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Full text of "Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung"

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Niederdeutsches Jahrbuch. 



Jahrbuch 



des 



Vereins fiir niederdeutsche Sprachforschung. 



V . 



Jahrgang 1905. 



XXXI. 




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NORDEN nnd LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 

1905. 



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Druck von Diedr. Soltau in Norden. 




Inhalt. 



3eite 

Altvil. Ein neuer Erklärungsversuch. Von F. Mentz 1 

Dat Ei was intwei. Von Robert Sprenger 19 

Eine Sammlung plattdeutscher Sprichwörter und Kernsprüche nebst Erzählungs- 
bruchstücken Yon John Brinckman. Von A. Römer 20 

I. Mecklenburgischer Yolksspiegel aus plattdeutschen Sprichwörtern 

und Eemsprüchen 22 

IL Aus Brinckman's Notizbuch von 1854 29 

III. Bruchstücke von Erzählungen John Brinckman's 31 

Bruchstücke von Bruder Philipps Marienleben aus dem Jahre 1324. Von 

Fritz Goebel 36 

Ein niederdeutsches Lied auf die Schlacht an der Conzer Brücke am 1. August 

1675. Von Fritz Goebel 38 

Niederdeutsche Dichtungen Altlivlands. Von Th. vonRiekhoff 44 

Sprichwörter und Redensarten aus Stapelholm. Von Heinrich Carstens . 58 

Zu Fritz Reuters Stromtid. Von R. Sprenger 60 

Zu Reuters Kein Hüsung. Von R. Sprenger 61 

Zu Meister Stephans Schachbuch. Von R. Sprenger 62 

Die Mundart der Prignitz. Von E. Mackel 65 

Einleitung 65 

Phonetische Darstellung der Laute 85 

Geschichtliche Darstellung der Laute 94 

Die Vokale der Stammsilben 94 

Kurze Vokale 94 

Lange Vokale 105 

Die Vokale in nebentonigen und unbetonten Silben 121 

Die Konsonanten 133 

Halbvokale, 1 und r 133 

Nasale 139 

Verschluss- und Reibelaute 141 

Übersicht der Entsprechungen vom heutigen Bestände der Mundart aus 156 



Altvil. 

Ein neuer Erklärungsversuch. 



Das Sachsenspiegelwort altvil hat bis jetzt allen Erklärungs- 
versuchen einen hartnäckigen Widerstand entgegengesetzt. Denn wenn 
man auch von jeher darüber einig war, dass es einen mit einer 
körperlichen oder geistigen Anomalie behafteten Menschen bezeichnen 
sollte, so gingen doch die Ansichten über die Art derselben und noch 
mehr über die Etymologie des Wortes weit auseinander.^) 

Die betreffende Stelle des Sachsenspiegels lautet, nach Homeyer*), 
folgendermassen: Uppe altvile tmde uppe dverge ne irstirft weder len 
noch erve, noch uppe kropelkint Sve denne de erven sint und ire nesten 
mage, de solen se halden in irer plage. Für altvile gibt Homeyer aus 
andern Handschriften noch die Lesarten altifile, oltuile, altweile, altveile, 
alfwile, aldefil, alevile, antvile, vltfyle, aluyle, alczu vil, aide weyp und 
dommen luden. Ausser an dieser Stelle kommt das Wort noch vor 
im Kichtsteig Lehnrechts, Kap. 28, § 5*): . . . sint blindeti stummen 
lamen meselsuchtigen altvile unde dwerge nicht lenerven en sin . . • ; 
ferner in den Goslarischen Statuten*): Uppe de meselsüchtighen 
man unde uppe altvile unde uppe dwerghe unde uppe kröpel ne ervet 
nen erve; we aver ire erve is, de sul se halden na deine dat de Stade 
ires gudes is dat uppe se ghevallen were, endlich im Berliner Stadt- 
buche ^): Äv altuile vnd dwerge vnd kropel kint en steruet weder lehn 
nochte erue. Wi dartu dan erue sint vnd or negeste mage, di scolen 
sy holden in ore plage. Es ist klar und schon anderweitig betont 
worden®), dass die drei letzten Stellen von der ersten, der im Sachsen- 
spiegel, abhängig sind; sie tragen demnach zur Erklärung des Wortes 
nichts bei; ob sie vielleicht für die Feststellung der Wort form von 
Wert sind, wird sich später zeigen. 

Die Stelle im Sachsenspiegel ist verständlich und stets ver- 
ständlich gewesen bis auf das Wort altvile. Dass dessen Sinn aber 



*) Das mnd. Wörterbuch von Lübben -Walther (1888) gibt als wahrscheinliche 
Bedeutung des Wortes an „Schwach-, Blödsinniger ** und bezeichnet die Etymologie 
als unsicher 

') Des Sachsenspiegels 1. Teil, 3. Aufl., Berlm 1861, S. 160. 

>) Homeyer, Des Sachsenspiegels 2. Teil, 1. Bd., Berl. 1842, S. 620. 

*) Hrsg. V. Göschen, Berl. 1840, S. 10, Z. 19—22. 

B) Fidicin, Hist.-dipl. Beiträge zur Gesch. d. Stadt Berlin I (Berl. 1887) 
S. 114—115. Ich benutze diese Ausgabe anstatt der neuen -von Clauswitz (1888), 
weil letztere die Orthographie der Hs. nicht so genau wiedergibt. 

*) A. Höfer, Altvile im Sachsenspiegel (Halle 1870), S. 1. 

Niederdeutsohes Jahrbuoh XXXI. l 



schon am Ausgange des Mittelalters nicht mehr bekannt war, zeigen 
einmal die zahlreichen verschiedenen Ijefearten, dann die verschiedene 
Wiedergabe des Wortes in den alten Übersetzungen des Sachsen- 
spiegels (vgl. u.) und besonders der Umstand, dass es glossiert 
worden ist. Homeyer^) führt aus Handschriften des 15. Jahrh. zwei 
Glossen an: altuvole videlicet ermotraditus und Altvil sint de dar heider 
kunne rnechte hebben, man und vrouwen teyken. Diesen Glossen schliesst 
sich auch die von Homeyer mitaufgefiihrte Erklärung des Vokabularius 
an: die zuviel haben an menlichen glidern als zers und futt Nach der 
zweiten Glosse und dem Vokabularius wären also unter den altvile 
Zwitter zu verstehen, und auch das ermotraditus der ersten wird 
zweifellos aus hermuphroditus verderbt sein^). Diese Auffassung des 
Wortes hat bis jetzt wohl die meiste Zustimmung gefunden: das mhd. 
Wörterbuch von Benecke -Müller -Zarncke^) und, ihm folgend, Lexer*) 
tragen sie vor, und Rotermund hat sie in seine 1895 erschienene 
Sachsenspiegelübersetzung aufgenommen. Etymologisch suchte man 
sich diese Bedeutung auf verschiedene Weise klar zu machen. In 
den Glossen und im Vokabularius ist einfach angenommen, altvil 
stehe für altovele (wofür die erste Glosse die Nebenform altuvole^) 
einsetzt), und in ebenderselben Auffassung bringen einige md. Hand- 
schriften alczu vil sogar im Text. Gegen diese Erklärung wandte 
sich aber schon Riccius^) mit dem Einwand, dass man bei dem 
^ allzuviel^ doch mit demselben oder mehr Recht an andere Glieder 
denken könnte als gerade an die Geschlechtsteile. Denn ein Zwitter, 
meint er, sei wohl im Stande, die Pflichten, die eine Erbschaft auf- 
lege, zu erfüllen, ein Dreibeiniger oder Dreiarmiger aber viel weniger. 
Darüber Hesse sich ja streiten, sicher ist aber, dass der Ausdruck 
^allzuvieP für ;,Zwitter" im höchsten Masse unbestimmt und irre- 
führend wäre und den Anforderungen, die man in Bezug auf Klarheit 
des Ausdrucks an ein Rechtsbuch zu stellen hat, in keiner Weise 
entsprechen würde. Dazu kommt, dass, wie Leverkus') hervorgehoben 
hat, zuviel mnd. nie anders als to vele oder to (tu) vole heisst, eine 
solche Form einzusetzen giebt uns aber die Überlieferung kein Recht. 
J. Grimm®) dachte deshalb an ahd. widello, widillo, hermaphroditus, 
woraus, wie er meinte, wil hätte entstehen können, dem al ver- 
stärkend vorgetreten sei; dies würde zu der allerdings handschriftlich 
auch überlieferten Form alwile^) führen. Indessen scheint er selbst 



Ssp. P, S. 160. 

*) K. J. Th. Haupt (Neues Laus. Mag. 47, 1870, S. 289) will allerdings eine 
Beziehung auf Irmin oder auf Hermes darin linden! 

3) III, 314a. 

*) Mhd. Handwörterbuch I, 45. 

») Vgl. Leverkus in Zschr. f. dt. Philol. 3, 318. 

•) Spicilegium iuris Germ, ad Engau (Gott. 1750), S. 66. 

') a. a. 0. 

») Rechtsaltertümer 1*, S. 566. 

»; Vgl. Homeyer, Ssp. I (1. Aufl.), S. 33; in der 3. Aufl. S. 160 ist diese 
Lesart nicht mehr aufgeführt. 



von dieser Lösung nicht befriedigt gewesen zu sein, denn in der 
Geschichte der deutschen Sprache^) nimmt er Zusammensetzung des 
Wortes aus vil (multus) und alta (membrum) an; das alta nennt er 
aber dann selbst ;,ein sonst unerhörtes Wort^. Es leuchtet ein, dass 
auch auf diese Weise nur ein höchst unglücklicher Ausdruck zustande 
kommt, denn er könnte, wie A. Höfer ^) richtig betont, doch nur 
„vielgliedrig, gliederreich" bedeuten. Grimm hätte wenigstens für 
das unerhörte alta lieber gleich die Bedeutung membrum pudendum 
ansetzen sollen, denn so lässt sich der Einwand von Biccius (s. o.) 
auch hier mit Erfolg vorbringen. — Ungezwungener suchte Homeyer^) 
die Bedeutung „Zwitter*' dadurch zu gewinnen, dass er das tvil für 
eine Ableitung von twe, zwei, ansah, dem das al verstärkend vor- 
getreten sei. Ein von twS abgeleitetes tvil gibt es nun allerdings, es 
ist aber in der Bedeutung ;, Zwitter" ebensowenig nachzuweisen wie 
das Grimmsche alta für Glied, sondern es heisst „Stamm oder Ast, 
der gabelförmig gewachsen ist".*) Kosegarten ^) meinte deshalb, 
altvil bedeute gewissermassen „Allzweig", d. h. einen, der alle mensch- 
lichen Zweige (= Geschlechter) umfasst. Dass auch dies sehr 
bedenklich und künstlich ist, leuchtet wohl jedem ein: man spricht 
nicht von „alle", wenn überhaupt nur zwei vorhanden sind; auch, 
dass menschliche „Zweige" gemeint sind, folgt nicht ohne weiteres, 
und schliesslich ist die Bezeichnung der beiden menschlichen Geschlechter 
als Zweige auch nicht sofort verständlich. 

Die etymologischen Erklärungen für altvil = Zwitter sind 
also sämtlich sehr unbefriedigend. Ausserdem aber spricht auch ein 
sachlicher Grund dagegen. Zwar die Glosse „Dar umme ne nemen 
disse nen erve, dor dat se vort nene misrakede hindere ne maken^j die 
Zacher^) gegen „Zwitter" anführt, scheint mir nicht beweisend, denn 
sie kann sich, wenigstens so wie sie bei Homeyer') angegeben ist, 
auch auf die dverge und kropelkint beziehen, und ausserdem galten 
Zwitter durchaus nicht für unfähig, Kinder zu erzeugen*). Auch 
Leverkus'^) Nachweis, dass „Zwitter" und widello ursprünglich gar 
nicht einen Hermaphroditen, sondern das erstere einen Bastard, 
das letztere einen Verschnittenen bezeichnet habe, dass also unser 
Altertum für die in der Tat äusserst seltenen zweigeschlechtigen 
Missgeburten nicht einmal eine Bezeichnung gehabt zu haben scheine, 
bringt uns nicht weiter. Denn wenn auch Bastarde und Verschnittene 
an der Sachsenspiegelstelle unmöglich in Frage kommen, so könnte 
ja doch altvil gerade das von Leverkus vermisste deutsche Wort für 

1) S. 947, Anm. 

«) Altvile im Ssp. S. 12. 

3) Ssp. II 1, S. 560 u. I» S. 396. 

*) Vgl. Schiller -Lübben, Mnd. Wtb. IV, S. 646. 

») Wtb. der niederd. Spr. S. 286. 

•) Zschr. f. Reclitsgesch. N. F. 9, germ. Abt. S. 5G. 

') Ssp. l\ S. 160. 

«) Vgl. Höfer, Altvüe im Ssp. S. 17, Anm. 

») Ztschr. f. dt. Philol. 3, S. 320. 

1* 



hermaphroditus sein. Sehr wichtig dagegen ist der schon von Höfer ^) 
und etwa gleichzeitig mit ihm von Leverkus ^) betonte Umstand, dass, 
eben wegen der Seltenheit des Vorkommens wirklicher Zwitter, an 
unserer Stelle eine Vorschrift über solche keineswegs vermisst wird, 
sehr wohl dagegen eine Bestimmung über Dumme und Schwach- 
sinnige. 

Und so suchen denn in der Tat mehrere Erklärer eine derartige 
Bedeutung für altvil wahrscheinlich zu machen. Wir müssen jedoch, 
ehe wir uns mit diesen Auffassungen beschäftigen, zuerst noch einige 
andere Deutungen streifen, die ihnen zeitlich vorangehen. 

Während die Glossen, wie wir gesehen haben, das Wort aus 
den drei Bestandteilen al-to-vil entstanden sein Hessen, Homeyer da- 
gegen al-tvil abteilte, ging Moriz Haupt auf die ebenfalls oben 
erwähnte Grimmsche Abteilung alt-vil zurück, hielt aber das alt für 
das bekannte Adjektivum. Er hat in seiner Zeitschrift^) zuerst auf 
den mhd. Namen Altfil hingewiesen und glaubte dadurch altvile sowohl 
gegen das von Grimm früher angezogene altvile wie gegen die Lesart 
antvile gesichert. Über die Bedeutung des Wortes sprach er sich 
nicht aus, sondern mit Rücksicht auf die lat. Übersetzung von altvil^ 
homuncio*), und auf den Umstand, dass in den Bilderhandschriften 
des Sachsenspiegels der altvil als ein kleiner Mann erscheine, wies er 
dann auf das greisenhafte Aussehen der Zwerge hin, ^die wie Eiben 
und Wichtel ja auch in den Sagen und Märchen immer alt erscheinen. 
Es kommt also darauf an, für vil eine Erklärung zu finden.*' Diese 
zu liefern, bemühte sich zunächst Sachsse^), allerdings mit sehr 
wenig Erfolg. Er fasste das ganze Wort einfach als Deminutivum 
von alt, genauer von der Maskulinform alto (also etwa = 'Alterchen', 
von dem alten Aussehen elender Kinder), deren o bei der Deminution 
in V übergegangen sei, so wie aus gotisch magtis magvila, aus smero 
smervili werde. Er beachtete nicht, dass in den beiden letzten Worten 
das u bez. o zum Stamm gehört, während es bei alto nur flexivisches 
Element ist, ein Deminutivum also nur von dem Stamm alt gebildet 
werden konnte. Eine weitere Widerlegung ist demnach überflüssig. 
Etwas mehr Anspruch, ernst genommen zu werden, könnte vielleicht 
die von Sachsse nebenbei®) versuchte Deutung der Lesart alwile als 
Deminutivum von alf, Elf, erheben, wenn sie auch nicht, wie er meint, 
aus alpil, alboil entstanden sein könnte, sondern einfach durch An- 
fügung der Verkleinerungssilbe il an den Stamm alb. Sachsse weist 
dazu darauf hin, dass nach dem Volksglauben die Elfen gern neu- 
geborene Kinder raubten und ihre eigenen dafür hinlegten. Solche 
;, Wechselbälge ^ sollten also nach ihm durch die alunle, die ;,Elfchen", 



Altvile im Ssp. S. 29. 
2\ Q,. a 0. 

«) 6 (1848), S. 400. 

*) Vgl. Homeyer, Ssp. I«, S. 160. 

*) Zschr. f. deutsches Recht 14 (1853), S. 6. 

•) Ebd. S. 8. 



bezeichnet sein. Auch Höfer hat in seiner nachher zu besprechenden 
Schrift von dieser Erklärung Notiz genommen und meint ^), dass eine 
derartige Auffassung vielleicht bei der lat. Uebersetzung tianus und 
nq)timiiis im Spiele gewesen sei, und schliesslich hat K. J. Th. Haupt 
dieselbe zur Grundlage einer längeren Auseinandorsetzung^) gemacht, 
in der er, da die formale Richtigkeit der Sachsse'schen Ableitung 
ihm zweifellos war, sie auch sachlich durch Heranziehung z. T. 
höchst weit hergeholter und zweifelhafter Parallelen aus der Mytho- 
logie und Sage zu bekräftigen suchte. Die Beziehung zu den Alben 
oder Elfen wird uns noch weiter zu beschäftigen haben, die sprach- 
liche Berechtigung der in Rede stehenden Ableitung aber muss 
durchaus verneint werden. Denn selbst angenommen, dass die Lesart 
alwile die bestbeglaubigte wäre — worüber noch zu handeln sein 
wird — so konnte doch eine mit dem /-Suffix gebildete Verkleine- 
rungsform vor alf zur Zeit des Ssp. nur alvel oder ehel lauten, denn 
das i dieses Suffixes war damals im Mnd. schon völlig zu e abgeschwächt. 
Eine solche Form findet sich aber wenigstens unter den mir bekannt 
gewordenen Lesarten nicht ein einziges MaP). 

Mit weit mehr Sprachkenntnis als Sachsse und K. J. Th. Haupt 
versuchte A. Höfer das Wort zu deuten. Seine ausführliche Mono- 
graphie ^jAltvile im Sachsenspiegel^*) gibt zugleich zum ersten Male 
einen Ueberblick über das gesamte bis dahin für das Wort vor- 
handene Material. Er nahm, wie M. Haupt, das alt als das bekannte 
Adjektivum, das tnle aber setzte er dem hd. ;,Feile^ gleich und über- 
setzte altvile demnach mit ^Alte Feile**^). Zur Begründung dieser 
seltsamen Deutung wies er hin auf die 1839 ohne weitere Erklärung 
belegte Schelte ^Alte Feile* ^); auch im Englischen sei ßle „a term 
of contempt for a worthless person, a coward etc. An odd fellow 
is still termed a rum old file" '). Die schon erwähnten mhd. Namen 
Altvil^ Altfil will H. gleichfalls in diesem Sinne auffassen. Eine 
weitere Stütze sucht er in den Uebersetzungen^). Altvile wird in 
mehreren lat. Handschriften mit filitis fatuus übersetzt, und die ndl. 
Haager Handschrift 292 (nicht 282, wie bei Höfer verdruckt ist) gibt 



») Altvile im Ssp. S. 7 f. 

*) Der Alvil des Ssp. und seine mythischen Verwandten. (Neues Laus. 
;. 47, 1870, S. 254-292.) 

*) Ich habe bei einer kurzen Erwähnung von altvü in den Deutschen Ge- 
schichtsblättern (1904, April-Heft, S. 173) besonderen Wert auf den fehlenden 
Umlaut gelegt, doch ist das vorhandene i des Suffixes, an dem ich dort keinen 
Anstoss nehme, sicher ein stärkerer Beweis für die Unmöglichkeit der Sachsse'schen 
Ableitung. — Die Form aJbel (alwel) kommt übrigens in Thüringen (Salzungen) 
vor (vgl. Hertel, Thür. Sprachschatz S. 58) und bedeutet dort einen Tölpel oder 
Dummkopf. 

*) Halle, Waisenhaus 1870. 

«) S. 26. 

•) Deutsches Schimpfwörterbuch (Arnstadt 1839), S. 4. 

') Citat von Höfer (S. 27), nach Halliwell's Dict. of arch. and prov. words. 

«) S. 29. 



6 

dommen biden. Der Stumpfheit der alten Feilen soll die Dumm- 
heit der Altvile entsprechen. 

Wir haben schon oben Höfer (und Leverkus) darin Recht ge- 
geben, dass man an der Stelle des Ssp. den Hermaphroditen nicht 
vermisst, vielmehr eine Bestimmung über Dumme und Schwach- 
sinnige, neben den mit körperlichem Fehl behafteten über geistige 
Krüppel, zu erwarten berechtigt ist. Nicht weniger ist zuzugeben, 
dass vile „ Feile ** bedeuten kann, denn es steht nichts im Wege, das 
i in vile als lang anzusehen. Nichts gestattet uns aber, anzunehmen, 
dass die vermissten Blödsinnigen auf diese, man kann nicht anders 
sagen als höchst geschmacklose und dabei unverständliche Weise ein- 
geführt worden seien. So hat denn auch Höfers Deutung wohl insofern 
Anklang gefunden, als er unter den altvile geistig Minderwertige ver- 
stehen wil, fast gar keinen dagegen seine sprachliche Erklärung des 
Ausdruckes^). Auch die Zustimmung von R. Hildebrand, die Höfer ^j 
mit Genugtuung verzeichnet, ist doch recht vorsichtig, denn Hilde- 
brand sagt^) nur, A. Höfer habe wahrscheinlich gemacht, dass die 
Bedeutung ;, Blödsinniger '^ und die Form altvile war. Von ^Alte 
Feile^ sagt Hild. also kein Wort. Noch weniger wiegt die von 
J. J. Smits aus Twenthe beigebrachte Parallele*), die Höfer an der- 
selben Stelle anführt, denn das von jenem als in Twenthe gebräuchlich 
erwähnte olde feile in der von Höfer für altvile angenommenen Be- 
deutung hat sprachlich mit letzterem nichts zu tun, da die Feile 
ndl. vijl heisst. Ndl. feile^) könnte nur mit mnd. feil „fehlerhaft, 
schlecht*, veilen „fehlen", hd. fehlen zusammenhängen^), und insofern 
wäre der von Höfer ebenda kurzerhand als „haltlos" bezeichnete 
Versuch von de Fries und de Wal, altvile als „ganz fehl" (allet-vile) 
zu erklären, formell wohl beachtenswert). 

Auf ganz anderem Wege als Höfer suchte dann Leverkus®) 
die Bedeutung „blödsinnig" für altvil zu erweisen. Während Höfer 
mit M. Haupt auf Grund der mhd. Form altßl geglaubt hatte, alt- 
vile abteilen zu sollen, hielt L. an der Homeyerschen Abteilung al- 
tvil (-twil) fest und suchte dem Einwurf, dass nd. twil hd. zwil sein 



Vgl. die Besprechung im Lit. Cbl. 1870, Sp. 498 f. und Mnd. Wb. 1, 
8. V. altvil. 

«) Germ. N. R. 3 (1870), S. 418. 

') Der Sachsenspiegel, hg. v. J. Weiske. 4. Aufl. v. R. Hildebrand (Leipzig 
1870), S. 124. (In neuerer Aufl. wiederholt). 

*) Nieuwe Bydragen voor regtsgeleerdheid en wetgeving 20 (1870), S. 155. 

**) AUg. ndl. ei und twenth. ei stimmen durchaus überein (vgl. J. H. Behrns 
im Taalk. Mag. 3, 1840, S. 383). 

•) Vgl. Kluge, Wtb. 6, s. v. fehlen; Mnd. Wtb. 5, S. 222. 

'") Es war mir leider unmöglich, festzustellen, wo dieser Versuch von de Fries 
und de Wal erschienen ist. Auch eine Anfrage bei der Amsterdamer Universitäts- 
bibliothek blieb in dieser Beziehung ergebnislos. Höfer, der (Germ. N. R. 3, 419) 
später einmal mehr zu geben verspricht, hat sein Versprechen, so viel ich sehe, 
nicht eingelöst. 

8) Zschr. f. dt. Philol. 3 (1871), S. 317—323. Der Aufsatz ist nach des 
Verf. Tode von Lübben veröffentlicht worden, welcher auf S. 323—330 ein Schluss- 
wort hinzugefügt hat. 



müsste (vgl. auch unten), dadurch zu begegnen, dass er tril mit mnd. 
dwelen oder dwalen, ahd. tivelmi, in Verbindung brachte. Für den 
Wechsel von tv (tw) mit etymologisch berechtigtem dw brachte dann 
Lübben in seinem Schlussworte ^) genügende Beispiele; tivere nacht 
hätte er auch aus der von Homeyer^j angeführten Glosse zu Ssp. I, 
70, 3 belegen können. Das genannte dwelen, divalen habe ursprüng- 
lich bedeutet „sich drehen", dann, aufs Geistige übertragen, ;,irr- 
sinnig, verdummt, betäubt sein*'. Von demselben Stamme werden 
dann eine Reihe von Nominalbildungen angeführt mit der Bedeutung 
„Narr", „dumm", „schwindlig" u. dgl., leider ist twil nicht darunter. 
Am nächsten steht ihm noch duilsk, schwindlig, Hvilsch, widerspenstig, 
„eigentlich wohl wirrköpfig". Auch TU Eulenspiegel und Teil werden 
herangezogen. „So wird denn altwil (aüvil)^ — schliesst Lübben') — 
„um das Resultat dieser Untersuchung zusammenzufassen, einen be- 
zeichnen, der dauernd und für immer — denn das liegt in der Zu- 
fügung von al — irrsinnig und deshalb erbunfähig ist." 

Auch von dieser Deutung kann man nicht sagen, dass sie 
zwingend ist. Es muss eine ungewöhnliche Schreibung angenommen 
werden, um zu einem Worte tml „Narr" oder dgl. zu gelangen, das 
sonst nicht belegt ist. 

Zu einem ähnlichen Ergebnisse wie Leverkus und Lübben kam 
auch Rochholz in seiner Abhandlung über mundartliche Namen des 
Cretinismus *). Er hielt altvile für eine altdeutsche Bezeichnung für 
Kretinen und brachte ebenfalls Teil und TU (DU) damit in Verbindung. 

Dass Letzteres, wie Lübben wollte, mit üvelen, dwelen zusammen- 
hänge, leugnete Wo est e^), der es vielmehr auf ein verlorenes starkes 
Verbum ' fUan zurückführte und dem hd. ^Ziel" gleichsetzte. Dies 
Substantivum tU {= Ziel, d. i. was getroffen wird oder werden soll) 
erlaube dann, dem in Rede stehenden tU die Bedeutung „getroffen" 
beizulegen. AlftU sei sonach der vom Geschosse der Elbe getroffene, 
d. i. Blödsinnige oder Verrückte. Aus dem nicht mehr verstandenen 
alftU sei dann altßl geworden und dies habe man als „Zwitter" auf- 
gefasst. Also wiederum Bezug auf die Elfen, aber leider eine Er- 
klärung auf Grund einer handschriftlich nicht beglaubigten Lesart 
und unter Zuhülfenahme mindestens ungewöhnlicher Bedeutungs- 
wandlungen. 

Woeste schlägt aber gleichzeitig noch eine andere Erklärung 
vor : so wie in Worten wie aldrune (alrune), holde fatter (hohle Fässer), 
Kärdel (kärel, Karl), merdel (merula) ein d eingeschoben worden sei, so 
sei dies auch in altfil geschehen. Das dann vorauszusetzende ursprüng- 
liche "^alfil erklärt er im Hinblick auf südwestf. feien, foppen, als ;,Ganz- 
narr. Verrückter". Diese Deutung schliesst sich zwar mehr an die Über- 
lieferung an, da ja auch alevUe überliefert ist, aber die Einschiebung 

») Ebd. S. 323 f. 

«) Ssp. I», S. 227. 

») Zschr. f. dt. Philol. 3, S, 330. 

*) Ebd. S. 331—342. 

5) Zschr. f. dt. Philol. 6, 1875, S. 209 f. 



V 



8 

des d ist doch sehr bedenklich (der Fall liegt ja bei d zwischen r 
und l ganz anders als zwischen / und /*; höchstens holde fatter durfte 
bßigezogen werden) und ein fil^ Narr, m. W. nicht nachweisbar. Über 
den von Woeste in einer Anmerkung gegebenen Hinweis auf die 
Ähnlichkeit zwischen altvil und dem arabisch-persischen al-fil (Läufer 
im Schachspiel) vgl. den Nachtrag auf S. 18, Anm. 5. 

Eine Erklärung von Zacher, die dieser schon im Anschluss an 
Leverkus-Lübbens Aufsatz in Aussicht gestellt hatte ^), ist leider erst 
nach seinem Tode durch R. Schröder^) auszugsweise veröffentlicht 
worden. Z. hält a. für hochdeutsch wegen des schon von M. Haupt 
(s. 0.) erwähnten bairischen Eigennamens, deshalb seien auch die 
beiden ersten Verse der Ssp.- Stelle ursprünglich hochdeutsch, Vs. 3 — 6 
seien jüngerer, nichts Neues hinzufügender, nur ergänzend ausführender 
niederdeutscher Zusatz. Das ^bloss verstärkende und deshalb ent- 
behrliche Präfix aU^ bedarf für ihn der Erklärung nicht, das übrig 
bleibende twil erklärt er wie Lübben durch Zusammenstellung mit got. 
dvals^ sowie Til^ Teil u. s. w., als ;,geistig gestört^ und betont im 
Anschluss an die lat. Übersetzung neptunius den elfenhaften Charakter 
der altvile. Leider können wir auch dieser Auslegung nicht bei- 
stimmen. Wenn Z. auf Grund von bair. Ältßl das Wort für hochdeutsch 
erklärte, so musste er auch bei seiner Deutung nicht von aüwil aus- 
gehen, sondern von altfiP)^ dann aber durfte er das al nicht als 
Präfix abtrennen, denn ein Wort tfil wäre, wie schon Höfer bemerkt 
hat*), durchaus undeutsch. Über ttoil^ Tor, dumm, haben wir schon 
oben gehandelt. 

Damit sind wir mit den bisherigen Erklärungen zu Ende. 
Inhaltlich teilen sie sich, wie wir gesehen haben, in der Hauptsache 
in zwei Gruppen : 1) die, welche altvil 2^^ „Zwitter" auffassen, 2) die, 
welche „Blödsinnige" darunter verstehen wollen, denn auch Höfers 
;,Alte Feile" und K. J. Th. Haupts u. a. ^ Wechselbälge" kommen 
schliesslich auf Geistesschwache hinaus. Wichtiger aber ist, dass die 
einzelnen Erklärungen von formell verschiedenen Grundlagen ausgehen : 
die Glossen zerlegen das Wort in al-to-vilej Grimm fusste in seiner 
ersten Erklärung auf der Form almle^ in der zweiten trennt er alt- 
vile^ so auch M. Haupt, Höfer und Woeste, letzterer unter Annahme 
von Umstellung (alftil). Homeyer dagegen, Kosegarten, Leverkus- 
Lübben und Zacher trennten al-tml^ wobei Leverkus- Lübben das tw 
als dw auffassten; Sachsse und K. J. Th. Haupt gingen auf die von 
Grimm zuerst bevorzugte Form altoile zurück. 

Daraus ergibt sich für uns die unabweisbare Notwendigkeit, 
vor Allem die Form des Wortes mit möglichster Sicherheit fest- 

Zschr. f. dt. Philol. 3, S. 331. 

2) Zschr. f. Rechtsgesch. 9, Germ. Abt., S. 55—58. 

') Andernfalls hätte Z. nachweisen müssen, dass in bair. Altfil, welches 
auch ÄUvil geschrieben wird, das / für v verschrieben und letzteres als w zu lesen 
sei ; doch kommt v für w m. W. in obd. Denkmälern kaum vor. Vermutlich hätte 
sich Z., wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, seine Erklärung völlig auszuarbeiten, 
auch hierüber geäussert. 

*) Altv. im Ssp. S. 24. 



zustellen. Hierbri sind wir nun allerdings in einer bedeutend glück- 
licheren Lage, als die bisherigen Erklärer, denn mittlerweile ist durch 
Latendorf^) die Form altwil als in der 2. Hälfte des 19. Jahrh. 
in Mecklenburg noch bekannt erwiesen und damit höchstwahr- 
scheinlich gemacht worden, dass sowohl ahvile falsche Lesart als auch 
die von den Glossen, sowie M. Haupt, Grimm, Höfer, Woeste vertretene 
Aufifassung des v als f fehlerhaft ist.^) Dies überhebt uns indessen 
nicht der Pflicht, zu untersuchen, wenigstens soweit dies durch zuver- 
lässige Handschriftenabdrücke möglich ist, wie weit die Überlieferung 
mit der modernen Form des Wortes in Einklang steht. Zunächst ist altvile 
zweifellos besser überliefert als ahvile: Dies geht aus der Varianten- 
angabe bei Homeyer hervor und ist von Zacher*) ausdrücklich an- 
erkannt worden. Auch der Richtsteig Lehnrechts, die mitteldeutschen 
Übersetzungen, die Goslarer Statuten und das Berliner Stadtbuch 
haben das t Ob das v aber als f zu lesen ist, oder als w^ lässt sich 
aus den Handschriften nicht entscheiden. Die Berliner Hand- 
schrift, der Homeyer folgt, schreibt zwar hinter rf, s und t ein v 
(bezw. w) auch für w^ also dverge, sve und tvei^)^ sie setzt aber anderer- 
seits auch V für /*, z. B. untvangen (P 160). Aus ihr lässt sich also 
nichts ersehen, aber wenigstens steht sie der modernen mundartlichen 
Form nicht entgegen. Dasselbe gilt von dem durch Sachsse*) ab- 
gedruckten Cod. Pal. 167, der uppe oltuile U7ide uppe dtierge schreibt 
und ti sowohl für w wie für v und f verwendet. 

Anders scheint es beim ersten Anblick mit der von Lübben und 
von Alten herausgegebenen Oldenburger Bilderhandschrift des 
Ssp.^j zu sein. Sie schreibt unsere Stelle folgendermassen : Uppe alt- 
file unde dwerghe ne irsterft noch len noch erue noch tippe cropelskint. 
Hier ist ausser Zweifel, dass der Schreiber alt-file meinte. Die Olden- 
burger Hs. ist jedoch, wie schon R. Schröder') betont hat, als nieder- 



») Ndd. Korrbl. 5 (1880), S. 17 f. 

') Latendorf schreibt zwar in der Überschrift seiner Mitteilung und einmal 
im Text altvil^ wohl um mit der Überlieferung im £inklang zu bleiben, aber die 
heutige Form gibt er zwei Mal als altwil an. 

») a. a. 0. 

^) Worauf Höfer (S. 23 Anm.) seine Annahme stützt, dass Hom. die Schrei- 
bung der Hs. eigenmächtig und entgegen den guten Hdschr. geändert und v für 
w eingesetzt habe, ist nicht ersichtlich ; es hätte auch gar kein Grund hierfür vor- 
gelegen. Hom. sagt vielmehr Ssp. P, S. 99 ausdrücklich, dass er nur die unter- 
schiedslos gebrauchten v und u der Hs., je nachdem ein Konsonant oder Vokal 
folgt (also nach modernem Gebrauche) unterschieden habe. 

^) Sachsenspiegel od. Sächsisches Landrecht . . . mit Übersetzung . . . v. 
C. R. Sachsse. Heidelberg 1848. 

') Der Sachsenspiegel, Landrecht und Lehnrecht. Nach dem Oldenburger 
Codex picturatus von 1336 hrsg. v. A. Lübben. Mit Abbildungen in Lithogr. u. e. 
Vorwort zu denselben von F. v. Alten. Oldenburg 1879. Die Ausgabe soll zwar 
(nach V. Amira in den Abh. der Bayer. Ak. d. W., philos -philol. Kl. 22,2, S. 863 
Anm. 1) ziemlich fehlerhaft sein, aber mangels einer besseren müssen wir doch 
mit ihr operieren. 

') Litbl. f. germ. u. rom. Phil. 1 (1880), Sp. 327. Vgl. auch v. Amira in 
der Einl. zu seiner Faksimile-Ausg. der Dresdener Bilderhs. des Ssp. S. 9, Sp. 2. 



10 

deutsche Rückübersetzung einer hoclideutschen Vorlage für den Text 
des Sachsenspiegels von untergeordnetem Werte: ausserdem aber lässt 
sich wahrscheinlich machen, dass in der Vorlage sowohl altvile (altiiile) 
wie altßle gestanden haben kann. Auf S. VII der Vorrede von Lübben 
erfahren wir nämlich, dass in der Hs. v und w sich manchmal 
gegenseitig vertreten, dass aber vor und nach t regelmässig f stehe 
(ein Brauch, der sich auch sonst in ndd. Handschriften findet). 
Auf S. 22 steht aber doch utvaren und auf S. 34 lantvolk. Es 
scheint demnach, als ob das sonstige f hinter t auf Rechnung des 
Schreibers zu setzen ist, der eine gewisse Regelmässigkeit der 
Orthographie herstellen wollte, aber in diesen beiden Fällen nicht 
aufgepasst und das v der Vorlage unverändert übernommen hat. 
Dies wird um so wahrscheinlicher, als aus dem kritischen Apparate 
unter dem Texte auf S. 22 hervorgeht, dass in der Hs. vt- utvaren 
steht, also eine Doppelschreibung, welche die Unaufmersamkeit des 
Schreibers deutlich dartut. Auch noch eine andere Stelle ist geeignet, 
seine ünzuverlässigkeit ins Licht zu stellen. Auf S. 80 ist die Rede 
von dem Hof wart (Hofhund). Hof wart ^ das Lübben richtig in den 
Text gesetzt hat, steht aber nicht in der Handschrift, sondern honuart. 
Vermutlich stand in der Vorlage houiiart] der Schreiber las dies 
fälschlich als homiart und schrieb das Wort, das er wahrscheinlich 
nicht verstand, seiner irrigen Lesung entsprechend ab. Es hindert 
uns also nichts, anzunehmen, dass in der Vorlage des Old. Codex 
gestanden hat altvile oder altuile^ und dass der Schreiber in dem ihm 
unverständlichen Worte, seinem orthographischen Prinzipe getreu, für 
das V oder w, weil es hinter t stand, ein f einsetzte. Dass v oder u 
in der Vorlage auch für w stehen konnte, vielleicht auch immer stand, 
geht sowohl aus dem eben angeführten houuart hervor als auch aus 
Schreibungen wie an der veyde statt anderweide (S. 26) und umgekehrt 
wiyit statt vint (S. 42). Der Schreiber wollte die ii und v der Vorlage 
dem s. Z. herrschenden Gebrauche entsprechend umändern, hat dies 
aber hie und da vergessen oder sie falsch umgeändert. 

Demnach steht auch die Oldenburger Handschrift der modernen 
mundartlichen Form nicht im Wege. — Die Goslarer Statuten 
(s. 0.) haben: uppe altvile (Hs. C oltvile) tmde tippe dwerghe. Da 
sich aber auch in ihnen einige Stellen finden, wo v für w gesetzt ist 
und umgekehrt^), so lässt auch ihre Angabe sich mit der modernen 
Form altwil vereinigen. 

Das Berliner Stadtbuch (s. o.) schreibt: av altuile vnd dwerge; 
auch es verwendet v und u in der Regel für den Laut f oder b, doch 
steht S. 107 wolgeuunen gud u. z. bezeichnender Weise gewisser- 



*) Z. B. S. 83, Z. 2: vant statt want; Göschen hat want in den Text gesetzt, 
die Handschrift A aber, die auch altvile hat, bietet vant. S. 27, Z. 37 steht 
silvolde statt des gewöhnl. silwolde (vgl. Mnd. Wtb. 4, S. 467 f.). Umgekehrt hat 
Göschen S. 37, Z. 21 ghevunden in den Text gesetzt, während die Hs. A ghewunden 
schreibt; anstatt vüre (S. 65, Z. 24) steht in A wure\ auch S. 66, Z. 39 steht 
wunde doch wohl für funde. 



11 

massen in einem Zitat, nämlich bei der Wiedergabe eines Spruches, 
der bei Rückforderung gestohlener oder geraubter Sachen gesprochen 
wurde. In dem diesem Spruche folgenden Satze steht dann wol- 
(jeininnen. Man sieht also, dass der Schreiber sich bei der Anführung 
des Spruches an eine ältere Fassung hielt, und so mag es auch bei 
altuile gewesen sein. Jedenfalls ist im Berliner Stadtbuche die Lesung 
altwile (d. h. des u als ?/') nicht unmöglich. 

Der Rieht steig Lchnrechts hat altrile unde dwerge^) und 
setzt V nie für w (wenigstens, wenn H.'s Abdruck getreu ist). Aber 
er schreibt doch entfenien^)^ also sonst f nach t, behandelt demnach 
altvile doch auf besondere Art, d. h. er hat es vielleicht aus einer 
Vorlage, in der v auch für w stand, unverändert übernommen. 

Die md. Handschriften des Ssp., zu denen wir uns jetzt zu 
wenden haben, sind für unser Wort von besonderem Interesse. Hat 
man doch gerade durch sie beweisen wollen, dass die Form altwil 
falsch sei, sie müsste sonst in der Übersetzung alzwil lauten, denn 
dass die Übersetzer das Wort einfach unverändert aus dem Nieder- 
deutschen übernommen hätten, sei nicht anzunehmen^). Bereits 
Homeyer*) hat dieser Behauptung gegenüber mit vollem Recht auf 
das niederdeutsche dingslete^) hingewiesen, das gleichfalls unverändert 
in md. Fassungen, z. B. der Leipziger Hschr. (s. u.), der Quedlin- 
burger Hschr., sich findet, obgleich es einen viel ausgesprocheneren 
ndd. Charakter hatte als altvile und obwohl die Verhochdeutschung 
nach Analogie von herisliz gewiss nicht schwer war. Auch das mit 
(Umjslete verbundene unlust (Unruhe, Unaufmerksamkeit), das eben- 
falls sowohl in dem niederdeutschen wie in dem md. Texte steht, 
dürfte in letzteren einfach aus dem Niederdeutschen übernommen sein, 
denn es ist sonst hochdeutsch nicht sicher nachweisbar; die Belege, 
die Lexer in seinem Mhd. Handwörterbuche aus hd. Quellen dafür 
beibringt, sind sämtlich derart, dass in ihnen auch das hd. unhist, 
das mit dem in Rede stehenden nichts zu tun hat, enthalten sein 
kann. Dies unlust konnte um so eher in die md. Texte übergehen, 
als es sich mit dem gleichlautenden hd. Worte äusserlich völlig deckte 
und der Unterschied in der Bedeutung den Übersetzern wohl kaum 
zum Bewusstsein kam®). Vielleicht wäre hier auch das unten zu 
besprechende wiirt zu nennen. Besonders aber ist aufmerksam zu 
machen auf die Überschrift des 12. Artikels des 2. Buchs in der 



Homeyer, Ssp. II, 1, S. 520. 
2) Ebd. S. 535. 

») Vgl. Leverkus in Zschr. f. dt. Philol. 3, S. 319, und Höfer, Altv. i. Ssp. 
S. 25. 

*) Nach Höfer in Germ. N. R. 3, S. 418. Vgl. dazu auch Roethe, Die Reim- 
vorreden des Ssp. S. 75. 

^) Ssp. I, 59, 2. Es bedeutet „Störung des Gerichts durch vorzeitiges 
Weggehen**. 

•) Vgl. hierzu auch den Nachtrag auf S. 19. 



12 

ältesten Leipz. Hs., in deren Anfang (wie, uri, wo) die Worte wie und 
wo nach Hildebrand unübersetzt aus dem Nd. übernommen sind. 

Die Behauptung Höfers ^), dass, falls altvil unverändert in md. 
Fassungen übergegangen sei, dies nur in diesem einen Falle ge- 
schehen und fast ohne Beispiel sein würde, ist also durchaus hinfällg; 
es sind vielmehr Beispiele genug für ähnliche Übergänge vorhanden, 
und wir können ruhig die in md. Handschriften erscheinenden Formen 
des Wortes zur Feststellung seiner richtigen Gestalt verwerten. 

Die älteste Leipziger Handschrift des Ssp., abgedruckt von 
Weiske-Hildebrand^), schreibt: Uffe altvile (oder altuile, W. hat^) ii 
und V modernisiert) unde uffe twerge und verwendet i'> sonst nicht 
für w ausser in drei Fällen, die aber gerade sehr bezeichnend sind. 
In dem 34. Art. des 1. Buches, § 1, schreibt sie mrt für das mnd. 
tvurt (wort^ Hofstelle) und der Korrektor hat dies in tmrt gebessert*). 
Für dasselbe nd. Wort hat sie im 48. Art. des 2. Buches, § 5, wahr- 
scheinlich ursprünglich vourt gehabt, was der Korrektor wiederum in 
wtirt verbessert hat^). Ferner lautet der Schluss der Überschrift des 
29. Art. des 3. Buches in der Hs. : wer daz erbe teilen und verkisen 
sal. Für verkisen hat der Herausgeber natürlich richtig eingesetzt 
wer ktsen^). Die drei Fälle beweisen aber deutlich, einmal, dass in 
der Vorlage der Hs. v bezw. u auch für w gebraucht wurde, und 
zweitens, dass der Schreiber manchmal gedankenlos abschrieb, er 
wird also auch altvile so übernommen haben. 

Die Jenenser Handschrift des Richtsteigs Lehnrechts 
schreibt') altuile getwerge. Da sie sonst für v oder ic nie u schreibt, 
so ist klar, dass der Schreiber altuile aus der Vorlage übernahm, ohne 
es zu verstehen, sonst hätte er es seiner sonstigen Schreibweise ent- 
sprechend geschrieben. In der Vorlage aber konnte das ti sehr wohl 
auch für w stehen, somit ist also auch hier die Form altwile nicht 
ausgeschlossen. 

Die Dresdener Handschrift, die jetzt in der Faksimile- 
ausgabe von K. V. Amira vorliegt®), schreibt alt vilen^) und Höfer ^^) 
führt diese Form natürlich als für seine Deutung günstig an. Es 
mag auch wohl sein, dass dies ;,Alte Feilen^ bedeuten soll, d. h. 
dass der Schreiber sich das niederdeutsche altvile so zurecht legte. 



1) Altv. im Ssp. S. 25. 

*) Der Sachsenspiegel (Landrecht) nach der ältesten Leipziger Handschrift 
hrsg. V. J. Weiske. 5. Aufl. v. R. Hildebrand. Leipzig 1877. S. 5. (Die 6. Ausg. 
war mir nicht zugänglich.) 

s) Vgl. S. VIl der Vorrede. 

*) S. 20. 

ß) S. 64. 

•) S. 87. 

') Homeyer, Ssp. H, 1, S. 520. 

®) Die Dresdener Bilderhandschr. des Ssp. hrsg. v. Karl v. Amira. I. Lpz. 
1902. Fol. 

») Tafel 10 bei Amira. 

*<0 Germ. N. R. 3, S. 418. 



13 

Was aber seinen Deutungen für Wert beizumessen ist, das zeigt 
seine durchaus falsche Wiedergabe des oben erwähnten dingslete durch 
^Unrecht^^). 

Im Anschluss an die md. Formen des Wortes suchen wir uns 
am besten auch gleich mit den oberdeutschen Überlieferungen ab- 
zufinden. Da sind zunächst die beiden Stellen bei Fi schart^), wo 
einmal von Ältmlischen Flaschen und dann von Alttvilischer Cantzelij- 
scher Teiitischer Schrifftartlickeyt die Rede ist. Bereits Grimm ^) 
brachte diese Stellen mit unserm alttnl zusammen und meinte, alt- 
wilisch bedeute ;,seltsam, zwitterhaft*', ein Zusammenhang mit ;, Weile*' 
(Zeit) sei nicht anzunehmen. Sachlich wäre nun ein Zusammenhang 
mit Zeit durchaus nicht abzuweisen, denn ein Wort wie „vorzeitlich, 
vorsintflutlich** würde hier sehr wohl passen, aber einmal dürfte 
„Weile** in der Bedeutung, die es durch diese Zusammensetzung an- 
nehmen würde, nie üblich gewesen sein, so dass selbst ein Fischart sich 
dieselbe nicht hätte erlauben dürfen, und dann pflegt Fischart eben 
nicht Wile zu schreiben sondern Weile, er hätte also wohl altweilisch 
gesetzt, wenn er an Weile gedacht hätte. — Höfer hat nicht ernstlich 
versucht, die Fischartstellen zu erklären. Er sagt*): „Hat aber 
Fischart hier nicht 'weile' gemeint, so kann er an viel Anderes eher 
gedacht haben als an die ihm wahrscheinlicher verborgen gebliebene 
Korruption einer Sachsenspiegelhandschrift. Zudem ist zuversichtlich 
anzunehmen, dass Fischart das Wort in seiner wahren Gestalt und 
Bedeutung sehr wohl kannte, selbst gebrauchte und, falls ers im 
Sachsenspiegel oder sonst gelesen, auch verstanden haben würde.** 
Das sind nichtssagende Phrasen. Offenbar passten Höfer die Fischart- 
stellen sehr schlecht, weil durch sie das v als w erwiesen wird. — 
Ich glaube vielmehr, dass Fischart gerade, um etwas recht Seltsames 
zu bezeichnen, zu dem Ssp.-Wort gegriffen hat, das er vielleicht 
keineswegs, wie Höfer meint, ohne Weiteres verstand, sondern das 
ihm als das Urbild des Rätselhaften und Unverständlichen erschien. 
Darum bezeichnet er auch die Schreibart der Kanzlei, die bekanntlich 
auch heute noch oft schwer verständlich ist, als altwilisch. Und eben 
wegen der Dunkelheit des Wortes behielt er auch die niederdeutsche 
Form bei oder, richtiger gesagt, musste er sie beibehalten.^) Seine 
Schreibung stimmt, wie schon angedeutet, mit der Latendorfs überein. 

Es bleiben die drei bairischen Urkundenstellen, wo ver- 
mutlich einunddieselbe Person einmal Marquart Ältvil^) und zweimal 
Marchwart AltfiV) genannt wird. Hier ist nun allerdings der /"-Laut 



Tafel 34 bei v. Amira. 

*) Geschichtsklitt., hrsg. v. Alsleben (Hall. Neudrucke 66—71), S. 40 u. 41. 
^) Dt. Wtb. s. V. aUwüisch. 
*) Altv. im Ssp. S. 13 f. 

^) Dass er übrigens auch sonst sich vor ndd. Formen nicht scheute, beweisst 
die Form Liffkindecken, ebd. S. 36. 
•) Mon. Boica VII, 450. 
') Ebd. II, 344 u. VIIT, 428. 



14 

des V ausser Zweifel. Erklären können wir ihn aber vielleicht ebenso 
wie in der Dresdener Handschrift, nämlich durch Missverständnis: 
die besagte Persönlichkeit, von der wir sonst nichts wissen, stammte 
vielleicht entweder selbst aus Niederdeutschland oder ihre Vorfahren 
waren von dort nach Baiern eingewandert; der niederdeutsche Name 
Altwil (nach nd. Art Ältvil geschrieben) wurde dann in bairischem 
Munde als alt-vil, alt-fil aufgefasst^) und von dem bairischem Schreiber 
entsprechend geschrieben; möglich, dass man dabei an alt und file 
(feile) dachte^). Vielleicht ist aber auch K. J. Th. Haupt im Rechte, 
der^) annimmt, dass diese bair. Namen überhaupt mit unserm altwil 
gar nichts zu tun haben. Für diesen Fall könnte Björkman das 
Richtige treffen, der^) meint, dass der Name aus mlat. alphilus ver- 
deutscht bezw. volksetymologisch umgedeutet sei. Schliesslich könnten 
sie auch „Alte Feile* bedeuten; ein solcher Beiname, einem Manne 
aus irgend einem Grunde gegeben, wäre zwar nicht schön, aber doch 
denkbar. — 

Wir finden also, dass die durch Latendorf gebuchte moderne 
Form altioil mit der Überlieferung, soweit wir sie an der Hand des 
gedruckten Materials prüfen konnten, allerdings nur einmal (bei 
Fischart) zweifellos übereinstimmt, dass aber 8 von den 1 1 unter- 
suchten Fällen ihr nicht unbedingt entgegenstehen, d. h. dass sie 
ebensowohl für altioil wie für altvil (altfil) zeugen können. Von den 
zwei Fällen, die durchaus für f sprechen, ist das alt vilen in der Dres- 
dener Handschrift, wie wir gesehen haben, höchst verdächtig (auch 
durch das angefügte n, das sonst nirgends steht), und auch die bai- 
rischen Belege lassen sich nicht als beweisend anerkennen. Wir 
können also auch der geschriebenen Überlieferung gegenüber ohne 
Bedenken unserer Erklärung die Form altwil zugrunde legen, umso- 
mehr als dieselbe, wie wir sehen werden, auch eine durchaus be- 
friedigende Etymologie ermöglicht. 

Zunächst gibt uns Latendorfs Mitteilung aber auch unzweideutig 
die Bedeutung des Wortes. Es heisst darin: „Auf einer Bauern- 
versammlung in der Nähe von Schwerin hörte er [nämlich L.'s Ge- 
währsmann, der Advokat Groth aus Schwerin], wie sich die Land- 
leute darüber unterhielten, dass die Unterirdischen im Petersberg ein 
ungetauftes Kind gestohlen, und dafür eines der Ihrigen, ein alttoil 
untergeschoben hätten.* Bei den „Unterirdischen* haben wir zweifel- 
los an Alben, Eiben, Elfen zu denken, und so bestätigt sich 
die schon von Sachsse geahnte, von K. J. Th. Haupt mit vielen 
Sonderbarkeiten weiter verfolgte, auch von Höfer, Lübben, Woeste, 
Zacher und Björkman^) nicht geleugnete und von Rochholz ein- 
gehender begründete Beziehung der alttvile zu jenen Fabelwesen. 



*) über die bair. Ausspr. von fremdem v als / vgl. Weinhold, Bair. Gramm. 
S. 135, § 131. 

') Ob die einmal vorkommende ndd. Schreibung Marquart AUvil noch auf 
diesen ndd. Ursprung hindeutet, wage ich nicht zu entscheiden. 

'i a. a. 0. S. 255. 

*) Zs. i dt. Alt. 43, 1899, S. U6 ff. Vgl. unten S. 18, Anm. 5. 



15 

Altunl bezeichnet ein von den Elfen untergeschobenes Kind, einen 
Wechselbalg. Dass diese Bedeutung auch für die a. im Ssp. gut 
passt, leuchtet sofort ein, wenn man sich klar macht, dass die vom 
Volksglauben als Wechselbälge bezeichneten Geschöpfe nichts Anderes 
sind, als Kretins, d. h. an Körper und Geist zurückgebliebene, 
missgestaltete Personen, . wie sie in allen Gegenden mitunter vor- 
kommen. Eben weil die unglücklichen Eltern derselben nicht zugeben 
wollten, dass es ihre Kinder seien, bildet sich der Glaube aus, dass 
das echte Kind gestohlen und ein Elfenkind untergeschoben worden 
sei^). Dass der Verfasser des Ssp. oder genauer derjenige, der aus 
alten Rechtsüberlieferungen die Stelle über die a. in den Ssp. ein- 
setzte^), noch an Wechselbälge glaubte, ist durchaus nicht unwahr- 
scheinlich. Glaubte doch noch Luther daran*), wenn er sie auch 
nicht mit den Elfen sondern mit dem Teufel in Verbindung brachte. 
Dass mau die Kretins und sonstige Blödsinnige auch anderweitig mit 
elbischen Wesen in Beziehung setzte, hat Rochholz in seinem oben 
erwähnten Aufsatze durch Beispiele nachgewiesen. „Dar sin die elwen 
rmef^ wird in Westfalen von einem Besessenen gesagt, ein elbentrötsch 
„ist jener Aprilnarr, der sich gegen eine erdichtete Gefahr als Nacht- 
wache auf die Feldmark hinausstellen lässt^*). Zu der Bedeutung von 
a. als Elfenkind stimmt dann auch die Übersetzung neptunius (vgl. 
Wasserkopf). Weiterhin passen aber auch, da die Wechselbälge eben 
auch geistig verkrüppelte Geschöpfe sind, die sonst noch verwendeten 
Ausdrücke fatims, vanus, dommen hiden u. dgl. gut darauf. 

Ist demnach die Beziehung der a. zu den Elfen ausser Zweifel, 
so liegt nichts näher, als diese Beziehung auch in dem Namen selbst 
zu suchen. Dazu braucht man aber nicht mit Sachsse ein unmög- 
liches Deminutivum zu bilden, mit K. J. Th. Haupt eine weniger 
beglaubigte Lesart heranzuziehen oder mit Woeste eine Umstellung 
aus alftU anzunehmen. Sondern altwil ist einfach entstanden 
aus alftivil. Der erste Bestandteil, alf, Elfe, ist dann ohne Weiteres 
klar (über den Ausfall des f vgl. u.), und fiir das übrig bleibende 
twil bietet sich ungesucht die schon von Kosegarten hervorgehobene 
Bedeutung ^yZweig*', u. z. in dem Sinne von „Spross*. Ein alftunl 
ist dann ein Albenspross, ein Elfenkind, genau wie es sich aus der 
Latendorfschen Mitteilung ergeben hat. Ein direkter Beleg für die 
Verwendung von twil für ;,Spros8^ fehlt mir zwar; ich weiss wohl, 
dass tml(l) ursprünglich, als Ableitung von twS, eine Astgabelung 
bezeichnet (so heute noch als twäl im Mecklenburgischen), aber da- 
neben bestand schon im Mnd. die Bedeutung von Ast oder Zweig 
schlechthin; dies geht hervor aus Bildungen wie twillstern „viele 
Nebensprossen treiben^, twiilstric/, was viele Nebensprossen hat*), 



*) Vgl. Ploss, Das Kind 1*, S. 118 f. Wuttke, Der deutsche Volksaber- 
glaube ^ S. 383 f. 

2) Vgl. Sachsse in der Zschr. f. dt. Recht 14, S. 2. 
8) Vgl. Tischreden (Ausg. v. Kroker) S. 198, Nr. 352. 
Zschr. f. dt. Phüol. 3, R. 336 f. u. 340. 
Brem. Wtb. 5, S. 141. 



? 



16 

dretwelt ;,dreigeteilt*'^). Man kann also ohne besonderen Zwang für 
twil die Bedeutung ;,Spross" annehmen, jedenfalls nicht mit mehr 
Zwang als man zur Annahme der früheren Erklärungen nötig hat. 
Hat doch das Wort ;, Zweig* dieselbe Bedeutungsentwickelung durch- 
gemacht. Auch daran, dass im heutigen Mecklenburgischen das Wort 
twäl lautet, braucht man keinen Anstoss zu nehmen, denn als zweiter, 
minder betonter Bestandteil eines Kompositums konnte sich die alte 
Form mit kurzem i wohl erhalten^) Bemerkenswert ist allerdings, 
dass a. in L.'s Mitteilung sächlichen Geschlechtes ist (Akk.: ein altwil)^ 
während twil und twäl sonst durchaus männlich sind. Aber von Be- 
deutung ist auch dies nicht, denn einmal kam es L. und seinem 
Gewährsmann sicher weit mehr auf die Form des Wortes und seine 
Existenz überhaupt an als auf sein grammatisches Geschlecht, sodass 
in Bezug auf letzteres wohl ein Irrtum unterlaufen konnte, dann aber 
ist auch ein Übergang des Kompositums in das sächliche Geschlecht 
keinesweges ausgeschlossen wegen der Analogiewirkung von ^das 
Kind*; ähnlich wird ja in Norddeutschland für das Kind auch das 
Balg und das Wurm gesagt. Aus dem Sachsenspiegel und den 
anderen Stellen, wo a. überliefert ist, lässt sich das Geschlecht nicht 
ersehen. 

Ist so die Bedeutung von twil aufgeklärt, so bleibt noch übrig, 
den Ausfall von f im ersten Teile des Wortes zu rechtfertigen. Es 
gibt mehrere niederdeutsche Appellativa, die mit alf, elf zusammen- 
gesetzt sind, Kosegarten ^) führt an: alfhofj elfklatte, alfranken, alfriide^ 
alftost^). In keinem derselben schwindet das f, aber es bietet auch 
nur das eine alftost dieselbe Konsonantenverbindung wie *alftivil, 
folglich darf streng genommen nur dies zum Vergleiche herangezogen 
werden. Kosegarten hat das Wort aus Schellers handschriftlichem 
Sassisch-Niederdeutschem Wörterbuche, das besonders die Mundart 
der Braunschweiger Gegend berücksichtigt. Ich habe nun einen 
Kenner der ostfälischen Mundart, Herrn Th. Reiche in Braunschweig, 
gefragt, ob das Wort vielleicht auch altost gesprochen würde, aber 
von ihm erfahren, dass es ihm überhaupt unbekannt ist und dass 
Scheller (wie übrigens schon Kosegarten auf S. X/XI seines Wörter- 
buches betont hat) sehr unzuverlässig ist. Mit Sicherheit kennen 
wir demnach keine mit alf zusammengesetzten Appellative, welche 
dieselbe Konsonantenverbindung aufweisen wie *alftwil, und können 
deshalb aus dem bei den anderen erhaltenen f nichts gegen unsere 
Ableitung folgern. Dagegen lässt sich ein Ausfall von f belegen 
durch den niederdeutschen Ortsnamen Älstedde (Regierungsbez. Münster), 
der früher Älfstide, Älfstedi lautete^). In mittel- und oberdeutschen 

») Mnd. Wtb. 1, 574. 

*) In ähnlicher Weise beisst in Thüringen rechts der Saale nicht weit von 
Jena die Herbstzeitlose Oksenbiddl, während sonst die ganze Gegend baidl (Beutel) 
spricht. 

») Nd. Wtb. S. 226 f. 

^) Weitere sind mir nicht bekannt geworden. 

^) Vgl. Friedländer, Die Heberegister des Kl. Freckenhorst (Münster 1872), 
S. 49, und Erhard, Reg. Hist. Westfaliae 1, Cod. dipl. Nr. 103b. 



17 

Gegenden finden sich weitere Beispiele für den Verlust von f nach /; 
z. B. liudolstadt, dann Wolsfeld (10. Jh. Wolfesfelt^) bei Trier, Wol- 
kramshausen (aus Wolfgrhneshusen^)\ Wolfskirchen im Unter -Elsass 
heisst mundartlich Wolschkirche^), Nun darf man ja die bei Orts- 
namen und Eigennamen überhaupt vor sich gehenden Lautwandelungen 
nicht ohne weiteres auch für Appellativa annehmen, aber ich meine 
doch, dass ein Name wie Alfstedde, bei dem das alfj genau wie bei 
^alffwil, an betonter Stelle steht, schwer ins Gewicht fällt. Ferner 
schreibt John Brinkman*) sülstig für sülfstig, damit ist also der Ausfall 
auch anderweitig, wenn auch nur im modernen Niederdeutschen, belegt. 
Zum Schwunde des f gerade bei *alftivil könnte auch das nur durch 
das t von dem f getrennte, ihm nahe verwandte w beigetragen haben, 
indessen wäre dieser Konkurrenz wohl eher das w zum Opfer ge- 
fallen. — Möglicherweise liegt die Sache aber auch etwas anders. 
Statt alf erscheint nämlich in nd. Kompositis, entgegen der Regel, 
wonach auslautendes b im Niederdeutschen stets zu f wird, auch alb, 
sogar alh, z. B. Albdag als Name eines Grafen in Friesland ^), alhrun^ 
alhker ebenfalls als Personennamen®). Altwil könnte sonach auch 
auf ^albtwil oder "^alhtwil zurückgehen. Ausfall des b (oder vielleicht 
besser Angleichung desselben an das l) Hesse sich ebenfalls durch das 
oben erwähnte Alstedde belegen, für das im 9. und 10. Jahrh. auch 
Alhsteti vorkommen solF). Auch die Namensform Aldach^) könnte man 
dafür herbeiziehen, falls diese aus Albdach (Albdag) und nicht, wie 
Kosegarten meint, aus Adeldach verkürzt ist^). Für den Schwund 
oder die Angleichung von b wäre vielleicht anzuführen swahj swdl(e)ke 
aus swalewe u. s. w., denn das dort verschwundene w ist ja von b 
im Nd. nicht allzu verschieden, auch hellinc aus helbelinc^^)^ ganz 
besonders aber der oben erwähnte Name alhnm, falls dieser mit 
almna, Alraune, identisch ist. Gewöhnlich wird das al- letzteren 
Wortes ja mit all ^omnis*' zusammengebracht und das Ganze dem- 



*) Förstemann, Altdt. Namenbuch 2^ 1645. 

«) Ebd. 1646. 

*) Das Reichsld. Els.-Lothr., herausg. v. Statist. Biireau des Minist, f. E.-L., 
3, Sp. 1227. 

*) Sämtl. Werke 1 (Berlin, Werther 1900), S. 152. 

») Mon. Germ. 1, 38 b. 

*) Crecelius, Collectae ad augendam nom. propr. sax. et fris, scientiam 
spectantes III a, S. (>8. 

') Förstemann, Namenbuch 2*, S. 55. Doch habe ich den Namen an den 
von F. angegebenen Stellen vergeblich gesucht. 

») Kosegarten, Nd. Wtb. S. 210. 

*) Mittel- und oberdeutsche Zusammensetzungen zeigen selbstverständlich 
immer die Form alb oder alp, so albleich, albschoss, albrass, alpthonar; auch hier 
erhält sich das b (p), wie im Nd. das /» aber auch hier findet sich in anderen 
Verbindungen Schwund desselben: so ist ÄUgäu entstanden aus Albgäu (vgl. Mon. 
Boica 23, 214 und Baumann, Gesch. des Allgäus), der Ort Ältertheim bei Würz- 
burg wird im 11. Jahrh. Albdrudeheim genannt (Dronke, Cod. dipl. Fuld. Nr. 323 
wozu zu vergleichen Mühlbacher, Register der Karolinger 1 ^ S. 260) ; ferner vgl. 
thüringisch saldhi für selbthier (Hertel, Thür. Sprachschatz S. 227), 

10; Vgl. Roethe, Reimvorreden des Ssp. S. 94, und Lexers Wtb. I, Sp. 1228. 

Niederdentsohes Jahrbuch XXXI. 9 



18 

gemäss wiedergegeben „alle Geheimnisse kennend^ ^). Die ahd. 
Nebenform alarun und heutige Dialektformen, wie schweizerisch 
alerune u. dgl., berechtigen auch dazu. Aber daneben stehen die von 
Kosegarten ^) und Woeste^) erwähnten alhrünerij deren Wesen und 
Treiben sich mit dem der Alraunen so vollkommen deckt, dass man 
kaum umhin kann, sie mit diesen zu identifizieren. So hält denn 
auch Schwyzer*) den durch Wackernagels treffende Konjektur in den 
Text von Tacitus Germania (Kap. 8) eingesetzten Frauennamen Albruna 
für eins mit Alraune und übersetzt ihn: „Mit der göttlichen Zauber- 
kraft der Elfe begabt*^. Wahrscheinlich sind sowohl alaruna wie 
albruna in dem Worte alruna, Alraune, zusammengeflossen, dies bleibt 
aber auch dann eine wertvolle Stütze unserer Ableitung von altwil. 
Jedenfalls ergibt sich aus den obigen Beispielen, dass die Ent- 
stehung von altml aus *alftml oder "^albtwil (^alhtunl) lautlich sehr 
wohl möglich ist. Da diese Ableitung ausserdem mit der durch 
Latendorfs Mitteilung gesicherten sachlichen Bedeutung des Wortes 
aufs Beste übereinstimmt, so glaube ich, dass sie der Wahrheit näher 
kommt als die bisher vorgetragenen Etymologien. Sollte ich doch 
das Richtige nicht getroffen haben, so würde es mich freuen, wenn 
ein Glücklicherer, durch meine Untersuchungen angeregt, endgültiges 
Licht über diese uralte Bezeichnung verbreitete^). 



*) Vgl. Schrader, Reallex. der idg. Altertumsk. S. 36. 

2) j^d. Wtb. S. 205. 

») Westf. Wtb. S. 4. 

*) Tacitus Germania herausg. v. Schweizer - Sidler, 6. Aufl. v. Schwyzer 
(19a2), S. 19. 

^) Nachtrag zu S. 8. Erst während der Korrektur bin ich auf Björkmans 
Äusserungen über a, (Zs. f. d. Alt. 43, 1899, S. 146—150) aufmerksam geworden. 
Er weist hin auf die Ähnlichkeit desselben mit mlat. alphilus, alphinus „Läufer im 
Schachspiel". Dieser sei in Deutschland umgedeutet worden zum „Alten**, in 
Frankreich zum „Narren". Andrerseits habe sich auch in Deutschland die Ent- 
wickelung zu „Narr" einstellen können, da eine Wurzel *a2b- »Tor, Narr" höchst 
wahrscheinlich vorhanden gewesen sei. alphilus bezw. *aUfilus seien zur Zeit der 
Überlieferung des Ssp. in Deutschland wegen der Popularität des Schachspiels 
möglicherweise geläufige Wörter gewesen. Sollte aber der betr. Vers älter sein 
als die Zeit, in der das Schachspiel nach Deutschland kam, so habe wahrscheinlich 
an der Stelle ursprünglich ein mit *aZb- zusammengesetztes Wort gestanden, das 
als „elbisches Wesen, Wechselbalg" gedeutet worden sei oder von vornherein diese 
Bedeutung gehabt habe. Dies sei dann später mit dem in seiner Bedeutung von 
der genannten Wurzel *a?t)- beeinflussten mlat. alphilus bezw. *alhfilus identifiziert 
worden. B.'s Vermutung berührt sich, wie man sieht, mit der schon erwähnten 
Andeutung von Woeste. Auch v. d. Linde (Gesch. u. Lit. des Schachsp. 2, S. 168) 
hat schon alphilus mit Ältfil zusammengebracht und bereits J. K. C. Nachtigall 
fragt (Deutsche Monatsschr. 1797, Juni, S. 106), ob Alficus (so!) vielleicht von dem 
deutschen Alp herkomme, ohne jedoch von altvil zu sprechen. Um B.'s Vor- 
schlag annehmbar zu machen, müsste vor allen Dingen die Geläufigkeit von alphilus 
usw. für die damalige Zeit in Deutschland erwiesen sein. Das ist sie aber nicht, 
nicht einmal als deutsche Bezeichnung für den Läufer im Schachspiel ist alfil 
gebräuchlich, es heisst auch nicht einmal „Narr", sondern „der Alte, Schütze, 
doppelter Söldner", auch „Hund" soll vorgekommen sein (vgl. K. G. Anton im 
Allg. Lit. Anzeiger 1798, Sp. 545—550). Und selbst wenn man „der Alte" für 



19 

aus aJphtlus entstanden hält, so beweist dies noch nichts für die Entwickelung des 
Wortes nach „Narr" hin, eine solche ist aber für altvil nötig. Die einzige Stütze 
für die Annahme letzterer Bedeutungsentwickelung ist eben das zu erklärende 
Wort, wir können deshalb B.'s Hoffnung, dass sein Vorschlag vielleicht zur end- 
gültigen Lösung des Problems führen könnte, nicht als begründet ansehen. 

Nachtrag zu S. 11. Ähnlich äussert sich auch Roethe in der S. 11, 
Anm. 4 augeführten Schrift S. 89. Die ganze Frage der Behandlung dieser Wörter 
in den md. Handschriften wird durch seine Annahme, dass dingslete, unlust usw. 
alte, schon damals z. T. nicht mehr verstandene Eechtsausdrücke waren, am besten 
gelöst. Zu diesen gehört eben auch altvil, das Roethe natürlich nicht erwähnt, 
weil er sich nur mit dem Texte Eikes beschäftigte. 

STRASSBURG i. E. F. MentZ. 



Dat Ei ^vas int^vei. 



Die Redensarten: Dat Ei was intwei (titschen de ollen Frün'fi) 
„das Ei war entzwei (zwischen den alten Freunden)^ = Das Ein- 
vernehmen war gestört, das Band war zerrissen, und: Dat Ei brecht 
intwei, „bricht entzwei*' = die Freundschaft ist vorbei sind von 
C. Fr. Müller, Der Mecklenburger Volksmund in Fritz Reuters Schriften 
Nr. 156 (S. 24) nicht erklärt. Auch Ernst Brandes, Zur Sprache 
Fritz Reuters (Zschr, f. d. Unterr. Bd. XVIII, S. 492) weiss sie 
nicht zu deuten. Meines Erachtens beziehen sie sich auf eine alte 
Fabel, die sich schon in der lateinischen Sammlung des Romulus 
als Nr. 42 (s. Hervieux, Les fabulistes 2, 595) findet und von Gerhard 
von Minden (Ausgabe von Leitzmann Nr. 104), sowie im Magdeburger 
Äsop (Gerhard von Minden von W. Seelmann Nr 41) bearbeitet ist. 
Der Inhalt ist folgender: 

Ein Mann beherbergt einen Drachen in seinem Hause, und beide 
halten treue Freundschaft. Als der Drache eines Tages in ein fremdes 
Land ziehen will, vertraut er dem Manne seinen Schatz und dazu ein 
Ei. Er bittet ihn, es sorglich zu hüten, denn, wenn es zerbrochen 
werde, so verliere er damit sein Leben. Kaum ist der Drache fort- 
geflogen, so zerbricht der Mann das Ei, um in den Besitz des 
Schatzes zu gelangen. Sogleich erscheint der Drache wieder und 
erklärt, dass er durch Übergabe des Eies, das ein gewöhnliches 
Kranichei sei, nur seine Treue habe prüfen wollen. Nun sei es mit 
der Freundschaft vorbei. Gerhard schliesst die Fabel mit der Moral: 

„Pröve, wem du löven tvidt, 
so heft din love gine sclmlt, 
ive dem jenen, de bedrückt 
sinen mint! de schrift nicht enlücht.^ 

NORTHEIM. Robert Sprenger. 



20 



Eine Sammlang plattdeutsclier Sprichwörter und Kernsprüclie 
nebst Erzälilungsbrnclistilcken von John ßrinckman. 



Als Suphan unlängst über den Entwurf Goethes zu einem Werke 
über Italien Mitteilungen veröffentlichte, sagte er unter Anderm: ;,Ein 
Interesse an der Volkskunde Hess den Dichter die Sprichwörter genau 
beachten, aus denen er Charakter, Art und Sitten der Menschen zu 
erkennen glaubte.^ 

Aus dem gleichen Grunde schenkte Brinckman den Sprichwörtern 
seiner mecklenburgischen Heimat besondere Aufmerksamkeit. Aber 
auch das Interesse des Schriftstellers leitete ihn: Er sammelte volks- 
tümliche Redewendungen und Sprichwörter, um sie in seinen platt- 
deutschen Erzählungen an geeigneter Stelle zu verwenden. ^) 

Das ist ganz deutlich erkennbar, wenn man ein altes Schul- 
notizbuch Brinckmans vom Sommer 1854 zur Hand nimmt. Da finden 
sich u. a. die ersten Niederschriften von Kasper-Ohm^), sowie von 
den Gedichten „De Fastelabendspredigt" ^) und „Dat Leed vun dat 
Pack''^). Auf den letzten Seiten des Notizbuches aber stehen eine 
Reihe charakteristischer Ausdrücke, Redensarten, Sprichwörter, wie 
sie dem Autor gelegentlich einfielen. Er notierte sie mit Bleistift und, 
wenn sie benutzt waren, wurden sie von ihm durchstrichen. 

Diese erste Sammlung setzte der Dichter weiter fort, bis sie 
endlich zu einem abgerundeten Ganzen sich entwickelt hatte. Dann 
schrieb er sie in der Absicht einer Veröffentlichung nieder. 

In dem Manuskript des Generalrheders, das ich Dank der 
Freundlichkeit des Brinckman -Verlegers Herrn Wilhelm Werther- 
Rostock benutzen durfte, fand ich am Ende des Heftes jene Zusammen- 
stellung unter dem Titel: „Mecklenburgischer Volksspiegel''. Die 
Sammlung umfasst 264 Nummern mit einigen Nachträgen. Es lässt 
sich leicht nachweisen, dass sie im zweiten Lustrum der fünfziger 
Jahre entstanden ist. In meiner Hand befindet sich eine Rede, m*it 
der Brinckman in Güstrow die Vorträge eines Vereins zu wissen- 
schaftlicher Unterhaltung eröffnet hat. Aus mehreren Hinweisen, 
z. B. auf Ernst Bolls Geschichte Mecklenburgs (1. Teil 1855, 2. Teil 
1856), ergiebt sich, dass der Verein in der zweiten Hälfte der fünf- 



^) Vgl. auch Reuters Werke hrsg. von W. Seelmann. Bd. 1. Einleitung. S. 62*. 

2) Erschienen 1855. 

8) Vagel Grip, 1859, S. 140 ff. 



21 

ziger Jahre begründet sein muss. Am Schlüsse dieser ungedruckten 
Rede heisst es: 

„Der ihr (der mecklenburgischen Mundart) erb- und eigentümlich 
angehörende Hausschatz an Sprichwörtern und Kernsprüchen ist 
unerschöpflich, und sie erinnern in ihrer kaustischen Scblagfertigkeit, 
ihrer plastischen Rundung, ihrer gründlichen Welt- und Herzenskunde 
nicht selten an die mit Recht gepriesene Spruchweisheit der Hindus.^ 
Im Anschluss hieran steht im Manuskript der durchstrichene Satz: 
;,Um aber Ihre Geduld nicht allzuscharf auf die Probe zu stellen, 
gestatte ich mir hier abzubrechen und möchte Ihnen nur noch zum 
Schluss einen kurzen Versuch vorlegen, worin einige jener Sprüche, 
wie ich glaube, rein plattdeutsch gedacht und in echt volkstümlicher 
Weise zur Anwendung kommen." 

Die Entstehungszeit der Sammlung ist also erwiesen und in 
Verbindung damit lässt sich nun auch feststellen, dass Brinckman 
den erst 1886, sechzehn Jahre nach seinem Tode veröffentlichten 
Generalrheder schon etwa 30 Jahre vorher geschrieben hat! Hiermit 
steht in Einklang, dass das Manuskript des Generalrheders von 
Brinckmans eigener Hand stammt, während die nach 1860 ent- 
standenen Erzählungen in ihrer druckfertigen Fassung meist von der 
Gattin des Dichters niedergeschrieben wurden; so namentlich auch 
der Roman ;,Von Anno Toback*', der im Brinckman-Nachlass zur 
Veröffentlichung kommt, und der sich als eine Erweiteining des 
Generalrheders darstellt. 

Die vollständige Mitteilung der Sprichwörter-Sammlung ist aus 
sachlichen und persönlichen Gründen geboten. Es finden sich Sprüche 
darin, die selbst in dem grossen deutschen Sprichwörter-Lexikon von 
Wander fehlen. Für zahlreiche andere wird die dort nicht erwähnte 
plattdeutsche Form festgestellt und das Vorkommen in Mecklenburg 
erwiesen. Die Veröffentlichung empfiehlt sich aber auch wegen der 
Person des Dichters, der jene Sprichwörter gesammelt und sie in 
seinen Schriften mannigfach benutzt hat. 

An die Sammlung aus dem Heft des Generalrheders füge ich 
Ausdrücke und Redensarten an, die Brinckman im Schulnotizbuch 
vom Sommer 1854 mit Bleistift notiert hat. 

Und in diesem Zusammenhange mögen einige unbekannte Bruch- 
stücke des Dichters folgen. Wie die Skizze und das unvollendete 
Werk eines Malers grade in die Technik seines Schaffens Einblick 
gewähren, wird man auch in den Erzählungsfragmenten noch mit 
grösserer Schärfe die Arbeitsweise des Dichters erkennen. Die beiden 
ersten Bruchstücke, zwei ländliche Idyllen, fanden sich als schwer 
leserliche Bleistiftskizzen in dem mehrfach erwähnten Notizbuch. Die 
beiden andern stehen auf Einzelblättern. Ich verdanke die kleinen 
Entwürfe den Söhnen des Dichters, Herrn Konsul Max Brinckman- 
Harburg und den Herren Franz und August Brinckman in Hamburg. 

An der Orthographie ist keine Änderung vorgenommen. 



22 



I. Mecklenburgischer Volksspiegel aus plattdeufscben Sprichwörtern 

und Eernsprüclien. 

Gesammelt und herausgegeben von John Brinckman. 

1. Kloppt man an, so wad juch updahn, sär de Dehw, schlöhg een 
Fack in un stöhl sick 'n Hahmel. 

2. Wenn de Prache keen Glück hebben schall, velüst he dat Brot 
uht de Kiep. 

3. Wat ick nich weet, mahkt mi nich heet. 

4. 'N bäten schehw is liekers lehw. 

5. Äwer Krüz höllt dubbelt, harr de Jung segt, harr sick Zucke 
up'n Honnig streugt. 

6. Rennlichkeit möht sien, sär de Dagläunesch, un fegt den Disch 
mit 'n Bessen. 

7. Mank dei Dehw möht man nich von Galgen un Rad spräken. 

8. Ümkiehrt is ook führt un umführt is dubbelt führt. 

9. Wenn de Kugel ierst uht den Lohp rut is, hührt sei den 
Düwel to. 

10. Klook Lühr fast ehr Dohk an fief Zippeis. 

11. Een Hew ick is bäte as tein Harr' ick. 

12. Wat de Pap nich will, nimmt de Koste. 

13. Wer anne Lühr achte'n Aben söcht, hett sülst all mal achte 
säten. 

14. Wenn man de Pogg perrt, denn quarrts. 

15. De Koh vegett ümme, dat se Kalw wäst is. 

16. In't Berr en warmes Jumfernbeen is bäte as tein heete Steen. 

17. Wer an dat Lütt nich nohg hett, hett an Nicks nich nohg. 

18. Unglück hett jümme 'ne scharp Tung. 

19. Dahgs Oss un Nachts Bull, sär Koste Pickhamel, as de Preiste 
werre friegen wull. 

20. Suhrkohl un Speck is goht för'n Smidt, man nich för'n Sniere. 

21. Teilt Schaap frett ook de Wulf. 

22. Nu will wi mahl seihn, sär de Blinn, wua de Lahm danzt. 
• 23. Wat keen Küken warrn schall, kümmt in de Pann. 

24. Jug Dag is ook man Nacht, sär de Blinn to den Dohwen un 
den Stamelbuck. 

25. Wer kegeln will, möht ook upsetten. 

26. Wat ne Nettel warrn will, brennt bi Tieden. 

27. Doa hühren stark Behn tau, goht Glück tau drägen. 

28. Ick kann an mien Nahwe sien Bären sehn, wenn mien riep 
sünd. 

29. Liehr du mi Kuhlboarss kennen, min Vahre is Fische wäst. 

30. Vespräken is adlich, hellen buhrsch. 

31. 'N Ei is 'n Ei, sär de Pap un langt nah dat Gohsei. 

32. Hoflfoahrt möht Pien lieden. 

33. Klook Häuhne legt ook mennigmal in't Nettel. 



23 

34. Wat 'n Haken warrn will, dat böhgt sick von sülst. 

35. Wer de Katt in'n Sack köfft, veköflft ook de Koh för'n Kahv. 

36. Wer 't nich in'n Kopp hett, möht 't in dei Behn hebben. 

37. De Fühl dregt sick doht un de Flietig löpt sick doht. 

38. Fett swemmt baben. 

39. In'n lerrigen Bädelsack steckt oft miehr Glück in, as söss Pier 
von 'n Eddelhoff trecken. 

40. Wenn dei Schötteln lerrig sünd, hett de Mund Fierabend. 

41. Meunigmal bitt de Tung scharpe as dei Tähn. 

42. Wenn't Supp rägent, sünd dei meisten Schöttels umstülpt. 

43. Dat is all man uht Lehw, sär de Schult, harr sien Fru mit de 
Rung' äwe'n Brägen slahn. 

44. Jere Dehw hett sienen Griff, sär Koste Rohd, dünn lähwt he 
noch. 

45. Alltau grahr, is ook man Schahr. 

46. Wer jümme up sien Kopp bisteiht, de kümmt ook woU tauletzt 
up'n Kopp tau stahn. 

47. W^er kümmt in Dokters Hannen, 
de kümmt ook bald tau Ennen. 

48. Wua de Tuhn am siedsten^) is, is am liebsten äwestiegen. 

49. Wer weet, wuahen he gähn sali un wua he gähn möht, is all 
halw doa. 

50. Dat Backen geiht gaut, äwest dat Anrühren. 

51. Wen de Kau tauhührt, de fast se ook an 'n Swauz. 

52. Hüht wad't 'n heeten Dag — sär de Hex — as se vebrennt 
warrn schüU. 

53. He biert man sau, äwest he farkt^) nich. 

54. Wua Holt haut wad, fallen Spöhn. 

55. Reden is keen Gold un von 'n Snack lett sick Nicks hahlen. 

56. Murjahn was 'n olt Hund un müsst sick doch geben. 

57. Wua uns dat gähn möht, sär de Rossappel tum Gravensteine, 
dünn legen's beir in de Pütt. 

58. Wua geiht dat uns arm Rostocke Kinne hia an Buhrd, sär de 
Kajütenwächte to den Pudel un roahrt, ick krieg Slähg un du 
möhst Knaken freten. 

59. Wat achte 'n Tuhn jung wad, wad up de Landstraat olt un 
an'n Galgen kolt. 

60. Is keen Pott sau scheef, hett doch sien Stülp. 

61. Pack sleit sick. Pack vedregt sick. 

62. Den Een sien Uhl is den Annen sien Nachtigal. 

63. Weck Lühr ehr Kuhrn is anne Lühr ehr Kaff. 

64. Wenn de Kauh doht is, wad de Stall buhgt. 

65. Wat kümmt, dat gelt, all dat Anne dühst nich. 

66. Von 'n Ossen kann man nich miehr as Rindfleesch velangen. 

67. Is keen ring Punt wat de Katt mahkt. 



*) niedrigsten. *) Ferkel kriegen. 



24 

68. Wer sien N . . . s uhtlehnt, möht dörch dei Rippen seh 

69. 'N bäten driest is nich uhtveschamt. 

70. Je duUe se schriegt, je iehre se friegt. 

71. Wat 'n gauren Haken werrn will, böhgt sick von sülst. 

72. Dat kümmt von de lang Predigt, sär de Preeste, harr sick 
dei Bücksen vuU dahn. 

73. Hew di man nich sau — sär de Hahn tau de Marrick — dien 
Vahre hett dat ook all sau gähn. 

74. Sonn Muhl sonn Snack, sonn N — s sonn K — ck. 

75. Gröhn Christnacht, witt Ostern. 

76. Wenn man den Düwel an de Wand mahlt, steiht he all in de 
Huhsdöhr. — Oder: 

77. Wenn man von 'n Wulf spreckt, is he nich wiet aw. 

78. Man nich sau ängstlich, sär de Ahreboahr tau de Pogg, dat is 
gliek äwe. — Oder: 

79. Dat is man 'n Aewegang, harr de Kähksch tau den Aal seggt, 
harr em awtreckt. 

80. Slachte, Garwe, Schinne 
Sund Swestebrohre Kinne. 

81. Klauk Oogen sehn vähl, wat ne klauk Tung nich nahseggt. 

82. Wat 'n rechten Sniere is, wegt vull sähen Punt, un wenn he 
dat nich wägen deiht, denn is he nich gesund. 

83. Jidwe Amt hett sien Last, sär de Voss, güng nah'n Häunestall. 

84. April kolt un natt mahkt hühpend Föhre ^) un hühpend Vatt. 

85. Ben Dühwel is ümme äwe'n annern, sär de awsett Koste tau 
den Preeste, as de Suprintndent kehm. 

86. Na, denn helpt dat nich! sär de Dühwel tau Toppstäten. 

87. Je luhsige, je muhsige. 

88. Wenn de Pott äwe den Kätel lacht, wat schall denn de Kell 
dohn. 

89. Ne will Diern is sau swär tau häuden as 'n Sack vull Fläuh. 

90. Vesöhk mahkt klauk Lühr, man keen riek Lühr. 

91. Wer doa lang hen geiht, de mahkt dat lang. 

92. Holl di Kopp un Pöten warm, 
Slah ook nich tau vull dei Darm, 
Holl de Achtedöhr di apen, 

Wat Leegs schall di denn bedrahpen? 

93. Pack sleit sick, Pack vedregt sick. (Vgl. 61.) 

94. Wenn de Hunge den Döst friegt, sprekt de Düwel den Segen. 

95. Wenn dei Wiewe dull roarn, denn hewt sei nicks Gaurs in'u 
Sinn. 

96. Mit dat Allemeist is dei Meisten dehnt. 

97. Dei ollen Bück hewt dei stiewsten Hührn. 

98. Unwennt Arbeit bringt Kwesen. 

99. Jerst Ohm, denn Ohm's Kind. 



*) gehäuftes Fuder. 



25 

100. Wenn 't ook alle-Joahr man een is, tauletzt helpt sick't doch. 

101. Mann's Hand hürt haben. 

102. Väjil Swien mahkt den Drank dünn. 

103. Ick hew 'n gohren Woahrsegge, sär de Käksch to den Slachter, 
dünn halt se den Däsen^). 

104. Wat Een hett, dat weet man woll, man nich wat Een krigt. 

105. Keen Antwurt ig ook een. 

106. Märzsnee deiht de Saat weh. 

107. Frugensrat un Röwsaat gerött man alle sähen Jahr. 

108. Fühl Lür kamt up 'n gülden Stohl. 

109. Frugensarbeit is behenn, äwe ahn Enn. 

110. Wenn de Frugens waschen un backen, 
Hebbens den Deubel in'n Nacken. 

111. All wat nich is, kann man ook Nicks von seggen. 

112. Wat nich soet't, mag jo woll sürn. 

113. Wat nich is dat is nich, kann äwest noch warrn. 

114. Kloksnacken geiht lang got, äwest 't Anhürn. 

115. Wen nich kümmt to rechte Tiet, 
De geiht ok de Mahltiet quit. 

116. Spei in't Für, piss inne Bür. (Bure = Bettbezug.) 

117. Kinnemaat un Kalwemaat möt oll Lür weten. 

118. De Fru un de Aw*) hürt in de Stuw. 

119. Wen dei letzten Druppen ut de Kaun hebben will, föllt de 
Deckel up de Näs'. 

120. Lütt Lür grot Uhren. 

121. Irst 'ne Näs' un denn 'ne Brill, irst 'ne Parr un denn 'ne 
Quarr ^). 

122. De lütten Teckels zachern^) am dullsten. 

123. Hungrig Mag un döstig Tung'n 
Hewt beir all snurrig Lere sung'n. 

124. Baben dicken Buk, ünnen Fiek^) un Muk®). 

125. De Mölle vehunget ümme am letzten. 

126. Mölle, Mure — Mehldew, Dagdew. 

127. Got makt Mot un Mot makt Aewemot un Aewemot deiht nie 
nich got. 

128. Wenn de Düwel de Trumpet hett, kann he't Müntstück ok kriegen. 

129. Wenn 'k nu man ierst leg, harr de Jung segt, harr in't Berr 
seten. 

130. Wat got is, römt sick von sülst. 

131. Dat Hemd is nege as de Rock. 

132. Wenn Schit Geld un de N — s 'n Büdel wier, harr de Dagläune 
't Meist. 

133. Natt Rogg möt kiehrt warrn — sär Paste Kräwt — harr de 
Garw uppen Kopp stellt. 



*) Wage (Dezimer). ') Ofen. *) Wiege. *) schimpfen *) Beulenkrankheit 
der Tiere. •) Mauke. 



26 

134. Mureswet kost jere Drup 'n Dale. • 

135. Wu se singt, doa is got sin, sär de Düwel, spunnt sin Grot- 
more in'n Immenrump ^). 

136. So mennig Pal, so mennig Aal. 

137. Sleist du min Jurn, sla ick din Jurn. 

138. Lewe eng un woll as wit un weh. 

139. Dat wat nich so heet uteten, as dat upfüllt is. 

140. 'N goden Nawe is bete as witlüftig Vetterschaft. 

141. Doa is ken Hund negen Joar dull, he löppt enmal an. 

142. He is so ful, dat em dat led deit, wat he gan lirt hett. 

143. De Woch fängt schön an, sär de Dew Mandag, dünn süll he 
hängt warrn. 

144. Wu de Wulf liggt, doa bitt he nich. 

145. Dat Best is wat en mit de Tän doavon awtreckt. 

146. De Bur de nich moet, de roegt nich Hänn noch Foet. 

147. 011 Fru un oll Koh sünd noch wirt wurto, oll Mann oll Pird 
de sünd nicks mir wirt. 

148. Twe hart Sten malen slicht. 

149. 011 Schulln moet'n nich betalen un ni Schulln moet'n olt warrn 
laten. 

150. Wenn en deit wat he kann, denn kann he nich mir don as he 
deit 2). 

151. Wu Holt hangt wad, falln Spoen. 

152. Geduld sürt Holtappeis ut. 

153. 'N Spill Koarten is 'n Düwel sin Gesaugbok. 

154. Herrnog^) makt 't Ve fett. 

155. Nich Jere bedt de to Kirch geit. 

156. Ni Dessen fegen got, ore: 

Ni Regiment scharp Putzmetz. 

157. Eddelmann Bur de is irst stur. 

158. Krumm Holt giwt ok grar Für. 

159. Scharprichte is 'n scharpen Balbire. 

160. Flitig Growes*) sünd ümme blank. 

161. Wen sin egen Scholmeiste is, hett 'n Narr tom Schöle^). 

162. Wat di nich jäkt, schast du ok nich kratzen. 

163. Ken Supp so dür as de 'n umsüs ett. 

164. De Fru kann in er Schört mir ut 't Hus rut dragen as de 
Mann in ne Austwag rinnfürt. 

165. 011 Zogen lickt ok girn Solt. 

166. Ful Lür geit 't von Hand as de Klatt ut 'n Klatthamel. 

167. Närig Husfru — vuU Spoarbüss. 

168. Ni Docte ni Kirchhof. 



*) Bienenkorb. *) Vgl. Reuters Motto zu Läuschen II und die Überschrift 
zum 16. Läuschen. ^) Ilerrenauge. *) Spaten. ^) Wander, Deutsches Sprich- 
wörter-Lexikon Bd. IV S. 383 kennt diesen Gedanken nur in einem russischen 
Sprichwort: „Die nur bei sich in die Schule gehen, gehen in die Narrenschule." 



27 

169. Brukst 'n Dew, nimm em von Galgen. 
Hest em brukt, häng em werre an. 

170. Harr ick un hew ick hat 
Sandacke lerrig Fat. 

171. Abens wad de Ful flitig. 

172. God Awkat, slicht Nawe. 

173. Für un Wate, gor Denstlür^), slicht Herrn. 

174. Na un na makt de Vagel sin Nest. 

175. Wu dulle en den Mess uprürt, wu duUe he stinkt. 

176. Drinkt en Gos, drinken's all. 

177. En wist sacht uppe Wiem, man nich uppe Häune. 

178. Wen an 'n Galgen schall, vesüppt nich. 

179. Wenn de Wiwe hacken, racken, backen un snacken, denn hewt's 
'n Düwel an Nacken. 

180. De best Fidel stickt in'n Geldfick»). 

181. De best Katt is de Geldkatt. 

182. Büst girn gesund: Frett as ne Katt, drink as 'n Hund. 

183. Wat di nich brennt, dat blas ok nich. 

184. Wen Vägel fangen will, moet nich mit 'n Knüppel mank schlau. 

185. Gott velett ken Dütschen, hunget em nich, so döst em doch. 

186. Wen nich sen will, den helpt ok ken Brill nich. 

187. Wo de Messwag nich hengeit, kümt de Austwag nich her. 

188. Doa is ken Narr so klok nich, finnt doch sin Meiste. 

189. Slicht Handwerk, sär de Prache^j, wat sin Mann nich närt. 

190. Wu Poggen sünd, doa sünd ok Areboars. 

191. Jungs rut, Hunn rut, Kandaten ok rut, sär Doerslag, duun lewt 
he noch. 

192. Wad de Nawel noch so got awbunn un wad doch an'n Dot 
anbunn. 

193. Wen de Ogen nich updeit, moet 'n Büdel updon. 
194.' Ken Wittfru nimmt 'n olt Mann an Geld. 

195. Ken Hund frett ne Bratwust, de he nich stalen hett. 

196. Boar un Oss fangen ken Voss. 

197. Legenleges*) brukt vel Muslöck. 

198. 'N good Jage lett sick nich upp'u Lop kieken. 

199. Ut'n Swinswanz lett sick ken sidn Halsdok maken. 

200. Brenn min Kart^), putz min Dacht. 

201. Doctes sünd den lewen Gott sin Oltflickes. 

202. Geist du mit Hunn to Berr, steist du mit Fleu werre up. 

203. Gott makt gesund un de Docte krigt't Geld. 

204. Tovel is bitter un wenn't lurre Honnig wir. 

205. Arbeit is ne sur Wöttel®), äwest soet Awt. 

206. Mit egen Pitsch un fram Pird is got führen. 

207. Wen Glück hett, bi den kalwt 'n Oss. 



*) Wurzel. 



*) gute Dienstleute. ') Geldtasche. *) Bettler. *) Lügner. '^) Kerze. 



28 

208. Hängt 't Swin an de Post un de Giezhals an 'n Strick, den 
kümt man an de Flomen. 

209. Narrn wassen unbegaten. 

210. Bös Hunn moet 'n Knüppel hebben. 

211. Sülst, dan ball dan. 

212. Hungeliden is 'n seke Inkam. 

213. Wii Geld is, doa is de Düwel, wu kens is, doa is te twemal. 

214. Wu gröte de Oss wu gröte dat Glück. 

215. Ken Narr is so dumm, he finnt en, de em för klok höUt. 

216. Swart Käu gewt ok witt Melk. 

217. Trekst di 'ne Katt grot, kratzt's di de Ogen ut. 

218. Dat's 'n slicht Snurre, de ne apen Doer vörbi geit. 

219. Wen 'n Düwel los sin will, bliw uppn Krüzweg stan. 

220. Segt hül Gott, seggt de Düwel hott. 

221. Wen ken Krüz hett, de köfft sick en. 

222. En Fulstrick^) kost mir as 'n Dutz flitig Lür. 

223. Irst ne Näs un denn ne Brill, 

irst ne Parr un denn ne Quarr. (Vgl. 121.) 

224. Alle Anfang is swar, sär de Dew, stöl sick 'n Amboss. 

225. Is ken Kinnespill, wenn 'n olt Wif danzt. 

226. In de Mal is 't Best, dat de Sack nich nahseggt. 

227. Wen lawt^) sin will, moet dot bliben. 

228. Wen schimft sin will, de moet frigen. 

229. Wu de Sten liggt, doa mosst he^). 

230. Man drist un gottsfürchtig, sär de Dew, stoel 'n sülven Altar- 
lüchte, 

231. Wisst vesteken, wickelt in 'n bescheten Plünn.^) 

232. Wen da kümmt in Doctes Hänn, 
de kümt ok sacht to Enn. 

233. Wen sick tom Schap makt, frett de Wulf. 

234. Anne Lür Käu hewt ümme 'n grot Uere^). 

235. Kirchgan sümt nich, Wagensmärn hinnet nich. 

236. Lew is as Däu, föllt up Rosen un Mess. 

237. Trettst du min Hon, wast du min Han. 

238. An oll Hüser un oll Wiwer is ümme wat to liickeu. 

239. Doarna de Mann is, wad em de Wust brart. 

240. Dat Geld lett sick nich anrüken, wu't mit vedent is. 

241. Wenn de Ful slöppt, is he am flitigsten. 

242. De Ful dreggt, de Flitig löppt sick dot. 

243. Wat grot warrn schall, moet lütt anfangen. 

244. 'N lütt Kind is bete as 'n Kalw, löppt irst Joar nich in 't Kurn. 

245. Bi 'ne lerrig Krüv un Roep®) bit sick de Pir. 

246. Lütt Kinne danzen de Mutte uppe Schört, grot Kinne up't Hart. 



*) Faulstrick, fauler Mensch. ^) gelobt. *) setzt er Moos an. Wander 
a. a. 0. IV S. 817: Wo de Stein lit, da begraset he seck. *) Flicken. ^) Euter. 
®) Krippe und Raufe. 



29 

247. Bestellt wen de Hewamm, bestellt he ok glik de Dodengräwe. 

248. Wu ne Weg steit, doa steit ok 'n Sarg. 

249. Wat de Olln to Hus uppn Rack bringt, bringt de Kinn uppe 
Strat. 

250. Wenn twe Wiwe tohop kamt, denn warrn's kcn Poar. 

251. Wen kann all weten, wuvel Talg 'n sölten Hamel liett. 

252. Dat Schlicht dreggt en schlicht 

un dat Gor^) mag en nich draegen. 

253. Wen voer de Höll want, moet den Diiwel tum Frünn hoUen. 

254. Mitte Tit wad 't best Speck ranzig. 

255. En Jere is Dew in sin egen Noarung. 

256. Mennigen kennt all Lür er holl Taen, man nich sin egen Noars. 

257. Prestekinne un Moellerinne de moet ken Minsch nemen. 

258. Bichtpennink un Lichtpeu&ink kam nich uppn drürren Arben. 

259. De Bur, de sin Mess veköflFt, moet sin Hawer von de Gos borgen. 

260. Woahrheit finnt man 'ne slicht Harbarg. 

261. En Drupp helpt de annen up. 

262. He is so klok, he künn de Marrik unne de Wros' bläken hiir'n^). 

263. As dat föllt, so bullert dat. 

264. Unglück blösst ümme ne scharp Trumpet. 

Nachträge: 

a. De Arbeit geiht er ünne von de Hand as Pick. 

b. Hand von 'n Sack! Dat hürt Hamer! 

c. De Concurs frett de Mass up as de Saeg ehr Parken, harr de 
Awkaht seggt un doabi sehg he uht, as ob he sülm en von de 
gatlichsten un scharpsten Kuhsen von de oll Saeg wier. 

d. Ick will em so tamm mahken, dat he uht de Hand fräten liehrt. 

e. Dat's gliek vähl, ob de Kahl to dat Für ore dat Für to de 
Kahlen kümt, upgahn deiht dat doch. 



II. Ans Brinekman's Notizbuch von 1854. 

He frett sick de Quuck an 'n Hals. 

Stäkling mit 'n Strohhalm angeln. 

Mit Himp un Hamp.^) 

Mit Huhn un Pardühn.^) 

knasch — brähsig — pil pall prall. 

Dat heet den Swanz achte dei Uhren awsniden. 

Heel macklig — Topgast — Klühsgatcn. 

Dat dühst nich. 



*) das Gute. ') den Regenwurm unterm Rasen bellen hören. ^) Die Zeilen 
^ und 4 sind auch in der Handschrift durch Punkt von einander getrennt und stehen 
in zwei Zeilen. Über die vielfach erörterten Ausdrücke selbst vgl. Ndd. Kor- 
respondenzblatt 21, S. 52. 



»0 

Dat geiht all vor Mancheste weg. 

Uhlenspegel. Muscbe Büx. 

Rammdühsig — appeld watsch — steenpöttig. 

He lett sick nich hissen un nich locken. 

Ei is 'n Ei, sär de Pahp un langt nah dat Gohsei. (Vgl. I, 31.) 

Wat kümmt dat gelt, all dat Anne is belämmert. 

Hinne föllt de Oss aw. 

Vespreken is adlich, hoUen buhrsch. (Vgl. I, 30.) 

Doa wasst keen Gras äwe. 

Bambuhse — Barribal. 

Kann sien, kann nich sien, kann doch sien, de Mäglichkeit is doa. 

Sienen Jesum nich kennen. 

Blockwagen. 

Wenn Lazarus dat Molt un Simson Wate drögt, velaht juch 

denn doarup, denn wat dat Bia mal acht, 
bandig — pukig. 
Nüstebleek — Peilen. 
Nimm di nicks vor, sleit di nicks fehl, sär de oll Fru, as se 'n 

Pankooken wenden wuU un em up dei Kahlen smeet. 
Hähg un Plähg. 
dwallig — Speigaten. 

Wer 'n Hans slan will, findt woll 'n Knüppel. 
Aewe jere Windei kakeln, 
schräg un knapp. 
Grappen in 'n Kopp. 
Vefumfeien — vesusengen. 
Kloppt man an, sau wat juch updahn, sär de Dehw, slöhg 'n 

Fack in un stöhl sick 'n Hamel. (Vgl. I, 1.) 
In Nettel leggen. 

Upkieken as 'n Hohn nah 'n Wiehmen. 
Wenn de Koh doht is, wad de Stall bätert. (Vgl. I, 64.) 
Last tum Teigen. 
Hand un Pittschaft darup geben. 
Rocktalgen un Trossen. 
Mit Rust befallen as 'n Weithalm. 
Lustig as 'n Sparrling in de Weithock. 
Mager as 'n Faselswin. 
Quadux. 

Blöhr Hunn' warrn nich fett. 
Langbeenig as 'n Aareboahr. 
tiillen. 

Schnackig as 'n oll Waschwief bi de Balg. 
Achte dat Nett fischen. 
As Poggen in 'n Pohl. 
Krank as 'n Hohn, dat den Pipps hett. 
kunterbunt. 
BoUies un Grotties un Slampies. 



31 

Holland is in Not. 

Gieper — veschwupsen — Slafitten. 

undähg — schäwsch. 

oller Knast. 

Von 'n Ossen kann man blohss Rindfleesch verlangen. 

Jung Lühr möht lustig sien, sär de Dagläunesch, as dat Kind 

ehr uht de Kiep föll un den Barg dahltründelt. 
He hürt Gras wassen un Fläuh hohsten. 
He rückt nah vemischte Nachrichten, 
swart as ne Oahr de de Brand hett. (Kramelatin). 
Een Hahmel mit fief Behn. 
Kehn Hohn kratzt ümsünst. 
Aewe de Knäwel haugen. 
Kräpelkram — undähg. 
Stief as 'n vefrorn Maikäwe. 
Aewe Krühz holt dubbelt, harr de Jung seggt, harr sick Zucke 

up'n Honnig strengt. (I, 5.) 
Fett swemmt haben. 
Wat ick nich weet, mahkt mi nich heet, sär de Kähksch, drögt^) 

de Melkfatt mit smutzig Kinnedohk. 
Bäten scheef is liekes lehw — as oll pucklich Juhr (Rosskamm) 

tau dat vemüket Fahlen sär, dat sick dat Krütz aw- 

schaben harr. 
Gab nah Ceylon un warr Pavian, doa mahkst din Glück. 
'N Kierl de tau ne Messfork tau schlicht is. 
Je, wat ick seggen wuU, wull ick seggen. 

He seiht uht, as wenn Smolt sien Vahre un Botte sien Mohre is. 
Wenn de Haben instörrt, sünd alle Swählken dobt. 



HI. Brnclistttcke von Erzählungen John Brinfkman's. 

A. Fidel-Kern. 

Hoch an 'n Haben ünne de Wölk, de so witt un kruhs utsehg 
as 'n Lappen LamwuU, de goht rein waschen is, sung de Lewark 
haben in de Lucht un tirilirt ehr Stückschen so hell un söt, as je 
de Lewark sungen hett. De Snepp murkt in dat Bohkholt, denn dat 
was um Palraarum, un de Sünn schient grelP) un iewrig in de apen 
Schnehs^) von den Dannenkamp rinne nah dat bäten Snee, dat si6k 
achte de Grabenbuhrt vekröhp as 'n Schandoar nah'n Landstrieker. 
De Hahn an den stuhwen Turn*) von de Groten Hagensch Kirch 
wiest nah de Westsied hen, un de annern Hahns in dat Dörp up'n 
Eddelhof un den Preistehof un vor de Daglänes ehr Döhren kreigten 
so luht von Tuhn un Rick*), un een noch duller as de anner, grar 



*) trocknet. ^) hell. ^) Schneise, Durchbau im Walde. *) am stumpfen 
Turm. 5) Zaun und Geländer. 



32 

as Lür, dei dat ürame un ümme ehr Nawes vetellen möhten, wat sei 
doch eenmal vähl to dohn hebben, nich Rauh un nich Rast von vor 
Dau un Dahg bet in de sinkende Nacht, un wua dat eenmal warrn 
schall, wenn dat so bibliwt. Dei Lünkens un Gählgöschens^) hüppt 
von Böhm to Böhm un Teigen to Teigen dörch de groht Kastanien 
vor den Eddelhof, dei all Knuppen^) harrn sau groht as Wallnäht, 
un piept so grell un harrn sick sau vähl tau vetellen as School- 
kinnes, de von de Köster uht de School kamen. Up dat Ruhrdack 
von de Veehschuhr^) seeten dei Dubeu in dei warm Morgensünn un 
reckten dei Flägels un streckten dei lütten röhren Behn so fühl as 
Katenfrugens an Sünndagmorrn, äwest dei Büffets*) fegten an sei 
rümm un gurrten un kurrten un pickten mit de Snabe^s nah sei, 
as wenn ehr dat Füer up dei Nagels brenn in Kähk un Stall. Up 
den Pohl^) bi den Schapstall flöten®) dei Ahnten un packten un 
packten') un stöken den Kopp deep in dat Wahte un smeten dei 
Start äwe Enn, as wenn sei koppheeste scheeten wulln, un achte up 
den Pierstall un de Strohmiet kakelt en Hahn un kullerten dree 
Kuhnhahns un iewerten sick aw, bet ehr de Kopp sau bruhn würr 
as Backbeern äwe'n ollen türksch Gant®), de da druhss®) up een 
Beihn stünn, goar nich up sei hühren dehr un mit een Oog nah dei 
Kreigen pliert, dei schohwenwies äwe den Eddelhof hentohgen un 
karkten^®). Dei Käuh bölkten in 'n Veehstall un rehten an dei Klaben ^^) 
un Käden ungeduldig un niepen^^) nah den dreesch frischen Klehveslag 
buten as Jungs nah 'n Klingklahs^^). De Schehpe harr de Schaap uht 'n 
Stall drähben un schurr ehr frisch Bohnenfohre in dei Röhpen, un dei 
ollen Schaap bahben un dei Ölämmes^*) huppten un Sprüngen so 
schnahksch*^) för dwass, as ob sei pohlsch danzen wulln. Achte dat 
Backhuhs un de Reetbahn leht de Kutsche 'n Rappen an de Lonsch^^) 
lohpen. Dat was een heel schmucken Hingst, stark von Knaken un mit 
vähl Tem^irament un Bloot un brenscht^') so krähnsch^®) un slöhg 
mennig mal achte uht, dat dat Gnittsand up dat Steendack flöhg. 
Äwest wenn he trotten dehr, denn was he en woahres Bild von Pierd, 
un de oll Rittmeiste, den de Eddelhof tauhührt un de swart Hingst 
ook, freut sick äwe den schönen Rappen, strehk sick vegnögt den 
griesen Snauzboart un sär to den Kutsche: 

^Wann ward er doch dreijährig. Buller?" 

^Fastnacht, Herr Rittmeister, grade Fastnacht. Morgen werden's 
sieben Wochen." 

„Ja ja! Schon recht. Der wird seine sieben Zoll, wenn er 
volljährig is, meinst Du nich auch. Buller?" 

„0, he wad sacht noch 'n bäten gröhter. 



*) Sperliuge und Goldammern. ^) Knospen. ^) Viehschiippen. *) Täuberiche. 
^) Pfuhl. <*) schwammen. '') schrieen (die Enten). ^) Gänserich. ®) verschlafen. 
^^) schrieen (die Krähen). ") Joch. ^^) begehrten. *^) Ruklas. ") Miitter- 
lämmer. ^^) possierlich. ") Longe, lange Leine. ") wiehert. ^®) mutig, 
übermütig. 



BS 



B. De röhr Möhl. 

Wua Zehn^) doa achte hoch up 'n Barg ligt, sär MöUe Zickel, 
dat weit jie all. Na, nahst führt jie dörch Sehknitz un denn kahmt 
jie bi Kleisten vörbie, linksch in en grautes Holt an twei Mil lang 
nicks as Dann un werre Dann un tau Sommetiet sonn Sand, dat 
dei Rahd mahlt un quiekt as up 'n Snee, wenn dat sau kolt is, 
dat dat Pickelsteen früst un de Swamm in de Piep veklahmt. Gaht 
jie doa längsch den Goldbarger See dörch dei Wooste Hair, denn 
kahmt jie tauletzt an een graut Wahte, wat sei Zerahn nennt un kort 
achte de Zerahn ligt een Hof, dei duntaumal een Eddelmann tauhürt 
un ook noch tauhürn mag, wenn he nich all dot is ore em veköfft 
ore Vedahn hett. Wua he heeten deiht, dat weet ick nich mihr, as 
dat upstehrs all bald föftig Joahr her is, dat deiht äwest nicks tau 
Sahk. Den Junke sien Hoff lagg ook dicht an een graut Wahte, von 
wua ne dehpe Bähk na de Zerahn güng un 'n vittel Wegs von 'n 
Hoff ne Möhl drehw, un de heeten sei de röhr Möhl, wiel de Stennes^) 
all rot anstrikt wieren. De röhr Möhl hürt ook an den Junke sien 
Hof, un de harr Michel Brant as MöUe in Tietpacht. De oll Brant 
Michel sien Vahre harr se vor em hatt woll an viertig Joahr, bet 
he mal, as he sien Strohdack utflickt, mit een graut Bunt Schöw von 
de Lerre dahl schöbt un doabi mit den Kopp sau duU gegen een 
Steen schlöhg, de ünne lagg, dat sei em för doht in't Hus drögen. 
De Chigorius würr hahlt un leht em väl Bloot. Tauletzt kehm he 
werre tau sick; äwest de Sprahk was weg, un de krehg he ook nie 
nich werre, sau dat he blohss dahlen^) künn as een lüttes Kind un 
Nümms recht wüsst, wat he wull. Aewehaupt was dat von Stund aw 
nich miehr recht richtig mit em, sau dat he de Möhl ga nich mihr 
vörstahn künn. He grient sick jümme, wenn een mit em spröhk un 
künn wiere nicks as sick ne Piep stoppen, Goarn wickeln un Tüffken 
schellen, dat was 't all. 

Nu müsst doa woll'n Insehn dahn warrn, un dat würr doa ook. 
De Junke, as he sick den ollen Brant mal besöhg, wüsst gliek 
Bescheed un leht Michel Brant, de grar as Möllegesell in dei Frömd 
gähn was, nahschrieben. 

Dat Ihrst, wat Michel Brand dehr, as he an't Hubs kehm 

C. 

De lew Gott hett narsch Kostgänges in disse Welt, sär 
oll Burgwedel von Hanstörp, dünn lew he noch. Snurrig Burssen 
sünd doa mank, dat moet woahr wesen. Un wen den Kante Hahn ut 
Rostock un den Gastgewe Burren in Warnemünn kennen dohn deit, de 
wet ok, wat se dat fustdick achte de Uren hebben, un wat en soeken 
kann twe lang un twe bret un Land in un Land ut un Barg up un 



^) Zehna, eine halbe Meile von Güstrow. ^) Ständer. ^) lallen. 

Niederdeatsches Jahrbuch XXXI. 3 



34 

Barg dal in oll Land Mckolbörg un finnt kcn twe sonn appeldwatfiche 
Deubels, as de two beir west sünd, noch hüt nn disson Dag sünd, un 
wenn de lew Gott se noch en lütten Stot leben latcn will, bliwen bet 
se de Pust utgeit un se er Ventil toknippen. Burren hew ick all 
kannt von Anno Toback. Grow as Bohnenstroh, druss as 'n Kutschpir 
un swinplitsch^) as ne Pogg in Mandschin was he von lütt up, un 
doa wier wat an em un in em un um em un wo he güng un stünn 
un wen he lacht un roart un sproek ore sweg, dat let sick all so 
kantig an, as wenn he up un up ut lurre Vierkanten tohupsett wir, 
un as wenn de Todaten to em lurre fotgrot Wörpels un Gnittsten-) 
west wieren. Sin Kopp seg ut, as wier he von 'n Dische lotrecht 
huwelt^) voern, achte, haben un an beir Sire. Wat sin Vare em 
nalet, dat wier 'n lütt beten mihr as nicks, un wat sien More her- 
schoet, 'n lütt beten mihr as recht nicks, un doa na Magister 
Simaxen, dei uns Jungs de Mathesim bibröcht, Minus un (I) Minus en 
bandiges Plus giwt, so köfft Burr sick doamit voer nu hento dortig 
Joar sin Gasthus un grar äwe 'n Goarn un hantiert doa in voer 
Däu un Dag bet wit achte nachtslapen Tit un but sin Hus twestöckig 
mit 'n Frontspiss un 'n groten Flägel achte an, mit 'n groten Saal 
in, un ick wet nich, wovel Stuwen un Kamer fast un vierkantig doa 
stünn as he sülm — 

D. 

Wen wet, wu Nurwegen liggt? 

Na, Nurwegen liggt achte de Belt un den Schagen un dat 
Kattegat. Doa is Drontheim in un Bargen, Krischanssand un 
Tromsoe. Doa wad Roggen henbröcht un Gasten, un doa wad 
Stockfisch herhalt un Hiring, Tran un Gammelost ^), un de Kirls sünd 
doa all Flassköpp, Blagogen un Rotsnuten, un dat letzt kümmt von 
den velen Toddy, un dat Frugensminsch is doa ok Flassköpp, Blagog, 
äwest wisssnutig, un dat kümmt — 

Na nu holl man up. Dat Nurwegen men ick jo nich. Ick men 
dat anne Nurwegen, dat doa unne an de Grow^) in Rostock liggt 
dicht bi dat Lazaretdur, as nämlich de Grow noch was un as sonn 
Hambörge Flet dörch Rostock stinken der. Den Schippekrog, dat 
schön oll Norwegen von vor Anno Toback, lang voer Pralown un 
Hartmann ehr Tit, men ik, as Kehmzowensch doa noch wirtschaften 
der. Dat was sonn ächten sekern Nothaben foer sonn ächten olln 
Kaptein, voerut to Wintetit, wenn de Geljassen un Mufferdeys, Huke- 
schone un Briggs all voer'n Pahl an'n dubbelt Tross uppe Warnow 
sorrt^) — — — 

* * 



*) pfiffig, listig, entstanden aus swinde (mnd. 'hstig') und politisch. *) Würfel 
und Kiessteine. *) vom Tischler zurechtgehobelt *) alter Käse. ^) Grube. '*) mit 
Tauen festgebunden. 



B5 

Diesem Fragment seien noch ein paar Bemerkungen angefügt: 
Die alte Rostocker Schifferkneipe ;,Norwegen^ wird auch in „Kasper- 
Ohm*' erwähnt, in dem Kapitel vom ^feinen Taktus^. Keppen Pött 
verkehrte dort selber in höchsteigener Person; denn Köster Knaak 
berichtet dem Vater von Andrees: „Slag Klock fünf gingen Harr 
Kaptein nach „Nurwegen^ bei Kehmzowen zu seinem ordinären Parti 
Klevergassen.^ Kasper-Ohm war also Stammgast in Norwegen und 
spielte da regelmässig seine Partie Klabrias. 

Auch ein anderer Typus John Brinckman's suchte mit Vorliebe 
jene Schifferkneipe auf: Peter Lurenz, der Held aller möglichen 
phantastischen Grosstaten und „Duzbruder" von Nelson. Denn in 
der Einleitung zu „Peter Lurenz bi Abukir" bemerkt der Dichter: 

„Von Peter Lurenz werden eine Menge ähnlicher Geschichtchen, 
alle von gleich stupender Form und Fassung, erzählt, wie er sie in 
der s. Z. vornehmlich von alten Schiffskapitänen frequentierten, an 
der Grube, einem vormals Rostock durchschneidenden Kanal, gelegenen 
Kneipe „Norwegen'' vorzutragen pflegte, '^ 

Die Heldentaten von Abukir aber lässt Brinckman seinen Peter 
Lurenz anderswo erzählen: in der Bierstube des nicht minder originellen 
Brauers Block. 

CHARLOTTENBURG. A. Römer. 



8* 



36 



Bruchstücke 
von Bruder Philipps Marienleben 

aus dem Jahre 1324. 



Unter den reichhaltigen Sammlungen des um die nieder- 
sächsische Volkskunde sehr verdienten Schriftstellers Hans Müller- 
Braue 1 auf Haus Sachsenheim bei Zeven befinden sich auch einige 
niederdeutsche Handschriften und Drucke, von denen ich bereits die 
Praelocutio eines Osterspiels und eine Erklärung der zehn Gebote 
samt dem Apostolicum zum Abdruck gebracht habe.^) — Die nach- 
stehend veröffentlichten Bruchstücke einer niederdeutschen Version 
von Bruder Philipps Marienleben bieten uns zusammen nur 55 Verse, 
die genau den Versen 9495—9538 und 10123—10133 der mittel- 
hochdeutschen Ausgabe dieser Dichtung von Rückert entsprechen.^) 

Obwohl wir von der im Mittelalter so beliebten Dichtung Bruder 
Philipps drei vollständige niederdeutsche Handschriften besitzen, — 
von den zahlreichen hochdeutschen ganz abgesehen — so beanspruchen 
doch die vorliegenden kurzen Fragmente ein ganz besonderes Interesse 
dadurch, dass sie eine genaue Datierung bieten und etwa hundert 
Jahre älter sind als die übrigen erhaltenen niederdeutschen Manu- 
scripte. ^) 



*) Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung Bd. XXII 
(1896) p. 144—149. 

2) Bruder Philipps des Carthäusers Marienleben. Zum ersten Male heraus- 
gegeben von Dr. Heinr. Rückert. XXXIV. Band der Bibliothek der deutschen 
National-Literatur. Quedlinburg und Leipzig 1853. 

^) Die Angaben, welche Goedecke in seinem Grundriss zur Geschichte der 
deutschen Dichtung (Zweite Auflage. Bd. I p. 229 f ) über die niederdeutschen 
Hss von Bruder Philipps Marienleben macht, sind nicht ganz genau. — Wir haben 
drei vollständige niederdeutsche Hss. von dieser Dichtung: 1) eine Münchencr 
Papierhs. in niederrheinischer Mundart aus dem Jahre 1428. Cod. germ. No. 441. 
(Vgl. K. Roth, Dichtungen des deutschen Mittelalters. Stadtamhof 1845 p. VI. 
und Die deutschen Handschriften der K. Hof- und- Staatsbibliothek zu München. 
Theil I. Münschen 1866 p. 72.) 2) Eine Wolfenbüttel - Helmstedter Papierhs. 
aus dem Jahre 1449. cod. 996, die neun niederdeutsche geistliche Dichtungen 
enthält; darunter an siebenter Stelle unser Marienleben f. 95— 209 ^ 3) Eine 
Wolfenbüttel - Helmstedter Papierhs. des» fünfzehnten Jahrhunderts, cod. 1039. 
(Vgl. 0. von Heinemann, Die Handschriften der herzoglichen Bibliothek zu Wolfen- 
büttel Abth. I. Die Helmstedter Handschriften Bd. 2. Wolfenbüttel 1886 p. 287 f. 
und p. 311.) Aus dieser letzten Hs. hat bereits Kinderling einige Mitteilungen 
gemacht. (Deutsches Museum. Leipzig 1788. Bd. 1 p. 126 ff. und Bd. 2 p. 340 if.). 

Eine vierte Papierhs. aus dem Jahre 1474 hat sich zu Ende des achtzehnten 
Jahrhunderts im Besitze des Diaconus Kinderling zu Calbe an der Saale befunden. 
Vgl. J. C. Adelung Magazin für die deutsche Sprache. Leipzig 1783 II, 1 
p. 63 ff. und II, 3 p. 121 ff. An dieser letzten Stelle wird von Adelung der 
Anfang der Kinderlingschen Hs., etwa 900 Verse, mitgeteilt. — Kinderling hat 



37 



Die Handschrift, ein schön und deutlich geschriebenes, aus einem 
Buchdeckel gelöstes Pergamentdoppelblatt in 8^ (13x 19 cm) ist 
bereits von Borchling beschrieben worden, auf dessen Angaben ich 
daher hier verweise. ^) — Auf der stark verwischten letzten Seite des 
zweiten Blattes findet sich der Anfang einer hochdeutschen Advents- 
predigt, deren erste Zeilen Borchling ebenfalls bereits mitgeteilt hat. 

Der jetzige Besitzer, Herr Müller, hat unsere Handschrift nebst 
zahlreichen anderen, meist lateinischen Pergamentblättern von einem 
Lüneburger Antiquitätenhändler erworben. 

Im folgenden Abdruck ist die nicht ganz konsequente Schreib- 
weise des Originals genau beibehalten. 



De in allen vroude gaf [Blatt 1.] 

My(t) eynen breyten steyne do 

Dat graf se bouene deckeden to 

D(a)t stof noch erde mochte dar in 

Reysen up dat godes schrin 

De vrowen dar nach ghingen heym 

hl de stat tu ihrl'm 

De iunger wolden *) nicht ghesceyden 

Van deme graue, se wolden beydeu 

As de engel en gheböt 

Do de sele up furde got 

By deme graue dre taghe sateu 

Unde wolden dat nicht allevne laten 

Och de wölke nicht erghinc 

De suluen dre tage vrae se vinc 

An (d)em drutten tage vrö 

Gy(nc) en allen eyn slap tö 

Van hymele ih'c quam her neder 

Vnd(e) furde marien sele her weder 

Eyn schar der enghele myt em quam 

De reynen sele ih'c nam 

In e(re)n lif se varen heyt 



Marian leuendich stan up heyt [Vo] 

He nam den lif vnde och de sele 

Myt dem engele michaele 

Vn vorden se in dat hymelrich 

Des vroweden alle de enghele sich 

Yh sungen alghemeyne 

Gelouet si nv maria de reyne 

Gelouet sy got de se erkoru 

Hat. vn is van yr geboru 

Der iungeren eyne sunte thomas 

In der suluen wile was 

Van den anderen vt gegangen 

Syn gebet hat he an geuaugen 

Do he an syme gebede lach 

Schinberlich dat alle sach 

Dat ih'c mit sunte michele 

Vuorde beyde lif vü sele 

Marien vp tu hymelrich 

Vn dat de engele vrouden sich 

Och horde he der enghele sanc 

De hadden suter stemme^) clanc 

Se loueden alle got ghemeyne 



dauQ später noch des öfteren auf seine Hs. hingewiesen und Stellen daraus mit- 
geteilt. (Deutsches Museum 1788. Bd. 1 p. 126 ff. und Bd. 2 p. 340 ff. Kinder- 
ling, Geschichte der Nieder-Sächsischen Sprache. Magdeburg 1800 p. 342 ff.) — 
— Später ist diese Hs. in von der Hagens Besitz gekommen (vgl. F. H. von der 
Hagen und J. G. Büsching, Literarischer Grundriss zur Geschichte der Deutschen 
Poesie. Berlin 1812 p. 256 ff.) Über den jetzigen Verbleib vermag ich nichts 
anzageben. — 

Die im Deutschen Museum 1788 Bd. I p. 61 ff', und p. 112 ff', von dem 
Braunschweiger Konsistorialrat C. A. Schmid herausgegebenen „Fragmente eines 
alten Gedichts von der heil. Maria" stehen in keinem Zusammenhange mit Bruder 
Philipps Marienleben 

^) C. Borchling, Mittelniederdeutsche Handschriften in Norddeutschland und 
den Niederlanden. Erster Reisebericht. Aus den Nachrichten der K. Gesellschaft 
der Wissenschaften zu Göttingen. Geschäftliche Mitteilungen. 1898 Heft 2 p. 236 f. 

^) Hs. worden. 

^) Hs. stenme. 



38 

Got is my leyder wenich erkant [Blatt 2.] De sulue ih'c müt vns gheuen 

In dem orden van kartus Trost dorch syner muter leuen 

Ghescreuen han ich in dem hus Marien leuent geyt hir uz 

Tu seiden dit sulue bükelyn Nun help uns er leue kynt ihesus 

Sunte ioseph was de mauer myn Am E N. 

De marien huter was Ut sit solamen dicatur ab omnibz AmeN. ^) 
De ih'c godes sun genas^) 

Dit buch is geschreuen n» godes bort dusent iar. dre hundert iar. In deme verentwinteghesten 

iare. In deme dsghe der heylighen driualdicheyt. 

HANNOVER. Fritz Goebel. 



Ein niederdeutsches Lied 
anf die ScMacht an der Gonzer Brücke am 1. Ängnst 1675. 



Die Schlacht an der Conzer Brücke unweit Trier gilt mit Recht 
als eine der schönsten Taten in der ruhmvollen Geschichte des alt- 
hannoverschen Heeres. Wenige Wochen nachdem Kurfürst Friedrich 
Wilhelm von Brandenburg bei Fehrbellin die von Ludwig XIV. ins 
Land gerufenen Schweden Wrangeis siegreich zurückgewiesen hatte, 
wurde hier auf dem westlichen Kriegsschauplatz am 1. August 1675 
der französische Marschall Crequi entscheidend geschlagen, als er 
den Versuch machte, das von dem kaiserlichen Heere belagerte Trier 
zu entsetzen.^) 

Auf diesen Sieg deutscher Waffen sind in den Ländern der 
Braunschweig-Lüneburger Herzöge mehrfache Gedichte entstanden.*) 
Hatten doch hier drei Fürsten aus dem Weifenhause (Georg Wilhelm, 
Herzog von Celle, Ernst August, Bischof von Osnabrück, der für 
sein Haus später die Kurwürde erwarb, und dessen jugendlicher Sohn 



*) Hs. genans. 

^) Die Subscriptio sowie die folgende Datierung sind mit roter Tinte 
geschrieben. 

•) Über die weiteren Einzelheiten dieses Feldzuges verweise ich auf: W. 
Havemann, Geschichte der Lande Braunschweig und Hannover. Bd. III. Göt- 
tingen 1857. S. 268 if. und von Sichart, Geschichte der Königlich-Hannoverschen 
Armee. Bd. L Hannover 1866. S. 381 ff. Eine sehr eingehende Darstellung der 
Schlacht gibt von der Decken, Feldzüge des Herzogs Georg Wilhelm von Zelle 
am Rhein und an der Mosel, in den Jahren 1674 und 1675. (Vaterländisches Archiv 
des historischen Vereins für Niedersachsen. 1838. S. 105 ff.) 

*) Die Königliche Bibliothek zu Hannover birgt in ihren reichhaltigen sog. 
Memorienbänden etwa ein Dutzend lateinischer, französischer und hochdeutscher 
Gedichte auf den Sieg an der Conzer Brücke. 



39 

Georg Ludwig, der spätere König Georg I. von England) ihre 
braven Truppen persönlich mit grosser Tapferkeit gegen den Feind 
geführt. — Nach dem Urteile der Zeitgenossen gebührte der Haupt- 
ruhm des Tages den cellischen, osnabrückischen und wolfenbüttelschen 
Truppen, und Kaiser Leopold selbst hat den weifischen Herzögen in 
warmen Worten seinen Dank für die dem deutschen Reiche bewiesene 
Treue ausgesprochen. 

Das hier mitgeteilte Gedicht ist uns in zwei verschiedenen, nur 
wenig von einander abweichenden, gleichzeitigen Drucken von je zwei 
Quartblättern erhalten. Der eine wird auf der Königlichen Bibliothek 
zu Hannover aufbewahrt in einem alten Sammelbande von verschieden- 
artigen Gelegenheitsgedichten auf Georg Wilhelm, den letzten Herzog 
von Celle (No. XXIII p. 288 c. d.).i) Der zweite findet sich auf der 
königlich bayrischen Staatsbibliothek zu München (P. o. germ. 229. 15.).^) 

Unser Lied sollte nach der Melodie des ;,Henneke Knecht" 
gesungen werden, dessen grosse Beliebtheit ja durch mehrfache 
Zeugnisse bekannt ist.^) 

Auch ein in Göttingen entstandenes längeres niederdeutsches 
Gedicht auf die vergebliche Bestürmung der Stadt durch den kaiser- 
lichen General-Lieutenant Piccolomini und den Erzherzog Leopold 
im Jahre 1641 ist dem Henneke Knecht nachgebildet.*) Der Beginn 
dieses Liedes, das erst 1730 gedruckt wurde, lautet: 

Picclemin, wat wuttu dauhn, 
Wuttu verdeinen dat Kayser Lohn, 
Ell grater Generahl blieven, 
Sau maustu henna Göttingen thein 
Un maust sei da verdrieven. 



^) Anscheinend nach demselben Text brachte schon im 18. Jahrhundert der 
gelehrte hannoversche Bibliothekar Daniel Eberhard Baring das Lied wieder zum 
Abdruck (Beytrag zur Hannoverischen Kirchen- und Schul-Historia. Hannover 1748. 
S. 49 ff.). — Auch hat er bereits in einem früheren Werke auf deu in seinem 
Besitz befindlichen Druck hingewiesen. (D. E. Bariugii Descriptio Salae principatus 
Calenbergici locorumque adiacentium. Oder Beschreibung der Saala im Amt 
Lauenstein ff. Lemgo 1744. S. 150.) 

*) Der Münchener Text ist mit mehreren willkürlichen Änderungen unter 
Hinzufugung einer modernen hochdeutschen Übersetzung abgedruckt bei: F. W. 
Freiherr von Ditfurth, die historischen Volkslieder vom Ende des dreissig- 
jährigen Krieges, 1648 bis zum Beginn des siebenjährigen, 1756. Heilbronn 1877. 
S. 43 ff. 

*) Baring (Descriptio Salae ff. S. 150) berichtet, dass mau auch „bey anderen 
Vorfallen Lieder als Parodieen" nach dem Henneke Knecht gedichtet habe. 

*) Daniel B. Shumway, A low German bailad, commemorating the siege of 
Güttingen in the thirty years' war. (Americana Germanica. Vol. III. S. 46 ff.) 
Vgl. ferner: Protokolle über die Sitzungen des Vereins für die Geschichte Göttingens 
im achten Vereinsjahre 1899—1900 geführt von A. Tecklenburg. Göttingen 1900. 
S. 8 ff. Hier ist das interessante Gedicht zum zweiten Male abgedruckt nebst 
einigen Mitteilungen, die Dr. Seedorf über dasselbe in der Sitzung des genannten 
Vereins vom 18. ^Nov. 1899 gemacht hat. 



40 

Falls die Ansicht Dr. Seedorfs richtig ist, ^) dass das Göttinger Gedicht 
in die Zeit der dargestellten Ereignisse fällt, so müssen wir - wohl 
annehmen, dass der Dichter unseres Liedes dasselbe gekannt und 
benutzt hat. Durch die dem Anfang beider Lieder gemeinsam zu 
Grunde liegende erste Strophe des Henneke Knecht lässt sich die 
auffallende Übereinstimmung allein nicht erklären. 

Das Lied von der Schlacht an der Conzer Brücke weist, von 
den Anfängen der ersten und zweiten Strophe abgesehen, keine 
Anklänge an den Henneke Knecht auf, von dem dagegen das Göttinger 
Lied, in einem weit grösseren Masse abhängig ist, wie bereits Shumway 
gezeigt hat. 

Wie der Henneke Knecht, so ist auch das Lied auf die Schlacht 
an der Conzer Brücke von einer lateinischen Version begleitet. 
Während wir es aber im ersten Falle mit einer eigentlichen, ziemlich 
genauen poetischen Übersetzung zu tun haben, so ist hier das 
lateinische Gedicht, welches mir besonders zum Lobe des Herzogs 
Georg Wilhelm von Celle verfasst zu sein scheint, um die Hälfte 
kürzer als das niederdeutsche Lied, von dem es auch in seinen letzten 
vier Strophen völlig abweicht. 

Leider bleibt der Dichter unseres Liedes ungenannt; falls er 
mit dem Verfasser der vorangestellten lateinischen Version und des 
lateinischen Hexameters, der das Chronostichon auf das Jahr 1675 
in sich birgt, identisch sein sollte, so würden wir in dem ;,ohlen 
ehrliken Dütschen" wohl einen Untertanen Georg Wilhelms, des 
letzten Herzogs von Celle, vor uns haben. — Hierauf würde auch 
schliessen lassen, dass der auf der Königlichen Bibliothek zu Hannover 
aufbewahrte Text sich in einem alten Sammelbande findet, welcher 
nur Gedichte auf diesen Fürsten enthält. — Georg Wilhelm war in 
seiner Art ein tüchtiger Regent, der trotz der vielen Ausländer, die 
er an seinen Hof nach Celle gezogen hatte, auch die bescheiden in 
der treuherzigen Sprache seiner Landeskinder auftretende Dichtung 
nicht verachtet hat. Die ersten interessanten Spuren der neueren 
niederdeutschen Gelegenheitsdichtung, der wir im Laufe des acht- 
zehnten Jahrhunderts an den Höfen des weifischen Fürstenhauses nicht 
selten begegnen, weisen uns gerade nach Celle an den Hof Georg 
Wilhelms. ^) 

Das nachstehende Lied scheint mir ein besonderes litterarisches 
Interesse zu beanspruchen, dadurch dass es wohl eines der letzten 
historischen Volkslieder sein dürfte, welche die niederdeutsche Dichtung 
hervorgebracht hat. 

Der Abdruck giebt den Text der Königlichen Bibliothek zu 
Hannover in unveränderter Form wieder; die wenigen Varianten des 
Münchener Textes (M.) sind in Fussnoten beigefügt. 

1) a. a. 0. S. 8. 

) Vgl. meine Arbeit: Einige Proben aus der hannoverschen Hofdichtung 
am Ende des 17. Jahrhunderts. (Hannoversche Geschichtsblätter. IL Jahrg. 1899. 
No. 14, 15 und 16.) 



41 



Ehn platdütsch Leed^) 

van der grüliken Schlacht 

Darinue mit Gades Hülpe de strafe Dütschen 

de hochmödigen Frantzosen 

he£fet överwuimen 

bie Trier / 

Im Jahr 

1675. den 1. Dag des Austmahndes / 

Uppesettet 

van 

Enem ohlen ehrliken Datschen. 

To singen na der Wiese: 

Ileuneke Knecht wat wultu dohn etc. 



Gedrückt to 
Dütschborg / ^) im Jahre 
DVX GVlLIeLMe hostes Infensos fLIge Georgl.») 



I. 



1. 
Dux de Greqvi qvid nunc agesV 
Si fortis Heros permanes 

In hoc feroci hello, 
Ad Treviros volo properes, 

Hostem ut fuges duello 

2. 
Ad haec Greqvi inqvit illico: 
Qvid fiet hoc de Villico 

Qvi Treviros aggressus? 
Ad patrios, faciam, Lares 

Ut mox recedat fessus. 

3. 
Duces Leonis stemmate 
Orti, suo cum milite 

Non has timebant minas, 
Exercitu suo advolant 

Vires premunt Parisiuas 



4. 
Exoritiir acre praelium, 
Et magna strages hostium 

Est facta tunc Gallorum. 
Sternunt Duces praenobiles 

Qvos Lyneburgicorum 

5. 
Tormenta Galli bellica 
In castra veniunt Cellicß, 

Vexilla, Commeatus.*) 
Uaec gloria decet Principem 

Leone qvi prognatus. 

6. 
Hunc Principem serva Deus, 
Conatui adsis illius, 

Ut ceruere Triumphator 
Possit suos nos subditos 

Et Patriae Servator! 



^) Der Titel des Münchener Druckes hat eine andere Zeilenabsetzung; im 
übrigen ist er dem des hannoverschen Textes vollkommen gleichlautend. 

^) Es ist mir leider nicht gelungen, festzustellen, welcher Druckort sich hinter 
diesem Namen verbirgt. 

^) Das Cbronostichon ergiebt aufgelöst die Zahl 1675. 

*) In der Schlacht an der Conzer Brücke fielen 80 Fahnen und Standarten, 
die gesamte Artillerie sowie die Zelte und das Gepäck der französischen Armee 
in die Hände der Verbündeten. 



42 



II. 



1. 

Düc Krequi, hör, wat wultu dohn? 
Wultu verwarffn dat grote LohnV 

En goht Frantzose bliefen? 
So mostu hen na Trier gähn, 

De Dütschen dar weg driefen. 



5. 

De Frantzmann wul dar nich heruth, 
Bet he möst speien um de Bruth, 

Umt Brod, dat kam to Water, 
De Dütschen wulln öt nehmen weg, 

Do brumd' he afs en Kater.') 



2. 

De Frantzmann sprack ehn trotzig Wort, 
De Dütschen wil ick jagen fort, 

Canalij'^) ick wil dick faten. 
Och! setestu biem Qrütte Pott', 

Et möchte dick wol baten. 



6. 

De Spiet un Schimp wör' all to groth, 
Ufsck Lüen, van so hogem Bloth, 

Ded' he füll Ivers spreken. 
Vor Hochmoth un vor grotem Tom 

Wol öhm dat Harte breken. 



3. 

De Dütschen sahn: Bistu so dull'^) 
Un kumst, wi schlaet de Huet die vuU, 

Du schast den Hänger kriegen, 
Du segst von Enoljen, töff du man, 

Dien Muhl schal boUe schwiegen. 



7. 

Duc Krequi sprack: Mick wunjert mau, 
Dat se wilt vor Soldaten stahn, 

Un up üsck*) Kehreis luhren, 
Man hört an ören Worden wol 

Et sind Haagpütjen^) Buren 



4. 

Kum an, wt gat Rucks up dick lohfs, 
Un wen du wöhrst de schwarte Drohfs, 

Wi wilt deck so to kielen, 
Dat Blöd die duller lopen schal 

Afs steken dick de Heu. 



8. 

Drup gingen se im Grull to hoop. 
De ehn sä stah, de anner loop. 

De Kerels sick to schlügen 
Veel duller, asse wen se sick 

Haartaget in den Krögen. 



^) Nach dem Bericht eines Augenzeugen der Schlacht, des Feldpredigers 
Berkkemeyer, hatten die Franzosen nicht geglaubt, dass die Verbündeten ihnen 

ernsthaften Widerstand bieten würden „ es waren neu geworbene Völker 

und sei dahero die Lüneb. Cannaillie genannt, . . . . " (Vaterländisches Archiv 
des historischen Vereins für Niedersachsen. Jahrg. 1838. S. 294 ff.) 

2) M. duU, 

') Berkkemeyers Aufzeichnungen berichten hierüber „ welche Schiffe 

hernacher die Mosel hinunter in Trier fahren wollten, wurden aber von dehnen 
unsrigen mit Regiments Stükken gezwungen bey unsz anzulanden und kam das 
Brod unsz woll zu passe." 

*) M. üszck. 

^) M. Haagputjen. 



43 



De Dütschen stünnen afs eu Pahl, 
Un schlögen wol twe- und dremahl 

In ene Stäh, den Hanen, 
De sick dat nich yermoen wöhrn, 

Begun darbie to schwanen. 



11. 

Se leegen dar heeP) hupen wiefs', 
Öhr Groht de Dütschen mackden priefs, 

Un nehmen vehl gefangen,^) 
Wiel se so rohfft un brennet heift 

Schöln se van rechte hangen 



10. 

En ider kehrd' um siene Zöhr', *) 
üü wul van Harten gern gähn döhr, 

Man öhm sat in den Hacken 
De Dütsch', un blauer Bohnen vehl 

Gaff he öhm in den Nacken. 



12. 

Dem leven GOtt sie hier vor Loff, 
He make de vördan to Stoff 

De Ohrsaeck heffet geven 
To düssem Krieg', in welckem ifs 

Manch Moderkind gebleven. 



HANNOVER. 



Fritz Goebel. 



^) Ditfurth, der diese Stelle in „sinem Zöhr'^ ändert, bemerkt dazu: „Zöhr, 
vielleicht das niederdeutsche Ter, Tier, T8r = Eifer, Streben." — Diese Inter- 
pretation hat mich nicht befriedigt, obwohl ich nichts Sicheres an ihre Stelle zu 
setzen vermag. [Zöre, Zur, bei Lauremberg Sör, heisst Gaul. Das Wort wird 
gewöhnlich nur für alte, minderwertige Pferde, sogen. Kracken gebraucht. W. S.] 

2) M. hee. 

^) Von den Siegern wurden 6000 gefallene Franzosen auf dem Schlachtfelde 
begraben; in Gefangenschaft gerieten 1500, worunter sich viele Offiziere befanden. 



44 



Niederdeutsche Dichtungen 

Altlivlands. 



Auf einem aus einem Heft oder Band herausgerissenen Folio- 
blatt, das sich mit einigen anderen Archivalien unter Napierskyschen 
Abschriften in Riga fand und dem Revaler Stadt-Archiv angehört 
hat, haben sich Spottverse, die gegen den Rat und die Gilden Rigas 
gerichtet sind, erhalten. Das der Tendenz nach von der erzbischöf- 
lichen Partei ausgegangene Pasquill behandelt die Vorgänge des 
Jahres 1472, da nach dem Tode Johann von Mengede's und der ein- 
jährigen Zwischenregierung Johann Wolthuss von Herse's das Intriguen- 
spiel um den Alleinbesitz Rigas zwischen Ordenstneister und Erzbischof 
aufs neue begann. Wenn sich der Verfasser der Notiz, die sich unter 
der Abschrift des Gedichts findet, nach der ich den Abdruck gebe, 
mit seiner Behauptung nicht irrt, dass es die Handschrift des 
Laurentius Schmidt sei, so ist dieser, der von 1541 — 1569 Stadt- 
sekretär von Reval war, doch wohl kaum der Verfasser des nach 
1542 niedergeschriebenen Gedichts,^) sondern wir müssen annehmen, 
dass es eine poetische Reminiszenz ist, die er aufgezeichnet hat, 
denn die historischen Vorgänge Rigas, vor allem die Stimmung der 
Parteien sind zu genau zum Ausdruck gebracht. Sollte L. Schmidt 
aber dennoch der Verfasser sein, so müsste der Konflikt zwischen 
Wilhelm von Brandenburg und Riga ihm die Veranlassung geboten 
haben, sich in den fast ein Jahrhundert zurückliegenden Streit zu 
vertiefen und ihn poetisch zu bearbeiten, wie es bei dem von K. 
Höhlbaum aus dem Revaler Ratsprotokoll vom 13. Febr. 1571 ver- 
öffentlichten Gedicht auf ;,die Hansa und Nowgorod" der Fall ist. 
Sollte aber der Revaler Stadtsekretär seiner Parteistellung nach 
wirklich dem Markgrafen Wilhelm von Brandenburg zugeneigt haben? 

Johann von Mengede hatte es verstanden, die unter dem Kirch- 
holmer Vertrage schwer tragende Stadt Riga auf seine Seite zu ziehen, 
indem er ihr den Gnadenbrief vom 7. November 1454 erteilte, und 
bis zur Meisterwahl Bernd's von der Borch herrschte Ruhe und Friede, 
da Erzbischof Silvester Stodewäscher sich der Macht des Ordens 
hatte beugen müssen und durch seine an der Stadt geübte Treu- 
losigkeit sich selbst und seinem Anhang den Boden unter den Füssen 
fortgezogen hatte. Bernd von der Borch aber suchte, als er zur 
Regierung gekommen war, Stimmung für sich zu machen und zwar 
scheint er die kleine Gilde zuerst gewonnen zu haben. Aus einem 



^) über demselben steht : Tempore Laurentü Smedes / inchoatus / anno etc. 
XL II 14 die mensis Nomvembris. 



45 

alten Notizbuch derselben ersehen wir, dass schon zu Ostern 1472 
der 0. M. ^) diese auffordern Hess, ihm den FAd nach dem Kirch- 
holmschen Vertrage zu leisten. Nach einer Beratung ward ihm aber 
zur Antwort gegeben: „Wenn unser Herr, der Meister, aufs Rathaus 
käme, so wollten wir ihm thun alles, was wir ihm pfiichtig wären 
zu thun." — Vergebens suchten die Abgesandten des 0. Ms., der 
Landmarschall Cord von Esselrode und der Komtur Wilh. von Boynk- 
husen die kleine Gilde zu überreden, mit dem Vorgeben, sie „wären 
mächtig, hier oder an einer andern heimlichen Stätte" den Eid ent- 
gegenzunehmen; diese blieb bei ihrer Erklärung. — Trotzdem ging 
nachher das Gerücht, die Glieder der kleinen Gilde hätten dem 
Meister gehuldigt und „gemeiniglich wurde verlangt, dass die Ver- 
räter gefangen genommen, ihrer 5 oder 6 in den Turm geworfen 
und ihnen die Köpfe abgehauen werden sollten; es sollte dann wohl 
anders werden". Bernd v. d. Borch hatte, die Gegensätze in der 
Stadt ausnutzend, der kleinen Gilde Aussichten auf Teilnahme an 
den Ratsversammlungen gemacht und daher erklärt es sich, dass die 
zwei Glieder des Rats, die Sonnabend nach Ostern am Feste des 
Vogelschiessens der kleinen Gilde teilnahmen, sehr „quat" waren 
und sprachen, diese hätte „sehr übel gethan bei der Stadt". Obgleich 
die kleine Gilde sich damit verteidigte, dass sie nicht anders, denn 
als fromme Leute getan, und nie anders zu tun gedächten, erschien 
doch kein Glied des Rats den Sonntag darnach, da der Schützen- 
könig seinen Schinken gab, trotzdem der Rat nach alter Gewohnheit 
eingeladen war. Bernd v. d. Borch aber, der die St. Katharinen- 
kirche besah, wurde von zwei der Brüder aus der Gildstube mit 
Ehrwürdigkeit und Gruss aufgefordert, ob er mit ihnen in die Gild- 
stube gehen und des Schützenkönigs und der gemeinen Brüder 
Bier schmecken wolle. Der Meister leistete der Einladung Folge und 
es wurde nach den Älterleuten und nach dem Rate gesandt, von dem 
jetzt auch etliche kamen und „machten sich lustig mit dem Meister 
und denen, die mit ihm waren". Der Meister sandte 15 Stof rheinischen 
Weins nach und Hess die Älterleute bitten, dass sie „die cleyne 
Gifte nicht sollten vei'schmähen und schenken das den Frauen", und 
ebenso Hess er „noch von seiner eigenen Kost" holen und blieb, bis 
dass die Glocke neun Schall schlug. Da geleitete ihn der Rat und 
die Älterleute sämtlich bis in die Vor bürg und das „dankte er uns 
und unsern gemeinen Brüdern, dass wir ihm gütlich getan hätten 
und sprach, er wollte das verschulden, als ihn Gott leben Hesse". 
Am anderen Tage sandte er der kleinen Gilde vier Tonnen Bier mit 
der Bitte, es nicht zu verschmähen, sondern um seinetwillen zu trinken. 
Auf diese Weise hatte Bernd v. d. Borch sich jedenfalls Boden 
bei den Gliedern der kleinen Gilde geschaffen und, als er der Stadt 
den Mengedeschen Gnadenbrief bestätigte, da zögerte auch der Rat 
nicht, dem 0. M. die Huldigung zu leisten. Johann Soltrump, der 



*) [d. h. Ordensmeister.] 



46 

Bürgermeister Rigas, scheint die treibende Kraft gewesen zu sein, 
und gegen ihn richtet sich besonders der Ilass Silvester Stodcwäscher's, 
der den Tod Soltrump's (1477) noch überdauerte. Denn als trotz 
des vom Erzbischof verhängten Bannes, der jeglichen Gottesdienst 
untersagte, der Bürgermeister Soltrump in der St. Petrikirche feierlich 
bestattet wurde, forderte Silvester bei 10 000 Mark Strafe von der 
Stadt, dass der Leichnam aus der geweihten Erde herausgenommen 
werde; und bei Strafe von 1000 Mark sollten alle, die den Ver- 
storbenen zu Grabe getragen, beläutet und besungen hatten, sich in 
Kokenhusen vor den Erzbischof binnen 6 Tagen verantworten. Dazu 
kam es jedoch nicht, da der Rat sich seinem Verlangen wider- 
setzte und gegen ihn in Rom Beschwerde erhob. — 

Einer weiteren Erklärung bedarf es zum Verständnis des 
Pasquills nicht. — 

Wil gie boren ein nie gedichte? 

Darvon wil ich jw singen, 

Wo idt de Rigeschen hebben uthgerichtet. 

Ich fruchte, idt wil ehn misgelingen. 
5 Erben rechten hern^) hebben se vorkam. 

Des mögen se sich wol frowen! 

Darmede hebben se orhe lof vorlorn; 

Idt wert onhen noch wol rowen. 

Weren se vrodemans gewesen, 
10 Se hedden sich bet besunnen 

Und hedden dat ersten bet bedacht, 

Wat darvon muchte kamen. 

Do men schref twe und seventich jar up sanct Anno 72 

Dionisius dach, 

Grot wunder mochte man boren; 
15 Up dem rathuse dat geschach, 

AI wo de Rigeschen schworen 

Den werdigen orden^) uth Liflande. 

Nemant konde onhe des weren; 

Se mögen des nummer sin bekant 
20 Vor fursten und ock vor hern. 

Soltrump ^) swor den ersten ehedt; 

Sin lof, dat wolde sich melden. 

Dat kint, dat in der wegen licht, 

Dat mot des noch entgelden. 
25 Dar itlige burger stunden und sworen den ehedt; 

Onhe was so rechte bange; 

Dat was onhe gantz von herten let; 

Se deden dat alle von dwange. 



1 



) Erzbischof Silvester Stodewäscher. 
*) Bernd v. d. Borch. 
•) Johann S., Bürgermeister von Riga. 



47 



Se worden beide bleok und rot, 
30 Dat deden se von rouwen; 

Se dachten ahn de groten not, 

De sich dar wurde vornien. 

Dar sworen ock etlige tor sulvigen stunde, 

Onhe was so rechte leve tho mode, 
35 De vorreders ahn orhes herten grünt, 

God geve onhe dat nummer tho gude. 

De broder uth der kleinen gilde, 

Dat weren se, de ick meine; 

Dat se dreven, dat was gar stille. 
40 Se deden des nicht alleine. — 



Ebenfalls unter den Napierskyschen Abschriften fanden sich 
zwei von einer Hand des 15. Jhs. beschriebene Blätter in 8^*, von 
(leren Schrift der Verfasser der Anmerkung unter der Abschrift sagt, 
(lass sie ihm aus den Revaler Kämmereibüchern bekannt sei. Das 
eine Blatt enthält einen Brief in schwedischer Sprache, das andere 
Notizen, die vielleicht zu den Kämmereirechnungen dienten. Hier 
finden sich auch folgende Knüttelverse, deren Kenntnis ich ebenso, 
wie die der Spottverse auf Riga dem Herrn Oberlehrer C. Mettig in 
Riga verdanke, dem ich hiermit meinen besten Dank sage für das 
Interesse, das er meiner Arbeit auf dem Gebiete der livländischen 
Literaturgeschichte entgegenbringt und für jede Förderung, die mir 
zu teil geworden. 

De de schone juncvrauwen plegen will 

Unde suverke perde riden will. 

De behoffet woU sulver unde golt in der taschen, 

Win unde krud in der vlasschen. — 



Die Pasquille auf die Witwe Herssefelt und das poetische Bitt- 
l^esuch des alten Landsknecht sind dem Revaler Ratsarchiv ent- 
nommen, dem die Handschriften —r es sind Papierfoliobogen — 
angehört haben und daher von mir übergeben worden sind, nachdem 
sie von Hand zu Hand gehend nach längerer Irrfahrt in meine Hände 
gelangt waren. — 

Die Familie Herssefelt, die wohl aus Hersfeld im Hessen- 
Nassauischen stammt, war in Altlivland weit verbreitet. In den von 
J. G. L. Napiersky edierten ^Erbebüchem der Stadt Riga 1384 — 1579^ 
tritt uns bereits 1409 ein Glied der Familie entgegen, die unter den 
Namensformen Herzevelde, Hersefeld, Hersfeld noch bis ins 16. Jh. 
vertreten ist^) und ebenso sind in Reval die Hersefelt's angesehene 

*) Genannt werden Hans, Wernerus und her Tylmann. 



48 

Bürger der Stadt gewesen, von denen mehrere städtische Ämter 
bekleidet haben. So war ein Paul Hersefelt 1471 Schaffer der 
Schwarzhäupter ^), und in seiner Revaler Ratslinie führt F. G. von 
Bunge drei Hersefelts an, die Ratsherren gewesen sind: Johann H. 
1494, 1497 und 1512, Martin H. 1535, 1539^) und 1540 und Tilemann H. 
1532. Der Ratsherr Martin Hersefelt, der 1533 Schaffer der grossen 
Gilde ^) war, wird ausserdem in der bei Bunge abgedruckten Ver- 
ordnung der grossen Ämter de anno 1539 als Untervogt, Schott-Herr 
und Fischer-Herr angeführt, und seiner geschieht in den Ratsproto- 
kollen mehrfach Erwähnung, sowie eines wohl nicht mit ihm identischen 
Martin Hersefelt, der 1503*) Ratsherr war. Ich setze einige Stellen 
aus den Protokollen hierher: „Am Tage Catharinae 47. In Thomas 
Vegesacks sachen vptosoken Anno xvten vnd ixten eine vorlatinge, so 
Gurt Meier oder Merten Hersefelde boscheen sin sal; vptosoken." 
„Anno 48 den 21ten September. Quemen vor vnse Radt de vormundere 
Zeligen hern Merten Hersefel : etwa vnsers Rats mede Burgermeistern 
nhagelaten wedewen vnd kindere vnd Jürgen Herike, hebben zampt 
vnd in Sonderheit gemechtiget den Ersamen Jacob Wilkens, mede- 
burger tho Lübeck, allen vnd itzliegen nalat zeligen Hans Hericken 
ahn geredenn vnd vngeredenn vpt proftateligeste vnd furderliegeste 
ergenannten freunden tom besten her innen to schicken." „Den 18ten 
Juni Anno xlixt^n. Togedenken vnd vptosoken, wo Idt vormals des 
Closters haluen durch hern Merten hersefel : vnd zeligen hern Henrich 
Dellinckhusen geworuen. (und weiter unten wird das Kloster näher 
bestimmt) extract vth dem priuilegio das Closter ton sustern 
bolangende" u. s. w. Das Revaler Ratsarchiv bewahrt ferner aus 
den vierziger Jahren des 16. Jhs. eine „Rekenschop vndt Beschedt 
von wegen des gemenen Kastens zu sunte Oleff" (B. 1. 4.) auf, an 
welchem Bericht ein Hans Hersefelt beteiligt ist. ^) Auch seiner thun 
die Ratsprotokolle Erwähnung. Der Hans Hersefeldeschen z. B. wird 
mit neun andern Revaler Bürgern anbefohlen „dat se sich vorplichten 
einen dudeschen Jungen oder magt dar bie tho holden" (Ratsprotokoll 
vom 30. Mai 1554). Überhaupt kommen seit der Mitte der 50er 
Jahre in den Protokollen die Namen Hans, Merten und besonders 
Tilemann H. vor, die mit den oben angeführten gleichen Namens 
nicht identisch zu sein brauchen und auch nicht sein können. Die 
äusseren Verhältnisse der Familie scheinen günstig gewesen zu sein. 
Bei der Aufzählung von Claus Schomakers Besitz heisst es „in der 
Susternstraten alles twischen Herr Thomas Vegesack vnd Hans Herse- 
feldes husern". Am 21. Juni 1549 findet eine Verhandlung mit der 



^) E. V. Nottbeck: Revals alte Scbaffer Poesie und Reime. Beiträge zur 
Kunde Ehst-, Lif- und Kurlands V. p. 390 ff. 

*) Vom Stadtarchivar 0. Greiffenhagen aus dem Archiv ergänzt. Briefliche 
Mitteilung. 

') cf. Anm. 2. 

*) cf. Anm. 3. 

*) 1540-1544. Briefliche Mitteilung des Stadtarchivars 0. Greiffenhagen. 



49 

Hersefeldschen ^des garden haluen^ statt. Am 7. Febr. 1555 lässt 
Herr Jasper von dem Hersefeldeschen Huse 500 mark afschriuen. ebenso 
Henrich Empsinkhof am 8. März. — Dieser überlässt das ^hus in 
der Karriestraten^ Tilemann Hersefeld und empfängt e contrario ein 
Haus in der Quappenstrasse (den 17. Juni 1556) u. s. w. 

Leider sind die Ratsprotokolle der fünfziger Jahre so schlecht 
geschrieben und so lückenhaft und unordentlich geführt, dass sie 
mehr den Eindruck eines Brouillons machen, das dem Sekretär des 
Rats nur zur weiteren Ausführung gedient hat. Daher sind wir denn 
auch in der sich an die Hersefeldschen Pasquille knüpfenden Streit- 
sache viel auf Vermutungen angewiesen. Sicher ist aus den Spott- 
gedichten, dass die Witwe Hersefeld drei Kinder und zwar zwei 
Söhne und eine Tochter gehabt hat (cf I. V. 29 und II. C. V. 10). 
Diese führte den Namen Catharina, denn auf die im Pasquill 
angegriffene Witwe H. bezieht sich jedenfalls das Protokoll^) vom 
Jahre 1547, das undatiert vor dem 14. Oktober steht. „De sache 
darhene wielen de Hersefeldesche das gelt, dar de geburenen an- 
furderinge vmb gescheen. ij deile darvon entrichtet vnd das dridde 
deil dem megedeken Catharinen tom besten, so noch unberaden vor- 
handen, hir beholden. Mit angehefter bede von wegen orhes ampts 
dar Innen to sehende, dat sodane gelt den kindern von zeligen 
Tedinckhusen^) herkommende vnd wes dar tor stede. orhen zeligen 
vader tobohorende. das se des selben nha orhen rechten ock mede 
to gete . . tede also das dat selbe in gude bowaringe vnd vp ge- 
wisse rente mochte gelecht werden." Ob der Vater Martin oder 
Hans Hersefeld war, lasse ich unentschieden, glaube aber die Ver- 
mutung aussprechen zu dürfen, dass die Mutter Anne und einer der 
Söhne Martin hiess, denn Sonnabend post purificationis Mariae 1556 
wird, nachdem ^Tylemann Hersefeld de old: getuget, hern Märten vnd 
der moder Anneken vergunt to teikende". — 

Im folgenden will ich, soweit die Revaler Ratsprotokolle das 
Material bieten, den sich an die Pasquille knüpfenden Streit dar- 
zustellen suchen, der aber durch die lückenhafte Unklarheit der 
Protokolle dunkel bleibt. — Des Donnerstags vor Estomihi 1554 oder 
wie es damals hiess, des ^Donnerdages Ihn vastelauende^ trug 
es sich zu, dass ein „schantbref vor der Dusterschen Dore gebunden" 
war und von den Bewohnern gefunden wurde. — Dies scheint die 
gewöhnliche Art der Verbreitung anonymer Spottgedichte gewesen zu 
sein, denn in einer andern Klage, die Anno 1554 den 28. August 
vor dem Rat verhandelt wird, hebt der ;,vor einen uprorer vnd moyt- 
maker'^ der Stadt Reval Gescholtene als fünften Punkt hervor, dass 
ihm ^ein schandtbref ahn siner dore geslagen in nachtslapender tit". 
Ebenso finden wir unter dem 6ten Aug. 1547 im Ratsprotokoll die Notiz 

*) Die Zitate aus den Protokollen sind von mir wortgetreu gegeben und 
sollen zugleich zeigen, wie lückenhaft und abgerissen die Protokolle geführt sind. 

^) J505 war ein Hans Tidinchusen Ratsherr. Die "Witwe H. könnte eine 
geborene Tedinckhusen sein. 

Niederdeutsches Jahrbuch XXXI. 4- 



50 

verzeichnet: ^^Nachdem Lucas Greninge, unserm medeburger, eine smehe 
schrifte ahn de doeren in nachtslapender tit geslagen (das ursprüng- 
liche ;,gekleuet* ist ausgestrichen), wor anhe ein Ersam Radt gar keinen 
gefallen, vnd wener ein Ersam Radt konte oder muchte to weten kregen, 
wens hant dat suluige were, alsdan solde einer also dar ouer gestrafet 
werden, dat sich der ander dar anhe to spegelen solde hebben.^ — 
„Fridags post oculi Anno 1556 trat de angewante frundschop sowol 
Tylmann hersefeldts, als seines eheligen gemhals Catherineken^ vor 
den Rat wegen des ;,libelli famosi* und es wird ;,vp belangen gedachten 
Tylmanns to teikende vorgunt^, dass die Dustersche „desulue eren- 
rurige schrifte von sich nicht to nicht gebe, noch afhendich mache 
bie X mark ledigen suluers". Nachdem Hermann Duster, der Gatte, 
zweimal „der orsache der breue^ vergeblich vorgeladen worden — er 
entschuldigt sich mit Krankheit — findet endlich den 13. Mai 1556 die 
erste Verhandlung wegen des Pasquills statt. Hermann Duster sagt 
aus, dass er „tho 11 in der nacht to hus gekommen", als man den 
Brief bereits an der Tür gefunden. Seine Frau, bei der er Hans 
Boismann getroffen, hätte ihm gesagt, „he solde dar nicht vmb vor 
den radt gan", obgleich „he ehr sunsten wol geraten hebben wolde, 
wes se sich vorholden solde". Auf die Frage, ob das Spottgedicht 
iemand vorgelesen worden sei, musste Hermann Duster gestehen, 
dass seine Frau es der Pakebusch vorgelesen, und „dat se den schant- 
bref mit Hans Boismann wol gelesen, he mit ehr vnd se mit emhe". 
Ausserdem hatte seine Frau ihm gesagt, dass Herr Arnt Pakebusch, 
Benedictus Kock oder Thomas Schröder an dem Abend „bie emhe 
Im huse gewesen". Auf die Forderung des Klägers „bie einer pyne 
touorgesageten bref oder, wo wele derseluen sien, tor negesten kumpst 
mit recht to stellende", wird verfügt „bie XX ^ tor negesten kumpst 
den bref intobrengen", eine Verfügung, die am 17. Mai erfüllt wird, und 
da das Protokoll verzeichnet „de breue ingeb. wegen der Dusterschen", 
so muss unterdessen auch das zweite Pasquill auf dem oben angeführten 
Wege in die Hände Frau Dusters gelangt sein. — Obgleich sie sich 
rühmt, „se wete sich des tor erhe wol to uorandtworden", muss sie 
den 14. Mai „bie hogerer poen" vor den Rat zitiert werden und 
späterhin proponiert Arnt Tritze, der de Dustersche excusert, ihr 
„Vormünder oder biesorger" zu setzen, „wielen de man dar nicht 
duchtich to, to schichten", was aber abgewiesen wird: „den man dar 
nicht hüten to laten, mach nicht wesen; ehr man das hoeuet." — 
Erst am 12. Juni findet wieder ein Verhör und zwar der Zeugen 
statt, über das das Protokoll aber nur sehr dürftige Angaben enthält. 
Nur die Fragen „wo vnd von wem he den bref bekommen?" und „ofte 
he den bref ock Jemandts mher, als den 4 gewesen, mher vorgelesen, 
als den 4?" sind protokolliert. — Die erste Frage ist wohl an 
Hermann Duster gerichtet, die zweite an den von ihm genannten 
Hans Boismann, dessen Zugeständnis „to boke to teikende vergunt" 
wird. Auf H. Boismann fällt so der Verdacht, der Abfassung und 
Absendung der Schmähgedichte nicht fern gestanden zu haben, und 
dieser Verdacht mehrt sich durch weitere Aussagen. „Item wes he 



51 

ferner vt, he (Hans Boismann) gesecht, dat he den bref so verdigen 
lesen vnd duden konde; vnd wener he an der hersefeldeschen doer 
gehangen, so were he nicht manck de lüde gekamen. ^ — Es nimmt 
aber die Untersuchung einen immer langsameren Gang. — Unter dem 
24. Juli 56 lesen wir im Protokoll : ;,Tyleman vnd Hans Hudde (dessen 
Anteilnahme am Pasquillenstreit völlig dunkel ist). De Dustersche 
vorbaden laten. De Dustersche excuseret. begert vormunder oder 
biesorger.^ ^Anno 5G den 12. September heft ein Ersam: Radt der 
Dusterschen vor vulmechtige nur alleine vnd nicht wider de tosprache, 
so vele de gefundene smehe schrifte anlanget, to boke to teikende 
togelaten vnd vorgunt: nemblich Tomas Luter, Johan Kindlein vnd 
Amt Trieszen. Alles sunder geferde. Sodans ist vp belangen Arnt 
Tritzen to teikende vorgunt.*' Nun sollte man annehmen, dass der 
Rechtsstreit einen schnelleren Fortgang genommen hätte. Durchaus 
nicht! ;,Den 25. September 56 stellt Tylemann H. die Frage: vor 
weme weren se de schantbreue? Se examineren vnd fragen tor 
negesten kumpst. Ehr hebbe Idt nicht rechte vorstan.^ Aber zur 
Beantwortung kommt es nicht, denn vergeblich folgt eine Zitation 
der andern, und nur immer dringlicher wird die Bitte des Klägers, 
die Dustersche vorzuladen. ^20. Novembris Anno 56. Tylman Herse- 
felt vnd Hans Hudde noch Amt Tritzen vnd de Dustersche vorbaden 
laten.*' ;,Frigedages post purificationis virginis Mariae (Febr. 57) 
Tylmans peticio de Dustersche persönlich vorbaden to laten. erlouen 
wollen.*' „S. Martii 57. Tylman Hersefelt: noch der Dusterschen 
belanget; vmb gods willen gebeden, ensmals hirher vorforderen 
vnd vulmechtige, de Idt orhenthaluen hir vorantworden möchten.** 
„2. April Anno 57. Item der Dusterschen haluen. vorlaten. bie 
den Dener anseggen laten bie X Daler tho compareren ; wo nicht, 
sin de negesten schuldich, se vortreden, se scheidede oder nicht; ein 
radt wolde ein pant halen laten. vorgunt to teikende.*' „6. April 57. 
bie XX Daler anthoseggen der Dusterschen, tor negesten kumpft, 
dat se kome oder aber erbe frende schicke.*' „11. Juni 57. Tilman 
de Dustersche begeret bie broke tho uorbaden.** „12. Juni 57. Der 
Dusterschen P. begeren Dilation, ohr procurator si nicht thor stede; 
begeren, efte Tylman ock mher tho ohr tho seggen, efte de Zeddel.** 
;,17. Juni 57. Tileman vergunt, de Dustersche vorbaden to laten.** 
;,29. Juni 57. De Dustersche thor negesten kumpt noch bie X Daler; 
sal thor negesten kumpst arresteret werden.** — Endlich, am 6. August 
57, findet wieder eine Verhandlung Tylman Hersefeldts und Hans 
Huddes wider die Dustersche statt und zwar vor dem Niedergerichte ; 
sie soll dazu angehalten werden, mit ja oder nein ihre Aussage zu 
befestigen; ,.protest vor god, dem Rade vnd Jedermenniglich ; ent- 
schuldiget, so ehr etwas ohrer vngelimplichen worde haluen beiegende 
vnd wider fhare.** Hans Boismann begert Aufschub und nachdem 
die ;,vpschuft vorgunt** finden wir nur noch unter dem 18. August 
57 die Notiz „Tylman vor sich vnd Hans Hudde*^ ; damit ist dann 
der Hersefeldtsche Pasquillenstreit aus den Ratsprotokollen ver- 
schwunden und wir haben kaum irgendwelche wesentliche Aufklärung 



52 

über die Tatsachen, die den Spottgedichten zu Grunde liegen, erhalten. 
Diese selbst geben aber kaum eine genügendere Aufklärung und leider 
kann ich sie nicht so fertig lesen und deuten, wie Hans Boismann. 
Der Verfasser, der sich wohl Tyleman Hersefeldt zum Hohne den 
falschen Namen Tyllemann beigelegt, muss der Gilde angehört haben, 
und der alte Gegensatz zwischen Gilden und Rat gibt den Gedichten 
die Färbung, die sich z. B. in folgenden Versen spiegelt: 

Det wert he alle dage nicht w^einich beklaget, 
Wol et eynem 't* rade gansz W'Ol bohaget, 

oder He hadde geren gedruncken eyn wilkomenn van gilde her. 
De ludde seggen, et is yor ein nicht gesodenn usw. 

oder Vnd roege de gilde nicht, dat is min rath, 

Edder dat lest wort uel erger vnnd kuath. 

Ausserdem muss aber die Witwe Hersefeldt den Hass der Gilde- 
brüder durch irgendwelche verleumderische Angriffe erregt haben, 
durch die augenscheinlich eine Revaler Schöne schwer beleidigt 
worden ist: 

Gedencke ock frowe der smeliken nucke vnd stucke. 

De du mit dinen loggen und drogen hesst gesmucket, 

Do du wult dinen negesten sin er bostelen und bereuen .... 

Do du de erlicke yunfer butten de er wolth forgettenn. 

und: Se wetten wol, wo se dat erlicke kint bosedenn 

Myt logen, drogen wedder got vnd alle sedde. 

Vielleicht stehen die Pasquille mit einem Vorgang in Verbindung, 
der sich in dem Ratsprotokoll vom 13. Mai 1556 unmittelbar an die 
Verhandlung des Hersefeldtschen Streits anschliesst; es ist nur zu 
bedauern, dass der Sekretär sich nicht veranlasst gefühlt hat, 
den Namen der Jungfrau, der den Ratsgliedern natürlich bekannt 
war, zu nennen. Es handelt sich dabei um folgendes. Euert Becker 
war die Gildestube der Kanutigilde zu seiner Koste verweigert worden. 
Es scheint der Ruf der Braut kein unangetasteter gewesen zu sein, 
denn ;,de Junfer war in den Winachten nicht gebeden^ zu den Weih- 
nachtsdrunken .der „sanct Olefs Gilde *'. ;,So de darhenne queme, 
solden fruwen vnd Junfer dar vthstaen^' und ebenso hatten sich die 
Brüder der Kanutigilde geäussert, „wener de persone darhenne ge- 
beden, solden orhe fruwen dar wedder vthgan; derwegen de kanute 
gilde ehr de koste dar geweiert. ^ Die Duldung bescholtener Personen 
war eben in der Gilde verpönt. — Den 13. Mai 56 traten nun ^Euert 
Becker vnd de oldesten vth den beden gilden" vor und der Rat, der 
es vor gut ansah, ihm die Gildestube zu vergönnen, ordnete an, 
dass ^Junk vnd old in beden gilden gefraget werde, ofte se ock 
etwas anders von der personen wüsten, anders als tor erhe^. Das 
sollten sie zum nächsten Termin vorbringen. Den 19. Mai erfolgte 
die Antwort. Beide Gilden sagen durch ihre Vertreter aus: ;,se 
wüsten anders nicht von ehr, als tor erhen.^ Zugleich scheint es 
auch zu einer ;,mishelicheit" zwischen den beiden kleinen Gilden 



53 

gekommen zu sein. Der Oldermann und die Oldesten der Sanct Olafs- 
Gilde hatten gemeint ^dat brutber sei in der kannten gilde to 
bruwen*, worüber sich diese entrüstet, denn was die St. Olaigilde 
abgelehnt, dazu wäre sie gut genug. — Hatte doch ausserdem des 
Bräutigams eigner Mund die Gilden „geschendet^, d. h. wohl schlecht 
über sie gesprochen, wogegen sich Euert Becker damit verteidigt, 
dass er es getan, weil er gemerkt habe, „dat se enhe den gildestauen 
nicht gunnen^. Um die Sache zu schlichten, werden drei Ratsglieder 
abgesandt: „her herman, her Juen kap:, koninge.*' Ich war nun zuerst 
geneigt in Euert Becker den „erlossen liouen^ (I. V. 8) zu sehen, 
der gerne „eyn wilkomenn van gilde ber^ getrunken hätte, und in 
seiner übel berüchtigten Braut die Catharina Hersefeldt, Erbittert 
über die Zurückweisung ihrer Tochter hätte die Witwe Hersefeldt 
dann schlecht von den Gilden und anderer Bürger Töchtern geredet 
und dadurch das poetische Strafgericht über sich heraufbeschworen; 
so würde sich alles aufs beste fügen. Leider ist aber die Deutung 
nicht möglich, denn Evert Becker ist Bräutigam und die Verse ^ydt 
is gesehen woll Xiij wecken uor der tydth^ und „vormer din gesiechte 
vordan mit sodan 27 weckensz kinth^ können nicht auf eine Braut, 
sondern allein auf eine verheiratete Frau bezogen werden, da doch 
nur die Hochzeit der Zeitpunkt ist, von dem eine zu frühe Geburt 
gerechnet werden kann. — So muss schon „Catharineken^, die 
Gemahlin Tyleman Hersefeldts, für uns die beschmähte Tochter der 
Witwe Hersefeldt bleiben, und ihre Hochzeit können wir in den Juni 
1555 verlegen, da sich die Worte: ;,got heft en gegeuen, yck men, 
en stolt ni yar*', doch wohl auf die Geburt des „27 weckensz kinth" 
beziehen. Über die näheren Beziehungen der Pasquille bleiben wir 
aber in Dunkel. Möglich ist es ja auch, dass die Kränkung, die der 
Braut Euert Beckers widerfahren, auf Verleumdungen der Witwe 
Hersefeldt zurückzuführen ist; dann wäre jene „de erlicke yunfer*^. 
Irgend einen Zusammenhang zwischen der Beckerschen und der Herse- 
feldtschen Sache glaube ich annehmen zu müssen, da die Verhand- 
lungen derselben in einem fortlaufenden zusammenhängenden Protokoll 
gebracht worden und nicht, wie sonst, durch einen Strich getrennt sind. 
Es ist mir ein Bedürfnis, auch an dieser Stelle dem Herrn 
Stadtarchivar 0. Greiifenhagen in Reval für die grosse Liebens- 
würdigkeit, mit der er mir die Benutzung des Archivs ermöglicht, und 
für vielfache Auskunft meinen besten Dank zu sagen. 

I. 

leue frundinne, ^) lattet iw nicht vorwunderenn, 
dat dusse breff an yw doer is gebundenn; 
dut is iw ock gesehen to gefallenn. 
ick wet, gi ock sin belogen van en by allenn. 
5 do de hör er logen smuckede mit godes lidenn. 



*) Das auf leue folgende Wort ist ausgeschnitten und frundinne über die 
leere Stelle geschrieben. Ursprünglich stand wohl der Name „Dustersche". 



54 

dar heft er got wedder for lattenn glydenn 

also, dat se ys gewordenn einn stinckende hör, 

do er de erlosse boue in dem winckel schor. 

dut is vor de besendinge, de iw geschag. 
10 wo smecket der fruntschop wedder ymme das? 

dot wol vnd lattet dut einem idderen senn, 

wo der hören is geschenn, 

ick menne de formunders vnde de pleppener, 

de einem idderen wolden bringen vmm sin er. 
15 dut mach so wat hen swewenn, 

se werdenth eren part ock an den eren boleuen. 

dut wil ick so latten bliuenn. 

lat sen, wat de schele papenkint kan bodriuenn? 

de duuel hadde em de ogen vorblendet, 
20 do de hör worth geschouenn vnde geschendet. 

got heft en gegeuen, yck men, en stolt ni yar. 

de frunde mögen sick frowen alle gar! 

ia, wer dat van dem glupschen bouen nicht geschenn, 

my wer lede, he most dorch de gadderen senn. 
25 godt heft en wol to hope gefogeth, 

so dat dem fruntschop an hören vnd bouen noget. 

se wetten wol, wo se dat erlicke kind bosedenn 

myt logen drogen, wedder got vnd alle sedde. 

yck men, got heft der herssefeltschen dre kinder gegeuen. 
30 got lat kenn erlik man den dach boleuenn. 

dut ys vor ogen, se sin alle gewisse. 

dar behodde vns foer de her iesu christ. amen. 
Aldus bin ick mit der warheit berich[t] 
sust hadde ick dat better gedieht. — 

IL 

A. dem ersamenn 

Lesser kome dussen 
breff flfe ge.^) 

B. ^^4^ 1. Ach leibe nabersch, ych wil eur sagen, 

de hör ist achter ynn gegnagenn 

2. myt einer stufenn taffenn 
szwisschenn szwe rufe lappenn. 

3. yo de tappe stiuer steit, 

yo der horenn sagter deith. 

4. ych wyll enn nich nennen, 

yr worth en alle so wall (?) kennenn. 
No. 1. dusse sertte ys vor handenn, 
Nö. 2. dar vm dat yth mot wanderenn 
Nö. 3. van dem enenn tho dem anderenn.^) 



^) Adresse auf dem zu einem Briefumschlag gefaltenen Bogen. 
^) Die drei letzten Zeilen sind in der Mitte des Briefumschlags übers Kreuz 
geschrieben und an den vier Seiten steht je eines der vorhergehenden Reimpaare. 



55 

C. Bedencke frowe aim dat suchtenn vnd kermen, 

welckz dagelickz ge8[ch]ut van den elendygen armenn 

um eynenn nygen funt, welckz dyn sellyge man her for bracht, 

dat nycht drade wert woryen ouer stach. 
5 Des wert he alle dage nicht weinich boklaget, 

wol et eynem 't* rade gansz wol bohaget. 

Gedencke ock frowe der smeliken nucke und stucke, 

de du mit dinen loggen und drogen hesst gesmucket, 

do du wult dinen negesten sin er bostelen und bereuen. 
10 und best nu uor dut und dat einen def, ock j hör und j bouen 

yn dinem husse. Dat is war und anders nycht, 

des heft ein yder ein waraftich borich[t]. 

Noch letz du di hir nicht an genogenn, 

de wyl du bist geschennet mit boren und bouenn, 
15 de du alle dage bi diner taffeien best sittenn. 

Dut wort einem ideren alle dage witlick 

beide butten und binnen landes, ock to Dorpt und to Rige. 

0, wogeren haddes stu dar welcke by, 

de di den rei holpen uormeren und bi di stundenn! 
20 Socke nich wit, blif in din strate bi din egen frundenn! 

Ick men der boren formunderschen yn bosundereiln, 

de de hoer plegen van den auen bet an den morgen to wachtenn 

vnde dussen horenyeger so geringe achttenn. 

Ick men, em wedder uor nu kortz en smalle er. 
25 He hadde geren gedruncken eyn wilkomenn van gilde ber; 

de lüde seggen, et is vor ein nicht gesodenn, 

dar vmme krycht he nicht vann der bradenn. 

Nu du sust, dat et dij nicht wil gelingenn, 

denck nu, wo sagt idt deyt, enem van sin er to bringenn? 
30 Kunstu nu welck to dy schrapenn und rapenn, 

du schult dar nycht vm slapenn; 

dar umme geit idt di, alsz einn beschettenn koe, 

de einenn iderenn gerenn hadde dar tho. 

Ick rade di, lat af vnd lat di genogenn, 
35 du best genoch ann de hoer vnd an de bouenn, 

vnd roege de gilde nicht, dat is min rath, 

edder dat lest wort uel erger vnnd kuath. 

Dut schriue ick di to einer voreringe; nu idth ys geschenn, 

vp dat du vnd de dinen dut mögen senn, 
40 dat wi ydt better wettenn, 

do du de erlicke yunfer butten de er wolth forgetten. 

Wes ock boricht, dat yck dut hebbe geschreuen, dar ick sath. 

Mi ducht, dat horkint ys gemacket in der stath. 

Ytd is gesehen woU xiij wecken uor der tydth; 
45 dar vm wort se idt bittidenn kuith. 

We duth gogelwerck heft gedaenn, 

dat wyl ick vp dut pas lattenn stann. 

Ick hoer, se plach geren vp der luten to spellenn; 



56 

vnder der tidth heft men er nam gatte getelleth, 
50 bet so lange, dat de klanck is gekomen ouer alle, 

welckz nicht wit ys gesehen vann dem stall. 

Woltu di nicht latten genogenn, um kunschop to wettenn, 

se sin dar, de di nicht werden vorgettenn* 

Mi dacht, ick hebbe eynenn hoerenn snuuenn; 
55 holt Stil mit der sacke, edder idt werth di geruuenn. 

Wo ick denn horenn drucker betenggc to nennen, 

so werth em einn ider woU kennen. 

Duth nim to herttenn ofte to gemotte, 

etth si sur, bitter edder soette, 
60 vnd lat et dy wolgefallenn, als ick ock van di se, 

vnd lat di nicht sinnen, et do di we. 

Besunder holt di krum mit dinem hupenn 

vnd lat se sick wedder betidenn bokruppenn 

vnd vormer din gesiechte vordan mit sodan 27 weckenszkinth, 
65 so werden se alle noch einsz so geswind. 

Hir wil ick dut bi latten bliffenn 

vnnd wil di dusse hören vnd bouenn to schinenn, 

so he dat noch ens also kann doenn, 

so sal he sin geeret vnd hebben lof vnd ken hoenn. 
70 Hir hestu dy na to richtenn, 

dar kanstu einem iderenn mede boswichtenu, 

duth horkint is vorhandenn, 

duth wert ock kenn erliker wor anderenn. 
(Bild eines Priapus.) Aldus gemercketh Tyllemann. 

Lat di üich ruwenn, de hör let sick geren schuwen 



Das dem Revaler Rat überreichte poetische Bittgesuch eines 
alten Landsknechts gehört derselben Zeit, wie die Hersefeldtschen 
Pasquille an, denn nicht nur die Handschrift, sondern auch der einzige 
einen Anhaltspunkt gebende Vers (13): ^Wo her Juen datt weth^ 
weist auf die Mitte des 16. Jahrhunderts hin; es ist wahrscheinlich 
der in der Zeit oft als Ratsglied genannte Herr Juen Kappenberch 
gemeint. In den Ratsprotokollen habe ich, so weit ich sie durch- 
gesehen, nichts auf das Bittgesuch Bezügliche gefunden und kann 
so nicht angeben, ob die Bitte um eine Reiterzehrung erhört worden 
ist. Das Gedicht macht nicht den Eindruck, als ob es von einem 
Landsknecht verfasst worden ist; jedenfalls ist er nicht einer von 
denen, die mit wildem Humor singen konnten: ,,Und wirt mir dann 
geschossen ein flügel von meinem leib u. s. w.^ Ob es nicht für den 
Landsknecht von einem Schreiber verfasst ist? 

Erbare w^) gunstighe leuenn herenn, 

Latet mj gneten oldes denstes myner bede! 

Iw loff will ick wider vorbreden 

By forsten, heren, grauen, Ritteren vnd stedenn. 

*) wohlweise (?). 



57 

5 In Dudeslant ist myn synn 

Mit gades gnade, wo he will. 

Wolde nu noch godt schicken vnd foghenn, 

Datt ick tho Reuall myn leuent mochte ouen 

Und dragen ghedult mit lyden. 
10 godt, voghe dat nu by tydenn! 

Schall ick noch auer de zee, 

Datt wyll my don we, 

Wo her Juen datt weth. 

Ock ist myn budell licht, 
15 Ist mj ein hoghe pine, datt is wis. 

Ein Ruterteringhe sy ick bogheren. 

Godt loflf! Iw Erbar w kan er woll enberen, 

Unnd latenn mj nu gneten, 

Datt ick mj etlicke Jar nicht leth verdreten. 
20 Nu geit mj datt older ahn, 

Datt ick nicht alles don kann, 

Wo nu ein Junck man, 

de In de Joget ist wis. 

Im older wert he ock gris, 
25 Dar tho dan schaden gheledenn. 

Vorbrent em dat hus, szo weth he de stede, 

Moth dan soken syn broth auer sze vnd zlant,^) 

Szo wert em vngheluck erst bokant. 

Hefftt he dan nicht vorworuen, 
30 Werlick ist mit mj vordoruen, 

We Deus^) mins ghedutes nicht will louen, 

Do wo ick late sich nicht lenger touen. 

De winter kumpt hir bolde ahn, 

Wo sta ick dan, ick olde man? 
35 Idermans doer wert tho geslaten, 

Szo mot ick gan vpp der Straten. 

Thom lösten vinde ick wert off werdinnen. 

Watt schall ick dan beginnen? 

Ist dann In minem seckelin nicht, 
40 Szo kent mj de wert off werdin nicht. 

Duth sy Iw gheschencket Erbar w herenn. 

Nu wilt myner nicht enberen 

Und will erlick denen tho Iwen eerenn. 

Des helppe mj Jesus Christ, 
45 De twischen Iwer Erbar w vnd mj midtler ist. 

De schicke vnnd voghe nha synem gottlicken willen, 

Dat alle hadt vnd nidt werde ghestillet. 

ERRAS (Estland). Th. von Riekhoff. 



*) Lies szant — ^) Lies We de nu (?) 



58 



Sprieh^vörter und Redensarten 

aus Stapelholnn. 

(Vgl. Bd. 30, S. 78.) 



He het en Fick^) vun'e Düwel. Ist verschwenderisch, (Drage,) 

He sitt op't Pierd, as de Esel op'n Plumbom. (Kleinsen. 
Schütze I, 303.) 

He het sik vernickelt,^) as Jakob Borgers sin Kind, dat wul in 
3 Dag ni pissen. (Erfde,) Jakob Bärgers wohnte bei Hohn, 

He dreit sik as'n Lus op'n Studentenbüdel. (Drage, In Eider- 
stedt: He dreit sik as'n Lus op'n Büdel.) 

He het een in't Holt lopen. Ist im Oberstübchen nicht ganz 
richtig, (Drage, Dithm,: He het een to Holt jag.) 

Heft Mügg'n ok Rüggen? Wenn Kinder über Rückenschmerzen^ 
die vom Bücken herrühren, klagen, (Kleinsen, Schröder, Nr. 748.) 

Hell ut de Tut ! (Süderstapel, Dithmarschen : Hell ut de Kapp ! 

Hochmot weent, Demot lacht. (Drage,) 

Holt stopp! Siewert, ni in'e Wustketel. Soll herstammen vom 
Wursfsammeln am Fastnachtsmontag, wo einer namens Siewert bald in 
den Wurstkessel gefallen wäre, 

„Ik will mal rein Kram maken,*' sä de ol Peter Messer (har 
de ol Peter Messer seggt), un stek sik en Finger in'n Ars. (Drage,) 

„Ik riskir de Bass!" sagg Repen. (Erfde,) Repen war Uhr- 
macher in Tielen bei Erfde, 

Jede hunnert Mark het sin Verstand. (Drage, Vgl, Ark hunnert 
Mark het sin Verstand. Nissen, Friesische Findlinge I, 132.) 

Jed'r Minsch het sin Last un Plag, un het he d' ni an'e Föt, 
so het he d' an'e Klöt. (Drage.) 

;,Lat't rieten!" seggt Repen. (Erfde. Vgl. Schütze III, 294: 
rieten laten.) 

„Lat di langsam," [seggt Peter Jebens. (Erfde.) Peter Jebens 
wohnte in Erfde. 

Lat't weihn, lat't rieten, 

de dr' keen Land het, brukt ok ni to dicken. (Drage.) 

;,Mein un Klein is man blots en beten Bücken un Rücken," sä 
de gude Diern (Fru); ;,awer Eten kaken un Bett opmaken, dat kost 
Knaken." (Drage, Auch in Dithmarschen bekannt,) 

Menschenkinner hebt Menschendinger, un dar mut mit speit 
warn. (Meggerdorf) 

„Mit den möt wi ok bald öwern Snapp!" hdsst es in Seth von 
einem, der bald sterben miiss, Snapp = Spitze, Ecke, Winkel. Die 



^) Tasche, Geldtasche. *) Vernickt, ist aufsetzig geworden. 



59 

Sether Heide bildet zmschen der Landstrasse nach Norderstapel und 
dem Kirchweg nach Süd er Stapel bei Seth einen „Snapp^. S. Nd, Jahrb. 
XXVII, 60. 

Nu ward't Dag rund um Schosteen. Wenn einem ein Licht auf- 
geht. (Süderstapel.) In Dithmarschen heisst es: ;,Nu ward't Dag 
op'n Don.*' 

^Nu kamt s' ut de School!^ Vmi einer Schar Vögel. (Süder- 
stapel. Vgl. Engl, to shol, Schwann, Menge. 

0, du Arwer Dammer! Dei* Erfder Damm ist ein sehr langer 
Damm von Norderstapel "nach Erfde. Wer diesen Weg gehen muss, 
wird bedauert. Oder stammt die Bedensari aus der Zeit, wo die Häuser 
am Erfder Langendamm Gefahr hatten, überschwemmt zu werden? 
(Süderstapel.) 

„Rein Fatt!^ sä Kroger, do fret he dat Schüttel mit op. 

Rieke Mann in't Brot! Schimmel im Brot. (Drage.) 

Se het dat so hild as Peter Biel, de lep un sehet. (Süderstapel.) 

Se het sik mit 'n Tambour slan un het em de Trummel afnahm. 
Sie ist schwanger. (Drage. Vgl. Schröder Nr. 127.) 

Set sik op as Tesack sin Kater, de wul ni pissen. (Erfde.) 

So wellerli as N. N. sin Kater, de wul op 'n Wiehnachten 
keen Rom slappen. Oder: — de schul! söten Rom slappen un wul ni. 

So wellerli as Kopper sin Bock. Kopper wohnt in Süderstapel. 

So eni as en Pütt vull Müs. (Süderstapel.) 

In Dithmarschen: So egen as Jan Held, de schuU an Galgen 
un wull ni. 

So vull as Hopp (= Hopfen). Ganz voll. (Süderstapel.) 

„So old, as de Weg na de Wohld", heisst es von eitlem Alten. 
(Bergenhusen und Süderstapel.) 

In Dithm. heisst es vmi einem Alten: „De is al mit Steenbock 
vor Tonn (Tönning) wen. So old as de Bremer Wohld. (Schütze 
IV, 373.) 

Teen recken un Sliepsteen trecken, dar is de Düwel öwer vun 't 
Smäd'n gähn. (Erfde.) „Teen recken" und Schleifstein drehen sind 
die schwersten Arbeiten für einen Schmied. Beim, „Teen recken" wurde 
frfi/ier in eine alte abgesetzte, stiellose Schaufel oder in einen ebensolchen 
Spaten allerlei altes Eisen hineingepackt, dann im Feuer weissglühend 
gemacht und zn langen dünnen Stangen ausgearbeitet. Von diesen Stangen, 
„Teen, Nagelteen," von „teen" = ausrecken, ausziehen, wurden Nägel 
gemacht. 

Twee harte Steen malt selten kleen. (Drage. Vgl. Schütze 
IV, 191. Schröder Nr. 911.) 

Vun 'e Disch na de Wisch. Vom Essen aufstehen und nach dem 
Abort gehen. (Süderstapel. Vgl. Schütze I, 223; IV, 366.) 

„Ward en gut Botterjahr", heisst es, wenn der Hintere (de 
Arskarf) juckt. (Bergenhusen. Vgl. Schröder Nr. 286.) 

Wat man bespart mit de Mund, dat is för Katt un Hund. 
(Drage. Vgl. Sparmund fritt Katt un Hund. Schütze IV, 161. t' geen 



60 

men spaert vor den Mond, eet de Katt of Hond. Schütze^ ehd, Wat 
man bespart mit de Mund, dat frett Katt un Hund. Pommersche 
Blätter für Volkskunde X, 3J 

Wat mehr weert is as 'n Lus, dat mut mit to Hus. (Drage.) 

Wenn de Kinner to Mart kamt, kriecht de Kramers dat Geld. 
(Vgl. Schröder Nr. 1047.) 

Wenn de Swien to Kark goht, möt se ers Drank hinbring'n, 
heisst es von einem, der zum ersten Male zur Kirche geht. (Süderstapel.) 

Wer sin egen Näs afsnitt, schänd't sin egen Gesicht. Verwandte 
darf man nicht beschimpfen, man trifft sich selber mit. (Drage. Vgl, 
Schütze III, 141.) 

Wer op 'n helen Mars ni sitten kann, de mut op 'n twein 
towegs. (Drage.) 

Wer zum ersten Male nach Süderstapel oder Friedrichstadt zu 
Markt will, von dem sagt man, er müsse erst einem alten Weibe, das 
beim Eingange in^s Dorf (der Stadt) bereit stände, den Hinteren lecken. 
(Bergenhusen in Stapelholm.) 

DAHRENWURTH bei Lunden. Heinrich Carstens. 



Zu Fritz Reuters Stromtid. 



1.) Die bekannte, auch von Conrad Beckmann illustrierte Scene 
des Kapitel 13 (Ausgabe Seelmann Bd. 2, S. 232 f.), wo Jung Jochen 
ruhig zusieht, wie Bauschan die Wurst frisst, und sich, ohne selbst 
zuzugreifen, damit begnügt, seine Frau zu Hilfe zu rufen, ist höchst 
wahrscheinlich angeregt durch eine ähnliche Scenö in Karl Immer- 
manns „Oberhof" II. Buch, 2. Kapitel: 

;, Jetzt war er (der Hofschulze) schon von seinem beaufsichtigendem 
Gange in die Nähe des Herdes zurückgelangt. Ein Topf, welchen 
die Mägde zu tief in die Gluten geschoben, war im Überkochen 
begriffen und drohte seinen Inhalt zu verschütten. Schon war ein 
Teil des letzteren in das Feuer gewallt, welches sich zischend gegen 
diesen Feind wehrte. — Der Hofschulze hätte nun allerdings dem 
Fortschritte des Unheils durch Abrücken mit eigener Hand Einhalt 
tun können, aber er war weit entfernt, so die Haltung des Braut- 
vaters, welche ihm verbot, irgend etwas an diesem Tage selbst 
anzufassen, zu verlieren. Vielmehr stand er ruhig neben dem über- 
kochenden Topfe, ruhig wie jen^r spanische König, welcher die 
glühende Kohle lieber seinen Fuss versengen Hess, als dass er sie 
etikettewidrig selbst weggenommen hätte. Er begnügte sich damit: 
„Gitta!^ zu rufen, auch nicht hastig und leidenschaftlich, sondern 
langsam und ruhig. Es dauerte daher einige Zeit, bevor die Magd 



61 

Gitta herbeikam, und als sie endlich gekommen war, erschien die 
Hilfe zu spät, denn der Topf hatte nichts mehr zu verschütten.^ 

2.) Kapitel 35 (Ausgabe Seelmann Bd. 3, S. 77, Z. 9). „Und 
da is en junger Mensch aufgetreten und hat spöttschen gefragt, woans 
es aber mit die Sneidermamsells werden sollt? was die in die Zunft 
aufgenommen werden könnten, oder nicht? — Und das haben die 
ollen Sneidermeisters nich gewollt." 

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Reuter Chamissos Gedicht 
„Kleidermachermut'' gekannt und einen Zug daraus mit eigenem 
Humor verwendet hat. Das Gedicht lautet: 

Und als die Schneider revoltiert, — 

Courage, Courage! 
So haben gar grausam sie massakriert 
Und stolz am Ende parlamentiert: 

Herr König, das sollst du uns schwören. 
Und drei Bedingungen wollen wir stell'n: — 

Courage! Courage! 
Schaff ab, zum Ersten, die Schneider-Mamsell'n; 
Die das Brod verkürzt uns Schneidergesell'n, 

Herr König, das sollst du uns schwören. 

NORTHEIM. R. Sprenger, 



Zu Reuters Kein Hüsung. 



1.) Kapitel 3, ;,De Schimp*', V. 160 f.: 

Un günnten uns man blot de Städ, 
Un as en Minsch taum Hinsehen stün'n 

und Kapitel 9, ^De Fluch*', V. 291 f.: 

Ji hewwt kein Hart uns tau verstahn; 
As Minschen staht Ji nich taum Hinsehen. 

erinnert an Schillers Teil IL Aufzug, 2. Scene, V. 324 ff.: 

Der alte Urständ der Natur kehrt wieder, 
Wo Hensch dem Henschen gegenübersteht. 

2.) Kapitel 6, ;,De Lust^, V. 172 ff. Die Schilderung der Jagd 
erinnert an Bürgers ^Wilden Jäger^; vgl. besonders die Verse: 

„Hailoh! Hailoh!'' — Los geiht de Hatz! 
Dörch gräune Saat un grise Stoppel, 
Dörch Busch un Feld un Wisch un Koppel. 

und Bürgers erste Strophe: 

Laut klifft' und klafft es, frei vom Koppel 
Durch Korn und Dorn, durch Heid' und Stoppel. 



62 

3.) Kapitel 9, „De Fluch^, V. 73 hat Müller in seiner Ausgabe 
Bd. 7, S. 81 die Interpunktion so geändert, dass der Vers 

Un will de Lud' doch nich bedreigen 

noch Daniel gegeben wird. In allen früheren Ausgaben (6. Aufl. von 
1872 S. 141 unten) gehört er noch zu den Worten der Frau Rosen- 
hagen. Mit Recht! Diese kommt dem aus Verlegenheit stammelnden 
Daniel zu Hilfe, indem sie für ihn die Rede beschliesst, ihm ins Wort 
fällt. Dies scheint mir viel natürlicher als Müllers Änderung. 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



Zu Meister Stephans Sehaehbueh. 



524. He makede in synen daghen 
Enen man van ere ghoten 
Grot unde ivyt unde lanck gevloten 

Statt gevloten ist gevoten zu lesen; vgl. Reinke Vos 6195: Beinke was 
runty vet unde wol gevot. gevot ist contrahiert aus gerodet, genährt. 

Scipio, der es verschmäht, die gefangene Braut eines anderen 
zu missbrauchen, spricht: 

655. Wortimme scholde ik de rosen dorren 
Efte maken to ener gorren, 
De ik myt wyszheit noch myt loelde 
Noch myt nener hande ghelde 
Noch myt kunste noch myt inachte 
Bringhen mochte in de ersten achte. 

Das Glossar fragt dorren, verwelken lassen? Schiller-Lübben erklärt 
dorren ^dürr werden^, dorren steht aber hier für darren, derren 
;,dürr machen**, das im Mnd. Wb. fehlt, gurre ^schlechtes Weibsbild" 
ist belegt in Pfeiffers Germania 3, 422, 8. 

695. myt molden noch jetzt: met molle^i Schambach S. 137; 
Danneil S. 139. 

716. ghesproken = gespraken ^eine Zusammenkunft zu gemein- 
samer Besprechung, gesprake halten** (vgl. Morgensprache) fehlt im 
Mnd. Wb. 

1095 verlangt der Zusammenhang: 

Ene vrouwe de ere horch nicht wert, 

*Eine Frau, die ihre Burg nicht verteidigt.' 



63 

1307. Wente wy sen den armen slan 
Beyde hesr hatten unde van 
linde in mongher futnde werken 
Dat recht myt den armen sterben, 
Dar de ryke dyket vore^ 
Wente he des richters herte more 
Maket myt gude unde myt ghelde. 

Im Glossar S. 19 wird erklärt: diken (swv.) büssen: dar de rike diket 
vore, wofür der Reiche büsst (Geld zahlt). Statt des in dieser 
Bedeutung nicht weiter belegten diken ist zu lesen: iken, vgl. Mnd. 
Wb. n, 696. 

1549. Dyn prys unde ok dyn houe danck 
De mote tvesen der helle stanck. 

Statt des nicht weiter belegten hovedank, das im Gloss. S. 42 durch 
„Hofdank" erklärt wird, ist heuedanck (hehhedank) „Habedank'' zu 
lesen. Das Wort fehlt im Mnd. Wb., doch vergleiche über die Formel 
habe dank! als substantiviertes Masculinum verwendet: Lexer I, 1130; 
M. Heynes Deutsches Wb. II, 6. 

1965 f. ist der Beim meyster : besten Stephan unmöglich zuzutrauen. 
Es wird zu lesen sein: 

Dar was ok tippe eyn meyster van kunsten 
Der men do vant wol en der besten. 

2385 f. Wie der Lübecker Druck V. 2381 richtig louede, 
'gelobte' statt lonede liest, so ist auch hier zu schreiben: 

Dat he mer louede den heren 
Den he gheuen mochte myt eren. 

2475. De erde gift suluer unde golt 
Blmnen gras derte wolt 

(hrte „Tiere" fügt sich nicht in den Zusammenhang. Zu lesen ist 
(krto, dazu (vgl. Gloss. S. 17). 

2505. Wy hebben ghelesen van den ioden 
Do se sik to gode boden 
Do se van hungere weren vale 
Unde leden grote quäle 
An dem wolde dar se lepen, 

wolt in der Bedeutung „Wüste" ist nicht weiter belegt. Ich vermute 
an der wilde. Vgl. mhd. wilde f. 'Wildniss'. Nach ten Doornkaat 
Koolmans Ostfries. Wörterbuch III, 551 heisst in Ostfriesland ein 
Stück wüst und unangebaut liegendes Land eine wilde. 

2528. sin lif wert vil dicke gestucket. Im Glossar S. 89 wird 
die Vermutung ausgesprochen, dass gestuket, zusammengestaucht zu 
lesen sei, doch findet sich für stuke nach Vilmars Hess. Idiot. S. 405 
auch stucke. 



64 

2570. He Hpracli de arsfe de den witi 
Vant also dat seholde sin 
De was her noe ghenant. 

Statt arste ist erste zu lesen; vgl. 3816 erste statt arste. 

3057. Ik Jxope rindere efte per de, 

Äcker, rissche na eren tcerde 

rissche wird im Glossar S. 103 als „Fische* erklärt, doch ergibt 
der Zusammenhang, dass tvische „Wiesen*^ zu lesen ist; vgl. Mnd. 
Wb. V, 739. 

3314. In der Überschrift zu diesem Verse wie in V. 3316 passt 
seriuersy scriuer nicht in den Zusammenhang, der vielmehr scroders, 
scroder „Schneider* verlangt. 

3325. Er er worde hebben se hale 
Komen se myt en in de sale 
linde taten alle böse tvenken 
Dat gude vroutven moghe krenken. 
Wat den oghen kumpt ter dore 
Dat bringhed et allent dem Herten vore, 

sale V. 3326 wird im Gloss. S. 78 als Plural von sal, Wohnung, 
erklärt; nach dem Zusammenhange ist aber tale, Rede, Unterhaltung, 
zu vermuten, wenken wird im Gloss. S. 114 als sw. v. ^= „winken* 
erklärt; zur näheren Erläuterung dient die im Mnd. Wb. V, 670 
angeführte Stelle aus dem Eccles. (Sir. 27, 25): De dar wenket mit 
den oghen, de smedet nicht gudes (annuens oculis fabricat iniqua). 
Die Verse 3329 f. bedürfen noch der Erklärung oder Verbesserung. 

4526. In groter wollust ghegt dyn voet 
Unde untellick is din moet 
Unde hevest der vroude tvesen quyd. 

Statt des nicht in den Zusammenhang passenden untellick lese ich 
untemelick, unziemlich. 

4618 ist ursprünglich Randnote; vgl. 4625. 

4668. Ok wesen se truwe also den heren 

Dat se sik suluen nicht sweren besmeren. 
Unde ere consciencie mede. 

Zu lesen ist: Dat se sik suluen nicht besweren, 

4731. canate scheint aus karnute (kornute, kornote) entstellt. 

Die V. 4730 ff. erzählte Geschichte behandelt den von Rüdiger 
von Hunkhofen im „Schlegel* bearbeiteten Stoff; vgl. v. d. Hagen, 
Gesammtabenteuer II, S. LVIII ff. 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



65 



Die Mundart der Prignitz. 



Einleitung. 

§ 1. Die im Folgenden dargestellte Mundart wird in den beiden 
brandenburgischen Kreisen der West- und Ostprignitz (WPri und OPri) 
gesprochen. Zu Grunde gelegt ist die Mundart des Pfarrdorfes 
Boberow, in der nordwestlichen Ecke der Westprignitz. *) 



*) Die gebrauchten Lautzeichen werden § 47 erklärt. Von den angewandten 
Abkürzungen bedürfen nur die folgenden der Erläuterung: 

Behaghel, Pauls Gr. = Geschichte der deutschen Sprache in Pauls 
Grundriss B. I. 2. Aufl. 

Bratring, s. § 10. 

Gott. = Gottonianus, Londoner Uandschr. des Heliand. 

Gedike, s. § 10. 

Graupe = Graupe, de dialecto marchica quaestiunculae duae. Berliner 
Dissertation 1879. 

Heilig = Heilig, Grammatik der ostfränkischen Mundart des Tauber- 
grundes. Lautlehre. 

Hindenberg, s. § 10. 

Holt hausen, As. El. = F. Holthausen, Altsächsisches Elementarbuch. 

Maurmann = Maurmann, Grammatik der Mundart von Mülheim a. d. Ruhr. 

Mon. = Monacensis, Münchener Handschr. des Heliand. 

Rom. = Romania. 

Schlüter bei Dieter = Laut und Formenlehre der altgermanischen 
Dialekte, herausgegeben von Dieter. Altsächsisch. Band I, Leipzig 
1898. Band II, Leipzig 1900. 

Tümpel, Ndd. Stud. = H. Tümpel, Niederdeutsche Studien. Bielefeld 
und Leipzig 1898. 

mbr., mmeckl. = mittelbrandenburgisch, mittelmecklenburgisch, d. h. die 
mittelniederdeutsche Sprachperiode des Märkischen und Mecklen- 
burgischen. 

Meckl., meckl. = Mecklenburg, mecklenburgisch. 

mlat. = mittellateinisch. Pom == Pommern. 

mnl. = mittelniederländisch. SPri = Südprignitz. 

NPri = Nordprignitz. ug. = urgermanisch. 

OPri = Ostprignitz. vlat. = vulgärlateinisch. 

Pri = Prignitz. WPri = Westprignitz. 

Es ist mir eine angenehme Pflicht, auch an dieser Stelle all den Herren zu 
danken, die mir in liebenswürdigster Weise durch Angaben und Winke mancherlei 
Art beigestanden haben. Unter ihnen gebührt ein ganz besonderer Dank Herrn 
Prof. Fr. Jacobs in Metz, dem treuen Freunde und gründlichen Kenner seiner 
heimatlichen Mundart der Prignitz. 

Es war mir auch vergönnt, auf der Eönigl. Bibliothek zu Berlin die Karten 
von Wenkers „Sprachatlas des Deutschen Reichs" einzusehen. Wenn auf einige 
üngenauigkeiten und Irrtümer in diesen Karten aufmerksam gemacht worden ist, 
so ist es stets mit der Ehrerbietung geschehen, die dem gewaltigen Werke gebührt. 

Niederdeutsches Jahrbuch XXXI. 5 



66 

Lage und Grenzen des Gebietes lassen sich sehr leicht be- 
stimmen. Die Prignitz bildet den nordwestlichen Vorsprang der 
Provinz Brandenburg ; sie schiebt sich wie ein Keil zwischen Mecklen- 
burg, Hannover und die Altmark. Im Norden und Nordwesten stösst 
die Prignitz ohne deutliche natürliche Grenze an Mecklenburg, im 
Südwesten ist die Elbe die Grenze, im Süden die Havel mit der 
Dosse und im Osten wiederum ungefähr die Dosse, die, aus Mecklen- 
burg kommend, in einem weiten Bogen an Wittstock vorbei nach 
Süden fliesst und erst in ihrem Unterlaufe eine westliche Richtung 
einschlägt. Doch ist auch das zur Ostprignitz gehörige Gebiet östlich 
der Dosse mitberücksichtigt worden. 

§ 2. Die Mundart der Prignitz steht ganz auf niederdeutscher 
Lautstufe. Nur Lehnwörter aus dem Hochdeutschen zeigen die hoch- 
deutsche Lautverschiebung. 

Genauer genommen gehört die Mundart dem Ostniederdeutschen, 
d. h. den niedersächsisch-niederfränkischen Mischmundarten in dem 
ehemals slavischen Gebiete östlich der Elbe an. Es lassen sich 
wiederum unterscheiden das Nordwestprignitzische und das Südost- 
prignitzische ; der Hauptunterschied ist, dass im ersteren das nieder- 
sächsische Element mehr als im letzteren vorherrscht. Vom Alt- 
märkischen im Westen, wenigstens dem in dem Striche an der Elbe 
gesprochenen, unterscheidet sich das Westprignitzische nicht merklich. 
Fast ebenso unmerklich geht nach Osten zu das Ostprignitzische in 
das Uckermärkische des Kreises Neu-Ruppin über. Der w^ichtigste 
Unterschied vom Havelländischen nach Süden hin ist der allgemeine 
Schwund des End-e im Prignitzischen. Auch sind die Mundarten der 
Kreise Neu-Ruppin und Westhavelland noch mehr vom Hochdeutschen 
durchsetzt: sogen, s impurum ist in den beiden Kreisen zu s ge- 
worden, Verkehrswörter wie die Zahlen sind schon vielfach ver- 
hochdeutscht. Nach Norden und Nordwesten zu aber, d. h. zwischen 
dem Prignitzischen auf der einen und dem Mecklenburgischea und 
Hannoverschen auf der anderen Seite, liegt eine deutliche Mundarten- 
grenze vor (s. § 6). Der Prignitzer erkennt sofort den Mecklenburger 
an seiner Mundart, und umgekehrt. Die Bauern von Cremmin (Meckl.) 
und Warnow (Pri), Semmerin (Meckl.) und Milow (Pri), Pols (Meckl.) 
und Seedorf (Pri) ackern und heuen nebeneinander, aber sie sind 
sich bewusst, dass sie eine verschiedene Mundart sprechen. 

§ 3. Die eigenartigen Umstände, unter denen die Mundart der 
Pri entstanden ist, machen es nötig, kurz auf die Geschichte der 
Landschaft einzugehen. 

Zu Tacitus' Zeit wohnten in der heutigen Prignitz swebische 
Semnonen (Bremer, Pauls Gr. HI 927 ff.). Um 700 ist ihr Land 
schon von Slawen (Wenden) besetzt gewesen. In der Prignitz sassen 
die Ljutizen, von den Deutschen Wilzen genannt (vgl. Wils-nack), 
Nördlich von ihnen jenseits der Eide sassen die Obodriten. Nach 
slawischer Sitte wird ein breiter Gürtel von Wäldern und Sümpfen 
die beiden Stämme von einander geschieden haben, und es ist vielleicht 



67 

nicht zufällig, dass noch heute weite Waldungen das alte Grenzgebiet 
anfüllen. Sie beginnen östlich von Dömitz und ziehen sich von Grabow 
in Meckl. mit einer nördlichen Ausbuchtung über Ludwigslust, Neu- 
stadt, Parchim nach der mecklenburgischen Seenplatte mit der Müritz, 
der nach Süden zu wieder die Wittstocker Heide vorgelagert ist. 
Diesseits und jenseits des unbewohnten Gürtels scheinen eine Kette 
von Burgwällen den Bewohnern zum Schutz und zur Verteidigung 
gedient zu haben. Spuren solcher Burgwälle sind in der heutigen 
Prignitz bei den Dörfern Pinnow (WPri) und Jabel (OPri) und am 
Karwebach gefunden worden (cf Zache, Brandenburgia X 177 f), 
alle drei nicht weit von der Landesgrenze. 

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts war das Land nordöstlich 
der Elbe von den Deutschen endgültig zurückerobert worden, und 
zwar die heutige Pri von Albrecht dem Bären, der westliche Teil des 
heutigen Mecklenburg von Heinrich dem Löwen. Die Pri gehörte 
nach der Eroberung zur Diözese Havelberg, Erzdiözese Magdeburg. 
Das Bistum Havelberg erstreckte sich wiederum bis zur Eide und 
umfasste auch den Murizzi-Gau mit Plan und Röbel. Das Land 
nördHch von der Eide gehörte zu den Diözesen Ratzeburg und 
Schwerin, Erzdiözese Bremen-Hamburg. Die Markengrenze war also 
auch die Diözesangrenze. An der Eide entlang lagen die mecklen- 
burgischen Grenzburgen, wie Dömitz, Grabow, Neustadt, Parchim, 
Flau, Malchow; ihnen parallel zogen sich die neuen Grenzfestungen 
der terra Havelberg oder der Vormark, also etwa Lenzen, Dallmin, 
Putlitz, Meyenburg, Freyenstein. Denn terra Havelberg oder Vormark 
Hess dieser mit der heutigen Altmark eng verbundene Teil der neu- 
gegründeten Markgrafschaft Brandenburg. Der heutige Name Prignitz 
taucht erst im 14. Jahrhundert auf. 

Anm. Zar Zeit der Wendenherrschaft hiess die Prignitz terra Bri- oder 
Pfizanorum (s. u. a. Helmold, Chron. Slav. I, 37. 88). Die meisten stellen Brizani 
und Prignitz sprachlich zusammen (s. vor allem Müschner, Zs. f. Ethnologie 18, 376). 
Wohl mit Recht. An die Brizani scheinen noch zu erinnern: Gross-, Mittel-, 
Klein-Breese bei Wittenberge, Breetz bei Lenzen, Bresch bei Putlitz. Alle diese 
Namen werden zum aslav. breza Birke gestellt. Prignitz also „Das Birkenland*. 

Das Land zwischen diesen Grenzburgen, ja diese Grenzburgen 
selbst waren Jahrhunderte lang strittig zwischen den Markgrafen von 
Brandenburg oder brandenburgischen Grossen und den mecklen- 
burgischen Herren, von denen für die Westprignitz die Grafen von 
Dannenberg und von Schwerin in Betracht kommen. Die Oberhoheit 
über das Land bis zur Eide, der alten Markengrenze, nahmen die 
Brandenburger Markgrafen jedenfalls in Anspruch, und jeweiliger 
Besitz der Grafen von Dannenberg und von Schwerin südlich der 
Eide muss auf Belehnung zurückgeführt werden ; auch ist ihr Einfluss 
dort sicherlich nie gross gewesen. Die heutige Grenze datiert erst 
aus dem 14. Jahrhundert. 1354 wurde Burg und Stadt Grabow für 
Mecklenburg erobert, 1358 kam das Land Neustadt-Mamitz mit der 
übrigen Grafschaft Schwerin durch Kauf an Mecklenburg. 

5* 



68 

§ 4. Mitte des 12. Jh. also, genauer 1157, wurde die Prignitz 
von Deutschen besiedelt. Die Eindeutschung ging schnell und gründ- 
lich vor sich; die Hohenzollern fanden, ausser den vielen slavischen 
Orts- und Personennamen, wohl kaum noch ein wendisches Wort vor; 
selbst die Flur- und Feldnamen sind durchaus deutsch. 

Anm. Ich glaube, dass namentlich Namen von Fischen wendischen Ur- 
sprungs sind, wie plöts Plötz, kr^ts Karausche, pits in kurplts Peitzger, denn 
die Fischerei verblieb hauptsächlich den Wenden (Kietze). 

Für die Erkenntnis der heutigen Mundart ist die Frage nach der 
Herkunft dieser Ansiedler von grösster Wichtigkeit. Während Mecklen- 
burg fast ausschliesslich von Sachsen kolonisiert wurde, ist die 
Mark von Sachsen und Niederfranken germanisiert worden. Der 
beiderseitige Anteil an der Ansiedlung bildet eine Streitfrage. Ich 
bin durchaus der Meinung Rudolphs (die niederländischen Kolonieen 
der Altmark im 12. Jh., Berlin 1889, bes. S. 92,) und Bremers 
(Pauls Gr. III, S. 873), dass Helmold, Chron. Slav. I, 88 in Bezug 
auf die Einwanderung von Holländern übertrieben hat, und dass 
auch in der Pri das sächsische Element überwog. Es lag in der 
Natur der Sache, dass die Ansiedler hauptsächlich aus der Altmark, 
dem daran grenzenden Ostfalen und aus Nordthüringen kamen. Die 
zur Schutzwehr gegen die Slawen neuangelegten Burgen wurden von 
Albrecht dem Bären sicherlich treuergebenen sächsichen Adligen und 
Dienstleuten anvertraut; die auf dem Lande angesiedelten ritter- 
mässigen Vasallen, die unter dem Befehl der Inhaber der Haupt- 
burgen standen, werden auch Sachsen gewesen sein, s. Riedel, Cod. 
diplom. Brandenb. I,i S. 17. Eine beredte Sprache redet auch die 
Übereinstimmung vieler Ortsnamen in der Pri mit solchen der Alt- 
mark oder anderen altsächsischen Gegenden, s. Riedel a. a. 0. S. 18 
und Die Mark Brandenburg im Jahre 1250, I, 443, II, 46 ff. Die 
beiden westprignitzischen Ortschaften Strigleben und Sargleben (mnd. 
Sarkeleve, Strigleve), weisen mit ihrem -leben vielleicht auf nord- 
thüringische Ansiedlung, wenn auch 4eve wohl nur eine ümdeutschung 
von slaw. -low^ 4af ist, vgl. Seelmann, Ndd. Jb. XII, S. 7 ff., bes. 
S. 15 und 24. Um Perleberg und Pritzwalk herum finden sich viele 
Dörfer auf -hagen; vgl. ö. von Perleberg: Spiegelhagen, Rosenhagen, 
Burghagen, Simonshagen — zwischen Perleberg und Pritzwalk: 
Wolfshagen — nördl. von Pritzwalk: Schönhagen, Steffenshagen, Giesen- 
hagen, Falkenhagen, Rapshagen, Ellershagen — zwischen Pritzwalk 
und Kyritz: Brüsenhagen. Sie werden von vielen als sächsisch- 
westfälische Siedelungen angesehen. Ich weise noch hin auf die 
Endung -losen (slaw.?) die sich in der Altmark (Aulosen), in der 
Pri (Cumlosen), in Meckl. (Gorlosen) findet. 

Es scheint mir aber doch, als ob immerhin der südliche Teil 
der Pri unter grösserer Beteiligung von niederfränkischen Ansiedlern 
kolonisiert worden sei als der nördliche. Dafür sprechen zunächst 
einige sprachliche Eigentümlichkeiten dieses Gebietes. 0. Bremer 



69 

hat in seiner ^Ethnographie der germanischen Stämme^ (Pauls Gr. III) 
auch die heutigen mundartlichen Verhältnisse für die Beurteilung der 
Kolonisationsfrage herangezogen und S. 896 f. und 898 f. eine Reihe 
von sprachlichen Merkmalen angeführt, die für das sächsische oder 
aher für das niederfränkische Element sprechen sollen. (Vgl. dazu 
auch Braune, P. Br. Beitr. I, 1 und neuerdings M. Siewert, Ndd. Jb. 
29, S. 66 f.) Im Gegensatz zur nördl. Pri und zu Meckl. sind nun 
der südlichen Hälfte zwei der wichtigeren Bremerschen Kriterien für 
das Niederfränkische eigentümlich: intervokalisches d ist hier zuj, 
g vor Vokalen ebenfalls zu j geworden. Dazu kommen noch eine 
Reihe anderer Besonderheiten in Lautstand und Wortgebrauch, wor- 
über § 7 zu vergleichen ist. Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, 
dass der Südprignitzer den Nordprignitzer wegen seiner sonoreren, 
langsameren Sprache und wegen der grösseren Modulation im Satze 
leicht für einen Mecklenburger hält, vgl. auch § 8 a. Zu den sprach- 
lichen Merkmalen aber kommen noch einige ethnographische. Frou 
Gour (= Frö Göde)y die in ganz Mecklenburg bekannt ist, treibt in 
den 12 Nächten ihr Wesen nur in der nördlichen Pri, bes. der West- 
I^rignitz; südlich etwa der Landstrasse Wittenberge -Perleberg -Pritz- 
walk - W^ittstock ist sie durchaus unbekannt. Nicht so weit nach 
Süden, jedenfalls aber etwas weiter nach Süden, als ß. Mielck, die 
Bauernhäuser der Mark, Berlin 1899 S. 1 annimmt, reicht das Ver- 
breitungsgebiet der altsächsischen Bauernhäuser. L. Fromm gibt 
im „Archiv für Landeskunde in Mecklenburg« Jg. 16 (1866) S. 291 f 
als Grenze des Verbreitungsgebietes nach Süden zu eine Linie an, die 
sich von Meyenburg über Putlitz, Karstadt, Mankmus nach Lenzen 
an der Elbe ziehen würde. Das stimmt mit meinen eigenen Wahr- 
nehmungen überein. Von Boberow ist im besonderen zu sagen, dass 
bis 1800 hier alle Bauernhäuser altsächsisch waren. Das älteste 
stammte aus dem Jahre 1600. Heute sind nur noch zwei altsächsische 
Häuser im Dorfe, und auch sie dienen nicht mehr zum Wohnen. — 
Es ist gewiss nicht zufällig, dass diese Grenzlinie ganz genau sowohl 
mit der Sprachlinie zusammenfällt, die das monophthongische vom 
diphthongischen Gebiet trennt, einer Linie, die auch für den Wort- 
gebrauch von Bedeutung ist, als auch mit der Sprachlinie, nördlich 
von der intervokales d > r gewandelt ist, s. § 7, 1 u. 2. 

Dem gegenüber muss festgestellt werden, dass der Beweiskraft 
der beiden Bremerschen Kriterien für stärkere niederfränkische An- 
siedlungskontingente in der SPri Abtrag getan wird durch die 
Wahrnehmung, dass ein anderes ^niederfränkisches« Kriterium, die 
Diphthongierung der auslautenden und antevokalischen t und ü zu 
äi und ou (z. B. fräi < as. frl frei, botwn < as. büan bauen), für die 
ganze Pri, also auch für den an Meckl. unmittelbar anstossenden 
Teil gilt, so dass für diese Erscheinung die politische Grenze zwischen 
Meckl. und Pri auch die Mundartengrenze ist, vgl. § 6, 1); noch 
mehr aber durch die Wahrnehmung, dass zwei der allerwichtigsten 
Kriterien, die Endung -(e)n im Plur. Praes. (sächs. -(e)t) und die 



70 

Erhaltung des n in uns (sächs. us) nicht nur in der ganzen Pri 
gelten, sondern ihr auch noch mit ganz Mecklenburg gemeinsam 
sind. Dass aber Meckl. überwiegend von Sachsen besiedelt worden 
ist, nimmt auch Bremer an. Vgl. zu der ganzen Frage meinen 
Aufsatz: Über die Entstehung der Mundarten, Programmabhandlung 
des Königl. Prinz Heinrich-Gymnasiums, Berlin 1906. 

§ 5. Von vorneherein wäre man geneigt anzunehmen, dass sich 
Niederländer hauptsächlich in der Eibniederung angesiedelt hätten. 
Hier kommt zunächst die sogen. Lenzer Wische in Betracht. Die 
Lenzer Wische ist das Gebiet zwischen der Löcknitz, Elbe und Eide; 
sie erstreckt sich von Lenzen bis in die Nähe von Dömitz und um- 
fasst die Ortschaften Mödlich, Gr.- und Klein -Wootz, Rosensdorf, 
Kietz, Unbesandten, Besandten, Baarz, Gaarz, alle an der Elbe; 
dann Bäkern, Seedorf, Breetz an der Löcknitz, Eidenburg und Moor 
nördlich von der Löcknitz. Es ist ein merklicher Unterschied zwischen 
diesen Dörfern und den anliegenden Dörfern auf der „Höhe^. Sie 
treiben Viehwirtschaft, während die Höhendörfer Körnerbau treiben. 
Die meisten Bauernhäuser sind noch jetzt niedersächsisch. Die 
Wischer Bauern dünken sich mehr als die der Höhendörfer; Heiraten 
zwischen Wische und Höhe sind nicht beliebt. Die Dörfer der Wische 
sind z. T. Fadendörfer, und die Flureinteilung ist flämisch, d. h. das 
Feld schliesst sich in langen Streifen an die Höfe an. Die Bewohner 
halten sich selbst für Nachkommen von Niederländern ; der in Lenzen 
vom grossen Kurfürsten als Amtmann eingesetzte holländische Admiral 
Gysel van Lyr erkannte in den Einwohnern von Mödlich seine Lands- 
leute und liess sich in der Kirche dieses Dorfes beisetzen. Aber es 
steht auch fest, dass die Lenzer Wische erst vom grossen Kurfürsten 
neu besiedelt worden ist, nachdem sie durch Überschwemmungen und 
den 30jährigen Krieg so gut wie entvölkert war. Ein Teil der neuen 
Ansiedler wird tatsächlich aus den Niederlanden gekommen sein; ein 
nicht geringer Bruchteil stammt aber aus dem Lüneburgischen. Aus 
der Form der Häuser lässt sich nicht direkt auf niederländische 
Herkunft schliessen. Virchow hält sie für westfälisch (Zs. f. Ethnologie 
1886, S. 422); von Binzer in der Literar. Beilage der Hamb. Nach- 
richten vom 18. Juli 1897 schliesst aus der Stellung des Pferdekopfes 
auf den Giebeln auf die südliche oder mittlere Lüneburger Heide und 
führt für die Herkunft des Hauptteiles der Ansiedler aus dieser Gegend 
noch eine Reihe anderer Merkmale an. Die Mundart hat sich in der 
Tat nach der sächsischen Seite hin ausgeglichen ; doch hat die Lenzer 
Wische einige sprachliche Eigentümlichkeiten, die sie von der Nachbar- 
schaft abheben. Der Bauer der „Höhe*' erkennt den Bauern der 
Wische an den weit eingesetzten Diphthongen au, äy, äi (< germ. ö; 
Umlaut dazu; e, io): es heisst in der Wische also kau, käy, präistd, 
während die Nachbardörfer kou, köy, preistä (= Kuh, Kühe, Prediger) 
sagen; es heisst in der Wische häy Heu, väftäy Webstuhl, fräy9n 
freuen, auf der Höhe entlabialisiert häi, tat, fräün; die Praeterita 
der modalen Hülfszeitwörter lauten in der Wische kim, muxt, zol, 



71 

auf der Höhe umgelautet kiln, miM, zül = konnte, mochte, sollte 
(vgl- § ^)5 ich bin gewesen, gekommen: in der Wische ik hef vest, 
Mm, auf der Höhe ik bün vest, kam; die Wische sagt für Kartoffeln 
aufnehmen tävl luzln, die angrenzende Höhe tilvl raky, u. a. 

In Bezug auf die Diphthonge au, äy, äi sei hier noch folgende 
bemerkenswerte Tatsache hervorgehoben : An der Mecklenburger 
Landesgrenze entlang lauten sie in der Pri im äussersten Westen, 
d. h. in der Lenzer Wische au, äy, äi, dann aber oii, öy, ei, ja in 
der OPri ö, o, e: Meckl. fangt umgekehrt im Westen mit ou, öy, ei 
an und endigt im Osten, um Röbel herum, mit den weiten Diph- 
thongen au, äy, äi. 

Auch die Bewohner der beiden südlich von Lenzen an der Elbe 
gelegenen Dörfer Jagel und Lütkenwisch halten sich für Nachkommen 
von Niederländern. Es gebe in Holland zwei Nachbardörfer mit ähn- 
lichen Namen. Ich habe solche Dörfer trotz eifrigen Bemühens nicht 
auffinden können. Die Feldmark in diesen Dörfern war ehedem in 
Gewanne geteilt, auf Grund der Dreifelderwirtschaft, die bis zur 
sogen. Separation, d. h. etwa bis 1840, in der ganzen Pri ge- 
herrscht hat. 

§ 6. Es ist schon gesagt worden, dass die Mecklenburger 
Landesgrenze zugleich eine Mundartengrenze ist. Die wichtigsten 
sprachlichen Abweichungen an der Landesgrenze sind nun folgende: 

1) As. l und ü vor Vokal sind in Meckl. erhalten geblieben, in 
Pri zu äi und ou diphthongiert; meckl. bü9n bauen, frtan heiraten 
(od. bügy^ f^'^V) entspricht prign. homn^ fräidn (s. § 4 und § 243). 

2) As. 'äja- in den Wörtern nhd. mähen, drehen, säen, Krähe 
u. s. w. ist in Meckl. durch ai, in Pri durch ä vertreten. Meckl. 
sagt also mäieUj dräidn^ zäwn^ väian^ kläian, kräi — Pri : mä9nj drädn^ 
zmi^ vä9n, kläan^ krä. Vgl. § 7 und § 76. 

3) e, i -|- r -h Gaumen, Lippenlaut und r, s, t sind in Meckl. ä 
(etwas mehr als halblang), in Pri zu ä (etwas mehr als halblang) 
geworden. Meckl. sagt also: haix Berg, bäik Birke, maiky merken, 
ärgän ärgern, stäfm sterben, häftst Herbst, bast7i bersten, gastn Gerste 
u. s. f. (vgl. Nerger § 159,2) für bäfx^ bäik^ mäiky^ äigän stäfm^ 
hdtvst, bästn^ gästn. Dieses a vor r findet sich in Meckl. schon seit 
dem 16. Jh., s. Nerger § 13 und vgl. Lübben § 19. Meckl. sagt 
auch dat das, dass, dan den, 7nan nur, a7iä ander, gant7i Gänserich 
für dät^ däuy män^ änä^ gäntä in Pri (s. § 48, Anm. 2). 

4) Wo sonst in Pri ä steht (s. §§ 51, 54) spricht Meckl. e, 
z. B. krem Kränze; hem Hemd; het hat; zext^ lext sagt, legt; em ihm, 
ihn; fem Leder, lerix leer, verä wieder — für kräm^ häffi^ hät^ zäxt^ 
läxt, aw, lärä, lärix, värä, 

b) e < e und germ. ai, ö < o und germ. au vor r -h Zahnlauten 
sind in Meckl. > ^ und ü geworden, in Pri e und ö geblieben. Meckl. : 
pUtVierd^ län ehren; j>?7^^ Pforte, iiä Ohr — Pri: ped^ eän; pö9t^ öä. 
Auffallend ist, dass auch einige Dörfer der WPri dieses i und ü haben : 
Glövzin im Norden, Vehlgast und Jederitz südlich von Havelberg. 



72 

Der Übergang von e > l lässt sich schon in mnd., und zwar auch in 
mbr. Urkunden nachweisen; vgl. Tümpel, Ndd. Stud. S. 35 f. 

6) e {< germ. ai) und ö (< germ. au) sind in Meckl. zu ei^ ou 
diphthongiert, in Pri nicht. Meckl. eiyi ein, dout tot — Pri: en^ döt. 
Es lauten also mnd: ö {= ug. ö, ahd. uo) und mnd. ö (= ug. au) 
einerseits, mnd. e (= germ. io^ e^) und mnd. e {= germ. ai) im 
Mecklenb. gleich, vgl. gout gut und grout gross ; deip tief und ein ein. 

7) Einzelheiten: Abweichenden Umlaut hat Meckl. in zun Sonne,. 
drägy tragen, beyk Bank, pröym proben, rVÜcy riechen (Pri: zun^ 
drägy^ bayk^ proum^ rüky)\ abweichende Tondehnung in mKl Mühle, 
äl Elle, änt Ente, ämk Ameise (Pri: möl^ el, änt^ dmk); abweichende 
Rundung föftäin 15, fölt fällt u. a. (Pri: fäftäin^ fält)^ umgekehrt 
aber fäl viel, späln spielen für prign. /"ä/, spkln] abweichende Meta- 
thesis in dötäin^ dötix 13, 30 (Pri: drütäin, drälij-); abweichende Ver- 
kürzung in plimi Pflaume (Pri : plüm) ; abweichende Länge in veist^ 
veit weisst, weiss, zln sein (Pri: vetst^ vet^ zin) u. a. m. 

8) Abweichender Wortgebrauch : ,Storch' heisst in Meckl. (westl,) 
ädaböä, (östl.) äibödrä^ in Pri (westl.) heinodä^ (östl.) knäpnä\ Klösse 
heissen in Meckl. klümp^ in Pri klMn\ Kartoffel aufnehmen in Meckl. 
kdtüvl kläian^ in Pri tiivl raky\ lex heisst in Meckl. 1. mager, 2. schlecht, 
in Pri mager, strichweise niedrig; meckl. knäp Dummheiten, 
Streiche ist in Pri unbekannt, ebenso ütnäidn ,ausnähen', weglaufen 
(Pri: ütrttn). 

9) Für OPri kommen noch einige Unterschiede hinzu, die für 
WPri nicht gelten. OPri ist mit Ausnahme der kleinen Westecke um 
Porep herum monophthongisch; in dem angrenzenden Teile von Meckl., 
also um Röbel, Malchow, Waren, Penzlin herum, werden germ. ö, e, io 
gerade als weite Diphthonge gesprochen (vgl. § 5). In OPri ist 
intervokales d nicht zu r geworden wie in Meckl. und dem nördlichen 
Teile von WPri. 

§ 7. Es folgen die Laut- und Wortlinien innerhalb der 
Prignitz. Ich fange von der mecklenburgischen Landesgrenze an und 
behandle zuerst die horizontalen Sprachlinien (von der Elbe ab 
in östlicher Richtung gehend). 

1 a. Die monophthongische Linie. 

Von der Mecklenburger Landesgrenze bis zu dieser Linie werden 
(wie in Meckl.) germ. as. ö (ahd. uo)^ der Umlaut dazu, germ. as. e, 
io diphthongisch, und zwar ou^ öij, ei (in der Lenzer Wische nach 
§ 5 aiiy äy, äi) gesprochen, südlich dieser Linie öj ö, e. Es stehen 
sich also gegenüber: houn Huhn, höynä Hühner, preistä Prediger, 
zein sehen, hei er und hörij honä, prestä, zeuy he. Die Grenze ist 
haarscharf. Sie beginnt an der Elbe südlich von Gandow bei Lenzen, 
geht zunächst ungefähr die Löcknitz entlang, und zieht sich von 
Wustrow leicht nordöstlich in einem etwa 2 Meilen weiten Abstand 
parallel der Landesgrenze bis Premslin (an der Berlin-Hamburger 
Chaussee, zwischen Perleberg und Karstadt); von da schärfer nord- 
östlich über Blüthen ungefähr die Landstrasse Karstädt-Putlitz entlang 



73 

und in der Richtung dieser Strasse bei immer geringer werdendem 
Abstand von der Landesgrenze bis zur Landesgrenze, so dass von 
OPri nur ein kleiner Zipfel, mit Porep im Mittelpunkte, zum diphthon- 
gischen Gebiet gehört. Die diphthongischen Grenzdörfer sind: 
Gandow, Wustrow, Verbitz, Birkholz, Mesekow, Glövzin-Premslin, 
Blüthen-Strehlen, Bresch, Pirow, Lütkendorf, Porep (OPri); die 
monophthongischen: Lütkenwisch (a. d. Elbe), Jagel, Lanz, 
Laaslich, Nebelin, Quitzow, Schönfeld, Guhlow, Beetz, Gühlitz, 
Mansfeld, Telschow, Stepenitz. Von Städten ist diphthongisch nur 
Lenzen. Alle übrigen Städte der Pri, auch Putlitz, Meyenburg, sind 
monophthongisch. 

Anm. 1. Seelmann hat nicht recht, wenn er Ndd. Jb. 18, 145 das süd- 
westliche Mecklenburg zum monophthongischen Gebiet rechnet. 

Anm. 2. Die einschlägigen Wenkerschen Karten geben die Grenze nnr 
QQgenaa an. Am genauesten ist noch die müde-Earte. Sie fängt richtig an, 
wendet sich aber bald mit einem Keil nach Norden, sodass Verbitz und Bambow 
bei Lenzen mod sprechen sollen und Boberow hart an der monophthongischen 
Linie zu liegen kommt. Aber Bambow spricht wie Boberow fnöi/r, und die 
Verbitzer lachen über das 5 der Lanzer. In anderen Karten (Bruder, drei, fliegen, 
Gänse (d. h. gös, gäus) ist die Grenze noch ungenauer, in der westlichen Hälfte, 
wo sie sich hart an der mecklenburgischen Grenze entlang zieht, 1 — IV« Meilen 
zn weit nördlich : Lenzen, Boberow, Karstadt werden dort dem monophthongischen 
Gebiet zugewiesen. Ich bemerke hier ausdrücklich, dass ou, öy, ei sich in jedem 
einzelnen Worte Tollkommen decken. 

Dass die eigentümlich weite Aussprache dieser Diphthonge in der Lenzer 
Wische (§ 5) auf den Karten nicht zu Tage tritt, ist nicht verwunderlich. Die 
Übersetzer (z. B. der in Mödlich) fanden ja nichts Auffälliges an ihrer Aussprache, 
anch hätten sie kaum ein Mittel gehabt, sie auszudrücken. 

1 b. Das diphthongische Gebiet hat noch eine Reihe weiterer 
sprachlicher Besonderheiten, besonders im Wortgebrauch: Webstuhl, 
freuen, streuen, Heu heissen hier entlabialisiert (abgesehen von der 
Lenzer Wische, § 5): väftdi, fräion, strämi, hat, sonst väftöyj fröydn, 
ströij9n, höy (vgl. § 98 u. Anm.) ; ,euch, euer' heisst joii^ im monoph- 
thongischen Gebiet y«e (Meckl.: ^w^r); , Schwalbe': swMk (s. § 131), im 
monophth. Gebiet sivalv; Ziehbrunnen zöt, im monophth. Gebiet, aber 
auch schon in Karstadt, Glövzin, Premslin, Porep: pütn (§ 68); der 
,Wiesenbaum' : bäsböm (auch in Reetz, Gühlitz, Mansfeld, Putlitz), 
im monophth. Gebiet väsböm (s. § 126 Anm., § 188); ,Egge': ex 
(Lenzer Wische: Ar), im monophth. Gebiet äxt; ,Kossät': kosä, im 
monophth. Gebiet kotsd; ,Enterich' väffkä (§ 121 d), im monophth. 
Gebiet ärjil; vrädn dichter Wasserdampf, im monophth. Gebiet väzn 
(mnd. wasem). 

2 a. Die r : d :j -Linie. 

a) Intervokales d (< as. [), d, d = hd. d, t) in Wörtern wie 
,müde', ,Leute', , Braten' ist wie in Meckl. zu r geworden auf einem 
Gebiete, dessen südliche Grenzlinie sich bis Nebelin mit der diphthon- 
gischen Linie genau deckt, dann aber an Glövzin-Premslin nördlich 



74 

vorbeigeht, so dass Karstadt an der Berlin-Hamburger Chaussee und 
Eisenbahn das Grenzdorf ist, und von hier nicht nordöstlich, sondern 
östlich bis an die *Grenze von OPri geht, so dass die monophthon- 
gischen Dörfer Reetz, Gühlitz, Guhlow, Back, Tacken, Lockstedt, 
Mansfeld noch r haben, während Schönfeld, Gr.-Buchholz, Gramzow, 
Strigleben bereits d haben. Vom Schnittpunkt der r-Linie mit der 
Kreisgrenze bildet diese die Grenzlinie, d. h. die r-Linie geht von 
da an direkt nach Norden bis zum Schnittpunkt mit der meckl. 
Landesgrenze, Putlitz (WPri) hat schon (/, Porep (OPri) noch r mit 
Ausnahme der Endung -den, die dn gesprochen wird {brädn Braten). 
So ist Lenzen wiederum die einzige Stadt, die r spricht. Die oben 
angeführten Wörter heissen also nördlich und westlich der angeführten 
Linie: möyvj lyr, brärn. 

Anm. Die monophthongischen Dörfer, wie Reetz, sagen natürlich mor u. s. f. 

ß) Südlich des r-Gebietes in WPri, und südlich der meckl. Landes- 
grenze in OPri (die ja kein r-Gebiet hat) liegt eine Zone, in dessen 
kleinerem westlichen Teile, d. i. den Dörfern der Eibniederung von 
Lütkenwisch bis Wittenberge, d ganz verstummt ist, in dessen 
grösserem östlichen Teile d als d erhalten ist. Die südliche Grenze 
dieses Gebietes ist ungefähr die Landstrasse Wittenberge-Perleberg- 
Pritzwalk-Wittstock. In der WPri ist dieses Gebiet nur ein etwa 
1^/2 Meilen breiter Gürtel, in der OPri umfasst es die ganze nördliche 
Hälfte des Kreises. In diesem Gebiete sprechen also die Dörfer der 
Eibniederung: l& Leute, mo müde, Jr&w Braten (so auch in dem 
angrenzenden Teile der Altmark), die übrigen Dörfer l^t, mot, brädn. 

Y) Im ganzen Gebiet südlich der Linie Wittenberge-Perleberg- 
Pritzwalk- Wittstock ist intervokales d nach langem oder gelängtem 
Vokale zu einem i-Laute geworden; es heisst dort also IVii, moi, 
brä-in oder bräjdn, letzteres dort, wo mnd. -ven vdn statt m gesprochen 
wird (s. 3 a). 

Die y-Linie ist nicht scharf; sie ging früher nördlich der be- 
zeichneten Landstrasse: in Bendwisch, Schilde, Premslin hört man, 
besonders von alten Leuten, noch J-Formen. Sadenbeck nordöstlich 
von Pritzwalk wird von den alten Einwohnern des Dorfes noch Zäjanbek 
genannt. Von den Dörfern an der Chaussee haben J-Formen, ver- 
mischt mit ö?-Formen : Spiegelhagen, Pankow, Kuhbier. Jetzt weichen 
die J-Formen auch südlich der bezeichneten Landstrasse, namentlich 
in der Umgebung der Städte, zurück. Von Dörfern an der Chaussee 
kennen sie Weisen bei Wittenberge, Techow bei Wittstock nicht mehr, 
und auch in den Dörfern südlich der Chaussee sind sie namentlich 
in der Umgebung von Pritzwalk (Kemnitz, Giesensdorf, Buchholz, 
Sarnow, Bölzke) und von Wittstock fast ganz verschwunden. Blumen- 
thal hat als ein Hauptverkehrsdorf schon die c?-Formen angenommen, 
während die Nachbardörfer Grabow, Christdorf noch J-Formen kennen, 
namentlich aber in weniger häufigen Wörtern: in Grabow, Christdorf 
habe ich Leute getroffen, die väin waten, aber brädn braten sagten. 



75 

Anm. 1. Der Wandel von d "> j ist belegt aus Drucken und Nieder- 
schriften Hamburgs und Mecklenburgs (?) Tom Ende des 16. Jh. ab; s. Nieder- 
deutsche Schauspiele älterer Zeit ed. Bolte und Seelmann, S. 161 — 163. Aus 
mnd. Zeit ist der Lautwandel nach Bolte nicht belegt, s. aber die Form muger 
bei Graupe, S. 30. Aus dem Ende des 18. Jh. gibt für die angrenzende Alt- 
mark zahlreiche Belege für j Bratring in seinem Altmärkischen Idiotikon, s. Mss. 
bist Boruss. Nr. 77 (§ 10) und vgl. Höfer, Märkische Forschungen I (1841), 
S. 150 ff. 

Seelmann meint, dass dieses j früher nach Norden zu eine viel weitere 
Verbreitung gehabt habe, und dass es sich vom nördlichen Teil der Mark 
Brandenburg bis über Hamburg hinaus erstreckt habe. Ich halte diese Annahme 
nicht für richtig. Das r in der nördlichen Westprignitz, Altmark und in 
Mecklenburg -Vorpommern kann nur aus d entstanden sein; es erklärt sich 
einfach aus einer Erschlaffung der Zungenartikulation (§ 13). Das ^-Gebiet der 
Prignitz, an das sich nach Westen zu das ^'-Gebiet in der Altmark und nach 
Osten zu das ^-Gebiet im Kuppiner Kreise unmittelbar anschliesst, hat seinen 
Schwerpunkt und sein weiteres Ausdehnungsgebiet nach Süden zu. Wir haben 
vielmehr zwei selbständige ^-Gebiete anzunehmen: das eben bezeichnete im 
Süden, und dann ein anderes, das sich von Hamburg aus nach Holstein herein 
erstrekte und nach Wenker (s. z. B. die müde-Earte) jetzt die Eibmündung und 
das Gebiet Hitzebüttel-Lauenburg-Kiel umfasst. 

Anm. 2. Auch die r-, d-, ^-Linien sind bei Wenker immerhin recht un- 
genau. Mitten im r- Gebiet sind in den ,müde* — ,rote* — ,Leute* — Karten 
Rambow b. Lenzen mit wod, röd^ lüdj Boberow mit rö, lue eingetragen. Beide 
Dörfer sprechen möyrj röi\ Vir. Die Fehler rühren ersichtlich daher, dass der 
Übersetzer in Rambow aus der Altmark, der in Boberow aber aus Sieversdorf, 
Kreis Westhavelland, stammte : Die Übersetzer haben einfach die ihnen geläufigen 
Formen eingesetzt. Cumlosen a. d. Elbe soll nieur^ aber ?-ö sagen; es sagt 
gleichmässig mZ und rö. Südlich von Pritz walk -Wittstock ist vom eigentlichen 
möi-Gebiete mit besonderer Farbe ein mö^- Gebiet abgegrenzt, in das dann viele 
??iö-ii-Formen eingetragen sind. Sicher haben die Übersetzer mog mit g geschrieben. 
Aber eben in diesem Gebiete wird g vor Vokalen wie j- gesprochen, und die 
Übersetzer haben mit diesem g meistens einfach j gemeint, wie sie es ja gewöhnt 
sind zu sprechen. So hatte schon Bratring (s. o.) für j < d konsequent g 
geschrieben : bägen beten, bläger Blätter. So Hess schon Heinr. Jul. von Braun- 
schweig in seiner Susanne, Wolfenbüttel 1593, eine märkische Frau weger 
Wetter, brogen gebraten sagen (s. Hollands Ausgabe S. 146). In Bratrings Heimat 
wird eben auch g vor Vokalen j gesprochen. Nun ist im südlichsten Teile der 
Prignitz auslautendes j < d allerdings zu x geworden. Aber irreführend 
bleibt diese Abgrenzung eines wo^^-Gebietes unter allen Umständen. Man ver- 
gleiche die Bruder -Karte. Dort ist das dem mog- entsprechende Gebiet (das 
hier kleiner ist, da es sich um die Endung -der handelt) als brö-i-Gehiet ver- 
zeichnet, und in dieses sind nun wieder zahlreiche &rö^- Formen eingetragen. 

Anm. 3. In einem bestimmten Teile des y- Gebietes sind in mnd. -üde(n), 
-ide{n)y ti-^, i-i > öt/, ki diphthongiert. ,Leute*, »schneiden' heissen hier also 
löy-ij sudLi-dn] s. §§ 103 und 246» 

2 b. Die y- Linie ist zugleich die Grenzlinie zwischen dem niks 
und Mis^- Gebiet. Auch diese Grenze ist nicht scharf, und nist weicht 
im Westen gegen niks^ im Osten gegen nist zurück. Westliche Dörfer 
an der Grenze (z. B. Breese, Tuchen) sprechen nist und %iiks^ östliche 



76 

nist und nist nebeneinander. Namentlich dringt in der Nähe der 
Städte niks und nist vor; Wittenberge, Perleberg, Pritzwalk verbreiten 
niks^ Kyritz niät. In Gr.-Breese bei Wittenberge heisst es niks und 
nist^ in Rosenhagen, Spiegelhagen, Düpow bei Perleberg nur niks, in 
Tuchen nist und niks, in Kemnitz bei Pritzwalk niks, in Bölzke noch 
nist, in Holthausen, Rehfeld, Berlitt bei Kyritz und so auch zwischen 
Kyritz und Wittstock niät. Die Wenkersche ,nichts*- Karte gibt die 
Sachlage richtig an, nur ist den aus dem Ruppiner Kreise vordringenden 
nist 'Formen östlich von Wittstock und um Kyritz herum nicht genug 
Rechnung getragen. 

2 c. Mnd. dd < dj, Jy oder < d nach kurzem Vokal ist nicht 
zu j geworden. Doch zeigt sich auch hier ein bemerkenswerter Unter- 
schied zwischen der nördlichen und südlichen WPri. Dort ist d < mnd. 
dd > r geworden, hier ist d geblieben. OPri kennt nur die c?- Formen. 
,Boden', ,treten', ,bitten', ,klettern' heissen also in der nördlichen 
WPri: hörn, pern, birn, klärän, in der südlichen WPri und in ganz 
OPri: hodn, pedn. hidn, klädän (OPri: kledän), 

Anm. r < d (mnd. dd) nach kurzem Vokal ist also weiter verbreitet 
als r < rf nach langem Vokal, vgl. 2a, 2. 

Auf demselben Gebiet, wo mnd. dd > r geworden, ist mnd. hb 
(< bj) im Auslaut zu f geworden, das sich vor m < en zu m assimiliert 
hat. Es heissen dort ,Rippe', ,Krippe' rif, krif, Mz. rim, krim. Im 
südlichen Teile der WPri und in ganz OPri sagt man rip, krip, Mz. 
ripm, kripm. 

Anm. ,Ich habe' heisst ik hef bmcYl in der nördlichen OPri; die Grenz- 
linie für ik hep ist weiter südlich (s. 3 c). 

Die Entwicklung von mnd. gg < gj ist der von mnd. dd und bb 
in Bezug auf das Verbreitungsgebiet nur in einigen Wörtern analog: 
,Brücke', ,eggen' heissen in der nördlichen WPri brilx — hrüyy, eyr), 
in der südlichen WPri und in ganz OPri brük — brüky, eky. Dazu 
kommt für WPri noch pox — poyy Frosch, das im südlichen Teile 
pok — poky heisst (OPri sagt höpä). Bei den anderen Wörtern ist 
die Sprechweise der nördlichen WPri (d. h. die Spirans im Auslaut 
und Assimilation des g vor y < en) auch verbreitet über andere Teile 
der Pri: in der ganzen Pri heisst es zeyy sagen, leyy legen, liyy liegen; 
der ganze nördliche Teil von Pri (also auch von OPri) sagt müx 
Mücke; die Mz. heisst im südlichen Teil allerdings müky, Roggen 
heisstroÄjy (statt royy), ,lege' lek nur im südlichsten Teil der Pri, da, wo 
,ich habe' hep lautet (s. 3 c). Vgl. zu dem ganzen Abschnitt § 289. 

2 d. Wörter und Wortformen, die dem ganzen J-Gebiet gegen- 
über dem nördlichen Gebiet eigentümlich sind: divel Tischtuch (fängt 
an zu veralten) — nördlich disdouk', klei-vä Klee — nördlich klevd, 
stöt Stute — nördlich stüt (hd.); häz7i Hosen — nördlich höz7i (hd.), 
hinä hinter — nördlich axtä^ wobei zu bemerken ist, dass kleivä, 
stöt und hind in der ganzen OPri gebräuchlich sind. Das Wort 
trämsn Kornblumen ist südlich der y- Linie (und fast in ganz OPri) 
unbekannt. 



77 

3 a. mnd. -ren und -gen (alts. Aian und -gan) nach langem 
Vokal werden in einem nördlichen Teil zu silbenbildenden -m und -y 
(den lautphysiologischen Vorgang beschreibt Bremer, Deutsche Phonetik 
§ 14); in einem südlichen Teil wird -vdn und -j^n bezw. -jdn (im 
südlichsten Teil) gesprochen. ,Ofen', ,schreiben' und ,Wagen' heissen 
also nördlich der Grenzlinie am, sri-m, rä-y, südlich ä'V9n,,ärZ'imi, 
rä-yn oder vä'jdn. Die Grenzlinie läuft etwa 2 Meilen südlich von 
der Landstrasse Wittenberge - Perleberg - Pritz walk -Wittstock - Zechlin. 
Sie ist also südlicher als die sonst fast gleichlaufende d ; J-Linie, so 
dass eine Reihe Dörfer, die j für intervok. d sprechen, noch -m und 
-Yf aufweisen (z. B. Breese, Kuhblank, Unze, Kleinow, Gottschow, 
Tuchen, Grube, Kletzke- Gr. -Welle, Grabow, Christdorf, Herzsprung). 
Diese Grenzlinie ist wieder ganz scharf, so dass Nachbardörfer Spott- 
verse aufeinander haben (z. B. Kuhblank auf Lüben). Die Grenzorte 
nördlich der Grenzlinie, von der Elbe anfangend, sind: Breese, Kuh- 
blank, Grube, Kletzke; Gr. -Welle (OPri), Kehrberg, Schönebeck, 
Breitenfeld, Königsberg, Herzsprung, Fretzdorf; südlich der Grenzlinie: 
Bälow, Lüben, Wilsnack, Gr.-Leppin, Alt-Schrepkow (OPri), Dannen- 
walde, Brüsenhagen, Wuticke, Bork, Teetz. 

Anm. 1. Die einschlägigen Wenker^schen Karten (s. ,Ofen^-, ,geblieben^- 
Karte) geben auch hier kein ganz klares Bild von dem Tatbestande. Statt -m 
und -wen scheidet Wenker oh- und ow-, bläh- und hläw; er stellt also oben 
und Owen, blähen und bläwen gegenüber; durchaus unrichtig, denn der 5- Laut 
ist durch Vorwegnahme der nasalen Artikulation ganz verloren gegangen; das n 
aber ist^ da der ursprüngliche Lippen verschluss des b beibehalten ist, zu m 
geworden : statt -ben wird silbenbildendes m gesprochen. Es sind im ben-QeViQte 
auch viele m eingetragen; das erweckt den Anschein, als ob die beiden Zeichen 
-hen und m verschiedene Aussprache bedeuten, -befi ist aber einfach hoch- 
deutsche Schreibung; die t^-Linie ist ferner zu weit nach Norden geraten, 
bes. in WPri, so dass z. B. Weisen, Breese, Kuhblank, Wilsnack, Lüben, 
Gr.- Welle, Tuchen im bläw-GehiQt zu liegen kommen. Ausserdem sind im bläb- 
Gebiete eine Beihe Dörfer verkehrt mit bläw- besonders eingetragen, z. B. 
Warnow, Boberow (der Übersetzer stammt ja aus dem Westhavellande, wo 
allerdings bUwen gesprochen wird) ; umgekehrt sind im &/äi£;-Gebiete Orte fälsch- 
lich mit bläb' eingetragen, z. B. Berlitt. Die Grenze ist wie gesagt haarscharf. 

Anm. 2. -jen statt -gen kann naturgemäss erst da anfangen, wo g vor 
Vokalen überhaupt zu j geworden ist, s. Linie 4. Tatsächlich wird in den 
nördlicheren Dörfern des Gebietes, wo anlautendes g > j geworden ist, noch 
-gm gesprochen. 

3 b. Nördlich der -m : vdn Linie heissen ,ich sollte, gesollt, ich 
konnte, gekonnt, ich mochte, gemocht, ich musste, gemusst' mit 
Umlaut: zillj zült; kün, künt; milxty müxt; milstj müst — südlich von 
ihr ohne Umlaut: zol, zolt; kun, kunt; miixt, nwxL Die letzteren 
Formen hatten wir schon in der Lenzer Wische (§ 5) kennen gelernt. 
In einigen anderen Verbalformen hat aber die Lenzer Wische ebenso 
wie das Gebiet nördlich der 3 a -Linie Umlaut, das Gebiet südlich 
wiederum keinen Umlaut: ,8uchte, gesucht; kaufte, gekauft; wusste, 
gewusst; stand' heissen nördlich: zöxt^ köft, väst, st im, südlich: zoxt, 
^oftj vustj stiin. Im io/]^- Gebiete heisst ünä ,unter': und. 



78 

3c. Einzel- Wörter und -Wortformen. 

Nördlich der -m : von Linie heisst in WPri der ,Staar' i^pre (wie 
in Meckl.)j der Frosch jmx bezw. j)ok' (s. § 8, 11).) — südlich: .^^töa 
und höjHi. In der "ganzen Pri heissen nördlich der 3 a-Linie : ,ich 
habe' ikhef, ,nieder, herunter' dal (s. § Hl), ,wer' (Fragewort) rekd 
(s. § 352 Anm.) — südlich: ik hep, mlj rd. 

4 a. Etwa eine Meile südlicher, so dass Wilsnack jetzt nördlich 
bleibt, fängt die Linie an, die die Gebiete scheidet, in denen g vor 
Vokalen geblieben oder aber zu J geworden ist. Wilsnack liegt noch 
im jr-Gebiet, spricht selbst als Stadt aber j (S 9). Sie fängt an bei 
Abbendorf a. d. Elbe, geht über Legde (beide sprechen /) vereinigt 
sich bei Gr.-Leppin (das vor dunklen Vokalen noch g spricht) mit 
der vorigen, und geht mit ihr, jetzt nordöstlich, bis Blumenthal. 
Von hier nimmt sie einen ganz anderen Verlauf. Während Linie 3 
von nun an sich parallel zu der Landstrasse Wittstock-Zechlin hinzog, 
geht Linie 4 in nordöstlicher Richtung weiter, schneidet die Land- 
strasse Pri tz walk -Wittstock zwischen Alt-Krüssow und Techow und 
weiterhin die meckl. Landesgrenze östlich von Wulfersdorf. Es bleiben 
also in OPri Gr. -Welle, Lindenberg, Kehrberg^ KL- und Gr.-Wolters- 
dorf, Bölzke, Pritzwalk, Kemnitz, Krüssow, Wilmersdorf, Bläsendorf, 
Wulfersdorf westlich der Linie (^-Gebiet); Dannenwalde, Schönebeck, 
Blumenthal, Techow -Wittstock, Maulbeerwalde, Zaatzke, Wernikow 
östlich der Linie (J-Gebiet); doch sprechen die drei letzten Dörfer 
vor dunklen Vokalen noch g. 

Anm. 1 Die Fortsetzung dieser Linie teilt auch die Altmark in ein 
^r-Gebiet und ein ^-Gebiet. Es gebort ferner nicht nur die WPri und OPri, 
sondern ganz Brandenburg südlich und östlich dieser Linie dem ^-Gebiet an. 
Das berühmte j der Berliner in ^ü^ und jans ist also kein verdorbenes Hoch- 
deutsch, sondern ebenso wie z. B. das k und t in ik und dkt und das e in bön 
Bein eine überkommene Erbschaft aus der ursprünglichen niederdeutschen Mandart. 
Vgl. Mackel, Herrigs Archiv CIX, 386. 

Anm. 2. Es ist also nicht tiberall, wo intervokales d > j geworden ist, 
auch g vor Vokalen > j geworden. Gr.-Ltiben, Kletzke (WPri), Gr. -Welle, 
Tuchen (OPri) z. B. sagen gös^ gts Gans, Gänse, aber Im, brZin Leute, brüten. 
Inlautendes^ vor Vokal ist überhaupt nur im südlichsten Gebiet der Pri zu j 
geworden, dort, wo brüten br^m heisst: in Glöwen, Herzsprung z B. heisst 
Wagen noch vi^m^ pflügen noch plbgm. 

4 b. Im Anschluss hieran behandle ich die schwierige Gruppe 
der Wörter ,mähen, drehen, säen und blühen' u. s. w. 

a) Einige Orte hart an der meckl. Grenze in OPri (Suckow, 
Porep, Meyenburg) und das südlichste Dorf der WPri Jederitz (zwischen 
Havel und Elbe) sprechen wie Meckl. inäidn, Partiz. 7ndit. In letzterem 
Dorfe ist dieses mimn aus mäjdn entstanden wie h^äian gekriegt aus 
kräJ97i (s. § 8 b). 

ß) Abgesehen davon sprechen alle Orte nördlich der Landstrasse 
Wittenberge- Perleberg -Pritzwalk und westlich der Linie 4 a ma9n 
(wie im Hd.), blöydn bezw. blo9n (letzteres im monophthongischen 
Gebiet); Partiz.: wa^; blöyt, bißt. 



79 

In dem Gürtel zwischen der Landstrasse Wittenberge-Pritzwalk 
und der Linie 4 a bis Bluraenthal, von Blumenthal ah östlich der 
Linie 4 a und nördlich der Linie 3 a heisst es mäT^on, mhct, hloyn, 
hioxt im -i'^w-Gebiete, mä-y, m^jct, f^lo-y, hloxt im -w-Gebiete, letzteres 
also um Techow, Wittstock, Zechlin herum. Das Gebiet südlich 
der Linie 4 a in WPri, 3 a in OPri sagt mä-in, mä-it, hlo-iv, b/ö-it, 
der südlichste Teil der Pri sogar mäj9n — mä4t; hlojdti — hlo-it 
Vgl. § 123. 

5. Die Gans -Linie. 

Diese Linie bildet den Übergang zu den vertikalen Linien, und 
man könnte sie wohl auch schon zu letzteren rechnen. Sie beginnt 
weiter südlich als die Linie 4, — bei Havelberg, — geht zunächst 
nördlich über Glöwen und vereinigt sich bei Kunow mit der Linie 4, 
sodass sie wie diese nun in nordöstlicher Richtung weitergeht, die 
Landstrasse Pritzwalk -Wittstock zwischen Krüssow und Techow und 
die mecklenburgische Landesgrenze östlich von Wulfersdorf schneidet. 
Das Gebiet westlich und nordwestlich spricht (ßous — göy^ (im 
diphthongischen Gebiet), gös — </8s resp. jös — /os im monophthon- 
gischen Gebiet, und zwar jös — yos dort, wo g vor Vokalen überhaupt 
zu ,/ geworden ist (s. Linie 4 a), d. h. im südlichen Teil von WPri, 
soweit das n geschwunden ist. Östlich und südöstlich der Linie heisst 
es gmis — gäm oder auf einem viel grösseren Gebiet jans — jäm. 
Die Grenze ist nicht scharf; in einem Gürtel von 1 Meite Breite sind 
Doppelformen gebräuchlich. Die Form mit n dringt unter dem Einfluss 
des Hochdeutschen und der Städte sichtlich vor. In Gr.-Leppin, 
Maulbeerwalde heisst die Einzahl gös^ die Mehrzahl jctn% in Gr.-Welle 
wird gös — //ßs neben gans — gaü^ gesprochen, letzteres haupt- 
sächlich von den Jungen; in Bölzke, Bläsendorf, Wulfersdorf heisst 
die Einzahl gös^ die Mehrzahl gb^ und gäm. 

Anm. Die Wenkersche Gänse -Karte gibt das Verhältnis im ganzen 
richtig an. 

§ 8. Die vertikalen Sprachlinien. 

1 a. Diese Linie folgt fast genau der Grenze zwischen WPri 
und OPri. In WPri lautet die 2. und 3. P. Sing. Praes. und das 
Part. Praet. von den Wörtern hem haben, zeyy sagen, leyy legen 
Imt^ hat — läxst^ läxt — zäxst, zäxt, in OPri hest^ het\ lexst^ lext; 
zexst, zext. (Es geht hier also OPri mit Meckl. zusammen, s. § 6, 4.) 
Die Grenze ist haarscharf; die Grenzdörfer haben Spottverse auf- 
einander, z. B. Tuchen und Vieseke. In WPri heisst ,12* tivöhn, in 
OPri twälm. 

1 b. Die Kreisgrenze ist auch die Scheide zwischen einzelnen 
Wörtern. ,Frosch' — ,Kröte' heissen im nördlichen Teil der WPri 
poji\ pok — htiks^ im südlichen Teil der WPri pat — huks ; in ganz 
OPri höpä — huks\ höpä ist also spezifisch ostprignitzisch ; es scheint 
aber vorzudringen und wird bei Havelberg auch schon in einigen 
westprignitzischen Grenzdörfern gebraucht. In Westfalen ist pogge 



80 ' 

da unbekannt, wo es holländischen Charakter annimmt; vergl. über 
pogge und höpper in Westfalen Seelmann, Gerhard v. Minden, Einl. 
XX und S. 187. Der ,Storch' heisst in WPri hei-nodä, in OPri knäjpnd. 
In Havelberg und den südlich davon gelegenen Dörfern wird hei-nödä 
nicht mehr gebraucht; doch ist es noch bekannt, und bei Havelberg 
gibt es einen Hei-nodä -Berg, Man sagt hier jetzt stork oder das 
hd. storx oder knäpnä. 

Für andere Lauterscheinungen und Wortformen ist die Kreis- 
grenze nur partiell die Scheide. Ganz OPri sagt stöt^ kleivä^ kledän 
Stute, Klee, klettern, die grössere nördliche Hälfte der WPri stüt^ 
klevä^ klärän. Ganz OPri sagt stöä Staar, die grössere nördliche 
Hälfte von WPri spre. Linie 2 zeigte, dass der nördlichste Teil der 
WPri intervokales d in r verwandelt hat. .Diesen Wandel kennt OPri 
überhaupt nicht. Ferner sagt die nördliche WPri born Boden, rif 
— rim Rippe — Rippen, briix — brüyy Brücke, Brücken, während 
die südliche WPri und ganz OPri bodn, rip — ripm^ brük — brühj 
sagt (s. § 7, 2 c). 

2. s in den anlautenden Verbindungen sl^ sm^ sn^ sw^ st^ sp 
wird in der ganzen WPri und in der westlichen Hälfte von OPri wie 
s gesprochen; in der östlichen Hälfte von OPri s. Die ungefähre 
Grenze geht von Vehlgast a. d. Havel nach Norden übei* Breddin, 
Barentin, Dannenwalde, wendet sich dort nach Nordosten und ver- 
einigt sich nun mit den Linien 4 und 5 (§ 7), schneidet also die 
Landstrasse Pritzwalk -Wittstock zwischen Krüssow und Techow und 
geht in derselben Richtung weiter, aber eher etwas östlicher, bis zur 
meckl. Landesgrenze. Diese Linie ist aber, wie gesagt, nur ungefähr. 
Von Osten und Süden her dringt s unaufhaltsam vor; alle Städte, 
auch die der WPri, sprechen s und verbreiten es ihrerseits. Ganz 
für s gewonnen ist das Land östlich der Dosse. Aber auch die Dörfer 
in weitem Umkreise um Wittstock und Kyritz sprechen s] Düpow bei 
Perleberg spricht durchweg .<?, sonst ist in den Dörfern der WPri und 
in den Dörfern um Pritzwalk (OPri) s noch fest; zurückkehrende 
Soldaten und Dienstmädchen geben s meist wieder auf. 

Anm. Die Wenker'sche ,8chIafen'-Karte lässt hier ganz im Stich. Das 
ganze Gehiet der Pri ist als schloap-Q ehiet bezeichnet; sl und szl sind mit 
besonderen Zeichen eingetragen; viele Dörfer, die sl sprechen, sind mit sl 
angegeben. Die Lehrer sprechen eben, selbst wenn sie plattdeutsch können, 
alle sl. Mir selbst wird es schwer, noch sl zu sprechen. 

§ 8 a. Man könnte nach obigen Ausführungen folgende Dialekt- 
grenze innerhalb der Pri ansetzen: sie beginnt an der meckl. Landes- 
grenze in OPri östlich der Wittstocker Heide, schneidet die Land- 
strasse Pritzwalk-Wittstock zwischen Krüssow und Techow und zieht 
sich in südwestlicher Richtung auf Gr.-Welle-Kunow zu, wo sie die 
WPri erreicht. Von hier zieht sie sich in westlicher Richtung bis 
an die Elbe. Man könnte aber auch eine Mundartenscheide südlich 
der Landstrasse von Wittenberge nach Wittstock ansetzen. Die 
Kriterien südlich dieser Scheide würden sein: j für intervokalcs d 



81 

(2 a), 'imif -T^en für -m^ -y (3 a), fehlender Umlaut in Formen wie 
kioit gekonnt, koft gekauft, Formen wie hej) habe, nä nieder (3 b, 3 c). 
Diese Grenze ist vielleicht deshalb vorzuziehen, weil sie die Grenze 
zwischen überwiegender sächsischer und überwiegender fränkischer 
Ansiedlung angeben könnte. 

§ 8b. Eine besondere Stellung nimmt das Dorf Jederitz ein, 
das einzige Dorf der WPri, das zwischen Havel und Elbe liegt. Es 
steht mit seiner Mundart vollständig abseits und gehört mundartlich 
zum sächsischen Kreise Jerichow. Eine Darstellung der Mundart von 
Jederitz würde Seiten umfassen. Ich begnüge mich hier folgendes 
festzustellen, v < b wird stets > u aufgelöst. Während die Nachbar- 
dörfer der Pri sagen ^rivdtiy jävdUy stärvdti, väftöy, ämn, swalt schreiben, 
geben, sterben, Webstuhl, Ofen, Schwalbe, sagt Jederitz ärlun^ jäun, 
stärun, äun, väutöy, swalo, (Vgl. Krause, Mundart des Kreises 
Jerichow I, Nd. Jb. XXV, 45.) Aber auch mnd. g in der Umgebung 
dunkler Vokale wird zu M; z. B. in fänl Vogel, wobei wir zunächst 
einen Übergang von g > v annehmen müssen. Ist aber vormals vor 
hellen Vokalen g > j geworden, so hat sich dieses j mit dem vorauf- 
gehenden Vokal zu einem Diphthongen verbunden: lügen heisst lögon, 
gegen jcUn^ kriegen kräin, Egge äit < ärt. (Vgl. Krause, Nd. Jb. 
XXI, 65; XXII, 6, 13.) Die Jederitzer haben in der Umgebung 
denn auch den Spitznamen Kräi-ä, 

§ 9. Die Mundart wird ausnahmslos von jedem Dorfbewohner 
gesprochen. Die Kinder lernen das Hochdeutsche erst in der Schule; 
die Erwachsenen, namentlich die Frauen, sprechen hochdeutsch nur 
im Notfalle, manche nicht einmal vor Gericht. Die vielen ein- 
gedrungenen hd. Lehnwörter werden als solche nicht gefühlt und 
haben die innere Struktur der Sprache nicht verändert. Es ist nicht 
anzunehmen, dass auf dem Lande die Schriftsprache das Nieder- 
deutsche schon in diesem Jahrhundert verdrängt. 

Anders ist es in den Städten. In den kleineren Ackerbürger- 
städten, namentlich in der nördlichen Pri, wie Lenzen, Putlitz, Meyen- 
burg, Freyenstein, ebenso in Wilsnack sprechen allerdings auch die 
Ackerbürger unter sich noch vielfach platt. In den grösseren Städten 
aber mit ausgedehnterem Handel, grösserer Beamtenschaft, Garnison, 
höherer Schule, wie Wittenberge, Perleberg, Pritzwalk, Wittstock, 
Havelberg, Kyritz ist das Hd. siegreich vorgedrungen, und nur im 
kleineren Handwerkerstande und von den Arbeitern wird dort noch 
platt gesprochen. Doch kann man sagen, dass auch in diesen Städten 
fast noch jeder Eingeborene platt sprechen kann oder es doch ver- 
steht. Auch ist dem Hochdeutschen der Stempel der heimischen 
Mundart aufgedrückt: die Modulation, das langsame Tempo, der 
dumpfe Klang des ä und ä; die vokalische Aussprache des End-r 
(= kurz ä) kennzeichnen es. Die unteren Stände lassen auch das 
End-e noch vielfach weg {dt lamp die Lampe); die Dorfbewohner 
sprechen, wenn sie hochdeutsch sprechen, es e statt als kurzes, offenes iL 
Die hochdeutschen Diphthonge «/; au, du, namentlich aber äif, werden 

Niederdeutsches Jahrbuch XXXI. 6 



82 

von vielen nicht richtig getroffen; Dorfbewohner, die hd. sprechen, 
ersetzen sie vielfach durch die heimischen engeren ei^ ou, öy, Städter 
setzen sie vielfach überweit ein. Allgemein wird in den Städten 
s impurum als s gesprochen, g vor Vokalen meistens wie jy auch 
dort, wo g im Niederdeutschen erhalten ist, wie in Lenzen, Putlitz, 
Meyenburg (s. § 7, 4). Auch dringt für an- und inlautendes r das 
Zäpfchen-r vor. Wo Zungen-r gesprochen wird, wird es wie auf dem 
Lande mit starker Vibration gesprochen. 

Anm. Im angrenzenden Mecklenburg sprechen auch in den Städten die 
besten einheimischen Bürger im tranlichen Verkehr und im Wirtshaus noch gerne 
platt, auch die Schüler der höheren Lehranstalten untereinander. 

§ 10. Von älteren Sprachdenkmälern der Prignitz kann ich 
nur Urkunden nennen; sie sind zum grössten Teil von Riedel im 
Codex diplomaticus Brandenburgensis abgedruckt (A I, II, III, XXV 
und Supplementband). Die älteste nd. Urkunde der Prignitz ist 
wohl die AI S. 132 abgedruckte Perleberger Urkunde aus dem 
J. 1317. Im Perleberger Stadtarchiv befindet sich dann noch das 
sogen. Rote Buch, das grösstenteils Ratsprotokolle und eine Art 
Hypothekenregister der Stadt Perleberg enthält. Es beginnt mit dem 
Jahre 1480 (Riedel, a. a. 0. A I, 121 f.). Femer hat 0. Vogel 
in seiner wertvollen Programmabhandlung ;,Zur Geschichte des Perle- 
berger Schuhmacher- und Lohgerbergewerbes*^ (Perleberg 1898) eine 
Perleb. Zunftrolle vom J. 1353 und einen Schuhknechtsbrief in zwei 
Redaktionen (vom J. 1540 und 1546) veröffentlicht. Aus meiner 
engeren Heimat kann ich aus spätmittelniederdeutscher Zeit einige 
Bibelsprüche und persönliche Angaben anführen, die in Kirchenstühle 
eingeritzt waren und aus dem 16. Jh. stammen. Die Boberower 
Stühle sind jetzt nicht mehr erhalten ; die Inschriften auf ihnen finden 
sich aber z. T. abgedruckt bei Ulrici, Die Prignitz und die Stadt 
Lenzen, Perleberg 1848, S. 220; in dem Nachbardorfe Warnow 
existieren Stühle mit ähnlichen Inschriften noch. 

Die nd. Urkunden Brandenburgs, auch die Prignitzer, hat 
sprachlich untersucht B. Graupe in seiner trefflichen Dissertation: 
De dialecto Marchica quaestiunculae duae, Berlin 1879. Die Fest- 
stellungen Graupes hat dann verwertet und durch eigene Einsicht 
brandenburgischer Urkunden erweitert Tümpel in seinen Ndd. Studien. 
Aus den Urkunden Berlins von 1300 — 1500 hat die mittelniederdeutsche 
Mundart des alten Berlins darzustellen versucht M. Siewert in 
seiner Würzburger Promotionsschrift: Die niederdeutsche Sprache 
Berlins von 1300 bis 1500, abgedruckt im Nd. Jb. 29, 65 ff. Die 
fleissige Arbeit ist hier aufzuführen, da der Sprachstand der Urkunden 
Berlins aus mnd. Zeit nur sehr wenig von dem der Urkunden der 
Pri abweicht, vgl. Seelmann, der Berliner Totentanz, Nd. Jb. 21, 
S. 91. Die die Pri betreffenden Urkunden habe auch ich eingehend 
durchgesehen und bin zu der Überzeugung gekommen, dass diese 
Urkunden wesentlich nur über den mittelprignitzischen Wortbestand 



S3 

Auskunft geben können, dass sie aber für die Feststellung des Laut- 
standes jener Zeit mit der äussersten Vorsicht zu benutzen sind. 
Wir wissen oft nichts ob wir es mit dem Originale oder mit späteren 
Abschriften zu tun haben; wir wissen nicht, ob der Schreiber aus 
der Prignitz stammt. Und wenn wir das auch wüssten: es gab eine 
Art mnd. Schrift- und Gemeinsprache, deren Gleichförmigkeit vielfach 
dialektische Unterschiede der Volkssprache aufhob; und in den Schulen 
wurde eine traditionelle Rechtschreibung gelehrt, die für weite Gebiete 
massgebend war. Es gilt, was Seelmann in den von ihm und 
Bolte herausgegebenen niederdeutschen Schauspielen älterer Zeit 
S. 3 sagt: ^Die sprachlichen Unterschiede im Mittelalter auf nd. 
Gebiet kommen^ in den Schriftdenkmälern unter dem Einflüsse der 
ausgleichenden mnd. Schrift und Schriftsprache nur in sehr beschränktem 
Masse zum Ausdruck.^ Vgl. auch Seelmann in der Festschrift der 
Gesellschaft für deutsche Philologie, Berlin 1902, S. 69 und s. noch 
Tümpel, Niederdeutsche Studien S. 7 ff. und S. 126 ff. Im besonderen 
ist noch zu sagen: es gibt so leicht keine Prignitzer Urkunde, in der 
sich nicht dasselbe Wort in verschiedener Schreibung finde; die 
Sprache der Urkunden aus dem 14. Jh. weicht von denen aus dem 
16. Jh. nicht ab. 

Streng methodisch wäre ich verpflichtet gewesen, alle angeführten 
Wörter und Formen der Mundart der Prignitz mit mittelprignitzischen 
oder doch mittelbrandenburgischen zu belegen. Das wäre nun einer- 
seits durchaus nicht möglich gewesen, anderseits aber hätte ich zum 
besseren Verständnis der Erscheinungen in einem fort auf das Alt- 
sächsische zurückgehen müssen. Ich habe daher einen anderen Weg 
eingeschlagen. Ich gehe vom Altsächsischen (as.) aus, wenn dieses die 
heutige Form erklärt. Wo dieses im Stiche lässt, führe ich als 
Belege die allgemein mittelniederdeutschen (mnd.) Formen an, wenn sie 
mit den mittelbrandenburgischen, so weit diese belegt sind, über- 
einstimmen; nur wo es von besonderem Interesse war, führe ich die 
mittelbrandenburgischen (mbr.) Formen an. Für die neuere Zeit 
liegt einiges wertvolle Material vor. Auf der Königl. Bibliothek zu 
Berlin ist ein handschriftliches Prignitzer Idiotikon aufbewahrt, 
das mit dem § 7 S. 75 erwähnten Bratring'schen altmärkischen 
Idiotikon zusammengebunden ist. Von diesem Idiotikon hatte Höfer, 
Märkische Forschungen I einen Auszug veröffentlicht. Eigene Unter- 
suchung ergab, dass dies von einem Prediger Hindenberg Ende des 
18. Jh. niedergeschriebene Idiotikon etwa 100 prignitzische Ausdrücke 
enthält, die dem aus der Mittelmark stammenden Verfasser in der 
Prignitz besonders aufgefallen sind. Bei genauerer Nachforschung nach 
dem Verfasser stellte es sich leider heraus, dass es um dieselbe Zeit 
zwei Prediger Hindenberg gegeben hat, zwei Brüder, aus Haselberg 
bei Wrietzen a. d. 0. stammend. Der eine war Prediger in Cumlosen 
a. d. Elbe (WPri 1763—1782), dann Oberprediger in Kyritz (OPri 
1782 — 1821), der andere war Prediger in Techow-Heiligengrabe (1772 
bis 1803). So war es, da im Manuscript der Vorname des Verfassers 

6* 



84 

nicht angegeben ist, leider unmöglich, mit Sicherheit festzustellen, 
welcher von beiden das Idiotikon abgefasst hat, ob dieses also aus 
WPri oder OPri stammt. Für ,Staar' gibt er spree und für ,Gans' 
gose an. Das passt genau für Cumlosen. Techow sagt: stoä und 
wenigstens jetzt janSj ebenso Kyritz (§ 7 S. 78 u. S. 79). Bei adebaar 
Storch merkt er an: so sagt man hier und in der Altmark: Cumlosen 
ist von der Altmark nur durch die Elbe getrennt. Bei Hädetvekken 
(eine gewisse Art Semmel) erwähnt er das Bassewitzfest in Kyritz. 
Für ,Frosch' gibt er höpper an: das ist eine der OPri eigentümliche 
Bezeichnung (§ 7 S. 79). Es scheint*, dass der Cumloser Hindenberg 
der Verfasser ist, dass er aber das Idiotikon erst in Kyritz nieder- 
geschrieben hat. 

Ungefähr aus derselben Zeit wie dieses Idiotikon stammt eine 
uns angehende Abhandlung, die dadurch von besonderem Werte für 
uns ist, dass der Verfasser aus meinem Heimatsdorfe Boberow stammt: 
es ist der bekannte Pädagoge Friedrich Gedike (geb. 1754), der 
Begründer des Abiturientenexamens. Er hat in den ^Beiträgen zur 
deutschen Sprachkunde" Berlin 1794 einen noch jetzt lesenswerten 
Aufsatz über deutsche Dialekte veröffentlicht. In diesem führt er 
von S. 311 an eine Reihe von Wörtern, Wendungen und Sprich- 
wörtern aus dem Niederdeutschen an. Doch stammen sicherlich nicht 
alle Beispiele aus Boberow. Gedike hat seine Schulbildung in See- 
hausen i. d. Altmark und in ZüUichau genossen. Auf Züllichau 
weisen z. B. mire und emse für Ameise. Boberow und die gesamte 
Pri sagt ämk und ämk. 

Aus der Stadt Pritzwalk (OPri) stammen zwei Männer, die 
beide Gedichte in der niederdeutschen Mundart ihres Geburtsortes 
verfasst haben: K. H. G. Witte, geb. 1767, der Vater des Wunder- 
kindes Karl Witte, und Gustav Jung, geb. 1797. Über letzteren 
vgl. Nd. Jb. 22, S. 85. Die drei Gedichte Wittes sind abgedruckt 
bei Firmenich, Völkerstimmen B. I; das älteste stammt aus dem 
Jahre 1833. Jung hat 1849 einen Band Gedichte unter dem Titel: 
Gedichte in plattdeutscher Mundart, Berlin 1849 veröffentlicht; das 
älteste stammt aus dem Jahre 1848. Nach Ausweis des Neuen 
Nekrologs der Deutschen B. 23 (1845) hat Witte auch ein Nieder- 
sächsisches ABC- und Lehrbuch verfasst (Hamburg und Mainz 1803); 
ich habe dieses Buch trotz eifrigster Bemühungen nicht ausfindig 
machen können. 

Einige kurze ndd. Sprüche aus Havelberg sind bei Firmenich, 
B. III, S. 120 abgedruckt. Das S. 121 unter Kleinow bei Perleberg 
angegebene Lied „Hermann slög Lärm an^, das auch in der Lenzener 
Gegend gesungen werden soll, ist in der Prignitz nur literarisch 
bekannt. 

Eine längere Spukerzählung in angeblich ostprignitzischer Mundart 
findet sich in dem von Engelien und Lahn Berlin 1868 heraus- 
gegebenen Buche: Der Volksmund in der Mark Brandenburg S. 64 ff. 
Die Geschichte spielt in Schweinerich, einem Dorfe zwischen Witt- 



85 

stock und Zechlin, und nach den Eingangsworten ist der Erzähler 
Lehrer Suchsdorf zu Walchow bei Fehrbellin. Der Erzähler ist zu 
Schweinerich geboren, die angewandte Mundart entspricht aber mehr 
der in Fehrbellin als der in Schweinerich gesprochenen. 

Neuerdings hat die Prignitz einen treiHichen Dialektdichter in 
H. Graebke aus Lenzen, jetzt in Berlin, gefunden. Er hat eine 
Reihe Dichtungen nach Art der Läuschen un Rimels von Reuter 
verfasst, von denen einige seinem grossen Vorbilde nicht viel nach- 
geben. Er hat bisher veröffentlicht 1) Prignitzer Kamellen un 
Hunnenblömer, Zürich 1896, 2) Prignitzer Vogelstimmen, Berlin 1902. 
Der Verfasser bedient sich der gemeinniederdeutschen Rechtschreibung, 
die Groth und Reuter schaffen halfen. 



Phonetische Darstellung der Laute. 

A. Allgemeines. 

§ 11. Der Prignitzer ist wortkarg und erscheint als sprechfaul. 
Der schweren Lebensauffassung, der Nüchternheit der Gefühls- 
äusserungen, der Schwerfälligkeit und dem Phlegma der Bewegungen 
entspricht ein langsames Tempo der Rede, das besonders dann auf- 
fällt, wenn er hochdeutsch spricht. 

§ 12. Artikulationsbasis. Der Kehlkopf liegt, wenn ich 
recht sehe, ein wenig tiefer als normal. Die Hinterzunge berührt in 
der Ruhelage den harten Gaumen nicht (s. dagegen Heilig § 8). 
Die Vorderzunge berührt mit einem breiten Saume die mittleren 
Alveolen, während die Zungenspitze auf der Schneide der Unterzähne 
ruht. Schon daraus geht hervor, dass die vorderen Unterzähne hinter 
den vorderen Oberzähnen liegen. Legt man die Schneidezähne auf- 
einander und bringt dann den Mund in die normale Ruhelage, so 
weicht der Unterkiefer ungefähr 3 Millimeter zurück und steigt zu 
gleicher Zeit um etwa 1^/2 Millimeter, so dass die oberen Schneide- 
zähne fast 3 mm (die oberen Eckzähne noch 1 mm) in wagerechter 
und 1 mm in senkrechter Richtung über die Unterzähne hinausragen. 
Die untere Zahnreihe liegt somit ziemlich weit zurück, was für die 
Tonbildung um so entscheidender ist, als der Unterkiefer beim 
Sprechen nicht vorgeschoben wird. 

§ 13. Die Muskulatur des Kehlkopfes ist im allgemeinen rege 
und der Stimmton häufig. Im Ansatzrohr selbst aber ist bei der 
Lautbildung die Muskelspannung nicht stark. Die Zungenartikulation 
ist schlaff und träge ; die Zunge neigt eher dazu, sich zu senken und 
zu verbreitern (abzuflachen), als sich zu verengern und vorzustrecken; 
das Zurückziehen ist häufig, geht aber nicht energisch vor sich. Der 
Unterkiefer wird weder vor- noch zurückgeschoben, sondern einfach 
gesenkt. Er wird aber auch bei den weiten (offenen) Vokalen nicht 
allzusehr gesenkt; am meisten beim ä: hier beträgt der senkrechte 



86 

Abstand der Vorderzähne 7 — 8 ram; beim ä 6 mm; beim ä und ä 
nur noch 5 — 4 mm. Auch die Beteiligung der Lippen ist nicht 
kräftig und Lippenrundung nicht häufig; namentlich verhält sich die 
Unterlippe passiv; sie beteiligt sich so gut wie gar nicht an der 
Rundung. Der Mund ist infolgedessen beim Sprechen nur massig 
geöffnet. Vorstülpung der Lippen bei gleichzeitiger starker Ein- 
ziehung des Mundwinkels findet besonders im Affekt, zum Ausdruck 
des Bedauerns, des Unwillens und des flehentlichen Bittens statt. 
Es klingt dann die Stimme etwas tiefer. In affektloser Rede ist die 
Vorstülpung nicht energisch, stärker bei o, ü, ü als bei ö, u, ü; am 
stärksten bei ä (also einem jüngeren Laute). Die spaltförmige Öffnung 
mit Zurückziehung der Mundwinkel und Straffziehen der Lippen ist 
in unserer Ma. nicht bekannt. Im allgemeinen lässt sich sagen, dass 
die Artikulationsweise des Prignitzers in starkem Gegensatze zu der 
straffen des Franzosen steht. 

Mit der schlaffen Zungenartikulation hängt besonders zusammen 
der Schwund des intervokalen d oder sein Wandel zu r, j (§ 7, 2); 
der Wandel von g vor Vokal > j in der südlichen und östlichen 
Prignitz (§ 7, 4); ferner die Reduktion des r im Auslaut oder vor 
alveolaren Lauten zu kurzem ä (§ 137; s. auch Bremer, Deutsche 
Phonetik § 82, 2 und § 134). 

§ 14. Der Luftdruck ist beim Einsatz verhältnismässig stark, 
nimmt aber sowohl innerhalb des Wortes als auch innerhalb des 
Satzes ab. Mit der Abnahme des Luftdruckes innerhalb des Wortes 
hängen die Assimilationen von mnd. 7nd, nd, yg, Id, rd > m(m), nfn), 
y(y)} Iß)} *Y^>^ (§ 283, 284) zusammen, mit der innerhalb des Satzes 
die Erscheinung, dass im einfachen Aussagesatz die Stimme stark 
sinkt. Lange Vokale am Ende der Silbe und namentlich des Wortes 
werden nicht geschnitten, sondern verklingen allmählich, ein Um- 
stand, der dem Norddeutschen die Aussprache der scharf abge- 
schnittenen Endvokale im Französischen (z. B. in parU, parlait, perdii) 
sehr schwer macht. 

Mit der allmählichen Abnahme des Luftdruckes im Worte hängt 
auch die wichtige Erscheinung zusammen, dass ursprünglich inter- 
vokale stimmhafte Reibelaute nach Verstummen des End-e den 
Stimmton verloren haben, d. h. zu stimmlosen Lenes geworden sind; 
also müs Mäuse; deiv Diebe; veig Wage (§ 17, § 44). 

§ 15. Mit der Häufigkeit der weiten (offenen) Vokale, mit der 
geringen Muskeltätigkeit der Vorder- und Mittelzunge, dann mit dem 
Umstände, dass die meisten Vokale etwas weiter nach hinten arti- 
kuliert werden als in Mittel- und gar Süddeutschland, ja, als im 
Havellande und um Berlin, steht die charakteristische Erscheinung 
im Zusammenhange, dass die meisten Vokale dumpf, aus der Kehle 
herausklingen: der Resonanzraum ist eben länger, der Eigenton des 
ganzen Ansatzrohres kommt häufiger zur Geltung. Lifolge der 
weiter nach hinten gelegenen Artikulation klingen ^; t%, ü in ge- 
schlossener Silbe fast wie enge e, o, ö; und das enge e, öj Ü des 



87 

Berliners in jSee', ,tot', ,8Ü8s', fällt dem Prignitzer auf. (Bremer, 
a. a. O. § 151.) 

§ 16. Die Exspiration ist ungleichmässig, d. h. betonte und 
unbetonte Silben wechseln miteinander ab. Die Tendenz des Deutschen, 
die Stammsilbe zu betonen, so dass zwischen 2 betonten Silben Lücken 
entstehen, entgegengesetzt zum Französischen, das eine Silbe in die 
andere hineinträgt, ist in unserer Mundart stark ausgeprägt. Auf 
ihm beruht die Dehnung der kurzen Vokale in offener Stammsilbe 
(§ 183 ff.), die Überlänge von Vokalen unter gewissen Bedingungen 
(§ 17), die Schwächung der Vokale in Nebensilben (§ 118 ff.) und 
in zusammengesetzten Wörtern (§ 120), Synkope (§ 115) und Apokope 
(§ 117) von unbetontem e. Zirkumflektierte Betonung kennt unsere 
Mundart nicht. 

Anm. Der exspiratorische Akzent wird im Folgenden nicht bezeichnet. 

§ 17. Es können 6 verschiedene Grade der Zeitdauer bei den 
Vokalen unterschieden werden. 

1) Überlänge. Überlang sind lange Vokale und Diphthonge 
geworden, wenn nach folgenden ursprünglich stimmhaften Reibelauten 
ein e durch Synkope oder Apokope verstummt ist. Der Reibelaut 
verliert gleichzeitig den Stimmton (§ 14). Überlänge wird bei langen 
Vokalen durch ^, bei Diphthongen nicht bezeichnet. Also: mü§ 
Mäuse, dkg Tage, deiv Diebe; litt lebt, gelebt, Ikvt lobt, gelobt. 
Näheres s. § 227. 

Anm. Die More des verstummenden e wurde von dem langen Vokale 
mit übernommen. Es wäre vielleicht genauer zu sagen, dass hinter dem sehr 
lang gesprochenen Vokale bei starker Abnahme des Luftdruckes sich ein über- 
kurzer Gleitvokal (*") entwickele, z. B. m^^s. Dieses ^ ist besonders vor / und r 
wahrnehmbar. 

2) Lange Vokale bezw. Diphthonge, z. B. küm kaum, vi7i 
Wein, deif Dieb. 

3) Vor stimmlosen Explosiven und Reibelauten im Auslaut 
werden ursprünglich lange l, ü, Ü in unserer Mundart vielfach nur 
halblang gesprochen, z. B. t\t Zeit, blif bleibe, brüt Braut. Das ^ 
in hd. atibieten ist etwas länger als das in Pri anhitn anbeissen. Es 
heisst aber döt, bröt, zep Seife. 

Anm. Zwischen laugen und halblangen Vokalen wird im Folgenden kein 
Unterschied gemacht werden. 

4) Einfache Kürze: dah Dach, bret Brett, ik ich, pot Topf, 
np auf, dät das, dass, i)öt Töpfe, hüt Hütte. 

Kurze Vokale sind immer offen. 

5) Halbkurz sind im allgemeinen die Vokale in unbetonten 
Silben, z. B. in der zweiten Silbe von honU Honig, bräm Bretter. 

Anm. Wir weisen ausdrücklich noch einmal darauf hin, dass a in 
unbetonter Silbe nur halbknrz ist. Halbkürze bleibt unbezeichnet. 



88 

6) Üb er kurz ist u. a. der aus r vor Alveolaren entstandene 
a-Laut. Wir werden ihn im allgemeinen durch d wiedergeben, also 
dedn Mädchen; pödt Pforte. 

§ 18. Die Konsonanten sind im allgemeinen kurz. Lang sind 
sie in folgenden Fällen: 

1) ly m, riy T sind lang, wenn nach ihnen ein e verstummt ist, 
besonders wenn ein e nach darauf folgendem Reibelaut stumm ge- 
worden ist, z. B. i^eVt schält, swernt schwimmt; dann häP^ Hälse, 
kräm Kränze, zor^"^ Sorge. (Vergleiche § 17, 1 und § 294.) 

2) n und m < nd, md, wenn hinter ndj md e verstummt ist, 
z. B. häm Hemde, hun Hunde. In den meisten Fällen sind solche 
m oder n aber kurz geworden, z. B. wän Wände; hän (neben seltnerem 
hän) Hände (§ 293). 

§ 19. Ein- und Absatz. Vokale werden fest eingesetzt, 
und zwar mit Kehlkopfverschlusslaut oder Stimmritzenexplosion. Im 
Zusammenhange der Rede bleiben diese nur nach einer Pause bestehen. 

Der gehauchte Einsatz wird mit h bezeichnet. Die stimmlosen 
scharfen Explosivlaute p — t — k werden mit stark gehauchtem, 
stimmlosem Einsatz (aspiriert) gesprochen, wenn ein betonter Vokal 
oder r, l, n folgen, z. B. thün Zaun, phäl Pfahl, khöl Kohl; khrans 
Kranz; khlöä klar; khnei Knie. (Vgl. Bremer, Deutsche Phonetik 
§ 129.) Ich lasse diesen Hauchlaut unbezeichnet. Im Inlaut vor 
unbetonten Vokalen unterbleibt nicht nur die Aspiration, sondern die 
Fortis wird zur Lenis, z. B. doxdä Tochter. 

In den Verbindungen sp, st werden p und t nicht nur nicht 
gehaucht eingesetzt, sie explodieren sanfter und sind stimmlose Lenes 
geworden. 

Die Vokale im weiteren Sinne, also auch n, l, m werden leise 
abgesetzt und verklingen allmählich in einen leisen, stimmlosen Hauch. 
Auslautende p, t, k, auch die aus h, d, g entstandenen (§ 46), werden 
nach betonter Silbe stark gehaucht abgesetzt: es wird beim Ver- 
schlussabsatz der Luftdruck im Moment der Explosion verstärkt. 
Wir sprechen also phunth Pfund, khinth Kind. Dieser gehauchte 
Verschlussabsatz ist dann besonders stark, wenn durch Synkope eines 
e zwei t zusammengetreten sind. Dann explodiert das zweite t mit 
neuem Luftdruck sehr stark gehaucht. Vgl. z. B. zet setze und zefth 
gesetzt. Ich lasse auch den gehauchten Absatz unbezeichnet. Vgl. 
Bremer, a. a. 0. § 129 und §§ 176 und 177. 

§ 20. Silbengrenze (d. h. Druckgrenze) liegt bei langem 
Vokal vor dem Konsonanten, z. B. slä-pm schlafen; srz-m schreiben. 
Nach kurzem betonten Vokal ist die Silbengrenze durchaus verwischt; 
sie fällt in den Konsonanten, z. B. faln fallen. Von zwei ver- 
schiedenen Konsonanten zwischen Vokalen gehört der erste zur ersten, 
der zweite zur folgenden Silbe. 

§ 21. Der musikalische Akzent. Die Stammsilbe trägt den 
musikalischen Hauptton, ausser in der Frage, wo sie den musikalischen 
Tiefton trägt. Zwischen den einzelnen Silben sind starke Intervalle 



89 

(Septimen sind häufig); doch ist in der südlichen Prignitz die 
Modulation nicht mehr ganz so stark wie in der nördlichen. Die 
Berliner Aussprache erscheint als monoton. Im Aussagesatz sinkt 
der Ton gleichmässig, am meisten bei der Einwendung und Zurück- 
weisung, überhaupt überall, wo sich ein leiser Unwille einmischt. 
Dagegen findet bei der Frage im letzten Worte eine starke Er- 
höhung statt. 



B. Die Aussprache der einzelnen Laute. 

I. Tabellarische Übersicht der Artikulation der Laute. 



§ 22. 


Bachen 


Weicher Gaumen 
hinterer vorderer 


Harter Gaumen 
hinterer mittlerer 


Zahn- 
fleisch 


Ober- 
Zähne 


Ober- 
lippe 


Nasenlaute 

mit vorderem 

Verschluss. 




y (b) 


V (b) 


n 




m 


Mund-Explosiv- 
laute. 
(Verschlusslaute) 




A- </ 


Ä- g 


t, d 




Vy ^ 


Reibelaute. 




^> §> 5 

(ach - Laut) 


^> §> 5 (= X> J) 
ich - Laut 


S; S; Zj 
V V 

Sf z 


f,V, V 




T laterale Reibe- 
laute mit vorde- 
rem Verschluss. 












l 






Zitterlaute. 












Vj f 






Überenge Vokale 
(Halbvokale). 










• 

J 






w 


mit voUstän- 
® diger Lippen- 

S Öffnung. 

o 

> 

mit mittlerer 

S) (geringer) 
a Lippen- 
öffnung. 




Of 11 


u 


• 

ST 
0; // 


l 
Ü 








© mit voUstän- 
« diger Lippen- 
o öffiiung. 

.^ mit mittlerer 
^ Lippen- 
^ Öffnung. 




Oj ä 




e, ä 
0; a 










.t! © mit voll- 
|]g ständiger 
© o Lippen- 
ü öffiiung. 


a, h 






ä 












Zungen- 
wurzel. 




Hinter 


■zunge. 




Vorder- 
zunge. 


üntei 


•lippe. 



90 



II. Die Aussprache der Vokale. 

§ 23. Enges l (lang oder halblang) ist der einzige stets 
mouilliert gebildete Vokal unserer Mundart (Bremer, D. Phon. § 63 f. 
und § 145). Artikulationsstelle ist der mittlere harte Gaumen. 
Jedoch ist die durch die Hinterzunge gebildete Reibefläche nicht ganz 
so lang, die Annäherung der Zunge nicht ganz so gross, die senk- 
rechte Entfernung der Mittellinie der Zunge vom Gaumen nicht so 
klein wie beim süddeutschen l. Es klingt also nicht ganz so hell 
wie das letztere. Die Lippen werden nicht spaltförmig auseinander- 
gezogen, sondern die Oberlippe wird nur etwas höher hinaufgezogen 
als beim a. 

§ 24. Weites i (stets kurz) ist nicht mehr mouilliert. Die 
Artikulationsstelle liegt beim i, und dasselbe gilt vom u und ü, ver- 
hältnismässig weit zurück (s. Tabelle), so dass die Laute, namentlich 
vor Reibelauten {nix nicht), akustisch dem e, ö, o näher liegen als 

Ij Üy Ü. 

Anm. In den Verbindungen mnd. ini, ind-, unt, und- scheint n früher 
monilliert, kurz i und u aber eng gesprochen worden zu sein. Ich habe diese 
Aussprache nur noch in einigen abgelegenen Dörfern gefunden: in der nördlichen 
Wpri in Bresch, Pirow, Lütkendorf (alle 3 bei Putlitz) hier nur noch bei alten 
Leuten, in der südlichen WPri in Kühstädt und vor allem in Vehlgast Zwischen 
u und n entwickelt sich dabei ein schwacher i-Laut. Pfund und finden heissen also 
dort puht und fi^n (n mouilliertes, i-haltiges n). In den Dörfern des angrenzenden 
mecklenburgischen Gebietes ist dieses uh und in noch häufiger. In der Wenker- 
scben ,Pfund'-Karte findet sich bei mecklenburgischen Orten h&xküg pt7id angegeben. 
Offenbar ist damit dieses puHt gemeint. Da enge Aussprache des i und u bei 
uns stets mit Länge verbunden ist, so wird dieses kurze enge i und u leicht 
als lang empfunden. Mouilliertes Id und nd (z. B. hün Hund) führt Bremer aus 
dem amring.-föhringischen an, Nd. Jb. XIII, 7. 

§ 25. Beim e (nur lang) liegt die Artikulationsstelle ein klein 
wenig weiter zurück, die Zungenspitze etwas tiefer als beim i. Beim 
Sj und ebensowenig beim ö und o, ist die Annäherung der Hinterzunge 
an den Gaumen nicht so gross wie in der Sprache des Süddeutschen 
oder des Berliners. Daher klingt der dumpfere Eigenton des ganzen 
Ansatzrohres mehr mit. 

§ 26. ä ist eine Nuance weiter als e: bei a werden der Unter- 
kiefer und die Zunge ein wenig weiter gesenkt und so der Lippen- 
spalt senkrecht etwas mehr erweitert als beim e, 

§ 27. ä (gewöhnlich Umlaut zu a, z. B. dans — dam Tanz, 
Tänze, dann häufig vor r) wird noch weiter gebildet als e. Die 
Hinterzunge hebt sich ein wenig gegen den hinteren harten Uaumen. 
Es klingt ein wenig weiter als das englische a in hat. 

§ 28. a ist fast immer kurz (mnd. ä ist zu ä geworden). Die 
Zungenwurzel wird gegen die hintere Rachenwand gehoben. Die 
Stellung der Hinterzunge ist nicht niedrig; die Mundwinkel werden 
nicht auseinandergezogen, ja, die Lippenöffnung ist nicht ganz voll- 



91 

ständig. Die Zähne stehen ^/g cm auseinander. Der Klang ist immer 
ein wenig o-haltig. 

§ 29. Weites o. Die Hinterzunge wird an den weichen Gaumen 
zurückgezogen, die Vorderzunge liegt an der unteren Wand der 
Mundhöhle, der Kiefernwinkel ist ein wenig kleiner, der Lippenspalt 
kleiner und schmaler als bei a. Die Zähne stehen 3^/2 — 4 mm aus- 
einander, ä ist noch etwas offener als 0. 

§ 30. Enges ö (nur lang). Die Lippenöffnung ist noch kleiner 
als beim 0. Die Artikulationsstelle liegt nicht so weit nach hinten, 
die Vorderzunge ist etwas gehoben ; der Resonanzraum ist beim 
also grösser als bei ö. 

§ 31. Bei II und ü hebt sich die Zungenspitze immer mehr 
und ist bei ü auf die Alveolen gerichtet. Im allgemeinen ist zu 
bemerken, dass bei den Weichgaumenvokalen die Lippen nur wenig 
vorgeschoben werden (nur um Bedauern, Flehen, Abweisung aus- 
zudrücken, werden sie vorgestülpt). Auch findet eigentlich keine 
Lippenrundung statt; der Spalt wird nur immer kleiner. 

§ 32. Die Umlaute zu 0, ä, ö, u, ü sind ö, ä, 0, ü, fl. Sie 
sind Hartgaumenvokale, und zwar werden ö, k, o am hintern harten 
Gaumen, ü, ü am vorderen gebildet. Die Zungenspitze liegt bei all 
diesen Lauten an den Unterzähnen, die Lippenöffnung ist ein wenig 
grösser als bei den entsprechenden nicht umgelauteten Vokalen. Bei 
ö, üj Ü sind die Lippen etwas mehr vorgeschoben als bei o, u, ü. 

§ 33. Der unbestimmte, mit reduziertem Stimmton gesprochene, 
unbetonte e-Laut, der der Ruhelage der Zunge entspricht, klingt in 
unserer Mundart wie kurzes, offenes iL d verwende ich nur für den 
vokalischen Zwischenlaut, dessen Artikulation durch die Nachbarlaute 
mit Notwendigkeit gegeben wird. 

Anm. Genäselte Vokale gibt es iu unserer Mundart nicht. 

IIL Die Diphthonge. 

§ 34. Unsere Mundart besitzt folgende Diphthonge: m, ei, oii, 
öy (vgl. § 7, 1 a). Der erste Komponent in ei, ou, öy ist nicht ganz 
so weit wie die entsprechenden einfachen Vokale e, 0, ö, der zweite 
Komponent i, u, y aber noch etwas weiter, noch etwas mehr nach 
geschlossenem e, 0, ö herüber, als die entsprechenden einfachen Vokale. 
Daher liegen die beiden Komponenten dieser Diphtonge näher 
aneinander als in den entsprechenden hochdeutschen Diphthongen, 
der erste Komponent trägt den Exspirationsgipfel, beide Komponenten 
sind kurz, der zweite noch etwas kürzer als der erste. Unter einer 
bestimmten Bedingung aber wird der zweite länger als der erste: 
vor Reibelauten, hinter denen ein e verstummt ist, also in Wörtern 
wie hreiv Briefe, löy^ Geleise, hei öyvt er übt, vgl. § 17. Ich lasse 
solche Überlänge von Diphthongen unbezeichnet. 

§ 35. Hierzu kommen noch eine Reihe unorganischer Diph- 
thonge, bei denen der erste Komponent lang, der zweite überkurzes 



92 

ä ist. Sie entstehen dadurch, dass r im Auslaut oder vor Alveolaren 
infolge unterbliebener Hebung der Zunge zu ä geworden ist, z. B. 
beä Bier, klöä klar, pöät Pforte. 

IV. Die Aussprache der Halbvokale und Konsonanten. 

§ 36. j wird mouilliert gebildet und wird mit leisem, aber 
wahrnehmbarem Reibegeräusch gesprochen. 

§ 37. w kommt nur vor nach Konsonanten, vor allem nach k, 
s, t und d, z. B. kwäl Qual, swKlk Schwalbe, twe 2, dwed quer. Der 
bilabiale Charakter dieses reduzierten Reibelautes tritt am meisten 
hervor nach k^ am wenigsten nach d. Die Lippen sind weiter geöflfnet, 
die Unterlippe noch weniger vorgeschoben als beim ü. Sonst wird 
as. w (wie as. b) labiodental, d. h. v gesprochen. 

§ 38. Die Nasale m, n, y. Der Verschluss wird beim m mit 
den Lippen, beim n mit dem vordersten Zungensaum und dem mitt- 
leren Zahnfleisch, bei y (ng) mit der Hinterzunge am weichen oder 
harten Gaumen gebildet. 

§ 39. l ist vokalisch, ohne Reibegeräusch. Die Exspiration ist 
bilateral. Die Zungenspitze berührt das mittlere resp. hintere Zahn- 
fleisch. Das i*-haltige, velare l in den Ostseegegenden (Meckl., 
Pommern) fehlt bei uns. Silbenbildendes / {ßötl Schüssel) wird durch 
den /^-Laut bestimmt. 

§ 40. Das r des Prignitzers ist ein Zahnfleisch -r, doch ist 
altes r nur noch im Anlaut erhalten. Es wird gebildet, indem man 
die Zungenspitze am Zahnfleisch der Oberzähne zum Schwingen oder 
Zittern bringt. Dieses sehr stark gerollte Zungen -r ist ein 
Charakteristikum des Prignitzers. Nur in den Städten beginnt das 
Zäpfchen -r allmählich sich einzunisten. 

Zu dem stark ausgeprägten r im Anlaut steht die schwache 
Artikulation von ursprünglichem r im In- und Auslaut in auf- 
fälligem Gegensatz. In der Endung mnd. -ren -eren (= hd. ern), vor 
stimmhaften alveolaren Lauten und im Auslaut ist es zu einem halb- 
kurzen oder überkurzen a-Laut reduziert (§ 13), z. B. büd Bauer, 
büän Bauern, stämän (mnd. stameren) stammeln, köän Korn, pöät 
Pforte. Vor den anderen Konsonanten wird wohl die Zunge noch 
gehoben, aber sie erreicht das Zahnfleisch nicht mehr, und statt des 
Zittergeräusches entsteht ein unbestimmter vokalischer Laut (den 
wir mit f bezeichnen wollen), wobei der voraufgehende Vokal meistens 
gelängt wird, z. B. bäfk Birke. Vgl. § 136. 

Das neue r, das aus mnd. d {< sls. d^ d, {)) zwischen Vokalen 
in der nördlichen WPri entstanden ist (§ 7, 2 a), wird im Auslaut 
ebenfalls mit kräftigem Zittergeräusch gesprochen, lür Leute; ab- 
geschwächt ist dieses Zittergeräusch in der Endung -fn < mnd. -den, 
z. B. lühi läuten. 

§ 41. Bei f (stimmlos) und v (stimmhaft) liegen die oberen 
Schneidezähne leicht auf der inneren Unterlippe. Der Kiefer wird 
nicht zurückgezogen. 



93 

§ 42. s (= ß) und z (= f) werden wie t, rf, w, l und .^ (scä) 
am Zahnfleisch gebildet. 

§ 43. Bei dem cÄ-Laut verschiebt sich ebenso wie bei k, g^ y, 
s {seh) die Artikulationsstelle am Gaumen von selbst und in allen 
Mundarten in gleicher Weise je nach der vokalischen Umgebung 
(ach- und ich -Laut). Wir müssten drei Artikulationsstellen unter- 
scheiden, am weichen Gaumen, am hinteren und am mittleren harten 
Gaumen. Wie bei ä:, g, y, ä begnügen wir uns im allgemeinen mit 
einem Lautzeichen auch für den cA-Laut: x. Nur wo es von 
besonderem Interesse ist, den vorderen (mouillierten) Hartgaumenlaut 
zu bezeichnen, gebrauchen wir das Zeichen y. Das Lautzeichen für 
den X entsprechenden stimmhaften Reibelaut ist 3. 

§ 44. Alle ursprünglich stimmhaften, sanften Reibegeräusche 
zwischen Vokalen und e sind nach Verstummen des e infolge Nach- 
lassens des Luftdruckes (§ 14) stimmlose Lenes geworden. Wir 
bezeichnen sie mit s, ^, f, z. B.: müs Mäuse; dhg Tage; hhv Höfe; 
Ikvt lobt und gelobt. As. w ist labiodentaler Reibelaut geworden 
(ausser nach A-, 5, rf, ^ § 37) und wird durch v bezeichnet. 

§ 45. 6, rf, g vor betontem Vokal sind stimmhafte Laute, bei 
deren Artikulation man die vokalische Resonanz des Ansatzrohres, 
den sogenannten Blählaut, hört (Bremer, Deutsche Phon. § 53 Anm.). 
Der Blählaut fehlt vor l und r (z. B. brotirä Bruder), weil wir die 
Luft schon ausatmen, bevor wir die Stimmritze schliessen, und nach 
Konsonant, z. B. foutbayk. Zwischen k und g vor n schiebt sich ein 
kurzer, leiser, geräuschloser Schall, z. B. konei Knie, gdnär Gnade 
(s. Bremer a. a, 0. § 61, Anm. 2) Ich lasse dieses 9 im Folgenden 
unbezeichnet. Aus mnd. -pen^ -ten^ -ken wird auf dem ganzen Gebiete 
pm^ tn, ky^ d. h. die Explosion von p^ t^ k erfolgt erst, nachdem der 
Nasenverschluss schon gelöst ist; z. B. släpm schlafen; seitn schiessen, 
liky lecken ; mnd. -ven, -den^ -gen werden in der Südprignitz anders als 
in der Nordprignitz behandelt (§ 7, 3 a). 

Anm. g ist im nördlichen Teil der Pri wie in Meckl. im Anlaut durchaus 
Yerschlusslaut, mit allerdings ziemlich weit nach vorn liegender Artikulations- 
stelle. Im südlichen Teile der Pri ist durch Lockerung des Verschlusses g 
(oder 5 ?) > j geworden (§ 7, 4). 

Inlautendes g scheint schon zu as. Zeit 5 gewesen zu sein. Das 
silbenbildende y der NPri, z. B. in vä-y Wagen scheint sich allerdings 
besser aus -gmi als aus -jen zu erklären; aber ärtm schreiben muss 
ja auch aus schnven statt schrlben erklärt werden. Jedenfalls muss 
intervokales g frühzeitig zum Reibelaut 3 geworden sein: dk^ Tage 
versteht sich nur aus älterem dä-^e. Im Auslaut ist es nach Holt- 
hausen, As. El. § 234 schon zu as. Zeit stimmlos geworden. So 
heute: d^ccx Tag, vex Weg. S. d. flg. §. 

Anm. Üher die Aussprache von p^ t, k im An- und Auslaut s. § 19. 

§ 46. Infolge Nachlassens des Luftdruckes sind am Ende des 
Wortes alle stimmhaften Geräusche stimmlose Portes geworden: 



94 

d^ (/; V (= as. h), 7^y z zu t^ k; f, x, s; z. B. hont Hand, het Bett, 
hiyl' lang, r///'gieb, .vr2/' schreibe, (Jnx Tag, r/Ias Glas. (Vgl. auch § 41). 

§ 47. Die angewandten Lautzeichen haben folgenden 
Lautwert: 

ä = langes, offenes o (vgl. franz. encore) 

a = „ „ ö (vgl „ imir). 

ä = Zwischenlaut zwischen a und ä (vgl. engl, hat), 

y (in Petit-Satz b) = /^ im hochdeutschen lang. 

Xy -^ = hd. ch; 3 (in Petit-Satz cj) der stimmhafte Laut dazu. 

s =^ hd. seh. 

z = hd. r (stimmhaft). 

Ij m, Uj r = silbenbildende ly niy n, r. 



Geschichtliche Darstellung der Laute. 

L Geschichte der einzelnen Lante. 

A. Die Vokale der Stammsilben . 

1. Kurze Vokale. 

As. mnd a. 

§ 48. a in geschlossener Silbe > ay z. B. gras n. Gras; rat 
(as. hwat) was; draf (mnd. draf) Trab; af ab; an an; bat n. (as. 
6a^A) Bad; gelax n., in der Redensart: int gelach rin ohne Ende und 
Sinn, mit nhd. Gelage zu dem Zeitw. legen (S. Kluge, Wb.); hukhak 
in der Redensart: iipt hukbak näm (vgl. as. te haka 7ieman) ein Kind 
auf dem Rücken tragen; hax in der Redensart zo vkl as hach 
unberechenbar viel; zant m. Sand; bayk f. Bank; drayk m. (as. drank) 
Schweinetrank; nap n. (as. hnap) Napf; sap n. (as. skap Gefäss) 
Schrank; spat (mnd. sp>at) Spat (Fusskrankheit der Pferde); flax n. 
(mnd. vlach f. und m.) Strich Landes, Strecke Weges; fast (as. fast) 
fest; ma^ f. (mnd. matte neben m^^^e) Metze; stay f. (as. stanga) 
Stange; kap f. Kappe; foj;Ä: (as. lang) lang, Adv. entlang; foi? C^^- 
langö) lange; tay f. Zange; hay bange; half halb; zalv f. (as. saZba) 
Salbe; halx m. (as. 6a^^) Balg, ungeratenes Kind; ia/5 (mnd. ia/^rg) 
Waschwanne; pan f. Pfanne; rfz^^aZ^ (vgl. as. dwahn Betörung, got. 
dvals töricht, mnd. dwaly dwelsch) verdreht; kwast (vgl. as. quest m., 
mnd. quasty quest Laubbüschel) buschiges Ende; vaxt f. (mnd. wacht 
Gewicht, Wage) Deichselwage (in SPri töy)\ draxt f. (mnd. dracht) 
1. Tracht als Last, 2. Uterus der Tiere; kramp f. (as. krampo) Krampe; 
mayk (as. gimang) zwischen Adv. Praep.; kat f. Katze; zat f, (zu as. 
sittan sitzen) m. Satte; mas (as. maskä) Masche; dan f. Tanne, bes. 
Kiefer; plax (mnd. plagge) Heidescholle; taky m. (mnd. tacke) Zacken, 
Aststumpf; tapm m. (mnd. tappe) Zapfen, zapfen; lapm m. (as lapjyo 
Zipfel eines Kleides) Lappen; snapm schnappen; zaky (mnd. sacken) 



95 

sinken; jarfhj (mnd. janken) gierig sein (nach); blafn (mnd. blaff m) 
bellen; balcy 1. backen, 2. kleben; raky (mnd. racken den Unrat 
fortnehmen) kratzen, raffen, (Kartoffeln) aufnehmen; haky m (vgl. 
nl. hak f.) Ferse, Absatz; slaxtn schlachten; slaxtn (zu as. slaht n. 
Geschlecht) arten nach, kwalstä dicker Schleim; japm den Mund 
aufsperren, um nach Luft zu schnappen; klaky mit Geräusch zu 
Boden fallen; stiaky reden; spalky oder spalkän (vgl. mnd. spalk 
Geschrei, Wirrwarr) zwecklos und mit Geräusch herum-hantieren, 
-laufen; layy hinreichen, ausreichen, herunterlangen, sich jemand 
kaufen; balky m. 1. Balken, 2. der Scheunenraum unter dem Dache; 
tus m. (mnd. tas) Fach in der Scheune (neben der Tenne); gnaän 
(vgl. ne. to gfiash) fest zerbeissen; gnapm schnappen nach; matä 
m. weicher Schmutz; t'altn (zur Wz. walt- wälzen?) grosser Haufen 
trockenen Heues, zum Aufladen zusammengestossen; raphoun n. (vgl. 
dän. rap schnell, an. hrapa eilig stürzen und mnd. rapsnavel einer 
mit einem losen Maul) Rebhuhn; dayky danken; akä m. Acker; apl 
Apfel; fakl (as. fakla < vlat. facla < fdcnld) Fackel; fiarn f. (as. 
flamma < lat. flammd)\ kalk m. (as. calc < lat. calc-em); flas (< vlat. 
flasca?) Flasche; tos (< vlat. Hasca?) Tasche; tastn (mnd. tasten 
< afranz. taster) ein Huhn nach einem zu legenden Ei befühlen u. s. f. 

Anm. 1. »von* heisst fan und fon; der Wechsel zwischen a und o 
findet sich schon in den Heliandhandschriften (s. Holthausen, As. £1. § 127) und 
in den mbr. Urkunden (s. Graupe S. 11 und Tümpel, Ndd. Stud. S. 11 f.). In 
rot f. (as. raita, mnd. rotte, nl. rot und rat) Ratte ist a > o^ in dun da, dann 
damals (as. than)^ dn-nk (mit dem Ton auf der zweiten Silbe) vorhin, nachher 
> u verdumpft. 

Anm. 2. In einigen Wörtern ist a, wohl infolge von Unbetontheit, > a 
geworden : c^t (as. thai, schon im Cot. zweimal thet, mbr. dat und det) das, dass ; 
mm (as. newan ausser § 292, mbr. manj men) nur. Meckl. sagt dat und man. 

Anm. 3. Aus dem Hochdeutschen scheinen mir entlehnt: slay f. 
Schlange (gewöhnlich arä § 141; das as. slango ist männlich, vgl. § 334 Anm.) 
und das Fremdwort jo/a^^ Platz, das mnd. plas heisst (< franz. place < lat. plaiea. 

§ 49. a in oifener Silbe > ä, z. B. snävl Schnabel (§ 184), 
sporadisch auch vor st, z. B. plästä Pflaster (§ 194 b); a vor mnd. 
Idj It > 0, z. B. olt alt (§ 273); a H- r im Auslaut und vor Zahn- 
lauten > ö, z. B. göä gar; böät Bart (§ 249); a 4- r -|- Konsonant 
(ausser Zahnlauten) > a oder ä (§ 265). 

As. mnd. e, der Umlaut von a. 

§ 50. Altes Umlauts-e in geschlossener Silbe ist e, z. B. kern 
(as. hebbian) haben; zeyy (as. seggian) sagen; zetn setzen; leyy (as. 
leggian) legen, dazu lex n. (mnd. legge) f. Lage Getreide oder Heu 
auf dem Erntewagen über den Leitern; teln (as. tellian) zählen; .^eln 
(mnd. schellen) schälen, sei f. Schale (von Kartoffeln, Obst); klem 
klemmen; af-, an-ven (as. wennian) ab-, an-gewöhnen; ven (as. wendian) 
wenden; met n. (as. meti Nahrung) in metvost Metwurst und mets n. 



96 

(as. mezas d. i. meUas < metsahs) Messer; (hky decken, dazu dek f., 
dekl m. Decke, Deckel; hek f. Hecke; het n. (as. bedfd) für *bed} 
Holthausen, As. El. § 275, Anm. 3); vet7i (mnd. wetten, ags. hwettan) 
wetzen, schärfen; net n. (as. net, netti) Netz; stein stellen; stem (mnd. 
stemme, vgl. ags. stemn) untere Teil des Stammes; dempm dämpfen; 
deyky denken; §eyky (as. skenkian) schenken; bfeyy (as. brengian) 
bringen; hesp f. (mnd. hespe, haspe) Haspe, Türangel; kel f. (mnd. kelle) 
Kelle; streyk m. (mnd. strenk, vgl. ags. streng) Strang, Strick; an- 
streyy 1. anstrengen, 2. ansträngen, anspannen (Pferde); ßesii (mnd. 
■dessen) von Flachs; stref (mnd. stref) straff; kemp m. (wohl = as. 
k&tnpjo Kämpfer, s. Grimms Dt. Wb. unter Kämpe 2) Zuchteber; 
tem-zn bändigen (zu tam zahm) ; speit m. f. (mnd. spelte abgespaltenes 
Stück) Apfelschnitt; leyä länger; behen (mnd. behende zu hand) zart, 
feingebaut; helft f. Hälfte; peniyk m. Pfennig; ey-kl Fussknöchel; 
es f. Esche; eV% f. (as. *alisa, mnd. eise) Eller; ekä (mnd. ecker, eckeren 
neben acker, ackeren) Eichel; steyl m. Stengel; heyk m. (mnd. henk 
und henge) Henkel eines Topfes; veky wecken; streky strecken; pr^/H 
(vgl. mnd. prellinge) zurückprallen; eystn (mnd. engesten) ängstigen; 
beyy (zu as. engl enge) den Leib zusammendrücken; eyl (as. engil < 
lat. angilus) Engel; trextä (mnd. trechter < lat. trajectm'iiim, vgl. ags. 
tracter) Trichter. 

Anm. 1. In rekia ausstrecken; hinreichen; langen; sich erstrecken scheinen 
2 Verba zusammengeflossen zu sein: mnd. rekken < rakjan und mnd. reken 
< germ. raikjan > ags. r^can, hochd. reichen. 

Anm. 2. Das einfache ven fängt ap, darch das hd. gewöhnen verdrängt 
zu werden. Verdrängt ist mnd. scheppen durch das hd. schaffen und mnd. helle, 
as. hellia durch das hd. hol f. Hölle; doch ist helis, helsn höllisch im Sinne 
von »sehr* erhalten. 

§ 51. Eine jüngere Form des Umlaut -e ist d (Meckl. hat 
auch hier e, s. § 6, 4). Dieses ä findet sich 

1) überall da, wo ^die umlautlose Form daneben besteht und 
als zugehörig empfunden wird oder worden ist" (vgl. Heilig 52, 4). 
a) bei der Pluralbildung, z. B. gast (Sg. gast^ as. gast^ PL gesti) 
Gäste; hdn f. (Sg. hant, as. hand — hendi) Hände, vgl. behen § 50; 
dam (Sg. dam m.) Damm; gepflasterte Strasse, vgl. dem dämmen; 
zäk (Sg. zak m.) Säcke; kam (Sg. kam m.) Kämme, aber kern kämmen; 
väl (Sg. val) Wälle; stäl (Sg. stal) Ställe; gäy (Sg. gayk m) Gänge, 
vgl. bigey auf dem Posten; kraft (Sg. kraft f., as. kraft — krefti) 
Kräfte; fäl (Sg. fal m.) Fälle; bäl (Sg. bal m.) Bälle; std^i (Sg. stant m.) 
Stände; bdn (Sg. iaw^ m., mnd. baut — bende) Bänder; pläky für 
pläk (auch Sg. jetzt pldky {ürplakm.^ mnd. plack — plecke) Flecken; 
kndst (Sg. knast m.) Knorren, Astknoten; ddm (Sg. dans m.) Tänze; 
st^aws (Sg. swans m.) Schwänze; Ä^mws (Sg. krans m.) Kränze; Aa/s 
(Sg. hals m.) Hälse ; Mfo4 (Sg. kalf n.) Kälber ; ddkä (Sg. daA; m.) 
Dächer; fdkd (Sg. /aÄ; n., mnd. vak^ vgl. ags. /«c Zeitabschnitt) Fächer; 
fdtd (Sg. /*a^ n., as. fat Gefäss) Fässer; Idnd (Sg. lant n.) Länder; 
/4md (Sg. lam n., as. /a;w&) Lämmer, b) bei der Comparation, 



z. B. swdkä (zu swak) schwächer; krdykä (zu krank) kränker, c) in 
der Konjugation, z. B. fdlst, fdlt (zu faln) fällst, fällt; vdät (zu 
vasn) wäscht, d) in Ableitungen, z. B. krdftix (as. kräftig) kräftig; 
swdnzln schwänzeln; swdky schwächen; vds f. (zu i?aiw, vgl. ahd. 
icesca) Wäsche ; ßeiysndpd m. (zu snapm schnappen) Fliegenschnepper ; 
pldkix fleckig; grdfnits Begräbnis; jdmdlix jämmerlich, u. s. f, 

Anm. Im östl. Teil der OPri heisst „Äpfel' ^)l, in der übrigen Pri apln 
(mbr. appele und eppel). In gnU f. kleine Mücke (vgl. ags. gncet und mnd. 
gnitte) stammt das ä, wie es scheint, ans der Mehrzahl. 

2) Vor gewissen Konsonantenverbindungen. 

a) Häufig vor Nasenlaut + Konsonant, z. B. hdm n. Hemd; 
änt f. (mnd. e^it, etide^ vgl. ahd. enit\ das meckl. 5w^ § 6, 7 beruht 
auf einem as. *antid, mnd. anet) Ente; (^rfn^, gdntd m. (mnd. gante, 
nl. ^^n^) Gänserich; tfwi, strichweise a^?^; in sprök-dmk, pis-dmk (mnd. 
emete, mneke) Ameise; hdmp (mbr. hennep, hempe) Hanf, dazu hdmpm 
von Hanf, hdmpliyk Hänfling; hdnzln (vgl. mnd. hensen in eine Hansa 
aufnehmen; Geld für die Aufnahme zahlen) vom Zusammentreten und 
-zahlen der Kuhjungen am Pfingstabend zu gemeinsamem Trinken; 
mdnix (mbr. mennich neben mannich) manch; kldnd < Kalender. 
Aber z. B. kemp Zuchteber, ren wenden. 

Anm. Ein Teil der OPri sagt l§ipk länger, die WPri, wohl nnter hd. 
Einfluss, lepL Hochdeutsch sind anch kremf Krämpfe, kemfn kämpfen, 
gefeynis Gefängnis, gestenix geständig, bestenix beständig, anstenix anständig, 
ferner wohl grins Grenze, das sich im Mnd. noch nicht findet. — Auffallend ist 
a in änä, andere, knks anders, wo es aus a entstanden sein muss (so auch in 
glint?). Hat änän ändern eingewirkt oder die Nachsilbe k (< er), die an- 
scheinend e In ä verwandelt hat in Ikkk Lecker (Schimpfwort für einen grünen 
Jungen), /ä/ä Teller (mnd. teller, ieUör < afranz. taiUoir)? 

b) vor cht (chst) und ft (fst) (vgl. Heilig, § 52, 2), z. B. zik 
fä'dxtdn (mnd. vorechteren, vorachteren) Luft schöpfen, eigentlich sich 
zum Schutze hinter etwas stellen, zu axtd hinter; drdxtix (mnd. 
drachtig) trächtig; krdftix kräftig; sldxtd Schlächter; geldxtd n. 
Gelächter; gesdft n. Geschäft; grdfst, grdft neben .jüngeren gröfst, 
gröft gräbst, gräbt, zu gräm graben. Charakteristisch für WPri 
(§ 8, 1 a) sind die Formen zäxst, zäxt sagst, sagt, gesagt (mbr. secht)^ 
läxst, Idxt, legst, legt, gelegt (mbr. lecht)\ hdst, hdt hast, hat (doch 
schon mbr. hest, het neben hefst, heft); ,gehai3t' heisst hat; neben 
zdxt, Idxt, pldxt (s. u.) stehen keine a-Formen. 

Anm. 2. Einige dieser Wörter könnten auch unter 1 gestellt, einzelne unter 
1 aufgeführte Wörter auch hier aufgezählt werden. 

Anm. 2. Dass cht, ft wirklich die Ursache des Wandels von e zu I, ist, 
beweisen Formen, in denen auch andere Vokale als Umlauts-e vor diesen Konsonanten- 
gmppen zu a geworden sind : fkft, fiftkin, fkftix (mbr. vefte < viftCj as. ftfto, 
veftein, veftich) öte, 15, 50; pikest, plkxt in WPri (mbr. plechst, plecht, zu 
pleggen, as. plegan) pflegst pflegt. Vgl. aber slext schlecht, knext Knecht, • 
rext recht. 

Niederdeutsches Jahrbuch XXXI. 7 



98 

Anm. 3. andextix audächtig, hedextix bedächtig, prextix prächtig, 
nidUrextix niederträchtig, anch wohl mextüt mächtig sind aus dem Hochdeutschen 
entlehnt. Neben gestuft hört man das hd. geseß, namentlich in der Bedeutung 
Eaufmannsgeschäft. 

c) Vor r + t (= hd. z). Vor Gaumen- und Lippenlauten ist 
ä unter zunehmender Reduzierung des r-Lautes fast zu d gedehnt 
worden (vgl. §§ 54, 1, 57, 1, 136, 266). Nach § 6, 3 sagt Meckl. 
hier a, 

Anm. Ob Mnn brennen sein ä der Zugehörigkeit zu brant Brand ver- 
dankt, oder aber ob mbr. bemen erst zu hhmenj dann unter hd. Einfluss zu 
hrknyien geworden ist, ist schwer zu entscheiden. Für die erstere Auffassung 
spricht das meckl. brenn; mm. bemen hätte in dieser Mundart barnen, brannen 
ergeben (§ 272). 

d) Sporadisch vor anderen Konsonantenverbindungen, z. B. in 
kätln kitzeln, § 114, b. Anm. 2; twälv 12 (WPri tivölv, s. § 8, 1 b). 

§ 52. As. e gedehnt > ä m offener Silbe, z. B. §äpl Scheffel 
(§ 185); as. e gedehnt > ^ vor r im Auslaut oder vor r 4- stimm- 
haften Zahnlauten, z. B. neän nähren, peät Pferd (§ 250); as e H- rd 
+ Vok. sporadisch > ä, z. B. färich fertig (§ 272). 

Germ. as. mnd. e. 

§ 53. e in geschlossener Silbe > e, z. B. blek n. Blech; vex 
m. Weg; gebet n. (as. gebed) in der Redensart int gebet näm verhören; 
knext m. Knecht; rext recht; drek m. Dreck; velk welk; feit n. Feld; 
gelt n. (as. geld Zahlung) Geld; nest n. Nest; fei n. Fell; heim m. 
Helm; spek m. Speck; lekr) (mnd. lecken zu leck) leck sein, tröpfeln; 
lekä (mnd. lecker) schmackhaft; feig (as. velga) Radfelge; telx st. m. 
(mnd. telge) Zweig; gest m. Hefe; trekr) (mnd. trecken) ziehen; mein 
melden; helix (mnd. heilich ermattet) lechzend; af-bleky (mnd. blecken 
entblössen, blek Fleck, in grammat. Wechsel zu hd. flecken) die Rinde 
verlieren, von der Rinde entblössen; zex n. (mnd. segge) Sumpfgras; 
kelä m. (as. kellere < mlat. cellarium) Keller; pel f. Schale von ge- 
kochten Kartoffeln, pel-tüvl Pellkartoffeln (mnd. "^pelle nicht belegt; 
aus dem nl. pel? dieses aus afrz. pel, Zw. peler, lat. pellis Fell). 

Anm. 1. Im Praeter, der ursprünglich reduplizierenden Ztw. mit dem 
Praesensvokal a + Doppelkonsonanz (§ 383) ist durch Ausgleichung as. e > i^ 
geworden, also füy fing (as. feng), hül hielt (as. held). Näheres s. § 380 Anm. 
und § 366. 

Ankn. 2. Aus dem Hd. entlehnt ist zeltn (as. seldan, mnd. seiden hätte 
xeln ergehen) und wahrscheinlich auch stim f. Stimme (as. stemna, mnd. stemne, 
stemme nehen stimme). 

§ 54. Germ, e hat sich wie Umlauts-e zu d gewandelt 

1) vor mnd. r + stimmlosen Zahnlauten: hdt Herz, gdst Gerste 

(§ 263). Vor Gaumen- und Lippenlauten ist dieses d > d gelängt 

worden. (Vgl. §§ 51c, 57, 1 und § 267). 



99 

2) Zuweilen vor mnd. ddj dr > r(r), besonders wenn -er (> ä) 
folgte (§ 51, 2 Anm.): färä (mnd. vedder) Feder; lärä (mnd. ledder) 
Leder; Im-ix (mnd. leddich) leer; häräk (mnd. hederik) Hederich. 
Doch pern (mnd. pedden) traten; ver^i (mnd. iveddeti) wetten u. s. f. 

3) Sporadisch vor anderen Konsonantenverbindungen, besonders 
vor Nasenlaut -|- Konsonant (§ 51, 2): läks f. (as. lekzia Vorlesung 
eines Abschnittes aus der Bibel) auswendig zu lernende Buchstelle; 
ziiml m. (< hd. semmel, ahd. s&tnala f.); zämp m. (mbr. sennep, sempe 
< vlat. smapt). 

4) Infolge von Unbetontheit in däii (as. thena) dem, den. 

§ 55. Germ. ^*in offener Silbe > ä, z. B. bräky brechen (§ 187); 
e -f- auslaut. r oder vor r + ursprüngl. stimmhaften Zahnlauten 
> e, z. B. smeä Schmiere, geän gerne (§ 251); e vor mnd. rd 4- Vok. 
sporadisch > ä, z. B. vdfn werden (§ 272); e > ö labialisiert, z. B. 
smöltn schmelzen (§ 277 a); > ü in zälm selbst (§ 277 d Anm.); 
as. stve- > zu, z. B. zäl Schwelle. (§ 128 Anm. 1.) 

As. mnd. t. 

§ 56. As. i in geschlossener Silbe > i, z. B. ik ich; zik 
sich; pik n. (as. pik < lat. ptcem) Pech; ßä Fisch; dik (as. ^ÄiArii 
dicht, dick) dick; Mint blind; kint Kind; vint Wind; riyk m. (as. kring) 
Ring; spriyk m. (as. spring) Quelle; ftnj^i m. grüner Anger; kliyk f. 
{mui, klinke) 1. Türriegel, 2. Aufnäher am Frauenkleide; giß i, (mnd. 
^i/if«) Festlichkeit; rfn/^ Trift; diyk Ding; diysdax (mnd. dingsedach, 
s. Kluge, Wh. unter Dienstag) Dienstag; gou^-flik f. (vgl. mnd. 
r/icig, ags. ^iccö Speckseite) Gänsebrust; hit f. (as. hittia) Hitze; 
(j&zixt n. (as. r^isiA^ Anblick) Gesicht; ge.^rixt n. (mnd. geschrichte) 
Geschrei; lin f. (as. lindia) Linde; rixt f. (as. rihti Richtschnur) ge- 
rade Richtung; tit f. Zitze, dazu wohl titl-mes Meise; bit n. (mnd. 
hit) Gebiss der Pferde; kin Kinn; spin n. (mnd. spinde) Kleider-, 
Wäscheschrank; stil still; hilt (mnd. hilde, hille, das zum germ. Stamme 
hildi Kampf gehören wird, vgl. hd. bald < germ. balp kühn) eilig; 
bitä bitter; vintä Winter; bin (mnd. binnen) binnen; bin (as. bindan) 
binden; vin (as. winnan kämpfen, erlangen; erleiden) gewinnen, fä-vin 
verschmerzen; vin (as. windan) winden; stiky m. (mnd. sticke) Pflock, 
dazu stikydXistä stockfinster; äimpm schimpfen, ßyä Finger; timän 
(as. timbron < Himron) zimmern; tipm (vgl. ne. to tip) anrühren; 
süpm tunken; kipm kippen, auf die Seite fallen; mpm (mnd. tvippen) 
auf- und niederbewegen, daher vip f. in upt vip stän auf der Wage 
stehen; glipm entgleiten; kniky abbrechen, einbrechen, dazu knik m. 
lebende Hecke, die durch Abbrechen kurz gehalten wird; slik Schlamm; 
^h f. Spitzhacke; biky die Schale des Eies von innen mit dem Schnabel 
durchstossen, von Küchlein (vgl. kelt.-rom. beccus Schnabel und Kluge, 
unter Bicke); äinä (mbr. schinner zu as. biskindian abrinden, schälen) 
Schinder, Abdecker; pisn mingere; pliykdn (mnd. plinken) blinzeln; 
'plimn weinen; bikbeä f. (mnd. bickbere) Heidelbeere; der östliche Teil 

7* 



100 

der OPri sagt dafür köUky (= Kuhzecke?); tin (mnd. tindej vgl. an. 
tindr) nur noch erhalten in häkl-tin Zinken der Flachshechel; vinl f. 
(as. ivindila) Windel; vik f. (as. wikka < lat. viciä) Wicke; kist f. 
(< lat. cistä) Kiste; diä (as. disk < griech.-lat. discus) Tisch; pin f. 
(as. pin m.?) Pinne, Pflock; piy-stn (as. pinkoston < griech.-lat. 
pentecoste) Pfingsten; pip m. (< vlat. ptppUa) Pfips (Hühnerkrankheit). 

Anm. 1. German. Wechsel zwischen i and e ist in unserer Ma. zu 
Gunsten von i entschieden in: likia (as. likkon) lecken; snik f. (mnd. snigge 
m. f.) Schnecke; flikTn m. (vgl. mhd. vlecke) Flicken, Lappen Zeug; rik n. (mnd. 
rick und reck) lange, dünne Stange; gistin (mnd. gisteren, gisterne neben 
gesteren, gesterne, s. Tümpel, Ndd. Stud. S. 17 unten); blis m. (mnd. bles, blesse) 
weisser Stirnfleck. 

Anm. 2. Ob fits f. (vgl. as. vittea, ahd. fizxa) eine durch das „Fitzel- 
band'' abgebundene, 60 Fäden starke Menge Garn, und slits f. Schlitze aus dem 
Hochdeutschen entlehnt oder selbständige s-Ableitungen sind, etwa wie flits Pfeil 
in flitS'hhi Flitsbogen und flitsn wie ein Pfeil fliegen, vermag ich nicht zu ent- 
scheiden, auch nicht, ob lits Litze direkt aus dem französ. lice < lat. licimn 
oder aus dem hd. luxe stammt. 

§ 57. Mnd. e < as. i ist zu ä geworden 

1) vor mnd. r + s in dem veraltenden käsbän < mnd. kerseberen 
Kirschbeeren d. i. Kirschen. Vor Gaumenlauten ist dieses ä zu ä 
gedehnt worden (vgl. §§ 51, c, 54,1 und § 268). 

2) vor mnd. dd > r, z. B. värä (mnd. wedder) wieder; päräk n. 
(mnd. peddik) HoUundermark; in dem veralteten ndrn (mnd. nedden) 
nieder (vgl. § 54, 2 und § 242 Anm. 3). Doch mir (mnd. midde) 
Mitte u. a. m. 

3) infolge von Unbe tont hei t in dm (jxmA. enie) ihm, ihn (vgl. 
§§ 48 Anm. 2, 54, 4 und 188 Anm. 4). 

§ 58. As. i in offener Silbe > ä, z. B. tiä-y (as. nigun) 9 
(§ 188), > e m smet und ähnl. (§ 197); as. i vor gedecktem Nasen- 
laut sporadisch > e^ z. B. swera schwimmen (§ 276); as. i labialisiert 
> ü oder öj z. B. bün bin, rön Dachrinne (§ 277 d); as. i -H r im 
Auslaut oder vor stimmhaften Zahnlauten > e, z. B. ^ä ihr (§ 252); 
as. i -f- r -}- Gaumen- und Lippenlaut > ä, z. B. bärk Birke (§ 268); 
as. i 4- A + Vokal > ei, z. B. zei sieh (§ 245, 3). 

As. mnd. o. 

§ 59. As. in geschlossener Silbe > o, z. B. nox noch; 
mos n. (mnd. mos, vgl. nl. mos) Moos; rotn (as. roton, ags. rotian 
faulen) faulen; §ot m. (veraltet; vgl. mnd. schot n.) Steuer; dazu 
äot-geyd alte Bezeichnung für Paschgänger, Schmuggler; äok n. Schock; 
stok m. Stock; hok f. (mnd. hokke, vgl. afries. skokka) Getreidehocke; 
oft oft; /ros^ m. Frost; pot m. Topf; ^oft n. Gold; holt n. Holz,. 
Gehölz; rok Rock; Awoi f. (mnd. knocke) Bündel Flachs von einer 
bestimmten Anzahl Kisten; top f. eine bestimmte Masse von Heede; 
flot in dntn-ßot Wasserlinse, lemna palustris, zu mnd. vlot == was 



101 

oben schwimmt, as. vloton schwimmen, vgl. auch nl. flot Rahm, engl. 
to fleet abrahmen; foly folgen; hopm m. (mnd. hoppe) Hopfen; kloprii 
klopfen; doxdä f. Tochter; voky m. {mnd. toocke) Spinnrocken; dop m. 
Schale, Hülse; h^op m. (mnd. kröpf p) 1. Rumpf, 2. Kropf) 1. Kropf 
(der Vögel), 2. runde Schwellung am Halse der Pferde; torn (vgl. 
mnd. toddeln einzeln herausfallen, im Ablaut zum hd. ver-zetteln) 
streuen, besonders von Körnern gesagt, die aus zu trockenen Ähren 
oder aus einem kleinen Loche im Sacke herausfallen; kostn (as. koston) 
schmeckend prüfen; kostn (mlat. cöstare) kosten, wert sein; post m. 
< lat. postem) Pfosten; klock f. (mnd. klocke < kelt.-lat. ^locca) Uhr; 
kopln (mnd. koppelen < lat. cöpulare) zusammenbinden, dazu kopl f. 
gemeinschaftlicher Weideplatz; kopä n. (as. kopar, mbr. kopper , ags. 
copor < galloroman. c6preum für vlat. cupreum; vgl. Festschrift für 
Adolf Tobler, Braunschweig 1905, S. 263. 

Anm. 1. got (as. god) ist hd., s. § 303 a. 

Anm. 2. As. o im Auslaut ist zu ö gelängt in jö (as. eo, io je), in 
max jö warum nicht gar; ^ö nix ja nicht. Vgl. § 108. 

§ 60. Ursprüngliches lautgesetzliches Schwanken zwischen u 
und ist in unserer Mundart, z. T. schon in alter Zeit, durch Aus- 
gleichung oder durch lautliche Einwirkung der Nachbarkonsonanten 
(vgl. Schlüter bei Dieter I, 103) entschieden 

1) zu Gunsten von w. 

a) nach w, f, h oder vor ly II, l + Konsonant. 

vtilf m. (as. wiilf) Wolf; vulk f. (as. wolkan n. wulka f.?, mnd. 
wölken n. neben wölke, wulke f.) Wolke; vul f. (mnd. wulle) Wolle; 
dul (as. dol, mnd. dul töricht, dol toll) toll; ful (as. ful, einmal fol) 
voll; stul f. Stolle (Butterbrot); grul (vgl. ags. gryllan knirschen) 
Groll; huläfi (mnd. hulderen, zu hol hohl) dumpf rollen; vgl. auch 
hulpm geholfen (as. holpan)^ und zül (mnd. sculde) sollte neben zol 
(mnd. scolde)^ s. § 7, 3 b. 

Anm. 1. Aber folk n. (as. folk) Volk; für das Altniederfränkische wird 
durch afrz. prov. folc mit geschlossenem o ein */*WA; vorausgesetzt ; vgl. auch 
die zahlreichen mit Falk- gebildeten Namen. Über as. fugal s. § 191. 

Anm. 2. Auch folgendes w und b begünstigt u: duvlt (mnd. duhbelt 
< afrz. döble, dovble) doppelt; kuvU m. (frz. coffre) Koffer; vgl. sruvk (zu mnd. 
schritbben kratzen, rein scheuern ; me. scrobben, scrubben) kurzer stilloser Scheuer- 
besen für eine Hand. 

b) vor Nasalen. 

truml f. (zu as. trumha) Trommel; zun f. (as. sunna f. neben 
mnno m.) Sonne, aber unter hochdeutschem Einfluss, zugleich mit 
unorganischem Umlaut, wie in gröän Groschen, zöldät Soldat: zöndmt, 
zöndax Sonnabend, Sonntag (schon mbr., wie überhaupt mnd. sunn- 
avend, sundach neben seltnerem sonnavend, sondach; Meckl. hat zun, 
zunämt, zündach); tun (mnd. tunne) Tonne; dunä m. (mnd. dunner) 
Donner; dunädax^ unter hochdeutschem Einfluss jetzt meistens dunäsdax 
(mbr. dunredax) Donnerstag. Vgl. swum geschwommen (as. swumman). 



102 

Über kün, kun konnte s. § 7,3 b, üher z&mä m. Sommer = as. smnar 
s. § 242, über kä-m < as. kuman kommen s. § 191. 
c) in anderer Umgebung: 

ktis m. (as. kus, kos, vgl. ags. coss) Kuss; supm m. (mnd. 
schoppe, vgl. ags. sceoppa und scypen) Schuppen; huk m. (as. huk) 
Bock; ttiky (mnd. tttcken) ruckweise zerren; kluk f. (mnd. klucke, vgl. 
das ags. Ztw. clocdan, nl. klokken) Glucke. Über miixt, miixt mochte, 
gemocht vgl. § 7, 3 b. 

2) zu Gunsten von o in: fos m. (as. /oAs; auch fuhs?); tox 
(mnd. toch, vgl. ags. tyge)\ mol f. (mbr. molde, vgl. mhd. muld^) 
Mulde; rol f., Ztw. roln (mnd. rolle, rulle; rollen, riillen) rollen; Meckl. 
ruly ruln; olm, olmix (mnd. olm, olmich, ulmich) verwestes Holz. 

Anm. 1. Das o in stopm (as. stoppon)] kop m. (as. kop) Kopf, tasn-kop 
Obertasse; stopl f. (mnd. stoppet, vgl. ahd. stupfala) bin ich geneigt, auf gallo- 
romanisches ö (geschlossen) < lat. u zurückzuführen, also auf roman. stöppare, 
cöppa, siöpla < mlat. stuppare, cuppa, st^pula für stipula. Vgl. § 235 b und 
Festschrift für A. Tobler S. 265. Über hodk Butter vgl. § 242. 

Anm. 2. bedruck m. (mnd. droch n.) Betrug ist halb hochdeutsch. 

§ 61. As. in offener Silbe > ä, z. B. äprn (as. opan) ofiFen 
(§ 189); mnd. o -4- ^ im Auslaut oder vor stimmhaften Zahnfleisch- 
lauten > ö, z. B. döä Tor, vöätWort (§ 253); mnd. o vor den übrigen 
r -Verbindungen s. § 136 c, § 268. 

Mnd. ö, d. i. i-Umlaut zu ö. 

§ 62. Der Umlaut zu o ist ö, z. B. stök Stöcke; fös Füchse; 
lökä (Sg. lok) Löcher; dik-köps (zu kop) eigensinnig; köpky n. (mnd. 
köppeke < kop(pe)) Obertasse, Schale; pötä Töpfer (zu pot)\ kost f. 
Schmaus in Wörtern wie bräklköst, rixtköst (zu kostn); üt-hölkän (mnd. 
kolken^ zu hol hohl) aushöhlen; döpm (mnd. döppen) aus der Schale 
lösen; aus der Schale fallen; kröpm (mnd. kröppen krumm biegen; 
vgl. ags. cropp Baumwipfel) stutzen (Bäume), dazu wohl kvdkröpk 
übermütig; kösdd (as. kostaräri < mlat. custorarius) Küster. 

Anm. Vielfach ist Ö unorganisch, d. h. durch den Plural in den Singular, 
durch Verbalformen in Substantivformen, gedrungen, z. B. in xökß m. (mnd. 
socke Filzschuh) Socken; sprök n. (mnd. sprock) trockenes Leseholz, sprök-hnk 
grosse Waldameise; hrölcß brocken; feröÄB m (vgl. mnd. bröckel und as. hrokko) 
Brocken; pölm. (mnd. polle Wipfel) Haarknoten; Federbüschel auf dem Kopf von 
Vögeln; gröän (mnd. grosse < mlat. grossus) Groschen. Vgl. auch o -|- r (§ 269). 

§ 63. Nach dem Grundsatz, dass enge Zusammengehörigkeit 
von Formen auch Annäherung der Laute nach sich zieht (vgl. ä < e 
als Umlaut von a § 51), zeigt jüngeres o < a -{- Id, It (§ 273) den 
Umlaut ö, z. B. ölä älter zu olt alt; holst, holt halst, hält zu holn 
halten; dagegen faluj fälst, fält (Meckl. fölst, fölt), 

§ 64. Altes Schwanken zwischen ö und ü ist in unserem Dialekt 
zu Gunsten von ö entschieden in: höltn hölzern; als Subst. Holz- 
pantoffel (zu holt Holz; vgl. westfäl. hilltn)\ sötn zu mnd. schot Kiegel 



103 

Verschluss, noch erhalten in äotkel f., hinterer Wagenverschluss, vgl. 
ags. scyttan, ne. to shut) riegeln; möl f. (mhr. mölle; 7nölne, as. 
*mulina in mulinsten < mlat. molinä) Mühle; dazu möld (as. mulinari, 
mbr. möllener, möller < mlat. molinarius) Müller. 

§ 65. mnd. o > i in offener Silbe, z. B. kkv Höfe {§ 190); 
mnd. ö -+- r vor stimmhaften Zahnlauten > o, z. B. vod Worte (§ 254); 
ö ■+• r vor den übrigen Konsonanten s. § 269. 

As. mnd. u. 

§ 66. as. ü in geschlossener Silbe > ti z. B. up auf; un (mnd. 
unde) und; htipup das bekannte Blasinstrument aus Weidenrinde; 
s^wmp stumpf; sult f. Schuld; ^mo;^ f. Zucht (was aufgezogen wird); 
juyk jung; kunst f. das Können, Kunst; luft f. (as, luft m. f.) Luft; 
strump m. (mnd. strump Halbhose) Strumpf; zump Sumpf; rmt f. 
(mnd. rüste) Rast, Ruhe, nur noch erhalten in dem fast verschollenen 
riistkastn^ das alte nd. Wort für das hd. zarx Sarg; sluyk m. Schlund; 
rump m. Rumpf; im-rump (mnd. immen rump) Bienenkorb; äruft f. 
(zu mnd. schrüven schrauben) Schublade; äuft f. (zu mnd^ schüven) 
Schulter; stuft f. Treppenstufe; slump m. (mnd. slump) grosses Glück, 
Zw. slumpm sehr glücken; snvk f. weibliches Schaf; klump, klumpm 
Klumpen, Haufen; huts f. Fussbanke; huks f. Frosch (Kröte) (zur 
germ. Wz. hukk hocken, kauern); kum n. (mnd. kum(p) Trinkschale 
ohne Henkel; tuy f. Zunge; duy f. bestimmte Menge spinnfertiger 
Heede; vun f. (as. wunda) Wunde; huyä m. Hunger; vunä n. Wunder; 
sulä f. Schulter; knupm (mnd. knuppe) Knoten; luntn (mnd. /t^w^ej 
Zündfaden; mnl. lotnpe Lunte, Fetzen zum Anzünden) alte Lumpen; 
mulsn (mnd. mulschen verfaulen) anfangen zu faulen, mulsix halbfaul; 
srumpl f. (mnd. schrumpe) Runzel; humpln lahm gehen; fuään (vgl. 
mnd. vMsken hantieren und hd. Pfuscher) mogeln; supsn (mnd. 
schuppen stossen) Iterat. zu süm schieben; mußx (vgl. nl. muf) 
schimmlig; vuspdlix (in anderen Mundarten wisplix, vgl. mnl. unspelen 
unruhig hin- und hergehen) unruhig (von Kindern); sumän, §umätit 
(mnd. Schummer, im Ablaut zu hd. schimmern) dämmern, Dämmerung; 
up-hlukf) (zu hlik = heller Strahl) aufblitzen; fluykän (vgl. mnd. 
flunken freundlich tun und früh nhd. flinken glänzen, s. Kluge, Wb. 
unter flunkern) harmlos lügen; luyän (vgl. mnd. lungerie müssiges 
Umhertreiben und engl, to linger) herumlungern; vuxtn (im Ablaut zu 
Ge-wicht und mnd. wacht Wage) mit der Hebelstange heben; vuxthöm 
Hebelstange; bumln 1. baumeln, 2. umherbummeln. 

Anm. Hinsichtlich des Ausgleiches zwischen ursprünglich schwankendem 
n und vgl, § 60, hinsichtlich ü für u vgl. § 68, Anm. 1. 

§ 67. As. u in offener Silbe gedehnt > ä, z. B. fägl < as. 
fugal (§ 191); w -f- r im Auslaut und vor stimmhaften Zahnlauten 
> ö, z. B. föä Furche (§ 255); w -+- r vor stimmlosen Zahnlauten, 
vor Lippen- und Gaumenlauten > o, z. B. storm Sturm (§ 270); 
« -H rr s. § 135. 



104 



Mnd. ü, d. i. i- Umlaut von u. 

§ 68. Mnd. ü in geschlossener Silbe > ü, z. B. pün Pfunde 
(Sg. punt, as. pund < mlat. pondo); välv (Sg. vulf) Wölfe; düld 
(Kompar. zu dul) toller; füld, fillix, füln völler; völlig; füllen; sülix 
schuldig; gedülix geduldig; knüpni knüpfen; — dün (as. thunni) dünn; 
hülp f. (as. hulpa für *hulpia) Hilfe; äürn (as. skuddian) schütten, 
schütteln; an-äiin (as. skundian) anreizen; süp Schuppe; sprüt (mnd. 
sprütte) Spritze; grüt f. Grütze; stüt f. Stütze; süt f. (mnd. schütte) 
Vorrichtung zum Stauen des Wassers, Durchlass (gehört zu mnd. schot 
Verschluss; ags. scyttan schliessen § 64); §üt (Eigenname = Schütze, 
vgl. ags. scytta); hüt Hütte; um (as. umbi) um; kül f. (mnd. külde) 
Kälte; dazu zik fäküln sich erkälten; nüt, unüt (as. nutti) brauchbar, 
unnütz; düxdix tüchtig; stülpä (mnd. stülper) Blechdeckel auf einem 
Topfe; stük Stück, Ackerstück; drüky drücken; drucken; krük f. 
(as. krukka für *krukkia, vgl. ags. crycc) Krücke; hüls-huä (as. hulis) 
Stechpalme; zun Sünde; lüm f. (vgl. as. lunis st. m. und lun st. f.) 
Lünse eines Wagens; tütl m. (as. tuttili Brustwarze) Pünktchen; drüml 
(mnd. drümmel) hartes, dickes Exkrement (zu thrimman schwellen?); 
knütn (mnd. knütten, vgl. ags. cnyttan) stricken; pütn m. (as. puttiy 
mbr. pütten < lat. püteus) Ziehbrunnen (§ 7, 1 b); küsn n. (mnd. küssen, 
mnl. cussijn < afrz. cotcssin < mlat. coxmus, P. Meyer, Romania 21, 83. 

Anm. 1. Alter Wechsel zwischen u und ü ist in unserer Mundart aus- 
geglichen zu Gunsten von u in vuln (mnd. wullen, westf. wüllen)\ rutsn (vgl. 
mnd. rutschen) rutschen; zu Gunsten von ü in bültn m. (mnd. bülie, afries. bult, 
vgl. md. bulten, nl. bult) bewachsener Erdhaufen; tümln (mnd. tuynelen^ 
taumeln; nüki^ Mz. (mnd. nv^k m. nücke f.) Tücken, Launen; rük in upm rük 
im Nu (vgl. mnd. rücken rasch fortbewegen, fortreissen und ahd. ruc Bück); 
büt f. (mnd. bütte, vgl. ags. byit Schlauch, und as. buterik Schlauch, nach 
Kluge von mlat. btitina, nach Gröber, Archiv für lat. Lexicographie I, 254 
von mlat. *buUis)y Bütte, Butte; plükij (mnd. plücken, nl. plukken < vlat. 
piluccare)) büksn (in anderen nd. Mundarten auch 2)oA;5n und buksn = engl. 
btickskins) Hosen. 

Anm. 2. Über das t^ in zun sang, /i^d fing, Mn konnte, günn gönnen 
u. 8, f. 8. §§ 366, 383, 398. Über züs sonst (as. sus so, sonst), ümzüs um- 
sonst, vgl. § 142 Anm. 

§ 69. Alter Wechsel zwischen ü und o, ö (entsprechend dem 
Wechsel zwischen u und o § 60) ist zu Gunsten von ü entschieden 
in mül m. (mnd. mul, vgl. ags. molde) lockerer, trockener Staub, 
Kehricht; drüpm (mbr. drüppe, vgl. as. dropo, westf. dräpm) Tropfen; 
drüpln (mnd. drüppen, droppen) tröpfeln. Ich erwähne hier auch 
tüvl(n) 1. Kartoffel (it. tartufolo), 2. Pantoffel (mnd. pantuffele). 

§ 70. As. ü in offener Silbe > ä, z. B. kvl (as. ubil) übel 
(§ 192); sporad. > ö, z. B. 5ÖY/ Schüssel (§ 242 und Anm.); as. 
w H- r im Auslaut oder vor stimmhaften Zahnlauten > O; z. B. foä 
für, fd-todn erzürnen (§ 256); mnd. «^ + r vor anderen Konsonanten 
> ö, z. B. -yöVj; würgen (§271). 



105 

2. Lange Vokale. 

As. mnd. ä. 

§ 71. As. mnd. ä > ä, z, B. §äp n. (as. scäp) Schaf; vän m. 
(as. wän f. Zuversicht) Wahn; stän (as. stän) stehen; gän (as. gän) 
gehen; an ohne; mäln malen; bräk (mnd. hrake neu gepflügtes Land, 
zu and. gihräkon abgeerntetes Land umbrechen) Brache, brach; mal n. 
Mal; nät f. Nat; drät m. (as. ^Arörf Faden) Draht; rät m. Rat; zät f. 
(as. säd n.) Saat; mät n. (vgl. mnd! mute f.) Mass; s/^p m. (mnd. 
släp) Schläfe; träx (as. trag) träge; grär f. (mnd. gräde) Gräte; 
däk m. (mnd. däk) Nebel; dät Tat; 5/ Aal; as n. Aas, dazu äzn be- 
schmutzen (^^ii /w/<fop sich beschmutzen), verschwenden; trän m. Tran; 
kräm Kram; hlh& f. (as. hldsa^ Blase, Blasinstrument; plKg f., plä-y 
(mnd. plage, plagen) plagen; lk§ Lage; rä^ Wage; vä-y wagen; ääl f. 
Schale; Aw^a? Qual; sprJA; f. Sprache; ^w5r Gnade; gnärn {a,s. gi-näthon) 
verzeihen (von Gott); drär (mnd. dräde) schnell, bald, besonders in 
der Wendung so drär as sobald als; präin (mnd. prälen, vgl. mnl. 
präl m. n. Prunk, Prahlerei) prahlen; sträl m. (as. sträla Pfeil) Strahl; 
nädl {. (as. wädto) Nadel; tädl {ygl. B.\id. zadal Memgel) Tadel; ädlm, 
(mnd. ädel, vgl. ags. ädl Krankheit) Nagelgeschwür; ärä f. (mnd. 
äder Ader; Mehrzahl auch Inneres, Eingeweide) Ader; dazu wohl 
äräkouon (mnd. äderkouwen) wiederkäuen, vgl. as. in-äSiri Eingeweide 
(holst, edderkauen, mnl. edercaiiwen wird zu got. it-j ags. ed-, ahd. 
it- = wiederum gestellt), eine andere Erklärung s. § 142 Anm.; 
swäi^ä m. (mnd. swäger) Schwager; rädl (as. rada oder rädo Unkraut; 
Leitzmann, Herrigs Archiv CV, 386, Gallee, Vorstudien zu einem 
Altniederdeutschen Wörterbuch, Leiden 1903, setzen rMo m. an) 
Kornrade; päl (as. päl < lat. pähis) Pfahl; strät f. as. sträta < lat. 
strätä) Strasse; päs in pää-äiä Ostereier (sls, pdska < kirchenlat. päsca). 

Auch hoch- oder schriftdeutsches a Yfird ä (der Lautwandel 
ist noch lebendig), z. B. straf f. Strafe, kanäl Kanal, zöldät Soldat. 
Dem Hochdeutschen entlehnt sind auch ätn Atem, das nicht auf as. 
öAmi, mnd. adem beruhen kann, und gräf Graf. Wohl findet sich 
schon in den mbr. Urkunden gräve neben greve, aber gräve hätte 
grlx) ergeben. Mänt m. (as. mänuth) Monat wird immer mehr durch 
das hd. mönat verdrängt und eigentlich nur noch in Zusammen- 
setzungen wie jünimänt gebraucht. Unter Einfluss dieses mänt, mehr 
noch aber unter Einfluss des hd. ^Mond^ hört man häufig statt 
man m. (as. mäno) Mond mänt — Das einzige Wort, in dem ä sich 
erhalten zu haben scheint, ist da dort, das neben dem lautgesetzlich 
aus as. thär, thar entwickelten döä gebraucht wird. Ich glaube, dass 
da aus dem Hd. entlehnt ist. (Vgl. § 137.) In OPri ist döä selten. 

In der Wenkerschen schlafen-Karte (schlafen = släpm, as. 
däpan) bildet die mecklenburgische Landesgrenze die Scheide zwischen 
einem schlap- und einem schloap-Gehiet Ähnlich wird in der Ofen- 
Karte zwischen dem ab- und oJ-Gebiet geschieden. Ich kann be- 



106 

zeugen, dass in Mecklenburg ebenso släpm, am gesagt wird, wie in 
der Pri, vor allem WPri, släpm und am, dm. Der Unterschied ist 
rein graphisch. 

Die Übersetzer in Mecklenburg haben die Schreibweise Groths 
und Reuters angenommen, die in Brandenburg haben den zwischen 
ö und a stehenden Laut durch oa dargestellt. Vgl noch § 189 Anin. 3. 

§ 72. d -H A -H Vokal ebenfalls > ä, z. ß. man m. (as. nidho, 
schw. m., mnd. 7nan) Mohn; nä Adj. Adv. Praep. (as. näh, vgl. den 
Akk. näan in den Werdener Prudentiusglossen) 1. nahe, 2. nach, 
s. auch § 295 b; tax (mnd. td) zähe, mit grammatischem Wechsel, 
s. § 295 c Anm. Dieselbe Entwickelung nahm das aus -aha- schon 
in mnd. Zeit entstandene ä in trän f. (nmd, träne, trän m, as. Mz. 
trahni, Einz. '*trahan) Träne, vgl. trän Tränen; mal n., dafür durch 
Volksumdeutung in manchen Dörfern, z. B. Boberow, mänt (as. mähal 
st. n. Gerichtsstätte) Freistätte beim Spielen; stäl m. (hd.?, vgl. ahd. 
stahal, stäl, as. stehli n. Werdener Prudentiusglossen) Stahl; s. auch 
öä f. Ähre < as. ''^ahar § 257. 

§ 73. Westgerm, an > ou in klou f. (mnd. kläwe, klatie, klouive, 
klä) Klau; lou (nl. lauw, vgl. ahd. läo) lau. In öy-hrän Augenbrauen 
scheint das ä auf as. hräha (nach § 72) neben hräwa zu beruhen 
(germ. brehwö?): Heliand 1706 schreibt Mon. brähon (dat. plur.), Cott. 
hräwon, die mnd. Form ist hrän. Über hläx blau vgl. § 130. 

Anm. Germ, auu ergiebt gleichfalls ou (§ 95). 

§ 74. As. ä verkürzt > a, z. B. daxt (as. thähta) dachte (§ 229), 
zu ö in bröxt (as. brähta) brachte (§ 229, Anm. 2); zu u in hriimlbeä 
(vgl. as. brärmlbusk) Brombeere (§ 229, Anm. 2); ä -{- r > ö, z. B. 
höä (as. här) Haar (§ 257). 

i- Umlaut von as. ä. 

§ 75. Der i-Umlaut von ä nach Hartgaumenlauten und vor 
echten Hartgaumenlauten (die vielleicht schon im Altsächsischen den 
Umlaut begünstigt haben, s. as. kesi Käse, geß gäbe, gödspreki wohl- 
redend Cot.; vgl. giwegi (?) Ess. Gl.) ist > e geworden: k^ m. (as. 
kiesi, mnd. kese < lat. caseiis)\ sepä (mnd. scheper neben schäper zu 
as. skäp) Schäfer; lex, flekt. ISg (mnd. l^ge) mager, im Süden von 
OPri auch niedrig, in Meckl. nichtswürdig; ärex (hd.?) schräge; dann 
auch bekwem (mnd. bequeme, vgl. ags. gecweme) bequem. Auch vor r 
findet sich stets e (nach § 248), z. B. s^ä f. (as. scäri, mnd. schere) 
Scheere; beän (as. gibärian, mnd. beren) sich gehaben wie, so aus- 
sehen wie; weitere Beispiele § 258. 

§ 76. Sonst wird ä durch ^-Umlaut zu ä, z. B. dar (as. dädi) 
tat; spar (mnd. späde und spede) spät; ünädänix (mnd. underdänich, 
tmderdenich) Untertan; zälix (as. sälig, mnd. sälig, selig) selig; so auch 
vor h oder vor x, g, das mit h in grammatischem Wechsel steht, 
z. B. smälix Adv. sehr (mnd. smeUk, vgl. ahd. sinählih schmählich); 
nägä (mnd. neger neben när) näher; näxst (as. nähist, mnd. biegest, 



107 

iiest) nächste; nSigt f. Nähe. Hierher stelle ich auch krä f. (as. 
kräia) Krähe; mä9n (mnd. ineien, m^gen) mähen; zäan (as. säian) 
säen; dräsn (as. thräian) drehen; kräan (mnd. kreien, kregen) krähen; 
n&n (mnd. neien, negen) nähen; väan (mnd. weien, wegen) wehen; 
klä9n (mnd. kleien, vgl. ahd. chldwjan und Ndd Jb. I, 52) krauen, 
bes. Vieh, um es zu besänftigen; mit den Fingern betasten, in etwas 
herumstöbern, in Meckl. stellenweise auch Kartoffel aufnehmen. 

Anm. 1. In Meckl. beissen Krähe, mähen n. s. w. krkij miim, klli9n 
u. s. w. (s. § 6, 2). Schon in mittelmecklenb. Zeit lauten die entsprechenden 
Formen: kreie, meyen, neyen, xeyen, kleyen, s. Nerger § 44. Entweder ist 
das i (j) Ton -ä^a- noch mit ä vor dem Wirken des t-ümlaates zn ai zusammen- 
getreten — sai-an < sä.-j-an — (das könnte natürlich erst geschehen sein, 
nachdem sich ug. ai zu e (§ 81) monophthongisiert hatte); oder aber i (j) ist 
erst an schon umgelautetes e angetreten: m&i-en für me-j-en. Denn i (j) hat 
sich in diesen Wörtern sicher lange gehalten. Durch Verhärtung des ^ > <j 
erkläre ich die mlq9n, wäa-, Partie, m^t des § 7, 4 b beschriebenen Gebietes 
der OPri. Ob das i, j der ebenda besprochenen Formen m^-in, rn^-it oder 
m^J9n, m^-it eine direkte Fortsetzung des i (j) in as. *mkjan, mnd. meiert ist, 
oder aber sich sekundär aus <) entwickelt hat (in diesem Gebiet ist ja g, q 
allgemein zu j geworden) vermag ich nicht zu entscheiden. 

Anm. 2. Auch ßln fehlen < mhd. vl,len (< frz. faillir; im Mnd. ist 
nur felinge Versäumnis belegt) hat ä. Wie gnMix gnädig (§ 158, Anm. 3) 
könnte auch zMix (s. o.) der hochdeutschen Kirchensprache entlehnt sein. Neben 
sp^r findet sich in der Eibgegend auch das hochdeutsche sp^t 

Anm. 3. Übär das ei im Präteritum der st. Ztw. Kl. IV statt des zu 
erwartenden ä (oder e?) als Umlaut von ä (z. B. neim nahm) s. § 375 Anm. 1. 

§ 77. Für zu erwartendes ä (e) tritt ein jüngeres ä ein, wenn 
eine umlautslose Form mit ä < mnd. ä daneben besteht (vgl. § 51 
und vor allem den Umlaut von mnd. tonlangem ä § 186); z. B. nkr : 
not Nähte, pKl : päl Pfähle, sfklän : stäl stählern, slkprich : släp 
schläfrig u. a. m. Hierher würde kkdl festes Stück Exkrement zu 
stellen sein, wenn es zu mnd. qtiät Kot gehört, und auch dhnlix, 
wenn as. thäm die Wurzel ist, vgl. Kluge, Wb. unter damisch. 

§ 78. Mnd. e -\- r > e (§ 258); mnd. e verkürzt > e, z. B. 
let lässt (§ 230, 1); verkürzt zu ö, z. B. slöpt schläft (§ 230, 2). 

As. e (= ug. e^, ahd. e, ea, ia), 

Vorbem. Wie viele andere, so nimmt auch Holthausen, As. El. 
§ 92 an, dass as. e = ug e^ geschlossenes e gewesen sei. Für 
mich ist es dagegen nicht zweifelhaft, dass es offenen Lautwert 
gehabt hat; s. Franck ZfdA XXXX, 51 f., Mackel, eb. 254 ff. Für 
dieses e schreiben nun einige as. Handschriften, so auch die Heliandhs. 
Cot., (s. Holthausen a. a. 0.) ie. Dieses ie (ei) findet sich dann gerade 
in mbr. Urkunden nicht selten, bes. in hrief Brief und den Fürwörtern 
die, sie, s. Graupe S. 19 und Tümpel, Ndd. Stud. S. 24 ff. Im nörd- 
lichen diphthongischen Gebiet der Pri und im angrenzenden Meckl. 
(s. § 7, 1 a) wird für as. e ei gesprochen, im südlichen monoph- 



108 

thongischen Gebiet e. Ich möchte annehmen, dass das ei des 
diphthongischen Gebietes direkt auf as. ie für e zurückgeht, d. h. dass 
Formen wie z. B. meir Miete, hei er aus solchen as. Dialekten 
stammen, in denen mieda, hie gesprochen wurde. Ich werde bei den 
Diphthongierungserscheinungen (§ 245) den Nachweis versuchen, dass, 
abgesehen von dem ei in § 82, jedes ei der Prignitz auf ie zurück- 
geht, sei dieses nun entstanden aus as. ie, io, ia oder eha, z. B. in 
drei 3 < as. thrie, deif Dieb < as. thiof, knei Knie < as. knio, zein 
sehen < as sehan u. s. f. Auf keinen Fall kann as. e = ug. e^, 
soweit es ei geworden ist, je mit as. e = ug. ai lautlich zusammen- 
gefallen sein; sonst könnte es jetzt nicht einerseits meir Miete, dei 
die, anderseits sten Stein heissen. 

Das ^ des monophthongischen Gebietes, z. B. in met Miete, 
he er kann direkt auf as. e beruhen, dass dann, wohl zuerst im 
Auslaut, geschlossen worden sein müsste. Es kann aber auch auf ie 
zurückgehen: auch ie < io, ia ist e geworden; z. B. dre, de, kne, zen. 

§ 79. As ß (ie) > ei bezw. e: kein m. (mnd. ken^ vgl. ags. cen) 
Kien, meir f., meirn (as. meda Lohn, mMian bezahlen, kaufen) Miete, 
mieten; von ursprünglich reduplizierenden Präteriten ist hier nur 
noch leit (as. let, liet) liess zu nennen, die übrigen sind in andere 
Konjugationsreihen ausgewichen, z. B. slöyp schlief, fül fiel (§ 383 ff.); 
dann Pronominalformen wie hei (as. he, hie) er, dei (as. the, thie) 
der, die; endlich Lehnwörter: hreif m. (as. href < vlat. hreve < lat. 
brevis) Brief; speigl m. (as. spiagal < vlat. speglo < lat. speculum) 
Spiegel; teigl-sten m. (as. tieglan, mnd. tegel, teigel < lat. tegula) 
Ziegelstein; feivä n. (as. fefra < vlat. febre < lat. febris); preistä m. 
(as. prestar < pr^sbyter) Prediger; auch wohl beist n. (mnd. best 
< vlat. besta für bestid) Biest, und kreik f. (mnd. kreke) Pflaumen- 
schlehe. 

Anm. 1. Man wäre geneigt, auch m<j (mnd. wege) Wiege hierher zu 
stellen, besonders mit Eücksicht auf mhd. wiege (neben urige) und nl. loieg. 
Vgl. jedoch Franck a. a. 0. S. 54. 

Anm. 2. krix m. (mnd. knch) und krin 1. haschen, 2. bekommen sind 
früh aus dem Hd. (bezw. Mitteldeutschen) entlehnt. 

§ 80. As. e (?) verkürzt > ü, z. B. hül hielt (§ 383 und Anm.). 

As. e < ug. ai. 

Vorbem. Ug. ai ist as. stets e geworden, nicht nur, wie im 
Ahd., vo^ w, h, r und im Auslaut. In mbr. und mmeckl. Hss. wird 
as. e = i^hd. e meistens durch e, sonstiges as. e aber durch e und 
ei wiedergegeben, und zwar wird dasselbe Wort mitunter in derselben 
Hs. bald mit e, bald mit ei geschrieben. Vgl. Graupe S. 18, Nerger 
§ 38, Lübben § 28. Im heutigen Meckl. ist jedes ö zu ei diphthon- 
giert, s. § 6, 6. In der Pri aber ist gemeindeutsches e < ai als 
e erhalten, spezifisch as. e < ai lautet in einer festen Gruppe von 
Wörtern e, in diner anderen ei, bezw. äi. Es scheint nun, dass ei, 



lOd 

di in Wörtern steht, in welchen in der folgenden Silbe ursprünglich 
i stand, dass ei, di also i-Umlaut von e < ai ist (wenn ai vor / sich 
überhaupt je zu e gewandelt hat). Es gibt allerdings Wörter, in 
denen ei steht, ohne dass sich «-Umlaut nachweisen lässt. Doch das 
ist vielleicht nur zur Zeit unmöglich; vielfach wird auch Ausgleich 
mit umgelauteten Formen stattgefunden haben .und umgekehrt. Klee 
heisst in der nördlichen WPri klevd, sonst kleivd: im Ags. findet sich 
nun cläfre neben umgelautetem cläfre. »TeiP heisst del, teilen 
dmln: del kann beruhen auf germ. daila- (vgl. ags. dal) oder auf 
den flexionslosen Formen von germ. daili- (ags. däl)^ ddiln geht auf 
as. delian zurück. Es wäre nun gar nicht merkwürdig, wenn eine 
andere Gegend z. B. ddil unter Einfluss von ddiln oder dein unter 
Einfluss von del aufwiese. As. bredian breiten liesse breirn erwarten. 
Die wirkliche Form brern kann auf bret breit beruhen; umgekehrt 
kann teiky für *teky Zeichen (as. tekan) unter Einfluss des Zeitwortes 
teiky < as. teknian entstanden sein. Für i-Umlaut (vgl. auch 
Behaghel, Pauls Gr. I, 695) sprechen m. E. vor allem Wortpaare 
wie vek weich — in-veiky (vgl. ags. väcan < germ. waikjan) ein- 
weichen, del — ddiln (as. delian)^ hei heil — häiln (as. helian) heilen. 
Von Wichtigkeit ist auch, dass gerade dieses ei (di) auch im 
monophthongischen Gebiet als ei (di) erhalten ist, während für 
alle anderen ei dort e gesprochen wird. Wir dürfen aber nicht ver- 
gessen, dass Ausgleich zwischen Formen von sächsischen und 
nicht sächsischen Kolonisten zu dem heutigen Ergebnis bei- 
getragen haben kann. — Erwähnt soll noch werden, dass Wörter, 
die in mnd. Urkunden fast ausschliesslich mit ei geschrieben werden, 
wie rein, heide, heidene, weide, reise, auch jetzt in unserer Ma. ei oder di 
haben, dass aber einige Wörter, die in mbr. Urkunden mit Vorliebe 
mit ei geschrieben werden, wie vleisch, stein, nein, jetzt ße§, sten, ne 
lauten. 

§ 81. k%, e > e (= ags. ä), 

a) vor M7, A, r und im Auslaut, z. B. zel Seele; te-y m. (mnd. 
tewe^ te^ ten) Zehe (§ 295, c); ze m See; sne m. Schnee; e f. (as. eo 
m. Gesetz) Ehe ; evix ewig ; re n. (as. reho schw. m) Reh ; reg f. (mnd. 
rege^ vgl. ags. räw) Reihe; we wehe; twe (as. tti% Neutr. zu twene) 
2; ne (vgl. ags. nä) nein; ed f. (as. era) Ehre; med mehr; led f. 
(as. Uro) Lehre; ledn lehren, lernen; ed (as. er) eher; edst erste, 
zuerst. Vielleicht gehört hierher auch k^dn (as. keran) kehren, Vieh 
auskehren; zik kedn an sich kümmern um. 

Anm. Mr Herr ist hd. ; as. hQn'o hätte Mk ergeben, wie man auch in 
Meckl. noch vielfach sagt. Hd. ist auch l^^rx Lerche; noch Hindenberg ver- 
zeichnet das echt nd. Uwei'k. 

b) vor anderen Konsonanten, z. B. en ein, eins; bm Bein; sten 
Stein; swet Schweiss, davon swetn schwitzen; klet Kleid; het heiss; 
bret breit, Zw. brern breiten; del n. (as. del m.) Teil; vek weich; 
rep n. (mnd. rip m. und n.) Seil, repä Seiler; zep Seife; deck m. 



110 

Teig; zem, zemix Seim, seimig; r^n weinen; fle§ Fleisch; Ut (as. US) 
leid; dazu fä-lern verleiden, trotz as. lethian; ik vet (as. wet) ich 
weiss; lern Lehm; klevä m. (mnd. klever^ as. kle) Klee; sUt-fnl 
(doch wohl zu mnd. slete Beilegung eines Streites, Verschleiss, Ver- 
kauf) gestrichen voll (von Massen), eigentlich verkaufgerecht. 

Anm. Wahrscheinlich gehören anch hierher: hwhs f. (mnd. quese) Drnck- 
schwiele, zu quetschen ; glezn seh. v. (za as. gUdan st. v.) auf dem Eise gleiten, 
schlittern; srern seh. v. (zu as. skridan st. v.) schreiten; kwQzn (wohl zu as. 
queäan sprechen) quesen. 

§ 82. As. e (+- i) > ei^ äi (= ags. ä), 

a) > eiy z. B. getnein f. (as. gimenda) Gemeinde; geinein (as. 
gimeni gemein, allgemein) leutselig ; 7nein (as. menian) meinen ; heir f. 
(mnd. heide, hede, vgl. ags. häp) unhebautes Waldland; heir m. (as. 
Mthino) Heide m. ; bleiky (mnd. bleken, vgl. ags. hläcan) bleichen; 
hleik f. Bleiche; teiky (as. teknian^ vgl. ags. täcean) zeichnen; leistn 
(as. lestian) leisten; lein (as. lehnon, mnd. lehenen, lenen, leinen, vgl. 
ags. länan) entleihen; in-veiky einweichen; veiky m. grosses, rundes 
Stück Butter; meist (as. mest^ vgl. ags. mäst) meist. 

b) > äi^ z. B. räin (as. hreni) rein; vditn m. (as. hweti st. m.) 
Weizen; .9d*V f. (as. skedia) Scheide; däiln, däidln § 162 (as. delian) 
teilen ; häiln (as. helian) heilen ; bäir^ bäi (as. bedia) beide ; 5^m7 (vgl. 
as. stehil, as. stegili abschüssige Stelle, ags. stägl) steil ; häit (as. Aerf) 
z. B. in ßilhdit Menge, vgl. aber § 121. Hierher gehören auch Idi-dn 
(as. ledian leiten) am Stricke führen ; spräi-on (mnd. spreden, spreiden, 
vgl. ags. sprädan) Mist; Flachs auseinander breiten (wegen des 
geschwundenen d vgl. § 158, Anm. 2) und näi-dn (as. hnehian) wiehern, 
das aber nur noch im südlichen Teil der Pri hier und da bekannt ist. 

Anm. Warum in der einen Gruppe von Wörtern ei^ in der anderen äi 
gesprochen wird, ist mir nicht zweifelhaft. Es wird Eiuflass der hd. Schrift- 
sprache anzunehmen sein. Wenigstens wird in Lehnwörtern ans dem Hd. fast 
immer äi gesprochen, z. B. äkitl Scheitel; hMlix heilig; gkist Geist; gkistlix 
blass; mkinkit Meineid; arbiit, arbhitn Arbeit, arbeiten; ksiizä Kaiser; tskixTi 
Zeichen; beäkit Bescheid; beglMtn begleiten; berkits (mnd. reeds) bereits; [doch 
haben ei: zeixn (mnd. seken) harnen und kreis (mnd. kret) Kreis, wozn 
vielleicht noch rä^s (doch schon mnd. reise) tritt]. Dazu stimmt, dass Per- 
sonen, welche viel hochdeutsch sprechen, auch sonst gern das weite hd. ki 
für ei einfuhren in Wörtern wie mkin meinen, Ikistn leisten, gemiin Gemeinde. 

§ 83. In einer dritten Gruppe von Wörtern steht ei für zu 
erwartendes e, ohne dass sich i-Umlaut nachweisen Hesse: eiy (as. 
egan, mbr. Bgen und eigen) eigen; eik f. (as. ek, vgl. ags. äc) Eiche; 
speik f. (as. spekä) Speiche; teiky n. (as. tekan) Zeichen; peik f. (mnd. 
pek(e)) Eispike; seif (mnd. schef, vgl. ags. scaf) schief; heiä (mnd. 
heschj heisch) heiser; drei§ m. (mnd. dresch) Grasnarbe von ruhendem 
Ackerland; heitn (as. hetan, mbr. heten, heiten, vgl. ags. hätan) heissen; 
veir f. (mnd. weide) Vieh- weide; zeivä, zeivän (mnd. sever, severen) 
Geifer, geifern; leistn m. (mnd. teste) Schusterleisten; meista (as. mestar 
< lat. magister) Meister. 



111 

Anm. 1. Der grösste Teil dieser Wörter hat eiaen Hartgaumenlaut vor 
oder nach ei\ einem solchen haben wir schon beim i-Umlaut von ä (§ 75) eine 
lautumbildende Kraft zugeschrieben, vgl. § 119. k vor e hatte auch äiit n. 
(as. sketh) Flurscheide, das einzige zu dieser Gruppe gehörenden Wörter, das li 
statt ei aufweist. Wenn eik wirklich wie bürg dekliniert wurde (Holthausen, 
Äs. El. § 325) so könnte ei auf den Kasus mit i beruhen ; das ei in teikß könnte 
aus dem Ztw. ieiku (§ 82 a) stammen ; heitn könnte sein ei aus dem alten 
Präteritum heit < het, hiet (§ 79) gezogen haben. Über sikist, stkit stehst, 
steht; g§t.isty gkit gehst, geht < as. stes, sted fsteid); *ges, ged s. § 390 Anm. 2. 

Anm. 2. Der Indik. und Optat. des st. Ztw. I weisen in Einzahl und 
Mehrzahl ei auf. Nach dem as. Paradigma, d. 1. Ind. Einz. skref, Mz. skribkun, 
Opt. skribhi, mtissten die mnd. Formen lauten: schref, schr^ven; schrkve (vgl. 
§ 188), und so lauteten sie zunächst auch wirklich. Wie erklärt sich nun das 
heutige ei in allen drei Formen? Wir müssen annehmen, dass das e der Einz. 
auch in die Mz. und den Optativ gedrungen sei. Dürfen wir nun weiter an- 
nehmen, dass im Optat. e > ei umgelautet und dass dieses ei dann das e des 
Indik. verdrängt habe? Vgl. auch § 366. 

Germ. an. 

§ 84. Germ, aii wird zu äi : äi n. Ei; kläi (-hörn) toniger 
Marschboden; mäi Mai, ütmäidu die Häuser zu Pfingsten mit Birken- 
reisern schmücken; intwäi entzwei (aber twe 2), das auf Hvajje (vgl. 
got. twaddje) beruhen wird. 

Anm. Hierher stellen sich am besten mkik Oberaufseher über Vieh, 
ifäia (Eigenn.), beide < and. meier < lat. major, 

§ 86. In einer Reihe von Lehnwörtern wird lat. ö wie im 
Ahd. durch l wiedergegeben (s. Z. f. d. A. 40; 263 ff.). Es sind dies: 
mlat. spesa (für spensä) > spt^ Speise ; lat. creta > krlt f. (mnd. hrite) 
Kreide ; lat. meta Heuschober > mit f. ; mlat. seda (lat. setä) > ztr f. 
(mnd. side) Seide ; mlat. pena (lat. poend) > ptn Pein ; mlat. feria 
(zu lat. feriae) > ßä, flän (as. ftrion) Feier, feiern. Es würde noch 
hinzutreten pm-mär^ piä f. Regenwurm (mnd. plr-äs Regenwurm als 
Aas, Köder an der Angel), wenn Kluge, Pauls Gr. I, 342 mit Recht 
lat. "^pera als Grundwort ansetzt. Zu der Frage, warum in diesen 
Wörtern lat. e im As. nicht durch ß wiedergegeben ist, vgl. Mackel, 
Z. f. d. A. 40, S. 265. 

§ 87. As. e verkürzt > ^, z. B. emä (as. embar) Eimer (§ 231); 
> t, z. B. tmntix (as. twentix) 20 (§ 231 Anm. 2). 

As. l, 

§ 88. As. e > « (vgl. 17, 3), z. B. swln Schwein; Um Leim; 
llf m. (as. lif n. Leben) Leib ; Itk f. (as. Uk n. Fleisch, Leib, Leiche) 
Leiche, vgl. llkdöän Hühnerauge; lln n. (as. lin Leintuch) Leinsaat; 
lin f. (mnd. line) Leine; s^^/' steif; kip f. Kiepe, Rückenkorb; vU (as. 
icid) weit; mr f. (mnd. mde) Weide; tU f. Zeit; flu m. {siS.flU Kampf, 
flltan sich bemühen) Fleiss; ^s Eis; dtk Deich; stix Fusssteig; wll f. 



112 • 

(as. hwlla) Weile, Zeit; iln eilen; vlzn zeigen; twlfln zweifeln; rts n. 
(as. rls < hrts) Pfropfreis, Ztw. färfzn pfropfen; vif Weib (in 
schlechtem Sinne); stig f. (mnd. sttge) 20 Garben; rlp reif; rlk (as. 
nii mächtig) reich; drtst dreist; drtst gelt viel Geld; grts (sls. grts 
greis, grau) grau; riv verschwenderisch und schnell aufgezehrt; stv f. 
Scheibe ; t?fe f. Weise ; vlnachtn (vgl. as. wlh-dag Feiertag) Weihnachten ; 
gnldln (vgl. mnd. gmden reiben) massieren ; gzmix (Danneil gim) eng- 
brüstig, asthmatisch; he-smm (mnd. swlmen, vgl. ags. svima Schwindel) 
schwindlich sein, ohnmächtig werden; fäbistän irre gehen; smlridc 
geschmeidig; izän n. (as. tsarn) Eisen; klvit m. Kiebitz; kwtn hin- 
schwinden, siechen; rip m. (as. hrlpo schw. m.) Reif; zU (as. si6) 
seit; zlt (mnd. sU^ vgl. an. slär) niedrig; vlt un sU (mnd. wU 
unde Sit) weit und breit; fzstn (vgl. mnd. vtst crepitus ventris). 
stl-y steigen, und so alle st. V. b. I (§ 367); spikä n. (as. spikari 
< mlat. spicarium) Speicher; pllä m. (< mlat. *pilarimn) Pfeiler; pll 
adv. senkrecht nach oben (vgl. as. ptl Pfeil < lat. pllum)\ fll m. 
( < mhd. pfil < lat. pllum) Pfeil ; plp f. (as. pipa < mlat. plpa) Pfeife ; 
vin m. (as. win < lat. vinum) Wein; vtm m. (mnd. Wimen Latten- 
und Stangengerüst, wohl < lat. vimen Flechtwerk) 1. Stangenwerk 
im Rauchfang über dem Herde im altsächsischen Hause zum Räuchern 
von Speck etc.; 2. Stangengerüst als Nachtruhestelle der Hühner; 
7nil f. (< lat. milia) Meile. 

i -\- r ebenfalls > ^, z. B. mä-drät^ viän (mnd. wire Metalldraht ; 
ags. wir) Metalldraht, mit Draht umflechten (zerbrochene Töpfe) ; siä 
(as. skir^ skiri rein, glänzend) unvermengt, rein, astfrei, glatt, als Adv. 
beinahe; spiä (mnd. spir kleine Spitze) Grashalm; kein sploky kein 
bischen; pliän mit halbgeschlossenen, schieligen Augen sehen; llän, 
lläkastn (zu griech.-lat. lyra) leiern, Leierkasten. 

Anm. Auf hd. ei < mhd. i beruht ki in ^äig Geige; fyixdn Veilchen; 
fMn, dass vielfach schon für flu gebraucht wird. 

§ 89. i vor Vokal > äi z. B. fräi-dn (vgl. as. fri Weib) hei- 
raten; däidn (as. ththan) gedeihen (§ 243 a); mnd. -ide über -tje 
> äi diphthongiert in einem Teile der Pri (mnd. sniden > snami 
schneiden s. § 246); i verkürzt > ij z. B. lixt (as. liht) leicht (§ 232). 

As. ö (uo) < ug. ö. 

Vorbem. Dieselben Heliandhdsch. und Hsch. kleinerer Denk- 
mäler, die ie für germ. e^ (= ahd. ia) schreiben, lassen fast durch- 
gehends auch uo für ö eintreten. Wie ich § 79 Vorbem. das heutige 
ei der Pri auf ie zurückgeführt habe, so bin ich geneigt anzunehmen, 
dass das heutige ou auf solchen as. Mundarten beruhe, die einen 
Laut sprachen, den die Schreiber durch uo statt ö dargestellt haben. 
Vgl. § 233 Anm. 3. 

§ 90. As. ö (ou) > ou, im monophthongischen Gebiet > ö 
(§ 7, 1 a), z. B. hlout Blut; rout m. (as. hröt) Russ; fout m. Fuss; 
gout n. und Adj. Gut, gut; hout Hut; glout Glut; floiit f. (as. flöd m. f.) 



113 

Flut; mont m. (as. möd 1. Gesinnung, 2. Mut) Mut; zik fd-mourn zin 
auf etwas gefasst sein; bouk n. (as. bök n. u. f. Buchstabe, PI. Buch) 
Buch; doiik Tuch; klouk klug; koii Kuh; §ou Schuh; äoiisdd m. (mnd. 
schöster 16. Jh.) Schuster; ton zu; kroiix m. Krug, ländliches Wirts- 
haus; plotix m. (mnd. plöx f. u. m.) Pflug; noux genug; stoul Stuhl; 
poul m. Pfuhl; swoul schwül; mous n. (as. mos Speise) Mus; houn 
Huhn; doun tun; houf m. (as. höf) Huf; houv f. (as. höhha) Hufe; 
floum PI. (mnd. vlöme) Nierenfett der Schweine; blotim f. (as. iZömo m.) 
Blume; kroum Krume; sponl Spule; hour f. (vgl. mhd. huote Wache) 
(zu hütende) Schar (Kühe, Gänse); houstn Husten; drousl f. (mnd. 
drösle) Drossel; rour f. (as. röda Kreuz, Galgen) Rute; zik spourn 
(vgl. as. spödian fördern, spöd f. guter Fortgang) sich sputen; voukdn 
(as. wökrian gewinnen, erwerben) wuchern; voukd-bloum Wucherblume; 
oukp Winkel, welchen das Dach mit dem Boden bildet; roupm rufen; 
hrourä Bruder; spoun m. (mnd. spön) Span; kouky Kuchen; fou§ Fuge; 
botir Bude; proum, prouv f. (< mlat. pröbo für probo) proben, Probe; 
soul (< mlat. schöla für sch6la). o -\- w hat ou ergeben in rou (mnd. 
rouwe) Ruhe, vgl. Anm. 2. 

Anm. 1. goit;S Gans; aber im Lockruf für Gänse vilk^ vilk gxis. In einem 
Bastreime heisst es gvide für gout Über ü für ö, besonders in g^de für göde, 
in mbr. Urkunden vgl. Graupe S. 14, Tümpel, Nd. Stud. S. 44 und vor allem 
Seelmann, Nd. Jb. 18, 146 und 154. 

Anm. 2. Für ou haben ü eine Reihe von Wörtern, die aus dem Hoch- 
deutschen entlehnt sind: rü Ruhe, das immer mehr rot« verdrängt („ausruhen'' 
stets ütt-nn) ; vxkt Wut ; gi-üs Gruss ; bü-m Buben (im Skatspiel) ; l^dk Luder 
(Schimpfwort); giUv Grube; fiv^xn fluchen; stxä Stute, doch sagt SPri und ganz 
OPri regelrecht siöt (mnd. stöt Pferch für Pferde). Für vö wie (Fragewort) 
sollte man nach as. hwö vou erwarten, vgl. houstn < as. *hwösta, tou zu und 
das nfränk. m, Maurmann § 68. Hat hier das Fragewort vö wo eingewirkt? 

Anm. 3. Gegenüber ^ou-?^ proben, soul Schule heisst es rös {< aus 
mlat. rosa für lat. r6sa). Das Wort wi ^ ans dem Mhd. entlehnt sein. Auf- 
^lig ist ou in mour Mode, das erst im x . Jh. aufgekommen ist. Ich halte 
es für Lautübersetzung aus dem nd. möde des monophthongischen Gebietes, 
s. § 302 Anm. 1. 

§ 91. As. ö -f- r > ö^ z. B. snöä mnd. snör Schnur (§ 259); 
ö verkürzt > ti, z. B. btczn < as. bösom Busen (§ 233). 

Mnd. o, i-Umlaut von^as. ö < ug. ö. 

§ 92. Mnd. 8 (< ug. ö) > öy, im monophth. Gebiet > o 
(§ 7, 1 a), z. B. föyt Füsse; göyrä Güter; köy Kühe; klöykd klüger; 
kröygd Krüger, Gastwirt; kröyml Krümel; göyr f. (as. gOdi) Güte; 
höyrn (as. hödian) hüten; twe-höymnd m. Zweihüfner (Besitzer von 
2 Hufen); möyzd m. Mörser; möyzdn zu Mus stampfen (vgl. aber 
Nd. Jb. V, 88); gröyn grün; vöyln wühlen; spöyln spülen; köyl kühl; 
öypd n. Ufer; zöyky suchen; föyln fühlen; bröyrn brüten; öyrn üben; 
hoytn (as. bötian anzünden, vgl. ags. fyr betan) (Feuer) anzünden; 
hoytn (as. bötian) Krankheiten besprechen (bes. die Rose); swöy-y 

Niederdentsohes Jahrbnch XXXI. 8 



114 

(zu and. swögan rauschen? oder zu ags. siveg(e)an tönen?) von einer 
Kleinigkeit ein grosses Geschrei machen; hedröym betrüben; nöym 
(mnd. nomen) benennen; möyr müde; röyi? Rübe; zöyt (as. swöti) süss; 
höyk f. (as. hökia, vgl. ags. hece) Buche; höylky kinä (mnd. boleken 
< hole Verwandter, hd. Buhle) Geschwisterkinder (beginnt zu ver- 
alten) ; löyrmrix (mnd. wlöm trübe, widmen trüben) trübe (von Flüssig- 
keiten); töyni (mnd. tdven, vgl. auf anderer Ablautsstufe an. tefja) 
warten; spöyk f., spöyky (mnd. spok und spuk) Spuk, spuken; löyx7i 
PI. (mnd. logene, lochene, as. lögna f.) lohende Flammen; fröy (as. frö) 
früh; hlöydn (as. hlöian) blühen; glöydn glühen; möy i.^ möydn mühen; 
hröy^ hröydn (mnd. hröie, hroien) Brühe, brühen; Köyn Eign. (zu mnd. 
kone) Kühn. 

Anm. 1. Unter Spuk setzt Kluge eine germ. Grundform spauka an. 
Die mnd. Formen (vgl. Seelmann, Ndd. Jb. 18, 142, 153) und die heutigen 
Formen in Meckl, Pom., Brandenb., der Altmark, dem Kreise Jerichow I (vgl. 
Krause, Ndd. Jb. 21,63, 22,5, 25,37 f.) weisen durchaus auf germ. spökßja 
zurück. — Holthausen, As. El. § 231, setzt logna an. Ich halte Heynes lögna 
im Glossar zum Heiland für richtiger. 

Anm. 2. In Jfäm, Grenzbach im Westen zwischen Meckl. und der Pri, 
ist wohl ä^ aus öy entlabialisiert, vgl. westf. Mä^ne Möhnefluss, Holthausen, 
Soester Ma. § 75. Auch in morn frki findet sich ki für öy. Auffallend sind 
das offene ö in vr^gln hadern, vr^glix tadelsüchtig, das doch wohl zu as. im'ö- 
gian anklagen gehört, und das ü in m^mk alte Frau, Mütterchen (mnd. rn^nier). 
Vgl. § 90, Anm. 1. 

Anm. 3. Über öy statt ou in slöyt^ (as. slög), dröyq (as. drög) schlug, 
trug u. a. s. § 380; über diistj dkit für doust^ dout (vgl. as. döSj döty westf. 
daest, dam) vgl. § 390,3, Anm. 1. 

Anm. 4. Für öy haben ü eine Reihe von Wörtern, die aus dem Hd. 
entlehnt sind: c?7*üs, f. Drüse; /Ü-^?, ßfVi-p fügen, verfügen; grVisn grüssen; 
gemUÜix gemütlich; fk-gnUgen(t) n. Tanzlustbarkeit, aber fk-gnöygt vergnügt. 
Für fröy (gewöhnlich ürix) hört man häufig /}Ü frühe. 

§ 93. ö (i) -|- r >• o, z. B. foän (as. förian) fahren (§ 260); 
öy verkürzt > ü, z. B. nüxtän nüchtern (§ 234 a), > ö in synkopierten 
Verbalformen, z. B. höt gehütet (§ 234 b). 

As. ö < ug. au. 

§ 94. As. ö > ö, auch vor Gaumen- und Lippenlauten, z. B. 
hröt Brot; döt (as. dö^; död) Tod, tot; attributiv heisst das Adj. 
dörix (§ 413); röt rot; not Not; gröt gross; hlöt bloss; söt Schoss; 
zöt m. (mnd. söt) Ziehbrunnen (§ 1, 1 b) ; lön m. n. (as. lön n.) Lohn ; 
hön f. Bohne; höx hoch (§ 295, Anm.); lös los; lö^ lose; tröst Trost; 
pöt Pfote; unör (as. un-ödo^ Adv. zu unödi unleicht) ungern; sö^i 
schonen; ös^ m., östn Osten; östän Ostern; srörn schroten (Korn); 
^röt n. Schrot, zermahlenes Getreide; tötn Zaum; löf Laub; glöv 
Glaube ; böm Baum ; dröm Traum ; röf Raub ; rök Rauch ; knöp m. 
(mnd. knöp^ vgl. mhd. knouf) Knopf; köp Kauf; löpm laufen; zöm 
Saum; röm (mnd. röm, vgl. ags. rea^n) Rahm, Sahne; 6g Auge; döf 



115 

taub; §öf m. (as. sköf) beim Dachdecken verwendetes Strohbündel 
von bestimmter Form und Grösse; höp m. (as. höp) Haufe, altouhöp 
alle zusammen; köl m. (mnd. köl^ vgl. as. lcöl(i) < lat. caulis) Kohl. 

As. ao^ ö < germ. aw gleichfalls > ö, z. B. strö n. (as. strö 
< germ. *strmva) Stroh ; rö (as. hrä, hrö < hrao) roh ; frö (as. />*ao, 
frö) froh. Hierher wäre auch zu stellen bößst, eine Art Schwamm, 
wenn die erste Silbe, für die sich in anderen Maa. auch pö findet, 
wirklich zu lat. pävo gehören sollte. Vgl. auch zö (as. so, ags. stcä) so. 

As. ö > ö auch vor r, z. B. öd (as. öra) Ohr; röa Rohr; 
lödhenS'hlärä (mnd. lör-bere < lat. launis) getrocknete Lorbeerblätter ; 
Möä (wohl < hd. ilfoAr < lat. Maurus) Neger, im Mnd. Moridn. 

Anm. 1. ,Floh^ heisst /Z5 in. statt flö (mnd. vlö, vlöge f.); der Umlaut 
stammt aus der Mehrz. Über den nnorgauischen Umlaut in st^tn stossen vgl. 
§ 387 Anm. Die nicht umgelaatete Form findet sich noch in stöt-hkvk Habicht. 

Anm. 2. Ans dem Hd. stammen houptman Hauptmann; loud f. Lanbe; 
snoutshb^t Schnurrbart. Für das Adverb. ,bloss' == nur wird jetzt fast durch- 
gängig die hd. Form hlAs gebraucht (in Meckl. hlöt). Auch der Hnndename 
Ström Strom wird wie der Hnndename Vas^ (Wasser) aas dem Hd. gekommen sein. 

Anm. 3. Wie aus lat. e in einigen Wörtern i geworden ist (§ 86), so 
entspricht vereinzelt ü lateinischem ö : üä f. (mnd. Vir(e) Stande; Uhr) < lat. 
libra. Nach Baist bernht si^üv (mnd. schrvive) auf lat. scropha Sau. Lat. 
crdcem, das erst entlehnt sein kann, nachdem lat. c vor e, i assibiliert war, 
ergab roman. cfrhce. Hierauf wird as. Ärüci > kr^ts n. Kreuz bernhen, vgl. 
Festschrift für A. Tobler S. 264 f. 

§ 95. Germ, auu < aww (== got. ggtv) > oti; vgl. germ. mi 
§ 73. houan (as. hamcan, hawan, mbr. houwen, howen, hauwen, hatven, 
houen, hauen) hauen; dou m. (mnd. douwe, dawe) Tau; mou-y (mnd. 
mouwe) Hemdsärmel, jetzt fast veraltet; genoii (mnd. notiwe enge, 
genau, vgl. ags. hneaw) genau, sparsam (§ 110, 2 Anm. 3); dazu 
he-nout (mnd. benouwen in Not bringen) benommen; ßou (vgl. nl. 
flaaw) flau. Unklar ist, ob gnoiwn, gnoii-y nagen auf as. *gnauwmi 
oder *gnaivan zurückgeht; belegt ist nur as. knägan; vgl. mnd. 
gnaiiiven knurren, beissen, ostfries. gnmien beissen, nagen, schnappen, 
s. ten Doornkaat Koolman u. gnaiien. 

§ 96. ö verkürzt > o z. B. horky horchen (§ 235), vor einfacher 
Konsonanz > o in dox doch, > u in lüc auch (§ 241). 

Mnd. o> i- Umlaut zu ö < germ. ati, 

§ 97. Mnd. > o, z, B. bom Bäume; lopd Läufer, auch Egn.; 
roAan räuchern; Äo^rd höher; rfrom träumen; lozn lösen; hopm häufen; 
trostn trösten; norix nötig; norn (as. nödian zwingen) zu Gast laden; 
dop f., dopm (as. döpi, döpian) Taufe, taufen; kopm (as. köpian < 
lat. caiipo?) kaufen, aber köpman Kaufmann; rop Raufe; smoky rauchen 
(Pfeife, Cigarre), dazu smok-fM qualmiges Feuer zum Räuchern von 
Fleisch; slopm (as. slöpian schlupfen machen) schleifen, dazu slop f. 
Schneepflug; slopmdnvd Nichtsnutz (Schimpfwort); stropm streifen, 

8* 



116 

umherstreichen; dazu stropä Landstreicher; bo-y beugen, biegen; zo-y 
säugen; ro-y (mnd. ragen) rühren, regen; stom (mnd. stoven) Staub 
machen; klöm spalten; okl-näm (mnd. ökelname^ zu as. ökian hinzu- 
fügen) Beiname, Spitzname; fä-lof m. (as. löf) Erlaubnis (selten); 
hlor (as. hlö^i furchtsam) blöde; drox, dro-y trocken, trocknen, Drög 
auch Egn.; äon schön; bos böse; ßot (mnd. vlot, aber as. ßat) seicht; 
klotn Mz. (mnd klöt m.) Hoden; 8s f. Oese; hbvt n. (as. höbhid) 
Haupt, nur noch erhalten in förJibvt Kopfende der Harke, des Acker- 
stückes, da wo der Pflug wendet (Wendacker) und in Wendungen wie 
täin h&v(t) köy 10 Haupt Kühe; toi f. (as. *töhilä) ursprünglich weib- 
licher Hund, jetzt Hund in verächtlichem Sinne; §rorä Egn. (zu as. 
^skrödon schneiden § 94) Schröder, eigentlich Schneider. Ebenso vor r, 
z. B. Öän, (mnd. ore) Nadelöhr; roä Röhre; hoän hören. Zweifelhaft 
ist, ob stoän stören auf as. störian (s. te-störian zerstören bei Wad- 
stein Gloss.) oder sturian (s. Wadstein farsturian und vgl. ags. 
styrian) beruht (§ 256 Anm. 1). 

Anm. 1. Statt des zu erwartenden 8 (für ö aus dem Optat,) haben öy 
die Praet. der st. Ztw. II, z. B. göyt goss, flöyc^ flog (Näheres § 369). 

Anm. 2. Aus dem Hd. stammt röybk Eäaber, in Meckl. vielfach noch 
röi?ä (mnd. rZvere), 

§ 98. i-ümlaut von germ. auu regelrecht = öy, z. B. dröydii 
(mnd. dröuwen, droien) dräuen, oft bloss = in Aussicht stellen; 
fröydn {mnA.. m'öuwen) freuen; fröyr f. (mnd. vröude, vroide) Freude; 
döy9n (mnd. dauwan und doidn) tauen, das von dem wohl vom Hd. 
beeinflussten domn verdrängt zu werden beginnt; ströyen (as. ströian 
und strewian) streuen; dazu ströydls Streu für die Viehställe; höy n. 
(as. "^höij Gen. högias, mbr. how, hew) Heu; töy n. (mnd. touwe jeg- 
liches Gerät; zu got. taujan) Zugschwengel am zweispännigen Wagen, 
wofür im diphthongischen Gebiet auch vaxt gesagt wird; dazu väftöy 
(mnd. touwe = textilia, getewe = fabrilia, Hamb. Glossen Nd. Jb. I, 
18, 27) Webstuhl. Hierher stelle ich auch flöyt f., flöytn (< afrz. 
flaute) Pfeife, pfeifen. 

Anm. 1. Die ohigen Formen sind die im grössten Teil der Pri gebräuch- 
lichen. In der nordwestlichen Ecke, zu der auch Boberow gehört, sind, abgesehen 
von dröydrij döydn entlabialisierte Formen im Gebrauch: zik frkidriy strkidn, 
strMdls, hkiy tki, v^ftM, flMt, fliitn s. § 7, 1 a u. b. Diese entlabilisierten 
Formen finden sich wieder im Kreise Jerichow, Krause, Nd. Jb. 21, 63; 22, 6; 
27, 28; 25, 38. Für frUr Freude wird von der jüngeren Generation unter hd. 
Einfluss meistens fröyr gesagt. 

Anm. 2. Schon zu mhd. Zeit ist aus dem Hd. entlehnt slöyf (mnd. 
sloife und sleife) Schleife; in der Gegend von Vorsfelde heisst das eine Auge 
der Schleife noch jetzt slßpe. Auch slei-a. Schleier erscheint aus dem Hd. ent- 
lehnt; die nd. Form würde vermutlich slöy-i lauten, vgl. mnl. slöie Schleier. — 
l^v m. Löwe stammt sicher aus dem Hd. Die echte nd. Form (vgl. mnd. löuwe, 
mnl. leuwe) scheint mir vorzuliegen im Eigennamen Löy und in Löydn-gö^rn 
Leuengarten, Name eines Gehöftes am Eudowersee bei Lenzen. 

§ 99. o verkürzt > ö, z. B. höxt f. (as. *höhida) Höhe, s. § 236. 



117 



As. mnd. u. 

§ 100. As. ü > ü (vgl. § 17, 3), z. B. füst Faust; knüst m. 
(mnd. knüst) Brotecke; da t Ableitungssuffix ist (vgl. hd. Knaus und 
Kluge, Wb. unter ;,Knorre*'), so könnte hierher gehören fd-knüzn 
ertragen, eigentlich mit dem harten Brote fertig werden, es verbeissen; 
püst m., püstn Atem; blasen, hauchen, schnauben, in der Glückstadter 
Ma. püsn; püst-baky Pausbacken; nü nun, jetzt; krüt n. Kraut, Un- 
kraut; hüt i. Haut; lüt (sls, klüt) laut; brüt L (as. brüd Gsittin) Braut; 
snüt f. Schnauze; rüt f. (mnd. t-üte) Viereck, in Meckl. auch Fenster- 
scheibe {Fri stv); üt Adv. Prp. aus; bütn (as. bütan ausser) draussen; 
buk m. Bauch; strük m. Staude, z. B. köl-strük; krük Krug, Kruke; 
Ulk f. (mnd. lüke, zu as. lükan verschliessen) türähnlicher Verschluss 
(der horizontalen Kelleröffnung oder im Giebel); hük f., hüky (mnd. 
hüken) Hocke, hocken; nip Raupe; ftiüs Maus, Muskelballen des 
Daumens; lüs Laus; hüs Haus; krüs Kraus; fül faul; mül n. (mnd. 
mül m. und müle f.) Maul; bül f. (as. büla) Beule, Dalle (im Hut); 
kül f. Grube; ül f. (mnd. üle < as. üwila) Eule; rüm Raum; äüm 
Schaum; kam Adv. kaum; tun Zaun; dün f. (mnd. düne < an. dünn) 
Daune; dün (mnd. dün geschwollen, dick, voll, betrunken) betrunken, 
dün-ful bis oben voll; strüf (as. strüf) uneben, struppig; stuf (tnnd. 
düfj vgl. an. stüfr Stumpf) stumpf ab, glatt ab; dmf m. (mnd. drüf f. 
Traube) Traub, z. B. ämf-apln Traubäpfel; drüv f. (vgl. as. thrüho 
schw. m.) Traube; düv Taube; hüv Haube; krüpm kriechen, und so 
die st. Ztw. 11,2 (§ 3G9); klütn m. Erdscholle; dum Daumen; stütn 
m. (mnd. stüte) Weissbrot aus dem feinsten Roggenmehl; hüpm Haufen; 
Suhl (mnd. schulen verborgen sein, vgl. afries. skül Versteck) ver- 
stohlen an der Seite stehen, lauernd umherschleichen; hüln heulen; 
[min mit den Zähnen und Nägeln klauben; tüln zerren (in der älteren 
Sprache nicht belegt; gehört es zu tül links, als Anruf für Pferde, 
also eigentlich ;,nach links zerren^, oder zu der Wz. von zausen, die 
dann als tu-, nicht mit Kluge, Wb. als tus- anzusetzen wäre?); jüxn 
juchzen, jauchzen; drüzn leise schlafen (vgl. ags. dmsan langsam sein, 
trauern); glüpm (mnd. glüpen, vgl. afries. glüpa) lauernd, drohend 
ansehen, glüpä (mnd. glüpesch) heimtückisch, rücksichtslos; tütn auf 
dem Hörn blasen; mzix (vgl. mnd. rüsen toben) rauh (vom Wetter); 
h%s f. (vgl. ags. brysan quetschen und mhd. brüsche Beule) An- 
schwellung, Beule infolge von Schlag, Druck u. s. f.; prüsn (vgl. mnd. 
prusten, westpreuss. prusn) niesen; bmsyi begehren (von der Sau); 
(läl-stüky niederstauchen (vgl. mnd. stüke Baumstumpf und as. stükan 
stossen); plüstrix (mnd. plüsterich) zerzaust (vom Haar, von Federn), 
zik upplüstdn die Federn spreizen (von Hühnern); sütä7i (umgestellt 
aus tüsn?) Gegenstände austauschen, bes. bei Kindern; rüx (mnd. rü, 
rüch) rauh. Ebenso vor r, z. B. büd m. (as. bür) Bauer; äüd f. (as. 
^kür m. Wetter) 1. Regenschauer, 2. Wetterdach, Wagenschauer; 
znä sauer; stüd (mnd. stür steif, strenge) aufrecht und adrett; lüdn 
lauern; küdn kränklich, bettlägerig sein (vgl. anord. küra untätig 



118 

sein, me. couren, ne. cower); hüdky n. (mnd. hür n. Gehäuse) Vogel- 
bauer; düän, bedüän (as. dürlik kostbar) dauern (Mitleid empfinden 
und erregen), bedauern; düän (< lat. dürare) dauern, währen, gedüä f. 
Ausdauer, Geduld; müä f. (as. mürj müra < lat. mürus) Mauer. — 
jjlmn f. (< mlat. *plüma < *prüma < prüna < lat. prümim, vgl. 
Meyer-Lübke, Rom. Gram. I, 77); lün f. (< lat. lüna) Laune; värälüns 
launisch wie das Wetter; kaldün f. (< mlat. caldüna) Eingeweide; 
düs m. (mnd. düs < afrz. dous 2) Ass. 

Anm. Ans dem Hochdeutschen stammen zoubSi sauber; xou San 
(Schimpfwort, sonst x^(f, § 192); douxent 1000 verdankt wenigstens sein ou 
dem Hd., vgl. Maurmann § 70 (Meckl. sagt noch düzent). In einer früheren 
Zeit sind entlehnt trükn (mnd. trüren < mhd. irnren) trauern, und g^-üs ( < mhd. 
grvLS Korn) Grus. 

§ 101. ü vor unbetontem Vokal > oii, z. B. frou (as. fnia) 
Frau, § 243 b; ü verkürzt zu u, z. B. fuxt feucht, § 237. 

Mnd. Ü, i-Umlaut von ü. 

§ 102. Mnd. ü > ü, z. B. ßst Fäuste; müs Mäuse; hüzd 
Häuser; t^n zäunen; Mkä dreibeiniger Melkstuhl (zu hük § 100); 
kl^tn (mnd. kitten mit Erdschollen werfen) werfen; kl\lt7i Klösse; 
l^rn (as. hlüdian ertönen lassen) läuten; rflm räumen; hr^rn (mnd. 
brMen) foppen, vgl. Braune, Niederd. Scherzgedichte von Lauremberg, 
Halle 1879, S. 89; d^ßä Täuberich; hüpm hüpfen; slGitä Schliesser, 
auch Eigenn.; z^vdn säubern; zik strUm sich sträuben; zlXm säumen; 
kyl f. (mnd. k^le) Keule, die nicht umgelautete Form findet sich in 
huvl-kül Blütenkolben mit Stengel von Typha latifolia; syn f. Scheune; 
ktt n. (vgl. mnd. kM Eingeweide) Eiter, dazu ünäkMix faul, misslich; 
h^dl Beutel; h^ky in heisser Lauge einweichen; d^ikän (mnd. d^ken) 
tauchen trans.; hpi in hyn-graf (mnd. Mfie Riese) Hühnengrab; 
k^zl m. (mnd. kdsel Kreis) Wirbel, Wirbel auf dem Kopfe; zik khzln 
sich wirbelnd im Kreise drehen; düslix (mnd. d^sich betäubt, vgl. nl. 
duizigj duizelix) schwindlich, betäubt; dazu wohl d^zn hinreichen, z. B. 
dät rfüs^ das reicht aus, ursprünglich etwa von einem Schlage, der 
ausreichte betäubt zu machen; ghst (mnd. g^st) unfruchtbar, bes. von 
der Kuh; trfxdl m., in manchen Dörfern frVizl^ vom Stamme abgesägte 
Holzscheibe, zu einem beliebten Kampfspiel auf der Dorfstrasse be- 
nutzt; kMs-kalf n. (Danneil: kütz junge Kuh) weibliches Kalb; tM f. 
Düte; krVits n. (as. krüci < roman. cröce < lat. crücem § 94 Anm. 3). 
Ebenso vor r, z. B. §Mn (mnd. schüren) scheuern; zilalix säuerlich; 
z^dliyk m. Sauerampfer; Aflrfn (mnd. hüren) mieten, pachten (jetzt 
ausgestorben). 

Anm. 1. Auch Vlt^ n. Euter gehört wohl hierher, nach der as. Form 
üder, mnd. ^der zu schliessen. Immerhin wäre denkbar, dass Ü auf iu (§ 104) 
beruhte : neben as. üder setzt Wadstein im Gloss. iodar (für das handschr. gede7') 
an, vgl. mnd. jeder. Auch bei prü7i f. Weissdornstachel, zum Zumachen von 
Wurstdärmen, pr^n Därme zustecken, schlecht nähen oder stopfen, dummes Zeug 



119 

reden (mnd. jyriSinen schlecht zusammennähen) ist zweifelhaft, ob Umlaut von ü 
oder iti zu Grunde liegt. Auf alle Fälle gehört das Wort zu ags. preon Pfriem, 
Nadel, ne. jrt'een Kardenausstecher. 

Anm. 2. Aus dem Hd. stammt geböyr f. Gebäude. 

§ 103. Zur Diphthongierung von mnd. -iide' > -üje- > -öyd-, 
z. B. mnd. IMen > lüien > löyen läuten in einem Teile der Pri vgl. 
§ 246; Verkürzung von ü > ü, bes. in synkopierten Verbalformen, 
z. B. h'üpstj kmpt kriechst, kriecht, § 238. 

As. iu (= germ. eu)^ mnd. ü. 

§ 104. As. iu ist (wie der i-Umlaut von ü § 102) > Ü geworden, 
z. B. dVits deutsch; d^rn deuten; d^tlix deutlich; düsdä (as. thiustri) 
düster ; IVlv Leute ; dlXp f. (as. diupi) tiefste Stelle im Boberower See ; 
znk Seuche ; t^x n. (mnd. t^ch Gerät) Zeug ; tüg m. (mnd. t^ye) Zeuge ; 
tVi-y zeugen, Zeugnis ablegen ; zik t^-y sich leisten ; nMix (mnd. nütlik 
angenehm, vgl. as. niud m. Verlangen, niiidllko sorgfältig) niedlich; 
d\Xvl m. (as. diiibil) Teufel; kXiky m. Küchlein; fätMän verwirren, in 
Verwirrung geraten (von Garn, Leinen, beim Sprechen) gehört zu 
t^ider (mnd. tfider und täddet\ vgl. an. tjöä7% das in der Pri ausgestorben 
ist, in Meckl.; Holst, u. s. w. noch lebt und Strick oder Kette mit 
Pflock zum Festmachen des Viehs auf Weideplätzen bedeutet). — 
Hierher ist auch wohl zu stellen k^m wählerisch im Essen (as. *kiu-mi 
zu kiosan wählen? — kteme in Kreis Jericho w I (Krause, Ndd. Jb. 
25, 39) weist auf eine Form mit as. io) ; sonst könnte man noch an 
ags. cyme zierlich und an as. kümian beklagen denken (s. Kluge, 
unt. kaum). 

Ebenso vor r, z. B. dM (as. diiiri) teuer ; stM Steuer, Abgabe ; 
stMn steuern ; abstellen ; /üd (as. ßiir) Feuer. 

Anm. 1. Ursprünglicher Wechsel zwischen as. io > ei (§ 107) nnd 
iu > Vl ist zn Gunsten von ei entschieden in leiv Liehe (as. liuhhi), nach leif 
(as. liof) lieh, lei-m lieben; dei Nora. Sg. f. (as. ihiu) die; in der 1. Pers. Sg. 
Präs. der st. Ztw. II, z. B. heir, fleit (as. hiudUy fliutu) biete, fliesse. In der 
2. nnd 3. Pers ist das alte Ü in der Verkürzung ü erhalten, z. B. hülst, hüt 
bietest, bietet; die Verkürzung muss schon eingetreten sein, bevor ei aus der 
Mz. in die 1. Pers. Sg. drang. 

Anm. 2. Das öy in döuvl (neben cZürZ) muss durch Einfluss des hd. 
Teufel erklärt werden, vgl. douxent § 100, Anm. Aus dem hd. liederlich 
stammt lldrix (vgl. ags. lythre schlecht). 

§ 105. euu < eww > öy, z. B. tröy f. (as. treuwa) Treue; tröy 
(as. tritiwi) treu; zöygl m. (as. siida^ mnd. süwele, vgl. as. siiiwian, 
mnd. süwen nähen) Schusterahle; klöydyi, klöy-y n. (as. kleuivin) Garn- 
knäuel; röydn unpers. (as. hrimvon bekümmert sein) reuen. Auch 
ö'^^yöl Gespensterfurcht, zik gröygln sich gruseln gehört hierher^ 
wenn man eine Wz. griu- statt gm ansetzen darf. 

§ 106. Ü < iu verkürzt > ü^ z. B. lüxtn (as. liuhtian) leuchten, 
blitzen (§ 239). 



120 



As. io (== westgerm. eo), mnd. e, 

§ 107. As. io > ei; im monophth. Gebiet > e (§ 7, 1 a), z. B. 
deif Dieb; leif lieb; deip tief; mw m. Riemen; leit n. (mnd. /e^) Lied; 
dein dienen; deinst Dienst, Mz. deinstn Gesinde; greim (mnd. greve) 
Grieben (ausgelassene Schweinefettwürfel) ; fieirä Flieder ; streim 
Strieme, Streifen in der Haut; veirn (as. wiodon) Unkraut jäten; 
hei% f. (mnd. hese) Binse; heist-melk erste Milch der Kuh nach dem 
Kalben; heirn (as. biodan) bieten, und so alle st. Ztw. II, 1 (vgl. § 104, 
Anm. 1 und § 369); leisch Schilfblätter der Typha, Iris u. s. f. Ebenso 
io < ew in knei (as. knio) und io < ehu, ihu, z. B. fei (as. fehti^ fio) 
Vieh, zei (as. sihu) sehe (vgl. § 245). 

Anm. 1. Meckl. tein (as. tiohany Hon, tian) ziehen ist in der Pri durch 
treky verdrängt; auch meckl. reitstok Eohrstock, dessen erster Bestandteil wohl 
hriod Schilfrohr ist, ist in der Pri unhekannt. 

Anm. 2. As. seo < *sew See, sneo < *snew Schnee (Holthausen, As. El. 
§ 108) hätten xeiy snei ergehen müssen. Die wirklichen Formen xe und sne 
verdanken ihr e den ohliquen Casus, in denen e vor w erhalten hlieh. Nicht zu 
erklären vermag ich kezn (mnd. kesenj keisen) heim Spiel den aaslosen, der an- 
fängt, ausküren. As. kiosan hätte keixn ergehen müssen. Vgl. § 370. 

Anm. 3. Über öy für ei im Präteritum von früher reduplizierenden Zeit- 
wörtern, wie roupm rufen, stotn stossen, löpm laufen vgl. § 383, 385. 

Anm. 4. Über e für ei in ge-sen (as. *giskehan, mnd. gesehen, geschein) 
vgl. § 37-7 Anm. 1. Hochdeutsch sind auch wi (statt *neiy s. as. neo, nio) nie 
und gris (vgl. as. griot, mnd. gret Sand) Gries. 

Anm. 5. As. io und as. e (ie) aus germ. e^ haben also dieselbe Ent- 
wicklung gehabt, s. § 79. 

§ 108. In eo, io (< eo, s. Holthausen, As. El. § 108) je, immer 
ist durch Akzentverrückung i > j geworden, nach der häufigen 
Schreibung gio zu urteilen wohl schon im Altsächsischen. Auf as. 
gio, mnd. jö führe ich zurück jö ja Adv., (s. Grimms Wb. unter j a 11, 
bes. 2, 6, 7) in Sätzen wie kum dox jö komm doch ja, max jö, jö 
nix zein ^"v^arum nicht gar^ u. s. f. Die Bejahungspartikel (Grimms 
Wb. unter ja I) heisst Ja < as. ja (nach § 71). Sonst ist io durch 
Akzentverschiebung über ie > je oder j geworden, z. B. in jetfd, 
jetfä-en , jeder', das ich mit mhd. ietweder vergleichen möchte; jixtns 
(as. eomht, mnd. jicht) irgend (zeitlich), z. B. ven ik jixtns kan, wenn 
ich irgend kann, sobald ich nur kann. Im as. iemer ist die Akzent- 
versetzung unterblieben; es ist über imer > iimä geworden (§ 277, d). 

Anm. yerä jeder könnte wohl auf as. iehwethar, mnd. ie-weder organisch 
zurückgehen. Es scheint mir aber hd. zu sein, wie schon Lübben, Mnd. Gramm. 
S. 117 die seltenen mnd. Formen ider, ieder für hd. hält. 

§ 109. io + r > e, z. B. dedn (as. thiornd) Mädchen (§ 261); 
io vor Doppelkonsonanz verkürzt > i, z. B. lixt (as. Höht) Licht 
(§ 240). 

Über i-a, i-e > ei, äi s. Diphthongierungen § 245. 



121 



B. Die Vokale in nebentonigen und unbetonten Silben. 

I. In Vorsilben. 

§ 110. 1) As. for-, far-, fer- = mnd. ver-, vor- > fä-, individuell 
nacb /o- herüberklingend, z. B. fädäim verderben; fägäm vergeben; 
fälätn verlassen. 

Anm. 1. Der hd. Vorsilbe er- entspricht nicht selten fl,-, z. B. in fUeln 
erzählen; fkküln erkälten; fix^jm, ersäufen; fSiZüpm ertrinken und vertrinken; 
/ä^öän erzürnen; die Vorsilbe er- ist in unserer Mundart überhaupt nicht heimisch. 

Anm. 2. Alte Synkope liegt vor in fr^tii fressen, schon as. fr'etan, 

2) As. gi' (ge-) > ge, ist besonders häufig bei Hauptwörtern, 
z. B. gezel Gesell; geföä Gefahr; gedüä f. Ausdauer, Geduld; geläxtä 
Gelächter; geärixt n. Geschrei, und noch jetzt lebendig zur Bildung 
von sächlichen Verbalsubstantiven mit iterativer Bedeutung, meist in 
tadelndem Sinne, z. B. dät gebak die Backerei, dät gebou die Bauerei, 
dät gestän die Stöhnerei, dät gehoust das Gehuste u. s. f. In Eigen- 
schaftswörtern, z. B. gevis gewiss, gevöä gewahr, gemein leutselig, 
und in Zeitwörtern, z B. gerärn geraten, ist es etwas seltener. 

« 

Anm. 1. Synkope des e ist eingetreten in günn (as. gi-unnan, mnd. 
gunnen) gönnen; gnär f. (as. ginktha) Gnade; gMn (neben ^in) gegessen, 
besonders in upgl.tn aufgegessen. In grär (mnd. gerade, grade rasch, sofort) 
gerade, glöv m. (as. gilöbho, aber mnd. löve Glaube), glö-m glauben (s. Anm. 2), 
gleit Glied (s. Anm. 2), ghk gleich (s. Anm. 2), glük n. (mnd. lücke Schicksal, 
Glück, im Fries, noch jetzt lük, s. ten Doornkaat Eoolman) scheint mir g unter 
hd. Einflnss angetreten zu sein. 

Anm. 2. Vielfach weist unsere Ma. gegenüber dem Hd. unpräfigierte 
Formen auf, z. B. noux (as. gi-nög) genug; löys f. (mnd. leese vgl. § 277, e) 
Geleise; bit n. Gebiss (der Pferde); /5-w neben glo-m (as. gilobhian, mnd. 
Uwen) glauben; let n. in fink-let (as. lidh, s. § 197) Glied; vis, z. B. in vis 
un vol, neben gevis, s. Anm. 3 (as. wis(s), Adv giwisso) gewiss, fest; an-venn, 
af-venn angewöhnen, abgewöhnen; vinn gewinnen; hb§Ln gehören, geziemen; 
smn (vgl. as. swidh stark) geschwind; vö^ neben gevök gewahr. „Gleich* 
heisst jetzt immer ghk, aber noch Gedike kennt lyk (mnd. hk)y und dieses lik 
hat sich erhalten in ükks Adv. gleichwohl und likiou, von einem, der drauf 
los schlägt, gleichviel wohin. 

Anm. 3. Noch öfter als g- wird ge- unter hochdeutschem Einflnss 
an ursprünglich unpräfigierte Formen oder an Formen, die im Mnd. ge- verloren 
hatten (vgl. Behaghel, Pauls Gr. I, 713) getreten sein. Doch lässt sich der 
Sachverhalt nicht immer klar feststellen. Sicher hd. sind gevo-n gewöhnen, das 
das Simplex venn (Anm. 2) ganz verdrängt hat, und gevalt Gewalt (§ 273). 
Der Entlehnung aus dem Hd oder doch der Beeinflussung durch das Hd. sind 
verdächtig Formen wie: gedult (mnd. dult und gedult\ gesunt (mnd. sunt und 
gesunt)y gestaiak (mnd. stank), gestel n. (mnd. stelle m), gexixt (mnd. sichte 
und gesichte, letzteres = Sehvermögen, Anblick), geslext (mnd. siechte) Geschlecht, 
gerixt (mnd. richte und gerichte) Gericht; genou (mnd. nouwe eng) genau, 
gevinn (neben vinn Anm. 2), gevök gewahr, neben seltnerem vöa, (Anm. 2), 
geneitn (noch Gedike schreibt neten) gemessen. 



122 

Das Partiz. Praet. aller Verben wird auf dem ganzen Gebiet 
ohne die Vorsilbe ge- gebildet, also vusn gewachsen, §ätn geschossen, 
zäxt gesagt, hröxt gebracht. Im As. fehlt gi- nur bei einigen Zeit- 
wörtern, z. B. fundan gefunden, wordan geworden, s. Holthausen, As. 
El. § 421. Im Mnd. erscheint ge- nirgends als notwendig, s. Lübben 
§ 64, Nerger § 86, 6; in den mbr. Urkunden überwiegen jedoch die 
Partizipien mit ge-. In einigen Fällen hat sich ge- bis auf den 
heutigen Tag erhalten: 1) bei bestimmten Partizipien in adjekti- 
vischer Verwendung, z. B. dät is nix gezäxt das ist nicht gesagt, 
d. h. ausgemacht; hd is ungeheitn Mm er ist ungeheissen, d. h. un- 
aufgefordert gekommen; /lei krixt ümä zln genant ihm wird immer 
eine bestimmte Summe Geldes, eine bestimmte Menge Essen zugewiesen; 
vgl. getaxt gestaltet, gepakt stämmig; 2) nach kärn kommen, meist 
in Verbindung mit an, z. B. in Wendungen wie da kiimtä angelöpm 
da kommt er gelaufen; 3) in Verbindung mit toxi (zu) in imperati- 
vischem Sinne, z. B. man ümä tougelöpm, tougemät nur immer zu 
gelaufen! zu gemäht! vgl. upgepast aufgepasst! Als g- ist ge- er- 
halten in gätn (neben ätn) gegessen (s. o. Anm. 2). 

3) As. bi- > be-, z. B. bezöyky besuchen, begnpm begreifen, 
bedreiy betrügen. 

Anm. 1. In mmeckl. nnd mbr. Urkunden, überhaupt östlich der Elbe, 
findet sich statt he häufig ho geschrieben, das als hö oder hü zu lesen ist, 
s. Graupe S. 25, Nerger S. 19, Lübben S. 23, Tümpel, Nd. Stud. S. 66 f. 

Anm. 2. Synkopiert ist e vor Vokal in hütn (schon as httan neben 
hi-ütan ausser, draussen = ütanfa)) draussen; feä-7/i (as. hi-ohhan oben darauf, 
Hei. 4076) oben; bifin innerhalb (räuml. und zeitl.); haid bange, heuB den Leib 
zusammendrücken, hixt Beichte (§ 232); vor Kons, in hli-ni (as. hi-Uhhan) bleiben. 

Anm. 3. hedrux m. (mnd. droch) ist halb hd. 

4) Für das as. Präfix te- ist wie für die Präpos. te das Adv. 
tou (as. tö) getreten (schon im As. konnte tö auch Präpos. sein, auch 
zur näheren Bestimmung hinter Verben treten), z. B. toiizam (as. 
tesamna) zusammen, toujäy zugegen, entgegen (as. tegegnes). 

In einigen Ausdrücken hat sich jedoch te durch Synkopierung 
als t- erhalten: ten (dät hüs) am Ende, d. h. am Giebelende des 
Hauses (mnd. tefides); trüx (mnd. to rägge) zurück, trüx-nöäs rück- 
wärts; trext {< te rechte) zurecht, däl < as. te dale s. § 111. 

Anm. Ein dem as. te- = hd. zer- entsprechendes Präfix hat unsere 
Mundart nicht; sie gebraucht dafür inkot, intwdd entzwei, z. B. intwki-ritn 
zerreissen. 

5) Die Vorsilbe im- ist abgefallen in hanix sehr, z. B. banix 
rik sehr reich, < tmbandich (so noch ostfriesisch, s. ten Doornkaat 
Koolman und vgl. Hoefer, Germania 14, 204; 23, 6. im ist angetreten 
in imKvl übel. 

o 

§ 111. Das Adv. her hat betont regelrecht hed ergeben. Un- 
betont in Zusammensetzung mit Präpositionaladverbien ist aber von 
her nur r übrig geblieben in rup herauf, raf herab, herunter, ran 



123 

heran, rin herein, rüt heraus, rüm herum, rSivä herüber. Für SPri 
tritt noch hinzu: rund herunter. 

Durch rhvä veranlasst, hört man vielfach auch ravä, rupä, rinä, 
i-ütä, durch umgekehrte Angleichung aber run für rund. 

Anm. Hoefer vermutet Germania 14, 208 sicherlich mit Unrecht, die 
Formen rat;a, rupk n. s. f. erklärten sich, indem an raf, rup u. s. f. das vorne 
z. T. abgefallene her hinten wieder herangetreten sei. — Mit hen < hin werden 
keine Präpositionaladverbien gebildet. 

Vielfach gehen tonlos gewordene Präpositionen auch ganz ver- 
loren: vex Adv. weg, fort (vgl. hd. weg < mhd. enwec, ne. awai/ < 
ags. onweg)\ däl nieder, herunter, herab (schon ags. te dale „zu Tal ^ 
heisst hinab; vgl. ne. down < me. a-down < ae. of düne und für die 
Bedeutungsentwicklung afranz. nfranz. ai^al nach unten, stromabwärts 
< lat. ad valletn). Das Hauptwort ist nur noch enthalten in Orts- 
namen wie Gousdäl Gosedahl. 

Für intwdi, inkot entzwei hört man auch twdi, koL 
§ 112. In Fremdwörtern, besonders in ausländischen Vornamen, 
ist die Anfangssilbe wegen Tonlosigkeit oft unterdrückt worden: hd. 
kartoffel > tüfl^ tüvl (Meckl. : kdtilvl) ; frz. pantouße > tüfl, tüvl (so 
schon Daniel von Soest und Lauremberg), frz. appartement > potämayk 
Abtritt; Katharina > Trtn\ Soflke{n) > Flk^ Flky, Friederike, 
Ulrike > Bikl, Wilhehnine > Mind, vgl. Teis Personenname < 
Matthias (§ 245). 

Anm. 1. Alle diese Vornamen beginnen zu veralten oder werden durch 
die entsprechenden hd Namen verdrängt, z. B. Fik durch Tsafl Sophie. 
Hindenberg verzeichnet noch die jetzt ganz verschollenen Vornamen Fei < 
Sophie (§ 243, a), Neschen < Agnese, Leis < EHas, Gust < August (jetzt 
Otigusty mit dem Ton auf der ersten Silbe. In Meckl. dagegen sind Namen wie 
Gust, Orch (< Georg) j Vischen < Lowlseken < Louise noch allgemein gebräuchlich. 

Anm. 2. Es sind also, anders als im Oberdeutschen, diese Namen nicht 
nach germanischer Weise auf der ersten Silbe betont worden. Vgl. über diesen 
Unterschied in der ndd. and oberd. Betonung Mackel, Lyons Zs. 1894, 186 ff. 

§ 113. In einer anderen Reihe von Fremdwörtern, vor allen 
solchen, bei denen die betonte Silbe mit r oder l anfing, ist der 
Vokal der (unbetonten) ersten Silbe synkopiert worden (vgl. § 115, 4), 
z. B. a in krüts < karütsch Karausche, prät < parät < lat. parätus 
bereit, kldnd, kldndn < Kalender, im Kalender nachsehen, lesen ; vgl. 
drüm neben dem betonten döariim < darum darum; — e in prQ^• 
(< frz. perruque), vgl. Jürn < Georg und f&nä < frz. venin < lat. 
venemim) giftig, tückisch; — o in krintn < frz. (raisin) corinthe 
Korinthen, vgl. krön < coröna, plitä, politä pfiffig, klug < politisch; 
— w in kra.i Kraft (nicht Mut) < frz. courage; klod (neben kalod) 
< frz. couleur, krant neben kurant < courant, z. B. in twe gröän krallt 
(Kourantgelt), jetzt veraltet. Der Vorname Liä geht wohl auf Liseke 
für Liäseke zurück; Meckl. sagt Vl§n < Loiviseken. 

In noch anderen Fremdwörtern erscheinen die Vokale der un- 
betonten ersten Silbe zu ö, w, u oder a geschwächt, z. B. zöldät 



124 

Soldat, zülät Salat, Mürth (älter Miiräi § 243, jünger Marl) Marie, 
kuntöä < frz. comptoir^ buri < frz. por^e, dessen erste Silbe zunächst 
unbetont gewesen sein wird, sase Chaussee, patäön Portion^ kamedi 
Theater < frz. comedie^ kamör Kommode; bequem < frz. com?node; 
akäön < Auktion. 

II. Die Vokale der Mittelsilben. 

Vorbemerkung: Es werden hier nur ursprünglich dreisilbige 
Wörter und Formen behandelt. Nomina, die erst in den obliquen 
Casus dreisilbig werden, sollen zur Vermeidung von Wiederholungen 
erst im Kapitel von der Dehnung kurzer Vokale in offener Silbe, der 
sog. „Tondehnung*' (s. §§ 183 ff.) zur Sprache kommen. 

a. Mittelvokal -f- /, m, n, r, 

§ 114. 1. Bei den Nominibus auf mnd. -ele, -ene, -ere ist der 
Mittelvokal erhalten, -ele ist > el > L -ene > en > n, m, -ere > er 
> ä geworden. Demnach müsste nach § 183 der kurze Vokal in 
offener Silbe gedehnt worden sein. Das ist auch in einer Reihe von 
Wörtern geschehen (Gruppe a). In einer anderen Gruppe (gr. ß) ist 
der Stammvokal aber kurz geblieben. Wahrscheinlich ist im Nomin. 
Sing, das End-6 hinter / und r verstummt, bevor der Mittelvokal 
ausfiel, in den Casus auf -en^ -es aber der Mittel vokal geschwunden, 
und zwar vor der Tondehnung. Die Wörter mit gelängtem Vokal 
würden sich dann aus der apokopierten Form des Nom. Sing., die 
Wörter mit kurz gebliebenem Vokal aus den synkopierten Formen 
der casus obliqui erklären, häkl also aus hekel{e)^ netl aus neuen. 

Gruppe a) häkl f. (mnd. hekele) Hechel; k-zl f. (mnd. osele) 
glimmende Lichtschnuppe; ädl (mnd. addele^ adel{e)^ vgl. ags. adela) 
Jauche; hävä m. (as. habharo) Hafer; lävä f. (vgl. ahd. lebard) Leber; 
kämä f. (as. kamara < lat. camera^ mbr. kamere^ kamer) Kammer ; 
bätä (as. betera) besser. 

Gruppe fi) netl m. (mnd. netele^ nettle, vgl. ags. netele; in Zss. 
net{e)lenblat) Nessel; äöpm (as. skepino) Schöffe; gaß f. (mnd. gaffele^ 
vgl. as. gajlia im Oxf. Gloss.) grosse hölzerne, zweizinkige Gabel zum 
Umwenden des Strohs beim Dreschen ; färä f. (as. fethera, mnd. veder(e), 
PI. vedderen) Feder; hdrdk m. (mnd. hederik < lat. hederacea) Hederich; 
ma^ln (mnd. masseien, fnaslen) Masern (wird verdrängt durch das hd. 
mäzän Masern); edl (as. ethili, edel) in edhnan Edelmann; toiizam 
(as. tesatnna zu samen) zusammen (Meckl. hat touzäm), 

Anm. 1. Zu a) gehören noch Wörter wie rät? Rabe; kar Kette; 
zu ß) Wörter wie el Elle ; m,öl Mühle. In diesen Wörtern ist aus dem w-Nominativ, 
der als Plnr. missverstanden wnrde, nach dem Schema eikr) — eik ein neuer 
Nom. Sing, ohne n gebildet worden, vgl. § 337. 

Anm. 2. Schwer zu erklären ist der Vokal in den beiden Lehnwörtern 
bodk f. Butter und södl f. Schüssel. Zu Grunde liegen lat. butyrum oder 
buiyra > as. butura (mbr. botter, vgl. afries. butera, ags. butere) und lat. 



125 

scutella > as. *scutila (Lampr. Glos, scutala). Ohne Tondehnung wäre budli 
südl zu erwarten gewesen, mit Toudehnung fta/ä, sKdl (vgl. westf. bu9t^j 
sxydtl, Holthausen, Soester Ma. §§ 65, 66). Es wäre möglich, dass mnd. Formen 
schotel, böter nachträglich verkürzt worden wären, s. § 241; es wäre auch 
möglich, dass die Vokale o, ö aus den Casus mit regelrecht gedehntem Vokal, 
die Kürze aus den Casus mit regelrecht ungedehntem Vokal stammten, so dass 
Kompromissformen vorlägen wie hei s^net Schmied, s. § 197, 2; drittens aber 
könnte man bei diesen beiden Wörtem, die in der „Holländerei" eine so grosse 
Eolle spielen, an frühzeitige, direkte Beeinflussung durch die holländischen 
Formen boter, schotel denken. 

2) Die Bildungssilbe as. -ari, -eri der Nom. agentis ist über 
ere, er > ä, die Deminutivsilbe as. -ilo, 4la über ele, el > l geworden, 
der Mittelvokal ist also erhalten geblieben. Dementsprechend ist, 
wo es anging, Tondehnung eingetreten. Beispiele: jägd Jäger, l§rord 
Schröder, äepä Schäfer, bekä Tas. hakkeri, mnd. beckere) Bäcker; börgä 
Bürger; — rädl f. Kornrade; ruykl f. Runkel u. s. f. 

3) In den as. Ztwtn. auf -aron, -iron, -inon, -Hon ist ebenfalls 

der Mittelvokal erhalten geblieben. Dafür spricht die Tondehnung 

kurzer und die Nichtkürzung langer Vokale; dafür spricht auch, dass 

im Mnd. das Prät. und das Partip. Prät. stets lauten wunderde, 

gewundert wunderte, gewundert; rekende, gerekent rechnete, gerechnet; 

uandelde, gewandelt wandelte, gewandelt a) as. -aron, -iron > mnd. 

er(e)n > an z. B. vundn wundern; hinan hindern; äigän ärgern; 

änän (mnd. ander(e)n) ändern; bulän (mnd. bulderen) poltern; rokän 

räuchern; zVivän säubern; foiirän, fiirdn (§ 233) füttern; thgdn zögern; 

stämdn (as. stamaron) stottern; vätdn wässern d. h. grossziehen 

(Kälber); värdn wettern d. h. donnern; bätän (as. betiron) bessern 

u. a. ; — ß) as. -inon > mnd. -enen und -en > y (da immer ein 

Gaumenlaut vorangeht) z. B. rä-hj (mnd. rekenen und reken) rechnen; 

teiky (mnd. teketien und teken) zeichnen; rä-y (mnd. regenen und regen) 

regnen; zä-y (mnd. seg&nen und segen) segnen; bejä-y (mnd. begegenen, 

begegen) begegnen; — y) as. Hon > mnd. el(e)n > In, z. B. in-päkln 

(mnd. pekelen) einpökeln, kd-kln (mnd. kakelen) gackern. Hierher 

gehört die zahlreiche Gruppe der Iterativa mit kurzem Stammvokal, 

kurz, weil er sich vor Doppelkonsonanz befand; z. B. tümln taumeln; 

duzln (zu dhzix < as. ^dusig^ vgl. ags. dysig) schlafmützig sein; druzln 

(vgl. ags. drüsian, drüsan) schläfrig sein; kwazln Unsinn reden 

(wohl zu quedan sagen); zik kavln (Iter. zu mnd. kiven zanken, vgl. 

mhd. kibeln zanken; oder zu mnd. kävel Stück Holz zum Losen?); 

snüvln (zu snüven) schnüffeln; snavln unsauber essen, dummes Zeug 

reden (zu sndvl Schnabel); gravln (Iter. zu as. gri2)an greifen) grapsen; 

nuzln (in Ablaut zu Nase) langsam sein, eigentlich langsam durch 

die Nase sprechen; puzln kleine Arbeit verrichten; krivln jucken, 

stechen in den Finger- und Zehenspitzen, besonders vor Frost (im 

Ablaut zu krabbeln, da das Gefühl dem Ameisenlaufen gleicht). 

Anm. In Ableitungen von Wörtern auf mnd. -ely -er geht der Mittelvokal 
verloren, z. B. ri^vlix neblig; ädlix adlig; krivlix hitzig, bidrix aufbrausend u. s. f. 



126 

b. Mittelvokal +■ Kons, ausser l, m, n, r. 

§ 115. Der Mittelvokal wird synkopiert, und zwar meistens 
vor der Dehnung kurzer Vokale in offener Silbe (vgl. § 225). 

1) zülvä n. (as. siluhar) Silber; ^fs f. (as. *alisa, mnd. eise) 
Erle; brärm f. (mnd. hremese) Bremse; eVm (as. elleban) 11; twölv 
(as. üvelihiV\\xv,) 12; ämk und ämt f. (mnd. emeke \mA emete) Ameise; 
harn n. (as. hemi\>i) Hemd; frömtj Mz. frörh (as. fremipi) fremd, fremde; 
marks'bloum (< Marikefibloum Marienblümchen) gefüllte Gänse- 
blümchen; piystn m. (as. pinkoston) Pfingsten; das veraltete kärk f. 
(as. kirika) Kirche. Die Feminina auf i\>a, ida, die schon im As. 
oft Synkope zeigen (Holthausen, As. El. § 138, 5)" zeigen oft Ver- 
kürzung langer Vokale, z. B. höxt (as. *höhipa, mnd. hogede, höchte) 
Höhe; gröt (mnd. grötede, grötte) Grösse; vgl. auch kyl (mnd. külde) 
Kälte, fräir (mnd. vroide) Freude u. s. f. 

Anm. Tondehnung zeigen nur tr^tm f. (mnd. tremese) Kornblume, 
8. § 72 d. (Boberow sagt übrigens prämsj das ich mir nur aus *tr2ims < *tre7ns 
erklären kann); für kmk sagen Fom. und Meckl. ^mkj ebenso einzelne Dörfer 
der Pri an der meckl. Landesgrenze, z. B. Porep; der SPri ist eigen Ixt f. Egge 
(as. egitha, mnd. egede)^ wofür NPri ex sagt (s. § 7, 1 b). 

2) Im Superlativ, mag er as. mit -ist- oder -ost- gebildet sein, 
ist der Mittelvokal immer ausgefallen, z. B. dei zöytst der süsseste, 
dei fetst der fetteste, dei hoxst der höchste, dei flUixst der fleissigste, 
dei gröfst der gröbste. Für den Vokal ist der Positiv massgebend 
gewesen; nur bei grötst grösste ist Verkürzung eingetreten (s. § 236), 
und bei vit weiss ist dieser verkürzte Vokal vielleicht in den Positiv 
gedrungen (s. § 232, Anm.). 

3) In der Deminutivendung -iko, -ika > mnd. -eke ist der 
Mittelvokal verstummt, aber wohl erst in jüngerer Zeit; denn es ist 
Tondehnung eingetreten, und langer Vokal ist nicht gekürzt worden: 
swklk < swaleke Schwalbe ; ylk f. (nind. illeke) Iltis ; TUk (mnd. Tideke) 
Tietke; GMk Gädicke; Geäk Ger(i)cke; Vilk Wilke. In dem Orts- 
namen Ftä < Vieseke ist sk noch zu s geworden. — Auch in der 
Deminutivendung -iktn (vgl. as. skipikm Schiffchen) ist der Mittelvokal 
wohl verhältnismässig spät geschwunden. Hindenberg schreibt noch 
böliken Geschwisterkinder (jetzt böylken s. § 92) und lurike ein Getränk, 
was die gemeinen Leute aus Obst machen (jetzt lurk = dünner Kaffee). 
Das ist allerdings nicht beweisend; aber in gälgöys-ky Goldammer, 
wörtlich = Gelbgänselchen ist sk nicht mehr zu ä geworden, und in 
der Kindersprache, in der das Suffix noch schwach lebendig ist, sagt 
man neben äkpky ohne Bindevokal noch jetzt betwky Beinchen. 

4) Sehr deutlich ist das Gesetz vom Ausfall des Mittelvokals 
bei drei und mehrsilbigen Fremdwörtern erkennbar (vgl. § 113): 
aftU Appetit; afkät Advokat; aftek Apotheke; apslüt oder afsliit 
absolut; akrät akkurat; Adv. gerade; oftslä Offizier; miiskant Musikant; 
kaptäl Kapital; vgl. Dodt Dorothea. Oft sind ganze Mittelsilben 
ausgefallen: z. B. Fänant < Ferdinand, Kalln < Karoline, eksedn 



127 

exerzieren; Udrix < lid. liederlich; ontlich oder ollix < hd. ordentlich; 
(Hilrl Artillerie. 

5) In ähnlicher Weise sind in zusammengesetzten Erbwörtern 
die mnd. Mittelsilben -de- (die im Norden zu r, im Süden zu i hätte 
werden müssen, s. § 7, 2 a) und -ge- ausgefallen in: br&jäni (as. 
hrüdigumOy mnd. brMeg(tm)\ x'ävin f. (mnd. tvedewinde s. § 188) Acker- 
winde; häi-dan Besenstrauch, wörtlich Heidetannen (vgl. auch i^na? 
< Friderich); hästä f. (mnd. hegester § 177) Elster; häditä f. (mnd. 
egedisse s. § 177) Eidechse. 

§ 116. Einen unbetonten Mittelvokal hatte ursprünglich auch das 
Präteritum und das flektierte Part. Prät. einer grossen Anzahl schwacher 
Ztw. aufzuweisen. Dieser Mittelvokal ist jetzt in allen Gruppen, nach 
langer und nach kurzer Silbe, ausgefallen. Schon im As. hatten die 
langsilbigen der ^a-Klasse meistens, die der 3. Klasse, wozu aller- 
dings nur noch hebhian haben, seggian sagen und libbian leben gehören, 
immer den Bindevokal unterdrückt. Es hiessen also die Präterita in 
der 1. Klasse rekida erzählte, aber döpta taufte, in der 2. Klasse 
makodn^ in der dritten habda. Im Mnd. ist der Bindevokal noch 
häufig als e erhalten; sein Ausfall oder seine Erhaltung richtet sich 
aber im wesentlichen nach der Art des voraufgehenden Konsonanten : 
Ausfall findet statt besonders nach dj t, st, nach m, n, l, r und in 
den Endungen -eleu, -emen, -enen, -eren (§ 114 a 3). 

Es scheint, als ob sich in unserer Ma. das as. Verhältnis noch 
erkennen lasse. Wörter wie as. brennian brennen, fullian füllen haben 
im Präteritum und Partizip. Prät langes w und l (bräntn, fiiVtn 
brannten, füllten; bränt, füPt gebrannt, gefüllt), Wörter wie as. lohon 
loben Überlänge des Vokals (Ikvtn lobten, liwt gelobt), Wörter wie 
as. bedon beten in WPri r für d (§ 72 a). Alle diese Erscheinungen 
setzen den Ausfall eines e voraus und diese Synkope von e ist ein 
verhältnismässig jüngerer Vorgang (vgl. § 294; § 227; § 158, 
Anm. 1). 

Mir ist allerdings wahrscheinlicher, dass hier einfach das Präs. 
und der Infinitiv mit ihrem lautgesetzlichen liv, bär eingewirkt haben. 
So sind ja auch auf ik nor (zu as. nödian) ich nötige, ik höyr (zu as. 
hödian) ich hüte das r und die langen Vokale der jetzigen Präteriten 
und Partiz. Prät. zei nortn und nort, zei höyrtn und höyrt zurück- 
zuführen: sie hätten nach mnd. nödde, hödde nörn-nöt; hörn-höt heissen 
müssen; höt gehütet wird auch noch vielfach gesagt. Von Formen 
mit verkürztem Vokal, die den synkopierten Präteriten der as. Gruppe 
schw. Ib (s. o.) entsprechen würden, kommt eigentlich nur noch vor: 
köft (< as. köpta) kaufte, zu kopm < as. köpian\ alle übrigen sind 
durch Ausgleichung beseitigt. Dagegen sind Partizipia Prät. mit 
verkürztem Vokal, der alte Synkope beweist, etwas häufiger. Ich 
führe an: höt neben höyrt gehütet (mnd. äöY), föt (mnd. vöt) gefüttert, 
in upföt grossgezogen, sonst ftlrät, zu furän (§ 233, 234), bröt gebrütet 
zu bröyrn, blöt neben blourt geblutet, zu blourn, bot (Hei. gibuotid, 
Ess. Glos, giböt)^ zu böytn besprechen, anzünden; stöt (mnd. stöt) 



128 

gestossen zu stotn (§ 388); köft von kojmi (ferköft schon Ess. Glos.), 
und döft getauft, von dopm, wofür jetzt meistens schon dopt gesagt 
wird, wie es auch immer l&rt geläutet heisst. 

An ID. Die Synkope stammt ans der flektierten Form des Partizipinms; 
diese hätte im As. regelrecht Synkope zeigen müssen, doch ist sie hänfig dnrch 
Ausgleichung beseitigt. 



III. Die Vokale der Endsilben. 

a. in Flexionssilben. 

§ 117. End-^ ist auf dem ganzen Gebiete verloren gegangen, 
gleichgültig, ob es auf langem oder kurzem Vokal beruht, ob es 
Rest alter Stammbildung war (bei Ja-; i-; w-; n- Stämmen), ob es nach 
Hochton oder Tiefton stand. Nur beim Adjektivum finden sich noch 
einige spärliche Reste des alten e, und zwar 1) in der scheltenden 
Anrede, z. B. du ole grove hunt du alter grober Hund und 2) im 
Femin. Sing, der starken Deklination, z. B. zei izn flUige deän sie ist 
ein fleissiges Mädchen, hier besonders bei mehrsilbigen Adjektiven. 
(Vgl. § 340 Anm. 2 und § 341 Anm. 2) Es scheint, als ob das 
Flexions-^ unter hd. Einfluss neuerdings wieder mehr Boden gewinnt. 

Anm. 1. Schon zu Beginn des Mnd. waren alle langen Endsilhenvokale, 
also auch -iu und i, > e geworden. Diese e fallen seit Beginn des 16. Jh. 
öfter ab. Heutzutage ist bekanntlich das auslautende unbetonte e auf dem 
ganzen Hinterland der Nord- und Ostsee geschwunden. (Vgl. Bremer, l^eiträge 
zur Geographie der dtsch. Maa. bes. S. 78 ff.) An der Südgrenze der Pri setzt 
sofort das End-6 ein und bildet den auffälligsten Unterschied zwischen West- 
havelland und Pri.. Wann End-e in unserer Mundart verstummt ist, lässt sich 
nicht genau feststellen. Wohl aber gibt es wichtige Anhaltspunkte. Im all- 
gemeinen lässt sich sagen, dass es sich hier um einen Lautwandel handelt, der 
von Norden nach Süden vordringt (s. Bremer a a. 0). Da nun die Pri zum 
südlichsten Gebiete der e-Apokope gehört, so ist dieses Gebiet auch zuletzt 
davon ergriffen worden. Wirklich scheint zu Ende des 18. Jh. e noch gesprochen 
worden zu sein: sowohl Gedike als auch Hindenberg schreiben e. Bei Gedike 
findet sich u. a. oge Auge, hörne Bäume, lüde Leute, müse Mäuse, osse Ochse, 
Icorie Beerte kurze Beine; bei Hindenberg: huksche Kröte, kempe Eber, hede 
Heede, piermade Regenwurm, däle Diele, na sine mutier nach seiner Mutter, 
olle fi'VL alte Frau. Entscheidend sind diese Angaben trotz ihrer Übereinstimmung 
nicht: beide Männer können einfach ihr hochdeutsches e angefügt haben, so 
dass es rein orthographischer Natur wäre (s. Bremer a. a. 0. S. 84). Halb- 
hochdeutsch ist doch auch, wenn Hindenberg schreibt: Det is een dummer 
Schnah für dummen Snak) oder Wesen sie so guih; oder höpper, fiäster, 
denn End-r war am Ende des 18. Jh. sicher schon verstummt. Er hängt auch 
einmal e an, wo es gar nicht hingehört: er schreibt gose Gans. Demgegenüber 
steht eine Angabe, die anzeigt, dass e schon schwinden konnte: für „kleines 
Mädchen" gibt Hindenberg „lüt oder lütke diern^^ an. Hiermit stimmen schön 
gewisse Angaben des etwa gleichzeitigen Bratring überein; er bemerkt im 
Idiotikon der benachbarten Altmark bei Trumpf sösse: „auch ohne e"; er stellt 
Aop neben Ape ASe, er schreibt wohl pohte Pfote, puette Brunnen, eksche Axt, 



129 

eise Eller und een dralle dehren ein dralles Mädchen (s. o.), aber ancb ass 
Achse, bär Birne, doens Stnbe nnd das interessante seiss' Sense (mit Apostroph!). 
So glanbe ich denn nicht fehl zu gehen in der Annahme, dass in der Pri die 
Apokope des e nm das Ende des 18. Jh. ein in Flnss befindlicher Lautwandel 
gewesen ist. Dazu stimmt aneb, dass in WPri e noch bestanden haben muss, 
als nach § 7, 2 a intervokales d> r gewandelt wurde: rEr Rede, ^r Leute 
setzt t^de, l^de voraus; *rM, *IM wäre ohne weiteres zu rE/, l^t geworden, 
wie es ja auch im östlichen Teil der Pri geschehen ist (§ 7, 2 a, vgl. § 158 
Anm. 1). Dass zu Anfang des 19. Jb. das Endungs-e in Meckl. verstummt 
war, bezeugt Dietz, s. Nd. Jb. 20, 125. 

Anm. 2. Aus den §§ 14, 17, 18 gebt hervor, dass e, ausser nach 
Explosivlauten, nur der Artikulation nach geschwunden ist und seine Zeitdauer 
entweder auf den vorhergehenden langen Vokal tiberträgt, indem es ihn tiberlang 
macht, oder den voraufgehenden Konsonanten längt. 

Anm. 3. Das Gefühl für End-e ist in unserer Ma. deic^massen geschwunden, 
dass es einem plattdeutsch sprechenden Prignitzer schwer fälk^ das hd. End-e 
richtig zu sprechen, s. § 9. Wenn End-e aus irgend einem Grunde nicht^ verloren 
gegangen ist, wie in Mine < Wilhelmine, so ist für e ein ä (= er) eingetreten : 
man sagt Minkf vgl. § 406. 

§ 118. Flexions-e + Konsonant. 

Auch dieses e ist im allgemeinen geschwunden, z.* B. l§ivt lobt, 
lobte, gelobt, llivst lobst. Es schwindet auch, wie wir § 114, 3 
gesehen haben, in den mnd. Verbalausgängen -elen, -enen, -eren, die 
zu > ein, en und an werden. Erhalten ist es nur in der Endung 
-er > 'd, in der r verstummst ist (vgl. § 114, 1 u. 2), mittelbar auch 
in -en > n, dadurch, dass n silbisch wird, s. § 143. In 4en wird 
nicht n, sondern l silbisch, also ruykln Runkeln, zamln sammeln. 
Unsyllabisches n steht sonst nur 1) in den Pura, die schon im As. 
einsilbige Infinitive besitzen: stän stehen, gän gehen, doun tun, zin 
sein; 2) in Verben mit vokalisch auslautenden Stammsilben wie hlöydn 
blühen, frdian 1. freuen 2. heiraten, 7nä9n mähen, wofür man auch 
wohl einfach blöyn, frdin, man schreiben könnte. 

Beim Ztw. müssen wir eine alte und eine junge Synkope 
unterscheiden. Beide beziehen sich auf die 2. und 3. P. Präs. Sing, 
und, soweit das schwache Ztw. in Betracht kommt, auf die unflek- 
tierte Form des Partiz. Prät. und betreffen den Vokal in den Endungen 
as. is, es, id (it), ed (et), mnd. -est, -et. Die unflektierte Form des 
Partiz. Prät. ist schon zugleich mit der flektierten Form § 116 
besprochen worden. 

a) Alte Synkope, Sie betrifft hauptsächlich die 2. und 3. Pers. 
Präs. der st. Ztw. und ist schon zu Beginn des Mnd. vollzogen. 
Kennzeichen: Kürze des Stammvokals, sei es, dass ein ursprünglich 
langer Vokal verkürzt (§ 228 ff.) oder ein kurzer Vokal in offener 
Silbe nicht gedehnt ist (§ 200). Bei Eintritt dieser Synkope war 
1) germ. z noch nicht zu r geworden: ik freä ich friere, du fräst, 
Im frilst; 2) noch nicht Tondehnung eingetreten, die dann später 
den Vokal in der 1. Pers. lang macht (z. B. ik grkv, du. gröfst, hei 
gröft; ik spräk ich spreche, du sprikst, hei sprikt; ik Idt, du letst. 

Niederdeutsches Jahrbuch XXXI. 9 



130 

hei let ich lasse^ du lässt, er lässt; 3) der Vokal des Plurals noch 
nicht in den Singular getreten: du giltst, hei gilt du giessest, er giesst 
erklärt sich nur aus as. giutis, giutid, während ik geit ich giesse, 
mnd. gete, den Vokal des Plurals (as. io) zeigt: as. giutu hätte ik gilt 
ergeben (s. § 104 Anm. 1 u. § 107); 4) lange Vokale werden gekürzt 
(§ 228), z. B. drtv, drifst, drift treibe, treibst, treibt, löp^ löpst, löpt 
laufe, läufst, läuft u. s. f. 

Von schw. Ztw. zeigen nur die langsilbigen Ja-Stämme ähn- 
liche Entwickelung, d. h. dieselben Zeitwörter, die nach § 116 durch 
Synkope verkürzten Vokal im Prät. und Partizip. Prät. haben, also 
föt up zieht gross, höt hütet, hröt brütet, bot zündet an, bespricht, 
köfst, köft kaufst, kauft, zöxt sucht. Für döfst, döft taufst, tauft sagt 
man jetzt gewöhnlich dopst, dopt, und es heisst ausschliesslich rärt 
redet (mnd. ret). Umgekehrt muss bei den kurzsilbigen Ja-Stämmen 
sich der Flexionsvokal länger gehalten haben: eine Form wie jhkij 
jucken < as. jukkian erklärt sich nur aus as. jiikis, jukid (2. u. 3. 
Pers. Sg. Präs.), s. § 207. 

b) Die jüngere Synkope ist im allgemeinen im Mnd. noch 
nicht durchgeführt. Der Stammvokal, der infolge der Erhaltung der 
Flexionssilbe ' tonlang geworden war, wird durch den Schwund des 
Flexions Vokals im Nnd. überlang (§ 227), auch werden /; m, n nach 
kurzem Vokal lang (§ 294), z. B. du Ikvst, hei iKvt du lobst, er lobt; 
du bkrst, hei h%>rt du betest, er betet. 

Auffallend ist, dass starke Ztw. mit dem Stammauslaut l, m, n 
vor den Endungen st und t bald kurze, bald gelängte l, m, n zeigen. 
Man vgl. fal falle, fälst, fält; hol halte, holst, holt mit kel schelte, 
äeVst, §eVt; fin finde, finst, fint. 



b. in Ableitungssilben. 

§ 119. Auch in Ableitungssilben ist der unbetonte Vokal, 
soweit er im Mnd. schon > e geworden war, gefallen, z. B. hbvt 
(as. höhid, mnd. hövet Haupt (§ 97); mänt m. (as. mänoä) Monat; 
deinst m. (as. thionost, mnd. denest) Dienst; dfvt f. (mnd. erwet) Erbse; 
melk (as. miluk, mnd. melk) Milch; näkt (mnd. näket) nackt u. s. f.; 
ebenso im SuflSx as. -isk, mnd. -isch, -esch, welches sein e vielfach 
schon im Mnd. verloren hat, z. B. dGitä (as. thiudisk, mnd. diidesch, 
dusch) deutsch, pols polnisch; dänä dänisch; frantsoä französisch; vgl. 
auch mins (as. mennisko^ mbr. mensche, minsche) Mensch, und das 
weibliche Wesen bezeichnende Personennamensuffix mnd. -esche, z. B. 
khks Köchin, äult§ Frau Schulz. Dagegen heisst es gewöhnlich helis 
sehr (eigentlich höllisch), neben seltnerem heUn (schon mbr. heisch, 
s. Graupe, S. 33). Vgl. auch § 225. Mnd. -er, -el, -ent, -en sind 
natürlich auch hier zu -d, -l, -m, -n geworden. 

Demgegenüber ist i in einer Reihe von Ableitungssilben, besonders 
vor Hartgaumenlauten und Nasalen, erhalten geblieben. 



131 

a) as. 'ig, -ag > ix, z. B. honix Honig, krdftix kräftig, Kompar. 
krdftigä, välix voll Kraft und Feuer, twintix 20, Idrix leer. 

AniD. Als Mittelsilbe schwand i; daher ffi/i!;ö?ärp Heiligendorf (Eigen- 
name) und mhix neben mt>nix manch (vgl. Siewert, Nd. Jb 29, 93). 

b) Über lix < as. lik s. § 121. 

c) as. 'ing, -ling > iyk, liyk, z. B. peniyk Pfennig; heeriyk 
Häring; stäkliyk Stichling; hlentliyk Blindschleiche; z^aliyk m. Sauer- 
ampfer; föytliyk Fussende des Strumpfes. 

d) as. -nissi, nissia > mnd -nisse > nis, z. B. dröyfnis Betrübtheit, 
vähnnis Wärme (mnd, wermenisse). 

Anm. In fkmits Firnis hat die auf dem altslavischen Boden in Orts- 
und Personennamen so bekannte Endnng -its die Endang -is verdrängt; ebenso 
hört man häafig grifnits für grkfnis Begräbnis (Graupe verzeichnet S. 33 ein 
mbr. hamitz für hamis Harnisch) Ich vermute auch, dass hMiiä Eidechse 
für hMits und dieses für hMis, Mis st^ht (mnd. egedisse)^ vgl. §§ 115,5, 180, 
182 a; Formen auf is in diesem Worte sind in anderen nd. Maa reichlich belegt, 
vgl. Nd. Kbl. 13, 52. 

e) Das as. weibliche Suffix -unga (z. B. kostunga Versuchung) 
erscheint im Mnd. als -inge (wie im Niederländ., z. B. woninge Wohnung) 
neben seltnerem -unge (z. B. settunge). Die heutige Mundart kennt 
nur 'Uyk. Dieses -uyk ist nichts anderes als das hd. t4yk. Zuweilen 
wird die Endung uyk das alte iy < inge verdrängt haben, wie z. B. 
in vknuyk Wohnung, wo der Umlaut noch auf -inge hinzuweisen 
scheint; meistens aber werden hd. Wörter auf -unk einfach auf- 
genommen sein. Es handelt sich ja hauptsächlich um Verbalabstrakta, 
wie mänuyk Mahnung, axtuyk Achtung, inkwatearuyk Einquartierung 
u. s. f, und solche Abstrakta cnstammen meistens der hd. Gemein- 
sprache (vgl. noch mnd. beteringe und nnd. bätaruyk Besserung). 
Das mnd. -inge ist nur noch erhalten in dem Ausdruck näi tlriyy 
(mnd. üdinge) Neuigkeiten, wörtlich: neue Zeitungen. Vgl. auch § 121. 

Anm. Hd. -unge muss zur Zeit der Entlehnung schon sein e verloren 
gehabt haben: -unge hätte uy ergeben (§ 283, d). 



IV. Die Behandlung der Komposita. 

§ 120. Das zweite, minder betonte Glied zeigt sich vielfach 
abgeschwächt, und zwar as. föt > ft in häift barfuss; bür > vd in 
nävä Nachbar (as. näbUr) ; as. sahs > sas > ses > s in 7nets Messer 
(as. *metisahs, mezas = Speisemesser) ; as. gumo > game > jdm in 
Mjäm Bräutigam (s. 115, 5); as. skö > .§ in hanän Handschuhe 
(as. handskö ; der mnd. Plur. hantsche ist offenbar als ein schw. Masc. 
Sing, aufgefasst worden und dazu ein neuer Plur. han^n gebildet 
worden, der nun auch als Sing, gebraucht wird; schon im Mbr. 
findet sich handschen, hanzschen^ s. Graupe S. 25); as. del > -dl in 
fodl Vorteil, drüdl Dritteil u. s. f. ; as. vil > vi in vövl wieviel, zövl 
soviel (daneben betont vöfkl^ zöfhl); as. skepil > sbl in visbl (mnd. 

9* 



m 

mchschepet) Wispel; mnd. möd > mt in vörmt m. Wermut (mnd. wer- 
mode^ wormede, wormde)\ mnd. -sate^ sete > sd in kotsd^ kosd (§ 7, Ib) 
Kossät (mnd. kotsete; doch vgl. § 406); as. -haht für -haft > xt in ext 
echt (as. *ekaht für ehaft rechtmässig) ; as. beri Beere > bd (statt beä) 
in kdsbdn Kirschen, in WPri durchaus verdrängt durch das hd. kirs^ 
in OPri noch bekannt. 

Anm. Hierher gehören auch die jetzt veralteten kö^j swen^ Kuhhirte, 
Schweinehirte, in denen -ä dem as. hwdi entspricht; velt Welt (as. werold, mnd. 
we7itf werlde) ist m. E. hd. ; noch Laureinberg sagt werreld). 

§ 120 a. Die Beispiele von § 120 zeigen schon, dass oft auch 
das betonte erste Glied von Zusammensetzungen sich nicht laut- 
gesetzlich entwickelt hat. Besonders erscheint der Vokal, der im ein- 
fachen Worte gedehnt ist, in der Zusammensetzung nicht selten als 
kurz. Bei alten Zusammensetzungen wird er gar nicht gedehnt worden 
sein; die Artikulationsstärke, die sonst dem einfachen Worte zu teil 
wurde, verteilte sich hier, wo es galt, mehrere Worte durch die 
Artikulation zu einem Lautgebilde zusammenzufassen, auf beide Glieder 
des Wortes. Bei anderen Zusammeosetzungen mag der gelängte Vokal 
wieder verkürzt worden sein, besonders, wenn er in der Zusammen- 
setzung vor Doppelkonsonant zu stehen kam (vgl. § 228). Dieselbe 
Erscheinung findet sich in anderen Sprachen, vgl. z. B. ne. mse und 
wisdom, house und husband^ moon und monday^ fore und forehead u. s. f., 
hd. hoch und Hochzeit, Hoffahrt, kühn und Konrad u. s. f. 
Beispiele aus unserer Ma. sind: spdrliyk Sperling (§ 250); ädrliyk 
Schierling (§ 252 und Anm.); furman,^ furvdrk Fuhrmann, Fuhrwerk 
(vgl. § 259 und 233); drütdin (§ 239) 13; fdftdin, fdftix 15, 50 
(§ 232); snufdouk Taschentuch (§ 237); hoxtU, kropt^x Hochzeit 
Kropzeug (§ 235); kdsbdn Kirschen {kds für *kdfs oder ke9s < kerse); 
vö'vl, zövl wieviel, soviel {vö-, zö- für vö^ zö)\ fodl Vorteil; förhbvt 
Wendacker (§ 97); füredt Feuerherd (§ 104), der alte Herd im 
sächsischen Bauernhause ; varäftix wahrhaftig (aber vöd wahr § 257); 
hälpat^ hälväg halbpart, halbwegs (hat für half)] bäift barfuss {bäi 
für böd § 249); vörmt Wermut u. a. 

§ 121. Ableitungssilben, die aus Substantiven entstanden 
sind, a) -saft Es scheint, als ob in den einzelnen as. Dialekten 
verschiedene Ableitungen der Wz. -skap als Bildungssilben gedient 
haben: 1) skaft^ z. B. hugiskaft^ 2) skepi^ z. B. ambahtskep% 3) *skap 
(vgl. ahd. scaf^ an. skap). Im Mnd. und Mbr. gilt -schap oder -schop 
(vgl. Graupe S. 11) < as. *skap. Daneben findet sich vereinzelt schon 
'Schaft, z. B. in ritterschaft. Jetzt ist -schap, schop vollständig durch 
das hd. -Schaft verdrängt worden, z. B. früntsaft Verwandtschaft, 
mansaft Mannschaft, nävdsaft Nachbarschaft. Nach Nerger § 155^ 
Anm. 1, hat -schop in Meckl. bis zu Anfang des 19. Jahrh. gegolten, 
in Pom. hat man es noch um die Mitte des Jahrh. gehört, vgl. Höfers 
Zs. für die Wissenschaft der Spr. 3, 379. — b) hdit und kdit (= igheit). 
Auch -hdit scheint mir aus dem Hd. zu stammen oder doch davon 
beeinflusst zu sein. As. -hed hätte als «-Stamm (s. Holthausen, As. EL 



133 

§ 304 und 306, Anm. 2) vielleicht -häit ergeben können, doch wäre 
sicherlich eher heit zu erwarten gewesen, s. § 82 nebst Anm. Das 
as. 'hed; z. B. in jugudherf, heisst im Mnd. -het und -heit (s. Vorbem. 
zu § 81), im Mbr. meistens -heit. Zur Beurteilung des Verhältnisses 
von -hdit : as. -hed wären heranzuziehen die sicher aus dem Hd. 
stammenden arbäit^ dit verglichen mit as. arhed, M.) Beispiele: 
kraykhdit^ vö9hdit, dumhdit Krankheit, Wahrheit, Dummheit ; renlixkäit, 
evixkdit Reinlichkeit, Ewigkeit. 

c) -lix. Auch hier ist starker Einfluss des Hd. bemerkbar: 
As. -llk, mnd. -llk, -lik (s. Nerger § 14, Tümpel, P. B. Beitr. VII, 57) 
hätte -lik ergeben. Aber schon in mbr. Urkunden findet sich nicht 
selten -lieh für -lik (vgl. Siewert, Nd. Jb. 29, 97, Graupe S. 35). 
Nach Dietzens Zeugnis (Nd. Jb. 20, 127) hat in Meckl. zu Anfang 
des 19. Jahrb. auf dem Lande noch -lik neben -lieh gegolten, als in 
den Städten -lieh schon durchgedrungen war. Das Suffix -ig (§ 119 a) 
mit seiner Aussprache -ix hat sicherlich zu der Suffixvertauschung 
beigetragen. 

d) Ein. ganz anderes Schicksal als die Adjektivendung -lik hat 
die substantivische Bildesilbe -ik gehabt: sie ist (über ek) > äk ge- 
worden. Beispiele: härdk (mnd. hederik) Hederich (§ 290), pdrdk 
(mnd. holstein. peddik) Mark der Bäume, nidrdk (mnd. merredik, 
Gedike: marredig) Meerrettig. Hierher geliören auch der Eigenname 
Bendk < Bendik < Benedietu^ und das vänäk = Enterich der Alt- 
mark, des hannoverschen Wendlandes und sonst (vgl. Danneil S. 243 
und Nd. Korr. 6, 18 und 50), wozu das wäykd der NPri bei Ausfall 
der Mittelsilbe nichts als eine Weiterbildung durch -er sein wird 
(s. § 406 ß). 

e) Die Ableitungssilben -sam und -hdr haben sich entwickelt, 
wie wenn sie in betonter Silbe gestanden hätten; sie sind zu -zäni 
(§ 184) und -höd (§ 249) geworden, wobei ä in -zäm auf der flek- 
tierten Form oder dem Adv. beruhen muss. — Beispiele: laykzäm 
(as. langsamo adv. lang andauernd) langsam; äpmböd (mnd. openhär) 
offenbar. Ein grosser Teil auch der hierher gehörigen Eigenschafts- 
wörter ist sicherlich aus dem Hd. entlehnt, wie gehödzäm gehorsam, 
arhäitzäm arbeitsam, gemeinzäm gemeinsam, oder doch aus dem Hd. 
übersetzt, wie spö9zäni sparsam, möyzäm mühsam, axthöd achtbar, 
daykhöd dankbar. 

C. Die Konsonanten. 
1. Halbvokale, / und r. 

As. ;. 

§ 122. As. j ist im Anlaut als j erhalten, z. B. ja ja, jöä 
Jahr, juyk jupg, jägd Jäger, jenzlt (mbr. gemiden) jenseits. 

§ 123. Inlautendes j nach Vokalen ist in einem Teile der 
Pri verloren gegangen, z. B. zäan (as. saian) säen, blöydn (as. hlöian) 



134 

blühen, fröy früh, vgl. § 7, 4 b und § 76. Im nördl. Teil der OPri 
aber sagt man zä^zpri und zä-r)y hloi^dn und blo-y (3. P. Sg. Präs. zaxtj 
bloxt)^ in ganz SPri zäjdn, blöjen, fröt (3. P. Sg. Präs. zä-it, blo-it). 
Es scheint sich hier also J erhalten, ja in einem Teile des Gebietes 
zu g verdichtet zu haben. Nun finden sich aber die Formen mit j 
gerade in dem Gebiet, in dem jedes g > j geworden ist. Man könnte 
also versucht sein anzunehmen, dass auf dem ganzen Gebiet die 
Formen einmal zagen, blogen gelautet hätten. Man braucht übrigens 
nicht unter allen Umständen anzunehmen, dass in dem g sich altes j 
wiederspiegele: g könnte hiatustilgend eingeschoben sein; es könnte 
auch nach § 130 aus w entstanden sein. Allerdings finden sich in 
der älteren Sprachperiode Formen wie *zewen, *blowen kaum; wohl 
aber schon in mbr. Urkunden die Formen megen, Mögen (s. Graupe S. 36). 
§ 124. As. z nach Konsonanten ist auf dem ganzen Gebiete 
geschwunden, auch nach r, z. B. n^än (as. nerian erretten) nähren; 
med f. (as. merie, noch mnd. merie, merje) Stute. 

Anm. ^, s •+• Hiatus-i in Fremdwörtern > t§, ^, z. B. patsön Portion, 
natsön Nation, akäön Auktion, komisön Kommission, profesön Beruf, vgl. auch 
Kriäan < Christian, nach anderen Konson. > jy z. B. ^ö/;aw/ Proviant, das 
zu g verhärtet ist in zirfget Serviette. Zwischen i •+• Hiatus -Vokal wird 
zuweilen j eingeschoben, z. B. spijbn Spion, das > g geworden ist in figdUn 
Violine und isigürip < tsigorigen Cichorie (§ 143). Ganz geschwunden ist 
Hiatus-t in kastän. kristdn Kastanien; aus n- ist -rix geworden in materix 
Eiter (vgl. Heilig § 104), aus li- -iVx in phtkziVx Petersilie. 

§ 124 a. Französ. ± wird im Anlaut > §, z. B. sandarm, sandäff 
Gendarm, sanedn genieren, ^Q (< jus) Sauce, im In- und Auslaut 
> i^ z. B. pagät Bagage, rät Wut (Rage), kräi (< courage) Kraft. 

§ 125. In der ug. Verbind. Vok. -f- zi (jj) ist n als i erhalten 
und hat sich mit dem voraufgehenden Vokal zu einem Diphthongen 
verbunden, z. B. intwäi, di Ei; mdi Mai. Über Wörter wie frdi frei, 
frdi9n heiraten, drei drei vgl. § 243 ff. 



As. tv. 

§ 126. Anlautendes as. w -f- Vok. > v, z. B. viä Wiese, 
vetn wissen, vdtd Wasser, vund Wunder, vditn Weizen. 

Anm. In der nw. Pri (§ 7, 1 b) heisst durch Assimilation der Wiesen- 
oder Heubaum bhgböm für v^sböm (§ 188). Einem hd b entspricht v in dem 
jetzt veraltenden v^än Tante (mnd. iveseke, Koseform zu wase Base). 

§ 127. Anl. as. w -f- Kons. > v. Es existiert nur noch 
die Verbindung as. wr, Beispiele: vriyy (as. üt-tvringan aus- 
drücken) wringen; (z'ik) vrayy (im Ablaut zum vorigen, vgl. me. 
wranglen) mit einander ringen, sich balgen; (ümj-vriky (vgl. me. 
wrikken hin und herdrehen); «?mÄ untauglich; vraklix, vrakln wackelig, 
wackeln; vrädn dichter Wasserdampf vgl. § 7, 1 b; vrivln (Iter. zu 
mnd. wrliven reiben) hin und herdrehen; vrousn (Etym.?) schwer 
arbeiten; vrU m. (mnd. wrzt) Baumstubben, besonders von Ellernholz; 



135 

vrkgln, vrkglix (zu as. wrögian, mnd. wrögen rügen, schelten? s. § 92, 
Anm. 2) tadelsüchtig, scheltsüchtig sein. 

Anm. 1. In vrat f Warze für *vart ist w- durch Umspringen des r 
entstanden; in ri^n reissen (as terito/i), rim reiben (mnd. loriven) ist v verloren 

gegangen (vgl. Manrmann § 87 Anm.); rts Riese (vgl. as. wrisi) ist hd. (§ 188 
Anm. 1.) 

Anm. 2. As. wl- ist > l geworden. löym*rix (vgl. mnd. wlöm trübe, 
westfäl. flaom, Holthansen, Soester Ma. § 156) trübe (von Flüssigkeiten). Noch 
Danneil gibt für die benachbarte Altmark flömrich neben lömrich an. 

§ 128. Anl. as. Kons. H- w, As. htv > v^ z. B. vll f. (as. 
hmlä) Weile, roupm (as. hröpan) rufen, vat (as. htvat) was, vö (as. 
hwö) wie. As. kw, tw, dw, sw > kw, tw, div, sw (s. § 37), z. B. 
hces f. Druckschwiele, twe zwei, dtviyy zwingen, swat schwarz. 

Anm. 1. In hwösia, dem as. Grundwort für houstn Hasten, muss w 
schon verstammt sein, bevor h verklangen war; xöyt süss heisst wohl schon 
im As. suoti neben swöti (vgl. Klage, Paals Gr. I, S. 378 and Holthaasen, 
As. El. § 166). 

Anm. 2. Kons. (bes. 5) -h t^? -h e, i ist mehrfach > Kons, -f- ü ver- 
schmolzen: xül f. (mnd. swelle, sülle, vgl. ags. syll, ahd. swelli) Schwelle (ich 
glaube nicht, dass xül mit dem lat. solea zu verknüpfen ist); sülpin (mnd. 
schülpen) »ich hin und herwerfen, von Flüssigkeiten in einem Gefäss, schweppen, 
das von einem as. *swelpian kommen muss (vgl. mnl. swalpen sich hin and 
herwerfen); xüstk Schwester (mnd. fast allgemein süster, jetzt veraltet, doch 
weniger in Meckl. als in der Pri, s. Tümpel, P. B. Beit. VII, 66, Graupe S. 24, 
Siewert, Nd. Jb. 29, S. 100, Holthansen, As. El. § 166, Anm. 3; ich glaube, 
dass das heutige swestk durch das Hd. wieder eingeführt ist); tü^7i, jetzt zurück- 
weichend vor tiüiän zwischen (mnd. tuschen und seltener twischen)^ aber immer 
tü^ f. schmaler Gang zwischen zwei Gebäuden. Franck erklärt ZfdA 35, 385 f. 
auch züs sonst < *swis. 

Anm. 3. Anlautendes w ist geschwunden in nikSj nist, niät nichts 

< as. nioiviht (§ 180, Anm. 2). Ähnlich ist w < hw geschwunden in nän-ich 

< mnd. neme, nergene < as. ni hwergin nirgend, vgl. § 173 b Anm. 1 
und § 272. 

§ 129. Inlaut, as. tv ist nach a geschwunden, z. B. klou 
Klaue (§ 73), meistens auch nach aUy eii, z. B. hown hauen, dröyon 
drohen, tröy Treue (§§ 95, 98, 105), zuweilen hier aber durch g 
vertreten, z B. klöy-y (y < gen) Knäuel, s. folg. §. 

§ 130. As. intervokales w ist nach dunklen Vokalen Häufig 
> g gewandelt, wobei dann gen > -y wird. Neben hotwn, gnoion 
(Part. Prät. haut, gtiout) hauen, nagen hört man hou-y, gnoti-y (Part. 
Prät. hougt, gnougt), neben klöydn (as. kleuwin) klöy-y Knäuel Garn; 
es heisst stets zöygl m. (as. *siuwila) Pfrieme; gröygl, zik gröygln 
(mnd. gr&wel, vgl. grüwelik) Gespensterfurcht, sich vor Gespenstern 
fürchten; mou-y (mnd. mouwe) Ärmel (nur noch wenig gebräuchlich). 
Vgl. noch Pägl (Eigenname) < Pagel (so schon mnd.) < Pawel < Pa-ul 
und die alte Aussprache der Stadt Havelberg als Hagelberg. Bei rüx, 
flektiert rü-y rauh (mnd. rühj as. rügi und rüm rauhes Fell), bei 



136 

zei-y (as. sännm, vgl. § 377) sahen und vielleicht auch bei t^-y (mnd. 
tewe) Zehe ist grammatischer Wechsel im Spiele. 

Der Wandel von w > g ermöglicht uns die Erklärung der merk- 
würdigen Form hläx blau (as. hlaoj flekt. hläwes, mnd. bldj hläwe). 
Aus einem obliquen Casus, etwa bläwan, ist hlägen > hlä-y entstanden, 
und hieraus ist ein neuer Nominativ hläx gezogen worden, der sich 
zu hlä-y verhält wie tax zähe : tä-y zähen, rüx rauh : rü-y rauh oder 
wie 6§ Auge : ö-y Augen. Dieselbe Entwickelung ist für gräx grau 
(as. gräo fahl) in der alliterierenden Verbindung gris un gräx an- 
zunehmen; sonst heisst grau stets grls, 

Anm. 1. Der Übergang > g erklärt sich aus dem halbvokalischen 
Charakter des altgerno. w. Da es ein konsonantisches ü war, so wurde es mit 
stark zurückgezogener Zunge gesprochen, und so konnte leicht daraus der Weich- 
gaumenlaut g entstehen, vgl. Wilmanns, Deutsche Gr. I^, § 116. In Meckl. ist 
dieses g < w noch weiter verbreitet als in der Pri; es heisEt dort immer hou-^y 
rÜB ruhen, ^rü-B trauen (Pri: trou*n). — Übrigens ist auch einige Male g > v 
geworden, s. § 177. 

Anm. 2. Über as. newan ausser > m^n nur s. § 292. Erhalten ist 
as. intervokales w nur in evix ewig. 

§ 131. Inlautendes w nach Konsonanten (l, r) wird, soweit es 
erhalten ist, wie as. b behandelt; es wird, wenn es durch Apokope 
des e in den Auslaut oder durch Apokope des e vor t steht, > v; 
wen > m, Erhalten ist es nur in gäfm (as. gerwian bereiten) gerben; 
fäfm (mnd. verwen) färben; swalm Schwalben; swalv Schwalbe; fäH 
Farbe; näfv Narbe; fäfvty gdfvt färbt, gerbt; dfvt (as. "^erwit, mt; 
mnd. erwete, erte) Erbse (vgl. § 210 ff.). 

Anm. Inlautendes nachkonsonantisches w > f in en-ßk (mbr. engever) 
Ingwer und jeiß,-en ein jeder, dessen ersten Bestandteil ich zu mhd. ieiweder 
stelle (§ 108); Z5t? Löwe ist hd. (§ 98, Anm. 2), vgl. bräfhra.Y. In afkät Advokat 
hat Präfixvertauschung mit der nd. Vorsilbe af- stattgefunden. 

In allen übrigen Fällen ist inlautendes w durch Ausgleich mit 

' Formen mit auslautendem w oder mit Formen, wo früher w vor o, u 

stand (Holthausen, As. El. § 164), geschwunden; schon narv hat nöä 

(§ 213) neben sich; die jiw. Pri sagt statt swalv swMk Schwalbe < 

mnd. swaleke, Demin. zu as. swala. 

§ 132. Auslautendes w ist überall geschwunden, nachdem es 
schon im As. > o geyorden war, z. B. ze See, sne Schnee, mal (as. 
7nelo) Mehl, 87neä (as. smero) Schmiere, göd (as. garo) gar. Näheres 
s. § 210 f. 

As. mnd. /. 

§ 133. As. l ist in der Regel in allen Stellungen erhalten, 
z. B. löpm laufen, zolt Salz, halky Balken, zal soll, äl Aal. 

As. II > l, z. B. ml Wille, stal Stall, auch wo es aus Id- (§ 283 a) 
entstanden ist, z. B. ölän (as. eldiron) Eltern. 

: Mnd. len > In, z. B. spöyln spülen, faln fallen. 



137 

§ 134. /ist ausgefallen in as (mnd. ah^ seltener a$) als, wie; 
zast (schon mnd. schast) sollst, züst solltest; vist willst, vost wolltest; 
zak^ vik^ zük^ vok, Satzdoppelformen zu zal ik, vil ik^ zül ik^ vol ik 
soll ich, will ich, sollte ich, wollte ich; vek (mbr. welk < as. htvilik 
irgend einer) einige, vekd welcher (Fragew. und Relat.); in unbetonter 
Silbe in tsufdrüt selbdritt; durch Dissimilation in Vildm Wilhelm. 

l ist eingeschoben in plump f. Pumpe, wohl in Anlehnung an 
plumps plumps; Meckl. sagt pump. 

Anm. 1. l > n (durch Dissimil.) io knüpl (mnd. klüppel) EDÜppel. 
Neben klisdek Elystier ist krisdek gebräuchlich (schon mnd.). 

Anm. 2. Für -Is hört man -Its sprechen, z. B. halts neben hals Hals. 

As. mnd. r. 

§ 135. As. r ist auf dem Lande durchweg als Zungen-r (vgl. 
§ 40) erhalten im Anlaut und im Inlaut zwischen Vokalen, in letzterem 
Falle unter Entwicklung eines Gleitvokals (q) vor sich, wenn r nach 
dem Hauptton steht, z. B. rext recht, njÄr-Ring, röt rot, bre-y bringen, 
treky ziehen ; Mari Marie ; zlrup Syrup ; kör€dn kurieren ; leard Lehrer ; 
he9rif)k Häring. 

As. rr > r, z. B. karn karren; nar Narr; geäir Geschirr, an- 
sirn aufzäumen; irn (as. irrian, mnd. irren, erren) irren; virix ver- 
worren; purn stochern; iwrp schurren; gnurn (im Ablaut zu mnd. 
gnarren knurren) knurren; slurn mit loser Fussbekleidung nachlässig 
gehen; snurn (mnd. swwrren ein schnarrendes Geräusch machen) 
schnurren, dann betteln, snurd Bettler, weil er auswendig gelernte 
Worte herleiert. 

Anm. 1. Nach a nähert sich r dem abgeschwächten f, wobei a halblang 
wird, s. den folg. §; es heisst meistens kkr Karre, und immer gmin knarren, 
hüziny kwkrix quarren, quengein (von Kindern). 

Anm. 2. Walther erklärt Nd. Jb. 1 9, 23 .mnd. narre für oberdeutsch = 
mnd. geckj dor ; irn heisst im Mnd. oft, im Mmeckl. wohl immer e/rren, und schon 
im As. begegnet errislo Irrtum; geHr anäirn sind erst in nnd. Zeit belegt. 
Aber i und u gehen immer parallel, und da u vor rr als u erhalten ist, so ist 
es mir wahrscheinlich, dass auch i sich als i erhalten hat; ich möchte namentlich 
irn und anäirn nicht für hd. halten. 

o 

§ 136. r vor Konsonant nach Vokal hat ein verschiedenes 
Schicksal. 

a) Vor Lippen- und Gaumenlauten wird es in der Regel > f, 
und zwar ist der Grad der Abschwächung abhängig von den um- 
gebenden Lauten. Dabei besteht nun eine Wechselbeziehung zwischen 
r und dem voraufgehenden kurzen Vokal: je unvollkommener der 
r-Laut gebildet wird, desto länger wird der Vokal. Kurz bleiben o 
und ö, und nach ihnen wird r auch fast ganz wie anlaut. r gesprochen, 
z. B. bork Rinde, barx kastrierter Eber, storrn Sturm, dörp Dorf; 
etwas mehr, aber im ganzen doch nur schwach reduziert ist r vor m, 
z. B. arm arm, wo man zur Not schon arm schreiben könnte. In 



138 

allen übrigen Fällen tritt zweifellos f ein und damit Längung des 
voraufgehenden kurzen Vokals (am meisten wohl vor ^•), z. B. äarp 
scharf, fafv Farbe, äfvt Erbse, vdfk Tyßrk, hdfk Birke, hafk Harke. 

Anm. r bleibt in Lehnwörtern aus dem Hd., z. B. hirä Hirsch, ß,rs 
Vers, virt Wirt. 

b) Vor ursprünglich stimmhaften Zahnlauten verklingt r > rf, ^, 
ein voraufgehender kurzer Vokal wird lang, z. B. föät (as. fard) Fahrt, 
böäs (mnd. bars) Barsch, pedt Pferd, ed Erde, tuedn Zwirn, vödt Wort, 
ked, oft k^dl (§ 162) Kerl. 

Die unbetonten Endsilben -eren^ -ern und -ren werden gleich- 
massig > dn, z. B. stdmdn (mnd. stameren) stottern; nüxddnnüchtern; 
fodn (mnd. form) fahren, köredn kurieren. 

c) Vor ursprünglich stimmlosen Zahnlauten {t = hd. z^ s, st^ sk) 
ist r (z. T. schon im Mnd.) spurlos verschwunden (vgl^ § 262), z. B. 
swat (as. swart) schwarz; dwas in fddwäs (mnd. dwars, dwass) verquer; 
hää (mnd. barsk^ bask) barsch, stark von Geschmack, z. B. baän päpä 
spanischer Pfeffer ; spatin (mnd. spartelen) zappeln ; pat (mnd. part < 
lat. partem) Teil, z. B. in ik föä mm pat ich für meinen Teil; inatln 
in zik äfmatln sich abquälen (mnd. martelen < griech.-lat. martyriiiyn; 
auch im Ahd. Mhd. findet sich die Form mit l: martala, martel neben 
martara^ marter) ; bostn (as. brostan) geborsten ; sosten (mnd. schorsten^ 
schosten^ vgl. an. skorsteinn) Schornstein; föst f. (mnd. vorste f., vorst 
m.) First; bost Borste — Riss; bost Brust; kot kurz; döst Durst. 

Anm. Hierzu kommen noch eine Reihe Fremdwörter: diiln Artillerie; 
kwatei Quartier; äatek Scharteke; «aneä Scharnier; tdtSi (< Tartare) Zigeuner; 
KaHn Karoline; potl.mdi)k (< appartement) Abtritt. Auch in velt (as. werold, 
mnd. wei'lt) wäre das r ausgefallen; doch ist das Wort wohl aus dem Hd. neu 
entlehnt — Durch Dissimilation ist das erste r gefallen iu födkn < hd. 
fordern (das nd. Wort heisst /oräw, § 292) und wohl auch in födlst vorderste; 
die mnd. Form heisst vorderst (vgl. § 344 Anm. 2). Über /brf/ Vorteil s. § 120 a. 
— In dem Lehnwort mars Marsch ist r erhalten. 

§ 137. As. r in altem oder jungem Auslaut (d. h. nach Apokope 
des End-e) > ä^ z. B. göd gar, bed f. Beere; sp^d Speer; ^d (as. iraj 
iro) ihr; död n. (as. dor) Thor; föd (mnd. vore) Furche; fod (as. furi 
und fora) vor, für; höd Haar; ed f. (as. erd) Ehre; ätd schier; snöd 
Schnur; öd Ohr; büd (as. bür) Bauer. 

Die Flexions- oder Bildungssilbe -er ist > d geworden, z. B. 
doxdd Tochter; kdlvd Kälber; grötd grösser. 

Anm. -er > a fängt erst östlich von der Pri an; darnach ist Bremer, 
Beiträge zur Geographie der dtsch. Maa. S. 169 f. zu berichtigen. 

End-r scheint geschwunden in da neben död (as. thäTy thar) 
und vö (as. hwärj hwar) wo. Doch sind beide vielleicht hd.; bei vö 
mag auch Vermischung mit vö wie stattgefunden haben (vgl. § 71, 
Anm. 1). Bei vokalischem Anlaut des folgenden Wortes bleibt r 
immer erhalten, z. B. dödrüm, darum, vörüm warum; vgl. auch die 
Satzdoppelform vörd wo er, wie er. 



139 

§ 138. r > / in kvlix übrig, durch Dissimilation in balbsdn 
(schon mnd. halberen neben barheren) barbieren, marmlsUn oder 
murmlsten Klickerkugel, wörtlich Marmorstein, und durch Assimilation 
in Superlativen wie födlst vorderste, bhnlst oberste, s. § 344 Anm. 2. 

Über Umstellung des r vgl. § 279; zum ganzen Abschnitt vgl. 
§ 248 ff. 



2. Nasale. 

As. mnd. m, 

§ 139. As. m ist im Anlaut, im Inlaut und im Auslaut nach 
betontem Vokal erhalten, z. B. mäan mähen, mäkff machen, mes 
Mist; hämä Hammer, löynwrix trübe, vörmä Würmer, damp Dampf, 
hloum Blume, tarn zahm, vorm Wurm. 

As. mm > m, z. B. swem (m < men), auch wo es nach § 282 
aus -mh- entstanden ist, z. B. lam, lämd Lamm, Lämmer. 

Über m vgl. § 293, 294. 

Anm. Schon von Alters her ist m (oder n) vor f ausgefallen in ßf 
(as. ßf) fünf, xaxt (as. sÄfto Adv., mnd. xaxt, § 229) sacht, sauff. 

§ 140. As. mnd. m nach unbetontem Vokal > w in be^n m. 

fj o • o 

(as. besmOj mbr. besmen) Besen; born m. (as. boäam, mnd. bodem(e), 
boden) Boden; brasn m. (mnd. brassem) Brachsen; färn m. (as, fadm^s 
beide ausgestreckte Arme, mnd. vadem^ mbr. vademes, vedm^en; vgl. 
engl, fathom) Faden (als Mass), Faden (Garn); bvzn m. (as. bösom, 
mnd. bösem) Busen. Vgl. auch bün (as. biiimy biuri) bin, bi lütn bei 
kleinem und das dem Hd. entlehnte ätn Atem. 

o 

Anm. Das m in torm (neben tofn) Tnrm (mbr. tom, selten tcrrm) erklärt 
sich dnrch Einflass des Hd. (s. § 265), das m in twölm (neben twölv) dnrch 
Anlehnung an elm < as. ellehan, das m in xülm selbst aas den obliqnen Casus 
des as. se^o, wie z. B. selhun, mnd. sehen, 

§ 141. As. mnd. n ist im Anlaut, im Inlaut und im Auslaut 
nach betonten und unbetonten Vokalen erhalten, z. B. nap Napf, ;?&§ 
Nase, knast Knorren (an Bäumen), snüt Schnauze, houn Huhn, doun 
tun, sfotn stossen, katn Katzen, stvatn schwarzen. 

nn > rij z. B. zun Sonne, in der Regel auch, wo es aus -nrf- 
entstanden ist (§ 283 ß), z. B. kinä Kinder. 

über n vgl. §§ 8, 293, 294. 

Anm. 1. n ist ans dem Accnsativ des Artikels an das Hauptwort getreten 
in nöKs (as. ars) anns (vgl. nämt für gunämt guten Abend), es ist abgefallen 
in arä (as. nkdraj mnd. nadder und adder) Natter. Ob in emäl einmal n aus- 
gefallen ist (§ 120 a), oder ob Assimilation von nm > mm > m stattgefunden 
hat, ist nicht sicher. 

Anm. 2. n > m unter hd. Einfluss in torm für torn Turm, vgl. 
§ 255 Anm. 



140 

§ 142. Von dem alten Schwund des n vor s und ]> unter 
Ersatzdehnung (Holthauscn, As. El. § 191) ist in unserer Ma. nur 
ein Beispiel erhalten: im westl. Teil der Pri heisst Gans, Gänse: 
gous, göy^j göSj ^8s (as. "^gös, mnd gös). 

Anna. 1. Der östl. Teil der Pri sagt nach § 7, 5 gans, g^hs; jans, 
jIlüs. Uns, unser heisst auf dem ganzen Gebiet unSj uns; ^s ist schon im 
Mbr. selten, vgl. Tümpel, Nd. Stnd. S. 96 ff., Siewert, Nd. Jb. 29, 101. 

Anm. 2. Ob xüs sonst aus einem westgerm. *swis (§ 128 Anm. 2) 
entstanden oder aus as. sics so mit unorganischem Umlaut zu erklären ist (vgl. 
Holthausen, P. B. Beitr. XIII, 367), oder ob es unter Abfall des t (§ 155) auf 
mnd. sust beruht und dieses für sunst seht, ist schwer zu entscheiden; auch 
im Mittelhochdeutschen existiert die n-lose Form sttst neben sunst. Eher könnte 
man sich fragen, ob brüSn begehren (von der Sau), Meckl., Vorpom. brüzn 
(soweit nicht bikn gesagt wird) nicht zu einem bruns Brunst zu stellen wäre, 
das Walther im Mnd. Handwörterbuch anfühft, allerdings mit einem ? versehen. 
Vielleicht reicht aber das Zw. brüsen zur Erklärung aus, das ten Doomkaat 
Eoolman auch in der Bedeutung ,sich bauschen, schwellen^ anführt. Und wie 
steht es mit l^s-tap d. 1. die grosse Wagenrunge, die auf die Hinterradschrauben 
des Erntewagens gesteckt wird und über das Bad hinweg bis an den oberen 
Querbalken der langen Leitern reicht, um diese zu stützen? Früher gebrauchte 
man als Halt für das Rad den Achsnagel, lüfis (mnd. lünse, WiSse, as. lunis 
und lun). Sollte Instar) als Ifas-stange zu deuten sein, also von dieser lünse 
den Namen haben? Ich habe mir aus der Rostocker Gegend lünstäkt; notiert. 
Freilich, in Wettbewerb tritt das mhd. liuhse Leuchse (s. Kluge, Wb.), das im 
Mnd. I^sse heissen müsste (§ 167). 

Von dem Schwund des n vor J? (vgl. as. ßdan finden, hrip Rind, niüd 
Mund, ä^ar, ö^ar ander) ist in unserer Mundart keine Spur mehr vorhanden, 
es sei denn, dass ärkkoudn, ,wiederkäuen^ das ich § 71 zu mnd. hder in 
der Bedeutung ,Eiuge weide' gestellt habe, als ,and er käuen' zu deuten wäre: 
äri. würde genau äd«^ entsprechen. 

§ 143. n vor p > m, z. B. zämp Senf, hämp Hanf (noch im 
16. Jhdt. finden sich sennep^ hennep). 

In der Endung -en erhält sich n unverändert nur nach Vokalen 
und in den Verbindungen -ren und -len, die sich als -an und In dar- 
stellen, z. B. mäan mähen, foän fahren, faln fallen. In allen übrigen 
Fällen wird n silbisch. Dabei bleibt es alveolar nur nach den Zahn- 
lauten und den stimmlosen Reibelauten s, /*, x^ ä, z. B. fätn fassen, 
rtrn reiten, ßn finden, brän brennen, flesn flächsern, äafn schaffen, 
laxn lachen, maän Maschen. Nach den Lippenlauten (ausser f) entsteht 
m, und zwar wird -pen > -pm^ -ben (§ 147) > m, as. -bew, mnd. -ven 
> -m, -men > -m, z. B. löpm laufen, srzm schreiben, am Ofen, ämt 
Abend, kern kämmen. Nach den Gaumenlauten (ausser x) endlich 
wandelt sich n > silbischem y, und zwar -ken > -ky^ -gen > -y^ z. B. 
kouky Kuchen, vä-y Wagen, wagen, liyy liegen, düxtiyy tüchtigen. 

Anm. 1. Über -ir'n < -ven {äriirn schreiben), -<j*w, -fn < -gen {hrWn^ 
krlj^n gekriegt) in der südl. Pri vgl. § 7, 3 a. 

Anm, 2. Auffallend ist n für n in d^n den (as. thena^ thana^ mnd. den). 
Ich vermute, dass der Akkus, des unbestimmten Geschlechtswortes en einen und 
xön = so ein, solch (§ 354) eingewirkt haben. 



141 

Anm. 3. In der Bildungssilbe -enefi (§ 114, 3) geht die Endung en 
verloren, z. T. schon im Mnd., z. B. rMp rechnen, aber tSkkr^t rechnet, wofür 
manche auch rMnt sprechen. Nicht zu dieser Gruppe gehört dr^-p trocknen, 
dessen 3. P. S. Präs. dr^xi = trocknet lantet. 

Anm. 4. Die Vorsilbe un- wird za um vor Lippenlauten, zu up vor 
Gaumenlauten, z. B. umbekani unbekannt, upgevis ungewiss, upklouk unklug. 

Anm. 5. Über die Gruppe Mr Kette < mnd. kedene s. § 114, 1 Anm. 1 
und § 337, über vUi neben v^tn^ hou^t neben housin § 334, 2. 

§ 144. n ist eingeschoben in alns alles (schon im Mnd. findet 
sich wie im Mnl. allent neben allet; das nd. t ist durch das hd. s 
verdrängt worden); ferner in einer Reihe von Fremdwörtern (vgl. 
Bernhardt, Nd. Jb. 20, 5), z. B. ptufntsdi^n prophezeien, fiznteän 
visitieren, ruynBdn ruinieren, spiykuUdn spekulieren, wahrscheinlich 
auch in munstd Muster, munstdn mustern, das wohl eher auf hd. 
muster < it. mostra als direkt auf dem lat. Grund worte monstrare 
beruht. 

Anm. Kurz hingewiesen soll noch werden auf die vielen nasalierten 
Formen, die sich neben den unnasalierten in derselben Ma. oder im Hd. finden, 
vgl. slupk Speiseröhre : slükp schlucken, strupk : sti'ük Strauch, strepk : strikt 
ßür/k Flügel : hd. flüggSf suykln : hd. schaukeln^ luyk Lücke, Öffnung : Ijücke 
od lük, hümpl : höp Haufe, timpm : Zipfel, splintk-nM : splitternackt, lün- 
sthn ausspionieren zu as. kitist Lauschen u. s. f. 

As. mnd. y in wi, ng. 

§ 145. As. mnd. y (der Gaumen-Nasal) ist in allen Stellungen 
erhalten, z. B. juyk jung, layk lank, lay lange, ziyy singen, eyl Engel, 
peniyk Pfennig. Neu erwachsen ist y im Auslaut < ken, gen, z. B. 
zaky sinken, vä-y Wagen, 7'äky rechnen (s. § 143), in uy- für un- 
(§ 143, Anm 3), und in Lehnwörtern mit Nasal aus dem Französ., 
z. B. potdmayk (< appartement) Abtritt. 

Anm. n war schon im As. gefallen in honeg^ Honig Honig, jetzt hanix; 
König ist hd. Lehnwort. 



3. Verschluss- und Reibelaute, 
a. Lippenlaute. 

As. mnd. p. 

§ 146. p ist in allen Stellungen erhalten; vor betontem Vokal, 
vor l und r und im Auslaut ist es stark aspiriert (§ 19), z. B. pot 
Topf, pip Pfeife, plöyy pflügen, preistd Prediger, äejyd Schäfer, helpm 
helfen, gript greift, slöpt schläft, up auf. 

pp > p^ z. B. nap Napf, apl Apfel, klopm klopfen. 

Anm. 1. p > f in köft kauft, kaufte, gekauft, von Ä^öpm, und döft tauft, 
taufte, getauft (von d^m), das aher zu veralten heginnt und der Neubildung 



142 

d^t Platz macht. Das Praet. und Partip. Praet. lautete schon im Mnd. kÖflCy 
köfty die 3. Pers. Praes. aber k^t oder klypt (s. Graupe S. 23, Nerger § 59); 
das Partiz. ferköft findet sich schon im As. Vgl. noch §§ 116 und 118. — 
In aftek Apotheke hat Praefixvertauschnng mit af- stattgefunden. 

A n m. 2. Zwischen m und t schiebt sich in der Aussprache leicht p ein ; 
wird dann bei nachlässiger Aussprache t nicht artikuliert, so entstehen Formen 
wie hei nimp^ kümp er nimmt, kommt; vgl. mützämps samt § 416. 

Anm. 3. /? ist schon seit alter Zeit ausgefallen in isalm (mbr. salm) Psalm; 
durch Angleichung, wie es scheint, an mm Gestänge (§ 88) auch in strö-vlm 
für strö-wlpm (mnd. wipe) Strohwisch. Steht stuml Stummel für stumpl < stump 
stumpf? 

Anm. 4. p > b in einer Reihe von Lehn- und Fremdwörtern, z. 6. 
bei (mnd. feere, aber mnl. pere^ ags. peru < lat. pira) Birne ; bunt ( < vlat. 
puncius gefleckt?) bunt; Z^röfteän {».her prouv Probe) probieren; büri Porree u. a. 

Über b > p in Fremdwörtern s. § 147 Anm. 
Über /• = hd. /• < |) s. § 153. 



As. mnd. b, 

§ 147. Der stimmhafte Verschlusslaut b kam im As. nur im 
Anlaut, nach m und in der Gemination (bb < hj) vor: er ist jetzt 
nur noch im Anlaut erhalten, z. B. bttn beissen, buk Bauch, breif 
Brief, bläx blau. 

Anm. In entlehnten Wörtern findet sich zuweilen p für b (vgl. § 146, 
Anm. 4); so in pukl Kücken, dass sich noch nicht im Mnd. findet, pik} Picke), 
pamkrot (Meckl. paiiki) bankerott; tslpoln (mbr. xibollen) Zwiebeln. 

Über as. -mb- > m, das aus dem Inlaut auch in den Auslaut 
tritt, z. B. larrij Idmä (as. lamb) Lamm, Lämmer, vgl. § 282. 

As. mnd. -bb- wird in der Regel > v, das sich in den Auslaut 
tretend weiter > v, f entwickelt. Beispiele: kriv, krif (as. kribbia) 
Krippe, riv, rif (as. ribbi, mbr. ribbe) Rippe, hef (as. hebbiu, mbr. 
hebbe) habe, duvlt doppelt, sruvä Handscheuerbesen (§ 60 Anm. 2). 
Hierher gehören zahlreiche Iterativbildungen, wie gravln (mnd. 
grabbelen) mit den Fingern hin und hergreifen, zavln (mnd. sabben) 
geifern, kavln (mnd. kabbelen) sich zanken, vrivln (mnd. *tvribbelen, 
zu as. wrihan reiben) einen Faden aufdrehen; drivln (mnd. *dribbelen, 
zu as. drihan treiben) in einem fort zum Aufbruch treiben, bliivdn 
(mnd. blubberen) u. s. f. Vgl. § 114, 3. 

Mnd. -bben wird wie mnd. -ven < as. -hen > m, z. B. krim 
Krippen, rim Rippen, kern haben (vgl. §§ 7, 2 c, 176 und 289). 

Anm. 1. In einem grossen Teil der Pri ist bb im Aaslaut > p geworden, 
z. B. krip, rip, ik kep (§ 7, 2 c). 

Anm. 2. Auffällig ist p in tupm Zuber; nach mnd. tubbe (vgl. me. 
tuhbe, nl. iobbe) müsste man tum erwarten. 



143 



As. b, mnd. v, 

§ 148. As. h (schon häufig v geschrieben), mnd. v > v. Es 
steht, wie im As., nur im Inlaut zwischen Vokal, nach l und r und 
vor l (< el), z. B. lävix lebendig, klvit (mnd. klvif) Kiebitz, bävdn 
beben, hävä Hafer, Sivä über, mvd Weiber, kvl Übel, zülvä (as. siluhar) 
Silber, kälvd Kälber. 

I? < as. b ist verhältnismässig selten geworden, einerseits dadurch, 
dass die so häufige Endung as. -hen, mnd. -ven > m geworden ist 
(§ 143), z. B. häm (as. hehan) Himmel, läm (as. lohon) loben, stSm 
(mnd. stoven) stauben, dorm dürfen, ämt (as. ahand, mnd. avend) 
Abend; anderseits dadurch, dass durch den Schwund des End-e 
(§ 117) mnd. v vielfach in den Auslaut getreten und durch Verlust 
des Stimmtons > v geworden ist (§ 44). — Über v^n < mnd. -ven im 
südl. Teil der Pri vgl. § 7, 3 a. 

Anm. h (statt v) zwischen Vokalen, nach r, l and vor l ist durchaus 
ein Kennzeichen von Lehnwörtern, z. B. obkst Oberst, tsovM, Zauber, röyhk 
Räuber, hrobhkn probieren, balbein barbieren, blbl Bibel, ßbl Fibel, xMl Säbel, 
jübl Jubel, irübl Trnbel, oktöbk Oktober. In solchen Fällen liegt es dem 
Niederdeutschen nahe, für b sein v einzuführen, so dass man anch röyv^, xävl 
hört. In ähnlicher Weise ist schon im As. lat. scribere > skrihan (jetzt Mm), 
diaholus > diuhal (jetzt d^vl) geworden. Ist doch sogar das b von as. bnr 
zu V gewandelt in der alten Zusammensetznng nävk < nähvLr Nachbar. So weist 
denn auch das b in arbkit, arbkiin durchaus auf Entlehnung aus dem Hoch- 
deutschen. Vgl. auch § 82 Anm. und § 168 Anm. 3. Anders Maurmann, 
§ 104 Anm. 

rn < mnd. -ven hat Anlass zu einigen fehlerhaften Neubildungen 
gegeben: zu bäm oben (as. biöban) ist ein neuer Superlativ bhmlst 
für bhvlst gebildet worden, zu stöm stauben heisst die 3. P. Sg. Präs. 
häufiger stomt als stövt, und nach der Analogie von lim : lim leimen, 
Leim ist ein neues Hauptwort stöm Staub entstanden, das neben 
stof gebraucht wird. 

§ 149. In ursprünglichem Auslaut, auch Silbenauslaut, erscheint 
b; wie schon im As., als f, z. B. af ab, döf taub, t?f/'Weib, graf (as. 
graf) Grab, grdfnits Begräbnis, gif gib, half halb. 

Bei alter Synkope (§ 118, a) erscheint as. b auch vor den 
Endungen st, t als f, z. B. gif st, giß gibst, gibt; drifst, drift treibst, 
treibt; äüfst, süft schiebst, schiebt. In jungem Auslaut nach Apokope 
dasEnd-e und bei junger Synkope des e (§ 118, b) erscheint as. b als 
stimmlose Lenis, d. i. i), z. B. düv Taube, glov Glaube, l^v lobe, 
ik suv ich schiebe, haFv halbe; ISii^st, Isivt lebst, lebt, drvt erbt, &,vt 
Obst, kra,vt Krebs. Vgl. § 44 und § 174. 

Anm. 1. Darnach erweist sich als hd.: op ob (as. ef of mnd. of), aber 
auch gräf Graf, s. § 71. 

Anm. 2. gafl hölzerne Strohgabel verdankt sein f den Casus, wo f im 
Silbenauslaut, d. h. unmittelbar vor / stand, vgl. as. gaflie Gabel, Oxf. Gloss. 
und Holthausen, As. El. 222 Anm. 1. 



144 

Anm. 3. /" < b ist ausgefallen in hSi^t, hki hast, hat (mnd. hefst, 
heft; schon mbr. häufig hesty het)\ ferner in Znsammensetznngen wie kd^t 
halbpart, halvl.^ halbwegs (§ 120 a), oft auch in äribouk Schreibbach, und im 
Satzzusammenhänge in Formen wie gimi gib mir; vgl. §§ 298, 299. 

Anm. 4. f, v > v, wenn es im Satzzusammenhänge in den Inlaut tritt, 
z. B. dörvik darf ich, btivik bleibe ich, givim gib ihm. Vgl. raf und die 
Weiterbildung ravii, herab (§ 111), ferner § 298. 

§ 150. As. mnd. f > f- Es findet sich seit Alters nur im An- 
und Auslaut, z. B. ftf 5, fout Fuss, flas Flachs, fränt Freund, stif 
steif, hof Hof, vulf Wolf. Ebenso im Silben aus laut, z. B. tivtfi, 
twifln (as. twlflon) Zweifel, zweifeln. 

§ 151. Silben an lautendes f in stimmhafter Umgebung war 
schon im As. stimmhaft geworden und ist v geblieben, ist aber 
neuerdings bei Ab- und Ausfall von Endungs-e > v geworden, d. h. 
hat den Stimmton eingebüsst, z. B. hKv Höfe, vülv Wölfe. Nach 
§ 7, 3 a ist -ven in NPri > m geworden: am (mnd. oven) Ofen. 

Anm. 1. Das v in fw 5 (vor Hauptwörtern) neben ßf und iwölv 12 
erklärt sich aus den as. Pluralen fibi, twelihi. Neben kdrv (mnd Jcerve) Kerbe 
findet sich in gewissen Verbindungen kdr. 

Anm. 2. Fremdes f in stimmhafter Umgebung wird häufig > v, z. B. 
kuvSit < frz. coffre, tüvl Kartoffel, Pantoffel (§ 112), wofür man zuweilen tüfl 
hört, wie tkvl neben tS^fl. Vgl. auch vövl, xövl wieviel, soviel (§ 120) und 
ävkn, wenn es aus dem Hd. stammt und nicht unmittelbar auf frz. livrer 
zurückgeht. 

-fl, 'fn nach langem Vokal weist immer auf Entlehnung aus 
dem Hochdeutschen, z. B. sträfn strafen, gräfn Grafen, täß Tafel. 
Inlautendes /" nach kurzem Vokal kann alt sein; es geht dann auf /f 
zurück, z. B. knufn knuffen, pufn puffen, blafn bellen, mußx 1. modrig, 
2. verdrossen. 

Germ, f und germ. b im In- und Auslaut sind also in unserer 
Ma. (wie überhaupt im Nd.) zusammengefallen. 

§ 152. Die Verbindung -ft ist schon im As. nicht selten zu 
ht = cht übergegangen. 

Im Mnd. findet sich in derselben Ma. (so auch im Meckl. und 
Mbr., vgl. Nerger S. 60, Graupe S. 29) dasselbe Wort mit -ft und -cht, 
für cht wird auch ft geschrieben, und ft und cht reimen. In unserer 
Ma. finden sich von -cht < -ft folgende Spuren: axtd (as. aftar, ahter) 
hinter (vgl. § 7, 2 d); dazu ztk fd-dxtdn (§ 51, 2 b) sich erholen; ütluxtn 
auslüften, während liixt (mnd. luht) Luft nur noch von allerältesten 
Leuten für luft gebraucht wird; zßxt (as. säfto, mnd. sacht) sachte; 
zixtn sieben; saxt (mnd Schacht) 1. Quadratrute 2. Schaft in stävUaxt 
Stiefelschaft. 3. (Meckl.) Stock zum Schlagen, Tracht Schläge. Gehört 
dazu äaxtlhalm? Der volkstümliche Name ist katn-stedt Katzensterz, 
für den verpönten Wiesenschachtelhalm düvut, dessen mnd. Form 
düvenwocke heisst, s. Grimm, Dt. Wb. unter Duwock. 



145 

§ 153. ^^' pft f {< P) > f (pf) in einer Reihe von Lehnwörtern, 
z. B. fant Pfand, ßixt (neben plixt) Pflicht, fifäliyk Pfifferling, trumf 
Trumpf, kemfn (mnd. kempen) kämpfen, äöpfd Schöpfer; hofn (mbr. 
hapen) hoffen, äafn (schon mbr. schaffen neben scheppen^ schappen)^ 
rextäafn (mbr. rechtschapen)^ zaft (mnd. sap) Saft, grif Griff (dazu 
grifl Griffel?), slöyf Schleife. Über die Ableitungssilbe hd. saft für 
nd. schap, schop s. § 121a. Mehr medizinisch sagt man kremf^ imfn 
Krämpfe, impfen, mehr volkstümlich kramp, impm 

Anm. 1. Auffällig ist das /*in steifbrourkj steißrk Stiefbruder, Stiefvater 
u. s. w. Schon das Mnd. sagt regelmässig stefj das Mnl. stief; nur das Engl, 
und das Fries, haben p bewahrt (vgl ags. steop-sunu). Möglicherweise hat sich 
zuerst im as. ^stiopfader p &n f assimiliert, und die f- Form ist dann auf die 
anderen Verbindungen übertragen worden; so schon Walther, Nd. Jb. I, 50. 

Anm. 2. f ist eingeschoben in den beiden Lehnwörtern tsimft Zimmet, 
%amft Sammet. 

b. Zahnlaute. 

As. mnd. t, 

§ 154. As. mnd. t ist in der Regel im An-, In- und Auslaut 
erhalten, z. B. tU Zeit, twe 2, treky ziehen, f^dtix 40, lätn lassen, üt 
aus, holt Holz. 

Anm. 1. Nach langem Vokal iu stimmhafter Umgebung, vor allem vor 
l, auch nach Beibelauten wird inlautendes t vielfach zu stimmlosem d, d. h. mit 
geringerem Luftdruck gebildet als sonst, z. B. UMl. besser, doxdk Tochter, slkdl 
Schlüssel. 

Anm. 2. t > d in Fremdwörtern wie madräts Matratze, kard^U Kar- 
tätsche, Pferdestriegel. 

As. tt > L z. B. kat Katze, zun sitzen. 

As. t^ tt -\- t > t in der Verbalflexion bei alter Synkope, d. h. 
in der 3. P. S. Präs. und bei schwachen Ztw. der Klasse I b (lang- 
silbige der ^a- Klasse) auch im Präterit. und im Partiz. Prät., z. B. 
geitn — gilt giessen — giesst, zitn — zit sitzen — sitzt, stotn — stöt 
stossen — stösst, gestossen, böytn — bot böten (besprechen) — bötet, 
gebötet. 

Bei jüngerer Synkope aber, d. h. bei den übrigen schwachen 
Ztw., entsteht aus as. t, tt -{' t ein t, welches mit stärkerem Luft- 
druck und Muskeldruck abgesetzt als eingesetzt wird (Bremer, Dtsch. 
Phonetik, § 53 ff. § 93 ff.). Die Dauer der Verschlussstellung ist 
daher naturgemäss grösser als beim einfachen End-^, der nach- 
strömende Lufthauch viel stärker. Ich bezeichne dieses t mit ift. 
Beispiele : zetn — zeft setzen — setzt, setzte, gesetzt ; swetn — sweft 
schwitzen — schwitzt, schwitzte, geschwitzt. 

Anm. 1. Dieses ft finden sich natürlich auch im Plur. Prät., z. B. 
zeftn. swet'tn setzten, schwitzten. 

Anm. 2. st^ xt -^ t > sty xt^ z. B. trZsin — trZst trösten, tröstet, 
getröstet, paxtn — paxi pachten — pachtet, gepachtet. 

Niederdenteches Jahrbnoh XXXI. 10 



146 

§ 155. t fällt aus in -xt -f- st, z. B. du paxst du pachtest, 
lixst leichteste zu lixt leicht. — t ist abgefallen in is ist (schon as. 
häufig is neben ist) ; in nix nicht (schon mnd. mbr. nicht selten nich 
für nicht, vgl. Tümpel, Ndd. Stud. S. 60 ff.); in niks, der in NPri 
gebräuchlichen Form für nichts (in der s. Form nist und der ö. Form 
niM ist t erhalten); in züs < mnd sms, wenn dieses für sust < *stmst 
stehen sollte (§ 142, Anm. 2); in Satzdoppelformen wie 7nük < müt 
ik muss ich, vek < vet ik weiss ich (vgl. § 298); häufig in mäfk für 
markt Mark. Es scheint auch ausgefallen in nkln trödeln: das 
Bremer Wb verzeichnet neteln, nöteln, und das gleichbedeutende nl. 
neulen wird zu mnl. neutelen gestellt. 

Anm. Nach Vokal vor st ist t seit alters in best beste geschwunden. 
In mbr. Urkunden heisst es meistens auch teste, groste letzte, grösste (vgl. 
Graupe S. 31); heutzutage sagt man nur letst, grötst, wie auch vetst weisst, 
wofür Meckl. veist sagt. 

§ 156. t ist, schon im Mnd., angetreten in der 2. P. Sg. Präs. 
und Prät., z. B. gifst, geivst gibst, gabst (§ 257, Anm. 1.); dann an 
einzelne Wörter, besonders solche, die schon auf einen Zahnlaut 
endigten, z. B. dedt n. (schon mnd. der und dert) Untier (vielleicht 
unter Einfluss des mnd. KoUektivums derte n. Getier); mödt (mnd, 
mar) in mödt-drüky Alpdrücken, vgl. § 420; änäthalf anderhalb; mln- 
väyt neben mlnväy meinetwegen, förixt vorige. Bei mänt Mond (neben 
man § 71 Anm.), kämt Hemd (neben hdm) ist das t wohl durch 
Einfluss der entsprechenden hd. Wörter (§ 71) angetreten. Vgl. auch 
ktivdt neben kuvä < frz. coffre Koffer und das hd. entslt einzeln. 

Anm. 1. In püstn = mhd. phüsen und knüst = hd. Knaus scheinen 
mir «^-Bildungen vorzuliegen. 

Anm. 2. Zwischen s und r vor dem Tone ist die Aussprache durch t 
erleichtert in kastrol < frz. casserolle. 

Anm. 3. In nMt (mnd. vereinzelt niet), der prädikativen Form zu nAi 
neu könnte man eine merkwürdige Spur der im Mnd. noch seltenen, jetzt 
namentlich in Westfalen (vgl. Behaghel, Pauls Gr. I, S. 771) häufigeren Endung 
-et im Nom. Akk. Sgl. Neutr. sehen wollen. Ich meine allerdings eher, dass / 
angetreten ist in Anlehnung an olt alt, mit dem es so häufig im Gegensatz steht. 

Anm. 4. Über die Verbalsubstantive auf entj z. B. d§it Wmt das Leben 
vgl. § 356. 

Anm. 5. In störkm stürzen (mnd. störten) scheint mir Dissimilation des 
zweiten i > k vorzuliegen. 

Anm. 6. Über t < germ. d in Lehnwörtern aus dem Hd. s. § 163. 

Anm. 7. Zahlreich sind die Lehnwörter aus dem Hd., in denen für nd. 
t das hd. tZj ss^ s als is, s erscheint. Dabei ist zu bemerken, dass der Prig- 
nitzer eine gewisse Schwierigkeit hat, ts im Anlaut zu sprechen, und dass viele 
im Anlaut und im Inlaut nach Konsonanten dafür ^ sprechen, a) im Anlaut: 
ts^gj tsik (schon mnd. sege) Ziege; tsü^n (schon mnd. siren) zieren; tsit^i 
(schon mnd. sitteren) zittern, tsitkn un tsäm zittern und zagen; tsif (schon 
mnd. sibb) weibliches Kaninchen; tsax (schon mnd. sage) zaghaft; alt sind auch 
wohl fUs^xt verzagt und tsex Zeche, vgl. mnl. vertsagen, sech\ — tsüvk^ 



147 

tsanhi Zank, zanken; tsorn Zorn (aber fU^hi erzürnen); tsihi zielen (mnd. 
tUen)\ tsipm zupfen (in den Haaren); tsapln zappeln; tsoubk, tsoub^n Zauber, 
zaubern; tskitunk Zeitung; tsimlix ziemlich (Meckl. ßimlix)\ {t)swek, {t)swek- 
mlsix zweckmässig; tsümftix zünftig, an seiner Stelle; tsuxt, untsuxt Zucht, 
Unzucht (im moralischen Sinne, sonst toxt)\ ütseru^k Auszehruug; irüxtsopm 
zurückzucken; tsäi Zahl (aber betäln bezahlen, Meckl. auch ial)) tsux (Meckl. 
iox) Eisenbahnzug. — b) Im Inlaut: reitsn reizen (bes. im Kartenspiel), nutsn 
nütslix Nutzen, nützen, nützlich; x^fsyi seufzen; axsix 80 (für axtix)\ esix 
Essig (as. etik); m'Sisix massig; entslt (mnd. entelen) einzeln. — c) Im Auslaut: 
ganiSj genslix (schon mnd. gantXj genxlichy genxliken) ganz, gänzlich; xats^ 
afxatSj bezats Satz, Absatz, Besatz; spits spitz; blits Blitz; vits Witz; slits 
Schlitz; rits Bitze; rots Rotz; klots Klotz, irots Trotz; stolts stolz (als Ei- 
genname noch Stolt)] filis Geizhals; geäüts Geschütz; gevürts Gewürz; gezets 
Qesetz; änoutsböit Schnurrbart; nets neben net Netz; kreis (schon mnd. kreis 
neben kreit) ; IiaSy hasUf heslix Haas, hassen, hässlich ; ris Riss ; löSj los Loss ; 
strüs Strauss (Blumen); gr^s Gruss (von Kohlen, Torf, Steinen); aus Schuss; 
flus Fluss (bes. als Krankheit) ; spis Spiess ; §los Schloss (als Gebäude) ; fräs, fresn 
Frass, fressen (verächtlich, sonst fr^t7i)\ hornis (mnd. hörnte) Hornisse; afsUsn 
abschätzen; b^sn büssen; gi^syi grüssen; dU is kein mus das ist kein Muss. 
Meistens sagt man auch grösmvdk Grossmutter. Aus s ist s geworden in dem 
alten Lehnwort .körbs (mnd. körbiize < ahd. kurbi"^ < lat. (mcurbita, vgl. ags. 
cvjrfet und § 271). 

Mnd. d. 

§ 157. Schon zu Beginn der mittleren Periode war as. J?, d 
> d geworden: mnd. d vertritt also as. rf, d, )?, d. i. hd. t und d, 
Mnd. d hat sich nur im Anlaut erhalten, z. B. del Teil, doun tun, 
drinky trinken; denky denken, diyk Ding, drei drei. Abweichend vom 
Westen des nd. Gebietes (vgl. u. a. Maurmann § 111, Holthausen, 
Soester Ma. § 163) ist auch as. pw- > dw geworden, z. B. dwirjy (as. 
\mngan) zwingen, dweä (as. ]>werh) quer, dwas in fädwas (mnd. 
dicars) verdreht, dwel f. (mnd. dwele Handtuch) Tischtuch (§ 7, 2 d), 
dwat§ verdreht. 

§ 158. Mnd. d im Inlaut ist zwischen Vokalen, ausgenommen 
vor / < el, im nördl. Teile der WPri zu einem r-Laute geworden, hat 
sich in einem angrenzenden schmalen Gürtel der WPri und in der 
nördl. Hälfte der OPri als d erhalten, und erscheint im südl. Teile 
der gesamten Pri als ein j'-Laut (Näheres § 7, 2 a und Anm. 1 u. 2). 
Boberow, das im r-Gebiete liegt, bietet folgende Formen: brourä 
Bruder, snirä Schneider, blärä Blätter, dörix tot, frär Friede, vir 
Weide, bror Brote, rör rote, snifn schneiden, fäfn Faden, lyräfn 
Braten. Vor n wird der r-Laut also reduziert, wie f, gesprochen. 
Vor / ist d erhalten geblieben, z. B. nädl Nadel, rädl Kornrade, 
kMl Kotstück, edlman Edelmann (vgl. Holthausen, Soester Ma. § 166). 

Anm. 1. Der auf Trägheit in der Lautbildung beruhende Wandel von 
^ > r ist entschieden jüngeren Datums und sicherlich jünger als die Vertretung 
des intervokalen d durch j. Nach meiner Wahrnehmung ist gerade die Pri und 

10* 



148 

der angrenzende Strich von Meckl. hinsichtlich der Schärfe der Artikulation am 
weitesten nach r vorgeschritten (vgl. z. B. Nerger § 193, Gilow, Leitfaden znr 
plattdeutschen Sprache, Anclam 1868 S. 32-37). Zu derselhen Zeit, wo 
Bratring für die südl. Altmark schon meistens y /"^j für intervokales c^ schreibt, 
schreiben Hindenberg und Gedike d\ ersterer schreibt hede Heede, mäc^e 
Made, letzterer hrüde Bräute, lüde Leute, ryden reiten. Das ist allerdings nicht 
beweiskräftig, da heide ihre hd. Orthographie auf das Nd. übertrageu haben: 
Hindenberg schreibt z. B. auch Naber Nachbar, mit hochdeutschem h. Aber 
bei beloben gibt er an, es werde belöwen ausgesprochen. Sollte er, der gerne 
auf Unterschiede zwischen seiner mittelmärkischen Heimat und der Pri achtet, 
nicht auch ein r für d bemerkt und hervorgehoben haben? 

Anderseits ist zu bedenken, dass in Wörtern wie /rar (mnd. vrede) Friede, 
wir Weide (mnd. w\de) d sich schon nach r hin bewegt haben muss, als End-e 
noch bestand: nach Schwund des End-e in den Auslaut geratendes d wäre 
einfach t geworden (§ 161); überhaupt ist der Lautwandel von d > r eben an 
intervokales d gebunden. Nun haben wir aber § 117 Anm. 1 gesehen, dass 
End-ß höchstwahrscheinlich im Laufe des 18. Jh. verstummt ist. Nicht lange 
vorher wird sich ein r-haltiger Laut für d eingestellt haben. Das älteste 
Zeugnis für den Ühergang von d > r ist das von Dietz, abgedruckt im Nd. 
Jb. 20, 125. 127. Darnach war für gewisse Teile von Meckl. dieser Übergang 
zu Anfang des 19. Jh. schon vollzogen. 

Man beachte auch, dass r für d immer nach langem Vokale steht: da 
eben nur intervokales d in Frage kommt, so stand der vorhergehende Vokal in 
offener Silbe und musste gelängt werden (§ 183 ff.). In Wörtern wie Zärä Leder, 
Ikrich leer müssen wir von einem jüngeren dd ausgehen (§ 159). 

Anm. 2. In dem r- und c?-Gehiete gibt es zwei merkwürdige Wörter, 
die ausgefallenes d und auch Spuren seines Vertreters j zeigen: Ikvn (as. 
ledian) und spr^i'^n (mnd. spreden) s. § 82, b. Man könnte im Hinblick auf 
verschieden sprachige Ansiedler denken, dass bei diesen beiden Wörtern eine 
andersartige Ausgleichung stattgefunden habe: dann müsste man aber des Schwund 
des intervokalen d sehr früh ansetzen. Mir scheint wahrscheinlicher, dass diese 
Formen vom Süden her eingewandert sind. 

Anm. 3. Erhaltung des 6^ zwischen Vokalen deutet auf hochdeutsche 
Entlehnung, so in r^dix ungezogen, gnMix gnädig. Hochdeutscher Einfluss muss 
auch vorliegen in mudk Mutter (für *m(?wrä, vgl. broura, Bruder), fadi (neben 
färSi) Vater. Sicher hd. ist fedk Vetter; das schon etwas altertümliche /era 
hezeichnet jeden männlichen Verwandten. Halbhochdeutsch ist auch twet zweite. 
— Aus dem Hd. stammen natürlich auch die Wörter mit t = as. d, d, z. B. 
äain Schatten (as. skado), arbkitn (mnd. arbeiden) arbeiten, ätn Atem, beglAiin 
begleiten, äkitl Scheitel, betin betteln, sm7ä Schnitter, sütln schütteln. — Sehr 
auffällig ist t statt r in stxitn (schon mnd. stüte, vgl. &ber ne. stiid) Eoggen- 
weissbrot, und in rxit, Mz. rütn Fensterraute. 

' ^ o 

Anm. 4. hnt Kreide stammt vom lat creta; roman. creda^ das Grund- 
wort zum hd. Kreide, hätte krir ergeben, wie rom. seda xlr Seide. jEfti^ heute 
{h^t auch im ^-Gebiete) kann nicht auf as. hiudu, mnd. hüde beruhen, das Mr 
ergeben hätte. Ich vermute Beeinflussung durch das mhd. hiute, und bemerke, 
dass sich schon im Mnd. hüte findet. Für zlt Seite ist nicht mnd. sidCj sondern 
die Nebenform slt f. als Grundwort anzusetzen. 

A n m. 5. Weggefallen ist inlautendes d in gunmöm guten Morgen. 
gundäx guten Tag, und in i/% in Verbindungen wie liebest allerbeste, das ich 



149 

ZU mnd. idel lauter, unvermischt stellen möchte (eine andere Erklärung s. bei 
Holtbausen, Soester Ma. § 115). Zu erwähnen ist noch, das r < d oft nicht 
mehr gehört wird in bki beide (neben b^Ltr) und in zö drä as (neben %ö drär as) 
sobald als. Über den Ausfall der Mittelsiibe -de- in Wörtern wie br^jkm 
Bräntigam s. § 115, 5. 

§ 159. Mnd dd > r. Man muss unterscheiden a) altes, schon 
as. dd {< dj)^ z. B. ver f. (as. weddi n. Pfand) Wette; her (as. beddi) 
Bett (vgl § 318 Anm.); mir f. (as. middi n. und middia f.) Mitte; 
hirn (as. biddian) bitten; rern (mnd. redden) retten; pern (mnd. pedden) 
treten; torn (mnd. *todden, s. § 59) streuen von Körnern und Nadeln; 
süni (as. skuddian) schütten, schütteln; dazu äürkopm mit dem Kopfe 
schütteln; vgl. auch här hatte < mnd. hadde und kldrn schlecht 
schreiben (Kladde), b) jüngeres mnd. ddj das sich gebildet hat nach 
kurzem Vokal in solchen Wörtern, in denen in einer bestimmten Zeit 
kurzer und langer Vokal innerhalb der Flexion abwechseln mussten, 
in denen aber der kurze Vokal durch Ausgleich den Sieg davon 
getragen hat, z. B. bom Boden, Idrä (mnd. ledder), lärix (mnd. leddig) 
leer. Vgl. 7, 2 c und § 222. 

Vor / < el ist natürlich auch hier (§ 158) d erhalten, z. B. 
edlman (mnd. eddel) Edelmann. Vgl. auch Iterativbildungen wie 
hrudln unordentlich machen, tiidln zerstreut sein, tudlix zerstreut. 
-md- > mm > m, z. B. häm Hemde s. § 283 y. -^i^- > ^^^ > ^; 
z. B. kind Kinder, ptin Pfunde, s. § 283 ß -Id- > II > l, z. B. ölä 
älter, kül Kälte, s. § 283 a. -rrf- > r, das in jungem Auslaut noch 
zu ä wird, z. B. färix fertig, peä Pferde, s. § 284. 

§ 160. As. d; d -f- id in der 3. P. Präs. Sing, ist in starken 
Ztwn. und bei den schwachen der Klasse I b > ^ geworden, z. B. 
snit schneidet, büt bietet (as. biodan), hat hütet (as. hödian)\ bei den 
übrigen schwachen Verben > rt^ z. B. rärt redet. Dieses r dringt 
durch Ausgleichung auch in die Klasse I b der schw. Ztw. ; so hört 
man höyrt neben hat hütet, und immer l^rt für das ausgestorbene 
lüt läutet; schadet heisst immer §ät (Vgl. § 154.) 

§ 161. Auslaut, as. d > t, z, B. blat Blatt, döt tot, röt rot, 
hröt Brod, gout gut, kint Kind, olt alt, peät Pferd. 

Anm. 1. Das n in bün band (as. band), das / in gül galt (as. gald), 
das r in sneir schnitt (as. snh^j sned) muss also aus dem Inlant stammen; 
denn nur dort wird -nd-, -Id- > n, l (§ 159), -d- > r (% 158). Es stammt 
aus dem Plur. Präter. oder direkt aus dem Optativ, s. § 366. 

Anm. 2. Auslautendes d im ersten Giiede von zusammengesetzten 
Wörtern, deren zweites Glied auch mit d anfängt, geht gern verloren, z. B. 
handouk Handtuch, kind^p Kindtaufc. — d ist auch ausgefallen in den aus 
dem Hd. stammenden Wörtern ornuvik, orn Ordnung, ordnen. 

§ 162. d schiebt sich gerne ein vor l nach langem Vokal; so 
(immer) in sträidls Streu, stäidl steil neben stäil, keddl Kerl, KöddL 

'/ O /O 'O/O' 

Kädl (lid.) Karl, ddidln teilen neben ddiln, vgl. auch pädln schwatzen 
< frz. parier; ferner zwischen n und d oder r, z. B. Heinrix neben 



150 

Heindrix, rentlix reinlich. Angetreten ist t (für d) in hin in der 
Redensart kein hint ord kint keine Anverwandten (s. § 232 Anm. 2). 
§ 163. Als lid. erweisen sich (ausser den § 158 Anm. 3 u. 4 
angeführten) durch ihr t für nd. d: ttä Tier (deät nur noch Schimpf- 
wort, vgl. Löwe, Nd. Jb. XIV, 36); trürix, trüän traurig, trauern; 
tr^ipsäl Trübsal; törp, toben (aber as. dohon delirare); fdtily vertilgen 
(mbr. delgen)^ tüks tückisch, tön (mud. dön) Ton; artix (neben ö^rix 
§ 249) artig; gevitä (aber värän donnern) Gewitter; zatlä (aber zädl 
Sattel) Sattler; zeltn selten; glat Kompar. gldtd glatt; got^ Gen. gots 
Gott; berdits bereits. 

Aum. In ^ü^ Düte und titit Dinte entspricht nd. t einem hd. d, 

§ 164. Hieran knüpft sich die wichtige Frage: Ist auch t im 
Präter. der schwachen Ztw. auf hochdeutschen Einfluss zurück- 
zuführen, wenn es heisst Ihvtn lobten, bärtn beteten, m§,tn mähten, 
botän bauten, drbmtn träumten (nind. drömden)^ fültn faulten (mnd. 
vülden) faulten? Ich meine nicht. Schon im As. wurde d nach 
stimmlosen Lauten > t; Holthausen führt im As. El. § 248 an: döpta 
taufte, bötta büsste, senkta senkte, kusta küsste; vgl. mnd. Formen 
wie muste, dofte, sochte. Die starken Ztw. mit dem Stammauslaut t 
boten ebenfalls im As. -t, -tun, im Mnd. -t, -ten, z. B. götj götiin — 
göt, göten goss, gössen. Zu bedenken ist auch, dass -Id-y -md-, -nd-j 
-rd' zu /; My riy r hätten werden müssen (§ 283, 285) : wie wollte man 
aber dann noch z. B. füln < fülden faulten unterscheiden können von 
der Mehrzahl der Gegenwart, die auch füln hiess? Nach Apokope 
des e heisst der Sing. Prät. ohnedies fült (< fülde)^ da auslautendes 
d von selbst > t wurde. Was lag näher, als daraus fültn neu zu 
bilden und sich so das nötige Unterscheidungsmerkmal für das 
Präteritum zu erhalten? 

Eine ähnliche Frage besteht hinsichtlich einiger einzelner Wörter: 
ödt (mnd. art^ flektiert arde) Art, födt (as. fard) Fahrt sollten in der 
Mehrzahl öarn, födrn heissen (vgl. gödrn < as. gardo Garten); sie 
lauten aber ödtn^ födtn. Ähnlich heisst antworten antvodtn statt 
antvödrn (as. andwordian); denn -rrf-, das im Auslaut > rt wird, 
assimiliert sich zwischen Vokalen > rr > r {% 285 und Anm.). Man 
könnte auch hier an Anlehnung an die hd. Formen „Arten", ;,Fahrten", 
„antworten" denken. Ich glaube aber vielmehr, dass wir es mit 
Neubildungen aus der Einzahl zu tun haben, zu denen ködt — kö9tn 
(< franz. cm^te) und pödt — pödtn (< lat. portd) das Muster boten. 
Vgl. auch § 346 Anm. 

As. mnd. s. 

§ 165. As. mnd. s > z im Anlaut vor Vokalen, im Inlaut 
zwischen Vokalen und nach Liquiden und Nasalen, z. B. zeis Sense, 
ziyy singen, zkm 7, zun Sonne; Mzä Häuser, väzlk Wiesel, läzn lesen, 
vamzn prügeln, pinzl Pinsel. 



151 

All in. 1. Dass auch s nach r ursprünglich stimmhaft war, beweist das 
Schicksal des r und des yoranfgehendeu Vokals: man s. § 248 f. und vgl. nö^s 
(mnd. a7's) amts, bö^s (mnd. bars) Barsch mit fS^-dwas verrückt < dwars, 
dwasSy das sicher stimmloses s hatte. Manche sprechen auch s in pksön Person. 

A n in. 2. Nach kurzem Vokal vor / und n wird das s mit etwas grösserem 
Lnftdrnck und etwas grösserer Mnskelspannung gesprochen : es bleibt Lenis, wird 
aber in der Aussprache vieler tonlose Lenis (s) : man hört z. B. buxn und bu%n 
Bnseu, hevn und be^n Besen, hazl und Jia^l Hasel, duxl und di(?>l Dummkopf; 
in Iterativbildungen wie puxln herumhantieren, nuxbi hintendran sein spricht 
man wohl nur x. 

Anm. 3. Anlautendes s wird ts oder s gesprochen in dem zur Interjektion 
gewordenen t^, mnd. ^t^ sieh (die eigentliche Befehlsform heisst xei)^ und in vor- 
toniger Silbe in tsufdrüt selbdritt, Tsifelt Flurname in Boberow, den ich nach 
Lage der Dinge als xir feit = das niedrige Feld deuten mnss, Tsaß Sophie. 

§ 166. As. mnd. s > s im Auslaut, z. B. hüs, gous Gans, 
glas Glas, hals Hals, uns uns, mets Messer. 

In jungem Auslaut, der durch Verstummen des End-e ent- 
standen ist, wird 2; > s, z. B. Ääs Hase, j'/Ss Gläser, göy^ Gänse, 
häh Hälse, um unser. Vgl. § 44. 

§ 167. As. SS' > s, z. B. gecis (as. giwisso) gewiss; küsn (as. 
kussiun) küssen; küsn Kissen, eigentl. Sitzkissen (s. § 68); mis f in 
Iktmis (< mlat. missd) Maria Lichtmiss. 

§ 168. Im Anlaut vor t, p, /, tn, n, w ist s auf dem Lande als 
s erhalten, das aber nicht stark artikuliert wird. (Über die Ver- 
breitung und das Vordringen von § vgl. § 8, 2). Beispiele: sten Stein, 
sfoul Spule, spräk Sprache, släpm schlafen, smet Schmied, sntrn 
schneiden, su)ln Schwein. 

Anm. 1. Es scheint, dass s vor l, m, n, w leichter zu § wird als vor 
p und ^, vgl. Löwe, Nd. Jb. 14, 25 f. 

In einigen Lehnwörtern aus dem Hochdeutschen wird § gesprochen, z. B. 
slos Schloss (Gebäude), änoutshbkt IBchnurrbart, slits Schlitze. 

Ganz fest ist s vor p und t im Inlaut, z. B. swestk Schwester, vost 
Wurst, vispl Wispel. 

Anm. 2. In (^sl (as. thistil) Diestel ist t vor l geschwunden; in fnltsix 
nebelig, nasskalt (vgl. mnd. mistig und ags. mlst Nebel) scheint st > ts um- 
gestellt zu sein; in Krisan Christian ist st -H- Hiatus-i > s geworden, vgl. 
§ 124 Anm. 1. 

§ 169. Die Verbindung sk ist in allen Stellungen > § geworden, 
z.B. säp Schaf, §oul Schule, döän dreschen; vasn waschen; fi§ Fisch, 
fles Fleisch, min§ Mensch, äräpm schrapen, .^nm schreiben. 

Anm. 1. Schon in mnd. Urkunden ist seh für sk {sc, sg) sehr häufig, 
und in mbr. Urkunden eher häufiger als sk Nichtsdestoweniger kann in unserer 
Ma seh noch nicht sehr alt sein: noch jetzt erzählt man sieb, dass die Alten 
j^disk und fisk und waskeldouk'^ gesagt hätten (es werden immer diese 3 Wörter 
angeführt). Ja, es gibt einige entlegene Dörfer, in denen alte Leute noch disk, 
fi^k sprechen, z B. Besandten und Unbesandteu in der Lenzer Wische. Gedike 
schreibt S. 326 nagreepsk eigennützig, geeivsk der gerne gibt, und für die Alt- 
mark verzeichnet Bratring am Ausgang des 18. Jh. ein lieskenstrieker Schmeichler. 



152 

Anm. 2. In xal, xöln (as. skal, skulan) soll, sollen ist x für s < sk 
eingetreten Der einfache ^-Laut findet sich schon häufig iin Mnd. (hes. im 
Westen, s. Tümpel, Nd. Stud. S. 110 fF); in unserer Mundart ist s für ä nicht 
allzu alt: ich selbst habe als Kind noch einige alte Frauen gekannt, die äal shln 
sagten. Ich glaube, dass sowohl s wie der kurze Vokal auf hd. Einfiuss beruht. 
Richey nimmt neben hd. auch holländischen Einfiuss an. 

Anm. 3. Muskat- nuss heisst mas§itn-nht; dagegen sagt man muskant 
Musikant und gMgÖysken Goldammer, wörtlich Gelbgänschen: s und k sind hier 
erst nach Ausfall eines Vokales zusammengetreten. Aber trotzdem wkän Tante 
< weseke. 

Anm. 4. ä auch = frz ch, z. B. kusn sich niederlegen, ruhig sein < 
frz. coucher, 

§ 170. Nach stimmlosen Explosivlauten hat sich sporadisch 
s > ä gewandelt, z. B. ekä (as. acis für acus, mnd. ekse) Axt; göps 
(mnd. gepse) die innere Höhlung der beiden zusammengefügten Hände; 
hädiU < hädits (§ 119 d. Anm.) Eidechse; förföytä (mnd. vorvotes) 
vor den Füssen weg, ohne Umwege; flit^n neben ßitsn sich schnell 
bewegen ; vgl. auch körbä < mnd. körbitze oder körvisch < ahd. kurbiz 
und forä (mnd. forse) Kraft, kräftig (< frz. force). 

Anm. Das ä in faU falsch beruht wohl auf mnd. vdlsCy das sich neben 
fals findet, das s in heis heiser auf einer A:- Ableitung zu as. heis^ also *h^sk. 
Ob wir für blous Baumblüte ein mnd. *blöseke ansetzen dürfen, oder ob sich 
hier in dem mnd. Mosern (yg\. ags. blösma) s > s entwickelt hat, vermag ich 
nicht zu entscheiden. Es wäre dann blösen < blöseni (§ 140) als ein Plural 
verkannt worden und darnach ein neuer Sing, blous gebildet worden (% 337y. 
Auffällig ist auch das ä in brüsn, wenn es wirklich von *brunsan (§142 Anm.) 
kommt, und das s in prüsn niesen, für das ich im Mnd. nur prusten belegen 
kann, hirä Hirsch und kirä Kirsche, Kirsch sind hd. Ursprungs. 

§ 171. s ist angetreten in mäfks Mark (in den Knochen) und 
vielfach an Adverbien, z. B. atjes Adieu, föäts sofort, vgl. § 416. 



c. Gaumenlaute. 

As. mnd. L 

§ 172. As. mnd. k in allen Stellungen >• ä:, z. B. kan kann, 
kr^vt Krebs, klouk klug, knüpl Knittel ; klöykä klüger ; kouky Kuchen ; 
bouk Buch, folk Volk, ik ich, zik sich. 

As. mnd. qu > kw^ z. B. kwäk Unkraut. 

As. mnd. kk > k, z. B. liky (as. likkon) lecken, akä (as. akkar) 
Acker. 

Über sk > ä vgl. § 169. 

Über tk > t, z. B. bätn bischen < bätken^ vgl. § 286. 

Anm. Als hd. erweisen sich durch ch für nd. k: flüxn fluchen; tskun 
(neben teikr))^ smeixln schmeicheln; zeixn harnen; zixk sicher; bötxk Eöttcher 
(mnd. bödeker)] raxn Bachen; rax Rache; vox Woche (mnd. whke)\ stix Stich 



153 

(bes. im Kartenspiel); stixln sticheln; strix Strich; brux Fruch (in der Bechuung); 
sprux Spruch (bes. Bibelspruch) ; gerux Geruch ; xax Sache (neben xäk) ; houptxax 
(neben houptxäk Hauptsache ; hexfix (neben bexöyk) ; pex in der Bedensart pex 
kern Pech haben; kirx Kirche (das ältere kdfk noch in dem Flurnamen venä 
käfkhof Wendischer Kirchhof); llrx Lerche, s. § 81 Anm.; fenxl (mnd. venekel 
= lat. foeniculum) Fenchel] f^ilx9n Yeiicheu] Manxn Marieeben, Lisxn Lieschen; 
über -lix für -lik vgl. § 121, c. 



As. mnd. 5, g. 

§ 173. a) As. 5 > ^r im Anlaut und im Inlaut zwischen Vokalen, 
z. B. gistän gestern, geän gern, gän gehen, gous Gans, glds Glas, 
gröt gross; kröygä Gastwirt, fägl Vogel. 

Anm. 1. Der Verschluss bei Bildung des g ist lose. 

Anm. 2. über g > j iia. SPri s. § 7, 4 a — Auch in der NPri wird in 
einigen Wörtern j für g gesprochen: fit) gegen (schon mnd. jegen neben gegen), 
ßrjt Gegend, hej^f) begegnen, Jürn (mnd. Jürgen) Jürgen. lu diesen Wörtern 
liegt wobl Dissimilation vor. In hr^j^m Bräutigam stand g vor unbetontem 
Vokal; in höjS^pni gähnen (mnd. gapen den Mund aufsperren) ist wohl Ver- 
mischnng mit japm nach Luft schnappen eingetreten; jurk Gurke scheint durch 
das j zu bezeugen, dass dieses Gemüse von Südosten her vorgedrungen ist. Bei 
ji ihr ist mir zweifelhaft, ob nicht schon für das as. gl ein j'-Laut anzunehmen ist. 

Anm. 3. Während sonst -gel durchaus zu gl geworden ist {speigl Spiegel), 
ist es in dem Lehnwort lexl (schon mnd. lechelen = mlat. lagena) kleines Fass 

> xl geworden. 

b) Mnd. -gen (nach langem Vokal), -ggen (nach kurzem Vokal) 

> j;, z. B. öy Augen, swiy schweigen; royy Roggen, leyy legen. 
Näheres s. § 289. 

Anm. 1. Nach r ist in -gen g mehrfach geschwunden: Jürn < mnd. 
Jürgen; morn (neben mory) morgen (schon mnd. mome neben morgene)\ Arn 
den Hund necken, reizen, das doch wohl nicht von mnd. tergen necken zu trennen 
ist. So erklärt sich nun auch das schwierige Wort nänix nirgends: mnd. nergene 
< as. ni hwergin ist (schon in mnd. Zeit) > nerne, dieses aber nach § 413, 
indem sich das schliessende n mit ix zu nix verbunden hat, > nänix geworden. 

Anm. 2. Auffällig ist x in löyxn lohende Flammen (as. fö^na, mnd. 
%ewß, löchene). 

§ 174. In ursprünglichem Auslaut erscheint 3, wie schon im 
As., als X, z. B. dax Tag, vex Weg, dex Teig, trox Trog, talx Talg, 
bdrx Berg, honix Honig, lärix leer. 

Bei alter Synkope (§ 118 a) erscheint as. 5 auch vor den 
Endungen -st und -t als x, z. B. dräxst, drdxt trägst, trägt; züxst, 
züxt saugst, saugt. Vgl. auch hogä höher und höxt Höhe. 

In jungem Auslaut nach Apokope des Eud-e und bei junger 
Synkope (§ 118 b) erscheint 3 als stimmlose Lenis, d. i. g, z. B. 
og Auge, dkg Tage, 'iAg Wege, zug sauge, drbgst, drbgt trocknest, 
trocknet (zu drdy trocknen). Vgl. § 149. 



154 

§ 175. Äs. yg im Inlaut < j; (§ 283 S), im Auslaut > yk^ 
z. B. fiyä Finger, jüyä jünger, ziy singe, lay lange; layk laug, riykj 
juyk jung. 

As. yg -h ßw > silbenbildendem y (= j;»?), z. B. hreyy bringen, 
fayy fangen. 

§ 176. As. mnd. gg (inlaut.) > x, mnd. -ggen > yy (§ 289), 
z. B. rox (as. roggo)^ neben ro??^; § 334, 2, Roggen; ftrwa? (as. bruggia) 
Brücke, Mz. brüyy; müx (as. muggia) Mücke, pox (mnd. pogge) Frosch, 
fliix (mnd. vlügge) flügge, ex (mnd. egge) Egge, trüx zurück, aber rüyy 
Rücken, ik zex, lex, lix sage, lege, liege, zu iseyy, leyy, liyy sagen, 
legen, liegen (as. seggian, leggian, liggian). Vgl. rif, rim § 147. 

Anm. Im südlichsten Teil der WPri und in ganz OPri ist gg > k 
geworden, z. B. mük, Mz. müky Mücke, Mücken, brük Mz. brüky. Vgl. § 7, 2 a 
und Manrmann § 122 

§ 177. g zwischen hellen Vokalen ist geschwunden in zeis 
(as. segisna, mnd. seisne > seisse, vgl. § 337); hästä (mnd. hegester) 
Elster; hädiU (mnd. egedisse) Eidechse; tl f. (mnd. egele, ele, lle) 
Blutegel, aber swl-nägl Igel; hixt (as. bigihto) Beichte, zär (mnd. 
segede > sede) sagte; lär (mnd. legede > l^de) legte. Vgl. stdil steil 
und ags. stägl, stäger, mäky und mnd. megedeken (selten für deän). 
zägl (nfränk. seil) Segel ist vielleicht hochdeutsch, s. aber dagl Tiegel. 

g nach dunklem Vokal ist > v geworden im Monatsnamen 

.mnd. öuwest < augüst, das sich dann weiter zum heutigen oust, oiistn 

Ernte, ernten entwickelt hat, und vielleicht in gävl-ßes Zahnfleisch 

< as. gägal, vgl. aber § 420; g nach r in märvl neben märgl Mergel. 

Über den Wechsel von g und h in Formen wie nä-nägä nahe- 
näher (grammatischer Wechsel) vgl. § 295 b, c. 

§ 178. Das k in kein kein scheint mir hd. Die mbr. Formen 
sind negen (as. nigen), engen, engein, gein; nen, nein. 

Anm. Wie es entlehnte Wörter gibt, in denen einem hd. d ein t 
(§ 163 Anm.), einem hd. b ein p (§ 147 Anm) entspricht, so auch Wörter, die 
k für hd. g aufweisen: kluk Glucke, klok (mnd. klokke) Uhr. 

As. h := X, j^. 

§ 179. Der as. Gaumenreibelaut ^ kam nur im Auslaut und 
im Inlaut vor Konsonanten vor. Er hat sich erhalten 

a) im Auslaut, z. B. dox (as. poh), nox (as. nah) noch, höx 
(as. höh) hoch, dörj^ (as. \>uruh, mbr. dorch neben dor) durch. 

Anm. 1. Über die Präterita zax, geäax sah, geschah vgl. § 378 Anm. 1. 
Anm. 2. Doch nicht, noch nicht heisst gewöhnlich dönix nönix. 

b) im Inlaut vor t, z. B. doxdä (as. dohtar) Tochter, lixt Licht, 
rext recht, daxt (as. ^fähta) dachte 

Anm. 1. Über den Wechsel von ch-h vgl § 295. 

Anm. 2. Fremdes -^ > g in Job Joachim, tslgviriyy Cichorien. Altes 
X > Ä; in färkm Ferkel, vgl. § 217 Anm. 

As. 'hh' > a; in Icuvy^ (as. *hlahhian) lachen. 



156 

§ 180. As. hs ist > 8 geworden. Die Anfänge dieser Assimi- 
lation reichen in die as. Zeit zurück (vgl. Holthausen, As. El. § 215); 
sie ist im Mnd. vollständig durchgeführt. Beispiele: as (as. ahsa) 
Achse; flas Flachs; vas (as. wahs, was) Wachs; vasn (as. wahsan, 
Hassan) wachsen; brasn Brachsen; mes m. (as. mehs n. Ess. Gl.) Mist; 
zös (as. sehs, ses) sechs; vesln (as. weslon) wechseln; dlsl m. (as. 
yisla f.) Deichsel; os Ochse; fos (as. fohs) Fuch?^; biis f. Buchse, d. i. 
innere Bekleidung der Nabe, in der die Achse sich dreht; büs f. 
Büchse (mnd. busse = mlat. biixis < griech. pyxis)\ hesp f. für *hes 
(§ 420) (mnd. hesse) Hachse, Kniebug der Hinterbeine, bes. bei Pferden 
und Kühen; häditä f. < hädits < hädis (§ 119 d Anm.) < as. egipessa 
Eidechse; l^-stay für WiS-stay, wenn es nicht zu mnd lünse (§ 142 
Anm ), sondern zu mhd. liuhse gehört, vgl. noch rheinfrk. laiys, 
Heilig § 133. 

Anm. 1. DemDach sind ans dem Hd. entlehnt: viks Wichse; daks (mnd. 
gr^nd) Dachs; luks (as mnd. hs) Lnchs; xeks^ Sechser (6 Pf. = V« Groschen). 

Anm. 2. Es ist hier der Ort, über die Vertreter des hd. „nichts'' zu 
sprechen. Nach § 7, 2 b sagt die NPri niks, die SPri nist, von Osten dringt 
nisi vor. Die Anwesenheit eines s in allen Formen zeigt, dass man nicht von 
der älteren Form mnd. niht < as. niowiht ausgehen darf. Es fragt sich nun, 
ob die mnd. Verstärkung nichtesnickt oder die später dafür in Gebranch kom- 
mende verkürzte Form nichtes die unmittelbare Grundlage der jetzigen Formen 
ist. Für nichtesnickt könnte sprechen, dass man noch heute häufig niksnix, 
nistniXy nistnix sagt. Dann wäre in niks das t (des zweiten nicht) verloren 
gegangen, das nist und nist bewahrt hätten; das s in nist könnte aus -hs < 
htes entstanden sein; nist wäre als vergröberte Aussprache von nist aufzufassen, 
s Hesse sich aber auch erklären aus einer Umstellung nisket < einem etwaigen 
nikses nit. Dascegen ist zu bemerken, dass t in nicht sehr früh verloren 
gegangen ist (§ 155), und dass niks immerhin noch besser aus nichs < nichtes 
als < nichtesnicht zu deuten ist. Holthausen meint A. f d. A. 1900, S. 32 
m. E. mit Recht, k in niks beruhe auf Dissimilation der Spiranten. Liesse sich 
auf ähnliche Weise heks Hexe erklären? 

As. h =1 h. 

§ 181. As. h ist als h erhalten nur im Anlaut vor Vokalen, 
z. B. hüs Haus, hunt Hund, htä hier, heä her. 

Anm. In den anlautenden Verbindungen hl-, hr-, hn-, hw- war schon 
in der mnd. Periode h verstummt, also laxn lachen (as. hlahhia7i, mnd. lachen) 
lachen; riyk (as. hring, mnd. ring) Ring; nap (as. hnap, mnd. nap) Napf; 
vUtn m. (as. hweti, mnd. weie) Weizen. Jn houstn (vgl. ags. hwösta) muss w 
geschwunden sein, bevor h verstummte. 

§ 182. In allen übrigen Stellungen ist h ausgefallen, a) nach 
Vokalen, z. B. stdl (vgl. ahd. stahal) Stahl; bll (vgl. ahd. bthal) 
Beil; fll f. (vgl. ahd. fthala) Feile; trän (as. trahan) Träne; slän (as. 
slahan) schlagen; mal (as. rwaÄa/ (jerichtsstätte) Mal, Freistätte beim 
Spielen; öd (as. ahar, mnd. ar) Ähre; dwel f. (vgl. ahd. dwehila 
Handtuch) Tischtuch; lein (as. l^hanon) leihen; däidn (as. ththan) 
gedeihen (§ 243 a); tdin (as. tehan, tian) zehn; man Mohn; nä nahe, 



L. 



156 

nävd Nachbar; äou Schuh, Schuhe; fei Vieh; flo Floh, Flöhe; zM, zU 
siehst, sieht, b) nach Konsonanten, z. B. föä Furche (§ 216 f.); 
hefäln (as. hifelhan, hifelan) befehlen; vgl. Viläm Wilhelm und Formen 
wie a-länt < allhand immerhin, inzwischen, in OPri häufig, in WPri 
unbekannt; va-rdftix wahrhaftig. Regelmässig verliert sein h hei er, 
wenn es enklitisch angehängt wird, z. B. zä-rd sagte er (vgl. § 298). 

An ID. 1. Die Bildaugssilbe -M^7 wird bald mit h, bald ohne h gesprochen, 
z. B. vö^riit und vö^h^it, dumUt und dumhkit. 

Anm. 2. Eingedrungen ist x für h in höxt Höhe (as. höhida) und nlxt 
Nähe, vgl § 295 und Anm. 

§ 182 a. h ist angetreten in häditä (mnd. egedisse) Eidechse, 
hästä (as. agastria, schon mnd. hegester neben egester), hülän Ulan 
(wohl in Anlehnung an hüzöd Husar). 

Anm. In anderen nd. Dialekten erhalten auch noch andere Wörter ein h. 
So heisst meckl. ä^i^fcöä Storch in Ostfriesland ksJiebar (Nd. Jb. 9, 111), in 
Samland Md^böL Dagegen haben die ostfries. Wörter für Eidechse, Elster 
kein h: ^ftas, ^kster. 



§ 315. Übersicht der Entsprechungen 

vom heutigen Bestände der Mundart aus. 

1. Die kurzen Vokale. 

Pri a < 1) as. a in geschlossener Silbe § 48. Vgl. §§ 197. 202. 

204. 





< 2) 

< 3) 

< 4) 

< 5) 




< 6) 


Pri ä 
(betont) 


< 1) 

< 2) 




< 3) 




< 4) 

< 5) 

< 6) 


Pri ä 

(unbetont) 


< 1) 

< 2) 



as. a -f- r vor stimmlosen Zahnlauten § 136 c. 

as. a -\- rr ^ 135. 

as. a verkürzt § 229. 

hd. a § 184 Anm. 2. § 249 Anm. (vor r). § 273 

Anm. 2 (vor -Id). 
verschiedenen Vokalen in Fremdwörtern § 113. 

as. e (jüngerer Umlaut) § 51. 

as. e vor bestimmten Konsonanten gruppen § 54. 

Vgl. § 51, 2 a. § 51, 2 b Anm. 2. 
as. i vor bestimmten Konsonantengruppen § 57. Vgl. 

§ 51, 2 d. § 188, 4 (am < imu ihm). § 242 Anm. 
as. i -h r vor stimmlosen Zahnlauten § 263. 
as. ^ verkürzt {fdft 5te) § 232. 
as. a (sporadisch) § 48 Anm. 2. § 51, 2 Anm. 



as. betontem Vok. + r im Auslaut § 137. 
as. betontem Vok. -H r vor stimmhaften Zahnlauten 
§ 136 b. § 284. 
< 3) as. Vok. -H r in Vorsilben § 110, 1. Vgl. § 120. 



157 



Pri rf < 4 

(unbetont) 

< 5 



Pri e 



Pri i 



Pri 



Pri 



1 
2 



5 
6 

7 

8 

1 

2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 

1 
2 



< 5 

< 6 

< 7 

< 8 

< 9 

< 10 



< 
< 
< 



1 
2 
3 

4 



as. Vok. -f- r in Ableitungssilben § 136. § 137. 

§ 114, 2. 
as. i in der Ableitungssilbe -ik § 121 d. 

as. e in geschlossener Silbe § 50. 
as. e in geschlossener Silbe § 53. 
as. i in smet Schmied u. ähnl. § 197 Anm. 2, in 

melk § 241. 
as. i -f- Nasenlaut -+- Kons, (sporad.) § 276. 
as. Umlaut von a verkürzt § 230, 1. 
as. c (< ug. ax) verkürzt § 231. 
hd. ä in geschlossener Silbe § 51, 2 a Anm. § 51, 2 b 

Anm. 3. § 53 Anm. 2. 
as. i in den Vorsilben gi-y bi- § 110, 2, 3. 

as. i in geschlossener Silbe § 56. Vgl. § 199. 

§ 197 Anm. 2. 
as. ije in geschlossener Silbe § 56 Anm. 1. 
as. e, e -f- gedecktem Nasenlaut (sporad.) § 275. 
as. t verkürzt § 232. 
as. e verkürzt § 231 Anm. 2. 
as. io verkürzt § 240. 
as. i, a in Ableitungssilben § 119. § 121c. 
hd. i § 188 Anm. 1. § 222 Anm. 

as. in geschlossener Silbe § 59. 

as. ofii in geschlossener Silbe § 60, 2. 

as. vor r -f- Kons, (ausser stimmhaften Zahn- 
lauten) § 136 c. § 268. 

as. u vor r 4- Kons, (ausser stimmhaften Zahn- 
lauten) § 270. 

as. a -t- W § 273. 

as. a (sporad.) § 48 Anm. 1. 

as. ö (< ug. au) verkürzt § 235. 241 (dox doch); 
vgl. § 120 a. 

as. u in bodd Butter u. a. § 241. Vgl. § 114, 1. 

as. e od. o (vol wohl) § 189 Anm. 1. 

hd. § 189 Anm. 3. 

as. Umlaut von o in geschlossener Silbe § 62. 

as. ölü in geschlossener Silbe § 64. 

as. jüngerem Umlaut von a in geschlossener Silbe 
§ 63. § 274. 

as. Umlaut von o vor r -+- Konsonant (ausser stimm- 
haften Zahnlauten) § 269. 

as. Umlaut von ti vor r -f- Konsonant (ausser stimm- 
haften Zahnlauten) § 271. 



158 

Pri ö < 6) as. e^ e gerundet 277 a. 

< 7) as. Umlaut von u in offener Silbe (sporad., z. B. 

in äödl Schüssel) § 114 Anm. 2. § 242 u. Anm. 
§ 200 Anm. 1. 

< 8) as. jüngerer Umlaut von as. a verkürzt § 230, 2. 

< 9) as. Umlaut von ö (< ug. ö) verkürzt in Verbal- 
formen mit Synkope § 234 b. 

10) as. Umlaut von ö (ug. ou) verkürzt § 236. 

11) as. ö in zö, vö so, wie verkürzt § 120 a. § 296. 



< 
< 



Pri u < 1) as. u in geschlossener Silbe § 66. 



< 



2) as. ujo in geschlossener Silbe § 60. 

< 3) as. 1^ 4- rr § 135. 

< 4) as. a vor Nasenlauten § 48 Anm. 1. 

< 5) as. ü verkürzt § 237. 

< 6) as. ö (ug. ö) verkürzt § 233. Vgl. § 120 a. 

< 7) as. ö (ug. au) verkürzt (uk auch) § 241. 

< 8) as. ä vor Nasenlauten verkürzt (brumlbeä Brombeere) 

§ 229 Anm. 2. 

< 9) franz. o (nasal) § 272. 

Pri ü < 1) as. Umlaut von u in geschlossener Silbe § 68. 

< 2) as. Umlaut von ujo in geschlossener Silbe § 69. 

< 3) as. Wechsel von ujü in geschlossener Silbe § 68 

Anm. 1 u. 2. 

4) as. we, wi nach s § 128 Anm. 1. 

5) as. i gerundet § 277 d. 

6) as. e in zülm selbst § 277 d Anm., in füy fing § 53 
Anm. 1. 

7) as. Umlaut von ü verkürzt § 238. 

8) as. iu verkürzt § 239. 

9) as. Umlaut von ö (ug. ö) verkürzt § 234 a. 
10) hd. ü § 192 Anm. 2. 



< 
< 



2. Die halblangen Vokale. 

Pri ä < 1) as. öj + r vor Lippen- und Gaumenlauten § 265. 
(halblang) < 2) as. a -f- rr § 135 Anm. 1. 



V 

Pri ä < 1) as. e vor r -+- Lippen- und Gaumenlauten § 266. 

2) as. e vor r -h „ „ „ § 267. 

3) as. i vor r -}- „ „ „ § 268. 



< 



V 
V 



Pri i, u, ü < as. i, u, ü vor stimmlosen Verschluss- und Reibelauten 

im Auslaut § 17, 3. 



159 



3. Die langen Vokale. 

Vorbem. Die überlangen Vokale und Doppellaute Sl, e, t, ^, 
ä, Oj 8, ü, Ü; ei, äij oii, öy sind nicht besonders aufgeführt. Sie stehen 
in einem bestimmten Verhältnis zu den entsprechenden langen Vokalen 
und sind zu beurteilen nach § 17 und § 227. 



Pri a 

Pri ä 
Pri ä 



Pri e 



Pri 



Prii 



Pri 4 



< 1 

< 2 



< as. e, e -|- rd-, rn-, rr- § 272. 



< 
< 
< 



< 

< 
< 
< 
< 
< 
< 



< 
< 



< 
< 

< 
< 
< 
< 
< 



1 
2 
3 
4 
5 
6 



1 
2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 



1 
2 
3 

4 

1 
2 

3 
4 
5 
6 



< 1 

< 2 



äs. a in här hatte § 272. 

hd. a in gär Garde § 249 Anra. 1 



as. e in offener Silbe § 185. Vgl. § 197. § 206. § 211. 

as. e- ^ „ , § 187. Vgl. § 197. § 198. § 211. 

as. i „ „ „ § 188. Vgl. § 197. § 203. § 211. 

as. eli„ „ „ § 187 Anm. 

as. Umlaut von ^1 § 76. 
as. -egi' § 177. 
hd. ä § 76 Anm. 2. 

as. e (ug. ai) § 81. 
as. ew ^ 107 Anra. 2. 

as. Umlaut von d vor und nach Hartgaumenlauten § 75. 
as. Umlaut von a vor r § 75. § 258. 
as. e •-\- r oder r vor stimmhaften Zahnlauten § 250. 
as. et +- r oder r „ ^ » § 251. 

as. i •+- r oder r ^ „ » § 252. 

as. io -^ r ^ 261. 

hd. ö § 107 Anm. 4. § 108 Anm. § 185 Anm. 3. 
§ 187 Anm. 2. 

as. l § 88. 

as. t < lat.-rom. ö § 86. 

as. i -H s^ § 194 b (in dlsl Distel). 

hd. I § 104 Anm. 2. § 107 Anm. 4. § 188 Anm. 1. 

as. ö § 71. § 73. 

as. a in offener Silbe § 184. Vgl. § 121 e. § 198. 

§ 205. § 211. § 221. 
as. in offener Silbe § 189. § 198. § 199. § 205. § 211. 
as. u in offener Silbe § 191. § 211. 
as. a 4- A 4- Vok., ^ -+- A -f- Vok. § 72. 
as. a -\- st (sporad.) § 194 b. 
hd. Ä § 71 Anm. 1. § 184 Anm. 2. 

as. Umlaut von o in offener Silbe § 190. § 197. 
as. Umlaut von u in offener Silbe § 192. § 203. 
§ 206. § 211. 



160 



Pri i 



Pri ö 



Pri o 



Pri u 



Pri Ü 



Pri ei 



Pri äi 



< 4 

< 5 

< 6 

< 1 

< 2 

< 3 



< 
< 
< 
< 
< 



4 
5 
6 

7 
8 
9 



< 1 

< 2 

< 3 

< 4 

< 5 

< 6 

< 1 

< 2 

< 3 

< 1 

< 2 

< 3 



< 
< 
< 
< 
< 
< 



1 
2 
3 
4 
5 
6 



3) as. Umlaut von oju in offener Silbe § 203. § 192 
Anm. 1. 
as. jüngerer Umlaut von a in offener Silbe § 186. 
as. jüngerer Umlaut von ä § 77. 
as. e,i in offener Silbe {< ä) gerundet § 277 b. 

as. ö (ug. au) § 94. 

as. ö (ug. ö) in vö wie § 90 Anm. 2. 

as. a 4- ^ oder r vor stimmhaften Zahnlauten § 249. 

Vgl. § 121 e. 
as. H- r oder r vor stimmhaften Zahnlauten § 253. 
as. u '■\- r oder r „ „ ?j § 255. 

as. a (aha) -h r § 257. 
as. ö (ug. ö) + r § 259. 
as. im Auslaut § 59 Anm. 2. § 108. 
hd. ö § 94 Anm. 2. § 189 Anm. 3. Vgl. § 90 Anm. 3. 

as. Umlaut von ö (ug. au) § 97. 

as. ö (unorgan. Umlaut) § 94 Anm. 1. 

as. Umlaut von o +■ r oder r vor stimmhaften Zahn- 
lauten § 254. 

as. Umlaut von w -f- ^ oder r vor stimmhaften Zahn- 
lauten § 256. 

as. Umlaut von ö (ug. ö) -f- r § 260. 

hd. o § 98 Anm. 2. § 190 Anm. 1. § 192 Anm. 2. 

as. ü § 100. 

as. ü < lat.-rom. ö § 94 Anm. 3. 

hd. Ä § 90 Anm. 2. § 191 Anm. 2 u. 3. 

as. Umlaut von ä § 102. 

as. iu § 104. 

hd. ü § 92 Anm. 4. § 192 Anm. 2. 

4. Die Diphthonge. 

as. e (ug. e^) § 79. 

as. io § 107. Vgl. § 245. 

as. iujio § 104 Anm. 1. , 

as. ia, ißy i + A -h Vok.* § 245, 2 u. 3. 

as. Umlaut von e (ug. ai) § 82 a. Vgl. § 83. 

as. Umlaut von ä im Praeter, neim nahm u. s. f. 

§ 76 Anm. 3. 
as. e, i (> ä, ä) im Praeter, sreiv schrieb § 83 Anm. 2. 

as. ei (ug. aÜ) § 84. Vgl. § 245. 
as. i vor Vokal diphthongiert § 243 a. 
as. Umlaut von e (ug. ai) § 82 b. 



161 



Pri di 



Pri ou 



Pri äj/ 



< 4 

< 5 

< 6 

< 7 

< 1 

< 2 

< 3 

< 4 



as. 'id, ii -f- Vokal diphthongiert (strichweise) § 246. 
as. Umlaut von ö (ug. ö) entrundet § 92 Anm. 2 u. 3. 
as. Umlaut von au (ug. auü) entrundet (strichweise) 

§ 98 Anm. 1. 
hd. ei § 82 Anm. § 88 Anm. § 121b. 

as. au (ug. aü) § 73. 

as. au (ug. auü) § 95. 

as. 6 (ug. ö) § 90. 

as. ü -<- Vokal diphthongiert § 243 b. 

hd. au § 94 Anm. 2. § 100 Anm. 



1) as. euw, iuw (ug. euü) § 105. 

2) as. Umlaut von au (ug. auü) § 98. 

3) as. Umlaut von ö (ug. ö) § 92. 

4) as. Umlaut von üd, üi -f- Vokal diphthongiert 

(strichweise) § 246. 

5) hd. eu, äu § 97 Anm. 2. § 102 Anm. 2. § 104 Anm. 2. 



5. Die Konsonanten. 

Vorbem. Die stimmlosen Lenes v, s, g sind nicht besonders 
aufgeführt. Sie sind nach § 14 zu beurteilen. 

Prij < 1) as. ^' § 122. Vgl. § 123. 

< 2) as. i 4- Vokal § 108. 

< 3) as. g § 173 Anm. 2. 

< 4) as. g (strichweise) § 7, 4 a. 

< 5) as. d, ]>, d ^ 72 a. § 158. 

Pri w < as. w nach k, t, d, s ^ 37. § 128. 

Pri l < 1) as. / § 133. 

< 2) as. U § 133. Vgl. § 293. 

< 3) as. -Id' § 283 a. 

< 4) as. r oder r in Fremdwörtern § 138. 

Pri l eingeschoben § 134. 

Pri F < as. l vor stimmhaftem Reibelaut § 18, 1. § 294. 
(langes l) 

< as. Im § 133. 



Pri l 

o 

Pri r 



< 1) as. r § 135. 

< 2) as. rr § 135. Vgl. § 293. 

< 3) as. -rd-, -rd- § 284. 

< 4) as. -dr- § 290. 



< 5) as. d^ J?, d zwischen Vokalen in jungem Auslaute 
(strichweise) § 7, 2 a. § 158. Vgl. § 160. 

Niederdeutsches Jahrbuch XXXI. 11 



< 
< 



< 
< 



<, 
< 



162 

Pri r < 6) as. mnd. -dd- § 159. § 290. 

< 7) as. her- (Vorsilbe) § 111. 

Pri f < 1) as. rr (nach a) § 135 Anm. 
(s. § 40) < 2) as. d, J?, d zwischen Vokalen § 158. 

< 3) as. r vor Lippen- und Gaumenlauten § 136. 

Pri r < r vor stimmhaftem Reibelaut § 294. 
Pri r umgestellt § 279. 

Pri m < 1) as. m § 139. 

< 2) as. mm § 139. § 29.3. 

3) as. -mb' § 282. 

4) as. -md' § 283 y. 

5) as. n vor Lippenlauten § 143. 

6) a«. n im Auslaut (sporad.) § 140 Anm. 

7) as. w in mdn nur § 292. 

Pri m < as. -md- § 293. 

Pri m < 1) as. -|- Vok. -+- n nach Lippenlaut § 143. 

2) as. -wen § 131. 

3) as. -bm § 143. § 148. 

< 4) as. bb H- Vok. + n § 147. § 289. 

Pri n < 1) as. w § 141. Vgl. § 143. 

2) as. nn § 141. 

3) as. -nd- § 283 ß. 

< 4) as. m im Auslaut § 140. 

< 5) as. l (dissimil.) § 134 Anm. 1. 
angetreten im. Anlaut § 141 Anm. 1. 
eingeschoben § 144. 

vor as. s und ]> § 142. 

Pri n < 1) as. -nd- § 293. 

< 2) as. n -h stimmhaftem Reibelaut § 294. 

Pri n < as. Vok. -f- n nach Zahnlauten und stimmlosen Spi- 
ranten § 143. 

Pri y < 1) as. j; § 145. 

< 2) as. -yg- § 283 S. 

< 3) as. n vor Gaumenlauten § 143 Anm. 4. 

Pri y(y) < 1) as. Vok. -|- n nach Gaumenlauten § 143. 

(silben- < 2) as. -inon nach Gaumenlauten § 114, 3 ß. 

bildend) < 3) as. -yg -f- Vok. 4- n § 175., 

< 4) -gg H- Vok. 4- n § 176. § 289. 

Pri p < 1) as. j? § 146. 

< 2) as. pp § 146. 



< 
< 



163 



Pri p < 3) as. bb (strichweise) § 147 Anm. 1. 
< 4) 6 in Lehnwörtern § 147 Anm. 
eingeschoben § 146 Anm. 2. 
ausgefallen § 146 Anm. 3. 

Pri J < as. b (im Anlaut) § 147. 



< 



< 



as. bi' (Vorsilbe) § 110, 3 Anm. 2. 
hd. b (im Inlaut) § 148 Anm. 
p in Lehnwörtern § 146 Anm. 4. 



< 
< 



< 
< 



Pri V < 1) as. «; § 126. 

< 2) as. b § 148. Vgl. § 151. 

< 3) as. b für /• § 151. 

< 4) as. hw § 128. 

< 5) as. mnd. -bb- § 147. 

< 6) as. g im Inlaut (sporad.) § 177. 

< 7) /* in Fremdwörtern (inlaut.) § 151 Anm. 2. 

Pri jT < 1) as. f § 150. 

< 2) as. /• für b § 149. 

< 3) as. p vor t § 146 Anm. 1. 

4) as. w (sporad.) § 131 Anm. 

5) hd. /", pf § 151. § 153. 
eingeschoben § 153 Anm. 2. 

Pri ^ < 1) as. t § 154. 

2) as. tt § 154. 

3) as. d im Auslaut § 161. 

< 4) as. d im Inlaut § 164. Vgl. § 158, 3. 

< 5) as. ^ + i § 286. 

6) as. t, tt -{- t (in synkopierten Verbalformen) § 154. 

7) as. te- (Vorsilbe) § 110, 4. 

< 8) hd. t § 163. § 158 Anm. 3. 4. 

Pri ft < as. t, tt -{- t bei jüngerer Synkope § 154. 

Pri t abgefallen § 155. § 168 Anm. 2. § 287 (sl < stl). 
angetreten § 156. 

Pri d < 1) as. rf, {), d im Anlaut § 157. 

< 2) as. d, {), d vor l im Inlaut § 158. Vgl. § 159.. 

< 3) hd. d § 158 Anm. 3. 
ausgefallen § 158 Anm. 5. 
eingeschoben § 162. 

Pri s < 1) as. s im Auslaut § 166. 

< 2) as. s -\' tj p, l, THj n, w ^ 16Ö. 

< 3) as. SS § 167. 

< 4) as. hs § 180. 

< 5) hd. s oder § 156 Anm. 7. 

11* 



< 
< 



164 



Pri s 
Pri 
Pri ts 



Pri sjz 
Pri z 
Pri s 



Pri Ä: 



Pri g 



Pri 3 
Pri a;; 5^ 



Pri h 



angetreten § 171. 

< as. s § 165. 



< 1) as. s im Anlaut § 165 Anm. 3. 

< 2) hd. z, fe § 156 Anm. 7. 



3) as. s nach ^ § 134 Anm. 2. 
im Wechsel mit r (grammatisch. Wechsel) § 295 a. 

< französ. ^ (e, i) § 123 Anm. 2. 

as. sk § 169. 

as. s + t, p, Ij m, n, w (in den Städten) § 8, 2. 

§ 9. Vgl. § 168. . 
as. s im Auslaute nach Konsonant § 170 und Anm. 
hd. § § 168 Anm. 1. 
lat.-frz. ti^ si -y- Vok. § 124 Anm. 1. 

as. Ä: § 172. 

as. hk § 172. 

as. g nach y im Auslaut § 175. 

as. -j^ in fäikif) Ferkel § 179 b Anm. 2. 

as. g § 173. 

as. gi- (Vorsilbe) § 110, 2 Anm. 1. 

as. w zwiscken Vokalen § 130 u. Anm. 

as. h (oder im Wechsel mit h) § 295 b, c u. Anm. 

lat.-franz. J § 124 Anm. 1. 

ch in Fremdwörtern § 179 b Anm. 2. 

geschwunden § 173 b (in -rgen); § 177 (zwischen Vokalen). 

< as. j zwischen Vokalen (?) § 123. 



< 1 

< 2 

< 3 

< 4 

< 5 

< 1 

< 2 

< 3 

< 4 

< 1 

< 2 

< 3 

< 4 

< 5 

< 6 



< 
< 
< 
< 
< 
< 



1) as. 5c § 179. 

2) as. g im Auslaut § 174. 

3) as. -gg- § 176. § 289. 

4) as. g im Inlaut (sporad.) § 173 Anm. 2. 

5) as. 'ft vor ^ § 152. 

6) hd. cÄ § 172 Anm. 



< 1) as. h § 181. 
ausgefallen § 182. 
angetreten (im Anlaut) § 182 a. 



FRIEDENAÜ bei Berlin. 



E. Maekel. 



Niederdeutsches Jahrbuch. 



Jahrbuch 



des 



Vereins für niederdeutsche SpracMorscliung. 



Jahrgang 1906. 



XXXII. 




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NORDEN imil LEIPZIG. 

Diedr. Soltau 's Verlag. 

1906. 



Druck von DJtidr> Soltau in Nordeo. 



Inhalt. 



Seite 

Die Mundart der Prignitz. Von E. Mackel 1 

II. Hauptgesetze für die Geschichte der Mundart: 

A. Vokaldehnungen 1 

B. Vokalkürzungen 17 

C. Diphthongierungen 22 

D. Veränderungen der Vokale vor r 26 

E. Einwirkung von 1 -(- Kons, auf vorhergehendes a 35 

F. Einwirkung der Nasale 36 

6. Labialisierung 36 

H. Metathesis 37 

I. Konsonantenassimilation 38 

K. Dissimilation 41 

Ij. Konsonantendehnung 42 

M. Grammatischer Wechsel 42 

N. Satzdoppelformen und Sandhierscheinungen 43 

(). Lehnwörter und Fremdwörter 45 

III. Relative Zeitfolge der Lautgesetze 52 

Kinderspiele und Einderreime vom Niederrhein. Von Karl Caro .... 55 

Ein ndd. Katechismus- Auszug des 16. Jahrh. Von Conrad Borchling ... 78 

Beiträge zur Reuter-Forschung. Von Wilhelm Seelmann 81 

Zar Entstehungsgeschichte einiger Läuschen Reuters 81 

Die Fliegenden Blätter und andere literarische Quellen der Läuschen 

Reuters 104 

Fritz Reuters Reise nach Braunschweig 123 

Diminutiva in der Mundart von Cattenstedt. Von Ed. Damköhler. . . .129 

Dat Törfmakn. Von. Heinr. Carstens 134 

Dat Klein. Von Heinr. Carstens 136 

Dat Tegeln. Von Heinr. Carstens 137 

Zu Meister Stephans Schachbuch. Von Rob. Sprenger 138 

Die Schwalenbergische Mundart. Von R. Böger 140 



Die Mundart der Prignitz. 

(Fortsetzung, vgl. Jahrbuch 31, 65 fif.) 

IL Hanptgfsetze fflr die Gesehiehte der Mundart. 

A. Vokaldehnungen. 

1. Tondehnung in offener Silbe, ausser vor r. 

§ 183. Kurzer betonter Vokal in as. offener Silbe wird gedehnt. 
Das Ergebnis dieser Tondehnung ist in der Prignitz stets ein weiter 
(offener) Vokal, ausser vor r. Die Tondehnung war bei Beginn der 
mnd. Periode schon vollzogen. Es werden gedehnt: a, o, u zu ä; 
e, 6, % zu ä\ ö, ü zu &. 

Da ä zur Zeit der Tondehnung noch Doppelkonsonant war (si), 
so hat sich vor ihm keine Dehnung entwickelt; daher maä Masche, 
vasn waschen. 

Anm. 1. In den dnrch alte Synkope (§ 116, § 118 Anm. a) betroffenen 
Verbalfonnen ist der Vokal knrz geblieben, z. B. kümt kommt, gift gibt, ärift 
schreibt, süt schiesst, grkft gräbt, liöi hütet. Die Synkope mnss also vollzogen 
sein, ehe die Tondehnung eintrat. 

Anm. 2. Über das Nebeneinanderbestehen von kurzem und gedehntem 
Vokal oder über Beseitigung solcher Doppel formen durch Ausgleich innerhalb 
der Deklination und Konjugation s. § 195 if. 

As. a. 

§ 184. a > 5, z. B. mäky (as. makon) machen; väky (as. wakon) 
wachen; läk f. Lake, Salzbrühe; zäk Sache (mehr in Meckl. als in 
Pri, wo das hd. zax stark vordringt); ääk f. (vgl. mnl. schäkel^ ags. 
scacul^ ne. shackle) Glied einer Kette; bräk f. Flachsbreche; stäky m. 
Staken, Stange, dazu «/*-, up-stäky mit der Heugabel Stroh, Heu ab-, 
aufladen; häky m. (as. hako) Haken; hläky russen von der Lampe; 
dp Aflfe; sräpm schrapen, stark schaben; räpm raffen; lät (as. ^lato^ 
mnd. läte^ Adv. zum Adj. as. lat saumselig, spät) spät; fätn fassen; 
drä-y tragen; klä-y klagen; mä-y m. (mnd. mäge f., selten m.) Magen; 
jo-j^ jagen; säm (as. skavan) schaben; gräm m. Graben; ^rJm graben; 
häm m. (as. havan) Hafen, Topf; läm laben; dräm traben; ^Jr, ädfn 
Schade, schaden; vdfn waten; 7när f. (as. mapo schw. m. Wurm, Made) 
Made; bäfn baden; Bär (zu as. *badu Kampf) Bade, n. pr.; läfn fas. hladan 
st. Zw. wohinlegen) laden; läjtn (as. hladian) einladen; blärn (mnd. 

Niederdeutsches Jahrbncb XXXII. 1 



bladen) Blätter von Kohl, Runkeln zu Fütterungszwecken abstreifen; 
grdm grasen; fdktcäzn (mnd. qiiaseti schlemmen) verschwenden; mäln 
malen; man mahnen; häln (as. halon) holen; fiäm Name; ääm f. (as. 
skama) Scham, Üffdäämt ausverschämt; hdm (zu as. hämo Kleid, Hülle, 
mnd. häm ElüUe, Nachgeburt) Nachgeburt; swän Schwan; dazu wohl 
swä^ Vb. imp (mnd. suänen) vorgefühlt werden; hän Hahn; befäln 
bezahlen; zik väln (mnd. wälen) sich wälzen; gräm Gram; fän f. 
(mnd. vane schw. m.) Fabne; länkzäm (as. langsamo lange) langsam; 
nKv f. (mnd. näve^ vgl. ags. nafu) Nabe; zh,g f. (mnd. säge^ vgl. ags. 
sagu) Säge; vk§ (as. loaga Wiege) Wage; kämä (as. kamara, mbr. 
kämer < lat. camera) Kammer; dräk f. (mnd. dräke = lat. draco) 
Drache, eine im Volksglauben eine Rolle spielende Feuererscheinung; 
plätn Kuchenblech (mnd. pläte\ zu mlat. plattus < griech. TrXaTi»;?). 

Anm. 1. Gehört gätlix recht leidlich za mhd. geteUx passend, angemessen, 
und fäxäky verlegen, verbringen zn as. farsakan versagen, verlengnen? 

Anna. 2. Es ist schwer, hochdeutsche Lehnwörter zn erkennen, da hd. ä 
meistens ohne weiteres ä gesprochen wird (vgl. § 71, Anm. 1.). So stammen 
einige der oben aufgezählten Wörter vielleicht ans dem Hd., wie gräm in der 
Bedeutung Gram, fän in der Bedeutung Fahne. Sicher hd. sind tsäl Zahl, 
tsäln Zahlen, dann däl^ Taler, mäkl Makel, die beide im Mnd. noch nicht belegt 
sind, und täfl Tafel, da as. iafla^ mnd. iafel, taffei < mlat. "^tavla < tabula wohl 
tafl ergeben hätten (vgl. Heilig § 71, Anm. 3); es wird zugleich mit grifl 
Griffel der Gemeinsprache entlehnt sein. Hd. sind ferner satn Schatten (as. scado, 
mnd. seh&de) und raxn Rachen (vgl. ags. hracü). Beeinflussung durch das Hd. 
ist auch wohl bei grär grade anzunehmen (mnd. g(e)rade rasch, sofort). 

Äs. e. 

§ 185. As. e > ä, z. B. bäk f. (as. bekt) Bach; stär f. (as. stedi f.) 
Stätte, Stelle; nä$ f. (mnd nese^ vgl. me. (dial ) nese neben näse) Nase; 
rar f. (as. re^i f. oder re^ia f.) Rede; rärn (as. redion) reden; geMg 
n. Gehege; dazu inhä-y einhegen, uphä-y (mnd. hegen umzäunen, 
retten, sparen) aufbewahren; bätd besser; bätdn (as. betiron) bessern; 
jä-y (as. gegin, mnd. jegen) gegen; rä-y regen; vätän (mnd. wetereti) 
wässern, tränken (Vieh); stärd (mnd. steder) Städter; grävä (mnd. 
gr6ver) Gräber, Späten; stä^ (mnd. stenen) stöhnen; bäziyk (vgl. mnd. 
beseke, got. bast) Beere, bes. von Johannis- und Stachelbeeren gesagt; 
däxlix (mnd. degelich neben dagelich) täglich; nädr^gä nachtragend; 
gräzix (vgl. mnd. greselich) grässlich; zik ääm sich schämen; zik räkln 
(zu mnd. reken = recken sich recken und strecken, oder zu mnd. 
rekel grosser Bauernhund) sich faul und bequem hinlegen; ßämi 
gewaltig (z B. ßämän keadl riesiger Mensch (= mnd. vlamesch flämisch; 
ägt f. (as. egi^^a) Egge (in SPri); hämln einen Bock zum Hammel 
machen. 

Anm. 1. Über -ege- > S s. § 177. 

Anm. 2. Min ekeln, Mlix eklich wird von Kluge im Wb. zu germ. 
*aikla gestellt. Dem widerspricht &: ai Hesse in unserer Ma. e, höchstens ei 



erwarten (§ 81 f.). Ich möchte lieber an mnd. eken eitern, ekich eitrig, oder 
an ags. ece Schmerz denken. — Mutterseelenallein heisst in unserer Ma. möut' 
^Uixale*n : ist das eine Entstellung des hd. Ausdrucks, od. vielmehr dessen Quelle ? 

Anm. 3. deije^nix derjenige (mbr. jenick, jennich) ist hochdeutsch. 

§ 186. Neben ä erscheint ein jüngerer Umlant ä, besonders 
wenn eine umlautslose Form daneben besteht (vgl. §§51 und 77); 
z. B. snkvl neben snävls (mnd. snevele) Schnäbel; swin Schwäne; nkgl 
(mbr. negele) Nägel; näm Namen; ^ä/ Säle; rar Räder (§ 197); hlkkän 
durch Rauch schwärzen; infkrn einfädeln. Mentz stellt Ikzich (mnd. 
hmhf losich) kraftlos zu franz. las müde (Französ. im meckl. Platt IT, 
Beilage zum Jahresbericht, Delitzsch 1998). Wie mir scheint, mit 
Unrecht. Gehört es nicht vielmehr zu got. lasiws^ ags. leswe kraftlos? 
fllkrich flatterhaft halte ich für verwandt mit ags. flacm* beweglich. 
klktän rasseln, klappern, lässt sich zu ndl. klateren^ ml. clateren stellen, 
klUä-nat bis auf die Haut durchnässt könnte zu ndd. klater Dreck 
gehören (in unserer Ma. nicht mehr vorhanden), aber auch bedeuten : 
so nass, dass die Tropfen auf den Boden fallen. In kvä aber (mnd. 
aver, over aber, sondern, wiederum) scheint unorganischer Umlaut 
Torzuliegen, OPri sagt übrigens meistens (iber (hd.). Bei swklk Schwalbe 
(auch bei klktän und Ikzich?) liegt Labialisierung von ä > k vor, 
8. § 277 b. 

As. ^. 

§ 187; As. e > 5, z. B. ätn essen, spräky sprechen u. and. st. 
Ztw. der Kl. IV und V (§ 375, 377); zätn gesessen; häry, (as. hedon) 
beten, dazu här-stun (vgl. mnd. hedevart Wallfahrt) Bet- d. i. Kon- 
firmandenstunde; swäm schweben; fä-y (as. vegon putzen) fegen, eilig 
laufen; swäln schwelen, langsam verbrennen; käl f. Kehle; välix (zu 
as. wel^ wela wohl, vgl. as. welag wohlhabend, mnd. uelix wohlich) 
übermütig, kraftvoll; lävix (vgl. as. levendich) lebendig (§ 413, 
Anm. 1); näm (as. an-ehan) neben; räky rechnen u. a., s. § 114,8; 
däkä-vöä {däkä < mnd. deker < lat. decüria zehn Stück) Dutzendware. 

Anm. 1. Da anch as. kurzes i io offener Silbe > E wird (§ 188), so ist 
in manchen Fällen nicht genaa festzustellen, ob ä auf i oder e beruht. Im As. 
kommt gihan neben g'ehan vor (vgl. Schlüter, Ndd. Jb. XVII, 153), und niman 
ist sogar weit häufiger als n'eman (Schlüter, Ndd. Jb. XVIII, 161); nach § 207 
kann /Im leben ebenso gut von as. libbian wie von as. lebon kommen. Die 
wichtigsten dieser zweifelhaften Fälle sind: g^m (as. g'ehan, gihan) geben; 
nlm (as. niman, neman) nehmen; Ikm (as. libbian, lehon) leben; ktkm (as. 
Hibon, kl'ehon festhalten, Wurzel fassen) kleben; vkxlk m. (mnd. w^seliß), 
weselken n. ; vgl. ahd. unsala und ags. w'esle) Wiesel; l%.vä f. (mnd. l^ver, vgl. 
ahd. l'ebara und ags. lifet^) Leber; tU f. (mnd. teke (as. tika?), vgl. mhd. zecke 
und ne. tick, tike) Zecke, Schaflaus. 

Anm. 2. Hochdeutsch ist re^/ Regel; möglicherweise auch ^E^/, ^a^/», 
da as. s'egel, s'egalan wohl xeiln ergeben hätte (vgl. § 177; mnd. segelen, seilen, 
s%gel, seü', Richey, Idiot. Hamb. seilen); ^ä-^ sehnen (doch mnd. senentUken 
voll Sehnsacht) ; tr^rn in üptr^rn auftreten, trotz as. iredan ; treten heisst sonst 
pem, § 159. 

1* 



As. i. 

§ 188. As. » > mnd. e > ä^ z. B. frär (as. fri^u) Friede; smärn 
(as. smij^n) schmieden; smär f. (mnd. smide < as. ^smiHa, vgl. rar < 
redia und Holthausen, As. £1. § 208); slärn m. (mnd. slede^ vgl. an. 
sMi und sfedi) Schlitten; snär f. (mnd. snede) Brotschnitte; swäp f. 
(mnd. swepe, vgl. ags. swipu) Peitsche; ^Ä^ m. (mnd. schale) Schiss; 
kwäk f. (vgl. mnd. queken triticum, and. quik lebendig und ags. ctvice 
Unkraut); räp f. (mnd. repe) Riffel; vär f. (mnd. wBde, vgl. afries. tvithe) 
zum Binden und Flechten dienende Rute, bes. von Weidenreisern; 
sträk f. (vgl. mnd. streke Strich, ags. strica Strich, Linie) ein Werk- 
zeug, mit dem die Sense ^gestrichene, d. i. geschärft wird; sträky 
(mnd. streken) den Acker stürzen; bätn < hätken (§ 286) (zu as. biti^ 
mnd. hete Biss) bischen ; splät-holt (mnd. spWe Spliss) Spleetholz ; trär f. 
(mnd. trede m. Tritt, Stufe) Trittbrett am Webstuhl; zkv n. (mnd. seve^ 
vgl. ags. sife) Sieb; iät? (mnd. scheve, vgl. ne. shive und shiver) Splitter 
(Abfall) der Hanf- und Flachsstengel; tie f. (mnd. teve, vgl. ags. tife) 
Hündin; d&g f. (mnd. dege Gedeihen, tüchtig) Gedeihen, beginnt zu 
veralten; dsizn vfohl värd-dSigs störrisch, widerspenstig (vgl. aber mnd. 
wedder-dedinge < degedinge Widerspruch) und dägän (mnd. degerj 
degeren Adv. völlig) sehr, stark; gräps (zu mnd. grepe Griff) raff- 
süchtig; bät^ (mnd. betesch) bissig; zäln m. (mnd. sele f. Riemen; 
Sielenzeug) Sielenzeug; lä-n (as. hlinon) lehnen, dazu län f. Lehne; 
släpm (mnd. slepen < as. *slipon^ im Ablaut zu sUpan schleifen) 
schleppen ; dräm (as. *drihon, im Abi. zu drihan treiben) läufisch sein 
(von der brünstigen Hündin); bä-vän (zu as. bihon) beben; nä-y (as. 
nigun); päk f. (as. ^piki) Salzbrühe; daher wohl nach § 412 päklfles 
Pökelfleisch, vgl. aber § 221); in-päkln (mnd. pekelen) einpökeln; däl f. 
(mnd. dele, vgl. as. ^ili^ Petrier Glossen, bretterne Erhöhung, ags. pile) 
Flur, Fussboden (nicht nur von Brettern, z. B. ä&n-däl Scheuntenne) 
niemals Brett, s. Damköhler, Ndd. Jb. XV, 51, der däl Flur und däl 
Brett voneinander hält. Hierher gehören die Partiz. Praet. der st. 
Ztw. I, z. B. bätn (as. gibitan) gebissen (§ 367). Veraltet ist twään 
Zwillinge (mnd. tweseke, vgl. sls, gittvisan); dafür jetzt halbhd. ^i/^tV/ij^A:. 
As. *unsa, mnd. uese Wiese (so auch mbr. neben wische < *wtska § 232) 
ist erhalten in wäs-bötn Heubaum, für das die nordwestl. Ecke der 
Pri (mit Boberow) bäsböm sagt (§ 126 Anm.). Interessant ist auch 
vä'Vin Ackerwinde, Convolvuli^ arvensis, eigentlich Holz winde: vävin < 
mnd. wedemnde Zaunwinde, ligustrum (§ 115,5), dieses < as. *widu' 
winda (vgl. as. widuhoppa Wiedehopf, ags. wuduwinde^ und Walther, 
Ndd. Jb. XVIII, 138). tskg f. (mnd tzege^ sege < ahd. ziga\ das as. 
Wort war gel) Ziege, ist eins der ältesten Lehnwörter aus dem 
Hochdeutschen. 

Anm 1. Neben .^Ä'ä^ existiert tsik < ahd. zicchi, neben ^^/n das halbhd. 
biiän bischen, neben t^vfi^näin ^5»/* weibliches Kaninchen, Lamm. Hochdeutsch 
sind ferner: a) kitl (vgl. mnd. kedele) Kittel; vitvi, vitve (gewöhnl. vüfrou) 
Wifwer, Witwe (vgl. as. ividowa, mnd. wedewe)^ grif (mnd. grepe) Griff, vox f. 



(as. tüikaj mnd. weke) Woche, xixSi, fOr zäki sicher (§ 221); wahrscheinl. aach 
^177?/ Himmel (mbr. hemelj henimel und himmel) und bilt Bild: as. bili^i masste 
mnd. beide ergeben, was auch die gewöhnliche Form im Mbr , so immer in 
mcbeldCj ist (Granpe S. 15); vgl auch mnl. beeide, — b) xlx, xi9 Sieg, siegen 
(mDd. seghe)\ zigl, zigln Siegel, siegeln (mnd. seghel, segeln < lat. sigülum; 
schon mbr. sigel vielfach statt segel); rts (mnd. rese < as. tvrist Riese); 
siß Schiefer; strigl f. Pferdestriegel; sin Schiene; n^/ Riegel, spls (mnd. spet) 
Spiess; las Kies; smgkmud^ Schwiegermutter; blbl Bibel; neben let (§ 197 Anm. 2) 
steht das hd. ght Glied. 

Anm. 2. Für das Meckl. kommen noch fäl viel und spain spielen in 
Betracht; über die entsprechenden labialisierteu Formen der Pri /ä/, spkln, wie 
auch über z&m 7 vgl § 277 b. 

Anm 3. Das e in vetn wissen (für väln < as. witan) stammt aus dem 
Sing. Praes. tvet (as. wet^ e < a%). 

Anm. 4. As. imu ihm masste äme, inu ihn äne ergeben. Ersteres ist 
infolge häufiger Tonlosigkeit und enklitischen Gebrauches über em (so Meckl.) 
zn km geworden und vertritt auch den Akkus, (vgl. § 347). 

Über andere sekundäre Verkürzungen von <!>e, Hs. §241. 

As. 0. 

§ 189. As. > mnd. ö, a > d, z. B. d-m Ofen; dprn oflfen; 
sprät f. Leitersprosse; kdtn m. (mnd. köte n. f.) Tagelöbnerhaus; 
2äl f. (as. sola Fusssohle) Stiefelsohle; bd-y ra. Bogen; kldm (as. kloho) 
Kloben Holz; gespaltener Huf; bdl f. (mnd. böte, vgl an. io/r Stamm) 
Bohle; bdr Bote; kndky Knochen; swlns-kdm (mnd. köve{n) Hütte, 
Verschlag, vgl. ags. cofa Gemach) Schweinestall; kdl f. (mnd. köle) 
Kohle; gräpm m. (mnd. gröpe) kesselartiger Topf; bdm oben; Idm 
loben, geloben; rdru (mnd. roden) roden, reuten; fdln fohlen; kdky 
(mnd. koken < mlat. coc«r^ für coquere) kochen. Hierher gehören die 
Partiz. Praet. der st. Ztw. II, z. B. gdfn gegossen (§ 369 f.) und der 
St. Ztw. IV, z. B. stdln gestohlen (§ 375). 

Anm. 1. vol wohl ist entweder entstanden aus as. wel (man würde aller- 
dings völ erwarten § 277a)j oder aus einem Eompromiss zwischen as. wel nnd 
wola, oder es verdankt sein kurzes o seiner häufigen Tonlosigkeit. 

Anm. 2. Der Umstand, daas ä auch = hd. ä ist (§ 71), hat veranlasst, 
dass gi'dpm und kdtn falsch zu gräpen^ kkten verhochdeutscht sind ; richtiger 
wäre gr^peUf köten. 

Anm. 3. Hd. Ursprungs sind a) hofn (mbr. höpen) hoffen; got Oott, 
(len. gots (mnd. gädeSj immer ghdes geschrieben, s. Anm. 3). b) iöm (as. dohon 
rasen) toben; gevö'nt, gevö'nJAit gewohnt, Gewohnheit; gebot Gebot (biblisch), 
vgl. § 197, Anm. 3; /n9S, höxn Hose, Hosen (mnd. höse Strumpf), doch findet 
sich das lautgesetzliche hdxy. noch in SPri, in NPri nur in der veraltenden, 
weil nicht mehr verstandenen Redensart: hei f^-xüpt nox hdzn un vamxn 
er vertrinkt noch Hose und Wams. — Die echte mnd. Form für „oder" scheint 
edder gewesen zu sein. Aber gerade in mbr. Urkunden (Tümpel, Ndd. St. S. 24) 
findet sich dafür häufig odder und oder^ wohl unter hd Einfluss. Dem odder 
entspricht die heutige Aussprache orll, dem oder die Aussprache örl. Doch 



scheint edder fortzuleben in Ansdrflcken wie stükSif 8tük9fA axt gegen acht Stück; 
puntl^, puntdrA nÄ-» ungefähr 9 Pfund; jö'drtA xk-m ungeföbr 7 Jahre, 
Uok9rA zSi-m gegen 7 Uhr u. s. f. Nach Höfer Qerman. XIV, 209 ist stük^y 
sWksnk axt aus en stück edder acht entstanden. Doch könnte dieselbe Ver- 
kürzung auch aus oder entstehen, s. Grimm, Dt. Wb. III, 114. 

Anm. 4. Wie auf der Wenkerschen ,schlafen^ -Karte die Mecklenb. 
Landesgrenze ein nördl. schUpen-Qehiet von einem südl. schloapen-Gehiet trennt, 
so auf der ,Ofen'- Karte ein nördl. o^^n- Gebiet Ton einem südl. o6en- Gebiet. 
Ich habe schon § 71, Anm. 2 darauf hingewiesen, dass bei beiden Wörtern in 
beiden Gebieten ä gesprochen wird, dass es sich also gar nicht um einen 
lautlichen, sondern um einen graphischen Unterschied handelt. Ebenso 
wenig aber haben wir es mit einem Lautwandel, mit einer „ Senkung des o zu a' 
(Lübben S. 15, Graffunder, Ndd. Jb. XIX, S. 132 f., Tümpel, Ndd. St. S. 22 f.) 
zu tun, wenn in mnd. Urkunden, mit dem 14. Jhd. anfangend, in immer 
zunehmendem Masse, für tonlanges ö ä geschrieben wird, z. B. gsdes Gottes, 
kpen offen, spr&ken gesprochen. Es handelt sich hier sicherlich nicht um einen 
Lautwandel, sondern um einen Wandel in der Schreibung. Tonlanges o war 
schon im Mnd. sicher weites d, und dieses ä wurde durch o, das Schriftzeichen 
auch für enges ö < au nur sehr ungenau wiedergegeben. Jedenfalls eignete 
sich von Yorneherein ä ebenso gut wie ö zur Wiedergabe des d. Nun aber 
nahm noch dazu im grössten Teil Niederdeutschlands sowohl altes wie tonlanges ä 
immer mehr eine o-Färbung in seiner Aussprache an, und wir dürfen annehmen, 
dass im 16. Jahrb. ä schon ä gesprochen wurde. Was lag da näher, als in 
diesen Gegenden nunmehr ä mit seinem neuen Lautwert auch zur Darstellung 
des ä < 0, u zvL verwenden? 

Umlaut zu o. 

§ 190. Mnd. o > a, z. B, kktnd (mnd. kStenere) Kätner; knkkan 
knöchern; b&mlst oberste; tkgdn zögern; stkkAn (vgl. mnd. stöken) 
stochern; pktdn (vgl. ndl. potei'en^ peuteren in etwas herumstören) 
Obst, Nüsse mit der Stange abschlagen; nkln. (vgl. ndl. neutelen) trödeln; 
rky (mnd. rogen) Rogen; mkglix (mnd. mogelik) möglich; krkt in lüt 
krkt kleiner Kerl, krktix klein, aber keck. 

Anm. 1. Als hochdeutsch erweisen sich durch ihr 6: 8/ Öl; Mflix 
höflich; A;8^ä (mnd. h^terhurU^ A;5^er), das zu kdtn Katen und kktrA gehört. 



As. w. 

§ 191. As. w > mnd. ö > 5, z. B. kd-m (as. kuman) kommen, 
gekommen; ndni, (as. gi-numan) genommen; fdgl m. {a,s, fugal) Vogel. 

Anm. 1. Es lässt sich nicht immer erkennen, ob einem d as. u oder o zu 
Grunde liegt: vdn wohnen kann gleicherweise auf as. vmnon als wonon, frdm 
fromm (von Tieren), mnd. vrhme auf as. fruma und froma (s. § 205) zurückgehen. 

Anm. 2. Hochdeutsch sind a) vielleicht xom^ Sommer, da as. sumar, 
mnd. sömer hatien xdmSk erwarten lassen. Vgl. aber § 241. b) siüv f. (mbr. 
Ä/öt'ß) Stube ; jnr m. (as. judeo, mnd. jode) Jude ; kügl Kugel, ^üb/, dä»t (mbr. 
jöget, döget) Jugend, Tugend ; pmü Pudel. 



Anm. 3. Merkwürdig ist htvl Hobel (mnd. hZvel, holst, /rät;/; aber 
Glflckstadt hnwl), Haben wir es hier mit einer verkehrten Verhochdeutschnng 
des als plattdeutsch aufgefassten hd. höbet zu tun? Vgl. § 302, Anm. 1. 

Umlaut von as. u. 

§ 192. Mnd. o > i, z. B. fkffl Vögel, hk§ m. (as. huffi Gedanke, 
Gemüt) Freude, dazu zik hky sich freuen (§ 207); lk§ f. (as. lugina 
§ 337) Lüge; dkzix (mnd. dosich, vgl. ags. dysig) dummerhaft, dazu 
dhzn zwecklos umhergehen; bkn ra. (as. 6wwt, mnd. bone u\. f.) Decke, 
Boden, Speicher; zkg f. (as. suga^ mnd. söge) Sau; z&n (as. swwtf, 
mnd. sow^) Sohn; dr&n (mnd. dronen dröhnen, vgl. an. drynja brüllen, 
ndl. dreunen) 1. dröhnen, 2. langweilig und unverständig schwatzen; 
snkv m. (vgl mnd. snove, zur Wz. snnb schnauben) Schnupfen; grktm. 
(as. *grutij belegt ist gnot^ vgl. mhd. grüz) steiniger Kiessand; mSiff 
(as. mugan) mögen; dky (as. dugan) taugen (der Umlaut stammt aus 
dem Optat mugin^ dugin); kzl f. (mnd. ösele^ vgl. ags. ysle und mhd. 
mele) glimmende Lichtschnuppe. 

Anm. 1. In folgenden Wörtern ist nicht klar zu erkennen, ob ü oder ö 
zii Grande liegt: ght f. Ansgnss, Gosse (mnd. gMe könnte anf as. *guti zurück- 
geben); kv% ttber, kvlix übrig (as. ohar, aber auch uhar^ vgl. an. yfer, ahd. 
uber)\ kkk f. Küche, dazu kkks Köchin (mlat. cochva < coquina m^sste as. 
*kukma (vgl. ags cycene) ergeben; belegt ist nur koka (Freckenhorst. Heberolle); 
mnd. kMene, k^ke s. § 337); fKnun^k Wohnung f. (mud. wöninge) s. § 191, Anm. 1. 

Anm. 2. Hochdeutsch sind a) hüps hübsch; b) k^nix (as. kuning, 
mbr. k^ningj k^nig)) prügln prügeln. 

Anm. 3. Über h verkürzt > ö s. § 241. 



2. Tondehnung in oflFener Silbe vor r. 

§ 193. Kurzer, betonter Vokal in as. offener Silbe, wenn die 
folgende Silbe ursprünglich mit einem r beginnt, wird ebenfalls 
gedehnt, aber zu einem engen (geschlossenen) Laut. Es werden 
gedehnt: a, o, w > ö; e, e\ i > e\ ö, ü > o, z. B. vöän (as. waron) 
dauern (von Obst); neän (as. nerian) nähren; be-g^dn (as. geran) 
begehren; eä (as. tVo, ira) ihr; böän (as. boron) bohren; bodn (as. 
burian) tragen, heben. 

Näheres s. im Kapitel von den Veränderungen der Vokale 
durch r §§ 248 ff. 



3. Tondehnung in geschlossener Silbe. 

§ 194. Kurze, betonte Vokale in geschlossener Silbe werden 
in unserer Ma. lang nur a) vor r im Auslaut oder vor r -f- stimm- 
haftem Zahnlaut, b) sporadisch anscheinend vor st. Das Ergebnis 
ist vor r dasselbe wie im § 193. Beispiele: B),böd (as. bar) bar; 



8 

födt (as. fard) Fahrt; sp^d (as spar) Speer; v^dt (as. werS) Wert; 
tw^dn Zwirn; död (as. dor) Tor; vödt (as. word) Wort; hodn (as hörn) 
Hörn; fdtodn erzürnen. Näheres s. § 264 fF. b) plästd m. (mnd. 
plaster^ as. plaster, für das Holthausen, As. El. § 89, u. Wadstein, 
Glossar, m. E. mit Unrecht plastar ansetzen, vgl. ahd. pfl^tar < mlat. 
plastrum < gr.-lat. etnplastrum Wundpflaster); dtsl m. (as. pistil) 
Distel; kndsddn prasseln; räsddn rasseln. Über Vokaldehnung vor st 
im Englischen vgl. Morsbach, Mengl. Gr. S. 82. 

Anm. lulant. st wurde zur folgenden Silbe gezogen (vgl. Morsbach, 
Me. Gramm. § 62). Das ist auch der Grund, warum vor st niemals Verkürzung 
eingetreten ist, z. B. jrresti Prediger. 



4. Lautgesetzlicher Wechsel zwischen kurzem und langem Vokal. 

§ 195. In der Flexion des Nomens und des Verbums mussten 
vielfach innerhalb desselben Paradigmas Formen mit langem und mit 
kurzem Vokal entstehen, je nachdem der Vokal in offener oder in 
geschlossener Silbe stand. Diese Doppelformen sind noch in vielen 
Fällen erhalten. 

a. In der Deklination. § 196. Bei Haupt- und Eigenschafts- 
wörtern, die auf einen einfachen Vokal ausgingen, musste in der 
unflektierten Form der kurze Vokal erhalten bleiben, in der flektierten 
Form aber der lange Vokal eintreten. Das ursprüngliche Verhältnis 
ist noch in vielen Wörtern bewahrt, mit der Beschränkung jedoch, 
dass jetzt der ganze Singular die Kürze, der ganze Plural die Länge 
aufweist. Ursprünglich aber fand auch im Singular ein Wechsel statt, 
indem der Gen. und Dat. langen Vokal zeigen musste: mnd. schip 
Schiff wurde in der Einzahl abgewandelt: schip, schepes, schepe, schip. 
Dieser Wechsel musste schwinden mit dem Untergang eines organischen 
Genetivs und Dativs (§ 317). Er erscheint aber noch heute in einigen 
erhaltenen isolierten Resten der beiden Casus (§ 198 und § 318). 

a) Hauptwörter. § 197. dag (as. dag) Tag — dkgTsige; Uix n. 
(mnd. lax) die für jeden Dreschgang auf der Tenne ausgebreitete 
Schicht aufgelöster Garben — Mz. lä-y, stvat n. (mnd. swat, vgl. ags. 
swää, swadu Spur) eine Reihe gemähten Grases — Mz. swär; — slax 
Schlag; grösseres Ackerstück — Mz. s/ä^; glas Glas — Mz. glsis; 
stat f. (as. stad) Stadt — Mz. stär] fddräx Vertrag — Mz. fddrSig; 
rat Rad — Mz. rar Räder; blat Blatt — Mz. blärä; graf Grab — 
Mz. grävd ; staf Stab — Mz. stkv (Gehört dazu stäm < st^ven so aus- 
sehen wie?); vex Weg — Mz. vkg; stex m. n. Steg — Mz. s^ä^; bret 
Brett — Mz. brär und brärä; smet (as. smi\i) Schmied — Mz. smär\ 
äep (as. skip) Schiff — Mz. säp; let n. (as. /*{) Glied) Glied in /i'yrf-fe^ 
Fingerglied, let n. (ags. hlid Deckel) in ö-y-let Augenlid — Mz. lär; 
hof Hof — Mz. Aät5; trox Trog — Mz. trkg; tox m. (mnd. toch) Zug 
— Mz. tkg. 



9 

Anm. 1. Frttber geborte hier noch her teU Zahl — Mz. täln] es ist 
jetzt in Pri (nicht in Meckl.) dnrch das hd tsäl^ tsäln fast ganz verdrängt, wie 
anch tox Zog immer mehr dnrch das hd. tsux — is{ig ersetzt wird; hJät in 
den Eollektivbegriffen köl-blätt ruM blät, Kohiblat, Runkelblat scheint mir 
eine Neubildung ans dem Zw. bldm Blätter abrnpfen zu sein, aus einer Zeit, wo 
noch bläden gesprochen wurde; ein as. *gi'bladi hätte blär ergeben. 

Anm. 2. Die heutigen Einzahlformen smet Schmied, sep Schi£f, let Glied, 
Lid sind als Kompromiss formen aufzufassen. In dem lautgesetzlichen 
Paradigma smit — sni^r, äip — «äp, lit — /Sr (mnd. smit — smede, schip 
sckepCj lit — lede vgl. § 188) standen i und ä zu weit von einander ab, um 
ooch als organisch zusammengehörig empfunden zu werden; so trat der e-Laut 
aas der Mehrzahl in die Einzahl, die Kürze der Einzahl aber wurde bewahrt. 
Vergleiche über ähnliche Fälle quantitativer Angleichung in der Ma. des Tauber- 
grandes Heilig § 159, Anm. 1. Zu st^l (as. stil) Stiel vgl. § 203. Ich kenne 
nur ein Hauptwort, wo sich in der Einzahl i z. T. erhalten hat: spil Spiel. 
Atts mnd. spil — speie ist durch Labialisierung spil — spkle geworden (§ 277 b). 
Der Vokal der Mz. ist seiner Qualität nach in die Einz. getreten, das neue spöl 
hat aber das alte spil nicht ganz zu verdrängen vermocht. Die Mz. spU, wird 
übrigens fast nicht gebraucht. 

Anm. 3. kaf (mnd. kaf^ Dat. k^ve) Kaff, Getreidehttlsen, gras n. (as. gms) 
Gras, draf m. (mnd. draf) Trab, blek (as. bUk) Blech; pik n. (as. pik < lat. 
jDiccw. mnd. pik — pekes) Pech ; stof m. (mnd siof — stöves) Staub ; lof n. 
(as. lof) Lob; boty gebot n. (as. gebot) Angebot kommen nur im Singularis vor. 

§ 198. Gelängter Yokal in der Einzahl findet sich noch in 
einigen erstarrten Genetiven und Dativen, die als formelhafte Wen- 
dungen weiterleben; z. B. bi dkg bei Tage; Mt^sdkgs {< mnd. hüdes 
däges) heutzutage; aldkg% alltags; in vkg stän im Wege stehen; 
goutouvkg gut zu Wege; tou hkv gän zu Hofe gehen, d. h. als Tage- 
löhner auf einem Gutshofe arbeiten ; hkvgeyä Hofgänger, Hoftage- 
löbner (vgl. ags. hovaward Hofhund); bärstun Betstunde, d. i. Kon- 
firmationsstunde, wenn bar hier nicht verbaler Natur ist; ddl nieder, 
herunter < as. te dale (§ 111, Anm.). 

ß) Eigenschaftswörter. § 199. Es kommt nur in Betracht ^^ro/* 
grob, das flextiert noch zuweilen gräm (< gräven) heisst, z. B*. hei 
isn gräm hunt er ist ein grober Kerl. Doch dringt kurz o vor; die 
Mz. heisst schon meistens grofn, der Komparativ immer gröfä gröber. 
Neben fäl viel (§ 277 b) hört man in OPri singularisch vielfach ßl. 

b. In der Konjugation. § 200. Es kommen hier diejenigen 
st Ztw. in Betracht, in deren Stammsilbe auf kurzen Vokal einfacher 
Konsonant folgt, d. h. die Ablautsreihen IV, V und VI (§§ 375, 377, 
380). Bei ihnen konnte im flexionslosen Imperativ und infolge alter 
Synkope des Endungsvokals auch in der 2. und 3. Pers. Präs. Sg. 
keine Tondehnung eintreten, so dass innerhalb des Präsensstammes 
ein Wechsel zwischen langem und kurzem Vokal entstehen musste: 
z. B. näm nehmen, Präs. näm, nimst^ nimt, närn^ Imper. nim\ gäm 
geben, Pr. gSiv gifst^ gift^ gärn^ Imp. gif\ kam kommen, Pr. käm^ 
kümst, kümty kam, Imp. kum; gräm graben, Pr. grkv, 9^öfst, groß, gräm. 



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Anm. 1. In der Klasse VI (gräm) ist der lange Vokal hereits in den 
Imperativ vorgedrangen, z. B. ffrht grabe. 

Anm. 2. Bis vor nicht langer Zeit gehörten hierher anch die Präterita 
der st. Ztw. IV und V, in denen die Einz. a, die Mz. ei aufwies (< mnd. a-e), 
z. B. gaff was gab, war — gei-m, veSin gaben, waren. Heutzutage ist der 
Pluralvokal fast vollständig durchgedrungen: gaf was hört man nur noch bei 
sehr alten Leuten. Vgl. § 37ö, Anm. 2 und § 377, Anm. 1. 

Beachte den Wechsel zwischen langem und kurzem Vokal in 
max^ mk-y mag, mögen, und in dkg^ döxst^ döxt^ dk-y tauge, taugst, 
taugt, taugen. Auf einem grossen (Jebiete von Meckl. sind hier noch 
aufzuzählen; zal — zkln soll — sollen (Pri: zal — zöln § 208) und 
nach falscher Analogie von max — mä-y, zal, zkln auch kan — kkn 
kann — können (Pri: kön). 



5. Lautgesetzlicher Wechsel zwischen langem und kurzem Vokal 

ist ausgeglichen. 

§ 201. Viel häufiger ist der Fall eingetreten, dass ursprünglich 
innerhalb desselben Paradigmas wohl Doppelformen mit Kürze und 
Länge nebeneinander bestanden haben, dass aber bald die einen, bald 
die anderen durch Ausgleichung beseitigt worden sind. 

In der Deklination der Hauptwörter. § 202. Der kurze Vokal 
der Einz. hat gesiegt in fat n. (as, fat Gefäss) Fass — Mz. fdfd; 
dak Dach — Mz. däkä\ fak Fach - Mz. fäkä\ slot Schloss (an der 
Tür) — Mz. slötä] lok (mnd. lok, Gen. lockes Loch, vgl. ags. loc 
Verschluss) Gefängnis, Loch — Mz. lökä\ aap n. (as. skap Gefäss, 
Fass) Eüchenschrank — Mz. äapm, 

Anm. Man beachte, dass alle diese Wörter auf eine stimmlose Fortis 
und in der Mz auf -er ausgehen. 

§ 203. Für die Verallgemeinerung des langen Vokales lässt 
sich ein ganz reinliches Beispiel nicht anführen. Mit Wahrscheinlichkeit 
aber gehören hierher: stäl Stiel und ^-a/ Saal. As stil (< lat. stiltis) 
musste im Mnd. stil — Mz. stele ergeben; das heutige stäl könnte 
sein ä also sehr wohl aus der Mz. haben. Nun existiert aber auch 
ein ags stela (Kluge, Wb. unt. Stiel); ein entsprechendes as. ^stela 
hätte ebenfalls stäl ergeben. — Die as. Form von zäl Saal ist seit m. 
Im Mnd. dringt neben sele ein sal durch, mit der Mz. säle (vgl. 
Behaghel, PGr. I, S. 759). Aus säle musste in unserer Ma. zäle^ zäl 
werden, und dieses wird sein ä der Einz. aufgedrängt haben. Da 
nach Schwund des End-^ nun Einz. und Mz. zäl lauteten, so wurde 
ein neuer PI. mit Ablaut zkl gebildet. — nkt f. Nuss würde hierher 
gehören, wenn man auf Grund des mnd. not f. und des an. knot berechtigt 
wäre, ein as. "^hnot als Grundform anzusetzen. Ist aber *hniUa (vgl. 
ags. hnuta) die Grundform, so wäre wie in zkn < sunu Sohn die Länge 
lautgesetzlich, und nur der Umlaut wäre aus dem PI. in den Sgl. 



11 

gedruDgen. — Merkwürdig ist auch die Form tän m. Zahn. Sie 
erklärt sich gut aus dem Mnd. tan — t6ne; dieses aber erklärt sich 
sehr schwer aus dem as. tand — tende^ zu dem sich mnd. tant — 
tande stellen. Vgl. § 281 c Anm. 

In der Deklination der Eigenschaftswörter. § 204. Der kurze 
Vokal der flexionslosen Kasus ist verallgemeinert worden in: nat 
nass, Mz. ncUn^ Kompar. ndtä\ stcak schwach, Mz swaky^ Kompar. 
swdkd\ tarn zahm, Mz. tam^ Kompar. tdmä\ smal (as. smal klein) 
schmal, Mz. smaln^ Kompar. smdld; ^a^ satt, Mz. 2:a/n, Kompar. ^^^f^d; 
glat glatt, niedlich, Mz. glatn^ Kompar. gldtä\ glat dedn niedlic|ies 
Mädchen; slap schlaff, träge, Mz. slapm^ Kompar. sldpd; spak dijrr, 
trocken, Mz. spaky^ Kompar. spdkd\ hol (as. hol) hohl, &Iz. Aö/w, 
Kompar. hold. 

Anm. Über grof gtoh s. § 199; gram feindselig kommt nur prädikjitiv 
vor: hei is mi gi^am tou er ist mir feindselig gesinnt; hlekkn blechern hat 
seine Kürze vom Hauptwort hlek. 

§ 205. Aus den zweisilbigen Formen ist der lange Vokal auch 
in die unflektierten Formen gedrungen bei Idm (as. lam) lahm; §dl 
schal; främ (mbr. vröme) fromm, nur von Tieren gesagt; from (von 
Menschen, in kirchlichem Sinne) stammt aus dem Hochdeutschen. 

In der Konjugation. § 206. Der § 200 angegebene Wechsel 
zwischen langem und kurzem Vokal im Praesensstamme der Ablauts- 
reihen IV — VI ist zuweilen zu gunsten des langen Vokals ausgeglichen, 
z. B. stäl^ stälsty stält stehle, stiehlst, stiehlt; befäl^ befälst^ befält 
befehle, befiehlst, befiehlt; last liest neben list\ Idrst, Idrt (selten löt) 
ladest, ladet; M^, h&tst^ h&tt hebe, hebst, hebt (§ 207); auch bei 
gräm graben hört man schon grkvst^ grkvt, was damit zusammenhängt, 
dass es, wie mdln mahlen, schwach wird. 

§ 207. Bei den kurzsilbigen Wörtern der ^'a-Klasse musste 
im Praesens ein Wechsel zwischen Länge und Kürze des Vokals ent- 
stehen: jukkian jucken konjugierte jukkiu^ jukis, jukid\ jukkiad^ d. h. 
es mussten im Mnd. die 2. und 3. P. Sgl. laugen Vokal erhalten. 
Bei den meisten der hierher gehörigen Wörter ist der kurze Vokal 
durchstehend geworden. Einige haben aber doch den langen Vokal 
erweitert: j^ky {sls. jtückian) jucken; zik kk-y (as. htiggian sinnen) sich 
innerlich freuen; beväy (as. weggian) bewegen; spän (as. spennian) 
entwöhnen (von der Muttermilch); tarn (mnd. temmen, temen) zähmen. 
Auch ein starkes Zw. gehört hierher: häm (as. hebbian) heben: es 
flektierte im Sg. Präs. hebbiu, hehis, hebit und bot daher im Mnd. 
denselben Wechsel wie z. B. jukkian. 

Anm. Hieber würde auch gehören /am leben, wenn es auf libbian beruht 
nnd nicht auf lehon (vgl. § 171, Anm. 1). Unsicher ist, ob das schw. Ztw. 
bvl.ln quälen auf as. quelan st. Ztw. Qual leiden oder as. *quellian Todesqual 
bereiten (vgl. mnd. quelen und quellen), h&ln hehlen schw. Ztw. auf as. helan 
8t. Ztw. verhehlen oder as. hellian verhtlllen beruht. 



12 

§ 208. Der kurze Vokal ist verallgemeinert in zal^ zöln soll, 
sollen: as. skulum musste langen Vokal geben, wie denn Meckl. auch 
wirklich strichweise zhln sagt (§ 200). Die Kürze stammt aus der 
Einzahl, oder aus kan — kön kann, können, oder aus dem Hoch- 
deutschen. Auch könnte die liäufige Unbetontheit dieser Formen 
nachträgliche Verkürzung zur Folge gehabt haben (vgl. mütn müssen 
§ 241 und § 242.) 

Besondere Fälle. 

§ 209. Eine besondere Behandlung erfordern die mehrsilbigen 
Wörter, in denen auf einen kurzen Vokal ursprünglich in ein- 
und demselben Paradigma bald Doppelkonsonant -h Vokal, bald ein- 
facher Konsonant + Vokal folgen musste, so dass der Stammvokal 
bald in offener, bald in geschlossener Silbe stand. Auch hier mussten 
Doppelformen entstehen; sie sind aber bis auf einen Fall (§ 213) 
durch Ausgleich entweder zu gunsten der Länge oder zu gunsten der 
Kürz^ beseitigt worden. In Betracht kommen hier die Wörter mit 
w und h nach Konsonant, die Wörter mit den Bildungssilben mnd. 
-eVy -el, -gm, -en, dann Wörter mit anderen Bildungssilben, z. B. -ig. 

Konsonant + w. 

§ 210. Schon im Westgerm, war Inlaut, w vor o, u geschwunden 
(Kluge, PGr. I, S. 379); auslautendes w war im As. zu o geworden. 
Innerhalb desselben Paradigmas mussten nun Formen mit erhaltenem 
und mit nicht erhaltenem w entstehen; zwischen diesen Formen hat 
schon in as. Zeit Ausgleich stattgefunden zu gunsten der t€^-losen 
Formen. Zur Zeit der ,Tondehnung' musste der Stammvokal in den 
Formen mit erhaltenem w kurz bleiben, in den anderen gelängt 
werden: aus as. melo, nielwes musste mnd. m^fe, melwes werden. Es 
konnte nun mal oder melt als Nominat. entstehen. Gewöhnlich hat 
aber die w;-lose Form gesiegt. In einem Falle (§ 213) liegen Doppel- 
formen vor. 

Hauptwörter, {wa-^ wan'\ i<^ö-, «^'öw-Stämme.) §211. Die Aus- 
gleichung geschah zu gunsten der w?-losen Form: mal n. (as. melo) 
Mehl; phl m. (mnd. pol m. und pole f., vgl. ag^. pyle < lat. pulmmis) 
Querkopfkissen, das über das gaaze Bett reicht; smeä n. (as. smero) 
Schmeer; vär f. (as. wa^^a < ^wa^^wö) Wade; zän f. (as. senewa^ sinewa) 
Sehne; swMk f. (mnd. swaleke, schon as. swala für swalwa) Schwalbe 
(so nur im diphthongischen Gebiet, s. § 7, Ib und unten). 

Anm. Wie wö-StÄmme sind behandelt: sok f. Scherbe (mnd. scirbe, 
scherve, as. skerhin n. Werd. Gloss.) und kär Kerbe (§ 151, Anm. l). 

§ 212. Die flektierten Formen haben gesiegt in fafv f. (as. 
farawi Aussehen, mnd. varwe) Farbe; sioalv f. Schwalbe (mnd. stvale 
und swalwe) im monophthongischen Gebiet (hd.?); dvvt f. Erbse 
(as. erit für *enmt, mnd. erwete und erte). 

§ 213. Doppelformen sind nur in einem Falle erhalten geblieben: 
man pagt nöd und naiv f. (as. naro^ mnd. nare und seltener narwe) Narbe. 



13 

Eigenschaftswörter. § 214. gäl (as. geh) gelb; göd (as. garu 
bereit, fertig) gar; moä (mnd. mor^ mörwe) mürbe, vom Obst; käl 
(mnd. hole, vgl. ags. calu < lat. calvus). 

Anm. Die englischen yeüow, callow stammen umgekehrt itus den 
flektierten Formen mit erhaltenem tv. 

Zeitwörter. § 215. w ist geschwunden in zik zkln (as. suU 
tcian und svlian) sich im Schmutze wälzen (von Schweinen), zik inzkln 
sich beschmutzen (auch von Kindern); es ist erhalten in gäi'l^ (as. 
gerwian bereiten) gerben, fdrm (mnd. verwen) färben (w < ven). 



Konsonant + h. 

§ 216. h nach Liquiden wurde im Auslaut spirantisch gesprochen 
(s. dörx durch < as. ^urh); vor dem Vokal der Flexion aber war es 
ein blosser Hauchlaut und schwand früh (Holthausen, As. El. § 218). 
Von diesen flektierten Formen aus hat die Ausgleichung stattgefunden. 

Hauptwörter. § 217. föä f. (mnd. vöre, vgl. ags. furh) Furche; 
meä f. (mnd. merie^ got. *marhi s. Kluge, Wb. unt. Mähre) Mähre. 

Aum h scheint als k erhalten zn sein in fävki) Ferkel (schon mnd. ferk, 
ferken, vgl. ags. fearh), 

Eigenschaftswörter. § 218. dweä (schon as. }^wer^ mnd. dwär^ 
vgl. ags. dweorh) quer. 

Zeitwörter. § 219. befäln (as. bifelhan, Präter. bifalh) befehlen. 

Wörter auf mnd. -el, -er, -e^n, -en. 

§ 220. Bei zweisilbigen Wörtern mit kurzem Vokal in der 
Stammsilbe und kurzem Vokal + Liquida und Nasal in der Endsilbe 
(z. B. as. fugal, watar^ fa^om, wagan) wurde in den obliquen Kasus 
des Sgl. und im PI. der Endsilbenvokal synkopiert, so dass wir z. B. 
das Paradigma Singul. Nom. Acc. fugal, Gen. fugles^ Dat. fugle, Plur. 
fuglos, fuglo, fuglum erhalten. Zur Zeit der „Tondehnung*' erhielt 
fugal langen Stammvokal, während die übrigen Formen den kurzen 
bewahrten. Dieser Wechsel im Paradigma wurde ausgeglichen, indem 
sich die Sprache bald für die eine bald die andere Gruppe entschied. 
Doppelformen sind nicht erhalten; doch vgl. § 223. In Bezug auf 
die Bevorzugung der Länge oder der Kürze weichen die einzelnen 
germanischen Sprachen und Dialekte sehr voneinander ab. 

Anm. Eigentlich mttsste s wischen solchen Wörtern unterschieden werden, 
bei denen der Endsilben vokal irrational ist und sich erst im As. entfaltet hat, 
und solchen, wo er ein alter Mittel vokal ist. Bei den letzteren musste die 
Dehnung eigentlich unter allen Umständen eintreten, da nach kurzen Stamm- 
silben nicht synkopiert wurde (s. Pßbeitr. V, 81), in den obliquen Kasus also 
dreisilbige Formen entstehen mussten. Aber einerseits fanden in der lebendigen 
Sprache sicherlich auch bei letzteren Synkopierungen statt, anderseits wurde bei 
den ersteren der irrationale Vokal schon im As auch in den obliquen Kasus 
durchgeführt, so dass eine Scheidung praktisch keinen Wert haben würde. In 
der übergrossen Mehrzahl der Fälle hat eben die Länge gesiegt. 



14 

a. Die Länge hat gesiegt. 

§ 221. -el) häml Hammel; snävl Schnabel; zädl Sattel; nägl 
Nagel; fäzl-swtn (mnd. väsel Zucht) Faselschwein; hägl Hsigel; stäpl m. 
Stapel; kävl f. (mnd. kävel zugerichtetes Holz zum Losen) eine 
bestimmte Parzelle von Gemeindewiesen, ein Los Land); üt-kävln 
verlosen; ääpl ScheflFel; läpl m. (mnd. lepel^ leppel) Löffel; kätl m. 
(as. ketil < mlat. catillus) Kessel; äzl (as. esil < mlat. aselhis für 
asinus) Esel; kägl Kegel; knävl m. Knebelholz; flhgl m. (as ßegil < 
lat. flagellum) Dreschflegel; nävl m. (as. nehal) Nebel; gävl Giebel; 
stävl m. (mnd. stevel) Stiefel; sträml Streifen; smnägl (mnd, simnegel^ 
vgl. an. igull) Schweinigel (fast nur noch Schimpfwort; das Tier 
heisst staxlswln); dägl m. (mnd. degel^ das ich auf as; *digul = an. 
digull zurückführe und für ein echt germanisches Wort halte; Kluges 
Herleitung aus lat. tegula tegula verbietet sich m. E. nach Form und 
Bedeutung); päkl (mnd. pekely vgl. me. pikil) Pökel, wenn es nicht 
nach § 411 Ableitung aus päk Salzbrühe ist; fägl m. (as. ftigal) 
Vogel; slktl m. (as. slutil) Schlüssel; ikgl m. (mnd. togel) Zügel; 
lii^l n. (as. uhil) Übel; krkpl n. (mnd. kropel^ krepel^ kröppel^ kreppel) 
Krüppel; hkgl Bügel; y/i^r/ Flügel der Windmühle, sonst jÄ%fc. 

-er) vätä Wasser; hämä m. (as. hamar) Hammer; grävä Spaten; 
värä n. (as. wedar) Wetter; päpä (mnd. peper < lat. piper) Pfeffer; 
bäkä (as. bikeri < mlat. bicarmm) Becher; — mägä mager; am (as. 
ehan) eben; kvl (gew. ünh>vl § 110, 5) übel; veraltet und durch das 
hd. zixä verdrängt ist zäkä (as. sikur < lat. securtis) sicher. 

An in. Hierher gehört auch jt^E/, neu gebildet aus '*'päter (mnd. petery 
petter < lat. patnnus) Pate (vgl. 330 Anm. 4). 

-em) färn m. (as. *fa^om; belegt ist der Plur. fadmos) die Länge 
der beiden ausgestreckten Arme, Faden. (§ 140.) 

-en) i?5-j; Wagen; hä-y Hagen, Speiglhä-y Spiegelhagen; läky n. 
(as. lakan) Laken; rä-y Regen; brä-y m. (mnd. bregen) Bregen; Mm 
(as. hehan) Himmel; am Ofen; khn für kam s. § 337 (mnd. körnen < 
lat. cumlnum) Kümmel. 

Anm. Hierher gehört die § 337 besprochene Gruppe von Wörtern, in 
denen za der missverstandeneu Endung -en eine neue Form für die Einzahl 
gebildet worden ist. 

b. Die Kürze hat gesiegt. 

§ 222. -el) hazl-nkt (mnd. häsel und hasselnöte) Haselnuss; 
äeml m. (mnd. schamel < lat. scamellum) Schemel (am Wagen) ; swövl m. 
(as. swehal) Schwefel, bes. swövl-stiky (mnd. swevelsticke) Schwefelholz; 
(ixl f. (vgl. ahd. ahil^ im Mnd. erscheint dafür vese^ vesen) Ährenspitze; 
ßtl (as. fitil, s. fitil'Vöt bei Wadstein, Gloss.) Hinterbug der Pferde 
mit dem Kötenhaar. 

Anm. ßdl Fiedel und titl Titel scheinen aus dem Hochdeutschen entlehnt; 
ersteres heisst im Mnd. vhdele^ veddele, vgl. ags. fiäek, titl ist in älterer Zeit 
überhaupt nicht belegt; ebenso sind hd. himl Himmel, kitl Kittel. 



15 

-er) dund m. (mnd. dunner ^ vgl. a^s. |)wwor) Donner; Idrd (mnd. 
Jeder, ledder, vgl. ags. leäer) Tjcdor; flärä-müs f. (mnd. vleder. vledder- 
müs) Fledermaus; kopä n. Kupfer (§ 59). Hier ist auch aufzuzählen 
värä wieder, mnd. wedde^' < as. mdar, vgl. § 242. 

-efn) be^n m. (as. besmo, mnd. besem, bessern, besmen) Besen; 
born m. (as. bodam, Dat. bödme) Boden. 

c. Doppelformen. 

§ 223. Eine Doppelform scheint vorzuliegen in färä und fadd, 
von denen das letztere das eistcre allmählich verdrängt, insofern das 
erstere anfängt für vulgärer zu gelten. As. fadar hätte aber beim 
Siege der flektierten Formen ein mnd. vadder und dieses farä ergeben. 
Es dürfte fadä wie mudä, gefadd, fetd hochdeutschen Ursprungs 
sein (§ 158, Anm. 3). 

Dreisilbige Wörter mit der Mittelsilbe mnd. el, er, en, 

§ 224. Wörter mit der Bildungssilbe -«/-, -er-, -m-, bei denen 
auf die Bildungssilbe noch eine Flexionsendung folgte, also weibliche 
Hauptwörter wie as. fethera F'eder oder Zeitwörter wie mnd. rekenen 
mussten unter allen Umständen Tondehnung erfahren. Das ist aber 
nicht immer der Fall gewesen, und es scheint, als ob auch hier 
gelegentlich Synkope eingetreten ist. Vgl. für eine ähnliche Erscheinung 
im Me. Morsbach, Mittelengl. Gramm. § 71. Diese Wörter sind schon 
im Kapitel von den Vokalen in Mittelsilben behandelt, und zwar die 
Hauptwörter § 114, 1, die Zeitwörter § 114, 3; § 114, Iß sind die 
Substantive aufgezählt, in denen der Stammsilbenvokal kurz geblieben ist. 

Zweisilbige Wörter, in denen auf einfachen Konsonanten und 
unbetonten Vokal andere Konsonanten als l, r, m, n folgen. 

§ 225. Tondehnung ist eingetreten in ndkt (mnd. näket) backt; 
hakt m. (as. *hakid, vgl. ahd. hehhit, mit Suffixablaut zu as. *hakttd, 
hakth, Oxf. Gloss.) Hecht; MrÄr m. (as. hähuk) Habicht; krSivt m. 
(mnd. krevet) Krebs; Kt>t n. (mnd. övet) Obst. Vgl. § 119, und über 
dreisilbige Wörter dieser Klasse § 115. 

Hierher gehören auch die 2. und 3. P. Sgl. Präs. der schw. Ztw. 
der 0»- Klasse, die stets Tondehnung zeigen; z. B. ik lhx>, du Ikvst, 
hei Ikvt von läm loben (as. lobon). 

Tondehnung ist nicht eingetreten oder wieder aufgehoben worden 
in pärdk n. (mnd. peddik, vgl. ags. pij^a) Mark der Bäume; s. § 242. 

§ 226. Demgegenüber erscheint vor Konsonant -f- ig Kürze 
des Stammvokals, wohl aus den synkopierten Formen der obliquen 
Kasus stammend (vgl. Heilig § 157, Anm. 3), z. B. honix (as. honig, 
honeg, mnd. honeg, honnich) Honig; mänix, mdnx (as. manag, manig, 
mbr. mannich, mennich) manch ; Idrix (mnd. ledich, leddich) leer. Vgl. 
auch die Verkürzung von e > i in mnd. hilghen Heiligen, zu hillich, 
und in tmntix 20 (§ 231, Anm. 2). 

Eine Doppelform liegt vor, wenn man das brandenb. dnt f. Ente 
(< as. *enit) mit meckl. dnt (< as. *anut) vergleicht. 



16 



6. Überlänge. 

§ 227. Es ist § 17 darauf hingewiesen, dass lange Vokale und 
Diphthonge überlang werden, wenn nach folgenden ursprünglich 
stimmhaften Reibelauten durch Synkope oder Apokope ein e yerstammt 
ist. Diese Nachlängung erfahren sowohl ursprünglich lange als auch 
nach § 183 in freier Silbe gedehnte Vokale. Bei einer Form wie 
dkg Tage haben wir also zweimalige Längung anzunehmen: durch 
die ^jTondehnung^ wurde schon früh dage > däge, durch Verstummen 
des e später däge > dk§. 

Wo früher ein End-^ zwei sonst gleichlautende Wörter unter- 
schied, da leistet heutzutage die Überlänge diesen Dienst. Man ver- 
gleiche Wörter wie lös los und /os lose; t^x Zeug und tfig Zeuge; 
vis Reis und ri^ Riese (hd.); drüf Traub und drüt Traube; stuf 
stumpf ab und stüv Stube (hd.); houf Huf und hoüv Hufe; leif lieb 
und lew Liebe. So ist denn auch die Überlänge oft ein Mittel, die 
Mz. von der Einz. zu unterscheiden, auch wenn schon die Einzahl einen 
langen Vokal hat, z. B. prls Preis — prh Preise; stlx Steig — süg 
Steige; hreif Brief — breW Briefe; deif Dieb — deit Diebe; ploux 
Pflug — plöyg Pflüge; gom Gans — göy^ Gänse u. s. f. Man vgl. 
auch §nf schreib und ik äriv ich schreibe miteinander. Überlänge 
unterscheidet auch gegebenen Falles das attributive Eigenschaftswort 
vom prädikativen: stif steif, drox trocken, tax zähe, bos böse, leif 
lieb sind prädikativ; sttv^ dr&g, ik§^ 68s, leit attributiv. 

Die Überlänge ermöglicht zu erkennen, dass fiv 5 (vor Haupt- 
wörtern) aus der as. Mz. fihi stammt, flf (allein stehend) aber aus 
der Einzahl. An der Überlänge geben sich manche Formen als 
erstarrte Reste alter Genetive und Dative zu erkennen, z. B. in hm 
im Hause; tou Iw gän zu Leibe gehen; ^ü^s notux schlechtes Zeug 
genug. Die Überlänge in Verbindung mit der stimmlosen Lenis (§ 14) 
am Ende ist noch jetzt ein deutlicher Beweis, dass der Sing. Prät. 
der starken Verba aus dem Plural oder dem Optativ stammt : ik bleU 
ich blieb, slöyg schlug erklären sich nur aus mnd. hleve^ sloge < as. 
blihi, slögi. 

An in. Die Überlänge als Ersatz für verstammendes e spricht sehr für 
die Theorie von der mechanischen Qaantitätsregnliemng, fär die in Bezog anf 
die Qaantitätsverändernngen im Englischen in einem sehr bemerkenswerten 
Aufsatz Lnick, Auglia XX, S. 335 £F. eingetreten ist, nnd auch sehr für die 
damit eng verwandte Theorie von der Tendenz, beim Sprechen die normale oder 
tiberlieferte Morenlänge eines Wortes za wahren, für die Wrede, Z. f. d. A. 
XXXIX, 257 ff. (s. n.) eintritt. Ich glaube allerdings, dass bei allen Fragen, 
wo es sich um Dehnung, Zerdehnung kurzer Vokale und Kürzung langer handelt, 
die Tendenz, die überlieferte Länge des Sprechtaktes zu wahren und die Gesamt- 
Quantität der Sprechtakte innerhalb desselben Flexionsschemas auszugleichen, 
eine grosse Rolle spielen kann; ich bin ebenso fest davon überzeugt, dass diese 
Tendenz nicht die einzige quantitätsregulierende Macht in der Sprache ist. 



17 

B. Vokalkürzungen. 

1. Vor Doppelkonsonanz. 

§ 228. Es sind zwei Hauptfälle zu unterscheiden: 1) der lange 
Vokal oder Diphthong stand vor primärer Doppelkonsonanz (bes. xt, ff) 
oder Geminata, 2) der lange Vokal oder Diphthong stand innerhalb 
desselben Flexionsschemas bald vor einfacher, bald vor Doppel- 
konsonanz. Im letzteren Falle musste das Ergebnis Wechsel zwischen 
Länge und Kürze sein. Dieser Wechsel ist erhalten geblieben inner- 
halb der Konjugation: es kommt im Präsens vieler starker Ztw., im 
Präsens, Prät. und Partiz. Prät. einiger schwacher Ztw. mit einem 
b-Laut als Stammauslaut in Betracht; die Doppelkonsonanz ist 
sekundär und durch Synkope des Endsilbenvokals entstanden. — Der 
Wechsel ist aber ausgeglichen in der Deklination : es handelt sich um 
Nomina auf Liquida und Nasal. Besonders die letzteren zeigen die 
Wechselbeziehung auf, die zwischen dem vorigen und diesem Kapitel 
besteht: värd Wetter hatte sein gelängtes ä erhalten aus dem as. 
Nominativ wedar^ dund Donner hatte sein kurzes u aus einem obliquen 
Kasus wie as. *]^unre8. Jetzt bewahren Wörter wie k&ky Küchelchen, 
dM Teufel (aber ne. chicken, d^vill) ihren langen Vokal, weil sie auf 
den as. Nominativen *kitJän^ diuhil beruhen ; Wörter wie buzn Busen, 
bruml' Brom- erscheinen mit verkürztem Vokal, weil der Ausgleich 
von den obliquen Kasus (wie as. bösmes^ *hramles) ausgegangen ist. 

Anm. Wenn Luick in dem § 227 Anm. angeführten Aufsatze meint, die 
Kärze von ue. devü stamme wohl aus den obliquen Kasus, erkläre sich dort aber 
Dicht ans der Stellung des e vor Doppelkonsonanz, sondern aus der Dreisilbigkeit 
der flektierten Form d^eles, indem bei dreisilbigen Wörtern kurzer Vokal in 
offener Silbe das Normalmass ftlr die betonte erste Silbe sei, so kann ich ihm 
nicht beistimmen. Wir können z. B. für das kurze u in unserem buzn keine 
dreisilbige Form busemes < bösemes im As. verantwortlich machen. Die oblique 
Form ist zweisilbig, z.B. bösmes^ und musste so sein, weil im As. nach langer 
Silbe Synkope des Mittelvokals eintrat. 

As. ä. 

§ 229. As. ä > a. a) zaxt (as. säfto^ mnd. sachte) sacht; daxt 
(as. ^ähta) dachte, gedacht; vctxt f. Deichselwage am zweispännigen 
Wagen (mnd. wäge zu as. wagaVfage)] klaftd (mnd. klachter) Klafter 
(Längenmass); b) jamd m. (as. jämar) Jammer; blarä f. (as. blädara) 
Blatter; ard f. (as. nädra § 141 Anm. 1) Natter. 

Anm. 1. Zu a wtlrde noch gehören paxt f. Pacht, wenn es auf lat. 
puium beruht, waxi f. Welle (in der Lenzer Wische), wenn es zu as. wsig 
Woge, und kwatä Unsinn, wenn es zu mnd. quä.t verdreht gehört. 

Anm. 2. Über ö für a < ä in bröxt (as. brä,hta) brachte, gebracht vgl. 
§ 404, Anm. & > u vor Nasal in bruml-beSi Brombeere (as. hrrnnal-busky mnd. 
hrlrrij brummelbere). 

Niedardeatsohes Jahrbuch XXXII. 2 



18 

Umlaut zu as. ä. 

§ 230. Umlaut zu as. a l) > e, a) dext m. (mnd. dacht^ deckt 
m. n., vgl. ahd. täht^ an. }^attr)\ b) letst^ let lässt (as. lätis^ lätiä)\ 
lexl n. (mnd. lechelen, vgl. ahd. lägilla < lat. lügend) kleines Fass. 

Anm. 6 > ä vor Nasal (§ 51, 2) in j^mMix jämmerlich und auch in hnk 
(mnd. emeke) Ameise, wenn in diesem Worte as ä neben a anzusetzen wäre 
(vgl. ags. ^msUe und ämette). 

2) ^ ö (jüngerer Umlaut § 77). a) bröxt s. § 229, Anm. 2. 
b) gerätst^ gerät gerätst, gerät; slöpst^ slöpt schläfst, schläft; fröxst^ 
fröxt fragst, fragt vgl. § 380, § 383. 

As. e {< ai). 

§ 231. As. e > e, a) emä m. (as. embar, emmar^ mbr. einmer) 
Eimer; ext (mnd. echte ehelich, rechtmässig) echt; gelstä üppig von 
Pflanzen, das doch wohl zu as. gel geil, übermütig gehört; b) vetst^ 
vet weisst, weiss (1. P. vet^ Meckl. veist, veit)\ fet (mnd. vet^ vgl. anfrk. 
feit^ ags. fäfed); lerä f. (mbr. ledder^ vgl. mnl. leeder^ ags. hläder) 
Leiter. 

Anm. 1. Schon in der as. Periode war das e wohl kurz in ellebhan>elm 11. 

o 

Anm. 2. e > i vor Nasal in twintix 20 (as. twentig, mnd. twentieh, 
tvnntich, vgl. § 275) ; s. dagegen ens einst, einstmals (as. ene^, mnd. hns, eines, 
ins), das halbhd. entslt einzeln (mnd. entelen) und rentlix reinlich. — e > i 
vor l in dem jetzt durch das hd. hiilix verdrängte hillix heilig < as. hehg. 
Noch Hindenberg verzeichnet Ausdrücke wie hillgenschüne, hillgenwische 
Kirchenscheune, Kirchenwiese und das interessante det Hillge die Böse als 
Krankheit (Erysipelas) : noch jetzt ist ja gerade die Kose der Gegenstand volks- 
gläubischer Vorstellungen und des „Bötens^. 

As. f. 

§ 232. As. z > i. a) lixt (as. Izht^ mnd. licht) leicht; dixf 
(mnd. dicht stark; treu) dicht; bixt f. (as. bi-gihto schra. m., mbr. 
bichte) Beichte; vi^ f. (as. *wzska^ mnd. wische) Wiese; b) das Präs. 
Sing, der st. Ztw. I, z. B. sriv, ärifst^ ärift schreibe, schreibst, schreibt; 
Kn n. (as. Iznin^ vgl. Koeppel, Herrigs Archiv CIV, 52) Leinwand, leinen. 

Anm. 1. Auffallend ist die Verkürzung des i > ^ in den Adjektiven vii 
(as. hwlt) weiss vgl. § 343, kioit und kit (mnd. kwlt < frz. quitte) quitt (nur 
prädik.) und dem Adv. nip (mnd. nlp\ der lange Laut hat sich in vielen ndd. 
Dialekten, z. B. im Holsteinischen erhalten) genau, z. B. nip töuklkp genau 
zusehen. Auffällig wäre auch i < l in rist f. die durch die Hechel zu ziehende 
Handvoll Flachs, wenn Walther mit Eecht mnd. riste ansetzt: vor st ist ausser 
bei müst musste keine Verkürzung eingetreten (§ 194 b). Könnte man nicht 
an as. *wrist (vgl. ags. mrist) Handgelenk oder an eine alte -5^ -Ableitung von 
ritan reissen als Grundlage denken? — §rin jucken, brennen (von der Haut) 
wird vielfach mit §rin, das sich in anderen ndd. Maa. findet und dasselbe 

o ' 

bedeutet, zusammengestellt, vgl. Ndd Korresp. I, 76 und ö. Ich wäre eher 
geneigt, unser ä^'in vom mnd. schrinden einen Kiss bekommen, §rin aber vom 
mnd. schnnen herzuleiten. 



19 

Anm. 2. Eine sehr interessante Verkürzung von i > i findet sich in 
hintj das nur in der Redensart vorkommt: hei hkt nix hint ori kint er hat 
keinerlei Angehörige, er steht allein in der Welt, hint ist sicherlich entstanden 
ans as. hiumny Akk. zu hiwa Gattin; das mnd. hien hat sich allmählich bis 
zam Reime dem kint angeglichen. Vgl. ne. hind Bauer < ags. hina < hiwnaj 
Gen. zn hiwan Flur. Hausgesinde, Eoeppel, Herrigs Archiv CIV, 48. 

k&, l > i > e > ä in fäft^ fdftäin, fdftix (as. ßße^ flftein^ /*/%> 
mnd. mfte^ vefte U8w.) vgl. § 51, 2 b. 

Anm. Meckl. sagt mit Labialisierung des e föfty föfth/n^ föftix. In der 
Pri liegt labialisiertes i < i vor in drütix dreissig (as. thntig^ mnd. drittiXy 
drüitixy vgl. drür dritte § 277 und drütkin 13 § 239 (Meckl. sagt dötUn, dötix). 

As. ö (wo). 

§ 233. As. ö > u. a) furman^ furvdrk Fuhrmann, Fuhrwerk 
(mnd. vörman^ Vorwerk^ vgl. § 120 a); b) huzn m. (as. bösom^ mnd. 
hösmi); furd n. (mnd. vöder^ vgl. ags. födor) Futter, Unterfutter; 
furän futtern, futtern. 

Anm. 1. In unbetonter Silbe erscheint «^ < ö in gunddx guten Tag. 

Anm. 2. Neben fwK in der Bedeutung Nahrung existiert die Doppelform 
{ourL Die alte, längst verschwundene Form für „Mutter'' ist mouri\ verkürzt 
wäre daraus murSk geworden ; die jetzt gebräuchliche Form mitd^ ist vom Hochd. 

beeinflnsst. 

Anm. 3. ö muss, als es verkürzt wurde, einen i^-haltigen Beiklang gehabt 
haben, sonst hätte kaum daraus u werden können, vgl. § 90 Yorbemerk. 

Umlaut zu As. ö (uo), 

§ 234. Umlaut zu as. ö. 1) > w. a) nilxddn (mnd. nüchtern) 
nüchtern; müst (as. möst^ möstüy mbr. muste, tnoste) musste, gemusst; 
der Umlaut stammt aus dem Konjunktiv mösti; die Verkürzung vor 
st erklärt sich aus der relativen Unbetontheit des Wortes; vüs (as. 
wöhs) wuchs; b) In den Verbalformen mit alter Synkope erscheint 
der verkürzte Laut als ö, z. B. zöyk^ zöxt suche, sucht, suchte, gesucht; 
höyr^ hat hüte, hütet, gehütet; bröyr^ bröt brüte, brütet, gebrütet; 
np-föyrn -föt aufziehen (auffüttern); höyt^ bot böte, bötet, gebötet 
(bespreche); hlour^ hlöt blute, blutet, geblutet. Alle diese Ztw. sind 
schwach. Von den starken Zeitwörtern gehört nur hierher roiip^ 
mpst, röpt rufe, rufst, ruft Vgl. §§ 116. 118 a. 

Anm. 1. Hd. ist rüsl Bussel. — Neben fürai. Fuder erscheint auch das 
unverkürzte föyrL 

Anm. 2. Warum einmal üj das andere Mal ö erscheint, ist mir nicht 
klar geworden. 

As. ö (< au). 

§ 235. As. ö > 0. a) hoxtU Hochzeit; kropt^x n. Kropzeug 
(< ndd. kröp^ vgl. Kluge Wb. und § 120a); horky (mnd. horken, vgl. 
ahd. hörechön); b) kopl f. (mnd. koppel < vlat. cöj^la für cöpula); 
stopl f. (mnd. Stoppel < vlat. stöpla < stüpula). 

2* 



20 

Umlaut von as. ö. 

§ 236. Umlaut aus as. ö > ö, z. B. höxt f. (mnd. hogede^ hockte, 
as. *höhi^a) Höhe; gröt f. (mnd. grotede, grötte) Grösse; grötst grösste 
(mnd grötteste, grötste)^ daher auch grötä neben grotä grösser; üU 
löftix weitläufig; vgl. auch döxt taugte, getaugt; b) löp, löpst, löpt 
laufe, läufst, läuft; kop, köft kaufe, kauft, kaufte, gekauft; stot^ stötst, 
stöt stosse, stösst, gestossen (§§ 116. 118 a). Hierher ist auch zu 
stellen 2^öpl f. (mnd. poppet < vlat. pöplo < lat. pöpultis, 

As. ü, 

§ 237. As. ü > u. a) ftixt (as. fühf) feucht, änfiixtn anfeuchten; 
snüfdouk (mnd. snüvedök) Taschentuch, zu snüm schnauben; vgl. pulkdn 
mit den Nägeln klauben, zu pülp. klauben; kuldn hinunterrollen (zu 
mnd. küle Kugel); b) In OPri hört man statt lürä lauter Itidd. 

Umlaut zu ü, 

§ 238. Umlaut zu as. ü > ü. a) düxt (as. ^ühta) däucht, 
gedäucht; b) züp, züpst^ züpt saufe, säufst, säuft und so alle st. Ztw. 
IIb (§ 369). 

As. iu. 

§ 239. As. iu > ü. a) lüxtn (as. Uuhtian, mnd. lüchten) 
1. leuchten, 2. blitzen; lUxt f. (mnd. lüchte) Laterne; lüxtä m. Leuchter; 
frünt m. (as. friund) 1. Freund, 2. Verwandter; b) fred, früst, {riere, 
frierst, friert; geit^ giltst^ gilt giesse, giessest, giesst und so alle st. 
Ztw. IIa (§ 369, vgl. auch § 118a). Vor einfachem Konsonant 
wäre iu verkürzt in drütein 13 (and. ^riutein, vgl. ags. ^reottyne neben 
^rlotiene^ Sievers, Ags. Gram. § 230 Anm.); doch Hesse sich auch 
Beeinflussung von Seiten drütix 30 (§ 232 Anm.) und drür (§ 277) 
denken. Vgl. ferner § 120 a. 

Anm. Schwierig ist das ü in düs^ düt dieser, diese, dieses, dies zn 
erklären. Die mnd. mbr. Formen sind d^se^ desse, disse, düsse; dit, düt\ das e 
in d%se ist als tonlang (as. these), d. h. als ä zu fassen. Dieses E könnte nun 
nach § 241 verkürzt sein, infolge von Tonlosigkeit. Woher stammt aber i oder 
gar üj da doch die Qaalität der umgebenden Konsonanten der Labialisiernng keinen 
besonderen Vorschub leistet? Erklärt sich i im Stamme aus eingedrungenen 
«'-haltigen Endungen, etwa iu? Und darf man nicht fttr die Formen mit ü die 
as. Formen mit iu (Nom. Sing. Fem., Nom. Akk. Plnr. Neutr. piu^) verantwortlich 
macheu, so dass ü eine Verkürzung von iu wäre? Vgl. Behaghel, PGr. I, S. 779. 

As. io, 

§ 240. As. io > i. a) lixt n. (as. Höht) Licht. 

Anm. 1. Ans as. io-mer ist über inier durch Labialisiernng (§ 277 d) 
ümai immer geworden. 

Anm. 2. fixt f. könnte aus einem as. *fi>ohta (vgl. ahd. fi^hta) entstanden 
sein; belegt ist fiuhiia.. Wahrscheinlicher ist mir, dass fixt hd. Ursprungs ist. 
Die gangbare Tanne ist bei uns durchaus die Kiefer, und sie heisst kurzweg dan. 



21 

2. VokalkürzuDgen vor einfacher Konsonanz. 

§ 241. Verkürzung vor einfacher Konsonanz findet sich nur in 
einigen Partikeln, besonders Konjunktionen, und in einigen modalen 
Hülfszeitwörtern. Die Ursache ist in der schwachen Betonung dieser 
Wörter im Satzganzen zu suchen. Beispiele: f > t (§ 232) in zin sein 
= esse (Meckl. zin); s. auch die Ableitungssilbe as. -Itk, die schon 
im Mnd. zu -lik wird und jetzt durch das hd. -lix verdrängt ist (§121 c). 
Hier ist auch wohl aufzuzählen das fast veraltete zor9 seit {zöra dei 
tu seit dieser Zeit) < as. siäor, mnd. södder. Vgl. § 242, Anm. 3, § 277; 
— > ü in müt, mütn muss, müssen (as. möt^ *mötan^ mötun, mnd. 
mötj müt); Einfluss des Hd. ist nicht unwahrscheinlich; — Ü > w in 
bün (as. bitim^ hiun^ mnd. ftwn, hin) bin; — <^ (< au) > o in dox doch 
(as. })öA), > u in uk (as. ök) auch; vgl. dun dann (mnd. rfön, don^ dim)^ 
das ich als Mischform von ^ö da und )^an dann anzusehen geneigt 
bin. Doch könnte vor dem Nasal a vielleicht lautgesetzlich > ii 
geworden sein, vgl. bruml-b^ (§ 229, Anm. 2). Ich erwähne noch 
zön solch, solch ein < zö an so ein, s. § 354. 



3. Jüngere Verkürzung. 

§ 242. Ohne Zweifel ist die Verkürzung durch Doppelkonsonanz 
zu verschiedenen Zeiten wirksam gewesen. Und so möchte auch ich 
hier die Frage aufwerfen, die Paul schon PBBeitr. XX, 133 angeregt 
hat, ob nicht in manchen Fällen Verkürzung früher gedehnter Vokale 
anzunehmen sei, so dass Tondehnung durch nachträgliche Verkürzung 
aufgehoben wäre. So, scheint mir, lassen sich am ungezwungesten 
die Stammsilbenvokale in einer Reihe von Wörtern deuten, die die 
Qualität der in offener Silbe gedehnten Vokale haben, dabei aber 
kurz sind. As. miluk Milch, hwilik welch, *butura Butter, skutala 
Schüssel, *fultn Füllen mussten ohne Tondehnung milk^ vilk > vik, 
hitd, §ütl^ füln ergeben, mit Tondehnung aber mälk, välk > väk 
(vgl. in der Soester Ma. vi9ke, Holthausen § 62 und § 134), bätä (vgl. 
Soester Ma. bwta)^ §Ml (vgl. Soester Ma. sxydtl)^ fkln (vgl. mnd. volen^ 
Soester Ma. fy^ln^ Holthausen §§ 65 und 66) ergeben. Die Formen 
unserer Ma. sind aber melk, vek, bodä, äötl, föln, also tonlange 
Qualität des Vokals vereint mit Kürze. So Hessen sich auch erklären 
zmnd Sommer (as. surnar) als verkürzt aus zämer (§ 191, Anm. 2, 
Tgl. zumna, Holthausen § 65), kätln kitzeln als verkürzt aus kätelen 
(as. kitilon, mnd. ketelen, Soester Ma. kiatln, Holthausen § 62), möl 
Mühle als verkürzt aus tnhle, älter niklen § 337 (vgl. mbr. male, mölle, 
meckl. wäZ, Soester Ma. mydh unt. § 64), el Elle (as. elina, mnd. efe, 
meckl. al) als verkürzt aus äle, zöln sollen als verkürzt aus zMn 
(§ 208). Und wenn man an Formen denkt wie westf. hidrmt (as. hemi^i) 
Hemd, fry^mt (as. fremi^i, mnd. vrömede), heast (as. hebis, mnd. hevest, 
hefst) hast, so bleibt immerhin zweifelhaft, ob die Formen unserer 



22 

Mundart härh^ frömt^ hast ihren kurzen Vokal wirklich dem Umstände 
verdanken, dass der Mittelvokal schon vor der Zeit der Tondehnung 
ausgefallen war, wie wir §§ 115, 224 angenommen hatten, oder aber, 
ob nicht ein gelängter Vokal nachträglich gekürzt worden ist, nach- 
träglich gekürzt wie doch sicher das e in mnd. getvBset^ gewest^ jetzt 
vest gewesen. Und kann man den kurzen o-Laut in Formen der 
Glückstadter Ma. wie homä Hammer, komä Kammer, stomän stottern, 
die Bernhardt Ndd. Jb. 18, 95 aufzählt, nicht gut erklären als durch 
Tondehnung mit nachheriger Verkürzung entstanden? 

Anm 1. Fast für alle Formen bleibt eine andere Deutung möglich, die- 
jenige nämlich, die wir § 197 Anm. 2 für die Formen smetf s&p Schmied, Schiff 
gefunden haben, und die Heilig § 159 Anm. 1 für Beispiele wie fod^r Vater, 
sodl Sattel der Mundart des Tanbergrundes aufgestellt hat: es handele sich um 
Kompromissformen, in denen zwischen ursprünglichen Doppelformen eine quanti- 
tative Angleichung stattgefunden hat. Darnach wäre z. B. sötl ein Eompromiss 
aus *shil und *sütl. Zu zöln sollen vgl. § 208. 

o o 

Anm. 2. Wir haben § 114, 1 Anm. 2 an die Möglichkeit gedacht, dass 
hod^ und sötl unter holländischem Einfluss entstanden wären. Dasselbe wäre 

o 

formell und sachlich auch bei melk Milch möglich, doch ist melk schon die mnd. 
Form (vgl. mellek bei Valentin u. Namenlos, ed. Seelmann V. 255). Neben 
hwilik existiert as. weWc, wobei zu bedenken ist, ob e nicht schon ein Zeichen 
beginnender Tonlängung wäre ; xomh. könnte auch aus dem Hd. stammen, ebenso 
el als Verkehrswort, und möl könnte von möl^ Müller beeinflusst sein (doch 
schon mbr. m^lle). 

Anm. 3. Hier mögen auch die drei Wörter i;ärä wieder, warn Nieder-, 
piraik Mark der Bäume (bes. des Hollunders) ihre Stelle finden. In allen dreien 
stammt ä < e (vor r < dd § bl), vgl. mnd. wedder, nedden^ nedder, peddik, 
e aber < i, vgl. as. nndar, as. mdaVy nidana und ags. piia (ne. pith) Mark 
der Bäume, von dessen as. Vertreter unser peddik eine Ableitung mit -ik ist 
Wenn Sarrazin Herrigs Arch. CI, 68 fragt, ob vielleicht ags. pidäa anzusetzen 
wäre, so ist von unserer Ma. aus zu sagen, dass ein solcher Ansatz nicht nötig 
erscheint: wir sehen auch sonst mnd. -dd- dort, wo im As. d steht; man vgl. 
as. feihera > mnd. vedder > ß,r^ Feder; as. *ledar > mnd. ledder > förä Leder; 
as. Hedag > mnd. leddich > Ih-ix leer. Der kurze Vokal erklärt sich in den 
letzteren Wörtern aus dem obliquen Kasus, und es bestehen mnd. Formen wie 
ledichy leder daneben. Was nan wedder, nedden^ peddik anbetrifft, so kann ich 
e nicht anders auffassen, als verkürzt aus E < t in offener Silbe (§ 188). Es 
müssen Doppel formen mit i und §, nebeneinander bestanden haben, die zu einem 
Kompromiss -e geführt hätten. Solche Doppelformen Hessen sich ja für peddik 
denken und auch zur Not für nedden, wenn wir ein adjektivisches Wort wie as. 
nideri der untere heranziehen; wie soll es aber für as. widar wieder, zurück 
zu Doppelformen kommen? Ich will noch erwähnen, dass Meckl. veri sagt, und 
dass in Pri eine Nebenform vd existiert, die ich mir aus v^r für vkri in der 
Tonlosigkeit entstanden denke; ähnlich steht vielfach b^ii für bw beide, und 
im südl. Teil von OPri nd nieder für *när, n^rL 

C. Diphthongierungen. 

§ 243. Die langen Vokale z, ü, Ü sind auf ndd. Gebiete erhalten 
geblieben. Ganz uneingeschränkt gilt diese Regel auf ostelbischem 



23 

Gebiet von den mir aus eigener Anschauung bekannten Maa. nur für 
Holstein und Mecklenburg -Vorpommern. Im Brandenburgischen da- 
gegen, und somit in der Ma. der Prignitz, ist in einem Falle Diph- 
thongierung von t und ü eingetreten: f und ü vor Vokal, d. h. in 
Hiatusstellung, ursprünglicher oder geschichtlich entstandener, sind zu 
äi und ou diphthongiert. Diese Diphthongierung ist eine der wich- 
tigsten Unterschiede zwischen der Ma. der Pri und der von Meckl. 
(§ 6). Es heisst also in Pri: 

a) fräi (as. fri in ff^lfk freigeboren, vgl. fn Weib; mnd. t?n, 
me, vrtge)\ fräi-an (as. frtehan lieben, mnd. vnen, vrlgen) heiraten; 
sräi-dn (as. skrian st. Ztw., mnd. schrien^ schrigefi, selten schreien); 
zäi'9n (mnd. stetig stgen) seihen; däi-9n (as. ^than^ mnd. dlen^ dlgen) 
gedeihen, in dei dex däit der Teig geht auf; snäi-dn (mnd. sneew, 
snlgen) schneien; in-väi-dn (as. ulhian^ man, mnd wten, wlgen) ein- 
weihen; fläi'dn in sik an-, iVmfläian (mnd. vllen, vllgen ordnen, knüpfen; 
ausstaffieren) sich an-, umhängen, um sich auszuputzen (in spöttischem 
Sinne); kläi f. (mnd. klle, kltge) Kleie; släi m. (mnd. sli) Schlei; bläi n. 
(mnd. bll, hlige) Blei; ndi, prädikativ ndit (§ 156, Anm. 3) (mnd. nl, 
nie, ntge) neu; die betonte Substantivbildungssilbe -di (mnd. -le, -ige, 
selten -eige) in Wörtern wie frätaräi f., ßsaräi f., ,Hp9räi f. (mnd. 
freten(g)e, visch€rl(g)e, schepen(g)e) Fresserei, Fischerei, Schäferei ; 
die Vornamen Mdräi < Mart*e, nur noch erhalten in der Zeitbestimmung 
M9räi'9n (25. Febr.), früher häufig in Doppelvornamen wie Trlmmräi 
(Katharine-Marie), Anrmräi (Anna-Marie) Namen, die in der 1. Hälfte 
des 19. Jhdts. sehr beliebt waren, und Fei < SophVe, von Hindenberg 
verzeichnet, jetzt ganz verschollen. 

Anm. Ich bin geneigt, hierher das schwierige Mi-nöd^ Storch zu stellen. 
Ich teile nämlich ab : hiin-0€& (vgl. § 300) und führe hUn- auf einen obliquen 
Kasns des schon znr Erklärung von hint § 232, Anm. 2 herangezogenen as. 
hiwa Gattin (vgl. mnd. hiBy heie Hofgehöriger) zurück. 

b) botwn (as. büan wohnen, mbr. büen, bütven, bouwen) bauen; 
hou m. (as. bü n. Wohnung, mnd. bü, büwe, bouwe) Bau; troxtan 
(as. trüon, mnd. trüwen, trouwen) trauen ; brown (mbr. brüwen, brouwen) 
brauen; frou (as. früa, mbr. frütce, frouwe)\ jou (as. eti, m, mnd. jü) 
euch, und jou (as. euua, iüwa, mnd. jüwe) euer. 

Anm. 1. Im Mecklenburgischen erscheint also in allen diesen Wörtern, 
soweit sie vorhanden sind, i und ü, z. B. /n, /ri^a, snidn^ ni, /?^m; bü9n oder 
hüguy /rü, j^x. In intwM entzwei und den Wörtern auf -IM wie a/ä/äi 
mllH allerlei, einerlei erscheint auch im Mecklenburgischen -U. 

Anm. 2. Man könnte nä^ als eine entlabialisierte Form von 7iöy (as. 
nium) auffassen wollen; aber bei den § 98 Anm. angeführten Wörtern mit 
äi < (yy stammt das öy aus aut + i, auch gelten diese Formen nur in einem 
kleinen Teile der Pri, während rAi in der ganzen Pri gilt. Vor allem aber 
weist das meckl. ni (mm. ni) darauf hin, dass wir auf ein as. nie zurückgehen 
müssen, eine Form, die uns an die Hand gegeben wird durch NianhviS in der 
Ess. Heberolle, durch nlgi^ nigemo der Freckenhorster Heberolle und durch 
nigean im Monac. Y. 1430. 



24 

Anm. 3. Umlaut von ou < u + Vokal, d. h. Diphthongierung von mnd. 
Ü -H Vokal würde vorliegen, wenn öy in gröygl Gespensterfnrcht, %ik gröygln 
sich gruseln (mnd. grüwel^ grüwdn) nicht auf germ. euu (§ 105) zurückgeht, 
sondern auf germ. üu. 

§ 244. Die Frage ist nun: wie sind die brandenb. äi und ou 
gegenüber den mecklenb. l und ü zu deuten? Es scheinen sich mehrere 
Möglichkeiten darzubieten. 

Man könnte auf den Gedanken kommen, dass zur Zeit der 
Besiedlung die Ansiedler von Mecklenburg der Mehrzahl nach aus 
solchen Gegenden gekommen seien, in denen sich l und ü überhaupt 
erhalten hat, die Ansiedler der Prignitz aber vorwiegend aus einer 
Gegend, in deren Mundart Diphthongierung von l und ü lautgesetzlich 
ist, wie z. B. im Ripwarischen, Teilen des Westfälischen ; dass dann 
bei der schliesslichen Ausgleichung zu einheitlichen Formen in den 
nördlichen Gebieten die nicht diphthongierten, in den süd- 
lichen die diphthongierten Formen den Sieg davon getragen 
hätten. Wir haben Ndd. Jb. 31, 68 f. tatsächlich die Wahrscheinlichkeit 
zugegeben, dass sich in der Pri auch Niederfranken angesiedelt haben, 
sind aber zu dem Schlüsse gekommen, dass von einer namhaften 
niederfränkischen Ansiedlung nur im südlichen Teile der Pri die Rede 
sein kann. Wir müssten also annehmen, dass die diphthongischen 
Formen vom Süden her bis an die meckl. Landes-Grenze vorgedrungen 
seien. Wir müssten aber dann zuvörderst annehmen, dass die ersten 
Ansiedler die diphthongischen Formen schon mitgebracht hätten. 
Begnügten wir uns aber mit der Annahme, dass sie nur die 
Disposition zu dieser Lautbewegung mitgebracht hätten, so w^ären 
wir zu der weiteren Annahme genötigt, dass die Mundart eines vom 
Mutterboden losgetrennten Volksstammes sich nach immanenten 
Gesetzen nach der Art der Mundart der Zurückbleibenden w^eiter- 
entwickle. Beide Annahmen halte ich für durchaus ausgeschlossen. 
Es wäre ja nun noch die Möglichkeit vorhanden, dass einem späteren 
Nachschub von Ansiedlern äi und ou eigentümlich gewesen sei, und 
dass bei dem neu einsetzenden Nivellierungsprozesse diese Diphthonge 
gesiegt hätten. Auch hier könnte nur das Niederfränkisch-Ripwarische 
in Betracht kommen. Tatsächlich sind ja später zu verschiedenen 
Zeiten, besonders zur Zeit des Grossen Kurfürsten, noch Holländer 
ins Land gerufen worden. Aber ihre Zahl war doch so beschränkt, 
dass sie auf die Sprache sicherlich keinen Einfluss ausgeübt haben. 

So bin ich denn durchaus der Ansicht, dass sich in der Pri wie 
in ganz Brandenburg und überhaupt im grössten Teile von Ostnieder- 
deutschland l und ü in Hiatusstellung selbständig zu äi und ou 
entwickelt haben. 

Anm. In seinem scharfsinnigen Aufsatze „Die Entstehung der nhd. 
Diphthonge''. Z. f. d. A. XXXIX, 257—301 behauptet Wrede unzweifelhaft mit 
Becht, dass bei Diphthongierungen stets von zweisilbigen Formen ausgegangen 
werden müsse. Das trifft auch für die beschränkte Diphthongierung von i und 
ü in Pri zu: /ra^ frei z. B. verdankt sein äi sicherlich einer flektierten Form 



25 

dieses Wortes (z. B. vne)\ denn stets einsilbige Wörter wie ml, diy vi, gl, bl 
mir, dir, wir, ihr, bei haben in unserer Mundart ihr i erhalten; so müssen anch 
Mdrii, FH auf Marie, Sophie mit gesprochenem End-e beruhen, und jou ,euch^ 
mnss von jou < jüwe ,euer* beeinflnsst worden sein, wozu schön stimmt, dass 
Meckl. und der grösste Teil von Pri jü sagt. Aber in einem entscheidenden 
Punkte weiche ich durchaus von Wrede ab : nach meiner Ansicht ist die Diphthon- 
gierung von i und ü yor Vokal nicht dadurch zustande gekommen, dass ein e 
verloren gegangen ist, das vor seinem Verstummen seinen Nebeniktus noch mit 
dem Hauptiktus vereinigt habe ; ich meine vielmehr, dass i und ü sich mit einem 
Dachklappenden e oder u(o) zu einem Diphthongen vereinigt haben. Diese e 
und mögen z. T. auf den alten thematischen j und w {Ij, mv) beruhen, so 
dass die Hiatusdiphthongierung ihren Ausgang hätte in Formen wie frije, büwen, 
wie das Kräuter Z. f. d. A. XXI, 266 ff. für das Alemannische angenommen hat. 
Dieser Ansicht entsprechend meine ich anch abweichend von Wrede, dass die 
Diphthongierung von i und ü im Hiatus als ein- ftbr sich bestehender Vorgang 
angesehen werden muss und nicht auf gleicher Stufe mit der sonstigen Diphthon- 
gierung von i und ü behandelt werden darf. 

Sehr lehrreich für die Beurteilung unserer Frage scheint mir 
auch die Entstehung des Diphthongen ei aus i + Vokal zu sein, 
s. den nächsten §. 

§ 245. Nach § 107 hat sich im diphthongischen Gebiet 
(§ 7,1) von Pri (und Meckl.) der as. Diphthong io zu ei entwickelt, 
z. B. deif < as. ^iof^ hedreiff < as. driogan. Das Mittelglied ist ie. 

In demselben Gebiete ist aber ei auch entstanden 

1) aus ie < io < %w in knei (as. knio) Knie, feiä (neben feä) 
(as. fior < fiiDur) 4 ; 

2) aus ie < ij in drei (as. \irie < *^rijös) 3; 

3) aus ie < i •+• Vokal, oder f -|- A -|- Vokal in hei (< as. hie^ 
nicht hB) er, dei (as. J)ia, J)m, ^ie) der, die ; zei (as. sia, siu, sie) sie ; 
Eigenname Theis < (Matythlas^ Leis < Elias (letzterer von Hindenberg 
verzeichnet) ; — fei n. (as. ßo < fehü) Vieh ; zein (as. sian < sehan) 
sehen; ik zei (as. sihu) ich sehe. Für Meckl. und Pom. kommt noch 
tein (as. tian < tiohan) ziehen hinzu. 

Wie hier kurz i H- ö > ei geworden ist, so, meine ich, ist lang 
i'\' e > di geworden, wobei wir dieselben drei Gruppen unterscheiden 
könnten: 1) e 4- m? (z. B. bläi < as. bllo < bliw\ 2) t + j (z. B. 
fräi9n < as. friehan, vgl. got. frijon), 3) f -+- A -f- Vokal {daian < as. 
^ihan). Aus meiner Regel fällt nur täin 10 mit seinem weiten äi 
heraus: as. tehan^ tian Hesse tein erwarten. Freilich ist bei diesem 
Worte schon im As. die Stufe tein erreicht (Freckenhorster Hebe- 
rolle); wichtig ist, dass auch das Meckl. täin sagt (schon mm. teyn)^ 
dass hier also dasselbe Verhältnis vorliegt wie bei intwäi entwei 
(§ 243, Anm. 1), das ich § 84 zu westgerm. HwajjB gestellt habe. 

Anm. Für gesen ,ge8chehenS das in der mittleren Periode parallel mit 
jSehen* geht, sollte man geäein erwarten, wie ja die 3. Fers. Fräs. Sing, geä^t, 
entsprechend xlit, heisst. Es ist sicherlich hd. Einflnss anzunehmen. 

§ 246. Noch ist hier einer bemerkenswerten Diphthongierung 
Erwähnung zu tun, die vielleicht geeignet ist, auf die Diphthongierungen 



26 

der vorigen §§ einiges Licht zu werfen, soweit für letztere altes -y, ?j 
in Betracht kommt. Innerhalb des Gebietes, das für intervokales d 
einen J-Laut zeigt (§ 7, 2 a, § 158, Anm. 1) hebt sich wieder ein 
kleineres Gebiet ab, in welchem -ye-, -üj^- < -ide-^ -Me- zu äi und öy 
diphthongiert sind: Mnd. smden schneiden, wtde Weide; IMe Leute, 
l&den läuten u. s. f. heissen hier snäün^ väi; löy^ löydn u. s. f. Es 
ist schwer, die Grenzen dieses Gebietes genau anzugeben, doch macht 
es mir besondere Freude festzustellen, dass es in Wenkers Sprachatlas 
recht genau umschrieben ist (in der Leute- Karte als ^^w-Gebiet). 
Es mussten nur im Süden Breddin noch einbeschlossen, im Westen 
Kletzke, im Norden Blumenthal ausgeschlossen werden. Die südliche 
Grenze ist etwa die Verbindungslinie zwischen Havelberg und W^uster- 
hausen, im Osten bildet die Seenplatte, die nördlich von Wusterhausen 
beginnt, die Grenze, im Westen wird die Grenze gebildet von einer 
Linie, die von Havelberg über Glöwen, Gross -Leppien, Gross-Welle, 
Garz nach Tuchen geht. Tuchen und Christdorf sind die nördlichsten 
Punkte, zwischen Tuchen und Christdorf, gerade südwärts von Pritz- 
walk ist noch eine grosse, bis Dannenwalde nach Süden gehende Ein- 
buchtung, die keine Diphthongierung zeigt, z. T. übrigens ja auch 
nicht zum ^'-Gebiete gehört (§7, 2 a). Die beiden südlichsten Dörfer 
der WPri, Jederitz und Vehlgart, gehören zum Diphthongierungs- 
gebiet; sonst sind es, wie man sieht, in der Westprignitz nur noch 
wenige Dörfer, die diphthongieren. Die Städte Kyritz und Havelberg 
kennen die Diphthongierung nicht. 

Anm. Bei Wusterhausen schliesst sich ein Gebiet derselben Diphthon- 
gierungsart an, das ungefähr das Dreieck zwischen Wusterhausen, Fehrbellin 
und Neu-Euppin umfasst. 

§ 247. Über e^, äi als Umlaut zu e (< ai) s. § 82, 83; über 
ei < as. e (germ. e^), ou < as. ö (germ. ö), öy (Umlaut dazu), vgl. 
§ 79 Vorbem. und § 90 Vorbem. 



D. Veränderungen der Vokale vor r und r-Verbindungen. 

1. Die Vokale vor r und r 4- ursprünglich stimmhaften 

Zahnlauten. 

§ 248. r und r vor stimmhaften Zahnlauten dulden keine 
kurzen Vokale, keine weiten Vokale und keine Diphthonge vor sich. 
Es werden also kurze Vokale lang, weite eng, Diphthonge zu Monoph- 
thongen, und zwar erscheinen e, i als e; o, w als ö; ö, w als o; im 
diphthongischen Gebiet der Pri (§ 7, 1) erscheinen ei (< as. e = 
ahd. ia und as. io) als e\ ou^ öy (< as. ö = ahd. uo und Umlaut 
dazu) als ö, o; ausserdem werden a und ä > ö, der Umlaut von ä> e. 
Vgl. § 136b; § 193. 



27 



As. a. 

§ 249. As. a > ö, z. B. ploiix-äöä f. (mnd. plög-schar) Pflug- 
schar, böä (as. bar nackt, oflfenbar) bar (von Geld), aber baift barfuss 
(S 120 a); äpm-böä^ äpm-böän (as. baron entblössen) offenbar, offen- 
baren; böä m. (mnd. bare, vgl. Behaghel PGr I, S. 753) Bär; vöd, 
(jevöä gewahr; vöä-näm (as. wara neinan) wahrnehmen; up-vöän (as. 
icaron beachten, wahren, hüten) aufwarten, np-tmrä Aufwärter; zik 
vödn (as. waron oder wardon) sich hüten, bei Seite springen; vöän 
(as. waron dauern) dauern (bes. von Obst); göän Garn; gö9rn (as. 
(jardo) Garten ; spöän sparen ; up-föän (as. faran) auffahren ; zik fä-äöän 
(zu me. darien in Furcht sein?) sich von einer Anstrengung, einem 
Schrecken erholen; nöähaft nahrhaft; swöä (mnd. swarde) Speck- 
schwarte; ö^rir (mnd. arrficA Art habend, vortrefflich) 1. artig, 2. sehr; 
mmrix (mnd. unardich von schlechter Art) unartig; öät f. (mnd. art, 
flekt. arde m. und f. Abstammung, Art) Art; föät f. (as. fard) Fahrt; 
böät Bart; hdzn-äödt f. (vgl. as. skard zerhauen) Hasenscharte; mödt m. 
(mnd. marte, mart, vgl. as. marprfn und ags. mear]^, meard) Marder; 
Mödt'drükyt n. (mnd. mar, vgl. § 156) Alpdrücken; nöds m. (as. ars) 
anus; böds m. (mnd. bars) Barsch; Ködrl, Köddl neben Kädl Karl; 
köät Karte. Über nöd Narbe s. § 213, über göä gar § 214. 

Anm. 1. ^äf Garde stammt aus dem Hd. und ist erst eutlebnt, nachdem 
a> h> ä > b geworden war ; hd. sind auch aitix artig, hait^ hat hart ; as. ha7^d 
hätte hökt ergeben. 

Anm. 2. Über a vor mnd. rr s. § 135 n. Anm. 

Anm. 3. Zu nöH^, böks vgl. § 165 Anm. 1. 

As. e, 

§ 250. As. € > e, z, B. bed f. (as. beri) Beere; nedn (as. nerian 
erretten, ernähren) nähren; tMn zehren; swSdn (as. swerian) schwören; 
peät {eLB, perid) Pferd, Mz. ped\ med f. (as. merie, mnd. merje) Mähre; 
feä f. Fähre; h^ n. (as. heri Heer); hedriyk (as. hering) Häring; 
veän wehren, beäedn (as. skerian bescheren) bescheren. 

Anm. 1. über färix (mnd. verdick) fertig, hen-hafn (as. herdian stärken) 
in einer Bewegung bis zum Ziele aushalten, nicht erlahmen, vgl. § 272. In den 
Städten Havelberg und Perleberg sagt man pät statt peU. Über spkfliyk (mnd. 
sperluik)^ Mfbdfx Herberge s. § 120 a. 

Anm. 2. Sehr schwierig ist das Wort enkdrix in enkärix tipstän, d. h. 
mit kleiner Bitze offenstehen, von der knarrenden, klaffenden Tür; mnd. enkarrSy 
enkar. Skeat lässt in seinem Etymol. Dict. das gleichbedeutende ne. a-jar ver- 
derbt sein ans a-char^ das er zurückführt auf me. on char, ags. on cyrre auf 
der Wende, vgl. ags. cyrran^ cerran kehren, wenden, mhd. kerren. Dann wäre 
m (= ein) volksetymologisch aus en umgedeutet, und -ix angetreter wie öfter, 
vgl. § 413; über a s. § 272. 

Anm. 3. Hd. ist giftniy gUtil Qärtner. 



28 

As. e. 

§ 251. As. e > e, z. B. heä her; speä Speer; teä Teer; sweän 
(rnnd. Hweren) eitern, schwären; be-geän begehren, upbegeän aufmucken; 
geän gern; f^n fern; steän Stern (rnnd. stern(e)^ aber as. sterro\ ent- 
weder gab es eine as. Nebenform *sterno = ahd. stetmo^ oder das 
rnnd. Sterne hat sein n aus der Mehrzahl); eänst m. (as. ernust) Ernst; 
k^n Kern; ea f. (as. er^d) Erde; Aed^ m. (as. h'erS) Herd; veät (as. 
iv'cri) wert; Fea^ Familienname (as. w'erd Hausherr); tef/, Äre^rf/ m. 
(mnd. Z:erfe) Kerl; über smeä Schmeer s. § 211, über dweä quer § 218. 

Anm. 1. fkrs Vers ist hd. 

Anm. 2. Über väin (as. werdan) werden vgl. § 272. 

As. i. 

§ 252. As. i > e, z. B. cd (as. ira, iro) ihr; ^w;edw m. (mnd. 
twern(e)) Zwirn; steän (mnd. sterne) Stirn; smeän (mnd. smeren, vgl. 
mhd. smirn) schmieren; ansmeän anführen. Als e ist auch das i der 
französischen Verbalendung -ier behandelt, vgl. regedn regieren, 
blameän blamieren, kwatedn quartieren ; I +- r hätte lä ergeben § 88. 

Anm. 1. Hd. Lantgebung zeigen mar^*^n marschieren; oftsi^ Offizier; 
regVdrui)k Begiernng. 

Anm. 2. i vor r war schon im As. vielfach zu e getrübt, vgl. Holt- 
hausen, As. El. § 84, Anm. 2. Darnm ist anch nicht zu erkennen, ob ^oa (für 
*seä, s. § 277 c) Scherbe auf i oder e beruht (as. skerhin n., mnd. sckerm 
(scirhe)), vgl. auch § 211 Anm. Dasselbe lässt sich sagen von shiii)k m. (mnd. 
scherlingj aber mhd. schirlinc, scherlinc)^ dessen ä nach § 120 a zu beurteilen 
ist. Bei 6ea f. Birne (mnd. bere) lässt sich kaum entscheiden, ob es auf lat. 
2Ära oder erst auf roman. pera zurückgeht, wie ags. peru auf r'oman. pe7^ n. 

Anm. 3. Über ndnix (mnd. neme < nergene) nirgend s. § 173b Anm. 1 
und § 272. 

Anm. 4. Über i 4- rr vgl. § 135 Anm. 

As. 0. 

§ 253. As. > ö (Meckl. ü), z. B. döä n. (as. dor) Tor; döän 
Dorn; köän n. (as. körn) Getreide auf dem Halm; smödn schmoren; 
böän bohren; fä-löän verloren und ähnliche Partiz. Perf. (§ 369); 
vöät Wort; öät m. (as. ord Spitze) Pfriemen, dazu wohl der Boberower 
Flurname Spitsn-öät^ ein sich keilförmig in den See vorstreckendes 
Stück Wiesen- und Schilfland; böät Bord; Brett an der Wand zum 
Aufstellen von Töpfen; föät f. (as. ford) Furt; föäts^ födtsn (as. for^) 
sofort. Über antvöät^ antvöatn (as. and-wordi, andwordian) Antwort, 
antworten, ebenso über pödt Pforte vgl. § 164. 

Anm. 1. Hd sind mort Mord für fast verschwundenes mhU m. (as. moiih\ 
wahrscheinlich auch bhdr% für *6öä (mnd. bor^ vgl. holstein. 6är) Bohrer und 
fürt fort in viÜ. fürt will er fort; sonst wird der Begriff ,fort* mit vex ausgedruckt. 

Anm. 2. o 4- rr s. § 135 Anm. 



29 

Umlaut zu o. 

§ 254. Umlaut von o > 5, z. B. hodn n. (as. hörn) Hörn; vod^ 
vo9rd Wörter; moQrd m. in näff-mö^rä Neuntöter (Würger); Dodt 
Dorothea ; 

Anm. 1. ö ist kurz geblieben in ßrn (as. hiforan) Yorne, nud mit 
Ansfall des r in e26'ns, veraltetes Wort f&r heizbares Zimmer^ s. § 263 Ende. 

Anm. 2. Dem Hochdentschen ist mörd^ Mörder entlehnt. 

As. u. 

§ 255. Köät (Eigenname) Kurt. Wahrscheinlich gehört auch 
spä f. (mnd. spar n.) hierher, vgl. as. spuri-helti Lahmen der Pferde ; 
doch wäre auch ein as. *spor n. denkbar, entsprechend ahd. spor. 
Dann würde das Wort zu § 253 gehören. Zu föä f. Furche vgl. § 217. 

Anm. Hd. oder Halbhd. sind xLdxäk^ Ü9xach f. Ursache; gebü&t Geburt 
{ia.ffiburd hätte geböit ergeben). Halbhd. ist auch torm Tnrm. As. tum (?), 
mnd. torn (< afrz. töm? vgl. Baist, Oröbers Zs. XVUI, 280) hätte /öän ergeben 
müssen. S. § 141, Anm. 2. 

Umlaut zu u. 

§ 256. Umlaut von as. u > o, z. B. fod (as. furi für und fora 
vor) 1. für, 2. vor. spdän (as. spurian) spüren; böän (as. hurian) 
tragen, heben, Geld einnehmen; zik fd-tddn (as. *tiirnian, mnd. t?or- 
^öj-wßw, zu mnd. torn Unwille) sich erzürnen: död f. (as. rfwrw, rfwn) 
Tür. Hierher gehört auch v5d f. (mnd. wurt, tcort, Mz. wörde) mit 
Obstbäumen bestandene Hofstelle. Über mod mürbe vgl. § 214. 

Anm. 1. Unklar ist, ob 8 in ^M n. Kind, bes. Mädchen anf o oder u 
znrückgeht, vgl. ne. girl^ Schweiz, gurre und Braune^ Lanrembergs Scherzgedichte 
S. 94. Derselbe Zweifel waltet auch bei stMn stören (s. § 97). 

Anm. 2. Hd. sind geb^m Gebtthren und gütl Gürtel. 



As. a, 

§ 257. As. ä > ö^ z, B. höd Haar, dazu höän die Sense scharf 
machen; ^'d4 n. Jahr; r>öd wahr, dazu twöds zwar; död (as. |)är) da; 
^iföA (as. swär) schwer; geföd f. (zu as. fära Nachstellung) Gefahr; 
röän (mnd. rüren) laut weinen; klöd (mnd. klar zu lat. clärus) klar; 
röd rar (< hd. rar < frz. rare); habö9§ neben babafä furchtbar = sehr. 
Hierher ist auch zu stellen öd f. (as. *ahar in aharin aus Ähren be- 
stehend, vgl. ags. *ahur; mnd. ar^ äre^ am; aha > ä nach § 72) Ähre. 

Anm. 1. Unklar ist, ob pöSi, Paar, paar, anf lat. J9är oder roman. jpär- 
beruht; mnd. pÄr, 

Anm. 2. Zn va-raftiz wahrhaftig s. § 120 a. 

Anm. 3. ho^ schwer ist, wie vor allem 8 beweist, hd. Eindringling, doch 
schon mbr. sw&r neben aw^r. 



30 

Umlaut zu ä. 

§ 258. Umlaut von ä > e (vgl. § 75) z. B. hedn (as. gi-\ 
mnd. heren) sich gehaben ; fä-fe'än (zu as. fär^ fära Nachstellung, 
mnd. vorveren, vgl. ags. färan schrecken) erschrecken; ä^ f. (as. skära^ 
afries. skSre) Scheere ; jedlix (mbr. jerlik^ järlik, jerlich^ järlich) jähr- 
lich; veä (as. tvari^ mnd. were) wäre, war. 

Anm. Der Umlaut von ä > e muss vollzogen gewesen sein, bevor a> a 
> ö wurde; ö wäre sicherlich zu 3 umgelautet worden. 

As. ö (uo), 

§ 259. As ö (uo) > ö; z. B. möd n. Moor; snöd f. (mnd. snör 
m., möre f.) Schnur; föd f. (mnd. vöre) Fuhre ;^öd m. Flur; hödn huren. 

Anm. hüi (mnd. hö7'e) Hure stammt aus dem Hd. Hängt in dei /na, 
in der ersten Aufwallung mit lat. färor zusammen? 

Umlaut zu ö. 

§ 260. Umlaut von as. ö (uo) > ö; z. B. fodn (as. förian führen, 
fortschaffen) fahren ; snoän (mnd. snoren) schnüren ; jemand, der über 
ein Feld, auf dem geerntet wird, geht, eine Braut, die durch ein Dorf 
fährt, durch Spruch, Strohband, wehende Tücher zu einer Geldspende 
veranlassen. 

Anm. In Meckl. hört man vielfach föyin statt /"Bän. 

As. io, 

§ 261. As. io > e, z. B. bBd Bier; dedt n. (as. dior, mnd. rfer, 
dert [§ 156]) Untier; dedn f. (as. ^iorna, mnd. derne) Mädchen; freän 
(mnd. vresmi) frieren; fd-ledn (as. farliosan) verlieren; fed 4; featdin^ 
fedtix (as. fiertein^ fiertich^ mbr. verteirij verlieh^ mrtein^ mrtich) 14, 40; 
fedt n. Viert (Vi Scheffel). 

Anm. 1. Nehen /eä 4 hört man oft fe& (s. § 245). 

Anm. 2. Hd. ist fiÜ Viertel. 



2. Die Vokale vor r -h stimmlosen Zahnlauten. 



§ 262. Vor stimmlosen Zahnlauten ist r gefallen (§ 136 c), 
weil es unbequem ist, nach dem Zitterlaut fest und rasch einen 
homorganen Fortis -Verschluss zu bilden. Das r muss verhältnismässig 
früh geschwunden sein. Schon im Mnd. sind r-lose Formen belegt 
(bost Brust, host Horst, s. Lübben § 32). Hätte ferner r noch 
bestanden, als die Dehnung der Vokale vor stimmhaften Zahnlauten 
begann, so hätten die Vokale vor r 4- stimmlosen Zahnlauten den- 
selben Längungsprozess durchgemacht; sie sind aber kurz geblieben. 
Wo r erhalten ist, wie in einigen Lehnwörtern, ist der Vokal auch 
gedehnt worden: pödt^ Mz. pödtn (as. porta < Isit porta) Pforte; ködt^ 



31 

Mz. ködtn (mnd. karte < frz. carte) Karte. Zu erwähnen ist noch, 
dass in jüngeren Lehnwörtern r vor t noch jetzt wegfällt, wie z. B. 
in kwat n. Quart (Mass), fitl Viertel, stuts < Sturz, in tipm stuts 
plötzlich; gätj Gürtel, gätnä Gärtner. Zu vergleichen ist der Ausfall 
des l vor k in vik will ich, zak soll ich, vek welche (§ 134) Aus 
dem folgenden § ergeben sich übrigens einige weitere chronologische 
Anhaltspunkte: r kann erst nach Vollzug der Umstellung von r (§ 279) 
verstummt sein; es kann erst verstummt sein, nachdem durch dasselbe 
e > ä^ u > 0, a > ö gewandelt war: hiist muss erst > burst > borst 
geworden sein, bevor bost entstehen konnte (vgl. § 309). 

§ 263. As. mnd. a, o (und der Umlaut ö) bleiben unverändert, 
z. B. Staat (as. swart) schwarz; hosten Schornstein; föst f. First. 
Weitere Beispiele s. § 136 c. 

As. ^, e erscheinen als d, z. B. md§^ Flurname für Weide- und 
Wiesenstrecken (mnd. mersch^ tnarsch Niederung, Marsch) ; gast, gästn 
m. (as. gersta f) Gerste; bdstn (as. br'estan, mnd bersten) bersten; 
hat Herz; stdt m. (mnd. stert) Sterz, wofür man jetzt gewöhnlich 
swans sagt. 

Anm. Über ö < e in dösn dreschen vgl. 277 a. In Bktl (Eigenname 
= Bartel) kann a auf e und e beruhen (Grundwort Bartholomäus oder BSrht-), 
Tgl. drhnb^tl Schwätzer. In unbetonter Silbe ist r geschwunden in fÖrvSits, 
trüxvits vorwärts, rückwärts; im Mnd. erscheint meistens -werty selten -wetis, 
für trüxvkts sagt die heutige Ma meistens trüxnö'ks. So ist denn hd. Einflnss 
nicht ausgeschlossen. 

As. i erscheint als ä (vgl. § 268) in kdsbdn (mnd. kersebere, 
kasbere) Kirschen, im n. Teil der Pri ganz, im s. Teile fast verdrängt 
durch das hd. kirä. Vielleicht ist das Wort nach § 120 a zu beurteilen. 
Hd. scheint auch zu sein friä frisch. Die gewöhnliche mnd. Form 
heisst versk\ doch kommt schon im Mnd. frisch neben versch vor. 
Sicher hd. sind hirs Hirsch, vitäaft Wirtschaft. 

As. u erscheint (meist schon. im Mnd.) als o, z. B. bost f. (as. 
"^hiist, im Ablautsverhältnis zu briost, mnd. borst, bost, mbr. fast immer 
hrust, brost) Brust; vost (mnd. wost) Wurst; swlns-bostn (as. bursta, 
mnd. barste) Schweinsborsten; bost f. (as. brüst in erth -brüst Erdriss 
Werd. GL, mnd. borst, bost) Borste, Sprung, Riss; kot (as. kurt, mnd. 
kort < lat. curtus) kurz, inkot entzwei. 

Anm. Hd. ist burs Bursche. 

Umlaut von as. u > ö, z. B. vost Würste, kötd kürzer; vötl f. 
(mnd. wartete) Wurzel; döst f. (as. \)urst, vgl. ags. ^yrst) Durst; döstn 
dursten, bost f, (mnd. börste) Bürste, ftös^w bürsten, eilig laufen; kost f, 
(mnd. korste, kost < lat. crusta) Kruste; .^öt f. (mnd schärte < mlat. 
excurttis) Schürze. $ 

Anm. 1. Hierher zu stellen ist auch wohl das jetzt veraltete (/öns heiz- 
bares Zimmer des alten sächsischen Hauses: vgl. mnd. domitxe, dömse, mhd. 
(lümitz. Die Herleitnng aus dem Slavischen scheint mir schwach begründet. 
Vgl. § 254 Anm. 1. 

Anm. 2. Hd. sind gemirts Gewttrz, fürst Fürst. 



32 

3. Die Vokale vor r -|- Lippen- und Gaumenlauten. 

§ 264. Wir haben schon § 136 darauf hingewiesen, dass mnd. 
und ö vor r 4- Lippen- und Gaumenlauten fast ganz unverändert 
bleiben, ebenso wie der r-Laut ein vollkommener Zitterlaut bleibt. 
Sie hätten daher schon in den §§ 59 und 62 behandelt werden können. 
Nach den anderen Vokalen wird der r-Laut mehr oder weniger 
reduziert gebildet. Je unvollkommener aber r gebildet wird, desto 
länger wird der Vokal, und zwar ist er vor Gaumenlauten etwas 
länger als vor Lippenlauten. Doch geht die Längung nur dann über 
halbe Länge hinaus, wenn ein End-e verstummt ist. 

As. a, 

§ 265. As. ar > öf, z. B. arm Arm; afm arm; vafm warm; 
stvärm Schwärm; gäfd Garbe; däfm darben; ääfp scharf; Mrp m. 
(as. warp n. Aufzug des Gewebes) Warp; hafk Harke; stark stark; 
kwäfk m. nichtige Kleinigkeit. Zu farv Farbe vgl. § 212, zu narv 
Narbe § 213. 

Anm. 1. a > in borx m. (as. barugy aber mnd. borch) verschnittenes 
Schwein. 

Anm. 2. Hd. ist xarx Sarg (as. sark), 

Umlaut zu a, 

§ 266. Umlaut zu a > d, z. B. dhnl Ärmel; dfmä ärmer; 
ddfm (as. ^arm) Darm; dfv m. n. (as. erbt) der, das Erbe; hdfvst 
(mnd. h&fvest) Herbst; ädfpm schärfen; ädfprixtä (mnd. scherpenrichter) 
Scharfrichter; mdfgl^ mdrvl m. Mergel; drgän (mnd. ergeren schlechter 
machen) ärgern; stdik f. (mnd. sterke) Stärke, junge Kuh, die noch 
nicht gekalbt hat; mdfky merken; mdfk n. (as. gi-merki m.) Kenn- 
zeichen ; fdfky (mnd. verk^ verken) Ferkel. Über täm den Hund reizen 
(man sagt trrr,..), s. § 173b, Anm. 1, über fdfm, gdvm färben, 
gerben § 215, über dHt Erbse § 212. 

Anm. Hierher gehört auch ndn-ix für nkrtirix nirgends ans as. ni 
hwergin (s. § 173 b Anm. 1 und § 272). Für die Altmark wird ein r&mich 
noch für das 18. Jahrh. bezeugt von Bratring. 



As. 



e. 



§ 267. As. 6 > dy z. B. vdim (as. hw'erhan hin und hergehen) 
werben; dazu gevdrv (jnnd. werf n.) Gewerbe, Geschäft, Vorwand 
(hd. ?) ; kdfv f. (mnd. kilrf n., kerve f.) Kerbe ; stdfm sterben (der 
übliche Ausdruck ist döt hlim)\ fä-ddirft verderben; wdrk Werk (zur 
Bildung kollektivischer Begriffe benutzt, wie husvdik^ bakvdfk, vgl. 
Latendorf, Ndd. Korrespondenzblatt IV, 5); bäfx Berg, Mz. bdf§. Fast 
ausgestorben ist swdfk n. (as. gi-swerk) schwarze Wolkenmassen. 



33 

As. ?'. 

§ 268. As. i (mnd. e) > a, z. B. bdfk f. (mnd. berke^ vgl. ags. 
Urce) Birke ; käfkhof in «?^w.^ kdrkhof wendischer Kirchhof (Flurname) ; 
kdfk Kirche selbst (mnd. kerke < as. kirika) ist jetzt ganz durch das 
hd. kirx verdrängt. 

Anm. Hochdeutsch sind (ausser kh'x) .mm Schirm, vh'k>; wirken. 

As. 0. 

As. o > Oy z. B. stonn m. (as. storm) Sturm; stofm ge- 
storben; korf m. (mnd. korf, as. korhilin Körblein < lat. corbem); bory 
borgen; zory sorgen; zor^g Sorge; mory Morgen; bork f. (mnd. borke) 
Rinde; horky horchen, vgl. § 235; snorky (mnd. snorken) schnarchen; 
sfork (mnd. stork) Storch (nur in der Havelberger Gegend). 

Anm. Hd. sind furxtf furxin Furcht, fürchten (as. forhia, forhtian). 

Umlaut zu as. o. 

§ 269. Umlaut zu as. o > o, z. B. störm stürmen, dörp n. (as. 
)orp) Dorf; örgl f. (mnd. orgel n.; das weibl. orgele stammt aus dem 
läufigen Plural) Orgel. Zu dem unorganischen ö für o in dörp und 
örgl vgl. § 62, Anm. 

As. ti. 

§ 270. As. u (mnd. o) > o, z. B. vorm m. (as. wurm st. m., 
vgl. u'ormo schw. m.) Wurm; vorp m. (mnd. i/^'orjp, vgl. ags. wyrp) 
Wurf; /brÄ- f. (as. furka, mnd. t?oriß < lat. furcä) Forke. 

Anm 1. Zuweilen ist nicht zu entscheiden, oh u oder o zu Grunde liegt, 
z. B. hei sorf m. (mnd. scharf, vgl. ags. scearf setirf) Schorf, Grind ; torf m. 
(as. turf Rasen, vgl. as. torf Torf) Torf. 

Anm. 2. Über torm Turm vgl. § 255, Anm. 

Umlaut zu as. u. 

§ 271. Umlaut zu as. u > ö, z. B. vörmd Würmer; dorm (as. 
\inrhan) dürfen; vörpm Korn gegen den Wind werfen; vörpl m. (mnd. 
u'örpel) Würfel; börgä Bürger; böry bürgen; vöry (as. wurgian) würgen; 
(iörx (as. ^urh, mnd. dorch) durch; görgl f. (vgl. mnd. görgeln gurgeln 

< lat. gurgulio) Gurgel; körbs m. (mnd. körbitze, körvese^ körvisch 

< ahd. kurbi'^ < mlat. *curbita < Cucurbita) Kürbis. 

Anm. Sehr schwer zu beurteilen ist bör'g f. Totenbahre, das zu as. 
hurkn tragen, heben gehören rouss. Zu erwarten wäre &5a, oder bÖA, vgl. mnd. 
h^re (höre?). Liegt vielleicht ein mnd. borie zu Grunde, so dass sich g < j 
verdichtet hätte (vgl. merie Mähre, das aber w?eä ergeben hat) ? Oder darf man 
an ein dem ags. byrgan, ne. bury begraben entsprechendes *burgian denken? 
Ist femer das k in störky < mnd. störten (ndl. störten) stürzen durch 
Dissimilation entstanden? Da dann diese Dissimilation aber schon stattgefunden 
haben müsste, bevor r vor t fiel (§ 262), so werden wir wohl an eine selbständige 
A'- Ableitung denken müssen. Auffallig ist ü in Jürn < mnd. Jürgen (§ 173 b 

Niederdeutsches Jahrbuch XXXII. 3 



34 

Anm, 1); man würde Jörn erwarten. In stürv starb, fMürv verdarb erklärt 
sich ü aus Systemzwang oder als Eiuflass des Hd. stürbe, verdürbe (vgl. 
§ 373 Anm. 1). 

Schlussbemerkung. 

§ 272. Wir sind noch eine Antwort auf die Frage schuldig, 
wie die Dehnung der Vokale vor r und vor r -(- stimmhaften Zahn- 
lauten zu erklären ist. Es läge ja am nächsten, auch hier an „Ton- 
dehnung^ zu denken (§ 183). Bei Wörtern wie foä < furi für, 
peät < perid Pferd, vöän < waron dauern läge ja wirklich Vokal in 
freier Silbe vor, bei Wörtern wie döä < dor Tor, speä < sper Speer 
könnte die Länge sehr wohl aus den flektierten Kasus stammen, und 
auch bei Wörtern wie gödn (mnd. garn)^ Icöän (as. körn) Korn, ja 
selbst bei Wörtern wie vöät (as. ivord) Wort, höäs (mnd. hars) Barsch 
könnte man an Vokaleinschub (Svarabhakti) zwischen r und den 
folgenden Konsonanten denken und so zu oiFener Stammsilbe gelangen: 
mnd. Schreibungen wie karel^ toren Turm beweisen, dass solcher 
Vokaleinschub tatsächlich stattgefunden hat (vgl. Lübben § 14). Aber 
hier erhebt sich ein wichtiger Einwand: Vokaleinschub fand, wenigstens 
in der as. Periode, hauptsächlich zwischen r -{- Lippen- oder Gaumen- 
lauten statt (vgl. Holthausen, As. El. § 144), und gerade vor diesen 
Lauten unterbleibt die volle Dehnung. Dagegen haben wir gesehen, 
dass eine halbe Längung dann eintritt, wenn das r nur schwach 
gebildet wird, und dass mit Zunahme der Schwächung des r auch 
die Längung zunimmt. Diese Erscheinung kann uns m. E. den Weg 
zeigen zu einer befriedigenderen AuiFassung der Dehnung der Vokale 
vor r -h Zahnlauten, d. h. homorganen Lauten. Vor den stimm- 
losen Zahnlauten war r ja früh ganz gefallen; vor den stimmhaften 
Zahnlauten ging r allerdings nicht spurlos verloren, aber es wurde 
immer reduzierter gebildet, und es blieb von ihm schliesslich nur ein 
unbestimmter vokalischer Laut a(^) übrig. Zum Ersatz aber wurde 
der voraufgehende Vokal lang. Wir haben schon mehrfach (§ 227 
Anm., § 244 Anm.) von dem Prinzip des Morenersatzes innerhalb mehr- 
silbiger Wörter gesprochen. Wir hätten nunmehr hier eine mecha- 
nische Quantitätsregulierung, d. h. die Tendenz, die überlieferte 
Morenlänge des Wortes zu erhalten, innerhalb ein- und derselben Silbe. 

Auch über die Zeit des Eintritts der Dehnung lässt sich noch 
einiges sagen. Nerger weist §§ 12, 22, 28 nach, dass in Mecklenburg 
a, ß, vor auslautendem r schon um 1500 lang waren {dar dort, 
dör Tor, hßr Heer), und dass ebenso a, e, und o vor rd und rn schon 
im 15. Jahrh. lang waren, beweisen Schreibungen wie baert^ eerde, 
veerne, moerden Bart, Erde, ferne, morden (s. Nerger § 13 Anm. 2, 
§ 20 Anm. 2 und § 22 Anm. 2), entsprechend der heutigen Aussprache. 
Auf frühzeitige Längung von e vor rd lässt sich noch aus einem 
anderen Grunde schliessen. Da, wo in Pri heute ä vor r gesprochen 
wird (§§ 263, 266, 267, 268) sagt der Mecklenburger a, also gast 
Gerste, ärgän ärgern, väik Werk, härk Birke, vgl. § 6, 3. Dieses a 



35 

muss aus ä entstanden sein und lässt auf Kürze des Vokals vor r 
schliessen. Es findet sich schon in Urkunden des 16. Jahrh. (wie in 
Nord Westdeutschland, s. Lübben § 19). Nie aber findet sich dort 
ar für er vor d: e -\- rd muss im 16. Jahrh. also anders gelautet 
haben als er vor den übrigen Konsonanten. Wir dürfen sagen: e -|- 
rd war schon gedehnt, als er vor den übrigen Konsonanten > a, in 
Meckl. > a wurde. Nur in 3 Wörtern scheint e vor rd zunächst kurz 
geblieben zu sein: mnd. herden durchhalten, verdick fertig, werden 
werden heissen jetzt hävn^ fdrix^ vdfn, in Meckl. Aöfw, färix^ vafn. 
Ich denke mir die Entwickelung der drei Wörter folgendermassen. 
Mnd. herden, verdick, werden wurden zunächst > kdrden, färdick, würden. 
Nun lässt sich ein zwiefacher Weg der Weiterentwickelung denken. 
a) r ist ausgefallen unter Ersatzdehnuug von d ; d, nunmehr zwischen 
Vokalen stehend, ist in der gewöhnlichen Weise > r geworden (§ 158), 
also : hdden, fddick, wdden > kdin, fdrix, vdfn. Ein ähnlicher Ausfall 
eines r vor n mit Ersatzdehnung liegt vor in ndnix nirgend < ndrn-ick 
< iieme, /lergene (§ 266, Anm.). Oder b) -rd- hat sich zu rr assimiliert, 
(irr > dr entwickelt, also : karren, färrick, wdrren > kdfn, fdrick, vdrn, 
Dass ärr > dr werden konnte, zeigt enkdrix (§ 250 Anm. 2), vgl. 
här < karre < kadde hatte. Die Frage, oh d > r oder rd > rr > r 
geworden ist, wird bei der Assimilation von rd > r (§ 284) erörtert 
werden. 

Eine andere Frage ist, warum gerade diese drei Wörter sich 
der regelmässigen Entwickelung entzogen haben, wie sie z. B. vorliegt 
in gö9hi (as. gardo) Garten, vod (mnd. worde) eä (as. erda) Erde. 
Es ist zu bedenken, dass vdrn werden als Hülfsverbum oft unbetont 
ist; fdrix kann nach § 120a beurteilt werden, und kdfn kam, wie 
heutzutage, vielleicht schon in der mnd. Umgangssprache nur mit 
starkbetonten Präfixen verbunden vor, wodurch die Stammsilbe selbst 
in den Nebenton gedrängt wurde. Heutzutage sagt man nur : Mnkdin, 
anhäfn, 

E. Einwirkung von l -}- Kons, auf vorhergehendes a. 

§ 273. As. a -f- Id, It ist (schon in der mnd. Periode) > o 
geworden, z. B. olt (as. ald) alt; kolt (as. kald) kalt; koln (as kaldan) 
halten, kolt halt ; Bolt Eigenname (as. bald kühn) ; zolt (as. salt) Salz ; 
nioU n. (as. inalt) Malz; smolt (mnd. sinalt, smolt) Schmalz. 

Anm. 1. Für dei kkn foln (mnd. foldeUj as. faMan) die Hände falten 
sagt man: dei hl/n foly (folgen). 

Anm. 2. AU hd. erweisen sich durch ihr a: halt\i9\^\ valt Wald; gevalty 
gecdtix Gewalt, gewaltig; gestalt Gestalt; fk-valtn^ fk-valtk verwalten, Ver- 
walter; falt f. Falte, fcdtn falten. Für valt sagt man übrigens gewöhnlich liolt 
Holz oder dan Tannen. 

§ 274. Als Umlaut "erscheint das jüngere ö (vgl. § 77), z. B. 
olä älter, köld kälter; köht, költ (as. heldis, kehlid) hältst, hält; öldn 
(as. eldiron, mbr. öldefi'en) Eltern. 

3* 



36 



F. Einwirkung der Nasale (und /) auf vorhergellendes 

e und 0. 

§ 275. Weit weniger als in westlichen ndd. Mundarten (vgl. 
Maurmann § 174), ja, weniger als in anderen ostelbischen Mundarten, 
z. B. im Holsteinischen (vgl. Bernhardt, Ndd. Jb. XVIII, 94, Prien, 
Korrbl. XV, 93) ist in unserer Ma. e, e vor n, y -(- Kons. > / 
geworden. Ich kenne nur die Wörter: min.^ (as. mennisko^ mbr. mensch. 
minsche) Mensch; ttvintix (as. twentich^ mbr. twintich^ selten twentieh) 
20; hiyst (mbr. hingest^ hengest) Hengst. 

Anm. Für Meckl. kommt noch fiiist^ Fenster hinza: unser feiistd mag 
vom Hd beeinflnsst worden sein. 

§ 276. Demgegenüber hat sich nicht selten i -h Nasenlaut -f- 
Kons. > e gewandelt, z. B spen f. (mnd. spinne) Spinne (aber spin 
spinnen); bleykt^ bleykän (mnd. hlenkeren) Feuerschein, blinken; hlenU 
liyk m. Blindschleiche; swem (mnd. swemmen) schwimmen; veyky (mnd. 
wenken) winken. Vgl. auch fien hin, eyfeä Ingwer (mbr. engever) und 
zu swem und veyky § 373 Anm. 2. 

Anm. In einigen Wörtern ist i vor / H- Kons. > e geworden: kamcln 
Kamillen; selp n. (as. *skilp < lat. scirpus) Schilf. Für melk (as. miluk) ist 
§ 242 eine andere Erklärung versucht worden. 

§ 272. Die lat. Vorsilbe con- und französisches o +■ Nasal 
erscheinen in unserer Ma. gewöhnlich als uy^ un^ z. B. uykl Onkel; 
kuntöd < comptoir; kuntrakt Kontrakt; kuntähant (< contrehandt) 
Schmuggelware. 

G. Labialisierung. 

§ 277. Unter der Einwirkung gerundeter Nachbarlaute, also 
namentlich unter Einfluss von Lippenlauten, von s < sk^ das ja mit 
starker Vorstülpung der Lippen gesprochen wird (§ 13), dann aber 
auch von l und r, die früher Hartgaumenlaute waren und als solche 
dazu geeignet waren, einen verdumpfenden Einfluss auszuüben, und 
schliesslich auch, was mehr auffällt, in der Nachbarschaft von s, sind 
vielfach 6, e > ö^ ä > h, e > ö, i > ü gerundet worden. 

a) e, e > ö, z. B. äöpm (as. skepino^ mbr. schepen, vgl. aber das 
häufige schöpper Schöpfer) Schöflfe; twölv^ twölm (as. twelif, mnd. 
ttvelfe, twölfe) 12; äröpm (mnd. schrepen striegeln) schröpfen; frömt 
(as. freimii) fremd; fröfii f. (mbr. vrmnde, vrömde) Fremde; völtän 
(mnd. weitem^ wölteren) wälzen; smöltn (mnd. smelten) schmelzen; völm 
(as. hwelbian) wölben; löän (as. leskian) löschen; dö§n (mnd. derschen^ 
dorschen, vgl. ags. ^erskan) dreschen; rön (as. rennian^ mnd. rennen^ 
rönneti) rennen; bölky (mnd. belken^ hölketi) blöken, laut schreien; 
vörmt (§ 120) Wermut; stvövl m. (mnd. swevel) Schwefel; göps i, (mnd. 
gepse) Hohlraum der zusammengelegten Hände; zös (as. sehs^ mbr. 
ses, sös) 6; zör9 (§ 241, 242 Anm. 3) seit; jüöts m. (mnd. pleze) Plötz, 



37 

Rotfeder (Fisch); vök welche (so in den Eibdörfern, sonst vek). Von 
dumi)f sprechenden Leuten hört man auch löt für let lässt und Ähnliches. 

Anm. 1. Für Meckl. kommen uoch föftein^ föftix 15, 50 und Verbal- 
fonnen wie fölt fällt hinzu (Pri sagt fkftein, fUt)\ für OPri geht ab iwdilv 12. 
Hinzu würde für Pri noch kommen spi'ök dürres Leseholz {sprök-^mk grosse 
Waldameise), wenn es von einem *sprek käme, vgl. westf. sprik nnü digs, sprec; 
aber mnd. sprok. 

Anm. 2. hol Hölle ist hd ; vgl. helis =■ sehr (§ 119). 

b) a > ä, z. B. fi^^gl m. (as. flegil^ mnd. vleyel^ vlogel < lat. 
flagellum) Dreschflegel; fkl (as. fiUi^ mnd. vele^ vole) viel; zkm (as. 
sihun^ mnd. seven^ soven) 7; spkln (as. s^pilon sich körperlich bewegen, 
mnd. speien^ spölen) spielen (zu spöl Spiel vgl. § 197 Anm. 2); swklk 
Schwalbe (§ 211), wenn es fiir swäleke steht; ä könnte aber auch 
jüngerer Umlaut zu a. sein, vgl. mnd. siväleke und § 186. 

Anm. Meckl. sagt /*ä/, spailn. Vgl. zu /*ä/, ^äm, sjmln Jellinghaus, 
zur Einteil, der ndd. Maa. S. 13 f. — Auch klktkn rasseln und Ikxix kraftlos, 
die wir § 185 Anm. 2 mit me. clateren und ags. leswe zusammengestellt haben, 
könnten hierher gehören. 

c) e > o in soä Scherbe (s § 211, Anm.). 

d) i > w, z. B. väst (mnd. wiste^ wüste; gewist^ gewäst) wusste, 
gewusst; büst bist (as. bist, mnd. bist^ biist), Beeinflussung durch bün 
bin (§ 241) wird anzunehmen sein; zmit (as. sindim) sind, seid; ziilvä 
(as. siluhar, mbr. silcei^ stiller) Silber; müt (as. m/rf, mbr. mit; die 
Nebenform as. med, mbr. ?net hätte möt ergeben) mit; ülk f. (mnd 
illeke, ilke) Iltis; ümä (as io-mer, mbr. immer, ümmer) immer; drür 
(as. ^riddia, mbr. dridde, drüdde) dritte; drütix (as. \irttig, mnd. drittich 
drüttich) 30 [driitein < }^riutein § 239 mag eingewirkt haben). Hierzu 
tritt noch das aus dem Hd. stammende zülv f. Silbe. 

Anm. 1. Auffällig ist ü < d in zülm^ zühix seihst, selbige (as. sctbo, 
mnd. selve, sölve, sülve), — Über düs dieser, diese, düi dieses, dies vgl. § 239, Anm. 

Anm. 2. Über tüsn zwischen, xül Schwelle und andere s. § 128, Anm. 2. 
Anm. 3. Meckl. sagt dötMn 13, dötix 30. 

e) ^' (< e, § 81 Vorbom.) > öy in löy^ f. Geleise (Danneil: leis), 
(Für waganliasa in den Werden. Prudentiusglossen setzt Wadstein 
in. E. mit Recht waganlesa an.) 

§ 278. Der entgegengesetzte Vorgang, Entlabialisierung, findet 
statt, wenn öy, Umlaut zu germ. awü, in der nordwestl. Ecke der 
WPri zu äi Avird, z. B. hög > hai Heu, s. § 98 nebst Anm. 1 und 2. 
^il als Umlaut zu as. ö (uo) wird > äi nur in morn frdi morgen früh 
und wahrscheinlich in dem Bachnamen Main; vgl. § 92, Anm. 2. 

H. Metathesis. 

a) von r. 

§ 279. Bei Kons. -H r vor Vokal + st, sk ist r schon in der 
ersten Zeit der mnd. Periode hinter den Vokal, d. h. vor st, sk 



38 

getreten. Nach § 262 ist dann weiter r vor st gefallen, aber erst, 
nachdem e>ä^u>o^ü>ö gewandelt war. Beispiele: hästn (as. 
brestan, mnd. bersten) bersten, bost Riss, Sprung ; bost (as. brust^ mnd. 
brost^ borst^ bost) Brust; kost f. (mnd, korste, koste < lat. crusta) Kruste 
des Brotes; dösn (mnd. derschen, dörschen) dreschen. 

Anm. Für Meckl. kommen abweichend von der Pri hinzu: döth/n, dötix 
13, 30 (Pri drütUriy drütix § 277 d); börn Kälber grossziehen, für das wir 
vMkn wässern sagen und das zum alten bom Brunnen gehört (jetzt %öt und 
pütn). Dem mnd. bernen brennen steht jetzt briji gegenüber. 

Umgekehrt heisst es in unserer Ma. vrat f. (mnd wratte^ vgl. 
ags. wearte^ ahd. warzd) Warze, wohl in Anlehnung an den häufigen 
Anlaut wr ^ 127. Die Umstellung muss schon eingetreten sein, bevor 
r vor t geschwunden war (§ 136 c). Auch hört man nicht selten 
trümtn für tärrnm Termin. 

b) von l. 

§ 280. Wie im Ags. (s. Sievers, Ags. Gramm. * § 183,2), ist 
in unserer Ma. die as. neutrale Bildungssilbe -isli (gurdisli Gürtel) 
durch Umspringen des l > Is < eis geworden, z. B. häkls Häcksel, 
sträidls Streu. Vgl. ags. Tyt/rdels^ yjrdisl und ahd. amsaki neben 
amasla. Weitere Beispiele § 408. 



I. Konsonantenassimilation. 

1. Progressive Assimilation. 

§ 281. As. mb, mnd. Id, nd, md, yg, rd werden inlautend 
zwischen Vokalen > mm, 11, nn, mm, yy, rr > m, l, n, m, y, r (ä). 
Im Auslaut entsprechen m^ It, nt, m (m), yk, rt, so dass wir folgende 
Paare erhalten: lam — lämä Lamm — Lämmer, olt — ölä alt — älter, 
laut — Idnä Land — Länder, layk — lay lang — lange, peät — j^ea 
Pferd — Pferde. S. auch Heilig, § 273 f. 

§ 282. mb > m, z. B. lam (as. Zam&, mnd. lam^ lammes) Lamm; 
kam (as. kamb^ mnd. ka7n) Kamm; kern (as. kemJnan) kämmen; dum 
(as. dumb^ mnd. dum^ dummes) dumm; krum (as. krumb) krumm; imi 
(mnd. imme^ vgl. ags. ymbe Bienenschwarm) Biene; imrump Bienenkorb; 
Um (as. umbi) um; emä (as. embar^ emmar) Eimer. 

Anm. mm < mb kommt vereinzelt schon im As. vor; im Mnd. ist keine 
Spur mehr von mb erhalten. 

§ 283. a) Id > 7, z. B. mein (as. meldon) melden; sein, sül, suln 
(as. skeldan) schelten, schalt, gescholten; goln golden; suld (rnnd. 
schulder) Schulter; bulän (mnd. bulderen) dumpf rollen; sülix (as. 
skuldig) schuldig. 

ß) nd > w, z. B. hanin (as. handlon behandeln) handeln; hän 
Bände, Bänder; ven (as. wendian) wenden; lin f. (as. lindia Linde; 



39 

Jana Kinder; sinä (vgl. as. bi-skindiun abrinden) Schinder, Abdecker; 
rinl f. (as. ivindila) Windel; bin^ bün, bun (as bindan) binden, band, 
gebunden; vun f. (as. wunda) Wunde; lunä n. (as. wundar) Wunder; 
un (mnd. unde) und; stim f. (as. stunda Zeitpunkt) Stunde; kiil f. 
(mnd. kiilde) Kälte; zun (as. siindia) Sünde; münix mündig. 

Y) nid > m (oder m?), z. B. häm n. (mnd. heniede) Hemd; fröni f. 
(mbr. vrömde) Fremde 

Anm. 1. Der unter [:^ fallende, schou mnd. Wandel der Endung -ende 
des Partizipiums Präs. > ennc > en musste der Verwechselung und Vermischung 
mit dem Infinitiv nnd seiner Flexion (en^ eniie: Gerundium) den grössten Vor- 
schub leisten. 

Anm. 2. In thi Zahn, Zähne (mmeckl. lan^ tmc) muss d schon vor 
Eintritt der Tondehnung geschwunden sein, vgl. § 203. — In iVmundüm um 
nnd um, Kvkund^vd, über und über hat sich das d von und gehalten, und zwar 
dadurch, dass es zum folgenden Vokal gezogen, also anlautend wurde. 

Anm. 3. Für den Übergang von Id, nd > llj nn lassen sich in Namen 
schon um das Jahr 1000 herum Beispiele beibringen. Vgl. vor allem Seelmann, 
Ndd. Jb. XII, 91. In anderen Wörtern beginnen die Beispiele mit dem 14. Jahrb.; 
8. dazu Tümpel, Ndd. Studien, S. 56 ff. 

^) V9 ^ y^ z. B. dray (mnd. dränge) gedrängt voll, beengt, fest; 
tmj (as. tangd) Zange; stay (as. ntanga) Stange; prayl m. {xnndi. jirange 
Plahl) dicker Knüppel ; kriyl (mnd. kringel) Kringel, Bretzel ; ziyy^ zily^ 
zuyy (as. singan) singen, sang, gesungen; tuy (as. tungd) Zunge; hiiyä 
(as. hungar) Hunger. Vgl. behaghel, PGr. I, S. 732. 

§ 284. rd > r, f, rf, z. B. swöä f. (mnd. swarde) Schwarte; 
gödvn m. (as. gardo) Garten; öorix (mnd. ardicii) artig, Adv. sehr 
(§ 249 und Anm.), Yinödrix unartig; fdrix (mnd. verdick) fertig; härn 
(as. herdian, mnd. herden) aushalten (§ 250 Anm.); väin werden; eä f. 
(as. er^ä) Erde; peä (mnd. perde) Pferde; voä (mnd. worde) Worte; 
roa f. (mnd. Mz. wörde) Hofstelle (§ 256); näy-mo9rä Neuntöter. Es 
kommen noch hinzu das hd. gär Garde und das franz. orä (< ordre) 
Nachricht, während in dem ebenfalls hd. mördä Mörder d erhalten ist. 
Über das t in antvöatn antworten, fö9tn Fahrten, öatn Arten s. § 164. 

Anm. Für die Ma. von Mülheim a. d. Buhr verzeichnet Manrmann 
(§§ 138, 139) die Formen xäde Garten, vMe werden, fM9x fertig, a.:t Erde, 
<!• b. r ist vor d ausgefallen. Man könnte nun annehmen, r sei auch in unserer 
Ma. vor d ausgefallen, und das nunmehr intervokal gewordene d hahe sich 
in der gewohnten Weise zu r gewandelt (§ 7,2 a, § 158). Hiergegen spricht 
vor allem, dass auch in dem Teil der Pri, wo intervokales d > j gewandelt ist, 
iu den oben aufgezählten Wörtern r gesprochen wird, dann auch, dass aus d 
entstandenesjin den Auslaut getretenes r erhalten bleibt und nicht mehr zu ä wird ; 
vgl. z. B. sär Schade, fr^r Friede, 7nöf/r müde mit eä Erde, vok Worte. Der 
Grnnd, dass r < d weite lange Vokale und Diphthonge vor sich dulde, während 
die oben aufgezählten Beispiele dem in § 248 über die Vokale vor r -f stimm- 
haften Zahnlauten aufgestelltem Gesetze gemäss lange enge Vokale vor sich 
baben, darf nicht ins Feld geführt werden. Wir müssen unter allen Umständen 
annehmen, dass mit Ausnahme von fdrix^ hähiy vürn^ worüber § 272 zu ver- 
gleichen ist, sich der Vokal schou gedehnt hatte und auch eng geworden war. 



40 

als -rd' noch intakt war. Denn das setzt auch meine Annahme der Assimilation 
voraus, da sich vor rr < rd ebenfalls nicht lange enge Vokale entwickelt hätten 
(vgl. § 135). Wohl aber ist es berechtigt anzunehmen, dass nach langem 
Vokale rr ohne weiteres > r wurde, und dass dieses r zugleich mit dem gewöhn- 
lichen r im primären und sekundären Auslaut > ^ reduziert wurde (§ 137). In 
der Frage also, ob für das heutige gödfn Garten, jpeä Pferde, v^k Worte von 
*gödrenj *pGdre^ *v^dre oder gö9den, p^dde^ v^dde auszugehen ist, entscheide ich 
mich durchaus für die erste |leihe, mit der stillschweigenden Voraussetzung, dass 
das r dieser Beihe für ?r < rd steht. Über Schreibungen im Mnd. wie peei'de, 
gaerden vgl. noch § 272 am Ende. 

§ 285. Über Adjektive wie eyk enge, mit wild < as. engi^ mikli 
vgl. § 342. Substantive wie bilt Bild (s. § 188 Anm. 1.) sind wohl 
aus dem Hd. entlehnt. 

§ 286. 'tk' > t in lilt klein (as. luttik^ mnd. liittik\ auszugehen 
ist von flektierten Formen wie lütke) ; hätn ( < bätken, zu as. biti, mnd. 
bete Biss) bischen. Für Meckl. kommt noch mätn Mädchen hinzu 
(mnd. megedekln^ mBgdeken^ medeken)\ die Pri lagt fast ausschliesslich 
deän^ selten mäky. Ob auch mätnzomä Altweibersommer hierhergehört? 
Kluge verzeichnet unter 'Altweibersommer' ein pommersches 
mettkensamet^ ohne das erste Glied zu erklären. Soll dies mettken 
zu mnd. medeke Regenwurm gehören, also als Madensommer zu 
deuten sein? Das mätri der Pri würde sehr gut zu Martin (mnd. 
Merten) stimmen, so dass dann das Wort Martinssommer, d. h., 
wegen des späten Tages dieses Heiligen, Spätsommer bedeuten würde. 
Der S. Mertendach bezeichnete früher das Ende des Sommers. 

Anm. Die Assimilation von tk > /, oder, wenn man lieber will, der 
Verlust des k nach t ist wohl erst jüngeren Datums. Für Hamburg ist betiken 
bischen aus dem Jahre 1774 belegt, s. Zs. f. d Phil. XVIII, S. 382; etwa um 
dieselbe Zeit verzeichnet Bratring für die Altmark bätken. Derselbe Bratring 
gibt lütte oder lüttke an, und in vollständiger Übereinstimmung damit schreibt 
Hindenberg neben lüt als Beispiel lüt oder lütke diern. Die Dörfer Lütkendorf 
bei Putlitz, Lütkenwisch bei Lenzen heissen im Volksmunde Lütndörp und 

Ijütnmä. 

o 

§ 287. st -\-' l > sl in dlsl m. (as. }^istil) Distel; man liört auch 
faslämt für das häufigere fastlämt (mnd. vastelavend) Fastnacht. 

2. Regressive Assimilation. 

§ 288. hs > SS > s, s. § 180. 

§ 289. Mnd. -ggen und -bben nach kurzem Vokal werden im 
nördl. Teile der WPri (vgl. § 7,2 c) durch vorzeitiges Senken des 
Gaumensegels > yy und m, z. B. a) zeyy (as. seggian, mnd. seggen) 
sagen, aber ik zex ich sage; leyy (as. leggian^ mnd. leggen) legen, 
aber ik lex ich lege; liyy (as. liggian) liegen, aber ik lix ich liege; 
^VV ßggen, Eggen, aber ik ex, dei ex ich egge, die Egge; j^^^PV pfl^g^D? 
gewohnt sein {2l^, plegan verantwortlich sein, verbürgen; im Mnd. muss 
ein pleggen entstanden sein, und zwar wahrscheinlich unter Einwirkung 



41 

von Seggen, leggen^ ausgehend von der 3. Pers. Sing. Präs., sext : seggen 
= plext : pleggm)^ aber ik plex ich pflege; royy neben rox (as. roggo) 
Roggen; poyy Frösche, Mz. von pox (mnd. pogge)\ niüyy Mücken, 
Mz. von müx (as. miiggia); hrüyy Brücken, Mz. von hräx (as. hruggia)^ 
rüyy (as. hruggi) Rücken; sniyy Schnecken, Mz. zu snik (mnd. snigge). 
Dieselbe Erscheinung liegt vor bei den Zeitw. auf -igen^ z. B. kiiniyy 
kündigen, beläidiyy beleidigen, und den schv^rach flektierten Formen 
der Eigenschaftswörter auf -ix, z. B. düxdiyy tüchtigen, rixtiyy 
richtigen. — ß) Ä:rm Krippen, Mz. zu knf (as. kribbia); rim Rippen, 
Mz. zu rif (as. ribbi)\ hem (as. hebbian^ mnd. hebben) haben. 

Anm. In der Bedeutung ^verpflegen* heisst as. plegan jM-y^ 3. Pers. 
Präs. Sing, plagt, daza töuplä-y den Manrem Steine nnd Kalk zutragen. Zu 
rim < ribm vgl. man as. stemna < *stehna, mnd. stempfie, stemme Stimme; 
die bentige Form stim ist hd. 

§ 290. Einzelne Formen : har hatte < mnd. hadde < as. habda, 
kidda\ hat gehabt < mnd. (ge)hat < as. gihabd^ gihad; bäsböm (§ 188) 
< wäsböm Wiesenbaum, Heubaum; dr > rr > r in häräk (mnd. hederik) 
Hederich, das sich wohl an märäk < mnd. merredik Meerrettich 
angelehnt hat, wie umgekehrt märäk an häräk, 

§ 291. Vielfach nimmt ein Nasal die Aitikulationsstelle des 
folgenden Konsonanten au. z. B. in zämp Senf, hämp Hanf, umbevust 
(hd.) unbewusst; tiyglilk Unglück, höyykn Hühnchen, kayk (< kau ik, 
s. § 298) kann ich. 

§ 291a. Eine sehr interessante Assimilation, schon deshalb, weil 
zugleich vorschreitende und rückschreitende Angleichung vorliegt, ist 
die von as. neuan ausser > *neman > man > man nur. Vgl. Woeste, 
Zs. f. d. Phil. XVII, S. 432 ff. und Behaghel, P. Gf. I, S. 732. 

K. Dissimilation. 

§ 292. Von zwei in einem Worte vorkommenden benachbarten 
r und l geht leicht das eine verloren oder in eine andere Liquida über. 

a) Ausfall eines r und /, z. B. födlst vorderste (mnd. vorderste 
das zweite r ist späterhin nach § 344 Anm. 2 in Z übergegangen); 
forän (mnd. vorderen fördern; vorfordern, forderen (vor -rd- hätte 
sich nach § 284 der Vokal längen müssen, die Kürze des ö erklärt 
sich am besten durch die Annahme frühzeitigen Ausfalles des r, so 
dass als Grundlage unseres Wortes mnd. voddern anzusetzen wäre. 
Aus mhd. vödern neben vordem stammt födän^ das der Prignitzer 
gebraucht, wenn er hochdeutsch spricht); Tätä Zigeuner < Tartar 
(die Akzentversetzung und die Tondehnung deuten auf frühen Schwund 
des ersten r); qtmte'ä (schon mnd. qiiater) Quartier; sane'ä Scharnier; 
Wxläm < Wilhelm. S. auch § 136 Anm. 

b) Veränderung eines r und l, z. B. balbe'än barbieren, marml- 
den = Marmorstein, Klicker; knilpl (mnd. klüppel) Knittel, zik äfmathi 
sich abquälen (zu martyrium s. § 136 c). 



42 



L. Konsonantengemination und Konsonantendehnung. 

§ 293. Ebenso wie alte Geminata stets vereinfacht ist (z. B. 
Wa Keller; ^7w wollen; .9wr^^ schurren ; stirem schwimmen ; brän brennen; 
laxn lachen; akä Acker; pötä Töpfer; höpä Frosch; kiisn küssen), so 
auch im allgemeinen die Gemination, die in älterer oder jüngerer Zeit 
durch Konsonantenangleichung (§§ 281 — 288) entstanden ist, z. B. 
emä Eimer, mesn misten (§ 180), sülix schuldig, mil Windel, hmß 
Hunger, färix fertig, käräk Hederich. Dass im letzteren Falle 
ursprünglich Doppellaute entstanden sind, ist nicht zweifelhaft. Sie 
haben sich bei mm < md und nn < nd z. T. bis auf unsere Zeit 
gerettet und kennzeichnen sich jetzt als lange rh oder n (oder w, »V) 
in den drei Wörtern härh Hemde, fröm Fremde, htm Hunde. Für n 
ist abgesehen von hufi jetzt fast regelmässig n eingetreten ; man hört 
aber noch z. B. san neben §an Schande, hän neben häfi Hände, eii 
neben en Ende, die ersteren Formen bei emphatischer Betonung. 
Vgl. § 18, 2. 

§ 294. Es ist schon § 18, 1 hervorgehoben worden, dass Ij m, 
Uj r dann lang gesprochen werden (oder als /; m, n, r?), wenn nach 
darauf folgendem, ursprünglich stimmhaftem Reibelaut ein e verstummt 
ist. Die Dehnung der Konsonanten tritt also unter denselben Bedin- 
gungen ein, unter denen bei Abwesenheit solcher Konsonanten der 
voraufgehende Vokal überlang wird (§ 17, § 227). Reduziertes f 
überträgt seine Länge auf den vorhergehenden Vokal. Beispiele: 
zaVv Salbe; el'^ Eller; feVg Felge; häV^ Hälse, Mz. zu hals\ vilFv 
Wölfe, Mz. zu vulf'^ hart halbe, flektierte Form zu half; lüm Lünse 
(Achsnagel); däm Tänze, Mz. zu dans\ kräns Kränze, Mz. zu krans; 
stvdm Schwänze, Mz zu swans; swemt schwimmt; zorg Sorge; borg 
Totenbahre; körv^ Mz. zu korfKorh. Aber bei reduziertem f halblanger 
bis langer Vokal: (/äfd Garbe, äfvt Erbe, bdfg Berge, Mz. zu bärx. 



M. Grammatischer Wechsel. 

i:^ 21)5. Der nach dem Vernerschen Gesetze ursprünglich statt- 
findende Wechsel zwischen stimmhaften und stimmlosen Konsonanten 
ist stark verwischt, besonders dadurch, dass altes b und f im Inlaut 
> f\ im Auslaut zu f zusammengefallen sind, altes d > d geworden 
ist. Diese und andere Verwischungen gehen bis in die as. Zeit zurück, 
vgl. Holthausen, As. El. § 257. In anderen Fällen ist der alte Wechsel 
durch Ausgleichung beseitigt worden. Doch sind immerhin noch 
Spuren des alten Verhältnisses bewahrt. 

a) Wechsel von s(z) — r(ä), fä-leän (as farliosan)^ fäled ver- 
lieren, verliere — fä-liist verlierst, verliert; freän (mnd. vresen)^ frea 
frieren, friere — fräst frierst, friert; ced. redn war, waren — r&», 
vest sein, gewesen. 



43 

b) Wechsel von h — g: slän (as. slahan), slä, sleit schlagen' 
schlage, schlägt — ^löyg^ slöy-y schlug, schlugen ; zein^ zei, z&t sehen, 
sehe, sieht — zez§, zei-y sah, sahen ; nä nahe — negä^_ näxst^ n%,gt 
näher, nächste, Nähe ; däi9n gedeihen — dd^g Gedeihen, dägän tüchtig, 
stark (§ 188). 

c) Wechsel von hw — w könnte einen Reflex in dem unter b 
angeführten zelg^ zei-p sah, sahen und in te-y Zehe haben, wenn man 
annehmen will, dass der § 130 besprochene Übergang von w > g auch 
nach hellen Vokalen eintreten kann; vgl. as. säivim^ säwi und mnd. 
tewe. Auf alle Fälle steht te-y mit hochdeutschem Zehe in gramma- 
tischem Wechsel. Einem w^ das ursprünglich mit hw wechselte, scheint 
auch rüx^ rü-y rauh sein g zu verdanken (vgl. as. f'ügi, rüwi rauhes 
Fell, mnd. rw, rüch^ mnl. mw). 

Anm. Wechsel von h-g ist zu gansten von // ausgeglichen in hoch (as. 
ÄöÄ, mnd. Äö, höcii) hoch — Ä8^ä höher, höxt Höhe, wohl auch in tax (mnd. ^ä) zähe. 

N. Sat^doppelformen und Sandhierscheinungen. 

§ 296. In der lebendigen Rede erleidet die Normalform der 
einzelnen Wörter oft grosse Veränderungen, hauptsächlich dadurch, 
dass sie im Satzzusammenhang weniger betont werden, oder dass sie 
sich eng an die Wörter anlehnen, mit denen sie dem Sinne nach 
zusammengehören und häufig zusammenstehen. Solche Satzdoppel- 
formen sind uns im Laufe der Untersuchung schon öfter entgegen- 
getreten. Wir haben § 233, Anm. 1 auf gundax (für gourn däx) 
guten Tag hingewiesen; § 179, Anm. 2 für dox^ nox eine verkürzte 
Form do in dönix^ nönix doch nicht, noch nicht, für zö so, vö wo 
ein zö^ vö in zövl soviel (§ 120 a), zön so ein, solch, vövl wieviel 
(^ 120 a) kennen gelernt. Besonders die Behandlung der Komposita 
(§ 120 und 120 a) hat uns eine Reihe solcher Doppelformen, wie sie 
durch schwache Betonung oder enge Verbindung mit anderen Worten 
entstehen können, kennen gelehrt. Es sollen hier noch einige besonders 
häutige und wichtige Satzdoppelformen im Zusammenhange behandelt 
werden, die besonders das Geschlechtswort und die persönlichen Für- 
wörter betreffen. 

§ 297. Inklination des Artikels und des hinzeigenden 
Fürworts. Proklitische Anlehnung des bestimmten Artikels findet 
sich in einigen versteinerten Genetiven : säms des Abends, smorns des 
Morgens. Enklitisch lehnen sich der bestimmte und unbestimmte 
Artikel gerne an Präpositionen. Dabei werden ddn (mnd. dmie^ dene) 

> n, nach w, t > w, nach Lippenlauten > m, dei > t, dät (mnd. dat) 

> t^ nach t > ft (§ 154), z. B. ndn gödin nach dem Garten; toim 
man zum Manne; btn smet beim Schmied; in zäl im Saal, in den Saal; 
m stävl am Stiefel; mütn grävä mit dem Gräber; üt)i stal aus dem 
Stalle; upm dis auf dem Tische, auf den Tisch; nät soiU nach der 
Schule; bit smär bei der Schmiede; int sün in der Scheune, in die 



44 

Scheune; ant kirx an der Kirche; npt strät auf der Strasse, auf die 
Strasse; üift sVifi aus der Scheune; mäft sflp mit der Schuppe; npt 
dak auf dem Dache, auf das Dach ; foat hüs vor dem Hause, vor das 
Haus; bU häwn beim Heuen. Der unbestimmte Artikel wird > n, n, 
m, z. B. foan punt für ein Pfund ; nän krankhäit nach einer Krankheit; 
ifi bouk in einem Buche, in ein Buch; mütn dan mit einer Tanne: 
upm hörn auf einem Baume, auf einen Baum u. s. f. 

Dieselben Formen entstehen, wenn sich die Geschlechtswörter 
an ein Zeitwort anlehnen, nur dass hier ft>t wird, z. B. ddt ist 
preistä^ ^Qn, hüs das ist der Prediger, die Scheune, das Haus ; Uiftn 
man^ frou^ kint döt stirbt ein Mann, eine Frau, ein Kind; döä löpt 
ha^, koUf pedt da läuft der Hase, die Kuh, das Pferd. 

§ 298. Inklination der persönlichen Fürwörter. Bei dieser 
Inklination haben sich das fast ganz durch ddt verdrängte it, et es als 
^, der durch den Dativ am (mnd. eme) verdrängte Akkusativ rnnd. 
etie als n, n erhalten. Es werden die nachgestellten Nominative Ik 
> k, hei > a, zei > s, *et > ^, vi > v^ zei > s, du fällt ganz weg; 
z. B. zeik sehe ich, kanst nix kzky kannst du nicht sehen; vilä will er; 
däits tut sie; z^ft nix äön üt? siehts nicht schön aus? makyv machen 
wir; löpm^ laufen sie. 

Anm. Bei dieser Enklise erleidet oft auch das Zeitwort Einbusse durch 
Wegfall des Endkonsonanten. Auf den Schwnnd des / in %ak soll ich, vik will ich 
und a m. ist schon § 134 hingewiesen worden. Aber es werden auch gtmk > 
g^vk > g%,k gebe ich, knxik > krixk > krik kriege ich, vetik > vetk > v^k 
weiss ich d^i vek nix das weiss ich nicht ist gang und gäbe, ebenso röps, 
ruft sie für röpiSj kayk für kanik kann ich. Vgl auch § 149, Anm. 3 nnd 4. 

Es werden die nachgestellten obliquen Kasus en (< mnd. ene) 
ihn > n, n (geht nach Nasenlauten ganz verloren; am ihm, ihn ver- 
schmilzt nicht), zei > ^^ *et > t; z. B. ik zein, zeis^ zeit nix ich sehe 
ihn, sie, es nicht; zei hem al sie haben ihn schon; aber dät säfdm nie 
das schadet ihm nicht. Ähnlich wird der Akk. en ,einen' in der 
Verschleifung zu w, m, z. B. ik liefn dälä kräy ich habe einen Taler 
gekriegt; giväm hätn gib ihm ein bischen. 

Zahlreich sind auch die Verschleifungen zweier persönlicher 
Fürwörter miteinander, wobei die Veränderungen der Normalform 
dieselben sind wie vorher; z. B. ät < Im *et (vilät dann? will er es 
tun ? härät man dän hätte er es nur getan) ; wlt^ jlt < vi *et, jl "^ä 
(vi In Vit? wollen wir es? hem jlt zein? habt ihr es gesehen?); n < dun 
< du en {hästun zein^ hästn zein? hast du ihn gesehen?); Äeiw, zein 
= er ihn, sie ihn; datky dass ich ihn; viks will ich sie u. s. f. 

Anm. Auch bei der Verschmelzung mit den obliquen Kasus geht öfter 
der Endkonsonant des Zeitworts verloren, z. B. giml < gif ml gib mir. Die 
Formen hAi < hebbe jiy v^i < wille ji habt ihr, wollt ihr waren früher häufig, 
werden aber jetzt nur noch von ganz alten Leuten gebraucht. Vgl. Richey, 
Idiot. Hamb. S. 339. Auch im Freimüthigen Abendblatt Jahrg. 7 (Schwerin 
1824), Sp. 150 wird als Beispiel bänrischer Sprachentstellung Hej ji de Fi' cdl 
börnt ? angeführt. Seelmanu hat also nicht ganz recht, wenn er diese Formen 
schlechthin hamburgisch nennt. (Ndd. Schauspiele aus älterer Zeit S. 158.) 



45 

In derselben Verkürzung lehnen sich die persönlichen Fürwörter 
auch an hinzeigende und zurückbezügliche Fürwörter an, z. B. (lata 
das er, (leit der es, dünv den wir; ferner an Bindewörter und 
Umstandswörter, z. B. ast wie es, eä, e^s, eat ehe er, ehe sie, ehe es, 
(Jätä dass er u. s. f. 

§ 299. Einzelheiten: ddt is das ist > (kis; döä dort > ä: 
hästä vek kräy? hast du dort welche gekriegt?; mm läm mein Leben 
> mllä in almllä mein Lebelang; gör tou gar zu > gö*9r9. 

Vergleiche zu dem ganzen Kapitel Lübben § 46, Tümpel, Ndd. 
Stud. S. 124 f., welche zeigen, dass diese Verschleifungen grossenteils 
schon im Mnd. sehr gebräuchlich waren, und Bernhardt, Glück- 
städter Ma. § 46. 

§ 300. Doppelformen entstehen auch dadurch, dass bei 
zusammengesetzten oder dem Sinne nach eng zusammengehörigen 
Wörtern der Endkonsonant des einen Wortes an das folgende Wort 
oder die folgende Silbe tritt, wenn diese mit einem Vokal oder einem 
// beginnt (das seinerseits verloren geht). Zu va-raftix wahrhaftig, 
färe'ät Feuerherd vgl. § 120a, zu ümun-düm um und um § 283, y 
Anm. 2. Andere Beispiele dieser Art sind: vö9-räit Wahrheit; svl- 
nägl Schweinigel; a-len allein; zä-rä sagte er; dä-rä tat er; a-lant 
< al hant inzwischen, immerhin, das aber nur in OPri und in der 
südl. WTri bekannt ist. Vgl. auch nämt < gunämt guten Abend und 
nöäs anus (§ 141, Anm. 1). 



0. Lehnwörter und Fremdwörter. 

§ 301. Die Lehn- und Fremdwörter im Ndd. im einzelnen nach 
ihren kulturhistorischen und lautlichen Beziehungen zu behandeln, 
fällt aus dem Bahmen dieser Arbeit und würde eine besondere Abhand- 
lung ausmachen. Die ältesten Lehnwörter stammen aus der Berührung 
mit der römischen Kultur und aus der Zeit der Bekehrung zum 
Christentume. Sie sind von den Ansiedlern in die neue Heimat 
mitgebracht worden. Wir haben sie vom Standpunkt der heutigen 
Ma. aus als altes Sprachgut ansehen dürfen und sie in der Lautlehre 
mit dem altgerman. Erbgute zusammen behandelt. Wir haben im Laufe 
der Untersuchung auch die Lehnwörter aus dem Hochdeutschen 
nach lautlichen Kriterien ausgesondert. Es erübrigt noch, einige 
allgemeine Gesichtspunkte für die Zeit und die Art ihrer Entlehnung 
aufzustellen. Auch zahlreiche moderne Fremdwörter sind schon zur 
Sprache gebracht worden, soweit die lautliche Behandlung, die sie 
erfahren haben, für die Entwickelung der Laute in unserer Ma. von 
Interesse sein konnte. Wir können im Folgenden uns begnügen, 
fehlende nachzutragen. 

§ 302. Hochdeutsche Lehnwörter sind seit der ahd. Zeit in 
das Niederdeutsche eingesickert, erst langsam, dann schneller. Aus 



46 

dem Einsickern wird ein Einströmen seit dem 10. Jhd., d. h. von der 
Zeit an, wo das Hd. Eingang auf niederdeutschen Boden fand, 
allmählich die Sprache der Gebildeten in den Städten und auf gewissen 
Gebieten auch auf dem Lande die herrschende wurde. ;,Seit 1600 
ist das Hd. die Sprache der Kanzel, der Schule, des Gerichts, der 
Kanzleien, der Briefe^ (Kluge, von Luther bis Lessing S. 92). Für 
die Altersbestimmung der Entlehnung ist wichtig ihr erstes Auftreten 
in der Literatur. Wir haben gesehen, dass eine ganze Reihe hd. 
Lehnwörter schon in mnd. Texten belegt sind (z. B. krtch Krieg, 
gantz ganz, slren zieren, sitteren zittern u. s. w.). Eine weitere Alters- 
bestimmung wird durch lautliche Kriterien ermöglicht auf grund der 
Frage, welche Lautwandlungen ein Wort schon durchgemacht hatte, 
als es entlehnt wurde, welchen Wandlungen es nach der Zeit der 
Aufnahme in der neuen Heimat noch unterliegt. Ein Wort wie tsQ,g 
Ziege < ahd. ziga muss aufgenommen sein nach Eintritt der hd. 
Lautverschiebung; es muss aufgenommen sein vor der Zeit der nd. 
;, Tondehnung ^, die i in freier Silbe > a wandelt (§ 188); tmän 
trauern (mnd. trüren) kann erst ins Ndd. gedrungen sein nach der 
Zeit der hd. Lautverschiebung, muss aber auf ndd. Boden heimisch 
geworden sein, bevor mhd. ü > au diphthongiert war. Man darf jedoch 
dieser Art von chronologischer Bestimmung unbedingtes Zutrauen nur 
dann schenken, wenn es sich um eine Entlehnung aus einer fremden 
Sprache handelt. Bei der Übernahme eines Wortes aus einer ver- 
wandten Sprache aber, und das ist das Hd. für das Ndd., hat sie 
nur bedingte Geltung. In vielen Fällen ist das Bewusstsein der 
sprachlichen Entsprechungen so lebendig, dass das Lehnwort sich 
ohne weiteres in die ndd. Lautgebung einfügt, ins Ndd. übersetzt 
wird. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wollte man z. B. sagen, 
das r in jür Jude zeige, dass das Wort entlehnt sei, bevor inlautendes 
d > r geworden sei (§ 158 und Anm.): die hd. Endungen 'de, -he 
werden ohne weiteres in unserer Ma. > r, v (vgl. loüv Laube, stüt 
Stube), wie überhaupt inlautendes h leicht > v wird (§ 148 Anm.). 
W^enn grär gerade aus dem Hd. stammt, so braucht man nicht an- 
zunehmen, es sei schon entlehnt, als mnd. ä noch erhalten war, weil 
es doch die Lautwandlung von ä > ä mitgemacht habe : hd. ä würde 
auch in heutigen Lehnwörtern ä gesprochen werden. Liesse sich 
in einem unserer Dörfer ein Mann namens Knabe nieder, er würde 
sofort KnB,v heissen. Regelrecht hochdeutsche Namen wie Müller, 
Schulze, Schmidt, Krüger sind wir immer geneigt, ohne Umstände in 
Mola, ISuU, Smet, Kröygä (Krögä) umzutaufen. Die Endung -ieren 
wird auch in ganz jungen Entlehnungen meistens durch -eän ersetzt 
(§ 252), z. B. fötografe'än, tebgrafe'än, tebfone'än. 

Das heimische Sprachgefühl zeigt sich auch in der Art lebendig, 
dass die Eindringlinge die ererbte Wortform nicht ganz verdrängen, 
wie es z. B. jür, stüv < hd. jüde, stübe gegenüber *jär, *stäv < mnd. 
jode, stöve getan haben, sondern mit ihnen zu einem Mischwort ver- 
schmelzen, das halb hd., halb ndd. ist. Solche Mischformen sind 



47 

z. B. doment (§ 100, Anm. 1) tausend; döyvl Teufel (§ 104, Anm. 2); 
hednix (§ 60, Anm. 2) Betrug; düyt (§ 191, Anm. 2) Tugend; tiret 
(§ 158, Anm. 3) zweite; ensix einzig, mit Verkürzung enslt einzeln 
(mnd. entelen); torm Turm, mnd. toni (§ 140, Anm.); ^^ri/iyA: Zwilling ; 
zö*nämt^ zö*ndax (§ 60 b), vielleicht auch steif brourd Stiefbruder (§ 153, 
Anm. 1) u. s. f. 

Anm. 1. Es scheint, als ob man mit der Möglichkeit rechnen mnss, dass 
ein Wort der hd. Gemeinsprache nicht direkt, sozusagen von Ohr zu Ohr, in 
die Ma. aufgenommen wird, sondern dass es als eine Art Wanderwort von 
Sprecheinheit zu Sprecheinheit zieht, und dass die eine Sprecheinheit es von 
der anderen annimmt und sich mit der Lautform abzufinden hat, die es etwa 
iu einer benachbarten Sprecheinheit angenommen hat. Wir haben § 173, Anm. 2 
vermutet, dass das Wort jurk Gurke (natürlich mit der Sache) von Stldosten 
vorgedrungen sei, dass es auf diesem Wege sein g > j gewandelt habe (der 
südl. Pri und den angrenzenden Landstrichen steht ja j lautgesetzlich zu, 
s. § 7, 4 a) und dass es mit diesem j in die nördl. Pri und Meckl. eingedrungen 
sei. Das ou in mour Mode lässt sich bei einem erst so spät eingedrungenen 
Worte (17. Jahrb.) schlechterdings nicht aus dem Hd. erklären, denn dem ndd. 
ou des diphthongischen Gebiets entspricht ein hd. ü, hlmä ein hl^d, sou ein ^ü 
(§ 90). Wir haben dementsprechend hvivl als eine hyperhochdeutsche Neubildung 
von hobel zu deuten versucht (§ 191, Anm. 3). Es könnte also wohl ein hd. 
*nmde in mour übersetzt werden; wie aber möde'^ Wir denken aber daran, 
dass dem ou der Nordprignitz auf dem monophthongischen Gebiet ein ö 
entspricht (§ 7, 1 a), dass die südl. WPri, die ganze OPri und die südl. und östl. 
daran stosseuden Maa. durchaus dem monophthongischen Gebiet angehören. Wie 
sich in den beiden Gebieten blout und blötj sou und ^ö gegenüberstehen, so 
könnte ein vom ö-Gebiet des Ndd. herkommendes möde im ou-Gebiet in mou7' 
übersetzt werden. Dieselben Betrachtungen würden für xous f. < frz. saure 
Sauce passen. 

Anm. 2. Es ist also nicht geboten, in Wörtern wie spö&xäm sparsam, 
njcthö^ achtbar, möyxäm mühsam trotz der ndd. Lautgebung echte ndd. Wörter 
zn sehen. Es können auch Übersetzungen aus dem Hd. sein. 

§ 303. Konnten wir eben eine Art von Einplattdeutschung und 
damit einen gewissen Grad der Widerstandsfähigkeit der Ma. gegen- 
über der hochdeutschen Gemeinsprache feststellen, so müssen wir 
schon in Formen wie mänt Mond, hämt Hemd, duriäsdax Donnerstag, 
die neben den ererbten män^ häm^ dunädax aufkommen, ein Unter- 
liegen unter der Gemeinsprache erkennen. In der übergrossen Mehr- 
zahl der Fälle aber ist der Sieg des Hd. noch viel vollständiger: die 
alten Wörter sind einfach durch die neuen hochdeutschen verdrängt 
worden. Es erscheint einem im ersten Augenblick fast rätselhaft, dass 
Wörter wie *floukyj *iäk\ Hovän, *däm, *sepm^ Hevark u. s. f. einfach 
durch die hd. Formen flüxn fluchen, vox Woche, tsoubän zaubern, 
töm toben, äafn schaffen, lärx Lerche ersetzt worden sind. Das 
Rätsel lichtet sich, wenn wir wahrnehmen, dass die meisten Lehnwörter 
aus dem Hd. den Lebensgebieten entnommen sind, in denen das Hd. 
die herrschende Sprache geworden war. Handelt es sich doch dabei 
um die Gebiete, die das Leben des einzelnen am meisten regeln und 



48 

beeinflussen, die Behörde, die Kirche, die Schule, das Gericht, 
das Heerwesen: Das Land war zweisprachig geworden, und die 
neue Sprache wurde von den führenden Kreisen, den oberen Gesellschafts- 
klassen geübt. Die neue Sprache galt bald für vornehmer und feiner. 
So wandte sich ihr auch der bessere Bürgerstand in der Stadt zu, 
und damit wurde auch die Geschäftssprache immer mehr hochdeutsch. 
Der Prediger, der Lehrer, der Richter, der Advokat, der Arzt und 
vielfach auch der Kaufmann sprachen hochdeutsch. 

Durch die Schule musste die Sprache des privaten schriftlichen 
Verkehrs auch auf dem Lande hochdeutsch werden; denn nur in 
dieser Sprache lernte man lesen und schreiben. Dann waren das 
Dienstmädchen in der Stadt, der Soldat gehalten hochdeutsch zu 
sprechen. Wenn schon einem fremden Lande gegenüber, das Einfluss 
gewinnt auf die kulturelle Entwickelung eines Nachbarlandes, sprach- 
liche Entlehnungen immer hauptsächlich aus den Gebieten des öffent- 
lichen Verkehrs im weitesten Sinne, d. h. des Staats-, des Kirchen-, 
des Rechts-, des Heeres- und des Handelswesens stattfinden, wieviel 
mehr musste das hier geschehen, wo beide Sprachen nebeneinander 
erklangen. Unbewusst, durch die mechanische Gewohnheit des Hörens, 
sickern da neue Wörter ein. Aber auch bewusst werden sie an- 
genommen: das einheimische Wort erschien in vielen Fällen nicht 
mehr fein und angemessen genug, um bestimmte Vorstellungen, die 
in Kirche und Schule, vor Gericht u. s. anders ausgedrückt wurden, 
wiederzugeben, etwa, wie jetzt preistä anfängt, etwas unfein zu 
erscheinen, und allmählich dem prädigd Platz macht. Es muss aber 
daran festgehalten werden, dass das Hochdeutsche nicht, wie es 
gewöhnlich bei Wortentlehnungen der Fall ist, mit neuen Kultur- 
begriffen neue Kulturwörter einführt; es verdrängt meistens nur ein- 
heimische, schon vorhandene. Wo die Gemeinsprache die Ma. um' 
neue Begriffe und neue Ausdrücke bereichert, da sind es gewöhnlich 
Wörter, die sich das Hochdeutsche selbst erst aus der Fremde geholt 
hat. Es ist ein Märchen, das dadurch nicht wahrer wird, dass es 
oft wiederholt wird, dass die Sprache der Landleute wortarm sei. 
Sie ist auf den Gebieten des gegenständlichen, sinnfälligen Lebens, 
der natürlichen Empfindungswelt nicht selten reicher als die Schrift- 
sprache, und was mein berühmter Dorfgenosse Fr. Gedike vor mehr 
als 100 Jahren in seinem schon öfter erwähnten Aufsatz über deutsche 
Dialekte S. 320 (s. Einl. § 10) gesagt hat, hat teilweise auch heute 
noch Geltung: „Das Plattdeutsche hat einen unerschöpflichen Reichtum 
an zärtlichen, muntern, launigen, naiven, leidenschaftlichen Ausdrücken 
und Wendungen.^ 

Nur auf zwei Gebieten hat das Hochdeutsche wirklich sprach- 
bereichernd eingewirkt, auf dem Gebiet des abstrakten Denkens und 
der verfeinerten Lebensführung. Dass sogar die Ableitungssilben, mit 
denen vornehmlich abgezogene Begriffe gebildet werden, vom Hd. 
herübergenommen sind, ist schon § 119, e und § 121 ausgeführt 
worden. Dass Ausdrücke der verfeinerten Lebensweise dem Hd. ent- 



49 

nommen sind, kann nicht auffallen, da es ja hauptsächlich die geistig 
und gesellschaftlich hochstehenden, in den Städten wohnenden Klassen 
sind, die das Hochdeutsche zuerst und seit langem angenommen haben. 
Ich stelle nun eine Reihe der wichtigsten hd. Lehnwörter 
zusammen nach den Gebieten, aus denen sie entlehnt sind. Es kommen 
vor allem in Betracht: 

a) Kirche und Schule. (Kirche): Got Gott; här Herr; himl 
Himmel; hol Hölle (döyvl Teufel); reit Welt; äöpfä Schöpfer; äafn 
schaffen; gäist Geist, gäistlix^ geisflir geistlich, blass; häilix heilig; 
(jnädia^ gnädig; zälix selig; evix ewig(?); kirx Kirche; kelx Kelch; 
(/ehö*t Gebot ; frotn fromm ; andextix andächtig ; rSxtäafn rechtschaffen ; 
(lürjt Tugend; flixt Pflicht; hofn hoffen; hofnuyk Hoffnung; ßüxn 
fluchen; hasn hassen; tsayky zanken; tsoubdn zaubern; bS^sn büssen; 
r(tx Rache; tsorn Zorn; trots Trotz; tsayk Zank; tr^pzäl Trübsal; 
(jebfäät Geburt. (Schule): spi'ux Spruch; gezayk Kirchenlied; täfl 
Tafel; §ifä Schiefer; grifl Griffel; bldistift Bleistift; brnx Bruch; 
arhäitn arbeiten; töm toben; prügln prügeln; straf n strafen; kreis 
Kreis; kügl Kugel; stim Stimme; t(yn Ton. Auch die hd Namen 
vieler Tiere sind wohl dem Einfluss der Schule zuzuschreiben: tlä 
Tier; Ibv Löwe; hirs Hirsch; luks Luchs; daks Dachs; püdl Pudel; 
lärx Lerche. Es scheint, als ob jetzt storx und ämäi^ (Storch, Ameise) 
heinodä und äfnk zu verdrängen beginnen. 

b) Staats- und Rechtswesen: kdizä Kaiser; konix König; 
fürst Fürst (ebenso gräf Graf, barön Baron, älos Schloss) ; räix Reich, 
räixsdax Reichstag ; länträt Landrat ; ämtsfdräteä Amtsvorsteher ; 
stimsamt Standesamt; gezets Gesetz; fd-f&guyk Verfügung, fä-füy 
verfugen; afäätsn abschätzen; rixtä Richter; äUsrixtä Schiedsrichter; 
gerixt Gericht; urtäil Urteil, fä-ürtäiln verurteilen; dit^ mäindit Eid, 
Meineid; dn^^dij; anzeigen; mort, mördd ^orA^ Mörder; royJ^d Räuber ; 
hedrux Betrug ; gestdnix geständig ; gefeynis Gefängnis ; gebMn Gebühren ; 
ouflasuyk Auflassung u. s. f. 

c) Heilkunde: krankhdit, gezüntdit Krankheit, Gesundheit; 
frlzln Frieseln; irikzdn Masern; raxnbröyn Rachenbräune; äwintzuxt 
Schwindsucht; üts^ruyk Auszehrung; kremf Krämpfe; drfis Drüse; 
rös Rose; flus Fluss; fenxl Fenchel; rots Rotz (Pferdekrankheit) u. s. f. 
Auch Wörter wie ktn Atem, gilt Glied, raxn Rachen gehören wohl hierher. 

d) Kriegswesen: krtx Krieg; älaxt Schlacht; gefext Gefecht; 
ke)nfn kämpfen; s^x, zt-y Sieg, siegen; dä-y Degen; gev^*d Gewehr; 
Imts Lanze; aus Schuss; ^eiw^s Geschütz; A;%/ Kugel; halt, ätilgeätan, 
vorväts halt, stillgestanden, vorwärts; äritu, trit (mnd. schrede, trede u. s.f.) 

e) Verkehrs- u. Geschäftswesen: geSeft Geschäft; t;ir^; virts- 
hüs, vitäaft Wirt, Wirtshaus, Wirtschaft; tsex Zeche; dkld, grö^ti, zeksd 
Taler, Groschen, Sechser; fant Pfand; arbdit, arbditd Arbeit, Arbeiter; 
(jezel, ledburä Geselle, Lehrbursch; zatld, bötood, gdtnd, föstd, jäga (?) 
Sattler, Böttcher, Gärtner, Förster, Jäger; zlgl Siegel; {t)sdituyk 
Zeitung; {t)siix Zug; Hn Schiene. — Zahlen u. Zahl begriffe wie 

V4, axsix 80, ensixj enslt einzig, einzeln (dovzent 1000, tw^t zweite). 

Niederdeatsohes Jahrbuch XXXII. 4 



50 

— Auch die Monatsnamen u. die Wochentage, soweit letztere 
vom Hd. beeinflusst sind {rnitvox, danäsdax, zö^nhntj zö'ndax) dürfen 
wohl hierher gerechnet werden (oder unter Schule?) 

Anm. Am meisten Gefahr droht jetzt den Zahlwörtern in ihrer Ge- 
samtheit. Man hört schon gelegentlich fufsen, swansix, xexsix 15, 20, 60 
u. s. w. ; im Süden und Osten der Prignitz sind die ndd. Zahlwörter schon fast 
durch die hochdeutschen verdrängt. 

f) Der verfeinerten Lebensführung der hochdeutsch spre- 
chenden, sozial höher stehenden Gesellschaftsklassen verdankt die 
Ma. etwa folgende Ausdrücke: tsuxt Zucht; vits Witz; stüv Stube; 
ääitl Scheitel; snöutsböät Schnurrbart; viks Wichse; sirm Schirm; 
gr^sn grüssen; smeixln schmeicheln; begläitn begleiten; bezüx Besuch; 
hößix höflich; dnstenix anständig; stolts stolz; fdin fein; ontlix 
ordentlich; artix artig; hüp§ hübsch; zouhä sauber; loüv Laube; 
strüs Strauss; vgl. aber auch Wörter wie lldrix liederlich, hüä scor- 
tum. — Kleidung: slöyf Schleife; släiä Schleier; kitl Kittel; gü(r)tl 
Gürtel; äös Hose; hezäts Besatz; äfzats Absatz u. s. f. Küche: o/ 
Öl, esix Essig, gevürts Gewürz u. s. f. Spiel und Unterhaltung: 
kröyts Kreuz; hä(r)tsn Herzen; stix (alle drei beim Kartenspiel); 
fägnüff Vergnügen; sütsnfest Schützenfest. Hundenamen: ström 
Strom, vasä Wasser, feltman, valtman Feldmann, Waldmann. — 
Verwandschaftsnamen (z. T. nur hd. beeinflusst): mvdä Mutter; 
fadä Vater; smgämudd Schwiegermutter; fetä Vetter; vitnmn, vitfrou 
Witwer, Witwe; twiliyk Zwilling. 

Moderne Fremdwörter. 

§ 304. Einzelne Lehnwörter aus dem Französischen finden sich 
schon in den ältesten mnd. Urkunden, z. B. ftn fein, prls Preis, forse 
Kraft, Stärke. Sie sind wohl von Ober- und Mitteldeutschland nach 
Norden gewandert und spiegeln den Einfluss wieder, den Frankreich 
auf das Rittertum und das höfische Leben in Deutschland geübt hat. 
Das Vermittlungsglied zwischen Frankreich, Italien und Deutschland 
waren vor allem die Niederlande, das alte Kulturgebiet am Nieder- 
rhein, gewesen. Für Norddeutschland wurden sie ein direktes 
Vermittlungsgebiet zur Zeit der Hanse. Über die Niederlande sind 
den Niederdeutschen wohl Wörter wie kontor, profit, hanckrott, respit 
Aufschub, Bedenkzeit zugewandert, die im 15. und 16. Jhdt. auftauchen. 
Nichts hindert anzunehmen, dass auch ein Wort wie tdlä Teller von 
Holland her zu uns gekommen ist. Chytraeus gibt in seinem Nomen- 
clator latino-saxon. die Form tellör an, und diese erinnert sehr an 
die niederländische Form teljoor. — Durch den 30jährigen Krieg 
wurden dann eine Reihe weiterer französischer Ausdrücke, hauptsäch- 
lich Kriegs- und Spielerausdrücke, eingebürgert. 

Was bedeuten aber die französischen Wörter, die vor der Fest- 
setzung des Hochdeutschen in Niedersachsen heimisch wurden, der 
Zahl nach im Vergleich mit den französischen Ausdrücken, die eben 



51 

durch diese hd. Gemeinsprache ins Land getragen wurden und all- 
mähHch bis zu den untersten Volksschichten durchsickerten? Es 
war verhängnisvoll für das Niederdeutsche, das das Hochdeutsche zu 
der Zeit, als es unter seinen Einfluss geriet, verwelscht war und 
immer mehr verwelscht wurde. Hatte im XV. und XVI. Jhd. das 
Lateinische als Sprache der Gelehrten und Gebildeten in Deutschland 
eine herrschende Stellung eingenommen, so war im XVIL Jhdt , zu- 
erst bei den Fürsten und an den Höfen, dann beim Adel und den 
Beamten und schliesslich bei den „bessern^ Bürgern das Französische 
die Modesprache geworden und erhielt sich als solche noch das ganze 
XVni. Jhdt. hindurch. Mit der Zeit sickerten viele von diesen fremden 
Brocken, mit denen die Vornehmen und Feinen ihre Rede spickten, 
bis zum Volke durch und sind dort z. T. bis auf den heutigen Tag 
geblieben. Dabei ist Mecklenburg nach meinen Wahrnehmungen 
mehr durchseucht worden als Brandenburg oder gar als Holstein. 
Es hatten eben in Mecklenburg Fürst, Adel und Beamtentum mehr 
unmittelbaren Einfluss. So ist es gewiss kein Zufall, dass ein Meck- 
lenburger, Lauremberg, am eifrigsten gegen die alamodische Sprache 
geeifert hat. Vgl. zu der ganzen Frage die beiden lehrreichen Pro- 
grammabhandlungen von Mentz , Französisches im Mecklenburger 
Platt und den Nachbardialekten, Delitsch 1897 und 1898, und C. F. 
Müller, Zur Sprache Fritz Reuters, Leipzig 1902. 

Mentz und Müller treten mit Recht der landläufigen Ansicht 
entgegen, dass die grosse Masse dieser Fremdwörter unmittelbar 
aus dem Französischen, etwa in der „ Franzosenzeit ^, entlehnt sei. 
Sie haben sich aber ein wichtiges Beweismittel für ihre Ansicht, dass 
der grösste Teil weit früher durch das verwelschte Hochdeutsch des 
17. und 18. Jhdts. hindurch eingeführt sei, entgehen lassen. Ich 
habe in der Festschrift für A. Tobler, Braunschweig 1905, S. 266 iF. 
den Nachweis geführt, dass die ausländischen Fremdwörter, soweit 
hierbei das Französische in Betracht kommen kann, genau den- 
selben Begriffssphären und Ideenkreisen entlehnt sind, wie die 
gleichzeitig aufgenommenen hochdeutschen Lehnwörter. Ich verweise 
auf diesen Aufsatz und trage hier nur die jüngeren Fremdwörter aus 
den Gebieten nach, die dem Französischen fast ganz verschlossen 
waren: Kirche, Schule, Verwaltung, Gericht, Heilkunde fahren 
fort, soweit ihr Bedürfnis nicht schon gedeckt ist, aus der griechisch- 
lateinischen Quelle zu schöpfen. 

Kirche und Schule: pastd Pastor, blbl Bibel (wozu auf ndd. 
Boden im 15. Jhdt. ftbl gebildet wurde, s. Kluge, Wb.); katedä 
Katheder, färs Vers, regl Regel; gepätä (doch wohl < paternoster) 
sinnloses Geplapper, das an die Zeit vor der Reformation erinnern 
würde. Staats- und Rechtswesen: stät Staat; regwruyk Regierung; 
pobtsäi Polizei; dktum Datum; opsdr^w^sw Observanzen; ^rö^s^s Prozess; 
tamtny trümin Termin; afkät Advokat; akäön Auktion; patsdleän par- 
zellieren; sepdreän das Gemeindeland aufteilen, trennen; bömdeän die 
Güte der einzelnen Äcker bestimmen u. s. f. — Heilkunde: arzt 

4* 



52 

(dagegen mnd. arste) Arzt, gewöhnlich dokfä; afteh Apotheke, meletsln 
Medizin; imUent Patient; köreän kurieren; imfn impfen; lyil Pille 
(mnd. pille) u. s. f. 

Mit dieser und der in der Festschrift für Tobler S. 272 auf- 
gestellten Liste ist die Zahl der fremden Eindringlinge bei weitem 
noch nicht erschöpft. Von denen, die sich nicht in bestimmte Vor- 
stellungskreise einreihen lassen, führe ich als von einigem Interesse 
folgende an: 

a) lateinische Wörter: entspektä Inspektor; stant^pe* (stantepede) 
stehenden Fusses; rezolve*ät entschlossen; iJözitüä Positur; primlp 
Prinzip; ekstra besonders; vat eksträs etwas Besonderes; kurjö's kurios; 
pröst Prosit ; pröstn niesen ; fide^l heiter ; krepeän ( < it. crepare) ver- 
enden. — b) französische: iös Sache (Mz. sözn Dummheiten); afe'an 
Angelegenheiten; tsötn (< frz sot) Dummheiten; maloä Malheur: 
maloän schlecht auslaufen; räzoy Vernunft; räzoneän schimpfen; 
grumln (< frz. grommeler) brummen; apö{f)tndrägd Zuträger von 
Nachrichten; krh. (< frz. courage) Kraft; hätän (< frz. hattre) mit 
viel Geräusch laufen; kumpäbl (< frz. capable) imstande; kuniplet 
(< frz. complet) vollständig; hlflrmrant (< frz. bleumourant) schwindelig; 
egal gleich; eksprh^ ekspre ausdrücklich, eigens; toum tort doun zum 
Verdruss tun; partü\ partV (< frz. partout) durchaus; swltje* (zu frz. 
suite) flotter, leichtsinniger Mensch; hlay% blayze*än (< frz. halance 
halancer) Gleichgewicht (halten) ; kv^ ( < frz. c<Mche-toi) ; alöy vorwärts ; 
aport hol herbei, alle drei Zurufe an den Hund ; Partizipien wie r^tire* 
(< frz. re^ir^) zurückhaltend; kuäe* (< frz. couchS) kleinlaut; pdrdVi' 
verloren; Zwitterbildungen wie zik fä-galope^dn, fä-defnde*än sich ver- 
galoppieren, verteidigen; zik äf-travaly, äf-ekstän (zu frz. travailler^ 
exciter) sich abquälen; kledy^ paght (Vermischung von Pack und frz. 
hagage)^ futorki für furki Pferdefutter; hantedn, fiiydreän hantieren, 
fingerieren ; kapnedn entzwei machen (Vermengung von kapm abhauen 
und kapüt?); zik rin meydledn sich hineinmischen, sandedn beschimpfen 
u. s. f., vgl. Müller a. a. 0. und Festschrift für Tobler S. 269. 

Anm. dkts Kopf (in verächtlichem Sinne), pädln schwatzen stammen 
wohl von frz. tete^ parier] sakkment, sapimenty adjektivisch sakhnents leite ich 
gegen Müller S. 34 von sacre nom de Dieu (von ganz alten Lenten hört man 
noch sakhnündij^)] petüntix kleinlich, das Mentz zn lat patent stellt, möchte 
ich von jpedantisch^ ableiten; töu-santsn zuwenden wird wohl zu frz. cha7iee 
zu stellen sein. Oehört tsül schmutziges, liederliches Frauenzimmer zu frz. softle 
betrunken (in der männlichen Form soül ist l bekanntlich stumm)? 



III. Relative Zeitfolge der Lautgesetze. 

§ 305. Die synkopierten Formen im Präsens der starken Zeit- 
wörter, d. h. die 2. und 3. Pers. Sg. zeigen Umlaut; z. B. Mm, kiimsf^ 
kmnt komme, kommst, kommt; grKv, gröfst, gröft (für ^grefst, *(/reft 
§ 230, 2) grabe, gräbst, gräbt; lät, letst, let lasse, lässt, lässt. Die 



53 

Synkope des i der Endungen -is, -id kann also erst stattgefunden 
haben, nachdem das i Umlaut bewirkt hatte. 

Bei den Zeitwörtern mit kurzem Präsensvokal ist in den beiden 
synkopierten Formen der Vokal kurz geblieben, während in den vier 
anderen Personen Tondehnung eingetreten ist, vgl. kam, grKv mit kilmt, 
gröft. Die Tondehnung, die ins 12. Jahrh. gesetzt wird, kann also 
erst eingetreten sein, nachdem die Synkope vollzogen war; vgl. § 183, 
Anm. 1. Es folgen also aufeinander: 1) t-Umlaut. 2) Synkope. 
3) Tondehnung. Vgl. Schlüter bei Dieter S. 102 Anm. 

§ 306. Als die Verkürzung vor -xt eintrat, muss ä noch ä 
gewesen sein, as. tu sich aber schon zu fl entwickelt haben: daher 
(hixt < ^ahta dachte (§ 229), liixtn < liuhüan leuchten (§ 239). 

As. iu muss ferner > ü geworden sein, bevor die Synkope des 
Flexionsvokals i in der 2. und 3. Fers. Sg. der st. Ztw. eintrat, daher 
giltst^ gilt < as. giutis, giiitid giessest, giesst. 

Also: 1. as. iu > ü. 2. Verkürzung vor xt und in der Synkope. 
3. ä > (J. 

§ 307. Als ä die o-Färbung annahm (§ 71), muss a in offener 
Silbe (§ 184) und aha (§ 72) schon a gewesen sein, denn auch diese 
jüngeren ä werden > ä. 

Also 1. Verkürzung des a vor xt (§ 306). 2. Tondehnung des 
ä > ä und Wandel von aha > a, 3. a > d. 

§ 308. Als a (d. i. as. d und as. a in offener Silbe) > ä wurden, 
muss a vor r und r -|- stimmhaften Zahnlauten (§ 248 f.) schon zu 
ä gedehnt gewesen sein, so dass es zugleich mit ursprünglichen ä -f- r 
(§ 257) an der Bewegung nach ä teilnehmen konnte, die vor r bei ö 
endigte. 

Also 1. a H- r^ rd, rn > ar^ z. B. as. har nackt > här, 2. ^, 
är > ä, är, z. B. rät (< as. räd) Rat, lät (< as. lato) spät; *jär 
(< as. jär) Jahr, *bdr (< as. bar) bar. 3. jöd, böd. 

Desgleichen müssen i und u vor r und r -|- stimmhaften Zahn- 
lauten (§ 252 und Anm., § 255) schon zu einem e- und o-Laut getrübt 
gewesen sein, als 6, e und o vor r und r -\- stimmhaften Zahnlauten 

> e und ö gedehnt wurden (§ 250, 251, 253); denn auch i und u in 
besagter Stellung haben sich > S und ö gewandelt ; vgl. beä (as. beri) 
Beere, sped (as. sper) und twedn Zwirn; döän Dorn und spöd Spur. 

e, e vor r und r -h stimmhaften Zahnlauten müssen schon 
zue gedehnt gewesen sein, als e, e vor Lippen- und Gaumenlauten 

> «, in Meckl. > a wurden (§ 272). 

Also 1. Trübung von i und u vor Zahnlauten > e und o. 
2. Dehnung von «, e vor Zahnlauten zu e. 3. Wandel von e und e 
vor Lippenlauten > ff, Meckl. a. 

Anm. Für yjr und bdr als Zwischenstufe zwischen dem mnd. jkr und 
iär ( < as. yär und bar) und dem heutigen ^öä, feöa Jahr, har spricht auch eine 
bemerkenswerte Erscheinung im benachbarten Mecklenburgischen. Während 
uämlich ä und a '\- r, rn, rd, rs jetzt wie in der Pri ö lauten (;oä, feöä), ist 



54 

altes ö, ö in gleicher Stellung > ü yorgerückt, dühi Dorn, px&t Pforte, rmi Moor, 
während die Pri in letzterem Falle hei ö stehen gehliehen ist (§ 253). Das 
Mecklenhurgische zeigt, dass jö^ nnd döSin nicht gleichgelautet hahen, als döhi 
> dü^n wnrde, oder, was dasselhe ist, dass damals mnd. ^är noch nicht ^öä gelautet 
hat, da es sonst die Lauthewegnng nach ü hätte mitmachen müssen. Es ist also 
mit weitem d gesprochen worden, nnd ä ist ja anch die natnrgemässe Zwischen- 
stufe zwischen ä und ö. 

§ 309. r vor stimmlosen Zahnlauten war schon ausgefallen 
(§ 262), als die Vokale vor r -f- Zahnlauten gedehnt wurden, denn 
sie bleiben vor stimmlosen Zahnlauten kurz, z. B. äösten Schornstein; 
kot kurz. Es kann aber erst ausgefallen sein, nachdem e > a, u > o, 
ü > ö gewandelt war : die Vokale in gästn Gerste, kot kurz, vöst Würste 
erklären sich nur durch r-Einfluss (§ 263, 270, 271). Noch früher 
als der durch r bewirkte Wandel von e>ä^u>o^ü>ö muss aber 
die § 279 besprochene Metathesis des r stattgefunden haben, da ja 
auch Wörter wie hästn, host, kost bersten, Brust, Kruste diesen Wandel 
teilen. Es ergibt sich ferner, dass auslautendes rd noch nicht rt 
gesprochen worden sein kann, d. h. dass End-rf noch stimmhaft 
war, als r vor t wegfiel. 

Also 1. Metathesis des r (§ 279): hrust > hurst, 2. Wandel von 
üj ti, ü > ä, 0, ö durch r: hörst, 3. Wegfall des r vor stimmlosen 
Zahnlauten: host, 4. Dehnung der Vokale vor r 4- stimmhaften 
Zahnlauten: wörd Wort. 5. Wandel des auslautenden d > t: das 
heutige vöät (vgl. § 284, Anm.). 

§ 310. Als End-e schwand (§ 117), muss die Tondehnung 
(§ 183 flf.) vollzogen gewesen sein, da diese freie Silbe voraussetzt; 
muss inlautendes Id, nd, md, yg, rd > II, nn, mm, yy, rr assimiliert 
gewesen sein (§ 281 ff.), muss inlautendes d > r oder j gewandelt 
gewesen sein (§ 158 und Anm.). 

Also 1. Tondehnung; Assimilation von inlautenden Id, nd, mdj 
ng, rd > II, nn, mm, yy, rr\ Wandel von d > r oder J. 2. Apokope 
des End-ö. 

Als rd > rr wurde (§ 284), waren die Vokale vor rd schon gedehnt; 
also auch die Dehnung der Vokale vor stimmhaften Zahnlauten hat 
stattgefunden vor der Apokope des End-e. 

STEGLITZ bei Berlin. E. Maekel. 



55 



Kinderspiele und Kinderreime 

vom Niederrhein. 



„Ein spielendes Kind ist ein frohes Kind, 
ein spielendes Kind ist ein gesundes Kind!** 

In diesem Ausspruche liegt die Bedeutung des Spieles für die 
Jugend. Das Spiel bringt Heiterkeit und gewährt Erholung; es übt 
den Geist und stählt den Körper! Kurz — es ist ein wahres 
Erziehungsmittel. Doch das ist meine Aufgabe nicht, darüber zu 
schreiben. Das ist hinlänglich geschehen; aber ein ganz kleiner 
Beitrag zur Geschichte des Kinderspieles und -reimes will diese 
Sammlung sein. Meine Stellung am Königlichen Lehrerseminar zu 
Kempen, dessen Zöglinge zumeist im niederrheinischen Gebiete gebürtig 
sind, veranlasste mich, jenes Gebiet hinsichtlich der Spiele und Reime 
zu durchforschen. So komme ich gleichzeitig einem Wunsche Linnigs 
(Vorschule der Poetik) nach: »Der Lehrer möge alles, was er an 
Spielen und Reimen vorfinde, hegen und pflegen, damit nicht der alles 
nivellierende Geist der Zeit auch noch diese letzten Reste urwüch- 
sigen Volkstums austilge.^ An dieser Stelle sei meinen lieben Schülern 
des Kursus 1905/08 und des Nebenkursus 1904/07 für ihr eifriges 
Sammeln der herzlichste Dank ausgesprochen. 

L Abz&Ureime. 

[Einige Beime erscheinen absichtlich doppelt, um auch die Mundart und die 

Veränderungen zur Geltung kommen zu lassen.] 

1.) Eins, zwei, drei, 5.) Es ging ein Männchen über die Brückt 

Bische, rasche, rei. Hat ein Bäckelchen auf dem Bttck^ 

Bische, rasche. Schlägt es wider den Pfosten. 

Plaudertasche, Pfosten kracht, 

Eins, zwei, drei. Männchen lacht. 

Dipp, dapp, 

2.) ü, muh, Kuh, Du bist ab! 

Schneck, Dreck, weg. n\ r. j tt u 

' ' ^ 6.) Oen, doen Hahn, 

3.) Öppke, Döppke, Knolleköppke, ^^ ^^» ^^^^j 

Öppke, Döppke, Knoll. Ö«"» ^^^^ ^^»s, 

Do bös druss! 

4.) Ein, zwei, Polizei, 7.) Hockle, Mockle, 
Drei, vier, Offizier, Mukelemei, Domenei, 

Fünf, sechs, alte Hex\ Ecken Brot, 

Sieben, acht, gute Nacht. Sonder Not, 

Neun, zehn, lass mich geh'n. A, be, ba, 

Elf, zwölf, kommen die Wolf. Eck segg, do bös dran! 



56 



8.) Ein, zwei, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 
Die Kirche kracht, 
Das Hans fällt ein, 
Und du musst sein! 

9.) 1, 2, 3, 
Da bist frei! 

10.) Ich und dn, Müllers Kuh, 
Müllers Esel, das bist da, 
Müllers Haus, da bist draas, 
Müllers Hahn, da bist dran — 

11.) 1, 2, 3, 4, 

In anserem Klavier, 
Da sitzt eine Maas, 
Und da masst heraas. 

12.) 10 gebrannte Kaffeebohnen, 
Wieviel Kinder sind geboren? 
(Jetzt, wird von einem Kinde 
eine Zahl genannt.) 

13.) 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 

Eine Fraa, die kochte Rüben, 
Eine Fraa, die kochte Speck, 

I, 2, 3, and da bist weg! 

14.) Wei weile kenn lange Komplemente 
make, on do bess dran! 
[Hei Word uet lang Knönglei gemäkt 
Ondoamoass ganz inf ach sein. 1,2,3.] 

15.) 1, 2, 3, da liegt ein Ei, 
Wer daraaf tritt. 
Der tat nicht mehr mit. 

16.) 1, 2, Polizei! 
3, 4, Offizier! 
5, 6, alte Hex! 
7, 8, gate Nacht! 
9, 10, lasst ans geh'n! 

II, 12, kriegst' gegölf (gehaaen)! 
13, 14, zerrissene Schürzen! 

15, 16, alte Hexen! 

17, 18, nimm in acht dich! 

19, 20, geht nach Dauzig, 

Um zn holen. 

Einen Brief nach Berlin; 

Der soll holen 

3 Pistolen, 

Ein(e) für mich, ein(e) für dich 

Ein(e) für Brader Heinerich. 

17.) Baaer, bind' dein Hündchen an, 
Dass es mich nicht beissen kann, 
Beisst es mich, verklag' ich dich, 
100 Taler kost' es dich. 



18.) 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 

Wo sind die Franzosen geblieben? 
Za Moskaa in dem tiefen Schnee, 
Da riefen sie alle : weh, o weh ! 
Wer hilft ans aas dem tiefen Schnee ? 

19.) Pitter, Patter, Ickenstrick, 
Sieben Katzen schlagen sich. 
In der danklen Kammer, 
Mit 'nem blanken Hammer. 
Eine kriegt 'nen harten Schlag, 
Dass sie hinter der Türe lag. 
Piff, paff, ab. 

20.) Ich ging einmal nach Engelland, 
Begegnet mir ein Elefant. 
Elefant mir Gras gab. 
Gras ich der Kah gab, 
Kah mir Milch gab, 
Milch ich der Matter gab. 
Matter mir 'nen Dreier gab^ 
Dreier ich dem Bäcker gab, 
Bäcker mir ein Brötchen gab, 
Brötchen ich dem Metzger gab, 
Metzger mir ein Würstchen gab, 
Würstchen ich dem Hand gab, 
Hand mir ein Pfötchen gab, 
Pfötchen ich der Magd gab, 
Magd mir eine Schelle gab, 
Oene, doene, daas. 
Da bist draas. 

21.) Achter onsen Gahrden, 
Do log en Engelsschepp, 
Franzmann wor gekommen. 
He wor noch gecker als eck. 
He drag en Hat met Plümmen, 
Met schwärt Fisellenlent. 
Tien welle we teilen 
Bös hondert an dat Ent. 

22.) 3, 6, 9e, 

Im Hof steht eine Scheane, 
Im Garten steht ein Hinterhaus. 
Da schaaen 3 goldne Jangfem rans. 
Die eine spinnt die Seide, 
Die andre reibt die Kreide (flicht 

die Weide), 
Die dritte schliesst den Himmel auf, 
Da schaat die Matter Maria raus. 

23.) Ene, bene, danke, fanke, 
Babe schnabe dippe dappe, 
Käse knappe, 
. Ulle balle ros, 



57 



Jb ab aus. 

Du liegst draus! 

24.) Euichen, DenicheD, Korb voll 

StenicbeDi 
Kribbelte, krabbelte, Puff! 

25.) Ene, dene, Bobneblatt, 
Unsere Küh* sind alle satt, 
Mädel hast' gemolken? 
Sieben Geiss nnd eine Kuh: 
Peter scfaliess die Türe zu, 
Wirf den Schlüssel über'n Rhein, 
Morgen solPs gut Wetter sein. 

26.) Ene, dene, Dintenfass, 

Geh* in Schur und lerne was. 
Wenn du was gelernet hast, 
Steck' die Feder in die Tasch'. 
Bauer, Bauer, lass' mich geh'n! 
Ich will in die Schule geh'n, 
Ich hab' Feder nnd Papier 
Allezeit bei mir. 

27.) Ich und mein Bruder wollen wetten 
Um zwei gold'ne Ketten, 
Um eine Flasche Wein, 
Ich oder Du musst sein. 

28.) Min Yader liet en alt Ratt beschloon, 
Rot ÖS, bouYoel Nägel dat door tau 

goon? 

Tien. 
En, twe, dri, fijer, fiv, säs, sewe, 

aach, nege, tien. 

29.) Enge, denge, ditge, datge, 
Siferde, biferde, hone, knadge, 
Siferde, biferde, buff. 

30.) Auf dem Klavier 

Da steht ein Glas Bier, 
Wer daraus trinkt. 
Der stinkt. 

31.) Auf dem Berge, Hottentotten, 
Wohnen Leute, Hottentotten, 
Diese Leute, Hottentotten, 
Haben Kinder, Hottentotten, 
Diese Kinder, Hottentotten, 
Haben Puppen, Hottentotten, 
Diese Puppen, Hottentotten, 
Essen jeden Abend süssen Brei, 
Eins, zwei, drei, und Du bist frei ! 

32.) Engele, Bengele, Reptizar, 
Bepti, repti, Knoll. 



33.) Ich zähle aus, und Du bist draus, 
Ich zähle ein, und Du musst sein. 

34.) Hänke, mänke, türke, tanke, 
Vili, vali, Dobleltali, 
Golde min, dicke trin. 
Nomer sesstin. 

35.) An dat Water, an da Rhin 
Solle fief Kaningkes sien, 
Fief Kaningkes bocken Brut 
Schlagen sech op emol duet. 
Ix, ax, krommen Dax, 
Ösen Honk hett Max. 

36.) 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 

Meine Mutter kochte Rüben, 

Meine Mutter kochte Speck, 

Ich nahm davon weck. 

Da kam die Magd, 

Die hat mich verklagt, 

Da kam der Knecht, 

Der gab mir kein Recht, 

Da kam der Herr Pastor, 

Der gab mir einen Klatsch vor 

Das linke Ohr. 

37.) Eck enn gej, 

Enn de decke Mrej, 
Enn Jann van Lier, 
Dat sinn der vier. 

38.) Op da Woig nach Engelaud 
Begägnende mech ene Elefant, 
Elefant mech Groes goef, 
Groes eck de Kuh goef, 
Kuh mech Melk goef, 
Melk eck et Kätzke goef, 
Kätzken mech en Pötche goef, 
Pötche eck de Maid goef, 
Maid mech en Uhrflätsch goef, 
Uhrflätsch eck war turückgoef. 

39.) Auf dem Berge Sinai, 

Da wohnt ein Schneider Kikriki, 
Auf dem Stuhl, die Grete, (da krähte) 
Seine Frau, die nähte, 
Fiel herab, fiel herab. 
Fiel das. linke Bein ab. 
Da kam der Doktor Hampelmann, 
Klebt das Bein mit Spucke an, 
A, b, c, das Bein tut nicht mehr weh. 

40.) Ein, zwei, drei, 
In der Dechanei, 
Steht ein Teller auf dem Tisch, 



58 



Kommt die Eatz* und frisst den Fisch, 
Kommt der Jäger mit der Gabel, 
Schlägt die Katze auf den Schnabel, 
Schreit die Katz': Miaan, 
Wiirs nicht wieder taun. 

41.) Eins, zwei u. s. w. sieben, 

Jeder muss sein Brüderchen lieben, 
Es mag sein gross oder klein, 
Jeder muss zufrieden sein. 

42.) Ich ging mal auf das Feld, 
Da spielten sie mit Geld. 
Da fragt ich, ob ich mit könnt' tan, 
Da sagten sie : „0, nein.'' 
Da fragte ich noch einmal. 
Da sagten sie: „0, ja.'' 
Da kam ein weisses Schimmelchen, 
Das lief mir immer nach, 
Bis unten an den Rhein, 
Da schlug die Feuerflamme ein. 
Fitte, fitte, Tante, 
Fitte, fitte, bamm. 

43.) Hier und da stehen viele Knaben, 
Wollen einen König haben. 
Und sie zählen. 
Und sie wählen 
Nicht die Grossen, 
Weil sie stossen. 
Nicht die Kleinen, 



Weil sie weinen. 

Nein und ja, 

Ja und nein, 

König soll der Letzte sein. 

44.) Schib, schab, scheibele. 
Min Moder ös en Weibele, 
Min Vader ös en Bronnenmaker, 
Wenn hä kloppt, dann knackt et. 
Bem, bam, bom, 
Karlche, dräj dech om. 
Hör, wat eck dech seggen well, 
Den Letzte mot dat Häske jagen, 
Jagen över Stock on Steen. 
Häske hat gawe Been, 
Husch, husch, husch, 
Springt es über den Busch, 
Springt über's Haus, 
Du bist draus. 

45.) Fränzke woU sech en Mörke 

schroppe, 
Schnie sech an den Dumm, 
Kreeg en decke Prumm (geschwol- 
lener Daumen). 
Tien welle we teile, 
Onder os Gesölle. 
10. 20. 30. u. s. w. 100, 1000 aus, 
Wer den letzten Schlag bekommt, 

ist dran oder draus. 



II. Spiele mit Spielsteiaen. 

(„Kölsche", „Mörmels", „Kneckere", »Merwele*.) 

1.) ,,Stackeii^^, gespielt von zwei Spielern (meistens Knaben) abwechselnd. 
Der eine gibt dem andern eine bestimmte Anzahl „Kölschen", gewöhnlich vier. 
Der Spieler tut die gleiche Anzahl dabei und „stuckt" sie in eine kleine Ver- 
tiefung, „Küss", „Küsske" genannt. Bleibt eine ungrade Anzahl von Spielsteinen 
in der „Küss" liegen, so hat der Spieler gewonnen und behält die Spielsteine 
des andern. Kommt kein Spielstein in die „Küss" oder aber alle, so wird von 
neuem „gestuckt". 

2.) „Perk", „Perksse" oder „Trempeln" wird folgendes Spiel genannt. 
In einen Kreis setzt jeder Spieler (meistens Knaben) gleich viel „Kölschen" ein. 
Von einem Male, Striche, aus beginnt es. Wer zuerst „aan" sagt beginnt. Der 
zweite sagt „mies", der dritte „dritt" u. s. w. Nun werden die eingesetzten 
Spielsteine herausgeschossen. Trifft einer den Spielstein 'des andern („den Kölsch 
tetschen"), so scheidet der Getroffene aus und muss die Spielsteine herausgeben, 
die er vorher aus dem „Perk" herausgeschossen hat. Sind nur zwei Spieler 
da, so ist damit das Spiel geendet, und der Gewinner erhält die im „Perk" 
gebliebenen Spielsteine. 

3 ) Omp öff Paar. Zwei Spieler. Der eine hält in der geschlossenen 
Hand eine unbestimmte Anzahl von Spielsteinen und lässt den andern raten: 
„Omp öff Paar?" Sagt dieser nun „Omp" (bedeutend ungrade Anzahl, etwa 



59 

1, 3, 5, 7 u. s. w.) und der erste hat eine ungrade Anzahl Spielsteine in der 
Hand, so hat er die Spielsteine des ersten gewonnen. Hätte er „Paar*' gesagt, 
nicht, sondern er hätte dann dem ersten so viele Spielsteine geben müssen, als 
dieser in der Hand hatte. 

4.) Keeksteren. Ein Klickerspiel, das von zwei Knaben gespielt wird. 
Es werden Klicker gegen eine Maner geworfen, diese bleiben auf dem Boden 
liegen. Die Spieler spielen nacheinander, indem der eine den am weitesten von 
der Mauer entfernten Klicker nimmt, ihn so gegen die Wand wirft, dass er 
wenn möglich einen von den daliegenden Klickern trifft. Die Ton dem geworfenen 
Klickern getroffenen gehören dem Spieler zu. — Häufig braucht der geworfene 
Elicker nicht einen daliegenden zu treffen. Er braucht nur eine Spanne (vom 
Danmen bis zur Spitze des kleinen Fingers der ausgestreckten Hand) von einem 
daliegenden entfernt zu sein, damit dieser dem Spieler gehört. — Er wird von 
keinem Spieler mehreremale hintereinander gespielt. 

5.) „Trenoipeleii.^^ Tempeln? Die Knaben, meist vier, sind mit einem 
dicken Spielsteine versehen, dem sogenannten „Dommel''. In der Mitte des 
Spielplatzes etwa steht ein Stein mit glatter Oberfläche (Spielstein, Fliese). Dieser 
heisst „Trempelspöttchen^. Auf dieses legt jeder Spieler 1 Pfg. und zwar mit 
der Ziffer nach oben. In einiger Entfernung vom Trempelspöttchen befindet sich 
die Grenze, an der die Spieler Aufstellung nehmen. Zuerst wird gelost, wer 
der erste sein soll. Jeder sucht seinen „Dommel'' in die Nähe des Trempels- 
pöttchen zu bringen. Deijenige, welcher am nächsten dabei liegt, sagt: „Eck 
hab den Heck'' (geschlossenes e) und er beginnt das Spiel. Er wirft seinen 
„Dommel" an irgend eine Stelle des Platzes, aber möglichst in die Nähe des 
Geldsteines, und zwar so, dass er von den andern nicht getroffen werden kann. 
Falls er von einem andern, etwa vom zweiten, getroffen wird, so muss er aus- 
treten. Sie brauchen aber nicht am Anfang zu zielen, sondern sie können (sich) 
irgend einen Platz wählen und (sich) dort hin werfen. Ist der erste wieder am 
spielen, so kann er auch auf einen der Mitspieler werfen. Gelingt es ihm, alle 
„Dommels*' der Mitspielenden zu treffen, so hat er gewonnen. Er kann aber 
auch, falls er mit den Fingerspitzen das „Pöttchen " noch berühren kann, an 
dasselbe herantreten und auf das Geld werfen. Gelingt es ihm, das Geld so zu 
treffen, dass es mit der Adlerseite nach oben zu liegen kommt, so ist das Spiel 
ebenfalls aus. Angenommen, es gelingt ihm, drei Pfennige umzuwerfen (um- 
zntrempeln), den andern also, den letzten, nicht, dann wird der folgende Spieler 
auch auf dessen „Dommel" zielen. Trifft er ihn, so muss der Getroffene aus- 
treten und Pfennige wieder einsetzen. Wer auf das Geld wirft, kann es auch 
folgendermassen machen. Er wirft auf das Geld und sucht zugleich in die Nähe 
eines andern zu kommen. Wenn das Geld umfällt, so ist er noch einmal 
am werfen. Da er jetzt nahe bei dem andern liegt, so kann er diesen leichter 
treffen. Das nennt man „Entrempeln". Das ganze Spiel geht also dahin, den 
Gegner zu treffen oder das Geld umzuwerfen. 

6.) „Haeke^^, das auf dem Trottoir am meisten 
gespielt wird. In der nebenstehenden Figur sind c, d die 
Rinnsteine. Die Spielsteine werden folgendermassen auf- 
gestellt: Gegen die Mauer a, b werden die ersten gesetzt, 
aber nur ein Spielstein bei a. Ist dieser durch einen 
grossen, dicken Spielstein, den „Hackmervel", getroffen, 
so wird auch auf den Spielstein e gezielt, ist dieser 





Flg. 1 






a 


e 
f 

g 
h 


"E 


Fig. 2. 




• 




• 


c 


i 


d 


• 




• 




k 




• 




• 




1 




• 








m 
n 



















getroffen, dann auf f, g u. s. w. Bei xx steht der Mit- xx 

spielende und sucht den Spielstein bei a zu treffen. Ist dies der Fall, so hat 



60 

er diesen „Mervel'' gewonnen. Im andern Falle ist der ihm noch folgende am 
werfen. Es kommt aber aach vor, dass der „Hackmervel'' den Spielstein bei a 
trifft und in die Beihe e, f, g, h etc. hineinläuft; dann gehören dem Werfer 
alle die Spielsteiue an, die vom „Hackmervel'' berührt oder von den andern 
getroffen worden sind. Ist der Spielstein bei a nicht getroffen und er länft in 
die Kinne hinein, so mnss er soviel beisetzen, als er angerührt bezw. getroffen 
hat. Hat er den ersten und letzten getroffen, so gehört ihm alles an. Hat er 
e und i getroffen, so muss er soviel beisetzen, als die Anzahl vom e und i 
beträgt, also hier e, f, g, h, i (5). Die beizusetzenden können zwischen die 
andern Spielsteine gesetzt werden, also zwischen c und f, f und g, h und i, 
oder sie können auch zusammen in einer Vertiefung oder hinter einen Stein 
versteckt werden und zwar so, dass sie schwer zu erlangen sind. Sind zum 
Beispiel vier „beigemack" worden, so können sie zu allerletzt „gepackt" werden, 
wenn sie mit den Worten hingesetzt werden: „Achter alles''. Derjenige Spieler, 
der den oder die letzten Spielsteine des Spieles getroffen hat, ist beim folgenden 
Spiele der erste; der unmittelbar vor ihm geworfen hat, ist der letzte; der vor 
diesem geworfen hat ist der Zweitletzte u. s. w. Es können beliebig viele 
Kinder mitspielen. Bei Figur 2 ist fast dasselbe, wie bei Figur 1. 

7.) ,^o(a)ehseli]iiiete^S Nohjage (Nachwerfen), wird besonders von Mädchen 
gespielt. Trifft eines den Spielstein des anderen, so hat es ihn gewonnen. 

8.) ,,Kttsskeschareii^^ Eine bestimmte Anzahl Spielsteine wird in eine 
„Küss'' „gestuckt''. Die Spielsteine, die auswärts fallen, werden mit der Hand 
oder dem Zeigefinger in die „Küss" gestossen. Damit beginnt der, der „gestuckt'' 
hat. Misslingt es ihm, einen Spielstein „hiueinzuscharren'', so ist der andere 
Spieler an der Beihe. Gelingt es diesem, die Spielsteine hineinzustossen, so hat 
er gewonnen, andernfalls spielt wieder der erste und so fort. Deijenige gewinnt, 
der den letzten Spielstein in die „Eüss" „scharrt". (Knaben.) 

9.) Ansette (ansetzen) wird viel von Mädchen, weniger von Knaben gespielt. 
Abwechselnd „setzt jeder der beiden Spieler gegen eine Mauer an", d. h. jeder 
wirft abwechselnd einen Spielstein gegen die Mauer, sodass diese auf der Erde 
zwischen den Steinen liegen bleiben. Trifft nun ein „angesetzter" Spielstein 
einen der auf der Erde liegenden, so bekommt der betreffende Spieler alle Spiel- 
steine, die auf der Erde liegen, wenn die Spieler vorher bestimmt haben: 
„Opprapes", sonst nur eine bestimmte Anzahl. 

10.) Bei mehreren Spielen mit Spielsteinen wird auch um Geld gespielt, 
z. B. „Penuingske ömsehiete^^ (Pfennig umschiessen). In einer Linie auf dem 
Erdboden werden Pfennigstücke aufgestellt, die dann umgeschossen werden. Trifft 
ein Spielstein ein Geldstück, dass es umfällt, so erhält der Spieler dasselbe. 

11.) ,,Penningske ($mhaue^^ Dieses Spiel wird besonders auf den Strassen 
Kempens gespielt, die mit den kleinen unregelmässigen Steinen gepflastert sind. 
Die Spieler legen jeder ein bestimmtes Geldstück auf einen glatten Stein, und 
ein jeder legt eine Fingerspanne davon seinen Spielstein in eine Oeffnung zwischen 
den Steinen. Jeder wirft nun mit dem Spielsteiu ein Geldstück nm. Gelingt 
ihm dies, so hat er es gewonnen, muss aber auch den Spielstein des andern treffen. 

12.) „Onger de Fut" (unter d. Fuss). Einer legt ein Geldstück unter 
den Fuss und der andere schleudert ein Geldstück durch die Luft, sodass es auf 
die Erde fällt. Haben beide „Adler" bezw. „Zeichen", so hat der zweite 
gewonnen, anderenfalls der erste. (Diese Spiele mit Geld werden nur von 
Knaben [älteren] gespielt.) 



61 

IB.) Höpkessehieten (Häafchenschiessen). Das ist Spiel Diit Spielsteinen, 
Knicker genannt. Einer übernimmt das Spiel. Er setzt vier Knicker zu einem 
Häufchen zusammen. Die anderen Mitspielenden stellen sich in einer Entfernung 
von etwa 3 m auf und stehend suchen sie mit Knickern das Häufchen zu treffen, 
sie „hacken op det Höpken". Alle Knicker, die nicht treffen, gehen in den 
Besitz des Knaben, dem das Häufchen gehört. Trifft einer das Häufchen, so 
gelangt er in den Besitz des Häufchens, und das Spiel fährt fort. 

14.) Brettkessehieten (Brettchenschiessen). Auch bei diesem Knickerspiel 
übernimmt einer das Spiel Er hat ein Brettchen mit mehreren Einschnitten, 

über denen die Zahlen stehen. Diese Zahlen gehen 

I meistens nur bis 6. Nun stellt sich der Besitzer 
12 3 4 5 6 des Brettchens in einer Entfernung von etwa 2 m 

-TLnLnLrLnjTJ auf, indem er das Brettchen auf die Erde stellt. 

Nun schiessen die Mitspieler auf das Brettcheu. 
Läuft ein Knicker etwa durch Oeffnung 5, so muss der Besitzer des Brettchens 
dem Glücklichen 5 Spielsteine geben. Aber alle Spielsteine, die durch keine 
Oeffnung gehen, gehen in den Besitz des Brettchenbesitzers über. Die Löcher 
mit den höheren Nummern werden natürlich immer kleiner. Das ganze Brettchen 
ist yielleicbt 40 cm lang und 10 cm hoch. Diejenigen Brettchenbesitzer, die 
die meisten Nummern haben, haben auch den meisten Zulauf. 

III. Ballspiele. 

1.) Kttleckes- Rolle. Etwa fünf Kinder können an diesem O 

Spiele teilnehmen. Die Kinder stellen sich an den Strich (AB) O 

und rollen einen Ball in irgend eins von den Löchern. Jedes Kind O 

ist aber Besitzer eines dieser Löcher. Läuft der Ball nun in eins o 

von den Löchern, so hat der Besitzer desselben den Ball zu nehmen. o 
Er wirft ihn in die Luft, währenddessen laufen die andern fort. 
Dann wirft das Kind nach einem von den Spielteiluehniern. Trifft 

es denselben, so muss der Getroffene austreten. Fehlt es aber, so a b 

muss der Werfer austreten. 

2.) ,^alandere^^ (Ballschlagen) Ein Teil der Mitspieler ist im „Himmel" 
(Himöl) ; ein anderer Teil in der . Hölle '^ (en dö Höll). Die im Himmel schlagen 
den Ball, die in der Hölle fangen ihn auf und suchen den Werfer, der in der 
Hölle an einen Stein klopft, mit dem Balle zu treffen. Wird er getroffen, so 
wird er in die Hölle gebracht. Der im Himmel allein Uebrigbleibende kommt 
nachher allein in die Hölle, und das Spiel beginnt von neuem. (Im Geldernschen 
nennt man dieses Spiel „Plackballe^^ von „plack" = Platz) 

3.) „Hipp^^ In einem Viereck steht auf jeder Ecke ein Spieler. Vier 
Knaben stehen in dem Viereck. Der Ball wird von einer Ecke zur andern 
geworfen. Derjenige, der den Ball auf die im Viereck stehenden Spieler werfen 
will, ruft: „Hipp''; die Innenstehenden rufen darauf: „Gass". Der Getroffene 
nimmt den Ball und wirft damit einen der „ Eckensteher '', die vorher davon 
gehiufen sind. Will einer von diesen auf seinem Platze stehen bleiben, so ruft 
er: „Kugel'', darf aber bis zum Wurfe sich nicht mehr rühren; wird einer 
getroffen, so sind die früheren „Eckensteher" von der Ecke ab, und die andern 
kommen auf die Ecken. 

4.) Kappenball. a) Die Spieler legen ihre Mützen an eine Wand. Von 
einem Striche aus, dem sog. „Ahn", wirft nun ein Spieler einen Ball in eine 
der Mützen. (Hat der Spieler in drei Würfen den Ball nicht in eine Mütze 
geworfen, so folgt ein anderer Spieler.) Alle Spieler laufen nun so schnell wie 



62 

möglich fort. Der Eigentümer der Mütze ergreift den Ball und ruft: „Halt!" 
Sogleich haben alle Läufer zu stehen. Der Ball wird geworfen. Trifft er einen 
Läufer, so verliert dieser ein „Leben*. (Jeder Spieler hat drei „Leben".) Wird 
kein Läufer getroffen, so hat der Schleuderer des Balles ein „Leben'' verwirkt. 
Das Spiel wird solange fortgesetzt, bis alle Spieler ihre drei „Leben'' verloren haben. 

b) „Kappeballen^^, auch „Eäppke schmitte" — „Luse" = lausen. Die 
Spieler legen ihre Mützen an die Wand. Dann wirft derjenige, dessen Kappe 
am Anfange liegt, mit einem Balle nach den Kappen. Ist der Ball in eine Kappe 
gelangt, so ergreift der Besitzer derselben den Ball, ruft: „Halt", und versucht 
nun, einen der inzwischen davongelaufenen Mitspieler zu treffen. Trifft er, so 
bekommt der Getroffene einen Stein (Laus) in die Kappe; trifft er nicht, so 
bekommt er selbst einen Stein in die Mütze. Hat jemand drei oder fünf Steine 
(wie es vorher abgemacht ist), so muss er aufhören. Das Spiel dauert so lange, 
bis alle bis auf einen die bestimmte Anzahl von Steinen (Läusen) in der Kappe 
haben. Der zuerst Ausgetretene muss sich nun gebückt an die Wand stellen, 
und der nach ihm Ausgetretene hat das Becht, dreimal aus einer bestimmten 
Entfernung auf ihn zu werfen. So geht das weiter, bis zum Letzten. [In anderer 
Gegend wird bei Fehlwürfen die betreffende Mütze an das Ende der Reihe gelegt.] 

5.) ,,Mauerball^^, auch „Stand^^ (Stillstand) oder „Stutz". Es wirft jemand 
den Ball an die Mauer und ruft den Namen eines Mitspielers, der den Ball dann 
fangen muss, während die andern davonlaufen. Fängt der Gerufene den Ball, 
so wirft e r den Ball und ruft den Namen eines andern. Fängt er den Ball nicht, 
so erhascht er schnell den Ball und ruft sein „Halt", worauf er zu treffen ver- 
sucht. Hat er dreimal nicht getroffen, so tritt er aus, auch der, der dreimal 
getroffen wurde. Im übrigen nimmt dann das Spiel denselben Verlauf, wie das vorige. 

6.) „Ecke haue!" Dieses Spiel kann von 4, 6, 8 Knaben gespielt werden. 
In einer Entfernung von 30 Schritten werden zwei lange Striche gezogen. Vor 
dem Spiele teilen sich die Knaben in zwei Gruppen, zu gleichen Teilen. Dann 
losen sie, wer zuerst „am haue es". Auf einen Strich stellen sich nun die 
„Schläger" mit einem von der andern Gruppe, der das „Einschenken" des Balles 
besorgen muss. Dieser Knabe führt den Namen „Mitzemann", nach dem Strich, 
auf dem er steht. Derselbe heisst nämlich „die Mitz". (Mitte?) Die andern 
Knaben von der Gruppe des „Mitzemanns" stehen nun in kleinerer oder grösserer 
Entfernung von dem anderen Strich. Sie suchen den Ball aufzufangen, den ein 
„Schläger" von der „Mitz" aus schlägt. Ergreifen sie den Ball sofort aus der 
Luft, oder nachdem er einmal den Boden berührt hat, so treten sie an die Stelle 
der „Schläger". Im andern Falle müssen sie suchen, den „Schläger" zu treffen, 
der unterdessen von der „Mitz" zu dem andern Striche läuft. Von hier aus 
läuft er wieder zur „Mitz" zurück. Dann suchen ihn die obenstehenden Spieler 
zu treffen. Treffen diese ihn, so treten sie an die Stelle der „Schläger". Im 
andern Falle wird das Spiel in derselben Anordnung fortgesetzt. Trifft auf der 
„Mitz" ein „Schläger" den Ball nicht, so darf der „Mitzemann" den schnell 
davoneilenden „Schläger" werfen. Dann gelten dieselben Regeln, die oben schon 
angegeben sind. 

7 ) „Kuhle muhle!" Es kann von beliebig viel Kindern gespielt werden. 
Die Spieler zerfallen in zwei Gruppen. Zur ersten Gruppe gehören mit einer 
Ausnahme alle andern. Dieser eine bildet die zweite Gruppe. Die erste Gruppe 
legt sich Zahlen bei, und zwar jeder eine Zahl. Dabei muss die fortlaufende 
Zahlenreihe gebraucht werden. Diese Zahlen dürfen dem einen Mitspieler nicht 
bekannt sein. Die Spieler treten nun an einen Hut, der auf dem Boden liegt. 
In den Hut wird ein Ball gelegt. Alle drehen dem Hut den Rücken, und der 



63 

eine Spieler (dieser hat Nr. 1) ruft nun: „Kuhle, mnhie'' Nr irgend eine, 

im Bereiche der Zahlen als auch Mitglieder da sind. Angenommen er ruft Nr. 3. 
Der Spieler, der diese Nummer hat, ergreift den Ball und ruft dann: „Halt!* 
Bei diesem Kufe müssen alle stehen. Dieser wirft nun nach einem mit dem 
Bali. Wird er getroffen, so tritt er aus. Fehlt der Wurf, dann tritt der aus, 
der geworfen hat. Derjenige, der Nr. 1 hat, muss auch austreten, wenn er 
getroffen wird, oder wenn er eine Nr. ruft, die nicht mehr am Spiel heteiligt 
ist. An seine Stelle tritt der, der die folgende Nr. hat, sofern er noch am Spiel 
beteiligt ist. Ist Nr. 2 ausgetreten und muss jetzt Nr. 1 austreten, so tritt an 
Stelle von Nr. 1 Nr. 3. 

8.) Königsball (auch für Mädchen). Ein Spieler, der König, der durch 
Abzählen erkoren ist, steht in einiger Entfernung von den übrigen Spielern. 
Er wirft. Er wirft in grossen Bogen, möglichst hoch, den Ball seinen Mitspielern 
zn. Wer den Ball fängt, d. h. aus der Luft aufgreift, der ist König. Auch 
der wird König, der den Ball fängt, wenn dieser einmal » getippt" hat, d. h. 
wenn der Ball nur einmal die Erde berührt hat. 

9.) Das Tnrelnrespiel, auch ,,KttssebäI^^. An dem Spiele können sich 
beliebig viele Kinder beteiligen. Sind fünf Mitspieler da, so werden sechs „KuUen" 
(kleine runde Vertiefungen in den Erdboden) in einer Linie gemacht. Jeder 
bekommt ein Loch, das letzte Loch heisst „Turelure". Etwa drei bis vier Schritte 
vor der ersten Kuli wird ein Strich, der Ansatzstrich gezogen. Von hier aus 
bemüht sich jeder, einen Ball in die Kulle eines seiner Gegner zu rollen. Hat 
jemand den Ball in ein Loch geworfen, so springt der Besitzer sofort herzu und 
greift den Ball, um von seinem Loche aus einen seiner Mitspieler, die sich 
nnterdessen entfernt haben, zu werfen. Trifft er diesen nicht, so bekommt er 
,en Stengke en de Kuli*'. Trifft er ihn doch, so muss der Getroffene von seinem 
Loche aus einen seiner Gespielen werfen. Derjenige bekommt also einen Stein 
in sein Loch geworfen, der nicht trifft. Dann setzt sich das Spiel fort, bis 
einer eine bestimmte Anzahl Steinchen bekommen hat. Hat einer die vor dem 
Spiele bestimmte Zahl Steinchen in seinem Loch, so muss er sich mit dem Gesicht 
gegen die Mauer stellen und jeder wirft ihm „fief op da Puckel möt da Bäl". 
Trifft einer z. B. drei mal nicht, so darf der Schuldigt dem, der vorbeigeworfen 
hat, drei Würfe wiedergeben. Wirft einer den Ball in das sechste Loch, in 
Tnrelnre, so rufen alle „Turelure** und jeder stellt sich an sein Loch und zwar 
mit dem Kücken der Kuli zugekehrt. Dann legt derjenige, der den Ball in das 
letzte Loch geworfen hat, einem andern denselben in die KuU. Er ruft dessen 
Namen und alle andern entfernen sich. Der greift den Ball und trifft entweder 
einen, oder er bekommt „en Stengke en de KulP. 

10.) Uimmel und HSlle. Es ist dies ein Ballspiel, welches in der Begel 
von Knaben gespielt wird. Es werden in einiger Entfernung voneinander zwei 
Plätze, Himmel und Hölle, durch Striche bezeichnet. Einer der Knaben ist in 
der Hölle, die übrigen im Himmel. In der Mitte zwischen beiden Partien liegt 
ein Stein. Einer der Knaben, die im Himmel sind, schlägt nun einen Ball mit 
einem Stock zur anderen Partie hinüber, läuft gleich darauf zu dem Stein, den 
er mit dem Stock berühren muss, und wieder zurück zu seiner Partie. Unter- 
dessen nimmt der, welcher in der Hölle ist, den Ball und wirft ihn nach dem 
Schläger. Trifft er ihn, so muss dieser zu seiner Partei übertreten. Gelingt 
es dem ersteren, den Ball aufzufangen ehe er die Erde berührt, so muss der 
Schläger an seine Stelle treten und er kann zu der anderen Partei übertreten. 
Sonst setzt sich das Spiel in der angegebenen Weise fort, bis alle Knaben bis 
anf einen in der Hölle sind (die dann Himmel wird). 



64 

11.) Rojeii Hahn. Die Kinder stellen sich in einem Kreise auf, etwa 
zwei Schritte von einander entfernt. Jedes Kind steht in einem viereckigen 
Häuschen. Jetzt geht ein Kind mit einem Balle um den Kreis Es singt dabei: 
„Bojen Hahn, wat hed gej an, twee paar Strämp en twee paar Schnhn, Dat bed 
den rojen Hahn vandun'^ (nötig). Dabei legt es den Ball hinter eins der Kinder 
und läuft dann schnell weiter. Bemerkt das Kind den Ball, so eilt es dem 
Läufer nach, um ihn mit dem Balle zu treffen. Erreicht der Läufer vor dem 
Kinde dessen Platz, ohne geworfen worden zu sein, so läuft er weiter, während 
das andere Kind austreten muss. Wird jedoch der „roje Hahn'' geworfen, so 
muss er austreten und das andere Kind vertritt seine Stelle. So nimmt das 
Spiel seinen Fortgang, bis nur noch ein Kind übrig bleibt. Mit diesem geht 
der „roje Hahn'' hin und verbirgt den Ball. Die anderen Kinder kommen herbei 
und suchen denselben. Dasjenige Kind, das den Ball findet, ist jetzt „rojen Habn^ 

12.) Alle Balle Kulle. Die Knaben, etwa fünf oder sechs, graben sich 

jeder eine Vertiefung in den Boden (KuU genannt), in die eine Faust hiuein- 

passt. Sodann stellt sich der erste (a) auf einen vier Schritt ent- 

^ fernten Strich und rollt einen Gummiball vorsichtig über den Boden, 

^ ^ sodass er in eines der Löcher hineinfällt. Der Knabe, dem das 

O ^ Loch angehört, etwa c, stellt den Fuss auf den Ball und ruft : 

Oc ^AUe Balle Kulle!" Darauf erwidern die anderen: „Schmeks, 

Ob Schmacks, Schmnlle!" „Koukle Kaud?" (auch Kautabak) fragte 

O a darauf, und jene erwidern: „Welche Haud?" [In anderen Gegenden 

hört man auch „Habakuck, schnick schnack schnuck; in noch 

anderen Gegenden heissen Ruf und Gegenruf: „Habakuck" — 

„Schnudel" — „Konvermant" — „in wem sin Hand?** „in Tei!" 

g = Theodor (oder ein anderer Name.)] Jetzt nennt c einen der 

Mitspieler, auch wohl seinen eigenen Namen. Der Genannte ergreift 
den Ball und sucht von dem Striche aus einen der Mitspieler, die nach allen 
Seiten auseinandergestoben sind, mit dem Balle zu treffen. Gelingt ihm das, 
so muss der Getroffene seine Vertiefung mit dem Sand zudecken; gelingt es ihm 
nicht, so muss er selbst vom Spiel zurücktreten und seine Vertiefung ausfüllen. 
So nimmt das Spiel seinen Fortgang, bis nur noch einer übrig bleibt. 

IV. Lanfspiele. 

1.) Räuber und Gendarm (bekannt). 

2.) 9,Nohlopes^^ (Nachlaufen). Es wird abgezählt. 

3.) ,,Ecke Iure" (sehr beliebt). Die Kinder wählen ein Häuserviereck 
und laufen um dasselbe herum. Einer lauert an einer Ecke, um einen anderen 
zu sehen. Der Gesehene wird „angeklopft" (an die Wand) und muss jetzt lauern. 

4.) „Kriege spi$le^^ (= spielen) ist Nachlaufen. 

5.) ,,Bömmke wit lope^^ = Bäumchen weiter laufen (Bäumchen Wechsel 
dich !). Gewöhnlich fünf Spieler, vier an den Bäumchen, einer im Spiel. Während 
die vier durch gegenseitiges Zurufen „Bömmke, Wechsel dich!" ihre Bäumchen 
vertauschen, ist der fünfte Spieler darauf bedacht, einen nicht besetzten Baam 
zu erhaschen. Gelingt ihm dies, so findet sich der sog. „Fünfte" von selbst wieder. 

6.) „Acere^^ (akkreditieren = bevollmächtigen) Das Spiel wird meistens 
von Knaben ausgeführt. Eine beliebige Anzahl Spieler kann sich zugleich 
beteiligen. Ein Kind wird gewählt, das sich an eine Mauer stellt und die Augen 
schliesst. Die andern Kinder verstecken sich. Das durch einen Buf zum Suchen 
aufgeforderte Kind muss nun den ganzen Körper, eines andern Kindes sehen, 



65 

um es zum Fänger machen zu können. Hat das Kind einen Arm oder ein Bein 
hinter einem Baume versteckt, so ist es noch geschützt. Ist endlich ein Kind 
ganz gesehen worden, so läuft er zu dem Platze, an dem vorher der Fänger 
stand, schlägt mit der Hand drei mal gegen die Mauer und ruft dabei: „Akkre, 
Akkre för mich!'' Das fangende Kind folgt ihm und macht es ebenso. Wer 
nun zuletzt am Platze ist und die Worte vollendet hat, muss Jagd auf die tlbrigen 
Spieler machen. Ist ein Kind, das vom Fänger verfolgt wird, in Gefahr, so 
darf ein anderes, das schon am Platze ist, für das kommende die Losungsworte 
sagen und es so schützen. (Für ein noch im Versteck verbleibendes Kind kann 
nicht eingetreten werden.) Sind alle Kinder am Platze, so muss das zuerst 
gefangene Kind zurückbleiben, während die andern sich wieder verstecken. 

7.) „Yerbergen affkloppen.^^ Um zu ermitteln, wer der Suchende sein 
soll, läuft die Spielerschar auf ein bestimmtes Zeichen (Zählen) nach einer vorher 
bestimmten Stelle (Baum, Tür). Wer zuletzt an der Stelle anlangt, hält seine 
Hände vor die Augen (oder lehnt sich mit dem Gesichte gegen den Baum oder 
die Tür) und zählt: „10, — 20, — 30, — 40, — 50, — 60 bis 100, wer 
sich noch nicht verborgen (versteckt) hat, der ist.*' Die andern haben sich 
indessen ein günstiges Versteck aufgesucht. Der Suchende entfernt sich vom 
Baume und ist darauf bedacht, die andern zu suchen (zu sehen). Gelingt es 
ihm, einen zu sehen, so ruft er denselben beim Namen, läuft zum Baume zurück 
und berührt diesen mit der Hand. Der Gesehene sucht den Suchenden (besonders 
auf weiteren Strecken) beim Laufen einzuholen und eher den Baum zu berühren. 
Gelingt es ihm, so darf er sich wieder verstecken, während der andere mit ver- 
schlossenen Augen wie eben gesagt abzählt. Gelingt es ihm nun, alle Versteckten 
zu sehen und rechtzeitig „affzukloppen'' (also mit der Hand bei jedem, den er 
gesehen, den Baum zu berühren), so ist derjenige der Suchende, der zuerst 
gesehen worden ist. 

8.) Wieviel Uhr ist es? Es können beliebig viele Kinder mitspielen. 
Ein Kind ist die Uhr. Die Uhr steht in einiger Entfernung von den andern. 
Za ihr kommt ein zweites Kind und fragt dann: „Wieviel Uhr ist es?'' Die 
„Uhr" nennt irgend eine Zeit (7*6). Dann begibt sich das zweite Kind wieder 
zu den andern Spielern und fragt sie der Reihe nach: „Wieviel Uhr ist es?*^ 

V^ Errät nun ein Kind die Zahl, so muss es fortlaufen, da es sonst von 

dem Frager mit einem Taschentuch, in dem ein Knoten ist, Schläge erhält. Wer 
die Zahl erraten hat, begibt sich nun zur „Uhr" und erfragt hier eine andere Zeit. 

9.) ,,]>e grise KlU.^^ Kinder ziehen in einer breiten Beihe über die 
Strasse, bis an eine Ecke, wo sich ein Kind verborgen hält. Sie singen dabei: 

„Wele wej es gau no Kevele gohn 
On hale Piptabak, 
On wenn de grise Käi ons kregt, 
Da steckt ons in de Sack 
Öm en Ür nit, öm twe Ür nit, 
Öm trij Ür nit — u. s. w., öm twelf Ür well." 

Haben die Kinder soweit gesungen, so sind sie gewöhnlich schon an der Strassen- 
ecke vorbei Dann kommt das Kind hinter der Ecke hervor und sucht eines 
der Kinder, die schnell wieder an den Strassenanfang zurücklaufen, zu fangen. 
Die Gefangenen werden mit hinter die Ecke genommen. Das Spiel wird fort- 
gesetzt, bis alle gefangen sind. 

10.) KllSekske, wu lät? Die Kinder stellen sich in eine Beihe an eine 
Wand. Zwei gehen hin und erdenken sich eine Zeit, etwa V^12 Uhr. Derjenige 
von beiden, der ein Taschentuch mit einem Knoten in der Hand hält, geht an 

Niederdeatsches Jahrbuch XXXII. 5 



66 

der Reihe vorbei und stellt die Frage: „Klöckske, wu lät?" Dabei gibt er an, 
ob die Stunde ganz oder halb oder nur zum vierten Teile geraten werden soll. 
Er sagt: ganze Üre (ganze Stunden), hälfe Üre (halbe Stunden) oder verdle Üre 
(viertel Stunden). Derjenige, der das Rechte rät, muss bis zu einem bestimmten 
Orte, etwa einem Baume, laufen, verfolgt von dem „ Frager ", der ihn mit dem 
Taschentuch zu schlagen bemüht ist, bis er an seinen Platz zurückgekehrt ist. 
Sodann bekommt der zweite der Frager den Schläger, derjenige, der geraten hat, 
begleitet ihn, während sein Platz von dem ersten Frager eingenommen wird. 
Sodann erfolgt auf dieselbe Art und Weise der Fortgang des Spieles. 

11.) Mösse verkoope! Vögel verkaufen! Die Kinder stellen sich in einer 
Reihe auf. Sodann treten drei von ihnen vor. Der eine von ihnen ist der 
Besitzer der Vögel, der andere Engel, der letzte Teufel. Die beiden Käufer 
(Teufel und Engel) entfernen sich nun, bis der Besitzer jedem der Kinder einen 
Vogelnamen gegeben, hat. Sodann tritt der Engel hinzu, klopft dem Verkäufer 
auf den Rücken und spricht: „Klopp, klopp an ou Dör!'' Darauf fragt dieser: 
„Wi es an de Dör?" „Den Engel." Sodann tritt der Engel vor und fragt: 
„Heje enne schwarte M611?'' (Amsel) u. s. w. bis er einen Namen geraten hat. 
Der Knabe, der diesen Namen trägt, tritt vor. Nachdem der Engel dem Ver- 
käufer so viele Schläge in die Hand gegeben hat, als dieser Mark für den Vogel 
fordert, läuft dieser bis zu einem bestimmten Punkte, verfolgt von dem Engel. 
Holt der Engel den Vogel ein, ehe dieser an seinen Platz zurückgekehrt ist, so 
begleitet der Gefangene den Engel zu einem Orte, wo er bleiben muss; wird er 
nicht eingeholt, so kehrt er an seinen Platz zurück. Hierauf kommt der Teufel, 
um einen Vogel zu kaufen. So geht das fort, bis alle Vögel verkauft sind. 
Hierauf fassen sich die vom Teufel gefangenen Vögel an, die vom Engel 
gefangenen ebenfalls, und nun stellen sich die Parteien zu beiden Seiten eines 
Striches auf. Die ersten jeder Partei fassen sich jetzt gegenseitig an die Hand 
und beginnen zu ziehen. Werden die Engel über den Strich gezogen, so werden 
sie zu Teufeln, andernfalls die Teufel zu Engeln werden. ^ 

12.) „Tögelverkaufen", auch »Vogel flieg aus''. — Vügel gelle. Dieses 
ist für kleine Kinder ein höchst spannendes Spiel. Einer ist Vogelhändler und 
ein anderer der Käufer. Der Vogelhändler stellt die andern Spieler ider Reihe 
nach auf. Jeder erhält einen Vogelnamen : Sperling, Drossel, Rotkehlchen a. s. w. 
Die Namen können die Vögel sich selbst wählen, doch dürfen nicht zwei gleiche 
Namen darunter sein. Der Käufer hat sein Mal etwa 20 Schritte von den 
Spielern entfernt. Wenn der Vogelhändler mit der Verteilung der Namen fertig 
ist, gibt er dem Käufer einen Wink zu kommen. Etwa 6 Schritte von den 
Vögeln entfernt fragt er den Vogel händler : „Hast Du Vögel zu verkaufen?" — 
„Ja, welchen willst Du?" — „Hast Du einen Zeisig?" — „Nein!" — „Denn 
ein Rotkehlchen?" — „Ja, es kostet 5 Mark." Nun läuft der betreffende Vogel 
so schnell als möglich zum Male des Käufers und zurück. Der Käufer zahlt 
erst den Preis und zwar durch soviele Schläge auf die vorgestreckte Hand, als 
der Preis beträgt, doch darf dieser nicht über 10 betragen. Hat er so bezahlt, 
dann sucht er den Vogel zu fangen. Vogel wie Käufer müssen das Mal des 
Käufers berühren. Gelingt es dem Käufer nicht, den Vogel zu fangen, so tritt 
der flinke Vogel beim Händler ein und erhält einen anderen Namen. Das Spiel 
ist beendet, wenn der Käufer sämtliche Vögel eingefangen hat. 

13.) „Kinderehen, Kinderehen, kommt herbei !^^ (Auch „UOlegänsehen 
kommt naeh Haus.^^) An diesem Spiele nehmen Kinder jeden Alters teil. Aach 
wird dieses Spiel von Knaben und Mädchen gespielt. Die Zahl kann beliebig 
gross sein, doch nicht unter 6. Ein älteres Mädchen ist die Grossmutter, ein 



67 



Brück 



en 



Wasser 
Brücken 



WftBser 



kräftiger Knabe der Wolf, die Spielerschar stellt sich in einer Beihe auf. Der Wolf 
hält sich hinter einem Baume oder Türmcheu versteckt. Die Grossmatter steht 
etwas Ton der Schar entfernt und ruft : „Kinderchen, Kinderchen, kommt herbei!' 

— jWir kommen nicht!'' — ,, Warum denn nicht?* — »Der Wolf ist da!* — 
jWas will er denn?" — , Steinchen suchen!" — «Was will er mit dem Steinchen?* 

— ^Messer schleifen!* — »Was will er mit dem Messer?* — ,Hals abschneiden!* 

— , Kinderchen, Kinderchen, kommt nach Haus!* Die Kinder laufen alle schnell 
zur Grossmutter. Der Wolf sucht ein Kind zu fangen und nimmt es mit. 
Darauf beginnt das Spiel von neuem. Die gefangenen Kinder unterstützen nun 
den Wolf. Das Spiel ist beendet, wenn der Wolf sämtliche Kinder gefangen hat. 

14.) Richter and Dieb. An diesem Spiele nehmen mindestens 6 Knaben 
teil. Auf Papierstreifen stehen die Namen : Kaiser, Richter, Scharfrichter, Zeuge, 
Baner, Dieb. Die Briefchen werden zusammengefalten und von einem Knaben 
iu die Höhe geworfen. Dann sucht jeder ein Briefchen zu bekommen. Derjenige, 
anf dessen Zettelchen „Dieb* steht, flieht. Er wird von dem Zeugen und Bauer 
verfolgt und eingefangen und zum Kichter gebracht. Der Bauer klagt ihn wegen 
einer Tat an. Der Zeuge bestätigt die Angabe des Bauers. Nun wird er ver- 
urteilt zu 10 — 20 Faustschlägen. Er kann aber auch beim Kaiser um Qnade 
bitten. Erlässt der die Strafe, so wird er freigelassen, sonst aber übt der Scharf- 
richter die angesetzte Strafe aus. 

15.) „Brökke-lu-epe." „Wa- 
terlope.* (Brückenlaufen.) Zu diesem 
Spiele wählen die Spieler einen mög- 
lichst rechteckigen Platz. Dieser wird 
durch Striche auf der Erde eingeteilt 
in Brücken und Wasser. Siehe Figur. 
Nachdem nun einer durch das Auszählen 
,nbttelle* zum Nachlaufen bestimmt 
worden ist, nimmt das Spiel seinen Anfang. Jeder Spieler muss darauf achten, 
dass er nicht die Brücken verlässt und ins Wasser tritt; denn sonst ist er 
geschlagen. Den einmal angefangenen Weg muss der Spieler bis zur folgenden 
Ecke vollenden. Dort kann er einen verschiedenen Weg einschlagen. Dagegen 
darf der durch das Auszählen bestimmte Spieler seinen Lauf innerhalb der 
Brücken ändern. Das Spiel wird weitergespielt wie das gewöhnliche Nachlaufen. 

16.) ,,E>;kepieiiaa>^ Durch das Abzählen ist einer zum Läufer bestimmt 
worden. Die übrigen Spieler suchen die nächste Ecke zu gewinnen, wo sie von 
dem Läufer, der noch auf seinem alten Platze steht, nicht gesehen werden 
können. Auf den Ruf der Spieler „Halua* verlässt der Läufer seinen Platz und 
sncht einen an der Ecke zu Gesicht zu bekommen, er ruft ihn beim Namen und 
läuft zum Auszählplatze, wo er „ankleckt* an die Wand schlägt und den Namen 
des Gesehenen nennt. Die anderen Spieler kommen herbei und „klecken sich 
selbst an*. Wer zuletzt kommt, ist Läufer für das folgende Spiel. 

17.) Eier stehlen. (Eier klauen.) Die Spieler teilen sich in zwei Parteien 
Ton beliebiger aber gleicher Anzahl und nehmen an einem Strich, der „Grenze*, 
Anfstellnng. In gleicher Entfernung vom Strich hat jede Partei einen Kreis, in 
dem sich die Eier (Steine) befinden. Jeder Spieler einer Partei sucht die Eier 
der andern zu holen, ohne geschlagen zu werden. Wird er geschlagen, so ist 
er Gefangener und muss am Kreise (^dem Neste) des Gegners Aufstellung nehmen. 
Er kann jedoch durch Anschlag von einem Spieler seiner Partei erlöst werden. 
Selbstverständlich darf diesdr nicht bereits, ehe er schlägt, geschlagen worden 
sein. Die Partei, deren Nest zuerst leer wird, hat verloren. 



Wasser 



Brücken 



Wasser 



68 

18.) Kätzke op et Stttbbke. Spielerzahl beliebig. Der Spielplatz ist das 
Trottoir (die Stnbb vor einem Haase). Ein Spieler ist Kätzchen; er steht auf 
dem Fusssteig und muss einen der Spieler, der sein Keich betritt, anschlagen. 
Gelingt es ihm, so wird der Geschlagene Kätzchen. Dient ein Hügel als Spiel- 
platz, so ist der Zaraf der Spieler: „Ich bin auf deinem goldnen Berg!^ 

19 ) Für folgendes Spiel ist mir kein besonderer Name bekannt: Die Spieler 
(Zahl beliebig) nehmen in einigen Schritten Abstand voneinander in einem Kreise 
Aufstellang. Jeder macht vor sich nun einen Kreis von etwa einem Schritt 
Durchmesser. Mit einer flachen Scheibe suchen sie nacheinander in den Kreis 
des linken Nachbars zu werfen. Wem es gelingt, der läuft (vom Besitzer des 
Kreises, der vorwärts läuft, verfolgt) rückwärts fort. Der Einholende muss 
den Eingeholten bis zu seinem Kreise als Keiter tragen. 

•20) Alle meine Lämmlein kommt nach Haas! Ein Mädchen ist die 
Mutter, die andern sind die Kinder. Die Mutter schickt die Kinder zum Spiel. 
^achher ruft sie dieselben zurück mit den Worten: „Alle meine Lämmlein kommt 
nach Haas!'' Die Kinder antworten : „Wir können nicht!*' Die Mutter: „Waium 
denn nicht?" Die Kinder: „Der Wolf isl; da." Die Mutter: „Was frisst er denn?" 
Die Kinder: „Lämmleinfleisch." Die Mutter: „Was trinkt er denn?" Die 
Kinder: „Lämmleinblut." Die Mutter: „Alle meine Lämnilein kommt nach Haus!" 
Jetzt laufen alle Kinder der Mutter zu. Ein anderes Kind, das Wolf ist, läuft 
nun von der Seite her zwischen die Kinder und sucht eins zu erhaschen. Das 
Kind, das von ihm gefangen wird, muss nun mit Wolf sein tind das Spiel beginnt 
nun wieder von neuem und wird so lange fortgesetzt, bis alle Lämmlein 
gefangen sind. 

21.) ömstohn (Umstehen). Ein Kind stellt sich mit dem Gesichte gegen 
die Wand (auf der Strasse). Alle übrigen Mitspieler stehen an der entgegen- 
gesetzten Wand. Diese suchen jetzt zu dem Umstehenden zu kommen, ohne 
von dem gesehen zu werden. Da jener aber von Zeit zu Zeit umsieht, können 
die andern immer nur um kleine Strecken voran kommen. Wer weitergeht, 
sodass der Umstehende es sieht, muss seinen Lauf von neuem beginnen. Erreicht 
einer den Umstehenden, so tritt er an dessen Stelle. 

22.) Hömplenbur („Henkele Bott", Hinkender Bote). Ein Kind wird 
gewählt und in den sog. Kessel getrieben, wo es vor der Verfolgung der Mit- 
spieler gesichert ist. Es wird Hömplenbur genannt (von hinken, hömplen). Der 
Hömplenbur darf nur in Hüpfgang sein Reich verlassen. In der Hand hat er, 
wie auch alle anderen Spieler, ein fest geknotetes Taschentuch. Triift er einen 
hiermit, so sucht er, wie auch der Geschlagene, möglichst schnell den Kessel 
wieder auf, um sich vor den Schlägen der andern zu schützen. Ebenso muss 
der Hömplenbur wieder in den Kessel zurück, wenn er statt des Hüpfganges 
gegangen ist, oder wenn er sich nicht vor dem Herauskommen angemeldet hat. 
Hat er so mehrere gefangen, so schickt er diese nach Belieben aus: „Hömplenbur 
scheckt twie Gesellen ut," oder: „H. scheckt sin Gesellen ut, hä kömmt nitenohe" 
u. s. w. Natürlich müssen die Gesellen auch den Hüpfgang annehmen. Das 
Einfangen geschieht so lange, bis alle eingefangen sind. Der letzte ist im 
folgenden Spiele wieder „Hömplenbur". 

23.) Strassenmämicheii. An diesem Spiel kann eine beliebige Anzahl 
Kinder teilnehmen. Ein bestimmter Teil des Trottoirs wird als Spielraum 
abgegrenzt; nun wird einer der Spieler durch das Los zum „Strassenmänncheu" 
gewählt; dieser hat seinen Platz auf dem abgegrenzten Teil der Strasse und 
darf diesen Baum nicht verlassen. Die übrigen Spieler laufen nun auf das 
Gebiet des „Strassenmännchens" und singen dabei: „Strassenmänncben, Strassen- 



69 

männcheD, ich bin auf deiner Strasse.'' Der zum „Strassenmänncben*' bestimmt 
ist, sacht jetzt einen Spieler zu schlagen; gelingt ihm dies, so ist er frei und 
der Geschlagene „Strassenmännchen''. Dann geht das Spiel in der beschriebenen 
Weise weiter. 

24.) ,,Matter, darf ieh^^ auch „Herr, Herr, darf ieh?^^ Ein Kind stellt 
sich mit dem Gesichte gegen die Mauer und hält die Augen zu. Die andern 
Kinder stellen sich mit dem Rücken gegen eine gegenüberliegende Wand. Nach 
der Eeihe sagt nun jedes einzelne Kind: »Mutter, darf ich? Wieviel Schritt?'' 
Das Kind an der anderen Mauer hat nun darüber zu bestimmen, wieviel Schritte 
von jedem Fragenden gemacht werden. Während das Kind vorangeht, sieht das 
andere Kind, welches an der anderen Mauer steht, plötzlich um. Hat es das 
Gehen nicht bemerkt, so bleibt das Kind an der neuen Stelle stehen, im andern 
Falle muss es eine bestimmte Anzahl Schritte zurückgehen. Dasjenige Kind, 
das auf diese Weise zuerst die Wand erreicht hat, darf sich allein an die 
Wand stellen. 

25.) Taschenttteher stritzen. Die Mitspieler bilden zwei Parteien. Es 
wird die Stellung wie beim Barlauf eingenommen, nur ist nicht soviel Platz 
nötig. Diese Partei legt das Taschentuch eines jeden in gewissen Abständen 
etwa an dieser Mauer entlang, jene Partei an der anderen Mauer entlang Genau 
in der Mitte wird ein Strich gezogen. Jetzt muss jede Partei sorgen, möglichst 
viele Tücher zu erhalten, ohne bevor geschlagen worden zu sein. Von beiden 
Parteien müssen daher die Grenze und Tücher bewacht werden. Jeder Geschlagene 
muss direkt über die Grenze zurückgehen. Es dürfen im anderen Falle soviel 
Tücher mitgenommen werden, als man bekommen kann, bis man geschlagen wird 
Die gestohlenen Tücher werden zu den andern auf die Seite des Siegers gelegt. 
Wenn einer Partei alle Tücher genommen sind, hat sie verloren. 

V. Boekspringen. 

1.) Bock, Bock, wieviel Höres (Hörner). Die Spieler zählen nach einem 
Reime ab; so wird der Bock bestimmt. Dieser beugt seinen Rücken und hält 
sich an einer Mauer fest. Ein Knabe springt nun auf den Rücken des Bocks 
and hält einige Finger in die Höhe, aber so, dass es der Bock nicht sieht. 
Dann ruft er: „Bock, Bock, wieviel Höres!" Gibt der Bock nicht die rechte 
Zahl der emporgestreckten Finger an, so springt der folgende Spieler auf den 
Röcken des Bockes. Der Bock muss nun solange anhalten, bis er die Anzahl 
der emporgestreckten Finger errät. Darauf wird der letzte Reiter Bock. 

2.) Strich -Bock. Zuerst wird der Bock bestimmt. Dies geschieht 
folgendermassen : Die Spieler werfen jeder einen Stein gegen einen Strich, der, 

dessen Stein am weitesten von dem Strich („Ahn") liegt, ist Bock. ^ 

Nun werden eine Reihe paralleler Striche auf die Erde gezogen, e 

etwa wie nebenstehend. Diese Striche sind je etwa 10 cm von- ^ ""^ 

einander entfernt. Der Bock tritt nun anf den zweiten Strich 3 

und beugt seinen Rücken. Die anderen Spieler springen über ^ 

den Bock und zwar so, dass sie den ersten Strich, den «Ahn" 

mit ihren Füssen, wenigstens mit dem Absätze eines Fusses berühren. Gelingt 

dies allen Spielern, so geht der Bock einen Strich weiter. Dies wird solange 

fortgesetzt, bis ein Spieler nicht von dem „Ahn" abspringt. Dieser wird nun Bock. 

3.) Boelupringeii mit Taschentuchanflegen, Ein besonderer Name für 
dieses Spiel ist nicht bekannt. Der Bock wird auf dieselbe Weise bestimmt wie 
beim Strichbock. Die übrigen Spieler springen der Reihe nach über den Bock 
und legen dabei ihre Taschentücher (mit beiden Händen werden sie zuerst auf- 



70 

gelegt) auf seinen Rücken. Dann werden sie beim nochmaligen Überspringen 
wieder fortgenommen. Sodann werden die Tücher mit der linken Hand, dann 
mit der rechten Hand, dann mit dem Mande n. s. w. aufgelegt. Das Spiel wird 
solange fortgesetzt, bis ein Spieler sein Taschentuch beim Auflegen fallen lässt, 
oder, wenn er beim Abnehmen sein Taschentuch nicht abnimmt, oder, wenn er 
ein falsches Tuch fortnimmt, oder, wenn er ein anderes Taschentuch herunter- 
stösst. Dieser Spieler wird Bock. 

VI. Verschiedenes. 

1.) 99B1U*, pass op", auch „Bur of ", »^Bur de Plum (Mütze) af&chmiete". 

Es beteiligen sich etwa fünf Spieler. Jeder Spieler hat einen dicken Stein 
au einer bestimmten Stelle liegen. Derjenige, welcher „Bur'^ sein soll, legt 
seinen Stein auf zwei andere und stellt sich in die Nähe desselben auf. Einer 
von den andern fängt an, mit seinem Stein den kleinen Steinhaufen umzuwerfen, 
er spricht dabei: „Bur, pass op!'' Hat derselbe den Steinhaufen auseinander- 
geworfen, so müssen die Steine von dem Bur wieder aufeinandergesetzt werden. 
Währenddessen läuft der, welcher geworfen hat, zu seinem Stein und berührt 
denselben mit meinem Fuss. Er kann, sobald er über die Grenze ist, von dem 
Bur, wenn er den Steinhaufen aufgesetzt hat, geschlagen werden. Berührt er 
aber den Stein mit dem Fusse, so kann er ihm nichts machen. Hat er Aussicht, 
eher seine frühere Stelle zu erreichen, so fasst er alsdann den Stein mit beiden 
Händen an und läuft fort; bis der Bur seine Steine aufgesetzt hat, kann 
er dies. Anderenfalls wartet er solange, bis ein zweiter mit seinem Steine den 
Steinhaufen umwirft. Ein jeder, der nach seinem Wurfe den Stein mit der Hand 
berührt, kann von dem »Bur" verfolgt werden. Jedoch wird der „Bur" diesem 
nicht länger nachlaufen, da er befürchten muss, dass sein Haufen von dem Dritten 
umgeworfen wird. Wird einer vom »Bur* gefangen, wird er Bur. Der „gewesene 
Bur", nimmt seinen Stein von dem Häufchen und klopft dann drei mal auf den- 
selben und entfernt sich schnell, damit er nicht, da er den Stein mit der Hand 
berührt hat, von dem neuen „Bur" wieder geschlagen wird. 

2.) Namengeben (Himmel und Hölle). Dieses Spiel wird von vielen Kindern 
gespielt Ein Kind ist der Teufel, ein anderes der Engel. Ein drittes Kind 
gibt den übrigen einen Namen. Engel und Teufel raten nun abwechselnd den 
Namen eines Kindes. Derjenige, der den Namen rät, bekommt das Kind zu sich. 
Wenn alle geraten sind, so stellen sich die, welche zum Teufel gehören, auf 
eine Seite. Darauf stellen sich die Kinder der einzelnen Partei hintereinander 
und fassen sich mit den Händen um den Leib. Die ersten jeder Gruppe stellen 
sich mit dem linken Fusse an einen Strich und reichen sich die Hände. Es gilt 
nun, einen über den Strich zu ziehen. Diejenige Gruppe, die über den Strich 
gezogen ist, muss durchs „Spitzloch" (Klopfgasse). 

3.) Richter, Richter, ich verklage dich. (Wird namentlich im Winter 
gespielt.) An diesem Spiele können vier Personen teilnehmen. Man schneidet 
vier Blättchen Papier. Auf dem ersten steht: „Bürgermeister", auf dem zweiten: 
„Dieb", auf dem dritten: „Kläger", auf dem vierten: „Richter" geschrieben. Nach- 
dem die Blättchen zusammengefaltet worden sind, wirft einer sie auf den Tisch. 
Hat jeder ein Blättchen gegriffen, so sagt derjenige, der Kläger ist: „Richter, 
Richter, ich verklage dich." Darauf antwortet der Richter: „Warum verklagst 
du mich?" Kläger: „Der Dieb hat all mein Geld gestohlen." Richter: „Wer ist 
der Dieb?" Kläger: „Der und der." Richter: „Wieviel Schläge soU er haben?" 
Kläger: „20 derbe." Hat nun der Kläger den rechten Dieb gefunden, so muss 



71 

der Bürgermeister dem Diebe die genannten Schläge austeilen. Hat der Kläger 
aber den falschen geraten (also den Bürgermeister als Dieb angesehen), so erhält 
der Kläger die Schläge selbst vom Bürgermeister. 

4.) Plünderspiel. „Eck sin en Frau nt Pommerland, mine ganze Kröm 
es afgebrannt. Mot gej Melk hebbe?" — „Wat von höje dann?" — „Süte, 
sure, gehotelde en gebrodelde." (Süssei sanre, geschüttelte [Buttermilch] und 
gekochte.) Dann wird der Frau eine Bestellung gemacht, worauf diese antwortet : 
„Märje frng, w^nn dön Hahn kräjt, komm eck dat Gäld hole." (Morgen früh, 
wenn der Hahn kräht, komme ich das Geld holen.) Nachdem die Beihe auf 
diese Weise durchgangen ist, fängt die Frau bei dem Ersten wieder an, um das 
Geld zu holen. Der Käufer hat nun allerlei Einwendungen gegen die Güte der 
Milch Vergeht er sich gegen die üblichen Bedingungen des Spieles (nicht ja 
und nicht nein sagen, nicht weinen oder lachen), so muss er ein Pfand geben. 
— Das bekannte „Ich bin ein Kaufmann aus Paris" wird auch hier viel gespielt. 

5.) Metzerstttkeu (Messerstechen). Metzke steke. Das Messerstechen ist 
ein beliebtes Spiel zur Sommerzeit. Zum Zwecke des Spieles wird ein kleiner 
Haufen Sand zusammengelegt. Bund um auf dem Boden sitzen die Mitspielenden, 
die in beliebiger Zahl vorhanden sein können. Das Spiel besteht in der Haupt- 
sache darin, dass ein geöffnetes Messer so in die Höhe geworfen wird, dass es 
mit der Spitze in dem Sand stecken bleibt. Die Lage des Messers ist zunächst 
einfach wagerecht in der flachen Hand und zwar mit der Spitze nach den Fingern 
zu. Bei der folgenden Lage ist die Spitze des Messers zum Arme hingerichtet. 
Diese beiden Lagen finden auch auf der Oberfläche der Hand statt. Dann nimmt 
man die Spitze des Messers zwischen zwei Finger und schleudert dann das Messer. 
Bei der folgenden Lage nimmt man die Spitze vielleicht in den Mund. Dann 
nimmt man das Messer in die rechte Hand und legt den rechten Arm um den 
Nacken, um das Messer dann an dem linken Ohre vorbei in den Sand zu schleudern. 
Umgekehrt macht man dieses auch mit der linken Hand. Die verschiedenen 
Lagen können dadurch noch vielseitiger werden, indem man das Messer in der 
Luft herumschleudert, ehe es auf dem Boden anlangt. Dem Erfindungsgeiste 
der Mitspieler bleibt es nun vorbehalten, die Lage und den Wurf des Messers 
zu verändern, oder mehrere Würfe zu kombinieren. Die Reihenfolge der Lagen 
ist aber vorher ausgemacht. Wenn einer einen Fehlwurf macht, so muss er 
aufboren, im anderen Falle kann er die weiteren Würfe machen. Wer zuerst 
alle bezeichneten Würfe gemacht hat, hat gewonnen. 

6.) Das Blekeln. Ein beliebtes Ballspiel bei den Mädchen ist das Bickeln. 
Unter Bickel versteht man die kleinen Gelenkknöchelchen eines Hammels. Das 
Spiel wird an einem Tisch ausgeführt. Dazu sind vier solcher Bickeln notwendig. 
Dieselben werden auf den Tisch geworfen und zwar regellos. Dann wird von 
dem Mädchen, das an der Reihe ist, der Ball mit leichtem Nachdruck auf den 
Tisch geworfen. Er wird natürlich wieder in die Höhe fliegen, er „steutzt". 
Während der Ball sich noch in der Luft befindet, muss das Mädchen den ersten 
Bickel mit derselben Hand, mit der es den Ball geworfen hat, auf die Seite, 
wo die Vertiefung (Külleken) ist, zu bringen versuchen Gelingt es ihm, so 
bringt es die anderen Bickel in derselben Weise auf dieselbe Seite. Man sagt: 
„De Bickel leggen op das Külleken''. (Die Bickel liegen auf der Vertiefung.) 
Dasselbe wiederholt sich jedoch mit der Veränderung, dass die Knöchelchen auf 
den Rücken, wo die Erhöhung (Roggen) ist, zu liegen kommen. Man sagt dann : 
„De Bickel leggen op den Roggen". (Die Bickel liegen auf dem Rücken.) 
Dann folgt dasselbe aber so, dass die Bickel auf der schmalen Hochseite stehen. 
„De Bickel stöhn' (stehen). Damit ist der erste Teil zu Ende. Beim zweiten 



72 

Teile müssen sofort zwei Bickel statt eines Bickels gewendet werden. Beim dritten 
Teile müssen sofort drei und beim vierten Teile immer vier Bickel sofort gewendet 
werden. Anch bei diesem Spiel kann der Erfindangsgeist der Mitspieler tätig 
sein, indem verschiedene Stellangeu und Kombinationen vorgenommen werden. 
Wer zuerst aus ist, hat gewonnen. 

7.) „Eek kenn en Deng>^ (Ich kenne ein Ding.) Das ist ein beliebtes 
Spiel für die Kinder im Winter und in der Dämmerung im Sommer. Ein Kind: 
„Eck kenn en Deng dat met „0'' anfängt.'' Nun raten die andern Kinder. 
Rät nun ein Kind einen Gegenstand, der sich in der Nähe des zu erratenden 
Gegenstandes befindet, so sagt das erste Kind vielleicht „het'' (heiss) oder „don 
verbrennst dich jo''. Es will damit die Nähe des Gegenstandes ausdrücken. Im 
entgegengesetzten Falle sagt es „kolt" (kalt). Wenn ein Kind den richtigen 
Gegenstand, in diesem Falle „Ofen'', erraten hat, so gibt dasselbe eine neue 
Aufgabe. Vorher wird aber ausgemacht, auf wieweit sich das Fragen erstrecken 
darf, etwa auf das Zimmer, in dem sich die Mitratenden befinden. 

8.) Ein ähnliches Spiel ist das „Stöekskensöken^^ (Stöckchensuchen), 
„Stöpke versteäke^,. Alle Spieler müssen sich entfernen bis auf einen, der das 
Holzstöckchen oder einen sonstigen Gegenstand versteckt. Wenn er „nau" (nnn) 
ruft, kommen die anderen herbei, um den Gegenstand zu suchen. Der Finder 
ist jetzt an der Eeihe, zu verstecken. Bei diesem Spiele kommen auch die 
Bemerkungen „het" („heiss") und „kolt" vor, jenachdem sich der Sucher in der 
geringeren oder grösseren Entfernung von dem Gegenstand befindet. 

9.) Die Weisen aus dem Morgenland (auch Stummes Handwerk). Die 

Spieler zerfallen in zwei Gruppen. Eine beginnt das Spiel. Sie geht um eine Ecke 
und spricht sich dort ein Handwerk ab, d. h. sie suchen sich irgend ein Hand- 
werk aus und machen die Bewegungen dieses Handwerkers nach, z. B. das 
Ziegelbäcker -Handwerk. Einer tut, als wenn er Steine forttrüge, ein anderer, 
als wenn er Lehm grübe u. s. w. Alles dies geht stumm vor sich. Jetzt gehen 
sie zu der anderen Gruppe und sagen: „Es kamen drei Weisen aus dem Morgen- 
land." Darauf fragen die anderen: .Können sie auch arbeiten?" Mit der 
Antwort „ja" beginnen diese ihre Übungen. Aus diesen Übungen muss die 
zweite Gruppe erkennen, was für ein Handwerk sie betreiben. Errät sie es, so 
ist sie an der Reihe. Im anderen Falle ist die erste Gruppe noch einmal daran. 



VII. Reigenspiele. 

(Knaben und Mädchen, vornehmlich die letzteren, spielen diese Spiele.) 

1.) Die Kette (aÜbeliebt). Die Kinder bilden einen Kreis, fassen einander 
die Hände, ziehen rund und singen dabei: 

„Wir treten auf die Kette, dass die Kette klingt. 

Wir haben einen Vogel, der so schön singt. 

Vogel singt bei Tag und Nacht, 

(Vogel der heisst Nachtigall,) 

Hat gesungen sieben Jahr, 

Sieben Jahre sind nun um, 

Liebe N. dreh' dich um." 

Das aufgeforderte Kind dreht sich herum und geht, das Gesicht nach aussen 
gekehrt, mit rund. Nun singen alle anderen: 



73 

N. hat sich herumgedreht, 

Hat den ganzen Kreis verdreht. 

Einmai herum, zweimal herum, 

(Das Kind nimmt die frühere Stellung ein) 
Liehe(r) N. dreht sich hemm. 

So wird das Spiel fortgesetzt, his alle an der Reihe waren. 

2.) „Tömniermann, mak die goldne Port op^^ (im Clevischen Appele, 
pättele, tntn). Zwei Kinder reichen sich beide Häude nnd bezeichnen sich, ohne 
Mitwissen der andern Kinder, entweder als goldnes Buch bezw. goldnen Schlüssel 
oder als Appel bezw. Bier (Birne). Die übrigen Kinder reihen hintereinander 
and ziehen durch die ein Tor bildenden gefassten Hände der beiden ersten Kinder. 
Dabei wird gesungen : 

:,: „Tömmermann, Tömmermann, mak die goldne Port op'' :,: 

(Appele, pättele, tutu). 
:,: Nun kriech dadurch :,: 
Der letzte muss bezahlen." 

Der letzte wird festgehalten and gefragt: 

„Wat wellste liewer häwwe, Äppel oder Biere?" 

Je nachdem er sich entscheidet, stellt er sich hinter das betreifende Kind. 
Wenu keines mehr übrig ist, wiid, ähnlich wie beim Tauziehen, von den beiden 
Parteien „getrocke" und das Spiel beginnt von neuem. 

3.) „Krunekrane^^ („Kroune Krahne'^). Mädchen bilden einen Kreis, 
fasseu sich au und ziehen herum, indem sie singen: 

„Kroune Krahne, Wanneer welle we en nöje kriege? 

Witte (wickele) Schwane, Wenn de Pöppkes danze, 

Wä wöll möt noh Engelland fahren? Op die leäre Schanze. 

Engelland 5s geschloote, :,: Hopp Marjäuke danze! 

De Schlöttel ös gebrooke. Hu, hopp Marjänke hu!" :,: 

Bei den letzten Worten springen die Kinder lustig in die Höhe und setzen 
sich auf die Hacken. (In anderer Gegend heisst es: „Engelland es afgebrannt, 
Do blewe wej mer hie int Land.") 

4.) „Der verlorene Schatz/^ Die Kinder ziehen im Kreise, ein Kind 
steht in der Mitte. Alle singen: 

„Hier und da ist Gras Hab' verloren meinen Schatz, 

Und Gras unter meinen Füssen, Den werd ich suchen müssen." 

Das Kind in der Mitte : 

„Dieser mit dem blauen (roten) Kleid, Kann mir sehr gefallen." 

(Das aufgeforderte Kind geht zu dem andern.) Dieses singt: 

„Dreh dich herum, ich kenn* dich nicht, Bist es oder bist es nicht." 

Je nachdem das erste Kind sich zufrieden gibt oder necken will, singt es: 

Nein, ach nein, du bist es nicht! Scher dich hinaus, ich kenn dich nicht ! 

oder: 
Ja, ach ja, du bist es wohl. Komm zu mir und tanze. 

Je nach dieser Entwickelung beginnt das Spiel von neuem oder es setzt bei den 
Worten ein: „Dieser mit dem roten Kleid etc." 



74 

ö.) Seiklienspriiigreii. Hierbei gebrauchen die Mädchen häufig folgenden Vers: 

„N. N. heiss ich, schön bin ich, das weiss ich, 
Blonde Locken hab* ich, schwarze Strümpfe trag' ich. 
Ein Mädchen aus der „X"-Kla8s' 
Regiert die ganze Pstrass'/' 

6.) ,,Kreisspielen.^^ Die Kinder fassen einander bei den Händen und 
ziehen fortwährend im Kreise und singen dabei: 

a.) „Eingla'(6) Ringla(e) Kose, Morgen wollen wir fasten, 

Zucker in der Dose, Übermorgen Lämmlein schlachten, 

Schmalz in dem Kasten, Das soll rufen: ^mäh'/' 

Bei 'mäh' hocken alle Kinder nieder. Sodann beginnt das Spiel von neuem. 

b.) L Trauer, Trauer über Trauer, hab' verloren meinen Ring, 

Will mal, will mal, will mal sehen, ob ich ihn nicht finden kann! 

IL Freude, Freude über Freude, hab' gefunden meinen Ring, 

Will mal, will mal, will mal sehen, ob ich ihn verschenken kann. 

c.) Häschen (Lampe, auch Lambert) in der Grube (Kuhle) sass und schlief. 
„Armes Häschen, bist du krank, dass du nicht mehr hüpfen kannst?" 
Has' hüpf! Has' hüpf! 

(Bei den letzten Worten hüpfen die Kinder zusammen.) 

d.) Dreimal, dreimal um das Tor, 

Das Tor, das ist geschlossen. 
Wer hat's getan? wer hat's getan 
Dem König seine Tochter. 
Nun kriech^ hindurch, nun kriech' hindurch. 
Der letzte soll bezahlen. 
(Weiter s. S. 73 Nr. 2.) 

Diese Kreisspiele werden vorzugsweise von Mädchen gespielt. Doch lässt 
mau auch kleinere Knaben daran teilnehmen. 

7.) „Es regnet auf der Brücke und ich werde nass.^^ 

„Es regnet auf der Brücke und ich werde nass, 

Ich hab noch was vergessen und weiss nicht was? 

Komm her, mein Kind! komm her, mein Kind! 

Und sieh, was hier verweilet. 

Ja, ja freilich. 

Wo ich bin, da bleib ich. 

Bleib ich, wo ich bin. 

Adieu, mein Kind." 

Ein Kind steht einem andern gegenüber. Beide singen: „Es regnet u. s. w." 
Wenn sie singen: „Komm her", gehen sie aufeinander zu, umfassen sich, 
tanzen in der Runde und singen weiter. Bei „Adieu" bleiben sie stehen, uiul 
machen einander eine Verbeugung, gehen ein paar Schritte rückwärts und 
wiederholen das Spiel. 

8.) Adam hatte sieben 8öhn\ 

„Adam hatte sieben Söhn', 
Sieben Söhn' hat Adam! 
Sie assen nichts, 
Sie tranken nichts, 
ue taten alle so: 



75 

Mit dem Köpfchen nick, nick, nick, 
Mit den Fingerchen tipp, tipp, tipp, 
Mit den Händchen klatsch, klatsch, klatsch, 
Mit den Füsschen patsch, patsch, patsch/^ 

Die Kinder bilden einen geschlossenen Kreis nm Adam, der in die Mitte kommt, 
gehen rnnd herum nnd singen: „Adam hatte" u. s. w. Wenn sie gesungen: 
„Sie taten alle so", bleiben sie stehen und machen dann bei den folgenden 
Versen die entsprechenden Bewegungen. 

1. Sie nicken dreimal mit den Köpfen. 

2. Tippen dreimal mit den Fingern. 

3. Klatschen dreimal in die Hände. 

4. Stampfen dreimal mit den Fassen. 

9.) Zwischen C91u und Paris. 

Zwischen Cöln und Paris, 
Wo die neuste Mode ist, 
So machens die Herren, 
So machens die Herreu, • 
So machens die Herren. 

Das erste wird wiederholt und statt des letzteren gesungen: „So machens die 
Damen, die Schneider, die Waschfrauen, die Bauern", u. s. w., wobei jedesmal 
die entsprechende Geberde gemacht wird 

10.) Grttne, grrttne Seide. Die Kinder machen einen Kreis und singen: 

„Grüne, grtlne Seide, N. N. hat sich herumgedreht, 

Grüne Seide sieben Jahr, Das hat ihn Vater und Mutter gelehrt. 

Sieben Jahr sind um. Grttne, grüne Seide, 

Wer der allerjüngste ist, Grüne Seide sieben Jahr, u. s. w." 

Dreh' sich mal herum. 

Bei den Worten: „Dreh' dich herum" muss die Jüngste des Kreises sich drehen 
und bei N. N. wird ihr Name gesungen. Beim nächsten Mal muss die Nächst- 
jüngste sich drehen. 

11.) Blinde Kuh. Die Kinder bilden einen Kreis. Einssteht mit verbundenen 
Angen in der Mitte und ist die blinde Kuh. Ein Kind führt die blinde Kuh 
im Kreise herum, und sagt : „Blende koh, ick lei dech." Dann lässt sie sie los, 
die Kinder gehen rund um sie herum. Nun fasst sie ein Kind an, die übrigen 
bleiben dann alle stehen. 

Die blinde Kuh spricht: „Ick rück, ick rück." 

Alle sagen: „Wat rückst dou denn?" 

Die blinde Kuh: „Menschenfleesch." 

Alle: „Wenn ös et denn?" 

Kuh : N. N. Nennt den Namen des gefassten Kindes. 

Ist dieser richtig geraten, so ist dieses Kind fürs nächste Spiel die blinde Kuh, 
iat der Name unrichtig, so muss das erste Kiud die blinde Kuh bleiben. 

12.) Ich armer Mann. 

„Ich armer Mann, Und alle, die im Kreise sind. 

Was fang ich au? Die machen's so wie ich. 

Ich will mich lustig machen. Mein Singen hat gefallen 

So lang ich kann. Im ganzeu Kreise dir; 

Habt Acht auf mich! Es soll dir auch gefallen, 

Machts so wie ich! Weuu du nur wärest hier." 



76 

Die Kinder bilden einen Kreia, in der Mitte steht ein Kind (der arme Manu) und 
singt obiges. Wenn es singt: „Machte so wie ich'', macht es auch etwas be- 
stimmtes nach z. B. das Waschen. Das wird von den andern Kindern nach- 
gemacht. Bei den Worten: „Und alle, die im Kreise sind" wendet es sich 
ganz am, und klatscht in die Hände. Dies machen die andern Kinder ebenfalls 
zu gleicher Zeit nach. Bei der dritten Strophe zieht es ein anderes Kind ans 
der Eeihe in den Kreis für das neue Spiel. 

13.) Zaunspiel. Die Kinder machen einen Kreis, gehen rund und singen: 

„Wä sali ons helpen tünnen, Dat sali N. N. dun, 

Jo, tünnen onsen Tünn? Die sali ons helpen tünnen.'' 

Wenn es heisst, „Dat sali N. N. dun," legt das mit Namen genannte Kind die 
Arme quer übereinander. Das nebenstehende Kind an der linken Seite fasst 
sofort die rechte Hand, und das zur rechten Seite steht, die linke Hand des 
genannten Kindes, so dass der Kreis geschlossen bleibt. Dann singen sie weiter: 
„Wä sali ons" u. s. w. und bei „N. N." legt der rechte Nachbar des erstge- 
nannten Kindes die Arme übereinander. So fährt man fort, bis alle Kinder ge- 
nannt sind. Ist der Zaun endlich fertig, so wird er wieder abgebrochen, wobei 
die Kinder rund gehen und singen: 

„Wä sali uns helpen brecken, Dat sali N. N. dun, 

Jo, brecken onsen Tünn? Die (da) sali ons helpen breckeu." 

Wenn sie singen: „Dat sali N. N. dun," tut das vorhin zuerst genannte Kiud 
die Arme wieder aus der kreuzweisen Lage und fasst mit der linken Hand die 
linke Hand des Nachbars zur Linken, mit der Rechten die rechte Hand des 
Nachbars zur Rechten Die Worte: „Wä sali" u. s. w. werden dann wiederholt 
und bei N. N. macht das vorhin als zweitgeuannte seine Arme auseinander. 
Das geht bei den folgenden so fort, bis alle die Arme auseinander haben und 
wie im Anfange des Spieles dastehen. 

14.) Jakob wo bist da? aach 8ehmudel and Jakob. Die Mitspielenden 
bilden einen Kreis, einer vom andern etwas entfernt. Mitten im Kreise stehen 
zwei Kinder mit verbundenen Augen (Schmudel und Jakob). Schmudel sucht den 
Jakob zu fangen. Dann ruft er: „Jakob, wo bist du?" Jakob (möglichst 
leise): „Hier." Nun sucht Schmundel den Jakob zu erwischen und läuft ihm 
nach; dann fragt Schmudel wieder, wie oben. Läuft einer von Beiden aus dem 
Kreise, so rufen die Herumstehenden: Jakob oder Schmudel, du brennst dich, 
worauf er wieder in den Kreis zurück kommt. Wenn einer den andern gefangen 
hat, so tanzen beide im Kreise herum und wählen für's nächste Spiel wieder 
einen andern Schmudel und Jakob. 

15.) MartinspieL Am Vorabend des Martinsfestes versammeln sich die 
Kinder an einem vorher bestimmten Orte mit Fackeln und Kerzen und machen 
einen Eundgang durch den Ort, indem sie folgendes singen: 

„Martin, Santin, Wo de decke, fette Ferken sin. 

Dat Kärzken möt verbrannt sin, Klötzke hat een Kuh geschlacht. 

De Bare moten gegeten sin, Dat Fell wor fett, die Kuh wor mager, 

De Win, de mot gedronken sin, Klötzke mot die Schenken knagen. 

All over de ßhyn, al over de Rhyu, Martin, Santin u. s. w. 

Nachdem der Zug durch alle Strassen gezogen ist, machen sie auf dem Markt- 
platze Halt. Es erhebt sich ein vielstimmiges Geschrei: 

„Allärum, Allärum, 

Die Kocken sind warum" 

und alles läuft nach Hause, wo die Mutter bereits einen Haufen Kuchen gebacken 



77 

hat. Im Haasgang wird ein brennendes Licht aufgestellt. Die Kinder und 
Erwachsenen springen nacheinander darüber; wer so nahe darüber springt, dass 
darch den Luftzug die Kerze ausgelöscht wird, bekommt ein Stück Kuchen. 

16.) ,,Kiek dech niet Sm, de Plompsack geht heröm/^ Die Kinder stellen 
sich im Kreise auf, ohne umzusehen, halten die Hände auf dem Rücken. Eins 
geht hinter dem Kreise rund [mit dem Plumpsack (Taschentuch) in der Hand,] 
um den Kreis herum und sagt dabei: 

„Kiek dech niet 5m, de Plompsack geht heröm, 

Et Hennecke wol leggen, Ick dörf ou nicks seggen." 

Hat eins der Kinder die Hände nicht auf dem Rücken, so sagt es: 

„Fleesch op den Deesch'^ (Fleisch auf den lisch) 
und schlägt dabei das betreffende Kind mit dem Plumpsack auf den Rücken. Wenn 
es einige Mal um den Kreis gegangen ist, so gibt es einem beliebigen Kinde 
den Plumpsack in die Hand und ruft: „Plompsack los, den öm hätt!'' Das 
Kind schlägt nun seinen Nachbar zur Rechten damit. Dieser muss dann einige 
Mal rund um den Kreis laufen, wobei ihm der andere nachläuft und mit dem 
Plumpsack schlägt. Dann wird das Spiel wiederholt und geht das Kind, welches 
zuletzt den Plumpsack bekommen hat, mit demselben um den Kreis. 

17.) 9,Eek wor so lang eenen armen Moan.^^ Die Mitspielenden stehen 
im Kreise. Eins sagt nun die erste Zeile, und alle sprechen sie nach. Dasselbe ge- 
schieht mit den andern Zeilen. Derjenige, welcher sich verspricht, muss ein Pfand geben. 

1. Eck wor so lang eenen armen Moan, bis mech Gott een Hönnke gooy. 
Tris hett min Hönnke. 

2. Eck wor so lang eenen armen Moan, bis mech Gott een Hähnke gooy. 
Kückerükü hett minen Hahn, Tris hett min Hönnke. 

3. Eck wor so lang eenen armen Moan, bis mech Gott een Koh goov. 
Kommartu hett mine Koh, Kükerükü hett minen Hahn, Tris hett min Hönnke. 

4. Eck wor so lang eenen armen Moan, bis mech Gott een Goos goov. 
Lonkhols hett mine Goos, Kommartu hett mine Koh, Kükerükü hett mine 
Hahn, Tris hett min Hönnke. 

5. Eck wor so lang eenen armen Moan, bis mech Gott een Ent goov. 
Schnatterent hett min Ent, Lonkhols hett mine Goos, Kommartu hett mine 
Koh, Kükerükü hett mine Hahn, Tris hett min Hönnke. 

6. Eck wor so lang eenen armen Moan, bis mech Gott een Geet goov. 
Spreng över de Heck hett mine Geet, Schnatterent hett min Ent, Lonkhols 
hett mine Goos, Kommartu hett mine Koh, Kükerükü hett minen Hahn, 
Tris hett min Hönnke. 

18) „leh bin der Herr von Stelfen.^^ Verschiedene Kinder, welche alle 
den Namen eines Tieres haben, sitzen in einer Reihe, ein Kind der Herr von 
Steffen steht vor ihnen und singt: 

„Ich bin der Herr von Steffen, Ein Pfand gebricht. 

Verbiete Lachen und Sprechen. Die Kuh lässt sich hören.'' 

Wer lacht und spricht, Kuh: muh, muh, muh. 

Nach den Worten, Die Kuh lässt sich hören, erhebt sich das mit Kuh benannte 
Kind und ahmt das „Muhen'' der Kuh nach. Bei der Wiederholung muss ein 
anderes Tier seine Stimme erheben, es heisst dann : „Der Esel, die Ziege, der 
Hahn u. s. w. lässt sich hören." Wer dann nicht sofort oder öfter als dreimal 
die Laute nachahmt, muss ein Pfand geben. 

DÜREN. Karl Caro. 



78 



Ein niederdeutscher Katechismus- 
Auszug des 16. Jahrhunderts. 



Herr Buchhändler Robert Lübcke in Lübeck hat kürzlich einen 
kleinen niedersächsischen Schulkatechismus des 16. Jahrhunderts 
erworben, der bislang noch in keinem Exemplar bekannt geworden 
ist. Die äusserst knappe Form, die hier der Kleine Lutherische 
Katechismus bekommen hat, kennzeichnet das Bändchen als Schulbuch; 
und alle Schulbücher werden ja viel schneller verschleisst und auf- 
gebraucht als andere Bücher. So kommt es, dass sie leicht vollständig 
verschwinden und in späteren Jahrhunderten zur grössten Rarität 
werden können. Durch die Freundlichkeit des augenblicklichen 
Besitzers bin ich in den Stand gesetzt, eine nähere Beschreibung des 
Büchelchens zu geben. 

Es umfasst nur eine einzige, als 21 signierte, Lage von 8 Blättern 
aus derbem, starkem Papier in Oktavformat. Die ursprüngliche Höhe 
der Blätter betrug 16,2 cm, ihre Breite 10,5 cm. Das ist nur noch 
an wenigen Stellen zu erkennen, denn die Blattränder sind jetzt sehr 
stark durch Mäuse- und Wurmfrass beschädigt. Das Buch hat nämlich 
lange, lange Zeit zwischen den Balken eines alten Lübecker Hauses 
eingekeilt gesteckt und ist erst kürzlich beim Abbruche dieses Hauses 
ans Tageslicht gezogen worden. Glücklicherweise ist jedoch der Text 
des Buches nirgends erheblich verletzt, sondern es haben nur die 
äusseren Ränder gelitten. Der Einband ist recht primitiv, aber solide; 
ich erinnere mich, einen ganz ähnlichen Einband an einem alten Donat- 
drucke der Ebstorfer Klosterbibliothek, der nachweislich am Anfange 
des 16. Jahrhunderts beim lateinischen Unterricht im Kloster benutzt 
worden ist, angetroffen zu haben. Zwei alte Holzdeckel von je 
16,8x11,3 cm Umfang sind im Rücken mit einem schmalen Leder- 
streifen zusammengeklebt, der aus einer gepressten Einbandsdecke 
des 16. Jahrhunderts herausgeschnitten ist. In den Lederrücken ist 
der Druck kunstlos geheftet. Die Holzdeckel sind im Übrigen aussen 
völlig unbezogen ; innen sind sie mit Papier ausgeklebt, das zu einem 
Briefe des 16. Jahrhunderts gehört hat. Wenigstens lesen wir auf der 
Innenseite des Vorderdeckels folgende (jetzt über Kopf stehende) 
Adresse : Dem Erfamenn Her jBr(ristoff ?) | grümenfagenn Kercher (tho) 
Sunte Lambers Kercken \ tho handefi. ffj. gj. Lederrücken und 
Beklebpapier zeigen gleichfalls starke Beschädigungen durch Wurm- 
frass, dagegen sind die Holzdeckel selbst so gut wie gar nicht an- 
gefressen. In der Mitte des äusseren Randes haben die Deckel ein 
kleines Loch für das Band, mit dem das Buch zugeknüpft wurde; in 
dem einen Loche steckt noch ein Stückchen groben Bindfadens. 



79 

Bl. S"" findet sich, am Schlüsse des Katechismus, die Unterschrift 
des Druckers: „Gedrücket tho Magde=^)\ horch / dorch Hmis 
Walther, ^ Darunter ein schwarzes Blättchen mit Ranke. P]ine Jahres- 
zahl fehlt. Hans Walther druckte in Magdeburg seit 1530 und wird 1561 
als verstorben angeführt. 2) Unter den zahlreichen, fast ausschliesslich 
theologischen, Werken seiner Officin, die Hülfse aufzählt, findet sich 
unser Band nicht. So kann nur eine genaue Typenvergleichung mit 
datierten Drucken Walthers nähere Auskunft darüber geben, in welche 
Periode seiner Druckertätigkeit der vorliegende Druck gehört. Mir 
fehlt hier leider das Material dazu. Eine Vergleichung mit den beiden 
Bibeldrucken Hans Walthers, die auf der hiesigen Kgl. Universitäts- 
bibliothek vorhanden sind, zeigt, dass der Katechismusdruck in engster 
Verbindung mit der niederdeutschen Foliobibel von 1545 steht, während 
die Oktavbibel von 1553 sich in Ausstattung und Typenwahl wesentlich 
unterscheidet. Das Göttinger Exemplar der Foliobibel ist nicht die 
von Hülfse beschriebene Ausgabe, sondern eine zweite, im gleichen 
Jahre 1545 erschienene, die M. Goeze, Geschichte der niederfächsischen 
Bibeln, S. 272 nach einem Wolfenbüttler Exemplar verzeichnet, vgl. 
Hülfse a. a. 0., Jg. 17 (1882), S. 45 f. Der gesamte biblische Text 
dieser Ausgabe ist nun in der kleinen Schwabacher Type gedruckt, 
die wir auf den letzten beiden Blättern des Katechismusdruckes finden. 
Auch die übrigen drei Typensorten des kleinen Bandes kehren in der 
Bibel wieder: es fehlt allein die zweite Schwabacher Type der roten 
Überschriften. Dagegen ist die Texttype der ersten 6 Blätter des 
Katechismus eine kräftige Fraktur, in der Bibel sehr häufig in Über- 
schriften, vgl. den vorderen Titel des ganzen Bandes, Z. 3. 4. 6 — 1 1 ; 
im gleichen Titel, Z. 1. 2 5, erscheint die auch im Katechismus nur 
als Auszeichnungsschrift verwandte sehr grosse Fraktur wieder. Das 
erste 5 in Z. 1 Biblia ist noch etwas grösser und gehört zu dem 
Alphabete roh geschnittener Initialen, deren sechs in dem kleinen 
Drucke vorkommen ; die Bibel verwendet diöse Initialen überaus häufig. 
Endlich gehört auch die hübsche Holzschnitt-Initiale von Bl. 1' des 
Katechismus zu dem Typenmaterial der Foliobibel : mit ganz ähnlichen 
Holzschnitten beginnen dort die einzelnen biblischen Bücher. Das Ä 
selbst kehrt auf Bl. CCXXXII' am Anfange des 1. Buches der Chronika 
wieder ; ein zweites Mal habe ich es nicht gefunden, die übrigen Ä der 
Bibel haben eine andere Zeichnung als Unterlage. 

Der Auszug aus dem Kleinen Katechismus D. Martin 
Luthers, der uns aus dem vorliegenden Bändchen bekannt wird, ist 
sehr summarisch, er enthält nur den Text der 5 Hauptstücke, ohne 
Luthers Erklärungen, und als Anhang ein paar kurze Andachten. 
Die freibleibenden Seiten 1' und S'^ (z. T. auch 8') sind mit praktischen 
Anweisungen für den Schulunterricht (Alphabeten und Ziffern) aus- 



^) Die gesperrten Worte bedeuten rote Schrift des Druckes. 
2) Vgl. Fr. Hülfse, Beiträge zur Geschichte der Buchdruckerkunst in 
Magdeburg (= Geschichtsblätter f. Stadt u. Land Magdeburg, Jg. 15, 1880), S. 164 ff. 



80 

gefüllt, wie ja noch heute dem Katechismus das Einmaleins angehängt 
zu werden pflegt. Ein eigentliches Titelblatt ist nicht vorhandeo. 
Ein Exemplar dieses nd. Katechismusauszuges ist auch Schauenburg, 
dem wir die beste Zusammenstellung der niederdeutschen theologischen 
Litteratur des 16. Jahrhunderts verdanken, noch nicht bekannt. i) 

Im einzelnen zerfällt unser Band in folgende Abschnitte, deren 
Überschriften sämtlich rot gedruckt sind: 

1) Bl. Ir enthält in einem rechteckigen Rahmen (?on 13,2X8,1 cm), dessen 
Seiten halb rot, halb schwarz gezeichnet sind, das deutsche Alphabet in abwechselnd 
roten und schwarzen Buchstaben (Type 3), als ersten den oben erwähnten Holz- 
schnitt. Dann folgen Z. 7 die Vokale und die Konsonanten mit den Überschriften 
De Ludtbockf tauen und De metftemmende bock flauen ; die Buchstaben selbst in 
schwarzer Schrift. 

2) Bl. U: Dat bedt efft Vader vnfe l\ dat vns Chriftus geleret hefft. 

3) Bl. !▼, Z. 2 V. u. : De h^iiet Artikel vnfes \ Gelouens. 

4) Bl. 3', Z. 3: De Tein Gebade, mit dem Schlüsse Luthers. 

5) Bl. 4', Z. 2 V. u. : Van dem Sacramente \ der hilb'gen Dope. Nur ein 
Absatz: GAhet hen yn alle werlt \ prediget dat Euange* \ lion etc. bis: de wert 
vord^)met wer\den. 

6) Bl. 4^, Z. 12: Van dem Sacramen» | te des Altars, die Einsetzungsworte. 

7) Bl. 5v, Z. 5: Dat Benedicite. \ Pfalmo CXLV, Ganz wie bei Luther. 

8) BL 6', Z. 7: Dat Gratias. Ganz wie bei Luther. 

9) Bl. 6^, Z. 15: De Mftrgen Segen. Anfang Bl 7', Z 1: Des morgens 
wen du upfteift I fchaltu dy \ fegenen mit dem hilligen Crntze \ vnde fprekcn. \ 
etc. bis: vnde darby ein \ Chriftlick ledt gefangen. Angehängt ist Bl. 7^, Z. 1: 
Ein Gebedt vor de yun- \ gen Kinder. 

10) Bl. 7v, Z. 12: De Auendt Segen. \ Des Auendes wenn du iho bedde 
gheift \ fchaltu dy fegenen mit dem hilligen \ Crntze I vnde fpreken. \ etc. bis: 

Vnde darna frhlick iho gefchlapen. 

11) Bl. 8r, Z. 13: Verfal, d. h. die grossen Anfangsbuchstaben, nur A rot, 
alle übrigen schwarz 

12) Z. 17: Die Unterschrift des Druckers, s. o. 

13) Bl. Sy. De Dudefche vnde Latinifche tall. \ Die Zahlen von 1—100, 
nebst 500 und 1000; die lateinischen Ziffern schwarz, unter jeder die entsprechende 
deutsche Ziifer in roter Schrift. 

GÖTTINGEN. Conrad Borehling. 



^) L. Schauenburg, Hundert Jahre Oldenburgischer Kirch engeschiebte, 
Bd. 2 (1897) S. 35 ff. 



81 



Zur Entstehungsgeschichte einiger 

Läuschen Reuters. 



In meiner im Verlage des Bibliographischen Instituts in Leipzig 
erschienenen Reuter-Ausgabe sind für eine grosse Anzahl der Läuschen 
und Rimels die literarischen Quellen nachgewiesen, denen Reuter den 
Inhalt oder doch die Pointe der Erzählung entnommen hat. Es ist 
wohl anzunehmen, dass es der Forschung allmählich gelingen wird, 
die Zahl dieser Nachweise zu vermehren. 

Aber nicht alle Läuschen gehen auf literarische Vorgänger 
zurück. Einem Teile liegen Geschichtchen zu gründe, welche, ohne 
vorher von irgend wem aufgezeichnet zu sein, aus dem Volksmunde 
zu Reuters Kenntnis gelangten; einer kleinen Anzahl auch wirkliche 
Begebenheiten aus Reuters Zeit. Der Nachweis dieses Ursprunges 
wird für die Läuschen immer schwieriger, je kleiner die Zahl derjenigen 
Zeit- und Heimatgenossen Reuters wird, welche aus eigener Erinnerung 
Auskunft geben können. Bisher war man im Wesentlichen nur auf 
das angewiesen, was Gustav Raatz in den 1880er Jahren noch 
erkunden konnte und in seinem sehr verdienstvollen Buche „Wahrheit 
und Dichtung in Fritz Reuters Werken*' S. 162 ff. mitgeteilt hat. 

Neue Mitteilungen dieser Art verspricht ein längerer Aufsatz 
der Sonntagsbeilage Nr. 31 der Vossischen Zeitung vom vergangenen 
Jahre (30. Juli 1905). Er hat die Überschrift ;,Der Ursprung einzelner 
Läuschen un Rimels von Fritz Reuter, nachgewiesen von K. Th. 
Gädertz.** In den einleitenden Worten heisst es „Von solchen 
Läuschen un Rimels soll hier die Rede sein, deren Originalfiguren 
und tatsächliches Geschehnis ich auf Grund authentischer 
Quellenforschung ermittelt habe und nachweisen kann.** 

Die Überschrift und die angeführten Worte stellen also Nachweise 
in Aussicht, welche zugleich neu und authentisch sind. Die Nach- 
prüfung dessen, was Gädertz in seinem Aufsatze vorgebracht und 
darnach auch in seine Ausgabe der Läuschen übernommen hat, erweist 
leider die Unwahrheit seiner Worte. Die Mehrzahl seiner Nachweise, 
wenigstens nach ihrem wesentlichen Inhalt, findet man bereits in dem 
Buche von Raatz auf S. 163—166, S. 32 und S. 92, zwei Einzel- 
heiten sind A. Römers ;, Fritz Reuter in seinem Leben und Schaffen* 
entnommen, eine dritte ist schliesslich den Anmerkungen zu meiner 
Ileuter- Ausgabe (Bd. 1, S. 405, zu Läuschen II Nr. 21) entlehnt. 
Trotzdem ist Raatz^ und Römers Name auch nicht ein einziges mal 
genannt oder ihre Vorarbeit auch nur angedeutet. 

NiederdeatBches Jahrbuch XXXII. Q 



82 

In Gädertz' Werke ;,Aus Reuters jungen und alten Tagen*^, 
welches auf dem Titelblatte ;, Neues über des Dichters Leben und 
Werden '^ verhiess, war bereits nicht weniges enthalten, was nicht Den 
war, was wenigstens diejenigen, denen die Reuterliteratur genauer 
bekannt ist, längst vorher anderswo gelesen hatten; aber es war 
doch vieles neu. In seinem neuen Aufsatze verhält es sich umgekehrt. 
Das bei weitem Meiste darin war längst bekannt, und das wenige 
Neue hält einer gründlichen Prüfung nicht stand. Was er authentisch 
nennt, wird sich meist leicht als Erdichtung oder grundloses Gerede 
erweisen lassen. Damit die künftige Reuterforschung auf das, was 
Gädertz in seinem Aufsatze und in den Anmerkungen zu seiner Ausgabe 
berichtet, nicht wie auf sichere Tatsachen baut und daraus weitere 
Folgerungen zieht, erscheint es mir geboten, die Ergebnisse meiner 
Nachprüfung hier vorzulegen. Ich werde mit der Ausführung zu einer 
Stelle der Stromtid beginnen, welche Gädertz in seinen Aufsatz ein- 
geflochten hat, und dann auf die einzelnen Läuschen eingehen. 

In der Stromtid Kap. 21 (Bd. 2 S. 339 ff. meiner Ausgabe) 
wird erzählt, dass Pomuchelskopp nach Malchin kommt, um am 
Landtage teilzunehmen. Unbekannt mit den Förmlichkeiten, welche 
zu erfüllen sind, wendet er sich an einen freundlichen Herrn, den 
Bürgermeister Brückner aus Neubrandenburg, mit der Frage, wie er 
sich hier ^zu haben habe*. — ^Sie haben sich hier weiter gar nicht 
zu haben," antwortet Brückner, „Ihre notwendigen Visiten haben Sie 
ja wohl schon gemacht?* Gemeint sind hier die Besuche bei dem 
Kommissar der Regierung, dem Landesmarschall und dem Landrat, 
denen jeder seine Aufwartung zu machen hatte, welcher zu den auf 
Regierungskosten veranstalteten Prunkmählern, den sogenannten 
Landtagstafeln, Einladungen zu erhalten wünschte. 

Es war herkömmlich, diese Besuche*am Vorabend der Landtags- 
eröffnung zu machen. Als Pomuchelskopp antwortet, dass er jene 
Herren noch nicht besucht habe, empfängt er von Brückner den Rat, 
immer hinter dem Güstrower Bürgermeister Langfeldt herzugehen, 
der gerade mit einer Laterne sich aufmachte und ;,de ollen dämlichen 
Visiten afmaken" wollte. Pomuchelskopp trabt nun immer hinter der 
Laterne und Langfeldt her, der, um ihn loszuwerden, möglichst schnell 
seine Besuche beendet. Aus Angst, die Besuche zu verfehlen, folgt 
ihm stets sogleich Pomuchelskopp und gerät schliesslich so, nachdem 
Langfeldt alle Besuche beendet hatte, in Langfeldts eigene Wohnung. 
Auf die Frage, was er hier zu suchen habe, antwortet dann Pomuchels- 
kopp »Herr, ich bin ebensogut en Fasan^ (er meinte Vasall) »von 
dem Grossherzog wie Sie.^ 

Die Frage nach dem Ursprung dieser Erzählung weiss Gädertz 
in seinem »auf Grund authentischer Quellenforschung" geschriebenem 
Aufsatze zu beantworten. Er hält die Geschichte ohne Bedenken für 
wahr und sagt »Natürlich erzählten Langfeldt und Brückner diese 



83 

köstliche Geschichte von dem Vasall, wollte sagen: Fasan, auch an 
Reuter, und so lebt sie weiter und weckt stets neue Lachlust. '^ 

Si tacuisses! Der Leser, welchem Gädertz in seinen Büchern 
hier und da erzählt hat, dass er von Brückners Bruder Auskunft über 
Reuter empfangen hat, muss annehmen, dass Gädertz auch hier auf 
Grund einer von Brückner erhaltenen Mitteilung berichte. Das kann 
nicht der Fall sein. Als Raatz schon vor Jahren bei dem Sanitätsrat 
Brückner in Neubrandenburg anfragte, ob die Visitengeschichte auf 
Wahrheit beruhe, erhielt er die Auskunft „Hier liegt eine Verwechs- 
lung vor. Nach der Dichtung soll mein Bruder den Pomuchelskopp 
dem Bürgermeister Langfeldt nachgeschickt haben. Die ganze Szene 
ist, wenigstens soweit sie meinen Bruder betrifift, ganz sicher Dichtung. 
Dies weiss ich von meinem Bruder selbst Reuter liebte es, ihm 
bekannte Personen in seinen Dichtungen mitspielen zu lassen.^ 

In der Tat verdankt Reuter nicht Brückner, sondern — wie ich 
bereits in meiner Reuter -Ausgabe Bd. 2, S. 471 angemerkt habe — 
einem Briefe von Julius Wiggers in Rostock die Anregung zu der 
Visiten geschichte. ^Lässt es sich nicht veranstalten,^ schrieb Wiggers 
nach dem Erscheinen des ersten Bandes der Stromtid an Reuter, 
„dass Pomuchelskopp einmal auf dem Landtage zu Malchin oder 
Sternberg auftaucht, um seine legislatorischen Fähigkeiten zu ver- 
werten? So ein Pomuchelskopp auf dem Landtage wäre gewiss dem 
Dichter nicht von Schaden und dem Politiker von grösstem Nutzen. 
Wie, wenn er dort, wie weiland ein Standesgenosse von ihm, zu einem 
rotröckigen Landmarschall, der seine Stimmzettel zurückweist, bei 
irgend einem Wahlakt, das vernichtende W^ort spräche : ich bin ebenso 
gut des Grossherzogs Fasan wie Sie!^ 

Ich kann daran erinnern, dass ich schon einmal (vgl. meine 
Reuter-Ausgabe Bd. 2, S. 17) Gelegenheit hatte, eine auf die Stromtid 
bezügliche, von Gädertz als ^verbürgt^ ausgegebene Mitteilung als 
Erfindung nachzuweisen. Die von Gädertz zuerst in einer Zeitschrift 
veröffentlichte Nachricht ist jetzt auch in sein Buch „Im Reiche 
Reuters*^ S. 128 aufgenommen. Reuter solle ursprünglich nicht die 
Absicht gehabt haben, aus Franz von Rambow und Luise Hawermann 
ein Paar werden zu lassen, aber in Eisenach hätten die Damen 
förmlich darum gefleht. Reuter habe sich mit allen möglichen 
Argumenten dagegen gesträubt, aber schliesslich den schmeichelnden, 
geradezu rührenden Bitten nicht zu widerstehen vermocht und ein- 
gewilligt, doch in einer Art und Weise, die deutlich genug erkennen 
liess, wie wenig er damit innerlich einverstanden war. „Denn mit 
starker Betonung äusserte er fast ärgerlich : Wat en richtigen meckeln- 
borgschen Eddelmann is, de friegt nich de Dochter von sin' Entspekter^ 

Das klingt alles so sicher, dass man eigentlich denken sollte, 

es sei an der Wahrheit der Erzählung gar nicht zu rütteln, und da 
sie in die äusserst wichtige Frage des Aufbaues des bedeutendsten 
Werkes Reuters in entscheidender Weise eingreift, so würde sie von 

6* 



84 

allen künftigen Biographen übernommen werden müssen, wenn sie nicht 
als erfunden sich hätte nachweisen lassen. Dass dieser Nachweis über- 
haupt möglich war, dankt man eigentlich nur dem glücklichen Walten 
eines Zufalls, nämlich der zufälligen Tatsache, dass Reuter Kapitel 10 
der Stromtid (Bd. 2, S. 188, Z. 2) gesagt hat: „Ick heww in dit 
Bank noch uterdem drei junge Mätens tau verfrigen, . . . Lowise 
Hawermann möt doch en Mann hewwen.^ 



Lauschen II, Nr. 1. De swarten Pocken. 

„Auch die drastische Geschichte 'De swarten Pocken'^, sagt 
Raatz, „beruht auf Wirklichkeit; sie ist in Anklam etwa 1855 passiert. 
Der Patient war in Wirklichkeit der frühere Ziegeleibesitzer Halter 
aus Rosenhagen. Wegen eines kranken Fingers musste er einen Arzt 
holen lassen, wollte sich jedoch vor Ankunft desselben rasieren lassen. 
Der Barbier Sass schmierte in dem halbdunkeln Zimmer dem Patienten 
das Gesicht mit Stiefelwichse ein, die dessen Frau ihm irrtüinlicher- 
weise statt der Seifenkruke hingestellt hatte. Der später dazu 
gekommene Dr. Fischer erklärte dann die dunklen Spuren im Gesicht 
des Kranken für schwarze Pocken, worauf sofort die Polizei den 
Ausbruch der Seuche konstatierte und das Haus mit einer Warnungs- 
tafel versah.'' 

Einige bemerkenswerte Abweichungen weisen die Worte auf, 
welche Gädertz dem Läuschen in seinem Aufsatze und in seiner Ausgabe 
der „Läuschen'' widmet. „Dieser fast unglaubliche Vorfall hat sich, 
nach Ausweis der ersten Niederschrift Reuters, sowie nach persön- 
licher Mitteilung des Sanitätsrats Dr. Michel Markus in Anklam 
zugetragen, und zwar hiess der Patient Haltermann, der Barbier 
Sass, der behandelnde Arzt Schmidt . . . Der Retter in der Not 
war Dr. Michel Markus.'' ;,Der Reim lässt (V. 109 und 122) den 
Namen 'Fischer' erraten; in der Urschrift reimt derselbe sich aber auf 
'sitt' und 'mit', wonach der Doktor 'Schmidt' geheissen haben muss/ 

Während also bei Raatz der Patient Halter, der die falsche 
Diagnose stellende Arzt Fischer heisst, bietet Gädertz die Namen 
Haltermann und Schmidt und bestätigt ausserdem die Angabe des 
Läuschens, dass der diagnostische Irrtum in der Tat durch Dr. Markus 
aufgeklärt sei. 

Ist sich Gädertz nicht bewusst geworden, dass er mit seiner 
Behauptung, der Arzt habe in Wirklichkeit „Schmidt" geheissen, 
Reuter einer — man darf wohl sagen — Niedertracht zeiht? Es 
hat damals in Anklam einen Arzt namens Fischer, einen anderen 
namens Schmidt gegeben. Dem letzteren ist nach Gädertz das böse 
Versehen begegnet, und Reuter hat in der ersten handschriftlichen 
Fassung des Läuschens den Namen Schmidt durch den Reim erraten 
lassen. Reuter müsste also gegen besseres Wissen gehandelt haben, 
wenn er in der gedruckten Fassung so änderte, dass das Versehen 
einem anderen, daran unschuldigen Arzte derselben Stadt zugeschrieben 



85 

wurde. Dieser Verstoss gegen die Wahrheit hätte deshalb die Grenze 
der poetischen Freiheit überschritten, weil Reuter darauf rechnen 
musste, das8 seine Anspielung in Anklam und Umgegend verstanden 
und somit das ärztliche Ansehen eines Unschuldigen mehr oder weniger 
gefährdet würde, während sein schuldiger Konkurrent sich ins 
Fäustchen lachen konnte. Schon diese Erwägung muss gegen die 
Richtigkeit der von Gädertz gemachten Angaben Misstrauen erwecken, 
und die nachfolgende Untersuchung wird in der Tat den Beweis erbringen, 
dass Gädertz falsch berichtet. Reuter hatte, wie Raatz weiss, von 
dem Vorfall zuerst durch einen herumziehenden Scheerenschleifer, 
namens Wentzel, erfahren. Möglich, dass dieser einen falschen Namen 
genannt hat. Wahrscheinlich hat dann Reuter Freunden, welche die 
Vorgänge kannten, sein Läuschen vorgelesen, den richtigen Namen 
erfahren und nicht verfehlt seine erste, noch nicht gedruckte Fassung 
zu ändern. Einen ganz analogen Fall, nur dass es sich um eine 
spätere Auflage handelte, konnte ich im Texte des Schurr-Murr nach- 
weisen, vgl. Reuter Bd. 4, S. 485 (Anm. zu S. 186). 

Gädertz hat auch in den übrigen Punkten, in denen er von 
Raatz abweicht, falsche Angaben gebracht. Mit Hilfe des Preussischen 
Medizinalkalenders, des Wohnungs- Anzeigers für die Stadt Anklam 
auf das Jahr 1868 und des Gedichtes „Vergriep di nich, Stäwelwichs 
is keen Boartseep" von dem Anklamer Arzte Dr. Berlingi) Jässt 
sich der Tatbestand leicht feststellen. 

Nach Ausweis des Medizinalkalenders gab es in Anklam Mitte 
der 1850er Jahre folgende Ärzte: Ernst Wilhelm Fischer, approbiert 
1840, Stabsarzt beim 2. Landwehr-Regiment; Ernst Schmidt, appr. 
1838; Franz Glasewald^), appr. 1845; Georg Berling, appr. 1843; 
Michael Marcus (nicht Michel Markus), appr, 1840. Von den Ärzten 
ist also nur Fischer Militärarzt gewesen. 

Im Wohnungsauzeiger ist kein Holtermann oder Haltermann 
zu finden, wohl aber Johann Halter, Ackerbürger, Leipziger Allee 
756, Hauseigentümer. Sein Vorname und seine Wohnung werden für 
seine Identifizierung mit dem Patienten des Läuschens von Belang 
sein. Nebenbei sei berichtigt, dass er nicht wie Raatz und Gädertz 
angehen Eigentümer einer Ziegelei gewesen war, sondern die grosse 
100 Morgen Acker umfassende Anklamsche Stadtziegelei in Rosenhagen 
gepachtet hatte. 



1) Berling, Lustig un Trurig, Heft 1, Anklam 1860, S. 19—39. 

2j A.uf Dr. Franz Glasewald bezieht sich ohne Zweifel der letzte der nur 
in Reuters erster Niederschrift hinter V. 27 sich findenden Verse 

un Fiken drop 
Sogar bi Böhmern un bi Schmidten, 
Wo sei doch süs tauwilen sitten, 
Nich einen von de Herrn Doktoren; 
Sülwst Franz, mein Sohn, war ausgefohren. 

Die erwähnten Gastwirtschaften sind Böhmers Hotel und Schmidts Brauerei. 



86 

Als Barbier und Heilgehilfe ist Friedrich Sass, als Heilgehilfe 
Wilhelm Ludwig verzeichnet. 

Die voranstehenden Angaben sind nötig zur Erläuterung der 
nachfolgenden Inhaltsangabe des umfangreichen Berlingschen Gedichtes, 
dessen vollständiger Abdruck zu viel Raum erfordern würde. Als 
Dichtung wertlos, ist es wertvoll als treuer Tatsachenbericht. 

In der pommerschen Stadt Klemstädt [Anklami] an der Peene 
lebte vor einem halben Dutzend Jahren [vor 1860] ein Rentner, der 
vordem eine Ziegelei gepachtet, sich viel Geld erworben und in der 
langen [Leipziger] Allee ein eigenes Haus erstanden hatte. Ich will 
ihn Johann [Johann Halter] nennen. Eines Tages fing einer seiner 
Finger, an dem sich ein Geschwür (Adel, Panaritium) entwickelt hatte, 
so furchtbar an zu schmerzen, dass er ihn am liebsten abgebissen 
hätte. Zu geizig um einen Arzt zu beraten, Hess er den Chirurgus 
Satt [Barbier Sass] aus der Judenstrasse [Burgstrasse I, in der mehrere 
jüdische Händler wohnten, Eppenstein, Goldfeder, Löwenthal, Levi] 
kommen. Dieser will keinen chirurgischen Eingriff machen, weil ihm 
sonst die Ärzte wegen Kurpfuscherei üngelegenheiten machen würden, 
vielleicht helfe ein Breiumschlag aus Leinsamen und Milch. Als er 
dann den Patienten noch rasieren soll, erklärt er, das jetzt nicht zu 
können, weil er seinen Barbierbeutel mit dem Rasierzeug nicht bei 
sich habe. Johann meint aber, er solle nur ein Messer nehmen, 
welches er nebenan in der Kammer finden würde, auch ein Näpfchen 
mit Rasierseife stünde dort. Da es schon ziemlich dunkel ist, vergreift 
sich Satt, erfasst ein Näpfchen mit Stiefelwichse und schmiert bei 
einer qualmenden, kaum etwas Licht gebenden Lampe Johann mit 
Wichse, statt mit Seifenschaum ein. Als später Johanns Frau mit 
einer Lampe das Zimmer betritt, erschrickt sie. Ihr Mann ist schwarz 
im Gesicht wie ein Mohr, und sie glaubt, es sei der Brand (Gangrän) 
hinzugetreten. Ein Nachbarskind wird ausgesandt einen Arzt zu holen, 
es findet auf der Landstrasse den Dr. Storch, dieser macht sich auf 
den Weg zur Leipziger Allee und verordnet sofort einen Aderlass. 

„Schnell schicken Sie nach Louis [Heilgehilfe Ludwig] hin, 
Der macht es ganz nach meinem Sinn! 
Er stand wie ich [also Fischer, siehe oben] beim Militär, 
Un da kommt alle Weisheit her!" 

Johann meint aber 

„Den Doktor Luter [Lude, Ludwig] laten's fürt, 
Son Kirl güng jüst ut mine Purt." 

Dr. Storch erfährt nun, dass vor ihm Heilgehilfe Satt um Rat gefragt 
sei, er erklärt, dieser habe Schuld, dass Johanns Zustand so schlimm 
geworden sei. Er lässt Johanns Frau die Lampe näher bringen, um 
Zunge und Farbe zu beschauen, erblickt so sein schwarzes Gesicht 
und erklärt, Johann habe den schwarzen Tot, die Pest. Dieser ist 



87 

ganz erschreckt und schnaubt aus. Seine Frau, welche glaubt, dass 
ihm die Nase blute, wischt diese mit der Schürze ab und wird so 
gewahr, dass das Gesicht durch Stiefelwichse schwarz geworden ist. 
Sie ahnt sofort die Ursache und zeigt dem Doktor das Wichsnäpfchen, 
aus dem Satt den Bart eingeschmiert hatte. Dr. Storch verlässt das 
Haus und trägt überall in der Stadt herum, was Satt getan habe. 
Satt wird nun aufs Bathaus geladen, um sich zu verantworten, dass 
er Wichse statt Seife genommen und ausserdem sich mit Kurpfuscherei 
abgegeben habe. Durch das Verhör, dem er unterzogen wird, kommen 
alle Vorgänge an das Tageslicht : die falsche Diagnose des Dr. Storch 
und die Unschuld Satts. Johann muss zehn Taler an die Armenkasse 
zahlen, und Satt ist glänzend gerechtfertigt. 

Das lange Gedicht Berlings zeugt Seite für Seite von dem Streben 
des Verfassers, seinen Kollegen Fischer dem Spott und der Lächerlich- 
keit preiszugeben, und er hat sicherlich nichts verschwiegen, was 
dieser Absicht förderlich war. Wenn er trotzdem nichts davon weiss, 
dass durch die falsche Diagnose auf Pocken die Polizei veranlasst 
worden sei, eine Warnungstafel an dem Hause zu befestigen, und 
erst ein anderer Arzt das richtige erkannt habe, so wird dadurch 
bewiesen, dass diese beiden Züge Erfindungen Beuters sind. 

In Wirklichkeit hatte Fischer in dem schlecht erleuchteten 
Zimmer zwar nicht erkannt, dass die schwarzen Flecken im Gesichte 
Halters Stiefelwichse waren, war aber von seinem Irrtum überführt, 
ehe er noch das Haus verlassen hatte. Er konnte hoffen, dass das 
Gerede über seine falsche Diagnose nicht ewig dauern würde. Vier 
oder fünf Jahre waren seitdem vergangen, als Beuters Läuschen 
erschienen. Die drastische Darstellung, gegen deren Komik er waffenlos 
war, musste seinen Buf als Arzt in Anklam vernichten. Im Herbst 1858 
war die neue Folge der Läuschen erschienen. Schon im nächsten 
Jahre verliess er Anklam. Er fand eine neue Wirkungsstätte in Kös- 
lin, als Bataillonsarzt des 7. pommerschen Infanterie-Begiments Nr. 54. 

Lauschen I, Nr. 19. De Wedd. 

Nach Gädertz soll auch der ;,Wedd", einem der gerühmtesten 
Läuschen Beuters, eine wahre Begebenheit zu Grunde liegen. Zwei 
Städte, deren Gymnasium Beuter besucht hat, meint er, Friedland 
(— dieses ist Bömers „Beuter" S. 28 entlehnt — ) und Parchim 
streiten sich um das Erstgeburtsrecht der Geschichte, „doch scheint 
der hübsche Gaunerstreich in Parchim und zwar in dem jetzigen 
Gasthaus zur Börse sich abgespielt zu haben. Dieses war zu Beuters 
Schülerzeit im Besitze des Bäckermeisters und Gastwirts W. Hanck. 
Dieser wird allgemein für Bäcker Swenn gehalten. In dem ehemaligen 
Bäckerladen befindet sich heute noch das Zifferblatt der Uhr, vor 
welchem Swenn gesessen haben soll; an jeder Seite steht in grossen 
Buchstaben auf dem Balken zu lesen : Hier geiht hei hen, dor geiht hei hen. " 



88 

In dem Büchelchen „Fritz Reuter, von Marx Möller^ (Leipzig 
1905) S. 21 ff. wird in Bezug auf diese Parchimer Lokalisation der 
„Wedd^ launig erzählt, dass sie einem Reuter- Forscher, der durch 
ungeschickte Fragen dazu reizte, von einer Wirtsfrau geradezu auf- 
gebunden sei. Ich kann dahingestellt sein lassen, ob Gädertz wirklich 
so zu seiner ;,auf Grund authentischer Quellenforschung*' ermittelten 
Nachricht gekommen ist. Jedesfalls muss seine Angabe, dass ;,de Wedd" 
einer wirklichen Begebenheit nacherzählt sei, als grundlose Erfindung 
erklärt werden. Damit die viel erörterte Frage nach der Herkunft 
dieses viel belachten Läuschens endlich zum Abschluss gebracht wird, 
werde ich hier ausführlich darlegen, was bereits in meiner Ausgabe 
Reuters Bd. 1, S. 394 durch Gitate kurz angedeutet ist. 

Schon 1879 hatte der Rostocker Anglist Professor F. Lindner 
im Ndd. Korrespondenzblatte Bd. 4, S. 72 bemerkt: „Beim Durchlesen 
von Captain Marryafs Narrative of the travels and adventures of 
Monsieur Violet, Leipzig, Tauchnitz 1843, fiel mir auf, dass pag. 
240 — 244 sich die Geschichte findet, welche Reuter in seinem 
*Hier geiht he hen, dor geiht he hen' so hübsch erzählt. Wahr- 
scheinlich hat Reuter seinen Stoff hieraus entnommen.^ Als dann 
R. Sprenger 1897 (Ndd. Korr.-Bl. 19, S. 19) eine andere Fassung 
derselben Geschichte in einem englischen Lesebuche nachwies, unterzog 
C. Walt her (Ndd. Korr.-Bl. 19, S. 58) die Frage der Abhängigkeit 
Reuters von einer englischen Quelle einer genaueren Untersuchung. 
In seinen ebenso scharfsinnigen wie fein durchdachten Erwägungen 
kommt er zu folgendem Ergebnis: ;,Bei Reuter wird der Wirt von 
seiner Leidenschaft für Wetten dadurch kuriert, dass der Doktor 
ihm als einem Schwerkranken und Verrückten so lange zusetzt, bis 
er kein Wort mehr von der Wette, die man für eine blosse Ein- 
bildung seines kranken Gehirns hält, zu sagen wagt. Dieser Schluss 
des Gedichtes, der länger ausgefallen ist als die Schilderung der Wette 
selbst, wird von Reuter ersonnen sein; den Stoff zum ersten Teil, 
den Schwank von der Wette, hat er entlehnt, ohne Zweifel aus einer 
englischen Quelle. Denn nur in einem Lande, in welchem das Wetten 
eine so verbreitete Leidenschaft ist wie in England, kann die Geschichte 
ersonnen oder, was sehr wohl möglich ist, wirklich passiert sein. 
Ausser England liesse sich noch an Nordamerika denken . . . Dass Reuter 
aus Marryat entlehnt habe, will ich nicht behaupten. Auffallend ist 
zwar die Übereinstimmung in dem Sitzen vor der Uhr; aber der 
Abweichungen sind so viele, dass Reuter eine andere englische Vorlage 
gehabt haben wird." 

Walther hat das richtige erkannt. Reuter hat in der Tat seinen 
Stoff nicht Marryat, sondern einem anderen amerikanischen Schrift- 
steller entlehnt. Seine Quelle war The old dock des taubstummen 
Amerikaners James Nack^ dessen Gedichte 1852 in New York 
erschienen sind. Den englischen Text des Gedichtes The old dock 
findet man auch in Elzes ;, Englischem Liederschatz^ 5. Aufl. S. 448 



89 

und bei G. Haller ^Humoristische Dichtungen^ (Halle 1868) Bd. 1 
S. 149. Bemerkenswert ist, dass schon an letzterer Stelle, also noch 
zu Reuters Lebzeiten, zur Vergleichung auch Reuters De Wedd mit 
abgedruckt ist. 

Zum Beweis der Abhängigkeit Reuters von Nack genügt eine 
Inhaltsangabe. Ausschlag gebend ist vor Allem, dass nur Nack die 
Erzählung mit der ärztlichen Behandlung des Wettenden schliessen lässt. 

Tom und William, zwei Yankees, kehrten an einem Sommertage 
in einer Gastwirtschaft ein, assen und tranken gut zu abend, gingen 
dann zur Ruhe und Hessen sich am nächsten Tage das beste Frühstück 
vorsetzen. Als sie ihre Zeche bezahlen wollten, rief der eine ganz 
erstaunt aus „Was Wunder sehe ich? Tom, diese Überraschung! 
die Uhr, die Uhr!'' Der Wirt fragt neugierig, was ihn an seiner 
alten Uhr so in Erstaunen setze. 

„Tom, donH you recollect,*' said Will, 

„The dock ai Jersey near the mill, 

The very image of thia present, 

With which I won the wager pleasant 1^" ' 

Will ended with a knowing wink — 

Tom scratched his head and tried to think. 

Neugierig geworden fragt der W^irt, was für eine Wette das gewesen sei. 

„You remember, 
It happened, Tom, in last December, 
In sport I bet a Jersey Blue 
That it was more than he could doy 
To make his finget go and come 
In keeping tcith the pendulum ; 
Eepeating tül one hour would dose. 
Still, Here she goes — and there she goes — 
He lost the bet in half a minute/^ 

Der Wirt rief aus, das müsse mit dem Teufel zugehen, wenn 
er das nicht könne. Sie möchten es mit ihm versuchen, er wette 
fünfzig Dollar. Die beiden Yankees sind einverstanden, behalten sich 
aber vor, ihm durch ihre Kniffe (we will play some trick) den Handel 
zu verleiden. ,;/'m up to that!^' meinte jedoch der Wirt und begann, 
je nachdem der Pendel sich bewegte, den Zeigefinger der rechten 
Hand nach rechts und links zu bewegen und dazu Here she goes — 
and there she goes zu sagen. ^Halt,*' wurde ihm zugerufen, ;,erst den 
Einsatz^! Ohne die Bewegung seines rechten Zeigefingers zu unter- 
brechen, lieferte der Wirt mit der linken Hand seine Börse aus und 
liess sich nicht stören, als mit ihr seine Gäste das Zimmer verliessen. 
Die Narren ! dachte er, solche Witze sollten bei ihm nicht verfangen, 
und er liess nur um so lauter seine Worte Here she goes etc. ertönen. 
Auch als seine Mutter und Frau kommen, lässt er sieh nicht unter- 



90 

brechen. Seine Frau glaubt, er sei verrückt geworden, und ruft, man 
solle einen Arzt holen 

Bun for a doctor — run — run — run 
For Doctor Brown and Doctor Dun, 
And Doctor Black and Doctor White 
And Doctor Grey, with all your might. 

Die Ärzte kommen, jeder von ihnen bringt ein anderes Mittel 
in Vorschlag. Der eine will zur Ader lassen^ der andere Blutegel, 
der dritte Schröpfköpfe, der vierte spanische Fliegen, der fünfte eine 
Purganz, der sechste ein Brechmittel, der siebente Pillen verordnen, 
einer sogar trepanieren. Der Mutter scheint das beste, einen Barbier 
holen zu lassen, der ihrem Sohne den Kopf kahl rasieren soll. Dieser 
vermutet in Allem listige Veranstaltungen seiner beiden Gäste, damit 
er die Wette verliere, und wiederholt ohne Unterlass Here she goes etc., 
bis die festgesetzte Stunde verflossen ist. Mit Siegesbewusstsein springt 
er dann auf, um sogleich darauf inne zu werden, dass er das Opfer 
eines Betruges geworden war, und auszurufen — mit diesen Worten 
schliesst Nacks Gedicht — 

„Oh! purge me! blister! shave and bleed! 
For, hang the knaves, Tm mad indeed!^^ 

Nacks Gedicht wird als unmittelbare Quelle Reuters zu gelten 
haben, solange nicht eine Bearbeitung des Gedichtes, etwa eine Prosa- 
erzählung, nachgewiesen wird, welche Reuter benutzt haben kann. 
Nacks Poems sind 1852, Reuters Läuschen 1853 erschienen. Eine 
zwischen beiden vermittelnde dritte Bearbeitung ist bei dieser kurzen 
Zwischenzeit allerdings kaum wahrscheinlich. 

Offen bleibt die Frage, woher Reuters Kenntnis des englischen 
Originals stammt. Wir wissen, dass Reuter gelegentlich deutsch- 
amerikanische Zeitungen zu Gesicht bekommen hat, die von einem 
oder dem anderen der vielen in den 1840er Jahren ausgewanderten 
Mecklenburger in die alte Heimat geschickt wurden. Es lässt sich 
vermuten, dass eine solche Zeitung ihm die Kenntnis des Gedichts 
Nacks vermittelt hat. 



Läaschen I, Nr. 23. Dat Sösslingsmetz. 

Ein Vorgänger Reuters auf dem Gebiete der plattdeutschen 
Läuschendichtung, Ferdinand Zumbroock aus Münster, liess 1847 ein 
Bändchen ^Poetische Versuche in Westfälischer Mundart" drucken. 
Von diesem Büchelchen sind bis 1851, also vor dem Erscheinen von 
Reuters Läuschen, vier Auflagen erschienen, und es ist wohl möglich, 
dass ein Exemplar desselben auch Reuter zu Gesicht gekommen ist. 
Das erste Stück des Buches, auf das mich Herr Professor Grimme in 
Freiburg aufmerksam gemacht hat, „Dat billige Raseeren* legt diesen 
Gedanken nahe. Sein Inhalt sei hier kurz erzählt. 



91 

Melcherd, ein Bauer, kam einst zu einem Barbier, um sich den 
Bart abnehmen zu lassen, fragte aber vorher, was das kosten würde. 
Der Barbier antwortet: 

Dat kümp, min junge Mann, 

Blaut (bloss) up dat Messer an; — 

En Sülvergrosken kostet et, 

Niäm' ick dat, wat so blindrig lät. 

En halven man (nur) kostet et met dat, 

Wat dao (dort) lät so blank und glatt. 

Dat andre, wat dao tüsken iss, 

Dao doh'k et met umsüss." — 

^Was? umsonst? ganz ohne Geld!* ruft der Bauer aus und verlangt 
mit diesem Messer rasiert zu werden. Es geschieht, ohne dass der 
Barbier Seife nimmt, in einer Weise, dass dem Bauern Hören und 
Sehen vergeht, und er vor Schmerz aufspringen möchte. Nie will er 
sich wieder umsonst rasieren lassen. Als er am nächsten Morgen 
mit einem Freunde vor dem Hause des Barbiers vorüberkam, vernimmt 
er ein mächtig Schreien. 

„0 Jees's" — sagg Melcherd — „kum man to, 
Höär ess (hör einmal)! well (wer) schrait dao soV 
Dao raseert se ganz gewiss 
Wier en'n Mensk umsüss!" 

Zumbroock hat für sein Gedicht eine recht alte Erzählung 
benutzt, die sich schon — ich verdanke die Nachweise meinem Freunde 
Professor Johannes Bolte — in den f,Facetie, motu & hurle, raccolte per 
Lodovico Domenichi, Venetia 1581^, S. 282 findet. „Der kurtz- 
weilige Polyhistor, von Hilario Sempiterno. Cosmopoli 1719^ S. 113 
bringt sie in folgender Gestalt: 

Der um Gotteswillen geputzte Arme. 

Ein armer Mann kam in eine Stadt zum Barbierer, bat, weil er kein Geld 
bätte, er möchte ihn um Gotteswillen den Bart abscheeren. Der Barbier nahm 
eiü sehr stumpfes und schartiges Scheermesser, schür ihn dass ihm die Augen über- 
giogen. Unterdessen kam ein frembder Hund in des Barbierers Küchen, bei den 
Fleischtopf, die Magd prügelte ihn desswegen weidlich ab: Der Hund kam darauf 
schreyend in die Stube gelauffen, da ihn denn der arme Mann mit tränenden Augen 
fragte : Ob er auch um Gotteswillen geputzet wäre, weilen er so jämmerlich schreie. 

Dieselbe Erzählung kehrt dann im ;,Vade Mecum für lustige Leute, ^ 
Th. 3 (1767), S. 16 mit der Änderung wieder, dass das Gesicht des 
Armen (gerade so wie das des Bauern bei Zumbroock) mit Wasser 
ohne Seife nass gemacht wird, zu Schluss eine Katze in der Küche 
schreit, und als der Barbier nach der Ursache fragt, der Arme meint : 
vielleicht barbieret man sie um Gottes -Willen. 



92 

Die Fassung im ^Blauen Buch zum Lachen" (5. Aufl. Halle 
0. J.) weicht von dem Vademecum nur dadurch ab, dass aus dem 
Armen ein armer Priester geworden ist. 

Schliesslich bietet auch Hebel in den ^Erzählungen des rhei- 
nischen Hausfreundes" Abt. 1 (Wie man aus Barmherzigkeit rasiert 
wird) eine Bearbeitung, welche zu der Fassung des Kurtzweiligen 
Polyhistors stimmt. 

Reuters Läuschen „Dat Sösslingsmetz" bietet dieselbe Erzählung 
wie Zumbroocks Gedicht, nur sind die Einzelheiten anders ausgemalt, 
und die Begebenheit ist nach Stavenhagen verlegt. Bemerkenswerte 
Übereinstimmungen sind z. B., dass der Bauer, den Zumbroock schildert, 
ausserhalb des Dorfes auf abgelegenem Gehöft wohnt, und der Bauer 
des Läuschens ein Hanschendörfer ist, also nach alter Stavenhagener 
Ausdrucksweise ein Bauer aus einem abseits gelegenen, von allem 
Verkehr abgeschnittenem Dorfe oder auch Gehöfte. Ferner ist in 
beiden Gedichten die Verschiedenheit des Barbierlohnes von der Wahl 
des Messers abhängig. Besonders fällt aber der gleiche Ausgang 
beider Gedichte ins Auge. Auch der Hanschendörfer Bauer kommt 
später wieder an der Barbierstube vorüber, hört ein mächtiges Geschrei 
aus dem Hause — es wird gerade ein Schwein geschlachtet — 

„Haha!'' seggt hei, „nu is hei weder bi, 
Nu lett sick weder ein halbieren." 

Sollte trotzdem Zumbroocks Gedicht Reuters Quelle nicht gewesen 
sein und die besonderen Übereinstimmungen zwischen beiden Dichtern 
durch die Benutzung einer unbekannten altern Fassung sich erklären, 
so ist doch in jedem Falle ausser Zweifel gestellt, dass die dem 
Läuschen zugrunde liegende Erzählung von Reuter weder erfunden 
noch einer Begebenheit, welche in seiner Vaterstadt sich zugetragen 
hat, nacherzählt sein kann. 

Von Gädertz erhalten wir freilich eine andere Belehrung: 
„Chirurgus Metz (in Stavenhagen) soll die grausame Prozedur an einem 
Bauern wirklich vollzogen haben.*' 

Die Wahrscheinlichkeit der Benutzung Zumbroocks durch Reuter 
würde noch grösser sein, wenn noch ein anderer Läuschenstoff sich 
auf Zumbroock zurückführen Hesse. Dieser erzählt in seinem Gedicht 
;,De Austern", dass ein Bauer von seinem Schlossherren zur Stadt 
geschickt war, um für ein Gesellschaftsessen auf dem Schlosse einen 
Korb Austern zu holen. Der Korb war recht schwer, und der Bauer 
verzweifelt fast daran, mit ihm den langen Weg zum Schlosse zurück- 
legen zu können. Einem jungen Burschen, der ihm begegnet und 
ihn fragt, klagt er seine Not. Als der Bursche die Austern erblickt, 
ruft er aus: ;,Ja, mit so einem Bauersmann erlaubt man sich doch 
alles! Die Austern sind ja nicht ausgenommen, der Koch wird Euch 



93 

schön fegen, wenn Ihr heimkommt.^ Der Bauer will die Austern 
dem Kaufmann zurückbringen, der Bursche weiss aber anders Rat. 
Er holt einen Napf, tut den Inhalt der Austern hinein und heisst mit den 
leeren und somit leichteren Austernschalen den Bauer zum Schlosse gehen. 
Diese Schnurre hatte Reuter im Sinne, als er in einem 1858 
hergestellten Verzeichnis von Lausch enstoflfen notierte: „Das Aus- 
brechen der Austern und Ausnehmen derselben; Pastor Berg, nach 
Bützow und Rostock zu verlegen." — Der Zusatz , Pastor Berg** kann 
bedeuten, dass dieser ihm die Geschichte erzählt hat, es kann aber 
auch sein, dass Berg in der Erzählung eine Rolle spielen sollte. 
\VirkIich hat es zu derselben Zeit, als Reuter in Rostock studierte, 
hier einen stud. theol. G. Berg gegeben, der später Pastor in Westen- 
briigge wurde und schon 1838 starb. So ist es wohl möglich, dass 
Reuter die Austerngeschichte als Studentenstreich erzählen und als 
Modell des Studenten den späteren Westenbrügger Pastor sich vor- 
stellte. Wenn dagegen mit „Pastor Berg* Reuters Gewährsmann 
gemeint sein sollte, würde man wohl an den Präpositus Christian 
Berg zu denken haben, welcher in dem südlich vom Müritzsee gelegenen 
Dorfe Alt-Gaarz 1843 — 1859 Pfarrer war. Wenn Alt-Gaarz auch von 
Neubrandenburg, wo Reuter wohnte, weitab liegt, so gehören doch 
beide Orte zu Mecklenburg- Strelitz, und Berg kann Veranlassung 
gehabt haben, gelegentlich die Hauptstadt des Ländchens oder auch 
Xeubrandenburg selbst zu besuchen und ist dabei mit Reuter bekannt 
geworden. 

Lauschen I, 1. De Obserwanz. 

Die neue Folge der Läuschen wird durch ^De swarten Pocken^ 
eröffnet. W^er Reuter-Vorleser öfter gehört hat, weiss, welches Lachen 
jenes so oft vorgetragene Läuschen stets auslöst, und begreift, dass 
es, als eins der packendsten, an die Spitze der Sammlung von seinem 
Verfasser gestellt ist. 

Die alte Folge der Läuschen bietet als erstes „Die Obserwanz*'. 
Es wird erzählt, dass die Bauern ihrem Pastor einmal zu Weihnacht 
einen prächtigen Kuchen gebracht hatten und am folgenden Weihnachts- 
feste das Geschenk wiederholen wollen. Erfreut will ihn der Pastor 
wieder in Empfang nehmen, macht aber vorher einen schriftlichen 
Vermerk „die Bauern waren heute hier und brachten mir wieder 
einen Kuchen zu Weihnachten^. Diesen Vermerk mache er, antwortet 
er dem fragenden Dorfschulzen, nur um die Observanz. „Hm!*' 
brummte darauf der Schulze, „oh, denn schriwen S' man dor achter 
noch dit: die Bauern brachten ihn mir woll, doch nahmen sie ihn 
wieder mit", packt den Kuchen wieder ein und will mit ihm das 
Pfarrhaus verlassen. Auf die verwunderte Frage des Pfarrers, was 
das bedeute, wird ihm lachend erwidert „dat is man um de Obserwanz!" 

Es liegt die Frage nahe, warum Reuter nicht ein ähnlich wir- 
kungsvolles Läuschen wie das erste der neuen Folge an den Anfang 
seiner älteren Sammlung, also etwa „De Wedd", gestellt hat? Ich 



94 

konnte in meiner Ausgabe Reuters nur eine Vermutung aussprechen, 
die an eine vor mir noch nicht verwertete Nachricht anknüpfte, welche 
wir einem Sohne von Fritz Peters verdanken. 

Dieser hat in der Deutschen Rundschau Bd. 54, S. 448 (1888) 
die bekannten Verse Reuters „Mein Freund, ich bin ein armer Schlucker" 
abdrucken lassen als „das Gedicht, mit welchem er Weihnachten 1852 
sein Erstlingswerk überreichte." Da die ;,Läuschen" damals 
noch ungedruckt waren, kann nur das Manuskript eines Teiles der- 
selben gejneint sein. In meiner Ausgabe merkte ich zu dem Lauschen 
an: „Es hat seinen besonderen Grund, dass gerade dieses Lauschen 
an die Spitze gestellt ist. Reuter hatte seinem Freunde Peters Weih- 
nacht 1852 Julklappverse, welche die Dedikation seines ersten Werkes 
verhiessen, nebst dem Manuskript einer Anzahl fertiger Läuschen 
überreicht. Das Manuskript wird er, wie man annehmen darf, yor- 
gelesen und dann wieder mit sich genommen haben. Es ist deshalb 
von schalkhafter Anzüglichkeit, wenn in dem Läuschen von einer 
Weihnachtsgabe die Rede ist, die gebracht und sofort wieder zurück- 
genommen wird.'' — Dass Reuter sein Manuskript wieder an sich 
nahm, erklärt sich ungezwungen. Er wollte sich die Mühe sparen, 
eine neue Reinschrift anzufertigen. 

Was ich als Vermutung ausgesprochen habe, finde ich in einem 
— im Wesentlichen gegen mich gerichteten — Aufsatze „Reuters 
Läuschen un Rimels, von K. Th. Gädertz'' (National-Zeitung, Sonntags- 
beilage, 25. Juni 1905) und später in Gädertz' Ausgabe der Läuschen 
als Tatsache berichtet. Nachdem Gädertz erzählt hat, dass Reuter 
eine Anzahl Läuschen im Manuskript als Julklapp für Fritz Peters 
geworfen hatte, fährt er fort: ;,Das als Geschenk dargebrachte kleine 
Konvolut hatte er aber nachher wieder in seine Tasche gesteckt, 
ähnlich wie im ersten Läuschen ,De Obserwanz' die Bauern dem 
Herrn Pastor den Weihnachtskuchen mit der einen Hand geben, mit 
der anderen zurücknehmen, eine scherzhafte Entschuldigung für sein 
Gebahren. Denn er brauchte notwendig gerade jetzt die Kinder 
seines Humors um sie in seiner Vaterstadt Stavenhagen der Familie 
zu zeigen, falls sich dazu die Gelegenheit und Stimmung finden sollte. 
Führte ihn doch eine traurige Pflicht in der Weihnachtswoche dort- 
hin: seinem Oheim Ernst Reuter, der ihn nach der Festungszeit 
liebevoll aufgenommen hatte, die letzte Ehre zu erweisen.* (Der 
hierauf folgende Absatz ist wörtlich Franz Engel ;, Briefe von Fritz 
Reuter* Bd. 2, S. 266 nacherzählt). 

Indem Gädertz weder mich als Gewährsmann nennt noch über- 
haupt eine Andeutung macht, dass die Darstellung auf Vermutung 
beruht, erweckt er den Anschein, aus eigener Kenntnis des Vorganges 
auf grund schriftlicher oder mündlicher Nachrichten zu berichten. 
Um so eher muss man so schliessen, weil er den Grund kennt, wes- 
halb Reuter sein Manuskript zurückfordert: er musste nach Staven- 
hagen zur Bestattung seines Oheims und wollte bei dieser Gelegenheit 
seine Läuschen vorlesen. 



95 

Gerade aus diesem Zusatz, den Gädertz meiner Darstellung an- 
hängt, lässt sich erweisen, dass er wieder einmal blosse Vermutung 
— und er vermutet meist falsch — als Tatsache berichtet hat. 

Wenn das, was Gädertz erzählt, wahr wäre, müsste Fritz Reuter 
am 24. Dezember 1852, als er bei Fritz Peters in Thalberg Weih- 
nachtsabend feierte, bereits die Nachricht vom Tode seines Oheims 
empfangen haben. Es lässt sich zeigen, dass das nicht der Fall 
gewesen sein kann. 

Reuters Oheim ist am 24. Dezember 1852 in Stavenhagen ge- 
storben. Die Stunde seines Todes ist unbekannt. Selbst wenn man 
annimmt, dass sie eine frühe Morgenstunde war, konnten die Eilbriefe, 
welche die Todesnachricht seinen vielen Kindern, Schwiegersöhnen 
und Neffen zutragen sollten, erst Nachmittags zur Beförderung kommen. 
Depeschen kommen nicht in Betracht, da Stavenhagen damals weder 
Eisenbahn noch telegraphische Verbindung hatte. 

Nach Ausweis des Mecklenburg-Schwerinschen Staatskalenders 
und des Preussischen Kursbuches ging jeden Freitag um 2 Uhr Nach- 
mittags von Stavenhagen eine Post nach Demmin, wo sie um 4^2 
Uhr eintraf und nach Anklam weiterfuhr, eine andere um 5 Uhr 40 
Min. nach Neubrandenburg, das sie Abends 9 Uhr 5 Min. erreichte. 
Sowohl Demmin als Neubrandenburg hatten Anschluss nach Treptow 
a. d. Tollense, beide aber erst Nachts bzw. am nächsten Morgen. 
Es ist also ausgeschlossen, dass Fritz Reuter vor Weihnacht-Vormittag 
(Sonnabend) den Trauerbrief erhalten hat. Reuter kann also nicht 
schon einen Tag vorher von dem Sterbefall gewusst haben. 

Länschen I, Nr. 5. De Ballenwisch, nnd Lauschen II, Nr. 42. 

En Prozess will hei nich hewwen. 

Wie wir gesehen haben, hat die blosse Existenz zweier alter 
Wand- oder Standuhren in Bäckereien der Städte, deren Gymnasium 
Reuter als Schüler besucht hat, zur Bildung der lügenhaften Tradition 
genügt, dass vor jenen Uhren der wettende Bäcker Swenn sein ^Hier 
geiht hei hen, dor geiht he hen" gesprochen habe, die Wette also 
historisch sei. Wieviel leichter konnte nicht, zunächst eine Vermutung, 
dann durch gläubige Weiterrede eine lokale Tradition entstehen, dass 
irgend eine in Reuters Dichtungen erzählte Begebenheit sich wirklich 
in dem Orte ereignet habe, wenn von Reuter Namen genannt wurden, 
welche auf einen bestimmten Ort oder auf eine bestimmte Person 
hinzuweisen schienen. 

Es gibt bei Wendisch -Warnow an der Berlin -Hamburger Bahn 
ein mecklenburgisches Gut namens Hühnerland, plattdeutsch Häuner- 
land. Hier lebte in den 1850er Jahren ein alter, vielleicht auch 
missingsch redender Inspektor. Als Reuters Stromtid erschien und 
man darin las, dass Bräsig in Haunerwiem wohnte, entstand in der 
Gegend von Wendisch -Warnow das Gerücht, jener alte Inspektor sei 
Reuters Bräsig, allein und einzig nur auf die Namensähnlichkeit hin. 



96 

Reuter nennt den Bürgermeister, welcher im Läuschen I Nr. 3 
die Bullenwiese pachtet, ;,Lisch^. Nun gab es in der mecklenburgischen 
Salinenstadt Sülze einen Bürgermeister Liss. Wie mir Herr Kirchenrat 
Dr. Weiss in Sülze mitgeteilt hat, glaubt man hier und hat schon 
zu Lebzeiten des Bürgermeisters Liss ernsthaft geglaubt, dass dieser 
in der von Reuter geschilderten Weise sich die Pacht der Bullenwiese 
des Ortes zugesprochen habe. 

Liss ist von Oktober 1841 — 1859 Bürgermeister gewesen und 
1879 in Sülze gestorben. Die ihm nachgesagte Wiesenpacht müsste 
in die Jahre 1842 — 1852 fallen. Aus eigener Erinnerung soll in Sülze 
heute Niemand mehr über Wahrheit oder Unwahrheit der Nachsage 
Auskunft geben können. 

In Stavenhagen wurde Glagau, dem Biographen Reuters, erzählt, 
dass der Vater Fritz Reuters der betreffende Bürgermeister gewesen 
sei. Drei alte Bürger Stavenhagens, deren Gedächtnis bis in die 
1820er Jahre reicht, konnten jenes Gerücht nicht aus eigener Erinne- 
rung bestätigen, zwei von ihnen hielten die Tradition allerdings für 
glaubhaft, dem alten Bürgermeister sei so etwas wohl zuzutrauen 
gewesen. 

Schliesslich ist, wie ich im Ndd. Jahrbuche 29, S. 59 nach- 
gewiesen habe, dieselbe Geschichte schon vor 1854 von Daniel Sanders 
erzählt und einem Bürgermeister von Friedland zugeschoben. 

Diese dreifache Tradition ist lehrreich. Sie muss warnen, 
unverbürgtem Gerede, das durch die Namensähnlichkeit entstanden 
sein kann, Glauben zu schenken. 

Wenn Reuter den Bürgermeister des Läuschens ;,Lisch^ genannt 
hat, so war es vielleicht gar nicht seine Absicht, auf den Sülzer Bürger- 
meister ;,Liss^ anzuspielen, denn Lisch ist in Mecklenburg kein seltener 
Name, und der zu ;, Bullenwisch ^ gesuchte Reim führte auf ihn. In 
anderen Fällen hat allerdings Reuter mit bewusster Absichtlichkeit 
erfundene Namen so geformt, dass sie an die Namen wirklicher 
Personen anklangen und dem Leser die Vermutung kommen musste, 
wirkliche Begebenheiten aus dem Leben jener Personen zu vernehmen. 

Durch die Vorführung einer Menge bekannter, nur durchsichtig 
maskierter Persönlichkeiten wurde das lokale Interesse in Mecklenburg 
durch und für die Läuschen bei ihrem Erscheinen an vielen Orten 
wachgerufen, und die ausserordentlich schnelle Verbreitung des ersten 
Werkes Reuters erklärt sich hierdurch nicht zum mindesten. Freilich 
war, wie ich bereits in meiner Ausgabe Bd. 1 S. 39 bemerkt habe, 
die Eigentümlichkeit der „Lauschen^, das Erzählte zu lokalisieren 
und bekannten Personen zuzuschreiben, eigentlich ein die Wirkung 
der Erzählung fördernder Kunstgriff. Die Teilnahme am Gehörten 
wächst, wenn es als wahres Erlebnis durch Angabe von Ort und 
Person erwiesen wird. Nur das Kindermärchen mit seinem ;,Es war 
einmal ein^ verzichtet gänzlich auf diesen Kunstgriff. 



97 

In dem Läuschen „En Prozess will hei nich hewwen^ wird er- 
zählt, dass ein Herr Lüttmann, welcher von einem Kandidaten ver- 
klagt war, dem Gerichte schrieb, er wolle keinen Prozess, nicht zum 
Termin ei*schien und dann entrüstet war, weil er verurteilt wurde, 
trotzdem er keinen Prozess hatte haben wollen und der Gerichts- 
direktor sein guter Freund sei. 

In Reuters StofFverzeichnis v. J. 1853 bezieht sich nach Gädert^ 
auf dieses Läuschen die Einzeichnung ;,Der Handel des Herrn von 
Dilten". Reuter muss also schon vor 1853 die zugrunde liegende 
Anekdote gehört und die Absicht gehabt haben, sie von einem Herrn 
von Ditten zu erzählen. 

Zu dem Läuschen bemerkt Gädertz: ;,Gern trank Reuter bei 
Schleuder, dem früheren Besitzer des Hotel de Russie zu Rostock, 
[in den in Betracht kommenden Jahren war Witwe Schleuder die 
Besitzerin] einen D.ämmerschoppen und hörte von der Tafelrunde 
heitere Anekdoten, u. a. auch eine, die er in dem Läuschen ungemein 
lebendig wiedergegeben hat. Der Held dieser von einer kindlichen, 
wenn nicht kindischen Auffassung des Rechtes zeugenden Geschichte 
war kein .geringerer als der frühere Stadtkommandant in Rostock 
V. Sittmann, der 1853 seinen Abschied nahm und starb. Reuter hat 
zartfühlend die zu einer humoristischen Behandlung herausfordernde Er- 
zählung für den zweiten Band seiner Läuschen un Rimels, der erst 1858 
erschien, zurückgelegt.*' Von allen diesen Einzelheiten ist richtig, dass 
Reuters Namensbildung v. Lüttmann auf den Stadtkommandanten 
V. Sittmann zielt und dass die Rostocker, welche von altersher von 
ihren Stadtkommandanten gern Allerlei erzählten, auch Sittmann in 
dieser Beziehung nicht verschonten. Alles Übrige, was Gädertz zur 
Einrahmung dieser Einzelheiten beibringt, habe ich Grund für blosse 
Vermutung zu halten, besonders auch, dass die Geschichte schon 
zu Sittmanns Lebzeiten Reuter im Hotel de Russie beim ;,Dämmer- 
schoppen** von den Stammgästen erzählt sei. Es wird an Gädertz 
sein, Zeugnisse für seine Angaben beizubringen. Wie ich von einem 
Rostocker Herrn, bei dem und mit dem Reuter manche Flasche Wein 
in Rostock getrunken hat, gehört habe, ist dieser zeitweise, um 1858, 
öfter nach Rostock gekommen, in Zwischenräumen von etwa acht 
Wochen. Dass er in dem Jahrzehnt vorher ;,gern seinen Dämmer- 
schoppen bei Schleuder" trank, habe ich nicht erkunden können. 
Dass man nach 1858 in Rostock das Läuschen auf Sittmann deutete 
und als bare Münze nahm, beweist nicht, dass dieser selbst früher Ähn- 
liches erzählt hatte. Gädertz hat angemerkt, wann Sittmann Gefreiter, 
Leutnant, Kapitain usw. geworden ist. Er hat aber versäumt anzu- 
führen, dass Sittmann 1834 in das Militär-Collegium zu Schwerin 
als einer der zwei Räte, die es zählte, berufen worden und als solcher 
bis 1840 tätig gewesen war, ja zuletzt in Vertretung demselben vor- 
gestanden hatte. Die mehrjährige Mitgliedschaft an dieser militärischen 
Verwaltungsbehörde schliesst wohl aus, dass er jene „kindliche, wenn 
nicht kindische Auffassung des Rechtes^ gehabt und betätigt hat. 

Niederdeutsches Jahrbuch XXXIT. 7 



98 

Die Möglichkeit, dass ihm trotzdem etwas Ähnliches schon zu 
Lebzeiten nachgeredet wurde, lässt sich zwar nicht durchaus läugnen, 
doch bedarf es besser bezeugter Angaben, wenn man ein solches 
Gerede als Quelle des Läuschens annehmen soll. 

Längchen I, Nr. 6. De Ihr nn de Frend. 

In diesem Läuschen erzählt Reuter, dass Fiken Bull, die Tochter 
eines alten Schuhmachers, wider den Willen ihres Vaters Schauspielerin 
geworden war. Die Truppe, der sie angehörte, kam später in ihre 
Heimatstadt Waren und führte hier ein Stück auf, zu Schluss dessen 
Fiken nieder zuknieen und zu rufen hatte „Vater, vergieb mir!" Ihr 
anwesender Vater bezog diese Worte auf sich, sprang auf die Bühne 
und rief: ;,Min Döchting! nicks hir von Vergewen! An Di kann ick 
blot Ihr un Freud' erlewen! 

Dem Läuschen liegt ein wirklicher Vorgang, der sich in Reuters 
Vaterstadt abspielte, zu Grunde, den Reuter selbst in „Meine Vater- 
stadt Stavenhagen*' (Reuter, Bd. 4, S. 216 u. 486, vgl. E. Brandes, 
Aus Reuters Leben S. 21) schildert. Darnach hiess die Schauspielerin 
Kläre Saalfeld. „Sie beschloss mit dieser Szene,* sagt Reuter, „ihre 
dramatische Laufbahn, sie trat ins bürgerliche Leben zurück und 
heiratete einen geistesverwandten Torschreiber. Sie blieb bis an ihr 
Ende die erste Autorität Stavenhagens in dramatischen Dingen.'^ 
Nach Reuters Schilderung muss jene Szene vor der Ankunft des 
späteren Postmeisters Stürmer in Stavenhagen, also vor dem Jahre 
1816 stattgefunden haben. 

Die 1809 geborene, allen alten Stavenhägern wohlbekannte 
„Tanten LöwenthaP, geb. Meyer, konnte mir aus ihren Jugend- 
erinnerungen mitteilen, dass der Torschreiber Ruthenick, die Schau- 
spielerin Klara Mahnfeld, nicht Saalfeld, geheissen habe. Das die 
Neubrandenburger Strasse abschliessende Torschreiberhäuschen, das 
Meyersche Kaufmannshaus und das Haus, aus dem Klärchen Mahn- 
feld stammte und in welchem ihr Verwandter (Schwager?), der kinder- 
reiche Schlossermeister Tröpfner wohnte, waren Nachbarhäuser. 
Welcher Schauspielertruppe Clara Mahnfeld zugehörte, liess sich aus 
Bärensprungs „Geschichte des Theaters in Meklenburg^ S. 227 
ersehen. Nach seiner Angabe findet sich ihr Name als Dem. Mann- 
feldt auf Güstrower Theaterzetteln der Reitzensteinschen Truppe v. 
J. 1809. 

Gädertz hat wohl an denselben Stellen wie ich Nachrichten über 
Clara Mahnfeld erhalten. Wenn trotzdem seine Angaben von den 
meinen abweichen, so hat er entweder die ihm gegebene Auskunft 
missverstanden oder aber Vermutungen ausgesprochen. Er sagt 
;,Sie war das zwölfte [?] Kind eines Stavenhäger Schlossermeisters, 
wurde eine nicht unbedeutende [?] Schauspielerin, trat mit der Truppe 
des Direktor? Reitzenstein auf und nach obigem Triumph von der 



99 

Bühne zurück, um die häuslich sorgende Gattin des Tor- und Mühlen- 
schreibers Christian Ruthenick zu werden^. 

Dass Clara Mahnfeld nicht nach obigem Triumph, sondern erst 
eine Anzahl Jahre später die zweite Frau Kuthenicks geworden ist, 
lässt sich leicht erweisen. Wie oben bemerkt ist, hat jenes Theater- 
ereignis sich vor dem Jahre 1816 begeben. Aus der auch Gädertz 
bekannten Stavenhäger Einwohnerliste von 1819 ist aber zu ersehen, 
dass in diesem Jahre 1) Rutenicks erste Frau, Friderike geb. Reuss, 
noch lebte, 2) dass das ehemals Mahnfeldsche Haus im Besitze des 
Schlossermeisters Tröpfner sich befand, dessen Frau eine geborene 
Mahnfeld war, vermutlich eine Schwester Klaras, 3) dass ferner der 
Vater der Schwestern nicht verzeichnet ist, also wohl verstorben war. 

Lauschen I, Nr. 21. De Sehapknr. 

Auf Jahrmärkten pflegten früher Drehorgelspieler sich mit grossen, 
fast zwei Meter hohen und etwa dreiviertel Meter breiten Leinwand- 
tableaux einzufinden, auf die eine Anzahl Bilder gemalt waren, welche 
den Verlauf irgend eines Raub- oder anderen Mordes darstellten, 
zuerst etwa den Anschlag des Mörders, dann den räuberischen Überfall, 
die Leiche des Ermordeten, das Ergreifen des Mörders durch Gens- 
darmen, den Mörder im Gefängnis und schliesslich am Galgen. Die 
;,Mordsgeschichte* war in ein Lied gebracht und wurde zur Drehorgel 
gesungen. Zwischen den einzelnen Strophen wies der Drehorgelspieler 
mit einem Stabe auf das zugehörige Bild und erläuterte es durch 
einige gesprochene Worte. 

Die Verse 34 — 137 der ^Schapkur^ bieten augenscheinlich die 
parodistische Nachahmung eines solchen Leierkastenliedes. Die den 
vierzeiligen Strophen einigemal vorgefügten Verspaare in Kurzzeilen 
V. 106 f., 118 f., 124 f. sind ursprünglich als zwischen den gesungenen 
Versen gesprochene Hinweise des Leierkastenmannes gedacht. Nur 
Verspaar V. 112 113 fügt sich dieser Auffassung nicht. 

Das parodistische Leierkastenlied ist wohl nicht ursprünglich 
in der Absicht verfasst, Teil eines erzählenden Läuschens zu sein. 
In recht äusserlicher Weise ist es zu einem solchen offenbar erst 
nachträglich durch Vorfiigung einer nicht-strophischen Einleitung und 
einige angehängte Schlussstrophen zurechtgemacht. 

Löst man das Lied aus dem Rahmen, den es so erhalten hat, 
so erhält man eine Art Gegenstück zu Reuters Bänkelsängerlied auf 
den feierlichen Einzug der gräflich Hahnschen Familie in Basedow 
am 20. Oktober 1849. (Reuter Bd. 7 S. 239.) 

Beide Dichtungen begegnen sich in der Tendenz, durch die 
gewählte parodistisch- volkstümliche Gedichtform die geschilderte 
Begebenheit und die handelnden Personen, hier die Gräfin, dort den 
Rittergutsbesitzer, lächerlich erscheinen zu lassen. 

Gädertz merkt in seiner Ausgabe zu dem Läuschen an: ;,Der 
Rittergutsbesitzer Karbatschky heisst im Manuskript: Drowalsky, in 



100 

Wirklichkeit — nach Mitteilung einer Mecklenburgerin — Kowalsky 
auf Porstorf." Gemeint ist Rud. Cowalsky, der Alt-Poorstorf bis 
1847 inne hatte, in welchem Jahre der Kammerherr Carl v. Örtzen 
das Gut übernahm. 

Hat die Mecklenburgerin nur Auskunft auf die Frage gegeben, 
wer mit „Drowalsky*^ gemeint sein kann oder erinnert sie sich wirklich, 
dass Cowalsky durch den Axthieb seines Schäfers zeitlebens schwach- 
sinnig geworden ist? 

Ich habe Grund zu bezweifeln, dass die Begebenheit so, wie sie 
Reuter darstellt, verlaufen ist. Wenn Cowalsky der Gutsbesitzer war, 
müsste sie spätestens 1847 geschehen sein. Beiden Annahmen scheint 
eine von mir in dem Rostocker Wochenblatt Nr. 51 vom 23. Dezember 
1850 aufgefundene, mit zwei Holzschnitten illustrierte Darstellung der 
Begebenheit zu widersprechen. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass 
die Zeitung erst drei oder mehr Jahre nach dem Ereignis eine Schilde- 
rung derselben brachte, und es ist ganz unwahrscheinlich, dass die 
tendenzlose Schilderung der Zeitung, wenn in Wirklichkeit der Guts- 
besitzer den Schlag empfangen, der Schäfer ihn verschuldet, gerade 
umgekehrt den Verlauf dargestellt hätte. Dagegen ist es wohl ver- 
ständlich, wenn Reuter durch seine gegen die Rittergutsbesitzer 
gekehrte, oft betätigte Tendenz einen von diesen als geistesschwach 
hinstellt. 

Die Heilung der Drehkrankheit. 

Schäfer -Idylle in 2 Bildern. 

Erstes Bild : Die Arznei. 

Schäfer. Herr, ick bring hier nu den naarschen Hamel, wur ick gistem 
von seggt heff. Den möten Se wol man slachten laten; he is all gor to wiet to. 
He geht ümme rund um, as in de Bottermähl. 

Der Herr. Nee, dat Schlachten hett noch Tiet ; ick will em man noch ihrst 
eens wat bruken. — Bring em na de Schüündehl un maak de Döhr hinner Di to 
un denn hüll em mit'n Kopp fast gegen de Schüündöhr. Ick will denn von buten 
mit de Holtäx gegen de Döhr hoogen. Von de Drähnung springt den Hamcl de 
Blas' in'n Kopp un denn is he kurirt. Giif man eens de Äx ut'n Holtstall her un 
denn holl em den Kopp man fast gegen de Schüündöhr. 

Schäfer. Na, dat sali mi denn doch verlangen, wur ml dat wundem wardt. 

Zweites Bild: Die Wirkung. 

Der Herr (nach vollführtem- Schlage in die Scheure blickend). Na? Hett't 

hulpen? Hotts schwer Ack! dor liggt jo Scheeper un Hamel een äwer't 

anner! Grüttmöller! Daul Kumm äwer End', besinn Di! — — Schweer 

Leed ! dat wier jo woll ball to veel worden ? 

Schäfer. Ja, Herr, dat Mittel helpt to dull. Dat soll man den Hamel 
kurirn und dat kurirt uns fuhrts beejg [mundartlich statt beide] ! — Herre du 
meenes Läbens! dat dunsH denn doch äwer ook liederlich in'n Kopp! 



101 

Der Herr. Na, wur Dunnerweder best Du Dienen Kopp ook mit an de 
Döhr hellen? 

Schäfer. Je, dat hew ick jo woll! Ick künn dat jo ook nich weeten, 
wurans dot [lies dat] weea! 

Der Herr. Herre Jesus, wat'n Ossenmüller! Büst Du denn reeden dwalsch? 

Schäfer. Je, west bün ick't, äwer nu nich mihrer. Mi hebben Se kurirt; 
ick hoU den Kopp up de Oart seen Leder nich werte hen. 



Länscben II, Nr. 21. Dat smeckt dor äwerst ok nah! 

Zu diesem Läuschen ist in meiner Reuter- Ausgabe angemerkt, 
dass mit dem Pastor Säger tau Salaten j welchem von Reuter die 
Geschichte zugeschrieben wird, Friedrich Hager, 1832 — 73 Pastor 
in dem Dorfe Slate, gemeint sei. Diese Angabe verdanke ich keiner 
Auskunft, sondern sie ist das Ergebnis einer rein philologischen, an 
meinem Schreibtische gewonnenen Folgerung. Im mecklenburgischen 
Platt kann der kurze Vokal unbetonter erster Wortsilben schwinden, 
wenn die konsonantischen Anlaute der beiden ersten Wortsilben ver- 
einigt eine der üblichen Konsonantverbindungen ergeben. Es konnte 
also Salaten = Slaten sein. Die Predigerverzeichnisse bestätigten 
dann, dass es in diesem Dorfe einen Pastor Hager gegeben hat. 
Ich habe aber nicht gemeint, dass der Pastor Hager die erzählte 
Begebenheit wirklich erlebt hat, sondern habe ausdrücklich angemerkt, 
dass Reuters Quelle eine Anekdote war, welche in Raabes Allgemeinem 
plattdeutschen Volksbuche, Wismar 1854, S. 142 und vorher in den 
Fliegenden Blättern Nr. 356 (1852) sich gedruckt fand. 

Über dieses Läuschen handelt auch Gädertz in seinem Aufsatze, 
in welchem ;,von solchen Läuschen die Rede sein soll, deren Original- 
figuren und tatsächliches Geschehnis^ er ;,auf Grund authentischer 
Quellenforschung ermittelt habe und nachweisen kann.* Er weiss 
gleichfalls, dass der Pastor Hager in Slate gemeint ist, nennt mich 
aber weder als Gewährsmann noch gibt er an, woher er sein authen- 
tisches Wissen über ;,Originalfigur'' und „tatsächliches Geschehnis* 
hat, er führt nur an, dass ihm der jetzige Pfarrer von Slate seine 
[meine?] Angabe mit den Worten bestätigt habe, ;, Hager ist wohl 
unzweifelhaft mit dem Pastor Säger tau Salaten gemeint, zumal da 
ungebildete Leute noch jetzt oft Salate für Slate sagen.* 

Über das „tatsächliche Geschehnis* bringt Gädertz keinen Nach- 
weis. Jedesfalls berichtet Reuter kein Erlebnis Hägers, sondern 
dichtet ihm nur an, was ihm die oben genannten Quellen aus den 
Jahren 1852 und 1854 boten. Da diese immerhin die denkbare 
Möglichkeit nicht widerlegen, dass in ihnen eine Begebenheit aus 
Hägers Leben erzählt sei, bringe ich hier eine Variation derselben 
Geschichte aus dem schon vor Hägers Zeit gedruckten, schon oben 
angeführten „Blauen Buch*. Das Alter dieser Fassung schliesst die 
von Gädertz angenommene Möglichkeit aus, dass die Geschichte von 



102 

Mecklenburg aus sich verbreitet und so in die Fliegenden Blätter 
gelangt sei. 

Ein Bürger kaufte von einem Bauer ein Fuder Holz. Wie nun der Bauer 
das Holz abgeladen, nötigte jener ihn herein zu kommen, da er ihm dann, nebst 
Butter und Brot, einen holländischen Käse vorsetzte. Wie nun der Bauer solchen 
gekostet, merkte er, dass er gut sei: schnitt derohalben weidlich hinein, und ass 
mit grösster Begierde. Der Bürger hätte den Käse gern verschont gesehen, sagte 
dahero: Mein Freund, es ist Eidammer Käse. — Dieser versetzte: das schmeck 
ich wohl. — Man kann auch leicht zu viel davon essen, dass man wohl gar davon 
stirbt. — Ei, sagte der Bauer, indem er sich noch ein grosses Stück abschnitt 
und einsteckte, ich will dieses meiner Frau zu essen geben ; denn ich möchte doch 
das alte Fell gern los sein. 

Lauschen H, Nr. 2. En gand Geäehäft 

Zur Erntezeit, erzählt Beuter, goss es vor langen Jahren einmal 
mit Mulden von Himmel, Tag für Tag, das Getreide wollte nicht 
trocken werden und begann bereits auf dem Halm auszuwachsen. 
Am Sonntag Hess endlich der Regen nach. Um seine Ernte zu retten, 
beschloss der Bürgermeister, sich an kein Verbot zu kehren und ein- 
zufahren. Als die Bürger seine Erntewagen fahren sahen, taten sie 
sofort, wie er. Ergrimmt über die Sonntagsarbeit verlangt der Pfarrer 
des Ortes Bestrafung der Schuldigen. Der Bürgermeister setzt Termin 
an und legt Jedem fünf Taler Strafe auf. ;,Wo, Dunner l'^, rief da 
einer der Bestraften aus, ^Sei, Herr Burmeister führten ok!" — 
^Ja, und als der erste!" fügte der anwesende Pfarrer hinzu. — Der 
Bürgermeister kann das nicht läugnen ;,das weiss ich wohl! Ich fuhr 
zuerst, und drum bezahle ich heute auch zuerst mein Geld!" Als er 
sein und der Übrigen Geld zusammen hat, fragte der Pastor: ;,Wo 
bleibt das Geld". — ;,Das Geld," entgegnet der Bürgermeister, „fällt 
in unsere städtische Sportelkasse." — ;5Und wo bleibts dann?" — 
^Je, Herr Pastur, denn flüt't in mine Tasch herin, wil ik up Sportein 
wesen bün." 

Die von Reuter in den Druck gegebene Fassung des Läuschens 
nennt den Ort, wo sich die erzählte Geschichte begeben habe, Grimmen. 
In seiner ersten Niederschrift heisst der Ort Crivitz. In einem Ver- 
zeichnis seiner Läuschenstoffe notierte Reuter „Der Bürgermeister 
in Mölln zahlt an sich selbst fünf Taler Strafe für's Einfahren am 
Sonntag". Übereinstimmend hiermit schrieb er an den Bürgermeister 
Kirchhoff in Grimmen, die Geschichte solle in dem Geburtsorte Euleu- 
spiegels, in Mölln, passiert sein. 

Der Wechsel des Ortsnamen zeigt eigentlich allein schon, dass 
die in den Läuschen genannten Namen an und für sich gar nichts 
beweisen. Aber auch die briefliche Mitteilung Reuters, der Ort des 
Begebnisses ^ei die Eulenspiegelstadt Mölln, ist selbst eine Eulen- 
spiegelei. In Wirklichkeit war der Schauplatz der Geschichte Staven- 



103 

liageD, und der ^selir strenge und sehr gerechte Bürgermeister^ — 
wie ihn der Dichter nennt — Fritz Reuters eigener Vater. 

Schon bei meinem ersten Aufenthalt in Stavenhagen hörte ich: 
eine ähnliche Geschichte, wie die in dem Läuschen erzählte, sage 
man dem Bürgermeister Reuter nach. Misstrauisch gegen die so oft 
irrende Ortsüberlieferung legte ich der Nachricht zunächst keine 
Bedeutung bei, beschloss aber, da sie sehr bestimmt auftrat, später 
weiter zu forschen, sobald ich über das Mass des Glaubens, das man 
den einzeln Gewährsleuten schenken dürfe, ein Urteil gewonnen hätte. 

Zu den Leuten, welche zu unterscheiden verstehen, was sie aus 
eigener Erinnerung und was sie vom Hörensagen wissen, gehörten 
der alte Bäckermeister Mohrmann und der frühere Sattler und 
Tapezierer Karl Isack, dieser ist über achtzig, jener über siebzig Jahre. 
Beide sind in Stavenbagen geboren. Mohrmann, der in den 1840er 
Jahren seine Lehrzeit in Malchin verlebte, wusste sich nicht zu erinnern, 
in welchem Jahre er die Geschichte gehört habe, er versicherte aber 
entschieden und wiederholt, sie sei ihm schon vor 1850 bekannt 
gewesen. Isack konnte sich mit Bestimmtheit darauf besinnen, dass 
die Sache in seiner Jugend vorgefallen sei. In dem Jahre, als der 
grosse Hamburger Brand [Mai 1842J war, habe er sich auf die 
Wanderschaft begeben, nicht lange vorher müsse es gewesen sein. p]r 
kenne Leute, deren Eltern bei der Gelegenheit hätten Strafe zahlen 
müssen, er glaube, zwei Taler. Vielleicht erinnerten sich diese auch 
der Sache aus ihrer Kindheit oder aus Erzählungen ihrer Eltern. 
Bald erhielt ich folgenden Bescheid: Die Sabbatschänder waren der 
Herr Burgemeister selbst, dann der Stellmacher Schulz, Schmied 
Schlüter, Ackerbürger Strübing, und Posthalter Allmer. (Anderer 
erinnert sich der Gefragte nicht mehr.) Dabei soll Schlüter gefragt 
haben ;,Herr Burmeister, wur blift nu dat Geld^ — ^Das kömmt in 
die Sportelkasse** — ;,Und denn?" — ^In min Tasch". — Das ge- 
zahlte Strafgeld habe nur einen Taler betragen. 

Ich habe nicht in Erfahrung bringen können, welches Getreide 
damals eingefahren wurde. Handelte es sich um die Roggenernte, 
so Hesse sich der betreflfende Sonntag mit Hilfe der Witterungs- 
aufzeichnungen des Mecklenburg- Seh werinschen Staatskalenders 
bestimmen. Die Roggenernte begann in Stavenhagen herkömmlich 
am Jacobitag, also, am 25. Juli. Dieser Tag fiel im Jahre 1841 auf 
einen Sonntag, in der folgenden Woche ist Tag für Tag massiger 
Regen verzeichnet, erst beim nächsten Sonntag ist nur Gewitter, aber 
kein Regen angegeben. Dieser Sonntag war der 1. August. Die 
vorangehenden Jahre 1839 und 1840 können, vorausgesetzt dass es 
sich um Roggen handelte; nicht in Betracht kommen. 

BERLIN. W. Seelmann. 



104 



Die Fliegenden Blätter nnd andere literariscbe QnelleD 

der Länsclien Renters. 



Den von mir im Niederdeutschen Jahrbuche Bd. 29, S. 52 ff. 
und von C. Walther im Korrespondenzblatt Bd. 24, S. 71 f. gegebenen 
Nachweisen der Benutzung der Fliegenden Blätter und anderer Quellen 
durch Fritz Reuter lasse ich hier eine neue Reihe folgen. 

Lauschen I, Nr. 56, „Dat Ogenverblenncn", V. 33 fif. erzählt, 
dass. ein Taschenspieler das Junge von einem Kaninchen und einem 
Hahn, die sich gepaart hätten, zu zeigen versprochen habe. Schliess- 
lich erklärt aber V. 116 ff. der Taschenspieler: 

„Ich gab heut middag mir die Ehre, 
Ein schönes Stück Sie zu versprechen. 
Jetzt muss mein Wort ich leider brechen: 
Das Junge von Earninken un von Hahn 
Is leider mich mit Dod afgahn; 
Doch sollen Sie zu kort nich schiessen, 
Ich will Sie gleich was anners wisen. 
Ich will dafür die beiden Öllem zeigen, 
Die solVn Sie gleich zu sehn kreigen." 
Un dormit wis't hei mi un Hanne Wienken 
En schönen Hahn un en Earninken! 

Reuters Quelle war ein angeblicher Auszug aus einer Reise- 
beschreibung, welcher in den Fliegenden Blättern Bd. 12, Nr. 271, 
(1850) folgenden Wortlaut hat: 

„Gross sind die Wunder der Natur und viel unerf erschlich ihre Gänge 
und Irrgänge. Nachdem ich so viel des Merkwürdigen gesehen und bewundert, 
war es mir vorbehalten, das Wunderbarste und Seltsamste in der guten Stadt 
Leyden zu erblicken. Allda hat ein Mynheer Yanderkeeren bekannt gemacht, 
dass eine sonderbare Missgeburt entstanden sei, nämlicb ein Junges von einem 
Karpfen und einem Affenpinscher, welche beide öfters an einem Bassin im Garten 
zusammengetroffen. Das Junge ist zwar alsobald gestorben und verscharrt 
worden, aber die Eltern habe ich Beide selbst gesehen ; würde sonst gewiss nicht 
diese wunderbare Thatsache hier mittheilen." 

Aus dem Holländischen des Van Fleetenkieker. 

In demselben Läuschen V. 121 flf. wird erzählt, dass einer der 
jungen Bauernburschen einen Affen sieht und in die Worte ausbricht: 

„Ne, kik, de Ap! Wo'st mäglich in de Welt! 
Wat makt de Minsch doch all för't Geld!« 



105 

Ich glaube mich zu erinnern eine ähnliche Stelle, in der von 
einem Bauern auf der Leipziger Messe die Rede war, gleichfalls in 
den Fliegenden Blättern gelesen zu haben. Es ist mir nicht gelungen, 
diese Stelle wiederzufinden, ich bringe deshalb hier eine in der Ein- 
kleidung allerdings sehr abweichende Fassung zum Abdruck, welche 
das bald nach 1800 in Halle erschienene ^blaue Buch zum Todtlachen. 
Fünfte Auflage, o. 0. n. J.^ S. 57 bietet: 

Ein Deutscher brachte einen Affen nach Schweden und Hess ihn für Geld 
sehen. Ein schwedischer Bauer fragte den andern, was ist das für ein Ding? 
der andere sagte: Es ist ein Affe, der aus Deutschland gekommen ist. Hm, 
sagte der erste, was macht doch der Deutsche nicht fürs Geld. 

Lauschen II, Nr. 48. „'Ne gande Utred.^* Den Inhalt dieses 
Läuschen hat Reuter den Fliegenden Blättern Nr. 476, Bd. 20, S. 157 
(1854) entnommen. Die Geschichte ist hier nach Kiel verlegt. 
Dazu stimmt, dass die Mundart Holsteinische Wortformen bietet. 

In der W&sche. Eine Geschichte in drei Scenen. Ort der Handlung : 
Eine Jacht, die von Kiel nach Christiania fährt. 

Erste Scene. 

Schiffskapitän. „Sehr angenehm, mein lieber Herr Schmid, Sie hier 'mal 
an Bord zu seh'n, goddam ! Sie frühstücken mit mir ; Hannes (zum Küchenjungen), 
krieg' gau de Serviett' her un' deck' den Tisch l'* 

Der KajätenjaDge schweigt verlegen. 

Schiffskapitän. „WuUt Du Döskopp wuU de Serviett' herkriegen V^ 

Der Knabe Hannes schweigt noch eine Zeitlang und sagt dann „Wi hävt 
je gar keen Serviett', Kap'tän!^ 

Zweite Scene. Fünf Minuten später in der Küche. 
[Bild: Der Kapitän prügelt den Jungen mit einem Tauende.] 

Kapitän. „Wo kannst Du Oos säggen, dat wi keen Serviett' an Bord 
büvt — Du Snakenkopp! Kannst Du nich säggen: De Serviettn sin just in de 
Wasch' ! — Ik will Di verfluchtiges Kröt feine Manieren biebögen, dam your eyes !" 

Dritte Scene. Eine Stunde später beim Dessert. 

Kapitän. „My dear Sir, kann ich Sie mit etwas englischen Käse dienen? 
Uauues, mien Jong, hol' 'mal den englischen Käs her!'' 

Hannes. „De inglische Käs — Kap'tän — de is in de Wasch', Kap'täu." 

Lauschen II, Nr. 60. „En Rock möt dorbi äwrig sId.'^ Reuters 
Läuschen bietet eine Umgestaltung des nachfolgenden Stückes in 
Nr. 557, Bd. 24, S. 35 (1856) der Fliegenden Blätter: 

Der Hat in der GemeinderechnuDg. 

Amtmann (deutet mit dem Finger auf eine Stelle in der Gemeinderechnung). 
„Was soll das hier?" 

Schttltheiss (setzt die Brille auf die Nase und guckt dem Amtmann über 
die Schulter nach der bezeichneten Stelle). „Ah seh^s nun schon, Herr Amtmann. 



106 

Ja, sehen Sie, Herr Amtmann, bei der letzten von Ihnen befohlenen Besichtigung 
des Werra- Ufers wehte mir der Wind den Hut in den Fluss; alle Mühe, ihu 
wieder aufzufischen, war vergebens. Und da ich im Dienste der Gemeinde war, 
als ich den Hut verlor, so fand ich es in der Ordnung, dass diese mir einen 
neuen bezähle. Deshalb, Herr Amtmann, steht nun der Hut hier mit auf der 
Rechnung." 

Amtmann (nimmt Feder und Tinte und streicht den Posten). „Kann 
nicht passiren." 

Ein Jahr später. 

Amtmann (mit der neuen Gemeinderechnung vor sich, lächelnd zum 
Schulzheissen). „Nun, wie steht's mit dem Hute, habt Ihr ihn wieder mit 
aufgestellt?« 

Sehnltheiss (pfiffig). „Ja wohl, Herr Amtmann, der steckt wieder mit drin, 
aber dasmal sieht man ihn nicht." 



Läuschen II, Nr. 61, „De Hanptsak^S "^^^^ erzählt, dass der 
jüdische Kaufmann Moritz Gimpel in der Wasserheilanstalt Stuer 
seine Frau Blümchen besuchen will, um ihr den Tod ihres Bruders 
Moses zu melden. Der Arzt bittet ihn, seine Frau erst vorzubereiten, 
ehe er ihr die Trauernachricht mitteilt, der Schreck über dieselbe 
könnte sonst die ganze Kur gefährden. Als Blümchen ihren Mann 
plötzlich erblickt, fährt sie auf (Vers 32 ff.): 

„Nu, Gimpelche, wos isV 
Zu Haus' is wos pessiert gewiss." — 
„Wos Süll da gepassiert denn sain? — 
Pessieren? — Nu, pessieren tut's 
Ja alle Tag', bald Schlimm's, bald Gut's. 
Doch halt mol still! Da fällt mer ain. 
Der Borsch, der Itzig Rosenstain, 
Der hat gewoltsam Schlag' gekrigt." — 
„Wo vor denn?" — „Nu, vor's Kathaus von's Gericht." — 
„Das frag' ich ja nicht, Gimpelleben! 
Worüber hob'n sie ihm die viele 
Grausame Prügel denn gegeben?" — 
„Worüber? — Über die Machile." — 
„Ih, Gimpel, hör' mich doch mal ahn! 
Ich frage jo, wos hot er denn getan, 
Dass sie so grausam schlugen ihn?" — 
„Getan? Getan? — Au waih hat er geschrien." — 
„Ich, Moritz, hör' doch nur, ich main . . . ." — 
„Ich hob' genug. Loss sain! Loss sain! 
Genung vor dich, dass er sie hot! 
Ich hob zum Schmusen kaine Zait, 
Du bist nu prächtig vorbereit't, 
Verschreck Dir nich : Der Mauses, der is tot " — 



107 

Reuter hat an dieser Stelle die nachstehend abgedruckte Anek- 
dote benutzt und nachgeahmt, welche die Fliegenden Blätter in der 
Sommer 1858 erschienenen Nro. 684 (Bd. 29, S. 47) gebracht hatten. 

Nielits Ncaes« 

Schmul. „Willkommen Itzig! Wie lange bist Du schon hier?" 
Itzig. „Seit gestern." 
Schmal. „Was gibt's Neues zu Haus?" 
Itzig. „Neues ? — Gar nix " 
Schmul. „Was doch?" 

Itzig. „Wenn Du's schon wissen willst, Dein Bruder hat gekriegt fünf 
und zwanzig Stockstreich." 

Schmal. „I fer woos?" 

Itzig. „Fer woos? fer alle Leut." — 

Schmal. „Nein, ich mein af woos?" 

Itzig. „Af woos? af de Bank." 

Schmal. „Versteh' mich, ich mein über woos?" 

Itzig. „lieber woos ? Du weisst doch über woos man Stockstreich kriegt." 

Schmal. „Aber nein, ich mein, was hat er denn angestellt?" 

Itzig. „Er hat gestohlen deih Amtmann ein' Wagen mit zwei Ferd." 

Schmal. „I! das hat er doch schon öfter gethan?" 

Itzig. „Ich hab' Dir doch gesagt, es giebt nix Neues zu Haus!" 

Läuschen II, Nr. 67. „Dat ward all' slichter in de Welt.^^ 

In diesem Läuschen wird erzählt, dass 011 Mutter Schultsch auf den 
Tod darnieder liegt und der Pastor sie damit tröstet, dass es im 
Himmel besser als auf Erden sei. 

„Drum hoffet auf den Himmel nur, 
Der Himmel nur gibt uns Gewinn." — 
„Ja," seggt de Ollsch, „dat säd ick ümmer. 
Doch segg'n sei all' jo, Herr Pastur, 
Dat sali dor ok nich mihr so sin." 

Reuters Quelle war Nr. 567, Bd. 24, S. 118 (185G) der Flie- 
genden Blätter, in der sich folgende aus Thüringen oder Sachsen 
stcammende Einsendung findet. 

Aacli droben aoders« 

Pastor. „Tröste Sie sich, liebe Frau, auch dieses Leiden wird vorüber- 
gelien! Hier ist ja nur der Ort der Sa^t, droben aber wird uns die Ernte er- 
warten, und die Freude und das ewige Leben!" 

Frau. „Ach, härnse, Herr Pastor, sinse mer stille damit, es sollse jetzt 
droben ooch nich mehr so sin!" — 

Lansclieii II, Nr. 68 „Up wat?" heisst es: 

„Fik" seggt de Ollsch „dat is vörbi. 
Du lettst nahgrad de Treckeri! 
Ick heww den ganzen Rummel satt; 



108 

Taum Frigen, Dirn, dort hürt ok wat, 
Un du best nicks, un hei hett nicks ; .... 
Up wat denn wulFn ji jug woU frigen?" — 
„TJp Pingsten, Mutting, dacht' wi so." 

Die Quelle des kleinen Läuschens findet sich in Nr. 630 der 
Fliegenden Blätter (Bd. 27, S. 28; 1857): 

Hütterliclie ErmahnuDg. 

Matter : „Lisi, Lisi ! Die Liebschaft mit dem Hans nimmt kein gat's End' ! 
Du hast nix und er bat nix ; auf was will er Dich denn beiratben ?" 
Liese: „Auf Pfingsten, Frau Mutter!" 

Länschen T, Nr. 53. Dat ännert de Sak. Ein Vater will seinem 
Sohne, der sich vor dem Heiraten fürchtet, Mut machen und weist 
auf sein eigenes Beispiel hin, sein Vater hahe ihm bloss einen Wink 
zu geben brauchen. Der Sohn entgegnet: 

„Ja, Yader, dat was ok en anner Ding, 
Hei ded ja ok uns' Mudder frigen." 

Es ist mir nicht gelungen, für diese später oft erzählte Anekdote 
eine ältere Quelle zu finden, als die auch sonst von Reuter benutzten 
;,Schnurren^. S. 7 lautet sie hier: 

Ein böhmischer Bauernbusch sollte beiraten £r fürchtete sich aber ganz 
entsetzlich und weinte bitterlich. Der Vater sprach ihm Mut zu und sagte: 
„Ale Dummkupp ! was is e zuferchten? was machste fer Dalkereien ? Mi, schau 
me an, hob i nie auch heirat?" »Jba" schluchzte der Junge: „Pantato hat e 
heirat Pani Mamo, abe i muss nemmen ani ganz fremde Perschon!'^ 

Lauschen I, Nr. 40. De Stadtreis'. Ein Bauer und sein Sohn 
haben den geernteten Weizen zur Stadt gefahren, hier verkauft und 
dabei tüchtig getrunken. Der alte Bauer wird bei der Heimfahrt 
langhin auf den Wagen gelegt, sein Sohn setzt sich auf das Sattel- 
pferd und jagt mit den Pferden dahin, dass der Alte hoch und nieder 
fliegt. Als sie zu Hause angekommen sind, sagte der Alte: 

„Hadd ick dat minen Vader baden. 

Hei wir mi kamen up de Siden." — 
„Na," seggt de Jung, „Ji mägt ok woll 

En säubern Vader bewwen hatt!" — 
„Hä?" fröggt de Oil. „Min Vader? Wat? 

Min Vader, de was beter woll as Diu." 

Reuters Quelle war eine Anekdote, welche ^Das blaue Buch zum 
Todtlachen. Fünfte Auflage^ S. 17 in folgender, von Reuters unmittel- 
barer Quelle wahrscheinlich kaum abweichender Fassung bot: 

Ein Bauer fuhr mit seinem Sohne nach der Stadt; als nun dieser etwas 
viel getrunken hatte, liieb er bei der Rückreise durch die Stadt die Pferde so 
unbarmherzig au, dass dem armen Vater auf dem Wagen alle Kibben im Leibe 



109 

weh taten. Wie sie aufs Feld kamen und der junge Kerl nachliess, sagte der 
Vater: Ach! das Gott erbarm, so hätt' ichs meinen Eltern nicht machen mögen. 
— Ey ! versetzte der Sohn : ihr mögt auch wohl die rechten Eltern gehabt 
baben. — Ganz aufgebracht schrie der Alte : Wohl bessere, als du, Schurke ! 

Fiken, deon frieg! Die neue Folge der Lauschen umfasst G9 
Nummern. Wie aus einem in Reuters Nachlass vorgefundenen Blatte 
mit einem plattdeutschen Dialoge und der Bezeichnutig Nr. 70 zu 
schliessen ist, hatte er ursprünglich die Absicht, den Dialog in poe- 
tischer Umgestaltung seinen Läuschen un Rimels beizufügen. Vorher 
hatte er die erhaltene Prosafassung bereits in seinem ;, Unterhaltungs- 
blatt'' Nr. 23, S. 92 (2. Sept. 1855) abdrucken lassen. Sie lautet: 

„Gun Morgen, mien leiw Herr Pastur ; ick kam tau Sei, seihn S\ ick bün 
nii ok all in dei Joahren, dat ick mi giern vefriegen mücht. Wat meinen Sei 
woll doatau?" 

„„Ih, Fieken, denn frieg!'*" 
„Je, dat is woll so; äwersten Hei is man junge as ick." 
„„Je, denn frieg leiwerst nich."" 

„Je, ick dacht nu äwerst so: ick kehm denn doch in betern Ümstäne, 
wenn ick friegen dehr." 
„„Je, denn frieg."" 
„Je, Herr Pastur, dat is ok man so. Dägen deiht Hei nich; wenn Hei 
man mi nich schleiht." 

„„Denn frieg nich."" 

„Je äwerst so allein in dei Welt — doa ward so mit Einem rümmestött." 
„„Denn frieg."" 

„Je, dat dehr ick denn nu ok woll, wenn ick man wüsst, dat Hei mi 
truu blew un dat Hei 't nich mit oll Krämerschen ehr olle szackermentsche 
Diem höU.« 

„„Denn frieg jo nich."" 

„Je, äwerst ick mügt doch goa tau giern friegen." 
„„Na denn frieg."" 

Gädertz bemerkt zu diesem Stück: „Es ist ein drastisches, 
recht aus dem Volksleben gegriffenes und characteristisches Gespräch.** 
— Jedenfalls ist das Gespräch nicht von Reuter selbst „aus dem 
Volksleben^ gegriffen. In dem als Hauptquelle Hebels für seine Er- 
zählungen aus dem Rheinischen Hausfreunde bekannten „Vade Mecum 
für lustige Leute. Vierter Theil. Berlin 1777«, S. 92 f. findet sich 
folgendes Stück: 

Eine Witwe wollte ihren Knecht Hans heiraten und fragte den Pfarrer 
des Dorfs um Rat. Sie sagte: ich bin noch in den Jahren, dass ich ans Hei- 
raten denken kann. — Nun so heiratet, antwortete der Geistliche. — Man wird 
aber sagen, dass er viel jünger sei als ich. — Nun so heiratet nicht. — Er 
würde mir mein Pachtgut zwar gut in den Stand setzen helfen. — Nun so 
heiratet. — Aber ich fürchte nur, dass er meiner überdrüssig werden möchte. 
— Nun so heiratet nicht. — Aber auf der andern Seite verachtet man doch 



110 

eine arme Witwe und betrügt sie wo man nur kann« — Nun so heiratet. — 
Ich besorge nur, dass er es mit den Mädchen halten möchte. — Nun so heiratet 
nicht. — ... (Der Pfarrer verweist die schwankende Frau schliesslich auf das, 
was ihr die Glocken raten würden. Als sie geläutet werden, hörte sie zuerst: 
nimm den Knecht Hans, später : nimm den Hans nicht.) 

Peter von Kastner: Petrus, du hast deinen Herrn verlengnet. 

Diese Numinei? in Reuters Verzeichnisse von LäuschenstoiFen bezieht 
sich auf folgende Anekdote, die in Raabes Jahrbuche für 1847 S. Ufi 
gedruckt und vermutlich von Reuter selbst (vgl. Ndd. Jahrb. 29, S. Gl) 
ebenso wie die folgende eingesandt war. 

Wie Petras den Heiland Terlängnet, 

Ein Prediger hatte sich in der Kirche an einem unhussfertigen Sünder 
tätlich vergriffen. Er entschuldigte sich wegen dieses Skandals vor dem Consi- 
storium zu Rostock unter Anderm damit, dass unser Heiland das nämliche getan 
hahe, denn als derselbe die Wechsler aus dem Tempel getrieben, sei es gewiss 
auch nicht ohne Püffe abgegangen. Der alte Baron Peter von Forstner, damaliger 
Consistorial- Direktor, verliert in seinem Ärger über diese unziemliche Anführung 
die Besonnenheit und ruft im vollsten Amtseifer: „Herr Pastor! richten Sie sich 
hinführe nach den guten Taten unseres Heilandes und nicht nach denen, wo er 
unrecht hatte." Das war natürlich unserm Pastor ein gefunden Fressen. Sich 
über das Gehörte höchst entrüstend stellend, schlägt er die Hände über den 
Kopf zusammen und schreit : „Wo bin ich ? ! Was muss ich hören ? ! Stehe ich 
vor Pontio Pilato oder vor einem christlichen Consistorium ? ! Unser Heiland 
was Unrechtes getan! Ich schüttle den Staub von meinen Füssen und gehe 
von dannen.'^ Sprach's und Hess ein hochwürdiges Consistorium verblüfft sitzen. 
Unser Friedrich Franz I. kam aber jedesmal, wenn er den Forstner sah, auf die 
Geschichte zurück und pflegte ihm dann neckend zuzurufen : „Aber Petrus, 
Petrus, wie konntest Du so Deinen Heiland verleugnen?!'' 

Das Kircbengehn zu Basedow ('n Pegel Bramwin) ist eine der 
Nummern in Reuters Verzeichnis von Läuschenstoffen betitelt. Ge- 
meint ist folgende in Raabes Meklenburgischem Jahrbuche für 1847, 
S. 139 gedruckte Anekdote: 

Die Klrelienfiroline. 

„0, Herr Inspecter, ich wuU Sei baden hebben, ob ich hüt nich^n bäten 
na mien'n Ollen gähn künn?" so bat ein zu einer früher sehr weltlichen, aber 
neuerdings sehr fromm gewordenen „Begüterung" gehöriger Hofknecht seinen 
Inspector. „Den Düvel ok ! an di is jo hüt dei Reig^ : du müst nare Kirch ** 4autet 
der Bescheid. „Herr Inspecter, ich heff einen föa mi: Jochen geiht fda mi hin, 
ick hefF eim*n Pegel Brannwien vespraken," erwidert der Knecht. „Na, denn 
lop,^ entscheidet darauf endschliesslich der Inspektor. 

* * 

Es sei mir gestattet, hier noch einmal die Frage zu erörtern, 
ob Fritz Reuter Stoffe zu seinen Läuschen un Rimels aus literarischen 



lU 

Quellen und insbesondere den Münchener Fliegenden Blättern ge- 
schöpft habe. 

Gädertz hatte die Behauptung aufgestellt, dass Fritz Reuter 
die ersten Anregungen im Dialekt zu dichten schon 1840, während 
er in Heidelberg studierte, durch die damals erschienenen Possen 
Niebergalls in Darmstädter Mundart empfangen habe. Diese ent- 
hielten Scenen, meinte Gädertz, welche an Reuters Lustspiele und 
an Episoden der Stromtid „frappant« erinnerten. 

In Band 29 dieses Jahrbuches unterzog ich Gädertz' Begrün- 
dung seiner Behauptung einer Nachprüfung. Es ergab sich, dass 
1) Niebergalls Possen 1840 noch gar nicht erschienen waren und* 
erst Ostern 1841 als künftig erscheinend angekündigt wurden, 2) dass 
zwischen den Darmstädter Possen und Reuters Stromtidepisoden und 
Lustspielen weder eine frappante noch überhaupt eine besondere 
Ähnlichkeit bestehe. Gemeinsam sei beiden nur der eine Zug, dass 
aus der Zeitung etwas vorgelesen wird. 

Meinerseits wies ich dann andere Druckwerke nach, welche 
1) augenscheinliche, zum teil frappante Ähnlichkeiten mit den Läuschen 
Reuters boten, 2) nicht allzulange vor diesen im Buchhandel er- 
schienen waren: Ich zog hieraus die Folgerung, dass Reuter jenen 
Druckwerken den StofiF zu einer Anzahl Läuschen entnommen habe. 

Als Quellen Reuters hatte ich zunächst mehrere Jahrgänge der 
Fliegenden Blätter und zwei Bände von Raabes Mecklenburgischem 
Jahrbuche ermittelt. 

Gädertz Hess zwar seine eigenen, von mir widerlegten Behaup- 
tungen stillschweigend fallen, bekämpfte aber desto heftiger und zwar 
mit Ausdrücken der Entrüstung und Überlegenheit die von mir — 
ich kann wohl sagen — erwiesene Tatsache, dass Reuter den Stotf 
zu einer Anzahl seiner Läuschen aus literarischen Quellen geschöpft 
hat. Die zuerst in der Sonntagsbeilage der National-Zeitung (1905, 
Nr. 26 f.) gedruckten Ausführungen hat Gädertz auch in seiner 
ßeclam-Ausgabe der Läuschen Reuters wiederholt. 

Eine dritte, für eine verhältnismässig grosse Anzahl Läuschen 
verwertete Quelle, auf welche mich Professor Bolte aufmerksam ge- 
macht hatte, wurde in den von diesem und mir bearbeiteten Schluss- 
anmerkungen des ersten Bandes meiner Reuter- Ausgabe nachgewiesen : 
ein kleines, 1842 erschienenes Heft von 84 Seiten, das den Titel hat: 
„Schnurren. Volksbücher 27. Herausgegeben von G. 0. Marbach. 
Leipzig, 0. Wigand, o. J.^ Der Bearbeiter dieser Anekdotensammlung 
hat sich nicht genannt. Vermutlich war er ein Deutsch-Böhme. 

Wer mit der Geschichte der kleinen poetischen Erzählungen 
nur etwas vertraut ist, der weiss, dass die wenigsten von ihnen Er- 
findungen der Dichter sind, welche sie in Versen bearbeitet haben. 
Jeder hat ältere Stoffe übernommen und mehr oder weniger umge- 



112 

staltet, was ihm erst aus Büchern, Zeitungen oder mündlicher Er- 
zählung bekannt geworden war. Ähnlich verhält es sich mit den 
gedruckten Anekdoten. Ihre Sammler schöpften gleichfalls aus der 
literarischen oder mündlichen Tradition; sie haben selten erfunden, 
meist haben sie nur Entlehntes durch Umgestaltung oder neue Ein- 
kleidung dem Geschmacke ihrer Zeit angepasst. So erklärt sich, 
dass recht viele, noch heute erzählte Geschichtchen sich durch Jahr- 
hunderte in der Literatur zurückverfolgen lassen, mitunter bis in die 
Zeiten des Altertums. Anderseits wird so auch verständlich, dass 
dasselbe Geschichtchen, mehr oder weniger verändert, sich in sehr 
verschiedenen gedruckten Sammlungen und daneben auch im Volks- 
munde finden kann. 

Das dargelegte Sachverhältnis mahnt zur Vorsicht, wenn es gilt 
zu bestimmen, ob irgend ein bestimmtes Buch von einem Dichter als 
Quelle benutzt sei. Die Nachweisung einer älteren gedruckten Fassung, 
welche dem Dichter den Stoff möglichenfalls geboten hat, ist freilich 
stets für die richtige Würdigung des Gedichtes wertvoll. In jedem 
Falle wird sie erkennen und scheiden helfen, was das Gedicht an 
altem Lehngut, was es an eigener Zutat des Dichters bietet. 

Wenn ich und mein Herr Mitarbeiter uns nicht damit begnügt 
haben, in den Anmerkungen zu den Läuschen und Rimels Nachweise 
zu geben, welche in der besagten Beziehung uns wertvoll schienen, 
sondern einige Druckschriften als unmittelbare Quellen Reuters be- 
zeichneten, so glauben wir die gebotene Vorsicht nicht ausser Acht 
gelassen zu haben Wenn die Fliegenden Blätter wie die Schnurren 
nur je ein oder zwei Stücke geboten hätten, so hätten wir nur mit 
der Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit gerechnet, dass gerade sie 
von Reuter benutzt sind. Beide Druckwerke boten jedoch eine ver- 
hältnismässig zu grosse Anzahl, um an einen blossen Zufall glauben 
zu können, und es fiel bei den Fliegenden Blättern auch der Umstand 
ins Gewicht, dass in ihnen die ermittelten Übereinstimmungen gerade 
in den Jahren erschienen sind, welche dem Druck der Läuschen vor- 
angegangen waren. Die ;, Schnurren^ sind allerdings schon 1842 
gedruckt, und es ist immerhin die Möglichkeit denkbar, dass eine 
jüngere, uns unbekannt gebliebene Anekdotensammlung ihr ausser 
anderen auch die von Reuter benutzten Stücke entlehnt und diesem 
übermittelt haben kann. In diesem Fall, der aber erst nachzuweisen 
ist, würden sie nur mittelbare Quelle sein. Jedesfalls kann es kein 
Zufall sein, dass die nur 84 Seiten umfassenden Schnurren nicht 
weniger als siebenmal zu Reuters Läuschen stimmen. Wenn Gädertz 
das trotzdem bestreitet, so liegt ihm ob, die Gegenprobe zu machen, 
d. h. irgend ein anderes Druckwerk, wenn auch von etwas grösserem 
Umfange, ausfindig zu machen, in welchem sich annähernd die gleiche 
Anzahl findet. 

Wenn ich behauptet habe, dass Reuter den Fliegenden Blättern 
und den Schnurren eine Anzahl Läuschenstoffe entnommen habe, so 
^kann freilich für den einzelnen FalP, wie ich in meiner Ausgabe 



113 

Reuters Bd. 1, S. 389 ausdrücklich betont habe ;,die Möglichkeit 
bestehen bleiben," dass ihm ein darin gebotener Stoff aus einer an- 
deren Quelle oder auch mündlicher Erzählung bekannt geworden ist. 

Einen solchen Fall hat Gädertz für das Läuschen II, Nr. 13 
„De beiden Baden" ermittelt. Es ist aber bemerkenswert, dass dieser 
Fall, für den ich also mit Unrecht eine literarische Quelle angenommen 
hatte, neben meinen übrigen Belegen wie eine Ausnahme, welche die 
Regel bestätigt, angesehen werden kann. Wenn man die Ndd. Jahr- 
buch 29, S. 52 ff. abgedruckten Texte mit den Läuschen Reuters 
vergleicht, wird man finden, dass diese ausser in der Pointe auch 
sonst in einer oder der anderen Einzelheit zu Reuter stimmen. In 
dem von Gädertz angezogenen Läuschen erstreckt sich dagegen die 
Obereinstimmung mit den Fliegenden Blättern nur auf die Pointe. 

Um hier an einem kurzen Beispiele nachzuweisen, dass Reuters 
Läuschen den „Schnurren*' näher stehen als anderen Fassungen, 
beziehe ich mich auf Läuschen I, Nr. 31 „De Hülp^. Es wird darin 
erzählt, dass ein Bauer seinen Knecht Johann sucht. Er findet ihn 
auf dem Heuboden. „Wat -makst du dor?" Johann antwortet, er 
habe etwas schlafen wollen. Er fragt dann den gleichfalls auf dem 
Boden befindlichen Christian, was er dort zu tun habe. „0 nix nich, 
Herr! Ick hülp Johannen." 

Dieses Geschichtchen ist mir noch in vier anderen Fassungen 
bekannt, von denen ich zwei Herrn Dr. Tardel in Bremen verdanke. 

1) In der „Lebensgeschichte des Baron Friedrich de la Motte 
Fouque, aufgezeichnet durch ihn selbst" Halle 1840 S. 106 ein 
„niederdeutsches Kinderhistörchen " 

„Peter, wat makst du da?" — 

„Nischt." — 

„Un du, Hans?" — 

„Ick helpe ihm." 

2) In englischer Sprache von unbekannter Herkunft, abgedruckt 
in Süpfles ^Englischer Chrestomathie" 7. Aufl. S. 12. 

A master of a ship called down into the hold: „Who is there?" — 
„Will, Sir" was the ans wer. — „What are you doing?" — „Nothing, Sir." — 
„Is Tom there?" — »Yes" answered Tom. — „What are you doing?" — 
„Helping Will, Sir." — 

3) Quedlinburger Fassung, c. 1863. 

Ein Gärtner kommt in seinen Garten und sieht zwei seiner Leute im 
Schatten zweier Bäume auf dem Rasen liegen. „Was machst du da?" rief er 
den einen an. — »Ach, ich ruhe mich nur etwas aus." — Er schreitet weiter und 
fragt auch den andern, der sich inzwischen erhohen hat. „Ich helfe dem andern" 
erhält er zur Antwort. 

Niederdeutsches Jahrbuch XXXII. 8 



114 

4) Schnurren, S. 76. 

„Hans, Hans !" rief ein alter Bauer auf seinem Gehöfte. Hans antwortete : 
„Was sull ich?« — „Wu biste.« — „üfm Heuboden.« — „Wos machste do?« 
— „Nischt." — „Wu is denn Dei Bruder?" — „Der is oben.« — „Wos macht 
denn der?" — „A hilft mer.« — 

Ein zweiter Fall, den Gädertz anzieht, ist mir nicht glaubhaft. 
Er sagt, die in Läuschen II, Nr. 7 „En Missverständnis ^ geschilderte 
Begebenheit sei schon ein Lustrum bevor sie 1857 in den Fliegenden 
Blättern gestanden habe, in Treptow dem Bürgermeister Krüger nach- 
gesagt worden. Die Richtigkeit dieser Nachricht hat mir von einem 
Mitgliede des Krüger- Reuter -Schröderschen Familienkreises nicht 
bestätigt werden können. Ich vermute, dass das von Gädertz angeführte 
Gerede nicht die Quelle des Läuschens war, sondern erst durch dieses 
hervorgerufen worden ist. Für meine Vermutung scheint auch die 
Tatsache zu sprechen, dass Reuter und Krüger gut befreundet waren. 
Diese Freundschaft würde sicher in die Brüche gegangen sein, wenn 
Reuter den Bürgermeister Krüger durch sein Läuschen lächerUch 
gemacht hätte. Ich kann auch daran erinnern, dass Reuter nach 
Gädertz eigener Angabe ;, zartfühlend die zu einer humoristischen 
Behandlung herausfordernde Erzählung^ (vgl. oben S. 97) von dem Prozess 
des Herrn von Sittmann in Rostock bis nach dessen Tode ;, zurück- 
gelegt hat^. Sollte er einem Freunde gegenüber weniger zartfühlend 
gewesen sein als bei einem weitab in Rostock wohnenden Unbekannten? 

Ich werde jetzt der Reihe nach die Gründe, mit welchen Gädertz 
gegen meine Ansicht zu Felde zieht, erörtern. 

Zunächst behauptet Gädertz, Reuter habe schon 1851, also ehe 
Klaus Groths kurz vor Weihnacht 1852 erschienener Quickbom ge- 
druckt war, Tag für Tag Läuschen gedichtet. 5, Fast allabendlich, 
nach Beendigung von sechs bis sieben Privatstunden, wurden von 
acht bis zehn Uhr Läuschen geschrieben, schildert Frau Luise Reuter 
den Anfang von Reuters Schriftstellerbahn, 1851.^ Die Worte sind 
den bekannten, in der Gartenlaube von 1874, S. 650 — 652 gedruckten 
Mitteilungen der Frau Reuter entnommen. In diesen wird aber nirgend 
das Jahr 1851 genannt, es ist also von Gädertz nur — vermutet. 

Gädertz ruft noch einen zweiten Zeugen für die Entstehung 
vieler Läuschen im Jahre 1851 auf. Er sagt wörtlich : ;,So berichtete 
mir Karl Otto, Reuters Schüler bis Ostern 1851: Die Anekdote in 
plattdeutsche Verse zu bringen, schien ihm besonders gelingen zu 
wollen; und grosse Freude machte es ihm, die humoristischen Er- 
zählungen des Justizrats Schröder zu benutzen, der bemüht war, 
aus seinem Schatz von Läuschen ihm immer neuen StoiF zu liefern. 
Die Mappe, in welcher Reuter die auf Zetteln geschriebenen Rimels 
bewahrte, und die oft ins Schrödersche Haus gewandert ist, schwoll 
mehr und mehr an; zu dem Entschluss, mit den Läuschen und Rimels 



115 

vor die Öffentlichkeit zu treten, war es dann nicht mehr weit.* — 
Die Worte ;, Reuters Schüler bis Ostern 1851* in diesem Zusammen- 
hange sollen doch wohl so verstanden werden, dass das von Otto 
berichtete Anschwellen der Mappe schon vor Ostern 1851 stattgefunden 
hat. Die Richtigkeit dieser Zeitangabe kann ich nicht nachprüfen. 
Sie allein würde, vorausgesetzt dass kein Irrtum vorliegt, genügen, 
die allgemein geteilte Ansicht umzustossen, dass Reuter erst Ende 
1852 durch den Erfolg des damals erschienenen Quickboms Klaus 
Groths angeregt sei, selbst ein plattdeutsches Buch erscheinen zu 
lassen. Gegen diese Ansicht hat Gädertz schon seit Jahren ebenso 
energisch als erfolglos angekämpft, und es muss auffallen, dass er 
jetzt mit einer Nachricht kommt, welche, wenn sie wahr wäre, an 
Stelle aller Folgerungen die Logik der vollendeten Tatsache setzte. 
Gädertz hat ein kurzes Gedächtnis und wiederholt sich gern. 
Zu Anfang seiner Einleitung zu den Läuschen hatte er die Mitteilungen 
von Frau Luise Reuter und Karl Otto auf das Jahr 1851 bezogen. 
Auf einer der folgenden Druckseiten sagt er wörtlich: „Nach Treptow 
[Ende 1852] heimgekehrt, machte sich Reuter nun mit verdoppeltem 
Eifer an die weitere Ausarbeitung, legte eine lange Liste der Stoffe 
an und schrieb die Kladde von Neujahr bis Johannis 1853 fast all- 
abendlich stundenlang, nachdem er tagsüber fleissig unterrichtet hatte. ^ 
Das ist, im Auszuge, noch einmal der Bericht der Frau Reuter, dies- 
mal ist er aber — mit Recht — auf das Jahr 1853 bezogen! — 

Reuter habe gar nicht nötig gehabt, sagt Gädertz, nach neuen 
Stoffen zu suchen. ^Wir sahen schon, dass er eher an Überfluss litt, 
ja er gleich anfangs so viele Stücke mit witzigen Pointen kannte, 
die hingereicht hätten, um daraus drei Bände zu gestalten,^ ;,denn 
sein bereits Neujahr 1853 angelegtes Verzeichnis weist über 170 
Nummern auf.*' — Reuter hat sein Verzeichnis Neujahr 1853 angelegt, 
d. h. begonnen. Woher weiss Gädertz, dass er es damals schon ab- 
geschlossen hat? Aber auch abgesehen hiervon, ist mir die Beweis- 
kraft jenes Verzeichnisses dafür, dass Reuter literarische Quellen 
nicht zu benutzen brauchte, durchaus unerfindlich. In jenem Ver- 
zeichnis waren die Stoffe, welche Reuter den Fliegenden Blättern 
entlehnt hatte, bereits verzeichnet, vgl. Nr. 51, 3, 134, 129, 87 usw. 
Beiläufig sei übrigens bemerkt, dass Gädertz' Folgerung, weil Reuter 
zahlreiche Stoffe hatte, habe er nach weiteren nicht gesucht, durch 
die Tatsache widerlegt wird, dass die Stoffe zu liäuschen I, Nr. 56, 
I, Nr. 62 und wohl auch I, Nr. 47 in Reuters Verzeichnisse fehlen. 

Den vermeintlichen Überfluss an Läuschenstoffen glaubt Gädertz 
auch durch die bekannte Tatsache zu erweisen, dass Reuter, als er 
die Läuschen schrieb, mit allem Eifer für ihn verwendbare Geschichtchen 
erkundete. „Er fragte wohl, wenn er in einer Gesellschaft weilte: 
Kinder, weiss nicht einer eine niedliche Geschichte mit einer Pointe? 
das nächste mal, wenn man wieder zusammenkam, hatte Reuter sie 

8* 



116 

gereimt.^ Ich glaube, diese Nachricht beweist gerade, dass Reuter 
nicht „Sin einem Überfluss von Stoffen gelitten hat.^ 

Auf die Frage, wieso es komme, dass soviele in den Lauschen 
bearbeitete Geschichtchen sich in den Fliegenden Blättern und in 
den Schnurren wiederfinden, hat Gädertz eine eigenartige Antwort. 
Reuter, sagt er, habe schon als Schüler seinen Mitschülern, besonders 
aber als Festungsgefangener seinen Leidensgefährten, die aus allen 
Teilen Deutschlands gewesen seien, oft und gern aus der unendlichen 
Fülle seiner Erinnerung derartige Geschichten erzählt. So seien diese 
in Deutschland verbreitet und schliesslich auch in die Fliegenden 
Blätter usw. gekommen. Ja, selbst nach Amerika seien Reuters mündlich 
erzählte Geschichtchen gelangt. ^Ein nach Amerika ausgewanderter 
Friedländer Mitschüler schrieb aus dem fernen Westen an Reuter, 
dass auch dorthin seine Poesien gedrungen seien : 'Läuschen un Rimels 

— wirkliche Heimatsklänge, die alle alten Erinnerungen belebten und 
mich wieder verjüngten: Friedland mit der ganzen Jugendzeit stand 
wieder vor mir, alle Jugendstreiche tauchten wieder auf!'^ Dieser 
Friedländer in Amerika ist vermutlich als Zeuge aufgerufen, um 
glaublich erscheinen zu lassen, dass die Erzählung von der nach 
Gädertz in Parchim geschehenen Wette des Bäckermeisters Swenn 
aus Mecklenburg nach Amerika und so in die Feder Kaptain Marryats 
usw. gelangt sei, nicht umgekehrt. Ich denke, meine Ausführungen 
auf S. 87 ff. sind so beweiskräftig, dass an ihnen nicht zu rütteln ist. 

Gädertz beruft sich auch auf das Urteil anderer, welche gleich 
ihm meinen Nachweis der Benutzung der Fliegenden Blätter durch 
Reuter für nicht einwandsfrei oder falsch halten. 

Zu diesen soll — ich selbst gehören. Er führt an, dass in 
irgend welchen Zeitungen die Nachricht gestanden habe, es sei in 
meiner Reuter -Ausgabe eine neue Quelle, die ^ Schnurren^ von 1842, 
nachgewiesen, und fährt fort: ;,Wenn sich darin Stoffe finden, die 
uns auch in den Läuschen un Rimels begegnen, so ist damit noch 
kein Beweis geliefert, am wenigsten, wie Seelmann durch seinen Ver- 
leger bekannt machen lässt: 4n der Tat überraschend und völlig 
einwandsfrei'. Darnach erscheint ihm selbst wohl die erste Entdeckung 
mit den Fliegenden Blättern nicht mehr ganz so überraschend und 
einwandsfrei." — Ich habe hierzu zu bemerken, dass ich weder in 
diesem Falle noch je in meinem Leben — ich bin doch nicht Gädertz 

— weder direkt noch indirekt eine Zeile über irgend eine meiner 
wissenschaftlichen Arbeiten in die Tagespresse gebracht habe, ferner 
dass mein Verleger weder die bezügliche Notiz hat bekannt machen 
noch überhaupt je eine Zeile für Reklamezwecke von mir verlangt 
hat. Ja, ich erinnere mich nicht einmal, jene Notiz gelesen zu haben. 
Als die ersten Bände meiner Ausgabe gedruckt wurden, empfing ich 
monatlich 45 Korrekturbogen und hatte wirklich weder Lust noch 



117 

Müsse Zeitungen zu lesen oder gar für diese zu schreiben. — 
Gädertz operiert also wieder einmal mit einer erfundenen Sache. 

Er bezieht sich dann auf einen Brief eines Schülers Reuters, 
des Herrn Geheimrats Professor Richard Schröder in Heidelberg, der 
ihm auf eine Anfrage schrieb: ;, Reuter nahm die Scherzgedichte, wo 
er sie kriegen konnte. Auf neue Entdeckungen kam es ihm nicht 
an, sondern auf die drastische Darstellung, in der er Meister war. 
So manche seiner Erzählungen in den Läuschen un Rimels sind ja 
alte Scharteken; und ich finde die Entdeckung Seelmanns nicht weiter 
interessant. Die Fliegenden Blätter habe ich als Kind schon eifrig 
gelesen. Wer sie in Treptow gehalten hat, weiss ich nicht, aber 
natürlich sind sie auch Reuter nicht unbekannt gewesen, doch halte 
ich es für wahrscheinlicher, dass aus ihnen stammende Schnurren 
weiter erzählt wurden, und dass Reuter manches auf diesem mittel- 
baren Wege kennen gelernt hat.*' 

In Bezug auf diesen Brief schrieb mir Herr Geheimrat Schröder, 
noch ehe ich selbst den von Gädertz veröffentlichten Zeitungsartikel 
gelesen hatte, folgendes: „In der gestrigen Nummer der National- 
zeitung führt Gädertz einen Brief von mir an, den ich ihm vor 
einer Reihe von Jahren geschrieben habe, als ich von Ihren Hin- 
weisen auf die Fliegenden Blätter als eine Quelle für die Läuschen 
un Rimels nur erst von Hörensagen wusste. Ich halte die in Ihrer 
trefflichen Ausgabe enthaltenen Quellennachweise allerdings für sehr 
interessant, weil sie einen Einblick in Reuters Arbeitsweise gewähren. 
Dass er die Fliegenden Blätter unmittelbar benutzt hat, ist 
mir jetzt ausser Zweifel, wenn ich auch die Möglichkeit zugeben 
inuss, dass manche der darin enthaltenen Schnurren, die zum Teil 
dann von Mund zu Munde gingen, ihm auf diesem Wege und nicht 
direkt zugekommen sind.^ 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht versäumen, auf eine 
irrige Angabe in meiner Ausgabe — in der bald erscheinenden neuen 
Auflage ist sie bereits verbessert — hier noch besonders berichtigend 
hinzuweisen. Als ich festgestellt hatte, dass Läuschen Reuters derartig 
mit den Fliegenden Blättern übereinstimmten, dass diese die Quelle 
sein mussten, erschien mir die Feststellung nötig, ob das Münchener, 
damals erst einige Jahre erscheinende Blatt 1852 schon in der kleinen 
Stadt Treptow bekannt und verbreitet war. Ich brachte deshalb 
auch hierauf die Rede, als Herr Geheimrat Schröder bei einer mir 
gewährten Unterredung in seiner liebenswürdigen Weise mir sehr aus- 
führliche und sehr lehrreiche Auskunft über Reuter, sein Wesen, 
seinen Verkehr und seine Freunde in Treptow gab. Er konnte mir 
in der Tat mitteilen, dass die Fliegenden Blätter schon im Jahre 
1852 in Treptow gelesen wurden. Seine anwesende Frau Tochter 
warf dabei die Frage ein „Aber Reuter hat die Fliegenden Blätter 
wohl nicht gehabt?", worauf er entgegnete „0 doch, ich habe sie in 
meinem Arbeitszimmer liegen sehen." — Ich merkte darauf in meiner 



118 

Reuter -Ausgabe an, dass Herr Geheimrat Schröder die Fliegenden 
Blätter bei Reuter gesehen habe. Erst nach und durch den Druck 
klärte sich die Antwort als Irrtum auf. Herr Geheimrat Schröder 
hatte den Namen ;,Reuter* überhört und die Frage auf einen Freund 
Reuters bezogen, von dessen Beziehungen zu dem Dichter er gerade 
gesprochen hatte. — 

Schliesslich kann — auch dieses sei hier nicht übergangen — 
Gädertz noch berichten, dass ;, viele Verehrer Reuters die von Seel- 
mann gemachte ^Entdeckung' mit einem mitleidigen Lächeln auf- 
genommen haben und ihr keinen Glauben beimessen.^ 

* * 

Gädertz schliesst seine Aufsätze mit folgenden Worten: ^Dass 
eine Reuter -Forschung und Reuter -Philologie nach dem Vorgange 
Seelmanns erspriesslich sei, wage ich zu bezweifeln. 

;,Was wohl Fritz Reuter selbst und sein Onkel Bräsig 
dazu sagen würden?!" 

Gädertz hatte seine gegen mich gerichteten Aufsätze mit einer 
Ausführung über das erste Läuschen Reuters eingeleitet, welche meinen 
Anmerkungen einfach entlehnt war, vgl. oben S. 94. Die Apostrophe 
an Fritz Reuter und Onkel Bräsig ist*gleichfalls entlehnt: dem safl- 
rischen ^Charakterbild des Prof. Dr. Karl Theodor Gädertz" in A. 
Römers Buche ^Heiteres und Weiteres von Fritz Reuter", S. 228. 
Hier werden Fritz Reuter und Bräsig Worte in den Mund gelegt, in 
denen sie über — Gädertz sehr abfällig urteilen. 

Wer im Glashause sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Es war 
deshalb recht unvorsichtig von Gädertz, über meine den Werken Fritz 
Reuters gewidmete philologische Arbeit spöttisch zu sprechen. 
Seine Worte geben mir ein Recht, gleichfalls in spottende Polemik 
zu verfallen, zunächst möchte ich aber den Wert seines Urteils in 
philologischen Dingen beleuchten und erklären — ich werde meine 
durchaus nicht übertreibenden Worte sofort begründen — dass 
Gädertz kaum mehr als das Plattdeutsch der Strasse und 
auch dieses nicht einmal ordentlich versteht. Ich will hier 
nicht die Urteile abdrucken lassen, welche Gädertz' berühmter Lands- 
mann über ihn Klaus Groth — und nicht nur diesem — mitgeteilt 
hat, denn seitdem sind Jahre verflossen und Gädertz könnte inzwischen 
Plattdeutsch gelernt haben. Die Leser dieser Zeilen können selbst 
urteilen, ich brauche sie nur auf die Erläuterungen hinzuweisen, 
welche Gädertz seiner 1905 erschienenen Ausgabe von Reuters Stromtid 
beigefügt hat. Und weil der mir hier zur Verfügung stehende Raum 
nicht ausreichen würde, alle Böcke, welche Gädertz als Reuter- 
Interpret geschossen hat, zur Strecke zu bringen, werde ich mich auf 
eine Auslese aus den drei ersten Kapiteln der Stromtid beschränken. 



119 

Allein auf der ersten Seite (S. 7 seiner Ausgabe) begegnen 
folgende Fehler: 

. viertwis heisst „in Yiertelscheffeln'^, Gädertz übersetzt „fassweise^. Das 
Viert hiess allerdings in Mecklenburg früher auch Fass, doch ist diese Benennung 
veraltet und nur provinziell. 

Landrider ist der reitende Bote des Domanialamtes (der an dieser Stelle 
die rückständige Pacht von den Inhabern der Domanialgüter einzieht, aber noch 
nicht pfändet), Gädertz erklärt „Gerichtsvollzieher". 

vier einkalürige Mähren sind „vier in der Farbe übereinstimmende Pferde", 
Gädertz übersetzt „einfarbige". 

Damm bezeichnet an dieser Stelle das vornehme Seebad „Heiligendamm", 
Gädertz gibt keine Übersetzung, versteht also den Strassendamm. 

Aus den übrigen Seiten verzeichne ich hier z. T. recht wunderliche 
Fehler: 

Lütt Kropzeug^ wie Bräsig so oft Lining und Mining nennt, bedarf kaum 
einer Erklärung, da das Wort Kroppzeug, Kruppzeug über das niederdeutsche 
Gebiet hinaus verbreitet und bekannt ist (vgl. Grimms Wörterbuch s. v.). Gädertz 
deutet das Wort als kleine Mädchen, welche einen Kropf haben. Er sagt S. 22^ 
seiner Ausgabe wörtlich: „Kropptüg, kleine Mädchen mit Unterkinn". 

Blick wird von Gädertz S. 57* als „Bockgestell" des Wagens gedeutet, 
ia Wirklichkeit bedeutet es an dieser Stelle die Nabe des Rades. 

Hosenquedder heisst Hosenbund. Gädertz S. 58*° übersetzt „Hosengurt". 

Quese ist eine durch Quetschung oder Druck der Haut entstandene Blase, 
Gädertz S. 10« übersetzt „Schwiele". 

Messhof ist Misthof, Miststätte, Gädertz S. 18 ^^ übersetzt ungenau 
„Misthaufe", was Messhop wäre. 

FladduP ist eine besondere Art altmodischer Hauben, Gädertz S. 20^ 
übersetzt „Kopfputz mit flatternden Bändern". 

viertimpige Mutz, Mütze, welche in vier Zipfeln ausläuft, Gädertz S. 2V^ 
übersetzt „viereckig". 

80) n ollen Venynschen wird von Gädertz S. 26** „so ein alter Gift- 
molch; von venenum: Gift" erklärt; venin seh heisst aber boshaft und kommt 
von mnl. venijn, franz. venin. An einen Giftmolch oder Gift denkt niemand bei 
diesem seit Jahrhunderten eingebürgerten Worte. 

InH Blage übersetzt Gädertz S. 12 ^ „ins Blaue". An dieser Stelle be- 
deutet blag jedoch „fem", ebenso wie S. 55 zu Ende. 

upsiht soll nach Gädertz S. 33^ „durchgesiebt (aufgeseihet)" heisseu, 
die Milch wird allerdings „geseiht", aber nicht „durchgesiebt". 

harllich wird von Gädertz S. 22^2 „stark (herzhaft)" erklärt. Das Wort 
bedeutet hier aber (= mnd. hardelik, hartlich) „härtlich, tüchtig". 

muddelt wird von Gädertz S. 26^ „mengt" übersetzt, es heisst aber 
„manscht" oder „sudelt zusammen". 

Ne Nu fr von en Mann wird Jochen Nüssler genannt. Das bei Keuter 
öfter vorkommende Wort Nuff, das andere Mundarten in der Form Nüsse, 
Nusche kennen, bedeutet einen Menschen ohne Tatkraft, der nichts Ordentliches 
zu Stande bringt. Gädertz S. 30^^ erklärt Nuss „Null, hohl und taub wie eine 
alte vertrocknete Nuss,(!!)" — „Nuss" heisst bekanntlich bei Reuter Nät. 



120 

Es muss mir jeder, dem das Plattdeutsche geläufig ist, zugeben, 
dass es sich hier um ganz bekannte Wörter handelt; nur Fladdm' 
und Buch machen insofern eine Ausnahme, dass ersteres nur noch 
alten Leuten, letzteres nur den Landleuten allgemein bekannt ist. 
Bei Ausdrücken und Redensarten, deren Deutung er nicht anderen 
Erklärern entlehnen konnte, versagt sein eigenes Wissen völlig. Ich 
notiere hier nur aus Hanne Nute einige Beispiele: Kap. 6, V. 21 
Nil geiht Gotteswurt jo äwerall merkt er gegen allen Zusammenhang 
an: ^sprichw. = nun breitet Gottes Wort sich aus.^ Die Redensart 
in welcher Gotteswort vermutlich ursprünglich die Bedeutung ^ Blitz 
und Donner^ hatte, ist jedoch zu übersetzen „Nun geht alles drunter 
und drüber.^ — Kap. 7, V. 70 heisst Sparlings-Hänschen „Sperlings- 
Hänschen^ (kleiner Hans). Gädertz, der nach seiner Angabe stets 
den echten Text unter Zugrundelegung der Niederschrift des Dichters 
mit Benutzung aller Drucke gibt, in Wirklichkeit aber den Text der 
Hinstorjffschen Volksausgabe zugrunde gelegt und diesen nur hin und 
wieder geändert hat, bietet an dieser Stelle Sparlings-Hähnschen 
„Sperlings- Hähnchen^, gewiss eine merkwürdige Bezeichnung für 
ein brütendes Sperlingsweibchen! — Kap. 6, V. 184 verdort^ was 
„erholt, beruhigt* heisst, wird von Gädertz „vertrocknet* übersetzt, 
also von „verdorren*, statt von „verdoren* abgeleitet. — Kap. 9, 
V. 177 ff. raten die Frösche, Hochzeit zu feiern, Kuchen zu diesem 
Zweck zu backen und das Fass hinter den Ofen zu stellen, und dann 
tüchtig zu trinken. Gädertz wiederholt hier die falsche Interpunktion 
der Volksausgabe achteren Ähen dat Fat\ und übersetzt: [Lasst] 
„hinterm Ofen das Fass!*, als wenn hier immer ein Bierfass stünde. 
— Kap. 7, V. 86 Susenger wird von Gädertz „Sausänger* (!) übersetzt. 
Wie er aus Grimms Wörterbuche ersehen kann, hat das Wort mit 
„singen* nicht zu tun, es bedeutet „Saudiebe* und ist ursprünglich 
ein altes Schimpfwort für marodierende Soldaten. — 

Die falschen Erklärungen, welche Gädertz gibt, werden dadurch 
nicht richtiger, dass einige von ihnen sich auch in anderen Ausgaben 
und besonders in der Hinstorffschen Volksausgabe finden. Als er 
sich trotz seiner völlig unzureichenden Kenntnis des Plattdeutschen 
vermass Reuters Werke herauszugeben, vertraute er auf die Hilfe, 
welche ihm ältere Ausgaben und plattdeutsche Idiotiken boten. Neben 
vielen richtigen Deutungen entnahm er diesen Quellen manches Ver- 
fehlte. Bösere Fehler beging er, wo er aus dem Zusammenhange 
Bedeutungen erriet oder auf so wunderliche eigene Etymologieeu 
wie Krop = hochdeutsch „Kropf*, Niiss' = hochd. „Nuss* baute. 
Wenn man bei der Herausgabe älterer Sprachdenkmäler mit Hilfe 
des Zusammenhanges oder der Etymologie unbekannte Wortbedeutungen 
erschliesst, so ist dagegen Nichts einzuwenden. Man ist einzig auf 
jene Hilfsmittel angewiesen, und Jeder weiss, dass es sich um Ver- 
mutungen handelt. Anders liegt die Sache bei Werken neueren Ur- 
sprunges. Hier hat der Herausgeber die Pflicht, in allen zweifelhaften 



121 

Fällen von Leuten, welchen die Mundart des Verfassers geläufig ist, 
die richtige Bedeutung zu erkunden. Das wird auch deshalb zur 
Pflicht, weil die jetzt angemerkten Bedeutungsangaben dermaleinst, 
wenn das Plattdeutsche keine lebende Mundart mehr sein wird, für 
die Nachwelt das werden, was der Gegenwart die alten Scholien der 
griechischen Dichter sind. 

Bei Reuter genügt es nicht einmal immer, sich Rats aus irgend 
einem beliebigen Teile Mecklenburgs oder Vorpommerns zu holen. 
Die Wortbedeutungen weichen in einzelnen Fällen selbst innerhalb 
dieses Gebietes von einander ab, z. B. heisst bädeln bei Reuter ^^schnell 
fahren", nicht wie ein pommerscher Recensent meiner Ausgabe aus 
seiner Mundart schloss „gemächlich fahren". Bei Brinckman und in 
Rostock wird man brät in Wut danit brät „bratet" zu übersetzen 
haben, anderswo fasst man es als „brütet". Bekannt ist, dass hül 
und hot ihre Bedeutung geradezu tauschen. Von den von mir 
gegebenen Wortbedeutungen glaube ich versichern zu können, dass 
ich in jedem mir zweifelhaften Falle in Mecklenburg Umfrage gehalten 
und lieber meine Unkenntnis eingestanden, als eine Erklärung erraten 
habe Nach der Bedeutung von Schalm, schalmig (Reuter Bd. 2, S. 25ü, 
Z. 32. 33) z. B. sind ohne Erfolg Hunderte von Mecklenburgern 
befragt worden, deren Stand die Kenntnis dieses Ausdrucks für einen 
Fehler der Pferde nahe legte. Selbst achtzigjährige Tierärzte konnten 
keine Auskunft geben. Auch dem bei Reuter häufiger vorkommenden 
Worte hohalieren habe ich lange vergeblich nachforschen müssen, ehe 
mir der bekannte mecklenburgische Dialektschriftsteller Friedrich 
Cammin die Bedeutung, und dass es in Laage und bei Teterow noch 
oder noch vor nicht langer Zeit im Gebrauch war, angeben konnte. 

Zum Sehluss noch Folgendes. Gädertz hat — allerdings mit 
Unrecht, wie ich S. 116 nachwies — zur Bestätigung einer seiner 
Behauptungen sich auf mich berufen. Auch ich kann mich auf ihn 
beziehen, nämlich dafür, dass nach seinem Dafürhalten meine Reuter- 
philologie sehr förderlich ist. Er hat das zwar nirgend ausgesprochen 
und mich nie als Gewährsmann für irgend eine seiner Anmerkungen 
genannt. Er ist mehr für die Tat. Er hat an wohl hundert oder mehr 
Stellen von mir gegebene Erklärungen oder ermittelte Tatsachen 
übernommen und hat sogar, soweit es ihm möglich war, in den zuletzt 
von ihm bearbeiteten Werken Reuters, z. B. bei den Läuschen und 
Schurr- Murr, meine Art zu erklären nachzuahmen gesucht. Auch 
hat er, wenigstens an einzelnen Stellen, nachträglich Zusätze und 
Besserungen angebracht, welche er meiner Ausgabe entnommen hat; 
er hat ferner anonym erschienene, von mir Reuter zugeschriebene 
Sachen als Schriften Reuters abdrucken lassen. Wissen möchte ich 
jedoch, . warum er an meinem Wortlaut immer etwas geändert hat. 
Reuter tut im Schurr-Murr (Bd. 4, S. 162) eines ;, älteren Kollegen 
in der Poesie, Hellmuth SköUin, jetzt in einer Hofcharge in Schwerin" 
Ei-wähnung. Ich merkte hierzu an, dass dieser grossherzoglicher 



122 

Hausinspektor mit dem Titel Hofkommissar war und: ;,ein Buch hat 
Sköllin (1803—70) nicht erscheinen lassen.^ Bei Gädertz S. 130 
liest man „grossherzoglicher Hofkommissar (1803 — 70) hat seine 
Gedichte nicht veröffentlicht.^ Wie Gädertz von Sköllins Sohne in 
Warnemünde erfahren kann, hat Sköllin wohl Gedichte veröflFentlicht, 
nämlich in Zeitungen. Ebenda S. 134 macht mir Gädertz das Ver- 
gnügen, meine Übersetzung des Verses est bellum bellum bellis bellare 
puellis abzudrucken. Es ist das einzige mal in meinem Leben, dass 
einer der wenigen Verse, welche ich gelegentlich fabriziert habe, ge- 
druckt, und nun sogar nachgedruckt ist. Unerfindlich ist mir aber, 
warum Gädertz meinen Wortlaut verändert zu ;, Schön, ja schön ist 
ein (statt: der) Kampf, der mit schönen Mädchen gekämpft wird.* 
Verse anderer ändert man doch nicht. Oder sollte Gädertz wirklich 
meinen, dass seine lateinischen Kenntnisse ihn berechtigen, meine 
Übersetzungen zu korrigieren? Da möchte ich ihn doch daran er- 
innern, dass er die in Reuters ;, Reise nach Braunschweig ^ angeführten 
Sätzchen, z. B. Pater mea in silvam, fiir sinnlos hält, trotzdem er in 
jedem lateinischen Wörterbuche das Verbum meare findet, und es 
soll mir auch nicht darauf ankommen, zum Beweise seiner philologischen 
Bildung seine Entdeckung mitzuteilen, dass (der schon in der Sachsen- 
spiegelglosse citierte, 1400 gestorbene bekannte Jurist) Baldus de 
Ubaldis im Anfange des 17. Jahrhundert ;,ein damals berühmter 
Professor und Juris utriusque Dr. an der Universität Leipzig '^ gewesen 
ist. Auf fast gleicher Höhe steht die fernere Entdeckung, dass die 
in Reuters Urgeschicht von Mecklenborg zu Anfang neben Johnston 
genannten Chemiker John und Johnson 1) Engländer sind, 2) gar 
nicht gelebt haben. Er sagt nämlich wörtlich: „Was die drei Eng- 
länder anbetrifft, so scherzt unser Humorist hier offenbar, wie bei 
Lisch und Lasch, Misch und Masch. Nur Johnston kommt in Frage." 
— Dass John ein Pommer und Johnson ein recht bekannter englischer 
Chemiker war, kann man in meiner Reuter -Ausgabe Bd. 7, S. 517 
nachlesen. 

BERLIN. ^A^. Seelmann. 



123 



Fritz Reuters Reise nach 
Braunsehweig. 



Die niedrigen Kornpreise, welche in den dem Befreiungskriege 
folgenden Jahren den Anbau von Getreide in Mecklenburg kaum 
lohnend erscheinen Hessen, hatten den Vater Fritz Reuters veranlasst. 
Versuche mit dem Anbau von Handelsgewächsen zu machen. Be 
sonderen Gewinn glaubte er sich vom Krappbau zu versprechen, 
der, wie er wusste, in Holland mit gutem Erfolge betrieben wurde. 
Als er in Bohns ^jWaarenlager- oder Producten- und Waarenlexikon 
für Kaufleute ^ (Hamburg 1805) las, dass im Herzogtum Braunschweig 
in der Gegend von Königslutter Krapp gebaut und daran jährlich 
ein Betrag von 18000 Talern verdient würde, Hess er sich aus Königs- 
lutter junge Krappflänzchen kommen und entschloss sich dann zu 
einer Reise dorthin, um sich an Ort und Stelle über die beste Art 
des Krappbaues zu unterrichten. Über seine Reise hat er später in 
einem vom 1. Oktober 1824 datierten Aufsatze ;,Über den Anbau des 
Krapps (Rubia tinctorum)^ berichtet, der von mir in den ^ Neuen 
Annalen der Mecklenburgischen Landwirtschaftsgesellschaft^, Jahr- 
gang 11 (1825) aufgefunden worden ist.^) 

Auf die mit eigenem Gespann unternommene Fahrt nahm er 
seinen Sohn Fritz, der damals noch im Knabenalter stand „unter 
der Bedingung mit", wie Adolf Wilbrandt erzählt „dass er auf Alles 
wohl acht gebe und nach der Rückkehr seine Erlebnisse und Beob- 
achtungen für den Amtshauptmann, seinen Paten, niederschreibe." 
Die von Fritz Reuter verfasste Beschreibung seiner Reise wurde von 
den Hinterbliebenen des besonders aus der „Franzosentid" bekannten 
Amtshauptmann Weber in dessen Nachlasse vorgefunden, von ihnen 
Fritz Reuter, als dieser bereits ein berühmter Mann war, übergeben 
und ist nach dessen Tode in seinen „Nachgelassenen Schriften" Bd. 
1, S. 98 ff. gedruckt worden. 

Reuters „Reise nach Braunschweig" — diesen Titel hat ihr 
Wilbrandt gegeben — ist recht lesenswert. Ihre eigentliche Bedeu- 
tung beruht jedoch darauf, dass sie von Reuter in seinen Knaben- 



*) Auszüge aus dem Aufsatze sind jetzt bei A. Römer, Heiteres und 
Weiteres von Fritz Reuter (Berün 1905), S. 161 ff. gegeben. 



124 

jähren verfasst ist und uns somit eine Anschauung seiner Geistesart 
und seiner Bildung während seiner Jugendzeit darbietet. Für ihre 
Beurteilung ist es deshalb von besonderem Belang zu wissen, in 
welchem Alter Reuter die kleine Reisebeschreibung verfasst hat. Die 
Angaben hierüber gehen beträchtlich auseinander. Die dem ersten Ab- 
drucke beigefügte Anmerkung, dass sie von dem zehnjährigen Reuter 
verfasst sei, berichtigte Wilbrandt in seinem ;,Leben Reuters", es 
müsse zwölfjährig heissen. Dieser Angabe schlössen sich fast sämt- 
liche Biographen Reuters an, indem sie die Reise in das Jahr 1822 
setzten. Ich selbst habe in meiner Reuter -Ausgabe Bd. 7, S. 238 
das Jahr 1823 als das richtige, und Reuters eigene Angabe, er habe 
seine Jugendarbeit als elfjähriger Knabe verfasst, für eine ungenaue 
Erinnerung erklärt. Reuters Angabe findet sich in einem Briefe vom 
19. August an Julian Schmidt und lautet ^der Sohn hatte unter den 
Papieren des Alten (d. h. des Amtshauptmann Weber) meinen ersten 
schriftstellerischen Versuch gefunden, eine Reisebeschreibung nach 
Braunschweig und Magdeburg, die ich für ihn als 11 jähriger Junge 
geschrieben habe; auch diese hat man mir zu meiner Freude gesandt.'^ 
Reuter ist am 7. November 1810 geboren, die Angaben über die 
Entstehung seiner Reisebeschreibung schwanken also zwischen 1820, 
1821, 1822 und 1823. 

Die nachfolgende Untersuchung soll den Beweis für die Richtig- 
keit meiner eigenen Angabe bringen. 

Das Jahr, in welchem die Reise nach Braunschweig und Magde- 
burg von dem Bürgermeister Reuter unternommen wurde^ ist weder 
in seinem eigenen Reiseberichte noch in dem seines Sohnes angegeben, 
trotzdem dieser das Tagesdatum jedes Nachtquartiers verzeichnet hat. 
Aus seinen Angaben ergeben sich folgende Daten und Orte: 

Sept. 27.— 30. Jabel. Okt. 11.— 13. Magdeburg. 

„ 30.— Okt. 2. Parchim. 13.— 14. Neuhaldensleben. 

Okt. 2.— 4. Dömitz. 14—15. Salzwedel. 

4. — 5. Ülzen. 15.— 19. Dömitz. 

5.— 6. Giffhorn. 19.-20. Parchim. 

6.— 8. Braunschweig. 20.— 21. Jabel. 

8.-11. Königslutter. 21. (?) Stavenhagen. 

Die Reise ist also erst nach dem 1. Oktober zu Ende gekommeu. 
Sie muss also, da der über sie berichtende Aufsatz des Bürgermeisters 
vom 1. Oktober 1824 datiert ist, in einem früheren Jahre statt- 
gefunden haben. 

Aus Fritz Reuters Worten (Bd. 7, S. 246, Z. 3. 4. meiner Aus- 
gabe) ;,Den folgenden Morgen reiseten wir nach Grabow, wo wir 
die mecklenburgischen Kavallerie -Pferde besahen*' lässt sich ermitteln, 
nach welchem Jahre er in Grabow gewesen ist. 

Nachdem das am 2. April 1813 aus Freiwilligen errichtete 
Mecklenburg -Strelitzsche Husaren -Regiment im März 1816 wieder 



125 

aufgelöst worden war, gab es keine mecklenburgische Reitertruppe 
mehr, und es bedurfte erst der dringenden und wiederholten Auf- 
forderung des deutschen Bundes an den Grossherzog Friedrich Franz 
von Mecklenburg -Schwerin, der seinem durch den Krieg stark mit- 
genommenen Lande das grosse Geldopfer gern erspart hätte, bis 
dieser 1819 mit der Errichtung eines Reiterregimentes zu beginnen 
beschloss. Aber auch jetzt war er bestrebt, möglichst Aufschub zu 
gewinnen und befahl vorläufig nur die Bildung einer einzigen Eskadron, 
welche in Grabow garnisonieren und der Stamm eines künftigen 
Chevauxlegers- Regiments sein sollte. Am 1. Juni 1821 trat diese 
Stamm -Eskadron zusammen und wurde im Herbst 1821 mit Pferden 
versehen, für welche vor dem Rehberger Tore von Grabow ein grosser 
Stall und eine verdeckte Reitbahn erbaut worden war. 

Die von Reuter in Grabow besichtigten Kavalleriepferde sind ' 
also erst im Herbst 1821 dort eingestellt, seine Reise muss also, da 
sie — wie bereits oben dargelegt ist — vor 1824 stattgefunden hat, 
entweder in das Jahr 1821, 1822 oder 1823 fallen. 

Für die genauere Bestimmung des Jahres bieten die Aufsätze 
Reuters und seines Vaters folgende Anhaltspunkte: die Erwähnung 
des Parchimer Gesundbrunnens, Angaben über die Witterung und 
Angaben über Theateraufführungen in Braunschweig und Magdeburg. 

„Der eisenhaltige Gesundbrunnen im Sonnenberg'' sagt Friedr. 
Chr. Cleemann in seiner „Chronik der Vorderstadt Parchim" (Parchim 
1825) S. 103 „welcher der Stadt zu grossem Nutzen und Vergnügen 
gereichet, ward der Kämmerei zur Unternehmung vorgeschlagen und, 
da diese darauf nicht einging, 1822 von dem Ratsherren Käselan, 
dem Bürger Christian Schmidt und dem Holzwärter Flemming unter- 
nommen. '^ Die Worte Reuters (Bd. 7, S. 245, Z. 30; S. 246, Z. 1), 
dass die Quelle auf dem Sonnenberge bei Parchim „zum Gesundheits- 
bade erhoben" sei, lassen also auf das Jahr 1822 oder 1823 schliessen, 
und zwar deshalb mit grösserer Wahrscheinlichkeit auf das letztere 
Jahr, weil W. L. Icke in seiner die Cleemannsche Chronik ergänzenden 
»Neuesten Geschichte der Vorderstadt Parchim'' (Parchim 1853), 
S. 131 ff. berichtet, dass, nachdem 1822 die Genehmigung zur Er- 
richtung der Gesundbrunnenanstalt erteilt war, diese erst im Frühjahr 
und Sommer 1823 „eine feste Grundlage und Ausbildung erreichte. 
Hiernach konnte die Anstalt im Sommer 1823 dem Publico eröffnet 
werden.^ 

Der Vater spricht von dem ^heissen Reisewetter *', das er vor 
oder bei seiner Ankunft in Königslutter, wo er am 8. Oktober ein- 
traf, gehabt hat, der Sohn von dem Regen während der Fahrt von 
Grabow bis Konitz am 2. Oktober. 



^) Seeler, Geschichte des 1. Grossherzoglich Mecklenburgischen Dragoner- 
Regiments Nr. 17. (Berlin 1885), S. 1 ff. G. Hempel, Handbuch des meklenb. 
Landes, T. 2 (Parchim 1843), S. 124. 



126 



Nach den Witterungstabellen im „Mecklenburg-Schwerinschen 
Staatskalender^ Jahrg. 1823 — 25, S. XXIX wurde von dem meteoro- 
logischen Beobachter in Lübz folgendes Wetter vermerkt: 



1821 

Sept. 27. Regen . . 

„ 28. veränderlich 

„ 29. veränderlich 

30. Regen . . 

1. viel Regen 

2. viel Regen 

3. viel Regen 

4. warm . . 

5. veränderlich 

6. warm . 

7. trübe . . 

8. veränderlich 

9. veränderlich 
10. veränderlich 



» 
Okt. 

n 
n 
n 
» 



n 
n 



1822 

kalt . . . 
veränderlich 
kalt . . . 
veränderlich . 
warm . . 
veränderlich 
veränderlich 
warm . . 
warm 

warm . . 
warm . . 
Regen . . . 
warm . . 
Regen . . . 



1823 

warm 

veränderlich 

angenehm 

veränderlich 

warm 

klar 

veränderlich 

warm 

angenehm 

trübe 

veränderlich 

veränderlich 

veränderlich 

Regen 



Da Reuters Reise durch Orte ging, welche eine Anzahl Meilen 
von Lübz entfernt liegen, so mangelt dem Bezug auf abweichende 
oder übereinstimmende Witterungsverhältnisse zwar die volle Beweis- 
kraft, immerhin ergibt sich aus der Vergleichung die Wahrschein- 
lichkeit, dass Reuters Reise nicht 1821, sondern entweder 1822 oder 
1823 unternommen ist. Man würde sogar an 1822 allein zu denken 
haben wegen des Regens am 2. Oktober, wenn es sich um einen 
Landregen gehandelt hätte. Aus Fritz Reuters Werken, dass es 
während der kurzen Fahrt von Grabow bis Konow beständig regnete, 
ist jedoch nur auf einen Strichregen von kurzer Dauer zu schliessen, 
der Lübz nicht erreicht zu haben braucht. 

Zu dem Ergebnis, dass die Reise nicht im Jahre 1821, sondern 
1822 oder 1823 stattgefunden hat, fuhrt auch die Angabe Fritz 
Reuters, dass er am 6. Oktober in Braunschweig das Theater besucht 
hat. (Bd. 7, S. 248, Z. 17). 

Nach dem im ^Tagebuch der deutschen Bühnen, hrsg. von Karl 
Theodor Winkler^ (Jahrg. 1822, S. 45; 1823, S. 25. 314) abgedruckten 
Repertoir des National-Theaters in Braunschweig, damals das einzige 
dieser Stadt und der Vorgänger des heutigen Hoftheaters, wurden in 
demselben aufgeführt 



1821. Okt. 3. 


Emilia Galotti. 


1822. 


Okt. 3. 


Parteienwut. 


« 4. 


vacat. 




r, 4. 


Jakob und seine Söhne 


« 5. 


Die diebische Elster. 




n 5. 


vacat. 


« 6. 


vacat. 




« 6. 


Preciosa. 


n 7. 


Der goldene Löwe, Lust- 
spiel von Stein. 




n 7. 


Jobann von Paris. 



127 



1823. Okt. 2. 


Der Ring, oder : Die unglückliche Ehe durch Delikatesse, 




Lustspiel von F(riedrich) B. (richtiger: Ludwig) 




Schröder. 


n 3. 


Das unterbrochene Osterfest. 


« 4. 


vacat. 


» 5. 


Preciosa. 


« 6. 


Der Ring. 


n 7. 


yacat. 



Am 6. Oktober sind also nur 1822 und 1823, nicht aber 1821 
Schauspiele in Braunschweig aufgeführt worden. 

Zu einem bestimmten und endgiltigen Ergebnis über das Jahr 
der Reise nach Braunschweig werden uns die in den Jahrgängen 
1821—1823 der ^^Magdeburger Zeitung^ enthaltenen Anzeigen der in 
Magdeburg in jenen Jahren aufgeführten Stücke verhelfen. Gesjnelt 
sind hier, wie die Herren Stadtbibliothekar Dr. Neubauer und Pro- 
fessor Dr. Wilhelm Votsch die Güte hatten zu ermitteln, 

1821. Oktober 11. Regulas, von Collin. 

„ 12. Graf von Burgund, von Kotzebue. 
„ 18 vacat. 



» 



14. Deutsche Treue, von Klingemann. 



rt 



1822. Oktober 6. Der Freyschütz, grosse Oper zum 1. Male. 

7. Der Freyschütz. 

8. Fluch und Segen, Die Grossmama und der Bär 

und Bassa. 
„ 9.— 12. vacat. 

„ 18. Der Freyschütz. 
„ 14. Der Freyschütz. 

1828. Oktober 10. Das Donauweibchen. 

„ 11. Vokal- und Instrumental-Konzert im Schauspielhaus. 
„ 12. Zum ersten Male: Die Flucht nach Kenilworth, 

Drama in 5 Akten nach Scott. 
„ 13. Die Waise und der Mörder. 

Nach den bereits gewonnenen Feststellungen über das Jahr der 
Reise kommt es hier nur noch auf die Magdeburger TheateraufFührungen 
vom 12. Oktober 1822 und 1823 an. Um jedoch der Möglichkeit 
einer falschen Angabe dieses Datums Rechnung zu tragen und zur 
Bestätigung jener Feststellungen sind auch die Theaterstücke der vor- 
angehenden und folgenden Tage und die des Jahres 1821 verzeichnet. 

Reuter erzählt (Bd. 7, S. 250, Z 16), dass in dem Schauspiele, 
dessen AuflPührung er in Magdeburg beigewohnt hat, „20 blanke und 
geharnischte Ritter auftraten^. Da in Magdeburg am 12. Oktober 
1822 überhaupt keine Aufführung stattgefunden hat, muss die vom 
gleichen Tage des Jahres 1823 jener Angabe Reuters entsprechen. 
Das ist in der Tat der Fall. Ehe ich den Nachweis hierfür antrete, 



128 

sei noch hervorgehoben, dass keins der übrigen aus den Jahren 
1821 — 1823 oben verzeichneten Stücke, weder CoUins Regulas, noch 
Kotzebues Graf von Burgund, noch eins der übrigen Stücke, dem 
Regisseur des Theaters Gelegenheit oder Anlass bietet, eine grössere 
Zahl geharnischter Ritter auf die Bühne zu bringen. 

Das am 12. Oktober 1823 von Reuter gesehene Schauspiel ist 
unter dem Titel ;,Die Flucht nach Kenilworth. Tragödie in fünf Acten, 
nach Walter Scotts Roman: Kenilworth. Von J. R. Lenz. Mainz 
1826^ später gedruckt worden. In dem Personenverzeichnisse S. 4 
sind 16 auftretende Personen mit Namen genannt, von denen höchstens 
11 geharnischt aufgetreten sind. Ausser diesen sind aber zu Schluss 
noch „Hofdamen, Hofherren, Pagen, Volk, Leibwachen^ genannt. 

Reuters Angabe bezieht sich entweder auf die Schlussszene, 
5. Akt, 11. Szene, S. 175, in welcher vier Personen agieren, aber 
^bewaffnetes Gefolge^ hereinstürzt, oder — wahrscheinlicher — auf 
die 5. Szene des 2. Aktes, S. 56, in welcher ausser neun benannten 
Rittern „Die Königinn von ihren Grossbeamten und Hofe begleitet^ 
erscheint. 

Zum Schlüsse möchte ich noch darauf hinweisen, dass der 
Juvenalvers, welchen Reuter seiner Reisebeschreibung vorgesetzt hat, 
ihm wahrscheinlich aus dem Anhange (Lectiones latinae) von Bröders 
früher viel gebrauchter „Practischer Grammatik der lateinischen 
Sprache*' (9. Aufl., Leipzig 1813. S. 78) bekannt geworden ist, 
während die Schlusssätze seines Aufsatzes ;,Und hätte ich es lieblich 
gemacht" bis ;,Das sei das Ende" aus dem 2. Buch der Maccabäer, 
Kap. 15, V. 39. 40 entlehnt sind. Der Gedanke, diese Verse als 
Schluss zu verwenden, stammt nicht von Reuter selbst. In gleicher 
Weise schliesst auch Erasmus Mahlers Zeitvertreib für Bürger und 
Landleute. (Neue Aufl., Leipzig 1817.) 

BP:RLIN. W. Seelmann. 



129 



Deminutiva in der Mundart m Gattenstedt 
(bei Blankenburg am Harz). 



Die Deminutivbildung in den neuniederdeutschen Mundarten hat 
bisher keine eingehende Behandlung erfahren, und doch verdient sie 
Beachtung. Die vorliegende Untersuchung, die nur die Deminutiva 
in der Mundart des Dorfes Gattenstedt berücksichtigt, wird zeigen, 
um wieviel mannigfaltiger und ausgedehnter die Deminutivbildung in 
der lebenden Mundart als in der mnd. Schriftsprache ist. Meine 
Meinung ist nun nicht, dass diese Bildungen der heutigen Sprache 
dem Mittelniederdeutschen gefehlt haben müssten; sie können sehr 
wohl vorhanden gewesen sein, auch wenn sie aus leicht erkennbaren 
Gründen in der Schriftspi'ache nicht begegnen. 

Die Deminutiva der Cattenstedter Mundart Tverden mit k ge- 
bildet und haben die Endung ken. Eine Anzahl Worte, die ich auch 
für Deminutiva halte, haben die Endung ke^ der bei weiblichen Worten 
ags. ca, bei männlichen Personennamen alts. ko entsprechen wird. 
Vgl. Grimm Gr. III (1831), S. 676 und Mnd. Gr. S. 59. 

Der Deminutivendung pflegte in der alten Sprache ein i voraus- 
zugehen. Dieser Vokal hat sich als tonloses e meist erhalten, fehlt 
jedoch regelmässig nach p und t sowie nach r und / in mehrsilbigen 
Worten und meistens nach z. Die Deminution ist gewöhnlich mit 
Umlaut verbunden. Verkleinert werden Substantiva, Personennamen, 
Adjektiva, Adverbia und Verba, aber nicht von allen Worten ist die 
Deminutivform üblich, auch wenn sie unter Umständen einmal ge- 
bildet werden möchte. Einige wenige Worte zeigen die Doppelform 
auf ken und ke. 

I. Deminutiva mit ken. 
1. nach /. 

a) Substantiva. htleken von Ml, Beil. hengelken von bengel, 
Bengel. eppelken von apjyel, Apfel, foggelken von foggel, Vogel. 
mtleken von mal, Maul, pileken von pile, Bezeichnung und Lockruf 
für junge Gänse, pilleken von pulle, Flasche, schpeleken von schpel, 
Spiel, schteleken von schiel, Stiel, schteideken von schtaiil, Stuhl. 
schtewelke^i von schtewel, Stiefel, schivdleken von schwelle. Schwalbe; 
daneben schwdleke, f. tvUeken von unle, Weile. 

b) Personennamen, hilleken von Hilde, mileken von Emilie. 

c) Adverbia. hdleken von hdle, bald, schtilleken von schtille, still. 
Letzteres wird zugleich adjektivisch gebraucht. 

Niederdeutsches Jahrbuch XXXIl. 9 



2. nach m, 

a) Substantiva. ärmeken oder ännehen von drnij Arm. hSmeken 
von 6öm; Baum, hleumeken von hlaume, Blume, dimeken von riwwj^H 
(mnd. dume)^ Daumen, fämeken von /om^ Faden, himmeken von AeVwwe, 
Hemd. helmeken von AaZW; Halm. lemmeken von Zam^ Lamm. 
sehwemmeken von schwam, Schwamm. tarmeken von fonW; Turm. 
tvarmeken von worm, Wurm. 

b) Adverbia. drmeke^i von fmw^^ arm. 

3. nach /i.^) 

a) Substantiva. beineken von feiw, Bein. Mneken von ftö«^, 
Bohne, henneken von 6aw^; Band, binneken von 6wn^; Bund, eik/r- 
neken, Eichhörnchen, efineken von enn^; Ende, Strecke, harneken von 
Äorn, Hörn, harneken, Hornung, d. i. Februar, häneken von hänpj 
Hahn, henneken von Äaw^; Hand, heuneken von Äatm; Huhn, hin- 
neken von Äww^; Hund; daneben auch hunneken. karneken von korn-f 
Korn, kinneken von fe'w^, Kind und von to'n, Kinn, lenneken von 
Zeiiw^; Lende, menneken von ma/^^ Mann, pinneken von j>wn^; Pfund. 
rinneken von nVm^; Rinde und von rm^; Rind, schteineken von schtm, 
Stein. schtenneken, Ständchen. schtinneken von schtunne, Stunde. 
schwtneken von schwtn, Schwein. sSneken von söwe^ Sohn, täneken 
von ^(^n, Zahn. Uneken von ^öw, Zehe, tinneken von tunne, Tonne. 

b) Personennamen, hanneken von Johanne. minneken von 
Miniia. mneken von Alwine. 

c) Adverbia. kleineken {dann, sin) von W^n, freundlich, liebens- 
würdig (tun, sein); ist zugleich Adjektiv, schwinneken von schwinne, 
geschwind. scMnekm von schene, schön. 

d) Verba. grenneken zu grtnen. 

4. nach r. Hierher gehören auch die Fälle, in denen c? nach r 
geschwunden ist oder sich zu r assimiliert hat. 

a) Substantiva. breuderken von brauder, Bruder, dechterken von 
dochter, Tochter, dtreken von dir, Tier, äderken von ädere, Ader 
und Ähre. Sreken von or^ Ohr. emmerken von emmer, Eimer. 
fäderken von fäder, Vater, fensterken von fenster, Fenster, ftreken 
von /?r^ Feuer, häreken von Aar^ Haar, fingerken von finger, Finger. 
lewerken von fee^^^r^ Leber, messerken von messer, Messer. scÄ^//- 
mitterken, Stiefmütterchen; päreken statt pärdeken von j?ar^; Pferd. 
rSreken von rör^ Rohr, schptreken von schptre, Kleinigkeit, bischen. 
schewerken von schewm^e, Schiefer. schtipschUreken, Histörchen, sireken 
und streke, f., kleine Pustel; Danneil hat sürÄ^^n, kleines Geschwür. 
w^reken von w?ör^; Wort, zikkerken von zukker, Zucker. 

Nicht als Deminutiva zu betrachten sind farken, Ferkel (vgl. 
auch Woeste, Westf. Wb. 292) und schtarken, weibliches Kalb, mnd. 
Sterke, ags. stire, 

b) Adverb und zugleich Adjektiv ist harreke von hart^ hart; 
steht für hardeke. 



1) Hier werden auch die Worte aufgezählt, die nd zu nn assimilieren. 



131 

5. nach s und seh. 

a) Substantiva. hläseken von hht^e, Blase, harsehken, Bürschchen; 
setzt ein barsche statt barsche voraus, fhisekenschen, Tausendschön. 
ärseken von ch^sch, Arsch, gläseken von glas, Glas, heseken von hose, 
Hose, häsekefi von hdse, Hase. Wahrscheinlich gehört hierher auch 
häseken, PI., Schwarten, auch fette Abfälle vom Schweinefleisch, die 
mit Vorliebe an braunen Kohl gekocht werden. Vgl. Korrespondenz- 
blatt XI, 78. hiseken von hfts, Haus, linseken von linse^ Linse. 
misekenschUe mit kurzem i. Mäuschendreck, von mus, tiäsekefi von 
näse, Nase, rtseken von m, Reis. 

b) Adverbia. müsekenschtille, mäuschenstill. Itseken von Ilse, 
leise. Dazu Itsekentrit, Leisetreter, Schleicher. 

c) Verba. siseken, zischen, vom Wasser, das eben anfängt zu 
sieden, und von nassem Holze, das nicht brennen will; mnd. sissen, 
zisseyi, Woeste, Westf. Wb., leitet es von gr. ^i^stv ab. heseken, so 
massig frieren, dass die Erde nur ein wenig hart ist. In Weende 
bei Göttingen hiseken, in Helmstedt höseken. F. vom See, De Dörp- 
könnig, S. 3 owerhüsseken. Vgl. mnd. hiselen, glatteisen, und hussen, 
zusammenlaufen, gerinnen, das Schambach, Göttingisch-Gruben- 
hagen'sches Idiotikon, S. 90 aufführt. Zu siseken gehört vielleicht 
auch 2tseken-tvorscht; wegen des Wechsels von anl. s und z vgl. siste 
und ziste = siehst du in unserer Mundart. 

6. nach f und tv. 

a) Substantiva. dtweken von duwe, Taube, karweken von korf, Korb. 
Itweken von Itf, Leib, riwiveken von riwwe, Rippe, schiweken von schhve^ 
Scheibe. schtSweken von schtof, Staub, tviweken von wtf, Weib. 

b) Adverbia. barweken von barwet, barfuss. 

7. nach z. 

a) Substantiva. krizken von krize, Kreuz, matzken von mutz, 
Lockruf für Schweine, harzeken von harze, Herz, denzken von dmiz, 
Tanz, schwenzken von schwaiiz, Schwanz. Die beiden letzten Worte 
kommen wohl nur in dem Reime vor: 

da, hest'n dälder, 

gäch nä'n marchte, 

kep ne kau, 

en kelweken tau, 

kelwelken het'n schwenzken, 

dil, dil, dil denzken. 

kizken von latz, Latz, pletzken von |;/rtfe; Platz. Auch betzken, 
bischen, wird bisweilen gebildet; vgl. III, a. 

8. nach p. 

a) Substantiva. drepken von droppe, Tropfen, hepken von happe, 
Happen, kepken von kop, Kopf, knepken von knop, Knopf, knäpkoif 
kleiner Pferdeschlitten, krepken von krop, Kropf, lepken von lop, 
Menge, nepken von nap, Napf, pipken von puppe, Puppe, schäpken 
von schäp, Schaf, sipken von suppe, Suppe. 

b) Verba. sipken von süpen, saufen. Es ist gewissermassen Koseform. 

9* 



1^2 

II. Deminutiva mit ke; sie sind weiblich. 

Substantiva. näjelke, Nelke, streke neben streken von sire, 
Pustel. mSseke, Meise. Ebenso bltmeseke, Blaumeise, und kolmeseke, 
Kohlmeise, schwäreke, weiche Schwarte vom Schweinefleisch, von 
schtvdre, Schwarte, schiväleke neben schwdleken von schwäle, Schwalbe. 
binneke, schmales weisses Band, von binne, Binde, wärzke, von mnd. 
warte, Warze, dleke, Bezeichnung eines dummen Weibes, mnd. Aleke 
von Adelheit, In derselben Bedeutung erscheint auch täleke, das das- 
selbe Wort mit vorgesetztem t sein wird. Mnd. Wb. IV, 502. nek- 
kelke von nekkele, f. eine bessere Art Semmel, prilleke, das bekannte 
Fastnachtsgebäck. Vgl. Ostfr. Wb. II, 763 priilleke von prülle. 

Mit vorausgehendem s wurde k zu seh in wasche von ivdse^ tiase. 
Uschen, Lieschen, das zum Scheltwort geworden ist. 

Zweifelhaft ist die Deminutivbildung in oratschke (mit dem Ton 
auf o), Ohrwurm, illeke, Iltis, harneke, Hornisse. Von unbekannter, 
aber nicht unkundiger Hand finde ich die Notiz, das Iltis = ol-t-iceus 
von lat. olere, also der Stinkende und Hornisse •= crabron-iceus sei. 

III. Deminutiva mit jen. 

Nach voraufgehendem t erscheint niemals die Deminutivendung 
ken oder ke, sondern jen und je. Dieses j statt k begegnet schon im 
Mittelniederdeutschen, aber nur landschaftlich, besonders in Ostfries- 
land, wo es allgemein ist, während es in den benachbarten Gegenden 
nur in den Deminutiven der Eigennamen üblich ist. Mnd. Gr., S. 59. 

a) Substantiva. bretjen von brot, Brot, betjen, bischen, fätjm 
von fät, Fass. feutjen von faut, Fuss. bristjen von brtist, Brust, heut- 
Jen von haut, Hut. heltjen von holt, Holz, ketjen von katte, Katze. 
kitjen, Bezeichnung für Gefängnis: in't kitjen kommen. Vgl. mnd. 
kitzen, hd. kötze» liftjen von luft, Luft, lichtjen von licht, Licht. 
murtjen, Kaninchen, niftjen, ahd. nift, mhd. niftel, mnd. nichte, nich- 
teke, Nichte, ist jetzt Bezeichnung für ein naseweises Mädchen, mätjen 
von mät, Mass. pStjen von pöte, Pfote, petjen von pot, Topf, schnitjen 
von schnit. Schnitt, sichtjen von dem ungebräuchlichen sichte, mnd. 
sichte, Gesicht. pSrtjen von porte, Pforte, warschtjen von worscht, 
Wurst, tartien, Spitzname einer Cattenstedterin. 

b) Personennamen, fritjen von Gottfried, gustjen von Auguste. 
gretjen von Grete. jetjen von Jette, lotjen von Charlotte, trütjen von 
Gertrud. 

c) Adverbia. lichtjen von lichte, leicht, sachtjen von sachte, 
sacht, leise. 

d) Verba. Die Deminutivendung jen findet sich zweifellos in 
schnitjen von schntn, schneiden, schitjen von scheiten, schiessen. Aber 
auch andere Verba weisen diese Endung auf, ohne deutlichen demi- 
nutiven Sinn : atjen, ertappen, witjen, weissen, fitjen, mit dem Fittich 
fegen, katjen, uneben schneiden, meist in den Zusammensetzungen 
äf-, forkatjen. pitjen, (Schnaps) trinken, futjen^ von Hunden : mit dem 
Fusse die Flöhe fortkratzen, putjen, langsam gehn. änlütjen, refl. 



133 

von kleinen Kindern: sich anschmiegen an die Brust der Mutter. 
klappertjen, die Tür oft öffnen und wieder schliessen. patjen, gehn, 
treten, kärtjen, Karten spielen. 

e) Männliches Geschlecht haben ^(/ew, Fittich, titjen^on tittej Züzb. 

In folgenden zwei vokalisch auslautenden Worten ist jen erst 
nach Einschub von t angehängt, weil vokalisch auslautende Worte 
offenbar der Verkleinerung widerstreben: lütjen von lüi, Louis. Man 
könnte die Form auch von Ludwig ableiten, aber dieser Name ist 
gar nicht volkstümlich, motjen, Bezeichnung der Kuh, nach deren 
Laute mü gebildet, vgl. Mukuh. 

IV. Deminutiva mit je. Sie sind weiblich wie die mit ke gebildeten. 

Substantiva. dleitje, Bezeichnung für ein törichtes Frauenzimmer, 
von Adelheid. Steckt auch in äleitjenkrüt^ Epilobium angustifolium. 
fiitjej Flügel eines Vogels, mnd.ßitke. himmelschletje, Schlüsselblume, 
Primula officinalis. schtimmeke, eine Stumme, sutje, mit eingeschobe- 
nem t, von sü, Sau; Schelte für kleine Mädchen, besonders wenn sie sich 
beschmutzt haben. Wegen des t vgl. oben lütjen und motjen. Wahr- 
scheinlich gehören hierher noch pletje, Mütze, überhaupt weichere Kopf- 
bedeckung, und leitje, eine Art Laus, die man wohl bei jungen Hunden 
findet. Schambach hat den PI. leiten sowie leitenfenger und leitig. 

V. Deminutiva mit elken. 

Worte, deren Stamm auf einen k-Laut ausgeht, widerstreben 
einfacher Deminution und schieben daher vor der Endung ken ein el 
ein. Beispiele finden sich nur von Substantiven, beukelken von bauk, 
Buch, bekkelken von bakke, Backe, bikelken von buk, Bauch, deu- 
kelken von dank, Tuch. däkelket% von ddk^ Dach, ekkelken, von ekke, 
Ecke = Strecke, Zeit, ejelken von oge, Auge, hikkelken von hukke, 
Haufen, jungelken von junge. Junge, knekelken von knoke, Knochen. 
lekkelken von lok, Loch, mankelken von dem offenbar nicht als 
Deminutivum empfundenen manchen, Marie, und ebenso mäkelken von 
mäken, Mädchen, plekkelken von 1. plok, Pflock und 2. plokke, Brocken. 
rekkelken von rok, Rock, schlikkelken von schluk, Schluck, schneiklek- 
kelketi, Schneeglöckchen, schtekkelken von schtok, Stock, scktikkelken von 
schtikke, Stück, wäjelken von ivägen, Wagen, tungelken von tunge, Zunge. 

VI. Deminutiva mit seken. 

Einige auf einen Vokal ausgehende Worte schieben vor der 
Endung ken ein se ein. scheuseken von schau, Schuh, keuseken von 
kau, Kuh. Ebenso in mukeuseken in dem bekannten Liede mükeuseken 
fon Halwerstad, brink unsen kleinen kinneken wat etc. mükeuseken ist 
zugleich Bezeichnung für das Gotteslämmchen. In der Kindersprache 
hört man auch jäseken von ja, ja. 

VII. Pluralbildung der Deminutiva. 

Von einigen Verkleinerungen wird ein Plural auf »s gebildet: bleu- 
mkens,drmeketis, bläderkens, räderkens, äderkens,pärekens, schtvtnekens u. a. 

BLANKENBURG a, H. Ed. Damköhler. 



134 



Dat Törfmakn. 

Mundart der Lundener Gegend. 

(Vgl. Jahrbuch XXVII, S. 61.) 

Man ünnersched gt*afcle Torf un Backtörf, Snackt wi toirs öwer 
dat Törfgrabn. De Mann, de dat deit, het Törfgraver. Dochn möt 
dor jümmers twe Mann tosam arbeidn, een Graver un een Törfschuwer. 
Irs ward de Stä up dat Moorbüt, de Moorkoppelj wo de Torf graft 
warn schall, afkult Op en gewisse Pläts ward de böwerste Bullt 
afstäkn, afgraft un na de Nagrund smätn, de froher al afgräft is. 
Nu makt de Graver sik en Kul, wo he so väl Pläts or Wök het, dat 
he sik bi de Arbeit gut röhrn kann un vor sik en Bank het. So 
lank as nu de Sodn warn schall — gewöhnli mit se een Fot — snit 
he mit den Spletter — en Spadn mit twe Snittn — kwer vor de Kul 
öwer, so lank as de Kul is. Nu nimt he de Törfspadn, un snit vun 
ünnern, so dick as de Sodn wen schall, in'e Bank de Sodn los un 
leggt de up de Kar, Törfkar, de up de Kant van'e Kul or up'e 
Nagrund steit. Is de Kar vull, so schuvt de Törfschmver de Kar vull 
natte Torf weg, lad't em af up en frie Pläts een bi een un leggt em dicht 
an dicht hin to drögn. Den halt hee sick en twede Kar vull un so fort. 
De Graver graft de Kul tein bet twölf Sodn dep, al as de Moor dep 
sit un al as man sik vör't Wadr bargn kann. Mennimal brikt dat 
Wadr dör un de Törfgraver kricht en nadde Stiert. Am slimstn is 
dat Grundwadr, wen dat dörbrikt. Tegn dat Sidnwadr but he sik 
en Damm odr ok let en Brenkel stan. Upn Dag ward son Sodner 
3 bet 4000 graft. De ünnerste Sodn, de man nich mehr rutbringn kann, 
ward mit en gewöhnliche Spadn graft un rutsmädn. Se het Spcit- 
stückn. Dat Törfbackn ward anners makt. Ut en Kul, Moorkiil, 
ward de Moor seh it, dat Moor mit en Schüffel^ Mutschüffel up'e Kant 
smädn. Is en tämliche Dutt rutsmädn, so wart dat utenannr bred't. 
hir un dor, wo't nödi deit, fin un tweimakt un den mit de Föt knät. 
Nu ward dat ganz ebn makt, ja, sogar harkt, den Bräd ünnr de Föt 
bundn un ganz fastpett un de Kantn smuk ankloppt. Dat ganze ward 
so afpasst, dat et so dik is, as en Törfsodn. En tämliche Pläts makt 
man t'recht, soväl, wen Platz dor is, dat dr 2000 Sodn ut warn künnt. 
Dat is natürli verschedn. Is dat ganze en bedn andrögt, so snit 
man dat in Flisen, un ut jede Flis' wellr twe bet dre Sodn. To drög 
dörf dat awers ni warn, den ritt de Torf. Is de Torf drög nog, so 
ward se ut de Back nahm un in Bingn sett. Jede Ring het tein 
Sodn, mehr kann he ni dregn. Naher ward de Torf umringt. Grötter 
ward de Ring bi't Umringn ni, blots annr Sodn kamt an'e Grund to 
liggn. Ut hunnert Ringn ward en Klot makt. Jede Klot het dusend 
Sodn. De Törfklotn bild't unn'n en Rechteck un sünd babn schreg 



135 

but, as dat Dack up't Hus, dat dat Wadr aflopn kann. Dat het 
klotn, Törfklotn. In'n Hars ward de Torf na Hus föhrt. 

De grafde Torf ward ok in Bingn sett, umringt un in Klotn 
set. Dat Upnehm van'e Grund het awers ni „ut de Back^ nehm, 
sunnern „upnehm" j Torf upnehm. — Fröh'r gev dat Moor — wul 
in'e Tid, as dat Moor no ni updelt wen is — wo jedr, de dr Lust 
har, grabn kunn. Wer sik den en Stä utsöcht har, stek dor en Stock 
mit'n Lappn an, hin; un keen dörs em dat Egndomsrecht stridi makn. 
In Süderstapel, Seth un Drag graft man de Torf. Graft ward se mit 
en Spadrij en Feddrspadn. De Kul is süstein Sodn dep Depr kan 
man em ni makn. Vun nern kann de Graver de Torf den ni mehr 
na de Kant ruppr smidn. De ünnerste Torf an'n Borm, noch ver bet 
fif Sodn dep, ward mit en scharpe Busch r odr Spadn rutsmätn un 
het Tüttn. 

De Torf ward ers in en Dik sett. Jede Dik het 21 Sodn: 
nern 6, den 5, 4, 3, 2 un babn 1 Sodn. üt de Dik ward de Torf 
in Rinff set, ers in lütje, den in grote Ring. De grote Ring sünd 
ver bet fif Sodn hoch. Ut'n grote Ring ward he in'n Klot set, dat 
het klotn, Torf klotn. Woväl Sodn in en Klot bünd, is verschedn. 
En tüchdige Arbeitr graft 333 Dikn in een Dag. — In'n Hars ward 
de Torf na Hus fahrt. Dat afgrafde Moor het Bötn, Dar wast giern 
de Moorbein, in Bargnhusen Moashem, Dat Törfbackn kennt man ni. 
De backte Torf is to swar un to hart, de kann ken Für fängn. — 
Bi Arf (Erfde) liggt en Düwelsmoor. De Torf, de hir graft ward, is 
banni los un het Klan, Klün het de Torf in Eiderstedt un bi 
Schwabstedt. 

In min Heimat in Mörl bi Hohenwestedt, verteil mien Nawer, 
liggt dat Hammoor. Dor hef ik menni Dag Torf graft Ers wurn 
de Plakkn — so het de böverste Heidbült — afstäkn. Nös wür en 
Kul van ver Fot Bregde makt, in de en Mann gut stahn un sik röhrn 
kunn. Mit en Snidr, Törfsnidr, de an beide Sidn scharp is, ward de 
Torf snädn. De Stöl van dissn Snidr steit ni grad, sunnern bild mit 
dit Reitschop en stumpn Winkel. Schall man nämlich hoch langen 
ut de Kul, so halt man de Snidrstäl na nern. Schall man dep dal 
langen, so halt man de Stöl na babn. De Snidr is ganz banni praktisch 
inricht. Mit en Schüffel, Törfschüffel ward de enkelte Sodn afstäkn, 
twe to Tid, un torüch up'e Kar leggt un wegschabn. Välmals ward 
de Sodn ok up en Brett leggt, woran en Löhnelsch is, un mit en 
Pärd wegfahrt na de Flor, un dicht an dicht hinleggt. Is de Torf 
andrögt, so ward he in lütje Ring set. Towäl Sodn dörf nich in son 
Ring liggn, dat kann he ni drägn. Naher wart he in grötter Ring 
set un tolets diemt, in'n Diem set un to Hus föhrt. 

DAHRENWURTH b. Lunden. Heinr. Carstens. 



1»6 



Dat Klein. 

Mundart der Gegend von Lunden. 

De Gröb'n in'e Pahlkrog mät ok kleit warre, seggt de Weert 
to sien Kleier. Wi hebbt s' nu al en Reeg vun Jahrn blots opöwert, 
uphuppelt mit en Huppelhak\ awers nu sünd se dochn to duU vull 
Schit un Dreck, dat et nich mehr angahn kann. Wi künnt dat Tuch 
ja nich mehr mötn. Wat wullt du hebbn för de Rod, wen du de 
Gröv 8 Fot bret un veer Fot dep kleis? Seggt de Kleier: Ünnern 
Mark de Rod kan ik dat ni, wen ik'n enigrmatn Daglohn verdeen 
schall. ;,Gut,^ seggt de Bur, ;,dat schast du ok hebbn, un mienwegn 
kanns du al morn anfangn." Den annern Morn nu liksn Dag geit 
de Kleier up Arbeit. Smuck is he jus ni antrockn. Nette reine 
Tuch kann he bi son Arbeit ni anhebbn. He het lange wat'rdichte 
Stäweln an un de Bücks drin. Up'e Nack driggt he en Kleispadn, 
en Muttbuscher un en Witscher un daran bummelt de Kleierlien, 
In'e Tasch driggt he en Buddel mit Drinkn. In'e Pahlkrog leggt he 
sien Lin an un stickt mit de Spadn de Kant af. Nu stiggt he in'e 
Gröv rinner, fankt an to arbeidn un smit Spitt för Spitt up'e Kant, 
bet he up'e faste Barn is. Dat is en sur Stück Arbeit un wen he 
en gut Dagwark makn un en gut Daglohn holn will, so mut he fix 
bi un dort sick ni langn umsehn. En düchdigr Kleier kann de Dag 
5 Mark verdeen; dat geit den awers ok van 's Morns froh bet 's 
Abnds Klock 6, den is 't Fierabnd. Van'e Spadnstäl givt dat harte 
Äld in'e Händn, un hüpi smart he de mit Talli. En Tallidos' driggt 
he jümmers bi sick. Den annrn Dag geit dat wellr los un so bet 
de ganze Gröv klar is. So'n Gröv, de ers kleit is, heet en ni^kleite Gröv. 

Kleit wart dr in't Fröhjahr, sobald de Frost ut'e Eer is; awers 
ok in'n Hars, wen de annr Arbeit dahn is. Ok in'n Wintr, wen 't 
Dauwellr is, ward kleit. För en ganze nie Gröv giv dat 2 Mark för 
de Kod. Wi hebbt hier bi Lundn de achteinfötige Rod. Opmädn 
deit man de kleite Gröv mit en Mädelrod'. 

Um sik vör't Watr to bargn, ward en Watrdam but un dat 
Watr mit en Schüffel rutschüffelt. Mit en Witscher ward de lose 
Klei rutsmätn un mit de Muttbuschr de Mutt, Murt. De Klei up'e 
Kant van'e Gröv, up't Stahl^ heet ok KleiwalL Ward de Kleiwall 
nu ut 'nannr smätn, so heet dat Kleiwallsmitn. Välmals ward de 
Kleiwall, wen he wiet wegschall, mit en Schuvkar wegkeuert olr 
up'n Wag wegfört. In unäbn Krög ward depe Stelln un Flämjti 
dormit utfüUt. 

De Kleiers kleit ok Blausand olr Pütteer; den heet he Blan- 
sandkleier. Dat Lock, worut dat Blausand rutsmätn ward, heet 



137 

PüttlocL Dat Blausand ward äwert Land führt, dat heet kwerpüttn, 
En Blausandkleier verdeent in'e Dag ok son Marker fif. 

De lüttn Rünneln twischn de Ackerstückn heet Gn'ippeln olr 
Walln, Pipwalln, un dat Klein vun de Grüppeln heet grüppeln. 

DAHRENWÜRTH b. Lunden. Heinr. Carstens. 



Dat Tegeln. 



Dich bi uns Dörp weer en Tegeli, un ik hef as Jung hüpi 
dar lopn un mi allns orntli ansehn. De Lud, de der arbein, hetn 
Teglers. De meistn keem ut 't Dänscher; dochn weein dor ok hiesige 
un Lübscher Teglers. De Arbeit vun Anfang bet to Endn, bet de 
Steen fix un farri weer, het Tegeln. De Lehm war graft in en 
mächdi grote Kul. Opn Störtkar wur de Lehm rutfört hin na de 
Pütt un mit Watr vermengeliert. Dat öwerflödi Watr wur mit en 
Snick ut de Kul rutrmalt. Een Stot har man ok en Pump in Gangn, 
wo Schiebn öwr de Lenkn dat Watr rophaln. In'e Pütt gung en 
Wagnrad, wat hin un her schabn warn kunn, rum. Dat Rad seet 
an en tämli lange Born. An'e Ende van'e Bom weer en Pärd spannt, 
dat up de Kant vun'e Pütt rund lep. In'e Mern vun'e Pütt weer up 
den Bom en Brett, worup en Jung seet. De spann van Tid to Tid 
dat Rad un dreef dat Pärd an. Weer de Lehm tomukt un ganz fien 
un rein van Steen, den wur se up de Kar lad't, na de Striekdisch 
ropfart un umstülpt. Dat weer en swar Stück Arbeit. De Striekdisch 
weer orri hoch, un dat Brett, wat dran leeg, un wo de Mann mit 
en Tolop mit de Kar ropmuss, tämli steil. 

An'e Striekdisch stundn nu de Striekr^ füll mit beide Händn 
de Lehm in'e Form. De Form har veer Löckr. Ark een Lok weer 
acht Toll lank un veer Toll breet. Bahn, wo de Striekform mit isn 
Schän beslan weer, wur de Lehm glatt un ebn sträkn un — klar 
weern veer Steen. De Striekr schütt se up en ebn Platz hin. Hier 
schulhi de Steen drögn. Weern se orri andrögt, so wurn se kamift, 
det heet in'e Hochkannt stellt. Darna wurn de Steen up'e Kar na 
de luftige Drögschüns rinfart un hier so upsett, dat de Wind de 
Steen vun alle Sidn anweihn kunn. Jungs müssn de Steen nu sniedn. 
Mit'n spitze Endn van en Leh, en Handlellr öwer de Hand snedn s' 
de öwerstan Kanten af. Dorbi verdeen se gut Geld. Mien Scbol- 
kameradn harn son Schülgner twölf de Dag ahn de Kost, 



138 

Ut'e Drögschiins wurn de Steen nu in'e Brennahnd schabn. 
Ünner de Brennabnd gung lange Gang ganz röwer de Brede; de 
wurn vull Torf smädn, anstäkn un Dag un Nach bött. In acht Dag 
weer de Brand gar; den leet man de Abnd afköln, un wen he kolt 
weer, so fahr man de Steen up'n Schufkär rut. In'e Twischntid 
weer al de twede Brennabnd in Gang — twe Brennabnds wem an 
enannr — . 

So wurn de achttoUigen Steen makt up de Holmer Tegeli. 
Op ok teintolliger dor makt wurn, weet ik ni, antonehm is dat. 
Awer Drängn (Drain) wurn dor makt, dat hef ik sehn. De keem 
ut'n Maschin rut, un harn se de bestimmte Längde, den wurn se mit 
en Isendrat, de an en Art Gestell seet un na de een Sid röwerhalt 
wurn, afsnädn. 

DAHRENWURTH b. Lunden. Heinr. Carstens. 



Zu Meister Stephans Sehaehbuch. 



4869, hantlolckerj das sich nur an dieser Stelle findet, wird im 
Mnd. Wb. II, 199 und im Glossar S. 38 erklärt als Bettler (der die 
Hand eines anderen heranlockt, um zu geben). Es ist jedoch ohne 
Zweifel verschrieben aus lantloper ^erraticus, de neyneghen woninge 
heft.« 

4953 ist zu lesen: De (statt Deme) dobbelere wart indlen spe 
(höhnisch). 

4996. Lies: Unde lerede em do (statt de) de rechten tvege. 

5036. Wente de vor drimckene voet 

Deyt in dem weghe seidene gut. 

Statt voet ist 7noet zu lesen; vgl. Livl. Urk. Nr. 1720 (Mnd. Wb. 
V, 346): linde sprak ene böse wort in sinen vordrunkenen mode, 

5058. Dass toge statt roge (von toch, Zug) zu lesen ist, ergibt 
sich aus der Überschrift dieses Abschnittes. 

5268. So blift dat ryke al imghedeylet 
Unde dat gud al ungheweylet. 

Über das nicht weiter belegte ungheweylet hat Schlüter schon im 
Korrbl. XII, 9 mehrere Vermutungen mitgeteilt. Ich vermute, dass 
Stephan in Reimnot unghemeilet (s. Lexer II, 1848) geschrieben hat. 



139 

5496. Ik ne mene de heren nicht 

De ere lüde myt rechter plicht 
Dwingen eren unde voren .... 

emi ^^ehren^ (s. Gloss. S. 29) passt nicht in den Zusammenhang. 
Sollte nicht regeren zu lesen sein? 

5516 f. lese ich: 

War umme dat st, de rechten- saken 
Wil ik iw nu kundich maken, 

5567. So is dat wyslik unde mitte 

Dat men der vromven neme tcare 
Beyde stille unde openhare 
Dat na dem dode nicht ne kome 
Des koninges sere to unvrome 
In sin lant unde in sin siechte 
De dat ryke myt unrechte 
Besitte, mit lasterliker art 
De an eme is ghelart. 

Statt des unverständlichen ghelart ist ghekart zu lesen. De an ene 
is ghekart d. h. die an ihn gewendet, die ihm eigen ist. 

5832. Myt der vorderen schal he slan 
De ene myt weide teillen van 
Unde setten dar na eren mut 
Dat se berouen ere tvunnen gud, 

V. 5835 ist nicht verständlich. Ich lese: Dat se berouen ene, 
winnen gud ^dass sie ihn berauben (und) Gut gewinnen". 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



140 



Die Seh^valenbergisehe Mundart. 



Die alte Grafschaft Schwalenberg im Wetigaue, dem Flussgebiete 
der Emmer, umfasste das Niesetal südlich des Schwalenberger Waldes: 
die heutigen Kirchspiele Schwalenberg im Amte Schwalenberg und 
Marienmünster im Amte Vörden. 

In dem Flecken Schwalenberg hat der Verkehr mit dem Amte 
Blomberg und dem Theotmalligaue die Mundart stark beeinflusst. In 
dem abseits von der Strasse gelegenen Dorfe Kollerbeck hat sie sich 
reiner erhalten. Deshalb habe ich die phonetische Aufnahme in 
Kollerbeck gemacht und sie zur Grundlage für meine Materialsammlung 
gewählt. Einige Abweichungen von dieser Norm in Kollerbeck selbst, 
in Schwalenberg und Brakelsiek sind in Klammern angeführt. 

Die nicht zur Grafschaft Schwalenberg gehörenden Ämter des 
Oberemmertales : Nieheim, Steinheim, Schieder und Blomberg, sowie 
das Wörmketal und das Amt Lügde im Unteremmertale zeigen trotz 
der politischen Zerstückelung in der Mundart nur geringe Abweichungen 
vom Schwalenbergischen, mit dem sie die nordöstlichste Gruppe der 
südwestengrischen Dialekte bilden. 

Das Pyrmontische im Unteremmertale nähert sich mehr der 
Mundart des Tilitigaues, der das Amt Pyrmont im Osten, Norden und 
Westen umschliesst. Die Aussprache des g ist schon die hochdeutsche. 
Mek und dek steht an der Stelle des schwalenbergischen moi und dm. 
Das lange e wird a, das anlautende s weich wie im Hochdeutschen. 

Die Sprachgrenze zwischen Schwalenbergisch und Pyrmontisch, 
bezw. Oberemmertalisch und Unteremmertalisch geht wie die politische 
Grenze mitten durch die Skidroburg. 

Das schwalenbergische Amt Vörden gehört mit dem Augaue 
(Corvey) und dem Netegaue zum Kreise Höxter. Die Mundart dieses 
Amtes unterscheidet sich aber mehrfach von den Mundarten der beiden 
angrenzenden Gauen. Die Sprachgrenze fällt im wesentlichen mit der 
Wasserscheide zusammen. Doch spricht man in dem jenseits der 
Wasserscheide gelegenen Dorfe Saumer bei Löwendorf, Kirchspiel 
Marienmünster noch schwalenbergisch, während in dem benachbarten 
Fürstenau schon der Dialekt des Augaues gesprochen* wird. Auch 
im Augaue findet sich bereits hd. g wie mek und dek. 

Ich lasse hier eine vergleichende Übersicht des Schwalenbergischen 
und der Mundarten der genannten Bezirke folgen. 



141 



Schwalen- 
bergisch. 


Amt 
Nieheim: 

Stadt 


Amt 
Steinheim : 

Vinsebeck 


Amt 
Schieder : 

Wöbbel 


Amt 
Biomberg: 

Stadt 


Wörmke- 
tal: 

Elbrinxen 


Amt 
Lttgde: 

Stadt 


Amt 
Pyrmont : 

Holz- 
hansen 


Aiigau : 

Lüstrin- 
gen 


har9 


htär 


htär 


hala 


hada 


bara 


hara 


bara 


bar 


harte 


bärta 


btärta 


herta 


bärta 


bärta 


harta 


harta 


harta 


dän 


dän 


dtärn 


dän 


dän 


dän 


den 


dän 


dän 


äpan 


üapdn 


üarpan 


Span 


opan 


opan 


övan 


opan 


äapan 


ek 


ik 


ik 


ck 


ek 


ek 


ek 


ek 


ek 


binar 


binar 


binar 


(alitar) 


binar 


binar 


binar 


binar 


bindar 


wol 


wul 


wul 


wol 


wol 


wol 


wol 


wol 


wol 


holsn 


bäolan 


häolan 


holan 


holan 


holan 


hölan 


holan 


beolan 


holt 


halt 


halt 


haul 


beäul 


holt 


bäalt 


holt 


haualt 


lug9t 


licjat 


liqat 


löqat 


ligat 


lixt 


lüiat 


lixt 


lixt 


srögs 


sriqada 


sriqe 


srö(ja 


sriqa 


srüqa 


srüia 


srea 


sröiada 


wsera 


würa 


würa 


wör 


wör 


wöra 


wöra 


würa 


wäara 


aevar 


sevar 


ävar 


sevar 


sevar 


sevar 


severst 


ävar 


öavar 


tän 


tän 


tän 


tän 


tän 


tän 


täan 


tän 


täan 


lä9 


läa 


läa 


lä 


lä 


lä 


läa 


läa 


läa 


da 


däa 


dse 


da 


deui 


deu 


de 


daii 


dsei 


Xeam 


xäarn 


Xearn 


xearn 


xearn 


xearn 


xern 


gern 


gern 


mia 


mea 


mea 


mt 


mta 


mta 


mla 


mta 


mta 


höan 


Xeon 


Xeäun 


höun 


höan 


llöan 


höan 


gäan 


gäan 


söt 


8ädt 


seäut 


söt 


söt 


söt 


söt 


zät 


säat 


wü 


wo 


weo 


wo 


wü 


wo 


wüa 


wü 


wüa 


hraipan 


liraivan 


liraivan 


hraipan 


lirebn 


liraipan 


lirevan 


grävan 


gräivan 


kläin 


kläiu 


kläin 


kläin 


khtin 


kl^on 


kläin 


k laiin 


kläin 


h&it 


hält 


häit 


ll^at 


XÖiat 


häit 


hait 


gait 


gait 


mäina 


mäinda 


mäina 


mäiina 


meöina 


mäeana 


mäina 


maina 


mäinda 


säitan 


säitan 


säitan 


s^atan 


säitan 


säitan 


säitan 


saitan 


säitan 


toif 


toif 


toif 


toif 


toif 


toif 


toif 


toif 


toif 


flauli 


flauli 


flauli 


flauh 


fläoh 


flauli 


fläah 


flauh 


flauall 


miul 


miul 


miul 


miul 


miul 


miul 


mül 


möul 


miul 


böi 


bö 


böi 


bö 


büia 


baa 


büi 


bei 


böi 


d5i 


d5 


döi 


dö 


düi 


düa 


dek 


dek 


dek 


s5in 


s8an 


söin 


sön 


süin 


söin 


stn 


zaiin 


söin 


seo 


söu 


seo 


säu 


seou 


seu 


säu 


zau 


säo 



Der Name Schwalenberg ist auf die so genannte Grafschaft 
erst im dreizehnten Jahrhundert übertragen. Um diese Zeit wurde 
Burg und Flecken Schwalenberg erbaut und zwar im königlichen 
Bannforste des Reichshofes Schieder zwischen den Flüssen Hambrina, 
Niesa und Wermana, einem Magdeburger Reichslehen, das die Grafen 
von Schwalenberg als Afterlehen inne hatten, i) Dieser Forst erhielt 
dann von der Burg den Namen Schwalenberger Wald. Hundert Jahre 
früher hatte bereits Graf Widukind von Schwalenberg die Benedictiner- 



^) Zeitschrift für vaterländische Geschichte Bd. 61 S. 150. 



142 

Abtei Marienmünster auf seinem Allodialgute unter der Oldenburg 
gegründet. Er führte seinen Namen von dem alten Sitze seines 
Geschlechtes im Diemelgaue, der Schwalenburg bei Schwalefeld.ij 
Erst die Nachkommen Widukinds haben den Namen auf den Besitz 
im Wetigaue übertragen und zwar eine jüngere Linie. Die ältere 
Linie blieb im Besitze der Schwalenburg und erwarb durch Kauf 
von dem Ritter Oppolt die Burg Waldeck, wonach sie sich nannte. 
Aus ihrer Grafschaft ist das Fürstentum Waldeck entstanden, dessen 
Dialekt Bauer aufgenommen hat. 

Die waldecksche und die schwalenbergische Mundart, die ja 
beide zu den südwestengrischen Dialekten gehören, zeigen manche 
besondere Übereinstimmung. Gemeinsam ist u. a. beiden das g in 
fruga, bogen, bugan, brugan, während das Schwalenberg benachbarte 
Amt Blomberg und der Theotmalligau v, also fruva, hov9n, buv9n, 
bruv9n haben.2) Ebenso haben Schwalenberg und Waldeck das iu 
in hius, mius etc. gemein, während der Theotmalligau hTus und mlus, 
das Pyrmontische heus und mens hat. 

Von den von mir angewandten Lautzeichen bedürfen nur folgende 
einer Erläuterung: 

^ ist offenes o wie im franz. ecole. 
ä hat denselben Ton wie encore. 
se „ „ „ „ eu in feuille 

V bedeutet den labiodentalen Laut, 
w „ „ bilabialen „ 

s ist stimmlos. 
z „ stimmhaft, 
r „ stets guttural. 
X „ der Ich-Laut.' 
ll „ „ Ach-Laut. 

q „ ein dem Ach-Laute nabeliegender tönender Spirant, der an 
hd. g und hd. j erinnert. ^j 

Das Schwalenbergische hat 5 Diphthonge, in denen beide 
Vokale kurz sind: 

ai, äi, oi, au, iu 

und 3 Diphthonge, in denen der erste Vokal lang, der zweite 

kurz ist: 

Öi, üi, eo. 

Um die Benutzung des nachfolgenden Wörterverzeichnisses zu 
erleichtern, stelle ich hier in einer Übersicht die wichtigeren Ent- 
sprechungen der Stammsilbenvokale zusammen. 



^) Bauer, Waldecksches Wörterbuch S. 256. 

2) Anzeiger f. deutsch. A. u. L. Wrede's Berichte Nr. G4. 

3) Deshalb findet man in älteren Dialektaufnahmen z. B. säggen und säjjen 
für säq9n. 



143 

1. Kurze rand. Vokale. 

mnd a > a z. ß. bat, danan, hras, kato, last, nat, 
anders: (got. au) aiilt, kauU. 

„ c (Umlaut von a) > ä z. B. älan, äskan, häbn, lägen, säqon, 
anders: deukan, nets, smekan, stein. 

„ e (germ. e) > ä z. B. dräk, falt, hälpdn, härte, tälcjsn, wäx, 
anders: brekan, xelt, nest, spei. 

„ i > i z B. binen, blint, disk, ßsk, frist, linen, 

anders: ek, beten, ät, mte (Dehnung w. Cons.-Schwund). 

„ > 1. z. B. holt, holt, kloke, kosten, mos, stok, 
anders: dul, ful, hulp, sune, wulf. 

2. ö z. B. böe, möe (Dehnung w. Consonantenschwund). 

3. a z. B. häf, lAk. 

„ ö (Umlaut von o) > ü z. B. dopen, füse, holten, köpe, löker, stöke, 
anders: höve. 

„ a > u z. B. luft, jusk, kump, sult, tul^t, tuBe, 

anders: füel (Dehnung w. Consonantenausfall). 

3 ü (Umlaut vorn u) > ü z. B. lüns, kümpe, niite, püner, wiilve, 
anders: slütel, söpen (praet. von siupen) 

2. Lange mnd. Vokale. 

mnd. ä > 1. ä z. B. häne, näme, mäken, malen, mänen, mät, 
dasselbe umgelautet: e z. B mede. 

2. ä z. B, fäern, nätel, wärteln. 

3. ö z. B. döt, l\öen, löten, nö, slöp, söp, 
dasselbe umgelautet: slöpet, söpe, 
anders: slaiper, saiper. 

„ c (got. ai) > äi z. B. äin, hält, wäide, wäik, 
anders: täen, 
dasselbe mit folgenden i > ^i z. B. bäide, däilen, kläin, mainen, 

räin, wäiten, 
anders: räqen, stekel. 

„ e (germ. e^ as. ie) > äi z. B. bäist, bräif, f;li, häi, fäiver, knili, 
anders: tägel, späqel. 

„ t > 8i z. B. möin, pöine, pöipe, röik, söinen, w8if, 
anders: frören, snöqen. 

„ ö (got. ö). > eo z. B. beok, breoer, feot, x^ot, keo, weoert, 
anders: doge, hoqen. 

„ 8 (Umlaut von ö) > oi z. B. holten, foite, hroin, oiver, roibn, 
anders: bröere, wöere; köqe, mögen. 

„ ö (got. au) > au z. B. auqe, bäum, braut, daut, kaup, raut. 

„ 5 (Umlaut von au) > ai z. B. baien, baise, baime, daipen, draimen, 

kaipen, naidix- 



144 



mnd. ö^ (anomal) 1) > 1. au z. B. frau, haus, 

dasselbe umgelautet: ai z. B. liaiza. 

2. eo z. B. seo. 

3. ü z. B. wü. 

„ ü > in z. B. biuk, diuzant, hius, iutliukdn, miul, tiun, 
anders : bugan, fru<)9n, truqan, 
dasselbe umgelautet > üi z B. büika, hüizar, müilan, müiza, 

tüina. 
anders: 1Ü9, lü9n (wegen Consonanten- Schwund). 

„ n > üi z. B. düitsk, düikar. 

3. mnd. ei (got. aii). 

mnd. ei > 1. e z. B. ex- 2. ä z. B. kläx- 3. äi z. B. mal. 4. ä z. B. bäar, 

säan, twä9. 5. t z. B. ttan. 



avdköta Advokat 

avdtäikdn Apotheke, pl. avatilikans. 

af präp. ab; 8 äva. 

aflaBan swv. abholen. 

afmö^an, sek swv. sich abmühen. 

afmurakan, sek swv. sich abmühen; fan 

däa häva ek möi möl dnat afmurakat. 
afpein stvv. abschälen. 
afrakorn sicv. anschnauzen. 
afröan swv. abraten 
afsmatsan swv. abküssen. 
aftokan swv. ablocken. 
alite num. acht. 
aliter präp^ hinter; in Koller beck nur 

noch in „äxternwäx" erhalten. 
alitsix num. achtzig. 
aikarn n. Eichhorn, pl. aikorn. 
ainiarn n. glühende Asche, pl. aimarn; 

katufaln in aimom bröan 
akor m. Acker; nur in: 
akarkreom Ackerkrume, pl. akarkreom. 
aläi /. Allee. 

aläarn m. Hollunder, pl aläarn. 
alvarn adj. albern. 
altör n. Altar, pl. altÖre. 
aman Amtmann. 
amansko Amtmannsfrau. 
amt Amt. 

an präp an; s, ana. 
anbakan suyv. anlehnen; den kop anbukan. 
ana präp. an. 



anara pron, andere. 

anxebn sek stv. wachsen; de apalbaum 

Xift sek an. 
anlenan swv. anlehnen. 
anplökan swv. anpflöcken. 
anrtan swv. anregen. 
ansprekan swv. besuchen, 
answelan swv anschwellen. 
antweoart Antwort 
antweoarn swv. antworten. 
aBdl /. Angel, Aehrenspitze, pl. aoal. 
ankan swv. ächzen. 
apal m. Apfel, ph apal. 
apalbanm m. Apfelbaum, pl. apalbaimd. 
apalspältan f. Apfelschnitze. 
arbegan (arb^gsam in Brakelsiek) swv. 

arbeiten. 
arbegat (arbäit) /. Arbeit. 
arx o>dj. arg. 
arm m. Arm, pl. arms. 
arm adj. arm. 
arn /. Ernte. 
asa /. Achse, pl asan. 
auar n. Ohr, pl. auarn. 
anaa n. Auge, pl. auqan. 
aak comp. auch. 

anla m. Alte, Hausherr, pl. aulan. 
auÜBas adv. vor alten Zeiten. 
aalska /. Hausfrau, pl. aulskens iuza 

aulska. 
aalt, aula adj. alt, comp, ölar, ölste. 



1) Seelmann, Nd. Jb. 18, 146 und 154. 



145 



aastdrn n. Ostern. 

äve adv. ab, herunter j fort, loeg ; ek sin 

darfan äva. 
äl /. Mistjauche. 
änt /. Ente, pl, ene. 
äp9 /. Äffe, pl. äpen. 
iifoln stov. foppen. 
äksen /. Axt, pl. äksan. 
älvdrn n. Erdbeere, pl. älvarn. 
älon /. Elle, pl. älan. 
älarn /. Erle, pl. älarn. 
äodrk m. Enterich, pl. ändrka. 
äBd adj. enge, comp, äiaar, äaosta. 
äp^arn swv. ärgern. 
äskdn /. Esche, pl. äskan. 
ästdrn /. Elster, pl ästarn. 
ät pron. imp. es. 

ÄUnstv. essen; äts, ät; at, äiten; x^tan. 
äter Eiter. 

ätarx adj. giftig, frech ; dat kint es ätar/. 
ädeksan Eidechse, pl. ädcksan. 
ädarn Ader, pl. ädern, 
ädarn f. Order, pl. ädarns. 
äx interj. ach 
äi(|9n adj. eigen. 
äikd /. Eiche, pl. äikan. 
aikapel Gallapfel, pl. äikapol. 
äin, äine nuni. eins. 
ainansr adv. einander. 
aindr adv. jemand. 
äinmöl adv. einstmals. 
äisk adj. schaudererregend; de üis9 süit 

äisk iut. 
äist adü. erst. 
äiwix adj. eioig. 
apan adj. offen. 
apanböar adj. offenbar. 

baion su7t;. biegen, beugen {auch: bäan), 

baia, boxt; bolita, bolitan; bolit. 
baiza adj. böse ; süs harast da möi xearn ; 

dö xiok ek in'n born unar de l^aiza; 

dö wörst da möi baiza ; auk x^ot, aula 

liaus; ek sin döi laus, 
baitdl m. Meissel, pl. baitals. 
bakan stv. backen; baka, bakt; beok, 

boikan; bakan. 
bakas n. Backhaus, pl. bakhüizar. 
balarn swv. knallen. 
balx m. Balg, dat. hsAq^, pl. bäl<ja. 
balkan m. Balken, Boden, pl. balkan. 
balreozan /. Gesichtsrose. 
balstüarx adj. unzufrieden ; de kearl süit 

jümar seo balstüarx iut, oza wän häi 

äinan upfrätan wil. 
baBkstälan m. Bankfuss. 
bat n. Bad, pl. bäar. 
baula adj. bald. 

Niederdeutsches Jahrbach XXXII. 



baani m. Baum, pl. baima. 

bauna /. Bohne, pl. baunan. 

baanankrint n. Bohnenkraut. 

banshaft adj. boshaft {zu baiza). 

bäan swv. baden. 

bäta /. Hülfe; teo bäta koman. 

bätan swv. helfen. 

bä^arn swv. beiern. 

bäni^an stov. bändigen. 

bänt m. Band, pl bäna. 

bärx w. Berg, pl. bärqa. 

bästan stv. bersten; bästa, bästat; bost, 

böstan; bostan. 
baida beide. 

b&in 91. Bein, pl bäina. 
bäist n. Bestie, pl bäistar. 
bärx /. Burg, pl bärcjan. 
bärka /. Binde, pl. bärkan. 
b^an stv. bieten; bäa, büt; baut, btian; 

böan. 
bäar n. Bier. 
beda n. Bett, pl bedan. 
bedabnraD /. Bettbezug. 
bedaln su:v. betteln. 
bedastälan m. Bettfuss. 
bedastraa n» Strohsack; läivan frugan 

bedastrau (= wilder Thymian) wert 

an'n äistan däa fan'n martanmönat in't 

beda lögat, up dat de flaia wäx blöivat. 
beka /. Bach, pl bekan. 
bekar m. Bäcker. 
belsabok m. unartiger Junge. 
belt n. Bild, pl belar. 
besan n. Besen, pl besans. 
bet präp. u. conj. bis. 
betau n. Bischen, pl betans. 
betar comp besser. 
bean swv. beten {s. bidan) 
beaP w. Bär, Eber, pl bearn. 
beoart /. Band. 
beok n. Buch, pl boikar. 
beozan m. Busen. 
badräaa stv. betrügen ; badräa, badrüxt ; 

badrauli, badrüan; badröan. 
badräar m. Betrüger, pl badräars. 
badroibn swv. betrüben, unangenehm 

berührt sein; häi sah badroivat iut. 
badrüisaln swv. betäuben, 
badüan swv, bedeuten: badüa; badüt; 

badüa, badüan; badut. 
bafeln stv. befehlen, empfehlen; bafela, 

bafelt; bafeol, bafülan ; bafälan. 
balirabn stv. begraben ; ba^rava, balireft ; 

balireof, badroibn; bal^räbn. 
bamö^an swv. gereuen; ät es mSi ba- 

mögat ; sek bamögan = sich bemühen. 
basäian swv. bescheiden; ba§äa, ba§et; 

baSäa, basnan; basäan. 
baswöan swv. ohnmächtig werden, 

10 



146 



botälen siov. bezahlen. 

bdwe^dn stv. beioegen; bawega, bowext; 

baweoh, bewöon; bowöan. 
bido /. Bitte, pl bidons. 
biden stv. bitten ; bida, bidat ; bat, bean ; 

bean 
bixtan sicv, beichten. 
bikan swv. picken; de egar sint ol bikat. 
binan stv. binden; bina, bint; bant, 

bünan; bunan, 
birkan /. Birke, pl. birkan. 
bit m. Biss, pl. bita. 
binar m. Bauer, pl. biuarn. 
bink m. Bauch, pl. büika. 
biule /. Beule, pl. biulan. 
bintan adv. draussen , de mägar es 

biutan ; häi holt sek biutan den buska. 
bintansöita /. Aussenseite. 
biuts interj. bauts. 
bivarn swv. beben. 
btara /. Birne, Beere, pl. btran. 
blaia adj. blöde. 
blat n. Blatt, pl. blear. 
blaut conj. blos. 
bläa /. Kind, pl. bläans. 
bläran siov. plärren. 
bläikan swv. bleichen. 
blekan swv. bellen. 
bleBkarn swv. blinkem. 
bleoan swv. bluten. 
bleoarx adj. blutig. 
bleomn /. Blumen pl. bleomn. 
bleomn swo. blühen. 
bleot n. Blut. 

bleoti^dl m. Blutigel, pl. bleottqals. 
blesan / weisser Stirnfleck, pl. blesans. 
blint adj. blind. 
blok m. Block, pl. blöka. 
blöa adj. blau. 
blözan stv. blasen; blöza, blest; bleos, 

blÖzan; blözan, 
blöibn stv. bleiben; blöiva, blift; blaif, 

bltbn; bltbn. 
blüistarx adj. wirbelich; blüistarx snäi- 

wedar. 
blüistarn swv. wirbeln, wehen. 
boikan /. Buche, pl. boikan. 
boitan, in- swv. heizen, einheizen ; boita, 

bot; boda, bodan; bot. 
bok m. Bock, pl. böka. 
bolan m. Keule, pl. bolan. 
bolarn swv. lärmen. 
bolsa m. Kater. 
born w. Quelle, pl. borns. 
bost m. Brust, pl. bösta. 
bost m. Borst, pl. bösta. 
botarn /. Butter. 
botarkern /. Butterfass. 
botarmelak /. Buttermilch. 



böbn adü. oben. 

böa m. Bote, pl. böan. 

böarn swv. bohren. 

böarn /. Barte, pl. böerns. 

böart m. Bart, pl. böara. 

böm m. Boden, pl. böma. 

böksk adj. bockig. 

bölkan swv. schreien. 

bönan /. erhöht liegendes Gemach; pl. 

bönans. 
börnan swv. tränken. 
böstan /. Bürste, pl. böstan. 
böstan swv. bürsten. 
böi präp. bei. 
böifal m. Beifall. 
böiln n. Beil, pl. b5ilns. 
böinöa adv. beinah. 
böistarn swv. treiben. 
b5itan stv. beissen; böita, bit ; bait, bet9n; 

betan. 
braian swv. breiten; braia, bret; breda, 

bredan; bret. 
brait adj. breit. 
branawöin m. Branntwein. 
brant m. Brand, pl bräna. 
brant n. Brot, pl. braua. 
bräka m. Braken, pl. bräkan. 
bräif m. Brief, pl. bräiva. 
bränan swv. brennen. 
brekan stv. brechen; breka, brekat; brak, 

brökan; bräkan. 
brenskan swv. sich wiehernd bäumen. 
brean m. Gehirn, Brägen. 
breoar m. Bruder, pl. bröara. 
break u. Bruch. 
briiaan an. swv. bringen; briiaa, brißat; 

brohta, bröxtan; brolit. 
briBk m. Hügel. 
brinkan swv. brauchen. 
brinn adj. braun. 
brinzd /. Brause, pl. briuzan. 
brinzan swv. brausen, 
bpint /. Braut, pl. briutans. 
brintsat m. Mitgift. 
brodaln swv. brodeln. 
bröan stv. braten; bröa, brot; breot, 

bröa, bröan; (bröat). 
brökan adj. brach. 
bröda, brödada /. Breite. 
brödigam, (brüima) m. Bräutigam, pl 

brüims. 
bröx m. Brei, dat. bröga. 
bröga /. Brühe. 
brngan swv. brauen 
brn^arö^a /. Brauerei, pl. brugarögen. 
brnmarn f. Brombeere, pl. brumarn. 
brnga /. Brücke, pl. brügans. 
brnan stov. quälen. 
bndal m. Flasche, pl. budals. 



147 



bnl^t /. Raum im ünterstock, pl. büxte. 

bapn 8WV. bauen. 

buksdii swv. stehlen, 

bnlarn swv. JcoUern. 

bnsk m. Busch, pl. büskar. 

bnt adj. grob; häi fär möi but an. 

büidl m. Beutel, pl. büil9. 

bnikan swv. Wäsche in Buchenlauge 

stecken. 
büP9B /. Kissenbezng, pl. büorn. 
büsan /. Büchse, pl. büsans. 
büks9 /. Hose. 
btt^rn swv. heben, tragen. 



m. Tag, dat. u. pl. däa; fan däa 
(fan däga in Schwalenberg) = heute; 
up wintardali = im Winter^ up 
somardali; för'n dah kröan zu Tage 
fördern; för'n dali 9r föiva vor etwa 
fünf Tagen. 

daivarö^d /. Dieberei. 

daipa /. Taufe. 

(laipan swv. taufen (auch : häi daipat) ; 
daipa, döft; dofto, dofton; doft. 

dak n. Dach, pl. däkar. 

damp m. Dampf, pl. dämpa. 

dananapol m. Tannenapfel, pl dananapal. 

dank m. Dank. 

dans m. Tanz, pl. dänsa. 

dansan swv. tanzen. 

dat pron. das. 

dat conj. dass. 

daaa m. Todte, pl. dauan. 

danf adj. taub. 

daaan an. stv. taugen ; daua, duxt, dtlat ; 
dol^ta, dohtan; dol^t. 

daut m. Tod. 

daut, dante, daua adj. tot. 

däkan swv. ducken ; dat kaum däkat sek. 

dal 97. Tal, pl. dälar. 

dal, hendäl conj hinab. 

däli adv. doch. 

dalitar /. Tochter, pl döxtar. 

däik m. Te/^. 

däif m. Dieb, pl däiva. 

däildii swv. teilen, part. praet. däilt. 

däinan swv. dienen; däina, däint; diliua, 
däinan; däint. 

daipa adj. tief. 

daipa, däipta /. Tiefe. 

daiples n. Untiefe (Brakelsiek). 

däipsiDix adj. tiefsinnig. 

däbn /.^ Dohle, pl dälan. 

daer (däiar) /. Dirne, pl däars. 

däftix ^J- gediegen, fest. 

däxlik afl!;. täglich, 

däxt w. DocÄ«, i?/. dähta. 

dägan su7t;. ^ai<6n. 

däl, däla /. Dehle, Tenne. 



dänaii swv. verstreuen, dehnen. 

därm'n m. Darm. 

därtix num. dreissig. 

däskan stv. dreschen; däska, däskat; 

dosk, döskan; doskan. 
da pron. rel welcher. 
däarn m. Dorn, pl. däarn. 
dena conj. her, toeg (von dannen); wü 

es bSi dena? wo ist er her? 
deBkan an. swv. denken ; denka, deiakat ; 

dalita, dalitan; daht- 
denst m. Dienst, pl densta. 
denstböa m. Dienstbote, pl. denstböan. 
de, de pron. der, die. 
deo, dö conj. da, dort, als, dann. 
deok m. Tuch, pl doikar. 
deon an. stv. tun ; deoa, doit ; däa, däan ; 

doan. 
darfaii adv davon. 
dikdrtvask adj. dickhäutig; dat mekan 

es'n dikdrtvaskan liast. 
dika adj. betrunken, stark ; hÜi es dika ; 

'na dika stuna. 
diiiaa n. Ding, pl disar. 
dinskadali m. Dienstag. 
diskstalan m. Tischfuss. 
diu pron. du. 
diuar /. Dauer. 
diaarn swv. dauern. 
diuaant /. Tugend. 
diakan swv. tauchen. 
diam'n /. Taube, pl dium'n. 
diam'n m. Daumen, pl. dium'ns. 
diana /. Daune, pl. diunan. 
dianix adj. eigensinnig. 
diazant num. tausend. 
diawokan m, Schachtelhalm, pl. diuwokan. 
dtvask adj. schwindelich ; ek sin fan'n 

dansan hans dtvask wS,arn. 
dtal m. Tiegel, pl. dtla. 
dtaP adj. dringend; häi hat xelt sco dtar 

naidix. 
dtar ff. Tier, pl fäi. 
dtart n. Untier, pl x^däarta. 
do^a m. Tau. 
dona adj. dick, dicht, prall, nahe; häi 

hat sek dona x^tan; dat fat tüit sek 

wtar dona ; de büsan sit öna dona ; 

ek stunt dona böi öna. 
dODar m. Donner. 
donardax m. Donnerstag. 
donarkrint m. Donnerlauch. 
dop m. hohle Rundung. 
dost m. Durst. 
dö siehe deo. 
dö,jp n. Tor, pl döara. 
dömalk adj. dumm. 
dönialn swv. tändeln. 
dörin conj. hinein. 

10* 



14S 



dörUnid conj. darum. 

döt /. Taty pl döton. 

dödork m. Dottery pl. döderko. 

dögon swv. gedeihen. 

düget m. Gedeihen. 

döpkenspeler m. Taschenspieler. 

dör präp. durch. 

dördrtbn adj. durchtrieben ; dat mckan 

es dördrtbn oz8 de häza dör den busk ; 

dörüm9 kümat öt jümar dör. 
dörnägat adf. durchtrieben. 
dörnusdln swv. durchschnüffeln. 
dörp n. Dorf, pl. dörpor. 
dörntron swv. teilen. 
dörströipan siov. durchstreifen. 
dörtanorn swv. durchprügeln. 
döston swv. dursten. 
dÖHtorx adj. durstig. 
d5ik m. Teich, pl. döike. 
döi pron. dir, dich. 

d5in (düin in Schwalenberg) pron. dein. 
dSisal f. Deichsel, pl. döisaln. 
döisal /. Distel, pl. döisaln. 
d5iS9ii /. Flachs am Wochen. 
dSnoken n. Scherz, pl. dönskans. 
draf m. Trab. 
dralit/. Tracht. 
draiman swv. träumen. 
drank m. Spüllicht. 
dranm m. Traum, pl. draima. 
dransoln f. Drossel, pl. drausaln. 
drai, dr&ia num, drei. 
dräibäin m. Dreifuss. 
dräisk adj. brach. 
dräiskon pl, Brachland. 
draan, sek stv. sich verlassen; dräa, 

drüxt; drauli (dreoh), drüan; dröan. 
drägan swv. drehen. 
drägana /. Drehung, pl. dräguBdn. 
drämaln swv. in die Länge ziehen. 
drämalx adj. saumselich. 
dreBan stv. drängen; dresa, dreskt; 

dreiaa, drüsan; dreiaan. 
drepan stv. treffen; drepa, drept; drap, 

dräipan; dräpan. 
drean stv. tragen; drea, dräxt; dreoh, 

dröan; drean. 
drift /. Trift, pl. driftan. 
drinkan stv. trinhen; drinka, driiakt; 

drask, drüokan; druDkan. 
drinbn /. Traube, pl. driubn. 
drocfan swv. drohen. 
droiza /. Drüse, pl droizan. 
drosarx adj. hart, gedörrt. 
dröa adv. bald; seo dröa oza ek kan. 
dpöt m. Draht, pl. dröa. 
dronan swv. dröhnen. 
dr5ibn stv. treiben; dröiva, drift; draif, 

drtbn; drtbn. 



drOifja1[t m. Treibjagd. 

drSista adj. dreist, kühn. 

drafal m. Schaar, pl. drufaln; up'n drufal 

= auf dem Haufen. 
druk m. Druck; druk häbn = es eilig 

haben. 
dpüa adj. trocken. 
drfian swv. trocknen. 
drüpan stcv. tropfen. 
driißan m. Tropfen. 
drübn an. stv. dürfen ; draf, draf; drofto, 

droftan; droft. 
dnvalt adv. doppelt. 
dnl adj. toll. 
dam adj. dumm; dum kan äinar wal 

s5an; häi mot sek mänt blaut teo 

hälpan wetan. 
dandänan swv. munkeln ; ek häva döfan 

dundänan hart. 
düaP adj. teuer. 
düival m. Teufel, pl. düivals. 
düikar m. Teufel; düikar nö möl. 
düistar adj. düster. 
dnitsk adj. deutsch. 
düzakop m. Schafskopf, pl. duzaköps. 
düzal m. Schwindel. 
däzalll adj. dumm. 
düzaln swv. duseln. 
dümpan swv. dämpfen, ersticken; dat 

füar dümpan ; häi es an'n haltxaswüsr 

dümpat. 
däskan an. swv. dünken ; düxt ; dul^ta ; dulit. 
dÜDiiia /. Schläfe, pl. düniBan. 
düsa pron. dieser. 
diisatweifan adv. deswegen. 
dttar /. Tür. 
dttat adj. tüchtig. 

ex «. J^i, pl- egar. 

e^a/. Bergrücken, mir Lokalbezeichnung. 

CK pron. ich. 

ekan /. Ecke, pl. ekans. 

ekarn /. Eichel, pl. ekarn. 

ekarnkamp m. Eichenhain. 

ekarnsevakan m. Maikäfer, pl. -ns. 

elak m. Iltis. 

elm num. elf. 

emaln /. Milbe, emaln. 

emar /. Eimer, pl. emars. 

ena n. Ende; dat ena fan^n IIa; an'n 

lestan ena; olans wat'n anfank hat, 

dat mot auk an ena häbn; ?evdr de 

wost hat twäi ena. 
eBal m. Engel, pl. esaln. 
ent m. Stück, gedrungene Figur; dat es 

an ent fan junan. 
entaln adv. einzeln. 
entmötan swv. begegnen; häi es mOi 

entmot. 



149 



erv9 w. Erhe^ pl. erbn. 

erfte /. Erbse , pl, erfte. 

ernearn swv. ernähren. 

ezdl m. Esel, pl. ez9ls. 

ebn adv. eben; ebn teo möto = mit Mass. 

eopst w. Obst. 

eort m. Or^, p^ öara. 

eern /. -Brrf«. 

eern adj. irden, 

earlik aöf;. ehrlich. 

öartröik n. Erdreich. 

m f. Ehre. 

er^n smjv. ehren. 

fak «. l^'acÄ, p/. fäkar. 

fakwärk n. Fachwerk. 

fal »n. FaZ/, pl. fälo. 

falen s^t^. fallen; fala, feit; fei, felan; 

faldii. 
falsk adj. falsch. 
fan /jrcrp. von: fan däe = heute; fan 

mär(}9n ^«u^e Morgen; fan midali 

Aet^^ß Mittag; fan nömidah ^eu^tf 

Nachmittag; fan ömt ^«M^e Abend; 

et es fan das x^ot wedar. 
faBan s/v. fangen; faB8, feaat; feiak, 

feBan; fasan. 
farva /. Farbe, pl. farbn. 
farbn swv. färben. 
farn n. Farnkraut. 
fasan si&i;. fassen. 
fasta afl[/. /es^ 
fat n. JP(a55, pl. fatar. 
fater m. F/i^er, pl. fatörn. 
faal'n /. Falte, pl. fauFn 
faalan stv. falten; faule, fült; faulo, 

fauldn; fault, 
faken adv. oft. 
fal adj. falb. 

fämt m. Faden, pl. fema. 
fäzalswSin n. Zuchtschwein. 
fäilan sm?«?. fehlen. 
farka /. Heugabel, pl. färkan. 
fart ai/i7. /or*. 
faara nwi». vter. 
fäarn s^v fahren; färo, fa?rt; fär, ftern: 

färt. 
fädar /. Feder, ;??. fädarn. 
fäl n. Fell, pl. fäla. 
fält n. Feld, dat. fäla, pl. falar. 
fäpx afl[;. fertig. 

färkan n. grosses Schwein, pl. färkan 
färl n. Viertel. 
Tärtsix www. vierzig. 
fedar wi. Vetter, Onkel, pl. feders. 
%tan swv. fechten. 
fei adj. viel, comp, mäar, maista. 
felixta adv. vielleicht. 
fenstar n. Fenster, pl. fenstar. 



fean swv. fegen. 

fe<}art m. Feger. 

feodP n. Futter. 

feoarn swv. futtern. 

feot m. Fuss, pl. foita. 

fardäinan strv. verdienen. 

fardärbn stv. verderben, fardärva, far- 

dirft; fardarf, fardörbn; fardorbn 
fiirdroitlk adj. verdriesslich. 
farfleokan swv. verfluchen. 
farliöan an. stv. vergehen. 
farxetan str. vergessen; farx^ta, farxit; 

farliat, farl^äitan; farxetan. 
farxlöikan stv. vergleichen; farxlöika, 

farxläkat; farxlaik, farxlekan; far- 

xläkan. 
farxnoiqat adj vergnügt. 
farjäat adj. erschreckt; ek wärt förterlik 

farjäat. 
farkloman adj. erstarrt. 
farkänigaB swv. proclamieren. 
farlaif m. Urlaub^ Erlaubnis. 
farläizan stv. verlieren ; ferläiza, farlüst ; 

farlaus, farlüarn; farlöarn. 
farledan, sek swv. sich aufhalten; ek 

bäva möi farlet; ek bäva farlet bat, 

süs wsera ek aar koman. 
farlenan adj. vergangen. 
farlet m. Aufenthalt. 
farlnst n. Verlust, pl. farlusta. 
farineoan suw. vermuten; dat was'k möi 

nix farmeoan. 
farmöHt adj. famos. 
farmSaaii n. Vermögen. 
farmnkt adj. fatal. 
farnSin m. Eiter. 
farnSinix adj. entzündbar; äina farn5ini(ja 

hiut; an farn5ini<jan beeal. 
farsmäan swv verschmähen. 
farswearii, sek stv. sich verschwören. 
farteln swo. erzählen. 
fartäarn, sek swv. sich erzürnen. 
farttarn swv. verzehren. 
fartö^an swv. hinein sehen; de füla dör 

fartörpn un inömakan fan äinan nesta 

fardröibn. 
faräkt adj. verrückt. 
fikal n. kleines Schwein, pl. fikaln. 
filan swü. quälen, Fellabziehen. 
filar m. Fellabzieher, Schinder. 
finan stv. finden; fina, fint; fant, fünan ; 

funau. 
iiBar m. Finger, pl. fiaar. 
fisan m. Teilfaden im Garngebinde. 
üskan swv. fischen. 
üskar m. Fischer, pl. fiskar. 
11 al adj. faul. 
fiust /. Faust, pl. füista. 
flas m. Flachs. 



150 



flatorn adj. flatterhaft. 

flau /. Flohy pl. flaio. 

Itäiten 8tv. fliessen; fläita, flüt; flaut, 

flötsn; flotsn. 
fläisk w. Fleisch. 
fläitok adj. fleischig. 
Haan stv. fliegen ; fläa, flüxt ; flauh, flüan ; 

flö9n. 
fläen n. Flug 
flextdii swv. flechten. 
fleokaii n. Fluch. 
ileokon swv. fluchen. 
fleom adj. trübe. 
fleot /. Flut. 

flinton /. Flinte, pl flinten. 
floitopöipan / Flötepfeife. 
flSimarn swv. einschmeicheln. 
flSimarx adj. einschmeichelnd; dat mekan 

es flöimarx- 
flöit m. Fleiss. 
flSitix adj. fleissig. 
fluix adj. flügge. 
flüta /. Quellbach. 
foilan siüv. fühlen; foila, fölt; foile, 

foilan ; folt. 
foitliBk m. Füsslingt pl foitli^aa. 
folk n. Fo^Ä:, ^jZ. fölkar = Dienstboten 
föar /. Furche, Bain. 
fölan n. Füllen, pl fölans. 
lop präp. vor, für; förxte wekan. 
förxistern adv. vorgestern. 
förn adv. vorn 
förnaimd adj. vornehm. 
förtarlik adj. fürchterlich. 
UdV f. Feier. 
fSiya num. fünf, 
fSilan suw. feilen. 
fSint m. Feind, pl föina. 
föintlik adj. feindlich. 
Föit = Veit. 
fSitsbanna /. Vietsebohne. 
fpau ac/;. froh. 
fräizon stv. frieren; Miza, früst; frans, 

früarn; fröarn 
fräx adj. keck, grob. 
frätan stv. fressen; fräta, frät; frat, 

fräitan; frätan. 
fpeo adv. früh. 
friBan stv. wringen ; friiaa, frißat ; fraiak, 

früBan; frusan. 
frisk adj. frisch. 
fpist /. First, Frist ; up de frist = auf 

dem Fusse. 
frta m. Friede. 
froc^an, sek swv. sich freuen. 
froida /. Freude. 
frojöer /. Frühling. 
from adj. fromm; dat mekan es seo 

from oza ua s!a, de (da) anplükat es. 



fröan stv. fragen; fröa, fröxt; freoli, 
fröan; (fröat). 

fröxtan swv. fürchten. 

frö^an swv. freien. 

frömat adj. fremd. 

frömda /. Fremde. 

fröi (fröx in Brakelsiek) adj. frei. 

fröidali wi. Freitag. 

frnlit /. Frucht, pl früxta. 

fraiitan swv. nützen. 

fraga (friu in Brakelsiek poetisch) f. Frau, 
pl. frugans. 

fragansminska n. Frauenzimmer. 

frfint m. Freund, pl früna. 

früntalk adj. freundlich. 

früntskop /. Verwandtschaft, Freund- 
schaft. 

fuftsix num. fünfzig. 

fuk m. Fug, Schicklichkeit; dö sit fuk 
binar. 

fal adj. voll 

falbloitix adj. vollblütig. 

famaln swv. betasten. 

füal m. Vogel, pl. ftila. 

füar w. Feuer. 

füarhäkan m. Feuerhaken. 

füarli adj feurig. 

füi! interj. Pfui! 

füXtan /. Fichte, pl füxtan. 

Xäl adj. gelb. 

Xästan /. Gerste. 

Xebn stv. geben; x^va, xift; W» h^ibn 

und X6l>D; xebn. 
Xevaln n. Giebel, pl xevaln. 
Xelan stv. gelten; xel», xelt; hui, xülan; 

hulan. 
Xelal^aisekan n. Goldammer. 
X^lmarn swv. nach Schnap^s riechen. 
Xelstarx afj. spröde. 
Xelt n. Geld. 
Xentan adv. dort. 
Xest n. Hefe. 
Xean swv jäten. 
Xeam adv. gern. 
Xeot adj. gut; comp, betar, besta ; an x^oas 

auqa up äinan häbn = jemand lieben. 
Xeotmoidix adj. gutmütig. 
Xesal f. Gaisfuss. 
Xabat n. Gebot, pl x^böta. 
Xabearn stv. gebären; x^beara, yjdhiit] 

Xabär, x^böarn; x^böarn. 
Xabiart /. Geburt. 
Xadnlt /. Geduld. 
Xaför /. Gefahr. 
XafÖrlik adj. gefährlich. 
XaliBan imp. stv. gelingen ; yjöVmt ; yjdhii^i ; 

xaluBan. 
Xalöt n. Gelass. 



151 



;ramäiii9 /. Gemeindegrundstück. 

/amoizo n. Gemüse. 

Xamoito n. Gemütsart. 

;ranait9n stv. gemessen; x^näita, x^i^üt; 

Xdüaut, Xenötan; x^notsn. 
Xaneol^ adv. genug. 
;(9riB9 adj. gering. 
Xdsixt n. Gesicht. 
Xasädii stv. geschehen; x^^^^; X^^&h; 

xaSäan. 
Xasmak m. Geschmack. 
Xdswiidr n. Geschwür. 
Xatrag» adj. treu. 
X^weer n. Gewehr, pl. x^wera. 
X^wearn swv. gewähren, 
jrawishäit /. Gewissheit. 
X9walt /. Gewalt, pl x^waltan. 
Xisan swv. mutmassen. 
Xistern adv. gestern. 
Xial m. Gaul, pl. l^üila. 
Xinlsteart m. Pferdeschwam. 
Xtgeii ^rop. ^c^rc». 
Xtgant/. Gegend. 
Xlftibn st^v. glauben, part. xloft. 
Xlas w. (r/a«, dat x^^zo, ^^ xl^zer. 
Xlaavd m. Glaube. 
Xleman s^^7. glimmen; xlema, x^^i^t; xlom, 

Xlöman; xloman. 
Xlemarx adj. glimmend , feuerig; dat 

meken kaik möi seo x^^i^^di^X ^^ ^^^ 

8Öin9 rauan auqdn 
Xlet «. G/ie<f, 2)Z. x^edar. 
Xleot /. ö/m*, p/. X'eotan. 
Xliapan adj. tückisch. 
Xloinix a^/ rot glühend. 
Xloizen swv. glühen; söin x^sixt x^oizat. 
ylhik stv. gleiten ; xlöa, xHt ; xlait, x^^^^ ; 

Xltan. 
yUikd adj. gleich. 
XlSikan swv. gleichen. 
Xl5ikiiisa n. Gleichnis. 
Xlttka n. Glück. 
Xnavaln strv. benagen. 
XDaidix adj. gnädig. 
Xnastdrn sirt7. knuspern. 
Xilatsix aö!/ geizig. 

Xnödarn «tiTt?. Jknö^^^». 

Xnödarx adj. verdriesslich. 

XnSist m. Gneist, Schmutz. 

Xnäi/aln dtrt?. schmunzeln. 

Xöpska /. Äo/tZe Z^ane^. 

X»s»l /. kleine Gans, pl. x^saln. 

yjihik adj. golden. 

XÜnon swv. gönnen. 

Xi|ii8aln swv. winseln. 

XHSta adj. steril; xüstasöp, xüstakeo, 

Xüstawöif. 
Xüto /. Guss, Pfütze. 



I^afal /. Gabel, nur in Zusammen- 
setzungen. 
liaixal /. Zahnfleisch; de liaixdlii sint 

öna answolan. 
]|alarii swv. regnen. 
l^algan m. Galgen, pl. lialqan. 
l^aDS adv. ganz. 
l^aiitd m. Gänserich. 
l^arbn /. Garbe, pl. härbn. 
l^ast m. Gas , pl. xästa. 
l^at n. Loch, pl. hätar. 
I^aas /. Gans, pl. haiza. 
l|&ar aof;. gar. 
l|äil m. Fruchtbarkeit. 
l^äil ar?;. kraftstrotzend. 
l^äist m. G^6ts^, |)Z. liäistar. 
l^äitan s^v. giessen; h^ta, xüt; haut, 

Xötan; liotan. 
l|ät m. Gott (flexionslos). 
llätan /. Gosse (zu h^itan) pL h^tan. 
l^oltsmet m. Goldkäfer. 
Ifivd f. Gabe, pl. liöbn 
l^öan St. anv. gehen; }[öd, Ixäit; xiok, 

xisan; höan. 
llöfal /. Speisegabel 
ijöarn n. Garn, 
l^öarn m. Garten, pl xöarns. 
l|öarnrik m. Garnreck. 
l^ravaln «tri;, krabbeln. 
l^paf n. öraft, |)Z. lirevar. 
l|raft m. Graben, pl l^räfta. 
l)raipe /. Mistgabel 
l|ram m. Gram. 

lirapskan swv. zusammenraffen. 
l^ras n. Gra^, (la^ l^raza, p/. l^rezar. 
l|rasböitar m. Jß»ne2, |>2. lirasböitars. 
l^rant adj. gross, comp, hrötar, l^rötastd. 
l^raatkint n. Enkel 
lirantfatdi* m. Grossvater. 
l[räbii stv. graben; hräva, hreft; lireof, 

l^roibn; liräbn. 
I^rftva m. Graben, pl liräbns. 
l^räf m. Graf, pl liräfan {aber liraipan- 

hänan = Grevenhagen). 
liräf adj. grob, 
lirät m. Gruss, Schutt ; ek häva olarhant 

lirät koft. 
l^reomat n. Grummet. 
l^reozan swv. auspressen ; häi l^reozat = 

er redet Kohl 
l^reozapaitar m. Schwätzer. 
liridiXf liridark adj. gierig. 
ifrint m. Grind. 
]|riava /. Grube, pl liriubn. 
lirius m. Gruss, pl. l^rüisa. 
l{roiii aoj. grün. 
\\röd adj. grau. 
lirOiDon stv. weinen; liröina, lirint; lirain, 

hrenan; lirenan. 



152 



lirSipon sto. greifen; l^röipe, liripat; hraJp» 

lirepan; lirepen. 
l^rSis w. Greis, pl. liröiza. 
lirösen m. Groschen. 
Y[T'6t9 /. Grösse. 
l^ragon, sek swv, sich grausen. 
llPunt /. Grund, Tal 
)iräis9B swv. grüssen. 
]iriit9 /. Grütze. 

liabutko /. Hagebutte (Frucht). 

havern m. Hafer. 

hahä! interj. des Begreif ens. 

haian /. Heede. 

hainsk adj. übelnehmerisch. 

haisk adj. heiser. 

haister /. junge Buche, pl. haistsrs. 

hakon f. Hacke, pl. hakens. 

hakan swü. haken. 

halvd /. Seite, pl. halbn. 

half adj. halb. 

halm m. Halm, pl. hälms. 

halts m. Hals, dat. halz9, pl. hälza. 

hampt m. Hanf, 

hamptsöt f. Hanfsamen. 

hamstermms /. Hamster. 

handeok n. Handtuch. 

haBan stv. hangen; haiaa, heoat; heBk, 

heiaaii; hasdn. 
hani^ m. Honig. 
hant m. Hand, pl. hcna. 
bapon m. Bissen, pl. hapdns. 
hapan swv. schnappen. 
hapok m. Weidenpfeife, pl. hapaks. 
hapix adj, gierig. 
haro adj. laut; hars küarn. 
hart, dd adj. hart. 

hanrnkon n. Hornisse, pl. haurnkdns. 
hauli, hau^d, haua adj. hoch, comp. 

höxter, höxt9st9n. 
hanjimeot m. Hochmut. 
haojänan swv. Jahnen. 
haal9n stv hcäten ; holt ! haul9, holt ; 

häil, höl9n und häil9D ; haul9n. 
hanp, haup9 n. Haufe, pl. haip9; teo 

haup9 = zusammen ; se käim9n 0I9 

teo haup9; se W8er9n ol9 teo haup9 

dö9-, w6i wilt xelt teo haupg makan. 
hävak m. Habicht, pl. havake. 
hä^an m. Hecke, pl. häcjdn, aber in 

Zusammensetzungen: häuan: raihänan, 

Iiraip9nhän9n {Ortsnamen). 

häk9n m. Haken, pl. häk9as. 

häl9 adj. trocken; et wagot fan dä9 

häl9n wint. 
hälan swv. holen; häl m5i dat beok möl 

hämal m. Hammel, 2)1. häm9ls. 

hämor m Hammer, pl. hämars. 



häna m. Hahn, pl. hän9Ds. 

häza m. Hase, pl. häz9DS. 

häf m. Hof, dat. höv9, pl. h5v9. 

häi, he, h9 pron. er. 

häiV9rn /. Heidelbeere. 

häid9 /. Haide. 

häila adj. heil, ganz. 

häim9lk9ii m. Heimlichtuer. 

häimakan n. Heimchen. 

häin m. Hain^ pl. häin9. 

häin9hoik9ii /. Hagebuche. 

häisäpan swv. keucheu. 

häisrekan m. Heuschreck, pl. -s. 

hält adj. heiss. 

häit9n swv. heissen; häit9, het; häita, 

häit9n; häit9n. 
häl9 aä[;. hohl, 
häl5i8 n. Hohleis, Windeis. 
häpan swv. hoffen. 
h§,9P m Hüter, Hirt. 
häbn an. swv. haben; häy9, bat; bare, 

har9n; bat. 
häd9rk m. Hederich, 
häX9ii swv. hauchen. 
häxapäxan swv nach Luft schnappen. 
häxt m. Hecht, pl. bäxt9. 
hälp9n stv, helfen; bälp9, bälpt; hulp, 

bülp9n; bu1p9n. 
Iiämp9rlii)k m. Knirps. 
hänix adj. handlich, flink ; de liöarn lixt 

ön9 bänix ; de arbäit hält ün9 bänix af. 
här, hear m. Herr, pl. her9n. 
härt[ät m, Herrgott. 
härber99 / Herberge. 
Härm n. p. Hermann. 
härn n. Hörn, pl. bärns. 
häsaln /. Hasel. 
häsp9ii /. Haspe. 

häran swv. gehören; dat bäart m5iQa. 
he^ark m. Häher. 
hek n. Hoftor. 
heia adj: hell. 
helisk adj. höllisch, riesig. 
hell' n. Beilstiel. 
hemada n. Hemd, pl. bemada. 
hemal m. Himmel (geistig). 
Henark n. p. Heinrich. 
hebn /. Himmel (physisch). 
hebnsiarli adj. bewölkt. 
heaii swv. hegen ; düsan apal bäva ek döi 

upbeat; diu most düt nöqa klait wakar 

beau. 
hear m. Sparsame ; nö 'n bear kümat on 

ferjart. 
hear n. Heer, pl bera. 
hear adv. her. 
heart m. Herd, pl bera. 
höxsam adj S2>arsam, 
heof n. Huf, pl boivo. 






153 



heon n. Huhn, ph hönar; för de hönor 
llöon = sterben; för möi hat de 
maistan hönar de maisten eqar läqat 
= ich werde wohl bald sterben, 

lieostan m. Husten. 

heot m. Hut, pl. höa. 

hidarli adj. hitzig. 

bila adj. eilig; säi hat de arbäit räxt 
hila för; hila-bila slöan = am Vor- 
abend des Richtfestes mit Beilen auf 
das Gebälk schlagen. 

hiliX adj. heilig. 

hiliganbelt /. Heiligenbild. 

biltan /. Raufe. 

himarn f. Himbeere, pl. himarn. 

himphamp n. dummes Zeug. 

hinar präp. hinten. 

hinarnisa n. Hindernisse. 

hiBast m. Hengst, pl hisasta. 

hipan /. Ziege, pl. hipan. 

hirsk m. Hirsch, pl. hirska. 

hisan suw. hetzen. 

hita /. Hitze. 

hio8 n. Haus, pl. hüizar. 

hiut /. Haut, pl. hüita. 

holitoit /. Hochzeit. 

ho(jaii swv. hauen. 

hol kam! Kuhlockruf. . 

hoinakan n. Hühnchen, pl. hoinakans. 

hol, hola adj. hohl. 

liolskan m. Holzschuh, pl. holskan. 

holtHinar n. Holzstall. 

hophäi m. Dummheit. 

bot an ha = links und rechts. 

böan swv. hüten ; höa, höt ; hodan, hodan ; 
hot. 

höar n. Haar. 

böval »i. Hobel, pl. hövals. 

höx f^' Heu. 

böxta /. Höhe. 

hole /. Hölle. 

böltka m. Holzapfel, pl. höltka. 

höpar m. Frosch, pl. höpars. 

böparsteol m. Pilz. 

böap adv. hier. 

hielan /. Höhle, pL hselans. 

hielan swv. höhlen. 

bnlit m. ein Post, pl. hüxta ; äin necjalkan- 
hulit, ain slaidäarnhuht ; raua höar 
un elarnhüxta dreat seltan x^oa frü/to. 

hadarn swv. umhüllen; de kluka hudart 
üra küikan. 

bflfan swv, dumpf bellen. 

hamakan n. Hummel, pl. humakan. 

banart num. hundert. 

buBar m. Hunger. 

hurka /. Hocke ; sek in de hurka setau. 

büon, sek swv. sich hinter Jemand stecken; 



hüa, hüt ; huda, hadan ; hut, b5i hüan 

= gut aufbewahren. 
hüilan swv. heulen. 
hnina m, Huhne, pl. hüinan. 
hülpa /. Hülfe. 

ima /. Biene, Bienenstock, pl. iman ; de 

ima hat möi stäkan; de ima wäxt 

ahtsix punt. 
imanstant m. Bienenhaus. 
imkar m. Bienenzüchter. 
imkaröqa /. Bienenzucht. 
in, Ina präp. in; dö ina = darin; he 

es ina = er ist zu Hause. 
iBdrilklik adj. eindringlich. 
inneonan swv. einschlummern. 
inxabildat adj eingebildet. 
inrixtan swv. einrichten. 
iran swv. irren. 

irlä^tan /. Irrlicht, pl. irlüxtans. 
lala /. EulCj pl. iulan. 
iar /. Uhr, pl. iuran. 
iiiza pron. unser. 
iat präp. aus. 
iatkrälan swv. enthülsen. 
iatliakan stv. entwurzeln; liuka, lükat; 

lauk, lökan; läkan. 
iatröan swv. ausroden. 
iiitsalitan swv. ausschachten. 
ttan /. Egge, pl ttan. 

javain swv. jaulen. 

jal^t /. Jagd, pl. jalitan 

Janas 97. p. Johannes. 

janasbiarn /. Johannisbeere. 

Japan swv. schnappen. 

jazasi he jazas! interj. des Ekels. 

jäan stv. jagen; jäa, jäat; jeoli, jäan; 

(jäat) 
jäaP n. Euter. 

jätkarn swv. jagen mit dem Pferde. 
jä(|aP m. Jäger, pl. jägars. 
jensöit präp. jenseits. 
jent, jentan ado dort, dorten. 
jedar pron. jeder. 
jeolan swv. jubeln, schreien. 
Jiva, jiua i)ron. euer. 
jivain swv. jauleri; de rna jivalt. 
Jinda m. Jude, pl. jiudan. 
jinlian swv. jauchzen. 
jiu(jant /. Jugend. 
jö, jöd adv. ja. 
jöaP n. Jahr, pl. jöra. 
jö, ja! interj. des Antreibens. 
jök pron. euch 

jökal m Schindmäre, pl. jükals. 
jökaln swv. schlecht reiten. 
jöi pron. ihr. 
june m. Junge, pl. juBans. 



1 



154 



jttBk adj. jung. 
jast adv. gerade. 
jämmar adv. immer» 

kavdln svtyo. hauen, schwätzen ; he kavalt 

der wat her. 
kafd m. Kaffee. 
kal[el f. Kachel, pl kahals. 
kain (käin in Brakelsiek) adj. kein. 
kaipon (käipen) stv. kaufen ; kaipe, köft ; 

kofta, koften; koft. 
kaipar m. Käufer, pl. kaipers. 
kaiza m. Käse, pl. kaiza. 
kalvon swü. kalben. 
kalv9ry adj. albern. 
kalvoSDolon /. Kalbskeule, pl. bolsn. 
kalf n Kalb, pl. käWdr. 
Kaltna n. p. Karline. 
kam m. Kamm, pL käma. 
kamp m. Kamp, pl. kämps. 
kanalge /. Canaille. 
kante /. Ecke, Gegend, pl. kanten. 
kapen /. Kappe, pl kapens. 
kaput adv. entzwei. 

kar^eos adj. sonderbar; en karqeos wöif. 
kästen /. Kiste, pl. kastens. 
katenkop m. Böller. 
katsebaL^en swv. zanken. 
katnfeln /. Kartoffeln, pl -In. 
katafelsroteln pl Kartoff elschalen. 
kanl m. Kohl 
kaalt adj. kalt, dat kaule. 
kaaern n. Korn. 
kanernbleome /. Cyane. 
kanp m. Kauf, pl. kaipe. 
käve f. Kaff, Kornhülsen. 
kävel m. Käfer, pl kävels. 
Käerl n. p. Karl 
käl adj. kahl 

kämen /. Kammer, pl kämens. 
käk m. Koch, pl koke. 
käken swv. kochen. 
käl m. Kohle, pl köle. 
kärf m. Korb, pl körve 
kärt adj. kurz. 
kärtens adj. kürzlich. 
kakeln swv. kitzeln. 
kärken /. Kirsche, pl kärkens. 
kam m. Kern, pl kärn. 
käserlink m. Kiesel, pl käserlise. 
käspel n. Kirchspiel, pl käspals. 
kaspern /. Süsskirsche, pl kaspern. 
kätKen n. Kätzchen, pl kätkens. 
kätskern swv. jagen, schnell fahren. 
kä^el m. Kegel, pl. kävels. 
kederk adj. zänkisch. 
kelen / Kehle, pl kelens. 
keltern swv prasseln. 
kempe m. Eber, pl kempens. 



kenen swv, kennen. 

ketel m. Kessel, pl ketels. 

ketelhftken m. Kesselhaken, 

keerl m. Mann, Ehemann ; „möin kearl 

es nix teo hiaze*' sägt die Hausfrau 

oder sie nennt seinen Namen „ek wil 

et Luke sägen''. 
keern swv. kehren, 
keo /. Kuh, pl kü(je. 
keoken m. Kuchen, pl keokens. 
keort n. Chor; up'n keore. 
ki^ern swv. kichern, 
kirne /. Visirkimme. 
kin n. Kinn. 
kineken n. Kindchen. 
kinesk adj. kindisch. 
kinkeln m. kl Speckstück, pl kinkeln. 
kint n. Kind, pl. kiner. 
kirsken /. Kirsche^ pl kirsken. 
kitel m. Kittel, pl kitals. 
kitsken, en = etwas. 
kinle /. Kuhle, pl. kiulens ; laimnkiula, 

stäinkiule. 
kinle /. Kugel, pl kiulens. 
kinlenl^rever m. Todtengräber. 
kinlenkop m. Kaulquabbe. 
kien f. Kette, pl ktens. 
kim! ktm! Saulockruf, 
klabastern swv einher poltern. 
klabntsen /. Schlafstelle. 
klavernsu^r. beschmutzen; sek teo klavern. 
klaverix adj, schmutzig. 
klafnnkelstäin m. Karfunkel, 
klajiter n. Klafter, 
klaibn swv. spalten \ klaive, klüft; klofta, 

kloften; kloft. 
klaid n. Kleid, pl. klaier. 
klaklaizix adj. nachlässig. 
klam adj. feucht, kleberig, 
klamnizern swv, grübeln, 
klanken /. Biegung, 
klapreozen /. Klatschrose. 
klanster m. Kloster, pl klaisters. 
kläe /. Klage, pl kläen. 
kläterx adj. lumpig; et süit kläterx üma 

söine fermöqensümestäne iut. 
klätern pl Lumpen. 
klaibn swv. schmieren; en botarstüka 

kläibn. 
kläin adj. klein, comp, kiener, klensta. 
kläx m. Kleiboden. 
klären swv. klettern 
kläpern swv, klappern. 
klätern adj, genau ; de fruge es klätern 

böi'n boterkaipen. 
klepen swv. an die Glocke schlagen. 
kleok adj, klug, 
kÜBen stv. klingen; kline, klinkt; klask, 

klünen; klusen. 



155 



kliozd /. Klause. 

kliatan m. Kloss Erde, pl. kliuten. 
kliatanklopor m. Klutenhammer. 
kloko /. Glocke f Stunde, pl. kloksn; 

kloka tä<j9n = um zehn Uhr. 
klo8 m. Klotz, pl. klösd. 
klöx m. KleCj dat. klö()9. 
klögd /. Kleie. 
klötern swv. leichte Arbeit tun ; de aula 

mut9r klötart nau jümar in'n hiuzs un 

llöarn rümar. 
klöistar m. Kleister. 
klakd /. Henne, pl. klukan. 
klnmpsöt n, Rübsamen. 
knap m. Bergkopf, pl. knäpa. 
knaap tn. Knopf, pl. knaipa* 
koai m Knie, pl. knäia. 
knäisailen pl. Kniefesseln. 
knäiwaik adj. zart; dat mekan es nau 

knäiwäik. 
knäka m. Knochen, pl, knäkan. 
knäan swv. knien, 
knälan, in = in Aengsten; de jusa es 

in knälan, w5il he wat iutfrätan hat. 
kneval m. Knebel, pl. knevals. 
knean swv. kneten. 
kneost m, Brotknust, pl. knoista. 
kniaf m. Holzstuken, pl. knüiva. 
knödarn swv. knittern. 
knoistakan /. Kruste, pl. knoistakans. 
knöif m. altes Messer, pl. knöiva. 
knöipan stv. kneifen \ knöipa, knipat; 

knaip, knepan; knepan. 
kncekaln pl. Knöchel, 
knavaln n. Knäuel, pl. knuvalns. 
knafaln swv. knuffen; ek häva'n räxt 

dörknufalt. 
knvran swv, knurren. 
knaran m. grosses Stück; b5i dar mä- 

garskan x^^^ ^^ ^^i dar mölt5it Ainan 

düdan knuran fläisk. 
knäla adj. betrunken, 
knüpal m. Knüppel, pl. knüpals. 
kn'dpan m. Knoten, pl, kqüpans. 
ko^an swv. kauen. 
koisakan kam! Kuhlockruf. 
kolarn stov. rollen, 
kolak m. Kolk, pl. külaka. 
kolekräva tn. Kolkrabe. 
komaB stv. kommen; kum! koma, kümat; 

kam, kiliman; koman. 
kost /. Kost. 

köar m. Karren, pl, köars. 
kökan /. Küche, pl. kükans. 
kölsk m, Schädel, pl. külska. 
könan st, anv. können; kan, kan; kon, 

konan; kont. 
köpkon n. Obertasse, pl. küpkans. 
körta /. Kürze. 



közaln swv. kreiseln. 

kSikan stv. gucken; köika, kikat; kaik, 

kekan ; kekan ; köik ina weit =: kleines 

Kind. 
k8i])an /. Kiepe, pl. köipan. 
kSniX) KÖniiik m. König, pl. könioa. 
kraveln swv. kriechen. 
kraft /. Kraft, pl. kräfta. 
kralan f. Kralle, Bernstein. 
krask adj. krank. 
krans m. Kranz, pl. kränsa. 
kräisk m. Kreis, pl. kniiska. 
kräm m, Kram. 

kräqa /. Krähe, Rabe, pl, kräqan. 
kräc|an swv. krähen. 
kreka /. Riegel, pl. krekan. 
kremal m. Jucken. 
kremaln swv. wimmeln; et kremalt un 

wemalt. 
krempan swv, krempeln, krimpen, 
krei^ m. Bretzel, pl. krenaln. 
kretsk adj, geweckt. 
kreoli m. Krug, Schenke, pl. kreoga. 
kreoma /. Krume, pl. kreom'n. 
kreonan /. Krone, pl. kreonans. 
kriva /. Krippe, pl, kribn. 
krivalx a^U- gereizt. 
kriva] n swv. kribbeln, jucken. 
krikäiit /. Kriechente. 
kriakan /. Krug, pl, kriukans. 
kriiipan stv. kriechen; kriupa, kriipat; 

kraup, kröpan; kräpan. 
kriut n. Kraut, pl. krüitar. 
krtvak m. Krebs, pl. krivaka. 
krlal adj. kregel, rührig. 
kr5an stv. kriegen; kröa, krixt; kraix, 

krtan; krtan. 
krüiskan swv. kreischen ; de käsparn sint 

seo siuar dat se kröiskat. 
krSitan /. Kreide, 
kriilaii /. Erbse, pl. krülans. 
krälakan /. Locke, pl. krülakans. 
krftipar m. Zwergbohne, pl. krüipers. 
krnisa n. Kreuz, pl. kruisans. 
kräisaln swv. kräuseln. 
kamadaarn swv. kommandieren. 
knmstkaul m. Kopfkohl. 
kana /. Kenntnis; häi es möi iut de 

kuna wosan ; dö häva ek kaina kuna fan. 
kuBdln swv, heimlich schachern. 
Kunröt n. p. Konrad. 
karäarn swv. kurieren. 
kurkan swv. girren; de örant kurkat. 
knzal n. weibliches Schaf, pl. kuzals. 
küil adj. kühl. 

käikan n. Küken, pl. kiiikans. 
käla /. Kälte. 
kilsan swv. küssen. 
kttarn swv. reden, schwatzen; löt den 



156 



kedrl mänt k&arn, häi küart kaina 

hunert jöar mä9r. 
kttrklaat m. Schwätzer. 
kttröga /. Geredey pl. knrögan. 
kttrsk adj. redselig. 
kwavölx adj. voeichlich. 
kwayoln swv. schlottern ; de müa kwavalt ; 

dat fläisk kwavalt öna unsr'n kina. 
k wadorx adj. weich ; an kwadarcjan wäx ; 

an kwadarqan kearl. 
kwadarn swv. zerdrücken. 
kwalstarx adj. übel, fett. 
kwakain swv. schlecht schreiben. 
kwazan swv. schwatzen. 
kwäk adj. fett, drall. 
kwälan swu. quälen. 
kwäBaln swv. klüngeln. 
kwekan /. Quecken, Graswurzel. 
kwelan stv. quellen; kwela, kwelat; kwol, 

kwülan; kwolan. 
kwilsti^rn swv. ausschlagen; de roga 

kwilstart. 
kwdinan swv. kränkeln; de bäum kwöint. 
kw5it adv. quitt, los. 
kwöl /. Qual, pl. kwölan. 



abäit adj. erschöpft. 

adarx adj schlapp. 

al|aii suw. lachen. 

aibn swv, glauben; laiva, löft; lofta, 

loftan; loft. 
aivarkan n. Lerche, pl. laivorkans 
aivarn /. Laube. 
aixhäit /. Bosheit. 
aiga adj. mager, schlecht ; an laix sw8in ; 

an ]ai(}an kearl 
aikan swv. leichen. 
aim'n m. Lehm. 
ainan swv. leihen. 
aipsk adj. läufisch. 
ait n. Leid. 
aitlik adj. leidlich. 
aitliast m. Quälgeist. 
ak adj. leck. 
am 71. Lamm, pl. lämar. 
aBan swv. holen; laiak möi dat braut. 
aBk adj. langy comp, lesar, lenasta. 
aBkwet m. Stange am Wagen, 
ansa /. Lanze, pl. lansan. 
ant n. Land, pl länar. 
aps m. ungezogener Knabe. 
askan swv. prügeln. 
aua /. Ijohe, Binde, Lauge. 
auf n. Jjaub, 
auk n. Lauch. 
aiin m. Lohn, pl. laina. 
anpon stv. laufen; laupo, löpot; läip, 

laipan; laupan. 
laus adj. los. 



äa /. Lade, pl. läans. 

äan stv. laden ; läa, läat ; leot (läa) 

läan; (läat). 
äka /. sumpfige Wiese. 
äkan n. Laken, pl. läkans. 
am adj. lahm. 

äta adj. spät, comp, letar, letasta. 
&f n. Lob. 
aibn swv. lieben. 

äive (läifta in Brakelsiek) f. Liebe. 
äif adj. lieb, comp, l^ivar. 
äisix adj. liebkosend ; dat mekan es laisi/.. 
äit n. Lied, pl. läar. 
äitan /. Grind; de rüa hat de laiton 

krtan. 
äk n. Loch, pl. lökar. 
aan swv. leiten. 

äan stv. lügen ; laa, lüxt ; lauh, Inan ; löan. 
ädar n. Leder. 
äkar adj. lecker. 
äksan f. Lection, pl. läksan. 
äpsk adj läppisch. 
ästa adj. letzte; an'n lästan ena. 
evarn /. Leber, pl. levarns. 
evarn swv. liefern. 
edarn /. Leiter, pl. ledarns. 
ext n. Licht, pL lextar. 
eBada /. Länge. 
epal w. Löffel, pl. lepals. 
et n. Klappe, dat Ita. 
earn swv. lehren, lernen. 
earsk adj. gelehrig. 
era /. Lehre, pl. leran 
epaP m. Lehrer, pl. lerars. 
eoa /. Feuerlohe, 
eos n. Los, pl. loisa. 
ezan stv, lesen; leza, lest; las, lözan; 

lezan. 
ixt, lixta adj. leicht. 
ikan swv. lecken. 
iksk adj. leckisch. 
il^an /. Lilie, pl. lilqan. 
inan n. Leinen. 
ipan /. Lippe^ pl. lipans. 
in adj, lau. 
iuar /. Lauer. 

iuarn swv. lauern; dö liur up. 
iuarx adj. halbkrank. 
iiikan /. Luke, pl. liukans. 
innan f. Laune. 
iunsk adj. launisch. 
iupans adj. hinterlistig; de rfta esliupans. 
ins /. Laus, pl. lüiza. 
iQZan swv. lausen. 
iuzapat m. Scheitel. 
iuzepnmal m. Lausejunge. 
inzainmal m. Lausemädchen. 
iutar adv. lauter, nichts als. 
iuwarm adj. lauwartn. 



157 



Itbn n. Leben. 

libix adj. lebendig. 

\iX adj. leer. 

lobn swv. loben. 

lodarn stcv. unordentlich sein; dat tüix 

lodart ön9 an^n löivs. 
loise adj. leise. 
lok n. Loch, pl. loekar. 
lork m. Lorkj pl. loerko ; mölor, molar, 

mälar, de jusdns kost'ii dälar, de 

inekons kost'n ratdnsteart ; dat sint de 

loerke nau nix weart. 
löban m fauler Dicksack. 
löo n. Wasserschuss. 
lötan stv. lassen ; löte, let ; läit, leiten ; lötan. 
lögen stv. liegen; löqo, löcjot, lixt; lali, 

läan; lean. 
löskon swv. löschen. 

lödii s/t? leiden; 1Ö9, lit; lait, Itan; Itan. 
löif n. Leib, dat. 18iv8, pl. 18iv9r. 
löftuJit /. Leibzucht. 
löftöxtar m. Leibzüchter, 
löik n. Leiche, pl. löikan. 
löikd afl!;. gerade, eben ; mit den minskan 

es kaina löika föar teo plöan, 
löim t». Leim. 
löiniqa /. itw*ß. 
Iöiz9 afl[; leise. 

lallt /. Xtc^t; ek mot lul^t hälan. 
lal^t adj. links. 
lastdn /. Lust, Gelüst. 
lastarn stov. lauschen, 
latskdü swv. saugen» 
Ina pl. Leute. 
lüdn swv. lauten, läuten; lüa, lüt; luda, 

ludan; lut 
lüiniBk m. Sperling, pl^ lüiniBa. 
lii^ton /. Leuchte, pl. lüxtans. 
Inxtdn swv. leuchten. 
lünskan smv. spionieren. 
liins m. Lünsnagel. 
lästait swv. gelüsten. 
Itttk adj. klein, in Kollerbeck nur noch 

in „lütkanwäx" und „lütkandrift" 

erhalten. 
llia /. Lüge, pl. löan. 
lilanhaft adj. lügenhaft, possierlich ; liian- 

haft teo farteln. 

maliolarbaam m. Wachholder. 

inal\t /. Macht, pl. mäxta. 

maian stov. mieten. 

luaista sup. meiste. 

mak n. Malheur; mak an'n wäan häbn. 

malat adj. müde. 

maina /. Mutier. 

man m. Mann, pl. mänar. 

man pron. man. 

niareoda adj, müde. 



mart^nlilöoman /. Marienblume. 

mädn m. Magen, pl mäans. 

mäkan swv. machen. 

mdlan stv. malen; mala, melt; meol, 

moilan; mälan. 
man an swv mahnen. 
mät /. Magd, pl. meda. 
null m. Mai. 
mäikäval m. Maikäfer. 
mäinan swv. meinen. 
nainuBa /. Meinung, pl. mäinnnan. 
märqan m. Morgen. 
mädatsöin j. Medizin. 
nä^an swv. mähen. 
mäijar m. Schnitter, pl. mägars. 
mä^ar m. Meyer. 
mä^am swv. meiern; bamäqarn, x^ot- 

mägarn, iutmägarn. 
mal n. Mehl. 
mälak n. Milch, 
mälak adj. milch. 
mälan swv. melden. 
mälkan stv melken; mälka, mälkat; 

molk, mölkan; molkan. 
mänix äin<)r j)ron. mancher. 
mäni^asmöl = manchmal. 
mänt (mant in Brakelsiek) conj. nur. 
märaal m. Mergel. 
märkan swv merken. 
märts m. März. 
mäst n. Messer. 
nästar m. Meister, pl. mästars. 
mät n. Schweinefleisch. 
mätan stv. messen; mäta, mät; mat, 

mäitan; mätan. 
mätwost /. Mettwurst. 
mäar comp. mehr. 

niela /. Halm mit Aehre, pl. melan. 
meBa /. Menge, pl. meBan. 
mearn/*. Stute; fölanmcarn = Zuchtstute. 
mekan n. Mädchen, pl. meka^s 
meos n. Mus. 
meot m. Mut. 
midali m Mittag. 
mida /. Mitie. 
middwekan /. Mittwoch 
mina adj. gering, klein, comp, minor, 

minest ; nemas saia söinan fdint för teo 

mina an ; de färkan sint nau an betan 

teo mina. 
minäxtix o,dj geringschätzig. 
minska m. 3Iensch, pl. minskan. 
misant adj. boshaft; an misantan kcarl. 
misa /. Messe. 
misan suw. missen. 
misiBk m. Messing. 
mist m. Mist. 
mistan swv. misten. 
mit, mia präp, mit. 



158 



miul n. Maul, pl. müilar. 

mins f. Maus, pl. müiza. 

mtoxii't /. Mitgift. 

mtk m. Begenwurm. 

mtkoii swv. Regenwärmer fangen. 

molon /. Molle, pl. molans. 

mortsk adj. stark; on mortsksn kearl; 

häi kan mortsk siupan. 
niöo adj. müde. 
mödrt n. Moor. 
möl n. Mahl. 
möl adv. mal. 
möltöit /. Mahlzeit 
mönat m. Monat. 
mönt m. Mond. 
möntäSin m. Mondschein. 
mötd n. Mass; in de mötö koman = 

entgegen kommen. 
mÖQO /. Mühe. 
mö^dbäimakdii n. Ameise. 
möqon anv. mögen. 
möldii /. Mühle, pl. möleii. 
mölor m. Müller, pl. mölars. 
mötan st. anv. müssen ; mot, mot ; mosta, 

mostaa; most. 
Illödn stv. mingere; mSa, mixt; maix, 

mtan; mtan. 
m5i p7'on. mir, mich. 
möidan stv. meiden; möida, mit; mait, 

mtan; mtan. 
möin pron. mein. 
mufix adj. muffig. 
niakan pl Launen. 
mul adj. weich, locker. 
mnlthaap m. Maulwurfshaufen. 
mnltworm m. Maulwurf. 
muBkoln swv. heimlich reden. 
mnnster n. Muster, pl. munstars 
munt m. Mund, pl. münar. 
mnstrix adj, verdorben. 
mfia n Morast. 
müar /. Mauer, pl. müarns. 
mfiarkar m. Maurer, pl müarkars. 
müarn swv. mauern. 
müly ttdj. mm^astig. 
müilan swv. maulen; Swälanberqars müilat 

= es regnet im Schwalenbergischen. 
müisan ! Katzenlockruf. 
müka /. Vorrat 
mälm m. feiner Staub. 
mälman swv, fein stäuben ; et mülmat 
miilmerx adj. feinstaubig. 
mnlmern swv. feinen Staub machen; hai 

mülmert. 
mümaln swv. kauen. 
müsan /. Mütze, pl. müsans. 
milaii st anv. mögen ; mah, mah ; molita, 

montan; molit. 
mttar adj. mürbe. 



iial|t f. Nacht, pl näxta 

nalitmaaran /. Alpdrücken, 

nai adv. nein. 

naidix adj. nötig. 

naidi^an swv. nötigen. 

naixda, iiöa /. Nähe. 

naiijan swv. neigen. 

nap m. Napf, pl. näpa. 

naraii m. Narr, pl. naran. 

naran swv. narren. 

naskan swv naschen, 

nau adv. noch. 

nana adj, enge. 

nant /. Not 

näval m. Nabel. 

näal m. Nagel, pl, nela. 

näkat adj nackend. 

näma m. Name, pl. nämans. 

nätal /. Nadel, pl. nätaln. 

nägan swv nähen. 

nägarska /. Näherin. 

neval m. Nebel. 

neman stv, nehmen; nema, nimat; nam, 

mliman; noman; man mot et neman 

oz'et kümat. 
nemas pifon. niemand. 
nesthndark m. Nestküken, 
net adj. nett, 
neta pl. Läuseeier. 
netal /. Nessel, pl netaln 
netalköniak m. Zaunkönig. 
nets n. Netz, pl. netsa. 
nelan swv nageln. 
neon'n /. Mittagsschlaf. 
neon'n swv. Mittagsschlaf halten. 
neost m. A.st im Brette, pl. noista. 
nezan /. Nase, pl. nezans ; de nezan ful 

häbn 
nezawSis adj. naseweis. 
niks pron. nichts. 
nin adv. nun. 
nt(|an num neun, 
nt^anknSipar m. Hirschkäfer. 
noiman swv. nennen. 
nordan m. Norden. 
not /. Nuss, pl. nöta. 
notsiln /. Nussschale, pl. notsilns. 
nö, nöa adv. u. präp. nach; nö hen = 

nach hin; nö'n klaustarkreoli. 
nö, nöa adj. nahe, comp, naigar. 
növar m. Nachhar, pl. nöbarslüa. 
növarska (növarin in Brakelsiek) /. 

Nachbarin, pl növarskan. 
nödeBkant adj. nachdenklich. 
nömidali m. Nachmittag, 
not /. Naht, pl. nöa. 
nöxtarn adj, nüchtern. 
nöga adj. neu (nicp in Brakelsiek-) 
nö(|alk adj neugierig; nöcjalka sta. 



159 



iiükoln 8UW. kleinlich tadeln; nökdln 
täan = ein verdriessliches GesiciU 
machen. 

nüzdln swv. näseln. 

nözalx adj. undeutlich. 

iiöipa adj. genau. 

iidit m. Neid. 

nana /. Nonne, pl. nunon. 

nfiorn swv. schwellen {des Euters). 

nüitolk adj. niedlich. 

nükon /. Nucke, pl. nükan. 

odaP conj. oder, 

0(ja f. Wasser; nur noch in „Riskanoqa" 

und „Föstanoga". 
oivdF n. Ufer, pl. oivars. 
ol adv. schon. 
olaind adv. allein. 
oldali m. Alltag. 

ola aäo. aWe; ola sSan = verbraucht sein. 
olons arfv. a7/e«. 
olar n. Alter; fan äinan olara. 
obrn st(7i7. altern. 
olmarx ac!;. stockig, verrottet. 
0|) cowj. 06. 

08d m. Ochse, pl, osans. 
ozd cony. aZs. 

ozdl TO. Ueberhleibsel am Lampendocht. 
ot9n /. Joppe, pl. ottans. 
owSizix adj. albern. 
öbn m. Ofen. 
»WX adj. artig, 
ödrnt m. Tauber, pl. örnta. 
öert /. -4r^, pl. öartan. 
öl m. ^ai {Fisch) pl. öla. 
öm m. Atem; öm hälan 
omt m. Abend, pl. ömta. 
öna jjrdp. ohne. 
ÖS n. ilas, 2^/. 5za. 
ösdnbönan /. Rauchkammer. 
övdl adj. übel, schlecht. 
ölarn 2>Z. Eltern. 

ösk (öS in Schwalenberg) pron. uns. 

öt pron. pers. es. 

5iv»r m. Eifer. 

öikan strt?. aichen. 

Öis n. ^«>. 

§iz9rn n. Eisen, pl. öizarns. 

(lizorn a^j. eisen. 

Il»rntkan n. Tauberchen, pl. Oarntkans. 

«var conj. aber, abermals, 

flPVdP präp. über. 

«vapsta sup. oberste. 

«1^9 m. Gel. 

(ergaln /. Orgel, pl, oerqalns. 

flppntlik adj. ordentlich. 



Paitar n. p. Peter. 

paitarsilga /. Petersilie. 

pak m. PacA;, ^)/. pakan. 

pakabtraii jjI Siebensachen. 

pakabret n. Mistbrett. 

pakan sicv. fassen. 

pakfamt m. Bindfaden. 

panakeokan m. Pfannkuchen, 

pansa m. Balg, kl. Mädchen, pl. pansan. 

pantnfal m. Pantoffel, pl. pantufalni. 

pasteoar m. Pastor, pl. pastöra 

pastöarnstta f. Pfarrhaus. 

pat m. Pfad, pl. päa. 

patwäx m. Pfad. 

panta /. Pfote, pl, pautan. 

Fäanbrök n. p. Paenbruch. 

päanwemal m. Mistkäfer, pl. päanwemals. 

paar n. Paar, pl päara. 

pätan /. Weidensprössling, pl. psUans. 

pärla /. Perle, pl. pärlan. 

pek n. Pech. 

pekan swv. kleben, 

peniBk m. Pfennig, pl. peniöa. 

pezark m. Ochsenziemer'. 

petsal n Mütze, pl, petsals. 

peart n. Pferd, pl. pera. 

peol m. Pfuhl, pl. poila. 

peortan /. Pforte, pl. portans. 

pikart m. Kartoffelkuchen, pl. pikarts. 

piDaln swv. schellen. 

piakan sw. auf den Amboss schlagen. 

piudal m. Pudel, pl. piudals; an piudal 

mäkan. 
pinstan swv. pusten. 
pintxan m. Truthahn, pl, piutxan. 
pt^al m. Pferdeschwanzstummel,pl. ptcjals. 
ptkan swv. stechen. 
plaistarn swv. stark regnen. 
plakan m. Fläche Landes. 
plantan swv. 2)flanzen, 
plä^a /. Bodenseilrolle, pl. plägan. 
pläKan m. Flecken, Flicken, pl. pläkans. 
plätskarn swv. plättschern. 
pleol^ m. Pßug, pl. plöans. 
pleol{steart m. Pflugstert, 
plinman /. Pflaume^ pl, pliuman. 
plokan swv. brocken; Mi hat wat ine 

mälak teo plokan. 
plöa /. Plage, pl. plöan. 
plöan swv. pflügen. 
plöstar n. Pflaster, pl. plöstars. 
plnnan pl. Lumpen. 
planarn swv. käsen, gerinnen. 
planarmälak /. Plundermilch ; drAi däa 

planarmälak, drlii däa bröx- 
plus adj. gedunsen. 
pol m, Baumkrone, pl. pöla. 
polholt n. Gipfelholz, 
poltarx adj. zerlumpt. 



160 



poltern swv. poltern. 

post m. Pfosten, }d. postan. 

pot m. Topf, pl. pöta; iii'n pot «röibn 

= abstimmen. 
potstälan m. Topffuss. 
pöl m. Pfahl, pl. pÖlo. 
pötar m. Pater, pl. pötars. 
pöper m. Pfeffer. 
püpornöto pl. Pfeffernüsse. 
pötker m. Töpfer, pl. pötkars. 
pöilliakan /. Pfeilhacke. 
pOin» f. Pein, Weh, pl. pöinan, pdian. 
pöipan /. Pfeife, pl. pöipans. 
pöisakan swv. peinigen. 
pöitka n. schlechtes Obst. 
pral^an swv. betteln. 
praksäarn swv. praktizieren. 
pral adj. straff. 
pratken swv. schmusen. 
präon f. Pfrieme, pl. präans. 
prekol m. Spitzenstock, pl. prekals. 
prekoln swv, stechen. 
prekolstok m. Spitzenstock. 
predi^a /. Predigt, pl. predigen. 
prik adj. adret. 
priaston swv prusten, niesen. 
prokorötor m. Pfuscher. 
propan m. Propfen, pl. propons. 
protsix adj, protzig, 
prölaii m. prahlen, prunken. 
prökar m. Schüreisen. 
pröichan pl. Priechen. 
pröimaken n. Kautabak, pl. pröimakans. 
prÜBkar m. grosse Vietsebohne, pl. prüD- 

kars. 
prainan swv. schlecht nähen; dö hast 

diu möi möl wat teo haupa prüint. 
pufar m. Kartoffelkuchen, pl. pufars. 
pnkan m. Pack, pl, pukans. 
palaii /. Flasche, pl. pulans. 
pntälc^a /. Flasche, 

parken swv. lösen ; äinan stain laus purkan. 
putsix adj. drollig 
pük m. Knirps. 
pülskarn swv. plättschern. 
pümpal m. Stössel, pl. pümpals. 
pütan /. Pfütze, pl. pütans. 

ravaln swv. zupfen, schnell sprechen; 

llöarn upravaln; häi ravalt sek wat 

döher. 
rai n. Beh, pl. raia. 
rakar m. Backer, pl. rakars ; dat mekan 

es an räxtan rakar. 
ralkan swv. sich balgen. 
ram m. Krampf. 
ramskan swv, ramschen. 
razanäarn swv, räsonnieren. 
rat n. Rad, p^l. räar. 



rau adj. roh; rauan Sinkan. 

rank m. Rauch. 

raakfaiik m. Bauchfang. 

rant, rana adj. rot. 

rautan swv. Flachs beizen. 

räal m. Kornrade, pl. räal. 

räkan swv. raffen. 

räma m. Rahmen, pl. räman. 

räzan swv. rasen. 

radarn swv. eggen; de wäa radart; dür 

rädarn 
raia /. Reue. 

räim m Riemen, pl. räimans. 
rainafarnt m. Rainfarn. 
räistar m. Riester, pl, räistars 
räistarbret n. Brett am Pfluge. 
räit n. Ried. 
rädern swv. rascheln. 
rä^en adj. rein; rägan linan. 
räKnen swv. rechnen, 
reden swv. retten. 
rene /. Dachrinne, pl. renan. 
rentalk adj. reinlich. 
repen swv. Flachs rechen. 
resten sivv. ausruhen. 
reen m. Regen. 
reenhöpar m. Laubfrosch. 
reoen /. Ruthe, pl. reoans. 
reof adj rauh. 
reoklaus adj. ruchlos. 
reopen stv. rufen; reopa. röpat; ritip, 

raipan; reopan. 
reozen /. Rose, pl. reozan. 
reot m. Russ, 
re^äern swv regieren. 
riva /. Rippe, pl ribns 
rixt adj. gerade. 
rik n. Reck, pl. rikar. 
rinen stv. rinnen ; rina, rint ; ran, rünan : 

runan. 
riBk m. Ring, pl. riaa. 
rinkttme adv. ringsum. 
rint n. Rind, pl. rinar. 
risten /. Riste Flachs. 
(rin in Brakelsiek poet. f. Ruhe ) 
riaken stv. riechen; riuka, rukat; rauk 

und rok, rökan ; räkan. 
rium m. Raum, pl. rüima. 
rinne m Wallach, pl. rüinans. 
rinpen /. Raupe, pl. rüipans. 
rintan /. Raute, pl. rüitans. 
rien, sek swv. sich regen. 
ro(|en m. Roggen. 
roibn /. Rübe, pl. roibns. 
ros n. Pferd, pl. rosa. 
röbe /. Wunderschorf. 
röen swv. roden, 

röen stv. rate ; röa, röat ; röa, röan ; röen. 
röar adj. rar, selten. 



161 



rödrn /. Rohre, pl. röarns. 

röm 91». Böhm. 

röt m. Bat, pl. röta. 

rÖQon swv. reihen. 

röXö" Äw^i?- reuen. 

rSa /. Beihe, Biege, pl. röon. 

rÖ9ii stv. reiten ; r89, rit ; rait, rtan ; rtan. 

röorn siov. rühren. 

röibn (röim) stv. reiben; röiva, röif; 

raif, rtbn; rtbn. 
röiva adj. verschwenderisch. • 
röiv9 f. Beibe, pl. röivans. 
rSik (rüik in Schwalenberg) «. Beich, 

pl. röika. 
rSika adj, reich. 
r5im m. Beim, pl röima. 
röipe adj. reif. 
röizdln strt?. rieseZn. 
röizakätkan n. Knopfkreisel. 
röis m. Äcw. 
röiton s^r. reissen ; röite, rit ; rait, retan ; 

retan. 
rÖitanplSit m. Äufreisser. 
rndak m. Krüppel ; dö sit de rudak ina. 
rulan f. Bolle, pl. rulan 
rnmal m. Bummel, Haufen. 
rantämo adv. rundum. 
rnsk n. Binse. 
rüimalk adj. räumlich. 
röiman swv. räumen, 
fix m. Bücken, dat. rüqa, pl. rä<)ans; 

et doit mSi in'n rüqa wäa. 
riifdln si(7i7. schelten. 
fVLd m Hund, pl. rüans. 

sayaln swü. geifern; dat kint savalt. 

salita adj. sacht, sanft. 

sai /. See. 

sail n. Seil, pl. saila. 

saimix adj. weich ; de katufaln käkt sek 

räxt saimix. 
saipon /. Seife, pl. saipans. 
sak m. Sack, pl. säka. 
salva /. Salbe, pJ. salbn. 
Kalbn SWÜ. salben. 
saldöta m. Soldat, pl. saldötan. 
salöt m. Salat. 
samtan adj. sammet. 
saut m. Sand. 
sap m. Saft, Schweiss; de sap löpat 

äinan an'n bal(}a runar. 
sapix ^^J' saftig. 
sat adj. satt. 
saavar adj. sauber. 
Hädal m. Sattel, pl. sädals. 
säan /. Säge, pl. säans. 
säka f. Sache, pl säkan. 
säl m. Saal, pl. sela. 
sai, se, sa pron. sie. 

Niederdeutsches Jahrbuch XXX IT. 



o • 



»aivam swv. geifern. 

Häivarlapan m. Geiferlappen. 

säila /. Seele, pl. Spilan. 

Nailix adj. selig. 

Haisan /. Sense, pl. säisans. 

sälan /. Sohle, pl. sälans. 

sält m. Salz. 

sältan swv. sahen. 

sältarx adj. salzig. 

sär^a f. Sorge, j)/. sÄrgan. 

sär^ansteol m. Sessel. 

säan stv. sehen; s»la, süit; sah, süan; 

säan ; süi, aula haus, den xf ösan bista 

laus. 
säoan swv. sagen {imperativ: ssex in 

Brakelsiek). 
sä^an swv. säen. 

sämaln swv. säumen; dat mekan sämalt 

jümar. 
sämalö^a /. Saumseligkeit; diu most de 

sämalöqa nix teo wOit drOibn, dat kan 

üsk nix bälpan. 
sädiaan swv. sättigen. 
säsal m. Sessel, pl. säsals. 
sebm num sieben. 
sebmstearn n. Siebengestirn. 
sek pron. sich. 
sekaln /. Sichel, pl. sekalns. 
selskop /. Gesellschaft. 
seltan adv. selten. 
senan /. Sehne, pl. senan. 
senap m. Senf. 
sep n. Sumpf, Bach. 
separn swv. sickern. 
sesa num. sechs. 
setan swv. setzen. 
seval m. Säbel, pl. sevals. 
seo adv. so; seo'n = solch ein; seo weka 

= solche. 
seofärtans adv. sofort. 
sivaln /. Schusterpfriemen, pl. sivalns. 
si/ar adj. sicher. 
sinan stv. sinnen ; sina, sint ; san, sünan ; 

sunan. 
siBan stv singen; siiaa, sinkt; sauk, 

süBan; suBan. 
silikaii stv. sinken; sinka, sinkt; sank, 

sünkan; suskan. 
sipa /. Sippschaft, pl. sipan. 

sizakan swv zischen. 

sizameBkan m. Sprühteufel, pl. siza- 

mankans 
sitan swv. sitzen, brüten; sita, sit; sat, 

säitan ; setan. 
siaan stv. saugen ; siua, süxt ; sauli, sttan ; 

söan. 
siuap adj. sauer. 

siiipan n. Mehlsuppe. 

11 



162 



sinpon stv. saufen; siupa, supat; saup, 
söpdn, sS,pan. 

siazan swv. sausen. 

sint^on adv, sanft ; et resnt siutxdn ; häi 

drift söino arbäit siutxdn; man mot 

den imaswarm siutxdn in^n kärf deou. 
stv9 n. Sieb, pl. sibns. 
st» f. Ziege, pl. stens. 
stgol n. Siegel, pL stqals. 
strnp m. Siruj). 
slavorn swv. schlürfen; de sopan in- 

slavdrn. 
slafitek m. Kripps (Schlagfittig) ; böin 

slafitek krödn. 
slali m. Schlag, pl. slea. 
slal^ten swo. schlachten. 
slaid adj. stumpf, nachlässig. 
slaia /. Schlehe, pl. slaisn. 
slaidäarn m. Schlehdorn. 
slaipar m. Schläfer ^ pl. slaipars; lana- 

slaipar, badafarkaipar stoit üma ntqan 

iur up. 
slakarlians / wilde Gans (pl. haiza). 
slaks m. Lümmel, pl släksa (schlaff). 
slamöin m. ungefügiger Junge. 
slanan /. Schlange, pl. slanans. 
slatsan m. Schlürfe, pl. slatsan. 
slät m. Schloss, pl. slötar. 
släif m. Kochlöffel, pl. släiva. 
släipan /. Holzschleife am Pfluge, pl. 

slaipans. 
släxt adj. schlecht. 
slem adj. schlimm. 
slepan swv. schleppen. 
sleom m. Schlemmer, pl. 9loima. 
slikarn swv. naschen. 
sliBan stv. schlingen; slina, slisat; slaBk, 

slüBan; slunan. 
slipan f. Schoss, pl. slipans. 
sliukan stv. schlucken; sliuka, slükat; 

slauk, slökan; slokan. 
sliatan slv. schliessen ; sliuta, slüt ; slaut, 

slötan; slotan. 
sltan /. Schlitten, pl. sltans. 
slodarn swv. schlottern. 
slöan stv. schlagen; slöa, släit; slauli, 

slüan; släan. 
slöp m. Schlaf. 
slöpan stv schlafen ; slöpa, slöpat ; släip, 

släipan; slöpan. 
slötel m, Schlüssel, pl. slötals. 
slötalbleoma /. Schlüsselblume. 
slöqark m. Schleihe. 
slöikan stv. schleichen; slSika, slikat; 

slaik, slekan; slekan. 
slöim m. Schleim. 

slöimix adj. schleimig. 

slBlpan swv. schleifen. 



sink m Schluck, pl. slüka. 
slaknk m. Schlucken. 
slamp m. Glück, pl slümpa. 
slampan swv. glücken. 
slnnarn swv. glitschen. 
slnarn swv schlendern. 

släxtdi*!^ ^^^' antasten. 

smadarx adj. schmierig. 

smalitlapan m. elender Kerl. 

smahträim m Leibgurt. 

smaikan swv. schmauchen der Pfeife. 

smal adj. schmal. 

smaiit m. Eahm. 

smatsan swv. schmatzen. 

smaiik m. Bauch. 

smaakan swv. schmauchen vom Ofen. 

smälan m. Blutstriemen. 

smäxtix adj. hager. 

smart m. Schmerz, pl. smärtan. 

smekan swv. schmecken. 

smelan suw. schwellen. 

smeltan stv. schmelzen; smelta, smilt; 

smolt, smöltan; smoltan. 
smet m. Schmied, dat. u. pl. smta 
smear n. Schmiere, Fett. 
smearn swv. schmieren. 
smta /. Schmiede, pl. smtan. 
smöarn swv. schmoren. 
smöitan stv. schmeissen; smöita, smet; 

smait, smetan; smetan. 
smndaln swv. schmutzen. 
snabaln swv. schnabelieren. 
snak n. Geschwätz, pl. snäka. 
snakan swv. schwätzen. 
snapsak m. Tornister. 
snäval m. Schnabel, pl. snävals. 
snäi m. Schnee. 
snepa /. Schnepfe, pl. snepan. 
sneoar m. Schnur, pl. snöara. 
snipal m. Schnitzel, pl. snipals. 
snipaln swv. schnitzeln. 
snipsk adj. schnippisch. 
snit m. Schnitt, pl snta. 
snitkarn swv. schnitzeln. 
sniabn m. Schnupfen. 
sninbn svov. schnauben. 
snintan /. Schnauze, pl. sniutans. 
snorkan swv. schnarchen. 
snöt /. Grenze, pl. snötan. 
snötstäin m. Grenzstein. 
snö^a /. Schnecke, pl. snögans. 
snö^ahins n. Schneckenhaus. 
snötan swv. schneien. 
snökarn swv. neugierig forschen; h.^i 

snökart olarwegan böi rumar. 
snökarx adj. neugierig. 
snöan, sek stv. sich schneiden, irren; 

sn8a, snit; snait, sntan; sntan. 
snSidar m. Schneider, pl. snöidars. 



163 



SBÖiläa /. Schneidelade. 

snnkan sivv. schluchzen, 

sniit m. Nasenachleim, 

Hnntdeok n. Schnupftuch. 

snutkäVdl m. Grünschnabel. 

snatjaB» m. Schmierfink* 

snüivdkdn strt;. priesen. 

snäit9ii «tri? sc^nduiren. 

SBÜfoln swv. schnüffeln, 

snfisol m. Bussel, pL snüsols. 

soik9ii swv. suchen; soika, söxt; sol^td, 

solitsn; soht. 
soitd adj, süss; wat es soitar oze sukar? 
soitanströiker m. FauZpe^^. 
Solan «^. ant? sollen; sal, sal; sol, solan; 

solt. 
somar m. Sommer. 
sona m. ^oAn, ^2. söna; m5in sona es 

möina suna. 
sopan f, Suppe, pl. sopans 
söt /. Saat, Samen. 
sö^n suw, seihen. 
s8an st anv. sein ; sin, es ; was, waeran ; 

wezan. 
söik n. feuchte Wiese. 
söimekan n. weibliche Katze. 
söin adj. sein. 

söipaln /. Zwiebel, pl. sSipalus. 
s8it conj. seit u. adj. seicht; wöit un söit 
söita /. Seite, pl. söitan. 
spaltkeoam rwv herumzappeln. 
spak m. Stockflecken, 
spartain swv, zappeln. 
spann m. Spahn, pl. spaina. 
spältan /. Schnitzel. 
spelan swv. spielen. 
spena /. Spinne, pl. spenan. 
spenawep /. Spinnwebe 
spentaln /. Stecknadel, pl. spentalns. 
spetan swv. spiessen. 
spetmins /. Spitzmaus. 
Spilan /. Spindel, pl. spilans. 
spilarn m. Splitter, pl. spilarns. 
spindika m. Häufling, pl. spindikan. 
spinan siv spinnen; spina, spint; span, 

spünan; spunan. 
spint n Kornmass. 
spis adj. spitz {aber spetmius). 
spitsabeo^a m. Spitzbube, pl. spitsebeoqan. 
splentarnäkat adj. spUnternackt. 
spletan /. Splitte, pl. spletans. 
splöitan siv spleissen; splöita, spiet; 

splait, spletan; spletan. 
splöitxösal n. Gössel, pl. xösalns; an 

splditxösal kan nau nix stöan. 
spoikan swv. spuken. 
spoikadiBk n. Gespenst. 
spoilan stv. spülen; spoila, spült; spal, 

spölan; spolan. 



spotan swv. spotten. 

spdar /. Spur, pl spöars. 

spölan swv speien. 

spötsk adj spöttisch. 

spöar n. Halm, Spier, pl. spÖars; an 

spöar hävarn, strau, höar ; häi hat möi 

kain spöar döfan säxt, afxebn. 
spöila /. Querholz. 
spdit m. Spott; dat säxsta m8i mänt 

teo'n spöit. 
spSitfnal m. Spötter. 
spräan /. Sprähe, Staar, pl. sprS.an8. 
spräkan stv. sprechen; spräka, spräkat; 

sprak, sprökan; sprokan. 
sprik n. Zweig, pl. sprikar. 
sprisan siv springen; spriaa, sprioat; 

sprask, sprüBan; sprusan. 
sprmtan / Sprosse, pl spriutans. 
sprok adj. spröde. 
sprokwSan /. Sprockweide. 
sprnli m. ^ruch, pl sprüxa. 
sprnnk m. Sprung, pl. sprüsa. 
staitan swv. stossdn; staita, stöt; stoda, 

stödan; stot. 
staBan m. Schwein, pl staiaan. 
stat /. Stadt, pl stea. 
stantbavak m. Stosshabicht. 
stäkan m. Staken, pl stäkans. 
stälan m. Fuss, pl stälans. 
stäpal m. Fachwerk; de stäpal stoit ol. 
stäpaltäan m. Backenzahn. 
stai m. Staub. 
stäin m. Siein, pl stäina. 
stäinrtta m. Wiesel. 
stärk m. Storch, pl störka. 
stätan /. Pferd, pl st&tans. 
stägarn, sek swv. sich widersetzen; dat 

swöin stäqart sek, wen't slal^t wearn sal. 
stäkan stv, stechin; stäka, stäkat; stak, 

stäikan; stäkan. 
stäln stv. stehlen; stäla, stält; steol, 

stal, stülan; stälan. 
stärbn stv. sterben ; stärva, sterbat ; starf, 

stürbn; stärbn. 
stärkan /. Stärke, Kuh. 
stärkan swv. stärken. 
stefsona m. Stiefsohn. 
steka /. frisches Schweinefleisch. 
stekadnistar adj. stockfinster. 
stekafnl adj übervoll 
stekal, st5il adj. steil 
stel m. Stiel, pl stela. 
stein swv. stellen. 
stema /. Stimme, pl steman. 
stevaln m. Stiefel, pl stevalns. 
stearn m. Stern, xü. stearns. 
steart m. Schwanz, pl stearta. 
steol m. Stuhl, pl stoila. 
stix m. Stich, pl stixa. 

II* 



164 



stikdlbtdrn /. Stachelbeere, 

stikan m. Zündhoh, pl. stiksns. 

Stil adj. still. 

stilken adj. heimlich; stilken wätor Hut 

däip ; de säke stilkan afmäkan ; stilkan 

wat wäx nemen. 
stinken stv. stinken; stiiaka, stickst; 

staDk, stüskan; stußkan. 
stipon stüv. eintunken. 
stiaar adj. stier, ernst, starr; de man 

süit unbänix stiuer iut 
stiako /. Wurzelstück, pl stiuken. 
stintdn m. Semmel^ pl stiutens. 
stte /. Hofstätte, pl, stt9n. 
stoaan siov. stauen, 
stOKorn stw. stochern, 
stolt adj. stolz. 
stopan suw. stopfen. 
stoponfnl adj. übervoll. 
stöDn /. Stube, pl. stöbns. 
stöan st. anv. stehen; stöa, stoit; stunt, 

stünan; stöan. 
stöl m. Stahl. 
stölkern swv. stolpern. 
stönan swv. stöhnen. 
Storni w Sturm, pl. störma. 
störman suw stürmen. 
störUn swv stürzen. 
8t8a /. Stiege: 20 Stück. 
8t$an stv. steigen; stSa, stixt; staix, 

sttan; stian. 
stöif adj. steif. 

stradarn suro. sich aufspielen. 
strak adj. gerade, 
stram adj. stramm; stram taan. 
stranian n. Bheumatismus. 
s trank m. Strauk, pl. st rasa. 
stran n. Stroh. 
strätan /. Speiseröhre, pl. strätans; de 

unräxta strätan, sundäassträtan ;= 

Luftröhre. 
streom m. Strolch. 

strinsk m. Strauss, Strauch, pl. strüiskar. 
stroifan /. Gamasche, pl. stroifan. 
ströfa /. Strafe, pl. ströfan. 
Strotan swv. streuen. 
ströan stv. streiten; ströa, strit; strait, 

strtan; strtan. 
str5ikan stv. streichen; ströika, strekat; 

straik, strekan; strekan. 
str5ipan m. Streifen. 
strOipan swv. streifen, 
strSii m. Streit. 

Strunk m. Krautstengel, pl. strüßka. 
strünzal m. Stutzer., pl strünzals. 
stum adj. stumm, 
stus m. dummer Streich, pl stüsa; hAi 

mäkat jümar stüsa. 
stiiar /. Steuer, pl stüarn. 



stüarn swv. steuern. 

stnit m. Steiss, pl. stüita. 

stübn smv. stäuben; stü^a, stuft; stüfta, 

stüvan; stoft. 
stäka m. Stück, pl. stükar. 
stämpal m. Stumpf, pl stümpals. 
stünskan n. Fässchen, pl stünskans. 
savaln swv. sudeln. 
snkaln suw. saugen. 
sukan /. Pumpe, pl sukans. 
sakar m. Zucker. 
suna /. Sonne, pl. sunan. 
sanar präp. sonder. 
süa /. Sau, pl süans. 
snad5i8al /. Saudistel, pl süadöisaln. 
sül m. Schwelle, pl süla. 
sälvar n. Silber. 
stilvarn adj. silbern. 
sülfkanta /. Tuchegge. 
siilmst pron. selbst. 
süna /. Sünde, pl sünan. 
sUnark adj. wählerisch. 
siinta adj. sanct. 
süs adv, sonst, 

süstar /. Schwester, pl süstars. 
süzakan swv. einlullen, 
siizakantrit m. Schlangenschwanz. 
swai(}arfatar m. Schwiegervater, 
swain m, Schweinehirt. 
swait m. Schweiss. 
swaitan swv. schwitzen. 
swak adj. schwach, 
swart adj. schwarz 
swäla /. Schwalbe, pl swälan. 
swäm(n) swv, Schwaden. 
swärm (swarm) m. Schwärm, pl swärma. 
swedarn swv. schwanken. 
swelan stv. schwellen; swela, swelt; swol, 

swölan; swolan. 
sweman stv. sbhwimmen; swema, swemat; 

swom, swöman; swoman (swemat). 
sweval m. Schwefel 
swearn / Schwäre, pl swearn. 
svvearn stv. schwören; swera, sweart; 

swöar, swörn; swöarn. 
swinan stv. schwingen; swiaa, swiaat; 

swaiak, swüBan; swusan. 
swöar adj. schwer, comp, s wo dar. 
swögar m. Schwager. 
swöpan /. Feäsche, pl. swöpans. 
sw5an stv. schweigen; sw5a, swixt; swaiy., 

swtan; swtan. 
swöimal m. Schwindel 
SWÖin n. Schwein, pl, swöina. 
8w5malk adj. schioindelich, 
swüila adj. schwül 

saipar m. Schäfer, pl saipars. 
sandäl m. Skandal. 



165 



saB9 /. Schande, Wassertrage, pl. sandn. 

sap n. Schrank, pl. säp9. 

sarp adj. scharf. 

sasai /. Chaussee 

sat m Schatz, pl, säta = Steuern. 

satan m. Schatten, pl. Satan. 

8aiiii9ii /. Schote, pl. saunen. 

.säddii m. Schaden, pl. sadons 

säddB surv. schaden 

säidon swv. scheiden ; säida» Säidat ; säie, 

stan; sian. 
säif ac/;. schief. 
säitan s/t?, schiessen; Säita, süt; saut, 

sötan; sotan. 
särf f. Baude. 
8äl a(^'. scheel. 

sämal m. Schemel, pl. sämals. 
säman siov. schämen. 
särpan stüv. schärfen. 
särphäza m. Igel. 
selp n. Schilf, Binse. , 
senan /. Schiene, pl. Senan. 
Henan stüv. schelten. 
seBkan stv. schenken; senka, seokt; sOBk, 

söBkan; soBkan. 
sep /. Schiff, pl sepa. 
sepal m. Scheffel, pl Sepal. 
sevask adj. schäbig, frech, nichtswürdig. 
searB /. Scheere, pl searns. 
seaPB stv. scheeren; sera, seart; söar, 

söarn; söam 
seo m. Schuh, pl seo. 
seoskar m. Schustet\ pl §eoskars. 
seola /. Schule, pl seolan. 
sÜB /. Schale, pl. siln. 
silt w. Schild, pl silar. 
siB m. Schinn, 
SittbB stv. schieben; §iuva, süft; sauf, 

stibn; söbn. 
siaaB sujv scheuen. 
siaar m. Schauer, Schutzdach. 
siuar /. Scheune, pl siuars. 
siuarx adj. beschattet 
siufli ni. Schaum. 
siba /. Flachs- Schabe. 
sopaB m. Schuppen, pl sopans. 
sotstaiB m. Schornstein. 
söp n. Schaf, pl s8pa. 
söpheostan m. Schaf husten. 
NÖB, 8ain ac^y. schön. 
sölaxästan /. Gerstengraupen. 
sörtaB /. Schürze, pl sörtans 
sötal /. Schüssel, pl sötals. 
söar aJy. schier, rein; äina s8ra hiut 
sÖJBaB stv. scheinen; sOina, sint; sain, 

senan; sauan. 
soitaB sto. Cacare; s8ita, sit; sait, setan; 

setan. 
soithupak m. Wiedehoff. 



sÖpkdB n. Schäfchen. 

sraibB /. Griebe. 

srapan swv. schaben. 

speof, spöa adj. mager. 

sriabB siv. schrauben; sriuva, srüft; srauf, 

§r&bn; sröbn. 
sröan stv. schroten, ge^'innen ; §röa, sröat ; 

§röa, sröon; (§röat). 
8röt n. Schrot. 
hröt adj. schräg. 
ärötalB 2>l Schalen. 
srötaln swv. schälen; katufaln srötaln. 
8rö<}aB stw. schreien. 
srSaB stv. schreiten; sr8a, srit; srait, 

srtan; srtan. 
sr5ibB stv. schreiben; Sröiva, srift; sraif, 

srtbn; srtbn 
sröiBafl stv. brennen ; srint ; Srain; sr5inan. 
srapan suw sihruppen. 
äunialn stov. kratzen. 
sandarma m. Gensdarm. 
Sapan swv. schupsen. 
süiBa /. Scheune, pl Süinans. 
säarB swv gleiten. 
SftwakaB swv watscheln. 
sälal^afal /. Schiittelgabel 
siildB swv. schütteln, schulden. 
süliy adj. schuldig. 
8äpa)ial<}a m falscher Kerl, pl stipa- 

l^algan. 
8iipaB /. Schaufel, pl süpans. 
säsal wi. Brotschieber im Backofen. 
HÜt n. Schutzbrett, pl §üta 
8iita m. Schütze, pl Siitan. 



adaPB swv. zupfen. 

aiB9B /. Zehe, pl tainans. 

akan m. Zacken, pl takans. 

alx w. Talg. 

apaB m. Zapfen, pl tapans. 

askaB /. Tasche, pl taskans. 

aBarB m. Turm, pl tauarns. 

äB m. Zahn, pl tena. 

äBpÖiBa /. Zahnweh. 

ätarn m. Zigeuner. 

ätarBw6if w. Zigeunerweib. 

i\\ m. Zug, pl töa. 

äikaB n. Zeichen, pl täikans. 

äikaB swv. zeichnen. 

ärf m. Torf, pl tjerva 

äaB stv ziehen; tüix! täa, tüit; tauli, 

täan; töan. 
ä^alö^ja /. Ziegelei, pl tä(jdlOcpn. 
äaaB num. zehn. 
äf<[|aB /. Ast, pl tälc^ans. 
alt n. Zelt, pl tälta. 
ämaB stca. zähmen. 
är<)aB swv. reizen. 
ekal m. Dachshund. 



166 



tel^n 8WV. zählen. 

tco präp, und adv. zu, 

teokomen swv. angehören; wend kümsto 

teo, kint? teokomod wekon = nächste 

Woche. 
teon m. Tony pl. toina. 
teonlaiman m. Tonlehm. 
tiV9 /. Hündin, pl. tivdn. 
tixdln suw Ziegeln. 
tiin9rn swv. zimmern. 
timpan m. Zipfel, pl. timpans. 
tinz9 /. Zen^^ pZ. tinzan. 
tintelmaizo /. Baummaise, pl. tintel- 

maizan. 
tipak m. Spitze, pl. tipaka. 
tita /. Zitze, pl. titan. 
tian m. Zaun, pl. tüina. 
tianstakan m. ZaunpfahL 
tiatan /. Düte, pl. tiutans. 
ttap m Teer, 
liarn swv. teeren, zehren, 
tovaln swv herumziehen. 
todarn swv. verwirren; iut äinanar 

todara; sek in wat teo todarn. 
toffa /. Webstuhl, pl. to<jan. 
toi m. Zoll, pl. tölo. 
toibn swv. warten; toiva, töft; tofta, 

toftan; toft, toif! 
tokan swv. ziehen, zupfen. 
top m. Zopf, pl. töpa. 
t08t m. Büschel, pl, tosta. 
töa adj. zähe, 
töfaln /. Tafel, pl. töfaln. 
tösaln swv. zerren. 
tOarlörkan swv. durch viele Versuche 

eine Sache zu erreichen suchen. 
tSit /. Zeit, pl. töan. 
töidix adj. zeitig. 
traust m. Trost, 
träli m. Trog, pl. tröa. 
tredan /. Ackerwalze, pl tredans. 
tredan swv. walzen. 
trekan /. Schublade, pl. trekans. 
trekan swv. ziehen ; treka, trekat ; treka, 

trekan; trekat. 
trean siv. treten; trea, trat; trat, tröan, 

trean. 
trit m. Tritt, pl, trita. 
trop m Trupp, Masse. 
tröna /. Träne, pl. tröuan 
trönkrfiizal m. Tranlampe. 
trSilan /. runder Querschnitt. 
tra^a /. Treue (x^triva in Brakehiek), 
trngaii swv. trauen. 
trnmaln swv. trommeln, 
tsirena /. Springe. 
tsirkal m. Zirkel. 

tsSmlix adv. ziemlich; tsomlix fei eopst. 
tuvan m. Holzbütte, 



tuk m. Zuck, pl. tüka. 

takan swv zucken, 

tnnan /. Tonne. 

tanar m. Zunder. 

täix m. Zeug. 

täigan svov. zeugen. 

tfiinan stov. zäunen. 

tütan swi). tuten. 

täaal m. Zügel. 

täiakan swv. antrinken; sek äinan tiildkan. 

twila num. zwei. 

twärx m. Zwerg, pl, twärqa. 

tweda num. zweite. 

twelan /. Gabelast. 

twes adv. quer. 

twesbräka m Querkopf. 

twearnt m, Zwirn. 

twiÜBd pl. Zwillinge 

twiflan siv. zwingen; twisa, twisat; 

twaek, twüBan; twuisan. 
twintix num. zwanzig, 
twisken präp. zwischen. 
twttan /. Heckenweg, pl, twitans. 
twSibainix adj. zweibeinig. 
twSival m. Zweifel. 
twöix m. Zweig, pl. twöiqa. 
tw»lva will», zwo f. 

ul^ta /. Morgendämmerung. 

all tan *"^^- ^^ ^^^ Morgendämmerung 

arbeiten. 
ttn conj und. 

unbänix adv. unbändig, sehr. 
unaP präp. unter. 
nnardesan adv. inzwischen. 
nsai m. Talg 
unxearn adv, ungern. 
nnsallta adj. unvorsichtig. 
nnzelix adj. schmutzig. 
nnsülix adj. unschuldig. 
up, upa präp auf; up stunt = heutzutage. 
npieoarn suv auffüttern. 
ttpklalitarn swv. auf klaftern, 
nppasan sujv. aufpassen. 
npsläipan swv auftragen. 
apwöarn suw. pflegen einen Kranken. 
Ulsan /. Kröte, pl. üisans 
üitar m. Zwitter, pl. üitars; „waraftix 

et es an üitar** saxt de jiuda böi 'n 

stankaup. 
fiitarn swo quälen; häi üitara mSi seo 

laBa, bet ek et dS,a. 
ttma jf^rä/;. um. 
ÜBarn swv. wimmern. 
ttar 2^fon. ihr. 
ttnan 2)ron. ihnen. 

wadan /. Wade, pl. wadan(s) ; de kearl 
hat wadan(s) oza 'na botarkearn. 



i 



167 



wa^dii anv. wehen. 

waian /. Wiege, pl. waians. 

waidn swv wiegen; häi wäxt. 

waifan sviv. prügeln, 

wai^arn swv weigern, 

wakar adj. schön. 

wal adv. wohl. 

walaka m. Wallach, pl. walakan. 

wal aar adw ehedem. 

walmeot m. üebennut 

wan adv. dann, wenn; wanäar = wann 

eher. 
want n. Tuchy Wand. 
warhaftix adj. wahrhaftig. 
warma adj. warm. 
was w. Wachs. 
wasdam m. Wachstum 
wasan siv. wachsen; wasa, wesat; wos, 

wösan; wosao. 
waskan stv. waschen; waska, weskat; 

wosk, wöskan; woskan. 
waskstain m. WascJistein. 
wat pron. was. 

wault m. Wald, dat. waula, jü. holtar. 
wäan m. Wagen, pl wäans. 
wäansinar n. Wagenremise. 
wäarn swv in Acht nehmen. 
wäka /. Molkenwasser. 
wäkan swv. wachen. 
wätar ff. Weisser, pl. wätars. 
wäidäa fl. Sehmerzen. 
wäida /. Viehweide, pl. wäidan. 
wäidan swv. weiden. 
wäik adj. weich. 
wäitan m. Weizen. 
wainix ^^^- ^^nig. 
wärm m. Wurm, pl. wörma. 
wärtaln f. Warze, pl. wärtalns. 
wäa adj. weh. 
wädar n. Wetter. 
wädarlinkan n. Weiterleuchten. 
wädarlüxten n. Wetterleuchten. 
wäx m. IF«^, da<. u. pl. wea. 
wäx aflb*. f(yrt. 

wälaB /. FFeZ/e, p?. wälans. ^ 
wälix adf;. wohlich. 
wän cory. trenn, 
wän, wäna pron. wen, wem. 
war ^on. interrog. wer. 
wärvasman m. Brautwerber. 
Wäpk n. TFVrÄ;. 
wärks n. Stoff der Arbeit. 
Wärmada /. Wärme. 
wärmalkan m. Wermut. 
wärman suyv. wärmen. 
wartsman m. Wirt. 
wäsal m. Wechsel, pl, wäsals. 
wäsan swv. wachsen. 
wäspa /. Wespe, pl. wäspan. 



wedarböstix adj. widerspenstig. 

wek, weka pron. welch*, welcher. 

weka 2)ron einige. 

wekan /. Woche, pl. wekans. 

weit/. Welt. 

weltarn swv. wälzen. 

wemaln swv. wimmeln. 

wenan swv. wenden, jäten. 

wepsteartkan m. Bachstelze. 

wesbanm m Wiesenbaum. 

Wezar /. Weser. 

wetan st. anv. wissen ; wäit, w&it ; wusta, 

wustan; wüst. 
wetmäkan swv. ausgleichen. 
wetiakan / Hagebutte {Pflanze). 
webn swv. weben. 
wearB stv. werden; wera, wärt; wärt, 

wöm; wom. 
weart m. Wert. 
weqan präp. wegen. 
weoart n. Wort, pl. wöara. 
wezan = gewesen. 
wida /. weite. 
wixta /. Wage, pl. wixtans. 
wikan /. Wicke, pl. wikan; äin feoar 

wikan. 
wikan swv. zaubern, wahrsagen. 
wikaw5if n. Hexe. 
wiksan sxcv. wicksen, prügeln; de lerar 

däa sc wiksan. 
wila m. Wille. 
winan stv. winden; wina, wint; wan, 



wunan; wunan. 



wiskan stv. winken; wiska, wiskat; 

wunk, wüBkan; waskan. 
wint m. Wind, pl. wina. 
wintar m. Winter, pl. wintars. 
wipan /. Schaukel, pl. wipans. 
wipan swv. schaukeln. 
wipkans j^^ Possen. 
wisa adj. feste, gewiss, sicherlich. 
wiskan swv. wischen. 
wispaln swv. lispeln. 
wisparn /. sauere Kirsche, j;/. wisparn. 
wit adj. weiss. 
witdäarn m. Weissdorn. 
wint/. Wut. 
wtar adv. wieder. 
wtarko^an suw. wiederkäuen. 
wlza /. Wiese, pl. wtzans. 
woilan swv. wühlen. 
woista adj. wüst. 
wolan St. anv. wollen; wil, wil; wol, 

wolan; wolt. 
wolkan i^^. Wolken. 
wonan suv. wohnen. 
wortaln /. Wurzel, p,. wortaln. 
wost /. Wurst, pl. wüsta. 
wo adv. wie; wöftl = wieviel. 



168 



wö^n swv. wagen. 

wöor adj\ wahr. 

wökon m. Bocken. 

wöno adj. wütend; mäke nix, ^^^ ^^ '°^^s^ 

wöno wero. 
WÖQ9I1 swv. weihen. 

wöen /. Weide, salix. 

wOi (wüi t?i Schwalenberg) pron. wir. 

wöif w. Weih, dit. w8iY9, pl. w8iv8r. 

wölken stv. weichen ; wÖike, wikot ; waik, 

weken; wekan. 
w5il, wail adv. weil. 
w5il9 /. Weile. 
wdim m, Hühnerstall 
w5in w. TFciw, i^?, wöine. 
wöinkanp tw. Weinkauf. 



w8ip m. Strohwisch. 

w8is9, wöizd ao!;. trm«. 

w8iz9 /. TTeise, ^Z. w8iz9n. 

w5iz9ii stv. zeigen; w8iz9, wöizot; wais, 

wtzan; wtzon. 
WÖit adj. weit; wölt un söit = weit und 

breit. 
wsBrkan swv. wirken, weben. 
wranan stov. ringen. 
wrenskan swv. wiehern. 
wnlaken swv. sich anstrengen. 
wnbn /. Wolle. 
wanor n. Wunder, pl. wunors. 
wanerlik adj. wunderlich. 
wn, WÜ9 adv. wo; wühear = woher. 
wtlorii swv, wehren; \\ßX wäart dän 

baimdn, dat se nix ^^ de hebn wasat. 



FREIBURG i. B. 



Riehard Böger. 



►^-=^^^^— <- 



Niederdeutsches Jahrbuch. 



Jahrbuch 



des 



Vereins für niederdeutsche Spracliforschnng, 



Jahrgang 1907. 



XXXIII. 




^i:x» 



NOßDEN nM LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 

1907. 



Dmck von Dledr. SoUan in Norden. 



! 






Inhalt. 



Seite 

Das Schultheissenrecht der Stadt Hameln. Von H. Dciter 1 

Die Mundart von Besten (Kreis Teltow, Prov. Brandenburg). Von M. Sie wert 9 

Die Mundart von Warthe (Uckermark). Von II. Teuchert 27 

Hollen, Mönche und Aulken. Von H. Schönhoff 45 

Ghetelens Nye unbekande Lande. Von D. B. Shumway 58. 

Die Mundart der Prignitz. Von E. Macke 1 78 

IV. Wortbildungslehre : Flexionslehra des Hauptwortes 73 

Flexion, des Eigenschaftswortes 81 

Flexion des Zahlwortes 84 

Flexion dos Farwortes 85 

Flexion des Zeitwortes 87 

y. Aus der Stammbildnngslehre 100 

Gewerksausdrücke aus Beim bei Osnabrück. Von H. Wester feld . . . . 106 

Duttchen. Geschichte eines Münznamens. Von Edw. Schröder 109 

Papphähn. Ein mecklenburgischer Münzname. Von Edw. Schröder . . .119 

Der eren tafel. Von G. Baesecke 122 

Der Tisch im Himmelreich. Von G. Baesecke 129 

Zu mnd. Gedichten. Von E. Damköhler 186 

Za Psendo-Gerhard Ton Minden 186 

Zu Beinke de Yos 189 

Zu Dat nye sohip yan Narragonien 140 

Zu Daniel von Soest 142 

Zur Aussprache in Fritz Reuters Heimat. Von Cl. Holst 143 

Plattdeutsche mecklenburgische Bauerngespräche aus der Zeit der Karl Leopold'- 

schen Streitigkeiten (1719—84). Von G. Kohfeldt 169 



Das Sehultheissen- Recht 
der Stadt Hameln 

nach einer niederdeutschen Handschrift des 15. Jahrhunderts. 



In Hameln bestanden um das Jahr 1240 zwei Kategorien von 
Bewohnern, die streng von einander geschieden werden müssen, 
nämlich die innerhalb des Fronhofes wohnenden Stiftsleute (Jiommes 
ecclesiae) und die um den Fronhof herum angesiedelten Gemeinde- 
Insassen {cives)A) Jene sind unfrei, hörig, zahlen an den Propst und 
seinen Beamten, den Schultheissen, die Heiratsabgabe (bedemunt)^ 
müssen im Todesfalle den beiden ihr Erbe zu gleichen Teilen über- 
lassen und dürfen nur mit Erlaubnis des Stifts die Stadt betreten; 
diese (cives) sind persönlich frei und nicht zu den bezeichneten 
Abgaben verpflichtet. Stiftsleute und Gemeindemitglieder halten ihre 
jährlichen Versammlungen unabhängig und getrennt von einander ab, 
jene siebenmal, diese dreimal im Jahre unter der Leitung des 
Schultheissen. Wer von den letzteren fehlt, hat dem Leiter der Ver- 
sammlungen (colloquia) eine Busse von 6 Denaren zu zahlen. Auch 
die Jahresversammlungen der Innungen (sprake) leitet der Schultheiss. 
Wer einer Innung beitreten will, muss ihm vorher seine Bewerbung 
einreichen und dann die Aufnahmegebühren entrichten. Sie fliessen 
bis auf das dem Schultheissen zustehende Drittel in die Innungskassen, 
aus denen dieser Beamte auch sonstige Bezüge erhält. Die wandernden 
Kaufleute bezahlen ihm ebenfalls eine bestimmte Abgabe in Pfeffer. 
In Gemeinschaft mit dem Rate übt der Schultheiss die Aufsicht über 
den Weinverkauf aus, weil es damals, wie später, keine Innung der 
Weinverkäufer gab. 

Somit umfasst das Schultheissenamt die Aufsicht über das ganze 
Handwerk und Innungswesen und erstreckt sich durch die colloquia 
auf alle Fragen über Herstellung und Verkauf der Lebensmittel. Der 
Schultheiss hat daher polizeiliche, Jurisdiktionelle und administrative 
Befugnisse. Letztere treten besonders hervor inbezug auf eine grosse 
Anzahl von Lehen, Zehnten und sonstigen Einkünften in der Stadt 
und auf dem Güterbesitz der Propstei. 

Als Schultheissen werden genannt im Jahre 1211 der Ritter 
Heinrich, 1235 der Ritter Konrad, 1266 der Ritter Heinrich von 



1) Vgl. E. Fink, Urkundenbuch des Stifts und der Stadt Hameln II 1408—1570, 
Hannover und Leipzig 1903, S. XXI f. 

Niederdentsches Jahrbuch XXXITT. 1 



Eylenhuscn und 1267 wieder Ritter Konrad: Conradus miles flictus 
sculthetus ITaweh)msA) Seitdem führten Ritter Konrad und seine 
Nachkommen den Familiennamen Sculthetus, im Niederdeutschen 
Schulthete oder Schulte, bis sie um die Mitte des 14. Jahrhunderts 
ausstarben. Das Schultheissenamt wurde 1277 von der Stadt angekauft 
und als Lehn des Stiftspropstes verwaltet. Inzwischen war es in 
bürgerliche Hände übergegangen. Erst 1327 wurde es vom Rat als 
Eigentum erworben. Der Stadt-Schultheiss war im 15. Jahrhundert 
ein Ratmann. Er behielt die Polizei über die Lebensmittel und eine 
gewisse Gerichtsbarkeit über die Gewerke bei. Neben ihm blieb ein 
Schultheiss des Propstes für die Güter und abhängigen Leute des 
Stifts bestehen Von 1400 bis in das 19. Jahrhundert hat die Familie 
von Zerssen dieses Schultheissenamt bekleidet. 

Von diesem im vorigen kurz charakterisierten Rechte des 
Schultheissen zu Hameln gibt es mehrere lateinische Abschriften. 
Eine von ihnen (A) hat Meinardus, da das Original (1237 — 1247) fehlt, 
in seinem Urkundenbuche S. 15 ff., nachdem sie mit mehreren späteren 
verglichen worden ist, abdrucken lassen. Sie ist undatiert, gehört 
dem 16. Jahrhundert an und wird im Staatsarchiv zu Hannover 
(Kop. 99 v) aufbewahrt. 1 lese habe ich geprüft und mit Meinardus 
vielfach entstellt gefunden. Daher habe ich zur Kontrolle zwei nieder- 
deutsche Hss. herangezogen, von denen die eine (b), die schon von 
Meinardus erwähnt wird, aus dem 16. Jahrhundert stammt und 
unmittelbar vor der lateinischen Abschrift (A) steht, während die 
andere (a) bisher noch niöht benutzt worden ist. Diese ist auf 
Pergament (8^) im 15. Jahrhundert geschrieben und Eigentum des 
historischen Vereins für Niedersachsen (Hs. 356). Die Reihenfolge 
der Rechtsbestimmungen in beiden niederdeutschen Hss. stimmt überein, 
weicht aber von derjenigen der lateinischen Abschrift ab. Ausserdem 
haben a und b gemeinschaftliche Lücken und bringen einen Passus 
mehr als A. Daraus ziehen wir den Schluss, dass a und b eine 
andere Vorlage gehabt haben als A. An Alter sind a und b ver- 
schieden, denn a gehört dem 15., b, wie schon erwähnt ist, dem 
16. Jahrhundert an. Aber beide Hss, verdienen Beachtung, weil sie 
sowohl zur Feststellung des wichtigen Schultheissen-Rechts von Hameln 
beitragen als auch in sprachlicher Beziehung von nicht geringem 
Belang sind. Daher wird der Text hier mitgeteilt und zwar nach a 
als der älteren Hs., während aus b Lesarten nach Bedarf angeführt 
werden. Damit sich aber der Leser von der Ausdrucksweise der 
Hs. b eine annähernde Vorstellung machen könne, lasse ich den Anfang 
und Schluss abdrucken. Der Anfang lautet: 

Dit sindt de recht des schulten to Hamelen. To dem ersten schall he die 
sprake holden in dem iare mit den horgeren, we dar nicht en queme, dar nimpt 
de schulte af sess penninge. 



1) Vgl. 0. Meinardus, Urkundenbuch des Stifts und der Stadt Hameln bis 
1407. HanQOver, 1887, S. XXXXVII. 



Der Schluss heisst: 

Dit sint de houe liconum in den dorpe, de de höret der kercken to 
Hamelen, to Vorsete VI, to Welede V, to Honrode sesse, to Groninge sesse, to 
Pedesen IX, to Hillingesvelde VIII, to Lutteken Hillingesfelde III, to Odessen eine, 
to Vordessen III, to Lutteken Afferde twe, to Groten Afferde eine, to Vnneuhussen 
eine, to Harchem teine, to Wangelist VI, to Wenge VI, to Arteldessen eine, to 
Reder eine, to Berenstorpe VIII vndt alle dat gudt, dat darsuluess to derae houe 
höret, Boldekouen ganss, Buren ganss vndt dat deme houe to Perdestorpe tohoret, 
to Haddenhussen twe, to Kouen eine, to Helpenhussen eine, to Hodenssen eine, to 
Luderdinghussen twe, to Sedemunde XIIII ahne twe houe der wederaen, de de 
hefft dre houe, to Osten Wenden verr, to Betdessen twe, to Welingehussen eine. 

Die Hs. a, die ich ganz mitteile, zeigt mannigfaltige, oft recht 
törichte Fehler. Diese sind aber nicht absichtliche Entstellungen, 
sondern haben ihren Grund teils in der mangelhaften Auffassung der 
Vorlage, teils in Schreibfehlern. Daher lasse ich den Text möglichst 
genau nach der Vorlage abdrucken unter Beibehaltung der vor- 
gefundenen Orthographie. Nur habe ich die üblichen Lesezeichen 
gesetzt und die dadurch bedingten Veränderungen vorgenommen, 
auch Vort mer regelmässig zusammengezogen. Es muss noch bemerkt 
werden, dass zwei Schreiber die Hs. a angefertigt haben. Der erste 
hat etwa in t!er Mitte des Schulheissen- Rechts mit den Worten 
to Bochere III to aufgehört, der zweite die andere Hälfte von Wen- 
redere II an geschrieben. Die Schrift des ersten Schreibers ist blass, 
die des zweiten dunkel. Ausserdem ist in der ersten Hälfte fast 
regelmässig u, selten ü oder ü geschrieben, in der zweiten dagegen 
gewöhnlich u. Der Text von Hs. a lautet nun, wie folgt 



[D][t sunt de recheiden des schnlteiin to Hamelen. To den ersten 
scal he dre sprake holden in dem iare myt den borgeren, wde dar 
nicht en keme, dar nympt de schulte aflf VI penninge. Vnde w^e in 
der^tadt vele spise heddei), dat were an brode oflfte an drancke 
ofFte an fleische offte an alle, de men eten off'te drincken moghe, 
dede he dar quaden kopp an 2), soe scal he wedden dre scillinge, 
dere nimpt de schulte enen, de borger twe. Ein becker, de wolde 
de gelde winnen, de giff't XVIII scillinge, den schulten VI, den bor- 
geren XII. En knakenhouwer, welcke de gelde winnen wolde 3), de 
scal geuen den schulten VI scillinge vnde eyn bockvel, den knacken- 
hoveren XII. Mit den knackenhouweren scal he sitten dre sprake 
in den iare, vnde dan weddede an dessen dren spraken, dat nympt 
de schulte altomalc, et en were^), dat he ohne begnaden wolde. Vnde 
dat sulue dueth he ock myt den beckeren. En^) becker off'te en 
knackenhouwer enen sinen maghe wolde gheuen de gelde, dat mach 
he den myt des schulten vulborth, vnde en knackenhouwer, de dar 
storue, wan dan sien soene de gilde wolde besitten, de scal geuen 
III scillinge, dem schulten ene, den knackenhouweren II. En ider 

*) A : cibaria venalia praeparavit ; b : vele spisse hedde. ^j a : male vendendo 
vadiaverit. ^) a: volde. *) a: vere. *) b: Welich. 

1* 



knackenhouwer, de de gelde hefft, de gifft alle jaer den schulten 
III hellinge to sunte Bonifacius daghe. Quicumque vinumi) venale 
duxerit vel habuerit, schultetus cum consulibus hoc tenetur inchoare 
seu aperire. En weuer, de die gelde winnen wil, de giflft VI scillinge, 
dem schulten twe, den weueren IUI. Wolde he se auer synem viue 
winnen, soe moeth he geuen III scillinge, den schulten enen, den 
weueren II ; wil he se winen senen knecte, so gifft he XVIII penninge, 
deme schulte VI, den weueren XII. De schulte scall dre sprake 
holden in dem jare mit den weuers, wie dar nicht enqueme, van dem 
leth de schulte halen VI penninge, vnde wat dar weddet wert, dat 
boret allene dem schulte. 

Vortmer wan des noeth is, soe sith de schulte ene sprake mit 
den weuers tho vnser leuen frouwen dage de 2) ersten, so geuet de 
weuers eynen scillinck dem schulten. Ock wan^) dat noeth were, so 
mach de schulte eynen sprake kundigen den beckers vnde de knaken- 
houweren ane in dussen vorsprakenen dren tiden. 

In allen iarmarketen ane to sunte Peters markete geuet de 
kremers den schulten sine plicht, de sinen kram vpp einer karen 
voret, de gifft den schulten ein verdingt) pepers. We sinen kram 
to perde voret, de gifft ein halff verding pepers. We sinen kram 
vpp deme rüge drecht, de gifft den schulten ein loeth pepers. 

Dit is dat recht des schulten in des praüestes guder. Seuen 
maell scall he sprake holden in dem iare meth den luden, de to der 
kercken hören, wie to der spraken nicht enqueme, de scall 0) pen- 
ninge VI. We ock funde ein vnrecht ordel, de schall wedden den 
schulten VI penninge ß), we auer dat grote wedde weddede, dat sint 
XII Schillinge, de nimpt de prauest, vpp welcken manne der kercken 
eine houe loes werde, de schall he soken voer dem praueste vnde 
begauen beide dem praueste vnde den schulten. Wan de pr/iuest ome 
de houe lenet hefft, so scall ome de schulte darin setten vnde westene 
ohm den vreden, darumme schall he den schulten geuen einen scillinck. 

Wert ock sake, dat twe lüde der kerken van einem kunne to 
hope geuen worden 7) ene to hope quemen, de scolt geuen viftenhaluen 
scillinck to beddemunde, der nimpt de prauest III [scillinck], de schulte 
XVIII penninge, we den groten beddemunt gifft, de schall geuen XII 
scillinge, dar ninpt (!) de prauest VIII, de schulte IUI. Wanner ock 
ein mensche der kercken storue, dar die prauest dat^) arue van nimpt, 
so schall den schulten sin recht werden gegeuen nha rechtuerdicheit. 

Wanner ock de prauest in sinen tidenn socht sine houe, so is 
die schulte plictich, meth om tho gaen. Die hoff to Hamelen gifft 
dem schulten XIII scheppel haüerens moltes^) vnde II schepein^), 



*) b: etiam vinum ^) b: den. ^) a: van. *) A: quartonem. ^) b: schall 
geuen. ^) Die Uebersetzung von qui nimis tarde - denarios fehlt in a und b. 
') a: Verden Im lateinischen Text ist offenbar congaminati fehlerhaft; es imiss 
congeminati heissen. ^) a : dar. ^) b : ebenso. ^^) b : schepel Roggen. Am Bande 
hat a von anderer Hand: hie abest verbum. Vide in latino. Der lateinische Text 
bietet: siliginis. 



eine goes vnde II honder. Also vele gitft i) de hoff to Visbecke vnde 
de hoff to Nigenstede; de hoff* tho Monekedorppe gifft den schulten 
ein bochüell^;; wanner auer dusser drier meiger der kercken ome 
to sinen tidenn ore pact ader gulde brochte, queme de meiger suluen^), 
so is ome die schulte plictich to denende de hochtidth aüer, ock is 
genen menschen der*) kerken verloffet tho wonen in der stadth, et 
gesche myt orleffe edder vulbort des proüestes vnde des schulten. 

Dit is prouest to Hamelen plichtich to lenende dem schulten. 
Thon irsten sin ampth, II huse to Wangelist, ein hues to Visbecke, 
ein hues to Oldendorpe, dat Herman Vrige^) van ohme hefft, eine 
wort offte eine hoffstede to Vorsten vnde VI morghen, de Johan van 
ohme heft't, ein hues to Hondere^), ein hues to Hilligen Velde, in den 
suluen dorpe IUI scillinge, to Mundere III pannen soltes, den hoff* 
to Snyghusen (!) meth XL morghen, ein hues to Polde^j, dat Stollardes 
kindere van ohne hebben, ein hues to Driuere^), ein hues to Bundezee, 
sin recht in allen den guderen to Walinge vnde to Huuelendorpe(!)ö), 
vnde den weer, der die (!) midden in der Aller licht, vnde eine houe 
to Worden, van der munte VIII scillinge iarliker Stadt penninge, die 
Johannes, die tollener, van ohme hefft, vnde VI penninge, de he 
nempth van einem, de sick irst ein hues kricht, die der sülüe Johannes 
tolner van ohme hefft. 

Dit hefft die schulte van dem abbate to Fulden lO), einen hof to 
Hamelen meth VV2 houe, der^i) hefft Ludeckenn Scutte eine van dem 
schulten. 

Bruno Oyo^^j gjne houe, Eberth van Hortem XII morgen. 

Dit hefft hie vam de (!) abbate van Palborne, dat gueth to 
Didenkessen. 

« 

Dit hefft hie van dem van Limbore ^^)j den tegeden tho Becken- 
husen, denne van ohme hebbet Magories kinder, einen hoff' to Lüttiken 
Hilmesuelde^*) vnde die mollen dar suluest vnde II kotten, die hebben 
ock van ohm Magories kinder ^^j. Vortmer einen hoff in den suluen 
dorppe, den van ohm hefft ^6) Ambrosius, ein hues to Grote Hillinges- 
uelde, den tegden to Eydingeshusen, den van ohm hefft Herman van 
Wengei7). Arendes Garbreder kinder ^8)^ de Debben^^) dochter heft't 
to Rordissen, de sint plictich dat sulue recht den proueste vnde den 
schulten, dat die lüde der kercken ichtes wane plegen to done, die 
woneden to Hamelen 20). 

Dit hefft de schulte van den vann Euerstene, die vogedie auer 
den hoff to Monickedorpe vnde alle dat gueth, dat to den haue höret. 



'/ curia in Sedemimde fehlt ^) b : bockvel. ^) b : ein der kercken in sineu 
tiden ore gulde brochte, queme de Meiger suluen. *} a: vder. ^) A: Hermaunus 
Liber. ^) b: hondere, A: honrode, "^j A: polte, ^j b: Driue. ^) b: himelen- 
dorpe. ^^) A: ab abbate Fuldensi. *^) A: De hiis. ^^j a: Brun oyo. ^^) A: limbre, 
b: Limber, in A folgt: et de Leweurothe, fehlt in a und b ^*; b : Ililmesfelde 
^^) einen hoflf to — kinder /e/i?^ in A, nicht in b. ^*) a: hefF. ^^j ^j Merige. 

I ^^) b: Arendes kindere Garbredere. ^^) b; Debbekeu, A ebenfalls Debbeken, wie 

\ mir scheint, ^oj Dieser Satz steht in A nachher, in b hier. 



6 

de vogedie auer dat hues to Oldendorpe, vortmeer auer alle dat guth, 
dat he hefft van den proueste to Hamelen, den thegden to Borghe, 
de vogedie auer Herman Blockes haue to Wenge, to Allenhusen VIII, 
to Mundere X, to Bochere^) III, to Wenredere II, to Harboldesen 
eine, in Erdenhusen (!j 2) eine, to Herberge eine. 

Dit hefft de schulte van die van Homborch^), den hoff tho 
Wenghe, den van em hefft Bruno Oyo^) vnde Siuerdes^) hues, II houe 
to Rordessen 6), de van om hefft Arent, vnde van heren Brune II houe 
tho Borghe mit all oren thobehoringen. 

Dit hefft he van den bisschope van Minden, den tegeden tho 
Odesen. Dosse schat wort den schulten sunte michaelis dage gegeuen. 
Johan Mantel XVIII penninge, Geruandus huess van kamin^) einen 
schiilinck, llarman van Wustorpe VIII penninge, Eghard Ridder VIII 
penninge, Hinrick Block VIII penninge. Dusse schat worth gegeuen 
dem schulten tho sunthe Bonifatius dage, VIII Schillinge van der 
munthe, her Ecbert XV penninge, Wolters kinder van Holthusen eynen 
schiilinck, Hinrick Steinhouwer XVI penninge, ein hus bi der marcket- 
kerken ein schiilinck, Hinrick Kindt VI penninge, Gordt van Hon- 
ridere VI penoinge, Herman meth dem oghe II penninge vnde einen 
hellinck, Gerick Smeth IIIV2 penninck, ein huess bauen der marcket- 
kerken II penninge, Herwiges des munters huess VI penninge, ^e 
munte vnd ein wordt offte ein hoffstede, de vor der munte licht, 
III penninge, Sustiken huess III penninge, de celle^), de heren Jordaes 
Svas, III penninge, Gerick van Lachem III penninge, Rolef Sunth (für 
Smeth) II penninge. 

Dit is dat recht des schulten binnen der stadt Hamelen, eins 
im iare sal he ein richte sitten mit den borgeren, wie dar nicht en^) 
queme, de gifft den schulten VI penninge, alse vorschreuen steit. 

De thegeden tho Idenhusen, de thegede tho Beckhusen, de tegede 
tho Perdestorpe, de tegede to Odessen, de hoff tho Borigs, de hoff 
tho Wenge, de ^^) Blockes was, de vogedie auer den hoff tho Wangelist, 
twe houe tho Visbeck, eine houe tho Oldendorpe, eine houe tho Worde, 
II houe tho Polde, de vogedie auer den hoff tho Monickedorpe vnde 
auer all, dat höret tho einem huse [tho] Bundese^^), also dane recht, 
alse de schulte hefft gehat in dem haue tho Walie, dat hefft he 
gegeuen dem mcgger, II houe tho Wangelist, eine hoffstede offte worth 
vnde VI morgen tho Vorsten, vnde MantelH^) hefft van dem schulten 
II penninge vnde III Schillinge, einen hoff tho Luttiken Hilligensuelde 
vnde eine moUen vnde II kotten tho Groten Hillingesuelde, IUI Schillinge 
vnde ein foder holtes vnd 1 foder roden. Dit is dat gudt, dat de 
sine van om hebben^^j. 



^) b: bocbere. ^) b: eidenhussen. ^) a: Ilamborch. *j a: Brunnayo. 
5) ebenso b. 0) a : bordessen, b : vordesseu. '^j A : domus Geruaudi caniniatis, 
b: Geruandus huss von kanini. ^) A: de cclla. '•^) a: ein. ^^, a: den, b: de de. 
^^) a: Bunde. ^^) A: ManccUus. ^^j Der bei Meinardus S. 18 mit Isti suut 
beginnende Absatz steht in a und b am Ende, 



Heer Hugo van Halle vnde sine^) broderen hebben van den 
schulten den hoff tho Borige 2j vnd^) dat dartho hört van IUI houen 
vnde kotthen, die dartho höret. Vortmeer Hermen van Schampstorpe 
den tegheden tho Eidenhusen. Vortmeer die van Mollenbecke (!) den 
teghedenn auer den suluen hoff vnde auer dat gudt, daf dartho höret. 
Darumme so geuet se van den suluen houe tho Monikedorpe alle iar 
II Schillinge vnde ein schoch bekere*) tho pacht. Vortmer Johannes 
van Hoyen vnde sine bruderen hebben van dem schulten den tegeden 
tho Beckhusenn. Vortmeer Ludinger van Honuelde hefft van dem 
schulten den hoff tho Polde van II houen vnde dat tho den houen 
boret. Brun van Emberne vnde sine bruderen hebbet van den schulten 
eine houe vp den velde tho Hamelen vnde einen hoff tho Oldendorpe 
bi Scowenborch^) vnde eine houe mit orer nuth. Vorthmeer olde 
Hode^) hebbet van den schulten einen hoff myt IUI houen vnde eine 
moUenstede ader mollenworth, de gelegen is in dem middel der dorpe 
mit II kotten tho Lutticken Hillingesuelde. Vorthmeer Aunlung 7) Hoet 
vnnde Jordan Hoet hebbet van den schulten einen hoff to Wenge mit 
ini houen. Wortmeer Albert Hoet vnde sine brudere hebben den 
hoff tho Visbecke mit einer houe vnde mit erer nuth. Vortmeer 
Albert Hoet hefft allene eine halue houe vppe dem velde to Hamelen. 
Vortmeer Hinrick Marquarding vnde sine m.xege hebben van dem 
schulten einen hoff' tho Wangelist meth einer houe vnde mit orer 
frucht. Vortmer de Grabowen hebben van den schulten die vogedie 
ouer al er gudt, dat se hebbet tho Wangelist. Vortmer Johan 
Crempeke^j vnde sine bruderenn hebbet van den schulten eine halue 
houe vp den velde tho Hamelen vnde ver huss in des schulten strate. 
Vorthmeer MantelP) hefft van den scheuersteneschen huess XVHI 
penninge. Vortmeer Hinrick van Oldendorpe hefft XX i^) morgen vp 
den velde tho Hamelen, de dar beten hussammeth. Vortmeer Hinrick 
Meinersing einen hoff tho Visbecke vnde eine houe mit erer tho- 
behoringe. Vortmeer die Wulue einen hoff tho Rordessen vnde II houe 
meth orer thobehoringe. Vordtmer de iunge Harman Wolö' meth 
sinen broderen hefft sunderlikes eine hofi'stedde ader worth tho 
Vorsten vnde VII morgen. Wortmeer ein" borger tho Celle einen hoff' 
tho Boyor meth siner thobehoringe. Wortmeer VI ratmanne hebbet 
van den schulten einen hoff tho Hamelen in der schulten strate vn- 
de all, dat he hadde gehadt in der schulten strate, vnd ane dat he 
rede vorlenet hadde, vnde eine brede^i) vppe den velde tho Hamelen, 
de dar hetet hose. Wortmeer Werner Schuttenn kinder vnde Ludeke^^j 
der Lareschen (!) hebbet van den schulten eine hoffstede ader wort 
meth XL morgen vnde den derden deil des tegeden tho Odessen. 

Dit gudt vorlouet hebbet gekofft beer Schulte vnde Hartman 
van Wrencke van den van Ösen : den tegeden tho Gronede, eine houe 



^) a: sineu. 2} a- boenge. ^) a: viind. *) Ebenso b. ^) a: steweiiborch. 
^) b: olde bode, A: omnes Pilei. ^) A und b: Amelimg. ^) a: trempeke. 
®) b: mancel. ^^) A: 24, b: XX. ^*) b: breiden. ^^) b: Ludeck der Floreschen. 



tho Snetele meth ore thobehoringe, einen hoff tho Welesche meth 
II houen, einen hoff tho Eversvordei) meth II houen, einen hoff tho 
Linse meth II houen, einen hoff tho Hermersen met II houen. Van 
de bisschope van Mynden den tegeden tho Gronde^). Van der ebdissen 
tho MollenbecTte eine houe tho Snetelen, van den grauen van Swalen- 
barge II houe tho Welese, van grauen Harman van Euersteine II houen 
tho Hermersen, II houen tho Linsen vnde II houen [tho] Euersuorde 
van den byschoppe tho Hildesem. 

Dit sinth de houe litonum 3) in denn dorpen, de der kercken tho 
Hamelen höret: tho Vorsete VI, tho Welede V, tho Honrodere VI, 
tho Groninge VI, to Pedesen IX, tho Hillingesuelde VIII, tho Luttiken 
Hillingesuelde III, tho Odesen eine, tho Rordessen III, tho Luttiken 
Afferde II, to Groten Afferde eine, [to] Vnnenhusen eine, in Harthen X, 
tho Wangelist VI, tho Wenge VI, tho Arteidessen eine, tho Redere eine, 
tho Berenstorpe VIII vnde all dat güdt, dat dar suluest tho dem 
houe höret, Boldekoven^) gans, Buren gans vnde dat dem houe tho 
Perdestorpe tho höret, tho Haddenhusen II, to Koven^) eine, tho 
Helpenhusen eine 6), tho Hodensen eine, tho Luderdinghusen II, tho 
Sedemunde XIIII ane II houe vnde der wedemen, die dar hefft die 
houe tho Osterwenden 7) IUI, tho Batdessen II, tho Welinghusen eine. 

HANNOVER. H. Deiter. 



^) a : titersnorde, b : cicerssuorde. ^) a : gorrode. ^) a und b : liconum. 
*) a : boldekonen. ^) a : koneu. ^) in Visbecke 5 — Cothenhusen fehlt in a und b. 
^) b: Osten wenden. 



Die Mundart von Besten 

(Kreis Telto^A^, Provinz Brandenburg). 



Die Dörfer Gross-Besten und Klein-Besten, deren Mundart hier 
dargestellt werden soll, liegen an der Berlin- Görlitzer Eisenbahn, 
ungefähr fünf Meilen südlich von Berlin. Gross-Besten ist Eisenbahn- 
station und besteht aus zwei sich sprachlich scharf trennenden Teilen, 
nämlich links der Bahn (von Berlin aus gerechnet) einem neueren 
Teil, Häusern, die erst im Lauf des letzten Jahrzehnts erbaut sind 
und deren Bewohner kaum je Niederdeutsch sprechen, und rechts der 
Bahn dem eigentlichen Dorf, wo das Niederdeutsche, wenngleich es 
auch hier sehr im Zurückweichen begriffen ist, sich doch noch gehalten 
hat. — Ein Kilometer entfernt liegt Klein -Besten. Der grösseren 
Entfernung von der Bahn und dem Umstände, dass deshalb die Zahl 
der Sommergäste gering ist, wird man es zu danken haben, dass hier 
das Niederdeutsche noch recht rein und ziemlich allgemein üblich ist. 

Bemerkt sei, dass vorliegender Arbeit besonders Beobachtungen 
in Klein-Besten zu Grunde liegen; der Gross-Bestener Dialekt stimmt 
übrigens dazu; er ist derselbe. 



SclireibaDg : a, e, «', o, u bezeichnen kurze Vokale, a, e, e, ö, ü lange 

Vokale. 
e, ö sind geschlossen, ^, 9 offen. 

z = stimmhaftes s. 2 = stimmhafter *rA-Laut. x = acA-Laut. 
s' = stimmloses s. ^ = stimmloser sch-hsmi. y = ich -Laut. 
<; ^ stimmhafte gutt. Spirans. 

L Vokale der Stammsilbeu. 

1. Kurze Vokale. 

a. 

§ 1. Germanisches kurzes a ist in geschlossener Silbe meist 
erhalten: dak Dach, dax Tag, half halb, half Kalb, jahat gehabt, 
mal schmal, jaf gab, zal soll. 

§ 2. Zu e weicht vor r germ. a aus in: erbet Arbeit, ßerhet 
gearbeitet; arb^dn ist selten. — In det dass, das, derf 'darf und zel 
'soir, das neben zal begegnet, ist e wohl auf Umlaut durch folgendes 
ik zurückzufuhren. 



10 

§ 3. Germ, a wird zu o 

1) vor W, It: molt Malz, jdwolt Gewalt, smolt Schmalz, zolt 
Salz, injdzoltn eingesalzen, holn halten, hdholn^ holt kalt, olt alt. 
Niemals aber 6ofo, sondern stets hah bald. 

2) vor ch in: ox ach (Interjektion). 

§ 4. Statt germ. a erscheint w, ü in: krubdln krabbeln, kütifr 
Kater. — In jult 'galt' und stiiff 'starb' ist u aus dem Plural in den 
Singular des Präteritums übergetreten. 

§ 5. Germ, a -{- w > au in: strau Stroh. — an aus germ. (/ 
findet sich ferner in der Bejahungspartikel jaii (neben Jö, jöü), 

§ 6. In offener Silbe wird germ. a zu ^ä gelängt (langem, 
offenen Q und nachschlagendem a) : mq^kon machen, fQMn fassen, IqXvhi 
laden, mgäln mahlen, ivQMdr Wasser, spQixd^ Spaten, höiitwr Hafer, 
(Iöa7^9 Tage (bei schnellem Sprechen meist nur rf^ä, dg), en j>9^^ (^^^ 
mgädi'/ madig; erfgärn erfahren, verwg^rn verw^ahren, bawgära bewahre; 
— wgän Wagen, d^^gM tragen, älgän schlagen, klg^n klagen, jrgM 
graben. 

In geschlossener Silbe tritt die Längung ein 

1) vor r, 7' "{- dj t: wga war, jgli ken gar kein, jgä niy\ jg^r((b)n 
Garten, ivgiir(d^)7i warten, cV/^öar^ spart. 

2) ferner in dgakbr Taler. 

Anm. : Sehr selten hört man reines langes a: mäkan machen, hähi holen. 
Stets in: sö.'^b Säge. 

§ 7. Wird dies durch Tondehnung aus germ a entstandene ()a 
wieder gekürzt, wie es z B. geschieht in der 3. Ps. Sg. Präs. und im 
Partiz. Prät., so entsteht o. 

1) mokt macht. 

2) J97nokt gemacht, ütjdmokt^ jjfot gefasst, jdlot geladen, afj-M^ 
ßbot gebadet, afjdhlot abgeblättert, jjvopt zusammengerafft. Aber 
jdwaM 'gewaschen' mit «, weil a hier nicht in ursprünglich offener 
Silbe {tcascan) stand, daher nicht zu 9a wurde. — In den Fällen, wo 
ein g oder v ausgefallen ist, bleibt 9a: jaklgXxt geklagt, ßdrgät getragen, 
ßjrgiit gegraben, hdjrgM begraben. 

Anm.: Kürze in: jox9n jagen. 

§ 8. Durch z-Umlaut entsteht 

1) in geschlossener Silbe kurzes e (zuweilen recht offen 
gesprochen): lielftj Hälfte, jeseft Geschäft, eider älter, hetsta beste, 
6?7>//vö/>i Apfelbaum, menyyt manches, menymalyjdwent gewöhnt, teInmXihw. 

2) in offener Silbe langes offenes e: sepl Scheffel, hleddr Blätter, 
blederiy blätterig, mqk^n Mädchen, hqrmk Hering, entern ernähren, 
f^ri/ fertig, len legen. Weil g ausgefallen ist, hält sich hier die 
Länge auch in der 3. Ps. Sg. Präs. und dem Partizip. Perf. : let legt, 
jelH gelegt. 

Anm.: Umlaut tritt nicht ein im Sg. Präs.: et wast wächst, holt hält, 
j^falt gefällt. 



11 

§ 9. Umlaut-6' geht zu / weiter in: Iiin^ Henne; rik Reck, 
Stange, worauf die Hühner sitzen; cf. hhost 'Hengst' und neben zal^ zel 
'soll' vorkommendes zlL icö zil ik 'wie soll ich'. — mi/p wohl aus 
mi'r/td (möchte), miyt gemocht. 



§ 10. Germ, e bleibt in geschlossener Silbe: zeUvor 'selber'; oder 
ursprünglich geschlossener Silbe: hesn Besen, oder in offener vor 
kürzenden Konsonanten: lediy^ ledig. 

§ 11. In offener Silbe wird es zu langem, offenem e: fechr 
Feder, anhern anheben, hrheni verheben, hieki)n brechen, nem nehmen, 
Jetni geben, ßjetvn gegeben, JezPj?i gesessen, JejHn gegessen, npjefretn 
aufgefressen, ßrjetn vergessen, jdntetTi gemessen ; al eicont eben ; vergl. 
lemn leben. — Das e in Lehnworten ergibt denselben Laut: ezl 
Esel, flejl Flegel. 

In geschlossener Silbe tritt vor r -h cons. Dehnung ein: jerm 
gern, erdo Erde, w^j*t wert. Vergl. perds Pferde. 

Anm. Manchmal geht dies ia offener Silbe stehende f zu eä ^geschlossenem 
e uud nachschlagendem a) weiter; man hört also auch: frcätn fressen, weäm 
nehmen, yeä» geben, j<)jö^n gegeben, JQlesLH gelegen, neben jf'rf^ j^ff^n. u. s. w. 

§ 12. i entsteht aus germ. eha in zht^ <c/e//, sehen, mizion an- 
sehen, tu ztotw zu sehen, uö det ützH 'wie das aussieht', ßsm 
'geschehen' habe ich nicht gehört, es ist möglich, dass man so sagt. 
8tets heisst es aber tsen zehn. 

§ 13. Germ, e wird zu i in: jist^ni gestern, ferjishrn vorgestern. 

§ 14. Das e des Stammes wird in der zweiten und dritten 
Person des Präs. nicht zu i: brekt bricht, fret frisst, jeft gibt, icert 
wird, heljjt hilft. 

L 

§ 15. Germ, i hält sich meist: hitskdn bisschen, ßivist gewusst, 
ik ich, .s-// sich; auch das germanisch durch u oder J aus e ent- 
standene /: ßb viel, tu lißm zu liegen. 

§ 16. Gelängt wird es l: zibm sieben. 

§ 17. Häufig ist Senkung zu e, e zu beobachten 

1) in geschlossener Silbe zu kurz e: met mit, metjohraxt mit- 
gebracht, hen hin, spei Si)iel, renj Rinne, melk Milch, mes Mist, tit 
mes<fm misten, heryj Hirse, jncertsaft gewirtschaftet. Zu lißn 'liegen': 
et let 'liegt', em 'ihm, ihn', doch meist lautet es am. Vergl. tswern Zwirn. 

2) in offener Silbe 

a) zu e nur in: ivedi>r wieder, neddr nieder; 

b) zu langem, geschlossenen e sonst: tu uetn zu wissen, ßsnedn 
geschnitten, anjdsnedn^ der/jdsnedn^ ütßsnedn^ der/ßretn durch- 
gerissen, jifsmetn geschmissen, jifsrewan geschrieben, JMeuvn geblieben, 
er, eii-d, erat ihr (Pron. poss. und personale). Vergl. die unbetonten 



12 

Formen zd sie, von zd^ da 'die'. (Für wii\ wenn unbetont, meist wä, 
wie im Berliner Dialekt). — Meist ist es also langes geschlossenes e, 
mitunter hört man aber auch offenes f: jMewdn^ jdblen geblieben, 
jasrejan, jaärfn geschrieen. Vgl. das e in dem frühen Lehnwort bevn 
Birnen, berbema Birnbäume; aber auch: fem; auch das aus germ. i 
durch a-Einfluss entstandene e in: lewdn leben, her her, er er. 

' Anm. Zuweilen hört man statt dieses e, f auch eä (langes geschlossenes e 
und nachschlagendes «)j cf § 11 Anna.: jdsineUn geschmissen, jalesidn gelitten, 
jdblem geblieben, ^asreä/t geschrieen; — lesucjti leben. 

§ 18. i > u in: wukdl Wickel. 

§ 19. Verwandlung von germ. i (entstanden aus älterem e 
durch if-Eintiuss) zu ei geschieht stets in fei Vieh (mnd. ^ in pama). 
Vgl. das ei in den persönlichen Fürwörtern, das besonders steht, 
wenn sie betont sind: mei mir, mich; dei dir, dich; zei sie, wei wir, 
jei ihr; z. B. : zei is orntli/ sie ist ordentlich; zei zet zd icet nist sie 
sagt, sie weiss nichts; ne, ik zetd mei nif nedar nein, ich setze mich 
nicht nieder; mi diyt 'deucht'; jei dresn jöü ah dqi ihr drescht ja 
alle Tage; jl wern jati do{x) niy tsaidksn ihr werdet euch doch nicht 
zanken. 



H 0. 

§ 20. u findet sich bei nebenstehender Labialis: hiik Bock, 
i(mb Wolle, ftirt fort, ful voll; vgl. dupdü doppelt, kufdrt Koffer 
(franz. double^ coffre)\ — vor nn: jazun gesonnen, jarun geronnen, 
jdwun gewonnen; ziina Sonne, zundax Sonntag, zimawdnt (zunänt) 
Sonnabend; vergl. tum Tonne; — vor den Liquiden: jastimmi 
gestorben, johidpm geholfen, jajuln gegolten; — vor ti -\- d^ t: jdzimt 
gesund, dundarwetar Donnerwetter, det jadundara ; — sonstige Beispiele: 
ziimar Sommer, trti^nl Trommel, drukan trocken ; vergl. den Imperativ 
kum zum Infinitiv kQdim kommen (germ. queman). 

§ 21. steht vor r -J- cons. : jort Gurt, worm Wurm, stonn 
Sturm, worst Wurst, dorät Durst; vergl. kort kurz, boräd Bursche. 
Ausserdem botara Butter, botorn buttern. 

§ 22. In offener Silbe wird o meist zu 9a gelängt (langem 

offenen ö und nachschlagendem a) : ßngmi genommen, pZcjäm gekommen, 

jdsQMn geschossen, jdslQMn geschlossen, ßjgsitn gegossen, jabglidn 

geboten, farlq^rn verloren, pbrQ^kdn gebrochen. Vergl. den Infinitiv 

kQ)xm kommen. 

Anm. 1. öfters ist auch beinahe reines langes ä zuhören: hdbdd Bote, wln 
wohnen. 

Anm. 2. Nicht gelängt ist in: honiy^ Honig, hodn Boden; vergl. auch 
wol (germ. wHa) wohl. 

Anm. 3. Gedehnt ist germ o in: wört Wort, Worte; ort Ort. 

Anm. 4. Die Länge wird belassen in: höhnt *kommt'. (Sonst ist iu der 
3. Pers. Sg. Präs. stets Kürze.) 



13 

§ 23. Ergebnis des ^'-Umlautes von ?/ ist /: pitD^l Bündel, 7mg9n 
Mücken, Mrinipd Strümpfe; Hstvrf^ lüstern ; plikw pflücken, kikan gucken ; 
Ä/w ^können', aber auch ken^ Aeäw; dazu k'nuh konnte, lint gekonnt. 

S 24. Ergebnis des /-Umlautes von o ist 

1) e in geschlossener Silbe: Merm stürmen, .^ertd Schürze, meb 
Mühle, snlddineh Schneidemühle, mehhr Müller, derstdriy^ durstig; 
ferner in : dem dürfen, zeln sollen, zehh 'sollte' neben zihi, zihh. zih ; 
s1e^9r Schlosser, derp Dorf; det'-^ durch (alts. pnrh) ist auch hierher 
gehörig, got. allerdings ^ctirh. der/enaijdr durcheinander, der/^jaretn 
durchgerissen, de)'yJ9.^nedn durchgeschnitten ; vergl. auch herksn 
horchen, herkt horcht. (Got.: haiizakon?). 

2) langes, geschlossenes e in offener Silbe : Metol Schlüssel, der9 
Tür. — Derselbe Laut in: fer vor, für; fer si-j^ holn vor sich halten, 
f^rrft vorig, fermidax Vormittag, dQ^fer dafür. — Offen ist das e in : 
e?r.9r über, r/mr^r drüber, /YM?^r hin-her-über, ^iny übrig; vergl. ^/ Öl. 

§ 25. Statt germ. u tritt au ein in : Mam Stube (u in pmisa) ; 
vergl. jau euch, euer, wen er jau hit, den kau ik nly dq^fer wenn er 
euch beisst, dann kann ich nicht dafür; sin det jum kbjovd sind das 
euere Kinder? 

§ 26. Germ, ii > z in: rik Ruck, iu^r unter, itj^rpplijat unter- 
gepflügt; iijdns unten, hoorsU) unterste. 

2. Lange Vokale. 

§ 27. Germ, e^ wird stets zu öä (langem off'enen Q und nach- 
schlagendem a\ es ist derselbe Laut, wie der aus gedehntem a ent- 
standene): hröiidn braten, löYitn lassen, nöxxpIqXün nachgelassen, 
ßslöiipm geschlafen, pdöXm getan, wQixrn waren (Prät.), frinids fragte, 
ßfröiit gefragt, rgiit Rat, zö^t Saat, jöii Jahr, Aöä Haar, trfm wahr, 
wöXxhet Wahrheit, dCnx da, dcmfer dafür, nöix nach, 7igYimöat Nachmahd. 
Vergl. strgM9 Strasse, pöa paar. — Stets langes ö in: möndax Montag. 

Aum. : Reines langes ä hört man sehr selten: liüii lassen, säjja Schafe, man 
Mohn, äiid ohne. 

§ 28. Bei Kürzung — wie sie z. B. eintritt im Imperativ und 
Part. Perf. — ist das Resultat kurz o: lot lass, ßhrot gebraten; 
vergl. § 7. 

§ 29. Durch i-Umlaut entsteht offenes, langes e: mejon mähen, 
uejan nähen, kem^ kern kam, kamen. — Bei Kürzung e, so: siepd schläft. 



A 



2 



§ 30. Germ. ^2 ergibt ^, meist l mit nachschlagendem 9: für 
hier, mi9do Miete (got. mizdo)^ nimhrv Mieter, nn9d9frei mietefrei, 
hißt hiess; vergl. hrt9f Brief, prirM9r Priester. 



14 



1, 



§ 31. Germ, t ist als solches erhalten: ts Eis, ///"Leib. lAlclm 
(Bezeichnung eines Anbaues an der Kirche), lind Leine, snivor Schreiber, 
su'in Schwein, swtmdrlwdr Schweinetreiber, stty Steig, tvlnaxtn Weih- 
nachten, wlzd Weise; vergl. die Lehnwörter nnh Meile, pltso Peitsche, 
zt(h Seide; — hltn beissen, hllwn bleiben, jripm greifen, lldn leiden, 
rltn reissen, koprltn Kopfreissen, sin scheinen, Htn scheissen, .^mltn 
schmeissen, snldn schneiden, ßwlst gewiesen, J9wlst geweisst, sriicdu 
schreiben; — rqrf) reif, ivlt weit; jenzlt jenseit; mm mein, dln dein, 
zln sein. 

§ 32. Gekürzt wird germ. i in der zweiten und dritten Pers. 
Sg. Präs. der Verben der ersten Ablautreihe : hit beisst, smit schmeisst, 
rit reisst u. s. w. ; vergl. sin sein (Infinitiv). 



A 



§ 33. Germ. 6 > m (langem ü und nachschlagendem^): hlmm 
Blumen, hlü9t Blut, hmodor Bruder, inüdmd Muhme, hnidlid Kuchen; 
jüot gut, 1dü9k klug, kmk kühl; (Imt tut, pjhwxt geflucht; vergl. 
sü9b Schule. — Vereinzelt kommt auch reines langes ü ohne Vokal- 
nachschlag vor: füdor Futter, fiubrn füttern. 

§ 34. Durch Kürzung entsteht kurz //: mut muss; — rupt ruft, 
prupt gerufen, jdhlut geblutet. 

§ 35. /-Umlaut dieses ü9 ergibt l9 (langes i mit nach- 
schlagendem 9): hll9t9 Blüte, hl9Ji^r9 Bücher, hrldd9r9 Brüder, Imndrs 
Hühner, dl9k9r Tücher, nl9m nennen, zl9k9n suchen, h9zl9k9n besuchen, 
ützwkdu aussuchen, mwtn müssen; jrUn grün, zl9t9 süss; manchmal 
auch reines, langes ^: rlwn Rüben, afJ9hllJ9t abgeblüht, flrn fahren, 
inflrn einfaliren, z. B. Getreide, furtflrn fortfahren, J9ftrt gefahren. 

5^ 36. Durch Kürzung w^ird dies l9 zu /: ütJ9zikt ausgesucht, 
f9rzikt versucht, J9hit gehütet. 

§ 37. Es findet sich auch (doch selten) langes ö als Ent- 
sprechung von germ. 6: födor Futter, föd9rn füttern. — Gekürzt und 
mit folgendem j zum Diphthong eu (oi) verschmolzen ist germ. 6 in 
keim Kühe. 

§ 38. Dementsprechend ist als Ergebnis des «-Umlautes zu- 
weilen e (e) zu hören; neben rlum Hüben auch reirn, l^^VV blühen, 
phjn und 2^^W pflügen, J9hri9J9t und J9breJ9t gebrüht. — Mit Kürzung 
in breln brüllen. 

§ 39. Germ. i% bleibt als reines, langes ü: brüz9 Brause, hrftf 
Braut, buk Bauch, dum Daumen, dün Daunen, hüp Haufen, hüs Haus, 
müs Maus, kmt Kraut, süm Schaum, stfuh Staude, tun Zaun; vergl. 
plüm9 Pflaume; — h9dürn bedauern, by^ükn brauchen, j^imfew, züpm 



15 

saufen, fdrfüln verfaulen, J9hüt gebaut; — kniz9 kraus, zur sauer; 
ut aus, rüt heraus, lüm kaum. 

§ 40. /-Umlaut ergibt reines langes l: Iüp9 Haufen PI., hlz^r 
Häuser, htzdhan Häuschen, mlzdhdn Mäuschen, aber müza Mäuse; lldn 
läuten. — Ein deutlich nachschlagendes s hörte ich nur in fdvzldm 
versäumen. 

3. Diphthonge. 

ai, 

§ 41. Germ ai ist zu langem geschlossenen e kontrahiert, 
demselben Laut, wie im Berliner Dialekt: heno Beine, cUl Teil, ekd 
fliehe, ekdln Eicheln, erbet Arbeit, fles Fleisch, hed9 Heide, let Leid, 
wenum Meinung, zel Seil; — erhedn arbeiten, hetn heissen, jahetn 
geheissen, üthetn ausheissen, schelten; nien meinen, rekdn reichen, 
imi weinen; äref schrieb; bret breit, ej9)i eigen, liet heiss, hemlr/^ 
heimlich, klen9 klein, reno rein, irek weich; beih beide, en ein, enchr 
einer, heruhr keiner, meHtn meisten. 

§ 42. Zuweilen tritt Kürzung dieses e ein; stets in ^^/>?9r Eimer, 
ms einst, einmal ; — oft im Komparativ : bredor breiter, klend^r kleiner ; 
— meist im Partiz. Perf. : plet geleitet, geführt; doch auch injdiceht 
eingeweicht; — in der zweiten und dritten Pers. Sg. Präs.: du weist 
und ivetst weisst; det iret zd das weiss sie; det wet Z9 betdr as ik dt wet 
das weiss sie besser als ich es weiss; dl icet sij^ üttur^done die weiss 
sich auszureden; zei zH zd wet nist sie sagt, sie weiss nichts; zö het ze 
so heisst sie; — aber auch z. B. dt rekt *es reicht' u. s. w. 

§ 43. Die Partikel „wie^ (got. hwauva) heisst stets irö, • 

§ 44. Für germ. a/, dem hd. e entspricht, steht im Auslaut 
stets ei in : wei0 wehe, weid jddgän wehe getan, teio Zeh, di zei der 
See, Zeik^n See-chen (Name eines Sees in der Gemarkung Gross-Besten), 
stfei Schnee, rei Reh. 

§ 45. Zu t ist germ. ai verdünnt in trstd erste. 



au. 

§ 46. Germ, au wird stets zu langem, geschlossenen ö verengt : 
knöp Knopf, löf Laub, öt^o Auge (häufig aber auch aion)^ böw Baum ; 
— jlöivn glauben, löpm laufen, rökon rauchen, döT^n taugen; — 
(löf taub, jröt gross ; ök auch. 

§ 47. Durch i-Umlaut entsteht langes geschlossenes e: bew9 
Bäume; — fordewn betäuben, kern hören, /-^^^m kaufen, forkejm wer- 
kaufen, jdrekdrt geräuchert ; — äend schön. 

§ 48. Das Ergebnis des /-Umlautes ist, wenn Kürzung eintritt, 
kurzes e: jretsr grösser, jrefMd grösste; — hpt läuft, farkeft er ver- 
kauft; — fdrkeft (Partizip). 



16 



eu. 



^ 49. Germ, ph wird in der Regel zu «, selten zu ^ mit nach- 
schlagendem 0. 

1) Germ, eu = ahd. alts. iw. lieh Leute, 7tt9 neu, (Jt)v teuer, 
hzt^ heute; vergl. st}w Scheune. Mit Kürzung in: riet j^lrfti) Geleuchte. 
det wQ^ jistdrn en jf^lr/p un jddund^ro. 

2) Germ. eAi = ahd. alts. ßo, io\ sUn schicssen, üUltn ver- 
schiessen (vom Stoff), nkd siech; fdrdldn verdienen, h^dldnlr/^ bedienHch 
= aufmerksam, hdjwtn begiessen, dl9i) tief, ll9W9r lieber, am ImvdMn 
liebsten. Mit Kürzung: dripm triefen. 

■ Anm. : Abweichend von obiger Regel ist stets langes e in: fiej? Fliege; 
flQt fliegt; JBäex^t gescheucht. 

IL Konsonanten. 

L Weiche Verschlusslaute und Spiranten. 

§ 50. Germ, b (bezw. inlautend h) > b (p), w, f. 

1) Im Anlaut ist es meist stimmhafter Verschlusslaut b: bimn 
binden, berj^ Berg, buk Bauch, brüt Braut. — Verschärfung zu p tritt 
nur ein in: inrddl Bündel, pukdl Buckel, pnklij^ buckelig. 

2) Im Inlaut 

a) intervokal gewöhnlich stimmhafte, labio- dentale Spirans: 
nwn^ rttvdn Rüben, drlicn treiben, 6/e^rw bleiben ; vergl. ÄnM;w schreiben: 
— y^/m geben, l^wn leben, jdblewn geblieben; ewdr über, dreirsr 
drüber, Imvdr lieber, Imvdstn liebsten, ewont eben, jlöwn glauben. 

b) nach ^, r ebenfalls stimmhafte labio-dentale Spirans: herwasf 
Herbst, .^tencdn sterben, jaätunrou gestorben, zehrdv selber, J9kahrot 
gekalbt, hcdu'dt halbes. 

c) vor Konsonant zu f\ jeft gibt, kreft Krebs. 

3) Im Auslaut sowohl nach Vokal als nach Konsonant zu f. 

a) llf Leib, löf Laub; jef gib, jaf gab; vergl. sref schrieb; — 
döf taub, af ab, raf herab. 

b) mülkorf Maulkorb, kalf Kalb; sturf starb; half halb. 

Anm.: Nach kurzem Vokal steht inlautend intervokalisch der Verschl ass- 
laut: heba habe, heim haben. 

§ 51. Inlautend fällt das b zuweilen aus : ^röä/i graben, hjrimf 
begraben ; jen^ jeYin geben ; jMm (jdbleYin) geblieben ; ent eben, zunciut 
Sonnabend; vergl. statin Stube. (Es fällt also b -f- voc = mnd. ve) 

d. 

§ 52. Germ, d (bzw. inlautend d) entspricht 

1) im Anlaut d: dax Tag, derd Tür, dup tief, dlvd teuer, doxt3r 
Tochter, doxtdrkind, r/ö/taub, tu düdud zu tun, düot tut; drQM tragen, 
dropd f. Tropfen, drukdn trocken. 



17 

2) im Inlaut d: bledar Blätter, füd9r Futter, lid9 Leute, mtada 
Miete; arbedn arbeiten, hdn läuten, jasnedn geschnitten; stets hlta 
heute; — beda Bett, beddäteb Bettstell, middwoxd Mittwoch, fermidax 
Vormittag; — ekhrn Eltern, jq^r(dd)n Garten; kinda konnte, wolda 
wollte, elddr älter. 

3) im Auslaut t\ tU Zeit. 

§ 53. Die Verbindung nd (= germ. nd,n^) wird stets zu n\ 
ew Ende, kivdro Kinder, pwl Bündel ; ßr^an finden, jdfuiddn gefunden, 
Uwn binden, jabtuaan gebunden, ütenar99r auseinander, derfßna799r 
durcheinander, hiidar hinter, hiid9nd hinten, iidar unter, itcfand unten, 
iwrstd unterste; iT^ar tU in der Zeit; vergl. äpiida Spind. 

§ 54. d assimiliert sich dem vorausgehenden l: bah bald (got. 
*6a/|)s); — Jioln halten, bdholn behalten, oln alten, äeln schelten, zeh 
sollte, ^'e/n gelten, J^y?*/M gegolten. — Id ist selten: jelddn^ bdholddn, 

§ 55. d (= germ. rf, S) fällt zuweilen aus: mehn Mädchen, 
/"m/ fertig, im und; besonders nach r: iv^rn werden, ik iverd ich werde, 
pworn geworden, jg^rn Garten, ir^ärw warten, upwgärn aufwarten. 
Vergl. orntli'j^ ordentlich, per9 Pferde, doch auch perch, perd§tal, 
'perddnwn mit d. 

§ 56. d wird gern eingeschoben zwischen n und r, l und r. 

a) dund9r§dax Donnerstag, dundarwetar Donnerwetter, det jadun- 
ddi-d Gedonnere, hmidra Hühner, meiiddr Männer, klendsr kleiner, 
endsr einer, kendar keiner, zlnddr seiner, rindar herein, randar heran. 

b) aldarhant allerhand, aldarleid allerlei; vergl. dQtildar 'Taler' 
und die Lehnworte: kelddr Keller, meldar Müller, teldar Teller. 



ff- 

§ 57. Germ, g (bezw. inlautend 5) wird 

1) anlautend zur stimmhaften palatalen Spirans : y9är(cfo)w Garten, 
jmiza Gänse, jeum geben; jadgsin getan, ßlg^tn gelassen, jdbraxt 
gebracht, jdworn geworden, jajen gegangen, jalöpm gelaufen, jaJQ^tn 
gegossen; jlatn giessen, Jo^ Gott, jüat gut; jröt gross^ jrlpm greifen, 
jlöwn glauben. 

2) inlautend 

a) nach hellem Vokal zur stimmhaften palatalen Spirans: ejan 
eigen, wtjat wiegt. 

b) nach langem, dunklem Vokal zur stimmhaften gutturalen 
Spirans: dö'^n taugen, öy Auge, zäy Säge, rf^äja Tage; vergl. aiijust^ 
aujnst mit stimmhafter palatalcr Spirans; joxn 'jagen' hat stimml. 
gut. Spir. 

c) nach Konsonant zur stimmhaften palatalen Spirans: zorjan 
sorgen, jdzorjdt gesorgt, joborjat geborgt. 

d) vor t 

a) bei vorausgehendem hellen Vokal stimmlose palatale Spirans : 
J9krrj(t gekriegt. 

Niederdeutsches Jalirbuch XXXIII. 2 



IS 

ß) bei vorausgehendem dunklen Vokal zur stimmlosen gutturalen 
Spirans : jddöxt getaugt, döxt taugt. 

3) auslautend 

a) nach hellem Vokal zur stimmlosen palatalen Spirans: wq 
weg, ätlj^ Steig, ferif^ fertig, ledv/^ ledig, zimipi/ sumpfig, jüdri jüdisch. 

b) nach dunklem Vokal zur stimmlosen gutturalen Spirans: dax 
Tag, max mag ; — klü9k 'klug' hat k, doch ist hier klöks als Etymon 
anzusetzen. 

c) nach Konsonant zur stimmlosen palatalen Spirans : betj^ Berg. 
— Die Verbindung ng wird stets nk: mank zwischen. 

§ 58. In folgenden Beispielen, wo germ. Gemination vorliegt, 
wird gutturaler Verschlusslaut gesprochen in: mig9n Mücken, rigdn 
Rücken, rogdn Roggen; stimmhafte palatale Spirans aber in: lijdn 
liegen, tu lij9m zu liegen, lejan legen, zej9n sagen. — Meist aber ent- 
spricht in letzterem Wort dem germ. a -f- ^r -f- y ein ei: zeian sagen; 
ik zeid (auch Imperativ). Doch in der zweiten und dritten Pers. Sg. 
Präs., im Präteritum und dem Part. Perf., da kein j vorhanden war: 
du zest^ zet, ^dn^ J9zet. — Vergl. ;,kriegen^. krmn (Infinitiv), ik 
kreia^ du krest 'kriegst', jdkriyt gekriegt. 

§ 59. Germ, g, fällt zuweilen aus; stets intervokalisch nach 
germ. a, ä: wqhi Wagen, drq^n tragen, jddrqM getragen, drg^kip 
Tragekiepe, klgm klagen, jaklgiif geklagt, frg^n fragen, frgkda fragte, 
jdfrqM gefragt, ik frq^ frage, d^ä Tage; — men mögen, len 'legen' 
neben lejd^i, jdlet gelegt, let legt; J9len^ jeleM gelegen, flet fliegt; 
jdflön^ jdflödn geflogen. — gn> td in: rerdt {rqnt) regnet, rf ^aw. regnen. 



2. Harte Verschlusslaute. 

§ 60. Germ, p ist stets erhalten. 

1) Anlautend: paiw Pfanne, plikdn pflücken, pifjan, plepn 
pflügen; vergl. per9^ perd^ Pferde, plümd Pflaume, plümhemd Pflaumen- 
bäume, piTDdstdax Pfingsten, plastorn pflastern, plantn pflanzen. 

2) Inlautend 

a) intervokal: löpm laufen, jdlöpm gelaufen, kepm kaufen, fdr- 
kepm verkaufen, jrlpm greifen, jdälgäpm geschlafen, züpni saufen, 
äap9 Schafe, ,^pl Scheffel, hlpa Haufen, np9 reif; — dropa f. Tropfen; 
vergl. epl Apfel, eplböm Apfelbaum. 

b) nach ^, m: helpm helfen, iipjdhulpm aufgeholfen, ätampm 
stampfen, äimpm schimpfen, zumpi/^ sumpfig, ätrimpa Strümpfe. 

c) vor t: lept läuft, §lept schläft, jsrupt gerufen; aber stets: 
keft kauft, fdrkeft verkauft, jdkeft gekauft. 

3) Auslautend: top Topf, tepkdn Töpfchen, kop Kopf; up auf, 
rup (her-, hinauf), drup darauf; — rlp reif, knöp Knopf; — derp Dorf. 



19 



t. 



§ 61. Germ, t ist un verschoben. 

1) Anlautend: taksn Zacken, tm Zehe, tlt Zeit, tun Zaun, teln 
zählen, fdrteln erzählen, tu zu, türik zurück, tüzam zusammen; vergl. 
ütn Zitzen. 

o 

2) Inlautend: wQ)iUr Wasser, IqMn lassen, wetn wissen, üthetn 
'ausheissen = schelten', p^etn gesessen, jdmetn gemessen, tipjafretn 
aufgefressen, farjetn vergessen, ja.^metn^ J9ämeätn geschmissen, äfnUn 
schmeissen, 7m9tn müssen, Mn schiessen, jd^Mn geschossen, jt9tn 
giessen, pjqMn gegossen, jdälqMn geschlossen, ritn reissen; zldtd süss, 
jrötd grosse; — §ert$ Schürze, jretstd grösste, hetat-d beste, bitskdn 
bisschen; vergl. ätrgäta Strasse, plantn pflanzen; — zitn sitzen, zetn 
setzen, J9zet gesetzt; vgl. tun Zitzen. 

3) Auslautend: 

a) nach Vokal: het heiss, hl9t hiess, iQät lass; üt aus; — fat 
Fass, §pritsfat Giesskanne, nat nass, bit beisst, mut muss; det das, 
wat was, et es. 

b) nach Konsonant: holt Holz, molt Malz, ämolt Schmalz, zolt 
Salz, äwart schwarz; vergl. kort kurz. 

§ 62. Germ, t fällt ab in: nij^ nicht, is ist. — Es assimiliert 
sich vorausgehendem s in mes Mist, tu mesdno zu düngen. 

§ 63. t ist angefügt in : al eumit eben, feri'fp 'vorige'; auch in 
jdnuxt genug, wenn man durchaus Hochdeutsch sprechen will; für 
gewöhnlich sagt man aber jdnunk, Vergl. kufdvt Koff'er (= franz. 
coffre), 

k. 

§ 64. Germ, k bleibt stets; Beispiele seien nur für den Inlaut 
und Auslaut gegeben. 

1) Inlautend: mq^kdu machen, hrekdn brechen, rekdn reichen, 
rehern räuchern, eks Eiche, ekdln Eicheln, wekd weich (Adj.), zlkd siech, 
zldkdn suchen, bszldken besuchen, rökd7i rauchen, jahrgäkan gebrochen, 
brühn brauchen {J9brük9n\ kü9k9 Kuchen; Ä^rAr^n horchen; Diminutivum 
hn\ Bertk9n^ mekdn Mädchen, bitsk9n bisschen, miz9k9n Mäuschen, 
tepkdn Töpfchen; vergl. drg^ks Drache; — druk9n trocken, ämek9n 
schmecken, äik9n schicken, stek9n stecken. 

2) Auslautend: buk Bauch, dak Dach, ök auch; melk Milch. 

Anm. 1. In zix *sich' ist stets x* /e'' ^^X holn vor sich halten; ebenso in 
den Suffixen lieh, rieh: freiUx freilich, henilix heimlich, listrix lüstern. 

Anm. 2. k vor t wird zu x in dem Lehnwort marxt Markt; sonst aber 
bleibt k vor t: rekt reicht, brekt bricht, herki horcht, mokt macht; jdmokt gemacht, 
injdwekt eingeweicht. 

2* 



20 



3. Harte Spiranten. 

8. 

§ 65. Germ, s -f cons. wird anlautend stets zu ä -\- cons., 
sc > ä: äpq^rn sparen, ätampm stampfen, Mgsipm schlafen, ja^mh 
geschnitten, smolt Schmalz, äwm Schwein, sein schelten. 

§ 66. r + s -{- t > r.U: jerätd Gerste, tvo}\U Wurst, dorät Durst, 

derätdrij^ durstig, erHn {iräfn) ersten, m9rätd unterste; vergl. du 

äpQ^rät 'sparst' und die Aussprache der Eigennamen kersfn *Kersteu' 

und kerätän 'Kerstan'; — auch r -H s -H rf > r.^d: dunddrsdax 
Donnerstag. 

§ 67. Altes ^ -f- s hat sich erhalten in: metsar Messer {^mati-sahs). 

§ 68. s verbreitet sich zum stimmhaften seh in : herid Hirse, 
mQ^rid Hintere; vergl. denselben Laut in: jrüia Rasen, Gras. 

fh; 8. 

§ 69. Germ, th^ 8 ist zu d weiter gegangen und hat als solches 
dasselbe Schicksal wie germ. d; vergl. § 53, 54, 55 ütena'mr aus- 
einander, bab bald, wern werden, farwern 'verwerten' u. s. w. 

Anm. Germ. ^ wird zu t in: nö^tl Nadel. 

f. 

§ 70. Germ, f entspricht 

1) anlautend f: fQ^d^r Vater, fei Vieh, ful voll. 

2) inlautend stimmhafte labio-dentale Spirans : äwer aber; vergl 
hq^wdr Hafer; — fimwd fünf, elwd elf, tswelwd zwölf, wilwdkdn Wölfchen. 

3) auslautend f: wulf Wolf. 

Anm. / fällt meist in dern dürfen. 

h. 

§ 71. Germ, h ist 

1) im Anlaut vor Vokal erhalten; es wird deutlich gesprochen: 
hi^dd Heide, hern hören, herkt horcht, herwdst Herbst, hi^mr hinter 
(wohl unterschieden von iidar unter), hU9 heute, hüs Haus. — Erst 
einige Meilen weiter südlich beginnt ein Gebiet, in dem (infolge wen- 
dischen Einflusses) h anlautend fällt, z. B. er Herr, an Hahn, anderer- 
seits aber manchmal wieder gesprochen wird, wo es nicht hingehört, 
etwa: das heizn is eis das Eisen ist heiss. 

2) im Inlaut (intervokalisch) gefallen: tei» Zehe, zwn sehen, 
a7m9n ansehen, jazta^i gesehen, älg^n schlagen ; es erscheint als j in 
n§j9r näher. 



21 

3) im Auslaut als stimmlose palatale (oder nach dunklem Vokal 
gutturale) Spirans erhalten: zif sieh, zax sah, hlnax beinahe; es 
schwindet stets in: nq^ nach; nQiijalQlitn nachgelassen. 

§ 72. Germ, h assimiliert sich folgendem s: os9 Ochse, J9wasn 
gewachsen, et wast wächst. 

§ 73. h -\- t wird zu st in nist nichts. 



4. Sonore Konsonanten. 

w. 

§ 74. Germ, w erhält sich meist (als labio-dentale Spirans): 
iviiU Wolle. — Anlautend vor Konsonant, in der Verbindung kw in 
im, k^m *kam, kamen', inlautend in flrd 'vier' und den t^'a-Stämmen 
ist w gefallen. — Die Zahl der germ. w ist bedeutend vermehrt durch 
die aus germ. h und f entstandenen; vergl. § 50,2; 70,2. 

§ 75. Germ, j ist erhalten 

1) anlautend: jQ^ Jahr. 

2) inlautend: blujdu blühen, bhjan blühen, afj9bllj9t abgeblüht, 
bridp Brühe, pbrldjat gebrüht, inpbrejat eingebrüht, dr§j9n drehen,. 
umdrejdn umdrehen, anpdrejdt angedreht, m^jan mähen, mejar Mäher, 
mldjdn^ mmi mühen, nepn nähen, jan^jdt genäht, zejdti säen, 
jdzejdt gesät. — j ist zu i vokalisiert in koian^ keuan Kühe ; ferner in 
fdt'dreidt 'verdreht; nicht gescheit'; oder hier Analogiewirkung von 
dreia, dreian trocken, trocknen? 

Anm. Als Gleitelaut ist ^' eingeschoben in h'fj9n schrieen, jjsrfjan (neben 
plrfrij J9lrf,B.n) ^geschrieen', das sich zur stimmlosen palatalen Spirans im Auslaut 
verschärft: §r^x schrie. 

§ 76. Germ, j erhält grossen Zuwachs durch die aus germ. g 
entstandenen^'; vergl. § 57,1,2. 

l. 

§ 77. Germ, l ist fest; für Ausfall kann ich nur zwei Beispiele 
geben: as als, wie; as ik wie ich; di knjarna as mina doxtä Trau Krüger, 
meine Tochter nämlich . . .' ; wista, tvista dg^ rüt willst du da heraus. 






§ 78. Germ, r bleibt. — Was seine Aussprache anlangt, so 
ist es Zungen-r im Anlaut und Inlaut: randar heran, rindar herein, 
herkan horchen; intervokal verflüchtigt es sich manchmal wie im 
Berliner Dialekt: fi^n fahren, aber firat fährt; im Auslaut verschwindet 



22 

es nach ^ä eigentlich stets ganz: jQ)k Jahr, uQ)k wahr, war; vergl. pq^ 
paar; nach anderen Vokalen wird es schärfer gesprochen: Afr her; 
die Endung er wird häufig zu kurzem a : rewä herüber, doxtä Tochter, 
hg^u% Hafer; meist aber 9r mit urgiertem r, z. B. : raf9r herab, Walidr. 

m. 
§ 79. Germ, m fällt in fufsi-j^ fünfzig; aber ^//^^^?a 'fünf mit w. 

n, 

§ 80. Germ, n fällt meist in : mekds 'Mädchen' (PL), jii'ms Jungen; 
die Formen mit n kommen daneben vor. — n ist eingefügt in jdtmnk 
genug. — n ist nicht wie nhd. eingefügt in : {zus) ziist sonst. — Stets 
heisst es uns, unza mit Erhaltung des n. 



III. Einzelne Bemerkaugen znr Lautlehre, Flexion und Wortbildung. 

1. Zur Lautlehre. 

§ 81. In Mittelsilben, Ableitungssilben und der Kompositionsfage 
ist häufig ein d zu hören, das altem Vokal entspricht: llawdstn liebsten; 
— mddst Angst, he^aast Hengst, henvast Herbst; vergl. pimstdax 
Pfingsten; — bedasteb Bettstelle, micbwox^ Mittwoch, unwstendd 
Umstände. 

§ 82. Die Endung en. 

1) Das e in der Endung en schwindet 

a) nach t, rf, /, r stets; das n ist silbenbildend: wetn wissen, 
hMn heissen, fretn fressen, metri messen, hltn beissen, jidtn giessen, 
midtn müssen, Iq^tn lassen, fgvitn fassen; plantn pflanzen, jdzoltn 
gesalzen, kostn kosten, mestn meisten, statu schiessen, titn Zitzen, zitn 
sitzen, zetn setzen, snldn schneiden, lldn leiden; — zeln sollen, sein 
schelten, jeln gelten, holn halten, fardq^ln verirren, mq^ln mahlen, 
wiln wollen, teln zählen; anhern anheben, ernern ernähren, erfg^rn 
erfahren. 

b) nach 6, p ebenfalls; n wird zu w: hebm haben, slq^prn 
schlafen, kepm kaufen, jripm greifen, dripm triefen, löpm laufen, 
krüpm kriechen, züpm saufen; helpm helfen, ätampm stampfen, 
.^umpm schaukeln. 

c) nach stammauslautendem /«, n geht en in Längung desselben 
auf: tuzam zusammen, men meinen, tven weinen, nem nehmen, m9m 

o 1 o /o 7^o 70 

nennen, farziam versäumen, jakg^m gekommen, jangäm genommen, 
dün Daunen, jawun gewonnen, janm geronnen. 

2) In allen anderen Fällen wird häufig auch deutlich an gesprochen. 
Neben hllivn bleiben, jlöwn glauben u. s. w. oft bliivan, jlöwan, döi^dn 
taugen, joxan jagen ; dr^jan drehen, mejan mähen, nejan nähen, jdärejdn 
geschrieen, zorjan sorgen; — besonders nach kurzem Vokal H- g, A-, n: 



23 

hahdn hacken, takdn Zacken, trekdn ziehen, ämekdn schmecken, plikan 
pflücken, rigan Rücken, sik9n schicken, migan Mücken, rogan Roggen, 
drukan trocken, kerkan horchen; hizakan H«äuschen, mlzakan Mäuschen; 
hiidan binden, jahutaan gebunden, firaan finden, jafuraan gefunden ; aber 
auch nach langem Vokal: mgäkan machen, mekan Mädchen, rikon 
reichen, brekan brechen, r^raan regnen, zlakan suchen, rökan rauchen, 
brükan brauchen. 

§ 83. Das End-^. 

Bei vielen Worten ist am Ende ein a zu hören, das in den 
meisten Fällen historisch wohl berechtigt ist. 

1) Bei Substantiven: 

a) auf el: epah Äpfel, ferkdla Ferkel, mandala Mandel(n), pikab 
Küken, zem^la Semmel(n). 

b) Plurale auf er: hlakara Bücher, hledara Blätter, brladara 
Brüder, eiara Eier, fqdara Väter, hlandra Hühner, kiraara Kinder, 
mladara Mieter, slejtara Schlächter, dgäldra Taler. 

c) Sonstige Beispiele: bäm Bahn, banka Bank, beda Bett, bedastela 
Bettstelle, botara Butter, fratia Frau, tvitfraua Witwe, jaziyta Gesicht, 
hera Herr, lädutaa Ladung, menmaa Meinung, mid^woxa Mittwoch, 
morjana Morgen, miizlka Musik, öra Ohr, zoldqMa Soldat. 

2) Bei Adjektiven: dlra teuer, drlsta dreist, klena klein, küala 
kühl, nia neu, ripa reif, äena schön, zika siech, zlata süss, äp^da spät, 
tufrldana zufrieden, ßla viel. 

3) Bei Zahlwörtern: ftra^ fimwa^ zeksa^ axta^ neina^ tsene^ elwa^ 
tswelwa, 

4) Bei Adverbien: alena allein, bala bald, dena dann, denn, druma 
darum, drupa darauf, ejana eigen, h'mana hinten, hlta heute, iTaana 
unten, itaana un obana unten und oben, ofta oft, mta heraus, sena 
schön, zera sehr, ture/ta zurecht, ivariuna warum. 

5) Bei Pronomen, Konjunktion, Präposition: ika ich, deta das 
{wer is den deta)^ wema wem, fon wqma von wem; — deta dass, öka 
auch; — tüa zu, uma um. 

§ 84. Dehnung von alten Kürzen tritt ein: 

1) Meist in oflener Silbe: fqMn faffen, IqMn laden, metn melTen, 
fdrjetn vergessen, brekan brechen, jasmetn geschmissen, kq^rn 'kommen' ; 
aber in geschlossener Silbe jef gib, jeft gibt; vergl. spei Spiel, §7nal 
schmal. 

2) Vor r -h cons.: JQ^rn Garten, wöär(da)n warten; jerna gern, 
uert wert, frcfo Erde; wört Wort, ort Ort; vergl. perd Pferd. 

Anm. 1. In einigen Worten vor gewissen Konsonanten bleibt in ursprüng- 
lich offener Silbe die Kürze; z. B. : w€d^r wieder, n€d9r nieder, ledix ledig, bodn 
Boden, sudarn schaudern; — ieln zählen, f artein erzählen, fib viel, jdstoln ge- 
stohlen; — honix Honig; — Joxn jagen. 

Anm. 2. Vergl. die Länge in den Lehnworten : jrfnsa Grenze, gän^a Schanze. 



24 

§ 85. Kürzung von alten Längen findet statt: 

1) In der 2. 3. Pers. Sg. Präs.: weist weisst, tvet weiss; vergl. 
§ 89, 2b. 

2) Im Partizip Perf. der schwachen Verben; vergl. § 90, 2b. 

3) Im Imperativ zuweilen: lot lass. 

4) Im Komparativ: jret^r grösser, brethr breiter, klend9r kleiner; 
aber widbr weiter, li^icdr lieber. — jretsts grösste. 

5) Auch sonst vor Doppelkonsonanz: e/is einst, einmal; detjdliyp 

Geleuchte. 

A n m. Die Länge bleibt — abweichend vom Hd. — in /üe/^r Futter, füddrn 
'füttern. 

§ 86. Einfluss des Hochdeutschen. 

Im Gespräch mit Fremden suchen mitunter Leute, die sonst 
unter sich stets Niederdeutsch sprechen, so gut es geht, Hochdeutsch 
zu reden; sie bringen vereinzelt ganz oder teilweis hd. Wörter in 
ihre Rede hinein. Man hört also neben ganz hd. Formen wie fleißig, 
Pflaume, weiße; — bauen, dauern, Feuer, freuen, holen; — Achse, 
Sachen — da man nicht immer so glücklich ist, den Lautstand ganz 
hd. zu trefi'en — solche, die Mischung von hd. und nd. Vokalismus 
und Konsonantismus zeigen, wie z. B.: afwlsn abweissen, hoxtsit 
Hochzeit, tswern Zwirn; — stüwd Stube, j9storwd7i gestorben, rejmn 
regnen. — Doch wie gesagt, wenn sie unter sich sind oder sich ver- 
gessen, sagen sie wieder: pliana, statin, tlt, psturwdn, reiaan. 

§ 87. Einfluss des Berliner Dialektes. 

Einige Worte nun, die diese im vorigen Paragraphen erwähnte 
Mischung von Hd. und Nd. zeigen, sind keine willkürliche Konzession 
an den Fremden; sie sind auch im Verkehr der Einwohner unter 
sich — besonders bei der jüngeren Generation — recht oft zu hören 
und sind wohl auf den Einfluss des Berliner Dialektes zurückzuführen. 
Es handelt sich besonders um Worte wie: köfn kaufen, ßrköfn^ 
ik wes weiss, tsw^ zwei, tsu'et9 zweite, öx auch. Demnächst kommen 
— aber verhältnismässig selten — Wortformen vor wie: druf drauf, 
löfn laufen, jlöhm glauben, dtvktp trocken, tswelwd zwölf, et hest heisst. 

2. Zur Konjugation. 

§ 88. Der flektierte Infinitiv ist noch erhalten: tu düan^ zutun, 
tu fl'mna zu finden, tu jewdtid zu geben, tu kostsm^ tu lijans zu liegen, 
tu mesdnd zu düngen, tu slgam zu schlagen. 

§ 89. Die 3. Pers Sing, Präs. 

1) Das e der Endung ist bei langem Stamm meist vorhanden: 
bhwat bleibt, ftr9t fährt, äriia^t schreibt; zorJ9t sorgt, sterivdt stirbt; 
aber brükt braucht, rekt reicht. 

2) In Bezug auf Quantität. 

a) Alte Kürze bleibt: brekt 'bricht' zu brek0n\ fret 'frisst' zu 
fretn\ jeft 'gibt' zu jeum\ mokt 'macht' zu /w^äton; — doch Länge in 
kg}imt kommt. 



25 

b) Alte Längen werden häufig gekürzt: bit *beisst' zu bitn^ het 
'heisst' zu hetn^ lept 'läuft' zu löpm\ rupt ruft; slept schläft; smit 
schmeisst; keft kauft; farkeft verkauft; — vergl. wet weiss, miU muss. 
— Beispiele für Länge: blitc^t, brükty flr^t fährt, .^nudt schreibt, 
IqU lässt, rekt reicht. 

3) In Bezug auf Qualität. 

a) Es findet sich meist kein Umlaut: fall fällt, pfalt gefällt, 
holt hält, IqM lässt, wast wächst, löpt läuft. — Beispiele für Umlaut: 
lept läuft, slept schläft. 

b) Es tritt kein Wechsel von e und * im Präsensstamm ein: 
hrekt bricht, fret frisst, jeft gibt, helpt hilft, steruvt stirbt, wert wird. 

§ 90. Das Partizip. Perf. 

1) Das e ist bei schwachen Verben meist erhalten: phlipt ge- 
blüht, ßborßt geborgt, J9c/rept gedreht, pfivdt gefahren, jdlewdt 
gelebt, plerdt gelernt, gelehrt, pnejdt genäht, pphpt gepflügt, pz^J9t 
gesät, jdse/dt gescheucht, ptöbat getobt; mit Ausfall: afjswist ab- 
geweisst, J9erbet gearbeitet, pflüdxt geflucht. 

2) Bei schwachen Partizipien findet Kürzung statt 

a) von neuen Dehnungen: afphlot abgeblättert, phot gebadet, 
pfot gefasst, j'dot geladen, ßmokt gemacht, J9ret geredet, propt 
gerafft. 

b) von alten Längen: jMut geblutet, phrot gebraten, phit 
gehütet, pkeft gekauft, forkeft verkauft, ruimrplet herumgeleitet, 
geführt, prupt gerufen, pset geschieden, utpzikt ausgesucht, fdrzikt 
versucht; aber ivpwekt eingeweicht u. a. mit Länge. 

Anm. WeDQ r/, h ausgefallen ist, bleibt die Dehnung und Länge stets: 
pdroU getragen, J9Jrqi,t gegraben, bpjrög^t begraben, pklösit geklagt; — j^frqkt 
gefragt. 

3) Rückumlaut ist nicht eingetreten: het b-Aent bekannt, jdrent 
gerannt. 

4) Das Präfix ge fällt zuweilen bei den Präterito-Präsentien 
und wollen: het kint gekonnt, mist gemusst, miyt gemocht, ivolt ge- 
wollt: zei het niy wolt Jen sie hat nicht gehen wollen. 

5) Viele starke Verben gehen schon nach der schwachen 
Konjugation: jdbäkt gebacken, pbrot gebraten, pdrQXü getragen, 
hdjrqM begraben, J9Jrgät gegraben, J9lot geladen, J9nipt gerufen, J9set 
geschieden, J9wast gewaschen; vergl. pwist gewiesen. 

6) Es wird stets mit ^haben*' konstruiert: het pbletrn ist ge- 
blieben, hebmpflrt gefahren, hetpjen gegangen, hetJ9kQX\m gekommen, 
hat jdrent gerannt, het umJ9faln umgefallen, het psturivn gestorben, 
het upJ9sten aufgestanden, huih J9irasn gewachsen, döä hebm Z9 
feint J9tvorn sind sie Feinde geworden. 

8 91. Die Präterito-Präsentia. 

L 1. w?e^w wissen. Sg. : ik fret; wetst, weist; wet, wet; PL: wetn, 
Prät: icist9. Partiz. Prät.: puist. 

IL 2. rföj» taugen. 3. Pers. Sg. Präs.: (/oj:^. Partiz. Prät. : i^rföa:!^. 



26 

III. 3. kin, ken, kg&n können. Sg.: kan. PJ.: kin, ken. Präi: 
kincb. Partiz. Perf.: (p)kint. 

4. dern dürfen. Sg.: derf, PI.: dern. 

IV. 5. zeln sollen. Sg. : zal, zel, ziL PL: zeln, Prät.: zebj 
zelda; zih, zilda. 

V. 6. men mögen. Sg.: max. PL: imn, Prät.: mi/ts. Partiz. 
Prät.: miyt. 

VI. 7. mlatn müssen. Sg.: mut, PL: mzatn. Prät.: mustSj mkU, 
Part. Prät.: misL 

§ 92. haben. 

Inf.: hebm. Sg.: heba, hest, het. PL: hebm. Prät.: had9. 
Partiz. Prät. : jahat. 

§ 93. sein. 

Inf.: zin. 3. Pers. Sg. Präs.: is. PL: zin. Prät.: wgä; wg^rn. 
Partiz. Prät.: jdwesL 

§ 94. tun. 

Inf.: düdfi. 3. Pers. Sg. Präs.: diidt, PL: düdn. Partiz. 
Prät.: pdqi^n. 

§ 95. gehen und stehen. 

a) Inf.: jen. Prät.: junk, jmodn. Partiz. Prät.: J9Jen. het 
drupjajen; het henjajen ist hingegangen. 

b) Inf.: sten. Partiz. Perf : y^^^^e/?. het upjdsten, zei het et jdsten 
sie hat es gestanden, jei hebm mei wol niy faräten ihr habt mich 
wohl nicht verstanden. 

§ 96. wollen. 

Inf.: wiln. PL Präs.: triln, Prät.: wolda, ivoldn. Partiz. 

o o / o 

Prät.: wolt. 

3. Zur Deklination. 

§ 97. Manche Substantive auf en können den Plural auf ens 
bilden: tnqkd(n)s Mädchen, ju7da(n)s Jungen, frauans Frauen. 

4. Zur Wortbildung. 

§ 98. Adverbienbildungen auf er sind recht häufig: der/or 
durch, dnipar drauf, rafar herab, hinab, randar heran, rindar herein, 
hinein, rumar herum, rupar herauf, hinauf, rütar hinaus, heraus. 

§ 99. Frauen werden bezeichnet durch Anfügung der Endung 
na oder äa an den Familiennamen. 

1) na: di sulsana Frau Schulze, di tresparna Frau T., ob 
menkana die alte Frau M.; vergl. mtm ^wqjarna meine Schwägerin, 
di slesarna die Frau des Schlossers. 

2) sa : di räzamansa Frau Ragemann, di ätäbarösa Frau Staberow. 
— Letztere Bildung, wie mir scheint, bei Personen von weniger hohem 
Ansehen oder mit denen man nicht auf gutem Fusse steht. 

BERLIN. Max Siewert. 



27 



Die Mundart von Warthe 

(Uckermark). 

Obwohl nicht Uckermärker, habe ich es unternommen, hier 
einen kleinen Ausschnitt aus der Sprache dieses brandenburgischen 
Gebietes zu geben. Die Schwierigkeiten, die eine fremde Mundart für 
das Verständnis bereitet, sind oft beträchtlich, und wenn der Ein- 
geborene auch bisweilen in der Lage sein wird, einen Ausdruck nicht 
in seiner Abstammung aufklären zu können, seine Bedeutung kann 
er jedenfalls mit mehr oder weniger Worten umschreibend angeben. 
Diese Fähigkeit fehlt dem Fremden ; und dem Verfasser ist es einmal 
wenigstens so gegangen, dass ihm ein Wort völlig unklar geblieben 
ist. Dennoch kann mit Zuversicht behauptet werden, dass unter 
diesem natürlichen Mangel nicht auch die Verlässlichkeit auf das 
gebotene Material leidet. Was ich gehört habe, hab ich nieder- 
geschrieben. Selbst scheinbare Widersprüche hab ich nicht gescheut. 
So ist z. B. die Natur eines auslautenden, ursprünglich stimmhaften 
Konsonanten ungemein schwer zu bestimmen. Manchmal vernahm 
ich deutlichen Stimmton, dann schrieb ich kez Käse, ein ander Mal 
ebenso genau scharfen, tonlosen Ausgang, z. B. bei hlQx blau, het 
Hede. Wenn man diesen Gegensätzen in einer Darstellung begegnete 
oder solche Schreibungen in einer mundartlichen Probe anträfe, so 
könnte man mit gutem Grund das in der Mitte Liegende als das 
Richtige ansehn. Das ist in diesem Falle die tonlose Lcnis : v', d', g', 
(y'), z\ Diesen lautlichen Erzeugnissen wird ohne Zweifel auch der 
uckermärkische Dialekt in Wahrheit zustreben und diesen Zustand 
bei der Mehrzahl der Eingeborenen bereits erreicht haben. Nur war 
es für mich recht lehrreich zu bemerken, wie wenig selbst beim 
Individuum Spracherscheinungen fest sind Meistens hab ich nun die 
tonlose Lenis geschrieben, sie aber ganz durchzuführen, hab ich im 
Interesse der Wahrheit für nicht geboten gehalten. 

Dargestellt werden im folgenden die uckermärkischen Vokale, 
wie sie im Dorfe Warthe bei Templin gesprochen werden. Eine 
kurze Übersicht der hauptsächlichsten Erscheinungen im Konsonantismus 
schliesst sich ergänzend an. Frau Hucke aus Berlin, die eine geborene 
Uckermärkerin ist und jedes Jahr längere Zeit in ihrer Heimat weilt, 
ist meine Berichterstatterin gewesen. Die Art, in der das Material 
geboten wird, wird man leicht auf Holthausen zurückführen können. 
Es liegt dem Verfasser daran, Bequemlichkeit für den späteren Benutzer 
zu erzielen; und diese wird am ehesten erreicht, wenn man sich an 
etwas Anerkanntes und Bekanntes anfchliesst. Allerdings geht die 
Nachfolge nicht soweit, auch die phonetische Umschreibung der er- 
wähnten Soester Grammatik anzunehmen. Aber auch hier wäre es 



28 

wahrlich an der Zeit, von eigenen Versuchen und Neuerungen ab- 
zusehen, wenn etwas Gutes vorhanden wäre. Es dürfte nicht verfehlt 
sein, schon jetzt zwei Forderungen auszusprechen, die jener erwarteten 
Lautschrift eigen sein müssen: leichtere Lesbarkeit auch für den 
Laien und infolgedessen Anschluss an bereits allgemein gebrauchte 
Zeichen. Dass dabei eine gewisse Beweglichkeit in der Wiedergabe 
der Diphthonge, der Lenes und P'ortes gewahrt sein muss, ergibt 
sich aus den in den deutschen ftfundarten vorhandenen Sprach- 
elementen. Für diese Arbeit ist nach Rücksprache mit dem Heraus- 
geber des niederdeutschen Jahrbuches, der die leitenden Gedanken 
festlegte, eine Umschrift auf folgender Grundlage gewählt worden: 
L Die kurzen offnen Vokale erhalten, weil sie das Gewöhnliche 
sind, kein besonderes Zeichen: i, e, o, ö, «/, iL 

2. Die kurzen geschlossenen Vokale weiden mit einem Punkt 
unter der Linie versehen: ?, f, o, ö, n, n 

3. Die langen geschlossenen Vokale, die im Nhd. die Regel 
bilden, erhalten kein unterscheidendes Abzeichen: ?, e, ö, o, ä, S. 

4. Die langen offnen Vokale bekommen einen nach links offnen 
Haken unter der Linie: e, 9, p. 

Die Unterscheidung eines palatogutturalen a und eines mehr 
gutturalen und volleren .1, das besonders für den aus gedecktem e 
{-en, -er) entstandenen Laut Verwendung findet,- erscheint geboten. 

Im Konsonantensystem ist bereits eine grössere Eiuhelligkeit 
vorhanden. Zu erwähnen bleibt für diese Arbeit nur der Apostroph 
neben explosiven und spirantischen Lauten zur Bezeichnung der ton- 
losen Lenis und das Zeichen d' für die postdentale Spirans mit redu- 
zierter Reibung. 

Übersicht über die uckerm. Laute. 

A. Vokale. 

Vordere Vokale Hintere Vokale 

a a 



un 



j . f offen t e e (a) 

gerundet { , , _ _ ^ ^ ^ 

° \ geschlossen t e 

j . f offen 
gerundet ( ^^^^j^, 



u p u o g 

lossen ü o ü ö 

Dazu kommen als mittlere Vokale die überkurzen 9 und .^. An 
Diphthongen sind vorhanden ai, au und oiL 

B. Konsonanten. 

Zu bemerken ist, dass die anlautenden />, t, k aspiriert ge- 
sprochen werden. Hinter anlautendem ^, A:, s ist der w-Laut labio- 
dental, demnach mit v zu bezeichnen, r wird mit der Zungenspitze 
artikuliert; auch in der Endung -er^ ist es im allgemeinen noch 
deutlich als Zitterlaut zu hören, d' dient zur Bezeichnung für den 
aus dem intervokalischen d entstandenen Laut, der sich in den be- 
nachbarten Mundarten (Prignitz, Meklenburg) stellenweise zu r ent- 
wickelt hat. Dieser ist ein postdentaler Spirant mit reduziertem 
Reibungsgeräusch. Die Gaumenspiranten bezeichne ich miij\ y und 7, x. 



29 



A. Vokalismus. 
I. EotwiekloDg ohne kousonantisehen Einflass. 

la. Kurze Vokale. 

Mnd. a. 

§ 1. > a. 

dax Tag, glas Glas, flas Flachs, gras Gras, lam Lamm, dak 
Dach, knast m., takid m. Zweig, naxt Nacht, inat Metze, kat Katze, 
graf Grab, traa^t^r Trichter (mlat. Hractanus), rat Rad, halftdr Halfter, 
Mrarak Strang, hak{9)but Kücken (cf. nmk. hakdhakd f.), jaxt Jagd, 
jaxtn jagen, axl Granne, Ährenspitze (daneben mit unurspriinglichem 
gehauchten Anlaut haxl)^ hast Hasel, pats anklebender Schmutz, gnats 
Hautausschlag; ämal schmal (Komp. ämabr)^ fiat nass, äpak trocken, 
durchlässig (von einem Holzgefäss), lardk lang, ahrhest allerbeste; fan 
(und fmi) von ; dat das ; zal soll, zast sollst, tmsn wachsen, kam kam (da- 
neben kem^ cf. § 29), kfadarn schlecht sprechen, undeutlich reden (im 
lautmalenden Ablaut zu as. ^quidirön = mnd. köderen^ Berl. kt'adJn)^ 
har hatte; kantn Stück Brot, besonders ein Ende (nmk. kaut n.), hambut 
Hagebutte (< fiagenbutte, nmk. hmbutd und hav9but9)\ papl Pappel 
(anders Soest pöpl^ nmk. j^qp/)- 

Mnd. e. 

§ 2. < as. e oder /-Umlaut von a > e. 

hei Hölle, Platz hinter dem Ofen, jer/tdr Jäger, kreis Krätze, el 
Elle; heU höllisch, stark, sehr; smekrd schmecken, telln zählen, §elln 
schälen, zegid sagen, keinm kämmen, sepin schöpfen; net Netz, flesn 
von Flachs, eksm Eicheln. 

kam.', e '\- n > in\ hin Henne (mnd. henney hinne, cf. nhd. bringen: afrs. 
branga^ as. brengian und hringan\ hiiast Hengst. 

Mnd. e. 

§ 3. < as. e > e. 

fei Fell, knejt Knecht, feit Feld, vey^ Weg, weg, ,<pek Speck, drek 
Dreck, drekolt (< drekkolt) unfreundlich kalt, auch feuchtkalt, felj 
Felge; lek leck, rerft recht; helpm helfen, fler/Jn flechten, anfrekrj (p.p, 
antrekt) anziehen 

A n m : e + Nas. > t wie meist schon mnd. : stim Stimme, h'mp Schimpf. 

§ 4. Infolge Palatalisierung durch ein vorhergehendes j > i: 
jist9rn gestern, jistdrngmt gestern Abend. 

§ 5. Durch Rundung > ö: zös sechs. 

Mnd. L 
§ 6. > i. 

fis Fisch, riV Rippe, vilt Wild, wild, tit Zitze, sip Schiflf (danach 
ohne Tonlängung äipar Schiflfer), himl Himmel, bilt Bild, Hr Geschirr, 



30 

Zugzeug am Wagen (auch das aus Holz); ik ich; mindrjpri-^ minder- 
jährig, minsrst mindeste (als Pos. behandelter Komp.!); ligra liegen, 
zitn sitzen, zifcn^ singen; kidalr^ kitzlich (mit merkwürdiger Erweichung 
des t vor l zu d)\ hibar Ziege (wie böla § 41 A. 2 aufzufassen?), 
stipm eintauchen, Mip Tunke (ähnlich Börssum stipdlsd n. Sauce), 
tvisn zwischen, hibdrn stark beben, zittern. 

§ 7. Durch Ausgleich mit dem tl.^^ in den zweisilbigen Formen 
entwickelt sich e (mnd. spil: gen. speles): spei Spiel, s7net Schmied, 
met mit, bet bis, bisschen, ein ihm. 

§ 8. Brechung des i zu e erfolgt vor Nas. -}- Kons., l + Kons. 
und ursprünglichem hs. 

vetdkrd winken, ävemm schwimmen; melk Milch, mes Mist, mesn 
düngen, misten. 

Mnd. 0, 

§ 9. > 0. 

rogtd Roggen, kop Kopf, pot Topf, os Ochse, fos Fuchs; Fuchs- 
pferd; Eigenname, golt Gold, ätof Staub; vol wohl, hol un bol hohl 
und zugleich dumpf hallend; trox Trog, lionirok Honig (ebenso nmk.), 
frost Frost, polk halberwachsenes Schwein, fros (nur) Laubfrosch, sonst 
pad'-^ od''9r oder; ^o/^^r^ poltern, tnol Mulde, inolmüs Maulwurf, mos 
Moos, ämoS'dr Streber; klopm klopfen; lod'm-/^ lotterig. 

§ 10. as. ald^ alt > mnd. old, olt > o. 

kolt kalt, olt alt, flektiert o/, ols Alte m. f., smolt Schmalz, molt 
Malz, zolt Salz; holln halten. 

Ausnahme: bal bald (cf. nmk. bah), 

Mnd. ö. 

§ 11. as. i-Umlaut von o > ö. 

stökdr Stöcke, rök Röcke, pöt Töpfe, döjtdr Töchter, köstdr Küster, 
frö§ Frösche, aiistköst Erntefest, äötl Schüssel (< lat. scutella)^ fölln 
Füllen 

Anm. : möl Mühle entspricht dem im östlichen Mnd. nicht seltenen möUe 
(aus den flektierten Kasus, z. B. malen > *mölln)\ regelrecht ist möhr Müller. 

§ 12. Öhr älter, Alter, köhr kälter, öhrn Eltern. 

Mnd. u, 

§ 13. < as. w > ti, 

drupm Tropfen (sg.), puls 1) Puls, 2) Glockenschlag, duzl dummer 
Mensch, vul Wolle, vidf Wolf, "pul Pulle (< lat. arnpulla), buä Wald 
(selten dafür haid)^ tun Tonne, zun Sonne, tun Zunge, kum Krippe*, 
Futtertrog (mhd. kumph)^ hus 1) Schauer, 2) Weile {t huät es regnet), 
buxt Verschlag, dun9r Donner, knubl Anschwellung; ju79k jung, ätum 
stumm, krum krumm, dum dumm, ful voll, ruäliy^ unruhig, zapplig, dul 
toll, mt^/^ überreif und weich, tuntlr/^ zärtlich, verzärtelt; un und; muzln 
schwach sprühend regnen; svumm geschwommen, hulpm geholfen. 



31 

jidln gegolten, an.§vulln angeschwollen. Die drei letzten part. haben 
u erst nach der as. Periode entwickelt. 

§ 14. > 0. 

tjo79 Junge als Anruf. Die Senkung des u > o erklärt sich aus 
der starken Exspiration, desgleichen die anlautende Konsonanz. 

A n m. 1 : hrost Brust hat nachträglich wieder r angenommen, ursprünglich 
*borst > *bost'^ cf. vost Wurst. 

2 : Infolge späterer Kürzung der Tonlängung zeigen o statt ö : zomar Sommer, 
bot^r Butter; cf. kom9r Kammer (§ 98). 

Nhd. ist from fromm. 

Mnd. iL 

§ 15. < as. u mit folgendem i > iL 

hüt kleiner Eimer, Bütte, pütn Pfütze, mül Müll (Asche, Staub), 
M/ Kälte, mük^ pl. mügTO Mücke, hilft Hüfte, hüäkr9 dim. zu hu.^; rilgta 
von Roggen, biiksn pl. Hosen, ätülp Stürze, Um um, räm herum, zülfsf 
selbst (as. self^ mnd. siilf), zülhdr Silber (mnd. sülver)^ nül munter, 
lebhaft (von Kindern, cf. Strodtmann p. 259 vernül Verstand, Begriff). 

Anm. : Die indic, opt. der praeteritopraesentia, die im Mnd. erst zum Teil 
u (ü) zeigen, hahen ü grösstenteils durchgeführt : müy^^t mochte, möchte, müst musste, 
müsste, kün konnte, könnte; ebenso vür wurde, würde, zill sollte; vüst wusste, 
wüsste ; danach miit muss (statt *möt). 

b. Tonlange Vokale. 

Tl. a. 

§ 16. Mnd. tl. a, d. h. a in offener betonter Silbe, dem eine 
unbetonte ursprünglich folgte, > 9*). 

dg^( Tage, zg-^ Säge, drg-^ Trage, »w^y Magen, vQgtD Wagen, hgv9r 
Hafer, grqbm Graben, graben, nQ^(l (uQgl) Nagel, spQ