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Full text of "Jahrbuch des Schweizer Alpenclub"

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Jahrbuch 



des 



Schweizer Alpenclub. 



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1876—77. 



•»«»Ö8^«* 



Bern. 

Verlag der Expedition des Jahrbuches des S. A. C. 

J. Dalp'sclie Buch- und Kunsthandlung (E. Schmid). 

1877 



Inhaltsverzeichniss. 



Seite. 

Vorwort vn 

L Bergfahrten. 

L Prof. F, 0. Wolf. Col de la Meina und Pic Arzinol 3 

2. Dr. H. Dübi, Klettereien in den Walliser- und 

. Bemerbergen : 

I. Das Weisshorn 21 

II. Das Grosse Lobhorn 34 

3. C Durheim. Berg- nnd Gletscherfahrten in den 

Bemer Alpen : 

I. !Erste Besteigung des Grosslohners . . 48 
n. Erste bekannte Besteigung des Ahnengrats . 57 

m. Ebnefluh 61 

4. H. JBaumgartner, Pfarrer. Das Wetterhorn vom 

TTrbachthal aus über das Dossenjoch . .67 

5. Etigen Ochsner, Das Kleine Spannort . 84 

6. Prof. Schiess-Gemuseus. Uebergang vom Erstfelder- 

in's Leutschechthal 113 

7. Henry Cordier. Courses dans le massif du Bemina 128 

I. Monte Kosso di Tschierva .... 129 

II. Piz Eoseg (par le Glacier de Tschierva) . 132^ 

m. Piz Zupo 136 

IV. Piz Cambrena 141 






IV 



8. 0, V. Pfister. Durch's Montavon ... 

1. Piz Buin 

II. ValüUaspitze 

III. Fluchthorn ...... 

9. G. Studer. Norwegische Fahrten 

10. Dr. E. Calherla, Aus Calabrien: eine Tour auf 
den Aspromontestock ..... 



IL Abhandlungen. 

1. Prof. Dr. Ä. Heim, Itinerarinm für das Excursions- 

gebiet des S. A. C, 1876 und 1877. Tödi- 

SardonarKärpfgruppe 2' 

I. Orographisch-geologischer üeberblick . . 2i 
II. Literatur- und Excursionsnotizen . . . 2£ 

2. Prof Dt. G. Meyer v, Knonau, Unsere jetzigen 

schweizerischen Grenzen .... 32 

3. Dr. H. Christ Die Alpenrose . . . . 36< 

4. Charles Bertholet. Quelques arbres de nos forets 38^ 

5. Prof H. Sbttaz. Les montagnes du canton de 

Fribourg 40c 



III. Kleinere Mittheilungen. 

1. BiLSSy Pfarer. Das Panorama vom Wildhorn . 435 

2. JB. Lindt Notizen zur Besteigung des Mönch . 449 

3. Heim, Dekan. Die Einweihung des Eschersteines 455 

4. Hirzely Pfarrer. Die Einweihung der Clubhütte 

auf dem Alvier 465 

5. A. V. Steiger. Der Thermometrograph auf dem 

Schreckhorn 468 

6. Dr. A. Baltzer. Noch einmal das Brockengespenst 472 

7. A. W. Zur Karte der Freiburger Alpen . 473 

8. — Zur Nomenklatur des Bernina . . 477 

9. — L. Bütimeyer's Rigi . . . .479 



10. A. W, Handbuch über die Terrainlehre etc. 

11. — L'Echo des Alpes 1876 . 

12. — Zeitschrift des D. (E. A. V. 1876 

13. — Alpine Journal 1876 

14. — Annuaire du C. A. F. 1876 . 

15. — Bolletino del C. A. I. 



Seite. 

483 
486 
487 
491 
493 
496 



16. — Enzian ; ein Gaudeamus für Bergsteiger . 497 
IV. Gtironique du C. A. S. pour rannte 1876- 

I. Fete annuelle ä Fribourg ..... 501 
n. Treizieme compte - rendu du Comit^ central 

du C. A. S 523 

m. Sections ........ 539 

IV. Treizieme resumä succinct des recettes et d^penses 

du C. A. S. en 1875 562 

Artistische Bellagen. 

Karte, Panoramen und Ansichten. 

a. In der Mappe. 

1. Karte der Freiburger Alpen 1 : 100,000. Aequidistanz 
30 Meter. 

2. M. Müz. Panorama vom Pic d'Arzinol. Chromolitho- 
graphie. 

3. G. Studer, Panorama vom Stugunoese hei Nystuen 
(Norwegen). Tondruck. 

4. — Kundaussiüht von einem Felsgrat bei Aak in Roms- 
dalen (Norwegen). Tondruck. 

5. JE. Bu88, Panorama vom Wildhom. Tondruck. 

b. Im Buche. 

1. Die Ehnefluh nach einer Photographie. (Titelbild.) 

2. Die Pyramiden von üseigne nach einer Photographie. 
Ton druck. 



VI 

3. Das Weisshom, Holzschnitt nach G. Studer. 

4. Piz Bernina, Chromolithographie nach einer Photogra 

5. Die Valüllaspitze, Holzschnitt nach einer Photo^ra 

6. Kirche nnd Pfarrhaus von Jostedalen, Holzschnitt : 
G. Studer. 

7. Der Nigaardsbrseen, Holzschnitt nach G. Studer. 

8. Messina und die calahrischen Berge. Tondruck z 
E. Calberla. 

9. Le Moldson. Tondruck nach H. Sottaz. 

10. La chaine du Vanil Noir. Tondruck nach H. Sotta 

11. Das Escherdenkmal bei Schwendi. Holzschnitt m 
E. Kittmeyer. 



üi r r a t a. 



Seite 87, Zeile 3 n. 4 von unten lies: kennen, aber noch nicht 

hinreichend schätzen gelernt hatte. 
Seite 100, Zeile 5 von oben lies: sein konnte. 

„ unten lies : befestigten. 
, oben „ niedere. 
, „ „ Agagliouls. 
, unten füge bei: (wird Ende 1877 er- 
scheinen). 
409, „ 4 „ „ lies: trouve. 



109, 


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15 


126, 


1* 


15 


133, 


rt 


5 


299, 


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14 



Vorwort. 



Wie im Jahrbuche XI des S. A. C. sich zum 
ersten Male die finanzielle Seite der Thunerbeschlüsse 
f&hlbar machte, so zeigt sich im Jahrbuch XII zum 
ersten Mal die Tragweite der damaligen Beschlüsse 
bezüglich des Excursionsgebietes. 

Bekanntlich wurde am 25. September 1875 von 
der Abgeordnetenyersammlung auf Antrag der Sektion 
St. Gallen der Grundsatz angenommen : statt jedes Jahr 
wird das Excursionsgebiet nur noch alle zwei Jahre 
gewechselt. Die nächste Folge dieses Beschlusses war, 
dass die südliche Hälfte des Kantons Glarus, Sektionen 
400, 401, 404 und 405 des Dufourg^tlas Blatt XIV, 
an der Generalversammlung in Sitten als Excursions- 
gebiet für das Jahr 1876 bestimmt, auch für 1877 
offizielles Clubrevier blieb. Es schien nun der Redaktion 
angemessen, die Berichte aus diesem Gebiete nicht zu 
zersplittern, sondern in dem Jahrbuche zu vereinigen, 



aas- 



weiches nach Ablauf der zwei Jahre im Frtthsommer 
1878 erscheinen soU. Sie gibt sich dabei der Hofifnung- 
hin, der Eifer der Clubgenossen, vorab derjenigen der 
Sektionen Tödi und Rhätia, werde es ihr durcli zahlreich 
eingesendete Arbeiten ermögüchen, dieses XlII Jahr^ 
buch zu einer allseitigen und gründlichen Monograpv^, 
des gewählten Clubgebietes zu gestalten, reitY^ 
gestattet mit charakteristischen A»^'J^ ^•en un.^ Pano- 
ramen, geologischen Profilen »»* *"* ^^ ^^^iäirtea, 
korrigirten und bereicherten Kart©* 

« • 

Da sonach der Abschnitt C 1 u ^ ^ ^ ^ ^ .^oUst^^^'^ 
für das Jahrbuph XIII aufgespart wir , ^^ ^^^^ 
vorliegende zwölfte Band, mit Ausi\a:y^^^ 
Orientirung wiederholten 
Berichte oder wissenschaftlich 
oder Karten aus dem Exeu 
der Clubchronik nur Fre 
und Mittheilun 
auch diessma 
letzter Stun 
Anlass, d 
Club ne 
mehrere, 
auszus 

das B 

gesch: 




XI 

die romanischen Sektionen unseres Clubs mehr als 7* 
der gesammten Mitgliederzahl ausmachen! Immerhin 
aber ein Fortschritt gegen früher, der zu besseren 
Hoffnungen für die Zukunft berechtigt. 

Zum Schlüsse noch ein Wort über die Karte. Der 
S. A. C. war bis jetzt gewohnt, mit jedem seiner Jahr- 
bücher eine der trefflichen, revidirten Excursionskartea 
im Maassstab der Originalaufnahmen zu erhalten ; diesfr 
ist nun, ebenfalls in Folge der Thunerbeschlüsse, anders- 
geworden. Da die Excursionsgebiete nur noch alle zwei 
Jahre gewechselt werden, erscheinen auch die Ex- 
cursionskarten nur noch alle zwei Jahre und die Jahr- 
bücher werden also abwechselnd je ein Jahr die Karte 
erhalten und das andere leer ausgehen, wenn es nicht 
der Redaktion gelingt, für passenden Ersatz zu sorgen. 
Dieses Jahr nun bot die topographische Arbeit des Herrn 
Prof. H. Sottaz über die Freiburgerberge der Redaktion 
erwünschte Gelegenheit, die Lücke theilweise auszu- 
füllen. Wenn auch selbstverständlich die beigelegte 
Karte des Greyerzerlandes keinen vollständigen Ersatz 
für die Excursionskarte bieten kann, so dürfte sie 
doch vielen Clubgenossen, besonders der romanischen 
Sektionen, um so willkommener sein, als sie auf einem 
kleinen übersichtlichen Blatte die ganze für Clubisten 
wichtige Gegend des Kanton's Freiburg darstellt, für 
welche sonst die Blätter XII und XVII des Dufouratlas 



' XII 



mitgenommen werden müssen. Die lückenhafte Nomen- 
klatur der Dufourkarte hat die Redaktion nach den^ 
gefälligen Mittheilungen der gewiegtesten Kenner jener 
Bergwelt vervollständigt und stellenweise ahgeändert. 
Die Ausführung wurde unserem Clubgenossen, dem 
rühmlichst bekannten Topographen R. Leuzinger, an- 
vertraut; dass dieselbe bescheidener gehalten werden 
musste, als beiden Excursionskarten, erklärt sich von 

selbst, wenn man bedenkt, dass eben die Excursions- 
karten von der allgemeinen Clubkasse bestritten werden, 
während diese und künftige Ersatzkarten auf das knappe 
Budget des Jahrbuches angewiesen sind. 

Mit clubistischem G-russ und Handschlag! 
Bern, im Mai 1877. 



Der Reiattor des laürWes S. A. C. : 

A. Wäber. 



I. 



Bergfahrten. 



Col de la MeVna und Pic Arzinol. 

Von 

Prof. F. 0. Wolf, 
Mitglied der Sektion Monte Bosa des S. A. C. 

Manchem Glubisten sind die Sittener Maiensässe 
\)ekaiint, dieser liebliche Sommeraufenthalt mit seinen 
einfachen, aber doch wirthlichen Alphütten, in Mitte 
grüner Matten gelegen , die umsäumt sind von trauten, 
Schatten und Frische spendenden Lärchen- und Tannen- 
wäldchen. Künstlich angelegte oder auch nur vom Fusse 
ausgetretene Wegchen führen in das Heiligthum dieser 
letztern, zu den dort von der Natur selbst aufgebauten 
Rahebänken. Gletscherfindlinge liegen umher am Fusse 
hundertjähriger Bäume, in Mitte einer gar üppigen 
Waldflora, sie selbst überzogen von bunten Flechten 
und überdeckt mit weichem Moospolster. 

Ein köstlicher Sommerabend war es, an dem wir 
nach eingenommenem Nachtessen solch' ein Plätzchen 
aufsuchten. Der Vollmond war soeben aufgegangen 
liinter der mächtigen Felspyramide der Dent Blanche und 
flbergoss mit seinem Zauberlichte die Gletschergefilde 



1 



4 Wolf. 

des Ferpecle-Thales , dessen Tiefe wohl in nächtlicher 
Dämmerung begraben lag, so aber die es einschliessen- 
den Bergriesen nur um so kräftiger hervortreten liess. 
Der Grand Cornier, seine Nachbarn und die Dent 
Blanche einerseits, die an grausen Felsnadeln reiche 
Kette der Grandes Dents anderseits trugen ihr Haupt 
weit in die Lüfte hinein, zum Theil in blendender 
Beleuchtung, zum Theil in tiefen Schatten gehüllt. 

Was war natürlicher, als dass wir bei solchem 
Anblicke auf unser Lieblingsthema zu sprechen kamen, 
dass wir schwelgten in der Erinnerung erlebter Genüsse, 
überstandener Abenteuer und neue Pläne schmiedeten. 
Der edeln Bergsteigerei galten unsere begeisterten Reden 
und Erzählungen. Denn nicht nur tapfere Clubisten 
finden wir unter den glücklichen Bewohnern dieser im 
ewigen Frühling grünenden Voralpsässe, auch die stu- 
dirende Jugend und selbst das schwach gescholtene zar- 
tere Geschlecht wandern von hier aus jährlich hinauf zu 
den Bergen, über Alpen, Gletscher, Pässe bis zu den 
höchsten Gipfeln. Während meiner bald zwanzigjährigen 
Lehrthätigkeit habe ich so mir und meinen Schülern 
und Schülerinnen manch' glücklichen Tag bereitet. Der 
Simplon und der grosse St. Bernhard, die Pässe 'im 
Binnthale, der Zwischenbergenpass , der Pas de boeuf, 
Pas de Lonaz, Col de Torrent, Col de Riedmatten 
und du Cret, die Gemmi, der Sanetsch, Col de Che- 
ville und de la Croix , der Col d'Etablon u. s. w. sind 
gar vielen unter ihnen längst bekannte Wege und die 
Tapferem setzten ihre zarten Füsse auf manchen aus- 
sichtsreichen Berg. Haut de Gry, Olden-, Wild-, 
Torrent- und Bettlihorn, Catogne de Semhranchier, 



Col de la Meina und Pic Arzinol. 5 

la Chenalette du Grand St-Bernard, Pierre h voir, 
Mont Fort, Rosa Blanche, Mont Noble, Becs de 
Bosson im Reschythal und Bella Tola zählen zu unsern 
Eroberungen , zu denen sich als kühnste That die Er- 
klimmung der höchsten Spitze der Monte Rosa durch 
zwei junge Töchter gesellt. 

« Quelque chose de nouveau », hiess es diesmal, und 
bald waren wir einig. Das vor unserem entzückten 
Auge ausgebreitete wundervolle Landsch^ftsbild trug 
den Sieg davon; es wurde einstimmig beschlossen, 
irgend eine Höhe zu besteigen, die uns einen nähern 
Einblick gewähren würde in die herrliche, beide Thäler 
Ton Herens einschli essende Gebirgswelt. Unser Freund 
R. Ritz hatte uns öfters begeistert erzählt vom Pic 
Arzinol und seiner grossartigen Fernsicht; er war. 
öfters oben gewesen, hat dessen Panorama mit seinem 
Meisterstifte eigens für's Jahrbuch des S. A. C. ge- 
zeichnet*) und selbst ein prächtiges Bild geschaffen: 
Touristen auf Pic Arzinol. Ferner war uns Allen seine 
ansprechende Beschreibung dieser Tour (Alpeiipost Bd. V, 
Nr. 25) bekannt. Sie wurde noch einmal besprochen 
und in etwas veränderter Form auszuführen beschlossen» 
Denn wir Alle hatten den Weg zum Dorf Evolena 
schon öfters gemacht und huldigten überdies dem Grund- 
satze, vielbetretene Touristenwege mit ihren Hotels zu 
vermeiden, die ausgezeichnete Clubkarte zum Führer,, 
den eigenen Rücken zum Träger benutzend. 

Der Pic Arzinol, auch Sex Blanc in Evolena ge- 
nannt, ist der äusserste noch etwas bedeutende, 3002 "* 



*) Vergl. Beilagen. 



1 



6 Wolf. 

hohe Gipfel der Gebirgskette, welche sich, die beiden 
Thäler von Heremence und Evolena trennend, vom 
Hauptzuge der penninischen Alpen in nördlicher Rich- 
tung von den drei Nachbarriesen Pigno d'AroUa, Zina- 
reffien und Mont Blanc de Seilen abzweigt und von ihnen 
getrennt wird durch die beiden benachbarten Pässe 
Pas des Chevres und Col de Ried matten*). Die Aiguilles 
rouges, die Pointe de Youasson, der Mont de TEtoile 
und Mal de la Niva sind die bedeutendsten Erhebungen 
dieses Ausläufers und ausser beiden erwähnten Pässen 
führen noch die Cols de Derboneira , de la Me'ina oder 
de Meribe über seinen Rücken. 

Diese Pässe sind vielbenutzte Hirten- und Jäger- 
wege und seit einigen Jahren auch von der Touristen- 
welt häufig begangen, besonders die beiden erstem, 
die nicht nur das Val de Dix mit dem Val d' Aroila 
verbinden, sondern beide noch durch verschiedene 
Gletscherpässe (Col de ßreney, de la Serpentine, de 
Seiion und du Mont Rouge) mit dem Bagnerthal. 

Herr R. Ritz stieg von Evolena aus, auf äusserst 
angenehmem und an Abwechslung reichem Wege, in 4— 5 
Stunden zur Spitze des Pic Arzinol, zuerst durch 



*) Der Col de Riedmatten hat seinen Namen durch 
ein Ereiffniss aus dem Leben des Bischofs Adreanus III. von 
Riedmatten erhalten. Der alte Herr flüchtete sich nämlich 
nach Rom im Anfange des 17. Jahrhunderts, um dem päpst- 
lichen Legaten, der mit einer unangenehmen Bulle über den 
Simplon kam, zuvorzukommen. Er schlug seinen Weg über 
den bis dahin unbekannten Col seines Namens ein (der Pas 
des Chevres war ihm zu schwierig) und ging dann von der 
bischöflichen Alp AroUa über den Col de Colon nach Aosta 
und Rom. 



Col de la Meina und Pic Ärzinoh 7 

Waldesdunkel an der Eishöhle Pertds freiss vorbei, 
dann vom Pont du Merdesson an über Alpenweiden, 
die Hütten von La Meina rechts lassend, in gerader 
Kichtnng hinauf und hinein in's Hochthälchen von 
Arzinol und von da über einen wahren Blumengarten 
bis zur Spitze. 

unser Plan hingegen war wie folgt festgesetzt: 
Abreise von den Mayens Nachmittags 3 Uhr, Nacht- 
lager bei den Hirten von Möribö, folgenden Tags in 
aller Frühe über den Col de la Meifna zum kleinen 
Alpsee, der auf dessen westlichem Abfalle liegt, und 
von da direkt zur Spitze. Abstieg gegen Norden über 
die Alp Mandelon bis zu den Mayens von Maqueblan 
und Fretaz hinab und von da wieder auf bekanntem 
Wege über die Wasserleitung zurück nach den Sittner- 
Mayens. 

Die Rollen wurden alsbald vertheilt, d. h. Jedem 
wurde der zu liefernde Proviant zubestimmt nach altem 
hiesigen Brauche; der Eine hatte Schinken, ein Anderer 
Salami, ein Dritter Braten etc. etc. mitzubringen, was 
für jeden Einzelnen nicht nur wohlfeiler zu stehen 
kommt, sondern auch für den Abwechslung liebenden 
Magen weit angenehmer ist. Ein Vivat unsern Pick- 
nicks ! 

Alle trafen am Nachtage zur festgesetzten Stunde 
bei der obem Kapelle ein, dem gewöhnlichen Ver- 
sammlungsorte der Mayens-Bewohner. Das einfache, 

niedliche Kirchlein*), mit seinem schlanken Thürmchen, 

■ » 

*) Die Sage erzählt, dass beim Bau dieser Kapelle der 
nöthige Sand fehlte. Denselben vom .Thalgrunde herauf- 
2uschafPen, wäre denn doch zu theuer gekommen und bald 



8 - Wolf, 

silbergrauen Schindeldach und der mit frischgrüne» 
Kränzen geschmückten Säulen vor halle , liegt gar lieb- 
lich zwischen majestätischen Lärchbäumen verborgen» 
Ein paar weithin tönende Jodler entstiegen unserer 
frohbewegten Brust als Abschiedsgruss für die Zurück- 
bleibenden und muntern Schrittes schlugen wir unser» 
Weg ein, ein paar hundert Schritte aufwärts durch 
den Wald bis zur Ausmündungsstelle der obern Wasser- 
leitung. Diese Wasserleitungen sind die kürzesten und 
zugleich angenehmsten Wege ; denn sie führen in hori- 
zontaler Richtiyig den Bergeshalden entlang, bald durch 
saftige, blumenreiche Wiesengründe, bald durch trümmer- 
reiche, steile Tobel und oft sind sie gar in senkrecht 
abfallende Felswände eingehauen. Unsere heutige Wande-^ 
rung über eine solche Wasserleitung (Bisse vom welschen 
Walliser genannt) bietet uns alle diese Abwechslungen 
dar , und ohne Ermüdung , in ununterbrochenem Gänse- 
marsche legen wir in 2^/2 Stunden ganz bequem und ohne^ 
Gefahr den Weg bis zu den Mayens de Fretaz (Praslong) 
zurück, während wir auf dem holprigen, auf- und ab- 
steigenden Thalwege über drei Stunden gebraucht hätten. 
Wir haben noch den weitern Vortheil, wenig von der 
Nachmittagshitze beschwert zu werden; denn das dahin- 
rauschende Wasser verbreitet eine angenehme Frische 



hätte man den Bau unterlassen. Gott aber sandte flülfe. 
„Ein fahrender Schüler," ein landfremder, eigenthümlich 
gekleideter Wanderer (wahrscheinlich ein Vorfahre heutiger 
Geologen) zeigte den Kathlosen eine verborgene Sandgrube^ 
die gerade das nöthige Material 'barg. Seit Vater Venetz's, 
des gletscherkundigen, Zeit aber sind die Bauunternehmer 
selbst im Stande, „Moränensand" zu graben. 



Col de la Meina und Pic Arzinol. 9 

nnd überdies führt unser Weg öfters durch Waldes- 
schatten. 

Freilieh sind nicht alle Wasserleitungen des Wallis 
dem Wanderer anzurathen , indem einige , wie die vom 
Sanetschthal nach Saviese, von der Alpe Croumaclire 
nach Lens, oder gar die im Massathal, wie von Zauber- 
hand in schwindelnder Höhe angeklebt über schauer- 
liche Felsabstürze hinführen, und nur von ganz geübtem, 
sicherem Fusse begangen werden können; auf frei- 
schwebenden , oft schwankenden Balken muss man ge- 
bückt dahin kriechen und oft durch schmale, finstere 
Tunnels sich durchwinden. 

Unser- Weg aber ist ohne alle Gefahr und bietet 
nur in den Felswänden unterhalb der Groftes de Fee'es 
einen kleinen Vorgeschmack solcher Felsenpassagen. 

Die Yolkssage weiss viel zu erzählen von diesen 
Grottes de Fee'es. Gute Feen sollen in alter Zeit da 
gewohnt haben, Segen spendend über's ganze Thal, 
bis sie von unbescheidenen Neugierigen auf immer ver- 
jagt wurden. Nach Andern sollen diese beiden über- 
einander liegenden Höhlen, deren Eingang, in Mitte 
einer steilen Felswand angebracht, heute unerreichbar 
ist, den letzten^ dem blutigen Hunnenkriege entflohenen 
Thalbewohnern als Zufluchtsort gedient haben. Wahr- 
scheinlicher aber ist es, dass wir hier den Eingang 
zu längst verlassenen Bergwerken vor uns haben ; denn 
die ganze Gegend wurde früher , sogar noch zu unserer 
Zeit, auf Blei, Silber und Kupfer angeschürft, und 
der alte Majora soll ja, wie männiglich bekannt, im 
Anfange dieses Jahrhunderts noch massenhaft Gold ob 
der Alp Orsera gefunden haben, freilich durch Hülfe 



10 Wolf, 

des leibhaftigen « Gottseibeiuns » selbst , wofür er ihm 
aber auch seine arme Seele mit eigenem Blute ver- 
schrieben hatte. 

Singend und plaudernd zogen wir unsern Weg dahin 
und der regelmässige Marsch wurde nur hie und da 

m 

unterbrochen durch Sammeln einiger seltener Pflanzen 
und durch die Bewunderung der an Wechsel reichen 
Thal- und Gebirgsgegend. 

Dem Botaniker sei's verrathen, dass der Wasser- 
leitung entlang äusserst seltene Rosen (ich erwähne 
nur die beiden Hybriden Formen pommifero X gra- 
veolens und pommifero X cinnamomeä), das Thalic- 
trum saxatile, Aconitum penninum und viele andere 
wünschenswerthe Pflanzen wachsen. Während die Einen 
dieselben sorgfältig einlegten, genossen die Andern in 
vollen Zügen der herrlichen Aussicht. 

Wir übersahen das ganze Evolenerthal , vom Fer- 
pecle-Gletscher bis zur Einsiedelei Longe-borgne , alle 
seine niedlichen Bergdörfchen, alle die zahlreichen Alp- 
bütten, und neben den schon erwähnten Bergriesen er- 
hoben nun auch die allermächtigsten , Matterhorn und 
Dent d'Hdrens, frei ihr silbergekröntes Haupt in die 
blauen Lüfte. 

Tief zu unsern Füssen liegen die viel beschriebenen 
Pyramiden von H(5römence oder Useigne, an der Stelle, 
wo die beiden Herensthäler sich abzweigen und wo sich 
in längst vergangenen Zeiten ihre beiden grossen Thal- 
gletscher begegneten , welche nach ihrem Zurücktreten 
den mächtigen Moränenschutt zurückliessen , aus dem 
diese phantastischen Gebilde aufgebaut oder besser ge- 
sagt ausgewaschen sind. 



Col de la Metna und Pic Arzinol. 11 

Unser Blick verfolgt von hier aus aufwärts den an 
Wasserfallen reichen Lauf der Dixense in's Val d'Her6- 
mence, dessen oberster Theil,^ Val de Dix genannt, 
von den vergletscherten Felsbörnern der Rochers du 
Bouc, la Salle, Mont Pleureur, La Loälette, Rouinette, 
Mont Blanc de Seiion, Aiguilles rouges und Vouasson 
nmrahmt wird. Ein Anblick, den ich schon so oft 
bewundert habe und nie genugsam betrachten kann ! 

Es war 57^ Uhr, als wir unsere Wasserleitung 
verliessen und den Thalweg betraten bei der Brücke 
von Praslong. Jedoch nicht lange benutzten wir diesen 
holprigsten aller Alpwege, den wir schon so manch- 
mal begangen und verwünscht hatten. Zur Abwechs- 
lung suchten wir uns diessmal unsern eigenen Weg, 
wir schlugen uns links in den Wald hinein, über Stock 
und Stein! Freilich kostete uns diess nicht weniger 
Schweisstropfen , aber es war doch was Neues, und 
wieder wurden der Pflanzen gar viele und seltene ent- 
deckt und gesammelt, so besonders aus der reichen 
Familie der Hieracien. Der schöne Abend verging so 
aufs Angenehmste und Nützlichste und die Sonne war 
schon längst hinter den Bergen verschwunden, als wir 
bei den Hütten von Meribe anlangten*. Die Hütte 
fanden wir verschlossen , denn die Hirten waren mit 
dem Vieh zum obern Stafel hinaufgezogen. Da wir 
aber wohl wussten, dass es dort oben nicht gar wohn- 
Keh sei, so blieb uns keine andere Wahl, als hinauf- 
zusenden, um den «Pater» um Milch und Obdach zu 
bitten. Die Stunde, die bis zu dessen Ankunft ver- 
floss, war schnell dahin. Wir hatten uns alsobald 
daran gemacht, Holz zu sammeln und ein lustiges 



12 Wolf. 

Feuer in der Nähe der Hütte anzuzünden; denn der 
Abend war kühl und wir von unserm Entdeckungs- 
spaziergang so ziemlich im Schweisse gebadet. Fröhlich 
lagerten wir uns um die hellauflodernde Flamme, 
Hessen den Becher kreisen und sangen unsere frohen 
Weisen in die Nacht hinaus. 

Unsere weithin schallenden Stimmen hatten den neu 
entdeckten C-Dur Accord des Wasserfalls, den die von allen 
Seiten herabeilenden , stark angeschwollenen Gletscher- 
bäche geheimnissvoll brummten , übertönt, und so uns 
weitere fröhliche Gesellschaft herbeigelockt. Nicht nur 
der Oberhirte kam herabgestiegen, sondern mit 'ihm 
noch ein paar Kameraden, denn die Walliserhirten, 
auch der Welsche, lieben gar sehr den Gesang und 
lustige Gesellschaft und vielleicht auch die ihnen gerne 
gegönnten Cigarren und den für hier oben eben sa 
seltenen Wein. 

Es trat nun Scenen Veränderung ein ; das Weber'sche 
Zigeunerlager ward aufgebrochen und es wurde , wenn 
nicht eine Gessner'sche , so doch wenigstens eine im 
Rembrand'schen Stile angerauchte Hirtenhüttenscene 
vorgestellt. Es wurde gewaschen , gefegt , gefeuert , ge- 
kocht und gespeist und zur guten Letzt noch ein ge- 
müthlicher Abendsitz gehalten bis spät in die Nacht 
hinein und dabei nicht nur des Kunst- , sondern auch 
des Volksgesanges gepflogen. So ^am endlich auch der 
Augenblick heran, der mir immer die grösste Mühe 
verursachte, meinem Ansehen in Punkto der Autorität 
keine Blossen zu geben. Gott Morpheus aber stand 
mir zur Seite und bald waren auch die Letzten in 
seine sanften Arme gesunken. 



Col de la Me'ina %md Pic Arzinol. 13 

Die Walliser Alphütten haben neben andern Un- 
annehmlichkeiten auch noch die, dass ihre Wände ziem- 
lich schlecht schliessen. Die durch breite Spalten ein- 
dringende kalte Morgenbise hatte aber das Gute, die 
Luft des kleinen Raumes zu erneuerh und unsern 
Körper derart zu durchdringen , dass wir gerne zu 
früher Stunde das überdies harte Lager yerliessen. 
Die Toilette wurde am nahen Merder^bache gemacht, 
dessen Wasser zum Glück reiner ist als sein Name. 
Der etwas stark durchfröstelte Körper hatte nun Er- 
wärmung nöthig, die uns in vollem Masse zu Theil 
wurde durch das einstündige Aufwärtssteigen auf 
steilem, holperigem Wege zu den obeni Alphütt^n von 
Meribe. Das Frühstück, uns gar köstlich mundende, 
frischgemolkene Milch, wurde daselbst eingenommen 
und den gastfreundlichen Hirten Yalet gesagt. 

Von hier bis auf den Col de Meribe ist keine Spur 
Ton Weg mehr vorhanden. Man hat übrigens die Pass- 
lücke immer vor sich und kann desswegen unmöglich 
fehlen , da auch die Terrainverhältnisse keinerlei 
Schwierigkeiten darbieten. In einer weitern Stunde waren 
die Ersten oben angekommen und führten gymnastische 
Uebungen aus auf den von den ersten Sonnenstrahlen 
rothbeleuchteten Felsen, während wir Botaniker noch 
lange säumten, sie einzuholen. Denn wir schwelgten im 
Hochgenüsse, schmückten unsereHüte trotz österreichisch- 
sentimentalem Yerbote mit Edelweiss und bereicherten 
unsere Mappen mit einigen seltenen Hochalpenpflanzen. 
Unser Basler Doktor, mein lieber Freund C ..... , 
hat mir zwar strengstens an's Herz gelegt, meine 
Geheimnisse nicht zu sehr auszuplaudern; ich will 



i 



] 



14 Wolf. 

aber dennoch meinen geehrten Alpenclubgenossen davoii 
mindestens Etwas anvertrauen, wohl überzeugt, dass 
sie nicht zu starken Gebrauch davon machen werden^ 
und weil ich für «uns Eingeweihte» immer noch einige 
Lokalitäten ausgezeichneter Rarissima mir vorzubehalten 
erlaube. 

Draba Zahlbruckneri Spitzel, Draba Wahlenbergii 
Hart., Arabis caerulea Haenk., Hutchinsia brevicaulis 
Hoppe, Artemisia jMutellina Vilt. und spicata Wulf, 
Achillea nana L. und atrata L., sanmit ihrer hybriden 
Form A. Laggeri Schult., Senecio incanus L., Androsace 
carnea L. etc. etc. etc. sind die erwähnenswerthen 
Seltenheiten. Nur ihnen zu Liebe wird gewiss mancher 
Botaniker den Ausflug hieher unternehmen. Es schmücken 
aber überdiess noch prachtvolle Gentianen die Felsen- 
spalten unseres Passes, nicht nur diesseits, sondern 
auch seinen westlichen Abfall. Der Bastard Gentiana 
Gaudiniana Thom. ist hier ohne zu grosse Mühe zwischen 
seinen Eltern G. purpurea L. und G. punctata L. von 
einem geübten Auge leicht zu entdecken. 

Unser Bleiben auf der Höhe des Passes war nicht 
von langer Dauer, obgleich seine Aussicht eine sehr 
reizende ist. Es wartete unser ja die des Pic Arzinol, 
und rasch stürmten wir desswegen den Abhang hinab 
zum kleinen lieblichen See*), ohne jedoch zu vergessen, 
einige noch blühende Anemonen (baldensis L.) und den 
zierlichen Kanunculus glacialis var. genuinus Bchb. mit- 
zunehmen. 



*) Ist weder auf der Dufour-, noch auf der Clubkarte 
eingezeichnet. * 



Col de la Meina wnd Pic Arminol, 15 

Auf weichem Graspolster am Rande des Sees Hessen 
vir uns nieder. Die geduldigem Fräulein halfen mir 
die reiche Pflanzenernte in die Papiere einlegen^ 
■ unter der natürlich gerne gewährten Bedingung, das» 
ihnen später einige hübsche Exemplare für ihre Album's 
überlassen würden. Die lebensfrohen Jungen hatten 
sich indessen ihrer Schuhe und Strümpfe entledigt und 
Dahmen ein stärkendes Fussbad im seichten, klaren 

I Seewasser. Nachher wurde eine kleine Magenstärkung 
eingenommen. Ein muthwilliger Hirtenjunge aber, den 
wir bis jetzt noch nicht bemerkt hatten, störte uns 
auf aus unserer Ruhe. Er kam mit seiner Herde 
von den gegenüberliegenden Felsenhalden herabgestürmt, 
gerade auf uns zu. Wir hatten kaum Zeit, unser 
Gepäck zu ordnen, als wir auch schon auf allen Seiten 
von der zahlreichen Schafheerde umringt waren. Ein 
paar prachtvolle Widder mit doppeltgekrümmten Hörnern 
folgten dem rothbackigen , strammen, kraushaarigen 
Jongen; sie kamen miteinander daher gesprungen wie 






ein Tross losgelassener Schuljungen, neue Streiche im 
Schilde führend. Es war dem auch wirklich so. Ohne 
Widerstreben Hessen sich die kräftigen Schafböcke 
vom Knaben an den Hörnern packen und plumps lagen 
und zappelten sie im Wasser, hinausgeschleudert von 
einem vorspringenden Felskopfe in die tiefste Stelle 
des klefnen Sees. Ihr hättet die im Ueberglücke 
sprühenden Augen des lautauflachenden Hirtenjungen 
sehen sollen! Meine Jungen hatten bald Bekanntschaft 
mit ihm gemacht, konnten ihm aber auf diesem Felde 
im «Böckebezwingen» trotz aller Anstrengung nicht 
Meister werden. 



i 



16 Wolf. 

Im Weitergehen erzählte ich meinen Reisegefährten, 
dass dieser Schaf hirte wohl derselbe sei, von dem ein 
Franzose vor ein paar Jahren im Journal de Geneve 
Eigenthümliches zu melden wusste. Ein grauses Ge- 
witter, so schrieb der kühne Tourist, hatte ihn, den 
einsam wandernden auf der himmelhohen Felszacke 
des Pic Arzinol überrascht; das Brüllen des Donners 
wetteiferte mit dem Gekrache herabstürzender Lawinen ; 
Schnee, Hagel und Regen ergossen sich in Strömen, 
gepeitscht vom heulenden Sturme. Da tönten plötzlich 
Hülferufe an sein Ohr, Jammerrufe eines Verirrten 
durchschnitten die Lüfte. Sie kamen aus den Höhen 
des Mont de Tetoile! Rasch war unser bebrillte und 
beschleierte Menschenfreund hinaufgestiegen und ent- 
deckte, durch das Leuchten der Blitze im Dunkel 
geführt, einen weinenden Geissbuben auf steilem Felsen- 
vorsprung, von wo aus es dem Verkletterten unmög- 
lich gewesen wäre, herabzukommen, ohne die tapfere 
Rettungshand des menschenfreundlichen Reisenden. Mit 
lautem, allgemeinen Gelächter wurde meine Erzählung 
aufgenommen, ja, der Jüngste aus der Gesellschaft 
meinte spottend, der Evolener Geissbube werde wohl 

L 

ein Vetter gewesen sein von dem aus St. Nicolaus im 
Zermatterthal, dessen grösstes Vergnügen war, auf die 
äussersten Gipfel det über, tausend Fuss hohem Ab- 
grunde hängenden Tannen zu klettern und sich da, in 
freier Luft schwebend, zu schaukeln. Ja, eines Tages, 
fuhr der sich ereifernde junge Erzähler fort, wurde 
er so von seinem Pfarrer erblickt und tüchtig aus- 
gezankt, ihm selbst gedroht, dass sein Schutzengel ihn 
verlassen werde, wenn er fortfahre, so leichtsinnig 



Cöl de la Meina und Pic Ärzinoh 17 

sein Leben aufs Spiel zu setzen. «Ja, Herr Pfar- 
herr, dV Schutzängel darf da nit gab , wo n'i gah , » 
war seine x^ntwort. 

Solche Jungen, meinte ein anderer Gefährte, waren 
wohl das Holz, aus dem man seiner Zeit die Doktoren 
Blatter, Lythonius und den grossen Mühlibacher Kardinal 
geschnitzt hatte! 

Jeder wusste nun ein Stückchen aus dem Leben 
irgend eines Geissbuben, dieser verwegenen Schelme, 
zu erzählen, von ihren Spielen und lustigen Streichen. 
Auch ich gedachte ihrer; denn zweimal hatten sie 
mir aus grosser Verlegenheit geholfen: Das erste Mal 
der von der Varner Alpe, als ich mich botanisirend 
am Trubelnstock verloren hatte und den Weg nach 
Leukerbad hinab nicht finden konnte, und das andere 
Mal, als ich vom Glacier du Pras-Fleury herab- 
kommend nicht über die vom längst zurückgewichenen 
. Oletscber glattgeschliffenen Felsen der Blava hinab- 
steigen konnte. Und da ich das allseitige Interesse 
wahrnahm, mit dem die ganze Gesellschaft unsern 
Reden folgte, so erzählte ich noch ein Reiseabenteuer, 
das seiner Zeit Freund R. R. auf der Alpe Oberaar 
begegnet ist. Er schrieb mir darüber wie folgt: 

«Am Oberaargletscher liegt eine wilde, öde Alpe, 
*die durch Kauf an die weitentlegene Gemeinde Törbel, 
«im Visperthal gekommen ist. Der Hirt führt in 
«dieser Alp ein äusserst einsames Leben, seine einzigen 
«Genossen sind Rinder, Schafe und einige Ziegen, die 
*ihm die Milc! mr Nahrung geben. Der übrige 
*Mundvorrath wird ihm von Zeit zu Zeit über den 
«Gratfirn hergebracht, und geht mitunter zur Neige, 

2 



18 Wolf, 

«ehe heuer angelangt ist. So traf es sich, als ich 
«mit zwei Reisegefährten vor etlichen Jahren über den 
«Trüzi- und Gratfirn und den Oberaargletscher in die 
«Alp Oberaar kam. Dem Hirten dort waren die Mund- 
«vorräthe bis an ein Stück Brod ausgegangen und 
«überdiess fiel an demselben Tage und in der folgen- 
«den Nacht so viel Schnee, dass auch die Thiere ohne 
«Futter waren und jämmerlich blockten und brüllten. 
«Glücklicherweise hatten wir tüchtig Proviant mit- 
«genommen für einige Tage und schenkten denselben 
«dem Hirten. Wir gaben daher auch unsere Pläne 
«auf und kehrten zurück in's Wallis über den Sidel- 
«horngrat, bei fortwährendem Schneefall. Auf der Höhe 
«des Grates entdeckten wir .zu unser m Erstaunen im 
«Schnee frische Spuren von einem Paar wohlgeformter, 
«nackter Füsse, deren Richtung dem Grat entlang- 
«gegen Westen wies. Wir verfolgten diese Spuren 
«lange bis zu einbrechender Nacht und der Hunger 
«zwang uns endlich, in die ülricher- Alphütten abzu- 
«steigen. Dort berichteten wir das Gesehene. Die 
«Sennen und Hirten schüttelten die Köpfe. «Wir haben 
«Niemanden bemerkt, das sind keine natürlichen Fuss- 
« spuren. Es wird der Gratbotze sein oder der gespenstige 
«Hirt,» meinte der Zusenn. 

«Das ist nicht wahr, versetzte eifrig der Geissbab, 
«kein Geisshirt noch Schafhirt lauft ohne Schuh ! » 
«Darauf sägte ein anwesender Jäger bedenklich: «Es 
«wird die schöne Mailänderin gewesen sein, die muss 
«btissen, weil sie sich bei Lebzeiten zu sehr verzärtelt 
«hat und darum, weil sie immer in der Kutsche ge- 
«fahren und nie zu Fuss gegangen, muss sie nun nach 



Col de la Me'ina und Tic Arzinol. 19 

«dem Tode mit blossen Füsschen über Firn und Guffer, 
«über Grat und Tossen wandeln. Und merkt's Euch, 
«ihr Stadtleut,> fügte er hinzu mit einem Seitenblick 
«nach uns. Wir merkten uns auch diese Lehre und 
«zogen vor, lieber bei Lebzeiten mit wohlgenagelten 
«Schuhen und mit einem guten Schluck versehen über 
«Berg und Firn zu ziehen. Die Fussspuren der schonen 
«Mailänderin aber haben wir seither nie mehr ent- 
« deckt.» 

Mittlerweile hatten wir eine gute Strecke Weges 
zurückgelegt, noch einige Schritte, und wir sind am 
Ziele! Vom See bis zur Spitze ist die Steigung eine 
sehr geringe , der angenehmste Spaziergang , den man 
sich denken kann; über einen wahren Blumenteppich 
der allerzierlichsten, in bunter Farbenpracht prangenden 
Alpenpflanzen führt unser Weg. Während die Fräuleins 
die tiefblaue Enziane, die rothe Silene und Androsace 
und das Alpenmassliebchen pflückten, schenkte ich 
meine Aufmerksamkeit den verschiedenen Caricaeen, 
der seltenen Potentilla frigida und einer ganz kleinen, 
einblüthigen Varietät der Campanula barbata, die man 
leicht für die C. alpina der östlichen Tyroler-Alpen 
nehmen könnte. 

So waren wir ohne Anstrengung in der heitersten 
und glücklichsten Stimmung oben angekommen und 
lagerten uns auf die herumliegenden Felsblöcke. Mehrere 
Stunden blieben wir da oben, schwelgend in Lust und 
Wonne ,£ uns am einzig schönen Anblick der gross- 
artigen Gebirgswelt erfreuend. Es ist so schön hier 
oben! Und die Tage so hohen Genusses sind gar zu 
selten! 



20 Wolf. Col de la Me'ina und Pic Arzinöl. 

Die Aussicht zu schildern wird man mir wohl. er- 
lassen; hat sie ja doch der Stift unseres Meisters 
Raphael Ritz in dem beiliegenden Panorama*) hundert- 
mal besser wiedergegeben, als Worte es vermöctiten! 

Die Sonne hatte schon den grössten Theil ihres 
Laufes vollbracht, als wir endlich die liebgewonnene 
Stätte verliessen. Wir stiegen in nordwestlicher Richtung 
hinab, zuerst über steile Felsen, dann über langweiliges 
Steingeröll und endlich auf kleinem Fusswege zu den 
Hütten von Mandelon. Der steile und schnelle Marsch 
liieher hatte unsere Kehlen*^tark erprobt, hier aber, 
in der grossen, ausnahmsweise reinlichen Sennhütte 
gab's vortreffliche Milch, die uns der freundliche Ober- 
senn in der zuvorkommendsten Weise kredenzte. Nach- 
dem wir überdiess von Allem gekostet hatten, was der 
Aelpler aufzutischen vermag, setzten wir wohlgestärkt 
unsere Reise fort, erreichten iu einer kleinen Stunde 
die Brücke von Praslong und noch 2 Stunden später 
unsere lieben Mayens. 

Wir waren so beglückt von unserer Wanderung, 
dass wir Alle den Entschluss fassten, es wie Freund R. 
zu machen, und bei mir steht es heute noch fest, jedes 
Jahr dem schönen Berg einen Besuch abzustatten! 



*) Siehe Beilagen. 



Klettereien in den Walliser- und Bernerbergen. 

Von 
Dr. H. Dühi. 



I. 

Das Weisshorn. 

Nach einer Reihe von in den Gruppen des Lauter- 
brunnen- und Lötschthales gemachten, an alpiuon Mühen 
und Genüssen reichen Fahrten waren Freund Wyss und 
ich Freitag den 21. Juli 1876 Mittags in dem vor- 
trefflich gehaltenen kleinen Hotel Dom des Herrn 
Bmnner in Randa eingetroffen, in der Absicht, das 
Weisshorn zu besteigen. Denn so manche Spitze wir 
auch schon zusammen erklettert, so manchen Pass wir 
beschritten hatten, bei keiner der riesigen Rundsichten 
hatte in uns irgend eine Gestalt grössere Begeisterung 
wachgerufen und den leidenschaftlichen Wunsch eines 
Angriffs immer und immer mehr genährt, als die 
blendende Firnkuppe des Weisshorns, wie sie sich von 
Norden her präsentirt. Und nun, wo unser Sturm 
auf den Feind vom vorigen Jahre her, das Lauter- 



22 • Bühi. 

brunner Mittaghorn, wiederum an den dies Jahr merk- 
würdig ungünstigen Schneeverhältnissen gescheitert war, 
stand unser Entschluss fest, den Versuch zu wagen, 
am Weisshorn die erlittene Schlappe auszutilgen. Dazu 
kam, dass uns in Randa gesagt wurde, dass mehrere 
Engländer, darunter Fred. Gardinen, eines der thätigsten 
Mitglieder des A. C, dessen liebensw^ürdige Bekannt- 
schaft ich 14 Tage früher in Guttannen gemacht hatte, 
gestern nach der Hütte am Hohlicht aufgebrochen seien 
und heute Abend vom Weisshorn zurückerwartet würden. 
So waren wir gleich darüber einig, den Vortheil eines 
theilweise vorgezeichneten Weges und der Belehrung 
durch fachkundige Gänger und Führer uns nicht ent- 
gehen zu lassen," sondern ohne längere Rast diesen 
Nachmittag noch weiter zu gehen, obschon wir heute 
schon von Visp heraufgekommen waren und die un- 
ausgesetzten Anstrengungen der letzten Tage unsre 
Kräfte etwas mitgenommen hatten. Dass die eleganteste 
aller Berggestalten des Wallis eine sehr rauhe, so zu 
sagen borstige Rückseite habe, wussten wir vom Sehen 
und die Schwierigkeiten einer Weisshornbesteigung 
kannten wir vom Hörensagen. Noch mehr Respekt 
davor zeigten unsre Führer, Fritz Fuchs und Adolf 
Graf von liauterbrunnen, die das Weisshorn freilich 
nie bestiegen hatten, aber aus dem Munde anderer 
Mannen wussten, dass dasselbe unter Umständen böser 
sei als selbst das Matterhorn. Sie verlangten daher, 
dass noch ein Träger mitgenommen werde, der Koch- 
geschirr und Decken bis zur Hohlichthtitte trage und 
uns am Morgen wenigstens eine Strecke weit begleite, 
um sie zu orientiren. Wir willigten in dies billige 



m^ 



Weisshorn, 23 

Begehren gerne ein und engagirten den einzigen in 

Eanda zur Verfügung stehenden Mann, der gestern 

schon die Engländer bis zur Hütte begleitet hatte und 

auch schon auf der Spitze gewesen sein wollte. Unsre 

Wahl war keine gute, und hatten wir es zu bereuen, 

dem Geschwätze des langweiligen Gesellen, dessen Name 

mir entfallen ist, während ijph die leidige Erinnerung 

an seine Leistungen nicht los werde, in einem wichtigen 

Punkte geglaubt zu haben. Gleich seine Behauptung, 

imser Nachtquartier sei 4 — 5 Stunden entfernt, schien 

mir nach einem Blick auf die Karte Aufschneiderei, 

um seine Forderung von 25 Fr. besser zu motiviren. 

Um nur fortzukommen, sagten wir Ja und Amen zu 

Allem, und von Hrn. Brunner mit allem Nöthigen wohl 

versehen und mit den besten Wünschen entlassen, 

brachen wir um 3 ühr auf, verliessen bei der Säge- 

Biähle das Fahrsträsschen nach Zermatt, übersehritten 

die Visp und stiegen am andern Ufer durch Wiesen 

und Wald steil aufwärts. Das Klappern von Eisen 

auf den Steinen und einzelne Laute verriethen uns das 

Nahen der Engländerkolonne, und bei einer Biegung 

des Weges standen sie vor uns. 

Wir machten Halt und wechselten einige Worte 
Aber ihren Erfolg und unsre Absicht. Es waren die 
Herren Gardiner und Coolidge vom A. C. mit Peter 
und Job. Knubel von St. Nikiaus und Job. von Bergen 
von Meyringen, der noch einen jungen Burschen aus 
seinem Heimatort bei sich hatte, den er in löblicher 
Weise auf eigene Kosten mitnimmt, um ihn zum Führer 
heranzubilden. Die Herren sahen über ihre Besteigung 
erfreut und noch ganz munter aus, während ein anderer 



24 



Dühi, 



Engländer, den wir einige Minuten später ob( 
des Waldes mit Almer und einem Träger anti 
mit allen Zeichen der Ermüdung marschirte. Mi 
teresse sah ich in das verwetterte Gesicht und al 
Glieder « von löthigem Stahl » Almers, der gestei 
Herrn Coolidge über das Schallenjoch gekommen, 
heute das Weisshorn miterstiegen hatte und siel 
weniger auf die Ruhe im Thal als aufs Trinken fi 

Wir aber stiegen auf ordentlichem Pfade über 
Grashalden an elenden Hütten vorbei weiter, bisJ 
in kaum 3 Stunden von Randa weg bei der ] 
und verhältnissmässig sauber gehaltenen Hütte am 
licht anlangten Es war noch früh, so dass wir 
zauberisch schönen Abend ganz auskosten konnten. 
Lage war aber auch wundervoll. 

Den Hintergrund füllt der HohlichtgletScher, 
kirt vom Rothhorn- und Schallenberggletscher, 
weissen Massen aus, durchzogen von 5 mächtij 
Moränen, um weiter aussen in die dämmernde Spj 
des Schallenbaches auszulaufen. Drüben erfreuten vt 
einzelte grüne «Läger» das Auge, darüber aber sti< 
eine imposante Mauer auf, Zinne au Zinne, das Metti 
hörn, die Blattenhörner, die Blaufluh, der Eseltschuggei 
und noch höher und gewaltiger im Westen das §pitzij 
Gabelhorn, das Trifthorn, das furchtbar zerrissene Roth- 
horn oder Moming und das langgestreckte SchallhornJ 
Der Blick auf das Weisshorn ist leider verdeckt durch 
die Höhenzüge, die vom Schwarzhörnli zum Schallen- 
gletscher streichen. Mit Hülfe der Karte suchte ich 
die Uebergänge zu bestimmen, die von Zinäl her über 
die Einsenkungen dieses Gipfelkammes führen, Triftjoch^ 



Weisshorn. 25 

3fomingpass und Schallenjoch, und erregte das ver- 
blüffte Staunen unsrer gastlichen Hirten durch die 
Sicherheit meiner Nomenklatur. Auch nach Osten ist 
der Blick auf die Mischabelhörner von ergreifender 
Wirkung. • Dieser leicht zu erreichende Standpunkt 
würde den Gang eines Zeichners und Malers reichlich 
lohnen; mein Stift ist leider solchen Aufgaben nicht 
gewachsen. Erst als das letzte Rosenroth am Dom 
verglommen war, zogen wir uns in die Hütte zurück, 
um uns nach kräftigem Abendmahl zur oft gestörten 
Ruhe auszustrecken. Aber endlicli wirkte die P>müdung 
der letzten Tage doch, und als wir aus schwerem Schlaf 
geweckt auftaumelten, war es l Uhr vorbei. Hastig 
wurde der Aufbruch vorbereitet, aber es war 2 Uhr, 
als wir in die stille, dunkle Nacht hinaustraten. 

Gleich hinter der Hütte wurde unter der Leitung 
nnsres Trägers in nördlicher Richtung die steile Schaf- 
alp hinaufgestiegen. Oben kamen ein paar Felsentritte, 
die wir mit Hülfe unsrer elenden Laterne doch über- 
wanden. Es dämmerte, als wir uns dem Schallenberg- 
gletscher näherten. Der Schnee war hart und gut zu 
begehen und der Tag schlug an, als wir, den Spuren 
der Engländer folgend, durch den Sörac hackten, um 
an den Fuss des Horns zu gelangen. Hier entliesseu 
wir unsern Träger, da unsre Mannen ihrer Erfahrung 
mehr trauten als seinen unsichern Belehrungen. 

Das Weisshorn, das in einem weiten, hochgespannten 
Bogen zwischen dem Schallenberg , Bies- und Weisshorn- 
gletscher sich ausdehnt, entsendet eine Felskante süd- 
westlich zum Schallenjoch hinunter und zwei durch 
eine zerrissene Mulde getrennte zum Schallengletscher. 



26 I>ühi. 

Au der östlichem derselben begann der Anstieg zuerst 
in festem Gestein ohne bedeutendere Schwierigkeit. Je 
höher wir aber kamen, desto gebrochener wurden die 
Felsen und desto anstrengender die Turnerei von Klippe 
zu Klippe. Bald erwies es sich, dass ein beibehalten 
der Richtung uns vielleicht auf den wüst zerrissenen 
Gipfelgrat, aber in zu grosser Entfernung von der 
Spitze bringen würde und eingedenk der Anweisungen 
von Knubel bogen unsre Führer links ab, um in west- 
licher Richtung den Berg flankirend die zweite Kante 
zu gewinnen. Spuren, die wir bald im Schnee fanden, 
zeigten, dass wir auf dem rechten Wege seien. Dieses 
Stück gehört zu den schlimmsten der nicht leichten 
Besteigung. Die Mulde ist fächerförmig von einzelnen 
Felsrippen durchzogen, die schräg einfallenden Schichten 
bieten Hand und Fuss wenig Halt und das halbe 
Dutzend oder mehr von Couloirs, die man zu passiren 
hat, war mit einer dünnen Schicht Schnee von der 
allerbösten Beschaffenheit belegt, der uns schon jetzt 
viel zu schaffen machte und für den Nachmittag 
nichts Gutes versprach. Wir waren froh, als wir die 
Felsen der nächsten Kante in der Hand hatten, und 
machten unsern Frühstückshalt. Die Führer waren mit 
unserm Vorwärtskommen nicht recht zufrieden, Ihrer 
Meinung nach sollten wir eigentlich schon höher sein, 
aber es ging eben nicht, wie wir gern wollten. Bald 
wurde wieder aufgebrochen. Manchmal musste, da uns 
jetzt die Wegleitung der Engländer wieder fehlte, fein 
und her gesucht werden, im ganzen aber bewährten 
unsre Lauterbrunner ihre findige Nase wie gewohnt. 
Endlich erreichten wir, von dem angestrengten Steigen 



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28 Dühi. 

Weisshorngletschers. Drum reisse dich los, mein Auge, 
von dem Dämon, der aus der Tiefe lockt und schau 
in die Runde. Da liegen sie klle, die Eis- und Winter- 
riesen des Wallis, wenige höher als wir, aber viele 
gewaltig zu uns aufstrebend, Haupt an Haupt, gegen 
deren gigantische Zöge die entfernten Berner- und 
Lötschthalerlieblinge so wenig und die in unenträthseltera 
Wirrwarr liegenden Gipfel der Central- und Ostschweiz 
fast gar nichts mehr sagen zu wollen scheinen, ver- 
bunden durch ungezählte zerrissene Gletscher und 
schimmernde Firnfelder unter einem in wolkenloser 
Bläue strahlenden Himmel. Ich will es nicht wagen, 
einzelne Ketten oder Punkte näher darzustellen, weder 
die in Schnee und Felsen wunderbar wechselnde Gestalt 
der Dent Blanche, noch die einfach schwarze Nadel des 
Matterhorns, nicht die an Formen so üppige Gruppe 
des Monte Rosa, noch die rein geschwungenen Linien 
des Dom. Nur den Gesammteindruck möchte ich mit 
einem Worte zu kennzeichnen versuchen. Was man 
in Reisebeschreibungen des vorigen Jahrhunderts etwa 
von der Scenerie des Gotthard oder der Grimsel liest» 
das gilt mit voller Wahrheit von der Aussicht des 
Weisshorns : sie ist fürchterlich. Und dieser Eindnick 
des Gesammtbildes wird nur gehoben durch die schmalen 
grünen Streifen, die man wie durch die Ritze eines 
Fernrohrs in der Tiefe der Thäler von St. Nikiaus 
und Zinal erspäht. Im Geiste Hess ich den Genuss 
der Jungfraurundschau wieder aufleben. Wie ganz 
anders! Dort vermittelt bei aller Grossartigkeit der 
Gebirgsscenen in Südost und West der Anblick der 
Häuschen und Hüttchen auf Wengernalp und in Lauter- 



Weisshorn. 29 

l)riinnei\, auf die Vorberge, die Seen, die neblige Ebene 
und den in blauer Ferne schwimmenden Jura das Ge- 
fühl des rein Menschlichen, ohne welches wir doch 
nicht lange wohl sind. Hier aber ist nichts als un- 
endliche /J(Vildniss, Zerstörung von Anbeginn und deren 
Ende wir nicht denken können. Mir lief ein Schauder 
über den Leib und es war als ob durch die graun- 
volle Stille die Stimme des Erdgeistes zu dem Staub- 
gebornen spräche : « Du gleichst dem Geist , den du 
begreifst, nicht mir». 

Auch Freund Wyss war stille geworden und die 
Führer drängten zum Rückzug, den wir 1 1 Uhr 30 Min. 
nach fast ^/4 stündigem Aufenthalt antraten. Die Tem- 
peratur war ganz erträglich gewesen, nur die Füsse litten 
im kalten Schnee. Der Abstieg erfolgte erst rückwärts 
und langsam, da das letzte Gehänge sehr steil ist, 
und unter dem Schnee Eis lag. Weiter unten ging's 
dann besser und bald konnten wir unser Gepäck 
wieder zur Hand nehmen, nachdem wir es durch eine 
dritte Mahlzeit wieder erleichtert hatten. Die Schnee- 
g'wächte war jetzt von der Mittagssonne ganz durch- 
weicht, so dass die Pickel durch und durch gingen 
und die stützenden Hände grosse Stücke von der Krone 
abbrachen. So vorsichtig, aber auch so schnell als 
möglich gingen oder krochen wir unter dem Gefühl 
einer beständigen unausweichlichen Gefahr über die 
bösen Stellen; diese einmal hinter uns, wurden die 
Felsköpfe verhältnjssmässig leicht überklettert oder 
umgangen und bald hatten wir die Stelle des Gipfel- 
grats erreicht, wo ein als Merkzeichen zurückgelassenes 
Taschentuch bergabwärts wies. Die steilen Felsen 



30 Dübi, 

erforderten aber mindestens ebenso viel Zeit als beim 
Aufstieg und als wir in die Mulde einbogen, hatte die 
Gluth des Julinachmittags so auf den Schnee gewirkt, 
dass das Passiren der Couloirs gefährlich wurde. Etwa 
im dritten derselben — Graf war voran, ich folgte, 
hinter mir Wyss und zuletzt Fuchs — stiess der letzte 
plötzlich einen Schreckensschrei aus. Ich sprang vor- 
wärts und bekam am nächsten Felsen festen Griff und 
Stand, während Wyss, unter dessen Füssen der Schnee 
abgeglitten war, auf dem Bücken liegend im Seil 
zappelte. Er war rasch wieder auf den Füssen, wäh- 
rend sein Hut in wilden Sätzen bergab rollte. An einer 
steileren Stelle hätte der Unfall leicht üble Folgen 
für Alle haben können und das veranlasste wohl Fuchs, 
in unglücklicher Erinnerung an eine Bemerkung unsres 
albernen Trägers, das Weisshorn werde vom Schallen- 
gletscher her auch direkt bestiegen, den Vorschlag zu 
machen, die Mulde hinunter einen Ausweg nach dem 
Gletscher zu suchen. Graf schien nicht ganz zufrieden, 
aber er machte keine laute Opposition und mein Freund 
und ich waren nachgerade etwas stumpf geworden. 
Ohne viel zu denken, stiegen und rutschten wir die 
eisigen, mit lockerem, Geröll erfüllten Gräben hinunter ; 
kein Tritt war fest und doch konnte man sich nicht 
gehen lassen. Wir kamen nur langsam hinab und 
hatten nirgends einen Ueberblick über den Fuss der 
Mulde. Bei einigen grössern Felsen Hess Fuchs halten 
und band sich los, um zu recognosciren. Wir sahen 
ihn bald links, bald rechts unten herumsuchen, offenbar 
ohne befriedigendes Besultat. Wyss war unwohl , ich ' 
todmüd und Graf sass an einem Felsen, ohne sich viel 



WeissJiorn. 31 

zu regen. Da plötzlich pfiff mir ein Stein wie eine 
Büchsenkugel dicht über das Haupt hinweg und in 
den nächsten Augenblicken kam wohl eine Wagen- 
ladung von Blöcken jeder Grösse und Schwere den 
flauptgraben herunter gedonnert und über und neben 
uns, die regungslos vor üeberraschung standen, hinweg. 
Ein furchtbarer Gedanke durchzuckte uns : wenn 
Fuchs sich nicht rechtzeitig decken kann, so reisst 
ihn die Steinlawine über (Jen Fuss der Wand hinunter. 
Kaum war der Lärm etwas verhallt, so eilte auch 
Graf von uns fort, um nach dem Kameraden zu sehen, 
und überliess uns unsern Gedanken, die nicht die er- 
baulichsten waren, wie man sich denken kann. Wir 
hatten uns unüberlegt in eine unmögliche Situation 
veirannt, das Bombardement konnte sich wiederholen 
und wer vrusste, ob wir das zweite Mal wieder mehr 
Gluck als Verstand haben würden. Zum Glück blieb's 
bei dem einmaligen groben Feuer, und an die kleinen 
Geschosse, die hie und da in unsrer Nähe aufschlugen 
nnd dann in einem grossen Bogen weiter flogen, ge- 
wöhnten wir uns. Auch sahen wir beide Führer an- 
scheinend unversehrt wieder zum Vorschein komüien. 
.Die Lage war nichts desto weniger eine verzweifelte. 
Die kostbarsten Stunden waren ungenutzt verstrichen, 
der Abend nahte mit Eiesenschritten , was auch die 
Ursache war, warum die Steinschläge, in deren Schuss- 
Me wir uns befanden, aufhörten, und es war fast 
sicher, dass wir die Nacht ohne Decken, mit sehr 
^ftuig Proviant und durchnässt von Schweiss und Schnee 
irgendwo in den Weisshornfelsen würden zubringen 
Mssen. Auf unser ungeduldiges Lärmen kamen die 



32 Büh'. 

beiden endlich wieder herauf, und bestätigten, was uns 
durch ihr langes Ausbleiben schon zur Gewissheit ge- 
worden war, dass sich unten absolut kein Abstieg über 
den senkrechten Fuss der Mulde, noch ein Ausweg 
rechts oder links zeige , dass wir vollständig « lätz » 
seien und wieder hinauf müssten. Mit einigen kräftigen 
Kedensarten machten wir unserm Aerger gegenseitig 
Luft, zwängten in aller Hast einige Bissen und Schlucke 
hinunter und * nun vorwärts, so rasch als die Kräfte 
irgend erlauben ». Fuchs , der seine ganze Energie 
wieder gewonnen hatte, versicherte, er werde uns lieber 
am Seil hinter sich herschleifen, als zugeben, dass wir 
nicht vor Nacht in's « abere » kommen. Und siehe da, 
es ging merkwürdig gut. Wie sehr auch Fuchs voran- 
strebte, ich trat ihm fast die Hacken ab und Wyss 
folgte Graf im gleichen Tempo. In weit kürzerer Zeit, 
als wir zu der Descente gebraucht hatten, standen 
wir wieder auf unsrer verlassenen Route; die Couloirs, 
die uns so geängstigt hatten, wurden nun, da der Schnee 
fest geworden war, im Sprung genommen, und einmal 
auf dem festen Gestein der östlichen Kante angekommen, 
dünkten wir uns geborgen, aber es war hohe Zeit. 
Die Nacht war nahe, darum glitten wir eilig die Felsen 
hinunter , wanden uns ohne Schwierigkeiten , unsern 
am Morgen gemachten Stufen folgend, durch den Sörac, 
trabten über den flachen Gletscher und erreichten mit 
Einbruch der Nacht Moräne und Schafalp, über deren 
steile Halden wir im Finstern tappten und stolperten, 
bis wir durch das Geläut zurecht gewiesen gegen 
9 Uhr die Hütte am Hohlicht erreichten , von wo die 
Sennen, über unser Ausbleiben höchlich beunruhigt, 



Weisshorn. 33 

^chon einen Geisbnben als Boten nach Randa gesendet 
hatten. 

Trotzdem konnte ich mich nicht entschliessen, er- 
müdet und in meinen durch die Nässe fast unbrauchbar, 
gewordenen Schuhen den dunklen und holprigen Weg 
nach Randa unter die Füsse zu nehmen, und meine 
Gefährten bestanden auch nicht darauf. Die Hirten 
thaten mit Feuer, Milch und Decken für uns, was in 
ihrer Macht stand, und nach einer nicht gut und nicht 
schlecht verbrachten Nacht trafen wir Sonntags früh 
in Randa ein, wo der treffliche Herr Brunner mit 
Spannung auf uns wartete und eine Recognoscirungs- 
patrouille schon organisirt hatte. Einige Stunden faul- 
lenzen und ein köstliches Diner, gewürzt durch das 
Geplauder mit den Herren Gfardiner und Whitehouse, 
von der Sektion der Diablerets, gaben uns alle Lebens- 
geister wieder, so dass wir Nachmittags noch nach 
Zermatt fuhren, Abends zum Riffelhaus hinaufstiegen, 
und Montags früh 1 Uhr schon wieder gegen den 
Monte Rosa ausrückten. Leider zwang uns ein starker 
Schneesturm in ziemlicher Höhe zum Rückzug. Einigen 
Trost für diesen Schmerz gewährte die Bewunderung, 
mit welchem die sprödesten Engländerinnen im Riffel- 
haus und im Hotel Mont Cervin den jungen und noch 
mehr den alten Weisshornbezwinger betrachteten und 
ausfragten. So endete unsre diesjährige Sommercampagne. 

XJnsre Führer, die erst mich allein, dann uns beide 
während 14 Tagen begleiteten und die stärksten Zu- 
muthungen an ihre Ausdauer willig trugen, verdienen 
alles Lob, Das augenblickliche « Verspringen > am 
Weisshorn war Folge einer übertriebenen Vorsicht, 

3 



34 Dübi. 

nicht des Leichtsinns. Ich empfehle daher die schlichten 
and zuverlässigen Mannen bestens. 

Das Weisshom aber bleibe uns gesegnet, trotz 
seiner Unfreundlichkeit; denn von so grossen Herren 
nur nicht zurückgewiesen zu werden, ist schon viel 
Ehre. 



IL 

Das grosse Lobhom. 

Wenn man auf einem Dampfschiff über den Thuner- 
see fahrend über die Sulegg hinausblickt, so fällt einem 
am südlichen Ende des langgestreckten Grates eine 
Berggestalt in die Augen, welche wie eine Riesenhand 
am Horizonte emporragt. Die eigenthümliche Form 
dieser gesägten Zähne, deren westlichster durch eine 
tiefere Einsattlung von den übrigen getrennt ist, wäh- 
rend die vier andern in von "West nach Ost absteigen- 
der Linie sich erheben, hat verschiedene Namen hervor- 
gerufen. Ein Freund von mir verglich* sie nicht übel 
mit einer Erebsscheere, an einigen Orten im Oberland 
soll man sie « Tyfelsfinger » nennen. Im Bödeli, wo 
man den Berg von einzelnen östlich gelegenen Punkten 
aus ebenfalls und zwar neben der Schwalmeren sieht, 
gilt nach der Versicherung von Emil Ober sei. der 
Name « Vreneli », der freilich wie zum Spott erfunden 
klingt; auf der Karte endlich lautet die officielle Be- 
zeichnung bekanntlich Lobhörner. Am Schluss der 
knappen und bündigen Schilderung dieses Gipfels von 
unserm Altmeister Studer im Panorama von Bern heisst 



Grosses Lohhom, 3ö 

es mit nackten Worten : « Das grosse Lobhorn ist 
unbeßteiglich >, und vielleicht in dem Augenblick , wo 
die ersten Sterbliehen ihren Fuss auf den Gipfel setzten, 
soll einer der besten Kletterer der Berner Sektion 
den Versuch als von vornherein erfolglos bezeichnet 
haben. Und gewiss, wer einmal diese Kalkabstürze 
gesehen hat, musste sich sagen : Da kommt keine Gemse, 
geschweige denn ein Mensch hinauf. Es brauchte das 
noch durch keine Misserfolge geschmälerte Selbst- 
vertrauen der jungen Mannschaft unsrer kräftig auf- 
strebenden Schwester-Sektion £lümlisalp, um das, was 
vielen eine Thorheit schien, keck in Angriff zu nehmen 
und gleich das erste Mal durchzusetzen. Dass es dem 
Verfasser dieser Arbeit durch die Gunst des Schicksals 
vergönnt war, an der Seite dieser wackeren Gesellen 
die erste Besteigung des grossen Lobhorns zu machen, 
wird für ihn immer eine freudige Erinnerung sein. 

In cfen Abendstunden des 24. September schritten 
bei massigem Begen drei junge Männer die ersten 
Stufen des Saxetenthals hinauf. Es waren Eduard 
Müller • und Marcus v. Steiger, zwei Techniker und 
Artillerieoffiziere von Thun, mit allen strategischen 
Manövern und tactischen Griffen auch in den Bergen 
wohl vertraut, und meine Wenigkeit, den der Reiz 
des kühnen Wagnisses mitgerissen hatte, wenn auch 
der weise Spruch von Bischoffhänsi sei. ihm in den 
Ohren klang.: « Mi chunt gwüss nit geng uf jede Barg, 
wo me gern wett». 

Langsam stiegen wir bergan, denn wir waren alle 
und zum Theil schwer bepackt. Provisionen und ein 
bescheidener Vorrath von Wein in einer Blechflasche, 



36 Dühi. 

«Tante» genannt, machten den kleinsten Theil aus; 
schwerer wogen etwa 20 Meter solides Feuerwehrseil, 
ein halbes Dutzend oder mehr fusslanger, eiserner 
und vom gestählter, schmaler Meissel, von Steiger 
eigenhändig gefertigt und zu einem Grebrauche be- 
stimmt, von dem wir uns noch keine ganz klare Vor- 
stellung machen konnten, ein solider Hammer mit 
kurzem Stiel, Kochgeschirr und Decken. Unsre Stim- 
mung war gemischt; hatten wir uns doch aus den 
Armen der geselligen Freunde und von den Augen der 
schönen Glubistinnen Thuns gerissen, in deren reizender 
und fussbehender Gesellschaft wir am Vormittag die 
Beatenhöhle besucht, auf romantischem Felsenpfad den 
Beatenberg erstiegen, und Mittags an wohlbesetzter 
Tafel uns gütlich gethan hatten, um jetzt, bis auf die • 
Haut durchnässt, in irgend einer Htltte vielleicht ein 
elendes Nachtlager zu beziehen und morgen, wenn das 
Wetter nicht umschlug, trostlos wieder tlialab zu 
schwenken und daheim ausgelacht zu werden; war 
doch einer unsrer Freunde, den wir fast mit Gewalt 
jenen Lockungen hatten entreissen müssen, schon in 
Interlaken von uns gestoben, mit einem spöttischen 
«auf Wiederseh'n morgen früh». Andrerseits aber 
wussten wir unsem Pionier Max Müller mit leichtem 
Gepäck weit voraus auf dem Weg nach der Beilen- 
hütte und galt es, unserm Wort gemäss, ihn heute 
noch oder morgen früh zu erreichen zu gemeinsamem 
Werk; auch der herzliche Händedruck, mit dem die 
Damen auf Beatenberg von uns Abschied genommen und 
der zu sagen schien, dass die berglustigen Thunerinnen 
•denen nicht gram sind, die ihnen davon und einem 



Grosses Lohhorn, 37 

« Vreneli » nachlaufen, war mir wenigstens, dem solche 
Wohlthat in Bern nicht oft zu Theil wird, ein kräf- 
tiger Sporn, keine Chance des Gelingens unbenutzt zu 
lassen. 

Bei finsterer Nacht erreichten wir Saxeten. Nach 
einigem Suchen fanden wir die Pintf ; die Wirthin lag 
schon im Bett und erhob sich erst nach kräftigem 
Klopfen an die verschlossene Hausthüre. Ihre Nach- 
richten klangen nicht erfreulich. Max war weiter ge- 
gangen trotz Regen, vielleicht den Felsstieg über den 
Geissrücken hinauf nach Bellenhtttte, wohin wir ihm 
im Dunkeln kaum folgen durften, vielleicht gegen 
Nesslerenalp zu auf die oberste Stufe des Saxetenthals. 
Beherbergen konnte sie uns drei nicht ; zu essen gab^s 
gar nichts und der Wein , den sie uns vorsetzte , war 
bedenklith sauer. So nahmen wir den Weg wieder 
unter die müden Füsse bis zur ersten Alphtitte ausser- 
halb Saxeten, die dem Herrn Knechtenhofer vom Hotel 
des Alpes in Interlaken gehört und durch stattlichen 
Bau und Sauberkeit sich auszeichnet. Von dem braven 
Sennen freundlich aufgenommen, erfuhren wir, dass 
Max wahrscheinlich in der Nesslerenhütte werde ge- 
blieben sein, wohin sie ihn gewiesen hätten. Wir 
beschlossen, die Nacht hier zu bleiben, da es fort- 
während regnete und die Aussichten auf Besserung 
mehr und mehr schwanden. 

Bald entwickelte sich um das mächtige Feuer in 
der geräumigen Küche ein reges Leben. Da wir unter 
uns waren, stand einem systematischen Trocknen der 
verschiedensten Kleidungsstücke nichts im Wege und 
die unruhige Beleuchtung der flackernden Herdflammen 



38 Dübi. 

gab dem wechselnden Kostüm einen phantastischen Keiz 
mehr. Spät erst bezogen wir das Heulager und da 
wir in der Nacht mehrmals yon dem Geräusch des 
strömenden Regens geweckt worden waren, so waren 
wir höchlich überrascht, als eine nach langem Zögern 
und ohne irgend ^^elche Hoffnung gemachte Rekognos- 
zirung des Wetters ein ganz leidliches Resultat ergab. 
Rasch wurde zum Aufbruch gerüstet , und nur mit dem 
nothwendigsten Material bepackt, verliessen wir Montag 
den 25. September, Morgen« 6 Uhr, die gastliche 
Sennhütte. 

Es ging sich doch besser jetzt in den frischen Morgen- 
stunden und mit dem Gefühl, dass jetzt das Gelingen 
nur noch von unsrer Leistungsfähigkeit . abhänge , als 
gestern bei Nacht und Regen. Bald war die Nessleren- 
hütte erreicht, aber Max war schon gestern Abend weiter 
gewandert und musste nach Berechnung der Hirten 
die Nacht in der untern Beilenhütte zugebracht haben. 
Wir folgten ihm dahin. Aber als wir uns, unter der 
Sulegg hinschreitend, diesem elenden Nachtquartier 
näherten, glaubten die scharfen Augen meiner Begleiter 
hoch über uns auf dem Grat eine menschliche Gestalt 
zu erkennen. Fernrohr und Feldstecher bestätigten 
die Wahrnehmung und nun erscholl aus kräftigen 
Lungen das Feldgeschrei der Thuner Sektion, das an 
eindringlicher Gewalt jedenfalls nur von dem Kriegs- 
geheul der Siouxindianer übertroffen wird. Mir gellten 
die Ohren, aber der Erfolg war grossartig. In lang- 
gezogenen Tönen kam die Antwort von oben, deren 
gediegener Text leider ein Geheimniss localer Tra- 
dition ist. 



Grosses Lobhom. 39 

Die Verbindung des Haaptcorps mit der fliegenden 
Vorhut war also hergestellt, das weitere konnten wir 
dem Pfadfinder Max überlassen. Wir drei aber machten 
bei dem Brunnen vor der Hütte Halt zn einer kurzen 
leiblichen Stärkung. Dann begann im Schrägmarach 
der Aufstieg an der Sulegg, mühsam und langweilig 
wie immer. Kostbare Stunden waren verstrichen und 
die Sonne näherte sich dem Mittagsstand, als wir 
nneer Ziel zum ersten Mal wieder ganz ansichtig wurden. 



Orat des Grossen Lobhorns (2570) Tom Silegg-Orat ms. 

Einladend sah dasselbe nun gerade nicht ans. Man 
denke sich eine etwas dicke Schiefertafel, ans der von 
oben herunter ungleiche Stücke herausgesägt wären, 
in einen Haufen groben Kies gesteckt und mau hat 
im Kleinen ein Bild der Lobhömer, wie sie sich von 
Nordost her präsentiren. Ans den hintersten Weiden 
des Snlthales steigt .eine mit grossen und kleinen 
Trümmern dicht besfiete Halde empor und über dieser 
schwingen sich die Kalkfelsen jäh nnd wie abgeschnitten 
auf. Namentlich der Fnss des dOstern Baues ist so 



40 Bubi. 

steil and von so glatt abgeschliffenea Platten gebildet, 
dasa ein Anstieg uns kaum möglich vorkam, nährend 
die Lageiiing der Schichten weiter oben ein immerhin 
schwieriges Klettern zn gestatten schien. Dies Resultat 
unsrer PrOfung bestätigte auch Max Müller, der zuerst 
auf der östlichsten und niedrigsten Spitze zum Vor- 



Die LobbSmer vom SSdirestabh&ng des kleinen «ng. 
sehein kam, dann von uns angernfen auf das Geröll- 
feld niederstieg und längs des Berges fortgehend in 
der Lücke zwischen dem grossen und kleinen Lobhorn 
mit uns zusammentraf. Unser neuer Gefährte, ein 
Mann von wenig Worten und desto mehr Thaten, hatte 
heute schon ein Stack Arbeit getban. Nach einer 
unter Sturm und Regen schlecht zugebrachten Nadit 



Grosses Lobhorn, 41 

war er früher als wir aufgebrochen und hatte nun 
das liObhorn ganz umgangen, aber ohne eine Stelle zu 
.finden, die sicheres Gelingen versprochen hätte. Nach 
kurzem Rath wandten wir uns der Südwestseite zu. 
Gleicher Anblick. Zu unsem Füssen eine wüste 
Trümmermasse , über unsern Häuptern überhängende 
Felsen. Erst in der Mitte der Kette und schon jenseits 
des höchsten Gipfels, der dicht über der Einsattlung 
aufsteigt, fanden wir eine Stelle, wo die Natur selbst 
einen Zugang zu weisen schien. Wie von ungeheurer 
Gewalt ist hier das Gebirge von Oben bis in die Mitte 
der* Masse herunter zerrissen und von der Höhe der 
Vereinigung des höchsten Gipfels (westlich) und des 
nächstniederern Gipfels (östlich) zieht sich eine schmale 
Erosionsrinne herunter, die unten in ein dreieckiges 
Steinbett ausläuft. Die Rinne selbst ist zu glatt und 
steil, um. in derselben emporklettern zu können, aber 
links ist -ein grünes vorspringendes Eck des Haupt- 
gipfels leicht zu erreichen, und rechts zieht sich mit 
massiger Steile ein sohmales Band in die Felsen hinein, 
das in eine Aushöhlung des Kalkgesteins, ausläuft. Die 
Stelle entsprach- der Beschreibung einiger Mitglieder 
der Sektionen Blümlisalp und Oberland, welche hier 
durch schlechtes Wetter zur Umkehr gezwungen worden 
waren. Nach ihrer Meinung war hier eine Ersteigung 
mit Anwendung einiger Hülfsmittel, wie Seile und 
Eisen möglich. Wir wandten uns zuerst links, um 
einen besseren Ueberblick zu gewinnen und vor der 
Hauptarbeit die durch langes Marschiren gesunkenen 
Kräfte wieder zu gewinnen. Während unsrer Rast 
machte der ungeduldige Max Müller einen gut ge- 



42 DüU 

meinten, aber von schwachem Erfolg begleiteten Ver- 
mach, von unserm Standpunkt ans gleich den höchsten 
Gipfel in Angriff zu nehmen. Er kam nicht viel über 
Mannshöhe hinauf und nicht ohne unsre Hülfe wieder 
herunter. Wir wendeten uns mit Zurücklassung alles 
<jep§.ckes, ausser den Seilen, Eisen, Hammer und der 
Blechflasche, nach rechts, um durch Umgehung den 
oberen Theil des Grabens, den wir nicht übersehen 
konnten, zu gewinnen. Das obengenannte 3and ' bis 
zu der Höhle war unschwer zu begehen; dort ange- 
kommen, stellte sich uns die grösste Schwierigkeit ent- 
gegen» Um den östlichen Rand der Höhle war nicht 
zu kommen, und in die Höhle selbst fiel die obere 
Wand senkrecht ab. Nur dicht vor der Höhle w^ur 
das Gefälle nicht ganz so steil. Hier wurde denn 
auch mit ganzer Kraft angesetzt. Die eisenbeschlagenen 
Bergschuhe, die uns auf den glatten Platten nur ge- 
fährlich werden konnten, wurden entfernt, «nd dann 
stiegen wir, mit Händen und Füssen, oder genauer mit 
Fingern und Zehen uns in die geringsten Ritzen des 
Felsens einklammernd und durch plattes Andrücken 
des Leibes die Gefahr des lebensgefährlichen Rutschens 
vermeidend, hinan, mit Katzengewandtheit die Gebrüder 
Müller voran, weniger schnell v. Steiger und ich. 
Nach wenigen Mannshöhen schon nahm das Gefäll an 
Steile ab, und wir kamen besser fort. Auch sahen 
wir mit Genugthuung, dass wir, einmal jenseits des 
Grabens angekommen, der in seinem obersten Theil 
schräg geneigt war, am Hauptgipfelstock selbst keinen 
grossen Schwierigkeiten mehr begegnen würden. Aber 
wie in den Graben gelangen? Eduard und Marcus^ 



Grosses Lobhorn. 43 

Recognoscirnng yorangeschickt , berichteten, dass 
Grehänge weiter oben gegen die Rinne zu immer 
jiler werde, nnd wir uns jedenfalls am Seil herunter- 
issen müssten , um in die Lücke zwischen beiden 
'Gipfeln zu gelangen. Dadurch wäre aber viel Zeit ver- 
loren gegangen und hätte auch das Seil am Anknüpfungs- 
pnnkte zurückgelassen werden müssen. Besser gefiel 
mir der andere Vorschlag, ein schmales Band, das von 
onserm Standpunkt etwa 30™ über der Höhle in den 
Graben hinunter führte, zu benutzen. Bei der Aus- 
f&hning erwies sich die Sache für unsre bereits ge- 
schmeidiger gewordenen Glieder unschwer ; die glatten 
Platten der Runse wurden auf Strümpfen leicht passirt 
nnd. dann begann in schräger Richtung der Aufstieg 
am höchsten Gipfel mit immer steigender Eile. Nur 
eine Stelle, wo man zwischen einem messerscharfen 
Riff und einem überhängenden niedrigen Felsen sich 
dorchwinden musste, machte namentlich mir, der «Tante* 
'fegen, die ich auf dem Rücken trug, einige Sorge. 
Die aufeinander gethürmten Blöcke des Gipfels nach 
einander erstürmend, standen wir 2 Uhr Nachmittags, 
Dach anderthalbstündiger Kletterarbeit, die uns nicht 
viel mehr als 150"* in die Höhe gefördert hatte, die 
ersten Sterblichen auf der Spitze des grossen Lobhorns. 
Gross war unsre Freude; genossen doch meine 
ß^leiter das stolze Gefühl einer ersten Ersteigung 
bente zum ersten Mal ; aber auch mir, dem dies Glück 
schon mehrmals zu Theil geworden, gab das Ungewöhn- 
liche des Unternehmens nicht geringe Genugthuung. Die 
Aussicht war bald gemustert; das Bild derselben kann 
bei der nicht hervorragenden Lage des Standpunktes 



44 . DüU. 

nicht gross sein; immerhin gewährte die Gruppe von 
Jungfrau, Mönch und Eiger, die hinter den gräulich 
kahlen Spitzen des Weiss- und Schwarzgebirgs gewaltig 
aufsteigt, einen schönen Anblick, Grausig dagegen 
sind die Trümmerhalden zu unsern Füssen anzuschauen 
und gerne schweifte das Auge weiter in die Tiefe des 
grünen, wasserreichen Saxetenthals oder auf die winzigen 
Häuser im Bödeli, von dem freilich nur der östliche 
Theil sichtbar ist. Auf den Seen lag Nebel, der all- 
mälig herankriechend seine ersten Streifen über uns 
wegjagte und zur Eile mahnte. Nachdem einige tüchtige 
Handstücke von den obersten Blöcken geschlagen wor- 
den waren — Petrefakten fand ich in dem dichten 
grauen Kalk trotz eifrigen Suchens keine — und nicht 
ohne Blutvergiessen und schmerzhaftes Zucken der mit 
theilweise bös zerrissenen Strümpfen bedeckten Füsse 
aus den scharfkantigen Blöcken ein Steinmannli gebaut 
war, das heute vom Thunersee aus mit einem scharfen 
Fernrohr erkennbar ist, traten wir nach einstündigem 
Aufenthalt um 3 Uhr den Rückweg an. Die oben 
beschriebene schmale Stelle wurde auf dem Riffe reitend, 
nicht zum Vortheil unsrer Beinkleider, und mit beiden 
Füssen über dem Abhang baumelnd, zurückgelegt. 
Weiter unten pflückten wir die wenigen Edelweiss- 
blüthen, die sich fanden, schonungslos ab, mit dem 
Tröste, dass diese Augenweide hier schwerlich je einem 
Touristen zu gute kommen dürfte. Auch einige unsrer 
Meissel, die mir beim Aufstieg, die Brusttasche durch- 
bohrend, entfallen und klirrend den Berg hinunter ge- 
ratscht waren, hob ich hier auf. Im Sattel zwischen 
den Gipfeln angekommen, der von einigen 4 Fuss 



Grosses Lohhorn. 46 

fcohen und ganz dünnen Schieferplatten in Form einer 
iBrnstwehr gebildet wird, über welche hinunter der 
Blick jäh auf den Fuss der grausigen Felswand der 
iSordostseite fällt, beriethen wir, ob wir uns nicht am. 
Seil direkt den Graben hinunterlassen wollten. Weil 
kern fester Stützpunkt *zu finden war, wurde der Ge- 
^smke fallen gelassen und auf dem früher beschriebenen 
Bande die Südwestflanke des östlichen Gipfels erreicht. 
Hier aber wartete unsrer noch die letzte Schwierigkeit. 
Der Abstieg an dem fast senkrechten und glatten 
Gehänge konnte beim leichtesten Fehltritt uns allesammt 
in die Tiefe schleudern. Unsre Meissel hatten wir 
^on beim Aufsteigen nirgends anzuwenden gefunden, 
geschweige denn jetzt. Aber wozu hatten wir 20™ 
solides Seil? Die beiden Stücke wurden in ei^en halt- 
baren Knoten verschürzt und derselbe dann um eine 
vorspringende Klippe senkrecht über der oben erwähn- 
ten Höhle befestigt. Unsre letzten Zweifel an der 
Tragfähigkeit des Haltsteins zu beseitigen, schlug der 
ktthne Eduard Müller die Arme um denselben und 
hing so freischwebend über dem Abgrund. Das genügte. 
IHe Enden des Seils wurden leicht in einander ge- 
schlungen und dann in die Höhle hinunter geworfen, 
^ewn Grund sie kaum erreichten. Einer nach dem 
Andern Hess sich nun in Turner- und Feuerwehrweise 
^d um Hand herunter, bis er Boden bekam, und 
nach beendetem Manöver wurde auch das Seil durch 
Sehen am dünnern Ende von dem Stein freigemacht 
'Uid fiel zu uns herunter. Jetzt wurden die Schuhe, 
die man oben ungern entbehrt hatte, zur Hand ge- 
nommen, aber, da zum Anziehen der Raum fehlte, 



46 Bubi. 

gleich wieder yoraus in den Graben geworfen. Ihnen 
nach flog der schwere Hammer, dessen Stiel, wie billig, 
'bei dieser Gelegenheit entzweiging. Genützt hatte uns 
das unbehülfliche Ding so wenig wie unsre Meissel. 
Um halb 5 Uhr, anderthalb Stunden nach dem Ver- 
lassen des Gipfels, standen wir bei unserm Gepäck, 
Rasch wurde der Rest unsrer Vorräthe verzehrt, hastig 
von M. V. Steiger ein Skizze angefertigt, und nach 5 Uhr 
nahmen wir Abschied vom Lobhom, das bald hinter dem 
Suleckgrat unserm Blick entschwand. Es war dunkle 
Nacht, als wir über steile Grashalden hinunter rutschend 
und durch Bäche und Sümpfe watend bei der Nessleren- 
hütte ankamen. Eine halbe Stunde später betraten 
wir die gastliche Sennhütte in Saxeten, deren wackere- 
Insassen uns mit sichtlicher Freude begrüssten, mit 
Milch erquickten und erst nach einigem Drängen eine 
kleine Belohnung für ihre Bewirthung annahmen, ein 
Benehmen, das leider auf unsern Alpen anfängt seltener 
zu werden. Auf dem guten Strässchen unter allerhand 
Geschichten und Plänen thalaus wandernd, erreichten 
wir gegen 10 Uhr Interlaken, wo ein kräftiges Nacht- 
essen, ein guter Trunk und ein stärkender Schlummer 
die Folgen der Anstrengungen gänzlich verwischten 
und uns nur die durch nichts getrübte glänzende Er- 
innerung an den Siegestag zurückliessen. 

Im Nebelgrauen, mit dem ersten Schiffe, kehrtea 
wir Dienstag den 26. September nach Thun zurück. 
Da wir unsre Ankunft nicht hatten vorher anzeigen 
können, kamen wir leider um den uns zugedachten 
Empfang. Schon Tags zuvor hatten die schönen 
Schwestern und Freundinnen meiner Begleiter bei An- 



• Grosses Lohhom. 



47 



des letzten Schiffes unsrer geharrt, aber nicht 

i, sondern den nach wohlerfüllter Aufgabe Yom 

reckbom heimkehrenden Herren Wyss und v. Steiger 

Bern sollte der reizende Anblick vergönnt sein. 

fns aber half ein Blick auf unsre wenig «galante» 

leidung einigermassen über diesen Schmerz hinweg. 

18 wir während der kurzen nachfolgenden Zeit mmnes 

Aufenthaltes in Thun die Helden des Tages waren, 

len wir änsserlich bescheiden, aber mit schlecht 

ferheMtem Stolze hin; hatte uns doch nicht fremde 

»tung, sondern eigene Unternehmungskraft zum Ziele 

geführt. Meinen neu gewonnenen Berggesellen aber 

;i auch an dieser Stelle ein herzlicher Gruss von 

ler Zähringerstadt zur andern gesandt. 



Berg* und Gletscherfahrten in den Berner 

{Sommer 1876.) 
Von 

G. Durheim, Tater, ' 

I. 

Erste*) BesteigQDg des Grosslohnc 

{SOm Meter.) 
Gegen Ende Jnni wollten einige Alpenclnbisten 
der Sektion Bern den Grosslohner besteigen; ich hatte 
ebenfalls Last dazu; nach eingezogenen Erknndignngea 
kam ich anf den Einfall, privatim mit 2 Fahrern diese 
Besteigung zn unternehmen nnd wo möglich den ander 
Cinbisten der Sektion zuvorznkonmien. 



*) Ob Herr Darheim's Besteignug des OroBslohner di 
erste war, die überhaupt gemacht wurde, ist sehr zweifei 
haft ; Jäger eollen die Spitze schon früher erklommen habec 
nnd als im Angnst 1876 vier Cinbisten der Sektion Ber 
die Besteigung wiederholten, fanden sie anf dem Grat ein 
Flasche mit den Namen der Eandersteger Führer Ogi qdi 
Harri nnd dem Datum Septbr. 1875. Jedenfalls aber is 
Dorbeim'B Besteigung die erste, die von Touristen gemach 
wurde. Anm. der Red. 



Grosalohner. 



I Ich verliess daher Bern am 30. Joni und ging nach 
elboden; aber das "Wetter hinderte für dieses Mal 
Aasfabrung meines Vorhabens, und ich begnügte 
■h mit einer Tour auf die Alp Furggi am Albrist. 
war nnr 3 Tage dafür abwesend, und war kaum nach 
znrOckgekommen, als der Sonnenschein sich wied«- 
stellte. Es hielt mich nicht länger zu Hause, und 
I sthon am 5. Juli Abends traf ich wieder in Adelboden 

8005, OiosBloliDer 3054^. 



G. SUMfcr. Nüriborn 2718. Mittaghorn 2iiS0. 

Der GrosslohDer vom Niesen aas. 

ein. Dieses Mal sollte die Partie gelingen; die Führer 
fanden sich bereit dazu, das schöne Wetter hielt an, 
und ich war dis'ponirt zum Bergsteigen wie ein junger 
Mann von 20 Jahren; das waren drei nothwendige 
Faktoren, Ausdauer und Beharrlichkeit sollten das 
Ihrige dazu beitragen. 

Das Grosslohner-Massiv gipfelt in vier Spitzen: das 
Kanibom (2715'") auf der Nordostseite; Mittaghom 



50 Durheim, 

(2680°^) auf der Westseite; die mittlere Spitze ohne 
Namen (3005 ™) und die südwestlich gelegene höchste 
Spitze (3054"^). Auf dem Blatt Adelhoden (463) des 
eidgen. topogr. Atlas ist dieses Gehirgsmassiv nur 
Lohner genannt, in frühern Werken aher Grosslohner, 
im Gegensatz zum Kleinlohner (2591 ™), welcher auf 
der Ostseite durch die Bonderkrinde von ersterem ge- 
trennt ist. 

Der Grosslohner ist bis zur Höhe von circa 1 900 ° 
mit Alpweiden umgeben, welche namentlich auf der 
Nord- und Westseite durch Waldungen gegen Lawinen 
geschützt sind ; der südwestlich von demselben gelegene 
Wildstrubel überragt ihn um circa 200™. Von Adel- 
boden aus wurde mir Chr. Egger, Vater, dermalen 
Hirt auf der Engstligenalp , der sich von Jugend auf 
in den Revieren des Wildstrubels und Lohners herum- 
getrieben, als zuverlässiger Führer empfohlen; dieser 
glaubte, dass die Besteigung von der Engstligenalp 
aus gemacht werden könne, jedoch seien damit lange 
und mühevolle Kletterpartien verbunden, bei genügender 
Vorsicht aber keine erhebliche Gefahr zu befürchten. 
Der Aufstieg von der Kanderstegseite sei ebenfalls 
möglich, sei jedoch viel gefährlicher und erfordere viel 
mehr Zeit. 

Als zweiten Führer engagirte ich Chr. Egger, Sohn, 
Lehrer in Adelboden ; sein Vater hatte mit den Pferden 
bereits die Alp Unterwaiden im Wildenschwand be- 
zogen, die Bergfahrt auf die Engstligenalp sollt« am 
nächsten Samstag mit dem Vieh' stattfinden ; es blieb 
uns somit nur noch der Freitag zu unserer Expedition. 
Desshalb ging ich mit Egger, Sohn, schon am Donner- 



Grosslohner, 51 

stag Nachmittag auf die l7^ Stunden von Adelboden 
entfernte Alp im Laueli, auf der Nordseite des Mittag- 
homs. Die Hirten daselbst empfingen uns freundlich; 
der junge Egger ging noch am gleichen Abend in den 
Wildenschwand, um seinen Vater von meiner Ankunft 
zu benachrichtigen, und versprach, mich am folgenden 
Morgen früh abzuholen. Ich blieb zurück, bezog 
mein Nachtquartier auf dem Heuboden und schlief bis 
um 2 Uhr. Der junge Egger kam schon vor 3 Uhr 
mit der guten Botschaft, dass sein Vater bereit sei, uns 
auf den Grosslohner zu führen, und uns auf dem Weg 
zur Artelenhütte erwarte. Wir nahmen Abschied von 
den guten Leuten im Laueli und schlugen den Weg 
südwärts durch die oberste Waldpartie gegen die letzten 
Ausläufer des Mittaghorns ein. Der Mond leuchtete 
noch eine Weile im fernen Westen ; ein schmaler Fuss- 
weg fährte zu einem tiefen Felseinschnitt, der noch 
mit Schnee bedeckt war und wegen seiner Steilheit 
behutsam traversirt werden musste. Bei der Morgen- 
dämmening kam uns Egger, Vater, entgegen ; um 6 Uhr 
hatten wir das Mittaghorn umgangen und stiegen nun 
in östlicher Richtung gegen die untersten Felsstufen 
des Grosslohners hinauf, inmitten eines reich mit Alpen- 
blumen bedeckten grünen Teppichs, wo Gentianen, 
Anemonen, Flühblumen, Bergviolen etc. in den schönsten 
Farben prangten. Die Engstligenalp, auf welcher wir 
uns befanden, ist ein Circus umgeben von Amerten- 
grat, Fizer, Mittaghorn, Tschingellochtighorn, Kindbetti- 
l^oni, Thierhörnli, Steghorn und Wildstrubel, dessen 
Gletscher- und Schneemassen heute im Sonnenglanze 
^mn wundervollen Effekt machten. Immer aufwärts 



52 Durheim, 

schreitend kamen wir bald zu den nackten Felsen- 
gebilden, die südlich vom Mittaghorn die Vorstufen des 
Grosslohners bilden. Hier hatten wir die Wahl, ent- 
weder am Mittaghorn selbst hinaufzuklettern und das- 
selbe links zu umgehen, oder rechts von einem kleinen 
Wasserfall eine Art Felsengalerie zu übersteigen; letzteres 
war die direkte Richtung, die wir auch einschlugen. 
Wir mussten uns hier um eine Felsenecke hinauf- 
winden, wo es auf etwa 20 Schritte die grösste Vor- 
sicht erforderte, indem an mehreren Stellen das Gestein 
sich unter der Hand löste und zudem der Fels auf 
ein paar Schritte etwas überhängend war. Selbst- 
verständlich wurde diese Stelle nur mit kurz ange- 
strecktem Seile überwunden. Nach diesem etwas miss- 
lichen Uebergang hatten wir drei Stunden lang über 
Geröllhalden, Schneefelder und Felsstufen zu wandern, 
es war eine Lungen- und Knieprobe, die ich nicht er- 
wartet und noch nie mit solcher Anstrengung gemacht 
hatte. Nahe am obersten Grat, der die Grenze zwischen 
der Engstligen- und Ueschinenalp bildet, gewahrten wir 
zwei Gemsen, die ein Schneefeld überschritten ; auf einen 
Pfiff von Egger rannten dieselben seitwärts in die Felsen. 
Um 10 Uhr wurde dieser Grat erreicht, von wo wir be- 
reits die Berner und Walliser Alpen übersehen konnten. 
Der Grat war sehr schmal und ungangblir; die öst- 
liche Seite stürzte als fast senkrechte Felswand gegen 
das Ueschinenthal hinab ; wir hielten uns desshalb immer 
etwas an der westlichen Seite des Grates, bis wir zu 
einem Felskopf kamen, der uns zwang, ihn auf der 
Ostseite zu umgehen, und den wir zuerst als den eigent- 
lichen Gipfel angesehen hatten; dieser lag aber noch 



Grosslohner, 53 

etwa 20 Minuten höher ; das Grätchen, welches zu ihm 
führte, war bei einer Steigung von ungefähr 30^ kaum 
fnssbreit und bestand aus bröckhgem Kalkfels in scharf- 
kantigen. Stücken, und ich wäre bald versucht gewesen, 
den Grat zwischen die Beine zu nehmen und so hinauf 
zu rutschen; meine Führer riethen aber davon ab, Berg- 
stock und Seil mussten helfen, das Gleichgewicht zu 
behalten, und wir kamen gottlob glücklich auf die 
Spitze, welche die Form eines circa 12 Fuss hohen 
abgestumpften Kegels hat; auf der Spitze selbst hatte 
nui' ein Mann Platz ; von da sahen wir gerade noch 
den nordöstlichen Theil von Adelboden bis zum 
grossen Ahorn neben der Kirche; weiter gegen Süd- 
westen ist der Thalgrund durch das Mittaghorn verdeckt. 
Die Rundsicht war bis auf einen Theil der Jura- 
' kette gegen Norden frei und klar ; Egger, Vater fand 
sie ebenso schön und ausgedehnt, wie diejenige vom 
"Wildstrubel. Sie umfasst die Savoyer Alpen mit dem 
Mont Blanc, die penninischen Alpen vom St. Gotthard 
\>\s zum Monte Rosa und den Mischabelhörnern , die 
Bemer Alpen und das Lötschthaler Gebirge und da- 
mschen fast das ganze Lötschthal, die Niesen- und 
die Stockhorn-Kette , die Freiburger und die Waadt- 
länder Berge und einen Theil des Lac Leman zwischen 
Vevey und St. Gingolf. Somit bietet der Grosslohner 
jedem Besteiger einen reichlichen Genuss-für die be- 
schwerliche Besteigung. Die Temperatur war an diesem 
Tage sehr mild. Spuren einer frühern Besteigung 
konnten wir unter dem Trümmergestein keine finden. 
Nach der Dufourkarte hat dieser Gipfel eine Höhe von 
3054°*; der zweithöchste, namenlose Gipfel befindet 



54 Durheim, 

sich Dordöstlich in einer direkten Entfernung Ton circa 
einer Viertelstunde vom erstgenannten und hat eine 
Höhe von 3005™; auf diesem mittlem Gipfel sahen 
wir deutlich einen Steinmann, und ich ersuchte 
meine Führer, nun hierseits ehenfalls ein Steinmannli 
aufzurichten, wozu sie die grössten Stücke, die sie 
finden konnten, verwendeten. Ein Gewitter, das von 
Norden her im Anzüge war, beunruhigte die Führer; 
es waren kaum ^/4 Stunden seit unserer Ankunft auf 
der Spitze verflossen , als sie zum Abstieg drängten ; 
ich schrieb noch Namen und Datum unserer Besteigung 
nieder, man schob die Flasche damit in das blos circa 
3 Schuh hohe Steinmannli und bedeckte dasselbe mit 
einem schweren Stein. Nachdem ich noch ein Stück 
des Gipfelgesteins mitgenommen, gingen wir mit der 
grössten Behutsamkeit über das schmale Grätchen hinab; 
kaum hatten wir dieses hinter uns, als auch schon 
Wind und Regen uns begrüssten; der Regen war aber 
von kurzer Dauer, das Gewitter verzog sich in der 
Richtung des Gspaltenhorns und bald hatten wir wieder 
Sonnenschein. Ungefähr in der Mitte zwischen dem 
Grosslohner und dem Tschingellochtighorn machten wir 
Halt, theils um nach dem Proviant zu greifen, theils 
weil Vater Egger, der sich der schlüpfrigen Ealkfelsen 
wegen nicht getraute den gleichen Rückweg einzu- 
schlagen, einen andern Weg zum Abstieg ausfindig 
machen wollte. Er ging daher nach mehreren Seiten 
auf Recognoscirnng aus und entschloss sich «zuletzt 
für den Abstieg über die fast senkrechte Felswand auf 
der Ueschinenthalseite, Mit bangem Gefühl .betrat 
ich die Schneide des Grates, wo abgewartet werden 



Grosslohner, 5ö 

nrnsste, bis Egger, Yater, am Seil gehalten, an der Wand 
irgend einen Halt finden konnte, worauf Egger, Sohn, 
mich am Seil binabliess, und so avancirten wir während 
einer guten Stunde; Egger, Sohn, hatte die schwerste 
Aufgabe als der letzte Hinabsteigende. Nachdem wir 
zwischen einigen Felsköpfen hinabgekommen, betraten 
wir steile Geröllhalden, traversirten dann in horizontaler 
Richtung bis zum Tschingellochtighorn und jenseits des- 
selben erreicbten wir den Grat, der auf der Westseite 
wieder zur Engstligenalp hinabführt. 

Yon der Engstligenalp hatten wir noch 3 Stunden 

bis nacb Adelboden zu gehen ; es war bereits 6 Uhr ; 

wir benutzten den Vieh weg, der sich rechts oberhalb 

der Engstligenschlucht und der- Wasserfälle gegen den 

Wildenschwand hinzieht. Hier war unlängst eine grosse 

Strecke Wald durch eine Schneelawine zerstört^orden, 

die Baumstämme lagen noch wie schwache Hölzchen 

von der Hand geknickt und zersplittert am Boden. 

Chr. Egger, Vater, blieb auf der Alp im Wilden- 
schwand zurück, und ich ging mit seinem Sohn noch 
bis nach Adelboden, wo wir Abends um 9 Uhr wieder 
eintrafen. 



Der Gefälligkeit des Herrn Prof. Isidor Bachmann 
verdanke ich nachstehende Notiz über das Handstück, 
welches ich von der Spitze des Grosslohners heim- 
gebracht : 

«Der grosse Lohner gehört zu derselben mächtigen 
Kalkmauer, wie auf der andern Thalseite das Massiv 
des Fisistocks und südlicher die Gemmi. Die hier 



Ö6 Durheim. 

auftretenden Formationen gehören vorherrsch« 
Juraperiode an. Die ganze obere schroffe Pa 
Grosslohner besteht aus sogenanntem Hochgebi 
d. h. oberem Jura. Das mir vorliegende Gip 
ist seiner Gesteinsart nach etwas eigenthümlic 
so viel als dichter gräulicher Kalkstein erscl 
eine Unmasse von eckigen und kantigen Stücke] 
Splitterchen zerrissen und zerhackt, und dan 
weissem krystallinischem Kalk wieder verkittet, 
dunklere Farbe und hornähnliches Aussehen 
einige Bruchstücke von Bivalven (Muscheln) de^ 
hervor. Diese Reste sind unbestimmbar und 
auf den ersten Blick leicht zu der irrigen Ä^ 
führen, dass man Nummuliten vor sich hahe 
Gestein ist eigentlich eine Kalkbreccie und dadi 
der That etwas auffallend. Es treten aber die 
steine in so zahlreichen und durch die allms 
üebergänge miteinander verbundenen Abänderung 
dass man immer den Gesammtcharakter im Au 
halten muss. Berücksichtigen wir das Charakterig 
so gehört auch hienach das Gestein zu den oben 
bildungen, wie sie in den Alpen eine so mächtig 
Wicklung erreicht haben. 

Die Lagerungsverhältnisse des Schichtengel 
des grossen Lohners erscheinen noch nicht rech 
geklärt, namentlich was die Verhältnisse zu de 
steinen der nördlich vorliegenden First betritft. Imn 
lässt sich leicht beobachten, besonders von Kand 
•aus, dass die Schichten in langgestreckten Falter 
am Fisistock, mehrmals übereinander gelegt sind 



Ähnengrat 57 



II. 



Erste bekannte Besteigung des Ahnengrats 

Tom Lötsehthal aus. 

(Höchster Puukt 3681 Meter.) 

Die erste Hälfte des Monats August war überaus 
günstig für Gletschertouren. Am 5. August verliess ich 
Bern, in der Absicht, dem Lötschthal einen Besuch zu 
machen und von da aus wo möglich über die Lötschen- 
läcke und den Ahnengrat das Mittaghorn zu besteigen. 
— Gregen Abend erreichte ich Turtmann im Wallis; 
von da ging ich über die Brücken der Rhone und der 
Lonza nach Gampel und blieb im Hotel LötschenthaU 
Am folgenden Morgen begleiteten mich Landleute nach 
Koppistein,* wo man die Mineralien* Sammlung und die 
verfallenden Hüttenwerke der verlassenen Gebäude der 
Bleiminen am Rothenberg besichtigte. Ich vernahm, 
dass heute in Kippel bei Anlass der Installation eines 
neuen Pfarrers ein Fest mit Processiön abgehalten 
werde. Von allen Seiten der Umgegend waren die 
Walliser zusammengekommen, so dass bei unserer An- 
kunft in Kippel eine grosse Menschenmenge sich bei 
der Kirche gelagert hatte. Zufällig traf ich hier 
unsern Clubgenossen Herrn Raphael Ritz, den be- 
rühmten Maler, der im Hotel Nesthorn für 3 Wochen 
sein Atelier aufgeschlagen hatte; er veranlasste mich, 
in Kippel einige Stunden zu verweilen, um diese 
Procession wegen ihrer Eigenthümlichkeit mitanzusehen. 
Gegen 10 Uhr ordnete sich dieselbe vor dem Dorfe; 
die Ordnung war die übliche: voran die Kirchen- 



58 Dur heim, v 

trophäen, dann die geistlichen Diener, die K; 
ältesten, dann folgten etwa 40 stattliche Man 
rothen Uniformen und hohen Bärenmützen, mit 
büschen, wie ich solche im Jahr 1827 noch in 
bei der Schweizergarde zu sehen bekam ; einige 1 
goldene Epauletten und Kreuze der Ehrenlegion. 
Schluss bildeten Thalbewohner im Sonntagsstaat 
bewegte sich der originelle Zug in die Kirche. — 1 
am Abend noch in der Nähe der Gletscher ein Bh 
beziehen wollte, so suchte ich einen Führer, und . 
Siegen stellte sich zu meiner Disposition; er war 
auch einer der Festtheilnehmer und wollte mich 
um 3 Uhr in Ried abholen. Leider kam er 
erst nach 4 Uhr ; bis Proviant, Kochgeschirr und wol 
Decken aufgeladen waren, wurde es bald 5 Uhr, 
es war nicht mehr möglich, so weit hinauf zu g( 
als ich gewünscht hätte. Beim Guggistaffel vor 
gehend sammelten die Führer noch Holz zu uns 
Bivouak, das wir in einer Vertiefung der Guggener 
nahe am Jägigletscher zwischen grossen Felsblöci 
herrichteten, indem die Führer einiges Gesträuch 
schnitten und den Boden damit bedeckten. Nahe da 
war ein kleiner Wasserfall; wir kochten Suppe u 
Kaffee, und um 9 Uhr machten wir es uns unter d 
wollenen Decken neben dem Feuer bequem. Bei mild 
Temperatur passirten wir eine verhältnissraässig gn 
Nacht. Als ich um Mitternacht erwachte, war d 
Mond zwischen dem Bietschhorn und dem LötschthaL 
Breithorn emporgestiegen und leuchtete dann bis geg^ 
Tagesanbruch. Um 2 Uhr wurde unser Frühstüc 
bereitet und eine Stunde nachher stiegen wir auf de 



Ahnengrat. 59 

L5tschengletscher hinab, nahe an der Stelle, wo der 
Jägigletscher in denselben ausläuft. Hier musste über 
einen zienilicb angeschwollenen Bach gesetzt werden, 
wobei es nicht ohne Fussbad ablief. Anfangs war der 
Anstieg über die sanft geneigte Fläche des Gletschers 
leicht; erst auf der Höhe zwischen Ahnengletscher und 
Schienhom zeigten sich Eisspalten und Schrunde, welche 
oft umgangen werden mussten und unsern Marsch be- 
deutend hemnaten. Es war ein prachtvoller Tag, und 
eine bezaubernde Scenerie entwickelte sich langsam, 
als die Bergspitzen anfingen sich zu röthen. 

Wir gingen beständig im Schatten bis zur Lötschen- 
lücke, welche wir nach 8 Uhr erreichten. Hier begrüsste 
ims die Sonne. 

Eine unvergleichliche Aussicht bietet sich hier dem 
Auge dar; unser Blick schweifte über das weit aus- 
geliehnte Firnbecken des Aletschgletschers und die 
stolzen Gipfel, die dasselbe umkränzen. Uns gegenüber 
liegt die Grünhornlücke und an ihrem Fusse zwischen 
der Grünegg; dem Faulberg, dem Dreieckhorn und dem 
Kranzberg dehnt sich jene riesige Place de la Concorde 
der englischen Clubisten aus, wo sich der grosse 
Äletschfirn, der Jungfraufirn und das Ewigschneefeld 
vereinigen. 

Von der Lötschenlücke hinweg bogen wir links um 
den ersten Gipfel (3240 °^), auf dem ein Steinmann steht, 
nnd stiegen über die Terrassen an der Seite des Ahnen- 
grats hinauf, bis wir die vierte Spitze dieses Grates 
hinter uns hatten ; alsdann stiegen wir steil, aber ohne 
Schwierigkeit auf den Ahnengrat selbst. Aber damit 
batten wir erst die Etappe, noch nicht unser Marsch- 



60 Durhfim. 

ziel erreicht. Als wir nan in nördlicher 
gegen das Mittagbom Tonrückten, kamen wir 
Eisgrotte. Es war bereits Mittag nnd wir ru 
Rande des mit Wasser angefüllten Beckens. Pet€ 
Yersachte das Gewölbe zu überschreiten, ka 
sogleich wieder herab nnd sagte, da sei keine J 
keit dnrchznkomnien. Ich ersuchte ihn, etwas 
zu steigen, um zu sehend ob man diese Stel 
links umgehen könne, allein er kam zurück i 
Bericht, dass ein in den Ahnenfirn senkrecht a 
der Felsen die Umgehung unmöglich mache 
unserer rechten Seite war der Abhang gegi 
Ebnefluhfirn zu steil und zudem noch mit pai 
Schrunden durchzogen; es blieb also nichts üb 
Angesichts des Mittaghorns umzukehren und u 
der Besteigung des Ahnengrats zu begnügen. I 
2 Uhr, als wir denselben ver Hessen, und s<^ion z\ 
um es noch mit einer Umgehung weiter oben zu pr< 
denn wir hätten riskirt, auf dem Gletscher übern 
zu müssen. Um 4 Uhr waren wir wieder b( 
Lötschenlücke zurück. 

Die Sonnenhitze hatte den Firn ziemlich erw 
so dass an vielen Stellen das Fortkommen sch^ 
wurde, indem man tief einsank. Einige Mal mc 
wir uns aus dem Bereich der Felsen flüchten, w( 
wir nicht einem Bombardement von Steinen ausgf 
sein. Es war Nacht als wir beim Gletschers 
anlangten. Der steinige und theilweise sumpfige 
vom Gletscherstaffel hinweg musste in der Finstei 
zurückgelegt werden, bis Peter Siegen fär gut f 
eine Pechfakel anzuzünden und voranzuleuchten. 



Ebnefluh. 61 

Nach einer Abwesenlieit von 20 Stunden, von unserm 
Bivonak Mhweg gerechnet, kamen wir um 11 Uhr in 
Bied an. 



III. 
Ebneflnh. 

(3964 Meter.) 

Dienstag den 8. August brach ich von Ried auf; 
ich beabsichtigte jenseits der Rhone bei Turtig den 
Postwagen abzuwarten; als ich aber unweit Gampel 
Tiber die Lonzabrücke gehen wollte, fand ich die- 
selbe weggerissen und wurde gezwungen, den Umweg 
über Niedergestelen zu machen, an dem kleinen See 
vorbei, der zwischen beiden Dörfern liegt. In Visp 
nahm ich die Post und fuhr bis nach Brieg, dann 
am frühen Morgen nach Viesch. Von da ist man 
in vier Stunden beim Hotel Eggischhorn, wo ich 
san Mittwoch Vormittag eintraf und Führer bestellte, 
mn zum Ersatz für die misslungene Mittaghorn-Bestei- 
gung der Ebnefluh einen Besuch zu machen. Mit 
meinen Führern Aloys Seiler und Alexander Anderegg 
wollte ich noch am Nachmittag bis zur Faulberghütte 
gehen; eine Gesellschaft von 5 Engländern mit 5 Führern 
war im Begriff, ebenfalls dahin aufzubrechen ; während 
meine Führer Proviant aufluden, ging ich mit ge- 
nannter Gesellschaft den Berg hinauf; als wir den 
Eggischhorngrat überstiegen hatten, sahen wir den 
Märjelensee ziemlich vergrössert gegen frühere Jahre, 
nnd wir waren genöthigt, einen bedeutenden Umweg 



62 Durheim. 

nach der rechten Seite hin zu machen, um 
jenseitige Ufer zu gelangen. Es wurde mir baL 
mit den leichtfüssigen Engländern Schritt zi 
ich blieb daher am Rande des Aletschgletschc 
zurück, und stieg, meine Führer erwartend, 
ihren Stufen nach bis auf die Höhe des Aletschgl 
Die Führer holten mich bald ein, aber statt < 
ländern zu folgen, die an der Seite der Stra 
über den Gletscher hinaufgingen, hielten wir u 
die Mitte des Gletschers. Eisspalten und zi 
Bäche hielten uns lange auf, so dass wir erst 
bruch der Nacht bei der Faulberghütte ankai 
die Engländer bereits abgekocht hatten. Wi 
da ziemlich eng zusammengepresst , denn auf 
Stroh belegten Pritsche hatten höchstens 6 I 
Platz, die 7 Führer mussten sitzend und steh( 
um den Kochherd herum zusammendrängen; gei 
hat wohl Niemand. Die Engländer gingen um 
fort nach dem Finsteraarhorn , dessen Spitze 
9^2 Uhr erreicht haben sollen. Um 3 Uhr 
auch wir fort und betraten den Aletschgletsche 
in der Dunkelheit; am frühen Morgen war d 
gut zu begehen, abgesehen Yon den immer noc 
reichen Eisspalten, die Vorsicht erheischten. A 
Aletschfirn waren keine Eisspalten mehr, allei 
selbe glich einem frisch mit dem Pflug durchstri 
Ackerfeld und das war bei einer Strecke von cir 
Stunden sehr unangenehm. Wir nahmen die Ri 
auf einen vorspringenden Fels, welcher den Aui 
des Grates bildet, der sich von der Ebneflul 
wärts gegen das Aletschhorn hinabzieht. Wei 



Ebnefluh. 63 

umgingen wir die Felsenecke rechts und betraten den 
Ebneflohfirn , der sich terrassenförmig zwischen dem 
Mittaghorn und dem südlichen Ebnefluhgrat hinauf- 
zieht. Diese Terrassen sind nicht sehr steil, wohl 
aber mit einem wahren Labyrinth von Schrtlnden durch- 
zogen und desshalb nicht ungefährlich. . Wir waren 
^enöthigt, über einen Bergschrund hinauf zu klettern, 
der viel Aebnlichkeit mit demjenigen unten am Roththal- 
satt«! bat, weil die obere Wand fast überhängend ist. 
Um 8 Uhr hatten wir das Ebnefluhjoch erstiegen, es 
liegt an der Ostseite des Mittaghorns und ist nur um 
137™ niedriger als dieses, und man könnte glauben, 
dass vom Joch aus das Mittaghorn leicht zu besteigen 
wäre; allein sowohl die noch zu überwindenden Fels- 
partien als die Eisspalten, welche an den Seiten sicht- 
bar waren, hielten uns von einem Versuch ab. Wir 
entschieden uns für die Ebnefluh. Nach einer kurzen 
Rast, während welcher unsere Blicke auf das zu unsern 
Füssen liegende Hügelland bis über den Jura hinaus 
schweifen konnten, nahmen wir den Ebnefluhgrat in 
Angriff. Auf dem an vielen Stellen übereisten scharfen 
Grat selbst war nicht fortzukommen ; wir hielten uns 
desshalb immer circa 1 — 2™ tiefer an der nördlichen 
Seite, welche sich gegen den Breitlauenengletscher 
hinabsenkt. Aloys Seiler musste gleich beim Betreten 
der steilen Nordwand mit Stufenhacken anfangen, und 
um den Rückweg zu erleichtern, erweiterte Anderegg 
diese Stufen. So ging es langsam über eine erste Er- 
höhung des Grates ; jenseits desselben nöthigte uns ein 
Felsvorsprung, auf die Südseite überzugehen, was nicht 
leicht auszuführen war. Nahe am zweiten schon ziemlich 



64 Durheim, 

böhern Gipfel kamen wir auf eine abere Ste 
lockerem Gestein, bestehend aus krystallinischen 
grünen Schiefern und grauen Gneissplatten ; dies 
war kurz; jenseits derselben nöthigte uns ein 
Hinderniss, über den hier messerscharfen Grat 
auf die Nordseite zu gehen, wo unsere equilibrif 
Künste wieder in Anwendung gebracht werden n 
und zwar oberhalb des circa 1200™ tiefen Ah 
gegen das Roththal; wir blieben von da an im 
der Nordseite des Grates bis zur höchsten 
welche wir um 11 ^2 Uhr und nach einer dreistti 
Stufenhacker ei erreichten. 

Der Gipfel der Ebnefluh ist ein gegen das Gle 
hörn hin sanft geneigter schmaler Rücken, d( 
Aehnlichkeit mit demjenigen des Mont Blanc ha 
wo circa 50 Personen Platz haben können. An < 
schönen Tage genossen wir eine unermessliche Aui 
sie kann freilich nicht mit derjenigen der Ju: 
verglichen werden, die noch um circa 200™ hol 
und sich von hier aus schlank und zierlich ausr 
Allein nach Süden, Westen und Norden hemmen 
höhern Gipfel die Aussicht ; die Beschreibung den 
will ich hier unterlassen, sie ist von benachl 
Bergen schon oft geschildert worden. Wir bl 
wohl eine Stunde da oben in unvergesslicher 
wunderung der Rundsicht. Nachdem wir die üb] 
Wahrzeichen der Besteigung in einer Flasche 
geschlossen und in den harten Firn eingegraben, t 
wir den Rückweg an, der ohne Unfall von St 
ging. Bereits um 2 Uhr erreichten wir den Aletsc 
wieder, nachdem wir einige gelungene Rutschpa 



Ehnefluh. 65 

geführt, welche uns rasch ahwärts beförderten. 
Allem wir waren alle drei ziemlich ermüdet and kamen 
tof den etwas gewagten Einfall, uns auf dem Firn 
niederzulegen und ein wenig zu schlafen; eine Käst, 
die bei dem scharfen Gegensatz der Hitze der Sonnen- 
strahlen und der Kälte des Firnes, mir schlecht bekam 
und desshalb kurz ausfiel. Gegen 6 Uh^ kamen wir zum 
Faalberg, gerade als die Engländer die Hütte ver- 
liessen, um noch zum Hotel Eggischhorn hinab zu 
gehen. Mein Führer K\oy% Seiler ging mit ihnen und 
ich blieb mit Anderegg einzig in der Hütte zurück, 
um dann am folgenden Morgen früh ebenfalls eine 
wohnlichere Gegend aufzusuchen. Im Nachmittag ging 
ich \onL Eggischhorn den Schlittweg hinab nach Yieseh 
«Dd blieb dort über Nacht. 

Der Rückweg führte mich Samstags thalaufwärts 

zum Rhonegletscher und über die Grimsel, die ich seit 

1843 nicht mehr überschritten, und Sonntag, den 

13. August traf ich Abends wieder in Bern ein und 

damit waren meine diesjährigen Excursionen zu Ende. 

Die Besteigung der Ebnefluh ist bereits im Jahr 

1868 durch Herrn T. L. Murray- Browne aus England 

aosgeführt worden, und zwar mit Umgehung des Grates 

von der Südseite. Er stieg zuerst mit seinen Führern 

Peter Bohren und P. Schlegel von Grindelwald auf 

den Grat, welcher sich in südlicher Richtung gegen 

das Aletschhorn hinabzieht, von da aus soll er mit 

Leichtigkeit den Gipfel erreicht haben. 

Der von mir verfolgte Weg ist aber ein von dem 
von Herrn Murray-Browne eingeschlagenen wesentlich 
verschiedener, indem ich zuerst mich dem Ebnefluh- 

5 



66 Durheim, Ebnefluh. 

joch zuwandte und von da aus über den 
Ebneflubgrat stieg, welcher sich Yom Mittaghoi 
weg und von West nach Ost über die zwei nie 
Gipfel bis zur höchsten Spitze an der Seite des Gle 
horns hinanzieht. 

Die drei Spitzen der Ebnefluh sind au 
Panorama, welches Herr G. Studer vom Gross-'V 
hörn aus aufgenommen hat, deutlich sichtbar; 
Panorama wurde dem Jahrbuch von 1865 beige 

Im Sommer 1850 habe ich in der ümgebur 
Murren die von dort sichtbare Alpenkette photogra 
aufgenommen; es waren die ersten photograph 
Aufnahmen von Gebirgsansichten in der Schweiz 
Standpunkt der meiner Beschreibung beigegebene 
sieht der Ebnefluh war beim Hause Gertsch au 
Westseite von Murren, woselbst die Touristen einkc 
und logirten, als daselbst noch keine Gasthöfe e 
waren. Christian Lauener, Vater, begleitete mic 
mals auf meinen photographischen Excursionen. 



Das Wetterhorn 
vom Urbachthal aus Über das Dossenjoch. 

Von 
H, Baumgartner , Pfarrer in Brienz. 



Bas vordere Wetterhorn (Haslijungfrau , 3703 ™) 
ist von Grindelwald und von Rosenlaui aus schon so 
oft bestiegen und der Weg von diesen beiden Aus- 
gangspunkten auf seine kühne Spitze von sachkundiger 
Hand (Roth, Gerwer, Aeby, Studer etc.) schon so hin- 
länglich beschrieben worden, dass es Eulen nach Athen 
tragen hiesse, wollte man im Jahrbuch des S. A. C. 
noch einmal darauf zurückkommen. Weniger begangen 
ist dagegen der Weg, der durch's Urbachthal über das 
Dossenjoch (eventuell Renfenjoch) zum nämlichen schönen 
Ziel führt. Eine gedrängte Beschreibung dieses Weges 
wird vielleicht desshalb da und dort einiges Interesse 
erwecken. Denn nachdem einmal für alle Hauptgipfel 
unserer Alpenwelt bewiesen ist, dass sie genommen 
werden können, wird das «Wie» dieser Möglichkeit 
wn so mehr zur Sprache kommen müssen. Dadurch 
wd nämlich unserem Jährbuch eine nicht so bald 



68 Baumgartner. 

versiegende Quelle des iflteressantesten Stoffes erö 
und zugleich dafür gesorgt, dass das, was frühei 
von einzelnen Pionieren vollbracht werden konnte, 
immer mehr für Alle möglich gemacht wird. 

Doch vorerst einige Mittheilungen über die M< 
meiner Wetterhornbesteigung. 

Dieselben lagen nämlich für mich nicht sowol 
einem nicht näher bestimmten Gelüste nach einer B 
gebirgstour — da wäre vielleicht eine andere S 
gewählt worden , — auch nicht im Streben nach ' 
ristenruhm; denn solchen gibt's auf dem alljährlic 
viel bestiegenen Wetterhorn nicht mehr zu holen. . 
wer je, wie Schreiber dieses schon mehrmals, von Bj 
aus über die Axalp die Höhen des Wildgerst ersti 
und von da aus über den sogenannten blauen Glets 
in südöstlicher Richtung in's Rosenlaui hinab 
schirte, wer auf dieser Tour, von gutem Wetter 
günstigt, namentlich auf der herrlichen Breitenbo 
alp den vordem Theil der Wetterhorngruppe ges 
hat, wie er schöner, imposanter, herrlicher nicht 
sehen werden kann, der ist entweder kein Freund 
Alpenwelt, oder dann zieht's ihn hinauf an allen Ha 
und lässt ihm keine Ruhe mehr , bis er droben gew 
und vom Sehnen zuna Schauen gelangt ist. Wo w; 
die Siege im Hochgebirge alle geblieben ohne 
seltsame und gewaltige Anziehungskraft, die es auf 
Gepaüth seiner Verehrer ausübt? 

Freilich, wenn ich für die endliche Ausfuhi 
meines Planes anfangs den letzten Septembermonat 
wählt hatte, so ward ich da übel angeführt. I 
dieser Monat brachte mir wohl einige Reisegefäh 



Wetterhoi'n. 69 

and gelegentlich auch den Entschluss , nicht von Rosen- 
laui, sondern durch's Urhachthal hinauf zu wandern. 
Aber welch' garstig Wetter dazu! Wohl vereinzelte 
schöne, aher keine wannen Tage, dazu Schnee oft bis 
in den See hinab und an Unbeständigkeit das im Haus- 
halt der Natur nur Mögliche. Doch wie sonnig und 
warm und klar und beständig dafür der Oktober! 
Darum jetzt aufgeprotzt. Am 4. Oktober, Nachmittags 
3 Uhr, stunden wir an jenem bekannten Scheideweg 
in Innertkirchen, wo es östlich nachGadmen, südlich 
gegen die Grimsel geht. Wir aber schlugen uns süd- 
iJestlich in's Gebirge dem ürbachthale zu. Unsere 
Zahl war jetzt 6, d. h. 4 Kameraden von Brienz, 
welche für ihr Vorhaben den bekannten tüchtigen 
Führer Dennler aus dem Grund und dazu den noch 
in der Führerlehrzeit stehenden jungen Heinrich Zwald 
von Hasleberg engagirt hatten. Allerdings nach son- 
stigem Wetterhornbrauch etwas wenig Führerei. Kaum 
hätte man uns in Rosenlaui oder Grindel wald so aus- 
Äiegen lassen. Aber wir woUten's einmal gerade so 
probiren, damit Punktum. 

Jetzt aber das Urbachthal! Grossartig, wild, über- 
raschend öffnet es sich von Unterstock an unsern 
Blicken, und während wir seine unterste, wohl eine 
Stünde lang fast ganz ebene Stufe durchwandern, habe 
ich reichlich Müsse , mich seiner lang gewünschten Be- 
trachtung hinzugeben. Zum Theil finde ich meine Er- 
wartungen übertroffen. Denn die grauen Engelhörner, 
deren spitze Zähne rechts so himmelhoch ragen und 
uferen Felsen so furchtbar senkrecht in's tiefe Thal 
flioabstürzen , machen allerdings einen gewaltigen Ein- 



70 Baumgartner, 

druck. Matter dagegen ist das jenseitige südliche Thal- 
ufer, das sich etwas monoton und von unten gar zu 
verjüngt zu den GoUauihörnern aufschwingt, üeher 
den niederen Vorbergen des Hintergrundes erhebt sich 
stattlich breit die stumpfe Pyramide des Hangend- 
Oletscherhorns. Schade nur, dass der hangende Glet- 
scher zu klein ist, um dem Berg selbst und dem 
ganzen Thal die volle Macht des Farbenwechsels vom 
blendenden Weiss an bis zum tiefen Schwarz zu geben. 
Doch da bringt ja die nach rückwärts, d. h. nach 
Osten sich immer vergrössernde Aussicht auf die Kette 
des Titlis und der Gadmerflühe , sowie auf die grünen 
Gräte des Hochstollens Ergänzung und Abhülfe. Summa: 
das wenig begangene Urbachthal ist mehr als eines 
Besuches wohl werth; aber auch es kann sich an 
Mannigfaltigkeit der Scenerie, an Reichthum über- 
wältigender Kontraste, an Fülle des Farbenwechsels, 
an mit höchster Grossartigkeit verbundener Anmuth 
weder dem Lauterbrunnen- noch dem Grindelwaldthal, 
diesen Kleinodien des Berüer Oberlandes, ebenbürtig 
zur Seite stellen. 

Jetzt beginnt ein ziemlich scharfes Steigen am 
rechten Ufer des tief unten in der Thalschlucht wild 
brausenden Gletscherbachs ; dann wieder abwärts, zum 
Theil über Lawinenschnee, der- sich hier ganz aus- 
nahmsweise übörsömmert hat, und nun verlassen wir 
an dem immer mehr nach Süden ausbiegenden Thale 
die Richtung nach dem Gauligletscher. Unser Weg 
nämlich führt in schroffer Steigung am Piedestal des 
Hangend- Gletscherhorns im Zickzack hinauf zu der 
«Fläschalp> nach der Dufourkarte, die aber von un- 



Wetterhorn, 71 

Sern Führern beharrlich «Enzen» getauft wird. Nach 
mühsamem Keuchen erreichen wir sie mit Einbrach 
der Nacht. Glücklicherweise ist sie noch von zwei 
gastlichen Geisshirten besetzt und können wir uns daher 
sofort in das bekannte primitive und doch zur Ab- 
wechslang so wohlthuende Sennhüttenleben wälzen. 
Nach eingenommenem Abendbrod wird die duftende 
Heuhrüge bereit gemacht. Doch trete ich vorher noch 
einen Angenblick hinaus in die stille, föhnigwarme, 
klare Herbstnacht; Welch' herrlich Schauspiel! Nach 
Westen , hart vor uns , die riesige Wand des Hangend- 
Gletscherhoms, die im weichen Mondlicht mit ihren 
vielen weissen, matt schinunernden Schneekehlen wie 
«in gigantisch Wolkengebilde dasteht; nach Osten, 
nnmittelbar vor uns , der durch die Schatten der Nacht 
ia phantastische , unsichere Tiefen gerückte Thalgrund, 
den ein schwacher Lichtstreifen, der Gaulibach, der 
liSlnge nach durchschneidet; zur Seite rechts die Gol- 
laaistöcke, jetzt ganz andere Burschen, als von unten 
gesehen, hinter ihnen das kletterlustige Ritzlihorny 
zur linken Seite oben, im Mondlicht falb schimmernd, 
fe schneidigen Zähne der Engelhörner, wie riesige 
Gespenster; endlich ganz im östlichen Hintergrund 
schon in stattlicher Anzahl, mit unbestimmten, im 
Beblichten Aether verschwindenden Umrissen die Fürsten 
Äes Gadmenthals und des Triftgletschers. Und über 
dem allen der mondhelle, klare Herbstnachthimmel, 
an welchem da und dort ein Silberwölklein auftaucht, 
öm ebenso rasch, wie es gekommen, wieder zu ver- 
• schwinden , als wäre es schmelzender Frühlingsschnee. 
Öoch nun hinein unter das niedere Hüttendach, um 



72 BauntgaTtntT. 

dort für des kommenden Tages Arbeit Kraft zo 



Frühe, schon um 2 Uhr, inacheD wir Tagwacht, 

packen, wie es so zu geben pflegt, nicht ohne Mühe 
and vieles Gestolper unsere im engen Huttenraom zer- 
streuten Kleider nnd Utensilien zusammen, schlurfen 
den znr Begründung wahrer Ausdauer unentbehrlichen 
Kaffee und treten dann '/4 vor 3 Uhr hinaus in die 
feierlich stille, schöne, fast abendlich helle Mondnacht. 
Um unsere Kräfte und die der Führer zu schonen, 
laden wir einem der breitbuckligen Sennen unsere 
zusammen wohl 80 Pfund wiegenden Tornister bis zum 
Dossenjoch auf, — wie froh waren wir später über 
diese Yorsichtsmassregel — und nun geht's vorwärts, 
langsam, gleichmässig , meist stillschweigend nnd ia 
Gedanken bereits auf dem Ziele. Noch ist uns fast 
eine Stunde lang ein in vielen Windungen massig auf- 
steigender Pfad vergönnt. Bald aber, wie die wenigen 
Hütten des obersten Staffeis der Alp hinter uns liegen, 
verschwindet das letzte weiche Grün unter dem alles 
überdeckenden Steingeröll. Nur da und dort bildet ein 
den nahen Firnen entsprungenes kaltes Bäcblein eine 
Abwechslung in dieser Monotonie unter uns. Ueber 
uns und zur Seite von uns aber wird die Gegend immer 
wilder und pittoresker durch die immer näher xa uns 
herantretenden Felsen, hinter denen die zum Westen 
sinkende Mondscheibe öfters verschwindet. Jetzt stehen 
wir an einer Wand. Doch keineswegs an einer schlimmen; 
im Gegentheil, es Ifisst sich unter Dennlers kundiger 
Leitung rasch und leicht hinaufklettern, denn Überall 
sind hinlängliche Stützpunkte. Nur unser arme Sack- 



Wetterhorn. 73 

träger muss unter seiner schweren Last arg keuchen 
imd schwitzen und die Dossenwand offenbar mehr als 
lang und steil genug finden. Doch auch fttr ihn, wie 
fdr uns, kommt bald das Ende der Mühsal. Es ist 
ungefähr 5 Uhr ; im Osten zeigt sich die erste bleiche 
Dämmerung; da stehen wir, einen kurzen Augenblick 
ansschnaufend , an jenem Firnfeld, — ob eigentlich 
Gletscher darunter war, konnte ich während des ganzen 
Hinanfsteigens nie sicher erkennen — welches sich an der 
Ostseite des Dossenhorns oben sehr steil, dann weiter 
ästen in sanfterer Senkung bis zu der von uns eben 
überkletterten Dossenwand ausdehnt. Wir meinen es 
in wenigstens einer halben Stunde überwandern zu 
können, sind doch die obersten Dossenhornfelsen jetzt 
80 nahe zu uns herangetreten und so sehr durch unser 
Steigen vor uns gesunken , dass sie gar nicht mehr 
imponiren. Aber «ohä», Dennler munkelt so etwas 
Ton einer guten Stunde, wenn nämlich der Schnee 
anch gut sei, und er behält Recht gegenüber der uns 
äffenden Dämmerung. Denn wohl erweist uns der Schnee 
die Gefälligkeit , sehr gut zu sein , d. h. fest und bei 
jedem Tritt nur soweit nachgebend, als für sicheren 
Stand nöthig ist. Dennoch will's fast nicht rücken mit 
dem Sattel dort oben rechts vom Dossenhorn. Und 
ob wir uns auch zuletzt, wo die Steigung ziemlich 
«tark wird, an's Seil binden, nicht weil eigentlich Ge- 
fahr wäre, sondern nur, uin unfreiwillige Rutschparthien 
zu vermeiden und rascher vorwärts zu kommen, so ist 
die herrlich aufgehende Sonne, deren Koramen wir 
^Dten kaum noch merkten , mit ihrer Lichtfülle doch 
^or uns oben auf dem Hörn und sogar auf dem immer- 



74 Saumgartner. 

hin noch ziemlich tieferen Sattel und erst einige Hi- 
nuten später, d. b. nach ziemlich lY^ Stunden, wir. 
Es ist über 6 Uhr, also die Strecke von unserem 
Nachtquartier bis zum Dossensattel für ein vemfinftiges, 
d. b. aurg Weitergeben berechnetes Marscbiren immer- 
bin auf 3'1-i Stunden anzuschlagen. 

Aber nun welch' ein herrlicher Sattel, so klein 
und schmal er auch ist, dieser Dossensattel! Denn 
jetzt uns umwendend grüsst im Osten schon fast die 
ganze Herrlichkeit der Urner- und Glarneralpen etc.; 
Vom kecken Galenatocke an bis in's Appenzellerland 
hinein ein majestätisches Garderegiment von Gebirgs- 
fürsten mit weissen glänzenden Helmen und blanken 
Gletscberscb wertern an den ■ dunkeln Seiten. Und hart 
vor uns die Kette der Engelhörner im Profil, deren 
grane Riesenrippen nun schon zum grüssten Theil unter 
uns liegen. Fast gelüstet nns, als die zweiten, auf das in 
so herausfordernder Nähe stehende grosse Engelbom 
zu klettern, welches nach Dennler's Aussagen im Ter- 
gangenen Sommer, wenn ich mich recht erinnere, zum 
ersten Male erstiegen worden sein soll. Wenn nur 
dort jener schmale, schwindlige Grat nicht aus ent- 
setzlich glattem Kalk, sondern aus Gneis oder Granit 
wäre. Uehr noch lockt darum von unserem Standort 
aus das keck dastehende Dossenhorn, dessen letzte 
steile, glatte Stnfensätze Bennler, und wir wollen ihm 
ja schon glauben, von hier aus in fast einer Viertel- 
stunde überwinden zn können erklärte. Aber «führe 
uns nicht in Versuchung.» Wir haben ja ein noch 
schöner und edler Ziel! Denn dort aus den grünen 
Tiefen des Rosenlauithals zieht sich der mächtige 



Wetterhorn, 75 

kBosenlauigletscher vor unsern Blicken, eine Eisterasse 
fiber die andere bauend, hier am Fuss der EngQlhörner, 
dort an den Felsen des Wellhorns brandend, allmälig 
iiinaaf bis dort zu seiner wilden Wiege, dem Wetter- 
kesseL Hinter dem Wetterkessel aber grüssen wir 
heute zum ersten Male 3 imposante Pyramiden, die 
der junge Tag mit goldenem Glänze überstrahlt, als 
wollte er sie wieder einmal zum Besuche schwacher 
Menschenkinder aufs Schönste schmücken. Das sind 
die 3 Wetterhörner. Ungefähr wie vom Gipfel des 
Wellhorns (siehe das schöne Farbenbild von Fellenberg 
im V. Jahrbuch des S. A, C.) stellen sich jetzt ihre 
stolzen Gestalten mit einem Schlage vor uns auf. Nur 
bringt der verschiedene Standort es mit sich, dass vom 
Dossensattel aus das Rosenhorn, als das nächste, am 
meisten imponirt, die Haslijungfrau dagegen am wenigsten, 
weil am weitesten entfernt. Gleichwohl jetzt Abschied 
^on unserem Schleppfuchs und vorwärts, der Hasli- 
jungfrau zu! • 

Aber nur gemach! Nur ein einziger Weg führt 
Dämlich vom Dossensattel zu dem wohl 300 ™ unter 
^ns in jäh abfallender Tiefe liegenden oborn Rosenlaui- 
gletscher. Und dieser Weg ist zudem nicht etwa 
fester, solider Felsen, sondern eine Schneekehle, die 
an den steilsten Stellen wohl 50 Grad Neigung haben 
mag. Zudem ist der Schnee in dieser Kehle nicht 
nur weicher als auf dem jenseitigen Firnfeld — das 
wäre nur erwünscht gewesen — sondern so weich, 
dass er zum Weichen von seiner unsichern Unter- 
lage, d. h. zum Lawinenbilden einige Neigung ver- 
räth. Desshalb kommandirt Dennler Vorsicht, ge- 



76 Baumgartner. 

naues Treten in seine Fussstapfen, Gänsemarsch und 
nicht Frontmarsch und was überhaupt an solchen 
Stellen nöthig ist. Und als einer meiner Hinterleute^ 
ein kühner, verwegener, aber in den Tücken des Hoch- 
gebirgs noch wenig erfahrner Turner, eben an der 
steilsten Stelle zum naiven Vergnügen einer Rutsch- 
partie Anstalten trifft, hat er eine an Deutlichkeit 
nichts zu wünschen lassende Strafpredigt und Ordnungs- 
motion bald weg. Das hilft, dass nun Alles nach dem 
Oberkommando geht. Und so wird nach einer Yiertel- 
stunde raschen Abstiegs die etwas heikle Stelle glück- 
lich übei-wunden. Immerhin reut uns die dergestalt 
verlorne Höhe. Verlängert doch dieser Umstand, da 
das Verlorne natürlich nachher mit desto mehr Steigen 
wieder eingeholt werden muss, den Weg aufs Wetter- 
horn um wohl 1V2 Stunden. Dazu zeigt sich uns jetzt, 
dass das Renfenjoch zur Linken ganz sanft und mit 
unbedeutendem Fall direkt zum Wetterkessel führt, 
x^uch Dennler kann bei diesem Anblick die Bemerkung 
nicht unterdrücken, er werde in Zukunft das übrigens 
von ihm schon mehrfach gemachte Renfenjoch als 
Wetterhornweg definitiv vorziehen. Warum er uns 
aber gleichwohl zum Dossenjoch führte? Wohl dess- 
halb, weil es etwas eher und leichter zu gewinnen sein 
mag, besonders bei vielem frischem Schnee. Aber auf 
der andern Seite könnte doch das Wiedergewinnen der 
an der Dossenkehle eingebüssten Höhe bei weichem Firn 
im Wetterkessel so erschöpfend werden, dass die ganze 
Besteigung an diesem Umstand zuletzt misslingen würde. 
Darum wir allfälligen Nachfolgern das Renfenjoclrin aller- 
erster Linie und erst im Nothfalle das Dossenjoch anrathen. 



Wetterhorn. 77" 

Jetzt aber weiter auf dem rechten Ufer des Rosen- 
aigletschers , anfänglich fast eben, dann allmälig 
ler mehr steigend. Glücklicherweise ist der Schnee 
on ordentlicher Beschaffenheit, d. h. obschon in grossen 
iieaen Massen vorhanden, doch so weit gefroren, dass 
-er im Allgemeinen dem auftretenden Fusse nicht zu 
tief nachgibt. Verhältnissmässig rasch gelangen wir 
daher, uns allmälig dem linken Gletscherufer zuziehend, 
in die milde Gletschermulde des sog. W.etterkessels 
Ein eigener Anblick, dieser Kessel, wo nach vorn die 
ganz nahe gerückten gewaltigen Wetterhörner alle 
weitere Fernsicht verdecken, wo jede Verbindung mit 
der grünen Thalwelt dem Auge abgebrochen wird, wo 
es rings um uns nur blendend weiss schimmert und 
über uns der wolkenlose, tiefblaue Herbsthimmel der 
Gebirge sich ausdehnt, wo der ewige Firn, bald zur 
Bechten, bald zur Linken von gewaltigen Schrunden 
zerrissen, uns die Wiege des Rosenlauigletschers ver- 
kündet. Wie da auch das trotzigste Herz unwillkür- 
lich ?om Gefühl seiner Ohnmacht und Kleinheit ergriffen 
wird, und wie da oben der wahre Bergfreund so recht 
schwelgen kann in jenen erhabenen Genüssen, die aus 
der schwülen Luft des Thaies ewig verbannt sind! 
Indess auch hier «keine Bösen ohne Dornen.* Wie 
Mancher wohl, der hier hinaufstieg, hat nicht geseufzt 
nach dem Wettersattel, der dort zwischen Mittel- 
hom und Haslijungfrau so nahe scheint und auf den 
nian doch trotz steten Wanderns und Keuchens so lange 
nicht zu kommen scheint ! In unserer Kolonne wenigstens 
föngt nun das Geseufze auch an, besonders weil der 
Schnee schwierig zu werden anfängt und wir bei jedem 



78 Baumgartner, 

Schritt tief und tiefer einsinken. Fast will da die 
Poesie in die Brüche gehen bei diesem nie enden wolleu- 
den Schneestampfen, das so gefahrlos und doch so er- 
schöpfend. Und «0 wetsch», sogar unser Hauptmann 
bekommt's hier zuletzt genug und überlässt das Bahn- 
brechen seinem Gehülfen, und auf einigen Gesichtern 
will es sich sogar wie Vorboten des Bergkaters lagern. 
Glücklicherweise kommt er nicht zum Ausbruch. Denn 
«wo die Noth am grössten, da ist die Hülfe am nächsten.» 
Die Uhr zeigt bald auf elf. Da ist der Wettersattel 
erstürmt; da grüssen wir bewundernd die herrliche 
Gebirgswelt, die hier im Westen mit einem Schlage 
aus den grünen Niederungen Grindelwalds aufsteigt, 
Hörn um Hörn, Zinne um Zinne, bis dort zum Riesen- 
bau des Schreckhorns. Nun keine lange Rast. Der 
kalte, starke Gletscherwind lässt ja doch hier nirgends 
«himmlisches Behagen» im Ruhen finden; zudem das 
Ziel so nahe, der Himmel so herrlich rein, kein einziges 
Gipfelchen in ein Nebelchen gehüllt. Darum rasch ein 
guter Rother zur Stärkung und Erwärmung : dann wird 
alles Entbehrliche in sichern Felsen versteckt ; die lang- 
weiligen Hüte, die immer fortfliegen wollen, müssen, . 
von Steinen beschwert, den Tornistern Gesellschaft 
leisten (unartige Kinder machen den versprochenen 
Spaziergang nicht mit), an ihrer Stelle freuen sich 
unsere nach Oberländerinnen-Manier um die Köpfe 
geschlungenen Nastücher, dass sie ganz unerwartet zum 
Genuss derWetterhornaussicht kommen sollen, und schon 
geht's wieder vorwärts oder besser gesagt steil auf- 
wärts. Doch er sei hier nicht weiter beschrieben, der 
schon so oft beschriebene Gipfel des vorderen Wetter- 



Wetterhm-n, 79 

liorns. Nur einige Andeutungen über unsern Weg und 
dessen Beschaffenheit. Ganz gut und ohne weitere 
Schwierigkeit gings nämlich im Anfang an der west- 
lichen ziemlich «aberen», felsenreichen Kante der Süd- 
seite hinauf. Nur dass sich hier unser, von der Schnee- 
brecberei im Wetterkessel etwas geschlagene Komman- 
dant das eigenthümliche Vergnügen machte, hart am 
gähnenden Abgrund zirka 10 Minuten zu schnarchen, 
als läge er noch d'runten auf der sichern Heubrüge. 
Ich muss gestehen, dass ich an dieser Stelle jedenfalls 
nicht so hald in Morpheus Arme gesunken wäre. Das 
aber ist mir fast noch merkwürdiger, wie der bärtige 
Schläfer nach rechter Führerart nach den 10 Minuten 
wieder vollständig leistungsfähig aufspringt. Und es 
ist gut so für ihn und uns. Denn jetzt wird's etwas 
heikel, und muss er uns, weil «kein anderer Weg nach 
Eüssnacht führt>, buchstäblich aufs Glatteis führen 
und auf einer langen Strecke, welche sonst bei gutem 
Schnee gar keine Schwierigkeit bietet, für jeden Schritt 
Stufen hacken. Und zwar ganz gehörige, weil ein. 
Aasgleiten uns hier ohne besondere Anstrengung ziem- 
liche Verlegenheiten bereiten könnte. Kurz, wir ver- 
lieren hier, von der westlichen nach der östlichen 
Kante traversirend , ohne dem Gipfel viel näher zu 
kommen, eine ganz ungemüthliche halbe Stunde. Und 
schon will Dennler, als wir nach deren Verfluss einige 
sichere Felsen erreicht haben, auch für die letzte 
noch zirka viertelstündige Etappe ein bös Gesicht 
machen. Denn vor uns auf dieser steilsten Strecke 
nichts als weicher, rutschsüchtiger Schnee, dem be- 
sonders in Erinnerung an das Glatteis hinter uns nicht 



80 Baumgartner. 

zu trauen ist. Und dort hoch oben die Gipfeigwächte, 
fast überhängend gegen uns und um ihrer Grösse 
willen auch von fraglicher Treue! Vielleicht jetzt 
noch Rückwärtskonzentration? Nein. Wenigstens vor- 
her noch ein kühner Sturmlauf! Und der gelingt über 
Erwarten ! Schritt für Schritt sich tief in den weichen 
Schnee stampfend, rückt unsere Kolonne vorsichtig aber 
sicher und unbehelligt wie auf einer steilen Treppe 
vorwärts. Noch 15 Minuten; da steht Dennler an 
der Gwächtwand und haut und stampft sie mit ge- 
waltiger Kraft zum festen Hinaufsteigen zusammen, gleich 
nachher ist er droben ; dann gilt's auch mir, «wer weiss, 
wie das geschah?» Im nächsten Augenblick (es ist 12 Uhr 
15 Min.) liegt unter mir des Wetterhorns luftige Spitze 
und rings um mich in der ganzen Klarheit eines 
sonnigen Herbsttages seine imposante, überwältigende 
Fernsicht. Diese selbst zu beschreiben, unterlasse ich 
aber; denn bessere Federn, als die meine, haben's 
schon gethan, und will ich daher nicht wiederkäuen. 
Und dann mag Einer immerhin sie nennen und zählen 
*air die Völker, all' die Namen, die gastlich hier zu- 
sammen kamen , » den Gesammteindruck dieses er- 
greifenden Schauspiels zu schildern, geht ja doch über 
Meuschenfedern hinaus. Statt Vielem daher nur eines. 
Wohl ist die Wetterhornaussicht nach Osten und Süd- 
osten unendlich reich; wohl lenkt nach Südwesten 
namentlich die majestätische Gruppe des Schreckhorns 
immer wieder die Blicke auf sich; aber noch mehr 
fesselt nach Norden die fast senkrecht d'runten liegende 
ungeheure Tiefe hier des grünen Grindelwjldttales, 
dort des felsumkränzten Rosenlauigrundes. Und als 



Wetterhorn, 81 

I^Ute diese Tiefe dem schwindelnden Auge noch recht 
[klar werden, erhebt sich aus ihr das vielgefurchte, 
fTanzelige Schwarzhorn : ein Riese von unten, von hier 
oben aber ein fast unscheinbar Zwerglein. . 

Indessen sind uns nur 20 Minuten Aufenthalt auf 
unserem luftigen Göttersitze vergönnt, nicht der Tem- 
peratur wegen; denn die würde uns noch lange nicht 
geniren , aber der Oktober tag ist eben so kurz als 
schön und der Weg nach Grindelwald weit und rauh. 
Darum Adieu Wetterhorn, Dank für deine freundliche 
Aufnahme und vielleicht auf Wiederseh'n ? Unser Ab- 
steig zum Wettersattel erfolgt ohne jeden Unfall, raisch, 
zoletzt pfeilschnell rutschend, in fröhlichster Stimmung. 
Dort wieder angekommen, noch eine Flasche ; denn das 
Böste ist überstanden, dann .Tornister auf und, weil's 
pressirt, halt schon wieder weiter, abwärts dort der 
grünen Oase des Glecksteins zu. Nach der bekannten 
Kletterei, während welcher einmal ein Steinschlag in 
unheimlicher Nähe über meinem Kopfe vorbei saust, 
erreichen wir etwas nach 4 Uhr das vielgenannte «Hotel 
Weisshom>. Ein Blick in seine kleinen hölzernen 
Bäume zeigt uns aber, dass wir mit unsern Ansprüchen 
auf etwas Warmes hier kein Gehör finden, sondern 
unsere Ausdauer noch mehr anspannen müssen. Dess- 
halb steigen wir nach kaum viertelstündiger Pause 
mit thunlichster Schnelligkeit die so gut und passend 
angebrachten Leitern hinunter (eine stellenweise Re- 
novation derselben dürfte übrigens zu grösserer Sicher- 
lieit in nicht zu ferner Zeit angezeigt sein), passiren 
ohne Unfall die bekannten, etwas schwierigen Kalk- 
platten (zu grösserer Sicherheit, namentlich für ermüdet 



Baumgartner. 
\retterhorn znrückketirende Tonristen, sollten die 
en Tritte stellenweise etwas verbessert und er- 
t werden, was ja mit wenig Kosten geschehen 
i) ; dann muss nns Dennler einen nach dem andern 
il zum obem Grindel waldgletscher hinablassen, 
keine andere Möglichkeit ist, seine tief ein- 
cenen Eismassen von der glatten Seitenfelswand 
I erreichen. Das ist ein un Willkomm ener Zeit- 
t bei der schon weit vorgerückten Dämmerung, 
en traversiren wir auch so bei fast vollständig 
rochener Nacht den ziemlich verschrundeten 
her glücklich und erreichen im jenseitigen Felsen- 
ias langersehnte Ende aller Schwierigkeit und 
r. Jetzt noch die steilen aber soliden Leiter- 
n hinunter und am Fuss des Grletschers ein 
kend Flaschenbier zur Gemnthsbernhignng ge- 
ft ; dann fühlen wir wieder breiten, sichern Weg 
den Füssen, und ihm folgend betreten wir um 
' die gastliche Schwelle des Hotel «Eiger» in 
;lwald. 

as wir dort nach des Tages Anstrengungen 
Jen, kann sich der geneigte Leser wohl denken, 
[ers wenn er selbst schon etwas in der Höhe 
it' ist. Jedenfalls dürfen wir es mit gntem 
;en als grobe YerlSumdang bezeichnen, wenn 
ilige Gydisdorfer-Hermandad nns etwa folgenden 
wegen Nachtlfirm angeschwärzt hat. Denn erst spät 
;enden Tage schlenderten 4 sonnenverbrannte Ton- 
das Thal hinnnter. Und dort bei ZweilOtschinen 
ntertaken umbiegend, grüssten sie nach manchem 
liehen Rückblick zum letzten Male das im Sonnen- 



Wetterhorn, 83 

glänze eines wolkeDlosen Oktobertages herrlich ih's 
Thal hinab strahlende Wetterhorn. 

Anhangsweise notiren wir noch die Distanzen: 
Aufbruch Ton der Enzenalp Morgens 2Y2 Uhr, An- 
kunft in Grindelwald Abends 8 Uhr. Zeitdauer des 
Marsches also im Ganzen 17 72 Stunden. Davon 
kommen in Abzug: 

Pause auf dem Dossenjoch 15 Minuten, 

1. « « « Wettersattel 15 « 
« « « Gipfel 20 

2. « « « Wettersattel 15 < 
« beim Gleckstein 15 « 
< beim obem Gletscher 20 < 



Summa 100 Minuten. 
Weglänge netto also zirka 16 Stunden, nämlich 
bis zum Dossei^och 3V2, Wettersattel 4V2, Gipfel 1, 
Gleckstein S'/a, Grindelwalddorf 3^/2 = 16. 



1 



Das Kleine Spannort ^). 

(3149 Meter.) 

Von 

Eugen Ochsner. 



Erste Besteigung mit yorangegangenem 

Yersnche. 

Am Abend des 16. Juli 1876 langte ich mit mein 
Freunde, Herrn G. Forrer aus London, yom Üri-Ro 
stock herunterkommend, in Engelberg an, und nal 
in der trefflichen Pension Müller Quartier. 

Es war ein herrlicher Tag gewesen und die unt€ 
gehende Sonne Hess den das Thal umgebenden G 
birgskranz in seiner ganzen Pracht erscheinen. 

Am schönsten nahmen sich die ruinenartigen Spam 
örter aus , von denen damals bloss das « Grosse 



*) Das Kleine Spannort ist auf Hrn. Müller-Wegmann 
Panorama der Stöckenalp oberhalb Engelberg (Jahrbuch XJ 
ersichtlich; auf dem Holzschnitt pag. 144 ist es nicht sichtbar 
die Felsen des Vordergrundes gehören dem unbenanntei 
Gipfel 3117 an, während die als Klein Spannort bezeichnet( 
Spitze den Namen des grossen tragen sollte. Anm. d. Eed 



Spannort 86 

I ^stiegen war; das «Kleine» war von Führern sowohl 
als von Touristen und auch von Jägern schon öfters 
genau untersucht, aber so bös befunden worden, dass 
sich noch Niemand recht daran gewagt hatte und 
man allgemein hehauptete, es wäre eine Unmöglichkeit, 
hinaufzugelangen . 

Es schien mir, als wäre dieses gerade dasjenige, 
was ein Alpenclubist wünschen könnte, und befasste 
ich mich denn sofort mit dem Gedanken, meinerseits 
einen Versuch zu wagen. 

Ich theilte diesen Plan meinem Freunde mit, er 
war aber keineswegs gesonnen, die Partie mit mir 
zu versuchen. 

Wir sassen vor dem Hause, und waren gerade in 
eifrigem Gespräche, als sich strammem Schrittes ein 
anderer Tourist mit einem Führer näherte, und ich in 
der Person des Erstem einen guten Freund, Herrn 
r. Schinz, ebenfalls Mitglied der Sektion Uto, erkannte. 
Derselbe kam über die Surenen von Altorf her und 
beabsichtigte, dem Titlis einen Besuch abzustatten. 
Biese Tour stand auch auf unseim Programm, und somit 
gingen wir zusammen gegen Abend des folgenden 
Tages nach der Trübsee- Alp, und in der kommenden 
Kacht bestiegen wir den Titlis. 

Ich machte es mir zur Aufgabe, von dessen Spitze 
aus mit meinem Fernrohr die Spannörter genau zu 
untersuchen, beide aber präsentiren sich von dort aus 
als unbesteigbar ; da ich aber wusste, dass das «Grosse» 
bereits unterlegen war^ so dachte ich, es würde sich 
am Ende auch am «Kleinen» eine Stelle finden lassen,, 
wo man demselben beikommen könnte. 



86 Ochsner. 

Unser Führer, Namens Hess, theilte uns mit, dass 
einer seiner Brüder am Abend vorher mit einem 
Engländer nach dem grossen Spannort aufgebrochen 
sei; sie waren aber natürlich bis 6 Uhr Morgens, um 
welche Zeit wir auf dem Titlis ankamen, noch niclit 
hinaufgelangt, sonst hätten wir sie mit unsern Gläsern 
s«hen können. 

Um die Mittagsstunde fanden wir uns wieder in 
Eogelberg ein. 

Als nun der vom grossen Spannort zurückkehrende 
Führer Hess gegen 4 Uhr eintraf, ^ frug ich ihn , ob 
er gewillt sei, die Tour gleich nochmals zu machen, 
resp. das kleine Spannort ?u probiren, worauf er 
erwiderte, dass er mich gerne begleite, zumal er den 
Berg schon einige Male genauer betrachtet, und zwei 
Stellen entdeckt hätte, wo man einen Aufstieg ver- 
suchen könnte ; indessen fügte er hinzu, dass, wenn sich 
der Plan nicht ausführen Hesse, wir immer noch aufs 
grosse Spannort gehen könnten. Die' Art und Weise, 
mit welcher er mir diese letzte Mittheilung machte, 
liess mich aber schliessen, dass er die Schwierigkeiten 
kannte, und sich folglich nicht stark mit Probiren be- 
schäftigen würde. 

Der Proviant war bald beschafft, «nd um halb 6 
Uhr brachen wir nach der Niedersurenen- Alp (1260™) 
auf, woselbst wir nach l7^ Stunden anlangten und 
unser Nachtquartier bezogen. Um 12 Uhr weckte mich 
der Senn, und 20 Minuten nachher waren wir bereits 
auf dem Wege nach der Schlossberg-Lücke. Der Senn 
begleitete uns mit einer Laterne. Das Wetter war 
nicht ganz so schön, wie wir es wünschten; auch war 



Spannort. 87 

in der Na^ht eine Lawine vom gegenüberliegendea 
^hlossberggletscher heruntergestürzt, ein Zeichen, dass 
der Föhn in den obern Regionen herrschte. 

Wir waren ungefähr 2 Stunden unterwegs gewesen, 
als der Himmel eine sehr böse Miene angenommen hatte, 
ond wir es folglich für besser fanden, zurückzukehren. 
Ich vernahm später, dass eine yon Engelberg nach 
dem Uri-Rothstock aufgebrochene Expedition um die 
gleiche Zeit, und aus dem gleichen Grunde hatte zurück- 
kehren müssen. 
'. Um 6 Uhr Morgens war ich wieder in Engelberg; 
meine Freunde rüsteten sich zur Heimreise, und ich 
schloss mich ihnen an. 

Seit jenem Tage schwebte das kleine Spannort 
fortwährend vor meinen Augen, und behielt ich mir 
denn vor, die Besteigung nochmals zu versuchen, aber 
mit einem mir bekannten Fühner. 

Vierzehn Tage später, Donnerstag den 3. August, 
langte ich Abends 6 Uhr, von Zürich kommend, in 
Amsteg, an und traf im Gasthaus zur Post den Führer 
Joseph Furger ab Bristen; ich hatte nämlich Tags 
2uvor nach dem Hotel Alpenclub im Maderanerthal 
telegraphirt , man möchte mir auf Donnerstag Abend 
einen der Trösch, oder in deren Abwesenheit Führer 
Furger, wohl ausgerüstet, nach Amsteg senden. Die 
Trösch waren alle engagirt, und so kam denn Furger, 
den ich schon letztes Jahr bei Anlass einer Scheer- 
hornbesteigung kennen gelernt hatte, aber noch nicht 
hinreichend schätzen. 

Furger ist mir nun seither ein lieber Mann geworden ; 
er begleitete mich letztes Jahr während 8 Tagen, und 



k&Qnte ich mir in keiner Beziehung einen bessern 
Führer wünschen. Ich theilte ihm meinen Plan, das 
Eleiue Spannoit za hestetgen, mit ; derselbe gefiel ihm 
ganz gut, bevor ich mich aber nach jener Gegend 
wandte, hatte ich im Sinne, dem Bristenstock einen 
Besuch abzustatten, ein Berg, nach welchem ich mich 
schon lange sehnte. 

Wir beschlossen desshalb, sofoit nach der Blacki- 
Alp aufzubrechen, welche circa 3 Stunden von Ämsteg 
entfernt und das gewöhnliche Nachtquartier bei Bristeu- 
stockhesteigungen ist, wenn solche nämlich nicht in einem 
^geführt werden. Wir versahen uns mit Pro- 
id um 7 Uhr verliessen wir das Hotel. Kaum 
e von demselben entfernt, bemerkten wir, dass 
Himmel ziemlich plötzlich überzogen hatte; 
US, als wollte es ein starkes Gewitter ab- 
Vir machten daher -ganze Wendung — kehrt- 
en wieder in's Hotel. 

Folgenden Tag war das Wetter gänzlich her- 
wesshaib wir dasselbe für einen Versnch am 
5pannort benützen wollten, 
10 Uhr marschirten wir nach der Elus bei 
n, welche wir nach circa l'/' Stunden er- 

rwegs hatte ich Gelegenheit gehabt, mit Furger 
inen Plan zu sprechen; er kannte die zu be- 
Gegend nicht, and desshalb mnssten wir nolh- 
Weise einen Führer Sber den Sehlossberg- 
mitnehmen. Furger proponirte mir einen 
etter von ihm, welcher in der Elus wohnte, 
ieichens ehemals Schuhmacher, heut« aber 



Spannort 89 

ßtrassenmeister , der schofi einige Male mit Touristen 

tftyer die Schlossberg-Lücke, oder wie man es dort 

einfach nennt, das «Lückli» gegangen' sein soll. Der 

ToTSchlag passte mir ganz gut. Wir trafen richtig 

den Mann auf der Strasse an seiner Arbeit; er war 

gerne bereit, uns zu begleiten, bloss fügte er hinzu, 

dass er keine Klettereien oder sonst schwindlige Touren 

ansfÄhren wolle, indem er für solche Sachen sich schon 

etwas zu alt fühle. 

Wir assen miteinander zu Mittag, und um 1 Uhr 
brachen wir nach dem Erstfelder -Thale auf. Dieses 
noch wenig bekannte Thal ist höchst romantisch 
nnd verdiente, viel besucht zu werden. Leider befindet 
sich in demselben kein einziges Gasthaus, ein Grund 
wahrscheinlich, wesshalb die Touristen wegbleiben. 
Fnr einen unternehmenden Mann wäre hier jedenfalls 
Etwas zu machen ; es soll einmal die Rede davon 
gewesen sein , ein Hotel zu erstellen , aber , wie es 
scheint, ist der Plan wieder aufgegeben worden. 

Wir erreichten etwas nach 5 Uhr die oberste Senn- 
Mtte auf der Kühplanken- Alp , 1508 *". Es befinden 
sich zwar weiter oben noch einige Alpen, dieselben 
werden aber nur auf ganz kurze Zeit befahren. 

Die Bewohner der Hütte, drei junge Sennen, waren 
znr Zeit abwesend , und* kehrten erst gegen 7 Uhr 
znrück. Sie hatten ihr Vieh für 8 bis 10 Tage auf 
die sogenannten obern Staffeln hinaufgetrieben und 
holten je Morgens und Abends die Milch herunter. 

Nachdem wir ein aus Alpenkost bestehendes Nacht- 
esseneingenommen, undnoch einige gemüthliche Stündchen 
mit den freundlichen Sennen verbracht hatten, legten 



so Ochsner. 

wir uns in einem etwas abgelegenen Gaden aufs Heu. 
Dieser Gaden war auf der einen Seite theilweise offen 
und somit konMen wir von unserer Lagerstätte aus 
in die herrliche Nacht hinausschauen. Der Himmel 
war dicht mit Sternen bedeckt, und eine feierliche 
Stille herrschte über dem ganzen Thale. Eine, solche 
Nacht hat einen eigenthümlichen Beiz und gehört, 
wenigstens bei mir, nicht zu den geringsten Genüssen 
der Bergwanderung. 

Um 1 Uhr weckte ich die beiden Führer, und um 
2 Uhr inärschirten wir in der Bichtung des Schloss- 
berggletschers oder Glattenfirn ab. 

Es war herrlicher Mondschein, in welchem sich 
<iie Zacken der Sonnigstöcke auf der Nordseite des 
Thaies geisterhaft ausnahmen. 

Der Weg wird bald hinter der Alp ziemlich müh- 
sam, und stellenweise sogar etwas unangenehm, be- 
sonders über die sogenannten Katzenplanken, wo man 
Nachts vorsichtig zu Werke gehen muss, und öfters 
mit den Händen nachzuhelfen hat, um nicht über die 
Felsplatten hinunterzurutschen. 

Nach und nach geht's steil über Lawinenüberreste, 
Oeröllhalden und Felspartien bis zum Gletscher; letzterer 
war aber gut zu begehen, wenigstens auf der Seite gegen 
den Schlossberg hin ; mehr nach Süden oder gegen die 
Mitte zu, war er dann allerdings stark zerklüftet. Um 
6 Uhr 40 Min. langten wir auf der Schlossberg-Lücke 
an, 2631 "*, und machten einen viertelstündigen Halt. 
Wir befinden uns hier auf einem kleinen Felsgrate, 
von welchem aus man schon eine sehr schöne Aussicht 
hat; besonders imposant präsentirt sich der Titlis, den 



Spannort 91 

n in seiner ganzen Grösse sieht. Mit Hülfe meines 
Fernrohres konnte ich auf dessen Spitze eine grössere 
Gesellschaft erblicken. 

Auch das gewaltige Becken des Glattenfirn, über 
welchem sich auf der andern Seite der Krönte erhebt, 
Jmsai sich von hier grossartig aus. 

Den Glattenfirn hinansteigend, umgingen wir nun 
^ grosse Spannort auf dessen Ostseite, und nach 
7* Stunden langten wir auf dem Spannörterjoch an, 
2929 ™, der ganz vergletscherten Einsattlung zwischen 
dem grossen und kleinen Spannort. 

Das kleine Spannort präsentirt sich von hier aus 
wie eine enorme Festung, rings umgürtelt von einer 
Felswand von ungefähr 150" Höhe. 

Von der Mitte des Joches gegen den Berg zu ist 
der Firn etwas steil, und bildet am Fusse der Wand 
€ine Art Terrasse, welche wir erstiegen. 

Furger besah sich einen Augenblick die ganze 
Länge der Wand, und marschirte alsdann gegen die 
Mitte des Berges hin, woselbst sich eine ziemlich 
bedeutende Vertiefung befindet. In dieser Vertiefung 
zieht siclj eine steile Geröllhalde ungefähr 100 Fuss 
an der Felswand hinauf. 

Ich unterhielt mich einige Minuten lang mit dem 
Strassenmeister, welcher keine Lust hatte, eine Kletterei 
, mitzumachen , und als ich nach Furger blickte , be- 
fend er sich bereits über dem Geröll an der Fels- 
x^and. Ich war im Begriffe, ihm nachzueilen, und 
hatte bereits mehrere Schritte gegen das Geröll hin 
getban, als er mich ersuchte, einstweilen wieder 
zurückzukehren, um nicht etwa von den durch seinen 



S2 ■ Ochsner. 

Aafstieg in Bewegung gesetzten Steineu getroffen za 

werden. 

Man kann sich denken, mit welcher Spannaug wir 
;er zusahen; vielleicht konnte er dort oben eine 
;lichkeit des Hinauf kommen s entdecken und in 
am Falle hatten wir gewonnenes Spiel. Furger war 
m ziemlich hoch hinaufgeklettert;' wir beobachteten 
lerksam jede Bewegung. Einst schien es uns, als 
le er nicht mehr vorwärts; wir wollten ihn aber 
t stören, sondern sahen ihm fernerhin ruhig ^u. 
h einiger Zeit rief er zu uns herab, es wäre hier 
>lut unmöglich, auch nur einen Schritt weiter zu 
1, denn er befände sich um Fusse eines aber- 
?enden Felsen, wo gar kein anderer Ausweg sei, 
zurflckzukehren. Da dieser Rückzug nicht sofort 
tfand, sondern wir sahen, dass Furger wie gebannt 
a an der Wand klebte, waren wir stark um ihn 
)rgt. Es dauerte ordentlich lange, bis er sich 
lieh wieder bewegte. Der gute Mann hatte sich 
itiegen, und es fehlte wenig, so wäre er nicht 
r lebend zu uns heruntergekommen. Ich hatte 
ise Freude, als uns Furger nach einiger Zeit 
ier einholt«; er sprach jenen Tag noch zwei oder 
. Mal von der schlimmen Lage, in welcher er 
befunden, und wo er während mehrerer Minutes 
er vorwärts noch rückwärts gelangen zu können . 
ibte. 

Diess mahnte mich natürlich stark zur Vorsicht. 
An jener Stelle war also an kein Hinaufkommen 
denken, und mussten wir folglich unser GlQck 
srswo probiren. 



Spannort. 93 

"^ir zogen uns in nordwestlicher Richtung auf der 
Firnterrasse Mn, die Wand immer genau prüfend, für 
dftüYaW, dass sich ein Couloir vorfände, durch welches 
man hinaufgelangen könnte. 

Endlich entdeckten wir eine Art Kamin, das un- 
geföhr 100 Fuss hoch, und sozusagen senkrecht war. 
\on der Stelle, auf welcher wir uns befanden, führte 
noch eine kurze, aber äusserst steile Schneehalde bis 
zum Yusse dieses. Kamiris hinauf. Furger erstieg die- 
selbe sehr vorsichtig. Am Fusse der Wand angelangt, 
Tiet er uns zu, er glaube, er könne durch das Kamin 
hinanfgelangen , und möchten »wir ihm einstweilen bis 
zn Jener Stelle nachrücken. Am Seile gehalten, folgte 
ich nnn seinen Tritten , und dicht hinter mir rückte 
der Strassenmeister nach. 

Hier entledigte ich mich wieder des Seiles , nicht so 

aber Furger, welcher am andern Ende angebunden blieb. 

Das Kamin, an dessen Fuss wir uns nun be- 

ianden, schien mir unersteiglich, Furger aber glaubte, 

€r könne hinaufgelangen ; er machte sich denn auch 

sofort an's Klettern und in kurzer Zeit war er schon 

ziemlich weit oben. Ich traute kaum * meinen Augen, 

als ich Furger in seinen halsbrechenden Evolutionen 

2nsah, und muss ich gestehen , es war mir ordentlich 

bange nm ihn; der Strassenmeister und ich riefen ihm 

denn auch mehrmals zu, wieder herunterzukommen, 

denn da Ersterer sich von vorneherein gegen eine 

Kletterei ausgesprochen hatte, so war ich trotz allen 

Vertrauen, das ich in Furger setzte, nicht gesonnen, 

mit bloss einem Führer, eine so gefährliche Partie 

2a unternehmen. 



I 



94 



Ochaner, 



Farger Hess sich aber nicht abhalten, sondern 
kletterte mit enormen Anstrengungen immer weiter, 
bis er oben am Kamin angekommen war. Nun rief 
er mir zu, mich an's Seil zu binden, damit er mich 
hinauf ziehen könne; ich hatte aber dazu keine Lust, 
denn obschon ich sicher war, oben anzulangen, und 
auch wieder auf dem gleichen Wege herunterzukommen,, 
so wusste ich doch weder, wie und ob wir weiter-^ 
gelangen, hoch wie Furger wieder hinunter gelangen 
würde. 

Auch dem Strassenmeister gefiel die Situation 
Furger's gar nicht. Letzterer trat nun oben aus dem 
Kamin heraus, und besah sich die Wand, an welcher 
wir noch hinaufzuklettern hätten, nachdem das Kamin 
einmal passirt wäre. 

Er konnte zwar den obersten Theil des Fels- 
wand nicht sehen, und ebensowenig den Firn, der 
darüber lag, glaubte aber, wenn sich keine no«h 
grösseren Schwierigkeiten böten, den Aufstieg bis zur 
Spitze und den Abstieg bis zur Stelle, an welcher er 
sich nun befand, in ungefähr 3 Stunden auszuführen. 
Es waren beinahe 2 Stunden seit unserer Ankunft im 
Spannörterjoch vergangen, und da wir noch einen 
Tstündigen Heimweg hatten, so ersuchten wir Furger 
wiederholt, herunterzukommen und die Partie einst- 
weilen aufzugeben. Er hatte nun keine grosse Lust 
mehr, durch das Kamin wieder zu uns zu gelangen, 
sondern glaubte, weiter rechts an der Wand die Mög- 
lichkeit eines Abstieges zu finden. Wir warteten un- 
gefähr 10 Minuten und als er immer noch nicht kam^ 
fingen wir an, Befürchtungen zu hegen, ob ihm vieUei'cht 



Spannört 95 

-^%s m^estossen sei. Es war uns nicht gut möglich^ 
tos Kamin zu umgeben, denn der Schnee, auf welchem 
nir \as befanden , fiel so steil gegen den Gletscher 
tb, dass wir uns nur im äussersten Falle hätten ent- 
wWi^sen können, den Ort, auf welchem wir standen^ 
Bach jener Richtung hin zu verlassen. 

EsidUch aber rückte Furger zu unserer grössten 
Freude wieder heran, äusserst vorsichtig sich der Wand 
entiaBg bewegend. Er erzählte uns, wie's auf der 
andern Seite aussehe , und fügte hinzu, er glaube, die 
Erldelterung des Gipfels sei nicht unmöglich. 

Fftr heute aber wollten wir weitere Versuche auf- 
geten, überhaupt schien mir die ganze Sache so ge- 
fehrlich, dass ich wirklich nicht beabsichtigte, die 
Besteigung je nochmals zu probiren. Wir verliessen 
somit die Wand unverrichteter Dinge um 10 Uhr 
20 Minuten. Nach kurzer Zeit langten wir bei unsern 
Effekten auf der Firnterrasse an, und nachdem wir 
WB noch etwas gestärkt, brachen wir in der Richtung 
des Gornerenthales auf, den Glattenfirn von Westen nach 
Osten quer überschreitend. Der Gletscher wurde ohne 
Mühe passirt, und nach einer Stunde befanden wir uns 
am Rande einer enormen Schneewand, über welche hin- 
unter der Weg nach dem Gornerenthale führt. Weder 
meine beiden Führer noch ich kannten dieses Thal^ 
sondern wir sahen bloss auf der Dufourkarte, dass 
sein Ausgang auf die Gotthardstrasse beim Wyler 
unterhalb Wasen sei. 

Die Wand war so steil, und die Beschaffenheit des 
Schnee's derart, dass ich mich anfangs sträubte, die- 
ielbe m betreten ; auch dem Strassenmeister gefiel der 



96 Ochsner. 

Abstieg nicht; Furger aber sagte, wir dürften sicher sein, 
dass uns Nichts passiren würde, und somit entschlossen 
wir uns denn, unsern Weg über dieselbe hinunter zu 
nehmen, war er doch 3 Stunden kürzer, als wenn wir 
durch's Erstfelderthal hätten zurückkehren müssen. 

Wie wir später im Thale unten erfuhren, hätten 
wir besser gethan, uns noch mehr nach Osten, in der 
Richtung des Krönte hinzuziehen, von wo der Abstieg 
nach dem Thale leichter sein soll. Wir liessen von 
hier aus nochmals unsere Blicke nach dem kleinen 
Spannort hinüberschweifen; stolz und kühn erhob es 
sich über dem Gletscher; sehnsüchtig schauten wir 
nach seiner blendend weissen, jungfräulichen Spitze 
hinauf, der einen Besuch abzustatten, uns leider nicht 
vergönnt gewesen war. Damals wäre ich überglücklich 
gewesen, hätte ich mich dort oben befinden können. 
Ich dachte keinen Augenblick daran, das Wagniss je 
nochmals zu probiren, und hatte desshalb auch keine 
Ahnung, dass wir 4 Tage später die Hindernisse dennoch 
überwinden würden, und die stolze Burg sich ergeben 
müsste. 

Es wurde nun neuerdings das Seil hervorgenommen; 
zuerst kam der Strassenmeister daran, welchen Furger, 
der in einem Loche steckte, die ganze Seileslänge 
hinunterliess. Beim Abstieg machte er, so gut es 
eben ging, Stufen in den Schnee, glitt aber mehr wie 
einmal aus und hätte sich unangebunden jedenfalls 
nicht halten können. Als das ganze Seil abgewickelt 
war, rief ihm Furger zu, für sich und für mich zwei 
Löcher in den Schnee zu graben, aber als dieses ge- 
schehen, fand er denn doch, die Situation sei nicht 



Spannort 97 

«k gemathlich und rief herauf, ich könne dort jeden- 
Wls nicht stehen. Glücklicherweise fanden sich einige 
Stelle seitwärts, kleinere Felsen vor, nach welchen 
hin sich nun unser Strassenmeister bewegte; dort an- 
gefügt, band er das Seil los, welches wir dann her- 
aufzogen, um uiieli daran zu befestigen. Schon im 
Anfang glitt ich aus und dieses passirte mir noch 
mehrere Male , bevor ich auf den Felsen anlangte ; 
Ywger musste folglich seine ganze Kraft anwenden, 
Bm mich zurückzuhalten. 

Als nun auch iöh glücklich beim Strassenmeister 
angekommen war, Hess Furger sein Ende des Seiles 
Ztt uns herunterfallen, und schickte sich an , uns ein- 
zuholen; ich muss gestehen, dass ich sehr gespannt 
lar, wie er sich aus der Sache ziehen würde, aber 
Furger ist nie verlegen. Er betrat die Wand rück- 
wärts, druckte seine Fussspitzen bei jedem Schritte 
senkrecht und so tief wie möglich in den Schnee, 
gleichzeitig auch sein Beil so tief wie möglich in 
denselben eingrabend. Auf diese Weise» langte er 
bald glückUch bei uns an, und muss ich bekennen, 
dass ich mich durch seine Gegenwart immer viel 
sicherer fühlte. Nun wurde dieses Manöver noch 
6 Mal wiederholt, was volle iV^ Stunden in Anspruch 
nahm. Später war die Wand nicht mehr so steil und 
eignete sich sehr gut zu Rutschpartien. Aber es dauerte 
noch lange, bevor wir, nicht ohne Steinschlägen aus- 
gesetzt gewesen zu sein, den Schnee verliessen, der 
sich dieses Jahr in ungeheurer Masse überall vorfand. 
Das Gornerenthal ist ein ziemlich enges Hocli- 
thal, dessen beide Seiten sehr steil abfallen; es war 

7 



98 Ochmer. 

noch weit hinaus mit enormea LawinenUberreslen be- 
deckt. Einzig gegen den Aosgaog des Tbales hin 
waren einige Alpen befahren, sie schienen mir aber 
sehr mager zu sein. Der Abstieg nach dem Reuss- 
thal, meist durch vernachlässigten Watd, ist ungemein 
steil und mOhsam, und gehört vielleicht zd den 
schlechtesteD Alpwegen, die icb je gesehen habe; fOr 
unsere ohnehin ermQdeten Knie war er jedenfalls nicht 
erwünscht. 

Im Wyler nahmen wir einige Erfrischungen, da 
unser Proviant, der für den ganzen Tag bloss ans 
2'/' Flaschen Wein, etwas Käs nnd Brod und einem 
kleinen Stück Urner-Kaucbfleisch bestanden hatte, schon 
lange erschöpft war, und langten Abends 6 Uhr, nach 
UDgefähr 15stbndigem Marsche ziemlich mOde in Am- 
steg an. 

Tags darauf, es war Sonntag, beabsichtigtennirnener- 
dings, am Abend nach der Blacki-Alp hinanfzngehen 
nm am folgenden Morgen alsdann den Bristenstock zu 
besteigen. • 

Wir verliessen Amsteg nach dem Mittagessen und 
wandei'ten in aller Gemflthsruhe nach Bristen hinauf, 
woselbst wir beim Kaplan einkehrten. Während wir 
mit ihm nnd seiner Perpetua zusammen einige Flaschen 
seines famosen Italieners leerten, hatte sich der Himmel 
neuerdings aberzogen und in kurzer Zeit brach ein 
fürcbterlichea Gewitter über dem Thale ans. Wir 
hofften, dass es bis g^eu Abend aufheitern würde; 
dieses war aber nicht der Fall, und somit entschlossen 
wir uns, in der gastlichen Kaplanei zu übernachten. 
An jenem Sonntag war gerade Gemeindeschiessen in 



■ 



Spannort 99 

Bristen, und da es mich sehr interessirte , einst ein 
solches Fest in den Bergen zu sehen, so begleitete 
mich Furger an Ort und Stelle. 

Der Schiessstand ist ungefähr 2 Minuten vom 
Hause des Kaplan entfernt und es befinden sich in 
demselben eine Kehr- und eine Stichscheibe. 

Die Scheiben selber sind aber nicht, wie bei uns, 
wf circa gleichem Niveau mit dem Stand, sondern 
waren hier hoch oben an einer gegenüberliegenden 
Felswand angebracht. ' 

Um dem Zeiger das Signal zu geben, schwang ein 
jüngerer Senn bei jedem Schuss in die Kehrscheibe 
eine sogenannte «Kuhschelle», während bei der Stich- 
scheibe ein Hörn geblasen wurde. Es waren ungeföhr 
20 Mann anwesend, die meist sehr gut schössen. Ich 
wurde eingeladen, mein Glück auch zu probiren und 
man gab mir eine alterthümliche Waffe von furcht- 
barem Gewicht, die ich kaum in die Höhe halten 
konnte. Auf meine Anfrage, ob kein leichteres Gewehr 
vorhanden sei, gab man mir einen Vetterlistutzer. Es 
^^ete in Strömen, auch war es schon ziemlich düster, 
80 dass ich beim ersten Schuss die Scheibe fehlte, 
oeim zweiten hingegen traf ich nahe an das Schwarze. 
Auch Furger schoss mehrere Male und zwar sehr gut. 
Es amüsirte mich ordentlich, einen altern Mann 
""t einer Heugabel heranrücken zu sehen, zumal ich 
absolut nicht begreifen konnte, was er damit anfangen 
wollte. 

Endlich aber stellte er sie vor der Stichscheihe 
*^'j die Gabel nach oben gerichtet. Zwei jüngere 
o^^TÄiv hielten das Instrument fest, während der Alte 



lÜO Ochsner. 

seinen Stutzer in die Zacken hineinlegte und ziemlich 
lange zielte. Schliesslich aber schoss er, und ein 
fürchterliches und nicht enden wollendes Rufen und 
Jauchzen der Anwesenden bewies mir, dass der Schuss 
gut .gewesen sei. Der Alte hatte scheint's den zweiten 
Preis gewonnen, dessen Betrag ich zwar nicht kenne, 
ich weiss nur, dass der erste Preis 3 Franken war. 
Auf meine Anfrage, ob solche Hülfsmittel wie eine 
Heugabel erlaubt seien, wurde mir gesagt, dass 
sich der Schütze deren bedienen dürfe, sobald er das 
60. Altersjahr zurückgelegt habe. 

Erst gegen 7 Uhr des folgenden Morgens nahm 
der Himmel eine bessere Miene an; wir verschoben 
desshalb unsere Bristentour bis am Abend und be- 
nützten den schönen Vormittag zu einem Spaziergange 
nach dem Hotel Alpenclub im Hintergrunde des Thaies, 
woselbst ich einige Bekannte antraf. 

Während des Mittagessens wurde viel von schönen 
Bergtouren gesprochen; leider aber war mein diess- 
jähriges Repertoire so bescheiden, dass ich mich bei- 
nahe genirte und mich dann entschloss, nochmals und 
zwar sofort nach dem kleinen Spaunort aufzubrechen 
und den Bristenstock für einstweilen aufzugeben. 

Furger war mit Vergnügen bei der Partie, und 
somit verliessen wir das Hotel um 3 Uhr Nachmittags, 
marschirten in aller Eile nach Bristen, allwo wir uns 
vom Kaplan verabschiedeten und stiegen alsdann nach 
Amsteg hinunter. 

Hier telegraphirte ich nach der Pension Müller in 
Engelberg, man möchte mir auf den folgenden Abend, 
Dienstag, einen guten Führer nebst Proviant nach der 



Spannort. 101 

l(kdersürenena1p schicken. Wir benützten die Post 
tach der Klus, woselbst wir zu übernachten gedachten. 
Bald nach unserer Ankunft langte auch der Strassen- 
meister an, welcher an jenem Tage in Altorf gewesen 
war ; wir laden ihn ein , eine Flasche Wein mit uns 
zu trinken und verbrachten mit ihm zusammen ein 
angenehmes Stündchen. Jene Wand hinten im Gorneren- 
thale war noch lebhaft in seinem Gedächtniss, dieses 
Mal aber wollte er lieber zu Hause bleiben; wir be- 
durften übrigens seiner Dienste nicht mehr. 

Den folgenden Morgen um halb 6 Uhr brachen wir 
nach der Surenen auf, welche wir beim herrlichsten 
Wetter, gemächlich die schöne Aussicht geniessend, 
überschritten. Abends gegen 5 Uhr erreichten wir die 
Niedersurenenalp , unser heutiges Ziel. Später rückte 
dann auch der telegraphisch bestellte Führer mit dem 
Proviant heran; es war der bekannte Joseph Cattani 
aus Engelberg. 

Um halb 9 Ulir legten wir uns in's Heu, und schlief 
ich während einiger Stunden wider Erwarten gut. 

Zwanzig Minuten nach Mitternacht, Mittwoch den 

9. August, weckte mich Cattani ; der Kaffee war schnell 

eingenommen, und bald darauf, um 12 Uhr 40 Minuten, 

wurde aufgebrochen. Als wir vor die Hütte traten 

nnd abmarschiren wollten , fand ich unsere Gesellschaft 

nm eine Person verstärkt, nämlich um diejenige des 

Sennen und Gemsjägers Joseph Hess, welcher von 

unserem Vorhaben gehört, und sich Cattani gegenüber 

geäussert hatte, es würde ihm grosse Freude machen, 

uns begleiten zu dürfen, wofern ich Nichts dagegen 

einzuwenden hätte. Gleichzeitig offerirte er sich, eine 



102 Ochsner. 

kleine Fahnenstange , die ich bereits am Abend vorher 
bei Seite gelegt hatte, hinaufzuschleppen, was uns nar 
angenehm sein konnte. Diese Vermehrung unserer 
Gesellschaft war mir auch desshalb willkommen, weil 
uns Hess unter Umständen sehr nützlich konnte sein. 

Es war herrlicher Mondschein über dem Thale, so 
dass wir einstweilen noch keiner Laterne bedurften. 

Ohne ein Wort zu wechseln , marschirten wir erst 
auf der rechten Seite des schäumenden Aabaches, den 
wir aber bald auf primitiver Brücke passirten. und 
stiegen alsdann gegen die sogenannte « Steilefluh » hinan, 
deren Fuss wir in einer starken Stunde erreichten. Diese 
« Steilefluh » ist eine paar hundert Meter hohe Wand, 
an welcher wir emporzuklimmen hatten. Es ist eine 
mühsame Arbeit, bei der oft auch die Hände das 
Ihrige thun müssen und wo ein etwaiges Ausgleiten 
schlimme Folgen haben könnte. Man geht meist auf 
Felsbändern mit spärlicher Vegetation, deren Disteln den 
Händen nicht gerade angenehme Anhaltspunkte gewähren. 

Wir hatten diese Wand erst seit Kurzem betreten, 
als der Mond hinter dem Schlossberg verschwand; es 
wurde desshalb die Laterne angezündet, die ebenfalls 
Hess nebst der Fahnenstange bei sich trug. Voraus 
marschirte nun Cattani mit der Laterne, nachher kam 
meine Wenigkeit, dicht hinter mir Furger, um mich 
vor allfälligem Ausgleiten zu schützen, und schliesslich 
der Gemsjäger. 

Die Wand wird immer jäher, bis sie in einen 
ganz schmalen, und steil ansteigenden Grat, einen 
Ausläufer des Schlossberges,, den sogenannten «Geiss- 
rticken», ausmündet. 



Spannort, 103 

Diese ganze Partie erfordert Schwindelfreiheit und 
^€inen sichern Fuss. 

Am obem Ende des Grates wurde der erste kurze 
Halt gemacht, und der Magen etwas restaurirt. 

Von hier an führt der Weg nun über eine lange 
<jeröllhalde hinauf , wie man sie sich kaum steiler und 
mCQisamer denken kann, und schliesslich noch über 
Schnee auf die Schlossberglticke , 2631 ™, wo wir 
l)ereits vier Tage früher gewesen waren. Es war 
o Uhr 30 Minuten, als wir hier anlangten; gegen 6 
ühr wurde wiederum aufgebrochen, um 7 Uhr hatten 
w neuerdings das grosse Spannort umgangen, und 
standen auf der kleinen Firnterrasse des Spannörter- 
ioch, an der gleichen Stelle, wo wir beim vorher- 
gehenden Versuche unsere Effekten abgelegt hatten. 

Heute thaten wir dasselbe und nahmen blos etwas 
Proviant und eine halbe Flasche bereits mit Wasser 
getauften Weines mit. Die letzte der 3 mitgebrachten 
Flaschen steckten wir bis zu unserer Rückkehr in den 
^hnee. 

Furger band mich nun an's Seil, das andere Ende 
^ber hielt er blos ia seiner Hand, ohne sich selber 
^aran zu befestigen. Die kurze Schneehalde, welche 
2iun Kamin führt, war bald passirt, ebenso auch das 
Kamin in wenigen Schritten umgangen, und nun stunden 
^ir an der Wand, über welche hinauf der Weg zu 
unserem Ziele fährte. Es war 7 Uhr 15 Minuten. 

Die Wand Jbesteht aus Kalkschiefer, der so bröcklig 
ist, dass man die Haltbarkeit eines jeden Steines unter- 
suchen muss, bevor man sich entweder mit der Hand 
<laran klammert oder den Fuss darauf setzt. 



104 Ochsner. 

Je alle 5 bis 7 Meter findet sich ein schmales Band 
vor, wo man sich jeweilen wieder sammelte, weil meistens 
nur Einer auf's Mal sich bewegen konnte oder durfte. 

Furger ging voraus, uns vorher noch die grösste 
Sorgfalt anempfehlend , und nachdem er auf dem ersten 
Bande angelangt war, kam die Reihe an mich. Wie 
oben erwähnt, hielt er mich am Seil; ich glaube zwar 
nicht, dass es mir im Falle eines Sturzes etwas ge- 
nützt hätte, denn an der ganzen Wand waren nur 
wenige Stellen , wo man auch nur einigermassen sicher 
stehen konnte; diess wusste Furger wohl und that er 
desshalb auch gut , sich nicht fest am Seile anzubinden, 
denn in diesem Falle hätte ich ihn bei etwaigem Aus- 
gleiten jedenfalls mitgerissen. Ein grosser T^achtheil, 
den übrigens noch das Seil mit sich brachte, war der, 
dass es fortwährend Steine in Bewegung setzte, denen 
die Nachkommenden alsdann so gut , wie eben möglich, 
ausweichen mussten. Die an der Wand eingeschlagene 
Eichtung war übrigens etwas nach links hinauf, und 
desshalb waren wir meist so gestellt , dass selten Einer 
in gerader Linie unter dem Andern sich befand, ausser 
eben da, wo ein Aufstieg nicht anders möglich war. 
Auf dem schmalen Bande bei Furger angelangt, that 
ich gewöhnlich einige Schritte seitwärts, um für die 
Nachrückenden Platz zu machen. Der Aufstieg selber 
war weniger unangenehm, als das stille Stehenmüssen 
auf schmalem Fluhsatz, mit dem ganzen Leib dicht 
an der eiskalten Wand, mit den Händen an den 
Steinen angeklammert, und immer besorgt, ob nicht 
vielleicht das Bischen Boden , auf dem man stund, 
nachgebe, und man elend in die Tiefe stürze. 



Spannort. 10» 

Hinter ans sahen wir fast senkrecht in den steil 
m die Snrenen hin abfallenden Gletscher hinunter 
id etwas weiter vorn, zu unserer Rechten, erblickteD 
Iwir in schwindliger Tiefe, etwa 2000 Meter unter 
ins, das herrlich gelegene Engelberg. 

Unsere Gletscherbeile hätten wir während des Klet- 
terns absolut nicht halten können, und somit wurden 
fflc, bevor wir die Wand betraten, sämmtlich nieder- 
gelegt; da wir aber voraussahen, sie auf dem Firn 
Irtjer der Wand zu gebrauchen , so mussten wir sie 
dennoch hinaufschaffen. Bevor nun der Letzte, also 
Hess, die Wand betrat, bot er Stück für Stück und 
auch die Fahnenstange an Cattani hinauf; dieser schob 
mir eines nach dem andern wiederum zu, und ich hän- 
digte dieselben an Furger aus , welcher sie alsdann an 
sicheTW Stelle anlehnte, was oft sehr schwierig war> 
und wo sie so lange verblieben, bis Hess daselbst 
ankam. Dieses Manöver musste auf jedem Fluhsatz,, 
sowohl beim Aufstieg als nachher auch wieder beim 
Abstieg, wiederholt werden. 

Mit Anwendung der äussersten Sorgfalt, und oft 
mit klopfendem Herzen gewannen wir ein Band nach 
dem andern; Furger blieb immer voraus, und wies 
einem Jeden diejenigen Steine an, an welchen er sich 
ziemlich sicher halten konnte. 

Die Vorsprünge je zwischen den Bändern, auf welche 
TO Hände und Füsse setzten, waren oft sehr klein^ 
bisweilen blos zollbreit, und da wo es thunlich war^ 
folgte Einer hinter dem Andern und drückte des Vor- 
manns Füsse gegen die Wand, um ein etwaiges Aus- 
g\ft\tÄii zu verhindern. 



106 Ochsner. 

Wenn sich grosse Steine vorfanden , die nicht fest 
in der Wand sassen, nahm sie Furger YöUig heraas 
und Hess sie in die Tiefe stürzen; der Lärm, der 
daraus entstand, machte immer einen eigenthümlichen, 
unheimlichen Eindruck, und schien es mir, als müssten 
wir den Steinen nachfolgen. 

Bisweilen hatten wir mehrere Schritte horizontal 
auf den Bändern zu gehen, bevor wir wieder weiter- 
klettern konnten, und einmal kam es vor, dass ein 
grösserer, aus der Wand herausstehender Fels die 
Passage theilweise verhinderte. Diess war natürlich 
sehr schlimm , weil man sich, nach rückwärts gegen 
den Abgrund biegen musste, und nicht sah, wo man 
auf der andern Seite des Felskopfes den Fuss hin- 
setzte. Hier hielt uns übrigens Furger fest am Arm. 

Die erste und schwierigste Hälfte war endlich glück- 
lich passiii, nachher ist der Aufstieg nicht mehr ganz 
so steil, immerhin aber noch äusserst bös. 

Oft , wenn ich mit dem ganzen Leib an der Wand 
stund, und mit dem Gesicht sozusagen die Felsen be- 
rührte, kaum athmend, um nicht etwa auszugleiten, 
und die beiden Andern erwartete, welchen Furger 
ebenfalls heraufhalf, machte ich mir Vorwürfe, mein 
Leben auf solche Art aufs Spiel gesetzt zu haben, und 
gerne hätte ich mich wieder auf festem Boden be- 
funden ; ich behielt aber guten Muth, und blickte sehr 
oft nach der Tiefe hinunter , um mich mit dem Anblick 
zu befreunden. 

Was mir natürlich am meisten Sorge machte, war 
der Abstieg, der noch weit schlimmer ist als das 
Hinaufkommen. 



Spannort. 107 

Es dauerte beinahe 1V2 Stunden, bevor wir die 
'ITand hinter uns hatten, aber es schien mir, als hätten 
irir viel länger gebraucht. lieber den Felsen ange- 
langt kamen wir auf Firn, konnten aber die höchste 
Spitze noch nicht erblicken. Der Firnhang war nicht 
hoch, aber ziemlich steil; wir bestiegen denselben 
äosserst sorgfältig in der gleichen Reihenfolge wie 
bisher, und war ein Jeder froh, dass wir die Beile 
hinaufgeschleppt hatten. Nach einigen Minuten gelangten 
vir auf einen schmalen Firngrat und glaubten , dessen 
oberer Tbeil wäre unser Ziel; wir fanden uns aber 
bald getäuscht, denn dort angelangt, sahen wir die 
^erhöchste Spitze, welche sich zwar nicht viel über 
den Punkt, auf welchem wir uns befanden erhob, in 
nordwestlicher Richtung vor uns; wir marschirten sorg- 
feUig auf dem Firn weiter und nach kurzer Zeit er- 
reichten wir endlich, etwas vor 9 Uhr, das lang er- 
sehnte Ziel. Wir hatten, zwei kurze Raste mitgerechnet, 
87* Stunden von der Niedersurenenalp bis zur Spitze 
gebraucht. 

Ein ganz eigenthümliches und nicht zu beschreibendes 
Clcfühl beherrschte mich, als ich auf dieser Spitze an- 
langte, welche noch nie zuvor von einem Menschen be- 
treten worden waren. Ohne ein Wort zu reden, drückte 
it'h meinen Begleitern herzlich die Hand, und ganz be- 
sonders Furger, als Zeichen meiner Anerkennung für 
seine ausgezeichnete Leitung ; er wusste wohl , was ich 
meinte, und wandte sich gerührt seitwärts. 

Es vergingen einige Minuten, während welcher 
wir voll Bewunderung die uns umgebende grossartige 
Schöpfung betrachteten ; endlich liess einer der Führer 



108 Ochsner. 

einen Jauchzer erschallen, dem wir Alle aus voll< 
Kräften beistimmten. 

Die Aussicht vom kleinen Spannort ist grossartij 
und vielleicht noch besonders interessant wegen d« 
eigenthümlichen Baues des Berges selber; sie steht wahj 
scheinlich derjenigen vom grossen Spannort nicht nacli 
zumal weil letzteres mehr nach Norden zurückgeschobaj 
ist; auch ist sie ungefähr die gleiche, wie die vom wenig« 
Stunden entfernten Titlis , und da dieselbe schon öftei^ 
und besser beschrieben wurde, als ich es thun könnte, 
so unterlasse ich es, etwas Näheres darüber zu sagen. 

Das kleine Spannort ist schauerlich zerklüftet und 
zerrissen, wie man es sich wohl denken kann, wenn 
man seinen ruinenartigen Bau von unten betrachtet. 
Es sind mehrere thurmartige Felskolosse aneinander 
gereiht , die jedenfalls früher ein Ganzes bildeten , aber 
durch Verwitterung im Laufe der Zeit die heutige Ge- 
stalt angenommen haben. 

Die höchste Spitze ist ein längliches Plateau, circa 
30 Fuss lang und halb so breit; in der Mitte befindet 
sich eine dachartige Schneeanhäufung, ungefähr 10 Fuss 
hoch , die aber nirgends bis an den Rand des Plateau's 
hinausreicht, so dass man sie umgehen kann. Der 
Boden ist übersäet mit losem Kalkschiefer. 

Furger und ich bestiegen noch genannten Firn, und 
setzten uns einen Augenblick rittlings auf denselben 
nieder , das eine Bein gegen das grosse Spannort und 
das andere gegen den Titlis gerichtet. • 

Während wir uns hier oben befanden , war gleich- 
zeitig eine Gesellschaft von 6 Personen , worunter auch 
ein Mitglied der Sektion Uto, Herr M. Rosenmund, 



Spannort, 109 

aol dem grossen Spacnort , mit welcher wir von Zeit 
zu Zeit Jauchzer austauschten. 

Ich weiss nicht , oh die höchste Spitze des kleineu 
Spannort 's jedes Jahr zu erreichen sei; wie es mii* 
schien, ist das genannte Plateau nur durch eine Firn- 
anhäufüng mit einem andern verbunden und zwischen 
beiden befindet sich eine enorme Kluft ; wir gelangten 
aaf nur ganz schmalem, dachartig abfallendem Schnee- 
grate von dem der Felswand , über welche hinauf wir 
gekommen waren , näher gelegenen , und theils mit Firn 
bedeckten Felskopf auf den äussersten und höchsten 
Gipfel, und es könnte der Fall sein, dass in andern, 
nicht so schneereichen Jahren , keine Verbindung zwi- 
schen denselben existirt. 

•Wir bauten in aller Eile einen ziemlich hohen Stein- 
BAann, und steckten die mitgebrachte Fahnenstange hinein, 
an welcher wir ein rothes Taschentuch befestigten. 

Die leider nur noch halb angefüllte Weinflasche, 
welche der Gemsjäger in einem kleinen Eänzchen auf 
seinem Rücken heraufgeschleppt hatte, war bald aus- 
getrunken und diente alsdann zur Aufnahme meiner 
Karte , auf welcher ich noch die Namen meiner 3 Be- 
gleiter, das Datum, und die zur Besteigung erforderte 
Zeit notirte, worauf wir sie im Steinmannli unter- 
brachten. 

Nun hielten wir nochmals Rundschau, um alsdann,^ 
nach etwas mehr als halbstündigem Aufenthalte, von 
diesem grossartigen Gipfel Abschied zu nehmen, wahr- 
schehilich Alle von uns , und ich jedenfalls sicher, auf 
Nimmerwiedersehen ! 
Es war halb 10 Uhr. 



110 Ochsner, 

Beim Abstieg war die Reihenfolge die gleiche w 
beim Aufstieg; zuerst kam Furger,. dann meine 'W^enij 
keit, diessmal von Cattani am Seil gehalten, und scblies: 
lieh der Gemsjäger. 

Der Firn war bald passirt und nun befanden wi 
uns wieder an der Wand, ein Jeder im Ungewisser 
wie es uns gehen würde. Furger fand bald die Stelle 
an welcher wir hinaufgekommen waren, und in den 
er uns nochmals die äusserste Vorsicht anempfahl 
fing er an, rückwärts hinunter zu klettern. 'Nun 
forderte er mich auf, ihm nachzufolgen, und indem 
ich mich an den hervorragenden Steinen, so gut es 
eben ging, mit den Händen anklammerte, kletterte ich 
ebenfalls an der Wand hinunter, unten von Furger 
bewacht, für den Fall ich ausgleiten sollte. Das 
Gleiche that er in den meisten Fällen auch bei Cattani 
und dieser alsdann wieder bei Hess. 

Als die Parthie n^ch und nach schlimmer wurde, 
so setzte Furger, wo es thunlich war, einem Jeden 
von uns je auf Kommando den rechten oder linken 
Fuss auf vorher erprobte Yorsprünge. Das unan- 
genehmste war wiederum das Warten auf den Fluh- 
bändern und das Herunterschaffen der Beile. 

Immer rückwärts, und mit der grössten Sorgfalt^ 
und wenn Steine herunterfielen, den Vordermann 
warnend, stiegen wir wider Erwarten rasch hinunter. 
Bisweilen schien es mir, auf schmalem Bande stehend, 
als wäre es rein unmöglich, auch nur einen Schritt 
weiter zu thun, ohne in's Bodenlose zu stürzen, und 
mehr wie einmal konnte ich absolut nicht begreifen, 
wie wir überhaupt an jener Stelle hinaufgekommen 



Spannort. .111. 

waren, aber Furger lehrte mich bald anders, indem 
er mit einer merkwürdigen Fertigkeit an der Wand 
hinnnterstieg. 

Nach einer mühsamen und aufregenden Kletterei 
erreichten wir endlich glücklich den Fuss der Felsen 
in 7* Stunden; es war die Sache weniger Minuten, 
den steilen Schneehang zu passirea, und wieder zu 
nnsern zurückgelassenen Effekten zu gelangen. 

Erst jetzt konnten wir den Sieg als vollendet be- 
trachten, denn so lange wir oben waren, wussten wir 
noch nicht, wie es uns beim Abstieg gehen würde; 
wir gratulirten uns denn auch gegenseitig mit warmem 
Händedruck. Die Freude über das glückliche Gelingen 
war enorm gross; wir jauchzten, dass die Felsen wieder- 
hallten, und die Gesollschaft auf dem grossen Spannort 
ans hörte. 

Schnell wurde das letzte Bischen Proviant vom 
hungrigen Magen verzehrt, die letzte unserer 3 Flaschen 
Wein aufgemacht, und nachdem ich auf das Wohl des 
Schweizer Alpenclub getrunken hatte, Hess ich noch 
meine Führer hochleben. 

In raschem Schritte marschirten wir nun der Schloss- 
herg-Lücke entgegen; von hier ging es wiederum 
äusserst schnell, meist über steile Schneehalden hin- 
nnterrutschend, dem Thale zu, aber diessmal nicht 
aber den Geissrücken, sondern mehr rechts davon, über 
den Spitzgrassen , eine ebenfalls steile, aber weniger 
gefahrliche Parthie. 

Um 1 Uhr 45 Minuten langten wir wohl behalten 
auf der Niedersurenenalp an, woselbst uns Hess einen 
ausgezeichneten Rahm servirte. Nach einiger Zeit wurde 



112 Ochsner. Spannort 

üvieder aufgebrochen, und nach Engelberg marschirt, 
woselbst wir gegen 5 Uhr Abends nicht gerade in 
salonfähigem Zustande ankamen. Der Abstieg von der 
Spitze des Spannorts bis nach Engelberg hatte, exclusive 
Halt, 57^ Stunden , meist sehr raschen Gehens, in 
Anspruch genommen. 

Wir hatten noch am gleichen Abend das Vergnügen, 
yermittelst eines Fernrohrs das Steinmannli mit der 
darüber flatternden Fahne auf dem kleinen Spannort 
zu sehen. 

Furger verabschiedete sich noch an jenem Abend 
Ton mir; er ging Tags darauf über die Surenen nach 
Hause retour, während ich nach Zürich zurückkehrte. 

Ich habe seither oft an diese Besteigung gedacht 
und mich dabei immer gefreut, dass sie in jeder Be- 
ziehung so glücklich abgelaufen ist. 

Das Verdienst derselben gehört ganz Furger , ohne 
welchen wir niemals hinaufgelangt wären; er ist ein 
ausgezeichneter, und überaus vorsichtiger und zuver- 
lässiger Führer. 

Die Tour selber gehört jedenfalls zu den schwie- 
rigeren, und da die Aussicht vom kleinen Spannort 
diejenige vom nahe gelegenen « Grossen » und vom 
Titlis nicht übertrifft, so ist eine Besteigung in An- 
betracht der Gefahren kaum anzuempfehlen. 



Uebergang vom Erstfelder- in's Leutschechthal. 

Von 
Prof. Schiess-Gemuseus in Basel. 



Die Aufgabe unseres schweizerischen Alpenclubs ist 
bekanntlich eine mehrfache, wie der § 1 unserer Statuten 
dies deutlich ausdrückt. Er will das schweizerische 
Hochgehirgsland allseitig genauer erforschen, näher be- 
kannt machen und dessen Besuch erleichtern. Die Berg- 
besteigungen sind also nur Mittel zu diesem Zweck 
and zwar nicht einmal das Mittel, sondern nur ein 
solches. Es ist vielleicht ganz am Platze, sich dies 
hie nnd da einmal klar zu machen und sich zu sagen, 
to verschiedene Bestrebungen nicht nur ihre Be- 
rechtigung unter uns haben, sondern absolut da sein 
Mssen, soll der Verein leben und gedeihen. Der Tourist 
mit und ohne Gletscherseil und Bickef, der Gipfel- 
bezmnger und Passliebhaber, der Botaniker und Geologe, 
der Zoologe und der Ethnologe , sei er nun Dilettant 
oder eigentlicher Fachgelehrter, der Militärschriftsteller 
oud Ingenieur und «last not least> auch der Liebhaber 
▼on Allem, was sich um Berge dreht und um Schweizer- 

8 



114 SchiesS'Qemuseus 

berge speziell, wenn ihm auch sein Gangwerk oder 
Herz und Lunge jegliches Steigen unmöglich machen, 
sie alle haben Platz, vollen, gleichen Platz in unserer 
Mitte; sie alle sind uns nothwendig. Offen gestanden 
scheint es mir immer, dass die Spitze der Schöpfung, 
der Mensch der Alpen bei unsern literarischen Pro- 
duktionen viel zu kurz komme, und ich spreche hier 
nicht nur von dem, was wir in Basel schreiben und 
vorlesen, sondern auch vom Jahrbuch. Es hat das 
freilich seine guten Gründe. — Leider macht die kleine 
Skizze, die ich Ihnen heute zu bringen mir erlaube, 
hievon keine Ausnahme! 

Als unsere kleine Gesellschaft, bestehend aus meinem 
Bruder, meinem bald 1 1jährigen Knaben und mir, am 
Morgen des 29. Juli 1875 in das kleine Wirths- 
haus in der Elus, der Mündung des Erstfelderthals 
gegenüber, eintrat, war der Himmel ziemlich nebel- 
umhangen. Wir^waren nicht allzufrüh von Flüelen 
aufgebrochen, der zweifelhaften Wetteraussichten wegen, 
und wollten uns erst in der Klus entscheiden, ob unser 
Plan, den üebergang vom Erstfelderthal in's Leutschech- 
thal zu versuchen, praktikabel sei. In der Frühe hatte 
mich ein deutscher Tourist, mit dem ich auf der Terrasse 
des Kreuz in Flüelen bei meinen meteorologischen Be- 
obachtungen zusammentraf, gefragt, ob es wohl gerathen 
wäre, in's Gebirge vorzudringen. Da dieses Vordringen 
für ihn eine Wagenfahrt auf den Gotthard bedeutete, 
konnte ich ihn schon ermuntern ; für unser Ziel mussten 
wir aber etwas höhere Anforderungen stellen. In 
Schaddorf waren wir Zeugen der kriegerischen Vor- 
bereitungen zur Unterdrückung des Arbeiterputsches 



XJehergang vom Erstfelder- in^s Leutschechthah 115 

in Göschenen. Ein ziemlich buntes Durcheinander vor 
dem alten Zeugbaus versetzte uns in die Zeiten, wo 
noch keine stramme Centralisation den wehrhaften Land- 
mann leitete, wo noch eine breite Strasse für den 
Miyidnalismus des Eidgenossen bestand. Der Um- 
stand, dass die militärischen Spitzen mit deid Doktor 
in einem Zweispänner dem Gewalthaufen vorausfuhren, 
bestärkte uns in der Hoffnung, dass der Aufruhr, 
welcher, von der geschäftigen Fama vergrössert, schon 
gestern Abend in Flttelen der Gegenstand unserer ünter- 
haltang gewesen war, in Wahrheit nicht so bedenklich 
sei. Diese Hoffnung und ein feiner Begen, der wäh- 
rend des Frühstücks in der Klus zu fallen begann, 
erlaubten es uns, mit Müsse das Pro und Contra und 
aach das Quo modo zu erwägen. Den Plan, den er- 
wähnten Uebergang zu versuchen, hatte das farben- 
reiche Itinerar unseres Glubgonossen , Dr. Christ, ge- 
boren; einen zünftigen Führer schien die Tour nach 
der dortigen Schilderung nicht zu verlangen, irgend 
ein biederer Eingeborner schien dazu zu genügen. 

Bekanntlich ist das Erstfelderthal, den meisten Club- 
genossen wohl aus eigener Begehung bekannt, eines jener 
tozen, rasch ansteigenden Seitenthäler des Reussthals, 
wie sie vom Ende des Vierwaldstättersees beginnend, in 
nischer Aufeinanderfolge an der linken Thalseite sich 
öftien, zuerst also Isenthal, dann Gitschenthal, Waldnacht- 
thal, Erstfelder- und Leutschechthal; ich gehe nicht weiter 
südlich. — Die nördliche Wand des Erstfelderthals wird 
von den steilen Kalkschieferwänden des Schlossberg, 
Geissberg und Sonnigstock's gebildet, die sich gerade von 
den Ufern des Fulensees sehr vortheilhaft präsentiren, be- 



116 SchiesB'Gemuseus. 

sonders in einer so schbnen Abendbeleuchtung, wie wir 
sie am 29sten hatten. Zieht man die Axe des Thals, 
so trifft ihr westliches Ende noch die vorspringende 
Ecke der Schlossberg - Pyramide , während doch der 
eigentliche hintere Abschluss des Thals neben dem 
Schlossberg durch die beiden Spannörter gebildet wird, 
an die sich, bereits mehr der südlichen Thalwand an- 
gehörig, der Krönte, wie er jetzt richtig auf der Karte 
heisst, ehemals Krönlet genannt, anschliesst. In seinem 
hintern Theil wird das Erstfelderthal durch eine west- 
lich fortstreichende Felsleiste in zwei ungleiche Theile 
getheilt, eine nördliche, das eigentliche Thal mit dem 
Thalwasser, und eine südliche, die in ihren äussern, 
östlichen Partien eigentlich mehr einen Berghang dar- 
stellt und erst zuhinterst in ein breites Bassin mündet, 
in welchem der Fulensee liegt mit der Fulenseealp; 
über diesem theilweise yersümpften Seebecken liegt ein 
zweites, den Obersee beherbergend, von dem ein statt- 
licher Bach zur Fulenseealp niederstürzt. Der Obersee 
bezieht sein Wasser aus dem Glattenfirn, der sich an 
die Westseite des Krönte und die Ostseite der Spann- 
örter anlegt. — So viel zur Orientirung; das Weitere 
mag sich aus der Erzählung ergeben. — Nach Nager*s 
Schilderung steigt man von der ^ischfluhalp aus auf 
die Terrasse, die im Hintergrund den Fulensee be- 
herbergt. Unsere erste Erkundigung galt also dieser. 
Weder die Wirthin noch ihre zu Rathe gezogenen 
Gewährsmänner unten in der Stube wollten von einer 
solchen Alp etwas wissen. Zwar hatte ich dieselbe auf 
der Excursionskarte ebenfalls vergebens gesucht, und 
auch bei mehrfacher späterer Erkundigung im Erst- 



Uebergang vom ^Jrstfelder- in's Leutschechthdl, 117 

ielderthal selbst nnd bei den Sennen der Fulenseealp 
wollte sie Niemand kennen, aber einstweilen glaubte 
ich noch an das Itinerar und später musste ich mir 
sagen, dass wahrscheinlich die Kühplankenalp auf irgend 
eine Weise zu diesem Namen gekommen sei. 

Da wir erst auf der Alp einen Führer nehmen 
wollten, uns auch die Möglichkeit vorschwebte, heute 
noch in's Leutschech zu kommen, was auch bei andern 
Terhältnissen wohl möglich gewesen wäre , versahen 
wir uns nur mit wenig Proviant Unser Ziel war also 
die Fulenseealp, da diese jedenfalls auf dem Uebergang 
berührt werden musste und sie auf der Karte zu finden 
war. — Da ich bei einem frühern Uebergang über 
die Schlossberglücke das eigentliche Thal bis in seinen 
Grund durchmessen hatte, zog ich vor, bei Sulzwald 
den auf der Karte angegebenen Pfad auf die früher 
erwähnte südliche Thalterrasse einzuschlagen, der eine 
direkte Einmündung in das Fulenseebassin versprach. 
Ein nachfolgender Geissbub dient als provisorischer 
Führer. Ziemlich steil und mühsam zieht sich der 
steinige Weg in die Höhe. Die Sonne hatte inzwischen 
längst die Morgennebel verscheucht und brannte recht 
kräftig auf uns; rechts hatten wir das steile Felsband, 
das uns vom eigentlichen -Thal trennte, und erst kurz 
vor dem Fulenseebassin gewannen wir eine sanfte 
Steigung mit einem herrlichen Blick auf den Schloss- 
berg, die Spannörter und den Krönte. Eine Unmasse 
noch blühender Alpenrosen lud uns ein, die Hüte zu 
schmücken, und bald sahen wir die kleine Ebene zu 
nnsern Füssen, in welche der Bach vom Obersee her- 
witerstürzt, und auf der wir mit Vergnügen eine An- 



118 8chie88-Gemuseu8» 

zahl Kühe weiden sahen. Unser junger Führer lial 
nämlich bezweifelt, ob die Alp schon bezogen sei, < 
sie nur wenige Spätsommer- Wochen befahren ^wir 
Nachdem wir den Thalkessel erreicht, musste der zies 
lieh mächtige Bach theils übersprungen, theils .durcJ 
watet werden, ehe wir hoflfen durften, in den Hntte 
den erwünschten Führer zu finden. Aber der HtieJ^ 
schluss von Kühen auf Menschen war ein unrichtige 
gewesen. Die Hütten waren leer; doch eine Anzah 
gefüllter Milchgefässe tröstete uns. Die Sennen konntet 
nicht weit sein, zum untern Stafel wollten wir nicbi 
hinabsteigen, und da es erst 2 Uhr war, beschlösset 
wir zu warten. Da die Sennen erst nach 5 Uhr ein- 
trafen, hatten wir alle Müsse, uns auf der Fulenseealp 
etwas umzusehen. Etwa 10 Minuten abwärts von den 
Hütten liegt der kleine See, der bis nahe zum Felsen- 
absturz sich erstreckt, der den grossen Thalkessel von 
diesem alten Seebecken trennt. Seine Ufer sind nach 
Osten und Norden ziemlich versumpft, während süd- 
wärts die steil abfallenden, zum Theil völlig kahlen, 
und sehr glatten Gneissplatten bis in den See hiri- 
unterreifthen und unsern Versuch, hier den See zu 
umgehen, noch zu allerletzt vereitelten. Als ich's von 
der andern Seite versuchen wollte, kamen die Sennen, 
die noch in der untern Hütte wohnten und nur zum 
Melken heraufstiegen; erst am nächsten Tage wollten 
sie vollends hinaufziehen. Nach einigen Pourparlers 
erklärte sich der eine bereit, uns am nächsten Morgen 
am Leidensee vorbei in's Leutschech zu bringen. Auf 
den Vorschlag, mit ihnen zum untern Stafel zu gehen 
und dort zu übernachten, gingen wir nicht ein. Freilich 



üehergang vom Erst f eider- in's Leutschechthal, 119 

war hier oben Nichts zu finden, als etwas kalte Milch, 
die Kochgeschirre waren noch drunten. Nachdem die 
Kähe gemolken und unser Führer uns noch etwas 
feochtes Hiedhea zum Lager gestreut, dessen Kopf- 
kissen ein Räf und eine Milchdause waren, wurden 
wirunserm Schicksal überlassen, die einzigen mensch- 
lichen Bewohner der Fulenseealp. Der Führer selbst 
wollte unser Lager nicht theilen, versprach aber am 
Morgen um 4 Uhr präzis hier zu sein. Der Himmel 
war vollständig klar und versprach für morgen einen 
schönen Tag. Da keine Thüre in der Hütte sich be- 
fand, sondern nur ein Laden, der mit einem Stock 
gestützt wurde, brauchten wir für gute Ventilation nicht 
za sorgen. Dass die ganze Nacht das Feuer nie aus- 
ging, mag dafür sprechen, dass Morpheus uns nur 
&pärlich seinen Mohn gestreut. Um 4 Uhr war der 
Führer bestellt worden, wir waren um 3 Uhr schon auf 
den Beinen; Toilette war bald gemacht; das Frühstück 
bestand aus etwas Chocolade, unsere Vorräthe waren 
gestern auf '^jz Flasche Wein, ein Stück Wurst und 
etwas Brod reduzirt worden, wenig genug für drei 
Mann, und mussten jedenfalls bis zur Leutschechhütte 
reichen, sie durften also nicht angegriffen werden, 
lim 4 Uhr war es zwar schön hell, aber noch kein 
Führer da; wir hatten ihm schon gestern unsere Ab- 
sicht kund gethan, am Obersee vorbei zu gehen; so 
stiegen wir einstweilen langsam zum Obersee empor, 
in der Hoffnung, er werde nachkommen. Bis zur Höhe 
des kleinen Wasserfalls gehts steil hinauf, dann ziem- 
lich eben gegen den kleinen Obersee, in welchen die 
Schneehänge vom Krönte herunter reichen. Hier prä- 



120 Schiess-Gemuseus. 

sentirt sich die Lacke, welche zwischen Krönte and 
Männtliser einschneidet. Da hinüber führt der nächste 
Weg in's Leutschech ; nach Aussage eines der Sennen 
muss aber der Niedersteig anf der andern Seite etwas 
schwierig sein und ein Seil erfordern; ein Blick auf 
die Karte lässt diese Aussage plausibel erscheinen. — 
Bis wir wieder den Bach überschritten und langsam 
ansteigend gegen die steilen Abhänge des Paukenstocks 
uns gewendet, war es über 5 Uhr geworden. Wir 
waren wieder in Sicht der Hütte; aber weder bei 
dieser, noch vom hintern Ende des Sees etwa war ein 
menschliches Wesen zu erblicken; unser Eingeborne 
hatte sich offenbar die Rechnung gemacht, die Herren 
werden wohl warten, bis er komme, und nach Leutschech 
hinüber pressire es nicht. — Wir waren aber bald 
entschlossen, auf den unzuverlässigen Menschen nicht 
länger zu warten und mit unserer Excursionskarte in 
der Hand und dem Itinerar den Versuch auf eigene 
Faust zu machen. 

Nach der Karte schienen zwei Möglichkeiten vor- 
zuliegen, entweder zwischen Paukenstock und Kuchen 
die Höhe der Thalscheide zu erklimmen und sich dann 
östlich zum Leidensee hinunterzulassen, oder aber den 
Rüchen ebenfalls zu umgehen und dann zwischen diesem 
und dem Jakobiger die Passhöhe zu gewinnen, wobei 
man dann unmittelbar den Leidensee treffen müsste. 
Das Itinerar liess mich dabei im Stich, wenigstens 
war es mir trotz wiederholten Lesens nicht möglich, 
herauszubringen, welchen Weg Herr Nager eingeschlagen. 
In seiner Relation ist von einem Hundszingel und 
Gwasmet die Rede, die auf der Karte nicht angegeben 



Uebergang vom Erstfeldei'- t«'s Leutschechthah 121 

sind. Ich beschloss, den ersten Weg einzuschlagen, 
auf dem wir auch zum Leidensee gelangt sein würden, 
wenn die Excorsionskarte ganz richtig gezeichnet wäre. 
In Wirklichkeit besteht aber der Sattel, in welchem 
das Wort Rüchen in der Karte steht, nicht, sondern 
der auf der Karte steil schraffirte Vorbau des Rüchen 
setzt sich continuirlich ansteigend dh'ekt in Verbindung 
mit den ostwärts streichenden Felsmassen des Scheide- 
gebirgs zwischen Erstfelder- und Leutschechthal. Wahr- 
scheinlich ist der Punkt 2282™ auf der Karte der 
Gwasmet, and der Vorbau des Rüchen heisst Hunds- 
zingel. Dann ist aber der Leidenseepass jedenfalls 
viel Yortheilhafter so zu tiberschreiten, dass man 
Yon der Mitte des Erstfelderthals aus direkt zur 
Eienalp ansteigt und in gerader Linie den Leiden- 
de gewinnt und von dort den leichten Abstieg in's 
Lentschech. 

Wir wandten uns zunächst, ziemlich in gleicher 
Höhe uns haltend, auf bequemem Wege, zum Theil über 
mächtige Gneissplatten, gegen den Paukenstock, und 
nmschritten die steilen Felswände desselben, wobei sich 
rückwärts der schönste Blick auf die Spannörter, 
Schlossberg und Krönte, vorwärts auf die schon klar 
sehimmernden Häupter der Nordwand des Maderaner- 
thals und des Schächenthals erschloss. Nachdem wir 
ien Pankenstock umgangen, lag zu unsern Füssen eine 
Hatte, die wir als Eienalp diagnosticirten ; vor uns und 
luich rechts zogen sich langsam ansteigende Trümmer- 
halden gegen den Fuss des Rüchen. Ein Murmelthier 
haschte mit lautem Pfiff über die Steine, hinter denen 
es verschwand. 



^ 



122 SchiesS'Gemuseus. 

Unsere prüfenden Blicke ruhten auf dem vor an 
liegenden Gebirgskamm. Werden wir hinaufkomme] 
und wo am besten? Von dem felsigen Vorbau des Kuchei 
zog sich eine steile Schneekehle herunter ; weiter obei 
schien der Stock mit dem ost- und westwärts schweifenden 
Gebirgskamm zu verschmelzen. Einen Absatz, wie dieKarte 
ihn angab, vermochten wir nicht zu entdecken. Hechts 
von der Schneekehle dehnte sich ein Anfangs massig, 
später steil ansteigender Hang aus, mit unzähligen kleinem 
und grössern Trümmern übersät. Ein mächtiger Fels- 
block markirte die Grenze gegen das compacte, weiter 
oben von einigen Grasbänken durchzogene Gebirge. 
Da hinauf mussten wir! 

Es war etwa 7 Uhr, als wir bei einem kleinen 
Schneefleck anlangten, hinter dem die Trümmer- 
halde begann» Hier beschlossen wir einen kleinen 
Imbiss zu nehmen, der freilich recht mager ausfiel; 
etwas Proviant sollte noch für die Passhöhe aufgehoben 
werden. Die erste Etappe bildete der oben erwähnte 
Felsblock. Mühsam ging's aufwärts ; mein Bruder voran, 
dann der Kleine, ich schloss den Zug. Oft rutschten 
die Steine, denen man festen Halt zutraute. Endlich 
war der Block erreicht, wo das Unangenehme erst 
anfing. Nach rechts hinüber öffnete sich die Aussicht 
in ein Couloir, das gegen den Männtli sich zog ; davon 
war a priori zu abstrahiren; die steile Schneekehle 
links, die den geradesten Weg zur Höhe gebildet hätte, 
durfte bei der harten Consistenz des Schnees um keinen 
Preis betreten werden. Also gerade aufwärts! Mit 
Händen und Knien musste gearbeitet werden; meinen 
Kleinen, der keine Furcht zeigte, musste ich langsam 



üehergang vom Erstfelder- in's Leutschechthal. 123 

Torwärtsschieben. Behutsam wurde jeder Halt für Hand 
Qnd Fuss geprüft, so dass wir äusserst langsam vorwärts 
rückten. Das Wetter war prachtvoll und Zeit hatten 
wir. — Weiter oben mischten sich kleine Rasenstücke 
unter den Fels, doch blieb's bedenklich steil; eine 
Kammhöhe sollte sich immer nicht zeigen. Endlich 
om 9 Uhr sahen wir nach links die Gräte sich senken, 
Bnd wir traversirten , die erwähnte Schneekehle senk- 
recht unter uns, östlich, wo wir mit einem herzlichen 
Gottlob und Dank die mächtigen Steintrümmer der 
Passhöhe erreichten. 

Gerne ruhten wir ein wenig aus und vertilgten 
die spärlichen Reste unsers Proviants. Da nach links, 
gegen den Leidensee zu, der Gebirgskamm sich wieder 
hob , war von Aussicht da hinaus keine Rede. Wir 
wussten nicht, wie lang diese Steigung andauerte, und 
aufs Ungewisse zwischen den Gräten herumzuklettern, 
hatten wir keine Lust. So verzichteten wir auf den 
Leidensee und schauten uns nach einer passenden Stelle 
um, wo wir'in's Leutschechthal gelangen könnten, das 
zu unsern Füssen sich aufthat. Auf der Karte ist der 
Abfall sehr schwarz schraffirt und in Wahrheit ist er 
auch sehr steil. Doch schien es mir nach dem, was 
wir bereits geleistet, nicht unmöglich, hinunter zu 
kommen. Gerade unter uns befand sich ein kleines 
Schneefeld, zu welchem sich eine Art Felskamin, das 
man mit einiger Vorsicht schon erreichen konnte, hin- 
unterzog; ob dasselbe bis zum Schneefeld praktikabel 
sei, war von oben nicht zu erspähen; doch schien das 
noch die beste Stelle. Links hinüber, wo wir wahr- 
scheinlich zum Leidensee gelangen konnten, mochte 



124 Schiess-Gemuseus. 

ich nicht versuchen, da ich nicht wusste, wie weit die 
Steigung des Kammes anhielt und das fortwälirende 
Klettern über die ausgewitterten Gräte uns nicht gerade 
anzog; wir sahen später Ton unten, dass wir dort 
hinüber hätten kommen können. Also frisch ge^wagtl 
Dies Mal ging mein Bruder voraus, dann kam ich 
und zulezt mein Kleiner. Diesem wiesen wir znuä^chst 
einen festen Standpunkt, an dem er uns warten sollte. 
Mein Bruder wandte sich, sorgfältig sich anstemmend, 
langsam gegen das Felsencouloir ; ich folgte eine Strecke 
weit; dann Hess ich meinen Bruder allein weiter vor- 
dringen. Er verschwand um eine Ecke in die Tiefe; 
wir hörten nur noch das Rollen der nachfahrenden 
Steine und schliesslich rutschte es massenhaft, plötzlich 
aufhörend ; das Zeichen ward gegeben, dass mein Bruder 
auf dem Schnee angelangt. Zunächst Hess ich meinen 
Stock vorausfahren, der sich nur hinderlich zeigte^ 
und stieg wieder aufwärts, um den Knaben zu holen, 
der inzwischen ganz ruhig auf seiner schwindligen 
Warte gestanden. Langsam und vorsichtfg ging's ab- 
wärts, mein Kleiner dicht hinter mir; erst fasste ich 
festen Fuss und Hess ihn dann nachkommen. Wäre 
er gerutscht, so hätte ich ihn wohl aufhalten können. 
Endlich war das Schwerste überwunden, noch eine kleine 
Kutschpartie auf losen Steinen und wir waren alle 
glücklich auf dem Schnee. Der Sieg war unser l Frei- 
lich hatten wir nicht den Leidenseepass gemacht ; wenn 
er einen Namen haben soll, würde ich ihn Ruchenpass 
heissen. Der letzte Abstieg ist entschieden ein « mauvais 
pas » ; aber daran dachten wir jetzt nicht mehr , wir 
freuten uns, dass wir auch ohne fremde Hülfe unser 



Uebergang vom Erstfelder- in's Leutschechthal. 125 

Ziel erreicht hatten. Nun ging's flott abwärts; Proviant 
gaVs keinen mehr, und konnten wir unsere Aufmerk- 
samkeit ganz dem Obersee mit seiner mächtigen 
schwimmenden Eüsinsel zuwenden, der zu unsern Füssen 
lag. Wir zogen uns rechts um sein Ufer, das überall 
recht steil in ihn abfällt. Der Ausfluss des Sees blieb 
links liegen, und über steile Rasenhalden, mit Felsbändern 
durchzogen, kamen wir zum Niedersee, hinter dem sich 
das Thalbecken noch weiter fortsetzt. Eigenthtimlich 
ist die weisslichgraue Färbung dieses kleinen "Wasser- 
beckens. An seinem Ausfluss stiessen wir nach einigem 
Suchen auf den in der ExcurSionskarte angedeuteten 
Pfed, der sich dem Wasser folgend rasch abwärts 
wandte, schwach genug ausgetreten, so dass wir ihn 
einmal für zwei Minuten verloren. Ein Blick auf die 
Karte zeigte uns bald den sogleich korrigirten Irrthum. 
Noch etwas weiter unten kommt man nahe an einem 
Wasserfalle vorbei, der das Thalwasser zur untern 
Thalstnfe führt, die von den grossen Hütten der Furt 
besetzt ist, in denen wir uns zu erlaben hofften. Sie 
hegen etwas tiefer als die Hütten der Fulenseealp. 
Aber weder ein menschliches noch thierisches Wesen fand 
sich hier; frisches Wasser und weiter unten Heidel- 
beeren waren die einzige Erfrischung, die uns das 
Leutschechthal bot. Der mittlere Theil des Thaies, 
auf der untern Thalstufe, bietet wenig Abwechslung, 
geht ziemlich eben vorwärts bis zu einem grössern Hütten- 
complex, bei deimi sich der Weg scheidet, rechts nach 
Inschi, links nach Amsteg. Hier nun kommt man leicht 
ansteigend auf ein kleines Wiesenplateau mit wahrhaft 
herrlicher Aussicht. Greradeaus die imposante Pyramide 



126 Schiess-Gemtiseus. 

des Bristenstocks , links davon das ganze Massiv des 
Oberalpstocks, der in frappanter Grösse das ganze 
Maderanerthal dominirt, welches nur als eine Dekoration 
seiner mächtigen Flanken erscheint; die Thalsohle des 
Maderanerthals verschwindet; weiter links präsentiren 
sich Düssistock, Rüchen und Windgälle. Nach rechts 
folgt der Fellistock und weiter hinauf die Häupter 
der Medelserberge. Das wäre ein Platz für eine Sommer- 
frische, wie's wenige gibt ! Ein ganzes Dorf hätte auf 
diesem herrlichen Plateau Platz, das ich gerne noch 
einmal besuchen möchte, um mit mehr Müsse als damals 
dasselbe zu bewundern; 

Ein paar hundert Schritte weiter durch massenhaftes 
Heidelbeergesträuch, aus dem ich meine Begleiter kaum 
mehr fortbrachte, und niedern Tannen, dann öflEhet sich 
plötzlich in unendlicher Tiefe das Reussthal. Man wird 
unsern unwillkürlich aufsteigenden Wunsch, dass unser 
Ziel weniger tief unten liege, verzeihlich finden. Die 
horizontale Distanz beträgt vielleicht eine halbe Stunde, 
die senkrechte 800 Meter. Das Hinuntersteigen auf hol- 
perigem Wege durch Tannwald wollte kein Ende nehmen ; 
eine weitere Stunde war verflossen und noch immer lag 
Bristen vis-ä-vis tief unter uns. Weiter unten kommt man 
in herrliche, fruchtbare, obstreiche Berggüter mit statt- 
lichen Häusern, wie wir sie hier nicht erwarteten und 
wie sie im Kanton Uri höchstens noch der Eingang 
des Schächenthals bietet. An einem klaren Brunnen 
wurde etwas Toilette gemacht, um anständig in Amsteg 
einzumarschiren , aber als wir Amsteg endlich in fast 
vollständiger Vogelperspektive erblickten, erschien uns 
das Dorf noch in erheblicher Ferne. Endlich mündete 



Uebergang vom Erstfelder- in's Leutschechthal, 127 

unser romantisclie Fusspfad in die staubige Gotthard- 
Strasse und im Stern fanden wir auch die längst ver- 
diente Erfrischung. Es war 3 Uhr, als wir einrfickten. 
Nachdem wir uns hinreichend mit Speise und Trank 
erquickt, fuhren wir in einem Einspänner nach Flüelen, 
dem Ausgangspunkt unserer Tour, die uns stets in an- 
genehmer Erinnerung bleiben wird. 






i 



Courses dans le massif du Bernina 
(Haute-Engadine). 

Par 

Henry Cordier, 
membre du Club Alpin Suisse, section de Geneve. 

J'avais fait, Tan dernier, dans le massif du Bernina, 
la plupart des rourses classiques, telles que le Piz 
Bernina, le Piz Roseg, le Piz Palu etc.; j'avais con- 
servö de mon söjour dans ces heiles montagnes, les 
plus grandes impressions que m^aient jamais donnees 
les Alpes ; et aussi, depuis lors, un voyage en Suisse, 
sans un pdlerinage ä la Haute-Engadine, me paratt 
tout-ä-fait incomplet. Cet äte, apres de nombreuses 
courses nouvelles, faites avec succes, dans le Dau- 
pbinä, la Savoie, et TOberland, j'avais reservö la fin 
de la Saison pour la Haute-Engadine : malheureusement, 
le temps qui m'avait favoris^ jusque lä., devint ex- 
tr^mement mauvais, et je ne pus e:^ecuter tous mes 
projets : je crois cependant que le r^cit de mes courses, 
parmi lesquelles il s'en trouve deux qui n'avaient pas 
encore 6t6 faites, pourra ofFrir de Tintär^t. 



• ♦ • 



• • »<l 



Courses dans le massif du Bernina, 129 

Monte Bosso di Tschierya. 

(3998 metres.) 
[Premiere ascension.] 

Le 11 aoüt 1876, j'arrivais donc ä, Pontresina, 
qai est le centre natural de toutes les grandes courses 
dans FEngadine. J'etais accompagne de mon excellent 
amiM. Thomas Middlemore, membre de TAlpine-Club ; 
notre guide-chef etait Johann Jaun de Meyringen, 
qui Toyage toujours avec Middlemore depuis plusieurs 
ann^es: il est trop connu pour que j'aie besoin ici d'en 
faire V61oge. Nous avions cömme second guide Gaspard 
Maurer, eleve de Jakob Anderegg, dont nous avons 6t6 
extr§mement satisfaits. . 

Le jour m^me de notre arriv^e, quoique nous 
eussions passö une assez mauvaise^nuit en diligence, 
noQs allioDs coucher dans le val Roseg aux chalets 
<ie Misauna. Notre but etait de faire Tascension du 
Piz Bemina par le glacier de Tschierva. Ceux qui con- 
naissent TEngadine peuvent se rappeler qu'ä Tentr^e 
titt glacier- de Tschierva, la colossale arßte de rochers, 
P le dondne du c6te du Bernina, se termine par un 
eclatant pic de neige. II nous avait paru qu'en atteignant 
^e col qui s'ouvre ä droite du Piz Morteratsch, et en 
saivant toujours la grande aröte dont je viens de parier, 
OD ponyait atteindre ce pic de neige, et en cela, nous 
D avions pas tort, comme on le Terra. Mais oü nous 
commettions une erreur complete c'est en croyant que 
^ pic de neige 6tait le Piz Bernina, et je dois dire 
ä ma grande confusion que cette erreur 6tait surtout 
nw>ö fait; apr^s avoir en effet parcouru tant de fois toiitea 



130 Cordier. 

ces montagnes, j'aurais du savoir que le Piz BeirniDS 
se trouve sensiblement plus en arriere et qu'il esl 
separe du pic de neige en question par un al>iiii€ 
infranchissable. 

Nous avions quitte les chalets ä 1 heure 30 minates 
du matin, et ä 7 beures nous avions atteint le col da 
Morteratscb; nous avions mont^ directement, inclinazit' 
un peu k gauche cependant, surtout vers la fin, mais 
sans rencontrer d'ailleurs la moindre difficulte. Arrives 
sur le col, nous fümes un peu desappointes, en aper- 
cevant notre erreur et en constatant qu^il faudrait saus 
doute renoncer k tout espoir d'atteindre le Piz Bernina 
de ce c6te. Nous nous d^cidämes cependant k escalader 
le pic de neige, qui ne Tavait jamais ete jusqa'alors« 
Notre route est tres facile k indiquer, car noas 
suivlmes toujours öt directement Tarnte. Pendant la 
premi^re beure, nous renconträjnes des rocbers un peu 
difficiles; ensuite il n^ avait plus que de la neige. 
Gette ar^te de neige est fort aigu€, et en quelques 
parties eile est vraiment difficile ; j^ajouterai m^me que 
je n'aimerais pas m'y aventurer, quand il vient de 
tomber beaucoup de neige fratcbe. A 1 beure nous 
atteignions le sommet; la vue, quoiqu'un peu masqu^e * 
par le Bernina, est fort belle; eile est d'ailleurs tout-ä-fait 
analogue k celle que Ton decouvre du baut de cette demiere 
montagne; Taudacieuse arete du Roseg, eclatante de 
blancbeur, s^ presente admirablement. 

Ge pic est indique sur la belle carte de Ziegler, qui lai 
attribue une bauteur de 3998"^; il serait donc inferieur 
de 54™ seulement au Piz Bernina; c'est en effet ce qui 
nous a paru d^apres nos propres obs^vations. II ne loi 



Courses dans le massif du Bernina. 131 

eA d^aillears donne aucun nom snr les cartes, ni daDS 
le pays, k notre conDaissance du moins ; nous eümes donc 
äflous preoccuper d'un baptöme. Comme le Piz Bernina, 
qoi domine le glacier de Scerscen, porte en Italien le 
nom de Monte Rosso di Scerscen, nous avons pens^ 
pouvoir donner 4 notre pic, qui doraine le glacier de 
TschierYa, le nom de Monte Rosso di Tschierva. On 
trouTera peut-^tre ce nom bien complique et bien 
ambitieux pour un pic en definitive assez secondaire; 
mais, k dire vrai, nous n'avons rien trouve de mieux, 

Avant de commencer la descente, les guides vou- 
lurent eprouver par eux-mömes Timpossibilite d'atteindre 
le Piz Bernina, du point oü nous nous trouvions. Ils 
traverserent d'abord une aröte extr^mement dangereuse, 
qni bientöt se trouva coup^e ä pic, tandis qu'ä une 
cinquantaine de m^tres plus loin, la muraille du Bernina 
se dressait menagante et' infranchissable ; ils revinrent 
alors nous disant que personne au monde ne pourrait 
atteindre le Bernina de ce cöte ; je crois en effet que 
e'est ebose absolument impossible. 

A 3 beares nous quittions le sommet , et suivant 
tres exactement la route que nous avions prise pour 
monter, nous arrivions ä 10 beures du soir ä Pont- 
resina. Avant de terminer, je dois avertir les futurs 
tooristes que mes indications boraires ne doivent pas 
etre prises ä la lettre ; car nous avons perdu plusieurs 
heures k examiner et k discuter notre route. 

Je ne pretends pas donner cette course comme un 
^y^nement bien extraordinaire; nos atnes en alpinisme 
ont pris pour eux la meilleure part; ils ont esca- 
lade tous les pics celebres; et pour nous distinguer» 



132 C<yi'dm\ 

ce n^est plus rimportance des courses, mais leur 
difficultä que nous avons ä, rechercher. An moins 
pouvons-nous nous consoler un peu ayec le proverbe 
frangais : « quand on n'a pas ce que Ton aime, il faat 
aimer ce que Ton a». Et c'est pourquoi j'espere qae 
les lecteurs de FAnnuaire voudront bien accorder un 
peu d'attention ä nos courses, quoiqu^elles ne puissent 
pas assurement Mre compar^es ä celles que nos coura- 
geux pr^decesseurs leur racontaient il y a quelques 
annees. 



Piz Boseg. 

(3943 mötres.) 
[Premifere ascension par le glacier de Tschierva.] 

En faisant Fascension du Monte Rosso di Tschierva, 
mon ami Middlemore, qui est toujours ä l'affüt de 
courses nouvelles, avait beaucoup examine le Piz 
Roseg, et il avait acquis la conviction que Ton pouvait 
en faire Tascension par le versant qui regarde le 
glacier de Tschierva; Johann Jaun, quoique moius 
affirmatif, 6tait du meme avis. Quant ä, moi, j'avais 
partag6 jusque lä Topinion universelle sur rimpossibilit^ 
absolue de cette course. Cependant je fus ebranle 
par Tassurance de Middlemore, et il fut decid^ qae 
nous ferions au moins une tentative. 

Le 14 aoüt nous parttmes k minuit de Pontresina; 
suivant le val Roseg, nous traversämes ä notre gauche le 
bassin inf^rieur du glacier de Tschierva et nous esca- 
ladämes le bassin supMeur; ces deux bassins sonts^parös 



Courses dans le massif du Bernina, 133 

par une belle chute de glace, que Ton peut traverser sans 

danger d'ailleurs, gräce k une moraine qui se trouve 

nn peu ä gauche. Arrives lä , nous nous arr^tämes 

poor etudier la montagne et discutet notre plan. Au- 

dessus des rochers d'Agaglivuls s'eleve une arete de 

rochers, qui semble tres difficile , et qui aboutit ä un 

sommet peu eleve, sans nom, que je sache. Apräs ce 

sommet, yient un abtme infranchissable , puis une 

haute Croupe de neige tres arrondie et qui aboutit 

par une pente douce ä la Schneekuppe, le premier 

sommet du Koseg. Dans sa partie inferieure, cette 

Croupe detache sur le glacier de Tschierva un eperon 

de rochers, par oü Middlemore croyait possible de 

grimper. Plus loin eile se relie au glacier par une 

haute muraille de rochers tres escarpes, sillonnee de 

plusieurs couloirs de neige et de glace, et presque 

partout exposee h la chute de seracs menagants. 

C*etait une de ces pentes de rochers, que Jaun con- 

trairement ä Tavis de Middlemore, se proposait de 

nous faire escalader. Cette pente aboutit ä peu pres 

au point de Parete de la Schneekuppe, oü arrive 

egalement la route ordinaire par Tautre versant. Nous 

perdimes beaucoup de temps h. examiher et ä discuter ; 

les guides se detacherent enfin pour essayer la route 

de Middlemore; au bout d'une heure ils revinrent 

d^clarant que les rochers ötaient trop lisses et trop 

verticaux pour qu'il y eüt la moindre chance de succes. 

II ne nous restaijb donc plus qu'ä essayer Ja route de 

Jaun; mais comme la journöe ^tait dejä assez avancäe, 

et qu'un orage se preparait rapidement, nous remimes 

eette tentative ä un autre jour. 



134 Cordiei\ 

Le 17 aoftt seulement le temps nous parut assez 
faTorable, pour aller coucher dans les chalets de 
Misaona. Le lendemain 18 aoüt, nous partions h 
2 heures 30 min. du matin, avec un temps magnifique. 
A 5 heures 30 min. nous arrivions au point Öü nous 
nous etions arr^tes dans notre pröcödente tentative, 
et ä 6 heures 30 min. nous attaquions le terrible 
escarpement. Un petit mur de glace extr^mement 
incline, nous amena bientot aux rochers, oü pendant 
deux heures nous renconträmes des difficultes excessi ves ; 
le verglas couvrait presque partout la röche, et en 
plusieurs endroits le danger etait tel, que nous jugeämes 
la descente tout-ä-fait impossible; ainsi nous nous 
trouvämes bientöt tellement engages, qu'il fallait reussir 
ä tout prix, et nous reusslmes. Mais ce ne fut pas 
sans avoir eprouve une terrible Emotion: je me trou- 
vais sur une petite corniche de glace noire, tenant ä 
la röche avec les extremites de mes doigts, lorsque 
Middlemore qui etait attache ä la corde , immediate- 
ment derriere moi, fut pris d'un eblouissement et 
tomba ä la renverse. Maurer qui marchait le premier, 
etait dans une Situation trop precaire pour pouvoir 
retenir deux personnes ä la fois; si je tombais, nous 
etions tous perdus. Johann Jaun qui se trouvait ä 
Tarriere-garde , poussa un grand cri; je me cram- 
ponnai avec une energie desesp^ree, et pendant quelques 
secondes je pus retenir la masse qui m'entratnait en arri^re ; 
la corde etait heureusement tendue au moment de Tacci- 
dent entre Middlemore et moi, sans quoi la secousse eüt 
et6 beaucoup plus forte, et je n'y aurais certainement pas 
resiste. Cependant je ne pouvais tenir ainsi bien long- 



Courses dans le massif du Bernina. 135 

temps, mes forces allaient me trahir, je sentais dejä 

mes doigts se desserrer malgre mes efforts ; mais Jaun, 

qui est rhomme des circonstances critiques, n'avait pas 

perdu la tete ; il rattrapa rapidement Middleraore, 

«onseryant lui-m^me son equilibre par un miracle 

d'adresse, et au moment oü je proyais tout perdu, 

je sentis la corde se detendre: nous etions sauv6s. 

Tout ceei avait ä peine dur6 quelques secondes, mais 

on juge combien noüs ötions emus. Aussi ce fut 

ayec une bien grande satisfaction que nous atteignimes 

enfin des rocbers plus faciles (9 heures). En une 

teure nous eümes alors gagnö Tarnte de la Schnee- 

kappe, au point que j'ai signale plus haut. A 10 heures 

45 min. nous etions au sommet de la Schneekuppe, et a 

11 heures 30 min. sur le dernier et plus haut sommet 

du Roseg. On sait que les deux sommets sont relies par une 

arfite de glace qui passe pour tres difficile. Cette annee, la 

g^ etait presque partout recouverte d'une excellente 

J^eige , et aussi Tarnte nous parut on ne peut plus 

iacile. 

Pendant la demi^re partie de Tascension, nous 
a^ons echange de joyeux hurrahs, avec un de nos 
amis qui faisait en ce m^me jour Tascension du Piz 
^Ua. Le ciel 6tait tres pur et la Tue magnifique, 
aussi restämes-nous une heure au sommet pour la 
^outempler; j'avais d^jä fait Tascension du Piz Roseg, 
^ais avec un temps tres mauvais, de sorte que ce 
^p^tacle etait tout nouveau pour moi. De Jtous cötes 
oji domine d'effroyables precipices; le Piz Bernina se 
^Tffesse ä une petite distance, süperbe d'horreur; vers 
fe 8ud, c'est le Monte della Disgrazia, avec ses formes 



136 Cordier, 

si saisissantes , ses glaciers comme suspendus dans U 
airs, ses ar^tes dentelees, ses sommets audacieux, ui 
des plus belles et des plas sauyages montagnes qi 
je connaisse. 

A 12 heures 30 min. nous quittions le somin« 
descendant par la route ordinaire, qui a et^ plusieai 
fois decrite ici-m^me; aucun incident ne signala notri 
retour, sinon d^audacieuses glissades, que nous inspirj 
la joie du triomphe, beaucoup plus que la prudence, 
mais qui n'eurent d'ailleurs d'autres suites que de*' 
nous faire occuper successivement les positions les 
plus grotesques du monde. Ainsi riant, sautant, cou- 
rant, tombant les uns sur les autres, et nous relevant 
toujours de meilleure humeur, nous arrivions ä 4 heure& 
30 minutes aux chalets et ä, 6 heures 30 minutes ä. 
Pontresina. Cette course est une des plus difficiles 
qu'on alt faites dans TEngadine; eile a beaucoup 
excitö r^tonnement des guides de Pontresina qui Tavaient 
toujours consideröe comme impossible. II est certain 
qu'il fallait toute Taudace et toute Textraordinaire 
habilet^ d'un Johann Jaun pour la mener k bonne fin. 



Piz Znpo. 

(3999 mfetres.) 

Quelques *jours apres cette course, Middlemore me 
qüitta poitr aller chasser le chamois dans le Val Livigno ; 
ma mauvaise yue, que je n'ai Jamals autant maudite 
que ce jour-lä , m'empöcha de • le suivre. II ayait 
emmene Johann Jaun, de sorte que je restai avec le 



Courses dans le massif du Bemina, 137 

senl Gaspard Maurer ; mon cousin, M. Frangois Dela- 

borde de Paris, etait venu me rejoindre, et nous deci- 

dÄmes de faire Tascension du Piz Zupo (3999°), le 

pias haut sommet du massif apr^s le Bernina. Nous 

n'eogageämes pas d'autre guide que Gaspard Maurer; 

farais en effet des lors assez Thabitude de la mon- 

tagne, sinon pour conduire une expödition, du moins 

pour en tenir honorablement Tarri^re-garde. Je dois 

ajonter que Gaspard Maurer n'ötait jamais venu dans 

l'Engadine et que cependant il nous a toujours con- 

tfuits, d'aprös la carte et d'aprös quelques indications 

que i'ai pu lui donner, avec une süretä incomparable. 

Le 21 aoüt nous allämes tous trois coucher dans 

la butte de Boval ; nous y renconträmes un Anglais 

de nos amis et une jeune Anglaise, accompagnös d'un 

güide bemois et d'un guide de Pontresina; cette expö- 

dition se proposait de faire Tascension du Piz Bernina; 

comme nos deux routes se confondaient d'abord pen- 

dant assez longtemps, il fut decidö que nous partirions 

ensemble le lendemain matin. Les guides de Pontresina 

ayaient ouvert cette annee, pour atteindre le Piz Ber- 

DiDa, une route nouvelle, dont je dois dire quelques 

fflots. On sait que Tascension du Bernina se fait 

quelquefois directement de la hutte de Boval, par le 

Fussfelsen ou rocher du pied du Bernina ; cette route 

est peu recommandable , parce qu'on est Obligo de 

traverser une assez dangereuse chute de glace. Le 

plus souvent, on fait un grand dötour, par la Festung 

et les flaues de Bellavista pour aller rejoindre le 

plateau sup^rieur du glacier de Morteratsch pres du 

Col de Cresta-Agiuzza et pour attaquer le Bernina 



138 Cm-dier. 

de ce cöte. Entre ces deux routes les deux bassins | 
du glacier de Morteratsch sont relies par de vastes | 
chutes de glace et des pentes rapides semees d'effrayantes \ 
crevasses , c'est par lä que les guides de Pontresina i 
avaient decouvert un chemin qui conduit tres rapidement 
aupres du Col de Cresta -Agiuzza. 

Nous partlmes donc ä deux heures du matin avec 
un temps tr^s menagant. he guido de Pontresina 
connaissant seul le chemin, Fexpedition du Bernina avait 
pris naturellement la t^te. Vers 5 heures nous la vimes 
«'engager sur une pente escarpee au-dessous d'aiguiltes 
de glace, fort pittoresques, mais tres dangereuses. II 
eüt ete certainement possible en faisant un petit dötour 
d'eviter ce passage : c'^tait dejä une premiere faute de 
la part du guide qui conduisait. Mais combien ne 
fümes-nous pas plus surpris, en le voyant s^engager 
avec tout son monde sur la pente de glace, et laisser 
ainsi quatre personnes gravement exposöes pendant 
qu'il taillait lentement des pas. Je tiens k le dire 
faautement; dans un pareil cas le devoir des guides 
est de tailloT des pas, avant de laisser passer leurs 
voyageurs; il est bien evident, en effet, que plus on 
est nombreux, plus le danger est grand pendant 
cette Operation; dans aucun cas d'ailleurs on ne devrait 
exposer ainsi une femme; le guide de Pontresina qui 
conduisait, assumait lä une terrible responsabilite et 
si je n'avais pas eu k me louer personnellement de 
lui autrefois, dans des circonstances critiques, je n'h6- 
siterais pas ä le nommer. . D'ailleurs cette imprudence 
n^eut heureusement aucune suite ; k cette heure matinale, 
les avalanches de glace sont tres rares. Quelques minutes 



Courses dans le massif du Bernina, 139 

noas nous arr^tions dans une crevasse pour faire 
Premier repas. A 5 heares 45 min. nons repartions 
la direction du Znpo, tandis qae Tautre exp6dition 
engageait nn pen plus k droite dans la direction du 
IBemina; 2 beures plus tard nous arrlvions sans autre 
^üficnlte qa'ane .extreme abondance de neige fratche, 
M col qui s'ouvre entre le Piz Zupo et la Cresta 
Aginzza. A partir de ce moment les nuages nous en- 
telopperent, et la neige et la gr^le commenc^rent k 
tomber ayec violence. Neanmoins Maurer ne perdit 
pas coarage; il avait etudiä sa route le matin, et 
ü ne parat pas douter un instant du succäs. Apr^s 
tYoir travers6 un facile bergschrund,. nous escaladons 
im mar de glace assez escarp6, et oü il fallut tailler 
öes pas pendant plus d'une heure; cette Operation 
reehauffe peut-ötre celui qui s'y livre, mais les mal- 
heureuxy qui se trouvent derriöre lui, colles sur la 
neige, battus par le vent, fouettes par la grille, dans 
rimpossibilite de faire aucun mouvement violent sous 
peine de faire dögringoler leurs compagnons, en ar- 
ment bientöt k perdre tonte connaissance de leurs 
extremitäs. Enfin nous atteigntmes une iir^te de neige 
tres facile, et oü nous ptmes, par quelques exercices 
energiques, ränimer notre ardeur entiörement glac6e. 
Kons ^tions d^ailleurs assez curieux k voir; nos habits 
etaient tout blancs de neige, nos cheveux, barbes, 
monstaches et autres ornements de nos visages pen- 
daient tristement en lougs glagons; nous semblions de 
ces statues des fontaines publiques, lorsqu'il a gele 
bien fort et qu'elles sont couvertes d'innombrables 
stalactites. Apres avoir cru plusieurs fois toucher le 



140 Cordier, 

sommet sur cette ar^te interminable, nous decoayrtmes 
enfin un steinmann, avec les noms de nos pr^decesseors. 
C^est d^aillenrs la seule preuve que uons ayons eue de 
notre ascension, car en dehors des nuages qui noas 
entouraient immediatement, nous ne voyions absoloment 
rien ; il etait 9 heures 45 min., mais noas avions perdn 
beaucoup de temps, comme on peut le supposer. Je 
crois d^ailleurs que nous avons toujours suivi la bonne 
route : autant que j'en puis juger en effet, nous avons 
däpasse un peu le col de Gresta Agiuzza, puis revenant 
sur la gauche, pous avons escalade de ce c6te Tarnte 
du Zupo, arßte que Ton voit du glacier de Morteratsch, 
et qui descend en face de la Gresta Agiuzza. 

A 10 heures et demie nous commen^ämes k des- 
cendre. Je ne dirai pas precis^ment que nous suivimes 
nos traces du matin, vu qu'elles avaient etö entiere- 
ment recouvertes par la neige qui tombait avec abon- 
dance; mais gräce k la Penetration de Maurer nous 
suiytmes certainement la m^me route. Seulement au 
lieu de nous exposer k la chute des s6racs, nous de- 
couvrtmes en descendant au-delä des crevasses oü s'en- 
gloutissent leß avalanches, un chemin un peu difficile, 
mais Sans danger. A partir de Tendroit oü nous avions 
dejeüne le matin, nous retrouvämes les traces de l'ex- 
pedition du Bernina qui avait du battre en retraite 
quelques heures auparavant; il faut dire que le Piz 
Bernina etant beaucoup plus difficile que le Piz Zupo, 
cette retraite n'avait rien que de tr^s naturel. A 
4 heures et demie seulement nous arrivions ä la Res- 
tauration du Morteratsch, tremp^s comme nous ne 
l'avons Jamals ^te. Je crois devoir dire, avant de 



Courses dans le massif du Bernina, 141 

dner, qne cette course peut se faire plus rapidement, 
id \es conditions sont meilleures, et que Ton con- 
itt bien son chemin ; eile ne presente aucune difficult^ 
iease. 



Piz Cambrena. 

(3607 mfetres.) > 

Le 2 septembre seulement, ä, cause du mauvais 

iemps qui persistait ä d^jouer tous nos projets, nous 

pdmes Dous remettre en route; notre Intention ^tait 

^'escaiader le Piz Cambrena, cette belle tour de neige 

<jae Ton aper^oit ä gauche du Piz Palu, dans le mer- 

Teülenx panorama du glacier de Morteratsch. La route 

est la m^me que celle du Piz Palu, jusqu'au col qui 

«'ouvre entre les deux montagnes et que Ton appelle 

Cambrena-Sattel ; de lä, on prend, soit k droite Tarnte 

du Palu, soit ä gauche Tarnte du Cambrena. Partis 

ä 2 heures du matin de Pontresina , nous 6tions ä 

Theores au Col de la Diavolezza; j'admirai encore le 

spectacle incomparable que Ton decouvre de ce col, 

je ne crois pas qu'il y ait nulle part un point de vue 

plus grandiose ; r616vation 6tant moyenne, les montagnes 

apparaissent dans toute lei}r grandeur et dans toute 

la pl^nitude de leurs formes. 

A partir de lä nous contournämes le Piz d^Arlas, et ä 
8 heures nous atteignions le col du m^me nom ; nous 
eümes quelques instants alors Tidee d^escalader le Cam- 
brena, par la face qui se presentait ä nous ; malheureuse- 
ment plusieurs chutes de glace la couvraient et en 
rendaient Tacces trop dangereux , et il fallut nous r^- 



142 Cordier. 

soudre k suivre le chemin ordinaire. Nous primefi 
donc la direction da Gambrena-Sattel, par les haatsi 
eacarpements du glacier de Pers. L'annee derniere,, 
ce glacier etant coupe dans tonte sa largear, par oa 
bergschrund colossal, il fallait passer ä ganche, snr 
des rochers fort difficiles, et sur^des pentes de glace 
noire. Mais cette annee, gräce h Tenorme quantite de 
neige tombee pendant le mois d'aoüt, le bergschrund 
etait ä peu pres comblee, et aussi ä 11 heares nons 
arrivions sans aucune difficulte sur le Cambrena-Sattel 
ou Col du Gambrena. A 11 heures et demie nous 
nous remettions en route; 11 ue faut pas prendre pre- 
cisement Tarnte da Gambrena, mais incliner un peu 
vers la gauche, et monter par une pente de rochers 
peu difüciles quoique assez escarpes. En montant nous 
nHnclinämes pas assez, je crois, dans cette direction, 
cependant Tß-scension se fit facilement et sans danger et 
k 1 heure de Tapres midi nous nous etendions voluptueuse- 
ment sur le sommet. 

La yue est magnifique, le glacier de Palu semble 
un immense lac de neige, que fönt admirablement 
ressortir les hautes et noires parois rocheuses, qui 
Tentourent ou qui en ^mergent. . La Gresta Agiuzza' 
se präsente tres bien, avec ses formes qui rappellent 
un peu le Matterhorn, de ce c6t6 du moins, car du 
c6te du glacier de Morteratsch, eile offre au contraire 
la forme d^une ar^te denteMe. Le Piz Bernina se dressait 
fierement, dominant d^epoüvantables abimes, et jetant 
au ciel son ar^te si gracieusement courbee. 

A*2 heures nous nous remettions en route, la des- 
cente s'effectua sans aucun incident remarquable, et ä 



Ckmrses dans le massif du Bernina. 143 

7 henres et demie nous etions de retour ä Pontresina. 
Gette coarse faite assez rarement est tres belle; eile 
est ponr le moins aussi interessante qae la course 
dassiqae du Piz Morteratsch, et la vue y est peut-6tre 
plus magnifique encore. J'engagerai les futurs touristes k 
coQcher dans les chalets de Bernina (qui par parenthese 
ne sont pas des chalets, mais bei et bien une excellente 
anberge). De lä, en marchant bien, et en n^hesitant pas 
sar sa ronte, on peut arriver au sommet en 6 ou 
7 beures; 11 en faut 5 ou 6 pour revenir jusqu'ä 
Pontresina; on voit que la course n^a rien d'excessif. 
Cette expedition fut la demiäre que je fis cette 
annee dans l'Engadine, et d'ailleurs dans toutes les 
Alpes. Je quittai Pontresina le lendemain, non pas 
Sans espoir de retour, on peut m'en croire, et j^allai 
me reposer sur les bords encbanteurs du lac de Göme^ 
d'nne campagne de deux mois et dem! dans les Alpes 
firan^aises et snisses. 



Durch's Montavon. 

(Piz Buin 3327", Valüllaspitze 2810-, Fluchthorn 3396-.) 

Von 
0. V, Pfister. 



Die Vorarlberger Bahn hat dem Bergfreunde eine 
Landschaft eigentlich erst neu erschlossen und zugäng- 
licher gemacht und zwar der schönsten eine. — Wenn 
der Wanderer beim Kloster zu St. Peter im Brunnfeld 
unweit hinter Bludenz die grosse Heerstrasse nach dem 
Arlberg verlässt und rechts abzweigend den schmalen 
Fahrweg durch das dichte niedrige Gehölz der lU- 
niederung verfolgt, so vermeint er wohl, wenige Minuten 
nachdem er die altersschwache Brücke über die Alfenz 
tiberschritten und mit leisem Grauen den amtlichen 
Anschlag gelesen hat, dass derselben mehr als dreissig 
Zentner Last nicht zugemuthet werden dürfen, da zu 
sein, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist. Aber 
wenn auch mühsam dem Bachbett abgerungen und 
zweimal auf leichten Brücken das Ufer wechselnd, 
weiter und weiter windet der Weg sich durch die Thal- 
enge, bis plötzlich hinter dem in Kirschbäumen ge- 



Montavon. 145 

betteten Weiler Lorüns die Coulissen sich auseinander 
than nnd der liebliche Thalkessel des Montavons vor 
dem überraschten Beschauer sich ausbreitet. 

Das Wahrzeichen des Montavons ist der Kirsch- 
baum. Die staubige Landstrasse, den schmalen Wiesen- 
pfad und das trauliche, meist in altem Schweizerstyl 
erbaute Heimwesen des Montavoners hüllt er gleich 
liebevoll in seinen Schatten. Das aus seinen eigen- 
tbümlich kleinen^ würzigen Früchten erzeugte gebrannte 
Wasser erfreut sich eines Rufs, der weit über die 
Grenzen seiner Heimath geht. 

Hoch an den Halden der Berge liegen noch zahl- 
reiche Hänser hingestreut. Darüber zieht sich eine 
Zone von dunkelm Laub- und Tannenwald und noch 
böher erscheinen schöngeformte, alpengrüne Berggipfel, 
da und dort durch die Lücke eines Hochthals die 
Durchsicht auf die schneeigen Häupter des Rhätikons 
gestattend. Zwischen freundlichen Ortschaften hindurch 
fliesst frisch rauschend die 111, besäumt von dichten, 
silbergrünen Weidengebüschen. 

Ein liebenswürdiges, intelligentes Völkchen bewohnt 
diese reizende Thalschaft. Grundverschieden in Typus 
nnd Sprache, in Tracht und Sitte von seinen Nachbarn 
im Bregenzerwald und im Prättigäu, fordert es in mehr 
als einer Beziehung zu gründlicherem Studium und 
eingehenderer Schilderung auf. 

Den Rahmen unserer Arbeit würde jedoch eine 
solche weit überschreiten. Möge bald eine Feder, wie 
diejenige Steub's oder Osenbrüggen's, das auch in rechts- 
nnd kulturhistorischer Beziehung interessante Land einer 
umfassenderen und geistvollen Behandlung würdigen. 

10 



r% 



146 V. Pßster. 

Noch vor zehn bis fünfzehn Jahren betrat 
selten ein Tourist dies schöne Kevier. Begreiflicher 
Weise! — Musste er doch meist erst die trostlose 
Ebene der Bregenzer Aach und des Rheips durch- 
wandern, ehe er an die Pforte des Montayon kam* 
Heute ist es mit Hülfe der Bahn und der etwas besser» 
Postverbindung zwischen Bludenz und Schruns möglich, 
in einem Tage den ganzen Weg vom Bodensee durch's. 
Montavon bis auf die Tyroler Grenze am Zeini^och 
oder der Bielerböhe zurückzulegen. 

In den letzten Jahren hat denn auch der Fremden- 
besuch etwas zugenommen. Die schon früher meist 
sehr reinlichen, gastfreien Herbergen haben sich ver- 
grössert und verschönert und genügen jeder billigen 
Anforderung. Trotzdem ist auch jetzt noch die Zahl der 
das Montavon besuchenden Fremden verhältnissmässig 
gering und dasjenige , was man < Fremdeuindustrie » 
nennt, herrscht noch nicht in jenen seligen Gefilden. 

Wle schon angedeutet, bietet das Montavon speziell 
dem Bergsteiger besondere Vortheile als Ausgangs- 
gebiet, nicht nur für die Kette des Rhätikon, dessen 
Gipfel' meist auf leichterem und interessanterem Wege 
von hier aus zu ersteigen sind, als von der steilern 
Prättigäuer Seite, sondern insbesondere auch für den 
Besuch der Silvrettagruppe , welche bisher fast aus- 
schliesslich nur in der Richtung von Klosters nach 
dem Unterengadin begangen wird. 

In letzterm Falle wird der von Norden und Westen 
kommende Besucher entweder weit von seiner Rück- 
zugslinie abgedrängt, die er nur auf weiten Umwegen 
wieder erreicht, oder er muss denselben Weg hin und 



Montavon* 147 

zurück machen. Von den Stationen der Ostschweiz 
aber gelangt man in derselben Zeit durch's Montavon 
nach der Silinrettagrappe, wie durch's Prättigäu, und 
es empfiehlt sich der reichen Abwechslung wegen, den 
einen der Wege durch das erstere Thal zu machen. 

In gerechter Würdigung dieser Verhältnisse hatte 
die Berliner Sektion des D. u. (E. A.-V. den Gedanken 
gefesst, eine Clubhütte in einem der nördlichen Hoch- 
thäler der Silvrettagruppe zu erbauen und deren Vor- 
stand, Herr Dr. Scholz, bereiste selbst das betreffende 
Gebiet. Dies gab Herrn Madiener, Vorstand der Sektion 
Vorarlberg, und einigen Bekannten, worunter ^uch meine 
Wenigkeit, Veranlassung, mit dem Berliner Vereins- 
genossen eine gemeinsame Fahrt in die Silvrettagruppe 
zu verabreden. 

Piz Bain. 

Am 5. Juli 1876, Morgens 9 Uhr, entstiegen wir 
Einheimischen zu Vieren dem ersten Zuge der Vorarl- 
berger Bahn und vertauschten das Dampfross mit dem 
weniger behenden Stellwagen, welcher uns nach 1 1 Uhr 
vor dem gastlichen Hause zum Löwen in Schruns absetzte. 

Gegen unser Erwarten und sehr zu unserm Be- 
dauern war Herr Dr. Scholz in Folge eines Missver- 
ständnisses nicht zur Stelle, sondern in die Berge ge- 
gangen. Wir, denen die Zeit sehr knapp bemessen 
war , hinterliessen unsem Marschplan und brachen nach 
kurzer Mittagsrast auf. 

Gegen halb vier Uhr trafen wir in dem freund- 
lichen, schön gelegenen Pfarrdorf Gaschum ein und 
hätten von hier in vier bis fünf Stunden, also noch 



148 i'. Pfister. 

bei Abenddämmerung, die Hütte auf der Gross- Verraunt- 
alp leicht erreichen können. Leider liess der Träger, 
den wir mit einem Theil unseres Gepäckes schon von 
Schruns aus vorausgeschickt, aber unverhältnissmässig 
bald eingeholt hatten, uns in Gaschurn lange aaf sich 
warten. Rudolf Kleboth, der jugendliche Bergführer, 
war nicht zu Hause und wurde mit dem nöthigen 
Proviantvorrath auf die Vermuntalpe nachbestellt. 

Erst gegen 572 Uhr konnten wir unsern Marsch 
fortsetzen. Wir waren wohl gewarnt worden, so spät noch 
ohne hinreichend genaue Wegkenntniss nach der fernen 
Hütte aufzubrechen, • allein wir vertrauten auf den im 
Kalender verheissenen Mondschein und unser gates 
Glück und zogen, da wir den Träger zurückgeschickt 
hatten, schwer bepackt fürbass. 

Um 674 Uhr bogen wir hinter Pattenen, der letzten 
Ortschaft im Montavon , in's Vermuntthal ein. Keich 
an Wasser wie selten, und in endloser Reihe kleiner 
brausender Fälle schäumte die 111 uns entgegen. Anf 
den Besuch der schönen, leider zu wenig bekannten 
Wasserfälle in der Hölle verzichteten wir, da uns der- 
selbe etwa eine halbe Stunde gekostet hätte und wir 
nicht wussten, ob die Brücke im sogenannten Schweizer- 
Vermunt den Winter überdauert hatte. 

Der Himmel hatte sich unterdessen mit dichten 
Wolken bedeckt, welche das Restchen Tag, das uns 
noch blieb, verkürzten. Einzelne Schneefelder, Reste 
des Winters, begannen sich über unsern Pfad zu 
legen. Das erste derselben zeigte uns sehr schön die 
Erscheinung des rothen Schnee's, welche wir in jenen 
Tagen noch mehrfach zu sehen bekamen. 



Montavon. 149 

Es mochte etwa 8V2 Uhr sein, als wir wieder ein 
grosses Schneefeld überschritten. An seinem Ende 
spähten wir vergebens nach der Wegspur. Die Berg- 
hänge lagen in tiefem Schatten and Hessen nichts 
mehr deutlich erkennen. Unverdrossen setzten wir 
nnsem Yormarsch in der Richtung fort, die ja sicher 
stand, dabei beständig an Höhe gewinnend. Dichtes 
niedriges Gebüsch nahm uns auf, scheinbar von schmalen 
Alpwegen durchzogen, die aber stets nach wenig Schritten 
wieder in's Dickicht verliefen. Ein ermüdender Kampf 
gegen den passiven Widerstand dieses Gestrüpps hub 
an. Beim letzten Dämmerschein sahen wir noch tief 
unter uns die Hütten im Schweizer- Vermunt. Führt 
ein praktikabler Weg da hinab ? und wenn, wie stand es 
dann mit der Brücke über die TU? — Die Ungewissheit 
über diese Fragen bewog uns, der Lockung, da unten 
Quartier zu suchen, zu widerstehen und beharrlich 
vorwärts zu dringen, trotzdem, dass einer unserer 
Oenossen, welcher kurz zuvor einen Fuss übertreten 
hatte, durch das Stolpern und Straucheln im zähen. 
Steine und Löcher verbergenden Gestrüpp von starken 
Sehmerzen im verletzten Gliede befallen wurde. 

Endlich war die Biegung, welche das Vermuntthal 
gegen Osten macht, erreicht und nun glaubten wir des 
nahen Zieles sicher zu sein. Mittlerweile war es zwar 
Nacht geworden und statt des ersehnten silbernen 
Mondlichts floss ein sanfter Eegen auf uns nieder. 
Die Orientirung war, da weder Terrain noch Karte 
mehr zu erkennen waren , sozusagen unmöglich ge- 
worden. Nur die Richtung stand fest. Die wachsenden 
Schmerzen unseres leidenden Gefährten zwangen zu 



150 V. Pfister, 

immer langsamerem Schritte, und trotz der. grossen 
Energie, die er bewies, sahen wir den Moment nahen, 
wo seine Kräfte versagen mussten. Weiter und weiter 
waren wir ostwärts thalein gezogen, die Mündung des 
Ochsenthaies und die Bielerhöhe erschienen in nicht 
mehr grosser Entfernung, aber keine Hütte war weit 
und breit zu sehen. 

Um Mitternacht hielten wir auf freiem Wiesen- 
plan. Unser Patient war nicht mehr im Stande, w^eiter 
zu marschiren. Zudem musste die Hütte hier in der 
Nähe sein. Zwei Jahre früher liatte ich sie bei Nebel 
und Schneegestöber und in einer Gesellschaft betreten, 
welche meine ganze Hülfe und Unterstützung in An- 
spruch genommen hatte. Es war mir damals nicht 
möglich, mir die Oertlichkeit genau einzuprägen, aber 
die Nähe der Bielerhöhe war uns Beweis genug, dass 
wir nicht ferne vom schützenden Obdach sein konnten. 
Alles Johlen und Rufen, mit welchem wir seit geraumer 
Zeit das Thal erfüllten , verhallte scheinbar ungehörig 
Nur das gedämpfte Gebimmel der Schafe vom Berg- 
hang antwortete uns. Eine letzte Recognoscirung, welche 
zwei der Gefährten vornahmen, während ich Wache 
bei dem schlafenden Patienten und dem Gepäck hielt, 
wobei ich selbst stehend Mühe hatte, den Schlaf ab- 
zuwehren, um stets durch Johlen und Schreien die 
Verbindung mit den Streifenden aufrecht zu erhalten, 
ergab kein Resultat. Es war 1 Uhr geworden. 
Schweigend legten wir uns auf einen der Plaids nieder, 
wobei die Flügelmänner noch zur Hälfte in's nasse 
Gras zu liegen kamen. Noch einmal ging die Schnaps- 
flasche und der Brodlaib in die Runde, dann deckten 



Montavon. 151 

irir uns mit den andern drei Plaids zu und stille 
wurde es im weiten Thal. 

Hätte uns der Träger nicht so unverantwortlich 
aufgehalten oder wäre der Führer Rleboth zu Hause 
gewesen, wir lägen längst schlafend in der warmen 
Hatte. Zum Glück hatte wenigstens der Regen aufgehört. 
Als der erste Morgendämmerschein sich mühsam 
Durchpass durch die tief herabhängende Wolkendecke 
erzwang, wurde es lebendig in unserem Lager. Gegen 
4 Uhr verliessen wir dasselbe. Die Bewegung und 
die warmen Strahlen der aufgehenden Sonne führten 
bald Wärme und Gelenkigkeit in unsere steifen, er- 
frorenen Glieder zurück und endlich gewahrten wir 
Ton der Bielerhöhe aus auch die ersehnte Alphütte, 
deren Schornstein bläulicher Rauch entstieg. Kaum 
fftnf Minuten von unserem Lagerplatz entfernt, aber 
eine kleine Bergstufe tiefer und desshalb bisher nicht 
sichtbar, lag sie auf grünem Wiesenplan. Gegen halb 
sechs Uhr hielten wir unsern Einzug. Kleboth war 
bald, nachdem unsere Rufe verstummt waren, mit dem 
Proviant angekommen und lag in dem Heuschragen, 
auf welchen wir vergebens gehofft hatten. 

Alois Pfeiffer, der freundliche Schafhirt, welcher 
uns in seinem Bärenschlaf nicht gehört hatte, kochte 
uns rasch warme Milch und nach einer hall>en Stunde 
fohlten wir uns wieder wohl, warm und kräftig. 

Der Himmel belohnte unsere Beharrlichkeit, denn 
draussen hatte unterdessen die Sonne die Herrschaft 
gewonnen und versprach einen schönen Tag, 

Gegen 7 Uhr Morgens brachen wir zu Dritt mit 
Kleboth auf, um den grossen Buin zcn besteigen. 



152 V. Pßster. 

Unser Invalide blieb in der Alphütte zurück, 
fast ebene Weg durch's Ochsenthal am rechten lUufer^ 
an den Trümmern eines Steinsbergischen Wappenstein» 
und eines geräumigen Hauses , das «Yeltlinerhtisli »- 
genannt, vorüber bis zum Absteig des Oohsenthaler- 
ferneres wurde in 172 Stunden zurückgelegt. 

Früher sollen in dieser Gegend grosse Viehmärkte- 
stattgefunden haben, wobei es im Yeltlinerhüsli hoclx 
herging. Jetzt zeugen kaum mehr drei Mauern von 
der entschwundenen Pracht. 

Wir betraten den Ochsenthalferner von der rechten 
Seitenmoräne aus. Der reichliche Winterschnee machte 
das Seil überflüssig und gestattete ein rasches Fort- 
kommen. Wir hielten uns ziemlich nach rechts, gegen 
das linke Gletscherufer zu. Vor uns reckten die beiden 
Buine ihre wilden Wände majestätisch in den tief- 
blauen Aether. Blauschimmernde Seracs glänzten uns 
aus der Gletscherwölburig rechts unter dem grossen 
Buin entgegen. Wir umgingen sie in weitem Bogen 
nach Westen, wobei wir kurze Zeit durch den Schuss- 
bereich der Hanggletscher marschiren mussten, welche 
in prächtigen Gebilden über dem Felsfuss des Silvretta- 
hornes erscheinen und successive auf unsern Gletscher 
abbröckeln. Es ist diess die einzige Gefahr bei der 
ganzen Partie, indess dauert sie nur kurze Zeit. 

Der Schnee war nachgerade von der brennenden 
Julisonne erweicht worden und machte den Anstieg 
mühseliger. Selbst Kleboth's Hund «Ami», der zum 
zweiten Mal den grossen Buin zu besteigen sich an- 
schickte und auch schon auf dem Fluchthorn gewesen 
war, gab es auf, die von den Uferwänden herabfallen- 



Montavon. 15B 

den Steine gewissenhaft zu apportiren und folgte mit 
eingezogenem Schweif unsern tiefen Fussstapfen. 

Es war eben Mittag, als wir in der Lücke zwischen 
den beiden Buin ankamen. Eine ausgiebige Rast 
war nach dem langen Schneewaten bei brennendem 
Sonnenglast zum Bedürfniss geworden. 

Um l Uhr griffen wir das eigentliche Hörn des 
Bain an. Zunächst geht es über eine ziemlich steile 
Fdshalde im Südwesten des Berges nach einem kleinen 
Einschnitt im Hauptgrate desselben zu. 

Der welche Schnee, welcher in so früher Jahres- 
zeit die Halde noch bedeckt und bei jedem Tritte 
abrutscht, macht tiefes Eingreifen mit Händen und 
Füssen nöthig. In massiger Zeit ist jener Einschnitt 
erreicht und wir wenden uns östlich in ein sehr enges, 
kurzes Kamin, dessen Sohle leider blankes Eis zeigt, 
Doch bieten die Wände links und rechts Anhaltspunkte 
für Hand und Fuss genug, um nach kurzer Anstrengung 
sich durcbzuzwingen. Ein Abrutschen würde hier 
kritisch werden, da die Fallrichtung hinaus über den 
Grratrand und hinab nach dem tief unten liegenden 
Ochsenthalferner geht*). Das Kamin mündet in eine 
Schutthalde aus , welche sich' ohne Unterbrechung bis 
Zum Gipfel hinzieht, welchen wir denn auch um 2 Uhr 
30 Minuten ohne weitere Schwierigkeit erreichten. 

Die Aussicht war wundervoll hell und klar. Weilen- 
mann hat dieselbe mit bekannter Meisterschaft ge- 



*) Wie ich vernehme, ziehen die Klosterser Führer nun- 
mehr vor, anf dem Hauptgrat, welcher etwas gangbarer 
gemacht wurde, zu bleiben und das Kamin links liegen zu 
lassen, was ganz zweckmässig ist. 






154 V. Pfister, 

schildert*). Es ihm darin gleichthun zu wollen, wÄi 
vergebliches Bemühen. 

Eine volle Stunde gaben wir uns der herrliche 
Rundschau ' hin , dann traten wir den Rückweg ai 
Das Kamin wurde glücklich passirt. Ami, der brav 
Alpenhund, musste zwar in einen Rucksack gesteck 
und am Seil hinabgelassen werden, eine zarte Rück 
sieht für sein Leben, für welche er nur ein sehr ge 
ringes Verständniss an den Tag legte. Die schnee- 
bedeckte Felshalde wurde in flotter Abfahrt zurück- 
gelegt, dann ging's rascher als Morgens in unseren 
Fussstapfen über den Gletscher hinab und um 5 ühr 
30 Minuten, zwei Stunden nach Verlassen des Gipfels, 
l)etraten wir wieder den abern**) Boden unter dem 
Absturz des Ochsenthalferners. 

Abends 8 Uhr trafen wir wieder in der Hütte auf 
der Grossvermuntalpe ein. 

Kleboth, welcher unvorsichtigerweise keine Schnee- 
brille bei sich hatte, war, gleich seinem Hunde, schnee- 
blind geworden und musste nach Hause geschickt 
werden. Er litt sehr grosse Schmerzen, lag einen 
Tag zu Bette und musste noch einige Zeit dunkle 
Brillen tragen. Auch uns hatte die Hitze stark zu- 
gesetzt. Gesicht und Hände waren vom Schneebrsmä 
schwarzbraun geworden und geschwollen. Ein gelindes 
Fieber war die natürliche Folge dieser Entzündizflg, 



*) Siehe Jahrbuch des S. A. C. III, pag. 47 und „Aus der 
Firnenwelf*, neue Folge, Leipzig, Liebeskind, pag. 1 77 u. s. f. 

**) Würde vielleicht besser aper geschrieben vom 
lateinischen apertus. 



. Montavon. 155 

m welche ed, &o weit meine und meiner Fi*eande 
[bnmg reicht, ein wirksames Schutzmittel nicht 
ibt, tto dass ich mich längst daran gewöhnt habe, 
gleich einem unvermeidlichen Elementarereigniss 
r mich ergehen zu lassen. 

Wie sehr verschieden das Maass der körperlichen 
.md geistigen Widerstandsfähigkeit ist, je nachdem 
MU oder Hitze herrscht, hatte ich in der Folge 
Gelegenheit zu erproben. 

Bei der Besteigung des Fluchthorns, gegen welche 
die Toiur auf den Buin in Bezug auf Anstrengung 
inA Ausdauer ein wahres Kinderspiel war, bei welcher 
wir aber anhaltend kaltes Wetter hatten, conservirten 
ach meine geistigen und körperlichen Kräfte viel 
besser als am Tage der Buinbesteigung, nach welcher 
iäi physisch und moralisch sehr abgespannt und so 
ZD sagen demoralisirt war. 

Wer Jen Vermuntpass überschreitet, kann mit 
einem Mehraufwand von circa zwei Stunden den grossen 
Buin leicht besuchen. 

Die Unterkunft auf der Grossvermuntalpe ist sehr 
freimdlich und so gut, als man sie auf einer Hoch- 
alpe eben verlangen kann, üebrigens will der jetzige 
Pächter (der berühmte Passeirer Jock', «Pfitscher» ist 
schon längst weggezogen) ein Touristenhaus auf der 
Bielerhöhe bauen, wodurch das Bedürfniss nach einer 
Glnbhütte daselbst wegfällt. 

Mit dem Abgang Kleboth's, welcher mit unserem 
fussleidenden Gefährten am nächsten Morgen thalaus 
20g, fiel fftr einmal wieder der Plan, aufs Fluchthorn 
2a steigen, dahin. 



156 V. Pfister, 

Wir übrigen Drei "beschlossen daher , die YalaU| 
spitze (2810°^)*) zu ersteigen, welche als domiiiirendl( 
Gipfel üer kleinen Gruppe zwischen Zeinisjoch uili 
Bielerhöhe entragt und deren schlankes, dreizackigol 
Hörn dem Wanderer, welcher das Montavon darch^ 
zieht, häufig als imposanter Thalschluss erscheint, bä 
im Thalkessel von Pattenen sich ihre ganze wilde PracM 
vor seinen Augen entfaltet. 

TalfiUaspltze. 

Die ValüUaspitze ist neben der Ballunspitze unH 
streitig die schönste und pikanteste Bergform ihres Ge- 
bietes und lockt schon dadurch zur Besteigung, ab- 
gesehen davon, dass ihre nach Süden vorgeschobene 
und nach allen Richtungen freie Lage ihr" eine herr- 
liche Rundschau sichert. Sie wird nicht häufig und 
dann meist von Nordwest aus bestiegen, auch wenn 
man von Galthür kommt, in welchem Falle, man ihre 
Nordseite umgeht. 

Als wir am Morgen des 7. Juli 1876 nach etwa 
einstündigem Anstieg über die Rasenhänge oberhalb 
der Bielerhöhe uns am Fusse der kleinen ValüUaspitze 
befanden, schien uns der direkte Anstieg von Süden 
so leicht und einladend, dass wir beschlossen, auf die 
anscheinend zeitraubende Umgehung nach .der uns 
ebenfalls fremden Nordwestflanke des Berges zu ver- 
zichten und den Stier bei den Hörnern zu fassen. ' 
Die steile, noch tief mit Winterschnee ausgefüllte 
Mulde zwischen der kleinen und grossen ValüUaspitze 
wurde auf halber Höhe durchquert und der Aufstieg 

*) Flammspitze der österreichischen Generalstabskarte. 



Montavon, 



157 



jh's Gestein begonnen. Dieser zeigte sieh dann als- 
Id schwieriger als wir gedacht. Die Südseite der 
Uflllaspitze wird von lauter Platten, Felsköpfen und 
ibsätzen gebildet, welche mit Rasenbändem durch- 
Lsen and mit kleinen Grasbüscheln besprenkelt sind. 
Fielfach tritt faules, haltloses Gestein zu Tage, das 
aber zur Bildung von gangbaren Runsen und Schutt- 
[lalden desshalb nicht bringt, weil bei der grossen 
['Steilheit der Hänge alles losgelöste Material in die 
Tiefe stürzt und erst dort einen hohen förmlichen 
^huttmantel um den Fuss des Berges bildet, welcher 
indessen nicht zur Höhe der rechts und links an- 
schliessenden Bergrücken heraufreicht. 

Die oben erwähnten Rasenbänder lassen sich nirgends 
«nf längere Strecken verfolgen, sondern brechen jeweilen 
nach wenigen Schritten wieder ab. Unter solchen 
Umstanden war unsere Aufgabe ebenso einfach im 
Prinzip als mühselig in der Ausführung. 

Es galt eben, jede praktikable Stelle zur Gewinnung 
an Höhe auszunützen und jede unpraktikable Stelle 
möglichst kurz zu umgehen. 

Stets mit Händen und Füssen arbeitend und jeden 
Griff und Tritt in Rasen und Gestein sorgfältig 
wählend und prüfend, kletterten wir hinan. 

Ich erfuhr wieder einmal so recht, mit wie wenig 
Raum der Fuss sich begnügen kann, wenn er muss. 

Auf schmalem Rasenbüschel stehend, den Rücken 
gegen die Wand gedrückt, schöpften wir von Zeit zu 
Zeit Athem, während das Auge, ungehemmt in die 
Tiefe schweifend, erst in der einige Tausend Fuss 
onter uns liegenden Thalsohle einen Rahepunkt fand. 



158 V. Pfister, 

Wir waren schon hoch hinauf gelangt, als plötz- 
lich alles weitere Vordringen abgeschnitten schien. 
Das Grasband, welches wir verfolgt hatten, verlief 
plötzlich horizontal in einer glatten, steilen Platte 
und setzte erst jenseits derselben wieder fort. Ueber 
und unter uns war nur senkrechter Fels und kein 
anderer Ausweg zu erspähen. Entweder hinüber oder 
zurück war die Losung. 

Bei näherer Prüfung der wegversperrenden Platte 
zeigte sich glücklicherweise in deren Mitte ein zapfen- 
artiger Yorsprung frei herausragend und eben gross 
genug, um einem Fusse Stand zu bieten. 

Den Stock an einen Genossen abgebend, das Ge- 

• 

sieht gegen die Wand gekehrt und mit beiden Händen 
festen Halt am obem Rande der Platte fassend, machte 
der Vormann den luftigen Tritt nach dem Zapfen, 
wechselte dort vorsichtig den Fuss und gewann mit 
einem zweiten Tritt wieder sicheren Rasen. 

Die andern Beiden folgten in gleicher Weise. 

Drüben ging's wieder mit allen Vieren kletternd 
weiter wie zuvor, und endlich um 12 Uhr Mittags 
erreichten wir die östliche Gipfelzacke. 

Dieselbe trug eine sehr verdächtige Schneehaube, 
neben welcher nur für einen Mann Raum blieb. Wir 
wählten daher zum Rastplatz eine Stelle unterhalb 
derselben, wo drei Felsblöcke uns comfortabeln Sitz 
boten, wenn auch die Füsse frei über dem Abgrund 
baumeln konnten, und besuchten nur Einer nach dem 
Andern, auf schneidigem Grat rittlings hinaufrutschend, 
den freien Rundblick bietenden Gipfel. 

Die Aussicht war entzückend. Frei schweift das 



Montavon, 159 

Auge über die Silvrettagruppe , aus welcher grosser 
Buin und Fluchthorn besonders imposant hervorragten, 
hinweg nach den südlicheren Firnketten des Oetzthales, 
des Ortler und der Bernina , deren letzte Coulissen 
Ton Wolken theilweise verhüllt waren. Daran schliessen 
sich die Adulagruppe , die Hinterrheinthaler- und 
Glarnerberge mit dem allgewaltigen Tödi, die Chur- 
fiiBten und die Appenzelleralpen, aus deren Mitte der 
Sentis herübergrüsst. 

Breit und- stattlich, sich der Durchsicht nach dem 
Bodenseebecken vorlagernd, dehnt sich der Rhätikon 
nit Scesaplana und Zimpaspitze aus. Ihm reihen 
sich die Gipfel des Klosterthaies und der Verwall- 
grappe an. Rothe Wand, Kalter Berg, Platteriol und 
Kachenspitze treten besonders hervor. Die entfernteren 
Cooüssen bilden die Kalkschrofen des Bregenzerwaldes 
vod des Allgäus. Nach Osten schliessen Lechthaler- 
berge, Wetterstein- und Karwendelgebirge die Rund- 
schau ab. 

Einen besondern Reiz gewinnt die YalüUaspitze 
dadurch, dass ausser einem Meer von Gipfeln fünf 
ziun Theil bewohnte und bebaute Thäler dem Auge 
sich aufthun, nämlich das Montavon, das Zeinisthal, 
das Pa%naun, das Vermuntthal und das Ochsenthal. 

Wir verweilten anderthalb Stunden auf dem Gipfel. 
Bevor wir den Rückzug antraten, deponirten meine 
Gefährten noch unsere Karte in der Flasche auf dem 
mittleren Gipfel, in welcher sich u. A. auch die Karte 
des Verfassers des trefflichen Tyrolerführers, Traut- 
wein aus München, vorfand. Es war mir sehr interessant, 
später von demselben zu hören, dass er seiner Zeit 



i 



160 V. Pfister. 

ganz denselben Weg wie wir gemacht hatte und auch 
4ie Platte mit dem Zapfen passiren musste. Er stiimat 
mit uns darin überein, dass der einzige Zugang vob 
Sttden nur über diese Stelle führe. 

Der Abstieg kostete uns bei der erforderlichen 
Vorsicht und Behutsamkeit nahezu ebenso viel Zeit 
als der Aufstieg. Ein unerfreulicher Zwischenfall war 
die Begegnung mit einer Kupfernatter in einem Revier, 
wo wir noch geraume Zeit fast bei jedem Tritt unsere 
Hände fest in jede Spalte oder jeden Grasbüschel zu 
bohren hatten. Der unheimliche Gast endete zwar 
sofort unter den Streichen des Bergstockes, aber die 
Zuversicht, mit welcher wir bisher nach jedem Halte 
gegriffen, war doch etwas erschüttert. 

Der Abwechslung halber gingen wir nicht wieder 
unter der kleinen ValüUaspitze durch , sondern wählten 
zum weiteren Abstieg eine der Kehlen, welche das 
Wasser in den Schuttmantel , der den Fuss des Berges 
umgibt, gerissen hat. 

Auf dem noch reichlich eingebetteten Winterschnee 
rückten wir rutschend und springend rasch zu Thal, 
dessen Sohle wir um 5 Uhr Abends wieder betraten. 
Ein eben ausbrechendes Gewitter zwang uns, Schutz 
in einer durch herabfallende Gneissblöcke gebildeten 
Höhle zu suchen , welche mich lebhaft an die Gebilde 
der Baretta-Balmen im Vernelathale erinnerte. Da wir 
uns nunmehr im sogenannten Kleinvermuntthale be- 
fanden, hatten wir erst noch die Bielerhöhe zu pas- 
siren. Um 6 Uhr 45 Min. trafen wir wieder in der 
Hütte im Gross vermunt ein. 

Freunden von Kletterpartien , welche auf der Ver- 



I i 

a- a 



Montavon. 161 

mimtalpe liegend einen Tag übrig haben, mag die 
Besteigung der ValüUaspitze auf dem eben beschriebenen 
Wege bestens empfohlen sein. Sowohl die interessanten 
Formen des Berges selbst, als die hen'liche Rundschau 
werden sie für den Aufwand an Mühe und Zeit rei h- 
lich entschädigen. 

Andern Morgens früh 6 Uhr verliessen wir die 
gastfreundliche Alphütte. Meine Gefährten statteten 
noch dem Hochmaderer (2821 ^) in der Kette zwi- 
schen dem Vermunt- und Gannerathal einen Besuch 
ah. Meine Zeit war um. Da, wo der Cromerbach 
sich schäumend in die 111 ergiesst, trennten wir uns. 
Sie stiegen links hinan; ich zog durch das im Alpen- 
rosenschmnck glühende, bachdurchrauschte Schweizer- 
Vermunt hinaus der Hölle zu. Dort schaute ich, auf 
schwellendem Moospolster gelagert, eine halbe Stunde 
dem Stürzen und Branden der beiden grossen lUfälle 
zü, welche die enge Schlucht mit betäubendem Ge- 
töse und feinem Wasserstaub erfüllen und langte nach 
gemächlichem Marsche Nachmittags 4 Uhr wieder in 
Schruns an. 

Fluchthorn.*) 

Zum ersten Male im Jahre 1873 erwachte in mir 
lind einigen meiner Freunde der Gedanke einer Be- 
steigung des Fluchthorns, welches damals unseres 



*) In der Folge sind die Höhenangaben des schwei- 
zerischen topographischen Atlasses durch die Beifügung 
»S. T. A.** und jene der neuen österreichischen Mappkung 
^^ach die Beifügung „ N. ö. M. •* gekennzeichnet. 

11 



162 V. Pfister. 

Wisseüs seit Weilenmanns erster Ersteigung nicht 
Frieder von Touristen betreten worden war. Liegt 
doch der Berg in gar einsamem und entlegenem Ge- 
biet, weit ab Yon der Heerstrasse, welche touristische 
Gewohnheit durch die Silvrettagruppe gezogen hat und 
welche nur deren westliche Theile berührt. 

Ein eigenthümlicher Unstern waltete über unserem 
Vorhaben. Unwetter und Missgesejiicke aller Art ver- 
eitelten stets unsere wiederholten , bald vereinzelt, bald 
gemeinsam unternommenen Angriffe. Einmal wurde bei 
solcher Gelegenheit von zweien meiner' Freunde das 
Pseudo-Fluchthorn Weilenmann's (3186 "^ S. T. A.; 
auf der österreichischen Generalstabskarte < Krone » 
genannt und mit 3174. ™ beziffert) erstiegen. Sie fielen 
demselben Irrthum zum Opfer, in dem auch Weilen- 
mann zuerst befangen war. 

Anderen Tages wiederholte der Letzte, welcher 
von unserer zu Vieren ausgezogenen Gesellschaft übrig 
blieb, den Angriff auf das ächte Fluchtho;*n. Nebel 
und Regen zwangen ihn auf halber Höhe zur Umkehr. 
So war für uns der dritte Sommer unserer Nach- 
stellungen nach dem uns feindlichen Gesellen ge- 
kommen. 

Finster und abschreckend hatte das kühne Hörn 
mich angemuthet, als ich es vom Piz Buin aus zum 
ersten Male in solcher Nähe musterte. Zwar wusste 
ich, dass etwa acht Tage nach meinem ersten ge- 
scheiterten Versuch im Sommer 1873 Weilenmanns 
vielgenannter Freund Specht aus Wien mit einer Ge- 
sellschaft das Ziel erreicht und auch Herr Frühmesser 
Battlogg aus Gaschurn den Gipfel wiederholt bestiegen 



Montavon. 163 

habe, aber nichtsdestoweniger beschlich mich in der 
Ermattung jenes heissen Julitages etwas wie Genug- 
thuung daraber, dass der beabsichtigte Angriff mit 
meinen damaligen Gefährten durch die Schneeblindheit 
unseres Führers Kleboth vereitelt wurde. Beinahe hätte 
ich innerlich feierliche Absage von jedem weitern An- 
schlag auf das furchtbare Zackengebilde gethan und 
dem Fluchthorn für immer Urfehde geschworen. Und 
doch! und doch! Kaum wieder im Thal, erwachte 
wieder die alte Begierde, das feindselige Hörn doch 
zu ersteigen, den Erfolg ihm endlich abzutrotzen. 

Dieselbe Stimmung beseelte auch meine Freunde 
draussen im Reich, und so sah mich denn der Abend 
des 9. September 1876 mit einem derselben wieder 
im freundlichen Gasthaus zum Rössle in Galthür, .dem 
obersten Dorfe im Paznaun, während ein anderer zur 
selben Zeit aus dem Unterengadin herüberkommen sollte. 

Auf dem Zeinisjoch hatten wir ziemlich viel Neu- 
schnee angetroffen und der spärliche Morgensonnen- 
schein war bald einem beharrlichen Regen- und Schnee- 
gestober gewichen. Wir waren überzeugt, dass es 
unserem Freunde nicht gelingen werde, bei solchen 
Verhältnissen den Uebergang über den Futschöl- 
oder Vermuntpass zu erzwingen und dass unser An- 
schlag auch diessmal wieder erfolglos verlaufe. Doch 
siehe ! Kaum zehn Minuten waren wir unter dem Dach 
des Rössle , da öffnet sich die Thüre der Wirthsstube 
und herein tritt, triefend von Wasser und sehr er- 
müdet vom mehrstündigem Schneewaten auf dem Glet- 
scher, der sehnlich Erwartete mit dem bekannten 
Klosterser Führer Christian Jann. 



164 V, Pfistei', 

Herr Frühmesser Franz Jos. Battlogg in Graschurn, 
der kühne und eifrige Besteiger der Berge seines Re- 
viers und hereitwillige Rathgeber für die dasselbe be- 
tretenden Fremden, hatte uns, wie bei unseren früheren 
Versuchen, auch diessmal wieder seine Führung und 
Begleitung in der liebenswürdigsten Weise zugesagt, 
obwohl er erst einen Monat zuvor bei herrlichem Wetter 
auf dem Fluchthorn verweilt hatte. Bei diesem An- 
lasse hatte er einen wesentlich kürzeren und besseren 
Anstieg aus dem Jamthal, als der bisherige, aus- 
gekundschaftet, den er uns zu führen versprach. 

Der kommende Tag war ein Sonntag. Da geist- 
liche Amtsverrichtungen den Herrn Frühmesser in 
Gaschurn Vormittags festhielten, durften wir ihn vor 
Abend in Galthür nicht erwarten. 

Unser sonntägliches «Stillleben in Galthür > war 
wirklich angenehmer als jenes, welches uns Weilen- 
mann so humoristisch schildert. Zwar hielt uns die Un- 
beständigkeit des Wetters, welches zwischen Sonnen- 
schein und Schneegestöber in jähen Sprüngen abwechselte, 
in steten Sorgen und Zweifeln, ob der ersehnte geistliche 
Führer das Wetter für hinreichend gut halten und zum 
Stelldichein erscheinen werde, oder ob auch dieser, 
vermuthlich letzte Versuch , endlich das Fluchthorn zu 
erreichen , erfolglos bleiben werde ; aber der erträglich 
schöne Morgen gestattete uns doch einen Spaziergang 
auf den obersten Absatz unter der Spitze des Gorfen 
und im Uebrigen befanden wir uns in guter, reinlicher 
und freundlicher Pflege. 

Als es aber acht Uhr Abends vorüber war und die 
Nacht einbrach, ohne dass Battlogg erschien, da ver- 



Montavon. 165 

achteten wir schweren Herzens auf ihn und auf unser 
Vorhaben. Glücklicherweise zu früh! denn nach neun 
Uhr noch erschien der Ersehnte mit einem schlanken 
Tierzehnjährigen Knaben seines Dorfes als Begleiter. 

Sein Beruf hatte ihn länger als erwartet aufgehalten. 
Jubel und Freude war nun gross im Rössle zu Gal- 
thür und in Eile wurde das Nöthige für den kommenden 
Tag besorgt. 

Was von unserem Gepäck überflüssig war, sollte 
durch einen vom Wirth zu bestellenden Träger auf die 
Höhe des Futschölpasses gebracht und daselbst unter 
Beisteckung eines Stabes als Signal einen Büchsenschuss 
links vom Sattel deponirt werden , damit wir es Abends 
mitnehmen konnten. 

Wir nahmen nur das für die Besteigung Erforder- 
liche an warmen Kleidern, Karten und Proviant mit. 

Als wir nach wenigen Stunden mehr oder minder 
erquicklicher Nachtruhe um 3 Uhr Morgens am 11. Sep- 
tember uns zum Aufbruch rüsteten, strahlte der Himmel 
im reinsten Sternenglanz. 

Ueber die frischbeschneiten Berghänge und das 
stille Dorf auf grünem Wiesenplan goss der Mond sein 
volles , mildes Licht, das sich im rauschenden Jambach 
tausendfältig glitzernd brach und einen schönen Con- 
trast zu dem röthlichen Lampenlicht bildete, welches 
durch die Fensterscheiben des frühgestörten Wirths- 
hanses schimmerte. 

Um 4 Uhr 15 Min. setzten wir uns in Bewegung. 
Wiese und Weg waren hart gefroren. Rasch kamen 
wir vom Fleck. Schon nach 27* Stunden hatten wir 
die innerste Hütte im Jamthal, auf der Ziegler^schen 



166 V. Pfister. 

Karte des Unterengadins « Schnapfentaie > genannt, er- 
reicht *). 



*) Auf der neuen österreichischen Generalstabskarte, 
Blatt „lllursprung**, ist die Hütte am rechten Ufer des Baches 
und weiter aussen im Thal „ Schnapfenthaje " genannt, die 
innerste Hütte aber ebenso wie auf Blatt XY des S. T. A. 
unbenannt geblieben. Bei diesem Anlass kann ich nicht 
umhin, auf die mannigfachen Verschiedenheiten in der 
Nomenclatur der österreichischen und schweizerischen Gre- 
neralstabskarte hinzuweisen. Nicht nur trägt ein und das- 
selbe Objekt oft zwei ganz verschiedene Namen, sondern 
häufig ist auch ein und derselbe Name auf ganz ver- 
schiedene Oertlichkeiten bezogen und gerade das führt leicht 
zu Verwirrungen und Missgriffen. Beispiele zu zitiren, würde 
hier zu weit führen. Jede aufmerksame Vergleichung der 
Karten ergibt deren in Fülle. Es ist leider auf beiden 
Seiten mitunter etwas einseitig und willkürlich vorgegangen 
worden. Es sollte nicht allzuschwer halten, in den Grenz- 
kämmen sich über gleichartige Benennungen zu verständigen. 
Da, wo diess nicht möglich ist, weil bei den verschiedenen 
Bevölkerungen verschiedene Namen für dasselbe Objekt sich 
bereits eingebürgert haben, könnten beide Namen aaf der 
Karte vermerkt werden. Im Uebrigen erscheint es aber natür-- 
licii, dass mit der Landesgrenze auch die autonome Namen- 
gebung ihre Grenze finde und jeder Nachbar die auf des 
Andern Gebiet eingeführten Namen auch seinerseits voll und 
ganz adoptire. 

Was die Zeichnung des Fluchthorns und des Hinter- 
grundes des Jamthals überhaupt betrifft, so ist dieselbe am 
wenigsten korrekt auf der Ziegler'schen Karte des Unter- 
engadin (1 : 50,000) , besser auf Blatt XV des S. T. A. und 
am getreuesten auf Blatt lUursprung der österreichischen 
Generalstabskarte, so wenig ansprechend auch die ganze 
Manier dieser letztern besonders für nicht an sie Gewöhnte 
ist. Neben manchen Fehlern und Irrthümern findet man 
gerade in diesem Kartenwerke oft eine solphe Genauigkeit 



«Aj. «-1 



Moniavon, 167 

Die Hotte ist durch, die Unbill des Winters zer- 
stört worden. Wohl uns, dass wir sie nicht, wie in 
Erwägung gezogen, zum Nachtquartier gewählt hatten. 
Im Hinblick auf den werthvoUen Vorsprung, welchen 
eine Hütte an dieser Stelle dem Besucher des hinteren 
Jamthales einräumen würde, ist es sehr zu bedauern, 
dass dieselbe nicht wieder aufgebaut wurde. 

Grleich hinter der Hütte hinauf zieht sich der Pfad 
Aber die Bergecke, um welche das Jamthal seine starke 
Biegung nach Osten macht , während in nächster Nähe 
der imx>osante Gletscherzirkus des Jamthaler Ferners 
das Thal nach Süden zu abschliesst. Eine Reihe schön 
geformter Spitzen entragt dem Firn. Unbenannt und 
wibegangen, und doch Alle mehr als 3000 ^ hoch, 
harren sie noch des pfadsuchenden Clubisten. 

Nachdem er die Bergecke tiberstiegen, lenkt der 

Weg nach dem Futschölpass in einen hochgelegenen 

Trummerkessel , in welchem der Bach fast eben dahin 

fliesst. Einzelne mehr als hausgrosse Gneissblöcke 

liegen zerstreut umher. Zur Rechten vor dem Be- 

schauer erheben sich die wilden Wände des August- 

herges, zwischen schwarzen Klippen blauschimmernde 

Hanggletscher herabsendend. In fast gerader Rich- 

^«ng erscheint die tiefe Depression des Futschölpasses 

/2767 "» S. T. A.\ , u . „. ^ . 

l27ßl m 1^ A M ) ' ^^ welcher der Hintergrund des 



m den Details der Terraingestaltung, dass selbst dieDufour'sche 
^rte davon übertrofPen wird. 

Ich wiederhole aber, dass bei Benützung der Karten in 
jenem Q-renzrevier grosse Vorsicht bezüglich der Nomen- 
clatnr zu empfehlen ist. 



^ 



168 V. Pfister, 

Thaies sanft hinansteigt. Stolz und gewaltig ragt zur 

Linken des Passes die Krone 1 ^,^, ^x >^ ..-- I, das 

\3174«^N. 0. M./ 

Pseudo-Fluchthorn Weilenmann's empor. Ein sonder- 
barer, fledermausartiger Kopf krönt die ebenmässige 
Pyramide , neben deren massiger und geschlossener Ge- 
stalt der nahe zersägte Grat links davon, dessen Gipfel 
unter sich fast gleicher Höhe zu sein scheinen, an Be- 
deutung allerdings zurücktritt. Und doch ist dieser in 
eine längere Kette aufgelöste Grat, der über einem 
mehr als tausend Fuss hohen Moränenwall, umgürtet 
von einem schmalem Gletschersaume, thront, und zwar 
sehr interessant, aber durchaus nicht abschreckend 
aussieht, Niemand geringeres als der Beherrscher des 
Gebiets und Mitregent des Linard in der Silvretta- 
gruppe — das Fluchthorn. Wahrlich, wer Form und 
Lage des Fluchthorns nicht genau kennt , ist sehr der 
Gefahr ausgesetzt, den König mit der «Krone» zu 
verwechseln. 

Wir waren gut berathen und unser Weg entrollte 
sich unter der Erläuterung unseres geistlichen Führers 
klar und natürlich vor unseren Augen. 

Erst war der hohe Moränenwall zu ersteigen und 
da ein direkter Angriff bei der steilen Böschung und 
dem haltlosen Material sehr ermüdend und zeitraubend 
sein muss, wird der gut gangbare, theilweise noch mit 
Rasen bewachsene Berghang zu unserer Linken er- 
stiegen, von welchem aus wir ebenen Weges auf die 
Moräne gelangen. Von dort gilt es, den nördlichen 
der beiden vom Fluchthorn nach Westen sich hinab- 



Montavon, 169 

ziehenden Gletscher*) zu tibersteigen, um den eigent^ 
Men Fuss des südlichsten und höchsten Thurmes des 
Flnchthornes zu gewinnen, welch^ letzterer alsdann 
wobl oder übel zu erklettern ist. 

Ist man erst über den Berg selbst einig , so ist die 
Richtung des Anstiegs nicht zu verfehlen und es bleibt 
onyerständlich , wesshalb nicht schon die erste Be- 
steigung aus dem Jamthal auf diesem Wege bewerk- 
stelligt wurde, wenn man sich nicht vergegenwärtigt, 
dass PöU, welcher zuerst Herrn Battlogg hinauf- 
geleitete, begreiflicherweise den ihm vertrauten Weg 
allen Experimenten vorzog und dass der letztere seiner- 
seits ein Gleiches that, um so mehr, als die Besteiger 
nicht immer mit dem erforderlichen Gletscherzeug aus- 
gerüstet waren und auch aus diesem Grunde den Glet- 
scher lieber umgingen. 

So ging man denn bisher stets bis nahe an den 
Fntsehölpass und dann an der Krone vorüber, durch 
eine Lücke des Felssporns, welcher die beiden Glet- 
scher am Westhang des Fluchthorns trennt, auf den 
oheren Gletscher, wo beide Wege sich vereinigen. 

Wir verhessen nunmehr den Passweg und betraten 
um 8 Uhr 30 Min. den Moränenwall, zwei Stunden 
nachdem wir die Schnapfenthaje im Thalhintergrunde 
passirt hatten. Jetzt nach 4 7^ stündigem Marsch that 



*) Auf der österreichischen Generalstabskarte sind diese 
beiden Gletscher sehr nnglücklich „ Jamthalergletscher " ge- 
nannt, was zn Verwechselungen mit dem grossen „Jam- 
tAlerferner ** führen mnss. Oberer (nördlicher) nnd unterer 
(südlicher) Fluchthorngletscher wäre jedenfalls eine bessere 
Bezeichnung gewesen. 



170 V. PfisUr, 

uns eine Rast von 20 Minuten an dem Rinnsal des 
Gletscherabflusses sehr wohl. 

Den nördlichen der beiden Gletscher, welchen wir 
nunmehr beschritten, fanden wir reichlich mit Neu- 
schnee bedeckt und ziemlich spaltenfrei ^ so dass wir 
das zeitraubende Seil bei Seite lassen konnten. 

Je näher man der Steilwand des Fluchthorns 
kömmt, desto steiler wird auch der Hang des G-let- 
schers, so dass man zur Erreichung der obersten 
Firnterrasse sich gerne eines Felsspornes bedient, 
welcher von dem die Gletscher trennenden Haaptgrat 
nach Westen abzweigt. *) 

Nach Verlauf von 2 Stunden 40 Min. nach Betreten 
des Gletschers war auch dieser Terrainabschnitt über- 
wunden. Der tiefe und weiche Neuschnee hatte den- 
selben unverhältnissmässig zeitraubend und anstrengend 
gemacht. Einmal nur waren bei Umgehung einer grossen 
Spalte ein Dutzend Stufen in^s blanke Eis und das Seil 
als Handstütze nöthig geworden. Die Steigeisen, die 
wir bei uns hatten, hätten uns an dieser Stelle gute 
Dienste leisten können, aber einmal am Eishang kle- 
bend , konnten wir sie nicht mehr anziehen und zuvor 
und nachher brauchten wii* sie nicht. Wenn der Glet- 



*) Auf der Österreichischen Generalstabskarte, sowie 
auch auf der Ansicht des Fluchthorns, welche dem H^ahr- 
buch des S. A. G. 1867/68 als Titelblatt beigegeben ist, ist 
dieser Felszug sehr wohl ersichtlich. Auf dem Bilde stei^ 
derselbe in der Mitte des (nördlichen) Gletschers gegen den 
Fluchthorngipfel zu senkrecht aus dem Nebel empor. Af 
Blatt XV des S. T. A. und der Ziegler'schen Karte fehlt 
dieser Felszug. 



Montavan, 



171 



)er schneefrei ist, dürften Steigeisen fast unentbehr- 
Kch sein, wenn man nicht endlose Zeit mit Stufenhauen 
rertrödeln will. 

Wir befanden uns nun dicht unter dem südlichsten, 
[ochsten Gipfel , welcher sich nur noch etwa 170 Meter 
jber den schmalen und kurzen Schneesattel erhob , auf 
m wir standen.*) Es war 11 Uhr 30 Min. Der 
[immel, am Frühmorgen noch im Sternenglanz pran- 
|end, hatte sich zusehends bewölkt. Zwar hatten wir 
foch in bedeutender Höhe unser Auge weit über das 
ripfelmeer im Süden und Westen schweifen lassen 
tonnen , allein wir gönnten uns keine Zeit dazu. Unser 

inzes Streben war auf die Erreichung des Ziels und 
len GenuBS der Rundschau von oben gerichtet. Nun 
katten dichte Nehel selbst die nächstliegenden Berge 
»erhüllt und auch unser Gipfel steckte in einer Nebel- 
tappe. Ein eisiger Wind wirbelte weisse Flocken uns 

i's Haupt. Es verstrich eine Viertelstunde, bis wir 

18 durch einen Schluck Wein und etwas Nahrung 
gestärkt und auch unser übriges Gepäck bis auf den 
^laid, die dicken Fäustlinge und die ohrenwärmende 
^ipfelhaube abgelegt hatten. 

Um 11 Uhr 45 Min. brachen wir zum eigentlichen 
^Angriff auf das letzte und festeste Bollwerk des Un- 
holds auf. Rechts vom Sattel führte unser Weg erst 
tber ein ziemlich schmales Gesimse und einen kleinen 



*) Dieser Schneesattel ist auf der Ziegler'schen Karte, 
ebenso wie auf Blatt XV des S. T. A. ziemlich gut erkennt- 
lich, nur ist auf letzterem der Gipfelpunkt des Fluchthorns 
auf demselben angebracht, anstatt eines Messerrückens Breite 
weiter nördlich. 



172 V. Pfister. 

Felssatz hinauf, welcher unter gegenseitigem Beistand 
bald erklommen war. 

Ihm schliesst sich ein kurzes, nicht eben sym- 
pathisches Couloir an; aber oberhalb desselben wird 
der Pfad besser, lieber mit Neuschnee bedeckte, Ge- 
röUhalden ziehen wir uns wieder mehr nach links. Ans 
dem Nebel, welqher den tief unter uns liegenden Glet- 
scher verhüllt, erschallen menschliche Rufe. Sie müssen 
von dem Träger herrühren, welcher uns nachsteigt. 
Was der hier will, ist, uns freilich nicht klar. 

Immer dichter umwirbelt uns der Schnee, die 
letzte Hoffnung auf einen freien Blick vom Gipfel ist 
erloschen. Aber wenn man drei Jahre lang einem 
Berge nachgeht, dann kehrt man so nahe dem Ziele 
nicht um. Das mag eigensinnig sein, aber es ist 
menschlich. 

Unser geistlicher Anführer überlässt die Führung 
der T^te dem unermüdlichen Jann und birgt sieb 
vor dem Unwetter hinter einem grossen Felsblock. 
Nicht seinetwegen ; aber der Enabe, den er mitgebracht, 
macht uns längst Sorge. Frost, Erschöpfung und wohl 
auch Angst haben ihn leichenblass gemacht. Trotz der 
starken Anstrengung klappert er beständig mit den 
Zähnen. Da ist es allerdings klüger, dass er unter 
dem Schutze des erfahrnen Mannes zurückbleibe. Wir 
dringen unterdessen langsam voran, stets mit Händen 
und Füssen Halt in dem tiefen, weichen Schnee suchend. 

Unser Hauch überzieht bei dem schneidigen Wind 
längst unsere Barte mit einer eisigen Kruste. Der 
überall an den Kleidern anfrierende Schnee gibt uns 
das Aussehen von Eisbären. Hätten wir unsere dicken 



Montavon, 173 

Rnstlinge nicht, es wäre übel um uns bestellt. End- 
lich haben wir jenes Felsenriff in der Mitte eines 
fingern steilen Couloirs erreicht, 7on welchem auch 
Weilemnann spricht *) und schöpfen eben etwas Athem, 
^ tont aus der Tiefe die Stimme des Frühmessers, 
« sei schon spät, so langsam, wie wir jetzt vorwärts 
iamen, brauchten wir noch zwei Stunden bis zum Gipfel. 
Wir sollten umkehren , da wir riskiren , mit dem Ab- 
stieg in die Nacht zu kommen. 

Einen Augenblick wurden wir schwankend, aber 
weit konnten wir vom Ziele nicht mehr entfernt sein, 
^ zeigte die ganze Configuration unserer Umgebung. 

Nach so vielen erfolglosen Versuchen abermals 
fflit langer Nase abzuziehen, das wäre doch zu bitter 
gewesen. 

Jann und einer der Gefährten beharrten fest auf 
dem Entschluss, noch weiter emporzusteigen; zudem 
war es erst 1 Uhr, ein Stück weit konnte man immer 
noch vordringen, bis endlich die Distanz, die uns 
noch vom Gipfel trennte, zu übersehen war. Also 
vorwärts ! 

Bis über die Hüften steht Jaun im Schnee und 
schafft mit seinem Beil einen Durchhieb durch eine 
dicke Schneegewächte, welche den Weg sperrt. Mühsam 
klimmen wir den steilen Hang, an welchem der Schnee 
witer jedem unserer Tritte abrutscht, hinan, zwängen 
^s durch die Schneewächte und siehe da ! — jenseits 
Äof einem kleinen Zacken steht Jann's untersetzte Ge- 
sUlt, mit ausgespreizten Beinen, mitten im Nebel und 



*) Siehe Jahrbuch des S. A. C. 1867/68, pag. 194. 



174 V. Pfister. 

Schneege Wirbel schier gespenstig anzuschauen. Er hati 
den Gipfel erreicht und in wenigen Minuten sind wir; 
bei ihm und verkünden den unten Harrenden durch 
ein lautes « Hurrah > den frohen Augenblick. Es war 
1 Uhr 15 Min. Vom Sattel am Fusse des Horns 
haben wir 1^/2 Stunde und von Galthür exakt 9 Stunden 
gebraucht. 

Langen Bleibens ist hier in dem Unwetter nicht 
Das Fluchthorn ist mir eben so unhold als der Piz 
Linard. Nicht drei Schritte weit ist ,zu sehen. Ich 
bescheide mich aber in der Erinnerung an die herrliche 
Rundschau vom Schwarzkopf und vom Piz Buin und 
freue mich des errungenen Sieges. Die Flasche ist 
bald aus dem Steinmann hervorgeholt und nimmt 
unsere Karten auf. Diejenigen unserer Vorgänger zu 
mustern, fehlt uns die Müsse. Es sind deren etwa 
zehn. Jene des Herrn Specht befindet sich zweimal 
darunter. Der Gipfel des Fluchthorns bildet ein kleines 
klippiges Plateau, in dessen Mitte auf erhabenem 
Block der Steinmann steht. 

Nach nur viertelstündigem Verweilen beginnen wir 
den Rückmarsch. Nie habe ich die Wahrheit des 
alten Bergspruchs 

„Hinauf hilft bloss ein Heiliger, 
Hinunter helfen sie Alle!" 

so sehr erprobt, wie an diesem Tage. Halb tretend, 
halb rutschend geht es durch den Schnee hinab. In 
wenigen Minuten sind die Zurückgebliebenen erreicht 
und eine halbe Stunde nach Verlassen des Gipfels sind 
wir wieder auf dem Sattel. 



Mantavon. 175 



1 Jetzt wissen wir, was der Träger, dessen Johlen 
wir gehört , hier gethan hat. Entweder aus einfacher 
Dummheit oder aus besonderer Klugheit, weil er im 
Nebel des Futschölpasses nicht sicher war, war er 
unseren Sparen gefolgt und hatte unser ganzes Gepäck 
hier, deponirt. Mit sauersüssen Mienen nahm Jeder 
seine Last auf, um sie bis auf den Futschölpass, drei 
Stunden länger als programmgemäss , zu tragen. Eine 
Bekognoszirung nach einem direkten Abstieg vom Sattel 
aof den tief unten liegenden südlicheren Gletscher liess 
ein derartiges Unternehmen bei dem herrschenden Un- 
wetter als unräthlich erkennen. Bei hellem Wetter 
dftrfte es keine grossen Schwierigkeiten darbieten. So 
folgten wir wieder unseren alten Fussstapfen bis in die 
Xähe einer Lücke in dem die beiden Gletscher tren- 
nenden Grate. Um 2 Uhr 45 Min. nahmen wir auf 
dem Gletscher Abschied von unserem liebenswürdigen 
geistlichen Führer und Begleiter und seinem jugend- 
lichen Gefährten, nicht ohne Ersterem unseren wärmsten 
Bank für die Aufopferung auszusprechen, mit welcher 
er uns nach so langen Mühen endlich zum Ziele ge- 
ftbrt hatte. 

Noch auf dem Gletscher, am Vormittag, hatten wir 
die Hoffnungslosigkeit des Wetters erkannt. Ein Wort 
aus dem Munde Battloggs hätte genügt , uns zur Um- 
kehr zu bestimmen und der Zahl der missglückten Ver- 
suche einen neuen, wahrscheinlich letzten anzureihen. 
Bass e r , für den ' der Berg unter diesen Umständen 
ja keinen Reiz hatte, uns zu Liebe dieses Wort nicht 
sprach, sondern Stunde um Stunde im Kampf gegen 
Wind und Wetter mit uns aushielt, bis zu einem 



176 V. Pfiiter. 

Pankt, wo wir Dicht mehr irren konnten, dafOr hatten 

wir aach allen Grand, ihm dankbar zn sein. 

Während er mit dem Knaben den Weg vom Morgen 
znrQck verfolgte, durchschritten wir die obenerwähnte 
Lücke nnd sahen nnn tief nnter ans den südlicheren 
Gletscher liegen. 

Stolz ragte Jenseits desselben die Erone empor. 
Wir stiegen anf die Endmoräne hinab nnd verfoigten 
sie bis znm jenseitigen Gletscherufer, welches dnrch 
einen Änsläofer der Erone gebildet wird nnd aus einem 
feinen, bröckeligen Schiefer besteht. Dasselbe über- 
steigend betraten wir bald die Endmorftne des kleinen 
Gletschers zwischen Erone nnd Fntschölpass , von 
welcher aas wir wieder anf den Passweg einlenkten. 
Um 4 Uhr 45 Min. überschritten wir das theilweise 
Tei^letscherte Passjoch und um 5 Uhr 35 Min. langten 
wir auf der Sohle des Val Urschai an. Unaufhaltsam 
marschirten wir thalanswärts. Bald nachdem wir die 
Alp Urschai hinter uns hatten, befiel uns die Nacht. 
Um 8 Uhr 30 Min. passirten wir Fettan und der 
Dunkelheit wegen der breiten vielgewundenen Fahr- 
strasse folgend erreichten wir iim 9 Uhr 55 Min. das 
wackere Hotel Piz Chiampatsch in Schnls nach acht- 
zehnstDndigem scharfem Marsch, während dessen wir 
zusammengerechnet fUnf Viertelstunden Bast genossen 
latten. 

Die nächste Mittagspost trennte uns. Meine Freunde 
ränderten dem Etscbthale zu, ich kehrte über den 
ief Terschneiten Flüelapass nach Hanse znrück. 

Mein nächster Weg wäre über Galthür und Zeinis- 
ocb gewesen. Der Wunsch, einmal die langentbehrte 



M&ntavon. 177 



f Gesellschaft zweier auswärtiger Freunde möglichst lang 
zu gemessen und andererseits auch die Gegend jenseits 
des Fntschölpasses kennen zu lernen, bestimmte mich 
jedoch, mit nach Unterengadin hinauszugehen. . 

In der Folge hatte ich Ursache, mir zu diesem 
Entschluss zu gratuliren , denn , wie mir Herr Battlogg 
später schrieb, wurde er in der Nähe der äussersten 
Hütte im Jamthal von einem Manne eingeholt, der 
ihn bat, ihm zu einer Sterbenden zu folgen. Ein 
jonges Mädchen war soeben aus einem Bergmaar ge- 
stürzt. Bereitwillig eilte der wackere Seelsorger zurück 
!md fand die Verunglückte übel zugerichtet. Jedoch 
gewann er bald die Hoffnung, dass sie nicht lebens- 
gefahrlich verletzt sei. Das Aechzen und Stöhnen der 
unglücklichen und der Anblick von Blut und Wunden 
im Zusammenfluss mit der Ermattung des Tages über- 
wältigten aber den braven Mann, so dass er ohn- 
mächtig zusammenbrach und sich erst nach einer Weile 
wieder erholte. Wenn das dem bergesfesten Manne 
geschah, was wäre aus mir geworden? 

Was nun die Schwierigkeiten betrifft, welche das 
Fluchthom dem Besteiger entgegenstellt, so ist nicht 
zu übersehen, dass sowohl Weilenmann als wir besonders 
ungünstige Wetter- und Schneeverhältnisse antrafen. 

Hat uns auch der tiefe Neuschnee den wesentlichen 
Dienst geleistet, dass er die losen Geröllhalden mit 
einer Schutzdecke überzog, welche das Abfallen und 
Losetreten von Steinen und damit die einzige Gefahr 
verhütete, welche dem Besucher des Fluchthorns be- 
sonders in zahlreicher Gesellschaft droht, so war er 
im Ganzen doch hinderlich und lästig. 

12 



1 



178 V. Pßster. 



Bei guten Verhältnissen dürfte das Fluchthorn nicht 
sehr viel schwieriger sein als der Piz Linard. 

Es ist eine Eigenthümlichkeit der Silvrettagruppe, 
dass ihre beiden höchsten Erhebungen, Linard (3416 ™) 
und Fluchthorn (3396 ™), am Südwestrand und Nordost- 
rand aus dem eigentlichen Gletscherrevier herausgerückt 
sind. An Grossartigkeit und Reiz der FormoD nimmt 
das Fluchthorn es mit jedem Rivalen auf. Die Rund- 
schau soll schöner als jene des Linard sein. Neidische • 
Nebel gönnten mir weder die eine noch die andere, 
so däss ich selbst nicht urtheilen kann. 

Bergfreunden, welche sich nicht damit begnügen, 
ein paar Allerweltstouren zu machen, sondern denen 
etyas daran liegt, ihre Excursionsgebiete wenigstens 
in den charakteristischen Hauptmomenten gründlich 
kennen zu lernen, sollten beim Besuch der Silvretta- 
gruppe nicht versäumen, auch das Fluchthorn zu be- 
steigen. An Führern ist nunmehr kein Mangel. Yon 
Vorarlbergern hat Herr Battlogg in der verdienst- 
lichsten Weise die Führer Rudolf Kleboth in Gaschnrn, 
Bitschnau in Schruns und Norbert Gapp in Bludenz 
mit dem Berge bekannt gemacht. Von Schweizer Seite 
ist Christian Jann in Klosters der Erste gewesen, 
welcher den Berg erstieg. Es ist auffällig, dass allem 
Anscheiij nach kein Schweizer Glubist seit Weilenmann 
das Fluchthorn vor uns bestiegen. Gehört der Berg 
doch zur Hälfte zur Schweiz, deren Grenze seinem 
Hauptgrat entlang läuft! 

Eine grosse Befriedigung überkam mich, nunmehr 
nach drei Sommern und nach Besteigung des Piz 
Linard, Schwarzkopf, Piz Buin, Valüllaspitze und 



Montavon, 179 

Flttchthorn meine Wanderungen in der Silvrettagruppe 
abschliessen und mich einem der vielen mir noch 
fremden Alpengebiete zuwenden zu können. Und doch ! 
immer und immer wieder steigen die nebelverhüllten 
Häupter des Linard und Fluchthorns und die namen- 
lose Gipfelreihe über dem Jamthalerferner im Geiste 
vor mir auf und winken und locken zu neuer Aus- 
fahrt. Ob ich der Lockung widerstehe? — Ich glaube 
es selbst nicht. 



■■■^ 



Norwegische Fahrten. 



hat jedes Mitglied des schneizeriBchen Alpen- 
jeder Alpenfreund, mit lebhaftem Interesse 
Panorama vom Suphellafjeld in Norwegen 
welches Professor Heim in ZOrich dem 
unseres Jahrbuchs beigegeben hat. Zeigte 
iasselbe daa Bild einer uns fremden Gebirgs- 
nns doch wieder anheimelte und unwillkar- 
trgleichnngen mit der uns liebgewordenen 
m Alpenwelt antrieb. Um uns diese Aufgabe 
«rn, verstand es Herr Heim in seiner Er- 
zu diesem Panorama*), den allgemeinen 
des norwegischen Hochgebirges mit grossen 
zulegen und zu constatiren, wie sehr der- 
en vielen gemeinsamen Erscheinungen, von 
i der Alpen abweicht. Naturschildemngen 
bilder aus dem nordischen Gebirgslaude von 

rb. d. Schweiz. Alpencluba. Jahrg. IX, S, 519. 



Norwegische Fahrten. 181 

andern Standpunkten aus aufgefasst, dürften nun wohl 
geeignet sein, den Kreis der Anschauungen zu er- 
weitern, die Momente zur Charaktervergleichung durch 
nea hinzukommende zu ergänzen und das Urtheil voU- 
gfiltiger zu machen, wenn es auch im Allgemeinen das- 
jenige von Professor Heim bestätigen wird. 

Es war mir vergönnt, im Jahr 1874 in Gesell- 
schaft zweier liebenswürdiger Gefährten*) die Haupt- 
stadt von Norwegen zu besuchen und von Christiania 
aus einen Streifzug durch das Innere des Landes zu 
nntemehmen, der mir Gelegenheit bot, nicht nur auf 
langen Strecken zahme und wilde Gebirgsthäler zu 
durchziehen und die malerischen Fjorde zu durch- 
schiffen, sondern auch von einigen dominirenden Berg- 
höhen aus umfassende Rundsichten zur flüchtigen 
Skizzirung zu erhaschen. 

Wenn ich es daher wage, in den folgenden Blättern 
meine Erinnerungen an jenen Streifzug wieder aufzu- 
frischen und das Gesehene den Lesern unseres Jahr- 
buchs in gedrängter Schilderung vorzuführen, so 
geschieht es in der Absicht, vom rein alpenclubistischen 
Standpunkte aus einen bescheidenen Beitrag zur Cha- 
rakteristik des norwegischen Gebirgslandes zu liefern, 
fcr zugleich zur nähern Erläuterung der unter den 

artistischen Beilagen erscheinenden Panoramen dienen 
Bon. 

*) DßT Herren Becker aus Pforzheim und R. Kernen 
«BS Bern. 



1 



182 Studer, 

Ondbrandsdalen und Romsdalen. 

Unsere Abreise aus Christiania geschah am 30. Juni. 
Wir waren mit einem Reiseprogramm versehen, das 
wir neben vielen andern Aufmerksamkeiten der Güte 
des schweizerischen Consuls, Herrn Heftye, zu ver- 
danken hatten, und welches uns genaue Anleitung gab, 
in möglichst ktlrzester Frist einige der interessantesten 
Gegenden Norwegens kennen zu lernen. In vier Stunden 
brachte uns die Eisenbahn nach E i d s v o 1 d. Sie durch- 
zieht auf einer Strecke' von 6 norwegischen Meilen *) 
ein unebenes Gelände, das im Ganzen nur geringen 
landschaftlichen Reiz gewährt. Doch ist der allgemeine 
Eindruck ein freundlicher. Ausgedehnte, einsame, für 
das Auge des Schweizers, das sich an den stattlichen 
Wuchs seiner einheimischen Tannen gewöhnt hat, un- 
schöne Fichtenwälder, wechseln in raschem Fluge ab 
mit hüglichtem Wiesenland, auf welchem vereinzelte 
Bauerngehöfte und kleine Häusergruppen zerstreut 
liegen, und mit baumreichen, zum Theil sorgfältig 
kultivirten Thalebenen, eingefasst von langgedehnten, 
waldgekrönten Höhenzügen und geschmückt mit netten 
Kirchen und Dörfern, deren hochragende Fabrikkamine 
von lebhafter Gewerbsthätigkeit zeugen. 

Die Station Eidsvold liegt am Ufer des breiten, 
schönen Stroms Vormen, der dem Mjösensee ent- 



*) Die norwegische Meile entspricht ungefähr 1 V« deutschen 
oder 7 engl. Meilen, 273 Schweizerstunden oder 11,3 Kilo- 
meter. Sie zählt 36,000 norw. Fuss. Für alle im vorliegen- 
den Text enthaltenen Höhen- und Längenangaben, wo nicht 
etwas anderes bemerkt ist, gilt das norwegische Maass. 
1000 norw. Fuss sind gleich 314 Meter. 



Norwegische Fahrten, 183 

fliesst. Ein hübschgebauter, bequem eingerichteter 
Dampfer nimmt hier die Passagiere auf und bringt sie 
auf dem zwischen niedern baumgeschmückten Ufern 
sanft dahin fliessenden Gewässer nach kurzer Strecke 
stromaufwärts nach der Station Minne oder M i n d e, 
wo das Schiff in den See einläuft, um denselben in 
seiner ganzen Länge zu durchschneiden. 

Der Mjösensee soll der längste Binnensee Nor- 
wegens sein. Er hat zwischen Minne und Lillehammer 
eine Ausdehnung von 9 Meilen. Die Breite misst in 
den südlichen und nördlichen Partien durchschnittlich 
nicht mehr als ^Z* bis 7^ Meile. Nur gegen seine 
Mitte zu weitet er sich zu einem ansehnlichen Wasser- 
becken aus, das zwischen Smörvik und Hamar eine 
Breite bis auf Vj-i Meilen einnimmt. Hier liegt aber 
auch mitten im grossen Becken die nicht unbedeutende 
Insel Helgö (Heilige Insel), welche waldreich und 
fruchtbar ist und einige stattliche Gehöfte auf ihrem 
Röcken trägt. Die Höhe des See's über dem Meer 
wird auf 387 Fuss, seine grösste Tiefe auf 1442 Fuss 
angeschlagen. Die Umgebungen des See^s sind nicht 
grossartig. Sie tragen den Charakter eines zahmen 
Hügelgeländes. Wiesen und Waldung, mitunter auch 
Frnchtfelder, bekleiden die hie und da von Gehöften, 
weiss schimmernden Kirchen und kleinen Städten, wie 
Hamar und Gjörwik, belebten Gestade. Die Höhen, 
die den See einfassen, machen sich hauptsächlich am 
westlichen Ufer der untern Partie desselben geltend, 
wo sie in den jäh ansteigenden Skreibergen die 
Höhe von 2360 Fuss ü. M. erreichen. 

Nach einer achtstündigen Fahrt landeten wir bei 



184 Studer. 

der Station Lillehammer, am obersten Ende des 
See's, da wo der Fluss Laagen aus Grudbrandsdalen 
heraustritt. Dieser Fluss füllt beim Ausgang de» 
Thaies seeartig die ganze von steilen Hängen ein- 
geschlossene Thalsohle und geht so unmerklich in den 
schmalen See über, dass man eigentlich nicht sieht, wo- 
dieser beginnt. 

Auf einer schön begrasten, baumreichen Terrasse 
des östlichen, oder linkseitigen , von waldigen Höhen 
gekrönten Thalgehänges liegt hart an der Thalmündung 
die langgestreckte , stadtähnliche Ortschaft Lille- 
hammer. 

Einer bunten Gesellschaft von Reisenden uns an- 
schliessend, stiegen wir von der letzten Seestation in 
einer halben Stunde nach Lillehammer hinauf und 
fanden daselbst in dem Hotel Hammer ein recht 
comfortables Nachtquartier. 

Ungefähr ^/i Meile östlich von Lillehammer be- 
finden sich die unter dem Namen Helvedes-Holen 
bekannten Fälle der Mesnaelv, die wir noch am 
Abend unserer Ankunft besuchten. Die Mesna ist 
ein kleiner Fluss, der den hinten im Gebirge liegenden 
Mesnaseen entströmt und bei seiner Ankunft an der 
Fronte des Gebirgsabfalls gegen Gudbrandsdalen über 
eine hohe felsige Bergwand herunterstürzt und eine 
Reihe von Fällen und Stromschnellen bildet, bis er in 
breitem, tief eingeschnittenem Bett Lillehammer zu- 
fliesst, um sich nach einer letzten Anstrengung in die 
Arme des Laagen zu versenken. Als wir unserm Ziele 
nahe gekommen waren, betäubte der Donner des tosen- 
den Wassers das Ohr, und wir betrachteten Angesichts 



Norwegische Fahrten, 



185 



der Wasserstürze eine Scenerie, die das Malerische mit 
dem Imposanten in hohem Grade yerbindet. lieber die 
mit Tannen gekrönte Felswand stürzt sich der Fluss 
in reicher Wasserfülle, blendend weiss und in mehrere 
Arme zertheilt, herunter, breitet sich sodann zu einer 
iu Schaum aufgelösten Masse aus, die sich über Fels- 
riffe wirft, bis der Fluss in der sich öffnenden Wald- 
schlucht sein geordnetes Bett wieder erhält und in 
ruhigerem Laufe seine einsame Gebirgsheimat verlässt. 
Trotzdem es schon gegen 10 Uhr Abends sein mochte, 
konnten wir uns doch noch bei Tageshelle an dem 
gewaltigen Schauspiele ergötzen. Das tiefe Schweigen 
der uns umgebenden Natur war nur durch das Rauschen 
der Fälle und das Tosen der aufgeregten Fluth gestört. 
In einer mit drei kräftigen Pferden bespannten 
Reisecaleche drangen wir am folgenden Tage in das 
Gebirgsthal hinein, das den Namen Gudbrandsdalen 
fährt und in altern Schriften auch Guldbrandsdalen 
genannt wird. Dasselbe hat eine Längenausdehnung 
von nicht weniger als 17 Meilen. Es wird von dem 
Fluss L a a g e n durchflössen, der seinen Ursprung nahe 
an der Grenze von Romsdalen im See Lesjeverksvand 
liat. Nachdem dieser Fluss in seinem Laufe verschiedene 
Seitengewässer aufgenommen und kleinere Seebecken 
gebildet, tritt er bei Lillehammer aus dem engen Thal 
heraus, um den Mjösensee zu speisen. Die Niveau- 
differenz zwischen den beiden Seen beträgt nur 1663 
Pnss. Dieser Abstand, auf die Längendistanz von 
17 Meilen vertheilt, wird so unmerklich, dass man 
fast durchgehends das Gefühl hat, auf ebener Strasse 
zu fahren, wo nicht etwa stellenweise örtliche Verhält- 




186 Studer. 

nisse ein bedeutenderes Gefälle bedingen. Dieser Fall 
tritt jetzt, wo seit dem Jahr 1851 die frühern schlechten 
Wege durch Gudbrandsdalen nach Drontheim und 
Eomsdalen in beiden Richtungen durch eine schöne 
Chaussee ersetzt worden sind, in viel geringerem Masse 
ein als früher. 

Ich hatte mir die Natur des Thaies wilder und 
düsterer gedacht und war überrascht, bis weit hinein 
im Allgemeinen ein Gelände zu finden, das mitunter 
recht freundliche Landschaftsbilder enthüllte, aber aller- 
dings in seiner Gebirgserhebung jedes grossartigen Auf- 
schwungs entbehrt. Das Thal ist bei seiner Mündung 
von niedern, ich denke kaum mehr als 6—800 Fnss 
über die Thalsohle sich erhebenden, lang gedehnten und 
oben horizontal abgeschnittenen Höhenzügen eingefasst, 
deren ziemlich steil und gleichmässig abfallende Hänge 
bis auf den Kamm hinauf mit Nadelholz bekleidet sind. 
Diese Höhenzüge sind aber nur die dem Thale zuge- 
kehrten Fronten dahinter liegender höherer Gebirgs- 
erhebungen, deren Giptel nicht sichtbar sind, deren 
Existenz sich aber durch die lautrauschenden Bäche 
kund gibt, welche vorzugsweise am östlichen Thalhang 
durch das Waldesdickicht herunterquellen und wie die 
Mesna ihren Ursprung den jenem Gebirgscomplex an- 
gehörenden Hochebenen, Seen und Thaleinschnitten ver- 
danken. Aber auch diese Höhen, die auf der Grenzscheide 
zwischen den Bezirken Gudbrandsdalen und Hedemarken 
sich ausbreiten, haben ein noch ganz zahmes Aussehen 
und werden kaum 2000 Fuss absolute Höhe erreichen. 

Das Thal behält lange diesen einförmigen Charakter. 
Die Thalsohle gewährt kaum für den mächtigen, aber 



Norwegische Fahrten. 187 

sanft dahinfliessenden Fluss und die Strasse den nöthigen 
ßanm. Man ist von Wald nmringt und zu eng ein- 
geschlossen, um irgend eines freien Ausblicks sich zu 
erfreuen. Einen angenehmen Wechsel in diese ab- 
geschlossene Seenerie bringt jener hübsche, grüne Berg- 
rücken, den man thalaufwärts fahrend bei der Station 
Aronsveen in der Perspektive einer Thalkurve vor 
sich erblickt und dessen sanft abfallende Wiesenhänge 
mit zerstreuten Wohnhäusern und Bergdörfchen ge- 
schmückt sind. Die Landschaft erinnert hier an ge- 
wisse Partien unserer zahmern Walliser und Bündner 
Bergthäler; nur die roth angemalten Holzhäuser mit 
ihren Ziegel- oder Schieferdächern und den weissen 
Fensterverkleidungen verleihen ihr ein fremdartiges 
Gepräge. 

So wie man weiter eindringt, gestalten sich die 
Thaleinfassungen etwas höher, behalten aber ihren 
äussern Charakter. Nur selten werden ihre lang- 
gestreckten Rücken durch die Oeffnung eines Seiten- 
thals unterbrochen. 

Eine liebliche Idylle in dem grossen Epos der 
^atnr, das sich hier in einfachen, markigen, allerdings 
etwas monotonen Zügen vollzieht, bildet der reizende 
liOsnasee mit seinen anmuthigen Umgebungen. Er 
wird durch den Laagen gebildet und füllt auf eine 
Strecke von 172 Meilen die erweiterte Thalsohle aus. 
Aeosserst malerisch treten die mit schlank aufge- 
wachsenem Nadelholz oder mit freundlichen Birken- 
wäldchen gezierten Vorsprünge des wiesenreichen 
Gestades in den See heraus und dieses selbst wird 
stellenweise von Häusergruppen und einzelnen länd- 



^ 



188 Studer. 

liehen Wohnungen belebt, die von Kartoffel-, Gerste- 
und Haferpflanzungen umgeben sind. Die bewaldeten 
Höhen, die das westliche Ufer des Beckens einfassen, 
sind etwas zurückgedrängt, während die östliche Thal- 
wand kahler und steiler in unmittelbarer Nähe in die 
Höhe steigt und schäumende Bäche herunterströnaen lässt. 
Entfernter, thaleinwärts, erheben sich amphitheatralisch 
über die nähern Hügel grüne, schneegefleckte Gipfel, 
welche schon eine absolute Höhe von 3 — 4000 Fuss 
erreichen mögen. 

Ein anderes, heiteres .Landschaftsbild zeigt sich, 
ungefähr eine Meile von der am Gestade des Losnasees 
blinkenden Kirche von Fodwang entfernt, in dem 
halbkreisförmig von zahmen, grünen Bergen um- 
schlossenen Thalwinkel von Skjaeggestad. Die mit 
üppigen Wiesen und Pflanzungen geschmückte und in 
reichem Baumwuchs prangende, vom breiten, sanft- 
fliessenden Laagen durchschlängelte Thalebene, mit den 
säubern Häusern von Skjoeggestad und der Kirche von 
Ringebu versetzt die Phantasie in das Etschthal 
zwischen Meran und Botzen, nur dass die Weinberge 
und Kastanienhaine hier durch den Ahorn, die Birke, 
die Haselstaude und das Nadelholz ersetzt sind. 

Bald verengt sich das Thal wieder. Die Berg- 
wände zu beiden Seiten , unten bewaldet , oben mit 
Gras und Gestrüppe oder jungem Aufwuchs bekleidet, 
tragen auf ihren Hochrücken schon reichlicher Schnee. 
Auf der Strecke zwischen Storklevstad und B r e de- 
vangen wird der Fluss noch enger zusammengedrängt 
und zeigt stärkere Strömung, Die Thalwände sind 
steiler und felsiger aufgebaut, die Natur überhaupt 



Norwegische Fahrten. 189 

kahler, und die Gegend verräth schon in dem unan- 
seimlichen, fast traurigen Aussehen der Wohnhäuser 
und in dem sonst ungewohnten Betteln der Kinder die 
Rauheit des Bodens und die Armuth der Bevölkerung. 
Diese spiegelt sich selbst in der Physiognomie der Be- 
wohner ab, indem sich in ihr fast durchgehends ein 
Zug schweigsamen Ernstes ausprägt, der bei den* 
Männern etwas seltsam zu der hochrothen, wollenen 
Zipfelmütze passt, welche die Bauern in Gudbrandsdalen 
fast allgemein als Kopfbedeckung tragen und die viel-, 
leicht als der Rest einer verschwundenen National- 
tracht angesehen werden kann. 

Gegen Bredevangen zu, wo der Laagen den 
Ideinen Bredensee bildet, erfreut man sich wieder 
an dem Anblick der schmucken, roth oder weiss be- 
malten Häuser. Viele derselben sind hier statt der 
Ziegel mit Birkenrinde bedeckt. Auf dieser Unterlage 
sitzt eine Schicht Erde, welche mit Gras angesäet wird, 
und es contrastiren denn auch diese hellgrünen Gras- 
dacher etwas seltsam, doch das Auge nicht verletzend, 
mit der hochrothen oder schneeweissen Farbe der Holz- 
wände. 

Je weiter man in das Thal eindringt, desto ernster 
und mächtiger wird der Charakter der Landschaft. Bei 
Moen zeigt sich am östlichen Thalhang ein schöner 
Wasserfall, der den Vergleich mit unserm Reichenbach 
sehr gut aushält. Der kleine Fluss, der durch eine 
enge Felskluft in lautem Toben sich herunterstürzt, 
ist die Üla-Elv, die aus den Gebirgen von Rondane 
hervorströmt, um sich mit dem Laagen zu vereinigen. 
In der Perspektive von Moen erscheinen einige Gipfel, 



^ 



190 Studer. 

auf denen bleibender Schnee zu haften scheint. Sie 
mögen der Gebirgsgruppe angehören, welche das Thal 
des Vagesees beherrscht. 

Bei Laurgaard befindet man sich schon in einer 
absoluten Höhe von 1010 Fuss. unmittelbar hinter 
dieser Station nimmt die Gegend ein wildes aber 
pittoreskes Aussehen an. In der Ausdehnung von 
mehr als einer Stunde wird das Thal durch vortretende, 
kahle Felshöhen bis auf das Flussbett zusammengedrängt 
und durch dieses wälzt sich die gewaltige Wasser- 
masse des Laagen in tobender Wuth, schäumend nnd 
sprudelnd und über Felsblöcke sich werfend, aus einem 
höher gelegenen Thalbecken herunter. Während der 
Reisende auf dem alten Wege dieser ungangbaren 
Strecke durch Uebersteigung des sogen. Rüsten, einer 
im Winter gefährlichen Höhe, ausweichen musste, zieht 
sich jetzt die neu angelegte Strasse dicht an der Seite 
des Stroms in kunstgerechten Windungen, theilweise 
in den Fels gesprengt und zwischen mächtigen Fels- 
blöcken des Trümmergehänges hindurchgeleitet, nach 
der höhern, von grünen, schneebesäumten Anhöhen ein- 
gefassten und mit Wiesen und Gehölzen geschmückten, 
doch mitunter auch sumpfigen Thalstufe empor, wo die 
einsame Gegend wieder ihren friedlichen Charakter 
annimmt. 

Bei Toftemoen verlässt man die Thalsohle und 
gelangt am linken Ufer des Laagen, neben auffallenden, 
theils isolirten, theils an das Gebirge sich lehnenden 
Sandhügeln vorüber, welche Erosionsarbeit verrathen, 
hinauf auf ein kahles, mit Weidboden bedecktes Hoch- 
plateau. Hier liegt in einer Höhe von 2100 Fuss ü. M. 



Norwegische Fahrten, 191 

das einsame Gehöfte Dombaas, das zugleich für die 
Reisenden eine wichtige Station für Pferde- und Wagen- 
wechsel so wie zum Herbergen ist; denn auf diesem 
Ponkte scheiden sich die Strassen nach Drontheim und 
nach Romsdalen. 

Wir nahmen in Dombaas unser zweites Nacht- 
quartier, nachdem wir die erste Nacht auf der Station 
Liatad zugebracht hatten. 

So wie der Reisende, der thalaufwärts steigt, das 
öde Hochplateau von Dombaas gewinnt, wird er durch 
den Anblick einer Gebirgskette überrascht, die sich in 
uicht grosser Entfernung am nördlichen Horizonte ent- 
wickelt. Derselben entragt eine Reihe von Schneegipfeln, 
unter denen sich besonders eine scharf zulaufende Spitze 
auszeichnet, die sich hinter der dunkeln Bergwand in 
malerischer Gestalt blendend weiss aus den ihren Fuss 
umgebenden Schneefeldern emporschwingt. Das Auge 
erkennt bald, dass diese Berge in ihren Formen und 
in ihrer äussern Gestaltung einen kühnern Aufschwung 
^ben, als was ihm bis jetzt vorgekommen ist, und 
dass sie ewigen Schee und Eis auf ihrem- Scheitel 
tragen; desshalb ist auch der Eindruck ihrer Er- 
scheinung ein um so lebhafterer. Es mögen diese Schnee- 
gipfel dem Gebirgsmassiv angehören, das sich hinter 
dem Thal der Jora-Elv und den Höhen des Grisung- 
5«ldes ausdehnt. 

Die Hochebene von Dombaas ist den Nordwinden 
offen und die Winter müssen hier lang und hart, die 
hegend aber auch eine Heimat der Wölfe sein. Zeuge 
davon waren die hübsche Anzahl von Wolfspelzen, 
welche im Stationsgebäude zur Schau aufhingen. 



192 Studer. 

Auf dem Wege nach Romsdalen in nordwestlicher 
Richtung das Hochplateau noch eine Strecke weit ver- 
folgend, gewinnt man bald wieder den Thalgrund. Vor 
den Blicken öffnet sich ein weites, hübsches Becken, das 
vom Laagen durchschlängelt wird. Schneegefleckte, da- 
neben grüne, oben flach abgeschnittene, in ihren untern 
Theilen noch mit lichter Waldung bekleidete Bergzüge 
fassen dasselbe zu beiden Seiten ein und mögen es um 
etwa 1000 Fuss überragen. Der Thalboden, der sich von 
den Ufern des Flusses in sanftem Anstieg an die Berg- 
wand anlehnt, ist nur spärlich von einzelnen unansehn- 
lichen Häusergruppen belebt. Ein grüner Rasenteppich, 
hie und da von SteingeröUe überlagert, und kleine Ge- 
hölze bedecken ihn. An dem äussersten Vorsprung 
eines vom nördlichen Höhenzug auslaufenden Hügels 
steht malerisch die Kirche von Laesje und dominirt 
den gleichnamigen, schmalen, aber fast Vfi Meilen 
langen See,, der hier durch den Laagen und den noch 
ansehnlichem Gebirgsbach genährt wird, der weit hinter 
den Schneeplateaus des Kjölen- und Digervarden- 
gebirges entspringt, dessen nördlichste Stufen in's 
Thal des Laagen fallen. Langgezogene, ireich mit Schnee 
bedeckte Bergrücken, die Chasseralartig in sanft ge- 
bogenen Profilen den Horizont schneiden, schliessen 
die Landschaft im Nordwesten ab. Sie mögen eine 
relative Höhe von 2000 Fuss haben und scheinen die 
Abdachungen jenes Hochplateaus zu sein, das unter 
dem Namen Storhungen zwischen dem Thal des 
Laagen und dem Zweigthale der Jora-Elv in einer 
Höhe von 4000 Fuss sich ausbreitet. 

Dieses gesammte Landschaftsbild überrascht durch 



Norwegische Fahrten. 193 

geinen eigenthümllchen Charakter und ist nicht ohne 
gewisse Reize. Indessen schwebt über demselben jener 
ernste Zug, der sich fast durchgehends in den nor- 
wegischen Gebirgslandschaften ausprägt. In düsterm 
Sehweigen schauen die kahlen Berghöhen auf das Thal 
hernieder. Die Ufer des Sees und des zwischen Tannen- 
gehölzen und magern Matten hinschleichenden Flusses 
sind öde und einsam. Das falbe Grün der Wiesen 
ond Bergweiden und jene einförmigen Höhenzüge, 
mit ihrem tief herabhängenden Mantel von Schnee, 
der den Küssen der Julisonne nur starre Kälte ent- 
gegensetzt, sie mahnen an das rauhe Klima, an den 
langen Irrten Winter, dem das zur Zeit unsers Be- 
saches zwar nicht unfreundlich aussehende Thalgelände 
kaum und nur für wenige Monate entronnen war — 
an die Entbehrungen und das mühselige Leben seiner 
Bewohner und an die Kämpfe, die der Mensch hier 
mit den Elementen auszufechten hat, um dem Boden 
einen spärlichen Ertrag abzuringen. 

Ungefähr ^/4 Meilen von Lesje entfernt liegt die 
Station Lesjeverk am kleinen See gleichen Namens, 
der 7on dem Schneewasser und den Bächen seine 
Nahrung hat, welche von den Höhen des Digervarden- 
gebirges herunterfliessen. Der östliche Ausfluss 
dieses Sees ist der Laagen, der westliche die 
Ranma, die ganz Romsdalen durchströmt. Am Ufer 
dieses Sees steht man daher auf dem höchsten Punkte 
des üebergangs zwischen den südöstlichen Niederungen 
und der nordwestlichen Meeresküste von Norwegen. 
Trotzdem man mitten im Gebirgslande ist, hat dieser 
Debergang nur eine Höhe von 2050 Fuss über Meer 

13 



194 Studer. 



Waldgrenze*! 



und überschreitet daher nicht einmal die 
Statt der erwarteten Bezwingung eines wilden Ge- 
birgsjochs, gelangt man auf ebener Strasse unvermerkt 
aus dem Flussgebiet des Laagen in dasjenige der 
Rauma. Diese letztere bildet zuerst noch ein zweites 
Seebeck^n, an welchem die Station M ö 1 m e n liegt, und 
durchströmt sodann eine weite, mit Wald bedeckte, 
an grüne Hügel sich lehnende Hochfläche von so 
schwachem Gefälle, dass ihre Senkung gegen Romsdalen 
kaum wahrgenommen wird. t 

Romsdalen! Wie wohlklingend ist schon dein 
Name! Er steht aber auch in lieblicher Harmonie 
mit dem Charakter des Thalefe, das «nter die an Natur- 
schönheiten reichsten Gebirgsthäler Norwegens gerechnet 
wird. Um diese jedoch in vollem Masse zu gemessen, 
sollte der Reisende das Thal von oben nach unten 
durchziehen und von einem so wolkenlosen Himmel 
und einer so brillanten Sonnenbeleuchtung begünstigt 
sein, wie beides uns zu Theil geworden ist. Wirklich 
überrascht waren wir von der Grösse und Schönheit 
der Scenerie, als wir über jene Hochfläche fuhren und 
vor unsern Augen ein Kranz von blendend weissen 
Schneegebirgen am nahen westlichen Horizont sich ent- 
faltete , welcher Anfangs nur seine Gipfel hinter dem 
grünen Hügelzuge auftauchen Hess, allmälig aber, so 
wie wir ihm näher kamen, mehr und mehr sich vor 
uns erschloss und bei noch weiterm Vordringen in 
seiner ganzen Entfaltung vom tief im Thal vergrabenen 
Fuss bis zu den höchsten Zinnen in voller Glorie vor 
uns stand. Das war die Gruppe der südlichen R o m s d a 1 - 
gebirge. Sie zeigen zwar allerdings noch keine durch 



Norwegische Fahrten. 195 

kühne Formen hervorragende Gestalten, sondern reprä- 
sentiren vielmehr die Gebirgsform, wie sie in Norwegen 
die vorherrschende ist. Aber das Gesammtbild macht 
dennoch einen erhebenden Eindruck. Bas Auge ruht 
mit Interesse auf diesen hochaufgerichteten , in ihrem 
Gipfelprofil horizontal oder in sanftgebogenen Curven 
aosgestreckten Gebirgsrücken, die durch mehr oder 
weniger tiefe Einsattelungen von einander getrennt 
sind, von welchen schneeige Hochthälchen gegen die 
Abstürze der äussern Wandung dieser Hochgebirgs- 
grappe sich herunterziehen. Das Massenhafte der 
Gripfelgestalten und ihr leuchtendes Schneegewand, 
das bis tief hinab sie umhüllt und an welchem das 
Schwarz kahler Felsgräte und nackter Wandflächen 
nur spärlich hervortritt, ist ein Anblick, der das 
Bewusstsein erweckt, dass man es hier mit einer an- 
sehnlichen Gebirgserhebung zu thun hat. Es sind denn 
auch ohne Zweifel die 5—6000 Fuss hohen Gipfel 
des Storebräen, des Troldhöer, des Karitind 
tmd des Brost efjelds, die man dieser Erhebung ent- 
steigen sieht. Verfolgt man die Strasse noch etwas weiter, 
so reiht sich an den letztgenannten Hochrücken, von 
ibm jedoch durch einen tiefen Thaleinschnitt getrennt, 
ein wunderschöner Schneegipfel, der in seiner doppel- 
zackigen Form einzig dasteht und einem verkleinerten 
Bilde des Grossglockners sprechend ähnlich sieht. 

Der Lauf der Rauma von ihrem Austritt aus dem 
See bis zu ihrer Mündung in den Romsdalsfjord bei 
Veblungsnaeset beträgt nicht mehr als 57^ Meilen. 
Allein, obschon dreimal kürzer als das Thal von Gud- 
brandsdalen, vereinigt Romsdalen in der That eine 



■^ 



196 Studer. 

Gebirgsnatur von solcher Schönheit und Erhabenheit, 
wie sie auf dem ganzen Wege durch Gudbrandsdalen 
nirgends zu treffen ist. Das Gesammtgefälle der Rauma 
ist auf 2050 Fuss anzuschlagen und dieses Grefälle 
auf die Längendistanz vertheilt, bedingt schon an und 
für sich eine viel 'raschere Thalsenkung, als sie die 
17 Meilen lange Thalstrecke des Laagen aufweisen 
kann. Dazu kommt noch der Umstand, dass in 
Eomsdalen das Gefälle auf wenige Thalstufen sich 
concentrirt, desshalb auch um so mächtiger ist und einen 
lebhaftem Wechsel in der Scenerie und eine gewaltigere 
Entwicklung der Gebirgsgestaltung mit sich bringt. 

So beginnt denn schon am Ende jener Hochebene 
ein bedeutender Absturz gegen den hintersten , dicht- 
bewaldeten Thalgrund. Die Bauma stürzt sich tosend 
und schäumend an der steilen Halde hinunter, bis ein 
sicheres Felsenbett den wilden Strom aufnimmt. Er 
wird genährt durch die Bäche und Schmelzwasser, 
welche auf jenen schneereichen Höhen entspringen und 
aus einem südlich vom Hauptthal liegenden, gegen 
dieses vorgeschobenen Felsenamphitheater durch schmale 
Verklüftungen hervordringen und wie silberweisse Adern 
über die steile Bergflanke herunterströmen. 

Dem begrasten und mit lichtem Wald bekleideten 
Abhänge der rechten Thalseite entlang zieht sich die 
Strasse zur Seite des tobenden Stroms und Angesichts 
jener leuchtenden Gebirgswelt durch die sogenannte 
Björneklev abwärts. Sie ist theilweise in Fels ge- 
sprengt und führt unmittelbar an dem prachtvollen 
Wasserfall des Sondrestättefos vorüber, dessen 
reichhaltige Wassermasse, oben in 3, dann in 2 Arme 



Norwegische Fahrten. 197 



faertheilt, über die felsige Wand hinunterdonnert. Der- 
selbe ist so grossartig, me ich keinen solchen in den 
Schweizeralpen gesehen habe.. 
So wie man dem Thalboden näher kommt, scheinen 
aach die Berge riesiger anzuwachsen. Das Auge muss 
zaerst über die steilen Thalwände hoch hinaufschauen, 

* 

die ihren Fuss bilden, bevor es die schimmernden 
Gipfel erblickt. Die LandsAaft ist acht alpin. 

Ueberall ertönt das dumpfe Getöse der Bergwasser. 
Selbst die Rauma in ihrem Felsenbette macht einen 
sebenswerthen Fall, den gewaltigen Slettafos, und 
von den Häusern von r m e i m , am Fusse der recht- 
seitigen Bergwand gelegen, bewundert der Reisende 
den mächtigen dreiarmigen Fall eines Seitenstroms, 
der, aus den Hochregionen herkommend, an der gegen- 
überstehenden Thalseite unter weithin hallendem Tosen 
dnreh eine schmale Verklüftung des bewaldeten Ge- 
bänges herniederstürzt, um in einem letzten stolzen 
Schwünge als Vermedalsfos seinen vollen Wasser- 
vorrath in die Rauma zu ergiessen. 

Erst unterhalb Ormeim wird die eigentliche Thal- 
whle erreicht. Die flache, grüne Ebene liegt im Niveau 
mit dem nun ruhiger dahinfliessenden Strom. Aber 
von links und rechts rauschen Bäche herunter und 
schiessen über die kahlen Felsplatten, die hie und da 
Ml steilen Gehänge zu Tage treten. Thalauswärts 
blickend sieht man sich vollständig abgeschlossen von 
lothrechten, kahlen Felswänden, welche unmittelbar aus 
dem Thale emporsteigen und auf deren höchsten Zinnen 
der ewige Schnee thront, dem die w eissschäumenden 
Sturzbäche entquillen. 



^^ 



198 Studer, 

Zur Zeit der grössten Schneeschmelze, in die wir 
es gerade getroffen, wachsen^ die Wasser oft so sehr 
an , dass die Thalsohle sich in einen See verwandelt, 
der mitunter eine Tiefe gewinnt, die die Unterbrechung 
des Verkehrs verursachen kann. Auch wir waren ge- 
zwungen, in Ormeim das Nachtquartier zu nehmen undL 
den Rückzug der Grewässer bis zum andern Morgen, 
abzuwarten. Gleichwohlj^tand die Strasse auf einer 
Strecke von einer halben Stunde noch anderthalb Fuss 
tief unter Wasser, und es bedurfte grosser Vorsicht, 
um mit Pferd und Wagen hindurchzukommen. 

Von jener Ebene führt eine neue Thalstufe nach 
einer tiefern Thalsohle. Die Gegend ist wild. lieber 
Steintrümmer und zwischen mächtigen Felsblöcken hin- 
durch windet sich die Strasse abwärts. Zur Seite 
brüllt der wüthende Strom, der zwar wieder in sein 
Felsenbett eingedämmt ist. In dem untern, flachen 
Thalgrund breiten sich Wiesen aus und man gelangt 
zu der Häusergruppe und Station F lad mark. 

Bäche und Wasserfälle sieht man auch auf dieser 
Strecke in reicher Zahl, besonders auf der rechten 
oder nördlichen Seite, wo die Thalwand sich in be- 
grasten, aber felsdurchfurchten, jähen Hängen unmittel- 
bar aus dem Thalbecken bis zu einer Höhe von wohl 
2000 Fuss erhebt. Hinter dieser Wand bergen sich 
die Schneemassen desKlintinden, der bis zu einer 
Höhe von über 4000 Fuss ansteigt. 

Mit demselben Charakter läuft die Thalsohle ziemlich 
eben fort und nähert sich bei der Station Horgheim 
ihrem Ausgang. Hier nimmt die Natur gleichsam 
noch die letzte Kraft zusammen, um sich in ihrer 



I Norwegiscite Fahrten. 199 

ganzen Wildheit und Grösse zu zeigen. In Üppiger 
Wasserfalle braust die Eauraa ungestüm mitten durch 
die schmale, von magern Wiesen, Steingerölle und 
einigem Banmwuchs bedeckle Flüche. Zu beiden Seiten 
ist das Tbal mit hohen Felswänden, riesigen Mauern 
gleich, eingeschlossen. Es ist vorzugsweise die link- 
seitige Thalwand, die sich durch Höhe und Nacktheit 
aoszeichnet. Die Zinnen der Wand sind zerrissen und 
bilden scharfe Firsten und schlanke Spitzen, Unter 
diesen macht sich thalauswärts der Gipfel des Trold- 
tinderne*) geltend, der die absolute Höhe von 
5720 Fnss erreichen soll. Die Runsen, die sich zwischen 
den coulissenartig vortretenden, scharfkantigen Felsen- 
pfeilem von der Höhe des Kammes in einem Laufe 
bis in die Thalsohle hinunterziehen, sind noch im 
toben Sommer von oben bis unten mit Lawinenschnee 
au^efüllt. Fast lothrecht fallen die Felsen gegen das 
Thal ab, und Prof. K. Vogt dürfte wohl hinter der 
Wirklichkeit zurückgeblieben sein, wenn er die Höhe 
to: aus dem Tbalboden emporsteigenden Wand nur 
auf 3000 Fuss anschlägt. Die recbtseitige Thalwand 
steigt eben&lls in grosser Schroffheit empor, mag aber 
etwaa niedriger sein. Sie kulminirt in den Gipfeln 
iesKlintinden und des Romsdalsh'orns, welche 



*) Professor K. Vogt übersetzt den Namen Troldtindama 
■"itsHeienklippen". Richtiger wäre vielleichtüOchHeien- 
BÖtner. Jene Benennung scheint sich daher nicl 
eine einzelne Spitze, sondern auf den ganzen Fei 
)>eziehet, der eich in phaDtastiscben Gestalten 
Einige dieser Spitzen sind nach der Sage Zauber« 
dn heilige Olaf besiegt nnd in Stein verwandelt 



200 Studer, 

5000 Fuss nicht erreichen. Das letztere beherrscht 
die Mündung des Thals und kann erst dort in seiner 
Yollen Gestalt erkannt werden. 

Die ganze Scenerie macht einen tiefen Eindruck. 
Ich glaubte mich in den Schooss des Urbachthals mit 
den nackten Engelhörnern oder in das finstere Gastem- 
thal versetzt und doch befindet man sich hier wohl 
keine 200 Fuss mehr über der Meeresfläche und kann 
diese in wenigen Stunden erreichen! 

Keine halbe Meile ausserhalb Horgheiin öffnet sich 
plötzlich das enge Thal. Es zeigen sich ferne Berge, 
die keinen Schnee mehr tragen. Diejenigen, in deren 
tiefem Schooss man stundenlang sich begraben sah, 
treten zurück. Das Gelände wird freier. Stolz erhebt 
sich rechts das schwarze Romsdalshorn als Thal- 
wächter von Romsdalen und erinnert in Höhe und 
Form an das Rüblihorn bei Saanen oder an die Gum- 
fluh. Die Rauma schlängelt sich in ansehnlicher Breite, 
leise rauschend, zwischen niedern, grünen Ufern dahin. 
Schöne Wiesen, Fruchtfelder, reiche Kartoffelpflanzungen 
und dichte Gehölze breiten sich vor den Blicken aus, 
und eine liebliche, in weiterm Kreise von Bergen um- 
kränzte Landschaft beginnt sich zu entfalten. Häuser- 
gruppen beleben dieselbe; man ist kaum noch eine 
Viertelmerle von Veblungsnaesot am Romsdalsfjord ent- 
fernt, bezieht aber gern sein Quartier in dem wenige 
Schritte oberhalb der Strasse gelegenen Hotel von 
Aak, welches allen wünschbaren Comfort bietet und 
in sehr malerischer Lage, gleichsam im Vorhofe eines 
grossartigen Naturtempels sich befindet, dessen gewaltige 
Säulen im Romsdalshorn, in dem in mächtigen 



Norwegische Fahrten. 



201 



^tofen sich aufthürmenden Gebirgsstock des Trold- 
inderne nnd in den ebenfalls noch mit Schnee be- 
^deckten Gipfeln gen Himmel steigen, welche die baum- 
ireiche 'Wieseiifläche von Isterdalen umkränzen. Aus 
Jdem zum Hotel gehörenden kleinen, aber recht hübschen 
'Parke, der mit einer Mannigfaltigkeit von nordischen 
Gewächsen, auch mit Obstbäumen, ausgestattet und 
yon schattigen, bekiesten Wegen durchzogen ist, kann 
der Reisende den herrlichen Ausblick in aller Be- 
haglichkeit gemessen. 

Wir waren gegen Mittag des vierten Tages seit 
unserer Abreise von Lillehammer in Aak angekommen 
und gedachten am folgenden Morgen den Grat zu be- 
steigen, der die Bergwand krönt, die sich nördlich 
hinter Aak in steilen Hängen erhebt. Diese Hänge 
sind unten bewaldet und theilweise noch mit Gras 
bewachsen, oben aber vorherrschend felsig. Es ist 
dieser Felsgrat der nordwestliche Ausläufer eines 
schneebedeckten Gebirgsstocks, der imVengentinden 
bis nahe an 6000 Fuss ansteigt und der sich gegen 
das südöstliche Ende des Eomsdalsfjords versenkt* 
Wenn ich nicht irre , so zeigt sich der Gipfel , des 
Vengentinden in jenem wildaussehenden, scharfkantigen 
and schneebedeckten Kamm, der von Aak aus zur 
Linken des Romsdalshorns zum Vorschein kommt. 

Der Aufbruch geschah um 7 Uhr. Mit festen 
Stöcken bewaffnet und mit Mundvorrath versehen, 
reisten wir unter der Leitung eines nur norwegisch 
sprechenden Führers ab. Der Himmel war trübe und 
einige am Gebirge herumstreichende Nebel verkündeten 
nichts Gutes. Dennoch schritten wir unverzagt von dannen. 



^ 



202 Studer, 



Da die Steilheit des Gehänges und die kahlen 
Feisahstürze einen geraden Aufstieg nicht gestatten, 
so folgten wir in Umgehung der Bergwand eine gute 
halhe Stunde weit der nach Heen führenden Tbal- 
strasse bis zu einer Stelle, wo jene Wand niedriger 
und fast bis oben bewachsen ist. Hier bogen wir 
rechts ab und betraten einen schlechten Pfad, der 
sich zur Seite eines tief eingeschnittenen Bachbettes 
durch Erlengebüsche, kleinen Wald und dichtes, von 
feinem Regen befeuchtetes Buschwerk hinaufwand. 
Plötzlich befanden wir uns Angesichts einer steinichten 
Kehle, die als Runs für das aus Schnee und Hegen 
sich nährende Wasser dient und steil bis an den 
obern Rand der Gebirgswand sich hinaufzieht. Dieser 
Runs war unser Weg, nach den Andeutungen des 
Führers der nächste und kürzeste. Aber von einem 
Pfade ist keine Rede mehr. Das bewegliche Gestein 
rollte unter den Füssen weg und machte jeden Tritt 
unsicher und die Steilheit nahm mit der Höhe zu. 
Nach einer harten Arbeit von 2 Stunden war die 
Wand erklimmen und wir kamen auf einen begrasten 
Bergrücken, der sich gegen eine Gratstelle hinaufbog, 
auf welcher wir ein Steinmännchen erblickten. Der 
Regen h^tte nachgelassen, doch blieb der Himmel 
grau und immer noch schlichen wüste Nebel an den 
Bergen herum. Gleichwohl erschloss sich mit dem 
Betreten des Bergrückens eine hübsche Aussicht auf 
Land, auf See und Gebirge vor uns, welche, wenn 
auch unbeleuchtet, mit jedem Schritte reicher sich ent- 
faltete, und im Genüsse derselben schritten wir munter 
und hoffnungsvoll über den breiten Rücken hinauf. 



Norwegische Fahrten, 203 

Alpenblamen schmückten wohl den grünen Rasen- 
teppich, aber die liebliche bunte Flora, wie sie in 
nnsem Bergen die sonnigen Gehänge und Berggipfel 
ziert und sie zu wahren Blumengärten umgestaltet, 
fehlt und statt über saftige Futterkräuter wandelte 
der Fuss über magere Alpweide und grosse Strecken 
Ton Bennthiermoos. Auf der Höhe selbst war es öde 
und einsam. Man hörte und sah kein lebendes Wesen. 
Kein Baum schmückte mehr die Berghöhe und an- 
sehnliche üeberreste von Schnee fingen an, den Boden 
zo bedecken. In einer guten halben Stunde oder nach 
einem Gesammtmarsch von 3^/2 Stunden langten wir 
aaf der schmalen Gratstelle an, wo jenes Steinmännchen 
errichtet war. Felsplatten und Rasen boten einen 
Lagerplatz, von dem aus wir die überraschend schöne 
wid grossartige Rundsicht gemessen konnten. 

Wir mochten uns in einer Höhe von etwa 3500 
^^ ö. M. befinden, aber wegen der Nähe des ewigen 
Schnees und der Wildheit der Umgebung schien es, 
als ständen wir auf einem unserer 10,000 Fuss hohen 
Alpengipfel. Die Nebel waren verschwunden; alle 
^rge waren sichtbaT, und wenn auch die Sonne uns 
im Stiche Hess, die Kälte empfindlich wurde und ein 
^ftuer Regenschauer uns heimsuchte, fühlten wir uns 
doch durch den Anblick eines grossartigen Panoramas 
T«ie;hUch belolint und durch das Bewusstsein gehoben, 
eine wenn auch unbedeutende norwegische Bergbesteigung 
^o\\\)Taeht zu haben. 

Die Rundsicht, die uns umgab, lässt sich aller- 
^^^ den unvergleichlich schönen Gebirgspahoramen 
der Schweiz , in denen das Erhabene mit dem An- 



^^ 



204 Studer. 

mathigen sich in so wohlthuender Harmonie verbindet, 
nicht an die Seite stellen. Während dort hinter einem 
lachenden Vordergrunde von blauen See'n, schimmernden 
Flüssen und einer fruchtbaren, reich bebauten Land- 
schaft die schöngeformten Bergketten sich stufenweise 
über einander erheben -und zuletzt die weissen Schnee- 
gebirge in riesenhafter Grösse und Majestät hinter 
den dunkeln Felsenketten emporsteigen und ein Bild 
voll malerischer Pracht gewähren, treten hier die 
Gebirge mit ihren steilen Wandungen unmittelbar und 
wie in einem Guss aus der Thalsohle und von den 
Ufern des Fjordes bis zu ihren schneebedeckten Gipfeln 
sich erhebend, vor das Auge. Sie bilden einen fast 
ununterbrochenen, stellenweise mehrfach gegliederten 
Eranz, in dessen Centrum man sich befindet. Die 
Gipfel, obschon sie sich durch mannigfaltige, selbst 
zierliche und charakteristische Formen auszeichnen, im- 
poniren doch im Allgemeinen dem an die Alpen 
gewöhnten Auge weder durch auffallende Höhe noch 
durch besonders kühne Gestaltung. Gegen Westen ist 
dieser Gebirgskranz in weitere Ferne gerückt und der 
Raum wird durch das mächtige Becken des Roms- 
dalsfjords ausgefüllt, über den hinaus ein Stück der 
Nordsee wahrgenommen werden kann. Eine andere 
freundliche Erscheinung, die den Eindruck der starren 
Gebirgswelt mildert, ist das von der ftauma durch- 
schlängelte, zahme Thalgelände von Aak und Isterdaleu, 
das in einer Tiefe von mehr als 3000 Fuss hart zu 
den Füssen dejs Schauenden sich ausbreitet. Diese 
Andeutungen über die grossartige Rundsicht mögen 
genügen, indem ich den verehrten Leser für den weitern 



Norwegisehe Fahrten. 205 

Detail anf das dein Jahrbuch beigegebene Panorama 
verweise. 

Wir waren lange mit dem' Studium des uns um- 
gebenden Naturbildes beschäftigt und in dessen Be- 
trachtung versunken. Aber auch hier hatten wir den 
Eindruck, dass ein Hauch düstern Ernstes über das 
gesammte Bild schwebe, der zwar durch den Blick 
auf die freundlichen Landschaften und den hellen Wasser- 
spiegel wohl etwas gemildert war, aber den lachenden 
Reiz eines schweizerischen Thal- und Seegeländes sich 
nicht zu erringen vermochte. 

Wäre das Wetter günstiger gewesen, wir hätten 
den Versuch nicht unterlassen , den östlich von uns 
sich erhebenden, durch den schmalen Gratrücken mit 
unserer Haltstelle verbundenen, höhern Schneekopf noch 
ru erklimmen. Allein der Regen drohte von Neuem. 
Meine Gefährten sehnten sich nach den Fleischtöpfen 
^on Aak. Ich Hess sie vorauseilen und nach Vollendung 
meiner dreistündigen Arbeit trat auch ich mit dem 
bei mir ausharrenden Führer den Rückmarsch an. 

Statt uns wieder jenem wüsten Runs zuzuwenden, 
verfolgten wir diessmal die Höhe des Bergrückens 
weiter hinab. Die Stelle, wo derselbe in Felsriffen 
jah abgebrochen ist, erheischte einige Vorsicht. Hie 
und da fanden wir zu unserer Beruhigung Spuren der 
Ytisstritte unserer Vorgänger. Durch dichten Wald 
hinuntersteigend erreichten wir glücklich die ebene 
^Bdstrasse. Unterdessen hatten sich aber die Schleusen 
des Himmels geöffnet und die Strecke bis zu mnserm 
schützenden Hotel musste unter strömendem Regen zu- 
rückgelegt werden. 



^ 



206 Studer. 

Mit diesem Ausfluge nahmen wir Abschied von dem 
unvergesslichen Romsdalen und ein Dampfer brachte 
uns über den Romsdalsfjord nach Molde, wo wir unter 
62<> 45' nördlicher Breite den nördlichsten Punkt 
unserer Rundfahrt erreichten. 



Jostedal. 

Ein Küstenfahrer beförderte uns von Molde nach 
Bergen. Von hier aus besuchten wir den Hardanger- 
fjord mit seiner schönen Gebirgswelt, fuhren von 
Eide über Land nach Grud van gen, am Ende einer 
der südlichsten Buchten des grossen Sognefjordes 
gelegen, und durchschifften diesen in seiner ganzen 
Breite bis Sog n dal. In den landesüblichen zwei- 
rädrigen Karren drangen wir noch über Hafslo bis 
Marifjseren am Gaupnefjord vor, in der Ab- 
sicht, einen Abstecher in das wilde, aber pittoreske 
Jostedal zu machen. 

Der Gaupnefjord, an dessen westlichem Ufer 
das Dörfchen Marifjseren liegt, ist eine Abzweigung 
des Lystrefjordes, der wiederum als ein nörd- 
licher Arm des Sognefjordes mit diesem zusammen- 
hängt. Seine Länge beträgt nur eine halbe Meila^ 
seine Breite kaum 7^ Meile, während der LystreQord 
eine Ausdehnung von mehr als 3 Meilen hat. Pi^ 
Berge,' die den kleinen Fjord zu beiden Seiten wö- 
schliessen, waren fast schneelos, richten sich aber steil 
in die Höhe und die Gipfel erreichen eine solche vott 



Norwegische Fahrten. 207 

3 — 4000 Fuss. Sie zeigen mitunter wilde, felsige 
Ruüen und- sind von tief eingeschnittenen Runsen und 
Ihalschluchten durchzogen. Wo nicht der kahle Fels 
zü Tage tritt, sind die Hänge mit Nadelholz und 
Gebüschen üherwachsen und die höhern Rücken be- 
grast. Auf den sanfteren Abdachungen erblickt man 
noch Häuser und Gehöfte. Am Ende des Fjords ist 
die Einmündung des Gletscherstroms sichtbar, der von 
Jostedal herkommt. Hinter kahlen Gebirgswänden 
freten weisse Schneerücken hervor, welche ohne Zweifel 
schon dem Gebiet des Jostedal-Bräens angehören. Still 
nnd friedlich liegt der Fjord da wie ein verborgener 
Alpensee, und man muss die Phantasie zu Hülfe nehmen, 
rai sich zu vergegenwärtigen, dass man sich hier bei 
einer Entfernung von 1 5 Meilen von der Meeresküste 
doch noch an der Salzfluth befindet und von diesem 
versteckten Winkel aus direkt die hohe See befahren 
kann. Selbst Ebbe und Fluth sollen sich, wenn auch 
in geringem Grade, in dem kleinen Gaupnefjord noch 
bemerkbar machen. 

Es war am Morgen des 14. Juli, als wir uns in einem 
K&bn nach dem Ländeplatz des Dörfchens Roenneid 
hinfiberrudem Hessen. Dann begann die Fusswanderung 
liaA es galt, muthig in eine uns wildfremde Gebirgs- 
velt einzudringen. Der Tag schien hübsch werden zu 
sollen und schob der Gedanke frischte uns auf, heute 
frei und frank und ohne Sorge durch Gottes schöne 
^atür zu pilgern und weder die ewigen Stösse der 
Schiffemaschine in den Ohren zu haben, noch Stunden 
^g im engen Kariol eingepresst zu sein und nichts 
als das Schnalzen und Brr des Skydsjungen zu hören. 



208 StrMler, 

Eine Strecke weit zieht sich der Weg noch faBt 
€ben über die mit hübschen Wiesen bedeckte Thal- 
fläche , bald aber drängen sich die Berge näher zu- 
sammen ; felsige Wände fassen das Thal ein und durch 
den Engpass strömt der mächtige Flass ungestüm 
daher, während von den Thalwänden kleinere Bäche 
herunterstürzen. Die Anfangs noch fahrbare Strasse 
verwandelt sich in einen schmalen, rauhen Saumweg, 
der stellenweise in die Granitfelsen gesprengt und 
dem Lauf des Wassers entlang angelegt ist. Da das 
Thal kleine Kurven bildet, so befindet man sich wie 
in einem Felsencircus eingeschlossen, hinter dessen 
Zinnen hie und da ein schneeiger Gipfel hervorguckt 
Die Einsamkeit und Oede steigert noch die Wildheit 
der Scenerie. Doch diese wechselt. Es folgen er- 
weiterte, grüne Thalbecken, wo sich einige ärmliche 
Hütten dem Auge des Wanderers zeigen, und wiederum 
geht es lange bergauf und bergab durch stille, ein- 
förmige Waldgründe der bis hoch hinauf bewaldeten 
Bergseite entlang. 

Zwei Stunden hinter Roenneid öflPnet sich zur Linken 
oder westwärts ein enges Seitenthal, aus welchem ein 
Gletscherbach wildfluthend hervorströmt, der sich mit 
dem Jostedalwasser vereinigt. Dieses Thal heisst Leir- 
dal und in seinem hintern Theile Tunsbergdal. 
Es wird von dem mächtigen Tunsbergdalgletscher 
geschlossen, der vom Jostedalsbräen niedersteigt und 
eine Länge von 2 7^ Meilen haben soll. Die ThalöfFnung 
istjedochzueng, als dass dem vorübergehenden Wanderer 
auch nur der geringste Einblick in das Leirdal ge- 
stattet wäre. 



» • • * fc • 




Norwegische Fahrten, 209 

Eine hohe Holzbrücke führt über jenen Gletscber- 
bach and nach einer weitern Stande Marsches dnrch 
€ioe einsame Waldgegend breitet sich eine offene durch 
eine Grappe von Häusern belebte Thälfläche aus. 

Als wir diese Stelle erreichten, bot sich uns daselbst 
ein gemüthliches Stillleben dar. Weidende Kühe, Ziegen 
und Schweine tummelten sich fröhlich auf dem grünen 
Kasenteppich herum. Von den Feuerheerden drang der 
Bauch durch die Kaminöffhungen in die Luft und in 
einer hellen, säubern Bauernstube stellte uns auf mög- 
lichst verständliche Anfrage hin eine junge Frau frische 
Milch und Fladbröd auf den Tisch, so dass wir uns 
nach Herzenslust sättigen konnten und nach billiger 
Bezahlung erquickt von dannen zogen. 

Eine Stunde weiter thaleinwärts liegen die paar 
Hinaer von Myklemyr am Ende einer grünen, hinten 
geschlossenen Thalfläche am westlichen Ufer des Thal- 
stromg. Hier ist eine Pferdestation und der Reisende 
^n in einer der sehr einfachen, aus rauhem Holz 
gebauten Bauernwohnungen Milch, Eier und Brod be- 
kommen. 

Gleich hinter Myklemyr verengt sich das Thal wieder. 
Dicht zur Seite des laut donnernden Stroms windet 
äch der Weg aufwärts und es sind nach einander zwei 
felsige Thalstufen zu übersteigen. Drüben am östlichen 
^gehänge fluthet aus einer Seitenschlucht ein wildes 
Gcbirgswasser hervor, um seine Wasserfülle in den 
^ptfluss zu ergiessen und an den lichtbewaldeten 
^ilRwÄnden stürzen rauschende Bäche herunter — das 
Schmelzwasser der hinter den Vorgipfeln versteckten 
Schneehöhen. Obwohl kaum noch 400 Fuss über der 

14 



^ 



210 Sttider. 

Meeresfläche erhoben, trägt hier das Thal ganz den 
Charakter eines unserer wildern Alpenthäler. 

Auf der Höhe der obern Thalstufe angelangt, dehnt 
sich vor dem Reisenden ein alter Fichtenwald aus, 
den er zu durchschreiten hat. Er dringt in eine un- 
heimliche Bergwildniss ein. Düsteres Schweigen herrscht 
im Walde; nur aus der Tiefe vernimmt das Ohr das 
dumpfe Tosen des unsichtbaren Stromes. Beim Heraas- 
treten aus dem Walde aber erschliesst sich vor. ihm 
ein neues, überraschendes Landschaftsbild. 

Während das Auge bis jetzt keinen höhern Berg- 
gipfel erblickt hat, weil die vorstehenden, steilen Thal- 
wände diess nicht gestatten, erkennt es jetzt thaleinwärts 
einen hohen, steil und kahl aufgebauten Felsrücken, 
der das Thal zu versperren scheint. Das schwarze 
Felsenkleid ist von leuchtenden Schneebändern durch- 
zogen und der Gipfel des Kammes mit ewigem Schnee 
bedeckt. Wir überzeugten uns später, dass dieser 
Felsrücken das Thal des Nigaardgletschers einwandet 
und ' ein Kammausläufer des grossen Jostedalsbräen 
ist. — Dicht zu seinen Füssen sieht der Wanderer 
von jener Stelle aus das vom Jostedalbach umschlängelte 
grüne Thalbecken von Prescann vor sich geöffnet, und 
geht er noch ein paar Schritte weiter hinab, so lacht 
ihm aus der Tiefe die malerische Kirche von Jostedal 
mit ihrer von vier kleinen Thürmchen flankirten 
schlanken Thurmspitze und daneben, nur durch den 
Friedhof von ihr getrennt,, ein ganz nettes, rothbe- 
maltes und mit Ziegeln gedecktes Häuschen entgegen, 
in dem er sogleich die Pfarrwohnung erkennt. Das 
Becken wird zunächst von zahmen, theilweise noch 



Norwegische Fahrten. 211 

bewaldeten Berghängen nmschlossen, denen die steilern, 
b^rasten Wände entsteigen, die sich za hübsch ge- 
formten, auf der Abendseite aber noch reichlich mit 
Schneebändem geschmückten Firsten aufgipfeln. Thal- 
einwärts drängt sich das Becken sofort wieder zusammen, 
so dass die beidseitigen Berglehnen sich fast berühren 
nnd nur noch dem Müsse Raum lassen. Im entferntem 
Hintergrunde aber bildet jener schneebelastete Fels- 
faunm eine Erscheinung- von hochalpinischem Gepräge. 
Als wir nach einer siebenstündigen Wanderung im 
Pfarrhause Jostedal, dem einzigen Orte, wo wir ein 
ordentliches Unterkommen zu gewärtigen hatten, an- 
klopften, wurde uns auf das Allerfreundlichste Aufnahme 
^d Nachtquartier zugesagt. Wir werden uns immer 
mit warmem Dankgefühl und mit Freuden der ange- 
nelmien Stunden erinnern, die wir als Fremdlinge in 
diesem abgelegenen Erdenwinkel zugebracht, und der 
zovorkommenden Gastfreundschaft gedenken, die wir 
bei dem wackern Pfarrer, Herrn H. E. Hansen, und 
seiner jungen, gebildeten, mit der deutschen und eng- 
lischen Sprache vertrauten Frau gefunden und genossen 
biben. 

Der folgende Morgen sollte dem Besuche des 
^^gaardgletschers gewidmet werden, den man 
^ als einen der schönsten und zugänglichsten Gletscher 
Norwegens rühmte. Es entsteigt derselbe dem Jo^te- 
daUbräen. Das norwegische Wort Bräen bezeichnet 
^e grossen Schnee- und Eisfelder auf den dortigen 
Gebirgen und entspricht am besten unserm «Firn> und 
«Hochfim». Der Jostedalsbräen oder der grosse 
«^ostedal-Hochfirn überdeckt das hohe Plateau, 



212 Studer. 

das die natürliche Grenze bildet zwischen den nörd-i 
liehen Gegenden des Sognefjordes einerseits und demi^ 
Kordfjord und Söndfjord anderseits. Die Längenaus- 
dehnung dieses Hochfirns beträgt 140 Kilometer oder 
circa 13 Meilen, gegen eine Breite von 10 — 35 Kilo- 
meter oder circa l—^^ji Meilen. Er entsendet nach, 
allen Seiten eine Menge Gletscher, welche theils bis 
in die nächstliegenden Thalgründe hinabsteigen, theils 
nur an den Bergflanken herunterhängen. Die erstern 
werden als Gletscher ersten Rangs angesehen und 
es giebt solcher 24, während diejenigen zweiten Kanges 
nach hunderten zu zählen sind. Da der Jostedalsbräen 
mit seinem östlichen Bande von Westen her den obera 
Theil von Jostedal flankirt, so fällt eine ansehnliche 
Zahl seiner Gletscher gegen dieses Thal oder vielmehr 
gegen die kleinen Seitenthälchen ab, welche in das 
Hauptthal ausmünden. Nach C. de Seue*) umfasst 
der Jostedalsbräen mit Hinzurechnung seiner vorge- 
schobenen Gletscher und Eismassen ein zusammen- 
hängendes Eis- und Schneefeld von 1500 Geviertkilo- 
meter. Es soll dieses die grösste Masse zusammenhän- 
genden ewigen Schnee's und Eises nicht nur in Norwegen, 
sondern in Europa (mit Ausnahme Islands) sein. Die 
äussere Form der Oberfläche des Jostedalsbräen ist im 
Grossen die eines Daches, aber im Einzelnen zeigen sich 
neben ganz flachen Feldern mannigfaltige Unebenheiten- 
An einer einzigen Stelle befindet sich eine bedeutendere 
Depression, die bis auf 2000 Fuss herabsinkt, während die 



*) VergL le nivA de Justedal et ses Glaciers par C. de 
Seue. Christiania 1870. 



Norwegische Fahrten, 218 

mittlere Höhe beiläufig 4450—5250 Fuss erreicht und diö 
höchsten Gipfel im Lodalskabe auf circa 6630, im 
St. Caecilienkronen auf circa 6230, im Suphel. 
lenipa auf circa 5500, und im Gottop-hesten auf 
circa 5460 Fuss sich erheben. Die Felsart des Plateaus 
besteht, neben andern krystallinischen Gesteinen, wie 
Glimmerschiefer, Granit und Quarz, vorherrschend aus 
Gueiss. 

Von diesem ganzen, Ungeheuern Hochfirn bemerkt 
der Reisende, der Jostedal durchwandert, vom Thale 
aes so viel als nichts, weil derselbe hinter den vor- 
geschobenen Thalwänden verborgen bleibt. Ja, er ahnt 
kaum dessen Nähe, bis er in die hintern Theile des 
Thaies vorgedrungen ist und dort die blendend weissen 
Schneeköpfe wahrzunehmen beginnt, welche durch die 
lAcken der westlichen Zweigthälchen hervorgucken, 
oder wenn ihm endlich die Gletscher selbst zu Gesichte 
kommen, die in diese Thälchen niedersteigen. 

Der Weg nach dem Nigaardgletscher fCthrte uns 
ÄUTch die sofort hinter den Häusern von Prescann 
beginnende Thalenge zur Seite des Gletscherbaches 
nnt geringer Steigung aufwärts. Nur das Tosen des 
Stromes xind das Rauschen der Wasserfälle an den 
'Tbalwänden unterbrach die dem Gemüth so wohlthuende 
Stille der einsamen Gegend. Nach einem angenehmen 
Marsche von einer Stunde öffnete sich vor uns eine 
weite Fläche, die von Gehölzen und Moorgrund und 
von dem fast seeartig ausgebreiteten Thalbache ein- 
genommen und von kleinern Bächen durchzogen war. 
Diese Bodenbeschaffenheit hat den Weg an die westliche 
^llehne hingedrängt und dort zieht er sich hinauf 



^ 



214 Studer, 

nach einem begrasten Vorsprung, auf welchem die 
Hütten der Alp Bergset liegen. Fast unmittelbar 
hinter diesen Hütten strömt laut rauschend ein mächtiges 
Gletscherwasser aus einer engen, bewaldeten Felskluft 
hervor. Durch diese Kluft mündet das Zweigthal von 
Krön dal aus, das sich gegen Nordwesten hineinbiegt 
und in dessen Schosse die drei Gletscher von Bergset 
versteckt liegen. Es sind diess Ausläufer des Joste- 
dalsbräen, der nun hinter den nähern Bergmassen einige 
Schneegipfel auftauchen lässt. 

Auf fester Holzbrücke überschritten v^ir jenes 
Gletscherwasser, dann ging es in ziemlich gleichmässig 
fortlaufender Höhe über der versumpften Thalfläche 
durch lichten Tannwald weiter thaleinwärts und zwar 
auf einem Wege, der streckenweit aus dem natürlichen, 
in flachliegenden Bändern bloss zu Tage tretenden 
Granitboden bestand. 

Nach einer zweiten Stunde erreichten wir die Stelle, 
wo das Thalbecken zur Linken sich vor den Blicken 
öfiFnet, in welches der Nigaardgletscher von dem 
Jostedalsbräen in seiner ganzen Pracht sich herunterzieht. 
Der Anblick dieses Bildes ist wirklich überraschend 
schön und es durchdrang mich ein wohliges Gefühl, 
endlich einmal einen norwegischen Gletscher, in der 
vollen Bedeutung des Wortes, in unmittelbarer Nähe 
vor mir zu sehn und norwegische Gletscherluft zn 
{Lthmen. 

Der Gletscher wird in seiner Höhe von dem hori- 
zontal abgeschnittenen, glänzend weissen Firnwall des 
Jostedalsbräen gekrönt. Er krümmt sich zwischen 
felsigen Wänden, deren Ein- und Ausbiegungen er 



Norwegische Fahrten. 215 

verfolgt, in hübschen Windungen über die Thalstufe 
henmter und füllt sodann mit seiner Eismasse die 
ganze Breite des Thalbeckens aus, bis er an seinem 
Stirnende fächerförmig in dasselbe verläuft. Sein Rücken 
ist flach gewölbt und stellt gleichsam eine Strasse von 
sciiimmemdem Krystalle dar, auf welcher vielleicht das 
Hochplateau zu erklimmen wäre. An den beidseitigen 
Böschungen des breiten Gletscherrückens, sowie an 
seinem Stirn-Ende erschien der Gletscher stark zer- 
klüftet; im Uebrigen zeichnete er sich durch seine 
Reinheit und milchweisse Farbe aus. Er soll eine 
Ausdehnung von einer Meile haben, eine Angabe, die 
natürlich steten Schwankungen unterworfen ist. Das 
Thälchen, in das er sich herabsenkt, hat einen flachen, 
reich mit Geschiebe überdeckten Grund, durch den der 
dem Gletscher entströmende Bach sich träge hinaus- 
windet. Das Thalbecken wird zu beiden Seiten von 
begrasten Hängen begrenzt, welche den Fuss der steil 
aufetrebenden, mächtigen Bergwände bekleiden, von 
denen dasselbe umschlossen wird. Steht man doch 

m 

hier unmittelbar vor den schneebehangenen, fast loth- 
rechten Felsabstürzen jenes hohen Gebirgsrückens, den 
wir auf dem Wege nach Jostedal als erste imposante 
Erscheinung von hochalpinem Charakter begrüsst hatten ! 
Nahe bei seiner Ausmündung in das Hauptthal verliert 
^er Gletscherbach seinen trägen Lauf, indem er sich 
nüt einigem Ungestüm in das zwischen Felsen einge- 
i^äingte, schmale Bett zusammendrängt, welches der 
Reisende zu überschreiten hat, wenn er noch bis zu 
Ae»n jenseits des Baches liegenden Hütten der Alp 
Nigaard vorrücken will. Das ganze Gletscherbild 



216 Studer. 

mit seiner grossartigen Einfassung ist äusserst malerisch 
und zeigt eine entfernte Aehnlichkeit mit jenem, freilich 
imposantem, welches der Ehonegletscher vom Thal der 
Ehone aus gewährt.*) 

Von der Alpe Nigaard hinweg zieht sich das^ 
Hauptthal von Jostedalen noch mehrere Meilen weit 
aufwärts gegen die Gletscher von Lodals und Stegeholt 
und aus seinen hintersten Theilen führen Gehirgspässe 
hinüber nach dem Nordfjord und nach Gudbrandsdalen. 
Nördlich von Nigaard, etwa V/2 Meile von der Kirche 
entfernt, liegt Faaberg, der höchstgelegene Gaard 
(vereinzelt^ Gehöfte) im ganzen Thal. 

Auf unserm Rückwege nach Jostedal erlabten vwr 
uns in einer Hütte der Bergset- Alpe an süsser und 
saurer Milch, welche uns von der Eignerin mit aller 
Bereitwilligkeit gereicht wurde. Die Wanderung zurück 
nach dem Pfarrhause war reizend. Nach dem tiefen 
Schweigen der Natur im einsamen Thälchen des Nigaard- 
gletschers machte sich wieder das laute Tosen des 
Stromes geltend und rauschten die Wasserfälle jetzt 
noch mächtiger als beim Hinansteigen. 

An unserm Ziele angelangt, setzten wir uns zu. 
Tische und genossen gemeinsam ein einfaches, aber 
sorgfältig bereitetes Mittagsmahl, das aus Kalbsbraten^ 
Kartoffeln, Butter und dem in Norwegen allgemein 
beliebten Beerenmues mit kalter Milch bestand. Dazu 
lieferte der Keller ein schmackhaftes Bier und das 
kleine Gärtchen vor dem Hause, wahrscheinlich das 
einzige in weiter Runde, den grünen Salat. Bei leb- 



*) Vergl. den beigegebenen Holzschnitt. 



\ 



Norwegische Fahrten. 217 

haft^ Unterhaltung flog die Zeit nur zu rasch yortther 
<md am 3 Uhr mussten wir aufbrechen, um gleichen 
Tags noch Marifjseren zu erreichen. 

Bevor ich weiter berichte, mögen hier noch einige 
Notizen über Jostedal Platz finden. Die Pfarrgemeinde 
Jofitedal umfasst das ganze Thal, das eine Länge von 
ungefähr 6 Meilen hat. Kirche und Pfarrhaus liegen,, 
von einigen Wohnhäusern, Scheunen und YiehstäUen 
omgeben, so ziemlich in der Mitte des Thals. Die 
kleme Ortschaft trägt den Namen Pre scann. Die 
Kultur des Bodens ist gering. Frucht scheint keine 
mehr zu gedeihen. Das Klima ist rauh, der Winter 
lang. Trafen wir doch Mitte Juli im Thale selbst, 
wenige hundert Schritte vom Pfarrhause entfernt, noch 
Sehneettberreste an, und dennoch liegt die Kirche von 
Jostedal nur 460 Fuss über Meer I Die ganze Gemeinde 
zählt nach den vorhandenen Angaben circa 900 Ein-- 
wohner. 

Es war wieder ein hübscher Gang und Ritt, der 
ans thalabwäits brachte. Um die Reise zu fördern^ 
reqoirirten wir nämlich in Myklemyr Pferde, von denen 
freilich das eine, eine wackere Stute mit ihrem muntern 
Fallen, von entlegener Weide hergeholt werden musste. 
Mit hohem Genuss durchzogen wir das interessante^ 
an wilden und malerischen Scenerien reiche Gebirgs- 
thal noch einmal in umgekehrter Richtung. Wir traten 
neuen Ueberraschungen entgegen; die bekannten Bilder 
stellten sich in einer andern Perspektive dar und doch 
fühlten wir uns in der Gegend, die uns am Tage vor- 
her noch so fremdartig anmuthete, gewissermassen 
heimisch. 



n 



218 Studer. 



Schweigend and aufmerksam die wechselnden Sce^ 
nerien und die im Glanz der Sonne sich spiegelnde 
Natur betrachtend, rückten wir vorwärts. Der am 
Vormittage noch etwas trübe Himmel hatte sich in 
das reinste Blau umgewandelt. Die Beleuchtung der 
Felsen und der schneegefleckten grünen Höhen war 
wunderschön. In den Wasserfällen spielten die Regen- 
bogen. Ist doch das Thal reich an solchen! Hier 
stürzen die Bäche, die vom Schmelzwasser der Hoch- 
fime genährt werden, in einer -aufeinanderfol- 
genden Reihe von Kaskaden, dort in einem, aber 
um so bedeutenderen Fall oft von einer Höhe von 
tausend Fuss an den beidseitigen Thalwänden heranter. 
Ja, wir sahen eine Stelle, wo drei Sturzbäche neben 
einander ihre Wasserfülle über die nämliche Felswand 
dem Thale zuwarfen. Uöberhaupt spielt, namentlich 
zur Zeit der Schneeschmelze, das Wasser in der Natur 
des Thaies eine grosse Rolle. Der Thalbach übt einen 
gewaltigen Eindruck aus. Er hat streckenweise die 
Breite unserer Aare, da wo sie die Niederungen durch- 
fliesst, ja übertrifft sie sogar und füllt an einigen 
Stellen selbst die erweiterte Thalsohle aus. 

Um 9 Uhr Abends erreichten wir Roenneid und 
eine Stunde später, aber noch bei Tageshelle, bezogen 
wir unser Quartier in MariQseren, zwar etwas ermüdet, 
aber voller Befriedigung von unserm Ausfluge nach 
Jostedal. 



Norwegische Fahrten, 219 

Der Uebergang fiber das Fille-Fjeld.*) 

An einem herrlichen Tage, den 16. Juli, nahm uns 
der Dampfer in Marifjseren auf und wir durchschifften 
den anmnthigen Lystrefjord, jenen nördlichen Arm 
des grossen Sogne^ordes, fast in seiner ganzen Aus- 
dehnung, um in Lserdalsören an der südöstlichsten 
Ausspitzung des Sognefjordes auszusteigen. Vom Gaup- 
nefjord in den Lystrefjord einbiegend, entwickelte sich 
Tor uns gegen Süden und Norden ein hübsches Ufer- 
panorama. Nackte Felsgestalten, waldbekränzte, grüne, 
schroff abfallende Berge mit weit in den Fjord aus- 
laufenden, tannengekrönten Landzungen, schneegefleckte 
grüne Gipfel umschlossen in hübscher Perspektiye den 
Fjord. Es ist ein freundliches Bild. Die Berge sind 
nicht so hoch, um zu imponirenj aber eben dessbalb 
erhöhen sie den landschaftlichen Charakter. Wie man 
veiter nach Süden rückt, breitet sich zur Rechten der 
auBsichtsreiche Melden aus, dessen steil in den Fjord 
ahMlende, zum Theil felsige Wände noch reichlich 
mit Gebüsch überkleidet sind, während der Rücken 
begrast ist. Der Melden hat eine Höhe von 3562' 
und dehnt sich zwischen Mari^seren und Solvorn aus. 
Zar Linken oder am östlichen Ufer wird dieses von einem 
kahlen; schneelosen, etwa 3000 Fuss hohen Bergzuge 
eingefasst, dessen Fuss abwechselnd bald den nackten 
Felsen zeigt, bald mit Gehölzen, Wiesen und Baum- 
gärten geschmückt ist, aus denen Häuser und Kirche 
von ürnaes hervorgucken. Der Fjord ist hier kaum 



Fjeld ist identisch mit dem Wort Gebirge. 



220 Siuder, 

Ys Meile breit, üeber dem See und den Bergen war der 
wolkenlose Himmel ausgebreitet und, im Schimmer der 
goldnen Sonne prangend, die auch die dunkeln Schatten 
scharf begrenzt liervortreten liess, spiegelte sich die 
ganze Uferlandschaft auf der durchsichtigen Fluth in 
wunderschöner Klarheit ab, so dass die stillen Berge 
Yon oben ihre Ebenbilder unten zu begrüssen schienen. 
Das schöne Gemälde war wie von einem milden Zauber 
Übergossen und prägte sich für immer in unser Gemüth 
ein. Unterhalb des in reizender Bucht gelegenen 
Solvorn trat am rechten Ufer ein neuer, grün be- 
wachsner Höhenzug auf, dessen Bücken noch Schnee 
trug, und als wir uns der Stelle am östlichen Ufer 
näherten, wo der Aardalsfjord sich zwischen felsigen 
Bergen gegen Aar dal hineinbiegt, entfaltete sich am 
südlichen Horizonte Tor unsern Blicken im warmen 
Kolorit der Abendbeleuchtung ein imposantes Gebirgs- 
panorama. Es war die hochaufgerichtete, mächtige 
Gruppe, die sich am südlichen Ufer desSognefjordes 
in sehr steilen, waldbewachsenen und yon Lawinenzügen 
durchfurchten Bergwänden erhebt, sodann terrassen- 
förmig über grüne Alpentriften bis zum ewigen Schnee 
ansteigt und yon wallartig aufgebauten Felsgipfeln, 
die im glänzend weissen Schneegewande prangten, ge- 
krönt ist. Diese Gruppe bildet das Massiy, das 
zwischen dem Sognefjord und einem südlichen Arm 
desselben, dem Aurlandsfjord, aufgestellt ist und in 
dem 6600 Fuss hohen Gipfel des Blaafjeldes 
culminirt. 

Nach einer sehr genussreichen Fahrt bog der Dampfer 
in die kleine, yon finstern Bergwänden umschlossne 



Norwegische Fahrten. 221 

fiacht des Laerdalfjordes ein und setzte seine 
Passagiere bei Laerdalsören aas. 

Laerdalsören ist die Hauptstation fttr diejenigen 
Beisenden, welche von Sogne über das FilleQeld oder 
durch Hallingdalen nach Christiania sich begeben wollen. 
Ersteres war auch unser Ziel, und am folgenden Morgen 
reisten wir, jeder in sein Eariol eingepresst, mit einem 
Skydsjongen hintenäuf, von Laerdalsören ab. 

Die Fahrstrasse führt durch das La er dal, das sich 
zaerst in südöstlicher, dann in nordöstlicher Richtung 
gegen das höhere Gebirge hineinzieht. Anfangs läuft 
die Thalsohle, mit Wiesen bedeckt und von der Laer- 
dalsely durchflössen, zwischen waldbekleideten Höhen- 
2flgen fast eben hinein. Nur in der Feme sind einige 
Schoeegipfel bemerkbar, die aber dem Auge ver- 
schwinden, so wie man tiefer in das Thal eindringt. 
Hat man die Kirche von Laerdal und die Häuser 
TimBlaaflaten passirt, so verengt sich das Thal 
und lässt keinen Ausweg wahrnehmen. Durch eine 
schmale, tief eingeschnittene Felskluft wälzt sich die Elv 
wildbrausend hervor und zur Seite derselben schlängelt 
sich die im Jahr 1872 neu erbaute Strasse nach der 
Anhöhe von Seitunaas empor, welche den Thalriegel 
^üdet, der zu bezwingen ist. Längs der Bergwand, welche 
steil gegen den Fluss abgerissen ist, geht es wieder 
aibwärts und man erreicht das abgeschlossene grüne 
Thalbecken von Husum. Die Gegend wird nun immer 
^er und einsamer. Die Thalsohle hat nirgends grosse 
Breite und dehnt sich zwischen grünen Bergen aus, 
itie keine bedeutende Höhe haben. Die Wohnhäuser 
%en zerstreut umher und bestehen mitunter aus 



^ 



222 Studer, 

ärmlichen Hütten, in Stein aufgemauert und mit Erde 
bedeckt. Man bemerkt auch Dächer, die nach Ober- 
länder Art mit grossen Steinen beschwert sind. In 
diesem einsamen Gelände liegt, hart an der Strasse, 
3 Meilen von Lserdalsören entfernt, die alte, durchweg 
von Holz gebaute Kirche von Borg und. Sie soll aus 
dem XII. Jahrhundert stammen, ist noch vollständig 
erhalten, gleicht aber mit ihren wunderlich ans Holz 
geschnitzten Drachenköpfen an den Dachwinkeln, ihren 
eigenthümlichen Vorbauten und ihren Thürmchen mehr 
einer indischen Pagode als einer christlichen Kirche,, 
wenn nicht die vielen, auf den Thürmchen nnd Dach- 
giebeln angebrachten hölzernen Kreuze sie als eine 
solche bezeichneten. Diese Kirche wird nicht mehr 
gebraucht; es hat vielmehr die Gemeinde dicht daneben 
eine neue, in etwas modernerem Styl gehaltene, er- 
^stellen lassen. 

Das Thal behält noch eine Strecke weit den näm- 
lichen Charakter, doch allmählig fühlt man sich tiefer 
ins Gebirge versetzt und der Anstieg wird merkbarer. 
Etwas innerhalb der Station Haeg, bei der Brücke 
von Börlaug öffnet sich gegen Süden der Gebirgs- 
einschnitt, durch welchen die Strasse über das Hem- 
sedalfjeld nach Hallingdal führt. Der Reisende, 
der seinen Weg über das Fille-Fjeld nehmen will, 
lässt dieselbe zu seiner Eechten und wendet sich links 
nach Osten. Auch wir schlugen diese Richtung ein. 

Die Gegend nimmt jetzt an Wildheit und Oedö 
rasch zu. Der Thalgrund wird schmäler und erhält 
bedeutende Steigung. Zur Seite rauscht der juDge- 
Strom ungestüm herunter. Die Bergwände sind felsig- 



Norwegische Fahrten. 22B 

Es öffiiet sich ein kleines Becken und die Thalein- 
bssang zeigt sich schneereicher. Aber während das 
Thalende sich wieder verengt und auf der linken Seite 
des Weges' in nördlicher Richtung in unbewohnte 
Gründe sich verliert, um unter dem Namen Smeds- 
dal von den beidseitigen Thallehnen die Bäche auf- 
zunehmen, die von den schneebedeckten Höhen als 
Schmelzwasser herunterfliessen, zieht sich die Strasse 
an der noch bewaldeten östlichen Thallehne aufwärts 
und fuhrt zu den hochroth bemalten Gebäuden der 
Station Maristuen, welche schon in einer Höhe von 
2530 Fuss über Meer hegt. Dann geht es eine lange 
Strecke weit gegen den Hintergrund des Smedsdals 
hinein. Dieser ist so enge, dass die Hand fast die 
Schneereifen berühren zu können vermeint, die an 
der jenseitigen, rasenbewachsnen Bergwand hängen 
bleiben und selbst noch der Jülisonne trotzen. Nun 
aber beginnt die Steigung wieder und es ist ihr ernst. 
Nach längerm, doch massigem Anstieg betritt man 
den westlichen Rand einer hochgelegenen Thalfläche 
und hat damit die Sohle des Einschnitts gewonnen, 
der den ungefähr ^ine halbe Meile breiten Gebirgs- 
rücken in der Richtung von Südwesten nach Nordosten 
quer durchschneidet. Dieser Einschnitt vermittelt den 
üebergang über das Fillefjeld und gleichzeitig, wie 
die aufgestellte Grenzsäule den Reisenden belehrt, den- 
jenigen aus dem westenfjeldischen Norwegen in das 
ostenfjeldische oder aus Borgens Stift in Hamars Stift. 
Das kleine Hochthal, das sich mit geringer Niveau- 
bewegung bis an den Rand des östlichen Gebirgsab- 
falls erstreckt, ist öde, rauh und wild, hat aber nichts 



1 



224 Siuder. 

weniger als einen grossartigen Charakter. Anfangs 
dehnen sich rechts an der Strasse noch Alpweiden 
aus, die mit einigem Nadelholz hewachsen sind, ans 
dessen schattigem Dickicht das weidende Vieh neu- 
gierig den vorüherfahrenden Reisenden anglotzt. Die 
begrasten Hänge bilden den Abfall einer Hochterrasse, 
hinter deren äusserm Rand die weiten Schneefelder 
und dahinter liegenden Gipfel dem Auge verborgen 
bleiben. Zur Linken streckt sich ein kleiner Alpensee 
aus, der auf der Nordseite von begrasten üferhöhen 
umgeben ist. Bald aber verschwindet jeglicher Baum- 
wuchg. Mageres Gras, Moorgründe und niederes Ge- 
sträuche bedecken den Boden. Die Gegend ist einsam. 
Keine menschliche Wohnung ist sichtbar. Endlich 
geht es fast unvermerkt über die Wasserscheide, welche 
das Flussgebiet der Laerdalselv von demjenigen der 
Bägna trennt, und ist' man auf dieser angekommen, 
so zeigen sich in geringer Entfernung und bei sehr 
unbedeutendem Niveau-Unterschied der See und die 
Stationsgebäude von Nystuen, deren Höhe über dem 
Meer auf 3150' angegeben wird. 

Die Station Nystuen ruht am Fusse eines Berg- 
rückens, der das schmale Hochthal gegen Norden ein- 
wandet und in dem felsigen Gipfel des Stugunös 
kulminirt. Dieser krönt die steilen, begrasten Hänge, 
die unmittelbar hinter den Stationsgebäuden empor- 
steigen. Er hat eine Höhe von 4700' und zu seiner 
Besteigung ist daher noch eine vertikale Höhe von 
1550' zu bewältigen. Die begrasten Hänge der süd- 
lichen Thallehne, die sich einige hundert Fuss hoch 
nach dem Rande jener obenerwähnten schneeigen Hoch- 



Norwegische Fahrten, 225 

terrasse hinaufziehen, sehen hier schon viel schnee- 
reicher aus, ja die Schneestreifen reichen selbst noch 
im höchsten Sommer bis fast an den See herunter, 
in welchem sich der Fuss jener Hänge badet. 

Nach einer Fahrt, von 6 7^ Meilen nahmen wir 
in Nystuen Quartier. Am nächsten Morgen gedachte 
ich den Stugunös zu besteigen, dessen Gipfel unser 
leichtf&ssige Reisegefährte H. B. eilends noch am 
Abend unserer Ankunft erklomm und von dessen lohnen- 
der Aussicht und der Pracht des durch das Glühen 
der Sciheeberge verherrlichten Sonnenuntergangs ganz 
begeistert er zu uns zurückkehrte. 

Früh um 4 Uhr Morgens schritt ich, die Zeichnungs 
mappe und den leichten Schirmstock in den Händen, 
dem Stugunös zu. Auf Schussweite westlich von 
der Station von der Strasse rechts abbiegend stieg ich 
dnrch Gesträuche und durch nasses Gras pfadlos die 
steile Bergwand hinan. Ich kam zu einem ansehnlichen 
Schneefelde und dieses überschreitend und das oberste 
Felsgehänge mit Benutzung der schmalen Grasbänder 
erkletternd, erreichte ich in einer Stunde die Kamm- 
höhe. Diese bildet einen ziemlich breiten, gegen Norden 
sanft sich abdachenden, begrasten, doch stellenweise 
mit Schnee oder mit Trümmergestein bedeckten Kücken, 
der sich in östlicher Kichtung stufenweise nach dem 
höchsten Gipfel emporzieht. Derselbe war leicht und 
angenehm zu begehen und nach einer weiteren halben 
Stunde stand ich oben. Der Gipfel besteht aus mehreren 
fast gleich hohen, durch kleine Vertiefungen von ein- 
ander getrennten und mit Steinmännchen gekrönten Er- 
höhungen, 

15 



226 SHder, i 

Bei meiner Ankunft sah ich den Horizont durch : 

Nebel verfinstert. Ja , die sich häufenden Nebelmassen ; 

umfingen mich zuletzt so dicht, dass mir alle Hoffnung , 

benommen wurde, auch nur die kleinste Skizze der i 

Aussicht nach Hause bringen zu können. Auf dem ; 

• 

feuchten Rasen gelagert, der, ausser einigen Stellen, { 
wo der nackte Gneiss zu Tage tritt oder Trümmer . 
umherliegen, den Gipfel schmückt, schaute ich, eine •; 
schlechte Gigarre von Laerdalsören rauchend, in etwas ^ 
banger Erwartung dem Spiele des Nebels zu. Die ^ 
Temperatur war zum Glück nicht kalt. Nach ungeföhr j 
einer Stunde Harrens vermochte die Kraft der höher j 
steigenden Sonne das Nebelgespenst zu verscheuchen i 
und in unbegreiflich kurzer Zeit putzte sich die Luft t 
so rein, dass fast wie durch Zauber unversehens das 
Panorama vollständig- klar vor mir aufgedeckt lag. 

Die Rundsicht vom Stugunös*) ist nicht gerade 
von imposantem Eindruck. Yon allen den sichtbaren 
Gebirgsketten sind nur die oberen Theile zu sehen. 
Der Blick dringt nicht hinab bis in die Tiefe der 
Thäler und desshalb geht auch der Massstab zur Beur- 
theilung der wirklichen Gebirgserhebung verloren. Sie 
ist aber desswegen von Interesse und Belehrung, weil in 
dem ausgedehnten Rundbilde die beiden Haupttypen 
der norwegischen Gebirgsformen sehr charakteristisch 
repräsentirt sind. Sie scheiden dasselbe in zwei ver- 
schieden gestaltete und doch harmonisch mit einander 
verbundene Hälften, von denen jede ein besonderes 
Studium verdient. 



*) Siehe das bei den artistischen Beilagen befindliche 
Panorama. 



Norwegische Fahrte», 297 

Im gaozen nördlichen Gesichtskreise werden 
tmlich die näheren öden, docb TerhSItnisBinässig noch 
ahmen, dem nördlichen Hochplateau des Fille- 
fjeldes angehörenden Umgebungen, deren kleine 
Hochflächen nnd niedere langgestreckte Höhenzflge ab- 
wechselnd mit Schnee oder Rasen bekleidet sind, von 
einem entfernteren Gebirgskranze überragt , dessen 
Gipfel in meistens scharf ausgeprägten, schneidigen 
Formen, bald den nackten Fels zeigend , bald vom 
Gewände des ewigen Schnee'a umkleidet , am Horizonte 
emporsteigen. Dieser Gebirgskranz nmfasst eine Strecke 
Ton etwa 5 Meilen, während die gerade Entfernung 
sdner Gipfel nur 2 bis 3 Meilen beträgt. Er zerftllt 
in verschiedene Gruppen, welche von Westen nach 
Osten genommen mit einzelnen kühnen Spitzen der 
Hornngtinderne beginnen, jenes Massivs, dessen 
westliche Abdachung noch den Lystrefjord beherrscht. 
An diese Grnppe Hchliessen sich diejenigen der Kolde- 
dals- und Melkedalstinderne an, welche mit 
ihren blanken Zinnen die gezackten Riese nmauern 
bilden, 'die hinter den nördlichen Gestaden der Seen 
von Tyen und Bygdin aufgerichtet sind. Diese Seen 
Bind jedoch nicht sichtbar, sondern werden durch die 
nahen Randböhen des Fillefjeldes verdeckt. Zwischen 
den Koldedals- und Melkedalstindernen ragen noch 
wilde Gestalten hervor , welche wohl der entfernteren 
Grnppe der Skagastöldatinder angehören 
Die letzte jener Gruppen, die schon den non 
Horizont einnimmt, halte ich fßr diejenige de 
dalspiggene, die den Raum zwischen den 
md dem Gjendinsee ausfällen. Es mag hier 



228 Studer. 

merkt werden, dass die Wasser dieser beiden letzt- 
genannten Seen nach dem Qndbrandsdale fliessexi, 
während der Tyensee seinen Ausflass nach Sogn hat. 
Betrachtet man nun diesen gewaltigen, scheinbar zu- 
sammenhängenden Qehirgskranz etwas näher, so ist 
es allerdings mehr die Zahl und die mannigfaltige Ge- 
staltung der aneinander gedrängten Gipfel, sowie die 
mächtige Ausdehnung der Gebirgserhebung , als die 
Grossartigkeit und hervorragende Schönheit einzelner 
Gebilde, was der ganzen Erscheinung etwas Imposantes 
und die Bewunderung Fesselndes verleiht. Man steht 
hier der höchsten Gebirgserhebung Norwegens, 
nämlich den Jotunfjeldene oder Riesengebirgen 
gegenüber, in deren Gebiet der Alpenclubist noch 
manches mit ewigem Schnee und Eis bedeckte jung- 
fräuliche Gebirgshaupt sich als Ziel seines Thaten- 
durstes auswählen könnte. Die Gipfel, die man vor 
Augen hat, erreichen durchschnittlich eine Höhe von 
7 — 8000 Fuss ü. M. Leider scheint weder der Gald- 
höppigen, dessen 8161 Fuss hoher Gipfel der höchste 
in Norwegen ist, noch sein Rivale, der 8140 Fuss hohe 
Glittertind, vom Stugunös aus sichtbar zu sein. Sie 
liegen beide noch nördlich hinter den Melkedalstinderne; 
doch möchte ich die Möglichkeit ihrer Sichtbarkeit 
nicht gerade ausschliessen. Leider stand mir keine 
Spezialkarte zu Gebote , nach der ich mich mit einiger 
Sicherheit hätte orientiren können. 

Rechts von der Gruppe der Svartdalspiggene folgen 
im Osten die kahlen , aber noch schneegefleckten Berg- 
züge des Skyri- nnd Slettefjeldes, die nur noch 
eine Höhe von 4 — 5000 Fuss .erreichen. Durch den 



Norwegische Fahrten. 229 

Thaleinschnitt Ton Valders von diesen getrennt, be- 
ginnt mit dem steil gegen dieses Thal abfallenden Gipfel 
des 5445 Fuss hohen Grinde fjeldes eine lange Reihe 
gleichförmiger , langgedehnter, schneeiger Hochrücken, 
welche dem weiten Plateau des- Fille fjeldes ent- 
steigen und den ganzen südlichen und westlichen Hori- 
zont umgürten. Unter den Gipfelhöhen zeichnet sich der 
Suletind aus. Er ist in gerader Linie keine Meile 
von unserem Standpunkte entfernt und erreicht eine 
Höhe von 5640 Fuss. In seinem Profil stellt er eine 
oben schief abgeschnittene Pyramide dar und sein 
gegen Norden gekehrter, breiter, schwarzer Felsabsturz 
bricht malerisch aus den weissen Flanken und dem 
Wendenden Schnee hervor, der in weiten Feldern seinen 
Fass umhüllt. 

Wir haben in dem vor uns entfalteten Panorama 
so recht ein Bild der nordischen Gebirgsnatur , in 
welcher der düstere Ernst vorherrscht. Zwar befindet 
man sich auf dem eingenommenen Standpunkte wie auf 
einer kleinen Oase, wo, allerdings spärlich genug, das 
Grün der Vegetation das Auge wohlthuend erfreut, wo 
aber doch der fluchtig dahineilende Sommer nach allen 
Seiten hin dem starren Winter noch die Hand reicht. 
Diese Oase umfasst den rasengeschmückten Gipfel des 
Stugunös, die nächstliegenden sonnigen Triften des 
nördlichen Fillefjeldes , in deren Schooss die kleinen 
^penteiche glitzern und das Hochthal von Nystuen, 
flas mit seinen stillen Seen und dem grünen, schnee- 
gefleckten Rasenteppich, der noch die beidseitigen Thal- 
bänge bekleidet , in seiner ganzen Ausdehnung zu den 
Füssen des Schauenden liegt und in welches die Felsen 



230 Studer. 

des Stngunös lothrecht abstürzen. Darüber hinaus aber 
erblickt man nichts als Schnee und kahle Feliaen. 
Einsam, öde, wild und rauh erscheint die Natur im 
weiten Umkreise. Kein Baum, kein Feld, kein Dorf 
ist sichtbar. Das vor den Blicken ausgespannte Stück 
Erde liegt über der Grenze des Baumwuchses, wenn 
man einiges Gesträuch und einige verkrüppelte Fichten 
nicht in Anschlag bringen will. Die Station Nystuen 
ist die einzige sichtbare menschliche Wohnung. Eine 
Todtenstille herrscht im ganzen Rund. Und doch be- 
sitzt selbst diese trostlose Wildniss noch ihre erhabenen 
Schönheiten und ihren eigenthümlichen Zauber. Wenn 
jene weissen, einsamen Gipfelhöhen des Fille-Fjeldes 
von der Sonne beleuchtet den strahlenden Glanz zurück- 
werfen, wenn jene schneebedeckten Hochebenen in ihrer 
blendenden Pracht krystallnen Teppichen gleichen, auf 
denen die greisen Bergeshäupter wie s«*.hlafende Sphinxe 
ruhen, wenn die kleinen Bergseen, von Schneehöhen 
oder grünen Alpweiden eingerahmt, das Spiegelbild der 
Umgebung malerisch zurückwerfen, wenn an jenem 
mächtigen Bauwerke der Riesengebirge die Schnee- und 
Eisflächen wie polirte Schilder fnnkeln und der Strahl 
der Sonne die nackten Felshörner und die weissen 
Spitzen vergoldet und alle die schimmernden Gipfel 
in den blauen Himmel hinaufragen , dann hat auch hier 
die todte Natur Leben und Farbe gewonnen; der 
Lichtglanz, der über die starren Massen ausgegossen ist, 
mildert den düsteren Ernst, der sie sonst umlagert 
hält ; das Auge wird gefesselt durch die Schönheit des 
Bildes und der Geist bewundert die Grösse und Har- 
monie in den Werken der Schöpfung, die er , wie von 



r 

I Norwegische Fahrten. 231 

I einem göttlichen Hauche durchweht, vor sich aus- 
gebreitet sieht! 

Während ich mit Eifer an der Arbeit war, das 
interessante Panorama zu skizziren , kam auch Freund 
Kernen zu mir herauf. Wir betrachteten mit grosser 
Aufimerksamkeit die fremde W.elt Yon Bergen, die uns 
nmgab und uns anheimelte und welche doch mit keiner 
schweizerischen Alpenaussicht zu vergleichen war. Aber 
die Zeit drängte zum baldigen Bückzuge. In weniger 
als drei Stunden hatte ich meine Skizze vollendet. 
Wir sagten dem Stugunös für immer Lebewohl, eilten 
mit raschen Schritten mit Umgehung des steileren Fels- 
gehänges nach Nystuen hinunter und sassen schon um 
11 Uhr auf einem leichten, mit zwei vortrefflichen 
Pferden bespannten Beisewagen, der uns nach Yalders 
bringen sollte. 

Nachdem der Weg sich noch eine kurze Strecke fast 
eben dem grauen, reizlosen See von Nystuen entlang 
hmgezogen hat, so beginnt an seinem östlichen Ende 
der Abfall des Fillefjeldes gegen das Thal von Val- 
ders. Er ist bedeutender als derjenige auf der West- 
seite, der mehr allmälig geschieht. In fast erschreckend 
steilem Gefälle, das an einigen Stellen seine 25 ^o 
haben mag, windet sich die Strasse an der jähen Berg- 
stnfe abwärts. 

Bekanntlich kennt man in Norwegen die Vorrich- 
tung zum Spannen der Bäder nicht oder sie ist wenig- 
stens noch nicht eingeführt. Wenn daher eine Fahrt 
an solchen abschüssigen Stellen gleichwohl glücklich 
Yon statten geht, so ist es nicht der Geschicklich- 
keit des Führers, sondern dem sichern Tritt, der 



^ 



232 Studer. 

zähen Kraft und der Gewohnheit der Pferde zu ver- 
danken. 

Hat man den Fuss der jähen Bergstufe erreicht, so 
befindet man sich im engen Hintergrunde des Vald ers- 
thals, wo die Bägna, die dem Nystuensee ent- 
fliesst und den Thalfluss bildet, die von der nörd- 
lichen Thalwand herunter fliessende Björdöla auf- 
nimmt. Ueber diese Thalwand kann man nach dem 
Bassin des Tyensees hinaufsteigen, der 3500 Fuss ü. M- 
liegt. 

Aber noch lange geht es, wenn auch mit geringerm 
Gefälle, abwärts durch das enge, öde Thal hinaus,. 
das zwar weniger von nackten Felsen als von begrasten, 
mit Gesträuche bewachsenen Hängen eingeschlossen 
wird. Erst von Skogstad hinweg wird das Thal 
etwas zahmer und fruchtbarer und hat den schlucht- 
artigen Charakter verloren; doch sind die Ufer des 
(Lille) Mjösensees, zu dem man zunächst hinkommt, 
noch einförmig und wenig belebt. Dieser See heisst 
auch Vangsmjösen. Er liegt noch 1500 Fuss ü. M. 
und seine aufeinanderfolgenden 3 Becken haben eine 
Gesammtlänge von 2 Meilen, bei einer Breite von 
ungefähr 7* Meile. Die Becken füllen nahezu die 
ganze Thalsohle aus, die von steilen Bergen ein- 
geschlossen ist, unter denen auf der östlichen Seite 
der Grindalen bis auf 5500 Fuss, auf der west- 
lichen der Skjoldfjeld über 4000 Fuss sich erhebt. 

Zwischen Tune und Oilo führt der Weg sehr 
pittoresk dem südlichsten Becken des Vangsmjösen ent- 
lang. Hart zur Rechten steigen mächtige Felswände 
und Trümmerhalden empor. Die neue, schöne Strasse 



Norwegische Fahrten, 233 

ist grossentheils in Fels gesprengt und stellen^veise 
wähnt man sich auf die Axenstrasse versetzt. 

Der dem See in einer Felskluft entströmenden 
Bigna entlang vorrückend und diese überschreitend 
gelangt man an den hübschen Slidrefjord. Bei 
ihrem Eintritt in denselben bildet die Bägna einen 
schönen Fall. Die vielen kleinen, bewaldeten Inselchen 
und die in den See einschneidenden üfervorsprünge 
verleihen ihm einen malerischen Charakter. Er ist 
?on zahmen grünen, mit Häusergruppen geschmückten 
Bergen umgeben, hat eine Längenausdehnung von einer 
Meile, ist aber nur V» Meile breit und liegt 200 Fuss 
tiefer als der Vangsmjösen. 

Wir nahmen in «Brands Hotel» für die Nacht 
Quartier. Dieses Hotel mit Sommerpension liegt an- 
muthig auf einem Hügel und bietet nicht nur gute 
Aufnahme, sondern auch einen schönen Ueberblick über 
das liebliche Gelände und den freundlichen See. Im 
Hintergrunde von Valders sieht man selbst noch einige 
Schneegipfel am Horizonte erscheinen. 

Von Sliders, dessen Kirche unweit dem Gestade 
des Sees mitten aus üppigen Wiesen und Baumgruppen 
sich erhebt, führt die Strasse durch Valders weiter, bald 
dem Slidersee und dem darauffolgenden Strande- 
fjord^entlangj dann wieder abseits vom Seeufer durch 
ein fruchtbares Gelände und über ein hübsches, mit 
Pruchtfeldern , Wiesen, Gehölzen und Dörfern ge- 
schmücktes Plateau, das ziemlich steil gegen den 
Strandefjord abgilt. Am Ende dieses Plateaus kommt 
die Station Frydenlund. Etwas ausserhalb dieser 
Station scheidet sich der Weg, der durch Valders nach 



234 Studer, 

Aadalen führt, von demjenigen, den man einschlägt, wenn 
man über Bandsfjord nach Drammen und Christiania 
gelangen will. Wir wählten den letztern, der sich links 
abbiegt, um in langer, sanfter Steigung die' Höhe des 
breiten, waldbedeckten Bergrückens zu gewinnen, dCT 
das Thal von Valders von dem Thal der Etnaelv 
trennt. Die Höhe des Uebergangs heisst Tonsaas 
und liegt 2700 Fuss ü. M. Bevor man die Waldung 
betritt, bietet sich vom höchsten Punkt der Strasse 
aus ein reizender üeberblick über das Thal von Valders 
mit den Spiegeln des Slidre- und Strandeßords und 
den jenseitigen zahmen, flachen, an den Abhängen be- 
waldeten Uferhöhen, die von Sennhütten tiberdeckt das 
meilenweite Hochplateau begrenzen, das sich zwischen 
Valders und Hallingdal ausdehnt, während fem im 
Nordwesten noch die letzten Schneeberge sichtbar sind, 
welche der südlichen Kette des Jotungebirges an- 
gehören. 

An der östlichen Abdachung des Bergrückens kommt 
man hinunter in das einsaine Et nodal. Waldbedeckte 
Höhen fassen den mit Wiesen geschmückten und von 
der Etnaelv durchströmten, schmalen Thalgrund ein. 

Unser heutiges Nachtquartier war in Sköien, 
eine Stunde vor Odnaes. Morgens um die sechste 
Stunde von Brands Hotel abreisend und stationsweise 
Wagen und Pferde requirirend, gelangten wir doch 
erst Nachts 1 1 Uhr beim letzten Dämmerschein wohl- 
gerüttelt und halb gerädert in Sköien an. Es war 
eine lange und ermüdende Fahrt gewesen und hätte 
noch ermüdender sein können, wenn nicht der Reiz 
neuer Gegenden und der abwechselnde, oft malerische 



Norwegische Fahrten. . 235 

Charakter der Landschaft die Aufmerksamkeit und 
Keogierde fortwährend in Anspruch genommen hätten. 

Am andern Morgen schifften wir uns bei der 
Dampf schiffstation Odnaes am nördlichen Ende des 
Bandsfjords ein und fuhren auf dem kleinen 
Dampfer bis zur Station Randsfjord. 

Der Rands fjord hat eine Länge von 672 Meilen 
und eine durchschnittliche Breite von ungefähr '/s Meile. 
Er ist wohl fünfmal so lang als unser Brienzersee, aber 
nur halb so breit und liegt 420 Fuss ü. M. Dieser 
lange, schmale See, der sich nur in seiner untern 
Hälfte etwas mehr ausweitet, ist von grünen Höhen 
eingefasst, welche am westlichen Ufer noch auf 1500 
bis 2000 Fuss sich erheben sollen. Der Eindruck des 
Sees und seiner Umgebungen ist' ein freundlicher. 
Wiesen, Waldungen, Fruchtfelder und Baumgärten 
wechseln mit einander ab, stattliche Gehöfte, heitere 
Ortschaften und Kirchen schmücken die Ufer und be- 
leben die Landschaft etwas mehr, als es bei den 
früher befahrnen Seen der Fall war. Die roth und 
weiss angestrichenen, schiefergedeckten Häuser blicken 
wieder malerisch aus dem Grün der Wiesen und Bäume 
heraus. Doch ist die Fahrt zu lang, die Scenerie zu 
gleichförmig, um ihren Reiz bis ans Ende in gleicher 
Frische zu behalten. 

Von der Station Rands fjord nahe am Ausgang 
des Sees führt die Eisenbahn über Drammen nach 
Christiania. Sie durchzieht zunächst ein waldiges 
Gelände und kommt an das Ufer unserer alten Be- 
kannten, der Bägna, welche vom Spirillensee herfliesst, 
um sich mit dem Abfluss des Randsfjordes zu ver- 



236 Studer. 

einigen and den Namen Drammenelv anzanebmen. 
Bei der Station Hönefoss geniesst der Reisende eines 
hübschen Ueberblickes über die freandliche Stadt und 
das sie umgebende mit Hänsern besäete, grüne Gelände. 
Bei A s k erreicht die Bahn das weite grosse Becken des 
Tyrifjordes und gestattet freie Sicht auf die den 
Fjord umkränzenden, reich bewaldeten Bergzüge. Aber 
die Scenerie wechselt bald wieder. Die Bahn zieht sich 
der pittoresken Schlucht entlang, welche der den Fjord 
wieder verlassende Strom schäumend und brausend 
und über Felsriffe stürzend durchtobt. Kühne Ueber- 
brückungen führen die theilweise durch Felsen ge- 
sprengte Bahn bald an das eine, bald an das andere 
Ufer. Bei Haugsund wenden sich Bahn und Fluss 
fast im rechten Winkel von Süden nach Osten. Ruhiger 
strömt die Elv in ihrem breiten Bette dahin. Der er- 
weiterte Thalboden wird belebt. Hübsche Kirchen und 
Ortschaften fliegen vor dem Auge vorüber; niedere 
Waldhöhen schliessen das baumreiche Gelände ein, und 
bald wird das stattliche, gewerbreiche , hauptsächlich 
durch Holzhandel belebte Drammen erreicht, das 
sich zu beiden Seiten des Flusses ausbreitet. 

Von Drammen fährt die Eisenbahn bald durch 
baumreiche, wohlkultivirte Gregenden, bald durch öde 
Waldstrecken und selbst bei Felspartien vorüber in 
2»/2 Stunden nach Christiania, wo wir am 21. Juli 
wohlbehalten wieder eintrafen. 

So hatten wir denn unsere kleine Eundfahrt in 
zweiundzwanzig Tagen glücklich vollbracht! Reich an 
Erinnerungen sind wir davon zurückgekehrt. Wir hatten 
gewagt und es ist gelungen. Wenn auch die Zeit uns 



Norwegische Fahrten, . 237 

kurz zagemessen war und wir Alles nur in der Eile 
«ns ansehen konnten ; wenn die Unkunde der Landes- 
iprache uns yerhinderte, mit dem Volke in nähere Be- 
rfihrung zu treten und mit seinem Charakter, seinen 
Sitten und Gebräuchen uns vertraut zu machen, so 
haben wir doch das Aussehen der durchreisten Gegen- 
den und die Wohnstätten ihrer Bewohner kennen ge- 
lernt und in vollen Zügen das Schöne, das sich uns 
darbot, genossen. 

Unter dem Gesammteindrucke dieser Erinnerungen 
sei es denn auch dem Verfasser erlaubt, noch einige 
Haaptmomente hervorzuheben, nach denen der Cha- 
rakter des norwegischen Gebirgslandes und seine Be- 
ziehungen zu demjenigen unserer heimatlichen Berge 
zn bemessen wären. Es ist ganz begreiflich, dass der 
Freund der Natur, der fremde Länder besucht, zu 
derartigen Betrachtungen gedrängt wird; aber ebenso 
sehr ist es möglich, dass seine Phantasie oder eine 
gewisse Vorliebe für sein Heimatland ihn dabei irre- 
führen können. Die hienach folgenden Zusanunen- 
steUungen machen daher keinen Anspruch auf wissen- 
schaftliche Begründung, sondern sie sind einzig das 
Produkt subjektiver Gefühle und Reminiscenzen , die 
dem Verfasser bei dem Anblick der neuen Erscheinungen 
vorgeschwebt haben. Sie sind aus der flüchtigen An- 
schauung einiger wenigen, rasch durchreisten Landes- 
theile Norwegens geschöpft und wollen auch nur von 
diesem Gesichtspunkte aus aufgefasst sein. Aber es 
ist ein natürlicher Zug des Herzens, das seine Alpen- 
heimat lieb gewonnen hat, auch im fremden Gebirgs- 
lande Anklänge an diese Heimat aufzusuchen und zu 



238 . Studer, 

begrüssen. Und es finden sich solche Anklänge schoi 
in gewissen norwegischen Berg- und Thalbenennungen. 
Wer denkt nicht unwillkürlich an unsere: Jastisthal, 
Beversthal, Guldenthal, Grüneberg, Melch- 
thal, Yalserthal, Aarthal, Eisboden, Ochsen- 
thal, Steinboden, Isenmannigen, Breitwang, 
Thunu. s. w., wenn dort, ob auch zum Tbeil mit;] 
ganz anderer Bedeutung, die Namen an sein Ohi 
klingen: Justedal, Bseverdalen, Eoldedal, 
Grönneberg, Melkedal, Valders, Aardal^l 
Eidsboden, Oxdal, Steinboden, Ismsenn in gen^, 
Bredvang, Tune u. s. w. 

Mannigfaltigeren Stoff zu Yergleichungen finden 
wir aber in der norwegischen Gebirgsnatur selbst. Es 
kann nicht in Abrede gestellt werden, dass der Begriff 
des Grossartigen in reichem Maasse auch für die 
norwegischen Gebirgslandschaften gilt. Allein, dieser 
Begriff findet mehr Anwendung auf die allgemeinen 
Verhältnisse, als auf die einzelnen Erscheinungen. 
Grossartig ist namentlich die ungeheure Ausdehnung 
der Gebirgs-Erhebung, die in ihrer Längen- 
richtung fast die doppelte ist von derjenigen der Alpen 
zwischen Nizza und Wien; die Länge der Thäler» 
welche Strecken von 20 bis 30 Meilen einnehmen; der 
Umfang der zusammenhängenden Hochfirne oder 
ewigen Schneefelder, der z. B. im Jostedals- 
bräen, wenn man die von ihm ausgehenden Gletscher 
mit in Anschlag bringt, 1500 Quadratkilometer beträgt. 
Grossartig sind ferner die Wassermassen: die 
Binnenseen, die den Schooss der Gebirgsthäler aus- 
füllen und durch ihre ungeheure Zahl und ihre Länge» 



Norwegische Fahrten, 239 

die beim Mjösensee 9 Meilen erreicht, bemerkens- 
wcrth sind; die Fjorde, die sich von der Meeres- 
kflste aus yielarmig 16 und 17 Meilen oder 40 Schweizer- 
Btanden weit in das Innere des Landes, ja bis mitten 
in die Schneegebirge hinein erstrecken und bis nach 
ihren äussersten Punkten von Meerbooten befahren 
werden und dort noch die Erscheinung von Ebbe und 
Fluth wahrnehmen lassen ; die Ströme und Flüsse, 
welche die Gebirgsthäler durchziehen und vielleicht an 
wildem Ungestüm unsern Gletscherströmen nicht gleich- 
kommen, sie aber an Wasserfülle und Länge über- 
treffen, wenn man erwägt, dass z. B. der Glommen 
bis zu seiner Ausmündung einen Lauf von vollen 
50 Meilen hat. 

In allen diesen Beziehungen ist die Natur in Nor- 
wegen grösser und gewaltiger als in den Schweizer- 
alpen, ja in den Alpen überhaupt. 

Kommt man jedoch auf andere Verhältnisse und 
tritt man mehr in's Detail der Naturerscheinungen ein, 
betrachtet man namentlich das Maass der vertikalen 
Gebirgs-Erhebung, so hält Norwegen den Ver- 
gleich mit der Schweiz nicht mehr aus. Schon die 
absolute Höhe der dortigen Gebirgsthäler und Pass- 
übergänge im Allgemeinen ist eine viel geringere als 
in unseren Alpen, besonders aber in Bezug auf die 
Höhe der Berggipfel treten diejenigen Norwegens 
bedeutend gegen unsere vielen 10 — 14000 Fuss hohen 
Alpenspitzen zurück. Bewegt sich doch im Bereiche 
der höchsten Gebirgserhebung Norwegens die 
Maximalhöhe der Gipfel durchschnittlich nur zwischen 
6000 und 7500 Fuss und uur einzelne wenige unter ihnen 



240 Studer. 

vermögen über 8000 Fuss anzusteigen. Der 8161 Fuas 
höbe Galdhöpiggen und der 8140 Fuss hohe Glitter- 
tind in den JotunQeldene werden als die höchsten 
Gipfel von ganz Norwegen betrachtet. Aber auch 
die relative Höhe der Gebirge über der Thalsohle 
oder dem Thalbecken, in das sich ihr Fuss versenkt, 
reicht nicht an die Verhältnisse in den Schweizeralpen. 
In Romsdalen, in den Jotunfjeldene , in Jostedal, an 
den Zweigen des Sognefjords. am Hardangerfjord , in 
der Gruppe des Snehätta erheben sich zwar die Berge 
von ihrer nächsten Basis aus noch zu einer imposanten 
Höhe. Sie wird jedoch 6000 Fuss kaum irgendwo über- 
steigen, während die Gipfel der Monte Rosa-Kette über 
den Boden von Zermatt noch eine Höhe von 8000 Fuss 
und diejenigen der Jungfraukette über das Thal von 
Lauterbrunnen noch eine solche von 9 — 10000 Fuss 
erreichen. Vergebens sieht man sich daher in der 
norwegischen Bergwelt nach jenen imposanten Riesen- 
gestalten um, wie sie mit ihrem herrlichen Gletscher- 
schmuck und ihren gen Himmel ragenden Zinnen unser 
Hochgebirge zieren, vergebens nach jenen zerklüfteten 
Hochfirnen, welche von den höchsten Kämmen sturz- 
drohend und mächtig, in strahlendem Glänze, über 
die Felsenstufen des Gebirges heruntersteigen. Wohl 
machen die Hochfirne der Jostedais und Folge- 
fonds Bräen durch ihren immensen Umfang An- 
spruch auf Respekt, aber es fehlt ihnen doch die viel 
prägnantere Gestaltung und das eigenthümlich Be- 
zaubernde unserer Hochfirne, so wie die Majestät ihrer 
Umgebung. Ueber die eigentlichen Gletscher in 
Norwegen wage ich keine Vergleichung , da ich nur 



1 



Norwegische Fahrten. 241 

den l^igaardgletscher gesehen habe. Doch halte ich 
dafür, wenn auch ihre Zahl gross, stehen sie doch im 
Allgemeinen denjenigen unserer Alpen an Ausdehnung 
und Mächtigkeit der Masse nach. Was endlich die 
Form and das Aussehen der Gripfel betrifft, so sind 
dieselben weit entfernt, sich an unsere, nicht selten 
so herrlichen Gipfelgestalten reihen zu dürfen. Meistens 
sind es klotzige oder langgezogene Hochrücken ohne 
fesselnden Charakter, und da wo sie mehr ausnahms- 
weise als scharfgeschnittene, kühn aufragende Fels- 
und Schneehörner, Spitzen und Zacken auftreten, sind 
es doch nicht jene stolzen oder zierlichen Berghäupter, 
die in malerisch ausgeschnittenen Profilen unsere Berg- 
ketten krönen und yon denen jedes für sich schon 
die Bewunderung seiner Schönheit auf sich zieht. Man 
sucht in jenen nordischen Gebirgen umsonst eine zweite 
Jungfrau, ein Schreckhorn, eine Blümlisalp, 
noch viel weniger findet man ein Matterhorn oder 
Weisshorn. Ja, selbst Gipfel wie die Titliskuppe 
oder unsere Alt eis sind mir wenigstens nicht zu 
Gesieht gekommen. 

Dagegen bringt die niedere Schneegrenze in Nor- 
wegen die Täuschung hervor, als befände man sich im 
Schoosse unserer höchsten Gebirgsthäler oder auf unsern 
ödesten Alpenpässen, wenn man in Wirklichkeit nur 
ein paar hundert Fuss über dem Meeresniveau steht. 
Der unmittelbare Kontakt zwischen dem Schnee, der 
noch im höchsten Sommer niedere Berghöhen bedeckt, 
und der mit Vegetation geschmückten Landschaft lässt 
die Berge gewaltiger erscheinen, als sie sind und verleiht 
ihnen einen Nimbus von Hoheit, den sie nicht verdienieD. 

16 



^ 



242 Studer. 

Wir haben wilde Felsenthäler besucht, die mich 
vollkommen an ürbach und Gastern erinnerten. Iit 
Romsdalen und Jostedal haben wir die mächtigen Thal- 
ströme, die Bäche und Wasserfälle bewundert, die an 
Zahl, Höhe und WasseffüUe diejenigen der Schweiz 
überbieten. Mit Staunen und hohem Genuss befuhreit 
wir die grossen Fjorde, die malerisch zwischen jäh 
ansteigenden, unten bewaldeten, oben mit Schnee be- 
deckten Bergrücken eingebettet sind und in uns An- 
klänge an unsere Seen von Luzern und Wallenstadi 
erweckten, wie diese etwa im Frühjahr aussehen. Die^ 
reizenden Fahrten auf jenen schmalen, meilenlangen, 
von zahmen, waldreichen Uferhöhen eingefassten Binnen- 
seen haben uns in hohem Grade ergötzt. Wir ver- 
senkten uns mit lebhaftem Interesse in die Betrachtung 
der erhabenen ßundsichten, die auf mehr als 3000 und 
nahe an 5000 Fuss hohen Standpunkten vor uns ent- 
rollt waren. Aber bei AUemdem vermissten wir die 
Pracht und Majestät unserer Schneeberge. Es fehlten jene 
wunderschönen, silberfunkelnden Firne und Gletscher, 
die unsere Gebirgshänge bekleiden, und deren blendend- 
w^eisse Zacken dem Wanderer so bezaubernd entgegen- 
leuchten; es fehlte das saftige Grün der Alp weiden 
und Matten, wie dasselbe unsere Berge ziert, die herr- 
liche bunte Alpenflora, die uns oft so hold entgegen 
lächelt, der stolze Baumwuchs unserer Hochwälder; die 
Fülle stattlicher Ortschaften und üppiger Obstbaum- 
gärten, die unsere Seen und Thäler schmücken, üeber- 
haupt hat das norwegische Gebirgsland neben den 
einzelnen Erscheinungen, welche an unsere Alpen er- 
inctern, einen von diesen total verschiedenen Charakter» 



Norwegische Fahrten. 243 

Das Wilde, Starre, Düstere und Oede herrscht vor, 
da wo ^es nicht durch den strahlenden Glanz der Firne 
imd Schneegipfel oder durch die Liehlichkeit der Seen 
nnd Fjorde gemildert wird. Ein gewisser Ernst schweht 
über den Höhen und Thälem und umfängt seiher die 
unteren Thallandschaften. Es gehricht der nordischen 
Natur, so freundlich und sogar anmuthig sie sich stellen- 
weise zeigen kann, an jener Mannigfaltigkeit von gleich- 
zeitig erhabenen und reizenden Scenerien, wie sie die 
Schweiz auf so kleinem Gebiete in sich vereinigt. 
Freuen wir uns daher, werthe Clubgenossen, dass wir 
Kinder einer so schönen Heimat sind und machen wir 
nns dieses Vorzuges würdig durch edle Gesinnung, 
durch eifrige Pflege der Alpenerforschung und durch 
angebende Liebe zu unserm Vaterlande! 



^ 



Aus Calabrien. 

Yon 
Dr. Ernst Calherla. 

Eine Tonr anf den Aspromonte. 

(1874 Meter.) 

Der calabrische Apennin ist die südliche Fortsetzung 
des westlichen Zages des sogenannten neapolitanischen 
Apennins, der Grebirgsmassen , die sich zwischen dem 
Golf von Salerno und dem von Policastro befinden. 
Durch den Pass von Lago;iegro hängt letztgenannter 
Gebirgsstock mit dem Haupttheile des neapolitanischen 
Apennin, den Gebirgen der Provinz Basilicäta, zn- 
sanmien. 

Man kann in den Gebirgen Calabriens einen Hauptzag 
und von diesem ausgehend oder in ihm selbst sich ent- 
wickelnd verschiedene mehr oder weniger selbstständige 
Gebirgsstöcke unterscheiden. 

Der Hauptzug verläuft vom Passe von Lagonegro 
zuerst direkt südlich, steil gegen den schmalen Land- 
saum der Westküste Calabriens abfallend. Zwischen 
dem Golf von S. Eufemia (Pizzo) und dem von Squillace 



Aus Calahrien, 245 

(Cfttanzaro) erföhrt er seine tiefste Einsenkung in 
dem Passe Ton Tiriolo. Von eben genanntem Passe 
MS wendet sich der Hanptzug südwestlich, um in der 
Sddwestspitze Calabriems mächtig entfaltet als Aspro- 
montestock zu endigen. 

Der nördliche der 3 Gebirgsstöcke , die sich aus 
der Hauptkette des calabrischen Apennins sondern, 
zweigt sich südlich vom Passe von Lagonegro, also 
an seinem Anfangstheil , am Südende des Golfes von 
PoHcastro, in östlicher Richtung ab. Er besteht aus 
einem rein östlich verlaufenden Gebirgszug mit dem 
Monte Sabine (.1720 "), Monte Alberico (1672 °»), Monte 
Pölhno (2223") und dem Monte Grattacutto (1862«»). 
Von letztgenanntem Berg zweigt sich ein kurzer Ge- 
birgszug ab, der in südwestlicher Richtung verlaufend 
im Passe von Morano (Castrovillari) endet, dort gewisser- 
nassen an die Hauptkette des calabrischen Apennins 
wieder herantritt. Vom Monte Grattacutto setzt sich 
der ersterwähnte Gebirgszug in östlicher Richtung gegen 
den Meerbusen von Tarent weiter fort. In dieser 
zweiten Hälfte befinden sich die Sierra Tagliamano 
(2035™), und mit dem Monte Saracine (1729°>) tritt 
dieser Gebirgsstock bei den Ortschaften Rocca imperiale 
wd Policoro (Gegend des alten Heraclea) dicht an die 
lüste des Golfes von Tarent. Nach Norden wird 
dieser Gebirgszug durch das Thal des Sinno, des 
Siris der Alten, gegen den neapolitanischen Apennin 
abgegrenzt. 

Von den drei selbstständigen Gebirgsstöcken des 
calabrischen Apennins ist der nördlichste an Aus- 
d^nung der kleinste, in welchem es am wenigsten 



^ 



246 Cälberla. 



zur Bildung grösserer Hochebenen oder wohlangebauter 
Terrassen kommt, dagegen zeigen seine Berge die 
grössten Erhebungen der calabrischen Gebirge. Am 
Nordabhang des Monte Pollino <2223 °^) bleibt selbst 
im Hochsommer der Schnee liegen. * Im Hauptzuge 
des calabrischen Apennins, der dicht an der Westküste 
südlich bis zum Monte Keventino (1844™) verläuft 
und der als steile, nur von wenig hochführenden Pässen 
überschrittene Bergwand das Thal des Crati (Cosenza) 
vom tyrrhenischen Meere trennt, finden sich die 
Monte Calcinava (1578°^), Monte Rosa (1729"*), Monte 
Contussa (1827"^), Monte Cocuzzo (1730™) und der 
Monte Reventino. Von dem letztgenannten langen Berg- 
rücken entwickelt sich in östlicher, dann auch nörd- 
licher Richtung ein mächtiger Bergcomplex, das Sila- 
gebirge. 

Dieser Gebirgsstock hat eine fast quadratische 
Form und kann man in ihm einen südlichen, d. h. 
von Ost nach West gerichteten, einen westlichen und 
nördlichen Bergzug unterscheiden. Mit Ausnahme eines 
kleinen Flusses, des Lagaro, der am Nordwestende 
die Wände dieses massigen Gebirgsstockes durchbricht, 
öffnet sich letzterer nur an der Ostseite durch die 
Thäler des Neto, der nördlich von Cotrone, und des 
Trionto, der südlich von Rossano sich in den Golf 
von Taranto ergiesst. Von der Nord- und Westseite, 
aber vor Allem von der Südseite dieses festungsartig 
aufgebauten Gebirges strömen zahlreiche kurze Wasser- 
läufe herab. Die von der Südseite kommenden er- 
giessen sich in den Golf von Squillace, während die 
von der West- und Nordseite kommenden sich in dea 



Aus Cdlabrien. 247 

Oati ergiessen. Letztgenannter Fluss entspringt von 
dem südlichen Theil der Westwand des Silagebirges. 
Die höchsten Erhebungen finden sich im Süd- und 
Westtheil des Gebirgsstockes. Es sind die Serra del 
Imperatore (1580™), der Monte Cardoneto (1680°), 
der Monte Spineto (1650°»), der Monte Calistro (1722«") 
im südlichen und die Montagna della Porcine (1688™), 
derMonte Fallistro (1738 ™), der Monte Spinello (1652™) 
im westlichen Theil. 

Der langgezogene Monte Famorosso (1687™) bietet 
die grösste Erhebung des nördlichen Zuges. Die Kipa 
Rosso (1889™), der Cozzo del Gigante (1672™) und 
der Monte Petrella (1667™) bilden als östlicher Zug, 
mit dem Monte Fallistro sich verbindend, die Trennung 
des Flussgebietes des Neto und Trionto. In den Ge- 
bieten der beiden letztgenannten Flüsse kommt es 
innerhalb des Silagebirges zur Entfaltung mächtiger 
Hochebenen und Terrassen, die, wenn sie" auch im Winter 
theilweise mit Schnee bedeckt sind, doch ausgezeichneten 
Boden für Getreideanbau darbieten und auf denen es 
2ttr Entfaltung mächtiger Waldungen kömmt, die noch 
^eute, wie zur Zeit der Griechen und Römer, den fast 
ttnerschöpflichen Holzreichthum dieses Gebirges bilden. 

Der dritte Gebirgscomplex ist das Endstück des 
calabrischen Apennins selbst, der südwestlich des Passes 
^on Tiriolo befindliche Theil des Hauptkammes , der 
mit dem Monte Contessa (1590™) südlich der Hoch- 
ebene von Maida beginnend, Galabrien in der Richtung 
von Nordost nach Südwest durchzieht. Es steigt 
dieser Gebirgskanun beiderseits steil von den Küsten 
des jonischen wie des tyrrhenischen Meeres auf. Nur 



248 Calberla. 

wenige schwer passirbare Pässe überschFeiten ihn* 
SeiB nördlichster Theil erhält eine kurze westliche 
Parallelkette in den Bergen des Cap Vaticano und eiae 
etwas längere östliche in der Serra Ghindilli, die 
zwischen dem Golf Yon SquiUace und Gerace das Cap 
Stilo bildet. Im weitem Verlaufe des Hauptkasimes 
folgen der Monte Bruga (1644"*), der Monte Fama 
(1712°»), der Monte Locano (1692°»), der Monte 
Treditta (1738°») und der Monte Ligara (1789™). 
Dieser Gebirgszug endet, indem er sich zu einem mäch- 
tigen Gebirgscomplex, dem Aspromontestock, auf baut, 
in der Südwestspitze Calabriens. Von dem Haapt- 
kamm, sowie von seinem Endtheil, dem Aspromonte,. 
gehen unzählige, selbst im Hochsommer noch Wasser 
führende Bäche und kleine Flüsse in das jonische und 
tyrrhenische Meer hinab. Nur an wenig Punkten sinkt 
der Hauptkamm bis auf 1250™ herab; seine grösste 
Erhebung findet er in dem Monte Alto (1974™), dem 
höchsten Gipfel des Aspromontestockes. Besonders ia 
letzterem, zum Theil aber schon am Hauptkamm, kommt 
es zur Bildung von Terrassen , deren sich zwischen 
der Küste und der Bergspitze zwei oder drei unter- 
scheiden lassen. Diese Terrassen geben, soweit sie 
nicht von Wald bedeckt sind, gutes Weideland, und 
besonders die unteren ausgezeichnetes Land für Acker- 
bau und Obstzucht. 

Auch geologisch sind die 3 Gebirgsstöcke von ein- 
ander unterschieden. Während der nördlichste der 
Jura- und Kreideformation angehört, bestehen der 
Sila, der Hauptkamm selbst und der Aspromonte aus 
Urgebirge, und zwar ist es meist Gneiss, zu welchen 



Alts Cälahrien. 249 

die fast Bur aus Granit bestehende Serra Chindilli 
hinzutritt. An der Basis dieser Urgebirgsmassen 
findet sich Jura-, Kreide- und Tertiärformation, einen 
schmalen, aber sehr fruchtbaren Gttrtel um erstere 
bildend. 

Während der nördlichste Gebirgsstock des cala- 
brifichen Apennin viel Weideland und wenig Wald 
besitzt, kommt letzterer in den beiden südlichen Ge- 
birgskomplexen zu mächtiger Entfaltung. Mit dem 
Waldreichthum hängt der Wasserreichthum des süd* 
liehen Theiles Calabriens zusammen, der seine Küsten- 
strecken in herrliche Gärten verwandelt. J)ie höher 
gelegenen Terrassen und Thäler des calabrischen 
Apennins sind, wie oben schon bemerkt, im Winter 
stets mit Schnee bedeckt, der zum Theil erst Ende 
April oder Anfang Mai schmilzt. Diese höher ge- 
legenen Theile, die ganz alpinen Charakter haben^ 
werden daher erst im Frühjahr von den Hirten und 
Kohlenbrennern bezogen. Im Winter suchen diese 
Leute Arbeit in den Orangen- und Olivengärten, in 
den Hafenstädten oder halten sich mit ihren Heerden 
an der Küste auf, theilweise ziehen sie weit von den 
Bergen nach der apulischen Ebene fort. 

In den waldreichen Distrikten, besonders im Sila- 
gebirge und im Aspromontestock , bildet das Kohlen- 
brennen einen sehr wichtigen Erwerbszweig. Calabrische 
Holzkohlen versorgen Sicilien und das Festland Italien 
bis nach Neapel. Die Art der Kohlengewinnung selbst 
ist ein vandalischer Raubbau ! Um z. B. einen Baum 
zn fällen, wird unter demselben am Stamme ein Feuer 
angezündet und dieses so lange unterhalten, bis er 



^ 



250 Calberla. 



halbverkohlt umstürzt. Hierauf bedeckt man den 
Stamm zum Theil mit Erde und zerlegt ihn durch neue 
Yerkohlnng in mehrere Stücke, die dann endlich die 
gewünschte Holzkohle liefern. Geht das erstangezündete 
Feaer ans, so bleibt der Banm halbverkohlt stehen. 
Bei dem Holzreichthnm dieser Gegenden hat vorläufig 
selbst diese Art von Raubbau keine Gefahr ! So lange 
nicht leichtere C!ommunicationen zwischen den Wald- 
gebieten und dem Küstensaum geschaffen werden, ist 
an eine Waldausrottung nicht zu denken. Theilweise 
sind diese Wälder reiner Urwald, wie die Waldstrecken 
am Südabhang des Aspromonte. Hier treiben selbst 
Köhler nicht ihren Raubbau. In diesem Gebiet, dem 
es an allen Wegen mangelt, lohnt nicht einmal der 
Transport der Holzkohle. 

Den grössten Theil dieser Wälder bilden Buchen- 
und Eichenbäume, doch kommt es am Südabhang der 
Sila und am Ost- und Westabhang des Aspromonte 
auch zur Bildung prächtiger Tannen- und Fichten- 
wälder, in denen der Wolf, der Luchs und das Wild- 
schwein hausen. 

Den durch den Gebirgsaufbau hervorgerufenen 
Terrassenbildungen an den Abhängen der Berge passt 
sich die Vegetation an. So haben wir auf der obersten 
Terrasse, die im Winter stets mit Schnee bedeckt ist 
und die etwa von 800 — 1200™ aufsteigt, ausgezeichnetes 
Weideland, zum Theil kann man auf derselben schon 
Waizen bauen. An den Abhängen dieser Terrassen, be- 
sonders am Südabhaug der Sila und am Nordostabhang des 
Aspromonte, gedeiht schon die Kastanie und die Wall- 
nuss, und beide Früchte bilden in diesen Gegenden 



Aus Cdlabrien. 251 

«inen wichtigen Exportartikel. Auf der nächsten Terrasse, 
I' die etwa von 500—800™ aufsteigt, gedeiht die Traube, 
allerlei Kernobst, Kastanien und Waizen in bester 
(Jnalität. Von Getreidearten wird besonders eine Sorte 
mit grossen Körnern, « Majorica > genannt, und Gran 
Oermano gebaut. In geschützten Lagen dieser Terrasse, 
dann bis 600™ aufsteigend, bringt sogar die Olive 
önd die Carruba (der Johannisbrodbaum) reichlich 
Fruchte. An steileren Strecken wird die Mannaesche 
angebaut. Die nächste Terrasse, deren räumliche 
Begrenzung es nicht zu grossen ebenen Flächen 
kommen lässt , die gewissermassen wieder in kleine 
Terrassen zerfällt, steigt vom Küstensaum bis zu 500™. 
hinauf. Auf derselben herrscht, besonders da, wo viel 
Wasser vorhanden, die tippigste Vegetation. Die 
Orangen- und Limonengärten Calabriens sind ja be- 
rühmt; sie liefern entschieden die besten Orangen und 
Oitronen ganz Italiens. Daneben findet man aus- 
gedehnten Olivenanbau, der von der letzten Terrasse 
herab sich in die schmalen Küstenstriche ausdehnt. 
Als besonders grosse Olivendistrikte sind Gioja am 
^ordabhang des Aspromonte, Catanzaro und Rossano 
^ Süd- und Westabhang der Sila zu nennen. An 
fen Küsten gedeiht die Dattelpalme und der Süssholz'- 
Strauch. Die Wein- und Olivengärten sind mit tippig 
hebernden, oft bis über 4 ™ hohen Opuntien (Cactus, 
indische Feige) und Aloe eingefasst. Wo in einer 
Scblncht wildes Gestrüpp sich findet, glaubt man in 
einem Garten zu sein ; dichte Oleanderbtische, gemischt 
™it mehr als mannshohen Myrrthen- und Lentiscus- 
sträuchern bilden dasselbe, deren Bltithen am Ende des 



2S3 Galberla. 

Frühjahres, im Mai, einen berauschenden Daft ver- 
breiten. 

An der SQdktkste b^innt aberall die Mandelblüth< 
schon im Febroar! Der fleissige Calabrese nnterstül 
durch Verwendung Ton Bewässenrngsmaschinen an( 
anderen Anlagen überall die Natur. Theils sind es' 
Kanalwerke, theils Pampapparate, die durch Thierkrad- 
getrieben werden und die das Wasser in hochgelegene! 
Reservoirs führen. Jeder disponible Tropfen Wasser 
wird zur Bewässerung der Limonengärten Terwendet^ 
denn diese Frucht braucht viel Feuchtigkeit. Die 
ganze Umgebung Reggios, Catanzaros und Kossanos 
.ist im April und Mai ein weiter üppiger Garten voll 
intensivster Farbenpracht, und aus den Limonen- und 
Orangengärten tragt jeder Windstoss herrlichen Wohl- 
duft heran. Auf der zweiten Terrasse ist das Klima 
im Winter frisch, im Sommer nicht zu heiss, während 
die untere Terrasse und der Küstensaum, besonders 
der Südküste, im Winter viel vom Sirocco und Libeccio 
zu leiden hat, im Sommer sehr heiss und durch Fieber 
heimgesucht ist. Da der Seehandel im Sommer fast 
völlig ruht, sind diese Strecken dann fast ganz von 
den Einwohnern verlassen, nur die Zollwächter müssen 
aushalten. 

Zeitweise ist Calabrien, besonders sein südlicher 
Theil, von Erdbeben heimgesucht worden und kommen 
von Jahr zu Jahr, besonders in den Distrikten der West- 
küste, mehr oder weniger heftige Erdstösse vor. 

Ein grosser üebelstand des Landes ist der Mangel 
an guten Landstrassen. Eigentlich besteht nur eine 
einzige gute Strasse, die von Salemo über Lagonegro 



i-- 



Aus Calabrien. ^5S 

flieh Cosenza, von da über Tiriolo und Pizzo an der 
Nordwestküste nach Reggio führt. Daneben findet sich 
floch von Tiriolo nach Gatanzaro abzweigend eine gute 
Strasse. Alle anderen Wege sind schmal, znm Theil 
sdüecht gehalten ; in der trockenen Jahreszeit gangbar, 
in der Regenzeit, im Winter, im Frühjahr aber wegen 
der fast überall mangelnden Brücken oft yöllig nnpassir- 
Im&f. Wo die Brücken fehlen, ist man gezwungen, seinen 
Wagen durch den Fluss und sich selbst auf einem 
ID solchen Stellen dann die Fähre vertretenden Ochsen- 
wagen über das Wasser fahren zu lassen. Meist sind 
diese Flüsse wohl breit, aber nicht tief und darum 
läeht passirbar; nach Regen schwellen sie jedoch 
schnell an und dann ist eine jede Kommunikation ge- 
ändert*). 

Seit Jahresfrist ist endlich die Eisenbahn bis Reggio 
ToUendet, die wenigstens an der Südseite eine bequeme 
Kommunikation geschaffen hat. Ausser durch den Mangel 
an Strassen ist der Anbau des Landes zum Theil durch 



*) Als ich im Jahr 1875 von Catanzaro nach Cotrone 
Wtt, passirte mir Folgendes: Ich war in der dritten Stande 
Nachmittags, etwa l'/a Stunden von Cotrone, an den Fluss 
Esaro gekommen, allein dieser war nicht passirbar. Die 
Ufer desselben sind sehr hoch und steil und die Brücke hatte 
wenige Tage vorher ein Regenguss weggerissen. Was war 
zu thun? Umkehren oder warten. Ich und mein Gefährte 
thaten das letztere. Nach halbstündigem Warten kam am 
jenseitigen Ufer ein anderer Wagen. Wir wateten darauf 
dnrch das Wasser und stiegen in den andern Wagen, wäh- 
rend die Insassen desselben unsern Wagen nahmen. Mit 
so gewechselten Wagen setzten wir unsere Tour nach Co- 
trone weiter fort. 






254 Calberla. 1 

die bergige Beschaffenheit desselben sehr beeinträchtigter 
aber diess alles würde der fleissige Calabrese Hber-I 
winden, wenn ihn nicht eine andere Last schwerer 
drückte. Dies sind die Agrarverhältnisse, die hier so 
drückend sind, wie sonst nirgends auf dem Festlande 
Italiens ; nur auf Sicilien sind sie ähnlicher Art. Diese 
Verhältnisse sind um so mehr zu bedauern, als der 
Calabrese sonst das Zeug zu einem tüchtigen Arbeiter 
hat , allein das harte Joch lässt ihn nicht aufkommen» 
Ganz wie in Sicilien resultirt zum grössten Theil der 
Brigantaggio aus diesen ungünstigen Agrarverhält- 
nissen. 

Mit der theilweisen Verbesserung letzterer Ver- 
hältnisse hat in den letzten Jahren auc^h die öffentliche 
Sicherheit in Calabrien zugenommen. Von unserem Ge- 
sichtspunkt aus muss das Land so wie so für sicher 
gelten. Eigentlicher Strassenraub in unserem Sinne 
kommt hier fast gar nicht vor. Ist ja doch der Cala- 
brese ein äusserst gutherziger Mensch, der Jeden, der , 
ihm mit Vertrauen entgegenkommt, als wahren Freund 
behandelt. 

Die Calabresen sind die angenehmsten aller sfid- 
italienischen Stämme, dabei sind die Männer kräftige 
schöne Gestalten, ^ die Frauen, wenigstens in den Berg- 
distrikten, schlanke hohe Figuren, oft von wunder- 
barer Schönheit. Leider altern die Frauen sehr früh- 
zeitig. Tm Ganzen spielt in Calabrien die Frau eine 
untergeordnete Rolle, der Mann ist der Alleinherrscher. 
Wenn der Bauer Sonntags zur nächsten Stadt geht, 
so reitet er auf dem Esel oder Maulthier im schönsten 
Staat, während die Frau und Tochter, oft schwere 



Aus Cdlabrien, 255> 

Lasten tragend, nebenher gehen. Auch den grössten 
Theil der Feld- und Gartenarbeit besorgt die Frau.. 

Dabei haben die Frauen ein sehr züchtiges Auf- 
treten. Den Gruss begegnender Leute erwidert nur 
der Mann. Den schönsten Menschenschlag fand ich 
im Distrikt Catanzaro und am Nordabhang des As- 
promonte. 

Ich muss zur Begründung meiner oben ausge- 
sprochenen Ansicht über den Grund des Brigantaggio 
die Agrarverhältnisse etwas näher besprechen. 

Das angebaute Land gehört meist grossen Besitzern^ 
die es zum Theil an Unterpächter oder an den ein- 
zahlen Bauer direkt verpachtet haben, theils, doch ist 
diess nur sehr wenig im Gebrauch , bewirthschaftet der 
Besitzer selbst sein Terrain und zahlt dann Arbeits- 
löhne, sei es in Geld oder Naturalien. Viel Land 
bleibt unbebaut, weil es dem Besitzer an Geld, an 
Kapital zur Bewirthschaftung fehlt. 

Es bestehen zwar in Calabrien sogenannnte «Monti 
framentarii», Kassen zum Ankauf von Saatgetreide und 
zur Unterstützung des Bauern, des Colonen, aber die 
Verwaltung dieser Gelder ruht meist in den Händen 
Emzelner, die nur auf eigenen Vortheil sehend nicht 
för die Allgemeinheit sorgen*). Hier hat die Regierung 
noch viel zu thun, um zu bessern, besonders in Hin- 
sicht auf die strengere Beaufsichtigung der Verwendung^ 
solcher Gelder, wenn sich auch nicht leugnen lässt,. 
dass in den letzten Jahren schon manches besser ge- 
worden ist. 



*) Die Verwaltung dieser Gelder ruht oft in der Hand 
einer Familie und vererbt sich dann dieses Aufsichtsrecht. 



256 



Cdlherla. 



va/z. 



Doch ich kehre zurück zur Bespre 
breitetsten Art der Bewirthschaftung 
Bodens, dei* Verpachtung an den Bauei* 
Ionen, sei es direkt oder durch Unterpü 
kommen nun entsprechend der Qualität de 
Fruchtart, der Gegend, die verschiedenste 
Anwendung. Stets bleibt die Art der 
Pachtsummen die gleiche. Diese wird, j 
früher festgesetzten Höhe des dem Bauer 
Prozentsatzes der Erträgnisse, aus dem Cr^ 
Abschätzung der Ernte, die von Seite de 
vorgenommen wird, berechnet. Es erhält d 
im Laufe des Jahres Saatfrüchte oder Gel 
Bestellung des Landes und zu seinem Unterh 
Summe natürlich von dem Theil des Ert 
Grund und Boden, der dem Colonen vertr 
zufällt, abgezogen wird. In der Art und Wei 
Abschätzung, der Art der Abrechnung und 
Stimmungen der Pachtverträge, herrschen nun 
mittelalterliche Zustände. 

Man muss sich immer wundem, dass der 
sich einen solchen Druck, wie er zum grössteil 
vom Besitzer ausgeübt wird, gefallen lässt. D 
lone wird überall übervortheilt, da er aber 
geschäftsunkundig ist, seinem Herrn oder Bedr 
in wahrhaft sklavenartiger Unterordnung aUes gl 
so kommt es nur selten vor, dass sich ein Oo 
gegen den Besitzer auflehnt. Die genannten YertrJ 
sind zum geringsten Theil derart, dass dem Besi 
die Hälfte der Ernte zufällt, ein derartiger Yert; 
ist der beste ; ein solcher Modus ist z. B. in def Ui 



1 



Aus Cdlahrien, 257 

gebnng von Cosenza gebränchlich; meist ist der dem 
JBauer zukommende Antheil ein viel geringerer; es 
steigt die Vertheilung der Pachtabgabe bald zur Un- 
gerechtigkeit , indem an den meisten Orten der Be- 
baaer nur Ys — ^/4, ja in vielen Gegenden, z. B. im 
Silagebirg, in der Umgebung von S. Giovanni da Fiore, 
bei Cotrone, Tiriolo etc. nur 7^ — V'' des Gesammt- 
ertrages von Grund und Boden erhält, während dem 
Besitzer, der kein Risiko, keine Arbeit hat, ^/e — ^/t des 
Ertrages zufliessen. 

Dabei nehmen seine Beamten die Abschätzung oft 
sehr willkürlich vor, immer natürlich zu Ungunsten 
des Colonen. Besonders wird solche Willkür geübt 
bei Abschätzung der Oliven- und Orangenemte. Es 
würde zu weit führen, auf solche Einzelheiten hier 
einzugehen. Zur lUustrirung nur ein Beispiel*): Bei 
der Berechnung wird dem Colonen z. B. ^/e des 
Ernteerträgnisses zu gut gerechnet, dieser wird aber 
bei der Abrechnung mit dem niedrigsten Marktpreis 
des Monats in Rechnung gebracht, wenn auch der 
Besitzer den höchsten Preis oder einen höheren, als 
er dem Colonen in Rechnung setzt, erzielt hat. Da- 
gegea für geliefertes Geld zum Unterhalt und für Saat- 
getreide etc. werden dem Colonisten wahrhafte Wucher- 
zinsen angerechnet. Wer sich genauer über diese 
Tertiältnisse orientiren will, dem kann ich ein kleines 
Schriftchen von L. Franchetti**), welches 1875 wäh- 

*) Aus der Umgebung von Monteleone. 
**) Leopöldo Franchetti. Gondizioni economiche ed ad- 
nünistrative delle province Napolitane — Abruzze e Molise 
— Cal«;brie e Basilicata — apponü di viaggio. — Firenze 1B75. 

17 



2Ö8 Cälberla. 

rend meines Aufenthalts in Süditalien erschien, sei 
empfehlen. 

In guten Jahren kommt hei solchen Verträgen an( 
hei derartiger Ausführung derselhen der Colone, dei 
Bauer gerade aus ; in schlechten Jahren muss er, wem 
er sich nicht seihst hilft, verhungern. Dann kommei 
Differenzen mit dem Besitzer , mit den Behörden , di( 
vorzugsweise auf Seite der Besitzenden stehen; dei 
Colone sieht seinen Bedrücker im Ueherflusse leben,j 
er lehnt sich gegen ihn auf , nimmt ihn gefangen , ver-<j 
langt hohes Lösegeld und ist Brigant. Es lässt sich] 
ganz gut verfolgen, dass je hesser die Ernten, um 
so geringer der Brigantaggio ist. Giht es ein gutes 
Jahr, eine reiche Getreide-, Oliven- oder Orangenernte, 
dann verdienen die Leute, denn dann werden die Ar- 
beitskräfte gehraucht. 

Es ist eine weit verbreitete , aber ganz falsche Vor- 
stellung, die in jedem Calabresen einen gebornen Räuber 
sieht, es trifft diess keineswegs zu. Wohl benutzen 
einige unternehmende Leute , Eonskriptionsflüchtige, 
diese eben geschilderten Zustände, um im Trüben zu 
fischen, allein eine Unsicherheit, wie sie in den viel 
mehr demoralisirten westlichen Provinzen Siciliens und 
in der Umgebung aller grösseren Städte des Kontinentes 
herrscht, findet sich in Calabrien, trotz der für den 
Aufenthalt von Raubgesindel äusserst günstigen Oert- 
lichkeit nicht. Der Fremde insbesondere kann in Cala- 
brien ungenirt überall reisen und wird er stets freundlich 
aufgenommen werden ; kann er nur halbwegs die Landes- 
sprache, so kann er sogar sehr angenehm reisen ; Jeder, 
mit dem er in Berührung kommt, wird sich für sein 




ÄU8 Cdldbrien, 259 

Fortkommen, seine Wünsche auf das lebhafteste 
interessiren. Die calabresische Gastfreundschaft kann 
man nicht genug rühmen. 

Ich will hier nur Einiges über die sozial-politischen 
Verhältnisse in diesen Provinzen hinzufügen. Auch in 
Calabrien bestehen Geheimbünde, deren Streben zum Theil 
anf politische, zum grösseren Theil auf sozialistisch- 
communistische Ziele gerichtet ist. Derartige Ver- 
bindungen «Camorren> (Camorra) genannt, bestehen 
aber in ganz Italien bis hinauf zu den Alpen. Sie sind 
das Eesultat der politischen Entwickelung Italiens in 
in den letzten 100 Jahren. In keiner Provinz des ganzen 
Festlandes von Italien haben jedoch diese Geheimbünde 
solche centrifugale destructive Elemente in sich, wie in 
Sicilien, wo diese Verbindungen, dort < Mafia > genannt, 
fast nur politische Ziele verfolgen und als ein Staat 
im Staate eine Macht repräsentiren, der die Begierung 
nur schwer entgegentreten kann. 

Es ist leicht begreiflich, dass in Landestheilen, 
welche in kurzer Zeit vielen politischen Umwälzungen 
unterworfen waren, oppositionelle Elemente sich zu- 
sammenfinden und ihr Wesen zu treiben suchen, sei 
es unter sozialistischer Maske, sei es mit offen ein- 
gestandenen politischen Absichten. Die neue Regierung 
hatte die Hoffnungen nicht erfüllt, die man mit ihrem 
Kommen verknüpft sah, indem man die an sie ge- 
richteten Ansprüche zu gross machte. So hat auch in 
Calabrien zu Zeiten sich die Camorra die ungünstigen 
Agrarverhältnisse zu Nutzen gemacht, um weitere Un- 
zufriedene um sich zu sanmieln, sich durch solche zu 
verstärken. 



260 Calherla, 

Es würde zu weit führen, wollte ich hiei* die Hand- 
lungsweise der Camorra genauer darlegen , wie sie z. B. 
gelegentlich für den Colonen, ein anderes Mal für den 
Besitzer, immer natürlich zuerst ihren Yortheil, eine 
Verstärkung ihrer Macht suchend, Partei nimmt. 

Der Zweck dieser Besprechung war nur der weit- 
verbreiteten Irrthümern entgegenzutreten und einzelne 
weniger betonte Punkte im Culturleben der Bewohner 
dieser Provinzen kurz zu erwähnen. 

Fragt man sich, wie können diese Verhältnisse 
sich bessern, so sieht man ein, dass nur die Begie- 
rung helfen kann, deren Bestreben es sein muss, die 
drückenden Agrarverhältnisse auf dem Wege der Gresetz- 
gebung zu verbessern*). 

Es muss ferner die Regierung suchen, mehr Kapital 
in das Land zu bringen, Fremden den Landankauf 
erleichtem, um so das reiche Angebot von Arbeits- 
kräften zu befriedigen. Treten hierin Aenderungen 
zum Bessern ein, so werden diese Provinzen, die 
durch Bodenverhältnisse und Elima den reichsten Er- 
trag versprechen, zu den sichersten und wohlhabendsten 
Italiens werden. Ist doch die schmale Küstenstrecke, 
dort wo sie angebaut ist, ein segenbringender Garten, 
wie er sich schöner in Italien kaum findet. 

Zieht man Vergleiche zwischen der landschaftlichen 
Schönheit Calabriens und derjenigen der andern Pro- 
vinzen Italiens, so kann insbesondere die Nordwest- 



*) Inwieweit die Art der Besteuerung, die hohen 
ZöUe hierbei ihren Einfluss üben, an dieser Stelle auszu- 
führen, würde zu weit abführen. Ich wollte hier nur bei 
Besprechung des Landes diese Verhältnisse andeuten. 



Am Cälabrten, 261 

küßte mit den schönsten Theilen der Riviera Ponente, 
and Levante, Toscanas, sowie der Terra di Lavora und 
der Nord- und Ostküste Siciliens den Vergleich aus- 
halten. Punkte wie der Monte Elia zwischen Palmi 
nnd Bagnara an der Nordwestktiste und das Thal des 
Crati gehören zu dem herrlichsten, was die Natur an 
landschaftlicher Schöneit zu bieten vermag. 

Ich durfte mir wohl gestatten , ehe ich zur Schilde- 
rung einer meiner Streifereien in Calabrien überging, 
etwas ausführlicher die geographischen und Kulturver- 
hältnisse dieses Landes zu besprechen. Ich glaube, dass 
die Kenntniss dieser Verhältnisse meist eine sehr geringe 
ist, nnd es entbehrt desshalb diese sehr ausführliche 
Einleitung zur Schilderung meiner Tour auf den As- 
promonte nicht der Berechtigung. 

Ein Jeder , der in Messina war , erinnert sich ge- 
wiss gerne des Anblickes der calabrischen Berge , die 
dem Canal den eigenen grossartigen Charakter geben. 
Dieses Gebirge ist der Aspromontestock , der den süd- 
westlichen Theil der italienischen Halbinsel, die Spitze 
Calabriens ausfüllt. Von dem höchsten Punkt diesem 
Gebirgsstockes , dem Monte Alto, gehen nach Norden, 
Westen und Süden kurze Gebirgszuge ab, die sich 
zum Theil mehrfach theilen und mehrere Spitzen tragen, 
die fast ebenso hoch sind wie der Monte Alto. Zwischen 
diesen Bergzügen befinden sich, besonders an der Ost- 
und Südseite tief eingeschnittene prächtige, dicht be- 
waldete Thäler, die ihre Wasser dem jonischen Meere 
zuführen. 

Neben dem Monte Alto haben wir die Punta 
Materazzi (1852 "), weiter westlich die Punta Nardello 



262 Calberla. 

(1810 ™). Diese Spitze ist die höchste Erhebung des 
Gebirges, die man von der Stadt Messina sieht. Den 
Monte Alto sieht man erst , wenn man sich etwa 200 
Meter höher als der Hafen von Messina befindet. 

Weiter nördlich folgt ein längerer Rücken, die 
Piazza di Nino Martine (1796 ™). Südlich von dem 
Monte Nardello haben wir die dicht bewaldete Serra 
Sgarrone (1675 °^), die Punta di Travi (1651 "*); weit 
nach Westen vortretend den Monte Basilico (1709 "*), 
südlich von diesem die Montagne di Reggio (1691 "^), 
den Monte di Rosso (1483 °^) und den Monte Peripoli 
(1330 °^). Südlich von der Punta Materazzi den Monte 
Antinua (1667 ") und die Punta Terraglione (1599 °^); 
östlich vom Monte Alto die Serra di Cerasia (1732™). 
Durch den Passo del Ladro (1779 "*) und die Serra 
Camora (1749°*) hängt der Aspromonte mit dem fast 
nördlich von ihm liegenden übrigen Theil des calabri- 
schen Apennin zusammen. 

Der ganze Gebirgsstock baut sich aus 3 Terrassen 
auf, die auf der Nord- und Westseite am schärfsten 
ausgeprägt sind. Die zweite Terrasse, die auf der 
Nordseite befindlichen Piani di Aspromonte, ist die 
bedeutendste. Auf dieser Hochebene, nahe dem Ge- 
birge, fand den 28. August 1862 das Treffen zwischen 
Garibaldi und dem General Pallavicini statt Garibaldi 
wurde gleich beim Beginn des Treffens verwundet und 
gefangen. 

Die unterste Terrasse fällt fast überall steil gegen 
das Meer ab, nur dort, wo grössere Wasserläufe sich 
in dasselbe ergiessen, kommt es zur Bildung einer 
grössern, reich angebauten Küstenstrecke. Theilweise, 



Aus Calabrien, 263 

vie z. B. zwischen Villa S. Giovanni und Palmi fällt 
diese Terrasse 600^ hoch gegen das Meer steil ab, nur 
einer schmalen Fahrstrasse an der Küste Raum gestattend. 
Dies zur Orientirung über den Aspromonte. 
Während eines Winters, den ich in Messina zu- 
brachte, hatte ich immer diese mächtigen Berge vor 
Augen! Bald war in mir das Verlangen aufgestiegen, 
•sie zu besuchen, ich sehnte mich nach Wald, nach 
mit Singvögeln bevölkertem schönem Wald. Ein solcher 
war in der Umgebung Messina's nicht vorhanden, 
nur drüben in Calabrien, auf dem Aspromonte, war 
er zu finden. 

Im Winter ist diese Tour der langen Zeit wegen, 
die zur Besteigung des Monte Alto nöthig ist, und 
wegen des Schnee's, der auf den Bergen liegt, nicht 
ausführbar. So kam der Sommer heran, ehe ich 
zur Ausführung dieses Ausfluges kam. Nach den 
eingezogenen Erkundigungen sollten die Köhler dieses 
Gebirgs nicht im besten Rufe stehen, es sollte auch 
einige Versprengte in den Bergen geben, kurz und gut 
es galt die Gegend nicht für ganz sicher. Es war 
desshalb rathsam, einen vertrauten Mann, am besten 
einen, der diese Leute selbst gut kennt, einen Mann 
des Gebirges sich zum * Führer zu verschaffen. Hat 
man einmal mit einem solchen Menschen, der sich ab und 
zu auf die Brigantaggio begibt, accordirt, hat er das 
Handgeld und man von ihm ein Pfand (meist eine 
alte Silber- oder Goldmünze), dann ist so ein Mensch 
bescheiden, dienstfertig und absolut zuverlässig; er 
wurde einen selbst mit Einsatz seines Lebens gegen 
jede Unbill schützen. 



264 Calberla, 

Dnrch Freunde in Villa S. Giovanni gelang es mir, 
ein für meine Zwecke sich gut eignendes Individuum 
zu finden. Er war der Besitzer zweier Maulthiere und 
transportirte auf diesenKohlen und jetzt im Sommer auch 
Schnee von den Bergen nach der Küste herab. Ich 
hahe während eines mehrwöchentlichen Aufenthaltes in 
Calahrien und während langer Zeit, die ich im Innern 
Siciliens zuhrachte, die Erfahrung gemacht, dass solche 
Leute, die man in Dienst genommen hat, nach abge- 
geschlossenem Accord treu wie Gold sind. 

Ich beginne nun . mit der Beschreibung meiner Tour 
auf den Monte Alto. 

Dienstag den 22. Juni 1875 fuhr ich Nachmittags 
nach Villa S. Giovanni, einem kleinen Ort mit grossen 
Seidenspinnereien, der gerade Messina gegenüber an 
der calabrischen Küste liegt. Um halb 6 Uhr war ich 
daselbst eingetroffen und. erwartete mich mein Führer 
«Don Paolo» (in Calahrien heisst aus spanischer Zeit 
her noch fast jeder Mann «Don», die Frau «Donna») 
mit zwei prächtigen, starken Maulthieren. Bald war 
alles in Ordnung und 6 Uhr 15 Minuten Verliesen wir 
den Ort. Zuerst ging es durch die Ortschaften Piale 
und Campo, auf dem rechten Ufer der Fiumara S. Roberto 
zwischen schönen Wein- und Limonengärten aufwärts. 
Nach 30 Minuten sind wir auf den reich angebauten 
Piäni di Matiniti, eine aus den Kriegen von 1809 
herrührende grosse Schanze zur Linken lassend. 

Nun steigt unser Weg steil zum Westabhang der 
Piani della Melia auf. Links hat man einen prächtigen 
Blick in die tief eingeschnittene Fiumara di S. Trara, 
rechts die Fiumara S. Roberto. Mit Sonnenuntergang 




AtM Calabrietu 265 

(halb 8 Uhr) haben ^ir den Westrand des genannten 
Flateaa's, der Piani della Melia (calabrisch: «Mile») 
erreicht. Rückwärts hat man einen herrlichen Blick 
auf den Ganal, Messina und die Berge Siciliens, hinter 
denen eben die Sonne verschwindet. Beim Weiterreiten 
konmien wir in ein kleines Bachenwäldchen, aus dem 
ims Nachtigallen einen Willkommensgruss entgegen- 
schmettern. Wir reiten immer eben fort, einzelne 
Gehöfte passierend, deren wachsame Hunde uns mit 
wüthendem Gebell begrüssen. Um 9 Uhr halten wir 
an einer Osteria, S. Gaötano genannt, der einzigen weit 
imd breit auf den Bergen. Mein Begleiter wird von 
der Wirthin, der Donna Garamella, als guter Bekannter 
begrüsst. Aus der Osterie und einigen Nachbarhäusern 
kommen neugierige Menschen heraus, deren Fragen 
mein Führer durch die Mittheilung befriedigt, dass ich 
ein «Ingegnere» sei. Unter einer Pergola füttern wir 
unsere Thiere. Beim Wegreiten kam noch ein Tänzer- 
paar aus dem Haus heraus, das uns, wohl wegen des 
bevorstehenden Nachtrittes uns bemitleidend, ein «buona 
notte e buona nottata> zurief. Bald kommen wir in 
einen Hohlweg, dessen Wände mit dichtem Brombeer- 
gesträuch bewachsen sind, dessen stattliche Zweige bis 
mitten in den Weg hemiederragen^ Da es finster war^ 
zog ich es vor, von meinem Holzsattel abzusteigen und 
die Viertelstunde zu Fuss zu gehen, um nicht von den 
Dornen getroffen zu werden. Es folgt eine kurze Steigung 
und wir stehen auf einem kleinem Plateau, «Scanna- 
porceUi» genannt. Es ist halb 10 Uhr. Tief im Westen 
sieht man eine lange Lichterreihe, es sind die Laternen 
am Hafen von Messina (direkte Entfernung 25 Kilometer). 



266 Cälherla. 

Da erscheint alle Laternen weit überstrahlend in 
Messina ein weisses Licht! Es sind Freunde, die mir 
mit brennendem Magnesiumdraht ein verabredetes 
Zeichen geben; schnell steige ich ab und brenne ein 
gleiches Licht ab. Don Paolo sieht diesem noch nie 
gesehenen Schauspiel mit stiller Bewunderung zu.*) 
Nach 15 Minuten machen wir am Abhänge der nächsten 
Terrasse eine dreiviertelstündige Rast und nehmen wäh- 
rend derselben unsere Abendmahlzeit ein. Halb 1 1 Uhr 
brechen wir auf. Es beginnt nun der Anstieg zur 
grossen zweiten Terrasse. Das Plateaa <Scannaporcelli» 
war ja nur eine Zwischenterrasse. Der Weg führt 
durch schönen Eichenwald steil aufvfärts; durch den 
Hufschlag unserer Thiere aufgescheucht flogen Amseln 
und andere Singvögel auf. 

Im Osten wird der Horizont hell, schon sind die 
Berge Siciliens und der Kanal von Messina vom Monde 
beleuchtet, während wir noch im Dunkeln aufwärts reiten. 
Bald nach ein Viertel vor 1 1 Uhr trifft auch uns das Licht 
und nun haben wir die schönste Beleuchtung auf unserm 
Weg. Und wie schön leuchtet der Mond im Sommer 
in Italien! Was ist eine Mondnacht in Deutschland, 
-eine Mondnacht im Winter, Herbst oder Frülyahr in 
Italien gegen eine Sommermondnacht in den südlichem 
Theilen dieses Landes! der Unterschied ist wie Tag 
und Nacht, so blau, so hell scheint bei uns nie dieses 
Gestirn ! 

Wir kommen jetzt in ein Lärchengebüsch, dann geht 
es nochmals steil an der mit herrlichen Eichen be- 



*) Von Messina aus hatte man mein Lieht ganz 'gut 
gesehen. 



Aus Calahrten. 267 

wachsenen Serra Carrubba in die Höhe und um halb 
12 Uhr treten wir aus dem Wald heraus auf die zweite 
grosse Ebene, auf di Piani di Aspromonte (1000 — 1 100 " 
hoch)*). Ein kalter, scharfer Wind empfängt uns. Auf 
dieser Ebene trifft man mit wenig Ausnahmen keine festen 
Wohnsitze mehr, nur ärmliche Lehm- und Strohhtitten 
dienen der Hirtenbevölkerung als nothdürftige Woh- 
nungen. Diese Hätten sind gegen den nächtlichen Ueber- 
fall durch Wölfe etc. mit hohen Zäunen umgeben, inner- 
halb welcher zur Nachtzeit die Heerden durch wachsame 
Hunde beschützt zubringen. Der Boden dieser Hoch- 
ebene ist meist lehmig und weich und von vielen Wasser- 
läufen durchschnitten. Leichte Nebel lagern auf dieser 
i?eiten Ebene, die im grellen Mondlicht dadurch einen 
eigenthümlichen Anblick darbietet. In flottem Trab 
geht es über einige trockene Strecken hin. In einer 
kleinen Stunde sind wir am Bergabhang am Ende der 
Ebene, plötzlich hören wir dumpfe Stimmen, Hufschlag, 
und unter den grossen Eichen des Waldrandes zeigen 
sich einige Reiter und bepackte Maulthiere : sie halten ; 
grell scheint der Mond auf die Leute, die mit 
dem umgeschlagenen Mantel, spitzen Hut und umge- 
hängten Gewehr einen unheimlichen Eindruck machen! 
Auch wir tragen Waffen, doch was nützen sie gegen 
die üeberzahl! Wir reiten ruhig auf die Gruppe zu. 
Mein Führer kennt die Leute, es sind Kohlenbrenner 
von den Bergen, wir begrüssen uns mit Handschlag, 
der Patrone reitet heran und umarmt mich. Ich bin 
sein guter Freund! Nach kurzem Wortwechsel trennen 



*) Diese Piannra war das Schlachtfeld 1862. 



268 Calberla. 

wir uns, sie hinab auf die Ebene steigend und wir 
durch schönen Laubwald aufwärts der obersten Terrasse 
zu. Bald ist diese erreicht; da sie sehr klein, ist 
sie schnell überschritten und nun konuuen wir zu dem 
Hauptgebirg selbst. 

In einem engen Thal, neben einem schäumenden 
Waldbach geht es zwischen mächtigen Tannen aufwärts. 
Prächtig scheint der Mond durch die hohen Bäume auf 
unsern Weg. Hin und wieder huscht ein Raubwild, 
durch uns aufgescheucht, raschelnd durch das dürre 
Gestrüpp. Die Steigung ist sehr bedeutend, und da kaum 
ein Weg vorhanden ist, auf dem wir reiten können, lassen 
wir unsere Maulthiere selbst den Weg suchen. Ich kenne 
zum Reiten in Berggegenden kein besseres Thier als 
das Maulthier; an schlechten Stellen lässt man das- 
selbe sich stets den Weg selbst suchen, man braucht 
es kaum zu führen. Unbequem sind nur die Sättel, 
die man hier benutzt. Es sind schwerfällige hölzerne 
Transportsättel für Kohle oder Schnee, die, wie z. B. 
jetzt für uns, zum Reiten durch ein Lager von Laub- 
zweigen und darübergeschnallte Decke eingerichtet wor- 
den sind. Man muss sich an solche Sättel, auf denen 
man ohne Bügel balancirt, erst gewöhnen, hat man 
sich aber an dieselben gewöhnt, so kann man, besonders 
wenn man nach Damenart im Sattel sitzt, selbst sehr 
lange Ritte ohne übergrosse Ermüdung aushalten. 

Eine Stunde waren wir steil aufwärts geritten, 
da wird der Wald lichter , wir reiten den Berg- 
rücken, die Piazza di Nino Martino genannt, hinauf. 
2 Uhr ist schon vorüber. Wir spornen unsere Thiere 
an und flott geht es auf einem breiten Eöhlerweg den 



Aus Cälabrien. 269 

Bergrücken zu der Punta Nardello (1842«») hinauf. 
IJoch sind wir .nicht auf dem Monte Alto, allein wir 
mdssen nnsem Thieren eine Rast gönnen. An einer 
fast ganz abgeholzten Stelle, auf welcher nur einzelne 
Bäume die Aussicht versperren, machen wir halb 3 
Ubr Halt, steigen von den Maulthieren und suchen 
eiüen günstigen Fleck aus, um den Sonnenaufgang 
hier zu erwarten. Bald prasselt ein lustiges Feuer, 
an dem wir uns wärmen, denn es war empfindlich 
bdt geworden. Die Aussicht von diesem Punkt ist 
8chon recht schön. Man sieht den Kanal von Messina, 
die Neptunischen Berge, den Aetna, das jonische und 
einen Theil der Küste des tyrrhenischen Meeres. Rechts 
vom Monte Basilico sieht man die Stadt Messina, durch 
die Lichter gekennzeichnet. Wie mir mein Führer sagte, 
sei diese Gegend, in welcher wir uns jetzt befanden, 
nicht ganz sicher, es kommen oft von der südlichen 
nnd östlichen Seite des Crebirges Leute herauf, die er 
nicht kenne, denen er nicht traue. Er übernahm dess- 
halb die Wache und ich lag bald in festem Schlaf. 
Nach drei Viertelstunden stehe ich auf und mein Führer 
ruht jetzt ein halbes Stündchen, währendem ich die 
Wache haltend mitgenommenen Kaffee am Feuer wärme. 
Ein Viertel nach 4 Uhr röthet sich der Horizont im Osten 
über dem jonischen Meer, bald erscheint eine Feuerinsel, 
eine Lichtkugel, die Sonne geht auf, den Aetna und 
die sicilianischen Berge beleuchtend. Wir machen uns 
reisefertig und halb 5 Uhr verlassen wir diesen Ruhe- 
platz. Unterdessen war die Sonne höher gestiegen, 
jetzt auch den Kanal und die Stadt Messina beleuchtend. 
Wir reiten nun zu dem östlich gelegenen Monte Alto 



270 Calhei'la. 

hinüber. Erst geht es etwas bergab, dann immer auf 
dem Kamme durch schönen Tannen- und Buchenwald 
weiter. Halb 6 Uhr haben wir die Punta Materazzi 
erreicht, wo eine grosse Köhlerfamilie ihre Hütten auf- 
geschlagen hat. Neugierig werden wir von diesen guten 
Leuten umringt, mit denen natürlich mein Führer sehr 
genau bekannt ist. Weiterhin passiren wir einige kleine 
Schneefelder und ein Viertel vor 6 Uhr stehen wir am 
Fuss der letzten Erhebung. Da es sehr steil auf- 
wärts geht, steigen wir von unsern Thieren. In einer 
Viertelstunde flotten Steigens in einem Buchenwald ist 
die Spitze des Aspromontestockes , der Monte Alto, 
erreicht. 

Die oberste Spitze des mit Rasen bedeckten Gipfels 
ist baumfrei und mit einer hohen halbverfallenen Stein- 
pyramide geschmückt. Von hier hat man eine herrliche 
Aussicht. Man übersieht das jonische Meer und seine 
Küste vom Cap Stilo an bis, zum Cap Spartivento, der 
Südspitze Calabriens, darüber hinaus die Berge von Leon- 
tini, die Ebene von Catania, den mächtigen bis 3300"* 
hohen Aetna, die Berge von Taormina und die Neptuni- 
schen Berge hinter Messina. Die Stadt und der direkt 
bei dieser Stadt zwischen ihr und Reggio gelegene Theil 
des Kanales ist nicht sichtbar, er ist durch die Serra 
Sgarrone und den Monte Basilico verdeckt. Dagegen 
ist die Nordostspitze Siciliens, der Faro, ferner darüber 
hinaus die Landzunge von Milazzo gut zu sehen. 
Im Nordwesten tauchen aus dem Meer die liparischen 
Inseln auf, besonders der kegelförmige Stromboli maeht 
sich prächtig. Weiter schweift der Blick zu dem Meer- 
busen von Gioja, von S. Eufemia und dem Calabrischen 



Aus Calahrien. 271 

Hanptgebirge bis zum Sila und dem Monte PoUino hin. 
Gerade nach Osten blickt man in die tief eingeschnittene 
Yallone di Madonna hinab, in welcher inmitten des 
herrlichsten Waldes das grosse Kloster della Madonna 
di Monte nnd die Kirche S. M. dei Polsi liegt. Zu 
diesem Kloster und von da auf den Gipfel des Monte 
Alto findet alljährlich den 1. September eine grosse 
Wallfahrt der Hirtenbeyölkerung Südcalabriens statt. 

Nach Süden blickt man auf das oben erwähnte 
weite Waldland, in die wilden Thäler des Balsamo^ 
des Aposcipo, des Amendolea und Pisciato hiuab. 
Alle diese Thäler führen direkt nach der Küste^ 
in die Umgebung des Cap Spartivento, dessen hoher 
Leuchthurm, ein alter Saracenenthurm , deutlich zu. 
sehen ist. Nach Norden hat man die fruchtbaren Ge- 
filde von Gioje, Casalnuova und Nicotera. In einem 
Schneehaufen dicht bei den Steinpyramiden kühlen wir 
nnsern Wein! Nach genossenem Frühstück und ge- 
höriger Kühe brechen wir um halb 8 Uhr auf. 

Prächtig reitet es sich zurück durch den Wald; 
die Singvögel , die die Jagdwuth der Italiener hier oben 
verschont, schmettern ihr Morgenlied in die reine Luft. 
Mehrfacher Kukukruf heimelt einen so urdeutsch an! 
Ein Viertel nach 9 Uhr sind wir wieder auf der 
Punta Nardello, doch reiten wir ohne Rast abwärts. 
An einem schönen Punkt am Bergabhange, von welchem 
man Messina und den Kanal prächtig sieht , ruhen wir 
von halb 10 bis ein Viertel vor 10 Uhr. Schon be- 
ginnt es sehr warm zu werden. Wir schlagen jetzt 
emen andern Weg ein, indem wir, uns mehr nördlich 
haltend, über die • Punta Salomone (1692 °») zu Schnee- 



1 



gruben hinabbegeben , um dort arbeitende Frennde 
meines Führers za begrüssen. 

Um halb 1 1 Uhr langen wir daselbst an ; neben einer 
prächtigen Quelle rasten wir unter den Freunden meines 
Führers, lauter höchst rerdächtig aussehenden, aber 
gntmüthigen Kerlen, mit ihnen das Frühstück theilend, 
drei ViertelstDuden. Die Hitze hatte mich so mOde 
gemacht, d^s ich in dieser interessanten Gesellschaft 
ruhig für circa 20 Minuten einschlummerte. 

Solche Zusammenkünfte sind so recht geeignet, 
den Charakter dieser Leute kennen zu lernen. 

Ein Viertel nach 12 Uhr brechen wir auf und stagen 
in ein schönes Waldthal hinab, passiren eine malerisch 
gelegene Schneidemühle und betreten wieder die Piani 
di Aspromonte, das Schlachtfeld gleichen Namens. In 
der unteren Ebene liegt ein weisses grosses Gehöfte, 
mit hohem Zann umgeben; dort ruhte Garibaldi bei 
Freund am Tage vor dem Kampfe; einige Kreuze 
Nähe bezeichnen die Gräber der wenigen Ge- 

ä Luft ist, je weiter wir abwärts reiten, am 
Ickender geworden. Bei einer Quelle auf der 
machen wir nochmals Halt. Dann reiten wir 
anf der grossen Ebene, za den Piani di An- 
treffen wir dort bei einigen Hirtenhütten mit dem 
den wir beim Aufsteigen einschlugen, wieder 
uen. Schnell geht es in Gesellschaft einer Cara- 
'on Kohlen transportirenden Manlthieren durch 
Hone Antonia an den Abhängen der Serra Car- 
hinab. Um halb 2 Uhr sind wir auf den Piani 
porcelli und ein Viertel TOr 2 Uhr treffen wir 



ÄU8 Calabrien. 273 

in der Osteria San Gaetano bei der Donna Cara* 
mella ein. 

Mein reichlicher Yorrath an Salami, den ich, mit 
den Leuten theilend, zu einem Gericht Maccaroni ver- 
zehre, lockt aus den Nachbarhäusern neugierige Leute 
heran. Auch die Tänzerin voni Abend , ein prächtiges, 
schönes, grosses Weib, zeigt sich. Doch auch hier 
heisst es nicht zu lange verweilen, wir haben noch 
einen weiten Weg und der Tag ist nicht mehr lang. 
Ein Viertel vor 3 Uhr brechen wir auf. Erst auf der 
Ebene Melia hin, dann bei der Casa Giuffre den 
früheren Weg verlassend, über die Punta deir Arena, 
von welcher man eine entzückende Aussicht auf die 
Meerenge, den Monte Elia , die liparischen Inseln und 
das Castell von Scilla hat, durch die Fiumara Cato- 
limti, stets zwischen prächtigen Oliven- und Wein- 
gärten hinab nach Scilla, wo wir ein Viertel vor 
5 Uhr anlangen. Kurz nachdem wir die Stadt passirt 
haben, machen wir an einem Punkt mit schöner Aus- 
sicht auf den Faro und das Castel Scilla noch eine 
viertelstündige Bast. Dann geht es in flottem Trabe 
die Strasse nach Villa San Giovanni weiter. 5 Minuten 
vor 7 Uhr langen wir daselbst, von der gelungenen 
Tour äusserst befriedigt, durch meine Freunde freudigst 
begrüsst, an. Ich kann nicht sagen, dass ich allzumüde 
gewesen wäre, obgleich ich im Laufe von 24 Stunden 
40 Minuten netto 18 Stunden 40 Minuten auf dem 
hölzernen Folterwerkzeug Sattel genannt gesessen hatte. 
Mein Schiffer Vinzenzo hatte mich mit seinem Boot 
erwartet. Nach einer anderthalbstündigen Ueberfahrt, 
wir hatten Gegenströmung und mussten gegen den Wind 

18 



274 Calberla. 

kreuzen, kam ich um 9 Dhr in Messina an. £m gutes 
Abendessen nnd ein mehrstündiger, sieb bis 12 Ulir 
ausdelinender Aufenthalt im Giardino pnblico während 
des Concertes beschloas diesen anstrengenden Tag. Wer 
Sicilien beaacht nnd nach einem l&ngern Aufenthalt 
in Italien Sehnsacht nach Wald nnd intereBsanter 
Gegend hat, sollte nicht verfehlen, diese Tour zu 
machen. 



n. 



Abhandlungen. 



Itinerarium fOr das Excursionsgebiet des S. A. C. 

(Von 1876 und 1877.) 

T5di-Sardona-Kärpf-Gruppe. 

Von 
Älbei't Heim. 



Excursionsgebiet des S. A. C. für die Jahre 1876 
und 1877 sind die Gebiete, welche auf den Blättern Linth- 
thal (Nr. 400), Elm (401), Tödi (404) und Laax (405) 
des topographischen Atlas der Schweiz im Massstab der 
Originalaufnahmen (1 : 50,000 für diese Blätter) oder 
auf Blatt XIV in 1 : 100,000 (obere Hälfte, die zwei 
mittleren Viertheile der Länge nach gerechnet) dar- 
gestellt sind. Ein Theil dieser mächtigen Gebirgsmassen, 
die den Sammelgebieten von Vorderrhein, Reuss und 
Linth angehören, war schon im ersten Jahre des 
Alpenclubs unter dem Namen «Tödigruppe» Clubgebiet. 
Damals und seither ist wohl kaum eine Gruppe der 
Alpen so systematisch alpenclubistisch ausgebeutet 
worden , wie diese. Besonders haben Mitglieder der 



278 Heim. 

Sektion Tödi eine Menge neuer Zugänge zu den ver- 
schiedenen Gipfeln gesucht und unerstiegene zum ersten 
Male erstiegen. Sehr vieles ist ihnen gelungen, und 
sie sind immer bestrebt, das noch Fehlende zu er- 
gänzen (vergleiche Abschnitt über Literatur). Zahllose 
Unternehmungen von Clubisten aller Sektionen und 
Länder und von Nichtclubisten sind in unserm Gebiete 
geglückt, andere misslungen. Die Jahrbücher des S. A. C, 
die < Alpenpost» , das «Alpine Journal» etc. erzählen 
davon. Bereits ist es schwierig geworden, noch un- 
erstiegene Gipfel zu finden, und nicht sehr viel leichter, 
auf neuen kürzeren Wegen zu schon früher erstiegenen 
Gipfelpunkten zu gelangen. Allein desswegen bleibt 
unsere Gruppe doch unendlich mannigfaltig, reich, 
grossartig und lohnend — mit welchem Zwecke und 
in welchem Sinne man sie bereisen mag. 
• Was soll das Itinerarium und was soll es nicht? 
Es soll nicht Marschrouten und Excursionen em- 
pfehlen, welche dann genau ausgeführt werden sollen, 
etwa so, wie oft Touristen die Routen ihrer Reise- 
handbücher befolgen. Es soll und kann nicht zwischen 
den verschiedenen Gipfeln richten, ob die Aussicht 
da oder dort lohnender sei. Es kann das Itinerarium 
unserer so viel beschriebenen und viel durchreisten 
Gegend nicht eine Geschichte der alpenclubistischen 
Leistungen sein, um dann anzugeben, was noch n^ 
bleibt, denn sonst müsste es eine Unmasse Literatur 
ausziehen, die übrigens jedem Alpenclubisten zugäng- 
lich ist. Es kann auch nicht der Zweck des Itinerars 
für eine solche Gegend sein, zu berichten, wo man am 
besten Unterkunft findet — denn diesen Zweck er- 



Itinerarium, 279 

fällen Beisehandbücher ja längst, und übrigens weiss 
der Alpenclabist, dass er, der einige Unbequemlichkeit 
nicht scheut, in der Hütte jeder Alp zur Sommerszeit 
raterkommen findet (— für den Fall, dass die Sennen 
nicht mehr dort leben, wird er seinen Proviant nicht 
ausgehen lassen). Der Alpenclub schreibt das Itinerarium 
nicht für die Thalsohlenmenschen, sondern für sich 
selbst, und so hat dasselbe mit an Bergreisen gewöhnten 
Leuten zu verkehren, die mehr Spass daran haben, 
nnter solchen Umständen sich selbst zu helfen, als am 
Gängelband geführt zu werden. 

Endlich kann auch im Hochgebirge das Itiperarium 
kein Wegweiser sein. Die besten Wegweiser sind ein 
guter Führer und die Karte, .Ich kann hier nicht 
nnterlafisen, den grossen Werth unserer Karten und 
die Nothwendigkeit, Karten richtig lesen zu lernen,- 
zu betonen. Karte mit Führer führen uns sicherer 
sum Ziel und sagen uns im Voraus tausendmal mehr 
Details über unsem Weg, als viele Seiten lange Be- 
schreibungen eines Itinerariums zu thun vermöchten. 
Man findet noch heutzutage in vielen neueren gedruckten 
Arbeiten zahlreiche Druckseiten, die es versuchen, die 
Formverhältnisse und die Lage der Kämme, Thäler 
nnd Pässe einer Gebirgsgruppe zu beschreiben, und 
doch wird dadurch lange nicht das Bild erreicht, das 
ein Blick auf die Karte gewährt. Das Kartenlesen er- 
scheint noch fremd, und Yiele meinen etwas Nützliches 
zu leisten, wenn sie die Karte in Worte übersetzen, 
obschon dadurch mit viel Mühe nur etwas sehr Un- 
vollständiges, Dürftiges gegeben wird, das keinen ent- 
fernten Vergleich mit der Karte aushält und auch eine 



280 Heinu 

sehr schlechte Karte nicht ersetzt. Unser Itinerarimn 
erscheint so zu sagen als Text zur Excursionskarte 
und diese gibt uns Bescheid über folgende Dinge: 

"Wir erkennen in der Karte die ganz genaue 
Fornit Ch'össe, Lage und Höhe der Thäler und Berge. 
Nicht nur jedes Haus, selbst jede kleine Sennhütte in 
den höchsten Regionen ist angegeben, ferner jede Brücke, 
alle Wege bis zu den kleinsten Fusswegen. Die Karte 
zeichnet uns alle Wasserläufe und Seen an, sie enthält 
eine Menge von Namen. Die Terraindarstellung ist 
durch Horizontalcurven von 30 Meter =100 Fuss 
Yertikalabstand gegeben ( — es sind also alle Punkte 
der gleichen Curve gleich hoch und jeder Punkt einer 
Curve liegt 30 Meter, höher, als irgend ein Punkt der 
zunächst tieferen Curve. Wo die Curven auf der Karte 
«ich dicht drängen, ist somit der Abhang steil, je 
weiter sie aus einander liegen, desto weniger geneigt 
ist das Gehänge; wo die Curven in den Abhang eine 
Einbiegung machen, ist eine Schlucht oder eine Nische, 
wo sie auswärts biegen, ein Grat oder Vorsprung). 
Ob wir auf der Karte in einer gewissen Richtung auf- 
wärts oder abwärts gehen, ist immer leicht aus dem 
Lauf der Flüsse oder den zahlreichen Höhenzahlen, 
sowie aus denjenigen Zahlen zu erkennen, welche auf 
je die 8te durch Punktirung hervorgehobene Curve 
eingezeichnet sind. Das Gebiet der Vegetation ist durch 
braune Höhencurven gezeichnet, und innerhalb desselben 
der Wald durch feine schwarze Punkte und Kreise 
hervorgehoben. Die Karte bezeichnet uns kahle Geröll- 
halden durch schwarze Curven mit Punkten und gibt 
durch schwarze Schraffur die Felsmassen mit ihren 



Itinerarium. 281 



I Formen wieder. Schnee und Gletscher werden durch 
I blaue Curven dargestellt, und sogar die Moränen der 
I letzteren, die breiten Geschiebeböden der Flüsse etc., 
sind in der Karte zu erkennen. 

Ans der Karte lässt sich ganz genau die Länge 
der Wege messen und ihre Neigung berechnen. Bei 
ruhigem Gehen gebraucht man auf einem ziemlich steilen 
Alpwege für etwa 300 bis 400 Meter Vertikaldistanz 
eine Stunde Zeit. Durch grobes oder feines GeröUe, 
Schnee, Gletscher oder Fels und je nach der Zahl der 
Begleiter werden die Marschgeschwindigkeiten modifizirt 
und zwar in ungleichem Sinne bei Auf- und Absteigen. 
Nach einiger Uebung ist es jedem einzelnen Berg- 
langer leicht, sich auf der Karte den ganzen Plan 
einer Hochgebirgstour selbst auszuarbeiten. Er findet 
Mer nicht nur die einzuschlagende Richtung, er findet 
auch die dazu erforderliche Zeit, und den Bergführer 
gebraucht er nur gewissermassen für das Detail in 
den weglosen Gebieten, damit er für alle Fälle nicht 
allein sei, namentlich zur gegenseitigen Hülfe mit Seil 
und Beil, wo ein Tourist allein, der kaum je im Stande 
ist, die Uebung der Bergleute zu gewinnen, nicht 
ohne grosse Gefahr, oder überhaupt gar nicht durch- 
ZQkommen yermöchte. Eine auf diese Weise selbst 
auf der Karte entworfene Tour wird den Alpenclubisten 
mehr freuen, als den längst gewohnten Wegen nach- 
zugehen, und er wird durch seine strategische Selbst- 
ständigkeit mehr zur eigenen Beobachtung geführt 
werden und mehr montanistische Erfahrung gewinnen. 
Selbst noch weiter vor hilft uns die Karte: Wer 
ßiue solche Karte zu lesen versteht, kann auch in den 



282 Heim. 

meisten Fällen durcli einen Blick auf dieselbe eine 
Vorstellung von der Aussicht gewinnen, welche man 
von dem betreffenden Punkte aus geniesst; ein Bild, 
das ihm unendlich sicherere Auskunft gibt als die 
Frage an Jemand, der oben war, und dessefi Eindruck 
von vielen Zufälligkeiten wie Wetter und Stimmung 
beeinflusst worden ist. Es ist selbst mit einfachen 
mathematischen Hülfsmitteln möglich (freilich sehr zeit- 
raubend und mühsam), sich ein für die nicht allzu 
nahe gelegenen Theile der Aussicht vollkommen ge- 
naues Panorama in der Stube zu entwerfen, ohne jemals 
den Gipfel selbst besucht zu haben. 

Somit lässt sich also Nachtquartier, Marschroute, 
die dazu nöthige Zeit, die Aussicht, das Quantum der 
Anstrengung, in gewissem Grade auch die Schwierig- 
keit der Tour aus der Karte lesen, und was uns noch 
fehlt, weiss der Führer oder die im Folgenden an- 
geführte Literatur. Wenn der Alpenclubist erst gelernt 
hat, Karten zu lesen, so bleibt nur ein wichtiger 
Faktor bis jetzt durch alle Hülfsmittel unaufgeklärt, 
trotz Mond- und anderem Aberglauben : Die Vorausbe- 
stimmung des Wetters! 

Dem Itinerarium bleibt noch übrig, aus den Karten 
nicht Ersichtliches mitzutheilen, was zum Verständniss 
der Gegend und dadurch zur Erhöhung des Genusses 
der Reise dient, und endlich die Beigabe eines Ver- 
zeichnisses der Literatur etc. 



Itinerarium, 283 

I. 

Orographisch-geologischer Ueberblick. 

Die Alpen sind ein prächtiges Kettengebirge, sie 
sind ein System vieler ungefähr parallel laufender, durch 
die Verwitterung verschieden geformter, mächtiger Falten 
der Erdkruste. Die Oberflächengestaltung ist durch zwei 
Faktoren erzeugt: 1) durch die Faltungen der Erd- 
kruste; 2) durch die Verwitterung und Erosion. Der 
erstere Vorgang ist die Ursache davon, dass die Alpen 
ein Gebirge sind, der letztere hat die bestehenden 
Oberflächenformen aus den plumpen werdenden Falten- 
rücken modellirt. Der erste Vorgang wirkte nur zeit- 
weise und steht jetzt vielleicht still, der letztere aber 
hat niemals aufgehört zu arbeiten vom Moment an, 
da das erste Festland als Insel aus dem Meere sich 
hob bis jetzt, und wird nicht aufhören, bis der letzte 
Festlandrest im Meer wieder verschwindet. Kein Wunder, 
dass der constante Faktor im Modelliren der Erdober- 
fläche meistens die Oberhand gewiniit, so dass die 
Thäler die Bergketten durchzuschneiden vermocht haben. 
Die Hauptrichtung der Alpenkette in unserm Gebiete 
ist WSW nach ONO. So läuft der Kamm vom Reiselt- 
stock nach dem Glärnisch, so die Känune beiderseits 
des Glattenseethales, der Kamm von der WindgäUe 
Aber den Claridenstock nach dem Kammerstock, und 
so der mächtige Hauptkamm der Alpen von den Aiguilles 
Rouges bis an den Calanda. Freilich fällt hier die 
Wasserscheide nicht mit der Streifrichtung des Kammes 
selbst genau zusammen, indem die Flüsse, von Norden 



284 Heim. ] 

und Süden aufwärts sieh rückwärts in die Gebirgs- ■ 
niassc einschneidend, dieselbe bald nach Süden, bald ; 
nach Norden einige Kilometer zurückgedrängt haben. 
Thäler, welch« mit der Richtung der Gebirgsketten 
parallel gehen, sind Längsthdlei- des Gebirges, welche 
durch die Faltung der Erdkruste selbst vorgezeichnet 
wurden; Thäler aber, welche die Gebirgsketten dnrch- 
schneideo {bald senkrecht, bald schief), sind die Qiter- 
lliäler des Gebirges. Viele Geologen fassen dieselben 
als Spalten auf, mehr und mehr gewinnt indessen die 
Erkenntniss Boden, dass die Querthäler darch Erosion 
entstanden sind und die Hauptflussläufe älter sind als 
die meisten Gebirgsfalten. Die ersteren laufen mit den 
Schichten, die letzteren durchschneiden dieselben quer. 
Längsthäler unseres Gebietes sind: Rätschthal und 
• über'm First», welche voiil Bisithal nach dem Giär- 
nisch laufen, Karretalp, Glattenalptbal , Urnerboden, 
Schreyenbachthal , Ältenorentbal , Obersandalp; die 
letzteren vier öffnen alle mit steilem Absturz und 
Wasserfall gegen das Hauptthal der Linth. Ferner 
Semftthal vom Richetlipass bis Elm, Raminalp, Kranch- 
thal, Untersiezalp, Calfenserthal. Südlich vom Uaopt- 
itamm: Val Frisal, oberstes nnd unterstes Drittel und 
das Vorderrheinthal selbst. Querthälej' unseres Ge- 
bietes sind: Bisithal (das eine Gehänge fällt noch in 
den Rahmen unserer Excursionskarte), Linththal, vom 
Bifertengletscber durch Untersandaip und Schlucht bei 
der Pantenbrücke bis zur Mündung in den Wall^see. 
Das Limmerntobel (diese entsetzlich wilde Schlucht ist 
nur, wenn viel Lawinenschnee den Bach Uberbrtckt, 
gangbar; um in den Limmernboden zu gelangen, muss 



Itiner avium. 285 

man über Nüschenalp steigen, wenn yian nicht ein 
sehr gefährliches, schmales Felsgesimse benutzen will, 
welches von Rinkenthal hoch an den Schluchtwänden 
gegen den Liimmernboden führt), Durnachthal, Diess- 
thalalp , Niederenthai , Tätzalp , Sernftthal unterhalb 
Ehn, Tschingelnalpschlucht (von Elm gegen Segnes- 
pass). Südlich vom Hauptkamm finden sich folgende 
Qtterthäler: Val Rusein, Yal Puntaiglas, Val Frisal, 
mittlerer Britttheil (= Val Robi), Ladral, Panixer- 
thal, Settertobel, Segnesalpen, Laaxertobel und die 
Thalfurche von der Trinserfurca 2489 Meter gegen 
Huliiia. Nördlich vom Hauptkamm im Linth- und Reuss- 
gebiet sind die Querthäler die Hauptthäler, die Längs- 
•thäler im Migemeinen die kleinern Nebenthäler, südlich 
aber ist das Hauptthal ein Längsthal, und die Neben- 
thäler sind meistens Querthäler. Die Thäler des ersteren 
Gebietes sind meistens schon nach kürzerem Laufe viel 
tiefer eingeschnitten, und die Thalgehänge fallen in 
steilen Terrassen, an welchen kahle Felsbank mit saftiger 
Rasenterrasse wechselt, zu grosser Tiefe. Die Thal- 
gehänge der Südseite hingegen sind gleichförmiger, die 
Vegetation verliert sich nach oben ganz allmälig und 
reicht nicht selten noch bis auf hohe Kämme. Es 
lässt sich dies im Tavetsch tiberall und noch bis weit 
sMlich vom Vorderrhein verfolgen. Dieser Unterschied 
liegt in den Gesteinsarten begründet. Auf der Nord- 
ete ist das Gebirge aus Sedimentgesteinen (Wasser- 
absatzgebilde meist marinen Ursprunges, Kalksteine, 
^^Tvdsteine, Mergel, junge Thonschiefer etc. mit vielen 
Petrefakten) aufgebaut; auf der Südseite aus krystal- 
%m\ien und halbkrystallinischen Gesteinen (Gneiss, 



286 Heim, 

Glimmerschiefer, Homblendeschiefer, Hornblendegneisse, 
Talkschiefer, Sericitschiefer). Gesteine der Verrucano- 
und Casannagmppe finden wir in Yal Rasein, Yal 
Gliems, vom Brigelserhorn bis gegen Laax and auf 
Sandalp und im Limmernboden. Massiger Diorit, Syenit 
und Granit liegen am Yal Puntaiglas, Frisal; ferner^ 
bilden sie den Piz Ner. Diese Gesteine alle sind 
krystallinisch körnige, meist schiefrige Gemenge von 
Mineralien, welche Kieselsäure enthalten. Die Geologen 
sind über die Entstehungsweise eines Theiles dieser 
« krystallinischen Gesteine » noch nicht einig. Auf der 
Südseite des Hauptkammes finden wir yon der Panixer- 
passhöhe bis gegen das Dorf Panix und vom Flimser- 
stein bis Calanda den Terrassencharakter der Nord- 
seite ebenfalls ausgebildet, indem hier die Sedimente 
gegen den Rhein hinübergreifen. 

Die inneren centralen Kämme der Alpen bestehen 
aus krjTstallinischen Gesteinen (früher Urgesteine ge- 
nannt), lieber diesen sollten von Rechts wegen die ver- 
steinerungsführenden Schichten liegen. Sie haben wohl 
ursprünglich vor der Erhebung der Alpen eine zu- 
sammenhängende Decke über Alles, was jetzt Alpes- 
gebiet ist, gebildet, sind aber vielfach zerrissen und 
von der Erosion aus den inneren höheren Alpengebieten 
allmälig entfernt worden. Nur zwischen den einzelnen 
Gentralmassen, d. h. den gewaltigen Falten der tieferen 
krystallinischen Gesteine liegen noch muldenförmig ein- 
zelne Fetzen von Sedimentgesteinen eingeklemmt. 

Das Gentralmassiv des Finsteraarhoms taucht unter 
dem Tödi nach Osten unter die Sedimentdecke. Weiter 
gegen das Innere der Alpen (südlicher) folgt keine 



Itinerarium. 287 

Kette mehr, die zusammenhängend aus Sedimentgesteinen 
bestände ; unsere Gruppe enthält den südlichsten Kalk- 
aipenkamm, der im Kampf gegen Zerreissung und Ver- 
witterung noch his heute mächtigen Stand gehalten 
bat. Freilich auch er zeigt manche Wunde. Diese Decke 
Ton geschichteten, versteinerungsführenden Gesteinen, 
die gegen die Höhe der krystallinischen Masse südlich 
empor steigt, hat einen ausgefetzten Band und noch 
weiter drinnen mehrere Löcher. Der Rand in der Kette 
Yon der Windgälle his unter das Scheerhom ist rück- 
wärts übergelegt, der Catscharauls ist ein südlich vor- 
gestreckter Fetzen, die obere und untere Sandalp sind 
weite Schlitze in der Kalksteindecke, die im Grunde 
ans krystallinischen Gesteinen bestehen ; im Spitzälpli- 
stock und Zutreibistock ist der Rand der Sediment- 
decke eng zusammengefältelt, der nördliche Gipfel des 
^ Gambriales (der südliche 3212 Meter scheint un- 
entiegen) ist mit einem losgetrennten Stücke derselben 
bedeckt. Gewaltige, südlich reichende Fetzen sind der 
^f die krystallinischen Gesteine des Sandgrates und 
der Bifertenalp aufgesetzte mächtige Klotz des kleinen 
Mid grossen Tödi, Stockgron, Stock Pintga, Piz ürlaun, 
Bifertenstock, Piz Frisal und in gewisser Beziehung die 
Brigelserhömer. 

Die Sedimentdecke besteht aus verschiedenen Lagen, 
den bekannten Formationen. Die einzelnen Lagen sind 
theils durch die Gesteinsbeschaffenheit, theils durch 
bestimmte Versteinerungen charakterisirt. Es finden 
^ich an keinem Orte alle Formationen in allen ihren 
Unterabtheilungen vor, und so fehlen denn auch in 
^tiserem Gebiete eine Reihe ünterabtheilungen und 






288 Heim. 

sogar einige ganze Formationen. Die hier in Betracht 
fallenden Sedimentformationen sind von unten nach 
oben vorschreitend die folgenden: 

1) Kohlenschiefer, schwarze Schiefer mit dünnen 
Lagen von Anthracitkohle. Sie streichen vom Ochsen- 
stock unter dem Tödi bis unter den oberen Kopf des 
Stockgron (3417"); am mächtigsten sind sie im Vorder- 
Bifertengrätli. An eine Ausbeute der Kohlen lässt sich 
nicht denken. Zwischen Ochsenstock und Bifertengletscher 
am Oelplanken schwitzen die Kohlenschiefer oft etwas 
Steinöl aus. Aus dem Kohlenschiefer dieser Gegenden 
sind leider bis jetzt noch keine Pfianzenreste gefunden 
worden; möchte ein Clubgenosse solche entdecken. 

2) Quarzitzwischenlagen (Verrucano), dann Röthi- 
kalk und Dolomit (wahrscheinlich der Triasformation 
der Westalpen entsprechend), etwa 200 Fuss mächtig. 
Biese Stufe hat ihren Namen von der steinigen Röthi- 
alp am Nordabhang des Tödi, und die Röthialp den 
ihrigen von der aussen gelbrothen, schon aus grosser 
Ferne auffallenden Farbe dieser festen, auf der unver- 
witterten Fläche grauen Kalk- und Dolomitbänke. 
Wo die Kohlenschiefer fehlen, ruht der Röthikalk fast 
unmittelbar auf den krystallinischen Gesteinen. In der 
Tödigruppe umsäumt er als meist unterste Sediment- 
lage getreu den zackig zerrissenen Rand der Sediment- 
decke und die Löcher in derselben. In vielen Biegungen 
und Knickungen zieht er sich von der untern Sandalp 
hoch an den Selbsanft empor, taucht unter dem Biferten- 
stock unter den Bifertengletscher, erscheint als « gelbe 
Wand» in den Beschreibungen von Tödiersteigungen, 
zieht sich über den Grünhorn- und Hinterröthigletscher 



Itinerarium, 289 

gegen die obere Sandalp hinunter, verschwindet unter 
Schutthalden im Kessel der üntersandalp. Als ein 
herrliches ungeheures Gewölbe, überströmt von silber- 
glänzenden Wasserfällen, steigt er im Hintergrunde 
des Limmembodens am Ende des Gletschers in gewaltige 
Höhe und taucht am Ende des Bodens, am Eingang 
in die enge Schlucht, wieder unter die Thallinie. Im 
untern Theile des Sandgletschers und am Nordwest- 
fuss der steilen Tödiwand schaut der Röthikalk unter 
dem Eise hervor, bildet zwei gelbe Bänke am Klein- 
tödi, steigt hoch an den Gipfel des Piz Meilen (= Gelb- 
horn) auf und zieht sich über den Stock Pintga durch 
die Kehle zwischen Piz ürlaun und Piz Ner in auf- 
fallendstem Farbencontrast mit der ganzen Umgebung 
nach dem Puntaiglasgletscher. An den Kämmen der 
Brigelserhömer finden wir ihn mehrfach' wieder. Durch 
seine fast senlcrechte Aufrichtung erzeugt er dort auf 
den obersten Gräten die zerhacktesten Ruinengestalten. 
Selbst vom fernen Pizzo Centrale her ist der Verlauf 

• 

des rothen Bandes zu erkennen. Am 'Piz Dartjes, Crap 
Sarscheins, am Piz Mar treffen wir ihn wieder, er 
bHdet den obersten nördlichen Gipfel des Piz Cam- 
briales und die gelben ruinenartigen Kalke ob dem 
Borfe Schlans. Endlich sehen wir ihn in einer zelligen 
an Kalktuff erinnernden Abänderung in der Umgebung 
der Klausenpasshöhe. 

3) Es folgt über dem Röthikalk was die Geologen 
Lias und braunen Jura nennen — zusammen 100 
bis 500 Fuss mächtige Da treten uns wieder dunklere 
Farbentöne entgegen, das Dunkelbraune ist vorherr- 
schend. Dazu gehören nahezu schwarze Schiefer, dann 

19 



290 Heim. 

das spätige Gestein, das zusammengesetzt ist aus lauter 
Trümmern von Seeigeln und Seelilien (Echinodermen- 
breccie), dann y^ieder Lagen, die dicht mit kleinen rund- 
lichen, stark eisenhaltigen Körnern (Eisenoolith) besäet 
sind, und darin finden sich nicht selten zahlreiche, schön 
erhaltene Meerthierversteinerungen (besonders häufig 
Belemniten, Pecten, Limae und Austern). In den Schutt- 
halden rings um den Tödi liegen in Menge die in der 
Sonne so lebhaft flimmernden Eisenoolithstücke. Der 
Eisenoolith ist oft nur etwa 2 Fuss mächtig. Lias 
und brauner Jura ziehen sich überall an den Wänden 
als dunkelbraunes Band über den Röthikalk hin. 

4) Als Uebergang zur folgenden Stufe kommen 
dunkle bis hellgraue, gelbfleckige, oft glimmerige, 
dünnblätterige Kalkschiefer ; endlich folgt der « weisse 
Jura » oder « Hochgehirgskalk » in Form eines dunkel- 
bis hell blaugrauen, dichten, splittrig-klingenden Kalk- 
steins. Auf frischem Bruch ist er dunkler als auf der 
angewitterten Fläche. Ünterabtheilungen können nicht 
überall in dem 1600 Fuss dicken Schichtencomplexe 
unterschieden werden. Versteinerungen sind leider spär- 
lich. Der mächtige Klotz des Tödi , der Piz ürlaun, 
Piz Frisal, die Hauptmasse des Selbsanft, die Wände 
der Scheibe, des Zutreibistocks und der Spitzälplistöcke, 
der Catscharauls bestehen aus demselben; die Linth- 
schlucht ist in die Hochgebirgskalkplatten eingeschnitten; 
der vielgezahnte Kamm der Märenberge, der Ortstock 
und Kirchberg, der Reiseltstock und ein Theil der 
Glärnischwände sind ebenfalls aus diesem blaugrauen 
Kalke aufgethürmt. Am Vorderselbsanft ist die Hoch- 
gebirgskalkwand 1800°* hoch, indem hier 3 bis 4 



Itinerarium, 291 

kleine, liegende Falten die gleichen Schichten mehr- 
fach über einander legen. 

5) Die Kreideformation, die sich in den äusseren 
Alpenkämmen- so mächtig entwickelt findet, ist in 
unserem Gebiete mager geblieben. Auf dem Zutreibi- 
stock liegen einige Schichten, die ihr wahrscheinlich 
zogehören, vielleicht liegt sie auch noch unter dem 
Schneemantel des Tödi auf dessen höchstem Scheitel. 
Welch ein Triumph wäre es, wenn ein Clubgenosse 
von dort eine Versteinerung bringen würde! Auf dem 
Selbsanftgipfel habe ich Kreideversteinerungen gefunden, 
viel häufiger sind sie jedoch von Escher und Theobald 
am Kistenpass und östlich des Piz Dartjes in Fluaz 
entdeckt worden. 

6) Es folgt die Eocen- (Alttertiär-) Formation. 
Im Ganzen ist sie wohl 1500 Fuss mächtig. Sie ist 
die oberste Lage der hochalpinen Sedimentdecke, welche 
Meeresversteinerungen enthält; gegen Ende der Eocen- 
zeit nämlich haben die inneren Theile der Alpen ohne 
Zweifel schon ein Festland gebildet. Eocene Schichten 
mit Meerthierversteinerungen krönen den Bifertenstock, 
wahrscheinlich auch den Claridenstock ; ferner finden 
sich massenhafte Versteinerungen, die besonders Num- 
muliten, Austern und Pecten enthalten, auf dem breiten 
Selbsanftrücken, dem Zutreibi-, «Geissbützi-> und Gems- 
fayrenstock, sowie auf dem Kammerstock. Was jetzt 
10,000 Fuss über dem Meeresspiegel liegt, hat sich 
über denselben erst in der Mitteltertiärzeit gehoben. 
Die Haupthebung der Alpen geschah erst in der Spätter- 
tiärzeit, also in einer der letzten und kürzesten Perioden 
der Erdgeschichte überhaupt. Die Alpen sind, geologisch 



292 Heim, 

gesprochen, ein junges Gebirge. Der untere Theil der 
Eocenformation besteht aus Kalkbänken mit Nummu- 
liten, jenen flachen, runden, im Innern fein schnecken- 
artig gewundenen und gekammerten Schalen yon Meer- 
bewohnern, die zu einer der einfachsten Gruppen von 
lebenden Wesen gehören. Ihre nächsten Verwandten 
leben gegenwärtig besonders am Grunde des Tiefmeeres. 
Ueber den rauhen braunen Nummulitenkalkbänken 
liegen eocene Thonschiefer. Zu denselben gehören die 
berühmten Glarnerschiefer mit den vielen Fischab- 
drticken, die in grossen Steinbrüchen im Semfthal aus- 
gebeutet werden. Der dritte Bestandtheil der Eocen- 
formation ist ein zäher, dunkelgrüner, etwas fleckiger 
Quarzitsandstein (Taveyanazsandstein). In unserer Gruppe 
ist er besonders an den Teufelsstöcken, am Kammer- 
stock, im Hintergrund des Durnachthaies entwickelt. 
Die Eocenformation bildet das Schneehom und den 
ganzen Kamm von dort bis in die Altenorenalp. ' Im 
Gebiete des Hausstockes liegt sie in mächtigen, sonder- 
bar gefalteten Massen den älteren, tieferen Sedimenten 
auf und bildet dadurch den Nüschenstock , die Mutt- 
berge, den Rüchen, den Hausstock, den Mättlestock. 
Das ganze Lintthal bis unter Schwanden, 'das Sernf- 
thal, so weit es in unsere Excursionskarte fallt, ebenso 
das Weisstannen- und Kalfeuserthal , sind in eocenen 
Gesteinen ausgewaschen. Ueberall hier, von der Tiefe 
der Thäler bis hoch unter die Gipfel, bestehen die 
Gehänge aus eocenen Schiefern oder Nummulitenkalken, 
die durch zahllose Biegungen eng zusammengefältelt, 
im Allgemeinen gegen SO einfallend, enorme Mächtig- 
keit gewinnen. Hoch, oben an den Gipfeln aber setzen 



Itinerarium, 293 

die eocenen Gesteine in scharf gezeichneter Linie plötz- 
lich ab, und über ihnen liegt wieder, was wir schon 
aus der tiefen Unterlage kennen, in verkehrter Reihen- 
folge , nämlich erst eine Hochgebirgskalkbank , dann 
oft eine dünne Bank Röthikalk und endlich Verrucano. 
Es sind die folgenden Gipfelgräte aus Trias, Jura- 
kalk und Yerrucano gebildet, während ihr Grundgestell 
eocenes Gestein ist: Piz Dartjes, Rüchen, Hausstock, 
Scheidstöckli, Mättlestock (bei diesen beiden kein Ver- 
rucano mehr), Kärpfstockmasse , Crap Surscheins, Piz 
Mar, Vorab, Laaxerstöckli , Mannen am Segnespass 
(das Martinsloch ist eine Lücke zwischen Eocen und 
überlagernder Jurakalkbank) ; ferner der ganze Sardona- 
stock, Trinserhorn, Flimserstein (höchste Punkte), 
Ringelkopf, Foostock etc. Diese verkehrte Lagerung 
setzt in die grauen Hörner fort und lässt sich west- 
lich unter den Glärnisch und Ortstock und über den 
Klausenpass durch's Schächenthal bis auf die Engstlen- 
alp verfolgen. Der Kalk zieht sich als geradlinige Bank 
unter dem Verrucano hin, er ist oft auf wenige Fuss 
Mächtigkeit (10 bis 50) zusammengequetscht, manch- 
mal (wie am Vorab) schwillt er bis zu 200 "*. an — . 
im Ganzen ist er immer als auf eine dünnere Platte 
ausgewalzter Hochgebirgskalk aufzufassen. Der Verru- 
cano darüber gewinnt eine enorme Entwicklung, er 
bildet mächtige Bänke intensiv rother oder grünlicher 
quarzreicher Breccien und Conglomerate oder Schiefer. 
Stellenweise, besonders weiter gegen Süden, geht er in 
gneissähnliche Talkquarzitschiefer über, die bald grün, 
bald violett oder roth gefärbt und oft sehr scharf- 
kantig, wild zerklüftet sind, so dass sie rauhe Kämme 



204 Heim. 

und grossblockige Trüramerhalden liefern. Dazwischen 
(am Gand und Bleistock etc.) liegen einzelne Bänke 
von Melaphyrmandelstein. Gregen Norden senkt sich 
der « Sernifit > (wie man von dem Vorkommen im 
Sernfthal das Gestein auch passend genannt hat) all- 
mälig tiefer, so dass hinter Schwanden auf ein kurzes 
Stück der Sernft darüber läuft. Von Murg his 
Terzen bildet die obere Fläche der Sernftmassen das 
Ufer des Walensees und von Flums • bis Mels das Süd- 
gehänge des grossen Thaies. Dort ist die Lagerang 
wieder normal geworden, indem über dem Sernifit 
(Spitzmeilen, Mageren, Mürtschenstock etc.) Röthikalk 
und Jura und endlich an den Kuhfirsten und am Neuen- 
kamm Kreide und Eocen folgen. Der Sernifit hält also 
die Mitte, während unter und über ihm die jüngeren 
Gesteine in verkehrter, beziehungsweise normaler Reihen- 
folge liegen. Es ist das Vorkommen des Sernifit au 
den Gipfeln des Eocengebirges das grossartigste Beispiel 
einer Umkehrung in der Schichtenfolge, das bis jetzt 
auf der ganzen Erdoberfläche beobachtet worden ist. 
Fast vom Walensee bis an's Rheinthal und vom Tamina- 
thal bis unter den Titlis liegt auf breitem', gegen West 
sich verschmälerndem Streifen auf dem Gipfel der Berge, 
was die Grundlage bilden und in den Thälern bis an 
deren Grund, was an der Oberfläche liegen sollte. An 
einigen Stellen, z. B. wenn man vom Limmernboden 
auf den Piz Dartjes klettert, beobachtet man die ganze 
Schichtenreihe zuerst in normaler, hernach in über- 
kippter Reihenfolge. Am Tödi, Bifertenstock etc. süd- 
lich liegt Alles wieder normal wie nördlich am Südufer 
des Walensees. Nur die Annahme mächtiger Doppel- 



\ 



Itineranum. 295 

feiten erklärt diese Erscheinungen. Oestlich vom Kisten- 
pass ist vom Rheinthal aus gegen Norden eine Ver- 
rncanofalte über die jüngeren Gesteine geschoben, und 
längs der langen Basis von Ragatz dem Walensee ent- 
lang unter den Glärnisch und Klausen bis nach Uri 
hinein ist der Verrucano gewissermassen symmetrisch 
zur erstem Ueberschiebung gegen Süden über das 
junge eocene Gestein hinaufgedrängt, während dieses 
letztere in zahllosen Falten zusammengequetscht in der 
Tiefe liegen geblieben ist. Graue Hörner, Foostock, 
Kärpfstock sind Stücke der früher zusammenhängenden, 
von Norden überschobenen Verrucanoplatte ; Dartjes, 
Mar, Vorab, Sardona und Ringelkopf ebensolche Stücke 
der von Süden her aufgestossenen und bis in die Tiefe 
des Rheinthaies zu verfolgenden Verrucanodecke. 

Es ist nicht lei(jht eine Gebirgsgegend zu finden, 
welche so sehr überwältigend uns die Grösse und Kraft 
der langsamen Faltenbildungen der Erdkruste vor Augen 
föhrt, welche die Kettengebirge erzeugt haben. 

Yon jungen Bildungen sind aus unserem Gebiete 
noch zu nennen: Der merkwürdige vorhistorische Berg- 
sturz von Flims. Alles Land zwischen Poststrasse 
und Rhein ist als altes Ablagerungsgebiet eines riesigen 
Bergsturzes zu betrachten. — In der Höhe entspricht 
diesem Schutte die Bergnische zwischen Flimserstein 
nnd Crap St. Gion bis zur Segnespasshöhe. In unserem 
Gebiete finden sich viele andere, freilich kleinere Berg- 
stürze (Teufelsfriedhof, Ober-Rusein, Untersandalp etc.); 
ferner schöne Schuttkegel (Auengüter, Durnachschutt- 
kegel, Schuttkegel von Haslen, Schleuiserbach etc.) und 
eine Reihe alter Gletschermoränen (Hügel der Kapelle 



296 Heim. 

des Urnerboden, bei Unter- und Obersandalp, bei den 
Hütten der Alp Rusein, im Dumachthal etc.). Cha- 
rakteristische Gesteine unseres Gebietes (Puntaiglas- 
granit, Syenit vom Piz Ner, Verrucano, Taveyanaz- 
Sandstein) sind in zahllosen erratischen Blöcken über 
das Vorland bis an den schwäbischen Jura zerstreut. 

Ich muss endlich noch erwähnen, dass auch in 
unserem Gebiete die Gletscher seit etwa 10 bis 15 Jahren 
ganz beträchtlich kleiner geworden sind. Es hat dies 
sogar auf Ueberschreitung mancher Pässe (Kisten und 
Panixer) einen wesentlichen Einfluss ausgeübt. Za 
wünschen wäre nur, dass hier wie in andern Gebieten 
mehr und regelmässigere genaue Messungen über den 
Stand der Gletscher ausgeführt würden; es geschieht 
hierin von Seiten des S. A. C. sehr wenig. 

Beispiele, wie die Vegetation an manchen Stellen 
zugenommen hat, und wie anderseits Weideplätze (z. B. 
Limmernboden) durch Ueberhandnahme schädlicher Ge- 
wächse (Alchemüla alpina) verwildert sind, Beispiele 
für Verheerungen durch Wildbäche, für merkwürdige 
Quellen, Sulzen etc. fehlen in unserm Gebiete ebenfalls 
keineswegs. 



II. 

Literatur und Exenrsionsnotizen. 

Das hier folgende Literaturverzeichniss kann selbst- 
verständlich keinen Anspruch auf wirkliche Vollständig- 
keit machen, doch glaube ich, dass wenigstens wichtige 



Itinerarium. 297 

Arbeiten mir nicht entgangen sind. So viel möglich 
föge ich in kurzen Worten den Inhalt der citii'ten 
Werke hei. 

1. Geologie. 

Arnold Escher v. d. Linth hat eine treffliche Be- 
schreibung des geologischen Baues der Gebirge unseres 
Gebietes in dem «Gemälde der Schweiz > 1846 geliefert. 
Der VII. Band dieses Sammelwerkes betrifft den Kanton 
Glarus, der zweite Abschnitt davon « Gebirgskunde > ist 
von Escher geschrieben und von einer geologischen 
Karte begleitet. Escher bespricht zuerst die krystal- 
ÜEischen Gesteine und diejenigen Sedimente, welche 
unter dem Semifit liegen , hernach den « veränderten 
Kalk > , jenes oben erwähnte Kalkband , das überall 
am Hausstock, Kärpfstock etc. über dem eocenen Haupt- 
gebirge und unter der Sernifitdecke liegt, den Semifit 
und endlich die über demselben liegenden versteinerungs- 
reichen Sedimente. Es folgt ein Kapitel über die 
Mineralien, die nutzbaren Mineralien und Gesteine, 
und endlich eine sehr merkwürdige Statistik der zahl- 
reichen kleineren Erdbeben, welche im Kanton Glarus 
verspürt worden sind. 

B. Stiider, Geologie der Schweiz. 1851. In Bd. I, 
pag. 179— 180 werden die krystallinischen Gesteine der 
Tödigruppe bei Anlass der allgemeinen Darstellung der 
Verhältnisse des Finsteraarcentralmassives nach ihrer 
Beschaffenheit und Lagerung beschrieben; pag. 418 bis 
432 bespricht die Verrucano- (Sernifit-) Bildungen 
unseres Gebietes. Bd. II, 183—185 erläutert mit Hülfe 



298 Heim. 

einiger scbematischer Profilskizzen die Lagertmgsver- 
hältnisse desselben. 

Oswald Heer, Prof. * Arnold Escher v. d. Linth. 
Zürich, 1873» enthält von pag. 168—193 eine aus 
Escher 's Tagebüchern zusammengestellte Uebersicht über. 
Escher's Forschungen im Kanton Glarus und die südlich 
angrenzenden Gebiete von Graubünden. 

Theohald beschreibt im < Jahresbericht der naturf. 
Gesellschaft Graubündens, Neue Folge, XIII. Jahr: 
gang, 1867—1869» den «Brigelser Stock» und im 
XIV. Jahrgang den Kistenpass und seine Umgebungen 
nach Gesteinen und deren Lagerung. Beide Aufsätze 
sind von je einer Tafel mit einem Profil begleitet. 

Theohald, « Geologische Uebersicht der Rhätischen 
Alpen. 1. Tödikette» im III. Jahrbuch des S. A. C. 1866. 

Baltzer. « Der Glärnisch, ein Problem alpinen Ge- 
birgsbaues, Zürich bei C. Schmid, 1873 » (ganzes Buch) 
streift ebenfalls unser Gebiet, indem der Zusammenhang 
des Glärnisch mit den umliegenden Gebirgsmassen er- 
läutert wird, und überdies das Südgehänge des Glärnisch 
theilweise noch in unsere Karte fällt. Das Buch ist 
von vielen genauen Ansichten, Profilen und einer geo- 
logischen Karte des Glärnisch in 1 : 50,000 begleitet. 

Baltzer. < Ein Beitrag zur Kenntniss der Glarner- 
schlinge » Aufsatz im « Neuen Jahrbuch für Mineralogie, 
Geologie und Paläontologie » 1876. Der Verfasser führt 
verschiedene Belege an für die Existenz der oben be- 
schriebenen mächtigen Doppelfalte und erläutert die- 
selbe durch eine Tafel , die neben einem Profil eine 
Reihe charakteristischer Abbildungen enthält, welche 
die Falten des Eocenen und die Ueberlagerungen des- 



Itiner avium. 299 

selben durch Kalk und Sernifit zeigen (Hausstock, 
Mättlestock, Rüchen etc.)- 

G. vom Rath, Geogn. und mineral. Beobachtungen 
im Quellengebiete des Rheines. — , Zeitschrift der 
deutschen geol. Gesellschaft 1862. (Aufsatz.) 

Heim, Geologische Uebersicht der Tödi-Windgellen- 
{jnippe im YII. Jahrbuch des S. A. C. 1872, mit einer 
Tafel. (Aufsatz.) 

Heim, Notizen aus den geol. Untersuchungen für 
Blatt XIV, Vierteljahresschrift der naturf. Gesellschaft 
Zürich, XVI, Heft 3, mit einer Tafel. (Aufsatz.) 

Heim, «Ueber den Mechanismus der Gebirgsbildung 
im Anschluss an die geologische Monographie der Tödi- 
Windgellengruppe » mit einem Atlas. Es enthält dies 
Werk eine geol. Karte der Tödi-Windgellengruppe im 
Massstabe 1 : 100,000, mehrere Tafeln mit geologischen 
Profilen und Gebirgsansichten. 

Salis, Fr, v., Notanden über erratische Erschei- 
nungen im Rheingebiet. Jahrbuch X des S. A. C. 

Salis, Fr. v., Die Verwitterung im Hochgebirge 
Graubündens, VI. Jahrbuch des S. A. C. 1869. 

Theohald, Gipfelgesteine, VI. Jahrgang des S. A. C. 

In vielen Werken, die sich eine weiter gefasste 
Aufgabe stellten, wie in Heer 's Urwelt der Schweiz, 
Studer's Index zur schweizerischen Petrographie etc., 
findet sich ebenfalls Auskunft über gewisse Partieen 
unseres Gebietes; es können aber hier selbstverstäpd- 
Hch nur diejenigen Werke einzeln genannt werden, 
welche unser Gebiet zum speziellen Gegenstand der 
Besprechung machten. 



300 Heim. 



1 



2. Physikalische Geographie und Landwirthschaft. 

Heinrich Pf endler, Pfarrer in Schwanden, - GrOm 
liehe Beschreibung der hoben Bergen, sammt deren sie 
darauf befindenden Fruchtbarlteit, wilden Thieren, dera 
Natur und andere Wunderdingen, 1670. 

/. R. Steinmüüer, Pfarrer in Gais, Beschreibung d« 
schweizerischen Alpen und Landwirthschaft, I. Ban( 
Kanton Glarus; Wiuterthur 1802. 

J. M. Schuler, Pfarrer auf Karenzen, * Die Lintb 
thäler». Zürich 1814. 

Prof. 0. Heer hat im « Kanton Glarus - aus dei 
« Gemälde der Schweiz > im dritten Abschnitt des 
ersten Theiles eine Darstellung der klimatisclien Ver- 
hältnisse mit Bemerkungen Über die Qnellentempera- 
turen des Kantons Glarus niedergelegt; im I. Abschnitt 
des gleichen Bändchens unter der Ueberschrift -Erd- 
beschreibung • ist von Berg und Thal, von den Höhlen 
und Windlöchern, den Gletschern (Beschreibung und 
schichtliches), den Quellen und Brunnen, Flüssen 
d Bächen, Brücken, Seen die Rede. Das Buch er- 
den 1846. 
G. Theobald, der Pflanzenwuchs des Hochgebii^es 
Kampfe mit Gletschern und Firnschnee. Jahrbadi 
ä S. A. C. 1867—1868. 

Paler Placidus ü Spescha. Clima der Alpeu am 
de des vorigen und im Anfang des jetzigen Jabr- 
Qderts, 1818, im Jahrbuch des S. A. C, Band V, mit 
n Portrait des Verfassers. Auf Reisen in unserem 
biete hat derselbe das in diesem Anfsatze nieder- 
egte Beobachtungsmaterial gesammelt. ] 



Itineranum. 301 

/. Coaz, üeberblick über das Excursionsgebiet, und 

V. Sprecher, Kurzer Abriss einer Greschichte des 

idneriscben Oberlandes im X. Jahrgang des S. A. C. 

reffen oder streifen doch theilweise unser Excursions- 

sbiet in seinen südlichen Theilen. 



3. Botanik und Zoologie. 

Auch hier ist unser Hauptwerk wiederum der Kanton 
Glanis von 0. Heer und Blumer aus dem « Gemälde der 
Schweiz >. Im Bd. I, Abschnitt 5 ist die Thierwelt, 
Abschnitt 4 die Pflanzenwelt beschrieben. Der Cha- 
rakter der Flora wird zuerst in allgemeiner Uebersicht 
dargestellt, dann folgt eine Statistik der Arten, die 
Pfianzenwelt nach Gebirgsarten und Lokalitäten und 
TergUchen mit den Nachbargebieten. 

Hegetschweiler, « Bemerkungen über die Vegetation 
des Kantons Glarus» findet sich in den « Eeisen in den 
Gebirgsstock etc. > 

Dr. 0. Heer, Die Vegetationsverhäitnisse des süd- 
östlichen Theües des Kantons Glarus in den «Mit- 
theilungen aus dem Gebiete der theoretischen Erd- 
kunde». S.Heft, Zürich 1835—1836. Es ist dies ein 
Versuch, die pflanzen -geographischen Erscheinungen 
der Alpen aus klimatischen und Bodenverhältnissen 
abzuleiten. 

Dr. 0. Heer, Geographische Verbreitung der Käfer 
in den Schweizeralpen, besonders nach ihren Höhen- 
verhältnissen. I. Kanton Glarus in den «Mittheilungen 
aus dem Gebiete der theoret. Erdkunde ». 1. Heft. 

Am Stei7i über Dipteren, Myriapoden und Crustaceen 



a02 Heim. 

Graubündens, Jahresbericlit der naturf. Gesellschaft] 
Graubtindens TI, V, 1857 — 1860. 

Am Steiyi, Verzeichniss der Land- und Wasser 
mollusken Graubündens. Jahresbericht der naturf. Ge 
Seilschaft Graubündens III, VII, 1858—1862. 

0. Heevy lieber die obersten Grenzen des thierischei 
und pflanzlichen Lebens in den Schweizer Alpen. XLVüJ 
Neujahrsblatt der naturf. Gesellschaft Zürich, 1845. 

Röschy Aufzählung der in Bünden bisher entdeckteu; 
Bergpflanzen in der Alpina von SteinmtiUer, II, 1807. 

Moritzi, die Gefässpflanzen Graubündens. Neue 
Denkschriften der Schweiz, naturf. Gesellschaft III, 1839. 

Killias, Nachträge hierzu. Jahresbericht der naturf. 
Gesellschaft Graubündens I, 1856; III, 1858; V, 1860. 

Killias, Kryptogamen Graubündens. Naturf. Ge- 
sellschaft Graubündens IV, 1849; VI, 1861. 

Brügger, Beiträge zur rhätischen Laubmoosflora. 
Jahresbericht der naturf. Gesellschaft Graubündens VII, 
1862 und Bericht über 18 kleinste Algen der rhätischen 
Alpen. 1863. . 

4. Karten. 

Mappa glaronensis territorii, in Scheuchzer von 1746. 

Karte von Walser 1768. 

Karten in den Chroniken des Kantons Glarus von 
Tschudi und Trümpi. 

Meyers Schweiz. Atlas. 

Keller, Karte im helvetischen Almanach 1809. 

Escher, geologische Karte des Kantons Glarus im 
« Gemälde der Schweiz >. 



I 



Itinerarium, 303 

Esc/ier und Studer, Geologische Karte der Schweiz, 
(Grundlage ist die Ziegler'sche Karte) 1 : 380,000. 2. Auf- 
lage 1870. 

/. M. Ziegler, Karte des Kantons Glarus in 1 : 50,000 
mit Curven von 30 zu 30 Meter und in der 2. Auflage 
Sdiraffur neben den Curven, Vertikalbeleuchtung, 1868. 

Karte des Kantons St. Gallen in 1 : 25,000 mit 
Schrafifur und Curven von 100 Meter Vertikalabstand, 
Gebirgszeichnung in Vertikalbeleuchtung von Ziegler 
und Randegger. Die südlichen Blätter enthalten Theile 
nmseres Gebiets. 

Excursionskarte des S. A, C, in i : 50,000, ge- 
stochen von Leuzinger, 1863. Es enthält dieselbe neben 
der Schraffur noch Curven von 300 Meter Vertikal- 
abstand und ist mit SW. -Beleuchtung dargestellt. 

Eidgenössischer Atlas in 1 : 100,000, Blatt XIV., 
Schraffur und NW.-Beleuchtung. 

Eidgenössischer Atlas im Massstah der Original- 
aufnahmen 1 : 50,000, gleich Excursionskarte für 
1876. Blatt 400, 401, 404 und 405. 

So wie im Laufe dieses Sommers diese Blätter an 
die Alpenclubisten abgegeben werden können, sind sie 
«revidirt>, allein, wie ich mich durch Vergleich eines 
ersten Abdrucks mit den vorangegangenen Ausgaben 
(Blatt XIV, Zieglers Kanton Glarus, Leuzingers Club- 
karte 1863) tiberzeugte, haben sie in den Formen der 
Gehänge, in der Vertheilung von Fels und Grashalde 
oder Schnee und Gletscher etc. dennoch alle wesent- 
lichen Fehler der älteren Publikationen getreu bei- 
behalten, während nur die Höhenzahlen wirklich revidirt 
erscheinen. Die «Revisionen» werden überhaupt ge- 



304 Hmn. 

wohnlich etwas zu leicht genommen und zu rasch aus- 
geführt. Hoffentlich wird eine zweite Revision durch 
Augen, welche die Felsformen schärfer aufzufassen im 
Stande sind, und deren Arbeit von wissenschaftlichen, 
besonders geologischen Kenntnissen und von der nöthigen 
Gewissenhaftigkeit unterstützt wird, nicht lange auf 
sich warten lassen. 

5. Reisebeschreibungen. 

1 Ausserhalb der Jahrbücher des S. A\ C. 

Scheuchzer, Naturgeschichte der Schweiz, Zürich 
1746, Bd. II, von Seite 56 ab. 

Helvetischer Kalender für i78S, von Seite 130 
ab, Reise in den Kanton Glarus. 

C Schütz aus Sigmaringen, Reise von Linththal 
über die Limmernalp nach Brigels, Zürich 1812. Unter 
der < Limmernalp» sind offenbar die Alpen Rinken- 
thal, Nüschen und Mutt am Kistenpasse verstanden. 

Dr. J. Hegetschweiler, Reisen in den Gebirgsstock 
zwischen Glarus und Graubünden in den Jahren 1819, 
X820, 1822, Zürich 1825. 

K, Kasthofer, Bemerkungen auf einer Alpenreise 
1825, pag. 90—105. 

HirzeUEscher , Wanderung in weniger besuchte 
Alpengegenden der Schweiz, Zürich 1829. 

G, Studer, M, Ulrich, J, Weilenmann und Zeller- 
Homer, Berg- und Gletscherfahrten in den Hochalpen 
der Schweiz. Der 1. Band, 1859, enthält eine Ersteigung 
des Tödi von M. Ulrich, der 2., 1863, einen Nach- 
trag dazu und einen Aufsatz über die Clariden. 



Itinerarium. 305 

G. Studer, Berner Taschenbuch, Jahrgang 1863, der 
Kammerstock. 

G, Studer, über Eis und Schnee, ist eine Dar- 
stellung der Geschichte der ersten Ersteigungen der 
höchsten Alpengipfel, die erste Abtheilung betrifft von 
pag. 282 an unsere Gruppe. 

Neujahrshlatt der naturforschenden Gesellschaft, 
Zürich i860, beschreibt einen üebergang ttber den 
Hfifigletscher und gibt dazu eine Abbildung. Der erste 
üebergang vom Linththal nach dem Maderanerthal 
über die Clariden scheint in den 30er Jahren dieses 
Jahrhunderts, vielleicht der 1835 durch Herrn Zeller- 
Homer ausgeführte gewesen zu sein. 

G. Theobald, das Bündneroberland, Chur 1861 (mit 
▼ielen Holzschnitten). 

Dr. Simmler, der Tödi-Rusein, Bern 1863. Mit 
Karte und Farbendruckbildern. 

Dr. Sim^m^ler, der Hochkärpf, Glarus 1862. 

E, Ramhertf «les Glarides >, in den «Alpes Suisses », 
6en6ve 1866. 

Alpenpost, z. B. Bd. V, pag. 110—113, Jahr 1873. 
(xemsfayrenstock etc. 

Berner Intelli^enzhlatt, 1853. 

Ball, Peaks, Passes and Glaciers — 3 Bd., z. B. Bd. I. 

The Alpine Journal. Vergleiche hierüber : 

RutiTYieyer, Literatur, Jahrb. des S. A. C. III. Jahrg. 

^. In den Schriften des S. A. C* puhlizirie 
Reiseheschreihungen. 

An die betreffenden Citate werde ich, wo es mir 
passend erscheint, jeweilen Bemerkungen über den 

20 



306 Heim. 

Stand der bisher aasgeführten Ersteigungen und über 
noch zn lösende Aufgaben beisetzen. 

I. Jahrbuch. 

77i. Simmler, Bericht über die Excnrsionen im 
offiziellen Gebiete während des Sommers 1863. 

— Ersteigung des Tödi-Busein durch die Porta da 
Spescha. 

E. Frey-Gessner, die Clariden. 

Eugene Rambert, note sur Tascension des Clarides 
le 13 Aoüt 1863. 

Es ist dies die erste Ersteigung, sie fand wie alle 
seitherigen von der Hochfläche des Claridenfirn und 
Hüfigletschers aus statt; man kann Yom Claridenfirn 
in westlicher oder vom Hüfigletscher in östlicher Bich- 
tung den Gipfel gewinnen. Die bisherigen Versuche, 
die Clariden vom Elausenpass aus zu ersteigen, sind 
alle an dem Hinderniss der merkwürdigen Eiswand 
gescheitert, welche, schon von der ebenen Schweiz und 
den Höhen des östlichen Jura aus sichtbar, sich oben 
auf den Felsgrat vorschiebt. Doch dürfte vom ürner- 
boden aus weiter östlich ein solcher kurzer Weg auf 
die Clariden über die Gemsfajrenalp oder den alten 
Bergsturz des «Teufelsfriedhof» und den nördlichen 
Claridengletscher zu finden sein — ich möchte dies als 
eine eines Clubisten würdige Aufgabe bezeichnen. Im 
Jahre 1864 wurden auch die beiden ersten Erstei- 
gungen des zK den Clariden gehörenden westlichen 
Gipfels, des Eammlistockes, von Herrn C. Hauser in 
Glarus und von Dr. Baltzer in Zürich ausgeführt. 
Hauser stieg über den Griesgletscher in die Lücke 



Ittnerartum. 307 

zwischen Scheerhorn und Eammlistock and erklomm 
dessen Südabsturz. 

C. Hauser: der vordere Selbsanft, die erste bekannte 
Ersteigung desselben. Punkte, von welchen herunter 
wie hier der Blick über eine ununterbrochene kahle 
Felswand von 1800 Meter Höhe in's schöne grüne 
Thal reicht, sind nicht häufig zu ßnden. 

Abr. Roth, G, Sand und Raillard-Stähelin, erste 
Ersteigung des Bifertenstockes. 

Es ist wiederum eine Aufgabe künftiger clubistischer 
Thaten, auf dkm Bifertenstock noch andere Wege zu 
finden. Dass die Ersteigung vom Frisalgletscher aus 
möglich sei, bestritt mir zwar vor einigen Jahren der 
jetzt verstorbene treffliche Brigelser Gemsjäger Ca- 
thomen, ich bin dennoch der Ansicht, dass ein Versuch 
nicht erfolglos sein dürfte. Gelingt er, so kann der 
Bifertenstock auch vom Puntaiglasgletscher aus erreicht 
werden, indem man von da aus zwischen den Piz Frisal 
und Bifertenstock und so auf den obersten Theil des 
Frisalgletschers gelangen kann. Ein Aufstieg vom 
Griesgletscher aus wird gewiss nicht unmöglich sein. 
Es ist zu bedauern, dass Selbsanft und Bifertenstock 
wegen des weitläufigen Zuganges zum Limmerntobel 
von Norden so ferne liegen. Eine Hütte im Limmern- 
boden würde dem Uebelstande um Vieles abhelfen. 
Eine Ersteigung des Selbsanft ist, wie ich dies aus 
eigener Erfahning weiss, von Brigels aus oder von der 
Alp Robi leichter und rascher zu bewerkstelligen, als 
von Linththal oder Nüschen, indem es auf einigen 
Felsbändem ganz leicht ist, westlich vom Kistenstöckli 
auf den obern Theil des Limmerngletschers zu gelangen. 



1 



308 Heim. 



Der Mittelselbsanft ist wohl zuerst von Weilemnaim 
erstiegen worden. Im Jahre 1863 wagten es Herr 
Scheuchzer-Dürr und Begleiter Angesichts eines Ge- 
witters zwischen dem Selbsanft 3024 und dem Scheiben- 
stock 2981 durch ein enges steiles Felsenkamin nach 
dem Tentiwang und Bifertengletscher hinunterzusteigen. 
Von Linththal aus wäre der kürzeste Weg auf den 
Bifertenstock durch dieses Kamin, das «Griesloch»^ 
auf den Griesgletscher zu gelangen und von da auf 
den Bifertenstock. Die Sektion Tödi des S, A. C. hat 
im Sommer 1876 diesen Weg mit glücklichem Erfolge 
eingeschlagen. 

Simmler, Bemerkungen zur Exoursionskarte in den 
« kleineren Mittheilungen ». 

Zu den meisten artistischen Beigaben des ersten 
Bandes ist die Bemerkung nothwendig, dass man bei 
Aufsuchung eines Weges der Karte trotz den Fehlem, 
die sie noch enthält, meistens viel besser trauen darf, 
als den Ansichten. 

III. Jahrbuch. 

R. Lindt, die Excursionen im Tödigebiet. 

C. Hauser, der Piz Tumbif. Der Verfasser stieg von 
Alp Tscheng über das leicht zu erreichende und nicht 
selten besuchte östliche Brigelserhorn, 3060 (auf der 
neuen Karte als Piz Tumbif bezeichnet) und den scharfen 
Röthikalkkamm nach dem mittleren, 3217 (früher Piz 
Tumbif, jetzt Cavestrau pin), und sein Führer Rud. 
Eimer noch von da über den Grat nach dem westlichen 
höchsten (3250, Piz Breil oder Cavestrau grond). Diese 
beiden Ersteigungen müssen wohl als erste bezeichnet 



\ 



Itinerarium. 30b 

werden. Vom Piz Tumbif stiegen sie durch eine steile 
Rinne unmittelbar südlich in's Val Puntaiglas. Der 
westlichste Gipfel der Brigelserhörner (jetzt Crap grond, 
früher Piz Puntaiglas, 3196) ist wahrscheinlich noch 
anerstiegen. Bei günstiger Beschaffenheit des Gletscbei*s 
ist es sicher leichter, durch Val Frisal als über Alp 
Tscheng auf den höchsten Punkt und den Piz Puntaiglas 
zü gelangen ; doch ist die Tour bis jetzt meines Wissens 
noch nicht ausgeführt worden. 

C. Hauset^ Stockgron und Porta da Gliems. Es 
bleibt immer noch ungewiss, ob die ersten Ersteiger 
des Tödi und zwar wahrscheinlich des höchsten Gipfels, 
die Führer von Spescha, Namens Curschellas und 
Bisquolm, durch die Porta da Spescha oder da Gliems 
auf den Tödi gelangten. Im Juni 1865 erstiegen die 
Engländer Moore und Walker mit Anderegg den Tödi 
durch die Gliemspforte ; am 14. Juli des gleichen 
Jahres fand Herr Hauser eine Inschrift der Herren 
* Harigut, Stoeri und G. B. Man >, während er selbst 
etwa eine Woche später von Val Gliems durch die 
Porta da Gliems nach dem Grünhorn gelangte. 

A. Heim, üebergang von Val Gliems auf den Pun- 
taiglasgletscher und Ersteigung der Lücke zwischen 
Bifertenstock und Bündner Tödi. 

V. Jahrgang, 1868 - 1869. 

Hauser, Ersteigung des Piz ürlaun. Im Jahr 1793 
schon hatte der Pater Placidus den Urlaun von der 
Sädseite erstiegen (in's gleiche Jahr (ällt dessen erste 
Ersteigung des Oberalpstockes). Am 11. Juli 1865 ist 
derselbe von den Engländern Freshfield, Blackhouse 



310 Heim. 

und Tuckett erstiegen worden. Dieselben gelangten 
von Trons über den Puntaiglas hinauf; ob sie Ober 
den südlicben Ausläufer oder unmittelbarer empor- 
stiegen, ist mir unbekannt. Den RQckweg nahmen sie 
über den Gliemsgletscher nach Dissentis. Herr Hanser 
in Glarus bat den Urlaun zum ersten Male von der 
Seite des Biferteogletschers angegrifiFen, nnd es ist ihm 
die Ersteigung gelungen. Inwiefern der Grat vom 
Bündoertödi nach dem Piz Urlaun gangbar sein mag, 
ist bis zur Stunde unermittelt geblieben. 

Speich, der Bflndnertödi. Erste Ersteigung. Es fand 
dieselbe von der Lücke zwischen Bifertenstock und 
Bundnertödi ans statt, welche v^m Puntaiglasgletscher 
aus Heim 1865 erreicht hatte. 

Artistische Beilage von Band V, Panorama des 
Puntaiglasgletschers von A. Heim. 

Vr. Jahrgang, 1869—1870. 

Hauser, erste Ersteigung des Piz Frieal 1866 und 
des Piz Ner. Der Frisalstock wurde über den Frisal- 
:scher gewonnen, der Abstieg von da zuerst g^» 
-den gerichtet und dann durch das oben schon er- 
inte Couloir zwischen Piz Frisal und Bifertenstock 

Puntaiglasgletscher erreicht. Ein ähnliches, gang- 
es Felskamin verbindet Frisalthal und Puntaiglas- 
;scher zwischen dem Piz Frisal und Piz Tumbif. 
nn es möglich ist, da durchzukommen, wo ein Rudel 
nsen iu raschem Laufe hinauf fliehen kann, so kann 

Piz Frisal am direktesten vom Puntaiglasgletscher 

aber seinen südlichen Felsabhang erreicht werden. 



f 



IltTterai-ium. Sil 

Der Piz Ner wurde von Trons über Alp Lievras er- 
stiegeii. Seine schwarzen Diorlt- und Granitmassen 
zeig«D hier eine unglaablicbe Zertrümmening. Der 
Abstieg geschah nach Val Gltems. Ich glaube, dass 
der Piz Ner noch von einer dritten Seite, vom untern 
Ende des Pnntaiglasgletschers ans, znm Theil tlber 
Gletscher nnd Schnee in westlicher Richtung steigend, 
nicht schwierig zu gewinnen ist. 

In der Nähe des Piz Ner finden wir noch den 
wilden, scharfen, schwarzen Zahn des Mythahorn (oder 
Piz Mut, Metahom 2861). Ich konnte keine Kunde 
von irgend welcher Ersteigung desselben gewinnen. Es 
nird dieselbe wohl am ehesten von Alp da Lievras 
aas bewerkstelligt werden können. Durch seine kühne 
Form nnd seinen freien Blick durch das ganze BOndner- 
oberland ladet das Metq.horn manchen Besucher des 
Thaies ein — aber hier gilt es, sich nicht ahscbrecken 
^ lassen. 

Dr. F. Schläpfer, erste Ersteigung der Tschingel- 
»pitzen (. Piz Glisöh » oder « Die Mannen » 2850). 
Schläpfer kletterte mit seinen Führern Eimer und Sohn 
^on Stldwesten über alle Zacken der Mannen bis anf 
deren hficbste. 

C. Hauser, «zur Topographie des Tödi». In diesem 
Aufeatze führt der Verfasser alle bis daronifl ontjiepirteii 
Qud ausgeführten Zugänge zum Tödi a 
derselben ist indessen noch etwas grö 
ausgeführten Wegen können wir noch 
an die Seite stellen. Die ausgeführten W 
der vollständigeren Zusammenstellung, 
^Ihst gemacht habe, die folgenden: 



1 



312 Heim. 

1) Vom Grünhorn über das linke Ufer des Biferten- 
gletschers und die Hegetschweilerplatte , bisher 
gewöhnlichster Weg von Linththal aus. 

2) Grünhorn, rechtes Ufer des Bifertengletschers bis 
an den Fuss des Piz ürlaun (Umgehung der 
Schneerunse), Hegetschweilerplatte (den 26. Juli 
1866 soviel bekannt zuerst von C. Hauser mit 
H. und R. Eimer ausgeführt). 

3) 1866 machte der treffliche, leider sehr früh ver- 
storbene junge Linththaler Führer Jakob Steussi 
einen kürzern und sicherern Zugang zum Tödi 
vom Grünhorn über die linke Seite des Biferten- 
gletschers direkte hinauf auf das obere Gletscher- 
plateau ausfindig. Es hat derselbe den Vorzug,, 
dass die durch Herabfallen von Eistrümmem ge- 
fährliche Stelle viel rascher passirt werden kann. 

4) Von der Alp RuSein durch die Porta da Spescha 
(zwischen Stockgron und Piz Meilen) — wahr- 
scheinlich zum ersten Mal durch Pater Placidus 
a Spescha und seine Führer Bisquolm und Cur- 
schellas 1824 betreten, nachdem Placidns den 
Stockgron schon 1788 (erste Ersteigung) vom 
Gliemsgletscher — wahrscheinlich von der Porta 
da Gliems gewonnen hatte. Zum zweiten Male ist 
die Porta da Spescha und dabei der Piz Meilen 
von den Herren Hauser, Simmler und Lindt 1863 
begangen worden. 

5) Vom Val Gliems über den Gliemsgletscher durch 
die Porta da Gliems östlich am Stockgron vor- 
bei über das obere Firnfeld des Bifertengletschers. 
(Erste Begehung, wenn nicht 1824 durch die 



ItineraHum, 313 

Führer von Placidus, dann 1865 im Juni durch 
die Engländer Moore und Walker mit Anderegg 
beim Absteigen vom' Tödi.) 

6) Von Alp Rusein, anstatt des weiten Umweges^ 
durch Val Gliems direkt aufwärts an den Grat 
zwischen dem gelben Stock Pintga und den Stocks 
gron, dann über diesen Grat südlich vom Stock- 
gron auf den obersten Theil des Gliemsgletschers 
und in die Porta da Gliems. Dieser Weg von 
der Alp Rusein aus ist jedenfalls der leichteste 
Ztigang zum Tödi, Verfasser hat denselben 
1868 mit Prof. Theobald ohne Führer bis etwa 
eine Viertelstunde unter die Porta da Gliems 
verfolgt, er ist dadurch an den ausgeführten Weg 
Nr. 5 angeknüpft. Unsere geologischen Unter- 
suchungen veranlassten uns damals, nicht bis in 
die Porta selbst zu gehen, sondern quer über 
den Gliemsgletscher gegen den Südfuss des Piz 
ürlaun zu schreiten. Meines Wissens ist der Tödi 
niemals auf diesem Wege von unten bis oben 
erstiegen worden. 

7) Von Alp Rusein über den Bleisasverdasgletscher 
hinauf zwischen Tödi und Bleisasverdas durch 
die enge Schneeschlucht und das Felsenthor der 
«Ruseinpforte». Erste Begehung bei Nebel und 
Schneesturm im Absteigen 1866 durch die Eng- 
länder Freshfield und Tucker. 

8) Die Eis- und Schneekehle der Ruseinpforte lässt 
sich vom Sandgrat aus unter dem Tödi durch 
über die Felsen und durch Schneekehlen süd- 
östlich aufsteigend ebenfalls gewinnen, ohne dass 



!14 Heim. 

man in die Ruseinalp oder an das untere Ende 
des Bleisasgtetschers hinanterza steigen brancbt. 
Es ist diese Linie im Angnst 1869 dnrch Mit- 
glieder der Sektion Tödi, worunter Hr. C. Hanser, 
ausgeführt worden {s. Jahrgang IX, pag. 209 etc.). 
9) Vom Sandgrat nicht gegen die Sehneekehle der 
Ruseinpfoite , sondern vom Plateau zwischen 
Klein- und Gross-Tödi immer unmittelbar östlich 
gegen den höchsten Punkt des Piz Rusein. Es ist 
diese Tour den 14. Juli 1866 durch Herrn Prof. 
Dr. Piccard in. Basel im Abstieg ausgeführt 
worden, und nicht mit der Ruseinpforte zu ver- 
wechseln, welch' letztere etwa 240" unter dem 
Tödigipfel auf die Fimmulde des Bifertengletschers 
niOndet, während Dr. Piccard das Firnfeld schon 
unmittelbar am Tödigipfol verlassen hatte und 
oben beständig an der Eante zwischen Sand nnd 
Ruseinabdachung furchtbar steil hinunterkletterte. 
Arnold Escher v. d. Linth hatte diesen gleichen 
Weg, der im unteren Theüe mit Nr. 7 zn- 
sammenföllt, von unten schon vor vielen Jahren 
zur Hälfte ausgeführt, als schlechtes Wetter ihn 
zum Rückzug zwang. Von einer Schirmhütte 
zwischen Klein- und Gross-Tödi Hesse sich auf 
diesem Wege, wenn keio harter Schnee mehr 
egt, der Tödigipfel am schnellsten erreichen, 
m den Sonnenaufgang auf demselben zu ge- 
iessen. Herr Hanser hält (IX. Jahrg., pag. 315] 
und 9 für identisch, es ist dies aber einirrthum' 
Einen zehnten Weg hat von oben Herr C. Hanser 
in Stück weit ausgekundschaftet. Es ginge der- 



f 



Itinerarium. 315 

selbe südwestlich neben dem Sandgipfel durch 
«in Felskamin zwischen diesem und dem höch- 
sten Tddigipfel unmittelbar gegen den obern 
östlichen Theil des Sandgletschers und die obere 
Sandalp hinunter. Herr Bathsherr Kamm von 
Mahlehorn ist von unten ein Stück weit in die 
Kehle hinaufgedningen. Beide sind der Ansicht, 
dass das Durchkommen möglich ist. — Es wäre 
dieser Weg aaf den Tödi kürzer als die bis- 
her genannten, aber jedenfalls nicht für viele 
gangbar. £ine elfte Linie ist vielleicht noch an 
der Nordostwaud vom vordem Bifertengrätli aus 
auf das Firnplateau östlich oder südöstlich neben 
dem Sandgipfel zu finden. Dies sind Aufgaben, 
die eines umsichtigen, kühnen Kletterers würdig 
wären. 



VIII. Jahrgang, 1871. 

C. Häuser, Piz Segnes uud Vorab enthält die Be- 
schreibung eines Durchganges durch das Martinsloch, 
der Ersteigung vom Piz Segnes, Ofen und Vorab — 
alles nicht erste Ersteigungen. Prof. Escher v. d. Linth, 
sowie die eidgenössischen Ingenieure u:' -' - --'- 
hatten diese Punkte schon früher errei 
gungen sind leicht nnd sehr lohnend, 
Häuser berichtet. 

C. Hauser, «Ein Blumengarten In 
Mittbeilung über sonderbare Anordnung 
wahrschevlich durch den Wind, in Oe 
Berichterstatter an Blumen- und Garten) 



316 Heim, 

IX. Jahrgang. 

C, Hauser, «aus dem Tödigebiet», beschreibt zuerst 
die erste Ersteigung des entsetzlich verwitternden Fels- 
zahnes «Klein-Tödi» am 15. Juli 1868. Dann folgt 
seine Beschreibung des Aufstieges vom Plateau zwischen 
Klein- und Gross-Tödi nach . der Kuseüipforte. Die 
Stelle, an welcher der Tödi-Bifertenfirn betreten wurde, 
ist leider nicht mit genügender Genauigkeit angegeben, 
im VI. Jahrgang aber als die « Ruseinpforte » be- 
zeichnet. Bei Gelegenheit dieser Fahrt wurde der 
Bleisasverdas , in der neuen Excursionskarte mit Piz 
de Dor bezeichnet, selbst besucht. 1871 ist von Mit- 
gliedern der Sektion Tödi der Punkt 3330™ westlich 
neben Urlaun, der unglücklicher Weise oft « Porphir » 
genannt wird, und der Tödi-Sandgipfel besucht worden. 

X. Jahrgang. 

Titelbild von J. Weher, der Vorab vom Segnesgrat 
gesehen. 

Pater Placidus a Spescha, «Beschreibung der 
mir bekannten Bergpässe im grauen Bund». 

J. Weher, Xylograph, der Segnespass, mit einer 
Ansicht der Mannen; in den artistischen Beilagen 

J. Müller-Wegmann , Gebirgsansicht bei Val im 
Somvix; es sind auf diesem Blatte Piz Ner, Piz Mut 
und die Brigelserhörner dargestellt. 

Endlich haben wir, als vom S. A. C. publizirt, zu 
erwähnen : 

Itinerar des S. A. C. für 1874. Es enibält das- 
selbe ausser geschichtlichen Notizen auch verschiedene 



Itinerarium, 317 

andere Angaben, die in unser diesjähriges Glubgebiet 
hinübergreifen. Verfasser desselben ist Herr Forst- 
inspektor Coaz ans Chur. 

Das Durchgehen dieser angeführten Reiseliteratur 
bringt zum starken Bewusstsein, dass ein vollständiges 
Verzeichniss der literarisch Yeröffentlichten Leistungen 
im Begehen des Hochgebirges noch lange keiner Ge- 
schichte der Besteigungen gleich kommt. Yieje und 
oft sehr bemerkenswerthe Leistungen und Erfahrungen 
sind verborgen geblieben. Geologen, Ingenieure, Zoologen, 
Botaniker haben Besteigungen ausgeführt, deren wissen- 
schaftliche Resultate wohl zum Allgemeingut werden, 
doch ohne genauen Bericht, wie, und ohne Angabe, wo 
sie gewonnen wurden. Wer es unternimmt, eine Ge- 
schichte der Ersteigungen zu schreiben, der wird immer 
ungerecht gegen Diejenigen werden müssen, die ihre 
Thaten im Stillen vollführt und doch sehr oft viel 
mehr dadurch genützt haben. Ich weiss, dass auf ver- 
schiedenen Gipfeln «Steinmannli» errichtet wurden mit 
Wahrzeddeln der «ersten Ersteigere, wo vorher schon 
wiederholt stille Männer weilten. Weil ihr Geist von 
den Problemen der Naturforschung und nicht von der 
That der Ersteigung erfüllt war oder weil sie nur 
ihren Genuss und nicht Ehre suchten, lag ihnen der 
Gedanke zu ferne, die kostbare Zeit mit dem Erbauen 
von Wahrzeichen zu kürzen. 

Hier mögen endlich noch einige Notizen über ein- 
zetoe der höheren Gipfel und deren Ersteigungen folgen. 
Wir beginnen im Süden. 

Der Düssistock, an der Grenze unseres Gebietes, 
ist von Arnold Escher von der Linth in Jahre 1842 



318 Heim, 

erstiegen worden, seither sehr oft. Es ist dies vom 
Val Cavrein wie vom Maderanerthal aus möglich. Die 
Wege treffen am «Hagstecke», etwa 350 ™ unter dem 
Gipfel, zusammen. Die Ersteigung ist auch ftlr mittel- 
massige Gänger möglich und im höchsten Grade lohnend. 
Das nördliche, gelbe, gekrönte Hörn des FH.z Cam- 
briales, 3208™, trägt ein Steinmannli, das südliche,. 
3212 ™, ist vielleicht noch unerstiegen. Es Hesse sich 
vom Hüfigletscher aus tlber das nördliche (wenigstens 
wenn der Gletscher noch schneereich ist), oder wahr- 
scheinlich auch in den zahlreichen, von oben bis unten 
reichenden Felskaminen, vom Val Cavrein aus direkte 
gewinnen. Die Lücke zwischen Düssistock und Cam- 
briales, welche von Val Cavrein nach dem Hüfigletscher 
führt, ist im Spätsommer wegen Gletscherspalten oft 
sehr schwierig zu begehen. Der Culm Tgietschen ist 
erstiegen worden. Der Piz Gliems ist ebenfalls in den 
40er Jahren von Arn. Escher v. d. Linth bestiegen 
worden. Von einer Ersteigung des Stock IHntga ist 
mir Nichts bekannt. Die Teufelsstöcke sind nur zum 
Theil betreten. Die Erklimmung einzelner derselben, 
z. B. desjenigen, dessen Felswand an einer Stelle durch- 
bohrt ist, dürfte sehr schwierig sein. Der Gemsfayren- 
stock ist 1854 von Prof. Streckeisen und G. Studer 
bestiegen worden. Es ist dies von der Seite des Clariden- 
firnes sehr leicht, von Gemsfayrenalp nicht sehr schwierige 
Der Ortstock ist sehr lohnend und von Lintthal wie 
von der Glattenalp leicht zu gewinnen. Gewöhnlich 
findet die Besteigung durch den Sattel zwischen Kirch- 
berg und Ortstock statt; Herr C. Hauser stieg einst 
vom Bockälpeli direkt an der Dstwand in die Höhe. 



Itinerarium. 319 

Von der Glattenalp nach dem Urnerboden über die 
Märenberge dürften Uebergangsstellen gefunden werden. 
Die Märenberge selbst sind wenig begangen. Der Ab- 
stieg vom Ortstock nach dem Urnerboden ist noch 
nicht versucht. Pfannstock, Eggstock oder Faulen^ 
2724 ™, und böser Faulen, 2804°*, geben einen über- 
wältigenden Blick in Felseinöden und zum Theil sehr 
lohnende Fernsicht. Der letztere ist 1868 von Glarner 
Clubisten von der Nordseite erstiegen worden ; die- 
selben vermuthen, dass die Ersteigung von Süden weniger 
schwierig wäre. Von der Gutbächialp kann man an 
zwei Stellen über den Rvrchigrat zwischen Glärnisch 
und Faulen nach dem Elönthal gelangen. Eines Be- 
suches werth ist die merkwürdige Karrenfläche der 
Silbern, 

Durchgehen wir das Gebiet östlich der Linth, west- 
lich des Sernft: Piz Dartjes, Kistenstöckli sind oft 
erstiegen worden. Vom ersteren ist der Blick in's 
Limmerntobel grossartig. Die Muttenberge können 
vom Kistenpass aus leicht gewonnen werden; der 
Ruchi, 3117™, ist von den Glarner Clubisten vom 
Muttsee aus erstiegen worden. Der Kistenpass ist wohl 
einer der wildesten Hochgebirgspässe und im höchsten 
Crrade lohnend. Seitdem die Brigelser die Limmern- 
Nüschen- und Rinkenthalalpen gekauft haben, wird er 
jährlich von einigen tausend Schafen befahren. Auf 
dieser Reise freilich gehen immer viele Thiere zu 
Grunde. 

Der Ruchi 2851 , der sehr lohnend ist, kann von 
den Baumgartenalpen rascher als vom Muttsee erstiegen 
werden. Der Hausstock ist schon 1832 von Prof.,. 



1 



320 Heim. 



O. Heer und später von G. Hofmann bestiegen worden. 
Es ist die Ersteigung sowohl von Hinter-Suls als vom 
Panixerpass aus möglich. Das Sernifitgebiet des Kärpf- 
Stockes ist in allen Richtungen durchwandert worden. 
Escher, Heer, Zeller- Horner gehören zu den ersten 
Besteigern des Hochkärpf selbst. Der Wanderer erfreut 
sich besonders an den imposanten Farben der Felsen 
und hat, wie überhaupt in unserm Clubgebiete, recht 
oft Gelegenheit, Gemsen zu sehen, indem das Kärpf- 
gebiet seit dem 17. Jahrhundert im Jagdbann steht. 
Der Grenzkamm von Glarus und Graubünden, vom 
Fiz Mar bis an den Ofen, ist überall gangbar. Der 
Aufsteig von der Südseite ist gewöhnlich ein allmäliger 
über breite Alpflächen; die Nordseite fällt in steilen 
Wänden ab. Der Panixerpass wurde in den letzten 
Jahren oft fast vollständig schneefrei. Auf den herr- 
lichen Flimserstein kann man von vielen Seiten, be- 
sonders von SO über Bargis, von Segnes Sura und 
von Gassousalp gelangen. Die Sardona (Piz Segnes, 
Saurenstock, Scheibe, Uebergang von Elm nach Cal- 
feus, Trinserhorn) werden relativ selten besucht. Die 
Ersteigung des Sardona ist von verschiedenen Seiten 
möglich, von Ramin etwas weiter, aber leichter als 
von Falzüber; sie ist ferner vom Calfeuserthal aus 
unschwer zu bewerkstelligen. 

Nach meinem Dafürhalten haben die ersten «Er- 
steigungen » meistens wenig mehr als bloss persönlichen 
Werth für den Ersteiger. Wenn der Alpenclub ein 
gewisses Gebiet zum Clubgebiete sich wählt, so sollte 
dies in erster Linie nicht den Sinn haben, dass nun 
alles noch Unerkletterte erklettert werden sollte, sondern 



Itinerariunu 321 

dass zur Erleichterung und Hebung des Besuches neue 
Schinnhütten erstellt, an schlimmen Stellen Tritte in 
den Fels gehauen, Geländer befestigt, vielleicht sogar 
Wege gebaut würden. Die moralische und physische 
Wohlthat, die der S. A. C, dadurch den Menschen er- 
veist, dass er einer grösseren Zahl den Genuss der 
herrlichen Bergwelt , des Herniederschauens von den 
freien Gipfeln ermöglicht, ist gewiss viel grösser, als 
der Vortheil, welcher der Menschheit daraus erblüht, 
<iass ein noch unerstiegener Felszahn erklettert wird! 
Leichte Zugänge zu finden und zu schaffen ist lohnender 
nnd nützlicher, als schwierige zu forciren. In dem 
jeweiligen Clubgebiete sollte endlich für systematische 
Messung des Gletscherstandes an vielen Gletschern für 
alle Zukunft und wo möglich gemeinschaftlich mit der 
naturforschenden Gesellschaft wenigstens eine neue 
regelmässige meteorologische Station gegründet oder 
r^strirende Apparate aufgestellt werden. Ich mache 
2. B. darauf aufmerksam, dass Elm trotz seiner wichtigen 
Lage keine meteorologische Station besitzt. Es kann 
dergleichen natürlich nur unter Zuzug von Fachleuten — 
am besten durch die einzelnen Sektionen unter Bei- 
htilfe und Kontrole der Centralkasse — geschehen. 
So leisten wir etwas Bleibendes! 



21 



Unsere jetzigen schweizerischen Grenzen. 

Von 
G. Meyer von Knonau, 

. Auch unter den jüngeren Generationen schweizerischer 
Bergreisender wird es sehr Viele gehen, welchen, mögen 
sie auch jetzt für ihre Aasflüge ausschliesslich der 
Generalstabskarte sich bedienen, doch noch die Er- 
innerung daran vorhanden ist, mit was für einer Freude ; 
sie früher zum ersten Male eine Eeller^sche Keisekarte 
als eigen empfingen. Wir Zürcher gedenken auch noch 
gerne des gebrechlichen, aber trotzdem rüstigen ehr- 
würdigen greisen Mannes selbst, welcher zum ersten 
Male weiteren Kreisen ein für damalige Zeiten vor- 
züglich richtiges Bild unseres Landes zugänglich machte. 
Die Keller'sche Reisekarte ist nun überholt; allein sie 
bleibt ein achtungswerther historischer Markstein in 
der Entwicklung unserer Landeskunde. Die Rundschaa- 
bilder Eeller's dagegen , in deren Gestaltung, derselbe 
bahnbrechend voranging, behalten unvermindert ihren 



Anmerkung. Der Verfasser sprach über dieses Thems 
vor der Section Ute am 26. Januar 1877. 



Unsere jetzigen schweizerischen Grenzen. 323 

hohen Werth : sie sind Denkmäler des rührenden 
Fleisses, der liebevollen Arbeit, der unermüdeten Sorg- 
falt, mit welcher Keller beobachtet und gezeichnet hat, 
und sie erinnern an die Willenskraft des Kenners der 
Hochwelt, welcher nur unter unendlicher Anstrengung 
an den Krücken seinen schwachen Körper auf die 
Stätten seiner Thätigkeit hinaufbrachte. 

Als. Heinrich Keller 1813 seine «Eeise-Karte der 
Schweiz» zum ersten Male erscheinen Hess, da sah 
die Grenzgestalt des von ihm dargestellten Landes 
besonders nach dem Westen hin ungemein schmächtig 
aus. Es sind die neunzehn Kantone der Mediations- 
zeit. Im Südwesten ist das Schweizergebiet bei Coppet 
zu Ende. Nordwestlich am Kanton Bern reicht Frank- 
reich bis an den Bielersee, bis an die Zihl und Aare 
bei Nidau und Büren: Neuveville und Biel sind dem 
Kaiser unterthan. Im Birsgebiete liegen die Stücke 
der Kantone Solothurn und Basel, Mariastein und 
Klein-Lüzel, Biel und Benken, als Enclaven in Frank- 
reich, und weil Ariesheim, Reinach, Therwil, Oberwil, 
Allschwil und wie die anderen ehemals bischöflich 
baslerischen katholischen Dörfer zunächst südwestlich 
von Basel heissen, mit dem gesammten Bisthum fran- 
zösisch geworden waren, ragt die überdiess durch 
die Hüninger Geschütze bedrohte nordwestliche schwei- 
zerische Grenzwehr in sehr bedenklicher Wöise nach 
Frankreich vor. Aber noch bedauerlicher würde sich 
auf Keller's Karte das Grenzbild darstellen, wenn nicht 
der Kartenzeichner als guter Schweizer, welcher auch 
in schlimmer Zeit nicht gänzlich hoffnungslos wird, 
eine kleine fromme Täuschung, eine zuversichtliche 



824 Meyer von Kn<niau. 

Vertröstung auf eine bessere Zukunft sich erlaubt 
hätte. 

Während nämlich das Land Wallis seit 1802 durch 
einen Machtspruch des ersten Consuls von der helvetischen 
Republik abgetrennt und als eigene Republik erklärt 
worden war — : der erste Schritt, welchem nach acht 
Jahren der zweite, die völlige Einverleibung in das 
Kaiserreich, nothwendig folgte — , gab Keller diesem alten 
eidgenössischen Bundeslande doch noch colorirte Grenzen 
und einTäfelchen mit dem Namen und der Einwohnerzahl, 
als ob das ein Kanton wäre, freilich neben <Wallis > 
auch «Dept. du Simplon». Uni ähnlich hielt er es mit 
Neuenbürg, obsehon dasselbe 1806 von seinem Fürsten, 
König Friedrich Wilhelm III. von Preussen, an den 
Kaiser cedirt worden war und als Fürstenthum Neuchätel 
des Marschalls Berthier, des Prince et Duc Alexandre, 
welcher gar nie nach seinem Lande kam, thatsächlich 
zu Frankreich zählte. Augenscheinlich wäre dem Ent- 
werfer die Schweiz doch allzu kläglich verringert 
erschienen, wenn er nur zwischen Neuenburgersee und 
Diablerets, zwischen Hasenmatt und Jungfrau die mit 
Farben angegebenen Linien hätte ziehen dürfen, und 
so schob er das uncolorirt gelassene Ausland, den 
thatsächlichen Verhältnissen widersprechend , etwas 
weiter hinaus. 

Allerdings war, als Keller im Juni 1813 diese seine 
erste Karte herausgab, der russische Winter schon 
über Napoleon hereingebrochen, und es scheint nach 
dem Gesagten, dass der Zürcher Geograph zum Voraus 
den Waffen der gegen Frankreich vereinigten Mächte 
eine tüchtige Widerstandskraft zutraute. Dennoch ahnte 



Unsere Jetzigen schweizerischen Grenzen. 325 

er jedenfalls noch nicht, dass noch vor Ablauf des 
Jahres 1813 kaiserlich österreichische Officiere bei ihrem 
Durchzuge durch die Schweiz gegen Frankreich durch 
Bestellung von dreihundert Exemplaren seine besten 
Kunden werden sollten: hatte er ihnen doch ihre Ein- 
fallswege in das Reich Napoleon's, die Strassen Basel- 
BesanQon und Neuchätel-Besan^on, aber auf zwei Cartons 
auch die Strassen über Strassburg, Nancy, Chalons s. M. 
und über Langres, Chaumont, Troyes nach Paris, sowie 
die Route Genf-Lyon so schön gezeichnet, dass ihnen 
die Karte noch über die Schweiz hinaus diente. Keller 
war, so lange er lebte, von aufrichtigster, edelster 
Liebe zu seinem Vaterlande erfüllt, und so mochte er 
auch im December 1813 das tief Erniedrigende fühlen, 
welches für die Schweiz in der Preisgebung der Neutralität 
lag. Dass jedoch durch dieses Zusammentreffen von 
Umständen sein erstes bedeutendes Werk sich für ihn 
zu einer unverhofft grossen Einnahmequelle gestaltete, 
erfüllte seinen frommen Sinn mit den Gefühlen leb- 
haftesten Dankes für den unerwarteten göttlichen 
Segen *). 

1814 lag Napoleon's Thron zertrümmert, und auch 
für die Schweizer eröffnete sich nun die Möglichkeit, 
nicht nur Wallis und Neuchätel, sondern auch Genf 

*) üeber Heinrich Keller (geb. 1776, gest. 1862) er- 
schien 1865 ein höchst anmnthig geschriebenes, aufschluss- 
reiches Neujahrsblatt von der Zürcher Künstlergesellschaft, 
wo p. 18 in einem Excurse über Keller's geographische 
Arbeiten auch diese Karte von 1813 beurtheilt ist. Doch ist 
da nicht hervorgehoben, dass Keller irrthümlich die solo- 
thnrnische Enclave Klein-Lüzel westlich von der grösseren 
Mariastein ausliess; dagegen hielt seinerseits der Verfasser 



326 Meyer von Knoiiau, 

und den ehemals bischöflich Baserschen Jura mit Blei 
zu gewinnen. Aber es kamen ausserdem Fragen über 
Gebietsstrecken im Südosten und Nordosten und Norden, 
über Veltlin mit Bormio und Chiavenna, über Gonstanz 
und einige weitere Orte am Kheine, hinzu, freilich 
ohne dass dieselben in einem für die Schweiz günstigen 
Sinne beantwortet worden sind. 

Diese verschiedenartigen Fragen, nach ihrer histo- 
rischen , geographischen , militärisch - politischen Be- 
deutung, sollen uns hier beschäftigen. Dabei nehmen 
uns die an inneren und äusseren Wirren auch für die 
schweizerische Eidgenossenschaft nur allzu reichen Jahre 
1813 bis 1815, mit ihren parallel gehenden Verhand- 
lungen auf dem Congresse in Wien und der Tagsatzung 
in Zürich, bloss so weit in Anspruch, als die daselbst 
discutirten Angelegenheiten für diese Fragen über die 
Grenzen in Betracht kommen. 



Der am 6. April 1814 in Zürich zusammen- 
getretenen Tagsatzung, welche mit Recht wegen ihrer 
zu ungemeiner Länge, bis 31. August 1815, sich hin- 
ziehenden Dauer als «lange Tagsatzung» bezeichnet 
wird, lag die Neuordnung der eidgenössischen An- 
gelegenheiten ob. lieber die inneren und die äusseren 

cigenthümlich irriger Weise das von Keller ganz richtig 
eingezeichnete schon frühmittelalterliche Wormserjoch (Um- 
brail) für identisch mit dem erst in den zwanziger Jahren 
überhaupt zuerst als passirbar hervortretenden Stilfserjoch 
(Stelvio). Das Neujahrsblatt war von dem 1873 verstorbenen 
Verwalter der zürcherischen Pfrundanstalt, Hess, verfasst 



Unsere jetzigen schweizerischen Grenzen. 327 

^Ziehungen der einzelnen Kantone zu einander tifitd 
za der Schweiz im Allgemeinen, über einen neuen 
Bandesvertrag berieth man sich da unter den heftigsten 
Parteigegensätzen und unter den steten Einwirkungen 
des Auslandes. Die lange Tagsatzung ist ein verkleinertes 
Abbild des gleichzeitigen grossen Congresses in Wien ; 
'wie hier den Fürsten und Diplomaten, so lag dort den 
eidgenössischen Boten ein scheinbar unentwirrbarer 
Knäuel der widerspruchsvollsten Fragen vor. Aber 
dennoch hoffte man in Zürich, die Stellung der Schweiz 
nach aussen hin verstärken, ihre Grenzen in dieser 
Zeit der Yeränderung, wo alles in den letzten Jahr- 
zehnten durch die Gewalt der Kevolution und die Will- 
kür des Erben derselben Begründete wieder in Frage 
gesetzt war, verbessern zu können. Es konnten und 
mussten nunmehr in dem kaiserlichen Frankreich im 
Westen , . in dem gleichfalls Frankreich unterworfenen 
Italien im Süden, in den dem Rheinbundsstaate Baiern 
einverleibten Ländern Tirol und Vorarlberg im Osten 
Umgestaltungen vor sich gehen; auch der territoriale 
. Umfang des gleichfalls rheinbündischen Grossherzog- 
thums Baden im Norden mochte vielleicht in Frage gestellt 
werden. Da war es nothwendig, sich eine Üebersicht 
des unumgänglich zu Fordernden, sowie des Wünsch- 
baren und möglicherweise Anzustrebenden gleichmässig 
zu verschaffen und Beides in einem systematisch an- 
gelegten Tableau sich vorlegen zu lassen. So ertheilte 
die Tagsatzung am 26. April 1814 dem eidgenössischen 
Oberstquartiermeister den Auftrag, über eine für die 
Schweiz wünschenswerthe Militärgrenze Untersuchungen 
anzustellen und einen Bericht vorzulegen. 



328 * Meyer von Knonau. 

Die Persönlichkeit, an welche diese Aufforderung 
sich richtete, zählt zu den tüchtigsten militärischen 
Kräften, welche die Schweiz in neuerer Zeit besass; 
aber ausserdem hat dieselbe in den ersten Jahrzehnten 
dieses Jahrhunderts auch auf politischem Gebiete so- 
wohl in ihrem Heimatkanton, als in allgemein eidgenös- 
sischen Dingen eine sehr bedeutende Stellung ein- 
genommen. Hans Konrad Finsler von Zürich, 
geb. 1765, war schon vor 1798 zum Generaladjutant 
der Artillerie emporgestiegen, dann in der Zeit der 
helvetischen Republik Finanzminister der Central- 
regierung und 1800 für einige Monate auch selbst 
Mitglied des Vollziehungsausschusses gewesen. Mit 
der Einführung der Mediation wurde er einei*seits 
zürcherischer Staatsrath , andererseits, 1804, eid- 
genössischer Oberstquartiermeister, in welcher Stellung 
er 1805, 1809 und wieder 1813 bei den Grenz- 
besetzungen thätig war. Später bei der Rückkehr 
Napoleon's von Elba 1815 und den dadurch nothwendig 
gewordenen grossen Rüstungen führte Finsler das 
Interimscommando über die aufgebotenen Truppen, bis 
der von der Tagsatzung als Obergeneral bestellte Nikiaus 
Franz von Bachmann, ein katholischer Glarner und 
früher französischer Militär, eingetroffen war. Aber 
Bachmann legte schon nach wenig mehr als einem 
Vierteljahre infolge von Reibungen, an denen die Schuld 
von einem wohleingeweihten Berner offen Finsler's An- 
zettelungen beigemessen wurde, seinen Oberbefehl nieder, 
worauf Finsler wieder an seine Stelle trat, und in die 
Zeit dieses Finder 'sehen Commandos fiel die Capitulation 
der belagerten Festung Hüningen und die Entlassung 



Unsere jetzigen schweizerischen Grenzen, 32^ 

der eidgenössischen Truppen. Hierauf wurde Finsler 
noch 1815 zum eid^nössischen Generalquartiermeister 
befördert, und es ist keine Frage, dass er als erstes 
bleibendes Mitglied der eidgenössischen Militärauf- 
sichtsbehörde sich um die Militärorganisation sehr 
bedeutende Verdienste erwarb. Auch die Vorarbeiten 
für die topographische Karte der Schweiz, die ersten 
Vorbedingungen für Dufour's grosses Werk, sind unter 
Finsler's Aufsicht nach dem Auftrage der Tagsatzung, 
geschehen. 

Es ist bei der Beurtheilung Finsler's störend, dass: 
der Charakter des Mannes nicht an dessen ausgezeichnete 
Befähigung, an die mehrfach hervorragenden Leistungen 
heranreichte. Finsler starb, nach seinem ökonomischen 
und politischen Sturze 1829 in Zürich unmöglich ge- 
worden, von seiner Vaterstadt entfernt in Bern 1839. 

Ein höchst sachverständiger militärischer Schrift- 
steller hat an Finsler eine wahrhaft bewundernswürdige 
miütärische Localkenntniss und einen zu einem sehr 
nachahmenswürdigen Vorbilde für die jüngeren Offiziere 
dienenden strategischen Scharfblick gerühmt. In vor- 
züglicher Weise treten diese Eigenschaften in der Arbeit 
zu Tage, welche Finsler auf den Befehl der Tagsatzung 
hin anfertigte. Schon am 2. Mai nämlich legte er 
seinen <Bericht des eidgenössischen Oberst- 
quartiermeisters an die hohe Tagsatzung 
über eine für die Schweiz wün schenswerthe 
Militär grenze» der Tagsatzung vor*). 



*) Gedruckt als: Beilage zum I. Band des Abschiede» 
der ausserordentlichen Tagsatzungen von 1814 und 1815 
Lit. M. 



330 Meyer i)on Knonau. 

In der ungemein kurzen Zeit von nur sechs "Tagen 
hatte Finsler seinen Bericht ahgeschlossen. Er betonte 
darin, dass die von der Tagsatzung in Aussicht ge- 
nommene zweckmässige Bereisung der Grenzen den 
Termin der Ablieferung der Arbeit allzu weit hinaus- 
geschoben hätte: er entwerfe also- hier nur in ali- 
gemeinen, aber bestimmten Zügen die «Schilderung 
derjenigen Grenzlinie, welche der Schweiz einen hohen 
Grad von Sicherheit und schützender Kraft verleihen 
kann >. Der Oberstquartiermeister behandelte seinen 
Gegenstand in einer von selbst sich ergebenden geo- 
graphischen Reihenfolge in vier Abschnitten : — die 
Grenze gegen Alt -Frankreich, gegen die königlich 
-sardinischen Staaten, gegen das ehemalige Herzogthum 
Mailand, gegen Deutschland. Indem wir den Inhalt 
des Finsler'schen Berichtes unserer Erörterung hier zu 
Grunde legen, dabei, wo es nothwendig scheint, einige 
historische Rückblicke beifügend*), schliessen wir uns 
an Finsler auch darin an, dass wir zuerst die Grenze 
von Basel bis Genf betrachten und hernach um die 
südliche und östliche Seite der Schweiz herum an den 
Rhein zurückkehren. 



Für die nordwestliche Grenze der Schweiz fallen 
hier in Berücksichtigung die Gebiete im nunmehr 



*) Ich hahe den Gegenstand, das Wachsthum schwei- 
zerischen Gehietes, unter dem Titel: „Schweizer berge und 
Schweizergrenzen** bis auf die Scheide des 15. und 16. Jahr- 
hunderts vom historisch-geographischen Gesichtspunkte aus 
im 11. Jahrgange dieses „Jahrbuches" behandelt. 



Unsere jetzigen schweizerischen Grenzen, 331 

Ijemerischen Jura, einige Grenzstriche von Neuenburg 
I «md Waadt, endlich Genf mit seiner Umgebung. 
I Der Fürstbischof von Basel und sein Gebiet hatten 
ach bis zur französischen Revolution gegenüber der 
Schweiz in sehr eigenthümlichen Verhältnissen befunden. 
Die Territorien dieses mit den katholischen Kantonen 
in Bändniss stehenden geistlichen Fürsten zerfielen ih 
zwei Hauptbestandtheile, einen durchaus katholischen 
nördlicheren und nordwestlichen von Ariesheim unweit 
Basel der Birs und Sorne nach aufwärts zum Doubs 
nnd an demselben durch die Freiberge bis an die 
•Grenze von Neuenburg und andererseits an der Allaine 
l)is über Porrentruy hinaus, und in einen ganz tiber- 
"wiegend reformirten südlicheren am Oberlaufe der Birs, 
»n der Süse und bis an den Bielersee, bis an die Zihl 
nnd Aare. Das katholische Gebiet war ohne jegliche 
Verbindung mit der Eidgenossenschaft und zählte zum 
'deutschen Reiche. Im reformirten Lande dagegen, 
nämlich im Münsterthal, im St. Imerthale, im soge- 
nannten Tessenberge am Südostabhange des Chasseral, 
in Neuveville und vollends in der Stadt Biel, welche 
den Rang eines zugewandten Ortes der Eidgenossen 
einnahm, und in deren kleinem Territorium waren die 
fechte des Bischofes nur von sehr beschränktem Um- 
&nge; denn hier war Schweizerboden und von einer 
eigentlichen Herrschaft des geistlichen Gebieters keine 
^de. Zwar hatte im 15. und 16. Jahrhundert auch 
Basel in den 'ihm zunächst gelegenen Theilen des 
Bisthums, im Laufenthaie und im Delsbergerthale und 
sogar noch weiter bis in die Freiberge hin, durch ein 
Bürgerrecht seinen Einfluss ausgeübt; allein seit 1585 



332 Meyer von Knonau, 

war dieses Bürgerrecht der Stadt Basel thatsächlich 
dahiügefallen und infolge dessen auch die katholische 
Kirche in diesen Gebieten wieder YöUig zum Siege 
gelangt. Ganz anders lagen die Dinge in jenen sud- 
licheren zur Schweiz zählenden Landschaften , über 
welche Bern seine mächtige Hand ausgestreckt hielt. 
Unter dem Schutze von Bern war da die Reformation 
über das Felsenthor von Pierre Pertuis hinaus bis 
nach Münster vorgedrungen, und was der Bischof dem. 
Namen nach noch in Biel zu gebieten hatte, war nichts 
weiter, als eine rechtshistorische Antiquität: ja älQ 
Stadt Biel regierte neben Bern recht ansehnlich in 
diese Gebiete hinein und übte insbesondere im St. Imer- 
thal, dessen Einwohner unter dem Banner der Stadt 
zu Felde zogen, ihr Mannschaftsrecht aus. Diese Ver- 
schiedenheit der beiden Gebietstheile zeigte sich denn 
auch in den Schicksalen derselben in der Revolutions- 
zeit. Während das Reichsgebiet schon 1792 der fran- 
zösischen Republik einverleibt ijnd der Bischof au5 
seiner Residenz Porrentruy vertrieben wurde, fielen 
der Schweizerboden und die Stadt Biel erst Ende 1797 
und in den ersten Monaten von 1798 der fremden 
Eroberung anheim. 

Für Finsler verstand es sich nun von selbst, dass, 
wie die Kette des Jura in ihrem ganzen Laufe über- 
haupt, dieselbe auch im früheren Bisthum Basel fär 
die Schweiz als Grenze gewonnen werden müsse, und 
zwar so, dass hier bei der Lösung des Jura in mehrere 
parallele Ketten deren nördlichste als Grenze eintrete. 
Das gesammte Birsgebiet und südwestlich davon die 
Freiberge, zwischen dem St. Imerthal südöstlich und 



Unsere jetzigen schweizerischen Grenzen. 333 

dem Lauf des Doubs bis St. Ursanne als Landesgrenze 
nordwestlich, etwa auch noch mit Einschluss der grossen 
Biegung dieses Flusses bei St. Ursanne selbst, sollten 
jedenfalls schweizerisch werden. Dagegen wird aus- 
drücklich hervorgehoben, dass verschiedene Ortschaften 
des Fürstenthums Pruntrut, welche jenseits der natür- 
lichen Grenze und über die äussersten Aeste des Jura 
hinauslägen, für das Vertheidigungssystem der Schweiz 
ganz entbehrlich seien. Der Bericht spricht sich hier 
im Einzelnen nicht bestimmter aus; doch lässt sich 
sagen, dass eigentlich der ganze Eisgau, das Ländohen 
Ajoie, also die Stadt Porrentruy mit inbegriffen, Alles 
demnach, was über den Pass von Malette und den 
Mont Terri hinaus zwischen dem Elsass und der 
Franche-Comte vorragt, eine für die Schweiz nicht 
nothwendige Vergrösserung gewesen ist. 

Den grossen Werth einer engen Verbindung mit 
dem die Jurapässe zwischen dem grossen Seebecken 
von Neuenburg und dem Doubs beherrschenden Lande 
Neuenburg hatten insbesondere die Berner schon seit 
dem 15. Jahrhundert auf das deutlichste erkannt, und 
es ist ein Hauptverdienst der weitsehenden bernerischen 
Politik, dass Neuenburg unter seinen verschiedenen 
Herrscherhäusern zu der Schweiz in nahen Beziehungen 
blieb. Ebenso waren es die bernerischen Waffen, welche 
im 16. Jahrhundert die reiche Landschaft Waadt ge- 
wonnen und so die Schweizergrenze bis an die reichen 
Gestade des Leman und bis auf und über die rauhen 
Höhen des den See hoch überragenden Jura vor- 
geschoben hatten. Aber zwischen dem Neuenburgischen 
und der Waadt und ebenso an einigen Grenzstrecken 



1 



334 Meyer von Knonau. 

des letzteren Landes waren Lücken geblieben, auf 
welche nunmehr Finsler hinwies. 

Schon im Verlaufe des grossen Krieges gegen Karl 
von Burgund hatte es sich zwei Male in der empfind- 
lichsten Weise gerächt, dass die Eidgenossen einem der 
wichtigsten Jnrapässe zu wenig Beachtung zugewendet 
hatten. Zwei Male nämlich in dem grossen Kriegs- 
jahre 1476, zuerst im Februar und dann wieder nacht 
dem siegreichen 2. März, war Karl durch den Eng- 
pass von Jougne von der Franche-Comt^ her nach dem 
nördlichen Waadtlande eingerückt: wäre nach dem 
Erfolge bei Grandson dieser Weg durch das Gebirge 
verlegt worden, so hätte der Herzog nimmermehr schon 
wieder in der Mitte des März im Waadtlande stehen 
und jenen Zug gegen Bern vorbereiten können, welchen 
dann die Eidgenossen in ihrer zweiten grossartigen 
Anstrengung vorMurten am 22. Juni vernichten mussten. 
Doch Jougne war auch später nicht zum schweizerischen 
Gebiete herangezogen worden, sondern im 17. Jahr- 
hundert mit der gesammten Franche-Gomt6 an Frank- 
reich übergegangen. 

Der Bericht Finsler's thut nun in sehr deutlicher 
Weise dar, dass Frankreich durch den Besitz des 
Passes von Jougne eine Einfallspforte an der Orbe 
und an derselben entlang nach dem Waadtlande inne 
habe. Jedoch ausserdem wird auch noch hervorgehoben^ 
dass dieser Pass von Jougne sich nördlicher mit dem 
von Neuenburg her durch das Traversthal nach der 
Franche-Comt6 führenden Hauptverbindungswege an- 
gesichts des Fort de Joux vereinige, worauf die gemein- 
same Strasse am Doubs entlang nach dem nahen 



Unsere jetzigen schweizerischen Grenzen, 333» 

Pontarlier führe und da in die. Hochebene hinter dem 
Jura hinaustrete. Finsler betont, dass in mehreren 
neaeren geheimen militärischen Denkschriften diese 
Eingänge Yon Pontarlier her als der schwächste Punkt 
der Schweiz, insbesondere wegen der Nähe des grossen 
Waffenplatzes Besangen, geschildert worden seien. Die 
Wichtigkeit dieser Stelle des Jura ist uns Allen vor 
nunmehr sechs Jahren, als dort die Bourbaki^sche 
Armee verzweifelnd an unseren Marksteinen pochte^ 
von Neuem klar geworden, und es kömmt jetzt noch 
hinzu, dass in der Gegenwart vo» Pontarlier her durch, 
beide Pässe, durch denjenigen von Verrieres nach 
Neuenburg und durch den von Jougne nach Vallorbe 
und der mittleren Waadt, Eisenbahnlinien führen. Finsler 
macht demnach mit vollstem Rechte darauf aufmerksam^ 
dass eine Sicherung der Schweiz hier einzig und allein 
durch eine Schliessung beider Strassen erreicht werden 
könne, indem nämlich das Fort de Joux und die 
Gemeinden Französisch- Verrieres, la Cluse, les Fourgs, 
les Höpitaux und Jougne an die Schweiz abgetreten 
würden: diese Ausfüllung der Lücke an der neuen- 
burgisch -waadtländischen Grenze sei so wichtig, dass 
ganz unbedenklich noch ein Stück des Eisgaues als 
Tauschgegenstand angeboten werden dürfte, obschon 
da im höhen Jura die Schweiz anstatt eines ergiebigen 
Kornlandes in diesen rauhen Thälern ein unfruchtbares 
Land mit meist armen Einwohnern an sich brächte. 

In den höchsten Theil des Jura weiterhin treffen 
die beiden Stellen der waadtländischen Grenze, welche 
Finsler als einer Verbesserung bedürftig erwähnte. 
Der höhere südwestliche Theil des langgestreckten 



1 



3B6 Meyer von Knonau» 

Jurathaies, welches an seinem nordöstlichen Knde den 
Lac de Joux enthält, gehört Frankreich an ; hier ent- 
steht an der hinteren Seite des Noirmont oberhalb des 
Lac des Rousses der Fluss Orbe. Finsler hebt hervor, 
dieser Thalanfang mit den Orten Bois d'Amont und 
les Rousses gehöre noch in das Flussgebiet der Aare 
und liege innerhalb der natürlichen Grenzen der Schweiz. 
Aber auch das südlich von les Rousses liegende Dörf- 
chen les Cressonnieres und das daran sich anschliessende 
Dappenthal, über welchem sich östlich auf Schweizer- 
boden die hohe Kup|)el der D61e erhebt, zieht hier 
Finsler mit hinein. Das nur Sennhütten und Alpen- 
weiden in sich enthaltende Dappenthal, ein Stück des 
Oemeindebezirks des waadtländischen Dorfes St. Cergues, 
hatte 1802 wegen der durch dasselbe führenden Mili- 
tärstrasse, von les Rousses über Gex nach Genf, an 
Frankreich abgetreten werden müssen, und der Bericht 
wünscht nun, dass dieser unfreiwillige Schritt rück- 
gängig gemacht werde. 

Aber weit wichtiger, als diese unwirthlichen Thäler 
-des rauhen Gebirges, sind die schönen Landstriche, 
welche den südöstlichen Abfall des über die Döle hin- 
aus noch immer höher ansteigenden Juragebirges be- 
säumen, zunächst das Ländchen Gex und hernach näher 
an die Rhone und an die lachenden Ufer des Genfer- 
sees hin die nächsten Umgebungen der Stadt Genf selbst. 

Als die Berner 1536 in raschem keckem Sieges- 
zuge die Landschaft Waadt eroberten, war der Auf- 
bruch geschehen, um den Herrn der Waadt, den Herzog 
von Savoyen,. für die über die Genfer verhängten Be- 
drängnisse zu züchtigen und diese Stadt selbst, die 



• I 



Unsere jetzigen schtceizerischen Grenzen. 337 

Verbündete Bern 's, aus ihrer Nothlage zu befreien und 
ihr die Möglichkeit der Festhaltung des neuen Glaubens 
zü sichern. Da hatte es sich von selbst verstanden 
dass auch das unmittelbare Hinterland des Seegestades 
und des Rhoneufers, eben das Ländchen Gex, miterobert 
worden war. Allein nach 28 Jahren war in einer 
friedlichen Auseinandersetzung mit Savoyen, welche drei 
Jahre später vollzogen wurde, diese Landschaft zurück- 
gegeben worden. Noch einmal im letzten Jahrzehnt 
^es 16. Jahrhunderts hatten dann die Genfer selbst 
im Kampfe gegen Savoyen Gex erobert. Darnach aber 
mussten sie dem durch den gemeinsamen Gegensatz 
gegen Savoyen ihnen halb als Bundesgenosse verbundenen 
Kömge Heinrich IV. von Frankreich die Landschaft 
überlassen, welche 1601 zugleich mit den anstossenden 
Gebieten Bugey und Bresse als militärisch wichtige 
Bereicherung endgültig an Frankreich überging. Aber 
nach weiteren 197 Jahren war auch Genf selbst dem 
republikanischen Frankreich als Opfer gefallen. 

Dass Genf nunmehr nach dem Sturze Napoleon's 
an die Schweiz, und zwar in einer weit engeren Ver- 
bindung als früher, als eigentlicher Kanton, zurück- 
kommen werde, stand in der Zeit der Abfassung des 
Finsler'schen Berichtes schon durchaus fest. Doch zugleich 
setzte der Oberstquartiermeister auch voraus, dass Genf 
nunmehr ein in sich und mit dem Kanton Waadt zu- 
sammenhängendes Gebiet jedenfalls erlange, dass die 
sechs aus einander liegenden Stückchen, welche vor 1798 
^as genferische Gebiet gebildet hatten, durchaus, durch 
Abtretungen von Savoyen sowohl, als im Pays de Gex, 
^^ einem Ganzen vereinigt würden. Insbesondere sollten 

22 



338 Meyer von Knonau, 

das französische Tmtzgenf Yersoix und das in ähn- 
licher Absicht durch SaToyen vor die genferischen Thon 
hingesetzte Carouge dem Kantonalgebiete einverleibt! 
werden. Indessen begnügt sich Finsler hiermit noch.] 
nicht. Vielmehr will er, dass das Ländchen Gex selbst,; 
das ja nur ein älterer, zufällig verlorner BestandtheilJ 
der Schweiz sei, und welches die Natur selbst zu einem 
Stücke derselben geschaffen habe, dessen Lage und viel- 
fältige Verbindungen mit der Stadt Genf und den an- 
grenzenden waadtländischen Gemeinden eine Vereinigung 
mit lauter Stimme herbeirufe, zur gehörigen Beschützung 
und Sicherung Genfs zur Schweiz gezogen werde. 

So gedachte der in Anfrage gesetzte Sachverstän- 
dige die Militärgrenze gegen Frankreich zu gestalten: 
«Die durch den Jura geschlossene Grenze soll längs 
der ganzen Berührungslinie zwischen Frankreich und 
der Schweiz vervollständigt und verstärkt werden, so 
dass dieses Gebirge von dem Rhodan an bis an den 
Rhein ein völlig schweizerisches Gebirge werde und 
dessen Pässe in den Händen der Eidgenossen seien. 
Von den Klüften unter dem Fort de l'Ecluse an, durch 
welche sich der Rhodan hindurchwindet, entstünde so 
eine zusammenhängende, festgeschlossene, der stärksten 
Vertheidigung fähige Grenze, welche sich in ununter- 
brochener beinahe gerader Richtung von Südwest nach 
Nordost dem Jura nach fortziehen und beide Länder 
scharf von einander sondern würde ». 

Auf der südlichen Seite der Schweiz richtet 
Finsler sein Augenmerk erstlich auf Savoyen, hernach 
auf das Stück Italien zwischen den Kantonen Wallis und 



Unsere jetzigen schwcizerisclien Grenzen, 339 

Tessin und auf die Lage der südlichen Spitze des zuletzt 
genannten Gebietes, endlich auf die früheten bündnerischen 
Unterthanenlande im Flussgebiete der Adda. 

Der Bericht macht darauf aufmerksam, dass, wenn 
das Wallis der Schweiz wiedergegeben und derselben 
dadurch die Pflicht auferlegt werden solle, durch die 
Vertheidigung dieses grossen Hauptalpenthaies für 
künftige Zeiten einem auf dem französischen Throne 
sitzenden Eroberer die Thüre der Lombardei und 
Yenetien's zu verschliessen , das Land Wallis selbst 
gegen Frankreich vollständig geschützt sein müsse. 
Das sei aber nicht der Fall, so lange Frankreich 
Savoyen ohne Widerstand in Besitz nehmen und die 
Schweiz sich erst dann in Vertheidigung setzen könne, 
wann die fremden Armeen »bereits in den offenen Pässen 
von Valorcine und des Trient stünden und so jeden 
weiteren Versuch zur Behauptung des Rhonethaies, 
durch ihre überlegene Stellung an dem strategisch so 
wichtigen Thalknie bei Martigny, im Voraus vereiteln 
könnten. Es sei also nothwendig, wenn die südHche 
Vertheidigungslinie der Schweiz ein geschlossenes Ganzes 
ausmachen solle, dass die Eidgenossen auf ihrem eigenen 
Boden zweckmässige Vertheidigungsanstalten treffen 
könnten: es müsse die ganze südliche Hauptkette des 
Hochgebirges der Schweiz als Grenze angewiesen werden, 
wenn dieselbe mit einiger Zuversicht den europäischen 
Mächten eine Gewährleistung der ihr anvertrauten 
politischen Stellung geben solle. Allein zugleich wird 
betont, dass gegenüber den Königen von Sardinien von 
älteren Ansprüchen auf schon früher besessene Gebiete, 
wie das gegenüber Frankreich theilweise der Fall sei, 



^ 



340 Meyer von Knmimt. 

nicht die Rede sein könne, sondern dass bloss unter 
dem Titel der Convenienz eine neue militärische Grenze 
gefordert werden könne und deren Ausdehnung einzig 
und allein von dem Werthe abhänge, welchen die 
grossen Mächte auf die vollkommene. Selbständigkeit 
und die defensive Kraft der Schweiz legen wollten. 
Dabei übersieht Finsler allerdings, dass wenigstens die 
südliche Seite des Genfersees, die Landschaft Chablais, 
im 16. Jahrhundert während einiger Decennien gleich- 
falls schweizerisch gewesen war: 1536 hatten die Berner 
Thonon und alles Land westlich vom Flusse Dranse 
erobert, während die Walliser östlich davon in Evian 
und dahinter im Thale von Abondance festen Fuss 
gefasst hatten. Aber freilich war dann in dem schon 
erwähnten Friedensschlüsse "von 1564 durch Bern auf 
dieses Gebiet Verzicht geleistet und dasselbe 1567 an 
Savoyen förmlich zurückgegeben worden, worauf 1569 
in einem Vergleich mit den Wallisern auch Evian und 
Abondance zurückerstattet wurden. 

Finsler nun schlug, abgesehen von jener schon 
erwähnten nothwendigen Ergänzung des Genfer Kantonal- 
gebietes auf der linken Rhoneseite, als neue Grenze 
der Schweiz gegen Savoyen die nachfolgende Linie 
vor. Beim Fort de l'Ecluse an der Rhone an die vom 
Juragebirge heruntersteigende französische Grenze sieb 
anschliessend, sollte die Scheide gegen die sardinischen 
Staaten von da unmittelbar auf den über dem Flusse 
sich erhebenden Mont du Vuache emporsteigen und 
in südöstlicher Richtung dessen Kante folgen, dann 
aber in nordöstlicher ümbiegung über den Mont de Sion 
und auf den Mont Saleve hinübergehen und hierauf 



Unsere jetzigen schiceizerischcn Grenzen. 341 

abermals südöstlich ziehend auf der Wasserscheide, 
welche das Flussgebiet der Arve auf dessen linker 
Seite begrenzt, das ganze Thalsystem dieses Flusses 
der Schweiz zuweisen, lieber den Col du Bonhomme liin 
würde dergestalt die Schweizergrenze, das Chamounix- 
thal mit umklammernd, über die höchsten Erhebungen 
der Mont Blanc-Kette hin am Mont Dolent über dem 
Val de Ferret die Walliser Gebirge wieder erreicht 
haben. Nach dieser Berechnung wären also ausser 
dem Chablais auch die Landschaft Faucigny und ein 
weiteres Stück der Provinz Carouge von Savoyen ab- 
getrennt worden. 

Dass vom Mont Dolent an über die höchsten 
Häupter der Walliser Alpen bis zum Monte Rosa die 
Grenze von Wallis diejenige der Schweiz sein würde, 
verstand sich abermals von selbst. Erst vom Monte 
Rosa an östlich bis an den Langensee konnten neue 
Zweifel sich erheben. 

Finsler hebt hervor, dass es nicht genüge, Wallis 
gegen Ueberfälle von der französischen Seite zu sichern : 
ein Schutz gegen ähnliche Unternehmungen von der 
lombardischen Seite sei nothwendig, und dieser werde 
gewonnen durch die Vereinigung des Wassergebietes 
der Tosa mit der Schweiz. Das Hauptthal der Tosa 
dränge sich — so wird aus einander gesetzt — bis an den 
Fuss des Hauptgebirgsknotens, des St. Gotthard, hinauf 
und berühre da unmittelbar den Ursprung der Thäler 
von Rhone, Tessin und Reuss: «Aus diesem Thale 
könnte ein unternehmender Heerführer in einem Tage 
sich des noch nicht genug erkannten Schlüssels des ganzen 
Hochgebirges bemächtigen und sich darin festsetzen >., 



342 Meyer von Knonau. 

Es ist an einer früheren Stelle von mir dargethan 
worden, dass eidgenössische Eroberer in vollkommen 
richtigem ' Verständnisse im Anfange des 15. Jahr- 
hunderts, sobald sie am oberen Tessin sich aasdehnten 
und mit dem Wallis die ersten Verbindungen abschlössen, 
auch auf das dazwischen liegende Land an der Tosa, 
auf Pommat, das Eschenthal, Domo d'Ossola, ihr Augen- 
merk richteten; da haben im 15. und naohher noch- 
mals im 16. Jahrhundert kürzere Zeit von Domo d'Ossola 
aus eidgenössische Beamte über italienische Unterthanen 
geboten, bis 1515 endgültig diese Besitzungen ver- 
loren gingen*). Allerdings folgen gegenwärtig, wie die 
Dinge in Wien gegen Finsler's Wünsche entschieden 
wurden, vom Monte Rosa bis an den Langensee unsere 
Grenzen im Ganzen den von der Natur angewiesenen 
Scheiden. Nur am Simplon reicht das Land Wallis 
über die Berghöhe hinüber abwärts bis in die Schlucht 
von Gondo, und im jetzigen Kanton Tessin gehören 
die oberen Theile zweier Thäler zum Königreiche 
Italien. Da finden sich im Thal Onsernone hinter Como- 
logno die Bäder von Crav.eggia ausserhalb der Schweiz, 
und vollends vom Thale der Melezza gehört nur die 
untere schluchtartige Hälfte Centovalli zum Kanton 
Tessin, während der obere eine mildere Formation 
aufweisende Theil, das Thal Vigezzo mit seinen grossen 
Ortschaften, jenseits der Grenze liegt. 

Um diesem üebelstande eines einwärts springenden 
grossen Winkels der Schweizergrenze abzuhelfen, räth 



*) Vergleiche meinen Aufsatz : „Eine verlorene schwei- 
zerische Eroberung" im 10. Jahrgange dieses „Jahrbuches". 



ünseie jetzigen schweizerischen Grenzen. 343 

Fiüsler, die Höhe der Gebirgskette Zwischen dem 
Aüzascathal (mit Macugnaga) nördlich und den Sesia- 
tMlern südlich vom Monte Rosa an als Grenze zu 
bezeichnen und die Linie hernach in östlicher Richtung 
bis an den Langensee bei Baveno fortzusetzen. Freilich 
wird dabei eingeräumt, dass diese Forderungen Land- 
striche 7on bedeutendem Umfange und Flächeninhalte 
umfassen, und Finsler unterschätzt ohne alle Frage 
Land und Leute, wenn er von einem unfruchtbaren, 
zam Anbau nicht einladenden Boden spricht, von 
welchem ein grosser Theil mit ewigem Eis und Schnee, 
mit unzugänglichen Waldungen und kahlen Felsen 
bedeckt sei, und wenn er ferner weder eine zahlreiche, 
noch eine gewerbfleissige und gebildete Bevölkerung, 
noch einen kriegerischen Stamm hier wohnen lässt. 
Allein darin wird man ihm Recht geben, dass er diese 
Einverleibung vom militärischen Gesichtspunkte aus 
als eine nothwendige Consequenz des Wiederanschlusses 
von Wallis erklärt. 

Nicht leicht konnte für den militärischen Bericht- 
erstatter die Abfassung des die Südspitze des Kantons 
Tessin würdigenden Abschnittes werden. 

Theile des jetzigen Kantons Tessin, das Tessinthal 
bis Bellinzona hinunter mit Einschluss dieses festen 
Platzes , sowie, unmittelbar gegen den Langensee sich 
öffnende Thäler, Val Verzasca und Vai Maggia, waren 
schon im Anfang des 15. Jahrhunderts eidgenössisches 
Besitzthum geworden, dann, gleich dem Eschenthale, 
wieder völlig verloren gegangen, worauf wenigstens 
Leventina den ürnern nach kurzer Zeit wieder zu 
Theil wurde. Aber mit dem Jahre 1500 wurde noch 



J 



344 Meyer von Knonau. 

Bellinzona wieder gewonnen, und zwölf Jahre später 
hatten die Eidgenossen auch Locarno mit all^ den' 
bei dieser* Stadt gegen den Langensee sich öffnenden 
Thälern, ferner aber südlich vom Monte Cenere Lugano- 
und Mendrisio bis nahe an Como hin sich unterworfen^ 
und sie behielten diese reichen Länder, auch die süd- 
lichsten derselben, über die grosse Niederlage von 
Marignano und den Friedensschluss von 1516 hinaus. 
Dagegen sahen sie sich veranlasst , eine weitere 
Beute, das an der Ostseite des Langensees liegende 
Gebiet Val Travaglia mit Luino damals aufzugeben. 
Von dritthalb und von zwölf eidgenössischen Orten 
beherrscht, hatten diese italienischen Gebiete, abgesehen 
von dem nur Uri zugehörenden Thale Leventina, das 
nicht beneidenswerthe Schicksal schweizerischer ge- 
meiner Herrschaften bis zur französischen Revolution 
zu ertragen gehabt; die helvetische Einheitsverfassung 
hatte aus ihnen die beiden Kantone Bellinzona und 
Lugano gemacht. Seit der Einführung der Mediation 
bildete das ganze Land von Airolo im Norden bis 
nach Chiasso und Stabbio im Süden den einzigen 
Kanton Tessin. 

Nirgends so, wie hier, bemerkt nun der Oberstquartier- 
meister einen störenden Gegensatz zwischen der vor- 
handenen politischen Grenze und der .zweckmässigen 
militärischen Linie, welche für ein nicht eroberndes 
Volk in Betracht kommen könne. Ein Kriegsstaat — meint 
er — würde in dem am weitesten in die lombardische 
Ebene gegen deren Hauptstadt Mailand vorspringenden 
Thale von Mendrisio einen Waffenplatz errichten, von 
welchem aus er sich in kurzer Zeit der offenen Lom- 



Unsere jetzigen schxceizerischen Grenzen, 345* 

bardtji bemächtigen könnte; allein für einen auf die 
Defensive angewiesenen Staat, wie die Schweiz, räth er 
im Kriegsfall die Preisgebung dieses nicht haltbaren 
GebietsYorsprunges und die Wahl einer nördlicheren 
Vertheidigungslinie an. 

Finsler findet, dass sich, wenn man nicht die aller- 
dings noch nördlicher liegende, stark bezeichnete Ge- 
birgsgrenze des Monte Cenere wählen wolle, am besten 
eine Linie von Gewässern als militärische Vertheidigungs- 
mark empfehle. Als solche schlägt er den Flusslauf der 
Tresa und von Ponte Tresa an aufwärts den Haupt- 
stamm des Luganersee bis nach Porlezza im Nordosten 
vor, worauf die Grenze nördlich gegen den Monte 
Camoghe hin streichen und hernach der bisherigen 
Landesmark von Tessin und des bündnerischen Misocco 
folgen könne. Der Bericht glaubt, dass die für diese- 
Grenze nothwendigen Gebietsergänzungen ohne zu grosse 
Mühe von der mailändischen Regierung erlangt werden 
könnten: bei Luino nördlich von der Tresa handle 
es sich in Val Travaglia um einen grösstentheils sehr 
gebirgigen und auf zwei Seiten von der Schweiz schon 
jetzt ganz eingeschlossenen Landstrich, welcher tiber- 
diess schon einmal eidgenössisch gewesen sei, und am 
nördlichen Ufer des östlichen Armes des Luganersees^ 
komme zwischen der Schweizergrenze bei Lugano und 
Porlezza ausser diesem Orte selbst nur das kleine Val 
Solda mit wenigen Dörfern in Frage. 

Indem sich der Berichterstatter hier im Süden: 
schliesslich der bündnerischen Grenze zuwendet, geht 
er dabei von der entschiedenen Voraussetzung aus^ 
dass die rätische Republik die 1797 ihr entrissenen: 



346 Meyer von Knonau. 

italienischen Unterthanengebiete, Bormio, Veltlin und 
Chiavenna, wieder gewinnen werde, und stellt also als 
Grenze gegen Süden die das Addathal östlich und 
südlich auf der linken Seite vom Ortles an begrenzende 
Gebirgslinie, bis zur Mündung der Adda in den Corner- 
«ee, als bestimmt gegeben hin. Nur für zwei Stellen 
eröffnet er die Frage einer allfälligen Erweiterung und 
beantwortet dieselbe wenigstens beim zweiten Male in 
bestimmtester Weise. 

Das Gebiet der bündnerischen Grafschaft Chiavenna 
liatte nur bis an den Lago di Mezzola, nicht aber bis 
an die Nordspitze des Comersees selbst gereicht. Aller- 
dings waren anfänglich im 16. Jahrhundert auch noch 
einige Orte am Comersee selbst, die sogenannten drei 
Pieven, nämlich Gera, Domaso und Gravedona, im 
Besitze der Bündner gewesen; aber sie hatten diese 
Stellung nur zwei Decennien behalten. Ein kecker 
kriegerischer Abenteurer hatte das etwas südlicher ge- 
gelegene feste Schloss Musso in seine Hand gebracht 
und von da aus einen frechen Angriff auf Chiavenna 
selbst verübt ; zwei Male waren dann die Bündner, 
das zweite Mal mit ihnen auch schweizerische Zuzüger, 
durch Kriege wegen des Müssers zu erheblichen An- 
strengungen gezwungen worden; endlich wurde der 
l)edrohliche Platz geschleift, zugleich aber auch jeder 
Anspruch auf die drei Pieven an Mailand abgetreten. 
Finsler urtheilt nun, dass dieser Streifen Landes zwar 
als Vorposten der wichtigen Grafschaft Chiavenna ganz 
wünschenswerth sei, dass derselbe aber, weil durch 
eine steile Bergkette vom Wassergebiete des Tessin 
.abgetrennt, zur Behauptung der südlichen militärischen 



Unsere jetzigen schweizerischen Grenzen. 347 

Yertlieidigungslinie der Schweiz sich nicht als durch- 
aus nothwendig herausstelle. 

Als gaDz unentbehrlich für die Sicherstellung von 
Chiavenna und Veltlin betrachtet dagegen Finsler die 
Wiedererwerbung des kleinen, aber entscheidend wich- 
tigen Landstriches, welcher innerhalb der natürlichen 
Grenze des Veltlin an dem Austritte der Adda in die 
Thalfläche des Seegebietes zwischen dem Lago di Mez- 
zola und dem Comersee selbst liegt: «Eine kleine 
Qnadratmeile Landes in mailändischen Händen war 
hier in Folge der natürlichen Lage und BeschaiFenheit 
dieser Gegenden hinreichend, um den Ausfluss der 
Adda in den Comersee und die einzige Landstrasse 
zu sperren, welche das Veltlin mit Cleven in Ver- 
bmdung setzt». Und allerdings war dieser sumpfige 
Strich bei dem Dorf S. Agata durch die im Anfange 
des 17. Jahrhunderts errichtete und nach ihrem Er- 
bauer, dem mailändischen Statthalter Fuentes, genannte 
Festung eine furchtbare Bedrohung des rätischen Landes, 
ein wahres «Bündnerjoch» gewesen. 

Indem eben Finsler ganz bestimmt annahm, dass 
die früheren bündnerischen ünterthanengebiete wieder 
gewonnen würden, hob er die Unterbrechungen der 
natürlichen Grenze zwischen Bünden einerseits und 
diesen italienischen Herrschaften andererseits nicht her- 
vor, dass das Val di Lei in das Flussgebiet des Averser- 
ßheins und das Thal von Livigno, welches den Ober- 
lauf des Spölflusses in sich begreift , in das Innland 
hineinragen; ebenso hatte er nicht zu betonen, dass 
die Thäler Bregaglia und Poschiavo schweizerischerseits 
in das italienische Gebiet hinüberhangen, wobei aller- 



348 Meyer von Knonau, 

dings bei Poschiavo der Engpass Piattämala einen eigent- 
lichen Abschlues des Schweizergebietes zwischen Brusio 
und Tirano darstellt. 



In letzter Linie werden in dem Berichte noch die 
Grenzstrecken im Osten und Norden gegen Tirol^ 
Vorarlberg und Deutschland einer Erörterung unter- 
worfen. 

Finsler glaubt da an der Grenzlinie vom Ortles 
bis zum Bodensee nichts aussetzen zu dürfen: es seien 
«bekannte, beliebte und bequeme Grenzen zwischen 
zwei angrenzenden Völkern, denen beiden alte Gewohn- 
heiten und Uebungen gleich werth und schätzbar sind, 
so dass weder in den früheren Erfahrungen, noch in 
den künftigen Aussichten irgend ein Bedürfniss wesent- 
licher Aenderungen liegt». Einzig meint er, dass bei 
dieser Gelegenheit einige streitige Landmarken gegen 
Tirol berichtigt werden könnten, welche aber nur 
für die Eigenthumsrechte der betreffenden Gemeinden 
wichtig seien. Allerdings sind auf dieser Grenzstrecke 
nur bei zwei bewohnten Bündnerthälern unregelmässige 
Abweichungen von der durch die Natur angewiesenen 
Scheide zu bemerken. Das nordöstlichste Bündnerthal 
Samnaun bildet den weit grösseren südwestlichen Ab- 
schnitt eines einzig nach Tirol hinaus durch die Schlucht 
des Schergenbaches sich öffnenden grossen Gebirgs- 
kessels*). Südlicher dehnt sich das Münsterthal völlig 



*) Man vergleiche über Samnaun meinen Aufsatz : „Eine 
abgelegene Ecke des Schweizerlandes " in der Neuen Alpen- 
post 1876, Bd. III, Nr. 14 bis 16. 



Unsere jetzigen schweizerischen Grenzen, 341^ 

nach Tirol hin aus und ermangelt an seinem nord- 
östlichen Ausgange einer schärfer durch die Natur 
hervorgehobenen Grenze. Freilich durchfliesst der Thal- 
bach Ram in der Calven zwischen Taufers und Glurns, 
der durch die Schlacht vom 28. Mai 1499 bekannten 
Stelle, eine Thalenge, welche als Grenzabschluss gänz- 
lich sich eignen würde; aber wie schon in früheren 
Zeiten die Gotteshausleute von Cur in dem Gerichte 
lintercalven, ausserhalb des Engpasses, bei Mals und 
Glurns, sich Rätien entfremdet hatten und Tiroler 
geworden waren, so hatte sich vom 16. bis in den 
Anfang des 18. Jahrhunderts auch die unterste Ge- 
meinde von Obercalven, Taufers, von der Zugehörigkeit 
zum Münsterthale, damit auch zum romanischen Sprach- 
gebiete, gelöst und dem österreichischen Staate völlig 
einverleibt. 

Von der Luciensteig an bis naclf Stein am Rhein 
ist es einzig die störende Lücke bei Constanz, welche 
die zusammenhängende, von der Natur angewiesene 
Schweizergrenze auf dem diesseitigen Boden unterbricht. 
Durch die thörichte Verblendung der grösseren Zahl 
der eidgenössischen Orte selbst war es im 15. Jahr- 
hundert und wieder im 16., als sich die confessionellen 
Gegensätze hinzugesellt hatten und die reformirte Reichs- 
stadt eine Verbündete der schweizerischen Glaubens- 
genossen, der Städtekantone Zürich und Bern, geworden 
war, verunmöglicht worden, dass Constanz ein Glied 
der Eidgenossenschaft wurde*). Als dann nach der 



*) üeber Constanz habe ich im 11. Jahrgange, pp. 504 
u. 505, einlässlicher gesprochen. 



850 Meyer von Knonau, 

Eroberung durch spanische Truppen 1548 unter der 
lauten Zustimmung der katholischen Eidgenossen Con^ 
stanz seiner Reichsfreiheit beraubt und zum katholischen 
Glauben zurück gezwungen worden war, begannen für 
das einst so blühende Gemeinwesen die dritthalb Jahr- 
hunderte der Verarmung und ♦ Verdumpfung , welche 
erst ein Ende nahmen, als durch die französische 
Revolution alle diese vorderösterreichischen Gebiete 
andere Herren empfingen. Als Finsler schrieb, war 
Constanz noch kein volles Jahrzehnt ein Stück des 
badischen Staates. Er durfte also auf eine neue Ver- 
änderung hoffen und sagen: «In einem Augenblick, 
wo vielleicht diese bis an die Schwelle ihrer Thore 
ganz von schweizerischem Gebiete eingeengte Stadt 
bestimmt ist, ihren bisherigen Beherrscher zu verlieren, 
hat wohl kein Staat ein grösseres Recht der Billigkeit 
und der Convenienz zu deren Erwerbung aufzustellen, 
als die Schweiz, und Constanz, durch täglichen und 
stündlichen Verkehr und ansehnliche Ruralbesitzungen 
mit dem Thurgau verbunden, würde bei der Einver- 
leibung gewiss in jeder Betrachtung am meisten ge- 
winnen >. Diese Darlegung ist so schlagend, dass deren 
Beweiskraft nicht noch besonders hervorzuheben ist. 

Seit dem 15. Jahrhundert liegen bekanntlich zwischen 
Stein am Rhein und Kaiserstuhl Theile des eidgenössischen 
Landes, ein gesammtes Eantonalgebiet , Schaffhausen, 
und ein kleiner Bestandtheil eines zweiten Kantons, 
das zürcherische Eglisau mit dem Rafzerfeld, theil- 
weise ohne Verbindung unter sich, in drei Stücken, 
einem grösseren und zwei kleineren, jenseits der natür- 
lichen, vom Rheinlaufe gebildeten Grenze auf dem 



Unsere jetzigen schtvetzerischen Grenzen. 351 

rechten Ufer des Flusses. Finsler urtheilt, dass « diese 
Theile des eidgenössischen Gebietes niemals wesentlich 
in das allgemeine eidgenössische Vertheidigungssystem 
hineingezogen werden können » : «Aber wenn sie nicht 
gaDZ als verlassene und vernachlässigte Aussenposten 
behandelt werden sollen, so bedürfen sie einer sicheren 
und bequemen Verbindung unter sich selbst und mit 
dem eidgenössischen linken Rheinufer». 

In der Zeit des alten deutschen Reiches vor den 
Ereignissen der grossen Revolution waren hier die Dinge, 
wenn auch viel complicirter , dennoch eben desswegen 
fär die Schweiz ungleich bequemer und ungleich günstiger 
gewesen. In dem Stückchen deutschen Bodens zwischen 
dem bis 1798 zürcherischen Stein und Ramsen und 
dem daran hängenden zu Schaifhausen zählenden Buch 
einerseits und dem Haupttheil Schaffhausergebietes, 
wo aber Dörflingen ebenfalls zürcherisch war, anderen- 
theils, wie dasselbe sich dergestalt bis vor Diessenhofen 
an den Rhein vorstreckt, hatte der Stand Schaffhausen 
allerlei staatliche und kirchliche Befugnisse auszuüben. 
Die hier liegenden Dörfer Ober- und Untergailingen 
und das vollends gänzlich als Enclave gleich östlich 
von Schaffhausen liegende Büesingen mit der alten Mutter- 
kifche von Schaffhauseri selbst, Kirchberg, waren zwar, 
was die Landeshoheit betrifft, unter der dem Hause 
Oesterreich zugehörenden Landgrafschaft Neuenbürg; 
allein die niederen gerichtlichen Rechte standen da 
überwiegend entweder dem Stande Schaffhausen oder 
Schaff hausen'schen Familien zu. Doch noch viel störender 
greift bekanntlich nichtschweizerisches Gebiet, vom 
Wutachthaie her östlich über die das Rafzerfeld nörd- 



^r)2 Meyer von Knovau. 

lieh besäumenden Berge hinüber bis an den Rhein, 
vom Rheinfall an abwärts zur Thurmündung, zwischen 
dem Schaffhauser Klettgau einerseits und dem Rafzer- 
felde andererseits ein. Dieser Landstrich hatte bis 
zur Staatsumwälzung zu der Landgrafschaft Klettgau 
gehört, welche sich in den Händen des fürstlichen 
Hauses Schwarzenberg befand, und als ein Rest dieser 
alten Grenznachbarschaft ist es zu betrachten, dass 
noch bis heute ein jeweiliger Fürst von Schwarzen- 
berg des Ehrenbürgerrechtes von Zürich geniesst. Doch 
auch die gegenüber der Glattmündung uad dem Städtchen 
Kaiserstuhl liegenden Dörfer unterhalb Eglisau kommen 
hier mit in- Betracht. Dieselben, nämlich Herdern, 
Hohenthengen, Lienheim , lagen zwar ebenfalls in dem 
Schwarzenberg'schcn Klettgau ; jedoch zählten dieselben 
zu der bischöflich constanzischen Obervogtei Kaiserstuhl, 
welche hinwieder unter der Hoheit der in der schwei- 
zerischen gemeinen Herrschaft Grafschaft Baden regie- 
renden eidgenössischen Orte stand. Der Bischof hatte 
zur Verwaltung seiner niederen gerichtlichen Rechte 
auf dem gleich jenseits der Kaiserstuhler Rheinbrücke 
liegemden Schlosse Röteln seinen Obervogt, und so 
waren diese drei Dörfer mit Kaiserstuhl enge ver- 
bunden*). 

An der Stelle der dergestalt vielfach ganz mittelalter- 
Jichen Rechtsverhältnisse in den angrenzenden Territorien 



*) Hieraus ergiebt sich sehr leicht, was für ein grosser 
Nothstand über den Kaiserstuhlern liegt, wenn, wie jet^t 
wieder seit dem Juni 1876, die Rheinbrücke zerstört ist: 
.denn die Kaiserstuhler haben noch heute fast ihre ganze 
Feldmark jenseits auf der rechten badiachen Flnssseite. 



Unsere jetzigen schweizerischen Grenzen. 353 

des Reichgebietes war nun durch die Napoleoa'sche 
Zeit ein centralisirter und bureankratisch geschlossener 
moderner Staat getreten. Jenes ganz neue Conglomerat 
der bisher widerspruchsvollsten kleinen politischen 
Existenzen, wie es am oberen Rhein durch die fran- 
zösischen Machtsprüche entstanden war, betitelt Gross- 
herzogthum Baden, hatte nur so sich lebensfähig machen 
können, dass es rücksichtslos mit allen Erinnerungen 
der Vergangenheit brach und sich in jeder Weise nach 
neuen Gesichtspunkten ordnete. Da musste auch die 
politische Grenze weit mehr, als früher, zur eigent- 
lichen Scheidewand zwischen den beiderseitigen Staats- 
bevölkernngen werden. Das machte sich nun hinsichtlich 
dieser früher nellenburgischen und klettgauischen Ort- 
schaften empfindlich fühlbar. Unser Bericht hebt hervor, 
die genannten Dörfer seien seit Jahrhunderten zum 
schweizerischen Militärsystem gerechnet, in den Neu- 
tralitätskreis eingeschlossen und von allen streitenden 
Armeen in allen Kriegen in Deutschland gleich dem 
ganzen übrigen eidgenössischen Gebiete als neutral 
angesehen und behandelt worden. Finsler wünscht also, 
dass inbesondere da, wo der Stand Schaffhausen aus- 
gedehnte Gerichtsbarkeit und Gefälle besessen hatte, 
aber auch an den anderen bezeichneten Stellen, in 
militärischer und polizeilicher Hinsicht, wie nach den 
staatsrechtlichen Beziehungen, eine Berichtigung der 
Grenze eintrete. In erster Linie nennt er Gailingen 
and Büeaingen, geht aber wohl etwas zu weit, wenn er 
ausserdem auch die etwas nördlicheren, bereits hinter 
dem Gailinger- Berge liegenden Dörfer Randegg und 
Marbach beansprucht; ferner wird der allerdings störend 

23 



354 Meyer von Knonau, 

eingreifende, nördlich von Merishaasen liegende Hof 
Schlauch erwähnt; dann folgen Jestetten, Lotstetten 
und Altenhnrg in jener hadischeü Gebietsznnge bei 
Rheinau^ endlich Herdern, Hohenthengen and Lien- 
heim. Wenn dagegen auch noch des Dorfes Kadelbarg 
am rechten Rheinnfer unterhalb Zurzach, wo aller- 
dings das Stift Zurzach die niederen Gerichte gehabt 
hatte, gedacht mrd, so ist das wohl zu weit gegriffen. 

Als ein letzter Rest österreichischen Gebietes auf 
dem schweizerischen Rheinufer war zwischen dem 
bernerischen Boden im Aargau und dem Stande Basel 
bis zur Staatsumwälzung der Landstrich übrig gewesen^ 
welcher zwei von den vier österreichischen Waldstädten 
am Rhein, Laufenburg und die starke Festung Rhein- 
felden, nebst dem dahinter liegenden, nach dem Dorfe 
Frick benannten Jurathale umschloss. Dieses Stück 
von Vorder-Oesterreich war dann im Frieden von Lüne- 
ville durch Oesterrcich an Frankreich überlassen und 
von diesem hinwieder 1802 an die Schweiz abgegeben 
worden. Freilich hatte man damals dieses Geschenk^ 
welches hernach durch die Mediationsacte dem Kanton 
Aargau einverleibt wurde, aus der Hand des allmächtigen 
Vermittlers mit nur sehr geringer Befriedigung entgegen- 
genommen, weil es doch eine keineswegs genügende 
Entschädigung für das soeben der Schweiz entfremdete 
Land Wallis darstellte. Von diesem nordwestlichen 
Theile des Kantons Aargau ist also bei Finsler nicht 
die Rede. 

Von den so wenig ehrenvollen Ereignissen am 
Ende des Jahres 1813 her, wo die eidgenössische 
Neutralität bei Basel nicht hatte behauptet werden 



Unsere jetzigen schweizerischen Grenzen. 355 

können, musste der Oberstqjuartiermeister die militärisch 
unbefriedigende Lage Basel's, wozu noch die Schwierig- 
keiten des üebergreifens baslerischen Gebietes auf das 
rechte Rheinufer kommen, klar erkennen. Allein er 
hat diese Dinge in seinem Berichte mit Stillschweigen 
übergangen. 



Zu Wien in den Berathungen des Congresses und 
in den beiden Friedensschlüssen mit Frankreich \^urde 
von denMächten über die durch Finsler vom militärischen 
Gesichtspunkte des Schweizerofliciers behandelten Fragen 
in einer für die Schweiz wenig befriedigenden Weise 
entschieden. 

Nicht nur ist eine Verbesserung der Schaffhausen'schen 
Grenze, eine Zuweisung von Constanz, eine Zurück- 
erstattung des früheren bündnerischen Gebietes in Italien 
nicht eingetreten, sondern es wurde insbesondere auch 
der Stadt Genf jene Sicherung nicht zuertheilt, welche 
im Interesse der Schweiz gewünscht werden konnte. 
* Jenes von beiden Seiten geschlossene Thalgelände, 
Ton welchem die Stadt Genf der Mittelpunkt und die 
Zierde ist » — es sind Worte Finsler's, die wir hier ein- 
rücken — , wurde Genf nicht gegeben. Die Berghöhen, 
welche die Stadt Genf und das kleine Kantonalgebiet 
auf drei Seiten überragen, der höchste aller Juraberge, 
der Mont Reculet mit dem Cröt de la Neige, auf der 
linken Rhoneseite die zusammenhängende Kette des 
Vuache, Sion und Saleve und rechts von der Arve die 
Yoirons — dieser gesammte Bergkranz um Genf herum 



35<5 Meyer von Knonau. 

liegt ausserhalb der Schweiz und befindet sich seit der 
Annexion von Savoyen gänzlich im Besitze Frank- 
reichs. Freilich ist dann in Wien für ein noch grösseres 
Gebiet von Savoyen, als es Finsler in seinem Berichte 
angedeutet hatte, eine Neutralität in Eriegszeiten im 
Anschlüsse an die schweizerische Neutralität stipulirt 
worden: von Sardinien zuerst in Anregung gebracht, 
dann von den Genfer Deputirten lebhaft befürwortet, 
war diese Angelegenheit ohne das Wissen und den 
Willen der Schweiz zur Durchführung gekommen*). 
Wie • wenig befriedigend aber sich die Angelegenheit 
endlich entschied, ist hier nicht weiter auszuführen. 
Doch eine ähnlich peinliche Erinnerung knüpft sieb 
für uns an die Grenzberichtigung im Dappenthal. Der 
Wiener Congress hatte sich hierin für die Zurück- 
Erstattung an die Schweiz ausgesprochen; allein trotz- 
dem blieb seit 1815 das Thal thatsächlich im Besitze 
Frankreichs, und als endlich 1862 ein Vergleich ein- 
trat, behielt Frankreich die Militärstrasse, das will 
sagen dasjenige, was in dem Thale überhaupt von 
Wichtigkeit ist. 

Die einzige schwerer wiegende Vergrösserung für 
<lie Schweiz trat im Nordwesten in dem Anschlösse 
4ier Gebiete des Bisthums Basel ein. Allein es war 
«in eigenthümliches Zusammentreffen der Umstände, 
dass derjenige Kanton, welchem der weit grösste Theil 
dieser neuen Erwerbung zukommen sollte, Bern — Basel 



*) Ich verweise hierüber auf die interessante Abhand- 
lung von Dr. W. Gisi: „Ueber die Entstehung der Neutra- 
lität von Savoyen", im Archiv für schweizerische Geschichte, 
Bd. XVIIl. 



Unsere Jetzigen schioeizerischen Grenzen, 357 

erhielt nur ein kleines Stück im äussersten Nordosten 
des alten Bisthums — , nur mit unendlichem Widerstreben 
sich zur Annahme dieser Vergrösserung entschloßs. Die 
bernerischen Staatsmänner hatten gehofft, den bis 179S 
bernerischen Theil des Aargaues wieder zu erhalteu, 
und mussten nun statt dessen ein tiberwiegend fremd- 
sprachiges und andersgläubiges, vielfach arg vernach- 
lässigtes und gänzlich abgelegenes Gebiet hinnehmen^ 
dazu noch ausserdem eine alte Bundesstadt Bernds, Biel^ 
welche nur ungerne auf eine Jahrhunderte hindurch 
genossene Selbständigkeit Verzicht leistete, sich unter- 
ordnen lassen. 

Sollen wir es bereuen, dass Finsler's zum Theil 
kühn entworfenes Programm nur zum kleinsten Theil 
seine Erfüllung gefunden hat? Eine auf dem Boden der 
Republik aufgebaute, an ein geschichtlich erwachsenes 
Zusammenleben gewöhnte staatliche Familie, wie sie 
die Schweiz darstellt, kann es an sich nicht wünschen, 
in dieser Gemeinsamkeit nicht erzogene Bevölkerungen 
neu sich angliedern zu lassen. Die alte Eidgenossen- 
schaft vor der Revolution war vielen unter ihren An- 
gehörigen eine nichts weniger als gütige Mutter gewesen ; 
aber es war doch bemerkenswerth, dass 1798 auch in 
den gemeinen Herrschaften der Wunsch einer Trennung 
von der Schweiz nirgends hervortrat. Sogar die italienisch 
sprechenden Unterthanenländer bekannten von vorit 
herein ihren Willen, von der Eidgenossenschaft sich 
nicht zu trennen, und wenn da in der äussersten Süd- 
spitze, in Mendrisio und Baierna, vorübergehend die 
Gefahr einer Entfremdung und eines Anschlusses an 
die cisalpinische Republik hervorgetreten war, so hatte 



j 



358 Meyer von Knonau, 

das einzig und allein den unausgesetzten Agitationen, 
welche von Como ausgingen, zugeschrieben werden 
müssen. Dagegen sind in demjenigen Stücke der Schweiz, 
welches 1815 ganz neu angeschlossen worden ist, auf dem 
früheren Reichsboden des Bisthums Basel, seit sechszig 
Jahren stets von Neuem unter den verschiedensten 
Aushängeschilden , politischen , nationalökonomischen, 
religiösen, gegenüber den mannigfaltigsten politischen 
Färbungen der von Bern aus gebietenden Regierungen, 
von den Aristokraten der Restaurationszeit bis auf die 
Radicalen der Gegenwart, mehr oder weniger versteckt«, 
ausgedehntere oder eingeschränktere Abtrennungsgelüste 
hervorgetreten. Diejenige Persönlichkeit der neueren 
schweizerischen Geschichte, auf welche die Bezeichnung 
des berühmten irischen Agitators übertragbar erschien, hat 
dem neuen Kantonstheil von Bern angehört : der Jura, 
das Geschenk des Wiener Congresses an die Schweiz, 
brachte in Stockmar seinen O'Connell hervor. 

Die Schweiz ist kein Kriegsstaat; sie hat einen 
ausgesprochen defensiven Charakter, und so vermochte 
sie denn auch bei* weniger günstigen militärischen 
Grenzen seit 1815 ihre Aufgabe zu erfüllen, ihre 
Neutralität in Momenten grösserer kriegerischer Gegen- 
sätze zwischen benachbarten Staaten zu erhalten. Es 
ist gewiss bemerkenswerth , dass dies insbesondere in 
den gefahrvollen Wochen am Anfange des Jahres 1871 
gerade an solchen Stellen der schweizerischen Grenze 
möglich gewesen ist, welche nach den Erörterungen 
Finsler's als militärisch sehr mangelhaft angesehen 
werden müssen. Die in die äussersten Dörfer des Eis- 
gaues, westlich von Porrentruy nach Damvant, Grand- 



1 Unsere jetzigen schweieerisehen Grenzen. 35!) 

' fODtaine, Fah; und Bure, vorgeschobenen Abtheiluugen 
^r Trappen der Grenzbesetzung sahen im Januar vor 
ihren Augen Kämpfe deutscher und französischer Heeres- 
abtheilungen, und hinwieder in den ersten Febrnartagen 
kamen die Achtzigtausend, welche vor der Vernichtung 
durch die siegreichen Verfolger sich in die Schweiz 
hinüberretteten , hei Verrieres, bei Fourgs und bei 
Jougne zur EutwaETnung, also gerade an jenen Strecken 
der Juragrenze, welche Finsler als die schwächste 
Stelle der Schweiz gegenüber Frankreich erklärt hatte. 
Hier, wie dort, da wo ein militärisch nothwendiges 
Stück dem Schweizergebiet abgeht, und hinwieder, 
wo dieses letztere eine militärisch entbehrliche, vor- 
springende Ecke nach dem Nachharstaate hinaus bildet, 
wurde in diesen kriegerischen Tagen die Wafifenehre 
und die staatliche Unantastbarkeit der Schweiz gewahrt. 
Es war das der Entschlossenheit und dem ernsthaften 
Willen zu verdanken, welche in jenen Monaten vom 
«rsten Anfang an zu dem Zwecke gezeigt worden 
waren, dem Auslande zu beweiseu, dass man die 
flcliweizerische Neutralität durchaus aufrecht zu erhalten 
gedenke. Ist dieser aufrichtige Wille bei der eid- 
genössischen Bevölkerung und ihren höchsten Behörden, 
bei den militärischen Fuhi'ern und der Mannschaft 
nachhaltiger Kraft vorhanden, so kann auch bei ei 
den Wünschen der Sachverständigen nicht entsprecl 
den Militärgrenze die der Schweiz im europäisc 
Staatensysteme zugewiesene Aufgabe erfüllt werden 



Die Alpenrose. 



So ftigt Albrecht v. Haller, eben so gross als Sänger 
■wie als Erforscher nnser heimatlichen Berge, den herr- 
lichen Strauch in sein erhabenes Naturgemfilde -die 
, Alpen» (1729) ein, und gibt uns, falls die dichterische 
Schilderung uns nicht klar geworden sein sollte, dnrch 
Note in TOrlinneiacher Terminologie genauen Anf- 
iluss, dass er von beiden Arten unseres Bhododen- 
m, dem rostfarbenen ferrngineum L. und dem 
laarten hirsntum L. sprechen will. 
Wir betrachten meist die Alpenrosen als die Cha- 
iterpHanze unserer schweizerischen Alpenregion, «Dil 
thin als unser eigenstes Wahrzeichen, so dass wir 
bst unsere Münzen damit glaubten schmücken iv 
len. Doch wie die Alpen selbst nur zu einem, wenn 



Die Alpenrose. 361 

auch schönsten und reichsten Theil der Schweiz, und 
wohl in dreifacher Ausdehung unsern westlichen und 
östlichen Nachharn angehören, so verbreitet sich wenig- 
stens eine Art , die rostfarbene, über den ganzen Ver- 
lauf der Alpenkette hin, ja, sie kommt auch den beiden 
TOtern westlichen und östlichen Gebirgen, die wenig- 
stens in Bezug auf ihre Pflanzenwelt als Nebenketten 
der Alpen gelten können, den Pyrenäen und Carpathen 
zu. Nur die behaarte Alpenrose hält sich, wenn auch 
nicht streng, so doch ihrer Hauptmasse nach innerhalb 
der Schweizer Alpen, und nichts steht daher entgegen, 
dass wir sie — ohnehin die zierlichere der beiden — 
als unser Symbolum und Schiboleth begrüssen. 

Betrachten wir zuerst das Vorkommen unserer 
beiden Arten genauer. 

Dass sie der Alpenregion, d. h. der Höhenlage an- 
gehören, welche zwischen der Waldregion und der un- 
wirthlichen Decke ewigen Schnees sich einschiebt, ist 
uns allen bekannt. Ebenso, dass sie eher die untere 
als die obere Hälfte dieses Gürtels bewohnen. In einer 
Höhe von 7000 Fuss beginnen sie schon seltener zu 
werden. Die Gebr. Schlagintweit geben für das Dauphin ö 
die oberste Grenze auf 7400 Fuss, Sendtner für Bayern 
die des Rhod. hirsutum auf 7500 Fuss an, während 
die kleinern Alpenpflanzen bis 9000 resp. 8500 Fuss 
ihre Rasen noch reichlich entfalten. — Martins hat 
durch verschiedene Messungen die mittlere obere Grenze 
auf 2120™ bestimmt , *de* Candolle nimmt dieselbe zu 
2500"* an. Die untere Grenze kann man im Mittel 
auf 1600™ annehmen; oft aber fällt sie schon mit 
der obersten Orenze des Laubwaldes zusammen, und 



3G2 Christ. 

zwar so, dass die Alpenrosen häufig an den lichtem 
Stellen des Nadelwaldes das Unterholz bilden, oder 
die offenen Räume des obern Waldgürtels einnehmen. 
In den Thalrinnen steigen sie unter Umständen sehr 
tief herab, ja bis zu den tiefsten Stellen, die über- 
haupt am Fusse der Alpen möglich sind. Namentlich 
ist es die rostfarbene Art, die sich solchen abnormen 
Standorten anbequemt. Sowohl im Süden als im Norden 
der Alpenkette sind solche Lokalitäten zu beobachten, 
wo durch das fliessende Wasser und den Lawinenschnee 
€olonien von Rhododendren aus der Alpenhöhe bis an 
den Spiegel unserer Seen verpflanzt wurden und sich 
*erhalten. So am Lowerzersee, an der Nase am Thuner- 
«ee (564"^). Th. Schlatter gibt an, dass sie im Rhem- 
thal bei Berneck bis zu den Weinbergen (600—700°) 
herabsteigen; namentlich an der Südseite der Alpen 
sind ähnliche Yorkommnisse häufig. Ich sah die Alpen- 
rosen bei Porta im Bergell unter mächtigen Kastanien 
bei circa 700 ™ ; bei Locarno unweit der Pteris cretica 
und des Diospyros Lotus 195°*, und de Candolle fand 
sie am untern Comersee im Hain der Villa Serbelloni 
mit den Oelbäumen bei 199™. 

Diesem Strauch ist die stete Feuchtigkeit des Bodens, 
^ie den meisten Bergpflanzen überhaupt, ein erstes 
Lebensbedürfniss. Besonders die rostfarbene Art liebt 
sogar eigentliches Torfmoor, und nirgends sind ihre 
Bestände schöner, bis 4 Fuss hoch und von undurch- 
dringlicher Dichtigkeit, als wo sie auf Torf steht. So 
auf dem sonst so öden Flyschrücken der Schwendi- 
berge ob Samen. Wo also langsam abschmelzender 
Schnee oder ein Bach genügsame Nässe liefert, da kann 



Die Alpenrose, 363 

^e Alpenrose tief hinabsteigen. Aber noch Eines ist 
nöthig: Schutz vor Frühlingsfrösten. In den höhern 
Lagen liefert die Schneedecke diesen Schutz in yoII- 
kommenstem Maasse. Die Rhododendren sind immer- 
grüne Gewächse; ihre starren Lederblätter ertragen 
die Insolation und die Kälte der Hochregion trefflich. 
Aber um zu gedeihen, müssen die Blätter in ihrer 
Entwicklungsepoche , wo sie sich entfalten und . nur 
allmälig aus ihrem weichen Jugendstand zu ihrer wider- 
standsfähigen Keife übergehen, gegen den Frost absolut 
geschirmt sein. In der Höhe bedeckt so lange der 
tiefe Schnee die Sträucher, als die rauhe Jahreszeit 
und die plötzlichen Sprünge der Temperatur dauern. 
Ist einmal der Schnee geschmolzen und der Strauch 
dem Licht ausgesetzt, so ist auch der Alpensommer da, 
und ungestört kann die Vegetation beginnen. Nicht 
80 in der Tiefe. Hier ist schon längst der Schnee be- 
seitigt, während noch starke Nachtfröste eintreten und 
den Rhododendren, die bereits in Folge des Licht- 
reizes und der Tagesinsolation zu treiben beginnen, 
mit dem Tode drohen. Nur wo tiefe Beschattung, 
Schutz durch angesanmdelten Lawinenschnee oder ähn- 
liche lokale günstige Verhältnisse walten, da kann 
auch bis in die unterste Region die Alpenrose gedeihen, 
und man wird bei der Untersuchung jener angeführten 
merkwürdig tiefen Lagen stets finden, dass sie irgend eines 
solchen Schutzmittels gemessen. Es ist auch erklärlich, 
wesshalb diese ausnahmsweise tiefen Stationen am Süd- 
abhang der Alpen am häufigsten sind. Denn gerade 
die Südhänge sind die, welche bei weitem die reich- 
lichsten Niederschläge empfangen, und daher feuchte 



364 Christ. 

Standorte und frischen, stets benetzten Grund selbst 
in tiefster Lage viel eher ermöglichen, als dies irgendwo 
sonst der Fall ist. In unsem Gärten verhalten sich 
unsere Alpenrosen genau wie die exotischen, grosse» 
Rhododendronarten. Sie wollen I^aub- oder Heide- 
grund, wollen geschützt sein gegen die Nachtfröste, und 
Austrocknung des Grundes bringt sie um. 

Das Rhododendron hat, obschon ein immergrüner 
Strauch, doch als Alpenpflanze eine kurze Vegetations- 
periode. Wo das Klima der Tiefe sie zu sehr verlängert, 
da wird auch die Kultur desselben leiden, und nicht bloss 
dadurch, dass die Gefahr der Nachtfröste droht, son- 
dern auch durch Erschöpfung der Pflanze, die nun in 
verlängerter Laubbildung die Kräfte verbraucht, die" 
bei kürzerer Vegetationszeit und rascherem Wechsel 
von Winter und Sommer, also stärkerem Reiz, sich auf 
die Blüthe concentriren. Am besten gelingt die Kultur 
aus Sämlingen, weil sich diese dem Klima, in dem sie 
erzogen worden sind, am besten anbequemen. Direkt 
aus den Alpen nach der Tiefe versetzte Sträucher 
machen in der Regel wenig Freude. 

In deni feuchten Klima und Boden der Niederlande 
und Englands, wo unsere Alpenrosen zugleich mit den 
pontischen und amerikanischen in Gruppen von Laub- 
erde unter freiem Himmel gehegt werden, gedeihen sie 
schon entschieden besser, als in unseren . Ebenen und 
warmen Thälern, wo die Austrocknung des Standorts 
ihnen so häufig ein trauriges Ende bereitet. Nie sah 
ich einen reichern Gartenflor dieser Alpentöchter, als 
am Ufer des Meeres in Holland. 

Die obere Grenze des Vorkommens ist dadurch 



Die Alpenrose. 365 

gegeben, dass der Sommer nicht mehr die, für die obschon 
kurze Vegetationsperiode des Strauches nöthige Dauer 
besitzt. In Höhen von 9000 Fuss mag die Zeit, während 
welcher die Erde schneefrei ist und die Insolation die 
Oberfläche stark erhitzt, wohl noch einer Cherleria, 
einer Saxifraga gentigen, um ihre kleinen Organe zu 
entfalten und ihre kurzen Internodien zu verlängern ; 
der höhern Organisation des holzigen Rhododendron 
ist ein früheres Ziel gesteckt. 

Ein anderer Werth, als den oben genannten auf- 
fallenden Tief lagen, kommt den isolirten Stationen des 
Rhododendron zu, die Heer (auf dem Hörnli, R. hirsutum) 
und Fischer (auf der Höhe bei Hinterfultigen, Schwarz- 
wassergebiet , circa 800™, R. ferrugineum) anführen. 
Jene trans- und subalpinen Lagen stehen mit dem 
darüber an den Berggräten sich ausbreitenden, normalen 
Hauptareal der Pflanzen in direkter, durch Bachrinnen 
und Lawinenzüge stets neu vermittelter Verbindung. 
Diese isolirten, im campestren oder doch kaum mon- 
tanen Tafelland der mittlem Schweiz eingestreuten 
Stationen entbehren aber jeder solchen Verbindung, 
und sind nur als insular erhaltene Reste älterer, aus- 
gedehnterer Areale zu begreifen. Diese Alpenrosen- 
nester, die sich nach Zeitungsberichten noch ander- 
wärts finden sollen, und die mitten unter den Laüb- 
waldbäumen der niedern Region und im Molassegebiet 
uns recht vereinsamt anmuthen, gehören noch der alten 
« Moränenflora » an, d. h. den Resten jener Vegetation, 
welche zur Zeit der grossen, das schweizerische Plateau 
bedeckenden Gletscher der Diluvial- und wohl auch 
der Pliocenperiode die Moränen und Umgebungen dieser 



366 Christ 

Gletscher bedeckte, ond welche sich heute nur in der 
alpinen Höhe in zusammenhängendem Teppich er- 
halten hat. 

Etwas verschieden verhält sich die rostfarbige von 
der behaarten Art. Den Preis der Schönheit wird man,. 
uUes wohl erwogen, der letztern zugestehen müssen,, 
obschon sie nicht so hohen, kraftvollen Wuchses ist,, 
als erstere. Die rostfarbene hat den Charakter eines 
südlichen Strauchs in höherm Maass: sie bildet den 
Uebergang von der * Myrten- zur Oleanderform >, wenn 
wir Grisebach's Bezeichnung der physiognomisehen Er- 
scheinung folgen wollen. Die behaarte hält sich durch- 
aus in den Dimensionen der Myrtenform: sie ist viel 
niedriger, die Aeste kurz und reichlich verzweigt, aber 
die Zartheit des kleinern gewimperten Blattes, das 
freudigere Grün und vor Allem die zartere, offenere, 
heller und leuchtender gefärbte Corolle trägt den Sieg 
über die stolzere Schwester davon. Sie ist im Ver- 
gleich zur rostfarbenen Art weit mehr Felsenpflanze, 
weit mehr Bewohnerin trockenerer Stationen und kommt 
nie im wahren Torfgrund vor. Nur die rostige, nie 
die behaarte, entfernt sich so weit von ihrer ange- 
stammten Zone, wie wir es oben schilderten. Als trockene 
Felsenpflanze ist die behaarte eine sehr entschiedene 
Kalkpflanze, denn der Kalkfels ist ja im Gegensatz 
zum Ur- und Flyschgebiet vorzugsweise zur Bildung 
trockener Stationen geeignet. Im ürgebirg des Ober- 
engadins, wo die rostfarbene Art so häufig ist, bald als 
Unterholz im Lärchenwald, bald ganze Abhänge über- 
ziehend, muss man die wenigen Kalkbänder aufsuchen, 
so die am Eingang des Val Fex, um das R. hirsutnm 



Die Alpenrose, 367 

zn grüssen. So kommt es, dass in der Regel die Vor- 
kommnisse beider Arten räumlich ziemlich scharf ge- 
schieden sind. Aber absolut ist die Scheidung dess- 
halb nicht. Nach Nägeli's schönen Beobachtungen 
findet sich, wenn in einem Gebiet nur eine Art auftritt 
— und dies ist besonders in den Westalpen und den 
Pyrenäen der Fall, denen hirsutum fehlt — diese eine 
Art bald auf Kalk, bald auf Granit ; ebenso aber auch^ 
wenn in einer Gogend beide Arten nur sparsam vor- 
handen sind. Wo aber beide Arten benachbart und 
massenhaft auftreten, so zeigt sich als Resultat der 
Wettbewerbung um das Terrain, dass sich nach und 
nach jede Schaar auf das ihr günstigere Gestein zurück- 
gezogen und daselbst die andere total verdrängt hat. 
Wir erwähnten, dass die Alpenrosen häufig den 
Alpenwald als Unterholz belebten, und bald den weiss 
gehärteten Tannen, Lärchen und Arven, bald auch 
dem seltsam zerbogenen und knorrig umherkriechenden 
Wald der Sumpfföhren (Pinus montana MilL), so auf 
dem Schwendiberg , Kanton Unterw^alden , mit ihren 
leuchtenden Blüthenmassen zur wunderbaren Zierde 
dienen und ihr Dunkel erhellen. Aber noch häufiger 
überziehen sie alleinherrschend und Alles verdrängend 
die baumlosen Abhänge der Hochalpen, so dass sie 
ganze Thalhintergründe in dunkles Braungrün, und zur 
Blüthezeit in tiefen Purpur kleiden. Namentlich zeich- 
nen sich die waldentblössten Hochthäler Mittelbündens 
durch diese Decke von Rhododendron aus. Es ist kein 
Zweifel, dass in früherer Zeit ein grosser Theil dieses 
freien, nunmehr unserm Strauche ganz anheimgefallenen 
Areals mit Wald bestanden, dass mithin die Alpen- 



1 



368 Christ 

rose an diesen Stellen Unterholz und nicht ausschliess- 
licher Bestand war; üeherall deutet wenigstens die 
tiefere Hälfte des Alpenrosengürtels den alten Wald- 
boden an. Erst in grösserer Höhe, wo der Humus 
dem Gestein weicht, und wo die Alpenweiden (Salix) 
und die kümmerliche Arctostaphylos sich einstellen, ist 
man definitiv über dem möglichen Waldboden, aber hier 
nimmt auch der normale, hohe Wuchs der Alpenrosen ab. 
Jene reinen Rhododendronbestände geben, so herr- 
lich der Strauch im Vordergrund und in der Einzel- 
betrachtung sich ausnimmt, der Gegend im Ganzen 
einen dunklen, melancholischen Ton. Sie bieten den 
alpinen Hühnerarten reichliche Unterkunft, vielleicht ' 
auch durch die Knospen einige Nahrung, und häufig 
brechen die Flüge des Schneehuhns, des Steinhuhns 
aus ihnen hervor. Darum war auch der Name « Hühner- 
staude > in der deutschen Schweiz an den meisten 
Orten verbreitet und hat vor dem ästhetischen der 
Alpenrosen wohl die Priorität. Merkwürdig ist, dass 
im romanischen Wallis der Name Reselin (Froßbel 
schreibt Rescheleng), ohue Zweifel mit dem dentschen 
Röslein verwandt, sich findet. Nach Prof. Favrats 
freundlicher Mittheilung sind im waadtländischen Patois 
die Namen Rosalai, Arzelai, Orzalai in Gebrauch, 
welche alle auf den Stamm Rosa deuten, aber auch 
der ganz originelle «Antenet», der mich an die Be- 
nennungen für die Vacciniumarten ; Ambroches, Am- 
bresailles etc. erinnert. Im Oberengadin, wie auch im 
Tessin, lautet der Name «Giup». — In Tyrol heisst die 
Pflanze ursprünglich Rausch, Almrausch. Schon Clusius 
in seinem Werk über die österreichischen und ungari- 



Die Alpenrose. 369 

«eben Pflanzen (Ende des 16. Jahrhunderts) erwähnt 
Hühnerstaade und Rausch als bekannte Trivialnamen 
der östlichen Alpen. — Dass die alten Meister : Gessner, 
Clasins, Bauhin bis zu Haller den für den weissen 
Sampfporst des Nordens längst gebräuchlichen Namen 
Ledum auf die Alpenrose übertrugen, zeugt von ihrem 
feinen Blick für die innere, natürliche Verwandtschaft 
der Pflanzen : denn keine Form der Ebene kommt den 
Rhododendren so nahe als jener schöne Strauch der 
deutschen Moore, der freilich durch fast nadelartig 
schmale, weil eingerollte Blättchen einen durchaus 
nordischen Habitus trägt. 

Unsere Alpenrosen halten sehr genau ihren Typus 
fest : namhafte Varietäten (besser Formen) zeigen sich 
nirgends. Exemplare der Pyrenäen und der Ostalpen 
sind gar nicht zu unterscheiden, und nur die sieben- 
bürgische Form lässt einige schwache Unterschiede be- 
merken. 

Dagegen bilden sich an Standorten, wo beide Arten 
zusammen wachsen, nicht selten Zwischenformen, die 
In ihrer Erscheinung die Mitte halten, und zwar so, 
dass mit dem Wuchs und dem Habitus der rostfarbenen 
Art die Blattmerkmale der behaarten Art bald stärker, 
bald schwächer verbunden sind. Diese Formen sind 
ohne allen Zweifel als Hybride aufzufassen (R. ferru- 
gineo-hirsutum, von Tausch als besondere Art : R. inter- 
medinm aufgestellt). 

Keine besondere Form, sondern einen blossen zu- 
fälligen Dimorphismus in der Farbe bildet die rost- 
&rbene Alpenrose mit rein weisser Blume, die hie und 
da — immer selten und ganz einzeln mitten unter 

24 



370 Christ. 

den rothen — sich findet, und eine wirklich pracht- 
volle Erscheinung bietet, die einigermassen an das 
reizende Ledum palustre der nordischen Hochmoore 
erinnert. 

Hie und da kommt sogar eine « gefüllte > Alpen- 
rose vor, indem sich durch Wucherung die Krone ent- 
weder ganz oder nur segmentweise verdoppelt. Im 
Tessin, am Monte Baldo und andern Orten des feuchten 
Südfusses der Alpen soll dies gar nicht selten sein. 

Noch sei erwähnt, dass in den Ostalpen vom üm- 
brail und Wormser Joch, und von den Alpen des 
Comersees durch Oesterreich bis in die siebenbürgischen 
Carpathen, sowie in Ostsibirien ein kleines Sträachlein 
vorkommt, das früher zum Geschlecht der Rhododen- 
dren gezählt wurde, aber durch eine ganz offene, rad- 
förmige CoroUe stark abweicht, und dermalen zu einem 
andern Genus gezogen und Rhodothamnus Ghamsecistas 
Rh. genannt wird. Seine Verbreitung fällt mit der 
vieler nordasiatisch - alpiner Alpenpflanzen, z. B. des 
Edelweisses, Leontopodium u. s. w. zusammen, und wir 
berücksichtigen sie in unserer Betrachüing weiter nicht 

Endlich wird noch von einigen Botanikern jener 
der Flora des Pontus angehörige, aber bis Volhynien 
und Lithauen ausstrahlende Strauch mit gelben, stark 
duftenden Blumen zu den Rhododendren gezählt, den 
Linne Azalea Pontica, Reichenbach Anthodendron Pon- 
ticum nannte. Es ist eine Pflanze der Waldregion, die sich 
mit dem späterhin zu nennenden echten Rhododendron 
Ponticum räumlich häufig berührt. Sie ist durchaus 
mit den indischen Azaleen verwandt, durch abfallendes 
Laub und andere Merkmale deutlich von den wahren 



Die Alpenrose, 371 

jllpenrosen geschieden, und auch sie lassen wir hier 
bei Seite. 

Verfolgen wir nun das Vorkommen unserer beiden 
echten Alpenrosen über ihr Gesammtgebiet hin. 

R. ferrugineum L. folgt dem Hauptstamm der 
Alpenkette mit grösster und consequentester Treue von 
West nach Ost. Gehen wir von unsern Grenzen nach 
Osten, so können wir sie durch Tyrol, Oberbayern und 
die österreichischen Länder bis zu den ausklingenden 
Ketten Niederösterreichs und der Wiener Gegend ver- 
folgen. In den Westalpen geht sie bis in die Berge 
ob Nizza , wo ich sie am Col delle Finestre noch in 
schönster Fülle sah. Aber sie hält sich an den Stamm, 
in die den Alpenzug flankirenden und von ihm ab- 
zweigenden Ketten geht sie, mit einer Ausnahme, nicht. 
Der Apennin, bis 9000 Fuss ansteigend, bietet eine 
Anzahl eigentlicher Hochalpenpflanzen; die Vogesen, 
der Schwarzwald, der Böhmerwald, die Rumelischen 
Gebirge würden climatisch dem Rhododendron treffliche 
Unterkunft geben; eigensinnig flieht sie der edle Strauch 
und bleibt den Alpen im engern Sinne treu. Nur der 
Jura hat das Privilegium — etwa weil er dem Central- 
sitz der Alpenerhebung näher sich anschliesst? — die 
rostfarbene Art in seiner südlichen, alpinen Hälfte zu 
nähren. Von da, wo er sich an die Alpen der Char- 
treuse anlehnt, über die 1500 '^ überragenden Gipfel 
zwischen Frankreich, Genf und Waadt, ziehen sich zum 
Tbeil reichliche Bestände hin; so am R^culet, der 
Döle, der Faucille, wo sie nach Grenier bis 1200™ 
Mnabsteigt, am Montendre (1680™) ob dem Jouxthal, 
ja noch im grossen Circus des Creux-du-van ob dem 



372 Christ. 

Neuchäteler See, wo de Candolle sie bei 970" it 
feuchtem Felsenschatten beobachtete. Nach Godet ist 
sie sogar noch am Chasseral von Lamon gesehen worden. 

Alles, was im nördlichen Jura von Alpenrosen be- 
richtet wird, beruht auf Verwechslung mit der entfernt 
ähnlichen Daphne Cneorum , die bei uns früher auch 
*Alpenrösli» hiess. Merkwürdig, dass im Jura, dem 
ausschliesslichen Kalkgebirge, nur R. ferrugineum vor- 
kommt, die in den Alpen dem Kalk abhold ist. Das 
erklärt sich aber aus dem Gebiet, aus dem überhaupt 
nachweislich die alpine Vegetation dem Jura zukam, 
und dem das R. hirsutum ganz fehlt. Dies Gebiet sind 
eben jene westlichen Alpen zwischen Isere und Rhone, 
und nicht die Schweizer Alpen, wie man anzunehmen 
geneigt sein könnte. 

In den zwei mächtigen Flügeln der Alpen, den 
Pyrenäen und den Carpathen, findet sich unsere Art 
wieder. Vom Osten der Pjrrenäenkette bis über die 
centralen Theile hinaus ist sie häufig ; sie nimmt nach 
Ramond eine Zone von 1600-2600 " ein, und geht 
am Canigou bis 1322 ™ hinab. Aber weder in dem 
hohen vulkanischen Stock der Auvergne, wo doch 
mehrere hochalpine Pyrenäenarten vorkommen, noch 
in den spanischen Sierren hat sie Wurzel gefasst, genau 
so wenig als in den Apenninen. 

In den hohen Centralcarpathen, die bis um 
2400™ sich erheben und der Alpenpflanzen genug 
bieten, hat sie Wahlenberg nicht gefunden. Dagegeo 
findet sie sich in einer etwas kleineren Form (R. fer- 
rugineum Baumgarten = R. mjrrtifolium Schott) in den 
climatisch mehr begünstigten und pflanzenreichem Ost- 



Die Alpenrose» 373 

lathen , sowohl in der Kette zwischen der Marmaros 
id Gaüzien, als in . der von Siebenbürgen und des 
lanats. 

Damit ist ihr Vorkommen abgeschlossen. 

R. hirsatum L. So häufig und massig wie in 
der Schweiz scheint diese reizende Art nirgends auf- 
mtreten. lieber die Gebirge von Hochsavoyen hinaus geht 
sie nicht, der Westen entbehrt sie durchaus, so dass 
ae in der französischen Flora von Grenier und Godron 
iusdrücklich als fehlend bezeichnet wird. Von der 
Schweiz, wo sie übrigens auch an Zahl der Individuen 
Unter dem ferrugineum weit zurücksteht, streift sie durch 
Tyrol, Salzburg in die österreichischen Alpen. Baum- 
garten citirt sie (ob mit Recht?) im Siebenbürgischen; 
Wahlenberg kennt sie in den ungarischen Central- 
carpathen nicht. Erst in neuester Zeit fand sich an 
dem Nordabhang des Gebirgs, in den galizischen Cen- 
tralcarpathen , ganz isolirt eine Pflanze, die für eine 
tihle Form unserer behaarten Alpenrosen angesehen 
^ird (R. hirs. f. glabratum Aschers. Kuhn). Ihr sicheres 
^d geschlossenes Vorkommen beschränkt sich also 
jedenfalls in der Längenausdehnung auf kaum einen 
Drittheil des Areals von ferrugineum. Ueberflüssig ist 
es, zu bemerken, dass sie allen Nebengebirgen fehlt. 

Fragen wir nun nach der Verwandtschaft und der 
Stellung unserer Alpenrosen zu der Alpenflora. Sind sie 
wirklich, wofür wir sie halten möchten: die Quint- 
essenz der alpinen Flora , in dem Sinn , dass sie so 
recht wesentlich nach Physiognomie und Verwandtschaft 
2-^ dieser Flora gehören? Wir antworten mit ent- 
schiedenem Nein. Denn nichts ist sicherer, als dass- 



1 



374 Christ 



die Rhododendren nichts mit der nordischen Flora zu; 
thun haben, die einen Haupttheil der Alpenvegetation ] 
ausmacht , und ebenso sicher erscheint es mir , dass | 
sie auch nicht zu der in der Alpenkette entstandeneu, i 
mit der Flora der Ebene verwandten Vegetation ge- 1 
hören, j 

Bekanntlich zeichnet sich die Hochgebirgsflora derj 
^mässigten Länder der nördlichen Halbkugel aus dardil 
air die kleinen perennirenden, meist wasserliebenden | 
Kräuter und Halbsträücher , die den Gräsern und i 
Cyperaceen, den Ranunculaceen, Caryophylleen, Saxi- \ 
frageen, Gentianeen, Pedicularen, Compositen, Primu- I 
laceen, Leguminosen und Cruciferen vorwiegend an- 
gehören. Von holzigen Sträuchern sind es Salices. 
Alnus, Empetrum, einige Vaccinien, Arctostaphylos und 
der kleine Wachholder, Juniperus nana. Unter diesen, 
den allgemeinen alpinen und zugleich subpolaren Charakter 
deutlich an sich tragenden Formen sticht aber eine 
kleine Gruppe von privilegirten Gestalten stark ab: 
es sind immergrüne Sträucher, deren Habitus, deren 
Verwandtschaft nach einer ganz andern Flora weisen, 
und zwar nach keiner geringern, als einer weit süd- 
licheren. Dahin zählen in der Schweiz die Erica car- 
nea L., die Polygala Chamaebuxus L. und die Alpen- 
rosen. Niemand, der die Erscheinung und Verbreitung 
dieser Genera kennt , wird mir die Richtigkeit der 
Behauptung bestreiten, dass dies Formen sind,' die 
lediglich mit südlichen Analogie haben. Die Erica 
hat kein Analogon im Norden oder auf Gebirgen; 
sie ist die nächste Verwandte der mediterranen und 
atlantischen E. multiflora und E. mediterranea. Die 



Die Alpenrose, 375 

Pjoiygala ist nur mit der P. Munbyana Boiss. des 
nordafrikanischen Littorals. oder dann mit capischen 
Arten zasanümenzustellen. 

Und nun die Rhododendren? Die_ Entwicklung des 
'^taiom^s. alß. eines straucbigen Zwergbaumes, die des 
uiu»$äegtüjisi^ ."myrten- oder oleanderförmigen Laubes, 
iBfe'.fer':i3lftelit|gfip. Blumendolde contrastirt scbarf mit 
»:ktiwii€rUcS«i,; atür.in der Corolle relativ bedeu- 
y lenden l^filtorig^ d^>-jy.penpflanzen. Und wenn wir 
nun ■ sehen , dass der Typus des Rhododendronge- 
schlechts,, wo es sich in seiner reichsten Entfaltung 
lind im freiesten Fluss seiner Gestaltung findet, ein 
Typus der südlichen Waldregion, allerdings der süd- 
lichen Bergwaldung ist , so werden wir auch nicht an- 
stehen, unsere Alpenrosen als Vertreter einer süd- 
lichem Flora inmitten unserer Alpenflora zu betrachten. 
1) Als Bildungsheerd und Ausgangspunkt der Rho- 
dodendren ist die Waldzone auf dem Südabhang des 
indischen Himalaya anzusehen. Hier finden sich, zum 
Theil ausschliessliche Waldbestände bildend, Arten bis 
zu der Höhe unserer Waldbäume in reicher Zahl. 
R. arboreum ist die dominirende Art ; sie kommt, mit 
Magnolien , . Eichen und langnadeligen Coniferen ver- 
mischt , als eigentlicher Alpenrosenwald schon bei 
^6500 Fuss Höhe vor, und strahlt auch bis in die Ge- 
birge des Dekan aus, wo sie in den Nilagiris bei 
8000 Fuss in Strauchform weite Höhen überzieht. 
Aber neben dieser Art zählen andere, Bäume und 
hohe Sträucher nach Dutzenden. R. ärgenteum blüht 
schon im April bei 8000 Fuss, während eine Menge 
anderer Arten den verschiedenen, weitern Höhenlagen 



376 Christ. 

angepasst sind, bis endlich H. nlvale auf den hocli* 
alpinen Hängen von 11,000 — 17,000 Fuss erst im 
Juli blüht. Erst diese letzte Art, mit einer Vegetations- 
periode von nur 3 Monaten, entspricht dem Gürtel un- 
serer Alpenrosen der Schweiz, die ebenfalls vom Juli bis 
September ihre Phase vollenden. Alle die zahlreichen 
Arten der untern Lagen sind Waldbäume oder Wald- 
sträucher, die mit tropischen Formen: Bambusen, Ma- 
gnolien, Scitamineen, Baumfarnen, Lorbeeren zu- 
sammenwachsen. 

Ich theile einige Stellen aus J. D. Hookers Hima- 
layan Journals mit, welche diese Bhododendronbestände 
näher beschreiben: 

Am 11. Juni 1849 befand sich der Reisende int 
obern Zemuthal, in Sikkim, im östlichen Himalaya^ 
bei einer Temperatur von 70 ^ Fahrenheit um 1 Uhr 
Mittags und einer Höhe von 11,993 englischen Fuss^ 
Rhododendren bedeckten alle hervorragenden Punkte,, 
die Bergabhänge mit einem tiefgrünen Mantel ein- 
hüllend, der von den glänzenden Blüthengarben schil- 
lerte ; von den acht oder zehn Arten, die hier wuchsen, 
war jeder Busch mit einer so grossen Verschwendung 
von Blumen beladen, wie die verwandten Arten m 
unsern englischen Gärten. 

Anfangs November 1 849 sah Hooker auf dem Chola- 
pass, bei strengem Nord Ostwind, dickem Reif und einer 
nächtlichen Temperatur von 27 ^ Fahrenheit, zwischen 
10,000 und 13,000 Fuss, die breiten Blätter der 
Alpenrosen gekräuselt von der Ausdehnung der ge- 
frorenen Säfte in den Zellen an der Oberfläche der 
Blätter, welche der grössten Kälte infolge der Strab- 



Die Alpenrose, 377 

hng ausgesetzt ist. Die Sonne stellte sie wieder etwas 
her, aber beim Herannahen des Winters schrumpften 
sie unwiderruflich zusammen und hiengen an den Endea 
der Zweige nieder. 

(Diese Frostwirkung kommt bei unsern klein- und 
hartblättrigen zwei Arten wohl nur selten vor; ich 
habe sie nie beobachtet.) 

Im April und Mai 1848 hielt sich dagegen Hooker 
in dem niedrigem Theil des Gebirgs von Sikkim, bei 
Dorjiling auf, in der Höhe von 7000 bis 8000 Fuss, 
gerade zur Blttthezeit des hier in schönster Blüthe pran- 
genden Rhododendronwaldes. 

Dominirend war eine weisse Magnolia (M. excelsa)^ 
die so reich blühte, dass die Wälder an den breiten 
Abhängen der Berge wie mit Schnee gesprenkelt aus- 
sahen. Daneben trat eine rothe Magnolia (M. Camp- 
beUii) auf, ein ungeheurer Baum, blattlos blühend^ 
nnd an den Enden der Zweige mit hellpurpurnen,, 
grossen becherförmigen Blumen, deren fleischige Fe- 
talen den Boden bestreuten. Auf ihren Aesten, und 
anf denen der Eichen und Lorbeeren, wächst als Epi- 
phyt Rhododendron Dalhousiae, ein schlanker Strauch^ 
von 3 zu 6 weisse citronenduftende Glocken, 47^ Zoll 
lang und eben so breit, am Ende jedes Zweiges tragend. 
In diesen Wäldern ist R. arboreum, mit Scharlach- 
biumen, sehr selten, und wird ersetzt durch das grosse 
R. argenteum, einen Baum von 40 Fuss Höhe, mit 
herrlichen Blättern, die 12 bis 15 Zoll lang sind, tief 
grün, oben glänzend, unten silbern, während die Blüthen 
so gross sind als die des R. Dalhousiae, aber mehr 
in Dolden vereinigt. Ich kenne, fährt Hooker fort, 



378 Christ 

keine Art, die an Schönheit einen blühenden Zweig 
des R. argenteum übertrifft, mit seinem weit ausge- 
breiteten Laub und seiner glorreichen Blumenfülle. 

Im Mai 1848, ungefähr auf gleicher Höhe, &nd 
Hooker am Tonglo, zwischen Sikkim und Nepal, den 
Wald hauptsächlich aus dem R. arboreum und d^ J 
R. barbatum bestehend, breiten, buschigen, üppigen 
Bäumen, mit ihren schönen Blüthen überladen, und 
aus R. Falconeri, in Bezug auf das Laubwerk die 
schöuste aller Himalaya- Arten , mit 30 Fuss hohem 
Stamm, und Zweigen, die nur am Ende mit Blättern 
Ton 18 Zoll Länge versehen sind, tiefgrün oben, und 
unten mit einem reichen braunen Flaum überzogen. 

2) Von diesem grossen Bildungsheerd des Hima- 
laya, diesem, obschon geographisch aussertropischen, doch 
klimatisch hochtropischen Vegetationscentrum, strahlt 
nun das Genus in mannigfaltigen Arten weithin aus. 
-Die ganze östliche Welt bietet in den Wäldern Rho- 
dodendren genug; nicht nur China und Japan, auch 
die äquatorialen Sundainseln. In Borneo und Sumatra 
beginnen sie schon bei 3000 Fuss über Meer, in Java 
gehen sie von 2000 bis 10,000 Fuss, wo von einer 
alpinen Region in unserm Sinn keine Rede ist, son- 
dern wo die Rhododendren häufig epiphy tisch, d. h. 
auf der vermoderten Rinde auf den Stämmen anderer 
Bäume hoch über dem Boden leben. Und gerade eine 
der javanisch-sumatranischen Arten, die Blume in der 
Rumphia abbildet, gleicht unsern alpinen Arten ganz 
auffallend, mehr als irgend eine der Himalayaformen 
(R. retusum). 

3) Eine den Emodischen Arten ähnliche Pracht- 



Die Alpenrose. 379 

form, ein hoher Strauch, kommt in unserer nähern 
Nachbarschaft, in der Waldzone am Pontus und öst- 
lichen Mittelmeer vor, das auch bei uns in Gärten 
gepflegte R. Ponticum. Am westlichen Abhang des 
€aucasus wächst es von 1000 bis 5700 Fuss häufig, 
ebenso längs der Abhänge des Gebirgs am Südrand 
des schwarzen Meeres bis zum Bithynischen Olymp und 
in Syrien ob Beyrut bis in den Libanon, tiberall als 
Unterholz im Wald von Buchen, orientalischen Tannen 
und andern Beständen. Dieselbe Art, in einer etwas ab- 
weiQhenden Lokalform (R. Baeticum Webb.) kehrt, mit 
seltsamer Ueberspringung der ganzen, in neuern geo- 
logischen Zeiten so vielfach zerrütteten Mittelmeer- 
zone, an der Südspitze Spaniens wieder, und verbindet 
«0 das alte orientalische Iberien mit der westlichen 
celtisch-iberischen Halbinsel. Hier wächst sie in den 
Wäldern der Gebirge oberhalb der Meerenge von 
■Gibraltar , in der portugiesischen Serra Monchique von 
3000 bis 4000 Fuss, und in der Sierra Morena. 

3) Hier fügen sich nun unsere Alpenrosen in die 
Reihe ein. Es sind Ausstrahlungen des Emodischen 
Schöpfungscentrums, ganz so, wie die Weymouthsfichte 
des Himalaya (P. excelsa Wallich) in derselben Art, 
blos in einer etwas verkleinerten Form (P. Peuce 
Griseb.), von Simlah bis in die europäische Türkei (Pe- 
risteri) ausgestrahlt ist, ganz so, wie die mächtige 
Ceder des Himalaya (Cedrus Deodara Roxb.) noch 
weiter nach Westen, über Taurus tmd Libanon bis 
zum marokkanischen Atlas gezogen ist, in gleicher 
Art, nur in graduell verkümmerten Formen (Cedrus 
Libani Tourn., Cedrus Atlantica Mor.). 



380 Christ 

5) Es folgt nun nach dieser südlichen und mitt- 
leren die nördliche Abzweigung. Auch dem Norden, 
der Waldzone des nördlichen Asiens, sind eine Anzahl 
von Rhododendren zugekommen; eine Art davoD, 
R. chrysanthum, ist ausgezeichnet durch hochgelbe 
Blüthen; eine andere, rothe, R. parvifolium, ist sogar 
im östlichen Altai bei 50^ nördlicher Breite ein ächter 
Alpenstrauch, der von 6850 bis 8250 Fuss vorkommt, 
ganz wie das weisse R. caucasicum, das den Cancasus 
von 5700 bis 8000 Fuss bewohnt. 

6) Eine einzige Art , also die letzte Spur der ver- 
schwindenden Ausstrahlung, ist endlich dem arctischen 
Gebiet eigen: Rh. Lapponicum, das die circumpolaren 
Gebiete des nördlichen Asiens, Lapplands, Grönlands 
und Labradors bewohnt; eine reizende Miniaturform 
mit ganz kleinen, unten rostfarbigen Blättchen und 
tiefrothen Corollen, aus denen die Staubfäden lang 
hervorstehen. 

7) Aber auch das waldige Nordamerika hat bis 
hinab zu den südlichen Staaten einige stattliche Rho- 
dodendren empfangen ; sie bilden ein die Wälder herr- 
lich mit ihren Blüthen erhellendes Unterholz bis 20 
Fuss Höhe, so R. maximum, das bis Canada geht. 
Bios das südliche Amerika hat keine Alpenrosen, was 
mit der hohen Selbstständigkeit seiner Vegetation über- 
haupt zusammenhängt und auch wieder für den asia- 
tischen Ursprung des Geschlechts spricht. Dass Li- 
vingstone in Afrika (Wayau-Land, zwischen 3000 und 
4000 Fuss, 30. Juli 1866; Zalanyama, w. vom Nyassa- 
see, 22. Oktober 1866) Rhododendren angibt, kann 
uns nicht zu sehr wundern, da dieser Welttheil, mit 



Die Alpenrose. 381 

Ausnahme seiner südlichsten Theile, dem tropischen 
Indien eine Menge seiner Pflanzenformen verdankt. 

Mithin ist das Geschlecht der Alpenrosen ein ent- 
schiedenes Waldbaum- oder Waldstrauchgeschlecht der 
südlicheren Gebirge Asiens, und nur in einzelnen re- 
dozirten Formen steigt es ausnahmsweise in die Alpen- 
höhe über dem Wald und in den hohen Norden. 

Ich glaube, damit dargethan zu haben, dass die 
Alpenrosen in unserer Alpenvegetation eine Ausnahme, 
ein wunderbar assimilirtes Glied einer wärmeren, süd- 
licheren Vegetation sind. 

Sobald wir aber diesen Begriff feststellen, so 
sprechen wir für die meisten unserer Schweizer Geo- 
logen auch ans, dass diese Form als eine paläophytische, 
als eine relativ ältere zu bezeichnen sei. Denn wenn 
die Stufenfolge richtig ist, dass auf die Moränen- und 
Alpenflora bei uns die triviale europäisch-nordasiatische 
Wald- und Ebenenflora folgte, und dass jener Alpen- 
flora eine wärmere, der mediterranen, ja zum Theil 
der indischen analoge, die tertiäre Flora vorausging, 
nun, so muss konsequent angenommen werden, dass 
der Alpenflora nur aus dieser letztern, der tertiären, 
die Rhododendren erhalten werden konnten, denn die 
triviale nordasiatische Wald- und Wiesenflora hat keine 
Rhododendren zu verschenken, sie konnten uns nicht 
erst mit dieser Flora neu zugekommen, sie müssen uns 
vielmehr von der tertiären Flora her als ein Vermächt- 
niss hinterlassen worden sein. 

Ob nun diese Folgerung richtig ist, werden viel- 
leicht die Geologen eines schönen Tages dadurch be- 
weisen, dass sie uns Reste der Rhododendren aus den 



382 Christ, 

jüngsten tertiären Schichten vorlegen. Vorläufig spricht 
dafür die Thatsache, dass unsere Rhododendren überall 
so äusserst constant den Typus bewahren und nennens- 
werthe abweichende Formen nicht aufweisen. Wenn- 
die Geschlechter, deren Arten in fast unendlicher 
Mannigfaltigkeit variiren und ineinander verfliessen 
(Hieracium, Kosa, Rubus etc.), relativ neu und noch 
nicht zu ihrer definitiven Anpassung gelangt zu sein 
scheinen, so machen so starr fixirte Formen, wie die 
Rhododendren, den Eindruck des längst Eingelebten 
und Alten. 

Gegen die Annahme dor palaeophytischen Natur 
der Alpenrose spricht hinwieder die merkwürdig ge- 
schlossene Form der Areale, und 'deutet eher auf 
eine neue Verbreitung, als auf den Rest eines uralten 
Vorkommens. So viele Alpenpflanzen, die wir auf die 
glaciale, also die quaternäre oder gar pliocene Periode 
zurückführen, zeigen uns durch merkwürdige Zerstücke- 
lung und Isolirung ihrer Standorte, dass sie heute nur 
noch in Trümmern früherer Areale vorhanden sind. 
Diese Isolirung geht so weit, dass nur noch einzelne 
Individuen die frühere Existenz der Art bezeugen oder 
dass auch diese schon ausgerottet sind, und nur histo- 
risch das Dasein in ganzen weiten Gebieten bezeugt 
werden kann. Ganz anders bei unsern Alpenrosen. 
Wo sie vorkommen, sind sie massenhaft verbreitet, und 
der Umriss des Areals ist ein so schön abgerundeter, 
dass selbst sehr benachbarte Gebirge durch die Grenz- 
linie vom Areal getrennt werden. Aehnlich scheint 
es, so weit man weiss, n^it den meisten andern Ai*ten 
des Geschlechts sich zu verhalten ; eine feste Geschlossen* 



Die Alpenrose, 38^ 

Mi des Areals, der Vorkommnisse wie das R. Ponticum 
nnr als Ausnahme gegenüberstehen. Dies ist aber der 
Charakter eines Typus, der sich rasch, energisch, mit 
einem Ueberschuss vitaler Kraft des Terrains bemäch- 
tigt, nicht der eines aus alten Perioden hinüber- 
geretteten Greises. 

Auch die merkwürdige Harmonie , mit der fast 
jedem grössern Gebirg der alten Welt seine besonders 
ausgeprägten Arten zugetheilt sind, deutet nicht auf 
einen alten Zustand der Dinge, den die Zeit und die 
Mitbewerbung schon lange benagt. 

Doch ich widerstehe hier dem Fluss der Gedanken, 
die- so gern an die Thatsachen sich anknüpfen und 
unsk-nur zu leicht weit über sie hinaus, in die Wolken- 
regionen entführen, wo ja die Alpenrose am schönsten 
" bltiht. Einst wird auch in die Geschichte der Pflanzen- 
verbreitung Licht fallen, und die Alpenflora wird — 
das ist schon jetzt zu sagen — der Docht sein, aa 
welchem es sich entzündet. 



Quelques arbres de nos forSts. 



Par 
Charles Beii;hölet, 



Les sapins sont sans contredit les arbres qui dans 
fios for^ts occupent la place la plus importante. Les 
pins et les m^l^zes, dont le bois nous est si pr^cieax, 
se rangent dans la m^me famille, celle des coniferes. 

Par sa repartition dans le temps et Tespace, anssi 
bien que par les caracteres particuliers qui le dis- 
tinguent, ce groupe de v6getaux offre un int6r6t tont 
special. 

C'est par cent milliers d'annees qu'on doit remonter 
le cours des siecles pour arriver ä l'apparition de ses 
Premiers repr6sentants. Si ces arbres, dont on retrouve 
les d6bris fossiles dans nos roches les plus anciennes, 
pouyaient nous raconter les rövolutions qui ont dös 
lors transform^ la surfe,ce du globe, ils nous diraient 
comment ils yivaient alors paisiblement en soci^t6 des 
grandes fougeres et de pr^les gigantesques , dans des 
for^ts oü Jamals la cogn^e n'a retenti, et oü möme 
le chant des oiseaux et le cri des b^tes fauves etaient 



Qt^Iques arhres de nos foi'ets. 385 

€nc^re inconnus. 11s abritaient de leurs verts rameaux 
des iles solitaires, oü quelques etoiles de mer, fixees 
tu sol par de longues tiges, composaient avec d'autres 
zoo]ihytes la premiere avant-garde des ^tres animes. 

Les flots de l'Ocean baignaient alors nos rives, 
nos salines de Bex en sont un precieux souvenir. 

Ils nous raconteraient ensuite comment se formerent 
nos roches calcaires, et nous decriraient les Elegants 
coraux et les innömbrables coquillages qui se sont 
charges d'en construire des couches gigantesques. 
• Plustard les palmiers, les lauriers, les acacias, 
appuyes de toute une armee d'autres vegetaux du 
midi, firent Invasion dans nos contröes; les coniferes 
se retirerent et des rhinoceros, des tapirs, de redou- 
tables crocodiles succMerent aux animaux etranges 
qui avaient habite nos iles madreporiques. 

Mais ä leur tour les üers palmiers durent eöder 
le terrain, ils furent ensevelis sous les sables de nos 
inolasses et lorsque les Alpes souleverent leurs chalnes 
gigantesques, les couches seculaires sur lesquellesils 
avaient vecu, furent d^chirees et plissees comme un 
leger v^tement. Puis de vastes glaciers recouvrirent 
durant -biendes si^cles Tetendue enti^re du plateau 
STÜsse et y repandirent les granits des hautes Alpes, 
qu'ils transportörent m^me jusqu'ä mi-hauteur du 
Jura. 

Cependant les glaciers aussi ont fini par battre en 
retraite, nos vallees ont repris leur verdoyante parure 
et lorsque nos premiers ancßtres penetrerent en Helvetie, 
les sapins et les mölözes, auxquels aucun palmier ne 
portait plus ombrage, älan^aient gatment leurs cimes 

25 



386 Bertholet. 

an-dessns des hStres et des ^rables, avec lesquels il& 
vivent encore en fort bonne intelligence. 

Aujourd'hui nos coniferes forment une sombre 
ceinture autour de rhemisphöre boreal, dont ils 
occupent en maltres' les regions temperees. Ce- sont 
les arbres qui s^^levent le plus haut snr nos Alpes.. 
Les especes qui nous en presentent les snjets les plus 
gigantesques sont r^pandues dans les Montagnes Ro- 
cheuses et les Andes maritimes, oü Ton rencontre des 
arbres depassant 100"* de hauteur et dont la circon- 
ference ä la base peut atteindre 30 ™. Ces arbres ont 
nn äge de plasieurs milliers d'annees. 

Les coniferes se distingaent par la simplicite qui 
a pröside ä la distribation de lenrs organes essentiels. 
Yens connaissez la fleur du poirier, vons savez avec 
quelle soUicitude la natare Ta dotee de chauds et 
riches v^tements. Son vert calice est le mantean qoi 
la pröserve contre les gels, sa corolle est sa robe de 
noces; dans les beanx jonrs du mois de mal eile etale 
ses petales d^nne 6clatante blanchenr poar permettre 
au soleil de r^chauffer ses d^licates etamines, qoi 
repandent alors leur poUen, cette fine poussiere dor^e, 
sur le pistil qu'elles entourent. Celui-ci le transmet 
aux OYules, cach^s sous les ^paisses earpelles dont il est 
compos^, et das lors les graines se d^yeloppent, la 
poire s'acc7)!t et mürit, et lorsqu'elle nous rafraichit 
de sa cbf r d^licate, les pepins sont tout pr^ts k 
produire e nouveaux poiriers. 

Sur 3s sapins les Etamines, d^pourvues de tonte 
enveloi, t, sont simplement groupöes en 6pis serr^, 
croissant autour des jeunes brancbes, et les ovales 



Quelques arbres de nos forets. 387 

qai doivent sa transformer en graines, sont döposes 
sur de petites feuilles ou carpelles ouvertes , serres en 
cönes k Textr^mite des rameaux. Le poUen doit donc 
pour les feconder , voyager dans Tatmosphere , et une 
bien faible partie de celui qui est r^pandu dans les 
airs reussit ä parvenir jusqu'ä destination. Souvent, 
sartont dans les montagnes, la plnie, la neige ou les 
gels revenant brusquement interrompre les beaux jours 
de mai, entrainent ou detruisent la poussiere f^con- 
dante, et les semences manquent en automne ; mais le 
sapin est un vegetal seculaire; Texistence de Tespece 
ne pent ^tre compromise, si quelques väterans tombent 
sans Stre imm^diatement remplaces par de nouvelles 
recrues. 

D'ailleurs il repand son pollen avec une teile pro- 
füsion, quo les champs voisins en sont parfois comme 
soufres; on n!a pas manqu^ dans ce cas d'annoncer 
des pluies de soufre, et quelquefois meme d^en con- 
dure ä de sinistres presages; on eüt mieux fait 
d-ouvrir les yeux, k Texemple des abeilles, qui savent 
fort bien decouvrir la source de ces pluies, et qui 
dirigent leor vol vers nos formte de sapins en fleurs, 
pour y butiner activement leur miel le plus exquis. 
Paryenue ä maturite la graine de sapin a la forme 
d'un petit oeuf, mais sa taille 6gale ä peine celle d'une 
lentille, eile est pourvue d'une alle lögere qui pennet 
au vent de la räpandre ä une certaine distance. 
Quoiqne d^jä müre en automne, cette semence attend 
pour s'echapper que le soleil et la bise de mars 
entr'ouvrent les ^cailles de la pive; cette circonstance 
en facilite considerablement la r^colte. Les graines 



1 



^88 Bertholet. 



qui rencontrent une terre fraicbe, couverte d'une mousse 
legere, un peu de bon terreau dans les fentes de 
rochers, ou simplement nn vieux tronc d'arbre, germent 
au bout de 5 ä 6 semaines, et etalent en etoile les 
sept ä huit petites feuilles qui se trouvaient dejä 
formees dans la semence, pleines du suc nourricier 
destin^ ä soutenir la jeune plante en attendant que 
ses racines soient en ^tat de la nourrir. 

Quelquefois ces fines aiguilles, serrees ä leur sommet 
par Tenveloppe de la graine, forment un joli cerceau 
coifFe d'un capuchon , dont . un oiseau se Charge par- 
fois de les delivrer, croyant happer un grain mieux 
fourni. 

Durant la premiere annee, le sapin ne s'^leve guere 
a plus d'un pouce au-dessus du sol; trois ans, quatre 
ans se passent et le futur roi des for^ts est encore 
regarde de haut en bas par les herbes les plus Ephe- 
meres. II n'a pas bäte de dominer, et songe peut- 
^tre en souriant que lorsque son tour viendra öe ne 
sera pas pour un jour seulement. Entre 10 et 15 ans 
le jeune sapin pourrait ä la rigueur fournir un manche 
de fouet ; des lors, il etale chaque annee une nouvelle 
couronne de verts rameaux au centre desquels s'eleve 
la Cime elancee qui, surmontee ä son tour, mais gagnant 
en epaisseur, finira par former le tronc vigoureux dn 
geant de la for^t. Dans une de mes premieres 
courses forestieres, j'avais öt<5 frappd d'apercevoir qne 
la Cime des jeunes sapins semblait oublier de revivre 
au souffle du printemps , tandis que les jets latdranx 
etaient dejä fort ayances, ceci me semblait peu natural 
car enfin ces jeunes rameaux dont le r61e est passager, 



Quelques arhres de nos forets, 3K) 

sollt de moindre importance et doivent plus tard dis- 
laraitre^ tandis que la cime, Organe essentiel, eftt du, 
k mon avis, mieux profiter de la belle saisoii. L'expli- 
cation ne se fit pas attendre ; quelques jours plus tard 
apres un retour de froid, les jeunes pousses laterales 
etaient, ainsi qu'on s'exprime, «grillees» par le gel, 
tandis que le jet central, encore bien abritt sous son 
capuchon d'^cailles, ^tait demeure intact. 

A 25 ans, le jeune sapin est de taille ä donner 
une presse de char, ä 40 ans un faible chevron. 

Ce n'est guere que yers 60 ans qu'il livre des 
graines fertiles, et si Ton veut exploiter des billes de 
sciage, qui en sont le produit le plus precieux, il faut 
au moins le laisser vivre jusqu'ä Tage des centenaires. 

Et ceci, notez le bien, seulement dans des con- 
ditions tout-ä-fait favorables, lorsque le sol est bon 
et le climat tempere. Sur les montagnes, oü les for^ts 
jouent le röle le plus important, et dans d'autres cir- 
constances moins propices, Taccroissement du sapin 
est plus lent encore; j'ai coupö moi-m^me un sapin, 
dont les couches annuelles indiquaient distinctement 
l'äge de 90 ans et qui avait k peine 8 pieds de haut 
et 2 pouces d'epaisseur k la base. Celui-ci n'avait 
souffert que du manque de lumi^re; lorsque les mor- 
sares des chevres , l'äpret^ du climat ou la pauvrete 
du sol s'ajoutent k ce facteur, on voit des exemples 
plus frappants encore de cet accroissement presque 
inappi-eciable. Le sapin rouge n'est fixe au sol que 
par des racines tragantes; celui qui croissant isolement 
etend de tous c6t^s ses branches vigoureuses, developpe 
en Proportion ses racines, et resiste bien aux assauts 



390 Bertholet 

des vents; mais ceux qui ayant vecu au miliea d'un 
massif serr6, possedent peu de branches et moins de 
racines encore, ne peuvent rösister k Touragan, lors- 
qu'ils y sont brusquement exposäs par une exploitation 
mal dirigee.*) 

Le forestier doit tenir corapte de ces circonstances 
et de bien d'autres, lorsqu'il fixe Tage d'exploitation 
et la marche des coupes dans une foröt; une r6gle 
excellente ici, se trouve inapplicable ailleurs, et c'est 
un des beaux cötes de cette vocation, comme en g6neral 
de Celles oü rhomme a directement k faire avec ia 
nature, qu'elle enseigne ä beaucoup observer et ä 



*) A la moutagne c'est le vent qui descend des hauteurs 
qui est le plus redoutable; j'en ai vu dans le Jura des 
exemples effrayants. Sur le versant sud du Chasseral, en 
mars 1869, un coup de joran s'abattant sar une coupe trop 
claire, ^tendit sur le sol 300 sapins de forte taille, arrachant 
avec leurs racines des montagnes de terre et de vrais blocs 
de rochers. Ce dösastre repr^sentait un chaos d*un aspect 
saisissant. L'exploitation de ces bois enchevetr^s en divers 
sens ätait non seulement difficile, mais dangereuse; de magni- 
fiques pieces de service ont dd etre rMnites en b&ches faute 
de pouvoir les sortir en dimensions convenables. . 

La d^preciation des bois et les difficuit^s de la vidange 
ne sont pas les seuls inconvönients r^ultant d'nn pareil 
d^sastre; ces arbres prenant k moiti^ s^ve se pr^sentent 
dans r^tat maladif qui convient pr^cis^ment le mieux am 
insectes destructeurs des bois, cenx-ci s'y jettent alors et s'y 
propagent avec une rapidite effrayante, le bostrycbe typographe 
en particulier se rassemble bientöt en ai*m6es innombrables, 
qui se jettent alors aussi sur les sapins intacts, et qui cansent 
des dommages qu*on a peine k se figurer, surtout lorsqu'on 
connait les petites dimensions de cet insecte. 



I Qtielques arhres de nos fm'ets. 391 

I reflächir avant d'agir, et qa'elle elargit les idöes en 
iorgant k renoncer aax theories trop absolues. 

Jasqa'ici nous avons eu plus specialement en vue 
Vepicea ou sapin rouge, le sapin par excellence de 
nos Alpes. Sur le Jura c'est le sapin hlanc qui 
est le plus repandu. Sa graine, plus grosse, est pour- 
'vue d'une alle plts forte, tombe en automne avec les 
ecailles da c6ne, et decrit en descendant de gracieux 
festons dans Tespace, gräce au mouvement rotatoire 
qa'ifflprime ä sa surface inclinee la r^sistance de l'air. 
Les jeunes sapins blancs, plus delicats ä, Tegard du 
gel, demandent ä rester plus longtemps sous Tabri des 
arbres m^res; aussi leur graine plus lourde est-elle 
d^jä un indice qu'on ne doit pas enlever trop tot leurs 
protecteurs naturels. 

Gomme le prec^dent dont il se distingue par une 
ecorce grise, par ses rameaux moins arques et par 
ses aiguilles plus larges, stri^es au-dessous de deux 
raies blanches, cet arbre n'est gu^re exploitable avant 
Tage de 100 ans. 

L'un et l'autre peuvent atteindre plusieurs siöcles, 
et acquerir des dimensions considerables ; 150 pieds 
de hauteur et 20 pieds de circonference par exemple. 
La racine du sapin blanc est pivotante, c'est-ä-dire 
qu'elle s'enfonce, comme une carotte, verticalement 
dans le sol; Tarbre en aequiert plus de solidite; aussi 
r^siste-t-il mieux aux efforts de la temp§te. 

L'epic^a, plus leger, est pr^fere pour bois de char- 
pente, lo sapin blanc pour les öcuries, oü il parait resister 
plas longtemps k Thumiditä. 

Le pin sylvestre, ici plus connu sous le nom de 



392 Bertholet. 

daille, rappeile par son aspect pittoresque le pin pinier 
d'Italie ; il croit volontiers dans les expositions chaudes 
et se contente d'un sol leger. Dans les rochers il lui 
sufiit de quelques pieds de terre. On en voit parfois 
couronner des erstes rocailleuses en des lieux öü leur^ 
racines semblent uniquement plonger dans la pierre, 

Son bois, tres resineux, est de grande duree, seule- 
ment chez nous il est eclipsö par celui du melöze, 
dont la qualitö est encore superieure pour les cons- 
tructions. 

Le pin de montagne ou torche-pin , que quel- 
ques-uns considerent comme une simple variet6 de la 
daille, präsente sur les hautes Alpes un aspect tout 
particulier. Croissant sur des terrains rapides ä la 
derniere limite de la Vegetation ligneuse, il ne peat 
dans sa jeunesse räsister k la pression des neiges, et 
se couche le long de la pente pour ne s'ölever que 
plus bas, en decrivant une courbe plus ou moins 
reguliere. Comme son diametre depasse . rarement quel- 
ques pouces, sa tige rampante ne figure pas mal un 
serpent gigantesque. II rend de grands Services en 
arr^tant et coüsolidant les arides eboulis, dans lesquels 
il plante ses racines. 

Le pin aröle est un arbre tres vigoureux, de 
forme pyramidale comme nos sapins les plus räguliers; 
il se distingue en oütre ais6ment du pin sylvestre par 
ses aiguilles toujours reunies au nombre de 5, dans 
une petite galne membraneuse. Comme le torcbe-pin 
il croit ä la limite sup6rieure des forfets, mais il 
acquiert des dimensions beaucoup plus considärables; 
son bois presque indestructible possede un parfum 



Quelques arbres de nos forets, 393 

penetrant, qui le rend tres precieux pour les cona- 
tructions et pour les meubles, dont il eloigne ä tout 
Jamals les insectes parasites. Ses graines de la taille 
d'ttn gros pois, sont döpourvues d'ailes, elles tombent 
aiDsi aa pied de Tarbre, dont l'abri sera longtemps 
indispensable au jeune plant sous Täpre climat qu'il 
doit afifronter. 

Les ^cureuils sont tres friands de ces graines et, 
dans certaines hautes yall^es les hommes les recherchent 
avec une avidite qui pourrait deveriir compromettante- 
pour la conservation de Tespece. Cet arbre precieux 
est aujourd'hui fort rare dans les Alpes vaudoises; 
m§me dans le Valais, les Grisons et TOberlatid bernois^ 
on cite mainte localite, actuellement deserte, oü des 
troncs gigantesques d'aröles attestent que jadis le b^tail 
trouvait abri et päture sous leur bienfaisant ombrage. 
Depuis leur disparition les vents glaces des sommitea 
neigeuses ayant libre cours, le climat est plus äpre 
et ces regions n'offrent plus qu'un aspect desol§. J'ai 
vu dans les Alpes glaronnaises les tristes döbris de 
puissants aröles qui avaient vecu ä bonne hauteur 
au-dessus des derniers qu'on rencontre encore verts; 
les montagnards deploraient la disparition de ces arbres ; 
näamnoins ils poursuivaient avec une insouciance 
inconcevable des exploitations dont le r^sultat infail- 
lible sera d'en abaisser la limite davantage encore. 

Par ses rameaux deli^s et son feuillage vert claiiv 
le meleze contraste agreablement avec les brauche» 
noueuses et la sombre verdure des sapins; k l'instar 
de nos arbres feuillus il pälit au souffle de Tautomne 
et perd ses innombrables aiguilles qui recouvrent le 



394 Bertholet 

sol d'un engrais pr6cieux. A le voir ainsi depouille 
durant Thiver, on pourrait supposer qu'il n'a pas rang 
parmi les coniföres, qni se distingaent si bien dans 
nos contr6es par leur verdure persistante an miliea 
<des frimas, mais la disposition de ses fleurs et les 
petits c6nes oü logent ses graines, lui servent de lettre 
d'origine et ne nous permettent pas de Tecarter ici. 
Nous n'en avions d^ailleurs aucune envie, car le m^leze 
&'61evant seul avec Taröle et le pin de montagne k 
la derni^re limite de la Vegetation lignease, occnpe 
avec eux les avant-postes dans la Intte des Stres 
yivants contre les Clements d^chatnes, et veille ainsi 
^'la säcuritö de nos precieuses fordts. 

Cependant le mel^ze n^est pas absolument confine 
^ ces hautenrs; il peut descendre assez bas dans dos 
boises m^lang6s, dont il est sans contredit an des 
plus beaux ornements. En yrai fils de THelvetie, il 
aime Tair et la libert^; ses rameaux n'etant pas ä 
l'aise dans les massifs trop serr6s, il 61ance sa tige 
au travers de ses con^eneres pour balancer sans obstacle 
sa Cime gracieuse et respirer librement au-dessus de 
leur dorne de verdure. J'ai dit respirer librement, ce 
n'est pas une simple figure, il est de fait que les 
yeg6taux respirent aussi bien que nous et leurs feuilles 
sont dans ce but pourvues de mille petites boaches; 
seulement loin de nous disputer Fair qui nous est 
n6cessaire, ils yivent du gaz que nous rejetons, de ce 
lourd acide carbonique dans lequel notre respiration 
deviendrait impossible s'il s^accumulait sans cesse h la 
surface de la terre. Mais les herbes ainsi que les fenilles 
«t les tiges des arbres absorbent ce gaz avidement, 



Quelques arh*es de nos forets. 395 

fixent dans leors tissus le charbon qui en est la base, 
€t nous renvoyent l'oxyg^ne, pour purifier notre sang 
et en maintenir la chalear. Chacun sait combien Tair 
des forets est pr^ftrable ä celui des villes; la cause 
essentielle en est dans la respiration des y6g6taux. 

Le m^löze atteint anssi des dimensions consid^rables; 
les qnalites precieuses de son bois lui ont valu le titre 
de ch^ne des Alpes. 

Nos vrais chenes sont citoyens de la plaine, c'est 
OTT les terrains profonds et dans les expositions favo- 
rables qn'ils aiment h v^g^ter. Chacun connalt leurs 
Tigoureuses racines, leurs troncs puissants, leurs branches 
noueuses, leur beau feuillage et leurs glands qui jadis 
constituaient, avec les faines du h^tre, un el6ment im- 
portant dans Talimentation de nos anc^tres. Cet arbre 
dont le bois et T^corce nous sont si pr^cieux est devenu 
rare dans nos forets et ne s'^löve guere ä, la montagne. 

Le hetre est reputö notre meilleur bois de chauffage, 
il s'associe volontiers au sapin dans la r^gion moyenne 
des Alpes et du Jura, et ce melange est tr^s favorable 
^ la bonne conservation des for§ts. 

On aime ä le voir au printemps revStir sa fratche 
Terdure. 

Uerahle affectionne les vallons ombragäs de nos 
montagnes ; il se distingue par son beau feuillage, son 
tronc tigr^ comme celui du platane et les qualites de 
son bois. II possMe une grande vitalitd; Terable de 
Trons, qui abritait en 1424 les fondateurs des libert^s 
rhötiennes, ^tale aujourd'hui encore plusieurs de ses 
verts rameaux, bien que son tronc creuse porte les 
traces profondes des siecles qu'il a travers6s. 



396 Berthokt, 

D'autres arbres encore et de nombreux arbustes 
ajoutent la variete de leur feuillage k Taspect d^jä si 
pittoresque de nos forßts alpestres; de gracieuse& 
fougeres, d'elegantes fleurs, des mousses finement de- 
coupees en tapissent le sol, de limpides raisseaox 
maintiennent partout »la vie et la fraicheur. 

Nous voudrions dire aussi quelques mots des dif- 
ferents hotes qui animent nos bois, du ruse renard, 
du lievre timide, de Tagile ecureuil, de Tinfatigable 
pic-bois, si habile ä decouvrir et b. poursuivre dans 
sa retraite le ver rongeur des sapins, entin de nos 
gais passereaux. II faut entendre, ä Taube, leur suave 
gazouillement; on croirait d'abord que nul n'ose troubler 
le silence solennel qui regne encore; les premiers 
essais sont si timides qu'on se demande si Toiseau qui 
les tente n'est pas simplement en train de r^ver, mais 
bientöt d^autres sons melodieux repondent ä ce signal, 
puis chacun s'enhardit aux feux croissants de Taurore, 
et lorsque Tastre du jour apparait dans sa gloire, il 
est ' salue par un brillant concert des accords les ploR 
varies. Mals il est temps de rappeler les divers emplois 
de nos bois et d'insister sur Timportance bien plus 
grande encore de Tensemble de nos for^ts dans Teco- 
nomie de la nature. 

Longtemps on n^a vu dans nos boises que des 
magasins de combustible et des chantiers garnis de 
bois de construction. On y prenait au plus facile, sans 
s'inqui^ter des aprös-venänts, c'etait une.mine trop 
abondante, on n*en viendrait jamais ä böut« Si les vents 
imprudemment introduits par des coupes mal dirigees 
causaient des ra vages inattendus, si le recru conservfr 



Quelques arhres de nos forets. 397 

pendant rexploitation etait ensuite abim^, faute de 
-chemins praticables, par la vidange du bois, h quoi 
bon s'en faire du souci, n'avait-on pas dans les mon- 
tagoes des reserves inepuisables ? Cependant ces r^serves 
meme etaient aussi attaquees, le transpört du bois en 
etant penible, on y fabriquait du charbon, on en exploi- 
tait la rösine, et les sapins incises h, cet eifet, bientot 
affaiblis et malades, ätaient brises par Touragan; on 
fait m^me jusqu'ä, brüler le bois sur place, pour extraire 
de ses cendres un peu de potasse. 

On oubliait que s'il faut en moyenne cent ans pour 
produire un sapin exploitable, pour pouvoir exploiter 
une pose de for^t, sans empieter sur l'avenir, on doit 
laisser en bon ^tat de croissance quatre-vingt-dix-neuf 
poses de boises de tout A,ge et d'egale fertilite. On 
oubliait surtout que, ä supposer m^me que Ton füt 
d'autre part k tout jamais garanti contre la disette 
de eombustible, on n'en devrait pas moins maintenir 
les forets en etat de nous conserver des sources per- 
manentes, de moderer les effets des vents, et dans les 
montagnes de nous proteger contre les avalanches, les 
^boulements et les inondations. 

On sait cependant que pour combattre un mal 
efficacement, il faut le couper ä, sa racine. Or si, ä 
la liraite superieure de la Vegetation ligneuse, oü 
naissent les avalanches et de frequents eboulements, 
on maintenait les forets en bon dtat de resistance, au 
lieu de les d^cimer par des coupes inconsiderees , on 
pourräit ainsi arröter* mainte avalanche avant qu'elle 
ait eu le tempsde devenir redoutable, et les pierres 
descendant des rochers, retenues au bord des päturages 



1 



398 Bertholet 



pourraient ^tre employöes ä construire des murs secs 
an lieu de ces pernicieuses clötures gui consomment 
tant de jeune bois. 

Et quant ä rinfluence bienfaisante des for^ts poor 
ecarter ou diminuer les ravages des inondations, on 
peut aisement s'en rendre compte par une petite com- 
paraison : 

Personne n'anrait Tidee d'arroser un carrean de 
petites salades en y versant violemment nne seille d^eau 
tont d'nn trait; ce serait le bon moyen, surtont sile 
jardin est en pente, d'emporter h, la fois la terre et 
les plantons ; on adaptera bien plntöt nne pomme ä 
un arrosoir pour humecter legerement les 16gnmes et 
la terre et laisser pönetrer Teau profondement , pen 
ä pen. La mSme quantite d'eau qui, par le premier 
proced^, anrait ravage le carrean, repandue en fine 
plnie, ne sera nnllement trop considerable , et ponrra 
procnrer nn effet bienfaisant. 

Eh bien, snr les versants de nos Alpes, les forets 
fönt Toffice de la pomme d'arrosoir. II snrgit fr^quem- 
ment dans les montagnes des averses torrentielles; 
lorsqu'elles tombent directement snr nn sol d6nnd6,. 
comme celni des conpes rases de forets, les eanx 
n'ayant pas le temps de p^nätrer dans la terre, rnis- 
sellent an bas de la pente, entratnant avec elles les 
meillenres parties du sol et augmentant par lä enorm^ 
ment de volume. Les torrents s'enflent ainsi, lenr coors 
devient plus rapide, ils rongent lenrs rives, se chargent 
de caillonx et de gros blocs et nons ne sayons qne 
trop les ravages qu'ils exercent alors. Maintes fois nn 
desastre semblable, dans le Yalais, les Grisons, surtont 



Quelques arhres de nos forets, 399* 

dans le Tessiu, a pu etre attribud avec certitude ä 
teile ou teile vaste coupe, eflfectuee imprudemment dans 
les forets des vallons superieurs. 

En revanche lorsque la violence des pluies est brisee 
par Tepais feaillage de bons bois6s, une partie de 
Teau tomböe demeure suspendue aux rameaux ; le reste,. 
ne parvenant que doucement sur le sol, y p^netre 
plus ais^ment, s'ecoule moins rapidement sans entralner 
de terre, et ne peut enfler les torrents dans une aussi 
forte Proportion; en sorte que les desastres sont fort 
affaiblis si ce n'est entierement evites. 

D'ailleurs les eaux retardees dans leur ecouleraent 
servent ä alimenter les sources en permanence ; il est 
de fait que les pays deboises sont pauvres en eaux. 
Plusieurs contrees jadis fertiles du midi de TEurope 
et de FAsie mineure, ont perdu avec leurs forßts 
imprudemment exploitees, leur doux climat, leurs ruis- 
seaux et leur prosperite. 

Le rapport des Ingenieurs charges par le conseil 
federal d'une expertise sur les torrents de nos mon- 
tagnes se termine par quelques exemples tires de l'^tat 
actuel du departement frangais des Hatites -Alpes. Ce 
chapitÄ commence ainsi : 

«Le Departement des Hautes- Alpes est le sol 

* classique des torrents. Toutes les forets de cette 
*contröe ont ete extirpees, sans aueune pr^oecupation 
*du reboisement^ pendant le 17® et 18® si^cle. Le re- 

* peuplement naturel ne pouvant avoir lieu, vu la nature 

* seche et calcaire du sous-sol, cette contree, döjä peu 

* favoris^e, s'est tellement ravinee, qu'on ne peut la com- 

* parer ä aucune localitd, ni de la Suisse, ni du Tyrol >. 



1 



4<X) BerthoJet 

Apres des dösastres semblables ä ceux que iious 
ont causö les torrents des Alpes durant Tautomne 1868, 
on rie peut trop examiner sous toutes ses faces la 
question des d^bordements de torrents. Dans le cas 
special il est vrai, taut le mal ne peut pas etre attri- 
bu6 ä des deboisements imprudents, d^autres causes 
•Sans doute ont occasionne la debäcle ; cependant nous 
n'hesitons pas ä prötendre que le dommage eüt ^te 
beaucoup moins considerable , si, non seulement dans 
la vallee principale, mais aussi dans les vallons abou- 
tissants, tous les terrains fortement inclines avaient 
<5te proteges par des for^ts mieux foumies. 

Quoi qu'il en soit, il importe que dans tout le bassin 
des torrents, on ait Toeil ouvert ä cet 6gard. Pour 
ob vier au mal on eure ä grands frais le lit des rivieres. 
«t ceci est de toute urgence; une mesure tres efficace 
qu'il pourrait aussi convenir de prendre, serait de 
construire en divers lieux du cour» moyen des torrents, 
de solides barrages au travers de leur lit. Ce procede 
employ^ pour combattre les debordements de plusieurs 
torrents des Grrisons, de St-Gall et de Glaris a fait 
ses preuves ä diverses reprises, et particuliärement 
dans les grandes inondations de 1868. On choisit des 
endroits favorables, oü les travaux puissent de part et 
d'autre ötre appuj^es sur le roc, et Ton etablit le 
barrage, en simple magonnerie s^che, sous forme de 
voüte couchee, le sommet tourne en amont. Le coüt 
de ces barrages n'est pas considerable, les materiaux 
^ont sur place, on dresse les plus gros blocs h la 
base et le torrent se Charge d'amener le mortier. 
L'effet produit est salutaire en amont aussi bien qu'en 



I Qfielquea arhres de nos forets. 401 

I aval: ici les flots arrStes dans leur course et d^bar* 
I rass^s de leurs galets ont diminae ä la fois de rapidit6 
et de masse, Ik les mat^riaux qui se d^posent appuient 
les berges au lieu de les ronger. 

Toatefois de m^me qa'une bonne hygi^ne prevenant 
les maladies, vaut mienx que les meilleurs remädes, 
les travaux qu'on peut entreprendre pour prevenir 
les inondations , sont plus importants encore que les 
meilleurs "barrages et les dignes les plus solides. Or 
ces travaux se r^sument dans le reboisement des bassins 
supMeurs des torrents. L'exemple de la pomme d'ar- 
rosoir peut en avoir fait saisir Tutilitö. II n'est nulle- 
me&t necessaire de conyertir dans ces r^gions tous les 
&lpages en forSts, il s'agit avant tont de couvrir de 
bois^s ^pais les rersants rapides, mal gazonnes, et 
comme anjourd'hui d^jä la valeur des forSts egale 
Celle des päturages, il est h pr^sumer que, le prix 
^s bois suivant une marche ascendante, ces for^ts 
r^compenseront aussi, par leurs produits, des sacrifices 
faits pour les 6tablir. 

Les cultures k operer consisteraient essentiellement 
^ÄS des plantations d'^picöas, de^ melezes et d'aröles. 

II va d^äilleurs sans dire qu'en etablissant de nou- 
^eaux boises, on ne serait pas dispense par lä de con- 
sacrer les soins les plus attentifs ä, la conservation 
^^ au bon am^nagement des vieux massifs existant 
encore. 

Au reste les Services rendus par ces for^ts anciennes 
et nouvelles, ne se r^sumeront pas uniquement dans 
^fl pr^servatif contre les döbordements ; elles doivent 
*Q88i temp^rer le climat, et Ton peut 6tre certain que 

26 



402 Bertholei. 

si poor les nouveanx boisements on doit abandonner 
quelques mauvais päturages, cette perte en fourrage 
sera plus que compensee par Taugmentation des pro- ' 
duits des alpages conserväs. 

Nous ayons vu Feffet desastreux r^sultant dans les 
hautes r^gions de la disparition des ardles ; le r^tablisse- 
ment dans ces parages de for^ts capables d'arr^ter le 
yent glacial des sommitäs, adoucira de nouveau le 
climat et rendra la fertility aux päturages avoisinants. 

A c6tä de leur utilit^, reconnue de chacun, et que 
nous savons aussi fort bien apprMer pour notre compte, 
d^entretenir le feu sous la marmite, de chauffer nos 
appartements et de nous procurer de bons planchers, 
les arbres de nos for^ts contribuent donc en mille 
maniöres ä rendre notre pays plus prosp^re et plus 
sür, aussi bien qu'ä en augmenter les agr^ments et la 
beaute. 



J 



Les montagnes du canton de Fribourg. 

Fragments d'un exposä fait & la r^iinion du Club alpin snisse 
ä Fribonrg, le 26 Aoüt 1876. 

Par 
H. SoUaz, prof. 



Honores cluhistes! 

n 7 a quelqnes anndes, tröis clubistes fribonrgeois 
arrivaient au village de Montbovon, dans la Haute- 
Gruyöre, avec rintention de faire Tascension d'un cer- 
tain nombre de sommit^s des montagnes yaudoises et 
bernoises qni entourent les Alpes fribourgeoises. Ils 
eurent le bonheur d'y faire la rencontre d'un vieillard 
^tranger dont la plus grande satisfaction est de faire 
chaqne annee quelques voyages dans les montagnes de 
la Suisse. Ce voyageur, qui porte un nom cel^bre dans 
le monde scientifique, venait, malgre ses 70 ans, de faire 
seul Tascension du Moleson, et 11 en rapportait une 
impression tellement enthousiaste quHl se d^cida ä pro- 
longer son sejour dans les vall^es fribourgeoises. Les 
trois clubistes, J.-L. S., A. P., H. S., convoquörent 
anssitöt les armaillis les plus exp^riment6s et quelques 



404 SoUaz. 

intr^pides chassenrs de chamois. II s'agissait, dans ce 
congres geographique ou plutöt clubistique, d'obtenir 
des renseignements pr^cis sur des noms de sommites 
an sujet desquelles la carte du canton de Friboorg par 
Stryienski laisse beauconp ä d^sirer, ainsi que la carte 
föderale de Dafoor. Bientöt, quand la seance da con- 
gres fut close, la r^union prit le caractöre d'une veri- 
table f^te popalaire : il s'agissait de c^lebrer dignement 
la fßte du chef des trois clubistes et du propri6taire 
de Thötel de Jaman, grand chasseur de chamois. 

Le voyageur saxon, qui avait aussi assiste k la seance, 
pria ses nouveaux amis de lui fournir quelques notes 
pour son s^jour dans le canton de Fribourg. 

C'est une partie des renseignements fournis k ce 
touriste etranger que je me permets de communiquer 
k la reunion du Club alpin suisse. Ce n'est donc pas 
une etude complöte sur le canton de Fribourg que j'ai 
rhonneur de vous präsenter ; ce ne sont que de modestes 
esquisses, jetöes k grands traits. 



Conflgnration topographiqne et orographique. 

Le canton de Fribourg est situä en partie dans le 
plateau suisse et en partie dans les Alpes. II touche an 
nord-ouest, par le lac de Neuchä.tel, au canton de Nen- 
chätel, au nord et k Test au cantoo de Berne, au sud et 
äl'ouest k celui de Vaud. Son territoire s'61öve de la nappe 
uniedes lacs de Neuchätel (435,1™) et de Morat (435,2») 
au sommet äu Vanil Noir, ä, 2386 mötres; il s'6tend par 
consequent depuis la r^gion des plaines et des collintf 



Les montcignes du canton de Frihourg. 40ö 

jnsqu'ä la limite des neiges eternelles. On y trouve 
m^me nn assez grand nombre de places, situees au fond 
d'etroits couloirs, au pied de hautes parois de rochers, 
oik la neige ne disparalt jamais. Les eaux de ce territoire 
d'one superficie d'environ 72 lieues carröes (1600 km. c.) 
?ont «fuD cöte, par la Sarine et la Broye, se verser dans 
la Mer da Nord, de Tautre, par la Veveyse, dans la 
Mediterranee. 

La partie du canton situ^e sur le plateau est coup^e 
par tine serie de coUines qui se dirigent g^n^ralement 
vers le nord-est, presque parallelement au Jura. Entre 
cette suite de coUines aux formes arrondies, se trouvent 
les vallees de la Broye, de la Gläne et la partie in- 
ferieure de celle de la Sarine. 

La vall6e de la Broye emprunte son nom ä la 
riviöre qui rarrose. La Broye prend sa source au pied 
des Alpes, sur un haut plateau, en partie mar^cageux, 
entre les villages de Vaulruz et de Semsales, se dirige 
d'abord vers le sud-buest, tourne brusquement vers 
reuest, et entre sur terre vaudoise, pres des localit^s 
de Palezieux et d'Oron; eile traverse ensuite, en se 
dirigeant brusquement au nord, la paroisse fribourgeoise 
de Promasens, puis parcourt la riante et riebe vallöe 
vaudoise qui porte son nom et va se jeter dans le lac 
de Morat. Son cours inferieur est tout entier sur terri- 
toire fribourgeois , depuis sa sortie du lac de Morat 
jusqu'ä son entree dans le lac de Neuchätel. Comme 
on le 7oit, la Broye, bien qu'elle ait la plus grande 
partie de son cours dans le canton de Vaud, est ce- 
pendant une riviere fribourgeoise par sa source, son 
cours superieur et son cours inferieur. 



406 Sottaz, 

La fertile vall6e arros6e par cette riviöre est bordöe, 
dans le canton de Fribourg, par les verdoyantes coUines 
de Cbatonnaye, de Torny, sur la rive droite, et par 
le massif de collines de Surpierre et d'Aumont, sur la 
rive gaucbe. Cette region offre un ravissant coup d'joeil: 
c'est un m61ange gracieux de ricbes villages aax clochers 
ätincelants et de belles for^ts de sapins, de b^tres oa 
de cbönes. 

Au milieu du plateau surgissent deux collines plus 
elev6es que les autres ; ce sont le Vuilly et le Gibloux. 
Le Mont Vuilly (659") est unfe cbarmante et fertile 
presqulle montagneuse situ6e entre le lac de Neucb&tel, 
celui de Morat et la Broye. Ses coteaux sont couverts 
de vignobles, de jardins, de cbamps et de ricbes prairies, 
couronnes de for^ts et parsemäs de maisons de cam- 
pagne et de beaux villages, les uns ä, mi-cdte se mirant 
dans les eaux du lac. La vue circulaire aussi vaste 
qu'etendue dont on jouit depuis le signal embrasse nne 
grande partie de la chatfie du Jura et les Alpes, depuis 
les glaciers de TOberland et du Valais jusqu'au Mont 
Blanc. Ce coin de terre privilögiö peut ^tre appele sans 
exag6ration le jardin du canton de Fribourg; ce sont 
en effet ses ricbes cultures maratcheres qui alimentent 
de l^gumes et d'autres produits varids les marches de 
Fribourg, de Neuchärtel et des principaux centres in- 
dustriels des montagnes neucbäteloises. Les Vuillerins 
forment une des populations les plus actives et des j^us 
interessantes de la Suisse ; leur intelligence et un type 
pbysique bien caractörise leur assignent une place ä part 
au milieu des populations fribourgeoises, vaudoises, 
neucbäteloises et bernoises, ses voisines. Qui n*a 6t6 



Les montagnes du canton de Fribourg, 407 

frappe, en parcourant la place du marche de Fribourg 
€t de Neucbätel, du costume, de FactiTit^ et de la 
Tivacite des marchandes de lögumes du Vuilly? Celui 
^ui a eu la chance de se trouver, la veille d'un jour 
4e march^ de Neuchätel, ä bord du bateau k vapeur 
qui fait le Service de Morat ä Neuchätel, n'oubliera 
Jamals les montagnes de marchandises de toute nature 
qui s'entassest sur le pont du bateau aux stations de 
Motier, Praz et Sugiez. Pour donner une idee exacte 
•da bien-^tre de cette population, il sufüra de signaler 
le prix que le terrain a acquis dans cette contr^e ; la 
pose se vend souvent de 16,000 h 20,000 frs. Bei ex- 
emple de la valeur et de la puissance du travail ! 

Bientöt il sera ouvert ä, cette infatigable population 
im nouyeau champ d'activitö, lorsque la correction des 
eaux du Jura et le dessechement des grands marais 
auront rendu ä la culture präs de 70,000 arpents. Les 
terrains vagues des bords du lac de Morat encore 
couverts maintenant d^eau ou de Jones ont 6tä d^jä 
vendus en partie ä raison de 120 frs. la pose. 

Le Gibloux est cette longue, haute et sombre colline 
qui separe le bassin de la Sarine de celui de la Gläne ; 
cette cöUine, dont le point culminant a une el6yation 
de 1203"* au-dessus de la mer, offre de ravissants 
Points de vue sur les Alpes et surtout sur la plaine et le 
Jura ; de vastes forSts de sapins, appartenant principale- 
ment k TEtat de Fribourg et aux communes, couronnent 
sa partie supärieure; les non(ibreux villages quis'^tagent 
sur ses flaues pr^sentent le coup d'ceil le plus variö. 
Ses formes arrondies et surtout sa formation göologique 
fönt consid^rer le Gibloux comme le prolongement du 



408 SoUaz, 

Jorat, auquel 11 est du reste relie par une 
de collines pres des villages de S*-Martin, du 
Grattavache et de la Joux. Le Gibloox est sai 
dit Tune des parties les plas sauvages du ten 
bourgeois; c^est dans ses for^ts et ses fottrr^flC] 
disciples de S*-Hubert fönt leurs plus beaux 
Autrefois il n'etait pas rare d'y rencontrer des 
de loups; le dernier de ces camassiers, vu 
for^ts de notre canton, a et6 abattu dans le 
au-dessus des monts de Eiaz, en 1837. C^est auf 
bablement des vastes for^ts de cette rögion que 
le dernier cerf qni a ^te ta6 dans le bois de Ceti 
11 septembre 1871. 

Les nombreux ruisseaux et torrents qui sortenti 
flancs de cette grande colUne vont se jeter dans 
affluents de la Sarine, la Gläne et la Sionge. Ge s< 
deux cours d^ean träs-poissonneux, aox allares bien in- 
offensives, qui arrosent les vallöes qui portent leur 
nom, des deux cötes du Gibloux. 

Mais il est teiaps pour des clubistes de quitter la 
region un peu monotone de la plaine et des collines, 
pour aborder les belles sommites de^ Alpes fribour- 
geoises qui s'^talent en ampfaitbeätre devant leB yeux 
du spectateur qui a gravi le sommet du Gibloux. Ces 
montagnes s'^tendent depuis les sources de la Singine 
froide et de ses affluents jusqu'ä. THongrin, sur une 
longueur d'environ 16 lieues, 77 km. 

Au point de vue de leui* direction et de leur aspect, 
les Alpes fribourgeoises peuvent ^tre divis^es en six 
chaines principales: 



^s^* 



i 



Les montagnes du canlon de Fribourg, 409 

I. Chaine da Moleson, 

II. Chaine de la Berra, 

ni. Chaine du Eaiseregg, 

IT. Chaine de la Dent de Broc, 

Y. Chaine des Morteys, 

YI. Chaine des Gastlosen. 



I. 
Chaine da Mol^son. 



Le massif da Moleson commence an snd de Balle 
au Yanil de Moleson (2005°^), continae par Tarnte 
roohense de Tremettaz jasqa'au pic de Tezatzaa; an 
imposant chalnon, parallele ä la chaine principale, 
commence plas ä Test k la Vadallaz*), aa-dessas de 
Grayeres, borde d'abord la vallee de la Sarine aa-dessus 
des Tillages de Villars-soas-Mont**), Neirivae, Albeave, 
pais continae, apres avoir et6 coap6 par le foagaeax 
torrent de la Marivae, au saavage defil4 de TEvi, 



*) Voir note pag. 410. 

**) C'est dans les for^ts et les bnissons qui couvrent les 
escarpements des premieres hauteurs de cette chaine que le 
Hebel grny^rien, L. Bornet, dans le pofeme höroi-comiqne 
des Tzevrei, nons fait assister ä un combat ä jamais mömo- 
lable. Deux chövriers, Cola et Pierro, Tun de Villars-sous- 
Mont, Tantre d'Enney, sont ^pris d'nne belle paysanne de 
la contr^e. Les deux amourenx sont snr le point d'en venir 
aux mains, lorsqne la rusöe Gothon treuve nn moyen fort 
mg^nienx d'apaiser la qu ereile. Vons ^tes cependant d6- 
testables (deteina), lenr dit-elle! ne savez-vons abandonner 
le soin de trancher votre differend aux denx bonos de vos 



410 Sottaz. 

jusqu'ä la Cape an Moine (1944'°) et au Col de Jaman. 
Cette cbatne s'^tend ensnite dans le canton de Tand oü 
Ton admire la Dent de Jaman, la Dent de Hantandon, 
les rochers de Naye etc. La position exceptionnellement 
faTorable qn'occupent dans cet imposant massif le 
Moleson et la Cape au Moine fönt de ces deux belles 
sommites un but favori d'excursions ; cependant, depuis 
quelques annees», une autre pointe de cette cbalne, un 
peu plus eley^e que le Moleson, la Dent de Lys, ou 
plus correctement Dent de Vudetz (2015™), comraence 
aussi ä attirer un grand nombre de touristes. 

Bien que les limites de cet expos6 ne permettent 
gu^re d^entrer dans des details d^ascensions, je ne saorais 
manquer d^egards envers le Moleson, le majestueux 
patron de la section fribourgeoise du Club alpin suisse. 
D'ailleurs, les membres du Club alpin consentiraient-üs 
ä poser le pied sur le sol fribourgeois sans rendre 
Visite au Bighi de la Suisse occidentale? 

Ne pouyant imiter le style juvenil et fleuri du 
savant professeur de Tuniversitö de Leipzig, qui a 
sugger6 ce travail, j'emprunterai une partie du r^eit 
d'une course au Moleson ä la plume ^lögante de trois 
auteurs fribourgeois, Pierre Scioböret, Aug. Majeux 
et Ferdinand Perrier, colonel. 



tronpeaui? J'accorderai ma main au propriötaire du bonc 
vainqueur. Rien ne saurait surpasser, sous le rapport de Thstf^ 
monie, les beaux vers patois oü le po^te decrit la lutte 
acharn^e des deux Champions comus, lutte qui se tennine 
par la victoire de Pierro d'Enney, qui chante sa victoire en 
accents inimitables, en s'emparant de la main de la belle 
Gotbon. 



Les montagnes du canton de Frihourg, 411 

Course au Molöson. 

A dix minutes de Bulle, sur la route de Vevey, 

on prend un chemin qui s'engage bientöt dans un bois 

de sapins sombre et parfum6. On traverse bientöt le 

torrent de la Tr^me; le sentier qui monte, descend 

on serpente entre les fleurs alpestres, les haies de 

cylise et les buissons d'eglantiers, ne tarde pas ä vous 

faire arriver sur le plateau au haut duquel s'el^ve la 

Part-Dieu, ancien monastöre de l'ordre des Chartreux, 

fonde en 1307 par Guillemette de Grandson, veuve du 

comte Pierre IV de Gruyöre. De la Part-Dieu jusqu'au 

sominet du Moleson, il y a tout au plus trois petites 

lieues, par un chemin tres-praticable et qui ne devient 

rapide, sans ^tre perilleux, que depuis le chalet de 

Fliane. C'est dans ce dernier chalet*) que Ton vient 

ordinairement passer la nuit, afin de pouYoir gravir 

le sommet avant le lever du soleil. Heureux ceux qui 

peuvent arriver k Planö au moment du coucher du 

soleil, plus heureux encore ceux auxquels il est donnö 

d'assister ä ce spectacle depuis la cime m^me du 

Moleson. • 

«C'est quelque chose de grandiose qu'un beau 
coucher de soleil. II y a peut-ßtre moins de pompe, 
moins de lyrisme dans la fin du jour que dans son 
commencement, mais il y a aussi plus de majeste, plus 
de m^lancolie. Les transports sont moins- vif s, mais 



*) II y a d^jä quelques ann^es que l'on a construit un 
chalet au fond du cirque de Bonne-Fontaine, h un quart de 
Heue de la cime du MoUson. On y trouve un gite pour la 
nuit et des rafraichissements. 



412 Sottae. 

remotion est plus douce; c'est le dönouement d'une 
öpopee qui tourne ä l'eldgie. II y a une joie p^tulante, 
un triomphe, surtout dans le moment oü le soleil, ap- 
paraissant ä Thorizon, inonde toat le paysage de sa 
lumiere penetrante qui semble absorber töutes les 
ombres. II y a quelque chose de plus suave, de plus 
affectueux dans le dernier regard de Tastre createur. 
La lumiere est plus dor6e, les ombres plus intenses, 
et puis il y a Tindicible po^sie d^un adieu. Le matin, 
c'est rheure de Fadoration; le soir, c'est l'heure de 
Tamour. II y a dans la nature un murmure toucbant^ 
un doux parfum, qui rappellent tous les tressaillements 
amoureux de Täme bumaine».*) 

Mais la fralcheur de la soir^e vient bientöt glacer les 
sentiments d'enthousiasme et forcer le touriste de se 
r^fugier au cbalet. Quelle jouissance n'eproave-t-on 
pas de s'asseoir avec les armaillis devant le feu qui 
flambe au-dessous de la Taste cbemin^e de bois, 

Les armaillis et leurs bötes assis sur des sieges 
monopodes autour de Tätre, forment le tableau le plos 
charmant. La lumiere vacillante du foyer 6claire bizarre- 
ment tous ces groujpes et fait danser les ombres. Bien- 
töt une causerie amicale s'6tablit; les armaillis sont 
friands de nouvelles; les bruits de guerre, les com- 
binaisons diplomatiques , les entreprises industrielles, 
sans oublier les incendies, les sinistres maritimes et 
les accidents de chemin de fer, yoilä autant de siijets 
qui ont le privilege de les interesser. Si le visitenr 



*) Pierre Scioböret. — Colin TArmailli, nonvelle gru- 
yörienne. 



Les monta^gnes du canton de Frihowg. 413 

€Oimait quelques secrets de la chronique scandaleuse 
de la plaine, il est sür de trouver un auditoire attentif ; 
de francs et bruyants 6clats de rire salueront son r^cit. 

Le montagnard aime aussi k communiquer ses im- 
pressions et les observations qu'il a Toccasion de faire 
dans les hautes r^gions. Bien de plus frais et de plus 
pittoresque que le langage de Tarmailli; quel enthou- 
siasme respire dans sa description des montagnes, et 
des scenes de la vie alpestrel Mais le merveilleux 
exerce surtout la plus grande attraction sur ces natures 
primitives. Vous ne tarderez guere ä entendre le röcit des 
legendes da chalet ou du Vanil, sans oublier les ex- 
ploits des esprits familiers qui hantent la montagne* 
Parmi ces r^cits figureront certainement au premier 
.rang les exploits de Djan de la Bollieta et la cata- 
strophe du Plian de VEcortschau, 

Mais la .nuit avance . . . il faut §tre debout avant 
le jour pour arriver sur la cime avant le lever du soleil. 

Pour peindre le spectacle qui s'oiFre aux regards 
le matin on est force de ceder la parole au poete. 

La jour naissait. Assis sur le roc solitaire, 

Ob^lisqne gdant, taillö dans la matiere 

Far le ciseau divin, j'attendais le soleil. 

Les hommes savouraient encore le doux Sommeil, 

Mais les choses d^jä chantaient lear chant snblime, 

Et mon äme y joignait une pri^re intime. 

Sur la terre endormie, im volle de vapenrs, 

Gemme nn lincenl fonebre, 6tendait ses borrenrs. 

Tout avait disparn. Celui dont hier encore 

J'avais de loin pergu Texistence sonore, 

Le monde n'^tait plus! 



414 SoUoB, 

Mais chnt! l'aziir s^anime^ un Eclair d'esp^rance 
A pam sillonner rimmensit^ de Tair: 
ün arc poirfprö surgit sur Tocöan desert, 
Monte, s'ötend, grandit, s'embrase. XJne ^tincelle 
Part ... et döjä le tont de lami^re rnisselle, 
Se reveille et s'toeut comme si l'eti'e absent 
Kevenait en son sein au mot da Tout-Puissant. 

Essaierons-nous d'esquisser le magnifique panorama 
qni se deroule depuis la cime da Mol^son qnand le 
pinceau magique de Jos. Yernet a recule devant cette 
täche? Le celebre peintre declara, lorsqu'il contempla 
ce Taste panorama, qu'il etait si grandiose, si terrihle 
et Sans hornes, que nul art ne pourrait su/fire 
pour le rendre. 

Nous dirons seulement qu'on d6couvre d'abord 4 
Torient, au midi et ä Toccident, une vaste chaine de 
montagnes dont les bases sont derobees k la vue par 
des cbatnes plus basses et plus rapproch^es. Le g^ant 
des Alpes, le Mont Blanc, domine comme un chef tous 
ces monts innombrables ä formes et couleurs variees 
ä rinüni. Dans un horizon immense et k perte de vue, 
les lacs du Leman, de Neuchätel, de Moral et de 
Bienne, prösentent leurs nappes argentees. A Toeil nu 
on decouvre d'innombrables villages, clochers, hameaux 
ou maisons de campagne, puis 17 villes dont on voit 
distinctement , presque k ses pieds, les masses blan- 
chätres et les campaniles; enfin du midi au sud-est, 
dans une lumi^re limpide ou vaporeuse et dans an 
cercle ininterrompu, une partie du Piemont, de la Savoie, 
de Geneve, du Jura suisse et frangais avec les mon- 
tagnes bleu-azur des cantons de NeucMtel, de Beme 
et de Soleure. 



Les montagnes du cahton de Frihourg, 415 

Le Mol6son est loin d'avoir la röputation du Eighi, 
et cependant, sous plus d'un rapport il le vaut bien. 
Le Righi est Tenfant gäte des touristes ; la vogue extra- 
ordinaire dont il jouit a altörö, jusqu'ä un certain point, 
son caractere. Ge n'est plus une alpe. On n'y voit plus 
le chalet de bois tapi contra le rocher ; plus d'oiseau 
ä la voix per^ante, ä la robe fauve; plus de sapin 
barbn, suspendu sur Tabime, ^brauche, tronque par la 
foudre. Les modulations savantes que Ton tire de la 
corne classique ne peuvent contrebalancer Tharmonie 
primitive des clarines suspendues au cou des vaches 
qni paissent parmi les gentianes. La vue de ces groupes 
brillants, qu'un caprice a transportö^ d'un salon de 
Paris ou de Londres sur la pente veloutee de la mon- 
tagne, ne compense point Taspect de la chevre suspendue 
au rocher, ou la solitude imposante, les bruits mysterieux 
de l'alpe fribourgeoise. 

Que manque-t-il donc ä cette vue si vari^e, si in- 
teressante? Ce ne sont ni les montagnes ni les lacs; 
peut-^tre quelques Souvenirs historiques ou artistiques, 
peut-etre quelques-uns de ces rochers qui semblent 
jet^s tout expräs au pied du Bighi, comme pour satis- 
faire la fantaisie capricieuse de quelque grand peintre. 
Mais le panorama des Alpes s'y presente sous un aspect 
tout particulier de grandeur. II ne manque k ce pano- 
rama sublime que d'^tre mieux connu pour y attirer 
en foule, comme au Righi, ces moutons de Panurge 
appeles touristes. 

Devant le Righi, les Alpes s'alignent en chatne, se 
rangent en file comme un bataillon de soldats pour 
nne inspection. Devant le Meiosen, les Alpes se groupent 



416 



Sottaz, 



Ilenide 



aa häsard comme la foule sur la place pi 
jour de march^. La quelque chose de raide, dl 
ici un pittoresque desordre. D'un c6t6 le 
dont le buste seul s'öleve au-dessus d'une 
ferieure ; Brenleyre et Follieran, jumeaux alti< 
€Oinme des soldats prussiens. De Fautre la 
Jaman, l^görement inclinee comme pour cai 
dessus le Leman avec la Dent d'Oche qui Ini 
vis-ä-vis. Et par-dessus tout le Mont Blanc 
t^te blanche et majestueuse. 

Vers la fin de juin 1816, un jeune homm< 
pergant et profond comme celui de Taigle des- 
au front pliss6, assombri et orageux, gravissai 
d'un guido, les pentes escarp^s du Moleson ; ili 
l^gerement. 

Impatient, il monte, il arrive au sommet 
montagne. ün monde immense s'ouvre tout-ä-cou] 
autour de lui. Avec ivresse, il promene ses yei 
ce spectacle inattendu. Avec bonheur il sent la 
baieine des montagnes passer avec le parfum des 
alpestres dans ses longs cbeveux qui venaient 
sa Joue. Un sourire ineffable passe comme an 
rapide sur son front rasser^ne ; mais bientdt il se 
pensif sur le gazon mouill^ par la rosee. Une 1< 
heure se passe ainsi dans un morne silence, inten 
seulement ä de rares intervalles par quelques pt 
du guido demeurees sans reponse. Enfin il se 
porte la main h. ses yeux comme s'il cherchait'^ 
essuyer une lärme furtive et il s'ecrie : Oh I que 
beau, monDieul Cest heau comme un rivel 
jeune bomme boiteux c'^tait .... Byron ! Gemme 



.y^ 



■:'-;■* 












lell« 



Les montagnes du canton de Frihourg. 417 

le cachot de Bonnivard il traga ensuite au flanc d'un 
vieux tronc quelques lettres grossieres formant ce nom 
cölebre. En juin 1824, Fannie mtoe oü Byron mourait 
ä Missolonghi, la foudre abattit le vieux tronc qui 
portait le nom de cet archange-demon appele lord 
Byron. 

Des flaues du massif du Mol6son s'echappent d'im- 
petueux torrents qui yqnt souvent desoler la plaine. 
Snr le versant occidental on rencontre la Treme qui 
prend sa source au pied du Moleson et du Niremont 
et va se jeter, apres s'^tre brusquement jetee au sud- 
est, dans la Sarine au-dessous de Gruyeres, pres du 
vülage de Broc. II parait presque certain qu'autrefois 
cet impetaeux torrent ne suivait pas son cours actuel ; 
apres ayoir quitte au-dessous de la Part-Dieu son lit 
profondement encaisse, il contipuait sa route presque 
en ligne droite dans la plaine un peu plus haut que 
Bolle et allait se reunir k la Sionge entre les yillages 
d'Echarlens et de Riaz. Du reste, un canal, la Roule- 
maz, venant de la Trtoe, suit encore aujourd'hui 
cette direction, apr^s avoir mis en mouvement un 
grand nombre d'usines ä Bulle et ä Riaz. La Veveyse, 
autre sauvage enfant de la montagne, sort aussi du 
m^me versant par deux bras venant, Tun des flaues 
de la Dent de Lys et du Niremont, Tautre du pied 
de la Cape au Meine ; aprös s'^tre reunis non loin du 
bourg de Chätel-S*-Denis, ces deux impetueux torrents 
se creusent un lit profond dans la colline calcaire et 
vont verser leurs eaux dans le Läman ä Vevey. Des 
pentes du Niremont descend encore un autre indomp- 
table torrent, la Mortivue qui va se jeter dans la Broye 

27 



418 Sottas. 

an-dessons du grand village de Semsales anqael eile ^t, 
par ses crues subites, courir les plus graods dacgers; 
il y a deux ans, k la suite d'un forborage, le tocsin fot 
sonnä dans les villages voisios et tonte la popnlation de 
Chätel accourut au secours dn village meiiac6. Ce D'est 
qoe par les plas grands efforts qne Ton put pröserTer 
la plus grande partie des maisons d'nne destrnctian 
certaine. 

Des travaux considßrables vontStre entrepris ponr 
etablir un systöme rationnel et efficacB de trayaux de 
barrages et d'endiguement; le Grand Cocseil da canbiii 
de Fribourg vient de voter nn subside spdcial ponr 
seconder ces efforts. 

A Test et au snd-est denx sanvages affluents de la 
Sarine se detacbent anssi de ce groupe; ce sont TAIbenie 
qni passe en dessons de Gruyäres et la Marivne qai 
menace si souvent la plaine pr^s d'Albenve. La gorge 
profoode d'oü sort ce dernier torrent offre nne grande 
analogie avec les cluses du Jura; c'est le famenx passage 
de TEvl, l'un des sites les plus sanvages des montagnes 
fribourgeoises, 

Malgr^ tout l'attrait que nous offre le gronpe ds 
)läson avec ses cimcs alti^res, ses torrents d6vasta- 
irs et ses natves legendes, abordons cependant ane 
tre rägioD, qui, sans offrir des tableaox anssi im- 
sants, a ponrtant son chartue. 



Les montagnes du canton de Frihourg, 419 



I Chaine de la Berra. 

C'est une suite de hautes collines boisöes et souvent 
couvertes de päturages jusqu'au sommet. Cette belle 
chaine de collines aux formes adoucies commence dans 
le canton de Berne, au Seelibühl, au-dessus des bains 
du (jurnigel, suit la rive droite de la Singine froide, puis 
86 prolonge dans le canton de Fribourg et comprend les 
beaux massifs du Schwein sberg, au-dessus du Lac Noir, 
du Cousimberg et de la Berra; depuis la Berra (1724™), 
dont la Cime offre Tun des plus riches points de vue sur 
la plaine et sur les Alpes, une longue ar^te couverte de 
päturages et de for^ts s'etend sur la rive droite de la 
Sarine jusqu'ä Broc oü eile vient aboutir ä la vallöe 
de la Jogne. La chaine semble terminöe ici, mais eile 
se prolonge en röalite, apres avoir change subitement 
de direction, au-dessous du Molöson, oü eile forme les 
helles collines des Alpettes, du Niremont et des Corbettes. 

Les riches collines qui composent cette longue 
chaine semblent avoir ete placees par la nature entre 
la plaine et la region des rochers dans Tintention 
d'^viter ä Toeil une transition trop brusque. 

Trois torrents redoutes conduisent dans la Sarine 
les eaux de cette region ; ce sont la Singine, la Gerine 
et la Serbache. Ce dernier torrent descend des escarpe- 
ments du Cousimbert et de la Berra par plusieurs 
bras tres-impetueux qui se reunissent au grand et 
interessant village alpestre de La Roche, situe dans 
l'etroite vall^e qui separe la chaine de la Berra de la 
coUine de la Combert. 



420 Sottaz, 

m 

III., IV. et Y. 
Chaines dn Kaiseregg, de la Dent de Broe et des Morteys. 

Nous arrivons ä la partie la plus pittoresque des 
montagnes fribourgeoises. La chaine du Kaiseregg n'est 
que le prolongement de la chaine bernoise qui commence 
h. la vallöe de la Simmen, au-dessus de Thoune. C'est 
une suite de hauts rochers comme le Hohmad,laNeueneii- 
fluh, le Gauterist, le Bürglen, TOchsen. Dans le canton 
de Fribourg, ce massif comprend le Harnisch (2178"), 
la Schwarze Fluh (2100°^), le Widdergahn (2166"*), le 
Kaiseregg (2198 ™), puis plus ä Touest, au-dessus du Lac 
Noir, un groupe de parois de rochers comprenant la 
Spitzfluh (1958°*), laKoerblifluh(2108")*), laSchopfen- 
spitze (2116°*)**), la Meyschüpfenspitze (2086°*)***), 
la Jaquettaz ou Dent d'Arpillef) et les rochers de 
Charmey. 

Au-delä de la profonde coupure faite dans ce massif 
par la vallee de la Jogne s'etendent diflferents rameaux 
qui renferment les plus hautes et les plus helles sommitfe 
des Alpes fribourgeoises. Au premier plan, sur la rive 
droite de la Sarine, s'eleve la Dent de Broc ou Vanil de 
la Marche (1829°*), fiere aiguille qui semble placee en 
sentinelle vis-ä-vis du Moleson pour garder Tentree 
des vallees de la Haute-Gruyere et de Charmey; une 
sörie de dents pointues forment le prolongement de 



*) Gübenerfluh de la carte Dufour. 
»*) Klein Brunn „ „ „ „ 

**») Gross „ „ „ n n 

t) Point 1821 n n n 



Les montagnes du canton de Frihourg. 421 

cette chaine; on y remarque la Dent du Chamois de 
Leytemarie ou de la Forclaz (1846™), la Dent du 
Bourgoz(1973°*), Tzermont et le Gros-Merlaz (1970"*). 
C'est lä ce magnifique premier plan de montagnes qui 
arrache des cris d'admiration aux Yoyageurs qui par- 
courentla ligne d'Oron et rembranchement BuUe-Romont. 
Une seconde chaine, parallele ä la prec6dente dont 
eile est s^paree par la pittoresque vallee alpestre du Rio 
du Motelon, contient les geants des Alpes fribourgeoises : 
voici d'abord Brenleyre (2360°^) et Follieran (2354°*), 
deux majestueuses pyramides ; plus loin, la haute aröte 
des Morteys, si connue des botanistes, va aboutir au 
Vanil Noir (2386 ™), massif imposant dont la töte altiöre 
domine toute cette legion de hautes cimes. Dans le 
massif du Vanil Noir se trouvent encore le Vanil du 
Plan des Eaux (2372°*), le Vanil de Tzavaz ou de 
Tzaufoussy (2347™), le Vanil du Gros-Perre (2218™), 
les rochers des Nontanettes (2199™)*), le Mont Cray 
(2078™), au-dessus de Chäteau-d'Oex et le Mont Culan 
(1714™) pres de Rossinieres et de Montbovon. Le 
beau defile de la Tino, dans la vallee de la Sarine, 
separe les dernieres hauteurs du prolongement de cette 
chaine des montagnes vaudoises. On est ici aux limites 
de la Gruyere fribourgeoise et du Pays d'Enhaut, au 
point qui marque la frontiere de la partie du comtö de 
(iruyere qui est devenue la proie de Tours de Berne**). 

*) Point 2287 de la carte Dufour. 

**) Je vous le dis, Vows de Berne mangera la grue 
da/ns le chaudron de Frihourg, Prophötie de Girard Chamala, 
bouffon et menestrel k la cour de Pierre V, comte de Gruyere. 

Entrant tout-ä-coup dans la grande salle du chäteau de 



422 Sottaz, ■ 

On peut encore considörer comme se rattachant ä 
la chalne des Morteys le beau et imposant massif de 
la Hochmatt, oü se trouve la plus haute chaudiere du 



Gmyeres avec ses habits de fou, sa marotte k la main, 
portant sur sa tSte un grand bqnnet orn6 de plumes de paon, 
Ghamala amusait les convives par ses saillies spirituelles et 
ses recits fantastiques. II racontait comment, daDS des temps 
bien recul^s, Gruerius vint, guide par une grue, prendre 
possessio!! du pays; comment Hugues et Turnius de la famille 
de Gruyferes, apres avoir dot6 de leurs biens le prieur^ de 
Eougemont, partirent pour la conquete du St-Sepulcre. 

Le Tri beulet gruyerien se faisait un malin plaisir de 
celebrer les espiegleries des pages, les galanteiies des demoi- 
selles du chäteau et surtout les infortunes des maris. 11 
savait aussi trouver des accents d'une male dloquence ponr 
chanter les chasses h l'ours, au cerf on au bouquetin, les 
bergers trouv^s morts au fond des pr^cipices, les gdnies des 
montagnes emportant dans leurs cavernes les jeunes vacbers 
qui abandonnaient le soin de leurs troupeaux pour chercher 
des nids de perdrix blanches et de coqs de bruyere. Cbamala 
aimait surtout ä rappeler les exploits des h^ros gruyeriens 
Claremboz et Bras-de-Fer qui sHmmortaliserent comme les 
Horatius Codes de la Gruyere, ä l'entree de la foret de 
Sauthau, dans une clairiere appelöe Pr6-de-Ch6ne. 11 aimait 
aussi ä peindre les anciens comtes donnant des päturages, des 
armes et des privil^ges aux nouveaux venus; rendant la 
justice ä la porte des cbalets 61ev^s, ou sous les grands 
platanes du vallon; tour k tour dotant de pauvres bergkes 
et recevant des communes des pr^sents pour doter leurs 
soeurs et leurs fiUes; ne refusant jamais d'etre parrains d'en- 
fants indigents; vivant avec leurs sujets comme un pere de 
famille; toujours les premiers dans les fßtes populaires et 
dans les combats pour la patrie gruyörienne; allant voir 
leurs troupeaux sur l'alpe fleurie et disputant le prix de la 
lutte aux armaillis des cbalets, etc. 



Les montagtnes du canton de- Fribourg, 423 

canton; un des sommets de cette imposante masse, le 
Weiss-Roessli (2158°^) presente incontestablement Tun 
des plas beanx points de Yue de nos montagnes. 

Les eaux de ces trois chatnes sont toutes amen^es 
dans le bassin de la Sarine par la Jogne et ses affluents, 
le Rio du Motölon, le Rio du Gros-Mont et le Rio 
da Petit-Mont. G^est dans les gracieuses vallees alpestres 
arrosees par ces torrents que se trouvent les riches 
päturages oü se fabrique la meilleure qualite du cöl^bre 
fromage de Gruy^re. 



VI. 
Chaine des Gastlosen. 

II nous reste h examiner une derni^re parpi de 
rochers qui söpare les cantons de Berne et de Fribourg, 
pres de la söurce de la Jogne; le nom allemand, die 
Gastlosen (les Inhospitalieres), qui designe cette chatne, 
dispense de toute description. Les Gastlosen ou les 
Chatalles contiennent cette imposante muraille toute 
deutelte qui frappe les regards au sud-est quand on 
se trouve au sommet du Gibloux ou dans les wagons 
de la Suisse occidentale. Ses points les plus ^lev^s sont 
le Gastlose (1953™), le. Marchzahn (1921 "^), l'Ober- 
berg (2128°»), la Wandfluh (2136™), la Dent de Ruth 
(2208™) et la Dent de Combettaz (2083™). Cette 
paroi offre une particularit^ surprenante; sur un point, 
yers la Wandfluh, eile est perc^e ä jour k sa base. 
C'est ici un des söjours favoris des chamois que Ton 
voit souvent prendre leurs öbats en troupeaux assez 



424 Sottaz. 

nombreux dans quelques rares places gazounees de ces 
sauvages rochers. 

C^est dans le päturage du Lapez, situe au pied 
de ces rochers, que se trouve la seule petite forßt 
d^aroles (pinus cembra) qui se trouve encore dans notre 
canton. 

Nous venons de passer rapidement en revue les 
principales sommites des Alpes fribourgeoises. L'espace 
nous manque pour faire ressortir les merites que presente 
la vue dont on jouit depuis un grand nombre d'entre 
elles, vue souvent incontestablement bien superieure ä 
Celle du Moleson, surtout pour ce qui concerne les 
glaciers. 

Vallöes et siations alpestres remarquables. 

Apres cette description bien incomplete du massif 
de noa montagnes, il reste encore k jeter un regard 
rapide sur les vallees principales qu'elles renferment 
et sur quelques localites alpestres qui pr6sentent un 
cachet caracteristique. 

Quatre vallees surtout attirent Tattention du touriste. 
Le Premier rang appartient sans contredit ä la Gruy^re 
par la richesse et la vari^t6 de ses sites, sou histoire 
et son intelligente population. 

L'endroit d'oü Ton jouit du plus beau point de vne 
sur le bassin de la Gruyere se trouve au village d'Avry, 
ä Textremite Orientale du Gibloux. Quel ravissant ta- 
bleau ! Quatorze clochers s'oißfrent aux regards sur une 
surface d'environ 2 lieues. A ses pieds, on a le chäteau 
de Vuippens ; ä gauche, celui de Corbieres ; un peu plus 
loin, les tours de Bulle; dans le fond de la sc^ne, a 



Les montagnes du canton de Frihourg, 42^ 

droite, Tancieii monastöre de la Part-Dieu dont les 
toits rouges apparaissent aa-dessus d^une for^t de sapins ; 
ä ganche, l'antique manoir de Gruyöres. L'email de& 
prairies, les bords tour ä tour riants ou sauvages de 
rimpetueuse Sarine, la pente douce du Gibloux oppos^e 
aax pointes sourcilleuses de la Berra, de la Dent de 
Broc, de Brenleyre, de Follieran, du Vanil Noir ; enfin 
le majestueux Moleson devant qui s'abaissent tous ces 
g^ants de la nature, tels sont les objets qui, tour h. 
tour, captivent les yeux et soUicitent Tadmiration. *) 

Nous ne pouvons rösister, avant d'entrer dans cette 
belle 7all§e, au desir de citer la description qu'en fait 
son historien Hisely, dans Fintroduction k VHistoire 
du Comte de Gruyere. 

« II est en Suisse une contree pastorale qui forma 
pendant plusieurs siecles un petit empire, dont les 
annales offrent les diverses phases que Ton Signale 
dans l'histoire d^un vaste Etablissement. La Gruyere 
(e'est le nom du petit empire) est comme une perle 
pr^cieuse au milieu de la couronne formee par les 
Alpes. Une nature grandiose et pittoresque se reflete 
sur les yillages, les öglises et d'autres monuments 
elevös dans ce pays par la main des hommes; eile 
ajoute ä la söveritE des ruines de quelques chäteaux- 
forts que la guerre a dötruits. Le coeur de Thomme 
semble emprunter ä cette nature qu.elque chose de sa 
force et de sa grandeur. Sur les flaues des Alpes, 
döfriches par les meines et les premiers Colons, au 
milieu des foröts de sapins et dans les vallees qu'ar- 



*) Hubert Charles. Courses dans la Gruyfcre. 



426 Sottaz, 

• 

Tosent la Sarine et ses affluents, il s'est forme une 
race vigoureuse, energique, intelligente, jadis passionn6e 
pour ses franchises, renommöe par son attachement ä 
ses institutions religieuses, par son fier et opiniätre 
devouement ä ses mattres. Les Gruydriens ne passerent 
qu'ä regret sous la domination qui, au milieu du 
XVI® siecle, rempla^a le regime de leurs princes na- 
tionaux dont ils avaient partagd la bonne et la mauvaise 
fortune et dont Tamour se confondait dans leurs coeurs 
avec celui de leurs vieilles et ch^res libertes. > 

« Sur un monticule isolö au milieu d'une plaine 
que traverse la Sarine est une modeste ville du moyen- 
äge, au nom de laquelle se rattachent de pieux Sou- 
venirs. C'ötait autrefois la capitale de nos rbis pasteurs. 
Le sommet du plateau sur lequel s'öleve la petite cito 
feodale est couronn^ d'un ödifice oü Ton distingue 
encore, malgrö les changements des moeurs et les 
transformations successives des bätiments, toute la 
physionomie d'une breteche ou d'une citadelle. La Töcut 
et regna une des plus illustres familles de la noblesse 
bourguignonne. A toutes les grandes epoques de Thistoire 
de la Suisse au moyen-äge, les comtes de Gruyere 
sont ä leur poste, armös pour la defense de leurs droits 
et de leur territoire ou pour garder la foi juree i 
leur suzerain. L'ardeur belliqueuse des seigneurs de 
la contree s'^tait communiquee k leur peuple: <En 
avant la Grue ! » fut dans un temps, si Ton en croit 
la tradition, la devise des gaillards et braves Gru- 
yöriens. La chevalerie n'eut pas de soldats plus dignes 
que les comtes de Gruyere; leur suzerain n'eut pas 
de vassaux plus devou6s. > 



Les montagnes du canton de Frihourg, 427 

La Sarine, qui traverse la Gruyere dans toute sa 
longueur, prend sa source au col de Senin (Sanetsch), 
aux frontieres de Berne et du Valais. Cette fougueuse 
riyiere trahit dejä son caractere impetueux en jaillissant 
tout-ä-coup de terre avec un volume d'eau assez consi- 
derable; eile s'^lance aussitöt sur le beau plateau qui 
s^pare rArbelhorn du Mont Brun (Sanetschhorn), oü eile 

9 

re^oit de tous cötös une foule de torrents qui descendent 
de ces hauteurs couvertes de neige. II est assez probable 
que cette source mysterieuse n'est pas autre cbose que 
Tecoulement d'une partie du glacier de Sanfleuron qui 
se trouve pres du col du Senin. Bientöt, apres avoir 
decrit de capricieux zigzags sur le haut plateau qui 
porte tous les caracteres du lit d'un ancien glacier et 
plus tard d'un ancien lac, le torrent se fraie un passage 
ä travers les rochers et se pröcipite d'un seul bond 
d'une hauteur de 300 pieds sur un des flaues de la 
montagne. Cette cascade de la Sarine, si peu connue 
pourtant, offre Tun des plus imposants tableaux que 
puissent offrir les Alpes. Cette riviere vient ensuite 
exercer ses ravages dans la vallee du Chätelet (Gsteig), 
oü eile reQoit le Lauibach, venant de la sauvage vallee 
de Lauenen, le Tchertschis qui sort du lac alpestre 
d'Amon, au pied du Wittenberghorn; eile se dirige 
ensuite au nord-ouest, traverse la vallee bernoise de 
Gessenay et le Pays d'Enhaut vaudois oü eile regoit 
la Tourneresse qui vient du beau vallon de l'Etivaz; 
eile entre dans le canton de Fribourg au defile de la 
Tine oü eile .mugit dans un lit profondement encaisse. 
Elle se dirige ensuite subitement vers le nord et tra- 
verse le canton de Fribourg sur une longueur d'environ 



428 SoUaz. 

14 lieues avant de rentrer sur le territoire bernois 
pres de Laupen; eile va enfin se jeter dans TAar pres 
de Wyleroltigen. 

Quelques localitäs de la Haute -Gruyere frappent 
g^neralement les voyageurs par leur Situation et leur 
Population, Qui n'a admir6 les beaux et riches villages 
de Montbovon (Mons bovis), au pied du col de Jaman, 
de Lessoc, de Grandvillars, avec cette ravissante cas- 
cade du ruisseau la Taouna, d'Albeuve, au debouche 
du däfile de TEvi. Mais, helas ! une terrible catastrophe 
vient de convertir cette derniere localite en un mon- 
ceau de ruines. Le devouement admirable de leurs 
Confederös rendra le courage aux habitants d'Albeuve 
et leur permettra de reconstruire leur village d'apres 
un plan rationnel qui le mettra desormais k Tabri de 
malheurs semblables. 

Pres de Montbovon, une cbarmante vallee laterale 
debouche sur la vallee de la Sarine ; c^est la vallee de 
l'Hongrin. Le beau torrent qui arrose cette valläe, 
THongrin, sort du pittoresque lac de Lioson, vöritable 
perle alpestre, au pied du Pic Chaussy et de la Tete 
de Moine. Ce ravissant tableau a inspire au celebre 
doyen Bridel quelques pages respirant un suave par- 
fum bucolique. Apres avoir travers6 la vallee vau- 
doise des Mosses, le torrent s'engage dans un d^file 
des plus sauvages au-dessous de la Dent de Corjecn, 
mugit dans les rochers qui bordent son lit entre les 
Rochers de Naye, le Scä de la Tine et le Scö de 
Berlingh^, arrive au-dessous du col de J^iman et vient 
se jeter dans la Sarine. Une partie des eaux de THon- 
grin se perdent dans un entonnoir et vont alimenter 



Les montagnes du canton de Fnhourg. 429 

le rnisseau de Neiriyue qni donne son nom au village 
de Neirivue, une lieue plus loin. 

En descendant du Moleson, par le sentier qui con- 
dait au village du Päqnier, on a däjä eu roccasion 
d^admirer un vaste cirque couvert de chalets et d'habi- 
tations, c'est le val de Charmey, dans la yallde de la 
Jogne. Kien de plus riant que ce beau, grand et riche 
TÜlage de Charmey, au milieu de ce site enchanteur. 
«Apr^s l'eglise d'Ancöne, qui regarde si noblement la 
ville et la mer», dit Louis Veuillot, dans ses p^le- 
rinages en Snisse, «je n'en sais pas de mieux situ6e 
que r^l^gante petite 6glise de Charmey, bätie au bord 
d^one coUine, d^oü Ton contemple un ravissant melange 
de rochers, de yallons, de coteaux et de montagnes. 
Les peintres ne rencontreront nulle part une gamme 
de tons plus compl^te et plus 6tendue. Charmant tableau 
qni s'anime du moindre yent, du moindre nuage, du 
moindre bruit. > ♦ 

Cette contree si interessante verra bientöt s'ouvrir 
nne route strat^gique qui reliera Thoune et le Simmen- 
thal avec Bulle et la Gruyere. Nul doute que ce chemin 
ne soit alors souvent choisi par les voyageurs qui 
visitent nos montagnes. 

Depuis la vall6e de la Jogne, deux sentiers de 
montagnes conduisent dans la vallee de la Singine. 
L'un part xle Bellegarde (Jaun) , village allemand du 
district de la Gruyere, oü Ton admire une charmante 
cascade, et gravit un col tres-raide au päturage de 
rOeschels (Nüschels), au pied de la Koerblifluh et va 
aboutir au Lac Noir. L'autre conduit de Charmey dans 
la vallee du Javroz, prös de la Chartreuse de la 



430 SoUaz. 

Valsainte, franchit le col des Räcardes, pres de la 
sauvage paroi de rochers de Berminga et plonge tont- 
ä-coup sur les bains du Lac Noir, charmante Station 
alpestre h 1065™. 

Le Lac Noir auquel ces deux sentiers aboutissent, 
occupe le fond d'un vaste cirque entoure de vertes 
coUines et de rochers arides. « C'est, > dit L. Veuillot, 
« une glace ovale de cinq quarts de lieue de tour, au 
fond d'une corbeille evasöe. Tout ce qui germe, s'agite 
et passe sur les bords, se reproduit dans ce miroir 
fidele: le troupeau, la branche, le nuage, le soleil, 
l'oiseau. Mais quand le ciel est Charge, que Torage 
etend ses alles sombres, tout disparalt; les flots lui- 
sants et noirs ne reflächissent plus que des Eclairs de 
feu; le lac merite son nom. Ainsi, tour ä tour la 
poesie de ses rives charmantes est gracieuse ou severe. 
Un coup de vent change du tout au tout la physionomie 
de Tonde tranquille, maintenant Arethuse et Styx une 
heure apräs.» 

II ne semblerait guere possible que le petit cours 
d'eau qui sort du Lac Noir füt en etat d'occasionner 
les ravages que Ton constate avec effroi dans la vallee 
inferieure. Ce sont surtout les indomptables torrents 
qui se precipitent des pentes du Schweinsberg et de 
la chatne du Kaiseregg qui contribuent h ces degats. 
Mais bientöt, pres d'une scierie, voici la Singine froide 
qui vient joindre ses efPorts ä sa soeur fribourgeoise, 
la Singine chaude. La r^union de ces deux imp^tueax 
torrents fournit un exemple remarquable des effrayants 
ravages que peut causer un torrent de montagnes. 
Une grande plaine, pres du village de Planfayon, est 



Les montagnes du canton de Fribourg. 431 

entierement couverte de blocs enormes et.de gravier* 
Le redoutable torrent serpente capricieusement au 
milieu de ce champ de devastation et semble trouyer 
son plaisir ä changer de lit ä chaque crue. 

Le grand village de Planfayon auquel on arrive 
bientöt en quittant la vallee de la Singine pour se- 
diriger yers Fribourg, se distingue des autres villages. 
du m^me district par le goüt artistique et la vivacite 
de ses habitants. On trouve dans ce village perdu 
dans la montagne une fanfare, un cboeur d'hommes* 
tJne difference sensible dans la physionomie et lea 
allures semble d'ailleurs indiquer une origine difförente 
de Celle de la population du reste du district. 

Pour completer cette etude, il y aurait certe encore 
beaucoup ä ajouter pour faire connaitre les particula- 
rit^s du langage des diff^rentes populations du canton^ 
leursoccupations, leurs f^tes et leurs recröations, sana 
Dublier le chapitre inepuisable des cbants populaires 
et des legendes. 

II nous faudrait aussi faire connaitre les richesses 
agricoles et les belies for^ts de notre canton. 

Le canton de Fribourg possede surtout une richesse 
inappreciable dans ses prairies et ses päturages; sa 
belle race de betail est trös-connue ainsi que ses fro- 
mages. Mais il s'agit, pour faire valoir ces avantages, 
de profiter de toutes les ameliorations , de tous les 
progräs realises däns la science agricole. Une grande 
impulsion a ete donnee par la societe d^agriculture^ 
qui a organise de nombreux concours de charrues, des 
expositions de semences, d'instruments agricoles, des 
cours pour les marechaux-ferrants, des inspections des 



432 Sottaz. Les montagnes du canton de Fribourg, 

fromageries, etc. ün cours pratique pour les fromagers 
a 6te organisö et confiö ä Thabile direction de M. Schatz- 
mann*). Gräce ä. Tinitiative de citoyens deyoues, une 
fromagerie modele vient d'ötre etablie ä Ynadens, dans 
la Gruy^re, et promet les resultats les plus satis- 
faisants. On ne ponvait certe choisir une localite mienx 
qualifiee. Vuadens est un grand et riche village, aux 
plantureuses prairies, qui s'etend au pied des Alpettes; 
c'est dans son territoire que se trouvent les päturages 
des Colombettes celebr6s dans le ranz des vaches dont 
la melodie si simple et si touchante a le priyilege de 
faire tressaillir tout coeur suisse. 

II y aura ä Fribourg en septembre 1877 un grand 
concours agricole suisse. Puisse-t-il contribuer k donner 
une nouvelle impulsion k notre industrie agricole, la 
principale et la plus durable richesse de notre canton!**) 



*) L'Etat, de son c6tä, fait anssi de loaables sacrifices 
pour l'am^lioratioii des races chevaline et bovine; il organise 
chaque ann^e des conconrs d'etalons, de jnments poulini^res, 
de tanreaux, de g^nisses, etc. 

**) Les cotes de hanteurs indiqnöes dans cette ötude out 
^td emprnnt^es seit k la carte fed^rale, soit k la carte da 
canton de Fribourg par Stryienski publice en 1851 (Schelle 
Vsojooo). Sous le rapport des cotes et surtout des noms, la 
carte föderale presente, pour ce qui conceme les Alpes fri- 
bourgeoises, des lacunes et des erreurs qu'il serait nöcessaire 
de rectifier dans une nouvelle Edition. 



1 

L 



m. 



Kleinere Mittheilungen. 



28 



Das Panorama vom Wildhorn. 

Von Ernst Buss, Pfarrer. 

Ein Deutscher, der eine Menge der höchsten und 
schönsten Aussichtspunkte des schweizerischen Hoch- 
gebirgs besucht hatte, schrieb in's Fremdenbuch der 
Krone an der Lenk, einen reichern, vollständigem, 
harmonischem und grossartigem Rundblick über das 
Alpengobiet, als das Wildhorn ihn darbiete, habe er 
nie genossen. Es dürfte sich in der That nicht leicht 
ein Punkt finden, von welchem aus zugleich zwei so 
hervorragende Gebirgsketten wie die Walliser und die 
Bemer Alpen, dazu der Jura und das ganze Hügel- 
land der schweizerischen Hochebene sich in so freier 
und ausgedehnter Weise überschauen liessen, wie diess 
auf dem Wildhorn der Fall ist. 

Das W i 1 d h r n (3268 ™) ist der höchste und freiste 
Gipfel der westlichen Berner Alpen. In der Mitte 
zwischen Wildstrubel und Diablerets gelegen, bildet 
es einerseits einen jener Riesengrenzsteine zwischen 
Bern und Wallis*, wie dieser mächtige Hochgebirgs- 
kamm sie in so grosser Anzahl aufweist; andrerseits 
aber auch einen Gebirgsknoten , indem die Haupt- 
hnie der Berner Alpen, die sich in vollkommen ge- 



436 Bu88. 

rader Flucht von Nordosten nach Südwesten über das 
Wildhorn zieht, in seinem Gipfel fast rechtwinklig yon 
einer andern Linie, welche die Richtung von Norden 
nach Süden verfolgt, gekreuzt wird. Im Lauenenthal 
erhebt sich nämlich ein Kamm, der, gebildet von der 
Westkante der Dungelalp, dem Vollhorn und dem 
Hahnenschritthorn (2840™), in stufenmässigem Auf- 
bau rasch zum Wildhorn emporstrebt und von da aus 
sich in zwei langen Artnen gegen Süden und Südosten 
fortsetzt, indem er sich dort im langgestreckten, gerad- 
linigen Grat der Greta bessa (2732™), hier im viel- 
fach verzweigten Bogen des Sex rouge (2891™) (nicht 
zu verwechseln mit dem gleichnamigen Gipfel des 
Diableretsmassivs) in's Rhonethal bis Conthey, Sitten 
und St. Leonard hinabsenkt. Es gehen also vom Wild- 
horn radienförmig 5 verschiedene Gräte aus, und das 
Wasser findet von seiner Spitze nach 6 verschiedenen 
Richtungen hin seinen Abfluss, nach Südwesten in der 
Morge, nach Süden in der Sionne«^ nach Südosten in 
der Riere, die alle 3 in der Nähe von Sitten in die 
Rhone münden, nach Nordosten im Iffigenbach, einem 
Nebenfluss der Simme, nach Norden einerseits im 
Dungel-, andrerseits im Geltenbach, die sich weiter 
unten zum Lauibach vereinigen und in die Saane fliessen. 
Der Gipfel erhebt sich von allen Seiten steil ans 
dem breiten Grundstock, so steil, dass er nur von der 
Ostseite aus bestiegen werden kann. Rings um ihn 
her sind gewaltige Gletscher- und Firnmassen gelagert, 
die auf der südlichen Abdachung den grossen Wildhom- 
gletscher mit dem stark abgeschmolzenen Steinenberg- 
gletscher, auf der nördlichen mehr östlich den Dungel-, 



Das Panorama vom Wtldhorn, 437 

urestlich den Geltengletscher bilden, welche letztem 
4arcli den steilen, zerrissenen Verbindungsgrat zwischen 
Hahnenschritthorn und Wildhorn von einander getrennt 
sind. Auf der obersten Spitze tritt ein schmales Fels- 
bord aus dem Firn hervor , das dem Besucher, wenn 
auch auf sehr beschränktem Räume, festen und trockenen 
Stand gewährt. 

Lagern wir uns auf den spitzigen Steinen dieser 
verwitterten Gipfelkante und betrachten wir einen 
Augenblick die Bund sieht, die sich uns hier er- 
<3ffnet. 

In erster Linie werden die Blicke durch den 
wundervollen Gipfelkranz der Walliser Alpen ge- 
fesselt, die sich hier in grossartigster, breitester Ent- 
faltung vor uns ausdehnen. Im Wallis ist das Wild- 
horn so überall direkt in Sicht, dass man begreift, 
wie von ihm aus auch wirklich das ganze Ehonethal 
beherrscht werden muss. — Unter sich zu Füssen hat 
man zunächst die lange Thalebene des Wallis von 
Brieg bis gegen Martinach, da und dort freilich unter- 
brochen durch die vorspringenden Felsköpfe des Rawyl- 
horns, Steinenberghorns , Sex rouge, der Greta bessa 
und des Sublage. Man erkennt deutlich nicht nur den 
geschlängelten Lauf der Rhone und die südlich von ihr 
gelegenen Ortschaften, von denen Chippis, Bramois 
(Bremis), Aproz, Riddes (Reiden) und Saxon in der 
Ebene, Vercorin, Nax, Nendaz und Iserable in der 
Höhe besonders schön hervortreten, sondern ebenso 
die Thalstrasse, die Eisenbahn, die vereinzelten Weiler 
und Höfe, ferner die Eingänge zu einer Menge von 
südlichen Seitenthälern. Sitten und Martinach sind 



438 Buss, 

verdeckt; dagegen sind die bekannten Erdpyramiden 
von Useigne, wo das Eringer- und das Heremencethal 
sich gabeln, mit blossem Auge gut erkennbar. — üeber 
der Thalsohle öffnen sich die zahlreichen Seitenthäler 
des Wallis mit ihrem Wiesen- und Waldesgrün und der 
über alle Abhänge zersprengten Häusersaat, am deutlich- 
sten das Eringer-, das Nendaz- und das Einfischthal. 
Ueber dem Gewirre der wunderlich hinter einander ver- 
schobenen und über einander gethürmten Vorberge 
erhebt sich endlich der Wald von hohen und höch- 
sten Gipfeln scheinbar so nah, dass man sie mit 
der Stimme erreichen und ihnen das Echo entlocken 
zu können meint, und so formenschön und massen- 
gewaltig, dass auch der Nüchternste unwillkürlich über- 
wältigt wird. Vom Ofenhorn und Albrunpass bis zum 
Mont Blanc und den Savoyerbergen steht diese ganze 
Kette, ohne Zweifel die grossartigste des gesammten 
Alpengebirgs, frei vor uns ausgebreitet, wie man sich's 
herrlicher nicht wünschen kann. Wenigstens 300 unter- 
schiedliche Gipfel, wovon 27 mit über 4000 und 120 
bis- 130 mit über 3000°» Höhe, halten da, in ihre 
glänzenden Gletscher- und Firnmäntel gehüllt, vor 
uns Parade. 

Von den bekannten Gipfeln der Walliser Alpen 
fehlt ein einziger, das Matterhorn. Neidisch verbirgt 
es sich hinter dem Obergabelhorn. Unten auf dem 
Wildhorngletscher, z. B. bei Punkt 2800 der Düfour- 
karte, sieht man es östlich hinter dem genannten 
Gipfel hervortreten; auf dem benachbarten Rohrbach- 
stein und auf dem Wildstrubel erscheint es freistehend 
zwischen Gabelhorn und Zinalrothhorn. Monte Rosa, 



Das Panorama vom Wildhorn, 439 

Lysskamm, Zwillinge und Weissthor sind zwar deutlich 
sichtbar; aber sie liegen zu fem, um besonders hervor- 
stechen zu können. 

An die Walliser schliessen sich im Osten, nah zu- 
sammengedrängt und in einer Verschiebung, wie man 
sie sonst nicht zu sehen gewohnt ist, aber immerhin 
efifektvoU genug, die Berner Alpen an. Hier fehlt 
unter den alten Bekannten wieder der schönste, das 
Finsteraarllom. Der vor dieser Gruppe breit daliegende 
Wildstrubel gibt, weil nur 2 Meter niedriger als das 
Wildhorn, dem Beschauer den Maassstab zu richtiger 
Beurtheilung der Höhenyerhältnisse aller über und 
neben ihm sichtbaren Gipfel. — Im Westen endlich 
schliesst die Gruppe der den Kantonen Waadt und 
Wallis angehörenden Berge der Berner Alpen das 
Hochgebirgspanorama ab. 

Diese weite, zackige Einrahmung des Khonethales 
habe ich nun in der beigegebenen Zeichnung, einer 
Erstlingsarbeit, zu skizziren yersucht. Es vermag die- 
selbe freilich nur ein sehr mattes Bild von dem zu 
geben, was der Besteiger des Wildhorns in Wirklich- 
keit vor sich hat. Aber sie kann doch dazu beitragen, 
diesen von der Touristenwelt bisher viel zu wenig be- 
achteten Aussichtspunkt dem Gesichtskreis der Alpen- 
freunde näher zu rücken und in ihnen die Ueber- 
zeugung zu erwecken, dass sie auf diesem Gipfel einen 
Naturgenuss zu gewärtigen haben, der, wenn irgend 
etwas, ein wirklicher Hochgenuss sein wird. Der Kundige 
wird in dieser Skizze im Allgemeinen den prägnanten 
Charakter der gezeichneten Gipfelformen wiedererkennen, 
der Unbekanntere an ihrer Hand sich an Ort und Stelle 



440 Ems. 

zu Orientiren im Stande sein. Daneben aber lässt die 
Detailausführung namentlich der Vorberge sehr Vieles 
zu wünschen übrig, was Niemandem besser als mir 
selber bekannt ist. Allein wer aus Erfahrung weiss, 
was es auf sich hat, auf einer Bergspitze von solcher 
Höhe bei schneidendem Wind und eisiger Kälte mehrere 
Stunden, auf spitzigen Steinen sitzend, die halb er- 
frorenen Füsse im Schnee, die steifen Hände in Winter- 
handschuhen, das Auge vom Glanz des umgebenden 
Gletschers geblendet, zu zeichnen, der wird auch die 
vielen Mängel und UnvoUkonunenheiten zu entschul- 
digen vermögen.. Ich bemerke noch, dass die Haupt- 
masse des Panoramas in der ersten Hälfte Juni nach 
dem schneereichen Winter 1874/75 aufgenommen ist, 
also zu einer Zeit, wo auf den Höhen weit mehr Schnee 
lag, als diess zur gewöhnlichen Zeit der Bergbestei- 
gungen der Fall ist. Wer also im August oder Sep- 
tember auf dem Wildhorn selbst Natur und Bild ver- 
gleicht, mag einige, besonders niedrigere Gipfel, die 
hier weiss erscheinen, in Wirklichkeit ganz oder theil- 
weise schneefrei finden. Die Strecke vom Grand- 
Combin bis zum Mont Blanc ist vielleicht um ein 
Weniges zu lang gerathen. Für die Zuverlässigkeit 
der Gipfelbestimmung — es sind circa 260 Punkte 
bestimmt — mag der Umstand hinlängliche Gewähr 
bieten, 'dass Herr G. S tu der in Bern, der gründ- 
lichste Kenner der Alpen, sich die Mühe nicht hat 
verdriessen lassen, das Panorama der genausten Durch- 
sicht zu unterwerfen. Für diese ebenso werthvoUe als 
bereitwillige Hülfeleistung sei ihm hiemit auch öffent- 
lich warmer Dank ausgesprochen. Im Uebrigen be- 



Das Panorama vom Wüdhorn. 441 

daure ich sehr, dass, nachdem ich bei zwei Besteigungen 
im Ganzen doch nur etwa 5 Stunden zeichnen konnte, 
wovon das eine Mal bei einer Temperatur -von 5 — 8 ® 
unter Null, eine dritte resp. vierte Besteigung zum 
Zweck genauer Ausführung des Vorder- und Mittel 
grundes des Wetters wegen erfolglos blieb, so dass die 
Rundsicht, welche in der That eingehendster Bearbeitung 
werth wäre, hier eben nur in skizzenhaften Umrissen 
wiedergegeben werden konnte. 



Unsere Skizze gibt aber nur die südliche Hälfte 
der vom Wildhorn aus beherrschten Gegenden. Es 
gebührt sich, auch dem übrigen Theil der Aus- 
sicht wenigstens einige Worte zu widmen. 

Nicht irgend ein Hörn oder Vorberg behindert 
nach Norden zu den Ausblick in's freie Land. Es lässt 
sich daher die ganze nördliche Verzweigung der Alpen 
und der sich um sie gruppirenden andern Gebirge so 
weit verfolgen, als das Auge überhaupt zu reichen 
vermag. Schweift der Blick im Süden über einen Um- 
kreis von 80—100 Quadratmeilen (der Kanton Wallis 
hat 96), so beherrscht er im Norden einen wenigstens 
vier Mar so ausgedehnten. Ohne Uebertreibung kann 
man sagen, dass, was man bei günstiger Beleuchtung 
vom Wildhorn aus in Sicht hat, zusammen einen Com- 
plex von 400—450 Quadratmeilen ausmacht, 
wovon der grösste Theil auf die Schweiz, das Uebrige 
auf Frankreich und Deutschland, ein Minimum endlich 
auf Italien fällt. — Nordwärts blickend hat man näm- 
lich zunächst unter sich das ganze Saanenland mit 



442 Buss, 

seinen Dörfern und Bergen (Spitzhorn, Gummfluh, 
Rüblihorn etc.), darüber mehr westlich das ganze Geäst 
der Waadtländer und Freiburger Berge : Tornette, Tour 
de Mayen, Rochers de Naye, Dent de Lys, Moleson 
Dent de Brenleyre u. s. w. ; über diese Gräte und Gipfel 
hinweg aber auch den ganzen Jura von der D öle bis 
zum Randen. Ja über dem Jura sind selbst die 
Vogesen und der Schwarzwald in langen Linien 
deutlich erkennbar. Der Feldberg lässt sich mit un- 
bewaffnetem Auge unterscheiden. Ein Panorama, auf- 
genommen von Höchenschwand bei St. Blasien im 
badischen Schwarz wald, verzeichnet auch das Wildhorn. 
— Mehr nach Osten zu zeigen sich zunächst das Simmen- 
thal mit den zerstreuten Häusergruppen von Lenk, 
Zweisimraen und Boltigen, von Bergen besonders Albrist- 
horn, Spielgerten, Gstir, Männlifluh, im Fernern die 
ganze Niesenkette überhaupt (das Wirthshaus auf dem 
Niesen ist deutlich sichtbar) , die Stockhornkette mit 
ihren sämmtlichen Gipfeln und über Niesen- und Stock- 
hornkette hinweg die Berge nördlich vom Thunersee 
und um Bern (Bantiger), der Gantrisch, die Schratten- 
fluh, der Pilatus mit den Bergen des Entlibuchs und 
in der Ferne endlich, nebelhaft verschwimmend, in 
Reihen hinter einander eine Menge schwer bestimm- 
barer Höhenzüge und Berggipfel der Ostschweiz, 
die allmälig mit dem Jura zusammenfliessen, zwischen 
Jura und Alpen natürlich auch das offene Land der 
Kantone Waadt, Bern, Solothurn, Aargau, Luzern etc. 
Heben wir aus diesem enormen Umkreis noch ein- 
zelne Punkte hervor, die das Auge besonders fesseln, 
so ist vor Allem der Genfersee zu nennen, der sich 



Das Panorama vom Wüdhorn, 443 

scheinbar in nächster Nähe rechts vom Oldenhorn in 
voller Klarheit ausbreitet und von Meillerie bis Nyon 
die Städte und Dörfer beider Ufer, besonders schön 
Lausanne, Morges, Aubonne und Evian, sehen lässt. 
Die gute Stadt Neuenburg glänzt bei Morgen* 
beleuchtung höchst freundlich über den nach ihr be- 
nannten See herüber, an den sich vorn und rechts der 
Murten- und Bielersee anschliessen. Mit dem 
Femglas unterscheidet man sicher die Petersinsel, die 
Kirche von Ligerz, die Dörfer ob Biel. Chasseral, 
Hasenmatt, Weissenstein , Clus zeichnen sich deutlich 
ab. Bei gehöriger Bewaffnung des Auges muss selbst 
die Festung von Aarburg und das Sälischlösschen er- 
kennbar sein; denn der weisse, majestätische Gipfel, 
den man dort für den Mont Blanc auszugeben pflegt, 
ist nichts Anderes als das Wildhorn. 



Die Besteigung des Wildhorns, die schon 
vielfach auch von Damen glücklich ausgeführt worden 
ist, macht sich am leichtesten und ungefährlichsten 
von Lenk aus. Man braucht dazu 9, in günstigen 
Fällen auch wohl nur 8 Stunden. Der Weg führt vom 
Dorf oder Bad Lenk aus zunächst südwärts auf der 
noch l'/'i Stunden weit fahrbaren Rawylstrasse durch 
das freundliche Pöschenried, dann am stattlichen Iftigen- 
wasserfall hinauf durch Tannenwald und Alpenrosen- 
gesträuch in das nach Südwesten biegende Iffigenthal. 
^n 2 Stunden ist die Sennhütte der untern Iffigen- 
alp (1601™), wo sich südlich der Rawylpassweg ab- 



444 Bus8. 

zweigt, erreicht. Hier wird man, obschon der Marsch 
bis dahin noch unbeschwerlich ist, einen Augenblick 
Rast machen zu einer Erfrischung, wie sie in dieser 
einfachen Sommerwirthschaft zu haben ist. Man ver- 
lässt nun den Saumweg und gebt in der gleichen lüch- 
tung wie vorher zwisiehen den mächtigen Felswänden 
des Mittaghorns und Seltenschons einerseits und des 
Iffigenhorns oder Hohbergs andrerseits massig steigend 
weiter bis zur Alp Stieren-Iffigen. Die hier mitten 
zwischen gewaltigen Felsblöcken stehende Sennhütte 
(1680«») ist im Frühjahr 1876 trotz der dahinter- 
stehenden Felsenschutzmauer durch eine Lawine total 
zertrümmert worden. Ueberhaupt ist das Iffigenthal 
im Winter und Frühling der Ablagerungsplatz vieler 
und gewaltiger Lawinen. Zu hinterst auf der Stieren- 
Iffigenalp beginnt nun die erste gehörige Steigung. 
Südlich nimmt eine Quelle, die in mächtigem Strahl, 
einen Wasserfall bildend, mitten aus der Felswand 
hervorspringt, unser Interesse in Anspruch. Nach 
^/4stündigem Steigen, wobei 400 ^ überwunden werden, 
sieht man sich plötzlich für seine Mühe reichlich be- 
lohnt. Denn vor uns liegt der stille, grüne, von 
hurtigen Wasserhühnchen belebte, etwa 12 Minuten 
lange Iffigensee (2080™) mit seinen steilen Ufern, 
ein allerliebstes Bild. Auf der Höhe dieses richtigen 
Bergsees angelangt, wird man um so lieber sich eine 
zweite kurze Rast gönnen, als eben hier sich in reicher 
Menge Edelweiss pflücken lässt. Zudem hat auch das 
Landschaftsbild sich bedeutend verändert. Zur Rechte» 
hat man vor sich das Niesenhorn (2777'"), auf der 
Höhe ein beliebter Weideplatz grosser Rudel von 



r 



Das Panorama vom Wüdhoi'n. 445 



1 Gemsen, zur Linken die spitzigen Kanten und steilen 
Wände des Schneideborns (2938™) mit seinen beson- 
dern Theilen, der Seeschneide am Iffigensee, der Scbnee- 
8chneide weiter hinten beim Gletscher und der Wallis- 
schneide oben; hinter dem See noch eine grüne Alp, 
darüber eine theilweise mit Schnee bedeckte Stein- 
fläche, zu hinterst endlich den Absturz des Wildhorn- 
gletschers. 

Der Weg führt nun nördlich am See vorbei. Da 
er stellenweise schmal und abschüssig, so ist Vorsicht 
am Platz; denn ein Misstritt könnte sofort den Sturz 
in den tief unten liegenden See zur Folge haben. Bald 
ist die Alp erreicht, auf welcher circa 700 Schafe den 
Sommer zubringen. Hier hört nun Alles auf, was 
einem Weg ähnlich wäre ; die Vegetation ist sozusagen 
verschwunden, und bereits athmet man die frische 
Gletscherluft. Immer in der gleichen südwestlichen 
Richtung gebt man weiter, bis Punkt 2204 der Curven- 
karte ziemlich steil, später wieder nur massig an- 
steigend, und in einer Stunde von der Haltstelle am 
See ist der Fuss des Wildhorngletschers erreicht. Hier 
am Südabhang des Niesenhorns (auf der Curvenkarte 
fälschlich auch Seltenschon genannt, womit von den 
Thalbewohnern vielmehr der Grat vom Mittaghorn bis 
zur Schneidehomspitze bezeichnet wird) befindet sich 
ein tiberhängender Felsen mit weichem Grasbord dar- 
unter, wo sich bei jedem Wetter behaglich ruhen lässt 
und wo nunmehr vom Alpenclub Simmenthal-Saanen 
eine Clubhütte errichtet wird, zu welcher das Bad 
Lenk das Holz liefert. Diess ist der Punkt zur dritten 
Rast, bei der man sich zur nun folgenden Gletscher- 



446 Bush. 

tour stärken muss. Wer die Unbilden einer kalten 
Nacht nicht fürchtet, thut am besten, am Abend bis 
hieher vorzudringen, um den Rest der Tour mit aus- 
geruhten Kräften und bei festem Schnee in der Morgen- 
frühe zu bewältigen. Ich habe drei Mal im Freien 
unter diesem Felsen geschlafen bei Regen und bei 
Schnee, einmal bei einer Kälte, die über Nacht alle 
Bäche und Pfützen um uns her mit festem Eis über- 
deckte, und ich hatte es nie zu bereuen. Denn wenn 
man nicht schon um 5 Uhr die Höhe des Wildhorn- 
gletschers erreichen kann, so wird der Aufstieg zum 
Gipfel der Erweichung des Schnees wegen ungleich 
mühsamer und gefährlicher. 

Von diesem Ruheplatz aus steigt man nun westlich 
vom blanken, wild zerrissenen Absturz des Wildhorn- 
gletschers, der sich zwischen der Wallisschneide und 
dem Kirchli herunterlässt , immer steiler und steiler 
über Steingeröll und Schneefelder empor in südlicher 
Richtung direkt auf die Schieferpyramide des Kirchli 
(2791°^) zu. Dieser Aufstieg ist die mühsamste und 
einzig schwierige Stelle der ganzen Partie. Theils 
klettert man an den kleinen, losen Spitzen der sehr 
steilen Schieferwand hinauf, mit Händen und Füssen 
zugleich arbeitend, theils muss der Weg über den 
Gletscher selbst eingeschlagen, d. h. es müssen Stufen 
in's Eis gehackt und in diesen eine Weile fast senk- 
recht empoi-gestiegen werden. Mit etwas Muth ist 
übrigens die Stelle, zumal in warmen Sommern, wenn 
der Gletscher niedriger, resp. die Wand des Kirchli 
freier ist, rasch überwuifden, da die eigentliche Kletter- 
partie eine Strecke von höchstens 5 — 10 Minuten aus- 



Das Panorama vom Wüdhorn. 447 

macht. — Auf der Höhe des Gletscherplateaus an- 
gelangt, betrachtet man mit Wohlgefallen in unmittel- 
barster Nähe die prachtvollen Eispfeiler und Zacken 
der eben hier abfallenden , gänzlich zerborstenen 
Gletscherzunge, sowie im Südwesten über der weiten 
Gletscherfläche die in der Ferne winkende Wildhorn- 
spitzo. 

Man bindet sich an's Seil. Rasch geht's quer über 
das untere Plateau des Gletschers hinüber zu Punkt 
2800, der in einer guten halben Stunde erreicht ist. 
Hier treten nun bereits einige Gipfel der Walliser 
Alpen zu Tage. Von da bewegt man sich in fast zwei- 
stündigem Marsch, der bald über blankes Eis, meist 
aber über Firnschnee führt, welcher die trügerischen 
Spalten des stark zerschrundeten Gletschers vielfach 
verdeckt, fortwährend möglichst aussen auf der die 
Kantonsgrenze bildenden, zuweilen über das untere 
Plateau förmlich hinaushängenden Eiskante gleichmässig 
ansteigend weiter, bis man am Fuss des eigentlichen 
Gipfels angelangt ist. In einer letzten halben Stunde 
tüchtiger Anstrengung ist auch diese Steigung über- 
wunden und der herrliche Punkt erklommen. 

Die Etappen sind also folgende: Iffigenalp 2 St., 
Iffigensee 2 St., Schlafstelle oder Clubhütte 1 St., Höhe 
des Kirchli 1 St., zweites Gletscherplateau 7- — 1 St., 
Spitze 2 St., zusammen 8V2 — 9 St. Der Abstieg auf 
demselben Weg macht sich viel rascher, erfordert 
aber in der Regel der vielen und gewaltigen Gletscher- 
spalten wegen bei gewöhnlich ziemlich gelockertem 
Schnee erhöhte Vorsicht. — Will man auf anderem 
Wege zurückkehren, so kann man auch von Punkt 



448 Bu8s. Das Panorama vom Wildhorn. 

2800 aus über die östlichste Gletscherzunge' zu dem 
kleinen See nördlich hinter dem Rawylhorn hinab- 
steigen und, von dort wieder emporkletternd, den 
Rawylpassweg gewinnen. Allein diese Tour, die über 
ein breites, abscheulich zerrissenes Karrenfeld führt, 
ist sehr ermüdend und beschwerlich. 

Das Wildhorn ist auch von L a u e n e n und Sitten 
aus besteigbar, doch ist Beides ungleich mühsamer 
und schwieriger als von der Lenk aus. Beim Aufstieg 
von Lauenen wird von der Dungelalp aus zwischen 
Hahnenschritthorn und Niesenhorn der Dürrensee und 
von hier aus über den Dungelgletscher hinauf beim 
Pfaffenhörnli das untere Plateau des Wildhorngletschers 
angestrebt. Von Sitten aus wird man wohl am besten 
dem Sanetschpassweg folgen bis zur Alp Vis, wo dieser 
nach Nordwesten abschwenkt, und alsdann in direkter 
Richtung gegen das Wildhorn dem Gletscherbache ent- 
lang, die Greta bessa rechts lassend, bei Punkt 2469 
nordöstlich von den grandes Gouilles den Gletscher 
zu gewinnen suchen. Oder man müsste durch das enge 
Thal der Sionne über la Combaz die Höhe des Sex rouge 
erklettern und von hier den steilen Gletscher empor- 
klimmen; doch dürfte diess sehr gewagt sein. 

Schliesslich wollen wir nicht unterlassen, als besten 
Wildhornführer den Gemsjäger Christian Jaggi 
an der Lenk namhaft zu machen, einen Führer, welcher 
bei der im Jahr 1875 von der bernischen Direktion 
des Innern angeordneten ersten Pührerprüfung für den 
Kanton unter sämmtlichen 27 Bewerbern um das Führer- 
patent als der erste, theoretisch und praktisch am 
besten bewährte hervorging und demgemäss prämirt 



Notizen zur Btsteiyiing des Mönch. 149 

wurde. • Der durch und durch kundigen Leitung dieses 
gewissenhaften, bescheidenen und muthigen Mannes 
darf sich jeder ruhig anvertrauen. Neben ihm ist in 
zweiter Linie sein ebenfalls sehr tüchtiger und zuver- 
lässiger Bruder Peter Jaggi zu erwähnen. 

Möchte das Wildhorn künftighin recht viele Be- 
sucher auf seiner erhabenen Warte sehn! 



Notizen zur Besteigung des Mönch. 

Von JR. Lindt, 

Es ist allgemein bekannt, dass in Folge der energi- 
schen Durchforschung des Alpengebiets von Seite der 
Alpenvereine auch die am meisten gefürchteten Gipfel 
den frühern Nimbus der Unbezwinglichkeit und Gefähr- 
lichkeit eingebüsst haben und zwar oft in solchem 
Maasse, dass sie, wie das Matterhorn, jetzt der Ziel- 
punkt täglich sich wiederholender Unternehmungen ge- 
worden sind. Auch die brillante Gruppe Jungfrau, 
Mönch und Eiger musste sich diesem Gesetz beugen, 
und es können die Schaaren von Touristen, welche die 
Wengernalp mit ihren Naturschönheiten besuchen, bei 
gutem WiBtter oft die Besteigung des einen oder andern 
der drei Gipfel oder gar aller drei gleichzeitig vom 
Fttss bis zum Gipfel verfolgen, ein Schauspiel, welches 
immer dichte Gruppen von Menschen um aufgestellte 
Telescope vereinigt. Namentlich beliebt scheint der 
ßiger geworden zu sein, den man jetzt so en passant 
erklettert, wie früher etwa ein Abstecher auf's Faul- 

29 



450 Lindt 

hörn gemacht wurde, während der Mönch immer noch 
eine gewisse Ehrfurcht einflösst, wenn man hoch oben 
über den steilen dunkeln Felsen die nahezu senkrechten 
oder gar überhängenden Gletscherabsttirze drohend mit 
ihrer blauweissen Stirne in^s weite Land hinaus blinken 
sieht. Doch auch an diesem trotzigen Berg, welcher 
manche Besucher unhöflich und rauh abgewiesen hat, 
gingen grosse Wandlungen in wenig Jahren vor sich. 

Die erste Besteigung des Möuch's durch Dr. Porges 
1857, von der Stier egg am untern Grindelwaldgletscher 
aus unternommen, erforderte bis Grindelwald zurQck 
beinahe drei Tage. Auch Hr. Beck verwendete 1870 
von Grindelwald aufwärts und zurück, mit zweimaligem 
Uebemachten im Bergli, ungefähr die gleiche Zeit, 
von welcher jedoch ein guter Theil namentlich auf dem 
Gipfel zu photographischen Aufnahmen in Ansprach 
genommen wurde*). Ohne solche Beschäftigung wtLrden 
jetzt zwei Tage genügen. 

Man erinnere sich femer an die Beschreibung der 
ersten Versuche, den Mönch von der Nordseite anzu- 
packen. Die Schwierigkeiten, an welchen die Unter- 
nehmung der Herren George und Moore scheiterte, er- 
wiesen sich auch für Hm. v. Fellenberg so henmiend, 
dass derselbe zweier voller Tage und harter Arbeit 
bedurfte, um den Gipfel von seinem Bivouak aus zu 
bezwingen, wobei freilich das Mitschleppen einer langen 
Leiter und Bergkrankheit des Trägers ihr redlich Theil 
zur Verzögemng beitrugen. Dieser enorme Zeitaufwand 
kann gegenwärtig bedeutend reduzirt werden. Eine^ 



*) Alpine Journal 2 u. 8, Jahrbuch V u. VIIL 



r 



Notizen zwr Besteigung des Mönch, 451 

« 

tbeils kennt man die .Felsbänder besser und braucht 
sich nicht iaufzuhalten mit dem Aufsuchen der gang- 
baren Stellen, anderntheils scheint auch die Eiswand 
einige Veränderungen erlitten zu haben, so dass, sei 
es durch Absturz oder Abschmelzen, die Seite gegen 
deto Eigergletscher, wenn sie auch immer noch ent- 
setzlich steil ist, doch etwas Zugänglicher geworden 
sein mag. Einen grossen Einfluss übt auch die Be- 
"schaffenheit des Firns, daher eine Mönchbesteigung 
nicht zu spät im Sommer unternommen werden sollte, 
will man nicht Gefahr laufen, in hellem, hartem Eise 
halbe Tage lang Stufen hacken oder umkehren zu 
müssen. 

Offenbar missglückten einige frühere Unternehmungen 
hauptsächlich an dem Umstände, das« das Nachtlager 
in zu geringer Höhe, in der Eigerhöhle oder Wengern- 
aip, gewählt worden war. Es ist daher die Erleich- 
terung einer Besteigung durch die Erstellung zweier 
Clubhütten, der Bergli- und Guggihütte, zu beiden Seiten 
des Berges nicht gering zu schätzen. 

Sowohl für Mönch- als Jungfrautouren ist die letztere 
gut und solid gebaute Hütte*) von grossem Werthe. Sie 
ist zwar in 17» Stunden von der Scheidegg aus zu 
erreichen und kürzt demnach den We^ scheinbar nicht 
wesentlich ab, allein sie bietet den grossen Yortheil, 
dass man von da sehr früh mit oder ohne Laterne 
aufbrechen kann, um die nicht schwierigen Felsstufen 
zu erklimmen und weiter oben noch festen Firn zu 
finden, während der Uebergang über die Moränen des 



*) Jahrbuch X. 



i 



452 Lmdt. 

P^igergletschers und seine Abflüsse bei Nacht recht 
unangenehm sich erweisen und eine kostbare Zeit hie- 
durch verloren wird. 

Die Ueberschreitung des Mönch's von Norden nach 
Süden auf das Mönchjoch hinunter bietet nun so viel 
des Grossartigen, Abwechselnden und üeberraschenden, 
dass eine kurze Vervollständigung früherer Angaben 
wohl hie und da einen Freund solchen Genusses ver- 
anlassen mag, sich zu diesem schönen und flotten Gang * 
zu entscheiden, der übrigens auch schon von bekannten 
Bergsteigerinnen glücklich unternommen worden ist. 

Von der Guggihütte den 6. August um 2 Uhr Morgens 
abraarschirt, erreichten wir, Herr W. Brunner, Herr 
Martino und der Unterzeichnete den Gipfel um 10 Uhr 
25 Min., also in 8 Stunden 25 Min., eingerechnet drei 
Halte. Es wäre auch thöricht, auf den freien Warten 
unter- und oberhalb des Eissturzes, welche so stolz in 
die Lüfte ragen, die mehr und mehr sich entfaltende 
Aussicht nicht mit einiger Müsse zu gemessen und den 
in grauser Tiefe liegenden Guggigletscher, die dem 
Auge sich öffnenden Terrassen, Wände und Eismulden, 
welche sich zum Schnee- und Silberhorn bis zur Jung- 
frau aufthtirmen, oder die Hänge und Tritte des Eiger's 
nicht zu durchmustern. Ist einmal diese Eishanbe 
durch kräftige Handhabung des Pickels und Anwen- 
dung äusserster Vorsicht gewonnen, so trifft man auf 
keine grössere Schwierigkeiten, als sie jeder Hochgipfel 
aufweist, lange steile Firnhalden, oft mit Eis durch- 
zogen, stellenweise, wie auf dem westlichen Grat, ver- 
eiste Felsen und was dergleichen mehr ist. Zugleich 
aber erweitert sich die Aussicht fast plötzlich und 



Notizen zur Besteigung des Mönch, 4ö3 

überwältigend über den ganzen südlichen Horizont und 
umfasst im Vordergrund die gewaltigsten Firnreviere, 
umsäumt von den mächtigen Ketten unseres Hoch- 
gebirges mit ihren so mannigfaltig gestalteten Kuppen 
und Hörnern, im Hintergrund die imposanten Gruppen 
des Wallis und Savoyens. Die Aussicht des Mönch's 
kann sich nahezu mit derjenigen der Jungfrau messen, 
sie übertrifft aber diejenige des Eiger's an harmonischer 
Gliederung, Grossartigkeit und Fernsicht, während dieser 
in Folge seiner vorgeschobenen Stellung grosse pittoreske 
Eigenthümlichkeiten besitzt. 

Nach einem Aufenthalt von 1 Stunde 50 Minuten 
wurde das obere Mönchjoch um 2 Uhr erreicht. Dieser 
Abstieg erfordert einige Vorsicht, da er über scharfe 
Firnschneiden und einige steile Felsstufen hinunter 
führt. Ein köstlicher Halt angesichts der herrlichen 
Hochfirne wurde etwas zu lange ausgedehnt, so dass 
wir, überdiess aufgehalten und ermüdet durch das stete 
Einbrechen der halb aufgeweichten Schneedecke, die 
Berglihütte erst um 5 Uhr erreichten. Auch hier ver- 
säumte uns der Mangel an trocknem Holz beim Kochen 
eines mit Begierde erwarteten Kaffees, und wohl w^äre 
es rathsamer gewesen, die Nacht hier zuzubringen. 
Allein die Hütte befand sich in wenig einladendem 
Zustande, auch hatten Führer und Reisende keine 
Lust, das knappe Lager wie den Abend vorher mit 
einer zweiten, über den Vieschergletscher hinaufsteigen- 
den Parthie zu theilen. Wir entschlossen uns also um 
6 Uhr zum Abmarsch und eilten den prachtvoll zer- 
klüfteten Gletscher und so weit möglich die Lawinen- 
züge in kunstgerechter Fahrt hinunter, wurden aber 



454 Lindt. Notizen zur Besteigung des Mönch. 

durch die rasch einbrechende Dunkelheit auf den steilen 
Halden des Kallis überrascht und zu langsamerem 
Tempo genötigt. Von Michel trotz der Finstemiss 
vortrefflich über den Grindelwaldgletscher geleitet, be- 
zogen wir um 10 Uhr auf der Bäregg unser Nacht- 
quartier, um nicht Grindel walds Gäste mitten in der 
Nacht im Schlafe zu stören. Dröhnende Böllerschüsse 
sandten aber noch freundliche Grüsse in's Thal hin- 
unter. Wer einigen Werth darauf setzt, gleichen 
Tages in Grindelwald oder Eggischhorn einzutreffen, 
kann diess durch einige Abkürzung der Halte und 
etwas rascheren Gang, wie es schon wiederholt geschiah, 
ohne zu grosse Anstrengung erzielen. 

Es ergeben sich nun folgende Distanzen für Leute, 
welche ihre fünfzige auf dem Bücken zählen: 

Guggihütte — Mönch 8 St 25 M. 

Gipfel — Mönchjoch 2 « — « 

Joch — Bergli 2 < 20 * 

Bergli — Bäregg . . . . . . 4 « — « 

Marsch inclusive die kleineren Halte 1 6 St. 45 M. 
Grössere Halte 3 « 15 « 



Zeitaufwand 20 St. - M. 

Vom Faulberg auf den Gipfel werden wohl 7 bis 
8 Stunden zu rechnen sein, vom Bergli circa 5\/2 bis 
6 Stunden. 



Einweihwfig des Eschersteins. 455 

Die Einweihung des Eschersteins in der Schwendi, 

den 1. OI(tober 1876. 

Von Dekan fleim. 

Hie üto und Tödi, hie St. Gallen und Sentis! 
So tönte es kurze Zeit im S. A. C. um das Projekt 
eines Denkmals zu Ehren des den 12. Juli 1872 in 
Zürich verstorbenen Arnold Escber von der Linth. 
£s war indessen kein Schlachtruf moderner Guelfen 
und Ghibellinen. Auf dem neutralen und humanen 
Boden unsers Vereins ist kein Raum und keine Nahrung 
für «tiefere Differenzen», und wenn sich irgend eine 
kleine Disharmonie will geltend machen, so werden 
die guten Geister der Eintracht bald übermächtig. So 
ging's auch mit dem Eschermonnment. 

Der Gedanke, dem würdigen Sohne des unver- 
gesslichen Schöpfers der Linthkanalisation im Namen 
des S. A. C. ein Denkmal zu setzen, drängte sich ganz 
von selbst auf. Hatte uns doch schon bei Anlass des 
so prächtig gelungenen Clubfestes in Zürich die Meister- 
hand des Hrn. Professor Oswald Heer den Vater 
C n r a d E s c h e r als ein durch seine Alpenwanderungen, 
seine Zeichnungen von Gebirgslandschaften und seine 
geologischen Forschungen unübertroffenes Vorbild eines 
schweizerischen Alpenclubisten vorgeführt. Ein viel 
beschäftigter Staatsmann und im Linthunternehmen, 
seiner eigentlichen Lebensaufgabe, vollauf und lange, 
lange Zeit engagirt, hatte Conrad Escher seine Müsse- 
zeit der Geologie gewidmet, mit dem Hammer in der 
Hand unsere Alpen nach allen Richtungen durchstreift. 



456 Heim, 

von den Gesteinsarten an die 10,000 Proben gesammelt^ 
seine Beobachtungen in drei grossen Foliobänden nieder- 
geschrieben, 900 Gebirgsansichten gezeichnet und so 
zur Ermittlung der geologischen Structur unserer Alpen 
für seine Zeit Vieles beigetragen. Der Sohn war in die 
Fussstapfen des Vaters getreten, hatte sich ganz der 
Geologie ergeben, auf diesem Felde sich einen noch 
viel berühmteren Namen erworben und durch seine 
zahllosen Forschungen, Zeichnungen und Wanderungen 
im Gebirge es wohl verdient, dass er mit den Herren 
Peter Meriau von Basel, Bernhard Studer von Bern 
und Oswald Heer von Zürich im Jahr 1871 zum Ehren- 
mitglied unsers Vereins ernannt worden war. 

Ihn durch ein Denkmal zu ehren, lag so nahe, 
dass es sich fast zii gleicher Zeit in mehreren Sektionen 
dafür regte, in Glarua und Zürich, in St. Gallen und 
Appenzell, auch in der geologischen Kommission. Die 
Idee fand allgemeinen Anklang. Aber gleich von An- 
fang an divergirten die Ansichten in Bezug auf das 
Wo und Wie. In der Sitzung der Delegirten am Club- 
fest in Herisau, 1873, beantragte Tödi, sekundirt von 
Uto, die Anbringung einer Gedenktafel am Glämisch, 
wogegen St. Gallen und Sentis, brieflich auch Hr. Professor 
Desor in Neuchä.tel, für das Gebiet des Sentis plaidirten, 
das Escher 22 Jahre lang durchwandert hatte, so 
lange, bis er im Stande war, die berühmte geologische 
Karte dieses Gebietes herauszugeben. Die Motion wurde 
dem Centralcomitö in Luzern zur Begutachtung über- 
wiesen, das dann der Sektion Sentis, später auch der- 
jenigen in St. Gallen, den Auftrag ertheilte, der nächsten 
Abgeordnetenversammlung genau formulirte Vorschläge 



BOtmfyer, flel. 

Das Escher-Denkmal 

. bei Schwendi. 



Einiceihung des Eschersteins. 457 

einzureichen, nachdem es sich, im Einverständniss mit 
der geologischen Kommission, zu Gunsten des Sentis- 
territoriuras ausgesprochen hatte. Der Auftrag geschah, 
wie in Sitten berichtet wurde, in der Hoffnung, dass 
die beiden Nachbarsektionen sich über den Standort 
und die Art des Denkmals leicht würden einigen 
können. Diese Hoffnung ging indessen zu etwelchem 
Gaudium für Uto und Tödi nicht in Erfüllung. Die 
Appenzeller und St. Galler sind zwar nächste Nach- 
barn und waren sogar einmal unter dem Hute des 
Kantons Sentis helvetisch vereinigt, harmoniren aber 
bekanntlich nicht in allen Dingen, und so gingen denn 
ihre Gedanken auch in dieser monumentalen Angelegen- 
heit diametral auseinander, in die Höhe und in die 
Tiefe. Jene, die höher gelegenen Clubisten, wollten 
auch mit dem Denkmal in die Höhe und am Kopfe 
des Sentis selbst an passender Stelle eine einfache 
Marmortafel mit Inschrift anbringen ;. diese, die St. Galler, 
hatten ein Thalsohlenprojekt im Auge und schlugen 
eine Rieseninschrift am sogenannten spitzigen Stein 
im Schwendithälchen beim Weissbad vor. Beide An- 
sichten, Berg- und Thalmonument, wurden in der 
Delegirtenversammlung in Thun 1875 mit Wort und 
Bild ritterlich verfochten. Bei der Abstimmung siegte 
St. Gallen mit einer Stimme Mehrheit, nur sollte der 
volle Name: A. Escher von der Linth, angebracht 
werden. Nun wurde die genannte Sektion mit der Aus- 
führung beauftragt. Sie setzte dafür die rechten Hände 
in Bewegung, und am 1. Oktober 1876 konnte das 
Escherdenkmal eingeweiht werden. 

Der «spitzige Stein», nun « Escherstein » genannt, 



458 Heim, 

erhebt sich, weithin sichtbar, eine starke halbe Viertel- 
stunde hinter dem Dörfchen Schwendi in Appenzell 
Innerrhoden, an einem Abhang unter der Ebenalp am 
linken Ufer des dem Seealpsee entströmenden Schwendi- 
bachs, der sich beim Weissbad mit dem Brüll- und 
Weissbach * zur Sitter vereinigt. Am andern Ufer liegt 
das Strässchen, das vom Weissbad in die Auen führt 
und denen, die den Sentis von dieser Seite besteigen, 
wohl bekannt ist. Ein Fussweg führt vom Gasthaus 
in der Schwendi, dessen schwarzbraunes Getäfel ehe- 
mals der Horaz'sche Spruch zierte : lUe terrarum mihi 
praeter omnes angulus ridet, nahe am Escherstein vor- 
bei. Dieser, ein isolirter Fels, ist 28,8 ™ hoch, etwas 
weniger breit, mit fast perpendiculärer Vorderfläche, 
während er sich nach hinten abdacht und von dieser 
Seite ohne Mühe bestiegen werden kann. Eine Spalte 
trennt ihn von einem schmäleren Stein. Wollte man die 
Inschrift im Thale anbringen, so konnte im ganzen 
Gebiet des Sentis kaum eine passendere Stelle gefunden 
werden als diese. Im Spätsommer 1876 sah man Ar- 
beiter auf hohem Gerüste an der senkrechten Wand 
die Vorkehrungen zur Anbringung der Inschrift treffen, 
die unter Leitung des Hrn. Architekt Kunkler von 
St. Gallen ausgeführt wurde, und die Inschrift selbst 
in vergoldeten" Lettern allmälig an's Tageslicht treten. 
Sie lautet ganz schlicht: 

V. d. Linth. 

Die oberen Buchstaben sind 1", die untern 75^" 
hoch. 



r 



Einweihung des Eschersteins, 459 

Zar Feier der Errichtung dieses Denkmals hatte 
die Sektion St. Gallen das Centralcomite and alle 
Sektionen des S. A. G. , besonders angelegentlich Uto 
und Sentis und die wachsten Anverwandten Escher's 
eingeladen, ein passendes Programm dafür entworfen 
und alle Anordnungen zur Ausführung derselben mit 
Umsicht getroffen^ so dass die Solennität, die trotz 
vorgerückter Jahreszeit auch von der Witterung be- 
günstigt wurde, einen sehr erfreulichen Verlauf nahm. 

Um 11 Uhr setzte sich der stattliche Festzug, zu' 
dem St. Gallen und Uto das Hauptcontingent , die 
übrigen Sektionen nur zum geringern Theil Vertreter 
gestellt hatten — auch das Centralcomite war nicht 
repräsentirt — vom Weissbad aus in Bewegung, die 
Damen der st. gallischen Clubisten, fünf willkommene 
NeflFen und Grossneffen Escher's und die Harmonie- 
musik von Appenzell an der Spitze. Viel Volk aus 
Inner- und Ausserrhoden schloss sich dem Zuge an 
oder eilte auf näherm Wege dem idyllisch gelegenen, 
bunt beflaggten Festplatz zu, wo es um die Mittags- 
stunde ganz warm und windstill war, während auf den 
Höhen schneidende Lüfte ihr kaltes Spiel trieben. Ein 
solches Publikum hatte der « spitzige Stein > noch nie 
geschaut und wird er wohl nie wieder sehen. Die um 
den Fels herum gruppirte Menge bot einen malerischen 
Anblick dar. Alle schauten zur Inschrift auf, lauschten 
dem Echo, das die Mörser in dem sonst so stillen 
Thale weckten, und harrten der Dinge, die da kommen 
sollten. 

Nach einem musikalischen Introitus bestieg der 
Präsident der Sektion St Gallen, Hr. Landammann 



460 Heim. 

Tschudy, die natürliche, aus einem kleinern Fels- 
stück vis-ä-Yis dem Escherstein bestehende Tribüne 
und setzte in kurzer, aber prägnanter und gehobener 
Ansprache auseinander, wie es gekommen sei, dass der 
S. A. C. die Goldlettern auf den spitzigen Stein ge- 
schrieben habe. «Dieses Monument >, sagte er u. A., 
« ist der Lohn für das gewaltige Werk des grossen und 
edeln Sohnes eines grossen und edeln Vaters. Hier, 
am Sentis, hat Escher am längsten, am erfolgreichsten, 

• 

am liebsten gearbeitet, der ganze Sentisstock ist die 
Heimat seiner Denkerthätigkeit. Jede Spitze, jeder 
Grat, jede Gestaltform, jede Schichtenlagerung lag klar 
vor seinem Geistesauge. Wo hätten wir wohl die Gold- 
schrift seines Namens besser anbringen können, als gerade 
auf diesem Felsen, dem Zeugen seiner uneigennützigen 
Forscherarbeit? Im Namen des S. A. C. sei dieses Denk- 
mal gewidmet dem Gedächtnisse Arnold Escher's 
von der Linth. So lange Grund und Grat stehen, 
lebe er hoch in Ehren ! > Und in das dem edeln Todten 
also gebrachte Hoch stimmte Club und Volk feierlich 
ein, auch mancher Senn im Hirtenkleid; dem Escher 
auf seinen vielen Wanderungen im Sentisgebiet nahe 
getreten war. 

Dann spielte die Musik Zwissig^s Schweizerpsalm, 
in den die wenigen sangeskundigen Clubisten freudig 
bewegt einstimmten, worauf auf derselben Tribüne 
Escher's erster Schüler, zugleich sein Nachfolger im 
Lehrstuhl der Geologie in Zürich, Hr. Professor 
A. Heim, der die Rundsicht vom Sentis so trefflieb ' 
fixirt hat, die eigentliche Gedächtnissrede hielt. Er 
schild.erte in Worten, denen die Dankbarkeit und die 



r 



Einweihung des Escher Steins, 461 



Ehrerbietung gegen den seligen Meister leicht abzufühlen 
war, vorzugsweise den Geologen, den Forscher und 
Lehrer , der dem Kaufmannsstande Valet sagte , um 
sich ganz der Wissenschaft und der Aufgabe, die er 
sich gestellt hatte: den Bau und die Entstehung der 
Alpen zu erforschen, widmen zu können, der hierin 
eine Riesenarbeit leistete, namentlich in Erforschung 
der Ostalpen und ganz besonders des Sentisstockes. In 
dieser Beziehung sagte Heim : « Bis vor wenigen Jahren 
war keine Gebirgsgruppe der Alpen so vollständig 
untersucht, wie die Sentisgruppe durch Escher. Aus 
seinen Untersuchungen erhellte klar, wie das ganze 
Sentisgebirge durch sechs Hauptfalten gebildet ist und 
wie die Kettengebirge eine Faltung der Erdrinde sind, 
die unendlich langsam vor sich geht. Diese eingehendsten 
Untersuchungen haben denn auch den Alpenclub be- 
stimmt, Escher's Denkmal an diese Stelle zu setzen.» 
Der Redner hob als charakteristisch hervor, wie sich 
Escher bei all' seinen Forschungen von der grössten 
Wahrheitsliebe, die lieber zweifeln als irren wollte, 
leiten liess und dabei von aller Selbstsucht frei war 
und blieb, und ferner, dass er sein Wissen auch 
praktisch verwerthete im Dienste des Vaterlandes, 
indem er immer wieder auf. die Gefahren der Runsen 
und Wildbäche hinwies und als Mitglied der eid- 
genössischen Kommission, welche Vorschläge zur Ver- 
theilung der im Jahr 1868 für die Wasserbeschädigten 
in der Schweiz eingegangenen grossen Liebessteuer 
einzureichen hatte, darauf drang, dass ein Theil der- 
selben zur Verbauung von Wildbächen verwendet und 
ausgeschieden werde. «Der Kraft, welche die begeisterte 



1 



462 Heim. 



üeberzengung seiner Rede gab, verdanken die zahl- 
reichen Gemeinden die Beiträge, die sie aus der so- 
genannten Hülfsmillion erhielten.» Der Redner bekannte, 
dass er keinen Bessern kennen gelernt habe, als Escher, 
und schloss seine längere Rede mit der ergreifenden 
Apostrophe an die Manen des Gefeierten: «Escher, 
dein freier, reiner, edler Geist mit seiner Wahrheits- 
liebe, Gerechtigkeit und Güte, er walte über den 
Bergen, die du geliebt hast, über deinem Vaterlande, 
über der Menschheit! Deinen Namen haben wir an 
den Felsen geschrieben, dein Andenken erlischt niemals 
in unsern Herzen ! » 

Ein donnernder Abschiedsgruss noch aus den Mörsern 
jenseits des Schwendibachs, dann Rückwärtsconcentration 
der Gäste in's Weissbad, wo Schöll's kundige Hand 
vor dem Gasthofe sowohl als im Banketsaal sinnige 
clubistische Dekorationen angebracht hatte. 

Auf unserm tellurischen Boden können derartige 
Feierlichkeiten nicht ohne substantiellere Zuthaten vor 
sich gehen, und so hatte die Sektion St. Gallen im 
Weissbad für ein gutes Diner sammt Zubehör weise 
und freigebig gesorgt. Der langgestreckte Saal war 
voll von Gästen, die der leibüchen Fürsorge der fest- 
gebenden Sektion alle GerecTitigkeit widerfahren Hessen, 
aber auch offene Ohren und empfängliche Herzen hatten, 
als die Schleusen der Rede sich aufthaten. 

Hr. Landammann Tschudy ergänzte in einem 
von den ordinären Vaterlandstoasten sich sehr vor- 
theilhaft unterscheidenden Trinkspruch das von Heim 
gezeichnete Charakterbild Escher's nach der Seite des 






Einweihtmg des Eschersteins, 463 

Patrioten, dem das Vaterland so lieb nnd theuer war, 
dem er, ans fremden Ländern heimgekehrt, air sein 
Denken und Schaffen widmete, was den Redner ganz 
YOD selbst auf einen lebhaft applaudirten Toast auf 
das Vaterland, dem auch, ja vorab, in clubistischen 
Kreisen stets der erste Spruch gehört, führte. Dann 
nahm einer der anwesenden Grossneffen des Gefeierten, 
Hr. Pfarrer Hirz^el in Wartau, Präsident der Sektion 
Alvier, das Wort, dankte im Namen aller anwesenden 
Anverwandten Escher's dem S. A. C. gerührt für die 
dem Andenken desselben durch Errichtung einer Denk- 
schrift nnd dadurch auch ihnen bewiesene Ehre und 
fügte an der Hand redender Beispiele aus dem Leben 
seines Grossonkels ein neues Supplement zur Cha- 
rakteristik des Verewigten hinzu , indem er den 
religiösen Gehalt desselben hervorhob. Er bringt sein 
Hoch dem S. A. C. als dem geistigen Erben des Ver- 
storbenen, der keine leiblichen Nachkommen hinter- 
Hess. Ihm folgte als Vertreter der Appenzeller der 
zweite der anwesenden, von Zähringer auf dem Beaten- 
berg canonisirten « Gebirgspfarrer. » Er führte zuerst 
die Geschichte des Escherdenkmals ironisch vor und 
erklärte die Differenzen für abgethan, dankte dann im 
Namen der eingeladenen Sektionen des S. A. C. den 
St. Gallern für ihre Bemühungen um das Monument, 
die Veranstaltung und die so gelungene Durchführung 
der Feier und wies schliesslich auf Vater und Sohn 
Escher hin, die, ein « Doppelstern am vaterländischen 
Himmel», der Mit- und Nachwelt ein leuchtendes 
Beispiel und Vorbild in den schönsten Bürgertugenden 
waren und sind: in thatkräftiger Liebe zum Vater- 



464 Heim. ^Einweihung des Eschersteins. 

lande, in makellosem Wandel und seltener Herzens- 
gute, in schlichter Einfachheit bei äusserm Wohlstand, 
in grosser Bescheidenheit trotz eminentem Wissen und 
hervorragenden Yerdiensten, in schöner Gestaltung des 
Familienlebens und nicht minder in der Treue an ihrer 
religiösen Ueberzeugung. Uto durfte in der Reihe der 
Redner nicht fehlen. Im Namen dieser Sektion sprach 
Hr. Apotheker Lavater in Zürich, legte wie sein 
Vorredner offene Escherdenkmalsbekenntnisse ab, aber 
vom Zürcher Standpunkte aus, erklärte sich ebenfalls 
für völlig befriedigt von dem Ausgang der Sache und 
brachte, versöhnt durch das fait accompli, sein Hoch 
den St. Gallern. Hr. Ständerath Sonderegger in 
Appenzell liess eine längere Ansprache in einen Toast 
auf die Wissenschaft, als der Bahnbrecherin der Frei- 
heit, ausgehen. Hr. Pfarrer Koller in der Schwendi 
versprach, dass seine Gemeinde den Escherstein in 
hohen Ehren halten und treu behüten werde. Es 
folgten noch einige humoristische Ergüsse. Zwischen 
hinein waren Gratulations-Telegramme und ein poetischer 
Festgruss von Damen in Zürich verlesen worden. Nach 
den Reden wechselten Musik und Gesang. Ein ä l'im- 
promptu gebildeter clubistischer Männerchor und ein 
Solosäüger trugen einige liieder vor, während die ganze 
Gesellschaft aus dem ausgetheilten « Clubbuch das 
wahre » ohne Melodien mehr oder weniger harmonisch 
sang. Man war in fröhlicher Stimmung, auf der aber 
doch die Weihe der Erinnerung an einen edeln Vollendeten 
lag. Eine bengalische Beleuchtung des Steins am späten 
Abend hätte die Feier sehliessen sollen, wurde aber 
von der Ungunst der Witterung theilweise vereitelt. 
Es war stürmisch geworden aiLch im Schwendithälchen. 



Die Einweihwng der Clubhütte auf dem Alvier. 465 

Mit geringen Unkosten könnte die nächste Um- 
gebung des Eschersteins alpin verschönert und unten 
an demselben der Name des Stifters und das Datum 
der Einweihung angebracht werden. Beides sei dem 
Centralcomite zur Berücksichtigung empfohlen. Noch 
viel freudiger würde die baldige Herausgabe des ge- 
sichteten schriftlichen Nachlasses Escher^s begrüsst 
iverden. 

Die Inschrift in der Schwendi wird manchen Stürmen 
trotzen und manchem Geschlechte leuchten. Doch Alles 
vergeht hienieden, der Zahn der Zeit wird auch die 
goldenen Buchstaben am Eschersteine, ja diesen selbst 
zernagen ; allein wir wissen, von beiden Escher, Vater 
und Sohn, gilt: 

Exegi monumentum aere perennius. 



Die Einweihung der ClubhUtte auf dem Alvier. 

Von Pfarrer Hirzel, 

Es ist wohl allen Clubgenossen bekannt, dass 
die Sektion Alvier des S. A. C. sich die Aufgabe ge- 
stellt hatte, ihren Pathen, den aussichtsreichen Alvier 
(2363 "*), durch Verbesserung der Wege und Errichtung 
einer Schirmhütte allen Freunden der Alpenwelt leicht 
zugänglich zu machen. Diese Aufgabe hat die junge 
eifrige Sektion mit bestem Erfolg gelöst. Wege und 
Hütte wurden gut und sicher erstellt und ein freund- 
liches Einweihungsfest sollte das Werk krönen. Den 
nachstehenden Bericht über diese Feier, die sich wie 

30 



466 Hirzel 

die Einweihung des Eschersteines am Sentis za einem 
wahren Volksfeste gestaltete, verdankt die Kedaktion 
dem Präsidenten der Sektion AI vier, Herrn Pfarrer 
Hirzel in Wartau. 

«In der Frühlingsversammlung der Sektion vom 
25. Juni 1876 in Buchs, welche von der Hälfte der 
Mitglieder besucht war, wurde beschlossen, auf den 
30. Juli eine solenne Einweihung der Hütte zu veran- 
stalten; ferner sollte bis zu jenem Zeitpunkt von der 
Kommission ein Führer-Keglement ausgearbeitet werden. 
Die Kommission machte sich mit frischem Muth an ihre 
Arbeiten; sie hatte die Befriedigung, in kurzer Zeit 
von den Mitgliedern und Freunden der Sektion Fr. 200 
und 120 Flaschen Ehrenwein für die festliche Ein- 
weihung gezeichnet zu sehen. Ferner wurde ein Führer- 
Keglement aufgestellt, welches von dem Centralcomite 
die Genehmigung erhielt. Dasselbe ist noch nicht ge- 
druckt worden, weil Aussicht vorhanden ist, in näch- 
ster Zeit auch noch das Weisstannen- und Calfeuser- 
thal und die Sardona-Gruppe in den Kayon der Sektion 
Alvier hineinzuziehen und die Führertaxen für die 
dortigen Exkursionen hinzuzufügen. 

So rückte das Fest der Einweihung näher und 
näher. In der Nacht vor dem 30. Juli, der ein schöner 
Sonntag zu werden versprach, zog sich eine kleine 
Völkerwanderung den Alvier hinan ; die Clubhütte, die 
mit zwei über einander liegenden Pritschen für höch- 
stens 30 Mann eingerichtet ist, musste in dieser frischen 
Nacht mindestens der dreifachen Anzahl Obdach ge- 
währen; mehrmals mussten ihre Insassen sie räumen, 
nm wieder Andern Platz zu machen, die anter der 



Die Einweihv/ng der Cluhhütte auf dem Älvier, 467 

Frische der kalten Nacht im Freien litten. Nicht nur 
die Bevölkening der Umgegend war sehr zahlreich 
heraufgepilgert — man zählte £|,m Morgen 500 — 600 
Personen — sondern vor allem war der S. A. C. durch 
liehe Gäste von Fern und Nah vertreten. Der Vice- 
Präsident des Centralcomite , Herr Binet-Hentsch von 
Genf, war von St-Moritz herbeigeeilt ; die Sektion « üto » 
war durch 25 Mann vertreten, ebenso die Sektionen 
« St. Gallen » , « Rhätia > , « Toggenburg > , « Tödi » 
durch mehr oder weniger zahlreiche Abgeordnete ; 
vom B. (E. A. V. war Herr Madiener von Bregenz, der 
Präsident der Sektion Vorarlberg, anwesend. — Die 
Sonne, die an einem ganz wolkenlosen klaren Himmel 
emporstieg, wurde durch die Klänge eines geübten 
Orchesters begrüsst, das vereint mit dem «Männerchor 
Buchs > und dem «gemischten Chor Azmoos» für 
Unterhaltung und Belustigung sorgte. Es entwickelte 
sich nun um die Clubhütte, die auf der Spitze des 
Alvier gelegen ist, ein überaus gemüthliches und 
malerisches Festleben, das namentlich auch durch die 
begeisterten und schwungvollen Worte der Herren 
Binet-Hentsch, Professor Biedermann von Zürich und 
Madiener von Bregenz gewürzt wurde, mit welchen 
diese Herren die Empfangs- und Weihe-Rede des Prä- 
sidenten der Sektion Alvier erwiderten. Nachdem noch 
auf dem weichen Rasenteppich der fast 2400°^ hohen 
Spitze ein Club-Ball arrangirt worden und der Ehren- 
wein auf gegenseitiges Wohl zur Neige getrunken war, 
wurde gegen Mittag der Abstieg unternommen und ein 
gemüthliches Mahl vereinigte bei der Station Trübbach 
noch einmal die Mehrzahl der Clubisten. 



468 v. Steiger, 

Die Kunde von diesem äusserst gelungenen Feste 
und von der schönen, umfassenden Aussicht des nun 
gut zugänglichen Alvier verbreitete sich schnell und 
zog in den folgenden schönen Wochen eine Menge 
Besucher hinauf, so dass die Clubhütte im Sommer 
1876 mehr als 1200 Personen Unterkommen und 
Obdach gewährt hat». 



Der Thermometrograph auf dem Schreckhom. 

Von A. V. Steiger, 

Nachdem im Jahre 1875 mehrere Versuche, ein 
von Herrn Mechaniker Hermann der Sektion Bern 
geschenktes Maximum- und Minimum-Thermometer auf 
einen hohen Gipfel zu bringen, durch die Unbill des 
Wetters vereitelt worden, gelang es zwei Mitgliedern 
genannter Sektion, Herren Wyss-Wyss und v. Steiger, 
dasselbe den 24. September 1876 auf dem Gipfel des 
Schreckhornes in einer Höhe von 4080"* zu befestigen. 

Unter der kundigen Führung der Grindelwaldner 
Peter Egger, Peter Schlegel und Christian Bohren ver- 
liessen dieselben um 4^/4 Uhr Morgens das Nachtlager 
am Kastenstein und erreichten nach schwieriger Kletterei 
um 11^/2 Uhr den Gipfel, auf welchem, einige Schritte 
vom höchsten Punkte entfernt, gegen das Wetterhom 
gerichtet, dem Instrument vermittelst Felsstücken, Keilen 
und Schrauben ein möglichst festes Asyl bereitet wurde. 
Das Thermometer ist von einem weissen Blechkasten 
umhüllt, welchen zwei Vorlegschlösser schliessen, wozu 
der Schlüssel bei dem Präsidenten der Sektion Bern und 



Ber Thermometrograph auf denr Schreckhorn, 469 

bei Peter Egger oder in dessen Abwesenheit bei Peter 
ScMegel in Grindelwald erhoben werden kann. Zur 
leichtem Auffindung des Thermometers wurden die an 
dasselbe grenzenden Steine mit rother Farbe bestrichen. 

Besondere- Schwierigkeiten bereiteten bei dieser 
Besteigung der frisch gefallene Schnee und die Um- 
gehung der auf dem vom Laüteraarhorn zum Schreck- 
horn führenden schmalen Kamme vielfach sich empor- 
thürmenden Felsköpfe; namentlich kritisch war die 
Ueberschreitung des steilen Hanges, an welchem Elliot 
verunglückt ist, wo die Clubisten in dem lockern 
mehligen Schnee, welcher einige Fuss tief das blanke 
Eis bedeckte, kaum einigen Halt für die Füsse finden 
konnten und das an den Felsen haftende Eis jedes 
Anklammern der Hände unmöglich machte. Leider 
wurde die sonst überwältigend imposante Rundsicht 
durch ein wild wogendes Nebelmeer und einen mächtig 
ausbrechenden Orkan beeinträchtigt, welcher bei dem 
nach einstündigem Aufenthalt begonnenen Abstieg die 
Gesellschaft von dem zum Laüteraarhorn sich hin- 
ziehenden scharfen Kanune in die grausige Tiefe zu 
werfen drohte. Doch alles ging glücklich von Statten 
und um 8V.2 Uhr Abends hielt die Karawane munter 
und wohlbehalten ihren Einzug in Grindelwald. 

Möge nun bald ein erfahrener Bergsteiger das Werk 
krönen , indem er mittheilt , welche Temperaturen das 
Thermometer nach den Schrecken des Winters in diesen 
hohen Regionen zeigt ! Zur Erläuterung des Instnimentes 
und der Weise seiner Ablesung wird hier eine Be- 
schreibung desselben nicht am unrechten Orte sein! 

Der Hauptbestandtheil dieses Thermometers, das in 



1 



470 V. Steiger. 

der rühmlichst bekannteD mechanischen Werkstätte der 
Herren Hermanii nnd Pfister in Bern hergestellt wird, 
ist eine ans zwei Metallen von verschiedener Ausdehnung 
construirte Spirale. Ihre Oeffnnng in zanebmender und 
ihre Schliessung in abnehmender Temperatur bewirkt 



eine Bewegung des Mittelzeigers a, welcher den einen 
der beiden Seitenzeiger, b, nach links, den andern, e, 
nach rechts fortschiebt nnd, bei den Extremen ange- 
langt, st«hen las st. 

Die eingetheilte Scala, sowie der Zeigermechanis- 
mus sind in der mit einer Glasplatte verscblossenen 
Dose angebracht nnd auf diese Weise vor Stanb nnd 
Feuchtigkeit geschützt, während die bimetallische Spirale 



\ 



Der Thermometrograph auf dem Schreckhorn. 471 

an der Aussenseite der Dose befestigt und der Luft- 
circulation genügend ausgesetzt ist. 

Nach geschehener Ablesung werden die beiden 
Extremzeiger mit Hülfe der von aussen drehbaren 
Kurbel d sorgfältig so weit zusammengeschoben, bis 
dieselben mit der Spitze des Mittelzeigers beinahe zu- 
sammenfallen. (Es ist unnöthig, dass sich die Zeiger- 
spitzen gänzlich berühren.) Um die Ablesung für das 
nächste Mal vollständig vorzubereiten, ist es noth- 
wendig, die Kurbel wieder in die frühere Lage zu 
bringen, damit die Bewegung der Extremzeiger nach 
keiner Richtung gehemmt sei. 

Die momentane Temperatur kann jederzeit am Mittel- 
zeiger a abgelesen werden. 

Im Vergleich mit den bisher gebräuchlichen Glas- 
Maximum- und Minimum-Thermometern bietet dieser 
neue Thermometrograph folgende wesentliche Vortheile : 

1) Die bei den Glasthermometern angewandten 
Schwimmer, welche sehr leicht in Unordnung gerathen, 
sind gänzlich vermieden und durch leicht bewegliche 
Zeiger ersetzt, welche regelmässig funktioniren, bequeme 
Behandlung und übersichtliche Ablesung ermöglichen. 

2) Die momentane Temperatur, sowie die beiden 
Extreme sind an ein und demselben Instrument er- 
hältlich. 

3) Das Instrument ist nicht zerbrechlich und lässt 
sich mit Sicherheit auf beliebige Distanzen transportiren. 

Der Preis eines solchen Thermometrographen stellt 
sich auf Fr. 60. 



472 Baltzer. 

Noch einmal das Brockengespensf. 

Von Dr. A. Baltzer. 

Betreffend die « Brockengespenst » genannte physi- 
kalische Luftspiegelung*) berichtet Herr Binder von 
der Sektion Uto, dass er dieselbe einige Mal auf dem 
Pilatus beobachtet habe. 

Eine ausführliche Besprechung des Gegenstandes 
(nach Prof. PresteFs meteorologischen Bildern) findet 
sich in der Illustrirten Zeitung von 1877, Nr. 1750- 
Danach handelt es sich um zweierlei Erscheinungen, 
welche als Brockengespenst und farbenrandiges 
Nebelbild oder Glorie unterschieden werden. Erstere 
ist der auf eine Nebelwand geworfene Schatten des 
Beobachters, wenn dieser die Sonne im Rücken hat. 
Die riesigen Dimensionen sind nur eine optische Täu^ 
schung, weil man bei den matten Umrissen des Schatten- 
bildes die Entfernung und damit die Grösse des Schattens 
zu hoch schätzt. 

'*Das farbenrandige Nebelbild oder die Glorie soll 
auf den Gipfeln der Cordilleren häufig gesehen werden 
und wurde schon von den Spaniern beobachtet, als sie 
unter Pizarro dieses Gebirg passirten. Sie gewahrten 
einen 2 — Sfachen kreisförmigen Regenbogen, in dessen 
Centrum jeder nur sein eigenes Bild erblickte. Damit 
stimmt ziemlich, was ich auf dem Gipfel des Dossen- 
horns sah, nur glaube ich, dass die Regenbogenfarben 
einfach auftraten, ohne diess jedoch bestimmt behaup- 
ten zu wollen. Dagegen kann ich das in der genannten 



*) Vergleiche Jahrbuch XI, pag. 546. 



Brockengespenst 473 

Zeitschrift gegebene Bild der Erscheinung nicht für 
naturwahr halten, was auch von einem andern Club- 
genossen bestätigt wird, der ebenfalls das Phänomen 
kennt. 

Eben so wenig erscheint die Erklärung befriedigend, 
welche nach der Illustr. Zeitung von Bouguer und Prestel 
herrührt. Danach soll das farbenrandige Schattenbild 
durch Brechung und Zurückwerfung des Lichtes in 
feinen, die Luft erfüllenden Eiskryställchen ent- 
stehen. Wir sahen auf dem Gipfel des Dossenhorns 
in unserer Umgebung keine Eistheilchen, so dass es 
mir nicht wahrscheinlich ist, dass die Nebelwand vor 
uns solche enthalten habe. Dass es irgend wie merk- 
lich kalt gewesen sei, kann ich mich nicht erinnern. 

Aus dem Gesagten folgt, dass noch weiter beobachtet 
werden muss, da das Phänomen weder genau genug 
beobachtet, noch erschöpfend erklärt zu sein scheint. 



Zur Karte der Freiburger Alpen. 

An der Stelle der Exkursionskarte, welche sonst 
die Jahrbücher des S. A. C. zu begleiten pflegt, dies- 
mal aber auf den Band verschoben werden musste, 
der das Clubgebiet des Kantons Glarus im Zusammen- 
hang behandeln soll, erhalten die Clubgenossen im 
Jahrbuch XII als freilich ungenügenden Ersatz ein 
Kärtchen der Freiburger Berge, im Maassstab 1 : 100,000, 
von unserm bewährten Topographen Leuzinger in Bern 
ausgeführt. Es wird beim Durchgehen desselben hie 



474 A, W. 

und da auffallen, dass während für die Bodengestaltang 
und die Hypsometrie durchweg die Blätter XII und 
XVII des Dufouratlas zu Grunde gelegt worden sind, 
für die Terrainzeichnung eine andere Manier gewählt 
und die Nomenklatur theilweise verändert wurde, üeber 
die Art der Terrainzeichnung braucht sich wohl die Re- 
daktion nicht weiter zu verbreiten; die Horizontalkurven 
sind im Club zu wohl bekannt und zu beliebt, als dass 
es nothwendig wäre, die Anwendung derselben hier 
zu rechtfertigen; der Plan durch Verbindung der Kurven 
mit schiefer Beleuchtung und leichter Schraffirung der 
Schattenseite die Karte übersichtlicher zu machen, 
liess sich leider wegen Mangel an Zeit nicht aus- 
führen. — Eher bedarf vielleicht die veränderte Nomen- 
klatur einer Erklärung. Es hat wohl jedem Clubisten, 
der je die Höhe der Berra, der Dent de Brenleyre 
oder des Vanil Noir erstiegen, das reizende Charmey 
oder den Schwarzsee besucht, die Thäler des Jaun- 
baches oder des Rio du Mot^lon durchwandert hat, 
auffallen müssen, wie arm die Nomenklatur der Dufour- 
karte in dieser Gegend ist. Die ganze lange Kette, die 
sich von der ümbiegung der Saane bei la Boveresse 
nordöstlich circa 16 Kilometer weit bis zum Rio du 
Mont erstreckt und hier den gewaltigen Felskessel der 
Morteys umschliesst, trägt nur 5 Gipfelnamen; in der 
Kette der Gastlosen fehlt der Name der Oberbergfluh, 
in der Kette der Dent de Broc, die sich mit dem 
Tsermont an die Vanil Noir-Kette anschliesst, der- 
jenige der Dent du Chamois neben der Dent de Broc. An 
anderen Stellen scheint die Nomenklatur nicht mit der 
im Lande üblichen übereinzustimmen, was freilich oft 



J 



Freiburger Alpen, 475 

daraas sich erklären mag, dass hier auf der Sprach- 
scheide nicht selten Doppelnamen vorkommen. Die 
Redaktion hat sich in solchen Fällen erlauht, statt 
der offiziellen Namen der Dufourkarte diejenigen hin- 
zusetzen, welche nach übereinstimmenden Berichten und 
Zeichnungen der bewährtesten Kenner dieser Gegenden, 
der Herren Prof. H. Sottaz und Dr. Schaller in Frei- 
burg, zu deren Autorität sich öfters auch diejenige 
unseres Altmeisters der Bergkunde, Herrn G. Studer's, 
gesellt, im Lande selbst üblich sind. Die abweichenden 
Bezeichnungen der Dufourkarte wurden, um Missver- 
ständnisse zu vermeiden, als Synonyma am Rande bei- 
gefügt; die Höhenquoten, deren Richtigkeit ebenfalls hie 
und da angezweifelt wird, — an einer Stelle beträgt die 
Differenz fast 100 Meter — sind dagegen, wie oben be- 
merkt, der Dufourkarte entnommen worden. Es ver- 
steht sich von selbst, dass wenn eine Revision dieser 
Bergwelt und die Publikation ihrer Karte im Maass- 
stab der Originalaufnahmen in nächster Zeit zu er- 
warten gewesen wäre, die Herstellung des Kärtchens 
hätte überflüssig erscheinen müssen; da aber die Re- 
vision dieses Theiles noch in weitem Felde steht, so 
glaubt die Redaktion, dem Aufsatz des Herrn Professor 
Sottaz mit der Karte eine Beilage gegeben zu haben, die 
den Clubgenossen nicht unwillkommen sein und vielleicht 
gute Dienste leisten wird, bis die Veröffentlichung der 
V revidirten Originalaufnahmen die Nomenklatur endgültig 
feststellt. Die Abänderungen und Zusätze sind nach 
der von Herrn Sottaz angenommenen Reihenfolge der 
Ketten die folgenden: 



1 



476 A, W. 



Kette des Kaisereggschlosses: 

Körblifluh 2108°^ = Gübenerfluh, Dufour. 

Schopfenspitz (oder Fluh) auch Seh walmeren 2116° 
= Klein Brunnen*), Dufour. 

Mayschüpfenspitz (oder Fluh) 2086™ = Gross 
Brunnen*), Dufour. 

Dent d'Arpille (od. la Jaquettaz) = P. 1821, Dufour. 

Kette der Dent de Broc: 

Dent du Chamoisod. de Leytemarie=P. 1846, Dufour. 

Col de la Forclaz, Joch zwischen Dent du Chamois 
und Dent de Bourgoz. 

Kette des Vanil Noir oder «des Morteys>: 

Vanil du Plan des Eaux = Punkt 2372, Dufour. 
« de Tzayaz od. de Tzaufoussy = P. 23 47, Dufour. 

Vanil du Gros Perre = Punkt 2218, Dufour. 
< des Nontanettes **)=: Punkt 2287, Dufour. 

Kette der Gastlosen:. 

Oberbergfluh = Punkt 2128, Dufour. 

In der Kette der Dent de Corjeon zwischen der 
Saane und dem Hongrin wurden nach Herrn B^raneck 
(Echo des Alpes 1876, Nr. 3) die Punkte 1946 und 
1940 als Dent de Grau und Dent de Planachaux be- 
zeichnet. 



*) Die Bezeichnnng dieser beiden Gipfel auf der Dufonr- 
karte, wie auf der Karte von Stryienski 1 : 50,000 ist selir 
auffallend ; der Kleine Brunnen wäre demnach um 30" hoher 
als der Grosse Brunnen, beide sind überdiess ziemlich weit 
von der Brunnenalp entfernt, die am Fusse der Körblifluh 
liegt und dieser den ebenfalls nicht selten gehörten fran- 
zösisirten Namen Gros Brun ertheilt hat. 

**) Die Dufourkarte schreibt Fontanettes. 



Bernina, 477 

Zur Nomenklatur des Bernina. 

Auf pag. 129 u. ff. dieses Buches schildert Herr 
Henry Cordier, Mitglied der Sektion Paris des C. A. F. 
und der Sektion Genf des S. A. C. seine Besteigung eines 
nördlichen Vorgipfels des Piz Bernina, welcher, von 
diesem durch eine scharf geschnittene, unüberschreitbare 
Lücke getrennt, dem vom Bernina sich gegen die 
Fuorcla plievrusa herabziehenden Grat entsteigt. Weder 
auf BlaXt XX des Dufouratlas, noch auf Blatt 521 
(Bernina) der Karte im Maassstab der Originalaufnahmen 
trägt dieser Punkt Namen oder Höhenquote. Dagegen 
ist er auf Ziegler's Karte des Oberengadins als Punkt 
3998 Meter bezeichnet und auf Blatt Bernina 3 des 
trefflichen Textes zu dieser Karte*) in der Zeichnung 18 
ersichtlich. Die Herren H. Cordier und Th. Middlemore 
sind die ersten Besteiger dieses Gipfels und haben als 
solche von ihrem Pathenrechte Gebrauch gemacht und 
demselben den Namen Monte Rosso di Tschierva bei- 
gelegt. Die Redaktion sah sich nicht veranlasst, in dem 
Berichte, den Herr Cordier ihr freundlichst für das 
Jahrbuch des S. A. C. eingesendet hatte, dieses Pathen- 
recht zu bestreiten; sie kann aber nicht umhin, zu 
bezweifeln, dass dieser Name je das Bürgerrecht in 
unseren Karten erwerben werde. Ganz * abgesehen 
davon, dass der Punkt als Vorgipfel des Piz Bernina, 
von demselben in gerader Linie kaum 400™ ent- 
fernt, kaum mehr Anspruch auf besondere Benennung 



*) J. M. Ziegler : Ueber das Verhältniss der Topographie 
zur Geologie; Text zur topographischen Karte von Engadin 
und Bemina. Zürich 1876. 



478 Ä, W, 

hat als etwa der Punkt 3885 südwestlich vom Bernina 
oder der mittlere Gipfel (3927") des Piz Roseg, 
kann sich die Redaktion nicht mit dem gewählten 
Namen hefreunden. Herr Cordier sagt (pag. 131): 
«Comme le Piz Bernina, qui domine le glacier di 
Scerscen, porte en Italien le nom de Monte Bosso di 
Scerscen, nous avons pens6 pouvoir donner h, notre 
pic, qui domine le glacier de Tschierva, le nom de 
Monte Rosso di Tschierya>. Nun ist es aber ein 
allerdings weit verbreiteter, unter anderen auch von 
Tschudi adoptirter Irrthum, Piz Bernina und Monte 
Rosso di Scerscen für identisch zu halten; der Monte 
Rosso ist aber vielmehr der zwischen Piz Roseg und Piz 
Bernina sich erhebende noch jungfräuliche Gipfel 3967" 
und er verdankt seinen Namen der schroffen roth an- 
gewitterten Gneisswand, mit der er gegen die Vedretta 
di Scerscen abstürzt. Es dürfte desshalb wohl. nicht 
ganz passend sein, einem Schneegipfel, dessen untere 
Felswände überdiess, wie alle Felsen am Nordabhang 
des Bernina, nicht roth, sondern auffallend dunkel, fast 
schwarz erscheinen, nach Analogie des rothen Fels- 
gipfels über dem Scerscengletscher den Namen des 
Monte Rosso zu geben. Ebenso wenig kann sich 
die Redaktion des Jahrbuches, bei dieser Gelegenheit 
sei es bemerkt, mit dem Namen Güssfeldtpforte aus- 
söhnen, welchen der Pass zwischen Monte Rosso di 
Scerscen und Piz Roseg nach seinem ersten kühnen 
Bezwinger tragen soll. Nicht als ob sie der Be- 
zeichnung bisher unbenannter Gipfel und Joche nach 
den Namen berühmter Alpenforscher oder Bergsteiger 
durchaus abgeneigt wäre; unsere Dufourspitze, unsere 



Literarisches, 479 

Studer-, Escker- und Agassizhörner sind in unser n 
Alpen so gut am Platz, wie in den Rocky Mountains 
der Fremonts Peak und Longs Peak, der Mount Browne 
und Mount Hooker ; aber am Bernina, mitten zwischen 
romanischen und italienischen Namen, neben einem Piz 
Roseg und Piz Bemina, Cresta Güzza und Piz Argient 
passt die urdeutsche Güssfeldtpforte schlechterdings 
nicht hin, und diess um so weniger, als der Name die alt- 
bekannte Bezeichnung Fuorcla da Roseg verdrängen solL 

A. W. 



]Liite]raj:*iseli.e». 



L BUtimeyer: Der Rigi; Berg, Thal und See. 

H. Georg: Basel, Genf und Lyon. 1877. 

Wie der gläubige Moslem wenigstens einmal in 
seinem Leben nach Mekka zieht, so wallfahrten all- 
jährlich viele Tausende zum Rigi, um dem weltberühm- 
ten Berge einmal ihren Besuch abzustatten. Ein gutes 
Theil von ihnen mag hiebei wohl nur dem Gebot der 
Mode folgen. Eine Schweizerreise mit obligater Rigi- 
fahrt und fröstelnd erwartetem Sonnenaufgang gehört 
einmal zum guten Ton und wird pflichtschuldig als 
unabweisbares Vergnügen absolvirt. Dass der Rigi, am 
Nordrande der Alpen, zwischen den Becken des Vier- 
waldstätter-, Zuger- und Lowerzersees inselartig auf- 
ragend, in Folge seiner Lage eines der herrlichsten 
Panoramen und an seinen Abhängen eine Fülle reizen- 
der Landschaffeen bietet, kommt dabei nur nebenher 
in Betracht. Man besucht den Gipfel, nicht weil der 



1 



480 A, W, 

Rigi ein Liebling der Natur, sondern weil er ein Lieb- 
ling der Mode ist. Die Zahl dieser Art von Kigipilgem 
ist jedenfalls nicht gering anzuschlagen, besonders seit- 
dem bequeme Bahnen auch die geringe Muhe des 
Steigens überflüssig machen und eine Menge neuer Gast- 
höfe, von schwalbenschwänzigen Kellnern umflattert, 
wie Pilze aus dem Boden hervorgewachsen sind. Für 
diese ist L. Rütimeyer's Eigi nicht geschrieben; für 
sie genügt ein Souvenir du Rigi, wie es an den Bahn- 
höfen feilgeboten wird, um die erblassende Erinne- 
rung an Bahn und Gasthof, an das Alphorngetute 
und die drolligen Toiletten beim Sonnenaufgang auf- 
zufrischen. Auch für diejenigen ist das Buch kaum be- 
stimmt, welche zwar nicht nur der Mode folgen, sondern 
ihre Herzensfreude am Rigi und seiner Fernsicht habeui 
aber sich mit dem Gesammteindruck begnügen, fürch- 
tend, denselben durch Verfolgen der einzelnen Linien 
und Farben, die ihn bedingen, zu beeinträchtigen. Und 
doch vielleicht gerade für diese ist das Buch geschrieben. 
Es zeigt ihnen, dass, wie das Auge des Künstlers auch 
im schönsten menschlichen Antlitz nicht mit dem Ge- 
sammteindruck sich begnügt, sondern die einzelnen Züge 
durchforscht und sich zu eigen macht, um aus seinem 
Innern heraus das Bild der Schönheit wieder schaffen 
zu können , so auch das Auge des denkenden Natur- 
freundes in der Landschaft die einzelnen Linien und 
Töne zu finden weiss, die dem Bilde seinen Charakter 
verleihen und wie dieses Studium der Formen und 
ihrer Entstehung, weit entfernt, den Gesammteindruck 
zu stören, denselben vertieft und belebt. Für diese 
also und vor allen für alle ernsten Freunde der Natur, 



Lite'f arisches. 481 

seien sie Wissende oder Adepten, die sich nicht nur 
um das Gewordene, sondern auch um das Werden 
kümmern, für diese ist Rütimeyer's Rigi bestimmt! 
Die Monographie, ein stattlicher Quartband von 
20 Bogen, reich ausgestattet, gliedert sich in 6 Haupt- 
abschnitte, deren erster als Einleitung die Landschaft 
und ihren allgemeinen Inhalt, die eigenthümlich günstige 
isolirte Lage des Gipfels in Mitte seiner Seen und 
in breiten markigen Zügen den Charakter der Fernsicht 
und ihren Zusammenhang mit der Geschichte des Bodens 
darstellt. Im zweiten wird die Gestalt und der all- 
gemeine Bau des Berges besprochen, der, eine länglich 
Tierseitige, abgestutzte Pyramide darstellend, im west- 
lichen Theile aus Ost und Süd fallenden Nagelfluh- 
bänken besteht, denen der Kulm, der Dessen und die 
Scheideck angehören, während der östliche Theil jenseits 
der Linie Vitznau-Lowerz, der Vitznauerstock und die 
Hochfluh dem Kalkgebiet angehören. Der dritte Haupt- 
abschnitt handelt von der Geschichte der Gegenwart, 
von der Umgestaltung der Oberfläche durch Verwitte- 
rung und Bergstürze, die sich ja in der Schweiz nirgends 
in so grossartigem Maassstabe gezeigt • haben , wie in 
der nächsten Umgebung des Rigi bei Goldau, von der 
Entstehung der Bachrunsen und Tobel. 

Unter dem Titel «ältere Erinnerungen» schildert 
der vierte Abschnitt die Spuren der Eiszeit am Rigi 
Hnd seiner Umgebung, die Schliffflächen am Südabhang, 
am Fuss der Hochfluh und zwischen Gersau und 
Langmatt,' die Karrenfelder am Ottenflühli und bei 
Röthen, die Findlinge und Moränen, in denen wir 
neben dem exotischen Habkerengranit die Granite des 

31 



482 A. W. 

Gotthards, Kalk- und Taviglianazsandsteine finden^ 
erstere bis über 1100 Meter hoch ansteigend, so dass 
zur Eiszeit das Plateau des Eigi eine Gletscherinsel 
gebildet haben muss, wie heute etwa die Isola pers 
im Morteratschgletscher , der Jardin im Glacier du 
Talefre. Im fünften Abschnitt, Vorzeit, der Leib des 
Berges, gelangt die Geognosie zu ihrem Rechte und 
schildert uns die Lagerung, die Zusammensetzung und 
den Ursprung der Nagelfiuh, die als Uferbildung wäh- 
rend der Ablagerung der Molasse anzusehen ist, und 
die Lagerung der Kalksteine der Kreideformation im 
östlichen Theile. Mit der Umgebung des Berges und 
ihrer Thal- und Seenbildung und den Problemen, welche 
dieselbe der weiteren Forschung überweist, schüesst 
das Werk. — Den wissenschaftlichen Werth und Ge- 
halt desselben besonders hervorheben zu wollen, hiesse 
Eulen nach Athen tragen; nicht überflüssig aber mag 
es sein, darauf hinzuweisen, dass das Buch bei aller 
Gründlichkeit sich leicht liest, was bekanntlich nicht bei 
jedem sogenannten populär-wissenschaftlichen Werke 
der Fall ist, und dem gebildeten Laien nicht schwerere 
Aufgaben stellt, als er bei einigem Denken zu lösen 
im Stande ist. Eine Karte des erratischen Gebiets vom 
Eigi und Umgebung, ein Textholzschnitt zur Erklärung 
der Treppenbildung der Bachrunsen und 13 grössere 
Holzschnitte nach Skizzen des Verfassers gereichen, 
wenn auch die letzteren vielleicht nicht in allen Theilen 
den Intentionen des Zeichners entsprechen, dem Buch 
zur Zierde. 



Literarisches, 483 

Handbuch über die Terrainlehre^ das Kartenlesen 
und die Recognoscirungen. 

Bern. 1876. 

Dieses Werk, im Auftrag des eidgen. Militär- 
departements vom Stabsbüreau herausgegeben, ist zwar 
zunächst für den Gebrauch der Offiziere der Infanterie 
und Cavallerie bearbeitet, wird sich aber auch in 
weiteren Kreisen, namentlich für Clubisten, nützlich 
und praktisch erweisen. Ein handliches Bändchen im 
bequemsten Taschenformat, 10 Bogen stark, mit 16 
Tafeln ausgestattet, bespricht es klar und bündig nach 
einer kurzen Einleitung in vier Hauptabschnitten die 
allgemeinen Kenntnisse, welche das Verständniss einer 
Karte überhaupt voraussetzt, die Terrainlehre und 
Terraindarstellung, die Aufnahme von Situationsplänen 
und die Art der Recognoscirung und endlich die 
Orientirung mit oder ohne Karte, bei Tag und bei 
Nacht. Von besonderem Interesse für Clubisten ist der 
zweite Abschnitt, der speziell von der Darstellung des 
Terrains vermittelst Horizontalkurven und Schraffen 
handelt und als Anleitung zum Kartenlesen durch 
Cap. V des dritten Abschnittes, die Gewässer, passend 
ergänzt wird. Es wird wohl kaum nothwendig sein, 
dem S. A. C, der aus der Dufourkarte 1 : 100,000 
und der Generalkarte 1 : 250,000 die Schraffenmethode, 
aus den Exkursionskarten die Methode der Horizontal- 
kurven zur Gentige kennt, Vortheile und Nachtheile 
der beiden Darstellungsweisen speziell nachzuweisen. 
Eine Verbindung der beiden Methoden, welche die 
Plastik des Terrains, wie sie durch Schraffirung und 



1 



484 Ä. W, 

schiefe Beleuchtung in der Dufourkarte so trefflich 
zur Geltung kommt, mit der mathematischen Genauig- 
keit der Kurvenmethode vereinigt, ist bis jetzt nur 
versuchsweise und nicht in grösserem Maassstab zur 
Anwendung gekommen, wird aber wohl zu weiteren 
Versuchen ermuntern, denen der endliche Erfolg nicht 
ausbleiben wird. So vorzüglich auch die Darstellung ver- 
mittelst Kurven ist, liefert sie eben doch kein unmittel- 
bar wirkendes Bild der Bodengestaltung, und es braucht 
Studium und vielfache Uebung, um aus den Kurven 
schnell und sicher die Plastik des Terrains heraus- 
zulesen, ein Studium, das sich freilich weder Offiziere 
noch Clubisten verdriessen lassen sollten und das durch 
wiederholtes Zeichnen von Profilen wesentlich erleichtert 
wird. Ein Blick auf Taf. XII des Handbuches genügt, 
um die Vorzüge der schiefen Beleuchtung zu zeigen. 
Es sind auf dieser Tafel zwei Karten des St. Gotthard 
neben einander gestellt, beide in Schraffen ausgeführt; 
die eine, dem Dufouratlas entnommen, mit Nordwest- 
beleuchtung, die andere (aus dem Atlas der Terrain- 
lehre von Muszynski und Prihoda) mit senkrechter 
Beleuchtung; während in der erstem das Relief des 
Bodens klar zur Geltung kommt, verschwindet in der 
zweiten fast der Gegensatz von hell und dunkel, die 
Töne verschwimmen und verwischen die Terrainformeu. 
Wenn es auch vielleicht keine absolut beste Art der 
Beleuchtung gibt und zugegeben werden muss, dass 
in flacheren Ländern die Zenithalbeleuchtung, indem 
sie keine Seite auf Kosten der andern hervorhebt, ihre 
Vorzüge haben mag , so ist doch für unser Land mit 
seinen, starken Böschungen die schiefe Beleuchtung ent- 



Literarisches. 485 

schieden zweckmässiger; und zwar die Nordwestbeleuch- 
• tung, die allerdings im Terrain nie beobachtet wird, 
aber der Bodengestaltung der Schweiz am besten ent- 
spricht, indem sie den Gegensatz zwischen der all- 
mäligen Abdachung gegen West und Nordwest und 
der nach Süd und Südost gerichteten Steilseite, wie 
sie sowohl der Jura als die Alpen im Allgemeinen auf- 
weisen, weit besser hervorhebt, als die Südsüdwest- 
beleuchtung der Tödikarte im ersten Jahrbuch oder 
gar die Südostbeleuchtung der eleganten Montblanc- 
karte VioUet-le Duc's. — Der dritte Abschnitt, über 
Rekognoscirung, sollte von rechtswegen bei den Clubisten 
Gewissensbisse für eine grobe Unterlassungssünde wach 
rufen, die sich der Club hat zu Schulden kommen 
lassen. Wer sich der «Aufgaben für die kleineren Leute 
unter den Alpenclubisten > erinnert, die Oberst Hans 
Wieland pag. 527 u. ff. des Jahrbuches I gestellt hat, 
und damit vergleicht, was in dieser Beziehung bis jetzt 
vom S. A. C. geleistet worden ist, der wird bekennen 
müssen; wir sind allzumal Sünder, kleine Clubisten 
wie grosse. Wir haben diese Seite, die doch in einem 
schweizerischen, mithin patriotischen Vereine gewiss 
volle Berücksichtigung verdient hätte, so sehr vernach- 
lässigt, dass heute, nach 13 Jahren, der Bruder des 
verstorbenen Aufgabestellers zur Gründung eines mili- 
tärischen Alpenpassclubs aufrufen muss und, wie es 
scheint, es aufgegeben hat, vom S. A. C. in dieser Hin- 
sicht etwas zu erwarten! Vielleicht gelingt es dieser 
Hinweisung, um da und dort einen Clubisten zu er- 
muntern, dem Alpenpassclub thatkräftig an die Hand 
zu gehen! 



1 



486 A. W. 

L'Echo des Alpes. 1876. 

Wie bereits im letzten Jahrbuche gemeldet wurde, 
erscheint seit 1876 das Specialorgan unserer Club- 
genossen welscher Zunge unter der Leitung eines theil- 
weise neuen Redactionscomites, in welchem Genf durch 
die Herren M. Gramer, L. de Femex und H. Veyrassat, 
Waadt durch die Herren A. Dapples und G. Soldan, 
Wallis durch die Herren R. de Bons und H. de Torrente, 
Freiburg durch die Herren H. Sottaz und L. Fragniere, 
Neuenburg durch Herrn Dr. F. Borel vertreten ist. 
Eine Aenderung im Charakter des Echo's hat diese 
Aenderung der Redaktion nicht mit sich gebracht. Der 
zwölfte Band, der im Laufe des Jahres 1876 erschienen 
ist, tritt seinen Vorgängern würdig an die Seite und 
anspruchslose, wie wir sagen möchten — heimelige Form, 
verbunden mit Mannigfaltigkeit und Gediegenheit des 
Inhalts, sind nach wie vor die Kennzeichen des Buches. 
Die vier Hefte des Jahrganges umfassen zusammen 252 
Seiten und enthalten 63 grössere und kleinere Arbeiten, 
Berichte und Notizen : 9 Berichte über Bergfahrten, 6 
mehr oder weniger wissenschaftlich gehaltene Ueber- 
blicke und Beschreibungen, 23 Artikel über die Chronik 
des S. A. C. und der auswärtigen Alpenvereine, 7 Ge- 
dichte, 10 bibliographische Notizen etc. Beigegeben 
sind drei Federskizzen: Pelvoux, Olan und Lac de 
Taney und eine Karte, der Thäler Ferret und Entre- 
mont im Maassstab 1 : 50,000, eine Reproduktion der 
südlichen Hälfte des Blattes I, Südwallis, welches dem 
Jahrbuch IV beigelegt wurde. Die Auflage ist von 
1100 Exemplaren auf 1350 gestiegen, soll aber 1877 



r 



Literarisches, 487 

wieder auf 1250 herabgesetzt werden. Während die 
Rechnung des elften Bandes mit einem Defizit von 
Fr. 162 abschloss, weist diejenige für Band zwölf einen 
üeberschuss von Fr. 50 nach. Besonders hervorzuheben 
«ind unter den Arbeiten: F. Dur et, üne course d'hiver 
au grand St- Bernard, eine lebhafte und anziehende 
Schilderung der Zusammenkunft im Hospiz St. Bernhard, 
welche am 17. und 18. Januar 5 Mitglieder des C. A. I. 
und 17 Mitglieder des S. A. C. vereinigte; J. L. Binet- 
Hentsch, Une Excursion au Vösuve und Inauguration 
d'une cabane au sommet de l'Alvier; J. Corona, Les 
jumeaux de Val Tournanche, 1. la pointe Sella, 2. la 
pointe Giordano; L. B6rard, Tignes et le Mont 
Pourri; B6raneck, Lacunes et erreurs de la carte 
fed^rale. 



Zeitschrift des Deutschen und Oesterreichischen 

Alpenvereins. 

Band VlI, München 1876. 
Redigirt von Prof. Dr. C. Haushofer, 

Der Deutsche und Oesterreichische Alpenverein 
zählt zur Zeit in 62 Sektionen, wovon 27 Deutschland, 
35 Oesterreich angehören, circa 6000 Mitglieder. Als 
Vorort fungirte im siebenten Vereinsjahr (1876) die 
Sektion Frankfurt a. M. Für die nächsten 3 Jahre 
wurde in der Generalversammlung in Bozen, 9. Sep- 
tember 1876, die Sektion München als Vorort gewählt 
und der Centralausschuss besteht nun aus den Herren : 
Th. Sendtner, I. Präsident; C. Arnold, IL Prä- 



488 A. W. 

sident; L. Schuster und H. Pf äff, Schriftführer; 
W. Krieger, Kassier; Th. Trautwein, Redakteur; 
C. Brandmiller, Dr. Buchner, Prof. Eilles und 
Fr. Wiedemann, Beisitzer. Die Rechnung für das 
Jahr 1876 weist hei 58,861 Mark Einnahmen 42,160 
Mark Ausgaben auf, somit einen Aktivsaldo tod 
16,701 Mark, der indessen, durch rückständige Unkosten 
für Band VII der Zeitschrift um circa 3000 Mark 
reduzirt werden wird. Die Vertheilung der Büdget- 
ansätze blieb dieselbe: 60 ^/o für die Zeitschrift und 
die Mittheilungen, 25 ^/o für Hütten- und Weghauten^ 
10 7o für Regie und Porti und 5% ReseiTe. — Von 
der Zeitschrift liegen uns einstweilen nur die beiden 
ersten Hefte vor; das dritte, welches den Band VH 
abschliessen soll , harrt noch der Vollendung der 
Sektion VI der Karte der Oetzthaleralpen. Von Ab- 
handlungen wissenschaftlichen Inhalts bietet uns Heft I 
einen Aufsatz über Schnee und Eis in den Alpen von 
S. Clessin, einen Beitrag zur Geologie von Süd- 
tirol von Dr. J. Morstadt und eine Beschreibung 
des Berchtesgadener Salzwerkes von Th. Trautwein. 
Im Abschnitt der Reiseberichte etc. finden wirr 
B, Lergetporer: Streifzüge im Speckkargebirge (nördl. 
von Hall, Tirol); Dr. Buchner: Aus dem Karwendel- 
thal, eine orographische üebersicht der Karwendel- 
gruppe ; F. Martiensen : Das Kitzsteinhorn (Hohe 
Taüern) ; 0. Schuck : Der Ortler vom Hoclgoch; 
Th. Trautwein: Aus der Rofangruppe (östlich vom 
Achensee); v. Schilcher: Die Presanella (Adamello- 
alpen). Ausser einer Kartenskizze des Karwendelgebirges 
sind beigegeben: Die Sektion Glockthurm der Karte 



Literarisches. 

der Oetzthalergruppe 1 : 50,000, Aequidistanz 100 Meter, 
and eine Karte der Rofangruppe 1 : 52,000, beide von 
Dr. K. Haushofer und C. Hoffmann bearbeitet, eine 
Ansicht des Speckkargebirges nach B. Lergetporer, 
eine Ansicht des Presanellagipfels nach einer Skizze 
F. V. Schilcher's und ein Textholzschnitt, das Kitz- 
steinhorn. Mit einer sehr eingehenden Bibliographie 
der alpinen Literatur des Jahres 1875 schliesst das^ 
Heft ab. Das zweite Heft enthält zwei wissenschaftliche 
Arbeiten ; eine Monographie der deutschen Sprachinsel 
Zarz im westlichen Krain von Herrn v. Czörnig und 
eine sehr beachtenswerthe Arbeit Dr. Buchner's über 
das Bergsteigen als physiologische Leistung, worin der 
sachkundige Verfasser die so überaus wichtige Frage 
der Ernährung beim Bergsteigen erörtert und nach- 
weist, dass bei grösseren körperlichen Anstrengungen,, 
wie sie mühsame Bergfahrten bieten, der grössere 
Nahrungsbedarf nicht etwa auf die Eiweissstoffe , son- 
dern vielmehr auf die Kohlenhydrate fällt. Eine Kost^ 
die aus 250 Gr. Fleisch, 225 Gr. Fett, 100 Gr. Eier, 
240 Gr. Mehl besteht und im Ganzen an wirklichen 
Nährstoffen 122 Gr. Eiweiss und 364 Gr. Kohlenstoff 
enthält, genügt z. B. nach Dr. Buchner für einen Tag 
mit geringer Bewegung ; ein Tag stärkerer Anstrengung 
erfordert jedoch einen Zusatz von 150 Gr. Mehl und 
75 Gr. Schmalz als Mehlspeise oder 100 Gr. Speck 
und 150 Gr. Brod, und während durch diesen Zusatz 
dem Körper nur 22, resp. 13 Gr. Eiweiss mehr ge- 
boten werden, vermehrt er den Gehalt der Nahrung 
an Kohlenstoff um 1 17 resp. 112 Gr. Hieraus ergibt sich 
eine Hauptschwierigkeit der richtigen Ernährung beim 



1 



490 A. W, 

Bergsteigen. Unser Körper bedarf während des grössten 
Theils des Jahres keiner so reichen Kohlenstoffzufuhr, 
weil eben unser Verbrauch an Kohlenstoff bei geringer 
körperlicher Anstrengung ein nicht so bedeutender ist, 
und unser Magen ist daher der grossen Mengen von 
Brod, Mehl und Fett nicht gewöhnt und wird desshalb 
leicht rebellisch; ein Quantum yon 1011 Gr. Mehl 
und Brod und 208 Gr. Fett täglich, wie es z. B. die 
Holzknechte in Oberaudorf (Oberbaiern) erhalten, dürfte 
auch den geduldigsten Clubistenmagen zum offenen 
Widerstände reizen. So weit brauchen wir nun allerdings 
nicht zu gehen; aber immerhin sind 650 Gr. Brod 
und Mehl (Mehl und Schmalz) und wenigstens 300 Gr. 
Fett schon eine starke Zumuthung für einen haupt- 
sächlich an Eiweissnahrung gewöhnten Magen und es 
wird nicht immer leicht sein, die richtige Form für 
diese Zufuhr zu finden, die doch nothwendig ist, wenn 
Einnalimen und Ausgaben sich in unserem Körper 
das Gleichgewicht halten sollen. — Unter den Reise- 
berichten begrüssen wir den dritten Theil von Dr. 
Th. Petersen's Fahrten in den Oetzthaleralpen mit der 
Schilderung der Besteigung des Botzer's (3257™), der 
Hohen Wilde (3478°*), des Tiefenbachkogels und Jochs» 
des Watzekopfs (3520°*) und der Blickspitze (3340"»), 
des Glockthurms (3351 ™) u. s. w. Ergänzt werden diese 
Berichte durch orographische, geologische, botanische 
nnd zoologische Notizen, an welche sich ein kurzer 
Bericht Dr. K. Koch's über Mollusken und Arachniden 
der Oetzthaleralpen anschliesst, und durch ein Gipfel- 
Terzeichniss mit den Höhenquoten und den Namen der 
ersten Besteiger. Herr Moriz Dechy, dem S. A. C. aus 



Literarisches. 491 

seinen Berichten in den Jahrbüchern IX und X bestens j 

bekannt, schildert die Hochtour von der Wildspitze 

nach Grepatsch und Dr. Fikeis die Besteigung der 

Anichspitze und des Kamolkogels (3546°^), der 1862 

zum ersten Male yon unserem Clubgenossen Weilenmann 

bezwungen wurde. Lagen alle diese Bergfahrten im 

Gebiet der Oetzthalergruppe, so führt uns Dr. Buchner 

in die Stubaieralpen (Fernerkogel, Wildkarspitze, Ueber- 

thalferner, Hoher Freiger) und in das Quellgebiet der 

Isar, Hr. Lewy-Hoffinann in die wilde Schlucht der Gaul 

bei Lana (ültnerthal, Tirol), H, Weber auf den Riffler 

im Duxerkamm der Zillerthaleralpen. 0. v. Pfister's 

Fluchthorn kennt der Leser aus dem ersten Theil dieses 

Jahrbuches. 

Neben der Zeitschrift des D. (E. A. V. erscheinen 
bekanntlich, seit Neujahr 1877 unter Th. Trautwein's 
Hedaktion, die sehr praktischen Mittheilungen des 
Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins. 



Alpine Journal. Nr. 51—54. 

Editor D. W. Freshfield. — London 1876. 

Die vier Hefte des Alpine Journal, welche den 
Schluss des Vol. VIT und den Anfang des Vol. VIII 
bildend, im Laufe des Jahres 1876 erschienen sind, 
enthalten wie gewohnt zahlreiche und interessante Be- 
richte über Bergfahrten in den Hochalpen, an welche 
sich kleinere Touren im Apennin und im italienischen 
Voralpenland, zwei wissenschaftliche Arbeiten, kleinere 
Mittheilungen, bibliographische Notizen und Recensionen 



492 A. W. 

und endlich die Verhandliingen des A. C. anschliessen. 
Von Bergfahrten finden wir: C. C. T ucker, The Rosen- 
gartengehirge (S. Tirol); D. W. Freshfield: Sketches 
from the Apennines (the Pania della Croce) and Lage 
d'Iseo, Lovere and Val di Scalve ; Rev. F. T. Wethered: 
10 days hard work in the Zermatt district (Matterhorn, 
Triftjoch, Gabelhorn, Zinalrothhorn, Weisshorn) und 
Traverses in the Eastern Graians (Grivola, Grand 
Paradis); J. Oakley Maund: Mountain misadventures, 
eine humoristische Schilderung einer Reihe nicht immer 
ohne eigene Schuld verunglückter Bergfahrten ; im 
Dauphine ein erfolgloser Versuch, den Pic de la Muzelle 
zu besteigen, ein Uebergang über die Breche de la 
Meije bei Schneesturm mit nothgedrungenem Bivouak 
ohne Proviant und Feuer und ein vergeblicher Anlauf 
gegen die Meije; im Montblancgebiet ein Nachtlager 
auf dem Salenagletscher (a very pleasant night in a 
crevasse) und im Zermatt eine Breithornbesteigang 
wieder mit unfreiwilligem Bivouak; E. R. Whitwell: 
first ascents of the Aiguille de Blaitiöre (Chamonix) 
and of the Dent Blanche from Zermatt (über den 
Schönbühlgletscher); A. Cust: Rocks and Rambles in 
the Combe d'Arolla (Pigne d'Arolla, Col und Aiguille 
de la Za);.F. T. Pratt: Monte della Disgrazia from 
Ghiareggio (Val Malenco); W. A. Coolidge: The 
Aiguilles d'Arve. Die beiden wissenschaftlichen Ar- 
beiten sind: Ch. Pack F. L. S. : Saxifrages, eine 
interessante pflanzen-geographische Arbeit über die Ver- 
breitung der Steinbrecharten und T. Clifford Allbutt 
M. A., M. D. : On the health and training of Moim- 
taineers. Die Liste der neuen Touren des Jahres 1876 



I 



Literansches. 493 

ist etwas weniger reichhaltig als gewöhnlich ; wir ent- 
nehmen derselben aus dem Gebiet der Schweizer Alpen 
die Besteigungen der Grande Fourche (3620°*) von 
Orsieres, des Rossboden- ( Fletsch- )horns und des 
Täschhornes von Saas, des Eiger's vom Eigerjoch (vrgl. 
Jahrbuch VII, pag. 255 u. ff.) und des Finsteraar- 
horns direkt vom Rothhornsattel. Die neuen Bestei- 
gungen der Herren H. Cordier und Middlemore im 
Berninagebiet kennt der Leser bereits aus dem ersten 
Abschnitt dieses Buches. — Der Nr. 52 ist ein trefif- 
licher Holzschnitt des westlichen Gipfels der Meije bei- 
gegeben, der Nr. 53 eine Ansicht der Grandes Dents 
(Arolla) mit ihren gewundenen Gneissschichten und 
der Nr. 54 ein Panorama vom Gipfel der Pigne d' Arolla 
(Photogravure). 



Annuaire du Club Alpin FranQais. 

Deuxieme annöe 1875. Paris 1876. 

Annuaire de la Soci6t^ des touristes du Dauphin^. 

1875. Grenoble 1876. 

Das Wachsthum des C. A. F. gemahnt beinahe an 
den plötzlichen Aufschwung amerikanischer Städte. 
Nach zweijährigem Bestehen zählte der Club im April 
1876 schon 20 Sektionen und mehr als 1700 Mit- 
glieder und heute ist er wohl, wenn wenigstens alle 
damals in Aussicht genommenen Neugründungen statt- 
gefunden haben, 30 Sektionen und mehr als 2000 Mit- 
glieder stark. Dieser Blüthe des Vereins entspricht 
Auch das Gedeihen seines Jahrbuches. Das 2. Annuaire, 



1 



494 Ä. W, 



herausgegeben von einem Redaktionscomite, an dessen 
Spitze Herr A. Joanne steht, ist reicher ausgestattet 
und stattlicher als das erste, so stattlich, dass der 
Vorrede zufolge schon jetzt der Wunsch nach et welcher 
Einschränkung und knapperer Fassung zur Geltung 
kommt. Von 552 Seiten ist das Buch zu 859 ange- 
wachsen; statt 22 hat es 54 grössere und kleinere 
Illustrationen (Holzschnitte, Facsimile, photographische 
Abdrücke, worunter eine vorzügliche Photogravure 
der Meije, Lithographien, Radirungen etc.) aufzuweisen ; 
an Karten enthält es zwei der französischen General- 
stabskarte 1 : 80,000 entnommene, leider ziemlich un- 
leserliche Karten der Vanoise und der Grandes Ronsses 
und ein üebersichtskärtchen aus den spanischen Pyre- 
näen. In die Savoyer Alpen führen uns die Herren 
F. Descostes, J. M. Franklin, L. Revon, C. Dunant, 
A. Guyard, L. Berard, F. Reymond und P. Guillemin 
mit ihren Berichten über Mont Cenis und Mont Blanc, 
Mont de Joigny, Parmelan, Vanoise, Chaberton etc.; 
in die Bergwelt des Dauphinö die Herren B. Tournier, 
P. Guillemin, E. Guigues, H. Ferrand, P. Puiseux, 
H. Garrod, H. Duhamel und M. Rochat (Rochebnme, 
Morgon, breche de Lauvitel, Mont de Lans, la Meije, 
Pelvoux etc.). Aus den Pyrenäen liegen Berichte der 
Herren E. Walion, A. Lequeutre, T. Schrader ond 
E. Trutat vor und Herrn* E. Lorin's Wanderungen in 
den Vogesen bilden den üebergang zu den Fahrten 
im Auslande, von denen besonders Herrn H. Cordier's 
Touren im Berninagebiet für schweizerische Leser von 
Interesse sein werden. Mit Herrn A. Cazin^s Schilde- 
rung einer wissenschaftlichen Reise nach der St. Paulis 



r 



Literarisches. 495 

Insel (38° 48' s. Br. und 77^ 34,4' ö. L. v. Greenwich), 
zur Beobachtung des Yenusdurchganges, schliesst der 
Abschnitt dör « Courses et Ascensions > ab. Unter den 
Abhandlungen und Notizen, die in dem Abschnitt 
Sciences, Industrie, Beaux arts enthalten sind, heben 
wir besonders Herrn A. Vezian's geologische Skizze 
des Jura und Ch. Grad's Urographie der niederen 
Vogesen hervor. Den Schluss des Bandes bilden kleinere 
Mittheilungen, die Clubchronik und eine bibliographische 
üebersicht der alpinen Literatur. — In ähnlicher Weise^ 
wie neben dem Deutsch-Oesterreichischen Alpenverein 
ein steirischer Gebirgsverein, besteht neben dem C.A.F. 
eine besondere «Sociöte des Touristes du Dauphine»^ 
welche für die Alpen des Dauphine dieselben Ziele 
anstrebt, wie der C. A. F. für die französischen Gebirge 
überhaupt. Diese Gesellschaft, 1875 gegründet, hat 
ihren Sitz in Grenoble, steht unter dem Präsidium 
des Herrn Beiz, Telegrapheninspektor, und zählt 445 
Mitglieder. Ihrem ersten in Druck und Papier sehr 
hübsch ausgestatteten Jahrbuch, Grenoble 1876, ent- 
nehmen wir, dass die Gesellschaft im Jahr 1875 sich 
hauptsächlich damit beschäftigt hat, für Excursionen 
nach den Sept Laux ein Chalet am Lac de Coz als 
Unterkunftshaus zu miethen und in gehörigen Stand zu 
stellen, die Zugänge zu den Pics de Belledonne zu 
verbessern und das Führerwesen des Dauphine zu 
ordnen. Für 1876 waren in Aussicht genommen die 
Erstellung eines Unterkunftshauses in der Berarde und 
von Clubhütten am Grand Pic de Belledonne, am Lac noir 
de St. Christophe und am Etendard (Grandes Rousses). 



496 Ä. W. 

Bolletino de! Club Alpino Italiano. 

Vol. X, 1876. Torino 1876. • 

Dieses Organ des italienischen Alpenclubs erscheint 
unter der Leitung des Centralcomitäs zu Turin in statt- 
lichen Vierteljahrsheften, von denen uns die drei ersten 
des Jahrganges 1876 vorliegen. Wir entnehmen den- 
selben, dass der C. A. I. auf 25. März 1876 in 33 
Sektionen 3401 Mitglieder zählte. Sitz des Central- 
comites (Präsident: Commendatore Quintino Sella; 
Sekretär : Sgr. Cesare Tsaia ; Cassier : caval. G. Rey) ist 
Turin ; Redaktor des Bolletino : Dr. M. Baretti. Neben 
zahlreichen kleineren Mittheilungen, bibliographischen 
Notizen, Sektions- und Festberichten und Clubgeschäften 
enthalten die drei Hefte 25 — 27 vier Arbeiten, die 
ungefähr unseren Abhandlungen entsprechen. Unter 
4em Titel « Une pagina di giurisprudenza alpina » 
behandelt Sgr. A. Grober die Eigenthumsverhältnisse 
der Gletscher, A. E. Martelli bespricht Nutzen und 
Gebrauch des Seiles bei schwierigen Besteigungen, 
Dr. N. Orsini die Quellen des Farfa (Nebenfluss der 
Tiber aus dem Sabinergebirge, Umbria) und A. Jatta 
die Flora des Gran Sasso d'Italia (Abruzzen). Von 
den zahlreichen Bergfahrten sind die bedeutendsten 
Montaldo's erste Besteigung des Felszahnes Visolotto 
in den cottischen Alpen, E. Mariani's Touren im Gebiet 
zwischen Val Camonica und Etsch, A. Martelli's üebergang 
über den Celle della Ciamarella (3485"*) zwischen den 
Thälern der Ala (Provinz Turin) und des Are (Mau- 
rienne) und L. de Notaris' Weg von Turin nach Cha- 
monix über Val Locana, Col de Nivolet, Val Savaranche, 



r 



Literarisches. 497 

Cormayeur und Col du Geant; eine Reihe kleinerer 
Berichte aus den Alpen, dem Apennin und dem Volsker- 
gebirge schliessen sich an. Neben ziemlich zahlreichen 
Textholzschnitten und Gebirgsansichten finden wir ein in 
drei Tönen ausgeführtes Panorama der Veglia-Alp (Alp 
Diveglia, Duf.) im Hintergrund des Cherascathales am 
Fusse des Monte Leone. Von Karten sind nur eine 
Skizze des Farfalaufes und ein Kärtchen des Ciamardla- 
passes Yorhanden. . 



Enzian. Ein Gaudeamus für Bergsteiger. 
2. Folge. Leipzig 1876. A. G, lAeheskind, 

Es ist zwar etwas spät, im Jahrbuch XII ein Buch 
zu besprechen, das bereits im Frühjahr 1876 erschienen 
ist, indessen besser spät als nie ! Die zweite Folge des 
Enzian ist eben im letzten Jahre erst erschienen als 
der Druck des Jahrbuches XI schon beendigt war, 
und so muss sich denn der biedere Berggeist mit einer 
nachträglichen, aber darum nicht weniger nachdrück- 
liehen Empfehlung begnügen. War der Enzian schon 
bei seinem ersten Auftreten seines kerngesunden, oft 
derben und herben Humors wegen in alpinen Kreisen 
mit Freuden begrüsst worden, so konnte die neue 
Folge wohl auf noch bessere Aufnahme rechnen, denn 
die allzu lokalen Gedichte und Anspielungen, die dem 
Enzian damals einen leisen Erdgeschmack mittheilten, 
hat er diesmal glücklich vermieden. Poesie und Humor 
gehen einträchtiglich zusammen und will dieser einmal 
gar zu übermüthig werden, so hält ihn jene im Zaume, 
wandelt die Poesie einmal ein Hauch von Sentimentali- 

32 



1 



498 A. W, Literarisches. 



tat an, gleich fasst sie der Humor am den Nacken und 
blickt ihr so schalkhaft in's Gesicht, dass der Ernst 
darin nicht Stand hält. Vor allen sind die Gedichte 
Ton R. B. (Rudolf Baumbach) sehr wohlgerathene, 
wenn auch manchmal etwas wilde und neckische Spröss- 
linge dieser Verbindung; wir erinnern nur an die 
Wünschelglocke, Tempora mutantur, kleine Vögel, 
und die lehrreiche Geschichte vom Floh und Gletscher- 
floh. — Neben Dr. Sepp's Alpenkräuter - Sonnetten 
prangen die Blüthen alpiner Poesie aus dem Tagebuch 
des Frl. Adele Backfisch, das seit dem letzten Jahre 
zu langen Röcken und elegischen Trochäen heran- 
gewachsen ist, und das frische, fröhliche Gedicht aus 
dem Fremdenbuche der Clubhütte am Lünersee er- 
innert an Scheffers herrliche Lieder vom Rodenstein. 
Die Prosa ist durch drei sehr gelungene Humoresken 
vertreten. C. : Gebii'gsreisen im Zimmer, vielen Clubisten 
jedenfalls schon aus der Alpenpost bekannt ; B. R au c h e n- 
egger: A Gamsbirsch auf da Röthlwand, und P. ßo- 
wadschoms: wie die Sektion Trottelburg gegründet 
wurde und was sich dann weiter da zutrug. Eine 
Sammlung «Marterln», an deren Aechtheit einige 
Zweifel wohl^ gestattet sein werden , und ein kerniger 
Abschied von R. Baumbach bilden den Schluss des 
hübsch ausgestatteten, mit zahlreichen Holzschnitten 
geschmückten Buches. 




IV. 



Chronique du C. A. S. 

pour Taimöe 1876. 



I. FSte annuelle ä Fribourg. 



Protocole de PAssemblöe des d^l^gn^s 

du C. A. 8. 

tenue dans le salon de THötel de Fribourg, 

les 26 aoüt 1876, ä 5 teures du soir et 27 aoüt 1876, 

h Vl% heures du matin. 

Presidence de M' A. Freundler, prösident central ; 

secretaire : M' C. M. Briquet, secretaire central. Tous 

les membres du Comite central sont presents ainsi que 

M' le Conseiller d'Etat Theraulaz, Präsident de la föte. 

Sections. Membres d^legu^s. 

1. Argovie (Aarau): M. Imhof. 

2. Zofingue: « Offenbäuser. 

3. Appenzell (Sentis) : « Steiger-Zölper (absent). 

4. Bäle: < Hoffmann-Burckhardt. 

« Lüscher. 

5. Berne : « Lindt, pharm. 

« Dübi, D'. 

6. « Oberland: « de Steiger, pasteur. 

7. « Blümlisalp: < Gerwer, pasteur (absent). 

3. Fribourg: < Bourgknecht, Chancelier 

d'Etat. 

« Fragniere, prof. 
9» Geneve: « Des Gouttes, avocat. 

* W. Kündig. 



502 Chronique^ 





Sections. Membres d^legn^s. 


10. 


Glaris (Tödi): M. Brunner; J* Becker. 


11. 


Grisons (Rhgetia): « J)^ Ch. Brügger (absent). 




« R. Zuan (absent). 


12. 


Lucerne (Pilatus): « Röthelin, pasteur (absent). 




/ « Röthelin, instituteur(absent). 


13. 


Neuchätel: « D' Henry. 


14. 


St-Gall : < Iwan de Tschudi. 




« D' 0. de Gonzenbach. 


15. 


« (Toggenbourg) : non represente. 


16. 


« (Alvier): M. Gramiger (absent). 



17. Valais(Monte-Rosa): « Ant. de Torrent6. 

« G. Lor^tan. 

18. Vaud (Diablerets) : « Morf, professeur. 

« Beraneck, chef d'institut. 

19. Zürich (üto): * Ochsner. 

« Baumann-Zürrer. 

Avant d'aborder Tordre du jour proprement dit, 
M. le President donne connaissance ä Tassembl^e des 
objets suivants: 

1^ Le Club Alpin Suisse s'est accru depuis le 
31 decembre 1875 d'une centaine de membres. Une 
section nouvelle s'est constituöe ä Neuchätel: cordiale 
salutation et bienvenue dans le Club lui est adress^e 
en la personne de son delegue et pr6sident, M. le 
docteur Henry. Une section, par contre, a disparn, 
Celle du Tessin; toutefois on peut esp6rer la voir 
renattre ä nouveau, les anciens clubistes de Lugano, 
en particulier, 6tant desireux de maintenir une section 
du Tessin. 

2^ Le Comite central remercie les sections de Glaris, 



Chronique. 503 

des Grisons et de TAlvier, de Tenvoi de leurs r^gle- 
ments et tarifs de guides ; il les felicite de cet excellent 
travail qui doit ^tre vivement encourag^ dans les 
sections de montagnes et en particulier dans celle du 
Valais qui a d^jä fait un trayail semblable et se propose 
de le completer tres-prochainement. 

3** L'annöe derniere, ä Tassemblee de Thoune, 
M. de Steiger avait fait une proposition tendant k 
obtenir une protection plus efficace des chamois. Comme 
suite ä cette demande, le Comite central a fait une 
demarche aupres de la section de TOberland pour ob- 
tenir des renseignements precis sur ce qu'il y aurait 
il faire pour atteindre ce but. M. de Steiger annonce 
que la question est ä Tetude, aupres de quelques 
gouvernements cantonaux, de par les autorites federales, 
et qu'une Solution favorable peut ^tre attendue. 

4<* A la m6me assemblee de Thoune, Tannöe derniere, 
il avait ete vote de payer k M. Tingönieur Gösset la 
somme de frs. 13,500 pour les travaux par lui ex6- 
cutes au Glacier du Rhone et contre remise de ces 
travaux. Le pr6cedent Comitö central n'a pas pu arriver 
k terminer cette affaire et a laiss^ ce sein k son suc- 
cesseur. M. le President expose ce qui a ötö fait, il 
demande k Tassemblöe des Instructions sur ce point et 
la prie de lui tracer une ligne de conduite. MM. Des 
Gouttes, Lindt, Binet-Hentsch , Beraneck, Hoffmann- 
Burckhardt et Theraulaz prennent successivement la 
parole. Aprös une discussion longue et approfondie, 
pleins-pouvoirs sont donnes au Comite central pour 
amener cette affaire ä une Solution, toutefois en se 
tenant aux bases essentielles de la Convention. 



504: Chron^ue, 

5* M. le President, en rappelant qnun nouveaa 
catalogue des membres du Club a ät6 confectionne ce 
printemps par le Comit6 central, a constate le fait qne^ 
quelques jours aprds sa publicatiön, plusieurs sections 
avaient d^jä modifie leurs comit^s et, qu'en consäquencer 
11 serait ä desirer que les sections renouvelassent antant 
que possible leurs comites ä une epoque uniforme, 
comprise entre decembre et fevrier. M. B^raneck fait 
observer que, la liste des membres ne paraissant pas 
toutes les annees, il serait desirable cependant quela 
composition des comites de toutes les sections fftt röci- 
proquement connue. II est decidö que, les annees oüla 
liste complete des membres ne paraitra pas, il sera publik 
une feuille indiquant la composition des comites des 
sections. 

6° Lecture est donnöe du rapport de MM. les 
verificateurs , Lavater de Zürich et Steiger -Zölper 
d'Herisau, sur les comptes de 1875 : 

Recettes frs. 12,605. 90 

Depenses ... . . « 11,918. 85 



Excedant des recettes frs. 687. 05 
Le capitaläla finde 1874 etait de < 23,892. 83 



II est ä la fin de 1875 de frs. 24,579. 88. 

Ce capital, comprenant des obligations du chemin 
de fer du Gothard presentement en baisse, MM. les 
verificateurs des comptes, consultes ä ce sujet par le 
Comite central, proposent de ne porter ces titres qu'^ 
une valeur inferieure k leur valeur nominale et de 
reduire ainsi le capital ä frs. 23,289. 88. Toutefois, 



Chronique. 505 

le Comite central a criT bien faire, des son entr6e en 
Charge, de vendre au plus vite ces titres et il Ta fait 
ä des conditions meilleures que Celles que pr^voyaient 
les vörificateurs des comptes. II en resulte, en y com- 
prenant Tobligation faisant partie du fonds Imfanger, 
une perte totale de frs. 890, de sorte que le capital 
remis par le precedent Comite resterait röellement fix6 
äfrs. 23,689. 93. Les comptes ci-dessus sont approuv6s 
aTec remerciements au Comite central sorti de Charge. 
La vente des obligations du Gothard faite par le 
Comite central actuel est approuvöe ä Tunanimite. La 
caisse centrale supportera la perte resultant de la vente 
de Tobligation appartenant au fonds Imfanger. 

MM. les yerificateurs des comptes proposent en 
outre de ne plus subventionner h l'avenir les comptes- 
rendus des f^tes du C. A. S. Cette proposition, que 
combat le Comit6 central, est rejetee. 

7® Comme vörificateurs des comptes pour 1876, 
sont proposes et nommös ä l'unanimite MM. Wyss- 
Wyss, de Berne et Raoul de Riedmatten, de Sion. 

8° Le cbamp d'excursion fixe pour 1876 , con- 
formement ä la decision de l'assemblee de Thoune, sera 
maintenu pour 1877. A ce propos, M. le President 
expose, qu'ä son avis, il y a eu abus dans la distri- 
bution gratuite des exemplaires de la carte du champ 
d'excursion et il propose en consequence de revenir 
sur la decision prise ä cet egard ä H^risau. Apr^s 
discussion, ä laquelle prennent part MM. Theraulaz, 
Böraneck, Lindt, Hoffmann - Burckbardt , Morf et de 
Torrente, il est d^cide que Tancien mode usit6 avani 
la Conference d'Hörisau sera repris, c'est-i-dire qu'il 



1 



506 Chrmiique. 

sera adressä gratuitement k cHaque section un nombre 
d'exemplaires egal au tiers ou au quart du chiffre de 
ses membres, mais qu'il n'en sera plus dölivre gratuite- 
ment ä des membres isoles. 

M. le President informe rassemblö.e que la section 
des Diablerets a formule le däsir que la carte du sud du 
Valais publice par le Club füt completee dans sa partie 
ouest-sud-ouest par une feuille comprenant le massif 
de la Dent du Midi et allant jusqu'ä la frontiere suissCi 
ä Tonest. Le Comit6 central est heureux de pouvoir 
annoncer que, gräce ä la bienveillance accoutumee du 
chef du bureau topographique federal, M. le colonel 
Siegfried, la revision de ce massif sera procflainement 
«ntreprise, de teile sorte que rien ne s'opposera ä ce 
que ce champ d'excursion succede ä celui pris dans 
TEngadine pour les annees 1878 et 1879. 

9° Aux termes de la decision prise Tannöe derniere 
a Thoune, la feto du Club ne doit avoir lieu que tous 
les deux ans. Puisqu'elle a lieu cette annee ä Fribourg, 
il n'y en aura pas en 1877, et cette fete sera rem- 
placee par une röunion libre. Cependant les Statuts 
(art. 11) exigeant qu'il y ait chaque annäe, non seule- 
ment une assemblee des delegues, mais une assemblee 
g^n^rale, le Comite central demande oü cette assemblee 
se tieudra et qui la convoquera. Apres discussion ä 
laquelie prennent part MM. Hoffmann, de Steiger, 
Tböraulaz, BtJraneck, de Tschudi, Binet et Brunner, 
il est decide que la reunion libre aura lieu, si possible, 
dans le champ d'excursion officielle (canton de Glaris), 
que le Comite central en aura la direction et qu'il n'y 
aura pas cette fois d'assemblee generale. 



Chronique. 507 

Pour 1878, Foffre aimable de la section Berner 
Oberland de recevoir le Club . est acceptee et Interlaken 
est choisi comme lieu de f^te. M. le pasteur de Steiger, 
President de la section, est elu ä runanimite President 
de fete, avec remerciements. 

10° Le rapport sur le X"^® volume de Tannuaire 
presente un deficit de frs. 3823. 35 dont frs. 1500 
ont ete dejä payös suivant la döcision prise l'annee 
demiere k Thoune. Le solde de ce deficit sera paye 
en 1877. Un nouveau contrat pour la publication de 
l'annuaire a 6te passe avec la librairie Dalp ; ce con- 
trat est signe et il n'y a pas ä y revenir, mais MM. les 
verificateurs des comptes, appuyes par le Comitö cen- 
tral, desirent qu'ä Tavenir tout contrat qui devra lier 
le Comite central soit auparavant soumis, au moins 
dans ses principes essentiels, ä la Conference des del6- 
gues: adopte. 

11® II y aurait un rapport k presenter sur le livre 
des glaciers, mais notre bibliotbecaire, M. Siegfried, 
de Zurieb, charge de sa redaction, n'ayant ä peu pres 
rien reQu de ses coUegues , membres du C. A. S., n'a 
rien de nouveau ä communiquer. Comme archiviste, 
il desirerait voir la bibliotheque du Club utilisee et 
placee ä cet effet dans une section possedant un local 
k eile, ä Geneve par exemple, pendant qu'y siege le 
Comite central. Apres discussion k laquelle prennent 
part MM. Ochsner, Bourgknecht, Beraneck et Hoff- 
mann, toute döcision est ajourn^e ä l'annee prochaine. 

12<* II n'est pas parvenu au Comite central de 
rapports sur les cabanes-abris (Schirmbütten) plac^es 
sous la surveillance des sections et qui sont au nombre 



1 



508 Chronique, 

de 17, auxquelles vont s'ajouter Celles d'Alvier et 
d'Orny. Par contre, deux propositions dont il doit ötre 
donn^ communication ä Tassemblee, relatives aux cabanes, 
sont parvenues au Comite central, trop tard pour §tre 
portöes sur l'ordre du jour imprime. 

La premiere, emanant de la section de Beme, 
demande que, vu Tutilite generale des cabanes du Club, 
leur entretien soit mis ä la Charge de la caisse centrale. 

La seconde vient de la section Monte- Rosa et 
demande un reglement sur Tentretien des refuges, ainsi 
que Tetablissement pour chacun d'eux d'une provision 
de bois entretenue au moyen d'une Subvention de la 
caisse centrale. Le Comite central, sans faire de pro- 
position, est d'avis de vouer une grande soUicitude 
aux cabanes : ainsi, cette annee, il a vote des subßides 
importants pour 3 d'entr'elles, et d'autres demandes 
sont encore en perspective. Apres discussion k laquelle 
prennent part: MM. Lindt, Hoffmann, de Saussure, 
Beraneck, le renvoi de cet objet au Comite central est 
adoptd. 

13°- Comme proposition individuelle, M. Hoffmann 
demande que Tinventaire de la fortune du Club soit 
indique chaque annee dans Tannuaire ä la suite du 
compte rendu financier. Adopte, 

La seance est levee apres lecture et approbation 
du proces- verbal. 

Le President: 

Albert Freundler. 

Le Secretaire: 
C. M. Briquet. 



PROTOCOLE 

DE LA 

TREIZifcME ASSEMBLJ&E GJ&N^RALE 

DU 

C. A. s. 

TENÜE LB 27 AOUT 1876 

A FRIBOURG 

SOUS LA PRESEDENCE DE 

M. ALPH. THERAÜLAZ, Conseiller d*Etat 

DANS LA GRANDE SALLE DU LYCtE. 

M. le President de f^te ouvre la säance en sou- 
haitant la bienvenue ä tous les membres du Club et 
salue en particulier la jeune section de Neuchätel. II 
passe ensuite ä la description montagneuse de notre 
canton et räppelle les plus beaux morceaux de la 
litterature gruyerienne. 

M. le President central fait rapport sur la gestion 
du Comit6 et Tadministration de la soci^tö du C. A. S. 
depuis le 1®' janvier 1876. 

Les värificateurs des comptes, MM. Lavater et 
Steiger-Zölper proposent les comptes de 1875 ä Tap- 
probation de Tassemblee (adopte). 



..■< 



510 Chronique, 

Les recettes s'elevent ä . . frs. 12,605. 90 
Les döpenses s'elövent ä . « 11,918. 85 

Le capital actuel du C. A.S. est de « 24,579. 88 

Pour Tannee courante 1876, les recettes sont jusqu'ä 
ce jour de .... frs. 11,624. 68 

et les döpenses de . . . « 7,030. 50 

Sont nommes vörificateurs des comptes pour 1876: 
MM. Wyss-Wyss, de Berne et R. de Riedmatten, de 
Sion. Le compte rendu du X™® volume de Tannuaire 
accuse un deficit de frs. 3823. 35. 

Pour rannte prochaine (1877) 11 y aura une re- 
union libre du 0. A. S., autant que faire se pourra 
dans le champ officiel d'excursion, reunion convoqu6e 
par le Comitö central et dirig^e par lui. 

Pour 1878, la f^te aura lieu ä Interlaken et 
M. de Steiger, pasteur ä Gsteig, est choisi comme 
President de la f^te (votö par acclamation). 

La parole est ensuite donnee h M. le prof. Sottaz 
pour la lecture de son travail descriptif sur les Alpes 
fribourgeoises. 

Le prbcäs-verbal de la seance est lu et adopt^. 

Le President de fete: 

Alph. Th^raulaz. 

Le Secretaire: 

Et. Fragniere. 



IL.-A. FJfcTE I>XJ C. Jl. S. 

A FRIBOÜRG 
LBS 26, 27 ET 28 AOüT 1876. 

Apres de nombreuses conförences avec les astronomes 
et prophetes en renom, les 26, 27 et 28 aoüt ayaient 
ete choisis pour la reunion generale du Club Alpin k 
Fribourg. Des le commencement du printemps, des 
eomit^s avaient 6tö constitues et ils ne tardärent pas 
ä se mettre ä Toeuvre, pour preparer ä leurs chers 
confreres une reception aussi cordiale que possible. 
Assure du beau temps, on ayait choisi le jardin de 
Tivoli pour quartier-g6n6ral et, d^s le matin du 25 aoüt, 
le comite des decors, ayant ä sa t^Ce le vaillant Nemrod 
Boccard, s'etait empare du jardin et des payillons, 
plantait des mäts, au haut desquels devaient flotter de 
joyeuses banderolles, clouait, decorait et arrachait aux 
salles du Mus^e les plus beaux specimens de la faune 
fribourgeoise pour en orner la salle du festin. Le soleil 
du 26 aoüt aurait retrouve nos artistes ä Foeuvre s'il 
lui eüt convenu de se lever ce jour-lä; hölas! contre 
toute esperance, Jupiter pluvius 6tait maitre du terrain 
et faisait manoeuvrer ses nuages les plus sombres sur 
le ciel ci-devant bleu. 

Le Moleson est n6 sous une planete humide! 



512 Chronique, 

Ce ne fut pas sans anxiete que le comite de re- 
ception prit ä 2 heures le chemin de la gare et ses 
inquiötudes ne s'eyanouirent que lorsque les trains 
montant et descendant enrent debarqne nn nombre 
assez respectable de Clubistes, de ceux surtout dont la 
jovialile est ä toute epreuve, et qui, maintes fois döjä, 
n'ont pas recule devant notre mauvaise reputation. Nous 
nous acheminons vers le quartier-general oü nos finan- 
ciers distribuent billets de logement et cartes de fete ; 
de lä les magnats, les gros bonnets de chaque section, 
se rendent ä THötel de Fribourg, oü siege solennelle- 
ment le President central ä la t^te de son Comite. 

Laissons ces puissances discuter gravement les bants 
inter^ts du Club, une plume moins folichonne que la 
mienne est cbargäe de transmettre ä la posterite ces 
imposants debats. 

La nuit est venue, Tarm^e de Jupiter pluvius se 
repose des fatigues de la journee ; dirigeons-nous vers 
Tivoli, oü une modeste collation est Offerte aux Clubistes. 

Des feux de diverses couleurs et les tons d'une 
musique harmonieuse nous montrent le chemin. Bientdt 
la grande rotonde est devenue une ruche bourdonnante, 
oü le bruit de voix joyeuses se m^le au cliquetis des 
verres et des assiettes. Les rayons de soleil, mis en 
cave par les braves vignerons de La Vaux, epanouissent 
bientot toutes les figures et l'animation est döjä gene- 
rale, lorsque, vers 9 heures, les delegues fönt leur 
entree, escortant le Comite central. Les applaudisse- 
ments du petit peuple remercient les chefs d'avoir bien 
voulu interrompre leurs discussions pour prendre pari 
aux ebats de leurs administres. 



r 



Chrontque, 513 

Le President de la section du Moleson, M. Louis 
Eourgknecht, souhaite la bienyenue k tous les amis 
qui sont venus assister ä la f^te, la musique redouble 
ses accords et la societ^ de chant de la ville fait 
entendre ses plus belles harmonies. 

M. Binet-Hentsch donne essor aux sentiments da 
<;liaude amitie qui bouillonnent dans sa poitrine, et 
remercie la section de Fribourg, ainsi que les musiciens 
et cbanteurs qui lui pretent leur pr^cieux concours 
pour recevoir dignement ses hötes. 

L'henre s'ayance, les rangs des Clubistes s'6claircis- 
sent, comme aussi ceux du nombreux public qui se 
promene dans le jardin. Les Clubistes feraient volon- 
tiers plus ample connaissance avec les brunes et blondes 
spectatrices , celles-ci ne demanderaient pas mieux et 
tressaillent elles-mßmes aux joyeux accents de la fan- 
fare, mais il est trop tard, papas et mamans veulent 
rentrer, l'heure de Terpsichore est pass^e, les lanternes 
venitiennes se sont eteintes les unes apres les autres; 
quelques intr^pides yeillent seuls encore dans le pa- 
villon tout ä^ Theure si anime. 

Le lendemain, Taiirore aux doigts de rose avait ä. 
peine ouvert les portes du firmament que d6jä les 
delegues rentrerent en seance pour epuiser les objets 
qui n-avaient pas pu Mre abordes la veille. Un vent 
assez vif avait ^clairci Thorizon et Ton pouvait esp^rer 
une assez belle journöe. Un certain nombre de nou- 
veaux hötes etaient arriv^ß le matin renforcer notre 
petite phalange. 

On Visite les ponts suspendus, les environs si pit- 
toresques de Fribourg, et ä 10 heures tout le monde 

33 



614 Chronique. 

affine vers le Lyc^e pour yisiter les musees et prendre 
.pari ä Tassembl^e generale. 

Nous abandonnons, ainsi que nous Tayons dejä dit^ 
le soin de retracer les deliberations h, nne plume plus 
digne, contentons-nous de dire que de nombreüx ap- 
plaudissements accueiUirent le beau trayail snr la 
Gruyöre, de notre president de föte, M. Theranlaz, 
Conseiller d^Etat. L'auteur, apres nous avoir fait as- 
sister ä la naissance et ä la fin du Comte de Gruyere, 
nous initie aux moeurs de ses habitants: il nous con- 
duit r^colter le foin parfumä avec les faneuses de la 
vallee, nous guide dans les cbalets, sur TAlpe, au 
milieu des patres et des troupeaux et finit par nous 
entratner dans Fimmense farandole qui r^unit pour 
une ronde ^chevelee tous les babitants du Comt^ de 
Gruyere ä Chäteau d'Oex. La dissertation plus scienti- 
fique de M. le professeur Sottaz, sur les Alpes fri- 
bourgeoises, n^obtint pas un moindre succes. 

Les questions d*affaires sont absoutes,- le moment 
du banquet est venu, le Programme^ aussi bien qne 
notre appetit, aiguise par les travaux de la matin^, 
nous y convie. La grande rotonde de Tivoli reprend 
son animation de hier et le festin commence. Les 
autorites cantonales et communales sont represent^s 
par des del^gu^s, plusieurs autres personnes de Fribourg 
ont tenu ä prouver par leur pr6sence Tinteröt qu'elles 
portent aux choses du Club. 

La premi^re faim est ä peifie apais^e, que la parole 
est aux orateurs : M. Theraulaz, president de fdte, porte 
le toast ä la patrie. M. Freundler, president central, 
nous fait part des telegrammes de salutations des Clubs 



Chronique. 515 

anglais, allemand et Italien, et porte une chalenrense 
sant^ ä ces soci^t^s-soenrs, ainsi qu^an Club alpin fran- 
9iis, qai partagent les m^mes aspirations que nous et 
tendent an m^me bat. M. le D' Petersen, President 
da Clab allemand et aatrichien , fait des voeax pour 
Tamon toajours plas intime entre les divers Clubs 
alpins. M. le D' Henry, pr6sident de la nouvelle eection 
de Neacjiätel, prösente ce nouveau-ne qui est venu 
ajoater le dernier flearon ä la couronne des sections 
romandes. M. Hoffmann-Burckhardt remercie les au- 
torit^s fribourgeoises repr^sentees au banquet et celles-ci 
ripostent par un dringe de vins d'honneur fort ap- 
preciäs des convives. 

N'oublions pas le gen^reux M. Binet-Hentsch dont 
le ccear est toajours ouvert ä Tinfortune; il a vu le 
malheureux village d*Albeuve detruit par Tincendie : ä 
sa parole chaleureuse, cbacun puise dans son escarcelle 
et depose son obole en faveur des yictimes de ce 
desastre. 

M. B^raneck, notre parrain, dit adieu ä la section 
du Mol^son ; des circonstances imprevues le rappellent 
ä Lausanne, «votre emotion, eher ami, a trouve un 
ecbo M^le dans les coeurs de vos fiUeuls». Fassons 
aux poötes et remercions M. Freundler, sa verve 
caastique est inepuisable; M. Didier, dont la muse 
toajours jeune a chantä pour nous < les anniversaires » ; 
et M. Et Fragniäre qui nous recite en bon patois 
gruy^rien: «la pastorale des cheyriers». 

üne vieille ronde fribourgeoise dit en terminant: 
« Quand on est si bien ensemble, peut-on jamais, jamais 
SB quitter ? » il faut croire qu'on se trouvait bien dans 



516 Chronique, 

ce pavillon de TiToli, car Theure fixee dans le Pro- 
gramme pour le depart etait dejä passee depuis long- 
temps qae Ton festoyait encore. Enfin, poartant Ton 
se met en marche et Ton s^achemine en causant vers 
le plateau de P^rolles pour descendre ä la piscicnltnre 
sur les bords de notre lac, pauvre lac! Hier encore, 
ses eaux refl^taient les h^tres des bosquets ; aujourd'hai, 
il faut s'avancer loin sur la gr^ve pour entrer en bateau. 
Grandes barques et petites liquettes , tout est mis k 
r6quisition et nos navigateurs partent en chantant poar 
le fameux barrage. Jupiter pluvius a rompu la tr^ye, 
de fortes ondees qui vont durer toute la soiräe et nne 
partie de la nuit jettent la debandade chez les Glubistes 
ä peine arrives ä Tautre bord. 

Cherchons un abri dans la Coll^giale, oü notre 
maöstro Vogt döploie en notre faveur toutes les res- 
sources de son talent et du precieux Instrument sor 
lequel il Texerce. 

L*oeuvre de Mooser a 6te suffisamment döcrite pour 
que nous n'y revenions pas. Tous nous avions dejä 
entendu le jeu puissant de Torgue de St-Nicolas et tous 
cepehdant nous sommes rest^s sous le charme nne 
bonne heure durant. 

La soiree devait se passer k Belleyue, des tables 
avaient ete dressees sous une all6e de marronniers, 
nos artificiers avaient pr^pare des monceaux de feux 
de Bengale. Helas! soins superflus! il pleuvait des 
hallebardes, selon Thyperbolique expression de notre 
President de föte. L'on se refugie dans Thötel qui mal- 
heureusement n*a pas de salle assez grande pour con- 
tenir les personnes präsentes, ün vrai clubiste es 



Chroviique, 517 

indifferent anx intemp^ries des Saisons, la pluie n'avait 
assombri personne, et les heures s'ecoul^rent joyeuses 
au milieu des chansons et des sons de la musique 
de f^te qai nons 6tait restee fidele jusqa^ä la fin. II 
etait döjä bien tard lorsque les derniers gais com" 
pagnons all^rent demander k leur coache an peu du 
repos necessaire pour se preparer ä la journee du 
lendemain. 

Le lundi, ä 4 heures du matin, rendez-vous sur 
le grand pont suspendu. L'heure est matinale, les nuages 
roulent en temp^te d'un bout ä Tautre de Thorizon. 
Quelques rares promeneurs circulent silencieusement 
en attendant les vehicules qui doivent nous transporter 
jusqu'au pied de la montagne. Nous remarquons ici un 
Phänomene assez frequent en semblable occurrence: 
c'est que les jeunes et bouillants courages de la veille, 
ä la reunion du soir, sont descendus le matin k 
plusieurs degräs au dessous de zero, tandis que les 
Tieux Clubistes, les v^terans sont lä, fermes et calmes, 
comme le nautonnier d'Horace, pr^ts ä tout entreprendre. 

Nous sommes donc une vingtaine ä nous mettre 
en route sur les chars rustiques qui avaient 6te pre- 
par^s. Arriv^s au Mouret, oü un confortable döjeüner 
nous attend, une derni^re ondee, envoyee comme pour 
6prouver notre determination, trouve la petite phalange 
inebranlable et faisant ses derniers appr^ts pour l'es- 
calade. Le ciel commence des lors ä s'eclaircir par- 
tiellement, pour se montrer tout le reste de la journee 
favorable au Club Alpin Suisse. 

La montee de la Berra est on ne peut plus agröable 
et facile. Le sentier serpente k travers les prairies, 



518 Chronique. 

les forMs de sapins, les pätnrages alpestres, et, des le 
commencement, lliorizon snr le plateaa snisse, les lacs 
et le Jura, variant incessamment d'aspect, rejouit et 
enchante. Je connais poor ma part peu de chemius de 
montagnes plus gracieasement pittoresqaes , et certes 
la vogne dont il jouit n'est point nsarp^e. 

Vers 10 heares da matin notre petite carayane, 
diyisee en plusieurs groapes, atteignait le signal, point 
colminant (altitude 1724™). 

Peu aprös, arrivaient d'autrea Clubistes egren^, 
partis plus tard de Fribourg, de sorte que le sommet 
fut en definitive visite par une soixantaine de Clubistes. 
II est seulement k regretter que Thorizon n'ait pas ^U 
completement decouvert de tous c6tes, car, vu sa Posi- 
tion isolee, cet observatoire alpin offre un tres-riche 
panorama de plaines et de montagnes, bien plus etendn 
que son altitude modeste ne le ferait supposer. 

Mais Theure s'avance, il faut songer ä gagner 
Charmey; le cdne de la Berra, tont ä Theure si anim^ 
se degarnit peu k peu, et les solitudes qui aboutissent 
ä la Chartreuse de la Yalsainte retentissent pendant 
longtemps de joyeuses clameurs, pour cesser complete- 
ment lorsque, arrive devant la porte du vaste et severe 
^difice perdu au fond d'une gorge sauvage, on penetre 
dans cette retraite du silence et des austeres pensees. 
Le Reverend Prieur, k l'entr^e du couvent, re^oit toos 
ses visiteurs avec la plus courtoise hospitalit^. Une 
coUation frugale est Offerte, les crüs excellents de 
La Vaux-, et les flacons de la celäbre liqueur de la 
Grande Chartreuse circulent k la ronde. Le prieur, 
toujours obligeant et empress^, nous fait yoir ensoite 



Chronique. 519 

la biblioth^que, les collections d'histoire naturelle, et 
plusieurs cellules de ses moines, la chapelle du couvent, 
«t enfin tout ce qui peut int^resser. Ajoutons ici que, 
gra.ce aux bons souyenirs laisses de part et d'autre, 
la section du Moleson a ^t^ sp^cialement charg6e 
d'engager yiyement tous les coUegues des autres sections 
qui s'engageront dans ces parages, ä ne pas manquer 
de faire une petitp yisite ä la Chartreuse de la Val- 
sainte oü ils seront sürs de trouver toujours un accueil 
des plus sympathiques. 

A une heure, depart pour Charmey; le trajet se 
fait non sans maints episodes vraiment clubistiques, 
Ainsi, ä un moment donn6 se presente un torrent assez 
large qu4l s'agit de franchir, sans que le moindre 
pont s'offre pour la travers^e. Apr^s de nombreuses 
recherches pour trouver un gue, nulle autre ressource 
ne se presente que les epaules d^un vieux bücheron, 
lequel sert de v^hicule k une trentaine d^entre nous 
dont les formats tres-variables pr6sentent de temps ä 
autre de fort respectables dimensions. Nlmporte, le 
bac tient bon et ses roues motrices luttent avantageuse- 
ment contre le courant. Nous voilä tous sur Fautre 
riye, hätant le pas au bruit retentissant du canon, des 
mortiers et d'une joyeupe fanfare. Le village est tout 
pavois^: toute la population, en babits de fSte, forme 
la baie des deux cotes de la rue. Gräce. au soleil qui 
s'est mis d^cid^ment de la partie, nos rangs grossissent ; 
des collegues venus de Bulle, d'autres yenus de Fribourg 
par la grande route, arrivent prendre part au banquet 
autour des tables rustiques dressees dans une prairi^. 
De jeunes et jolies Gruyeriennes remplissent gracieuse- 



520 Chronigue, 

ment les fonctions de sommelieres, et ce ne fat pas 
lü an des moindres attraits de ce banqaet, egaye du 
Gommencement 4 la fin par les accords d^e bonne 
mosiqae, des chants et des disconrs yaries oü la verre 
patiiotiqne ethamoristiqae joaait le principal röle. Nons 
Toadrions pouvoir reproduire ici la cbalenrense impro- 
yisation de M. le President central Freundler, les paroles 
patriotiqnes de M. Theraolaz, President de fete, Tai* 
mable disconrs de reception de M. le syndic de Charmej, 
an nom de tonte la popnlation de cette interessante 
contr^e, Tallocntion si pleine d'esprit de M. Rothelin 
de Lncerne, ainsi qne l'aimable toast de M. Briqnet 
anx gracieuses Qrnyeriennes : mais la place qne nous 
accorde la redaction dn Jahrbncb a ses limites ; f orce- 
ment nons devons nons borner, malgre tont le plaisir 
qne nons anrions k nons attarder en route. 

Llienre du depart a Bonn^; des chars atteles de 
cbevaux vigonrenx sont prets ä nons recevoir et lorsqne 
chacun a gagn6 son siege, la pittoresqne colonne 
s'äbranle et qnitte Tbospitalier yillage de Charmey 
an milien des honrrai| sympathiqnes et repet6s de tous 
les habitants. La longne file de vehicnles s'^lance snr 
la supeirbe route qui cötoye jusqu'au-dessns de Bavaille 
les llancs de la mpntagne. Yoici les rnines de Mont- 
solvent, fierement campöes snr lenr rocher en face du 
yieux Castel de Gruyäre. Devant nons se dresse, dans 
tonte sa majestö, le Moläson, patron de la sectioo 
fribonrgeoise; ä gauche, c'est la Dent de Broc, ä Tarnte 
streite et nue, et, ä droite de celle-ci, se deronle, daos 
sön manteau de verdure , la planturense Tall6e de la 
Haute Gruyere. 



Chronique. 521 

Au village de Broc, quelques bouteilles au goulot 
tentateur guettent notre passage, et, an bourg de lia 
Tour, on quitte les chars pour se former en rangs et 
penetrer, musique en t^te, dans la capitale du pays 
gruyörien. Dans une des salles de FHötel de Bulle, le 
coup de l'etrier offert par le Conseil communal attendait 
ceux qui devaient prendre les derniers trains dti soir, 
mais les fid^les n'eurent garde de s'esquiver si tot, et, 
entraines par leurs collögues, ils s'en all^rent festoyer 
joyeusement au cercle des Arts et Metiers jusqu'assez 
tard dans la soiree. Nous avons su que la melancolie 
n'a pas eu la place d'honneur dans cette reunion. 

Ainsi finit la treizi^me assemblee generale du Club 
Alpin Suisse, convoquee par les soins de la section du 
Mol^son. Celle-ci s'est sentie aussi heureuse que fiere 
d'offrir Thospitalite , pendant ces trois jours de f^te, 
ä des amis accourus nombreux et empresses ä son 
appel. Les nuages qui ont obscurci le ciel au d6but 
n'ont laisse aucune trace dans les coeurs. La cordialite 
reciproque qui n'a cesse de regner pendant ces journees, 
nous est un sür garant que, pour longtemps encore, 
ces rapports de bonne et franche amitie resserreront 
entre eux les divers membres de la famille Alpine, 

L. B. et L. F., de Fribourg. 

P. S. En Souvenir de la visite au couvent de la 
Valsainte, la section fribourgeoise a fait don ä la biblio- 
th^que du couvent d'un telescope qui a et6 regu avec 
joie et reconnaissance. Les Keverends Päres ont repondu 
en joignant ä leur aimable lettre de remerciements le 
cadeau ä la section d'un süperbe relief des Alpes 



522 Ckronique, 

friboorgeoises , ex^cnte par an membre de la commu- 
naat^. — Ainsi que Ta dit VEcho des Alpes en sep- 
tembre dernier, lorsqn'on se rappelle qae, quelques 
mois auparayant, les belies f^tes comm^moratiyes de 
Morat ayaient r^clame du canton de Fribourg d'enormes 
sacrifices de toute nature, on ne peut que s^etonner 
et se f^liciter de ce que cette section ait trouve le temps 
et les moyens de s^acquitter d'une mauiere si distinguee 
de la täche qu'elle n'avait pas craint d'assumer. Aussi 
tous les membres des autres sections qui ont en le 
privil^ge de prendre part ä cette nouvelle f^te du Club, 
et ä leur töte le Comitö central tout entier, en ont-ils 
rapportö la meilleure Impression, et sont-ils d'accord 
pour döclarer hautement que la jeune et zelee section 
du Mol6son vient d'acqu^rir par lä de nouveaux et 
imperissables droits ä Taffection et ä la Sympathie da 
Club Alpin Suisse tout entier. 

A. F., de Genöve. 



j 



II. Treizl^me compte-rendu 

da 

€oiiiit6 central du Clab Alpin Snisse. 

Appele, comme mes prMecesseurs, k signaler ici 

en quelques pages les faits et geste§ las plus dignes 

d^^tre notes dans la marche du Club Alpin Suisse depuis 

le 1^ Jan vier 1876, je suis heureux de constater que 

cette marche n'a pas cess6 d'^tre progressive. Les rap- 

ports sur le dernier exercice, qui nous ont ete adresses 

par MM. les pr^sidents ou les secr^taires des divers 

Gomites de sections, nous ont montr^ la plupart de 

celles-ci en pleine activite quant ä leur vie intörieure, 

k leurs seances nombreuses, bien fr6quentees, nourries 

de travaux serieux et de Communications vari^es, ainsi 

que relativement ä leur vie extörieure, c'est-ä-dire aux 

excursions et aux ascensions de leurs membres respectifs. 

Je remercie ces sections-lä au nom du Comite central 

et je voudrais pouvoir stimuler les autres ä suivre leur 

exemple. Qu'il me soit permis k cette occasion d'ex- 

primer tout particulierement notre satisfaction de trois 

de ces rapports annuels, lus tout d'abord en seance 

de section avant de nous avoir et6 envoy^s, pour la 



:% 



Ö24 Chronique, 

franchise avec laqnelle leors antenrs, ne se bomast 
pas ä des compliments ni ä nne simple enumeratiOD, 
ont Signale les c6tes faibles, les lacanes qui les ont 
frappes dans la marche de leors sections, methode 
excellente pour arriver ä Tapplication des remedes 
necessaires et pour redonner ä ces sections nn vigon- 
reux elan. 

On yerra plus loin, dans an chapitre special, la 
liste des excnrsions et ascensions faites pendant Tannee 
1876. 

Quant k la progression numerique des sections et 
des membres, la yoici. Notre Societe compte aujourdTiui 
20 sections, dont 2 nouvelles, celle de Neuchdtel et 
Celle de Bachtel. La 1'«, fondee le 16 fevrier de 
Tannee demiere, est dejä aujourd'hui de 32 membres; 
la 2^®, qui tire son nom d'une montagne de TOberland 
zuricois, a ete fondee le 4 fevrier dernier et se trouve 
dejä forte de 39 membres: toutes deux sont pleines 
de vie et d'entrain. Gräce aux efforts deM'E. F. Bossoli, 
de Lugano, Clubiste et panoramiste si justement re- 
nom'me, et de plusieurs de ses anciens coU^gues tessinois, 
nous avions esper6 voir ressusciter cet hiver la section 
du Tessin, morte il y a un an; mais l'agitation poli- 
tique dont ce canton a ete il y a quelques mois le 
theätre, retarde pour le moment cette resurrection si 
dösirable. Vienne le jour, nous Tappelons de tous nos 
voeux, oü notre chere Societe poss^dera au moins une 
section dans cbacun de nos 22 cantons! 

A la fin de 1875, le Club Alpin Suisse comptait 
6 membres honoraires et 1909 membres ordinaires. 
Par suite de la dissolution de la section du Tessin 



r 



Chroniqite. 



525 



(43 membres), ainsi que de nombrenx d6ces, de d^parts 
ponr Tetranger et d'autres causes particuli^res de 
d^missioDS, ce chiffre aurait baiss6 jusqu^ä pr^s de 
1700, si, par contre, nous n'avions la joie de constater 
radmission de 310 nouyeaux membres depuis le l«'jan- 
Tier 1876 jusqu'ä ce jour (15 avril 1877), ce qui, avec 
les 6 membres honoraires et un membre isol6 (Einzel- 
mitglied), seul survivant de la section du Tessin, donne 
im total de 2001. Voici comment ce chiffre se r^partit 
entre nos diverses sections: 



Sections. 


Membres. 


Argovie (Aarau) . 


23 


« (Zofingue) . 


43 


Appenzell Rh. Ext. (Sentis) 


50 


Bäle 


104 


Berue 


. 167 


« (Oberland) 


51 


< (Blümlisalp) . 


54 


Fribourg (Mol^son) . 


92 


Geneve 


320 


Glaris (Tödi) . . . . 


88 


Grisons (Rhätia) 


97 


Lucerne (Pilatus) 


80. 


Neuchätel 


32 


St-Gall 


110 


« (Toggenbourg) 


25 


« (Alvier) 


20 


Valais (Monte-Rosa) . 


113 


Vaud (Diablerets) 


. 235 


Zürich (Uto) . . . . 


251 


(Bachtel) 


39 



526 Gh/ronique. 

Le champ d'excarsion officielle dösormais sagement 
maintenn le mSme pour deux annees consecatives, 
n'ayant ete qne fort pea Tisite en 1876 pär snite des 
drcoDstances atmospheriques defavorables pendant les 
mois d'aoüt et de septembre, nous esperons qn'il en 
sera tout autrement cette ann6e et que le Clab se 
yengera ayec succ^s de ce contre-temps , arec Taide 
pr^cieuse du remarquable itinöraire de M. le prof- 
A. Heim et de nos 4 excellentes cartes da beau canton 
de Glaris. Nous saisissons cette occasion pour exprimer 
ici notre vive reconnaissance ä M. Heim pour son 
travail auquel a 6te donne la place qu'il m6rite dans 
le Jahrbuch de cette ann^e. Pour le yolume suivant 
nous esperons, de la plume de quelques-uns de nos 
Clubistes travailleurs, de bons articles sur ce m^me 
champ d*excursion. Nous voulons remercier en mßme 
temps tous les collaborateurs de Tannuaire precedent 
avec ceux de cet annuaire-ci, et surtout M. Wäber- 
Lindt, notre rädacteur en chef, pour son z61e con- 
sciencieux et soutenu. 

Par les soins du €omit6 central, Titinöraire de 
M. Heim a ete tres bien traduit en frangais par 
M. Albert Petitpierre, membre de la section genevoise, 
en yue des Clubistes des sections romandes. 

Pas plus cette annee que Tann^e derniere il ne 
paraltra de Livre des glaciers, Notre archiviste- 
redacteur, M. Siegfried, de Hottingen-Zurich, deplore 
de receyoir fort peu de Communications ä destination 
de cette entreprise : esperons avec lui que la prochaine 
Saison sera plus propice aux excursionnistes obser^a- 



Chronique. Ö27 

teors et qne cette interessante pnblication pourra se 
ponrsuivre avec fruit. Vu la periode remarquable de 
retrait glaciaire qne nous traversons depnis quelques 

- annäes, notre sayant coUegne, M. le prof. Alphonse 
Favre, de Genöve, nous prie d'insister sur ce point 
special, k savoir que les courses des Clubistes soient 
utilisees ä la mensuration de ce retrait, travail si utile 

^k la science et facile ^ executer sur nos principaux 
glaciers. 

Notre bibliothäcaire, M. Siegfried, a dresse derniere- 
ment un catalogue de la bibliothäque centrale du Club. 

Nous tenons ä signaler dans cette Chronique, 
comme publications d'une notable valeur: 1<> la 16"*® 
Mition du Touriste en suisse, par Iwan Tschudi, de 
St-Grall, un de nos plus laborieux collegues; 2<> la 
5me edition de Vltineraire en suisse, d'Adolphe Joanne, 
h la fois membre du S. A. C. et President du Club 
alpin frangais. Ces deux nouvelles editions ont ete re- 
visees avec le plus grand soin, considerablement aug- 
mentöes et enrichies de nouvelles cartes, ainsi que 
de plans de villes et de panoramas ; 3° ie Jura et les 
Alpes frangaises, ouvrage egalement du ä l'habile 
plume de M. Ad. Joanne; 4<> le nouvel itineraire dans 
le Toggenhourg , rMigd par M. J. J. Hagmann, de 
Lichtensteig, ä la demande et sur Tinitiative de la 
section du Toggenbourg. 

' La coUection des dix premiers volumes du Jahrbuch, 
avec nos cartes et panoramas, envoyöe k l'exposition 
internationale de Philadelphie, a eu les honneurs d'une 
recompense. La medaille et le diplöme qui Taccom- 



1 



528 Chronique, 

pagnent nous sont parvenus. Merci ä notre biblio- 
th6caire, M. Siegfried, et tont particuli^rement ä 
M. H. Rieter, de Winterthour, le commissaire g6n^ral 
de la Confed^ration suisse k cette exposition, poor 
les soins apport^s ä l'heureuse arriv^e de cet envoi et 
k sa favorable exhibition. 

Nous ayons re^u de nouvelles demandes d'^change 
de notre Annuaire avec les publications de diverses 
societ^s et institutions : nous ayons repondu avec em- 
pressement k M. le professeur Renevier, de Lausanne, 
President de la section vaudoise de la societe helvetique 
des Sciences naturelles ; k M. Tardieu, de Paris, biblio- 
th^caire de Tinstitut de France ; k M. Beiz, de Grenoble, 
President de la societe des Touristee du Dauphine; k 
M. Francisco Coello, pr^sident de la sociöt^ geogra- 
phique de Madrid et k M. le Consul suisse Heftye, ä 
Christiania, pour la soci6t6 des Touristes de la Norwöge. 
Cette derni^re demande est venue k la suite de Tin- 
t^ressant voyage d'exploration fait l'annöe derniere en 
Scandinavie, par notre vönöre coUögue, M. G. Studer, 
ancien prefet de Berne. 

UEcho des Alp es ^ organe des 5 sections romandes, 
a vu son tirage s'elever de 1100 k 1350 exemplaires 
pendant cette 12™« annee de son existence. Le chiffire 
des abonnös s'est surtout accru k Tötranger, particuliere- 
ment en France. 

Deux ceremonies d'uü grand inter^t pour notre 
Soci6t6 ont eu lieu Tann^e derniere : le Comit6 central 
a eu le regret, vu la distance, de ne pouvoir s'y faire 
representer que par un t^l6gramme sympathique« La 



Ghronique. 529 

1", en date, c'est Imauguration, le 30 juillet, pav la 
section d'Aoste du Club alpin Italien, du monument 
^rige, k Val Tournanche, ä, la memoire du Chanoine 
G. Carrel, l'eminent alpiniste valdotain, si connu par 
^s travaux et par le zele dont il ^tait anime pour 
tout ce qui se rapportait aux Alpes et ä la prosperit^ 
de sa chere vallee. La section de Geneve, dont le 
Chanoine fut naguere membre correspondant, avait ^t^ 
beureuse de s'associer, quoique par une tres-modeste 
offrande, aux frais du monument. La 2°^® ceremonie que 
. nous voulons rappeler, en renvoyant pour les details 
k Tarticle special de ce volume du ä* la plume de 
M. le doyen Heim, de Gais, est Tinauguration du 
monument älevö aux frais du Club Alpin Suisse ä la me- 
moire de Tillustre geologue et patriote devoue A. Escher 
de la Linth, ancien membre honoraire de notre Societö. 
A cette occasion, nous avons regu par ecrit l'expression 
chaleureuse de la vive reconnaissance du Landammann 
et du Conseil d'Etat du canton d'Appenzell (Rhodes- 
interieures) , pour l'erection de ce monument sur le 
territoire appenzellois. 

Nous croyons devoir donner en detail Tinformation 
suivante, encore ignoree, nous dit-on, de nombre de nos 
collegues, ä, savoir que le Club Alpin Suisse possede, 
. en vertu d'actes düment notaries, deux propriätös: 
1® le pavillon Dollfuss, sur Talpe de" l'Aar, pres du 
Grimsel, erige jadis par M. Dollfuss-Ausset, de Mul- 
house, en vue dt faciliter les etudes scientifiques aux- 
quelles il se livra de concert avec MM. les professeurs 
Agassiz, Desor et K. Vogt. Le Club est tenu de ne 

34 



530 Chroniqu^. 

Jamals permettre qne ce pavillon se transforme en nne 
hötellerie. II est OQTert ä toos les tonristes et il est 
s^rieasemeat recommande ä la protection de cfaacan 
d'eax; 2? le beau bloc erratique des Mayens de 
Sion, donn^ par MM. Antoine-I^ms et Flavien de 
Torrente, propri^taires dans cette riante localite. 

Vingt-trois cabanes (Clabhfitten) dont 4 sont actnelle- 
ment en constmction, ont et^ elev^es, le pavillon Doli- 
fass seal exceptd, anx frais de notre Societä, la plnpart 
par les soins de diverses sections et ä Taide d'an sab- ' 
side de la eaässe centrale. Tons ces refdges sont places 
sons le p^tronage immädiat d'une des sections dn Club 
Alpin Suisse. En yoici ia nomenclatore : l*" le pavillon 
Dollfass; 2^ ä 6° les cabanes du Silvretta, du Zaport, 
du Liscbanna, de Boval et de Mürtel (section des 
Grisons) ; 7^ celle du Thierwiese (sections du Sentis et 
du Toggenbourg) ; 8° et 9*> Celles du Grünhorn et da 
Firnblanke (section du Tödi) ; 10** celle de TAlpe de 
Hufi (section de Lucerne); 11*», 12^, 130 et 14® Celles 
du Thältistock, du Wetterhom, du Mönch et du Roth- 
tbal (section de Berne) ; 1 5® celle du glacier de Guggi 
(section du Berner-Oberland); 16° ä 20® Celles du 
Cervin, de Mountet, du Stockje, de la ConcordiaplaU 
et du Hohsaas (section du Valais) ; 2 1® celle de TAlvier 
(section St-Galloise de TAI vier) ; 22® celle du Dunden- . 
grat (section de Blümlisalp), et 23® celle d'Orny (section 
des Diablerets). 

Quelques mots de plus sur huit li'entre elles. Le 
Comite central actuel a concouru aux frais de repara- 
tion de celle du Firnblanke, sur le Glärnisch, par un 



Chronique. 



531 



subside de frs. 100; de celle du Cervin par un sub- 

side de frs. 200; aux frais de construction de celle 

de l'Alvier par un nouveau subside de frs. 200; a 

Tach^vement de celle du Stockje par un subside de 

frs. 600; ä, V^rection de celle du Piz Lischanna, dans 

les Grisons, par un subside de frs. 400. II a vote 

frs. 1400 pour celle d'Orny, elevee par la section des 

Diablerets au bord du glacier d'Orny, au centre du 

splendide massif du Trient, et inauguree ce printemps. 

La section Rhätia construit cet ete deux nouvelles 

cabanes que le Comite central a reconnues tres-utiles et 

qui en particulier faciliteront notablement les excursions 

dans le nouveau champ d'excursion officielle pour les 

deux annees qui s'approchent. L'une, designee sous le 

nom de Boyalhütte, est situee sur le territoire de la 

commune de Pontresina, du cöte gauche du glacier de 

Morteratsch. L'autre, appelee Murtelhtitte , est situee 

sur le territoire de la commune de Samaden, au pied 

du Caputschin, sur le bord du glacier du Roseg. Pour 

cbacune d'elles, notre comite a TOte frs. 1000. 

La section Monte-Rosa est aussi ä Toeuvre pour 
l'erection de deux nouveaux refuges : Tun, au pied du 
Fletscbhorn, sur Templacement connu sous le nom de 
Hobsaas, oü Ton parvient depuis le village du Simplen ; 
l'autre, au bord du glacier d'Aletsch, ä l'endroit 
appele Cöncordiaplatz, deux heures plus loin que l'in- 
suffisante et peu commode grotte du Faulberg, qu'il 
est destine ä remplacer pour faciliter l'ascension des 
majestes voisines, valaisanes et bernoises. Pour le 1®' 
de ces refuges nous avons vote frs. 750, et frs. 1000 
pour le 2^. 



1 



b^yj Chronique. 

Sur la demande instante de plasiears sections, en 
l>articulier de celles de Berne et du Valais, le Comite 
central a soumis ä l'examen de la Conference des 
delegues de Fribourg la question des cabanes, aux 
l)oints de vue de lenr bonne construction , de leur 
entretien, de leur approvisionnement annael, de la 
surveillance severe ä exercer dans Tinterdt de leur 
conservation , des recommandations urgentes ä faire 
aux touristes et aux guides, de certaines Instructions 
indispensables ä donner k ces derniers, etc. etc. Apres 
serieuse deliberation , le Comite central a ete nanti 
des pleins-pouYoirs de la Conference. Aussi s'est-il 
serieusement occupe cet hiver de cet important objet : 
il a nomme, pour mieux Tetudier, une commission 
speciale, composee de MM. R. Lindt, de Berne, 0. Wolf, 
de Sion et M. Briquet, de Geneve, et il vientde sou- 
mettre ses propositions h toutes les sections, de maniere 
ä les mettre dejä ä execution, si possible, dans le cou- 
rant de cet ete. 

Une autre question dont la Solution a longtieinent 
occupe et preoccupe le Comite central depuis son entree 
en fonctions, c'est celle relative aux travaux de M. Gösset. 

Les membres du C. A. S. sont dejä au courant, par 
les resolutions des assemblees generales d'Herisau, de 
Sion, de Thoune et de Fribourg, ainsi que par les 
precedents rapports du Comite central, des travaux 
entrepris sur le glacier du Rhone par le Club, soos 
la direction de la commission glaciaire issue de la 
Societe helvetique des sciences naturelles et du Club 
alpin, et conduits d'une maniere si habile et si per- 



Chronique, 533 

severante, avec l'aide du bureau topographique f föderal, 
par M. Gösset, ingenieur attache h ce bureau. 

Malheureusement, les clauses de la Convention passee 
le 31 decembre 1875 entre le President du precädent 
Comite central *et le chef du bureau topographique 
föderal n'ont pas ete acceptees par M. Gösset. De son 
cöte, le Comite central actuel n'a pu accepter celles 
d'une nouvelle Convention qui lui a äte proposee dans 
rautomne de 1876 par cet ingenieur, certaines de ces 
clauses etant inconciliables avec celles essentielles et 
fondamentales de la Convention ci-dessus rappelöe. En 
consequence, M. Gösset a rompu lui-meme les trac- 
tations, pröferant prendre ä sa Charge l'entreprise tout 
entiere, tant pour ce qui a ete fait jusqu'ä ce jour 
que pour la continuation des travaux, et voulant tout 
particulierement se reserver le choix exclusif de Tediteur, 
du mode et de Töpoque de la publication de son ouvrage. 
Le Club Alpin Suisse avait prorais son appui a 
une entreprise dont il appreciait pleinement la portee 
a la fois scientifique et patriotique: aussi est-ce avec 
un vif regret que nous annon^ons ici l'insucc^s de nos 
deraarches et de nos negociations pour arriver ä une 
meilleure Solution. Malgre cela, nous rendons pleine- 
ment hommage ä la vaillante perseverance avec laquelle 
M. Gösset a jusqu'ici poursuivi cette oeuvre , dejä, si 
hautement appreciee par des juges competents, en^ 
particulier par la Direction du dernier congres geo- 
graphique de Paris, et nous faisons bien des vceux pour le 
succes ulterieur et complet de ses consciencieux efforts *). 

*) M. Gösset a demandö au Comit6 central Tinsertion 
dans ce volume d'une rectification de sa part h, Pexpose des 



534 Chraniqxie, 

Le Comite central a eu aussi, comme on Ta tu 
par Tun des protocoles qui precedent, ä s'occuper d'une 
importante question pecuniaire. II a ete amene ä trans- 
former -en titres de rente föderale une portion de notre 
capital et il pense que notre Societe agisa toujours sage- 
ment en plagant exclusivement ses fonds sur les valeurs 
les moins exposäes aux fluctuations politiques et autres. 

• 

La prompte verification de la comptabilite pour 
l'exercice de 1876 par MM. Wyss-Wyss, de Berne et 
R. de Riedmatten, de Sion, comptabilite qui a re^u leur 
pleine approbation, nous permet d'indiquer dejä en 
resume le bilan de cet exercice, sans pretendre porter 
par lä aucune atteinte ä cet egard aux pleins-pouvoirs 
de la prochaine Conference des delegues. 

Le capital du Club, au 31 decembre dernier, etait 
de frs. 24,299. 25; au 31 decembre 1875, il etait 
de frs. 23,689. 93: augmentation, frs. 609. 32. Les 
recettes de 1876 se sont elevees ä frs. 11,819. 95, 
et les däpenses ä frs. 11,210. 63. Le montant du fonds 
special au credit des heritiers d'Eugene Imfanger etait, 
au 31. decembre dernier, de frs. 1595. 70. 

J'ajouterai ici un detail interessant relätif ä ce 
dernier objet. Lors de la collecte generale falte en 
faveur des enfants mineurs de ce malbeureux guide 



pages 601, 602 et 603 du rapport prösidentiel du prWdent 
Jahrbuch : le Comit^ n'a pas cru devoir acceder ä cette de- 
mande. Nous jugeons inutile de motiver ici ce refus, dicte avant 
tout par des raisons de priucipes (aus principiellen Gründen). 
Toutefois si nous mentionnons ce refus, c'est sur les instances 
de M. Gösset lui-m§ine, ä nous transmises par notre honorable 
coUegue, M. R. Brunner, de Berne, Conseiller national. 



Chronique. 535 

d'Engelberg, la section de Bäle avait fait de son c6t6 
dans le mßme but une coUecte speciale qui produisit 
frs. 800 : les inter^ts annuels ont eleve cette somme 
aajourd'hui h frs. 994. 80, qui continueront ä ^tre 
capitalises, comme le fonds gere par le Comit^ central, 
Jusqu'ä la majorit^ saccessive des enfants. 



Un mot maintenant de nos relations avec les Clubs 
alpins etrangers, devenues depuis un an plus etroites 
encore que par le passe. Un echange plus actif de 
correspondances nous a surtout rapproches de la Direction 
centrale du Club alpin frangais, en particulier de 
MM. Ad. Joanne, Abel Lemercier et le colonel Pierre ; 
puis, de M. Ferrand, membre de notre Club suisse et 
secretaire göneral de la section frangaise de Tlsere ; de 
M. Budden, president de la section Florentine du Club 
alpin italien ; de M. Josepb Corona, alpiniste distingue de 
ce m^me Club ; de M. le D' Petersen, de Francfort sur le 
Mein, president ces trois dernieres ann^es du Club alpin 
allemand et autrichien; de M. Victor Bernard, membre 
de notre Club et de la Wilde Banda, de Vienne, ainsi 
que de M' A. Groll, president de cette soci6te alpine. 
Mais un rapprochement personnel, bien plus precieux 
encore, s'est effectue avec nos coUegues voisins par le 
fait de la participation de plusieurs clubistes suisses 
ä. leurs congres alpins. M. Moise Briquet, secretaire 
de notre Comite central, a et6 notre del^gue officiel 
au congres italien de Florence et de Pistole, au mois 
de juin, en compagnie de MM. Bertolini et Whitehouse 
de la section des Diablerets; M. le doyen Heim, de 
Gais, a representä notre Club au meme titre officiel 



536 Chronique. 

h BotzeD, en septembre, aupres du Club alpin allemancl 
et autrichien ; le soussigne et son coUegue du Comite 
central, M. Louis Didier, accompagnes de deux Clubistes 
Talaisans et de 20 Clubistes genevois, ont pris part 
au congres du Club alpin frangais, ä Annecy, au mois 
d'aoüt. Partout Taccueil regn a ete empreint de la plus 
sympathique cordialite et, de part et d'autre, chacan 
a compris les nombreux avaijtages de ces rendez-vous 
internationaux et surtout les notables progres qui peuyent 
en decouler pour tous les Clubs alpins, dans la pour- 
suite du noble but, ä la fois scientifique, esthetique et 
populaire qui doit de plus en plus les rapprocher. 
Aussi considererons-nous comme un devoir de multiplier 
toujours davantage les precieuses occasions de cultiver 
cet internationalisme de bon aloi. 

Au mois de juillet aura lieu, dans le canton de 
Glaris, notre prochain rendez-vous, sous la forme 
nouvelle de reunion libre, conformement au vote de 
la Conference de Thoune, confirme par celle de Fribourg. 
Espörons que le succes couronnera cette Innovation et 
que le beau temps fera accourir un träs grand nombre 
de Clubistes. La Conference des deleguös, convoqu^e 
pour le samedi 21, ä Glaris, constituera le seul Cle- 
ment officiel de la reunion. A ce propos, qu'il nous 
soit permis d'exprimer ici le regret que plusieurs 
sections n'aient pas ete representees Tannee derniere 
ä la Conference de Fribourg, et le desir sincere qu'il 
n'en soit pas ainsi cette annee: l'article 12 de nos 
Statuts fait k chaque section ua devoir de cette re- 
presentation officielle. 



Chronique, 537 

L'annee prochaine, notre fete aura lieu k Inter- 
laken, oü nous convie gracieusement la section du Berner- 
Oberland, sous la presidence de M. le pasteur de Steiger^ 
de Gsteig. Pour cette annee 1878, comme pour la 
suivante, le champ d'excursion officielle, dejä anterieure- 
ment fixe d'un commun accord avec le bureau topo- 
graphique federal, sera le suivant : la portion du canton 
des Grisons que representent les feuilles de la ca'rte 
Dufour reparties entr« les 4 sections de Bivio (517)y 
St-Moritz (518), Maloja (520) et Bernina (521). Nous 
avons bon espoir que notre collegue du Comite central, 
M. Binet-Hentsch, voudra bien se charger de l'itineraire 
dans cette contree qu'il affectionnö et connait si bien'- 

Quant au champ d'excursion officielle pour 1880 
et 1881, nous pensons que rien ne s'opposera ä, ce 
qu'il ait pour objectif le massif de la Dent du Midi, de la 
Tour Saliere, etc., pour lequel le bureau topographique 
federal nous a fait esperer pouvoir etre en mesure de 
nous livrer la carte d'excursion. 

Voici enfin un dernier et utile renseignement : les 
8 feuilles de la carte du Valais et celle du massif du 
Silvretta s'etant trouvees entierement epuisöes, nous. 
avons fait immediatöment proceder, l'ete dernier, ä un 
nouveau tirage de ces cartes. Elles sont en vente pour 
le public, ainsi que plusieurs cartes d'autres portions 
interessantes du territoire suisse, ä la librairie Dalp, k 
Berne. 

La lecture de ces pages aura certainement temoigne, 
ainsi que nous le djsions au debut, de la vitalite du 



-538 • Chronique, 

•Club Alpin Suisse, et nous ne les terminerons pas sans 
soUiciter tous ses raembres de redodbler de plus en 
plus de zele et d'efforts perseverants pour multiplier 
ot consolider ses progres sous tous les rapports: cest 
notre voeu bien sincere! 

Geneve, le 15 avril 1877. 

Le President central: 

Albert Freundler, pasteur. 



P. S. Au moment de mettre sous presse, nous 
Devons profiter de cet espace libre pour ajouter les 
deux Communications suivantes: 

1° la douloureuse perte que yient de faire le C. A. S. 
<ie deux de ses membres les plus aimables et les plus 
2eles, M. le professeur Morf, President de la section 
<ies Diablerets, mort subitement par suite d'une mal- 
heureuse chute sur le Blanchard, et M. Keller, prdsi- 
<ient du tribunal ä Bulle, Tun des fondateurs de la 
section du Moleson, döcedö apres une longue maladie; 

2° la fondation, le 13 de ce mois, d'une nouvelle 
«ection, la 21®, dans le canton d'ünterwald, la section 
du Titlis. Elle compte däjä 20 jnembres. Nous lui 
souhaitons une cordiale bienvenue. Son Comite se com- 
pose de M. le major Britschgy, d'Alpnacb, President; 
M. P. Kocher, Oberförster, de Sarnen, Secrätaire et de 
M. Hans von Matt, Gemeindepräsident, de Stanz, Caissier. 

GENivE, le 25 Mai. 

A. F. 



t 



L 



III. Sections. 



I. A&rgau. (Sektion Aarau.) Präsident: Dr. Paul 
Liechti; Kassier: A. Imhof; Sekretär: H. Hunziker. 
23 Mitglieder. Bergfahrten haben .unternommen die 
Herren: D. Däublin: Wetterhorn; Dr. Fahrländer 
mit Gemahlin : Piz Nair und Piz Corvatsch ; Dr. Liechti 
mit Schülern: Pizzo Centrale; Dr. Hirzel: Rinder- 
horn, Aeggischhorn, Wildhorn; Prof. Dr. Wirz: Düssi- 
«tock, Gross Scheerhorn; 3 Mitglieder bestiegen den 
ürirothstock, 6 den Monte Generoso. 

II. Aargau. (Sektion Zofingen). Präsident : C. Offen- 
häuser; Kassier: H. Senn; Aktuar: C. Seiler. 43 Mit- 
glieder. In den 8 Sitzungen der Sektion wurden Vor- 
träge gehalten von den Herren H. Senn: Ausflug in's 
Olubgebiet 1875 und Besteigung des Tödi und des 
Urirothstocks ; Pfarrer Buss: Lenk und Wildhorn; 
C. Seiler: Wanderungen im Tessin und Wallis. Am 
Sektionsausflug auf den Napf betheiligten sich 7,* an 
demjenigen auf den Pilatus 1 1 Mitglieder. Bergfahrten 
wurden unternommen von den Herren Pfarrer Buss: 
Wildstrubel und Wildhorn; S. Metzger: Stätzerh.orn, 
Hohstollen; Ad. Ritzler: Pic de Tsallen, Buet und 



t. 



540 Chronique, 

Cornettes de Bise; derselbe mit W. Zimmer mannr 
Rothgrätli und ürirothstock ; W. Rehaceck und 
H. S e nn: Ürirothstock, Hüfifirn, Tödi, Porta daSpescha, 
Brunnigletscher ; C. S e ile r : Col de Torrent, le Mountet^ 
Augstbordpass , Schwarzhorn, Pierre ä Voir, Col des 
Etablons, Breneygletscher, Col de Fenetre; Dr. Suter: 
Sandgrat. Ausserdem wurden zahlreiche kleinere 
Touren, wie Rawyl, Grimsel, AroUa und BricoUa^ 
Piz Mundaun, Faulhorn etc. ausgeführt. Am Clubfest 
in Freiburg war die Sektion durch ihren Präsidenten, 
bei der Einweihung des Eschersteines durch 2 Mit- 
glieder vertreten. Im Einverständniss mit dem Säli-Club 
in Ölten hat die Sektion die Erstellung eines Panoramas 
vom Säli-Schlösschen an die Hand genommen, 

III. Appenzell A. Rh. (Sektion Sentis.) Präsident: 
Dekan Heim in Gais; Kassier: Steiger-Zölper in Herisau; 
Aktuar: C. Th. Zölper in Herisau. 50 Mitglieder. An- 
der Hauptversammlung, welche am 25. Mai in Teufen 
abgehalten wurde, erstattete Hr. J. M. Meyer Bericht 
über seine 1875 mit den Herren Steiger-Zölper und 
Roh. Meyer im Wallis ausgeführten Bergfahrten. Einzel- 
touren haben unternommen die Herren A. Schi es s: 
Dent de Mordes, Chamossaire, Schilthorn; Dekan 
Heim: Piz Languard und Piz Umbrail , Stelvio ; 
Dr. Schläpfer: (1875) Piz Kesch, Sertigpass; (1876) 
Piz d'Err und Arosa-Weisshorn. 3 Mitglieder bestiegen 
den Monte Generoso ; Sentis und andere Berge in der 
Nähe wurden häufig besucht. Sentisweg und Sentis- 
hütte befinden sich in gutem Zustande, doch bedarf der 
erstere einiger Verbesserung. Dem Feste des D. (E. A. V. 



Chronique, 541 

in Bozen wohnte der Präsident der Sektion als Delegirter 
des S. A. C. bei, an der Einweihung des Eschersteines 
*betheiligte sich die Sektion ziemlich zahlreich. 

IV. Basel. (Sektion Basel.) Obmann: A. Hoffmann- 
"Burckhardt; Kassier: J. Stehelin - Koch ; Schreiber: 
Ed. Hoffmann*). 105 Mitglieder. Vorträge hielten die 
Herren A. Gerber-Bär wart: Grande Sassiere, Monte 
Rosa, Elbrus (aus dem Touriste); Dr. A. Roth: aus 
dem Atlas, Glion, eine Sommerfrische; Prof. Dr. Rüti- 
meyer: Alpenreisen, Altes und Neues, die französischen 
Tyrenäen ; Berthollet: le village alpestre et sa vie ; 
H. Sulzer: Col de la Crocetta und Col de Nivolet; 
Dr. Christ: Alpenfloren ; Dr. C. Meyer: Petrarca's 
Besteigung des Mont Ventoux und diejenige des Stock- 
liorns von Rellianus , Relation seiner italienischen 
Heise 1876; Dr. Lichtenhahn: Alpine Kleinigkeiten; 

• * 

Dr. E. Burckhardt: Piz Roseg und Cresta Güzza, 
Monte della Disgrazia, Col del Monte Sissone, Piz Palu 
als Joch, Relation seiner Fahrten 1876; Bernoulli- 
Matzinger: Mont-Blanc (aus dem Französischen) ; 
A. Hoffmann- Burckhardt: Rosegsattel (aus dem 
Jahrbuch C. A. F.); Prof. Schiess: Uebergang aus 
dem Erstfeld in's Leutschechthal ; Prof. Hagenbach: 
über die Aufnahme des Rhonegletschers; Ed. Hoff- 
mann: Mönch und Jungfrau, Laquin- und Rossboden- 



*) Bei der Bestellung des Vorstandes, Okt. 28., lehnten die 
Herren Hoffmann-Barckhardt und Pr^f. Dr. Rütimeyer die 
Wiederwahl ab und an ihre Stellen wurden gewählt, als 
Obmann: Hr. A. Raillard, als Statthalter: Dr. E, Burck- 
hardt. 



542 Chronique, 

pass (aus dem Alp. Journ.) Von den projektirtenr 
Vereinsausflügen kam nur einer zu Stande, derjenige 
auf den Beleben, an dem sich 27 Mitglieder der Sektion 
Basel und 15 der Sektion Bern betheiligten; 6 Mit- 
glieder besuchten das Clubfest in Freiburg, 1 das Fest 
der Einweihung des Eschermonumentes. Fahrten haben 
unternommen die Herren Fz. Burckhardt: Piz Lan- 
guard, Fuorcla di Surlei; Dr. W. BernouUi: Col de 
Durand, Riffelhorn, Joderhorn, Triftgrätli; Stähelin- 
Stähelin: Pizzo Centrale; Ed. Brückner: Hob- 
Stollen , Geissberg ; Stehelin-Koch: HohstoUen,. 
Glockhaus; E. Lüscher: Claridenstock , Kistenpass, 
Porta da Spescha, Piz Segnes, Martinsloch, Panixer- 
pass; E. Zumbrunn: geologische Untersuchungen 
im Siebengebirge; H. Sulz er: Fellijoch, Val Piora; 
Dr. Lichtenhahn: Piz Tremoggia, Murettopass, Dis- 
graziajoch, Passo di Bondo, Coderapass; Nötzlin- 
Werthemann: Aeggischhorn; Falkeisen: Männ- 
lichen und Lauberhorn; Dr. C. Meyer: Wanderungen in 
Bünden, Tessin und Italien (Piz Mundaun, Valserberg, 
Passo del Uomo etc.); Gerber-Bärwart: Piz Cor- 
vatsch; Berthollet: Urirothstock ; Krayer-Rams- 
berger: Claridenstock; Dr. Oser: Faulhorn; Kom- 
mandant Brenner: Fuorcla di Surlei, Muottas Mirai, 
Fex- und Roseggletscher; Burckhardt-Bischoff: 
Chamossaire, Pas de Cheville, Gl. de Ferp^cle, Cols de 
Torrent und de Sorrebois, Meiden- und Augstbordpass, 
Gornergrat, MontewMoro, Griespass; Aug. Merian: 
Strahlegg, Wetterhorn, Eiger, Jungfrau; Gemüsen s- 
Burkhardt: Sulegg und Faulhorn; Prof. Schiess: 
Diablons, lo Besso, Mountet, vom Erstfeld in's Leut- 



r 



Chronique. 54^ 

schechtbal; A. Hof fmann-Burckhardt: Jaun und 
Pays. d'Enhaut, Oldenhoi'ii, Gl. du Scex rouge; Prof. 
Minn ige rode (1875): Capütschin, Corvatsch, Sella- 
pass, Cresta Güzzasattel, Piz Zupö, Diavolezza, Piz 
Julier, Pii Glüschaint, Piz Roseg (1876), Cresta Güzza,. 
Piz Roseg (beide Gipfel), Becca di Nona, Tersiva^ 
Pointe de la Seigne (1. Besteigung), Grivola, Col de 
Lauzon, Col de Belleface, Alphubelpass , Adlerpass. 
Strablhorn , Triftjocb , Torrenthorn , Col d'Herens; 
Dr. E. Burckhardt: Finsteraarjoch, Strahlegg, Peters- 
grat , Hockenhorn , Distel- und Lötschenlücke , Nest- 
born, G-redetschwand und Gletscher, Baltschiederjoch, 
Aletschhorn, Finsteraarhorn, Mönchjoch, Schwa'rzhorn, 
Tschingelgletscher, Birghorn, Balmhorn; E. Hart- 
mann: Hoh-Kasten, Sentis, Titlis. 

V. Bern. (Sektion Bern.) Präsident: R. Lindti^ Kassier: 
A. Fehlbaum ; Aktuar : Dr. H. Dtibi. 166 Mitglieder. In 
den 1 2 ordentlichen Sitzungen wurden Vorträge gehalten 
von den Herren Beck: Photographische Streifereien 
(Korrespondenz) ; G. S t u d e r : Galenstock und Mutten- 
horn ; A. Wä her: Grassenjoch ; H. L ö h n e r t : Blümlis- 
alprothhorn ; M. Dechy: Monte Rosa vom Lj^sjoch 
aus (Korrespondenz); Dr. Dtibi: Alpine Gefahren, 
Gr. Lobhorn; R. Dur heim: Grosslohner, Ahnengrat 
und Ebnefluh; Prof. Dr. Bachmann: Mittheilungen 
aus der neuern Bildungsgeschichte unseres Landes und 
seiner Formen. Unter den Vereinsgescjiäften, die neben 
den Vorträgen die ordentlichen Sitzungen in Anspruch 
nahmen, sind die Clubhüttenangelegenheit und die Ver- 
legung der Bibliothek besonders hervorzuheben; für 



544 Chronique. 

die letztere gelang es der Sektion, ein passendes Lokal 
I im Gasthofe zum Bären ausfindig zu machen, welches 
zugleich jeweilen Mittwoch Abends als Lokal für die 
freien Vereinigungen der Mitglieder dient. Die erstere 
Angelegenheit fand ihre Erledigung durch das vom 
Centralcomite entworfene Reglement für Clubhütten. 
Von den projektirten 6 Sektionsausflügen scheiterten 4 
.hauptsächlich an der Ungunst des Wetters. Ausgeführt 
wurden nur der Laupenkehr am 23. April und die 
Zusammenkunft mit der Sektion Basel auf dem Beleben 
am 14. Mai, an der sich 15 Berner betheiligten. — 
Grössere Einzelfahrten haben unternommen die Herren 
G. Studer und R. Kernen: Falknis, Silvrettapass, 
Piz Lischanna, Fidpass (zwischen Samnaun und Ischgl), 
Madleinjöchl (zwischen Ischgl und St. Anton), Hoher 
Freschen, Triesthorn (Niesenkette); R. Lindt und 
W. Brunner: Mönch von Norden; A. Wäber und 
F. Lindt: Mont Avril, Cols du Mont rouge et de 
Seiion, Pas de Chevres; C. Stämpfli: Cols du Mont 
rouge et de Seilon, Pas de Chevres; R. Stet 1 1er: 
HohstoUen, Titlis, Tour d'Ai; A. v. Ernst: Petersgrat, 
Monte Rosa, Adlerpass, Leckipass und Hörn, Rhein- 
waldhorn von Val Malvaglia aus: A. Jahn: Tschingel- 
gletscher; Direktor Schuppli: Gsür, Dent d'Oche; 
Dr. Dtibi: Griespass, Monte Prosa, Eiger, Gspaltenhom 
(Versuch), Mittaghorn (Versuch), Wetterlticke, Balt- 
schiederjoch, Weisshorn, Monte Rosa (Versuch), Schwarz- 
horn, Grosslohner, Grosses Lobhorn (1. Ersteigung); 
A. Bötrix: Mont Brezon und Brevent, Dent de Jal- 
louvre und Dent Blanche (Savoyen); H. Reiners: 
jViatterhorn, Galenstock, Pizzo Centrale; A. Ringier: 



r 



Chronique, 545 

"Schwarzhorn, Triesthorn ; A. Ki p f e r : Dammastock und 
INägelisgrätli : H. K ö r b e r : Diechterlimmi ; J. C o 1 1 i e r : 
Purtwangpass, Dammastock, Nägelisgrätli ; B.Hall er 
und F. Wyss: Mont Avril, Col de Fen^tre, Becca di 
^ona, Col de Lauzon; F. Wyss und A. v. Steiger: 
Doldenliorn, Schreckhorn; F. Wyss: Mittaghorn (Ver- 
such), Wotterlücke, Baltschiederjoch, Weisshorn, Monte 
Rosa (Versuch); H. Löhnert: Schwarzhorn, Gross 
Xohner, Pizzo Centrale, Ruchipass, Schilthorn; F. Lang- 
hans: Gross Lohner; L. Held: Piz Platter, Piz 
Mez, Cima di Flix, Piz d'Agnelli, Piz Suvretta, Piz 
Campo, Piz deir Albigna, Cima di Bondasca, Piz di 
Casuile, Piz Forno, Piz Combolo, Piz Murter^ Charte 
deir Diavel. Ausser diesen wurden eine Menge kleinerer 
Bergfahrten in der Nähe und Ferne ausgeführt, wie Sentis, 
Stockhorn, Gantrist, Sigriswylerrothhorn, Gemmenalp- 
horn undNiederhorn, Feuerstein, Schafmatt, Männlichen, 
Faulhorn, EJsighorn etc. 

VI. Bern. (Sektion Oberland.) Präsident: E. v. Steiger, 
^ Pfarrer in Gsteig bei Interlaken ; Kassier : G. Wymann ; 
Aktuar: H. Kern, Oberförster in Interlaken. 51 Mit- 
glieder. Neben der persönlichen Erforschung der 
heimischen Gebirgswelt hat sich die Sektion die An- 
legung einer alpinen mineralogischen und ornithologischen 
Sammlung zur Aufgabe gesetzt; die mineralogische 
Sammlung ist im Berichtsjahr auf 800 Nummern ge- 
stiegen und der Bau des neuen Schulhauses in Inter- 
laken bietet Gelegenheit, dieselbe zweckmässig zu ordnen 
und zugänglich zu machen. Die Sitzungen, im Winter 
besser besucht als im Sommer, waren durch zahlreiche 

35 



i 



546 Chronique. 

Vorträge belebt; Ton den Sektionsaasflngen kam nur 
einer zu Stande, derjenige zum Hinterburgsee am Fasse 
des Oltschihoms und des Wildgersts ; zahlreiche kleinere 
AnsflQge fahrten die Mitglieder in die Bergwelt von 
Grindelwald, Laaterbmnnen n. s. w. Das Wetterhom 
wurde von Pfarrer Banmgartner in Brienz vom 
Ürbachthal ans bestiegen; in Yerbindnng mit der 
Sektion Blümlisalp erstreben die Oberländer die An- 
legung eines praktikabeln Weges zum Schaf loch (ESs- 
höhle) im Justisthal. 

VII. Bern. (Sektion Bltlmlisalp.) Präsident: R. Gerwer^ 
Pfarrer in Thun; Kassier : W. Hopf; Sekretär : H. Trüb. 
58 Mitglieder, wovon 49 Mitglieder des S. A. C, 9 nur 
Mitglieder der Sektion sind. In den 12 ordentlichen 
und 2 ausserordentlichen Sitzungen wurden Vorträge 
gehalten von den Herren Pfarrer Gerwer: Lötschen- 
pass, Baltschiederjoch, Schwarzhorn (im Wallis), Fest- 
bericht, Führerwesen im Oberland, Mont-Blanc (aus 
dem Italienischen nach dell' Oro), Morgenberghorn und 
Leissiggrat; A.Müller: Jungfrau; G. Schweizer: 
Aus dem Lande der Pyramiden ; E. 1 1 1 e n : Rawyl im 
Winter; Oberst Schrämli: Festbericht von Freiburg; 
Kittel: Dreispitz ; A. H o p f : Humoristische Bummel- 
fahrt über die Beatushöhle nach Interlaken; Markns 
V. Steiger: Schwalmeren. Im Einverständniss mit 
den Sektionen Oberland und Bern hat die Sektion 
Blümlisalp zum Unterhalt übernommen die Hütte am 
Dündengrat und die Weisshornhtitte am Wetterhorn. 
Durch Ankauf der mineralogischen Sammlung aus dem 
Nachlasse des verstorbenen Stabshauptmanns Lehmann 



Ckronique, 547 

wurde der Anfang zu einer Sammlung gemacht , die 
durch Gipfelgesteine ergänzt und vermehrt werden soll. 
Die neugegründete Bibliothek wurde durch eine sehr 
verdankenswerthe Schenkung des Herrn Feller-Beckh 
erheblich bereichert. Von den 7 projektirten Sektions- 
aasfiügen fanden derjenige auf die Falkenfiuh 9, der 
auf den Feuerstein 2, der über die Gamchilücke 3 und 
die Besteigung des Latreienfirsts und des Dreispitz 
6 Theilnehmer ; der Ausflug in die Stockhornkette und 
ein mit dem Jahresfest in Freiburg kombinirtes Projekt 
scheiterten an der Ungunst der Witterung. Den Schluss 
der Saison bildete ein Ausflug nach Beatenberg in 
Gesellschaft von Damen, an dem 30 Personen theil- 
nahmen. . Ausser zahlreichen Einzeltouren in die Vor- 
alpen (Niesen , Stockhorn , Morgenberghorn , Sulegg, 
Niederhorn, Schilthorn, Tschuggen, Brienzer Kothhorn, 
Aermighorn, Hohthürligrat und Sefinenfurke, Hohgant, 
Stanzerhorn, Sigriswyler Rothhorn am 31. Dezember) 
wurden Besteigungen ausgeführt von den Herren: 
E. und M. Müller und A. Hürner: Finsteraarhorn, 
Weisse Frau (ohne Führer); E. Itten: Doldenhorn; 
M. Müller und E. Itten: Tschingelgletscher. An 
der ersten Besteigung des Grossen Lobhorns nahmen 
die Herren E. und M. Müller und M. v. Steiger 
Theil. Von anderen Kletterpartien verdienen Erwäh- 
nung die Besteigungen der Nünenen, der Spitzen Fluh 
und des Gumihorns. 

^ Vm. Fribourg. (Sectiondu Moldson.) President: Bourg- 
knecht L. ; Vice-pr^sident : Menoud, notaire ; Caissier : 
Urbain Schaller ; Secrätaire: Et. Fragniere. 87 membres. 



548 Chronique, 

La Section s'est associee aux Societes des sciences 
naturelles et d'utilit^ publique pour offrir pendant 
Thiver au public fribourgeois , tous les 15 jours, une 
Conference scientifique ou litteraire. La plupart des 
söances de la section ont eu pour objet des affaires 
d'administration et Torganisation de la f^te annuelle 
du S. Ä. C. ä Fribourg : on en lira ailleurs le recit. 

Une seule course de section a ete faite au Mont 
Gibloux, par la serie de cretes qui s'ötendent depuis 
le haut plateau de Sales entre les vall^es de la Glane 
et de la Sarine. 

M. le Conseiller d'Etat Thöraulaz a represente la 
Section au banquet de TEscalade ä Geneve, le 21 de- 
cembre 1875, et deux autres collegues Tont representde 
au banquet annuel de la Section des Diablerets en 
Jan vier 1876. 

La bibliotheque s'est enrichie de quelques dons et 
achats, ainsi que des feuilles dejä, parues du grand 
atlas topographique föderal qui concernent le canton 
de Fribourg. 

IX. Geneve. (Section genevoise.) President : Golaz- 
Kaiser ; Vice-president : J. Brun ; Secr^taire : Des Gouttes; 
Tresorier: Mazel; Bibliotli6caire : Kündig; Econome: 
Cuendet. Autres membres du comite: Goegg, Lacour, 
Eberhardt, Carey. 319 membres dont 41 nouveaux. 

Quatorze s^ances en 1876, avec assistance moyenne 
de 50 membres : ce chiffre s'est deux fois 61ev6 k 80. 
Travaux: M. le prof. Chaix: description pittoresque 
d'un voyage dans le Tyrol ; D u r e t : recit de la course de 
la section au Grand St-Bernard k 15 janvier; J. Brun: 



Chronique, 549 

IMontagues de l'Auvergne; prof. A. Favre: glaciers 
disparus; Beck, photographe: lettre racontant ses 
dernieres ascensions, en particulier de la Ruinette; 
E r u n, fils : recit de l'ascension du Diestel-Grat ; G o 1 a z - 
Kaiser: Rosa Blanche ; Binet-Hentsch: le Vesuve ; 
Inauguration de la cabane de TAlvier; Romieux: 
Ruinette, Vallee de Bagnes, St-Bernard; Des Goüttes 
et Didier L. : röcit de la f^te de Fribourg ; B r i qu e t : 
f^te de Pistole ; Galopin-Schaub: le Rothhorn de 
Brienz; Lecoultre: les glaces polaires; De Traz: 
le Buet. 

Courses de section : au Grand St-Bernard, en janvier ; 
aux Avents et ä la Cape au Moine, en mai ; aux Pitons, 
en septembre; au cöteau de Boisy, en octobre 

Inauguration, le 7 septembre, du nouveau et beau 
local de la section, orne de tableaux donnes et de 
vitrines pour la bibliotheque et les collections : local 
ouvert tous les jours ä tous les Clubistes de la Suisse 
et de l'etranger, sous la conduite d'un membre du 
comite. 

La section a retravaill^ et reedit^ ses reglements. 
Elle a contribu^ pour frs. 50p, par voie de souscrip- 
tions volontaires, ä munir du linge et des ustensiles 
necessaires Tauberge du Lancet (valläe de Bagnes) que 
fait construire le guide Gillioz. Elle a fait une sous- 
cription libre de pres de frs. 1400 pour Tameublement 
de son nouveau local. 

Un membre (M. Briquet) a pris part au congres- 
italien, et 20 au congres international d'Annecy. 

Excursions et ascensions individuelles: A. Lom- 
bard: le Mont-Blanc; Henri Pasteur: TAiguillö 



ööO Chronique, ' 

du Midi; H. de Saussure: le Cervin; Bourrit: 
la Jungfrau; Güttinger: Mont-Rose, Col d'Herens, 
Sassenaire, Trift ; Heiner: Mont-Blanc et Diablerets; 
C.Bastard: DentduMidi; G a r c i n : Piz Languard; 
Goegg et Romieux: la Ruinette, Col de Fenetre et 
St-Bernard; E. Pricam: promenade photographique 
de Champery ä Sixt, par les Cols de Coux et de 
Goleze; Des Gouttes et Le Cointe: Col de Colon 
et Grand St-Bernard; Ern. Pictet: Sassenaire, Col 
Bertol , Tete-Blanche , Col d'Herens ; Veyrassat: 
Sassenaire, Col de Colon et Grand St-Bernard; J. Brun 
et son fils Albert (sans guido ni porteur): Mont- 
Minö, T^te-Blanche , Dollin, Epaule du Vizivi, Col 
d'Hörens, Mountet, Col du Grand Cornier ; C. Long: 
le Plpmb de Cantal, le Pic de Lers (Pyrenees); Alizier: 
Kirchstein et Volkstein (frontieres du Tyrol et de la 
Ba viere): Golaz-Kaiser: Chamossaire , Pointe de 
Granges et Cape au Moine; Albert Brun: les Dia- 
blons et Col du Tour (sans guido), Aiguille de la Za 
(avec guido ; 6® ascension, la 1" par un Suisse) ; 
F. Dur et: Pic d'Arzinol, T^te-Blanche, Cols Bertol 
et d'Herens, Cape au Moine; W.-L. Maunoir: Dent 
• de Mordes, Diablerets, Col de Petersgrat, Mont-Rose, 
Leckipass, Adulajoch, Qrande-Chartreuse et Grande- 
Lance de Domene (2813°*), prös Grenoble; Binet- 
Hentsch: Alvier, Clausen, Lauberhorn, Vesuve; 
M6sam et Carey: Nufenen-Pass , Ofen-Pass, Fluela- 
Pass ((3lrisons); Kündig: Alphubel, Cold'Hörens, Tete- 
Blanche, Sassenaire, Buet; Eberhardt: Rothhorn de 
Brienz et Grammont; Galopin-Schaub: Napf, Pilate, 
Rothhorn de Brienz, Schynige-Platte, Faulhorn, Chaletq 



Chronique. 551 

^e Steiöberg; A. Annevelle et G. Held: Sentis par 
l'ünterwasser ; E. G^neau: Pointe percee du Reposoir, 
Brövent; A. Petitpierre: Sanetsch, Chalets de Neuve 
^Jura); A. Freundler: Cape au Moine, Pic d'Arzinol, 
^assenaire, Pigne d'AroUa, Col Bertol, Tete -Blanche, 
€ol d'H^rens, Galenstock; H. Ferrand (aussi membre 
■du C. A. F., secretaire de la section de Tls^re) : Pic de 
l'Aigle, Casque de Neron, Chamechaude, Roc Crotieres, 
Aiguille de Gleysin, Pic de l'Etendard, Aiguille de 
-Goleon, Cols du Mont-Cenis, du Mont-Iseran, du Palet, 
la Tournette, Grand Pic de Belledonne, Mont-Obion, 
Dent de Grolles, et autre encores dans Tlsere et contrees 
avoisinantesf 

X. Glarus, (Sektion Tödi.) Präsident : J. Brunner ; 
Kassier : B. H. Tschudy ; Aktuar : Barth. Jenni. 89 Mit- 
glieder. Die Sektion vereinigte sich im Jahr 1876 an 
zwei Hauptversammlungen und einem gemeinschaftlichen 
Ausflug nach Mühlehorn ; ihre Hauptangelegenheit war 
der Umbau der baufälligen Schirmhülte im Steinthäli 
am Ruchenglärnisch ; ein Vorschlag, dieselbe höher 
Mnauf in die Firnplanke zu verlegen, wurde abgelehnt. 
Leider wurde der von Herrn J. Becker zu allseitiger 
Zufriedenheit ausgeführte Neubau im September 1876 
von unbekannter Hand böswillig beschädigt und theil- 
Tveise seines Mobiliars beraubt. — Für die Bibliothek 
die sich während des Berichtjahres mehrerer Schen- 
kungen zu erfreuen hatte, erwarb die Sektion das 
von Herrn F. Becker in Bern angefertigte Relief des 
Quellgebietes der Linth (1 : 50,000), der Verkauf des 
Panoramas "vom Ruchenglärnisch, 1869 von Prof. Heim 



552 CJironique. 

auf Veranlassung der Sektion aufgenommen, wurde den 
Herren Meyer und Zeller in Glarus übertragen. Das 
vom Comit^ entworfene Distanzentableau für das Ex- 
kursionsgebiet wurde dem Itinerar einverleibt. Die 
Vermessungsarbeiten am Bifertengletscber wurden dieses 
Jabr ausgesetzt, sollen aber im näcbsten wieder auf- 
genommen werden; das Fübrerreglement, von Herrn 
C. Hauser ausgearbeitet und vom Centralcomite 1876 ein- 
geführt, hat sich trefflich bewährt. Die Sektionsäusfiüge 
wurden, allerdings bei schwacher Betheiligung, alle 
ausgeführt : 

1. Tour, Chef der Präsident: Bifertenstock durch 
das Griesloch direkt vom Griesgletscher mit Abstieg 
nach der Ruchialp; 2. Tour, Chef Landrath Cham: 
Claridenstock ; 3. Tour, Chef J. Becker: Ruchi- 
glärnisch; 4. Tour, Chef B H. Tschudy, Kassier 
Gantstock; 5. Tour, Chef G. Freu 1er: Guppen-Ober- 
blegi-Stachelberg. Freie Fahrten haben unternommen 
die Herren Präsident Brunn er: Pfannenstock und 
Hoher Thurm (Versuch); Trümpi-Blumer: von 
Val Frisal über las Cordas zum Muot de Robi über 
«flan Segn» (2572) nach Val Ladral und über den 
Cavirolasgletscher und die Alp Quadra nach Brigels, 
ferner Puntaiglasgletscher und Kistenpass. 

XI. GraubUnden. (Sektion Rhätia.) Präs.: F. v. Salis, 
Oberingenieur ; Kassier : R. Zuan-Sand ; Aktuar : Prof. 
^rttgger. 97 Mitglieder. Es wurden 15 Sitzungen ge- 
lialten. Unter ihren Traktanden sind zu erwähnen: dii 
Berathung der Vorschläge über Auswahl und Um- 
gi'enzung der Freiberge in Graubünden und der Aus- 



Chronique. 553 

führungsbestimmungen zum eidgen. Jagdgesetz; der 
"Vorschlag zur finanziellen Unterstützung der Schirm- 
bütten am Piz Lischanna, P. Linard und P. Bernina 
und zur Errichtung von zwei neuen Clubhätten im 
Berninagebiet (Boval und Murtel) und endlich die 
Be Vision der Ftihrertaxen für Graubünden*). 

Vorträge wurden gehalten von den Herren Oberst 
Hold: über die Errichtung von Freibergen; Forst- 
inspektor Manni: bündnerische Jagdstatistik, 1875; 
Dr. Killias: Referate über J. von Trentinaglia's 
Monographie des Rosanna- und Trisannagebietes und 
über das Profil Winterthur-Mont Blanc ; Oberingenieur 
V. S a 1 i s : über das erratische Terrain der Lombardei, 
die geologischen Profile des Gptthardtunnels und die 
Rutschungen bei Horgen; Prof. C. Brügger: über 
Schratten- und Karrenfelder, die neueste Einführung 
des Steinbocks in Oesterreich, über den jetzigen Zu- 
stand des Cedernwaldes am Libanon und über Gletscher- 
mühlen und Riesentöpfe. Bei der Einweihung der 
Schirmhütte auf dem Alvier und des Escherdenkmals 
am Sentis war die Sektion durch Abgeordnete ver- 
treten. Sektionsausflüge kamen nicht zu Stande; doch 
nahmen 3 Mitglieder Theil an der mühe- und gefahr- 
vollen Tour zur Erforschung der Sterleratherme in 
der Cuaschlucht im Avers. Von Einzeltouren sind zu 
erwähnen Prof. Brügger's naturwissenschaftliche Streif- 
züge im Avers, Madris und Bregalga, Schanvick, Davos, 
Sertig und Ducanthal , Stulser- und Albula- , Camo- 
gasker- und Oberhalbsteinthal. 

*) Führertaxen untl Ausgangsstationen für alpine Ex- 
corsionen in Granbünden, Chur. Chr. Senti, 1876. 




554 Chronique, 

XII. Luzern. (Sektion Pilatus.) Präsident: C.Weber- 
Disteli; Kassier: 0. Balthasar; Aktuar: C. Strübin. 
70 Mitglieder. Es wurden vier Versammlungen ge-. 
Lalten; am Jahresfest in Freiburg war die Sektion 
durch einen Abgeordneten vertreten. Sektionsausflüge 
kamen nicht zu Stande ; Einzelfahrten unternahmen die 
Herren X. Imfeid: Grosser Rüchen, Oberalpstock (bei- 
macht), Griessstock ;J. Lejeune: Hüfigletscher, Scheer- 
born, Griessgletscher ; C. Strübin und C. Michel: 
Pilatus am 31. Dezember, Titlis; X. Schüpfer und 
A. Schürmann: Grosse Windgälle , Schlossberg ; 
O. Gelpke: Wasenhorn, Basodino; E. Jung: Hoch- 
künig, Grossglockner, Weisskugel, Ortler; C. Weber- 
Disteli: Titlis; Ed. Röthelin: Urirothstock ; 
O. Balthasar: Piz Lucendro , Hutstock , ßuchen- 
glärnisch. Die Clubhütte am Hüfiälpeli ist in gutem 
Zustande und mit allem Nöthigen versehen. 

XIII. Neuchätel. (Section de Neuchätel.) President: 
D' Borel-Laurer; Vice-president : D' E.Henry; Secre- 
taire : J. Balmer ; Tresorier : A. Barbey ; Biblioth6caire : 
Ch. Petitpierre. 32 membres. 

La section a tenu regulierement seance chaque 
Premier lundi du mois ; les travaux ont ete peu nom- 
breux. La bibliotheque s'augmente rapidem^t. 

Courses de section: Creüx du Van, Chasseron, Ta- 
blettes de la Tourne, Chasseral et Pres-Vaillants. 

Le mauvais temps a contrarie les courses indivi- 
duelles: le rapport du President de la section ne 
mentiönne que celle de 5 de ses coll^gues au Rawyl. 

Les sections romandes continuent k faire chaque 



Chronique. * 555 

annee une excursion commune. L'annee derniere, la 
Pierre-ä-Voir etait l'objectif fixe, une pluie torrentielle 
arr^ta les excursionnistes ä moitie hauteur. Cette annee 
c'est la section de Neuchätel qui prend Finitiative, sur 
8on propre territoire : Tobjectif est le Chasseron. 

XIV. St. Gallen. (Sektion St. Gallen.) Präsident: 
Br. F. von Tschudy ; Kassier : G. Sand ; Aktuar : 
Dr. 0. V. Gonzenbach. 110 Mitglieder. Sektionsaus- 
flOge wurden ausgeführt auf den Alvier und die Rothe 
Wand. 

Einzeltouren : E. Schlegel-Febr: Piz della 
Margna ; Tb. B o r e 1 und E. Kaufmann: Trift- 
jocb, Alpbubel mit Abstieg über den Kessjengletscher, 
Dom (Mischabel); C. Rech steinen Piz Segnes; 
A. Käbitzsch: Titlis, Petersgrat, Piz Lucendro, 
Leckipass. Die Sektion war bemüht, den vom S. A. C. 
erhaltenen Auftrag zu erfüllen und das Escherdenkmal 
in würdigster Weise auszuführen. Nach Vollendung des- 
selben veranstaltete sie eine solenne Einweihungsfeier, 
Sonntag 1. Oktober, welche sich zu einem unvergess- 
lichen Vereins- und zugleich Volksfest gestaltete und 
an dem mehrere Mitglieder der Familie Escher und 
Abgeordnete der meisten Sektionen als Gäste der fest- 
gebenden Sektion theilnahmen*). Der Escherstein ist 
ein ebenso grossartiges als durch seine Einfachheit 
imposantes Monument, würdig des Gefeierten. 

XV. St. Gallen. (Sektion Toggenburg.) Präsident: 
J. Hagmann in Lichtensteig. 25 Mitglieder. Versamm- 

*) Vergl. Festbericht-, pag. 455 u. ff. 



556 Chro7iiqu€. 

langen wurden zwei gehalten, je eine im Frühling und 
im Herbst. Die Sektion beschäftigt sich mit der Her- 
ausgabe eines illustrirten Reisehandbuches für das 
Toggenburg und im Einvernehmen mit der Sektion 
Appenzell mit dem Unterhalt des Sentisweges und der 
Clubhütte auf der Thierwies am Sentis. Mehrere Mit- 
glieder betheiligten sich an der Einweihung des Escher- 
monumentes. 

XVI. St. Gallen. (Sektion Alvier.) Präs. : H. Hirzel, 
Pfarrer in Wartau ; Kassier: Pfarrer Damur in Salez; 
Aktuar: Hauptmann Frei in Azmoos. 20 Mitglieder. 
Die Sektion war beschäftigt mit der Ausarbeitung eines 
Führerreglemente^ und mit der Erstellung und dem 
Unterhalt der Wege und der Schirmhütte auf dem 
Alvier; letztere wurde bei starker Betheiligung des 
Clubs und der Bevölkerung der Umgegend am 30. Juli 
1876 eingeweiht*). Die Kosten der Hütte und der 
Wege wurden aufgebracht durch gesammelte Beiträge 
bis auf Fr. 400, die vom Centralcomitö und von den 
Sektionen Uto und Alvier gedeckt wurden. Bei der 
Einweihung des Eschersteins betheiligten sich 4 Mit- 
glieder. Durch Beiziehung des Bezirks Sargans hofft 
die Sektion sich und. ihr Arbeitsfeld erweitern zu 
können. 

XVII. Valais. (Section Monte -Rosa.) President: 
G. Loretan; Vice-president : 0. Wolf; Secretaire : J. de 
Rivaz; Caissier: Raoul de Riedmatten ; Bibliothecaire: 
R. Ritz. 112 membres. 



*) Siehe Festbericht, pag. 465 u. ff. 



Chronique. 557 

La section s'est serieusement occupee d'une regle- 
mentation relative aux Cabanes, ainsi que d'une sur- 
Teillance ä exercer sur les guides et d'une certaine 
Instruction ä leur donner. Elle projette Terection de 
"nouvelles cabanes et demandera des subsides au comitö 
•central. Elle a d^cide poiir le printemps une excursion 
-de section ä la Bella-Tola par un nouveau chemin, 
VAlpe Meretschy. Ascensions: Raoul de Ried- 
matten: le Cervin; Ferdinand de Roten et 
Joseph deRivaz: Rosa-Blanche, Bietschjoch, Bietsch- 
horn, le Cervin, Weisshorn; Flavien de Torrente: 
^ildhorn; Antoine Galerini: Zabloz-Court. 

XVIII. Vaud. (Section des Diablerets.) President: 
€. Morf; Vice-presideüt : G. Beraneck ; Secrötaire : 
E.Butoit; Caissier: L. Meyer; Bibliothecaire : H. de Con- 
^tant. 230 membres. 

La section a perdu par la raort ses deux membres 
honoraires: MM. Juste Olivier et J. Muret. Elle se 
propose d'elever en leur memoire un modeste monu- 
ment aux Plans de Frenieres. La cabane d'Orny, Tobjet 
principal de Tactivite de la section en 1876, est con- 
struite: Tinauguration se fera cet automne. 

Quelques membres demeurant ä. S*®-Croix ont etabli 
sur le Mont de Baulmes une magnifique table d'orien- 
tation, indiquant les noms des sommets en vue: ce 
travail leur fait bonneur. 

Douze seances dans Tannee, frequentäes par une 
moyenne de 30 ä 40 membres. Travaux: Davall, 
insp.-for.: la chute du Tauretunum; H. Secr^tah, 
^ast. : Juste Olivier et la oature vaudoise; Favrat, 



fiiV 




558 Chronique. 

prof. : les patois romans; A. L. Dutoit: notice sur 
la Corse; S. Chavanne.s, insp. : les formations da 
gypse dans nos Alpes ; G. Beraneckrle Tauretunum ; 
H. de Constant: la cabane d'Orny; Javelle: le 
Grand-Paradis et la Grivola. 

La sous-section de Vevey a aussi tenu des seances 
mensuelles regulieres. Travaux: J. Guex: Bourrit; 
H. Dufour: le barometre .et Thypsometre ; Dürr: 
ascension du Grand-Muveran par la D'ent de Mordes; 
Javelle: la g^ologie des Alpes, les crevasses, VioUet- 
le-Duc et son ouvrage sur le Mont-Blanc. Deux courses 
de cette sous-section : aux Plans de Frenieres et ä la 
Trevenensaz. 

Excursions et ascensions individuelles : MM. Baer- 
Monnet: Trevenensaz; J. Guex: Croix de fer, Chaux 
des Grands, Tzavöne. Trevenensaz ; N i c o 1 1 i e r : BaUn- 
horn, Trevenensaz; Delajoux: Trevenensaz; Dürr: 
Fenetre de Saleinaz, Col du Chardonnet, Cape au Meine; 
De Palözieux: Dent du Midi, Cape au Moine, Tour 
d'Ai*; Cornaz: Dent du Midi; Doxat: Dent Valezette, 
Pointe d'Orny ; H. Nicoliier: Buet, Cape au Moine, 
Pic Linleux, Trevenensaz; Lederey: Trevenensaz, 
Cape au Moine, Tour d'Ai; Javelle: Yerraux, Cape 
au Moine, Naye, Fenetre de Saleinaz (par les seracs 
du Geant), Mont-Rose jusqu'au Sattel, Ryffelhorn, ünter- 
gabelhorn (par TEst, sans guide), Strahlhorn (sans 
guido), Hörnli, Dent-Blanche , T^te-Blanche , Col de 
Valpelline, Grivola, Grand-Paradis (de Cogne, par 
l'arete N.-E.), Col d'Argentiere, Tour-Noir (1" ascen- 
sion), Grand-Combin, Portalet (1" ascension, sans guide), 
Ravine Rousse, Col de Chardonnet, une des Aiguilles 



Chrcnique, 559 

dor^es (sans guide); Beraneck: Dent-du-Midi (cime 
: de TEst), Dents de Mordes (grande et petite), Vanil 
Noir; G. Rochat: Argentine; Meyer: Diablerets^ 
Glacier d'Orny ; A. deMeuron: Diablerets, Oldenhorn ; 
de Constant: Glacier d'Orny, Naye; E. Pellis: 
i)iablerets, Muveran, Dent de Mordes, Dent-du-Midi; 
Corbaz: Diablerets, Buet, Kaye:, E. Dutoit: Glader 
des Bossons, Mer de Glace, Flögere; C. Morf: cime 
de TEst, Tour Sallieres, Rocs Noirs de Zinal, Pointe 
d'Orny; L. P. Mermod, G. Mermod, L. Jaccard^ 
0. Bornand: Dent de Brenlaire, Mont-Blanc (avec un 
seul guide et un porteur); 0. Bornand: Üri-Rothstock ; 
A. Sontter et Georges Schopfer: le Pleureur,. 
Cols de l'Ev^que et du Mont Colon, Ruinette, Pigne 
d'Arolla, Cols de Bertol et d'Herens, Stockje. 

XIX. Zürich. (Sektion Uto.) Präsident: Prof. Bieder- 
mann; Aktuar: E. Ochsner; Quästor: W. Dietrich. 
250 Mitglieder. 12 Festtheilnehmer. Drei Sektions- 
ausflüge : Schönboden , Stanzerhorn , Alvier (zur Ein- 
weihung der Clubhütte). Das Clubgebiet, obgleich nahe 
gelegen, wurde sehr spärlich besucht: der Tödi von 
den Herren Schwarzer, Rosenmund und Haug; 
der Kistenpass von Müller-Weg mann, der von da 
und von der Umgebung von Elm werthvoUe Skizzen 
heimbrachte, und von Prof. Heim. Dagegen wurden 
zahlreiche und zum Theil namhafte Touren ausserhalb 
des Clubgebietes ausgeführt: Escher -Hess: Titlii^ 
Sustenhorn, Trift gebiet; E. Ochsner: Urirothstock,. 
Titlis, Kleines Spannort (1. Besteigung); Wirz: Titlis; 
M. Rosenmund: Urirothstock, Titlis. Grosses Spann- 



560 Chronique, 

ort , Finsteraarhorn , Mönclyoch , Mürtschenstock ; 
K. Siber und K. Näf : Mürtschenstock; Severlen: 
Triftgebiet und östliche Gipfel der Faulhornkette ; 
Lavater: Oberalpstock, Düssistock, Grosse Windgelle, 
Ruchenkehle, Claridengrat ; Dr. Pestalozzi: Düssi- 
stock , Clari denpass ; Oberholzer: Claridenstock ; 
Müller-Baumann: Claridenpass ; Baurenfeind: 
Gotthardgebiet ; K. Steiner: Titlis, Gotthardgebiet, 
Segnes, Flimserstein ; Prof. Biedermann und Prof. 
Steiner: Sc^sa Plana. Steiner: Weissfluh. Balber: 
Schiahorn, Weisshorn (Schanfigg), Zapportgletscher; 
Dr. Fries: Vrenelisgärtli , Lattenhorn, Tambohorn, 
Rheinquellhorn , Grande Sassiere; Prof. Reinhard: 
Casanna, Griesshom, Piz Buin, Jöri-Flesspass , Val 
Puntaiglas; Prof. Heim: geologische Excursionen, zum 
Theil mit Schülern, am Viznauerstock, Schilt, Kisten- 
pass, Brunni- und Hüf iglet scher, Piz Languard, Diavo- 
lezza, Roseggletscher ; Herrn. Meyer; Meyenfelder 
Furka; Prof. ü. Meyer: Urirothstock ; Dr. Mayer 
und Ostertag: Urirothstock, Matterhorn ;Baumann- 
Zürr er: Mont Avril, Pointe de TEv^que, Töte Blanche, 
Monte Rosa; Zeller-Horner: Balmhorn, von Zinal 
über Durandgletscher, Col de Sorebois und Col de 
Torrent ; Uml au f t (in Prag) : Petersgrat, Col de Fenötre ; 
B r ä m : Petersgrat , Lötschenpass ; v. Stengel (in 
Zweibrücken): Wetterlücke, Lötschengletscher und 
Lücke, Aletschgletscher , Aeggischhorn ; Fr. Schinz: 
Laquinhorn; Dr. Balzer: Mönch; Fr. Schweizer: 
Tödi, Ortler, Monte Cevedale, Piz Kesch, Sertigpass; 
0. V. Pfister: Piz Buin, Valüllaspitze, Fluchthorn; 
Schwarzenbach-Kesselring: im Zillerthal: Löffler, 



J 



\ 



Chronique, 561 

Pfitscheijoch , Pusterthal, am Monte Cristallo: Col di 
Falzorego, Ancisapass; Wuhrmann: Montafon und 
Patznaun, Weissseespitze : Sarpe: im Piemont, Mont 
Roux, Monte Viso; Prof. Stocker: in den Westalpen, 
Genevre, Col de da Traversette, am Monte Viso vorbei. 

In den zahlreich besuchten, im Winter 1875/76 
monatlichen, im Winter 1876 77 vierzehntägigen Winter- 
versammlungen wurden 1876 folgende Vorträge ge- 
balten: Prof. Meyer v. Knonau: Schweizerberge und 
Grenzen :Escher-Hess: Wanderungen im Triftgebiet; 
Ochsner: Tödifahrt; Prof. Heim: Aufbau der Berge; 
Prof. Landolt: die Waldungen im Hochgebirge; 
O. Y. Pf is ter : der Schwarzkopf im Vernelathal; Rosen- 
mund: dasNesthorn; Baumann-Zürrer: vom Mont 
Avril bis Monte Rosa; 0. v. Pf ist er: Wanderungen 
im Montafon und Patznaun; Ochsner: das Kleine 
Spannort; Dr. Goll: Einfluss der Gebirgsgegenden 
und des Alpenklimas auf die Gesundheit. 

Auf dem Uetliberg hat die Sektion eine Orientirungs- 
tafel mit Panorama von Imfeid erstellt. 

XX. Zürich. (Sektion Bachtel.) Gegründet den 
4. März dieses Jahres. 

Präsident: Dr. E. S. Fries, chir. med., aus Wald; 
Vize-Präsident: Fritz Lehmann aus Rüti; Aktuar: 
Pfarrer A. Seewer aus Wald; Quästor: Joh. Kuhn, 
Bankverwalter in Rüti. 39 Mitglieder, deren 12 bis 
dato zu der Sektion üto gehörten. 

N. B. Les chiffres qni accnsent le noAbre des membres 
de chaqne section remontent tous an 31 d^cembre dernier, 
sauf celui de la section Bachtel. 



36 




I 



IV. TREIZI^ME R^SUM^ SUCCINCT 

DBS 

EECETTES ET DEPENSES DU C. A. 8- 

eil IS'T'Ö. 



Pp^SEKTi! PAR 

M. ROBERT SCHNYDER, 

Caissieb gentbal a Luoebne. 

ReeeiTtesu 

1. Contribntionsdel909membresäfrs. 5 frs. 9,545. — 

2. Droits d'entree de 207 < ä « 5 < 1,035. — 

3. Vente de döcorations du Club . « 33. 50 

4. < < cartes d'excursions . . « 72. 40 

5. Interöts des fonds places . . . « 1,100. — 

6. Vente d'une presse ä copier . . « 20. — 

7. Remboursement par la section Monte- 
Rosa de la Subvention non utilisee 
en faveur d'une cabane au glacier 

d'Otemma « 800. — 



frs. 12,605. 90 



J 



Chronique. 565 



I>^peiises. 

i. Subvention ä FEcho des Alpes . . frs. 1,000. — 

2. Cabanes du Club (Oeschinengrat, 

Alvier, Thältistock, Somvix) . . . < 1,681. 50 

3. Gommission glacialre et livre des 

glaciers « 622. 95 

4. Cartes. d'excursions « 2,646. 10 

5. Allocation en faveur des heritiers du 
malheureux guide Gertsch . . . < 500. — 

6. Confection de decorations . . . * 338. — 

7. Impressions: 

Annuaires VIII, IX 

et X ... . frs. 2776. 75 
Itinöraire pour 1875 < 467. 60 
Compte-rendu de la 

fötedeSion . . « 696.80 
Table des 1 premiers 

Yolumes de l'an- 

nualre . . . . « 255. — 
. Circulaires, etc. etc. < 130. 50 

« 4,326. 65 

8. Frais de voyage et de bureau . . « 803. 65 

frs. 11,918. 85 
Excedant des recettes surles depenses 

en 1875 « 687. 05 



frs. 12,605. 90 



564 Chronique, 

Bllan da eapital da C. A. 8. aa 31. ddcembre 1875. 

Passif. 1 

Capital au 31 decembre 1874 . . . frs. 23,892. 83 
Augmentation en 1875 . . . . . < 687. 05 

frs. 24,579. 88 

20 Obligations 4V2 ^/o Banque de 

Lucerne ä frs. 990 frs. 19,800. — 

4 Obligatipns 57© St-Gotbard 1010 . * 4,040. — 

Espöces en caisse ...... . « 739. 88 

frs. 24,579. 88 

ßilaii dn eapital da C. A. 8. aa 28 f^yrier 1876. 

Appronv^ par Tassembl^e des d^legues k Fribourgf 

le 26 aoüt 1876. 

Capital au 31 decembre 1875 . . . frs. 24,579. 88 
Perte sur la vente de 5 Obligations du 

Gotbard dont une faisant partie du 

fonds Imfanger < 889. 95 

frs. 23,689. 9S 

A.ctif. 

20 Obligations 472^0 Banque de 

Lucerne h 990 frs. 19,800.— 

3 Obligations de frs. 1000 6^/0 em- 

prunt föderal . * 3,116.40 

Espöces en caisse « ' 773. 53 

frs. 23,689. 93 

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