen hatte die Natur 
oft geradezu wunderbar gesorgt. Wir hielten uns 
hart auf der Schneide des Grates. Als ob Menschen- 
hände behauene Quader zusammengethOrmt hätten, 
aland die Felsenmauer zuweilen mit oben ebenbe- 
grenzter Fläche aufgerichtet, über welche wir, auf- 
recht lustwandelnd, ein Stück weit unseren Weg zu 
nehmen hatten. Zu Anfang des Sommers mögen hier 
diffidle kleine Fimscheiden zu finden sein. Heute 
gab es nichts dergleichen. Um 9 Uhr 35 Minuten 



232 Theodor Cwrtius. 

standen wir auf dem walirBcheinlich kaum jemals 
betretenen Gipfel des kleinen Piz Glüschatnt, wie 
der natürlich gegebene Name für diese niedrigere 
Spitze wäre, and zu unsem Fttßen lag der ziemlich 
tiefe Einschnitt, welcher diese Spitze von dem eigent- 
lichen Gipfel trennt; dessen Anblick uns von unten 
einige Sorge eingeflößt hatte. Dieselbe war jedoch 
völlig grundlos. Eine Felsenmauer von der oben 
genannten Beschaffenheit, auf deren obere Kante man 
leicht hinab gelangen kann, verbindet die beiden GipfeL 
Der Anstieg zur höchsten Spitze erfolgt von ihrem 
Ende aus ebenfalls ohne besondere Mühe. 

Wir betraten die letztere um 9 Uhr 50 Minuten^ 
das heißt nach einer Marschzeit von nur 6 Stunden 
und 19 Minuten vom Hotel Alpenrose in Sils ans 
gerechnet. Fünf Viertelstunden lang haben vnr uns 
an dem herrlichen Ausblick erfreut. Da drüben am 
Piz Koseg, noch ziemlich tief unten, bewegten sich 
vier Menschenkinder an einer steilen Fimwand. Glück 
auf den Weg! Ihr habt heute noch ein hübsches 
Stück Arbeit vor euch! 

Beim Abstieg auf den Roseggletscher geleitete 
uns eine freundliche Spur, die noch nicht besonders 
alt zu sein schien. Welchen Bergsteiger erfÜUt nieht^ 
wenn er eine Zeit lang den Urfels in seinen Armen ge- 
halten hat, die Durchwanderung zerklüfteter Gletscher- 
terrassen, wenn er, wie hier, unter hangenden Eis- 
brocken und über oft nur allzu kühn geschwungene 
Brückchen spazieren muß, mit einiger Ehrfurcht?! 
Man merkt dann erst wieder, daß es da oben Dinge 
gibt, deren sichere Bewältigung nicht immer allein 



Erinnerungen an Sila-Maria, 233 

von ungerer Kraft, Gewandtheit und Aasdauer ab- 
hängt. 

Unsere treue Spur geleitete uns eine Zeit lang 
schnell abwärts; dann brach sie plötzlich mitten in 
einem Fußstapfen ab, um über einer mindestens 30 Fuß 
breiten, gähnenden Kluft sich neckend fortzusetzen. 
Innerhalb 13 Tagen muß dieser Spalt sich gebildet 
haben, da am 16. August noch eine reichliche Menge 
frischen Schnees in den Bergen fiel, welche jede 
deutliche Spur verwischt ~ hätte. Wir machten einen 
Ek>gen nach rechts und kamen mit Hülfe der ge- 
waltigen Schneemassen, welche den Untergrund dieses 
^^hlundes verstopft hatten, noch leidlich schnell hin- 
über. Mit Entzücken folgte ich nun dem Laufe des 
mir noch unbekannten Rosegthales seiner ganzen 
Länge nach abwärts. Kurz nach 3 Uhr war die 
Rosegrestauration und nach halbstündiger Pause um 
*4 vor 5 Uhr Pontresina erreicht. Dort empfing 
uns mein inzwischen von Sils hierher übergesiedelter 
Freund C. und im gemüthlichen kleinen Rauchzimmer 
des Herrn Enderlein wurden schnell einige Flaschen 
geleert, bis der Wagen bereit war, welcher mich mit 
meinen Führern bei einer herrlichen, grotesken Abend- 
beleuchtung nach Sils-Maria zurückführte. Ein sehr 
iideler, etwas lang ausgedehnter Abend mit lieben 
Bekannten in der Alpenrose schloß diesen Wandertag, 
welcher des Herrlichen und Neuen so viel gebracht 
hatte^ würdig ab. 

Der Weg auf den Piz Olüschaint vom Fex-Scerscen- 
Paß aus ist durchaus praktikabel und empfehlenswerth. 
Man kann den Berg von Sils aus in weniger als 



284 Theodor Owtiue. 

6V2 Stunden ; also mindestenB ebenso schnell als von 
Pontresina, ersteigen. Der bezeichnete Weg ist ge- 
fahrloser, aber mühsamer als der übliche, dürfte aber 
nur, wenn viel Schnee in den Felsen liegt, also zu 
Anfang des Sommers, ernstliche Schwierigkeiten bieten. 
Der Umstand, daß man in keiner Htttte, sondern in 
einem comfortablen Bette die Nacht vor der Be- 
steigiug zubringt, und daher auch einen einzelnen 
schönen Tag zu dieser Wanderung auszuntttzen im 
Stande ist, ist keineswegs zu verachten. 

Zeitangaben : 
ab Sils Maria 2 Uhr 50 Min. 

an Fuorcla Fex-Scerscen 7 
an Punkt 3382 
an Spitze 
ab Spitze 
an Pontresina 

1 3 Std. 58 Min. 
davon abgerechnet 2 Std. 34 Min. Pausen, bleibt 
für Sils-Piz Glttschalnt-Pontresina 11 Std. 24 Min. 
Marschzeit. 

Erste EnfMgumg des Pis Baeoae (88Ü ")• 

Zwischen den Thälem des Forno- und Albigna< 
gletschers erhebt sich eine Bergkette'), welche im 



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^) Die Frage über die Benennung der Bergeller Berge 
darf man wohl durch die Herausgabe der neuen Karte und 
die Uebereinstimmung Studers hiermit in dem IV. Thelle 
von „Ueber Eis und Schnee** als erledigt betrachten; ich 
schliefe mich in Folgendem an beide an. 



Erinnerungen an Süs-MaHa, 235 

Süden mit der Cima di Castello (3402 ») beginnt und 
den Piz Saiecina (2591 >») fast bis zur Paßhöhe der 
Maloja als nördlichsten Ausläufer vorschiebt. 

Dieses Gebirge zerf^lllt seinem Charakter iiacli 
in zwei wesentlich verschiedene Gruppen , welche 
aueh topographisch durch eine im Vei^gleich zu den auf 
beiden Seiten wieder aufstrebenden Gipfeln bedeutend 
zu nennende, breite Einsenkung, den Passo di Casnile, 
von einander getrennt werden. 

Der Tjrpus der südlicheren, höheron dieser Gruppen ^ 
welche in den Cime di Castello und Cantone gipfelt, 
wird durch ein Gletschergebiet von sehr beträchtlicher 
Ausdehnung bedingt, aus welchem die Felskämmo 
der eigentlichen Spitzen verhältnißmäßig nur wenig 
hervorragen. Ihre Fimfelder senken sich nach Westen 
wie nach Osten steil hinunter. Jene vereinigen sich 
mit dem Albigna-, diese mit dem Fomogletscher. 

Ein ganz anderes Gepräge trägt die nördlichere 
Gruppe, welche zu dieser Bergkette gehört. Hier 
finden wir ein auf einem engen Raum zusammenge- 
drängtes, gewaltiges Felsenmassiv, das, nur an seiner 
höchsten Erhebung, dem Piz Bacone (3243 »>), einen 
eigentlichen Gletscher tragend, in Bezug auf Steilheit, 
Zerrissenheit und Kühnheit seiner Formation in den 
Alpen überhaupt seines Gleichen sucht. 

Der östliche Fuß dieser Felsenmauer ist in den 
gewaltigen Eisstrom des Fomogletschers eingegraben. 
Nach Westen liegt derselbe £i*ei vor den Augen dea 
Wanderers, welcher von Vicosoprano die Malojastraße 
hinauf zieht. Vier außerordentlich steile und enge, 
kaum noch Thäler zu nennende Schluchten senken 



•236 Theodor CurÜMS, 

sich von der Baconekette ^egen das ontere Ende 
des Albignathales und die Malojastraße hinunter. 
Da, wo der Abfall des Gebirges der letzteren am 
nächsten ist, zwischen Rotticcio nnd Casaccia, steigen 
die Spitzen der höchsten Felsen auf eine Entfernung 
von kaum 4 Kilometern um mehr als 2^>" empor» 

Erst in der neuesten Zeit hat man angefangen 
den Bergeller Bergen überhaupt einiges Interesse 
entgegenzubringen. Ihre im Vergleich zu den Riesen- 
gipfeln des Engadins nicht sehr beträchtlichen Höhen^ 
welche aber an reizvoller Mannigfaltigkeit kaum 
tiberhaupt zu übertreffen sind, wurden erst dann 
beachtet, nachdem jene Alles hergegeben hatten, wa» 
sie Großartiges bieten konnten. Dann aber sind 
auch die meisten der kffhnen Zacken, welche die 
Oletscher des Bondasca-, Albigna- nnd Fomothales 
umrahmen, nach und nach den Bergsteigern zum 
Opfer gefallen. 

Im vergangenen Jahre wurde endlich auch der 
doppelzipflige Pizzo Torrone (3331 ™ ') bestiegen» 
Einzig die Baconekette blieb nahezu unbetreten. 
Sogar der Passo di Casnile, welcher den Uebergang 
vom Foi*no- in das Albignathal vermittelt, scheint 
von Touristen, trotz der Leichtigkeit, mit welcher 
man diesen schönen Weg begehen kann, nur sehr 
igelten betreten worden zu sein. Erst aus den letzten 
Jahren haben wir im Jahrbuch des S. A. C. von Herrn 
L. Held eine Aufzeichnung von einer Wanderung 
über den Casnilepaß.') Von den drei höchsten Gipfeln 

*^ Piz Torrone Orientale Lurani's, vgl. p. 201. A. d. R. 
») J. d. S. A. C. XV, 141. 



Erim^erungeti an Süs-Maria, 2:^7 

^er Baconegruppe , dem Piz Casnüe (3172«), Piz 
Bacone (3243 «) und der Cima del Largo (3188 "•) — 
von Süden nach Norden gezählt — ist bis jetzt nur 
der erste ein einziges Mal in neuester Zeit betreten 
worden. Herr J. Caviezel in Sils, der beste Kenner 
dieses Gebirges, hat Herrn Lavater- Wegmann im 
August 1880 zum ersten Male auf den Gipfel des 
Piz Casnile geführt.^) Seitdem scheint die Gruppe 
v5Uig unberührt geblieben zu sein. Die Felsenwild- 
nisse des Piz Bacone und der Cima del Largo haben, 
letztere heute noch, ihre Jungfräulichkeit weiter be- 
wahrt. 

KJucker und Eggenberger, die Bezwinger des öst- 
lichen Torrone, waren es, welche meine Aufmerksam- 
keit auf die sehr wahrscheinlich noch jungfräuliche 
Spitze des Bacone lenkten, und in den allzu langen 
Ruhetagen nach dem Ueberschreiten des Beniina- 
gipfels wurde das Project auf das eifrigste weiter 
verfolgt Herr Caviezel stand uns dabei mit seinem 
werthvollen Rathe auf das liebenswürdigste zur Seite. 
Leider hatte er selbst vom Gipfel des nahestehenden 
Piz Casnile auf den Südabfall der Baconepyramide 
keine Aussicht gehabt, so daß über die Möglichkeit 
diese Seite zu begehen keine Kunde vorhanden war. 

Fast 10 Uhr Abends war es schon am 26. August, 
als nach einer letzten Discussion über der Karte im 
Caf6 des Hotel Alpenrose endlich der Entschluß ge- 
faßt wurde noch in dieser Nacht nach der Maloja 
aufzubrechen, um einen Versuch zu wagen. Nach 



») J. d. S. A. C. XVI, 515. 



238 Theodor Gurtiu», 

einer allzu flüchtigen Nachtruhe and einer ^/«stttndigen 
Fahrt standen Herr Bemus, Klucker, Eggenberger and 
ich um 2 Uhr Morgens am 27. August vor dem im 
tiefsten Schlafe daliegenden Malojahotel und waren^ 
einem unbefangenen Auge eher als Einbrecher wie 
als Bergsteiger erscheinend, bemüht, aus leetren 
Flaschen Laternen herzustellen. Die schmale Mond- 
sichel versprach nur noch wenig Licht. 

In tiefe Dunkelheit gehüllt, in welcher das un- 
ruhige Licht der Laterne jedes Loch als einen Stein 
und jeden Stein als ein Loch erscheinen ließ, ver- 
folgten wir den Weg am Lage di Cavloccio vorbei 
bis Piancanino. Als wir den Fomogletscher erreichten 
begann der Tag zu grauen. Nach einer langen Pause 
wanderten wir das untere, jetzt ziemlich steile, aber 
spaltenlose Ende dieses Gletschers hinauf, während 
die Sonne die höchsten Zinnen des herrlichen, vor 
unseren Augen allmälich sich aufthuenden Bergcircus 
mit ihren ersten Strahlen erleuchtete. Nachdem wir die 
Höhe von 2350 ™ gewonnen hatten, griffen wir die Fels- 
wand an, welche, von dem einst mehr als tausend Fuß 
mächtiger aufgethürmten Eisstrom abgeschliffen, den 
Ostfuß der Baconegruppe bildet und glatt und steil 
auf den Gletscher abstürzt. Nur schmale Rasenbänder 
durchqueren dieselbe. Kleine Wasserläufe rieseln aller 
Orten über sie hinab. Die Felswand begrenzt die 
Westseite des Fomogletschers von seinem untersten 
Ende in einer Länge von etwa 3 Kilometern bis zum 
Fuß des Gasnilepasses, wo sie in leichter zugängliche 
Schutthalden übergeht. Etwas weiter südlich von 
unserem Standpunkte, bei der mit 2400™ bezeich- 



Erinnerungen an 8il»-Maria. 289 

neten Cnrve, bildet ein Lawinenzag vom Bacone 
kommend eine Art von AuBbnchtung in den Felsen, 
welche sich fast bis auf das Niveau des Gletschers 
hinabsenkt. Ueber diesen Schnee dürfte die Höhe 
jener Felsen wohl am leichtesten erreicht werden. 
Letztere, schon vom Cavlocciosee allmälich ansteigend 
zu gewinnen ^), wird nicht ohne Schwierigkeit möglich 
sein. Auf der Excursionskarte ist zwar ein weniger 
.steiles Band gezeichnet, welches sich längs der mit 
3043 B und 3026 » bezeichneten Spitzen sttdlich des 
Pizzo Mortara hinzieht. Soweit vom Fomogletscher 
aus ersichtlich ist, existirt dasselbe aber nicht an allen 
Stellen. Wenigstens zu dem Oipfel (3043 ^) zieht die 
auf den Gletscher abstürzende Felswand, welche an 
dieser Stelle besonders glatt und steil erscheint, in 
einer Flucht ohne sonderliche Unterbrechung hinauf. 
Von der oben bezeichneten Höhe des Gletschers 
haben wir die hier etwa 280™ aufragende Mauer mit 
Hülfe der schmalen Rasenbändchen , welche sie hie 
und da durchziehen ohne besondere Schwierigkeiten 
anzutreffen erstiegen. Vorsicht ist hier aber nöthig, 
weil ein Fehltritt eine Reise ohne Aufenthalt bis zum 
Gletscherboden in sich schließt. Auf der Höhe hatten 
wir den Weg, welcher zu unserem Ziele ftihren mußte, 
in seiner ganzen LSnge vor Augen, und schnell hatte 
Klncker den Angriffsplan in seinen GrundzUgen fest- 
gestellt. Der Leser findet unseren Weg in der kleinen 
Skizze des Herrn Caviezel, welche vom unteren Ende 
des Fomogletschers aufgenommen ist. 



h Wie arsprfinglieh ansere Absicht gewesen. 



Theodor Ourtim. 




P. Bacone vom unteren Ende de« Foruoelvtachers. 

Die speerfijnnig zalaufende BacoDepyramide prii- 
aentirt sich von dem hier erreichten Standpankte in 
einer wenig Vertrauen erweckenden Kühnheit. Zwei 
FelsgrSte senken sieb von ihr hinunter. Der eine, 
nach Norden abfallende, geht in die Fimscheide Über, 
welche den Berg mit der Cima del Largo verbindet. 
Der andere schwenkt von der Spitze nach Osten 
herum und trägt ebenfalls weiter unterhalb einen 
liorisioutul laufenden, echimmernden Schneesattel. In 
dem Winkel, welchen diese beiden Griite mit einandei- 
bilden, lieg:t ein oben breites, nach unten lialbtrichter- 
förmig zulaufendes, steiles Firnfeld eingebettet. Ein 
dritter, kaum noch Grat eu nennender Felszug ragt, 
von der Spitze des Piz Bacone direct nach Osten 
verlaufend, nur mit seinem obersten Theile aus dem 
Schneefelde hervor. Gegen Norden wird letzteres weiter 



Erinnerungen an Süe-Maria, 241 

unterhalb von einem trotzigen Felskamme eingedämmt, 
welcher von der Cima del Largo direct nach Osten 
herabsteigt« 

An dem Ansiänfer dieses letztgenannten Kammes 
standen wir, als wir die Höhe der den Fornogletscher 
begrenzenden Felsmaner erreicht hatten. Die Cima 
del Largo ist von hier aus den Blicken noch verdeckt. 
Wir stiegen einige Zeit über Geröll, dann über den 
Schnee hinauf, stets mit der Büdflanke des von der 
Cima del Largo herabkommenden Grates Fühlnng 
haltend. Zuweilen warde auch die von Lawinen ge- 
sittete Bahn des Schneefeldes, das an diesem unteren 
Ekide fast nur einem breiten Couloir gleicht, mit dem 
Gestein vertauscht. 

Auf solche Art kamen wir ein gut Stück vorwMrtA. 
Ehd ttberhäDgender Felsen, in dessen Innern eine 
Wasserader köstliches Naß spendet, ladet dringend zum 
FrtthBttteken ein. Der Schnee hatte eine natürliche 
Mauer vor diesem Schirmdache aufgeführt, hinter 
welcher man behaglieh ausruhen konnte. Von hier 
wandten wir uns im Bogen nach Südwest, über das 
nach der Höhe zu immer breiter werdende Schneefehl 
den oben erwähnten Felsen zu, welche von der Spitze 
des Bacone ein Stück weit mitten in das Firnfeld 
hinuntem^n. 

Die Zeit der Intermezzi schien gekommen zu 
sein, von denen das letzte uns hätte übel bekommen 
kOinien. Flüchtigen Spvnnges jagte, als wir unser Ver- 
steck verließen, eine Gemse die Felsen hinauf. In 
lustigen Sätzen verschwand sie über der Finischneide, 

die den Bacone mit der Cima del Largo verbindet. 

16 



242 Theodor CurUw. 

Willst du uns necken, da flinker Geselle ? Du machst 
uns den noch nie betretenen Paß vor vom Fomo- 
gletseher In's Vallone del Largo hinab, als ob es gar 
nichts wäre! Wenn auch nicht so schnell wie unser 
flüchtiger neuer Freund, so kamen wir doch bei dem 
wie immer in diesen Wandertagen bis zum Nach- 
mittage vorzüglichen Zustande des Schnees nach und 
nach unserem felsigen Ziele näher. Je höher wir 
steigen, um so mehr steigt jetzt auch die Cima del 
Largo auf. Einem riesigen Obelisk gleichend, glatt, 
ohne Sprung und Absatz, erhebt sie sich unndttelbar 
aus der Fimschneide. Von hier erscheint diese Spitze 
völlig unzugänglich. Schon hatten wir begonnen, in 
den Felsblöcken aufwärts zu klettern, da plötzlich ein 
Krachen und Poltern Über uns ! Freund Bacone sandte 
seinen ersten Gästen einen mürrischen Gruß herunter. 
Etwa 50 Meter über unserem Standpunkte hatten sich 
zwei Felsbrocken losgelöst und stürzten donnernd und 
den aus der Kinderzeit jedem Leser bekannten Ge- 
ruch, welchen an einander geschlagene Kieselstücke 
geben, in penetrantester Weise verbreitend wenige 
Schritte links seitwärts an uns vorbei in die Tiefe. 
Glücklicherweise wurden wir von solchen unheimlichen 
Gesellen nicht weiter behelligt. Die Felsen waren 
ausgezeichnet fest, und ich kann mir an dieser Stelle 
nicht versagen, ein kleines Loblied von dem herr- 
lichen Gestein zu singen, aus welchem sie gebildet 
sind. Es ist ein hellgrauer Biotitgranit ^), worin Quarz 



^) Der Granit vom Gipfel des 1882 erstiegenen Fix 
Torrone, von welchem mir Herr Caviezel ein Stück verehrt 
bat, ist mit dem vom Piz Bacone identisch. 



Erinnerungen an Säs-Maria. 248 

und Glimmer ein feinkörniges Gemenge, die Feldspath- 
kiygtalle aber fast ausnahmslos außerordentlich große 
Indiyiduen bilden. Diese Einspringlinge ragen über 
die Außenseite des Gesteins regelmäßig etwas hervor 
und bewirken dadurch eine besondere Rauheit der 
Oberfläche. Ohne diese schöne Eigenschaft würde 
trotz der gediegenen Festigkeit, mit welcher diese 
Granitwände heute noch der Unbill der Witterung 
trotzen, die Besteigung des Bacone stellenweise recht 
schwierig sein. Der Reibungscoefficient aus den Klei- 
dungsstücken und diesen rauhen, feilenartig wirkenden 
Granitplatten ist aber so groß, daß man selbst eine 
sehr steil geneigte Fläche ohne sonstigen Halt langsam 
hinabrutschen kann. 

Nach ziemlich langikn Klettern, aber ohne beson- 
dere Schwierigkeiten zu finden, gelangten wir endlich 
nicht mehr weit von der höchsten Spitze entfernt auf 
den Ostgrat des Berges. Wir mußten denselben aber 
bald wieder verlassen, da auf dieser Kante kein 
Weiterkommen ist, und griffen nun die letzte und 
höchste Zinne direct auf ihrer breiten Westfront an. 

Von unserem Ziele trennte uns nur noch eine etwa 
30 Fuß hohe, nahezu senkrecht abfallende Granit - 
mauer, welche glücklicherweise einen schräg nach 
oben verlaufenden, etwa fußbreiten Sprung besitzt, 
dessen unterer Rand etwas vorsteht. Hurrah ! Freund 
Klucker ist oben und nun wir schnell mit Hülfe des 
Seiles nach. Noch einige Griffe und Klimmzüge über 
steile, kleinere Platten und der Piz Bacone liegt besiegt 
zu unseren Füßen. Es war 9 Uhr 40 Min. Mit einer 
verzeihlichen Gier durchstöberten wir, ehe wir an's 



244 Theodor Curtius, 

€renießen und Beschauen dachten, die höchste Zinne 
des Bergies. Nicht die leiseste Andeutung wurde ge- 
funden, daß jemals hier ein menschliches Wesen ge- 
weilt hat. 

Die eigentliche Spitze des Piz Bacone wird von 
einem schmalen, etwa 20 Schritte langen, einen stampfen 
Winkel bildenden Felsgrat gebildet, dessen einer 
Schenkel nahezu naeh Norden, der andere nach Süd- 
westen verläuft. In diesen Winkel ist die entsetzlich 
steil gegen Rotticcio abfallende Gh. del Bacone ein- 
gezwängt. 

Der erste Eindruck, den man von diesem Gipfel 
hat, ist derselbe, welchen Robinson haben mochte, 
als er zum ersten Male auf seinem Baum schlief und 
die Strickkiter in die Höhe gezogen hatte. Man er- 
hält ein Gefühl unbedingter Abgeschlossenheit wie in 
einem Luftballon. Steht man aufrecht auf der höchsten 
Zinne, welche von einer nach Nordosten seitwäiis 
frei in die Luft ragenden riesigen Granitplatte gebildet 
wird, so kann man nach allen Seiten den Untergrund 
nur wenige Schritte weit verfc4gen. Sogar der Bacone- 
gletscher versinkt sofort spurlos in dem freien Raum. 
Will man mehr sehen, so muß man sieh auf den 
Leib legen und nach der einen oder anderen Seite 
tiberbeugen; selbst dann aber erhält man nur wenig 
Andeuihung über den Zusammenhang, in welchem man 
noch mit der Mutter Erde steht. 

Nur in dem ersten Drittel von den anderthalb 
Stundmi,, welche wir auf dem Berge zubrachten, ward 
uns nocb einige Aussicht auf weiier entfernte Ketten, 
als auf die Bergeller und Engadiner Bei^e zu TheiL 



Erinnerungen an Sils-Maiia, 245 

Ungeheure Wolkenmassen wälzten sich von Sfiden 
heran, und es sah zeitweilig ans, als rufe der Bacone 
Sturm und Blitz herbei, um seine ersten G%8te zu 
bekämpfen. Man verlange daher keine, systematische, 
detaillirte Beschreibung der Aussicht, welche man von 
diesem Berge genießen kann; dieselbe mag einem 
Glücklicheren vorbehalten bleiben, welchem sie ganz 
nnd ungetrübt zu Theil wird. Ich erinnere mich aber, 
anter den zahlreichen Aussichten, die ich an wolken- 
losen Tagen von großen und kleinen Bergspitzen ge- 
nossen habe, kaum einer, welche neben hervorragender 
Großartigkeit eine derartige reizvolle Manigfaltigkeit 
bietet, wie die Rundsicht vom Piz Bacone. 

Da taucht der Blick nach Westen das ganze 
Bergeil hinunter bis gegen Cleven; wie ein weißer 
Faden windet sich durch den Thalgrund die Straße 
zur Maloja hinauf. Ein sehr markirter, zweiter Ein- 
schnitt zieht sich weithin gegen Norden sichtbar durch 
das Gebirge; das breite Thal dort hinten ist nichts 
anderes als die Lenzerhaide bei Churwalden. Freund- 
lich grüßt ein Theil des lieblichen Silsersees, da, wo 
sich die Straße um Crap da Chüem herum zieht, aus 
der Tiefe herauf. Der oberste Innthalboden ist zum 
Theil durch die breiten Schultern der Margna ver- 
deckt. Und nun den Blick gegen Osten und Süden 
gewandt ! Welch eine gewaltige Gletscher- und Berg- 
welt liegt da vor uns und zu unseren Füßen! Da 
winken die Engadiner Berge herüber. Da steigt als 
schmaler Grat, aber mächtig aufstrebend, der Monte 
della Disgrazia herauf, den man von jenen Höhen 
im Osten als Pizzo Bello im wahrsten Sinne des Wortes, 



246 Theodor Curtius. 

als breite, elegant zulaufende Pyramide zu sehen ge- 
wohnt ist. Dort das wundersame Gebilde am Ende 
des Fomo-Eisstromes ist der Pizzo Torrone. Aus dem 
Eissattel, welcher das Val di Melle von uns trennt, 
hebt er sieh plötzlich als nur wenig nach oben sich 
verjüngender Felsthurm empor, oben rechts und links 
einen Zipfel wie zwei Ohren tragend; und westlich 
neben ihm erhebt sich eine zweite, kleinere Copie 
dieses wunderlichen Berges, ebenso unvermittelt wie 
ein riesiger Meilenstein dem Gletscher entsteigend. 

Während wir Umschau hielten, hatten Klucker 
und Eggenberger mit großem Eifer einen acht Fuß 
hohen Steinmann auf der höchsten, ttberhängenden 
Granitplatte aufgebaut, in dessen Fuß eine Höhlung 
die Daten unserer Besteigung aufnahm. 

Und nun die letzte Flasche Asti hervor, ehe wir 
von dir scheiden müssen, Freund Bacone ! Heute tagen 
wackere Männer weit von hier da drüben hinter den 
Bergen, wo eben die breite Wolke den Gipfel des 
Pizzo della Duana einzuspinnen beginnt, Männer, deren 
Herzen voll hoher, reiner Freude flir die Gebirgswelt 
schlagen, für die Gebirgswelt, deren Zauber heute auch 
auf uns wieder so mächtig wirkt von deinem spröden 
Granitfels, alter Bacone! Ein volles Glas zu ihren 
Ehren, und möge ihre Festesfreude so schön und rein 
ausklingen, wie die unsrige jetzt auf deinem trotzigen 
Gipfel, endlich besiegter Bacone! 

Wir hätten denselben Weg wieder zurückgehen 
können. Aber der Reiz der Neuheit und vor Allem 
der verzeihliche Wunsch, zu erfahren, ob sich der 
Berg nicht doch eine freundlichere Seite abgewinnen 



EriAntrunge» an Sih-Moria. ä4T 

■aase, ale die, an welcher wir hinan fj^kl ettert , hieß 
ans den Versuch wagen, nach Süden znm Passo di 
Casnile hinunter zn gelangen. Eine Rinne, welche sich 
vom Gipfel direct nach Süden hinunter senkt, ließ 
aicfa von oben ein Stück weit UberBehen, und da sie 
soweit nicht ilbennHQig steil erschien , war Klucker 

V. Barone P. Cusile 




Di« SfidBeit« des Uncoiie vom Psmo di Cssnile. 



sofort dafUr be^iBt«rt , diese huhle Gasse weiter zu 
verfolgen. Wir wurden aber arg enttauscht, als wir 
tön ättick weit mit großer Vorsicht jeden eingeklemmten 
Pelsblock anf seinen Halt prUfend hinabgeklettert 
waren, und, wenn nicht das Gtlick es gefügt hätte, 
daß das Ende unserer Bahn auf einen sicheren Fels- 
Torspmng, statt auf das unmittelbar daneben liegende, 
entsetzlich steile Schneecouloir ansmtlndet« (man ver- 
gleiche die beistehende Skizse), so würden wir viel- 
leicht XWB Rückzog geblasen haben. Allein das GlUck 



248 Tfieodor Ourtme. 

war heute einmal entschieden anf unserer Seite. Die 
dräuenden Wolken zerflossen, ohne uns zu erreichen, 
machtlos vor der kriegerischen Nordströmung in der 
H<$he, und kein Stein fiel während der anderthalb 
Stunden, innerhalb deren wir diese — wie die zahl- 
reichen Trümmer auf dem Schnee unten anzeigten — 
zeitweilig gewiß beliebte Schußlinie ohne jede Deckung 
passiren mußten. 

Dieser Riß, welcher in die Südseite des Bacone- 
gipfels eingesprengt ist, ist eines der pikantesten, 
längsten und steilsten sogenannten Kamine, welche 
man überhaupt in den Alpen antreffen wird. Er er- 
streckt sich wahrscheinlich mehr als 400 Fuß hinab, 
ist namentlich in seinem oberen Theile vorzüglich 
ausgebildet, nimmt nach unten an Steilheit, Glätte 
und Verflachung beträchtlich zu und endet schließlich 
in einer etwa 25 Fuß hohen Mauer, welche nahezu 
senkrecht auf den Kopf eines nach Süden vorspringen- 
den Strebepfeilers der Bacone-Pyramide aufstößt. 

Um 12 Uhr, genau eine Stunde nach dem Ver- 
lassen des Gipfels, erreichte ich, am Seile hinab- 
gelassen, mit den Füßen den festen Grund dieses 
Pfeilers, auf welchem unsere Bickel bereits früher 
und viel schneller als wir selbst angelangt waren. 
Nachdem ich mich losgebunden, hatte ich Zeit meine 
Reisegefährten in drei Etagen senkrecht über einander 
stehend zu bewundem. Einer nach dem andern langte 
unten an, und mit Hülfe einiger großer, vorspringender 
Feldspathzwillinge rutschte zum Schlüsse Klucker, 
ohne die Hülfe des Seiles von oben zu haben, mit 
jeder Faser seines Leibes auf den rauhen Granit sich 



Erinnerungen an Sßs^Maria, 249 

premend, zu uns herab. Noch einen Abschiedsblick 
warfen wir auf die scheinbar unzugängliche Höhe^ 
von welcher wir gekommen ; dann nahmen wir unsere 
sieben Sachen vom Boden auf und stiegen voreichtig 
an einer steilen, mit losen Trttmmem bedeckten Wand 
auf das Schneecouloir hinab, alles lockere Gestein 
soilgfältig vor uns hinabschleudemd. Der Schnee war 
ziemlich weich und gestattete ohne weiteres langes 
Stufenhauen auf weniger steiles Gebiet hinab zu gelangen. 
Hier erst waren wir außerhalb des Bereiches der 
Steinschläge. 

Wir umgingen den Fuß des Piz Gasnile und des 
namenlosen Gipfels (3044 °>), obwohl man, wie wir 
an der anderen Seite des Passes nachher sahen, sehr 
gut zwischen beiden Gipfeln hindurch kann, tiber- 
schritten den Passo di Casnile nach Osten und standen 
um 1 Uhr 30 Min. wieder auf dem Boden des Fomo- 
gletschers. Am jetzt im Mittags^anze lachenden, 
reizenden Lago di Cavloccio vorbei wurde um 4 Uhr 
das Ualoja-Hotel en*eicht. Dort wurde eine längere 
Pause gemacht, und endlich lieferte ein mürrischer 
Retourkutscher die vier Wanderer wieder zur Abend- 
tafel in Sils-Maria ab. Im Casino in der Alpenrose 
ging es in später Abendstunde noch recht lustig zu. 

Am folgenden Tage betrachteten Herr Bemus und 
ich mit einem Fernglas von dem Punkte der Land- 
straße, wo die Ova del Orot vom Piz Lagrev kom- 
mend sich in den Silsersee ergießt, mit großem Ver- 
gnügen unseren stattlichen Steinmann auf der hier 
sichtbaren Spitze des Piz Bacone. 



250 


Theodor Ourtius. 


1 






Manohxeit 


Pansen. 


Ab Maloja 
An Bpiise 
Ab Spitze 
An Eaminende 


2 

9 

11 

12 


Uhr 30 Min. \ 
. 40 „ { ' 

n n 


. 75 Min. 
. 80 „ 


An Fornogletscher 
am Fuß des Gas- 


K 


n 


30 . . . 


. 30 . 


nilepasses 
An Maloja 
AlBO 13 Std. 30 M 


) 

4 
in.. 


7> 

inci. 


3 Std. 5 Min. I 


1 
1 

^anae. oder 



Maloja-P. Bacone — Passo di Casnile — ^Maloja = 10 Std. 
25 Min. Marschzeit. 

Dieser Weg läßt sich unter ebenso günstigen Ver- 
hältnissen wie diejenigen, welche wir angetroffen haben, 
zweifellos wesentlich schneller ausführen, als nach 
obigen Angaben. Abgesehen von der Unkenntniß mit 
dem Terrain sind wir meinem Wandergenossen zn 
Liebe in den Felsen nur sehr langsam vorwärts ge- 
drungen. 

Die Besteigung des Piz Bacone gehört jedenfalls zn 
den lohnendsten Bergfahrten, welche man von Sils, resp. 
von der Maloja aus unternehmen kann. Die Besiegnng 
der Cima del Largo, des zweithöchsten Gipfels der 
Bacone-Kette, ist ein heute noch ungelöstes Problem. 
Der am 31. August plötzlich nm Mittag eintretende 
Umschlag des Wetters hinderte mich daran, dasselbe 
noch in Angriff zu nehmen, wie ich mit Klucker und 
Eggenberger veriabredet hatte. Letztere Expedition 
dürfte jedem fröhlichen Felsenkletterer, welcher sich 
noch nicht den Ausspruch von Hans Graß über den 



Erinnerungen an Sils-Maria, 2'o\ 

Sasso d^ntova ^) : „Ist . ein kleiner Berg , hat gar 
keinen Namen, braucht nicht bestiegen zn werden"^ 
zur Maxime gemacht hat, großen Genuß bringen. Mit 
derselben könnte man den Uebergang vom Fomo- 
^letacher über die Fimschneide zwischen der Bacone- 
and Largo-Spitze durch's Vallone del Largo in's Albigna- 
thal verbinden. 

Ich bin zu Ende mit der Aufzeichnung der nur 
allzu kurzen, herrlichen Stunden, die ich heuer in den 
Engadiner und Bergeller Bergen verlebt habe. 

Daß der Zufall mir gerade Sils-Maria zum Stand- 
quartier angewiesen hat, habe ich niemals bereut. Ich 
verkenne die unvergleichlich schönere Lage von Pon- 
tresina gewiß nicht. Jedesmal aber, wenn ich von 
den Bergen durch die Thäler von Morteratsch oder 
Roseg nach diesem überfüllten und geräuschvollen 
^Paradies der Berg- und Nichtbergsteiger" hinunter 
gewandert bin, von wo aus die Mode und die Cultur 
der Städte mit ihrem breiten Gefolge ihre Fühlhörner 
bis auf Gletscher und Clubhütten ausstreckt^ war ich 
froh, wieder in mein bescheidenes, aber heimeliges Sils, 
in die freundliche, gastliche „Alpenrose^ zu kommen. 
Daß aber den behutsamen Wanderer wie den passio- 
nirten Bergsteiger von Sils ans eine Fülle der groß- 
artigsten, herrlichsten und genußreichsten Hochgebirgs- 
expeditionen erwarten, ist bis heute noch viel zu wenig 
bekannt geworden. Wie wenige der zahllosen Touristen, 
welche in den letzten Jahren das Engadin durchzogen, 
haben einen Blick auf die unvergleichlichen Südabstürze 

>) Jahrb. d. S. A. C. XIV, 101. 



252 Theodor Owrtius. 

der Berniiiagrappe getban, trotzdem derselbe so leicht 
Über die Fnorcla Fex-Scerscen zu gewinnen ist! Wie 
wenige aber haben erst ihre Wanderungen bis in die 
Hergeller Berge ausgedehnt, in dieses so spSrlich be- 
kannte Gebiet, das an reizvoller Mannigfaltigkeit seines 
Gleichen sucht! 

Möchten doch diese Zeilen, in welchen nui* ein 
beschränkter Theil von der Menge der von Sils aus 
bequem ausführbaren Touren dargelegt werden konnte^ 
dazu beitragen, den Bann zu brechen, welchen die 
Mode noch immer um die besuchtesten und gerade 
die schönsten Districte der Alpenwelt gezogen hat! 
Jeder, welchem, wie mir die vom Staub der Städte 
beklemmte Brust und die eingerosteten Gelenke auf 
Fels und Eis von Zeit zu Zeit auszubaden, zur zweiten 
Natur geworden ist, darf von einem Aufenthalt in der 
Umgebung von Sils sich köstlichen Genuß versprechen. 
Dazu aber wünsche ich ihm zunächst solch' günstige 
Witterungsverhältnisse, wie ich sie getroffen, und dann 
eine ebenso freundliche und zuvorkommende Aufnahme, 
wie sie mir in der vortrefflichen „Alpenrose*^ des Herrn 
Barblan zu Theil geworden ist. 

Zu ganz besonderem Dank bin ich noch Herrn 
J. Oaviezel, Lehrer in Sils, verpflichtet. Aus dem 
reichen Schatze seiner Erfahrungen über Alles, was 
die Verhältnisse der Gegend anbetrifft, hat er mir 
außerordentlich viel Werthvolles mitgetheilt. Ich 
verdanke ihm ferner die Skizzen aus der Bacone- 
gruppe, zu deren Aufnahme er die besondere Liebens- 
würdigkeit gehabt hat noch im Spätherbst eigens 
mehrere Tage umher zu wandern. 



Erinnerungen an Sfls-Maria. 253 

Zum Schluß BOck einige Worte ttber meine 
wAckeren Führer Christian Klacker und Joliann 
Eggenberger. Ich kann dieselben auf das Wärmste 
jedem Toorislen anempfehlen. Ktucker zeiehnet sieh s\» 
der AeUere durch größere Erfahrung, besondere Energie 
und eineii UBverwIistlichen Humor aus. Beide aber 
zeigeo Kraft, Ausdauer, BescheideDfaeit und liebens- 
würdige Bereitwilligkeit in hohem Maße. Dazu besitzen 
sie jenen universalen Berg-Insthikt, welchen wir an 
den Benier- und Walliser-FUhrem so entwickelt finden, 
der daiin besteht, daß der Führer auch in ganz un- 
bekanntem Terrain sofoii: den am meisten praktikabeiu 
Weg herausfindet. Sowohl Klncker wie Eggenberger 
haben sich femer außergewöhnliche allgemeine Kennt- 
nisse erworben; sie sind eben aus der vortrefflichen 
Schule Caviezels hervorgegangen. Der beste Beweis 
für ihr eifriges und echt alpines Streben liegt darin, 
daß sie auch, wenn keine Fremden im Lande sind, 
im Winter unter sich mehrfach Expeditionen unter- 
nommen haben. ^) Alle diese Eigenschaften stempeln 
diese beiden Leute nicht allein zu sicheren Fttlireni, 
sondern auch zu höchst angenehmen Gesellschaftern. 

Nach zweitägigem anhaltendem Regen tobte in 
der Nacht vom 2. auf den 3. September ein heftiges 
Gewitter mit Schneefall über Maria-Sils. Ein eisiger, 
dichter Nebel verhüllte am andern Morgen den ganz(Mi 
Thalgrnnd. Aber wenige hundert Fuß über dem 
Boden herrschte wolkenlose Klarheit. Je höher die 
Post die Julierstraße hinanstieg, uro so herrlicher 

1) Vergl. Stader: Ueber Eis und Schnee, l\\ 3.S8 ff. 



254 Theodor Curtius. Ernvriertmgen an Säs-Maria, 

entfaltete sich die in voller Winterpracht heute da- 
liegende, tief verschneite Landschaft. Noch einmal 
t^uehten sie grttßend herauf, die wohl bekannten Ge- 
stalten der Margna, des Corvatsch und Bemina. Eine 
nach der andern verschwand wieder. Verwundert 
und rathloB blickte das Vieh auf den schneebedeckten 
Jnlieralpen dem Wagen nach. Als die Pferde am 
Nachmittage über die Lenzer Heide dahineilten, da 
winkte aus weiter Feme, zu einem zackigen Streif- 
lein zusammen geschrumpft, dem lange rückwärts 
Schauenden das Baconegebirge den Abschiedsgruft 
herüber. 



m. 

Abhandlnngen. 



Uebersicht der nivalen Flora der Schweiz, i) 



Von 

Prof. Oswald Heer,f 
Ehrenmitglied des S. A. C. 



Die Pflanzenwelt bildet über das Tiefland der 
Schweiz eine fast zusammenhängende grüne Decke, 
welche auch die Hügel und Vorberge bekleidet und 
in unsem Alpenthälem und Bergabhängen bis zu be- 
trächtlicher Höhe hinaufreicht. Bei 6500 Fuß über 
Meer verschwindet im Mittel in den Centralalpen der 
Banmwuchs, der in den nördlichen Alpen schon tausend 
Pttß tiefer unten seine obere Grenze findet. Ueher 
der Baumgrenze haben wir noch eine reiche Flora, 
welche über die Alpweiden einen buntblumigen Teppich 
aasbreitet ; auch die Holzgewächse erscheinen noch in 
zahlreichen Arten, die aber immer kleiner werden und 

^) Daa Jahrbuch verdankt diese letzte Arbeit des hoch- 
verdienten Gelehrten der Güte der Familie Heer, welche, 
dem Wunsche unseres verehrten der Wissenschaft und dem 
Vaterlande zu früh entrissenen Ehrenmitgliedes entsprechend, 
dem Unterzeichneten das Mannscript in zuvorkommendster 
Weise zur Verfügung stellte. D. Bed. 

17 



268 Oswald Heer, 

über 8000 Fuß über Meer nur noch in wenigen Arten 
und an wenigen Stellen sich zu halten vermögen. 

In diesen Höhen ist der Pflanzenteppich zerrissen, 
wir sehen nur noch kleine grüne Flecken; die 
BergBchlnchten und tiefem Mulden sind mit Firn ge- 
füllt, und je höher wir kommen, desto mehr breitet 
sich der weiße Schneemantel über alles Land aus; 
zuletzt sehen wir nur noch an den aus Firn und Schnee 
her^'ortretenden Felswänden und steilen Berggraten 
einzelne Pflanzenpolster, die kümmerlich in den Fels- 
spalten kleben. 

In dieser Region über 8000 Pariserfuß ü. M. ist 
das Schneegewahd an die Stelle des grünen, blUthen- 
reichen Teppichs getreten, der tiefer unten unsere 
Berge schmückt, und die aus demselben hervortre- 
tenden Felszacken und Steintrümmer sind die einzigen 
Stätten, an denen noch das Pflanzeuleben sich zu 
halten vermag. 

In dieser Schneeregion, unter welchem Namen wir 
alles über 8000 Pariserfuß ü. M. gelegene Land der 
Schweiz zusammenfassen wollen, haben wir auch in 
dem untersten Stockwerk, von 8000 — 8500 Fuß ü. M,, 
nur während 4 Monaten eine Temperatur, welche das. 
Wachsthum der Pflanzen gestattet; 8 Monate Winter 
und 4 Monate mit einer Temperatur, welche derjenigen 
des Frühlings in dem Tief lande entspricht, auf welchen 
Frühling aber kein Sommer folgt. Je höher wir 
kommen, desto mehr zieht sich diese wärmere Jahres- 
zeit zusammen, und bei 10,000 Fuß ü. M. haben 
auch Juli und August nur eine Temperatur von -f- 1** C. 

Es ist von großem Interesse, zu erfahren, welche 



üebersicht der nivaUn IfJora der Schweiz, 259 

Pflanzen noch ein solches Klima zu ertragen und 
unsere Schneeregion zu bewohnen vermögen. Um 
diese auszumittehi, habe ich in den Jahren 1833, 1834 
and 1835, also vor etwa 50 Jahren, die Sommer- 
monate in den Alpen zugebracht und in Bündten an 
vielen Stellen, von denen etwa 50 zwischen 8000 und 
11,000 Fuß tt. M. liegen, die Höhen gemessen und 
mögtichst vollständige Verzeichnisse aller daselbst vor- 
kommenden Pflanzen entworfen. Später hat Herr Prof. 
Brflgger, der gründlichste Kenner der Bündtner Flora, 
diese Untersuchungen fortgesetzt und während einer 
Reihe von Jahren zahlreiche Pflanzenverzeichnisseon 
der nivalen Region entworfen und mir mitgetheilt. 
Diese habe ich zusammengestellt und damit auch ein- 
zelne Angaben von zuverlässigen Beobachtern (so von 
Dr. Killias und Lehrer Krättli) vereinigt. 

So erhielt ich ein Verzeichniß der nivalen Flora 
der rhflßtischen Alpen vom Gk>tthard bis zum Ortler, 
das auf zahlreichen directen Beobachtungen beruht 
und wohl ziemlich vollständig sein dürfte. Wir wollen 
daher dasselbe unserer Untersuchung zu Grunde legen 
und daran die nivale Flora der Walliseralpen und 
der Montblanckette, des Bemer Oberlandes und des. 
Cantons Olams anreihen. 

!• Nirale Flora der rhntiseheii Alpeiu 

Stellen wir die sämmtlichen bislang in der nivalen 
Region Bttndtens beobachteten Bltlthenpflanzen zu- 
sammen, so erhalten wir 295, also nahezu 300 Arten» 
Alle diese Arten finden sieh im ersten Stockwerk der 
nivalen Region, von 8000—8500 Fuß 11. M. ; in dem 



260 Oswald Heer. 

zweiten von 8500 — 9000 Fuß haben wir 185 Arten, 
im dritten, von 9000—9500 Paß aber 78; das vierte, 
von 9500 — 10,000 Fuß zeigt uns noch 32, nnd dan 
fünfte, von 10,000—11,000 Fuß, noch 16 ; über 11,00(> 
Pariserfaß tl. M. sind in Bttndten noch keine Blüthen> 
pflanzen beobachtet worden. 

Ich will hier nicht auf die nähere Darstellung der 
Pflanzenarten eingehen, welche diese Flora zusammen- 
setzen, da diese nur für den Botaniker von Fach 
Interesse haben kann, dagegen will ich hervorheben, 
daß diese Pflanzenwelt der Schneeregion aus sehr 
vei^chiedenen Elementen zusammengesetzt ist. 

Von den 295 Arten gehören 33 Arten der Ebenen- 
flora an. Diese alle sind von dem Tiefland bis über 
8000^ Fuß tt. M. aufgestiegen und haben sich da an- 
gesiedelt; 13 von diesen finden wir noch zwischen 
8500 und 9000 Fuß und 4 zwischen 9000 und 950< ) 
Fuß, höher oben aber sind die Ebenenpflanzen ver- 
schwunden. Die Mehrzahl dieser Ebenenpflanzen hat 
indessen eine etwelche Aenderung erfahren, so daß 
man sie als nivale Varietäten mit besonderen Namen 
belegt hat. Sie haben meistens einen viel kürzeren 
Stengel, dichter beisammen stehende Blätter, daher 
eine gedrungenere Gestalt und fast durchgehends 
größere Blüthen als ihre Artgenossen der Ebene. 

Es zeigt dies, daß die Einwanderung derselben 
schon vor sehr langer Zeit stattgefunden hat, da nur 
dieser eine solche Anpassung an das Klima der 
Schneeregion zugeschrieben werden kann. 

Ein zweites Element bilden die Pflanzen, welche 
zwar nicht aus dem Flachland gekommen, aber am 



Uebersicht d^r nivalen Iflora der Schweiz, 261 

Faße nnserer Berge und in den Bubalpinen Thälern 
ihre eigentliche Heimat haben. 

Es gehören dahin 57 Arten der Schneeregion, von 
denen 29 bis 9000 Fuß ti. M. steigen, nur 5 aber 
bis zu 9500 Fuß, wo sie sich verlieren. 

Die Hauptmasse der Pflanzen der nivalen Region 
bilden die alpinen und nivalen Pflanzen. Zu den 
alpinen rechne ich 159 Arten, welche in der Höhe 
von 5500 — 7000 Fuß tt. M. am häufigsten vorkommen, 
von denen indessen 64 Arten in die subalpine Region 
hinab steigen. 

Von diesen alpinen Arten finden sich 100 Arten 
noch zwischen 8000 und 9000 Fuß ti. M., 37 über 
9000 Fuß, 13 über 9500 Fuß und 5 über 10,000 Fnß. 

Als eigentlich nivale Arten haben wir diejenigen 
zu bezeichnen, welche erst bei 8000 Fuß ti. M. uns 
l>egegnen, oder die doch in dieser Region am häufigsten 
vorkommen und hier daher ihren Hauptwohnsitz haben. 
Dazu gehören 45 Arten, von denen 28 in die alpine, 
ja einige bis in die subalpine Region hinab steigen. 
Nur 6 Arten sind bis jetzt in Bündten nirgends unter 
8000 Fuß ü. M. gesehen worden. 

Die Mehrzahl der Pflanzen der nivalen Region hat 
ihren Hanptwohnsitz zwischen 7000 und 8500 Fuß tt. M., 
welche Zone man wohl auch als subnivale bezeichnet 
hat. Diese Arten bilden den Hauptstock der nivalen 
Flora, die über 8500 Fuß ü. M. keine eigenthüm- 
lichen Arten mehr zu erzeugen vermochte. Es sind 
nur kleinere Abweichungen entstanden, die sich in 
dem gedrungeneren Wüchse äußern. 

In den Centralalpen begegnen uns vom Gotthard 



262 Oswald Heer, 

bis znm Ortler dieselben Verhältnisse ; am Gotthard 
fand ich am Pizzo Centrale bei circa 9000 Fuß ii. M. 
noch 16 BlUthenpflanzen, anderseits auf dem Kamme 
des P. Costainas, der dem Ortler gegenüber liegt, 
bei 9233 Fuß über Meer noch 15 und auf dem 
P. Ciantun, hoch Über dem Stelvio, bei 9500 Fuß 
10 Arten. 

Am höchsten erheben sich die rhaetischen Alpen 
im Beminagebirge, welches in mehreren Berggipfebi 
über 12,000 Fuß emporsteigt und im Piz Bemina 
1 2,475 Pariserfuß erreicht. Die Ungeheuern Gletscher- 
und Fimmassen, welche dieses große Gebirgsmassiv 
umgeben, verdrängen das organische Leben. 

Die letzten Spuren, die ich bei Besteigung des 
Piz Palü fand, waren bei 10,667 Fuß U. M., wo noch 
2 Arten auf einer Gletscherinsel sich fanden; höher 
oben waren die aus dem Firn hervortretenden Fels- 
gräte völlig kahl, während tiefer unten an sonnigen 
Stellen bei 9041 Fuß tt. M. noch 9 Arten und an 
einer andern Stelle bei 9000 Fuß 7 Arten mir be- 
gegneten. 

Es ist nicht zu bezweifeln, daß auf den Fiminseln 
des Bernina bis zu 11,000 Fuß Höhe sich noch eine 
Zahl von Pflanzen finden wird, leider haben aber 
die zahlreichen Besteigungen dieser Bergriesen, welche 
seit 20 Jahren alljährlich ausgeführt wurden, nicht 
zur nähern Renntniß ihrer naturhistorischen Verhält- 
nisse beigetragen. 

Da, wo die Gletscher- und Firnfelder von geringerem 
Umfange sind, haben auch die Pflanzen mehr Raum 
zu ihrer Entwicklung erhalten. Dies ist bei der östlich 



üehersicht der nivalen Flm-a der Schweiz. 263 

vom Bernina liegenden Gebirgskette der Fall. So 
sehen wir am Piz Languard, im Heuthal und in den 
Alpen von Lavimm nnd Prttnella eine viel reichere 
A^egetation als am Bemina. Auf dem Paß, welcher 
A'on Lavimm nach Livigno führt, sind bei 8700 Fuß 
ti. M. noch 41 Arten von BlUthenpflanzen gesammelt 
worden und auf der höchsten Spitze, die aus dem 
Hintergründe des Thaies sich zu 9554 Fuß tl. M. 
«rhebt, sah ich noch 15 Arten, von denen die Sesleria 
diaticha eine formliche Rasendecke zu bilden vermag. 

Dieselben Verhältnisse begegnen uns auch in den 
Umgebungen des Wormserjoches und des Stelvio an 
der östlichen Grenze der Schweiz. 

lieber die Pflanzen der obersten Bergspitzen der 
linken Seite des Innthales geben uns die Verzeichnisse 
vom Piz Longhin, Piz Padella und Piz Ot, der Ge- 
btrgshöhen des Beverserthales , des P. Linard und 
P. Minschun Aufschluß. Besonders lehrreich ist der 
P. Linard, diese imposante, mit einzelnen Fimstreifen 
bekleidete Pyramide, die in kühnen Felswänden bis 
zu 10,516 Fuß U. M. aufsteigt. Wir können an der- 
selben das allmälige Zurückbleiben der Arten ver- 
folgen. Bei 8400 Fuß sah ich noch 20 Arten, bei 
10,100 Fuß noch 9 Arten, bei 10,200 Fuß noch 5 
Arten, bei 10,300 Fuß noch 2 Arten, 200 Fuß höher 
aber, auf der obersten Spitze, nur noch die Androsace 
glacialis. So im August 1835, während 20 Jahre 
später Herr Siber-Gysi auf dem Gipfel außer der 
Androsace auch noch den Gletscher -Ranunkel und 
Chrysanthemum alpinum fand, welche mir 2 — 300 Fuß 
tiefer unten zum letzten Mal begegnet waren. Diese 



J 



264 Oswald Heer. 

beiden Arten waren also in der Zwischenzeit ein paar 
hundert Fuß höher gestiegen. 

Oestlich vom Piz Linard erhebt sich im Norden 
von Fettan der Piz Minschun zu 9454 Fuß. Ich 
sammelte vor 48 Jahren auf seinem obersten Kamm 
noch 21 BlUthenpfianzen. Neben der Androsace gla- 
Cialis war hier noch die A. helvetica; die zierliche 
Campanala cenisia hatte ihre blauen Blumen geöffnet ; 
noch dunkler blau waren die Rasen des Enzians^ 
(Gent, bavarica imbricata), und die Silene acaulis- 
vermochte noch einzelne hochrothe Teppiche zu bilden, 
während ein Steinbrech (Saxifraga oppositifolia) die 
Felsen mit violetten Blüthen gamirte. Das Oeum 
reptans entfaltete auch hier seine prächtigen gold- 
gelben Blumen, und ein Hornkraut (Gerastium laii- 
folium) streute über den Boden zahlreiche weiße 
Sterne aus. 

Dieselbe Flora schmückt, nach einer Mittheilung 
von Dr. Killias, noch jetzt diesen Hochgebirgskamm^ 
wie vor 48 Jahren. 

2. Nivale Flora der Walliseralpeii. 

Von den rhsetischen Alpen wenden wir uns zum 
Wallis, um uns hier nach seiner nivalen Flora umzu- 
sehen. Sie hat ihre größte Entwicklung in der Gebirgs- 
masse des Monte Rosa, welche die höchsten Berg- 
gipfel der Schweiz besitzt. Leider sind die Höhen- 
grenzen der Pflanzen hier noch nicht mit der nöthigen 
Sorgfalt studirt worden; immerhin haben wir von 
einer Zahl von genauer gemessenen Punkten Pflanzen- 



Ueber sieht der nivalen Flora der Schweiz, 265 

yerzeichnisse erhalten, welche eine Vergleichung mit 
der nivalen Flora der rhsetisehen Alpen gestatten. 
Wir verdanken dieselben namentlich Herrn Dr. Christ, 
welcher in seinem schönen und lehrreichen Buche 
ttber das Pfianzenleben der Schweiz die Flora des 
Wallis mit besonderer Vorliebe behandelt hat. Schon 
früher hatten die Brüder Schlagintweit am Monte 
Rosa sehr werthvolle Beobachtungen gemacht, femer 
Prof. Brtigger and Prof. Martins, wie John Ball, der 
mir seine Beobachtungen mitzutheilen die Freundlich- 
keit hatte. 

Das Thal von Zermatt ist schon seit langem durch 
seinen Pflanzenreichthum bekannt und ein Ausflug 
zum Hömli, zum Ryffelhom und dem viel besuchten, 
von der großartigsten Gletscherwelt umgebenen Gomer- 
grat ftihrt eine überaus reiche Flora an uns vorüber. 
Am Gornergrat haben wir von 9000—10,000 Fuß 
U.M. noch 98 BlUthenpfianzen. Am Monte Rosa sammel- 
ten die Brüder Schlagintweit in der Umgebung der 
8t. Vincent - Hütte zwischen 9500 und 9800 Fuß ü. M. 
44 Pflanzenarten. Von diesen haben wir 42 Arten 
auch in der nivalen Flora der rhcetischen Alpen und 
nur 2 Arten (Senecio unifiorus und Saxifraga retusa) 
fehlen denselben. 

Von den 42 gemeinsamen Arten haben wir indessen 
in Bttndten nur 26 über 9000 Fuß ü. M., während 
16 tiefer unten zurückbleiben. 

Auf nackten, von ewigem Schnee umgebenen Fels- 
griCten fanden die Schlagintweit am Monte Rosa 
zwischen 11,000 und 12,000 Fuß noch 11 Arten, von 
denen aber nur eine Art, nämlich die Cherleria, bis 



206 Oswald JSeei'. 

11,776 Fuß tt. M. hinaufreiclite. Höher oben wurden 
keine BlUthenpflanzen mehr gefunden. 

Am Weißthor waren es 8 Arten, welche eich noch 
bei 11,138 Fuß U. M. angesiedelt haben, wählend 
die von mächtigen Gletschern umgebene Felseninsel 
des Matterjoches bei 10,318 Fuß ü. M. noch 23 Arten 
aufweist. 

Mit Ausnahme des Senecio nniflorns und der 
Draba pyrenaica finden wir alle diese Arten auch in 
der nivalen Region der rhsctischen Alpen, aber die 
Hälfte erreicht dort nicht dieselbe Höhe. Immerhin 
haben wir 17 dieser Arten in Bündten über 9000 Fuß 
tt. M. und 10 Arten über 10,000 Fuß getroffen. 

Vom Matterhom haben uns die Herren Whymper 
und Lindt einige Nachrichten über die Höhengrenzen 
der Pflanzen gegeben. Herr Lindt fand bei circa 
9230 Fuß U. M. noch 2 Steinbrecharten (Saxifraga 
oppositifolia und 8. bryoides), bei circa 10,900 Fuß 
die Aretia helvetica, Cerastium alpinum, Chrysanthemum 
alpinum und bei 11,541 Fuß als letzte Pflanze den 
Ranunculus glacialis. Herr Whymper aber gibt 
zwischen 9800 und 12,200 Fuß noch 7 Arten an. 

8. Gebirgsmasse des Montblane« 

Aehnliche Verhältnisse wie im Wallis begegnen 
uns in der Gebirgsmasse des Montblanc. Hier geben 
uns die sorgfältig gesammelten Pflanzen des Oletscher- 
gartens (Jardin) und der höher gelegenen Oletscherinseln 
wenigstens einigen Aufschluß über die oberen Orenzen 
des Pflanzenlebens. 



üebersicht dei' nivalen Flora der Schweiz. 267 

Unter dem Namen des Gletschm^gartens ist eine 
etwa 800™ lange und 30" breite Insel bekannt, die 
zwischen 8400 und 8500 Fuß ti. M. aus dem Gletscher 
von Tal^fire emporsteigt. Es wurden bei wiederholten 
Besuchen dieser Insel auf derselben 64 Pflanzenarten 
gesammelt. Von diesen haben wir 81 auch in Btindteii 
in derselben Höhe und nur drei Arten vermissen wir 
daselbst, von denen aber eine (Bupleurum stellatum) 
in der alpinen Region Bündtens nicht selten ist, 
während zwei (Senecio incanus und Braya pinnatifida) 
der ganzen östlichen Schweiz fehlen. 

Die Flora des ersten Stockwerkes der nivalen 
Flora stimmt daher am Montblanc fast in allen Arten 
mit derjenigen der rhsetisehen Alpen überein. 

Etwa 1000 Fuß ttber dem Gletschergarten findet 
sich am Montblanc eine Gletscherinsel, die unter dem 
Namen der Grands Mulets bekannt ist. Sie bildet 
von 9300—10,687 Fuß eine Felsmasse, die von den 
Gletschern der Bossons und von Taconnay umgeben 
ist Auf derselben wurden in verschiedenen Jahren 
24 Blüthenpflanzen gesammelt, von welchen 23 unn 
aus der nivalen Region der rhaetischen Alpen bekannt 
sind, so daß nur eine Art (Androsaoe pubescens) der- 
selben fehlt. 

Als letzte Pflanzen wurden am Montblanc die 
Silene acaulis bei 11,239 Fuß und eine Androsace auf 
dem Col de G6ant, bei 11,291 Fuß U. M., beobachtet. 

Zfthlen wir die am Montblanc und Monte Rosa 
in den höchsten Regionen gefundenen Pflanzen zu- 
sammen, so ersehen wir, daß dnrchgehends die Pflanzen 
höher hinaufsteigen, als in den rhsetisehen Alpen. 



268 Ostoald Heer. 

Am Montblanc wurde die letzte Pflanze bei 11,291 
Fuß beobachtet, am Monte Rosa bei 11,776 und am 
Matterhorn bei 12,246 Fuß, dagegen in Bttndten bei 
10,900 Fuß. Es sind aber im Wallis wie im Cha- 
monix dieselben Arten wie in Bündten, welche noch 
die höchsten Alpenzinnen schmücken. Die Gletscher- 
Androsace, der Oletscher-Ranunkel, die rothe stengel- 
lose Silene, die kleine Cherleria und ein paar Saxi- 
fragen sind durch die ganze Alpenkette die letzten 
Kinder der Flora, von denen bald das eine, bald daa 
andere den obersten Posten einnimmt. 

i. Bemeralpen. 

Wie die Walliseralpen und das Chamonix, werden 
die Bemeralpen im Sommer von einem ganzen Heer 
von Touristen besucht und auch die höchsten Berg- 
gipfel bestiegen. Dennoch ist über die Verbreitung 
der Pflanzen über diese obersten Berggipfel nur wenig 
bekannt geworden. 

Von Wichtigkeit ist ein sorgfältiges Verzeichniß 
der Pflanzen der obersten Kuppe des Faulhomes, von 
8000 bis 8200 Fuß U. M., und einzelne Angaben 
von Pflanzen, welche die Herren Lindt und Edmund 
V. Fellenberg in beträclitlichen Höhen gesammelt haben. 

Auf dem Fanlhorn wurden 130 Blüthenpflanzen 
beobachtet, von denen nur 2 Arten (Androsace pubea- 
cens und Pedicularis versicolor) den rhsBtischen Alpen 
fehlen, die andern sind bis auf 8 Arten in Bündten 
in derselben Höhe beobachtet worden. 

Von 8500 bis 10,000 Fuß fehlen uns aus den 
Bemeralpen genaue Beobachtungen. Von hohem 



Ueber sieht der nivcUen Flora der Schweiz, 269 

Stationen erwähne ich, daß auf dem GauHpaß bei 
10,080 Fuß li. M. 9 Arten beobachtet worden, am 
£wig8chneehom bei 10,468 Fuß 2 Arten und am 
Oberaarhorn in derselben Höhe 8 Arten. 

An der Südwestabdachung des Finsteraarhorns 
sammelte Herr Lindt bei 10,313 Fuß 5 Arten, bei 
12,314 Fuß 3 Arten und Herr Lohmeier im September 
1872 bei 13,143 Fuß, wenig unter dem Gipfelhom, 
den Gletscher -Ranunkel, welchen Dr. Calberla im 
September des folgenden Jahres an derselben Stelle 
in Blttthe traf. 

Auf der obersten Spitze des südlichen Gipfels des 
Schreckhoms (12,440 Fuß ü. M.) sammelte A. Escher 
von der Linth die Androsace glacialis und bei 11,080 
Fuß den Gletscher-Ranunkel. 

. Am Schneehom an der Jungfrau sah Herr Edm. 
V. Fellenberg bei 9233 Fuß noch 6 Pflanzen und bei 
10,309 Fuß noch die Silene acaulis und Saxifraga 
oppositifolia. 

So dürftig auch die Angaben sind, die uns aus 
den Bemeralpen zugekommen, zeigen sie doch, daß 
die Pflanzen auf der Südseite in der Gebirgskette 
zwischen Wallis und Bern in günstigen Lagen bis zu 
denselben Höhen aufsteigen, wie am Monte Rosa, ja 
der am Finsteraarhom beobachtete Gletscher-Ranunkel 
stellt die bislang am höchsten gefundene Blüthenpflanze 

Europa's dar. 

6. <](lariierftlpeii. 

Viel ungünstiger sind dagegen die Verhältnisse in 
der nordöstlichen Schweiz. So klein auch der Kanton 
Olams ist, hat er doch eine Zahl von Berggipfeln 



270 Oswald Heer. 

und Felsgräten, welche über 8000 Fuß U. M. sich 
erheben. 

Anf der höchsten Kante des Ruchi-Olärnisch, 

4 

8900 Fuß ü. M., habe ich vor 51 Jahren 3 Bltithen- 
pflanzen gesehen, die alle zu den Cruciferen gehören ; 
auf dem Gipfel des Eärpfstocks, 8600 Fuß, 6, auf 
dem Vorab, 9300 Fuß, 4, und auf der obersten Spitze 
des Hausstocks, 9700 Fuß, nur noch die Androsace 
glacialis. 

Die oberste Kuppe des TMi, 11,100 Fuß, ist mit 
Firn bekleidet, daher pflanzenlos, wogegen anf dem 
Sandgrat und am Kleinen Tödi bei 8700 Fuß noch 
17 Arten vorkommen. 

Die nivale Region des Kantons Giarns ist viel 
ärmer an BlUthenpflanzen, als das Wallis und die 
rhietischen Alpen, und das Pflanzenleben erstirbt viel 
früher. 

e. BfickbUck. 

Wenn wir die in unsem Alpen bislang von 
8000-- 12,000 Fuß tt. M. beobachteten BlUthenpflanzen 
zusammenstellen, erhalten wir 337 Arten. Alle diese 
Arten begegnen uns in der Höhenzone von 8000 bis 
8500 Fuß. 

Von 500 zu 500 Fuß bleibt in den obersten Stock- 
werken ungeflUir die Hälfte der Arten zurück, während 
in den untern die Abnahme weniger rasch erfolgt. 

Die 337 Arten unserer nivalen Flora vertheilen 
sich auf 138 Gattungen und 46 Familien. Die arten- 
reichste Familie ist die der Korbblilthler, welche fast 
^k der Gesammtzahl bildet; sie bleibt dominirend bis 



Veher sieht der nivalen Flora der Schweiz. 271 

ZU 10,000 Fuß ü. M.y dann aber wird sie von den 
Cruciferen, Gräsern und Saxifragen Ubertroffen. 

Die nivale Flora besteht größtentheils aus peren- 
nirenden Pflanzen, nur 12 Arten sind einjährig. Als 
holzartige Pflanzen haben wir 20 Arten zu bezeichnen, 
die freilich sämmtlich so klein bleiben, daß sie keine 
Sträucher mehr zu bilden vermögen. Am höchsten 
steigen die Weiden und der Zwergwachholder hinauf, 
welcher in Bttndten noch an mehreren Stellen Über 
8000 Fuß und am Piz Ot bei 8700 Fuß ü. M. ge- 
sehen wurde. Schlagintweit gibt ihn am Monte Rosa 
aber sogar bei 9500 Fuß an. Es bildet somit ein 
Nadelholz, aus der Familie der Cypressen, die oberste 
Grenze der üolzvegetation in unsem Alpen. 

Die Alpenrosen reichen nicht bis in die nivale 
Region hinauf. 

Vergleichen wir die horizontale Verbreitung der 
nivalen Arten, so werden wir flnden, daß die Mehrzahl 
die ganze Alpenkette durchzieht. In den Thälem und 
den tieferen Regionen der Alpen ist der Unterschied 
zwischen dem Osten und dem Westen der Schweiz 
größer als in der nivalen Region, und in dieser 
schwindet der Unterschied immer mehr nach den 
Höhen. 

Aus der nivalen Region der rhätischen Alpen 
kennen wir nur 10 Arten, welche dem Wallis fehlen, 
und anderseits aus derselben Region des Wallis nur 
12 Arten, die wir in Bfindten vermissen, also im 
Ganzen nur 22 Arten, während 315 Arten durch die 
ganze Alpenkette verfolgt werden können. 

Wir haben früher die Zusammensetzung der ni- 



272 Oswald Heei\ 

valen Flora der rhätischen Alpen in ihrer Beziehung 
zu den Floren der tieferen Regionen besprochen. Die 
dort gewonnenen Resultate lassen sich auf die nivale 
Flora der ganzen Schweiz übertragen. Etwa ^/io der 
nivalen Flora besteht aus Ebenenpflanzen , welche 
durch ihren gedrungenen Wuchs und größere Blüthen 
bezeugen, daß sie im Laufe der Zeit sich dem hoch- 
alpinen Klima angepaßt haben; ^/lo gehören aus- 
schließlich dem Oebirgsland an, von welchen wieder 
die Mehrzahl im obern Theile der alpinen Region 
ihren Hauptwohnsitz hat. Nur ^k der Arten sind als 
nivale Pflanzen im engem Sinne zu bezeichnen, das 
heißt als Arten, welche bis jetzt nur ttber 8000 Fuß 
ü. M. beobachtet wurden, oder die doch in diesen 
Höhen ihre größte Verbreitung haben. Dieses Element 
liefert aber die Arten, welche an die Grenzposten des 
Pflanzenlebens gestellt sind, und es ist wahrscheinlich 
nur der Mangel an geschützten, zeitweise schneefreien 
Felsspalten, welcher verhindert, daß nicht mehr dieser 
Arten auf unsem höchsten Alpenzinnen sich angesiedelt 
haben. 

7. Yergleieliiing der nivalen Flora der Schweiz mit 

der aretisehen. 

Nachdem wir den Charakter der nivalen Flora 
wenigstens in ihren Hauptzügen geschildert haben, 
wollen wir ihre Stellung zu der Pflanzenwelt anderer 
Länder noch in's Auge fassen. 

Eine Vergleichung derselben zeigt uns, daß sie 
aus zwei ganz verschiedenen Elementen besteht. Die 
einen gehören ausschließlich den Alpen an und stellen 



Uebersicht der nivalen Flora der Schweie. 273 

die endemische Alpenflora dar, die andern aber finden 
wir anch in der arcÜBchen Flora, während sie in dem 
dazwischen liegenden Lande jetzt fehlen. Wir erhalten 
demnach eine ardüche und eine endemische nivale 
Flora. Betrachten wir zunächst die erstere. 

Unsere nivale Region hat mit der arctischen 
155 Blfithenpflanzen gemeinsam, also gegen die Hälfte 
der Arten. Sie theilt mit Island 82 Arten, mit Grön- 
land 80 Arten, mit dem Orinnelland 21, mit Spitz- 
beinen 36, mit dem arctischen Skandinavien 140, mit 
Nowaya Semija 48 und mit dem arctischen Asien 91. 

Anderseits hat unsere nivale Flora auch mit dem 
arctischen Amerika noch 87 Arten gemeinsam. 

Sehr beachtenswerth ist, daß die E&en^npflanzen, 
welche wir in unserer nivalen Region nachgewiesen, 
auch in der arctischen Zone sich einfinden. Keine 
einzige Ebenenpflanze wird in unserer nivalen Region 
getroffen, die nicht auch in der arctischen Zone sich 
angesiedelt hätte, wogegen eine Zahl von Ebenen- 
pflanzen unseres Landes in der arctischen Zone vor- 
kommen, die unsere nivale Region nicht erreichen. 
So ist unsere Wiesenkresse (Wiesenschaumkraut) überall 
im Norden verbreitet und geht im Grinnelland sogar 
bis zu 82 "* n. Hr., während sie bei uns nirgends über 
6000 Fuß tf. M. hinaufsteigt. 

Unsere nivale Flora hat auch nach Abzug der 
Ebenenpflanzen die meisten Arten mit dem arctischen 
Skandinavien gemeinsam, 40 Arten mehr als mit dem 
arctischen Amerika imd 41 Arten mehr als mit dem 
arctischen Asien, trotz des viel großem Areales des 
letztem Landes. 

18 



274 Osivald Heer. 

Die große Zahl von gemeinsamen Arten in dem 
arctischen Europa, Asien nnd Amerika wird durch 
die große Gleichförmigkeit der arctischen Flora be- 
dingt, indem zahlreiche Arten rings um den Pol ttber 
das ganze arctische Land verbreitet sind und daher 
als circnmpolare Pflanzen bezeichnet werden. 

Diese Gleichförmigkeit wird durch die klimatischen 
Verhältnisse begünstigt ; diese sind auch bei der Ver- 
gleichung der nivalen mit der arctischen Flora zu 
berathen. 

Dabei ist hervorzuheben, daß wohl die Temperatur 
nach den Höhen in ähnlicher Weise abnimmt wie 
nach den Breitenzonen, daß aber doch große klima- 
tische Unterschiede bestehen, indem die Vertheilmig 
der Wärme nach den Jahreszeiten im Norden eine 
ganz andere ist als in den Alpen. Im Winter sinkt 
die Temperatur im Norden viel tiefer als in unseren 
Alpen, wogegen die Sommer relativ wärmer sind; 
dazu kommt die lange Wintemacht und der continuir- 
liche Sommertag des Nordens, während in den Alpen 
kalte Nächte mit warmen Tagen wechseln, da hier die 
Sonnenstrahlen weniger schief auffalleii. Die Pflanzen 
werden im Norden viel länger besonnt als in den 
Alpen, aber hier wirken die Sonnenstrahlen am Tage 
viel intensiver, während in hellen Nächten eine starke 
Wärmeausstrahlung stattfindet. 

Trotz dieser Verschiedenheit in wichtigen Lebens- 
bedingungen finden wir fast die Hälfte der nivalen 
Pflanzen auch im hohen Norden. 

Wenn wir zugeben, daß jede Pflanzenart von einem 
Bildungsherde ausgegangen sei, müssen wir annehmen^ 



Uebersicht der nivalen Flora der Schweiz. 276 

daß die arctiscb-alpinen Pflanzen entweder von Norden 
naeh Süden, oder aber umgekehrt von Sttden nach 
Norden gewandert seien. 

Wäre das Letztere der Fall, müßten in der arc- 
tischen Zone die verschiedenartigsten Pflanzent^ppen 
Zusammen getroffen sein, und es müßte die Flora des 
aretischen Europa von der des aretischen Asien und 
Amerika sehr verschieden sein« Nun ist aber das 
gerade Gegentheil der Fall; die polare Flora zeigt 
eine große Gleichförmigkeit. Noch wichtiger ist aber 
die Thatsache, daß die enropftischen Alpen eine ganze 
Zahl von Pflanzenarten mit den Alpen Asiens und 
Amerikas gemeinsam haben, und daß diese Arten 
sämmtlich auch in der aretischen Zone zu Hause 
sind^ während sie in den ebenen Zwischenländem 
fehlen. 

Dies erklärt sich uns in sehr einfacher Weise^ 
wenn wir annehmen, daß diese Pflanzen aus der are- 
tischen Zone stammen, von der sie strahlenförmig sich 
verbrdtet haben. Wir haben früher gesehen, daß von 
den arctisch*alpinen Pflanzen t40 mit solchen Skan- 
dinaviens übereinstimmen ; von den 87 Arten, die das 
arctische Amerika mit unserer Nivalregion gemeinsam 
hat, wurden 49 auch auf den Alpen der vereinigten 
Staaten, namentlich auf dem Felsengebirge, gefunden, 
und von den nordsibirischen Arten 72 am Altai und 
38 Arten auch am Himalaja. 

Da alle diese Arten im hohen Norden zu Hanse 
sind, ist es viel leichter, sie von da aus auf die Ge- 
birge von Europa, Amerika und Asien gelangen zu 
lasaen, als auf irgend einem andern Wege. 



276 Oswald Heer, 

Wir haben in onsem Hochalpen häufig eine Gras- 
art (die Avena sabspieata), welche wir auch Überall 
in der arctischen Zone finden, in Europa, Asien und 
Amerika. Wir können sie durch die Oordilleren bis 
zur Magelhaensstraße verfolgen , und andererseits von 
Nordsibirien zum Altai und zum Himalaja; wir finden 
femer die Dryas, die Sibbaldia, den Alpenmohn, die 
Silene acaulis, ein paar Saxifragen, die Ozyria u. a. m. 
auf den amerikanischen Alpen eben so hSufig wie bei 
uns. Wie sollten sie dahin gekommen sein, wenn nicht 
vom Norden aus, wo sie jetzt noch zu Hause sind? 

Und dasselbe können wir von einigen Insekten- 
arten berichten, die das Felsengebirge mit dem arc- 
tischen Amerika gemeinsam hat, wie Arten, die in 
Skandinavien und auf unsern Alpen vorkommen. Da 
in Amerika eine große Gebirgsmasse den ganzen Con- 
tinent von Nord nach Süd durchzieht, werden die 
arctischen Pflanzen den Oordilleren gefolgt sein. In 
Europa aber und in Asien sind die orographischen 
Verhältnisse sehr verschieden und es fehlen hier die 
Brücken zwischen dem arctischen Land und den süd- 
lich gelegenen Gebirgen. 

Das uns am nächsten gelegene arctische Land ist 
Skandinavien. Es ist dies ein uraltes Festland, welches 
auch zur Gletscherzeit als solches bestand. Allerdings 
hatte während derselben eine etwelche Senkung des 
Landes stattgefunden, doch betrug dieselbe nie mehr 
als 400 Fuß) so daß der größte Theil der Halbinsel 
während der ganzen quartären Periode Festland war. 
Dieses war großentheils mit Gletschern bedeckt, daß 
aber aus demselben zahlreiche eisfreie Gebirgskanten 



Uehersicht der nivalen Flora der Schtoeiz. 277 

emporstanden, beweisen die erratiBchen Blöcke, welche 
in ungeheuren Massen ans Skandinavien und Finnland 
nach Deutschland gekommen sind. Immer mehr häufen 
sich die Beweise für die Annahme, daß die nordischen 
Oletscher eine Brttcke über die Ostsee bildeten und 
sich über Norddeutschland ausbreiteten. Da wir in 
unseren Schweizeralpen über 300 Blttthenpilanzen in 
der Schneeregion nachweisen konnten, unterliegt es 
keinem Zweifel, daß diese Arten auch zur Zeit der 
größten Gletscherentwicklung leben konnten, so daß 
auch damals den aus dem Eise hervortretenden Fels- 
massen der Blttthenschmuck keineswegs gefehlt haben 
wird. 

Wenn wir bedenken, welche enormen Felsmassen, 
durch die Gletscher vermittelt, aus dem Norden nach 
Deutschland gekommen sind, wird die Annahme ge- 
stattet sein, daß mit diesen Gesteinsmassen auch die 
sie bewohnenden Püanzen nach Süden transportirt 
wurden. Dies bestätigen die Pflanzen, welche man in 
den Gletscherablagerungen gefunden hat. Wir ver> 
danken Dr. Nathorst die wichtige Entdeckung, daß 
in den glacialen Ablagerungen des südlichen Schwe- 
den Pflanzenarten sich finden, die gegenwärtig nur 
in der arctischen Zone zu Hause sind. Dieselben 
Arten hat er auch in Gletscherletten von Dänemark, in 
Meklenburg und der Schweiz nachgewiesen. Es wurden 
von Nathorst und später von Herrn Dr. C. Schröter 
ein Dutzend solcher arctischer Pflanzen in dem Gletscher- 
letten unseres Kantons, so in Schwerzenbach, Hütten, 
Bonstetten und Hedingen, gesammelt, und bei den- 
selben finden sich die üeberreste von Insekten, welche 



278 Oswald Heer, 

gegenwärtig unsere Alpen bewohnen. Von den Pflanzen 
gehören ftinf Arten der Sehneeregion an und alle 
finden sieh auch im hohen Norden. Die wichtigste 
Art ist die Polarweide (Salix polaris), welche jetzt 
der Schweiz, wie überhaupt den Alpen, fehlt und nur 
in der arctischen Zone und zwar in Skandinavien und 
Spitzbergen vorkommt. Wir haben also hier eine 
arctische Art, welche zur Gletscherzeit in der Schweiz 
gelebt hat, sich aber da nicht zu halten vermochte, 
während die nahe verwandte Salix herbacea, die auch 
im Norden verbreitet ist, überall in unsem Hochalpen 
vorkommt, zur Gletscherzeit aber auch im Tieflande 
gelebt hat. Die Polarweide bildet ein kostbares Docu- 
ment, welches beweist, daß diese glacialen Pflanzen 
aus dem Norden gekommen sind. 

Es mögen wohl diese Pflanzen des diluvialen 
Gletscherlettens in der Umgebung der Gletscher ge- 
lebt und mit denselben sich über die Gegend ver- 
breitet haben. Daß die Moränen und die erratischen 
Blöcke dabei eine wichtige Rolle gespielt haben, zeigen 
die Pflanzen, die wir gegenwärtig auf den Moränen 
finden. Auf der Seitenmoräne des Roseggletschers 
sah ich 1834 bei 7500 Fuß 16 Pflanzenarten und die 
84 Pflanzenarten des Gletschergartens von Ohamonix 
haben sich auf dem Moränenschutt angesiedelt. Wie 
die Gesteinsmassen über weite Ländergebiete sich aus- 
breiteten, so natürlich auch mit denselben die auf 
ihnen angesiedelten Pflanzen. 

Zu ihrer weiteren Verbreitung werden die Gletscher- 
bäche und der Wind das Ihrige beigetragen haben. 
Es ist nicht denkbar, daß gegenwärtig der Wind aus 



üebersicht der nivaJen Flora der Schtoeie, 279 

der arctiBchen Zone Pflapzensamen nach onsern Alpen 
vertragen könnte, da die Entfernung zu groß ist und 
überdies die Mehrzahl der arctisch-alpinen Arten flügel- 
lose Samen besitzt. Durch das Vorriicken der Oletscher 
aus den Alpen bis in die süddeutsche Ebene und von 
Norden her bis nach Sachsen wurde das gletscherlose 
Zwischenland immer mehr verkleinert, und durch Wind 
und Wasser konnten die Südgrenzen der arctischen 
Pflanzen allmälig vorgeschoben werden. Dazu mögen 
auch die Thiere beigetragen haben, und zwar nicht 
nur die Vögel, sondern auch die mit dichtem Haar- 
pelz versehenen Säugethiere, so die Mammuthe, die 
Moschnsochsen und das Rennthier ; wissen wir ja doch, 
daß in der Wolle der Schafe eine Menge von Samen 
sich anhefken und von ihnen weithin vertragen werden. 

Wenn aber auch durch die erratischen Gesteine, 
durch Wind und Wasser und Thiere die Samen ver- 
breitet wurden, werden sie doch nur da gekeimt und 
sich entwickelt haben, wo sie ein für sie passendes 
Klima vorfanden. Dies war zur Gletscherzeit in einem 
großen Theile von Europa der Fall. 

Zur Zeit, als der Steinbock, die Gemse und das 
Murmelthier über das Tiefland von Sttddeutschland 
und Oberitalien verbreitet waren und der Halsband- 
Lemming (Myodes torquatns), der gegenwärtig nur im 
hohen Norden lebt, mit zwei nördlichen Wühlmäusen 
(Arvicola ratticeps und A. gregalis) selbst in Ober- 
schwaben sich einfand, werden sich auch für die 
arctische Flora die Lebensbedingungen gefunden haben, 
und daß diese in der That über das Tiefland der 
Schweiz verbreitet war, beweisen die oben besprochenen 



280 Oswald Heer, 

Thatsachen. Sie sagen ans .eben so sicher, wie die 
marinen arctischen Thiere, welche man in den dilu- 
vialen Ablagenmgen Englands in so großer Zahl 
beobachtet hat, daß das Klima damals kälter gewesen 
ist als gegenwärtig, was sehr mit Unrecht von Saporta 
und Stoppani bestritten wurde. 

Die Erscheinungen der Gletscherzeit lassen un» 
daher eine Brücke bauen, auf welcher die arctische 
Flora nach unsem Alpen gekommen ist. Mit dem 
Verschwinden der Gletscher aus dem Tieflande und 
der Aenderung des Klimas wurde diese Brücke ab- 
gebrochen. Das Tiefland wurde von der Ebenenflora, 
welche durch ganz Europa und Nordasien denselben 
Charakter hat, eingenommen, während die Alpen nun 
zur Heimat dieser nordischen Kinder geworden sind» 

Manche derselben sind aber auch auf den da- 
zwischen liegenden Gebirgen geblieben; so hat der 
Harz, haben die Sudeten und die Oarpathen eine be- 
trächtliche Zahl von arctischen Pflanzen erhalten. Ich 
zähle ftir die Carpathen 82 und für die Sudeten 40 
unserer arctisch-nivalen Arten. Dabei ist es sehr 
beachtenswerth, daß einige arctische Pflanzen in den 
Sudeten auftreten, welche nicht weiter nach Süden 
vorgerückt sind, und daß in der Schneegrube im 
Riesengebirge an derselben Stelle, wo die arctische 
Saxifraga nivalis sich angesiedelt hat, eine kleine 
arctische Schnecke (die Pupa arctica Wahlbg.) sich 
flndet, welche wie die Pflanze nach Norden weist. 

Wir gelangen zu demselben Resultate, wenn wir 
unsere Untersuchung auf die ganze europäische Alpen- 
kette ausdehnen. Herr Dr. Christ zählt aus derselben 



üebersicht der nivälen Flora der Schweis, 281 

693 Pflanzenarten anf. Von diesen finden sich 271 
Arten, also mehr als ^/s, in der arctiscben Zone, von 
welchen einige am Fuße der Alpen znrttckbleiben, 
andere sporadisch in der Bei^egion und den unteren 
Alpen verbreitet sind, mehr aber in die Alpenregion 
hinaufsteigen, in dieser aber zurückbleiben, ohne die 
Schneeregion zu erreichen. 

Es sind dieß meistens Arten, die nur im sttdlichen 
Theil der arctiscben Zone sich finden, und es ist be- 
achtenswerth , daß gerade in unserer Schneeregion, 
welche die Alpenflora am reinsten darstellt, die 
nordüc/i-arctischen Pflanzen am stärksten repräsen- 
tirt sind. 

Dieses alles zeigt uns, daß die von Sir J. D. 
Hooker in seiner vortrefflichen Arbeit Aber die arc- 
tische Flora ausgesprochene Ansicht, daß Scandinavien 
den Ausgangspunkt für die Verbreitung der nordischen 
Pflanzen in Europa bilde, eine wohlbegrflndete sei, 
eine Ansicht, welche von den Herren Dr. Christ, Ball 
und andern bestritten, aber keineswegs widerlegt 
worden ist. 

Eine ganz andere Frage ist es aber, ob Scan- 
dinavien der Bildungsherd der arctiscben Flora ge- 
wesen sei, oder ob wir denselben anderswo zu suchen 
haben. Wir betreten da ein sehr dunkles Gebiet, auf 
welchem wir nur Vermuthungen aussprechen können. 
Herr Dr. Christ spricht nicht nur Scandinavien, son- 
dern Überhaupt der arctiscben Zone die Fähigkeit ab, 
neue Pflanzenarten hervorzubringen. Das arctische 
Oeblet sei als das letzte ersterbende Glied am Leibe 
unseres Planeten, als das große Grab, in welchem 



282 Oswald Heer. 

das vom Aequator an stetig abnehmende Leben endlich 
erstarre, zur Rolle eines Bildungsherdes, von dem die 
Lebensformen dem Süden zuströmen konnten, in keiner 
Weise geeignet. Es sei und bleibe die temperirte 
Zone Nordasiens, in viel kleinerem Umfang Nord- 
amerika, welche den Herd unserer nordisch -alpinen 
Pflanzen bilde. Wir geben Herrn Christ gerne zu, 
daß die heiße und auch die temperirte Zone eine viel 
größere LebensftiUe zu erzeugen und zu ernähren 
vermag, als die kalte; aber wie man sich anch die 
Entstehung neuer Arten vorstellen mag, werden die- 
selben immer nur da sich gebildet haben, wo sie die 
zu ihrer Entwicklung nothwendigen Lebensbedingungen 
vorfanden. Die arctischen Pflanzen werden daher 
nicht in einem heißen oder temperirten, sie könnea 
nur in einem kalten Klima entstanden sein und mußten 
einem solchen angepaßt werden. Ein solches Klima 
werden sie allerdings auf den Gebirgen Asiens ge- 
funden haben, und Herr Christ will namentlich die 
Altaikette daftir in Anspruch nehmen. Von da aus 
hätten sich dieselben über Asien, Amerika nnd Europa 
ausgebreitet. Hätten aber die arctisch-alpinen Pflanzen 
diesen Weg genommen, müßten sie auch auf den 
dazwischen liegenden Gebirgen, so dem Ural und dem 
OaucasuB, sich finden; dieß ist aber nur theilweise der 
Fall und wir kennen 30 arctische Arten, welche am 
Altai und in unsern Alpen vorkommen, dagegen dem 
Caucasus fehlen, während andererseits der Caucaaus 
mit der nivalen Region der Schweiz 16 Arten ge- 
meinsam hat, die dem Altai fehlen, aber in der arc- 
tischen Zone zu Hause sind. Diese können ebenso 



lieber sieht der nivaien Flora der Schweiz, 283 

wenig vom Altai nach nnsern Alpen gekommen sein, 
als die 50 nivalen Arten, welche Scandinavien mit 
unserer Schneeregion theilt, die aber dem Altai fehlen. 
Dieser bat nur 6 Arten mit unsem Alpen gemeinsam, 
die wir in der arctischen Zone vermissen. 

Da von der TertiSrzeit an bis in die spätere quartäre 
Periode das Eismeer mit dem aralo-caspischen Becken 
sehr wahrscheinlich in Verbindung stand, war Europa 
durch ein weites Seebecken von Asien getrennt, wo- 
durch der Verbreitung der Pflanzen nach dieser 
Kichtnng unttbersteigliche Schranken gesetzt wurden. 

Die Annahme fällt uns daher viel leichter, daß 
die arctisch-alpinen Pflanzen des Altai sowohl als des 
Oauciisus von der arctischen Zone ausgegangen seien, 
um so mehr, da das arctische Asien alle diese Arten 
besitzt und alle europäisch-alpinen Arten des Himalaja 
ausnahmslos in Nordsibirien und im arctischen Gebiet 
sich finden. 

Dazu kommt, daß wir die 49 arctisch-alpinen 
Arten der amerikanischen Alpen, welche mit solchen 
der Nival- Flora tlbereinkommen, nur durch Annahme 
ihres arctischen Ursprunges erklären können. 

Wenn aber die arctisch- amerikanischen 'Pflanzen 
auf den dortigen Gebirgszügen nach Süden gewandert 
sind, warum soll dieß nicht auch bei den asiatischen 
uod europäischen der Fall gewesen sein, da die Er- 
scheinungen der Gletscherzeit uns das Mittel an die 
Hand geben, die sie trennende Kluft zu ttberbrUcken V 

Dieß alles führt uns zur Ueberzeugung, daß die 
Urheimat der arctisch-alpinen Flora innerhalb des 
arctischen Kreises zu suchen sei. Es ist dieß ein 



284 Ostoäld Heer. 

sehr großes Gebiet, welches von den ältesten Zeiten 
an Festland besaß. Wir kennen solches aus Spitz- 
bergen von der untersten Stufe des Carbon durch alle 
Weltalter bis zum Diluvium. Zur Miocenzeit muß 
im hohen Norden ein großes Festland bestanden 
haben, welches von Grönland aus über die Faröer mit 
Schottland, wie anderseits mit Scandinavien in Ver- 
bindung stand. 

Es war dieses große polare Tertiärland mit einer 
reichen Vegetation bekleidet. Schon jetzt sind uns 
aus demselben gegen 500 tertiäre Pflanzenarten be- 
kannt geworden. Sie führen uns dieselben Baum- und 
Strauchformen vor, die wir jetzt in Mitteleuropa und 
Nordamerika treffen; wir sehen da Buchen und 
Kastanien, Bichen und Ulmen, Birken und Pappeln, 
Linden, Platanen, Ahorn, Magnolien, Tulpenbäume 
und Nußbäume, und dazu ein ganzes Heer von Nadel- 
hölzern. Drei von solchen, nämlich die Rothtanne, 
die Bergföhre und die Sumpfcypresse, stimmen mit 
jetzt noch lebenden Arten völlig ttberein, und es ist 
sehr beachtenswerth, daß die Tanne und die Föhre 
dem tertiären Europa fehlen und erst zur quartären 
Zeit daselbst auftreten, daher offenbar aus dem Norden 
gekommen sind. Andere Nadelhölzer, wie die allge- 
mein verbreiteten Sequoien und Lebensbäume, sind 
zwar der Art (Species) nach von den lebenden ver- 
schieden, doch denselben so nahe stehend, daß sie 
als deren Mutterpflanzen betrachtet werden dürfen. 
Und dasselbe gilt auch von einer Zahl von Laub- 
bäumen, welche die Urahnen europäischer und amerika- 
nischer Arten darstellen. Wir können diese tertiäre 






üebersicht der nivalen Flora der Schweiz. 285 

Flora über die ganze arctiache Zone bis zum 82^ 
nördl. Breite hinauf verfolgen und die Aendemngen 
nachweisen, die Bie nach den Breiten erfahren hat. 

Wir haben guten Grund zu der Annahme, daß 
dieß die Flora des Tieflandes der arctischen Zone 
sei. Da dieselbe den nämlichen Oharacter hat, wie 
die jetzt lebende Tieflandflora unseres Landes, darf 
die Vermuthung ausgesprochen werden, daß damals 
auf den Gebirgen der arctischen Zone eine der jetzigen 
alpinen ähnliche Flora gelebt haben werde. Es wird 
damals ein ähnliches Verhältniß zwischen der Tief- 
landflora und der Gebirgsflora der arctischen Zone 
stattgefunden haben, wie es jetzt zwischen der Tief- 
landflora und der Alpenflora der Schweiz besteht. 
Diese miocene Gebirgsflora der arctischen Zone dürfte 
die Mutterflora der jetzigen arctischen Flora sein, 
welche zur pliocenen Zeit, als die große Umänderung 
in den klimatischen Verhältnissen vorging, in die 
jetzigen Formen umgeprägt wurde. Die reiche Laub- 
und Nadelholzwaldung, welche einst über das ganze 
arctiscbe Land verbreitet war, wurde verdrängt; die 
Oebirgsflora stieg in die Niederungen hinab und nahm 
allmälig von den Gegenden Besitz, welche einst eine 
ganz andere, reiche Vegetation getragen hatten. 

Diese miocene arctische Alpenflora ist allerdings 
zur Zeit noch eine bloße Hypothese. Doch haben 
wir glttcklicherweise über dieselbe aus Spitzbergen 
wenigstens einige Kunde erhalten. 

Dort hat Nordenakiöld an verschiedenen Stellen 
Ablagerungen gefunden, welche wahrscheinlich aus 
der Zeit stammen, die unmittelbar der großen Gletscher- 



286 OstoaU Heer. 

Verbreitung voraasgegangen ist. Es ist eine Strand- 
bildnng, indem der Letten marine Pflanzen und Thiere 
neben Landpflanzen enthalt. Von den Meerthieren 
Bind 3 Arten in Spitzbergen ausgestorben^ finden sieh 
aber an den norwegischen Küsten, und dasselbe gilt 
von einem Seetang (Fncus canaliculatus L.); diese 
machen es wahrscheinlich, daß dieses sogenannte 
Mjrtilnsbett aus der Zeit vor der großen Oletscher- 
verbreitung herrührt. In demselben finden sich hänflg^ 
die Blätter der Polarweide ; femer wurden die Blätter 
der Zwergbirke, der Dryas und der Salix retosa ge- 
sammelt, welche letztere in Spitzbergen und auch in 
Scandinavien sehr selten ist, während sie am Altai 
und im arctischen Asien und Amerika zu Hause ist 
und zu den gemeinsten Alpenpflanzen gehört. Diese 
Pflanzen sagen uns, daß wenigstens einige arctisch- 
alpine Pflanzenarten schon zu Anfang der Gletscher- 
zeit in Spitzbergen vorhanden waren, und daß diese 
damals am Meeresufer sich fanden. 

Wenn wir das Gebirgsland der arctischen Zone 
als den Bildungsherd der arctisch- alpinen Flora be- 
trachten, denken wir keineswegs, daß alle diese Arten 
in ein- und derselben Gegend entstanden seien. Die 
einen mögen in Scandinavien, die andern in Spitz- 
bergen und wieder andere in Grönland, oder in Nord- 
asien und auf den jetzigen amerikanischen Inseln ihr 
jetziges Gepräge erhalten haben. Da in diesem gansen 
großen Gebiete sehr ähnliche klimatische Verhältnisse 
bestanden, werden sie sich ttber dasselbe ausgebreitet 
haben, und so wird nach und nach diese gleich- 
förmige arctische Flora entstanden sein , welche 



üebersicht der nivdlen Flora der Schweiz. 287 

in der qaartären Zeit strahlenförmig nach Sttden vor- 
drang. 

Die Arten, welche fUr diese Wanderungen die 
besten Eigenschaften besaßen, werden die größte 
Verbreitung gefunden haben und zu gleicher Zeit 
nach allen Richtungen gewandert sein. Es sind etwa 
20 Arten, die eine so große Expansivkraft besaßen 
und auch zu den am weitesten nach Norden vor- 
geschobenen Arten gehören. Andere dagegen sind 
auf Scandinavien und die europäischen Alpen, oder 
auf die amerikanischen und asiatischen Gebirge be- 
schränkt. So haben wir 10 circumpolare oder doch 
arctisehe Arten am Altai und 40 Arten auf dem 
Felsengebii^ Amerikas, welche unserer alpinen Flora 
fehlen; und eine Zahl von Arten haben die arctisehe 
Zone nicht verlassen und bilden die endemisch- 
arctisehe Flora. 

Am auffallendsten ist das sporadische Vorkonunen 
einzelner Arten, die in Nordasien oder im arctischen 
Amerika und zugleich in unsem Alpen sich finden, 
aber der arctischen Zone Europas fehlen, so unser 
Edelweiß, der Alpen- Aster und die Alpen -Anemone. 
Wahrscheinlich waren diese Arten ursprünglich auch 
in Nordeuropa zu Hause, sind aber da ausgestorben, 
wss in ein paar FäUen jetzt schon nachgewiesen 
werden kann. 

Wir haben dabei zu berücksichtigen, daß während 
der gladalen Zeit die Pflanzen der arctischen Zone 
manchen WechselfiÜlen ausgesetzt waren. Wenn auch 
die zahlreichen Pflanzen unserer Nivalflora beweisen, 
daß damals im Norden keineswegs alles Leben er- 



2S8 Oswald Heer, 

storben war^ und der Grundstock der aretischen Flora 
sich auch während dieser Zeit erhalten hat, und daher 
nicht von Sttden her einwandern mußte, mögen doch 
manche empfindlichere Arten dort ausgestorben sein, 
die sich anderwärts erhalten haben. Als die klima- 
tischen Verhältnisse sich änderten und die Oletscher 
in den tiefem Gegenden schmolzen, wird die arctische 
Flora, die nur zurückgedrängt, aber noch vorhanden 
war, von allen frei gewordenen Stellen Besitz ge- 
nommen haben, die sich für ihre Entwicklung eigneten. 
In Scandinavien aber, das durch den Golfstrom ein 
auffallend mildes Klima erhielt, drang von Süden und 
Osten die Ebenenflora ein, die nun einen wesentlichen 
Theil seiner Flora bildet, während in dem mit keinem 
südlichen Festland in Verbindung stehenden Grönland 
diese Einwanderung nicht stattfinden konnte, daher 
selbst das südliche Grönland eine arctische Flora 
behielt. 

8« Die endemischen PHanzen der KiTalregion. 

Wir ersehen aus den hier dargelegten Erschei- 
nungen, daß gegen die Hälfte der Nivalpfianzen der 
Schweiz auch in der aretischen Zone vorkommt und 
wahrscheinlich in dieser ihren Bildungsherd, also ihre 
Urheimat, hatte. Es fragt sich aber nun: woher stammt 
die andere Hälfte, welche die endemische Flora 
der Nivalregion bildet? 

Eine nähere Untersuchung derselben zeigt uns 
bald, daß nur wenige Arten unserm Lande aus- 
schließlich angehören. Wir können nur 8 Arten 
nennen; alle andern finden wir auch in den Alpen 



Uebersicht der nivdlen Flora der Schweiz. 289 

nnserer Nachbarländer. Nur wenige Arten sind daher 
«uf kleine VerbreitungBbezirke beschränkt; die meisten 
und gerade die häufigsten Arten lassen sich von den 
französischen Alpen bis nach Tirol, Steiermark und 
Kämthen, ja viele bis in die Oarpathen und anderseits 
Aber den Apennin, wie westlich bis zu den Pyrenäen 
verfolgen. 

Da die Schweizeralpen in der Mitte liegen zwischen 
den Pyrenäen und Karpathen, dürfen wir wohl an- 
nehmen, daß die Verbreitung dieser Pflanzen von 
ttiisem Alpen ausgegangen sei, daß sie in diesem 
höchsten Gebirgsland Europas entstanden und sich 
von da aus nach Osten bis zu den Oarpathen, im 
Sttden über den Apennin und im Westen über die 
französischen Alpen bis zu den Pyrenäen verbreitet 
haben. Da der große Wallisergletscher durch das 
Rhonethal bis in die Gegend von Lyon und Valence 
vordrang, zeigt er uns den Weg, den diese Alpen- 
pflanzen genommen haben. Er brachte eine enorme 
Masse von Oesteinne aus den Alpen in diese Gegenden, 
und mit denselben werden unzweifelhaft auch Pflanzen 
in'e Tiefland gekommen sein. Der große Walliser- 
gletscherstrom theilte sich am Genfersee in zwei 
Anne, von denen der eine das Rhonethal hinab ging, 
der andere aber längs des Jura verlief und diesen 
mit Alpensteinen ttberschttttete. 

Nehmen wir die Walliserberge als einen der 
Bildungsherde der alpinen endemischen Flora an, 
wird sie diesem Eisstrome folgend theils nach Frank- 
reich, theils nach dem Jura gelangt sein, dessen 
alpine Flora mit derjenigen des Wallis und des 

19 



290 Oswald Heer 

DAuphin^ übereinstimmt, weil sie ihr aus derselben 
Quelle zukam. 

Da die Gletscher der zweiten Eiszeit die größte 
Ausdehnung hatten, wird auf diese Zeit die größte 
Ausbreitung der alpinen Flora fallen, und zu dieser 
Zeit wird sie schon eine Beimischung arctischer Arten 
erhalten haben, welche nun mit den endemisch -alpinen 
sich nach allen Richtungen ausbreiten konnten. 

Wie die arctischen Pflanzen keineswegs in einem 
eng begrenzten Gebiet entstanden sind, so werden 
auch die endemisch-alpinen Arten in sehr verschiedenen 
Theilen der Alpen ihr Gepräge erhalten haben. In 
erster Linie werden wir dajftir die Umgebungen de& 
Monte Rosa in Anspruch zu nehmen haben, da sie 
durch großen Pflanzenreichthum sich auszeichnen und 
die Arten hier am höchsten hinauf steigen, für die 
hochnivale Flora sich hier daher die gttnstigsten Be- 
dingungen finden; andere aber, die wir jetzt nur in 
den Ostalpen antreffen, werden da entstanden sein^ 
und wieder andere in den äußern Kalkalpen. 

Wollen wir uns aber eine Vorstellung machen,. 
loie diese Alpenpflanzen entstanden seien, mtissen wir 
gestehen, daß wir da vor einem großen, noch unge- 
lösten Räthsel stehen. 

Das Dunkel, welches die Entstehung unserer Alpen- 
flora umgibt, wird sich erst aufhellen, wenn es ge- 
lingen wird, den Zusammenhang derselben mit der 
Pflanzenwelt der vergangenen Zeiten nachzuweisen. 
Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir schon zur Zeit 
der alten Steinkohlenbiidung ein Festland in der Rich- 
tung unserer Alpen vom Dauphin^ bis nach Kämthen 



lieber sieht der nivalen Flora der Schtoeie, 291 

gehabt haben ; denn nnr auf einem solchen kann sich 
die Garbonflora, die wir aus diesen Gegenden kennen, 
angesiedelt haben. Freilich haben wir aus den späteren 
Perioden der Trias, Jura und Kreide nur sehr spär- 
liche Kunde von Festlandpflanzen ans den Alpen, und 
aus dem Tertiärlande fehlen sie gänzlich. Es kann 
sich daher die Annahme, daß damals während langer 
Zeit ein Streifen von Festland in der Richtung unserer 
Centralalpen bestand, nur auf die Thatsache stützen, 
daß hier das krystallinische Gebirge von keinen ma- 
rinen Ablagerungen bedeckt ist und zur miocenen 
Zeit das Meer nirgends in das Gebiet der Alpen ein- 
gedrungen ist. Die Nagelfluh- und Sandsteinmassen, 
welche wir längs des Nordrandes der Alpen treffen, 
haben ihr Material zum Theil wenigstens aus dem 
Gebiet der Alpen erhalten und werden theilweise als 
Deltabildungen alpiner Flüsse betrachtet. Immerhin 
haben wir nicht zu vergessen, daß noch zur eocenen 
Zeit die Diablerets am Meeresgrunde lagen und auch 
in der östlichen Schweiz die eocenen Flyschbildungen 
bis zu 8000 Fuß Höhe tt. M. sich flnden. 

Es sind alle Geologen damit einverstanden, daß 
die Alpen erst zu Ende der pliocenen Zeit ihre jetzige 
Gestalt und Höhe erhalten haben. Wenn auch zur 
miocenen Zeit Festland in der Richtung unserer Alpen 
bestand, muß es doch nach Umfang und Höhe von 
der (Konfiguration unserer jetzigen Gebirgswelt sehr 
verschieden gewesen sein, ohne daß wir im Stande 
sind, uns eine deutliche Vorstellung von demselben zu 
machen. 

Fttr den Beginn der quartären Periode aber haben 



292 Oswald Heer. 

wir die topographische Grundlage und damit eine der 
Grundbedingungen fttr unsere Alpenflora erhalten. Da 
in dieser Zeit die Pflanzen- und Thierwelt Europas 
ihr jetziges GreprXge erhielt, dtirfen wir annehmen^ 
daß damals mit den Alpenpflanzen eine Umprägung 
und Anpassung an die neuen, durch die Hebung der 
Alpen verursachten Verhältnisse stattgefunden habe. 
Daß die Mutterpflanzen, aus denen sie henrorgegangen, 
in einem miocenen Grebirgslande gelebt haben, ist wohl 
wahrscheinlich, doch fehlen uns zur Zeit noch für die 
alpine Flora alle Anknüpfungspunkte an die tertiäre 
Flora, die wir aus dem Tief lande der Schweiz und 
Oberitaliens kennen. 

Während manche dieser miocenen Arten in naher 
Beziehung stehen zu den Bäumen und Striluchem, die 
jetzt das Tiefland der Schweiz einnehmen und mit 
denselben in genetischen Zusammenhang gebracht 
werden können, fehlen uns fUr die Alpenflora alle 
Bindeglieder. Es sind nicht nur alle Arten, sondern 
auch die meisten Gattungen verschieden, und von 
einer alpinen tertiären Flora ist noch keine Spur ge- 
funden worden. Da damals in den Niederungen unseres 
Landes ein subtropisches Klima herrschte, müßte eine 
alpine Flora in bedeutend höhere Regionen hinauf- 
gerückt werden als gegenwärtig. 

Wenn so jeder Anknüpfungspunkt an eine alpine 
tertiäre Flora fehlt, kann es sich fragen, ob die en- 
demisch-alpinen Pflanzen nicht erst nach der Gletscher- 
zeit aus Pflanzen der Ebene entstanden, die in die 
Alpen aufgestiegen sind und dem dortigen Klima an- 
gepaßt wurden. 



Ueberaickt der nivälen I*lora der Schweiz. 293 

Wir haben Mher gesehen, daß in der That eine 
Zahl von Ebenenpflanzen in der nivalen Region sieh 
findet und eine etwelche Umwandlung erlitten hat. 
Wir können denselben noch einige Arten beifügen, 
die von jetzt im Tieflande lebenden Arten hergeleitet 
werden können, doch sind es kaum ein halb Dutzend 
Arten, und bei weitaus der Mehrzahl der endemischen 
Alpenpflanzen kann kein solcher Zusammenhang mit 
Ebenenpflanzen nachgewiesen werden. 

Auch von den arctischen Arten sind die meisten 
endemisch-alpinen ganz verschieden. Nur wenige 
können als eine weitere Entfaltung von solchen be- 
trachtet werden, so allenfalls die Saxifraga retusa, 
die aus der im Norden allgemein verbreiteten Saxifraga 
oppositifolia entstanden sein mag. Die so merkwür- 
digen, überaus niedlichen Primulaceen, die Herr Christ 
nicht mit Unrecht als Perlen im Diadem unserer 
Alpenflora genannt hat, die Soldanellen, Aretien, 
Androsacen und Primeln, dann, die eigenthttmlichen 
Schafgarben- und Steinbrecharten, die Baldriane und 
Phyteuma, Campanula, die zahlreichen hell- und dunkel- 
blauen Enziane nicht zu vergessen, stehen außer allem 
Zusammenhang mit der arctischen Flora, wie mit der 
Flora des Tieflandes, und da wir sie nicht aus dem 
Auslande, wo zur Tertiärzeit nirgends eine hohe Alpen- 
welt bestand, herleiten können, werden wir anzu- 
nehmen haben, daß sie in dem Gebirgslande der 
Schweiz entstanden seien, und dürfen wenigstens die 
Vermuthung aussprechen, daß die Flora, welche in 
früheren Weltaltem das Gebirgsland der Central- 
gchweiz bewohnt hat, die Grundlage für unsere en- 



294 Oswald Heer. 

demische Alpenflora bildet, die zu Anfang der quar- 
tären Periode, zur Zeit, als unsere Alpen entstanden, 
ihr jetziges Gepräge bekam. 

Daß sie während der Gletscherzeit unser Land 
bewohnte, bezeugen die in den Gletscherablagerungen 
gefundenen Pflanzen; die Thatsache, daß über drei- 
hundert Pflanzenarten noch jetzt die nivale Region 
bewohnen, sagt uns, daß auch zur Zeit der größten 
Ausdehnung der Gletscher die nivale Flora überall, 
wo von Eis und Schnee entblößte Stellen sich vor- 
fanden, leben konnte. Und daß viele solcher Stellen 
vorhanden waren, beweist das ungeheure Blockmaterial, 
das durch die Gletscher in's Tiefland transportirt 
wurde, da dieses nur von eisfreien Stellen herrühren 
kann. 

Die Annahme, daß die Alpenflora erst nach der 
Gletscherzeit entstanden sei, ist daher eine irrige; 
noch irriger ist freilich die Hypothese des Herrn 
J. Ball, der die Alpenflora aus der Steinkohlenperiode 
herleitet. Er nimmt für dieselbe sehr hohe Gebirge 
an und läßt auf diesen Hochgebirgen der Kohlenzeit 
die Alpenflora entstehen und meint, daß manche Arten 
aus dieser Periode bis in die jetzige Zeit sich erhalten 
haben. Wenn schon die Annahme eines Hochalpen- 
landes zur Garbonzeit höchst gewagt ist, da nirgends 
ein solches sich nachweisen läßt, widerspricht vollends 
die Hypothese, daß jetzt lebende Arten schon zur 
Zeit der Steinkohlen existirt haben, allen Ergebnissen 
der Wissenschaft. Diese beweisen, daß keine einzige 
Pflanze dieser Periode in die jetzige Schöpfung über- 
gegangen ist und daß seit der Zeit ein vielfacher 



Uebersicht der nivalen Flora der Schweiz, 295 

Wechsel der gesammten Pflanzen- und Thierwelt statt- 
gefunden hat. 

Die Ergebnisse unserer Untersuchung über die 
fiivale Flora stehen zu der Anschauung des Herrn Ball 
in grellem Gegensatz; wir wollen sie daher noch in 
«inigen Sätzen zusammenstellen: 

1) Wir kennen gegenwärtig aus der Schweiz 
337 Arten Blüthenpflanzen , welche von 8000 bis 
13,000 Pariserfuß tt. M. beobachtet wurden, 12 dieser 
Arten sind noch über 12,000 Fuß gefunden worden. 

2) Alle diese Arten finden sich im untersten Stock- 
werk der nivalen Region, von 8000 bis 8500 Fuß tt. M. 
Veher 8500 Fuß haben wir keine Art mehr, die diesen 
Höhen eigenthttmlich ist. 

3) ^/lo der nivalen Flora besteht aus Arten der 
Ebenenfiora und ^/lo aus Gebirgspflanzen; von diesen 
icehört die Mehrzahl der alpinen Region an ; etwa V« 
der Arten hat aber Über 8000 Fuß tt. M. ihre größte 
Verbreitung. Sie bilden die nivalen Pflanzen im engem 
Sinne. Während die Ebenenpflanzen und die Pflanzen 
<ler montanen und subalpinen Region bei 9500 Fuß 
gänzlich verschwunden sind, sind die nivalen, mit 
«inigen alpinen Arten, die letzten Kinder der Flora. 

4) Die Gebirgsmasse des Monte Rosa enthält die 
reichste nivale Flora; diese steigt hier höher hinauf 
als in den rhätischen Alpen, und hier höher als in 
den Glameralpen. 

5) Die Mehrzahl der Arten ist durch das ganze 
Alpengebiet verbreitet; nur eine kleine Zahl findet 
sich ausschließlich im Osten, vom Ortler bis zum 
Ootthard, oder im Westen der Schweiz vom Gotthard 
bis nach Savoyen. 



296 Oswald Heer. 

6) Gegen die Hälfte der Pflanzen der nivalen Re- 
gion stammt ans der arctischen Zone and ist sehr 
wahrscheinlich znr Oletscherzeit tther Skandinavien 
in unsere Gegenden gekommen. 

7) Diese arctische Flora ist wahrscheinlich auf 
den Gebirgen der arctischen Zone entstanden und stand 
zur miocenen Zeit zur Flora des arctischen Tief lande» 
in demselben Verhältniß wie die jetzige alpine Flora 
zu der Flora der ebenen Schweiz. 

8) Die miocene arctische Flora lückte schon zur 
Tertiärzeit nach Europa vor, und die europäische 
Tertiärflora erhielt von derselben die T3rpen, welch» 
jetzt die gemäßigte Zone characterisiren, nämlich die 
Nadelhölzer und die Laubbäume mit fallendem Laub. 
Sie nahmen mit der Zeit immer mehr über die tro- 
pischen und subtropischen Formen überhand, welche 
die Ureinwohner dieser Gegenden bildeten, und wurden 
zu den Mutterpflanzen eines Theiles der jetzigen Flora 
des Tieflandes. 

9) Zur Gletscherzeit stiegen die GebirgspflanzeD 
der arctischen Zone in's Tiefland hinab und ver- 
breiteten sich mit den Gletschern nach Süden. 

Wie zur Tertiärzeit die Bäume und Sträucher mit 
fallendem Laub nach Süden wanderten, so zur Gletscher- 
zeit die Gebirgspflanzen, und daß diese Wanderung^ 
strahlenförmig von Norden ausging, beweist die That- 
sache, daß nicht allein in der Schneeregion unserer 
Alpen fast die Hälfte der Pflanzenarten aus arctischen 
Arten besteht, sondern auch die amerikanischen Ge- 
birge, wie anderseits der Altai und selbst der Hima- 
laja, eine ganze Zahl solcher arctischen Arten besitzen 



Ueber sieht der nivälen Flora der Schweiz. 297 

und mit den Schweizeralpen gemein haben. Wir wissen, 
daß schon zur Tertiärzeit und ebenso auch zur Zeit 
der oberen Kreide eine Zahl von Pflanzenarten von 
Grönland aus bis nach Nebraska in Nordamerika, wie 
anderseits bis nach Böhmen und Mähren und bis nach 
Slideuropa verfolgt werden können. Also zur Zeit der 
Kreidebildnng, im Tertiär und in der jetzigen Schöpfung 
begegnet uns dieselbe Erscheinung, daß Europa und 
Nordamerika eine Zahl von Arten gemeinsam hat, die 
damals auch in der arctischen Zone zu Hause waren 
und daher sehr wahrscheinlich von da, als ihrer ur- 
sprünglichen Heimat, ausgegangen sind. Es hat sich 
also derselbe Proceß in verschiedenen Weltaltern 
wiederholt und es hat daher die Pflanzenwelt des hohen 
Nordens zu allen Zeiten einen großen Einfluß auf die 
Bildung der Pflanzendecke Europas ausgeübt. 

10) Die endemische Flora der nivalen Region 
entstand in unseren Alpen \ einen Hauptherd derselben 
scheint die Monterosa-Kette gebildet zu haben , in 
welcher wahrscheinlich auch während der Gletscher - 
zeit ausgedehnte Gebirgsmassen von Eis und Firn 
befreit waren. 

11) Diese Flora erhielt zu Anfang der quartären 
Zeit ihr jetziges Gepräge und verbreitete sich auf den 
Moränen der Gletscher in's Tiefland und die Gebirgs- 
gegenden der Nachbarländer. 

12) Ihre Mutterflora hatte wahrscheinlich in dem 
tertiären Gebirgslande der Schweiz ihren Sitz. 



Les variations p6riodiques des glaciers 

des Alpes. 

Psr le 

Professear Dr. F,'A. Forel de Morgea. 
(Section des Diablerets.) 

Quatri^me rapport. — 1883.^) 



§ X« Arant-propos. 

Quand j'ai commenc^ ces Stades sur les variations 
p6riodiqueB des glaciers, dans mon premier rapport, 
eil 1881, j'ai essay6 de formaler en quelques th^es 
les allures du ph6nom6ne. La plupart de ces lois pro- 
visoires ont ^t^ justifi6es par robservation ult^rieure ; 
je suis en mesure aujourd'hui d'en ^noncer deux nou- 
velles. 

Les lois que j'ai d6jä propos^es sont les snivantes : 

L Loi de longue periodicite: ^^Les glaciers 

varient de grandenr par pöriodes comprenant 

de longues s^ries d'ann^es; pendant dix ou 



») Voir; !•' rapport. 1880. Echo des Alpes, XVn, pag. 20. 
Genftve 1881. — IP rapport. 1881. Echo des Alpes, XVm, 
pag. 138. Genöve 1882. — III* rapport. 1882. Jahrbach des 
S. A. C. XVm, pag. 251. Bern 1883. 



JLes variations pertodiques des glaciers des Alpes. 299 

Fingt ans ils s'allongent, pendant dix ou vingt 
ans ils se raccourcissent.^ Cette loi a 6tö g^ne- 
ralement accept^e; eile l'a 6te en particulier par leB 
deux auteors qni depais lors se sont occnp6s de la 
Variation p^riodique des glaciers, M. £. Richter de 
Salzbonrg ^) et M. M. de Frey de Leipsig ^) ; eile a ät^ 
eonfirm^e par toutes les observations coUect^es depnis 
lors. Je pnis m^me anjonrd'hni 6tendre les chiffres 
donn^B pour la dur^e des pöriodes de retraite, et me 
fondant sur Texp^rience acqnise dans les demi^res 
ann^es dire qne ^la Periode de racconrcissement 
pent durer jusqu'ä trente ans, quarante ans, 
et plus.'' 

Ma seconde loi, loi de generalite^ et ma troisi^me, 
loi des exceptions, sont exactes; mais je pr^före les 
r^anir dans la forme que j'ai donn^e k ma quatri^me loi : 

IV. Loi de simultaneite : „Les glaciers sont 
soumis k des pöriodes d'allongement et de 
racconrcissement qni commencent et finissent 
k pen pr^s k la m^me ^poqne pour Tensemble 
des glaciers dn pays; les glaciers qni com- 
mencent les Premiers k entrer en Variation, 
et cenx qni commencent les derniers semblent, 
pendant nn temps, former des exceptions k 

E, Bichier. Der Obersalzbachgletscher. Zeitschrift 
des deatschen und österreiehischen Alpenvereins 1883. 38. — 
Der Rfickgang der alpinen Gletscher. « Ausland" LVI. 741. 
Manchen 1883. 

■) D' M, V, Frey, Ueber die Ursachen der Gletscher- 
Bchwanknngen. Zeitschrift des deutschen und österreichischen 
Alpenvereins. 1883. 244. 



300 F.'A. Forel 

la r^gle g^n^rale.^ Je pois ajonter d'apr^ Fez- 
p6rience des derni^res ann^s que, dans la p^riode 
r^cente de retraite, le d^bat de la p^riode a ea lieu 
Vera 1830 pour les glaciere les plas hätifs^ et vers 
1870 pour les plus tardifs; que le döbnt de la Pe- 
riode s'est donc 6tendu sur une dar6e de qnarante 
annöes. La p6riode actuelle d^allongement a d^but^ 
en 1875 pour le glacier le plus hätif, le glacier des 
Bossons; eile n'a pas eneore commencö pour la ma- 
joritö des glaciers des Alpes, dont le plus grand 
nombre sont eneore en p6riode de retraite. 

V. Lot des variations de vohime. La Variation se 
fait sentir en m^me temps et dans le m§me sens sur 
les trois dimensions des glaciers, sur leur longueur, snr 
leur largeur et sur leur ^paisseur. Autrement dit : il y 
a Variation simultan6e dans les dimensions lin^aires, 
dans la superficie et dans le volume des glaciers. 
Autrement dit: dans la Variation p^riodique il 
y a changement de volume et non pas seule- 
ment changement de forme. Quand le glacier se 
raccourcit, il n'y a pas compensation par une augmen- 
tation simultan^e de la largeur ou de Töpaisseur; an 
contraire, la largeur et T^paisseur diminuent en m§me 
temps (ou k peu pr6s en m^me temps) que la longneur. 
et il y a diminution de volume. Quand le glacier 
s'allonge, il augmente de volume. 

En me fondant sur Texp^rience acquise dans les 
quatre demifcres annies, pendant lesquelles j'ai Bmvi 
avec attention le ph^nom^ne, non seulement je crois 
pouvoir maintenir la justesse des lois ainsi formul^, 
mais eneore je veux proposer deux nouvelles tböses : 



Les variaUous pSriodiqttes des gladers des Alpes, 301 

VI. Loi de Variation simultanee des glaciers 
^oisins. Les yariations de volume d^butent ä 
peu prös simultan^ment dans les glaciers du 
meme district de montagnes. Je me fonde essen- 
tieUement ponr T^nonc^ de cette thöse sur ce qne' 
nooB observons actaeUement dans les glaciers da 
Montblanc. Tandls que la grande g6n6ralit6 des gla- 
ciers des Alpes sont encore en retraite nons voyons 
les glaciers da groape du Montblanc se mettre les uns 
jipr^ les autres en p^riode d^allongement. Les Bossons, 
la Brenva, le Trient, le Tour, Omy, la plupart des 
glaciers de ce massif sur lesquels nous avons des 
observations pr^cises, sont en voie d'allongement ; le 
glacier des Bois et FArgentiöre sont stationnaires ; 
Beol le glacier des Grands est encore en raccourcisse- 
ment. Je pourrais encore citer les deux glaciers de 
Grindelwald qui, d'aprös les anciennes observations, 
«t sortout d'apr^s les observations r^centes de notre 
eoliögue M. 6. Strasser, semblent varier presqu« 
simultan^ment. 

En admettant que la justesse de cette th^se soit 
confirmöe par des observations ult^rieures, il j aura 
lleu de d^terminer si, ä ce point de vue, le groupe- 
ment des glaciers a lieu par massifs de montagnes 
ou par vall^es, par rögions orologiques ou par bassins 
hydrologiques. Mais cette distinction ne pourra ^tre 
faite que quand nous disposerons d'un mat6riel d'ob- 
servation suffisamment 6tendu. 

YII. Loi de Variation simuUanee des glaciers 
jumeaux, Quand un mSme n^v6 donne nais- 
aance k plusieurs glaciers, ces divers bras 



302 F.'A, Foreh 

presentent des variations analogues etsixnul- 
tan6es. Le lectenr trouvera dans le rapport actuel 
deux exemples du fait que j'essaie de formaler dans 
la th^se ci-dessuB. En premier lieu le glacier de Fee^ 
'qui est s^parö en deux bras jumeaux par la Gletscher- 
Alp, et dont les deux bras ont commenc^ en mSme 
temps k s'allonger ; en second lieu les glaciers jumeaux 
d'Ornj et de Trient, tous deux branches d'6coulement 
du n6v6 du Trient, glaciers qui d'aprös les mensura- 
tions de MM. Guex et Barbey sont tous les deux en 
voie d'allongement. 

Si cette loi se v^rifie par d'autres obseryations, 
ce sera le cas de rechercher si la simultan^it^ des 
allures des deux bras d*un m^me glacier n'est qu'un 
fait special de la loi pr^c^dente, qui constate des 
variations simultan^es dans les glaciers Yoisins, ou 
bien s*il y a quelque chose de plus et si la com- 
munaut^ du bassin d'alimentation est pour quelque 
chose dans la similitude des allures des divers bras 
d'6coulement de la masse glac^e. 

§ XI. Methode d'obserTation des rariatioiis glaciaires. 

De divers cot^s Ton m'a demand^ des directions 
sur Fart d'observer les variations des glaciers. Ces 
observations peuvent se faire de bien des maniöres. 
D'une part on peut y appliquer les methodes les plus 
rigoureuses de la technique moderne ; d'une autre part, 
on peut faire des observations sufBbantes, utUes et 
pr^cieuses, avec les moyens matöriels les plus simples. 
Pour Fing^nieur et le g^mötre, munis de leurs Ins- 
truments de pr6cision, je n'ai pas de conseils k leur 



Les variations piriodiques des glaciers des Alpes, 303 

donner; ils sauront ^tablir leur m^thode stdvant leB 
conditions de la localit6. Pour le clubiste ou le mon- 
tagnard, arm^B simplement d'un m^tre ou d'une chaine 
gradu^e, voici ce que je leur proposerai. 

Les diverses dimensions d'on glacier variant dans 
le meme sens, il suffit d'^tadier l'une d^elles, celle 
qai varie dans les plus grandes proportions et qu'il 
est par cons6qnent le plus facile d'6valuer, e'est la 
longuenr. Que Ton mesure donc la position du front 
du glacier chaque ann^e, ou du moins le plus fr^- 
qnemment possible. ^) 

La chalenr de r6t6 attaque le front du glacier et 
tend k le faire reculer ; en hiver au contraire Tabla- 
tion est nulle et T^coulement de la glace agit seule 
et pousse en avant Textr^mitö terminale. Pour n'avoir 
pas ä tenir compte des diffi^rences qui peuvent r^- 
aulter de la fusion pendant les mois d'^t^, il est pr^* 
f&rable de faire les mensurations des ann^es succes- 
sives dans le mSme mois, et si possible dans la meme 
semaine de Tann^e ; quelques jours de dififörence n'ont 
du reste, le plus souvent, pas une grande importance. 

Si le glacier est en 6tat de raccourcissement, que 
I'on ötablisse devant le front du glacier denx ou trois 
rep^res, k quelques mötres de la glace. Les meilleurs 
repöres sont de gros blocs de pierre, bien 6vidents, 
bien reconnaissables, sur lesquels on peint k la cou- 
leur k rhuile, ou on grave k la pointe, quelques signes 



') n va aans dire qae tontea les observations et les 
mesnres aar la largear et T^aisseiur du sflacier dans ses 
divarses r^ons seront les bien-venues. 



304 F,'A, FareL 

caractöriBtiqueB, comme, p. ex., les initiales du Club, 
ou Celles de Tobservatear, avec le chiffre de rannte. 

C. A. S. 

* 

1883. 

L& oü il n'y a pas de blocB convenableB on peut 
faire un rep^re excellent en 61evant une colonne de 
pierres stehes, an Steinmannlü 

PuiB on mesure la distance entre le repöre et Le 
front du glacier, et on la note Bur an croqoiB de La 
localit^. 

Qaand Fann^ Baivante on renoavellera cette men- 
Buration, on aara par ane BoaBtraction la yaleor de 
Tallongement ou du raccoureiBBement du glacier. 

Si le glacier est en ^tat d'allongement, rexp6rience 
est un peu plus difficile; en effet, si la progresBion 
est rapide, le glacier pourrait bien bouBculer le repöre 
^tabli trop pr^s de son front, et la seconde mensu- 
ration sera impossible. £n ^r^sence donc d'un glacier 
qui s'allonge, ou dont les allures sont inconnuea, il 
sera prudent d'^tablir, pour chaque point interessant 
qu'on dösire mesurer, deux ou plusieors rep^res en 
ligne, k des distances diverses du glacier, i 10"^, A 
50°^, k 100™ du front du glacier. On mesurera 
soigneusement rintervalle qui s^pare les rep^res, et 
en v^rifiant ult^rieurement ces distances, on constatera 
si les repöres ont 6te d^plac^s ou non, et quels sont 
les repöres dont la position peut serrir de base. 

Dans certains cas oü le front du glacier n'est pas 
abordable, on peut appr^ier sa position en cberchant 



Les variaUons pSriodiquw des glaeiera de$ Alpes» 306 

des alignementB tangents k son front, et en loa mar- 
quioit par des repöres Bur la röche ou le terrain 
«ocessibles. 

f XIL Notes et obserratioiis snr les Tariatioiis des 
^laelers des Alpes pendant Pann^e 1888 et les ann^ 

pr^dentes. 

I. BASSIN DU RHONE. 

Vall6e de Saas. Olaciers de Schwarzherg et 
Allalin, en grande retraite en 1882 (M. Ph. Privat 
de Gfen^ye). 

Allalin est encore en forte diminution d'aprte les 
habitants de Saas. M. V. Morax de Morges a pose 
«n 1883 des rep^res ji 10°* du front du glacier, sur 
la rive droite du torrent. 

Fee. Ce glacier est divis^ en deux branches par 
la Oletscher-Alp; la marche des deux bras jumeaux 
est k peu prös identique. D'apr^s M. Alois Snpersax 
de Fee, le glacier a eu son maximum vers Tann^ 1824 ; 
depuis lors 11 s'est racconrci de 1 Vs kilom^tres environ. 
Cette Periode de retraite prolong^ et consid^rable a 
pris fin et le glacier a commenc^ k s'allonger en 1881 ; 
Tallongement a apparu simnltan^ment snr les deux 
bras, mais le bras de gauche semble s'allonger plus 
rapidement que Tautre. 

D'aprös ces donn^s, la p^riode de d^roissance 
ponr le glacier de Fee aurait dur^ de 1824 k 1880 
sott 56 ans. M. V. Morax a placö en 1883 des re- 
p^res au f^ont des deux bras de ce glacier. 

Hochbalm est encore cd raccourcissement en 1883 
(V. Morax). 

20 



306 F.'A. Fortl 

VaiMe de TurtliNinn. Glacier de Turtmann. D'aprts 
M. Ph. Privat, dÖB 1862 le glacier diminuait d'^pais- 
sear, mais ne se raccourciBsait pas encore; la dimi- 
nution de longneur n'a 6t^ sensible qn'k partir de 
1872 ou 1873. D'apr^s cela ce glacier anrait ^ le 
plus tardif k prendre le moavement de retraite dans 
la demi^re p^riode; celoi que nons connaissions jns- 
qn'k präsent comme ayant contina6 le demier k s'allonger 
ötait V Unter aar lequel en 1870 reponssait encore da 
moraine frontale. 

£n 1882, M. Privat a constat6 la disparition de 
Fun des petits glaciers qni se tronvent k la droite 
du grand glacier de Tnrtmann; en 1873 il avait d€}k 
diminu^ de moitiö an moins. 

Val Ferret. Glacier d'Omy, M. A. Barbey de 
Lausanne avait stabil des rep^res le 2 jnillet 1882 
devant ce glacier; le 5 aodt de la meme ann6e il 
constatait un raccourcissement de 1.86 *", du sans deute 
k la fusion estivale. U y retonma le 10 juillet et le 
9 aoüt 1883, et constata k cette derni^re date que 
depuis le 5 aoüt 1882 il y avait un allongement du 
glacier de 9.95 "*. Le glacier d'Omy appartenant ä la 
chatne du Montblanc, est donc k ajouter k la liste 
des glaciers en ^tat d'allongement; nons ne savoDS 
malheureusement rien sur le d6bttt de la pMode de 
raccourcissement qui vient de se tenniner, et par con- 
s^uent sur la duröe de la p^riode. 

Insistons ici sur le fait interessant que nous avons 
d^j^ signal6. Ainsi que le fait remarquer M. £. Thury^), 



Echo des Alpes. XIX, 223. Genöve 1883. 



Le8 variations piriodiques des glaciers des Alpes. 307 

le glacier d'Oray ne poss^de pas de n6v^8 ä lui 
propres, et il ne doit probablement 6tre consid^r^ 
que comme un rameau d6tach6 da glacier du TrieDt. 
Le n^y^ du Trient, dans la haute rallöe limitöe par 
la Grande Fourche an fond, Taiguille du Tour k 
ganche, et les AiguilleB dor^es ä droite, donne nais- 
saace 4 deux bras de glaciers, ou k deux glaciers 
jnmeaux qui s'^coulent, Tun k Fest dans la vall^ de 
la Dranse, le glacier d'Orny, Tautre au nord dans la 
vallto du Trient, le glacier du Trient. Ces deux bras 
d'un m^me glacier ont, d'apr^ les excellentes obser- 
▼ations de nos coU^gues MM. Guex et Barbej, des 
allures identiques; Tun et Tautre sont actnellemeDt 
en allongement. C'est un second exemple k ajouter k 
celui du glacier de Fee, k l'appui de la VIP loi que 
noQS avons formul6e dans Tavant-propos de ce rapport. 

Vall6e du Trient. Glacier du Trient. D'apr^s les 
rep^res plac6s devant le front du glacier, M. J. Guex 
de Vevey a constat^: 

avant 1878 raccourcissement. 
de 1878 k 1879 allongement 15 4 20°" 
, 1879 „ 1880 „ 12 „ 15 „ 

„ 1880 „ 1881 raccourcissement 7 „ 
„ 1881 „ 1882 allongement 3 „ 

„ 1882 „ 1883 „ 10 „ 

L'öpaisseur et la largeur augmentent notablement. 
M. Guex ^value raccroissement d'^paisseur daus la 
r^gion terminale k environ 12™. 

Glacier des Grands d'aprto les meninnitions de 
M. F. Doge de la Tour de P^Ue: 



308 F.'A. Ford. 

de 1881 k 1882 raccourcisBement 16 ■> 
„ 1882 „ 1883 „ 1.6 „ 

Le glacier angmente d'^paisseur, aussi bien dans 
sa r^gion moyenne qne dans sa calotte införienre. 

Olacier des Fonds, derri^re les Tours Salliöres. 
D'aprös M. A. Wagnon de Morges, il y arait en 1883 
beaucoup de n^v^s durcis dans les hauts pätorages 
de Barberine jasqa'an pied du glacier des Fonds, 
lequel semble en allongement en le comparant 4 ce 
qu'il 6tait il y a trois ans. Des mesures exactes n'oot 
malheurensement pas 6t6 prises. 

II y a d'aprös le m^me dubiste de grandes aceumu- 
lations de neiges sur les Tours Salli^res et le Moni- 
Ruan. 

Vall6e de TArve. (Notes de M. Venance Payot de 
Ghamonix.) Glacier du Tour. H est toujours dans 
les mSmes limites; il doit s*6couler fort rapidement 
si Ton en juge par sa grande activitö ; les avalanches 
se suivent de minute en minute ä Fextr^mit^ införieure 
du glacier. 

Glacier ä!Argeniiere. D se raccourcit encore 16g6re- 
ment, mais il arrivera bientdt k T^tat stationnaire si 
Ton en juge par les mesures suivantes: 
du 18 juin 1879 au 18 octobrel881, raccour- 

cissement 39.» >° 

du 18 octobre 1881 au 9 novembre 1883, 

raccourcissement 1.»^ 

n est probable qu'une prochaine mensuration mon- 
trera un ötat d'allongement. 

Glacier des Bois on Hier de Glace, On üe peat 
aborder la langue terminale du glacier; eile est au 



Les variations piriodiques des glaciers des Alpes. 809 

fond d'nne gorge inaccesBible, remplie par le torrent 
rArveyron, et bördle de parois infranchissables de 
roeherB. Antant qu'on pent en jnger d^s Tentr^e de 
cette gorge^ le glaeier en reste dane ses mSmes li- 
mites; il est Btationnaire. 

Glaeier des Bossons^ en allongement rapide. 

l*' repöre 4 droite du glaeier: 
du 24 mars 1880 an 1« join 1881, allonge- 
ment d^passant 12.2 ■ 

dn 1*^ join 1881 an 20 mars 1882, allonge- 
ment consid^ra6le ; les rep^res sont bonscnl^s 
dans la moraine. 
da 20 nuirs 1882 au 17 avril 1882, allongement 3.7 „ 
du 17 ayril 1882 an 8 oetobre 1883, allonge- 
ment d^passant 38.86 „ 

2* repöre, k gauche du glaeier: 
da 15 oetobre 1880 au 1«' juin 1881, allonge- 
ment 26.2 „ 

da 1* juin 1881 au 7 oetobre 1881, racconr- 

ctssement ^*^ rt 

Ce faible raecoureissement de 3*" pendant V^t& 
de 1881, du ävidemment 4 la fusion estivale, ne doit 
pas nons empScher de eonstater Tallongement rapide 
de ce beau glaeier. 

Vallfe de risire. Glaciers du Dauphine. M. Paul 
Onillemin, de Paris, membre du C. A. F., me com- 
moniqne ses observations importantes sur les glaciers 
du massif du Pelvonx: 

„Le glaeier de Girose, brauche Enorme du glaeier 
de Moni de Lans, vall^e de la Romanche, a ayanc6 



310 F.'A. Ford. 

de 100™ depuig 1881. Je le sais paree qu'une grotte 
k crisUux^ Visits par moi en 1881, a disparu en 1883. 

^Le glacier Lombard (entre le Dauphin^ et la 
Savoie) a presque doublt de 1881 k 1883. 

„Le glacier de la Meije m'a paru avoir allong6 sa 
tratn^e de cent mötres, dans le mSme temps, mais 
8on ^paisseur a visiblement diminu^. 

„TouB les autres glaciers du Dauphin^ continuent 
leur retraite." 

II. BASSIN DE L'AAR. 

Vall6e de la Lutschine. Les denx glaeiera de 
Grindelwald Bont Tan et Tantre en 6tat d'allongement 
pen rapide. Ce monvement en avant est plns Evident 
dans le glacier superieur qne dans le glacier inferieur 
(Pasteur G. Strasser k Grindelwald). 

D'aprös une commonication de M. Strasser, un 
tonriste anglais, M. Anderson, A. C, a constat^ nne 
preuve saisissante de Taagmentation du glacier sv- 
p6rieur de Grindel wald. Le 19 mars 1884 il youlait 
passer le Milchbachloch ^), pour arriver 4 la Gleck- 
steinhütte: il trouva le tnnnel obstru6 par la glaoe, 
et aprös six heures de travail infructueux de aes 
gnides il reconnut que ce n'^tait point une simple 
avalanche de glaces, mais que Tobstaele 6tait du & 
Tavancement de la masse elle-meme du glacier. 

D'apr^s les notes pr^c^dentes de M. Strasser le. 
glacier sup^rieur ^tait dejä en allongement en 1881; 



*) Tunnel natnrel dans le rocher sur la rfre ganche du 
glacier au haut de la cascade de glaces. 



Leg variatians piriodiques des glaciers des Alpes, 311 

dans cette ann6e 1881 le glacier införieur commen^ait 
8eiilement k s'^paisser. Ainsi dans la p6riode actuelle 
les deux glaciers ont suivi k peu pr^s les meines 
allares^ le glacier sup^rieur devan^ant de 1 ou 2 ans 
le glacier införieur. 

La Periode de retraite avait commenc^ en 1855 
pour le glacier Bap^rieur, et s'eBt tennin6e en 1880; 
dur^e 25 ans. 

Pour le glacier införieur la p^riode de retraite a 
«ummenc^ en 1855 (Ch. Grad), ou en 1860 (FritE); 
«lle s'eat termin^e vera 1882 ; dur^e 27 ans (ou 22 ans). 

m. BASSIN DE LA REÜS8. 

Vallte de Maderan. M. Krayer-Ramsperger de 
Bäle a utilis^ cette annee les rep^res 6tablis par lui 
«n 1882. Voici les. r^sultats de ses mensurations : 

Glacier de Hüft, 

Rive droite, raccourcissement 32.o'>^. 

„ gauche, „ 21. s „ 

Hanteor de la voüte du torrent 6 ^ 

M. Krayer a pu comparer la position actuelle du 
placier avec ce qu'elle ^tait en 1871 alors que M. A.H6im 
a stabil ses rep^res ; il ^value le raccourcissement de 
1871 k 1882 k plus d'un kilom^tre, seit ä 90" par 
jin en moyenne. 

Glacier de Brunni. 
Rive gauche, raccourcissement . . . . 9.»™. 
Rive .droite, rep6re enfoui sous la neige. 
Hanteur de la voüte du ton*ent . . . 2.» . 



312 F.'A. Forel 

IV. BASSIN DU RHIN. 

Dans rimportant memoire ') que M. F. de SaÜB a. 
publik rannte derni^re sar les glaciers des GrisonSy. 
il y a nne foule de notes pr^cieuBes pour Thistoire 
des variations des glaciers. J'y renvoie le lecteor, en 
me bornant 4 en extraire quelques dates int^ressantea- 
pour nos recherches. 

D'aprös ces notes tous les glaciers des Grisona 
sont actuellement en racconrcissement ; la diminution 
est g6n^rale depuis une vingtaine d'annees ; eile a ^te 
plus forte et plus rapide dans les dix derniöres ann^es. 

Vorderrheinihal. Le glacier de Segnassura au-- 
dessuB de Flims a eu son maximum vers 1840; 
depuis lors il est en diminution (M. Brun de Flims)«. 

En 1881 le raccourcissement a M ^valu^: 

Glacier de Medel 6 ™ en une ann^, 

„ du Ganneretsch 5 ,, „ „ „ 

„ de Maigel 4 „ „ „ ^ 

Glaciers du Val S^-Pierre 2 „ „ „ „ 

Glacier de Lavaz inappr^ciable. 

Rheinwald. D'apr^s des rep^res de M. Coaz re- 
trouv6s par M. de Salis, le glacier de Paradis a re~ 
cul^ de 10 °> entre les ann6es 1868 k 1872. 

Vallie de BergOn. Le glacier d'Aela a recul^ de 
12° de 1878 ä 1861 (M. Gregor de Bergto). 



F. V, Salis, Die Gletscher in Graubünden. Jahrbuch 
des 8. A. C. XVm, 271. 



Les variations pMwdiques des gladers des Alpes, 31 S 

V. BASSIN DE LINN. 

Engadine. ^) Le Morteratsch est en diminution 
rapide; de 1878 k 1881, d'aprfes les rep^res de 
M. R. V. Albertini de Samaden, il s'est raccourci de 
41™; il ade m^me notablement perdu en ^paisseur. 

Le Rosegg ob^erv^ par M. J. Saratz de Pontre- 
sina depuis 1855; en 1881 11 j avait racconrciBse- 
ment de 318™, soit en 26 ans une retraite moyenne 
de 12™ par an. 

Schwarzensteingrund dang le groupe des Hohe 
Tanem. Les trois grands glaciers de cette vall^e, 
affluent du Zillerthal, ont ^t6 Tobjet de mensurations 
ex^ut^es en 1865 par Sonklar, en 1871 par les in- 
gönieors charg^s da lever de la carte locale, en 1882 
par MM. Rehm et Diener de Vienne. ^) Ces mensurations 
donnent Taltitude de l'extr^mit^ terminale des glaciers. 

1865 1871 1882 

m m m 

Waxeggkees 1895 1920 1893 

Hamkees 1916 1970 1941 

Schwarzensteinkees 1959 2100 2081 
D'apr^ les auteurs du demier relövement, ces 
trois glaciers auraient 6t^ en raccourcissement de 1865 
ä 1871 et les trois en allongement de 1871 k 1882. 
Mais cette affirmation est contest^e par le D* W. Bier- 
mann ') de Berlin, qui, tout au moins pour le Schwarzen- 

*) F. de Salis. Loc cit. 

') MIttheiL des dentschen nnd Österreich. Alpenvereins 
1883. Nr. 3, pag. 77. 

*) Mittheil, des dentschen und österreieb. Alpenvereins 
1883. Nr. 10, pag. 323. 



3J4 F.'A. ForeL 

steinkees, donne des preures assez plausibles de 11 n- 
exactitade de la conclusion des aateurs viennois. 

Des mensurations exaetes, ex^cut^es par le D' C. Die- 
ner '), lui ont montr^ que de septembre 1882 ä juillet 1883 
le Schwarzensteinkees s*«st recal6 de l*/8", de 2" 
et de 3 '^ soivant les points de son extr^mit^ frontale. 
Oe glacier est done encore en ^tat de raccourcisse- 
ment; mais d'apr^s M. Diener on eonstate an ^pais- 
sissement notable des n^v^s des trois glaciers de la 
vall^e. 

Pinzgau. Obersulzhach. M. le prof. E. Richter de 
Salzbourgy President du Club alpin allemand et an- 
trichien, a publik Tann^e demi^re un beau travail snr 
ce glacier^); j'en extrais les dates suiFantes: 

Le glacier d^Obersulzbach avait atteint sa longueur 
maximale en 1850; depuis lors il est en diminntion 
continue. La carte lev^ en 1880 et 1882 et figarant 
en m@me temps les moraines de 1850, donne les 
variations s'^tendant sur nne p^riode de 32 ans. 

De 1850 ä 1880 le glacier s'est racconrci de 
430», soit de 14.8°" par an; de 1880 4 1882 le 
racconrcissement a 6t6 plus rapide et s'est 61eve k 
33.1 "» par an. 

Le racconrcissement total de 500" represente le 
9 pour Cent de la longueur totale du glacier, qni est 
de 5800». 



BCittheil. des deutschen and Österreich. Alpenvereins 
1883. Nr. 10, 326. 

') E. Richter, Zeitschrift des deutschen und Österreich. 
Alpenvereins. 1883, pag. 38. 



Les variations pModiques des glaciers des Alpes. 315 

La surface mise k nu par la retraite du glacier 
a H^j de 1850 k 1882, de plus de 50 hectares. 

Quant k la diminution de volume dans la meme 
Periode eile est 6yalu6e par Richter de 60 k 70 mil- 
lions de m'. 

VI. BASSIN DE LA DRAVE. 

Tauernthal. Olacier de Schlaten. M. le prof. 
Fr. Simony de Yienne donne une interessante 6tude ^) 
snr ce glacier, un des plus beaux du groupe du Grand 
Venediger. J'en tire les dates suivantes: 

En 1857 ce glacier avait commenc^ depuis quel- 
ques ann^es d6jA sa p^riode de retraite; son front 
etait k quelques m^tres de la moraine frontale r^- 
cente, et les moraines laterales dominaient de beau- 
coup la hauteur de la glace. üne moraine frontale 
plus ancienne indiquait une p^riode d'allongement an- 
terieure plus importante que celle qui s'est termin^e 
▼ers 1850 — 1855. Cette ancienne moraine datait pro- 
bablement du commencement du si^cle, k en juger 
d'aprös retat de la vög^tation. 

Depuis 1857 le glacier s'est ^norm^ment retir^; 
aa longneur a diminu^ de plus d'un kilomötre, et sa 
langue terminale, qui il y a 25 ans descendait jusqu'ä 
l'altitude de 1730™, s'est retir^e aujourd'hui au-dessus 
de la ligne de 2000 >° d'altitude. 

Deux croquis, dessin^s Tun en 1857, Tautre en 



') Fr. Simony, Das SchlatenkeeB. Zeitschr. d. deatscben 
ond Osterreich. Alpenvereins. 1B83, pag. 523. 



816 F.'A. Farel 

1883^ moDtrent d'une maniöre frappante la diff^rence 
de dimensions et d'aspect de ce glacier 4 26 ans 
diDtervalle ; ils fönt ressortir T^tat lamentable d'amai- 
grissement dans leqnel il est aujourd'hui. 

MoMhal. Le glacier de Pasterzen est ötndi^ par 

M. F. Seeland , de Riagenfurt. ^) Le glacier vient 

battre one paroi de rocher, et scb variationB s'appr^- 

cient par des difförences de hanteur. Ces variationa 

ont 6t^ en moyenne, dans le sens de la diminution: 

de 1879 k 1880 8.q» 

„ 1880 „ 1881 6.4 „ 

;, 1881 k 1882 7.6 „ 

De 1856, 6poque du demier maximnm, jusqu'A 188^ 
le glacier a perdu, d'apr^s r^valuation de Seeland^ 
328 millions de m^, seit environ 12 millions de m^ 
par an, ce qui est Enorme. Comme termee de com- 
paraison je rappellerai que Qosset a 6valu6 4 175 mil- 
lions de m^ la diminution du glacier de Rhdne de 
1856 k 1880, et que Richter a esümö cette dimi- 
nution pour le glacier d'Obersulzbach, de 1850 k 1882^ 
k 60 ou 70 millions de m^. Cela donnerait pour la 
diminution annuelle: 

Glacier de Pasterzen (Seeland) 12 millions de m' 
„ du Rhone (Gösset) 7 „ „ „ 

„ d'Obersulzbach (Richter) 2 „ „ „ 
D'aprös les anciennes moraines du glacier de 
Pasterzen, Tablation totale dans les 27 ann^es s'^ya- 
luerait suivant Seeland 4: 



Zeitschrift des deutschen und öBterreichischen Alpen- 
vereins. 1883, pag. 93. 



Xes variations piriodiques des glaciers des Alpes, 317 









A.blation totale. 


Moyenne 
annaelle. 


l** profil 
2* „ 








m 
90 
70 




m 

3.5 
2.7 


3« « 








56 




2.1 


4' „ 








28 




1.1 


Le quatri^me profil 
tr^mite terminale dn gli 


est k 4 
Acier. 


kilom^tres de Tex 



Vn. BASSIN DU TAGLIAMENTO. 

Le glacier de Canino est actuellement en re- 
traite. ^) De 1880 ä 1881 il y a eu raccourcissemeDt 
de 10°^ et abaissement de l"* environ. 

De 1860 k 1882 le front da glacier s'est retir^ 
en arri^re d'une longuenr aseez grande pour donner 
une difförence d'altitnde de 150" environ. 

vm. BAssm DU po. 

Vallte de la Mera. ') Le glacier de Fomo est ob- 
aerv^ par M. J. Caviezel de Sils depnis 1857. De 
1857 k 1882 il y a eu raccourcissement de 140°^^ 
seit 5.6 ^ par an. 

Le glacier ä'Albigna a recul^ de 150" en vingt 
HVkBj mettant k nu une surface de 7^8 hectares. 

ValKe de l'Adda. Le glacier du Moni Cristallo 
s'est allong6 en 1883 de 30« (C. Gobbi de Stelvio).«) 



G, MarineUi, I pin orientali Ghiacciai dltalia. BoU. 
soc ven. trentlna. sc. nat. 1883. II. N<* 4. 

^ Fr, de SaUs, Loc. dt. 

*) Boll. mensnale Assor. met. ital. ni. 168. nov. 1883. 
Torino. 



318 



F.'A. FartL 



£n r^Biim^ noas avons d'apr^B les notes pr^c^- 
dentes k ajouter quelques noms k la liste des glaciers 
des Alpes qui sont en 6tat d'aUongement, k savoir: 

1^ Le glacier de Fee dans la vall^e de Saas 
(V. Mona). 

2<> Le glacier d'Orny dans le val Ferret (A. Barbey). 

3<^ Le glacier des Fonds (?) dans la yall^ du 
Trient (A. Wagnon). 

4^ Les glaciers de Girose, Lombard et la Meije 
dans le massif du Pelvoux (P. Guillemln). 

b^ Le glacier de Grindelwald införieur (G. Strasser). 

%^ Le glacier du Monte Cristallo au passage du 
Stelvio (C. Gobbi). 

Cela ^tant, nous aurions actuellement en 6tat 
d'allongement les glaciers suivants. Je mets un ? 
apr^s le nom des cas qui me semblent encore dou- 
teux, et qui demanderaient une vörification ult^rieure. 



Girose 
Lombard 
La Meüe (?) 



BoBSons 
Brenva 
Trient 
Tonr (?) 
Omy 



Groupe du Pelvoux: 
Romanche Rhdne 1881 P. Onillemin. 









1» 



Groupe du Montblanc: 

Arve Rhdne 1876 V. Payot. 

Dolre Po 1878 Marengo. 

Trient Rhdne 1879 J. Gnex. 

Arve „ 1861 Payot 

Dranse „ ? A. Barbey. 



Croupe de la Dent du Midi : 
Les Fonds (?) Trient Rhdne ? A. Wagnon. 



Les variatUms piriodiqMes des glaciers des Alpes, 319 
Groupe du Mont-Colon: 



Zigiorenove 
Gi^troz (?) 



Borgne Rhone 1879 Anzevuy. 
Dranse « 1880 Troillet. 



Groupe du Weisshom: 
ScbalUioni (?) Viöge Rhdne 1878 R. de Riedmatten. 

Groupe du Dörrte: 
Fee Vi^ge Rhone 1880 V. Morax. 

Groupe du Finsteraarhom : 
(Irindelwald snp. Lntschine Aar 1880 6. Strasser. 



Grindelwald inf. 



1882 



Groupe de l' Ortler: 
Monte Cristallo Adda Po 1882 (?) C. Gobbi. 



£n faisant entrer en compte les cas douteux, les 
glaciers actuellemefit en 6tat d'allongement se r^par- 
tissent comme suit dans les groupes de montagnes: 



Groupe du Montblanc 


5 glaciers. 


T? 


du Pelvoux 


3 „ 


7) 


de la Dent du Midi 


1 glacier. 


7) 


du Mont-Colon 


2 glaciers. 


7) 


du Weisshom 


1 glacier. 


37 


du Ddme 


1 » 


n 


du Finsteraarhom 


2 glaciers. 


77 


de rOrtler 


1 glacier. 


De ces 


16 glaciers en avancement 


12 


appartiennent au bassin 


du Rh5ne, 


2 


77 7? 77 


„ Po, 


2 


» 77 77 


de TAar. 



320 . F.--4. Ford. 

i XIIL YarUtiioii des glaeiers ^trmBgen k la ekaine 

des Alpes. 

Nous avons pos^ une g^ande qnestion : La pöiiode 
de diminution qne nous avons ob8erv6e derni^rement 
dans les Alpes, et que nous avons constat^e dans tous 
les massifs et dans toutes les vall^es de cette chatne 
de montagnes, cette pöriode qui est en train de prendre 
du, est-elle un fait local, est-elle an fait g^n^ral? 
Cette Periode de retraite est-elle propre anx glaciers 
des Alpes, ou bien a-t-elle ^t^ observ^e simultan^ment 
dans d'autres chatnes de montagnes? 

Pour r^colter les materiaux n^cessaires k la r^- 
ponse, Je continuerai k donner ici, comme je Tai fait 
dans les rapports pr^c6dents, ce que j'ai pu collecter 
de renseignements sur les glaciers des autres mon- 
tagnes du globe. Peut-etre aurons-nous un jour assez 
de faits pour tenter une g^n^ralisation. Nous sommes 
encore loin d'en Itre \k, 

§ XIY. ttlaeiers des Pyr^n^es. 

M. A. Degrange-Touzin de Bordeaux a publik 
rannte demi^re une note ^) sur le retndt des glaciers 
Pyr^n^es, dont j'extrais les faits importants. 

La diminution des glaciers a 6t^ g6n6rale dans 
les Pyr^nöes; eile a ^t^ constat^e par chacun. Cette 
Impression d'ensemble est confirm^e par T^tude d4- 
taill^e de deux groQpes de montagnes. 

1^ Monts maudit8. Glacier de la Maladetta. De 
1873 k 1875 M. Trutat de Toulouse a constatö par 
des mensurations pr^cises un raccourcissement de 50"^. 



AnnuHire dn Clab alpin firan^ais. IX, 560. Paris 1BS3. 



Les variatums periodiques des glaciers des Alpes. 321 

L'altitnde de rextrömitö införieure du glacier avait 
^t^ mesur^e en 1809 par J. de Oharpentior, eile 6tait 
alora de 2286». En 1876 M. Trutat a trouv6 pour 
cctte altitade le chiffre de 2550, diff6rence verticale 
de 264'° indiquant an racconrciBsement Enorme. 

D'apr^s les appr^ciations d'nn guide le glacier 
descendrait actaellement 200°^ moins bas qu'il y a 
iine vingtaine d'ann^es. 

Le glacier du Nethcni a subi aussi une r6duction 
consid^rable qu'on peut ^valuer k 200 °> dans le sens 
vertical; sa diminution d'^paisseur serait de 8 k 10^, 
A en jager par les moraines. 

D'autres observations trop longues k r^sumer ici, 
Taateur conclut k un 6tat de diminution g^n^ral et 
c^nsid^rable des glaciers du groupe des Monts-maudits. 

2^ Haute r6gion d'Oo. La r6duction des glaciers 
j est encore plus sensible. 11 y avait autrefois une 
couronne continue de glaciers: Gours blancSf Sei! 
de In VachSy Poi^illon d' Oo.^ Lüayrolles, Crahioules. 
formaient une ceinture non interrompue de glaciers 
se touchant tous latöralement sur une largeur de 
12 kilom^tres. Aujourd'hui les cols neigeux sont d^- 
poorvus de neiges; les glaciers au fond des cirques 
ont mieux r^ist^, mais les haats-n6v6s qui les re- 
liaient ayant disparu, ils ne forment plus un champ 
^lac6 continu; ils sont isol^s, s6par6s par d'affreuses 
rocailles. L'auteur a 6tadi6 deux de ces glaciers, 
LiitayroUes et Portillon d'Oo, et il a constate une di- 
minution ^tonnante des glaces ; les anciennes descrip- 
tions, mSme des r6cits relativements r^cents, ne r6- 

pondent plus du tout k T^tat actuel des lieux. 

21 



322 F.'Ä, Fortl 

II y a de meme des prenves nombreaseB dan& 
d'aatres maBsifs, dans la r6gion de Gavamie^ daD» 
Celle da Vignemale, de la disparition totale de n^v^s 
ou de glaciers, et de la r^duetion consid^rable de ceax 
qui ont r^sistö. 

Malheareasement l'auteur ne peut indiquer aucune 
date poar pr^ciser le d6bat de cette p^riode de re- 
duction. Esp^rons qae, aajourd'hni que Tattention est 
6yeill6e sur ces faits, nos collögues da C. A. F. pren- 
dront les mesares n^cessaires poar donner avec pr6- 
cision le moment oü les glaciers Pyr6n6en8, aajoard'hai 
si rMaitS; commenceront de noaveaa 4 s'allonger et 
k revenir k leurs dimensions anciennes. 

§ XY. Glaoien des Alpes seaudiaaTes. 

Je dois k Tobligeance de M. Ch. Rabot de Paris 
les notes saivantes extraites des travaox de M. C. de Seae 
de Christiania ^), datant de 1870. 

Fjoerlandsfjord. Le glacier de Boium aarait di- 
mina6 de 600 1° dans les 150 demi^res ann^s (?) 
£n 1869, et peot-^tre d^jk en 1868, le glacier com- 
men^ait k s'allonger. 

Le glacier Suphelle 6tait en 1869 en voie d'al- 
longement rapide; il s'est sartont remarqnablement 
6tenda en largear. 

Sognedalsfjord. Le glacier d'Austerdal ^tait en 
Progression depais qaelqaes ann6es, en 1869. 



^) C. de Seue. Le ii6y6 de Justedal et ses glaciers. 
Cbristiania 1870. 



Leg variations pSriodiques des glaciers des Alpes, 323 

Jottedal. Le glacier de Tunshergdal 6tait depuis 
qnelqiie temps en retraite. 

Le glacier de Bjömesteg 6tait en progression, 
tandis qne les antres glaciers da mSme vallon ötaient 
en retraite. 

Le glacier da Nigar 6tait en allongement de- 
piniB 1868. 

LeB glaciers de Lodal et de StegehoU semblaient 
en 1869 Itre en voie de progression. 

Qaant an glacier de Jostedal il 6tait en allonge- 
ment rapide, tellement qu'en quelques jours Seue a 
obsenr6 k Textrömit^ terminale an avancement d'un 
mötre environ. 

Glacier de Gredung en progression. 

Vallfe d'Olden. L'un des trois glaciers de cette 
Tall^ s'est d^Yclopp^ en glacier de 1*' ordre il y a 
150 ans environ; il s'est allong6 fort rapidement en 
ravageant one vaste ötendne de champs cultiv^s. 

Les trois glaciers ont en demiörement nne p6riode 
de retraite prolong^e; en 1869 ils semblaient s'Stre 
remis en yoie d'allongement. 

— M. Rabot m'6crivait de Tromsö, Norw^e, en 
date da 6 aoüt 1883: 

„Dans le massif des Oxlinder, k la fronti^re de 
SaMe et de Norw6ge, par 66 ^ lat. nord, le glacier de 
fr ordre est en allongement depuis 5 ans, d'apr^s 
les Lapons. 

„Le Swariisen qui d6boache dans le Holandsfjord 
s'allonge; la portion sup^rieure diminue d'6paissenr, 
d'aprto les montagnards (!) 



324 F,'A. Ford 

^Dans le massif du Kabnekaisse (point culminant 
de la LapoDie 67 *> 75' lat. nord, altitude 2160», 
montagne d6couyei*te r6eemment et gravie par M. Rabot 
le 21 aoüt 1883), un glacier semble en progression ; 
on n'y voit aucune moraine frontale. 

^jD'autre part les chaleors extraordinaireB de V^ 
ont fait diminuer consid^rablement d'autres glaciers, 
ou plntöt des n^ves en flaques de neiges, car la plu- 
part des vrais glaciers alpins sont en allongement." 
— Dans une nouvelle lettre en date du 20 janvier 1884, 
M. Rabot resume son opinion sur les glaciers de la 
Laponie: „Jusqu'Ä 3 ou 4 ans en arri^re ils ^taient 
en g^neral en voie de retraite; depuis cette ^poque 
un bon nombre d'entre eux se sont mis en allongement.^ 

§ XYI. GUcien du (J^roenUnd. ') 

Le glacier de Jacobs^havn a 6t^ visit^ en 1850 
par Rink, en 1875 par Heiland, en 1879 par Hammer. 
De 1850 k 1879 il s'est raccourci de 6590«. De 
l'automne 1879 k mars 1880 son front s'est avance 
de 940°". De 1880 k 1883 le glacier s'est raccourci 
de 1900°^; en 1883 il est de 7500» plus court 
qu'en 1851. C'est Ik une Variation extr^mement rapide 
d6passant en importance tout ce que nous connais- 



^) H. Rink. Die neuen dänischen Unters, im Grönland. 
Petermanns Mitth. XXTX, 128, Gotha 1883, et XXX, 41, 
Gotha 1884. 

Ch. Mabot. Les r^centes explorations danoises au Groen- 
land. Rev. sc. HI. 769. Paris 1883. 

Heiland. Quart, journ. geol. soc. XXXIII, 142. Lond. 1877. 



Les variatians pModique8 des glaciers des Alpes, 325 

sions dans les Alpes. G'est du reste ce glacier qui a 
offert la vitesse d'^conlement la plus ^tonnante qa'on 
ait Jamals mesuröe. Dans r6t6 de 1875 Heiland Ta 
^valn^e k 20^ par jonr; dans Thiver de 1879 k 1880 
Hammer est amv6 ä 15™ par jour. Cela repr6sente 
60 Ä 85«» par heure. 

£n 1878 le glacier de Alangordlia s'allongeait. 

En 1876 le glacier de Kangerdluarsak s'allon- 
geait aussi, mais depnis peu seulement ; an printemps 
suivant 11 6tait en retraite. 

£n 1878 le glacier de Frederikshaab dtait sta- 
tionnaire avec quelques indices de recul. 

En comparant ses mesures de 1875 avec Celles de 
Rink en 1850, Heiland a trouv^ les variations sui- 
yantes: 

Assasak raccourcissement 250°*. 

Umiatorfik allongement 00°^. 

Sorkak allongement plusieurs centaines de mötres. 



Bericht Über die Arbeiten am Rhonegletscher 

im Jahr 1883. 

Von 

Prof. Dr. L, Bütimeyer (Section Basel). 



Entgegen dem höchst ungünstigen Jahre 1882 hat 
der Spätsommer von 1883 die Arbeiten auf dem Rhone- 
gletscher in hohem Maße begünstigt und ist bei der 
energischen Ftthrung derselben die gesanmite Unter- 
nehmung um einen so bedeutenden Schritt gefördert 
worden, daß einem eventuellen Abschluß derselben 
mehr als bisher je mit dem vollen Vertrauen entgegen- 
gesehen werden kann, daß die Arbeit innerhalb der 
Orenzen, welche ihr durch ihre Hiilfsmittel gesteckt 
waren, als ein wohl organisirtes Ganzes entweder ab- 
geschlossen oder einer andern Pflege übergeben werden 
könne. 

Außer der Fortführung der jährlichen Central- 
messungen und einigen damit leicht verbindbaren 
Specialarbeiten bestand das Hauptobject der dies- 
jährigen Campagne in der Vollendung der TriangulatioD 
des Gletschers auf dem Fuße der Landestriangulation 



Berieht über die Arbeiten am lUwnegUtseher, 327 

nnd in der Beifügung des Firngebietes zu der topo- 
graphischen Aufnahme des Eisstromes an sich. 

Sowohl an den Feldarbeiten, welche vom 1. August 
bis zum 1. September dauerten, als an den nachträg- 
lichen Bureauarbeiten betheiligten sich die nämlichen 
Persönlichkeiten wie im Vorjahre. Herr Ingenieur 
L. Held, der Führer der Unternehmung, übernahm 
die Aufnahme des Fimgebietes und die Gontrol- 
messungen, sowie deren Bearbeitung auf Boden der 
neuen Triangulation sammt Umrechnung der Messungen 
von 1882 auf derselben Basis; Herr Ingenieur M.Rosen- 
mnnd die Triangulation und deren Berechnung; Herr 
Topograph A. Ringier das Croquiren der Gontrol- 
beobachtungen. 

Als Zuwachs des graphischen Inventars ergab sich 
daraus für 1883: die Aufnahme des rothen Profiles 
mit Eintragung sämmtlicher Messungen seit 1874, 
berechnet auf die neue Triangulation, im Maßstab von 
1 : 1000; die topographische Darstellung der Gletscher- 
zunge vom 27. August 1883 in 1 : 5000; der Plan 
der neuen Triangulation (Rosenmund) in 1 : 25000 
nebst Joumalband und Winkelbeobachtungen; die Auf- 
nahme des Fimgebietes (Held) in 1 : 25000, sowie 
eine Anzahl von Photographien, welche vor Allem 
bestimmt sind, der charakteristischen Zeichnung der 
topographischen Aufnahme zu dienen, aber auch bei 
spätem Veränderungen des Gletscherstandes Dienste 
leisten werden. 

Die Zeichnung der topographischen Aufnahme des 
obero Gletschers und des Fimgebietes, sowie die Re- 
dnction der seit 1874 auf Boden der damals zu Grande 



328 L, BüUmeyer. 

gelegten loealen Basis gemachten Controimessangen 
auf die neue Triangalation stehen in Arbeit und werden 
dem gesammten Material die für eine allHÜlige Publi- 
kation unentbehrliche einheitliche Organisation geben. 
Nur die ungewöhnlich gttnstigen Witterungsverhält- 
nisse machten es möglich, den bedeutenden Umfang 
der in das diesjährige Programm gefallenen Feld- 
arbeiten so rasch zu erledigen. Von den 31 Tagen 
der Gampagne waren nur 3 ganz schlecht, 6 erlaubten 
nur zeitweise Arbeit, während 22 schön waren, so 
daß 74 ®/o der Tageszeit für Arbeit im Freien ver- 
wendet werden konnten. (Im Jahr 1882 nur 43 ^/o.) 
Als Quartier diente das kleine U5tel BelvM^re an 
der Furcastraße. In Folge der langen Andauer des 
Winters 1882/83 und der kalten Witterung im Juni 
und Juli 1883 war das Gebirge mit ungewöhnlichen 
Massen von Winterschnee bedeckt. Bei der Ankunft 
in den ersten Tagen des August war der obere 
Gletscher fast ohne schneefreie Steilen, der Platz, wo 
man im Vorjahre zu gleicher Jahreszeit schon mehrere 
Wochen in Zelten campirt hatte, 2 — S^ unter Schnee 
begraben, alle Schrttnde geschlossen, die Steinreihen 
theilweise bis auf 8 "" unter Schnee, der Gletscher von 
mächtigen Lawinenkegeln vom Furca- und Gersten- 
hom theilweise bis auf 200°^ zugedeckt. Noch Ende 
August erhielt man beim Ueberblick des Oberwailis 
den Eindruck , daß ein Jahrzehnt von ähnlichen 
Witterungsverhältnissen genügen könnte, um einen 
großen Theil des Gebietes der Alpenweiden unter Firn 
zu legen. 



Bericht über die Arbeiten am Bhonegletscher. 329 
ErpobnlMe der Goiitreliiieflsnngeiu 

Dieselben konnten nicht nur bei günstigstem Wetter 
und mit eingeübten Arbeitern (alle aus der Gegend 
von Oberwald) vorgenommen werden, sondern sie er- 
hielten auch größere Sicherheit dadurch, daß bei den 
drei großem Profilen des Fimgebietes Höhe und Lage 
jeder Station durch 3—5 trigonometrische Punkte 
eontrolirt wurden. Durch Anschluß an die Triangulation 
wird so die Beweiskraft der Messungen wesentlich 
erhöht. 

NiTellement der Qaerproflle* 

Von dem schwarzen Profil liegen nur noch 34™ 
auf Eis. Seine Abnahme betrug in 359 Tagen im 
Mittel 2,7 ^ Höhe (im Vorjahre 5,8). Es ist das einzige 
Profil, das in diesem Jahre eine Abnahme zeigt, theils 
in Folge seiner Nähe an schneefreiem Strand, theils 
weil in Folge der sehr geringen Bewegung der Ersatz 
(Inrch nachrückendes Eis gering ist. 

Grünes Profil (465« auf Eis). Stauung in 359 Tagen 
im Mittel 0,707™ (im Vorjahre Abnahme um 6,34), 
im Maximum an der Stelle stärksten Gefälls oder also 
stMrksten Nachschubes 1,9^. Maximale Abnahme am 
reehten 6]etschen*and durch Wärmestrahlung vom Ufer 
1,5». 

Gelbes Profil (1168,7» auf Eis). Erhöhung auf 
der ganzen Ausdehnung: 1,891» im Durchschnitt; 
von 7» im Maximum am Ostrande durch Lawinen- 
schnee. Im Vorjahre durchschnittliche Abtragung 0,39». 

Rothes Profil (1073,5» auf Eis). Mittlere Er- 
liöhnng 2,387». Im Vorjahre Abtragung um 0,06». 



830 £. BüUmeyer. 

Firngebiet Unteres Thdliprofil (676»). Jahres- 
erhöhung im Mittel um 1,902°^. 3>° im Maximum am 
schattigen östlichen Abhang. 

Unteres Gro8»fimproß{U72^). Erhöhung 3,049» 
stärkste Zunahme aller Profile, schattigste Lage. 

Oberes Thäliprofii (732»). Mittlere Stauung 
2,045». 

Oberes Grossfimprofil (2549 »). Mittlere Stauung 
2,979». 

Steinreihen. 

Die schwarze Reihe hat ihre Function erfüllt. 
Kein Stein von ihr liegt mehr auf beweglichem Eis. 
Sie fUllt also ftir die Zukunft außer Betracht. 

Grüne Reihe, vom Rhoneeinschnitt bereits in zwei 
Stttcke getheilt. 7 Steine noch auf Eis. Größte Jahres- 
bewegung 9,1 ». 

Gelbe Reihe, am 28. August noch zum Theil unter 
Schnee. Schon 18 von ursprünglich 51 Steinen sind 
in den Eissturz vorgerückt. Größte beobachtete Be- 
wegung 98». 

Rothe Reihe, vorgerückt in die labyrinthisch zer- 
spaltene Partie des Gletschers. In 2^9 Jahren wird 
sie die ursprüngliche Stelle der gelben Reihe ein- 
nehmen und noch auf Jahre die genauesten Angaben 
über Eisbewegung liefern. Größte Bewegung im ab- 
gelaufenen Jahr 118,8». 

' Signale des Fimgebietes« 

Von den 1882 im Fimgebiet aufgestellten 16 Latten- 
signalen zur Messung der Fimbewegung sind 1883 



Bericht über die Arbeiten am Ehonegletscher. SSI 

nur zwei zum Vorschein gekommen. Znrttckgelegter 
Weg 34 und 38». 

Abselimeliiing der Gletseheniuige. 

In 361 Tagen sind 11400»* Strandboden frei- 
gelegt worden (im Vorjahre 24525). 

Speclaibeobaehtiingen. 

Zur Ermittlung der Stromgeschwindigkeit in einer 
bestimmten Periode des Hochsommers wurden im gelben 
and im rothen Profil eine kleine Anzahl Steine ein- 
gemessen und nach 16 Tagen controlirt. Das Ergebniß 
war von so unerwarteter Uebereinstimmung zwischen 
der Tagesschnelligkeit im Sommer und derjenigen im 
Jahr, daß es am Platze sein wird, diesen einfachen 
Versuch zu wiederholen. 

Nen-Aufiiahmen. 

Die Triangulation, 1882 durch ungttnstige Witte- 
rung unterbrochen, ist 1883 beendigt worden. Die 
ganze Arbeit ist so durchgeführt worden, daß sie der 
Landestriangulation nach allen Anforderungen gleich- 
werthig steht und als Fortführung derselben, sowie 
für Anschlüsse der Forsttriangulation dienen kann. 
Die Vergleichung mit der 1874 vorgenommenen gra- 
phischen Triangulation hat ergeben, daß zur Aufnahme 
des Fimgebietes und für Weiterführung der Oontrolmes- 
Bungen diese Arbeit unentbehrlich war. Vor Beginn 
der Winkelmessungen fand eine strenge Verification 
der bereits bestehenden Signale statt^ sowie Nen- 
anfstellung von 26 ferneren zum Zweck des Einschlusses 



3d2 2/. BüUmetfer. 

des Firngebiets. Die Zahl der trigonometrisch be- 
»timmten Punkte beträgt 66. Da die bisherigen Gan- 
tonstriangulationen nur wenig brauchbare Punkte 
lieferten^ so wurde ein fernerer Anschluß gesucht an 
die Arbeiten der internationalen Gradmessnng , was 
freilich nöthigte, den Theodolith auf zwei etwas ab- 
gelegenen Punkten, dem Sixmadnn und dem Basodino, 
aufzustellen. 

Aufnahme des Firngehietes in 1 : 25000, theils 
mit Distanzlatten, theils auf trigonometrischem Wege. 
Bei dem klaren Wetter war der Firn jeden Morgen 
hart gefroren und leicht passirbar. Gegen Mittag er- 
weichte er und von Nachmittag 4 Uhr an war die 
Aufnahme so mühsam, daß man wenig mehr leistete. 

Landesausstellung. Auf Wunsch des Centralcomitö 
betheiligte sich das Rhonegletscher-Untemehmen an der- 
selben durch den für den internationalen Congreß in 
Salzburg in Farben gemalten Plan, durch einen Plan 
sämmtlicher Jahresmessungen der vier Gletscherprofile 
und durch eine Anzahl von Photographien (Ausgabe 
Fr. 350). 

Bechnnugswesen. 

Die Ausgaben ftir 1883 sind unter dem Vor- 
anschlag geblieben. Obschon sie bei der Ausdehnung 
der von dem Programm für 1883 vorgesehenen und 
durchgeftihrten Arbeiten das Jahresbudget Überschritten, 
so steht bei Einschluß des Verkaufs werthes der Photo- 
graphien in Folge des von dem eidgenössischen topo- 
graphischen Bttreau auf Kosten der Landestriangulation 
übernommenen Antheils derselben, auch nach Erledi- 



Bericht über die Arbeiten am Rhonegletscher. 333 

^ng der noch auf Rechnung von 1883 fallenden 
Bnreanarbeiten auf Ende dieses Jahres eher ein Saldo 
zu Gunsten der Unternehmung als ein Deficit, und 
auch für das Budget von 1884 ein Ausgleich von 
Einnahmen und Ausgaben zu erwarten. 



BeHräge zur Mechanik und Physiologie des 

Bergsteigens. 

Von 

A, Trautweüer (Section Ootthard). 

Jeder Rechtschaffene anerkennt heutzutage in der 
Arbeit eine Menschenpfiicht. Dabei ist jedoch das 
Bestreben allgemein, sich die Last der Arbeit möglichst 
leicht ^ machen, d. h. möglichst wenig Arbeit im 
mechanischen Sinne zu leisten und in der Auswahl 
derselben der persönlichen Liebhaberei folgen zu 
können. Da, wo das eine oder andere nicht möglich 
ist, wird die Arbeit recht sauer, und es muß dem so 
Betroffenen schwer fallen, in ihr Loblied einzustimmen. 
Eine leichte, aber interesselose Arbeit ist fast stets 
peinlicher, als eine anstrengende Thätigkeit, der man 
aus irgend einem Grunde ein besonderes Interesse 
entgegenbringt. 

Vielleicht keine schwere körperliche Arbeit wird 
mit so viel Lust und Liebe, mit so heiterem Sinne 
gethan, wie das Bergsteigen, selbst da, wo es den 
Aufwand aller unserer Kräfte erfordert. Der Clubist, 
der stundenlange Kletterpartien und endlose Schnee- 



Beiiräge g, Mechanik u, Physiologie d. Bergsteigens, 335 

felder zu ttberwinden hat, scheint die außerordentliche 
Anstrengung solcher Arbeit kaum zu verspüren. Seine 
Sinne sind gebannt von den Wundem der Natur, die 
sich in jenen Regionen bei jedem Schritte aufthun, 
und die Großartigkeit der Eindrücke läßt alle Müh- 
seligkeit vergessen. Gleichwohl war man von jeher 
überall bestrebt, sich den Genuß der Gebirgswelt 
möglichst wenig durch die ihn begleitenden Mühen 
verkümmern zu lassen. Der raf&iirte Tourist sucht 
durch zahlreiche Maßregeln, welche die Erfahrung 
lehrt, die Anstrengung zu mildem, und dem geübten 
Bergsteiger gelingt dies auch in erheblichem Grade. 
Auch weist die clnbistische Literatur verdienstvolle 
Abhandlungen auf über die Kunst des rationellen 
Bergsteigens. 

Dieses Gebiet ist jedoch noch lange nicht genügend 
untersucht und bearbeitet. Die abnormalen Zustände, 
welche unser Organismus bei der wechselvollen Be- 
wegung in den verschiedenen Regionen des Hoch- 
gebirges durchmacht, sind sowohl in Bezug auf die 
Mechanik jener Bewegung, als auf die damit zusammen- 
hängenden physiologischen Verhältnisse nur ober- 
flächlich bekannt. 

Mit den folgenden Untersuchungen undErörterangen 
hoffen wir Einiges zur Auf klämng über diese bedeu- 
tungsvollen Fragen beizutragen. 

Die Mechanik des Gehens. 

Einläßlicheres über diesen Gegenstand findet sich 
in anatomischen und physiologischen Werken, und 
wir beschränken uns hier auf das zum Verständniß 



336 A. TrautweOer. 

der nachfolgenden Untersuchungen absolut Noth- 
wendige. 

Wenn man das Gehen auf ebenem Boden mecha- 
nisch analysirt, so ergeben sich verschiedene Momente, 
die bei oberflächlicher Beobachtung unbeachtet bleiben. 
Von denselben ist namentlich die Senkung bemerkens- 
werth, die der Körper, resp. dessen Schwerpunkt, bei 
jedem Sehritte macht. Dieselbe beträgt 3 bis 5<^™, 
und um das gleiche Maß muß nattirlich die Körper- 
last bei jedem Schritte wieder gehoben werden. Es 
ist demnach zum Gehen nicht nur die der Ueber- 
Windung der Reibung entsprechende Kraft (wie bei 
einem Rade) nothwendig, sondern es wird auch schon 
auf horizontalem Boden eine ähnliche Arbeit wie beim 
Steigen geleistet. 

Herr Dr. Buchner („Das Bergsteigen als physio- 
logische Leistung betrachtet^, Zeitschrift des deutschen 
und österreichischen Alpenvereins, Bd. VII, 1876) 
vergleicht die menschlichen Gehwerkzeuge treffend 
mit den Speichen eines Rades ohne Felgen, bei dessen 
Vorwärtsrollen ein fortwährendes Heben und Senken 
der Axe stattfinden muß. Die jeweilige Hebung der 
Körperlast um die 3 bis 5 <^™ wird jedoch, statt durch 
eine äußere Kraft, dadurch bewirkt, daß jeweilen das 
vorgesetzte etwas gebogene Bein, nachdem der Körper- 
schwerpunkt über dasselbe vorgeschoben ist, sich 
gerade streckt (Kniehebel Wirkung). 

Außer der Kraft, welche nöthig ist, um diese 
Hebung zu bewirken, und der für die Ueberwindung 
der Reibung am Boden nothwendigen, bedarf es auch 
noch eines gewissen Kraftaufwandes, um den Körper, 



Beiträge z. Mtchamk u. Philologie d, Bergsteigens. 337 

der bei der hohen Lage seinee Schwerpunktes und 
^er geringen BnAis etwas unstabil istf, im Gleich- 
gewicht zu halten. 

Im Fernem ist hervoi-zuheben , daß die Beine, 
indem sie vorwäi*ts schwingen, die natürliche Tendenz 
haben, diese Bewegung nach Art eines Pendeln aus- 
zufahren. Da aber ein Pendel von gegebener Be- 
schaffenheit in der Secunde eine ganz bestimmte An- 
zahl Schwingungen ausführt, so mtlssen auch die Beine 
die Tendenz aufweisen, zu einer Schwingung eine 
bestimmte Zelt zu brauchen. Dabei wirkt allerdings 
der Impuls der Muskeln stets verkleinernd auf den 
fraglichen Zeitaufwand. Es resuHirt daraus für jede 
Person eine gewisse Schwingungszeit der Beine, welche 
natttrlieh fttr das Tempo des Gehens von wesentlicher 
Bedeutung ist. Längeren Beinen, schwererer Be- 
sehuhung, entspricht ein langsameres, kurzen Beinen, 
leichter Besehuhnng ein rascheres Tempo. Es ist 
oft sehr unbequem, diesem Gesetze zuwider sich einen 
Zwang anzathun und beim Marschiren das Tempo 
Anderer mitzumachen. Wenn ungeschickte Rekruten 
den Schritt nicht halten können, so ist das Pendel- 
gesetz schuld daran. 

Ein frei und zwanglos schwingendes Bein eines 

Erwachsenen macht pro Minute 40 bis 55 Doppel- 

schwingungen , es würde demnach eine einfache 

Schwingung 0,75 bis 0,55 Secunden erfordern. Der 

beschleunigende Impuls der Muskeln verkürzt diese 

Zeit um den dritten oder vierten Theil. Herr Dr. 

Buchner hat fUr mittlere Schritte von der Dauer einer 

Secunde auf horizontaler Bahn die Schwingungszeit 

22 



338 Ä. Trautweiler. 

eines Beines zu 0,416 Secunden, die Ruhezeit zu 
0,584 Secunden ermittelt. Für diesen Fall würde 
folgendes Schema ein Bild der Bewegung geben. 

: « : b : 

LiytJcfs Bfin ■■■■■4 
AechtesBelji 

a, ScXwi>\^uyig5xeit. b Rv3iezeit. c Ruht bctelerBf'me. 

Bas ttehen auf geneigter Bahn. 

Beim Aufwärts- oder Abwärtsgehen ändern sich 
die beschriebenen Verhältnisse je nach der Neigung 
des Weges. Abwärts gehen wir bis zu einer ge- 
wissen Steilheit des Weges leichter und bequemer. 
Die abwärts treibende Kraft unseres Körpergewichtes 
ersetzt dabei die eigene zur Fortbewegung nöthige 
Kraft. Der günstigste Fall ist jener, wo sie gerade 
dazu ausreicht, so daß keine Tendenz zur Beschleu- 
nigung der Bewegung eintritt, die wir durch „Bremsen^ 
verhindern müssen. Diese günstigste Neigung dürfte 
nicht über 3 bis 4 ^/o betragen, während auf steilerem 
Weg jenes schwere Auftreten beginnt, weiches die 
Kniemuskeln anstrengt, und überdies den ganzen 
Körper in fortwährende abnormale Erschütterungen 
versetzt, die in ähnlicher Weise ungünstig wirken 
wie eine lange Eisenbahnfahrt. 

Beim Aufwärtsgehen werden die Verhältnisse noch 
weit ungünstiger. Es gilt, die ganze Körperlast um 
bdeutende Höhen zu heben. Auch wird der K raft- 
aufwand, den das Balanciren des Körpers erfordert, 



Beiträge s, Mechanik u. Physiologie d, Bergsteigens. 339 

bei der geringern Geschwindigkeit and dem unregel- 
mäßigen Auftreten bedeutender, sofern nicht ein Berg- 
stock zur Anwendung kommt. Je steiler der Weg 
ist, desto spitzer wird der Winkel, den das Knie des 
vorgesetzten Fußes bildet. Durch Geradstrecken dieses 
Knies muß nun jeweilen, nachdem der Schwerpunkt 
des Körpers vorgeschoben ist, dessen Hebung bewirkt 
werden. Wir wissen aber, daß beim Kniehebel eine 
tun so größere Kraft erforderlich ist, je spitzer der 
Winkel ist, den die beiden Schenkel mit einander 
bilden. Diese größere Anspannung der Muskeln muß 
sich offenbar durch bedeutend raschere Ermüdung 
fühlbar machen. Namentlich aus diesem Grunde ist 
der Gebrauch des Bergstockes von so großem Vortheil 
beim Steigen. Es wird dadurch den Kniemuskeln ein 
Theil ihrer Arbeit durch den einen Arm (den berg- 
wSrts befindlichen) abgenommen und außerdem das 
Balanciren des Körpers erleichtert. 

So lange die Steigung so mäßig ist, daß das vor- 
gesetzte Bein jeweils einen stumpfen Winkel macht, 
kann die Hebung des Körpers durch Geradstrecken 
des Ejiies allein kewirkt werden. Bei einem spitzen 
Kniewinkel (zu welchem man veranlaßt ist, wenn der 
Weg ttber 80 ®/o Neigung hat) reicht jedoch die Kraft 
der Kniemuskeln kaum mehr aus. Man unterstützt 
dann die Hebung dadurch, daß man das zurück- 
stehende Bein etwas einbiegt und damit den Körper 
aufschnellt, ein Vorgang, durch den die Gesammthöhe, 
um welche der Körper gehoben werden muß, erheblich 
vergrößert wird. 

Je steiler der Weg ist, desto unabhängiger wird 



340 A^ Tramtweüer. 

die Bewegung der Beine vom Pendelgeaetze. Man 
ist veranlafät, dieselbe weniger unwiükttrlich auasu- 
führen, die Bchwingungazeit wird im Allgemeinen 
kleiner, die Ruhezeit größer. 

]>er Kraftaufwand beim Bergsteigen. 

Die horizontale Ortsbewegung erfordert, wie wir 
oben gesehen haben, eine gewisse Kraft zur Ueber- 
Windung der Reibung, zum Balaneiren und zur Aus- 
gleichung der beim Gehen unvermeidlichen K<5rper- 
Senkungen. Die damit verbundene mechanische Arbeits- 
leistung ist jedoch im Verhältniß zu derjenigen beim 
Steigen unbedeutend. Während wir auf horizontaler 
Bahn fast mtthelos vorwärts schreiten, erfordert eine 
Steigung, die für das Auge noch kaum wahrnehmbar 
ist, schon einen sehr fühlbaren Kraftaufwand. Es ist 
dies auch erklärlich, wenn man bedenkt, daß es sieh 
dabei darum handelt, das Gewicht des Körpers, einer 
Masse von durchschnittlich 75 ^, zu heben. Diese 
Masse in der Secunde einen Meter hoch gehoben, 
würde einer Pferdekraft entsprechen. Rechnet man 
für den Menschen den achten Theil einer Pferdekraft, 
so wäre er im Stande, auf die Dauer seinen Körper 
pro Secunde 0,125 Meter hoch zu heben. 

Aus der Kraft, welche nothwendig, ist um den 
Körper zu heben, und aus derjenigen, welche das 
horizontale Gehen erfordert und die als eine Oonsta^ie 
betrachtet werden kann, setzt sich nun die Leistung 
bei Ersteigung einer Höhe zusammen. Die letztere 
Kraft verliert um so mehr an Bedeutung, je steiler 
der Weg ist, so daß man vielleicht schon von 15 ^.o 



Beiträge g, MecJuimk u^ Fhy^iohgie d. Bergsteigens . 341 

Steigung an den Arbeitsaufwand als Function der 
Höhe allein betrachten kann. 

Man ist auch in der That gewohnt, bei Bergtouren 
80 zu rechnen. Wenn ein geübter Bergsteiger in der 
Stande 360 Meter H5he überwindet, so hebt er seinen 
Körper in der Secunde um einen Decimeter, eine 
Größe, die auf den ersten Blick auffallend gering 
erscheint, obschon sie eine ganz tüchtige Leistung 
darstellt. Nimmt man beispielsweise die Steilheit des 
Weges zu 30 ^/o an, so würden dabei in der Stunde 
1200 Meter Horizontaldistanz zurückgelegt, also bloß 
der vierte Theil wie auf horizontalem Wege. 1200 
Meter weit zu gehen, erfordert keinen nennenswerthen 
Kraftaufwand, jedenfalls ist derselbe verschwindend 
gegenüber dem beim Ersteigen der 360 Meter Höhe 
geleisteten. Es folgt daraus, daß es ftir ähnliche 
Fälle genügt, mit der Höhe allein zu rechnen. 

Bei einer Bergtour, die den ganzen Tag ausfüllte, 
würden, obigem Falle entsprechend, bloß etwa 12 ^" 
Horizontaldistanz zurückgelegt. 

Die Uebei-windung scheinbar unbedeutender Stei- 
gungen gibt dem Menschen schon zu kämpfen, und 
die thierische Muskelkraft wird dabei bald unzureichend. 
Es läßt sich dies aus folgender (p. 342) Darstellung 
verschiedener Wegneigungen genugsam erkennen. 

Der Umstand, daß geringe Steigungen schon einen 
großen Kraftaufwand erfordern, dürfte die Haupt- 
ursache sein, warum wir so sehr geneigt sind, die 
Steilheit der Oebirgsabhänge in Darstellung durch 
Bild und Wort zu übertreiben. In älteren Bildern 
findet man in der Regel die Berge steil wie Zucker- 



348 



A, TVautweäer. 






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hüte gezeichnet and weniger gewissenhaften Land- 
schafts- und Panoramenzeichnern passirt Aehnliches 
heute noch. 

Die folgende Figur gibt ein im Maßstab 1 : 200000 
im richtigen Verhäitniß der Längen zu den Höhen 
dargestelltes Längenprofil des Aufstieges auf den 
Monte Rosa von Zermatt aus. 



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Scheint es nicht nach dieser Darstellung bloß eine 
geringfügige Unebenheit der Erdoberfläche zu sein, 



Beiträge 8. Mechanik «. Physiologie d. Bergsteigens, 343 

"WBS alle Kräfte des geübten Bergsteigers zu seiner 
Ueberwindnng erfordert? Wahrlich, unser Organismos 
ist recht armselig und ohnmächtig solchen ^Uneben- 
heiten^ gegenüber! 

Die mechanische Aufgabe besteht bei jeder Er- 
steigung in der Hebung des Körpergewichtes auf eine 
gewisse Hdhe. Mechanisch bleibt diese Leistung die- 
selbe, man mag sie so oder so bewerkstelligen. Es 
gilt aber, beim Steigen möglichst wenig Arbeit auf 
die Hebung zu verwenden, resp. mit möglichst großem 
Nutzeffect zu arbeiten, und diese Aufgabe umfaßt die 
interessanteste und practisch bedeutungsvollste Seite 
unseres Gegenstandes. 

Die Mittel, welche dazu dienen, den Nutzeffect der 
a,uf das Steigen verwendeten Kräfte zu erhöhen, sind 
sehr manigfacher Art. Der Tourist kann in der Aus- 
wahl der Kleidung und Ausrüstung, in derjenigen von 
Speise und Getränk, sodann in der Wahl des Weges, 
in der Art und dem Tempo des Gehens, im Gebrauch 
des Stockes, in der Kunst des Klettems, beim Pas- 
siren von Schnee- und Eisfeldern u. s. f. , sehr ver- 
schiedene Kenntniß und Geschicklichkeit an den Tag 
legen. 

Aus der Erfahrung und durch die Beobachtung 
an Gebirgsbewohnern hat man zahlreiche Regeln über 
alle diese Dinge gewonnen, die von hohem Werthe 
sind. Unsere Kenntnisse auf diesem Gebiete können 
aber auf Grund physiologischer Untersuchungen noch 
wesentlich bereichert werden. 



»44 JL IVgütiowfer, 

PIlyslolAgisdie Wlrkvngwi des BergiMgeas. 

Dm BeTgsteigen, als eine kiSrperiiche ArMt von 
gans besonderer Natur, kai aach Beine etgenthilmlieheR 
physiologischen Wirkungen, die von denjenigen g«- 
wtfknliefaer Körperthätigkeit erkeblick abweichen. In 
den meisten FHUen repräsentirt es eine abnormale 
Anstrengung, eine ungewöhnliche Arbeitsleistung, an 
der direct fast nur die Gehwerkzeuge betheiligt sind. 
Um dem außerord^ttichen Rra(U>edarf zu genfigen^ 
müssen Herz und Lunge in gesteigerter Thfttigkeit 
verharren, wir athmen tiefer, die Blutcirculation wird 
viel lebhafter. 

Herr Dr. Buchner gibt im oben erwähnten Auf- 
sätze besonders interessante Darstellungen ttber die 
iägenthtimlichkeiten des Stoffwechsels beim Berf^- 
steigen. Die Kohlensäureausathmung nimmt außer- 
ordentlich zu, d. h. in den Lungen findet eine be- 
sonders lebhafte Verbrennung von Kohlenstoff statt. 
Der Körper bedarf, wie eine Maschine, Heizmaterial 
und setzt die dadurch erzeugte Wärme in Arbeit um. 
Das Heizmaterial, der Kohlenstoff, wird dem Biate 
und dem Fettvorrathe des Körpers entnommen. Es 
ist aber rationell, durch kohlenstoffreiche, fette Nidi- 
rung dafUr zu sorgen, daß fortwährend Vorrath an 
Brennstoff vorhanden sei. 

Die TemperaturverhäUnisse des Körpers während 
des Bergsteigens sind schon mehrfach beobachtet 
worden. Einige wollten durchaus keine Temperatar- 
änderung wahrgenommen, andere merkwttrdigerweise 
eine Wärmeabnahme beobachtet haben. Herr Prof. 
Dr. Forel hat darauf zahlreiche, sehr sorgfältige Ver- 



Beiträge z, Mechanik m. I'kysiologie d. Bergsteigens, 346 

tniche gemadit und kommt dasa, eine kleine Brhöhimg 
der Körpertemperatur nach anstrengendem Steigen zu 
oenstatiren. Es entspricht dies auch der naturgemXöen 
Wahrscheinlichkeit. 

Ans den widerstreitenden Beohachtungsresultaten 
geht auch hervor, wie vorsichtig solche Untersuchungen 
SU behandeln sind, besonders wo es sich nur um ganz 
geringe Differenzen der Beobachtnngsgrößen handelt» 
Nicht alle Körpertheile haben die gleiche Temperatur, 
es ist aber auch nicht gesagt, daß sie in demselben 
gegenseitigen Temperaturverhältniß verharren. Immer- 
hin ist es aber gewiß, daß, wenn irgend ein Körper- 
ÜMsil bei unveränderter äußerer Lufttemperatur eine 
Wärmesteigerung aufweist, diese nur aus dem Körper 
selbst stammt! kann, daß also die Tendenz zu einer 
Temperaturzunahme überhaupt vorhanden ist, während 
eine Temperatura&na/ime durch dusserliche Ursachen 
veranlaßt werden könnte. 

Der Beobachtung leichter zugänglich sind die 
Verhältnisse der Blutcirculation, sofern man die Rasch- 
heit der Pulsschläge als Maß ftir deren Intensität 
annimmt. Es bietet sieh hier in dem großen Wechsel, 
dem die Pulsfrequenz unterworfen ist, ein weites 
Beobachtnngsfeld. Während die normale Zahl der 
Herzschläge circa 72 per Minute ausmacht, wächst 
sie beim anstrengenden Steigen bisweilen erheblich 
Ober das Doppelte. Wir haben bis 170 Schläge per 
Minute beobachtet und glauben damit noch nicht die 
Grenze des Erträglichen, vielleicht aber die des Zu- 
träglichen, erreicht zu haben. 

Es ist bekannt, daß jeder Aufwand an Körper- 



346 A, TrautweUer. 

kraft sofort eine Beschleunigang der Herzschläge zur 
Folge hat. Der mit dem Kraftaufwand gesteigerte 
Stoffverforauch muß durch vermehrte Blutzufuhr wieder 
ausgeglichen werden. Dabei dürfen wir voraussetzen^ 
daß innert gewisser Grenzen unser Organismus durch 
Anpassung befiChigt sei, gerade nach Bedfirfhiß zu 
reagiren, d. h. die Blutzufuhr genau nach dem jewei> 
ligen StofFverbrauch einzurichten. Man könnte dem- 
nach in Ermangelung eines andern Maßstabes den 
Kraftaufwand nach der Zahl der Pulsschlftge beur- 
theilen. 

Wir haben, von dieser Voraussetzung ausgehend, 
auch eine Anzahl Versuche gemacht, deren Resultate 
weiter unten mitgetheilt sind. Es sei jedoch damit 
nicht gesagt, daß wir die Pulsfrequenz für das absolut 
zutreffende Maß des Kraftaufwandes erklären wollen. 
Wenn wir uns während einiger Zeit in ganz außer- 
ordentlichem Grade anstrengen, so scheint schließlich 
keine entsprechende Steigerung der Herzbewegung 
mehr möglich zu sein; es tritt dann bald eine der 
Lähmung ähnliche Infirmität der Muskeln ein, die erst 
nach einiger Zeit der Ruhe wieder verschwindet. 

Wir machten einmal den Versuch, eine 100 Meter 
hohe Anhöhe auf circa 500 Meter langem Wege in 
5 Minuten zu ersteigen, und kamen dabei zur Ueber- 
zeugung, daß eine solche Leistung jedenfalls an der 
Grenze des Möglichen liegt. Die 5 Minuten wurden 
nicht ganz gebraucht, aber gegen den Schluß des 
Laufes begannen die Kräfte rasch zu versagen, und 
es wäre kaum noch eine Bewegung über das Ziel 
hinaus möglich gewesen. 



Beiträge e. Mechanik u. Physiologie d. Bergsteigens. 347 

Nach dem Niedersetzen beim Ziele trat eine vor- 
übergehende YoUständige Lähmung der Beine ein, so 
daß ein Versuch zum Aufstehen nach 10 Minuten 
ganz erfolglos beim Willen blieb. Nach etwa 20 
Minuten war die Bewegung wieder möglich, erst 
schmerzhaft und mühsam, bald aber leichter, und nach 
«iner halben Stunde war das ganze kl5rperliche Be- 
finden wieder wie vor dem Laufe. Dennoch machten 
wir das stille Gelöbniß, nie mehr ein solches Experi- 
ment auszuführen. Bei ähnlichen Ueberanstrengungen 
hört offenbar der Puls auf, ein Maßstab des Kraft- 
aufwandes zu sein. 

Die Beobachtung lehrt jedoch, daß sonst die 
Reaction auf Muskelkraftleistungen durch schnelleren 
Puls eine sehr empfindliche ist. Nach einiger Zeit 
der Ruhe genügt eine einzige rasche und kräftige 
Bewegung, um den Puls fast plötzlich von 70 auf 
90 bis 100 Schläge pro Minute zu bringen. Wenn 
wir aber auch sofort wieder ruhen, so sinkt der 
Puls doch nur langsam auf das normale Tempo 
zurück. Der Verlauf der Pulsenergie ließe sich bei 
6inem solchen Acte graphisch ungefähr durch folgende 
Ourye darstellen. 




a be»r)ileu>il|kfrPul5. 9 rtYtö%irttr P"u\s , 



348 A, Tram^weüer. 

Solcke ruckweiae KrAftXaßeniBgen kommen beim 
Bergsteigen häufig vor, ntnientlieh beim KMIeni; 
fiodaua beim Sprunge über Spalten und beim Abwäits- 
springen über senkrechte Absitze. In letoterem Falle 
ist ein besonders energischer passiver Widerstand der 
Kttiemuskeln erforderlich, um die der Fallhöhe ent- 
sprechende lebendige Kraft zu paralysiren. Besttg- 
liehe Versuche zeigten, daß mit der Sprunghöhe aii<^ 
die jeweilige Beschleunigung des Pulses zunimmt. 
Sprünge über eine Mauer von 2,5 Meter Höhe be- 
wirkten plötzlich eine solclie von 80 auf 1 10 Schlüge 
pro Minute. 

Wenn man anhaltend gleichmäßig die Kräfte ge- 
braucht, wie beim Steigen in gleichem Tempo, so 
behält auch der Puls ein rascheres Tempo, wie ea 
eben der betreffenden Kraftleistung entspricht, gleich- 
mäßig bei. Beim gemtithlichen Spazierengehen ist 
die Steigerung der Pulsenergie nur unbedeutend, beim 
Marschiren, d. h. beim etwas forcirten Gehen, haben 
wir schon 90 bis 110, beim Bergsteigen bis 160 
Schläge pro Minute. 

Wenn wir nach längerer Anstrengung plötzlich 
ruhen, so sinkt der Puls viel langsamer (erst nach 
10 bis 15 Minuten) auf das normale Tempo zurück^ 
als nach kurzen, ruckweisen Kraftäußerungen. Dieser 
Umstand erlaubt es, den einer bestimmten Anstrengung 
entsprechenden Pulsschlag unmittelbar nach der Kraft- 
äußerung zu zählen, statt während derselben, was 
meist sehr schwierig wäre. 

Ueber die Pulsschnelligkeit beim Bergsteigen haben 
wir nun unter verschiedenen Umständen eine größere 



Beiträge 8, Meehamk u. Physiologie d, Bergsteigens, 349 

Anzabl von Versnehen angestellt, und zwar in folgender 
Weise : Es wurden Wegstrecken von 50 » bis 1 ^' 
LXnge md resp« bis 120 ^/o Neigung mehrere Mal 
in verschiedenen Tempi begangen, sowohl auf- als 
abwSrts, meist ohne Stock, zum Tbeil aber auch unter 
Verwendung eines Bergstockes, sowie mit Tragen einer 
Last Dabei wurden der Pulsschlag, die verwendete Zeit 
und die Anzahl der Schritte pro Minute beobachtet. 
Um die Resultate unter sich zu vergleichen, haben 
wir sie sodann für eine gleiche Höhe von 100 Meter 
reducirt und graphisch aufgetragen. Da die detaillirte 
Mittheilung der Beobachtungsergebnisse zu weit führen 
würde, geben wir hier einfach die graphische Dar- 
stellung wieder. 

















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JD cr/ortf crl .Zeit um bei izo 7ul*ftc>tl.)ir.>(m IQO *L al)Z«&lct|eJl. 



360 A. TrautweOer. 

Die Curven in unserer Figur stellen die Zeit dar, 
welche nöthig war, um bei gleicher Anstrengung auf 
verschieden geneigtem Wege 100 Meter auf- reap. 
abzusteigen. Als Längen (Abscissen) figuriren die 
Neigungswinkel vonO bis 90<^, denen die entsprechenden 
Gefällsprocente beigesetzt sind, als H5hen (Ordinaten) 
die bezüglichen Zeiten nach Minuten. Die verschie- 
denen Cnrven entsprechen der jeweiligen Anstrengung 
bei 90, 120 und 150 Pulsschlägen pro Minute. Die 
dicken Linien beziehen sich auf den Aufstieg; die 
dttnne Linie betrifft den Abstieg. 

Aus dem Verlaufe dieser Curven ergibt sich nun 
Folgendes : 

Bei 0^ Neigung ist ftir den Aufstieg die Zeit 
unendlich, d. h. auf horizontaler Bahn braucht es im 
mathematischen Sinne eine unendlich große Zeit, um 
100 Meter hoch zu steigen. Je steiler aber nun der 
Weg wird, desto weniger Zeit ist erforderlich, um 
jenes Ziel zu erreichen, dies jedoch nur bis zu einem 
bestimmten Grade. Sofern nämlich keine Stufen bei 
größerer Steilheit das Steigen erleichtem und wir auf 
einer gewöhnlichen Erd- oder Rasenböschung zu gehen 
haben, scheinen Neigungen von 15 bis 25 ^ am günstig- 
sten zu sein. Bei stärkeren Neigungen fangen das 
unbequemer werdende Aufsetzen des Fußes und die 
Tendenz zum Rfickwärtsgleiten ungünstig zu wirken 
an, so daß der Zeitaufwand wieder zunimmt. Bei 
circa 50 ° wird endlich das Steigen ohne Zuhülfenahme 
der Hände in den meisten Fällen unmöglich. Schon 
bei 35 ^ ist übrigens das Aufsetzen des Fußes sehr 
mühsam : Man ist genöthigt, die Fußspitzen stark nach 



Beiträge z, Mechanik u. Physiologie d. Bergsteigens, 351 

auswärts za kehren, weil die Sohle mit dem Schien- 
bein keinen spitzeren Winkel als 65 bis 60^ bilden 
kann. 

Sind jedoch Stnfen vorhanden, die ein horizontales 
Aufsetzen des Fußes gestatten nnd Sicherheit gegen 
ZurUckgleiten gewähren, so werden die Verhältnisse 
mit zunehmender Neigung noch etwas günstiger 
(punktirte Linien). Erst wenn sich die Neigung einer 
Verticalen nähert, wird der Zeitaufwand durch ver- 
schiedene störende Unbequemlichkeiten beim Gehen 
wieder größer. 

Uebrigens ergab von 45 ^ an , namentlich aber 
beim Steigen auf einer senkrechten Leiter, die Beob- 
achtung sehr schwankende Resultate. Die pnnktirten 
Linien unserer graphischen Aufzeichnung geben das 
ongefllhre Mittel aas denselben, wie es für die Beur- 
theilung der Sache genügen dürfte. 

Das graphische Tableau zeigt, daß durchschnittlich 
bei 90 Pulsschlägen die doppelte Zeit wie bei 120 
Pulsschlägen erforderlich ist, um dieselbe Höhe zu 
ersteigen. Durch die arithmetisch gleiche Steigerung 
von 120 auf 150 Pulsschläge wird die Zeit abermals 
nahezu um die Hälfte abgekürzt. Der Effect jener 
Steigerung wird aber stets geringer, je weiter man 
sie treibt, und bei 170 Schlägen pro Minute, mit 
welchen man auf dem günstigsten Gefälle die 100 
Meter in SVi bis 4 Minuten ersteigen dürfte, ist man 
an der Grenze der Leistungsfähigkeit unseres Orga- 
nismus angelangt. 

Wenn es sich nun, wie beim practischen Berg- 
steigen, um Dauerleistungen handelt; so haben diese 



352 A, TrautweiUr. 

Zahlen natürlich keine absolute Gttltigkeit, denn Bchon 
die zweiten 100 Meter werden mehr Zeit erfordern 
als die ersten, und im Durchschnitt mögen flir Er- 
steigung von 100 Meter 16 bis 18 Minuten gebraucht 
werden. 

Es sollte im Obigen überhaupt nur der relative 
£influß der verschiedenen Wegneigungen ermittelt 
werden. 

Bei den bereits besprochenen Versuchen wurde 
kein Bergstock gebraucht; der Vortheil, den ein solcher 
gewährt, ließ sich nun aber in den bezüglichen Versuchs- 
resnltaten deutlich, wenn auch wider Erwarten schwach, 
bemerken. Im Durchschnitt wurde bei gleicher An- 
strengung die zu 100 Meter Aufstieg erforderliche 
Zeit durch den Gebrauch des Bei^stockes um Kb 
verkürzt, was immerhin einen nicht unwesentlichen 
Gewinn repräsentirt. Bei länger andauerndem Steigen 
wird wahrscheinlich der Vortheil noch bedeutender. 

Deutlicher als der Nutzen des Bergstockes trat 
der Nachtheil des Tragens einer Last zu Tage. 
Unter Voraussetzung gleicher Anstrengung (bei gleicher 
Pnlsgeschwindigkeit) erforderte der Aufstieg von 10(» 
Meter beim Tragen von 23 ^^ ungefähr das 1,7 fache 
des Zeitaufwandes wie beim freien Gehen. Wenn es 
erlaubt ist, Last und Zeit proportional zu ändern, so 
würde dem entsprechend der Aufstieg auf 1000 Meter 
Höhe mit 50 ^s Belastung gleichzusetzen sein einer 
freien Ersteigung von 3700 Meter. 

Das Absteigen macht sich in der Herzthätigkeit 
weit weniger ftlhlbar als das Aufsteigen, da wir dabei 
gewissermaßen nur Bremsarbeit zu verrichten haben. 



Beiträge g, Mechanik u. Physiologie d. Bergsteigens, S5S 

Und nicht einmal die ganze, der Senkung des Körper- 
gewichtes entsprechende lebendige Kraft wird bei 
jedem Schritte bloß durch Muskelarbeit paralysirt, 
sondern es wird ein Theil auch durch den Stoss der 
Fttße auf den Erdboden ausgeglichen. 

Aus unserem graphischen Tableau ist ersichtlich, 
daß wir bei 120 Pulsschlägen per Minute und 20 ^ 
Wegneigung fHr den Abstieg bloß den fünften Theil 
der Zeit brauchen wie für den Aufstieg, und bei 35 ^ 
reicht für den Abstieg von 100 Meter gar eine Minute 
aus, während der Aufstieg die zehnfache Zeit erfordert. 

Es ließe sich jedoch keineswegs sagen, daß auch 
für die ganze körperliche Anstrengung dasselbe Ver- 
hältniß gelte, denn beim Abstieg wird die Ermüdung 
noch durch andere Momente als die Muskelarbeit be- 
dingt, wie wir oben schon angedeutet haben. 

Unsere Beobachtungen gestatten auch einige Schlüsse 
in Bezug auf die Geschwindigkeit des Steigens. Indem 
wir jeweils den gleichen Weg mit verschiedenen Ge- 
schwindigkeiten zurücklegten, ergab sich, daß die 
Gesammtzahl der Pulsschläge bei einem Aufstieg von 
100 Meter variirt von unendlich bis 650. Dabei 
wurden pro Minute 90 (auf flacher Bahn) bis nur 
40 Schritte (auf steiler Bahn) gemacht. Bei Nei- 
gungen von 20 bis 40^ und mittlerer Geschwindigkeit 
ist die Gesammtzahl der Pulsschläge für 100 Meter 
Höbe circa 1200. Bemerkens werth ist nun, daß trotz 
der Steigerung der Pulsgeschwindigkeit bei rascherem 
Gehen jene Summe der Pulsschläge geringer wird, 
weil der Zeitaufwand sich mehr als entsprechend 

verringert. Brauchen wir also beispielsweise bei 20 <> 

23 



354 A. Trauboetler. 

Neigung 21 Minuten, um 100 Meter zu steigen, so 
haben wir dabei im Ganzen 1900 PulsBchlttge; er- 
Rteigen wir aber die Höhe in nur 5 Minuten, so haben 
wir 750 PulssehlSge. Der gleichen Leistung entspricht 
im letzteren Falle eine geringere Stoifzufuhr in die 
(}liedmaßen, wenn nicht durch die Erweiterung der 
BlutgefUsse, größere Energie der Assimilation etc., der 
Nachtheil paralysirt wird. Immerhin scheint, da dieses 
letztere doch nur in einem beschränkten Grade der 
Fall sein kann, das schnellere Gehen bei der gleichen 
äußeren Leistung eine größere Erschöpfung bewirken 
XU müssen, als das langsamere. Der Stoff- und Kraft- 
vorrath der Gehwerkzeuge wird infolge geringerer 
Gesammtzufuhr mehr ausgebeutet. 

Die practische Bedeutung der vorstehenden Beob- 
achtungsresultate kann nun beim Bergsteigen in ver- 
schiedener Weise zur Geltung kommen. 

Wenn z. B. eine Reisegesellschaft sich vor der 
Aufgabe sieht, einen bestimmten Höhepunkt zu er- 
steigen, und die Möglichkeit vorhanden ist, dies auf 
verschiedenen Wegen zu thun, so machen sich in der 
Regel auch verschiedene Ansichten darüber geltend, 
welcher von diesen Wegen der bequemere sei, welcher 
den geringsten Kraftaufwand (technisch richtiger: 
Arbeitsaufwand) erfordere. Der Eine zieht den directen, 
kürzesten und steilsten Weg vor, der Andere will die 
Steigung durch Verlängern des Weges mäßigen, indem 
er im Zickzack geht, und ein Dritter möchte gar ein^i 
weiten Umweg machen, um auf ganz flachem Pfade, 
wenn auch mit größerem Zeitaufwand, an das Zi^ 
zu gelangen. 



Beiträge e, MecJumik u. Fhysioloffte d. Bergsteigens. 355 

Unter denjenigen, welche denselben Weg wählen, 
dürfte wieder Uneinigkeit herrschen ttber die Ge- 
schwindigkeit des Steigens. 

Diese verschiedenen Ansichten haben oft ihren 
Hauptgrund in der verschiedenen Natnr der Betheiligten 
and ihrer momentanen Disposition. Nicht selten jedoch 
dreht sich der Streit auch um die absolute Berechti- 
gung der einen oder anderen Ansicht, und es ist 
gewiß, daß auch für den Einzelnen die Frage existirt, 
welchen von sehr vielen Wegen mit verschiedener 
Neigung, und welche Geschwindigkeit zur Ersteigung 
einer gewissen Höhe, mit Rücksicht auf möglichst 
geringe Ermüdung, zu wählen sei. 

Mit uuQem Untersuchungen hoffen wir die Beant- 
wortung dieser Frage nahe gelegt zu haben, und es 
dürften damit auch einige neue Anhaltspunkte gegeben 
sein für die rationelle Anlage von Wegen im Gebirge. 

Abgesehen aber hievon muß es besonders für den 
Touristen erwünscht sein, die physiologische Thätig- 
keit unseres Organismus während der abnormen Arbeit 
des Bergsteigens näher kennen zu lernen. 



Ueber Gebirgsreisen mit Schülern. 

Tod 

E, Lindt (Section Bern). 



Bei Anlaß der in Bern im August 1883 abge- 
haltenen Jahresversammlung des 8. A. C. versuchte 
der Verfasser, eine kurze Skizze der Entwicklung und 
Organisation von Schulerreisen in's Gebirge zu ent- 
werfen, von der Ansicht ausgehend, daß dieser Insti- 
tution im Allgemeinen zu geringe Aufmerksamkeit 
geschenkt wird, und daß es wttnschbar sei, weitere 
Kreise, namentlich auch den Alpenclub, auf den emi- 
nenten Nutzen aufmerksam zu machen, welchen solche 
Reisen jüngeren Leuten gewähren. Es sind zwar die 
Anforderungen im öffentlichen Leben so zahlreich und 
stets anwachsend, daß neue Ansprüche an die Opfer- 
willigkeit von Behörden und von Bürgern auf berechtigte 
Bedenken stoßen werden, allein, was thut man nicht 
Alles für die heranwachsende liebe Jugend, wo sind 
da nicht zu überschreitende Schranken gezogen? 
Freunde und Förderer der Jugend sind noch überall 
in schöner Zahl zu finden, so daß auch nach dieser 
Richtung hin lebendigere Thätigkeit mit aller Zuver- 
sicht gehofft werden darf. 



üeher Oebirgsreiien mit SchiUem. 857 

Es ist nnn freilich keine ganz leichte Sache, solche 
Ausflüge zu organisiren und zn leiten, und es sind 
mancherlei Schwierigkeiten dabei zu überwinden; oft 
gelingen solche Touren in höchst befriedigender Weise, 
um wieder durch Enttäuschungen in Frage gestellt zu 
werden. So viel steht aber als unbestrittene Thatsache 
fest, daß der Nutzen die selten vorkommenden Fata- 
litäten weit überwiegt und diese Marsch- und Reise- 
übungen eine höchst werthvolle Ausgleichung bieten 
gegenüber den herrschenden, die gesunde Entwicklung 
junger Leute oft so benachtheiligenden Lebensgewohn- 
heiten in Schule und Haus. Es möge daher gestattet 
sein, diese Art der Oebirgsreisen, welche neben dem 
vortrefflichen sanitarischen Einfluß zugleich als Vor- 
bereitung für spätere Leistungen auf den Gebieten der 
Heimatkunde, der Naturwissenschaften und des 
Militärwesens gelten können,, auch im Jahrbuch zu 
besprechen. 

Als Vater gemeinschaftlicher Alpenreisen zu Zwecken 
der Belehrung wird wohl der berühmte Züricher Natur- 
forscher und Arzt Job. Jacob Scheuchzer zu betrachten 
sein, welcher im Jahre 1723 seine „Itinera älpina^ im 
Druck erscheinen ließ. Die erste Reise fiel ins Jahr 1702. 
Die neunte und wohl letzte fand 1711 statt. Auf 
diesen Alpenreisen pflegte Scheuchzer junge Leute, 
welche in seinem Hause wohnten, also wohl Studirende, 
als Begleiter mitzunehmen. Die Schweiz wurde syste- 
matisch bereist; indessen bewegte sich Scheuchzer 
meist auf gebahnten Wegen und drang nur ausnahms- 
weise in das einsamere Hochgebirge ein, wie z. B. zu den 
Quellen des Hinterrheins. Es wurden die Pässe der 



358 B. LmdU 

inneren Scbweiz und GranbündenB, also Oottiiard, 
Snrenen, Jochpaß^ Parka, SpIQgen, Maloja, Jnlier, 
Albola nnd die Gemmi begangen. Auch Grindelwald 
wnrde besucht und der Pilatus bestiegen. Als Fmcfat 
dieser Reisen ist zum großen Theii die „Nova Helvetiae 
tabula geographica'' in 4 Blättern zu betrachten, welche 
namentlich für den östlichen Theil bis an's Ende des 
XVIII. Jahrhunderts die beste Karte der Schweiz 
blieb. Neben der Förderung aller Gebiete der Natur- 
wissenschaften widmete Scheuchzer auch den groß- 
artigen Erscheinungen der Lawinen und der Gletscher 
seine Aufmerksamkeit, wie er als der erste in unserem 
Lande zahlreiche Höhen vermittelst barometrischer 
Beobachtung berechnete. 

Der eigentliche Ursprung von Alpenreisen mit 
jungem Schülern läßt sich auf den Anfang dieses 
Jahrhunderts zurück verfolgen, und es ist eine eigen- 
thümliche Wahrnehmung für unser an staatliche Be- 
vormundung gewöhntes Geschlecht, daß ein so zweck- 
mäßiges Institut sich auf dem Boden der Privat- 
thätigkeit entwickelte und erst viel später Unterstützung 
durch die Behörden fand. 

Unstreitig gebührt das große Verdienst, muster- 
gültig organisirte Schulreisen in's Leben gerufen zu 
haben, Herrn Prof. Meißner, einem gebomen Han- 
noveraner, welcher, als Hauslehrer 1796 nach Bern 
berufen, hier eine rasch aufblühende Privatschule 
gründete und später an der Academie als Professor 
der Naturgeschichte wirkte. Schon im Jahre 1801. 
erschien unter dem Titel: „Priedr. Meißner's Alpen- 
reise mit seinen Zöglingen^ ein erstes Bändchen, 



üeher Gebirgareisen mit SchÜUm. 359 

welchem 1820 — 25 eine Sammlung in 4 Bänden folgte, 
die mit großem Beifall von allen Jugendfreunden be- 
grüßt wurde und in hohem Maße zu ähnlichen Aus- 
flügen anregte. Die erste Reise wurde 1800 mit zehn 
Schülern unternommen und führte in's Lauterbrunnen-, 
Orindelwald- und Haslithal. Die Zahl der TheiK 
nehmenden an spätem Reisen wuchs bis auf 18 Knaben 
von 12 — 14 Jahren und es wurde sogar auf einer der- 
selben eine Wanderung auf dem Aaregletscher bis zum 
Abschwung gewagt. Neben sorgfältiger Vorbereitung 
legte Meißner das Hauptgewicht auf das didaktische 
ES^nent; den historischen und topographischen Er- 
läuterungen wurde volle Aufmerksamkeit geschenkt 
und die Knaben zu systematischen Beobachtungen 
und geistiger Auffassung des Gesehenen angeleitet. 

Warme Liebe zur Jugend, verbunden mit seltenem 
Talent, dieselbe zu unterrichten, befähigten den tüchtigen 
Forscher in hohem Maße, den Sammeleifer seiner Schüler 
anzuspornen und in die richtigen Bahnen zu lenken. 
Sein im Umgang mit den bekannten Berglandschafts- 
malern Lory und König künstlerisch gebildeter Sinn 
für die erhabenen Scenen der Alpennatur wußte auch 
seine jungen Freunde für die heimische Alpenwelt zu 
begeistern, deren Erforschung er selbst seine besten 
Kräfte widmete. 

Dem Vorbild dieser Meißner'schen Reisen folgte 
etwa 10 Jahre später die weltberühmte Erziehungs- 
anstalt Hofwyl, deren Gründer und Leiter Fellenberg 
mit Meißner eng befreundet war. Zur Vorübung wurden 
kleinere 2 — Stägige Ausflüge, z. B. auf den Weißen- 
stein oder ins Emmenthal, unternommen, dann folgten 



360 B. LMU. 

solche von 8 — 12, spttter sogar von 20 und mehr 
Tagen, wobei vorEugsweise das Bemer Oberland, die 
italienischen Seen, einmal mit Uebergang über den 
Theodttl, besucht wurden. Eine strapaziöse Tour führte 
um den^ontblanc, wobei die junge Schaar mit einem 
so heftigen Schneesturm auf dem Col de Fonr zu 
kämpfen hatte, daß trotz der langen Reihe inzwischen 
verflossener Jahre ein damaliger Zögling der Anstalt 
die bei diesem Uebergang durchgemachten Stri^azen 
stets noch in lebhaftester Erinnerung behalten hat. 
Diese Reise scheint auch in Bezug auf Verpflegung 
Anforderungen gestellt zu haben, welche heutzutage 
den jungen Leuten nicht sehr zusagen würden. Suppe 
des Morgens, Mittags ein einfacher Imbiß mit Brod 
und Käse, Abends wieder Suppe mit einem Fleische, 
zur Abwechslung Obst als Proviant im Sack. Unter- 
wegs ging überdieß der nervus remm aus, so daß 
die Rationen aufs knappste bemessen werden mußten. 
In der Enge bei Bern sollte eine letzte Rast gehalten 
werden, und wurden alle Säcke geleert, um die letzten 
Franken zu sammeln, und siehe da ! aus dem Tornister 
des Jüngsten rollte ein unangebrochenes Roulean 
Neuthaler, welches der arme Junge, der Vater unsera 
Freundes Fellenberg, um den Montblanc herum ge- 
tragen. Mancher Neuthaler soll in der Enge der 
Freude über diesen Fund geopfert worden sein. 

Die Zahl der Reisenden stieg bis auf 40 von ver- 
schiedenen Altem, ein Sohn des großen Pädagogen 
machte die obige Reise als Sjähriges Bttrschchen mit 
und mußte dann freilich hie und da von seinem kräftigen 
Bruder getragen werden. Leider konnten keine schrift- 



Ueber Gebirgtreuen nUt ScMlern. 86t 

liehen Berichte ttber diese interessanten Touren, welche 
regelmäßig fortgesetzt wurden, aufgefunden werden. 

Ungefähr in die gleiche Zeit fallen die ersten 
Zttricher Bchulreisen, ttber welche unser verehrte Nestor 
Herr Prof. Ulrich so freundlich war, einige Notizen 
zu geben. Auf eine bezügliche Anfrage schrieb er: 
„Ich war selbst dabei, es war dieß vor circa 70 
Jahren.^ Damals bestand in Ztlrich eine sogenannte 
Knabengesellschalt von etwa 20 — 30 Knaben. Unter 
Aufsicht von Jugendfreunden, Professoren, Geistlichen 
und Militärs wurden im Winter Spiele gemacht, zur 
Abwechslung Reisebeschreibungen vorgelesen , auch 
wohl eigens verfaßte vaterländische Schauspiele ein- 
studirt und aufgeführt; im Frtthling ilorirten die 
Kämpfli, wobei brav gepttlvert wurde. Der Sommer 
wurde zu kleineren wöchentlichen Ausflttgen in die 
Umgebung benutzt. Die Krone des Ganzen bildeten 
5— 7tägige Reisen, geleitet von einigen jener Männer, 
welche es sich nicht verdrießen ließen, Zeit und Mtthe 
ihren jungen Freunden zu opfern. Ein sehr nach- 
ahmenswerthes Beispiel freiwilliger Bethätigung an 
der Jugenderziehung, welche gegenwärtig viel zu sehr 
durch die nach allen Richtungen eingreifende staat- 
liehe Organisation verdrängt wird. Das Hauptziel 
dijsser Ausflüge war die in damaliger Zeit als Berg 
Mun i^ox/jv gepriesene Rigi, verbunden mit Streifereien 
durch die kleinen ELantone. Auf der primitiven Saum- 
straße und über die alte Teufelsbrücke wurde dem 
Gotthard ein Besuch abgestattet und sogar das Furka- 
hom bestiegen. 

Wohl darf es erlaubt sein, anzunehmen, daß solche 



362 B, Lindi. 

jugendliche Reisen in einem inneren Zasammenhang 
stehen mit der späteren aasgezeichneten montänistisch^i 
ThStigkeit unseres verehrten Nestors ^Herm Professor 
Ulrich** und auch wohl anderer hervorragender Chi- 
bisten und Alpenforscher. 

In den dreißiger Jahren bürgerte der originelle 
Töpfer die Pensionsreisen in Genf und der französischen 
Schweiz ein. Seinem lebendigen Greiste verdanken wir 
die bekannten^ reizenden Voyages en Zigzag, welche 
die in den dreißiger Jahren bis 1842 ausgeführten 
Reisen, mit unversiegbarem Humor und feiner Satyre 
gewürzt und mit launigen Illustrationen geschmückt, 
in leichtem anziehendem Conversationston beschrieben. 

Es würde sich reichlich lohnen, die köstlichen 
Reise- und Lebensregeln zusammenzustellen, vermittelst 
welcher jedes Ungemach, Hitze und Regen, Hunger 
und Durst, theurc Gasthofrechnungen und die lästige 
Bettelei diesseits und jenseits der Alpen nicht nur er- 
träglich gemacht, sondern zur Erheiterung des Marsches 
und radicalen Abwehr aller GemUthsstÖrungen um- 
gewandelt wird. Wie tröstlich lautet fllr einen halb- 
satten Magen : „Pour dessert Ton se remet en route", 
oder für einen Durchnäßten : „S'il fait beau, c'est mer- 
veille, sll pleut, c'est chose toute simple.^ Nach der 
Reiseparole: „11 est bon d'emporter outre son sac 
Provision d'entrain, de gaiet6, de courage et de bonne 
hnmeur^ lebt Töpfers Gesellschaft jeden Ti^. Das 
Bestreben, mit den Schülern zu leben und sich zu 
freuen, schimmert überall als Grundton durch. Be- 
lehrung namentlich auf historischem Gebiet, Pflege 
des künstlerisch Schönen, Spiele und anregende Con- 



Veher Gebirgsreisen mit Schulern. 363 

vereation bieten mannigfaltige Abwechslung nnd lassen 
das Vei^flgen nicht vom Barometer abhängen nach 
der weisen Regel ^qn'en voyage le plaisir n'appartient 
qn'Ä cenx qui savent le conqn^rir, point k cenx qni 
ne savent qne le payer.^ 

Die Tonren dehnen sich bis nach GranbUnden, 
Mailand und Venedig nnd bis auf 36 Tage aus, was 
freilich besonders reichliche Quellen voraussetzt. Die 
Zahl der Theilnehmer mit Herrn nnd Frau Töpfer und 
einem Famulus beträgt 20 — 30 Personen. Wie sehr 
sich Töpfer die Liebe und Dankbarkeit seiner jungen 
Freunde zu erwerben wußte, können wir den letztes 
Jahr im Echo des Alpes veröffentlichten warmen Er- 
innemngen des früheren Centralpräsidenten Freundler 
entnehmen. 

Dem Beispiel Töpfers folgten bald eine große Zahl 
Pensionate der französischen und deutsehen Schweiz, 
und zwar benutzten nicht nur Knaben-, sondern auch 
Mädehenanstalten die Ferien zu Ausflügen in die Alpen. 
Doch möchte es für letztere gerathener sein, einen 
langem Aufenthalt in der Höhe zu wählen, als dem 
für Mädchen immer etwas gewagten Risiko andauernder 
Fußtonren sich auszusetzen, welche nur mit erwach- 
senen Töchtern, deren Kräfte man zu beurtheilen im 
Stande ist, unternommen werden sollten. 

Durchdrungen von dem großen Werthe gut ge- 
leiteter Bchlilerreisen faßte Anfangs der Vierzigerjahre 
Hr. Friedr. Meyer, gew. Lehrer der Geographie und 
Naturgeschichte an der Realschule der Stadt Bern, 
den hocliherzigen Entschluß, diese Anstalt zur Erbin 
seines Vermögens im Betrag von Fr. 50,000 einzu- 



I 



364 B. iMidt 

setzen mit der Bestimmung, aus dem Ertrag Prüse 
ftir Naturgeschichte und Geographie auszutheilen und 
jedes Jahr oder alle zwei Jahre die iUteren Zöglinge 
unter AnftUirung des Lehrers der Naturgeschichte oder 
sonstiger passender Aufsicht und Leitung eine den 
vorhandenen Geldmitteln angemessene Reise machen \ 
zu lassen. Von 1842 an wurden nun regelmäßige alle 
Jahre kleinere und größere Reisen unternommen, und 
zwar bis 1880 im Ganzen 46; anfangs nur eine von 
durchschnittlich 14 Tagen, welcher einige Male eine 
technologische Abtheilung, später eine kleinere von 
6 Tagen fUr jüngere Knaben beigefügt wurde. 

Im Jahre 1861 organisirte auch die damalige 
bemische Rantonsschule das Reisewesen in größeran 
Umfang, nachdem sie sich früher auf Tumfahrten und 
technische Ausflüge beschränkt hatte. Es wurden 
8 Gruppen mit je 1, 2, 7 und 14 Tagen von den 
unteiii zu den obem Klassen fortschreitend angeordnet. 
Die Kosten wurden aus dem Mueshafen- und Schul- 
seckelfonds bestritten. Unsere Bemer Jünglinge durch- 
zogen 80 das schöne Vaterland kreuz und quer. Ueber 
Thal und Höhen, über wilde Gebirgspässe, auf herr- 
liche Aussichtspunkte und zu den lachenden Gestaden 
der itiUienischen Seen führte der Weg. Den klassischen 
Stätten der Centralschweiz wurde der Tribut jugend- 
licher Begeisterung gezollt, die Erfindungen der neuem 
Technik in den volksreichen Städten bewundert, um 
in rascher Abwechslung die erhabenen Gebirgsscenerien 
von Zermatt und Chamouniz oder des Engadins mit 
empfänglicher Seele zu genießen. Genua und Venedig 
bilden die entferntesten Zielpunkte. 



Ueher Gebirgsreisen mit Sehülem. 365 

Gegenwärtig werden an dem städtischen Gymnasium 
von Bern vier Abtheiluiigen vorgesehen, nämlich zwei 
größere Reisen von 12 Tagen für die obem Classen 
der Literar- und Realschale mit je 2 Lehrern und 
10 Schülern, und zwei kleinere von 6 Tagen ftlr die 
Classen III und IV der Literar-, Real- und Handels- 
8chi}le mit 15—18 Schülern. Von dem bewährten 
Princip ausgebend, daß die Erlaubniß zur Theilnahme 
an einer Reise durch gutes Betragen und Fleiß ver- 
dient werden müsse, bestimmt das Reglement, daß 
diejenigen Schüler ausgeschlossen sind, welche in zweien 
der vier letzten Zeugnisse die Gesammtnote im Be- 
tragen unter gut oder im Fleiß unter ziemlich gut 
haben. Die Schule gewinnt damit ein ausgezeichnetes 
Disciplinarmittel, welches in unserer oft schwächlich 
humanen Erziehungsmethode einen mächtigen Sporn zu 
gutem Verhalten und Fleiß bietet. Die Familie be- 
grüßt darin Jein vortreffliches Moment der Erholung 
von den heutzutage unabwendbaren großen geistigen 
Anforderungen an ihre Söhne. Damit die Reisen zu 
geistiger Arbeit dienen, hat jeder Theilnehmer einen 
Reisetag, welcher bei der Rückkunft durch's Loos 
bestimmt wird, zu beschreiben. Diese Berichte werden, 
oft mit Zeichnungen ausgestattet, gesammelt und bilden 
eine stattliche Reihe von Bänden, von denen einige, 
k la Töpfer von spätem Jüngern der Kunst illustrirt, 
einiges Interesse bieten. 

Es mag vielleicht hier ein Blick auf die Kosten 
solcher Ausflüge am Platze sein. In den ersten Jahren 
derHofwyler-Reisen kam der Tag oft nur auf 3 — 4 alte 
Franken zu stehen. Im Schangnau wurde einmal für 



366 B. Lindt. 

ein reichliches einfaches Nachtessen, Uebemachten und 
Frühstück 5 Batz^i per Person gefordert. Mehr wollte 
der wackere Wirth nicht annehmen. Bei der ersten 
Meyer-Reise (1842) kam die Person aufFr. 4. 41 zu. 
stehen, allein schon die folgende erheischte Fr. 6. 6ii. 
Töpfer berechnet das Mittel auf Fr. 5. 50. In den 
Sechszigerjahren wechseln die Kosten der Meyer-Reisen 
von Fr. 6 — 8.2 für Mailand und die italienischen 
Seen, 10 Jahre später von Fr. 7 — 8.75, die letzten 
von 1881 und 1882 betrugen durchschnittlich Fr. 8 und 
Fr. 9 — 10 an den italienischen Seen und in Pontresina. 
Der Oesammtcredit betrug letztes Jahr Fr. 4000 und 
wurde theils aus der Meyer-Stifkung, theils ans dem 
Schulseckelfonds bestritten. Als ein Muster seltener 
Oekonomie muß eine Tumfahrt des Realschüler-Turn- 
vereins von Basel auf den Speer und Säntls von 1882 
bezeichnet werden, welche per Person und Tag nur 
Fr. 3. 42 inclusive Eisenbahn kostete. Solche Tum- 
fahrten scheinen in Basel die Schulreisen einigermaßen 
zu ersetzen, während an andern Orten die militärischen 
Uebungen der Cadettencorps einigen Ersatz fUr die 
Keiseinstitution bieten. 

Die neuen Verkehrsmittel und ausgebildete Hotellerie 
erleichtern natürlich ungemein die Auswahl der interes- 
santesten Pläne, üben aber gleichzeitig einen fast 
unwiderstehlichen Reiz aus, das Ziel immer weiter 
auszudehnen und über dem Femen das nahe Schöne 
zu vernachlässigen. Wer will aber der Jugend zürnen, 
wenn die paradiesischen Villen des Comersees, Lugano 
oder die borromäischen Inseln ihrer Sehnsucht Ziel 
sind? Allein so bezaubernd dem Auge, so verderblioh 



lieber Oebirgsreisen mit Schülern, 367 

sind diese Gegenden der armen bescheidenen Gasse. 
Schon Töpfer schätzt den Unterschied zwischen der 
deutschen oder welschen Schweiz gegenüber Ober* 
Italien und dem Engadin auf Fr. 1. 50 per Kopf und 
Tag; heutzutage wird derselbe circa Fr. 2 und zu- 
weilen sogar noch mehi' betragen ; überdies bewilligen 
weder Dampfschiffe noch Bahnen Ermäßigung fllr 
Schulen. Daß die jungen Leute bei den an sie ge- 
stellten ungewohnten Anstrengungen gut genährt sein 
wollen, ist selbstverständlich und hiezu reichen die 
erwähnten Credite bei pracüscher Leitung vollkommen 
aus, nur muß der Grundsatz befolgt werden, in allen 
Gasthöfen zu accordiren und jederzeit besonders im 
Anfang der Reise verständig Maß zu halten. 

Als das richtige Alter zum Beginn von Gebirgstouren 
erscheint uns das 14. bis 15. Altersjahr, unter gün- 
stigen Bedingungen darf man es wohl auch mit 12 jäh- 
rigen Knaben wagen, doch ist eine gewisse Reife 
nicht nur des Körpers, sondern auch des Geistes un- 
erläßlich, wenn ein reeller Nutzen erzielt werden soll. 
Eüilte, Nässe, andauerndes Marschiren finden bei 
jüngeren Knaben noch nicht den Widerstand, welcher 
unbedingt bei Gebirgstouren vorausgesetzt werden muß, 
soll die Gesundheit nicht Schaden leiden. Ein Kind 
kümmert sich auch gewöhnlich blutwenig um die Aus- 
sicht und spielt lieber am Bach mit Steinen oder 
rennt Mäusen nach zum großen Aerger des Pädagogen, 
welcher dasselbe auf die Schönheiten der Natur auf- 
nDLCrksam zu machen bestrebt ist. Auf kleineren Aus- 
flügen, Turnfahrten, botanischen Excursionen wird daher 
vorerst der Sinn für die Natur angeregt, die Knaben 



368 K Lmdt. 

werden allniftlig an ausdauerndes Marschiren Berg auf 
und ab gewöhnt und lernen Hitze und Durst ertragen. 
Wie heiter und hoffnungsvoll raarschirt dann eine 
solche eingettbte Schaar junger Bilrschchen auf 6 hh 
8 Tage dem Gebirge zu ! unsere Saumpässe mit ihren 
herrlichen Schluchten und Wasserfällen, Gipfel wie 
Mol^son, Rigi ^uhd Pilatus, Speer sind solchen KrSften 
angemessen; es dttrfen sogar der Griespaß, die Gott- 
hardgipfel, Säntis, Torrenthorn als nicht zu beschwer- 
lich bezeichnet werden. Acht bis neun Stunden Marsch, 
richtig eingetheilt, sind keine zu starke Zumuthung. 

.Größere Proportionen gelten fllr filtere Schüler von 
16 — 18 Jahren, Gymnasianer, welche den Strapazen 
einer 14tfigigen Reise mit ausgedehnterem Programm 
vollständig gewachsen sein sollen. Ausnahmsweiso 
ist bei diesem Alter vor 10 — 1 Istttndigen Märschen nicht 
zurückzuschrecken. Die prächtigen Rundtonren um 
das Montblanc- und Monterosa- Massiv mit Gomer- 
grat, die Diavolezzatour, auch Gipfel wie Sidelhorn, 
Piz Languard, Silvrettahorn, Buet, sogar unter kundiger 
Führung kleinere Abstecher in die Gletscherwelt bilden 
Glanzpunkte solcher Ferienreisen. 

Nicht unwichtig ist die Wahl der Reisezeit. Am 
zweckmäßigsten ist wohl die erste Hälfte Juli, in wel- 
cher Periode die Haute-Saison des Fremdenverkehrs 
sich noch nicht einzustellen pflegt, die kleinen Bergwirths- 
häuser daher noch Raum zum Schlafen bieten und auch 
die Preise billiger sind als im Moment des großen 
Zudranges von Touristen. Man hat dann freilich be- 
sonders in späten Sommefn ziemlich viel Schnee in den 
Höhen zu gewärtigen, allein als Entschädigung prangen 



üeber Gebirgsreisen mit Schülern. H6^ 

die Alpeo im reichsten Bltithenschmucke und im saf- 
tigsten Grün. 

Einen höhern Standpunkt nehmen die Bergfahrten 
ein, welche von Professoren der Naturwissenschaften 
zu wissenschaftlichen Zwecken mit Stndirenden unter- 
nommen werden. Seit Langem sehen wir unsere vor- 
trefflichsten Gelehrten, Botaniker wie Geologen, an der 
Spitze lernbegieriger Schaaren ausziehen und vor keinen 
Schwierigkeiten zurttckscbrecken, wenn es gilt, die 
Pflanzendecke oder den Bau der Gebirge zu erforschen 
and zu erklären. 

Zu den genußreichsten Excursionen dieser Art gehör- 
ten diejenigen, welche unser hochverehrte, greise Bemer 
Geologe Prof. Bernhard Studer mit seinen Schülern 
auch in höhere Regionen unternahm. Tschingelgletscher, 
Snstenlimmi hatten vorher wohl nie «olohe Gesell- 
schaft gesehen; eine der lehrreichsten Touren führte 
über die Grimsel auf den klassischen Aaregletscher, 
neben dem Ewigschneeborn voi*bei und über den Gauli- 
gletscher durchs Urbachtbal hinunter. 

Es war im Juli 1854, als eine muntere Schaar unter 
fröhlichem Gesang fideler Burschenlieder und schriller 
ClarinettbegleituBg das Haslithal hinaufzog und in dem 
seither leider zerfallenen Ho^el Neuchätelois ihren 
tollen Spuk trieb. Ein glänzender Morgen bot ent- 
zückenden Einblick in die Gletschergebiete. So leicht 
der Aufstieg, so ernst wurde der Abstieg. Für 
24 Mann erwies sich das einzige Seil als zu kurz, so daß 
dasselbe nur in die Hand genommen werden konnte. 
Auf dem steilen gefronven Fimbang lagen bald Einer, 
bald Mehrere zappelnd auf dem Rücken und mußten 

24 



370 B, lAndU 

wieder auf die Beine gestellt werden. Mit Mühe und 
Noth hielten die drei Gnttanner Führer die leicht- 
sinnige Bande zusammen, doch der Anblick des am 
Fuße des Fimfeldes klaffenden Bergschrundes stimmte 
auch den Mnthigsten ernster und vorsichtiger. Rasch 
hatte^in^ Führer in einer Biegung des Schmndes vor 
einer Schneebrücke Stellung genommen und ßißte einen 
nach dem andern, so wie sie am Seil die steile und glatte 
Fimwand hinabgelassen wurden, in seinen Armen auf. 
Von da hieß es nun ohne Seil die Brücke überschreiten 
und am jenseitigen steilen Hang vorrücken. Der dritte 
brach mitten auf der Brücke ein ; rasch warf er sich 
der Länge nach auf den Schnee und wie der Blitz 
war der wackere Weißenfluh an seiner Seite, ein Ruck 
und glücklieh stand der Gefährdete auf sicherm Rand. 
Nach ihm passirte die ganze Gesellschaft die geflihr- 
liehe Stelle und mit Entsetzen gewahrten die Kame- 
raden, da der gefrome Firn ein rasches Vorgehen 
nicht gestattete, wie drei Mann gleichzeitig auf der 
durchlöcherten Brücke standen. Doch lief Alles glück- 
lich ab und ohne weitere Gefährde wurde spät Abendt^ 
in Hof das Quartier bezogen, Jeder erfüllt von Be* 
wunderung über die Großartigkeit des Hochgebirges 
und bereichert an mannigfaltigen Kenntnissen über das 
Walten der Naturkräfte. 

In etwas abweichender Gestaltung entwickelten 
sich die Sectionsausflttge des S. A. C, welche in hohem 
Grade geeignet sind, Neulinge in die Gietscherwelt 
einzuführen und namentlich jungem Mitgliedern, welche 
vielleicht den Entschluß zu solchen Touren von sich 
ans nie gefaßt hätten, dieselben zu ermöglichen und 



Ueher OebirgareUen mit Schülern. 371 

ibnen deren Hochgenuß zu bieten. Schon manche 
Seelion führte so gemeinBam schöne Besteigungen und 
Oletscherttbergänge aus; wie Sie aber aus obigem 
Beispiel ersehen haben, kann dabei nicht genug Vor- 
sicht und stramme Leitung auf Firn und Oletscher 
empfohlen werden. Rutschparthien, wie sie letztes 
Jahr am Balmhom vorfielen, könnten großes Unheil 
anstiften, und gerade auf diesen Ausflflgen sollten unter 
Anleitung erfahrener Gänger alle Regeln vorsichtiger 
Oletseherwanderung zur Anwendung kommen. Zahl- 
reiche Gesellschaft ist hiebei unbedingt zu vermeiden 
oder muß durch Abtheilung in selbständige Gruppen 
von 6 — 8 Mann gesichert werden. 

Die in allen Culturländem erwachte und immer 
mehr sich ausbreitende Wanderlust führte natürlich 
auch in andern Staaten zu Versuchen, die Jugend 
solchen Genusses theilhaftig werden zu lassen. Mit 
großer Energie nahm sich der französische Alpenclub 
auf Anregung des für diese Idee begeisterten, leider 
zu früh verstorbenen Herrn Talbert, Vicepräsidenten 
des C. A. F., der Organisation von Schüierkarawanen 
an, deren mehrere unsere Berge bereist haben. 

In unsem schweizerischen Verhältnissen blieb die 
Thätigkeit des S. A. C. für Schulreisen mehr im 
Hintergrund, und wenn auch viele seiner Mitglieder 
in eint und anderer Stellung direct und indirect bei 
solchen thätig sind, so noag es immerhin am Platze 
sein, die Aufmerksamkeit der Mitglieder des S. A. C. 
auf diese Institution hinzulenken und sie einzuladen, 
68 möchte Jeder in seinem Kreise mitwirken, daß die 
Jugend nicht in engen Schulstuben oder hinter dem 



372 B. Lindt 

Biertisch yerkttminere, sondern daß sie aussiebe in's 
Freie, in die Höhe, und Geist und Körper erquicke 
und stärke in reiner freier Bergesluft. 

Wie viele Schulen entbehren nicht dieser vortreff- 
lichen Einrichtung! Bald fehlt es an richtiger Einsicht 
oder an passenden Persönlichkeiten, bald am nervus 
rerum, der bei gutem Willen und Rührigkeit erhältlich 
wäre. Nicht durch Reglemente, wohl aber durch frei- 
willige persönliche Initiative steht den Mitgliedern des 
S. A. C. in dieser Richtung ein großes und dankbares 
Feld ergiebiger Thätigkeit offen. Sehen Sie sich ein- 
mal die Rückkehr einer solchen Olasse an ! die Freude 
spiegelt sich auf allen Mienen und das Bewußtsein, 
etwas Tüchtiges geleistet zu haben, findet in dem ge- 
bräunten Antlitz frohlockenden Ausdruck ; welche Wohl- 
that ist es nicht für Jünglinge, die in Folge häuslicher 
Verhältnisse nicht über die nächste Umgebung sich 
entfernen können, ohne Sorgen in die Weite zu schwei- 
fen und zahlreiche Bilder herrlicher Erinnerung mit 
heim zu tragen, ausgerüstet mit erneuter Lebenskraft 
und Lebensmuth. 

Soll der Jugend eine solche Wohlthat bereitet 
werden, so muß vor Allem für tüchtige zuverlässige 
Führung gesorgt sein, Männer nach den Vorbildern 
eines Meißner, Töpfer, eines Professor Wolf, der Jahre 
lang seine Realschüler wie ein Vater leitete, auf- 
opferungsfähig und wohlwollend gegen ihre Zöglinge, 
ausgerüstet mit der nöthigen Energie und Einsicht, 
welche alle Schwierigkeiten einer Reise zu beherrschen 
weiß. Obwohl die Kunst des Reisens sowohl im All- 
gemeinen als speziell ftlr Gebirgstouren in hohem 



Ueber Oebirgsreisen mit SchiÜem. 373 

Grade ausgebildet und in unserer beweglichen Zeit 
Bozusagen (Gemeingut der Gebildeten geworden ist, 
80 besteht doch ein großer Unterschied, auf sich allein 
angewiesen zn sein oder die Fürsorge nnd Verant- 
wortung für Jüngere, Unerfahrene zn übernehmen. 
Wie Alles in der Welt gelernt sein muß, so auch 
eine solche Führung, und es ist rathsam, die Erfah- 
rungen Anderer zu Nutze zu ziehen und aus denselben 
die richtigen Verhaltungsmaßregeln abzuleiten, damit 
Fehler und Mißerfolge vermieden und ein möglichst 
großer Gewinn aus solchen Fahrten ftir die anvertraute 
Jugend gezogen werde. 

Bei zufäUligen Begegnungen mit Schulen hat man 
hie und da Gelegenheit, zu beobachten, wie mangel- 
haft die Ausrüstung, wie leichtsinnig die Führung 
beschaffen ist. So gerieth z. B. vor Jahren eine 
Karawane von circa 30 Schülern beim Uebergang 
über die Morgeten, zwischen Ganterisch und Nünenen, 
im Regen und Nebel auf einen Fluhsatz und wurde 
aus ihrer Verlegenheit nach langem kaltem Warten 
endlich durch einen auf den angestimmten Chorus 
aufmerksam gewordenen Hirten befreit. Aber auch 
ernstere Ungehörigkeiten, sogar einige Unglücksfälle 
beweisen, daß es durchaus geboten ist, den Schul- 
reisen in's Gkbirg große Aufmerksamkeit und Sorgfalt 
zu schenken, sowohl betreifend Leitung als Aus- 
i'fistang. 

Mangelhafte Führung, übertriebene Anforderungen 
an noch zu schwache Kräfte, schlechte Verpflegung 
und liederliche Disciplin können leicht von den ver- 
derblichsten Folgen begleitet sein und kann der zu 



374 E, Lmdt 

erzielende Nutzen, sobald Uebermtidiuig, Angst nnd 
Hunger die annen Buben mißmuthig und elend gemacht 
haben, oder die Bande der Zucht und Ordnung ge- 
lockert sind, wahrlich nicht hoch angeschlagen werden ; 
während eine wohlgeleitete Reise eine reiche Flllle 
des schönsten Genusses und mannigfacher Belehrung 
verheißt. 

Wie ein guter Truppenftihrer wird der Chef der 
Reisegesellschaft nach einem genau ausgearbeiteten 
Plan operiren, von dem nur aus zwingenden Grrtinden 
abgewichen werden sollte; die Eintheilung der Tages- 
märsche, die Wahl der Wirthshäuser dürfen nicht dem 
Zufall ttberlassen bleiben. Als Quartiermeister dienen 
Postkarten und Telegramme, ein College oder ein 
fähiger Schüler bilden den Stab und übernehmen einen 
Theil der Aufgabe. 

Da, wo die öconomischen Verhältnisse es gestatten, 
empfiehlt es sich, einen erprobten Mann als Führer und 
Träger mitzunehmen, welcher die Lehrer in vielen 
Beziehungen unterstützen und erleichtem kann. 80 
begleitete Peter Sulzer die Realschüler auf 25 Reisen ; 
sein Morgenruf: „üef! Uef!** wurde sprichwörtlich, 
sein scharfer Blick wußte auch in fremder Gegend 
den richtigen Weg zu finden,' die starken Schultern 
erleichterten manchen müden Wanderer. Abends sorgte 
Peter für das Trocknen nasser Kleider und Einfetten 
der Schuhe, vor dem Abmarsch besichtigte er rasch die 
Zimmer und half ungeschickten Nachzüglern; immer 
dienstfertig und ausdauernd, erwarb er sich das Ver- 
trauen und die Anhänglichkeit von Lehrern und Schülern. 

Auf dem Marsche kann es sich natürlich nicht, 



üeher Gehirgareisen mit SehÜlem, 375 

wie es öfter geschieht, nur um ein mechanisches 
Ablaufen von Meilensteinen handeln, so wenig als 
ein nur auf Essen, Trinken und Schlafen gerichtetes 
Sinnen der Schiller geduldet werden könnte; es ist 
▼idmehr dem geistigen Leben, der Anregung frischer, 
froher Oemüthsstimmung , die größtmöglichste Rück- 
sicht zu schenken durch anziehende ungezwungene 
Belehrung und Hinweisung auf alles Sehenswerthe in 
geschichtlicher und naturhistorischer Beziehung. Geist 
und Gemüth sollen aus den engen Grenzen des Schul- 
zimmers herausgerissen werden und sich frei und 
elastisch ausdehnen, um die Natur und das Leben in 
weiterem Umfang erfassen und beurtheilen zu lernen. 
Wie von selbst erschließen sich auf dem Marsche, auf 
freundlichen Ruhepunkten oder bei geselligem Abend- 
sitz die jugendlichen Seelen, trauliche Kameradschaft, 
edle Gesittung durchweben und heben das freund- 
schaftliche Zusammenleben. In solchen Momenten 
ertönen unwillkürlich in flottem Chore vaterländische 
Lieder, mit dem Gesang erwacht auch der jugendliche 
Humor und beide vereint verbannen alle Versuchungen 
zu Ausschreitungen. 

Neben der intellectuellen Leitung verlangt aber 
auch die materielle Ausrüstung, die körperliche Pflege 
und eine zweckmäßige Tagesordnung sorgfUltige Berück- 
sichtigung; je geregelter und rationeller diese gehand- 
habt werden, desto sicherer und befriedigender der 
Erfolg einer Reise. 

Die Schüler sind daher zu rechter Zeit anzuweisen, 
für passende Kleidung zu sorgen. Einer der wich- 
tigsten Artikel ist starkes Schuhwerk aus Rindsleder 



376 jß. Lindt 

oder Jachten; die Sohle kunstgerecht, Aber nicht zu 
massiv, mit einer Reihe von NSgeln beschlagen; die 
Behübe, am besten Schnfirschahe, dürfen nur niedrige 
breite Absätze haben und sollten einige Zeit vor der 
Reise angetragen werden. Die fatalen hohen Absitze 
oder Elastiques taugen gar nichts. Das Leder der 
Schuhe daif nur knapp über den Knöchel fainauireichen. 
Dazu kommen wollene Strümpfe oder Sockeii^ welche 
am besten vor den Jung und Alt demoralisirendeti 
Blasen bewahren. Sehr gute Dienste gegen Nässe und 
Kälte und zur Sicherung des Ftißes flberhaupt leisten 
wollene Gamaschen, an welche die Füßriemen von 
starkem Leder am besten angeknüpft, nicht angenäht 
werden und daher leicht durch Reserveriemen ersetzt 
werden können. 

Flanellhemden auf dem Marsch haben sich so 
allgemein bewährt, daß dieselben keiner w^eitereu 
Empfehlung bedürfen; Rock und Hose werden am 
zweckmäßigsten aus leichtem wollenem Sommertach 
gewählt, dazu kommt ein Ueberzieher aus impermeabeln 
Stoff, wie solche jetzt von sehr geringem Gewicht bei 
gemeinsamer Anschaffung zu Fr. 14 erhältlich sind. 
Die Ausrüstung vervollständigen ein Binsenhut, den 
man um's Kinn anbinden kann, Bergstock und Feld- 
flasche, sammt Tornister. In diesen packe man ja 
nicht eine ganze Haushaltung; ein zweites FlanelUiemd, 
für heiße Gegenden ein baumwollenes, 1 Paar Strümpfe, 
2 Nastücher, 1 Paar leichte lederae Schuhe und 
höchstens noch 1 Paar Hosen genügen vollständig, und 
zwar um so eher, als man rechtzeitig mit Leichtigkeit 
frische Wäsche per poste restante an passendem Orte 



Ueher Gebirgsreisen mit Schitiem. 877 

bereit halten und die getragene nach Hause spediren 
kann. Etwas NXhseng mit Knöpfen, einige Korrespon- 
denzkarten sammt Notiz- oder Zeichntingsheit nicht 
RU vergessen. Das Gewicht des gepackten Tomistetd 
sollte 8 — 10 PAind nicht llbersteigen , nach wenig 
Tagen trägt sieh diese kleine Last ohne weitere Be«* 
sehwerde. Karten, Liederbuch, SeparatbKndchen von 
Tschndi'B Schweizerführer werden gleichmäßig ver- 
theilt. Für Pflanzensammler sind zwei Pappdeckel 
nebst Fließpapier, welche einfach mit Lederriemen 
oder Bindfaden zugeschnürt werden, ganz ausreichend. 
Der Insectensammler wird seine Blechbttchse ein- 
stecken; der Mineraloge thut gut, etwa gesammelte 
Schätze der nächsten Poststation zu ttbergeben. 

Zur Erhaltung des allgemeinen Wohles di^e etwas 
Laudannm, anisirter Salmiakgeist, Heftpflaster und 
Taflt, Brausepulver, Fußsalbe und Charpie. Einige 
Tage vor dem Ausmarsch ist eine Inspection über 
die gesammte Ausrüstung vorzunehmen und die nöthigen 
Anweisungen zu geben. 

In hohem Maße fördernd ist die richtige Ein- 
theilting der Marschzeit. Aufbruch so früh als mög- 
lich, wo es angeht, nüchtern, damit die köstlichen 
Morgenstunden nicht durch langes Warten auf das 
Frühstück, wie dieß sehr oft vorkommt, verloren 
gehen. Nach 2 Stunden Marsch schmeckt das Früh- 
stück doppelt gut, Brod, Milch und Kaffee verschwinden 
wie durch Zauber und verleihen die rechte Courage 
zur Hauptarbeit des Tages, bis nach 3 Stunden auf 
hoher Alp oder im Schatten des Waldes eine längere 
Ruhepause gemacht und dem Proviant oder einem 



878 IL Lindt 

einfachen Imbiß in einem Wirthshanse zugesprochen 
wird. Hiebei vermeide man plötzlichen kalten Tnmk 
in den erhitzten Körper, der leicht zu Uebelkeiten und 
Ohnmächten VeranlasBung gibt. Suppe ader Wein 
mit heißem Znckerwasser, auch ein Kaffee, vermitteln 
besser und unschädlich die Temperaturausgleichung. 
Wenn die drückende Mittagshitze vorttber, folgt der 
beschwerlichste Theil. Anfangs lustig, verftllt die 
Truppe in den heißen Nachmittagsstunden allmllig 
einem trägeren Tempo; matter schleppen sich die 
Bursche dahin. Ein ktthlendes Fußbad im rieselnden 
Bach, ein kurzes Schläfchen auf weichem Rasen oder 
auch eine ersehnte Einkehr zu einem Glase Wein 
befähigen, in neuem Anlauf dem Nachtquartier früh- 
zeitig zuzusteuern, wo ein solides Nachtessen einge- 
nommen und bald die Ruhe gesucht wird. 

Zur Gewinnung von Zeit und Schonung der Füße 
auf heißen , staubigen Landstraßen wird auch wohl 
eingespannt und in willkommener Abwechslung eine 
lustige Fahrt eingeschoben. Nach beschwerlichen 
Marschtagen lasse man leichtere Tage folgen mit 
Dampfschiff, Eisenbahn oder Besichtigung der Sehens- 
würdigkeiten einer Stadt. Hiebei wie auf dem Marsche 
selbst ist streng darauf zu achten, daß die Gesell- 
schaft zusammenbleibe ; eigenmächtiges Gebahren oder 
Zurückbleiben Einzelner darf in keiner Weise geduldet 
werden. Die wirksame Strafe gegen Ungehorsam, 
Rücksendung nach Hause per Post, braucht wohl nur 
höchst selten angewendet zu werden. Eher kann es 
vorkommen, daß ein Knabe zu schwach sich ausweist 
und die Rückreise antreten muß; in zweifelhaften 



Ueber Gebirgsreisen mit Schulenu 379 

FiÜlen sollte daher ärztlicher Rath entscheiden, ob 
die Reise gewagt werden kann. Mit Herzaffeetionen 
Behaftete dürfen den Anstrengungen einer solchen 
Fußtour nicht aasgesetzt werden. 

Für die glücklichen Reisegenossen ist die gebotene 
Erholung eine wahre Schule des Lebens. Manch schflch- 
temer oder yerhätschelter Knabe rafft sich bei solchem 
Anlaß auf und macht einen unei-wartet mächtigen 
Sehlitt zu männlicher Energie und Selbstvertrauen. 
Andere lernen sich in's Unabänderliche schicken oder 
sehen sich veranlaßt, kindliche Unbeholfenheiten abzu- 
legen, wozu sie früher nie Gelegenheit hatten. Mit 
zwingender Nothwendigkeit müssen sich die Jünglinge 
an Ausdauer gewöhnen, Bequemlichkeit, Trägheit und 
Schwächenanwandlung mit festem Willen überwinden. 
Nichts härtet den Körper so gegen Nässe, Kälte imd 
Hitze ab und stählt die Muskeln, wie solche Märsche 
Berg auf und ab. Mancher lernt Verträglichkeit gegen 
seine Kameraden oder es zähmt die herrschende freund- 
liehe Geselligkeit Andere zu gesitteterem Benehmen. 
Werden die nöthigen Vorsichtsmaßregeln beobachtet 
und die richtige kameradschaftliche Stimmung von 
Anfang zur Geltung gebracht, so hängt das Gelingen 
einer Reise fast nur noch von einem lächelnden Himmel 
ab, der freilich oft genug verdrießliche Miene macht; 
indessen folgte noch immer auf Regen Sonnenschein. 
Wohl geleitet, gereichen derartige Ausflüge nicht 
nur den Schülern, sondern auch den Lehrern oder 
Jugendfreunden selbst zu hohem Genuß und Befriedi- 
gung. Der warme Dank ihrer jungen Freunde ist 
ihnen gewiß und das Bewußtsein, denselben frohe. 



880 B. Lindt Ueber OMrgireiseH mit Schülern. 

lehrreiche Tage verschafft zu haben, entschädigt reich- 
lieh ftir viele Mühen und 8orgen, abgesehen von dem 
pSdagogischen Vortheil tiefem Einblicks in die Charme- 
tere der Zöglinge und der eigenen Ausbildung, welche 
namentlich fUr Lehrer der Geographie, Geschichte und 
Natnrlehre nicht gering anzuschlagen ist und auch 
dem Unterricht in nicht zu unterschätzender Weise 
zu gute kommt. 

Wie ärmlich und vielfach irrthflmlich waren zur 
Zeit der beginnenden Schttlerreisen die Kenntnisse des 
Gebirges, welche Riesenschritte sind bis heute auf 
diesen Gebieten gethan worden! Eine Jugend, ein- 
geweiht in den gegenwärtigen Stand der Erkenntniß» 
kann hiebei nicht stehen bleiben, sondern auch sie 
fühlt den Drang nach eigener Thätigkeit, eigenem 
Forschen, auch sie will und soll an der Erweiterung 
und Fortbildung der Heimatkunde, der Naturwissen- 
schaften kräftigen Antheil nehmen. 

Sie in diesem Bestreben zu leiten und zu fiSrdem, 
ihnen zuverlässige Rathgeber und Freunde zur Ver- 
fUgung zu stellen, Geist und Körper der heran- 
wachsenden Jugend in unserer Epoche allgemeiner 
Verweichlichung zu kräftigen, ist eine schöne und 
lohnende, mehrfach bethätigte, aber noch bedeutender 
Entwicklung fähige Aufgabe von Jugendfreunden, und 
auch für den S. A. C. wird sich die Anhandnahme 
und Förderung derselben zu einer reichen Quelle ge- 
deihlichen Wirkens gestalten. 



Die Römerstrassen in den Alpen. 

Von 
Dr. H. Bubi (Section Bern). 



L TkeiL 8eealpeB und CotttBohe Alpeu. 

In zwei frttbern Arbeiten (Jahrbnch des S. A. 0. 
XVI, 463 ff. und XVII, 377 ff.) habe ich den Versuch 
gemacht, zusammenzostellen, was wir von den Alpen 
in antiker, besonders römischer Zeit aus Schriftstel- 
lern, Inschriften und Denkmälern erfahren können; 
dabei wurden aber die Wege nicht besonders bezeich 
net, auf welchen einheimische und römische Oultur 
in Krieg und Frieden bei den alpinen Völkern sich 
bewegte. Und doch verdienen diese uralten Pässe 
eine eingehende Behandlung in hohem Maße. Denn 
unTerwüstiich, wie Alles, was von diesem eisernen 
Volke stammt, sind die Straßenzttge, welche die Römer 
in die steinerne Gestalt der Berge geschnitten haben, 
und selbst der Ingenieur unserer technisch fortge- 
schrittenen Zeit bewundert die geniale Sicherheit, mit 
der sie die Schwierigkeiten der Natur in der zweck- 
mäßigsten Weise Überwanden. Sagt doch Herr Bavier 
in seinem trefflichen Werke Über die Straßen der 



882 H. Dö&i. 

Schweiz ^) aasdrttcklich , daß im Straßenwesen der 
Alpen nach den Römerzeiten nichts von Bedentiuig ge- 
leistet worden sei bis in's 19. Jahrhundert Es ist 
natürlich, daß auch die Römer diese Uebei^änge nicht 
eigentlich erfunden haben, sondern daß dieselben 
lange vor ihnen von Eingebomen begangen und von 
Handelsleuten benutzt waren, ja daß Einzelne der- 
selben großen Völkerwanderungen als Pforten gedient 
hatten. Es ist dies ausdrücklich bezeugt von der 
Straße längs der ligurischen Küste durch die Seealpen, 
vom Mont Gen^vre, dem Großen und Kleinen St. Bern- 
hard, dem Brenner und den Pässen der Ostalpen, und 
ist sehr wahrscheinlich auch für die übrigen, die wir 
im Verlauf dieser Untersuchung kennen lernen werden. 
Herr Bavier behauptet, ich weiß nicht, mit welcher 
Autorität, Splttgen, Julier, Bernhardin und Septimer 
seien schon mehrere Jahrhunderte vor Christo ge- 
braucht worden; aber diese Straßen waren damals 
nur schlechte Saumpfade, dem Terrain folgend, ohne 
Kunstbauten oder erheblichen Aufwand, von unge- 
nügender Breite und mangelndem Schutz gegen die 
Abgründe, auch Steinschlag und Lawinenzügen ausge- 
setzt. So sind manche in den Bergen noch bekannt ; 
das Volk nennt sie „Hochgesträß oder Eselagassen'^. 
An ihre Stelle traten die Kunstbauten der Römer, 
nach bestimmter Methode von den Legionen unter 
Beihülfe der Provinzialen gebaut und auf Kosten der 
letztern von den Kaisem unterhalten. Aber nach der 
Römerherrschaft verfielen sie wieder und der alte 



>) Zürich 1878. 



Die Bömeratraasen in den Alpen. '883 

Saumpfad trat da wieder ein, wo einst römische Heer- 
sSnlen und regelmäßiger Postennmlauf gewesen. 

Nach dieser allgemeinen Einleitung wenden wir 
nns zar Betrachtang der besonderen Wege in den Alpen 
und schicken hier eine Erörterung der Quellen voraus^ 
denen wir unsere Kenntniß dieser Wege verdanken. 
Nach der Vermessung des römischen Reiches unter 
AngnstuB hatte Agrippa, der Leiter dieses Werkes, 
dasResultat der Arbeiten in einem Commentar ^\ Kosmo- 
graphie genannt, zusanmiengestellt, von dem wir spär- 
liche Trümmer bei Plinius und Strabo besitzen. Auch 
eine Weltkarte wurde nach seinen Oommentarien an- 
gefertigt und zu Rom auf einer Wand der nach Agrippa's 
Schwester benannten Porticus Pollae auf dem Mars- 
feld angebracht. Copien davon existirten wohl in 
allen großem Städten; eine ist zu Autun noch im 
3. Jahrhundert bezeugt.^) Verkleinerte dienten wohl 
als Handexemplare für Offiziere und Verwaltungs- 
beamte. Ein solches ist uns in der Nachzeichnung 
eines Golmarermönchs von 1264 erhalten und bekannt 
als Peutinger'sche Tafel, jetzt in der Wiener Hof- 
bibliothek, wohin sie der Prinz Eugen schenkte. ^) Sie 
besteht aus 11 Pergamentblättem, zusammen ^/s Meter 
breit und 6'/« Meter lang, so daß sie ,, weder über die 
relative Lage der Orte, noch über die Arealausdehnung 
Auskunft gibt, sondern nur die Details der Ortsdistanzen 
mittelst der beigeschriebenen Ziffern in gegenseitiger 

Ausgabe von Alex. Riese in den Geograph! Latin! Mi- 
nores, FrankAirt 1878. 

*) Eumenios pro restanrandis scbolis 20. Ans dem Jahr 296. 
') Beste Ausgabe von £. Deiiiardins, Paris 1869—71. 



B.Daii. . 

Imm vn- .-k ' 8*"^eni dafl dies« 

Herr B.„»T.k """"■^H k™.» k™ .H. 

A" ito Siel" ,' , """f's-M« «der Ei^i««. 
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384 H. Dühi. 

Verkntipfung nach allen Directionen hin abznleaen ge- 
stattet.^ (Kiepert.) Man hat vermutbet, daß das alte 
Exemplar vor der 27^ 4 erfolgt«n Anfgebang der Pro- 
vinz Dacien gefertigt sei. 

Der Ausgangspunkt des ganzen römischen Straßen- 
netzes war das Miliarium aureum, eine Säule auf dem 
römischen Markte mit Tafeln von vergoldeter Bronee, 
worauf die Btationsentfernungen bezeichnet waren. 
Copien davon scheinen die Itinerarien zu sein, die 
sich aus dem Alterthum erhalten haben, Stationsver- 
zeichnisse mit Angabe der Distanzen. Ein oftizielles, 
das ganze Reich, doch in kürzerer Gestalt als die Peu- 
tinger'sche Tafel, umfassendes, Itinerarium Antonini ge- 
nannt, aber erst unter Piocletian redigiil, wenn auch seine 
Anlage bis auf Caracalla zurückgehen mag, und zwei 
private, das Reiseverzeichniß eines christlichen Pilgers 
von Bordeaux nach Jerusalem und zurück, und des- 
wegen Itinerarium Burdigalense od. HierosoljmitAnom 
genannt, vom Jahr 333 ^), und femer >ier Recensionen 
der Hauptstraße von Oades nach Rom, als Weih- 
inschriften 1852 auf silbernen GefUssen bei den Bädern 
von Viearello in Toscana gefunden. ') Sie fallen in 
frühere Zeit, als das Itinerarium Antonini, und mögen 
von dankbaren Spaniern gestiftet worden sein, welche 
in den Aquae ApoUinares Heilung erlangt hatten. 
Auch die Reisebeschreibung des Claudius Rutilius 
Namatianus, um 416 p. Chr. verfasst, gibt in poetischer 
Form eine Darstellung des Weges von Rom nach 



Ausgabe voq P»rthe.y un<l Pin der, Berlin 184ii. 
*) Kd. Garracci, linmi 1864. 



Die Bömerstrassen in den Alpen, 385 

Gallien. Diese Quellen und eine Menge von Stellen 
bei alten Sehriftstellern werden uns leiten, wenn wir 
niin daran gehen, die Römerstraßen in den Alpen ein- 
zeln zu nennen und, so ^ireit es möglich ist, zu be- 
schreiben. Zunächst wieder einige allgemeine Be- 
merkungen. 

Schon Aristoteles in der Meteorologie kennt die 
Alpen unter dem keltischen Namen der Arkynien. 
Sie sind ihm das Ende der * bekannten Welt. 
Aber auch die Römer haben in denselben nicht 
viel mehr als die Pässe, die juga gekannt. Unter 
den Hunderten ausgezeichneter, zum Theil von der 
Poebene aus überall sichtbarer Bergspitzen sind nur 
zwei mit ihrem antiken Namen überliefert : der Mons 
VesulusCMon Viso) an der Quelle des Po und der Caenia 
an der des Var. In den Centralalpen sind Adula, in 
den Ostalpen TuUiiis (Terglu), Okra und Karwanka 
Namen von Bergketten, nicht einzelnen Punkten. Ja 
der Name Alpis selbst kommt zunächst diesen Ein- 
schnitten zu und ist auf die anliegenden Hochkämme 
erst übergegangen. So bezeichnet Alpis Julia oder 
Cottia nur den Mont Gen^vre, Alpis Graja den Kleinen, 
Alpis Poenina den Großen St. Bernhard, Alpis Maritima 
eigentlich nur den Paß an der Küste, die Comiches. 
Die Namen Alpes Raeticae, Carnicae, Venetae sind von 
den anwohnenden Völkern hergenommen. Die heute 
übliche Abgrenzung nach den antiken Namen läßt sich 
im Alterthum selbst nicht nachweisen. Für unsere 
Bedürfnisse aber ist es rathsam, diese beizubehalten 
und die Uebersicht, die wir vorausschicken wollen, 
nach derselben zu gliedern. Wir zählen von West 

25 



386 H. Dübi. 

nach Ost gehend sämmtliche Pässe auf, die nach 
sicheren Spuren oder wahrscheinlicher Vennuthung 
von den Römern in den Alpen benutzt worden sind: 

a. In den Westalpen : 1) der Küstenpaß durch die 
Seealpen, eine Fortsetzung der Via Aurelia; 2) der 
Col d'Argentiöre ; 3) der Col de Gen^vre (Alpis Cottia) 
mit seinen Fortsetzungen, dem Col du Lantarel und 
dem Col de Cabre ; 4) der Mont Cenis ; 5) der Kleine 
St. Bernhard (Alpis Graja); 6) als zweifelhafte Col 
del Altareto und d'Arnas (via Domitia ?) ; die Cols de 
la Seigne und du Bonhomme (das jugum Cremonis ? . 

b. In den Centralalpen : 1) der Große St. Bernhard 
(mons Poeninus) ; 2) der Simplon ; 3) der Lukmanier ; 
4) der Bernhardin; 5) der Spltigen; 6) der Septimer 
und Julier; 7) als Fortsetzung der Konkelspaß. 

c. In den Ostalpen: 1) Reschenscheideck und Ar! - 
berg ; 2) Brenner ; 3) Pieken oder Monte Croce i, Alpit? 
Julia); 4) Pontafel-Tarvispaß; 5) Bimbaumerwald i^Okra 
oder Alpis Julia). 

Man sieht, die Zahl ist nicht imbedeutend, und 
mit Ausnahme des in unwegsame Gegenden ausmün- 
denden St. Gotthard sind alle jetzt hauptsächlich ge- 
brauchten Pässe schon vertreten. Wir gehen sie nun 
einzeln durch. 

Der Pass längs der MiUelmeerküste durch das 
Gebiet der Ligurer oder Ligyer war schon dem Po- 
lybius bekannt. ^) Im Jahre 104 v. Chr. wurde die 
Via Aurelia durch die Ririera di Levante, von der 
etrurischen Grenze bei Luna über Genua bis Savona 



Bei Strabo IV, 6, 12, pag. 209 C. 



Die BomerstrctBsen in den Alpen, 387 

and von da landeinwärts über Cemenicum (Altare?) 
und Crixia (Rochetto di Cairo) nach Acquae Statiellae 
(Acqui) gebaut; schon 148 v. Chr. die Via Postumia 
von Genua direct nördlich zum Po über Libama 
und Dertona (Tortona). Erst unter Augustus wurde 
nach Besiegung der Alpenvölker im Jahre 14 v. Chr. 
die Riviera di Ponente gangbar gemacht durch einen 
Straßenbau über Albingaunum (Albenga), Albintimilium 
( Ventimiglia), Tropaea Augusti (Turbia), Portus Herculis 
Monoeci (Monaco), Nicaea (Nizza), Über den Var nach 
Antipolis (Antibes) und weiter. Die Peutinger'sche 
Tafel und das Itinerarium des Antoninus haben eine 
Abweichung von dieser Route, indem sie den Var 
weiter oben bei Cemenelium (Cimello oder Cimiez) 
überschreiten lassen, also die Küste auf einem ziem- 
lichen Umweg vermeiden. Dies ist um so auflfallender, 
als auch die ältesten Spuren auf die Benützung des 
Weges, der als Chemin des Comiches weltberühmt 
ist, hinweisen. Ammianus Marcellinus, ein sehr später 
und schlechter Schriftsteller, der aber hier auf alte 
Quellen zurückgeht, sagt von den Wegen über die 
Westalpen (XV, 10,9): „Den ersten bahnte der the- 
banisehe Hercules, als er zur Vertilgung des Geryones, 
wie erzählt ist, und des Tauriskus langsam dahinzog, 
bei den Seealpen; und dieser gab ihnen den Namen 
der Grajischen; ebenso weihte er die Burg und den 
Hafen von Monoecus zum ewigen Angedenken seiner 
Person.'' Die Länge dieses Küsten weges von Genua 
bis Forum Julii (Frejus) beträgt nach dem Itin. Anton, 
mit dem Umweg über Dertona 289 römische Meilen 



388 H, Dübi. 

mit 18 Stationen, anf der Tabula Peuting. in directer 
Linie nur 186 Meilen mit 13 Stationen. 

2) In diesen beiden Quellen ist der antike Weg 
über den Col d' Argentiere nicht verzeichnet; daß er 
aber existirte, geht deutlich hervor aus einem bei der 
Capelle von Santa Maria Magdalena gefundenen 
römischen Inschriftenstein, wonach ein Präfeet der 
Seealpen diesen durch Alter verfallenen Weg vrieder 
herstellen ließ, und die benachbarten Bäder (von Vina- 
dio) aufbaute. M Römische Alterthtlmer sind zu beiden 
Seiten des Passes, im Thal der Stura, wie in dem 
der Ubayette und Ubaye wohl bezeugt. Da zu beiden 
Seiten Kelten wohnen, freilich unterbrochen durch den 
ligurischen Stamm der Vagienni, so mag wohl dieses 
Volk schon den Weg benutzt haben. Aber wann ist 
er in die beglaubigte Geschichte eingetreten? Diese 
Frage muß hier um so mehr erörtert werden, als 
Herr Freshüeld in einer sehr interessanten Arbeit') 
den Versuch gemacht hat, den Col d'Argentiöre als 
den Paß des Hannibal zu vindiciren. Ich kann mich 
seiner Meinung nicht anschließen und will meine Ab- 
weichung so kurz als möglich motiviren; um so eher, 
als ich einen Theil seiner Argumente unbedingt zugebe, 
nämlich den, welcher die herkömmliche Meinung be- 
kämpft, wonach Hannibal über den Kleinen St. Bern- 
hard gegangen wäre. Diese Meinung ist mit Unrecht 
zum Dogma geworden, und selbst auf die Gefahr hin, 

^) Durand! : delle antiche cittä di Pedona, Caburo etc. 
Torino 1769. 

*) The pass of Hannibal, by D. W. Freshfieid. Alpine 
Journal Vol. XI, No. 81. 



Die Bömeratrcusen in den Alpen. 389 

dem alten Wirrwarr der Ansichten zu verfallen, muß 
die trOgerische Sicherheit, als ob dieser Weg nunmehr 
bewiesen wäre, wieder zerstört werden. Daß diese 
Frage trotz alles darauf verwendeten Scharfsinnes und 
Fleißes noch nicht gelöst ist und vielleicht nie end- 
g^tig gelöst werden kann, kommt erstlich davon, daß 
der Hauptgewährsmann Polybins die irrthttmliche Vor- 
stellung hat, daß die Alpen von Massilia bis zu dem 
Winkel über dem adriatischen Meere eine gerade, 
westöstliche Linie bilden, und daß die Rhone in der 
entgegengesetzten Richtung fließe J) Daß bei einer 
solchen Topographie trotz der Alpenreise keine genaue 
Darstellung zu erwarten ist, ist klar. Wir lesen in 
den \iei'zehn Kapiteln des dritten Buches, die von 
dem Alpenttbergang handeln, nur vier geographische 
Namen: die Rhone, die Isöre, die Allobroger, deren 
8tammgebiet viel zu weit nach Osten ausgedehnt wird, 
und die Tauriner. An diese also müssen wir uns 
halten. Der Punkt, wo Hannibal das Rhonethal ver- 
ließ, ist die Mündung der Isöre, der Ort, wo er ita- 
lienischen Boden betrat, muß in der Nähe von Turin 
liegen. Mit Recht macht Freshfield, wie schon Uckert 
und Thirlwall , darauf aufmerksam, daß Polybius den 
Hannibal nicht habe quer durch die sog. Insel zwischen 
Rhone, Is^re und Alpen marschiren lassen können, von 
Vienne zum Mont du Chat, wie Wickliam und Gramer 
wollten, wenn er III, 49 die Berge im Innern der Insel 



^) Lib. n, Cap. 14. Dabei s&gt er aber doch, daß die 
Isöre, die er sich auch von Osten kommend vorstellt, mit 
der Rhone unter einem rechten Winkel zusammentreffe. 
cf. III, 47 und 49. 



890 H. Dubi. 

^unwegBam und schwer zagänglich, ja fast nnbetretbar'^ 
nennt, und III, 47 gegen diejenigen polemisirt hat, 
welche den Hannibal über unmögliches Terrain ziehen 
lassen. 

Was die Frage femer erschwert, ist der Umstand, 
daß manche Stellen bei Polybius verschiedene gramma- 
tische Erklärung zulassen. Der Streit ist also nicht 
nur ein geographischer, sondern auch ein philologischer. 
Hier kommt namentlich in Betracht Polybius m, 56, 3: 
„Endlich, nachdem er den ganzen Marsch von Carthagena 
in fünf Monaten, den Uebergang über die Alpen in 
fünfzehn Tagen vollendet hatte, stieg er muthig hinab 
in die Poebene und zu dem Volke der Insubrer.*^ 
Hieraus haben einige den Schluß gezogen, daß Hannibal 
zuerst zu diesem Volke, resp. zu Unteithanen dieses 
Volkes, den Salassern, gekommen sei, die Polybius 
wegen ihrer ünbedeutendheit nicht nenne, also über 
den Kleinen St. Bernhard. Freshfield hat die Gründe, 
die dieser Meinung entgegen stehen, gut zur Geltang 
gebracht: die Länge des Weges von der Is^re bis 
zum Mont du Chat, wenn die Abkürzung nicht zulässig 
ist (1736 Stadien gegen nur 800 des Polybius), die 
kurze Zeit des Abstieges von nur vier Tagen für eine 
Strecke von etwa 120 Kilometeiii (Kleiner St. Bernhard 
bis Ivrea), das Nichterwähnen von Schwierigkeiten 
unterhalb der Schlucht, die nur einen Tagemarsch 
von der Höhe liegt, während in Wirklichkeit der Weg 
von Aosta nach Ivrea hinaus ein fast ununterbrochenes 
D6fil^ ist, das damals sicher für ein Heer wesentliche 
Schwierigkeiten bot. Ferner macht Freshfield mit 
Recht darauf aufmerksam, daß der Schlüssel zum 



Die Bamerstrassen in den Alpen. 391 

Kleinen St. Bernhard nicht im letzten Aufstieg, sondern 
in den Schlachten bei Moutiers liege and daß der 
Rocher blanc unterhalb St. Germain ein unbedeutendes 
Ding sei, das auf dem andern Ufer leicht umgangen 
werden könne. Die Frage erhebt sich nun : Hat wirklich 
Polybius den Hannibal diesen Weg ziehen lassen und 
geht die Benutzung des Kleinen St. Bernhard aus 
jener Erwähnung der Insubrer nothwendig hervor? 
Ich glaube nein; denn erstlich, wo steht geschrieben, 
daß die Salasser damals wirklich Bundesgenossen oder 
Unterthanen der Insubrer gewesen seien, also dem 
Hannibal einen freundlichen Empfang bereitet haben 
wlirden ? Plinius ^) rechnet sie nach dem älteren Cato, 
einer guten Autorität, zu den Tauriskem. Die Tau- 
riaker oder Tanriner (bei Turin) sind nun nach Strabo ^) 
Ligurer, also werden es auch die Salasser gewesen 
sein, und dann standen sie in dem Streit zwischen 
den Insubrem und Taurinem, der zur Zeit von Hannibals 
Alpenttbergang waltete, wohl nicht zu den Insubrem, 
sondern zu ihren Volksgenossen. 

Die von Fresfield versuchte Zusammenstellung des 
Namens der Salasser mit dem der Markgrafschaft 
Saluzzo hat zunächst nur den Werth einer etymolo- 
^schen Hypothese ; jedenfalls hätte die Stelle 
Livias XXI, 38 von den Salyes Montani nicht als 
unterscheidende Bezeichnung im Oegensatz zu den 
Salassem der Ebene aufgefaßt werden sollen ; Livias 
unterscheidet mit Montani die Salasser von den Libui 



1) Natur. Hitttor. lU, 20, 134. 

') Strabo IV 6, 6. Auch Plinius III, 17, 123. 



392 H, IHM. 

Galli ; es ist also eine Herkunfts- oder Stammbesseieh- 
nungy wie auch XXI, 32, 6 ff. ; zugleich gewinnen wir 
hier eine Bestätigong, daß die Salasser keine Kelten 
waren. 

Aber ich möchte noch weiter gehen. Ich finde 
bei PliniuB III, 20, § 134 Vagienni Ligares et qoi 
Montani vocantur. Es waren also die Bewohner des 
Thaies von Aosta und des Saluzzese Stammgenossen 
gewesen. Daraus folgt nun aber zweierlei: Wenn 
Hannibal über den Kleinen St. Bernhard ging, so 
kam er nicht ohne Weiteres zu befreundeten Insubrem^ 
wie die Vertheidiger dieses Weges meinen ; und wenn 
er über den Col d'Argentiöre ging, wie Freshfield 
will, so stand er in seinem ersten Lager, bei Ouneo 
etwa, nicht auf insubrischem oder ttberhaupt gallischem^ 
sondern auf Hgurischem Boden. 

Wenn es nun ein entscheidendes Kriterium wäre, 
daß Hannibal zuerst zu den Insubrem gekommen sei, 
so würden auch diese beiden Pässe den Anforderungen 
der Polybianischeu Erzählung nicht genau entsprechen. 
Aber es ist kein Kriterium, wie ich versuchen will zu 
zeigen. Nachdem in der oben S. 390 citirten Stelle 
Polybius das allgemeine Ziel des Marsches angegeben 
— man beachte das Wort „ktthn^, das zu einem 
directen Eintreffen im Gebiet der befreundeten Insubrer 
nicht passen würde, sondern sich auf das kecke £lr- 
scheinen in Oberitalien bezieht — unterbricht er seine 
Erzählung von Cap. 56 bis 60 mit einer weitläufigen 
Erörterung über die Streitkräfte Hannibals und einem 
geographischen Excurs und knüpft dann 60, 1 folgen- 
dermaßen wieder an: ,,Die Truppenzahl, mit der 



Die B&meratrassen in den Alpen, 393 

Hannibal in Italien einbrach, haben wir bereits an- 
gegeben. Nach seinem Eintreffen schlug er unmittelbar 
am Fvss der Alpen ein Lager auf und ließ zuerst 

seine .Truppen sich erholen Hierauf, als sich 

seine Truppen bereits erholt hatten, versuchte er zu- 
nächst die Freundschaft und Bundesgenossenschaft der 
Tauriner zu gewinnen, die am Fuss der Alpen 
wohnen '); sie waren nämlich mit den Insubrem ver* 
feindet und mißtrauten den Carthagem. Als sie sich 
aber hiezu nicht bereit finden ließen, da berannte er 
ihren stärksten Platz und nahm ihn in drei Tagen. ^ 
Damach scheint es klar, daß die Tauriner quer 
vor der weiteren Marschrichtung Hannibals lagen, was 
sowohl zum Mont Genfevre als zum Col d'Argentiftre 
stimmt. Kam er aber ttber den Kleinen St. Bernhard 
nach Ivrea, so begreift man schwer, warum er sich 
zuerst rückwärts gegen die nicht bedeutenden Tau- 
riner gewendet haben sollte, während die Römer vor 
ihm bei Placentia am Po standen. Daß Polybius von 
den neueren in diesem Punkte so lange mißverstanden 
wurde % ist um so auffallender, da die andern antiken 
Schriftsteller das Richtige aus ihm herausgelesen haben. 
Livins XXI, 38, 5 sagt: ,,die Tauriner waren das erste 
gallische Volk, auf das er in Italien stieß. ^) Da alle 
Behriflsteller darin tibereinstimmen, so wundere ich 
mich, daß man zweifelt, wo er die Alpen überschritten 



*) Im griechischen Text sind die hervorgehobenen Stellen 
noch deutlicher als näher und entfernter unterschieden. 

') Doch haben schon Letronne, Rauchenstein und in 
neuerer Zeit Neumann das Richtige gesehen. 

*) Freshfield meint mit Unrecht, daß die Stelle corrupt sei. 



394 H. Dübü 

habe, und allgemein glaubt, er sei über den Poeninns 
gekommen, welcher davon seinen Namen erbalten habe, 
Coelius aber sagt, er sei über das Jugam Cremonis 
gegangen, welche beiden Pässe ihn nicht in das Gebiet 
der Tauriner, sondern durch das Alpenvolk der Salyer 
zu den gallischen Libyern geführt hätten.^ 

Auf Coelius und das Jugum Cremonis werden wir 
später zurückkommen. Hier nur soviel, daß die Kritik, 
die Livius an dieser Angabe übt, eine verständige 
genannt werden muß. Er bemerkt nämlich, daß der 
Name Poeninus nicht von den Puniern, sondern von 
einem Gotte der Veragrer komme, was die Funde auf 
dem Großen St. Bernhard bestätigt haben. Livius 
folgt in diesem Abschnitt des XXI. Buches dem Polybius, 
und wenn auch sein Ausdruck „quum inter omnes 
constet^ nicht immer wörtlich zu nehmen ist % so 
konnte er doch den Polybius, den er gerade ausschrieb, 
mit einer abweichenden Meinung nicht wohl übersehen. 
Aber auch Strabo ^) hat den Polybius so veretanden 
wie wir. Er zählt die dem Polybius bekannten Pässe 
folgendermaßen auf: „Erstens durch das Gebiet der 
Ligurer längs dem Tyrrhenischen Meere, zweitens 
durch das der Tauriner, wo Hannibal hinüberging, 
drittens durch das der Salasser und viertens durch das 
der Rhaßter.^ Könnte man den Ausdruck „wo Hannibal 
hinübergingt als wörtliches Citat aus Polybius nehmen, 
so wäre die Frage entschieden, und ich begreife nicht, 



Vergl. die Anmerkungen von \V?>linin und Luter- 
bacher zu Livius XXI, 38, 5. 

«) Lib. IV, Cap. 6, § 12, pag. 209 C. 



Die Bömerstrasßen in den Alpen. 395 

daß Kiepert ^) diese Stelle als Beweis für den Kleinen 
8t. Bernhard ansieht. Aber auch zugegeben, daß diese 
Worte nur ein Zusatz des Strabo seien, so folgt doch 
so viel daraus, daß er den Polybius so verstanden hat. 
Die Erwähnung des Taurinerpasses stammt, wie die 
der drei übrigen, aus den verlorenen Büchern des 
Polybius, und wahrscheinlich hat sie Strabo nicht zu- 
sammengesucht, sondern an einem Orte gefunden. 

Die zweite Schwierigkeit in der Behandlung der 
Hannibatfrage besteht darin, daß wir bei Livius einen 
parallelen Bericht haben, den mit dem Polybianischen 
zu vereinigen man sich bis in die neueste Zeit eine 
unglaubliche Mühe gegeben hat. An der Unmöglich- 
keit dieser Aufgabe ist nun meiner Meinung nach auch 
der geistreiche Versuch von Freshfield gescheitert. 
Ich kann zur Erhärtung dieser Ansicht dem Leser 
einiges Philologische nicht ersparen. Man hat früher 
angenommen, daß Polybius im III. und Livius im 
XXI. Buche eine gemeinsame Quelle benutzt haben, für 
welche die Kritik verschiedene Namen in Vorschlag 
gebracht hat, ohne zu einem einheitlichen Resultat zu 
kommen. 

In neuerer Zeit haben die Untersuchungen von 
WölfTlin und Luterbacher zu der Annahme geführt, 
daß Livius in seiner Darstellung des Alpenüberganges 
wesentlich dem Polybius folgt. Die Abweichungen 
kommen theils von dem Streben nach rhetorischem 
Aufputz und Deutlichkeit für den römischen Leser, 
tbeils sind sie Mißverständnisse des griechischen Textes 



Lehrbuch der alten Geographie. Berlin 1878. Pag. 372. 



896 H, Bubi. 

oder Flüchtigkeiten. Daneben hat aber Livius noch 
eine zweite, römische Quelle, den Coelius Antipater 
(schrieb um 137 v. Chr.) gebraucht, der eine ganz 
andere Vorstellung von der Richtung des carthagischen 
Marsches hatte. Diese Quelle verräth sich durch ein 
stark rhetorisches Gepräge, Ausmalen und Uebertreiben 
der Schwierigkeiten, durch Erwähnung der Namen 
Tricastiner, Vocontier, Tricorier, Druentia und Genua, 
durch die Erzählung von dem Sprengen der Felsen 
mit Feuer und Essig und durch alterthümliche Wörter. 
Nach diesen Spui*en lassen sich die Beiträge des 
Coelius ziemlich genau aus dem Livianischen Texte 
herausziehen; es sind: Cap. 31 die §§ 9 — 12, Cap. 32 
§ 7, Cap. 37 §§ 2 und 3, außerdem 31, 6 die Er- 
wähnung des Namens Brancus, 32, 5 die von Genua 
und 38, 6 die des Coelius selber. Man sieht aus dieser 
Uebersicht, daß es nur eingeflickte Stücke sind, von 
denen eines, weil von Livius am unrechten Orte ein- 
geschoben, die Lösung der ganzen Frage gestört hat 
Nachdem nämlich Livius, dem Polybius folgend, den 
Hannibal bis zur Insel begleitet und den Z^dst der 
Allobroger mit der Einmischung des Hannibal erzählt 
hat, fithrt er so fort (31, 9): „Als er nun gegen die 
Alpen zog, nahm er seinen Weg nicht geradeaus, 
sondern bog zur Linken ah in das Gebiet der Trica- 
stiner, von da marschirte er an der Grenze der 
Vocontier hin zu den Tricoriern, ohne irgendwo auf 
Schwierigkeiten zu treffen, bis er an die Druentia 
kam." Der Ausdruck nun „er bog zur Linken ab" 
hat auch die Forschung stellenweise stark linksab 
gelenkt, während das Rechte sich sofort zeigt, wenn 



Die Bömerstrassen in den Alpen, 397 

wir die Stelle des Livins mit der dazu gehörigen in 
Ammianns Marcellinns (XV, 10) verbinden. Dieser 
Schriftsteller erklärt die Entstehung des Namens Alpes 
Poeninae folgendermaßen: ^Des älteren Africanus 
Vater, P. Cornelius Scipio, führte eine mit starker 
Mannschaft beladene Flotte herüber, um den durch 
ihre Leiden und Bundestreue denkwürdigen Bewohnern 
von Sagunt, die von den Africanem durch hartnäckige 
Einschließung bedrängt waren, nach Spanien zu Hülfe 
zu kommen; aber da die Stadt durch den Sieg der 
Panier zerstört war und er dem Hannibal nicht folgen 
konnte, der drei Tage vorher die Rhone überschritten 
hatte und die Richtung nach Italien einschlug, legte 
er in rascher Fahrt eine kurze Meeresstrecke zurück 
und wartete bei Genua, einer Stadt der Ligurer, daß 
der Feind von den Bergen herabsteigen werde, damit 
er, bei günstiger Gelegenheit, dem von den schlechten 
Wegen Erschöpften eine Schlacht in der Ebene liefere. 
11. Aber für das gemeine Wohl besorgt, trug er 
seinem Bruder Cn. Scipio auf, nach Spanien zu gehen, 
um den Hasdrubal, der von dort in ähnlicher Weise 
herausbrechen wollte, zurückzuhalten. Als H. dieß 
von Ueberläufern erfuhr, marschirte er, schlau und 
entschlossen, wie er war, unter der Führung der be- 
nachbarten Tauriner durch das Land der Tricastiner 
und das Grenzgebiet der Vocontier bis zu den Bergen 
der Tricorier ; und von hier ausgehend schlug er einen 
andern bisher nie gemachten Weg ein: nachdem er 
einen ungeheuer hochragenden Felsen gangbar gemacht 
hatte, den er durch die Gewalt der Flamme erhitzte 
und durch aufgegossenen Essig sprengte, setzte er 



398 H, Dübi. 

über den durch wechselnde Strudel unsicheren Fluß 
Durance und besetzte die etruskischen ^) Gegenden.^ 

Diese Stelle hat eine auffallende Aehnlichkeit mit 
dem, was man in Livius als cölianisch erkannt hat. 
Hier wie dort der Versuch, die Schuld der RömeT 
am Fall von Sagunt zu verschleiern, das Benehmen 
des Scipio zu rechtfertigen durch die Furcht vor 
llasdrubal, das Bestreben, die Lignrer als den Römern 
wohl gesinnt zu zeigen — in der Schlacht am Teaain 
soll nach Coelius bei Livius XXI, 46, 10 ein liguriacher 
Sclave dem Scipio das Leben gerettet haben — , die 
Erwähnung der Durance mit ihren Strudeln und das 
Sprengen des Felsens. Und damit man nicht meine, 
daß eben Ammian den Livius ausgeschrieben habe, 
so machen wir darauf aufmerksam, daß nach Anomian 
Scipio den Hannibal bei Genua abwartet, während bei 
Livius das aus der Lecttire des Coelius stammende 
Wort Genua (32, 5) in einem Context steht, der nur 
zu Polybius paßt. 

Nach der Darstellung des Coelius setzte also 
Scipio voraus, daß Hannibal den KUstenweg ein- 
schlagen wolle und eilte, ihm bei Genua entgegenzu- 
treten, theilte aber seine Armee, um Spanien nicht 
entblößt zu lassen. Als Hannibal dieß erfuhr, ging 
er nicht geradeaus, d. h. die EUstenstraße, sondern 
bog links ab und marschirte durch die Gebiete der 
Tricastiner, Vocontier und Tricorier an die Durance 
und auf schwierigen Wegen in das Gebiet der Tauriner, 
die als seine Freunde erscheinen. In diesem Zusam- 



Etruscas ist wohl verdorben fUr Taariscas. 



Die Bömerstrassen in den Alpen. 399 

nienbang werden so einfache Begriffe wie ^geradeaus ^ 
und ^linksab^ in ihrem natürlichen Sinne gebraucht; 
aber man Rehe, was daraus bei den Erklärern ge- 
worden ist, welche diese Ueberlieferung mit der des 
Polybius und mit der Ankunft bei der Insel der Allo- 
broger verbinden wollten. Rauchenstein *), Neumann ^) 
und Freshiietd nehmen ,,zur Linken^ = Marsch von 
Vienne nach Grenoble, am linken Ufer der Isere, im 
Gegensatze dazu ,.geradeaus^ = durch das Thal der 
Dröme über den Col de Cabres in das der Durance. 
Der Grund des Umweges ist nicht einleuchtend. 
Weder die Nähe der Römer, noch das Terrain ent- 
schuldigt ihn. Letronne ^), der den Hannibal ebenfalls 
bis Grenoble der Is^re folgen läßt, hat für die sonder- 
bare Marschrichtung die noch sonderbarere Erklärung 
„ad laevam: par rapport k Thistorien relativement k sa 
Position en Italic, ce qui est assez ordinaire aux 
aateurs anciens.*^ Es wäre traurig, wenn die geprie- 
senen antiken Schriftsteller rechts und links nicht 
unterscheiden könnten. Der Marquis von St. Simon ^), 
der die Insel bei Lyon zwischen Rhone und Sa5ne 
»achte, läßt den Hannibal bis Vienne marschiren und 
dann wieder die Rhone hinab bis St. Paul de Tricastin 
und auf die Kunde vom Abzug der Römer linksab 
über Vaison, Nyons und Serres an die Durance. Auch 
für diesen sonderbaren Contremarsch liegt der Grund 
nur in dem Bestreben, die Polybianischen Maßangaben 



^) Programm der Aarauer Kantonsschale 1849 und 1864. 
'; Zeitalter der panischen Kriege. Breslaa. 1883. 
'; Journal des Savans, 1819. 
*) Histoire de la gnerre des Alpes, 1769. 



400 jBT. Dübi, 

mit den Livianiachen OrtsbezeicUnniigeu zu vereinigen. 
Da waren die Klteren Philologen doch geschickter in 
Beseitigung der Schwierigkeit; sie Hnderten einfach 
den Text des Livius. Lipsins las a laeva, Glai'ean 
ad dextram. Im Ernst werden freilich die Wider- 
sprüche durch diese Correctur so wenig gehoben, wie 
darch die Annahme, Scipio sei zuerst nach Genua 
gefahren, wie Livius XXI, 32, 6 angibt, und dann 
nach Pisa, wie Potybius III, 49, 4; 56, 5 und Livius 
selber XXI, 39, 3 angeben. Eine kritische Betrachtung 
muß nothwendig diese von Polybius und Livius be- 
zeugte Marschrichtung, bei welcher der Ausgangs- 
punkt die Is6remttndung ist, trennen von der aus 
Coelius stammenden, welche die drei schon genannten 
(S. 398) Stammnamen bietet. Sehen wir uns nach den 
Wohnsitzen dieser Stämme um. Die Tricastiner wohnten 
bei St. Paul-Trois-Chäteaux, das im Mittelalter Trica- 
stinum heißt. Als ihre Hauptstadt wird Augusta an- 
gegeben = Aoust an der Drome. Ihr Land ging also 
jedenfalls längs der Rhone von der Aigues bis zur 
Dröme, vielleicht bis zur Isöre. 

Als Städte der Vocontier werden angegeben Dea 
= Die an der Drdme, Lucus Augusti = Luc en Die 
und Segustero = Sisteron an der Durance. Auch die 
Vertacomacori im Thal von Vercors werden zu ihnen 
gerechnet. Die Städte der Tricorier heißen Vapin- 
cum = Gap, Alamon = Monestier Allamond an der 
Durance u. a. Aus diesen Angaben köimen wir drei 
Marschlinien construiren, eine nördliche von Freshüeld 
angenommene: Valence-Grenoble, der Is^re entlang, 
dann das Thal des Drac hinauf über den Col Bajard 



1 



Die Bömerstrawen in den Alpen. 401 

nach Gap und Embrun; eine mittlere in der Tabula 
Peuting. und im Itinerar. Bnrdigal. genannte, das Thal 
der Drome hinauf ttber den Col de Cabre in das Thal 
des Buech nach Sisteron; eine sttdliche, die von 
St. Simon aufgestellte (s. S. 399), aus dem Thal der 
Aigues in das des Buech. Hier entsteht nun die 
Achwierige Frage, welchen der drei Wege die zweite 
Quelle des Livius gemeint hat. 

Zunächst ist offenbar, daß sie den Abmarsch nach 
links unmittelbar an den Rhoneübergang geknüpft hat, 
und dann sollte man vermuthen, daß sie den Hannibal 
nicht bis an die Is^re geführt hat. Nun hat aber 
Livius (Cap. 31) den Namen Brancus für einen der 
streitenden Allobrogerfttrsten, den er nicht bei Polybius 
fand; daß er die Lage der AUobroger richtiger be- 
stimmt als Polybius, der sonst in diesem Abschnitt 
sein Gewährsmann ist, könnte der Ausdruck seiner 
eigenen besseren Kenntnisse sein. Der Zwist bei den 
Allobrogern ist aber etwas so Wesentliches bei dem 
Alpenübergang, daß wir die damit verknüpfte Orts- 
bestimmung für eine feststehende ansehen und glauben, 
daß Livius sie auch in seiner Quelle fand, zugleich 
mit dem Namen des älteren der Fürsten, Brancus. 

Wenn wir nun Alles zusammenfassen, so hätten 
wir ein anscheinend befriedigendes Resultat für Aus- 
gangs- und Endpunkt des Alpenmarsches gefunden 
und zwar das gleiche bei Polybius-Livius und Coelius- 
Livius: eine üebereinstimmung, die aus der gemein- 
samen Benutzung von Silenus, dem Geschichtschreiber 
des Hannibal, erklärt werden könnte. In diesem sicheren 

Besitz aber stört uns die sonderbare Notiz des Livius 

26 



402 H, Dübi, 

(Cap. 38), daß Coelins das Jugum Cremonis als Paß 
angebe. Daß man den L. Cincius Alimentus als Gegen- 
zeugen anraft, wie Freshfield tlmt, kann ich nicht 
billigen. Livins (C. 36) citirt diesen Römer, der eine 
Zeit lang^annibals Gefangener war, nur fttr die 
Truppenzahl, nicht flir den Weg. Dagegen bin ich 
mit Freshfield einverstanden, daß das Jugum Cremonis 
wohl nichts Anderes ist, als der sonst Alpis Qraja 
genannte Paß, der Kleine St. Benihard. Den Namen 
mit dem Cramont zusammenzustellen, und dann doch 
nicht diesen Berg, sondern den daran vorbeiflihrenden 
Col de Seigne darunter zu verstehen, wie es unter 
Anderen Vaccarone thut '), halte auch ich f)ir höchst 
bedenklich. Freshfield vermuthet Jugum Centronnm. 
An sich nicht unrichtig; denn die Centronen, oder 
richtiger Ceutronen , wohnten in der Tarantaise. 
Aber die Benutzung des Kleinen St. Bernhard paßt 
absolut nicht zu den auf das Durancethal weisenden 
Stammnamen, die wir bisher dem Coelius zugeschrieben 
haben. Es ist hier nur Zweierlei möglich: entweder 
hat Livius unrecht, das Jugum Cremonis des Coelius 
in das Gebiet der Salasser zu verlegen, oder die Be- 
rufung auf Coelius für diesen Paß ist ein Gedächtniß- 
fehler, wie sie sich auch sonst bei Livius finden. Yer* 
binden wir nun die gefundenen Punkte, Isöremtindung 
und Turin, mit einander, so haben wir wieder drei 
Möglichkeiten: Mont-Cenis, Mont-Gen^vre und Col 
d'Argentifere. Für den ersteren ist Herr Ball einge- 
treten ^) und hat gezeigt, daß die Oertlichkeit zn der 

*) Bolletino del Clab Alpino Italiano, N* 41, a» 1880. 
*) The Alpine Guide. Western Alpes, p. 55 ff 



Die Bämerstrasaen m den Alpen 403 

Beschreibung des Polybius nicht ttbel paßt. Leider 
ist dieses Argument bei allen in Frage stehenden 
Pässen schon verbraucht worden. Zu der Nomenclatur 
des Livius paßt er nicht, ftii* die Distanzen des Poly- 
bius ist er zu kurz (circa 1500 Stadien statt 2000 
von Valence bis Avigliana) und mündet in zu großer 
Nähe von Turin. Das Letzte soll nach Freshfield auch 
beim Mont Oen^vre der Fall sein. Beide Pässe treffen 
bei Snsa^ dem antiken Segusio, zusammen. Der Name 
erinnert an die keltischen Segusiani bei Lyon und an 
Segnstero (Sisteron) im Durancethal. Ueber den Mont- 
Genis wie ttber den Mont-Genevre kam also Hannibal 
zuerst zu einem gallischen Volke, bevor er mit den 
ligurischen Taurinem zusammentraf. Ich habe früher 
gezeigt, daß dies beim Col d'Argenti^re anders ist, 
aber ich lege kein sehr großes Gewicht darauf und 
könnte auch fttr den Col d'Argentiöre stimmen, wenn 
ich dem sog. Katalog des Varro die Beweiskraft zu- 
traute, die Freshfield darin findet. Wir haben oben 
(pag. 394) die Pässe des Polybius - Strabo aufgezählt, 
von diesen ist Nummer 2) wahrscheinlich der Mont 
Gen^vre, 3) der Kleine St. Bernhard und 4) der Brenner. 
Nun ezistirt noch ein späteres Verzeichniß. Servius 
citirt in seinem Commentar zur Aeneide Ges. X, V. 13, 
aus Varro folgende Pässe: 1) längs dem Meer durch 
Ligurien, 2) wo Hannibal hinüberging, 3) wo Pom- 
pejus zum spanischen Krieg gezogen ist, 4) wo Hasdru> 
bal aus Gallien nach Italien kam, 5) wo einst die 
Griechen gesessen haben, woher die Alpen die griechi- 
schen heißen. In diesem Verzeichniß stimmen 1, 2 
und 5 offenbar mit den drei ersten des Polybius-Strabo, 



404 H. Dübi. 

die zwei andern sind eingeschoben ; es fragt sichy mit 
welchem Rechte. Freshfield sieht nun eine nattirliche 
Anfzfthlung von Süd nach Nord darin und identificirt 
Kttstenstraße, Col d'Argenti^re, Mont-Gen^vre, Mont- 
Cenis und Kleinen St. Bernhard. Nach ihm ist also 
Hannibal über den Col d'Argenti^re, Pompejus fiber 
den Mont-Gen^vre, Hasdrubal über den Mont-Cenis ge- 
gangen. Das sieht nun auf den ersten Blick sehr 
bestechend aus^ hält aber doch nicht jede Probe aus. 
Sicherlich hatte M, Terentius Varro, der veterum om- 
nium doctissimus, einen hohen Ruhm fUr Gelehrsam- 
keit und Genauigkeit. Er war ein Polyhistor, und 
was sich aus Büchern zusammentragen läßt, hat er 
geleistet. Kritik aber ist nicht seine starke Seit« ge- 
wesen. Daß er als Legat des Pompejus den von ihm 
beschriebenen District passirt habe, ist eine voreilige 
Behauptung von Freshfield. Varro war Legat des 
Pompejus im Bürgerkrieg mit Gsesar, nicht im ser- 
torianischen, und auf welchem Weg er nach Spanien 
gekommen ist, wissen wir nicht. Gewöhnlich fahren 
die Römer bis Massilia und nahmen von da den Land- 
weg. Freshfield glaubt, wenn man die Pässe nicht 
in der natürlichen Reihenfolge nehme, komme man in 
Schwierigkeiten; Pompejus könne darin nicht Ober den 
Mont-Gen^vre , Hasdrubal müsse über den Großen 
St. Bernhard gegangen sein. Es existirte dann kein 
Paß vom Thal des Are in das der Dora Riparia, ob- 
schon diese Alpen die Julischen hießeui bis auf König 
Cottius. Aber eben dieser König hieß nach den In- 
schriften ^) M. Julius, regis Donni filius Cottius und 



^) Mommsen, Corpus Inscript. Latin., vol. V, N* 7381. 



Die,Eömer8tra8sen in den Alpen. 405 

der Name kommt von der Unterwerfung dieser 
Familie unter dem Dictator Csesar^ der ein Julier 
war. Hat er also den Mont-Cenis geöffnet, was 
ich bezweifle, so ist es erst in der Kaiserzeit ge- 
schehen. Eine weit größere Schwierigkeit finde ich 
in der Annahme, daß Uasdrnbal einen andern Weg 
als sein Bruder gegangen sei. Aus Livius XXVII, 39 
muß man schließen, daß er am gleichen Ort wie 
ilannibal über die Alpen gekommen sei, und die Furcht 
der Römer vor dem Anschluß der Ligurier an ihn 
ist um so glaublicher , wenn dieser Weg ihn in 
lignrisches Gebiet brachte. Auch die andern Schrift- 
steller ^) wissen nichts von einer Aenderung der Route, 
sie bezeugen nur, daß Hasdrubal leichter und schneller 
über die Alpen gekommen sei. Die fünf Pässe des 
Varro sind also schon um einen reduzirt. Die gleiche 
Methode ist aber auf den Weg des Pompejus nicht 
ohne Weitered anwendbar. In seinem Bericht an den 
Senat sagte Pompejus (Sallust. fragm. bist. III, 1) 
„er habe durch die Alpen einen andern Weg als 
Hannibal und einen bequemem eröffnet^ ; und Appian 
(Bürgerkrieg I, 109) bezeichnet diesen neuen Weg als 
bei den Quellen der Rhone und des Po gelegen, welche 
nicht weit von einander in den Alpen entspringen. 
Die mittlere Distanz zwischen Rhone- und Poquelle 
würde etwa auf den Großen St. Bernhard fallen, und 
in der That hat Gioffredo den Großen oder Kleinen 
St. Bernhard als den Weg des Pompejus angesehen. 



^) Polyb. XI, 1. Appian Annibal. 62. Silins Italic XV, 506 
Eatrop. m, 10. 



406 H. Bubi, 

Bergier nahm den Mont-Cenis und de BroBses gmr 
den Gotthard an, offenbar weil dieser Weg der be- 
quemste und kürzeste ist, um nach Spanien zu ge- 
langen! Die Notiz des Appian gibt nur dann einen 
Sinn, wenn wir mit Mommsen annehmen^ daß zwei 
Zuflüsse der Rhone und des Po gemeint seien, Durance 
und Dora Riparia. Zwischen diesen liegt der Mont- 
Genövre und in der That haben die meisten diesen 
Paß als den Weg des Pompejus angesehen, von der 
Voraussetzung ausgehend, daß Hannibal über d^i 
ELleinen St. Bernhard gegangen sei. Aber in der Zeit 
des Pompejus galt, wie wir aus Varro, Livius und 
Strabo entnehmen können, der Poeninus oder der 
Taurinerpaß als derjenige des großen Oarthagera. 
Hat nun, wie wir zeigen werden, erst der König Oottins 
die Militärstraße über die nach ihm benannten Alpen 
gebaut, so sind wir für Pompejus auf den Col d'Ar- 
genti^re angewiesen. Auch dieser erfUUt die Beding- 
ungen, die wir nach Sallust und Appian stellen müssen, 
er liegt zwischen Stnra und Durance, also zwischen 
Po und Rhone; er war näher als der Mont-Genfcvre 
an den früher (pag. 387) genannten Militärstraßen der 
Riviera, der Via Aurelia und Postumia. Die Elarte 
im großen Mommsen'schen Inschriftenwerk hat eine 
directe Verbindung von Savona nach Bene und die 
antiken Namen Cemenelium (Altare), Millesimo, Ceba 
auf diesem Wege scheinen die Annahme zu bestätigen. 
Die Orte Vico und Villanova zwischen Ceva und 
Guneo klingen auch antik und im Thal der Stura 
liegen die römischen Bäder von Vinadio. Bevor die 
Küstenstraße ausgebaut war, was erst unter Augustus 



Die Bömerstraaaen in den Alpen. 407 

^eBchah, war sicherlich der Weg von Savona durch 
den Apennin nach Cuneo nnd durch das Sturathal über 
den Col d'Argenti^re nach Barcelonette und an die 
Dorance die kürzeste Beute ftir einen Feldherrn^ der 
nach Spanien wollte. Die Terrainschwierigkeiten waren 
weder im Apennin noch in den Seealpen bedeutend, 
der Gol d'Argenti^re ist der niedrigste und leichteste 
Alpenpaß. Wenn wir schließlich das Resultat dieser 
Untersuchung zusammenfassen, so glauben wir, indem 
wir den Mont-Gen^vre dem Hannibal, den Col d'Ar- 
^enti^re dem Pompejus zuweisen, eine Combination 
gefunden zu haben, die nicht mehr Schwierigkeiten 
bietet, als irgend eine der sonst aufgestellten. Der 
Mont-6en6vre entspricht der Beschreibung bei Po- 
lybius und Livius ; daß er zu dem Katalog des Varro 
nicht stimmen will, würde nach unserer Auffassung, 
die denselben blos fUr ein literarisches Product hält, 
nichts beweisen. Der Mont-Gen^vre führt zu einem 
gallischen Stamme und seine Höhe eignet sich vor- 
trefflich für ein Lager. Den weißen Felsen ßndet 
man bei La Bess^e oder in dem Hügel von Brian^on. 
Auf der italienischen Seite findet sich nach Freshfield 
^eine schmale, steil abfallende Berglehne, aber keine 
Schlucht mit einem dieselbe umgebenden Hügelzug. ^ 
Aber auch nach Polybius UI, 55 ist die abgebrochene 
Stelle 1 ^/s Stadien lang am Abhang hin anzunehmen, 
und es ist ein Mißverständniß des Livius, daraus einen 
Absturz von etwa iOOO Fubb Tiefe zu machen. Nach 
einer Schlucht haben sich die Erklärer nur deswegen 
umgeschaut, weil Polybius von vorjährigem und heuri- 
gem Schnee redet, was nicht richtig zu sein braucht 



408 H. DÜbf\ 

uod schwerlich der Fall gewesen ist. Aber, wird der 
Leser fragen, und die Aussicht auf die oberitalifiche 
Ebene? Mit dieser ist es freilich nichts, weder am 
MontrGen^Yre, noch am Kleinen St. Bernhard oder 
am Col d'Argentiere. Nur am Mont-Cenis, der aoeh 
deßhalb nicht in Frage kommt, weil ein Marsch mit 
Elephanteu durch das Thal des Are damals wohl an- 
möglich war, und am Viso, der zu hoch ist, findet sich 
dieses Requisit. Aber ich verweise den Leser auf Po- 
]ybins und Livius, damit er dort im Zusammenhang den 
Eindruck gewinne, daß die Schilderung dieser Aus- 
sicht zu dem rhetorischen Rüstzeug eines jeden an- 
tiken Historikers und in das Capitel der Harangaen 
großer Feldhen'en gehM. Ich darfttbrigens zum Schluß 
dieser langen kritischen Erörterung nicht verschweigen, 
daß diejenigen, welche an dem erstmaligen Erscheinen 
im Gebiet der Insnbrer nach Polybius festhalten, für 
ihre Meinung, die Nennung des Tanrinerpasses beruhe 
auf einem Irrthum des Gewährsmanns des Livius, eine 
ziemlich plausible Veranlassung wissen. Sie sagen 
nämlich, der Name der Dora , Duria bei den Römeni, 
Durias bei den Griechen, habe zu einer Verwechslung 
zwischen der Baltea und Riparia veranlaßt. Man 
habe gelesen, Hannibal sei in's Thal der Duria ge- 
kommen, und habe anstatt des nördlichen den östlichen 
Zufluß des Po darunter verstanden. Nachdem einmal 
der Paß irrthUmlich bestimmt gewesen, habe man die 
bekannten Völkernamen für die Zugangsroute dazu 
erfunden. Zuzugeben ist, daß noch Strabo diese Ver- 
wechslung macht (IV, 6, 5). Der Durias entspringt 
nach ihm nahe bei der Quelle des Padus und der 



Die Bömersitauen in den Alpen. 409 

Drnentia, fließt dann aber durch das Gebiet der Sa- 
laaser, d. i. das Thal von Aosta. 

3) In den CottUchen Alpen spielt der Paß ttber 
den Mont'Genevre die wichtigste Bolle. Er ist der 
einsige in den Westalpen, auf welchem man Meilen- 
steine mit den Namen römischer Kaiser gefunden hat, 
and seit seiner Eröffnung durch Pompejus im Jahre 
75 a. Chr., wie die Meisten annehmen, oder durch den 
König Cottius um's Jahr 14 a. Chr., wie wir glauben, 
ist er der frequentirteste in den Westalpen geblieben. 
Nach der Meinung der Meisten hat auch Cesar im 
Jahr 58 a. Chr. den Mont-Genövre passirt, als er 
seinem Legaten Labienus gegen die Helvetier zu Hülfe 
eilte. Wir werden versuchen, zu zeigen, daß er dabei 
über den Mont-Cenis gegangen ist Von dem Bau 
der Mont-Gen^vre-Straße erzählt Ammianus Marcellinus 
Lib. XV, Cap. 10, daß hier der König Cottius, nach 
seiner Unterwerfung unter Octavian, durch bedeutende 
Arbeiten ein denkwürdiges Werk geschaffen habe, 
^karz und bequem für die Reisenden, mitten zwischen 
den andern alten Alpenpässen, über die wir später 
berichten werden, was wir in Erfahrung gebracht haben. 
In diesen Cottischen Alpen, die bei der Stadt Segusio 
beginnen, erhebt sich ein hoher Bergrücken, der von 
Niemandem ohne Gefahr bestiegen werden kann.^ Es 
folgt nun eine Schilderung dieser Gefahren, die ich 
schon früher gebracht habe (Jahrbuch XVII, p. 403). 
„Von der Höhe des italischen Abhanges an dehnt 
sich eine Ebene bis zu einer Station mit dem Namen 
des Mars 7 Meilen weit; und von hier erhebt sich 
eine andere größere und schwer zugängliche Höhe 



410 H, DübL 

bis zu dem Gipfel der Matrona, zu welchem Namen 
der Unfall einer vornehmen Frau VeranlaBsung gegeben 
hat. Von hier ftihrt ein abschttsBiger, aber ziemlieh 
bequemer Weg bis zu dem Oastell Yirgantia.^ Freah- 
field findet die Darstellung verwirrt und vermuthet, 
es sei eigentlich von zwei verschiedenen Püssen die 
Rede und es müssen in der Mitte einige Sätze aus- 
gefallen sein. Ich kann mich davon nicht ttberzeug^s, 
die Verworrenheit kommt von dem Styl des Ammlan, 
der zu den schlechtesten gehört. Die Schilderung der 
Gefahren bezeugt immerhin, daß der gemeinte Paß 
'fahrbar war, wie wir das vom Mont-Gendvre wissen ; 
von der Höhe des italischen Abhanges spricht er, 
weil dort die politische Grenze war. Dies geht deutlich 
hervor aus einer Stelle des Strabo (IV, p. 178). j^Anf 
dem andern Weg durch das Land der Vocontier ond 
des Cottius ist von Nemausus bis Ugemon und Ta- 
ruscon der gleiche Weg (wie für die Etistenstraße) ; 
von da bis zu der Grenze der Vocontier und zum Be< 
ginn des Aufstieges zu den Alpen über Druentia und 
Oaballio sind es 63 Meilen, von da bis zu der andern 
Grenze der Vocontier gegen das Land des Cottius hin 
99 Meilen bis zum Dorfe Ebrodunum; sodann eben 
so viel über das Dorf Brigantium und Scingomagus 
und den Alpenpaß bei Ocelum, der jenseitigen Grenze 
des Cottischen Landes ; das Land von Scingomagus an 
heißt bereits Italien; von da bis Ocelum aber sind es 
noch 28 Meilen.^ Nach dieser Stelle und nach einer 
damit stimmenden (V, p. 217) ging also das Land 
des Cottius über die Alpen hinüber und lag theiis 
auf italischem, theiis auf gallischem Boden. Seine 



Die BömerstTMsen in den Alpen, 411 

öBtliche Grenze ist der bei 8trabo und CsBsar (galli- 
scher Krieg I, 10) Ocelum, in den Itinerarien „ad 
ünes^ genannte Ort, als welcher nun durch Inschriften- 
funde bestimmt ist La Chiesa bei Avigliana ^) an der 
Dora Riparia, die westliche Ebrodunum (Embrun). Zwi- 
schen inne und zwar auf der italischen Seite liegt 
das Scingomagus des Strabo, die sunmiitas Italici 
clivi des Ammian ; daß beides der gleiche Oi-t sei, ist 
von vornherein wahrscheinlich und die Wegmaße 
stimmen ziemlich genau damit. Nach Strabo ist die 
Strecke Ocelum-Scingomagus 28 Meilen ^\ die Itine- 
rarien geben für ad fines bis Segusio 22 — 24 Meilen, 
von Segusio bis ad Martis 16 — 17 Meilen, und Anunian 
gibt die Differenz zwischen der summitas Italici clivi 
und der Station ad Martis auf 7 Meilen an. Darnach 
berechnet sich die Strecke Ocelum bis summitas Italici 
clivi bei Ammian auf etwa 30 römische Meilen. Die 
bei Ammian genanten Stationen lassen sich alle genau 
bestimmen : Segusio ist natürlich Susa, die Station des 
Mars ist Onlx, der Gipfel der Matrona ist der Mont- 
Oen^vre, das Castell Virgantia heißt sonst Brigantio 
(Brian^on). Scingomagus und summitas Italici clivi 
fallen wohl auf Exilles. Der „Unfall einer vornehmen 
Frau** beschränkt sich auf eine verunglückte Etymologie ; 
aas Inschriften, wie sie unter Anderm in Thun ge- 
fanden wurden, kennen wir die deae Matres oder Ma- 
tronae ; auch dieser Paß hat also, wie der Poeninus, 



Mommsen C. I. R. V, 2, pag. 811. 

') Mit Yollem Recht schließt man aus der Berechnung 
nach römischen Meilen, daO die Angabe der Chorographie 
des Agrippa entnommen sei. 



412 IL Bubi. 

den Namen von einer auf demselben verehrten Gott- 
heit. Die übrigen Stationen sind folgende: am Faß 
der Matrona, die auch in Alpe Cottia oder summa 
Alpe oder Druantio heißt, ist der ganz verderbte 
Name Goesao oder Gaesaeone oder Gesdaone oder 
Gadaone überliefert, 24 bis 25 Meilen von Susa, 5 Meilen 
von der Paßhöhe, also ohne Zweifel Cesanne. Weil 
auf dem vierten der im See von Braceiano gefundenen 
Silbergefässe (vei^l. oben S. 384) das auffallende Tyrio 
da gelesen wird, wo die andern und die Peutinger'sche 
Tafel einen der Namen ftlr Cesanne haben, glaubte man 
hierin den Co 2 de Thures zu erkennen, der von Cesanne 
über Thures nach Apries im Thal des Gull und Mont 
Dauphin an der Durance geht ; aber das gleiche Gefkß 
hat auch die Stationen Druantio und Brigantio, welche 
mit diesem Weg unvereinbar sind. Wir haben also 
einstweilen keinen Grund, diese Variante des Mont- 
Genevre- Weges als im Alterthum bekannt anzusehen. 
Die weiteren Stationen längs der Durance sind Rama 
(Casse-Rom) zwischen La Roche und Cliampcella und 
Eburodunum (Embrun); von da verläßt die römische 
Straße das Durancethal und geht über Caturrigae 
oder Catorigomagus (Chorg^s) und Ictodurum nach 
Vapincum (Gap), lieber Alabonte (AUemont) kehrt sie 
bei Segustero (Sisteron) an den Fluß zurück, den sie 
zwischen Alaunium und Catuiaco wieder verläßt, um 
die große südliche Krttnmiung abzuschneiden. Sie 
geht dann über Apta Julia (Apt), betritt bei Fines das 
Gebiet der gallischen Provinz, überschreitet bei Ca- 
bellio (Cavaillon) die Durance und erreicht über Gla- 
num und Emaginum die Rhone bei Arelate (Arles). 



Die Bömerstrassen in den Alpen. 418 

Der Weg von Mailand bis Arles wird auf 411 
Meilen angegeben. Dieses ist der Hauptweg; es zweigen 
aber von demselben zwei Seitenstraßen ab, von denen 
besonders die eine sehr frequentirt gewesen zu sein 
iMsheint. Die Peutinger'sche Tafel läßt von der Alpis 
Ck>ttia einen Weg ausgehen, der sich bald in zwei 
Arme spaltet, von denen der eine nach Vienne, der 
andere nach Valence führt. Der erstere hat die 
Stationen Stabatio, Durotincum, Mellosecium, Cato- 
lissium, Cularo, Morginnum, Tureciomium. 

Onlaro, das spätere Gratianopolis ist = Grenoble, 
Oatorissium soll Risset am Drac sein; nach diesen 
Anzeichen fUhrt Spruner -Menke ^) diesen Römerweg 
von Brian^on über Monestier und den Col du Lautaret 
nach La Grave en Oisans im Thal der Romanche und 
dieser entlang an den Drac und die Is^re und von 
da in gerader Richtung nach Vienne. an die Rhdne. 
Der zweite Arm hat die Namen Geminas, (zweimal mit 
der gleichen Meilenzahl), dann Luco, Dea Vocontiorum, 
Augustum, Valentia. Die vier letztem Namen sind 
leicht zu rathen; es sind Luc, Die, Aoust im Thal 
der Dröme und Valence. Wo aber zweigte dieser 
Arm von der Hauptstraße ab? Sicherlich nicht auf 
dem Mont-Gen^vre, wie die Zeichnung will. Die 
Strecke, auf welcher dieser Arm noch mit dem oben 
erklärten zusammenfällt, hat auffallender Weise gar 
keine Stationen. Alles weist auf die Annahme hin, 
daß der Zeichner diese Bifurcation nur gewählt hat. 



1) Atlas Antiqnas Nr. XVIIII. Auch Desjardin in den 
JBrläntemngen zur Pentinger*8chen Karte. 



414 H. Dübi. 

lim Platz für die Namen zu bekommen. Wo dieser 
zweite Arm anzusetzen ist, darüber belehren uns die 
Itinerarien. Das des Antoninus hat von Vapineoni 
= Gap ans : Monte Seleuco, Lueo, Dea Vocontionun, 
Augusta, Valentia. Das ausführlichere des Pilgers von 
Bordeaux nach Jerusalem in umgekehrter Richtung 
folgende Routenangabe: Valentia, Cerebelliaea, Augusta, 
Darentiaca, Dea Vocontionun, Luco, Vologatis; von 
da ersteigt man den Berg Oaura = Mont-Toussiöres ; 
Cambono, Monte Seleuci = Mont- Saigon, Daviano^ 
Ad fines, Vapinco. Es scheint also der Weg aus dem 
Thal der Dr5me über den Col de Cahre in das Thal 
des Buech und über den Mont -Saigon nach Gap zu 
sein. Wir haben oben gesagt, daß die Pentinger'sclie 
Karte die Station ,,ad Geminas^ doppelt habe. Ge- 
stützt auf die falsche Lesart ,,Gerainas^, die man 
zusammenstellte mit dem Namen von Vallouise im 
Cartularium von Oulx ,,Vallis Jarentana^, hat man 
für diesen zweiten Seitenweg auch folgendes höchst 
unwahrscheinliche Itinerarium construirt: Brian^on, Salle 
bei Monestier, Col de Fröjus^ Col d'Echauda, Vallouise, 
Col de l'Alpe Martin nach Les Beaumes, dann ent- 
weder durch Val de Champol^on nach St. Bonnet, 
oder Val Godemar nach St. Firmin und Corps im 
Thal des Drac; von da über Mens (= Geminae) im 
Thal des Ebron nach Luc en Diois im Thal des Drdme.*) 
Aber die Distanzangaben, auch wenn man die Zahl 



') Siehe De^ardin in den Erläuterungen zur Peuting. 
Karte. Catorissium = La Garde bei Bonrg d'Oisans oder 
ViEille oder Gavet. MeUosedum = Mixo(Sn. Dorotlnciim 
= Villard d'Aröne. Stabatione = Monestier de Briaagon. 



Die Böiaersirassen in den Alpen, 415 

bei 7,ad Geminas^ doppelt rechnet, sind zu kurz, 
47 Meilen = 69' a ^^, während für den nähern Weg 
von Gap aus die Itinerarien 49 oder 56 Meilen an- 
geben, ganz abgesehen von den großen Schwierigkeiten 
dieses Weges, ein Einwand, der auch den oben ge- 
nannten längs der Romanche trifft. Deswegen hat die 
archäologische Commission in Frankreich für diesen 
die leichtere Route längs des Drac über den Col 
Bayard angenommen. 

Jedenfalls war der Mont-Gen6vre in der Römerzeit 
ein sehr frequentirter Paß. Im Frühjahr 69 p. Chr. 
fUhrte der Legat des Vitellius, C. Fabius Valens, ein 
Heer über die Cottischen Alpen, während ein anderes 
unter A. Caecina den Poeninus überstieg und eine dritte 
Abtheilung durch die Seealpen vorzudringen versuchte. ') 
Nach der Schlacht bei Bedriacum wurde eine der 
geschlagenen Legionen des Otho, die 14 *, nach Turin 
geschickt, um über die Cottischen Alpen nach Gallien 
nnd Britannien zu gehen, wurde dann aber wegen 
veränderter Disposition über die Alpis Graja, den 
Kleinen St. Bernhard, dirigirt.*) Von dem Zuge des 
Valens wird erzählt, daß er Lugdunnm, Vienna, das 
AUobrogen- und Vocontiergebiet und Lucus berührte.*) 
Er folgte also der in den Itinerarien verzeichneten 
Straße von Valence nach Gap über den Col de Cabre. 
Im Jahre 70 marschirten wieder römische Legionen 
über den Poeninus, die Cottischen und Grajischen 



>) Tacitns bist. I, 61, 87; II, 12. 
*) TacitQS hist. n, 66. 
^ Tacitus hist. I, 65, 66. 



416 J7. DübL Die BötmerstraMsen m den Alpen, 

Alpen zun Kampf gegen die anfstindischen Gallier 
anter Civilis.') Aach Constantin scheint im Jahr 312 
Aber den Mont-Gen^yre gegangen za sein, nicht Aber 
den Mont-CeniS; wie Gibbon vermnthet.') Wenigstens 
berichtet Jnlian (ad. Athen., pag. 286), daß er zu Brian^n 
Vorrlthe fUr seine Truppen habe anfspeiehem lassen, 
was nur beim Uebergang über die Cottischen Alpen 
angezeigt war. 



>) Tscitns hl8t. IV, 68. 

*) Paaegyr. ine. anct in Constant 7, 3. Paoegjrr. Na< 
aarii 22, 2. Ammiaii. Marceil. XV, 18, 8. 



Eine Schweizerreise eines Gelehrten im 

XVI. Jahrhundert. 

« 
Von 

Prof. Dr. G. Meyer von Knonou (Section Uto). 



■V.-V.'-S-/' N.*-V-- w'- 



Das XVI. Jahrhundert ist auch fUr die Schweiz, 
^anz abgesehen von der geistigen Bewegung der Re- 
formation, eine Zeit frischen geistigen Erwachens ge- 
wesen, und theils unter den Nachwirkungen der 
Errungenschaften des Humanismus, theils in enger 
Anlehnung an die Neugestaltung des religiösen Lebens 
erwuchs in dieser Zeit eine erstmalige wissenschaftliche 
Bearbeitung der schweizerischen Geschichte. Zwar 
darf man nicht diese wissenschaftlichen Leistungen 
scUechthin mit der Neubildung auf dem Boden der 
Kirche verbinden; denn gerade der, wir wollen hier 
sieht untersuchen, ob mit vollster Berechtigung, ohne 
Frage berühmteste unter den hier in Betracht kom- 
menden Namen, derjenige des Aegidius Tschudi, ge- 
hört ja bekanntlich der katholisch gebliebenen Minder- 



Anm. Der Verfasser sprach über dieses Thema vor der 
SeetioD Uto am 30. November 1883. 

27 



418 Meyer von Knonau, 

zahl des Glarner Volkes an. Dagegen war der Bemer 
ValeriuB Anshelm ein sehr eifriger Vorfechter der 
Reformation, and für Zürich steht kein Geringerer, 
als Zwingli's Nachfolger in der Leitnng der umge- 
scbaffenen Kirche, Heinrich Bnllinger, in der neuen 
Form der Geschichtschreibung voran. Fttr St. Gallen 
hat der hervorragende Humanist und Urheber der 
Reformation seiner Vaterstadt, Vadianos, eine vor- 
zügliche Bethätigung auf diesem Boden entwickelt; 
der Vater der rsBtischen Historiographie, Campell, 
war in seinem Heimatthaie Engadin geradezu der 
Hauptbeförderer der Reformation. Und wenn ^ir 
auch noch nach der französisch redenden Hälfte unseres 
Vaterlandes den Blick wenden wollten, so wäre aus 
einander zu setzen, daß, auch hier allerdings aus den 
beiden einander gegenüberstehenden Lagern, in Qenf 
die Geschichtschreibung gleichfalls mit den Ereignissen 
der Reformation einsetzt. 

Einer der ehrenwerthesten Pfleger dieser Seite 
litterarischer Bethätigung ist nun ein Mann gewesen, 
der zwar nicht seiner Geburt nach unserem Lande 
angehörte, wohl aber demselben für das ihm gewährte 
Bürgerrecht durch eine reiche unermttdet fleißige 
Thätigkeit den Dank erstattete. Johannes Stumpf, 
dessen kluges, schlicht biederes Gesicht das gegen- 
überstehende Bild aufweist, war 1500 zu Bruchsal, 
einer damals dem geistlichen Territorium des Bisthums 
Speier angehöreuden Stadt, geboren. Er empfing 
seinen Unten-icht an verschiedenen Schulen ober- 
rheinischer Städte, zuletzt auf der Hochschule zu 
Heidelberg, und trat 1520 zu Speier in den Orden 



Eitu Schweüerreise «W» OelekrUn i. XVI.JahTh. 419 
der Johanniter ein; 1521 dann weilte er im Johanniter- 
Haaee za Freibnrg im Breiagau, und daranf empfing 




er zu Basel die höheren geistlichen Weihen. 1522 
wurde ihm vom Hochmeister des Johanniter-Ordena der 



420 Meyer von Knonau, 

Auftrag zu Theil, das Johanniter-IIaus Bubikon im 
Zürcher Gebiete zu verwalten — es ist das noch jetzt 
zwischen Bubikon und RUti sogenannte „Ritterhans'^, 
eine Stiftung der Grafen von Toggenburg — : da wurde 
ihm anfangs das Amt des Priors, gleich darauf auch 
die Besorgung der Pfarrei übertragen. Der junge 
Priester wandte sich, wohl dadurch bestärkt, daß der 
Johanniter - Commenthur Schmid im Ordenshanse zu 
Küßnach am Zlirichsee schon fiühe zu Zwingli*s 
nächsten Freunden zählte, der Reformation zu und 
fährte seine Gemeinde in dieselbe hinein. Während 
seines Aufenthaltes in Bubikon verheiratete sich Stumpf 
1529 mit Regula Brenn wald, der Tochter des letzten 
Stiftspropstes zu Embrach, Heinrich Brennwald, eines 
beachtenswerthen Liebhabers von Studien Über vater- 
ländische Geschichte. 1543 übernahm der Pfarrer von 
Bubikon die größere Verpflichtung der Besorgung der 
Gemeinde Stammheim und verwaltete auch dieses Amt 
durch neunzehn Jahre mit der ihm eigenen treuen 
Gewissenhaftigkeit. 1562 endlich, nachdem er seine 
Gattin verloren, und da er eine Schwächung des 
Augenlichtes und Abnahme des Gedächtnisses empfand, 
gab er seine Pfründe auf und siedelte nach Zürich 
über. Die wohl verdiente Muße genoß er aber nur 
vier Jahre; denn er starb 1566. 

Stumpfs Schwiegervater Brennwald hatte selbst 
eine bis auf das Jahr 1509 sich erstreckende helvetische 
Chronik, deren Handschrift auf der Stadtbibliothek 
zu Zürich liegt, verfaßt, und der Schwiegersohn hat 
es dem älteren Freunde gegenüber dankbar bezeugt, 
daß er durch seine Anregung historischen Studien 



Eine Schweieerretse eines Gelehrten i. XVL Jahrh, 421 

entgegengeftthrt worden sei. Schon in Bubikon hatte 
Stampf diese Arbeiten begonnen, und zu Stammheim 
wurden dieselben auf das eifrigste fortgesetzt; denn 
das Hauptwerk Stumpfs, die Schweizer Chronik, er- 
schien im vierten Jahre nach der Uebersiedelung nach 
Stammheim. Diese ^Beschreibung loblicher gemeiner 
Eidgenossenschaft, Städten, Ländern und Völkern und 
der chronikwtirdigen Thaten^ ist, zumal in den zehn 
nach einer allgemeineren vorausgeschickten Einleitung 
den schweizerischen Gebieten selbst gewidmeten Büchern, 
eine wirklich monumentale Arbeit. Geschichte, vorzüg- 
lich auch Genealogie, Erd- und Ortsbeschreibung sind 
in sehr geschickter Weise mit einander verbunden, und 
zwar will der Verfasser ganz besonders auch den 
Alpenvölkem, auf welchen ja die Eidgenossenschaft 
eigentlich beruhe, seine Aufmerksamkeit zuwenden. 
Er sagt in seiner Widmungs-Vorrede an die Obrig- 
keiten aller eidgenössischen Orte : „So ich nun etliche 
jar här mich im läsen der alten und frömbder landen 
historien belustiget und in sölichem bey den urältisten 
geschieht und weltbeschreybem der alten Alpvölckeren, 
als der Helvetiern, Lepontiern, Rhetiem (diser zeyt 
die loblich Eydgnoschafft genennt), so manigfaltige 
meidung befand: und daß auch söliche Alpvölcker 
von so gar langen zeyten här biß auff heutigen tag 
nit allein iren alten erdboden noch bewonend, sonder 
auch ir alte mannheit, auch irer vorderen dapfferkeit 
noch nie hingelegt habend, darzuo inen der gnädig 
Gott biß auff dise zeyt groß gnad, hilif, schütz, schirm 
und wolthaat beweyßt, do hab ich hertzlichs beturen 
empfangen, das sölicher Alpländer und völcker alter, 



422 Meyer von Knonau, 

art, wesen, sitten, gelegenheit und chronickwirdige 
thaaten also verligen und denen, so frömbder sprachen 
nit geübt, noch der alten Latinischen bttecher verstendig 
sind, verhalten seyn söltind'^. Da nun — so fährt er 
fort — niemand aus der Eidgenossenschaft nach gründ- 
licher Erforschung den Grund der Wahrheit kund 
gethan habe, so habe er sich an die Arbeit gewagt 
und dieselbe jetzt durch den Druck ausgehen lassen. 
Der gewaltige Band macht aber auch dem Heraus- 
geber, dem berühmten Zürcher Drucker Christoph 
Froschauer, die größte Ehre. Das Werk ist nSmlich 
durch eine große Reihe von Holzschnitten geziert, 
welche theils Wappen, Münzen, Inschriften, ganz be- 
sonders aber Ansichten von Städten, Schlössern und 
Ortschaften überhaupt bringen. Sehr viele unter diesen 
letzteren bieten uns das erstmalige Bild der darge- 
stellten Oertlichkeit, so daß ihnen ein eigentlicher 
historischer Quellenwerth beizumessen ist. Greringer 
ist die Bedeutung der übrigens weniger zahlreichen 
Illustrationen historischer Begebenheiten, zumal von 
Schlachten, anzuschlagen; dagegen verdient hinwieder 
die Chronik wegen der beigefügten Landkarten be- 
sondere Aufmerksamkeit. Neben einer Uebersichtskarte 
nämlich, welche die gesammte Schweiz darstellt, wagte 
es Stumpf auch, zum ersten Male Specialkarten, acht 
an der Zahl, zu bieten, welche dem ftinften bis 
zwölften Buche beigegeben sind und je einen ein- 
zelnen geschilderten Gau oder eine Landschaft dar- 
stellen. Die Einzelaufführung von Ortschaften zeigt 
dabei den hauptsächlichsten Fortschritt, gegenüber 
den zeitlich vorangehenden Schweizer-Karten, der ersten 



Eine Schtceißerreiae eines CMehrten i. XVL Jahrh, 423 

des Konrad Tttret ^)y denjenigen des Chronisten Tschudi 
and des Kosmographen Sebastian Mttnster. 

Stumpfs Chronik fand lebhaften Beifall und, auch 
im Aaslande, bedeutenden Absatz. Dem Chronisten 
and seinem Sohne Johann Rudolf — derselbe hat später, 
1586, eine neue Ausgabe, mit selbständiger Fort- 
führung der Zeitgeschichte, vom Werke des Vaters 
veranstaltet — gab Zürich das Bürgerrecht; andere 
eidgenössische Orte ertheilten für die ihnen zuge- 
schickten Exemplare Geschenke oder wenigstens ver- 
bindliche Dankschreiben. Grelehrte, Freunde und 
Correspondenten sprachen Beifall und Freude aus, 
und wenn sich dabei einer, Tschudi, ausschloß und 
nur kleinliche Nörgeleien anbringen konnte, so hat 
er sich dadurch, in den Augen aller Urtheilsfähigen, 
nur selbst fUr alle Zukunft hinaus geschadet. Ganz 
vorzüglich spendete Vadian der Arbeit des Zürcher 
Freundes seine Zustimmung. 

In der schon oben herangezogenen Vorrede sprach 
sich Stumpf dahin aus, daß er „mit hilff, steur und 
zuosehub etlicher hochberümpter eerlicher und ge- 
treuwer männer, die ich vermeint zuo disem handel 
geschickt seyn, als die hin und wider in der £yd- 
gnoschaflft, Orten und Zuogewandten wonhafft sind^, 
seine Arbeit bewerkstelligt habe, und da dachte er 
neben Bullinger in Zürich jedenfalls ganz in erster 
Linie an den großen Gelehrten St. Gallen's, Vadian. 
Wirklich haben ja auch neuere Forschungen klar 



^) Vergleiche meine Abhandlung im nJahrbnch", Jahr- 
gang XVUL 



424 Meyer von Knonau. 

heraoBgesteUt, daß Vadian 1545 imd 1546 ganze große 
Btücke aus seiner Feder , sowohl historischen als 
geographischen Inhaltes , Stumpf geradezni zur Ver- 
fügung stellte, und zwar so, daß er ihm gibizlich freie 
Hand ließ. ,,Hinsichtlich desjenigen von dem Meinigen 
— schrieb Vadian an Stumpf — was in das Deinige 
eingefügt werden soll, will und wünsche ich völlig, 
daß, weil es auch das Deinige ist, weil Dein die Ge- 
schichte ist. Du nichts in meinem Namen als aus 
einem persönlich von mir geschriebenen Werke, son- 
dern gänzlich alles unter Deinem Namen als das 
Deinige erscheinen lassest ; denn die ganze Geschichte 
muß unter Deinem Namen herausgegeben werden'^. 
Eine wie günstige Meinung Vadian von dem Zürcher 
Pfarrer und seiner Art zu arbeiten hatte, geht auch 
ans einem Briefe Vadian's an Bullinger hervor, worin 
über Stumpf ein warmes Urtheil eingeschaltet ist: 
,, Wirklich besitzt Stumpf eine so unermüdliche und 
ausgebreitete Belesenheit, daß er mir zu diesem Werke 
wie geboren scheint. Es wird auch, wenn ich nicht 
irre, diese ganze Arbeit den wohldenkenden Lesern 
um so angenehmer sein, je weiter sein Geburtsort von 
unserm Vaterlande entfernt ist, und je mehr er, 
gleichsam einen ihm fremden Schauplatz betretend^ 
die Geschichten der Helvetier und des Mittelaltei'S 
ohne alle ehrgeizige Absicht, einzig aus Liebe zur 
Wahrheit, zu beschreiben unternommen hat^. 

Es hat nun seinen besonderen Reiz, an einer ein- 
zelnen Stelle der Art und Weise, wie Stumpf arbeitete, 
unmittelbar nachgehen zu können, und das ist, mehr als 
wohl irgendwo sonst, bei dem Inhalte des elften Buches 



Eine Schweizerreise eines Gelehrten t. XVL Jahrh, 425 

der Chronik, das vom Lande Wallis handelt, der Fall. 
Hierüber nämlich ' besitzen wir ein handschriftliches 
Reisejonmal des Chronisten, das in einen Sammelband 
desselben eingeheftet ist. Stumpf erzählt darin seine 
hauptsächlichen Erlebnisse während der Ende August 
und Anfang September 1544 nach dem Wallis durch- 
geführten Reise ^). 



Das Land Wallis war allerdings nicht ein eid- 
genössischer Ort vollen Ranges; aber seit dem Anfang 
des XV. Jahrhunderts standen Zehnten des oberen 
Wallis mit eidgenössischen Orten in Verbindung*), 
und vorzüglich durch den gemeinsamen Gegensatz 
gegen Herzog Karl von Burgund war die Anknüpfung 
von Beziehungen, die territoriale Verbindung eine noch 
engere geworden. Allerdings blieb dann im XVI. Jahr- 
hundert das Wallis, dem weit tiberwiegenden Theil 
seiner Bevölkerung nach, der alten Religionsform treu; 
aber es fehlte doch nicht an vielfachem Austausch auch 
zwischen den Wallisem und dem Vororte der refor- 
mirten Eidgenossenschaft, Zürich. Nach jenem durch 



*) Aus dem Manoscript auf der Stadtbibliothek Zürich 
hat Herr Dr. Hermann Escher in Zürich in dem schon im 
Jahrbuch XVIIl (pag. 332 Anm.) citirten Bd. VI der „Quellen 
zur Schweizer Geschichte" diesen „Reisebericht des Chro- 
nisten Stumpf ans dem Jahre 1544*' heransgegeben und mit 
erläatemden Anmerkungen and einem die Bedeutung des Be- 
richtes charakterisirenden Nachworte begleitet. Wir ver- 
weisen nochmals die Leser des „Jahrbuches ** auf jenen 
Band VI. 

*) Vergleiche hierüber in meinem Aufsätze im „Jahr- 
bnehe", Jahrgang X, pag. 534 ff. 



426 Meyer von Knonau^ 

die naive DaretelloDg seiner Lebensereignisse so be- 
rühmt gewordenen fahrenden Schüler Thomas Platter, 
der als Zwingli's Schüler so eifrig sich bekannte, 
kamen immer vdeder Walliser Studenten aaf die 
Zürcher Schule, und erst der völlige Sieg der Gkgen- 
reformation im Anfang des XVII. Jahrhunderts hat 
dann auch hier eine gänzliche Aenderung gebraeht. 
So war es möglich, daß in den ruhigeren Jahren, wo 
Stumpf seine Reise machte, der zur neuen Lehre über- 
getretene Priester auch an Büttelpunkten des alten 
Glaubens — das aber nicht bloß im Wallis, wie wir 
sehen werden — eine nicht ungünstige Aufnahme, ja 
sogar wissenschaftliche Unterstützung fand. 

Doch begleiten wir nun unsem Reisenden und 
vergleichen dabei mit den oft nur kurzen Angaben, 
gewissermaßen Gedächtnißmerkzeichen, des Joumales 
die vielfach breiteren Ausführungen der gedmcktea 
Chronik, wie denn ja auch in der Einleitung in das 
elfte Buch der Reise des Verfassers gedacht ist. 
Stumpf sagt nämlich da, es habe sich gebühren wollen, 
die Beschreibung so uralter berühmter Völker, des 
uralten Bisthums im Wallis nicht in der Feder zu 
lassen, sondern „einer so herrlichen, schönen land- 
schafft" in dem Werke ihren Platz zu geben, da eine 
solche Beschreibung eines besonderen Buches ja wohl 
werth sei : „Zuo solchem hab ich selbs das land von 
obrist biß zuo undrist auß durchwandlet, abgemessen 
und meins geringen Vermögens aller namhaffter iläcken, 
Aussen und täler gestalt und gelegenheit erduret: so 
vil aber die Annales oder järlichen alten geschieht 
und historien, disem buoch eyngeleybt, berürt, hab 



Eine Schtoeizerreise eines Gelehrten i. XVI, JdhrK 427 

ich znosamen bracht und eyngefürt auß etlichen Chro- 
nicken so ich eins teils im land Walliß, zum teil auch 
außerhalb befunden hab^. Dabei lobt er die Mithülfe 
des hochwttrdigen Fürsten und Herrn, Bischof Adrian 
TOD Sitten, der ihm durch seinen Arzt Christian Her- 
bort, sowie durch den würdigen Herrn Vicarius, Johann 
MOes, und andere Persönlichkeiten gnädigliche Bei- 
steuer habe zukommen lassen. 

Am Freitag, den 22. August, um 3 Uhr Nachmit- 
tags, ging Stumpf mit einem Begleiter aus Zürich weg : 
er spricht in der Mehrzahl, ohne seinen Reisebegleiter 
zu nennen (dürfte etwa an seinen damals 14jährigen 
Sohn, eben den späteren Antistes Johann Rudolf, ge- 
dacht werden ?). „Uf dem Albiß habend wir ein trunk 
thon und verzehrt 3 Schilling Zürich münz. Zu Cappel 
warend wir über nacht; verzartend 6 Schilling monetae 
Thuricensis". 

Am Samstag, 23., muß sehr frühe aufgebrochen 
worden sein; denn schon um 6 Uhr Morgens wurde 
zu Zug „zum Schmutz'^ das Morgenessen eingenommen, 
das 11 Schilling Luzemer Münze kostete. Dann be- 
stiegen die Reisenden ein Schiff und zahlten zwei 
Doppelvierer von Zug über den See nach Buonas. 
Kach einer Stärkung in Ebikon wurde am Rothsee 
entlang, dessen Länge und Himmelsrichtung genau 
verzeichnet werden, nach Luzem gegangen. Da kamen 
sie vor 3 Uhr Nachmittags an und begaben sich so- 
gleich zum Propst des Ghorherrenstiftes im Hof, um 
da der „Fundation^ nachzufragen, d. h. dem geschicht- 
lich allerdings unglaubwürdigen Stiftungsbriefe des 
Luzemer Stiftes, der zugleich vom Großmünster in 



428 Meyer fxm Knonau. 

Zürich Kunde ertheilt. Der Propst zeigte ihnen „elD 
herrlich gemalet bnch'^: „aber das original mocht 
uns nit werden; bezeugt her propst, das der ettster, 
so die Schlüssel het, nit anheymisch were ; wolte aber, 
so er kerne, suchen und uns durch her Hansen Ton 
Ottenbach, was er finde, zukommen lassen^. In Luzem 
zur Krone kosteten Trunk und Nachtmahl 5 Gon- 
Stanzer und 5 Luzemer Batzen; zugleicli aber muß 
schon in diesen zwei Tagen das Schuhwerk der Wan- 
derer gelitten haben, indem 2 Batzen ,,pro calcimentis 
resarciendis^ verzeichnet sind. 

Am Sonntag, den 24. August, wurde zunächst auf 
dem Lande das Dorf Winkel erreicht, dann f)ir zwei 
Schilling Luzemer Münze ein Schiff nach Stansstaad 
genommen. Bei Kaspar Offner in Stans kostete das 
Essen 4 Batzen, und fUr zwei Schilling 8 Heller mußte 
in Stans noch eine Seckelschnur gekauft werden. Nur 
noch eine Stärkung in Wolfenschießen wurde einge- 
nommen, Abends um 4 Uhr dann Engelberg erreicht. 
Zuerst wurde hier im Wirthshause ein Trunk genom- 
men, und dann begaben sich die Reisenden nach dem 
Kloster, wo der Abt, Bamabas BUrki, aus Altstätten 
im Rheinthal, ein gelehrter Mann, sowie der Pat4>r 
Großkellner sie sehr freundlich aufnahmen und be- 
wirtheten. 

Ueber die Beschaffenheit des damals so abgeschie- 
denen Klosterthales sagt der Chronist in seinem Reise- 
berichte nichts ; denn er widmete seine ganze Zeit der 
Abschrift von Kloster- Annalen, „ Antiquitates monasterii 
S. Mariae Montis Angelorum^, wie er sie nennt. Wohl 
aber hat er später, da, wo er im siebenten Buch 



Eine Scktcei zerreise eines Gelehrten i. XVL Jahrh, 429 

seiner Chronik diese Notizen für seinen Text ver- 
wendet und am Schlüsse auch noch den Abt Bama- 
bas erwShnt : ^hat lange jar haußgehalten, regiert nocli 
bey unsem zeyten, gar alt und wolbetaget" — , eine 
gedrängte Schilderung des Thaies eingeschoben. ^Engel- 
berg ligt weyt im tal und gar hoch im gebirg in einer 
schönen und ebnen w\\äe, zwttschend hohen graßrey- 
ohen bergen, hat auch unib sich im selbigen tal und 
wilde gar vil heuser und deßhalb ein besonder land- 
völckle, darüber der Abt herrschet, und hat da alle 
herrligkeit; die Waldstett sind allein Schirmherren 
darüber". 

In den ersten Morgenstunden des 25. August muß 
Stumpf seinen Auszug aus den Kloster-Jahrbüchern ge- 
macht haben; dann brach er, nachdem noch ein Im- 
biß im Kloster genommen worden, von da auf. Es 
scheint, daß er als Gast des Klosters behandelt wor- 
den war; denn die 4 Batzen für die „familia", der 
eine Batzen für die „uxor hospitis" sind wohl als 
Trinkgelder aufzufassen. Der Weg über den Berg- 
paß „Uf Joch" oder ^Uber Joch" wurde nun einge- 
schlagen; ein Bauer, der auf dem Weg vom Kloster 
her begleitete, erhielt 2, ein Senn — pastor vel casea- 
tor — , der den Weg durch den Wald wies, 1 Schil- 
ling Luzemer Münze. — Auch hier verhält sich der 
Reisebericht wieder sehr kurz; dagegen ist in der 
Chronik davon die Rede, daß aus einem See, ,,ge- 
nennt der Trüplisee", fast zu oberst auf dem Berge, 
von hohen Alpen ein Bach zur Engelberger-Aa her- 
iiiederströme : „Darfür gadt man über Joch, ein überauß 
hoch gebirg, in die Alp und zuo dem See Engstlen 



430 Meyer wm Kfumau. 

genennt, und fürter ins Haßletal an die Aar. Disen 
wilden wäg bin ich selbs gangen im jar 1544^. — In 
einem andern Capitel des siebenten Baches ist dann 
von dem Joch-Paß noch einläßlicher die Rede: „£b ist 
ein wunderhoch gebirg; doch fart man darfiber mit 
saumrossen. Oleych nebend den obristen spitzen nnd 
velsen dises gebirgs ligt der Engstlisee, empfacht Aber 
die velsen herab das wasser auß dem iim und schnee^ 
ist lauter und schön, hatt doch kein visch, mag auch 
keinen, ob man sy gleych etwan dareyn gethon, be- 
halten, von wegen seiner wilde, und daß er winters- 
zeyt mit yß und schnee zelang bedeckt und summers- 
zeyt zevil kalt ist. Auff Engstlen ligt ein Alp, darinn 
man in mitten des summers vom monat Junio biß in 
Ängsten etwan auff zwen oder dritthalben monat die 
ktie erhaltet; dann selten ist es lenger bloß von sebnee. 
In diser Alp laufft ein brunn oder wUsserlein auß 
einem velsen herauß in ein grueben, darinn man das 
vych trencket". Die überraschenden Eigenschaften 
dieses periodischen Quells, der dem Chronisten als 
„ein wunderbarlicher brunn^ erscheint, werden weiter 
ausgeflihrt und in erbaulicher Weise beleuchtet; denn 
dieses Wasser scheine in seinem Hervortreten wirklich 
nur dazu zu dienen, das Vieh in den passenden Jahres- 
zeiten und Stunden zu tränken, und die seltsame Natur 
dieses Quells sei durch die einträchtige Kundschaft 
aller umwohnenden Landleute, aber auch aus ferner 
liegenden Städten wohl bezeugt. „Ein wunderbarlicher 
Gott ist unser Gott in seinen heiligen wercken, welcher 
auch disem grausamen Alpgebirg mancherley eigen- 
schaflften und art geben hat, darab sich alle die, 



Eine Schweizerreise eines Gelehrten t. XVL Jahrh, 431 

80 nit darinn wonend , größlich habend zu ver- 
wunderen**. 

Allein der gelehrte Wanderer hat nun dem Wege 
vom Joch-Paß zur Grimsel noch in weiterer Weise 
fleine besondere Aufmerksamkeit zugewandt , wie 
das in seinen Text eingetragene, hier unten einge- 
rückte Croquis beweist. Es ist nämlich sicher nicht 






A^r0 j^A^i 



2$U//i>#« l5t<«rt 



^Uf%t 




Nota de Miro fönte 
iu Alpibns Engvtlen. 



ZU bezweifeln, daß Stumpf aus seiner Erinnerung diese 
gedrängte Skizze des Thaies der obersten Aare, das 
ihn lebhaft int eressirte, entworfen hat^). Allerdings hat 
der Zeichner die Kirche „Haßle" (d. h. Meiringen) 
unrichtig auf das linke Aare-üfer gestellt ; doch werden 
wir ja gleich hören, daß er erst oberhalb davon das 
Aare-Thal erreichte. Ganz richtig hat er dagegen den 



') Dr. H. Escher's sehr zutreffende Bemerkungen über 
dieses Kärtchen in dessen Nachwort, pag. 307 and 308, 
▼erdienen völlige Znstimmnng. 



432 Meyer von Knanau. 

Zusammenilaß des vom EngstleiiBee durch das Gen* 
thal kommenden Wassers mit dem Triftwasser an^ 
geben, und auch mit den oberhalb Guttannen der Aare 
zuströmenden Bächen kann man sich wohl auseinander- 
setzen. Die „Nota de miro fönte in alpibus Engstlen^ 
bezieht sich natürlich auf den erwähnten Wander 
brunnen. 

Doch kehren wir zu den Reisenden selbst zurttck, 
um ihren Weg thalaufwärts zu begleiten. Jenen Montag, 
den 25. August, an dessen Morgen sie Engelberg ver- 
lassen hatten, schlössen sie in „Uf Wjlen^ ab, das 
ist in Wiler zunächst bei Hof. Da übernachteten 
sie bei einem Bauern, der sie recht ehrlich aufnahm 
und ihnen einen guten Wein gab. Dafür zahlten sie 
ihm vier Batzen. Am 26., Dinstags, nahmen sie das 
Morgenessen in Guttannen, und auf den Abend ge- 
langten sie zum Spital an der Grimsel: „Da verzar- 
tend wir 6 batzen zu abend und nachtmal, dan wir 
mochtend denselben abend nit über den berg kommen^. 

Auch hier wieder bietet die Chronik reichliche Ge- 
legenheit, die Eindrucke, welche Stumpf auf dem Wege 
gewann, kennen zu lernen. Allerdings geht die Schil- 
derung der Chronik den umgekehrten Weg von der 
Grimsel flussabwärts. Da redet sie zuerst von den 
zwei Seen: „ligend hinder einander zuo oberist an 
der Grimßlen, habend keine visch von wegen irer wilde; 
dann sy sind merteils zeyts im jar mit yß und schnee 
bedeckt^. Dann wird vom Spital erzählt: „An disem 
Seele ligt ein herberg und Spital, den wandelbaren 
dahin gebauwen zur herberg, genennt zum Spital, ein 
gar schlechte behausung; dann dahin muoß man kalch 



Eine Schweiger reise eines Gelehrten f. XVL Jahrh. 4SS 

und holte fttren Über ruck auff rossen : stein sind da 
wolfeil: kein holte wachßt da, von rechter hohe und 
wilde, dann das man dahin säumet. Die landleut 
von Haßle erhaltend disen Spital, setzend ein wttrt und 
Spitalmeister dahin; der hat besondere nutzung dar* 
von, der gibt den wandlenden essen und trincken umb 
ir gelt, und die es nit ze bezalen vermögend, gibt er 
brot und speyß durch Gott. Ein schlechte herberg 
iato; aber da findt man gemeinlich guot weyn, den 
bringend die söomer Ubers gebirg auß Eschental und 
Walliß, und guot brot, das ftlrt man von Haßlen hinauf 
zwo groß meyl wftgs: käß, fleisch, und was man da 
gelftben, muoß man alles dahin füren. Zuo winters 
zejt hatt diser wtlrt und Spitalmeister etliche monat 
gar kein bleibens an dem ort, muoß hinab ins tal 
ziehen^. — Den unterhalb folgenden Räterisboden und 
den dortigen Straßenlauf beschreibt der Text gleichfalls 
recht anschaulich: „Die Aar hat ein wenig under dem 
Spital auff ein halbe stund fnoßgangs ein ebne genennt 
Rfttißboden ; sunst darob und darunder fallt diß wasser 
gante grausam durch die wilden velsen und darüber, 
schämet und «toßt die stein also wider einander, 
daß darauß ein starcker unleydenlicher dampff gadt, 
und ein geschmock gleych eines brttnnenden kalchs. 
Die straaß nebend dem wasser hinauff wirt mit schwX- 
rem kosten durch die landleut erhalten, ist merteils 
ia die rauhen velsen gehauwen, etwan mit rauhen 
steinen gemauret, underwylen mit holte von einem 
velsen zum anderen geprucket : an vilen orten, denen 
so des nit gewonet, grausam und gefarlich zewandlen; 
doch fart man mit soumrossen hinüber. Die Aar em- 

28 



484 Meyer van Knonau. 

pfacht beidereeyts etliche flüßlin, die aaß dem fini 
und alten Bchnee über die hohen velsen hereynfaUend, 
dadorch sy gemeeret wirt. Diß wasser wirt von wegen 
seiner wilde niemer lauter biß in den Brieiuseraee, 
sonder hat ein färb trüb, als ob mal oder leym darejn 
gemengt seye^. 

Mittwochs, den 27. Augast, wurde der Weg vom 
Spital über die Grimsel selbst eingeschlagen; einem 
Säumer, welcher den Reisenden den Sack tfber den 
Berg ftihrte, gaben sie einen Batzen Trinkgeld. In 
der Chronik meldet Stumpf, daß er Beweise des Reich- 
thums des dortigen Gebirges an schönen Krystalleo, 
weiß und roth, selbst getroffen habe : „Ich selber bab 
etlich, doch nit groß, Bm fttrgon funden und aofge- 
läsen, als ich über disen berg wandlet, Anno do. 1544^. 
Der Weg schien ihm beschwerlich : „und ist der bei^ 
zeersteygen zwo groß meyl wägs hoch und weyt: 
fttrwaar ein rauhe straaß, bey weylen sorglich ze- 
wandlen, auch winterszeyt mit schnee gar beschlossen". 
Stumpf wandte sich auf der Paßhöhe jedenfalls gleich 
rechts, so daß er Oberwald, das oberste Walliser 
Dorf, links unten zu seinen Fttßen ließ und erst bei 
Obergestelen das Thal erreichte. Hier beim Morgen* 
essen überschlug er die ganze Entfernung von Zürich 
bis Gestelen und fand als Summa 12 oder eher 13 
Meilen, wobei er die letzten Tagen^Lrsche, von Engel- 
berg bis im Grund zu 2 Meilen, bis Guttannen zu 
1, bis zum Spital zu „1 großmyl^, bis Gestelen zu 
1 Meile berechnete. 

Hiermit hatte er sein eigentliches Reiseziel erreidit^ 
und zugleich zieht er nun einläßlicher, als bisher^ 



Eine Sehweieerreise eines Gelehrten i, XVL JdhrK 436 

ErkundignBgen auch über Seitenthäler des Hanptthales^ 
ttber deren Pässe, ELirchdörfer, anderweitige AnBiedlun- 
gen, sowie über die Distanzen derselben ein. Zwar merkt 
er solches oft nur ganz kurz im Reiseberichte an, 
mn dann jedoch später in der Chronik nm so breitere 
AnsfUhmng diesen Dingen zu geben. So ist gleich 
bei der Erwähnung des gar nicht von den Reisenden 
berührten Oberwald eingeschaltet, daß der Roddan-Fluß 
an der Furka entspringe, mit der Verweisung : „vide 
taam chronicam^ , daß vom „Roddanbrunnen^ bis 
Oestelen 1 Meile, 2 Stunden Fußweges, die Entfernung 
betrage, ebenso daß oberhalb Gestelen der Hauptfluß 
aaf der linken Seite aus dem Gerenthaie heraus, „uß 
d^i alpen von Elmi dem vorsitz,^ ein Wasser em- 
pfange. Auch ist gar kein Zweifel, daß der Chronist 
die Landtafel, welche er nachher in dem Werke dem 
Bache über das Wallis beilegen wollte, schon in der 
Hand mit sich flihrte; denn an einer Stelle bemerkt 
er: „Darumb ist in der tafel gefeit; lug ejgentlich 
nf^. Seine allgemeinen Eindrücke vom Lande und 
dessen Leuten hat er natürlich auch erst im zusammen- 
hängenden Texte der Chronik ausgesprochen, so daß 
man dort sich das ürtheil über die Richtigkeit seiner 
Beobachtungen bilden muß. 

Prüfen wir, ehe der Weg thalabwärts begonnen 
wird, einige dieser zusammenfassenden Angaben. — 
Da ist zuerst von den gewaltigen Gebirgen die Rede. 
^Sonst an im selbs ist dises land ein eng und schmal 
talgelend, hat aber beiderseyts fruchtbare borg, auch 
vi! nebendtäler, deren sind etlich zwei, drei oder vier, 
auch etlich ob fünf meyl wägs lang, mit vil pfarr- 



436 Meyer von Kfumau, 

kirchen, fläcken, dörffer und gebeuw. Das land ist 
geringe henunb an allen orten mnbzogen und be- 
schlossen mit wunderhohen und grausamen gebirgen, 
die sich merteils auff ein guote Teutsche meyl bodi 
gegen wulcken und Ittfften aufrichtend, also das der- 
selbigen bergen vil zuo allen zeyten stätigklich mit 
Olettscher, Firn oder schnee bedeckt sind, deßhalb man 
gemeinlich an allen orten, wo man dareyn oder 
darauß wandlen wil, hohe bei^, rauhe reisen and ge- 
fährliche wäg ersteygen muoß, dann gmeinlieh alle 
paß und eyngäng ires lands von natur und hSbe deß 
wilden gebirgs also wunderbarlich bevestiget sind, 
das sy durch kleine macht beschirmt und mencklichem 
vorgehalten möchtind werden. Ja, die bei^ und ringk- 
mauren deß lands sind an yilen orten also hoch nod 
gäch von velsen, das einen grauset hinauf zesehen*'. 
— Dessen ungeachtet aber ist das Land und Tfaal- 
gelände ,,auß der massen fruchtbar und so lieblich, 
dergleychen ich nit acht ein so fruchtbar land in so 
wildem gebirg under der sonnen erfunden werden, 
das schaffet, daß es gar in die sonnen gericht ist, 
hat die sonn den gantzen tag, dardureh es also ge- 
fruchtbaret ist^. Oetreide, Obst und Baumfrüchte, 
der Waldreichthum, Erz und Bergwerk, auch seit 
kurzer Zeit gefundene Steinkohlen werden aufgezählt 
und gertthmt. — Der fremde Wanderer hat sich Überall 
genau erkundigt, so schon gleich oben im Lande, in 
dem zuerst betretenen Zehnten Gombs; er unterrichtete 
sich über die Art des Anbaus, ttber die Zeit der 
Ernte: „Das erdtrich ist gantz fruchtbar, also das 
auch zuo oberist im land im Zehenden Öoms die ftcker 



Eine Schweieerreise eines Gelehrten i, XVL Jahrh, 487 

gemeiiilich alle jar frucht gebend^ also das man gleych 
nach der ernd dieselbigen widerumb bauwet nnd säjet. 
An vilen orten wässerend sy alle ire guter, richtend 
das Wasser anch etwan durch ire äcker und weyn- 
gärten, könnend das selbig gar artig an den bergen 
här leiten durch graben und känel. Es hatt auch im 
land eigne rechtung und breuch umb die Wässerung 
der gttter. Die ersten ackerfrtlcht werdend an den 
fruchtbaresten orten im Meyeu zeytig; deßwegen im 
land WaUiß die ernd im Meyen anfacht und endet 
sich erst umb S. Michelstag. Also das die ersten 
frflcht im grund, die anderen in den nebendtälem, und 
die lotsten auff den bergen gleych under den schnee- 
bergen her ab gesamlet werden^. — Vorzüglich inter- 
esflirt sich aber der Berichterstatter auch für den 
Weinwuchs des Landes: er erhebe sich zu Morel und 
gehe durch das Land, je länger, je reichlicher, ab- 
wärts. Der weiße Wein wachse etwas frischer von 
oben hinab bis gegen Leuk, danach je tiefer um so 
stärker. In den Zehnten Leuk, Siders und Sitten habe 
der rothe Wein vor dem weißen den Preis : „der wirt 
also schwartz und dick, das man darmit schreyben 
möcht^. Unter Sitten sei der weiße Wein wieder in 
höherer Achtung. Und die Weine seien gut haltbar, 
ausgenommen der Muscateller („der wachßt auch fttr- 
bUndig guot in disem land^), und sie werden viel 
nach Uri und in das Bemer-Land gesäumt und getragen. 
Kurz : „die weyngwächs dises lands sind also lieblich, 
starek und guot, als man sy in Teutschen landen solt 
find^^. — Auch der Thierwelt, Wildbrät und Haus- 
tbieren, dem Rindvieh und der Milehwirthschaft über- 



438 Me^er von Knonau, 

hanpt, dem Fischreichthum wird die Aufinerksamkeit 
geschenkt. 

Was nun das Volk betrifft, so haben die Ein- 
wohner des Wallis schon den Römern zu schaffen 
gemacht, und anch jetzt ist das Landvolk streitbar, 
stark von Leib, an Arbeit wohl gewöhnt, durch Hitse 
und Kälte abgehärtet und deßwegen stark, „in alle 
wäg dem land gemäß : dann wie das land von bergen 
und velsen rauch, also warend auch die eynwoner 
dapffer, emsthafft, unerschrocken und starckmtttigy 
besonder aber unlejdig aller tyranney und tyrannischer 
beherrschung^, das letzte eine Eigenschaft, deren Zeug- 
niß in vielen zerstörten Schlössern wohl zu erkennen 
sei. „Das gepaurßvolck ist gemeinlich schlächterer 
bekleidung, dann in den Helvetischen landen. Sy sind 
merteils brauner färb, von wegen des luffts und der 
sonnen. Es habend auch dise landleut an vilen orten 
kröpff am halß, gleych als in der Steyermarck; das 
achtet man vom wasser entspringen^. — Aber dieses 
einfache Volk strebt auch nach Bildung und zeigt 
geistiges Leben : „Es hat an die Regimenten ge- 
meinlich erfaren und geschickt leut, auch vil geleerter 
menner; dann dieweyl das land ein besonder eigen 
Bistuom und Thuomgstifft, darzuo die landleut etwa 
vil Vogteyen Welscher spraach nach der Ordnung der 
siben Zehenden habend zu verwalten, dammb habend 
sy allezeyt vil junger knaben zuo der leer und schuolen 
angehalten, und wolt schier ein yeder ein geleerten 
sun haben, der ein Thuomherr, Bischoff, Of&cial werden, 
oder inn Welschen landen ein Yogtey zuverwalten sieb 
Latinischer spraach gebrauchen könde^. — Femer er- 



Eine Schweiserreise eines Gelehrten t. XVL Jahrh, 489 

innert sich, wer je schon durch das schöne Grün des 
oberen Rhonethaies reiste, gerne an die wunderbar 
satte braune Farbe der stattlichen Holzhäuser in den 
dicht in einander gedrängten Dörfern. Auch diese Eigen- 
thltmlichkeit der Bauart hat Stumpf wohl beachtet: 
^Die (Jebeuw diser landschafft werden gemeinlich von 
faoltzwerch anff Helvetische und Eydgnössische manier 
^emachet, doch allermeist vonn Lerchenholtz, des sy 
vil habend, welches im alter am wätter also schwartz 
wirdt, als ob es am rauch geschwertz seye. Doch 
sind merteils flächen und dörffer gantz stattlich und 
schön erbanwen von gemeur und ihre Tächer sind 
merteils durch hinweg gedeckt mit steinin platten, die 
sich von art dttnn spalten lassend, deßwegen söliche 
Tächer mit fheur nit leychtlich erzttndt werdend^. — 
An jenem 27. August, dessen erste Reisestunden 
für den Weg ttber die Grimsel nach Gestelen gebraucht 
worden waren, kam Stumpf, obschon er sich überall 
wohl umsah, noch überraschend weit thalabwärts, bis 
nach Morel. — Zunächst ging es von Gestelen, etwas 
weniger als zwei Stunden Fußweges, nach Münster; 
unterwegs ließ sich der geschichtskundige Reisende 
durch die noch heutzutage an der Straße stehenden 
bescheidenen Siegeszeichen, die beiden Holzkreuze 
unweit Ulrichen, daran erinnern, daß hier die Ober- 
walliser zwei Male ihre Waffen glücklich führten, 
1211 gegen den letzten Herzog von Zähringen und 
1419 gegen die Bemer. Dann wurde der noch in der 
Gegenwart, besonders durch seine stattliche gothische 
Kirche, wohl in die Augen fallende Flecken Münster, 
wenigstens in der Chronik, eingehender gewürdigt: 



440 . Meyer von Knonau. 

„Ist ein herrlich dorff^ und ein so schöne gelegen- 
heit von wisen und ackern, deigleych^ ich in keiner 
wilde gesehen hab, ügt auch auff der rechten sejteo 
des Roddans gegen Mittnacht, hatt ein schönen kom- 
wachß, doch am meisten von summerfrttchten^. Von 
Münster an zählt der Reisebericht die gerade hier 
auf kurzen Entfernungen sich drängenden Dörfer: 
zuerst Reckingen, nach keiner ganzen halben Stunde 
(„ügt uf beider syten des wassers ; hat ein pmgken^)^ 
dann weiter eine halbe Stunde (von Mttnster gerechnet) 
Glurinen, hernach „gar nach^ Ritzingen und Biel 
(„hat ein prugken^) — : „und dise yetz benennte dörffle 
sind alle gar schöner und fruchtbarer gelegenheit| anff 
der rechten seyten des wassers, gebend aach etwa 
manche kleiner fltisßlin herein in den Roddan^. 

Unterhalb Biel findet die oberste Thalstnfe ihren 
Abschluß, bei Niederwald, und ganz mit Recht be- 
merkt der Reisebericht: „Daselbst wird das land 
etwas enger ^. Bekanntlich führt in der Gegenwart 
die Poststraße von Niederwald hoch über der Rhone 
durch den Wald auf der rechten Seite nach Viesch; 
damals dagegen hatte der Wanderer den Fluß zu 
überschreiten : „Ob dysem dörfli Wald gat man über 
<\ie prugken uf die linken band gegen Aerinen^. Da 
fiel nun Stumpf, zunächst nach der Brücke, der Platz 
„Zlowinen, ein alter thurn, genant Zum Steinhuß^, auf, 
hernach als „cardinalis patria^, d. h. als Gebortsort 
des berühmtesten Wallisers, des Cardinais Matthäus 
Sehinner, das Dorf Mühlebach, und gleich darnach 
Aemen, welches eine starke Meile, etwa zwei und eine 
halbe Stunde, unterhalb Mttnster gelegen sei. 



Uine Schweizerreise eines Gelehrten i, XVI, Jahrh. 441 

In der Chronik ist das Dorf Aemen, welches auch 
gegenwärtig gegenflber Viesch auf seiner „schönen 
fraehtbaren and graßreychen höhe^ so ansehnlich in die 
Augen flillt, als „stattlicher hanptflftck des Zendens 
Gomms^ noch ganz besonders hervorgehoben: „Indisem 
ftifeken wirt das hochgericht gehalten im Zenden 
Qomms, hatt ein grosse pfarr, ist auch zimlich er- 
hauwen mit gemeur und steinwerch, welches oberthalb 
nit im brauch, sonder die gebeuw vast von holtz ge- 
macht, und mit Iftrchinen schindlen bedeckt sind ; 
ftirter hinab aber im land werdend die tächer der 
gebeuwen gemeinlich mit gespaltnen steinen nnd platten 
bedeckt^. Ebenso vei^ißt Stumpf nicht zu bemerken» 
daß gleich unterhalb Aemen das Wasser, die Binn, 
aus dem Binnenthale herauslaufe, in welchem Thale 
eine Pfarrkirche, St. Michael geweiht, inmitten im 
Orte am Feld stehe, und daß hinten durch dieses 
Thal Über den Albrun-Paß ein Weg ins Fttrstenthum 
Mailand gen „Petz^ (das will sagen: Baceno) führe. 

Von Aemen mußte Stumpf nach Lax, eine halbe 
Stunde weit, über die Rhone-Brttcke wieder auf das 
rechte Ufer, eben auf die jetzige Straße, zurück, und in 
der Chronik beschreibt er das abermals sehr gut und 
merkt die Veränderung der Gestalt des 'Fhales unter- 
halb Lax an, bei dem in mittelalterlichen Urkunden 
so viel genannten Grenzorte des obersten Wallis, dem 
Dörfchen Deisch: „Under Laax thuot sich das vor" 
gebirg beiderseyts zesamme herfUr biß an den Roddan, 
gleych als wölte es das land beschliessen; dann es 
daselbst gar eng wirt, und wirt der vorbtihel gegem 
Roddan auff der rechten seyten genennt der Diest- 



442 Meyer von Knonau, 

stalden (wirt noch zno Latin ^heissen A monte dei 
snperins), ist ein nndermarch zwttschend dem Zenden 
Gonuns und der Herrschaft Möril. Aiiff der linckeD 
eeyten stoßt das gebirg von Mittag hereyn an den 
Roddan, und in sölieher enge gadt ein geweihte 
pnicken von steinwerch von einem velsen auf den 
andren über den Roddan^. — Auf dem linken Rhooe- 
nfer gingen sie nnn abwärts, bis vor Morel (y,ligt 
2 stand under Aemen") wieder das Ufer geweehseU 
werden mnßte; denn da ging es auf die rechte Seite 
zurück, nach Morel hinüber, und die Reisenden freuten 
sich, hier die erste Spur des Weinwuchses zu finden : 
„Morel ist ein schön dorff, hat ein grosse pfarr in 
S. Hilarii kirchen^. — Damit war nun der reichli<^ 
ausgefUUte sechste Reisetag, der 27. August, zu Ende. 
Die unermüdlichen Wanderer hatten den großen Weg 
vom Spital an der Grimsel bis Morel an einem Tage 
zurückgelegt, und sie scheinen dabei, wenigstens nach 
den Ausgaben zu schließen, das einzige Mal in Ober- 
gestelen sich gestärkt zu haben. 

Wir haben Stumpf auf seiner Wanderung durch 
den Zehnten Oombs, den obersten Theil des Wallis, 
von Dorf zu Dorf begleitet, seine Beobachtungen überali 
verfolgt, zu beleuchten versucht, was er in seinem 
großen Werke aus denselben zu gestalten verstand. 
Doch es würde uns zu weit führen, wenn wir auch 
die vier folgenden Reisetage im Wallis so eingebend 
vorführen wollten. Außerdem erstreckt sich jener erste 
Reisetag über Gegenden, die auch in der Gegenwart 
noch etwa zu Fuß zurückgelegt werden mögen, während 
den unteren Abtheilungen des langen Thaies, bei allem 



JSine Sehweizerreiae eines Gelehrten ». XVL Jahrh, 443 

Reichthmn der Haaptdecorationen und der großen Ab- 
wechselimg der Nebenthäler, bekanntlich der Reiz so 
sehr abgeht, daß es in der neneBten Zeit als eine 
wahre Erleichterung nicht bloß hinsichtlich der Schnellig- 
keit hat begrüßt werden dürfen, als das Befördemngs- 
mittel der Gegenwart bis nach Brieg hinauf in Gang 
gesetzt Würde. So möge denn hier eben nnr noch bis 
Brieg Stumpfs Weg Station nach Station beleuchtet 
werden; weiter thalabwärts halten wir nur noch an 
einigen Hauptplätzen still. 

Donnerstags, den 28., wurde der Weg andert- 
halb Stunden weit bis Naters, hernach die weitere 
halbe Stunde bis Brieg fortgesetzt. Gleich unterhalb 
Morel fiel den Reisenden zunächst die Ruine des 
Schlosses Mangepan in die Augen: „Diß gewaltig 
schlosß, eines Welschen nammens, ist unden nebend 
dem dorff Morel gegen Mittnacht auif einer hohen fluo 
des gebirgs gelegen; noch ein Scherben von einer 
alten mauren wirt alda gesehen^. Etwas weiter unten 
überraschte der mächtige Strom der vom Aletsch- 
gletscher kommenden Massa die Wanderer. Hatten 
sie es schon die ganze Strecke von Morel her „wunder- 
kalt alle zeyt^ gefunden — „das schaffet die enge 
des lands ; dann da werdend die wind durch die höhe 
der gebirgen eyngeschlossen und in das tal getrengt^ — , 
so verwunderten sie sich nun über den starken, wie 
sie meinten, beinahe schiffreichen, doch im Sommer 
durch das Schmelzen von Firn und Schnee zwar ver- 
größerten, aber auch ungestüm und trüb gemachten 
Strom: „Dises wasser Massa hat gleych nächst ob 
seinem eyngang in den Roddan ein schöne steinin 



444 Me^er von Kwmau. 

prucken von einem sehwybogen gemaehet, darüber die 
8traß gadt. Es wirt der Roddan von disem eynfliiß 
gaiitz Btarck und sdiiffreych: doch ist er v<m wilde 
des gelends and der velsen also wtitig and ongestOiDy 
das man in mit schiffen nit faren mag^. — Gleidi unter- 
halb dieser Brücke tritt man in die Thalebene von 
Brieg, welche die Chronik recht gnt in wenig Worten 
eharakterisirt: ^Söliche drey fläcken, Naters, Brig und 
Glyß, ligend in einem dreyegk, keiner ein völlige 
halbe stund vom anderen; darzwttschend sind schöne 
matten^, and von Naters insbesondere heißt es: 
„Naters hat Bch<$ne gebenw, merteils von steinwerch^ 
anff Schlösser manier, mit angesetzten thümen, siimen 
and aercker gantz bössisch gebauwen (wie in mertttls 
namhafftigsten (lacken des gantzen lands söUche vil 
behaasungen), ligt gar an einem velugen, doch lieb- 
lichen und nit unfruchtbaren ort gegen der sonnen^. — 
Zwischen Naters und Brieg wird die zweibögige 
steinerne Brücke bewandert: „Dardorch rauschet daa 
wild ungestüm wasser, also daß wander ist, wie man 
steinwerck dareyn setzen und erbauwen möge^. Auch 
Brieg, der schöne, lustige, stattliche Flecken, findet 
volles Lob : „Meines achtens übertrifft er alle andere 
fläcken in Oberwalliß". — - In Gliß dann interessirt 
sich Stampf ganz vorzüglich für den mächtigen Heim 
Georg auf der Fluh, welcher ein Menschenalter vorher 
in der Walliser Geschichte eine große Rolle gespielt, 
vielfache wechselnde Schicksale erlebt hatte. In der 
durch diesen Mann selbst erweiterten Wallfahrtskirche 
zu Gliß — ist „ein zierlicher Tempel" — schrieb sich 
der Chronist die Gedächtniß-Inschrift Georg's ab : „Er 



Eine Schweieerreise eines Gelehrten t. XVL Jahrh, 446 

hat gehept zwölf sün und elf tbchter von einer frauwen, 
und Bo die Oonterfactnr der taf len, wie ich die ge- 
sehen hab) gerecht, ist mir schönere gestalt von eitern 
und so vii kindem nit für angen kommen. Aber er hat 
sein fürstliche begrebd zno Glyß vergebens gemachet, 
mnoßt bey den anßlendischen begraben werden ; seine 
vil kinder, schöne sttn und töchter, sind auch beynach 
gar in knrtzer zeyt vei^angen. Dises hab ich allein 
darnmb hereyn gesetzt von disem mann, daß niemants 
dem glück, anffgang und zeytlichen wolstand zevil 
vertranwe, sonder das sich ein yeder anff Gott, die 
unbeweglichen grundveste, begrttnde^. — Einige Mit- 
tbeilungen ttber diesen Oeoigius super Saxo hatte 
Stumpf auch aus einem Buche, das er als sehr alt 
bezeichnet, entnommen, welches ihm in Brieg muß vor- 
gelegt worden sein und eine Anzahl sehr bemerkens- 
werther Notizen, insbesondere zur Walliser, doch auch 
zur schweizerischen Geschichte, enthielt; sehr mager 
dagegen sind Excerpte aus Jahrbüchern der Kirche 
zu GHß. 

An diesem Donnerstag, den 28., kam Stumpf noch 
bis an „ein huß Beckenriedt: da bleybend wir über 
nacht, verzertend 2 batzen^ : Beckenried liegt gegen- 
über Niedergestelen, zwischen Visp und Turtman. ^) 



Des die Leser des Jahrbuches gegeDwärtig besonders 
interessirenden Lötschenthales gedenkt der Reisebericht nicht; 
dagegen findet dasselbe in der Chronik seine Erwähnung; 
Es heißt da: „Nebend Oestelen falt ein wasser herfür in den 
Roddan, das heißt die Lnontsa, entspringt ob einer grossen 
meyl wägs gegen lOttnacht und ein wenig gegen Aufgang, 
hinder dem gebirg Bietschhom o^ Raren gelegen, und nebend 



446 Meyer von Knonau. 

Am folgenden Tage aber, den 29., wurde Sitte» 
erreicht. Am 30. ging die Reise, wegen des iMngeren 
Aufenthaltes in Sitten, nur noch bis „Schellen: ds 
warend wir über nacht und verzartend mit eynem 
Tlltsch knecht 6 batsen^. Von Saillon — denn das 
ist unter „Schellon^ zu verstehen — wurde am Sonntag^ 
den 31., über Martinach („Zu Martenach assend wir 
zu morgen by Hans Helbling von Zürich, eym Ttttschen 
wirt; das mal kostet 4 batzen^) die Grenze bei 
St. Maurice gewonnen und dort das letzte Nachtquartier 
im Wallis aufgeschlagen. 

Von den zwischen Brieg und dem untersten Landes- 
ende berührten Plätzen betont der Reisebericht in 
erster Linie den noch heute, wenigstens von aafien 
her, so malerisch in das Auge fallenden Flecken Lenk : 
„Vor der Susten über uf eynem lustigen wingartberg 
ligt der herlich flecken Löuck sampt dem bischöflichen 
schloß und eynem gar schönen rhathuß^ — , und noch- 
mals folgt danach: „Löuck ad deztram Roddani. Vor 
der Susten über ligt Leuck, ein schön dorf, cum aree 



den Lettschenberg. Von dises wassers urBpnuig gadt ein 
pasß gegen Mittnacht über den Berg Lettschen oder Lett- 
scher hinüber in Gastrun and fUrter gen KanderstSg in 
Fmotinger tal, Bemer biets. Diser berg iBt vast rauch, nn- 
wägsam und sorgklich zewandlen^ und verfallend vil leot 
darauff. Das tal hatt den nammen darvon, das Lettschtal, 
hatt auch etliche dörifer und ein pfiarrkirohen". Dann werden 
die namhaftesten Dörfer und Ortschaften aufgezählt; es wird 
des Krieges von 1418, in welchen das Thal vervnckelt wurde, 
gedacht, nebst noch einigen weiteren historischen Notisen. 
Auch wird nicht vergessen, da6 es in dem Thale an einigen 
Orten Bergwerke gebe undi Bleien geftmden werde. 



Eine Schweizerreise eines Gelehrten i. XVL Jahrh, 447 

episcopali; hat ein prugken ubern Roddan mit eym 
thorn beschlossen. — Under Leuck ist ein prugken 
ober des bades wasser, gat ouch durch ein thum; 
darumb ist Leuck glych als ein stat beschlossen^. 
In der Chronik bemerkt hier Stumpf femer noch den 
Umstand, daß da nun die Sprache zu wechseln an- 
fange: ^Leuck ist Tentscher und Weltscher spraach. 
Ftlrhin gebraucht sich das landvolck gemeinlich 
Weltscher spraach ; außgenommen in den hauptfläcken 
könnend sy merteils beid spraachen^ (bei Siders heißt 
es gleich nachher, daß da im Flecken die Leute 
,,Teut8ch und Weltsch vermischet könnend und redend^, 
wahrend um Siders hemm auf dem Lande ^man sich 
merteils Weltscher spraach, auff Saffoygische manier^ 
gebraucht, doch etwas gröber^). 

Zwischen der Susten, wo „den kauffleuten und 
wandelbaren zeUeb ein herberg und gasthauß ge- 
banwen^, und Siders ist, auch im Reiseberichte, der 
Pfyn-Wald genauer beschrieben und besonders auf 
den großen Erosionskessel des Illgraben die Aufmerksam- 
keit gelenkt: „Pfimbdwald ist ein langer forrenwald 
under der Susten, nebend dem Üllgraben. Üllgraben 
ist ein wyter tiefer platz, vom bergwasser ußfressen ; 
daruf ist vor zyten Alt-Löuck gstanden^. — Siders 
selbst hat Stumpf nicht so imponirt, wie Leuk; er 
sagt davon im Berichte nur : „Syder hat ob dem dorf 
ein prugken ubera Roddan. Ob dem dorf ein thurn 
und gfenckniß. Nebenduß gegem Roddan ein doster ; 
im dorf ein bürg eynes vogts^. In der Chronik wird 
außerdem noch ausdrücklich bemerkt: „Diser fläck 
ist von gebeuwen nit gemeinlich also schön und von 



448 Meyer von Knonau. 

gassen 80 aauber^ als etliche hie ob veraeichneteB, ist 
aber vil fruchtbarer und feißter; dann daa land tnol 
sich daselbst etwas auf in die weyte, deßhalb diser 
fläck gegen der sonnen an einem gar warmen ort ligt, 
mit edlen güeteren und kostlichem weyngewSehs umb- 
zieret, ist der allerfruchtbaristen (lacken einer d^ 
gantzen lands^. 

Mit Empfehlungsbriefen, welche der Zürcher Ge- 
lehrte nach dem Flecken Lenk und dann später wieder 
nach Martinach mitftthrte, hatte er Unglttck ; denn wie 
in Lenk ,,houptman Vinschi und syn wyb nit an* 
heymisch warend^, so machte er in Martinach die^ 
selbe Erfahrung mit dem Philippus de Platea. Um 
so erwünschter war es, daß es ihm zu Sitten mit dem 
vornehmsten Herren des ganzen Landes besser geachah. 
„Die sabbathi, 30. Augusti, praesentavimus literas 
Episcopo. Der hat uns zu M. Ohristanno gewisaen; 
von dem warten wir bescheyds^ (der Verkehr mit 
diesem Magister verursachte allerdings eine gr5ßere 
Zeche: „Zu Sitten habend wir ußgeben 13 batzen; 
verzert mit M. Christiane^). — Bischof Adrian, aus 
dem Walliser Oeschlechte von Riedmatten, muß auf 
den Chronisten einen sehr günstigen Eindruck gemacht 
haben ^ denn in seinem großen Werke schließt er die 
mehrere Capitel füllende Bisthumsgeschichte mit fol- 
gender Charakteristik des damals regierenden Bischofs 
ab : „Bischoff Adrian ist ein vemünfRiger mann, von 
person wolgestalt, demütig, reychen und armen gleych 
freuntlich, gar fridsam, und dem vatterland also ge- 
treuw, daß er billich ein Vatter des vatterlands sol 
und mag genennt werden. Er fürt ein kleinen pracht, 



Eine Schtoeizefreise eines Gelehrten t. XVL Jahrh, 449 

richtet alle ding merteils selbs auß. Er ist deß fridens 
also geflissen und den selbigen im land zeerhalten so 
embsig und fürsichtig, das sich von anfang seiner 
regierang biß auff dise zeyt kein namiiaffte unruow 
oder Matzen wider gemeinen friden ye empöret hat. 
Er hat die gerechtigkeit lieb, und regieret darby seine 
underthone mit höchster frenntlichkeit. Das Bischoff lieh 
schloß Maiory, bey seinen tagen verbrunnen, hat er 
in jars frist mit gebeuwen also erschiffet und auß- 
gebutzet, das söliche brunst beynaach für nodtwendig 
möchte geachtet werden. Großen kosten hat er an- 
gelegt etliche Saltzbrunnen und pfannen dem vatter- 
land zuo gutem zeerbauwen und in gang zebringen. 
Im jar Christi 1544 hat er den Cistemin in der vor- 
burg der Maiory gebauwen. Hiemit wollend wir die 
Ordnung und Verzeichnung der Bischoffen von Sitten 
beschliessen^. 

Der Stadt Sitten gedenkt der Reisebericht fast gar 
nicht: an dieser Stelle schiebt er registerartige Orts- 
Übersichten von Ortschaften des Hauptthaies und meh- 
rerer Nebenthäler ein. Dagegen hat die Chronik die 
einzige Ortsansicht aus dem Wallis — im Vorder- 
gmnde die Stadt und darüber die so malerisch sich 
grappirenden Schlösser, das Ganze überragt von aller- 
dings sehr phantastisch gebildeten Berggipfeln — eben 
der Hauptstadt gewidmet, derselben auch eine kurze 
Beschreibung der „Glägenheit^, der ,,drey kirchen der 
statt ^, der ,,drey Schlösser" angehängt. Auch noch 
an einer anderen Stelle seines Buches vom Wallis ge- 
denkt der Reisende eines Eindruckes aus der Haupt- 
stadt: „Das Wildprät von Steinböcken, Ybschgeißen 

29 



450 Meyer von Knonau» 

und Gembsen ist in disem land also gemein, das man 
söliches bey weylen in der Meizg nebend anderem 
gemeinem fleisch außhaawt and um ein gering gdt 
verkanift. Sölichs hab ich in der statt Sitten eelba 
gesehen". 

Ganz besonders aber begann Hlr Stumpf während 
dieser seiner Reise hier in Sitten eine Seite seiner 
Studien erst fruchtbar zu werden. — Der, was die rö- 
mischen Inschriften betrifft, in der Gegenwart artheils- 
fähigste Kenner, Theodor Mommsen, hat in der Zeit, 
als er, selbst auf dem Boden der Schweiz als Uni- 
yersitätslehrer thtttig, die Inschriften unseres Landes 
neu sammelte und herausgab, über Stumpfs Verdienste 
als Inschriftenforscher in der anerkennendsten Weiae 
geurtheiit. Stumpf — sagt Mommsen — sei im höchsten 
Grade fleißig, zuverlässig, genau, kurz ein Gewährs- 
mann gewesen, wie ihn die Sachkundigen für solche 
Arbeiten überhaupt nur wttnschen könnten. Der be- 
scheidene Mann habe vor seiner Zeit hierin keinen 
erwähnenswürdigen Vorgänger gehabt, und in sehr 
langem Zwischenraum sei kein anderer ähnlicher anf 
ihn gefolgt (ganz besonders zielt da Mommsen auf 
Tschudi, welcher durch seine viel unzuveriässigerea Ar- 
beiten auf demselben Gebiete nur dazu beigetragen 
habe, Stumpfs Verdienst zu verdunkeln). Und wenn 
irgendwo fttr Stumpfs Arbeit der werthvolle Umstand 
eigener Prüfung und Besichtigung in Betracht komme, 
so gelte das fttr die Inschriften des Wallis. — Die 
erste Inschrift nun, weicher Stumpf im Waliis be- 
gegnete und die er abzuschreiben sich befliß, sah er 
in Sitten, neben der oberen Thüre der Hauptkirehe, 



Mne Schweizerreise eines Gelehrten i. XVL Jahrh. 461 

eingemauert. Besondera aber boten Martinach, das alte 
Octodaram, sowie St. Maurice, der letzte von den 
Reisenden im Wallis berührte Ort, reichliche Ausbeute. 
Zu Martinach zwar ärgerte sich der Gelehrte, daß 
eine marmorene Säule auf der Erde liege, so daß man 
sie wegen ihrer Schwere nicht umdrehen und zur 
Lesung der Inschrift nicht gelangen könne, ebenso, 
daß aus ähnlichen Gründen auch noch andere Frag- 
mente ihm entgingen. Gleicher Weise konnte er in 
St. Maurice an der Abteikirche mehrere Inschriften 
allerdings benutzen, während ihm wieder andere wegen 
ihres hohen Alters oder ihrer Abgenütztheit unlesbar 
bKeben. Für die Kirche von St. Maurice bemerkt er 
femer: „Nota bene: den gestückten esterich hinder 
dem altar^ — , worunter ja wohl ein Mosaik-Fußboden 
zu verstehen ist. 

Hatte Stumpf schon durch das ganze Thal herab 
mittelalterlichen handschriftlichen Geschichtsquellen, 
welche sich ihm darboten, seinen Fleiß zugewandt, 
so zeigte sich ihm nun im Stifte St. Maurice, dieser 
uralten geistlichen Anlage des burgundischen Reiches, 
vollends noch die Gelegenheit, mittelalterliche Nach- 
richten zum Thell sehr frühen Datums zu sammeln. 
Voran schöpfte er aus der „Fundatio Agaunensis 
monasterii^ ; dann schrieb er sich die Reihe der Aebte 
des Klosters, eine solche der Könige von Burgund, 
sowie kürzere und längere Auszüge von Urkunden 
ab. Wie er schon weiter oben im Thale auf Wappen 
sein Auge gerichtet hatte, fügte er da diejenigen von 
Gemeinden und Herrschaften von Unterwallis auf einem 
eigenen Blatte bei. Alle diese Gefälligkeiten hatte er 



452 Meyer von Knonau. 

hier dem Umstände zu verdanken, daß der Bischof 
von Sitten ihm einen Empfehlungsbrief an den Abt 
von St. Maurice mitgegeben hatte, so daß man ihn 
entgegenkommend im Kloster aufnahm. — Außerdem 
aber beweist der Text der Chronik durch die ein- 
geschobene gute Beschreibung der örtlichen Lage des 
auch nach dieser Hinsicht merkwürdigen Platxes 
St. Maurice, daß sich Stumpf daselbst Überhaupt wohl 
umsah : „Mit dem stättle Agauno beschleußt sich das 
land Walliß gar wunderbarlich ; dann da stoßend die 
hohen gebirg und gäben velsen zuo beiden seyten an 
den Roddan also naach zesamen, das eben bloß das 
Wasser hinauß gon mag, und ist auch bemelter grosser 
und schiffreycher flusß daselbst nit breiter, dann daa 
ein steinin prucken nur von einem gewelb oder schwj- 
bogen darüber von einem velsen auff den anderen ge- 
bauwen, die ist aufT der lincken seyten under dem 
stättle mit einem schlosß (diser zeyt deß Landvogts 
behausung) und auff der rechten seyten gegen der 
herrschaift Aelen und Berner gebiet, mit einem thnm 
und porteu wol bewaret, also daß man an disem ort 
das gantz land Walliß mit einem Schlüssel beschliessen 
und mit kleiner wacht und huot wol aller weit mag 
vorhalten. Gleych ob dem schlosß und der prucken 
zwüschend dem Roddan und dem hohen gebirg zeruor 
am velsen ligt das stättle Agaunum^. — Noch an 
einer anderen Stelle findet sich eine Erinnenmg an 
St. Maurice: „Ich selber hab zuo S. Moritz, Anno 1544 
am 31. Augusti umb vesperzeyt sölicher grosser 
Förinen auff 16 und 20 pfund schwär in einer halben 
stund 14 sähen also frisch auß dem Roddan gefangen 



Etne Schweizerreise eines Gelehrten i. XVJ. Jahrh, 453 

in die herberg tragen, anßgenommen die ich nit ge- 
sSheit hab and anderß wohin kommen sind'^. 

An einer Stelle seiner Schilderung des Wallis in 
der Chronik sagte Stumpf, daß das Land ,,in der 
lenge (von dem fuoß deß bergs Furcka biß zuo S. Mau- 
ritzen hinab gerechnet) 16 gemeiner Teutscher meylen 
hat ^). Das machet 32 stund guots gemeines fuoßwägs, 
das thuot 4 geringer tagreisen zefuoß, darinn man sich 
dennocht nit muoß ttbereylen^. Freilich hatte unser 
Chronist diese vier Märsche in fünf Tagereisen vollendet, 
aber mit welchem Fleiße daneben geforscht und ge- 
sammelt. — Mit der Ueberschreitung der Rhone und 
der Betretung des Bemer Gebietes auf dem jenseitigen 
Flaßttfer i^t auch unsere Aufgabe hier im Wesent- 
lichen abgeschlossen; nur kurz wollen wir das Ende 
der Reise, soweit es überhaupt im Reiseberichte noch 
aufgezeichnet ist, verfolgen. 

Montags, den 1. September, Mittags, wurde St. Mau- 
rice verlassen, doch nicht weiter als bis Aigle gereist; 
denn es hieß, weiter unterhalb, zu Vevey, herrsche 



') Hinsichtlich des Maßes der Wegentfemungen bemerkt 
sStmnpf an gegebener Stelle in der Chronik : „Zewiissen, daß 
die meylen dnrch dises tal (gleych wie durch ganz Under- 
walliß) nit Tentsche meylen, sonder allein Französische 
Lencken sind, deren eine ein gnote stund füoßgangs haltet. 
Also werdend von Martinach biß zuo S. Bemhart auif den 
berg gezelt 7 meyl, die mag ein vermüglicher mensch in 
K stunden wandlen, das machet auif 4 Teutsch meyl. Also 
von Sitten gen Martinach zellend etlich vier, etlich fQnif meyl, 
die wandlet man in fQnff stunden zeftioß, also bin ichs selbs 
gangen". 



454 Meyer von Knanau. 

die Pest. — Am 2. September legten die Wanderer 
den ansehnlichen Weg bis Lausanne zorttck. Untw- 
wegB vermerkten sie Chillon — „das schloß Zylinm, 
ain ort im see^ — , hernach Montrenx — „Mochtrieii, 
ein schön dorf und fleck" — und nicht weit davon 
„ein wenig vom see in den reben, uf halbem weg 
zwiischen NUwenstatt und Vivis^ Gastellare, ein schloß 
ob Vivis". Aergerlich war ihnen zu Gully „ein adinode 
urten, 2^/« batzen zu abend um ein trunk". — Zu 
Lausanne wurde ein Aufenthalt bis zum 4. September 
gemacht, mit einer Ausgabe von 20 Batzen: 7,Wir 
kartend in zum Engel, quia hospitium Leonis erat 
occlusum". Auch hier machte Stumpf eifrig Auszüge 
aus Bischofs-Katalogeu und Urkunden ; daneben aber 
erfreute man sich des Zusammenseins mit geistlichen 
Amtsgenossen, mit dem vortrefflichen Reformator Peter 
Viret, sowie mit Beat Comte; auch zwei deutsche 
Schweizer fanden sie da vor, den Zürcher Geoi^g 
Rubli und einen Benier Josua Wittenbach. — Einen 
sehr anstrengenden Marsch forderte der Donnerstag, 
4. September, obschon erst kurz vor Mittag aufge- 
brochen werden konnte, bis nach Romont : „Ist 6 stund 
guts fußwogs, thut dry gmeine Tütsche mylen, gabend 
underwegen um ein trunk 1 batzen". — Am 5. September 
ging die Reise über Freiburg bis zur Sense — da 
wurde die Nacht zugebracht — , hernach am 6. bis 
nach Bern: „zum Falken; da habend wir zwen tag 
verzert 20 batzen, hembder gewaschen, schuch bützt 
und schärgelt". Nachdem in Bein unter anderen eine 
Genealogie der Zähringer gewonnen worden war, ging 
es noch am Sonntag, 7. September, zu Nacht bis Biel: 



JEine Schweizerreise eines Gelehrten t. XVL Jahrh. 465. 

^item 2 batzen, 1 criizer von myneii schuchen ze 
bfletzen^. — Am Montag wurde Solothurn erreicht: 
^zum Lewen, verzartend über nacht und an dinstag 
zu ymbiß nut den herren, die arbeit mit uns hattend, 
1 gülden 5 batzen, da man uns den wyn schankt^. 
In Solothurn nämlich scheint man dem Chronisten bei 
seinen auch hier wieder sehr fleißig gemachten histo- 
rischen Auszügen geholfen zu haben, und nochDinstags 
begleitete ihn einer dieser Freunde , auf dem Wege 
nach dem Nachtquartier St Urban, bis nach Wangen : 
^Da thatend wir ein abendtrunk, kost 4 batzen; 
hattend Jochimen zu gast, der war mit uns von Sole- 
thom gangen''. — Wieder nahm Stumpf von St. Urban 
ein Verzeichniß der dortigen Aebte mit; dann brach 
er Mittwochs, 10. September, nach Zofingen auf. Allein 
hier bricht das Reisejoumal ab, am zwanzigsten Tage 
der gesammten Abwesenheit ^). Wir hören nicht, wann 
und auf welchem Wege Zürich wieder erreicht worden 
8ei, und Notizen über einige aargauische Schlösser 
sind nicht von Stumpfs eigener Hand geschrieben. 



In seiner Vorrede zu dem vollendeten Werke hat 
sich unser Chronist über seine Arbeit folgendermaßen 
ausgesprochen: „Dem allmächtigen Gott zuo lob und 



Aus einer Reihe von Stellen des Reiseberichtes ist 
im oben stehenden Texte hervorgegangen, daß der reisende 
Chronist seine Ausgaben überall vorgemerkt hat (einzig am 
letzten verKeiehneten.Tage, am 10. September, ließ er die 
Sanunen nnansgeffillt). Leider ist nun die Berechnung in 
sehr verschiedenen Mttnzsorten geschehen, deren Verhältniß 



456 Meyer von Knonau 

zuo merer erbreiterung seiner wundei'wereken, auch ge- 
meiner loblicher Eydgnoschafit zno eeren, nutz, woUkit 
und besserung hab ich mich weyter in die arbeit eyn- 
gelassen und der AlplSnder und loblicher Eydgnoschaffl 
gelegenheit, gestalt, wäsen, Bitten, auch irer stetten, 
länder und yölcker Ursprung , härkommen, dapffere 
und Chronickwirdige thaaten mit bestem fleyß zum 
treuwlichsten (so vil mir yemer miiglich) zesamen 
getragen, in ein Ordnung (wie dise XIII bücher au&- 
weysend) gestellt, und durch den truck lassen außgon, 
darmit sich alle liebhaber der historien, besonder in 
einer loblichen Eydgnoschaift, auch in irer frommen 
altvorderen geschichten zeergetzen, ir eer und lob für- 
zebilden und ab inen ein beyspil und wägweysnng 



za einander sich unserer Schätzung entzieht. Immerhin mag 
eine Zusammenstellung hier für die Leser einiges Interesse 
bieten, und vielleicht überrascht ein Kundiger den Verfasser 
durch eine geschickte Berechnung dieser Werthe; denn so 
erst wird das Erstaunliche der Billigkeit damaliger Reise- 
kosten klar zu Tage treten, wobei ja noch stets festzuhalten 
ist, daß nicht bloß eine einzige Person unterwegs war. 
Es sind in Zürcher Münze 9 Schill.; 

in Luzemer Münze 23 Schill. U Hell. 7 Batzen: 
in Berner Münze 4 Schill.; 
in Freibnrger Münze 16 Schill. („Fribnrg: aßend 
zum Hirzen zu ymbiß, kostet 16 Fry burger ß., 
thut 4V» batzen**); 
in Constanzer Münze 5 Batzen; 
in Walliser Münze 16 Kart („8 ß. Zürichmünz, was 

9 kart": „ein abentzechli" in Visp); 
ohne genauere Angabe der gebrauchten MUdz- 
Sorte 1 Gulden — 2 Doppelvierer — 160 Batzen — 
5 Kreuzer. 



Mne Schweieerreise eines Gelehrten t. XVI. Jahrh. 467 

zuo allem guotem abzenemmen habind. Der barm- 
hertzig Gott w(511e ein fromme Eydgnoschafft in seiner 
Göttlichen gnaden schütz und schirm vätterlich er- 
halten, das sy langwirig mid bestendig in eeren, zuo 
yemerwärenden zeyten gruone, wachse und zuonemme 
in iiid, freyheit und gerechtigkeit. Amen.^ 

In diesem frommen Sinne, wie er dem ächten 
wissenschaftlichen Schriftsteller ziemt, der allein die 
Wahrheit, nicht aber die eigene Ehre sucht, hat Stumpf 
aach diese hier beleuchtete Reise unternommen und 
durchgeftthrt. Wir irren wohl kaum, wenn wir an- 
nehmen, er habe während der so sorgsam, so geizig 
mit jedem der Arbeit freistehenden Zeitabschnitte 
ausgenutzten drei Wochen mehr Mühseligkeit, als Er- 
holung genossen. Aber um so ehrwürdiger und dankens- 
werther erscheint uns dieser vortreffliche Zeuge einer 
großen Zeit. 

Denn in so unbequemer Art mußte ein Gelehrter 
des Reformations- Jahrhunderts durch unser Land reisen. 



Das Avers. 

Ton 

Fr. Käser (Section IJto). 



I. Land und LeNte.^ 
Wohl mancher Wanderer hat Bchon vom stattliefaeD 
Andeer') ans seine Schritte durch die Roffla gelenkt 
nnd vom Contrast der unvermittelt sich folgenden 
Scenerien — des stillen^ friedlichen Bchams und 
der düster wilden Felsschlucht — Überrascht, jener 
Stelle zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, wo bei 
der ^steinernen Brücke" ein wildes Wasser, eingeengt 
zwischen kahlen Felsen, tief unten gewissermaßen um 
sein Existenzrecht mit dem alten Rhein kämpft. WSre 
nicht dieses Wasser ein majestätischer Wegweiser, 
Niemand würde dort aus der geringen Weitung der 
Rofflaschlucht auf die Mündung eines mehr als 7 Stunden 
langen, mehrfach verzweigten Seitenthaies schließen 
können. 



Vide Badeschrift: Pignieu-Andeer von Dr. F. GolL 
Zürich 1888. 

*) Der zweite Theil, die Flora des Avers, eracheint wegen 
Raummangel erst im nächsten Jahrbucbe. D. Red. 



Das Avers, 459 

An dieser Stelle aber steht der Wanderer am 
Eingang des Ferrera- und Aversthales. Was er dort 
bewundert, ist nur die Introdnction zu dem Schauspiel, 
das sich ihm enthüllt, wenn er, von der schönen 
Splügenstraße abbiegend, dem neuen Wegweiser, dem 
Avner-Rhein, folgt. Eng und düster, aber großartig 
wild bleibt das Thal, bis er auf dessen höchster 
Stufe, dem Avner Oberthal, angelangt ist. Nur zwei 
Mal weitet sich die enge Schlucht zu einer Thalsohle 
aus, die neben dem Bachbett und dem holperigen, 
schmalen Weg Raum läßt für kleine Dörfchen. Sonst 
bilden dunkle Bergwftlder, kahle, schroffe Felswände, 
oder Öde, steinige Berghänge den Rahmen zu dem 
wild tobenden Bach mit alF seinen Schnellen und 
Wasserfällen. Vier Stunden weit geben dem Wanderer 
diese düsteren Bilder das Geleite, selten findet er 
darin einen Punkt der Ruhe und des Friedens; viel 
öfter ftthlt er sich überwältigt, seine Sinne aufgeregt, 
mit eiligeren Schritten sucht er sich den beengenden 
Eindrücken zu entziehen, und freier athmet er auf, 
wenn die anmuthige Wiesenebene, in deren Mitte 
Oampsut liegt, vor ihm sich ausbreitet. 

Campsut ist der unterste Weiler in der Land- 
schalt Avers. Die eigentliche Grenze liegt zwar weiter 
thalabwärts, bei der Einmündung des Baches aus dem 
Val di Lei. Von diesem Punkte an dehnt sich nun 
das Thal in südöstlicher Richtung aus bis hinter Juf, 
gegen 4 Stunden in der Länge. 

Sieht man vom Val di Lei ab, das geographisch 
zu Avers, politisch dagegen zu Italien gehört, so 
münden von Süden her Val Madris und Val Bregalga 



460 Fr, Käser, 

in's Hauptthal ein, von Norden einzig Val Starlera. 
Im Haaptthal selbst lassen sich zwei Thaletufen 
deutlich unterscheiden. In der uutem liegen Gampsut 
und Orot mit Madris, in der obem Cresta, Port etc. 
Die Einwohner bezeichnen denn auch diese letztere 
mit Oberthal, die erstere, speciell Val Madris, mit 
Unterthal. Wie schroff diese Stufen von einander ge- 
schieden sind, geht am deutlichsten aus der Höhenlage 
von Cresta und Cröt hervor. Der Verticalabstand 
dieser beiden Orte beträgt 229 ™ bei einer horizon- 
talen Distanz von nur 2 ^">. Man dürfte, geatfltzt 
auf diese Zahlen, vei-muthen, der Bach köone die 
bedeutende Niveaudifferenz nui* mittelst eines Sturze» 
überwinden. Allein dem ist nicht so. Während Cresta 
1949 ^ ü. M. liegt, ist die Bachsohle unterhalb der 
Kirche nur 1780» und bei Cröt 1720» ü. M. Diese 
merkwürdige Erscheinung hat nun ihren Grund in der 
Beschaffenheit des Gesteines. Weitaus der größte 
Theil der Averser Berge und der Thalsohle besteht 
aus dunkelm Schiefer, demjenigen in der Viamala gleich 
oder sehr ähnlich. Diese Gesteinsart ist aber so 
weich und leicht verwitterbar, daß der Bach und alle 
seine Zuflüsse durch Erosion die Hindemisse Ober- 
winden konnten, daher überall die ^efen und schmalen 
Tobel. Die Schichten dieses Schiefers streichen in der 
Richtung des Thaies und fallen gegen Nordost ein, 
die Schichtköpfe liegen also auf der rechten Thal- 
seite, so daß diese gesichert ist gegen allzu rasche 
Abspülung, welche sich dafür auf der linken Seite um 
so besorgnißerregender geltend macht. Sonst wäre 
wohl Cresta mit der Kirche, welche bei einer Ent- 



Das Avers, 461 

femung von circa 250" vom Bachbett doch 160" 
darüber liegt, schon längst nicht mehr da. Aber 
diesem Schiefer sind wohl auch die prächtigen Matten 
zu danken, welche jedem Besucher wohlthuend auf- 
fallen mttssen. Wo die Zerstörung des Gesteins aus 
irgend einem Grunde zum Stillstand gebracht wurde, 
siedeln sich in dem feinen, fetten Sand und zwischen 
dem kleinen Geschiebe rasch allerlei Pflanzen an, und 
bald ist der kahle Boden in einen bunten Teppich 
umgewandelt. Anders sieht es freilich aus, wo die 
zerstörenden Gewalten freie Hand haben. Die prächtigen 
Weiden haben trostlosen Trümmerfeldern Platz ge- 
macht, die Gräte sind zackig und «erklUftet, und die 
Gipfel fast unbesteigbare Felszähne geworden. Aller- 
dings findet sich neben diesem dunkeln weichen Schiefer 
noch ein festerer, grünlicher, der im Piz Platta und 
in der Mazzerspitze eine colossale Mächtigkeit erlangt. 
Serpentin kommt nach Prof. Theobald nur an den 
Fltihseen ob Juf und zu hinterst im Val Bregalga vor* 
Dagegen spielt ein hellbrauner Kalk eine ganz be- 
deutende Rolle. Von der Forcellina an zieht er sich 
fast horizontal in anfönglich schwachem Band an der 
nördlichen Thalseite bin, bildet das sog. Band ob Pttrt 
und entwickelt sich dann im Weißberg zu einem ge- 
waltigen Massiv. Von hier senkt er sich rasch, setzt 
quer über das Thal hinweg, streicht an der rechten 
Thalseite des Madris hin und erhebt sich dann noch- 
mals zu einem Stock, wieder Weißberg genannt. 
Dieser Kalk enthält stellenweise sehr schönes Magnet- 
eisenerz, wie z. B. am Weißberg ob Cresta, so daß 
es glaubwürdig erscheint, wenn die Sage von Eisen- 



462 Fr. Käser. 

berg werken gerade an diesen beiden Weißbergen er- 
zählt. An einigen Stellen, z. B. bei Orot, Campsiit 
und ob Juf gegen den Stallerberg hin, ist dieser Kalk 
in feinen weißen Marmor umgewandelt. Für den 
Pflanzensammler ist er insofern von Bedentongy als 
anf seinem Terrain brillante Fundorte sich fiiiden^ 
obwohl er im Allgemeinen eine ziemlich magere Vege- 
tation prodttcirt. Andere Gresteinsarten, als die vor- 
genannten, treten im Avers nicht so bedeutend auf, 
daß sie irgendwie dominiren und mehr als dem Faeh- 
manne bemerkenswerth wären. Einzig der Granit soll 
noch erwähnt sein, er kommt hinterhalb Juf and im 
Val Madris vor, entwickelt sich dann im Val di Lei 
beinahe ausschließlich, indem er dort die mächtigen 
Felsspitzen vom Piz della Paltt bis zum Piz Stella 
hin bildet. Vor Juf finden sich Spuren von Kupfer 
in einer Quelle und solches überzieht als Grünspan 
einen Felsen vor der Brücke bei Alp Biese im Val 
Madris. Im Tobel des Lieibaches soll nach der Sage 
auch ein Goldbergwerk bestanden haben, das Flurs 
zugehörte ; eine Grube ist vorhanden, aber mit Wasser 
gefüllt, und nähere Untersuchung darum sehr schwer. 
Endlich sind noch drei Thermen zu erwähnen. Zwei 
davon befinden sich an sehr schwer zugänglicher 
Stelle im Starleratobel, vom Thalwege aus sichtbar. 
Nach Messungen von Herrn Pfr. Barth hat die obere 
eine Temperatur von 13 <> R. und die untere vob 
19 o R. Die dritte Quelle sprudelt im Walde bei 
Oampsut, zeigt aber nur eine Wärme von 11 <» R. 

Ueber die Bergzüge mit ihren Einsenkungen und 
Spitzen gibt jede gute Karte bessern Aufschloß, als 



Das Avers, 46S 

es Worte zu than vermögen. Ebenso kann der kundige 
Leser sofort daraas ersehen^ daß dem Thal die groß- 
artige Gletscherwelt fehlt. Dafür hat das Avers aber 
auch ein milderes Klima, als man bei einer durch- 
schnittlichen Höhe von 1900 "^ tt. M. erwarten dttrfte. 
Der beißende Nord- und Nordostwind wird ihm über- 
dies noch abgehalten, während es gegen Südost und 
Sttd ziemlich offen ist. Leider fehlen meteorologische 
Messungen, einige Schlüsse lassen sich etwa aus dem 
Aufblühen der Pflanzen ziehen. Um Cresta, Ptirt und 
am Bach blühen Ende Mai so ziemlich regelmäßig 
Fttlmonaria azurea, Primula viscosa, Saxifraga oppo- 
sitifolia und Croccus ; daneben ist es aber auch schon 
geschehen, daß Mitte Juni der Weg noch mit Schnee 
bedeckt war. Mitte September stellen sich dann die 
ersten Schneestürme wieder ein. Die Bewohner selbst 
beschreiben ihr Klima mit den Worten: Wir haben 
9 Monate Winter und 3 Monate kalt. Die Uebergänge 
vom Herbst zum Winter und wieder zum Frühling 
müssen allerdings schrecklich sein. Zu ihrer Kenn- 
zeichnung mag hier ein Tagebuchblatt von Herrn 
Pfr. Hagenbuch Platz finden. Es lautet: 

„Mittwoch, den 5. December 1883. Es schneit 
seit zwei Tagen unaufhörlich, aber nicht vom Himmel 
herab, ganz wagrecht ostwärts. Wie wenn Wolken 
von Bettfedem durch und über und unter einander 
gejagt würden, so wirbelt's; dazu stöhnt die ganze 
Natur. In den Hausbalken kracht es unheimlich, die 
Fenster sind bis halb hinauf von angeschleudertem 
und angepreßtem Schnee zugedeckt. Zuweilen ist 
eSy wie wenn die rasende Kraft erschöpft wäre, es 



464 Fr, Käser. 

wird mit einem Mai still. Nur in der Wolkenböhe 
tobt's noch fort. Ein großer Vogel, ich weiß nicht 
was für ein Räuber, wird über das Hochgrätli hin 
getrieben. Dann aber geht der Wirbeltanz wieder loa, 
wahrhaft sinnverwirrend. Rein Mensch wagt sich 
hinaus; keine Schule kann gehalten werden. Selbst 
dem Boten, dem unerschrockenen, wetterharten Hans, 
ist es zu wild. Er unterläßt heute den geföhrlich^i 
Gang nach Oanicül. Bei solchem Wetter ins Thal 
hinunter steigen, wäre sicheres Verderben.^ 

„Donnerstag Abends 5 Uhr. Es ist vorüber. Der 
Sturm hat Platz gemacht einer furchtbaren, eisernen 
Stille. Auf dem Scheunendach gegenüber liegt der 
Schnee wohl eine Elle tief. Die Sonne ist eben unter- 
gegangen und ein unheimlich graugelbes Gleißen^ wie 
des Sommers vor schweren Gewittern, wirft seinen 
Widerschein bis in den hintersten Winkel meiner 
Stube. Ueber dem Weißberg aber ist der Himmel 
wunderbar tiefblau. Beim Blick ins Thal hinauf 
könnte es einem beinahe bange werden, die Beige 
scheinen langsam herzuschleichen und einem zum 
Lande hinausdrUcken zu wollen. Es ist, als stünde 
man ohnmächtig einer entsetzlichen Gefahr gegenüber. 
Das Thermometer zeigt 12,5 <> R. unter Null.** 

Ist aber der Winter endlich häuslich niederge- 
lassen, dann wird das Wetter wieder hell und klar; 
die garstigen Nebel der Ebene sind unbekannt, die 
Einsamen genießen wenigstens den hellen, freundlichen 
Sonnenschein. Regen fällt entschieden weniger, als in 
den umliegenden Thälem. 

Dem Naturfreunde bietet das Thal die mannig- 



Das Avers, 465 

fachsten Frenden und Genüsse in Httlle und FOlle. 
Dem ktthnen Kletterer ist ein Jnpperhom, eine Mazzer- 
spitze, ein Piz Platta etc. iiingestellt ; für den geübten 
Ber^änger, der aber mehr Sicherheit liebt, pHlsentirt 
sich der Weißberg^ das Gletscherhom, Piz Palü und 
Pix Timnn und Piz Stella im Val di Lei. Der Spazier- 
gänger endlich wird im HochgrStli, Großhom, vordersten 
Kopf der Tscheischen, im Band, den Flühseen etc. 
Punkte entdecken, wie sie ftür ihn nicht besser ge- 
macht sein könnten; oder er bleibt im Thal und 
genießt die Schönheit der vielen Schluchten mit ihren 
lauschigen Plätzchen. 

Von je her hat aber das Avers nicht so sehr 
wegen seiner Alpenwelt als wegen dessen Bevölkerung 
das Interesse erregt; denn Menschen, die sich da 
bleibend niederlassen, wo sonst der Senn vorüber- 
gehend seine Wohnung aufschlägt, die einen Kampf 
fortführen, der gewöhnlich als erfolglos aufgegeben 
wird, verdienen unsere Aufinerksamkeit , ja Theil- 
nähme. Dazu kommt noch ihre Eigenartigkeit, die 
sich jedenfalls seit Generationen bis zur Stunde fast 
gleich geblieben ist. 

Die Avner sind deutscher Zunge, während rings 
um sie herum romanisch oder italienisch gesprochen 
wird. Frühere Geschichtschreiber nahmen an, daß 
sie einer schwäbischen Oolonie entstammen, welche 
zur Zeit der Hohenstaufen als Grenzer in dieses Thal 
verpflanzt wurde. Doch lassen sich sichere Anhalts- 
punkte für diese Hypothese nicht erbringen. Biner 
andern, gleichfalls ziemlich alten Ansicht zufolge 
sollen sie dagegen aus dem Oberwällis stammen. 

30 



466 Fr. Käser. 

Und hiefttr hat Dr. P. C. ▼. Planta in seinem Werke 
^Die curHltischen Herrschaften^ eine Reihe Beweis- 
gründe erbringen können. Nach v. Plantare Aus- 
fUhnmgen sind die Avner, die Walser, Davoser, Safier 
und die Bewohner von Valentschina Tochtercolonira 
der ersten Walsergemeinde im Rheinwald. Er schließt 
dies einestheils aus der großen Verwandtschaft ihrer 
Idiome, ganz besonders aber aas den vielen Freiheiten 
und Rechten, die sie im Gegensatz zu ihren Nadi- 
barschaften besaßen. Die Bewohner von Rheinwald 
sind aber, urkundlich festgestellt, vom Oberwallis her 
eingewandert. 

Der Name Avers, eigentlich Afers oder Affers, 
erscheint in Urkunde zuerst im Jahr 1372. 1396 
besaß die Thalschaft ein eigenes Siegel und konnte, 
obwohl mit Oberhalbstein als zum Bisthum Chnr ge- 
hörig, ein Lehen der bischöflichen Ministerialen von 
Manuels bildend, aus einem Siebner-, später Dreier- 
vorschlag seinen Landammann selbst erwählen. 1407 
schließt Avers im Verein mit Oberhalbstein und Stalla 
ein Btindniß mit Rheinwald; und 1425 verbttndet es 
sich mit dem obem Bund etc. Seine volle Freiheit 
mag es sich nach der Disputation von Ilanz (7. Jan. 
1526) und der damit zusammenhängenden Flucht des 
Bischofs von Chur errungen haben. Und wohl wenig 
später trat es, angeregt durch seinen Reformator 
Johann Rodulph, der Reformation bei. Vom Jahr 1622 
resp. 1644 datirt das Avner Landrecht, andere politisch 
wichtige Documente wurden beim Brand ihres Rath- 
hauses seiner Zeit zerstört. Der Titel dieses Statuts 
lautet nun: 



D<M Avers. 467 

^Stattuten nnd Satzungeii einer L. Ehrsamen Landt- 
sehsfft und Gemeind Avers. Aufgerichtet und emeweret 
AnDO 1622. Durch hienaeh benente Ehrsamme Herren, 
80 von einer Gemeind hierzu sind deputiert, erwellet 
und verordnet worden.^ Der erste Paragraph heißt 
dann : ^Erstlichen ist unser Landtsbrauch : Das mann 
Amann und Gericht seze, alle Jar, durch der Gemeine 
Mehr Stimm auf den andern Sontag im September: 
dz ist, Erstes Herpstmonats, oder am ersten Sontag, 
vor H. Creuztag.^ 

Nach diesem Gesetz durften die Gerichte strafen 
„an Leib, leben, ehr und gut^; und in der „Form 
des Eydt Schwurß^ heißt es u. a.: „Wir haben Von 
Gotteß gnaden eine schöny Freiheit, wir haben Eigen 
gewalt und macht Zu setzen und zu entsetzen, wir 
haben Eigen Stab und Sigel: Stock und galgen, wir 
sind Got Lob keinem Frömden Fürsten und Herren 
nttt schuldig noch underworfen in kein weiß noch 
weg, den allein Got dem Allmächtigen.^ Ihre politische 
Unabhängigkeit wird aber auch sie große Opfer ge- 
kostet haben. Man darf annehmen, ohne Belege bei- 
bringen zu können, daß gerade die Wirren des 16. 
und 1 7. Jahrhunderts auch bei ihnen schwere Kämpfe 
innerer und äußerer Natur hervorriefen. Nur ein 
Actenstttck, eingetragen im Landrechtbuch anno 1653, 
läßt wenigstens einen klaren Einblick in ihre Lage 
thun. Wohl im Zusammenhang mit den Vorgängen 
nach dem sog. Mailändervertrag (15. Jan. 1622) stellen 
sie sehr strenge Verordnungen auf gegen alle, welche 
eine andere als die ^^ware, reformierte, Evangelische 
Religion, die von unsem Altfordem här gettbt in 



468 J^. Käser. 

unserer Landtschafft und Kirchen^ einführen oder Mbeii 

wollten und schließen: ^ und ie mehr onß die 

weit anlauft, dz umb zu stoßen, ie fester sollen wier 
unß verlaßen auf die Hilf Goteß und stab deß glaubenß, 
auf daß wir solchen anlauf mögenn außstehen zur er- 
haltung deß reinnen Goteßdienst und warer Religion. ** 

Nach dem vorgenannten Landrechtbuch stand» 
der Thalschaft ein Ammann, ein Statthalter, ein engn^r 
Rath und ein weiterer, der Rath der „Vier und 
zwanziger^ vor (1622). Das Gericht zählte 12 Richter, 
welche ttber Civil-, Ehe- und Malefizsach^i urtheOten. 
Später bildete die Thalschaft mit Stalla und Remis 
im Unterengadin ein Hochgericht, wobei sie Vij Stalla 
^/t und Remtts ^/t ausmachte. (Neuer Sammler ftr 
Bttndten. U. Jhrg. 453.) Auf dem Bundestage hatte 
Avers unter den 23 Stimmen des (Jotteshauabundss 
1 Stinmie zu besetzen. Seit Einführung der neuen 
Kantonsverfassung bildet es einen Kreis, an dessen 
Spitze steht der Kreispräsident, auch Landammann 
geheißen. Die Wahlen für den Großen Rath trifft es 
mit Andeer gemeinschaftlich. 

Zur Gharacteristik der alten Avner m(5gen nun 
einige Artikel aus ihrem Landrecht folgen. 

„Wer H5uw kaufft und Zuber geführt hete: und 
am Langse oder Früeling, ¥rid6rumb verkaufte: soll 
nichts darauff schlagen, oder gewinnen mögen, bei 
Büß, Jede Bürde zwölff Batzen. 

Welcher am Langse oder Frtteling Höuw hete und 
nit manglete, fUr sich selbst: Andere aber mangelbar 
werent: solle schuldig sein, solches dem Mangelbaren, 
umb. das bar gelt außzutheillen, die Bürde, nach 



Dm Affers, 469 

Ihleiner Herren Satzung: Wo er aber soleheB nit thete: 
Mögen! Meine Herren, solches angreiffen und umb dz 
bar gelt, austheillen, wo not ist. 

Item die Nechsten Schetzer söUent den Wein 
Schetzen: Und wer Ihne nit schetzen laßt ehe dann 
aaßschenken, soll von Jeder Legelen oder Batillen 
jein krönen Büß verfallen sein. Und soll Jeder Würth 
den Wein unbedeckt auf den tisch stellen, bei Büß, 
nach Meiner Herren erkanntnns. 

Weiter soll sich Niemant in des Anderen Schulden 
stechen ohne des Schnldigers wttssen und willen, er 
seye dann Rechtgebner Vogt. 

Welcher am Sontag Gresten (nach Cresta) kompt, 
und nit in die Kirche geht, oder aufif dem KirchhofT 
steht, und plapperet der und dieselbe sollen kr. 30 Büß 
geben, on alle gnad. 

Welche werent, die fräfifentliche Schwüer theten 
bey Unsers Herren Leiden, fünff Wunden, oder andere 
unziemliche Schwur die seind verfallen 1 Ib. d. (1 Pfund 
Pfennig): so offt es beschicht: Und nichts desto weniger, 
nach dem der fUhler ist, söUent sie weiter, an Leyb^ 
leben, ehr und gut gestrafft werden. Und ist ein 
Jeder, so solche Schwtier höi*te, schuldig einem Amann 
oder Stathalter es anzuzeigen. 

Item Welch Vatter oder Mutter, ungebeflr beweissen 
thete, es seye mit worten oder mit werken, und 
fräffenlich band anlegte, der oder dieselbigen, seind 
verfallen fttnff Ib. d. Und wttrt auch nichts desto mind 
vorbehalten, dem nach einer fräffenlich handlete, er 
weiter solle gestraft werden, nach Oerichtserkantnus. 

Welcher den Anderen über frid an sein glimpff 



470 Fr. Käser. 

und ehr redte oder hand anlegte und schlüge, der soll 

5 Z^y dico fettnff krönen baß verfallen sein, und was 
böses darauß entstünde, soll er hiernmb, noch weiter 
nach erkantnus des Rahts gestraft werden: Wo aber 
einen ttber frid, zn tod schlttge, solle er, als ein 
Mörder gerichtet werden, alles nach Gerichtserkantnna. 

Welcher gegen dem Anderen in Zomeswise stein 
lupfte, und nit wttrft, der ist verfallen lud. bnß: 
Wann er aber denselbigen von banden wttrft, und nit 
trift, ist er verfallen 2 S d., Sag ich Zwei Pfundt 
Pfennig: ob er aber darmit einen oder mehr trSffe, 
und schaden thete, soll er weiter gestraft werden nach 
Gerichts Erkantnus, und sollent gleichwol dem be- 
schädigeten seine Hechte vorbehalten sein. 

Auch ist gestatuieret: das Welcher kauft, mehr, 
dann er zu bezahlen hat, demme soll mann, weder 
Ehr, noch Eydt glauben. Es ist auch gesetzt und 
verbotten: das Niemandt dem Andern, seine Abge- 
storbne freund, oder wie Sie Ihne antreffen, oder an- 
gehören möchten, weder schmächen, noch verweislich 
anziehen, oder aufheeben solle: obgleich der Abge- 
storbene mit etwz laster, oder mangel, behafftet were 
geweßt. Und wer solches thete, der soll gestrafft 
werden, nach Gerichtserkantnus. 

So ein Person, in Unserer Gemeindt, vil Märkten, 
und handien wolte, und nit stark an gut were: soll 
ein Gericht von Ihme rechenschaft nemmen und be- 
geren ein Wttssen ze haben, seines Haußens und 
Vermögens. 

Alle Zinßen, die bißharo gemachet seind, laßt 
mann es bey Brieif und Sygel, und bei gemachten 



Das Avers, 471 

Pakten, sein und verbleiben: Was aber fUrohin gelt 
uQgelychen würt: soll kein brieff besyglet werden, 
4er mehr Zinß einbette dann von hnndert Golden 
Kapital oder Hauptsumma fünf gülden Zinß Järlich.^ 
Trotzdem das Thal über einen Wiesen- und Weide- 
boden von mindestens 30 *™* verfügt, ist es doch nur 
von 237 Seelen bewohnt. In fiüheren Zeiten war 
Avers bevölkerter. Nach einem 1645 von Pfarrer 
Gaudenz Tack verfaßten Verzeichniß im Avner Kirchen- 
buch zählte das Thal um jene Zeit 498 Seelen. ^) Eine 
ganze Reihe ungünstiger Verhältnisse bringen es mit sich, 
daß die Bevölkerung immer mehr zusammenschmilzt. 
£ine Zusammenstellung aus den Eirchenlisten vom 
Jahr 1780 bis 1803 zeigt noch eine Vermehrung von 
6 Personen (232 geboren und 226 gestorben). In dem 
Zeitraum von 1870 bis 1882 dagegen verminderte 
sich die Einwohnerzahl durch Tod und Auswanderung 
um 17 Personen. So erscheint der Ausspruch eines 
Gemeindevorstehers richtig: „Die Bevölkerung ver- 
mindert sich merklich, so daß in 70 bis 100 Jahren 
bei verhältnißmäßig gleicher Verminderung wie in den 
letzten 10 Jahren niemand mehr hier sein wird.^ 
Diese Verminderung ist jedoch nicht einem schwäch- 
lichen Menschenschlage zuzuschreiben. Als beste 
Characteristik desselben möge hier diejenige des Herrn 
Dr. Goll folgen (Alpenpost, Jahrg. 1877, pag. 41). 
^Die Avner sind .... von hohem Wüchse, meist 
blond, imd zeigen häufig gekräuseltes Haupt- und 
Barthaar. Sie sind auffallend schlank, rothwangig, 



') Mitgetheilt von Herrn Pfarrer T. Hagenbach. 



472 Fr. Käser, 

und manche von seltener Größe und Mnskelstärke. 
Sie zeichnen sich durch seltene Gesundheit, beson- 
dere Ausdauer und Widerstandsfähigkeit vor andern 
Menschen aus, was sie nicht allein der reinen Luft, 
dem herrlichen Wasser, der guten Ernährungsweise, 
sondern namentlich auch der Herkunft von einem 
kerngesunden Volksstamme zu verdanken haben. Sie 
haben nicht allein bis in's höchste Alter prachtvolle 
Zähne, sondern auch kräftige Verdauungswerkxeiige 
und auffallend ausgebildete Lungen, Dank der ein- 
fachen und gesunden Nahrung und der beständigen 
Muskelthätigkeit beim Steigen, Tragen und Arbeiten/ 

Als Beleg zu diesen Worten möge angeflihrt werd^ 
daß im Jahr 1882 fünf Männer und eine Frau lebten, 
welche alle ttber 80 Jahre alt noch den Geschäften 
nachgingen, einer davon, 80 Jahre alt, geht sogar noch 
nach Thusis.^) Und zur Vervollständigung dieses Bildes 
sowohl vom Land als von den Leuten noch eine kleine 
Geschichte. Herr Pfr. Hagenbuch, der sie mir mit- 
theilte, bemerkt dazu: „Sie ist Zug für Zug wahr; 
die Heldin derselben hat sie mir erzählt und deren 
Mutter ergänzt.^ 

£s war Ende September 1883, als das Agathli 
Jäger, des Batschis aus Juf liebliches Kind, zum ersten 



*) Nach der von Herrn Pfarrer Hagenbach ans des 
Kirehenbüohem zusammengestellten Sterbestatistik starben 
in den 46 Jahren von 1837—1882 in Avers 284 Personen. 
Als Todesursache werden bezeichnet bei 74 Personen Alters- 
schwäche, bei 39 Personen Langenleiden, bei 31 Kinder- 
krankheiten, bei 19 SohlagflaB, bei 27 Unglfieksfäile, wie 
Steinschläge, Erdratschangen, Lawinen etc. 



Das Avers. 473 

Mal mit seinem Vater und Bruder nach Mailand reisen 
durfte. Der Kaspar Jäger hatte im Avers eine Heerde 
Ktfhe erhandelt mud gedachte dieselbe mit Profit in 
der italienischen Stadt abzusetzen. Sie gingen über 
die Forcellina und den Septimer am ersten Tag bis 
Casaecia, am zweiten bis Ghiavenna, alles zu Fuß, 
am dritten ttber den Gomersee bis Como und am vierten 
Tag mit der Eisenbahn nach Mailand. Vierzehn Tage 
dauerte es, bis das Vieh verkauft war. Während 
dieser Zeit bekam das Kind von den mailändischen 
Herrlichkeiten nicht viel zu sehen. Vater und Bruder 
mußten beständig in der Nähe des Stalles sein, und 
das Agathli wich nicht von ihrer Seite. Nach Ab- 
wicklung der Geschäfte aber ftlhrte Batschi sein Kind 
zwei Tage lang zu all' den berühmten Sehenswürdig- 
keiten. Es sah den Dom, die herrliche Gallerie Vittorio 
Emanuele etc. Alles kam ihm zwar groß und schön, 
aber doch ganz selbstverständlich vor. 

Nun ging's auf die Heimreise, denselben Weg 
zurück, wieder zu Fuß von Cläven das lange Bergell 
hinauf zum letzten Nachtlager unter fremden Himmel 
in Casaccia. Trübe und drohend war der Vormittag, 
an welchem sie langsam den wüsten, steinigen Sep- 
timer hinanstiegen. Sieben Stunden lang ist der Weg 
und das Agathli ist 10 Jahr alt. Es ging ordentlich 
bis zum zerfallenen Septimerhospiz auf der Paßhöhe, 
wo der Saumpfad über die Forcellina (Furggelti) sich 
vom Weg abzweigt Da brach's los, Sturm und Schnee, 
mit einer Heftigkeit, wie's eben nur in einer Höhe 
von 9000 Fuß stürmen kann; und ,,mächtig^ habe 
das Unwetter zwischen den Felshömem der Forcellina 



474 Fr. Käser. 

durchgepfilTen. Der Vater meinte, sie wollten lieber 
den viel leichtern nnd sicherem Weg nach Stalla 
hinunter und dort über Nacht bleiben. Der Sohn aber 
sagte : „Vater, macht Ihr mit dem Kind, wie Ihr wollt, 
ich komme schon durch, ich will heim!^ Und das 
Agathli gab den Ausschlag: „Wir wollen es wagon, 
ich möchte sur Mutter!^ Sie wagten*s. Fester knüpfte 
der Vater das rothe, feuchte Tuch um das Köpfchen 
seines Liebsten und nahm es bei der Hand. Es wurde 
grimmig kalt, und die eine Stunde über die Schnee- 
felder hinauf zum Joch wurde zu zweien. Sie waren 
noch nicht oben, als ein schwaches „Ach min Qott^ 
von des ermatteten Kindes Lippen kam. Der Vater 
sprach ihm Muth ein, und wieder ging's mühsam genug 
eine Strecke weit. „Vater, tragt mich ein wenig !^ 
„0, du armes Agathli, ich darf dich nicht tragen, du 
würdest erfrieren!^ Endlich haben sie die Höhe er- 
klommen, aber da saust es entsetzlich. Der Schnee 
schlägt brennend in's Gesicht. Der sonst schon un- 
deutliche Pfad ist kaum mehr inne zu halten. „Vater, 
jetzt kann ich nicht mehr!^ Der geängstigte Vater 
nimmt sein Eind an die Brust, reißt schnell eine 
Brodrinde aus dem Sack, kaut sie weich, gibt sie der 
entkräfteten Kleinen von Mund zu Mund und flößt ihr 
einige Tropfen Branntwein ein. So kehrt ihr der ge- 
sunkene Muth wieder, und sie kämpfen sich vorwärts 
über den steinigen Abhang hin. Aber es ist immer 
noch mehr als eine Stunde bis heim. „0 Vater, laßt 
mich ein wenig abliegen und schlafen, ich kann die 
Augen nicht mehr offen halten.^ 71^^ denkst du, 
liebes Kind, du würdest sterben!^ O, es ist mir gleich, 



J)a8 Avers. 475 

laßt mich schlafen, ach min Gott.^ Dem Vater wird'8 
weh und bang. Er steht allein mit seinem halb ohn- 
mlchtigen Kind. Der Sohn ist vorausgeeilt. 

Unterdessen sitzt die Matter daheim in der Stube 
beim rauchenden Talgücht; sie hat keine Ruhe. 
Aengstlich horcht sie auf das Stürmen draußen. ^Ach, 
wenn sie in dem Wetter wären. ^ Bei jedem besondem 
Ton eilt sie an's Fenster, um in die trübe Wirmiß 
hinaus nach ihren Lieben zu spähen. Es wäre aber 
unmöglich, dieselben von weitem zu erblicken. Man 
sieht kaum drei Schritte vor sich hin. Ruhelos geht 
der Knecht die Stube auf und ab. ^Das Agathli ist 
mein Grotteli^, murmelt er von Zeit zu Zeit. „Das 
Agathli ist mein Gotteli, ich gehe!^ Und er geht und 
eilt, was er vermag, die Jufer-Alp hinan. Jetzt steht 
er am steilen Berg. Vorwärts heißt's in ihm, schneller 
immer schneller, daß ihm schier der Athem ausgeht. 
„War das nicht ein Seufzer"? Er hält einen Augen- 
blick gespannt horchend an. Jetzt hört er's deutlich : 
„Ach min Gott" ! Nach wenigen Augenblicken hat 
er die Verlassenen erreicht. „Agathli, mis Agathli"! 
Schnell hüllt er das zitternde Kind ein so gut wie 
möglich, nimmt es auf den Rücken und eilt, was seine 
Beine laufen mögen, der rettenden Hütte zu. 

Eine volle Stunde lang vermochte das erschöpfte, 
halb erfrorene Kind weder zu gehen noch zu sprechen. 

Als aber der neue Tag erwachte, da war es wieder 
so fröhlich und so rosig wie nur je. 

Der Fremde wird diese Menschen zwar verschlossen 
finden, wer sich aber nicht zu vornehm dünkt, mit 
ihnen in nähern Verkehr zu treten, der gewinnt sie 



476 Fr, Käser. 

bald lieb. Mit großer Bereitwilligkeit treten sie auf 
seine Wünsche ein, nie das Ihre in mehr als berech- 
tigter Weise snchend. Diebstahl und ähnliche traurige 
Erscheinungen in der menschlichen Gesellsohaft sind 
bei ihnen mehr von Fremden als Einheimischen be- 
kannt, wie denn ttberhaupt Treue und Ehrenhaftigkeit 
bei ihnen hoch geschätzt und gepflegt werden. Da- 
gegen ist ihnen von verschiedenen Seiten Oemäohlieh- 
keit nachgeredet worden, und, von rühmlichen Aus- 
nahmen abgesehen, scheint dieser Vorwurf gerecht zu 
sein. Wenn sie auch in der Heuernte wochenlang 
und sonst in einzelnen Fällen erstaunliche Beweise 
von Kraft, Fleiß und Ausdauer leisten, so kaufen sie 
ihre viele Mußezeit doch nicht aus, sondern lassen 
sie meist nutzlos verstreichen. Sie schaden sich schwer 
damit, denn die unausbleibliche Langeweile hat in 
ihrem Gefolge schon Manches gebracht, das angethan 
ist, die Avner in's Verderben zu führen. Jede ordent- 
liche Beschäftigung, und wenn sie auch sehr geringen 
Verdienst einbrächte, sollten sie ergreifen, ein indirecter, 
nicht unbedeutender Nutzen läge immer darin, und 
wohl möglich, daß damit Schritt flir Schritt der jetzt 
weichende Wohlstand wiederkehren ¥rttrde. An Arbeits- 
kraft und Intelligenz fehlt es entschieden nicht. 

Der Hauptort des Thaies ist das Dorf Oresta» 
Immerhin besteht er blos aus 10 Wohnhäusern und 
22 Ställen, ist aber Kirch- und Schulort. Im Ober- 
thal folgen nach Oresta Pttrt mit 7 Häusern und un- 
gefähr doppelt so viel Ställen, dann am Bach mit 
circa 6 Häusern, links ob dem Weg, Juppa (4 Häuser) 
und hierauf eine Reihe einzelner Höfe, unter welchen 



Ik» Aven. 477 

das PodestatshauB der stattlichste ist und überhaupt 
das schönste Gebäude im ganzen Thal. Nach der 
Inschrift ttber der Hausthttre : „Hostibus invitis, vivat 
Strubea, pro pago agere et pati, fortia Strubeum est 
1664'^ gehörte es einem Avner, denn Strub ist ein 
Avnergeschlecht, und Nachkommen des Erbauers leben 
jetzt noch im Thal. Dieser Strub wird irgendwo in 
der Nachbarschaft Podestat gewesen sein, nach ähn- 
lichen Fällen zu schließen ; dem Avers selbst ist dieses 
Amt und diese Würde fremd. (1567 ist Joder Rttedi ans 
Avers Podestat in Bormio und 1603 ein Giacobo Wolf 
Podestat in Teglio.) Nach seiner Rückkehr in die 
Heimat mag er sieh einen Palast erbaut haben , der 
dann zu seinen Ehren Podestatshaus genannt wurde. 
Auf keinen Fall war es Amtsgebäude. Juff, Juf oder 
Jof (2133») ist das letzte Dörfchen des Thaies (8 Häuser). 
In Val Bregalga stehen gleich am Eingang einige 
Häuser, sonst bildet das Thälchen eine einzige Alp, 
die zu ''k der Thalschaft und zu ^/9 den Herren 
V. Salis-Soglio gehört. Zu Cresta gehören noch einige 
Häuser unten am Weg, z. B. Oasal. Auf der Höhe 
thalauswärts liegt femer der Weiler ^auf Platten^. 
Im Unterthal liegen Orot (5 Häuser) und Campsut, 
dialectisch Maxnt (9 Häuser). Bei Campsut stehen 
die Ruinen eines festen Hauses, Maxur, es soll dies 
die erste Niederlassung im Thal gewesen sein. Im 
Yal Madris sind die Häuser „unterm Ramsen^, „beim 
hohen Haus^ und „Städtli^. Der hintere Theil des 
Thaies gehört Bergellem, die dort ihre Alpen haben. 
Die altem Hänser sind meist ganz aus Stein ge- 
baut mit gewölbter Hausflur, später wurden nur der 



478 Fr. Käser, 

Unterbau und die Wetterseite gemauert, während die 
tibrigen Flanken aus einer Balkenlage gebildet sind. 
Die Stockwerke sind meist niedrig, im Durcbaehnitt 
nicht über 2°^ hoch, die Dächer werden ans dfinnen 
Steinplatten hergestellt. Auffallend klein sind die 
Fenster, obwohl das Klima ganz gut größeres Format 
erlaubte. In Juf steht z. B. ein Häuschen, dessen 
Fenster nur 22 cm hoch und breit sind. Die Ställe 
sind in ganz Avers von den Wohnhäusern abgetrennt 
und ganz aus Holz erbaut. In frttheren Zeiten besaß 
das Thal eine Schmiede in Orot und je eine MQhle 
am Mahleckenbach zwischen Cresta und Ptirt und in 
Campsut. Die Ruinen der Gebäude sind jetzt noch 
deutlich sichtbar. Außerdem stehen auf den Höhen 
zerstreut kleine Heugaden, oft eine halbe, ja eine 
Stunde von den Ortschaften entfernt. 

Dem Besucher des Avers muß es auffallen, wie 
viele Wohnhäuser unbewohnt sind. Einzelne mögen 
es allerdings fUr immer bleiben und dem Ruin ent- 
gegen gehen, andere aber werden zeitweise bezogen» 
Es herrscht nämlich im Avers ganz wie im Bergell 
alt hergebracht die sonderbare Sitte, daß ein Erbe 
nicht so vertheilt wird, daß die Berechtigten den einen 
oder andern für sich abgerundeten Theil nehmen, 
sondern jedes Besitzstttck wird, sofern es angeht, in 
80 viele Partikel zergliedert, als Erbberechtigte vor- 
handen sind. Daher kommt es, daß ein Hans 8, 10 
und noch mehr Besitzer hat und Madriser im Ober- 
thal etc. Guter besitzen. Des Sommers wohnen nun 
die Leute in ihren eigentlichen Häusern und bleiben, 
bis der dortige Heuvorrath nahezu aufgebraucht ist, 



Das Avers. 479 

nachher ziehen 8ie mit Sack und Pack in einen jener 
Erbantheile, um den dortigen Heuvorrath zu benutzen. 
So geschieht es, daß für kurze Zeit namentlich die 
hoch- und abseits gelegenen Höfe und Weiler, wie 
Juf, auf Platten etc., unbewohnt sind, aber auch 
in einer Stube zwei und drei Familien zusammen 
hausen. 

In Cresta steht also die Kirche, die einzige des 
Thaies. Sie ist höchst einfach gebaut, besitzt aber 
doch vier Glocken, wovon drei brauchbar, ans der 
Zeit vor der Reformation herstammend. Die größte 
trägt ein Marienbild und die Inschrift: „0 rex glorie 
▼eni nobis cum pace et tempestive Jesus Maria 1513.^ 
In früheren Zeiten müssen dieselben an einem Holz- 
gerOste und nicht im Thurm, der wahrscheinlich noch 
fehlte, gehangen haben. Job. C. Fäsi berichtet näm- 
lich in seiner Staats- und Erdbeschreibung: „Zu Cresta 
steht das Rathhaus und die Kirche, welche keinen 
Thurm hat, indem die Glocken nur an einem Holz- 
gerttste, das auf einem Hügel steht, befestiget sind.^ 
Und an anderer Stelle gibt er dann eine, wenn auch 
unrichtige Erklärung : „Bei Thusis und in Avers sind 
die Schneelauenen sehr fürchterlich, daher hängen 
daselbst die Glocken blos ein paar Schuh hoch ob 
der Erde, damit ihr Schall sich nicht zu weit er- 
strecke.^ Früher hatte das Unterthal beim hohen 
Haus im Madris sein eigenes Kirchlein, jetzt ist es 
zerfallen. Der Gehalt des Pfarrers beträgt Fr. 1500, 
dazu Wohnung und das nöthige Holz. 

Die Schule, ebenfalls die einzige im ganzen, großen 
Thal, ist im Plainpied des Pfarrhauses einlogirt. Vom 



480 Fr. Käser. 

April bis Ende September bleibt sie eingestellt ; trotz- 
dem, und trotz der vielen, darch den langen beschwer- 
lichen and oft geflüiriichen Schulweg bedingten Ab- 
Benzen, leistet sie, Dank der treuen Arbeit ihres jetzigen 
Lehrers, Tüchtiges. Im Schuljahr 1882/83 zählte sie 
in 6 Classen 31 Schaler. Der Lehrer bezieht Fr. 600 
Besoldung. Einen Arzt hat Avers nicht, der nächste 
ist in Splttgen oder Thusis. 

Die Avner können ziemlich wohlhabend genannt 
werden, insofern sie einzeln und als Gemeinde aus- 
gedehnte Ottter, Wiesen und Weiden besitzen; aber 
diese Ottter haben eigentlich nur fUr sie innerhalb der 
Grenzen ihres Thaies einen Werth und liefern nach 
Abzug der ganz bedeutenden Spesen auch nur so viel 
Ertrag, daß ihre Besitzer ordentlich leben können. 
Die Landesproducte, d. h. Butter und Käse, werden 
daher größtentheils im Lande selbst verzehrt, und 
nur der Handel mit Vieh bringt nennenswerth klingende 
Mttnze. Es ist darum wohl begreiflich, daß isimer 
und immer jene Pläne, von deren Ausführung nach- 
gerade die Existenz dieses Völkleins abhängt, in den 
Hintergrund geschoben werden. Die Vermögenssteuer 
aller Einwohner bei 1 %o beträgt etwas zu Fr. 600. 
Das Gemeindevermögen besteht aus dem gesammten 
Waldgebiet, circa 6 km', aus einer Gemeindealp und 
aus einem kleinen Pfrund- und Armenfond. B^ der 
einfachen Lebensweise und der aussdiließlich betrie- 
benen Landwirthschaft hat das Avers im Veriiältniß 
doch nicht so viele untersttttzungsbedttrftige Arme wie 
andere, reichere Gegenden; die meisten Unterstützungen 
kommen auswärts wohnenden Bttrgem zu, und wird 



Bnr.«™»!™!™;''!?!!!'' 




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Das Avers. 481 

man im Avers angebettelt, so geschieht's von Durch- 
reisenden und nicht von Eingebomen. Der Gemeinde- 
präsident schreibt fiber diesen Punkt: „Wir sind alle 
arm, aber Keiner bedarf des Betteins, denn es hat 
gottlob keine Krüppel weder dieser noch jener Art, 
und da Alle arbeitsfähig sind, so mttssen auch Alle 
fUr den Unterhalt sollen ; dagegen sind viele Bürger 
außer Avers, für welche wir mitunter mehr zahlen 
müssen, als unsere Kräfte oder Mittel erlauben.^ 

Wirthshäuser hat Avers eigentlich nur zwei, eines 
in Oampsut und eines in Gresta, doch sind in ihnen 
nur Wein, Branntwein, Brod, Käse und höchstens Eier 
erhältlich. Ein Gasthaus existirt also nicht. Wenn 
Jemand übernachten oder längere Zeit bleiben will, 
80 muß er sich in's Pfarrhaus wenden, wo er auch, 
80 lange der beschränkte Raum ausreicht (circa 
4 — 6 Personen) freundliehe Aufnahme und bei guter 
Pflege billige Preise (Fr. 3—4 täglich) findet, seltener 
dttrfle in einem Privathaus Unterkunft zu finden sein. 
Große Ansprüche können nun freilich nicht erfüllt 
werden, namentlich ist frisches Fleisch eine Rarität, 
sonst aber läßt sich's recht gut leben, denn Milch, 
Butter, Rahm, Käse, Eier, kräftiges Brod und das 
ausgezeichnete Diegenfleisch sind in Fülle vorhanden. 

Die Brief- und Paketpost ist den Verhältnissen 
entsprechend sehr gut eingerichtet. Im Sommer geht 
von Gresta täglich ein Postbote nach Ganicttl, wo 
er mit demjenigen aus Andeer seine Poststücke aus- 
wechselt, Abends gegen 6 Uhr ist er wieder in Gresta. 
Selbst im Winter geht der Bote vier Mal per Woche. 

Für diesen beschwerlichen und oft mit großen Ge- 

31 



482 JFV. Kä6er, 

fahren verbundenen Dienst bezieht der Bote per Jahr 
Fr. 800 Gehalt. ') 

Die Straßen resp. Wege lassen am allermeisten 
za wfinschen Übrig. Selbst der Hauptweg ist hin 
und wieder so schmal und holperig, daß er dem un- 
geübten Fußgänger Schwierigkeiten bereitet, obwohl 
er absolut gefahrlos ist. Mit Wagen ist er absolut 
nicht befahrbar; was in*s Thal hinauf transportirt 
werden soll, muß getragen werden, und da kann es 
wohl begegnen, daß der zu transportirende Gegen- 
stand wegen seines Umfanges und nicht wegen des 
Gewichtes nicht liinaufgebracht werden kann. Ftlr 
solche Stücke wird dann der Weg von Stalla her ge- 
wählt. Für den Transport umfangreicher und schwerer 
Stücke, wie Holz etc., müssen darum die Avner den 
Winter abwarten. Dann erstellen sie meist auf dem 
hart gefromen Bach eine Fahrbahn. Wie beschwer- 
lich aber auch diese Route immer noch ist, ersieht 
man am besten daraus, daß eine Fuhre von Cresta 
bis Ganicül und retour in der Regel 12— 14 Stunden, 
aber auch bis 18 Stunden Zeit erfordert. Nur in den 
flacheren Partien des Unter- und Oberthaies ist diese 
Landstraße mit kleinen Wagen befahrbar. Die Avner 
planiren daher schon seit Jahren an einer ordentlichen 
Zufahrtsstraße herum ; ausgemessen und mit Variante 
ausgesteckt wäre sie; aber das Geld, mindestens 
Fr. 250,000, fehlt. Es hat zwar der Große Rath des 
Kantons im Sommer 1883 einen Beitrag von Fr. 150,000 

*) Die Pakete dürfen 5 kg. Gewicht nicht fibersteigen. 
Schwerere Stücke mOssen durch Privatträger spedirt werden. 



B€L8 Avers, 483 

festgesetzt; aber selbst die restir^nden Fr. 100,000 
in VerbindHDg mit den enormen Unterhaltungskosten 
sind den mit Ausnahme Andeers sehr armen Ge- 
meinden eine viel zu schwere Last. 

Im engsten Zusammenhang mit der Straßenfrage 
steht natürlich die Frage Über Einführung irgend einer 
Industrie, um den verfallenden Wohlstand wieder zu 
heben. An guten Rathschlägen hat es zwar nicht ge- 
fehlt; allein die Rathgeber haben gewöhnlich über- 
sehen, daß die Ausführung ihrer Vorschläge, abge- 
sehen von allem Andern, an den Transportkosten des 
Rohmaterials und der verarbeiteten Waare scheitern 
müßten. Wenn die Avner z. B. ermuntert wurden, 
ihren wirklich prachtvollen Marmor auszubeuten, so 
ist dies wohl eine richtige Idee, und ihre Realisirung 
wäre gewiß lohnend, sobald eine ordentliche Fahr- 
straße bestünde; aber für jetzt würde nur Schaden 
resultiren, wie gleiche Experimente in Canicül be- 
wiesen haben. Ganz allgemein darf behauptet werden: 
Jede Industrie bleibt für Avers jetzt noch unprakti- 
kabel, sobald das nöthige Material in's Gewicht fällt ; 
andere aber, wie z. B. Uhrmacherei, Stickerei, Holz- 
schnitzerei etc., fordern so viel Kapital und sind unter 
günstigeren Verhältnissen bereits so ausgebeutet, daß 
das geld- und menschenarme Avers nie aufkommen 
könnte. Im Thale selbst reden sie wohl von Errich- 
tung eines Gasthauses, um ähnlich wie Engadin und 
Daves aus ihrer herrlichen Luft etc. Gewinn zu ziehen. 
Doch sind dies vorderhand noch Träume und werden 
es hoffentlich bleiben zum Glück der Bewohner. Das 
einzig angemessene und jetzt schon anwendbare Heil- 



4M Fr. Käser. 

mittel für die bedenklieben Erscbeinungen ist sieber 
nnr in einem rationelleren Betrieb der Alpwirthscbaft 
zu suchen; aber auch biefür mtißte von aaßen eine 
energiscbe Initiative nebst einiger reeller Untersttttsung 
eintreten ; denn wo der Mensch nur so viel erarbeiten 
kann, als er für sich noth wendig braucht, wagt er 
sich schwer aufs ungewisse Gebiet der Neuerungen 
und unterläßt selbst Verbesserungen, deren Nutsen 
einleuchtet und sicher ist, weil der stete Kampf ihm 
zuletzt Muth und Energie niederdrücken. 

Wie schon erwähnt, leben die Avner äußerst ein- 
fach. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Bftilch 
und deren Producten, Mehlspeisen, Mais, Kastanien 
und als Zugabe Speck und Diegenileisch. Wein ge- 
nießen sie der Kosten halber wenig, dagegen mehr 
Branntwein, der aus Italien her gebracht wird. Doch 
hat der Genuß dieses Getränkes noch wenig seiner 
traurigen Früchte gezeitigt, denn die viele Milch- 
nahrung etc. bildet stetsfort ein kräftiges Gegengewicht. 

Die Kleidung ist ebenso einfach und äußerst solid. 
Das Tuch wird im Thal selbst fabrizirt und nur zum 
Färben und Walken nach Andeer gebracht. Die Avner 
halten daher immer einige Hundert Schafe. Von einer 
besondem Tracht kann nicht gesprochen werden, die 
Frauen tragen zwar eine eigenthümliche Kappe, in 
der Form an eine Jakobinermütze erinnernd, und kurze 
Jacken mit oben aufgebauschten, die Achseln etwas 
überragenden Aermeln. 

Von alten Sitten und Gebräuchen ist gleichfalls 
wenig mehr vorhanden. Interessant waren die Hoch- 
zeitsceremonien; im „Neuen Sammler für Bündten^ 
werden sie folgendermaßen beschrieben: 



Das Avers. 485 

^Bei den Hochzeiten beobachten sie seit Altem 
folgende Sitte, welche die Bewohner von Ferrera mit 
ihnen gemein hatten. Die ganze HochzeitsgeBellschaft 
versammelt sich in einem Zimmer, nur die Braut muß 
sich mittlerweile verstecken; hierauf treten der Bräu- 
tigam und der nächste Anverwandte der Braut, mit 
Mänteln angethan, vor einen Tisch und jener hält 
fcSrmlich um das Mädchen an, dieser aber, unter 
mancherlei Ausfluchten, sie sei noch zu jung oder im 
Haus unentbehrlich etc., gibt ihm eine abschlägige 
Antwort. Nun erneuert der Jüngling seine Bitten und 
treibt seinen Gegner mit religiösen und moralischen 
Gründen, auch mit Bibelsprüchen, so lange in die 
Enge, bis er ihn bewegt, einzuwilligen, welches dann 
gleichfalls in einer langen, halb geistlichen, halb welt- 
liehen Rede geschieht; sodann beauftragt der Ver- 
wandte zwei Mädchen, die Braut zu suchen und herbei 
zu holen. Sie gehen ; aber zwei Mal bringen sie eine 
untergeschobene Person zum Vorschein und zwei Mal 
muß der Bräutigam seine Bitten wiederholen, bis ihm 
endlich beim dritten Transport die rechte Braut zu 
Theil wird. Ehemals, da die Pferdezucht noch blühend 
war, setzte sich die ganze männliche Gesellschaft zu 
Pferde, so daß jeder Knabe ein Mädchen hinter sich 
nahm, und so ritten sie zur Kirche. Hier wird sogleich 
nach geschehener Trauung der Braut die rechte Hand 
mit einem Schnupftuche verbunden, welches sie einige 
Stunden lang anbehalten muß. Nachmittags wird ge- 
tanzt, der Tanzsaal aber ist meistens eine mit Brettern 
bel^e Tenne." 

Jetzt noch kann man in vielen Häusern zwei Uhren 



486 Fr. Käser. 

neben einander geben geben, die eine gibt die gewöbn- 
liehe, die andere die sogenannte italieniscbe Zeit an. 
Diese letztere ist so gestellt, daß Jahr ans, Jahr ein 
bei einbrechender Nacht die Uhr 12 Uhr zeigt. 

An Sagen mangelt's anch im Avers nicht, anch 
dort spuckte es einst von Bergmännlein, die mit Wort 
und That den Einwohnern beistanden. Und an trau- 
rigen Hexenprozessen hatte das Thal ebenfallB keinen 
Mangel. Der letzte föUt wahrscheinlich in das Jahr 1765. 

Selbstverständlich dreht sich die ganze Thätigkeit 
der Avner um ihre Viehzucht und Alpwirthschaft. Sie 
halten bei dieser letztem nicht zusammen, indem sie 
z. B. gelernte Sennen anstellen, sondern jede Familie 
handelt für sich und die Verarbeitung der Milch ist 
ganz den Frauen überlassen, höchstens stellt eine Ge- 
meinde gemeinsam einen Hirten an. Morgens wird das 
Vieh auf die nahen Weiden getrieben und Abends 
kehrt es wieder in seine Ställe zurück, nur das so- 
genannte Galtvieh bleibt Tag und Nacht draußen. 
Im ganzen Thal sind circa 1300 Stöße oder Kuh- 
weiden im Werth von circa Fr. 100,000, doch haben 
einzelne Alpen an ihrer Ertragsflihigkeit bis auf die 
Hälfte eingebüßt. Neben dem eigenen Vieh nehmen 
sie auch fremdes zur Sommerung an und einige Alpen 
sind überdies an Bergamasker Schafhirten verpachtet. 
Die Gemeindealp in Val Bregalga haben einige Bürger 
in Pacht, dieselben halten allein einen Sennen. Die 
Mähwiesen liegen in der Thalsohle und halb an der 
rechtseitigen Thallehne hinauf. Auf sie verwendet der 
Avner seine ganz besondere Sorgfalt, dafür stehen sie 
aber so üppig, wie es in einer Höhe von 2000" ü. M. 



Das Avers, 487 

nicht von vornherein zu erwarten ist. Im Juli be- 
ginnt der Henet. Zn dieser Zeit bildet das Thal einen 
wahren Wallfahrtsort flir Arbeitsuchende; aus dem 
Domleschg, dem Bergeil, aus Montafun und selbst 
ans dem Tirol kommen Mähder und Mähderinnen her- 
gepilgert, so daß um diese Zeit Über 100 fremde 
Arbeitskräfte im Thal sind. Bei gutem Wetter dauert 
die Ernte doch volle sechs Wochen. Um halb 3 Uhr 
ziehen die Leute aus und mähen oft bis Abends spät 
fast ununterbrochen fort. Für diese strenge Arbeit 
bekommen die Mähder 2 — 2V% Ft. Lohn per Tag nebst 
Kost und Logis, Regentage nicht ausgenommen. Im 
September beginnt der Viehhandel. Einzelne unter- 
nehmungslustige Avner ziehen alsdann mit ihrem Reich- 
thum über die Berge in's Bergeil und nach Italien, 
andere, wohl die Mehrzahl, halten sich mehr an die 
Nähe und suchen in Thusis und Chur ihr Glück zu 
machen. Der Winter bringt auch ihnen Ruhe, daneben 
aber manche beschwerliche Arbeit, denn jetzt gilt es, 
f ttr's ganze Jahr das Holz herzuschaffen, von den ent- 
legenen Heugaden muß das Heu heruntergeschlittet 
werden etc. Um im Schnee sicherer zu gehen, be- 
dienen sie sich origineller Schneeschuhe, Schneereifen 
genannt. Es sind das Holzreifen von circa 4tO^^ Durch- 
messer mit einem weiten Maschennetz aus fingersdicken 
Stricken. 

Gegen das Frühjahr beginnt wieder die strenge 
Arbeit. Die sämmtlichen Mähwiesen werden gedüngt 
und von Stalla her Lebensmittel: Mehl, Mais, Kasta- 
nien fllr den ganzen Sommer herüber geholt, resp. 
getragen. 



488 Fr. Käser. Das Avers, 

Vor vielleicht 200 Jahren blühte im Avers auch 
noch die Pferdezucht, das alte Landrecht und andere 
Urkunden enthalten vielfache Beweise dafür; auch steht 
im Podestatshaus jetzt noch ein einplätziger Lust- 
fahrtschlitten, der in Form und Größe sehr an die 
Schlitten der Lappen etc. erinnert. Dazumal ging- 
durch's Avers eben noch eine begangene Route für 
Gütertransport aus dem Bergeil und Engadin in*s 
Schams und Domleschg. Mit der neuen Zeit entstanden 
die prächtigen Alpenttbergänge, das Thal wurde damit 
abgeschnitten, und der erste Schritt zu seiner Ver- 
armung war gethan. Die Bewohner könnten zwar jetzt 
noch Pferde zttchten, so gut wie die Aelpler im Madris 
oder im Val die Lei, es geschieht jedoch nicht mehr. 



Stockhorn und Stockhomgruppe. 

Von 

Pfarrer L, Hürner (Section Wildhorn). 



Za den Gipfeln, an denen der alpine Hochsport 
seine Großthaten vollbringt, zählt zwar das Stockhorn 
(2192 in) nicht. Doch stehen die Blätter des Jahr- 
bnches des S. A. C. anch der Beschreibung beschei- 
dener Berggipfel und Gebirgspartien offen. Ist doch 
^^Kenntniß der Alpenwelt überhaupt zu fbrdem^ sta- 
tutarisch ausgesprochener Zweck des S. A. C. Ver- 
hftltnißmäßig Wenigen sind Ausflüge auf die Hoch- 
^pfel der Eis- und Schneeregion vergönnt. Mit einem 
leicht erreichbarei^Gipfel unserer Bergwelt und seiner 
Umgebung näher bekannt zu werden, dürfte leicht 
da und dort einem Bergfreunde, selbst einem Clubisten, 
lieb sein. Unbestritten haben und behalten mannhafte 
Erklimmungen schwieriger Hochgipfel als Höhepunkte 
clubistischen Lebens und Strebens ihre volle Berech- 
tigung, obwohl, wenigstens im Territorium des S. A. C, 
nicht mehr viele Ehrenkränze ftir erste Gipfelerstei- 
gungen zu holen sind. Um so mehr aber wird es 
an der Zeit sein, anzuerkennen, daß auch die genauere 



490 L. Hümer. 

Erforschung der ods zunächst liegenden Gebii^sgebiete, 
seien sie auch verhältnißmäßig klein und ihre Gipfel 
von bescheidener Höhe, alpenclubistischer Thätigkeit 
würdige Ziele bietet. Herr Professor B. Studer hat 
in seinem auch für die Kenntniß des Stockhomgebirges 
Bahn brechenden Werke „Geologie der westlichen 
Schweizeralpen^ (Bern 1834) folgendes Arbeitspro- 
gramm adoptirt: „Statt auf schnellen Durchfitigen 
„allgemeinere, aber oberflächlichere Ansichten zu sam- 
„meln, möchte es für das Studium der Alpen zweck- 
„mäßiger sein, die spezielle, möglichst erschöpfende 
„Beschreibung beschränkter Bezirke zu versuchen.^ 
Sicher beruhen auf genauer Kenntniß seiner Einzel- 
heiten richtiges Verständniß und gerechte Würdigung 
eines Ganzen auch für die Gebirgskunde. In dem eben 
angeführten Werke des Herrn Professor Studer, wie 
in den neuern Arbeiten der Herren Professor Brunner 
und Bachmann ^), liegen die Ergebnisse der bisherigen 
wissenschaftlichen Erforschungen des Stockhomgebirges 
in orographischer und geologischer Beziehung vor. 
Unter stetiger Benutzung und Berathung dieser Werke 
hat Verfasser vorliegender Arbeit ^hre hindurch das 
seinem Wohnorte nahe liegende G^birgsgebiet vielfach 
in die Kreuz und Quer durchstreift, kennen gelernt 
und lieb gewonnen. Durch vorliegende Beschreibung 
des Stockhorns und seiner Umgebung möchte er auch 

Prof. Dr. Brunner , Geognostische Beschreibung des 
Stockhomgebirges (Bern 1857). 

Prof. Dr. J. Bckchmann : tu Geologisches aus der Umgebniig 
von Thnn (Jahrbnch des S. A. C, XI. i^Bem 1876); b. Die 
Kander im Bemer* Oberlande (Bern 1870). 



Stockhom und Stockhomgruppe. 491 

diesem Stück unserer Bergwelt im Jahrbuch ein Ehren- 
plätzchen sichern. Es verdient solchen Platz, wenn 
g-leich sein Hauptgipfel ohne Gletscherbeil, Seil und 
Stufenhacken auch dem ganz mittelmäßigen Gänger 
leicht zugänglich ist, sobald dieser nur den Willen 
hat, sich zum Besuch einer an reizvoller Abwechslung 
des Lieblichen und des Wilden kaum übertroffenen 
Alpengegend und zum Genuß eines herrlichen Gebirgs- 
panoramas einige Hundert Meter ttber die Thalsohle 
aufzuschwingen. 

I. Begrenzimg der Stockhomgruppe. Die im 
Folgenden zu beschreibende Gebirgsgruppe bildet einen 
kleineren Bestandtheil des ganzen Stockhomgebirges. 
Als Stockhomgruppe im engeren Sinne des Wortes 
darf sie deßhalb wohl bezeichnet werden, weil das 
Stockhom selbst, ihr dominirender Hauptpunkt, und 
die übrigen einzelnen Bestandtheile der Gmppe unter 
sich in nachweislichem engerem oder femerem Zu- 
sammenhang stehen. Die Gebirgsgrappe hat übrigens 
als kleinerer Theil des ganzen Gebirgssjstems ihre 
sie deutlich von ihm unterscheidende, sowohl orogra- 
phische, als geologische Grenze im Gebirge selbst. 
Ein flüchtiger Blick auf die Karte reicht hin, ihre öst- 
liche und südliche Abgrenzung sofort zu erkennen. 
Die Ebene von Reutigen, in welcher ja überhaupt das 
Stockhomgebirge nach Osten schroff abbricht, und im 
Süden die Thalsohle des Simmenthaies mit dem „Land- 
wasser** von der Wimmisbrücke bis Weißenburg-Dorf 
bilden die natürlichen Ost- und Südgrenzen unserer 
Gruppe. Im Westen bildet die Oluse von Weißen- 
burg mit ihrer Verlängerang im Bunschithal etwa bis 



492 L, Hümer, 

zar WahlalpsSge die Grenze. Um den Faß der Bilrr- 
bodenflah wendet sich das Thal von Richtung S-N. 
zur Richtung W-0. Das ciasenartige Querthal wird 
der Streichrichtung des Gebirges folgendes LiEngen- 
thal und Über untere und obere Wahlalp nach dem 
Wahlalp-Sattel ansteigend erreicht diese Theilonga- 
linie hier mit 1802 °> ihren Höhepunkt. Das Rinnsal 
des Wahlalp-Bunschi-Baches bildet von Unterwahlalp 
weg die tiefste Sohle dieser Theillinie im Gebirge. 
Von Wahlalp-Sattel setzt sich die Theilungsfalte, immer 
in Richtung W-0., als nördliche Begrenzung der Stock- 
homgruppe unter den Nordabstttrzen von Stockhom^ 
Solhom, Lasenberg, Nttschletengrat über Bachalp nach 
dem Lindenthal fort, um zwischen der Falschenflah 
und Moosfluh, diesen östlichen Abbruchen der Gantrisch- 
Hohmaad- und der eigentlichen Stockhornhetten, bei 
Reutigmoos in der Ebene zu enden. Eine Raach- 
wacken-Gyps-Zone, von der untern Wahlalp her der an- 
gegebenen Theilungslinie folgend , bildet im Norden 
unserer Gruppe auch die geologische Grenze zwischen 
zwei verschiedenen Formationsfolgen jüngerer und 
älterer jurassischer Gesteine. Dieser Aufbmchslinie 
der Nordseite des Gebirges entspricht eine so ziemlich 
parallel mit ihr laufende andere Ranchwackenzone der 
südlichen Abdachung der Stockhomgruppe , welche 
sich über Schopf-, Haus- und Glusi - Allmend nach 
Nacki und Günzenen verfolgen läßt 

II. Der Gßdammfetndruc/fy den die Stockhomgnippe 
auf uns macht, von welcher Seite wir uns ihr auch 
nahen mögen, ist der der „ewigen Burg^, wie sie der 
Dichter J. G. Müller besingt. Das Bild einer hoch- 



Stockhom und Stockhamgruppe, 493 

g^elegenen Bergfeste mit Thürmen und Bastionen bietet 
sie am wenigsten von der Seite des Simmenthaies, 
ihrer sttdliehen Begrenzung , dar. Die Straßenlinie 
Wimmisbrttcke-Weißenbarg zieht sich zu nahe an ihrem 
Fuße hin, als daß man von da ein Gesammtbild der 
Gmppe gewinnen könnte. Wohl bekommen wir da- 
gegen einen Totaleindruck von ihrer ganzen südlichen 
Abdachung. Staffeiförmig und verhältnißmäßig sanft 
fällt die weidbewachsene SUdflanke des Stockhom- 
^ebirges nach dem Simmenthai ab. Zum Theil immer 
noch ansehnliche Reste früher viel ausgedehnterer und 
dichterer Bewaldung wechseln vom Fuß bis an die 
oberste Etage der Berggruppe mit Weiden ab. Weitaus 
vorherrschend sind in diesen Waldbeständen die Coni- 
feren. Die großen Schirmtannen werden aber leider 
alle Jahre seltener. In den Vorweiden der zweiten 
Terrasse zeigen noch einzelne Bergahome und viele 
mächtige Strünke dieses schönen Baumes, daß einst 
sein lichtes Grün mit dem dunkeln des Tannenwaldes 
schöne Contraste der Waldfarben hervorgebracht haben 
muß. Prächtiger Buchenwald in den tieferen Lagen, 
nach der Höhe in Tannenwald übergehend, über welchem 
dann die grauen Gräte und Kalkthürme aufragen, 
bekleiden von der Brünnlisau unterhalb Latterbach 
hinweg die Abfälle unserer Gebirgsgruppe. Viel steiler 
und schroffer als die südliche ist die nördliche Ab- 
dachung. In jähen, oft überhängenden Fluhbändem und 
steilen Schutthalden stürzt die Nordflanke In's Linden- 
thal ab. Bis hinauf zur Bachalp gewährt sie nur 
spärlichen, mageren Weideplätzen hie und da Raum. 
In seiner erwähnten Schrift über die geologischen 



494 X. Hümer. 

VerhältDiBse der Umgebung Thuns charaeterieirt Pro- 
feBsor Bacbmann den Eindruck, den das Gebirge beim 
Beschauen besonders von der Nordseite erweckt; mit 
den Worten : „Die vieltausendjährige Unbill der Ver- 
„wittemng spricht sich in der Stockhomkette sehr 
„entschieden aus. Die auffallenden einzelnen Stöcke 
„oder Homer sind ja nichts Anderes, als die Ueber- 
„reste von langgezogenen Kalkgräten, welche einstmals 
„eine Verbindung der heutigen Ueberbleibsel oder 
„Ruinen vermittelten. Es gibt kaum ein anderes ver- 
„hältnißmäßig so abruptes und conpirtes Kalkgebirge. 
„Alles scheint darauf hinzudeuten, daß die Stockhom- 
„kette, wenn auch nicht in ihrer heutigen Form, ein 
„recht altes Gebirge oder Festlandsgebiet sei.^ (Jahr- 
buch XI, pag. 377.) 

Der Eindruck, den das stolz von seiner hohen 
Warte in's Land schauende Stockhom, von Thun aus 
gesehen, macht, wird durch den Umstand verstärkt, 
daß nur niedriges welliges Vorland zu seinen Füßen 
liegt und seine wilde Majestät nicht durch nahe- 
stehende höhere Majestäten verdunkelt wird. Im 
Pinserenwald der Zwieselberge erreicht die höchste, 
zwischen dem Nordfuß der Stockhomkette und der 
Ebene um Thun liegende Höhe nur 834°". 

Treten wir nun dem Gebirge selbst näher. Der 
Landstraße bald milde geworden, haben wir dieselbe 
schon bei Gwatt fUr eine Weile verlassen und am 
oberen Ende des Dorfes uns von ihr rechts ab ge- 
wendet. Den Hügelrttcken, welcher den sagenumspon- 
neuen Thurm der Burg Strättligen trägt, ttberschritten 
wir, am großartig schönen Rundblicke uns erfreuend, 



Stockham und Stockhomgruppe, 495 

der die Begehung lohnt. Darch die Waldgrttnde des 
ehemaligen Kanderbettes, dessen nagelfluhartigen Kies- 
bänke noch heute den einstigen Flußlauf markiren, 
sind wir über den freandlichen Zwieselberg bei der 
Gltttsch in die Ebene von Reutigen eingetreten. Die 
Moränenlandschafl dieser Gegend, die sich durch das 
Stockenthäichen hinunter fortsetzt, die zwischen Morä- 
nenzttgen eingebetteten Torfmoore an der Stelle einstiger 
Gletschertttmpel, erratische Blöcke, da uud dort Hauf- 
werk kleineren, weit herum sonst nirgends anstehenden 
Gesteines sind uns lauter sprechende Monumente aus 
einer Periode der Erdgeschichte, in welcher „eben so 
^trotzig, wie heute, das kühne Stockhom seine senk- 
^rechte Nordwand dem Ubergletscherten Tieflande 
^ zukehrte.^ (Bachmann, a. a. 0., Jahrbuch, Bd. XI, 
pag. 376 u. 377.) 

Ueberhanpt regt schon der Thalweg um den 
Ostfoß und den Sttdabhang des Stockhomgebirges 
von Reutigen bis an's Westende unserer Gruppe 
bei WeiBenburgdorf vielfach zu Versuchen an, „die 
^erd- und menschengeschichtliche Vergangenheit 
^aus ihren in der Gegenwart noch vorhandenen 
„Monumenten zu reconstruiren.^ Ein „sich Be- 
„ sinnen des Menschen auf die Vergangenheit der 
„materiellen Basis seines Daseins^ nennt Prof. Rttti- 
meyer') solche sinnende Betrachtung der Dinge. 
„Poesie; doch Poesie im emsteten Sinne des Wortes.'^ 
Wimmis, mit seiner altersgrauen, von blutigem Fehde- 

*) Thal- und Seebildang zum YentändniD der Oberfläche 
der Schweiz, Einleitung. Basel 1869. 



496 L. Hümer. 

Strauß oft umtobten Ritterburg, und dem wohl acht- 
hundertjährigen Kirchlein auf dem Fuße der dunkeln 
Burgfluh, die WimmisbrUcke mit ihrer schönen Strom- 
schnelle, die wildschöne, merkwürdige Simmenthai- 
porte, Latterbach mit seinen Uferterrassen, dem großen, 
weit in's Thal von Diemtigen sich einbuchtenden See- 
boden , alle diese Monumente der Vergangenheit 

erregen da im Menschen der Gegenwart die Poesie, 
welche am inneren Sehkreis große, der Gegenwart 
fremde Bilder aus der Natur- und Menschengeschichte 
femer Weltenalter, heraufzaubert. 

III. Zugänge z\im Stockhomgipfel gibt es von 
allen Seiten der Berggruppe viele. Von Ober- und 
Niederstocken im Stockenthaie am Nordfuß des Ge- 
birges führen zwar ziemlich steil ansteigende, doch 
gut gangbare Pfade, entlang dem tief in den Berg 
eingefressenen Rinnsal des Feusi- oder Feißibaches 
durch Wald und Weide nach Unter- Aelpithalalp (1689»), 
oder auch nach der oberen Bachalp (1724°^). Im Wahl- 
alpsattel (1802°') kommen beide Wege zusammen. 
Ebenda vereinigt sich mit den zwei eben genannten 
Zugängen ein dritter, der von Reutigenmoos durch 
das wilde Lindenthal zum Wahlalpsattel bergan führt. 
Wahlalpsattel ist also der Vereinigungspunkt mehrerer 
Stockhornwege. Nennen wir gleich hier einen vierten, 
den schönsten der von Westen her auf eben diesem 
Punkt mit den drei anderen sich treffenden Zugänge. 
Von Weißenburgdorf, im Thal der Simme, nimmt er 
seinen natürlichen Anf^g. Auf schöner Kunststraße 
fuhrt er uns in etwa einer halben Stunde nach dem 
Weißenburgbad. Reich an wildromantischer Natur- 



Stockharn und Stockhorngruppe. 497 

Schönheit ist schon der untere Theil der Cluse von 
Weißenburgy das langsam und gründlich durchgeftihrte 
Werk des Bunschibaches. Entlang der Fahrstraße 
nach dem Bade finden wir, bloßgelegt durch die 
Straßenbauarbeit, ein sehr belehrendes Durchschnitts- 
profil durch den Flyschmantel, welcher der Sttdflanke 
des Stockhomgebirges entlang dessen Jurabildungen 
überlagert. Nachdem wir unterhalb des neuen Cur- 
hauses von Weißenburgbad den schönen Wasserfall 
des Bunschibaches bewundert haben, eilen wir in 
der Fortsetzung der Weißenburgcluse am hintern Bade 
vorüber der Leitereniluh, im Hintergrunde der Clus, 
zu. Auf die von Herrn Prof. Studer (Greologie der 
westlichen Alpen, pag. 326) notiiicirte seltsam ge- 
krümmte Schichtung der hohen Felswand der Kahle, 
rechts über dem alten Badgebäude — auf den Punkt, 
an welchem, aus tiefen, engen Felsklammen hervor- 
brechend, Morgeten- und Wahlalpbach sich zum 
Bunschibache vereinen — auf die Wasserleitung der 
Heilquelle von Weißenburg aus der dunkeln Fels- 
schlucht des Wahlalpbaches her, deuten wir hier nur 
hin. Die Leiteren hinangestiegen gehen wir in ziem- 
licher Höhe über der tiefen Rnnse des Wahlalpbaches 
entlang den Ostabhängen der Schweibegg, dem Beret 
zu. Ein rauher Holzweg füihrt von da zur Wahl- 
alpsäge, die hier einsam verwittert, nachdem sie zur 
Verwüstung des einst prächtigen Waldbestandes dieser 
Gegend ihr Bestes gethan. Zwischen Beret und der 
Säge befindet sich unter der Straße in den Felsen 
des Bachufers eine schon ziemlich ausgebeutete Spath- 

krystallhOhle, in deren Umgebung auch schöne Schwefel- 

32 



498 L. Hw-ner. 

kiese gefanden werden. Cm den Nordfaß der BHrr- 
bodenüah (Hugiflnh, 1807 °>) wendet sich das bisherige 
Qnerthal zom Faltenthal mit Abänderung seiner bis- 
herigen Richtung von 8.W.-N.0. in die der Streich- 
linie des Gebirges. Die schönen Alpgebiete der un- 
teren und oberen Wahlalp hinan gelangen wir nach 
einem Marsche von 3 bis 3 ^ 2 Stunden von Weißenburg 
zum Wahlalpsattel. Wer nicht nach dem Stockhom- 
gipfel strebt, sondern vielleicht nur dem Vorder- 
Stockensee und den Vorder-Stockenalpen einen Besuch 
zugedacht hätte, würde, von der unteren Wahlalp Über 
Wandels ansteigend, in einer kleinen Stunde das 
Nordufer des schönen Alpsees bequem erreichen. 

Vier Zugänge von der Nord- und Westseite unserer 
Gebirgsgruppe, die sich im WahlalpsaUel vereinigen, 
haben wir nun kennen gelernt. Von diesem Punkte 
aus muß der eigentliche Gipfelanstieg von dieser Seite 
her gemacht werden. Verfolgen wir gleich den W^eg 
vom Wahlalpsattel zum Gipfel. Wer sich für diese 
letzte Wegstrecke nach dem Hom 1 ^^2 Stunden nimmt, 
hat unter gewöhnlichen günstigen Verhältnissen reich- 
lich Zeit genug verwendet. Vom Wahlalpsattel geht 
es zuerst im Zickzack eine steile begraste Halde 
hinan, dicht unter die Felsen des westlichen Stock - 
homabsturzes, dann diesem entlang weiter aufwärts. 
Eine Strecke weit hat man hart neben sich die Fels- 
wand auf der einen, jäh zur Wahlalp abstürzende 
Gehänge auf der anderen Seite, vor sich, einen ziem- 
lich schmalen Pfad. Doch ist derselbe bedeutend 
besser als frülier und völlig sicher. Ein Mal nur, bei 
einer ziemlich früh im Jahr unternommenen Stockhorn- 



Stoekhorn und Stockhomgruppe. 499 

besteigung, zeigte sich uns diese Stelle etwas „heikel^ : 
Steinfall von oben und die Passage unten von einer 
hart gefrorenen, an die Wand angebackenen GwSchte 
verlegt. Beim Strttßlisattel^ (Punkt 2045, Blatt Am- 
soldingen) betritt mau den Südabhang des Stoekhorn- 
gipfeis, das Stockenfeld. Von da ist das letzte Stück 
Weg nach dem Gipfel Über Alpweide weder beschwer- 
lieh, noch irgendwie geföhrlich. Nach Betretung des 
Stockenfeldes läßt sich's auch gleich die Felsen hinan 
zum Gipfel aufsteigen. Doch ist dieser Anstieg Unge- 
übten oder Schwindligen nicht anzurathen. 

Ein zweiter Anstiegspunkt zum Stockhomgipfel, 
bei welchem sich ebenfalls mehrere Zugangswege 
aus den Thälem um Nord-, Ost- und Südfuß des 
Gebirges vereinigen, ist das an seinem Ostfuß in 
der Einsattelung zwischen diesem und dem Solhom 
gelegene Kummli Vom Kunmilisattel (1850 "^j aus 
schwingt sich die Stockhomschneide, ein scharfer, 
«teilenweise sehr steil ansteigender Grat, zum Stocken- 
felde auf. Kurz ist dieser östliche Anstieg ; aber auch 
seiner oft recht scharfen und auf beiden Seiten jäh 
abstürzenden richtigen Schneide wegen stellenweise 
recht „lauter" und deßhalb, namentlich ftlr den Ab- 
stieg vom Hörn herunter, nicht Jedermanns Sache. 
Durch ein Mitglied der Section Wildhom des S. A. C. 
wurde der Stockhomgipfel von der Ostseite her auch 
schon in der Gegend der deutlich ausgeprägten Gon- 
tactlinie zwischen Jura- und Kreidefelsen erklommen 
(im Sommer des Jahres 1883). Der Kummlisattel 
ist Vereinigungspunkt folgender Zugänge zum Stoek- 
horn: Von Norden steigt die Felsgehänge zwischen 



600 L. Hümer. 

Stock- und Solhorn ein Kletter weg flir Jäger and 
kühnere Felsgänger zum Rammli, Yom Lindenthal 
ausgehend, an. Ein sehr interessanter Anstieg rom 
Steinig-Nacki (1608™) führt von Osten her durch das 
einst begletscherte Längenthal (Bachmann, Kander, 
pag. 101) zwischen Brämenhom (1938 <»), Brämen- 
fluhgrat und Nttschletengrat (Gemsrevier, 1988 ■■) zur 
kleinen Walpersbergalp (1860*"). Brämenhom, ganz 
nahe dem Paß, lohnt sehr einen wenig Zeit bean- 
spruchenden Besuch en passant. Von Walpersberg 
über den aussichtreichen Lasenberg (2020™) gelangt 
man, den dttdfuß des Solhomes (2028™) traversirend, 
in's Kummli und an den Fuß der Stockhomschneide. 
Sehr zu empfehlen ist der Besuch des ^olAomgipfels» 
In größter Annäherung an den Stockhomgipfel und 
mit 2028™ nicht viel niedriger als dieser, gewährt 
er einen sehr belehrenden Blick in die geologischen 
Verhältnisse des Stockhomauf baues. Kaum präsentirt 
sich der Stockhomgipfel von einem anderen Punkte 
so großartig schön. Zudem ist das Solhom merk- 
würdig als ein Beispiel der für den äußersten Nord- 
rand des Alpengebirges characteristischen Ueberein- 
anderschiebungen und nördlichen Ueberkippungen der 
Schichtengewölbe ') und als einer jener Felsstöcke, 
in denen sich mehrere unregelmäßige „Streichungslinien 
„vereinigen, so daß sie aus mehreren Stücken zu- 
„sammengebacken erscheinen.^ ^) Steinig-Nacki, von wo 
wir zum eben beschriebenen Aufstieg nach dem 



Vergl. Bachmann, Jahrbuch XI, pag. 993. 

*) Vergl. Stader, 6eol. der westl. Schweizeralpen, pag. 889. 



Stockhom ttnd Stockh^mgn^pe. 




502 L. Hümer. 

Kummlisattel ausgingen, ist selbst wieder der Ver- 
einigungspunkt mehrerer theils von Norden (Reutigen- 
Günzenen- Matten), theils von Osten (Latt^bach -All- 
menden - Nacki) hier zusammentreffender Weglinien. 
Einer Anstiegslinie, welche von Süden, von Erlenbaeh 
her über Moos, die Wildenbachclnse hinan, nach den 
Clusihtttten, dann über Krindi (Krinnen), Krindisattel^ 
die Hinterstockenalpen hinauf zum Kummlisattel an- 
steigt, werden wir später noch etwas einläßlicher zu 
erwähnen haben. Bei Oberberg, der obersten Wohnung^ 
von Moos über Erlenbach, zweigt vom Wildenbach- 
Rrindi -Pfade links ab der von Erlenbach aus meist 
gewählte Weg nach der Vorderstockenalp über Pfängli, 
Aelmerenweiden , Hausallmend, Stockenwald. Yer- 
* schiedene andere, ebenfalls oft begangene Wege von 
Eschlen, von Balzenberg aus, von denen hier der über 
Schopfallmend und Schopfwald besonders genannt 
werden mag, ftlhren alle nach der Vorder-Stockenalp, 
von wo uns ein sehr hübscher Verbindungssteig- 
zwischen Vorder- und Oberstocken über das obere 
Läger der Vorder -Stockenalp (die „Matten*^) entlang^ 
dem Nordabfall des Keibhornes über dem Ostufer 
des Vorder - Stockensees nach der Alp Oherstocken 
und dort an den dritten Anstiegspunkt zum Stock- 
homgipfel, an dessen Westfuß, führt. Wer, vom 
Krindisattel zur Alp Hinterstocken niedergestiegen^ 
nicht nach dem Kummlisattel und via Schneide zum 
Stockhomgipfel aufsteigen, sondern lieber mit Ver- 
meidung der Schneide den bequemen und völlig ge- 
fahrlosen Aufstieg über das Stockenfeld wählen will^ 
der findet bei der Alphütte von Hinterstocken einen 



Stockhorn und Stockhorngruppe, 603 

Verbindungsweg mit dem Anstieggpankt Oberstocken 
dureb die Seh wader -Ey.') 

Die vielen hier aufgezählten Wege zum Stockhorn, 
neben denen noch eine Anzahl anderer unerwähnt 
blieb, zeigen zur Genüge, daß unserem Berge das 
Prädicat der Unnahbarkeit in keiner Weise zukommt. 
Vom Ausgang im Thal bis zum Gipfel beansprucht 
Jeder der genannten Zugänge, unter Annahme mitt- 
lerer Schnelligkeit des Marsches und sonstiger dem 
Vorrücken günstiger Verhältnisse, wenigstens 4 bis 
5 Stunden Marschzeit. Auf die Beschreibung der Wege 
Weissenhurg' Wahlalpsattel - Gipfel^ Steinig -Nacki- 
KummlisaUel' Schneide wurde hier deßwegen etwas 
näher eingetreten, weil diese dem Stockhomwanderer 
besonders zu empfehlen sind. 

Raum minder empfehlenswerth ist aber auch die 
oben berührte Anstiegslinie Erlenhach-Wildenbach- 



*) Fiir Solche, welche die in Rede stehende Alpgpegend 
mit Blatt Amsoldingen der neuen topographischen Karte be- 
gehen sollten, dürfte anter Umständen die Erwähnung einer 
IMiTerenz zwischen der Nomenclatar dieser Karte und der 
sonst durchweg üblichen nicht ganz ohne Belang sein. Was 
aaf der Karte „ Oberstocken **, 1793 ■", heißt, wird nach landes- 
üblicher althergebrachter Nomenclatar das obere oder hintere 
Läger von Vorderstocken, auch „die Matten** geheißen, die 
unbenannte Hütte am „Ober-Stockensee** heißt die „Spätberg- 
hütte**, „Ober-Stockensee** der Karte heißt „Vorder-Stocken- 
Hce**, „ Hinterstocken **, 1782*°, der Karte ist im Volksmund 
•Oberstocken" und die Alp „Unterstocken" mit Unter- 
Stockensee der Karte ist hier zu Lande nur unter dem 
Namen „Hinter- Stockenalp ** mit dem „Hinter -Stockensee** 
bekannt. Für vorliegende Arbeit werden die landesüblichen 
Namen beibehalten. 



504 L, Hümer. 

cliise-Krindi^Kummli, Sicher ist sie nicht allein 
die kürzeste Linie, welche aus dem Sttden von dem 
eben in ihr gelegenen Erlenbach aus znm Gipfel 
führt, sondern sie ist auch besonders interessant und 
belehrend für die Kenntniß der orographischen undl 
geologischen Verhältnisse des Gebirges, indem die 
Wildenbach -Krindi- Glase alle Lagerungen der Sttd- 
flanke durchschneidet und ihre Gontacte bloslegt. 

Bis zur Höhe von 1000" bildet eine Flyschzone 
die erste Stufe des Gebirges. Auf den terrassen- 
förmigen, sanft thalwärts geneigten FlSchen derselben 
haben sich die freundlichen Bergweiler Weißenbarg- 
berg, Niedfluh, Balzenberg, Eschlen, Moos, Tlial und 
Allmenden angesiedelt. Bis hieher reicht das Gebiet 
perennirend bewohnter menschlicher Heimstätten. Aas 
dem eocänen Gestein erhebt sich ein Zug oberjuras- 
sischer Kalkfelsen, lieber Weißenburgberg zeigen 
sieh seine ersten Riffe, die sich intermlttirend, nach 
Osten an Mächtigkeit zunehmend, über den vorge- 
nannten Weilern der Flyschstufe fortsetzen. Ob All- 
menden noch vom Allmendenbache clusenartig durch- 
rissen, gewinnen die vorher weniger bedeutenden Kalk- 
köpfe plötzlich tiber Latterbach in der Latterbach- 
fluh, weiter östlich dann in Port- und Simmenfluh, 
bleibenden Zusammenhang und große Mächtigkeit. 
Der schroffe Abbruch der Stockhornkette ttber Brod- 
hänsi ist das Ende dieses Jurafelsenzuges. Zwischen 
dem Flysch und dem Oberjurazuge liegt eine schmale 
Zone jener rothen Schiefergesteine der oberen Kreide- 
formation, der wir am westlichen Ausgang der Port in 
den „rothen Platten" begegnen. Diese Zone des See wer- 



Stockham und Stockhamgruppe. 505 

kalkes überlagert den Fuß der eben beschriebenen un- 
tersten Jorakette auf der ganzen Südseite des Gebirges. 
Nur ist ihr Zusammenhang oft unterbrochen oder wohl 
vielmehr durch Schuttüberlagerungen dem Auge ent- 
zogen. Der über diesen Kreidebildungen sich erhebende 
und meist bewaldete Jurazug bildet die zweite Staffel 
des Gebirges. Auf ihr liegen die Vorweiden von Schopf, 
Älmeren (Haus-). Nacki, Günzenen, Heiti, weiter östlich, 
dem Abbruch des Gebirges zu, sind während der 
ganzen Alpzeit benutzte Sommerungen. Das zwischen 
der untersten und der mittleren Jurakette liegende 
Gebiet gehört der mittleren Jurafoimation (Dogger) 
an und liegt großentheils unter Schutt und Verwitterungs- 
material. So ziemlich durch die Mitte dieser Mittel- 
Juralagerung zieht sich horizontal über die ganze SUd- 
flanke des Gebirges parallel der Streichrichtung die schon 
früher erwähnte Ranchwackenzone, welche namentlich 
über Schopf und Hausallmend durch stark auffallende 
Versenkungen sehr bemerklich wird. *) lieber dem mitt- 
leren Jura steht nun in mächtigem Zusammenhange 
in den wild verwitterten und zum Theil schwer zu- 
gänglichen Felsthürmen des Loherenspitzes (1850™), 
der Stockenfluh (1953»), Mieschfluh (1840«), Walpers- 
bergfluh (1906«^), Brämenfluh (1938») die zweite 
Ober-Jurakette auf, zwischen welcher und der hintersten 
mit Stockhomgipfel, Solhorn u. s. w. die oberste Etage 
unserer G^birgsgruppe, das Gebiet der Stockenalpen, 
liegt. So staffelt sich die Südabdachung des Stock- 



Auf Hausallmend werden Petrefacten der Rauchwacke 
gefunden. 



506 L, Hümer. 

liorngebirges vom Simnienthal nach den Stocken- 
alpen auf. 

Auf einige Schönheiten und Merkwürdigkeiten des 
Anstieges zum Kummli durch die Wildenbacheluse 
und über Krindi sei hier mit wenigen Worten noch 
hingedeutet. Der hübsche kleine Wasserfall des Wilden- 
baches im unteren Theil der Cluse und im tiefen Tobel 
unter den ClusihOtten die zwei Quellen, aus denen 
der unterbirgische Auslauf des Hinterstockensees als 
Wildenbach zu Tage tritt, sind der Beachtung werth. 
Ist dann der Felssteig zwischen Miesch- und Waipers- 
bergfluh erklommen und der Krindisattol erreicht, 
dessen merkwürdige Rarren Aufmerksamkeit ver- 
dienen, so erfreut uns dort ein zugleich liebliches and 
erhabenes Gebirgslandschaflsbild. Zu unsern Füßen 
liegt in tiefem Trichter der Alpsee, von grüner Alp- 
trift umgeben, über ihm und gegenüber die einladende 
Sennhütte. Vom Tannenwald umsäumt, baut sich mächtig 
das felsige Fußgestell des Stockhomes auf und hoch 
über diesem winkt uns der Stockhomgipfel , unser 
Reiseziel, einen ermunternden Gruß zu. 

IV. Die unmittelbare Umgehung des Stockhorn" 
ifipfels ist das an idyllischem Reiz und überraschender 
Abwechslung der Landschaftsbilder, wie an starken 
(Kontrasten des Liebliehen und Wildemsten im Gebirgs- 
character so reiche Gebiet der Stockencdpen. Seine 
merkwürdige orographische Beschaffenheit Überblicken 
wir am deutlichsten auf dem wirklichen Pizzo cen- 
trale dieses Gebietes, dem ringsum freistehenden Gipfel 
des Keibhomes (1953°^). Das Keibhorn ist die h<5ch8te 
gipfeiförmige Erhebung eines kurzen Jurazuges, der 



Stockhom und Stockhomgruppe, 507 

sich in abnonner Streichrichtung von S.W. nach N.O. 
schräg durch das Stockenalpgebiet in den Südfuß 
des Stockhomes zieht und bei'm Solhom sich der eigent- 
lichen Stockhomkette anschaart. In den Kreidebildungen 
des Seewerkalkes und Neocoms steckt der Fuß auch 
dieser Jurazone. Bis an den Gipfel reicht die Kreide 
an seiner südlichen Abdachung. Am Nordabhang 
herrscht der Jura bis an das Ufer des Sees. Ver- 
steinerte Belemniten findet man häufig in den Steinen 
der Grenzmauer zwischen zwei Weidgebieten, welche 
sich hinter der Hütte des oberen Lägers von Vorder- 
stocken dem Gipfel des Keibhomes zuzieht. Der Keib- 
homgrat mit einem östlichen Ausläufer, der im Sumpf 
zwischen Vorder- und Hinterstockenalp eine sattelartige 
Verbindung zwischen Keibhom urid der Mieschfluh 
bildet, theilt das gesammte Stockenalpgebiet in drei 
kleinere Bezirke von ungleicher Ausdehnung und Tiefe. 
Im Westen des Keibhoms überquert eine sattelartige 
Gratfortsetzung das „Muri'* (das obere Vorder-Stocken- 
Läger) und bildet eine Grenzscheide zwischen diesem 
Alpgebiet und dem des Spätberges, 150™ unter Matten, 
am Vorder-Stockensee. Zwischen Muri und Sumpfjoch 
liegt die Alp Vorderstocken im Westen und Süden 
des Keibhoms. 1741 ", bei der Sennhütte von Vorder- 
stocken, ißt die tiefste Höhenquote dieses Gebietes, 
welche die Karte verzeigt. Zwischen SumpQoch und 
dem früher erwähnten üebergang von Hinter- nach 
Oberstocken durch Schwader-Ey, am Sattel zwischen 
Keib- und Stockhom, liegt, rings bis an die Kamm- 
höhe der umgebenden Gräte aufsteigend, das aus- 
gedehnte Weidgebiet der Hinter-Stockenalp. Die tiefste 



508 L. Hümer, 

Quote dieses Alp- und Beetrichters ist 1595™ im 
Spiegel des Uinter-Stockensees, 146°^ tiefer als die 
SennhUtte von Vorderstocken. An und über dem Vorder- 
Stockensee birgt der tiefe Alptrichter nordwestlich Tom 
Keibhom Alpe und Weiden des Spätberges (Vorder- 
Stockensee, 1658»). Und bei 1782« also 124° ttber 
dem See, steht, am Fuß des Stockenfeldes, die Senn- 
hütte der bis auf den Stockhomgipfel und ttber den 
Strüßligrat sich ausdehnenden Alp Oberstocken. Ein 
reiches und schönes Rundbild entzückt auf dem Keib- 
homgipfel Auge und Herz. Da sind es vor Allem die 
zwei lieblichen Alpseen in ihren tiefen Trichtern, von 
grünen Alpweiden zunächst, von dunkeln Tannen, 
hohen Berggräten und kühnen Felshömern in weiterer 
Umgebung umfaßt, welche unsere Blicke anziehen. 
Dort der größere See von Vorderstocken mit seiner 
idyllisch am Ufer stehenden Spätberg-Sennhütte. Die 
grob eingemeißelte Schrift im großen Stein, der an 
der kleineren Hütte lehnt, erzählt uns in lapidarer 
Kürze, daß Sonntag 1. August 1869 der so sanft 
und lieblich erscheinende See fünf Opfer auf einmal 
verschlang. Mit Mühe und Gefahr ans dem nassen 
Grab als Leichen heraufgefischt, ruhen zu Erlenbach 
im Friedhof des Kirchleins unten im Thal alle fünf 
vereint unter dem gleichen Grabstein. Alle Jahre 
seither wird am ersten Sonntag des August in gottes- 
dienstlichem ,,Alpdorf^ am Spätberg die Erinnerung an 
dieses Trauerereigniß gefeiei-t. 

Am östlichen Fuß des Keibhorns liegt noch ma- 
lerischer als der Vorderstockensee der von Hinter- 
stocken. Auch ihn umgibt grüne Alptnft zum größeren 



Stockhorn tmd Stockhomgruppe. 509 

Theil. Doch sein Bildliches Ufer wird gebildet von der 
jäh in den See niederstürzenden wilden Mieschfinh^ 
welche nicht selten Gemsen znm Aufentbalte dient. 
Eine felsige Landzunge reicht weit in den See hinaus 
und erhöht seine Schönheit dui'ch Bildung einer stillen^ 
tannenbeschatteten Bucht. In seinem historisch-topo- 
graphischen Handbuch des Cantons Bern vom Jahr 
1850, pag. 29, berichtet uns Herr Alb. Jahn, daß 
im Jahr 1780 an ^diesem See Goldmünzen mit Bild- 
nissen und Geprägen römischer Csesaren gefunden 
worden seien. ,, Wahrscheinlich^ seien diese Münzen 
von Soldaten der römischen Castelle im Simmenthai 
hier den N3rmphen des Sees geopfert worden (?? !) — 
Da Gletscher, höhere Wasserreservoirs, eine freilich 
kurze 2ieit im Hochsommer auch größere Schneefelder 
der Umgebung dieser Seen fehlen, so möchte man 
fragen: woher alimentiren sich ihre Gewässer? — 
Wohl geben die vielen Einsturztrichter und Auswitte- 
rungen, die sich an der Oberfläche ihrer näheren und 
weiteren Umgebung finden, durch die Rückschlüsse 
auf die Beschaffenheit des dem Blicke entzogenen 
Gebirgsinnem, zu denen sie veranlassen, eine annähernd 
richtige Antwort auf unsere Frage. Ein für die „Ver- 
besaerung^ der Alpen zu wirthschaftlichen Zwecken 
sehr Eifriger äußerte einst in unserer Gegenwart beim 
Anblick eines dieser Seen den Wunsch, man möchte 
diese „unabträglichen Wasserflächen^ ableiten und in 
^abträgliche Grasmatten^ verwandeln können ! Hinter 
der Sennhütte des steinigen Nacki ist ein solches 
Colturmuster der „ Naturverbesserung ^ in einem 
wüsten trocken gelegten Geröllboden eines einstigen 



610 L, Uümer. 

kleinen Alpsees von geringer Tiefe zu bewandeni. 
Wir denken, sehr wahrscheinlich würde eine Ableituii§r 
der Stockenseegewässer statt der erhofften Grasboden- 
flache ein jetzt noch von ihrem Spiegel freundlich ver- 
decktes ganz anderes Bild enthüllen. Wohl dürfte es 
dem durch Herrn Professor Studer ((Geologie der west- 
lichen Schweizeralpen, pag. 322, 323, vgl. pag. 349) 
beschriebenen trichterförmigen Alpboden am Molton 
ziemlich ähnlich sehen: „Die tieferen Gehänge und der 
„Grund des Trichters bestehen aus ungeheuren, neuem 
„Schutt- und Trümmermassen, als ob ein ganzes Kalk- 
„gebirge in sich selbst zusammengefallen und von 
„wilden Berg wassern durch einander gewühlt word^fi 
„wäre.*^ — Die Beobachtungen über die Beschaffen- 
heit des Seegrundes, welche sich bei der Leichen- 
fischerei der ersten Augusttage 1869 anstellen ließen, 
bestätigen diese Vermuthung. 

Freundlich und friedlich liegen die Weiden und Staffel 
von Vorderstocken am Südfuß des Keibhoms. Eine be- 
sondere Zierde dieses Gebietes, weit schöner, als der 
Name erwarten läßt, ist der Sumpfwald mit seinen von 
Alpenrosen bewachsenen Felspartien und balsamisch 
duftenden Tannengruppen. Einen Blick nun noch der 
hohen Umfassung all dieser alpinen Schönheit. Einer 
starken Festung mit detachirten Forts ist sie vergleich- 
bar. Die wilde Kette verwitterter und gezackter Kalk- 
köpfe vom Brämenhom bis Loherenspitz mit Walpers- 
berg-, Miesch- und Stockenfluli bildet die Südbastion 
der Veste. Krindisattel und die wohl um 100 " höher 
gelegene Eingangslüeke ob dem Stockenwald bei Vorder- 
stocken sind die Thore. Zwischen Stockenfluh und Barr- 



Stockhom wid Stockhomgruppe. 511 

bodenflah liegt die Westschanze, von Weide bis hoch 
hinauf bekleidet und von Felszinnen gekrönt, der Pfaff 11- 
grat, seinem Nordende zu das Satteljoch (eine lieber- 
gangslttcke im Grat) und über diesem schroff auf- 
strebend das dunkle, spitze, seiner schönen Aussicht 
und seiner merkwürdigen Auswitterungshöhle („Chil- 
chli", „Schafchilchli") wegen sehr besuchenswerthe 
»Sattelhom (auch „Gugihom,'^ „Gugifluh", 1961"'). Ein 
Gang über Stockenfluh (1953™), Pfaffligrat mit den 
Pfafnihömem (1938" und 1950") nach dem Sattel- 
hom, ttber die Spätbergalpen dann zum See hinunter 
ist sehr lohnend. Zwischen Bärrbodenfluh (nach 
Blatt Amsoldingen Hugifiuh 1807"») und dem Solhom 
liegt der nördliche Grenzwall des Stockenalpgebietes, 
die höchste der in unserer Gruppe hinter und ttber 
einander aufgestaffelten Juraketten. Durch tiefe Ein- 
risse zwischen Sattelhom und den Gugifltthen, dann 
wieder durch die am Nordende des Stockensees und 
bei seinem unterirdischen Ausfluß sich nach Wahlalp 
hinunter öffnende enge Ausfallpforte von Wandels 
unterbrochen, erhebt sich der Nordwall im Strüßli- 
grat auf 2045*", im Stockhomgipfel , dem Haupt- 
thurm der Bergveste, auf 2192" und im Solhorn 
auf 2028". Lasenberg, der grüne Weidrticken, in 
seinem höchsten Punkte 2020", ist die Ostschanze. 
Brämenhom, Loherenspitz, Bärrbodenfluh und Solhom 
können als detachirte Vorwerke der Hauptveste an- 
gesehen werden, welche mit dieser durch interne Zu- 
gänge verbunden sind. Dieses Bild der festungsartigen 
Umwallung der Stockenalpen und ihrer Seen stellt sich 
nnserm Blicke vom Keibhomgipfel dar. Und drüber 



512 Xr. Hümer. 

hinaus in weitem Bogen welch herrliches Panorama 
der Alpenwelt! „Keibhom'^, allerdings ein Name, 
der mit ästhetischen Geflihlen und Begriffen in harte 
Collision gerathen kann. „Rosenhom^, wie vorgeschla- 
gen ward, würde sicher mit der blühenden Sommer- 
pracht seines von Alpenrosen dicht bewachsenen Nord- 
gehänges Ober dem See besser zu stimmen scheinen. 
Wie aber doch der Name ^Keibhorn'^ dieses Gipfels 
würdig befunden werden kann, wurde Verfasser dieser 
Arbeit belehrt, als er am Sylvesterabend des Jahres 1876 
in Gesellschaft eines jungen Clubisten dem Keibhom 
einen Altjahrbesuch abstattete. Wir stiegen von 
Krindisattel und Hinterstocken her durch pulvrigen 
schon tiefen Schnee das ziemlich steile OstgehSnge 
hinan dem Gipfel zu. Föhnstöße, in immer kürzeren 
Pausen sich folgend, zogen mit ihrem eigenthümlichen 
GetÖne durch die Klüfte der ringsum in den ernsten 
Farben der Föhnluft und des bereits dämmerig ge- 
wordenen Sylvester-Abendlichtes schweigsam dastehen- 
den Felshäupter. Von den Kirchen im Thal herauf 
trugen die Windstöße Schallwellen des Sylvester, 
geläutes an unser Ohr. Hart unter dem dunkel und 
scharf in die Luft stechenden Gipfel hatten wir uns 
aufgearbeitet. Pfeifend, „keifend^ brachen sich an 
seinen Kanten die immer erneuten Föhnstöße. Sturm- 
fest, unbewegt, spottend ihrer ohnmächtig an ihm ab- 
prallenden Wuth, hielt der Gipfel ihnen Stand. So 
gab jener Sylvesterberggang uns eine Auslegung des 
Namens Keibhorn, welche ihn gerechtfertigt erscheinen 
läßt vor dem Richterstuhl des ästhetischen Gefühls und, 
wir meinen, nicht minder vor dem des alpenciubi- 



Stockhorn und Stockhomgruppe. 513 

stiflchei) Verständnisses ftir die Sprache der Berg« 
natnr. 

V. „Nnnc veniamus ad summa" sagen wir mit 
Cicero, da wir endlich nach so vielen Kreuz- und 
Querzttgen um den Stockhorngipfel auf einem der 
genannten Anstiegswege zur allseitig freistehenden 
Hochwarte aufgestiegen sind. Mühsam müssen meist 
die glücklichen Höhepunkte des Lebens erklommen 
werden, nach der alten Regel : „per aspera ad astra.^ 
Einmal errungen bieten sie uns dann oft nicht, was 
wir von ihnen erhofft; manchmal dafür aber noch 
Schöneres, als wir erwartet. Beim Ansteigen ver- 
hieß uns der Oipfel den Genuß des mit Recht be- 
rühmten Stockhompanoramas. Von der schon stark 
zum westlichen Horizonte sich senkenden Sonne ver- 
goldet stand die verwitterte graue Felsstime über- 
wölbt von sonnedurchglänztem Himmelblau über uns, 
den langsam über das grüne Stockenfeld Aufsteigenden. 
Daß das reiche Rundbild sich zu unseren Füßen ent- 
rollen werde, wie wir die Gipfelfirst betreten, durften 
wir hofften. Doch, nicht in erwarteter Weise wird 
unser Mühen belohnt; dafür aber in nicht erwarteter 
und nicht minder schöner. Statt auf blaue Seen, über 
welliges Hügelland, weite FlSchen, in Thäler, durch 
die sich blaue Flußbänder ziehen, auf Städte und 
Dörfer unseres Heimatbodens, schweift unser ent- 
täuschtes Auge über ein weites Nebelmeer, das unser 
ganzes Bemerland " und, so weit sie vom Stockhorn 
übersehen wird, die ganze schweizerische Hochebene 
überdeckt. Tief unter ihm begraben liegen die hier 

sonst sichtbaren nördlichen Grenzlinien des Rundbildes, 

33 



514 Zr. Hurner, 

die Bergzttge des fernen SchwarzwaldeB. Im Westen 
bilden die violett geförbten langgestreckten Züge des 
Jnra die Ufeilinien. Von Osten nach Süden umfaßt 
in weitem Bogen der Kranz der Hochalpen, deren Fim- 
felder und Gipfel im Abendlichte ergltthen, das weite 
ruhige Meer, Über dem wir hoch auf luftigem Gipfel 
thronen. Nur die Bergwelt des Südens steht noch 
unverhUllt vom Gipfel bis zum Fuß vor dem be- 
wundernden Blick. 

Einen reineren alpinen Hochgenuß möchten wir 
Keinem wünschen, als den des Blickes vom Stockhoni 
aufs Nebelmeer beim Niedergang der Sonne. Leicht 
ist ja das Andere ein ander Mal nachzuholen: der 
Genuß des unverhttllten Panoramas, des großen Vielerlei 
da unten, tief unter uns. Heute reizt es uns nicht 
zu anatomischen Zergliederungs-Versuchen an Einzel- 
heiten des Gesammtbildes, zu üebungen in Nomen- 
clatur, die oft ziemlich langweilig die kurzen Augen- 
blicke aufzehren, die auf hohem Gipfel wohl auch zu 
besserem Gewinn verwendet werden können. Ein 
großer und ganzer, ein bleibender Eindruck erfüllt in 
so geweihtem Augenblicke unsere Seele. — 

In der „antiquarisch-topographischen Beschreibung 
des Cantons Bem^ (vom Jahr 1850, pag. 291) macht 
Herr Alb. Jahn auf ein „graues Felsstück^ aufmerksam, 
das nicht anstehe, sondern mit Fleiß auf die Stockhom- 
first hinaufgestellt worden zu sein scheine. „Sollte^, 
sagt Herr Jahn, „diese Erscheinung nicht geologisch, 
„sondern antiquarisch zu erklären sein, so könnte man 
„an die außerordentlichen Anstrengungen des druidisch- 
„keltischen Steindienstes zu Errichtung von Steinälteren 



Stockhom und Stockhomgrttppe. 515 

^denken; denn in der That könnte die auffallend 
^konisch gestaltete Stockhornknppe sowohl für alt- 
^keltischen, als für römisch - keltischen Höhencnltus 
^eine besondere Bedeutung gewonnen haben. ^ Wahr- 
seheinlich wird doch die geologische Erklärung für 
die Loslösung dieses Blockes vom Anstehenden die 
nächstliegende und natürlichste sein. Es müssen wohl 
nicht eben alt-keltische Druiden oder römisch-keltische 
Höhenpriester sein, welche den Stockhorngipfel zu 
«inem Hochaltar der Anbetung des Schöpfers der Welt 
weihen, der in den Wundem seiner ewig schaffenden 
Macht seine Herrlichkeit offenbart. Auch die heutigen 
Priester des Höhencultus, die vom S. A. C, verstehen zu 
lesen und zu deuten die Schrift des offen aufge- 
schlagenen Offenbarungsbuches der Natur. Das glän- 
zende Gestirn des Tages ist unter den Horizont 
niedergetaucht. Dunkel am Fuß, die Kämme von 
yioletten Tinten übergössen, steht das langgezogene 
Meeresufer des Juragebirges, fast als baute es neu 
sich vor unseren Blicken aus dem ürmeere auf. 
Im Abendroth glühen die Hochgipfel des Uferbogens 
im Osten. Jetzt verblassen die violetten Töne. Am 
Kranz der Hochalpen haben die glühenden Farben 
des Lebens sich getauscht an geisterhaft mattes bläu- 
liches Weiß. Das lichte Roth des Abendhimmels wird 
immer enger zusammengedrängt durch die anrückenden 
Schatten der Nacht. Im Wolkenmeer entsteht Be- 
wegung, Brandung. Abendwinde heben seine Decke, 
Inseln tauchen auf, dort die Insel des Belpberg, dort 
die lange Landzunge des Längenberg. Land und 
Meer scheiden sich. Auf der einen Seite ist das 



516 X. Hü/mer. Stoekhom und Stoekhomgmppe, 

Geetirn des Tages fUr dich niedergegangen. Doch 
nicht finster soll dein Weg dir bleiben. Dort, Itber 
den in seinem Lichte neu erglXnzenden weißen Bergen, 
steigt in mildem Silberglanze das Oestim der Nacht 
auf. Wandelnd seine nächtliche Bahn will es eine 
freundliche Leuchte auch dir sein zum Abstieg — zom 
Heimgang. 



IV. 

Kleinere Mittheilungen. 



Neue Bergfahrten in den Schweizeralpen 1883.^) 

L Montblanc-Grappe« 

Aiguille de la Varappe (3543"). Diese höchste 
Spitze der Aigiiilles Dorfes wurde am 13. Aug. von 
den Herren Wanner, Thury und Guttinger (S. A. C, 
Section Genf) mit dem Führer Gaspard Coquoz von 
Salvan bestiegen. Nachdem dieselben um 9 Uhr Mor- 
gens die Cabane d'Omy verlassen und um 11 Uhr 
den Bergschrund am nordwestlichen Fuße der Aiguille 
erreicht hatten, stiegen sie über einen Eishang und 
einen Felsgrat bis zur Basis der Gipfelwand, zu deren 
Ueberwindung ein äußerst steiles, von zwei Granit- 
blöcken gesperrtes Kamin benutzt wurde. Die Kletterei 
in demselben erwies sich als sehr schwierig. Nachdem 
es den Reisenden gelungen, sich an dem ersten Blocke 
vorbeizuwinden, wurde das Kamin, dessen Eis müh- 
same Hackarbeit erforderte und dessen glatte Wände 
nur rechts hie und da Griff boten, bis dahin benutzt, 
wo der überhängende Fels Halt gebot. Hier wandte 
man sich links und gelangte über ein schmales Fels- 
band, einen Blockwall und endlich über eine glatte, 
von einer engen Spalte durchsetzte Wand um 4 Uhr 
35 Min. auf die Spitze, die mit einem Steinmann ge- 
krönt und nach dem Recht der ersten Besteiger Ai- 



Ueber Begriff und Ausdehnung der ächweizeralpen 
vergl. Jahrbuch XVm, pag. 439 und 440. 



520 Bedactian, 

guille de la Varappe ^ getauft wurde. Um 5 Uhr 
begann der Abstieg auf demselben Wege, um 7 ühr 
35 Min. ward der Bergschrund überschritten, und in 
der Nacht rückten die Reisenden wohlbehalten wieder 
in der Oabane d'Omy ein. Vergl. Echo des Alpes 
1883, p«^. 241. 

Aiguille du Midi (3843°*). Die zweite Spitze 
dieses Berges wurde am 26. Juni von Mr. G. D. Gon- 
ningham mit E. Rey und einem Träger bestiegen. 
Dieselben verließen um 2 ühr 30 Min. früh das Ch&let 
de la Pierre Pointue, stiegen über den felsigen Nord- 
westfuß der Aiguilles auf, erreichten um 8 Uhr das 
breite Gonloir, dann nach langem Stufenhacken um 
10 Uhr 10 Min. das Joch zwischen beiden Spitzen 
und gelangten nach Ueberwindung schwieriger Felsen 
um 11 Uhr auf den Gipfel. Der Rückweg fHhrte über 
den Glacier du G6ant zum Montanvert (6 Uhr). Vergl. 
Alpine Journal Nr. 82, pag. 362. 

Les Periades (3491 "»). M. Paul Perret bestieg 
diesen Grat am 27. Juli von dem Glacier du G^nt 
aus ; am 28. Juli wurde die Besteigung von Mr. Cnn- 
ningham und seinen Führern auch vom Glacier du 
Mont Mallet aus gemacht. Abreise vom Montanvert 
3 Uhr. Fuß des Gipfels 7 Uhr, Gipfel 10 Uhr. Mon- 
tanvert 3 Uhr. Mit Ausnahme der obersten 50 Fuß 
bot die Besteigung keine Schwierigkeiten. Vergl. 
Alpine Journal Nr. 83, pag. 362. 

n. WalUseralpen. 

Weisshom (4512 ") von W. Die erste Besteigung- 
des Weißhoms von der Ziualseite aus wurde be- 



') Der Name Varappe ist BpeciflBch genferisch. Varappes 
heißen die steilen Felskehlen des Saläre zwischen der Grande 
Oorge und dem Coin, an denen die Heißsporne der Section 
Genf in Erwartung höherer Ziele ihr Müthchen zu kühlen 
pflegen. 



Neue Bergfahrten in den Schweizerci^en 1883. 521 

kanntlieh 1879 von Mr. G. A. Passingham ^) aus- 
geführt. Auf einer etwas abweichenden Route hat 
nun am 15. und 16. August Mr. J. P. Farrar mit 
Joh. Eederbacher die Besteigung wiederholt, um 
4 Uhr früh verließen dieselben die oberste Hütte der 
Alp Arpitetta, überschritten den Weißhomgletscher 
und begannen um 6 Uhr 40 Min. den Anstieg durch 
das Couloir, das sich nördlich vom Punkt 3126 des 
Blattes 533 (Mischabel) des Siegfriedatlas, östlich 
gegen das Weißhom hinaufzieht. Der Pimhang ober- 
halb des Couloirs wurde um 9 Uhr 40 Min. erreicht 
und um 10 Uhr 30 Min. standen die Reisenden an 
der oberen Kante desselben, welche sie bis dicht zu 
dem vom Schallijoch zum Hom aufstrebenden Grat 
verfolgten, um sich dann direct dem Gipfel zuzu- 
wenden. Das Klettern über die glatten steilen Fels- 
tafeln, die hier den Weg bilden, erwies sich als sehr 
schwierig und zeitraubend. Trotz aller Anstrengung 
rückten die Reisenden so langsam vor, daß sie um 
7 Uhr direct unter dem Gipfel umkehren und in einer 
Höhe von circa 4300 " bivouakiren mußten. Am 
anderen Morgen von ihrer kalten Herberge um 5 Uhr 
20 Min. aufbrechend, traversirten sie nach links und 
gelangten auf den Nordgrat und um 6 Uhr 20 Min. 
auf die Spitze. Zum Abstieg wurde der Ostgrat be- 
nutzt und um 1 Uhr 5 Min. die Hohlichthütte erreicht, 
von welcher ein Marsch von 2 Va Stunden die Reisenden 
nach Randa hinabführte. Die Anstiegslinie liegt süd- 
lich von derjenigen Mr. Passingham's. Vergl. Alpine 
Journal Nr. 83, pag. 416. 

Sirahlhoni (4191 ») von S.O. Mr. W. F. Donkin 
mit Basil und J. M. Andermatten verließ am 11. Sept. 
3 Uhr 50 Min. Zerroatt, um über das Schwarzberg- 
Weißthor nach Mattmark zu gehen. Um 10 Uhr auf 



') Vergl. Alpine Jonrnal, Bd. IX, nnd Stader, lieber Eis 
und Schnee, Bd. III. 



622 BedactioH. 

der Paßhöhe angelangt, entschloß er sich, dasStrahl- 
horn in Angriff zu nehmen. Zu dem Ende wnrde circa 
40 Min. lang über den Schwarzberggletscher abge- 
stiegen, dann über die Felsen am Fuße des Homes 
der östliche Fimhang und quer über diesen der Fuß 
der Gipfelwand erreicht, deren Ueberwindnng viele 
Zeit und Mühe in Ansprach nahm. Nach Durch- 
brechung einer Gwftchte gelangte man auf das g^;en 
das Weißthor abfallende Schneefeld und erreichte 
endlich um 5 Uhr Nachmittags im Nebel und Schnee- 
gestöber die Spitze. Der Abstieg, des Nebels wegen 
nicht leicht zu finden, wurde tiber den Adlerpaß be- 
werkstelligt und um 10 Uhr 40 Min. rückten die 
Reisenden wieder in Zermatt ein. Vergl. Alpine 
Journal Nr. 82, pag. 363. 

Feegrat (3912 ™). Der Name ist auf keiner Karte 
zu finden und wird hier nur provisorisch gebraucht, 
um den Kamm zu bezeichnen, der sich zwischen dem 
AUalinhom und dem Alphubel vom Feepaß (3812™) 
bis zum Alphubeljoch (3802 ") erstreckt. Derselbe 
wurde am 28. Juli von Mr. J. Curtis Leman mit zwei 
Führern zum ersten Male überschritten. Anstieg vom 
Feepaß aus, Abstieg zum Alphubeljoch. Vergl. Alpine 
Journal Nr. 84, pag. 414. 

Täschhom (4498°) von S.O. Am 30. August 
bestieg Mr. £. P. Jackson mit A. PoUinger und 
M. Truffer diesen Berg auf vermuthlich neuem Wege* 
Um 1 Uhr 30 Min. von Fee aufgebrochen, verfolgten 
dieselben den gewöhnlichen Weg zum Mischabeljoch 
bis circa eine Stunde unterhalb der Paßhöhe, wandten 
sich dann rechts und stiegen über den Oletscher zu 
einem vom Südgrat des Täschhonis östlich auslaufenden 
Felskamm ^), über welchen sie um 10 Uhr 45 Min. 
den Südgrat dicht am Fuß der obersten Spitze er- 



Zwischen M und i des Wortes Misohabel, Blatt 538, 
Siegfriedatlas. 



Neue Bergfahrten in den Schweizer alpen 1883. 523 

reichten, deren Besteigang noch eine halbe Stunde 
erforderte. Abstieg nach Randa auf dem gewöhn- 
lichen Wege. Vergl. Alpine Journal Nr. 82, pag. 363. 

Balfrin (3802 ■»). Mr. Ch. E. Layton bestieg diesen 
Gipfel am 18. Sept. mit Alex. Burgener und AI. Imseng^ 
indem er von Saas tlber die Biderhütten, einen Arm 
des Bidergletschers und die Felsen des Ostabhanges, 
den Balfringletscher erreichte und dann westlieh zur 
Spitze aufstieg und auf dem gewöhnlichen Wege 
über den Gassenriedgletscher nach St. Nikiaus abstieg. 
Der Weg soll nördlich von der im I. Band des Alpine 
Journal angegebenen Abstiegslinie Mr. Watson's liegen, 
läßt sich aber aus den sehr dürftigen topographischen 
Angaben nicht genau herauslesen. Vergl. Alpine 
Journal Nr. 83, pag. 414. 

Kienhom oder Strahlbett (3755 ™). Die erste 
Besteigung dieses Gipfels wurde am 25. Juli von den 
Herren W. E. Ütterson-Kelso, Rev. C. J. Ord und 
Rev. F. Baylis und zwei Damen mit fünf Ftthrem 
ausgeführt. Der Anstieg von Randa über den Kien- 
gletscher und einen- langen Fimgrat, in dem 1150 
Tritte gehackt werden mußten, erforderte, Halte ein- 
gerechnet, 8 Std. 35 Min., der Abstieg auf demselben 
Wege 3 Std. 25 Min. Vergl. Alpine Journal Nr. 82, 
pag. 363. 

Laquinhom (4061 «"). Dieser nicht selten be- 
suchte Gipfel wurde auf vermuthlich neuem Wege 
am 11. Aug. von Mr. Utterson-Kelso mit zwei Damen 
und drei Ftthrem bestiegen, indem dieselben vom 
Laqninjoch aus in 5^8 Std. über den Südgrat die 
Spitze erreichten. Zum Abstieg würde der gewöhn- 
liche Weg eingeschlagen. Vergl. Alpine Journal Nr. 83, 
pag. 363. 

III« Bemeralpen« 

SatteUiarn (3745 ™) und Klein Aletschhom (circa 
3750 »). 26. Aug. Prof. Dr. K. Schulz mit A. Burgener 
and J. Rittler. Vergl. Jahrbuch S. A. C. XIX, pag. 26. 



524 BedacUan. 

Aletschhorn (4198 «»). Abstieg gegen N.W. Am 
31. Angust bestiegen MM. F. £. Nugee and Cabab^ 
mit P. Kaufmann und P. Schlegel das Aletschhorn 
von der Beialp aus auf dem gewöhnlichen Wege und 
stiegen über die steilen Firnhänge an der Nord Westseite 
des Berges zum Großen Aletschfim ab. Vergl. Alpine 
Journal Nr. 83, pag. 414. 

Bieligerlücke (SlbS^). 12. Sept. E. v. Fellenberg 
mit Ol. Guntren und C. und M. Blatter. Vergl. Jahr- 
buch S. A. C. XIX, pag. 84. 

Schreckhom (4080 °») über den Nordwestgrat. 
Am 7 August, 3 Uhr 30 Min. früh, verließen MM. 
J. Stafford Anderson und G. P. Baker mit IT. Almer 
und A. Pollinger die Schwarzenegghütte, stiegen durch 
das große Couloir (Kastensteinfim) hinauf und er- 
reichten um 7 Uhr 30 Min. über einen Felsspom den 
Kamm zwischen Klein und Groß Schreckhom (bei'm 
Nässihorn ?) , kletterten Über den Nordgrat zum 
Gipfel hinaujf, der um 10 Uhr 40 Min. betreten und 
nach nur 10 Min. langem Aufenthalt wieder verlassen 
wurde, und kehrten im Nebel und Gux auf dem 
üblichen Schreckhomweg zur Hütte zurück, wo sie 
um 1 Uhr 35 Min. eintrafen. Die Felsen des Nord- 
westgrates werden als steil, aber, wenige Stellen aas- 
genommen, nicht besonders schwierig bezeichnet. 
Jedenfalls ist die Anstiegslinie eine sehr directe und 
deshalb kurze. Vergl. Alpine Journal Nr. 82, pag. 364. 

!?• Adnlagrappe« 

Lentahom (3287 "). Dieser Gipfel wurde am 
29. August von Mr. M. Hoizmann mit Joh. Giger von 
Vals-Platz bestiegen. Dieselben verließen Zervreila 
um 4 Uhr 30 Min., überschritten bei der Lampertschalp 
den Valserrhein und stiegen aus dem Lentathale zur 
nordwestlichen Zunge des Güfergletschers hinauf, 
wandten sich am Fuß des Furketlihorns nach Süden 



Nmie Bergfahrten in den Sehweizercilpen 1883. 525 

und erreichten dem Ostfuß des Schwarzhoms entlang 
den Gipfelgrat und um 8 Ulir 20 Min. die oberste 
Spitze. Dann kehrten sie zum Güfergletscher znrttck, 
bestiegen das Güferhom, von welchem sie südöstlich 
über einen Felsgrat zu der Gletscherterrasse am Sttd- 
faß des Hernes abstiegen, erreichten dem Stid- 
abhang des Salahorns (Zapportgrat) entlang die 
Plattensehlucht und kehrten über den Kanalgletscher 
and das Kanalthal nach Zervreila zurück. Höchst 
wahrscheinlich ist dies die erste Besteigung des 
Lentahoms, denn wenn auch Pater Placidus a Spescha 
in seiner ^Beschreibung der mir bekannten Berg- 
pässe im Grauen Bund^ (Jahrbuch S. A. 0. X, pag. 38) 
sagt, er habe dasselbe bestiegen (pag. 34 und 39), 
so geht doch aus seinen Angaben und aus seiner 
Schilderung der ersten Besteigung des Piz Val Rhein ^) 
im Jahrbuch XVI hervor, daß er in jenem älteren 
Manuscript mit dem Namen Lentahorn das Rhein- 
Waldhorn bezeichnen wollte. Vergl. Alpine Journal 
Nr. 82, pag. 365. 

T. Bemlnagnippe« 

Piz Glüschaint (3598 "») ist am 22. Juli 1883 

von Hen-n M. Kuffner aus Wien mit AI. Burgener 

und Cl. Perren über den scharfen nördlichen Grat 

bestiegen worden. Aufbruch von der Rosegrestauration 

2 Uhr 15 Min. Der Bergschrund am Fuße der Schneide 

wurde um 5 Uhr erreicht, der Gipfel stufenhauend über 

diese 7 Uhr 15 Min. Der Rückweg wurde auf dem 

gewöhnlichen Wege gemacht, auf den Abhängen 

zwischen Piz Sella und Glüschaint. Der Bergschrund 

wurde um 10 Uhr 30 Min., die Rosegrestauration um 

1 Uhr wieder erreicht. Von früh 5 Uhr an herrschten 

Sturm und Nebel. 

Mittheilang von Prof. Dr. K Schulz, 



^) Pfr. Herold : Ans den Bergreisen eines Mönchs. Jahr- 
buch S. A. C. XVI, pag 485. 



526 Sed. Neue Bergfahrten in den Schweizeralpen 1883. 

Piz Glüschaint von der Fuorcla Fex - Scerecen. 
29. Aug. Dr. Cnrtius und Herr Benins mit den Ffthrem 
Klucker und Eggenberger. Vergl. Jahrbuch S. A. C. 
XIX, pag. 228. 

TL IHsgrasia-Albigiui-Ctnippe. 

Colle del Torrone (3150 ™). 27. Juli. Dr. K.Schub 

(S. A. C.) mit AI. Burgener und Gl. Perren. Aufbrach 

von Plan Canino bei Maloja 1 Uhr 45 Min., üeber- 

schreiten des Fornogletschers in seiner ganzen LMnge^ 

directes Aufsteigen über drei Bergschrttnde zur Nadel 

der Kleopatra, westlich vom Piz Torrone Orientale. 

9 Uhr 30 Min. wurde über die sehr steile und 

schwierige Eiswand die Höhe des Jochs erreicht. 

Abstieg im Nebel über schwierige Felsen, dann zur 

Linken durch ein schmales Sehneecouloir auf den 

Gletscher und in's Val Torrone. Durch Val di Melle 

nach Bagni di Masino 7 Uhr 30 Min. 

Mittheilang von Prof. Dr. K. SchuU, 

Pizzo Torrone Orientale (3330 "»). 3. August. 
Die vorher Genannten von der Alp Torrone (italienische 
Seite) aus. Aufbruch 3 Uhr 45 Min., 7 Uhr wurde 
wieder die Höhe des Colle del Torrone erreicht, durch 
das oben erwähnte enge Couloir. Der Grat wurde zum 
Torrone zu überschritten, die Nadel an ihrem Fuß 
passirt und an den Felsen direkt auf den west- 
lichen Gipfel emporgeklettert. Drei schwierige Platten ; 
höchster östlicher Gipfel mit Steinmann 9 Uhr 25 Min. 
erreicht. 55 Min. Halt bei schönstem Wetter. Abstieg 
auf der schweizer Seite, der ebene Fomogletscher 
11 Ulir 45 Min. betreten, Maloja 3 Uhr 30 Min. 

Mittheilung von Prof. Dr. K. SchuU. 

Piz Bacone (3243 "). 27. Aug. Herren Dr. Curtias 
und Bernus mit Klucker und Eggenberger. Vergl. 
Jahrbuch XIX, pag; 235. Red. 



K, Schulz, Der Monte Rosa von Macugnaga. 527 

Zur ertten Ersteigung des Bietschhern. 

Die erste Ersteigung des Bietschhom im Jahre 
1859 ist eine kühne That, an der neben dem Touristen 
Herrn L. Stephen auch die beiden Lötschthaler Führer, 
die ihn begleiteten, einen hervorragenden Antheil 
haben. Stephen nennt sie in seinem Bericht ^) Johann 
Ztigler und Joseph Appener. Beide Namen sind ver- 
stümmelt. Für Appener hat schon Studer^) richtig 
Aebener oder Aebiner, wie ihn v. Fellenberg ^) nennt, 
gesetzt. Der „Zügler*^ ist merkwürdigerweise von 
diesen beiden Schweizer Landsleuten nicht erkannt 
worden, es ist kein anderer als Johann Siegen in Ried, 
dem diese Zeilen zu seinem Rechte verhelfen sollen. 
Prof. Dr. K. Schulz (Section St. Gallen). 



Der Monte Rosa von Macugnaga. 

Am 14. August 1883 habe ich mit A. Burgener 
und C. Perren die dritte Besteigung des Monte Rosa 
von Macugnaga aus, die erste nach dem Marinelli'schen 
Unglück, ausgeführt. 

Ich habe die Ersteigung des Monte Rosa von dieser 
Seite immer als das Ideal einer schönen und herr- 
liehen Bergbesteigung angesehen. Nach dem Unglück 
des Jahres 1881 ^) war es jedoch Glaubenssatz der 
Führer geworden, daß man da nicht gehen dürfe. Ich 
hätte A. Burgener, einem Vater von 5 Kindern, nie- 
mals die Tour vorgeschlagen, aber als er Angesichts 
des gewaltigen Berges auf der Fahrt von Menaggio 
nach Porlezza mir in's Ohr sagte: „Wenn wir gutes 
Wetter haben, wollen wir den Monte Rosa von Ma- 



') Alpine Journal, Vol. 1, pag. 354. 
*) Ueber Eis und Schnee, Bd. 1, S. 213. 
s) Itinerarium für 1882 und 1883', 8. 160. 
*) Siehe Jahrbuch, 17. Jahrgang, pag. 242, und 18. Jahr- 
gang, pag. 186. 



528 K. SchuU. 

cugnaga anfassen," sagte ich freudig erregt: „Ja^ 
Alexander, das wollen wir thnn ; etwas Schöneres gibt 
es nicht in den Alpen." In Macugnaga überzeugten 
wir uns sehr sorgfältig mit dem Femrohr, daß bei 
dem mehrtägigen schönen Wetter die VerhältnisBe gut 
waren, daß namentlich der gefithrliV^he Eisttberhang 
unter dem Nordend nicht groß und gefahrdrohend 
war. Am Abend des 13. August schliefen wir auf 
dem Jägersrttcken, circa 2900°* hoch, genossen An- 
gesichts der Beminagruppe und des Monte della Dis- 
grazia einen ganz wundervollen Sonnenuntergang und 
brachen um 2 Uhr 55 Minuten vom Schlafplatz mit 
der Laterne auf. 3 Uhr 45 Minuten waren wir an 
dem großen Couloir. Die Dämmerung brach leise an 
und gestattete das Verlöschen der Laterne. Perren 
ging zuerst stufenschlagend allein hintlber; er brauchte 
dazu 30 Minuten; dann gingen Burgener und ich in 
10 Minuten durch. Durch kleine Schneecouloirs stiegen 
wir aus dem großen Couloir auf den Felsrttcken, dessen 
Höhe wir um 5 Uhr 20 Minuten erreichten. Ich maß 
3540"* mit dem Aneroid. Wir machten einen Halt 
von 25 Minuten. Dann betraten wir den großen 
Schneehang, indem wir in die Seracs hineinstiegen, und 
passirten den ersten großen Spalt 6 Uhr 15 Minuten, 
den zweiten 6 Uhr 45 Minuten. Damit war die Ge- 
fahr von Gletscherabfall vorüber, wir waren aus dem 
Bereich der Lawinenfälle von Nordend und Zumstein> 
spitze und hatten die unteren Felsen der Dufourspitze 
gerade vor uns. Die Schneewand ist steil, aber der 
Schnee war gut, mit 2 bis 3 Schlägen war an den 
steilen Stellen eine genügende Stufe gemacht; wir 
gebrauchten den mit der Spitze bei jedem Schritt ein- 
geschlagenen Pickel, um uns mit ihm hinaufzuziehen 
und so das Steigen zu unterstützen ; an manchen Stellen 
war Stufenschlagen gar nicht nöthig. 7 Uhr 15 Mi- 
nuten machten wir auf dem Schneefeld unter dem 
obersten Bergschrund gerade unter der Dufourspitxe 



Der Monte Rosa von Macugnaga, 529 

einen Halt von 25 Minuten. Der Sonnenaufgang war 
ganz herrlich gewesen, tiefroth ; das Wetter war noch 
wnnderBch<^n, aber es schien nicht länger halten zu 
wollen. Nun ging es stufen schlagend im Schneefeld 
aufwärts, der Bergschrund war in seiner ganzen Länge 
von Schnee ziemlich gefttiit, wir überstiegen ihn leicht, 
hatten schließlich noch in Eis Stufen zu schlagen; um 
S Uhr 15 Min. waren die untersten Felsen der Dufour spitze 
erreicht — ein lautes Hurrah ! der Erfolg der Unter- 
nehmung war gesichert. Ich maß mit dem Aneroid 
4240". Wir betraten die Felsen an der nördlichen 
Seite des untern Ausläufers, kletterten dann mehr 
nach der Südseite des FelsrUckens hinüber — die 
Kletterei ist nirgends besonders schwierig, aber immer 
anregend und ziemlich anstrengend — ich wurde dabei 
etwa nach einer Stunde ein wenig matt und wir rasteten 
30 Min.; dann tauchte bei der Fortsetzung des Kletterns 
ein mächtiger Felsthurm, der Vorposten der östlichen 
Spitze, auf; 11 Uhr 10 Min. ist die Ostspitze mit ihrem 
Steinmann erreicht. Wir überschreiten den Grat — 
daß er einst für unOberschreitbar galt, ist gar nicht 
mehr zu begreifen — und stehen freudig und jubelnd 
um 11 Uhr 30 Min. auf der breiten obersten Fels- 
platte der Dufourspitze. Auf dem Grat ist eine rück- 
kehrende Partie, die von der Zermatter Seite auf- 
gestiegen war, noch zu sehen, die, verwundert, wo 
wir hergekommen sein mögen, auf unser Rufen ant- 
wortet. 40 Min. lang genießen wir die herrliche Aus- 
sicht auf dem Gipfel, dann gehen wir auf dem wohl- 
bekannten Weg hinab und kommen trotz dreier 
längerer Halte (20, 35 und 30 Min.) und in aller Ge- 
milthlichkeit um 4 Uhr 40 Min. auf das Riffelhaus. 

So war ein sehnlicher Wunsch von mir auf das 
Schönste erfüllt worden. Der Bann des Marinelli'schen 
Unglücks, der auf der Ostseite des Monte Rosa lag, 
ist durch unsere Partie gelöst, und was die Zeitver- 
hältnisse anlangt, so darf unsere Tour die erste nor- 

84 



530 K. Schtdz, 

male genannt werden. Die erste Partie der Herren 
Pendlebury (22. Juli 1872) ist trotz früheren Aofbnichs 
vom Schlafplätze anf dem JägersrUcken erst 3 Uhr 
30 Min. auf den Gipfel gelangt, auf das Riffelhans 
circa 8 Uhr 30 Min. ^) Herr v. Lendenfeld, der die 
zweite Besteigung (10. August 1880) ausfuhrt«, ist, nach- 
dem er 3 Uhr 20 Min. gleichfalls vom JägersrUcken 
aufgebrochen war — unser Schlafplatz wird bei allen 
drei Partien ziemlich derselbe gewesen sein — gar 
erst am späten Abend auf die Dufourspitze gelangt, 
nach der einen Lesart ^) gegen 7 Uhr, nach der andern ') 
um 5 Uhr 20 Min. Auf dem Riffel kam v. L. 12 Uhr 
20 Min. in der Nacht an. Beide Partien hatten gutes 
Wetter wie ich, aber anscheinend auf der Ostseite 
nicht so günstige Schneeverhältnisse. Meine Schilde- 
rung, die Schwierigkeiten nicht absichtlich verschwiegen 
hat, möge andererseits nicht zu einer Unterschätzong 
der Partie Veiunlassung geben. Nach meinem Urtheil 
ist auf der Ostseite, namentlich beim Durchschreiten 
der langen Couloirs westlich vom JägersrUcken und 
auf der Felspartie südlich von dem Couloir Lawinen- 
gefahr unvermeidlich, aber nach anhaltend gutem 
Wetter, wenn namentlich der Schnee durchaus fest ond 
gut ist, und bei Aufbruch vom JägersrUcken am frühen 
Morgen ist diese Gefahr auf ein Minimum reducirt. 
Erhebliche Anforderungen an die Leistungsfähigkeit 
des Touristen stellt die Partie stets, ein Umkehren 
auf der Ostseite würde sich nur unter großen Gefahren 
bewerkstelligen lassen. 

Einen Irrthum in meiner Darstellung Jm vorjährigen 
Jahrbuch muß ich berichtigen. Ich sagte (S. 187), 

Alpine Joamal, Vol. VI, pag. 232 ff., and Neue Alpen- 
poBt 3. Band, pag. 241 ff. 

') Mittheilungen des D. und Oe. Alpenvereins, Band 7 
(1881), pag. 38. 

') Oesterreichische Alpenzeitung, 3. Jahrgang (1881), 
pag. 202. 



Der Monte Bosa van Macttgnctga, 531 

sowohl die Pendlebury'sche Partie^ als von Lendenfeld 
seien weiter links oder südlich in die Felsen hinein- 
gegangen, als Marinelli. Ich schloß dies ans den 
angefUhrten Schilderungen der Besteigungen. Wie ich 
mich aus eigener Anschauung der Oertlichkeit über- 
zeugte, ist es jedoch nicht richtig. Wir sind alle über 
die obere Felspartie südlich an dem großen Couloir 
auf die zur Dufourspitze führende Schneewand gelangt; 
es ist dies der einzige verhältnißmäßig gefahrlose 
Weg ^), jeder andere, links oder rechts, würde in größere 
Gefahren führen. Der Fehler Imsengs bei der Mari- 
nelli'schen Partie bestand darin, daß er das Couloir 
viel weiter unten, wohl 300 bis 400"* tiefer als wir, 
vom JägersrUcken aus durchschritt und die von Lawinen 
bestrichene Felspartie dicht südlich am Couloir in ihrer 
ganzen Länge zu erklettern sich vornahm. ^) Sie hätten 
dann allerdings am frühen Morgen das gefährliche 
Couloir nicht zu durchschreiten gebraucht und hätten 
auf dem sich höher in die Eiswand hineinziehenden 
Felsrücken auch etwas höher schlafen können, als auf 
dem Jägersrücken. Dafür setzten sie sich aber den 
ganzen trüben und warmen Nachmittag des 8. August 
1881 dem Eisabfall vom Nordend aus, der ihnen denn 
auch, nachdem sie auf dem jenseits des Couloirs ge- 
legenen Felsrücken — ich möchte ihn Imsengsrücken 
nennen — schon hoch empor geklettert waren®), Tod 
und Verderben brachte. Wir haben die Unglücks- 
stätte passirt und waren früh, etwas vor 5 Uhr, auf 
derselben. Daß man nicht nöthig hat, hier zu schlafen, 



') Auf dem Panorama im Alpine Journal, Vol. XI, pag. 198, 
ist der Weg richtig angegeben und die Situation ziemlich 
dentlicfa zn erkennen. 

') Corsi hat mir 1882 die Uebergangsstelle nnd den ein- 
gesolüagenen Weg nebst dem Unglttcksort von Pedriolo ans 
genau gezeigt 

Nach Corfli*8 Angabe waren sie von der Schneewand 
noch 26 biB 30 Min. entfernt 



532 K. SchüU, 

um die Tour in kürzerer Zeit auszoftthreii, als die 
beiden ersten Partien, beweist meine eigene Bestei- 
gung. ^) Auf dem Jttgersrlicken ist man vor Eisabfall 
und Lawinen durchaus sicher. Vom Schlafplatz bis 
an die zum Uebergang am besten geeignete schmälste 
Stelle des großen Couloirs gelangt man in 50 — 55 
Min. Wir haben unmittelbar ttber dem letzten größeren 
Schneefeld auf dem Jägersrttcken — es steht mit dem 
Rieghlgletscher in Verbindung und ist das zweite von 
unten — einen Bau von Steinen zum Schutz gegen 
den Wind und zur Feuerung aufgeführt, der sich leicht 
wieder finden läßt und der unbedingt der beste Schlaf- 
platz ist. 

Die aufgestellte Behauptung, daß Marinelli und 
seine Führer nur vom Luftdruck weggeschleudert 
worden seien und durch rechtzeitiges Niederwerfen 
auf den Boden sich ebenso wie der Träger Corsi hätten 
retten können^), scheint mir ziemlich müßig zu sein. 
Marinelli, Imseng und Pedranzini befanden sich auf der 
mehrgenannten südlichen Felspartie (Imsengsrücken) 
etwas höher und etwas näher am Couloir als Corsi; 
wahrscheinlich hat sie zuerst der Luftdruck weggeschleu- 
dert und dann haben sie die nachfallenden Eisstttrze mit 
hinuntergerissen. Corsi hat mir selbst erzählt, daß, 
als er sich niedergekauert habe, über seinen Rücken 
Eisstücke hingeflogen seien. Die verderbenbringende 
Lawine war ein gewaltiger Eisbruch vom Nordend, wie 
er in solcher Größe und Macht natürlich nur selten 
sich löst. Es ist deßhalb angezeigt, mit dem Fem- 
rohr genau nachzusehen, ob ein starker, Einsturz 



Darin irrt O. Schuck in der Oesterreichischen Alpen- 
zeitung'y 1881, Nr. 78, pag. 346. Der höher und jenseits des 
Couloirs gelegene Bivonakplatz ist am Nachmittag nur unter 
großer Qefahr zu erreichen. Darin ist Imseng nicht su ent- 
schuldigen. Vergl. Oesterr. Alpenzeitnng. 6. Jahrg. C1884K 
pag. 69. 

*) Rivista alpina italiana, 1883, Nr. 1, pag. 5. 



Berninascharte. 533 

drohender EisUberhang unter dem Nordende ansteht, 
oder ob er abgestürzt ist. Während unseres Anstieges 
ist auf dem ganzen Weg keine Lawine gefallen, ob- 
wohl es ziemlich warm war (6 Grad Reaumur um 
2 Uhr 50 Min. auf dem Schla^latz), nur tief unten 
am Macugnagagletscher polterte es öfters in den 
Seracs; von diesen wird der regelmäßige Lawinen- 
donner am Monte Rosa verursacht, der für die Bestei- 
gung ganz unschädlich ist. ^) 

K, Schulz. 



Berninascharte. 

Mit Alexander Burgener und Clemens Perren, beide 
aus dem Wallis, als Führern schlief ich die Nacht 
vom 5. zum 6. August 1883 in der oberen Schäfer- 
liütte der Alp Misaun. 2 Uhr 50 Min. bei schönstem 
Wetter von der Hütte aufgebrochen, erreichten wir 
die Fuorcla prievlusa um 5 Uhr 15 Min. Nach einem 
Halt von 30 Min. kletterten wir in die Felsen des 
von dem Sattel sich nach Süden emporziehenden 
Kammes. Anfönglich auf der Morteratschseite des 
Grates traversirend, betraten wir den characteristischen 
großen Schneegrat 6 Ulir 45 Min. und erreichten den 
Gipfel des Piz Bianco um 8 Uhr 35 Min. Nach einem 
Halt von 10 Min. begannen wir den Grat, der zur 
Scharte hin ftihrt, zu überschreiten. Er war in dem 
sehr schneereichen Sommer noch mit vielem Schnee 
bedeckt und machte uns viel zu schaffen. Zahlreiche 

^) Die Schilderung B. Wagners in der Zeitschrift des 
Deutschen und Oesterr. Alpenvereins, Bd. 14 (1883), S. 356, 
wonach bei der Durchführung unserer Tour eine Eiswand 
von fast 10,000 Fuß Höhe erklommen werden muß, „über 
deren wilde Abstürze man von Macugnaga aus an warmen 
Tagen fast alle 5 Minuten ungeheure Lawinen in einen der 
großartigsten Gletscherkessel Europas herabstäuben sehen 
kano^, ist eine arge U ebertreib nng. 



' 



684 K. Schülß. 

Gwftchten auf scharfer Schneide erforderten große Vor- 
sicht und mußten zum Theil Schritt fttr Schritt ab- 
gehauen werden. Andererseits war das lose Gestein 
sehr hinderlich. Vor der Scharte war eine 4 — 5" 
lange, nach der Tschiervaseite überhängende GwSchte 
wegzuschlagen. In die nach meiner Schätzung etwa 
30 Fuß tiefe Scharte kletterte erst Perren, dann ich, 
beide von Burgener am Seil gehalten, hinab. Letzerer 
schlang dann das Seil um einen Felskopf, hielt sich 
daran und kletterte mit zwei Eispickeln in der Hand 
sicher und leicht zu uns herunter. Es war 10 Uhr 
55 Min., als wir die Scharte betraten. In derselben 
machten wir einen Halt von 15 Min. Nach glttcklicher 
Entdeckung von Gtlßfeldt's Flasche, „die vielleicht 
nie zur Hebung gelangen wird,^ entnahm ich derselben 
den eingelegten Zeddel, ersetzte ihn durch eine genaue 
Abschrift und fügte meine Karte mit den Daten unserer 
Besteigung hinzu. Die Flasche lag gerade an dem Fuße 
des der Scharte entragenden Felsthurmes und wurde 
an derselben Stelle wieder von mir deponirt. Die 
Eiswand oberhalb des Tschiervagletschers reicht bis 
in die Scharte hinein und umgibt den Thurm. Perren 
schlug einige Stufen in derselben, dann hielten wir 
uns dicht am Thurm und stiegen an dem ganz nahe 
an dem Thurm aufragenden Hauptgipfel des Piz Bemina 
auf dessen nördlicher Schneewand empor. Durch Stufen- 
hauen aufgehalten, erreichten wir die schmale Schneide, 
die zum Gipfel des Bemina fUhrt, und hierauf diesen 
selbst um 12 Uhr 10 Min. Der Himmel war ganz 
rein, die Aussicht herrlich, die Temperatur ziemlich 
warm. Nach Einnahme einer tüchtigen Mahlzeit und 
dem Gesänge einiger lustiger Lieder brachen wir 
12 Uhr 55 Min. vom Gipfel auf, gingen auf dem in 
gutem Zustand befindlichen Ostgrat rasch wie auf 
einem Fußpfad hinunter und verließen den Ramm am 
Ende des sogen. Großen Grates um 1 Uhr. Ueber 
eine Eiswand stiegen wir links auf die breiten Schnei- 



Beminascharte, 585 

hänge ab, an denen der Schnee bereits erweicht war, 
erreichten das Gletscheriabyrinth 2 Uhr 10 Min. und 
nach einem Aufenthalt von 25 Min. auf dem flachen 
Oletscher, wo wir das Phänomen des rothen Schnees 
bewanderten und uns Limonade machten, die Boval- 
htitte um 3 Uhr 40 Min., nach 10 Min. Aufenthalt 
die Morteratschrestauration um 5 Uhr, Pontresina 5 Uhr 
45 Min. Gegenüber der Schilderung in diesem Jahr- 
buch '), welche die Tour im Lichte eines ungewöhnlich 
gewagten Unternehmens erscheinen läßt % muß ich 
betonen, daß weder Burgener noch ich außergewöhn- 
liche Schwierigkeiten, geschweige „Uebermenschliches" 
zu überwinden fanden. Der Grat vom Piz Bianco bis 
in die Scharte ist sehr schmal und spitz und erfordert 
bei seinem lockeren Gestein große Vorsicht. Unsere 
Ueberschreitung desselben fand bei den großen auf 
ihm lagernden Schneemassen mit ihren G wachten unter 
sehr viel schwierigeren Umständen statt, als der erste 
Uebergang über abere Felsen. Gewiß ist jede zweite Be- 
steigung leichter als die erste ; außer den schwierigeren 
Schneeverhältnissen lasteten in diesem Falle auf der 
ersten Wiederholung aber auch die Warnungen und 
düsteren Prophezeiungen des ersten Ersteigers. ^) Statt 
des bei einer zweiten Besteigung angeblich erforder- 
lichen „weit größeren Zeitaufwandes^ haben wir über 
3 Stunden weniger gebraucht, trotz der ausgiebigsten 
Halte, die sich recht gut noch hätten abkürzen lassen, 
wenn eine darauf gerichtete Absicht vorgelegen hätte. 

K. Schulz. 



») Jahrbuch XIV, pag. 108 flf. 

^ Vergl. ibidem. Jfew. Bttrckhardt, a. a. O. pag. 82 : „Be» 
steigUDgen, die ich nie nachzumachen versachen werde. ** 
Studer, Ueber Eis and Schnee, IV, pag. .S05 n. Vorrede pag. V. 

*) Jahrbnch XIV a. a. O. pag. 128. 



586 J, M. Ludwig, 

Der Tod des Grafen de La Baume. 

Der erste Unfall, der in der Berninagrappe einem 
von Führern begleiteten Bergsteiger das Leben kostete, 
ereignete sich am 25. Angust 1883. 6raf de La 
Baume-Pluvinel aus Paris, ein kräftiger, erst 37 Jahre 
alter Mann, fand im ewigen Schnee, auf dem er lebens- 
froh zu einem der erhabensten Punkte des Erdbalis 
emporstieg^ ein frllbes, kaltes Grab. 

Da die Umstände, welche diesen bedauerlichen 
Fall begleiteten, ganz ausnahmsweise waren und die 
darüber erfolgten Veröffentlichungen theils lückenhaft, 
theils unrichtig, so habe ich mich bemüht, den Sach- 
verhalt so genau als möglich zu erfahren, indem ich 
sowohl die Führer, die während des Unglückes und 
bald nachher an Ort und Stelle waren, zu wieder- 
holten Mallen eingehend befragte, als auch die mir 
bereitwilligst zugestellten Akten der amtlichen Unter- 
suchung durchlas. Das Ergebniß meiner Nachfor- 
schungen ist nun folgendes: 

Am Abend des 24 August fanden sich drei ver- 
schiedene Gesellschaften in der Bovalhtttte ein, alle 
mit der Absicht, am folgenden Tag den Piz Bemina 
zu besteigen. Die drei Partien waren: 

1. Der unglückliche de La Baume mit den 
St. Moritzer ^) Führern Martin Schocher und Moritz 
Arpagaus. 

2. Die Engländer M. Morice, Lehrer, aus Rugby, 
M. Gibson, Advocat, aus London, und M. Fison ans 
Ipswich, Mitglied des englischen Alpenclubs, mit den 
Pontresiner Führern J. Gross und Christian de Hans 
Grass. 

3. Ein ganz junger Student Heinrich Braun ans 
Leipzig mit den Pontresiner Führern L. Caflisch und 
Hans de Christian Graß. 

^) De La Baume wohnte im Hotel Victoria in St Moritz-Bad. 



Der Tod des Grafen de La Baume, 537 

Schon am Abend äußerte der Graf vor der Hütte 
seinen Führern den Wunsch, die ersten auf der Spitze 
zu sein und am Morgen vor den Andern aufzubrechen. 
Sämmtliche Partien verließen jedoch zu gleicher Zeit, 
etwa um halb 2 Uhr die Hütte, an der Spitze Groß 
und die beiden Engländer. Da der Graf zu raschem 
Gehen antrieb, wurde der Weg über den untern 
Gletscher bis zum Fuß des „Loches'^, für den man 
sonst eine Stunde rechnet, in einer halben Stunde 
zurückgelegt. Dort band man sich in üblicher Weise 
das Seil um und begann in gutem Zeitmaß bergan zu 
steigen. Trotzdem warf der Graf dem Führer Groß, 
vor, er gehe zu langsam, worauf dieser erwiderte, wenn 
ihm das zu langsam sei, so solle er vorausgehen. 
Nun stiegen der Graf und seine Führer mit raschen 
Schritten an den Uebrigen vorbei und verschwanden 
bald im Dunkel der Nacht. Arpagaus ftihrte, der 
Graf war in der Mitte, Schocher der letzte. 

Da der Gletscherfall nicht mehr gangbar war, so 
hatten sich sämmtliche Führer schon in der Boval- 
hütte über den einzuschlagenden Weg geeinigt und 
dieser Verabredung gemäß wandten sich die Drei 
unter jenem Felsen unterhalb der Bellavista, dessen 
unteres Ende von der Höhencurve 3360 getroffen 
wird, nach Westen hin. Bald darauf kamen sie an 
eine unpassirbare Stelle, wo sie umkehren mußten. 
Dadurch wurde Schocher der erste am Seile. 

Nachdem ein kleines Kamin überwunden war, 
jauchzte Schocher und erhielt alsbald von den Führern 
der beiden andern Partien aus scheinbar geringer 
Entfernung Antwort. Kurz darauf, um 4 Uhr, früh- 
stückten die Drei östlich von einer senkrecht von 
oben nach unten führenden Spalte. Hier bemerkte 
der Graf, er müsse von jetzt an langsam gehen, und 
als ihm die Führer entgegneten, dann werden sie 
nicht die ersten sein können, da die Andern nicht 
weit unter ihnen seien, so erklärte der Graf, er würde 



538 J. M. Ludtüig, 

lieber von der Bemina ganz absehen, als Andern 
nachsteigen. Nun kamen sie ttberein, sich nach dem 
Znppo ZQ wenden, jedoch anfänglich in einer Richtung, 
welche es ihnen immer noch ermöglichen würde, die 
Bernina zu machen, wenn sie bei eingetretenem Tages- 
licht sähen, daß die Andern weit genug zorfick- 
geblieben. 

Ich erwähne diese Unterredung ausführlicher, weil 
die Pontresiner Führer der Ansicht sind, ihre St. Moritzer 
Collegen haben eine falsche Richtung eingeschlagen 
und nachher die Absicht, auf den Zuppo zu gehen, als 
Ausrede gebraucht. 

Da der Graf Nichts essen wollte, brachen die 
Drei schon nach etwa 10 Min. wieder auf und stiegen 
auf der östlichen Seite der oben erwähnten senkrechten 
Spalte in die Höhe. Etwa eine halbe Stunde später, 
als sie auf hartem, mäßig ansteigendem Firn in gutem 
Tempo bergan schritten, fühlte Schocher plötzlich, daß 
er sinke. Während des Fallens wurde er zu seinem 
Befremden vom Seile weder aufgehalten noch gezerrt. 
Wie er daher wieder Boden unter sich spürte, ftlhlte 
er erst unwillkürlich nach, ob das Seil noch um den 
Leib gebunden sei. Dann drehte er sich um: seine 
Gefährten waren verschwunden, das Seil verlor sich 
im Schnee. Rasch geht er dem Seile entlang zurück, 
mit Mühe wälzt er einen gewaltigen Schneeblock auf 
die Seite und findet bald unter losem Schnee die 
Füße des Grafen mit nach oben gewandten Sohlen. 
Während er die Beine des Grafen ausgräbt, hört er 
die Stimme des andern Führers und findet dessen 
Kopf dicht neben den ELnieen des Grafen; er macht 
das Gesicht seines Kameraden so weit frei, daß er 
athmen kann, und gräbt dann mit Aufwendung aller 
Kraft den Grafen aus — zu spät, er athmet nicht 
mehr. Schocher rieb ihn, versuchte ihm Cognac ein> 
zugießen, aber das Leben kehrte nicht wieder. Erst 
jetzt befreite er Arpagaus, der in seiner unbeweglichen 



Der Tod des Orafen de La Baume, 539 

Lage anfing von der Kälte za leiden. Arpagans fühlte 
flieh sehr ermattet, klagte über Schmerzen auf der Brust 
und spuckte Blut ; es stellte sich jedoch später heraus, 
daß er nur ungefährliche Quetschungen erlitten. Un- 
mittelbar vor der E^atastrophe hielt er das wenig ge- 
spannte Seil in der rechten Hand, die Eisaxt unter 
dem linken Arme. Sowie er wahrnahm, daß er sank, 
ei^ff er das Eisbeil sofort mit der linken Hand, die 
es nicht wiederlos ließ. Vom ersten Moment des Fallens 
an sah er nichts mehr als Schnee ; unten angekommen, 
wnrde er vom Schnee ringsum so zusammengedrückt, 
daß er kein Glied rühren konnte; das Athmen wurde 
ihm schwerer und schwerer und er hielt sich schon für 
verloren, als er über sich graben und arbeiten hörte. 
Vom Grafen fühlte und hörte er nichts; weder vor 
noch während noch nach dem Falle spürte er einen 
Rnck am Seile. 

Als die beiden Führer Zeit hatten, ihre Lage zu 
Obersehen, fanden sie sich auf dem Grunde einer ge- 
waltigen Querspalte, deren Seitenwände überhängend 
waren. Sie mußten ein Stück weit westlich gehen, 
bis sie sich aus der Spalte herausarbeiten konnten. 
Nun beeilte sich Schocher, die andern Beminabesteiger 
ausfindig zu machen. Diese waren bis zum Frühstücks- 
platz des Grafen, wo sie eine geleerte Flasche im 
Schnee fanden, den gleichen Weg gegangen und hatten 
dann jene senkrechte Spalte in westlicher Richtung 
überschritten. Plötzlich hörten sie Schocher's Hilferufe 
und sahen ihn ohne Hut und in Hemdärmeln höher 
oben und mehr östlich auf einem Firnhügel in großer 
Aufregung gesticuliren. Sie verstanden deutlich, der 
Herr sei todt, Arpagaus schwer verletzt. Sofort banden 
sich Groß und die beiden Grass an ein Seil, ließen 
Caflisch bei den vier Herren zurück und eilten, um 
schneller dort zu sein, allein zur Unglücksstätte. Der 
Weg ging über steilen, harten Firn, Schocher kam 
ihnen daher Stufen schlagend entgegen. 



540 J. M. Ludwig. 

Als die zu Hülfe Gekommenen sahen, in welch 
schwer zugänglicher Lage der Todte war und da& 
Arpagaus statt zn helfen selbst zum Abstieg der Hfllfe 
bedurfte, kamen sie tiberein, daß Schocher sein^ 
Kameraden bergab geleiten und weitere Hülfe holen 
solle. Groß und die beiden Grass kehrten hierauf zu 
ihren Herren zurück und theilten diesen mit, was sie 
gesehen und beschlossen hatten. Und die Engländer 
und der Deutsche setzten mit ihren Führern den Weg 
auf den Piz Bernina fort, während Schocher und Ar- 
pagaus zur Bovalhütte zurückkehrten und der arme 
Comte de La Baume allein im tiefen, offenen Grabe lag! 

Als die traurige Botschaft Pontresina erreichte, 
machten sich fast sämmtliche Führer auf, übernachteten 
in Boval und trugen am folgenden Tage die Leiche 
auf einer Feldtragbahre zu Thal. Ernst und lautlos 
standen die Einheimischen und die sonst so fröhlichen 
Sommergäste in dichten Haufen zu beiden Seiten der 
Straße, als der Leichenwagen am Sonntag Nachmittag 
unter Glockengeläute langsam durch Pontresina fuhr. 
Der Leiche folgte die Wittwe des Verunglückten, die 
erst seit sechs Monaten mit ihm vermählt war. 

Wenn der erste Schrecken eines Unglückes vorüber 
ist, sucht man so genau als möglich seine eigentliche 
Ursache und mit ihr die Lehren zu erfahren, die jeder 
solche Fall für uns enthält. 

De La Baume war ein mittelgroßer, etwas corpu- 
lenter Mann, der sich kurz vor seinem Tode auf dem 
P. Palü und dem P. Roseg als guter Bergsteiger ge- 
zeigt hatte, Schocher ist ein kräftiger, blühender 
Dreißiger mit offenem, gutmUthigem Auge, in Hoch- 
touren ziemlich erfahren. Arpagaus , ein schlanker, 
gewandter Kletterer in den besten Jahren, hatte schon 
mit Ingenieur Held die Beminagruppe nach allen Rich- 
tungen hin kennen gelernt. Das Seil, das die Drei 
verband, mißt 15™, hätte also auch für Vier genügt. 

Als die verhängnißvolle Stelle betreten wurde, war 



Der Tod des Grafen de La Baume. 541 

das Tageslicht noch nicht ganz über die Nacht Meister 
geworden, doch sah Schocher, der bekanntermaßen 
vorausging, nach rechts hin (westlich) ganz deutlich 
eine große offene Querspalte, die in sicherer Entfernung 
von ihnen aufzuhören schien ; nach links hin war keine 
Spalte sichtbar. So betraten sie ahnungslos in etwas 
schiefer Richtung eine Firndecke, unter welcher sich 
obige Querspalte fortsetzte und die nun, sobald Alle 
zu gleicher Zeit sie beschwerten, mit ihnen in die 
Tiefe stürzte. Die verrätherische Decke, die auf beiden 
Seiten längs der Spaltenränder abbrach, war nach 
Schocher 60™ lang und 15" breit, die Tiefe der 
Spalte 24». Groß schätzt die Länge 30», die Breite 
9™, die Tiefe 18°. Die eingestürzte Decke zerfiel 
in größere und kleinere Blöcke und Tafeln, woraus 
Schocher schloß, daß sie mindestens 1 » dick gewesen 
sei; sie bestand zuoberst aus hartkömigem Firn, 
unter welchem eine etwa fingerdicke Eisschichte und 
unter dieser fest zusammen gefügter Schnee folgte, 
welcher die Hauptmasse bildete. 

Wie ich weiter oben beschrieb, war Arpagaus, 
der zuletzt am Seile ging, am tiefsten vom Schnee 
begraben, während Schocher nur etwa zwei Fuß tief 
einsank. Das läßt sich wohl am leichtesten daraus 
erklären, daß der Grund der Spalte stark thalwärts 
geneigt war und daher die Trümmer der Fimdecke 
mehr dorthin geworfen wurden, wo Arpagaus hinfiel. 

Aber warum mußte der* Graf mit dem Kopf nach 
unten kommen , während Arpagaus dicht neben ihm 
aufrecht auf den Füßen blieb? 

Ich finde hiefür nur in der Beschaffenheit der Firn- 
decke eine Erklärung und nehme an, daß der Graf 
durch das Umschlagen einer der Tafeln, in welche 
die Decke zerbrach, während des Fallens oder dann 
im Grunde der Spalte umgeworfen wurde und so mit 
dem Kopf nach unten kam. Das Seil hatte daran 
offenbar keine Schuld, da weder der eine noch der 



542 J, M, Ludwig, 

andere Führer einen Ruck verspfirte und beim Aus- 
graben sich nirgends auffallende oder feste Um- 
schlingungen zeigten. 

Die unmittelbare Todesursache war offenbar Er- 
stickung. Es fehlt zwar für diese Annahme der directe 
Beweis, indem die Section nicht gestattet wurde. Doch 
stimmen Alle, welche die Leiche sahen, darin fiberein, 
daß das Gesicht blauroth, gedunsen und die Binde- 
haut der Augen blutunterlaufen gewesen sei. Die 
Führer sagen, der Graf habe unmittelbar nach dem 
Ausgraben so ausgesehen. Das sind aber wesentlidie 
Merkmale -der Erstickung. Die äußere Besichtigung 
zeigte keine Spur einer Verletzung, und es ist auch 
nicht anzunehmen , daß der Fall in den Schnee der 
Spalte eine so rasch tödtende Verletzung des Gehirns 
oder verlängerten Markes verursacht hätte. 

Unwillkttrlich drängt sich nun die Frage auf, hätte 
der Graf durch rationelle Wiederbelebungsversuche, 
insbesondere die künstliche Athmung, gerettet werden 
kennen ? Leider ist diese Frage nicht absolut zu ver- 
neinen — bewegte sich doch noch während des Aus- 
grabens ein Fuß des Verunglfickten. Hätten also die 
Führer die künstliche Athmung, die von Jedermann 
so leicht gelernt werden kann, gekannt, so wäre viel- 
leicht das scheinbar erloschene Leben zurückgekehrt. 

Wir haben uns diesen Fall zu Herzen genommen 
und den Pontresiner Führern im letztverflossenen 
Winter über die erste *Hilfe bei Unglücksfällen im 
Gebirg einige Vorträge gehalten. Das Gleiche beab- 
sichtigt man in St. Moritz zu thun. 

Eine weitere Frage harrt noch der Beantwortung : 
wie hätte der Sturz in die Spalte vermieden werden 
können ? Das wäre z. B. geschehen, wenn der voraus- 
gehende Führer auf dem ganzen Weg, auch da, wo 
er keine Spalten vermuthete, mit dem Stock seiner 
Eisaxt die Dicke des Firns geprüft hätte. Daß er 
das nicht gethan, wird ihm Niemand verargen, weil 



Der Tod des Grafen de La Baume. • 543 

man es nie von einem Führer verlangt und es auch 
keiner thut. Vielleicht hätte Schocher bei vollem 
Tageslicht an jener Stelle eine Spalte vermnthet — 
das läßt sich nachträglich nicht mehr feststellen. Daß 
man anch am hellen Tag ganz unvorbereitet auf große 
Spalten kommen kann, beweist mir ein sehr ähnlicher 
Fall: zwei der ersten Schweizer Führer stürzten mit 
ihrem Herrn in ganz derselben Weise ahnungslos in 
eine weite , tiefe Spalte, aus der sie sich aber ohne 
weitem Schaden herausarbeiten konnten. Das sind 
nun sehr seltene Ereignisse. Noch seltener aber dürfte 
es vorkommen, daß Einer dabei mit dem Kopf nach 
unten fällt. Es waren also zwei ganz außerordentliche 
Zufälle, welche das Unglück veranlaßten, und die 
Führer trifft nach meiner Ansicht keine Schuld. 

Leider hat der St. Moritzer Führerverein den ge- 
wiß unüberlegten Beschluß gefaßt, die beiden Führer 
auszustoßen ; indem er das that, hat er zwei der tüch- 
tigsten seiner Mitglieder verloren. Dafür sind Schocher 
und Arpagaus wegen der eigenen ausgestandenen 
Lebensgefahr und ihres tadellosen, wackern Benehmens 
von den Angehörigen des Grafen reichlich beschenkt 
worden. 

Dr. J. M, Ludwig in Pontresina (Section Rhätia). 



Photographie in der Hoohregion. 

Im Jahrbuch von 1882—1883 habe ich das voll- 
ständige Panorama auf dem Matterhom, von meinem 
Collegen Vittorio Sella erstellt, als ein „nee plus ultra^ 
pbotographisch - alpiner Leistung erwähnt, und als 
Rundsicht von einem Viertausender aus aufgenommen 
existirt auch vom Jahr 1883 nichts Bedeutenderes 
von demselben. Wohl aber hat er, was die Dimen- 
sionen und den photographischen Werth der Ansichten 



544 J. Beck. 

betrifft; seine frUheni Leistungen womöglich noch in 
den Schatten gestellt. 

Vermittelst seines neuen, mit Moment Verschluß ver- 
sehenen Apparates und Monckhove'scher Platten sind 
circa 50 Clich^s von 30 40 Centimeter zu Stande 
gekommen (Preis 9 Fr.), die meisten wahre Rabinets- 
stUcke — mit einem Worte : noch nicht da gewesen. 
An prägnanter und grandioser Wirkung sind besonders 
folgende Bilder hervorzuheben : Gervin, Dent Blanche, 
Zinalrothhom und Weißhorn vom Zinalrothhomgrat 
(circa 4000 ™) ; Mischabel und Bemeralpen vom Dom ; 
Chaine du Montblanc von der Aiguille du Midi; die 
Aiguille du Geant auf kleine Distanz, Standpunkt 
N.W. von derselben ; Dent d'H^rens und Dent Blanche 
vom Tiefen raattenj och etc. 

Da ich dießfalls schon im vorigen Jahre in der 
„Zürcher Alpenzeitung" und auf Wunsch der Redaction 
in der ,, Gartenlaube" Einiges mitgetheilt habe, so will 
ich mich kurz fassen und gehe zu Herrn Donkin, 
Mitglied des Alpine Club, über, welcher jetzt nahe an 
200 Clich6s, 1318 ^•■*, aufzuweisen hat, worunter die 
schon in Zürich ausgestellten, in technischer und 
clubistischer Hinsicht beinahe unübertrefflichen, von 
der Spitze des Schreckhoms aufgenommenen Ansichten 
besonders zu erwähnen sind, so wie auch prachtvolle 
Bilder vom Lauteraarjoch auf das Schreckhorn und von 
halber Eigerhöhe auf Mönch und Jungfrau. Laut 
Katalog Nr. 96 und 97 sind sein photographischer 
Apparat, Herr Da\'idson, er und zwei Führer voriges 
Jahr auf den beiden Spitzen der Aiguille du Geant 
gestanden und wurden zwei Ansichten mit dem Mont- 
blanc und passender Staffage erzielt, welche mir leider 
noch nicht zugekommen sind. 7) Quo non ascendam"^ 
darf er von sich und seinem hölzernen Dreiftlßler 
sagen. 

Meine eigene Sammlung hat sich nach Abzug aller 
Nieten im verflossenen Sommer um 121 Nummern 



1 



Photographie in der Hochregion. 545 

bereichert, welche mit mehr oder weniger Glttck 
folgende Gebiete darstellen: Gescheneralp und pano- 
rainische Rnndsicht auf das Dammagebiet, neu, circa 
2400», N.W. von Gescheneralp; Clubhätte am Hüfi- 
gletscher und 4 Ansichten vom OberhUfi aus; neue Club« 
bfitte am Matterhom und Umgebung; 7 Ansichten von 
den Blattjen aus am Fuß des Monte Rosa ; 4 Ansichten 
vom Weg auf die Cima di Jazzi (3415™), durch Wind 
und Wolken etwas compromittirt ; Hotel Riffelalp und 
Umgebung ; eine Serie Ansichten, auf dem Feegletscher 
(2965™) aufgenommen; femer Serien von der Tour 
d'Anzeindaz, vom Col de Cheville, vom Glacier und vom 
Col des Martinets und von der Dent du Midi (das 
höchste Massiv in schöner Ausgabe vorhanden). 

Endlich — nach vielen Jahren möchte ich sagen — 
hat sich mir auch der Glacier de Corbassi^re gnädig 
erzeigt und habe ich die Cabane de Panossi^re und 
7 schön gelungene Ansichten, von dorten und längs 
des Gletschers erstellt, aufzuweisen. Der untere 
Grindelwaldgletscher bis zur Bäregg bot mir Ge- 
legenheit, 6 — 8 nicht uninteressante Bilder von und 
atif der Schloßlauine und von Gletscherschliffen zu 
Papier zu bringen. Auf der Spitze des Schilthoms 
überfiel mich schlechtes Wetter, aber vom Weg hinauf 
bis dicht unter der Spitze existirt eine Serie hübscher 
Aufnahmen. 

Die neue Berglihütte ist wegen Wind und Wolken 
nur relativ gut ausgefallen. Passiv: 125 Fr. Kosten 
und zwei Tage Strapazen; Activ: vier mittelmäßige 
Clich^s. 

Von der Enzen- und Augstgummalp im Urbachthal 
existiren einige Aufnahmen, u. a. diejenigen der pseudo- 
emptiven Gneißfalten am Gstellihorn und das Engel- 
hom; ich erstellte dieselben auf Veranlassung des 
Herrn Prof. Baltzer in Zürich. 

Ich habe Herrn Sella ermuntert, sich auch in den 
Bemeralpen umzusehen, und hoffe, daß es ihm gelingen 

35 



546 JB. Ritz. 

wird, statt des von mir zwei Mal fruchtlos angestrebten 
Panoramas 13 18 vom Finsteraarhom ein solches 
30 '40 c™ von diesem Hochgipfel aus herzustellen. 

/. Beck (Section Bern). 



Antiquarisches von WalKser FelsbIBcicen. 

In vielen Ländern gibt es meist schon durch Ge- 
stalt und Lage auffallende Felsblöcke und Utigel, 
welche in geheinmißvollen Beziehungen stehen zur 
Urgeschichte des Volkes oder zu dessen Sagenkreis. 
Zu eigenthümlichen Formen imd Merkmalen gesellt 
sich meist auch eine auffallende Benennung und diese 
gibt denn schon einen Wink oder Haltpunkt zur 
Nachforschung. 

Solche Felsbl'öcke und Hügel kommen auch im 
Wallis vor und verdienen die Aufmerksamkeit von 
Seite des Alpenwanderers. In unsem Beiden ist auf 
diesem Gebiete vielleicht noch Vieles zu entdecken 
und noch mancher Sagenschatz zu heben. Damit darf 
aber nicht mehr gesäumt werden, wenn nicht Manches 
für immer verloren gehen soll. Diejenigen, die um 
diese Schätze wissen, werden immer seltener. Bei 
solchen forsche man vorsichtig und pietätvoll.') 

Hier folgen einige Beispiele von Walliser Fels- 
blocken und Hügeln, welche vorhistorische Denkmale 
oder Cult- und Begräbnißstätten sind, und von solchen, 
welche mit der Sagenwelt in Beziehung stehen. Beides 
ist meistens vereint. Zu den ersten gehären die soge- 
nannten Heidensteine j die Heidenaltäre. Heiden- 
platten n. s. w. Dahin gehört auch die ,yheidnische 



Diese Notizen haben keine wiBsenschaftliche Tendenz 
und bloß den Zweck, gelegentlich einige Clnbgenossen (and 
besonders die Section Monte Rosa) anf ähnliche Vorkomm- 
nisse wie die folgenden auftnerksam zu machen. 



Änttq%tarf8ch€8 von WaUiser Felsblöcken. 547 

Kirche'' (s. Abbildung); sie befindet sich an der 
Grenze der Gemeinden von Ergisch und Turtmanm 
Der dortige Marchstein trägt die Jahreszahl 1582. 
Hart daneben sieht man in den tiefen Kessel hinab, 
in welchen die Turtmänna stürzt. An dieser Stelle, 
von thurmruinenartigen Felszacken ttberragt, befand 
sich in grauer Vorzeit ein ^^heidnischer Opferplatz", 
wie das Volk erzählt und der Name schon andeutet. 
Der Ort hat auch etwas Mysteriöses durch seine Lage 
und Gestalt, bei dem fortwährenden Donner stürzender 
Wassermassen, die man nur sieht, wenn man sich dem 
grausen Abgrund nähert. Ob hier übrigens wirklich 
eine Opferstätte war, wollen wir nicht untersuchen. 

Der heidnische Bühl bei Raron liefert uns noch 
in neuester Zeit die Beweise für den Ursprung seines 
Namens. Im Jahre 1873 wurden an seinem Fuße 
22 vorhistorische Gräber aufgedeckt; es fanden sich 
in denselben die bekannten Schmuckgegenstände aus 
Bronze. Auf dem Hügel selbst ist jene Zeit bezeichnet 
durch eigenthümliche Einschnitte von Menschenhand 
und durch einen Trichter mit Kohlen- oder Opfererde. 
Beiläufig sind hier auch die zahlreichen erratischen 
Blöcke zu erwähnen; einer derselben, am Rande des 
südlichen Abfalles, ist besonders anfallend durch seine 
Lage. Auf dieser Seite des Hügels bietet eine schom- 
steinartige Höhle eine freilich ganz nutzlose Kletter- 
partie, obwohl die Sage von einem verborgenen Schatze 
meldet, wozu der Schlüssel in einer Wachholderstaude 
verborgen liege. 

Vorhistorische Gräberfunde sind übrigens zahlreich 
im Wallis, stellenweise sogar bis hoch hinauf in die 
Bergregion. Alljährlich werden noch keltische und 
römische Gräber aufgedeckt. Erinnern wir hier nur 
an diejenigen von Ayent, bei dem dortigen Burghügel, 
die erst in den letzten zwei Jahren gefunden worden 
sind, mit Schmuckgeräthen aus Bronze und Meer- 
muscheln. Eine der höchsten Grabstätten im Wallis 



548 J?. BitB. 

möchte diejenige von Cretol, hoch über herables^ sein, 
ebenfalls an einem Httgel und characterisirt durch 
kelto-römische Aschentöpfe. Ffir die Clubgenossen ist 
auch noch der römische Gräberfund aus dem Binnen- 
thalej Gegend von Grinsen, zu erwähnen; bei den 
Skeletten fanden sich römische Münzen und ein Schmuck- 
geräth. Das Volk glaubt, es seien Flüchtlinge ge- 
wesen, die über den Albmn gekommen wären. 

Wir erwähnen diese Begräbnißstätten nur vorüber- 
gehend, weil solche oft bei den Heidensteinen vor- 
kommen oder noch entdeckt werden können. Für die 
weitere, wissenschaftliche Erforschung derselben muß 
auf Fachschriften verwiesen werden. 

Die Heidensteine zeigen meistens eigenthümliche, 
runde oder längliche Aushöhlungen, die offenbar durch 
Menschenhand entstanden sind. Man nennt sie daher 
Schalensteine. Dr. Ferdinand Keller deutete die- 
selben als „Monumente, aber geheimnißvolle , der 
ältesten Bevölkerung unsers Landes.^ (S. Anzeiger 
f. Schweiz. Alterthumskunde, 1873.) 

Aus dem Wallis erwähnen wir noch folgende 
Schalensteine: den (anstehenden) Heidenstein auf 
Valeria, jetzt autel druidique benannt; den erratischen 
Block im Schallherg (Simplen); die HeidenplaUe in 
den Huhelwängen ob Zmutt (Visperthal) ; deren 
Eindrücke stammen laut der Sage von den Fußtritten 
der Heiden, die auf dieser Platte Versammlungen 
hielten. 

Dahin gehört auch der erratische, entzwei ge- 
spaltene Felsblock, genannt Pierre des Servagios, ob 
St. Luc (Anniviers). Die Servagios, les sauvages, ver- 
treten hier die Stelle der „Heiden", der Urbewohner. 
Laut fast verschollener Sage war er auch der Aufent- 
halt geisterartiger Wesen ; so soll dort eine Fee, eine 
faye, gehaust haben, welche die Kinder wusch und 
kämmte, aber plötzlich verschwand. 

Wir kommen nun zu einer Reihe von Felsblöcken, 



Antiquarisches von Walliser Felsblöcken. 549 

die zn märchenhaften Wesen in Beziehung stehen, 
ohne daß sie zugleich die Merkmale von Cultsteinen 
tragen. 

Im französischen Wallis sind es unter andern die 
fayesy die manche Felsblöcke, Fltthe, Höhlen be- 
wohnten oder bewachten. Mitunter „sind da Schätze 
verborgen", wie z. B. in der sonderbaren Pyramide 
im Tobel von Mqrtemoz bei Evolena, wo eine faye 
darüber wachte und den Schlüssel in einer dürren 
Wachholderstaude verbarg (Jahrbuch VI). 

Spätere Sagen machen manchen Fels zum Tummel- 
platz von Heien ; auch da ist vielleicht oft ein duftiges 
Feenmärchen im Hintergrund verborgen. Wir über- 
gehen hier die Steine mit Hexen - und Stridelspuk 
und andere, und beschränken uns nur noch auf die 
Fels- oder Erdbildungen, die uns in die Zeit der 
Godwerjini führen. 

Die Godwergi, Godwerjini, sind dem deutschen 
Wallis eigenthümlich. Es ist eine Art von märchen- 
haften Zwergen, von Erd- oder Bergmännlein, die in 
der Urzeit gelebt haben, aber noch häuhg mit den 
spätem Menschen in Verkehr kamen, helfend oder 
strafend. 

Natürlich gab's auch recht bösartige Godwerjini, 
die allerlei Muthwillen und Bchabernak trieben. Die 
Sagen von diesem Völklein sind zahlreich und oft sehr 
drollig, insbesondere durch ihre wunderlichen Reim- 
sprüche in alterthUmlicher Form. Schade, daß viele 
dieser Sprüche bereits verschollen sind. Glücklicher- 
weise ist manches auch von dieser Art in den ^Wal- 
lisersagen von Tscheinen und Ruppen" gerettet. Aber 
diese Sammlung ist noch nicht vollständig. 

Merkwürdig ist, daß die auffallendsten Godwergi- 
gteine auf die Eiszeit hindeuten. So namentlich der 
f^Godivergi-Thure*' (Thurm) auf dem MiUz bei Fiesch. 
Er steht in einer Waldschlucht und ist ein Moränen- 
rest. Allerlei Steinbrocken sind in denselben einge- 



560 B. Bits, 

kittet; als Helm trägt er ähnlich wie die Erdpyra- 
miden von Useigne einen Qeißberger (Granitblock). 
Dieser Thurm soll ein Hanptsitz der Grodwerjini ge- 
wesen sein nnd manche der noch bekannten Sagen 
werden auch von demselben gemeldet. 

Hieher gehören femer die sehr wunderlich ge- 
formten Figuren nnd Thürme im Tobel der Raspilly 
bei Salgesch. Diese B^tonzacken« werden auch den 
Godwerjini zugeschrieben. Deren Namen tragen noch 
die Höhlen im Hügel von Gerunda (bei Siders). 
Nach der Sage wurden sie von denselben gebaut und 
bewohnt. (Sie heißen Godwergilöcher.) 

Noch manche wunderlich ausgewaschene Schutt- 
und Steinmasse ist mit diesem Zwergvölklein in Ver- 
bindung gebracht. Dies ist, wie es scheint, seltener 
der Fall bei eigentlichen Felsblöcken aus festem 
Gestein. Zu diesen würde nun auch der Längstein 
im Lötschenthale gehören (Jahrbuch 1883). Er trügt 
den Beinamen ,, Waldisch Ankenchühji*' (Waldins 
Butterfaß). Vielleicht liegt hier bloß ein Spottname 
vor auf einen Mann aus dem ehemals zahlreichen und 
angesehenen Geschlechte der Waldin. Er war ein 
Jäger, worauf auch der Waldisklamm mit dem Lämmer- 
geierhorste weist (s. Jahrbuch XIV, E. v. Fellenberg, 
geolog. Wanderungen). 

Vom Längstein erhielten wir eine Sage, deren 
Echtheit vorläufig noch zu erproben ist. Es fehlt ihr 
das naive Wesen der Godwergisage und dafür hat sie 
etwas verdächtig Modernes. Unter diesem Vorbehalt 
mag sie hier mitgetheilt werden : „Meyer Waldin war 
ein so leidenschaftlicher Jäger, daß fast alles Gethier 
der Berge ringsum verschwand. Einst erschien ihm 
ein Godwergi, ein graues Männlein (hier der „Berg- 
geist^), und sprach zu ihm: Warum tödtest du alle 
meine Thiere ? Laß ab von der Jagd und es soll dir 
ein Wunsch gewährt werden! Der Jäger versprach's 
und fand daheim, was er sich gewünscht hatte: ein 



Antiquarisches von WaUiser Felshlöcken, 551 

hübsches Hans, schöne Wiesen, viele Kühe und ein 
Ankenchttbji; so groß wie ein Rirchthnrin. Glücklich 
lebte er dort manche Jahre und die Wald- und Grat- 
thiere mehrten sich wieder dergestalt, daß sie bis auf 
sein Gut kamen. Da übermannte ihn die alte Leiden- 
schaft, er zog wieder aus, zu jagen, und erlegte ein 
Thier. Aber alsbald donnerte und krachte es, schaurig 
rasselte und prasselte es in den Flühen und aus dem 
Getöse heraus heulte die bekannte Stimme : „Du hast 
dein Wort gebrochen und zur Strafe werde all dein 
Gut zu Stein.** So geschah es, des Jägers Wiesen 
wurden zu Steingeröll und das Ankenchübji in einen 
Felsblock verwandelt!" 

Schließlich erwähnen wir noch den westlichen 
Grenzstein aus dem ehemaligen Lande der Godwerjini : 
es ist der erratische Block auf Valeria. Jene hätten 
ihn da hinauf getragen, so erzählte noch vor vielen 
Jahren ein altes Mütterchen. Aber es kam der Venetz 
und erklärte, die Gletscher hätten solche Blöcke fort- 
gewälzt. Und so verschwand die Sage vor den 

Forschungen der Wissenschaft. 

(Aus einein Vortrage in der Section Monte Rosa, 

von B. Ritz*) 



Verzeichniss der im Kanton Bern erhaltenen FUndlinge. 

Am 16. November 1867 (Sitzung 559) forderte 
Herr Professor Dr. Bernhard Studer die bemische 
naturforschende Gesellschaft auf, sich an den durch 
die Herren Professoren A. Favre und Sorot in Genf 
angeregten Bemühungen zur Schonung und Erhaltung 
der für die Geologie so wichtigen erratischen Blöcke 
thätig zu betheiligen, indem sonst durch speculative 
Industrie italienischer Arbeiter den Blöcken nach und 
nach völliger Untergang drohe und ihr gänzliches Ver- 
schwinden von der Erdoberfläche in der Schweiz in 



552 Z Bttchmann» 

Aussicht stehe. Die Gesellschaft beschloß, in diesem 
Sinne einen Antrag an die Regierung zu formuliren 
und petitionirend um Schutz der erratischen B15cke 
bei der Direction der Forsten und Domänen ein- 
zukommen.^) 

In der 566. Sitzung am 29. Februar 1868 erstattete 
Herr Professor B. Studer Bericht über den Stand der 
Frage der erratischen Blöcke, namentlich über die bis 
dahin erzielten Resultate der in Rheinfelden von der 
Versammlung der schweizerischen Naturforscher im 
September 1867 erlassenen Aufforderung zur Scho- 
nung der FUndlinge und die Wirksamkeit der zu diesem 
Ende niedergesetzten Commission. Diese fand, da& 
die wichtigern Blöcke, namentlich solche, die sich in 
den HHnden von ärmern Gemeinden und Privaten 
befinden, anzukaufen wären und allein auf diesem 
Wege vor Zerstörung gesichert werden dürften.*) 

In der That waren im Bernerlande schon viele 
der ausgezeichnetsten Fttndlinge verarbeitet worden* 
Zur Erstellung des Geländers der Nydeckbrücke ans 
imponirenden Granitquadern mußte man schon zu den 
Fttndlingen auf dem Kirchet und Hasliberg greifen. 
Die reichen Anhäufungen bei Vechigen und Utzigen 
waren längst zu baulichen Zwecken in der Stadt ver- 
wendet, insbesondere zu Bachschalen. Eine höchst 
interessante Gruppe von drei seltsam auf und über 
einander geschichteten colossalen Blöcken auf der Höhe 
der Falkenfluh lieferte unter Anderm die großen Treppen- 
stufen des Haupteingangs der Heiliggeistkirche. Die 
berühmte sogenannte „Teufelsburde" über den Wabern- 
Steinbrüchen wurde ebenfalls zersprengt und zur Aus- 
flillung des alten Grabens, auf dem das Zuchthaus 
steht, verwendet. 



^) Studer, B. Mittheil. der bern. naturf. Ges., 1867, p. XXVI 
(Sitz.-Ber.) 

*) Htuder. Bern. Mittheil. 1868, p. VU. 



Verzeichniss d. im KU Bern erhaltenen FündHnge. 563 

Die erwähnte Anregung, fUr deren Verwirklichung 
besonders auch die Sectionen des S. A. C. in Anspruch 
genommen wurden, fand überall lebhaften Anklang. In 
Bern wurde, wie bereits angedeutet, die Angelegen- 
heit von Mitgliedern der naturforschenden Gesellschaft^ 
die aber gleichzeitig auch dem S. A. C. angeh<$ren, 
an die Hand genommen. Schon 1870 waren eine Zahl 
wichtiger, besonders an Grenzgebieten liegender erra- 
tischer Blöcke salvirt; später kamen noch weitere 
dazu und wurde zudem eine größere Zahl kleinerer 
Blöcke characteristischer Felsarten durch Aufstellung 
vor dem städtischen natnrhistorischen Museum vor 
Zerstörung oder Verwendung gerettet. 

Da seit den damaligen bezüglichen Publicationen 
über zehn Jahre verflossen sind, so dürfte es nicht 
Überflüssig sein, auch einmal in diesem verbreiteten 
Jahrbuch auf unsere conservirten Fündlinge und die 
von den frühern Eigenthümern tibemommenen Servi- 
tute und Verpflichtungen hinzuweisen. Das öffent- 
liche Gedächtniß muß für solche leicht in Vergessenheit 
gerathende Angelegenheiten wach gehalten werden.*) 

Für die Fündlinge auf Staatsdomänen übernahm 
der Staat die Sorge. Durch Beschluß vom 14. Mai 1868 
stellte der Regierungsrath des Kantons Bern fest, daß 
alle auf Staatsdomänen liegenden Fündlinge geschützt, 
die wichtigsten bezeichnet und als unantastbar erklärt 
werden sollen. Sämmtliche Bezirksingenieure, Forst- 
beamte und Geometer erhielten einschlägige Wei- 
sungen. Es war dies ein bedeutungsvoller Schritt, 
indem namentlich die Staatsforste bekanntlich ziemlich 
ausgedehnt sind und in verschiedenen Cantonstheilen 

M Bachmann, I. Die im Canton Bern erhaltenen Fdnd- 
linge. Mit 3 Taf. Bern. Mittheil. 1B70, pag. 32. — Ueber 
Fündlinge im Jura. Ibid. 1H74, pag. 158. — Ueber ein neu 
errichtetes errat. Monument auf der großen Schanze. Ibid. 
1876, pag. 122. -- Ueber die Erhaltung eines ausgezeichneten 
Fttndlings auf der großen Schanze. Ibid. 1877. XVIL 



554 J. Bachmann, 

liegen. Schwieriger war es, die auf Privatbesitz lie- 
genden Blöcke zu sichern, welche oft weitlänfige, 
zeitraubende nnd manchmal doch resnltatlose Unter- 
handlungen nothwendig machten. 

Die erforderlichen Geldmittel wurden durch eine 
Subscription aufgebracht, die zunSchst zur Erwerbung 
des berühmten rothen Granitblocks im Habkerenthal 
bestimmt war. Alle die vielen nothwendigen Reisen, 
Unterhandlungen und Correspondenzen mit den Eigen- 
thttmem fanden auf Privatkosten statt. 

I. Erhaltene Findlinge im lilebiete des AaregletBehw«. 

Verglichen mit der colossalen Ausdehnung, welche 
zunächst nur in unserm Cantonsgebiete von den Eis- 
massen des Rhonegletschers erreicht wurde, tritt das 
Areal des Aaregletschers zurück. Ja zur Zeit der 
stärksten Vergletscherung bildete der Aaregletscher 
nur einen Zufluß oder Seitengletscher zu dem zwi- 
schen Alpen und Jura dominirenden Rhonegletscher. 
Eine Zeit lang wurde in der That der Aaregleteeher, 
welcher Über den Thunersee hinabzog, auf einer Linie 
vom Gumigel über den Kurzenberg gegen Eggiwyl 
und Sumiswald vom Rhonegletscher zurück gestaut.*) 

Die Berneralpen, welche die Blöcke und den Mo- 
ränenschutt des Aaregletschers lieferten, haben im Fer- 
nem eine viel einförmigere Zusammensetzung, als das 
Wallis, das eine überraschende Mannigfaltigkeit der 
Felsarten zeigt. 

Diese Verhältnisse bedingen, daß nur eine geringere 
Anzahl von Fündlingen die Conservimng verdiente. 
Bei manchen waren wegen verschiedener günstiger 
Umstände keine besondem Vorkehrungen nothwendig. 

Aus den Distanzen ergibt sich leicht, daß der 
Aaregletscher früher in der Gegend der heutigen 

^) Badimann, I. lieber die Grenzen des Uhone^rletscfaers 
im Emmentbal. Bern. Mittheii. 1883, Heft I. 



Verzeichniss d. im Kt. Bern erhaltenen Fündlinge. 555 

Bondesstadt anlangte, als der Rhonegletscher ans dem 
Wallis über Lausanne nnd Freiburg. Dagegen ist 
nachgewiesen, daß umgekehrt der Aaregletscher be- 
reits bis südlich von Bern wieder abgeschmolzen war, 
während 'Randstficke des Rhonegletschers sich noch 
nördlich und nordöstlich von der Stadt bis über BoUigen 
hinaus ausbreiteten. 

1. Blöcke Im Grauholz. 

Von der frühem großem Ausdehnung des Aare- 
gletschers müssen daher mehrere nicht unbedeutende 
Moränen herrühren, welche im Sedelbachwald am 
Grauholz concentrisch einander folgen. Sie sind mit 
'vielen Fündlingen gekrönt, von denen im Einver- 
ständniß mit dem bürgerlichen Forstamt sechs bedeu- 
tendere zur Erhaltung ausgewählt wurden. Wie man 
anderwärts Fündlinge nach verdienten Männern be- 
nannte, so geschah es auch hier, indem das Andenken 
fi-üherer Forstmeister, v. Tavel, Gaudard, Marcuard, 
v. Graffenried, Graber, v. Greyerz, auf diese Art ge- 
feiert wurde. 

Alle diese Blöcke, mit Ausnahme des Graflen- 
riedblocks, sind feinkörnige, graue, glimmerreiche 
Gneiße und stammen unzweifelhaft aus dem Gadmen- 
thal oder doch aus jener Gneißzone, die nördlich von 
den granitischen Massen der Grimsel vom Sustenpaß 
nach Westen zieht. 

Der Graffenriedblock dagegen ist ein schöner 
Granit von 80 m*, grobkörnig, reich an schwarzem 
Glimmer nnd kann sowohl von der Grimsel, als aus 
dem Triftgebiet (vom Rhonestock) herstammen. 

2. GneistfOndling auf dem Amselberg ob GQmllgen. 

Wenn auch nicht deünitiv gesichert, so kann doch 
dieser größte in unmittelbarer Nachbarschaft von Bern 
noch existirende Fündling als vorläufig ungefährdet 
betrachtet werden. Derselbe, von über 100 m' In- 



556 J. Bachmann, 

halt, lehnt sich an die oberste Seitenmoräne auf dem 
rechten Abhang des Aarethaies an. Er besteht aus 
dem characteristischen Gneißgestein aus dem Gadmen- 
thal nnd trägt unter Anderm eine der allerdings ver- 
breiteten erratischen Pflanzen, nämlich ein* zierliches 
Moos, die Hedwigia eiliata Hedw. 

3. Blockgruppe in der BXchtelen bei Wabern. 

Entsprechend den verschiedenen Zuzugsgebieten 
haben die Eismassen der linken Seite des Aarethaies 
aus den Kander-, Simmen- und Lütschenthäleni von 
denjenigen der östlichen Zuflüsse bemerklich abwei- 
chende Ftindlinge transportirt. Es war daher von 
Wichtigkeit, auch auf dieser Seite neben den be- 
stehenden blockbesäeten Seitenmoränen, wie am Gurten 
und Längenberg, besondere Merkzeichen der erratischen 
Herkunft durch auffällige Gesteine zu errichten. Herr 
Vorsteher Schneider in der Rettungsanstalt Bächtelen 
interessirte sich für unsere Absichten. In einer Ecke 
des Gutes wurde eine Auswahl characteristischer Blöcke 
zusammengestellt und zum Theil mit besondem Be- 
nennungen ausgezeichnet. Diese Gruppe enthält haupt- 
sächlich : 

a. Handeckgranit (Zellweger); 

b. Gasterenqranit (Gasteren) ; 

c. GneisSy aus dem Hintergrunde des Gasteren- 
thales, vom Lötschenpaß (Eiszeit); 

d. Eisenstein (unterer Dogger, Murchisonaeschich- 
ten), vom Schilthorn etc. (Aaregletscher). 

e. Taveyanazsandsteiny vom Eingang in den Spig- 
gengrund im Eienthal (Kanderthal). 

Eine überraschende Bestätigung erreichbarer Zu- 
verlässigkeit in der Bestimmung der Provenienz erra- 
tischer Gesteine lieferte ein in der Bächtelen zer- 
sprengter Block von Nagelfluh. Derselbe war von 
Kalkspathadern durchzogen, in welchen Schwerspath 



Verzetchniss d. im KU Bern erhaltenen Fündlinge. 65T 

aasgeschieden lag, wie ich denselben durch Herrn 
Oberst Schrämli anstehend an der Laueiren nörd- 
lich ob Thvn kennen gelernt hatte. 

4. Erratisches Monument auf der grossen Schanze in Bern. 

Auf unsere Veranlassung wurde auf Antrag der Direc- 
tion des Innern unterm 8. Juli 1876 vom h. Regierungs- 
rath der Beschluß gefaßt, daß die bernische natur- 
forschende Gesellschaft als Eigenthttmerin der beim 
Bau der Entbindungsanstalt auf der großen Schanze 
in Bern ausgegrabenen wissenschaftlich interessanten 
Fündlinge erklärt sei, jedoch unter der Bedingung, 
daß das Grundeigenthum des Staates mit keiner Servi- 
tut belastet werde, sondern vielmehr den Staatsbehör- 
den zu jeder Zeit freistehe, die Wegschaffung der 
Blöcke anzubefehlen etc. 

Ueberbauung, Planirung, neue Straßenanlagen tragen 
immer mehr zur Verdeckung der Zusammensetzung 
und geologischen Geschichte des Untergrundes bei. 
Daher erschien es wohl angezeigt, aus den Funda- 
menten und Cloakenanlagen obgenannten staatlichen 
Gebäudes characteristische Moränengesteine und Blöcke 
zu heben und zu einer Gruppe zu vereinigen. 

Die mit einer Tafel versehene Gruppe im Garten 
auf der Südseite des Gebäudes enthält folgende wich- 
tigere Felsarten aus den Bemeralpen: 

a. Granit, von der Grimsel. 

b. Gneise, aus der vorigen begleitenden Zone. 

c. Gneise^ mit Chloritlager vom Fieschergrat. 

d. Porphyrartigen Gneiss, vom Schneehom an 
der Jungfrau. 

e. Eisenstein (Studer), unterer Dogger, Schichten 
mit Ammonites (Harpoceras) Murchisonae Sow. und 
Oancellophyllites scoparius Thioll. sp. 

f. Hochgebirgskalk (Oberländermarmor, Oberjura). 

g. Neocomien (Spatangenkalk), vom Brienzergrat. 



558 J. Bachmann, 

Darch Beschluß der allgemeinen Sitzung der natur- 
forschenden Gesellschaft vom 9. Dezember 1876 wurden 
die Ansprüche und Verpflichtungen dem Btädtischen 
naturhistorischen Museum zur Nachachtung abgetreten. 

Bei einer später ausgeführten Straßenanlage zur 
Schanzetieck traf man auf einen großem prächtig 
polirten und geschrammten Block von Eisenstein, 
Sogar Belemniten zeigen sich in demselben ange- 
schliffen. Dieser wurde mit einigen andern characteri- 
stischen Gesteinen aus dem Oberland auf der Nord- 
seite der Anstalt aufgestellt und mit einer Inschrift 
versehen. Ein kleinerer zugesellter Fündling ist sehr 
bemerkenswerth. Er besteht aus Taveyanazsandsteinf 
mit Einlagerungen von Laumontit, wie sie bis jetzt 
nur an der Dallenfiuh ob Merligen bekannt geworden 
— ein zuverlässiger Heimatschein. 

5. FOndlinge vor de« naturhlttorischon Museun. ^) 

a. Granit von derGrimsel^mitprächtigemGletscher- 
schliff auf der ganzen Oberfläche, aus der Kiesgrabe 
bei Sinneringen, 



Hiebe! ist eine eigenartige, in Bern zuerst practi- 
cirte Methode der Erhaltang interessanter Findlinge zu er- 
wähnen. Statt nur einzelne Handstflcke zu schlagen und in 
den Sammtungen aufzustellen, wurden gerade die ganzen 
Blöcke dem naturhistorischen Museum verschaflft und vor 
demselben in passender Weise aufgestellt. Bekanntlich er- 
möglicht der Anblick einer anstehenden Felsmaase oder auch 
nur eines größeren Blockes ein viel richtigeres Bild von 
der Natur und Eigenthümlichkeit des Gesteins, als bloße 
Proben, deren Auswahl von gar manchen Zufälligkeiten ab- 
hängig ist. Gerade hierin liegt, abgesehen von lokalen In- 
teressen, die Bedeutung solcher Ausstellungen. 

Dieselben haben auch sofort Nachahmung gefunden, wie 
in Neuenburg und im eidgenössischen Polytechnicum in 
Zürich u. s. f. Bei uns ist es hauptsächlich das Verdienst des 
Herrn Edmund v, Fellenberg, den Hertransport zahlreicher 
solcher, sonst der Verwendung oder Zerstörung geweihter 
characteristischer Ftindlinge veranlaßt zu haben. 



Verteichniss d. im Kt, Bern erhaltenen Fündlinge. 569 

b. Gneisshlock aus der nördlichen Zone der Finster- 
aarhommasse, aus dem Baugrund des neuen Gym- 
nasiums neben dem Museum. 

c. JE^isenstetn^mitCanceliophyllites scopariusThioll.^ 
alpiner Unterjura, aus den Cloaken der Entbindungs- 
anstalt auf der großen Schanze. 

d. Rother Marmor, vom untern Grindelwald- 
gletscher, aus dem Weissenhühl und Altenherg bei 
Bern und aus dem Stemphach bei Boll. 

e. Zahlreiche kleinere Blöcke von Kalk, Serpentin 
mit Gletscherschliff aus der Gegend von Bern (Schänzli, 
große Schanze) und vom Thung^schneit gegenüber 
üttigen. 

II. Erhaltene Fondllnge im Gebiete des BlionegletselierF. 

1. Block genannt < Praz de Charraz*, bei den 
Mühlen von Lamblingen; im Burgerwald von Ligerz^ 
Montblancgranit. Von der Burgergemeinde Ligerz 
durch Beschluß vom 4. Juli 1870 (mitgetheilt durch 
Schreiben vom 22. Januar 1871) dem Museum der 
Naturgeschichte in Bern zu ewiger Erhaltung über- 
lassen (unterzeichnet von F. Louis^ Präsident, und 
S. Martig, Secretär). 

Auf Kosten des Museums wurde der etwas neben 
der Straße am Abhang thronende Block mit der In- 
schrift: NAT. MUS. BERN 1870 und mit einer 
Steinbank versehen. Leider soll letztere demolirt worden 
sein. 

2. Der €hohle Stein» ob Twann, ebenfalls Mord- 
blancgranit, ausgezeichnet durch seine Lage. Als 
plattige Masse setzte er sich auf eine Kante von 
Jurakalk, dieselbe durch sein Gewicht zertrümmernd. 

Die am 2. Januar 1870 versammelte Burger- 
gemeinde Twann faßte den einstimmigen Beschluß, 
den hohlen Stein dem Museum der Naturgeschichte 
der Stadt Bern zu schenken. 



3. Der graue Stein bei Biel^ ein Montblancgrwni 
von mehr eiförmiger GesUlt, 4,5" großerm Durch- 
messer and 3* mittlerer Hohe. Auf demselben ge- 
deiht die schone gelbe Hochgebirgsflechte (Rhizocarpon 
geogniphicnm . als erratische Pflanze. Laat Zuschrift 
des Bui^ernithes von Biel vom 19. MSrz 1870 können 
der graue Stein, wie ein anderes Prachtexemplar ob 
dem Begrilbnißplatz bei der Pflieger*schen Besitzung 
und zahlreiche kleinere Ffindlinge im Mahlen wagwald 
als gesichert betrachtet werden. 

Die Section Biel des 8. A. C. bemühte sich in 
neuester Zeit auch um Erhaltung zum Theil sehr auf- 
billiger gleichartiger Fündlinge in dem Gebiete der 
anstoß<;nden Clemeinde Bözingen, aber, wie es scheint, 
ohne Erfolg. 

4. Block von hfontblancgranit, im Burchwald 
der Burgergemeinde Attiswyl, durch Beschluß vom 
5. Juni 1861) der naturforschenden Gesellschaft in Bern 
käuflich abgetreten. (Abretungsvertrag ausgefertigt 
unterm 19. Juni 1869 — s. Copie Bachmann, Ffind- 
linge, p. 31.) Von der naturforschenden Gesellschaft 
ebenfalls dem natnrhistorischen Museum überlassen 
und daher mit N. M. Bern bezeichnet. 

5. Talkquarzit (Verrucano) im Burgerwald von 
Dotzigen bei Büren. In der Versammlung der Burger- 
gemeinde vom 26. März 1870 wurde der Antrag ge- 
stellt, die Erhaltung genannten Fündlings zu be- 
schließen, und dieser Antrag an'^enommen mit folgenden 
nähern Bestimmungen: a. Aus dieser Beschlußnahme 
soll keinerlei Schmälerung der Rechte der Gemeinde 
entstehen; b. der Wald soll durch allfällige Vorrich- 
tungen an oder bei dem Steine nicht beschädigt werden ; 
c. falls der Fündling Beschädigimgen erleiden sollte, 
so übernimmt die Gemeinde keine Verantwortlichkeit. 

6. Valorsineconglomeratf gerundeter Block von 
3"^ Durchmesser oder mehr, als Eckstein des KircJi- 
thurmes von Affoltern i. E. wohl als conservirt zu 



Verzeichniss d. im Kt, Bern erhaltenen Fündlinge. 561 

betrachten. Oesteinsarten ans dem Wallis finden sieh 
im Emmenthal vereinzelt noch weiter sttdlich bis hinter 
Langnau (Gohlgraben) und Eg^wyl. 

7. Neben diesen auf Privat- und Gemeindeboden 
eonservirten Fündlingen, welche hauptsächlich auf den 
Orenzgebieten der quartären Gletscher ausgewählt 
wurden, dürfen die in Staatswaldungen liegenden 
interessanten Blöcke nicht unerwähnt bleiben. 

üeberwältigend ist der erste Anblick der« Teufels- 
bürde > im Staatswalde auf dem JolimorU. Drei ge- 
waltige Blöcke von Arkesine aus Val de Bagne erheben 
sich im Buchenwald aus üppigem Farrenkraut. Herr 
Oberförster Schluep ließ den größten der Blöcke, 
die gewiß sämmtlich von einem Bergsturz im Bagne- 
thal stammen, wie die zahlreichen Genossen auf dem 
Steinhof bei Herzogenbuchsee, mit einem Kreuze 
markiren. 

Aus einem an silberweißem Barytglimmer reichen 
feinschuppigen Gneiss bestehen nicht nur petrogra- 
phisch, sondern auch antiquarisch merkwürdige Fünd- 
linge im Längholz und Luterhölzli bei Madretsch. 
Dieselben sind als Heidensteine bekannt, da sie zu- 
gleich sog. Schalensteine sind. Der grosse und der 
kleine Heidenstein stehen im Längholz. Ein präch- 
tiger Schalenstein aus dem Luterhölzli wurde vor das 
Museum Schwab in Biel transportirt 

Ein weiterer Schalenstein aus einem Granitfünd- 
llng im staatlichen Bannwald auf dem Bi^ttenberg 
wird gegenwärtig vor dem antiquarischen Museum in 
Bern aufbewahrt, neben einem andern kleinem ähnlichen 
Oranitblock von der Höhe zwischen Utzigen, Littiwyl 
und Radelfingen ob Vechigen; der Felsart nach ist 
der letztere Handeck- oder Grimselgranit. 

8. Ein Arkesinehlock in der Wallachem, nörd- 
lich von Wynigen, bei 9™ hoch und 5"* breit, kann, 
80 lange die gegenwärtigen Verhältnisse dauern, als 

36 



662 J. Biichmaiim. 

geschützt betrachtet werden, da er die Grenze zwi- 
schen den Aemtem Bnrgdorf und Wangen bildet. 

9. Fündlinge vor dem naturhistorischen Museum 
in Bern, 

a. Euphotide (Smaragdit- oder SanB8iirit-&abbro), 
vom Allalingrat im Saasthal, Wallis: Ton Egelsee 
bei Zollikofen, von Ittigen bei Bolligen, von Seewyl 
bei Schlipfen, von Gerlafingent Mörigen^ Vinelz und 
Petersinsel (Bielersee), von FräschelZy von Büdingen 
(Freiburg). 

Durch diese zum Theil in mehrfachen Nummern 
vorhandene Auswahl ist dieses schönste und in mannig- 
faltigen Abänderungen auftretende Gestein in einer 
Weise repräsentirt, wie nirgends anderswo. Prof. 
Dr. V. Hochstetter, der gelehrte Geologe der Novara- 
reise, war so entzückt, daß er sich fUr das neue 
großartige Wienermuseum einen solchen Block wünschte, 
der ihm auch (von den Ufern des Bielersees) zugestellt 
wurde. 

b. Euphotide mit größerm Gehalt an Rutil, Von 
Hinterkappelenf Münchenbuchsee, Petersinsel und 
Mörigen, 

Der Euphotide enthält häufig neben den beiden 
wesentlichen Gemengtheilen, Saussurit und Smaragdit, 
mehrerlei Elemente, wie namentlich Talk, als eigent- 
lichen accessorischen Bestandtheil, femer verschiedene 
metallische Minerale, als Arsenikkies, Schwefelkies, 
Magneteisenerz und in einigen Abänderungen insbe- 
sondere Rutil. Der verstorbene Herr Prof. R. v. Fellen- 



Änm. Es sind nur ganz zufällige politische Grenzen« 
welche uns yerhindem, noch eine Anzahl von geretteten 
Ffindlingen zu nennen. Wir erwähnen insbesondere die drei 
schönen Arkesineblöcke auf dem Steinhof, einer kleinfn 
solotharnischen Enclave zwischen Herzogenbuchsee und See- 
berg, und einen bedeutenden Block derselben Gesteinsart 
zwischen BoggUswyl und Pfaifnau im angrenzenden Kanton 
Lnzem. 



Verzeichniss d, im Kt, Bern erhaltenen FündUnge, 663 

berg-Rivier hat Beiner Zeit den Titansäure- (Rutil-) 
Gehalt deB kleinen gerundeten FttndlingB von Hinter- 
kappelen zu 11 ^!o bestimmt. Das sonst schon be- 
deutende Gewicht der nach allen Richtungen inte- 
rcBsanten Felsart wird hiedurch auffällig erhöht. 

c. Eklogit (sogenannter), eigentlich ein granat- 
ftthrender Amphibolit oder Strahlsteinschiefer, ebenfalls 
aus dem Saasthal: von Mörigen, von der Petersinsel, 
von Münchenbuchsee, 

d. Amphiholity aus dem Saasthal: von Egelsee 
bei Zollikofen, aus dem Nicolaithal (Zermatt), von 
lÄAScherz am Bielersee. 

e. Syenit, identisch mit solchem aus dem Val 
d'Herens: von der Petersinsel (gehört im Großen, 
nach der Art des Vorkommens, auch zu den Amphi- 
boliten und dem Amphibolgneiss, Studer). 

f. Glaukophan-Epidot-Gestein, aus Zermatt, von 
Sanvilier, Bemerjura. 

Die Bestimmung dieser ganz eigenthümlichen Ge- 
steinsart ist Prof. Dr. Stelzner in Freiberg zu ver- 
danken. Herr E. v. Fellenberg hatte demselben Bruch- 
stttcke von einem kleinen Block übersendet, der dem 
naturhistorischen Museum von alt Großrath Mathey 
in Delsberg notificirt worden war. 

Der Glaukophan ist ein natronhaltiger Amphibol 
und bei uns bis jetzt nur aus Zermatt bekannt. Das 
Vorkommen dieses Gesteins, das ebenso characteristisch 
ist wie etwa der Euphotide, im Innern des Jura hat 
eine große Beweiskraft für die Sicherheit der Be- 
stimmung der Abstammung von FUndlingen. 

g. Augengneiss, aus dem Oberwällis : von Egelsee 
bei ZoUikofen. 

h. Gneiss, mit prächtig gewundener Schichtung, 
aus dem sitdlichen Wallis : von Scheuren an der Zihl. 

i. Chloritischer Gneiss (gneiß chloriteux Guyot, 
Arollagneiß Gerlach), vom Grossen Weis«/iom,4554™: 



564 L Baehmann. 

von der kleinen oder Kaninchen-Jnsßf und GerUxfingen, 
Bidersee. 

k. Arkesine, das characteristiBche Gestein der 
höchsten Kämme der Penninischen Alpen, besonders 
im Hintergründe des Bagnethales, von Mörigen, Ans 
dieser Felsart bestehen die bertihmten Blöcke auf 
Steinhof bei Herzogenbuchsee, die „Teufelsburde^ im 
Staatswalde auf dem Jolimont u. v. a. 

1. GneisSf reich an silberweißem Barytglimmer ans 
den südlichen Wallisthälem, Begleiter des Arkesines, 
von Arch bei Büren. 

m. Gneiss, Granat und denselben Glimmer wie 
voriger enthaltend; von Egelsee bei Zollikofen. 

n. Granit y sehr grobkörnig , mit daumengroßen 
Felspathkrystalloiden und schwarzem Magnesiaglimmer, 
Ausscheidungen in Gneiß am Gomergletscher bildend, 
vom Ramsiy beim Steinhof, Burgdorf, 

0. Serpenünf massig und Serpentin- oder Pennm- 
schiefer ans Zermatt; vom Ramsi bei Bnrgdorf. 

Die drei letztgenannten wichtigen Blöcke wurden 
seiner Zeit von Herrn Franz Schnell in Burgdorf dem 
Museum zugesendet. 

p. Quarzitf zum Verrucano gehörig, aus dem 
Turtmannthal, von Allenlüften. 

q. Verrucano^ rothes Conglomerat und Sandstein 
von Outrerhöne oder Fully im Unterwallis, vom 
Egelsee bei Zollikofen und Wangen bei Bümplitz. 

r. Valorsineconglomerat, zur Anthrazitbildong ge- 
hörig, von Ramsi bei Burgdorf. Dieses quarziüscbe 
Conglomerat repräsentirt gerade jene Varietät, welche 
seiner Zeit de Saussure zur Annahme eines Ueberganges 
in Gneiß verleitete. Auch dieser lehrreiche Block ist 
Herrn Franz Schnell zu verdanken. 

s. Felsit (Feldstein), von der Pissevache, Wallis, 
aus der Kiesgrube an der Tiefenausirasse, Bern. 



Verzeichnis» d, im Kt Bern erlidltenen FündUnge, 566 

t. Molasse, aus der Westschweiz, polirt und ge- 
schrammt, von Ipsach bei Nidau. 

u. Gahhro (Diallaggabbro) aus der untern Partie 
des Matterhoms, von Mörigen am Bielersee. 

Diese 20 in einer großem Anzahl von Stücken 
rcpräsentirten Nummern geben ein genügendes Bild 
von der überraschenden Mannigfaltigkeit der Gksteins- 
arten der Walliseralpen. 

Neben diesen conservirten Vorkommnissen darf ein 
Fund nicht vergessen werden, den wir in der Stürleren 
hinter dem Riederenhubel bei Frauenkappelen machten. 
Ein kleinerer daselbst liegender Block stammte nämlich 
unzweifelhaft aus den Erzlagerstätten des Eifisch- 
thales. In der undeutlichen Gangmasse sind neben 
Arsenik'^ Magnet- und Schwefelkies die verschie- 
denen Kupferminerale, als Kupferkies, Bunikupfer- 
kies, Malachit und Kupferlasur enthalten. 



Eine in -Bern eröffnete Subscription zur Erhaltung 
und Schonung wichtiger Fündlinge ergab von 25 Bei- 
tragenden Fr. 1399. 10, wovon Fr. 394. 10 durch 
Vermittlung des Herrn Professor Dr. L. Riitimeyer 
in Basel von dortigen Mitgliedern des S. A. C. und 
der naturforschenden Gesellschaft. 



Anm, Aa^er diesen bemischen Fiindlingen enthält die 
Blocksammlnng vor dem natnrhistorischen Museum auch 
einige typische VorkommniBse aus dem Gebiete des Limmat- 
nnd des Rheinegletschers, nämlich: 

a. F(0tYi««afio(8emifit€onglomerat) ans dem glameriscben 
Klmntbal. 

b. Grünlichen Spflit, ebenfalls zum Vermcano gehdrig, 
vom Gipfel des Kärpfstockes in den glamerischen Frei- 
bergen. Beide fanden sich im Sihlwald bei Zürich. 

c. Einen kleineren gerundeten Block des ausgezeichneten 
Granits ans dem Pnntagliastobel bei Trons am Sfldftm des 
Glämisch, von Stegen-Weizikon, Zürich. 



566 LBdUihm, Vereeich.d.üKt,BemerhaUenenFündimffe. 

Die Verwendung war folgende: 

1. Für Ankauf des Steines auf dem Lueqiboden 
gegenüber der Kirche von Habkeren (großer exotischer 

Block rothen Granits) Fr. 980. — 

— EigenthUmer: Naturhistorisches 

Museum in Bern, 

2. Beitrag nach Solothum zur 
Sicherung der Ftindlinge auf dem 

Steinhof bei Herzogenbuchsee . . ^ 20O- — 

3. Für Ankauf des Fündlings im 
Burchwald zu AtHswyU an das 

Schulgut ......... „ 60. — 

4. An das Schulgut der Gemeinde 
Ligerz als Gegengeschenk ftir den 
dem Museum der Naturgeschichte 
unentgeltlich überlassenen Granit- 
block zu Praz de Charraz im Burger- 
walde bei Lamlingen „ 50. — 

5. An die Transportkosten des 
Schäl ensteins vom Büttenherg bei 

Biel nach Bern 109. 10 



Summa Fr. 1399. 10 

Die Rechnung wird im Archiv des Museums (als 
Eigenthttmer der Blöcke) aufbewahrt.^) 

Eine schöne Anzahl von sprechenden Zeugen der 
Eiszeit sind nach vorstehender AufzShlung doch fttr 
das Gebiet des Kantons Bern mit allen zuständigen 
Httlfsmitteln und Verträgen geschützt Man darf sich 
wohl der Erwartung hingeben, daß jeder Leser and 
alle Diejenigen, die sich aus wissenschaftlichen Gründen 
oder in bezüglicher amtlicher Stellung um die An- 
gelegenheit der geschützten und als unantastbar er- 



Mittheilungen der bem. naturf. Ges. 1875, pag. 10 (Pro* 
tokoUe). 



Albert Heim, Klönsee und BUgisee. 567 

klärten Fttndlinge zu bekttmmern haben, über die 
^^iv^eitere Nachachtang mit vollstem Interesse wachen 
i9ir erden. 

Prof. Dr. /. Bachtnann (Seetion Bern). *) 



KlVnsee und Blegisee. 

Die Seen im Gebirge sind noch wenig erforscht. 
Vielfach gilt es, zunächst die alten Sagen von ihrer 
TJnergrttndlichkeit zu beseitigen und an deren Stelle 
thiitsächliche Beobachtungen zu setzen. Eine sorgfältige 
Untersuchung und Yergleichung soll in jedem einzelnen 
Fall uns das Besondere wie das Allgemeine unter- 
scheiden lehren. Oft müssen wir weit in den Um- 
gebungen uns umsehen, um sichere Anzeichen über 
die Entstehungsart eines Sees zu gewinnen, und nicht 
selten sind dieselben schon so verwischt, daß wir leicht 
irre geführt werden. Daher erklärt es sich, daß selbst 
die Geologen unter sich über die Entstehung vieler 
Seen und die damit zusammenhängenden Fragen noch 
sehr verschiedener Meinung sind. Es steht fest, daß 
sehr viele Seen durch Stauung der Flüsse in ihren 
T?ialläufen entstanden sind. Diese Stauung kann be- 
dingt sein durch Schuttkegel seitlicher Wildbäche, 
durch Gletscher oder Moränen, durch Bergstürze und 
endlich durch Dislocationen, d. h. Bewegungen in der 
Erdrinde (Lagerungsstörungen), wie wir sie in rela- 
tiven Senkungen und Hebungen, in Verschiebungen 
an Klüften, Faltungen, Schichtaufrichtungen und der- 
gleichen in gebirgigen Gegenden als gewöhnliche Er- 
scheinungen beobachten. Zu den Dislocationsseen ge- 

') Diese ICttheilung ist eine der letzten Arbeiten unseres 
verehrten Clabgenossen, der am 2. April 1884 dem Kreise 
seiner Famiße mid seiner Freunde , dem S. A. C. und der 
Wissenschaft durch einen Unfall entrissen wurde. 



568 Albert Heim, 

hört die Mehrzahl der großen GebirgBseen nnd der 
Fjorde. Außerdem gibt es noch Einsturzseen^ Trichter- 
seen, Kraterseen. Einige weitere Formen (Seebecken 
aasgeschliffen durch Oletscher und dergleichen) sind 
zweifelhaft und bestritten. Ich habe bei früherer Ge- 
legenheit in diesem Jahrbuche einige Seen (Ober- 
engadin — Vierwaldstättersee) etwas näher besprochen 
und werde vielleicht in einem späteren Jahrbuche 
einen Ueberblick über die Seebildung überhaupt zu 
geben versuchen. Diesmal wünsche ich nur das In- 
teresse für das Sammeln von Beobachtungsmaterial zu 
wecken. 

Unsere beiliegende Tafel stellt die üntergrunds- 
formen der zwei Gebirgsseen des Olämischstockes dar. 

Der Klönsee oder Klönthalersee ist am 10. und 
11. Mai 1878 von Ingenieur Fridolin Becker im Auf- 
trag des eidgenössischen topographischen Bureau ver- 
messen worden. Dreizehn Querprofile und ein Längen- 
profil mit im Ganzen 144 Tiefenmessungen haben das 
vorliegende Bild ergeben, welches unsere Voraussage, 
der See erreiche nicht 50 ™ Tiefe, vollständig bestätigt. 
Die größte Tiefe steigt auf 33 "». In der „Alpenpost" > 
Jahrgang 1878, berichtet Herr Becker Näheres über 
das Verfahren der Tiefenmessung. 

Der Oberblegisee gehört einer höheren Terrasse 
an. Er ist am 21. Januar 1883 von Herrn Dr. H. Fischli, 
Chemiker in Schwanden (Kt. Glarus), sondirt worden. 
In die Eisdecke wurden zum Einsenken des Tiefen- 
lothes Löcher gehauen. Herr Dr. Fischli hat 7 Quer- 
profile und 5 Längsprofile mit circa 45 Tiefenmessungen 
aufgenommen. Im letzten Jahrgang der „Alpenpost^ 
theilt Herr Fischli außerdem zahlreiche sehr interes- 
sante Beobachtungen über den Blegisee, über den 
Härtegrad seines Wassers im Vergleich zu demjenigen 
der umliegenden Bäche und Quellen und andere damit 
zusammenhängende Erscheinungen mit. Die größte 
Tiefe des Oberblegisees beträgt 30 ">. Wie bei allen Seen 



A 



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^' ST vom/ 



I 

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Elansee und Blegisee. 569 

mit nnterirdisehem Abfluß, schwankt ancb der Wasaer- 
atand des Blegisees ziemlich stark. 

Ans der Betrachtimg dieser beiden Seegrandbilder 
und dem Profil durch den Glärnisch, welches die Seen 
schneidet und ihre Tiefe im richtigen Verhältniß dar- 
stellt, gehen nun folgende Gesichtspunkte hervor: 

1) Die Seeböden sind nicht von der Form tiefer 
anausgefüllter Spalten, sondern ziemlich flach und von 
der Gestalt gewöhnlicher Thalböden. 

2) Die tiefsten Theile der Seebecken liegen gegen 
den Ausfluß hin« 

3) Die Seetiefen sind unbedeutend im Verhältniß 
zu den Thaltiefen. 

Diese drei Erscheinungen, wenigstens Nr. 1 und 3, 
recht oft auch Nr. 2, treffen bei der Mehrzahl der 
kleinen und selbst der größeren Gebirgsseen zu. 

Aus Nr. 1 ersehen wir, daß die alte Theorie von 
der Seebildung durch Zerspalten der Erdrinde, die 
schon aus zahlreichen andern Gründen ganz unhaltbar 
geworden ist, auch in diesem Punkte auf Widersprüche 
mit den Thatsachen trifft (vergleiche: Heim, Unter- 
suchungen über den Mechanismus der Gebirgsbildung, 
Bd. I, letzter Abschnitt). 

Nr. 2 wird überall selbstverständlich sein, wo die 
Seebildung darauf zurttckführbar ist, daß irgend eine 
ziemlich steil ansteigende Barriere (Schuttkegel, Berg- 
sturzschutt, Dislocation) sich in einen früher offenen 
Thalweg stauend gestellt hat. 

Beim Blegisee verdient der Umstand Beachtung, 
daß die Curve von 10 ™ unter der Seefläche ein engeres 
Seebeeken umgränzt, gegen welches der äußere See- 
theil nur als seichte, vielleicht erst spätere Ueber- 
sehwemmungszone erscheint. Herr Prof. Dr. Baltzer 
hat für die Entstehung des Blegisees und mancher 
anderer Gebirgsseen folgende Erklärung aufgestellt: 
Ein Bach versiegt, wie man dies so oft sieht, in eine 
Spalte. Nach der Spalte hin wird die Oberfläche von 



570 Albet't Heim. 

allen Seiten her auBgespttlt, wodurch eine trichter- 
förmige Vertiefung entsteht. Verstopft sich der Abfluß 
durch die Spalten ganz oder theilweise, so staut sich 
das Wasser, es entsteht ein See. Für sehr viele €re- 
birgsseen trifft diese Erklärung ohne Zweifel zu (Nieder- 
see ob Näfels etc.); mit großer Wahrscheinlichkeit 
zählt hierher auch der Oberblegisee — sie sind 
Erosionstrichterseen, Die (Jntei^^ndgestalt freilich, 
wie sie Herr Dr. Fischli bestimmt hat, kann hierüber 
keinen bestimmten Aufschluß mehr geben, da eben 
nicht die ursprüngliche Trichterform vorliegt, sondern 
die vielfach durch hinein gestürzte und hinein gespülte 
Geschiebe verschiedener Größe veränderte Gestalt. 
Das Bild des Seegrundes widerspricht der Erosions- 
trichtertheorie nicht im Geringsten. 

Daß der Sackberg, dieser auffallende Bei^ im 
Thale, den Klönsee veranlaßt hat, ist leicht einzusehen, 
an ihn lehnt sich sein tieferer Theil an. Viel schwie- 
riger aber ist die Frage nach der Ursache des Sack- 
berges zu beantworten. Halb ist er anstehender Fels, 
halb Schutt verschiedener Art (geschichteter Kies, 
Moräne, Bergsturz). Die Entblößungen sind nicht ge- 
nügend, um zu entscheiden, ob der Schutt allein einen 
früheren Thalweg eingedeckt hat, oder ob unterhalb 
des Klönsees im jetzt vielfach ganz verdeckten frü- 
heren Löntschlauf stellenweise der anstehende Jnra- 
kalkfels höher gehe als der Grund des heutigen Sees. 
Es gibt zwar Naturen, die für alle Fragen auf den 
ersten Blick die „ganz evidente^ Erklärung aus der 
Tasche ziehen zu können vermeinen, es gibt aber auch 
solche, welche in einzelnen Fällen nach eingehen- 
derer Prüfung das Sichtbare für ungenügend halten, 
um ein bestimmtes Resultat zu proklamiren und „lieber 
zweifeln als irren^. Für den Klönsee halten wir uns 
noch zu den Letzteren trotz der Behauptungen von 
Dr. R. in M., welcher in einer schiefen Schichtstellung 
am Fuße des Wiggis die Dislocation sieht, die den 



Klönsee und Blegisee. 571 

Klönsee gebildet hat. Wir vergesBen eben nicht, daß 
an tausend Orten solche Schichtstellung ohne Seebildung 
vorkommt. 

Wie in diesen Beispielen, so liegen auch sonst 
sehr oft die schönsten Gebirgsseen in nur ganz un- 
bedeutenden Vertiefungen des Bodens, die, wenn nicht 
Wasser sie erfUllen würde, kaum unsere Aufmerksam- 
keit zu erregen vermöchten. 

Aus Nr. 3 schließen wir, daß, wie ihre Tiefe ver- 
sehwindend ist im Vergleich zur Höhe der umgebenden 
Berge, so auch sie selbst nur eine wenig wichtige 
und vorübergehende Phase in der Geschichte des 
Thaies sein müssen, dem sie doch so viel Reiz ver- 
leihen. 

Noch manche Betrachtung läßt sich an unsere 
zwei Seebilder anknüpfen, doch „die Kunst zu lang- 
weilen besteht darin, alles zu sagen^ -*, lassen wir 
unsere Bilder und die Natur selber zu denjenigen 
sprechen, welche sich mit Liebe und Interesse in ihren 
Gedanken darein vertiefen! 

Albert Heim, Prof. 



Zum Winterschlaf der Murmelthiere. 

Der Winterschlaf der Murmelthiere besteht be- 
kanntlich in einer eigenthümlichen Lethargie, deren 
Zweck die Erhaltung des Thieres im Winter und 
deren kennzeichnende Merkmale hauptsächlich folgende 
sind: 

1) Das kuglich eingerollte Thier ist steif und fast 
unempfindlich, wie leblos; 

2) Nahrungsaufnahme, Verdauung, Absonderung 
hören ganz oder nahezu auf; 

3) Körpertemperatur, Herzschlag, Blutumlauf, Ath- 
mang sind auf ein Minimum herabgesetzt ; das Thier 
ist in gewisser Beziehung zum Kaltblüter geworden. 



572 iL BaUser. 

Als Bedingaogen, unter denen der Winterschlaf 
eintritt, gelten: tiefe Lufttempenitar (bei 6 — 7^ soll 
in der Gefangenschaft der 8chlaf beginnen), ferner 
das im Winter mangelnde Futter. Dem möchte ich 
hinzufügen, daß wohl auch bestimmte, noch unbekannte 
Eigenthttmlichkeiten der Organisation (Geföß- und 
Nervensystem) mitwirken; denn erstlich tritt der 
Winterschlaf bei Fledermäusen, Insektenfressern, Na- 
gern in ziemlich verschiedener Weise auf und sodann 
kommt bei Schlangen und Reptilien der heißen Zone 
ein Sommerschlaf vor, wobei umgekehrt die Hüze 
die Lethargie einleitet. 

Der Winterschlaf der Murmelthiere gilt im Allge> 
meinen Iftir ununterbrochen. ^) Entweder halten sie ihn 
in einem besonderen tiefer abwärts gelegenen Winter- 
bau ab oder sie haben ftlr Winter und Sommer nur 
eine Wohnung. 

Im Winter 1882 hielt ich in Zürich 6 Exemplare 
aus verschiedenen Gegenden der Alpen. Nach einer 
Anzahl kalter Tage wurden die Thierchen um den 
9. October herum (mit Ausnahme eines älteren Exem- 
plars) schläfrig und schwerfällig, ermunterten sich 
aber bald wieder und blieben munter bei einer Stall- 
temperatur von 5 — 10® C. Nur eines schlief. 

Im December und Januar des gleichen Jahres sank 
die Stalltemperatur auf ^ herunter (in der Holzkiste, 
wo die Thiere lagen, blieb sie etwas höher), trotzdem 
trat bei 4 Exemplaren kein eigentlicher Winterschlaf 
ein. Ende Januar bei 2 ^ G. war eines ganz munter, 
2 schliefen halb, 3 schliefen fest. Von letzteren 
machte eines im Februar bei 17 ^ Körperwärme 
20 AthemzUge in der Minute, ein anderes bei 16® 
Körperwärme 12 Athemzüge (45 Tage später, im März, 
bei 16^ Körperwärme und 5<> Stalltemperatur 17 Athem- 



Was in. der Gefangenschaft indessen gar nicht immer 
zutrifft. 



Zum Winterschlaf der Murmelthüre, 57S 

Züge in der Minate). Die Thiere hatten während 
der ganzen Zeit Futter. 

Aus dioBen Thatsachen ergibt sich unter den ge- 
gebenen Bedingungen eine sehr verschiedene EmpÜlng- 
lichkeit der Thierchen bezüglich des Winterschlafes; 
es gibt dazu diaponirte und weniger disponirte. 

Die Annahme lag nun nahe, daß das den ganzenr 
Winter hindurch gebotene Futter hierbei von Ein- 
fluß sei. 

Um denselben zu prüfen, machte ich mit einem von 
den weniger disponirten Exemplaren im Winter 1883/84 
folgenden Versuch: Dasselbe, isolirt, war bis gegen 
Mitte December bei Fütterung nicht zum Schlafen zu 
bewegen, trotzdem die Temperatur im kellerartigen 
Stall einige Mal auf ^ herunterging (äußere Luft- 
temperatur einmal — 8 ^). Nunmehr entzog ich dem 
Thier das Futter gänzlich. 

Nach wenigen Tagen trat Schlaf ein: 

Tag Gewicht Lufttemp. Körper- Zahl der Athem- 

Kilo im Stall temperatur zflge per Minute 

16. Dec. 1883 3,043 6« C. lOVa« 18^/2 

27. Jan. 1884 2,870 5®C. 10«> 11 

ll.Febr.l884 2,833 71VC. lO» 3 

Die absolute Abnahme des Körpergewichts während 
52 Wintertagen betrug bei obigem Individuum 210 
Oranun = 6,9 ^/o des Anfangsgewichtes. 

Die Abnahme erfolgte im Anfang rascher wie später. 
Temperaturabnahme 32* C. (Normaltemp. = 42® C.) 

Hieraus glaube ich folgende Schlüsse ziehen zu 
können : 

ij Manche weniger disponirte Thiere schlafen 
auch bei ziemlich niedriger Temperatur im Winter 
nicht, wenn ihnen Futter geboten wird. 

2) Dieselben Thiere verfallen aber in Winter- 
schlaf, wenn ihnen das Futter entzogen wird. 

Dr. A. Baltzer (Section Uto). 



674 Th. Felber, 

Ein Zwergwald im Kanton Appenzell I.4th. 

Zwischen der mittlern (Alpsigel-Hundstein) und der 
ÖBtUchen (Hohenkasten-FargelnfirBt) Kette des Alpstein- 
gebirges liegen eingebettet zwei liebliche Alpseen, der 
Fählensee nnd der Semtisersee, beide mitnnterirdiachem 
Abfloß und in ihren landschaftlichen Reizen rivali- 
sirend mit dem zwischen der westlichen (Ebenalp- 
HängeteD) nnd der mittlem Kette liegenden Seealpsee. 

In nördlicher Richtung, also der Ebene zu, ver- 
engert sich das ohnehin nicht breite Thal des FShlen- 
und Semtisersees zu einem tief eingeschnittenen Tobel, 
durchbraust von dem ungestüm aus seiner Quelle 
hervorbrechenden wilden Brühlbach. Die Felsen steigen 
nicht unmittelbar vom Bache aus schroff in die Höhe. 
Durch das abgewitterte Kalksteinmaterial haben sich 
auch hier jene bekannten Abböschungen gebildet, die 
man gewöhnlich als Schutthalden bezeichnet und die 
im Brülesauertobel — so wird unsere besprochene 
Localität bezeichnet — mit Graswuchs (Weide) oder 
Waldbestand überzogen sind. 

Der Wald, vorherrschend aus Buchen und Roth- 
tannen gebildet, zeigt im Allgemeinen ein der Höhen- 
lage (11 — 1200>>>) und dem Boden entsprechendes 
normales Wachsthum. Um so mehr wird der Wanderer, 
der gewohnt ist, „mit offenen Augen^ zu marschiren, 
überrascht von einer höchst eigenthttmlichen Erscheinung, 
die ich als „Zwergwald^ bezeichnen möchte. 

Am nordwestlichen Abhänge, einer Schutthalde von 
durchschnittlich 60®/o (ca. 30®) Neigung, ist eine 
Bodenfläche von 200» Länge und ca. 30" Breite 
vollständig bestockt mit einem Rothtannenaufwuchs, 
dem ein hohes Alter sofort zugesprochen wird , ob- 
wohl er eine Höhe von 2,10 "> nicht übersteigt. Die 
Zwergbäumchen haben aber keineswegs, wie leicht 
vermuthet werden könnte, den Habitus der in Folge 



Ein Zwergwdld im Kanton Appenzell L^Bh, 575 

Ziegenfraß verkümmerten und verkrüppelten dicht- 
buBchigen Fichten. 

Die Beastung reicht nicht bis an den Boden; an 
den tiefem Partien der Stämmchen ist sie abgestorben 
und die Belaubung ist licht. Statt des den jangen 
Rothtannen eigenen pyramidalen Wnchses sind hier die 
Kronen abgeplattet and haben die einzelnen Exemplare 
in ihrer äußern Erscheinung viel Aehnlichkeit mit 
Rothtannen^ die lange unter Druck gestanden, wie auch 
mit Weißtannen, die Jahrzehnte in zu dichtem Schlüsse 
und unter Druck schneller wachsender Holzarten ge- 
kümmert. Und doch war hier weder dieß noch jenes 
der Fall. Seit Menschengedenken hat der Bestand 
keine wesentliche Veränderung erlitten. 

Große Stöcke finden sich nicht vor, wohl aber zahl- 
reiche abgestorbene Exemplare, die eine Höhe von 
2™ nicht überschritten hatten. Der immer wieder- 
kehrende Satz holzschlaghistiger Verwaltungen und 
Privaten: „Das Holz wächst nicht )nehr; es ist, so 
lange wir uns erinnern können, immer y^gleich^ ge- 
blieben^, wird hier einmal zur That und Wahrheit. 
Vor mir liegt die Scheibe eines Stammes, mit einem 
Durchmesser, der den stärksten vorhandenen Exem- 
plaren entspricht. Die Messung kreuzweise über die 
Rinde ergab 92 und 70 ">™. Somit ist das arithmeti- 
sche Mittel 81"»". Das Stämmchen zählt 80 Jahr- 
ringe. Da dasselbe außerordentlich excentrisch ge- 
wachsen, drängen sich die 80 Jahrringe auf einer 
Seite auf 26^^ zusammen. Ein anderes Stämmchen 
von 32™" Durchmesser zählt 50 Jahrringe. 

Bei einem dritten, frei aus dem Bestand gewählter 
Stamme trifft es auf den Millimeter des Halbmessers 
4 Jahrringe. 

An einzelnen Exemplaren, während kurz begrenzter 
Perioden, finden sich solche Erscheinungen wohl über- 
ally aber gewiß selten in einem ganzen Bestände und 



576 Th. Fdber. Ein ZtoergwaU im Kt Appentdl L-Rh. 

während Perioden, die anter ähnKchen YerhSltnissen 
einer Umtriebszeit entsprechen. 

Wie erklärt sich diese Erscheinung? 

Die Lfige gibt keinerlei Anhaltspunkte. Wir haben 
ja in unmittelbarster Nähe Bestände mit einem jähr- 
lichen Zuwachs von 4 — 5 Festmeter und einem dem 
Alter • entsprechenden Holzvorrathe, während hier der 
Holzvorrath bei einem Bestandesalter von wenigstens 
60 — 80 Jahren einer 5 — 8 jährigen Kultur mit mitt- 
lerer BestandeS'Bonität entsprechen wttrde. 

Der Boden ist überzogen mit einer ziemlich dichten 
Moosschicht. Unter der Moosdecke liegt eine circa 
10 c™ tiefe, ganz lockere Humusschicht, reine schwarze, 
sich kühl und feucht anfühlende Erde. Dieser schwachen 
Humusschicht folgt auf bedeutende, jedenfalls maß- 
gebende Tiefe der steinige Untergrund, bestehend aus 
meist ziemlich scharfkantigen Kalksteinen, zwischen 
denen wieder die schwarze Humuserde in einer Menge 
liegt, die ein kräftiges Wachsthum selbst tiefwurzelnder 
Hobsarten erklären könnte. 

Das Thermometer, in ein nur 60 c» tiefes Versuchs- 
loch gestellt, sank von der oberirdischen Lufttemperatur 
von 10 ^ C. am Schatten rasch auf 3^0. Diese rasche 
Temperaturabnahme wird offenbar bedingt durch kalte 
unterirdische Luftströmungen (Bergluft), wie solche 
im Kalkgebirg nicht selten sind, sich vielmehr häufig 
auch auf den Alpen des Kalkgebirges in den Milch - 
kellern fühlbar machen. 

In dieser raschen Temperaturabnahme liegt die 
nächstliegende Erklärung des auffallend langsamen 
Wachsthums des ganzen Bestandes. 

Der im Mineralboden ungünstig wirkende Einfluß 
der kalten Luftströmung wird paralysirt durch den 
vorhandenen Humus und durch den ungehinderten 
Lichteinfluß an der Oberfläche. So fristet die Roth- 
tanne Jahrzehnte lang ein serbelndes Dasein und das 
Resultat des fortwährenden Kampfes ist die pflanxen- 



B, Gerwer, Bündengrat. FrauenbdlfnhüUe. hll 

physiologisch immerhin interessante Erscheinung eines 
Rothtannen-Zwergwaldes, wie mir in dieser Ausdehnung 
und in dieser characteristischen Ausprägung kein 
zweiter bekannt ist. 

Th. Felber (Section Sentis). 



DUndengrai 

Der beklagenswerthe Unglücksfall am Dündengrat 
im Sonmier 1882 hat die Section Blümlisalp (Thun) 
veranlaßt, die Frage über Wegweiser an der kritischen 
Stelle zu erörtern. Nach Erwägung verschiedener 
Vorschläge imd Systeme wurde schließlich im Herbst 
1883 folgendes ausgeführt: Von der Grathöhe des 
Dündenpasses bis zum ßlümlisalpgletscher ist eine 
Reihe von Stangen (circa 12) gestellt worden, die 
6 Fuss über den Boden emporragen. Man hat 
also nur diesen Stangen zu folgen, um der Richtung 
sicher zu sein. Sollte etwa ein schwerer Nebel liegen, 
so möge der vom Kienthal tn's Kanderthal Ab- 
steigende, falls er nicht von Stange zu Stange sehen 
sollte, stets die Direction nach links einhalten — 
nach dem Oletscher — nur nie nach rechts abweichen, 
war's auch noch so verführerisch. Hier liegt der 
Fehler. Pfr. JR. Gerwer (Section Blümlisalp). 



FrauenbalmhUtte. 

Die Sectionen Blümlisalp und Burgdorf haben die 
Glnbhütte „Frauenbalm** an der „Wilden Frau", unfern 
dem Dündengrat, im letzten Sommer wieder hergestellt. 
Die Schneelast hatte die First gebrochen. Noch recht- 
rechtzeitig konnte der drohenden Gefahr gänzlicher 
Zerstörung der Hütte vorgebeugt werden. 

Eine schlimme Erfahrung wurde in der Hütte selbst 
gemacht; eine der dort zu allgemeinem Gebrauch vor- 

37 



578 Bedaetion. Zum Balmham-Panorama, 

handenen Wolldecken ist — wahrscheinlich von emem 
Unvorsichtigen — verbrannt worden. Wir wünschen 
dem Betreffenden, daß er nicht selber sei miteiii^flbn 
worden, möchten aber im Interesse Aller zu größerer 
Vorsicht mahnen. Wenn man in einer Htttte warme 
Decken za finden hofft und kriegt dann nur ver- 
brannte Reste, so ist das recht Si^erlich, nnd die 
anterhaltende Section hat ein Recht, sich zu beklagen. 
Wie die Hütten selber, soll auch deren Mobiliar 
dem Schutz der Reisend^en empfohlen sein. 

R, Genver, 



Zum Balmhftm-PaiiormBa 

Am Balmhom, das so ziemlich in der Mitte tmswes 
gegenwärtigen Clnbgebietes seinen zierlichen Schnee- 
giebel zu 3712°^ ü. d. M. erhebt, sind cinbistische 
Lorbeeren kaum mehr zu holen. Zwar kann nach 
C. T. Dent (Mountaineering in ^e old style. Alpine 
Journal Nr. 83) die erste Besteigung eines und desselben 
Berges wenigstens siebenmal gemacht werden, ohne an 
Werth wesentlich zu verlieren. Aber sogar alle ^ß^ 
verschiedenen ersten Besteigungen hat das- Balrahem 
schon durchgemacht : es ist mit und ohne Fahrtberiebt, 
mit nnd ohne Führer, im Winter und im Sommer» 
auf dem richtigen und auf dem „lätzen^ Wege be- 
stiegen, ja sogar schon als Paß überschritten worden. 
Schwierigkeiten bietet es auf dem gewl^hnlichen Wege 
von Schwarenbach über den Sagigrat bei normalen 
Witterungs- und SchneeverhSltnissen keine, dafUr aber 
gewährt sein Gipfel dem Bergsteiger, dem nicht Steiii- 
schlage und Lawinen, klaffende Schrunde mit wackeligen 
Schneebrücken, messerschaife Qräte und haarbreitea 
Entwischen aus dräuender Lebensgefahr, unerläßliche 
Bedingungen einer genußreichen Bergfahrt sind, eine 
Aussicht, wie kaum ein zweiter Gipfel dieser, Höhe 
in den Bemeralpen, und die schönste Partie dieser 



BedactUm. Bignasco. 579' 

Aussieht, der Blick auf die Berner- und Walliseralpen 
den das PaBorama unseres verehrten Clut^enossen, 
H. ZeUer-Homer (Seeticm üto) im Bilde wiedergibt, ist 
allein reichlicher Lohn für die geringe Mühe der Be- 
steigui^, die wir hiemit allen Glnbisten, die beim 
Uebergang ttber die G^mmi einen Tag znr Verftlgnng 
haben, als eine der dankbarsten nnd leichtesten Hoch- 
teuren empfehlen. Auf dem gewöhnlichen Wege nimmt 
sie, Halte und Rilekweg abgerechnet, etwa & Stunden 
m Anspruch. Ueber die anderen Wege, vom Alteis 
über den Orat und vom Oasterenthal ttber die Felsen 
des Nordabsturzes vergl. Jahrbuch X, pag. 311, 
Studer: üeber Eis und Schnee IV, pag. 104 und 
Alpine Journal X, pag. 385. D, Red. 



BIgnasco. 

Einem Wunsche Mr. A. Cust's A. C. entsprechend, 
bringt die Redaction den Mitgliedern des S. A. G. 
zur Kenntniß, daß in Bignasco (Yalle Maggia, Tessin) 
im letzten Sommer ein neuer Gasthof, Hotel du 
Glacier, eröffnet worden ist, der als Standquartier 
fttr Ausflüge in den Tessineralpen dienen soll. Zwar 
fehlte es bisher in dieser Gegend keineswegs an 
Unterkunft und der Schreiber dieser Zeilen hat lange 
vor der Eröffnung des Hdtel du Glacier sowohl in 
Bignasco, wie in dem nahen Cevio leidliche Herberge 
gefunden ; aber was dem Touristen allenfalls für eine 
Nacht genügendes Unterkommen bietet, eignet sich 
deshalb doch nicht immer als Quartier ftir einen län- 
geren Aufenthalt und flir einen solchen ist Bignasco 
namentlich im Spätsommer vorzüglich geeignet. An 
der Vereinigung von Yal Broglio und Yal Bavona 
zur Yalle Maggia, so recht im Kern der Tessiner- 
alpen gelegen, vereinigt Bignasco die wilde Groß- 
artigkeit der Alpen mit italischem Himmel und südlich 



580 G. Bugnum. 

ttppiger Vegetation, und ein so gründlicher Kenner 
der italienischen Bergwelt, wie D. W. Freshfield, der 
Yerfasser der ^Italian Alps^, sagt, Bignasco verdiene 
einer der besnchtesten Pnnkte Europas zu sein. Die 
bequemsten Zugänge bieten, abgesehen von der Post- 
straße Locamo - Bignasco , die Saumwege über den 
Sassellopaß (231 6"*) von Airolo und ttber Campo lungo 
(2324™) von Dazio Grande aus. Beträchtlich länger, 
aber sehr lohnend, ist der Pfad von Ossasco im Be- 
drettothal über Forcia di Cristallina (2583") und 
durch die Felswildniß der Val Bavona. Der schönste 
Weg aber ist und bleibt der von den TosafäUen über 
den Basodin (3276™) nach S. Carlo und Bignasco. 

D. Red. 



Remarques sur l'ltin^raire de M. de Fellenberg. 

10 M. de Fellenberg ignore si les points suivants 
ont 6t6 gravis: 

a, Gletscherhom, 

h» Schneehom, 

c. Sommet 3000 k Touest de la Plaine Morte. 

Or on distingue clairement un Steinmännli sur 
ce demier point depuis la Plaine Morte ^) ainsi que sur 
le Schneehom. Par contre, le Gletscherhom est le seul 
sommet voisin de la Plaine Morte qui ne soit pas 
surmont^ d'un Steinmännli; il est donc peu pro- 
bable qu'on Tait gravi, d'autant que ce ne serait pas 
chose facile, je crois, depuis la Plaine Morte. 

2o M. de Fellenberg (p. 39 de Fltin^raire) en 
nommant le Schneehom ne donne aucun renseigne- 
ment k son sujet. 

Je ne Tai pas gravi, mais Tayant soigneusement 
examin^, soit du Rohrbachstein soit du Wildstmbel 
(sommet 3247), je crois pouvoir assurer que son 

^) Voir annnaire XVIII, pag. 107. Kote de la r6d. 



Remarques sur Vliiniraire de M. de FeUenberg. 581 

aecension ne pr^senterait aucnne difficnlt^, soit qu'on 
le graiit directement depuis le glacier de Plaine Morte^ 
8oit qu'on suivit TarSte qui le relie au Wildstrubel.^) 
Situ6 au centre du massif et dominant beaucoup 
plus directement le Länmierngletseher que le Wild- 
Btrnbel lui-mSme, le Schneehorn est probablement le 
meilleur point pour studier la partie occidentale de 
notre champ d'excursion. 

6. Bugnion (section des Diablerets). 



Remarques sur la feuille XVII de f Atlas Dufour 

au 1 : 100000. 

1^ D'apr^s le dessin du sommet 3000 (sans nom) 
k Tonest du glacier de Plaine Morte, on pourrait 
croire qn'il s'agit d'une t^te rochense ^mergeant su- 
bitement du glacier (comme la Tour S^-Martin). H n'en 
est rien, ce point 3000 (Sex mort ou Todtbom, an- 
nuaire XYIU, pag. 107) n'est qu'un monticule fort peu 
^lev^ au-dessus du glacier , et reli^ k celui-ci par 
une pente douce de n^v^s et non pas s^par^ du 
glacier par une paroi verticale comme celle qu'indique 
la carte. 

2<* Sur tout le bord m^ridional du glacier de Plaine 
Morte depuis le point 3000 au Länunemhom la carte 
ne porte aucune cote de hauteur et le dessin fait k 
peine pressentir que le glacier se rel^ve assez no- 
tablement vers le sud de mani^re k former quelques 
sommets (de peu d'importance ^ j'en conviens, mais 
cependant k peu pr^s aussi ^lev6s, je pense, que le 
Weißhom ou le Schneehorn, 3000 k 3100). 

G. Bugnion, 

II a 6t6 gravi: voir le rapport du D' K. Hemnann, 
annaaire XYIU, pag. 86. Note de la rM. 



68S BedaeUm, 

LTcho des Alpes 1883. 

Der 19. Jahrgang dieses Speciaiorgans unserer 
welschen Clabgenossen enthält zwei größere wissen- 
schaftliche Arbeiten: einen werthvoUen Bericht Ifter 
die Arbeiten des 8. A. C. am Rhonegletseher, ven 
Prof. Dr. F. A. Forel, und eine Studie über die Berg- 
krankheit, von Dr. W. Marcet, der in üeberein- 
stimmnng mit den Physiologen Paul Bert nnd Jonr- 
dannet mangelhafte Oxydation der Körperbestandtheile 
nnd dadurch bedingte Verringerung der Körpertem- 
peratur als die Ursache des üebels besdchnet, nnd 
zur Verhütung und Bekämpfung desselben allmllige 
Gewöhnung an den Aufenthalt in der Hochregion, 
zweckmäßige Ernährung (Milch mit Kaffee oder Thee, 
Butter, Käse, wenig Fleisch) und den Oenuß von 
Kaliumchlorat (Kali chloricum) in wiederholten Dosen 
von 40 — 50 Ggr. empfiehlt. An diese Abhandlungen 
reiht sich eine Notiz von Herrn E. Combe über Baro- 
meter und von demselben Autor eine witzige „Reflexion 
sur le style dans les röcits de courses'^, welche an 
dem Schablonismus mancher Fahrtberichte schneidende, 
aber nicht unberechtigte Kritik übt. Von den Reise- 
schilderungen sind hervorzuheben diejenigen der Herren 
Dr. Gart, Thury und Wanner. Der erstere beschreibt 
in lebendiger, sehr ansprechender Weise seine Reise 
zum alpinen Oongreß von Salzburg (1882), welche 
ihn und den Vicepräsidenten des S. A. C. über Flttela, 
Ofenpaß, Wormserjoch und Stilfserjoch nach Bozen, 
dann in die Dolomite SUdtyrols und zu den Hohen 
Tauem, endlich von Lienz durch das Pusterthal und 
tlber den Brenner an den Congreßort führte. Leider 
war das Wetter den beiden Reisenden nicht günstig 
und machte die meisten Besteigungsprojecte zu Wasser. 
Die Berichte der Herren Thury und Wanner ftthren 
ims in den nordöstlichen Theil des Montblancmassivs, 
in das Revier der Cabane d*Omy, von der aus die 



lAterarisches. 583 

Ovande und die Pellte Fonrche, die- Aigaille du 
OhM*iaittiet and die Aignille de la Yarappe (vergl. 
pig. 519) bestiegen wnrden. Nach Herrn Thory's 
Angabe weist das Blatt 529 (Orai^res) in dieser 
Gegend einen nicht unbedeutenden Irrthum auf, indem 
der von der Grande Fourehe zur FenStre de Saleinäz 
verlaufende Felsgrat su eliminiren und statt desselben 
ein Grat von der Petite Fourche östlich bis zur 
Fenfitre einzuzeichnen wäre. Den übrigen Inhalt des 
reichhaltigen Buches ^ dem vier Illustrationen bei- 
gegeben sind» bilden kleinere Fahrtberichte (Zermatt 
und Riffel im Winter, Sagro in den Apuanischen 
Alpen, Charmant 8om, Buet etc.), Miscellaneen, biblio- 
graphische Notizen und Besprechungen, Fest- und 
Geschäftsberichte und Seetionsnachrichten, voA denen 
der mit £. B. bezeichnete Bericht der Section Diablerets 
in Nr. 3, pag. 198 und 199, ein paar Worte der 
Berichtigung erfordert. Es heißt in demselben bei 
der Besprechung der clubistischen Leistungen der 
Section: „Je citerai en particulier M. G. Bugnion, 
^tud., qui a explor^ consciencieusement le champ 
d'excursion aux environs du Wildhorn et du Wild- 
stmbel et qui y a pii relever quelques inexactitudes 
dans VlÜniraire de M. de Felletiberg/' Es kam 
nun dem Unterzeichneten vor, wenn man von „inexacti- 
tudes^ des Itinerars sprechen wolle, so müsse man 
dieselben namhaft machen und berichtigen, statt sich 
mit einem allgemeinen Ausdruck ohne Begründung 
zu begnügen. Herr Bugnion wurde deshalb um Aus- 
kunft über die „inexactitudes^ gebeten und hat dieselbe 
bereitwilligst durch einen Brief und die Uebersendung 
einiger Notizen für die kleineren Mittheilungen ge- 
geben. In dem ersteren schreibt er: „M. E. B. 
vouB a induit en erreur par un lapsits pennae .... 
Je n'ai point relev6 d'inexactitudes dans Titin^raire 
de M. de Fellenberg, mais simplement ajout^ quelques 
renseignements de tr6s peu d'importance. Par contre 



584 BedacHon. 

j'ai relev^ certaines inexactitudes qni me semblent 
avoir qnelqne valeur snr la feuille XVII de i'Atlas 
Dafour.^ Die Notizen findet der Leser an anderer 
Stelle (pag. 580) dieses Jahrbaches, er kann sich 
daraus leicht überzeugen, daß da von keinen „inexacti- 
tndes^ des Itinerars die Rede ist and sein kann. Herr 
y. Fellenberg hat nirgends behauptet, das Schneehom 
und der Pnnkt 3000 an der Plaine morte (Sex mort^ 
Todthom) seien anbestiegen, sondern nur, es sei ihm 
von einer Besteigung nichts bekannt geworden.^) Es 
gab also da keine Ungenauigkeit zu berichtigen, sondern 
einfach eine kleine Ergänzung beizuftigen. Herr 
y. Fellenberg ist jedenfalls der Erste, begründete 
Zusätze und Berichtigungen willkommen zu heißen, 
und hat ja auch pag. 3 des letzten Jahrbuches die 
Mitglieder des S. A. C. expressis verbis zur Einsendung 
allfälliger Bemerkungen aufgefordert; um so eher 
darf und muß er verlangen, daß sein Itinerar nicht 
durch vage, unbegründete Behauptungen der Ungenauig- 
keit bezichtigt werde. Wenn überhaupt von „inexacti- 
tudes^ gesprochen werden soll, so sind dieselben nicht 
sowohl im Itinerar, als in der unüberlegten Ausdrucks- 
weise des erwähnten Sectionsberichtes zu suchen, die 
übrigens selbstverständlich weder der Redaction des 
Echo noch Hrn. Bugnion, sondern einzig dem Autor 
des Berichtes zur Last fkut. 

D. Red. 



Alpine Journal. Vol. XI, N° 79—82. 

London 1883. Edit. W. A. B. Coolidge. 

Die vier im letzten Jahr erschienenen Hefte des Al- 
pine Journal enthalten 6 größere Berichte, welche die 
Schweizeralpen mit Einschluß der Montblanc- und der 



*} Pag. 37 des Itinerars; über die Besteigong beider 
Punkte B. Jahrbuch XVIII, pag. 86 und 108. 



Literariaehes, 585 

Disgraziagrappe betreffen. Mr. W. M. Conway, der 
Verfasser des trefflichen ^ Zermatt Pocket book^, be- 
spricht die Topographie des Weißgrats (vgl. Jahr- 
buch XVU, pag. 243, u. XVIII, pag. 172 u. 173), Mr. 
G. T. Dent schildert unter dem Titel : „ An old firiend 
with a new face'' mit dem ihm eigenen Humor die 
Besteigung der Aiguille du Midi über die Felsen der 
Chamonixseite ; Mr. W. P. Thomas beschreibt die Be- 
steigung der Aiguille du Chardonnet und Mr. C. D. 
Gunningham seine Winterfahrten in den Alpen (Mont- 
blanc, Aiguille du Tacul, Buet, Gol du G^ant, Gol 
du Tour, Theodul etc.) im Januar 1882. Die beiden 
andern, Mr. J. Stafford Anderson's Dent Blanche von 
der Zinalseite und E. Hulton's Disgrazia von der 
Nordostseite, sind in ihren Hauptergebnissen bereits 
in der Liste neuer Bergfahrten des letzten Jahrbuches 
erwähnt. — Aus den übrigen Alpengebieten sind zu 
erwähnen eine werthvoUe vergleichende Zusammen- 
stellung der Nomenclatur der Grajischen Alpen vom 
Montcenis-Tunnel bis zur Levanna von Mr. W. A. B. 
Coolidge, dem Redactor des Alpine Journal, eine 
historisch- kritische Arbeit Mr. D. W. Freshfield's über 
den Alpenübergang Hannibars, den er abweichend 
von der in diesem Jahrbuche pag. 381 u. ff. ent- 
wickelten Ansicht Dr. Dtibi's auf den Gol de l'Argen- 
ühre verlegt, und ein namentlich in topographischer 
Hinsicht interessanteer Bericht Mr. £. T. Gompton's 
über Touren in der Brentagmppe (Gima Tosa, Torre 
dl Brenta, Gima di Brenta etc.). — Ueber die Alpen 
hinaus in entlegene Berggebiete führen die HH. Rev. 
W. S. Green mit dem Schluß seines Berichtes über 
Berg- und Gletscherfahrten in Neu-Seeland (Mt Gook), 
Major Michell mit seinen Berg- und Jagderinnerungen 
aus dem Himalaya, W. G. Slingsby mit seinen Wander- 
skizzen aus Norwegen und F. W. Tuckett mit der 
Schilderung seines Besuchs des Pizzo d'Uccello und 
der Schlucht des Solco d'Equi in den Apuanischen 



586 SeiUtciian. 

^pen. Von den kleineren Mittheilongen aller Art, 
die neben den Verhandlnngeu des Alpine Clnb, lite- 
rariBchen Notizen, Nekrologen etc. den Rest der 
reichhaltigen Hefte ausfallen, sind herrorzoheben Mr. 
<7h. Barrington's (nicht Harrington's) Notiz Aber die 
erste Besteigung des Eigers 1857, Mr. D. W. Presh- 
field's Wanderskizzen ans den Meeralpen nnd F. 
Oardiner's Montserrat. Als Illustrationen sind bei- 
gegeben zwei Ansichten aus den neuseeländischen 
Alpen, ein besonders topographisch werthyolles Pa- 
norama des Weißgrates vom Pizzo Bianco aus nach 
einer Photographie von W. F. Donkin , eine Skizze 
des Disgrazia vom Sellapaß ans, ein Panorama und 
eine Kartenskizze der Brentagmppe. D. Red. 



Zeitschrift des Deutschen und Oesterreicbiscben Alpan- 

vereins. Jahrgang 1883. 

Balzburg 1883. 
Red.: Tb. Traatwein. 

Die drei im Jahr 1883 erschienenen Hefte dieser 
Zeitschrift enthalten neben den Beschlüssen der 
10. Generalversammlung des Deutschen und Oester- 
reichischen Alpenvereins in Passau, dem Jahres- und 
dem Rechenschaftsbericht und einer sorgHiltig detail- 
lirten Bibliographie der alpinen Literatur 1883 ein 
reiches Material theils wissenschaftlichen, theils touristi- 
schen Inhalts, das durch 22 Tafeln und 26 Textbilder 
illustrirt wird. Der Schwerpunkt ruht dieses Jahr 
hauptsächlich auf den wissenschaftlichen Arbeiten, und 
zwar sind namentlich zwei Richtungen bevorzugt wor- 
den, einerseits das Studium der Gletscher, ander- 
seits die Hochwasserft*age, die im engsten Causalnexus 
mit der Waldwirthschaft der Alpen steht. Dem Stu- 
dium der Gletscher sind 5 Arbeiten gewidmet. Prof. 
Dr. E. Richter in Salzburg, der Centralpräsident des 



Literarisches. 587 

Dmitechen und Oesterreichischen Alpenyereins , ver- 
^ffentfioht Beine Beobachtungen am Obersulzbacfa- 
gletscher (Kapruner Tfaal, Hohe Tanern) nnd gelangt 
-dabei im Wesentlichen za deneelben Resnltaten, wie 
HBBer Ohibgenosse Prof. Ferel. Die andern auf die 
Oletscherfrage bezüglichen Arbeiten sind F. Seeland's 
Stadien am Pasterzengletscher, 8. Glesin's Abhandlung 
flber die Moränenlandschaft der baierischen Hochebene, 
Dr. M. V. Frey's Untersuchungen über die Ursache der 
Oletscherschwankungen und Dr. F. Simony's Studie über 
den Bchlatenkees (Venedigergruppe, HoheTauem). Der 
Hochwasser- und Waldfrage, deren Dringlichkeit durch 
die Verheerungen des Herbstes 1882 klar genug an 
den Tag gelegt wurde, sind 4 Arbeiten der HH. Dr. 
B. A. Koch, F.Wondrak, A. v.Guttenberg und Freiherr 
▼. Raesfeldt gewidmet. Von den übrigen wissenschaft- 
lichen Arbeiten sind hervorzuheben H. C. Fruwirth's Ab- 
handlung über die H5hlen, L. Purtscheller's Skizzen 
aus der Naturgeschichte der Gemse und A. Spiehler's 
geschichtliche und culturelle Studien über das Lechthal. 
Der touristische Theil bewegt sich meist in den Ost- 
alpen. Hr. G. Euringer schildert die Cima d'Asta 
(Sfldtirol), Fr. v. Schilcher die Uebergossene Alm 
nnd den Hochkönig (Salzburger Alpen), Dr. J. Kugy 
den östlichen Theil der Julischen Alpen und Dr. V. Hecht 
Bergfahrten in den Julischen und den Camischen Alpen. 
In die Bergwelt des Vorarlbergs und der Silvretta- 
gruppe führen uns die HH. Dr. G. A. Koch und E. Zöp- 
pritz, und von besonderem Interesse für schweizerische 
Leeer sind: Dr. B. Wagner's vergleichende Betrachtung 
über Hochtouren in der Schweiz und Tyrol und die 
Besteigung des Finsteraarhoms vom Südgrat aus von 
G. Blezinger, der entschieden für die auch von unserem 
verehrten Veteranen Hm. G. Studer verfochtene Richtig- 
keit des Meyer'schen Berichtes über die erste Finster- 
aarhombesteigung eintritt. ^) Von den beigegebenen Ta- 

») Vgl. Jahrbuch XVll, pag. 407 u. ff. 



bSS BedacHon. 

fein sind zu erwähnen E. Richter^B Karte des Obersnlz- 
bachgletscherB^ 1880 und 1882, 1 : 5000, Dr. Kugy's 
Kartenskizze der Julischen Alpen, östlicher TheU^ 
und die Spezialkarte der Yenedigei^ruppe 1 : 50000, 
femer drei vorzügliche Lichtdrucke von Obemetter, 
das Panorama vom Gamsfeld im Salzkammergnt und 
die instructiven Ansichten des Obersulzbachgletschers 
im Herbst 1882 (von E. Richter) und des Schlatenkees 
1857 und 1883. Es wäre zu wünschen, daß jetzt, 
wo voraussichtlich für die Gletscher eine neue Wachs- 
thumsperiode eintritt, von allen wichtigen Gletschern 
solche genaue Ansichten des jetzigen Standes zur 
späteren Vergleichung aufgenommen würden. 

Dem geschäftlichen Theiie entnehmen wir, daß 
zu Anfang 1883 der Deutsche und Oesterreichische 
Alpenverein in 85 Sectionen 11,086 Mitglieder zählte 
(jetzt ist die Zahl der Sectionen auf 106, die der 
Mitglieder auf circa 12,000 angewachsen) und daß er 
in der beneidenswerthen Lage war, ftir seine Publi- 
cationen, Zeitschrift und Mittheilungen, 60 ^/o seiner 
Einnahmen , d. h. über Fr. 50,000 aufzuwenden. 
20 ^/o sind laut Beschluß der letzten Generalversamm- 
lung für Weg- und Hüttenbauten , 10 ^/o für Regie 
und ebenso viel für außerordentliche Ausgaben be- 
stimmt. Im Führerwesen bethätigt sich der Verein 
durch Yerabfolgung von Führerzeichen an erprobte 
Führer, Gründung von Führerbibliotheken und Führer- 
versicherung, letzteres unter Mitwirkung des Oester- 
reichischen Alpenclubs, des Oesterreichischen Touristen- 
clubs und der SocietA degli Alpinisti Tridentini. Der 
betreffende Vertrag mit der Unfallversicherungsgeseli- 
schaft Zürich wurde vorläufig auf zwei Jahre abge- 
schlossen. 



Literarisches, 589 

Oesterreichische Alpenzeitung. 

Nr. 105—130, V. Jahrgang, 1883. 
Red.: Jul. Meurer. 

Der Alpenclub Oesterreich hat ein bewegtes Jahr 
hinter sich. Im Anfang 1883 zählte er in seinem 
Stammsitz Wien und den Sectionen Rosatz und Krems 
1517 Mitglieder; zu Ende desselben Jahres betrug 
die Zahl nur noch 1035. Fast ein Drittel der Mit- 
glieder sind im Verlaufe des Jahres in Folge innerer 
Differenzen, namentlich auch wegen Erhöhung des 
Jahresbeitrages, aus dem Club ausgeschieden. Der 
Alpenclub Oesterreich hat demnach eine schwere Krise 
durchgemacht, aber er hat sie glttcklich überwunden ; 
daß er trotz der geringeren Mitgliederzahl an Kraft 
und Leistungsfähigkeit nichts eingebüßt hat, das be- 
weist in glänzender Weise der V. Jahrgang seines 
Organs, der an Reichhaltigkeit und Gediegenheit des 
Inhalts in dem kritischen Jahre nicht ab-, sondern 
zugenommen hat. Von den größeren Arbeiten, die 
jede Nummer enthält, sind die Mehrzahl den öster- 
reichischen Hochalpen gewidmet: Herr Redactor Meurer 
schildert in anschaulicher und instructiver Weise seine 
Wanderungen auf den Oetzthalerfernem (Ramoljoch, 
Wildspitz, Oelgrubenjoch, Weißseejoch, Weißkugel, 
erste Besteigung vom Langtaufererthal aus) und 
Dr. C. Diener knüpft daran eine Geschichte der Be- 
steigungen der Wildspitze und der Weißkugel. In die 
Ortlergruppe (Thurwieserspitze, Punta di S. Matteo und 
P. Tresero) führen uns die Herren E. Zsigmondy und 
L. Prochaska, in die Hohen Tauem (Hoher Tenn 
und Brachkopf) Herr L. Purtscheller, in das Dach- 
steingebirge Herr E. Geyer, in die Gruppe des Monte 
Ganin (Julische Alpen) Herr Eissler und in die Dolo- 
mite Südtyrols (Elfer- und Zwölferkogl, Marmarole, 
Foppa di S. Mattia, Sorapiss, Monte Pelmo, Pala di 
S. Martino) die Herren Emil und Dr. Otto Zsigmondy 



690 

und L. Purtachelleri deroa HoebtoareB (die mdsten 
ohne Führer) auch in der reichhaltigen Liste der von 
Mitgliedern des Alpenclnb Oesterreich 1 882 ansgeffflurten 
Bergfahrten (Nr. 106) nngefthr die Httlfte ausmachen. 
Von dem übrigen Alpengebiete kommen nur die Bemer- 
und Wallisenüpen in größeren Berichten zur Sprache. 
Frau Hermine Tauscher -Geduly schildert in der ihr 
eigenen anmuthigen, stimmungsvollen Weise die Be- 
steigungen des Eigers, der Jungfrau und des Finsteraar- 
homs, Professor Dr. H. Schulz die üebei^Snge ttber 
Petersgrat und Oamchilttcke und die Besteigungen des 
£igers und der Weißen Frau, und G. T. Dent A. C. 
bespricht in einem launigen Artikel ttber das Barg- 
steigen im alten Styl (Alpine Jonmal Nr. 83, Moun- 
taineering in the old style) seine 1870 und 1871 aus- 
geführten Bergfahrten auf den Balfrin und die Sttd- 
lenzspitze. Ueber die europäische Bergwelt hinaus 
in den Kaukasus führen una J. Müller in einer ¥oa 
D.W. Freshfield stellenweise eigSazten topographischen 
und ethnographischen Arbeit und Dr. B. v. Lendenfold 
mit seinen interessanten Berichten über die Südalpen 
Neuseelands (Hochstetter Dom) und dia Klippen Süd- 
australiens. 

Den übrigen Inhalt des Jahrgangs bilden die YereinB- 
angelegenheiten des Alpenclub Oesterreich, kurae Nanh- 
richten über neue Bergtouren, Weg- und Httttra- 
bauten u. dgl. und Notizen über alpine Literatur und 
Kunst. Es ist ein unbestreitbarer Vorzug der Oester- 
reichischen Alpenzeitung, daß sie in all' diesen Dingen 
vorzüglich unterrichtet ist und in. der Publication ^r- 
selben immer rüstig mit der Zeit Schritt häU» Wer sich 
rasch und sicher in alpinen Neuigkeiten alles Aitorien- 
tiren will, der erreicht seinen Zweck am. schnellBten und 
vollständigsten in der Oesterreichlschen.AlpenzeiteBg.. 
Damit aber die Eleganz der Form hinter der Ge- 
diegenheit des Inhalts nicht zurückbleibe, gibt, der 
Alpenclub Oesterreich, der in der letzten Oencnral* 



Literarisches, 591 

versammlang (23. Janaar 1884) den Namen Oester- 
reichiBcher Alpenclnb angenonunea hat, seit Neujahr 
1884 die Zeitung in neuer reicherer Ausstattung mit 
Illustrationsbeilagen heraus. Die Red. 



Oesterreichische Touristenzeihing. III. Wien 1883. 

Red.: £. Graf und A. SUberhnber. 

Der österreichische Touristenclub, dessen Organ 
die uns vorliegende Zeitschrift ist, bildet gewisser- 
ma.ßen eine Ergänzung zum Oesterreiehisehen Alpen« 
club. Hat dieser sich die Hochalpen zum eigentlichen 
Arbeitsfeld erkoren, so bewegt sich jener, ohne die 
Hochalpen zu vermeiden, doch mehr in den Vor* und 
Mittelalpen Oesterreichs und ist bestrebt, dieselben 
zu durchforschen und zu schildern, sowie deren Be- 
reisung durch Bau von Schutzhtttten und Unter- 
kunftshäusem, Anlage, Verbesserung und Markirung 
von Wegen und Regelung des Flihrerwesens zu er- 
leichtem und zu fördern. Der Touristenclub baut 
sich denn auch auf viel breiterer Baus auf als der 
Oesterreichische Alpenclub und zählt nach seiner Chronik 
des Jahrgangs 1883 in 28 Section^a 5208 Mitglieder^ 
ist also der zweitgrößte aller alpinen Vereine^ Von 
seiner erfolgreichen Thätigkeit legen sowohl die Oester- 
reichische Touristenzeitung, die je den 1. und 15. jedes 
Monats erscheint, wie die zahlreichen vom Club herauB- 
gegebenen TouristenfUhrer (vergU.pag. 614 dieses Jahr- 
buchs), die Chronik und der Touristenkalender beste» 
Zeugniß ab. Die 24 im Laufe des letzten Jahre» er- 
schienenen Nummern der Zeitnng machen zusammen 
einen stattlichen, in Druck und Papier gut ausgestatteten 
Band von 290 Seiten aus, dem zwei htlbsche Faao- 
ramen (vom Nussingkogel bei Windisch -Matrey und 
von der Brucker Hochalpe) beigegeben sind. Auf den 



592 Bedactian. 

reichen Inhalt der Zeitung näher einzutreten, gestattet 
uns der Raum nicht; nur so viel sei bemerkt, daß 
der Tendenz des Touristenclubs entsprecliend Schil- 
derungen von Land und Leuten und naturhistorische 
Skizzen und Bilder, namentlich auch Höhlenstudien, 
mehr in den Vordergrund treten als Beschreibungen 
von Bergfahrten, und daß wir unter den Mitarbeitern 
viele Namen von bestem Klange, zum Theil von euro- 
päischem Rufe finden. 



Societi degli Aipinisti Tridentini. IX. Annuario, 1882 — 83. 

Red.: Dr. C. Bodi. Rovereto 1883. 

Im Gegensatz zu den beiden oben erwähnten alpinen 
Gesellschaften Oesterreichs hat der Alpenclub des 
Trentino für sein Vereinsorgan die Form des Jahr- 
buches gewählt. Der uns vorliegende 9. Band dieser 
Publication ist ein Buch von 580 Seiten im Formate 
des Jahrbuchs S. A. C. und wie dieses mit Panoramen 
und Karten in einer Extrabeilage ausgestattet. Sowohl 
für seine Rekrutirung wie für seine Thätigkeit auf das 
verhältnißmäßig kleine Gebiet der Sfidtyroler-Alpen be- 
schränkt, hat der Verein neben den großen alpinen 
Gesellschaften Oesterreichs keinen leichten Stand, und 
wenn es ihm trotzdem gelingt, sich eine ehrenvolle 
Stellung zu sichern, so dankt er dies vorzüglich seinen 
eingehenden Specialstudien in den südlichen Tyroler- 
alpen, Studien, die natürlich ein Localverein, der sich 
strict auf seine Gegend concentrirt, leichter und gründ- 
licher besorgen kann, als ein über verschiedene Gebiete 
zerstreuter allgemeiner Verein. Auf solchen Special- 
Studien beruht denn auch hauptsächlich der Werth des 
9. Jahrbuches der S. A. T, Neben zwei Berichten über 
Bergfahrten im Adamello- und Presanellagebiet finden 
wir in demselben u. A. vier interessante Itinerarien 
aus dem Südtyrol : Dr. Riccabona bespricht die Gruppe 



IdterarischeB, 593 

der Pale di San Martino (Val Primiero), Dr. C. Boni, 
die Oegend von Rovereto und das Lagarinathal^ 
P. Giacomelli die Valle di Ledro, Don Baroldi die 
Valle di Fassa, and der werthvolle mineralogische An- 
hang (über die Zeolithe des Fassathals), welcher der 
letzteren Arbeit beigegeben ist, bildet den Uebergang 
za den wissenschaftlichen Arbeiten, von denen Dr. Fra- 
tini's Studie über die Entleerang des Lago nnovo di 
Gaoria and Dr. P. Orsi's Abhandlnng über die italische 
Gräberstätte von Pfatten (Vadena) im Etschthal speciell 
das Sttdtjrol betreffen. Dem geschäftlichen Theile, der 
nebst bibliographischen Notizen etc. und einem Verzeich- 
niß der vom Verein anerkannten Führer im Sttdtyroi, 
den Schluß des Baches bildet, entnehmen wir, daß die 
S. A. T. gegenwärtig 9 Ehrenmitglieder und 542 Mit- 
glieder zählt. Beigegeben sind außer dem Titelbild 
(Grozzon di Brenta und Tosa) 5 Panoramen und An- 
sichten und 10 Tafeln zu den Abhandlungen. 

D. Red. 



Annuaire du Club Aipin Franfais, neuviime ann6e 1882. 

Paris 188.S. 

Von den 20 Arbeiten, welche im 9. Jahrbuche des 
G. A. F. den Abschnitt Courses et cLscensions aus- 
machen, fallen 9 auf das französische Alpengebiet, 
4 auf ^e Pyrenäen und ihr südliches Vorland in Na- 
varra und Arragonien, 2 auf die Ostalpen (Salzkammer- 
gut und Hohe Tauem), je einer auf die Cevennen und 
die Berge von Corsica etc. Als besonders interessant 
sind unter den ersteren hervorzuheben die namentlich 
topographisch sehr werthvolle Monographie der Barre 
des Ecrins von Mr. F. Perrin, Mr. G. Leser*s Berg- 
fahrten und Besteigungen in der Pelvouxgruppe (Barre 
des Ecrins, Bec de THomme, Pic des Agneaux etc.), 
Mr. F. AmoUet's Fahrten in der Tarentaise (Pic de 
Sainte-H^l^ne, neuer Paß von Pralognan nach Tignes 

38 



594 Redaction. 

Ober die Gletscher von RoBolin and Grande Motte) 
und M. A. Vezian's geologischer Spaziergang von Sixt 
nach Ghamonix. In die Pyrenäen ftihren uns die 
Herren H. Russell^ E. Wallen, F. Schrader^ A. de 
Saint-Saad, in die Cevennen M. A. Lequentre, naeh 
Oorsica (Monte Cinto) Mr. E. Rochat. — Der Abschnitt 
Sciences et ArtSy unseren Abhandinngen entsprechend, 
zählt 11 Arbeiten, von denen die letzte, M. F. Per- 
rin's Abhandlung über die Etymologie des Namens 
Barre des Ecrins, zugleich eine Ergänzung zu der 
Monographie des ersten Theils und eine Abwehr der 
kecken etymologischen Sprünge Mr. H. Fen*and'B im 
8* annuaire ist. Unter den andern sind.zu erwXhnen: 
Prof. A. Danbr6e's Etudes exp^rimentales pour expliqaer 
les d^formations et les cassures qu'a snbies F^coree 
terrestre, eine höchst werthvoUe Arbeit mit zahlreiehen 
instructiven Versuchsabbildungen, M. A. Degrange- 
Touzin's Bericht ttber den Rückgang der Pyrenäen- 
gletscher, die beiden Berichte Oberst Goulier's und 
M. F. Schrader's über die dem Annuaire beigegebene 
Karte der Centralpyrenäen, M. H. Ferrand's Geschichte 
des Bergsturzes des Granier bei Ghamböry (1248), 
Mr. E. Cardot's Studie über die Ursachen der Hoch- 
wasser, als deren hauptsächlichste der Verfasser die 
Waldverwüstung bezeichnet, und gewissermaßen als 
Ergänzung dazu Mr. A. de Saint<Saud's Bericht über die 
Aufforstungsarbeiten bei Bartes (Pyrenäen). — Den 
Schluß des stattlichen Bandes bilden kleinere Mit- 
theilungen und der Jahresbericht der Centraldirection, 
dem zufolge der C. A. F. auf 15. Juni 1883 In 33 
Sectionen mit 7 Untersectionen 4688 Mitglieder eälilte. 
Die Ausstattung ist, wie gewohnt, in Druck, Papier 
und Illustration reich und gediegen, namentlich ist 
die Mehrzahl der nach G. Taylors Zeichnungen ans- 
geführten Holzschnitte als sehr gelungen bezeichnet 
worden. Von Karten sind beigegeben ein Kfirtcbeo 
des südlichen Ausläufers der Ecrinskette (1 : 80000) 



Lüerarisches, 695 

von H. Duhamel, zwei Kartenskizzen zu A. de Saint- 
Saud'B Fahrten in Navarra und Arragonien nnd als 
erste Nnmmer einer projeetirten Serie von 6 Blättern 
die oben erwähnte vorzügliche Karte der Central- 
Pyrenäen (1 : 100,000) von F. Schrader, in Curven 
und Farbendruck mit schiefer Beleuchtung. Red. 



Bollettino del Club Alpino Italiano per T anno 1882. 

Torino 1883. Red.: M. Baretti. 

Der 16. Band des Bollettino, der erste, der, statt 
in vierteljährlichen Lieferungen, als Jahrbuch erscheint, 
enthält außer den Verhandlungen der 15. Jahresver- 
sammlung des C. A. I. in Biella, Oropa und Gressoney, 
einem Bericht über die Theilnahme des C. A. I. am 
internationalen Congreß in Salzburg und einer Auf- 
zählung der unter der Obhut des C. A. I. stehenden 
29 Clubhtttten und 6 Bergwirthshäuser fünf Abhand- 
lungen, unter denen hervorzuheben sind : H. Budden's 
Studie über die Fischerei in den Bergen, A. Bruni's 
Itinerar der Apuanischen Alpen und M. Baretti's sehr 
werthvoUe topographische und geologische Abhandlung 
über den italienischen Abfall der Montblanc -Kette. 
Unter den Fahrtberichten finden wir, außer M. Sella's 
Bericht über die erste Besteigung des Deut du Göant 
In den Verhandlungen der 15. Jahresversammlung, drei 
«rste oder doch auf neuem Wege ausgeführte Bestei- 
gungen, die der Levanna von der italienischen Seite 
durch M. S. Simonetti, die der höchsten Spitze des Pizzo 
Rodes in den Bergamaskeralpen von A. Nievo und 
die des Sasso dl Mur in den Südtyroler Dolomiten von 
D. Diamantidi. Von den anderen Bergfahrten sind 
ssü erwähnen G. Anelli's Besteigungen im Aostagebiet 
(Breithom^ Grand Paradis, Montblanc), C. Fiori's und 
C. Batti's Fahrten in den Cottischen Alpen und der 
Pelvouxgruppe (Punta Ramiöre und Boucier, Monte 



5d6 Bedaetion. 

Granero, Barre des Ecrins), L. Barale's Besteigiing 
der mittleren Aigoille d'Arve o. 8. w. Als IHustrationen 
sind beigegeben ein großes Panorama der Montblanc- 
Kette vom Monte Bemarde bei Cormayeur ans, eine 
Ansicht und zwei Profile der Dent da G^ant ond 
eine Ansicht der mittleren Aigoille d'Arve. Neb^ 
dem BoUettino publicirt der C. A. I., welcher auf 
25. Januar 1884 in 33 Sectionen 2701 Mitglieder 
zShlte, die Rivista Alpina Italiana in monatlichen 
Nummern. Die Red, 



Tavole Prontuario, per la misura delle altezze ool 

mezzo del barometro. 

Bous ce titre, M. F. Saline, membre du club alpin 
Italien, expose une m^thode toute nouvelle d'interpr6ter 
les indications du barom6tre pour la mesure des alti- 
tudes. C'est, dit-il, apr^s huit ann^s d'obseryations 
faites au moyen des donn^s des stations m6t^ro- 
logiques ^ley6es de Valdobbia et du Stelvio, comparöes 
k Celles de la Station basse d'üdine, qu'il est arriv^ 
k ces conclusions : 

Que les variations de la colonne barom^trique 
d^pendent directement des lois de Fattraction univer- 
selle ou terrestre et des distances de la terre au soldl. 

Que les corrections k apporter aus calculs faits 
d'apr^s la hauteur du barom^tre varient avec ces 
distances et par cons^quent avec les saisons. 

Que la tempörature n'est qu'une expression approxi- 
mative des dites saisons et que par suite les correc- 
tions bas^s sur la temp^rature sont empiriques. 

A rappui de sa th^orie, Fauteur donne deux tables. 

L'une, Celle qui traduit en m^tres les indications 
millim6triques du barom^tre, est caiculöe avec le 
co^fficient 19251 au lieu du coSfficient 18393 de La- 
place. L'autre indique les corrections k faire qui varient 



Literarisches, 597 

de -|- 3,29 %y au commencement de joillet, k — 3,40 %j 
au commencement de janvier. 

Cette throne, tr^s clairement e]q[>os6e, mMte 
examen. 

E. Combe (Diablerets). 



Le$ Legendes et la Mythologie de nos Alpes vaudolses. 

(Quatre conförences par M. A. Ceresole.) 

Es wird den zahlreichen Freunden schweizerischer 
Alpensagen lieb sein, zu vernehmen, daß Herr Pfarrer 
A. Ceresole in Vevey, der Verfasser der interessanten 
Artikel über die Legenden der Waadtländeralpen in 
den Jahrbüchern XVII und XVUI, eine Sammlung 
dieser Sagen in Buchform herausgeben wird. Das Buch 
soll, illustrirt von dem bekannten Maler Eugene Bur- 
nand, Ende 1884 bei Imer in Lausanne erscheinen 
und wird, nach einer allgemeinen Einleitung, in Prosa 
und in Poesie, in französischer Sprache und im Patois 
der Waadtländer Berge folgende Capitel enthalten: 
1) Nos servants et lutins, 2) nos Föes, 3) nos mau- 
yais g^nies, 4) legendes diverses. Da die beiden ersten 
Capitel den Lesern des Jahrbuches bereits bestens 
bekannt, so genügt wohl dieser Hinweis, um die 
Freunde der heimischen Sagenwelt auf das Werk auf- 
merksam zu machen und ihnen dasselbe bestens zu 
empfehlen. D. Red, 



Gerade bei Thorschluß eingelangt: 

1. Jul. Meurer: lUustrirter Specialführer durch die 
Ortler- Alpen (Wien 1884). 

2. Paul Christen: Rachisberg bei Burgdorf. Pano- 
rama (Burgdorf 1884). 

Die Redaction bedauert sehr, diese beiden Werke 
wegen verspäteter Einsendung nicht mehr eingehend 



S98 A. Franeke. 

besprechen, sondern nur kurz den Ifitgliedem des 
S. A. C. anzeigen zu können. Was im Jahrbnche zur 
Sprache kommen soll, maß spätestens bis Ende April 
einlangen. Jetzt, Ende Mai, ist es nur einem Zufall 
zuzuschreiben, daß es noch möglich ist, das reich- 
haltige, mit einer guten Karte und zahlreichen Illustra- 
tionen ausgestattete Itinerar der Ortlergmppe und das 
Panorama eines der schönsten Aussichtspunkte im 
unteren Emmenthal dem S. A. C. zu empfehlen. 

D. Red. 



Die alpine Literatur des Jahres 1883. ^) 

Zusammengestellt von A. Francke (Section Bern). 

Die Preise verstehen sich in Franken und Centinie«. 



!• Bficher und Zeitschriften* 

Alpenzeitungf Oesterreichische. Organ des Alpenclub 
„Oesterreich". Red. v. J. Meurer. 5. Jahrg. 1883. 
26 Nrn. Wien 10. 70 

Alpenzeitung, Schweizer, Red. von Pfr. Lavater. 
I. Jahrg. 1883. 24 Nrn. Zürich . . 5. — 



^) Za einem braaohbaren BüeherveraelehniS gehört An- 
gabe der Seitenzahl und des Preises. Wenn diese in nnaerer 
ZnsammensteUung hin und wieder fehlen, manche Titel sogar 
ganz yermißt werden, so Uegt dies daran, daß manche Selbst- 
verleger es versäumen, bachhändlerischem Brauch gem&6 
ein Exemplar ihrer Publioation an die ffinrichs*8che Buch- 
handlung in Leipzig behufe Anfiiahme in deren Kataloge ein- 
zusenden. Wir waren daher bei den im Selbstverläge von 
Sectionen oder Privaten herausgekommenen Erscheinungen 
anf das uns freundlichst mitgetheilte VerBeichniß derjenigen 
Publicationen angewiesen, welche im Laufe des verflossenen 
Jahres dem Centralcomite des S. A. C. gratis sind zugesandt 
worden. Es liegt auf der Hand, daß Selbstverleger sehr gegen 
ihr eigenes Interesse handeln, wenn sie nicht fUr Katalogi- 



Die cUpine Literatur des Jahres 1883. 69d 

Alpine Journal^ edited by W. A. B. Ooolidge. vol. XI. 
Nr. 79 — 83. London. 

Amrein, K. C. Bericht über Gruppe 36 der sehweiz. 
Landesausstellung in Zürich 1883. Kartographie, in 
Verbindung mit dem Relief- und Katasterwesen 
d. Schweiz, v. A. Heim u. J. Rebstein. Zürich 1. 25 

Angerer, J. Die Waldwirthschaft in Tirol. (43 S.) 
Bozen 1. 35 

Annitaire du Club Alpin Fran^ais, Neuvi^me ann6e. 
1882. (724 p.) Avec cartes et illustrations. Paris. 

IX. Annuario della societä degfa' alpinisti Tridentini. 
Anno sociale 1882/83. (Avec illustr. et cartes.) 
Roveredo 10. — 

Appßlachia, edited by the Appaiachian Mountain Club. 
Vol. m, n«- 1, 1882, et II, 1883. (100 p.) Boston. 

Associazione meteorologica italiana. Bollettino men- 
suale. Serie II. Vol. III. 12 numöros. Torino. 

— Bollettino decadico, ibidem. Anno XII, 1882/83. 
12 num6ros. 

Alias der Alpenflora, Herausgegeben vom deutschen 
und österreichischen Alpenverein. Nach der Natur 
gemalt von A. Hartinger, mit Text von K. W. 
V. Dalla Torre. Heft 16—30 (ä 14 Chromolith.). 

Wien k 2. 70 

(Für Ciubmitglieder zum halben Preise.) 



sinuig ihres Verlages sorgen, da Büeher, Karten etc., welche 
In k^nem Kataloge an finden sind, in der Regel bald vom 
Markte verschwinden. Znr Bekanntmachang aller in der 
Schweiz und im Aaslande über die Schweiz erscheinenden 
Bficher, Zeitschriften, Karten etc. empfiehlt sich die brief- 
liehe Ifittheilang des Titels, der Seitenzahl etc. an die Re- 
d^otion von H. Georg's „Bibliographie der Schweiz** in Basel, 
welche die Aufnahme anentgeltlich besorgt. Diese mit großem 
Sammelfieiße heransgegebene Monatsschrift bietet das yoU- 
stftndigste, fortlanfende Literaturbild der Schweiz. F. 



600 A. Frtmeke. 

Azeline, Garnet d'nn tonriste (324 p.). Neaeh&iei 3. 50 

Bädeker, K. The eastern Alpg. Handbook fortraTellers. 
With 25 maps, 12 plana and 7 pan. 5. ed. 
(XXX,. 427 p.) Leipzig, geb. . . .8. — 

— Southern Gennany and Austria, inclndlng Hnngary 
and Transylvania. Handbook for travellers. With 
13 maps and 28 plana. 5. ed. (XVI, 410 p.) 
geb 8. — 

— Mittel- and NorddeutschUnd, westl. bis znm Rhein. 
Handbuch ftlr Reisende. Mit 36 Karten, 40 Plänen 
und mehreren Qmndrissen. 20. Aufl. (XXX, 500 S.) 
geb 9. 35 

— Die Rheinlande von der Schweizer- bis zur holULn- 
dischen Grenze. Handbuch fttr Reisende. Mit 
29 Karten, 22 Plänen und mehreren Grandrissen. 
22. Aufl. (XXXn, 416 8.) geb. . . 8. — 

— Die Schweiz nebst den angrenzenden Theilen von 
Oberitalien, Savoyen und Tyrol. Handbuch ftr 
Reisende. 20. Aufl. Mit 32 Karten, 9 Stadtplänen 
und 9 Pan. (XXVHI, 479 S.) geb. . 9. 35 

— Le m§me en fran^ais. 14« 6d. (XXVHI, 500 p.), 
rel 9. 35 

— The same in EngHsh. 10. ed. (XXVHI, 466 p.), 
geb 9. 35 

Baumbach, R. Wanderlieder aus den Alpen. Mit 
Randzeichnungen von J. Stauffacher und einem 
Holzschnitt nach £. Heyn. (65 S.) Lieipzig, geb. 
mit.G 13. 35 

Bayherger^ F. Der Inngletscher von Kufstein bis Haag. 
Mit 15 Prof., Skizzen und einer Karte. (IV, 67 S.) 
(Ergänzungshefk zu Petermann's Mitth., Nr. 70.) 
Gotha 1882 5. 35 

Becker, F. üeber Karten und Reliefs und die Be- 
deutung der letzteren für den militärischen Unter- 
richt. (15 S.) Zürich . . . . — . 30 



Die alpine Liierat&r des Jahres 1888, 601 

Betfräge znr geolog. Karte der Schweiz. Herausg. von 
der geolog. Commission der Schweiz, natnrf. Oe- 
Bellschaft auf Kosten der Eidgenossenschaft. Bern. 
Blatt 17 (Vevey) z.Lfg.XXU. 1 : 100000. Fr. 15.— 
Lfg. XIX. Geologische Beschreibung der Kantone 
St. Gallen, Thnrgan und SchafFhansen, bearb. von 
Dr. A. Gutzwiller und Dr. Schalch. (VIII, 133 S., 
und Vm, 143 S. mit 4 Profiltafeln.) Fr. 25. — 
Lfg. XXYII. Erläuterungen zu den Arbeiten von 
H. Gerlach in den Blättern 17, 18, 22, 23 sttdl. 
von der Rhone. (13 S., 159 S. mit 1 Profiltafel, 
79 o.) ••..... 20. — 

Beobachtungen, WissenschafÜ., auf Reisen. Herausg. 
vom Verein für Erdkunde in Leipzig. Hefk 1: 
B. Peier, Anleitung zur Anstellung geogr. Orts- 
bestimmungen. A. V. Danckelmann f Meteorolog. 
Beobachtungen. (85 S.) Heft 2. C. Denhardt, An- 
leitung zu geogr. Arbeiten bei Forschungsreisen. 
(90 S. mit 2 niustr. und 1 Karte.) Leipzig ä 2 70 

Berlepsch, H, A. Die Rheinlande, Sttddeutschland und 
die Schweiz bis an die oberitalienischen Seen. 
18. Bearbeitung der Schweiz. Mit vielen Plänen, 
Ans. und Pan. (Vm, 204 S.) Zürich, geb. 3. 75 

— Die Gotthardbahn und die italienischen Seen. 
2. verb. Aufl. mit circa 40 Karten , PI. u. Orig.- 
Ans. (XVI, 218 S.) Zürich, geb. . . 5. — 

— Der GotthardfÜhrer. 2. Aufi. (129 S. mit Holzschn.) 
Zürich 1. 50 

Berns et ses environs, avec 1 carte, 1 pl. et 12 ill. 
(28 p.) Beme —.50 

Bernhardt, F. D. norddeutsche Diluvium eine Gletscher- 
bUdung. (in, 48 S.) Züllichan . 1. 35 

Billioiller. üeber die Einrichtung der meteorologischen 

Station auf dem Säntis. in „YierteUahrsschr. der 
natarforschenden Gesellschaft in Zürich". Jahrgrang 28, 
Heft 1. 



603 A. Fftmcke. 

Biollay, M.^ Skärg^ärd et Ko^kia. Eitrait da balletiB de 

la Sodötö de g6ogrraphie (3* trimestre 1882). (98 p.) 
Paris 1882. 

BoleUn de la Sociedad geografica de Madrid. Tomo XV. 
Madrid. 

BolletUno des Club Alpino Italiano per Taimo 1882. 
(286 p.) Torino 1883. 

Bollettino delia Sezione di Verbano del C. A. I. Sede 
in iBtra. 1881/82/83. (63 p.) Intra 1883. 

Bollettino della Sezione di Vicenza del C. A. I. 
YV volmne. Nr. 1*6. Vicenza 1883. 

Borovsky, F. A, Führer durch den Böhmerwald. Durch- 
ges. von J. Erejci. Mit 1 Karte des Böhmerwaldea 
XL. 1 PL V. Pilsen. (VIÜ, 235 S.) Prag, geb. 4. 30 

Breitenlohner. Wie MuhrbrUche entstehen , was sie 
anrichten und wie man sie bändigt. Mit 1 Tafel. 
(29 S.) Wien —.55 

Briefe vom Gumigel, 1 Pan., 2 Karten und meh- 
reren Illustr. (160 S.) Bern. Fr. 2. 50, geb. 3. 50 

Browne. On the causes of glacier-motion. in ^Pro- 

ceedings of tha Royal Society'' 222. 
Bulletin du Club alpin beige. N® 1. (32 p.) Bruxelles. 

— mensuel du C. A. F. 1883. 12 num^ros. Paris. 

— de la section du Sud-Ouest du C. A. F. N« 12. 
Bordeaux. 

— de la section des Alpes maritimes du C. A. F. Nice. 
Burnahy, F. The high Alps in winter,ormountaineering 

in search of health. (210 p.) London . 21. — 
Bumaty E. et A, Gremli. Catalogae raisonn6 des 

Hieracium des Alpes maritimes. (120 p.) (>en6ye4. — 
Butdeti mensual de la Associacio d'Excursions Gata- 

lane. Any VI. N^ 52 i 63. Barcelona. 
Caderasy G. F. Fluors Alpinas. Rimas. (185 8 ) Chur 3.— 
Chdteaux d'Oex et le Pays d'Enhaut vaudois par 

L. Divome etc. (220 p. avec 1 pl. et 13 fig.) Chl- 

teaud'Oex 2. 50 



Die alpine Literatur des Jahres 1883. 909 

Christ, H. La Flore de la Snisse et ses origines. 
Ed. ft-ang. trad. p. £. Tiöche^ revue par Fantear. 
(Xy, 576 p.) Bäle. Fr. 16, rel. . . 20. — 

Chronik des österr. Touristenclub. Jahrg. 1883. (118 8.) 
Mit 2 Beilagen. Wien. 

Clerc, Ch, Les Alpes frangaises. Eitude de g^ologie 
militaire. Avec 30 fig. et 1 carte. (224 p.) Paris 
1882 5. 25 

Cordier, A. A travers la France, Tltalie, la Soisse 
et r£spagne. (304 p.) Limoges. 

Cronaca della Societa alpina Friulana. Anno n. 1882. 
Red. O. Occioni-Bonaffbns. (262 p.) Carte et Illus- 
tration, üdine. 

Dohlhoff, J. Die Alpenbahnfrage in Frankreich und 

der Schweiz. Mit 1 Karte und Tafeln, in «Mitth. 
der k. k. geogr. GeseUschaft in Wien**. Bd. 26. Nr. 3. 

Dubais^ A. Croquis alpins. Promenades en Suisse et 
au pays des Dolomites. (526 p.) Lausanne 5. — 

Du BoiS'Melly, Ch, Nouvelles montagnardes, om^es 
de 58 dessins par G. Rouz. (371 p.) Gen^ve. fr. 12, 
rel. fr. 15, demi-veau .... 18. — 

Duverney, /. TJn tour en Suisse. lUustr. par K. Gi- 
rardet. (368 p.) Tours. 

Eben^ H, Kleiner Schwarzwaldführer für Tttbingeri 
Stuttgarter, Heidelberger und Straßburger Tou- 
risten. Mit 2 Wegkt. (VI, 90 S.) Tübingen. Fr. 1. 60, 
cart 1. 90 

L'Echo des Alpes, Publieation des sections romandes 
du C. A. S. 19« annöe 1883. 4 cahiers. Genöve. 
Par an Fr. 4, pour Tötranger . .5. — 

Europe, Rliisirated. Siehe Wanderbilder, Europäische. 
Zürich, k —.50 

L'Europe illustree. Siehe Wanderbilder, EuropSische. 

Favrat, L. Catalogue de la fiore vaudoise, par Du- 
rand et Pittier. Dans ^BnUetin de la Sociöt^ yandoise 
des sciences natnr.'' N° 88. 



604 Ä, Franekt. 

Favre, E. Revue gtologique Buisse pour rann^ 1882. 

Xm. Mle 2. 50 

Ferrandj H., et Chahrand. Orographie du Dauphin^. 

Orenpble. 
Ferrand, H. Le massif des Roasses. Orenoble. 
Flati, E, Der klimatische Knrort Mondsee. (Vm, 

160 SO Mit 1 Lichtdr. und 1 Karte. Wien 3. 60 
Fleischmanrij C. Wanderungen, Tomfahrten nnd 

Schülerreisen. Th. 2. Anleitung zu Tumfahrten. 

(50 S.) Leipzig 1. — 

Forelf F.'A, Essai sur les variations p^riodiques des 

glaciers. Dans „Matöriaax ponr Thist primlt et natar. 
de rhomme". tom. Xm. 1882. livr. 8. 9. 

Formier, A. Das Erdbeben der Schweiz. Hochebene 
vom 27. Januar 1881 (Bemer Beben). (30 S.) 
Bern 1. — 

Fremdenfuhr er j lUustr., durch Zürich und Umgebung. 
Mit circa 40 Ans. in Holzschn. von J. R. Müller. 
Nebst einem Plan der Stadt und Umgebung. (34 S.) 
Zürich —.40 

Fricker^ B. Wegweiser zu den Heilquellen und Kur- 
orten der Schweiz. (71 S.) Zürich, cart. 1. 50 

Führer, Kleiner, durch den bayr. Wald. (IV, 72 S.) 
Mit 1 Karte. Passau . . .1. — 

^— im Bober-Katzbachgebirge, verf. v. Riesengebij^- 
verein, Section Sch9nau. Mit 1 Karte. (VI, 48 S.) 
Warmbrunn — . 70 

— Illustr., durch Dalmatien längs der Küste von 
Albanien bis Korfu und nach den Jonischen luaeln. 
Mit 35 lUustrationen und 5 Karten. (XVI, 139 S.) 
geb. Wien 3. 60 

Ganghof er, L. Bergluft. Hochlandsgeschichten. (368 S.) 
Stuttgart Fr. 5. 35, geb. . . . 6. 70 

Gempeler, D. Sagen und Sagengeschichten aus dem 
Simmenthai. (143 S.) Thun . . . 1. 50 

V. Gi$e, L. Die Alpenvmrthschaft und ihr Betrieb. 
Kempten 1. 60 



Die alpine Literatur des Jahres 1883. 605 

Gita alipinistica. Alla Falterona. Relazione di Chifa- 
rino (Leonida Giovanetti). (46 p.) 1883. 

Glück auf! £in Jahrbuch für das Erzgebirge and 
seine Freunde. Herausgegeben von H. Rösch. 
Jahrg. 1884. Fr. 2, geb. . . . 2. 70 

Gmünd in Kämthen und seine Umgebung (Malta- 
und Liserthal). Herausg. vom Omündener Gebirgs- 
verein. (VI, 120 S.) Gmünd . . 1. 60 

Grafy J. H. Die kartographischen Bestrebungen Job. 
Rud. Meyers von Aarau. (120 8. mit 2 Tafeln 
Dreiecksnetze.) Bern . . . . 1. 50 

Green, W. S. The High Alps of New Zealand. 
London ...... 10. 35 

Gremli, A. Neue Beiträge zur Flora der Schweiz. 
3. Heft, (in, 52 S.) Aarau . . . 1. 25 

Grieben*» Reisebibliothek. Bd. 3. Thüringen. Prakt. 
Reisehandbuch. 12. Aufl. rev. v. G. Schmidt. Mit 
1 Routenkarte, 1 Gebirgskarte u. 4 Specialkarten. 
(Vm, 167 S.) Berlin, geb. Fr. 2. 70. — Bd. 12. 
Schweden, Norwegen und Dänemark. Prakt. Hand- 
buch für Reisende. Neu bearbeitet v. £. Jonas. 
6. Aufl. geb. Fr. 6. — Bd. 23. Die Schweiz. 
Prakt. Handb. ftLr Reisende. 10. Aufl. v. K. Bemer. 
Mit 1 Karte der Schweiz, 4 Plänen und 2 Karten, 
1 Pan. und vielen lU. (VEI, 265 S.) geb. Fr. 4. — 
Bd. 24. Die Schweiz. Kleine Ausg. Nach der 
10. Aufl. V. K. Bemer's- Führer. Mit 2 Karten. 
(Vm, 120 S.) Fr. 2. — Bd. 82. Thüringen. 
Kleine Ausg. Nach der 12. Aufl. des größeren 
Handbuchs. Mit kleinen Routenkarten. (VI, 76 S.) 
Fr. 1. 10. — Bd. 72. lieber den Brenner, Söm- 
mering und Gotthard nach Oberitalien. Mit be- 
sonderer Berücksichtigung der Städte München, 
Innsbruck, Bozen, Wien, Verona, Venedig, Mailand. 
3. Aufl. m. vielen PI. und Ktn. (VII, 202 S.) 2. 70 



606 A. Francke. 

Guide Chiari. De Milao i Lncerne par le S^-OoÜuurd 
et aux lacs Majeur, de Come et de Lugano. (VI, 
86 p.) Milan. 

Halder, A. Die Stiefelchen oder „Was sich in Inter- 

laken Alles treffen kann^. (162 S.) Bern 2. — 

Hammer, E. Versuch einer Geographie des Eises. 

Mit besonderer Rücksicht auf Gletscher, in „Ans 

allen WelttheUen'', 1883. Heft 5 und 6. 
Hann, J, Handbuch der Klimatologie. (X, 764 S.) 

Stuttgart 20. — 

Hartmanriy V. Das Thal des Weißensees in Kämthen. 

Mit 1 Karte. (50 S.) Klagenfurt . . 1. 35 
Herzog^ H. Schweiz. Volksfeste, Sitten und Gebräuche. 

(330 S., 1 Titelbild.) Aarau. Fr. 3. 80. geb. . 4. 80 
Hirsch, A. et E. Plantamour. Nivellement de pr^- 

cision de la Suisse, ex6cat6 par la commission 

g6od^sique fM6rale. livr. 8. (567 p.) Gen^ve 3. — 
Höfner, G. Die Tagfalter Deutschlands, der Schweiz 

und Oesterreich-Ungams. Analyt. bearb. Mit 1 Taf. 

(VI, 147 S.) Wolfsberg 1879 . . 2. 70 

Hunger, S. Ghur-Thusis-Bellaluna. Granbttndner Gen- 
tralbahn. (24 S.) Chur . . . . — ,50 

Jahrhvrch des Schweizer Alpenclub. XVIU. Jahrg. 

1882/83. Red. von A. Wäber. (X, 580 S. mit 

1 Karte, 2 Pan., 2 PL und 13 lUastr.) Bern. 

Fr. 12. geh 14. — 

— des siehenbürgischen Karpathenvereifns, III. Jhrg. 

1883. Mit 2 Bildern. ^251 S.) Hermamistadt. 

Jahresbericht des steirischen Gebirgsver eines. 1883. 
XI. Jahrg. Graz. 

JaniscK J» A. Topogr. -Statist. Lexikon von Steiermark 
mit histor. Notizen und Anmerkungen. H. 40 — 43. 
(2. Bd. S. 1057-1248 m. 8 Taf.) Graz k 1. 75 

Joachim., J, Aus Berg und Thal. Bilder und Ge- 
schichten aus dem Schweiz. Volksleben. 2. Bdch. 
(144 S.) Solothum . . . . 1. 20 



Die alpiite Idieratur dts Jahres 1883, 607 

hehl und seine Umgebungen. Mit 1 Anaicht, 2 PI. 
und 1 Karte des Salzkammergnts. 6. Aail. bearb. 
V. K. Genter. (121 S.) Gmunden . . 2. 70 

Kaderiy W. La ferroria del Gottardo ed i snoi din- 
torni, con 10 disegni. 2 pan. e carta. (120 p.) 
Lnzern 1. 50 

— Die Gotthardbahn und ihr Gebiet. Mit 10 Vollbild., 
2 Plan., Pan. und 1 Karte. (100 8.) Luzem 1. 25 

Kavmnermann, A, R^sum^ m^t^orologique de Tann^e 
1881 pour Genfeve et le Grand S*-Bemard. (45 p.) 

Gen^ve. Dans ^Archives des sciences de la Biblioth. 
nniverselle'*. 1882. Dfecembre. 
Kanzler, G. J. Wanderungen durch das Salzkammer- 
gut. Histor.-geogr. Skizzen. Mit 9 Tabellen und 
einem Namen- und Sachreg. (138 S.) Linz 2. 15 

Kartographie der Schweiz, die, in ihrer histor. Ent- 
wicklung dargestellt. Sohweiz. Landesausstellung. 
Zürich 1883. Specialkatalog der Gruppe 36. (98 S. 
mit 7 Tafeln.) Zürich . . . . 1. 25 

KiUias, Ed. Rhätische Kurorte und Mineralquellen. 
(90 8.) Chur 2. — 

V. Klipstein, A. Beiträge zur geolog. und topogr. 
Kenntniß der östl. Alpen. Bd. II. Abth. 3. (VIU, 
101 S. mit 3 Tafeln.) Gießen . . 6. 70 

Koch, F. W. Das schnelle Anschwellen der Gebirgs- 
wässer und Vorschläge zur Verhinderung derselben. 
Mit 1 Tafel. (39 S.) Trier . . . — . 95 

Koch V, Berneck, Af. Führer auf der Gotthardbahn 
und deren Zufahrtslinien. 2. Aufl. (III, 154 S.) 
Mit 1 Karte der Gotthardbahn, 2 Plänen und 
mehreren Ansichten. Zürich, cart. . 2. 50 

— Dasselbe englisch unter dem Titel: Guide to the 
Gotthard railway and its junction lines. 

— In 30 Tagen durch die Schweiz. 5. Aufl. mit 
Pan., Stftdtepl. und 1 Karte der Schweiz. (394 B.) 
Zürich, geb 3. 75 



WS A. Francke, 

Koch V. Bemeck, M. In 30 Tagen dnrch Süddentsch- 
land and Oesterreich. 2. Aufl. Mit Städtepl&nen 
und Karte. (VUl, 300 S.) Zürich, geb. . 3. 75 

Konschegg, V, Führer in AuBsee, Grundlsee, Alt-Aoaaee 
und Hallstatt. M. 1 Karte. (V, 128 S.) Wien 2. 70 

i;. Kottowüz, G. Der klimat. Winterkurort Areo in 
Süd-Tirol. (VI, 82 S.) Wien . . 1. 90 

Krieg, 0. lieber die Dobschauer Eishöhle und über 
Gletscherspuren im Riesengebirge. Vortrag. (39 8.) 
Hirschberg 1. 35 

Lampert, F. Der Würmsee oder Stambergersee. Mit 
108 Vignetten, einer Ansicht des Gebirges von der 
Roseninsel aus ges. und 1 Karte. 7. Aufl. (Vm, 
72 S.) München 1. 35 

Lehmannf F. W. P, Ueber neuere Resultate der 
Gletscherforschung, in „Globus**. Bd. 43. Nr. la 

Littrow, H, Die Semmeringfahrt. Reisebild in gemfithl. 

Reimen. (89 8.) Wien. Fr. 1. 90. geb. 2. 40 
— Von Wien an die Adria nach Triest und Fiume. 

4. Aufl. (IV, 3178. Mit Tafeln.) 4. — geb. 5. 35 
Lorenz, R. St. Veit an der Glan und Umgebung. 

Mit 1 Kärtchen. (55 8.) 8t. Veit a. d. Glan — . 80 

Lorinser, G, Botan. Excursionsbuch für die deutsch- 
österr. Länder und das angrenzende Gebiet. Nach 
der analyt. Methode bearb. 5. Aufl. Durchges. v. 
F. W. Lorinser. (CXVI, 565 8.) Wien . 8. — 

Mayenhergy J. Führer durch d. bayr. Wald. 4. verm. 
Aufl. M. 1 Karte. (IV, 212 8.) Passau, cart. 2. 70 

Mayer, R. Führer durch den südlichen Schwarzwald 
und Kaiserstuhl. Mit 4 Orientirungskarten. Neue 
verb. Aufl. (U, 141 8.) Freiburg i. B. . 1. 35 

Meurer , JuL Auf den Oetzthaler Fernem. (15 8.) 
Aus der Oesterreichischen Alpenzeitung 1883. 

Meyer^B Reisebücher. Hiu*z. 7. Aufl. Mit 6 Karten 
und 1 Pan. (X, 216 8.) cart. Leipzig . 2. 70 



Die alpine Literatur des Jahres 1883. 609 

A/eyer^B Reisebttcher. ItaHen in 60 Tagen y. Th. Osell- 
Fels. 2. Aufl. Mit Nachträgen bis 1883. Mit 
6 Karten, 18 PI. und Grundr. (XIV, 846 S.) 
Leipzig, geh 12. — 

— Schwarzwald-Odenwald-Bergstraße, Heidelberg und 
Straßburg. 3. Aufl. Mit 10 Karten, 5 PI. und 
Routennetz. (VIU, 202 8.) Leipzig, cart. 2. 70 

Meyer, Conr. Ferd. , Jttrg Jenatsch. Eine Bttndner- 
geBchichte. 4. Aufl. (352 8.) Fr. 4. — geb. 5. 35 

Mittheilungen des deutschen und österr. Alpenvereins. 
Red. V. Th. Trautwein. Jahrg. 1883. 10 Hefte. 
Salzburg und München . . . 5. 35 

— des nordböhm. Excursionsclubs. Red. v. A. Paudier. 
6. Jahrg. (L Heft, 96 S.) Böhm. Leipa 3. 35 

— der Schweiz, entomolog. Gesellschaft. Red. von 
G. Stierlin. 6. Bd. Heft 8 und 9. (S. 403—645.) 
Schaff hausen und Bern . . 5. — 

— der kais. kbnigl. geograph. Gesellschaft in Wien. 
Bd. XXV (1882) und XXVI (1883J. 12 Nrn. Wien. 

— des Vereins ftlr Erdkunde zu Halle a./8. 1882. 
(168 8.) Halle a.'S. 

Mohn, H. Grundztlge der Meteorologie. Die Lehre 
von Wind und Wetter. 3. verb. Aufl. Mit 23 Karten 
und 36 Holzschn. (XH, 359 8.) Berlin, geb. 8. — 

MtKtdock, J. E. The Alps, and how to see them. 
3. ed. rev. and corr. (428 p.) London . 6. 75 

V, MiUinen, E. F. Beiträge zur Heimatkunde des 
Kts. Bern, deutschen Theils. Heft 4. (359 S.) 
Bern 4. — 

MuUer, E. Das Riesengebirge und die angrenzenden 
böhmisch - schlesischen Gebirgszüge. Führer ftlr 
Badegäste und Touristen. 9. vollst, umgearb. Aufl. 
Mit lUustr., 1 Uebersichtskarte und 11 Spec.-Karten. 
(UI, 185 8.) cart. Berlin ... 2. 70 

— Der Thttringerwald. Führer ftlr Touristen und 
Badegäste. 12. neu bearb. Aufl. M. HL, 1 Ueber- 
sichtskarte und 19 Spec-Karten. (III, 208 8.) 
cart. Berlin 2. 70 

89 



, 



610 A. Francke, 

Mündel y K. DieVogesen. Ein Handbuch fUr Touristen. 
Auf Grundlage von Schricker's Vogesenflihrer neu 
bearb. Mit 13 Karten, 3 PI., 2 Pan. und meh- 
reren Holzschn. 3. neu bearb. Aufl. (XVII, 406 S.) 
geb. Straßburg 4. 70 

Murmelthier, das fröhliche. Dem 8. A. C. zum Jahres- 
fest 1883 gewidmet von der Section Bern. (31 S.) 
Bern. 

Musterplan für landwirthschaftliche Bauten in Tyrol. 
I. Für die Gebirgsgegenden Nordtyrols. Text von 
A. Trientl. Herausg. von der Sect. Innsbruck des 
Landeskulturraths. (21 8. mit 1 Taf.) Wien — . 80 

NaveZj L, En Suisse, Davos-Montreux. (160 p.) Bm- 
xelles 1. 50 

Navratü, F. Gries bei Bozen als klimat. Winter- 
kurort. (VI, 53 S.) Wien . . . 1, 35 

Noe, H. Toblach- Ampezzo und die Dolomite des 
Höhlenstein- Ampezzanerthales. 3. verm. Aufl. Mit 
8 lUustr. (47 8.) Klagenfurt . . 1. 35 

NusspickeVs, Herrn Privatier, Bergfahrt. (Neuer 
prakt. Rathgeber fUr Alpenreisende.) (24 8.) Co- 
burg 1882 —.80 

Odenwaldclub f Der. I. Jahresbericht des Central - 
ausschusses. Periode 1882 83. (VI, 104 8.) Beer- 
felden — . 55 

Opinions emesas sobre lo primer anuari (1881) y 
altras publications de la Associacio d^excnrsions 
Catalane. (50 p.) Barcelona. 

Perroud. Excursions botaniques dans les Alpee. 

1« s^rie. (136 p.) Bäle 1881. Fr. 3. — II« a^rie. 

(306 p.) Bäle 1883 . . . . 3. 50 
Pestalozzi, Th. Das Thierleben der Landschaft Davos. 

(56 8.) Davos 1. 50 

Petersen, Th. 8chutzhütten und Unterkunftahänser in 
den Alpen Europas. Plakat in Taschenformat ge- 
falzt. Frankfurt a.'M — . 55 



Die alpine Literatur des Jahres 1883. 611 

FhiUips-Wolley^ C, Savage Svanetia (Caucasus). 2 vol. 
London ...... 28. 35 

Plant, F, Alt-Meran und Zenoburg. Mit 2 111. (15 8.) 
Meran — .70 

Pietscker, S. Führer durch den Schwarzwald, Oden- 
waldy Kaiserstuhl, Randengebirge, Hegau, Donau- 
thal und die Ufergegenden des Bodensees. Reise- 
taschenbuch. Mit Gen.- und Specialkarten, Pan., 
Stadtplan und lUustr. (LXXXIV, 427 8.) Zürich, 
geh 5. — 

Preisverzeichniss der vom k. k. milit.-geogr. Institute 
in Wien aufgelegten Kartenwerke und sonstigen 
Druckschriften. Mit 16 Beil. (24 S.) Wien 1. 35 

Rahenhorst, L. Eryptogamenflora von Deutschland, 
Oesterreich und der Schweiz. 2. vollständig neu 
bearbeitete Auflage. I. Band. Pilze. Lfg. 10 — 13. 
(S. 625^922.) Mit Holzschnitten. Leipzig k 3. 20 

Rahl^ J, lUustr. Führer durch Salzburg, das Salz- 
kammergut und Berchtesgadnerland. M^t 50 Illustr. 
und 1 Karte. (VII, 304 S.) Wien, geb. 4. 80 

Reisebilder, Illustr. , aus Süddeutschland und der 
Schweiz. Nr. 1. Der Rheinfall bei Schaffhausen, 
von 8. Pletscher. (40 S. mit 3 Tafeln und 1 Karte.) 
Zürich —.50 

Richter, E, Der Rückgang der alpinen Gletscher und 
seine Ursachen, in „Ausland**. 1883. Nr. 38. 

Richter, Ed. Beobachtungen an den Gletschern der 

Ostalpen. I. Der Obersulzbachgletscher. 1880/82. 
(Ans der Zeitschr. d. D. n. Oe. Alpenv. 1888.) 

Ricardo della sezione Ligure del G. A. I. (329 p.) 
Avec illustrations. Genova 1883. 

RieseVs, Carl, Reiseblätter. Organ für den Reise- 
verkehr. Hotel- u. Bäder-Zeitung. 7. Jahrg. 1883. 
52 Nrn. {k 1—3 Bogen.) Beriin. p. Qu. 4. - 

Rivista alpina italiana. Periodico mensile del 0. A. I. 
Vol. II. 12 numöros. Torino. 



612 Ä. Frtmeke, 

Roads in Switzeriand. (HloBtrated.) in „The Eogtneer.*' 
1883. Nr. 1423. 

Rohracher, J. A. Die Hochwassenrerfaeerungeii im 
PoBterthale im Jahr 1882. Unter Mitwirkung der 
Section Bmneck herauBg. von der Section Hoch- 
pnsterthal des deutschen und Qsterr. Alpenvereins. 
Mit 4 Ans. (YHI, 55 S.) Innsbruck . 1. 35 

Sauer, L. Bilder aus dem bayr. Hochgebirge. Heft 1. 
Aibüng und dessen Umgebung. (48 S. mit Hlustr., 
2 Taf. und 1 PI.) Augsburg . . — .70 

Saint'Lager, Catalogue des plantes vasciculaires de 
la flore du bassin du Rhdne. (886 p.) Lyon^ cart. 

20. — 

V. SchlechtendaL f D. F. L., L. £. Langeihal und 
E, Sdienk. Flora von Deutschland. 5. Aufl. rev. 
von E. Ballier. Lfg. 75—103. (12. Bd. S. 33—372, 
13. Bd. S. 1—224, 14. Bd. 264 S. und 15. Bd. 
8. 1—176 mit 403 Chromolith.) Gera k 1. 35 

Schlichting, J. Ueber Wasserläufe der alpinen Schweiz. 
In „Deatsche Baazeitnng". 1883. Nr. 18. 

Schlossar, A. Steiermark. Bäder und Luftkurorte. 
Topogr.-histor. Skizzen. (VH, 292 8.) Wien 4. — 

Schnars, C. W. Die badische Schwarzwaldbahn von 
Offenburg über Triberg nach Singen (Ronstanz, 
Schaffhausen und Sigmaringen;. Mit 1 Ueber- 
Sichtskarte, 1 Bahn-Längenprofil, 20 Ans. und 
dem Plan von Konstanz. 3. Ausg. (XH, 216 S.) 
Heidelberg, geh 2. 70 

— Neuester Schwarzwaldftihrer. 2 Theile. 6. Aufl. 
Heidelberg, geb. k Fr. 5. 35. 1. Der nördl. 
Schwarzwald. Mit 3 Karten und 1 Plan von Kon- 
stanz. (XVI, 314 S.) 2. Der sttdl. Schwarzwald. 
Mit 3 Karten, 1 PI. von Freiburg und 1 Alpen-Fan. 
vom Höhenschwand aus. (XVI, 330 S.) 

Schreiber, P. Handbuch d. barometr. Höhenmessungen. 
(XX, 307 S.) Mit 1 Atlas. 2. wohlfeilere Titel- 
Ausg. Weimar 6. — 



Die alpint Literatur des Jahres 1883, 613 

Schröter, C. Die Alpenflora. (31 8.) Basel 1. — 

Schwarz^ Th. lieber Fels und Firn. Die Bezwingung 
der mächtigsten Hochgipfel der Erde durch die 
Menschen. (VI, 418 8.) Leipzig. Fr. 7. 20, geb. 8. — 

Seboth, J, Die Alpenpflanzen nach der Natnr gemalt. 
Mit Text von F. Oraf and Anleitung zur Kultur 
der Alpenpflanze in der Ebene, von J. Petrasch. 
Heft 43—46. Prag k . . . 1. 35 

V, Seckendorff, A. F. üeber die wirthschaftl. Be- 
deutung der Wildbachverbauung und Aufforstung 
der Gkbirge. Vortrag, gehalten im wissenschaftl. 
Club in Wien. (10 8.) Wien . . 1. 10 

— Verbauung der Wildbftche , Aufforstung und Be- 
rasung der Gebirgsgründe. (319 8. m. 122 Abbil- 
dungen und 1 Atlas von 35 Taf.) Wien 16. — 

Sella, AI. n Dente del Gigante. (8 p.) Avec illustr. 
Torino. 

Senn-Barbieux. Illustr. 8t. Oaller Führer. (64 8. m. 
Illustr.) 8t. Gallen . . . . 1. 25 

Sonklar, Edler v. Innstädten, C. Von den üeber- 
sehwemmungen. Enth.: Die Ueberschwemmungen 
im Allgemeinen, Chronik der Ueberschwemmungen 
und Mittel der Abwehr. (VHI, 151 8.) Wien 4. — 

Specialkatalog, Illustr., der Gruppe 36, Kartographie 
und Katasterwesen, der 8chweizer Landesausstellung 
1883. Herausg. von der Fachexperten-Commission. 
(100 8.) Zürich 1. 35 

— der Gruppen 27, 28 und 42, Forstwirthschaft, 
Jagd und Fischerei, 8chweizer Alpenclub der 
8chweizer Landesausstellung 1883. (139 8eiten.} 
Zürich. 

Stizenberger, E. Lichenes helvetici eorumque stationes 
et distributio. fasc. U. (XXIU, 8. 269-377.) 
8t. Gallen 3. — 

Stolzissi, P, ü. Der Attergau. Ein Vademecum bei 
Bereisung d. Attergaues. (30 8.) Vl)cklabruck 1. 10 



614 Ä. Franeke. 

Studer, G. lieber Eis und Schnee. Die höcbBten 
Gipfel der Schweiz und die Oeschichte ihrer Be- 
Bteigong. IV. (Sappl.-)Band. (XI, 392 S.) Bern 6. — 
geb 7. 50 

— Dasselbe. Bd. I — ^III. Neue bilL Ansg. in 1 Bd. 
Bern. Fr. 6. — , geb 7. 50 

Suess, Ed, Das Antlitz der Erde. ICit Abbild, und 
Kartenskizzen (in 3 Abtheil.). 1. Abtheil. (310 S.) 
Prag 13. 35 

Svtermeister^ 0. Schwyzerdütsch. Sammlung deutsch- 
Schweiz. Mundart-Literatur. Heft 13 — 22. Ztlrich 

k — . 50 

Tc^, Ein, in Salzburg. Kurzer Wegweiser für Stadt 
und nächste Umgebung. Mit PI. von E. Hettwer. 
(8 S.) Salzburg —.80 

Tappeiner, F. Studien zur Anthropologie Tirols und 
der Sette Conmiuni. (64 S. und 40 Tab.) Inns- 
bruck 8. — 

Tavole-prontuario da 1 a 5000 metri per la misura 
delle altezze col mezzo del barometro. Saggio di 
F. Salino. (24 p.) Belluno. 

Toldt, C. Zur Waldfirage in den österr. Alpengebieten. 
(24 S.) Prag —.25 

Tourist, Der. Unabhängiges Organ für Touristik, 
Alpen- und Naturkunde. Herausg. von W. JSger. 
15. Jahrg. 1883. 24 Nrn. Wien . . 13. 35 

Touristenführer. Herausg. vom österr. Touristenclub. 
Wien. Heft VI. A, Silherhnber und J. Rabl 
Führer auf den Semmering. Mit 1 Karte und 1 Pan. 
2. Aufl. geb. Fr. 3. 50. — X. F. Leeder. Der 
Schneeberg. Mit 2 Ans. und 1 Tab. geb. 1. 60 

— XL J. Frischauf, Ein Ausflug auf den Monte 
Baldo. Mit 1 Pan. u. 1 111. (IV, 34 S.) geb. 2. 40 

— XII. Führer durch Windisch-Garsten u. s. Um- 
gebung, Ober-Oesterreich. Mit 1 Pan., 3 lU., 1 PI. 
u. 1 Eisb.-Ktch., hrsg. v. d. Sect. Windisch-Garstea 
d. Oester. Touristenclubs. (40 S.) cart. 1. 60, 



Die alpine Literatur des Jahres 1883. 615 

geb. 2. 15. — XIU. J. Müller. D. Ober-Innthal 
u. d. Arlbergbahn. geb. 2. 70. — XIV. J. Rahl, 
Die Raxalpe. 2. Aufl. m. 1 Ans. u. 1 Kt. geb. 2. 40. 
— XV. J. Frischauf, GebirgsfUbrer. I. Abth. 
Oestliche Alpen. 3. Aufl. . . . 4. 80 

Touristenkalender, Oesterreichischer, f. d. J. 1883. 
2. Jahrg. hrsg. v. Oester. Tooristenclub in V^ien. 
(VIII, 129 S.) Mit 1 Portrait. Wien. geb. 3. 75 

Touristenzeitung y Deutsche. Zeitschr. f. Touristik, 
Geogr. u. Naturkde., Organ d. Verbandes deutscher 
Touristenvereine. Hrsg. v. Th. Petersen. 1. Jahrg. 
1883/84. 12 Hefte mit Holzschnitten. Frankfurt 
am Main 6. 70 

Touristenzeitung, Oesterreichische. Herausg. v. öster. 
Touristenclub. Red. Edmund Graf und A. Silber- 
huber. III. Bd. Nr. 1—24. Wien. 

Trautwein, Th. Südbayem, Tyrol und Salzburg, 
Oesterreich, Steiermark, Kärnten, Krain, Küsten- 
land u. d. angr. Theile v. Oberitalien. Wegweiser 
f. Reisende. 7. umgearb. u. erw. Aufl. m. Ergzgn. 
bis 1883. Mit 1 Uebersichtskarte d. Alpen vom 
Bodensee bis Wien u. Triest und 10 Spec.-Krtn. 
(XVI, 419 S.) Augsburg, geb. . . 6. 70 

V. Tschudi, J, Der Tourist in der Schweiz u. dem 
angrenz. Sttddeutschland, Oberitalien und Savoyen. 
25. Aufl. mit vielen Karten, Gebirgsprofilen und 
Stadtplänen. (LXXXVUI und 660 S.) St. Gallen, 
geb 12. 80 

üeher Berg und Thal. Organ des Gebirgsvereins 
ftlr die sächs-böhm. Schweiz. Im Auftrage des 
Centralausschusses red. von F. Theile. 6. Jahr- 
gang. 1883. 12 Nrn. Dresden . . 2. 70 

Vallentin, F. Les Alpes Cottiennes et Graies. Geo- 
graphie gallo-romaine. Av. 1 cte. Paris 3. — 

de Villeneuve, A. Suisse et Savoie, Souvenirs d'un 
touriste. (160 p.) Limoges. 



616 A^ Franeke, 

Vogt, C. Ed. DeBor. Lebenebild e. Naturforschere. 
(37 S.) BresUu — .80 

Vom Jura z. Schwarzwald. G^Bchichte, ^^^7 Land 
und Leute. Vierteljahrschrift, hrsg. v. F. A. Stocker. 
Aarau. Heft 1. (80 8.) pro 1 — 4 . .6. — 
einz. Hefte 2. — 

Vormann, W. H. Aub d. Fremdenbüchern y. Rigi- 
Kulm. (106 S.) Bern . . . . 1. — 

Val Beleno. Sonette auB der Alpenwelt. 2. Anflage. 
(XVI, 196 8.) Jena 3. 35, geb. . . 4. 70 

Wanderhüder, Enropftische. Nr. 36. Die Vitznan- 
Rigibahn, von M. A. Feierabend. (32 8.) Ifit 7111. 
38. 39. Bad Krankenheil-T91z im bayr. Hoch- 
lande, Y. G. Schäfer. (62 8.) Mit 13 111. u. 1 Kte. 
40. 41. Chanx- de -Fonds, Locle, Breneta und 
ihre Umgebungen. (48 8.) Mit 17 111. und 1 Kte. 
51. 52. Der Bttrgenstock, Yon Dr. W. Gubasch, 
(48 8.) Mit 10 m. u. 1 Kte. 53. 54. Neuenbürg 
u. Umgebung, y. A. Bachelin. (42 S.) Mit 20 Hl. 
u. 1 Kte. 57. 58. Chur u. b. Umgeb., you Dr. 
E. KiUias. (55 8.) Mit 19 Hl. 59. 60. 61. Oeater- 
reichiBche Sttdbahn. Die KXmthner-Pusterthaler- 
Bahn. Seen der Sttdalpen, Gletscher der hohen 
Tauem, das Reich der Dolomite, Yon Dr. H. Noö. 
(120 8.; Mit 51 lU. und 1 Kte. 62. 63. 64. Oester- 
reichische Sttdbahn. Von Deutschland nach lallen. 
Die Brennerbahn, Yom Innstrom zum Gardasee, von 
Dr. H. N06. (121 8.) Mit 52 Illustr. und 1 Kte. 
Zttrich, k —.50 

Wanderbuchj Neuestes, f. d. Riesengebirge. Hdbch. 
ftlr Sommergäste u. Touristen im Riesen-, Iser- u. 
Waldenburger-Gebirge. Mit Abbildungen u. 1 Kte. 
6. Aufl., bedeutend Yeimehrt u. y. Riesengebirgs- 
Verein berichtigt. (IV, 134 8.) Warmbrunn 1. 35 

Wanderhücher, Steirische. HI. Ennsthaler Alpen u. 
steirisches Salzkammergut Hrsg. y. FremdenYer- 
kehrs-Gomit^ d. steir. GebirgSYereins. (IV, 102 8.) 
Graz 2. 40 



Die alpine Literatur des Jahres 1S83. 617 

Wegweiser auf d. Gisela- und Salzkammergntbahn 
mit den Anschlttssen an Kronprinz Rudolf- und 
Südbalm. Mit 1 Kte. v. E. Hettwer. 5. bericht. u. 
ergänzte Aufl. (VUI, 88 S.) Salzburg . 1. 60 

Wüdy A. Am Zürcher Rheine. Taschenbuch für 
Eglisau u. ümgeb. 1 Th. (390 8.) Zürich 3. — 

Winhler, W, Flora d. Riesen- u. Isergebirges, m. 
Berücksichtigung der Yorgebirgsflora. Mit Er- 
gänzungsbeil. bis 1883. (VIU, 234 u. Nachtrag 
11 8.) Warmbrunn. Fr. 3. — , geb. . 3. 35 

Wissen^ Unser, von der Erde. Allg. u. spec. Erd- 
kunde. Hrsg. u. Mitwirkg. hervorragender Fachge- 
lehrter V. A. Kirchhoff. Bd. I. Allg. Erdkde. Bearb. 
V. J. Hann, F. v. Hochstetter u. A. Pokomy. Mit 
vielen Abbild, u. Kten. in Holzstich u. Farbendr. 
1. Abth. (274 8.) . . . . 18. — 

WoerVs Reisebibliothek. Der Ootthard einst u. jetzt. 
Vom Verfasser der ^Schweizer Alpen.^ Mit 111. 
(X, 292 8.) Würzbg. Fr. 6. — geb. . 6. 70 

— Reisebibliothek. Jenseits des Brenners. Ein Ferien- 
ausflug V. F. V. Hoflnaaß. Mit 8 Hl. (HI, 256 8.) 
Würzbg. Fr. 3. 35, geb. . . . 4. — 

— Reisehandbücher : D. Gotthardbahn. Ein Führer fOr 
Reisende. M. mehreren Kten. (168.) Würzburg — . 70 

Zeitschrift des deutschen und österr. Alpenvereins. 
Red. V. Th. Trautwein. 1882. H. 2 u. 3 (8chluß). 
(VI, 161—508 8. m. Fig. u. Taf.) 1883. H. 1 u. 2. 
(412 8. mit Fig. und 17 Taf.) 8alzburg und 
München k 5. 35 

Zürich u. s. Umgebungen. Ein Führer für Einhei- 
mische und Fremde. Nach d. neuesten Quellen 
bearb. Mit 1 PI. u. viel. Ans. (59 8.) Zürich 1. — 

Zürich und Umgebung. Heimatskunde. Hrsg. vom 
Lehrerverein Zürich. (V, 250 8.) Zürich. 4. — 
geb 5. — 



618 A. Fra$uike. 



II* Karten^ Bilder, Panoramen. 

Atlas^), Topographischer, des Königr. Bayern, bearb. 
im top. Bur. d. k. b. Generalstabes. 1 : 50,000. 
Bl. 45. (0. u. W.) 84, Rosenheim (W.). 91. Tölz 
(0.). München k Fr. 2. — , i. lithogr. üeberdr. il. — 

Atlcis^ Topographischer, der Schweiz. Im Maßstab 
der Originalaufnahmen durch das eidgen. Stabs- 
bureau unter der Direction von Oberst Siegfried 
veröffentlicht. Maßstab 1 : 25,000, Hochgebirge 
1 : 50,000. Lfg. XXI u. XXIII. Bern. In der 

Schweiz p. Blatt 1. — 

XXI. Bl. 250 Walensee, 273 Jenins, 274 Part- 
nun, 399 Muottathal, 403 Altdorf, 407 Amsteg, 
490 Obergestelen, 493 Aletschgletscher, 533 Mischa- 
bel, 534 Saas, 535 Zermatt, 536 Monte Moro. 
XXm. Bl. 69 Aadorf, 71 Bichelsee. 111 Balsthal, 
113 Wangen, 146 Höllstein, 148 Langenbruck, 
155 Rohrdorf, 214 Stemenberg, 219 Herisau, 221 
Schwellbrunn, 222 Teufen, 230 Wald. 

Alis Hen Alpen, Ansichten aus der Alpenwelt nach 
Aquarell- u. Oelgemälden v. F. Alt u. A. 2. Aufl. 
Lfg 3—7. Wien, k Fr. 10 70, einz. Blätter auf 
Carton Fr. 4. — , ohne Carton . . . 3. 75 

Baumgartner, A. Panorama v. üntersberg b. Salz- 
burg (1975 m.). 2. rev. Aufl. (12 S.) Salzburg 1. 10 

Beck, Jules. Hochgebirgs- Photographien. Sommer 

1883: 121 neue Aufnahmen k Fr. 1. 25 bis Fr. 2. 
Siehe im Artikel des Hm. J. Beck: f,Photog:raphle in 
der HoQliregioii'' in diesem Bande des Jahrbachs pag. 543, 
sowie im „111. Supplomentskatalog** des Hm. Beck. 
Becker, F. Erinnerung an den Luganersee. Ricordo 
del Ceresio. 6 Ansichten und Panoramen. Farben- 
druck in color. Umschlag mit 1 Karte. Bern und 
Lugano . . . , .2. — 



^) Alpine Blätter. 



Die alpine Literatur des Jahres 1883. 619 

Characterhüder, Geographische, f. Schule u. Haus. 
Hrsg. Y. J. Chavanne, V. v. Haardt, A. Kemer 
V. Marilaun etc. (Oelfarbendruck). Nr. 17 der 
Calvarienberg in der Adelsberger Grotte, Nr. 18 
. Thalspome b. Eronbarg im Oberinnthale. Wien. 
Einzeln k Fr. 8. — , auf Carton ... 9. 35 

Cherubini, cav. Claudio, Carta in relievo dei laghi 
lombardi e della ferrovia del Gottardo. Dimensione 
0,90:0,60. Torino . . . . 55. — 

— La meme en Photographie . . . 6. — 

V. Cramm, H, Vier Schweizerlandschaften mit Ge- 
dichten V. H. Tharau, Frankf. a. M. . 2. 40 

Deichmann, L. Karte v. Harzgebirge, nach e. Relief. 
1 : 200,000. Photogr. Lichtdr. Kassel . 1. 35 

Dickert, L. Reliefkarte von Central -Europa, nach 
Dr. MöhFs Wandkarte 1 : 1000 in zehnfach ver- 
stärkt. Vertikale modellirt, 140 Cm. im Geviert, 
2 Taf. Rheinbach. In Schulrahmen Fr. 266. 70, 
in Prachtrahmen 400. — 

Distanzen- u. Höhenkarte, Offizielle, der schweizer. 
Eisenbahnen. Hrsg. v. schweizer. Post- und Eisen- 
bahndepartement. 1 : 500,000. Bern . . 1. 50 

Donkin^ß Photographs of the High Alps. Formet 
7 : 4*8 Zoll ä 1 sh. 6 pce. Sommer 1883: 
Nr. 75 — 130. Standpunkte: a. Chamounix: Mon- 
tanvert-Hotel, Trölaporte, Aiguille du Meine. Unter- 
halb des Capucins Mont Mallet, Pic du Tacul, 
Dent du G6ant. Vom Montanvert nach Martigny. 
b. Wallis: Saas-Fee, Nadelhom, Fletschhom, Roth- 

hom, Wellenkuppe. Vergl. pag. 643, sowie Special- 
katalog (Spoones 379 Strand, London). 

Eisenhahnkarte, Kleine officielle, der Schweiz. Hrsg. 
vom schweizer. Post- und Eisenbahndepartement. 
1 : 500,000. Bern. Fr. 1. 50, auf japanesischem 
Papier Fr. 1. 60, auf Leinwand . . 3. 50 



620 A. Franeie^ 

Freytag, G. Special-Tonristenkarte der nieder-östeir.- 
sieir. Orenzgebirge. Nr. 1 Hochschwab, Hoehkohr, 
von Weichselboden bis Eisenerz. 1 : 50,000. 
Wien 3. 75 

— Wegmarkimngs- und Distanzkarte der Schneealpe. 
Hrsg. Y. d. alpinen Gesellschaft „D'Altenbeigeri" 
1 : 45,000. Wien 1. 10 

GcßhleTy E, Specialatlas d. bertihmtesten u. besach- 
testen Gegenden nnd Städte Deutschlands und der 
Alpen. 100 Ktn. 1 : 125,000. Bd. I. Lfg. 4—7. 
{k 4 Bl.) Braunschweig ä . . . 1. 35 

GroBf, C. Reisekarte v. Thüringen. 1 : 103,000. 5 BL 
Weimar i —.70 

Gross, R. Eisenb.-Karte d. Schweiz mit Angabe der 
Poststraßen, Dampfschifffahrts- u. Telegr.-Linien. 
4. Aufl. Zürich 3. — 

Hertel, A. Panorama v. Gastein. Text v. L. Pietsch. 
(23 S. m. Zinkogr. u. 3 Tafln.). Berlin . 1. 35 

Karte, Hypsometrische, vom Gebiete des Schneebergea 
n. d. Raxalpe. Heransg. vom mil.-geogr. Institut. 
1:75,000. Wien . . . . 4. — 

Karte vom Vierwaldstättersee, aus Berlepsch's Reise- 
buch f. d. Schweiz. Zürich . . . 1. 25 

Kraatz, L. Neue Reisekarte der Schweiz. 1 : 750,000. 
Berlin —.70 

Leeder, E, Wandkarte der Alpen. 1 : 750,000. 6 Bi. 
Essen. Fr. 13. 35, a. Lwd. in Mappe Fr. 22. 70, 
mit Stäben 26. 70 

Leuzinger's, R,, Billige Karte d. Schweiz u. d. angrenz. 
Länder, mit besond. Berttcksicht. der im Betrieb 
und im Bau befindl. Eisenbahnen. Nach Dufour's 
töpogr. Karte der Schweiz bearbeitet 1 : 400,000. 
Ausg. 1883. Bern. Fr. 2. 50, aufgez. . 5. -> 

— Neue Karte d. Schweiz, 1:400,000. Ausg. 1883. 
Bern. Auf jap. Papier Fr. 5, aufgez. . 8. — 



Die cilpine Literatur des Jahres 1863, 621 

Leuxinger's, R.^ Karte der drei oberital. Seen Lago 
maggiore, Luganer-See, Corner-See u. des Kantons 
Tessin. 1 : 300,000. Bern und Lugano 1. — 

Maschek sen., R. Neueste Touristenkarten. 1 : 129,600. 
BL 1. Salzburg, Berchtesgaden etc. 2. Gmunden, 
Ischl etc. 3. StejT, Waidhofen etc. 6. Oetzthaler 
Femer (nördl. Th.), Landeck etc. 9. Oetzthaler 
Ferner (südl. Th.), Meran, Ortler etc. 11. Riva am 
Qardasee etc. Wien k . . . 2. 70 

MicheVSf Chr,, Specielle Gebirgs-, Post- und Eisen- 
bahn-Reisekarte vom bayr. Hochlande, Salzburg, 
Nordtyrol, nebst Theilen der angrenz. Länder. 
1:600,000. 5. Ausg. München. Fr. 2. 40, col. 
Fr. 3. 35, aufgez 4. 80 

— Specielle Gebirgs-, Post- und Eisenb.-Reisekarte 
von Norditalien, nebst Theilen v. Krain, Kämthen, 
Tyrol u. d. Schweiz. 1 : 600,000. 4. Ausg. München. 
Fr. 2. 40, col. 3. 35, aufgez. . . 4. 80 

— Specielle Gebirgs-, Post- und Eisenb.-Reisekarte 
von Tyrol m. d. angrenz. Theilen von Bayern, 
Salzburg, Steyermark, Kämthen, Krain, Oberitalien, 
d. Schweiz, v. Baden u. Württemberg. 1 : 600,000. 
5. Ausg. Fr. 4, col. Fr. 6, aufgez. . 8. — 

Mtihlhacherf F, Panorama v. d. Zwieselalpe (Salz- 
kammergut), 1584 ". Herausg. v. österr. Touristen- 
club in Wien. Wien . . . . 2. 15 

Orientirungskarte d. bad. Schwarzwaldes f. Touristen 
von Appenweier bis Gonstanz. 1 : 200,000. (2 S.) 
Freiburg i/Br 1. 35 

Panorama von Nussing-Kogel bei Windisch -Matrei. 
Herausg. V. österr. Touristenclub. Mit Text 2. 15 

— V. d. Heuscheuer, aufgen. v. H. Schulze (4 Taf.) 
Reichenbach iSchl 2. — 

Panoramen von den schönsten Punkten des Eulen- 
gebirges. Gez. V. H. Schulze. M. e. Anh. : kleine 



622 A, Francke. 

Partien und halbe Tageetouren von Reiehenbach 
u. d. Eule n. d. Umgebg. (4 Taf. m. 4 S. Text) 
Reichenbach i Schi. Geb. . . .4. — 

Planta (Plan) della citta di Lugano. 1 : 5000. Bern 
und Lugano. In 2 Farben 80 Cts., in 4 Farben 1. 50 

Positionskarte v. Königr. Bayern. Bearb. im topogr. 
Bur. d. k. b. Generalstabes. 1:25,000. Nr. 582 
Leipheim, Nr. 638 Vöhringen, Nr. 639 WeüJen- 
hom, München k . . . . . .1. 40 

Reineckf R, Specialkarte v. Fichtelgebirge. 1 : 150,000. 
3. Aufl. Nebst Zusammenstellang der lohnendsten 
Fichtelgebirgstouren. (12 8.) Hof . 1. 10 

Renss, A, Karte v. Salzburg, d. Salzkammeigut und 
Berchtesgaden. 1:300,000. Wien . 1. 20 

V, Schedtty J, Karte d. österr.-ungar. Reiches, m. d. 
Grenzen d. Bezirkshauptmannschaften u. Comitate. 
1:1,000,000. 4 Bl. Ausg. 1883. Wien 16. — 

Seifertf M. Specialkarte des sächsisch - böhmischen 
Erzgebirges mit seiner Umgebung. 1 : 250,000. 
Annaberg 1. 35 

Seitz, J, Die Gotthardbahn. Album in Leporelloformat. 
19 Ansichten nach der Natur gez. In Mappe. 
St. Gallen . . . • . . . 2. 60 

Sellaf Vittorio. Hautes Alpes, photographies d'apr^ 

nature. S6rie 1883: Nr. 112—161, einige k Fr. 6, 

die meisten k Fr. 9. Standpunkte: Glacier de la 

Brenva, Olacier du Miage (A116e Blanche), Tiefen- 

mattenjoch, Stockjehütte, Zmuttthal, Dom(MiBchabel), 

Rothhom, Aig. du Midi, Vallöe Blanche, Mont 

Mallet, Glacier et Dent du G6ant, Gr. Jorasse, 

Cabane Linty, Gab. Gnifetti, ünterlicht. (Näheres 
Blehe ^ Photographie in der Hoohres^on", pag. 543, sowie 
im Specialkatalog, 1. Supplement.) 

Silberhuher, A. Touristenkarte des Wiener Waldes 
I. Bl. 5. Aufl. IL Bl. 3. Aufl. Wien k 1. — 



Die alpine Literatur des Jahres 1883. 683 

Simony, F. GletBcher-Phänomene. 1 Bl. in Lichtdr. 
m. Text. (24 8.) Wien . . . 5. 35 

Souveyiir du 8t. Gothard. 20 Ansichten in Holzschn. 
und Zincotypie. Zürich . . . 2. — 

Specialkarfe der österr.-iingar. Monarchie. Heraasg. 
vom k. k. militär. - geograph. Institute in Wien. 
1 : 75,000. Alpine und subalpine Blätter aus 
Steiermark, Krain, Istrien, Croatien und Slavonien: 
XVIII. 14. Gleichenberg. XXIII. 12. Gottschee 
und Tschemembl. 13. Jaska. 16. Daruvar. 18« 
Orahovica u. Benicance. XXIV. 9. Cittannova und 
Montona. 10. Pinguente u. Voloscä. 11. Fiuüie u. 
Delnice. 12. Altenmarkt u. Ogulin. 13. Karlstadt 
u. Vojni6. 14. Petrinja u. Topusko. 16. Pakrac 
u. Jasenovac u. d. Save. 17. Pocega und Neu- 
Gradiska. 18. Nasice u. Kutjevo. XXV. 9. Parenzo 
u. Rovigno. 10. Pisino u. Fianona. 12. Brinje, 
Ledenica n. Ostaria. XXVI. 9. Fasana. 10. Pola 
u. Lublenizze. 12. Zengg u. Otocac. k 1. 35 

Touristenkarte d. sächs.-böhm. Schweiz. Mit Umgd. 
von Bautzen, Friedland etc. 1:105,000. 2. Aufl. 
Dresden . . . . . . 1. 35 

V, Tschudiy J, Touristenatlas der schweizer. Eisen- 
bahnen. Neue, revidirte Auflage. 80 Kärtchen. 
St. Gallen 2. 80 

— Touristenkarte der Centralschweiz. 1 : 250,000. 
St. Gallen. Fr. 3. 60, auf Leinwand . 5. — 

— Touristenkarte der Schweiz. 1 : 800,000. St. Gal- 
len 1. 60 

— Kleine Touristenkarte V. Savoyen. St. Gallen 1. 20 

Tschudy, Aegidius. Aelteste Schweizerkarte, v. 1538. 
Reprod. nach dem einzigen Exempl., Eigenth. der 
Üniver8.-Bibl. zu Basel. 10 Bl. Zürich. Fr. 10, 
auf Leinw. ...... 20. — 



634 Ä. Franeke* Die alpme LUeraUir des Jahre$ 1883, 

üehersichtskafte, neue, von Gentraleuropa, resp. der 
österr.-imgar. Monarchie. Heransg. v. k.k. milit.- 
geogr. Institut. 1 : 750,000. Lfg. 4. 4 Blatt 
Wien Fr. 9. 65. Grenzcolorit ftlr 3 Blatt — . 40 

Umgehungskarte von Laibach. 1:75,000. Herausg. 
vom k. k. milit.-geogr. Institut. Wien. Fr. 2. 40, 
col 3. 50 

WaUenberger^ A, Specialkarte des Salzkammergnts 
u. d. angrenz. Gebiete. 1 : 225,000. Augsburg. 
Fr. 1. 60, aufgez 2. 70 

Welzhacher, C. Specialkarte d. Spessart. 1 : 100,000. 
3. Aufl. Frankfurt a/M. . . 2. — 

Ziegler, Wandkarte d. Kts. Zürich. 1 : 40,000. 6 Bl. 
Neu revid. Zürich 12. — 

— n. Wandkarte d. Schweiz. Neue Aufl. 1 : 200,000. 
8 Bl. Zürich 12. 50 



V. 

Chronique du C. A. S. 

ponr Tannöe 1883. 



40 



F8te annuelle ä Berne. 



PROCilS YERBAL 



DE LA 

XX« ASSEHBL^E DES D£LEGü£S Du S. A. C. 

A BERNE, 

i ]a salle dn ConBeil national, le 26 aodt 1888. 

La Böance est onverte i 2 h. 55 min. 



Prösidesce de M. Rambert, pr^ident central. 
Pr^nts: 

Section Aaraii: MM. Nenbnrger. 

„ Zofingen: „ Hans Seeberger, Architect. 
Appenzell: ^ Jean Sehmid. 
Basel : „ Fritz Hoffmann - Merian ; 

Karl Lfischer. 
Bern: „ von Fellenberg; Dr. DUby. 



71 
7) 

7) 

„ Bienne: „ Wartmann. 



Blttmlisalp: „ Pfarrer Oerwer. 

Bnrgdorf: „ Dr. Howald. 

Oberaargau: ^ Pfarrer Zimmermann. 

Oberland: ^ G. Knecht, Pr.; Kern. 



7) 

n 

j^ Wildhom: „ Pfarrer Httmer. 



628 



Chroniq%te, 



Section Mol68on: 
Genfeve : 
Tödi: 
Rhsetia: 
Pilatus : 



7» 

7i 

n 

V 

71 
7> 
V 
7i 
V 

v 

7) 
7i 
7) 
77 
71 



Neuchfitel: 
Mythen : 
St. Gallen: 
Alvier: 
Toggenbnrg: 
Titlis : 
Gothard : 
Monte Rosa : 
Diablerets : 
üto: 
Bachtel: 
Winterthur : 
Rossberg : 



MM. M. Fragniöre; L. Glasson. 
Em. Briqaet; Et. Mazel. 

B. Tschndi - Streiff. 
(absent). 
L. Zimmermann, Fürsprech; 

C. F. Prell. 

Monnier; J. Schelling. 
Carl Schaler. 
Iwan V. Tsehudi. 
Johann Rohrer. 
Pfarrer B. Sturzenegger. 
(absent). 

Mttller -'Jauch, Bezirkar. 
R. Ritz; Lor6tan. 
de Menron; Will. Ga^nod. 
Pfarrer Lavater; Fsrai. 
Pfarrer Seewer. 
Pfarrer Herold. 
(absent). 



71 
7i 
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71 
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77 
77 
77 
77 
77 
77 



I. M. le President souhaite la bienvenue aax 
döl6gu6s en faisant des voeux pour la bonne rönssite 
de l'assembl^e et des discussions. 

II. Comptes, M. le caissier central Carrard 
präsente les comptes approuT^s par les räviseurs, 
MM. Schelling et TrUmpi-Blumer; ils sont approuv^ 
k Tunanimit^. 

Recettes de 1882 . . frs. 16,572. 81 
D^penses de 1882 . . „ 14,725. 81 

Solde rcQU par le caissier frs. 1,847. — 

AnSl d^c.l881,lafortaneduS.A.C.^tait frB.13,682.16 

Au „ „ 1882, „,,„„„ „ 11,747,— 

Diminntion fra. 1,935.16 

m. Sont nomm6s scrutateurs MM. Dflbj et Briqaet. 
lY. Sont nomm6s röviseurs pour 1883 MM. Lttscher 
et L. Glasson. 



Chnmiqm. M9 

y. Fete de 1884. La section Oothard B^offre 
poar la föte de 1884. M. MtÜler-Jauch präsente, de 
la part de la Bection, comme prteident de föl» 
M. Miiheixn, dn co&Beil des Etats. L^aBsemfoi^ des 
^ük^gvL^» le d^ig&e comme teL M. le pr^sideat re- 
mereie la «ection Oothard de sa d^ision g^n^reuse. 

VI. Chemins de fer. M. Oarrard rapporte Bur 
les d^marchefl fkites aupi^s des compagnies de chemln 
de fer afin obtenir des prix r6dnits pour les clnbistes. 
Tandis qne dans les pays voisias les clubistes jouiBsent 
d'ayantages consid^rables, le comitö central n'a pas pu 
obtenir de concessionB notables. La S. 0. S. a cr^6 
des billets sp^cianx pour excursions dans le Valais, 
valables 8 jonrs et offrant un fort rabais. Les autres 
compagnies ont d^clar^ ne rien pouvoir faire, les billets 
collectifs et circulaires offrant d6jä suffisamment de 
facilit6s. La 8. 0. S. a d6clare que peut-6tre les autres 
compagnies seraient dispos^es k prendre d'autres 
mesures analogues k celles qu'elle avait d6jä prises 
si des itin^raires leur ^taient propos^s. 

M. Monnier remercie le comit^ central des d^marches 
faites et se d^clare satisfait. M. le pr^sident demande 
si quelque membre d^sire F^tude d'un itin6raire k 
proposer aux compagnies. 

M. Hoffmann demande que la question soit con- 
sid^r^e comme ^puis^e. 

Cette proposition est accept^e. 

VII. Champ d'excursions pour i884. Le comitö 
propose de maintenir le champ d'excursions actuel 
pour 1884. M. de Constant donne des explications 
k ce Bujet. 

M. de Fellenherg appuie cette proposition et 
estime qu'en gön^ral on doit conserver plus longtemps 
le mSme champ d'excursions. 

L'aBBemblöe d^ide de maintenir pour 1884 le 
m§me champ d'excnrsiöns. 



6M> CSuromque. 

yiU. Cireulaires, Le comitö central demande 
que les frais et soins d*exp6dition deB circulairf» Boient 
remis aox sections et non plus an oomitö central dont 
la Charge est döjA assez lourde. M. Briquet expliqae 
les raisons ponr lesquelles le comit^ central, alon 
qn'il 6tait k OtenhvBy a introdnit la mani^re de £ure 
actaelle: on yonlait en quelqae sorte foreer les sec- 
tions k hiter la röpartition des cireulaires parmi lenrt 
membres. 

M. Carrard motive encore la proposition da comiti 
central. — La proposition est adopt^. 

IX. Projet de concours, Le comitö central pro- 
pose de mettre an conconrs la pnblication d'nn mannel 
pratiqne traitant des dangers que penyent offnr les 
ascensions ; cette proposition est partie en principe de 
la section Oberland. 

M. Sturzenegger estime qu'avant la publiciition 
d*nn livre les sections devraient s'occuper de cette 
question ; un questionnaire envoy^ par le comit^ cen- 
tral anx sections recueillerait lenrs opinions et lenrs 
avis; Tassembl^e de 1884 d^ciderait. 

M. Kern estime que le questionnaire est inutile, 
le comit6 ayant ddjä pos^ ses questions par sa circu- 
laire. 

M. Monnier approuve la proposition du comitö en 
principe, mais il sc demande si Ton n'arriverait pas 
directement au but en chargeaut quelqu'un de la 
confection de ce manuel plutdt qu'en le mettant au 
conconrs. 

M. Hoffmann partage la maniöre de Toir de 
M. Monnier et propose de s'adresser directement k 
M. Studer. 

M. Ratnhert estime que la discnssion ne doit pas 
porter sur un nom propre; le comitö central s'est 
demand6 s'il ne voulait pas charger une personne de 
faire le manuel eu question, mais il a pens6 qu'il valait 



Chroniqine. 631 

mieiix ne pas procMer ainBi; le conconrs ne doit pas 
AYoir pour rösultat de couronner one (Buvre m^diocre; 
on ne donnera le prix qu'A iine ceuvre excellente; 
le conconrs garantit mieux la libert^ da comit6 central.' 

M. LavaJter est d'avis qu'il faut bien s'opposer 
anx t^m^ritös mais qn'nn livre et an conconrs sont 
inatiles, la caisse centrale ne devrait pas Stre charg6e 
d'one pareille d6pense. 

La proposition de M. Stnrzenegger mise anx voix 
est rejetöe. 

La proposition da comit6 central en principe mise 
aux voix est adopt6e. 

La proposition d'6yiter tont nom propre dans la 
question est adopt6e. 

La proposition de charger le comit6 central de 
Commander an oavrage aapr^s d'ane personne est 
rejet^e. 

La proposition da comit^ central teile qa'il Ta 
fonnnl^e est adopt^e. 

X. Assurance des guides, M. Carrard donne 
des explications sar les conditions et le nombre des 
assnrances. U est probable qne le contrat sera renoa- 
vel^ poar trois ans, comme il arait ^t^ concla poor 
la premiöre p^riode. Qaant k Tassarance poar les 
mois d^hiver, eile sera probablement abandonn^e, da 
reste eile n'a pas le m^me int6r§t poar le S. A. 0. 

Le proc^s verbal est la et adopt^. 

La s^nce est lev^e ä 5 h. 5 m. 

Le President: Le Secretaire: 

Eugene Rambeit W. Carl 



Protokoll 

der 

XX. G-eneralversaxnmluixg des S.A.C, 

am 26. Aagast 1883 im Großrathssaale ia Bern. 



PiitsideDt: Herr Radolf Lindt 



Herr Festpräsident Lindt eröffnet die Sitzung mit 
einer wannen Begrüßung aller Anwesenden und be- 
schreibt in seiner Eröffnungsrede die geschichtliche 
Entwickelung der Alpentouren und ganz besonders 
der Schülerreisen. Die höchst interessante und anregende 
Rede des Herrn Festpräsidenten, die in diesem Jahr- 
buch, pag. 356 u. ff. abgedruckt ist, wird durch leb- 
haften Beifall verdankt. 

Herr Professor Bambert, Präsident des Central- 
Gomit^s, gedenkt in seinem Berichte in warmen Worten 
der Verluste, welche der S. A. C. durch den Hinscheid 
der Herren Professor Peter Merian in Basel , Hauser, 
Advocat in Glarus, Javelle, Professor in Vevey, er- 
litten hat, und spricht sein Bedauern aus, der Mit- 
wirkung des Herrn B^raneck im Central-Comitö durch 
Abreise verlustig geworden zu sein. 



Die Jahresrechnnog ISßt ach foigendermaßen Auf- 
stellen: 

Einnabmen ... Fr. 16,572. 81 
Ausgaben . . . . ^ 14,725. 81 

Saldo Ft. 1,847. — 

Sämmtliche Bechnungen sind auf Antrag der Revi- 
soren genehmigt word^i. 

Mit allgemeiner Zustimmung wird die Mittheiimig 
begrüßt, daß die Bection Gotthard sich bereit er- 
klärt hat, das Jaliresfest flir 1884 mit Herrn Stände- 
rath Muheim als Festpräsident zu ttbemehmen. 

Weitere in der Delegirtenversammlung zur Be- 
handlung gekommene Fragen werden, da kein Wider- 
spruch erfolgt, als genehmigt betrachtet. 

Die Betheiligung des S. A. G. an der Landes- 
ausstellung in Zürich hat das Central-Comit^ in außer- 
ordentlicher Weise in Anspruch genommen. Durch die 
Vereinigung der Forst- und Jagdabtheilung erwuchsen 
Schwierigkeit^, welche den öfters in's gleiche Gebiet 
fallenden Ausstellungsgegenständen zuzuschreiben sind. 
Auch die Kunsthalle war ein gefährlicher Concnrrent. 
Trotz aller ungünstigen Umstände ist es dem Central - 
Comit^ dennoch gelungen, durch Vereinigung von 
Kunst und Wissenschaft ein klares Bild der Alpen- 
Erforschung den zahlreichen Besuchern der Ausstellung 
vor Augen zu führen. 

Herr Festpräsident Lindt verdankt auf das Wärmste 
Namens der Versammlung den inhaltreichen und aus- 
führlichen Bericht des Herrn Centralpräsidenten Rambert. 



Vortrag des Herrn Professor Bachmann. 

Die Bodenverhältnisse Berns, 

Die Terrassenbildung, als jüngste geologische Ver- 
änderung unserer Umgebung, ist wohl am besten mit 
den Rückzugserscheinungen der Gletscher der Eiszeit 
in Zusammenhang zu bringen. 



634 Chraniq^e. 

Jeweilen entstehende Endmoränen Staaten das 
Wasser der rückwärts versetzten Aareqaellen und ver- 
schafften den reichen Geschiebsmassen neue Ab- 
lagemngsplätze. (Belpsee, Thnnersee.) Dadurch er- 
hielt die Aare eine größere lebendige Kraft zur wieder- 
holten Tieferlegung des Bettes. 

Diese jüngere Thalerosion hat ausschließlieh 
Gletscherschutt abrasirt und verebnet. Für die be- 
treffenden Gegenden ist also jeweilen die Vergletscbe- 
rung vorausgegangen. 

An der Hand einer gröBern^ die Ausbreitung der 
verschiedenen Alpengletscher illustrirenden Schweizer- 
karte werden namentlich die Grenzverhältnisse zwi- 
schen Aare- und Rhonegleischer erörtert , als deren 
Kampfgebiet die Gegend von Bern und selbst das 
Emmenthal erscheinen. Es wird auseinandergesetzt, 
daß die Eismassen des Rhonegletschers länger in 
unserer Umgebung aushielten als der Aaregletscher. 
Als letzterer bereits bis südlich von Bern sich zurück- 
gezogen ^ dauerten Partien des erateren nördlich und 
nordöstlich von Bern gegen Bolligen aus und gaben 
zu jüngeren Moränen und Verschwemmungsprodacten 
Veranlassung, welche die frühem des Aaregletschers 
bedecken oder sich doch an dieselben anlehnen müssen. 
Aus dem weit verbfeiteten Vorkommen unzweifelhafter, 
zum Theil großer Blöcke, Wallisergesteine im Emmen- 
thal, von Sinneringen, Großhöchstetten bis Eggiwyl, 
Langnau, Sumiswald und Huttwyl, wird geschloBsen, 
daß zur Zeit der ausgedehntesten Vergletschemng der 
Aaregletscher ganz auf die Seite geschoben wurde 
und die Südostgrenze des viel mächtigeren Rhone- 
gletschers sich vom Gumigel der Kante des Kurzen- 
bergs entlang über vorgenannte Punkte gezogen habe. 
Später während des Abschmelzens wurden dieselben 
Gebiete großentheils vom Aaregletscher und dessen 
Ablagerungen bedeckt; die für den Rhonegletscher 
bisher angenommene Grenze vom Gumigel über Bütsehel- 



Chronique. •Sfr 

eck, LMhgenberg, Röniz nnd Grauholz entspricht nar 
einer Phase des Rttckzngs. 

Die Moränen und Terrassen sind yon großem Ein- 
fluß auf die Configaration nnd Cultnrflihigkeit des 
Landes. Auffallend ist aber auch noch die Erschei- 
nung, daß die Highen des Bucheggbergs, Frienisbergs, 
Bantigers und auch des Massivs des Napfs an den 
einen Abhängen, erstere gegen den Jura, die beiden 
letztem gegen Westen und Südwesten, viel stärker 
erodirt und von Gräben und Schluchten angenagt 
sind, als auf den gegenüberliegenden Flanken. Es 
wird dieser Zustand in Verbindung gebracht mit der 
altem Thalanswaschung, die selbstverständlich rück- 
wärts schreitend stattgefunden. Um den Betrag der 
unabsehbaren Zeitdifferenz zwischen der Erosion des 
weiten Aarethaies unterhalb der Einmündung der 
Saane und oberhalb derselben fand die seitliche Ero- 
sion mehr Gelegenheit zur Thätigkeit und mußte da- 
rum auch um so bedeutendere Spuren zuiücklassen. 
Am Napf und Rämisgrat erklärt sich die Erscheinung 
aus der großem Wassermenge der Groß-Emme und 
ihrer zahlreichen Zuflüsse, verglichen mit der kleinen 
Emme. 

Mit Benützung der im Saale aufgehängten Dufour- 
karte mit ihrem herrlichen Relief wurde weiter er- 
läutert , daß in Folge der angedeuteten Auswaschungen 
jetzige sog. geographische Einheiten, wie z. B. Napf 
und Brienzergräte, keineswegs geologische Einheiten 
seien. Nach dieser Abstraction wird das weite Thal 
zwischen Alpen und Jura als Bildungsraum der ter- 
tiären Molasse und Nagelfluh markirt. Beide Gebirgs- 
züge, wie auch das Mittelland, lagen zu jener längst 
entschwundenen Zeit bedeutend tiefer. In der Mulde, 
welche das letztere darstellte, konnten zeitweise aus- 
gedehnte Süßwasserseen sich sammeln oder selbst 
Meeresarme Grand finden. Dieses helvetische Meer 
stellte eine Verbindung des mittelländischen und atlan- 



$9% Chnmqme, 

tischen mit einem großen oBt-enropSisdien Meere dar; 
von letzterem ist das heutige schwarze Mew noch «in 
Ueberrest. Diese Gewässer drangen in schon be- 
stehende Jorathftler ein nnd gaben dort sa Sediment- 
bildungen Veranlassung. Die damaligen Alpen logen 
sich dagegen als eine zusammenhängende Ufermasse 
hin, ja sie waren noch durch einen mScfatigen Vor- 
wall verstärkt. Nii^nds dringt die Molasse in die 
heutigen Alpenthäler ein. Aber auch von jener Kette 
von Vorbergen existirt nur noch der Detritus. Die 
Axe derselben zog vom obeni Ende des Genfersees 
bis zu demselben des Bodensees. Es bestand ans 
sedimentären Kalk- und Schiefergesteiaen aus buntem 
Gneiß, der von buntem Granit, Poiphjr, Diallag- 
gabbro und goldführendem Quarz mannigfaltig durch- 
setzt war. Dieß ist das Stamm- oder Muttergebirge 
der Nagelfluh und Molasse. Damalige Fltlsse nnd 
Ströme transportirten die verwitterten Gesteine und 
lagerten sie deltaförmig in der Nähe der Mündung 
als Gerolle (Nageiflnh), weiter als Sand (Molasse) und 
am jenseitigen Ufer des Bassins als feinen Schlamm 
(Mergel) ab. (Siehe Prof. Bachmann, Geologisches über 
die Umgebung von Thun. Jahrbuch des S. A. C. 
XI, pag. 399 — 413.) Dieß geschah selbstverständlich 
mit vielen Oscillationen. Leicht abzusehen ist, daß 
diese neugebildeten Ablagerungen dem Jura entlang 
in geringerer Mächtigkeit ausfallen mußten. Als dieser 
neugebildete Meeres- oder Seeboden bei späterer 
Hebung von Mitteleuropa als trockenes Land auf- 
tauchte, stellte er eine dem Jura zugeneigte schiefe 
Ebene dar, welcher die Wasserrinnen folgten und die 
unsere heutigen Thäler auszunagen begannen. Durch 
diese Geschichte ist die natürliche Abflußrinne der 
Alpengewässer, welche sich dem hierseiligen Fuße 
des Jura entlang zieht, verständlich geworden. Dieser 
Gebirgszug fand aber, wie noch heute deutlich, seine 
Fortsetzung in der schwäbischen Alp. Dieser ent* 



Chronique. 637 

lang folgte ebenfalls das erwähnte Drainage ^ mit 
andern Worten, es ergossen sich damals nnsere Alpen- 
gewässer in die Donau. Der Schutt unserer ausge- 
waschenen Molassethäler liegt in der ungarisch-sieben- ' 
bürgischen Ebene. Erst die mächtigen Schuttablage- 
rungen des Rheingletschers nördlich yom Bodensee 
und Schaffhausen störten dieses ursprüngliche Ver- 
hältniß. Erst seit der Eiszeit existirt die bezügliche 
Wasserscheide zwischen Donau und Rhein. Heute 
ziemlich allgemein als ursprünglich angenommene 
Verhältnisse ergeben sich nur als Consequenzen früherer 
Vorgänge. 

Herr Festpräsident Lindt verdankt diesen äußerst 
lehrreichen und fesselnden Vortrag. 

Schlnss der Sitzung 1 Uhr. 
Der Präsident: Der Secretär: 

Eug. RamberL A. Groß. 



Festbericht. 

AIb im Jahr 1868 der Bnndesstadt Eom enteit 
Male die Ehre zu Theil wurde, die Mitglieder dea 
S. A. C. in ihren Mauern eu begrttßen, durfte sich wohl 
Jeder der Hoffnung hingeben, es werde aua dieaer 
Versammlung der bewährtesten Kräfte des Clubs, welche 
die gemeinsame Liebe zu unseren herrlichen Alpen 
zusanmiengeftthrt, ein mächtiger Impuls zu weiterer 
schöner Entwickelung erwachsen. Die XIX. Jahres- 
versammlung im Lai^e dieses Sommers bewies, daß 
diese Erwartung in reichem Maße sich erfüllt hat» 
Trotz Landesausstellung, Truppenzusanmienzug und 
fast gleichzeitiger Abhaltung zweier großer Glubfeste 
in Chamonix und Passau stieg die Zahl der Fest- 
theilnehmer auf 228, unter welchen 144 Mitglieder 
anderer Sectionen. 

Der 25. August, ein Samstag, yereinigte laut 
Programm die von nah und fem herbeigeeilten 
Clubisten im bekannten und beliebten Komhauskeller. 
Ein reges Leben entspann sich sogleich; denn wie 
viele Freunde, welche sich an frtlheren Festen oder 
im Gebirge gefunden, reichten sich hier die Hand im 
GefUhle eines frohen Wiedersehens! Wie viele Er- 
innerungen an gemeinschafUich ausgeführte Bestei- 
gungen wurden hier wach gerufen und wie mancher 
Plan fttr die Zukunft wurde da besprochen! Durch 
reichliche Decoration und Beleuchtung war der bei 
Tag etwas düstere Raum zu einem die Oemttthlich- 
keit fordernden und zum Empfang unserer lieben 



Chronigue. 689 

GäBte höchst geeigneten Locale umgewandelt worden. 
An Mnsik sowohl als an scherzhaften Intermezzi fehlte 
es nicht; ja sogar unser getreuer Bär wußte mit 
einem poetischen Bergm^nnlein die Anwesenden an- 
genehm zu unterhalten. Gegen Mittemacht fingen die 
Reihen an sich zu lichten, und ein Jeder zog sich 
frohen Gemtithes in sein Quartier zurück. 

Der Sonntag Morgen von 8 his 10 Uhr wurde zur 
Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Berns verwendet, 
deren Besuch Seitens der respectiven Behörden in 
höchst zuvorkommender Weise erleichtert worden war. 
Rasch verging die Zeit, und als es 10 Uhr, die zur 
Generalversammlung bestimmte Stunde, geschlagen, 
öffiieten sich die Pforten des Großrathssaales, um eine 
fem von Partei und Politik stehende Versammlung zu 
empfangen. Als alleinige Zierde war das jedem 
Clubisten theure Wappen des S. A. C. angebracht 
worden. (Der Bericht der Verhandlungen ist im Pro- 
tocoll der Generalversammlung zu lesen.) 

Um 1 Uhr, nach Schluß der Sitzung, begaben sich 
die Gäste in's Casino, wo ein geschmackvoll deco- 
rirter Saal sie zum Banket einlud. Die Namen 
sämmtUcher Sectionen prangten in irischen Blumen 
und ELränzen. Allgemeine Bewundemng aber erregte 
der durch Herrn Ingenieur Gösset (Mitglied der 
Section Bern) zur Zierde der Tafel gespendete pracht- 
volle Blumenflor. Die Tische, förmlich mit flachen 
Bouquets übersät, welche aus zahllosen, verschieden- 
artigen Blumen künstlerisch gebildet waren, boten 
einen reizenden Anblick. Auch die von den verschie- 
denen Zünften bereitwilligst zur Verfügung gestellten 
Becher tmgen nicht wenig dazu bei, die Tafel zu 
zieren. 

Der erste Toast wurde in schwungvoller Sprache 
von Herrn Festpräsidenten Lindt gehalten. Nach Be- 
grüßung der aus allen Theilen unseres Landes herbei- 
geeilten Gäste verdankt der Redner das seitens der 



640 Ckramique. 

Tk. Behörden dem 3. A. C. erwiesene Wohlwollen. 
In begeisterten Worten bringt derselbe ein mit leb- 
haftem Beifall anfgenommenes Hoch dem thenren 
Vaterlande. 

Als Vertreter der Gemeinde Bern toastirt Heir 
Am^d^e ▼• Mnralt auf die Bestrebungen und Er- 
rungenschaften des S. A. C. 

Herr Carrard, Cassier des Central-Oomitös, bringt 
sein Hoeh der Section Bern; Herr Hofimann-Burkhardt 
dem Central-Comit6 und Hr. Fritz Hoffinann-Merian 
dem freundlichen Geber der vorerwXhnten Blumen- 
spende, Herrn Ingenieur Gösset. 

Herr Pfarrer Sturzenegger von Ebnat ergriff das 
Wort, um eine von ihm gedichtete, ei^reifende Elegie 
zur Erinnerung an die in den Bergen Gefallenen und 
Begrabenen vorzutragen. Noch bleibt des aus der ge- 
wandten Feder des Herrn Pfarrer Straßer geflossenen 
Festgrußes zu erwähnen, welcher in Abwesenheit des 
Verfassers von einem Mitgliede der Section Bern ans 
dem den Anwesenden vertheilten ^^fröhlichen Murmel- 
thier^ vorgelesen wurde. 

Vom Alpenclub Oesterreich sowohl als vom Deutsch- 
Oesterr. Alpenverein langten telegraphische Grttße an. 
Nach einem erfrischenden Spaziergang durch den 
herrlichen Bremgartenwald trafen die Clubisten Abends 
8 Uhr zur geselligen Vereinigung auf dem SehXnsli 
ein. Die angenehme Witterung, welche in einem so 
trtlben Sommer diesen Abend ausnahmsweise begün- 
stigte, trug nicht wenig dazu bei, die zahlreich ver- 
tretenen Familien und Freunde dies S. A. C. zur Be- 
theiligung einzuladen. 

Unter der gefiilligen Mitwirkung der Liedertafel, 
des Stadtorchesters und eines von Mitgliedern der 
Section improvisirten Bärenquartetts wurde bei ben- 
galischer und venetianisoher Beleuchtung dieser schöne 
Tag geschlossen. 

Am 27. August, Morgens 5 Uhr, vereinigten sich 



Chronique. 641 

circa IBO Clabisten beim Bahnhofe, um programm- 
gemäß den Ausilag nach Rafrttti zu unternehmen. 
DieDirection der Jura-Bem-Luzern-Bahn hatte in höchst 
Terdankenswerther Weise der Seetion Bern auf ihr 
Gesuch um Preisermäßigung die yollständig unent- 
geltliche Fahrt nach Langnau bewilligt und zu diesem 
Zwecke einige hübsch decorirte Waggons zur Ver- 
fügung gestellt. Mit dem an der Locomotive ange- 
brachten Wappen des S. A. C. brauste nun der Zug 
dem freundlichen Emmenthal entgegen. In Langnau 
wartete ein kräftiges Frühstück auf den Zuspruch der 
Theilnehmer und, Dank der vorzüglichen Organisation, 
konnte nach einem Vh stündigen Aufenthalt der Ab- 
marsch unternommen werden. An den characteristi- 
sehen Bemerhäusem dieser Gegend vorbei, bewegte 
sieh nun die Colonne um 7 ^'2 Uhr dem unteren Fritten- 
bachgraben zu, welchem entlang abwechselnd durch 
Bauernhöfe, Wald und Weiden der Weg zum Rämis- 
grat führt. An diesem Punkte angelangt, kündeten 
vom Signal der Kafrüti einige Böllerschüsse den An- 
kommenden die Nachbarschaft des Zieles an. Die 
Femsicht auf das Hochgebirge war durch Gewölk 
verhüllt und unsere lieben Gäste mußten sich daher 
an Hand des in der Festkarte enthaltenen, von Herrn 
alt -Regierungsstatthalter Studer gezeichneten Pano- 
ramas ein Bild der ausgedehnten Aussicht entwerfen, 
welche bei klarem Wetter ihre Blicke erfreut hätte. 
Bemerkenswerth ist, daß dieses wohl ausgeführte 
Panorama im Jahre 1826 gezeichnet wurde und Herr 
G. Studer, Ehrenpräsident der Seetion Bern, noch 
rüstig in Begleitung des einige Jahre älteren Herrn 
Professor Ulrich aus Zürich an der Excursion Theil 
nahm. Wenn auch die Fernsicht zu wünschen übrig 
ließ, war doch für Manchen der Besuch des Emmen- 
thales mit seinen originellen Hügeln und Gräben von 
besonderem Interesse. Durch den Vortrag des Herrn 
Professor Bachmann an der Generalversammlung hatte 

41 



642 Chromque. 

man Tag8 zuvor Gelegenheit erhalten, die Natur dieser 
Formation näher kennen zu lernen. 

Einige Schritte vom Signal entfernt, genoß man im 
Schatten eines Tannenwäldchens ein fröhliches und 
unvergeßliches Festleben. Sowohl Speise als Trank 
stand in Fülle zur Verfügung und bald entwickelte 
sich, geweckt durch den Gesang einiger Bemerlieder, 
die fröhlichste Stimmung. Mit großer Befriedigung 
wurde die Rede des Herrn Regierungsraths von Steiger 
aufgenommen, welcher in fesselndem Vortrag auf das 
zähe Volk der Emmenthaler toastirte. Der Stoff zu 
seinen humoristischen Schilderungen war den Werken 
von Jeremias Gotthelf und im Besondem der klas* 
sischen Schilderung „Uli der Knecht^ entnonunen. 

Nachdem noch Herr Hoffmann-Burkhardt den greisen 
Herren alt-Regiemngsstatthalter Studer und Professor 
Ulrich ein Hoch gebracht, wurde der Rückmarsch über 
den Grat hinunter angetreten und fUr Manche allzu- 
schnell das Thal nach 1 ^/s stündigem Marsche wieder 
betreten. 

Im Gasthof zum Löwen war, wie beim Frühstück, 
Dank der trefflichen Ftirsorge des Wirthschaftscomit^, 
Alles bereit, um unsere lieben Gäste zum letzten offi* 
ziellen Acte der Jahresversammlung zu empfangen. 

Herr Dr. Dübi, Präsident der Section Bern, er- 
öffnete den Reigen der Toaste, indem er des Vater- 
landes und seiner Berge gedachte und ein mit freu- 
digem Wiederhall begrüßtes Hoch auf dasselbe aus- 
brachte. 

Weitere Toaste wurden gehalten von Herrn Prof. 
Ulrich, W. Cart, Secretär des Centralcomitös, G. Studer, 
alt -Regierungsstatthalter, Pfarrer Seewer, Pfarrer 
Straßer, Pfarrer Zimmermann, Rathschreiber Berger 
und Pfarrer Sturzenegger. 

Die vom gemischten Chor Langnau in ausgezeieh- 
neter Weise vorgetragenen Lieder bildeten die ange- 
nehmste Abwechslung zu den instrumentalen Auf- 



Chromque, 643 

flihmngen der Torhergehenden Tage und tragen 
wesentlich zur Erhöhung der Feststimmung bei. Auch 
die benachbarte Section Burgdorf hatte die freund- 
liche Aufimerksamkeit, einen prächtigen Pokal, geftlllt 
mit köstlichem Ehrenwein, von Mund zu Mund circu- 
liren zu lassen, wofHr ihr sämmtliche Anwesenden, 
und speeiell die Section Bern, zu Dank verpflichtet 
sind. 

Allzufrühe schlug die Stunde der Trennung und 
da der Fahrtenplan kein Erbarmen kennt, mußten 
sich die Freunde und Mitglieder des S. A. C. in das 
Unvermeidliche fügen. In dem Gefühle, drei glück- 
liche, in jeder Besiehung gelungene Festtage zusammen 
verlebt zu haben, reichte man sich die Hand zum 
Abschied, und während sich unsere lieben Clubge- 
nossen nach allen Richtungen hin entfernten, erklang 
als letzter Oruß: „auf Wiedersehen in Altorf.^ 

Der Festsecretär: 
A. GroB. 



Yingtiäme compte-rendu 

da 

Gomit6 eentral du Club alpin snisse. 

Annee 1883. 



L'activitö du Club alpin pendant rannöe 1883 a 
fait Tobjet d'un rapport lu k la föte de Berne, le 
26 aoüt de cette meme ann6e. Oe rapport 6tait con- 
sacr^ en partie aux affaires courantes, en partie i 
TExpositioD. Nous en dötachons ici ce qui coneerne 
les affaires courantes et nous r^servons pour un rapport 
special le morceau sur TExposition. — Pour la Pe- 
riode qui s'est ^oulöe depuis la fite jusqu'i la fin 
de rannte, il suffira de quelques indications en note 
ou en post-scriptum. — Voici donc la premiöre partie 
du rapport lu k Beme: 

Messieurs et träs honoris (hllegues, 

Comment se porte le Club alpin? — Teile est 
la question que se pose nöcessairement le Pr^ident 
eentral appel6 k präsenter son rapport annuel. Com- 
ment se porte le Club alpin? Quelles que soient les 
thöories qui peuvent avoir cours dans certains milieux 
oü Ton trouve qu'il devient bien nombreux, oü Ton 



Ckronigue, 646 

craint qn'il n'angmente en qaantit6 platdt qn'en qualitö^ 
oft Ton rSve, en un mot, un Club alpin choisi, triö^ 
fonn6 d'nne 61ite d'amatenrs, — ce serait nn manvais 
eigne si le nombre des d^missions venait k Temporter 
d'nne maniöre notable snr celni dee recrnes. Neos 
n'en sommes pas 14, heurensement. Des circonstances 
particnli^rement döfavorables ont amen6, il est vrai, 
de trop nombreoses d^missions dans denx sections, 
Oberland et Monte-Rosa. Mais ces pertes ont 6t6 com- 
pensöes par des recrnes nonvelles dans d'antres sec- 
tionS; et Ton peut dire qne oons sommes dans nn ötat 
ü peu pr^B stationnaire. Nons trouvons dans ce fait 
la confirmation de ce qne nons disions il y a nn an, 
savoir qne le Club alpin est assez fort ponr supporter, 
Sans rien qni ressemble k nne crise, de vives dis* 
enssions, et Ton pent presqne dire des lüttes passion- 
n^B. Nons ponvons, en ontre, en tirer cette conclusion, 
contrairement k certaines pri^yisions pessimistes, qn'il 
n'a pas besoin, pour Stre et rester nne sociöt6 large- 
ment popnlaire, de baisser le tanx des contribntions 
ptenniaires qn'il exige de ses membres. Nons avons 
angment^, Tann^e demiöre, la contribntion pr^levöe en 
favenr de la caisse centrale, et Ton se demandait 
si, dans les temps difficiles qne nons traversons, il ne 
enffirait pas de cette augmentation, si minime qu'elle 
fftt, ponr proYoqner des d^missions et nons faire perdre 
par Ik tont ce qne nons esp6rions y gagner. Votre 
Gomit^ central ne partageait pas ces craintes, et 
r^önement Ini a donnö raison: prenve nonvelle de 
la vitalit^ de notre association. ^) 

Tont en restant stationnaires , on k pen pr^s, 
nons snbissons la loi de la destin^e, qni est nne loi 
de changement, et rintervalle qni s6pare denx fgtes 



Les reley^B de fin d^ann^e acciuent cependant nne 
diminntion, malB msignifiante, danB le nombre deB membreB. 
De 2674 nons sommes tomb^s i 2660. 



646 Chr<mique, 

ne Baurait s'^coiüer sans qne nonB ayons k enregifitrer 
des deaÜB et des döparts. A la page 18 dn catalogue 
publik rannte derni^re, on tronye denx listes: celle 
de nos membres honoraires virants et celle de hob 
membres honoraireB d^MÖB. Oette seconde liste ne 
comprenait qae quatre noms, ^alement cbers k notre 
memoire: AgaBsiz, g^n^ral Dafonr, Arnold ESscher de 
la Linth et Edouard DoBor. Elle doit Stre enriehie 
d'nn cinqui^me nom, digne de fignrer k cdt^ des quatre 
Premiers. Le professenr Pierre Merian, de Btle, a 
terminö sa longne, belle et föconde carriöre. II 6tait 
de cette vaillante gönöration de sayants qai avait l'ige 
da si^cle, et qni a posö les bases sur lesqnellee la 
Bcience travaille aujourd'hui. II nouB l^gae aatre ehoee 
encore que le fruit de sob Stades; il nous 16gue an 
exemple, un nom pur et sans tache. Jamais pens^ 
personnelle ne se m§la k ses travaux. S'il avait U 
tete bien meubl^e, il avait le ccdur eneore mieax 
rempli. C'^tait la g^nöroBitö, c'^tait la modestie per- 
BonnifiöoB; c'6tait mieux qu'nn savant; c'ötait le pa- 
triarcbe de la Bcience. La gön^ration k laquelle il 
appartenaiten aproduit quelqnes-unB, de ces patriarches 
de la Boience. II n'en reste plus beaucoup; mais il 
en reste nn au moins, et quoique je ne veuiUe pas 
le nommer, vous vous joindrez tous k moi ponr lui 
präsenter nos vqbux en pensöe. Son nom est sur U 
liste de nos honoraires. Puisse-t-il nous rappeler long- 
temps encore cette pl6iade de savants v^n^r^ dont 
son ami Pierre Merian ötait avec lui Tun des demiers 
repr^sentantB. 

Nous avons perdu Tun des membres fondateurs 
du Club alpin, M. Häuser, avocat, k Glaris. Vous 
savez, Messieurs, la part qu*il a prise aux discussions 
qui nouB agitaient et nous divisaient il y a deux ou 
trois ans. n fut, peut-^tre, le plus ardent et le plus 
tenace parmi les repr^sentants de Topinion qui a fini 
par demeurer en minorit6. Mais cette vivacit^ mSme 



Chronique. 647 

68t une prenve de TintörSt qu'il portait k tout ce qui 
concerne le Club alpin. Le Club alpin 6tait une partie 
de sa vie, et nons perdons en loi un de nos membres 
les pluB actifs et les plns d^vouös. Sa mort a 6t^ 
an denil pour chacon dans la Bection Toedi, eile en 
est an poar le Clab alpin tout entier ; aussi le Oomitd 
central s'est-il empress^ de tömoigner de la part qull 
y prenait. II anrait vonlu le faire autrement que par 
an simple t616granune^ mais les circonstances ne le 
lui ont pas pennis. Raison de plus pour que nous 
rendions aujourd'hui hommage ä. la memoire du d6fnnt. 

Ils ne sont plus nombreux, ces v^törans qui, le 
19 avril 1862, au nombre de 35, se rendaient k 
Ölten, k Tappel du docteur Simler, et y fondaient le 
Club alpin suisse. Ils se sont compt6s cette ann6e, 
en y allant de nouveau, pour cölöbrer le 20™» anni- 
versaire de cette premi^re röunion. Ils 6taient r^duits 
de plus de moiti6. A peine ^taient-ils une douzaine. 
Le Comit^ central eüt voulu s'associer k leur fite en 
leur envoyant au moins an mot de fölicitations et un 
t^moignage de la reconnaissance du Club tout entier. 
Malheureusement, il n'a 6t6 inform^ que trop tard, et 
la r^union d'aujourd'hui lui foumit la premiöre occasion 
de röparer eette Omission tout involontaire, en sou- 
haitant k ses membres fondateurs de pouvoir se r6unir 
dans cinq ans, le quart de si^cle ^coul^, aussi joyeuse- 
ment qu'ils Tont fait cette ann6e, et s^l 6tait possible, 
Sans vide nouveau dans leurs rangs. 

A ces deuils s'est ajout^ un döpart, auquel le 
Comit^ central devait 8tre particuli^rement sensible, 
car il s'agissait d'un de ses membres, M. Georges 
B^raneck. Vous savez tous quel clubiste et quel mon- 
tagnard c'ötait que Georges Böraneck. II Test encore. 
Des circonstances personnelles Tont oblig6 de quitter 
le pays. U avait, en partant, donn^ sa dömission, 
soit comme membre du Comit^ central, soit comme 
membre du Club. La section des Diablerets s'est em- 



648 Chramque. 

presB^ de se Tattacher de nouveaa^ en Ini confönot 
llkODorariat, agsuröment bien möritö. — Une circnlaire 
voua a inform^ du cboix qni a öt6 fait, par la mSme 
section, poar le remplacer daoB le sein da Coiiiit6 
central; son snccessenr est M. Emile Dutoit, ayoeat, 
ici präsent. 

Pourqaoi fant-il^ Messieors, qn'aii antre nom vieime 
8oas ma plume? Nous avons perdn Emile Javelle. 
Sans Youloir faire tort k perBonoe, je pma blen dire 
qu'ancune perte ne pouvait noas toucber k nn endroit 
plus sensible. Emile Javelle, quoiqne trto instmit, 
n'ötait pas proprement an sa^ant ; qaoiqae trte artiste^ 
il n*6tait pas non plas an artiste an sens rigooreox 
da terme. Qu'ötait-il donc ? II ötait le plus passionn^ 
le plas intelligent, le plus enthonsiaste parmi eeox 
qoi aiment la montagne; c'6tait an alpiniste, le pre- 
mier de nos jeanes alpinistes saisses. — Je dis sutsses. 
La France aarait le droit de nous le contester. II 
6tait n6 Fran^ais, et de doaloareases circonstanees 
de famille Tavaient fait öcboaer, en qaelqae sorCe, 
sar nos rivages. Plusiears fois il a manifeste son In- 
tention d'obtenir la nataralisation saisse; mais il n'a 
jamais pass^ de Tintention k Teffet, et il est moit 
Fran^ais. La Saisse n'en ötait pas moins devenae poar 
lai ane seconde patrie, et il serait impossible de dire 
ce qu'il aimait le mieox, du pays de sa naissance oa 
de son pays d'adoption. Ne noas le dispatons pas; 
prenons-le chacun poar noas, fratemellement. II adorait 
la montagne, et la montagne Ta tu^ II n'est point 
tombö dans an pröcipice, il n'a pas M enlev^ par 
ane avalancbe; mais ses forces n'^tuent plas k la 
haateur de ses ambitions; malade, poavant k peine 
marcher, il voalait monter encore : plas haut, toigours 
plas baut! et qaand il redescendait dans la plaine, il 
payait cruellement des joaissances dont la yiyaeit^ 
seale aarait saffi poar n'^tre pas sans danger. 

S'il en est parmi voas qoi ne saebent pas qoi 



Chronigue, 649 

^tait Emile Javelle, ils n'ont, ponr faire avec lui ample 
et bonne connaissance, qa'ä lire dans VEcfio des Alpes 
le dernier travail qu'il y a publik, le r^it de son 
ascension du Toor-Noir. Avonons-le de bonne gräce^ 
Messiears, les r^cits d'ascensions dont nos Annuaires 
abondent sont qaelqaefois monotones. Rien de semblable 
dans cenx d'Emile Javelle. Pourqnoi? Parce qnll 
^tait qaelqa'un, parce qne ses impressions ötaient bien 
k lui, parce qnll n'avait ni admirationB banales ni 
8en8ibilit6 d'empnint: c'^tait une fime et an talent. 
A-t-on jamais d^rit avec plus de bonheur les ftpres 
plaisirs, les ömotions de la Intte qne le grimpenr en- 
gage avec la natore quand il tente an passage inconna 
oa donne Tassaat k an cime vierge? Et ce groape 
da Mont Blanc, avec ses aigailles et ses coapoles, ses 
ddmes et ses campaniles d^coap^s dans les airs, qai 
donc en a mieox saisi la beant6 propre, la stractare 
originale, qai domo a mieax sa qae notre ami le prä- 
senter de noaveaa, r6el, vivant, aax yeox de Timagi- 
nation ravie? Aacan massif alpin n'a fait Tobjet de 
descriptions plas nombreases ; mais ancone de ces des- 
criptions ne saarait ni remplacer ni faire oablier les 
qaelqaes pages, caract^ristiqaes entre toates, qa*Emile 
JaveUe a consacr^s k la vne da Toar-Noir? Qael 
dommage qa'il n'en ait pas 6crit beaacoap de pareilles ! 
Qael dommage qa'il ait si pea prodait ! Mais il 6tait 
trop difficile avec lai-m^me ; il avait la maladie de la 
perfection. 

J'ai parl6 des hommes, parlons des choses. 8i 
le Clab alpin n'a pas va diminuer le nombre de ses 
membres, il n*a pas, en revanche, va aagmenter sa for- 
tane. Hier, dans Tassemblöe des d616ga6s, votre Cais- 
sier central a prteentö les comptes de Texercice de 
1882, manis de Tapprobation des rövisears nomm6s 
il y a an an. Ils accasent an deficit de fr. 1935,16. 
C'est moins qae noas ne craignions. II y a an an^ 
dans le rapport pr^sent^ k Neachatel, je voas faisais 



660 Ckranique. 

entrevoir la possibilitö d'an deficit de fr. 4000. N^an- 
moins, c'est nn deficit, et par cona^quent une dum- 
Dution de la fortune du Clab, qni, an 31 döcembre 
dernier, ne s'^levait plus qn'ä fr. 11,747. Ce qu'il y 
a de pluB fUcheuXy c'est qa'on peat pr^voir qne nos 
d^penses continaeront k TempoTter sur noB recelt^, 
au moiiiB jnBqu'ä ce que nons en ayons fini avec les 
entrepriseB commenc^B et poar leBqnelles nons avons 
priB des engagementB.* les travaax au glacier du Rhdne, 
TobBervatoire du SentiB, et leB nouveaux lev^s des 
feuilleB de la carte f6dörale du groupe Gemmi-Jung- 
frau. Ajoutez k tous ees BacrificeB ceux que nous 
avouB faitB cette annöe en faveur de rEzposition, et 
vouB comprendrez BanB peine que nous trayersioiiB 
une Periode difficile. ') 

PaBBonB rapidement en revue Icb oeuvres diverses 
auxquelleB le Club alpin B'int^rcBBe particuli^rement. 

LeB travaux au glacier du Rhdoe marchent k la 
satiBfaction de votre Oomit^ central et de la com* 
nÜBBion Bp^ciale iuBtitu^e bous le nom de Gletscher- 
Commission. L'ann^e demi^re, Icb grandes chutes de 
neige de la fin de T^t^ ont Obligo de les BUBpendre 
pluB t6t qu'on ne Taurait voulu, et de laiBser inachev^ 
le Programme qu'on 8'6tait trac6 pour la Baison. Nos 
Ingenieurs, M. Held k leur t@te, ont tenu bon juaqu'au 
bouty h6roYquement ; ils n'ont battu en retraite qu'en 
voyant .les masBes de neige tomböcB devenir aaaec 
couBid^rables pour menacer de leur couper les Com- 
munications. S'ils euBsent tardö d'une demi-joum6e, 
ils ^taient prisonniers. Cette ann^e, la reprise des 
travaux a 6tö n^cessairement tardive; les nelgCB ont 



Ces pröviBions, pen favorables, ont 6t6 dömeBties par 
röYÖnement. Le oompte de 1883 acoose, malgrö rExposition, 
an boni de fr. 1395. 75. On le doit, en partie, au retard 
apport6 k la pnblication des noavelles cartes. De fortes d^ 
penses ont 6t^ ainsi renvoy^es. Elles p^seront snr les budgets 
de 1884 et des annöes suiyantes. 



XJhronique. 651 

fondn lentement. Mais les derni^res nouvelles sont 
excellentes. M. ring^niear Held vient jastement de 
Bons envoyer an t^l6gramine qni ne laisse ga6re de 
donte Bur la bonne et prompte ex6cution da programme 
adoptö poar cette Saison. Les badgets annaeis con- 
tinaent i.^re fix6s confomi6ment aux d^cisions prises. 
La Charge poor le Clnb alpin est de fr. 2000 par an. 

Je n'ai rien k dire de particnlier sor Fobserva- 
toire da Sentls: cette (»ayre aassi suit son conrs r6- 
golier. 

n en est de mime de Tassorance des gaides, 
c'est-ä-dire que le contrat concla poar trois ans avee 
la Compagnie Zürich re^oit fidMement son exöcation. 
Mais on ne peat pas dire qne Todayre se d^veloppe 
aatant que noas Fairions esp^r6, et noas anrons, je 
pense, aussi bien qne la Compagnie, k proiiter des 
exp6riences de ce premier essai. — La question sera 
^adi^e, d'ici k Tannöe prochaine ; eile fera Tobjet 
d'one circulaire, que noas expMierons assez tdt pour 
qne les sections puissent examiner k loisir les pro- 
positions qui leur seront soumises. Poar le moment, je 
me bomerai aux renseignements de fait. La Compagnie 
Zürich a assur^ 113 gaides (en 1882, 144), pour une 
sonmie totale de fr. 277,000 (en 1882, 354,000). U 
y a donc, comme on voit, dimination sur