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Full text of "Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung"

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Jahrbuch 



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des 



Vereins für niederdentsche SpracMorschnng. 



Jahrgang 1888. 



XIV. 



n!) 
HORDEH nnd LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1889. 



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JÜN 17 Ui.-n; 

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Dmok Yon Diedr. Soltau in Norden. 



Inhalt. 



8eit0 

KoUenhagens Froschmeaseler and die protestantische Glosse zum Reinke Yos. 

Von Herrn. Brandes 1 

Der Jesusknabe in der Schule. Bruchstück eines niederrheinischen Schau- 
spiels. Von Joh. Bolte 4 

Weiteres über Dialekt- und Gaugrenzen. Von Heinr. Babucke. . . . 9 
Die Dialektmischung im Magdeburgischen Gebiete. (Mit Karte.) Von Rieh. 

Löwe 14 

Einleitung 14 

Geschichte der Sprache Magdeburgs 15 

Geschichte der Sprache des Magdeburger Landes 22 

Abstufung des hochdeutschen Einflusses 24 

Das Hochdeutsch im Magdeburger Lande 35 

Jüngere Beeinflussungen durch das Mitteldeutsche 44 

Beeinflussungen der kleinen Städte durch Magdeburg 46 

Abstufungen der Lokaldialekte nach Ständen 50 

Mundart des Dorfes Fahrenkrug in Holstein. Von H. Jellinghaus. . . 53 

Syderak. Von H. Jellinghaus 59 

Werdener Liederbuch. Von FranzJostes 60 

Die Weinprobe. Aus einem alten Revaler Liederbuche. Von Joh. Bolte. 90 

Zur Geschichte der Leberreime. Von Her m. Brandes 92 

Zur Geschichte der Leberreime. Von L. H. Fischer 95 

Niederdeutsche Rechenbücher. Von W. Crecelius 98 

Die Vogelsprachen (Vogelparlamente) der mittelalterlichen Litteratur. Von 

W. Seelmann 101 

Niederdeutsche Vogelsprache. (Aus einer Stockholmer Handschrift.) . 126 

Niederdeutsche Vogelsprache. (Aus einem Wiegendrucke.) .... 138 

Hochdeutsche Vogelsprache. (Aus einer Wiener Handschrift.) . . . 146 

Zum Sündenfall. Von Rob. Sprenger 148 

Zu Meister Stephans Schachbuch. Von Rob. Sprenger. 153 

Zum Amringisch-föhringischen. Von 0. Bremer 155 

Anzeige (Niederländische geistliche Lieder, herausgegeben von W. Bäumker). 

Von G. Kalff 158 



RoUenhagens Frosehmeuseler und 
die protestantische Glosse zum Reinke Vos. 



Goedeke hat S. XXXIX seiner Ausgabe von RoUenhagens Froseh- 
meuseler bemerkt, dass Manches in der Dichtung den Eindruck er- 
wecke, als ob es aus dem Volksmunde geschöpft sei, dass man diese 
Abschnitte aber dennoch als des Dichters Eigentum anerkennen müsse, 
der es trefflich verstanden habe, ;,den Gedanken in treffende schlagende 
Worte zu kleiden'^. Dieser Ansicht Goedekes ist Seelmann in seinem 
in der Allgemeinen Deutschen Biographie veröffentlichten Artikel über 
Georg Rollenhagen entgegengetreten, mit allem Rechte, da für jeden 
Kenner der mittelalterlichen Spi-uchpoesie die Unrichtigkeit der Be- 
hauptung Goedekes hinsichtlich des ßesitzrechts RoUenhagens an den 
meisten der in den Frosehmeuseler verpflochtenen Sprüche auf der 
Hand liegt. RoUenhagens Verdienst an dem Spruchreichtum seines 
Werkes besteht allein darin, dass er es nicht verschmäht hat, edles 
Gestein zu brechen, wo er es fand; selbst Fassung und Form rühren 
nur in einzelnen Fällen von ihm her. Eine reiche Fundgrube bot ihm 
wie anderen seiner Zeitgenossen die protestantische Glosse zum Reinke. 
Er schreibt die Glosse wörtlich aus, mit allen ihren kleinen Zuthaten 
und Veränderungen am Wortlaut, der beste Beweis, dass er ebenso 
wenig auf die Quellen, aus denen der Glossator schöpfte, zurück- 
gegangen ist wie der Compilator des Reimbüchleins, der ihr, wie ich 
in der Einleitung zu meiner demnächst erscheinenden Ausgabe der 
Glosse ausführlicher darlegen werde, einen nicht kleinen Teil seiner 
Sammlung entlehnte. 

Goedeke hat gleichsam als Belege seiner Ansicht mehrere Sprüche 
besonders herausgehoben. Gleich den ersten Spruch dieser Auswahl 
Froschm. I, 1, 9 (= Goed. S. 51 V. 287—288), der aus dem Freid. 
(61, 21—22) stammt: 

Gnüge ist besser denn zuuiel, 
Wenn mans nur recht bedencken wü. 

findet man in der protestantischen Glosse zum RV als Randglosse zu 

I, 8 wieder: 

GenSghe ys beter alse tho vyll, 

So men ydt recht vorstan und mercken wyll. 

Derselben Glosse IV, 2 Randgl. (RB 193—196 = W^eltsprüche 8): 

Eyn yder lathe syck an dem benSgen, 
Dat syck tho synem handel wyl vÖgen; 
Wert he darbaven tho vele begeren, 
So moth he groth unnd kleme entberen. 

Niederdeutsches Jahrbuch. XrV. 1 



ist der zweite der von Goedeke angeführten Sprüclie Froschm. 1, 1, lÖ 
(Goed. S. 57 V. 184—187) entnommen: 

Ein jeder laß sich an dem gnfteen, 
Was sich zu seim handel wil fugen; 
Wird er drftber zu viel begeren, 
So mus er groß vnd kleins entberen. 

Nebenbei bemerke ich, dass man in dem Umstände, dass sich V. 4 
dieses Reimspruches in den Weltsprüchen (So moth he dat groth und 
klein enthern) enger an den RV als an das RB (So moth he dat grate 
mit dem Kienen entberen) anschliesst, vielleicht einen Beweis dafür zu 
sehen hat, dass ein Druck des Reimbüchleins existierte, älter als der, 
den Seelmann seiner Ausgabe zu Grunde legen konnte. 

Froschm. I, 1, 9 (Goed. S. 52 V. 297—298), Goedekes drittes Citat: 

Das best man billig wehlen sol, 

Das böß kömpt von ihm selber wol. 

lehnt sich an RV I, 1, 9 Randgl. (RB 1327—1328 = KW 33) an: 

Ein wyß man dat gude uthkesen schal, 
Dath ergeste kumpt noch alle dage wol. 

Zu den Sprüchen, die neben wörtlicher Entlehnung Abweichungen im 
Einzelnen zeigen, zählen Froschm. I, 1, 9 (Goedeke S. 51 V. 265 — 270): 

All freundschafft auch weyt vbertrifft 
Ein from Weib, das nichts bdses stifft. 
Wenn alle freunde von dir gehen, 
Wird sie getrewlich bey dir stehen. 
Alles mit wagen, freud vnd leid, 
Zu deinem dienst alzeit bereit. 

und Froschm. I, 1, 10 (Goed. S. 54 V. 59—66): 

Denn wer lobet des Kuckucks singen 
Vnd der Schnecken meisterlich springen, 
Der Bawren tantz vnd Betler zehren. 
Von dem sagt man mit allen Ehren, 
Das er die Nachtgal nie hört singen, 
Sähe auch kein Leoparden springen. 
Kein Welschen tantz vnd Eauffleutessen, 
Oder hatt aller sinn vergessen. 

Der erstere entspricht RV I, 35 Randgl. (RB 761—768): 

Alle geselschop und fr&nde avertrefit 
Ein fram wyff, de nicht quades stifft. 
So dy alle geselschop wert vorlan, 
Wert se dy alle tydt doch bystan. 
In sorgen steit by dy dyn wyff, 
Se waget by dy eere, gudt und lyff, 
Se truret mit dy in dynem leydt 
Und ys tho denen dy stedes bereyt. 

und der zweite ist die weitere Ausfuhrung von RV III, 9 Randgl. (aus 
Freid. 139, 19—22; = RB 280—283): 

Wol dar lavet der sniggen springent 
Und des Esels uthbftndige syngent. 
De quam nicht, dar de Leopardt spranck. 
Noch dar de Nachtegale sanck. 



biejemgen Spruclie, die ausser den genannten einerseits im Frosch- 
meuseler, andrerseits in der Glosse vorkommen, stelle ich in der nach- 
folgenden üebersicht zusammen. RoUenhagens Dichtung ist nach Buch, 
Teil und Capitel citiert, in Parenthese ist auch die Seiten- und Vers- 
zahl von Goedekes Ausgabe beigefügt. 

Froschm. I, 2, 2 (Goed. S. 64 V. 7 — 8): Dieweil ein heymgeeogen 
Kind = RV I, 35 Gl. (Freid. her. von Sandvoss 139, 14 ab = 
RB 759—760; vgl. auch Altdeutsche Blätter 1, 11: Est puer in 
patria hos qui märitur in aula aus einer dem 12. Jh. angehörenden 
Wiener Hs. mit dem Hinweise Haupts auf Gruter Floril. 1, 47: 
haimgezogen kindt ist bey leuten wie ein rindt): Ein yngetagen und 
unerfaren hindt, 
Froschm. I, 2, 6 (Goed. S. 83 V. 117—120): Denn wer alles ver- 
meint jsu rechen = RV I, 13 Randgl. (RB 1225—1228): De alle 
dat vorment tho wreken, 
Froschm. I, 2, 7 (Goed. S. 86 V. 63—66): Gedenck, man sagt: 
Grawrock reiß nicht = RV I, 31 Randgl. (RB 808—810; vgl. 
Findlinge 1, 458 Nr. 199: 

Lieber Kittel, reiß nicht! 
Herrendienst erbet nicht. 

Hoffmann von Fallersieben Spenden 1, 54): Grawe rock ryth nicht. 
Froschm. I, 2, 8 (Goed. S. 88 V. 27—28): Denn wo man findt viel 

blinder geste = RV 1, 14 Randgl. (RB 1215—1216): Wor menn 

vele vyndet der Uynden geste, 
Froschm. I, 2, 12 (Goed. S. 104 V. 79—80): Denn geld, gewalt vnd 

Herrengunst = RV H, 9 Gl. (aus dem Narrensch. 46, 61—62 

= RB 454—455; vgl. Findlinge l, 458 Nr. 200, Hoffimann von 

Fallersleben Spenden 1, 50 und bei Mone im Anz. f. Kunde d. 

deutschen Vorzeit 5 (1836), 342 aus einem in Gent befindlichen 

Stammbuch des 17. Jhs.): Gelt, nydt, Frhidtschop, Gewalt undgunst. 
Froschm. I, 2, 23 (Goed. S. 171 V. 81—84): trewer Freund, ein 

seltsam Gast = RV I, 34 Randgl. : untruwe frhndt^ ein seltsam 

gast. Nahe steht RB 2506—2509. 
Froschm. H, 2, 2 (Goed. S. 233 V. 439—440): Es ward auff Erden 

nie so schlecht = RV HI, 13 Randgl. (RB 10—13): Idt wart up 

erden nehe so siecht. 

Zwei der verzeichneten Sprüche lassen sich im RB nicht nach- 
weisen. Da sich ausserdem bei Rollenhagen keiner von den Sprüchen 
wiederzufinden scheint, die nicht aus der RV-Glosse in das RB gelangt 
sind, so ergiebt sich mit Sicherheit, dass jene Glosse eine Quelle für 
Rollenhagen gewesen ist, aus der er unmittelbar und im Wesentlichen 
wörtlich entlehnt hat. Bei den Zeitgenossen RoUenhagens fanden die 
von ihm in seine Dichtung verpflochtenen Sentenzen und Reimsprüche 
besonderen Beifall, wohl nicht zum mindesten deshalb, weil sie ihnen 
aus der Jugendzeit her bekannt und vertraut waren. Goedeke hat 
schon darauf aufmerksam gemacht, dass man aus der Thatsache, dass 
in vielen Exemplaren der alten Drucke solche Bemerkungen und Lehren 

1* 



unterstrichen oder in anderer Weise handschriftlich hervorgehoben sind, 
auf das Interesse schliessen darf, welches die Leser ihnen zuwandten. 

Da jene Sprüche in keiner der zahlreichen hd. üebersetzungen 
der protestantischen Glosse — auch nicht in der ältesten von 1544 
— stehen, so müssen wir weiter folgern, dass Rollenhagen den RV 
in einer niederdeutschen mit der protestantischen Glosse versehenen 
Ausgabe benutzt hat. Erwähnenswert ist, dass die Entlehnungen 
wenig über das erste Buch hinausgehen. 

Zur Entscheidung der mehrfach erörterten Frage (vgl. Zarncke 
in der Zs. f. d. A. 9, 378 und Reinke de vos her. von Prien S. XXVII), 
ob die von Rollenhagen in seiner Vorrede bezeichnete glossierte Aus- 
gabe des RV von 1522 wirklich vorhanden gewesen ist, vermag die 
obige Zusammenstellung nichts beizutragen. Da die nd. Bearbeitungen 
des Narrenschiffs ebenso wie der Freidank, die als Quellen des Glossators 
genannt sind, vor 1522 liegen, so bleibt die Möglichkeit ihrer Existenz 
bestehen. Lässt man aber Rollenhagens Zeugnis gelten, so ist man 
nach dem Vorstehenden wenigstens in der Lage zu behaupten, dass 
die protestantische Glosse von 1539 wesentliche Bestandteile der ver- 
loren gegangenen Glosse aufgenommen hat und sich abgesehen von 
Zusätzen aus Schriften, die zwischen 1522 und 1539 erschienen sind, 
kaum von dieser unterschieden haben wird. 

BERLIN. H. Brandes. 



Der Jesusknabe in der Schule. 

Bruchstück eines niederrheinischen Schauspiels. 

Das folgende Fragment entstammt einem Sammelbande von Köl- 
nischen Drucken, welcher einst dem Minoritenkonvent zu Fritzlar ge- 
hörte, dann in J. Grimms Besitz gelangte und sich jetzt, in vier Teile *) 
zerlegt, auf der Königlichen Bibliothek zu Berlin befindet. Er enthielt 
zumeist gereimte Heiligenlegenden, wie sie in den Jahren 1500 — 1520 
zahlreich in dünnen Quartheften, mit einigen Holzschnitten geziert, am 
Niederrheine verbreitet und vom Volke gern gekauft wurden, nämlich: 

1. Cato. 2. Marienklage. 3. Barbara. 4. Katharina. 5. Margareta. 
6. Ursula. 7. Salomon. 8. Amt Buschmann. 9. (ungewiss, an welcher Stelle) 
unser Fragment, 2 Quartblätter mit den Signaturen Aij und (jetzt weggerissen) Aiij. 

Die Nummern 2, 3, 6 und 8 sind mit der Bezeichnung 'Gedruckt by 
Seruais Kruffter' oder 'vfF sant Marcellen straissen' versehen, und 
allem Anscheine nach sind auch die übrigen, denen ein Druckervermerk 
fehlt, aus derselben Officin hervorgegangen. Als Druckjahr müssen 
wir nach dem Wenigen, was wir über Kruffter wissen'), etwa 1520 

') Sie tragen die Signaturen Wi 9358, Yg 6377, N 5162, Yp 7150. 
•) J. Franck, Allgem. deutsche Biographie 17, 212. 



ansetzen. Schon 1826 gab J. Grimm*) eine kurze Nachricht über den 
Inhalt des Bandes, doch gerade ohne des letzten Stückes zu gedenken; 
dass dies aber wirklich daher stammt, ist durch eine handschrift- 
liche Notiz des hochverdienten Custos J. Schrader sichergestellt. 

Ein besondres Interesse darf dies Fragment deshalb beanspruchen, 
weil uns in ihm nicht eine epische Darstellung, sondern der Rest eines 
geistlichen Dramas vorliegt. Freilich scheint es noch teilweise im 
Banne des Epos zu stehen, da zwischen den einzelnen Reden, deren 
Überschriften durch doppelt grosse Schrift hervorgehoben werden, in 
V. 48 f. 66 f. 72 noch Spuren einer verbindenden Erzählung erhalten 
sind, die ich durch Klammern angedeutet habe, und man könnte deshalb 
das Stück auch nach dem Muster der in einem gleichzeitigen Kölner 
Drucke erhaltenen ^Historie van Lanslot vnd van die schone 8andrijn\ 
welche aus einem älteren niederländischen Schauspiele hervorgegangen 
ist*), als eine dialogische Erzählung bezeichnen. Doch auch im Wol- 
fenbütteler Theophilus, dessen dramatische Gestalt daher noch von 
dem ersten Herausgeber Bruns verkannt wurde, nehmen öfter die 
Bühnenanweisungen an der Reimform des Textes teil, z. B. : 'Do sprah 
Theophilus \ jamerliken alstis\ Dass in unserm Falle die dramatische 
Fonn aus den erläuternden Beischriften von erbaulichen Bildern her- 
vorging, wie z. B. beim Spiegelbuch'), ist durchaus unwahrscheinlich. 

Der Stoff ist dem grossen Legendenschatze entlehnt, mit welchem 
das Mittelalter die Jugendgeschichte des Erlösers ausgeschmückt hatte. 
Das Jesuskind wird in Nazareth von seiner Mutter in die Schule ge- 
bracht, um lesen zu lernen. Das Alphabet begreift es so schnell und 
treibt durch seine Lernbegierde den Schulmeister so in die Enge, dass 
dieser zum Stocke greift. Kaum aber hat er ihn gegen den unbe- 
quemen F^ager gehoben, als er wehklagend zu Boden sinkt und stirbt. 
Joseph und Maria finden den Toten und wollen schon aus dem Lande 
fliehen, da sie ihn von Jesus erschlagen glauben; aber dieser belehrt 
sie, der Tote schlafe nur, und erweckt ihn. — Eine ähnliche Erzählung 
finden wir in den apokryphen Evangelien, welche den Lehrer Zachäus, 



*) Kleine Schriften 4, 414; vgl. J. M. Wagner, Archiv f. d. Gesch. deutscher 
Sprache u. Dichtung 1, 558 (1874). Sonst sind diese Ausgaben mit Ausnahme der 
von W. Seelmann im Jahrbuch 6, 37, Q verzeichneten Nr. 8 nirgends genannt, wo 
von den darin enthaltenen Werken die Rede ist: bei E. Weller, Repertorium typo- 
graphicum, bei P. Norrenberg, Kölnisches Literaturleben (1873), 0. Schade, Geist- 
Hohe Gedichte vom Niederrhein (1854), F. Zarncke, Der deutsche Cato (1852). — 
Ich mache hierbei darauf aufmerksam, dass ein ähnlicher Sammelband nieder- 
rheinischer Legenden aus den Druckereien von Lijskirchen, Heinrich von Neuss, 
Jan van Landen zu Köln und Grüneck kürzlich von der Berliner Bibliothek er- 
worben worden ist: 1. Margareta. 2. Dorothea. 3. Katharina. 4. Ursula. 5. 
Anseimus. 6. Unser liever vrouwen clage. 7. Begynchyn van Farijs. 8. Cato. 
9. EuchariuSf Valerius und Maternus. 10. Tundalus. 11. Amt Bosman (1506). 
Der Band gehörte früher dem Freiherm von Arnswaldt; vgl. den 144. Antiquariats- 
katalog von 0. Harrassowitz in Leipzig (1888) Nr. 1215. 

•) Norrenberg, Kölnisches Literaturleben S. 34 f. 60 — 86. Zwei ältere nid. 
Texte bei Hoffimann von Fallersleben, Horae Belgicae 5, 1 — 32. 6, 158—166. Moltzer, 
De middelnederlandsche dramatische poezie 1875 S. 141 — 182, vgl. LX. 

•) Vgl. meine Einleitung zu Strickers Düdeschem Schlömer (1889) S. *15. 



Zacharias oder Levi nennen *), und daraus abgeleitet in verschiedenen 
deutschen Dichtungen des Mittelalters, im grossen Passional S. 55, 1 — 56, 
19 ed. Hahn, in Bruder Philipps Marienleben V. 3985—4051 ed. 
Eückert, vgl. S. 362 u. a. 

Wir fragen endlich nach dem Inhalte des ganzen Stückes, dem 
das Bruchstück angehörte. Aus der glücklicherweise noch vorhandenen 
Signatur ergiebt sich, dass nur ein Blatt voraufging; dieses wird auf 
der Vorderseite den Titel nebst einem Holzschnitte, und auf der Rück- 
seite höchstens 20 Verse enthalten haben, in denen geschildert war, 
wie Maria ihren Sohn dem Schulmeister übergiebt. Wie gross der 
Umfang der ganzen Dichtung war und welche weiteren Begebenheiten 
in ihr zur Darstellung kamen, entzieht sich der genaueren Berechnung. 
Sicher aber beschäftigte sie sich nicht mit dem ganzen Leben und 
Leiden Christi, — eine solche Dichtung hätte mit der Geburt zu 
Bethlehem anheben müssen — sondern umfasste nur eine beschränkte 
Anzahl von Wunderthaten des Herrn, vielleicht lediglich aus seiner 
Kindheit und nach apokryphen, dem Geschmacke der Zeit besonders 
zusagenden Quellen. 



[Jesus sprach:] 



[Aij a] Ich wil dat yr mich lert vnd twinckt? 
Der meister sprach: 
Jesus du en darffs dich niet veruieren 
Ich hoflfen ich sül dich wail leren. 
Nu sprich mir na, A b c d e f g h*). 
Jesus zo dem meister. 
5 Meister en sal ich hauen nümme? 
Der meister zo Jesu sacht 
Jesus ich en wyl dich niet verladenn 
Du bist noch junck, nu lais dir raden. 
Du mochtz yd licht vergessen also, 

Jesus sprach: 
Ja Meister is dat van dem Credo? 

Der meister sprach: 

10 Jesus wiltu van dem Credo sprechen 
Du mochts mich buissen keren stechen. 
Jesus sage mir na, hiklmnop. 
Des haistu genoich tzo leren hude. 

Jesus zo dem meister 
Meister ich en hain niet genoich, 

15 Myn moder was arm die mich droig. 



*) Rud. Hofinann, Das Leben Jesu nach den Apokryphen (1851) S. 213—227. 
R. Reinsch, Die Pseudoevangelien von Jesu und Marias Kindheit in der romanischen 
und germanischen Litteratur (1879) S. 97. 113. 119 u. a. 

•) Wie der Beim lehrt, ist he zu lesen, nicht ha. 



Der meister sprach 

Dyn moder bat mich die frawe fyn, 
Dat ich dir eyn gut schoilmeister wold syn. 
[Ay b] Jesus sprach: 

Meister ich sagen vch geynen danck, 
Dat yr mich sparen kurtz off lanck. 
20 En kan ich myn letze niet lesen, 
So wil ich van vch geschlagen wesen. 

Der meister sprach: 
Nu sage mir na, p q r s t, 
Haistu genoich, off wiltu me. 

Jesus sprach 
Meister ich wil dat yr mich hört, 
25 Kan ich myn letze, so geuet mir vort. 

Der meister zo Jesu sacht 

Nu sag vp dyn letze van anbegynne 

Ich en sach nye kynt van sulchem synne 

Haistu yd so bald vernomen. 

So en darfstu niet me tzo scholen komen. 
30 Du Salt vorder komen dan ich 

Myt all miner lerung duncket mich. 

Van wail kumpt dir dese wijßheit. 

Du dunckes mich syn ein propheit. 

Want du sprichs viß Godes mond, 
35 Des gifft dir der hilge geist vrkond, 

Ader du bist der wäre Messias. 

Dair Moses van spricht vnd laß 

Jesus sprach: 

Süesse meister wilt yr mich hören, 
[Aiij a] Laist mich dafi dat blat vmkeren. 
40 Want dese syde kan ich wae*), 

Der meister sprach 

Jesus du bist mir vil tzo schnei 
Du drijffs mich me dan ich vermach 
Sal ich dan desen gantzen dach 
Oeuer dir tzo brengen myn zyt 

45 Als wer ich in einem strijt. 

Ich en vorten mich niet also sere 
Vur dem doid sprechen ich vp myn ere. 
(Der meister wold yd Jesus v'dragen niet 
Vnd schloig jn, vnd schalt jn do quijt.) 
Jesus sprach: 

50 Meister warumb schlaidt yr mich. 
Des ich mich entsyen vur euch. 

•) l wall 



8 

Myn letz ich besser kan dan yr 
Dat bewysen ich al hyr. 
Bericht mich wat bedüdet dat A, 
55 Vnd wanimb dat B steit darna. 

Vnd wat sy bedüden in dem A b c d, 
Des fragen ich vch myn off me. 

Der meister sprach: 

Eyn kynt mir tzo der scholen quam 

Dat ich tzo leren ane nam 
60 Hait mich ouerwonnen ym A b c, 

Ich weiß niet wat ich sal sagen me. 

seiner schaden gedain, 

hain bestain. 

[Aij b] Myr is so wee ich kan niet gedüren 
65 Ich mois steruen in kurtzer vren. 

(Rechte vort was der meister doit. 

Des qua Maria vn Joseph in groisse noit.) 

Joseph zo Marien sprach 

Maria mir moissen rumen dyt laut, 

Want wir hain so manchen vyant 
70 Jesus hait synen meister doit geschlagen, 

Dair moissen wir scholt an hauen 

(Maria sprach,) Höre lieue kynt myn, 

Dat men van dir saget, is mir pijn. 

Ich en kans niet langer verdragen 
75 Dat men ouer dich sal clagen. 

Dattu dinen meister hais doit geschlagen 

Dat scheut vns vnd alle vnse magen. 

Jesus sprach: 

Lieue moder dat wil ich vch sagen, 

Dattu niet en darffes fragen. 
80 Vnd wil des bescheyden dich. 

Sage warumb schloig he mich 

Ich kond myn letz besser dan he, 

Wan ich jn fraegde was ader wie. 

Des en kond he mir niet gesagen 
85 Darumb han ich jn doit geschlagen. 

Sijt tzo freden ich sal dair gain, 

Dat sal jm tzo freuden ergain. 

He sohleefft, ich doin jn weder vpstain. 

Hie weckt Jesn[s . . . 
BERLIN. Johannes Bolte. 



^Weiteres über 
Dialekt- und Gaugrenzen. 

F. Jostes in Münster hat meinen Aufsatz „Über Sprach- und 
Gaugrenzen zwischen Elbe und Weser^ (Jahrbuch Jahrgang 1881 [1882]) 
im Jahrbuch 1885 XI p. 95 einer Besprechung unterzogen, welche den 
in Rede stehenden Gegenstand in dankenswerter Weise fördert. 

Ich hatte im Jahrbuch 1881 p. 74 behauptet: ^,1) Lebhafter 
Verkehr verschleift die gesonderten Dialektformen, und 2) er- 
hebliche Hindernisse desselben erhalten die Besonderheiten der 
Aussprache auch in räumlich ganz nahe gelegenen Ortschaften.^ In 
Beziehung auf den ersten Punkt ist Herr Jostes — wie natürlich bei 
einer fast selbstverständlichen Sache — mit mir einer Meinung und 
fuhrt aus der Südspitze der jetzigen Landdrostei Osnabrück einige 
Beweise dafür an. Ich kann auch meinerseits noch weitere bestätigende 
Zeugnisse dazu anführen. R. Rackwitz sagt in seiner Schrift ;,Zur 
Volkskunde von Thüringen. '^ Halle. 1884. p. 25: ^Interessant ist es zu 
beobachten, dass sich die Bergdörfer eine Anzahl eigentümlicher Wort- 
formen bewahrt haben, während die Flachlanddörfer, zumal die 
Bahnstationen, zum grossen Teil schon Schriftdeutsch sprechen.^ 
Professor L. Tobler drückt sich in demselben Sinne so aus: ;,Die 
mundartlichen Besonderheiten sind heute geringer, als sie noch vor 
100 Jahren gewesen sein müssen, weil seither fortschreitende Verbreitung 
der Schriftsprache, Erleichterung des Verkehrs und die Nieder- 
lassung ausgleichend gewirkt haben. '^ (^^Ethnographische Gesichts- 
punkte der Schweizerdeutschen Dialektforschung '^ im 12. Bande des 
Jahrbuchs für Schweizerische Geschichte. Zürich. 1887. p. 183 ff.) 

Zur Ausführung des zweiten Punktes hatte ich gesagt: ;,Wenn 
man sich in eine Zeit zurückversetzt, wo noch nicht Brücken über 
jeden Fluss, Wege durch jeden Wald, Fusspfade über jeden bewaldeten 
Bergrücken, Steege durch jedes Moor vorhanden waren, so erkennt 
man schon in Flüssen, Wäldern, bewaldeten Bergrücken, Mooren die 
trennenden Scheidewände zwischen dialektischen Besonderheiten. Und 
die Wirksamkeit dieser natürlichen Scheidungen musste durch die 
wiederum von ihnen bewirkten politischen Verschiedenheiten nur noch 
stärker werden." Jostes sagt nun hierauf, ich sei der Ansicht, dass 
die Differenzierungen sich erst gebildet hätten, als die Bewohner zu 
beiden Seiten der Grenze schon so sassen, wie sie jetzt sitzen. 
Er hält das für unrichtig und fährt dann fort: „Es ist ja richtig, dass 
Flüsse, Bergketten u. s. w. Dialektgrenzen bilden, aber sollte das nicht 
deshalb so sein, weil die Kolonisten (nämlich beim Einrücken in 
diese Gebiete) vor diesen Grenzen Halt machten?" Gewiss, das 
ist auch meine Meinung, und wenn ich sagte, erhebliche Verkehrs- 
hindernisse hätten die Besonderheiten der Dialekte erhalten, so liegt doch 



10 

darin zunächst ( — wenn auch nicht ausschliesslich, worüber später 
ein Wort — ) dass ich gemeint habe, die Besonderheiten wären schon 
vor dem Einrücken in die neuen Wohnsitze vorhanden gewesen. 

In der Urzeit ist nämlich der Gau diejenige politische Einheit, 
welche sich durch Einwanderung eines in sich geschlossenen Volks- 
teils in ein noch unbesiedeltes oder einer dort schon vorhandenen 
Völkerschaft entrissenes Gebiet innerhalb gewisser natürlicher 
Schutz- und Trennungsgrenzen bildete. Vergegenwärtigen wir uns 
an der Hand eines bewährten Forschers den Vorgang bei der Begründung 
eines germanischen Gaues *) : „Der wandernde Gau, welcher einen Teü 
der Völkerschaft bildete, erhielt wohl durch gemeinsamen Beschluss der 
Versammlung der Völkerschaft (z. B. der Cherusker) seinen Teil des 
eroberten oder ohne Kampf besetzten Landes zugewiesen, welchen er 
dann unter die Hundertschaften, die Dorf- und Hofgemeinden, selbst 
weiter zu verteilen hatte." „Das gesamte, dermassen dem Gau zuge- 
teilte Land ward nun in drei Gruppen gegliedert, Grenzwald, AUmännde, 
und Sonder-Eigen. Der Grenzwald bestand aus schwer durchdringbarem 
ürwalde, der oft Sümpfe, Seeen, Gebirge einschloss und die beste natür- 
liche Schutzwehr bildete gegen Einfälle feindlicher Nachbarn')." — 

Also wir beide, Jostes und ich, sind der Ansicht, dass die ur- 
sprünglichen Gaugrenzen dadurch entstanden, dass die Kolonisten beim 
Einrücken vor natürlichen Verkehrshindernissen Halt machten und dass 
durch eben diese Hindernisse eine unmittelbare Berührung von Völker- 
stämmen, die einander entgegenrückten, verhindert wurde. 

Von hier ab beginnt jedoch in zweifacher Hinsicht eine Differenz 
unserer Anschauungen. 

1) Jostes meint, dass die auf einander zurückenden Völkerstämme 
oder Volksteile ihre dialektischen Besonderheiten schon mit- 
brachten, wodurch es sich auch erkläre, dass manchmal (J. führt aus 
dem südlichen Westfalen einen vermeintlichen solchen Fall an) die 
Dialektgrenze nur durch eine geographische Linie, gar nicht durch 
Bodenhindernisse gebildet werde. Ich läugne zunächst dieses ursprüng- 
liche Vorhandensein dialektischer Besonderheiten durchaus nicht, im 
Gegenteil glaube auch ich, dass in jedem in sich geschlossenen, auf 
der Wanderung begriffenen Volksstamm schon besondere Gruppen mit 
gesonderter Färbung der Aussprache vorhanden gewesen sein werden'). 
Dass jedoch in der Urzeit dieser wandernde Stamm bis unmittelbar 

«) Felix Dahn, Bausteine. VI. Berlin. 1885. p. 95 f. 

■) Vergl. meinen Aufsatz im Oster-Programm des Altstädtischen Gymnasiums 
zu Königsberg. Pr. 1886. 

■) Vergl. Tobler a. a. 0.: „Aus der altgermanischen Yolksverfassung ist zu ver- 
muten, dass innerhalb der Gesamtmasse der Alamannen kleinere Stämme bestanden 
und bei der Einteilung der einzelnen Gaue irgendwie mitbestimmend waren." — „So 
werden auch innerhalb eines einzelnen Dialekts wie des alamannischen seit alter Zeit 
wieder mundartliche Besonderheiten als Anfänge der späteren bestanden haben." — 
Derselbe („Die lexikalischen Unterschiede der deutschen Dialekte" in der Festschrift 
zur Begrüssung der 1887 in Zürich tagenden 39. Versammlung deutscher Philologen 
und Schulmänner. Zürich. 1887. p. 91 fF.): „Strenge Einheit der Sprache hat auch 
in ältester Zeit und in verhältnismässig engem Volkskreise nirgends bestanden. 
Ansätze zu dialektischer Spaltung haben sich schon früh und überall gebildet." 



11 

an einen andern sesshaften Stamm herangewandert sein sollte, ohne 
irgendwelche natürliche Schutzwehr aufzusuchen, so dass sich gewisser- 
massen beide Stämme, nur durch jene „geographische Linie" geschieden, 
auf offenem Blachfelde die Hand gereicht hätten, das scheint mir den 
Bedingungen unsers frühesten Volkslebens zu widersprechen, und die 
Annahme einer rein geographischen Linie als Stammes- oder Dialekt- 
grenze trifft auf mein entschiedenes Misstrauen. Es ist ganz richtig, wie 
Jostes sagt, es kommt hier alles auf Einzelbeobachtung an. Sehen wir 
also zu, was J. für seine Ansicht anführt. „Die Südspitze der jetzigen 
Landdrostei Osnabrück stösst an drei verschiedene Länder, nach keiner 
Seite hin ist eine Naturgrenze vorhanden, ja, der Teutoburger 
Wald schneidet die osnabrückischen Dörfer Iburg, Glane, Glandorf, Laer 
u. s. w. ganz von dem übrigen Osnabrücker Lande ab, und doch 
sprechen ihre Bewohner denselben Dialekt, der in den Dörfern nördlich 
des Gebirges gesprochen wird, und zwar hebt sich dieser Dialekt von 
dem münsterländischen scharf genug ab. Die Grenze wird nicht 
einmal durch die zwischen zwei Dörfern liegenden Fluren gebildet, 
sondern ist, wie gesagt, bloss eine geographische Linie." 

Dies ist freilich sehr merkwürdig und könnte, wie es scheint, meine 
Ansicht von dem Zusammenfallen von Dialektgrenzen mit natürlichen 
Verkehrshindernissen sehr erschüttern. Aber hat denn dieses unmittel- 
bare Nebeneinanderwohnen der osnabrückischen und der münsterlän- 
dischen Bauern schon von jeher und schon seit der Urzeit statt- 
gefunden? Gab es denn dort gar keine natürlichen Verkehrshindernisse? 
Hören wir Jostes selbst. „In Urkunden des 9. (10.) Jahrhunderts, welche 
die Grenzen des Bistums Osnabrück angeben, erscheint das jetzige 
Amt Iburg als ein grosser Wald." „Nach der Volkssage sind 
die südlichsten osnabrückischen Dörfer die jüngsten und aus 
den Urkunden lässt sich die Richtigkeit der Sage nachweisen." 

Bessere Zeugnisse für meine Ansicht kann ich mir gar nicht 
wünschen. Also hat ursprünglich kein unmittelbares Nebeneinander- 
wohnen stattgefunden, jene genannten südwärts über den Teutoburger 
Wald hinausreichenden Dörfer sind erst später entstanden, nachdem 
der ursprünglich trennende „grosse Wald" durch fortgesetzte 
Rodungen so gänzlich beseitigt war, dass dort Iburg angelegt werden 
konnte, so dass ich als Bestätigung meiner Ansicht nichts besseres und 
überzeugenderes zu sagen wüsste, als was J. selbst folgendermassen sagt: 
„Die von der Hase kommenden Kolonisten drangen mit ihren Rodungen 
immer weiter vor, bis sie zur Grenze kamen, an der auch die von der 
andern Seite kommenden Kolonisten Halt machen mussten." Natürlich, 
aber erst, nachdem bereits Jahrhunderte lang Trennung bestanden 
hatte. So werden sich wohl noch viele, scheinbar nur durch „geogra- 
phische Linien" gebildete Dialektgrenzen bei genauer historischer Unter- 
suchung als ursprünglich durch natürliche Bodenbeschaffenheit bedingt 
herausstellen. 

2) Nun wende ich mich zu dem zweiten Punkte, in dem ich von 
Jostes abweiche. Derselbe sagt: „Babucke stellt sich die Sache offenbar 
so vor, dass die Differenzierungen (der Dialekte) sich gebildet hätten. 



12 

als die Bewohner zu beiden Seiten der Grenze schon so sassen, wie sie 
jetzt sitzen." Er hält diese Ansicht für falsch und will nur ursprünglich, 
d. h. vor dem Einrücken in die späteren Wohnsitze schon vorhandene 
Dialektunterschiede gelten lassen. Ich habe eben gesagt, dass auch ich 
der Ansicht bin, dies sei meistenteils wirklich der Fall gewesen; dass 
dies jedoch immer und überall der Fall gewesen, möchte ich doch 
nicht so ohne weiteres annehmen. Stellen wir uns mit Felix Dahn eine 
wandernde Gaugemeinschaft vor. Gewöhnlich wird dieselbe, um feste 
Wohnsitze zu erlangen, bemüht gewesen sein, entweder mit Güte oder 
mit Gewalt ein Gebiet zu gewinnen, welches innerhalb gewisser natür- 
licher Schutzgrenzen für die ganze Gaugenossenschaft genügte. Gar 
nicht selten jedoch werden sich, wenn das Land hiezu nicht ausreichte, 
kleinere Teile der Gemeinschaft genötigt gesehen haben, weiter zu 
wandern, bis auch sie ein ihnen zusagendes Gebiet erlangten; oder das 
ganze Gaugebiet konnte sich auch aus kleineren Abschnitten zusammen- 
setzen, von denen jeder für sich von natürlichen Schutzwehren eingehegt 
war, so dass dann der sesshaft gewordene Gau sich aus einer Anzahl 
von kleineren ^^Kantonen^, um diesen modernen Ausdruck hier anzu- 
wenden, zusammensetzte. Wir wissen aber, dass unter solchen Ver- 
hältnissen noch jetzt regelmässig Differenzierung des ursprünglich ein- 
heitlichen Dialekts einzutreten pflegt. Tobler sagt (im Jahrbuch für 
schweizerische Geschichte. Zürich. 1887. p. 185), nachdem er von der 
grossen Mannigfaltigkeit der Dialekte im Schweizergebiet gesprochen 
hat: ;, Freilich brauchen diese Verschiedenheiten nicht alle auf alte 
Grundlage zu ruhen. Wenn nach Grimms Ansicht (Geschichte der 
deutschen Sprache. 3. Aufl. p. 578) Dialekte und Mundarten sich ;,vor- 
schreitend^ entfalten, d. h. aus einer ursprünglich einheitlichen Sprache 
erst im Laufe der Zeit durch zunehmende Spaltung hervorgehen, so könnte 
auch alle sprachliche und die mit ihr zusammenhängende übrige Beson- 
derung erst ein Produkt späterer Entwickelung sein.^ Dass nun gerade 
;,alle^ heutzutage beobachtete Besonderung durch natürliche Abge- 
schlossenheit des Wohnorts, durch politische strenge Absonderung 
u. s. w. entstanden sei, ist freilich nicht meine Ansicht, wohl aber 
die, dass eine solche Möglichkeit keineswegs auszuschliessen sei. 

Heutige Dialektverschiedenheiten können also entweder schon 
ursprünglich in die jetzigen Wohnsitze mitgebracht sein ( — dies ist 
die alleinige Möglichkeit, die Jostes zulässt — ) oder sie können auch 
daselbst erst entstanden sein. 

Für beides bietet die Provinz Preussen Beweise. 

Es strömten hierher zur Zeit der Herrschaft des deutschen Ritter- 
ordens die Kolonisten aus allen deutschen Gauen zusammen und zerstreuten 
sich über die ganzen ihnen zur Besiedelung überlassenen Landgebiete, so 
dass die Sprache der deutschen Bevölkerung in der heutigen Provinz 
Preussen ursprünglich ein Gemisch fast sämtlicher deutschen Dialekte war. 
Keineswegs wurde etwa die Gegend um Insterburg ausschliesslich mit 
Westfalen, die Stadt Königsberg mit Thüringern u. s. w. besetzt. Und 
doch spricht heute der Insterburger einen einheitlichen, besonders ge- 
arteten Dialekt, ebenso der Königsberger, der Elbinger u. s. f. Durch 



ia 

enges Zusammenwohnen und durch relative Absonderung von den übrigen 
Städten hat sich hier eben an allen diesen Orten ein neuer, besonderer 
Dialekt erzeugt. Wie viel mehr musste dieses in der urgermanischen 
Zeit der Fall sein, wo Abgeschlossenheit und Schutz nach aussen hin 
gesucht wurden. 

Andrerseits giebt es aber in unsrer Provinz auch einzelne Ge- 
genden, welche fast ausschliesslich durch Kolonisten aus einem einzelnen 
deutschen Gebiete besetzt wurden. So glaubt man in den Ermländern 
(das Ermland umfasst die Kreise Braunsberg, Heilsberg, Rössel und 
AUenstein) hauptsächlich schlesische Kolonisten zu erkennen*). Das Erm- 
land war eins der vier Bistümer des Ordenslandes, kam 1466 unter pol- 
nische Herrschaft, während der übrige Teil des heutigen Ostpreussens 
unter der Herrschaft des Hochmeisters verblieb, erhielt sich rein katho- 
lisch, während sonst ganz Ostpreussen zur Zeit Luthers evangelisch wurde, 
und kam erst 1772 wieder zu Preussen zurück. Infolge dieser drei Jahr- 
hunderte währenden scharfen Absonderung hat sich der ursprüngliche 
Dialekt der Ermländer so kräftig erhalten, dass man denselben sofort 
heraushört, so wie man über die ermländische Grenze tritt. 

Die letzten Worte des betr. Aufsatzes von Jostes: ;, Wollen wir 
nicht den festen Boden unter den Füssen verlieren, so müssen wir 
Schritt vor Schritt in die Vorzeit zurückgehen und zusehen, ob die 
jetzige Dialektgrenze nicht auch die Rodungsgrenze eines Stammes 
gebildet hat,^ haben meinen vollen Beifall. 

Ich bin Jostes für die Anregung, welche er mir zu erneuter 
Prüfung dieser so interessanten Frage gegeben hat und für mancherlei 
Förderndes und Belehrendes, welches der Aufsatz enthält, zu aufrich- 
tigem Danke verpflichtet. 

Schliesslich kann ich nicht umhin, meiner Genugthuung darüber 
Ausdruck zu geben, dass die meines Wissens von mir zuerst gemachte 
Beobachtung von dem Zusammenfallen heutiger Dialekt- mit alten Gau- 
grenzen jetzt auch von andern Seiten Bestätigung findet. Tobler sagt 
(im Jahrbuch für schweizerische Geschichte. Zürich. 1887. p. 185): „Noch 
heute bestehen in der Schweiz neben der halb eingeführten politischen 
Einheit eine Menge Besonderheiten in der Bevölkerung, nicht sowohl der 
einzelnen Kantone (deren Grenzen ja meistens später und künstlich her- 
gestellt worden sind), als einzelner grösserer Gebiete, welche alten 
Gauen entsprechen mögen, und zwar nicht nur in der Sprache, 
sondern auch in der leiblichen und geistigen Anlage der Bewohner und 
den davon abhängigen Sitten.^ — Derselbe (a. a. 0.): ;, Merkliche Unter- 
schiede (in der Sprache) treten erst hervor, wenn wir das Gesamtgebiet 
in zwei grössere Hauptmassen teilen. Der Durchschnitt zwischen Ost 
und West scheint am ergiebigsten auszufallen, und zwar dort, wo etwa 
um das Jahr 900 die Grenze des späteren kleinburgundischen 
Reiches (gegen die alamannische Bevölkerung) verlief." 

*) Noch heute sagt man von einzelnen Strichen im Ermlande: Die Leute 
sprechen dort „Breslauisch'S 

KÖNIGSBERG i. Pr. Heinrieh Babucke. 



u 



Die Dialektmisehung 
im Magdeburgisehen Gebiete. 

Einleitnng. 

Das in der vorliegenden Arbeit zu behandelnde Gebiet habe ich 
so abgegrenzt, dass es eine möglichst grosse Abstufung des mittel- 
deutschen Einflusses auf das Niederdeutsche darbietet. Die Umgrenzung 
wird durch Magdeburg, Rothensee, Ebendorf, Ochtmersleben, Drux- 
berge, Schermke, Oschersleben, Hadmersleben, Egeln, Schneidlingen, 
Wolmirsleben, Altenweddingen, Welsleben, Westerhüsen, Fermersleben 
gegeben; historisch genommen macht das Gebiet etwas mehr als das 
mittlere Drittel des Nordthüringgaues nebst einem schmalen Nordost- 
strich des durch die Bode von demselben getrennten Schwabengaues aus. 

Die Mischung in unserem Gebiete steht in Zusammenhang mit 
derjenigen Dialektmischung, die das westlich wie östlich sich an- 
schliessende Niederdeutsch erfahren, sowie mit derjenigen Dialektver- 
schiebung, die zu beiden Seiten der Saale stattgefunden hat. 

Für diese Striche dienten mir ausser Firmenich als Quellen: 
H. Waeschke, Über anhaltische Volksmundarten in „Mittheilungen 
des Vereins für Anhaltische Geschichte und Altertumskunde^, Bd. II 
(1880), S. 304 flf. u. S. 389 ff., Damköhler, Zur Charakteristik des 
niederdeutschen Harzes, Halle 1886, ferner ;,Der richtige Berliner in 
Wörtern und Redensarten^, 4. Aufl., Berlin 1882, Bruno Graupe: 
De dialecto Marchica, Berolini 1879. Für das angrenzende Gebiet 
benutzte ich: Albrecht, Leipziger Mundart, Leipzig 1881. 

In den Fragen über die Dialektverschiebung verwertete ich ferner 
das hierfür grundlegende Werk ;,Monumenta inedita rerum Germa- 
nicarum praecipue Magdeburgicarum et Halberstadensium, Tomus I, 
qui Georgii Torquati annales continet", 1760 von Boysen heraus- 
gegeben. Torquatus schrieb sein Buch 1567 — 1574 ^nd war nach 
seiner eigenen Angabe praefatio S. 9 geborener Sudenburger und 
Geistlicher in Neustadt-Magdeburg. 

Vorbemerkungen zur Transskription. 

In meiner Transskription habe ich mich möglichst an die herkömmlichen 
Zeichen angeschlossen. Im übrigen habe ich alveolares P durch p, uvulares durch R 
ausgedrückt, w ist bilabialer, v labiodentaler stimmhafter Spirant. Die langen 
offenen Vokale sind durch ein übergesetztes ", die langen geschlossenen durch ein 
übergesetztes ^ gekennzeichnet worden. 

Alle feineren phonetischen Unterschiede durften als für den Zweck meiner 
Arbeit unwesentlich unbezeichnet bleiben. So sind z. B. alle secundären Stärke- 
unterschiede der einzelnen Laute (vgl. Sievers, Phon. § 9), z. B. das stete Eintreten 
der Fortis im Inneren des Wortes nach kurzem Vokale nicht bezeichnet worden. 



\l 



Auch kabe ich die diphthongischeii Veriretangeü des as. e aus ufgerm. ai, des ad. 
aus urgerm. an sowie die übrigen ihnen phonetisch gleichen Diphthonge nach 
gewöhnlicher Wiedergabe als ai und an belassen, obwohl hier die zweiten Kom- 
ponenten kurzes geschlossenes e und kurzes geschlossenes o repräsentieren und 
auch ihre sonantischen Bestandteile kein reines a auszumachen scheinen. Ich be- 
merke noch, dass mein Zeichen ö (lautgesetzlich für gemeindeutsches ä und ton- 
langes urgerm. a) nicht die organische Länge des von mir mit o bezeichneten Lautes 
darstellt wie e die des e, sondern einen etwa in der Mitte zwischen reinem offenem 
& und der organischen Länge dieses o liegenden Vokal. 



Abkiirzaiigeii 

Aid. = Alikendorf. 

Apf. = Ampfurth. 

Awd. ^ Altenweddingen. 

Bck. = Buckau. 

Bckd. = Bleckendorf. 

Bed. = Beiendorf. 

Bltz. = ßrelitz (Buch). 

Bmb. = Blumenberg. 

Bmd. = Bottmersdorf. 

Brd. =B Bahrendorf. 

Dbg. = Druxberge. 

Ddd. = Dodendorf. 

Dks. = Drakenstedt. 

Dl. = Dreileben. 

Dml. = Domersleben. 

Dsd. =5 Diesdorf. 

Ebd. = Ebendorf. 

Eg. = Egeln. 

Etgl. =s Etgersleben. 

Fml. = Fermerslebcn. 

Gr. 6ml. = Gross Germersleben. 

Kl. Gml. = Klein Germersleben. 

Gthd. = Günthersdorf. 

Hdd. = Hohendodeleben. 

Hmd. = Hemsdorf. 

HmL = Hadmersleben. 

Lmd. = Lemsdorf. 

Lwd. = Langenweddingen. 

Mb. = Magdeburg. 

(St.-Mb. = Stadtmagdeburgisch.) 

(Sch.-Mb. =: Schiffermagdeburgisch.) 

Kl. Med. = Kloster MeiendoH^. 



der Ortsnamen. 

Ndd. = Niedemdodeleben. 

Ns. = Neustadt. 

0ml. = Ochtmersleben. 

Oschl. = Oschcrsleben. 

Kl. Oschl. = Klein Oschersleben. 

Gr. Otl. = Gross Ottersleben. 

Kl. Otl. = Klein Ottersleben. 

Ovs. = Olvenstedt. 

Owd. = Osterweddingen. 

Psd. = Pesekendorf. 

Gr. Rdl. = Gross Rodensieben. 

Kl. Bdl. = Klein Kodensleben. 

Rkl. = Remkersleben. 

Rths. = Rothensee. 

Schk. = Schermke. 

Schlg. = Schneidlingen. 

Schub. = Schwaneberg. 

Schutz. = Schleibnitz. 

Sdb. = Sudenburg. 

Sdf. = Sülldorf. 

Sh. = Seehausen. 

Sk. = Salbke. 

Sl. = Sohlen. 

Stm. = Stemmern. 

Tth. = Tarthun. 

Wh. = Westerhüsen. 

Whi. = Wellen. 

Wml. = Wolmirsleben. 

Wseg. = Westeregeln. 

Wsl. = Welsleben. 

Wzl. = Wanzleben. 

Kl. Wzl. == Klein Wanzleben. 



Geschichte der Sprache Magdeburgs. 

Nach Winter, Forsch, z. d. G. XIV, S. 344 schrieben die Erzbischöfe 
seit 1327 ihre Urkunden hochdeutsch, während das Domcapitel die seinigen 
noch lange Zeit mit Vorliebe in niederdeutscher Sprache ausstellte. Auch 
die beiden ältesten erhaltenen deutschen Urkunden der Magdeburger 
Erzbischöfe aus den Jahren 1299 und 1305 sind niederdeutsch abgefasst. 
Winter erklärt dies folgendermassen: ;,Die Kirchenfursten waren bis 
auf Erzbischof Otto, der im Jahre 1327 die Würde erhielt, fast aus- 
nahmslos aus dem eigenen Domcapitel hervorgegangen nnd, wenn auch 
vielfach mitteldeutschen Familien entsprossen, doch so in die nieder- 



16 

säclisisclien Traditionen eingeweiht, dass das Niedersachsische für sie 
und ihre Kanzlei Amt- und Verkehrssprache bildete. Seit dem Jahre 
1327 aber wurde den Magdeburgern eine fortlaufende Reihe von Erz- 
bischöfen aus dem Süden, die ihre Schreiber aus ihrer Heimat mit- 
brachten und das Mitteldeutsche als Kanzleisprache einführten, von 
Papst und Kaiser aufgezwungen.^ 

Die eigentliche Einführung des Mitteldeutschen in Magdeburg 
begann jedoch erst zur Zeit der Reformation, wie sie Hülsse, Ge- 
schichtsblätter f. Stadt u. Land Magdeb. Bd. XIIl, S. 150 ff. aus- 
führlich geschildert hat. Mit Recht hebt derselbe S. 155 hervor, dass 
dort die Reformation fast alleinige Ursache zur vollständigen Annahme 
der gemeinen Schriftsprache und damit indirekt einer hochdeutschen 
Volkssprache geworden ist: wie Magdeburg wohl zuerst die evangelische 
Lehre öffentlich eingeführt, so habe es auch in Bezug* auf die Sprache 
ihr zuerst die volle Herrschaft eingeräumt. 

Und so müssen denn auch mit den studiosi adolescentes, welche 
die Akademieen Leipzig und Wittenberg besucht hatten und zur Ein- 
führung des Meissnischen in ihrer Heimat beitrugen, an jener Stelle 
des Torquatus*) auch Angehörige der Stadt Magdeburg gemeint sein. 
Dem entsprechend wurden auch nach Hülsse a. a. 0. S. 157 alle 
Magdeb. Bücher, die einen mehr wissenschaftlichen Inhalt hatten, z. B. 
die während des ersten Magdeb. Krieges von Magdeburg ausgegangenen 
Streitschriften, von Anfang an seit Einführung der Reformation hoch- 
deutsch gedruckt; nur Bibeln und die meisten Gesangbücher, die für 
die niederen Stände, besonders auch für das Landvolk berechnet waren, 
erschienen noch in niederdeutscher Sprache. Die jungen Gelehrten, 
insbesondere die jungen Theologen, waren es also, welche der als 
Gemeinsprache auftretenden Mundart zuerst Eingang in Mb. verschafft 
hatten. Damit stimmt es auch überein, wenn Torquatus S. 107 die 
unausgesetzte Pflege des Meissnischen geradezu als Aufgabe der Diener 
des Staates und der Kirche bezeichnet: 'Nos etiam, qui aliquando 
causas publice acturi sumus aut ad Ecciesiam dicturi, suscipiamus 
aliquam saltem Saxonicae linguae excolendae curam, et ad Misnicam 
dicendi venustatem nos a primis statim annis adsuefaciamus.' 

Da Torquatus ferner bemerkt hatte, dass sich auch die übrigen 
deutschen Stämme der von Luther angewandten ostmitteldeutschen 
Mundart, die man kurzweg ;,Meissnisch" nannte, befleissigten, so hielt 
er bereits diesen Dialekt für den reinsten und gewähltesten von ganz 
Deutschland. Er sagt demgemäss S. 93': 



*) S. 98. Accedit huc, quod in vicinis Academiis Lipsica et Wittebergensi 
cum studiis politioribus simul Misnicam linguam (Luthero potissimum autore) addis- 
cerent studiosi adolescentes, qui deinde assumti ad Reipublicae, Ecclesiae et scholarum 
functiones in bis locis domestica^ antiquata, novam illam introduxere linguam, quae 
nunc etiam in urbe Magdeburgensi usu adeo invaluit, ac temporis progressu tantum 
roboris coUegit, ut et litterati et peregrinationibus nonnihil exculti cives, non sine 
summa difficultate Saxonice scribant et loquantur ipsi, ac publice privatimque 
dicentes ingenti cum fastidio audiant. . . 



\1 

^Qaemadmodttm aliaram gentiam seu nationum linguae süad ^uasdam siv6 
in singulis sive in plnribas verbis proprietates habent, qnibns a commnni loqaendi 
ratione differunt, idiomata yel dialectos Graeci vocant, inter qnas tarnen alia aliis 
purior est et elegantior. Nam Attica olim, hodie vero Peloponnensis dialectus 
apnd Graecos praefertur ceteris. In Hispaniis Castellana. In Galliis Parisiensis 
et Anreliana. Inter Sclavos Bohemica. Apud Beigas Flandrica cultior existimatur: 
Ita nna idemque lingua quidera est Snevis, Bavaris, Francis, Thuringis, Misnensibus 
et Saxonibus. Yerum singuli horum suos habent Idiotismos, qaibus a commuDi 
sermone differnnt. Inter quos omnium assensn et comprobatione prae caeteris 
homines Misnenses pure et eleganter, cum mirifica qnadam gravitate, coniuncta 
cum comitate, seu vere Attica gratia loquuntur.* 

Aus diesen Worten, besonders aus der Parallelisierung mit an- 
deren Sprachen, geht deutlich hervor, dass Torquatus eine klare Vor- 
stellung von der Erhebung eines Dialektes zur Gemeinsprache hatte, 
dass sich aber unmittelbar daran bei ihm die Vorstellung geschlossen, 
dass dieser Dialekt wegen seiner Reinheit und Eleganz zur Schrift- 
sprache und zur Umgangssprache der Gebildeten geworden sei. In 
diesem Gedanken lebte also bereits ein Mann, der das Mitteldeutsche 
während seines Studiums in Wittenberg selbst erst erlernt hatte! 

Konsequent verfuhr Torquatus nur, wenn er jede andere deutsche 
Mundart als die Meissnische ausdrücklich von jeder Mustergiltigkeit 
ausgeschlossen wissen wollte. So sagt er weiter S. 107: 

'Et in discenda lila (sc. Misnica lingua) illos studiose imitemur, qui proprie, 
eleganter et sine affectatione scribunt et loquuntur Germanice. Boiarismos, 
Suavismos et si qua alia est affectata sei; barbarica grandiloquentia, relinquamus 
Ulis, qui ubi quid quemqne maxime deceat et omet, minime observant.' 

Die Hochschätzung des Meissnischen musste eine Verachtung des 
Niederdeutschen zur Folge haben, wie denn Torquatus demselben 
bereits sogar eine barbarica et incondita pronunciatio zuschreibt. 

Übrigens ist neben dem religiösen und dem sich daran schliessenden 
wissenschaftlichen Verkehr auch der merkantile für Ausbreitung des 
Mitteldeutschen in Magdeburg noch besonders wirksam gewesen, wie 
sich aus folgenden Worten, die Torquatus S. 107 seiner Aufforderung 
an die Staats- und Kirchenbeamten zur Pflege des Meissnischen bei- 
fügt, ergiebt: 'praesertim cum id Mercurio, ut dicitur, felici non male 
succedere apud nostrates comperimus.' Gemünzt ist diese Stelle 
sicherlich' auf die vornehmen Magdeburger Kaufleute, die jährlich zur 
Leipziger Messe ziehend im Interesse ihrer Geschäfte dort meissnisch 
sprechen mussten. Aber auch sie — denn nur diese können mit den 
neben den literati genannten peregrinationibus exculti gemeint sein 
— hörten ja nur noch mit grossem Widerwillen niederdeutsch reden, 
so dass also die Wertschätzung der Sprachen von der Gelehrten- 
aristokratie auf die kaufmännische Aristokratie, welche den Dialekt 
zu anderen Zwecken erlernt hatte, direkt übergegangen war. 

Dass die literati et peregrinationibus exculti das Plattdeutsche 
nur noch mit der grössten Schwierigkeit geredet hätten, muss aller- 
dings in dieser Allgemeinheit eine Übertreibung sein und kann sich nur 
auf in Magdeburg lebende geborene Mitteldeutsche beziehen, die ja zur 

KiederdentscheB Jahrbnoh. XIV. 2 



18 

Reformationszeit dort vielfach aufgenommen waren und das Meissnische 
ganz besonders verbreitet haben werden. 

Wie das Mitteldeutsche zunächst sogar nur für den wissenschaft- 
lichen Verkehr, das Niederdeutsche noch für den Privatverkehr auch 
der Gebildeten angewandt wurde, ersehen wir am deutlichsten aus 
dem Umstände, dass Torquatus selbst, soweit er die am Rande ge- 
machten Inhaltsangaben seiner 1567 — 1574 lateinisch geschriebenen 
Annalen in deutscher Sprache giebt, fast durchweg rein hochdeutsch 
geschrieben hat, während er nach Boysen d 3, S. 3 seine Selbst- 
biographie, die er unter dem Titel „Huss-Bock M. Georgii Torquati 
Sudenburg Magdeburg 1569^ nur für sich selbst und seine Nachkommen 
verfasste, sich des Niederdeutschen bediente. Allerdings ist von den 
beiden Stellen, die Boysen d 3 S. 4 u. e 3 S. 1 aus dem jetzt ver- 
lorenen Manuskripte anfuhrt, nur die erste ziemlich rein niederdeutsch, 
die zweite dagegen mit hochdeutschen Wörtern und Sätzen vermischt; 
letzteres erklärt sich jedoch wohl dadurch, dass diese Stelle, die am 
Schlüsse des ganzen Buches stand, eine Anrufung Gottes enthält, 
infolgedessen der Verfasser mit dem Predigtstile zum Teil auch un- 
willkürlich in die Predigtsprache verfiel. Die beiden Stellen lauten: 

1) De öffentlicke Schole hebbe ick wol besocht. Aber nicht nützlicken. 
Under Mynes Gucken was eck höcher an Wissenschopp; aber eck was önen vare, 
an muth welligen Stückchen; and bösen Daten, woran dei Jagend öhr Speel hett. 
Aber dei leibe Herre Gott, hat meck dorch Kranckheiten so schwach hemakt, dat 
eck nicht stark genaug was, grötere Sünne tho dohn. 

2) Dein Wille o Heere Gott geschehe! vollbringe das gate Werk, das da 
in mir angefangen hast; gif meck ock diene Gnad, dat eck dorch dines hilligen 
Geistes Hylpp, de Sttnne nnd meck, war eck dien find bin, hasse, angriepe, und 
betwinge, and dir lebe mit Mund, Herz, and That, and in dir lieber Herre Gott 
sterbe. Da bist mynes Lebens Quell, und mynes Todes Here. Amen. 

Während sich also die das Hochdeutsche verbreitenden literati 
selbst noch Ende der 1560er Jahre in der Regel des Niederdeutschen 
bedienten, hatten sie ersteres wenigstens schon früher vom religiös- 
wissenschaftlichen Verkehre auch auf den amtlichen Verkehr über- 
tragen, dessen Sprache man gleichfalls als feierlicher und edler als 
die Umgangssprache empfand. Die Einführung des Mitteldeutschen 
in die Urkunden begann nach Hülsse um 1550. Besonders interessant 
ist das von Hülsse S. 160 ff. beschriebene Ringen beider Mundarten 
in den von den jährlich wechselnden Kirchmeistern, die nicht immer 
den vornehmsten Familien entsprossen waren, geführten Rechnungs- 
büchern der St. Jacobikirche; hier folgen z. B. auf Urkunden, die in 
einer Art Mischdialekt abgefasst sind, wieder rein niederdeutsche, 
während sich bei dem Kirchmeister Jochim Sedeier, der das Amt zwei 
Jahre hinter einander bekleidete, im Register von 1557 schon viel 
weniger niederdeutsche Elemente als in dem von 1556 finden. Wir 
sehen hier also, wie das Hochdeutsche wie eine fremde Sprache mühsam 
und allmählich erlernt werden musste. Aber schon von 1560 an weisen 
nach Hülsse S. 163 die erwähnten Rechnungsbücher nur noch ver- 



id 

einzelte niederdeutsche Formen auf, und nach S. 158 findet sich schon 
im Jahre 1570 die letzte niederdeutsche Urkunde, eine Eatsordnung. 
Um diese Zeit muss das Mitteldeutsche auch für den mündlichen 
Verkehr der Gehildeten unter sich einen breiteren Boden gewonnen 
haben, da sonst jene Worte des Torquatus von den literati und den 
peregrinationibus exculti wohl überhaupt unmöglich gewesen wären; 
das betreffende Capitel wird sicherlich erst in den 1570er Jahren ge- 
schrieben sein, da ja Torquatus noch 1569 seine Biographie nieder- 
deutsch abfasste; wie aber das Hochdeutsche von Jahr zu Jahr mäch- 
tiger wurde, haben wir an der Urkundensprache ersehen. 

Bei der Verachtung, die sich das Niederd. gerade in Magdeburg 
sehr früh zugezogen hatte, ist es begreiflich, wenn hier bereits sehr 
früh und zweifellos zuerst in ganz Norddeutschland auch die mittleren 
und niederen Volksschichten Gebildeten gegenüber sich ihrer Sprache 
schämten und das Hochdeutsche anzuwenden begannen. Die Folge 
war, dass die Gebildeten, die wenigstens bisher das Niederdeutsche 
noch im Verkehre mit den Ungebildeten zu gebrauchen sich genötigt 
gesehen hatten, dies nunmehr überhaupt abstreiften. 

Das schliessliche Resultat des Prozesses war das vollständige 
Aufgeben des Niederd. zu Gunsten des Hochd. von Seiten der ganzen 
Bevölkerung in den 1830er Jahren. Die Zeit, in der in Magdeburg noch 
plattdeutsch gesprochen wurde, ist noch jetzt in Erinnerung alter 
eingeborener Magdeburger. 

Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, die Schiffer und Fischer, 
hat bis heute das Niederdeutsche gewahrt. Begründet ist diese Er- 
scheinung darin, dass diese Leute erstens einen besonderen Teil der 
Stadt bewohnen, zweitens aber infolge ihres Handwerkes eine relativ 
in sich geschlossene Verkehrsgemeinschaft bilden. Dazu werden sie 
auf ihren Eibfahrten, die sie weit häufiger stromabwärts als strom- 
aufwärts von Magdeburg aus unternehmen, bis nach Hamburg geführt 
und so in fortwährenden lebhaften Verkehr mit anderen niederd. 
sprechenden Personen gebracht. Wie sehr sie sich selbst als eine 
geschlossene Verkehrsgruppe, die von ihnen bewohnten Strassen ge- 
wissermassen als , einen besonderen Ort betrachten, geht aus ihrer 
Redensart „nö stat jön (in die Stadt gehn)" hervor, womit sie sagen 
wollen „sich aus dem Schifferviertel in das Innere von Magdeburg 
begeben"; die gleiche Redensart gebrauchen auch die Dörfler, wenn 
sie sagen wollen „nach Magdeburg gehen". Die Arbeiter und Hand- 
werker in Magdeburg nennen die Schiffermundart FedR§pRöx8, weil 
sie am meisten an den sogenannten „Fördern" (niederd. FedR), den 
Plätzen, von denen aus Personen über die Elbe gefördert werden, 
gehört wird; auch die Schiffer selbst haben diese Bezeichnungsweise 
fiir ihre Mundart angenommen. Da jetzt viele das Schiffer- oder 
Fischerhandwerk nicht treibenden Personen in die beiden früher von 
den Schiffern und Fischern allein bewohnten Strassen „Altes Fischer- 
ufer" und „Neues Fischerufer" ganz im Südosten der Stadt, da ferner 
viele Schiffer und Fischer selbst auf das rechte Eibufer oder die Elb- 

2* 



20 

Werder gezogen sind, so ist auch das Schifferniederdeutsch bereits arg 
in seiner Existenz bedroht. Doch reden auch die Kinder der Schiffer 
und Fischer meistens noch niederdeutsch. Im Verkehre mit jedem 
anderen Magdeburger, auch mit jedem Arbeiter, spricht der Mag- 
deburger Schiffer übrigens regelmässig hochdeutsch. Ich habe im 
folgenden das Schifferniederd. mit „Schiffermagdeburgisch" (Sch.-Mb.), 
das von den Ungebildeten in Mb. gesprochene Hochdeutsch mit 
„Stadtmagdeburgisch" (St.-Mb.) bezeichnet. 

Von Magdeburg aus verbreitete sich der Prozess der Ablösung 
des Niederdeutschen auch auf seine Vorstädte. In Buckau, das erst 
vor etwa 25 Jahren 'zur Stadt erhoben wurde und seitdem von allen 
Seiten, auch von Magdeburg selbst, Zuzug insbesondere von Arbeitern 
erhielt, musste das Hochdeutsche deshalb dominieren, weil es unter den 
sich begegnenden Mundarten diejenige war, die für die vornehmste galt. 
Heutzutage sprechen auch in dem jetzt mehr als 20 000 Einwohner 
zählenden Buckau, wenigstens so weit ich habe erfahren können, nur 
noch die gleichfalls unmittelbar an der Elbe wohnenden, mit den 
Berufsgenossen in Magdeburg in Verkehr stehenden Schiffer und Fischer 
niederdeutsch. 

In der südwestlichen Vorstadt dagegen, der gegen 20 000 Ein- 
wohner zählenden Sudenburg, wo es keine Schifferbevölkerung giebt, 
ist es einzig eine kleine Anzahl von Ackerbürgern, etwa 10 Familien, 
die das Niederd. bis heute gewahrt haben. Dieselben wohnen etwas 
zerstreut ganz im Süden der sich lang hinziehenden Vorstadt, also 
am entferntesten von Magdeburg und weit näher den noch niederd. 
redenden Dörfern. Auch verkehren sie vorwiegend unter sich und 
sonst wohl mehr mit den Bauern der Dörfer als mit ihren Mitbürgern. 
Jedoch sprechen die jüngeren Leute unter ihnen meist nur noch mit 
ihren Eltern niederd., so dass diese Mundart auch in Sudenburg 
bereits in den allerletzten Zügen liegt. 

Weit verbreiteter ist das Niederd. noch in der nördlichen Vorstadt 
Neustadt. Ursache dafür ist einfach weitere Entfernung vom eigent- 
lichen mitteldeutschen Sprachgebiet. In Sudenbui-g begegneten sich 
die beiden mitteldeutschen Strömungen, von denen die eine aus Mag- 
deburg, die andere direkt von Mitteldeutschland kam; in der Neustadt 
dagegen ist die letztere Strömung überhaupt kaum noch vorhanden. 
Ns. selbst besteht aus zwei nicht unmittelbar zusammenhängenden 
Teilen, von denen der südliche „Alte Neustadt", der nördliche „Neue 
Neustadt" heisst. Trotz dieser Lage ist das Hochdeutsche in der 
alten Neustadt minder als in der neuen verbreitet, da ersteres wiederum 
eine zahlreiche Schiffer- und Fischerbevölkerung besitzt, letzteres aber 
wegen seiner Industrie und seiner Fabriken einen weit lebhafteren 
Verkehr mit Magdeburg unterhält. Neben den Schiffern und Fischern 
halten auch wiederum die Ackerbürger beider Teile der Vorstadt am 
zähesten am Niederd. fest; bei diesen Leuten reden auch die Kinder 
überall noch niederd., was bei der übrigen Bevölkerung wohl garnicht 
mehr der Fall ist. Wie viele Personen unter den Handwerkern und 



21 

Arbeitern der Neustadt noch niederd. sprechen, lässt sich nicht genau 
angeben ; nach der mir als am zuverlässigsten erscheinenden Schätzung 
haben in der etwa 10 000 Einwohner zählenden alten Neustadt noch 
etwa */8, in der ungefähr 20 000 Einwohner zählenden neuen Neustadt 
noch etwa Vs der Gesammtbevölkerung das Niederd. erhalten. Also ein 
eigentlicher Umschlag in das Hochd., wie er auch in Sudenburg einge- 
treten sein muss, wo er nur die Ackerbürgerbevölkerung nicht getroffen, 
hat in Neustadt noch nicht stattgefunden: wenn in der neuen Neu- 
stadt bereits die Majorität nur noch hochdeutsch spricht, so erklärt 
sich dies auch aus der Fluktuation ihrer Einwohnerschaft. Da jedoch 
in einigen Jahren die Vereinigung von Magdeburg und Neustadt zu 
einer Stadt durch Anbau des dazwischen liegenden Terrains anheben 
wird, so ist dem Niederd. in Neustadt nur noch eine sehr kurze 
Zukunft gesichert. 



22 

Geschichte det* Sprache des Magdeburger Landes. 

Während Magdeburg nebst seinen Vorstädten so das Niederd. all- 
mählich immer mehr einschränkte, hatte das umgebende Gebiet den 
gleichen Weg eingeschlagen, war aber weit langsamer nachgefolgt. Schon 
jene das citierte Capitel des Torquatus einleitende Äusserung über das 
Niederd. im Erzbistum und der benachbarten Mark im Gegensatze 
zu dem früher eben dort und zu gleicher Zeit in den weiter nördlich 
und westlich gelegenen Gegenden Norddeutschlands gesprochenen 
Niederd. zeigt hinlänglich, dass man in diesem ganzen Gebiete bemüht 
war, den angestammten Dialekt möglichst zu Gunsten des Mitteid. 
einzuschränken. Dass auch die Ungebildeten auf dem Lande das 
Mitteid. im Verkehre mit Gebildeten, Städtern und Mitteldeutschen 
selbst bei uns schon seit geraumer Zeit sprechen, ergiebt sich aus 
der grossen Anzahl von mitteld. Elementen, die in dies Niederd. auf- 
genommen worden sind. Auch Damköhlers Betrachtung, der die starke 
Durchsetzung mit mitteldeutschen Elementen als das Hauptcharakteri- 
stikum des oberharzischen Niederd. im Gegensatze zu dem weiter 
nördlich, aber auch weiter westlich gesprochenen ansieht, gipfelt in 
dem Satze, dass die Aufnahme dieser Elemente wohl nicht erst in 
jüngster Zeit erfolgt sein könne. War das frühe Sichfestsetzen des 
Mitteld. als Gemeinsprache auch der niederen Stände im Magdeburger 
Lande eine Folge an der lebhaften Beteiligung an der Reformation 
gewesen, und haben wir somit diesen Prozess als die direkte Fort- 
setzung der vollständigen Verdrängung des Niederd. im Saalgebiete 
zu betrachten, so müssen wir auch analog die Aufnahme mitteld. 
Elemente in das Niederd. des Oberharzes als die Folge eines langen 
Nebengebrauches des Mitteld., diese aber gleichfalls als die Fortsetzung 
der Verdrängung des Niederd. im Unterharze betrachten. Und wenn 
östlich der Elbe sich gleichfalls die Dialektgrenze verschoben hat, 
Torquatus aber für die Mark Brandenburg die gleichen sprachlichen 
Verhältnisse wie für das Erzbistum Magdeburg angiebt, so dürfen wir als 
sehr wahrscheinlich annehmen, dass auch der südliche Strich des heute 
noch niederdeutschen ostelbischen Landes ein gleichfalls von mitteld. 
Elementen durchsetztes Niederd. redet, so dass an das mitteld. ge- 
wordene Gebiet in seiner ganzen Länge sich ein vom Mitteld. stark 
beeinflusster Distrikt anlehnt. 

Nächst den Vorstädten sind es die kleinen Städte im Magdeburger 
Lande, in denen das Hochdeutsch am meisten an Terrain gewonnen 
hat. Wanzleben hat sich in seiner Urkundensprache schon sehr früh 
an Magdeburg angeschlossen; die dort von mir im Magistratsarchive 
durchgesehenen Urkunden schlagen um 1560 aus dem Niederd. in das 
Mitteld. um. Seit 20 — 30 Jahren hat die jüngere Generation der 
Ökonomen und der besser situierten Handwerker das Niederd. grössten- 
teils gänzlich abgestreift. Ganz analog wie in Wanzleben scheinen 
die letzteren Verhältnisse in Egeln zu liegen. Während also in den 
Magdeburger Vorstädten die ackerbürgerlichen, dem grossstädtischen 



23 

Treiben am fernsten stehenden Kreise am zähesten an Sprache wie 
an Lebensweise der Vorfahren festgehalten haben, ist es in den kleinen 
Städten gerade die wohlhabende ackerbautreibende Bevölkerung, die 
meist von einem gewissen Geld- und Bildungsdünkel beherrscht am 
meisten den Gebrauch des Niederdeutschen zu meiden sucht. Bei 
Wanzleben kommt übrigens für die häufige Anwendung des Hochd. 
auch der starke Verkehr dieses Punktes mit Magdeburg, für Egeln 
die Nähe des mitteld. Sprachgebietes in Betracht. Ein verhältnis- 
mässig kleineres Terrain scheint die alleinige Anwendung des Hochd. 
in dem zwar beträchtlich grösseren, aber weiter sowohl von Magdeburg 
als auch von der Sprachgrenze entfernten Oschersleben zu besitzen; 
jedenfalls war seine Anwendung in früherer Zeit dort eine geringere 
als in Wanzleben und Egeln, da sein Niederd. weit minder vom Hochd. 
als in diesen Städten beeinflusst ist. Noch geringer ist der Gebrauch 
des Hochd. in dem Wanzleben an Grösse fast gleichkommenden See- 
hausen und dem bedeutend kleineren Hadmersleben, Punkten, die weder 
von Magdeburg noch vom mitteld. Gebiete her beträchtlich hätten 
beeinflusst werden können. 

Aber nicht nur in den kleinen Städten, sondern auch auf den 
Dörfern hat die Bildungssucht wenigstens bei einer Reihe einzelner 
Personen das gänzliche Aufgeben des Niederd. als Eigensprache zur 
Folge gehabt. Winter hat in seinem kulturhistorisch interessanten 
Aufsatze „Über die Sprache am Zusammenflusse der Bode, Saale und 
Elbe", Geschichtsbl. f. Stadt u. Land Magdeb., Bd. IX, S. 98 ff. aus- 
geführt, in welcher Weise die Verdrängung des Niederd. bei den reichen 
Bördebauern geschieht, und wie die Bildungssucht derselben in dem 
sichtlichen Wachstume ihres Wohlstandes, der hauptsächlich einer 
agrarischen Umwälzung, der seit etwa 1830 erfolgten Separation des 
Gemeindebesitzes, seinen Ursprung verdankt, ihre Quelle hat. 

Durch den letzteren Umstand erhält die Magdeburger Börde in 
der Häufigkeit der Anwendung des Hochd. sogar ein Übergewicht über 
die sich östlich und die sich zunächst westlich anschliessenden niederd. 
Landstriche. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die ja einstens, 
wenn auch in ganz unabsehbarer Zeit, ohne das Eintreten unerwarteter 
störender Umstände sicherlich erfolgende vollständige Ablösung des 
Niederd. durch das Hochd. im Magdeburger Gebiete am frühesten ein- 
treten und von dort ihren Zug durch ganz Norddeutschland nehmen wird. 



24 



Abstafang des hoeMentschen Einflnsses. 

Im einzelnen ist jedoch im Magdeburger Lande der grössere 
oder geringere Gebrauch des Hochdeutschen und der höhere oder 
niedrigere Grad der daraus resultierenden Dialektmischung noch ein 
sehr verschiedener. Drei Arten von Strömungen sind es, die sich auf 
das Gebiet von verschiedenen Seiten her geltend machen und durch 
ihre vielfachen Kreuzungen das Bild der Abstufung des hochdeutschen 
Einflusses zu einem sehr komplizierten gestalten. Die stärkste dieser 
Strömungen geht vom mitteldeutschen Gebiete selbst, eine minder 
starke von Magdeburg aus; bedeutend schwächer sind diejenigen, die in 
den kleinen Städten Wanzleben, Egeln, Oschersleben ihre Quellen haben. 

Magdeburg hat erstens nicht nur seinen Vorstädten, sondern 
auch den nächst gelegenen Dörfern eine grosse Menge hochdeutscher 
Elemente zugeführt, zweitens aber dem vom mitteldeutschen Gebiete 
ausgehenden Strome eine Grenze gesetzt d. h. durch seinen Verkehr 
mit Mitteldeutschland und durch den Vorzug, den es der hochdeutschen 
Sprache von jeher gab, überhaupt möglich gemacht, dass diese Strömung 
ununterbrochen bis zu ihm selbst dringen oder vielmehr mit der von 
ihm selbst ausgehenden zusammenfliessen konnte. Denn westlich von 
Magdeburg ist der mitteldeutsche Einfluss viel weniger weit oder doch 
in weit geringerem Masse nach Norden gedrungen. Man ersieht die 
Kreuzung der beiden Strömungen aus dem Umstände am deutlichsten, 
dass sich das Mass des hochd.- Einflusses in dem Niederd. der Mag- 
deburg nächst umgebenden Dörfer zugleich nach der Entfernung und 
nach der Himmelsrichtung von Magdeburg aus bestimmt. Am stärksten 
ist das Niederd. in dem nächstgelegenen Lemsdorf, ein wenig schwächer 
in Fermersleben, fast ebenso in den doch weiter von Magdeburg ent- 
fernt gelegenen Salbke und Westerhüsen, wieder ein wenig schwächer 
in Kl. Ottersleben und noch etwas schwächer in Gr. Ottersleben vom 
Hochd. durchsetzt. Demnächst ist der betreffende Einfluss in Diesdorf 
am stärksten, dem jedoch derjenige in den viel weiter entfernten, aber 
auf der Kreuzungslinie gelegenen Beiendorf, Sohlen und Dodendorf 
nur wenig nachsteht. Dass die von Mitteldeutschland ausgehende 
Strömung nicht weiter nördlich als höchstens bis Diesdorf gelangt ist, 
zeigt sich an dem Umstände, dass Rothensee, direkt nördlich von 
Magdeburg und nur der Neustadt näher gelegen, das westlich liegende, 
aber der Stadt als Gesammtkomplex, d. h. die Vorstädte eingerechnet, 
ferner gelegene Olvenstedt an Durchsetzung seines Dialektes mit hochd. 
Elementen übertrifft, während es Diesdorf darin noch nachsteht. Der 
Abstand zwischen Ebendorf und Olvenstedt in dem betreifenden Punkte 
ist sodann ein ganz bedeutend grösserer als selbst derjenige zwischen 
Olvenstedt und Diesdorf. Mit Olvenstedt etwa gleich mögen die unter 
sich kaum verschiedenen Osterweddingen, Sülldorf, Welsleben stehen. 
Gering ist der Abstand des Dialektes dieser Dörfer in dem betreifenden 
Punkte von demjenigen von Langenweddingen, Bahrendorf, Stemmern, 



25 

Altenweddingen, hinter denen wieder Schwaneberg, Wohnirsleben, 
Tarthun ein wenig zurückstehen. 

Wir sehen also in der Abnahme des hochdeutschen Einflusses 
neben der Richtung von Süden nach Norden deutlich eine solche von 
Osten nach Westen gehen. Ursache ist freilich nicht allein Magdeburg, 
sondern auch die nach Westen hin zunehmende Neigung der Dialekt- 
grenze nach Süden. 

In analoger Weise haben Egeln und Wanzleben das besprochene 
Kreuzungsgebiet wieder durch kleinere Strömungen, die von ihnen aus- 
gingen, in bestimmte Grenzen gewiesen. Zwar haben beide Punkte 
nicht vermocht, wie Magdeburg in der Weise Einfluss zu üben, dass 
die Mundarten der ihnen nächstgelegenen Dörfer sich ganz beträchtlich 
von denen der ihnen weiter entfernten abheben; wohl aber haben sie 
es wiederum ermöglicht, dass die Hauptmasse der von der mittel- 
deutsch-magdeburgischen Strömung getragenen hochdeutschen Elemente 
bis zu den Linien Magdeburg — Wanzleben und Wanzleben — Egeln fort- 
geschwemmt wurde. Nordöstlich dfer erstem Linie wird die Zahl dieser 
Elemente plötzlich eine ganz bedeutend geringere. Etwas weniger 
scharf prägt sich dieser Unterschied zwischen den Distrikten westlich 
und östlich der zweiten Linie aus, eine Eigentümlichkeit, die wohl in 
der Hauptsache dadurch veranlasst ist, dass westlich dieser Linie der 
von Mitteldeutschland ausgehende Einfluss an sich noch wirken konnte. 
Dazu kommt auch wohl, dass der Verkehr zwischen den Gebieten 
nordwestlich und südöstlich der Linie Wanzleben — Magdeburg bei dem 
leeren Zwischenräume zwischen den Dörfern Gr. Ottersleben, Oster- 
weddingen, Langenweddingen, Schleibnitz ein etwas eingeschränkterer 
sein muss. Das Dorf Schleibnitz, welches gerade auf jener Linie liegt, 
bildet eine Art Übergangsstufe. Östlich der Linie Wanzleben — Egeln 
ist ein derartiges leeres Gebiet nicht vorhanden, da die noch streng 
zum Kreuzungsgebiete gehörigen Schwaneberg und Wolmirsleben jener 
Linie ganz nahe, Bottmersdorf und Bleckendorf fast auf derselben liegen. 

Am deutlichsten zeigt sich die Abgrenzung des Kreuzungsgebietes 
in dem Laufe der Grenze zwischen anlautenden §p, §t und sp, st. 
Dieselbe geht zunächst im ganzen südwestlich, indem sie Rothensee, 
Diesdorf, Kl. und Gr. Ottersleben, Osterweddingen, Brelitz als die 
nordöstlichsten Punkte mit sp, §t erscheinen lässt, macht aber sodann 
um Wanzleben eine scharfe Biegung nach Süden und läuft so direkt 
bis Egeln. Nur in dem fast auf jener Linie gelegenen Bottmersdorf 
sprechen heute die Kinder meistens auch schon Sp und §t. Zwar hat 
man nun im allgemeinen zuzugeben, dass jene Grenze überhaupt in 
ganz Norddeutschland in einem fortwährenden Vordringen nach Osten 
und Norden begriffen ist; aber die Thatsache, dass in allen Ortschaften, 
die einmal §p und §t angenommen haben, auch die ältesten Leute 
dasselbe sprechen, in den übrigen aber grösstenteils noch nicht einmal 
die Kinder, macht es doch zur Gewissheit, dass dieser Grenze an 
jenen nicht zufälligen Linien wenigstens für eine Zeit lang Halt ge- 
boten wurde. 



26 

Etwas weiter ist die Grenze von niederd. anl. §1, §m, §ii, §v für 
ursprüngliches sl, sm, sn, sv verschoben. In der Nordhälfte unseres 
Gebietes haben es jenseits der eben besprochenen Grenze nur noch 
das nicht mehr zum Kreuzungsgebiete gehörige, aber von Magdeburg 
aus direkt beeinflusste Olvenstedt und das auf der Linie Magdeburg — 
Wanzleben gelegene Schleibnitz. Südlich von Wanzleben macht aber 
diese Linie eine Biegung nach Westen, die offenbar durch den Einfluss 
der Stadt Oschersleben veranlasst worden ist. Die gesammten in dem 
Dreieck Wanzleben — Oschersleben — Egeln gelegenen Dörfer haben anl. 
sl, §m, Sn, §v in ihr Niederdeutsch aufgenommen, auch das auf der 
Linie Oschersleben — Egeln gelegene Westeregeln. In dem aus einer 
Dorf- und einer sehr kleinen Stadtgemeinde bestehenden Hadmersleben 
wird noch von der mittleren Generation sl, sm, sn, sv, von den Kindern 
dagegen bereits §1, §m, §n, §v im Niederd. gesprochen. Hier hat sich 
also die Grenze des Gebietes mit §1 u. s. w. nicht wie sonst nach 
Nordwesten, sondern direkt nach Südwesten vorgeschoben. So sehr 
kann auch die Richtung des Vordringens einer Sprachneuerung unter 
dem Einflüsse bestimmter kultureller Faktoren in eine andere Bahn 
als die ursprüngliche gelenkt werden. 

Innerhalb des von Wanzleben, Egeln und Oschersleben um- 
schlossenen Dreiecks macht sich eine schwache Abnahme der hoch- 
deutschen Elemente im Niederd. nach Norden sowohl wie nach Westen 
bemerklich. In der letzteren Richtung haben wir noch einen Einfluss 
der beiden ersteren Städte zu sehen, die ja auch selbst, wie gesagt, 
ein weit mehr vom Hochd. durchsetztes Niederd. als Oschersleben reden. 

Nördlich der Linie Wanzleben — Oschersleben wird die Abnahme 
der hochdeutschen Elemente wieder eine bedeutendere. Ursache ist 
ausser dem Aufhören der Wirksamkeit von Egeln und der grösseren 
Entfernung von der mitteldeutschen Grenze wiederum das Bestehen 
eines grösseren leeren Vierecks zwischen Bottraersdorf, Pesekendorf, 
Ampfurth, Kl. Wanzleben und infolgedessen ein verhältnismässig 
schwächerer Verkehr. 

Jenseit der Linie Magdeburg — Wanzleben — Oschersleben sind 
sodann die hochdeutschen Elemente überhaupt nur noch schwach ver- 
treten und in einer ganz allmählichen leisen Abnahme nach Westen 
und Norden begriffen. Auch die Grenze des Gebietes der labial- 
palatalen Vokale ft, 5, ü, ö, die im grössten Teile unseres Bezirkes 
durch Lippenentrundung in i, e, i, e infolge mitteldeutschen Einflusses 
übergegangen sind, zieht sich im ganzen von Nordosten nach Süd- 
westen, ist also nach Nordwesten im Vordringen begriffen. Auffallend 
ist nur die Ausbuchtung um Olvenstedt. Wenn das fast direkt nördlich 
von Gr. Rodensieben gelegene Hemsdorf jene Vokale gleichfalls ent- 
rundet hat, so ist diese Erscheinung dadurch erklärlich, dass Hemsdorf 
erst unter Friedrich d. Gr. von Pfälzern angelegt wurde, die, wie noch 
heute ältere Eingeborene dort in Erinnerung haben, noch lange ihren 
Heimatsdialekt neben dem Niederd. sprachen. Dass Seehausen als 



27 

Stadt sich der von Mitteldeutschland kommenden Strömung ange- 
schlossen hat, ist begreiflich. 

Am wenigsten in unserem Gebiete ist der Dialekt seines nord- 
westlichsten Punktes, Druxberge, vom Hochd. beeinflusst. Hier haben 
einzig noch die Kinder die nd. Formen der Zahlwörter beibehalten, 
die fast überall durch die hochd. ersetzt worden sind. Es heisst hier 
also : ains, tve, drai, fair, fif, zes, zemm, axt, nejn, tain u. s. w. gegen- 
über ains oder fens, tsvai oder tsve, drai, fir, flmf, zeks, zimm, axt, 
noin oder nain, tsen im ganzen übrigen Gebiete. Nur in Drakenstedt, 
Dreileben und auch in Oschersleben sind die ursprünglich niederd. 
Zahlformen wenigstens noch bei den meisten Erwachsenen im Gebrauch. 

Nachdem ich im Vorstehenden bereits die Belege für meine Be- 
hauptungen hinsichtlich der Abstufung des mitteldeutschen Einflusses 
soweit gegeben habe, als sie abgesehen von der Veränderung der 
Zahlformen rein lautliche Neuerungen betreffen, stelle ich nunmehr 
zur Veranschaulichung jener Abstufung auch im kleinen eine Reihe 
lautlich-funktioneller Neuerungen zusammen. Zu bemerken ist nur 
noch, dass Striche, die im ganzen weniger mitteldeutsche Elemente 
als andere entlehnt haben, in einzelnen Fällen zu diesen sehr wohl 
im umgekehrten Verhältnisse stehen können. Wo jedoch unter den 
folgenden Beispielen Domersleben und Hohendodeleben die nd. Formen 
erhalten, gilt das Gleiche auch für sämmtliche nordwestlich gelegenen 
Punkte; wo hingegen Langenweddingen und Osterweddingen die nd. 
Formen durch eine mitteldeutsche ersetzt haben, beansprucht dasselbe 
Verhältnis auch für das ganze südöstlich gelegene Gebiet Geltung. 
Ich habe die folgenden Formen meist aus dem Munde von Kindern 
im Alter von 12 — 14 Jahren gesammelt; für das Schiffer-Magdeburgisch 
sowie für die Neustadt und Sudenburg standen mir jedoch nur ältere 
Leute von mindestens 50 Jahren zu Gebote. Dennoch zeigt sich hier 
eine noch grössere Zersetzung der ursprünglichen Mundart durch 
fremde Elemente als selbst bei den Kindern in den Magdeburg nächst- 
gelegenen Dörfern. 

1) Aufnahme stofflicher Elemente. 

a) ts für t. 

Bhg.y OscM.: harta (Herz). Gr. EdL: harta = hartsa. Sh., KL Wzl, Kl. 
Gml, Bmd., Wzl, Dml, Hdd., Ndd., Ovs., Kl. (Hl, Gr. Otl. nebst allen südöstlich 
von diesen Punkten gelegenen Dörfern: hartsa. 

Gr. Bdl.y Sh., Kl. OscM., Kl. Gml, Wseg., Eg., Tth., Wml, Schnb., Bmd., 
Wzl, Schntz., Lwd., Owd., Gr. Otl: holt (Holz). Ebd.: olt (h lautgesetzl. ge- 
schwunden). Lmd.: holt = holts. Sch.-Mb.: holts. Gr. Bdl: höltn. Sh., Kl. 
OscM., Kl. Gml, Dml, Edd.: heltn (hölzern). Gr. Otl: heltn = heltsm. Oüs,, 
Dsd,: heltsm. Sch.-Mb.: heltsRn. 

Dbg., Dks., Dl, Gr. Bdl: hita (Hitze). Dml, Wzl, Lwd., Owd., Ddd., Gr. 
Otl, Jjmd., Fml, Wh. und cUle südlich von diesen Punkten gelegene Dörfer: hitsa 
(so auch Sdb., Sch.-Mb., Ns.). 

Dbg., Gr. Bdl.: net (Netz). Wzl, Dml, Edd., Ovs., Ns. und weiter süd- 
östlich: nets. 



28 

Bhg.: frtern (verzehren). Ebd.: frts^rn. Ns,, Sch.-Mb., Sdb,: frtseRn. Bths., 
Wh., Sk., Fml: frtsern. 

Dbg., Oschl: tvern (Zwirn). Sh.: tsv^rn. Kl. Oschl, Wzl, Gr. Otl, Wh. 
und von diesen südöstlich: tsvern. Sch.-Mb., Ns., 8db.: tsveRn (Kontaminationen). 

Gr. Bdl, Ebd.: boltn (Bolzen). Sch.-Mb.: boltsn. 

Dbg., Sh., Gr. Bdl, Oschl, Kl Oschl, Aid., Psd., Kl Gml, Bmd., 
Kl. Wzl, Wzl, Schntz., Dml, Hdd.: kata (Katze). Wseg.: kata, selten katsa. 
Etgl, BcJcd.: kata = katso. Eg., Tth., Wml, Awd, Stm., Brd., Wsl, Sdf., Ddd., 
Sl, Bed., Lmd., Wh., Sk., Fml, Sdb., Sch.-Mb., Ns.: katsa. Bths.: kata = katsa. 

Gr. Bdl., Dml, Wzl, Schntz., Lwd., Owd., Ddd., Sl, Bed., Lmd., Wh., Bths.: 
frata (Warze). Sch.-Mb.: fRatsa (Kontamination). Kl Oschl, Etgl, Bckd., Eg.: 
frata = vörtsa (vörtsa stets im Hochdeutschen). Sdb.: fRata = fRatsa (vöRtsa 
*Brustwarze'^ 

Gr. Bdl., Wzl, DmU Bths.: vaitn (Weizen). Sch.-Mb.: vetsn. 

Gr. Bdl, Wzl, Dml: milta (Milz). Sch.-Mb.: miltsa. 

Gr. Bdl., Oschl, Kl Oschl, Sh., Schk., Apf., Bkl, Kl Wzl, Kl Gml, Dml, 
Hdd., Ovs., Ebd.: timrn (zimmern). Ddd., Lmd., Fml, Sk., Wh.: tsimm. Sdb., 
Sch.-Mb.: tsimRn. 

Gr. Bdl: töjl (Zügel). Kl Gml, Hdd., Dml: tejl. Ovs.: töjl = tsüjl. 
Wzl, Sch.-Mb.: tsijl. 

Sh., Gr, Bdl, Kl Gml: taila (Ziegel). Wzl, Owd., Gr. Otl, Kl Otl, Ebd,: 
taijl. Bths.: tejl (lautges.). Wh.: tsijl (bei alten Leuten tejl). Sch.-Mb,: tsejl 
(Kontam.). 

Gr. Bdl: grüta (Grütze). Wzl: jritsa. Sch.-Mb.: jRitsa. 

Dbg., Gr. Bdl: tvispalt (Zwiespalt). Kl Bdl, Dml, Hdd,, Ndd,: tsvispalt. 

Gr. Bdl, Dml., Wzl: tön (Zahn). Sch.-Mb.: tsön. 

Gr. Bdl, Dml, Wzl: tön (Zeh). Sch.-Mb.: tson (Kontam.). 

Gr, Bdl, Wzl, Dml, Bths.: taikn (Zeichen). Sch.-Mb.: tsexn. 

Oschl, Sh,, Gr. Bdl, Dml, Hdd., Ndd., Ovs., Dsd., Lwd., Kl Gml, Bmd.: 
svet (Schweiss) (svet), svetn (schwitzen) (svetn). Wzl, Eg., Ddd., Bed., Sl, Kl. 
Otl, Lmd., Sk., Wh., Fml, Sdb., Sch.-Mb., Ns.: svits (Kontam.), svitsn. 

b) s für t. 

Gr. Bdl., Dml, Hdd., Ovs., Schk, Apf,, Kl. Wzl: grotfödr (Grossvater), 
grotmutr (Grossmutter). Oschl, Kl Oschl, Gr. Gml, Kl Gml: grösfödr, grosmutr. 
Wzl, Lwd., Owd., Ddd., Lmd., Wh, u. s. w.: jrösfödr, jrosmutr. 

Gr. Bdl, Hml., Wzl, Lwd., Owd., Ovs : owat (Obst). Sdf., Bed., Fml: 
owast (Kontam.). Eg.: opst. 

Gr. Bdl, Sh., Kl Oschl, Etgl, Schnb., Owd., Bths.: barwat (barfuss). Wsh: 
barftix (Weiterbildung von der nd. Form). Oschl: barwat = barwas (mitteld.). 
Ns.: baRwast (Kontam.). 

Gr. Bdl, Sh., Oschl, Kl Oschl, Tsd., Kl. Wzl, Hml, Wzl, Eg., Lwd., 
Stm,, Bed,, Wsl, Fml, Lmd., Kl Otl: vit (weiss). Sch,-Mb., Ns.: vais. 

Gr. Bdl, Sh., Dml, Hdd., Kl Gml, Bmd,, Wzl, Lwd., Ovs., Ndd.: jota 
(Gosse). Owd., Ddd., Bed., Fml, Lmd., Sch.-Mb., Ns.: josa. 

Dbg.: krßwat (Krebs). Dl, Gr, Bdl.: kreps (doch krßwat noch Name der 
Krankheit). Ebd.: kreps (krewat noch: schmerzende Stelle, wo man jemanden ge- 
kniffen hat). Wzl, Kl Oschl, Wseg,, Tth,, Eg., Lwd., Owd. u, s, w.: kreps. 
Ns,: kReps. 

c) f für p. 

Gr, Bdl, Dml, Hdd.: plöstr (1. Wundpflaster, 2. Strassenpflaster). Sh., 
Wzl, Bmd., Ddd.: plöstr (Wundpflaster), plastr (Strassenpflaster; wohl Kontami- 
nation mit hochd. flastr). Ndd., Dsd., Ovs., Lmd.: plöstr (Wundpflaster), flastr 
(Strassenpflaster). Ebenso Ns., Sch.-Mb., Sdb.: plöstR (Wundpflaster), flastR 
(Strassenpflaster). 

Gr, Bdl, Dml, Hdd.: laif (lieb). Ovs., Dsd., Wh., Sk., Fml, Lmd,, Sch.- 
Mb.: lip. 

Gr, Bdl, Dml, Hdd., Ndd,: hemp (Hanf). Kl Gml: henap. Ovs,: hemf 



2d 

(Kontam.) = hamf. Ddd., Bed., Kl Otl, Lmd., Wh., 8db,, Sek- Mb,, Dsd, 
Bths.: hamf. 

Gr. Bdl, Dml, Edd., Ndd., Wzl: zemp (Senf). Kl. Gml: zenop. Ovs.: 
zemp = zemf. Ddd., ^ed., Kl Otl, Lmd., Wh., Sdb., Sch.-Mb., Dsd., Bths.: zemf. 

Gr. Bdl, Dml, Hdd., Wzl, Bmd., Bckd., Eg., Tth., Wml, Schnb., Ebd.: 
kopman (Kaufmann). Stm.: kopman = kofman. Brd., Wsl, Gr. Otl, Lmd., Wh,, 
Sch.'Mb., Ns., Bths.: kofman. 

GrT. Bdl, Dbg.: hemprÜBk (Hänfling). Wzl: hemfrliak (Kontam.). Ovs.: 
hemprlißk = hemfliak. Lmd.: hemfliak. 

d) / oder x für k. 

Dbg., Dks., Gr. Bdl.: höwik (Habicht). Ndd.: höwix (Kontam.). Sh.: höwix 
= höwixt. Oschl, Kl Oschl, Kl Gml, Kl Bdl, Wzl, Eg., Tth., Lwd., Owd., 
Ddd., Kl Otl, Lmd.: höwixt. 

Gr. Bdl, Ovs., Ebd.: dröko (femin.; Papierdrachen). Wzl: draxn (mascul.). 

Gr. Bdl, Wzl, Dml: dlrik (Dietrich). Ddd., Fml: didarix (Kontam.). 
Sch.'Mb.: didoRix- 

Dbg.: aikr (Eichhörnchen). Dl, Gr. Bdl: aikr = aixömxn. Wzl, Ebd., 
Ovs.: aixom (doch in Wzl aikr noch: 1) Rotkopf, 2) Hund von rotgelber Farbe). 
Eg., Tth.: aixernxn. Ld.: aikomxn (Kontam.). Bths.: aiketsxn (d. i. „Eichkätzchen'*; 
Kontam.). 

Gr. Bdl, Dml, Hdd., Ndd., Kl Gml, Bmd., Wzl, Eg., Gr. Otl, Fml, 
Dsd., Ovs,: Ißraka (Lerche). Lmd.: leraka = larx9. Ns.: leRaka = laRxa. 

Gr. Bdl: flaukB (fluchen). Sch.-Mb.: flöxn. 

Gr, Bdl: fok (Fach). Sch.-Mb., Bths.: fax. 

e) t für d. 
Dl, Gr. Bdl, Oschl, Kl Gml., Bmd., Wzl, Dml, Hdd., Ndd., Stm., Brd„ 
Bckd.: dir (Kontam.; doch meist noch dairt als Schelte). Ebd.: tir (doch ol9s dir 
und Glos dair (altes Tier) als Schelte). Sdf., Wsl, Wh., Sk., Fml, Lmd,: tir. 
Sch.-Mb.: tiR. 

f) Vereinzelte konsonantische Ersetzungen. 

Gr. Bdl.:^Mnx (Hering) (-ing aus -ix für das ganze Gebiet lautges., da es 
überall heisst Ostrvedix u. s. w. = Osterweddingen). Oschl: herix- Ovs.: erija 
(ursprüngl. Plural; h im Anl. lautges. geschwunden). Ebd.: 6rix, doch plur. erina. 
Sh., Kl. Oschl: herix = heriak. Dml, Hdd,: Mnx = heriak. Wzl, Awd., Gr. 
Otl, Lmd., Wh., Fml, Bths.: heriak. Ns., Sch.-Mb., Sdb.: heRiak. 

Dbg., Gr, Bdl: büsa (Büchse). Oschl, Bths.: biso = bikso. Wzl, Ns.: biksa. 

Gr. Bdl., Wzl: flas (Flachs). Lmd.: flaks (aber z. B. osa Ochse). 

Gr. Bdl, Oschl, Kl Gml, Wzl, Owd.: disl (Distel). Ddd., Ovs.: disl = 
distl. Wh,: distl. 

Dbg., Gr. Bdl, Dml, Hdd,: mön (Mond). Oschl, Sh., Owd., Ddd., Lmd., 
Fml., Sch.'Mb,: mönt (doch in letzteren Ortschaften meist noch: mönsin Mondschein). 

Dbg., Gr. Bdl: em (Ernte). Kl Oschl, Etgl, Tth., Sdb.: ern (lautgesetzlich 
unterschieden). Sh.: öm = ßrnda (Kontam. und Lautübertragung). Oschl: 6rnt 
(Kontam.). Ebd.: 6m = arnta. Ns.: eRn = eRnta (Kontam.). Sch,-Mb.: aRnta 
(im Hochd. allgemein übliche Form). 

Dbg., Sh., Schk., Apf., Gr. Bdl, Dml: gaus (Gans). Edd.: gans. Kl Gml, 
Etgl, Wseg., Eg., Tth., Wml, Schnb., Bmd., Wzl, Schntz., Lwd., Awd., Owd., 
Ddd., Sdb., Sch.'Mb., Ns , Ebd.: jans (in Wzl noch scherzhaft: jaus). 

Kl Gml, Kl Wzl, Gr. Bdl, Dml, Hdd., Ovs,, Owd.: svölaka (Schwalbe). 
Wzl, Eg., Tth., Sch.'Mb,: svalwa. Bths.: Svelaka (umgelautet) = svalwa. 

Sh., Gr. Bdl, Dml, Edd., Ndd., Ovs., Dsd., Lmd., Kl Otl, Gr. Otl, Ddd., 
Owd., Lwd,, Awd., Schutz., Bmd., Kl. Gml, Kl Wzl: bom (Brunnen). Ns,, Sch.- 
Mb», Sdb,: bRunn. Bths., Fml, Sk., Wh., aber auch Wzl, u, Oschl: brunn. 

g) Tonlängung aufgehoben. 

Sh„ Gr. Bdl, Kl. Oschl, Kl. Gml, Wzl, Dml, Edd., Ndd., Bths., Ddd., 
Owd., Lwd., Wh.: dorn (Dorn). Eg.: dorn = dorn. Dsd,, Kl, Otl, Gr. Otl: dorn. 



30 

Gr, ttdl, KL Gml, Bml, Hdd.: körn (Korn). Wzl, Ddd., Kl. Otl, Lmd., 
Fml,, TTä., Bths.: körn. Sdb.: koRn. Oos.: körn (Kollektivbegriff) u. kom (ein- 
zelnes Korn). Die Verbreitung von dorn zeigt, dass auch die lautlich parallel 
gehende Form körn einst weiter als jetzt geherrscht haben u. kom aus dem Hochd. 
aufgenommen sein muss. Analog kann es sich nur mit dem folgenden Worte verhalten. 

Gr. EcU.: hÖrn (Hörn; urspr. umgelauteter Plural). Kl, Gmh, Hdd., Drnl.: 
hem (lautges. = h8m). Ovs.: hÖrn = hörn. OscM.: h^m = hörn (urspr. niederd. 
Sing.). Wzl, Bdd,, KL OtL, Gr. OtL, Lmd., Fml., Bths., doch auch Sh.: hörn. 
Sdb.: hoRn. 

Chr. Bdl., KL Gnu., Rths.: hömr (Hammer). Wh.: hömr = hamr. WzL: hamr. 

Gr. BdL, KL GniL, WzL: höml (Hammel). Bths., FmL, Wh.: höml = haml. 
Besonders die allgemeine Verbreitung der Form kömr (Kammer) über das ganze 
Gebiet zeigt, dass die lautlich sich entsprechend verhaltenden Formen höml und 
hömr einst gleichfalls über unser ganzes Gebiet verbreitet waren. 

h) i für e oder ai aus ^vestgerm. eo. 

Gr. BdL, Oschl.y Tth., Schub., Owd., Gr. OtL: naira (Niere). Rths.: nera 
(lautges.). Ns.: nöRa (lautges.). Bed., Sh., WzL: ntra. 

Gr. Bdl., OschL, KL GmL, BmL, Hdd., Ovs., Tth.: frairn (frieren). Bths.: 
fr6m. Ns.: fRiRn. SA., Gr. OtL: frairn = frim. WzL, Bdd., KL OtL, Lmd., 
Wh.: frtrn. 

Gr. BdL, OschL, KL GmL, BmL, Hdd., Ovs., Schnb., Tth.: frlairn. Bths.: 
frlern. Ns.: fRliRn. Sh., Gr. OtL: frlairn = frllm. WzL, Bdd., KL OtL, Lmd., 
Wh., Bsd.: frlirn. 

Gr. BdL, OschL, Sh., BmL, Hdd., Ndd., Ovs., Bsd.: bair (Bier) (doch überall 
schon: zaidl bir SeideVBier, bairs bir bairisch Bier). Bths,: her. WzL, Lmd., 
KL OtL, FmL, Wh.: bir. Sch.-Mb,: biR. 

Gr. Bdl., Sh., Ebd.: dainn (dienen). Bths.: d^nn. KL OtL, Lmd., FmL, 
Wh.: dinn. 

i) i für e oder e = tonlang i. 

OschL, Gr. Bdl., KL GmL, Bmd„ BmL, Hdd., Ndd., Lwd.: tafrßn (zufrieden). 
WzL, Bdd.: tafr^dn. Gr. OtL, KL OtL, Lmd., FmL, Wh,, Bsd., Oos., Sdb,, Seh.- 
Mb., Ns.: tafrfdn (Kontam.). 6 ist lautgesetzliche Vertretung des tonlangen ur- 
germ. i z. B. stßl oder §tßl (Stiel; vgl. ahd. stil), sp61 oder §p61 (Spiel; vgl. ahd. 
spil), f^l (viel; vgl. ahd. filu), b^ra (Birne; vgl. ahd. bira); nur unmittelbar an der 
Elbe herrscht dafür teilweis e z. B. FmL: §peln, §tel, fßl, b^ra, Sch.-Mb.: speln, 
§tel, fei, beRa, nirgends i. 

k) au oder Umlaute ai, oi für ü oder Umlaute ü, i. 

Gr, BdL, Kl. Gnü., WzL: alün (Alaun). Sch.-Mb.: alauna (femin.; hochd. 
Diphthongierung). 

Gr. BdL: kapünn (Kapaun) (vgl. mhd. kappün). WzL: kapaun. 

Gr, BdL, KL GmL, WzL, Bths., Lmd.: üla (Eule). Sch.-Mb.: aila (ai für 
oi völksmitteldeutsch). 

Gr, BdL, KL GmL, WzL: büla (Beule). Sch.-Mb.: baila. 

Gr. Bdl.: trü, jatrÜ (treu). BmL, Hdd.: tri (aus trÜ) = troi. KL GmL: 
jatri = troi. Bmd.: tria = trü = troi. WzL, Ndd., Bsd,, Ovs.: troi. 

1) Verschiedene vokalische Ersetzungen. 

Gr. BdL, Ebd., Bdd.: kaula (kühl; au aus urgerm. ö; vgl. staul Stuhl, faut 
Fuss u. s. w.). Gr, OtL: kaula = kila (i aus ü). Wh,, Lmd., Sch.-Mb., Ns.: kila. 

Gr. BdL, Sh,, Gthd, Aid, KL OschL, Hml„ Gr. GmL, BmL, Hdd.: ezl 
(Esel; doch 6zl meist schon als Schelte). Wseg., EtgL, Tth., Bckd., Eg., WzL, 
Lwd,, Owd., Bdd, Lmd,, KL OtL, Gr. OtL, Wh., FmL, Sdb., Sch.-Mb., Ns., Ovs., 
Ebd.: ßzl. Die letztere Form kann deshalb nicht der Eigenentwickelung unseres 
Niederd. entstammen, da in dem Gebiete, in dem es allein gesprochen wird, ton- 
langes umgelautetes urgerm. a durch e vertreten ist z. B. redr (Räder), semm 
(schämen), mena (Mähne). 



Gr, Rdl, Kl. Wzl, Kl Gml, Bmd., Schntz., Dml, Hdd, Ndd., Om.y Dsd., 
Kl. Otl, Lmd., Fml, Sdb., Sch.-Mb., Ns,: kikn (gucken) (vgl. nind. kiken). Oschl, 
Äld., Gthd,, Hml, doch auch Weh: kukn (in Oschl. kikn noch im Munde aUer Leute). 

m) Einsetzung einer anderen Bildung. 

Dbg.y Gr. Rdl., Bkl: fijaula (Veilchen). Oschl: failxn = lijola. Sh., Aid.: 
failxn = fijaula. Hmly 0ml: failxn, bei älteren Leuten fijaula. Dml, Hdd., Ndd,, 
Wseg., KL Gnü., Bmd., Wzl, Schntz., Ovs., Bths. und übercdl weiter südöstl: failxn. 

2) Anfnahme formeller Elemente. 

1. Die schwachen Präterita endigten in unserem Gehiete ur- 
sprünglich auf -d z. B. höro (er hörte), eine Bildung, die von den auf 
d oder t auslautenden Wurzeln ausgegangen ist; vgl. mnd. antworde 
aus antwordede, sette aus settede u. s. w. (Silbendissimilation), ver- 
einzelt danach auch schon leve für levede u. a. Diese Formen wie 
hSr» sind jedoch ziemlich ausnahmslos nur noch etwa in dem gleichen 
Gebiete in Gebrauch, das die labial-paiatalen Vokale erhalten hat; 
das ganze übrige Land nordwestlich und westlich der Linie Mb. — 
Wzl. — Eg. hat her» neben herta, Ovs. h5r9 neben hftrta, Dsd. und 
Rths. jedoch nur noch hertd, ebenso das gesammte Kreuzungsgebiet 
der mitteldeutschen Einflüsse. Die Endung -t» ist hochdeutschen 
Ursprungs. 

2. Im nom.-accus. neutr. sing, haben die Adjektiva in starker 
Flexion die endungslosen Formen wie grot (gross) ohne Nebenformen 
nur noch in Dbg., Dks., DL erhalten, während in den weiter südlich 
und östlich gelegenen Punkten bereits die aus dem Hochd. entlehnten 
Formen auf -ds z. B. gr$tas neben gröt schon vorhanden sind. In 
Gthd., Oschl., Schk., Apf., Kl. Med., Kl. Wzl., Dml., Hdd. mögen 
beide Formationen etwa gleich gebräuchlich sein; in dem von Oschl., 
Wzl., Eg. umschlossenen Dreieck und in Aid. überwiegen bereits die 
Formen auf -ds. Selten sind die älteren Formen bereits in Ovs. und 
Rths., ganz ausgestorben in Dsd. und im Gebiete südöstlich und 
östlich der Linie Mb. — Wzl. — Eg. 

3. Etwas minder weit ist die Endung -r z. B. grdtr für grotn 
für den nom. sing. masc. der starken Flexion der Adjektiva vorgedrungen. 
In Sh., Rkl., Kl. Rdl. sind die Formen auf -n noch die überwiegenden, 
die weiter nördlich allein gebräuchlich sind. Ziemlich gleichmässig 
scheinen auch beide Formen noch in Oschl., Psd., Kl. Oschl., Gr. Gml., 
Hml., Aid., Gthd. in Gebrauch zu sein; erst in Wseg., Etgl., Kl. Gml. 
fangen die jüngeren Formen an zu überwiegen. Etwa gleichmässig 
werden beide Formen auch in Dml., Hdd., Ndd., Ebd. gebraucht. 
In Ovs., Rths., Dsd. sowie in Bmd., Bckd. und im ganzen übrigen 
Gebiete sind die Formen auf -r die durchaus normalen und diejenigen 
auf -n fast überall nur noch im Affekte gebräuchlich (z. B. dat in n 
jrötr man 'das ist ein grosser Mann', aber is dat möl n jrötn man 
'ist das ein grosser Mann!'). 

4. Wieder minder weit sind die Artikelformen dr für Ad (nom. 
sg. masc.) in eigentlicher Funktion als Artikel und der für de in 



deiktisclier Funktion vorgedru^ngen. Sh., Rkl., Gr. Rdl., Hmd., Win. 
haben bisher nur dd und de, Kl. Med., Kl. Wzl., Apf., Schk. häufiger 
dd und de als dp und der, ebenso Dml., Hdd., Ndd., Kl. Rdl. Dagegen 
mögen in Ebd., in Schutz, und im westlichen Teile des Dreiecks Wzl. — 
Oschl. — Eg. beide Formen etwa gleich häufig sein, während in Kl. Gml., 
Bmd., Etgl., Bckd. sowie in Rths. und Ovs. die Formen mit r bereits 
überwiegen. In Dsd. sowie im gesammten von der Linie Mb. — Wzl. — 
Eg. nach Südosten eingeschlossenen Gebiete sind der und dp allein 
im Gebrauche. 

5. Im gleichen Gebiete wird auch die Pronominalform dizp aus- 
schliesslich für älteres diz9 gebraucht. Im Gebiete westlich Wzl. — Eg. 
sind beide Formen neben einander üblich; doch wird dizp nach Norden 
und Westen hin seltener. In Schutz, sind beide Formen in Gebrauch; 
in Dml., Hdd., Ndd. ist diz9 noch üblicher. In Rkl., Kl. Med., 
Schk., Apf., Kl. Wzl., Kl. Rdl. existiert bisher nur diza, weiter 
nördlich dfizd. 

6. Etwa die gleiche Verteilung zeigt sich zwischen den Formen 
des Reflexivs zik und zi^^. Ersteres ist in Rkl., Kl. Med., Apf., auch 
noch in Oschl. allein im Gebrauche, steht neben zi;^ in Aid., Hml., 
Kl. Oschl. u. s. w., auch in Dml. etc. und ist nur in dem von Mb., 
Wzl., Eg. eingeschlossenen Gebiete gänzlich verdrängt. 

7. Die Form ep für he (hai) findet sich nur und auch dort 
hauptsächlich nur bei der jüngeren Generation in Lmd., Fml., Sk., 
Wh., neben hai auch in Kl. Otl. und Gr. Otl., ebenso eR in Ns., 
Sch.-Mb., Sdb. 

Dass die Zweisprachigkeit nicht allein in Mb., sondern auch in 
Wzl. und Eg. schon seit längerer Zeit viel weiter ausgebildet als auf 
den der mitteldeutschen Grenze näher gelegenen Dörfern gewesen sein 
muss, zeigt sich vor allem an dem Gegensatze derjenigen Art und 
Weise, in welcher hier noch abweichend von sämmtlichen umliegenden 
Dörfern Elemente aus dem Hochdeutschen in das Niederdeutsche auf- 
genommen wurden, zu derjenigen, in welcher sich derartige Neuerungen 
über zusammenhängende Striche verbreiteten. In den meisten Punkten, 
in denen einzelne hochdeutsche Formen, auch hochdeutsche Flexions- 
endungen, in das Niederdeutsche entlehnt wurden, stammen dieselben 
nicht nur direkt aus dem von den Bewohnern dieser Punkte gespro- 
chenen Hochdeutsch, sondern auch aus dem Niederdeutsch derjenigen 
Nachbardörfer, die dem Ausgangsgebiete des Hochdeutschen näher 
gelegen diese Elemente bereits in ihr Niederdeutsch aufgenommen 
hatten. Welches Gewicht der letztere Faktor bei diesem Prozesse 
gehabt hat, zeigt sich weniger darin, dass überhaupt nur die Städte 
noch isolierte Entlehnungen aus ihrem Hochdeutsch in ihr Niederdeutsch 
aufgenommen haben, als in dem Umstände, dass speciell diese Ent- 
lehnungen zum grossen Teile in der Aufnahme ganzer Reihen von 
Wörtern, die durch lautliche Eigentümlichkeiten mit einander verknüpft 
sind, bestehen. Über weitere Striche hin sind dagegen erstens einzelne 
stoffliche Elemente deshalb aus dem Hochdeutschen aufgenommen 



Wor(len, weil sie vermöge ihrer Bedeutung häufiger hier als im Nieder- 
deutschen vorkamen — derartige Wörter könnten sogar von solchen 
Dörflern in ihre Sprache entlehnt worden sein, die sich auch den nur 
hochdeutsch sprechenden Personen gegenüber nur ihres Niederdeutsch 
bedienten — , zweitens aber Flexionsformen deshalb entlehnt, weil hier 
fast überall zwingende Gründe psychologischer Art massgebend ge- 
wesen sind, worüber näheres später. Derartige zwingende Gründe 
sind jedoch für die Reihenentlehnungen stofflicher Elemente nicht auf- 
findbar. Die Beispiele sind folgende: 

1. Im Sch.-Mb. ist, von wenigen durch lautliche Verhältnisse 
bedingten Ausnahmen abgesehen, jedes t in ts verwandelt worden, wenn 
das Hochdeutsche an entsprechender Stelle ts hatte; vgl. oben tsapm 
für tapm, ts6n für ton u. s. w. Dass dieser Prozess keineswegs mit 
den ;,Lautgesetz^ genannten Erscheinungen auf gleiche Linie zu stellen 
ist, ergiebt sich einfach aus der Thatsache, dass alle nach Eintreten 
der zweiten Lautverschiebung sowohl in das Hochdeutsche wie Nieder- 
deutsche aufgenommenen, ein t enthaltenden Lehnwörter dies t im 
Sch.-Mb. erhalten haben, weil auch im Hochd. t, nicht ts daneben 
stand. So heisst es Sch.-Mb. stets tclR (Teller), tuRm (Turm), tun« 
(Tonne), tuRnn (turnen), tanto (Tante). 

2. Intervokalisches d ist sowohl als Vertretung des urgerm. P 
wie des urgerm. S im Striche an der Elbe, in Wsl., Sdf., Ddd., Sl., 
Bed., Wh., Sk., Fml., Sdb., Sch.-Mb., Ns., Rths., erhalten, im übrigen 
Gebiete aber überall geschwunden, wo es nicht ursprüngliche Geminata 
war. Es heisst z. B. im Eibniederdeutsch lödd (lade), böd» (bade), 
röda (rate), rido (reite) u. s. w. gegenüber I09, böd, röa, m im übrigen 
Lande. Ebenso ist an der Elbe, ausserdem nur teilweis im Norden 
des Gebietes, intervokalisches y ^i^d j erhalten, während es sonst 
wiederum geschwunden ist; dem fröyd (frage), dröya (trage), ätijd 
(steige) stehen im grössten Teile des Westens, auch noch in Schutz., 
Dml., Kl. WzL, Apf. die Formen fröa, dröa, §ti9 (stid) gegenüber. 
Innerhalb dieses Gebietes jedoch haben nun Wzl. und Eg. intervo- 
kalisches Y und j überall wiederhergestellt, weil die hochdeutschen 
Formen diese Laute enthielten; ebenso hat der grösste Teil der Be- 
völkerung beider Städte auch intervokalisches d wiedereingesetzt, sei 
es dass demselben hochd. d oder t gegenüberstand. Es heisst daher 
in beiden kleinen Städten fröY^, ivöy9, §tij9 u. s. w. und meistens 
auch löda, bodd, rödo, rida etc., während sämmtliche unmittelbar um 
und zwischen Wzl. und Eg. gelegenen Dörfer nur die Formen ohne 
intervokalische Yj j ^^d d kennen. Dass z. B. in dröa ein y? in dem 
lautlich parallel geformten loa ein d eingeschoben wurde, zeigt hin- 
länglich, dass wir es nicht mit einem Lautgesetze zu thun haben. 

3. Im Niederdeutsch unseres ganzen Gebietes mit Ausnalime des 
Striches unmittelbar an der Elbe hat in den einsilbigen Substantiven 
mit inlautendem a auch bei folgendem Geräuschlaut der Nominativ 
nach Analogie der übrigen Casus o angenommen: es heisst daher z. B. 
niederd. jlös (Glas), jrös (Gras), rot (Rad), bot (Bad), jröf (Grab), 

Niederdeattehea Jalurbnoh. XIY. 3 



u 

fot (Fass), dsk (Dach). In unserem Hochdeutsch wird jedoch allgemein 
jlas (glas), jras (gras), rat, bat, jrap (grap), fas, dax gesprochen. 
Nun hat jedoch Wzl. nebst seinen beiden Domänenvorwerken Bmb. 
und Bltz., aber abweichend von allen umgebenden Dörfern die Formen 
mit kurzem Vokal überall da auch in das Niederdeutsche eingeführt, 
wo beide Dialekte den gleichen Konsonantismus boten, so dass es hier 
jlas, jras, rat, bat, aber jröf, fot, dök im Niederdeutschen lautet. Da 
nun nach Friedr. Hoffmann, Geschichte des Königlichen Domainen-Amts 
und der Kreis-Stadt Gross- Wanzleben, Berlin 1863 Bmb. und Bltz. 
im Jahre 1790 und in den folgenden Jahren von Wzl. aus angelegt 
wurden, so muss diese Übernahme aus dem Hochd. in das Niederd. 
höchstwahrscheinlich vor 1790 erfolgt sein, weil es doch merkwürdig 
wäre, wie eine von Wzl. aus wellenförmig sich ausbreitende Sprach- 
neuerung gerade nur dessen Domänenvorwerke, nicht aber auch eins 
der umgebenden Dörfer erreicht hätte. 

Welche Rolle hingegen bei der Übernahme einzelner Wörter 
die Kultur- und Verkehrsverhältnisse zuweilen selbst so gut wie unab- 
hängig von der Häufigkeit der Anwendung der Kontaktmundart für 
die Aufnahme von Wortformen derselben in die Eigensprache spielen, 
ergiebt sich aus folgenden Beispielen: 

1. Die jüngere Generation in Dbg. hat niederd. j8td durch Jos» 
ersetzt, weil dies Dorf, wie mir versichert wurde, bis vor kurzer Zeit 
noch nicht gepflastert war und daher überhaupt keine Rinnsteine hatte. 
Alle südlich und östlich gelegenen Dörfer bis Lwd. kennen niederd. 
nur jöt», wofür josa erst in Owd. auftaucht (vgl. oben). 

2. Das sonst am meisten vom Hochd. durchsetzte Sch.-Mb. hat 
eine niederd. Wortform eben nur in Übereinstimmung mit dem sonst 
von dieser Durchsetzung noch am meisten verschonten Dbg. erhalten. 
Es ist dies Sch.-Mb. kReft für ^Krebs^, wofür Dbg. noch „krewdt" 
bietet, eine Form, die südlich und östlich von diesen Dörfern entweder 
gänzlich verdrängt oder doch nur in übertragenen Bedeutungen er- 
halten, sonst aber durch kreps (Ns., Sdb. kRSps) ersetzt worden ist 
(vgl. oben). Die Erhaltung der niederd. Wortform gerade im Sch.-Mb. 
erklärt sich aus der Identität des Aufenthaltsortes des durch dieselbe 
bezeichneten Tieres mit dem Lebenselemente der Schiffer und Fischer. 



35 



Bas Hochdeuüicli im Magdeburger Lande. 

Das in so beträchtlichem Masse in der Magdeburger Börde und 
in den sich westlich wie östlich anschliessenden Distrikten von den 
Ungebildeten iiü Verkehre mit Gebildeten und Städtern angewandte 
Hochdeutsch gleicht natürlich nicht der mustergiltigen Gemeinsprache. 
Es hat erstens zahlreiche niederdeutsche Elemente beibehalten, zweitens 
sich an die benachbarten mitteldeutschen Volksdialekte angelehnt. 
In dieser Gestalt ist es eine bei den verschiedenen Individuen unseres 
Gebietes und der betreffenden Nachbargebiete relativ einheitliche und 
neben dem Niederdeutschen traditionelle Sprache geworden, wiewohl 
es infolge von Schuleinflüssen mannigfachen Schwankungen unterworfen 
ist. Diejenigen Landleute, die das Niederdeutsch nur aus Vornehm- 
thuerei völlig abgestreift, aber keine höhere Schule besucht haben, 
sprechen in der Regel das schlechteste Hochdeutsch, das eben, weil 
es als alleinige Sprache weit geläufiger geworden, am wenigsten den 
paralysierenden Einflüssen der Schule unterliegt. Das Gleiche hat 
für die Bewohner der Stadt Magdeburg überhaupt zu gelten, gerade 
wie für die Berliner. 

Aus dem Niederd. hat unser Hochdeutsch, am ausgeprägtesten 
das St.-Mb. der niederen Stände, die neutralen Pronominalformen wie 
vat, dat beibehalten, also analog dem Berlinischen, das nur in seinem 
det von unserem Hochdeutsch ähnlich dialektisch differenziert ist wie 
das in jener Gegend gesprochene Niederdeutsch von dem unsrigen. 

Besonders eklatant beweist folgender Fall die Einheitlichkeit und 
traditionelle Fortpflanzung der hochdeutschen Kontaktsprache in dem 
ganzen hier in Betracht kommenden Gebiete: 

Niederd. d aus urgerm. S = hochd. t ist im Volkshochdeutsch 
des Magdeburger Landes, insbesondere regelmässig im St.-Mb., in- 
lautend nach langen Vokalen stets, nach kurzen meistens durch t 
ersetzt (z. B. fofr Vater, rötn raten, Srotn schroten, raitn reiten, 
roto rote, braita breite u. s. w. ; keto Kette, veto Wette, vetr Wetter, 
retn retten, beto Bett u. s. w.), anlautend dagegen Erhalten w^orden 
(z. B. doxtr Tochter, danznt tausend, dauwa Taube, dölr Thaler, dana 
Tanne, driskii trinken, dröYn tragen, dol toll, diro Thür, dor Thor 
u. s. w.). Genau die gleiche Verteilung hat das Berlinische (vgl. D. 
richtige Berliner S. VI, Graupe S. 43). Diese Übereinstimmung setzt 
auch die gleiche Verteilung von d und t des ganzen zwischen Berlin u. 
Mb. gelegenen Gebietes in dem von den Ungebildeten gesprochenen Hoch- 
deutsch voraus. Wenn nun auch, wie später gezeigt werden soll, der 
ganze Wechsel von d und t in diesem Dialekte auf der Wirksamkeit ganz 
bestimmter Faktoren, vor allem des Bequemlichkeitstriebes, beruht, 
so würde es doch sehr merkwürdig sein, wenn bei jedem einzelnen 
Individuum genau dieselben Faktoren in Wirksamkeit getreten wären. 
Von Kindern, die ihre Muttersprache lernen, fällt ja auch dem einen 

3* 



« 

diese, dem anderen jene Lautverbindung schwerer. Auch wo Laut- 
wandlungen sichtlich aus Bequemlichkeitsgründen hervorgegangen sind, 
brauchen sie sich nicht über das ganze Gebiet zu verbreiten, auf dem 
die gleichen Lautverbindungen, die vom Wandel getroflfen sind, vor- 
liegen. Auch solche Lautwandlungen setzen sich ja durch Übertragung 
von einem Individuum auf andere fort. So wäre gewiss auch nicht 
überall dort, wo die im Verkehre mit Gebildeten gebrauchte Kontakt- 
sprache zu einer häufigeren Anwendung gelangt ist, d und t nach 
demselben Gesetze verteilt worden, wenn hier nicht der Einfluss der 
einzelnen sonst niederdeutsch sprechenden Personen auf einander, auch 
die Tradition von Eltern zu Kindern bereits mitgewirkt hätte. Am 
auffallendsten ist jedoch der Umstand, dass die von den ungebildeten 
Magdeburgern gesprochene Mundart und die hochdeutsche Kontakt- 
sprache im Magdeburger Gebiete mit dem Berlinischen in der einzigen 
Ausnahme von dem Gesetze, dass niederd. d im Anlaut erhalten bleibt, 
übereinstimmt. Es ist dies das Wort tir (niederd. dairt aus mnd. 
dert, der = andfrk. Ps. dier = ags. deop = anord. dyr; dairt im 
grössten Teile unseres Gebietes nur noch als Schelte üblich, sonst die 
Kontaminationsform dir [aus dairt -+- nhd. tir]; in einigen Dörfern 
im Süden Magdeburgs wie in Wh., Wsl. tir auch schon im Niederd.). 
Vgl. D. rieht. Berl. S. 100: Thier, Firmenich I, 148 ff. stets: Thier; 
bei allen anderen Wörtern schreiben beide Bücher stets d für anl. 
urgerm. S (vgl. das Wörterverzeichnis in ;,D. rieht. Berl.^ unter den 
Buchstaben d und t). Ich habe keine Ursache ausfindig machen 
können, weshalb einzig bei diesem Worte anl. niederd. d durch hochd. 
t ersetzt worden ist; die abweichende Behandlung desselben kann ich 
mir nur so erklären, dass gerade unter denjenigen Personen, die das 
Wort infolge ihres Berufes oder aus unberechenbaren Ursachen am 
häufigsten im Hochdeutschen anwandten, die Mehrzahl zufällig psychisch 
und physisch so organisiert war, dass sie Bequemlichkeitstrieben weniger 
nachgebend für jedes anlautende d ein t einsetzte. 

Wie sich unser Volkshochdeutsch an das benachbarte Volks- 
mitteldeutsch gelehnt hat, so hatte dies selbst in Anlehnung an die 
benachbarten Volksdialekte Obersachsens und Thüringens das dortige 
Niederdeutsch verdrängt. Denn während sich die Mundart der Ge- 
bildeten dieses Distriktes genau der Lutherschen Sprache anpasste, 
wie denn auch später neben Dresden und Leipzig Merseburg und 
Wittenberg (über die ursprüngliche Zugehörigkeit des letzteren zum 
Mitteldeutschen vgl. Winter, Forsch, z. deutschen Gesch., Bd. XIV, 
S. 337) als diejenigen Punkte genannt zu werden pflegten, welche das 
beste Deutsch sprächen, unterschied der Ungebildete desselben Gebietes 
nicht zwischen den verschiedenen Nuancen des Mitteldeutsch und 
nahm bei dem Bestreben, sich die Luthersche Sprache anzueignen, 
den im Verhältnis zum Niederdeutschen dieser Sprache ungemein 
nahe stehenden, weit häufiger aber als diese selbst gehörten ober- 
sächsisch-thüringischen Volksdialekt an. Ich gebe die Beispiele: 



37 

A) Reihenentlehnangen nach lautlichen Eigentümlichkeiten. 
a) Konsonantismus. 

Die Gemeinsprache steht hinsichtlich der Lautverschiebung be- 
kanntlich auf ostfränkischer Lautstufe. Nach Paul, Mhd. Gr. § 94 
weichen das Thüringische, Obersächsische und Schlesische insofern 
vom Ostfränk. ab, als sie pp und mp unverschoben lassen. Das gleiche 
Verhalten zeigt nun das vom Mitteldeutschen eroberte Gebiet. So 
nach Haushalter, Die Mundarten des Harzgebietes S. 11 das Unter- 
harzische, nach S. 18 das Mansfeldische und Anhaltische. Vgl. ferner 
folgende Stellen bei Firmenich II: S. 217: Appel (Unterharz), 224: 
TSppchen, TrSppchen, Damp, Mistsnmp (Bernburg), 231: Kopp (Dessau), 
238: Stampe (gestampfte Rüben; Merseburg). So ist nun auch in der 
hochdeutschen Rede des Niederdeutschen im Magdeburger Lande sowie 
im St.-Mb. alte Geminata p und mp unverschoben geblieben z. B. kop 
(Kopf), krop (Kropf), nap (Napf), tsop (Zopf), tsapm (Zapfen), dropm 
(Tropfen), hopm (Hopfen), propm (Pfropfen), apl (Apfel), knpr (Kupfer), 
damp (Dampf), zump (Sumpf), Stromp (Strumpf), Analog muss sich 
auch das Berlinische verhalten. Vgl. D. rieht. Berl. S. VI: Strump, 
knippem, S. VIII: Droppe, Firmenich I, S. 151 wiederholt: Kopp, S. 
153, Sp. 1, Z. 36: Wiedehopp. Vgl. auch Graupe S. 41. 

Dass hier alte Geminata p und mp weniger aus dem Bequem- 
lichkeitstriebe als deshalb beibehalten wurden, weil man diese Laut- 
verbindungen auch als hochdeutsch empfand, ergiebt sich aus einem 
Worte wie dem St.-Mb. und von unseren Niederdeutschen in hoch- 
deutscher Rede angewandten top (Topf), das im Niederd. nur als dop 
in den Bedeutungen ^Eierschale, Tassenkopf^ (mnd. ^hohle Rundung") 
erscheint, in der Bedeutung „To^i^ aber niemals dort vorkommt, 
wofür vielmehr das Wort pot allein herrschend ist, abgesehen davon, 
dass in einigen Dörfern dicht um Mb. top auch in das Niederdeutsche 
übernommen worden, woneben aber dop in seiner Bedeutung fortbesteht. 
Wir sehen also, dass ein hochdeutsches Wort, zu dem man im Niederd., 
da pot nicht lautlich, dop nicht funktionell entsprach, nichts als 
Analogen fühlen konnte, in volksmitteldeutscher, nicht in eigentlich 
gemeinsprachlicher Gestalt in den bei den Ungebildeten als Gemein- 
sprache fungierenden Dialekt eingesetzt wurde. 

Die Formen mit unverschobenem p in den betreffenden Fällen sind 
besonders im St.-Mb. bei den niederen Ständen allein gebräuchlich, da sie 
hier eigensprachlich geworden sind. Im Magdeburger Lande hört man 
m hochdeutscher Rede der Ungebildeten wenigstens zuweilen daneben 
die echt gemeinsprachlichen Formen mit f; doch wirkt auch hier die 
Übereinstimmung der ursprünglich volksmitteldeutschen Formen mit den 
eigensprachlichen niederdeutschen dem Schuleinflusse mächtig entgegen. 

b) Vokalismus. 

Im Vokalismus zeigt sich die Abhängigkeit des betreffenden Ge- 
bietes in seinem Hochdeutsch vom benachbarten Volksmitteldeutsch 
noch weit deutlicher. Ich gebe zunächst den Thatbestand: 



38 

Nach Haushalter, Mundarten des Harzgebietes S. 11, hat das 
Unterharzische, ehemals niederdeutsches Gebiet, urgerm. i und fi noch 
durch 1 und u vertreten. Vgl. auch Firmenich H, S. 217 u. 218: 
sihnen (seinen), mihn (mein), glihch (gleich), schriben (schreiben), 
wiht (weit), blieb (bleib!), uhs (aus). Aus Firmenich ist auch die 
Vertretung des urgerm. iu durch i ersichtlich: vgl. Lihte (Leute), 
dihtlich (deutlich), hihte (heute). Nach Haushalter, S. 12 Fussnote 1 
wird im westlichen Teile des Unterharzischen minn huss (mein Haus) 
gesprochen; es steht also, mindestens teilweis, i für urgerm. i, n für 
urgerm. ü. Die urgerm. Diphthonge ai und au scheinen im Unterharze 
überall dort durch ai und an vertreten zu sein, wo das Ahd. die 
Diphthonge gewahrt hat. Vgl. Firmenich a. a. 0. : Falkensteine, kein, 
gemeine, keime (daheim), an (auch). 

Das Mansfeldische hat nach Haushalter S. 12 für urgerm. i und 
n diphthongische Vertretung eingeführt (z. B. mein kans). Ebenso 
nach Wäschke a. a. 0. S. 314 das Anhaltische z. B. mein, Eis, Eile, 
Seite (latus), bleiben, schreiben, Weite, eisern, Pflaume, fani, bauen, 
Braut, brancken, Raum, Tanbe. Weitere Beispiele für Bernburg und 
Dessau bei Firmenich II, S. 218. Analoge Vertretung in Halle ist 
aus Firmenich II, S. 235 ff. zu ersehen: deinetwegen. Pfeife, greifen, 
Schneider. Vertretung des u durch an ist aus dem umgelauteten 
Fäuste zu folgern. So verhält es sich auch mit Merseburg; vgl. Fir- 
menich II, 236 ff.: fein, Reiter, meine, weiss, Reich, reick, ans, Haus. 
Dagegen ist urgerm. ai durch e, au durch 6 im Anhaltischen, in Halle 
und in Merseburg vertreten. So nach Wäschke S. 314 u. 315; vgl. 
anhält, rene, allene, kele, br6t, kSss, Sckwcss, Sten, SSI (Seil), SSte 
(Saite; mhd. seite). Vgl. für Halle Firmenich a. a. 0.: keene, kleen, 
alleen, Trom, für Merseburg: Leed, keemlick, keener, ok (auch). 

Ganz die gleichen Verhältnisse gelten für das St.-Mb., in dem 
urgerm. ai gleichfalls regelmässig durch c, urgerm. an regelmässig 
durch 6 vertreten ist, während sich an Stelle von urgerm. i und u die 
Diphthonge ai und an gestellt haben. Beispiele: 6nR, kSnR, aRwet 
(Arbeit), §ten, klen, ben, bret, kesn, kes, vetsn, de^ (Teig), we^, del, 
menn, lesto (Laiste), let, zSfa, klet, venu; öx, kdx, löfn, bom; baitn, 
jRaifn, bail, fain, Rai^, Smaisn, tsait, vait; banx, faul, danw9 (Taube), 
bann, kans u. s. w. 

Der Umlaut des 6 aus urgerm. an ist im St.-Mb. durch e gegen- 
über gemeinsprachlichem oi vertreten z. B. fRzefn (ersäufen), dRSmm 
(träumen), zemm (säumen), bem» (Bäume), left (er läuft), SnelefR 
(Schnellläufer). 

Auch das Berlinische hat die gleichen Vertretungen. Vgl. D. 
rieht. Berl. S. VII: ;,Dem hochdeutschen ei und au entspricht wie im 
Plattdeutschen zweierlei: ee und oo: vgl. een, Arbeet, Boom, Droom, 
koofen ; dagegen ai und au, wo das Plattdeutsche langes i und n hat 
z. B. Wein, Haus. Wenn an Umlaut von an = oo ist, entspricht ihm 
8 (spr. ^) z. B. drömerig (träumerisch), aber Häuser (spr. Heiser)." 
Weitere Beisp. bei Firmenich a. a. 0., Graupe S. 38 ff. 



39 

In fast sämmtlichen angeführten Fällen, in denen hier das auf 
ehemals niederdeutschem Gebiete gesprochene Volkshochdeutsch einen 
von der Gemeinsprache abweichenden, mit dem thüringischen oder 
obersächsischen Volksdialekte übereinstimmenden Lautstand zeigt, hat 
es allerdings den niederdeutschen Vokalismus, der hier mit dem des 
benachbarten Mitteldeutsch übereinstimmte, festgehalten. Dass jedoch 
die niederdeutschen Laute hier nicht etwa aus dem Bequemlichkeits- 
triebe, sondern deshalb beibehalten wurden, weil sie mit den Ver- 
tretungen im benachbarten Volksmitteldeutsch übereinstimmten, dafür 
lässt sich ein doppelter Beweis führen: 

1. Das Obersächsische z. B. Leipzig bietet nach Albrecht, S. 8 
u. 9 ai für urgerm. i, au für ü, 6 für jedes urgerm. an, fe für jedes 
urgerm. ai. Das nördliche Thüringisch hat nach Martin Schnitze, 
Idiotikon der Nord-Thüringischen Mundart S. 3 urgerm. i und ü er- 
halten, ahd. iu durch ii (i) vertreten, z. B. tiier (teuer), fiter (Feuer) ; 
ein Teil des nördlichen Thüringens z. B. die Gegend von Nordhausen 
hat für i und ü in gewissen Fällen die Kürzen i und u eintreten lassen ; 
nach Haushalter a. a. 0. S. 11 wird „minn huss" ausser im westlichen 
Unterharze auch in einem Teile Nordthüringens, einschliesslich Nord- 
hausen, gesprochen. Dagegen hat das Thüringische nach Mart. Schnitze 
a. a. 0. urgerm. ai und aa wie im Ahd. vertreten. Nunmehr ist ohne 
weiteres klar, weshalb das Unterharzische aus seinem Niederdeutsch 
i und ü, das weiter östlich gelegene, ehemals niederdeutsche Gebiet 
aus dem seinigen e und 6 beibehalten hat: die Niederdeutschen haben 
überall den Dialekt ihres südlichen Nachbars als den ^hochdeutschen^ 
aufgefasst, so dass sich die mitteldeutschen Volksmundarten in gerader 
Linie von Süden nach Norden vorgeschoben haben. In einem Falle, 
in der partiellen Vertretung des urgerm. i und ü durch i und u im 
westlichen Unterharze hat sich der Dialekt abweichend sowohl von 
der Gemeinsprache wie vom ursprünglichen Niederdeutschen an das 
benachbarte Thüringisch angeschlossen, falls wir hier nicht etwa eine 
jüngere sich wellenförmig ausbreitende Secundärentwickelung vor 
uns haben. 

2. Das St.-Mb. — und gewiss auch so das übrige ehemals nieder- 
deutsche Gebiet — hat auch da e und 6 eingesetzt, wo die Gemein- 
sprache ai und an, das Obersächsisch-Volksmitteldeutsche S und 6, 
das Niederdeutsche im Magdeburgischen in seiner Eigenentwickelung 
weder e noch ai, weder o noch au bietet. So ves (ich weiss) = 
obers. ves gegenüber niederd.-Magdeb. vet (nach dem Plur. vetn), 
abweichend von gemeinspr. vais, mestR = obers. mestR gegenüber 
gemeinspr. maistr und niederd.-Magdeb. mestr (z. B. Wzl., Ovs. etc., 
mestR im Sch.-Mb. u. s. w. beruht höchstwahrscheinlich auf Entlehnung 
aus dem Hochdeutschen), dofn = obers. dofn (mit anderem d) gegen- 
über gemeinspr. tanfn u. niederd.-Magdeb. depm (aus döpm), kdfn = 
obers. kofn gegenüber gemeinspr. kaufii u. niederd.-Magdeb. kepm 
(aus kSpm). Im Prinzipe verhält es sich auch analog mit St.-Mb. 
lefst (du läufst) = obers. lefst gegenüber gemeinspr. loifst u. niederd.- 



40 

Magdeb. lepst (aus lopst). Am auffallendsten ist folgendes Beispiel: 
Sdb., Sch.-Mb.j Ns. haben zwar urgerm. ai durch e vertreten, aber 
das Wort aika (Eiche) aus dem westlich angrenzenden Niederd. ent- 
lehnt; trotzdem heisst es St.-Mb. ^jj^ = obers. e;^9 gegenüber 
gemeinspr. ai^» u. diesem aik». 

In dem Hochdeutsch der Dörfer des Magdeburger Landes ist 
infolge des Schuleinflusses urgerm. ai und au in der Regel durch ai 
und au vertreten, sobald es die mustergiltige Gemeinsprache erfordert. 
Doch findet sich besonders in den in unmittelbarer Nähe von Mag- 
deburg gelegenen Dörfern e allgemein für urgerm. ai und 6 allgemein 
für urgerm. au recht häufig, obwohl wenigstens im ganzen Gebiete 
westlich von Magdeburg ersteres in den meisten Wörtern im Niederd. 
durch ai vertreten ist. So insbesondere bei den in Magdeburg viel 
beschäftigten Arbeitern aus Diesdorf und Olvenstedt, die also im 
Niederd. kain (kein), hait (heiss), brait (breit) u. s. w., im Hochd. 
ken, hSs, bret etc. sagen. Auch bilden S und o in den weiter westlich 
gelegenen Dörfern die regelmässigen Vertretungen für urgerm. ai und 
an bei vielen einzelnen Individuen, die viel in Magdeburg verkehren, 
insbesondere bei solchen, die das Niederd. gänzlich aufgegeben haben. 

B) Einzelentlehnnngen*). 

St.-Mb. uf (auf) = obers. uf gegenüber gemeinspr. auf und 
niederd.-Magdeb. op. 

St.-Mb. nidR = obers. nidR gegenüber gemeinspr. nidR und 
niederd.-Magdeb. nedr (Sch.-Mb. nedR). 

St.-Mb. vidR == obers. vidR gegenüber gemeinspr. vidR und 
niederd.-Magdeb. vedp (Sch.-Mb. vedR). 

St.-Mb. iwR (über) = obers. iwR gegenüber gemeinspr. ttbR und 
niederd.-Magdeb. ewr (aus 9wp; Sch.-Mb. ewR). 

St.-Mb. fll9 = obers. flb gegenüber gemeinspr. fil und niederd.- 
Magdeb. fei oder fei (letzteres Sch.-Mb.). 

Die gleichen Formen wie im St.-Mb. und im Obers, sind auch 
aus Berlin bekannt. 

Mit der Verteilung der Formen auf und uf, nidr und nidr u. s. w. 
im Hochdeutsch des Magdeburger Landes verhält es sich ganz analog 
wie mit derjenigen der Vokalvertretungen ai und e, au und 6. 

Aber nicht nur das Hochdeutsch der mittleren und unteren Stände 
im Magdeburger Lande, sondern auch dasjenige der Gebildeten weist 
Abweichungen von der mustergiltigen Gemeinsprache auf. In den 
betreffenden Formen weicht die Sprache der gesammten Volksmasse 
unseres Gebietes zugleich auch vom obersächsisch-thüringischen Volks- 
dialekte ab. Die Beispiele sind: 

1. Tonlanges westgerm. e ist sowohl in Obersachsen wie in der 
Hauptmasse des Niederdeutschen im Magdeburger Lande durch e ver- 
treten. Es heisst z. B. in Leipzig lewd, klewe, treto, knete, wofür 



*) Die obers. Formen kenne ich aus Leipzig. 



41 

im Magdeb. Niederdeutsch lewd, klew9, tred, knea (resp. treda, kneda). 
Naturgemäss lautet es auch im Magdeb. Hochdeutsch lewd, klewa, 
trete, kneta. Tonlanges umgelautetes a ist jedoch in Sachsen z. B. 
in Leipzig durch e z. B. in hewe (ich hebe), dies aber in dem gleichen 
Teile des Magdeb. Landes im Niederd. durch e z. B. in hew9 vertreten. 
Der Unterschied zwischen e in lew9 u. s. w. und dem e in hewd ist 
mir innerhalb des vom Mitteldeutschen eroberten Gebietes wenigstens 
aus Halle bekannt. Die hauptsächlich durch den mündlichen Verkehr 
vermittelten Formen erscheinen hier in obersächsischer Gestalt. Der 
betreffende grössere Teil des Magdeb. Gebietes hat auch tonlanges 
umgelautetes a durch e z. B. in hew9 vertreten. Da nun die Ein- 
führung des Hochdeutschen im Magdeburgischen in der Hauptsache 
auf schriftlichem Wege geschah, das Schriftbild e aber eine Zwei- 
deutigkeit zuliess, so behielt man auch hier nach Analogie der Verba 
lewe, tret9 u. s. w. die niederd. Form hewa auch im Hochd. bei. 
Wo hingegen das Obersächsische ein e für tonlanges umgelautetes a 
gegenüber einem anderen niederd. Laute als e oder e bot und wo 
keine ähnliche Analogiebildung wie hew» nach trete möglich war, da 
entschied die obersächsische Aussprache für die unseres Hochdeutsch 
auch da, wo das Schriftzeichen gleichfalls zweideutig erschien. Obers. 
ezl (Esel) = niederd. ezl erscheint auch in unserem Hochd. als ezl. 

Der kleinere nordwestliche Teil unseres Gebietes hat sowohl ton- 
langes westgerm. e als auch tonlanges umgelautetes a im Niederd. 
durch e vertreten z. B. lewa, hfew9. Die östlichsten und südlichsten 
Punkte dieses Bezirkes sind: Ebendorf, Olvenstedt, Diesdorf, Gr. Otters- 
leben, Schleibnitz, Domersleben, Remkersleben, Seehausen (doch hat 
Kl. Ottersleben noch e). Aber auch in diesem Gebiete wird für ton- 
langes westgerm. e stets z. B. in lewe e, für tonlanges umgelautetes 
a in hewd e im Hochd. gesprochen. Offenbar ist hier die hochd. 
Aussprache des dem Ausgangslande der Gemeinsprache näher liegenden 
Gebietes, vor allem aber wohl diejenige der Stadt Magdeburg für das 
Hochdeutsche massgebend gewesen. Es heisst auch hier hochd. ezl 
gegenüber niederd. ezl. Was hew9 und hewa betrifft, so ist hier durch 
eine eigentümliche Verkettung von Umständen das mit der gemein- 
sprachlich-obersächsischen Form zufällig übereinstimmende volksdia- 
lektische hew9 durch die ursprünglich dem benachbarten Volksdialekte 
angehörige Form in gemeinsprachlicher Funktion verdrängt worden. 

2. Weiteren Umfang hat eine ganz analoge Verdrängung wie 
die letzte in folgendem Falle, nur dass hier die Übereinstimmung der 
verdrängten Formen mit den eigentlich gemeinsprachlichen nicht einmal 
eine zufällige war: 

Im Niederd. fast des gesammten Magdeb. ist bei den einsilbigen 
auf einen Geräuschlaut auslautenden Substantiven mit inlautendem a 
eine Angleichung des nom.-acc. sg. an die übrigen Casus in Bezug 
auf die Tondehnung übereinstimmend mit dem Mittel- und Oberdeutschen 
und abweichend vom übrigen Niederd. erfolgt: also jlös, jrös, bot, 
röt, m (Fass), dök (Dach), jröf (Grab), köf (Spreu). Der Prozess 



42 

dieser Angleichung ist vom hochd. Sprachgebiete ausgegangen und hat 
von da den angrenzenden Teil des Niederd. ergriffen. Denn Schneit- 
lingen, Egeln, Bleckendorf, Westeregeln haben auch die Adjektivform 
not (nass), Schneitlingen, Egeln und überwiegend auch Westeregeln 
die Adverbialformen öf (ab), on (an), die an die ursprünglichen Neben- 
formen *öwd, *ön9 aus abe, ane angeglichen sind (vgl. Leipzig an), 
wofür Bleckendorf bereits stets af und an zeigt. Weiter nördlich 
heisst es auch überall nat. Neben blöt findet sich in Kl. Germersleben 
bereits blat; in Gr. Eodensleben ist blat allein üblich, in Druxberge 
heisst es auch bat, dagegen immer noch gros, glös, rot, fot, dok, jröf, 
köf. Dass sich die Formen allmählich nach Norden hin verlieren, 
beweist eben, dass sie aus dem mitteldeutschen Nachbarlande stammen. 

Da die von Mitteldeutschland aus später vordringenden gemein- 
sprachlichen Formen ganz vorzugsweise durch das Mittel der Schrift 
verbreitet wurden, das hochdeutsche die Quantität nicht bezeichnende 
Schriftbild sich aber gerade in unserem Falle vom Niederdeutschen 
im Vokale nicht unterschied, so behielten die übrigen Norddeutschen 
die ihnen aus dem Niederdeutschen geläufige Aussprache des a als 
kurzen Vokales im nom.-acc. sg. bei. So giebt z. B. schon C. F. 
Weichmann in seiner ^Poesie der Nieder-Sachsen^, I. Teil, Hamburg 
1725, S. 12 ^Pfad, Bad, Ead^ mit kurzem a als niedersächsische vom 
Obersächsischen abweichende Aussprache des Hochdeutschen an. Die 
Aussprache jras (gras), jlas (glas), bat, rat, fas, dax, jrap (grap) ist 
nun auch die im heutigen Hochdeutsch des Magdeb. Gebietes allein 
herrschende, obwohl man doch hier gemäss der hier geltenden niederd. 
Aussprache jlös, jrös u. s. w. auch im Hochdeutschen erwarten sollte. 
Ganz die gleichen Verhältnisse gelten für das Hochdeutsch und Nieder- 
deutsch des Oberharzes (vgl. Damköhler S. 16). 

Wie das ursprüngliche Niederd. der Stadt Mb. hier gelautet hat, 
lässt sich leider nicht mit voller Sicherheit bestimmen. Das Schiffer- 
Magdeburgische, Neustadt und Sudenburg können ihr jlas, jRas, bat, 
Rat, blat sehr wohl aus dem daneben gesprochenen Hochdeutsch über- 
nommen haben, so gut wie ihr dax (Dach) und fas aus dem Hoch- 
deutschen entlehnt sein müssen. Da nun das Schiffer-Magdeburgische 
die Form jRöf noch erhalten hat, so ist es wenigstens recht wahr- 
scheinlich, dass jlas u. s. w. wirklich dem Magdeb. Hochdeutsch ent- 
stammen und auch jlös etc. die ursprünglichen niederd. Formen für 
Mb. sind. Allerdings kennt bereits Rothensee vor folgendem Dental 
hier nur Formen mit a z. B. fat (Fass). Nimmt man jedoch an, dass 
auch das Niederd. der Stadt Magdeburg ursprünglich jlös u. s. w. 
bildete, wie es bei weitem das Wahrscheinlichere ist, so hat Mag- 
deburg, indem es der Gemeinsprache als Brücke dienend dieselbe dem 
übrigen Norddeutschland vermittelte und in Gemeinschaft mit diesem 
an der Herstellung eines norddeutschen Hochdeutsch arbeitete, infolge 
des Strebens nach möglichster Einheitlichkeit dieser Sprache sich in 
dem Punkte, in welchem es von der Majorität der norddeutschen 
Städte abwich, sich derselben gefügt und die dort im Hochdeutschen 



43 

geltende Aussprache angenommen. Mindestens ist aber dann die Aus- 
sprache dieser Wörter im Hochdeutschen der Stadt Magdeburg für 
diejenige im Hochdeutschen des Magdeburger Landes massgebend ge- 
worden, die mit den Formen des Stammlandes der Gemeinsprache in 
der Länge des Vokals übereinstimmendes und sogar dorther stam- 
mendes jlös u. s. w. nur in ihrem Volksdialekte beibehielt, in ihren 
als Gemeinsprache fungierenden Dialekt die der Hauptmasse des Nie- 
derdeutsch angehörigen und dort zuerst gemeinsprachlich gewordenen 
Formen jlas u. s. w. einführte. Das analoge Verhältnis hat natürlich 
auch für die Sprache des Oberharzes zu gelten. 

Die Dörfer Fermersleben, Salbke, Westerhüsen haben ihre niederd. 
Formen jlas, jras u. s. w. so gut wie fas u. s. w. aller Wahrschein- 
lichkeit nach aus dem Hochd. entlehnt; möglichenfalls finden sich auch 
dort die Formen mit langem Vokal noch bei den älteren Leuten; ich 
habe die kurzen Formen nur aus dem Munde von Kindern aufgezeichnet. 
Auch die Form bat ist westlich von Magdeburg z. B. in Olvenstedt, 
Niederndodeleben auch in das Niederdeutsche gedrungen. Wenn Wanz- 
leben einen Teil der kurzen Formen in sein Niederd. übergeführt hat, 
das ihm sonst fast überall parallel gehende Egeln jedoch nicht, so 
hat man den Grund dafür in dem grösseren Verkehre des ersteren 
Punktes mit Magdeburg und der geringeren Entfernung des letzteren 
von der mitteldeutschen Grenze zu suchen. 

Zum Schluss des Kapitels sei noch eine Bemerkung über die 
Anschauung des Volkes hinsichtlich des Ursprungsverhältnisses von 
Hochd. und Niederd. gestattet. Bei den Personen, die das Niederd. 
überhaupt abgestreift haben, ist die Vorstellung ziemlich allgemein, 
dass dasselbe nur ein arg entstelltes Hochd. sei. Bei den noch niederd. 
redenden Individuen hingegen scheint die Anschauung verbreiteter, 
dass das Niederd. den älteren Dialekt, das Hochd. eine jüngere Ver- 
feinerung desselben repräsentiere; vgl. den Namen 01tdit§ für ^ Niederd.^ 
in Ns. Der ersteren Vorstellung bin ich wiederum da begegnet, wo 
wie z. B. in Leipzig der Volksdialekt nur verhältnismässig geringe 
Abweichungen vom gemeinsprachlichen Muster aufweist. 



44 

Jüngere Beemflassnngen durch das Mitteldeutsche. 

Mit der Aufnahme der Gemeinsprache war die von Obersachsen 
ausgehende Beeinflussung unseres Sprachgebietes nicht abgeschlossen. 
Die Niederdeutschen unseres Landes bedienten sich im Verkehre mit 
den mitteldeutschen Nachbaren stets ihres Hochdeutsch, um nicht 
ungebildeter zu erscheinen, und so konnten bei dem regen Verkehre, 
der zwischen beiden Stämmen herrschte, lautliche Neuerungen im Mit- 
teldeutschen auch das ihm im wesentlichen gleiche Hochd. der niederd. 
Nachbaren ergreifen, wo sie die gleichen Lautwandlungen im Niederd. 
in sich schliessen mussten. Ich gebe die Beispiele: 

1. Aus dem Volksmitteld. stammt die Entrundung der labial- 
palatalen Vokale im Hochd. unseres Gebietes, in dem es z. B. hitd 
(Hüte), jrfisr (grösser), slisl (Schlüssel), knepo (Knöpfe) lautet. Über 
den Lautwandel im Obersächsischen vgl. Albrecht S. 7 u. 8, über 
denselben im Anhaltinischen Wäschke S. 408. Dass dieser Prozess 
überhaupt vom Volksmitteldeutschen ausgeht, wird durch das allmäh- 
liche Vorrücken desselben nach ^forden und teilweis nach Westen 
bewiesen. In Olvenstedt, das im Gebiete der labial-palatalen Vokale 
am meisten vom Hochdeutschen beeinflusst ist, spricht, worauf Wegener, 
Ztschr. f. d. Gymnasialw., Jahrg. XXXVI S. 301 aufmerksam 
macht, die jüngere Generation die betreffenden Laute bereits mit 
bedeutend geringerer Lippenrundung als die ältere. Dass femer 
die betreffenden Vokale nicht schon in der entrundeten Form aus 
dem mitteldeutschen Volksdialekte in unsere hochdeutsche Kontakt- 
sprache übernommen wurden, geht aus dem Umstände hervor, 
dass auch die labial-palatalen Vokale des Niederdeutschen genau auf 
dem gleichen Gebiete wie die des Hochdeutschen, aber nirgends über 
dasselbe hinaus, die gleiche Entrundung erlitten, eine Thatsache, die 
nur darin ihre Erklärung findet, dass die infolge der Berührung mit 
einer anderen Sprachgemeinschaft entstandene Artikulationsveränderung 
der einen Mundart unserer zweisprachigen Individuen die gleiche 
Artikulationsveränderung in der zweiten von ihnen gesprochenen Mundart 
unmittelbar in sich schliessen musste, wiewohl die labial-palatalen 
Vokale beider Mundarten zum grossen Teile auf ganz verschiedene 
Wörter verteilt sind. So weit also im Hochd. Mtd (Hüte), jresp 
(gresr) (grösser), §lisl (Schlüssel), knepa (Knöpfe) angewandt werden, 
heisst es auch niederd. hizr (Häuser), beme (Bäume), litj^ (klein), 
jretp (gpetr) (grösser); wo im Hochd. die Aussprache hftt«, grftsr, 
llflsl, knSp9 beginnt, erscheinen auch die niederd. Formen hftzr, bSm», 

Ifitx, ffP$lT U. 8. W. 

2. Auch ai des Stadt-Magdeburgischen an Stelle des nhd. oi, das 
einem ahd. itt oder dem Umlaut des germ. ü entspricht, ist aller 
Wahrscheinlichkeit nach nicht gleich als ai entlehnt, sondern erst später 
durch Anschluss an das angrenzende Volksmitteldeutsch aus oi umge- 
wandelt worden, da es sich im Beginne der neuhochdeutschen Periode 
nirgends im obersächsischen Dialekte nachweisen lässt. Es heisst also 



kl 

im Sta^t-Magdeburgischen laito (Leute), haito (heute), hiaizlt (Häuser), 
maizd (Mäuse) u. s. w. Ebenso lauten auch die hochd. Formen in 
Westerhüsen, Fermersleben, sowie in Rothensee, soweit sie nicht durch 
Schuleinfluss wieder aufgehoben worden sind. Aber auch nach Beien- 
dorf, Sohlen, Dodendorf ist hochd. ai aus oi auf dem Wege der laut- 
lichen Entlehnung gedrungen und hat dort die analoge Verwandlung 
des niederd. oi, des Umlautes von au aus nrgerm. 0, in ai veranlasst. 
Es heisst hier also nicht nur im Hochd. laitd (Leute), haizr (Häuser) 
etc., sondern auch im Niederd. baikr (Bücher), fait9 (Füsse), piain 
(pflügen) u. s. w.; analog verhält es sich auch mit Ebendorf. Nur 
sind gerade die hochd. Formen in diesen Dörfern infolge des Schul- 
einflusses vielfach durch solche mit oi wieder verdrängt. Im übrigen 
Gebiete ist, abgesehen von Wanzleben und Egeln, hochd. und niederd. 
oi stets erhalten, so dass hier die betreffenden hochd. Wörter loita, 
lioizr, die betreffenden niederd. boikr, foit», ploin lauten. Die Formen 
mit ai für ursprüngliches oi sind nach Winter, Geschichtsblätter fiir 
Stadt und Land Magdeburg Bd. IX, S. 109 im ganzen südöstlichen 
Teile des Nordthüringgaues, den ich nicht mehr durchforscht habe, 
üblich; auch Biere hat noch ai (vgl. die Karte). Wir dürfen mit 
ziemlicher Gewissheit annehmen, dass auch hier und zwar hier zunächst 
der Lautwandel oi aus ai im Niederd. der Reflex des gleichen Laut- 
wandels im Hochd. gewesen ist. Über oi aus ai in dem ehemals 
niederd. Gebiet vgl. Wäschke S. 405 für Anhalt: haire, halte, Laite, 
Taivel. Für das Obersächsische vgl. Albrecht S. 10, für den analogen 
Lautwandel im Berlinischen D. rieht. Berl. S. VII. 

3. Bei dem besonders lebhaften Verkehr, den Magdeburg mit dem 
mitteldeutschen Lande hat, hat es sich in einem Punkte an die dort 
herrschende Aussprache angeschlossen, ohne dass der dazwischen 
liegende Strich von diesem Lautwandel betroffen wurde. Denn während 
in diesem Striche r in niederdeutscher wie hochdeutscher Rede ge- 
sprochen wird, zeigt das Stadt-Magdeburgische und das in den Vor- 
städten von Magdeburg gesprochene Hochdeutsch, aber auch das 
Schiffer-Magdeburgische und das Niederdeutsch der Vorstädte R in 
Übereinstimmung mit dem mittel- und oberdeutschen Sprachgebiet. 
Nach Winter, Geschichtsbl. f. Stadt u. Land Magdeb. Bd. IX, S. 110 
ist überhaupt das Kehl-r das P der Städter im Gebiete am Zusammen- 
flusse der Elbe, Saale und Bode, gilt also auch für Schönebeck, Gross- 
Salze, Barby, Kalbe, Stassfurt, das Zungen-r das P der Dörfler im 
gleichen Gebiete. Das p ist in R verwandelt worden, indem eine 
Anlehnung an eine durch die Schrift nicht zu vermittelnde, in dem 
Gebiete, von dem die Gemeinsprache ausgegangen war, zunächst 
herrschend gewordene Aussprache stattgefunden hat. Bekanntlich 
dringt R überhaupt heutzutage in den Städten Norddeutschlands immer 
weiter vor, eine Erscheinung, die doch mindestens zum Teil durch 
mitteldeutschen Einfluss bedingt sein wird. 



46 

Beeinflnssniigeii der kleinen Städte dnrch Magdebni^g. 

Wie in dieser Weise Mb. und andere Städte isoliert dem Ein- 
flüsse Mitteldeutschlands unterlagen, so beeinflusste das Hochdeutsch 
von Mb. wiederum direkt dasjenige der mit ihm viel verkehrenden 
kleinen Städte Wanzleben und Egeln, ohne dass die in der Mitte 
liegenden Dörfer in ihrem Hochdeutsch die gleichen Veränderungen 
erfuhren. So hat sich denn hochd. oi in der Sprache der am meisten 
in Mb. verkehrenden Ökonomen und besser situierten Handwerker in 
Wanzleben im Anschluss an das Stadt-Magdeb. verschoben, wo gemein- 
sprachliches oi bei den niederen und vielfach auch jetzt noch bei den 
mittleren Ständen durch ai vertreten ist. Die Art, in der dies ai in 
die Lokalmundart von Wanzleben aufgenommen wurde, zeigt, dass 
zur Zeit seiner Aufnahme die Anwendung des Hochdeutschen als eines 
völlig geläufigen Dialektes in jedem Augenblicke ohne jede Reflexion 
erfolgen konnte. Nur so ist es erklärlich, dass sich bei denselben 
Personen, bei denen hochd. oi in ai überging, nach dem Gesetze, dass 
jede sich unbewusst vollziehende Veränderung eines zwei von denselben 
Individuen geredeten Sprachen gemeinsamen Elementes in einer dieser 
Sprachen die gleiche Veränderung in der anderen in sich schliesst, 
auch niederd. oi lautgesetzlich in ai verwandelte. Es heisst also bei 
der älteren Generation der social höher Stehenden nicht nur im Hoch- 
deutschen haitd (heute), nain» (neun), nai (neu), laitn (läuten), haizp 
(Häuser) u. s. w. sondern auch im Niederd. kaid (Kühe), piain (pflügen), 
baikr (Bücher), faite (Füsse), zaite (süss) u. s. w. für hochd. hoita, 
noina, noi, loitn, hoizr und niederd. koia, ploin, boikr, foitd, zoita bei 
den niederen Ständen in Wanzleben und durchweg auf sämmtlichen 
umliegenden Dörfern. Freilich spricht die jüngere Generation auch 
der Ökonomen und wohlhabenderen Handwerker, etwa schon von 50 
Jahren abwärts, heute im Hochd. oi z. B. hoitd, noina, im Niederd., 
soweit sie überhaupt noch niederd. redet, ai z. B. kaid, piain; Ursache 
ist, dass diese Leute das Niederd. im Elternhause, das Hochd. aber 
im wesentlichen erst in der Schule erlernt haben. Letzteres hatte 
sich bei ihnen vor dem Schulbesuche wenigstens noch nicht befestigt, 
und, wo es etwa befestigt war, wurde der Diphthong ai in oi in jedem 
einzelnen Worte bewusst korrigiert, wodurch niederd. ai natürlich 
nicht getroffen wurde. 

Bei derselben älteren Generation der social höher Stehenden in 
Wanzleben findet sich auch urgerm. ai im Hochd. durch e, urgerm. 
an durch o überall vertreten, während ein Teil der jüngeren Generation 
auch hier ai und an wieder eingesetzt hat. Bemerkenswert ist, dass 
wir es hier nicht mit Verpflanzung eines Lautwandels zu thun haben, 
da sonst erstens auch niederd. ai, die gewöhnliche Vertretung des 
urgerm. ai, zweitens aber auch hochd. ai aus urgerm. i — denn beide 
ai werden in unserem Gebiete ohne jeden Unterschied gesprochen — 
gleichfalls in 6 übergegangen sein müsste, analog auch hochd. an aus 
urgerm. n in 6. Vielmehr haben wir hier eine Reihenentlehnung von 



Wortern, die durch ein gemeinsames lautliches Band zusammengehalten 
werden, vor uns: in allen Formen, in denen man hochd. ai, wie man 
es in der Schule erlernt, neben niederd. ai oder e gesprochen hatte, 
setzte man im Hochd. e speciell fiir dies ai nach dem Muster des 
Stadt-Magdeb. ein, analog 6 in allen Wörtern für an, in denen dies 
neben niederd. 6 und Stadt-Magdeb. o stand. Es heisst demnach in 
diesem Kreise hochd. ben = niederd. bain (Bein), hochd. hfes = 
niederd. hals (heiss), hochd. venn = niederd. vSnn (weinen), hochd. 
smaisn = niederd. §mitn (schmeissen), hochd. faifo = niederd. pipa 
(Pfeife), hochd. bOm = niederd. bdm (Baum), hochd. 6x = niederd. 
6k (auch), hochd. biinx = niederd. buk (Bauch), hochd. haus = 
niederd. Ms (Haus); die jüngere Generation der ol3eren Schicht und 
die untere Schicht überhaupt haben in der Regel hochd. bain, hais, 
vainn, banm, anx. Auch einzelne dem St.-Magdeb. entlehnte Formen 
wie nf, nidr, fll9 finden sich insbesondere in ersterem Kreise. 

Übrigens kommt der Lautwandel oi aus ai auch im Niederd. der 
Ökonomen und besser situierten Handwerker von Egeln vor, während 
auch dort die niederen Stände gleich den Bewohnern sämmtlicher 
umliegenden Dörfer stets oi sprechen. Ich hatte zwar keine Gelegenheit, 
das Hochdeutsche der älteren Generation der im Niederd. ai sprechenden 
Bewohner von Egeln zu beobachten, halte es jedoch für sicher, dass 
auch bei ihnen ai für oi gesprochen wird. Denn nur so begreift es 
sich, warum dieser Lautwandel gerade auf die am häufigsten in Mag- 
deburg verkehrenden Personen eines isolierten Punktes beschränkt ge- 
blieben ist. Doch mag bei Egeln auch der Verkehr mit dem eigentlich 
mitteldeutschen Gebiete mitgewirkt haben. Vermutlich wird auch die 
Vertretung des urgerm. ai und an im Hochd. von Egeln eine der in 
Wanzleben analoge sein. 

Aber nicht nur das Hochdeutsche von Magdeburg hat dasjenige 
der kleinen Städte und der in der unmittelbaren Nähe liegenden 
Dörfer beeinflusst, sondern auch das ehemals in Magdeburg gesprochene 
Niederdeutsch hat auf das Niederd. derselben Punkte analoge Wir- 
kungen ausgeübt. Sicherlich hängt diese Beeinflussung mit dem Um- 
stände zusammen, dass man auch den Volksdialekt des die Gemein- 
sprache ganz besonders pflegenden Magdeburg als vornehmer als den 
eigenen Volksdialekt empfand. 

Die Verba der Reduplikationsklasse bilden ihr Präteritum in dem 
Striche an der Elbe (Wh., Sk., Fml., Sdb., Sch.-Mb., Ns., Rths.), der 
nicht nur urgerm. ai, sondern auch westgerm. eo u. westgerm. e durch 
e vertreten hat (z. B. dep (tief), spSjl (Spiegel), regelrecht mit in- 
lautendem e z. B. pep (rief), lep (lief), hei (hielt), §lSp (schlief). Im 
übrigen Gebiete sind sowohl westgerm. eo wie e durch ai vertreten, 
so dass es dort z. B. daip, §paijl (resp. spaijl) lautet. Demgemäss 
bildet auch der grösste Teil dieses Gebietes die Präterita der Re- 
duplikationsklasse mit inlautendem ai z. B. raip, laip, hail, slaip (resp. 
slaip) u. s. w. Nur Lemsdorf hat ausschliesslich in den Formen dieser 
Reihe e, Beiendorf, Sohlen, Dodendorf, Kl. Ottersleben ganz überwiegend 



4S 

fe rieben ai, Gr. Ottersleben beides etwa gleich häufig. Zweifellos sind 
hier, zumal da Magdeburg seinen hauptsächlichsten Einfluss nach Süd- 
westen hin geübt hat, die Formen wie lep aus dem Eibniederdeutschen, 
speciell aus dem ehemaligen Niederdeutsch der Stadt Magdeburg und 
dem seiner Vorstädte entlehnt worden. Die älteren Formen sind ja 
auch noch teilweis erhalten; nirgends aber existieren im Dialekte von 
Lemsdorf selbst u. s. w. Formen, nach denen etwa zu ranpa ein rep 
auf dem Wege der Analogiebildung hätte entstehen können. 

Aber auch diejenigen Einwohner von Wanzleben, die hochd.- 
niederd. oi infolge ihres starken Verkehrs mit Mb. zu ai verschoben 
haben, bilden im Niederd. die Präterita rep, lep, slep u. s. w. gegen- 
über raip, laip, slaip etc. bei der grösseren Volksmasse und auf sämmt- 
lichen umliegenden Dörfern. Wir haben in dieser Eigentümlichkeit 
zweifellos eine Beeinflussung durch das in Magdeb. gesprochene Niederd. 
zu sehen, wobei die allgemein im Hochdeutschen üblichen Formen mit 
inlautendem i wie Rif, lif, slif garnicht haben mitwirken können. Ob 
auch in Egeln bei der oberen Schicht der niederd. sprechenden Be- 
völkerung die gleichen Formen üblich sind, ist mir unbekannt geblieben. 

Fast ebenso liegen die Verhältnisse bei den Verben der a — ä- 
Reihe. Das gleiche Gebiet, welches für westgerm. eo und e monoph- 
thongische Vertretung hat, zeigt auch 6 an Stelle des urgerm. 6 z. B. 
hon (Huhn), §tol (Stuhl), hOt (Hut) u. s. w., das übrige Gebiet au 
z. B. hann, stanl (staal), haut. Für das Eibniederdeutsche sind daher 
die Präteritalformen §16x, drox (dR6x), frOx (fRdx) regelrecht, im 
übrigen Gebiete slaux (slanx), dranx, fraux. Doch hat auch Lemsdorf 
ausschliesslich slox, drox, fpox, während Kl. Ottersleben, Beiendorf, 
Dodendorf, Sohlen diese Formen wiederum überwiegend bieten, Gr. 
Ottersleben sie etwa gleich häufig wie glanx, dranx, fraux aufweist. 
Auch hier können die Formen mit 6 weder auf dem Wege der pro- 
portionellen Analogiebildung noch auf irgend einem anderen W^ege 
in der Eigenentwickelung des Dialektes ihre Entstehung genommen 
haben. 

Wanzleben bietet hier jedoch allgemein nur Slanx, dranx, franx. 

Diese Thatsache giebt uns einen Fingerzeig dafür, dass es be- 
günstigende Faktoren psychologischer Art gewesen sind, welche die 
Entlehnung möglich machten. Sowohl Lemsdorf, Kl. Ottersleben u. s. w. 
als auch Wanzleben bilden in Übereinstimmung mit sämmtlichen 
nächstgelegenen Dörfern die Präterita der Verba der ei -Reihe mit 
inlautendem %, das ja teilweise Vertretung des urgerm. ai ist, z. B. 
jrep von jripm, smet von smitn u. s. w. Offenbar haben die neu 
aufgenommenen let, rep u. s. w. an diesen den gleichen Vokal bietenden 
Formen einen Halt im Gedächtnis gefunden. Nirgends aber gab es 
bereits Präterita mit inlautendem o, an die sich §16x u. s. w. hätten 
lehnen können. Die Dörfer bei Magdeburg, die seinem Einflüsse stetiger 
unterlagen, sind freilich einen Schritt weiter gegangen. Sie haben 
auch in der a — ä-Reihe, die wegen der Gleichheit des Vokales in 
ihrem Präsens und in ihrem Participium Präteriti zu der dieselbe 



4d 

Eigentümliclikeit aufweisenden Reduplikationsklasse in näherer Be- 
ziehung empfunden wurde, die Form aus dem Eibniederdeutschen ent- 
lehnt. Dazukam wohl, dass sich den Sprechenden die ererbten Formen 
mit ai zu den eibniederdeutschen mit e wie die ererbten mit an zu 
den elbniederd. mit 6 lautlich zu verhalten schienen. 

Nach obiger Darlegung haben wir auch als wahrscheinlich anzu- 
nehmen, dass bei der besprochenen Wiederherstellung des inter- 
vokalischen d, y» j i» Wanzleben und Egeln neben dem dort selbst 
gesprochenen Hochdeutsch auch das Elbnied^rdeutsche gewirkt hat. 
Hätte nur das Hochdeutsche seine Einflüsse geübt, so wäre doch wohl 
t aus urgerm. X so gut wie y? j ^i^d d aus urgerm. P in die nieder- 
deutschen Formen einfach eingefügt: der kompliziertere Prozess, die 
lautliche Übertragung desselben in niederd. d nach Mustern wie 
niederd. kcdo = hochd. kcte (Kette), ist wahrscheinlich durch das 
Vorschweben der als vornehmer empfundenen elbniederd. Formen mit 
erhaltenem d veranlasst oder mindestens begünstigt worden. 



Niederdeotaohes Jahrbnoh. XIV. 



&0 



Abstufniij^eii der Lokaldialekie nacli Ständen. 

Obwohl nun das ehemalige Niederdeutsch der Stadt Magdeburg, 
jetzt nur noch durch das Schiffer-Magdeburgisch repräsentiert, der- 
artige Beeinflussungen geübt hat, so ist es doch durch eine scharfe 
Kluft vom Stadt-Magdeburgiscben geschieden, in dem sich selbst 
eine kontinuierliche Reihe von Übergangsstufen von der Sprache der 
Gebildeten bis zur Mundart der Arbeiter verfolgen lässt. 

Im einzelnen lassen sich die Abstufungen wegen der steten Ab- 
weichungen bei den verschiedenen Individuen schwer ersehen, so dass 
ich mich hier begnügen muss, nur einige Beispiele anzuführen, bei 
denen die Abstufung etwas deutlicher hervortritt. Der Magdeburger 
Arbeiter hat als dat.-acc. sg. des Personalpronomens der 1. und 2. 
Person meistens noch die ursprünglich niederd. Formen mik und dik 
beibehalten. Eine etwas höher stehende, sehr umfangreiche Gesell- 
schaftsklasse, auch schon viele Arbeiter, gebrauchen die diesen nieder- 
deutschen Formen lautlich entsprechenden mitteldeutschen Formen 
mix ^^^ ^^X ^'^ dat.-acc. sg. Eine wieder etwas höher stehende 
Klasse kennt zwar auch miR und diR, doch ohne diese Formen überall 
von mi^ und di;^ funktionell richtig zu scheiden, und nur die oberste 
Klasse wird hier den Anforderungen der Norm gerecht. (Vgl. Graupe 
S. 50.J 

Ähnlich stuft sich der Gebrauch der aus dem Niederd. beibe- 
haltenen Form Avil (trocken), der Kontaminationsform droks und der 
rein gemeinsprachlichen Form troks nach den gesellschaftlichen Klassen 
im Stadt-Magdeb. ab. Ganz analog werden nach „D. rieht. Berl. 
S. VI.^ im Berlinischen in den neutr. der pron. die noch nieder- 
deutschen Lautstand zeigenden Formen et, det gebraucht, wofür nur 
^Gebildetere*^ es, des sagten. 

Der Umlaut des urgerm. au ist im Stadt-Magdeb. allgemein 
durch 8 nur bei den niederen Ständen vertreten. Sobald die muster- 
giltige Gemeinsprache diphthongische Vertretung erfordert, erscheint 
dafür ai bei den mittleren, oi durchgängig fast nur bei den oberen 
Ständen. So liegen hier immer drei Formen, z. B. b§m9, baima und 
boima, I^fst, laifst und loifst, zemm, zaimm und zoimm neben einander. 
Die mittleren Formen sind nach dem Gefühle gebildet, dass dem oi 
der Gebildeten in weitaus den meisten Fällen, nämlich so oft es Umlaut 
des an aus urgerm. ü oder Vertretung des westgerm. in ist, ai in 
der eigenen Sprache gegenübersteht. 

Diese Abstufung ist besonders eine Folge des Strebens, sich dem 
Idealbilde der hochdeutschen Normalsprache möglichst anzunähern. 
Dies Streben tritt auch besonders in dem Umstände hervor, dass man 
den eigenen Kindern gegenüber vielfach in einer vornehmeren Sprache 
zu reden sucht, als sie einem selbst geläufig ist. So sprechen viele 
der unter sich noch niederdeutsch redenden reichen Bauern der Mag- 
deburger Börde zu ihren Kindern regelmässig hochdeutsch. Ebenso 
bedienen sich viele Magdeb. Schiffer, wenn sie zu ihren Kindern 



M 

sprechen, ausschliesslich oder vorzugsweise des ihnen geläuÄgen Hoch- 
deutsch, d. h. des Dialektes der Magdeb. Arbeiter. Die Magdeb. 
Arbeiter selbst bemühen sich teilweis, mit ihren Kindern wenigstens 
ein besseres Hochdeutsch zu sprechen, als sie es im Verkehre unter 
sich selbst anwenden. 

Auf der anderen Seite wird diese Annäherung an das muster- 
giltige Hochdeutsch dadurch gestört, dass die geringere Anzahl der 
vornehmer Sprechenden der weitaus grösseren der minder vornehm 
Sprechenden nachgiebt, infolgedessen recht häufige Wörter auch in 
die Sprache der Gebildeten dringen. So gebrauchen diese in Magde- 
burg insbesondere die Formen kSn (kein), Sx (auch) sehr häufig, aber 
auch an anderen Punkten, wo jene Formen nur dem fiir die Mundart 
der mittleren und niederen Stände geforderten Lautstand entsprechen, 
z. B. in Leipzig, habe ich dieselben oft von Gebildeten gehört. 

Der verschieden starke Gebrauch des Hochdeutschen bei den 
einzelnen Ständen hat auch im Niederdeutschen ähnliche Abstufungen 
hervorgerufen. So sprechen in Wzl., wie erwähnt, nur die Ökonomen 
und besser situierten Handwerker niederd. ai für ursprüngliches oi, 
während weitaus auch die grösste Anzahl der Handwerker inter- 
vokalisches d, y? j fast überall wiederhergestellt hat. Nur bei dem 
kleineren Teile der Handwerker und bei sämmtlichen Arbeitern ist 
intervokalisches d, y, j nicht fast allgemein wiederhergestellt worden, 
so dass z. B. der Unterschied von maido, moido, moid (müde) die 
nach Ständen abgegrenzten Hauptnüancen des Wzl. Niederd. am besten 
kennzeichnet. Indessen hat auch schon die jüngere Generation des 
untersten Standes in einer Reihe einzelner Formen das d, y? j wieder- 
eingesetzt, doch in der Weise, dass die einen diese, die anderen jene 
Form mehr bevorzugen, indem sich z. B. bei einem Individuum bpöe 
(ich brate) neben lo» (L lade ein, 2. lade auf), bei einem andern 
br0d9 neben lö9 findet. Allerdings wird in gewissen Wörtern der 
Konsonant ganz besonders gern hergestellt, z. B. in lida (die Leute), 
lide (ich läute), flaija (die Fliege). Doch auch hier lässt sich insofern 
noch eine vierte nur aus Arbeitern bestehende Schicht von der dritten 
absondern, als sich auch bei der jüngeren Generation derselben nur 
sehr wenig Formen mit wiederhergestelltem Konsonannten finden (so 
meist lia Leute, li» ich läute, aber flaijd die Fliege). Mit Bestimmt- 
heit indessen kann man voraussagen, dass sämmtliche Formen mit 
hergestelltem d, y oder j schliesslich bei allen in Wanzleben wohnenden 
Niederdeutschen wegen ihrer Fühlung mit den hochdeutschen Formen 
werden durchgeführt werden. Dagegen sind die niederd. Formen mit 
ai schon sehr im Verschwinden begriffen. Abgesehen davon, dass die 
meisten Personen, die in ihrem Niederd. ai sprechen, dasselbe heut- 
zutage teils ganz abgelegt, teils auf den Verkehr mit ihren Unter- 
gebenen beschränkt haben, müssten diese Formen wie faitd, baikr, die 
ja keinerlei Halt an hochdeutschen Formen haben, den von der 
Majorität gesprochenen foita, boikr u. s. w. doch wohl unterliegen. 
In Egeln findet eine sehr ähnliche Abstufung im Niederd. statt ; 
doch habe ich sie im einzelnen nicht verfolgen können. 



52 

Wie sich zuweilen in dem vom Hochd. beeinflussten Niederd. 
die analogen Abstufungen wie in dem von Niederdeutschen oder auf 
ehemals niederdeutschem Boden gesprochenen Hochdeutsch finden, 
geht aus dem von Wäschke S. 106 aus dem Niederd. der Zerbster 
Gegend angeführten Beispiel hervor, wonach neben dct dort auch 
des vorkommt, das nur Angleichung an hochd. das im Munde Halb- 
gebildeter sei ; vgl. das oben über jene Formen im Berlinischen Gesagte. 

Auch dafür, dass es auch innerhalb des Niederd. Abstufungen 
nach Vornehmheit giebt, fehlt im Volke das Bewusstsein nicht. So 
begegnet man öfters der Vorstellung, dass ein Nachbardorf, das mehr 
hochd. Elemente in sein Niederd. aufgenommen, vornehmer, ein an- 
deres, das weniger aufgenommen, ;,platter'' rede. Der Bewohner der 
Neustadt unterscheidet drei Arten des Dit§ oder OltditS, erstens seine 
eigene Sprache, das Ni§tet§, zweitens das Schiffer-Magdeburgisch, das 
FedRS, drittens die Mundarten der Döifer, die er unter dem ver- 
ächtlichen Namen BüR§ (bäurisch) zusammenfasst. Die wohlhabenden 
Handwerker und die Ökonomen in Wanzleben halten oder hielten 
die Aussprache foit», boikr für grob, die untere Klasse deren Aus- 
sprache faitd, baikr für affektiert; allerdings bat hier auch wohl neben 
dem Klassenunterschiede die sehr in das Gehör fallende Differenz 
zwischen tieferem und höherem Eigenton des jeweilig sonantisch fun- 
gierenden Vokals die eine Aussprache als grob, die andere als fein 
erscheinen lassen. 

HALLE a. S. Riehard Loewe. 



53 



Mundart des Dorfes Fahrenkrug 
in Holstein. 



In dem holsteinischen Kreise Segeberg sitzt keine Bevölkerung 
von einheitlicher Abstammung. Um 1137 nahmen von Westen her 
Holsten das wendische Land ein, die Gegend von Bomhöved als Mittel- 
punkt wählend. Zu ihrem Besitze gehören die dem Kloster Segeberg 
bei seiner Gründung (1137) geschenkten Dörfer, wie Wittenborn, Mözen, 
Högersdorf, Schwissel am rechten Traveufer und überhaupt alle west- 
lich von ihrem Oberlaufe liegenden Ansiedlungen, unter ihnen auch 
das Vs Stunde von Segeberg liegende Fahrenkrug. Östlich von 
Segeberg, in dem Dreieck Segeberg — Ahrensbök — Oldesloe muss die 
westfälische Kolonie gelegen haben, welche Graf Adolf IL im Jahre 
1142 in der slavischen Landschaft Dargun anlegte (Helmold, Chronica 
Slavorum I, 57 u. 63). Da dieselbe bereits 1147 von den Wenden 
zerstört wurde, so wird man die Bevölkerung im Amte Ahrensbök, um 
Warder und im Amte Traventhal als eine Mischung aus später heran- 
gezogenen Kolonisten, zurückgebliebenen Slaven und holsteinischen 
Sachsen ansehen müssen. Einheimische versichern, dass sie sich durch 
ihre Aussprache, noch mehr durch einen im Vergleich zu den Holsten 
am rechten Traveufer weichen, empfindlichen Charakter unterscheiden. 
Doch kann letzteres auch die durch den fruchtbareren Boden be- 
dingte bequemere wirtschaftliche Lage zur Ursache haben. Von Süd- 
westen her werden sich damals auch die Stormarn gegen die Trave 
vorgeschoben haben, zu deren alter Heimat die Gegend von Bramstedt 
und Kaltenkirchen sicher gehört. Zweifellos ist, dass Wenden genug 
zurückblieben, um dem Volkstum eine Beimischung ihres Blutes zu 
geben. Andernfalls wären die zahlreichen wendischen Orts- und Fluss- 
namen nicht erhalten geblieben*). Mehr als das ziemlich verbreitete 
dunkle Haar weist häufig Bildung und Blick der Augen auf slavische 
Abstammung hin. 

*) Wendische Namen im Kreise Segeberg sind: Barck, Berlin (in Urkunden 
Bralin), Blomnath, Blunk (Bulilunkin), Dreggers (Dregherze), Gisskau, Garbeck 
(Gorbeke), Göls (Golevitz), Görs (Gyritz, Gurtze), Hüls, Kahlin, Flur bei 
Fehrenbütel, Kellerblick, Flur bei Bark, Kembs (Kempeze), zwei Krems (Krem- 
pifze), Krebitz, Kückels ^ukeltze), Leetzen (Letzinge, Lescinghe), Mözen 
(Moitzing), Nehms (Nemizze), Pahlast, Flur bei Pronstorf, Parlblik, Flur bei Wit- 
tenborn, Petluis (Putluse), Putatz, Flur bei Kückels, Quaal, ? Rönnau (Rennouwe), 
Rösing (Rosen), Rosau (Flur bei Glashütte), Selitzkamp bei Schwissel, Sarau, 
Strenglin, Schwissel, Zwisfelbeck bei Negernbötel, Wensin, Wietzig, eine Flur bei 
Gönnebeck, Wustroh, eine Flur bei Bevensee. Auch die Flussnamen Trabena, 
Bisence, Bestene (Trave, Bisnitz, Beste) sind wohl slavisch. Bei Helmold kommt 
noch Cuzalina, das spätere Högersdorf, eine Burg in Nizenna und das Zventineveld, 
Sventipole, d. h. die Gegend um Bomhöved vor. 



54 

Ich habe mich auf die Mitteilung solcher Spracherscheinungen 
beschränkt, welche mir gegenüber andern Mundarten eine Bedeutung 
zu haben schienen, indem ich die Kenntnis des überall ziemlich gleich- 
förmigen Seeniederdeutschen voraussetze. 

1. Vokale. Kurzes a hält sich in de tal, pl. de talgen. Wie 
im R. Voss erscheint ammer (Eimer). Es steht auch fest in gras, 
man (nur) und (= mnd. -ers) in hassen (bersten), gassen (Gerste), 
kasbern (Kirschen), dwas (quer). 

Gedehntes a vor r -f- Konsonant (= mnd. -er u. -ar) in 
margel (Mergel), marken, farken, stark (junge Kuh), kark, ik 
starw (ich sterbe). 

Kurzes ä steht in einigen Fällen, wo andere ndd. Mundarten 
a haben, wie in ütfläddern (ausplaudern), äddel (Jauche), ädebär 
(Storch). Von Wörtern mit langem 4 rr=: altem ä sind äfich (schmutzig), 
räm (Sahne), räw (Borke), de gräpen (der dreibeinige Topf),^ är 
(Ähre") zu beachten. Unter Einfluss von Konsonanten entstand ä* in 
tag (zähe), bläg (blau), fo drä as (sobald als), nä (nach), ja (ja), 
[jedoch auf der Haide j au], woart (Enterich), ädebär (Storch). Ein 
Umlaut dazu ist nicht beliebt. Man hört zwar de nä,' (die Näthe), 
gr&len (schreien), aber de sch§.p (die Schafe), du h\t>s (du blasest). 
Gedehntes ä steht dann auch = altem a in hochtoniger Silbe vor 
einfachem Konsonanten: de häf (der Hase), von däg (heute), drägen 
(getragen), de fäg (die Säge), wäter (Wasser), häf (Habicht), de 
wäd (Molken), wäk (Eiswake), Es erleidet keinen Umlaut z. B. de 
nägels (die Nägel). Endlich steht tonlanges ä da, wo das späte 
Mittelniederdeutsch statt älterem o in hochtoniger Silbe a schreibt, 
in hochtoniger Silbe und vor r -f- Konsonanten: äpen (oflfen), de 
bäl (die Bohle), de fäl (das Füllen), gäten (gegossen), häfen (Strümpfe), 
de kät (die Käthe), käl (Kohle), käben (Stallung), päten (Setzlinge), 
tägel (Zügel), barg (Eber), bärn (Quelle). Im Plural von Substantiven 
erleidet dies ä keinen Umlaut: tägels (Schläge), fägels (Vögel). Da- 
gegen erscheint ein solcher in äwer (über), de äfel (die Dachtraufe), 
bin (Hausboden), de bäwels (der oberste), däfig (dumm), gräwer 
(gröber), fik hägen (sich freuen), kik (Küche), de mal (die Mühle), 
nit (Nüsse), fän, pl. fäns (Sohn), fälen (schmutzen), winwärp (Maul- 
wurf), ärgel (Orgel). 

Selten ist kurzes h: fäs (sechs), jedoch auf der Haide fös, 
tw&lf (zwölf), de rät (die Ratte), däschen (dreschen). 

Kurzes ä steht ausser als Umlaut von a in der Deklination und 
Komparation statt ä in was (gewesen), de wässel (das Wiesel), 
äs eher (Grabscheit), rädr (Feldweg zwischen zwei Knicken), de mät, 
pl. de matten (der Regenwurm), de fäss (der First). 

Langes ä ist der regelmässige Vertreter von mnd. e. So in den 
Infinitiven läsen, gäben, in den Participien läfen, blähen; äfel(Esel), 
tofräden (zufrieden), gäl (gelb), spälen (spielen), de fän (die Sehne), 
swinägel (Igel). 

Kurzes e bewahren wie in einzelnen andern ndd. Mundarten: 



55 

nettel (Nessel), schell (Schale), fewwer (Maikäfer). Auch steht es 
statt ä vor in linguales r übergegangenem d: ferrer (Feder), lerrer 
(Leder), werrer (Wetter), lerrig (ledig). 

Langes e steht in ik de (ich that) neben ik dö, het (hiefs), 
wet (weifs); befen (Binsen), kateker (Eichhorn), leg (schlecht), 
kiewer (Klee), ment (gemeint), red (Ried), quefen (nergeln), quefen 
(Blasen), meden (mieten), weden (jäten), wenig (wenig) und vor r: 
kerl, dern, gern, stern, kouher (Kuhhirte). Dann in den Plur. 
Praet.: wi eten (wir afsen) und daher auch in den nach Analogie 
derselben gebildeten Sing. Praet,: ik gef, les, et, fech (sah) u. s. w. 
Aber wi ge*wen, le^gen, stecken, festen, le*fen. 

Kurzes i bietet wenig Besonderes: finster (Fenster), mis (Mist), 
minsch (Mensch), schipper (Schiffer). 

Kurzes o in nommen (genommen), kommen (kommen), fon 
(Yon) entstand wohl durch hd. Einfluss. 

Kurzes ö steht in einigen Fällen, wo andere Mundarten Formen 
mit e haben: Woltern (wälzen), rönnen (rennen), ölben(elf). Wie 
überall in Nordalbingien föftig (fünfzig), dörp (Dorf). 

Langes 6 steht = got. au. Dann auch in gos (Gans), don 
(thun), tonebank (Schenktisch); vor 1, m und r in: 61t (alt), kolt 
(kalt), korrn, hörn, torn (Turm). Aber auch statt ä: gorn 
(Garten), bor (Bär), Körl (Karl).^ 

Langes 6 = got. au und 6-Umlaut wechselt fast in allen Bei- 
spielen mit öi: de f8t oder föit (die Füfse). Das auffällige höpen 
(hoffen) wohl zur Unterscheidung von hopen (Haufen). 

Kurzes u geht nicht in o über in Wörtern wie hungern, 
brummen, spunnen (gesponnen). Auffällig sind: he mutt (er mufs), 
wussen (gewachsen), pluddern (plaudern), tubben (Pflock in der 
Wand), muss (Moos). 

Unter den kurzen ü fallen im Vergleich mit andern Mundarten 
auf: ünner (unter), bült (Haufen), nückernäm neben öckernäm 
(Spottname), pük (ausnehmend fein), de fün (die Sonne), snückern 
(schluchzen). Dann mütten (müssen), wi müt, auch wi schult, 
wült, fünt, ik bün. • 

Langes Ü bietet nichts Bemerkenswerthes. 

DerLaut ei, mit halblangem e, welches den Ton hat, und nach- 
khngendem i, steht an der Stelle von mnd. e, soweit es == got. ai 
und iu ist: reip, deil; deif, fleigen, snei. Etwas länger ist das 
e des Lautes in den Praet. Sing, der i-Reihe: ik bleif, steig etc. 
sowie in reim, breif, keis (Käse), hei (Hede), weig (Wiege). 

Ein ai entsteht nur aus agi, ahi in aisch (unartig), tain (zehn), 
haister (Elster), sik stallen (sich aufrichten), nämait (Nachmaht); 
de wai (das Eingeweide) ist wohl Fremdwort. 

Genau germanischem 6 entsprechend steht ou mit sehr kurzem o: 
fout, bloum, houd, plougsik (Pflugmesser). 

In allen Wörtern, die 8 haben, hört man ebenso häufig öü mit 
kurzem gestofsenen ö: gröün (grün), dröüg (trocken), spöün (Späne). 



56 

Es scheint, als ob der Umlaut zu got. au mehr 8, der zu got. 6 mehr 
öü wäre. 

Gestofsene Vokale. Die Laute är, ä, ä, Ü; ü, ü, 8, i werden 
oft in so schnellem, abspringenden Tone gesprochen, dass sie aufhören 
Längen zu sein und gleichzeitig eine andere Klangfärbung annehmen. 
Grade für die mittelholsteinsche Mundart hat Mielck bereits im Kor- 
respondenzblatt des Vereins III, 27 auf die Laute, wie sie in höner 
(Hühner), tö'läg (Zulage), nü (nun), bilaten, hösn (Husten), wesl 
(Wiesel) vorkommen, aufmerksam gemacht. 

So hört man narf (Narbe), arder (Kreuzotter), 4'pen (offen), 
kä'kn (kochen). Das ä = mnd. e bekommt durch diese gestofsene 
Betonung fast den Klang des e: negen (neun), smeten (geschmissen), 
spinwewer (Spinne), pekeln (pökeln), de nes (die Nase). Aber 
nur de bek (Bach), mel (Mehl), de le (Schwelle), dagegen de 
Ißi (die Sense). ^Ferner düfend,^ brüd, krüpen, füpen. Seltener 
ist das , gestofsene ö statt 8: de löper.^ Auch i statt i: wi habt 
keentid had (Zeit gehabt); äwer't is (Eis) gän, 

2. Konsonanten. Inlautendes d zwischen Vokalen geht in r, 
seltener in 1 über: arder (Kreuzotter), ik bör (ich heizte), bärn 
(Boden), ferrer (Feder), mern (mitten), smorn (schmunzeln); jiller 
(Euter), rälr (Weg zwischen Knicken). 

Anlautendes g durchaus wie im Hochdeutschen, während man 
sonst in der Landschaft noch häufig dafür i hört. 

Anlautendes r wird, wie im ganzen Kreise, stets mit der Zungen- 
spitze hervorgebracht. 

3. Die Deklination bietet wenig Charakteristisches. Bei den 
Substantiven lässt sich eine Vorliebe für schwache Pluralformen auf 
-en erkennen: dat licht : de lichten, de fäg : de figen, de elk 
(Iltis): de elken, de mät (Wurm): de mäten. Bisweilen noch de 
hüf (Häuser), gläf (Gläser). 

4. Die Konjugation. Eine beträchtliche Anzahl von Verben, 
welche in den südlicheren niederdeutschen Mundarten noch stark 
flectieren, sind zu schwachen geworden: däscht (gedroschen), gräfd 
(gegraben), bögd (gebogen), lad (geladen). 

Nur in der i-Reihe der starken Verben hat das Praet. Sing. 
seinen eigenen Vokal behalten, in allen übrigen tritt der Vokal des 
Konjunktivs auf. Die Ablautreihen sind: 

1. i — e (e^ — ä (bliben). 

2. a. ü — 8 — ä (lügen), 
b. ei — 8 — ä (geiten). 

3. i — ü — u (spinnen). 

4. ä — 8 — ä (stälen). 

5. ä — e — ä (gäben). 

6. ä (ä) — 8 — ä (drägen). 

In der 3. Reihe jedoch: swillen — swöll — swollen, hälpe 
— hölp — holpen, stärw — stärw — starben, trecken — 
trök — trocken. 



57 

In der 4. Reihe: nämen — nftm — nommen; befalen — 
befüll — befilen. 

In der 6. Reihe: waschen — wusch — wuschen, wassen — 
wüs — wussen, swören ptc. swörn. 

Ik füll (fiel), höll (hielt), füng (fing), hüng (hing), het (hiefs), 
löp (lief), slöp (schlief), röp (rief), güng (ging), stünn (stand), de, 
dÖ (that). 

Ik bün (ich bin), dubüs, he es, wifünt (Bramstedt — Kal- 
tenkirchen: wi bunt); ik wer, fe wörn, wäss (gewesen). 

Schwache Verben, die in der 3. Pars. Praes., im Praet. und im 
Part. Praet. ihren Stammvokal kürzen, giebt es nicht: töwd (ge- 
wartet), he tOwd' (er wartete). Eine Ausnahme machen he söch 
(er suchte), bot (geheizt). 

5. Naeh der gyntaktbehen Seite besitzt die Mundart lange nicht 
die Feinheiten und Mannigfaltigkeiten, die den Mundarten zwischen 
Ems und Weser eigen sind. So viel ich beobachten konnte, beschränkt 
sich der Satzbau immer auf das Notwendige. Je schlichter und 
simpler, desto besser, scheint die Regel zu lauten. 

Auffallig ist, wie gänzlich der Konjunktiv beseitigt ist — wohl 
unter dem Einflüsse der Ersetzung der indicativischen Formen durch 
die konjunktivischen. 

Die Zusammensetzung des Praesens von werden mit dem Infinitiv 
drückt in der Mundart, wie im Seeniederdeutschen überhaupt, nicht 
die Zukunft im Allgemeinen, sondern die unmittelbar eintretende 
Handlung aus: he ward kimen, er ist im Begriff zu kommen. Aus 
dem Praeteritum dieser Form entstand, wie es scheint, im 15. — 16. Jh. 
unser hd. ;,ich würde lieben^. Vgl. die Beispiele in ^Teweschen 
Hochtiedt'^ Bauemkomödien S. 262 u. 271. 

6. Der Woptvorrat der holsteinschen Mundarten verdiente wohl 
einmal eine neue Darstellung. Schütze und Richoy sind doch zu ver- 
altet und, was schlimmer ist, ohne lebendige Kenntnis des Arbeitslebens 
geschrieben. Ich stelle einige Wörter zusanmien, die mir mein Kollege 
Teege angegeben hat. äse her, Grabscheit. Vgl. Korrbl. 9, 14. — 
äfel, 8 fei. 1) überstehender Teil des Strohdachs. Mnd. ovese. 2) 
Eiszapfen. Bei Gilow, Leitfaden der vorponmi. Ma. ^Schnuppen^. — 
äks! Ausdruck des Ekels. — bäk, f., Bach, gewöhnlicher au. — barg, 
Schwein. — bannig, sehr. — born, Feldbrunnen für das Vieh, Quelle; 
börnen, tränken. — b rammen, wiehern. — brägen, Gehirn. — 
britsen, prügeln. — brden, necken. — brot, leicht verletzlich. — 
bot, stumpf (von Werkzeugen). — dim, der Diemen. — döns, f., 
Stube (schon selten). — don, da, dann. — drach, f., Achselholz. 

— düfich, schwindelig; däfich, dumm. — de dünnen, f., Schläfe. 

— dut, m., Haufen. — elhorn, Holunder. — elk, Iltis. — nich et, 
nicht geniefsbar, von Heu, welches die Kühe verschmähen. — 
fearkou, unfruchtbare Kuh. — feudel, Aufnehmelappen. Nach 
Halbertsma in Overijssel feitel, f. = Nachthalstuch für Frauen, Wisch- 
tuch. In Sliedrecht: fijtel = Geifertuch für kleine Kinder, — ganner, 



58 

Gänserich. — gräpen, dreibeiniger eiserner Topf. — grinen, lächeln. 

— haben, Himmel. — hänbalken, Querbalken zwischen zwei Sparren, 
sik hägen, sich freuen. — häfen, Strumpfe (nur noch von alten 
Leuten gebraucht). — hek, n., Feldthor. — hilg, die Hilde. — - 
hot u. n& di, rechts und links, beim Fuhrmann. — hftren, mieten. 

— jiller, Euter. — jit, n., Schaf.' (Nach Schütze: Ziege.) — kamp, 
eine grofse Koppel. ^- kateiker, m., Eichhorn. — käben, m;, Stall. 

— kiewer, Klee. — kliben, Kletten. — klüftig, khig. — knei, 
m., Knie. — knütten, stricken. — krous, Krug. — krftsch, 
wählerisch. — küfel, Kreisel. — küf, Backenzahn. — kwanswis, 
zum Schein. Ik frög em fo kwanswis. — kwefen, neirgeln. — 
läfig, schwach. — IS, l^i, f., Sense. — le, lä, f., Sehwelle. — l-ög, 
schlecht. — mal, närrisch, verrückt. -^ mät, Regenwurm. -*-i» öden, 
mieten. — mes, n., Messer. — möten, zum Stillstehen bringen. — 
middewäken, Mittwoch, w o n s d a g ist unbekannt. — mit, f., Heu- 
miete. — möischen, m., Waldmeister. — nas, m., Schachtel. — 
nip, genau. — nef, Nase. — nücken, Tücke. — ' olmich, faul (von 
Holz). — 8mer, Oheim; Hans-Öm, Onkel Hans. -^ p*gö, Pferd, 
besonders Wallach. — park, Mark. — päfel, m., Ochsenziemer. •- 
l>äten, Setzlinge. — peik, f., Pieke. *— pi, f., Nachtrock der Kinder. 

— plärtschen, plätschern. — ^ plougsik, Pflugmesser. — poggen- 
stoul, Pilz. — poggenkoller, m., Froschlaich. — pTÜiien, schlecht 
nähen. — pük, extra fein. — riw, f., Kruste, Schorf. - — rädr, 
rällr, n.. Weg zwischen zwei Koppeln. — • riin, m., Sahne. — rank, 
schlank. — rölk, Schafgarbe. — röster, n., Teil des alten Holzpftuges. 

— rüffel, m., Spaten ohne Griff. — rüfich, rauh (vom Wetter). — 
fewwer, Maikäfer, fewer, Geifer. — fid, niedrig. — fil, Siel, 
Kanal. — fipen, sickern. — slSt, junge Fichtenstämme. *— slengel, 
Brunnenhebel. — smörn, schmunzeln. — fälen, schmutzen: — foot, 
Brunnen. — stackel, m., ein Mitleid erregendes Geschöpf. — 
stur, grade, straff, ablehnend von Wesen. — füster, Schwester, nur 
noch scherzend, sonst swester. — swäp, f.. Peitsche. — swinplitsoh, 
lauernd klug. — tau, m., Webstuhl. — tat, Stute. — täw, tiff, 
Hündin. — tägels, Schläge. — tokum wäk, künftige^ Woche. — 
1 6 neb an k, Schenktisch. — trünneln, wälzen, rollen. — tüdr,m., Bind- 
seil nebst Pflock für grasendes Vieh. — twälfen, Zwillinge. — et 
twält sik, es teilt sich in zwei. — ül, f., Haarbesen. — unnasch, 
unreinlich, unsanft, naschhaft. — unnoug, ungern. — wid, f., Molken. 

— wäk, f., Eiswake. — woart, Enterich. — weden, jäten. — willnbom, 
der Wiesbaum. — winwÄrp, Maulwurf. — wiern, Metalldräte. — 
wriben, reiben. — writen, wuchern. 

SEGEBERG. H. Jellinghaus. 



59 



Syderak. 



Eine der wichtigßten mni Handschriften, welche noch einer Be- 
sprechung, vielleicht einer Herausgabe harren, ist der Kopenhagener 
Sidrac. Dieses berühmte Buch ist im 14. und 15. Jh. in viele Sprachen 
übertragen worden. Über die französische Bearbeitung berichtete 
FL Frocheur im Messager des sciences bist, de Belgique 1842 S. 79 — 86. 
Das italiänische ;,libro de Sidrach*' veröffentlichte A. Bartoli, Bologna 
1868. In niederländischer Sprache sind 7 Handschriften, welche sich 
in Hamburg, Königsberg, Stuttgart, Brüssel, Delft, London und Oxford 
befinden, und aufserdem zwei Drucke, Deventer 1496 und Antwerpen 
1564 bekatunt. Vgl. Mone, Übersicht der niederländischen Volksliteratur 
352 f., Graesse,. AUg. Litterargeschichte II, Abt. 2, 708, Zeitschrift 
für d; Alterthum 13, 528, Germania 31, 342. Die poetische Einleitung 
und den Epilog der Hamburger Hs. hat M. de Vries in De Taal- en 
Letteorbode III (1872), 65 — 70 veröffentlicht. Der einzige ndd. Sidrac 
befindet sich unter den Roostgaardschen Manu^cripten der Universitäts- 
bibliothek in Kopenhagen. Er stammt aus dem Anfange des 15. Jahr- 
hunderts. Im Kataloge Nr. 807 „Des Wysen Syderachs bock von unter- 
schiedlichen Fragen verfasset in .388 Kapiteln mit einem Register^. 

Vorn auf den ersten 12 Blättern steht das Begister: „Dit is dat register ouer 
des wysen aBtronimos boek gheheyten syderack. Dar ghi moghen inne vinden vele 
wonders vnde meanyglierhande vraghc. Nw begynnet de erste vraghe aldus: Was 
god alle tyt vnde schal alle tyt vort alfo blyuen." 

Bl. 12: „Wat sprak adam erst rth synen monde. Also de moder der waren 
prophetjsn steruen schal schal Be gbodraghen werden in dat paradys myd vleisch 
vnde myd knoken." 

Bl, A 1, Z. 10 des Buches selber: „Vnde god dorch syne grote barmherticheyt 
wolde openbaren de leue de he liadde to deme siechte Japhet noes sones vnde 
ghewaer werden eynem van dem suluen gesiechte de hete syderak. Den he vor- 
anllede vul alre wisheit vnde leet eme to wetende werden alle dink de gescheen 
weren van anbeghynne der werlt wente to synen tyden." 

A 4: „In dem jaer ha godes ghebort dusent twe hundert vnde vierunvertich 
Do weren dar vorredere to vnde vragheden na dessen boke." 

B 4: „Nw beghynnet hyr de eerste vra^e van dessen boke. De konnmgh 
boctus vraghede den wysen philosophus syderak.*^ 

D 1: „Dar na eyne tyt scholen komen twe sulen De eyne schal gheheten 
syn de mynre brodere vnde de andere de predikere." 

M 8: „Hyr nemet dit bock synen ende des wysen philosophen vnde astro- 
ftomus meisters syderacks de dar vele gheleert heft 

Der Epilog (vgl De Taal- en Leüerhode 3, 69) beginnt: „God sy ghelouet 

van hemelryke God unfe lyff vnde. feie bewaer nw vnde to alre tyt Vnde 

make vns van allen sunden vry vnde quyt. 

Amen segghet alle tosamen 
In Godes namen." 

SEGEBERG. H. Jellinghaus. 



$0 



Eine /Wer dener Liederhandsehrift 
aus der Zeit um 1500. 



Bei seinen Untersuchungen der Abteikirche in Werden fand mein 
Freund W. EfFmann vor einigen Jahren unter altem Gerumpel eine 
stark verrissene Papierhandschrift im Formate eines kleinen Gebet- 
buches (13V« cm lang, 10 cm breit). Die Bruchstücke sind vom Buch- 
»binder nicht ganz richtig wieder zusammengebunden und befinden sich 
jetzt im Pfarrarchive zu Werden. Der Inhalt besteht aus drei verschie- 
denen Teilen, die auch von drei verschiedenen Händen herrühren: die 
Betrachtungen der sieben Schmerzen Mariens und die Beschreibung der 
heiligen Örter in Rom und Jerusalem zeigen in den Schriftzügen schon 
merkliche Hinneigung zur Cursive und weisen dadurch wol in das 2. 
oder 3. Jahrzehnt des 16. Jahrhundert. Der erste Teil, der geistliche 
Lieder enthält und uns hier allein beschäftigen soll, ist von einer 
älteren Hand aufgezeichnet; die Schreibweise ist noch ganz die des 
15. Jahrhunderts, wodurch jedoch nicht ausgeschlossen ist, dass die 
Niederschrift im Anfang des folgenden durch einen älteren Schreiber 
stattfand; das Lied Nr. 5 verlangt mögliche Herabdrückung des Alters. 

Für den niederrheinisch-niederdeutschen Liederschatz des 1 5. Jahr- 
hundert ist diese Sammlung nicht ohne Interesse. Sie zeigt uns nicht 
nur die allgemeine Verbreitung vieler Lieder, sondern bringt auch 
manche ganz unbekannte, bei anderen bietet sie uns eine Handhabe 
für die Wiederherstellung des ursprünglichen Textes, Ich will von 
der argen Verderbtheit des Textes in dem von Kölscher heraus- 
gegebenen Liederbuche der Katharina Tyrs *) gar nicht reden — man 
vergleiche nur einmal die nur aus jener und dieser Sammlung be- 
kannten Gedichte oberflächlich mit einander — auch die Texte der 
Hoff'mann'schen Handschriften*) sind keineswegs fehlerfrei, und es ist 
dem Herausgeber keineswegs überall gelungen, die Fehler zu beseitigen. 
Freilich sind auch die vorliegenden Texte nicht tadellos, einige sind 
sogar im Ganzen genommen schlechter als bisher veröffentlichte, aber 
im Einzelnen bieten sie auch dann nicht selten die ursprünglichen 
Lesarten und sind daher für eine kritische Herstellung der Texte nicht 
unwichtig. Es scheint, dass die Niederländer dem mittelalterlichen 
Kirchenliede die lange entzogene Gunst wieder zuwenden wollen ; Acquoy 
hat bereits einen Anlauf gemacht, um das Versäumte nachzuholen'). 

') Niederdeutsche geistliche Lieder und Sprüche aus dem Münsterlande 
Berlin 1854. 

•) Horae Belgicae Bd. 10 Hannover 1854. 

•) Het geestelyke lied in de Nederlanden voor de hervorming. (Separat- 
abdruck aus dem 2. Bande vom Archief voor Nederlandsche kerkgeschiedenis onder 



«1 



Bei einer Reihe von Liedern wird sich auch jetzt schon durch eine 
Prüfung der Reime feststellen lassen, in welcher Gegend sie entstanden 
sind. Wenn auch vieles, so ist doch nicht alles jenseits der jetzigen 
Grenze entstanden. Ich will hier nur auf das Lied Nr. 21 verweisen^ 
das hereits hei Hoffmann unter Nr. 118 abgedruckt ist; dort fehlt 
aber jede örtliche und persönliche Beziehung; diese hat man in den 
Niederlanden verwischt und so aus dem ursprünglich historischen 
Liede des Antisemiten Jakob von Ratingen (zwischen Werden ' und 
Düsseldorf) ein geistliches Lied gemacht. 

Ob die vorliegende Sammlung in Werden veranstaltet ist, lässt 
sich nicht mit Bestimmtheit behaupten; soviel lässt sich nur sagen, 
dass der Sammler selbst von der westfälisch-ftiederrheinischen Grenze 
gebürtig war, und zwar wol aus einer Gegend westlich von Werden. 
Er hat den Dialect nicht gleichmässig geändert; man sieht, dass nicht > 
alles einer Vorlage entnommen ist, manches mag auch aus dem Ge-"" 
dächtnisse aufgezeichnet sein. Aber das ist wol zu sehen, dass man^ 
in seiner Heimat bekieren st. bekeren, behueder st. behoder usw. sprach. 
Ich habe diese Eigentümlichkeiten nur dort beseitigt und einen an- 
nehmbaren Text herzustellen gesucht, wo unsere Sammlung die alleinige 
Grundlage für die Herstellung des Textes bilden muss; sonst habe ich 
nur offenbare grobe Versehen berichtigt und dabei diese in die An- 
merkungen verwiesen. 

Die Lieder Nr. 1 — 22 schliessen unmittelbar an einander; Nr. 23, 
das grade 2 Blätter umfasst, ist ein Rest aus dem fehlenden Schlüsse. 
Es lässt sich nicht bestimmen, wie viele Lieder verloren sind, der 
Umstand, dass sie mit den Weihnachtsliedem beginnen, lässt auf eine 
Anordnung nach den kirchlichen Festen und damit auf einen grossen 
Verlust schliessen. 

Bei dem Abdrucke habe ich die Strophenabsätze der Handschrift 
beibehalten; man kann daraus ersehen, dass sich Melodie und Strophe 
nicht immer deckten. 

Np. L 

To kerssmisse een suveriieke loysse. 



Het is een dach der yroelicheit 
all yn des connynges have, 
dat heeft gewonnen in wonderheit 
een maeget tot onsen lave; 
dat kindekyn is seer wonderlick, 
syn aensicht is genuechgelick 
na syner minschelicheiden, 
syn wesen dat is onbegrypelick 
ende daer to seer onsprekelick 
na synre gotlicheiden. 



2. 

Die moder is dochter wonderlick 
oers Boens ende hy oer vader; 
waer hoert ymant des gelyc? 
hy is god ende mynsch to gader; 
hy is cnecht ende daer to heer, 
hy is ayer alle, dat is meer 
onbegrypelic to vynden, 
teghenwordich ende veer; 
alsulkes wonder des groten heer 
ten kan geen man besynnen. 



redactie van J. G. R. Acquoy en H. C. Rogge. 's-Gravenhage 1887.) Dort findet 
man auch eine Übersicht über die vorhandene Litteratur. 



62 



3. 

I)oe was gebaren die gades soen 
ran eenre maeget puren, 
als van lelyen, rosen schoen^ 
verwondert der nataren, 
dat een maeget een soen gewan, 
die was eer ye dynck began; 
sy was yu synen behagen, 
dat die borst der reinicheit 
gaven melc der kyntlicheit, 
die seer alt was van dagen. 



In den donckeren wart hy gebaren 

die Bon der sonnen verlichter; 

dat kyut wart yn den stal gelecht, 

all der werlt stichter; 

die moder selver yn den doekeren want 

des sternemeckers rechterhaut, 

do he den hemel wrachte; 

hy schreyde, als een kyudekyn doet, 

die wölken dieuden om onder synen voet, 

doe he opvoer mit erachten. 



6. 

Ut vitmm non ledltor. 

Een glas alheel dat schynt daer doer, 

ten briet niet van der sonnen: 

so heeft een maeget na ende voer*) 

ioncfrou een kynt gewonnen. 

selich is die moder dan, 

die gades soen ter werlt gewan, 

god ende mynsch gebaren! 

die borsten oec wael selich waren, 

die god in synen jongen jaren 

to su^en had verkaren. 

6. 

Angeltts pastoribus. 

Den waekenden hierden god ontboed 

des nachts by oeren beesten 

myt synen engelen blytschap groot: 

gebaren een konnynck mit festen, 

den gewonnen heeft een maget 

ende hebben on yn die kribbe gelacht 

ende yn den doeken ge wenden; 

dat kynt dat is der engele beer 

van gedaenten schoon voel meer, 

dan ye kynt wart gevonden. 



7. 

Doe men alle die werlt beschreef, 

doe gynck die maget sware 

to Betlehem, al daer sy bleef, 

dat kynt wart daer gebaren, 

dat he ons wil schryven ynden hof, 

daer die engele syngen lof 

van nyer werdicheiden. 

god hyr baven ynden hemel ryck 

die gheve den mynschen op ertryck 

van guden willen vrede! 



Das Lied ist bereits abgedruckt bei Hoffmann a. a. 0. in zwei Fassungen 
(Nr. 21 u. 22) und von Kölscher a. a. 0. Nr. VIII. Es steht auch in dem Lieder- 
buche der Anna von Köln unter Nr. 19; vgl. Bolte, Das Liederbuch der Anna von 
Köln (in der Zeitschrift für deutsche Philologie Bd. XXI S. 129 ff.) S. 134, wo die 
weitere Litteratur angeführt ist. Unser Text ist eine Mischung von den beiden bei 
Hoffmann. Str. 4 zeigt, wie sehr die Texte bei der Überlieferung litten und wie 
man vergeblich bemüht war doch wieder Sinn hineinzubringen, unbekümmert um 
das lat. Original (Dies est laetitiae). 



•) hs. voer ende na. 



48 



Nr. 2. 
Ben ander np die seke wijse. 



Ben jeghers hoern mit njcker schall, 
dat dorch die oren dynnet, 
datlajdtso veern doer berch eü dael; 
wat isset dat daer grymmet? 
och, wechter van Jhernsaleui, 
na hoert na deser yacht bequeem, 
Inert nnt den hogen tynnen! 
verneem dy ijt? dat doet uns schijn, 
dat luoet een vremde wonder sijn, 
verwaerd n stat van hynnen! 



4. 



Dat is die dochter van Syon, 

die ons duck heeft besweret; 

kendy oeren brudegom? 

woe snell hy oer vercleret? 

se heft gevouden, den se socht 

na edel ioncferlicker tocht: 

oer vroude was ongemeten; 

oer iicham was swanger sonder man, 

die heilige geest dat vnegen kau, 

god heeft oer hert beseten. 



Ick sie in deser dnyster nacht 

mit also heymelicker wonne 

een yoncfrou herden yn der yacht, 

se is claerre dan die sonne; 

se vuert twe wynd aen oerre hant, 

knysheit, oetmoet synt sy genant, 

to Nazareth geneket; 

ic sie den hemel apen staen, 

die dryvold daer to rade gaen*), 

gades toem is nu geweken. 

3. 
Ick sie den rait geslaten gans, 
die bade is uat geseyndet, 
noch claerre dan een carbnnkel glans; 
daer hy die yoncfrou vyndet, 
hy grueten se: genaden voll, 
het sprynget na oer, dat sien ic wall, 
een eenhom stark van krechten; 
he[t] gaff der maeget gevaugen sich 
yn oeren schoet seer mynnentlich, 
seer meisterlic van scheften. 



Do sich dat neecte ter geboert*), 

die vorst wold sijn onslaten, 

oer ionferscap bleef (oer) onberaert 

god is doer oer gevlaten. 

vervrouwe dy, moder ende maeget, 

het heeft den heren aldus behaeget, 

anschoawe voer dynen ogen 

een kijnt, een schepper uutverkaren, 

god ende mensche van dy gebaren, 

geswongen uutten hogen. 

6. 
Se droecht oec niet der vroawen staer'), 
die engelen oer plegen, 
die werlt scheen ciaer recht als een vner, 
vol engelscher schaer belegen; 
se vervrouden sich der nyer vrncht, 
se songen vroelic ynder lucht: 
eer sie gade ynden hogen*), 
den mynschen vrede op erden hier 
van guden willen! reeden wijr, 
wen en solt des niet genogen*)? 



Die connync ynder cribben leecht, 
seer cleyn ind nochtant almechtich, 
wie des yn synen herten niet en dreecht, 
die is gades ongedechtich. 
Die oss ind die ezel bekanden on, 
dat hy weer die rechtverdige son, 
die all die werlt verlachtet, 
nu laet ons mitten herdekijn 
aenbeden dat suete kyndekijn, 
dat hemel ind erde ontfruchten! 



*) die heilige dryvoldicheit to. *) hs. Dat neecten sich ter geboerten wart. 
*) bs. stoer. Die folgende Zeile lautet: die engelcu oerre pleechden. ^) hs. yn der 
hoechden. *) hs. genuegen. 



14 

Vgl. Kölscher Nr. 9; es fehlen dort zwei halbe Strophen, wie überhaupt sein 
Text sehr verderbt ist. Str. 2, Z. 9 und Str. 6 Z. 2 findet sich dort indes die richtige 
Lesart, die ich infolgedessen aufgenommen habe, wie noch einige andere kleinere Abwei- 
chungen Str. 6 Z. 9 (wir) spricht für rheinländischen Ursprung, falls der Vers nicht 
verderbt ist. Str. 7 Z. 10 (ontfruchtet) würde indes nach Westafen weisen, wenn wir 
so genaue Reime von dem Verf. verlangen dürften. Zu Str. 1 und 2 vgl. W. Wacker- 
nagel, Kleine Schriften Bd. III S. 83. Die Betonung Siöm und Jerusalem hat ihren 
Grund im lateinischen Kirchengesange. 



Np. 3. 
Eeen nyenyaersdach (een) loysschen. 



Mit desen nyen yare 

so word ons apenbare, 

woe dat een maeget vmchtbare 

die werlt heeft verblijt. 

Gelayet moet sgn dat kyndekijn, 

geeret moet s^n dat meechdekijn 

nn inde ewelick yn alre tijt. 

2. 

Se gebeerden al sonder pijne 
ende bleef een maeget fijne, 
des sauders medicijne, 
des hebben die yoeden spijt. 
Gelayet etc. 



6. 

Des dartyenden dages, sijdt vroeder, 
vonden sgt by sijnre moeder, 
Joseph was oer behoeder, 
so ons die scrift belijdt. 
Gelavet etc. 



7. 

Dat kynt van doechden rijcke 
bracht ons in all ertr^jcke 
den yrede gewarichlike, 
des hadden die herden jolijt. 
Gelayet etc. 



3. 

Woe wal was oer to moide, 
do se in vleysch ende yn bloyde 
aensach oers herten hoede, 
den heren der werlt wijt. 
Gelayet etc. 



8. 

Drye connynghen onbekande 
qnamen (te doen) om offerhande 
veer uut Orientenlande, 
god sy gebenedijt. 
Gelayet etc. 



4. 

Die engele songen schone 
gloria ynden throne 
to eeren ende oec to lave 
dem kynde, des seker sijdt. 
Gelayet etc. 



9. 

Myrre offerden Jaspar, 
wyroick connynck Melchior 
ende daer na golt Baltazar, 
dies niet en geloeft, yertijt. 
Gelayet etc. 



5. 

Als acht daeghe waren geleden, 
doe waert Jhesus besneden 
al na der yoeden seeden, 
welc ons yan sunden yrijet. 
Gelayet etc. 



10. 

Als ses wecken omme quamen, 
stont se op na betamen, 
geyrijet yan allen ylamen, 
om na toe yolgen die wyt. 
Gelayet etc. 



65 



11. 

Doe gynck die maeget al sympel 
ende bracht oer kijnt ten tempel 
alle yrouwen tot een exempel, 
dies oer niet en vermyt. 
Gelavet etc. 

12. 
Doe Symeon die aide 
sach dat kint, syn hette vervroude; 
he voersprack, dattet noch solde 
ons van snnden maken vrij. 
Gelavet etc. 



13. 
Elc vrolick sich hier (?) aene, 
bidde oer ende vermane, 
om ons by oer to ontfane, 
als ons die doot verw^jst. 
Gelavet etc. 

14. 
Noch liet hy aver dry ende dertich jaer 
sich selven an een cruce slaen, 
om ons to verlosen van den doot. 
Nu help ons god uut alre noot! 
Gelavet etc. 



Vgl. Hofimann Nr. 1 und 2, Hulscher Nr. 12. Bei Hofimann zählt das Ge- 
dicht einmal 6 und einmal 10 Strophen; die letztere Anzahl hat es auch bei 
Hölscher. Keiner der Texte ist korrekt. Str. 6 u. 14 sind wol sicher spätere Er- 
weiterungen. Die Keime in Str. 12 beweisen den niederländischen Ursprung. 



Np. 4. 
Dertijndach een ander loysse. 



1. 



Drij konnyngen nut Orienten 

qaamen toe Jhernsalem; 

sy vraechden, waer is hy gebaren 

die connynck der Joeden? 

sy saghen in Orienten 

een steme fjn, 

sy qaamen om aen to beden 

dat kijndekijn. 

Een kijndekyn is ons gebaren 

in Bethleem, 

des had Herodes toome, 

dat scheen aen em. 



Als Herodes dat vemam, 

dat een konnynck gebaren was, 

so was hy toomich ende gram 

ende hy vergan on des, 

dat hy Verliesen solde 

sijn rijc seer groot, 

hy dacht, woe hy mocht brengen 

dat kijndekijn ter doot. 

Een kijndekijn is ons gebaren etc. 

3. 

Herodes sprack den konnyngen toe: 
gaet hyn ende sueckt dat kijnt 

Niederdentsches Jahrbuch. XIV. 



mit also groter werdicheit, 

ende, so men van on seget, hij is konnynck 

baven allen konnyngen; 

hy is so fjn, 

men seget, hij sal besitten 

dat rijcke mijn. 

Een k^ndekijn is ons gebaren etc. 

4. 

Als gy dat kyndekijn hebt gevonden, 

so komt weder om tot my, 

dat ick in körten stonden 

mach weten, waer et sy, 

dat ick oeck aen mach beden 

dat kijndekijn, 

dat heft so seer doersneden 

dat herte mijn. 

Een kijndek^'n is ons gebaren etc. 

5. 

Herodes vraechden de vroden, 

waer dat kijndekijn gebaren was; 

sy seyden: beer, in Bethlehem, 

als die propheet ons las, 

dat daernut solde komen 

een here fijn, 

die noch besitten solde 

dat rijcke dijn. 

Een kijndekijn is ons gebaren etc. 



66 



6. 
Als die drge konnyngen quamen 
baten Jherasalem, 
mit vrouden sy vernamen 
die Sterne staen voer om 
ter steden dat sy vonden 
dat kijndekijn, 
yn daekeren gewonden 
by der moder syn. 

Een kijndekijn is ous gebaren etc. 



Die konyngen aenbeden dat kijndekijn 

van dertien daegen alt, 

sy offerden on ter stonden 

wijrroick, mijrre ende golt 

mit groter werdicheiden, 

des was wal noot, 

sy vonden on ter steden 

van haeven bloot. 

Een kijndekijn in ons geboren etc. 



8. 
Als die konnyngen slapen weiden, 
sprac die engel tot om, 
dat sy niet (weder) kijren en seiden 
al to Jherasalem. 
to een anderen paeden 
sijn sy gekijrt, 
al na des engeis rade, 
als men ons leert. 

Een kijndekijn is ons gebaren etc. 

9. 
Na laet ons laven dat kijndekijn, 
dat Jhesns is genant, 
dat hij ons wil bek^ren 
al in dat saete land, 
daer die engelen god laven 
tot alre tijt: 

dat gan ons god bijr baven 
van hemelrijck! 

Een kijndekijn is ons gebaren etc. 



Vgl. Hoffmann Nr. 7. Der Text seiner Vorlage ist sehr entstellt, und seine 
Conjekturen haben das Verderben nicht durchweg beseitigt. Dieser Text ist besser, 
einige grobe Fehler lassen sich leicht beseitigen: Str. 3, Z. 4: men seget, he is 
konnynck; Str. 5, Z. 3: sy seiden : yn Bethlehem Joden (nach der landläufigen 
mittelalterlichen Übersetzung von B. Judae [Matth. II 1, 5 etc.]); Str. 5, Z. 4: 
komen wolde oder solde; Str. 7, Z. 1: Do sy dat kindekijn vonden (nach Hoffmann); 
Str. 9, Z. 1 : Nu laet ons loven den heren, die . . . Hier und dort hat wol ur- 
sprünglich kint statt kindekijn gestanden. 

Strophe 5 gehört vor Str. 3. 



Merc wail! 



Siet om tergelt, o kerstenbloet, 
Dat dijn siele mit oer hebben moet, 
Want da en heves hijr geen blyvende stat, 
Daer om stroye mit doechden dynre zielen pat. 



Het is geschiedt, dat eens rijcken maus soen is kranck geworden van den 
quaden pocken, so dat alle die doctoren on dat leven ontsachten. Oeck en had 
hy s^'n daege niet voel guets gedaen, mer syneu vlijt gesät op lijder to dichten, 
guet ende qnaet. So is on yn den synne gevallen wat to maecken van der 
kuysscher ioncfrouwe Maria ende heft gemaect dese nageschreven gesette, ende 
daer na yn der nacht wart hy also gesont, dat men aen synen lijve niet merken 
en mochte, dat hy die pocken had gehadt. Dit heft hy verkündiget den bisschop, 
die groot afflaet heft gegeven den genen die dit lijtgen bij sich draegen; lesen 
of syngen, hoeren lesen of syngen. Oeck sollen sy seker si^jn voer der qnader 
suecten der pocken. 



67 



Np. 5. 



1. 

Maria zart, 

van edeler art, 

een rooss aen allen doernen, 

du hefs mit macht 

hijr wederbracht, 

dat Toerlanghs was verlaren 

doer Adams val; 

dy heft den gewalt 

sunt Gabriel voerspraken; 

help dat niet wordt gewraken 

mijn sund ind schuld, 

verwerf my huld, 

want geen troost is, 

waer du niet bist, 

barmhertichkit to verwerven. 

aen leisten eynd, 

byd ic, dy niet weynd 

van my in mynen sterven. 

2. 
Maria mild, 
du hefs gestilt 
der altvaeder verlangen, 
die iair ind dach 
yn wee inde klaech 
die voerhell hield gevangen. 
to alre tijt 

wonsten s^' den str^t, 
daer doer des hemels poorten 
to reten aen allen oerden, 
ind daer af queem 
ind on beneem 
oer sware pyn; 
dat all doer dgn 
kuysch ioncfroulick geberen 
is afgestelt, 
daer om dy helt 
all werlt een kroon der eren. 

3. 
Maria reyn, 
du bist alleyn 

der sunder troost up erden; 
daer om dy haet 
die ewige rait 
een moder laten werden; 
des hoochsten heil 
doer groot ordel 
ten ionxten dach sal richten. 



haldt my aen dynen plichten, 

du werde vrucht, 

all mvjn tovlncht 

heb ic tot dy, 

aent cruess bistu my 

mit sunt Johan gegeven, 

dattn oec mgn 

moder wilst sijn, 

vr^et h]jr ind dair mijn leven. 



Maria clair, 

da bist vorwair 

mit groten smert gegangen 

mit dijnre vrucht 

yn eren ind tucht 

onschuldelic wart gevangen. 

doer synen doot 

verwerft my rait, 

to beteren hijr mijn leven. 

terstont bin ic om begeven 

mit sulker pvjn, 

dat all doer m^n 

sund inde scholt 

bin ic gedolt 

aen l^f ind allen eynden. 

edele rooss, 

mijn krancheit groot 

yn korts van my wilt weynden. 

5. 
Maria zart, 
gemeeret wart 

yn dy groot leet ind smerte, 
doe dijn kijnt doot. 
een speer mit noot 
doerstack s^n sachte herte. 
des blödes sacht 
sweecht dy dyn kracht, 
om leet dedet dy syncken, 
Johannes was men wynken; 
die liep bald dair 
ind dy upboer, 
daer dy dat sweert 
dijn hert verteert, 
daer van sunt Symeon saeget. 
och vrou so werd, 
son, lucht ind erd 
des levens doot beclaeget. 

5* 



68 



6. 
Maria weerd, 
so mijn siel kort 
van deser erden moet scheiden, 
so kom tot my 
ind beschermt my, 
dat my doch niet verleide 
die valsch sathan, 
wan ic niet kan 
sijn dieflick lijst bekennen; 
Maria, doet my weynen, 
werpt om my bald 
dijns mantels vald, 
ind so dijn kijnt 
my rijck*), geswijnt 
toen, vrou, dijn hert ind börste: 
dijn soen Jhesn, 
spreckt: geeft mij nu 
den sunder ewige roste. 

7. 
Maria guet, 
wan yn onmuet 
die vader van my weyndet, 
so bid dair voer, 
dijn kijnt schick dair, 
sijn syde, voet ind hende, 
dan en mach niet seer 
die vader meer 
tegen my ordel sprecken; 
yd en mach sich oec niet recken 
god die heilige geest, 
die vast to bleest (so!) 
syn gudicheit 
yrst is bereit, 
sett wysselike gnede, 
also ward ich 
selich doer dich, 
voer Sunden my behuede. 

8. 
Maria fijn, 
dijn clare schijn 
lucht in den hoochsten throne, 
doe dy mit eeren 
van twelf Sternen 
wart upgesat een crone; 
die dryvoldicheit 
heeft dy bereit 
mit hoger gnaden ombegeven. 



Maria, vrijt my my leven 

so lang ind voel 

bis up den soel. 

ioncfrou suet, 

help, dat ic buet 

mijn sunden voer mynen eynden; 

ind als mij briet 

mijn hert ind gesiebt, 

biet mijnre ziel dyn hende. 

9. 

Maria vrou, 

help, dat ic schon 

dijn kijnt voer mynen eynde, 

schickt mijnre ziel 

sunt Michaeel, 

dat hy sy vuer beheynde 

ijnt hemelrijck, 

dair al gelijck 

die engele vroelick syngen; 

oer stemmen doen hei verklyngen: 

„heilich, heilich, 

heilich bistu, 

stercke got 

van Sabaoth, 

du regnijrst geweldelicken." 

so heeft eyn eynd 

al mijn eilend, 

ic vervrouwe my ewelicken. 

10. 
Maria clair, 
du bist voerwair 
figuerlick waill to bedueden 
by des weers vel vucht, 
dat Gedeon socht 
van gades segel to strijden 
beteykent wort; 
du bist dy poert, 
die ewich blijft geslaten; 
van dy is uutgevlaten 
dat ewige woerd; 
du bist die gaerd, 
die geteickende born, 
clair erd ind tuyn, 
beduyt voer langen iaren: 
van my niet tuy 
dijn hulp ind trou, 
als ic van hen sal varen. 



*) Der hochdeutsche Text hat rieht. 



69 

11. 



Maria meyd, 

sonder alle leid, 

yn dy en is geen gebreken; 

ten leeft geen man, 

die mach of kan 

dijn glorie groot uutsprecken; 

dijn hoge lof 

vloyet ewich af 

yn hemel ind up der erden, 



dy gelijck en mach nummer werden 

geen creatuer. 

ioncfrou pner, 

wan dairto kumpt, 

dat mijn mont stnmpt, 

mijn siel van den lijf sal kijren, 

so gedenck dair ain, 

dat ic dy hain 

gedacht hier mede to eren. 



Vgl. Wackernagel, Das deutsche Kirchenlied II S. 804 ff. Hofimann, Ge- 
schichte des deutschen Kirchenliedes S. 264 f. Die auch dort aus Handschriften 
u. Drucken mitgeteilten Verheissungen von Ablässen für das Lesen oder Singen des 
Liedes scheinen von den Vertreibern erfunden zu sein. Dieselben bedienten sich 
des Mittels mit Vorliebe, wie wir aus päpstlichen Erlassen sehen. Diederich Kolde 
(Coelde) zählt dieses Kunststück ausdrücklich als Sünde in seinem Beichtspiegel 
auf, ein Beweis, dass es auch in Westfalen oft vorkam. 

Vgl. auch noch Bäumker, Das kathol. deutsche Kirchenlied in seinen Sing- 
weisen I S. 90. 

Der Übersetzer hat das hochdeutsche Original stellenweise gar nicht ver- 
standen. 



Np. 6. 
Item hijr na volget een ander devoet gesengb van onser lever vrouwen. 



Ic heb die schoenste untverkaren, 
oer liefd is vast in stedicheit; 
hed sijt gedain, ic weer verlaren, 
verlaren oick in ewicheit. 
Maria, da bust all die ic meyn, 
baven allen vrouwen schpon alleyn, 
lait syn tot my dijn troost bereit! 

Ic bidde dy, 

och staet my by, 

ic bidde dy, 

och staet my trouwelic by! 



Der werlt vroud en mach niet duren, 
oer arch hef mennich mynsche bedragen, 
dat eynd der vroud is niet dan truren, 
oer dyenres heft sy vaick gelagen. 
Maria, gy sydt die stedich blijft, 
daer om kier ic tot dy mijn lieft, 
dijn dienre wil ic gerne syn. 
Ic bidde dy, och staet etc. 



God gruet dy, werde maget reyn, 
eeu moder der barmherticheit, 
der genaden oick een eewich fonteyn, 
bewijst den sunders mildicheit; 
dijn macht is groot by god den here, 
seer ghem volbrenct hy dijn beghere, 
sijn moder en mach hy weygeren niet. 
Ic bidde dy, och staet etc. 



Dijn doechden kond ic niet uutspreken, 
all hed ic aller tonghen gewalt, 
aen mijnre macht soldt my ontbreken. 
woe zuetlick is dijn wesen gestalt! 
du bust des hemels een connyngyn, 
der werlt wijdt een keyseryn, 
in dynen banden steet et al. 
Ic bidde dy, och staet etc. 



70 



5. 
Mijn ziell is duck in swaren noden, 
bangh is dat fijre herte mijn, 
ick sorgh, die duvel wil my doeden, 
oick vreess ic seer die heiische pijn. 
ic bid, dat gy alltijt wilt sijn 
tegen alle quait een medicijn 
ind my verbl^'den in allen lijden. 
Ic bidde dy, och staet etc. 

6. 
Maickt my van allen sunden vrij, 
behuet mijn hert ind alle mijn syn, 
mit edel doechden vercijret my, 
dat bid ic dorch dijn reyne myn! 
ghy sijd der sunders troesteryn, 
ic belyd, dat ic een sunder byn, 
dair om sueck ic genade van dy. 
Ic bidde dy, och staet etc. 



7. 
Och werde vrou, mijns herten lost, 
genaid ger ic van dy tontfangen; 
ghy sijd mijn haip ind alle mijn troost: 
deed dijet, het weer all mit my gedain! 
ontfermt u mijnre, all kom ic spade, 
ic heb mij ducwijl quellic beraden, 
och moder mylde, ic gher genade! 
Ic bidde dy, och staet etc. 

8. 
Teghen dat wy van hier na scheiden, 
als wy dit leven suUen laten 
so wilt ons hemels vroud bereiden, 
dair vroud is alltijt sonder maten, 
in hemels throon, dair ghy syt schoon 
verheven by uwen enyghen soon, 
dair u die engelschen choren laven. 

Ic bidde dy, 

och staet my by, 

ic bidde dy, 

och staet my troulick by! 



Vgl. HofiEmann Nr. 32. Str. 7 Z. 4 deed dijet = deed ghy et. 



Nr. 7. 
Een ander. 



Help, rijcker god van baven, 
kranck is die machte mijn, 
mocht ick dy dienen ind laven 
all na den wille mijn, 
heyll sold ic dan verwerven 
ind loon ontfangen groot, 
oick lijden sold ick derven 
ind hebben all ewich guyt. 

2. 
Mijn krancheit is my kundich, 
mijn moet en is niet groot 
die viant is seer lystich, 
voel heft hy gebracht ter doot; 
Mijn sunden die ic laide 
sy doen my swair verdriet, 
beer, ic bid genade, 
laet my verlaren niet! 



3. 



Och gudertijren here, 
vergeeft my myn mysdaet, 
dat is mijn gantz begheren, 
ic wil nu schuwen dat quaet. 
Ghij kund mijn wenden genesen, 
ghy weet wail, wat my deert, 
och wilt mijn arster wesen, 
eert mit my quader wert*). 

4. 
Die noot die duet my klaigen, 
verheert dijn arme knecht! 
mocht ic dy noch behagen, 
so weert al mit my recht. 
Drije viande die my quellen, 
sy doen my grote last: 
vleysch, werlt, duvel feile, 
helpt my, so sta ic vast! 



') hs. wort. 



71 



5. 
Droch werlt, ic wil dy mijden 
ind dienen dy niet meer, 
da en brengst my niet dan lijden 
ind mennich groot hertenseer; 
Ic wil my van dy scheiden, 
du hefst my leet gedain, 
niet langher en will ick beiden, 
een oirden will ic ontfain! 



6. 
Hy is gekomen van boger airt, 
die my leecbt in den synne, 
edel, mynlick, getronwe 
in alle sjjnre mynne; 
In alre scboonheit seer volmackt 
so is die liefste mijn, 
by om wordt alle schemd gelacht, 
die yn deser erden mach sijn. 



Die werlt: 
Wilstn dan 1^'den annemen 
ind willes van my gain, 
yn een oirden dy begeven, 
so is dyn vroud gedain; 
Wolstu noch by my blyven, 
dat weer dy wille myn, 
dy sold noch heyl beclyyen, 
mijn dienre solstn s^n. 

8. 
Die jongherlingh: 
Ick heb dy langhe gedyenet, 
m^n loon is also smal, 
ic wil enen anderen dyenen, 
die my wail Ionen sal; 
Ic wil gantz van dy tijden, 
dijn dyenre wil ic niet sijn, 
du lonest al mit lijden, 
hier na mit der hellen pijn. 

9. 
Die werlt: 
Laet dese rede varen 
ind heb enen rysscheu moet 
ind wil die reyse sparen, 
dat dnnckt my wesen goet. 
Du bust seer wilt van synnen, 
die vroud is yn dy breyt, 
woe solstu dy bedwyngen 
yn sulker strengicheit? 



10. 
Die jongerlyng: 
Het is seer suoed van weerden, 
dat haistelick moit vergain, 
die vroud is cort up eerden 
ind mach niet langhe stain, 
Ind sold hijr na besuren 
al yn der hellen stanck, 
mit mennich sold ick truren, 
des nummer en is verganck. 

11. 

Die werlt: 
Du bust noch yong van yaren, 
gebruict dijn yonge yoecht 
ind laet dijn truren varen, 
daervan wortstu verhoecht; 
Du machst noch lange leven, 
daer to voel vrouden haen, 
ynt alder dy begeven 
ind so der hellen ontgaen. 

12. 
Die jongherlyngh: 
All byn ic yong van jaren, 
die doot komt alltohant, 
die nyemant en wil sparen, 
dat is my wael bekant; 
Sy syn dair hein gevaren, 
sy waren oers modes vry, 
oer daeghe hebn sy verlaren, 
oer vroud is nu voerby. 

13. 
Die werlt: 
Du en kanst des niet besynnen, 
wes eenre oirden toe hoert: 
dijn natuer moestu bedwyngen, 
dijn vroud wort dy verstoert; 
Een arm ellendich leven 
dat wort dy dan bekant, 
du en kanst niet aif gewesen, 
so swaer is daer die baut. 

14. 
Die Jongerlyngh. 
Die konnynck van hijr baven 
die sal mijn hulper sijn, 
ya den die engelen laven 
yn blydelicken schijn; 
In on so wil ic hapen, 
sijn genade is seer groot, 
hy en sal my niet verlaten, 
hy help my uut der nootl 



72 



15. 

Die werlt: 
Wie heft dy dat geraden? 
des doet my doch gewach, 
want du yn körten daigen 
so niet en waerst bedacht; 
Op mismoet*) wilstn bouweu 
ind wilst niet volghen my! 
dat sal dy noch wal rouwen, 
daer voer so warn ic dy. 



16. 
Die werlt: 
Du solst my gern bedrijgen, 
ic heb dy wal verstain, 
ya doch solstu my lijghen, 
als du mennich hebst gedain; 
Dijn listen en mögen niet baeten, 
dijn reden machstu wol lain*), 
ic wil my van dy säten, 
een anderen wech bestain. 



17. 



Hy heft des recht versonnen, 
die dit lijdt ijrsten sang, 
den strijt heft hij gewonnen, 
gegain ter oirdenwart an. 
Der werlt is hij gescheyden, 
dat is seer apenbair. 
onser god moet on geleyden 
yn syn beschouwen clair! 



Vgl. Kölscher Nr. XXVIII, wo die Strophen 1- 
Str. 15, Z. 5 habe ich nach jenem Texte geändert. 



-5, 6 und 17 ganz fehlen. 



Nr. 8. 
Item nocb een ander. 



Ic sach den dach upstijgen, 

die wölken scheyden sich, 

ic en kans niet langher geswijgen, 

ic warschou v alle gelijck: 

wail up wal, liever gesellen! 

en laet v niet versnellen, 

die doot is bitterlic! 

2. 

Die doot is onbestuere 

ind onversiens daerbij; 

mynsche creature, 

maickt dy van sunden vrij! 

hy komt al hyr gerynge, 

wy en können on niet ontspryngen 

wo yongh, wo sterck wy sijn. 

3. 
Wo yong, wo sterck, wo schone, 
die doot en spaert onser gheen; 
wat ghevet men ons to lone 



up deser werlt gemeyn? 
men laet ons snellic verwijsen 
den wormen tot eenre spijsen, 
daer na denckt men ons cleyn! 

4. 
Nu waickt ind niet en slapet, 
van sunden, yong ind alt, 
hij komt hijr her gestrafet 
mit krechtelicke gewalt; 
Wie ye ontfijnck dat leven, 
sy moten hem reden geven, 
sijn cracht is mennichfolt. 

5. 
Nu laet ons aeneschryen') 
die moder der myldicheit, 
die reyne maighet Marien, 
dair all ons troost an steet, 
dat sy sich will ontbarmen*) 
aver ons wail sundigen armen, 
alst an een sterven geet. 



') hs. wat maten. ') hs. laten. ') hs. schreyen. *) hs. ontferraen; vgl. 
Str. 7 Z. 3. 



73 



6. 
Maria, maiget reyne, 
DU stÄCt my trouwelic by, 
du bnst al die ic meyne, 
des bid ic vrijntelicke dy, 
in mynen swaren noeden: 
die davel wil my doeden, 
dair voer behoedet my! 

7. 
„Nu komt in mynen armen, 
die alreliefste mijn, 
ic wil mij dijns ontbarmen, 
woe sondich dat gy siju*); 
want ghy hebt rechten rouwen, 
dair om snlt dy my schouwen 
ind altiijt vroelick s^n/ 



8. 
Ick danck dy, edel maiget, 
voer all dijn grote goet, 
dat my so wail behaeget, 
ic kriege een vryssen moet; 
hijrom wil ic my vervrouwen 
ind leven sonder rouwen'), 
want ic nn sij behoet. 

9. 
Hijr aen denckt all gemeyne 
ind eert Marien altijt, 
sy kan ons maicken reyne 
ind scheiden ons sundeu quijt; 
hijrom so willen wij se laven, 
dat sij ons help hijr baven, 
daer liefd is sonder nijt. 



Nr. 9. 
Een ander. 



Waill up, ic moet van heenen, 
mijns blyvens en is niet hijr, 
ter doecht wil ic my weenen, 
die doot die komt ons schijr! 
Int hemelrjjck hoert men synghen 
der sneter engelen sanck, 
die snaren ind (die) herpen klynghen 
ind blijtschap sonder verganck. 

2. 

Nn mach ic niet meer synghen 
mit vroelicken herte mijn, 
my moet noch anders gelinghen, 
sal ic verblydet sijn; 
Och, tmeren heft my bevangen 
inde brengt mijnen herten pijn, 
na god steet mijn verlangen 
gern sold ic by on sijn. 



Dat ratt van aventueren 
loept in der werlt seer, 
die vroud en mach niet dueren, 
dat geluck geet up ind neer; 



Ic sie den goenen onder, 
den ic te haut baven sach, 
verheven is hy mit wonder, 
die kortelick onder lach. 



Noch snellre dan dat') weder, 
so is die vroud gewant, 
noch lichter dan een veder, 
so wordt die truwe bekant; 
Och, wat hebben sy verlaeren 
in vrouden ewentlick, 
die daer hebben nu verkaren 
up erden oer hemelr^ck! 

6. 

Van lijden gaen sy tot lijden, 
van truren tot rouwen groot: 
wolden sij die sunden mijden, 
des en dede on gheen noot; 
Seer hooch waren sy gevlagen, 
die nu sijnt syde gedailt, 
die werlt heeft sy bedragen, 
mit der doot sijn sy betailt. 



*) hs. sij dt. •) hs. sonder sorghen. ') hs. noch suecken sy dan dat weder. 



74 



6. 
Waer om sijn onse gedachten 
yn ydelheit gekeert? 
wille wy die werlt verachten, 
wy werden myt oer geleert! 
Laet ons den wech averdencken, 
den wy moten wanderen all, 
so en sali ons yo niet krenken 
ennich lijden of ongevall. 



7. 
Den strijt wil ic beghynnen 
all teghen die synnen myn, 
myn vyanden sal ic verwynnen, 
wil du mijn hulper sijn! 
Doer d^n heilige vijff wenden 
ind doer dyn sware p^jn 
sal ic verslaen ter stonde 
al die mijn vyande sijn. 



8. 



Wilt hyr in gnden werken 
dyn gracie geven my, 
in allen doechden Sterken, 
unt herten bid ic dy, 
Na desen leven geven 
des hemels ewige vroud, 
dair is dat salige leven. 
ind vroud al sonder ron. 



Aus dem Liederbuche der Anna von Coeln abgedruckt von Bolte a. a. 0. 
145. Dort fehlen die beiden letzten Strophen. 



Nr. 10. 



Ein scboon gedicbt, seer nutte ende profltelick averdacbt ende gesongen 
tot saliebeit allen menseben up die wijse: „Die daeb al doer die 

wölken drang". 



Och, edel mensch, bedenck die tijt, 
die dy god heft gegeven, 
maick dy der loeser werlt quijt 
ende bedenck dijn sundighe leven! 



Der werlt lust en mach niet staen, 
daer voer saltu dy hoeden; 
der werlt lust brengt hertelick leit, 
och die dat bekennen konde! 



So wie sich hijr to gade geeft, 
dat en darf [on] oec niet rouwen: 
Jhesus en steet on nummer äff, 
dat lave ick on in (rechter guder) trouwen. 



Hartich, greven ende konnyncs kijnt, 
seer mechtich ind' avermeten, 
bedenc, wo sy gevaeren synt; 
die wormen die hebben se gegheten. 

5. 
Gedenck an den w^jsen Salqmon 
ind an den rjjken Alexander 
ind an den schonen Absalon 
mit mennigen stolten mannen 

6. 
Voer al so mennich ewich iaer; 
dat seifte sal dy dyenen, 
mer wiltu leven sonder vaer*), 
so diene der maiget Marie 



•) hs. waen. 



75 



Ende oeren cleynen kyudekiju zaert, 
to den saltu dy keren*), 
gedenck do hy gebaren wart 
een vorst van allen heren. 

8. 
Geen kamer en was hem daer yercijrt, 
een stalleken was gemeyne, 
die hemel ind erd ind al dynck reg^rt 
gebeert (Maria) die maiget reyne. 



9. 
Drij konnyngen qnemen unt vremden land 
tot gade ind onser vronwen, 
dat k^jndekijn gewonden in doeckeren 
sy begheerden vroelick to schonwen. 

10. 
Sy brochten oeren offer daer, 
des s^n sy wall to prijsen, 
oec syn sy mitter engelen scbaer: 
god wil uns alle daer wijsen! 



Str. 9 Z. 3 ist wol zu lesen: dat kijndekijn mit doekeren bewant, oder in 
snodem gewant. 

Wat is in der werlt nnwe? 
Schone worde ind valscbe trnwe! 



Nr. IL 



0ns kompt een scbep, geladen 
hent an dat boocbste boirt; 
id brengt den soon des vaders, 
dat ewentlike wort. 



Maria, gades moder, 
gelavet moet dy syn, 
dat du ye gedrogest 
dat werde kyndekijn. 



3. 
Dat scbepken dat kompt gestreken, 
id brengt ons rijken last, 
die mynne is dat seyle, 
die heilige geest die mast. 



4. 
Die ancker is nntgeschaten, 
dat schep moet an dat lant, 
Die hemel is opgeslaten, 
gaids soon is ons gesant. 



5. 
Doe spraken die propheten: 
dat hebn wy langh begheert, 
dat got den hemel ontsloete 
ind queem hijr nederwert. 

6. 
Hy leecht daer yn der cribben, 
dat suete kijndekijn, 
id Incht recht als die sonne, 
root is sijn mondekijn. 
Maria etc. 

7. 
Die dat kyndeken mocht küssen 
voer syner roder mont, 
dat brocht hem grote luste 
all yn »ijns hertens gront. 
Maria etc. 

8. 
Die herdkens op den velde 
den deden die engele kont, 
woe god gebaren were 
van eenre maiget yonck. 
Maria gades etc. 



•) hs. kijren. 



76 



9. 

Sy droech on yn den tempel 
dat sute kijndeken, 
sy offerde op den alter 
twee tortelduveken. 

Maria, gades moder etc. 

10. 
Wij is des kijndes moder? 
die dochter van Jesse! 
sy wordt een krefflike roder'), 
sy vuert ons aver see. 
Maria gades etc. 

11. 
Men sal Marien dyenen, 
oer loff is also breet, 
ten kan gheen mynsch volschryven 
oer grote eerwerdicheit. 



12. 
In den bogen bemel 
daer scbyncket men gnden wijn, 
daer sullen die edele sielen 
van mynnen droncken sijn. 
Maria etc. 

13. 

Weer ic nu een voegeler, 
een netken wold ic slaen 
al voer die bemelsche poorten, 
beer Jbesns wold ic vaen. 
Maria etc. 

14. 

Als ic Jbesum bedde, 
wat wold ic mit on doen? 
ic sloet on yn mijn berte 
ende deed id vaste toe. 
Maria etc. 



Ein Gedicht mit gleicher oder ähnlicher Anfangsstrophe wird Tauler zuge- 
schrieben; vgl. Wackernagel II S. 302 ff., Bäumker II Nr. 85, Hoflftnann, Geschichte 
des deutschen Kirchenliedes S. 107 ff., Hoffinaun, Horae Belgicae X Nr. 26, wo das 
Lied 8 Strophen umfasst. Die Verwandtschaft der Texte ist eine sehr geringe. 



Nr. 12. 
Een ander lijtgen up die wijse: „Ic vrouwe my der aventstont". 



Ic vrouwe my toe deser stont, 
god weet wail, wen ic meyne: 
den vader den is worden kont, 
die ioncfrou was alleyne. 
die soon die gaff den rait also, 
die engel was der baitschap vro. 

Och yoncfrou gemeyt, 

een sterne breyt, 
du lucbtes yn des hemels throon. 

2. 

Die engel trat in dat kemerken, 
by vont dy yoncfrou alleyne, 
sy las in oeren boeckelken 
die uutvercaren fonteyne: 



„Ic gruet dy, genadeschrijn, 

des vaders cracht sal by dy syn." 

Och yoncfrou zairt, 

van hoger airt, 
du werst een moder des beren. 



die yoncfrou wort verscbricket seer 
van deser boger baitschap: . 
„och engel, woe mach dat geschyen, 
want ic doch genen man en bekenne? 
gelavet heb ic mijn reynicbeit 
den vader in der ewicheit." 

Och yoncfrou goet, 

van bogen moet. 
Du draeges der doechden een crone. 



*) hs. rode. 



77 



4. 
Die engel sprack uut doechtliken synne: 
„yoncfrou, ontfrucht v niet so seer, 
die baitschap die ic to dy brenghe, 
dat is des vaders wille; 
du salst ontfangeu een kijndekijn, 
die overste sal sijn vader sijn, 

cherubin 

ende seraphin, 
die engelen bem alle dyenen.'^ 



5. 

Doe antworden on die yoncfron zaert, 

nut vroaderijcken moede: 

„bereyt bijn ick to deser vart, 

my geschie na dynen worde, 

den heiligen geest wil ick my waren 

dat hy myn reyuicheit wil bewaren; 

na dynen woirde my geschije, 

een gades deeme, 
god die wil sijn mijn behoeder." 
Amen. 



Merck dit aen: 

Vry, vre to leven ind god niet bekant, 
Sterck, gesont ind god niet gedanct, 
Rijck, weeldich ind die armen niet bedacht, 
Wittich, sijnnich ind gaids gebaden niet gedacht: 
Die mach sich vrnchten nacht ind dach, 
Want on is bereit dat ewich ongemack. 



Jesus sprect aldus tot den menschen: 

mynsche, denck aen mijn lijden, 
Sunden salstu altijt mijden, 
En sundighe niet up den troist, 
Dat die scheker wardt yerloist, 
Want onversien so komt die doot, 
Die dan rou hed, des weer on noot. 



Nr. 13. 
Eeen ynnicli lijdgen to kersmysse. 



Een vroelic nye liet, 

tis beter wat dem niet, 

to Bethleem ist geschiet 

van een kijnt dat Jhesus biet: 

yn armoed ende verdriet 

so mach men hem daer anschouwen 

by die yrou baven allen vrouwen. 



3. 
Dat costelike kijndekijn cleyn 
leecht voer allen mynschen gemeyn 
yn enen vuylen pleyn, 
nochtans is hy der werlt beer alleyn, 
sijn moeder is maget reyn; 
hy moet daer kalde gedogen 
ende mit tränen wasschen syn ogen. 



Den connynck van groter macht, 
gespraten uut Davids geslacht, 
wy hebben hem lange verwacht, 
nu leecht hy daer so nact, so ongeacht 
in enen duysteren nacht, 
van een arm mpder gebaren, 
daer men der engelen sanc mach beeren. 



Daer was mennich windestoot, 
rijp, haegel, drijfsnee groot, 
dat kijnkijn lach daer bloot, 
sijnledekens mochten sijn van kalde root; 
peynst, hoet die moeder verdroot, 
dat sy hem niet en mocht winden, 
sy en hadde noch wallen noch lijnen. 



78 



Wat armoed mocht daer 8^11! 

dat suete kijndek^'n 

van kalde most lijden pgn 

mit siJD moder (Maria) die maeget fijn; 

daer en was geen sonneuschijn 

noch vuer, hem by to wermen, 

mynsch, laet u dit ontfermeu! 



Joseph, reyne vat, 

ghy hebt groot verdriet gehadt, 

als ghy most lieden dat, 

hoe daer Maria opter erden sat 

mit also kostelen schat 

yn sulken kaldeu weder 

by twe stommen beesteu neder. 



7. 

TTut vrienden ende uut magen 

yn die kaldestrengeu dagen 

ghy en mocht niemant clagen, 

ghy hebt alleen die sorch moten dragen 

voer die in Bethleem lagen: 

dat kijndekijn mit synre moeder, 

ghy waert hem en trou behoeder! 

8. 

Bat weder was also kolt, 

dat kijndekijn en was niet olt, 

daer en was geen torf noch holt, 

dus was u sorch also mennichvolt; 

cleyn was n silver off golt, 

daer gijt mede mochten betaelen, 

als ghij sp^s of dranck soldt haelen. 



Np. 14. 
Op die wijse: ,Jc sach die norgensterne'^ 



1. 

Ic sach die aventsterne, 
oeren lichten claren schijn, 
die engele laven gade, 
woe gnet is daer by sijn! 

2. 

Wat isset dat daer synget 
ende my niet slapen en laet, 
dat ic die werlt sal laten, 
ind all oer toeverlaet? 



5. 

Ick sal dy die erachte geven, 
mer dn moet dy kyeren äff 
van allen ertschen dyngen, 
dat dy een hynder maect. 



Ick wil alle ertschen dyngen, 

om dynen will uutgaen, 

och, mynnentlicke Jhesns, 

wat loens sal ic (daer voer) ontfaen? 



Dat is die geest van bynnen! 
wat duet hy ons yerstaen? 
so wie dat die doechden wercket, 
die sal groot loon ontfaen. 



Ick wolde gern doechden wercken, 
och, geve hy my die macht, 
die mynnentlicke here, 
die alle dynck vermach! 



Vroude ind dat ewige leven 
sal dijn vrij eygen sijn, 
all mitten seraphynnen 
salstu verheven sijn. 

8. 

Sal ick mit allen engelen 
das hoghe verheven sijn, 
och, mynnentlicke here, 
so doe dijn genade mit my. 



79 



Anders niet dan got alleyne, 
die alle dynck yermach, 
der mynschen troost is cleyne, 
dat pruef ick all den dach. 



10. 

Ick will den here alleyne 
to maell getronwe sijn, 
ick mynne on all toe cleyne, 
dat is die schade mijn. 



11. 



Nu wil ick my gaen voegen 
in rechter enicheit 
ind ick wil niet meer pmeyen 
der mynschen onstedicheit. 



Das weltliche Tagelied steht bei Uhland, Alte hoch- und niederdeutsche 
Volkslieder Nr. 76 ff., Böhme, Altdeutsches IJederbuch Nr. 109 f. Die geistlichen 
Nachdichtungen, die bei Hoffmann Nr. 86, Hulscher Nr. 49 abgedruckt sind, stimmen 
unter sich mehr als mit unserm Texte überein; dieser ist eine selbständige Dichtung. 
Vgl. auch Bolte Nr. 76 und Nr. 83. 



Np. 15. 
Op die wijse: „Ic sach den hcpcn van Valkenstcen", 



1. 

Ic sach den here van Nazareth 

op enen ezel rijden, 

die clederkens worden on ondergespreyt 

ind oec die groene tw\)ger. 



Nn wael heyn ind nn wal heyn, 
van deser werlt wil ic scheyden, 
beer Jhesns is die liefste mijn, 
na on so wil ic beyden! 

3. 

Ick bidde dy, here van hemelrijck, 
vergeeft ons onse misdaden 
ind maect ons onser sonden quijt, 
ind ontfanct ons tot genaden. 



Ick had een gotlick yonckelkijn 
in mynre sielen ontfangen, 
ind dat doerschoot dat herte mijn, 
dat quam unt Jhesus wonden. 

5. 

Nu wail heenne, siele mijn, 

ind gy moet ommers l^den: 

ick leedt wail dryendertich iaer pijn 

al om u to verblöden. 



Nn Wille wy onder dat cruce gaen staen 
ind helpen Jhesns truren, 
hy heeft om onsen will geleden, 
dat wart on all to sure. 



Vgl. Hoffmann Nr. 45, wo der Text 10 Strophen umfasst. Str. 4 Z. 2 ist 
(nach Hoffmann) im Reime gevonden, Str. 6 Z. 3 gedaen zu lesen. 



80 



Np. 16. 
Item noeh een ander lijd. 



1. 



Mit vrouden willen wy syngen 
ind laven die drievoldicheit, 
op dat sy ons wil brengen 
ter ewiger salicheit, 
die ewelick sal dneren 
al sonder enich yerganck: 
och mocht ons dat geboeren, 
och ewelick is so lanck! 



Leefden wij na den gebaden, 
recht als wij leven solden, 
nnd dienden altijt gade 
ind onser liever vrouwen, 
und lieten averglijden 
die werlt mit oeren verganck, 
so weren w^ altijt blijde: 
och ewelick is so lanck! 



Die blijtschap is sonder eynde 
hier baven int hemelrijck, 
die wij daer snllen vynden, 
die en heeft oec gheen gelijck: 
dat is dat gotlicke wesen, 
dat schynct ons sueten dranck, 
als ic heb hoeren lesen: 
och ewelick is so lanck! 

4. 
Maria, die moder ons heren, 
die wort van ons verblyt, 
wanneer wij ons bekijren 
in desser armer tijt; 



Maria, maghet reyne, 
och edel wijngarts ranck, 
bid voer ons all gemeyne! 
och ewelic is so lanck! 



Die engelen yubilijren 
ind sijn so rechte vro, 
wanneer wy ons bekijren; 
sy helpen ons daerto, 
dat wij ons moegen verblijden 
ind singen der engelen sanc 
yn ewelicken tijden: 
och ewelick is so lanck! 

6. 

Die heiligen alle gaeder 
die maecken grote feest 
ind laven god den yaeder, 
den soen, den heiligen geest; 
als wy die sunde laten, 
sy weten ons groten danck 
ind sy laven ons baven maten: 
och ewelic is so lanck! 

7. 

Nu laet ons dienen gade, 
dat rade ick yonck ind alt, 
ind halden syne gebade 
ind bidden on mennichfalt, 
dat hg ons wil beschermen 
al voer der hellen stanc 
ind voer dat ewige kennen: 
och ewelic is so lanc! 



Vgl. Hoffraann Nr. 107 und 108. Als Verfasser des Gedichtes wird der be- 
rühmteste niederdeutsche Prediger Johannes Brugman (geboren zu Kempen im Rhein- 
lande c. 1400, gest. zu Nymwegen 1473) angesehen. Spricht indes nicht Str. 3 Z. 7 
gegen seine Verfasserschaft? Über Brugman vgl. Moll, Joh. Brugman en het god- 
dienstige leven onzer vaderen in de vyftiende eeuw. 2 Bde. Amsterdam 1854. 
Dort hat Moll S. 207 ff. den Versuch zur Wiederherstellung des ursprünglichen 
Textes gemacht. Unser Text hat mit Hoffmann Nr. 108 die meiste Verwandtschaft, 
weicht aber im Einzelnen vielfach ab und bestätigt einige Conjecturen MoUs. 



81 



Np, 17. 
Nocb een ander. 



1. 



5. 



Woe luede so sanck de leerrer up der 
tynnen: 
wie yn swaren sunden leecht, 
die mach sich wal besynnen, 
dat hy eent^t van sunden laet, 
eer on die doot den wech onderg^et, 
des warn ic on mit sanghe. 



Ende dat verhoerd een yongeling yonc 
van iaren 
by sprack: o meister onversaecht, 
woe moechdy das geberen? 
ick mach noch leven mennighen dach 
ind hebben blijtscap ind gemack 
ind my nochtant to gade wart k^ren. 

3. 

Die leerrer sprack: dijn woirden 8\jn seer 
▼ermeten 
ind waer syn d^n gesellen gevaeren? 
hefstu des all yergeten? 
sy waren oers müdes also rijck, 
van yaren yonck als dijns gel^ck — 
die wormen die hebben sy geten! 



Die yongelyng sprack : ick en kan my niet 
bedwyngen, 
ick moet gebmken mijnre yoecht 
mit dansen inde mit spryngen, 
die veygen moten alle sterven; 
waell np, laet ons na vronde werven, 
ons mach noch heyll erlyngen! 



Die leerre sprack: dijn vroud en mach 
niet dnren, 
dat lijden komt also mennichvolt 
bynnen eenre korter uren; 
och weerstu by den synnen dyn, 
dat dy nn duncket vronde sijn, 
ten weer dy niet dan truren! 

6. 

Die yongelyng sprac: sijn my myn synnen 
vererret, 
so is daer also mennich bedragen 
ind des rechten weges ontverret; 
ick hebbe gemist den rechten pat, 
my is geworden ick en weet niet wat, 
wat isset dat my deeret? 

7. 

Die leerre sprack: woltu dijn hert be- 
kijren, 
den rechten wech to gade wert, 
wold ick dy gerne leren; 
der werlt loff is als een kaff, 
woltn dy daer niet kieren äff, 
die helle die is dyn eijgen. 

8. 

Die yongeling sprack: dijn woirden sijn 
seer gehnere, 
god selver heeft dy her gesant 
to troost ind oec to stuere; 
na brenct my op den rechten wech, 
dat ick die waerheit lere bet, 
sy is my noch seer daere. 



Die leerre sprack : ick danck des gades 
gnede, 
dat hy in also korter tijt 
gewandelt heeft dijn gemnede; 
na bald dy an die tien gebot, 
so en wortstu niet des duvels spot, 
got moet ons alle behaeden! 



Kiederdeatsohes Jahrbuch. XLY. 



1 



82 

Abweichende Fassungen bei Hoffmann Nr. 122 und Nr. 123, Reifferscheid, 
Zeitschrift für deutsche Philologie IX 190 f., Jellinghaus in diesem Jahrbuche 18öl 
S. 6 fif., wo die weiteren Nachweise gegeben sind. Übersehen hat er den Abdruck 
bei Moll a. a. 0. II S. 189 ff. nach einer Handschrift aus dem Anfange des 16. 
Jahrhunderts. Vgl. auch Acquoy a. a. 0. S. 47 ff. 



Np. 18. 
Noch een ander. 



Ten ewigen leven weer ick ghem, al 

velt et lanck 
van beer Jhesu willen wy singhen enen 
nyen sanck, 
wat in der yrsten kerstuacht geschach, 
doe hy in der crybben lach 

all onverborgen; 
die een reyne hertken heeft, 
die en darf niet sorgen. 

2. 
Vau' den oversten throne wart een bade 



een heilich engel Gabriel is hy genant *), 
die quam all daer die maget was 
yn oerre kamere, daer sy lass; 

hy sprack mit tnchten: 
gegruet sijstn, Maria, 
du en dariffs niet vruchten! 

Tot elkeren vers: 

Dat kijndeken dat was snverlick, 
dat moderken dat was vronden rijck, 

all onverborgen, 
die een reyne hertken heeft, 
die en darff niet sorghen. 

3. 

Du bist alre genaden voll, god is mit dy, 
dynes heiligen ly ves vrucht gebenediet sy ; 
god wil van dy gebaren wesen, 
des salstu yonfer wael genesen 
van alle swere, 



want wat god wil, dat moet geschijn, 
die werde here. 

Dat kyndeken etc. 



Ghebenediet sijstu, her Jhesu Christ, 
wan du myn troist, myn toverlaet, myn 
hape bist, 
noch claerre dan der sonnen schijn, 
nu sluyt op dat herte mijn 

ende myne synne 
ende seynd daer yn den heiligen geest 
myt synre mynnen. 
Dat kyndeken etc. 



Doe sich des die maeget Maria versan, 
dat die tijt der gebeerten wold treden an, 
sy sprack to Joseph : my steet die syn 
to Bethleem, daer will ick byn, 

ick heb vemomen, 
dat Cristus wil gebaren syn 
der werlt to vromen. 
Dat kyndeken etc. 

6. 
Joseph tradt mit Maria vort hent aen 

die stat, 
dat yrste huyss, daer hy mit oer die 
herberch badt, 
daer stont een ezel ende een rint'); 
daer wart gebaren dat znete kijnt, 

der werlt to troeste; 
wij mosten alle verlaren sijn, 
hent hij ons loeste. 
Dat kyndeken etc. 



*) hs. genamt. •) hs. runt. 



!S3 



Doe achte dage om quemen, noch myn 

noch mee'), 
doe wart dat k^nt besneden na der 
yoedscher ee, 
des twelften daechs een offer gebracht 
yan drijen connyngen waill bedacht, 



een offer schone, 
die rijke god, die gebaren is, 
sij ons to lone. 

Dat kijndeken dat was snver- 
lick etc. 



Dasselbe Lied scheint sich anch in der Sammlung der Anna von Köki zu 
befinden (8 Str.); vgl. Bolte Nr. 18. 



Nr. 19. 
Das Mfihlenlied. 



Een moelen den ick bonwen wil, 

here god, wnst ick waer mede; 

hed ic bantgereide 

ende wnst waervan, 

tohant so wold ick bonwen an. 

2. 

To holte wil ick vaeren heen, 
dat walt en is niet yeerne, 
hnlpe neem ic also gerne, 
woe men böge bome vellen sal. 

3. 
Dat walt dat heitet Lybanus, 
daer wassen cederbomen, 
cypressen np die ryvijren 
ende palmen stolt, 
olyven dat wael nutte holt. 



Meyster böge, van kunsten rijck, 

woldy my synne gheven, 

bonwen, snijen, even 

ende maken siecht, 

so word die moelen wal gerecht. 



Moyses beer, nu komt daer by, 

den ondersten steen berichte, 

dat by ligge also dichte, 

so dreecht hy swair: 

die aide een die meen ick dair. 

*) hs. meer. 



6. 
Die nye een, den oversten steen, 
den legge ic op den alden, 
dat hy lope also balde 
na meysters konst, 
den vnert des heiligen geistes gonst. 

7. 
Ghy martelers comt oec all hijr by, 
helpt ghy die molen stellen; 
ghy ry vyren schone geeft waters genoech 
ende schaffet der molen er gevoech. 

8. 

Gregorins, Ambrosius, 
Jheronymns, Angnstinns, 
bewaret ghy dat dryven 
ende dat kammerat, 
so geet die molen desto bet 

9. 
Ghy twelf apostelen, comt hijr voer 
ende maict die moelen gaende, 
dat sy niet en blief staende, 
ghy sijdt untgesant 
to mailen over alle lant. 

10. 
Een yoncfron bracht een seckelkijn 
myt weite, wael gebonden, 
to der selver stonden 
ter moelen quam, 
een prophete dat vemam. 



6* 



84 



11, 

Jsaias had also lang 

tovoeren daeraf geschreven: 

„Biet ons is ghegeven 

een yoncfrou weert, 

die ons heeft enen soon gebeert. 

12. 
Sijn naem die heit Emanuel, 
den Süllen wy alle laven! 
genadelicke van baven 
hy tot ons quam, 
des yervronwen sich beide vron ende man. 

13. 
Der Propheten is so voel, 
die daer af hebben gesongen; 
ons is so wal gelongen, 
het is volbracht, 
dat geschach tot eenre middernacht. 

14. 
Do die nacht dat licht ontfienck, 
doe nam die dach die lengde, 
die duystemisse oer weynde 
ind orloff nam, 
des systu, here, lavesam. 

15. 
Die sijnre so lang verbeidet hadden 
die riepen all: wy wachten, 
wy nu niet meer betrachten: 
wy syn des wiss, 
dat ons god gebaren is. 

16. 
Ghij evangelisten alle vijr, 
ghij kunt dat wal betrachten, 
woe wy Süllen achten 
dat seckelkijn, 
dat ons bracht een meechdekijn. 

17. 
Mathens nemt ind bynd op den sack, 
giet op die moelen, laet schraden 
ende leer ons alto gader, 
want du bist wal geleert, 
woe gades sone mensche wert*). 



18. 
Lucas rijt den sac ontwee, 
giet op die moelen, laet wrywen: 
du kanst ons wal beschryven 
dat ofFer groot, 
woe gades sone leedt den doot. 

19. 
Marcus, Sterke lewe fijn, 
giet op die moelen, laet maelen, 
woe god opstont van den doden, 
doe dat geschach, 
dat riepstü an den oesterdach. 

20. 
Johannes, am van hoger vlucht, 
du kanst ons wal geleren 
die hemelvart ons heren 
all apenbaer: 
help ons, dat wij komen daer. 

21. 
Die moelen geet ind is wal bereit, 
all die nu willen maelen, 
die Süllen daer na halen 
oer koemtgen reyn, 
so wordt on dat gemailen cleyn. 

22. 

Pawes, keyser, predicker, 
bewaert ghy die moelen .even, 
dat sy ons moet geven 
gescroot dat molt') 
daer van so word n rijken solt. 

23. 
Die s^n siele spijsen will, 
die sal sich hijr na stellen, 
hy wort wael bericht, 
hy meelt ind neemt des molfters nicht. 



24. 

Die dese moelen gebonwet heeft, 

den moet god geleiden! 

woneer wy van hijr sollen scheyden: 

een engel wijs 

die vuyr ons in dat paradijs! Amen. 



Vgl. in diesem Jahrbuche Jellinghaus III 86 ff., Jahresbericht der german. 
Philol. I S. 184, Brandes Jahrb. IX 49 ff., Korrespondenzblatt 1885 Nr. 4 und Nr. 6. 



*) hs. wart. •) hs. dat molfter gescroot. 



85 

Np. 20. 
Een ander lijd. 



9. 



Nu sterck ons god yn onser noot, 

beveel my, beer, yn dyn gebot, 

laet ons den dach genedelicken schijnen. 

2. 
Der namen drij beveel ick mij 
in allen noeden waer dat ick sy, 
des cmces cracht stae my voer alle pijne. 

3. 
Nu staet my hueden an mijnre hant, 
beschermt my, beer, voer hoeftsnnden 

bant, 
seer ongestedich byn ick, waer ic my 

henne kijre. 
4. 
Dat sweert, daer Symeon äff sprack, 
dat Marien oer reyne herte doerstack, 
do sy ansach, dat Oristus stond yn lijden. 

II 5. 

Maria, een wonschelgairden 
des Stammes van Jesse, 
die Theofilns werf gnade 
doer oer yonferlick anesien, 
strijdt, vrou, voer onse schulde 
ende werfft ons gades hnlde, 
mater gracie! 

6. 
Den anxt seer groot, des lijdens noot, 
dat cruyss, daer god aen leed den doot, 
der naegelen drij, die speer ende oec die 

crone, 

7. 

Der besseme swanc, der gallen dranc, 

die daer myt der mynscheit hennen sanck, 

doe Cristus riep mit also bermelicken 

done *) : 
8. 
Hely, hely, lamazabathani, 
myn god, myn god, waer om heffstu ver- 

laten my? 
des yamers schreye ind oec die martely 

sere. 



Nu staet my hueden voer alle mysdaet, 
dat ick voer dootsunden moet sijn bewaert, 
tot my gekijrt laet sijn dijns heilighen 
geestes lere. 

II 10. 
Maria, maeget reyne, 
uwer hulpen doet uns schijn, 
doer uwe wäre mynne 
laet my u diener sijn! 
laet m\i der truwen genieten, 
uwen hemelsthroon opsluten, 
ende neem ons daer tot u yn! 

11. 

Och werde beer vorst van hemelryck, 

doer dynre moder eer ontfermt u aver my 

ende gevet my tijt, u toom is mij to 

sware. 

12. 
Och werde beer Chryst, laet my der list 
genieten, des my kundich is, 
dat ick dy levendich kenne yn enen 
cleynen brode. 

13. 
Ghevet ons also, dat het yo') 
hyr sy myn leste spyse, 
so werde ick vrij ende schreye luede uut 
bermelicken noeden. 

14. 
Ghevet myuen herten enen rouwigen vloet 
ende laets my niet mysgelden doer dynen 

bytteren doot 
ende weest my guet doer dijnre moder 

eere ! 
II 15. 
Mijns levens een guet eynde, 
beer, des bid ick dy 
ende laet my niet verslynden, 
die duvel is so ghijr, 
ende laet my nummer sterven, 
ick en moet u hulde werven 
daer to dat hemelrijck! Amen. 



*) hs. stemmen. •) het hyr yo. 



86 

Vgl. Uhland Nr. 312, wo das Lied 7 Strophen hat (nach dem Liederbuche 
der Herzogin Ammelia von Cleve). Wackemagel II 330. Bäumker II 452 f. (nach 
einer Trierer Handschrift. Die dort mitgeteilte Melodie liegt auch diesem Texte 
zu Grunde, derselbe ist wol erweitert). Reifferscheid a. a. 0. S. 187 f. Bartsch, 
Germania XXV (1880) 210 flF. 



Np. 21. 

Dit lijd is van den myrakel des heiigen sacraments 
dat te Bresselonwen is geschijt. 



1. 
In den t^den van den yaren, 
doe god all dinck volbracht, 
van Judas wart hy verraden, 
den valschen yoeden verkocht; 
van der doot is hy opverstanden 
ind gevaren tot der ewicheit, 
allen yoeden tot eenre schänden, 
to trooste der cristenheit. 

2. 

Wat heft hy ons gelaten, 

dat hy ons ter letsen gaff? 

die schat is baven maten, 

want des geen tong volspreken en mach : 

dat heilige sacramente, 

gaits licham ind oeck sijn bloit, 

dat hy ons ter letsen schencten, 

doe hy an den cruce stont. 

3. 
Die valschen yoeden gemeyne, 
die en willens geloven niet, 
dat men yn die hostie reyne 
gaids licham consecrijrt 
tusschen des priesters banden, 
daer die kersten gelove an steet. 
god moit die yoeden sehenden 
doer alle dese werlt breet! 

4. 
Mit recht wil ic sy straeffen, 
men sold sy al verslaen, 
over die yoeden roep ic wapen! 
groot mort hebben sy gedaen: 
dat heilige sacramente 
hebn sy Judas brueder afgekocht 
all in der quatertemper 
voer sunte Michaels dach. 



Sy wolden dy wairheit schouwen, 
(offt en sy?) gewaer vleysch ind bloit, 
die yoeden mit eren vronwen 
hielden enen valschen rait. 
groit wonder snltdy mercken, 
Judas brueder wart bade gesant, 
die koster vau der kerken, 
woe seer wart hy geschant! 



Die clock sold ylf uren slaen 
ynt wüste (?) van der nacht, 
die koster quam to den yoeden gegaen, 
sijn vrouwe had hy mit om bracht: 
hy sprack: gy Joden gemeyne 
wat is nu u beger? 
doe sprack die oeverste allejrue: 
och koster, kom dy her! 

7. 
Die wijste yoede van all den hoop 
gynck bij den koster stain: 
och, wold die ons die hostie verkopen, 
die die kersten hebn omgedraegen 
all yn der gülden monstrancie, 
die die priester selver droych? 
daer voer en willen wij v niet dancken, 
du salst hebn geldes genoich. 

8. 
Die koster mit synem wyve 
en berieden sich niet lang: 
och, mocht verborgen blyven, 
onsen god den suld dy haen; 
wat wil dy my daer om geven? 
ick sal en u leveren to myddemacht; 
id sal ons kosten all ons leven, 
wordet voer den heren bracht. 



87 



9. 
Wy willent waell verswygen, 
spraken die yoeden all gemeyn, 
dertich gülden mocht dy krygeu 
all Yoer die hostie cleyn. 
die koster mit sjrnem wyve 
die waren der meren vro, 
dat sy dat gelt solden krygen, 
sy gyngen ter kerken to. 

10. 
Sy wolden den heren hailen, 
den Pylatas aent craess deed slaen, 
sy hebn on dieflick gestalen 
den oversten van den throon. 
die yoed mit synen vnylen banden 
tasten yn dat schoon crystal, 
hy nam den connynck der engelen, 
hy droich om mit sich van dan. 

11. 
Doe sy gaids licham brachten, 
daer die yoeden waren by een, 
sy spotten ende sy lachten, 
sy schympten alle ghemeyn; 
sy bespegen dat licham ons heren, 
sy deden on smaeheit groit: 
die oeverste van hoger eren 
die dede myrakel groit. 

12. 
Een tafel wort doe voertgebracht, 
daer gyngen die yoeden om staen, 
gaids licham wart daer op gelacht, 
dat sacramente schoen; 
sy woldent bynnen ende bnten be- 

schonwen, 
offt weer gewaer vleiss ind bloyt, 
sy hebbent to stucken gehouwen, 
wee der bitterre noit! 

13. 
Dat bloet dat quam gelopen 
al aver die tafel breet, 
uut gades licham gevlaten, 
daert noch huede to dage op steet. 
die yoeden worden seer verschriet, 
on ward so bang to moyd*), 
woe god an den cruce ward gerecket, 
so störten hy daer syn bloyt. 



14. 
Die wechters up der muren 
die worden des yamers wijss, 
bynnen eenre korter uren 
quam daer mennich schoen tortijss, 
processien, crucen ind vaenen, 
all dat volck dreef yamer groit, 
sy wolden gaids licham hauen, 
dairt lach yn synen bloid. 

15. 
Groit volck quam daer gedryngen, 
beid vrouwen ende man, 
die priesters konden niet gesyngen, 
id schreiden allet dat daer quam; 
sy vielen op oeren knyen 
cruesgewijss al op die erde: 
werde gades licham, woe ligstu hier 
doerhouwen mitten swerd. 

16. 
Die priesters mit den clercken, 
al dat volck dreeff yamer groit, 
men droich die tafel to der kerken 
mit dem werden duerberen bloide. 
hoert, gy mannen ende vrouwen, 
waer dit groit yamer is geschiet: 
in der stat, heit Bresselouwen, 
daer men dit myrakel siet. 

17. 
Die yoeden worden gevangen, 
sestich ende hondert wart oerre ver- 

brant, 
die coster heft sich seif gehangen, 
als Judas wart hy geschaut. 
hy riep mit luder stemmen: 
nu en wort my nummer vroud kont, 
ewelick moit ic verbernen 
al yn der helle gront. 

18. 
Dit gedieht heft Jacob van Raetyngen 

gemaict 
van den yoeden sehnet nummer [goit ?] 

slach ende ramspoit 

also .... swass orlich yn den lande 
daer die yoeden verheven sijnt, 
op Marie sprecken sy schände 
ind op oer gebenedijde kynt. 



*) hs. so moyd. 



88 

Vgl. Hoffinann Nr. 118 und die Vorbemerkungen. Str. 9 ist nicht mehr ganz 
zu entziffern, die Stelle ist völlig zerfressen. Das Ereignis fand wol im Jahre 1453 
statt; vgl. Grünhagen Geschichte Schlesiens I 282, wo die Zahl der verbrannten 
Juden auf 43 angegeben wird. 



1. 



Np. 22. 



Criste, du bust dach ende licht, 
voer dy en is verborgen nicht*), 
du bust des vaders lichte glans, 
leer ons den wech der waerheit gans. 



Nu slape, oghe, all sonder leit 
ende waecke, herte, yn stedicheit, 
nu bescherm ons godes rechterhant 
ende behoede ons voer hoeftsunden bant. 



Wy bidden, heilige here, dy, 
in deser nacht behnede my, 
yn dy so sy die roste myn, 
laet ons dese nacht in vrede s^'n. 

3. 
Verdrijf des swaren slapes vrist, 
dat ons niet en bedrijge des viants list, 
geeft, dat ons vleysch in tuchten reyne sy, 
so staen wy yan allen sunden vrij. 



Beschermer all der cristenheit, 
dyn hulpe sterck sy ons bereit, 
nn help ons here unt alre noit 
doer dyne heilige vijf wonden roit. 

6. 
Gedencke, here, der swaerre tijt, 
daer aen die ziell gevangen lijdt, 
die zielen, die du heves yerloost, 
den gevet, beer, dynen ewigen troist! 



Vgl. Hoffmann Nr. 113, Wackemagel II 564, Bolte Nr. 65. 



Np. 23. 
Jhesus sppeet tot die kepsten ziel. 



Heff op mijn cruyss, mijn alreliefste bmyt, 
ind volge my na, ind gae dijns selves unt, 
want ict gedraegen heb voer dy, 
heefstu my lieff, so volge my! 

Die ziel antwoird: 

Jhesus, alreliefste beer. 
Ick byn noch yonck ind all to teer. 
Ick heb dy lieff, dat is ummer waer, 
Mer dijn cruyss is my voel to swaer. 

Jheang sprect: 

Ick was noch yonc, doe ic dat droech, 
En klage du niet, du bist sterc genoech, 
Wanneer du bist alt ende kalt. 
So en heefstu des cruces geen gewalt. 



Die siel antwoird: 

Woe mocht ic lyden dit gedwanck? 
Der daege is voel, dat iaer is lanck. 
Ick byn des cruces onghewoen. 
Och schoend my, mijn alreliefste schoou! 

Jhesus spreot: 

Woe bistu, liefste, so balde verlegen, 
Du moyts noch strijden als een degl^^n! 
Ic wil castyen dyn yonghe lijf. 
Du wordes my anders voel to stijf. 

Die siel antwoird: 

Heer, dattu wilt, dat moet ommer wesen, 
Mer des cruces en mach ick niet genesen, 
Mer motet sijn ende sal ict draegen, 
So moet ic krencken ende versaegen. 



*) hs. niet. 



89 



Jbesns sprect: 

Meynstu in den rosen to baeden? 
Dn moytst noch doer die doernen waeden! 
Siet aen dat crnce ende oec dat mijn, 
Woe ongeiyc swaer dat sy sijn. 

Die liel antwoird: 

Wy lesen in der heiligher schrift: 
Dyn ynck is snet, dyn borden is licht, 
Woe bistn my dns anxtelicke hart, 
Myn alreliefste brudegom zart. 

Jheana sprect: 

Onghewoen besweert den moet, 
Mer lydt ende swijcht, et word noch goet 
Mijn cmes is allso costele pant, 
Bat ic des nymant dan mynen vrienden 
en gan. 

Die ziol antwoird: 

Den vrienden gheefstn weenich rast, 
My gruwelt voer den swaren last, 
Ic sorge, ic en sals niet moegen herden, 
Och, here, wat sal mijns ghewerden? 

JhesQS sprect: 

Bat hemelrijck dat lijdt gewalt, 
Mer du bist noch van mynnen kalt, 
Hedstu my lief, het worde noch gnet, 
Want mynne die maect all arbeit suet. 

Die siel antwoird: 

here, geeft my der mynnen brant, 
Mijn crancheit is dy wael bekant, 
Leetstn my op my selver staen, 
So weetstn wael, ick moet vergaen. 



Jhesus sprect: 

Ick byn bruyn ende suverlick, 
Ick byn sner ende mynnentlick. 
Ick gheve arbeit ende rast, 
Betrouwe op mij, so steetstu vast. 

Die ziel antwoird: 

here, offt ummer wesen mach. 
Des cruces neem ic gerne verdrach, 
Mer wildijt hebben ende motet s^n, 
Dijn will geschie ende niet die m^jn! 

Jhesus sprect: 

Ten hemelrijck gheet een wech alleen, 
Dats des cruyss wech ende anders geen, 
Alle dyn waelvaert ende ewich heyll 
Steet aen den cruyss, nu kijss ende deyll! 

Die ziel antwoird: 

Sold ic dyn bald ende d^n rijck Verliesen, 
£er hondert cruce wold ic verkiesen! 
Here, geeft my macht ende lydsamheit 
Ende cmyst my wael, et sy my lief of leit. 

Jhesns sprect: 

Als dy dat crness ten herten gheit, 
So denct, wat ic dy hebbe bereit: 
My selver gheve ic dy to loon. 
All mitten engelen die ewighe croon. 

Die ziel sprect tot oer selren: 

mijn alreliefste siel, 
Mynt god ende laet die werlt geheel, 
Siet aen dat gnet, dat Jbesns is. 
Des hemelrijcks wartstu dan gewis. 
Amen. 



Über dieses sehr verbreitete Lied vgl. Jellinghaus in diesem Jahrbuche VII 
S. 3 ff. Moll II 408 ff. Aoquoy S. 59 ff. Bolte Nr. 39. Berlage, Programm der 
Realschule zu Osnabrück 1876 S. 10. 



MÜNSTER i. Westf. 



Franz Jostes. 



90 



Die ^W einprobe. 

Aus einem alten Eevaler Liederbuche. 



1. Et was een Schipken angekam 
To Köllen an den Rien, 
Da[t] war ock so beladen 
Met idel rienschen Wien, 

Met idel rienschen Wien. 

2. Un da de Stop*) een Schilling galt, 
Da weren de Wiewer fro: 

'Ach Fru Gefadderin Margreteken, 
Will wir een Stbpken prowen 
Un schmecken, wo dat schmeck?' 

3. Un da dee Mann in de Kareken ginck, 
Do hengdt de Tasch an de Want, 

Da weren twe witte Schilling darin, 
De weren er woU bekandt. 
De weren er woU bekandt. 

4. Als dee Mann ut de Kareken kam, 
Sprach [he] : 'Magt, wo ist mien Wieflf?' 
'Se ligt woU in er egen Bed, 

So we deit er dat Lieff, 
So we deit er dat Lieff.' 

5. De Mann dee lept de Treppen up 
Un set sick up de Banck: 

'Ach ach, mien seelentruten Fru, 
Wo fan biß du so kranck. 
Wo van biß du so kranck?' 

6. 'Ick heb dat slijmme Dünebeer sapen, 
Dat kribbelt mie im Liew, 

Dat deit mie ock so schmartlich wee, 
Dat ick weet keen Verblieff, 
Dat ick weet keen Verblieff,' 

7. Dee Mann de lep dee Treppen äff, 
Sprach: 'Magd, spööl us de Flasch, 
Hol! mie dat beste rienschen Wien, 
Dat in de Keller iß, 

Dat in de Keller iß ! 



*) Stoof, ein noch heut in Reval übliches Mass, etwa Vs Liter. 



»1 



8. 'ün set de Pötken an de Füer 
Un mack dat nich to heet! 

Un iß se den van Harten kranck, 
So breckt er uht de Schweet, 
So breckt er uht de Schweet. 

9. 'Un do ock een Stück Sucker darin, 
All weer et ock een Punt! 

Un iße den van Harten kranck, 
So wert see wedder gesund, 
So wert see wedder gesund/ 

10. So don alle böße Wiewer, 
De in de Keller sind. 
Se macken ock er egen Menner 
Met Beenden Ogen blint, 
Met seenden Ogen blint. 



Auf der Bibliothek der Petersburger Akademie der Wissenschaften 
fand ich in einem XX. J. 38 signierten handschriftlichen Liederbuche 
auf S. 68 — 72 das vorstehende nd. Lied. Die Sammlung ist dem 
Schriftcharakter nach in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von 
verschiedenen Händen angelegt und enthält auf 309 Queroktavseiten ^) 
+ Register eine Anzahl hochdeutscher Liebesgedichte, darunter ver- 
schiedene längst bekannte: S. 21 Dachs') '0 du vormahls grünes Feldt', 
S. 57 'So hast du, liebes Kind'*), S. 141 'Du Beherrscher unsrer 
Sinnen**), S. 259 An die schöne Margaris: 'Soll es dan geschieden 
sein*, S. 47 'Flora stutzt in Seid und Sammet', S. 52 'Dorintgen, 
weine nicht', S. 60 'Fragt ihr noch warum ich klage', S. 63 ,Warumb 
fleuchstu, Halbgöttinne' u. a. Niederdeutsche Stücke begegnen ausser 
der mitgeteilten 'Weinprobe' nicht; volkstümlichen Charakter trägt, 
abgesehen von einigen Leberreimen und Rätseln, nur S. 118 Klag 
und Traurgesang des Märten Jennissons *) : 'Ich armer Haaß im weiten 
Feldt'*). Bemerkenswert ist noch ein auf S. 255 — 259 stehendes 
estnisches Lied: 'Armaß kalliß kuldene Wend' in 10 vierzeiligen 
Strophen, da es, wie mir Herr Professor Leo Meyer in Dorpat gütigst 
mitteilte, als die älteste Aufzeichnung estnischer Poesie angesehen 

«) S. 1-4 fehlen. 

>) S. 414 ed. Oesterley 1876. H. Albert, Arien 4, 15. 

•) A. Krieger, Arien 4, 6 (1667). Chr. Clodius' Liederbuch von 1669 Nr. 65 
(Berliner Mscn germ. oct. 231). 

*) Nach Meusebach, Serapeum 1870, 141 aus dem Schäferroman von Amoena 
und Amandus (1632); vgl. Bolte, Altpreussische Monatsschrift 23, 444 f. Eine 
schwedische Übersetzung vom J. 1712 durch H. B. liegt hsl. in üpsala (V 146). 

•) Jennis estnisch = Hase. 

•) Erk, Deutscher Liederhort (1856) Nr. 57. Mittler, Deutsche Volkslieder 
Nr. 610—612. Hoflinann von Fallersleben, Niederländische Volkslieder • Nr. 163 
(1856). Uhland, Schriften 3, 70 f. 157 f. 



92 

werden muss und uns zugleich über die Heimat der Sammlung Auf- 
schluss gewährt. Wir werden danach kaum fehl gehen, wenn wir 
dieselbe in Reval suchen. Denn hierhin führt uns auch ein S. 104 
aufgezeichnetes Gedicht auf die Hochzeit Thomas Knipers: eine Familie 
Kniper') war in Reval während des 17. Jahrhunderts ansässig, und 
Herr Oberlehrer G. von Hansen wies mir sogar einen Thomas Kniper 
in Akten des Revaler Stadtarchivs v. J. 1649 nach. Eine genauere 
Zeitangabe findet sich auf S. 95 einem nach der Melodie: '0 grau- 
sahmes Hertz' gehenden Gedichte: 'Mein Geist, emphor! komm, säume 
nicht zu gehen' beigeschrieben: 'Von J. R[?]. H. gemacht 8. Sept. 1680'. 
Einer der Besitzer des Büchleins wird der J. P. Banner gewesen 
sein, welcher auf dem Vorsatzblatte seinen Namen unter einem Denk- 
spruche verewigt hat: 'A dieu complaire | A tous seruir | Jamais 
mal faire | Ces[t] mon desir. | Got zu lieben | Niemant verachten 
I Und nicht ybel zu thun | Ist alle mein Trachten'. 

BERLIN. Johannes Bolte. 



Zur Geschichte der Leberreime. 

Therander ist nicht der einzige gewesen, der die Rhytmi mensales 
des Johannes Junior in der Absicht durchmustert hat, sie ins Hoch- 
deutsche zu übertragen. Im Jahre 1629, bald nach ihrem Erscheinen, 
legte ein Danziger, Michael Hancke der Jüngere, Schreiber des bürger- 
meisterlich Höheschen Amtes, eine Sammlung von Reimsprüchen, 
historischen Liedern, Rätseln u. dergl. an, die bis 1644 mit Zusätzen 
versehen wurde. Aus diesem Sammelbuche hat Toppen, VolkstümUche 
Dichtungen, zumeist aus Handschriften des 15., 16, und 17. Jhs. 
gesammelt. Ein Beitrag zur Geschichte der schönen Litteratur der 
Provinz Preussen. Königsberg 1873 (Sonderabdruck aus der Altpreuss. 
Monatsschrift Band 9) S. 83 — 86 Etzliche leberreime zum Abdruck 
gebracht. Es sind im Ganzen 18 Sprüche. Da sie der Herausgeber 
in der Reihe der von ihm mitgeteilten Reimsprüche als Nr. 61 — 78 
mitzählt, so muss er eine engere Zusammengehörigkeit derselben nicht 
angenommen haben. Hinsichtlich des Entstehungsörtes und der Ent- 
stehungszeit neigt er der Meinung zu, dass sie in Preussen und in der 
Zeit Hanckes entstanden seien. Prüfen wir die Aufstellungen Töppens 
auf ihre Berechtigung, so haben wir zunächst zu bemerken, dass die 
in Rede stehenden Sprüche, wie aus den Reimen überall: soll (Nr. 62), 



*) Die Bibliothek der Petersburger Akademie der Wissenschaften besitzt ein 
1636—1641 geführtes Stammbuch des Stud. theol. Johamies Kniper aus Reval 
(XX. C. a. 10); vgl. über ihn auch Lappenbergs Ausgabe von Flemings Deutschen 
Gedichten 1865 S. 820, 



»8 



schon: thun (ebd.), bock: glück (Nr. 70), ehr: vier (Nr. 72) erhellt, 
aus dem Niederdeutschen übersetzt sind. Sie stellen entweder den 
Überrest einer vollständigen hd. Bearbeitung des von Hofmeister in 
dieser Zs. 10, 59 — 89 behandelten Werkes des Johannes Junior dar 
oder, was mir wahrscheinlicher erscheint, eine wohl von Hancke selbst 
veranstaltete und ins Hochdeutsche umgeschriebene Auswahl aus dem- 
selben. Was sodann Töppens Zeitbestimmung angeht, so kann sich 
diese nur auf die Form des Leberreims beziehen ; die in sie gebrachten 
Sprüche dürfen auf ein erheblich höheres Alter Anspruch erheben. 
Auf die Bedeutung der Sammlung des Johannes Junior als Fundgrube 
nd. Sprichwörter und Spruchgedichte hat schon Hofmeister 1. c. S. 63 
aufmerksam gemacht, aber Hofmeister hat ebenso wenig wie Toppen 
erkannt, dass wir für eine grosse Anzahl der Reime in der unter dem 
Namen Schone Kfinstlike Werldtsproke gehenden Bearbeitung dos Nd. 
Reimbüchleins die direkte Vorlage besitzen. Sieht man von den durch 
die Form des Leberreims bedingten Abweichungen ab, so ist der An- 
scbluss an die Quelle in den meisten Fällen eine sehr enge. Ein 
Beispiel möge genügen, um dieses Verhältnis zwischen Rhytmi mensales 
und Weltsprüchen zu illustrieren. Junior Nr. 11: 

Diß Lever genamen uth dem Lyff, 
Moth men nicht ethen gar tho ryflF. 
Merck, welcker nicht vorderven wil, 
Höd sick vor Lögn und Kartenspil, 
Vor Küpen und vor Börgerschop, 
Vor Hören und böser gselschop. 

und Werldtsproke 9 (Nd. Reimbüchlein S. XIV.) heisst es: 

Welcker nicht vorderven wil, 

De hftde sick vor Lögen und Spil, 

Vor Kopen und Börgeschop, 

Vor Wyver und höser Geselschop. 

Welche Reime des Johannes Junior sich bei Hancke wiederfinden, 
ergiebt sich aus nachstehender Uebersicht. 



Junior 110 = Toppen S. 84 Nr. 62 

111 == S. 83 Nr. 61 

112 =: S. 84 Nr. 65 

113 = S. 84 Nr. 64 
123 =f S. 84 Nr. 63 



Junior 4 = Toppen S. 85 Nr. 69 

13 = S. 85 Nr. 70 

14 = . S. 85 Nr. 71 
17 = S. 85 Nr. 72 
19 = ' * S. 85 Nr. 73 
78 = S. 86 Nr. 74 

Die Nummern 75 — 78 bei Toppen sowie auch wohl Nr. 66 
gehören vermutlich zu den bisher nicht wiedergedruckten geistlichen 
Leberreimen des Johannes Junior, von denen Hofmeister einige Proben 
mitteilt, Nr. 67 dagegen, mit schwacher Anlehnung an Nr. 42 der 
'Rhytmi mensales', Nr. 68 und die in Hanckes Sammelbuche getrennt 
von der Etsliche leberreime überschriebenen Sammlung stehenden Num- 
mern 108 — 111 scheinen aus anderer Quelle zu stammen. 

Da der Herausgeber der *Werldtliken Ryme van der Levem' nur 
gelegentlich auf Parallelstellen verwiesen hat und zur Rechtfertigung 
der vorhin aufgestellten Behauptung, dass Johannes Junior eine 



Bearbeitung des Reimbiichleins gekannt und benutzt habe, schliesse 
ich Bemerkungen zu einer grösseren Anzahl der Reime an. 

Nr. 4: jungen statt Zungen bei Toppen Nr. 69 V. 3 wird Druck- oder Lese- 
fehler sein. Der aus Freid. 52, 16—17 stammende Spruch ist aus der jüngeren 
Glosse zum RV I, 11 in das RB 1281—1282 gekommen. KW 30. 

Nr. 8 V. 2—3: Im RB an verschiedenen Stellen: V. 2119—2120, worauf der 
Herausgeber verweist, femer 1913—1914 und 2510—2511. Nl. : Wien 2 (Nd. Jahrb. 
13, 104 V. 7—8) und 1. Hulth. 26 (Belg. Mus. 1, 102 V. 5-6). — V. 4-6: 
RB 2142-2143. 

Nr. 11: KW 9. 

Nr. 12 : RB 205—210. 

Nr. 17: Die Meioe ist bei Toppen Nr. 72 zur mucke geworden; der Wechsel 
im Reimwort hat die Ausstossung des aus dem RV I, 2 Randgl. in das RB 1437 
bis 1438 übernommenen Spruches von den Räubern und Dieben zur Folge gehabt. 

Nr. 18: KW 48. Aus einer Halberstädter Hs. im Nd. Jahrb. 3, 62 Nr. 22 
mit einer Notiz Walthers ebd. S. 67. 

Nr. 20: KW 2. 

Nr. 22 : Aus dem Narrenschiff 6, 57—62 durch Vermittelung von RV H, 
6 Gl. in das RB 565-570 gelangt. 

Nr. 23: Aus Freid. 32, 7-10. RB 559—562, entlehnt aus RV H, 7 Randgl. 

Nr. 48: RB 713-714 aus RV I, 39 Randgl. 

Nr. 49: Der Spruch ist am Ende gekürzt. RB 755-758 aus RV I, 37 Randgl. 
Vgl. Hoffmann von Fallersleben, Findlinge 1, 452 Nr. 143. 

Nr. 53: KW 20 = RB 2405—2406 und in weiterer Ausführung HoffinanD 
von Fallersleben, Findlinge 1, 351: 

Guter Muth, gesunder Leib, 
Altes Geld, ein junges Weib, 
Gottes Huldt und Glück dabei, 
Was meinstu wol, das besser, sei? 
Vgl. auch RB 2435— 2437, hd. in Hoffmann von Fallersleben, Spenden 1, 16; 1, 20; 
1, 23, in Eschenburgs Denkmälern S. 397 Nr. 5 und nl. in der Berliner Samm- 
lung 12 (Altd. Blätter 1, 75). 

Nr. 57: Aus Freid. 95, 18—19. RB 1415—1416 aus RVI, 3 Randgl. Vgl. 
Nd. Jahrb. 3, 62 Nr. 17. Hd. auch in Johannis Fabri de Werdea Proverbia 
(Weimar. Jahrb. 2, 184). 

Nr. 58: Vgl. RB 2628-2629. 

Nr. 59: RB 2632—2633. 

Nr. 62: Vgl. Narrensch. 1, 103—104: 

Mannich leret nu dat heym tho hüs, 
Dat he ne lerede to Parus. 

Nr. 80 V. 3-8: RB 2479—2484 aus Freid. 170, 14-17 und 20-21. Nl. in 
der 2. Hulth. Sammlung 56 (Belg. Mus. 6, 199-200 V. 443-448). — V. 9-10: 
RB 2485—2486 aus Freid. 170, 18—19. 

Nr. 81: RB 2487—2490 aus Freid. 170, 22-25. Vgl. auch Hoffinann von 
Fallersleben, Spenden 1, 30. 

Nr. 84 V. 2-4: RB 2292—2293. Vgl. auch Nd. Jahrb. 3, 61 Nr. 10 V. 5-6. 

Nr. 85: RB 2315-2320. Vgl. Nd. Jahrb. 3, 61 Nr. 9, femer Germania 19, 
303. Nl. in der 1. Hulth. Sammlung 18 (Tydschr. voor Nederl. Taal- en Letterk. 
3, 178). 

Nr. 86 V. 5-6: RB 2301-2302. 

Nr. 95: RV I, 22 Randgl. Vgl. Hoffmann von Fallersleben, Findlinge 1, 442 
Nr. 69, femer Keller, Alte gute Schwanke 2. Aufl. Nr. 26. Albert Hoefer verweist 
hinsichtlich dieses weit verbreiteten Reimspmches am Schluss seines Aufsatzes über 
apologische oder Beispiels-Sprichwörter im Niederdeutschen in v. d. Hagens Germania 
6, 106 ausser auf Wackernagel A. L. Sp. 1027 auf J. W. Wolfs Wodana 2, 206. 
Man findet ihn auch gegen Ausgang von Hans Rosenbluts Spruch von dem Pfennig 
(Keller, Fastnachtspiele 1184): 



n 

Man spricht: lieb gee für alle ding. 

Neyn, sprich ich pfennig, 

Wo ich pfennig wennt, 

Da hot die lieb ein endt. 
Dass Rosenblut nicht der Verfasser desselben ist, erhellt ans den einleitenden 
Worten: 'Man spricht*, die sonst nicht vorkommen. In das RB 925—928 ist er 
aus dem RVI, 24 Gl. in nachstehender Form übergegangen: 

Fr&ndtschop geit vor alle dinck, 

Dat straffe ick, sprack de penninck, 

Den wor ick keer und wende. 

Dar hefft de Fr&ndtschop ein ende. 
Es muss dahingestellt bleiben, ob die Bearbeitung des RB, die Johannes 
Junior zur Verfügung hatte, die Aenderung von 'Freundschaft* in 'Liebe' enthielt 
oder ob dieser die Fassung: De Lefft överwindt alle ding, weil sie ihm geläufiger 
war, einsetzte. An eine gleichzeitige Benutzung der jüngeren Glosse zum RV, die 
auch die letztere Lesart kennt, braucht man deshalb noch nicht zu denken. Auf die 
Freundschaft bezogen steht der Spruch auch im Buche Weinsberg 71a (vgl. Bir- 
lingers Mitteilungen aus demselben in der Germania 19, 83) und um die ersten 
beiden Verse verkürzt in Hoffmann von Fallersleben, Findlinge 1, 444 Nr. 82 
Y. 3 — 4. Weitere Belege giebt Sandvoss in seinen Bemerkungen zu den Inschriften 
von Lund, unter denen unser Reim ebenfalls begegnet, im Nd. Korrespondenzblatt 
9, 53-54. 

Nr. 99: RB 2107—2112 (s. auch RB 663-664). Hd. bei Toppen S. 76 

Nr. 18 V. 1 — 4 und erheblich gekürzt in Hoffmann von Fallersleben, Spenden 1, 73. 

Nr. 112: Bei Hancke gehört die Leber einem 'einhom*, nicht einem 'Barn*; 

V. 5 ist, wie folgt, umgestaltet : Ich toüs noch ein zeit lang (wil myn Fryent wat) 

ansehen, 

Nr. 121 : RB 292—299 aus RV III, 7 Gl. 

Nr. 128: Vgl. RB 2325-2331, ebd. 100—103 und 2512-2513. Hd. bei Toppen 
S. 77 Nr. 24 und bei Hofimann von Fallersleben, Spenden 1, 19. 

Unangemerkt ist bisher geblieben, dass sich Johannes Junior öfters wiederholt. 
Nr. 1 steht Nr. 123 nahe, Nr. 2 V. 2-4 = Nr. 99 V. 2-3, Nr. 4 V. 3-4 = 
Nr. 77 V. 1-2, Nr. 10 V. 6-7 = Nr. 84 V. 5—6, Nr. 74 V. 4-5 = Nr. 87 V. 5-6. 

BERLIN. Herman Brandes. 



Zur Geschichte der Leberreime. 



Die Rhytmi mensales des Johannes Junior sind auch nach Mi- 
chael Hancke noch ins Hochdeutsche übertragen. Im Jahre 1649 
erschien: 

JOOSERIA (!) MENSALIA, I Das tjl: | (Etltd^e Qunbert fd?5ne Cl^rifi« 
viib I tpeltltd^efdjerftonbernjltiaffte | teber Heimen, | gufampt | (Etlid^en lufiigen, 
\diSn viib lid^ii' \ gen Hetmmet^ gefteüten | Hinein. | Vor btefem luemat^Ien fo 
orbentltd^, | nebenft fo fd^^nen vnb lujitgett Heimen onb | Hinein verbeffert, in 
tentfd^ aü%t \ gangen. [Druckerstock.] (gebrucft im Jal^r, | ^6^9. 

Als Motto steht auf der Rückseite des Titels: 
2ln ben £efer. 
IDer n>il bie £ebr bereimen fd^Ied^t, 
Per reb was Cijri^Ud^ ift vnb red^t. 



96 

Es folgen auf Seite 3 — 19 nach der Überschrift „TXlaniinU^ 
lDei§ über tCifdj Ct^riftUd? bie £eber 3U bereimen" 110 geistliche Leber- 
reime, dann kommen S. 20 — 54 176 weltliche Leberreime, an die sich 
71 Rätsel schliessen. Ein grosser Teil der weltlichen Reime dieser 
Sammlung nun ist aus den Rhytmi mensales des Johann Junior über- 
tragen. Es finden sich von den niederdeutschen Reimen folgende in 
den Jocoseria mensalia übersetzt: 



Rhytmi mens 


2—5 


= 


Jocor. mens 


. 51—54 


» 


7 


= 


T) 


55 


rj 


9 


= 


j) 


56 


n 


11— U 


= 


jj 


57—60 


r) 


16—17 


= 


n 


61-62 


71 


19—25 


=; 


rt 


63—69 


n 


28—46 


= 


» 


70—88 


n 


47—91 


= 


n 


104—148 


n 


93-94 


= 


n 


149—150 


n 


97—102 


= 


n 


151—156 


r) 


105 


= 


n 


157 


jj 


109 





n 


158 


T) 


110 


= 


n 


101 


n 


111 


= 


yy 


99 


n 


113-114 


= 


n 


159—160 


» 


115 


= 


n 


176 


» 


116 


= 


n 


161 


» 


117 


= 


n 


97 


rt 


119 


= 


n 


100 


n 


123 


=r 


n 


162 


)) 


125 


== 


n 


14 


n 


128 


= 


>» 


173 



Dass die Leberreime der Jocoseria Übersetzungen aus den nieder- 
deutschen Reimen des Junior sind, beweisen die zahlreichen nd. Reim- 
formen, welche in der hd. Übersetzung beibehalten sind. Ein Beispiel 
möge genügen: 

Rhytnu mensales 40. Jocoseria mensalia 82. 

Difz Leuer vam Hoen ick ethen wil, Die £ebr oom fjutjn xdf effen iptl, 

Wol ümmer sitt vnd seh wicht ock still XOet jmmer pgt vnb fdjipeiget jitK, 

Vnd steds duncker vnd suer vthsicht Vnh ftets bunrfel Ptib fatpr au§(tdjt 

Höd dy ydt ys ein Schalck vellicht. ßut btdj, er tft ein Sd^ald tJieUeid^t, 

Ein oldt Sprickwordt mercke thor stundt (Ein alt fpridjroort, merdf 3ur punb. 

Jo stiller Watr, jo deper grundt. 3^ ^^^^^ majfer, je tiefer grunb. 

Der erste Teil der Jocoseria wird wahrscheinlich in ähnlicher 
Weise aus den geistlichen Leberreimen des Johannes Junior umge- 
dichtet sein. 

Den Ruf, der Erfinder der Leberreime gewesen zu sein, hat 
Heinrich Schaeve schon durch Hoffmanns Hinweis (Monatsschrift von 
und für Schlesien (1829) I S. 229 ff.) auf Johann Sommer verloren; 
nun lässt sich sogar wahrscheinlich machen, dass der gelehrte Rector 
Schaevius überhaupt keine Leberreime verfasst hat. Freilich werden 
in dem Schulspiel von Johann Leonhard Frisch Die entöerfte unb 
periDorffcne Unfauberfeit 5er falfctjen Did^t* un5 Heimfunft (Berlin 



97 

1700) drei recht abgeschmackte Leberreime ausdrücklich dem Schaeve 
zugeschrieben, nämlich: 

Die Leber ist vom Hecht und uicht von einem Hahn. 
Heut will ich wohl gemuth zu mein'r Hertzliebsten gähn. 
Die Leber ist vom Hecht und nicht von einer Elster. 
Mein Bruder ist mir lieb, und lieber noch die Schwester. 
Die Leber ist vom Hecht und nicht von einer Gans. 
Die Magd heisst Ursula, der Haufsknecht aber Hans. 

Ja aus der Fassung der Worte an jener Stelle Hesse sich herauslesen, 
dass Frisch eine Sammlung des Schaevius in der Hand gehabt habe. 
Ein derartiges Werk des Schaeve hat sich aber trotz meiner sorg- 
fältigsten Bemühungen nicht auftreiben, ja nicht einmal der genauere 
Titel desselben auffinden lassen. Dagegen kann man die Quelle, aus 
der Frisch und andere ihre Nachrichten über Schaeve als Leberreim- 
dichter schöpften, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nachweisen. Ich 
meine, es war Neumeister, der in seinem Specimen dissertationis 
historico-criticae (1685. 4*) p. 91 von Schaeve sagt: Schaevius (Henr.) 
Kilon. Rector tandem Thoruni. Vir in ceteris longe doctissimus, in 
Poesi vero patria parum praestans excogitavit notos illos Rythmos 
Hepaticos, €eber«Heime, qui ridicule ac minus congrue consui solent. 
E. g. „Die Leber ist vom Hecht" u. s. w. Es folgen dann 6 Leber- 
reime. Von diesen finden sich nun drei im Frischschen Schulspiel 
wieder, und zwar diejenigen drei, die man, ohne Ärgernis zu nehmen, 
aus dem Munde von Schülern hören konnte. Die anderen drei sind 
erotischen Inhalts. Dieser Umstand zusammen mit der Unmöglichkeit, 
eine derartige Sammlung Schaeves nachzuweisen, macht es mir wahr- 
scheinlich, dass Frisch seine Kenntnis über Schaeves Leberreime aus 
Neumeister geschöpft hat. Neumeisters Worte aber sind m. E. von 
ihm und anderen seiner Zeitgenossen missverstanden. Sein Urteil „qui 
minus congrue consui solent" bezieht sich nicht auf Schaeves Verse, 
sondern auf die Leberreime überhaupt, und um diese Ansicht zu be- 
kräftigen, führt er als Beispiele einige recht abgeschmackte Leberreime 
an, die er aber keineswegs für Schaevesche ausgeben wollte. Diese 
Auffassung der Worte bei Neumeister teilt Job. Friedr. Rottmanns 
Lustiger Poete (o. 0. 1718) S. 393 Capitel 22 § 4 u. 5: „Femer ge- 
hören hier her die Leber-Reime, welche Weiland Henricus Schaevius, 
ein gelehrter Rector zu Thorn und zwar unter dem Namen der Eu- 
phrosynen von Sittenbach erdacht und heraufs gegeben. Es erfordert 
aber derselben Verfertigung gar keine Kunst, und kan ein jedweder 
nach seinen Gefallen die Leber bereimen wie solches aus einigen 
Exempeln wird erhellen." Nun folgen zwei von den bei Neumeister 
befindlichen Reimen. Nach diesen Ausführungen ist es wahrscheinlich, 
dass die von Neumeister mitgeteilten Leberreime nicht von Schaevius 
herrühren. Woher stammt nun aber Neumeisters Nachricht, dass 
Schaeve der Erfinder der Leberreime sei? Für diesen Irrtum scheint 
Morhof verantwortlich zu sein. Derselbe, obwohl ein Schüler des 
Schaeve, sagt in seinem Unterricht von der Teutschen Sprache und 

Viederdentsohes Jahrbuch. XTV. 7 



98 

Poesie (Kiel 1682. S"^) S. 768: „Wohin (zu den Epigrammatibus) man 
auch die bey den Teutschen gebräuchliche Leber-Reime bringen kan, 
von welchen Henricus Schaevius ein Büchlein unter dem Nahmen der 
Euphrosinen von Sittenbach heraufsgegeben, deren Autor sonst niemand 
leicht bekannt ist." Welche Gründe ihn veranlasst haben, die Greff- 
lingersche Sammlung, deren Verfasser er nicht kannte, dem Schaeve 
zuzuschreiben, ist nicht mehr ersichtlich. GrefiElingers Reime sind 
ohne Nennung des Verfassers häufig nachgedruckt u. a. in Alberti 
Sommers neu vermehrten anmutigen Conversationsgesprächen (1673), 
so dass die Verwechslung wohl möglieh war. 

Durch dieselbe allein aber ist wahrscheinlich Schaeve in den 
unverdienten Verdacht, Leberreime verfasst zu haben, geraten. 



Nicht auf die Rhytmi mensales, sondern wahrscheinlich auf die 
Jocoseria mensalia gehen die Leberreime zurück, welche im 

Sdjaupla^ | bcr VexWehien, | Das ijl | Z^nQ^^evhanete | Sd^äfferey, I ö)t>er 
feufd^e liebes=8e= | fd^reibun^, | Der ZTiinpfen | Amoena unb Amandas, | Cratus 
uitb Phoebea, | Romeo unS Julietta: { IPte aud^ 1 Des ^freyers in allen 
(Sajfeti; I Sampt | ^nfügunt} t^öfflid^er Sd^ret^ | ben nad^ i^i^er §ett an das 
löblid^e I Jrauen=§immer. | Hamburg, | 3n Perletjung 3ö^<J»i" ITanmanns, [66% 

enthalten sind. Es ist dies eine Erweiterung des 1632 zuerst unter 
dem Titel: Jüngst erbauete Schäfferey u. s. w. erschienenen Schäfer- 
romans. (Vgl. J. Bolte, Nachträge zu Alberts und Dachs Gedichten. 
Altpreuss. Monatsschrift. XXIIL 1886. S. 444.) Die dort auf S. 
261 — 273 mitgeteilten Leberreime finden sich bis auf 2 geistliche 
sämtlich in den Jocoseria mensalia. Dass die Rhytmi mensales die 
direkte Quelle für diese Reime nicht sein können, zeigt deutlich fol- 
geude Übersicht: 

Joe. meos. 51—54 Schaupl. d. V. 1 — 4 
„ 55 „ 5 

„ 56 „ 6 

57—60 „ 7—10 

61—62 „ 11—12 

63—69 „ 13—19 



mi mens. 


2-5 


)) 


7 


)) 


9 


iy 


11—14 


}) 


16—17 


)) 


19—25 


» 


28—38 



70—80 



20—30 



Es finden sich eben in der letztgenannten Sammlung genau die- 
selben Reime und in derselben Reihenfolge, wie sie der Verfasser der 
Jocoseria mensalia in fieier Wahl und ohne sich an die Reihenfolge 
zu kehren aus den Rhytmi mensales herübergenommen hat. Von den 
geistlichen Leberreimen im Schauplatz der Verliebten entspricht der 
3. dem 63. aus dem ersten Teile der Jocos. mens., der 4. dem 64., 
der 5. dem darauf folgenden ebenfalls mit 64 bezeichneten, der 7. 
dem 70., der 8. dem 74. und der 9. dem 75. Die Übereinstimmung 
ist fast wörtlich. Auffallend ist bei der Vergleichung beider Samm- 
lungen, dass die Leberreime im Schauplatz der Verliebten gerade mit 



dem ersten Reime der Jocoseria mens, beginnen, welcher aus den 
Rhytmi mensales entlehnt ist: sollte der Verfasser des Schauplatzes 
eine vollständige hochdeutsche Übersetzung der Rhytmi mensales, die 
älter war als die Jocoseria mensalia und die der Herausgeber der 
Jocoseria ebenfalls benutzte, in Händen gehabt haben? 

BERLIN. L. H. Fischer. 



Niederdeutsehe Reehenbüeher. 



Vor einiger Zeit erwarb ich ein Rechenbuch in niederdeutscher 
Sprache von Rembert Friese in Emden, welches selten zu sein scheint, 
weshalb ich es hier beschreibe : 

Titel: „Arithmetica | bat \s: \ ©e He!en fünft. | IHit aDer- 
Uy« nSbxqe HeguUii; fcl^one | €^empeleii, vnb bixyüyte Inftructien 
gesyret: | So tt|o b^fer tybi im Koop-ljanbel am gebrucdivdflen. 
I Sampt einen Munplyfen Appendix, | De leeoe 3Sget un5 alle 
Ceefftjebberen öefer | fünft tl|o fonberivfen nütte im | Vtnd vov 
fertiget | Votdi: \ Rembertum5riefe,lDote6ror5neten | Sdjryff- 
\xnb Hefenmeifter bet iSfflyfen | StaM (£mb5en. | (ßeörudt ttjo 
(£mbben, | Sy 'öcxmb ^inöricfs van ^orcfum, | Poor 3ann 
Hippen fcftuirman ^oedoerfoper in be \ Brügge ftrate int golben 
2t ^, I im 3atjre ^658.'' 8^ 

Unter denjenigen, welchen das Buch gewidmet ist, befinden sich 
auch die „Sdjryff* x>nb Hefen^meiftern 5er CSfflyfen Stabt €mböen.'' 
Es waren die „^eren Conrad Schröder. Gerdt Friesenboreh. Adam 
van Karfzenbroeck. Jacob Oldepott. Augustus Sagittarius. Hindrick 
Janfzen B. Dirck de Ahna^. 

In Hamburg waren die Rechenbücher von Brandanus Daetri 
während des 17. Jahrb. in Gebrauch. Der Genannte gab sie dreimal 
heraus. Nach seinem Tode besorgte sein Sohn Nicolaus Daetri 
eine neue Ausgabe, welche ich besitze (^ambord^, (ßebrurfet vnb vov 
ledjt bSvdi I UTicIjael ^erincf Soerff. ^630.). Aus der Vorrede ersehen 
wir, dass Nicolaus der Nachfolger seines Vaters im Schul- und Kirchen- 
dienst an S. Maria-Magdalena wurde. Ein anderer Sohn, welcher den 
Vornamen Brandanus führte, hat der Ausgabe von 1630 ein hoch- 
deutsches Gedicht auf seinen Vater vorausgeschickt, worin es u. a. heisst: 

grpar, Datcr, 3u bem td? mein Eröffnung net^tjl (Sott 
^lUseit gejieUet Ijatf, Jtjr fevb lingft burdj ben Cobt 

gufrue, ad^ gar 3U frue von ons tjinrDeg gcriffen: 

— 3^^ f^Y^ bal^in, he^tahen 

7* 



100 

3n aller niutterfd^oeg; bod^ nur ber £etb; bte (Sabeti 
So (Sott tu eud} delegt, bte finnen ntd^t oer^etin, 
Sonbern fo lange roirb bie 2lrittjmetic ^et^n 
3n red^tem Huljm' ©nb Wev% xv'ivb aud? ber nat^me bleiben 
Den jt^r befommen l^abt burdj emer Bfidjer fd^retben. 
Dnb offt als btefes Bud), tDte fletn es oon papier 
So grog pon linken bod^, mirb neip gebructet t)ier, 
IPerb' tdf eud) mieber fet^n als tPie oon nemen £eben 
IPann eud^ big Sfid^Iein giebt; ipas }t{r jt^m ^ahi ^e^ehen. 

Von den früheren Ausgaben befindet sich die von 1602 in der 
Stadtbibliothek zu Hamburg. 

In Lübeck druckte Johan Balhorn 1547 das Rechenbuch des 
Caspar Hutzier von Nürnberg in niederdeutscher Sprache, der Titel 
ist: „€vn be* | li^nbe vnb fünft | rifc Hefcnsbocf, t>p | aüerlcv foep« 
tjanbele, ym \ taue, mate vnb geroid^te, vp \ 5er Cinien vnb tsvfern, ganfe 
I gruntlicf gemafet vnb tofa* | menöe gelefeit, bSvdi (Eafper | ^ufeler van 
TlStenbetdi, \ Ctjom anbern male auer« | feen, vn mit flyte bStdt \ 3ol)an 
^altjorn gebriicfet." Am Schluss steht folgendes Gedicht: 

^Jramer f nab, Mp onb leß my mit trunken, 
Syn gelbt fdjal by nid^t ruipcn. 
So td* ben nid^t fry be ipart^eyt bo fa^en, 
So mad)flu my cor bem paipfte oorfla^en. 

Darauf: „IDeer weis | wies fumpt. | 3n ber Keyfferlifeii Stabt ( 
Cübccf, bSvit 3oltan \ Sdt^orn mit flite | gebrucfet. | M. D. XLVH/ 

Ob Caspar Hfitzler sein Rechenbuch ursprünglich niederdeutsch 
geschrieben, oder ob es erst in Lübeck übertragen wurde, kann ich 
nicht angeben. 

Ein dem obigen inhaltlich verwandter Reim findet sich auch auf 
der Rückseite des Titelblatts in dem Rechenbuch von Rembert Friese. 
Er lautet: 

Vat ^ocd tl^om Cefer. 

£eeDe Cefer gal^ nid^t vorby 

Sel^e erft roartl^o irf n&tte fy. 
£eg; porftalj, onb beljolb' oeel meljr, 

IPat irf ©an befer fünft by €el?r. 
Htdyt in be Dod?t oocf alles gal^r, 

€er bu ibt Dabelft (Dpenbatjr. 
Befumftu nenen fromen ban 

Dorflag my por ein Jeberman. 

ELBERFELD. W. Crecelius. 



101 



Die Vogelspraehen 

(Vogelparlamente) der mittelalterlichen Litteratur. 

In der ehemaligen Herrenstube des Lübecker Ratsweinkellers 
findet sich auf dem Sims des altertümlichen Kamins neben der bild- 
lichen Darstellung eines Hahnes und einer Henne die alte Inschrift'): 

VUennt&i man lube fyngf^et 
Wen men em be brut bringet 
IPejIe ^e mai men em bro^te 
Dat t^e wol tpenen mod^te. ^575. 

Wir wissen nicht, aus welchem Grunde gerade diesen Spruch 
voll herber Lebenserfahrung die beiden Ratmänner Franz und Hinrich 
von Stiten, welche i. J. 1575 den Kamin gestiftet haben, auf seinen 
Sims setzen Hessen. Aber wie einem alten Steingerät der kundige 
Forscher wohl ansieht, aus welchem fernen Gebirge der Stein dazu 
gebrochen ist, und er, Fund zu Fund fügend, die Richtung eines alten, 
vorgeschichtlichen Handelsweges erkennt, so wird auch jener merk- 
würdige Spruch des Ratskellers in Lübeck im Lichte vergleichender 
Litteraturforschung uns auf Wege weisen, auf denen einst alte Spruch- 
weisheit von West nach Ost, von Nord nach Süd zog, die Schranken 
der nationalen Litteraturen durchbrechend. 

Es ist von Ch. Walther ^) darauf hingewiesen worden, dass 
derselbe Spruch sich in zwei englischen Spruchdichtungen des 12. und 
13. Jahrhunderts wiederfindet, in den sogenannten Proverbs of hing 
Alfred^) und den Proverhs of Hcnding*). In jenen lautet er: 

Monymon singeth. Mancher Mann singt, 

That wif hom bryngeth. Der sein Weib heimführt 

Wiste he hwat he brouhte, Wüsste er was er brächte , 

Wepen he myhte. Weinen er möchte. 

Der Alfredsspruch und der Spruch des Ratskellers sind die Enden 
eines Fadens, der einst die englische und die deutsche Spruchdichtung 
verknüpfte. 

Dass der englische Spruch in dem alten Vororte der Hansa 
wiederkehrt, würde sich freilich leicht und einfach erklären, wenn man 
annehmen dürfte, dass dieser Spruch in dem Weinstübchen des Stahl- 
hofes, des alten Contors der deutschen Hansa in London, gleichfalls 

*) Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte 2 (1867), 120 if. 

«) Von Nah und Fem. Festgabe für C. F. Wehrmann. Hamburg (1879) 
S. 7—11. 

») An old engl, miscellany, ed. by Morris (1872) S. 118. 

•) *Monimon synghet When he hom bringeth Is jonge wyf; Wyste whet he 
brojte Wepen he mohte Er syth bis lyf.' Böddeker, Altengl. Dichtungen (1878) 
S. 293. 



102 

zu lesen war und der lübische Ratskeller nur eine Copie davon böte. 
Die Kaufmannsgesellen des Stahlhofes, welche die Geschäfte der 
deutschen Häuser in London besorgten und ebenso wie ihre Genossen 
in den übrigen ausländischen Contoren der Hansa auf die Ehe ver- 
zichten mussten, so lange sie von der Heimat fort waren, jene Lon- 
doner Hanseaten konnte der Spruch, der in Lübeck so herbe warnend 
in lustige Hochzeitsgelage hineinschaut, humorvoll über den ihnen 
aufgezwungenen Goelibat trösten. Und wenn man dann weiter an- 
nimmt, dass der Erbauer des Kamins, einer jener Stiten, nach zeit- 
genössischem Brauch die Kaufmannschaft in einem hansischen Contor 
erlernend einst in London einen Teil seines Lebens verbracht hat und 
nach Lübeck zurückgekehrt als alter Junggesell den Spruch, mit dem 
er sich in London getröstet hatte, auf dem Kamin anbringen liess, 
so mutet diese Annahme wie die getroffene Lösung eines Rätsels an. 
Der alte Stahlhof, in dem auch Shakespeare am rheinischen 
Weine sich erfreut haben soll, ist vor zwei Jahrhunderten nieder- 
gebrannt, ohne dass eine achtsame Hand die Sprüche, die ohne 
Zweifel seine Weinstuben zierten, aufgezeichnet und uns überliefert 
hat. Befand sich der Lübecker Spruch in der Tat unter ihnen, so 
ist er doch jedesfalls nicht erst i. J. 1575 in Deutschland bekannt 
geworden* Es lässt sich vielmehr erweisen, dass er viele Jahre früher 
in Lübeck bekannt gewesen sein muss, als Spruch einer Vogelsprache. 

Die Vogelsprachen *), oder wie man heute sagen würde und auch 
schon im Mittelalter gesagt hat die Vogelparlamente, waren, wie die 
Zahl der erhaltenen Fassungen und die Anwendung ihrer Form zu 
Nachahmungen beweist, im Ausgange des Mittelalters eine sehr volks- 
tümliche Dichtungsart. Heute wird angesichts des Umstandes, dass 
auch nicht ein einziger von denen, welche die eine oder andere zum 
Abdruck brachte, ihre ungemeine Verbreitung übersah oder eine An- 
deutung giebt, dass sie einen besonderen Typus darstellen, eine kurze 
Darlegung desselben einer ausführlichen Untersuchung über sie voraus- 
zugehen haben. Es ist bekannt, dass im späteren Mittelalter die 
sogenannten Bildersprüche sehr beliebt waren, d. h. lehrhafte Sprüche, 
die allegorischen Figuren oder anderen bildlichen Darstellungen bei- 
gefügt waren. Diese Sprüche wurden dann auch wohl abgeschrieben, 
ohne dass die Bilder mit copirt wurden. Als solche Bildersprüche 
könnten auf den ersten Blick die Vogelsprachen um so eher aufgefasst 
werden, als viele nur Sammlungen von Sprüchen scheinen, die Vögeln 
in den Mund gelegt sind, und Abbildungen der einzelnen Vögel oft 
die Sprüche ^begleiten. Die Bilder sind jedoch bei den Vogelsprachen 
nebensächlich, die Dichtungen sollen ursprünglich vielmehr das Abbild 
eines Reichstages oder Parlamentes vorstellen, in welchem dem Könige, 
der die Versammlung berufen hat, von den Grossen seines Reiches 



') Über mnd. sprake (lat. colloquium concilium synodus; franz. parlement). 
Vgl. Ndd. Jahrbuch 12, 78. 



lOS 

für seine Regierung gute oder schlechte Ratschläge gegeben werden. 
Nach Art der Fabel treten an die Stelle der Menschen jedoch tierische 
Wesen, und zwar überwiegend Vögel, als König erscheint gewöhnlich 
der Zaunkönig oder Adler, als seine Räte der Falke, Habicht, Pfau, 
der Fuchs, das Einhorn usw. 

Das nachfolgende Verzeichnis stellt zum ersten mal diejenigen 
Vogelsprachen oder deren Nachahmungen, welche in neueren Abdrücken 
vorliegen oder mir sonst bekannt geworden sind, möglichst vollständig 
zusammen. Die beigefügten Nummern sollen keine chronologische 
oder sonstige Ordnung andeuten, sondern zur Vermeidung gehäufter 
Citate die Bezugnahme auf einzelne Fassungen erleichtern. 

Nr. 1. Niederdeutsch. 
Stockholmer Hs. (16. Jh.) Gedruckt weiter unteu S. 126. — 84 Vögel, die 
Sprüche haben auch bei den Vögeln, deren Eigenschaft als nicht gut hingestellt 
wird, eine moralische Wendung. Vierzeilige Sprüche. 

Nr. 2. Niederdeutsch. 
Druck 0. 0. u. J. (circa 1500) der Münchener Bibliothek. Gedruckt weiter 
unten S. 138. — 52 Vögel, von deren Sprüchen dasselbe gilt, was zu Nr. 1 bemerkt 
ist. Die Sprüche sind meist vierzeilig. 

Nr. 3. Niederdeutsch. 
Utrechter Hs. (15. J.) Bruchstück. Herausg. von F. Buiteuruät Hettema 
im Ndd. Jahrbuch 11 S. 171 if. — Erhalten sind 10 vierzeilige Sprüche. 

Nr. 4. Niederdeutsch (Auslese). 
„Niederdeutsches Reimbüchlein. Eine Spruchsammlung des 16. Jahrb. (1885)." 
Vs. 1939—1991. Vgl. weiter unten S. 107. — 13 bezw. 14 vierzeilige Sprüche. 

Nr. 5. Hochdeutsch-Niederländisch. 
Haag'er (Hulthem*sche) Hs. (14. Jh.) „Van den voghelen." Herausgeg. 
von Massmann in Pfeiffers Germania 6 (1861) 231 f. Vgl. femer weiter hinten 
S. 113. — Ausser dem Winterkoninc 14 Vögel, die abwechselnd gute und schlechte 
Lehren geben. Zweizeilige Spräche. 

Nr. 6. Niederdeutsch. 
Wolfenbüttler Hs. (15. Jh.) Gedruckt als „Rathsversammlung der Thiere" 
bei P. J. Bruns, Romantische Gedichte in Altplattdeutscher Sprache (1793) S. 135 ff. 
und Wizlaw IV von Rügen hrsg. von Ettmüller S. 64 ff. — 40 Tiere (bis auf Ein- 
horn, Wolf und Fuchs sämmtlich Vögel), von denen die erste Reihe gute, die andere 
(von Vs. 53 ab) schlechte Lehren gibt. Zweizeilige Sprüche. 

Nr. 7. Niederländisch. 
Haag'er (Hulthem'sche) Hs. (14. Jh.) „Dit sijn Voghel Sproexkene." Ge- 
druckt in Vaderlandsch Museum voor nederduitsche Letterkunde, uitgeg. door 
Serrure. Deel 1 (Gent 1855), 319 ff. — 26 abwechselnd teils gute, teils schlechte 
Lehren, die an den König gerichtet sind. 24 Vögel und zweimal der Profeta. Der 
König fehlt. Zweizeilige Sprüche. 

Nr. 8. Hochdeutsch, 
a) Nürnberger Hs. (v. J. 1454). Gedruckt: Die Erlösung herausg. von Bartsch 
(1858), Einleitung S. XLIII ff. — Ausser dem Eisvogel, der König ist, 46 Vögel, 
gute und schlechte Lehren wechseln ab. Zweizeilige Sprüche. 



104 

b) Handschrift des Stifts St. Florian bei Linz. (15. Jh.) Herausg. von 
Chmel: Jahrbücher der Literatur Bd. 40 (1827. Wien) Anzeige-Blatt Nr. XL S. 
15 ff. — Dieselbe Fassung wie die vorige. 

c) Berliner Hs. (v. J. 1475). — Eine dritte Handschrift derselben Fassung. 
Vgl. Sotzmann im Serapeum 12 (1851), 339. 

Nr. 9. Neuhochdeutsch. 
,,Ain selzamb gedieht der Vogl, so in Kayser Maxmilians stubn zu Inssprugg 
gemalt vnd gschriben", aus einer Hs. des 16. Jh. herausg. von Chmel im Notizen- 
blatt. Beilage zum Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen. Jg. 1 
(1851), 153 ff. — Ausser dem „Königl" 33 Vögel, die abwechselnd gute und schlechte 
Lehren geben. Die Sprüche sind meist zweizeilig, im letzten Drittel der Dichtung 
meist sechszeilig. 

Nr. 10. Hochdeutsch. 

a) Handschrift des 15. Jh. im ehemaligen Besitz J. C. v. Fichard's. Von 
dem Besitzer zum Abdruck gebracht in seinem Frankfurtischen Archiv für ältere 
deutsche Litteratur und Geschichte. Tl. 3 (1815) S. 316 ff. — Ausser dem Könige 
29 (in dieser Handschrift nicht genannte) Vögel. Es wechseln immer mehrere gute 
und mehrere schlechte Lehren ab. Sechszeilige Sprüche. Dieselbe Vogelsprache 
liegt vor in einer: 

b) Stuttgarter Hs. (15. Jh.) Vgl. Pfeiffer in seiner Germania 6 (1861), 
88 f. — Der Anfang fehlt. Erhalten sind die Sprüche von 24 Vögeln. 

Nr. 11. Hochdeutsch. 
Wiener Hs. (v. J. 1518). „Manigerley vögel rat." Vergl. weiter unten 
S. 109. — Ausser dem Küniglein 30 Vögel. Es wechseln gute und schlechte Lehren 
ab. Sechszeilige Sprüche. 

Nr. 12. Hochdeutsch. 
Stuttgarter Hs. (15. Jh.) Herausgeg. von Pfeiffer, Germania 6 (1861), 83 ff. 
— Ausser dem Regulus 18 Vögel, von denen Nr. 2 — 6 gute, 7 — 11 schlechte, 12 
— 15 gute, 16—19 schlechte Lehren geben. Sechszeilige Sprüche. 

Nr. 13. Hochdeutsch. 

Münchener Hs. (Cg. 714. 15. Jh.) „Der vogel gespräch." Herausg. von 
F. Pfeiffer, Germania 6 (1861), 91 ff. — Die Einleitung erzählt das Märchen vom 
Zaunkönige, der durch seinen hohen Flug König der Vögel wird. In einer Vogel- 
sprache (Vs. 151—485), die er abhält, geben ihm die Vögel Ratschläge. Den 
Anfang machen 22 Vögel mit guten Lehren, dann folgen nach der Aufforderung 
des Herolds „Nu ratet auch meinem heren Mir zuo meinen eren" schlechte Lehren, 
die 21 Vögeln, einer Seele und dem Teufel in den Mund gelegt sind. Sprüche von 
4, 6, 8 und mehr Zeilen. 

Nr. 14. Hochdeutsch. 

Münchener Hs. (Cg. 312. aus Augsburg, v. J. 1454). üngedruckt, vgl. Se- 
rapeum 12 (1851), 338 f. — 100 Vögel mit Namen und Abbildung. Die Ratser- 
öffnung durch den König fehlt. Der erste mitgeteilte Spruch zehnzeilig. 

Nr. 15. Lateinische Nachahmung. 
(V. J. 1557.) Joh. Majores Synodus avium (6pvi0o(TuvoSo?) depingens 
miseram faciem Ecclesise. Erster Abdruck im Scriptorum publice propositorum a 
gubematoribus studiorum in Academia Witebergensi Tomo HI Witebergae 1563. — 
Andere Ausgaben und ausführliche Inhaltsangabe bei G. Frank: Zeitschrift für 
wissenschaftliche Theologie Jg. 6 (1863) S. 124. 

Nr. 16. Neuhochdeutsche Nachahmung. 
(1524.) Hans Sachs „Der zwölff reynen vögel eygenschafft, zu den ein 
Christ vergleichet wirdt. Auch die zwelff unreynen vogel, darinn die art der gott- 



105 

losen gebildet ist". Hans Sachs herausg. von Keller Bd. 1, 377 ff. — 24 Vögel. 
Vierzeilige Sprüche. 

Nr. 17. Neuhochdeutsche Nachahmung. 
(17. Jh.) „Das geistliche Vogel-Gesang." Wahrscheinlich um 1650 zu Augs- 
burg gedruckt und sehr oft wiederholt, 1792 als „Das geistliche Vogelgesang oder 
Betrachtung der Allmacht des weisesten Schöpfers in Hervorbringung unterschied- 
licher Vögel in Reimen gebracht und mit Sittenlehren begleitet". — Knaben- 
Wunderhom 3, 357. 4, 277 (Ausgabe von Birlinger-Crecelius 2, 455). Pröhle, Volks- 
heder (1855) 209 f. Wackernagel, Voces animantium (1869) S. 112. Vgl. Ale- 
mannia 7, 219. 12, 73. — 35 oder mehr achtzeilige Strophen, die Vögel sind alpha- 
betisch geordnet. 

Nr. 18. Neuhochdeutsche Nachahmung. 
Breslauer (Üniv.-Bibl.) Hs. v. J. 1700. „Vogel-Schul." — 59 Vögel. Vgl. 
weiter hinten S. 116. 

Nr. 19. Niederdeutsch (Nachahmung). 
„Reinke de Vos" (herausg. von Prien 1887) Vs. 3247—3274. Sieben Vögel 
treten zu einer Beratung zusammen, jeder spricht vier Zeilen. 

Nr. 20. Niederdeutsch. Nachgeahmt als Orakelspiel. 
Fragment eines alten Druckes o. 0. u. J. in Hamburg. „Vagelsprake." Auf- 
gefunden und mitgeteilt von De Bouck. Serapeum 21 (1860), 273 ff. — Ursprüng- 
lich 88 Vögel und einige andere Tiere mit vierzeiligen Sprüchen. Erhalten sind 
die Sprüche Nr. 29—42. 

Nr. 21. Hochdeutsch. 
• Münchener Hs., Cg. 312, dieselbe wie Nr. 14, aus Augsburg, 15. Jh. Unge- 
druckt, vgl. Serapeum 12, 315. 339. — 56 Tiere, Vögel u. a., darunter *ain Syren, 
Frawe Adelfaait, das Merwunder, die Schön diem' mit Sprüchen und Würfelung, 
letztere zur Benutzung als Loosbuch. 

Nr. 22. Böhmisch. 

(V. J. 1395.) Neueste Ausgabe: Pamatky stare literatury ceske. Vydavane 
Maticf Ceskou. I.: Nova rada. Basen Pana Smila Flasky z Pardubic. K tisku 
pripravil a vyklady opatril Jan Gebauer. V Praze 1876. 8°. (Denkmäler der alten 
tschechischen Litteratur. I.: Der neue Rat. Gedicht des Herrn Smil Flaschka 
von Pardubitz. Mit Anmerkungen von J. Gebauer. Prag 1876.) — 2116 Verse. 
22 Tiere. 

Nr. 23. Böhmisch. 

(15. Jh.) Ältester Druck v. J. 1528, neuester besorgt von F. D(obrovsky): 
Kniha vzitecnä y kratochwilnä, genz slowe : Rada wsselikych Zwjrat nerozumnych 
neb zhowadilych, y Ptactwa . . . W Praze 1814 (d. h. Nützliches und unterhaltendes 
Buch, welches heisst Rat aller Tiere . . . Prag 1814). 

Nr. 24. Lateinisch. 
(V. J. 1520.) Älteste Ausgabe Nurnbergss 1520, letzte : Theriobulia Sive ani- 
malium de regiis praeceptis consultatio ad Ludovicum Hungariae & Bohemise Regem. 
Auetore Johanne Dubravio Episcopo Olomucensi. Breslae 1614. 8. — Zwei libelli 
mit je 23 Tieren und Vögeln, deren König der Löwe ist, während der Adler 
(Aqnüa) Königin der Vögel genannt wird. 

Nr. 25. Französisch. 
, Jjes Dictz des bestes et aussi des oyseaux . . Nouvellement imprim^ ä Paris, 
en la nie Neufve Nostre-Dame, k FEscu de France." (15. Jh.) Wiederholt bei 
A. de Montaiglon, Recueil de po^sies fran^oises des XV. et XVI« siecles. Tom. 1 
(Paris 1855), 256 ff. — 22 Tiere, dann 17 Vögel. Vierzeilige Sprüche. 



106 

Nr. 26. Fraozüsisch. 
(Um 1500.) „Les dictz des oyseaux: Et des bestes par hystores" „Imprime 
a chaalons Par Estienne bally . ."' Druckfragment, wiederholt: Le Bibliophile 
beige . . Annöe 1 (1866), S. 1 ff. — Erhalten sind 24 vierzeilige Sprüche, Tiere 
und Vögel wechseln ab. 

Nr. 27. Lateinisch. (?) 
(13. Jh.) „Pavo", Gedicht von 272 Versen, wahrscheinlich von Jordanus von 
Osnabrück (s. Waitz: Allgem. deutsche Biographie 14, 501) verfasst. Heraas- 
gegeben von Karajan: Denkschriften der K. Akad. d. Wiss. Phil.-hist. Classe. 
2 (1851) 111 ff. 

Nr. 28. Englisch. (?) 
„The Parlament of Byrdes. Imprinted aX London for Anthony Kytson." 
Desgl. „by Abraham Vele". (16. Jh.) Neu gedruckt bei W. Carew Hazlitt, Remains 
of the Early Populär Poetry of England. Vol. 3 (London 1866), 164 ff. 

Nr. 29. Englisch. Anlehnung. (?) 
Chaucer's „Assembly of foules". Vgl. weiter hinten S. 1*23. 



Die verschiedenen Vogelsprachen stehen, wie die genauere Unter- 
suchung ergeben wird, im verwandtschaftlichen Zusammenhange, indem 
die erhaltenen Fassungen auf ältere zurückweisen, deren veränderte 
und erweiterte Wiederholungen sie sind, und schliesslich sämmtliche 
Bearbeitungen sich als in verschiedenen Entwicklungsformen erhaltene 
Weiterbildungen und Nachahmungen eines nicht mehr vorhandenen 
Gedichtes des 13. oder 14. Jahrhunderts erweisen, welches das Motiv 
eines von Vögeln abgehaltenen Parlaments zuerst gnomisch verwertete. 
Der Grad der Verwandtschaft, in welchem die einzelnen Fassungen 
zu einander stehen, wird sich freilich nicht immer genau bestimmen 
lassen. Hierzu fehlen zu viele der Zwischenglieder, und auch dadurch 
wird die Untersuchung erschwert, dass die einzelnen Fassungen mehr 
durch ihre Form, als durch übereinstimmenden Wortlaut der Sprüche 
ihren Zusammenhang bekunden. Es war eben nicht schwer, an Stelle 
der Sprüche oder Ratschläge, welche eine ältere Dichtung bot, andere 
zu reimen und den Vögeln in den Mund zu legen. So kommt es, 
dass nur die näher verwandten Fassungen auch im Wortlaute zu- 
sammenstimmen. 

(Lehrhafte oder hansische Gruppe,) Wörtliche Übereinstimmung 
hat am meisten noch in denjenigen niederdeutschen Vogelsprachen 
Statt, welche vierzeilige Sprüche bieten (Nr. 1 — 4). Ganz nahe, fast 
wie Abschriften derselben Vorlage, stehen die Fassungen der Stock- 
holmer (Nr. 1) und Utrechter Handschrift (Nr.^ 3). Letztere bietet 
nur ein Bruchstück, aber die Sprüche, welche es enthält, kehren 
säramtlich und zwar in derselben Reihenfolge in der Stockholmer 
Handschrift wieder. Es sind nämlich 

Utrecht. Hs. Spr. 1—7 = Jütische Hs. Spr. 35—41 
„ „ „ 8—10 = „ „ „ 43—45 

Ein ähnliches Verhältnis hat obgewaltet zwischen der Stock- 
holmer Vogelsprake und der Fassung, die der Veranstalter der unter 



107 



dem Titel „Niederdeutsches Reimbüchlein" neu herausgegebenen alten 
Spruchsammlung excerpirt hat. Es sind nämlich 

mb. Vs. 1939—42 = Stockh. Spr. 8 Reimb. Vs. 1967—70 = Stockh. Spr. 24 



Rei 



1943—46 = 
1947—50 = 
1951—54 = 
1955—58 = 
1959—62 = 
1963—66 = 



9 
10 
12 
14 
21 
23 



1971—74 = 


„ 28 


1975—78 = 


,y 27 


1979^82 = 


„ 30 


1983—86 = 


„ 34 


1987—90 = 


» 37 



)ckh. 3 = 


Mttnch. 


30 


St. 


32 = M. 


26 


St. 


65 = 


6 = 


)) 


31 


)) 


41 = „ 


11 




66 == 


„ 17 = 


JJ 


24 


)) 


42 = „ 


42 




72 = 


„ 21 = 


n 


44 


)) 


46 = „ 


50 




74 = 


„ 22 = 


J9 


38 


)) 


49 = „ 


37 




76 = 


„ 27 = 


ji 


44 


)) 


51 = „ 


46 




79 = 


„ 28 = 


>» 


10 













Die oft gedruckten ^^Werldtspröke'^ sind ein Auszug aus dem 
Reimbüchlein. Es erklärt sich hieraus, dass sich in ihnen die Sprüche 
der Stockholmer Handschrift 9 10 12 14 23 24 27 30 34 37 wieder- 
finden. Wenn ausserdem in ihnen noch aus der Stockholmer Fassung 
der Spruch 16 (= Weltspr. 94 in der Ausgabe des Reimbüchleins 
auf S. XXVII) begegnet, ist das ein neuer Beweis für die von mir 
ausgesprochene Ansicht, dass die Weltsprüche aus einem jetzt ver- 
schollenen Drucke des Reimbüchleins stammen, der älter war, als der 
in den Drucken des Vereins wiederholte. 

Auch die „Vogelsprake" des Druckes in München (Nr. 2) ist 
den bisher besprochenen Fassungen trotz der daneben bestehenden 
Verschiedenheit nahe verwandt. Es ist nämlich 

38 
28 
39 
20 
15 
5 

Die Feststellung der Tatsache, dass dem Verfasser des Reim- 
büchleins der Text einer Vogelsprache vorgelegen hat, welche der- 
selben Bearbeitung wie die Stockholmer angehörte, ist von Belang 
für die Frage nach der unmittelbaren Herkunft des Spruches im 
Lübecker Ratskeller. Die Stockholmer Vogelsprache bietet nämlich 
(vgl. Spruch 51) genau denselben Spruch. Da nun das Reimbüchlein, 
wo auch immer es Sprüche im Zusammenhange bietet, aus nieder- 
deutschen Drucken Lübecker oder Rostocker Officinen compilirt ist, 
so ergiebt sich, dass es in Lübeck eine wahrscheinlich dort gedruckte 
Vogelsprache gegeben hat, aus der der Spruch des Ratskellers ent- 
nommen werden konnte. Übrigens erklärt sich daraus, dass er einer 
Vogelsprache entnommen ist, auch die bildliche Darstellung des Hahnes 
und der Henne, die neben ihm angebracht ist. Jedesfalls braucht der 
Spruch nicht aus England unmittelbar durch den Stifter des Kamins 
herübergebracht zu sein, denn die StockLoimer Handschrift, die ihn 
enthält, ist älter als der Kamin, den er schmückt, und noch älter ist 
der Druck in München, der ihn gleichfalls (Spr. 46) bietet. Er muss 
also schon der gemeinsamen Vorlage der ganzen Gruppe angehört 
und bereits vor d. J. 1500 in Deutschland bekannt gewesen sein. 

Die Stockholmer, Utrechter, Lübecker und die Fassung des 



108 

Münchener Druckes lassen sich bei ihrer nahen Verwandtschaft als 
eine Gruppe oder Sippe zusammenfassen. Wie Herkunft der Hand- 
schriften und Sprachformen zeigen, sind die Texte dieser Gruppe in 
den Gebieten, die der hansische Handel beherrschte, verbreitet gewesen. 
In skandinavisches Gebiet, in die Niederlande, nach Lübeck, in das 
Quartier von Köln weisen die vier erhaltenen Fassungen, nach Eng- 
land, wie Walther gezeigt hat, der Alfredsspruch, da er schon in der 
gemeinsamen Vorlage aller Texte enthalten war. So scheint diese 
Bearbeitung zu der Litteratur zu gehören, welche, wie in der Ein- 
leitung zum Pseudo-Gerhard von Minden ausgeführt ist, ihre Entstehung 
den auswärtigen Contoren der Hansa verdankt. Sie mag deshalb, um 
eine zusammenfassende Bezeichnung zu gewinnen, die hansische oder 
auch, aus einem Grunde, der sofort dargelegt werden wird, die lehr- 
hafte Gruppe genannt werden. 

(Beratende Gruppe.) Der eben besprochenen Gruppe stehen alle 
übrigen in mittelniederdeutsclier, mittelhochdeutscher und niederlän- 
discher Mundart überlieferten Vogelsprachen — von den Nachahmungen 
und den ausserdeutschen Dichtungen sehe ich zunächst ab — als eine 
zweite, besondere Gruppe gegenüber, welche man um den wesentlichsten 
Unterscheidungspunkt hervorzuheben die Gruppe der beratenden 
Vogelsprachen nennen könnte. Während nämlich in jener hansischen 
oder, belehrenden Gruppe die Vögel moralische Wahrheiten von all- 
gemeiner Giltigkeit aussprechen oder doch solche an ihre Eigenschaften 
geknüpft werden, sind in der anderen, der beratenden Gruppe die 
Vögel als Ratgeber ihres Königs — als solcher erscheint bald der 
Zaunkönig, bald der Eisvogel oder Winterkönig — gedacht, dem sie 
in allgemeiner Reichsversammlung je nach ihrer Eigenart die guten 
Vögel gute, die bösartigen verwerfliche Ratschläge geben, nach denen 
er seine Herrschaft ausüben soll. Die Ratschläge widersprechen sich 
daher oft; wenn der edle Aar z. B. rät, der König möge im Geben 
milde sein, so entgegnet der böse Geier: „Herr, ihr könnt es durch 
Freigebigkeit dahin bringen, dass ihr selbst in Mangel kommt," oder 
er rät nach anderer Fassung: „Esst allein, was ihr habt!" 

Das Motiv des den König beratenden Reichstages ist gewöhnlich 
durch die Anfangsverse, durch die der Vogelkönig von seinen Unter- 
gebenen Rat erbittet, blos angedeutet. Nur in einem Falle (Nr. 13) 
leitet eine ausfiihrliche Erzählung ein. Es wird darin ausgeführt, wie 
die Vögel sich auf Betrieb des Adlers versammelten, um zu ihrer 
aller Ehre und zur Wahrung des Friedens unter ihnen einen König 
zu wählen. Man wurde schlüssig, König solle sein, wer am höchsten 
fliege. Als nun der Adler so hoch er nur konnte sich in die Wolken 
hochgeschwungen hatte und schon glaubte, dass er nun König sein 
werde, erschien auf einmal über ihm der Zaunkönig, der sich listiger 
Weise unbemerkt im Gefieder des Adlers versteckt hatte und von 
diesem emporgetragen war. Der Adler zeigte sich darüber zwar so 
ergrimmt, dass der Zaunkönig schnell in ein Versteck flüchtete, be- 



109 

ruhigte sich aber bald und forderte selbst die Vögel auf, den Zaun- 
könig, der nun einmal höher als er geflogen war, einzuholen. Der 
Zaunkönig kommt darauf und bittet alle Vögel, zu seiner Ehre ihm 
zu raten. Dieselbe Vogelsprache unterscheidet sich von den sämmt- 
lichen Fassungen beider Gruppen auch noch dadurch, dass die Sprüche 
der Vögel nicht unverbunden aufeinander folgen, sondern durch er- 
zählenden Text verbunden sind. 

Der Gruppe der beratenden Vogelsprachen gehören an die 
Nummern 5 — 13. 

Von diesen Vogelsprachen sind die Wiener (Nr. 11) und die 
Fichard'sche (Nr. 10) so nahe verwandt, dass sie, wenn nicht in beiden 
die Eeihenfolge der Vögel gänzlich verschieden wäre, trotz mancherlei 
Abweichungen nur als Abschriften desselben Textes aufgefasst werden 
könnten. Es ist nämlich 

Wiener Hs. Str. 1. 3. 4. 5. 6. 7. 9. 10. 11. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. etc. 
= Fichard's Hs. „ 1. 9. 10. 2. 19. 23. 3. 20. 11. 6. 24. 15. 29. 7. 25. 16. etc. 

Im übrigen sind die Übereinstimmungen zwischen den verschie- 
denen Fassungen nicht so hervortretend wie in der hansischen Gruppe. 
Schon darin zeigt sich die grössere Verschiedenheit, dass, während 
alle Fassungen jener Gruppe vierzeilige Strophen bieten, in dieser 
Sprüche mit zwei, vier, sechs und mehr Versen begegnen. Immerhin 
verraten auch hier vereinzelte wörtliche Übereinstimmungen, dass die 
verschiedenen Fassungen nicht blosse Nachahmungen verloren gegan- 
gener Vorbilder sind, sondern dass die Verfasser der einzelnen Vogel- 
sprachen zwar die Texte ihrer Vorlagen im allgemeinen mit grosser 
Freiheit umgestaltet und umgedichtet haben, dass sie daneben aber 
doch auch hin und wieder einzelne Strophen oder auch nur Verse der 
Vorlage wörtlich übernahmen. 

So findet sich eine Strophe der Stuttgarter Vogelsprache (Nr. 12) 
in der von Fichard veröiFentlichten ziemlich wörtlich wieder, vergl. 

Stuttg. (Nr. 12) Str. 7. Fich. (Nr. 10a) Str. 4. 

Herre du solt nemen waz maa dir git, Herre nim was man dir git, 

Gloube wol, gip uieman nüt, Glob vil und gebe nymant nit, 

Ahte nüt waz man von dir klage, Was lit dir daran was ymant klag« 

Durch daz man dir daz guot zuo trage, Off das man dir das gut her drage 

Da mit sich din schätz gemeret, In stettigen kryg saltu dich lan 

Als mich mein Vernunft leret. So mögen wir gantz fülle gehan. 

Die Verwandtschaft, d. h. die mittelbare Abhängigkeit von der- 
selben älteren Vorlage, zwischen den zweizeiligen und mehrzeiligen 
Fassungen erweisen ausser dem Zusammentreffen des Eingangs in 
einem Falle 

(Nr 5.) (Nr. 12.) 

Die winterkoninc zeyt: Regulus. 

Ich bids vch lieven heren Ich bitte euch herren alle sampt, 

Das ir mich raet min eren Sit ich uwer künig bin genant, 

Wie ich min zachin ane va Daz ir nement miner eren war. 

Das min rych in eren sta, Wie daz ich recht und eben far, 

Daz ich stände lasters fri, 
Als liep uch min hulde si. 



110 



die folgenden Übereinstimmungen: 

Nr. 5 (Haager Es.). 
5. Die wuwe zeyt: 7. Die vle zeyt: 

Heere et si in velde of in straissin Here ir sult van den laden tyen 

So ensultu ghein man nicht laessin. Vnd alle zyt den heren vlyen. 



iW. 10a (Ficharfs Hs.). 



11. 



27. 



♦Es sy off felde oder off strasen 
♦Du solt herre nymant nicht laszen 
Wann schlag barmherzikeit tzu rücken 
Und lasz uns die höner plücken 
Das wir in groszen füllen leben 
Das rat ich und kömpt uns eben. 



♦Herre du solt dich von den luten tzyhen 
♦Und alle tziit dy herren flyhen 
Es sy tag oder nacht so volge mir 
So du wilt drincken oder eszen 
So mögen gut gewinnen wir 
So soltu diner frunde vergessen. 



Nr. 12 (Stuttgarter Hs.). 



9. Der wihe. 



10. Die ule. 



Herre ich wil dir sagen 
Wilt du dich recht betragen, 
So nim einen sitten an dich, 
Den von kindes uf habe ich 
Gefüret gar uff wilder haide, 
In holcz, uff velde und in weide: 
♦Es- sie uff velde oder uff stroszen, 
♦So soltu herre nieman niit erloszen. 



Herre, waz du vahest an, 
Daz sol dir noch glücke gan. 
♦Du solt dich von den lüten ziehen 
♦Und allzit die fromen fliehen 
Und hüte dir vor der gemain, 
So hestu dinen willen allein. 



Fernere Übereinstimmungen zeigt die nachfolgende Zusammen- 
stellung: 

Nr. 5 (Haager Hs.). 
2. Die aren zeyt: : 11. Die hoppe zeyt: 

Here ymmer west mit rade milde Here mich dunket dat beste 

Sone wirt vr goet nemmer wilde. Onreyn te zin bewiset min neste. 

Nr. 6 (Wolfenbüttler Hs.). 
2. Am. 28. Wedehoppe. 

Wes here mit rade milde Seet here in myn nest 

So en wert din ere nummer wilde. ünrenichet is aller best. 

Nr. 12 (Stuttgarter Hs.), 



2. Der adeler. 
♦Herre, ir sont milte sin und reht leben, 
Lehen lihen rittern und knehten geben. 
Noch eren süUent ir werben, 
ümb uwer laut sont ir sterben, 
Und wenn die armen uch clagen, 
Daz süUent ir enden und nüt vertragen. 



16. Der widehopf. 
♦Herre, du mäht prüfen an mime nest, 
♦Unreine sin dunket mich daz best 
Und dar zuo üppige zuo sin, 
Daz rüret zuo gewin. 
Als es mir ouch wol an stot. 
Min hus buwe ich mit kot. 



Nr, 13 (Münchner Hs.). 



Der adler (Vs. 159 ff.). 
Tugent ere und miltikeit 
Schol allen künigen sein bereit. 
Der arm und der reich 
SchüUen im gefalln geleich; 
Und scholt in gleich mit varn, 
Wolt ir gots gebot bewarn, 
♦Und seit mit rat milde, 
♦So wirt euch das guot nit wilde. 



Der widhopf (Vs. 376 ff.). 
♦Sih, herre, an mein nest! 
♦Unflat dünkt mich das best. 
Also halt, herre, das haus dein, 
Als ich tuo das nest mein, 
So kümpt niemant gern zuo dir, 
Als die andern vogel tuon zuo mir. 



111 



Die Nürnberger Vogelsprache trifft an einigen Stellen gleichfalls 
mit anderen Fassungen zusammen, am häufigsten mit der Fichart'schen : 

Nr. 8 (Nürnberger Hs.). 



Stockar (Vs. 7 f.). 
Herre, iz allein din spise 
So dunkestu mich wise. 

Nr, 5 (Haager Ha.). 

3. Die ghier ze}^: 
Here is alleue dine spise 
So dunes du mich gar wise. 

Nr. 6 (Wolfenb. Ha.). 
ghuz (liea ghiir) (Vs. 53 f.). 
Et allene, wat du best 
Bidde nummer neuen gast. 

Nr. 10 (Ficharfa Hs). Spr. o. 
"'Here frisz allein was du hast 
Und rüch nit wer dir verkeret das 
Wo es dir herre werden mag 
Sprich alles here in mynen krag 
Alles mir und nymant me 
So dinen ich di vor al e. 



Droschel (Vs. 57 f.). 
Herre wiltu leben küniclichen 
So riht dem armen als dem riehen. 

Nr. 7 (Haager Ha.). 
Die tortelduve (Vs. 29 f.). 
Here, seldi coninghen gbeliken, 
Soe recht den aermen als den riken. 



Es entsprechen sich ferner in ähn- 
licher Weise wie in den hiemeben ab- 
gedruckten Stellen die nachfolgenden 
Strophen der Nürnberger und Fichart'- 
schen Fassung: 

Nr. 8 Vs. 9. 10 == Nr. 10 Str. 6 

„ 29. 30 = „ 19 

„ 39. 40 == „17 

„ 69. 70 = „ 24 

„ 71. 72 = „ 21 



Während sonst jede Vogelsprache der zweiten Gruppe wenigstens 
eine wörtliche Übereinstimmung mit den übrigen Fassungen enthält, 
die nicht zufällig sein sondern nur durch Entlehnung aus einer altern 
Vorlage erklärt werden kann, macht hiervon allein die Vogelsprache 
(Nr. 9) eine Ausnahme, die dadurch merkwürdig ist, dass sie einst in 
Kaiser Maximilians Gemach in Innsbruck auf die Wand gemalt war. 
Sie bietet nur eine Anzahl wörtliche Anklänge*), im Übrigen ist sie 
jedoch nach Form und Gedankeninhalt trotz- einiger Besonderheiten 
den altern Vogelsprachen zu ähnlich, als dass diese Ähnlichkeit sich 
anders als durch Abhängigkeit oder Nachbildung von einer älteren 
Vogelsprache der zweiten Gruppe erklären lässt. Ihr Dichter hat 
eben anscheinend nur wörtliche Entlehnungen vermieden. 

Die obigen Zusammenstellungen hatten zunächst den Zweck, zu 
erweisen, dass mannigfaltige wörtliche Übereinstimmungen zwischen 
den verschiedenen Vogelsprachen der beratenden Gruppe bestehen, und 
somit die Annahme gerechtfertigt erscheint, dass die ganze Gruppe 
auf ein einziges altes, vielfach wörtlich ausgeschriebenes Vorbild zurück- 
geht. Aber noch ein zweites lehren jene Zusammenstellungen. Ver- 
gleicht man nämlich die zwei- und die mehrzelligen Ratschläge, so 
zeigt sich, dass die mehrzeiligen unter sich, wo sie überhaupt wört- 
liche Übereinstimmungen zeigen, diese gerade in den Zeilen und 



*) Specht: Her du solt nemen und raissen Witwen und den wayssen. Vgl. 
Nr. 10 S. 9: Du solt in dinen reiszen Nemen wytwen und weysen. — Zeysl: Herr 
den armen tayl die speis dein In parmbhertzigkait lass dirs bevolhn sein. Vgf. 
Nr. 10 S. 24: Den armen deil mit dy spise din . . . Und mynne barmhertzikeit. 



112 

Worten bieten, welche sich auch in den zweisilbigen *) finden. Es geht 
hieraus hervor, dass die mehrzeiligen aus zweisilbigen erweitert sind, 
d. h. dass die ursprüngliche Fassung zweisilbige Ratschläge bot. Diese 
Fassung muss, da die ältesten Handschriften mit deutschen Vogel- 
sprachen aus dem 14. Jahrhundert sind, auch spätestens diesem Jahr- 
hundert angehört haben, und es erscheint nun nicht mehr als Zufall, 
dass diese ältesten Handschriften (Nr. 5 — 7) gerade Vogelsprachen 
mit zweizeiligen Ratschlägen enthalten. 

In den Vogelsprachen der beratenden Gruppe finden sich Sprüche, 
die zu gutem, vermischt mit solchen, die zu bösem raten. Die An- 
ordnung in den verschiedenen Dichtungen weicht nun derartig ab, 
dass in vielen je ein gutes und je ein böses empfehlender Vogel ab- 
wechseln (Schema: g b g b g b), in andern kommen erst sämmtliche 
gute, dann sämmtliche böse Vögel (g g g g b b b b), in andern 
wechseln Reihen ab (g g g b b b g g b b). Das erste jener Schemata 
ist ofi'enbar das ursprüngliche, denn wenn z. B. der Adler empfiehlt, 
„Sei freigebig" und der Geier „Iß allein was du hast", so gehören 
beide Ratschläge wie Rede und Widerrede zusammen. Die Gründe, 
warum in vielen Fassungen die alte Anordnung umgestossen ist, mögen 
verschiedenartig sein, in einem Falle lässt sich jedoch die Ursache 
dieses Vorgangs klar erkennen. 

In der „Ratsversammlung der Tiere ^ (Nr. 6) sprechen zunächst 
alle guten, dann alle bösen Tiere ihren Rat aus. Von den guten 
redet als letztes das Einhorn als Symbol der 'Keuschheit. Seine Worte 
sind bisher stets falsch verstanden, sie lauten: 

Du scalt kuscheit plegen, Du sollst Keuschheit üben, 

So machstu in eren streven. So kannst du in Ehren dastehen. 

Dar is jo de valscheit myn, Da die Schlechtigkeit weniger (d. h. 

To der lochteren siden, here, ek bin. . nicht) ist, 

Auf der linken Seite, Herr, bin ich. 

Der Ausdruck Ho der lochteren siden' erklärt sich so : Die Vor- 
lage, aus der dieser Text stammt, hatte die gutes ratenden Tiere, 
wie es das nebenstehende Schema veranschaulicht, unter- 
1 (g) 2 (b) einander auf der linken Hälfte eines Blattes der Hand- 
5 M 6 rbl Schrift angeordnet, die böse Grundsätze empfehlenden 
7 (I) 8 (b) l"^®^® daneben auf der rechten Blatthälfte. Die letzten 
9 (g) 10 (b) beiden Verse*) des Einhorns deuten nun mit dem Hin- 
weis, dass er zur linken Tierreihe gehöre, darauf, dass 
es zu den guten Tieren gehöre. Indem ein späterer Schreiber dann 
ohne Verständnis der Anordnung die Sprüche der Reihe nach von 
oben nach unten copirte, entstand das Schema ggg...bbb... 
Es genügt für die Zwecke dieser Abhandlung der Nachweis, dass 
die Vogelsprachen Nr. 5 — 13 eine besondere Gruppe bilden und diese 
Gruppe eine gemeinsame Vorlage in einem verlorenen Gedicht spätestens 

') Die in Betracht kommenden Verse der mehrsilbigen sind vom mit einem 
* ausgezeichnet. 

*) Sie sind übrigens sicher späterer Zasatz. 



118 

des 14. Jahrhunderts gehabt hat. Mit Hilfe von Zusammenstellungen, 
die aber ungebührlich viel Raum beanspruchen, würde es möglich 
sein, über das Verwandtschaftsverhältnis der Fassungen unter sich 
einige sichere Ergebnisse zu gewinnen und einen Teil des Inhalts der 
gemeinsamen Vorlage zu ermitteln. Das Ergebnis würde sein, dass 
die gemeinsame Vorlage aller hochdeutschen Vogelsprachen so ziemlich 
mit der Fassung der Hulthemschen Handschrift zusammenstimmt, die 
nach Jul. Zachers Abschrift von Massmann (Nr. 5) veröffentlicht ist. 
Da dieser Text wenig Raum beansprucht, sei er hier wiederholt, 
er zeige, wie klein und unscheinbar der Spross eines Zweiges der 
mittelalterlichen Spruchdichtung war, dem so viele und z. Th. auch 
umfangreiche Dichtungen in deutschen und, wie wir sehen werden, 
auch fremden Mundarten erwachsen sind. 

Die Anordnung des Abdruckes lässt auf einen Blick erkennen, 
dass immer zwei Sprüche (2 und 3, 6 und 7 usw.) in der Art einander 
entsprechen, dass was der linke rät, der rechte widerrät. Ausnahme 
machen nur Spruch 5 und 15, sie sind offenbar spätere Zutat, welche 
an die Stelle der ursprünglichen Gegensätze zu Spruch 4 und 14 
getreten ist. Die niederländischen Formen, welche der Text bietet, 
sind augenscheinlich Änderungen eines Schreibers. Vorher war, wie 
die Reime erweisen, der Text mitteldeutsch gewesen. 

1. Die winterkoninc zeyt:*) 
Ich bids uch Ueven heren, 
Das ir mich raet min eren, 
Wie ich min zachin aneva, 
Das min rych in eren sta. 

2. Die aren zeyt: 3. Die ghier zeyt: 

Here, ymmer west mit rade milde, Here, is allene dine spise, 

Sone wirt ur goet nemmer wilde. So dunes du mich gar wise. 

4. Die valc zeyt: 5. Die wuwe zeyt: 

Here, zyt werachtich jegen u viande, Heere, et si in velde of in straissin, 

Hout goeden vrede in uwen lande. So ensaltu ghein man nicht laissin. 

6. Die havic zeyt: 7. Die ule zeyt: 

Here, zyt guiden luden heymelich, Here, ir sult van den luden tyen 

En armt uch niet und macht u ryc. Und alle zyt den heren vlyen. 



1) Spr. 1 vgl. Nr. 5, 1; 8, 1; 10, 1; 13 V. 151. 

Spr. 2 vgl. Nr. 1, 6; 4, 31; 6 V. 3; 7, 1; 8 V. 5; 10, 2; 12, 2; 13 V. 165. 

Spr. 3 vgl. Nr. 6 V. 53; 8 V. 7; 10, 6. 

Spr. 4 vgl. Nr. 6 V. 9; 8 V. 9; 12, 8. 

Spr. 5 vgl. Nr. 10, 11; 12, 9; 13 V. 318. 

Spr. 6 vgl. Nr. 10, 7; 12, 4. 

Spr. 7 vgl. Nr. 6 V. 59; 10, 27; 12, 10; 13 V. 363. 

Spr. 8 vgl. Nr. 6 V. 21; 7 V. 9; 10, 6. 

Spr. 9 vgl. Nr. 6 V. 73; 12, 8; 13 V. 339. 

Spr. 11 vgl. Nr. 6 V. 61; 12, 16; 13 V. 376. 

Spr. 12 vgl. Nr. 6 V. 11; 12, 18. 

Spr. 13 vgl. Nr. 6 V. 69; 12, 17. 

Spr. 15 vgl. Nr. 7 V. 51; 12, 15. 

Kiederdeatiches Jalurbucb. XIY. 3 



114 



8. Die sporwer zeyt: 
Here, war hout uwe wort, 
Die bogen (lies logen) vliet als quade mort. 

10. Die papegay zeyt: 
Here, werlich (lieswer^ch) hout uwe reste, 
Men prueft den wert bi zinen geste. 

12. Die tortelduwe zeyt: 
Here, wie u gut raet, den haet wert, 
Er is, die ure eren ghert. 

14. Die gans zeyt: 
Here, ich zuen, das der buesen raet 
Heren und land verderft haet. 



^. Die rauen zeyt: 
Here, dune machs niet genesen, 
Du enwilt scalc und untron wesen. 

11. Die hoppe zeyt: 
Here, mich dunket dat beste 
Onreyn te zin, bewiset min neste. 

13. Die elster zeyt: 
Here, wie melden und claffen kan, 
Es nu te hove der liever man. 

15. Die pauwe zeyt: 
Here, deys du na der bueser raet. 
So Werts du metten boesen quaet. 



(Nachahmnngeil.) Mehr vielleicht noch als die verhältnismässig 
grosse Zahl der Handschriften und Drucke, welche Vogelsprachen ent- 
halten, bekundet die Volkstümlichkeit dieser Dichtungsart der Um- 
stand, dass sie vielmals Nachahmung bei späteren Dichtern gefunden 
hat, sei es, dass diese das Motiv einer beratenden Vogelversammlung 
verwerten, sei es, dass sie einzeln Vögeln Lehren in den Mund legen 
oder aus deren Eigenart entwickeln. 

Die hervorragendste Dichtung unter diesen Nachahmungen ist 
die Synodus avium depingens miseram faciem EcdesiaCy propter ccr- 
tamina quorundam qui de Primatu contendunt^ cum oppressione rede 
meritarum (Nr. 15). Der Verfasser ist der Wittenberger Professor 
Johann Major ^), der ein ebenso eifriger als streitlustiger Anhänger 
Melanchthons war und in seinen Gedichten die Gegner der philippi- 
stischen Richtung aufs massloseste befehdete. Auch die Synodus ist 
ein Angriff auf dieselben; mit den Vögeln, die auftreten, sind nämlich 
die namhaftesten Vertreter der sich gegenseitig befeindenden theolo- 
gischen Parteien gemeint. Es wird erzählt, dass nachdem der Schwan 
(d. i. Luther) gestorben war, die Vögel eine Versammlung abhielten, 
um seine Stelle durch ein neues Oberhaupt zu besetzen, der die sang- 
reichen Stellen der Vögel zusammenordnen. Recht sprechen und den 
Streit schlichten könne. Ein Teil der Vögel erklärte sich darauf für 
den Kukuk (Flacius), andere waren für den Hahn (Nie. Gallus), andere 
für die Amsel (Amsdorf), die verständigeren Vögel stimmen dagegen 
einmütig für die Nachtigall (Melanchthon). Das Gedicht schildert 
dann die Ränke, durch welche die einzelnen Vögel ihre Partei zu 
stärken und die Wahl Melanchthons zu hintertreiben sich bemühen. 

Schon diese kurze Andeutung über den Inhalt der Dichtung 
Majors lässt erkennen, dass dieser das Motiv eines Vogelparläments 



') Auch andere Gedichte Majors handeln von Vögeln, unter denen Zeit- 
genossen des Dichters zu verstehen sind. Bei Majors Schüler Georg Rollenhagen 
ist Ähnliches der Fall, nicht nur im Propemptikon (Geschichtsblätter für Mag- 
deburg 24 S. 93), sondern auch im Froschmeuseler. Wenn PHILippOs MELAnch- 
thon „Nachtigal" genannt ist, so spielt das auf seinen Namen an. Vgl. auch P. Cassel's 
Aufsätze über Joh. Stigel im »Sunem'. Jg. 13 (1887), S. 250 ff. 258 ff. 



115 

in einer Weise ausgeötaltet hat, dass die Ausfuhrung kaum noch an 
die alten einfachen Vogelsprachen erinnert. Am ehesten könnte man 
noch an ein Vorbild ähnlich der Münchener Fassung (Nr. 13) denken, 
wenn die Annahme unstatthaft sein sollte, dass Major den Pavo (Nr. 
29), von dem noch später die Rede sein wird, gekannt und nach- 
geahmt haben kann. 

Von den übrigen Nachahmungen der Vogelsprache sind mehrere 
geistlich gewendet. So die Dichtung des Hans Sachs (Nr. 16), in 
welcher gerade so wie in der Vogelsprache Nr. 6 erst die guten, dann 
die bösen Vögel an die Reihe kommen. Das Wahlmotiv ist aufgegeben, 
und es bleiben, wie in den Vogelsprachen der hansischen Gruppe, nur 
einzelne Vögel und Lehren, die an sie geknüpft sind. Die Art, in der 
das geschieht, lässt schon der erste Spruch genügend erkennen: 

Der Adler in die Sunnen sieht 
Also ein Christ schaut in dem Liecht 
Das Wort Gottes; was Gott begert, 
Liebt in für aUe Ding auff Erd. 

Eine dritte geistliche Umgestaltung ist das in Handschriften und 
Volksblattdrucken des 17. und 18. Jahrhunderts oftmals begegnende 
— bis jetzt sind etwa zehn verschiedene Überlieferungen bekannt — 
Gedicht „Das geistliche Vogelgesang" ^). Die Gegenüberstellung der 
guten und bösen Vögel findet nicht Statt. Der Adler, „der aller Vögel 
König ist", macht den Anfang, dann folgen Amsel, Bachstelz, Cana- 
rienvogel, Dahl, Emmerling, Eul, Fink, Grasmuck, Gumpel, Hahn und 
Henne, Immen usw. Die Ordnung ist also alphabetisch. Als Probe 
sei herausgehoben: 

Anfang : Widhopf. 

Wohlauf, ihr klein Waldvögelein, Der Widhopf ist gar wohl geziert 

Alles was in Lüften schwebt. Und hat doch ganz kein Stimm; 

Stimmt an, lobt Gott den Herren mein ! Sein Cron er allzeit mit sich führt. 

Singt an, die Stimm erhebt! Ist doch nichts hinder ihm. 

Dann Gott hat euch erschaffen Wie mancher brangt in Kleider, 

Zu seinem Lob und Ehr; Als wann er war ein Graf: 

Grsang, Feder, Schnabel, Waffen Sein Vatter ist ein Schneider, 

Kommt alles von ihm her. Sein Bruder hüt die Schaf. 

Andere Gedichte, die ähnlich dem Geistlichen Vogelgesang die 
Eigenschaften und auch die Stimme der Vögel erbaulich und belehrend 
verwerten, seien in der Anmerkung verzeichnet^). 



*) Vgl. oben S. 106 Nr. 17. Ganz verschieden davon ist „Ein Schön New 
Liedt genandt das Vogelgesang." (Gödeke Grundrisz 2. Aufl. 2, 253 Nr. 4a.) 
*) Lied *Ick genck my dorch den gronen woldt 
Dar sungen de vogelkens iunck und olt etc.' 
Nd. geistliche Lieder aus dem Münsterlande, hrsg. von B. Hölscher (1854) S. 74 ff. 
— *Vier Christliche anzeygungen und bedeütungen. In diser frölichen angehenden 
Sommerszeyten lustig zu behertzigen: Warumb . . Gott . . dem Guckguckh, der 
Gauss, dem Raben und der Eulen jr angeborne stimm also angeordnet . . . Durch 
J. J. Gugger. Freyburg 1593.' Hrsg. von Crecelius: Alemannia hrsg. von A. Bir- 
linger Bd. 7 (1879), 220 ff. — Lied: Ad pe«catorem „Het is genoch geschlapen 
U weckt die na— na— na— nachtigal, mensch van gott geschapen, In dese ü — li — 

8* 



116 

Die jüngste mir bekannt gewordene Nachahmung stammt aus 
d. J. 1700 (Nr. 18). Sie führt in der Handschrift, welche sie enthält, 
den Titel ..Vogel-Schul Worinn Auss Eigenschafft und Natur auch der 
lieben VÖgelein gewisse Tugenden eu lernen, und Untugenden oder Laster 
zu vermeiden begriffen eu Pappir geseteet im Jahr unssers Heyls 1700 
Und eum Heyligen Namens- Tag Offerirt Dem Wol Ehrwürdigen etc. 
Herrn Urbano Francisco Vogel Dess Heyligen Canonischen Ordens von 
Lateran Professor eu Bresslau auf der Insul Sand^ im hoch-loblichen 
gestift unsser lieben Frauen Priester etc.^^ Sie war also einem Geist- 
lichen Namens Vogel* zu seinem Namenstage gewidmet. Es liegt also 
die Vermutung nahe, dass der Name des Gefeierten dem Verfasser 
Veranlassung zu der von ihm gewählten Dichtungsform gegeben hat. 
Genannt hat sich der Dichter nicht, am Ende der Vorrede finden sich 
jedoch die Verse: 

Wil man wissen, wer ich bin? 
Ich heiss Frisch, Frölich, und Kin. 

Als Probe sei hier abgedruckt: 

Widehopff. 
Mit schönen Federn ist die Widhopff zwar gezihrt: 
Aber ein' üblen Stand in ihrem Näst sie führt: 

Auss hoch-stinckendem Koth ist, und wird sie gebrütt. 
Bringet auss ihrem Näst auch nichts, als Unflath mitt! 
An der Widhopflfen kan sich iederman ersehen, 
Und was die Hoffart sey genüglichen verstehen: 

Die Hoffart, wie man deutsch zu sagen pflegt, stinckt 
Und doch fast alle Welt nach diesem Laster ringt. 
Lass ringen wer da wil: der Hoffart du nichts achte: 
Hoffart und Übermut auss gantzem Grund verachte; 
Ergebe, Mensch I vielmehr der edlen Sanftmut dich, 
Ess wird der grosse Gott mit dir austheilen sich. 

Behandelt sind im Ganzen 59 Vögel; Adler, Auerhahn, Ambsel, 
Aglester, Bachstelz, ByroU, Birkhun, Cukuk, Distelfink, Drossel usw. 
Die Beihenfolge der Vögel ist also wie im Geistlichen Vogel-Gesang, 
der dem Verfasser bekannt und Vorbild war, die alphabetische. 

Neben diesen eigentlichen Nachahmungen der alten Vogelsprachen 
muss auch noch auf einige blosse Anlehnungen an dieselben hinge- 
wiesen werden. Eine solche findet sich im Reinke Vos zu Anfang des 
zweiten Buches und umfasst die Verse 3247 — 3274, für welche sich 
im niederländischen Reinaert nichts entsprechendes findet. Dieselben 
sind also von einem der Bearbeiter, und zwar wie Prien ansprechend 
ausführt, von Hinrek von Alkmer hinzugefügt. Seine Bearbeitung fällt 
in das vorletzte Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts, also in eine Zeit, in 
der bereits zahlreiche Vogelsprachen die allgemeine Beliebtheit be- 
kunden. Das in den Reinke eingelegte Vogelgespräch stellt eine Sprake 
oder Beratung verschiedener Vögel dar, welche die gegen den Fuchs 
gerichtete Klage zu unterstützen beschliessen. Es erinnert an die 

li— li dal etc." Aus einer Hs. Hölschers mitgeteilt von Crecelius, Alemannia 12 
(1884), 73 f. 



117 

Vogelsprachen durch die hinzugefügten Abbildungen von Vögeln und 
die Gleichzeiligkeit der von den einzelnen Vögeln gehaltenen Reden. 
Es weicht von den deutschen Fassungen ab, indem es sich (wie in 
27 — 29) um eine Klage, nicht um allgemeine oder einem Könige er- 
teilte Lehren handelt. 

Auch einige niederdeutsche Loosbücher (Nr. 20. 21) haben das 
Ansehen von Vogelsprachen. Nr. 20 trägt sogar den Titel ;, Vogel- 
sprake^, ohne jedoch mehr als äusserliche Ähnlichkeiten zu bieten, 
nämlich vierzeilige Sprüche, die Vögeln in den Mund gelegt sind. 

(Verhältnis der deutschen Gruppen zu einander.) Vergleicht man 
die Texte der hansischen mit sämmtlichen Vogelsprachen der beratenden 
Gruppe, so findet sich, abgesehen von vielleicht zufälligen Anklängen ^), 
nur eine einzige Übereinstimmung des Wortlautes, welche den ver- 
wandtschaftlichen Zusammenhang der beiden Gruppen sicher stellt 
und der Mühe überhebt, ihn aus andern Gründen folgern zu müssen. 
Diese Stelle findet sich im Spruche des Adlers: 

Nr. 1 (Stockh, Hs.) Spr, 6, Nr, 4 (Münchener Br,) Spr. 31. 

Met rade schalta wesen milde, Wes mit rade milde 

Uppe dat din gut di nicht enwilde. So wert di dat goed nicht wilde. 

We sin god nicht holt an hode, Bistu nicht milde bi raede, 

De lidet (lichte) grote armode. Dat rouwet di to spade. 

Entsprechend bieten: 

Nr. 5. Nr. 6. 

Here, ymmer west mit rade milde, Wes here mit rade milde, 

Sone wirt ur goet nemmer wilde. So en wert din ere nummer wilde. 

Diese Übereinstimmung deutet zugleich darauf, dass die hansische 
Gruppe sich an eine alte Fassung der beratenden Gruppe, welche 
zweizeilige Sprüche bot, angelehnt hat. Näher lässt sich diese Vorlage 
nicht bestimmen, da die hansische Gruppe so durchgreifende Änderungen 
in Bezug auf Inhalt und Form der Sprüche zeigt, dass eben nur jene 
einzige wörtliche Übereinstimmung geblieben ist. 

Von den Nachahmungen gehen die niederdeutschen Gedichte auf 
Vorbilder der hansischen, die hochdeutschen auf Vorbilder der bera- 
tenden Gruppe zurück. Wenn trotzdem die hochdeutschen Nach- 
ahmungen späterer Zeit weniger ihren Vorbildern als vielmehr den 
Bearbeitungen der hansischen Gruppe gleichen, so ist diese Über- 
einstimmung einerseits die Folge davon, dass das Motiv der Beratung 
des Königs wegfiel, anderseits hängt sie damit zusammen, dass nach 
der Reformation die Dichter ihre Aufgabe in Belehrungen religiösen, 
sittlichen oder praktischen Inhalts sahen. 

(BShmische Gruppe.) Eine besondere Abzweigung der Vogel- 
sprachdichtung hat sich in Böhmen entwickelt. Hier vollendete i. J. 



*) Stockh. 35. Du schalt dy theen van velen luden, vgl. Nr. 5 Spr. 7: 
Here, ir sult van den laden tyen. 



118 

1394 oder 1395 Smil von Pardubic mit dem Beinamen Flaschka, der 
einem der vornehmsten Geschlechter Böhmens angehörte und an der 
Universität Prag das Baccalaureat erlangt hatte, ein umfangreiches 
Lehrgedicht unter dem Namen Nova rada d. h. Neuer Rat. (Nr. 22.) 
Der Inhalt desselben ist in Kurzem folgender. Als der junge Löwe 
nach dem Tode seines Vaters den Thron bestiegen hatte, entbietet er 
alle Grossen des Tierreichs zu sich und auch den ihm dienstbaren 
König der Vögel, den Adler, sammt dem ganzen Geflügel. Als sich 
alles um ihn geordnet hatte, forderte er die Versammlung und zunächst 
den Adler auf, ihm, der noch jung und wenig erfahren sei, Rat zu 
erteilen, wie er zum Gedeihen seines Reiches über dieses herrschen 
müsse. Es treten auf diese Aufforderung abwechselnd immer ein Tier 
und ein Vogel vor ihn und sprechen in durchweg höfischer Form ihre 
Meinung aus. Zuerst der Adler, dann folgen Leopard, Falke, Bär, 
Kranich, Wolf, Geier, Hirsch, Pfau, Ross, Hahn, Ochs, Gans, Esel, 
Taube usw., im Ganzen ohne den König 44 Tiere und Vögel, von 
denen nur wenige (etwa Bär, Wolf, Geier, Gans, Schwein, Luchs und 
Affe) boshafte Natur durch ihren Ratschlag beweisen. 

Eine zweite Dichtung derselben Art ist .die altböhmische Heida 
ewirat^ d. h. Rat der Tiere (Nr. 23), eines unbekannten Verfassers, 
die in der Fassung, in der sie erhalten ist, aus dem 15. Jahrhundert 
stammt und zum ersten Mal 1628 gedruckt ist. Es ist ein sehr um- 
fangreiches Werk, in dessen erstem Buche 22 Vierfässler auftreten, 
während im zweiten 24 Vögel zu Worte kommen und das dritte Buch 
den Insekten, Schlangen und Fischen gehört. Die Ratschläge sind 
nicht an den König der Tiere oder Vögel gerichtet, sondern jedes 
Geschöpf giebt in längerer Rede dem Menschen eine gute Lehre, der 
darauf einige Worte erwidert. Wie in der Nova rada geben auch in 
der Rada zwirat zu den Worten eines Tieres eine Anzahl anderer 
ihm verwandter Tiere ihre Zustimmung. Eigentümlich ist der Rada 
zwirat die gelegentliche Bezugnahme auf die äsopische Fabeln, deren 
Kenntnis der Dichter bei seinen Lesern also vorausgesetzt hat. 

Eine jüngere der böhmischen Gruppe angehörende Dichtung ist 
die 1520 zum ersten Male und später noch dreimal gedruckte Theri- 
obulia (Nr. 24) des Olmützer Bischof Johannes Dubravius. Dieselbe 
ist eine freie Bearbeitung des Neuen Rates Smils von Pardubic. Wie 
bei diesem ist auch bei Dubravius der Löwe der König der Tiere, 
der die Grossen seines Reiches beruft, um ihm, der soeben den Thron 
bestiegen kat, Rat zu erteilen. Wie im Neuen Rat wechselt von den 
45 Tieren, die auftreten, immer ein Vierfussler mit einem Vogel ab. 
Während jedoch bei Smil wenigstens noch einige Tiere der ihnen 
angeborenen Eigenart gemäss Ratschläge erteilen, die gegen das 
menschliche Tugendgesetz Verstössen, sind bei Dubravius alle Tiere 
voll Empfehlungen der Tugend und Sittlichkeit. 

Von den drei Bearbeitungen der böhmischen Gruppe nimmt der 
Neue Rat Smils von Pardubic in der altböhmischen Litteraturgeschichte 
eine hervorragende Stelle ein und ist oftmals und besonders eingehend 



119 

von Feifalik ^) behandelt worden. Wenn ich Feifaliks Arbeit bei meiner 
Unkenntnis der böhmischen Sprache einerseits meine Wissenschaft von 
den altböhmischen Fassungen zum grössten Teile verdanke^), so muss 
ich doch anderseits den litteraturgeschichtlichen Ergebnissen seiner 
Untersuchung in wesentlichen Punkten widersprechen. 

Nach Feifalik soll sowohl die Nova rada als die Rada zwirat 
Benutzung des bekannten mittelalterlichen Physiologus zeigen. Ferner 
seien die prosaischen Einleitungen, welche im Rada zwirat den ein- 
zelnen Abschnitten vorangehen, erst im 15. Jahrh. eingefügt, die 
Dichtung selbst sei jedoch älter als die Nova rada Smils. Dieser habe 
die Rada zwirat benutzt, indem er den Gedanken, den er darin fand, 
in seinem Sinne ausgebildet habe. Drittens möge Smil wohl gleichfalls 
das von Bruns als Ratsversammlung der Tiere herausgegebene nieder- 
deutsche Gedicht (Nr. 6) gekannt und aus ihm die Idee geschöpft 
haben, den Löwen als König die Tiere berufen zu lassen. 

Von allen diesen Annahmen ist nur soviel beweisbar, dass Smil 
eine deutsche Vogelsprache gekannt und nachgeahmt hat. Als diese 
deutsche Quelle gerade die niederdeutsche von Bruns herausgegebene 
Ratsversammlung anzusehen — eine andere Fassung war Feifalik 
nicht bekannt geworden — liegt kein Grund vor, man wird vielmehr 
an eine ihr ähnliche verlorene hochdeutsche Bearbeitung des 14. Jahr- 
hunderts zu denken haben. Auf eine der deutschen Vogelsprachen 
als Quelle weist es, wenn übereinstimmend mit diesen auch in der 
Nova rada der Adler zuerst dem Könige ratet und ihm (wie in Nr. 
1. 4) Freigebigkeit anempfiehlt. Eine andere Übereinstimmung (mit 
Nr. 6) findet sich nach Angabe Feifaliks in dem Ratschlage, den der 
Pfau giebt^). 

Ferner konnte weder aus dem Physiologus noch aus der Rada 
zwirat, sondern nur aus einer Vogelsprache der beratenden Gruppe 
von Smil das Motiv eines durch den König der Tiere berufenen Reichs- 
tages und der Wechsel guter und schlechter Ratschläge entnommen 
werden. 

Feifalik nennt zuerst als Quelle Smils den mittelalterlichen Phy- 
siologus und verweist zur Begründung seiner Ansicht auf angebliche 
Übereinstimmungen zwischen der Nova rada und dem Physiologus. 
Diesem soll es entlehnt sein, wenn Smil den Leopard zur Frömmigkeit, 
das Einhorn zu keuscher Enthaltsamkeit, den Elephant zur Bekämpfung 
böser Begierden raten lässt. Thatsächlich kennt der Physiologus aber 
gar nicht den Leopard, weshalb Feifalik statt seiner auf den Panther 

*) Studien zur Geschichte der altböhmischen Literatur. III. Wien 1860 (= 
Sitzungsberichte der phil.-hist. Classe der K. Akad. d. Wiss. in Wien Jahrg. 1859 
Bd. 32 S. 685—718). 

*) Die unter dem Titel „Der neue Rath des Herrn Smil von Pardubic, nebst 
dessen übrigen Dichtungen, deutsch bearbeitet von Joh. Wenzig. Leipzig 1855" 
erschienene Übersetzung kürzt so sehr das Original und verfährt auch sonst durch 
Umstellung u. a. so willkührlich, dass sie fast keinen Nutzen gewährt. 

') Feifalik S. 19. Wenzig's sogen. Übersetzung lässt vollständig im Stich, 
bei ihm kommen auf den Pfau acht, im Original 26 Verse. 



120 

verweisen muss. Aber auch dieser darf nach dem Physiologus, der 
seine verschiedenen Farben usw. den verschiedenen Eigenschaften und 
dem Dulden des Heilandes vergleicht, nicht als Symbol der Fröm- 
migkeit, sondern vielmehr nur als Symbol der Demut aufgefasst werden. 
Was zweitens das Einhorn betrifft, so steht im Physiologus nur, dass 
es von reinen Jungfrauen sich greifen lässt. Das Mittelalter sah es 
dagegen als Symbol der Keuschheit an. Dass Smil, dessen Quelle also 
der Physiologus beim Einhorn nicht war, hier gleichfalls durch seine 
deutsche Vorlage beeinflusst sein konnte, zeigt der oben S. 112 ab- 
gedruckte Spruch des Einhorns aus der 'Ratsversammlung der Tiere', 
den Feifalik mit mehr Recht hätte anziehen können. JDrittens soll 
zum Physiologus stimmen, wenn der Elephant den Kampf gegen böse 
Begierden empfiehlt. Im Physiologus steht aber nur, dass er keine 
Begier nach Fleisch hat und durch Genuss einer Wurzel sich geil 
macht, er wird auf Adam und Eva gedeutet, die von der Schlange 
verführt von der verbotenen Frucht assen und alsdann in gegenseitiger 
Lust entbrannten^). Somit stimmt auch hier der Physiologus nicht 
im geringsten zur Nova rada. 

Feifalik vertritt die schon vor ihm ausgesprochene Ansicht, die 
Nova rada habe eine direkte politische Tendenz und unter dem Löwen 
sei König Wenzel zu verstehen. Die reiche Anzahl der von mir 
zusammengestellten Vogelsprachen, in denen viele der Nova rada 
ähnliche, an einen König gerichtete Ratschläge ausgesprochen werden, 
wird gegen diese politische Deutung um so eher vorsichtig machen, 
als das handschriftlich überlieferte Entstehungsjahr der Nova rada, 
nämlich 1395, gar nicht damit im Einklänge steht, dass z. B. Wenzel, 
der damals 35 Jahre alt und bereits 17 Jahre König gewesen war, 
als Junger Knabe geschildert und Kralovice genannt und ihm, der 
damals zum zweiten Male verheiratet war, der Rat gegeben wurde, 
nicht wieder zu heiraten, wenn er etwa Witwer würde (Feifalik p. 13). 
Feifalik glaubt deshalb entgegen der Angabe beider Handschriften die 
Entstehungszeit in frühere Jahre verlegen zu müssen. Wenn ich eine 
Vermutung aussprechen darf, die mit der Feifaliks freilich gemein 
hat, dass sie sich nicht beweisen lässt, aber vor ihr voraus hat, dass 
sie mit bekannten oder nachweisbaren Tatsachen nicht im Widerspruch 
steht, so ist es folgende. Smil hat eine Vogelsprache benutzt, in denen 
wie in manchen deutschen Fassungen neben Vögeln auch Vierfüssler 
erscheinen (wie z. B. in Nr. 6). Der König hiess in dieser Vogel- 

*) Wie gesucht und hinfällig in Bezug auf den Physiologus die Beweis- 
führung Feifaliks ist, zeigt auch seine Anmerkung 24 (auf S. 11): „Der Elephant 
rät in der Nova rada zur Kinderliebe; man vergleiche damit das Bild im Gött- 
weiher Physiologus [Archiv f. Kunde östr. Geschichtsquellen. Jg. 1850. Bd. 2. Tafel 
ni Nr. 7], wo der Elephant sein Junges hegt." Das Bild zeigt nun den 
weiblichen Elephanten bis zum Bauche im Wasser und zwischen seinen Beinen sein 
Junges, während ein anderer Elephant ausserhalb des Wassers steht. Das Bild 
illustrirt offenbar die Angabe des Physiologus, dass der Elephant bis zum Bauche 
ins Wasser geht, wenn er gebären will, und der männliche Elephant währenddes 
am Ufer wacht. 



121 

spräche, wie gewöhnlich in den hochdeutschen Fassungen Begulus oder 
Künigel (vgl. Nr. 9, 11, 12 u. a.). Smil, dem das deutsche Mährchen 
vom Zaunkönige unbekannt war oder seiner zur Erklärung des ßegulus 
nicht gedachte, musste den Regulus für den König der Tiere, den Löwen, 
halten, an den Adler konnte er deshalb nicht denken, da dieser in 
allen Fassungen sofort nach dem König redet und als sein erster 
Unterthan ihm Rat erteilt. So wurde der Begulus der deutschen 
Vogelsprachen zum Kralovic und zum Löwen und, wie in den deutschen 
Fassungen, kommt als erster seines Reichs der Adler zu Wort. Es 
erklärt sich so auch zugleich leichter die bei Smil durchgeführte Ab- 
wechslung von Vierfüsslern und Vögeln^). 

Was schliesslich die Rada zwirat betrifft, so ist sie picht nur 
nicht die Quelle der Nova rada, sondern stellt eine spätere Entwick- 
lungsform der Dichtungsform dar, indem das Beratungsmotiv und der 
Wechsel guter und schlechter Räte aufgegeben ist. Wie die Sprüche 
der deutschen Vogelsprachen der lehrhaften Gruppe gleich Bilder- 
sprüchen sich an den Beschauer oder Leser richteft, so ist die Rada 
zwirat an den Menschen gerichtet. Wie in Deutschland sich die be- 
ratende Vogelsprache zur lehrhaften entwickelte, so konnte das auch 
in Böhmen geschehen. Wenn demnach in dieser Beziehung der An- 
nahme, dass die Rada zwirat aus der Nova rada durch Nachahmung 
und Umwandlung hervorgegangen sei, nichts entgegensteht, so scheint 
doch der Umstand dagegen zu sprechen, dass Feifalik wörtliche Über- 
einstimmungen zwischen beiden anscheinend nicht anzuführen weiss. 

(FranzSsische Bearbeitangen.) In der französischen Litteratur 
begegnet man Bearbeitungen der Vogelsprachen unter dem Titel Dides 
des oyseaux in Drucken aus dem Ende des fünfzehnten oder dem 
Anfang des sechszehnten Jahrhundert. Vergleicht man die zwei 'in 
Neudrucken (vgl. Nr. 25. 26) vorliegenden Fassungen, so wird man 
in beiden dieselben Sprüche wörtlich wiederfinden, nur die folgenden 
drei als Probe hier mitgeteilten Strophen finden sich in Nr. 26 allein: 

Le papegay. Le faulcon. 

Prince doit estre piteux Yiure du sien est grant noblesse 

Et de son peuple avoir pitie Prince son peuple ne doit greuer 

Quant il le voit langoureux Sy autrement fait son peuple blesse: 

Montre lui doit son amitie. Et le fait sans cause endure: 

Lespriuiers. 
Par dessus tous oyseaulx de proye 
Je suys du plus noble lynaige; 
Pour neant plus me priseroye: 
Qui mains se prise plus est saige: 

Dagegen unterscheiden sich beide Fassungen durch die Reihen- 
folge, in denen die Tiere und ihre Sprüche aufeinanderfolgen. In 



^) Ähnlich wie die böhmischen ordnen auch die französischen Bearbeitungen 
die Tiere und Vögel. 



122 

Nr. 26 sind die ersten 22 Sprüche Vierfiisslern, die letzten 17 Vögeln 
beigelegt, während in Nr. 26 immer ein Vierfüssler und ein Vogel 
abwechselt^). Trotz dieser Umsetzung lässt sich jedoch auch aus der 
Keihenfolge der Sprüche erkennen, dass beide Fassungen auf dasselbe 
Original zurückweisen. Es ist nämlich^) 

Nr, 
Spr. 



25. Nr. 


30. 


Nr. 


25. 


Nr. 


26. 


Nr. 25. 


Nr. 


26. 


8 = Spr. 


22 


Spr. 


16 = 


Spr. 


16 


Spr. 29 = 


Spr. 


3 


10 = „ 


24 


)) 


17 = 


)) 


18 


„ 33 = 


»> 


5 


11 = » 


2 


>j 


18 = 


iy 


20 


„ 36 = 


» 


1 


12 = „ 


4 


)) 


19 = 


)) 


10 


„ 36 = 


)) 


7 


13 = „ 


6 


)) 


20 = 


)) 


12 


„ 37 = 


)} 


13 


14 = „ 


8 


)) 


24 = 


}) 


21 


„ 38 = 


» 


15 


15= „ 


14 


» 


25 = 


» 


23 


„ 39 = 


» 


17 



Löwe (De toutes bestes suis Je roy) und Adler (De tous oyseaulx 
je suis le roy) heissen zwar Könige, aber die ihnen in den Mund ge- 
legten Sprüche enthalten keine Andeutung, dass durch einen dieser 
Könige die Tiere zu Ratschlägen veranlasst sind und ebenso wenig findet 
sich der Wechsel der guten und der schlechten Ratgeber. Aus den 
Eigenschaften der Tiere sind, wie schon die oben abgedruckten Sprüche 
zeigen, moralische Lehren in derselben Art abgeleitet, wie das in der 
hansischen Gruppe der deutschen Bearbeitungen der Fall ist. Trotzdem 
scheint ihr Vorbild nicht der hansischen, sondern der beratenden 
Gruppe angehört zu haben, denn einige Sprüche, z. B. zwei der 
obigen, lehren, was Fürsten geziemt. 

(Andere Vogelparlamente.) Während die bis jetzt besprochenen 
Dichtungen sämmtlich mit einander verwandt sind, fehlt jeder festere 
Anhaltspunkt, diese Verwandtschaft auch auf die drei folgenden Ge- 
dichte auszudehnen, die dadurch, und freilich allein daSurch mit jenen 
in merkwürdiger Übereinstimmung sich befinden, dass in ihnen Vögel 
in einem Concil oder Parlament zusammentagen. 

Das älteste ist der in der Mitte des 13. Jahrhunderts wahr- 
scheinlich durch Jordanus von Osnabrück verfasste Favo (Nr. 27), 
eine satirische Parabel, die sich auf das Lyoner Concil v. J. 1245 
bezieht und von der man fast annehmen möchte, dass sie von Joh. 
Major, dem Poeten der Wittenberger Universität gekannt und in seiner 
Synodus avium nachgeahmt ist. Wie in dieser sind auch im Pavo 
mit den Vögeln bestimmte Personen gemeint. Geschildert wird, wie 
der Pfau (der Papst) das ganze Vogelreich zu einem allgemeinen 
Concil einladet; es erscheinen darauf alle Arten der Tauben (die 
höheren Kleriker), Gänse und Enten (Abgeordnete der Städte), Sper- 
linge (niedere Kleriker), Raben (Ghibeliinen), der Hahn (der franzö- 
sische König), die Elstern (Weifen) usw., nur der Adler (Kaiser 



') Nr. 25 bietet also eine Analogie zur böhmischen Rada zwirat, Nr. 26 zur 
Nova rada, vgl. S. 121. 

*) Die Sprüche von Nr. 26 sind ohne Rücksicht auf die Lücken, über welche 
der Herausgeber keine Auskunft giebt, fortgezählt. 



123 

Friedrich ü) erscheint nicht. Ihn verklagt im versammelten Concil 
der Pfau, fast alle Anwesenden haben über ihn Klagen vorzubringen, 
und trotz des Widerspruchs des Raben und der Dohle, die allein für 
den Adler eintreten, beschliesst das Concil den Abwesenden seiner 
Königswürde verlustig zu erklären. Darauf ziehen alle Vögel heim 
und versammeln sich bald darnach, um einen neuen König zu wählen. 

Das zweite Gedicht, Chaucers Vogelparlament (Nr. 29), ist nach 
J. Kochs ansprechender Vermutung ^) gleichfalls auf eine geschichtliche 
Begebenheit, nämlich die Werbung des Königs Richard von England 
um Anna von Böhmen i. J. 1380 und 1381 zu deuten. Am Valentins- 
tage, erzählt Chaucer, vereinigten sich vor der Göttin Natur alle 
Vögel, um sich zu paaren, zu einem grossen Concil. Drei Adler 
warben zugleich um ein Weibchen (nach Koch eben die böhmische 
Anna). Die Göttin befragte deshalb die Vögelversammlung, und die 
Sprecher der einzelnen Geflügelgruppen tragen ihre abweichenden Rat- 
schläge vor. Schliesslich entscheidet die dem Wunsche des Weibchens 
nachgebende Göttin, dass die Freier noch ein Jahr sich zu gedulden 
haben und dann das Weibchen selbst wählen dürfe. 

Das dritte Gedicht (Nr. 28) ist das dem Ende des fünfzehnten 
oder dem Anfange des sechszehnten Jahrhunderts angehörende Far- 
lament of hyrdes eines unbekannten Verfassers. In dem Parlamente, 
zu dem die Vögel zusammentreten, wird gegen den Habicht von den 
gemeinen Vögeln (the commons) Klage geführt und über Mittel zur 
Wahrung des Friedens im Vogelreiche beraten. Die Formen der par- 
lamentarischen Verhandlung sind in dieser Dichtung bis in Einzel- 
heiten hinein angedeutet^). 

(Ursprung der deutschen Vogelsprachen.) Während die älteren 
deutschen Vogelsprachen mit dem Pavo und den beiden englischen 
Vogelparlamenten das Motiv eines Reichstages der Vögel gemein haben, 
unterscheiden sie sich von diesen durch ihre moralisch-lehrhafte Tendenz. 
In dieser Beziehung knüpfen sie an eine gewisse Art der mittelalter- 
lichen Symbolik an, die durch Bildwerke und auch litterarisch bezeugt ist. 

Die Tugenden und Laster waren im Mittelalter von jeher beliebte 
Gegenstände der allegorischen und symbolischen Darstellung und 
moralischen Betrachtung^). Bildliche Darstellung fanden sie meist in 
allegorischen weiblichen Figuren, denen als Symbole bestimmte Tiere, 
Pflanzen oder andere Gegenstände beigefügt wurden. Es kam aber 



Englische Studien 1, 287 f. 

') Das bei Hazlitt, Remains of Poetry 3, 187 ff. abgedruckte Gedicht *Armonye 
of birds' gehört nicht hierher, weil ies ausser Verbindung mit den englischen Vögcl- 
parlamenten steht, im übrigen gleicht es den oben S. 115 genannten deutschen 
Gedichten. Vgl. 25 ff. The popyngay Than fyrst dyd say Hoc didicit per me, 
Emperour and kyng, Without lettyng, Discite semper a me. There fore wyll I The 
name magnify Of God above all names; And fyrst begyn In praysing to him This 
song, Te Deum laudamus. 

*) Häufler: Archiv für Kunde österr. Geschichts- Quellen. Jg. 1850. Bd. 2. 
S. 584, 



124 

auch vor, dass die allegorische Figur fortblieb und Tugenden wie 
Laster nur durch ihre Symbole angedeutet wurden. Für die Über- 
tragung solcher Symbolik in die Spruchdichtung scheint auch eine 
mittelniederdeutsche Spruchreihe, die noch ungedruckt ist^), einen Beleg 
zu bieten. Als Symbol der Timiditas erscheint z. B. der Hase und 
spricht: 

To manheit byn ik io vorzaghet 

Mit dem scrige werde ik yorjaghet. 

Mit besonderer Vorliebe wurden aber die sogenannten Haupt- 
tugenden und Hauptlaster zusammengestellt, gewöhnlich je sieben, nur 
ausnahmsweise erscheinen sie in der Vier- oder Zwölfzahl. Verschie- 
dene Symbole jener sieben Tugenden und Laster stellt recht über- 
sichtlich die sogen. „Note wider den Teufel" zusammen, die von 
Häufler^) aus einer Handschrift des 15. Jahrh. herausgegeben ist. 
Die nachstehende Tabelle giebt daraus einen Auszug der Tiere, die 
in den deutschen Vogelsprachen erscheinen. Zu bemerken ist freilich, 
dass die mittelalterliche Symbolik nicht einheitlich ist, und andere 
ihrer Quellen für die einzelnen Tugenden und Laster zum Teil andere 
Tiere nennen. Die sieben Haupttugenden (vier menschliche: Pru- 
dentia^ Justitia^ Fortitudo, Temperantia; drei theologische: Fides ^ Spes^ 
Charitas) und die ihnen gegenüberstehenden Laster (Superbia^ Invidia, 
Ira, Accidia, Ävarüia^ Gtda^ Luxuria) sind dagegen meist überall 
dieselben. Die Teufelsnote stellt etwas abweichend also zusammen: 

Tugenden : Laster : 

1. Demut: Greif. 1. Hochfahrt: Tfau, Adler, 

2. Keuschheit: Einhorn. 2. Unkeuschheit : Schwalbe, Sirene. 

3. Mildthätigkeit: Galander. 3. Geiz: Eichhorn. 

4. Geduld: Schwan. 4. Zorn: Sperber. 

5. Liebe: Pelikan. 5. Neid: Fledermaus. 

6. Andacht: Fhönix. 6. Trägheit: (Esel). 

7. Massigkeit: Bähe. 7. Gefrässigkeit : Fuchs. 

Die älteren Vogelsprachen bieten zu dieser Tabelle eine gewisse 
Analogie. Auch in ihnen handelt es sich um, wenn auch andere, Tu- 
genden und die ihnen entgegengesetzten Laster. Ferner sind die Tu- 
genden und Laster mit bestimmten Vögeln und Tieren in Verbindung 
gesetzt. 

Wenn die Vogelsprachen andere als die oben aufgezählten Tu- 
genden empfehlen, so erklärt sich dieses dadurch, dass es sich in ihnen 
nicht um die allgemeinen menschlichen oder theologischen Cardinal- 
tugenden, sondern um die Eigenschaften eines Königs, also um fürst- 
lich-ritterliche Vorzüge und Fehler handelt. Darum finden in ihnen 
Freigebigkeit (mhd. milde), Kriegstüchtigkeit, Gute Wahl der Bedien- 
steten, Äussere Würde, Schutz der Armen ihre Stelle. Die wesent- 
lichsten guten oder schlechten Eigenschaften eines Fürsten waren 



*) Grotefend, Verzeichnis der Handschriften der Stadtbibliothek Hannover 
(1844) S. 2. 

3) A. a. 0. S. 583 ff. 



125 

nicht wie die christliclien Cardinaltugenden und Laster durch eine 
herkömmliche Zahl bestimmt und beschränkt, es konnten deshalb 
spätere Bearbeiter von Vogelsprachen nach Belieben neue fürstliche 
Tugenden und Fehler hinzufügen; die altertümlichste Fassung, die 
S. 11 neu abgedruckt ist, legt jedoch die Vermutung nahe, dass nach 
Analogie der christlichen ursprünglich auch sieben fürstliche Tugenden 
aufgestellt waren. 

Derjenige, der die kurzen Ratschläge, wie ein Fürst sein soll 
und wie er nicht sein soll, aneinandergereiht und durch den Gedanken 
einer Beratung des Vogelkönigs durch seine Reichsstände sinnreich 
verbunden hat, schuf eine kleine Dichtung, die, wie diese Abhandlung 
lehi-t, zahlreichen Nachahmungen als Vorbild gedient hat. So an- 
sprechend nun aber auch der verbindende Gedanke war, im übrigen 
muss die älteste der Vogelsprachen sowohl was ihren äusseren Umfang 
als ihren Gedankeninhalt betrifft, so wenig als Dichtung hervorragend 
gewesen sein, dass sie nur einem besonderen günstigen Zufalle so 
vielfache Nachahmung verdanken konnte. Zur Erklärung drängt sich 
eine Vermutung auf. Wo anders kann man sich jene erste Vogel- 
sprache besser und passender denken als nach der den Wandspruch 
liebenden Sitte des späteren Mittelalters in dem Gemache eines Fürsten? 
Wie später die Innsbrucker Vogelsprache (Nr. 9) in der Stube Kaisers 
Maximilians auf einer der Wände zu lesen war, so mag auch die 
älteste Vogelsprache einst das Zimmer eines norddeutschen Fürsten 
geschmückt haben und dadurch schnell und weithin bekannt ge- 
worden sein. 



126 



Niederdeutsche Vogelspraehe. 

(Aus einer Stockholmer Haadschrift.) 

Die unter dem Namen der 'Jütischen Sammlung' bekannte Stock- 
holmer Handschrift enthält S. 77 — 96 den im Jahre 1541 niederge- 
schriebenen Text einer niederdeutschen Vogelsprache, über deren Ver- 
hältnis zu verwandten Fassungen oben S. 106 flf. gehandelt ist. Die 
Aufforderung zu Schluss, einen Vollen (nämlich dem Vorleser) zuzu- 
trinken, scheint darauf hinzuweisen, dass die Dichtung vorgelesen 
worden ist^). 

Von dem handschriftlichen Texte gilt dasselbe, was Jahrb. 8, 33 
von der aus derselben Sammlung abgedruckten 'Guden lere van einer 
juncvrowen' bemerkt ist. Der Schreiber war, wie ausser manchen 
Scandinavismen viele im Deutschen unmögliche Formenbildungen be- 
weisen, ein Scandinave, der des Deutschen nicht vollkommen mächtig 
war und hoch- und niederdeutsche Formen nicht auseinander zu halten 
wusste. Bis Spruch 20 bediente er sich der ihm geläufigen Current- 
schrift des Reformationszeitalters. Später, von Spruch 21 ab, zeigt 
die Schrift ein etwas altertümlicheres Ansehen, der Schreiber hat 
augenscheinlich versucht, die Schriftzüge einer älteren Vorlage viel- 
leicht nachahmend, in der Fraktur zu schreiben, die so viele Hand- 
schriften des 15. Jahrh. bieten. Die Sicherheit der Lesung wird durch 
die oft undeutliche oder zweideutige currente Schrift sowie auch da- 
durch beeinträchtigt, dass die n oder m vertretenden Striche oft über 
das ganze Wort gezogen sind und es um so eher ungewiss bleibt, 
zu welchem Buchstaben sie gehören^), als die Schreibung auch sonst 
willkührlich n m u. a. Consonanten verdoppelt. Die überflüssige 
Häufung von nn und auch anderen Consonanten^) begegnet übrigens 
seit dem Ausgange des 15. Jahrh. auch bei vielen Schreibern Deutsch- 
lands, ist also nicht ganz der Unkenntnis des scandinavischen Schreibers 
zuzuschreiben, doch hat dieser mitunter und besonders Vokale gegen 
die deutsche Gewohnheit verdoppelt. 

Der handschriftliche Text wird hier im getreuen Abdrucke wieder- 
holt, doch ist die Setzung der Buchstaben u v w nach heutigem 
Brauche etwas geregelt. Ferner sind Besserungen, welche sich durch 
Tilgung von Buchstaben und Worten vollziehen lassen, durch (runde) 
Klammern angedeutet. Fehlende Worte usw., die Zusammenhang oder 
Reim erheischen, sind in [eckigen] Klammern beigefügt.*) 



1) Gerhard von Minden. Einl. S. XII f. 

*) Z. B. üher fromen (frommen oder fromenn) Vorw. 13; dsgl. 14 vomomen; 
12 menegen. 

^) Z. B. spreckenn statt spreken, wenntte statt wente, velle statt vele, 

*) Zu besonderem Danke bin ich Herrn Professor K. von Bahder ver- 
pflichtet, der einen Correcturabzug mit der von ihm genommenen Abschrift der 
Handschrift auf meine Bitte freundlichst verglichen und an einer Anzahl Stellen 
berichtigt hat. 



Hi 



is; 



[Vorwort] 



lir begynd uns de vogelesprache. [S. 77] 

Velle nutts mag me dar ut mackenn 

Und nemen dat wol in den synn, 

Wentte velle gudes mach et briingen in. 
5 De oc raitt luste wiill na gemacke 

H0renn desse vogelesprache, 

De schal thu desser schrefl'te gaen 

Und losse dar inde syn arge[nj wan. 

To hannt an desser sulwen stunt 
10 Wertt eme desse vogelesprache kunt, 

Dar he woU utt op syn gewin 

Mach theen vel mennegen wisen syn, 

De unns mach komen to frommen, 

Also ich hebbe woU vomommen, 
15 Wentte men findt vil nuwir wort, 

Dat nicht er is gehortt. 

Utt desser schreftt mach [me] nemen, [S. 78] 

Also such datt woll mach temen, 

Dare men such by bedencken mach 
20 Beiide dag und nacht. 

Dar umme jewelicke vromme man, 

De na wijssheit is bestaun. 

De schal by desse[r] schreffte bliiwen. 

Utt gansche[n] vliit saa mach he schriwen 
25 Ann syn hertte maniche[n] wi8se[n] syn, 

Den desse selwe schriiflft holt indt. 

Dat uns alle datt besehe, 

Des help[en] uns der namen dre(ij), 

Godt vader und de(r) sonne meist 
30 Und dar to de helliige(n) geiist! 

1. De peUieanus. 

Ic bynn ein vogell gar wiisse, [S. 79] 

Myne kyndernn ich sulve spiisse 

Mede myne[n] vlesche un myne[n] blöde; 

Datt de[de] enn andernn vogel node. 



Yorw. 1. 6. 10 spräche mit ch statt mit k toie in schinchen 16, 2 und oft in 
sich, mich usw. — 8 inde Scandinavismus ztatt mnd. inne, vgl, dän, inde. — syn 
ist gleichwertig der Schreibung synen, der scheinbare AbfaU der Äccusativendung 
erklärt sich dadurch, dass das e derselben ebenso wenig wie heute in vulgärer mnd, 
Bede gesprochen zu werden brauchte. Im 15. Jahrh, wie bei guten Schreibern des 
16, Jahrh, fehlt die Endung selten, bei schlecht geschulten im 16. Jahrh. dagegen 
sehr häufig. Ebenso steht Vs. 16 syn, 18, 4 en. — 24 saa *so' Scandinavismus, 
ebs. 4, 3. — 26 indt desgl. vgl zu Vs, 8. 



128 

2, Be ffenbt. 

Ic bynn ein vogell nicht gemene 
Unn dode mich sulve aleyne. 
So dodett such sulwe menich man, 
De syme munde nicht rade[n] kann. 

3. De swentse. 

Ich kann gansche woU vordowen 

Isernn un stoU sunder kowen, 

Aldus verdowett meniche beriig unnd lannd, 

Da[t] sie komen an fromede hantt, 

4. Be blawefot. 

Ic berge mich hog inn den luchten, [S. 80] 

Daru^me ick ander vogel nicht darff [vruchten]. 
Saa [en] darff siick oc ein iewerlich man(s vruchten), 
De nicht quade hefft gedann. 

5. Be griippe. 

Avende spaade un mor(n)gen vro 
Griip ich mett myne[n] klowen thu 
Alzo deitt oc de(nn) geriige mand, 
De na vromede gode is bestaun. 

6. Be anme. 

Mett rade schaltu wessen mylde, 
Uppe dat din gutt dy nicht en wilde. 
We syn godt nicht holt an hode 
De liidett von re[ch]tthe grotte armode. 

7. Be valeke. 

Ich bynn klein, doc[h] fruchten mich [S- 81] 

Ander klein vogel, wore ich sy. 
Alsus so m0tt menic fromme man 
Eyne[n] schalck fruchten wor he kann. 

8. Be haTick. 

Dynen vyent holt nicht thu ringe. 
So mach dy woU gelyngen. 
Wol is he kleine, lychte wet he kunst. 
Dar he dy mede deiit des dodes dunst. 

9. Be sfiarwer. 

Ann dogennt schaltu oven ju, 

Dat boret herenn un furstenn tu 

Un andern menen luden 

De such vor schände wille[n] behuden. 



3, 2 stoU *8tahV vgl 13, 4 goen. — 3, 3 berig lies borg vgl, 25, 4 und 
Münchener Vogelsprache 26, 4, — 5, 3 mand 'Mann' Scandinavismus. 



m 



10. De gto. 

Ic en achte nicht was sie klawen, [S. 82] 

Wo ic vulle myne[n] klagen, 
So deit oc de geriige man, 
De na pening[en] is bestann. 

11. De adeler. 

Twar ich wil hoge klymmen 
Und vange[n] mett wiissen synnen, 
^So deitt en jeuerlich wiiss man. 
De na godes hulde strewen kan. 

12. De hasselhone. . 

Menich denckett klene up den dott, 
De hyr up erden hefft vel gut. 
Und mott dog drade an grotte[r] var 
Mede wessen an der deden schare. 

13. De wiige. 

Menych vacke sulff ander geytt, [S. 83] 

Up datt man wette wat he deiit, 
Und m0chte lewer goen alleyne, 
Wen alle des 0uel ghemeyne. 

14. De radelwiige. 

Ic bin en vogel, de gerne bedrucht, 
Dar ane myne mutter nitt ser enluct. 
We gerne wiill vremede gud werven, 
De mut vakene quades dodes sterwen. 

15. De nie. 

De sch0neste vogel de jerge is; 
De byn ich, des siitt wiis! 
So dynket such menich(e) schone sin, 
Dem nene(r) sch0nheit wanet by. 

16. De stennnlle. 

We des nachts wil velle drinken [S. 84] 

Und nicht mede etthen von den schinchen, 
Des awens [ghan] an des uUen vlucht. 
Dem besteiit gernne de wattersucht. 

17. De mewe. 

Ic flutte hir uppe dem dycke, 
Eyn jewerlick sehe synn geliicke. 
De such better duncket wan he is. 
De geckett such sullwen dat is wis. 



10, 1 klawen lies klagen. — 10, 2 klagen l kragen oder wie Beimbüchlein 
i948 myne magen. — 13, 4 lies ovet? — 15, 3 lies dunket. — 16 Vgl. Welt- 
spräche Nr. 94 (ReimbücMein S. XXVII). — 17, 2 sehe, lies soke? 

Niederdeutsches Jahrbuch. XIV. 9 



ISO 

18. De kr0im. 

Ich gaa hir uumme mede wiide trede, 
Woll emme, de dar heff[t] siede wisse rede. 
Welcher man de der nicht heb[b]en kan, 
Den holt man vor en humpelman. 

19. De adebar. [S. 85] 
Ich m0tt roven, dat is myn artt; 

Van r0vende schut mennegheme quat. 
Wolde he synn r0venntt latten, 
Datt mochte im under tiiden hatten, 

20. De wilde swaim. 

Dyne[n] dott thovornen betrachte(n). 
So magstu sterwen sachte. 
We datt deytt thu rechte[r] stunde, 
De mach such qwiten von den sunden. 

21. De tarne swann. 

He duncke my nicht weßen wys, 

De dar buwet uppe dat ijes. 

Wente wen dar kumpt der sunnen glans, 

So kan dat buwete nicht bliven ghans. 

22. De pawc. 

Ik byn eyn voghel ghar schone 

Und draghe uppe mynem hovede eyne kröne. 

Ik byn hoverdych unde trede lijse, [S. 86] 

Nemande schal duncken to gfid syne wyse. 

23. De bömghang. 

Weß hovesk unde dar by wyß, 
So gheven dy de lüde prys. 
Spreck vrowen und juncfrowen gfid, . 
So gheven see dy hoghen mod. 

24. De wilde glians. 

Iklyt leckeren gherichten 

Spyset men ryddere unde knechte. 

IMennych man wol leckere rechte neme 

Unde vragede klene van wenden dat se qwemen. 

25. De tarne ghans. 

Ick und alle myne ghenoten 
Vortheren de klenen myt den groten. 
Alsus kumpt an vromede haut 
Mennych slot vnde herenlanth. 



131 



26. De grawe ghsais. 

Ick bin eyn voghel va[n] schonenn ghelate, 
Doch men heflft myner nenen groten baten. 
Alsus varth mennych dorch de lanth 
Gar schone myt synes deves hant. 

27. De wilde anth. 

De enen doden schyten drecht 

Unde syn ghelt an böse wyve lecht, 

De mach dat iummer wesen wys, [S. 87] 

Dat syn arbeyt halflf vorloren ys. 

28. De tarne anth. 

Ick gha hir snateren in dem drecke, 
De my bespotten dat synt ghecke. 
Ick mene, dat it sick nicht en themet, 
Dat syck en synes amptes schemet. 

29. De ffoysan. 

Wultu schulen by dem hern, 
So wes dem bussche nicht to veme. 
Wente dat is nu der heren räd, 
Dat alle ere synne na rovende städ. 

30. De trappe. 

We gherne drinket to vuUen, 

De mod ock vakene duUen. 

Betere were id, dat he druncke to mathe, 

So levede he na der wysen städe. 

31. De sappe. 

We nycht wil sorghen an der tut, 
De werth gherne der eren quiit. 
We ock sorghet umme der zele gud, 
De is wyss und dar bii vrod. 

32. De reyipher. 

Ick wände lever by dem dycke 

Und were salych und da bij rike, 

Wan uppe euer borch hoghe 

Unde hadde eyn quad iar uppe dat oghe. 

33. Dat raphon. 

Ick leve wol van myneme ghude, 

Leckere spise ethe ick mytt mode 

Und drincke dar tho den kolden wyn, [S. 88] 

Dat mot de arme lathen syn. 

34. De urhane. 

We mere vorteret wen he vormäch. 
Den sleyt gherne der sorghen slach. 

9* 



m 

Betere were, dat he terde tho mathe, 

So en dorffte he nycht hydden uppe der strate. 

35. De iirhe[ii]ne. 

Du schalt dy then van velen luden, 
Wultu dyn ruchte an eren behuden. 
Mennyck schynet gudt unde is doch quath, 
Malk see, myt weme he um[m]e ghäd! 

36. De berchhane. 

We tho vele wil volghen guden ghesellen, 
De mod vakener ghan in plunden wan in pellen. 
He vortheret syn gud an doren wyse, 
Dar umme ick ene nicht sere en pryse. 

37. De berelihen[ii]e. 

We gheme to laghe myt my wil drincke[n] 
Und wil nicht gherne myt my klincken, 
Des lages unde syner ick wol umbere, 
AI were he ock enes landes here. 

38. De tarne hane. 

Dorch quade lüde schaltu waken, . 
Dat se dy neuen schaden maken, 
Und holt dyn güd an steder hude, 
So deystu seker alzo de vrode. 

39. De tarne heii[n]e. 

Ik byn des nachtes vul stede 

By myneme manne myt vrede. 

Dede eyn iewelik wiiff alzo, [S. 89] 

So mochte ere man wesen vro. 

40. Dat koken. 

Wultu wesen myt ghemake. 
So hebbe an dy wysse sprake. 
We gherne den luden spreket quath, 
Nycht ghudes eme dar van bestat. 

41. De dttffer. 

Wor de maghet ovele meth 
Unde de knecht sijk an der schrifft vorghet 
Unde de werdynne to rekent gherne, 
Dar schal men vormy(n)de[n] de thaverne. 

42. De duue. 

We syn hus wil hebben suver. 
De wäre syck vor papen unde duven. 
De duve gheyt schyten umme den thrent 
Unde de pape umme sy[n] serdent. 



42, 4 serdent vgl mhd. serten 'stuprare^, sürt *8tuprum\ 



133 

43. De holtduYe. 

Wol eme, de dar hefft sulken stad, 
Dat he en bedderve wiflf had! 
De mach manck bedderve lüde ghan 
Unde vrolycken syne oghen upslän. 

44. De ringeldaue. 

Ach du bedrovede hanreyghe, 
Ick like dy enem vulen eyghe, 
Dat is mank den luden ghar unwerth, 
De sulve heyl is dy ock beschert! 

45. De tertelduue. 

Ick vycke men den enen man, 
Dem sulven ick alles gheyles ghän. 
Ghunde mennich wyflf crem manne alzo, 
Des mochten se beyde wesen vro. 

46. De rordnm. 

Id is be(s)t, dat ick binde mynen naghe[l] [S- 90] 
Vaste tho mineme saghel, 
Wan ick umme dat ghesarde 
Wul sere gheslaghen werde. 

47. D^ kriekanth. 

Alle man schaltu nycht geloven, 

So kan dy nen man bedroven, 

Wente mennych is van sulker arth, 

He spreket wyth und menet doch swarth. 

48. De hegher. 

We gherne tho losen wiven gheyt, 
Under tijden werth em eyn slach bereyth, 
Dar um he alle de weken 
Mot wessen unthoreke. 

49. De speeht. 

De dar hefft enen steneghen acker 
Unde eyn wyff myt den lenden wacker, 
Deme syn dynck denne nycht en doch, 
De hefift ungheluckes ghenoch. 

50. De karoek. 

De syn echte wyff vorsmad 

Unde gheyt, dar he ene palluchen had. 

De deyt alzo der duUen swinen, 

Dat gheyt uthe reynen water in den ron(t)sten. 



46, 3 vgl zu 42, 4. — 50, 2 hs. palluchen oder pallunche? ob verschrieben für 
hallunche? — 50, 3 swinen lies swine^^en. 



134 



51. De naehtegal. 

Vil mennich man lüde synghet, 
Wan me eme de bruth bringhet. 
Wüste he, wat me emme brochte, 
Wat he wol swygben mochte! 

52. De czItsBC. [S. 91] 

Wor gherthels wanet in deme hus, 
Dar mot de werth swyghen so en mus. 
Is id dat he dat jemande claghet, 
Under de kisten see ene iaghet. 

53. De gliele Tineke. 

Ach god, wath id dar seidene wolstäd, 
Dar dat wiiff de brock anne had 
Unde dar de man is ghehuvet! 
Nicht ghudes men dar vele kluvet. 

54. De boclnrineke. 

Wor de werth grensen ghäd 
In deme huse sunder imderläd 
Uppe syn wyff unde uppe ynghesynde, 
Dar is seiden wath ghudes inne. 

55. De graue Tineke. 

Dat wyff mach wol syn vorraden, 
Dat myd eneme quaden manne is vorladen, 
Wente se kan eme spade edder vro 
Seiden wat tho wyllen don. 

56. De wylde raye. 

Mennych man syth tho deme bere 
Unde weth mer rechtes wen ander vere, 
Deme doch dat recht äff gheyt 
Wanner he vor dem gherichte steyt, 

57. De tarne rare. 

Myn here unde myn vrowe hebben my leff, 

Doch byn ick van nature ein deff. 

So is ock mennych man 

En deff, dem men wol ghudes ghan. 

58. De nachtrave. [S. 92] 
Ick vorderve myn liiff myt quatze 

Des nachtes, myt drinckende und myt vratze. 

So deyt ock vil mennich man, 

De des nachtes nicht wil to bedde ghan. 



52, 1 gherthels h girehelse? 



135 

59. De andYOghel. 

Eyn jewelick hebbe io eyne rejme hant, 
So mach he varen dorch de landth, 
Ach god, wath id eme ovele stad, 
De syne hende gherne kleven lad. 

60. De aleke. 

Eyn iewelick de late my myt ghemake, 
Wente ick hebbe io ene dale sprake. 
Wente he undertiiden io wath beryth. 
De den andernn nycht myt ghemake leth. 

61. De kreyirhe. 

We des morghens vro upsteyt 
Unde dorch lusten spasseren gheyt 
Unde leth na ghades kerken, 
De wyl der boven orden sterken. 

62. De heyirhester. 

We smeken unde vorraden kan, 
De is to have eyn werth man. 
Wente truwe de lydet nu not 
Vnde de ere is gheslaghen dot. 

63. De papeghoyge. 

Underschedenheyt in allen dinghen 

Mach mennighen groten vramen bringhen, 

We dar nycht mede umme gheyt, Iß- 93] 

De werth gherne velen luden leyth. 

64. De kuekuek. 

Myn name is wol gekant. 
Myt schalkheyt wynt me mennych land. 
Dar umme see eyn reuelyck tho, 
Weme he love spade edder vro. 

65. De wedehoppe. 

Ick bin [ein] voghel ghar schone 

Unde draghe uppe mynem havede eyne kröne, 

Me kan my anders nycht vorwyten, 

Men dat ick myn eghene nest besplyte. 

66. De wachtele. 

Myn grote ropent unde myn schal 

Hefft my ghebrocht an ungheval, 

Dat ick hire lygge in dem nette. 

Dar spreket mennych unde sweghe bette! 



60, 3 lies jo wedde bere(de)t? — 64, 3 reuelyck lies ieuelyck. 



136 

67. De drossele. 

Seidene kan he weren vrot, 

De stede dencket vppe grot gfid. 

Wente nement wet noch dach effte nacht. 

Wo langhe syn levent waren mach. 

68. De kalander. 

We myd den ghose[n] drincket to laghe, 
De schal my nycht wol behaghen, 
Doch druncke he lever den kolden wyn^, 
Mochte id na synen wyllen ghen. 

69. De zeddlke. 

We myt my wyl ghan tho deme wyne, [S. 94] 

De legghe synen pennynck by den mynen. 
Dat do he snelle sunder wanck 
Edder drincke, dat de ghos dranck. 

70. De stegrelitsEe. 

Eyn jewelyk wyss vrod man 

Schal tho tijden to bedde(n) ghan 

Unde des morghens dene[n] ghade ghar even, 

De eme lyff und zele hefft ghegheven. 

71. De gizyck. 

De my vruntlik vor mynen oghen ist 
Und ment my myt valscher list, 
Den wil ick iummer enem dwase lyken, 
Dat swere ick bii gode vam hemmelrike. 

72. De buTynck. 

Ick holde ene vor enen wysen man, 
De des somers so vele vorwerven kan, 
Dat he des wynters hefft syn ghevoch. 
Wol dem ghennen, de dar tho doch! 

73. De lewerk. 

Ick see den dach, ick wil upstan 
Und sen wath ick to schaffende han. 
We des morgens gherne langhe vulet. 
In grotem armode he dar na schulet. 

74. De spreen. 

Gude selschup fyn unde reyne. 

De pryse ick vor euer fonteyne, 

De ut der erden dringhet. 

Eyn schamel herte syck sulven dwinghet. 



68, 4 ghen lies sfn. — 71 gizyck? vgl 75, 



187 

75. De ghele grblrrayek. [S. 95] 

Offte my eyn bove myt eneme boven schulde 
Unde de sulve bove nych vor my en ghulde 
Und were doch ergher bove. wen ick, 
Des sulven boven vordrote myck. 

76. De neftelkoiiiiynek. 

We des avendes wyl vele drincke[n] 
Und des morghens nycht uppe gade dencke[n] 
Deme were id beter, dat he dat lethe 
Unde druncke dat water uth deme vlete. 

77. De sperlinek. 

We dar vele wil borghen, 
De käme lever morghen; 
Id is dallinck de dach, 
Dat men nycht borghen mach! 

78. De meseke. 

We syn gud wol waren kan. 
De mach wol syn eyn vrod man. 
Wente men secht myt underschedenheyt: 
Eyn iar nycht so dat ander steyt.. 

79. De terse. 

Ick lope hir in deme grase, 

De my soken dat syn dwase. 

Ick dunke em na und byn em verne, 

Alsus socht mennych syne derne. 

80. De sTüleke. 

Vacke hoghe gheseten 
Und dar by ovele ghegheten, 
Dat ys eyne tucht to have. 
Der ick nicht sere en lave. 

81. De ^ueekstert. [S. 96] 

Ich bin hir unde dar so eyn mfis 
Unde wäre gherne enes anderen h&s. 
Doch were it beter al sunder kiiff, 
Dat ick bewarde myn eghen wiiff. 

82. De ronperlinek. 

He mach wol syn myt körten worden 
Eyn broder an der hanreygher orden. 
De dat wol weth unde doch vordrecht, 
Dat sick syn wyff by enen andern lecht. 



79, 3 em 'ihnen' dat. plur. 



138 

83. ]^ huke. 

Kam her to my, myn leve man, 
Secht mennych wyflf up losen wan 
Unde menet dat myt deme herten nycht. 
Ach god, wo vaken dat dat schichtl 

84. De Tledenniis« 

Alsunder vedderen ick vlege. 
Mennyk man sorghet vor syne weghe, 
Dat he dar nycht in tymmeren kan. 
Lychte deyt dat wol sin kappellan. 

flnis hiiiiis« 

Hir endyghet syck der voghel sprake. 
Eyn iewelyck wcse myt ghemake 
Und dryncke my enen vuUen tho, 
So mach ick drade werden vro! 



Niederdeutsche Vogelsprache. 

(Aus einem Wiegendrucke.) 

Der aus der Jütischen Sammlung S. 127 ff. zum Abdruck ge- 
brachten Dichtung steht die Vogelsprache nahe ^), welche die Incunabd 
s, a. 208 der Hofbibliothek in München bietet. Dieser Druck umfasst 
acht unbezifferte Blätter (14. 10 Cm.), von denen das erste auf der 
Vorderseite nur die Worte öcr Pogcl fprafc bietet. Die Rückseite ist 
leer. Blatt 5a trägt unten das Bogenzeichen b \, Blatt 8b füllt ein 
Holzschnitt: Maria mit dem Jesusknaben, daneben eine zweite Frau, 
oben der heilige Geist in Gestalt einer Taube. Druckort und Druck- 
jahr sind nicht genannt, und es lässt sich nur vermuten, dass der 
Druck um d. J. 1500 die Presse verlassen hat. 



Hyer begynt der vogrel Q»rake. 

1. De liTetelenkonynck fecht: 
We vmbeschympet mochte fijn. 
He droege wael ene krönen fijn. 
We my befcympet, de fe vp fick, 
Schande weet he meer wan ick. 

2. Boeekryneke. 

Hannyp eethe yck geerne. 

Dat is mannyge fchone deerne. 

De gerne wat foetes eet; 

Daer van wert fe yn den fyden vet. 



*) Vgl. oben S. 107 ff. — 2, 1 hanip *Hanf(8ameny, 



139 

Se wolde fick gerne vyncken. 

Nu wal hen! mee fued daer nemende van hyncken. 

3. Adeber oifte ftorek. 

Ick en fpaer nicht dijn genote[n], 
Ick fluke de lutteken myt den groten. 
Dat fteyt al in mijn gemote: 
Hunger maket mij ro bonen wal fote. 

4. De paawe. 

Ick byn een vogel fchone, 
Dat hebbe ick van gode to lone. 
De fchone ys vnd daer bij gued, 
Och wat he gode leue doet! 

ö. De teers off fcryek. 

Ick lope yn deme graefe, 
Wee my foeken, dat fyn dwafe; 
Ick fchyne na vnde byn veere 
Und make mannygen manne eerre. 

6. De hege[r] off maerkloff. 

We vele wyl legen 
Unde fyck daer vp dreegen 
Unde ys daer by valfch vnd fpee, 
Och welck een fcalck is he! 

7. De lunlnek off mnffche. 

Ick nefte in de hufe 

Bij ratten vnd bij mufe. 

We myt dem anderen wil inne wefen, 

De moet behende breue lefen. 

8. De karoek. 
Hoge torne vnd klockenklanck, 
To groten fchepen roder lanck, 
To qwader reyfen gude wege, 
Den quaden wijuen grote flege! 
We vele wil vnnutte klaffen, 

De mochte leuer holden fine blaffen; 
Men mach fynre nicht geerne lijden, 
Daer vnune moet he de felfchop mijden. 

9. De kregrhe. 

We des morgens vroe vpftaed 
Und gode nycht vor ogen en had, 



2, 5 sik vinken: In Holstein und Ostfriesland heisaen die Sperlinge Finken 
und braucht man das Verbum 'finken' für 'nach Sperlingsart der Liebe pflegen'. 
— 8, 6 Entweder ist sin su bessern oder ein sonst unbekanntes Substantiv blaffe 
anzunehmen. 



140 

Wo vele te lenger wert em de dach, 
Wo he den ouerbrengen mach. 
So hefft [he] noch den langen morgen 
Nycht vele guder verworuen. 

10. De aent fpreekt: 

Ick fnater in deme drecke, 
De my befchympen dat fyn gecke. 
Int vnreyn foeck ick mijne fpijfe, 
Gelijck [do] een ander na fyner wijfe, 

11. De kryekant. 

Waer dat ys een aftorich weert 

Und vele kynder vmme den hert. 

De frouwe nycht wyl koken, dat men eet, 

Unde de maget luttick in de kanne met 

Unde daer to rekent gerne, 

Dat maket fnel een wofte tauerne. 

12. De haue. 

Ick bijn een vogel by nachte, 
De tijd ick vorwachte. 
Mannich verwachtet fyne tijde, 
Nochtan wert he felden blijde. 

13. Dat hoen. 

Heer weert, wefet guden hoghen, 

Wan ghij enen guden vrunt hebben mögen 

In guden reden funder fchaden, 

Meer hodet iv vor den quaden! 

14. De gpaes oflte grans. 

Durbaer koftelijke rijke vnd flechte, 
Papen, rydder, beeren vnd knechte, 
Deer ys vele, de geerne nemen. 
Und achten nicht, waer yd her queme. 

15. Dat waterhoen. 

We des auendes vele wyl drincken 

Und des morgens vp god nycht dencken, 

Ick wolde, dat he yd lete; 

He mochte leuer dryncken vth den vlete. 

16. De mefe. 

Ick nefte hijr yn dat reet, 

Dat bedudet fo vele als een fcheet. 

Wan dat reet wert äff gehouwen, 

So moet ick vp een ander ftede bouwen. 



9, 3 te lies de 'deato^, — 11, 1 lies asturick 



141 

Bat ys mij en grot Made, 
Mer de narow ys to Ipade. 

17. De xedyek. 

Seeder dat yd waert, 

Dat men papen wijgede vngelaert 

Und lüde te rydder floch funder gebort 

Und blote kutten fchoer, 

Heefft lick de werlt feer verkart. 

18. De swale. 

Ick byn een vogel fnel, 

Des kenne de frouwe, wan fe wyll 

Des morgens fpreke ick: wriflF in! wriff in! 

Alfo fta yck in der frouwen fyn. 

19. Papegoye. 

Synt dat papen vogede weren, 
Monyke hulpen Jick vth den orden, 
Landes heern nicht bleuen bij worden, 
Synd is de werlt feer verfoerden. 

20. De spreey. 

Gude gefelfchop reyne 

De prijfe yck voer alle fonteyne; 

Alfe dat water vth den bergen drinckt, 

Et ys mannich man, den fijn eere dwynckt. 

21. Yekmmp off rordnmp. 

Ick ligge in den rore bedouen 

Und hebbe den yungen in dat water fchouen, 

Ick fpreke: dum dum ledich gaen, 

Wo een yflich dat fchal verfmaen. 

22. De duker. 

Ick duke in dat water fnel. 
We den wyuen vele feggen wil, 
Dat ys euen aKo befloten, 
Alfe water in een feue goten. 

23. De fchalaer. 

Ick duke in den grund 
Unde fluke enen ael in minen munt. 
Eer ick en hebbe vp gefloken, 
Is he my achter vth gekropen. 

24. De mewe. 

Ick vyffche bij dem dijke, 
Eyn yflick vryge fynen gelijke. 



21 Yckrump lies Iprump. 



142 

We lick beter holt wan he is, 
De gecket lick fuluen, dat is wis. 

25. De leppeleer. 

Ick hebbe enen nybben als eyn lepel, 
Eyn yflick hebbe enen lijken fchepel; 
Met he nicht myt truwen, 
Dat wil em lange rouwen. 

26. De reyjpier. 

Hoge gefeten: ouel gegeten! 

Dat is eyn ydel eere, 

Deer ick wal entbeere. 

Ick woende leuer by dem dijcke 

Und weer falich Ynde rijcke, 

Dan (ick) vp eyner horch hoge 

Und hadde een quad iaer vpt oge. 

27. De egefter. 

Waer twe litten in eenen gelage 
Unde beginnen mannyge vrage, 
De moten mannich werff feer legen, 
Schall de(r) eene den anderen bedregen. 

28. De wachtele. 

Mijn ropen vnd mijn fchalle[n] 
Heft mij gebracht to vngeualle, 
Dat ick lij komen in dat nette. 
Dat fpreckt mannich, he fwege bet! 

29. De worgeL 

Ick weet dynck, der fynt veer: 

Dobbelen: fchijten: fpijen: kyuen in den beer. 

Wan ick guden bogen wil blijuen, 

So wyl ick leuer fpijen dan kijuen. 

30. Stmes. ; 

Ick byn een vogel vnd kan verduwen 
Ifer[n] vnd ftael funder kuwen, 
So deyt mannich horch vnd lant 
Und blijfft in groter forgen bant. 

31. Aeren. 

Wes myt rade mylde, 
So wert dij dat goed nicht wilde. 
Biftu nicht mylde bij raede, 
Dat rouwet dij to fpade. 



26, 1 Das Kolon bietet hier wie 29, 2 bereits der Drude. 



143 



32. De nalcke. 

Hoge geflogen, Jijde dalt, 
Daer wert wijfheyt vth gehaelt. 
En wem de dorn nergen, 
Wes wolden fe lick dan bergen? 

33. Boemyalcke. 

See to wijflijcken, 

Dattu konneft fachte flijcken. 

Wanne du bij houeffche frouwen litten gaeft, 

Unbefchympet du nicht bij en vp en ftaeft. 

Wij houelude laten nummende nycht, 

Doch ys vns de talTche licht, 

Wij geuen mannigen vnfe spijfe to allen malen, 

So moten fe dat doch weder betalen. 

34. De hanyek. 

Ick roue dorch de noet; 
Rouede ick nicht, fo wer ick doet. 
We dorch noet wert mifdedich, 
God fy der zelen genedich! 

35. De wQgrge. 

Ick byn een vogel nicht alte wert. 

Des ys mannich hoen vor mij veruert. 

Ick flege bij der eerden neder, 

Wat ick kryge, dat en wert nemende weder. 

We Jick myt fchemede wil beergen. 

De moet hyer vnd daer herbergen. 

36. De raue. 

Ronen vnd weder geuen nicht, 
Dat ys yo des rouers plicht. 
Eet allene, wattu hast 
Und bydde nummer nynen gaft! 

37. De trappe. 

Mannich man hefft enen ftenegen acker 
Und ßjn wijff myt dem eerfe wacker 
Und ene ftumpe ploech 
Unde eme fijn dynk nicht en doch. 
Uorwaer de hefft vnluckes genoch! 

38. De wedehoppe. 
Ick byn een vogel fchone, 
Ick drage vp mijnen houede ene krönen; 
Mer fee an mijn neft, 
Unreynicheit dun.cket mij beft; 
Men kan mij nicht verwijten, 
Men dat ick in mijn egen neft fchijte. 



144 

80. Küekuck. 

He is wijs vnd wal gefynnet, 
De des fomers fo vele wynnet, 
Dat he fick des wijnters bedraget. 
Na deme wijfen he deme vraget. 

40. Speeht. 

Ick houwe an den boem, 
Dat bedudet fo vele als een droem. 
We vele doet vnd nycht verfteyt, 
Dat is verloren arbeit. 

41. Yfenbot. 
Suy nicht an een fchone kleyt, 
Want ick dat vorwaer weet: 
Mannich is gekledet fo een docke 
Und is doch valfch in eren rocke. 

42. De daue. 

We fyn huis wil holden suuer, 
De hode fick vor papen vnd duuen. 
De duue fchijt vmme den trent, 
De pape em fijn dochter mynnet. 

43. Torteldaue. 

Ick flege vp enen foren twijch, 
Sunder gallen byn ick rijck. 
Eyn yflick frouwe heft enen man, 
Deme se wal van herten gan. 
HeflPt se dan enen anderen leeff 
So fchrijflft me fe in den horenbreeff. 

44. De swane. 

He en duncket mij nicht wijs, 
De daer bouwet vp dat ijs; 
He mach daer anne verlefen. 
Et en wil altijt nycht frefen. 

45. D« krane. 

We daer wyl vyCfche meygen 
Und an fynen acker ftene fegen. 
Und [de] den doden fchijten drecht 
Und fyn gelt an hören lecht: 
Des biftu feker vnde wis, 
Dat yd al te male verloren is. 

46. Naohtegal«. 

Ick mach frolick fyngen, 
Nu gij mij de brud bryngen. 
Och wifte ick, wat gij brochten, 
Wat ick wal fwijgen mochte! 



145 



47. De we^^ale. 

hogefte manck den luden, 

Kanftu dij nicht behuden? 

Byftu gud, dat wert wal fchijn; 

Wes du wat (vnde), laed enen andern ock wat Jijn. 

48. De lewerick. 

De dach kan mij nycht verbilden, 
Ick danck gode to allen tijden, 
Er de funne vp geyt vnd in golt; 
So is mijn nerynge manichuolt. 

49. De syfeck. 

Ick byn eyn vogel fchone 

Und fynge vth foter done. 

Daer vmme dat ick wal fyngen kan, 

Des hebbe ick enen guden kumpaen. 

Dat machftu duden langes offte dwers, 

Eyn fchoen angefleht verkoft enen vulen ers. 

50. De qaekeffcert 

Wan my mijn dinck doet wee, 

So bynde yck yd leuer to deme dee, 

Eer yck dat foerde, 

Dat mij na verweten wordc. 

51. De aledermnys. 

Ick byn eyn vogel verfchapen. 
Hoed dij vor den ftrijpeden papenl 
Des auendes wan yck vth flege, 
So geyt de pape na fynen leue. 
Ick flege vth myt den vnwerden. 
De yagen fe mij myt den fwerden 
Unde holden mij vor enen geck. 
Noch ethe ick yo enes anderen fpock. 

52. Maggre. 

We mij de äderen wolde flaen, 
De mofte een klene flete haen; 
De mofte wefen kleine, 
Off he tobreke mij de beyne. 
Deo gratias. 

Conelttfio. 

Hyer endet fyck der vogel fprake. 
De nicht en fpreken funder fake. 
Nyemant wil fick to wijfheyt keeren. 
So moten em de vogel leeren. 



48, 3 in golt (seil geyt) 'untergehen' vgl to golde gän Mnd. Wich. 2, 132. 

KiederdentBchea Jahrbuch. XIV. 10 



146 

Hochdeutsche Vogelsprache. 

(Aus einer Wiener Handschrift.) 

Die oberdeutsche Vogelsprache, welche der von frater Johannes 
Hauser plehanus (f 1548) geschriebene Codex Nr. 4117 der Wiener 
Hofbibliothek (vgl. Tabulae cod. ms. in bibl. Vindob. 3, 163) auf Bl. 
38 — 43 bietet, stimmt, wie bereits oben S. 109 bemerkt ist, im Wort- 
laute mit der Vogelsprache in der Fichart'schen Handschrift fast 
überein. Der W^iener Text weicht jedoch, auch abgesehen von der 
verschiedenen Reihenfolge der Sprüche, dadurch ab, dass er einige 
überschüssige Strophen (Nr. 2. 8. 12) und die dem andern Texte 
mangelnden Namen der redenden Vögel überliefert. Nach einer für 
mich freundlichst angefertigten Abschrift sei hier als Probe eine 
Anzahl Strophen mitgeteilt. Die handschriftliche Überschrift lautet: 
Hye vahent sich an manigerlay vögel rat, dy da ratent guts vnd 
pöses noch irer aygenschafft vnd natur wie sich ain kunig oder herre 
halten sol in seiner regierung. Zu Wort kommen folgende ^ö^el: 
Küniglein, Wachtel, Gans, Rabe, Adler, Sittich, Wiedehopf, Eule, 
Falke, Distelfink, Auerhahn, Kranich, Habicht, Geislein (?), Sjierber, 
Blaufuss, Storch, Elster, Lerche, Pfau, Parnhaklein (?), Meise, Wint- 
wähel (Rötelweihe), Geier, . . . (V), Sperling, Luersvogel (?), Henne, 
Eisvogel, Kukuk. 



1. Des künigleins pe^eren: 

Nun nembt ir herren alle rat, 
Daz ir mein eren wert [l. nemet] war 
Vnd daz mein landt in frewden sey 
Vnd von laster werde frey; 
Vnd ratent mir, wie daz ich 
Alczeyt pebar mein kunigreich! 

2. Der wachtel rat: 

Du solt alczeyt geren gelten 
Vnd der hochifart pMegen selten, 
Dar zw solt du dich masse[n], 
Das dich dein gut nit lasse. 
Auch schlaff nit zevil in trakayt 
Vnd halt treulich deinen ayd. 

3. Der gans rat: 

Du solt alczeyt in deinen raysen 

Verderben witib vnd waysen, 

Prennen, stelen vnd rauben sere. 

So furcht man dich, daz ist mein lere. 

Vnd ob du kumbst vmb dein krag 

So schrey ich desder lautt[er] ga ga ga ga. 

4. Des raben rat: 

Stelen, rauben, prennen sey dein spil, 
So dyenen dir gutter gesellen vil, 



Dy zw solichem schimpfF gehören 
Vnd sich mit solichen eren neren, 
Als des wolffs gwanhait ist. 
Das rat ich dir in kurczer frist. 

5. Des adlers rat: 

Man sol geben waz man geben sol, 
Daz czimbt euch vnd allen herren wol, 
Milt sein vnd nach staten geben 
Vnd alczeit nach gotlichen eren streben. 
Vnd rieht den armen alz den reichen. 
Das stet wol vnd ist herleichen. 

6. Des sithichs rat: 

In allen deinen raysen 
Pcschirm witib vnd waysen; 
Auch fleuch neyd vnd poses gut, 
Sy verkern recht vnd weysen muet; 
Vnd gedenk der guten tat, 
Dy got vmb dich geliten hat. 

7. Des wiethopffen rat: 
Piss vnrayn herre zw aller frist, 
Thu alz ich scheyss in mein genist, 
Treyb schant vnd posshait vil, 
Daz ist yeczund der herren spil, 
Vnd welich das nun wol kan, 
Den helt man für ainen weysen man. 



147 



8. Der eylin rat: 

Herre du solt dich von danne ziechen 
Vnd alczeyt dy herren fliechen, 
Dy iren rat also geben, 
Tag vnd nacht nach eren streben, 
Herre volig den andern vnd mir. 
So mugen wir gut gewinnen schir. 

9. Des falken rat: 

Mit krafft deinen veinten thu widerstandt, 
So machst du frid vber alle landt, 
Vnd schon here deiner vndertan, 
Daz nit nemb schaden frau vnd man; 
So hilift dir got in aller weyse, 
Daz du pehaltest den preyse. 

10. Des tistelvogel rat: 

Zw vil schweygen ist nit gut, 
Vbermässig klaifen schaden thut, 
Wanne wer vil klafft der muess lyegen, 
Dar vmb solt du dy klaffer fliehen. 
Auch ain lugenhafftig mund 
Verdambt leyb vnd sei zw aller stund. 

11. Des orhannen rat: 

Herre du solt nyemant lassen 
Zw feld oder an der Strassen 
Oder wie du sy machst ergagn 
Klain vnd gross pey irem kragen; 
Parmherczikayt solt du legen zeruk 
Vnd sew dester pass perupff. 

12. Des kranigs rat: 

Herre, wil du in eren leben. 
So lass dein hercz in hochfart streben, 
Wan mit hochfart lugen vnd listen 
Pringt man dy pfennig von den kisten. 
Dar vmb treug vnd leug an alle wer. 
So voligt dir nach ain gross her. 



13. Des habiehs rat: 

Herre, du solt warhafftig sein 
In tugent ker dy synne dein, 
So machstu wol mit eren 
Sten vor fursten vnd herren, 
Piss den frumen leuten gut. 
Den posen trag strengen mut. 

14. Des geysleins rat: 

Dem armen tayl mit dy speys dein. 
So wirt dy gottes huld scheyn, 
Vnd hab dar pey parmherczikayt, 
So wirt dir lob vnd ere gesayt 
Von armen vnd von reychen. 
Das gelaub mir sicherleichenl 

15. Des sparbers rat: 

Gross gut darffst du wol herre. 
Dar nach stell, daz ist mein lere, 
Vnd sain zw hauffig dy phennig schir, 
Wie sy dir mugen werden daz rat ich dir, 
Das wir da von wol mugen leben 
■ Vnd kurczweyl da von phlegen. 

16. Der kran rat: 

Ich wolt pey meinen eren, 
Daz dy herren peschayden weren 
Vnd ryetten, alz sy pileich solten; 
Zwar es wirt in wol vergolten. 
Dar vmb ratens alz sy sind. 
Aber an iren eren sind sy plind. 

17. Des plabfaess rat: 

Stetter mutt sol dir wonen pey. 
So magst du leben sorgen frey, 
Vnd piss den guten haymleich. 
So pleybt in eren dein kunigreich, 
Wan mit den guten wirst du gut, 
Dy poss geselschafft schaden thut. 



18. Des storchen rat: 

Mein herre hat zwayer hendt rat, 
Lass sehen au welich er stat, 
Der armen vnd der reychen. 
Ich sag euch sicherleychen, 
Vnd thut er nach der posen rat. 
So wirt er mit den posen quat. 



BERLIN. 



W. Seelmann. 



10* 



148 

Zum Sündenfall. 



V. 169. Alles dinges wü ek wol erwerverif 
Nein dink kan me vor tny sparen. 

V. 169 ist mit Herstellung des reinen Reimes folgendermassen zu 
bessern: 

Alles dinges bin ek wol vorvaren 

*Jedes Dinges bin ich kundig, und nichts kann man vor mir ver- 
heimlichen.' 

204. Och wan se ü alle recht verstoiden 
Wu lefliken wy se broiden 

broiden erklärt Schönemann als „hüten^, das Mnd. Wb. durch „mit 
Brod versehen"; es ist aber wohl aus behoiden ^behüten' entstellt, 
vgl. V. 202. 

251 fF. sind folgendermassen herzustellen: 

Almechtige scipper, hör dinen kor, 

dede virtutes is genomet, 

dede nicht en staden, dat we verdomet 

werde van jennigen creaturen, 

De wy virtutes hehoden unde bescuren. 

Statt staden 'verstatten, zulassen', das sich auch V. 655 findet, liesst 
der Herausgeber scaden^ was keinen Sinn gibt. Es liegt augenscheinlich 
Verwechslung von t und c hier wie auch sonst öfter vor. 

258 ist zu lesen: Virtutes dat sint dogede. Seh. liest mit der 
Hs.: de gode. 

652 ff. ist zu lesen: 

Owe owe uns armen doren, 
Dat toy ja worden also dul, 
Dat wy alsodene vorgiftigen mul 
Toleten (Hs. To leren) unde staden. 
1102. Here, ik wil dusse veste (das Paradies) 
Bescermen unde behoden. 
Or scal sik hir nein mer utfoden. 

ütfoden wird durch „ausruhen" erklärt, es ist aber zu trennen: üt 
foden. „Ihrer niemand soll sich hieraus ernähren}^ 

1108 ist zu lesen: Nu is vorternt min leve here. 

1140 hat die Hds. richtig: Wat mach ik arme nu ane gän? 'Was 
soll ich nun anfangen?' Seh. schreibt unverständlich War mach u. s. w. 

1150 lies: Ik bin io dyn gegeven früe. 

1171 Wy hauwen hen in godes namen kann nicht richtig sein, 
es ist thauwen 'eilen' zu schreiben. 

1244 ff. spricht Cain seine Verwunderung aus, dass Gott Abels 
Opfer vor seinem 'ausgesondert hat', und fahrt dann fort: Gä un/, 
dat wy dar vorder van reden Abel antwortet 1250: 

Leve broder, deit dik des wol neden? 
Du sust my also grimmigen an, 
Dat ik kume dar mit dy gän. 



149 

So Schönemanns Text, die Hs. hat dat ik st. deit dik, neden wird im 
Glossar durch Neid erregen erklärt, während es V. 2256 und 3491 
unzweifelhaft die Bedeutung 'wagen, sich erkühnen' hat. Auch das 
Mnd. Wb. 3, 168 führt diese Erklärung an, lässt jedoch die Mög- 
lichkeit offen, dass es auch an dieser Stelle gleich dem alts. nädhian 
sei; L. übersetzt deit dik des wol neden? durch „Macht dich das so 
trotzig?" Es ist zu schreiben: Dar ik des wol neden 'Darf ich das 
wohl wagen?' 

1559 ist nach 1441 ff. zu verbessern: 

Den (Baum) sack ik also langen. 

Dar ein eislik Stange 

In lach to hope gewunden, 

1659 lies: Unde dö so wol . . . Über die Höflichkeitsformel dot 
wol, 'seid so gut' vgl. Müller im Mhd. Wb. 3, 135, 43; Mnd. Wb. 1, 
537, 41. 

1665 lies: Ik bidde, dat gy nicht to en (d. h. 'ihn') decken. 

1761 f. ist zu lesen: 

Umme der sunde willen, schaltti denken, 
Schullen alle creaturen drenken (Hs.: krenken) 

Über drenken 'ertrinken' s. Mnd.. Wb. 1, 572, 5. 

1776. So grote gnade hefst du geddn 
Uns armen creaturen, 
Dat wy in dussen schüren 
In dinen gnaden leven. 

Seh. erklärt schür als 'Schauer, Regenguss' und auch das Mnd. W^b. 
bleibt bei dieser Erklärung, obgleich richtig bemerkt wird: „Charac- 
teristisch bei einem Schauer ist die Heftigkeit und kurze Dauer des 
Ausbruchs." Danach ist klar, dass die heftigen, andauernden Güsse 
der Sündflut nicht so bezeichnet werden können, schürn oder schüre, 
f. ist auch hier der Ort, der Schutz und Obdach gewährt; es können 
auch die einzelnen Fächer, Abteilungen der Arche gemeint sein. 
S. Mnd. Wb. 4, 153. 

1909 ist zu lesen: Abraham, num dinen son Eingeborn Ysaak, 

2003. Dem husche enschut min alle nein schade 
Es ist zu lesen: mit alle 'durchaus'. 

2067 ff. sind folgendermassen zu schreiben und zu interpungieren: 

Hir umme bin ik hir nedder Stegen 
Unde hebbe mg bi dg gevlegen, 
Dattu se bringest buten dat lant 
Ut konninges pharahonis hant, 
Min leve volk van Israhel, 
In ein lant 

Sch. hat st. se das hinzeigende so, das nicht am Platze ist. Auch 
2065 steht der Plural se, während der Singular volk vorhergeht. 
2096 ff. ist zu lesen: 

Ik hope, ik hebbe noch nicht gebroken 

An minem swigende, leve here, 

Unde hope, dat my des nement vorkere, 



150 

Wol doth M Lottes tiden geschach 
Min opper unde nicht up dussen dach. 

2112 fF. Auch diese Verse sind von Seh. nicht richtig auf- 
gefasst; es ist zu lesen: 

Ach here, welke geistlike meninge 

Is hir der werlde l>z gegeven? 

'Dat Ute deme buske dat etoige leven 

Der werlde to tröste komen schal, 

— Ein herde wesent — dai to einem stäl 

An dat levent is gebornJ 

Ach Herr, welche geistliche Bedeutung liegt hierin für die Welt? 
Antwort: Dass aus dem Busche das ewige Leben der Welt zum Tröste 
kommen soll — in der Gestalt eines Hirten — das in einem Stall 
in das Leben hinein geboren ist. Zu: an dat levent geborn vgl. an de 
erden geb. 2927. 

2275 lies: dat uns truwer rät werden moete. Seh. liest werde, 
die Hs. hatte wahrscheinlich werdQ. 

2322 ist zu lesen: 

Ik wil iu umme mines leven vaders toillen 
Gotliken handelen unde sptsen .... 

Der Ausfall des Acc. iu vor umme erklärt sich leicht. 

2337 f. ist zu lesen: na legenicheit aller der mynschen sdlicheü 
„nach der Sachlage der Seligkeit aller Menschen". Vgl. 2378 nach 
legenicheit des speis, 

2402 ist das hsl. dat nicht in dar zu ändern; es ist das Demonstr., 
während dat zu Anfang des Verses Conjunction ist. Es ist zu schreiben: 

Wan se dat dode kint vindet dar, 
So schal se menen aldorgen war, 
Dat it si ir eigen kint, 
Dat se döt dat bi sik vint. 

Die Verse 2485,6 sind nur zu verstehen, wenn sie umgestellt 
werden. Es ist danach zu lesen: 

2483. Siner dener der is over den tal, 
Ik en kan or nicht getellen al, 
dat dar altemdle mede is. 
Dusse koninch is also kloek unde uns. 

V. 2485 steht dat, als wenn gesinde^ wie 2481, nicht der Plural dener 
vorherginge. Vgl. 2509: Vrauwen unde juncfrawen unde megede. Gy 
schulten attomalen mede. 

2927 entspricht das hsl. van siner juncfrauwen dem lat. ex 
virgine ejus V. 2924; die Änderung in einer ist unnütz. 

2980 ff. Das Lateinische ist verstümmelt und nicht herzustellen; 
nur soviel ergibt sich aus der Vergleichung mit der deutschen Über- 
setzung V. 2984: up einem stole se sit, dass statt sedes sedens (sedes) 
zu schreiben ist. Auch dut Jammer! V. 2988 ist kaum richtig; viel- 
leicht mit Jammer? 

3213 lies: 

Dut wort dat wart geborn got. 
Unde alse ein misdeder verstot. 



151 

3281 fF. ist die Interpunktion folgendermassen zu ändern: 

Wy hadden dem mynschen alle spise 
Gegeven in dem paradise. 
Einen böm, den ik om dar vorböt, 
Dar umme heft he gegeten den döt 
TJnde heft gesundiget üter maten. 

3362 fF. ist zu lesen: TJnde su an unse bitteren trenen, Z)a wy 
dach unde nacht hewenen Mede use schult . . . 

3447 lies: It helpet ome nicht allent dat he drift. 

3465 kann innigen nicht Synon. zu vromen sein, sondern es 
muss = jtnigen sein. Für jenich aliquis findet sich auch inich; s. 
Mnd. Wb. 2, 364, 31. 

Die Verse 3569,70 sind gründlich entstellt. Nachdem hinter V. 
3568 ein Punkt gesetzt, ist folgendermassen zu schreiben: 

Unde dat in miner lere schult 
Dat möt noch alle werden vorfult 

'Was in meiner Lehre verborgen liegt, das muss noch alles erfüllt 
werden.' Die Bestätigung der Verbesserung liegt in dem lat. Texte: 
Aperiam in paraholis os meum. Der Reim schult : vorfult findet sich 
auch 2841. 

3654 ff. ist zu lesen: 

Her vader, wdrwordich schütte gy wesen, 
Unde lotet den mynschen nicht genesen, 
Dat he so vr ome der bede genete. 

'Herr Vater, ihr sollt wahrhaft sein und den Menschen nicht ohne 
Strafe davon kommen lassen, so dass er den Vorteil von so befremd- 
licher Bitte hat.' Vgl. die Worte Adams 3429: Ik höre de bedde der 
leven pßropheten^ Der mach ik leider nicht geneten. 
3672 ff. sind genau nach der Hs. zu lesen: 

Hir umme denket Ädames, juwes sones, 

üp dat it (das Wort Davids) werde vullenbracht, 

Unde dat Cherubin Seite heft gesacht, 

Dat he miner möge geneten. 

Vgl. die Worte des Cherubin, besonders 1471 ff. 

3737 kann noden wohl nur heissen 'notwendig sein'; vgl. Mnd. 
Wb. 3, 194, 33. Vielleicht ist dusses döt zu lesen. 

3747 fi. sind folgendermassen herzustellen: 

Gabriel, nu werdet rede, 
Segget Annen dat ik or berede: 
Ek wil twiden ore bede. 
De se vaken an my dede. 

'Gabriel, nun mache dich bereit. Sage Anna das, was ich ihr ver- 
spreche. Ich will ihr Gebet erfüllen, mit dem sie mich oft anlag.' 
— Über bereden = versprechen, geloben s. Mnd. Wb. 6, 51. Statt 
berede V. 3749 hat die Hs. bede, was wohl aus be' de entstellt ist. 

361 lies dusser. 390 lies iß st. ist, 572 lies ewiclichen. 1180 
ist wohl zu lesen: hir nach so scicke ein gevelle. Nach 1638 ist der 
Punkt in ein Komma zu ändern und V. 1639 nach Dat ist he zu er- 



152 

ganzen. 1643,4 me : entwe. 1723 lies ho (: io). 1873 me : se. 1920 
lies mit der Hs.: vromede. 1958 tilge das Komma. 2171 ist woM 
dede : rede zu lesen. 2233 lies dele (zele). Nach 2296 ist der Punkt 
zu tilgen. 2365. Nach 692 ist neste st. veste zu schreiben. 2421 lies 
enterest, 2449 hat die Hs.: Dut sechst; Seh. schreibt: Dut secht, es 
ist aber: Du sechst zu schreiben. 2479 ist natürlich mit der Hs. er- 
licheit und 2490, 2494 erlik zu schreiben. 2507 lies iuk st. sik, 2766 
lies gesen. 2844 lies schuL 2921 lies reger et. 2948 ]ies novis. 2956 
lies neten (: propheten), 3034 lies ütgesent. Nach 3199 und 3201 
sind die Kommata zu streichen. 3227 lies worte garte 'Wurzgarten'; 
s. Mnd. Wb. 3348 wohl: van gode an himmelrtke. 3389 und 3397 
lies weisen, 3445,6 prophete : vordrete, 3474 my st. mir? 3716 ist 
beidentstden zu schreiben. 3854. Da ttviden auch 3456 mit dem-Gen. 
construiert wird, so war alles^ nicht allet zu schreiben. 

Zum Wörterbuche habe ich noch folgendes zu bemerken: 

behuddes 'verborgen' s. Mnd. Wb. 1, 198, 32; bekoren hat 2236 
nicht die Bedeutung 'in Versuchung führen', sondern 'Jem. anliegen, 
bitten'. 

beschelicheit erklärt auch das Mnd. Wb. 1, 260 als Zusammen- 
ziehung von besehedelicheit, Bescheidwissen, Klugheit. Dies Wort findet 
sich jedoch nirgend belegt. Ich stelle beschelicheit zu schelen in der 
Bedeutung 'unterscheiden' (s. Mnd. Wb. 4, 64, 40); es bezeichnet 
demnach die Eigenschaft dessen, der Wahres und Falsches zu unter- 
scheiden versteht. 

bewant 'gut angewandt' gehört zu bewenden^ Mnd. Wb. 1, 318. 

brecht ist = bracht 'Pracht, Herrlichkeit', s. Lübben u. d. W. 

broiden 'hüten' ist zu streichen, s. o.; diifare ist Comp. 

emmelat kann natürlich nicht = England sein. Statt ende ist 
ende zu schreiben; over ende gän heisst 'bei Seite gehn' wie schon 
richtig im Mnd. Wb. 1, 660 gedeutet ist. 

St. gesekin ist glesektn zu lesen; g6 = Versammlung, s. Mnd. 
Wb. 2, 126. 

herschnlt ist zu streichen, s. o. 

honde. Die scheinbar ndl. Form beruht auf Schreibfehler, es 
muss an dieser Stelle hode lauten, zu hot, 

hüre nicht 'hart', sondern 'zerbrechlich'. 

kolden kann 727 'nicht 'erkalten' heissen; auch das Mnd. Wb. 
gibt keine Auskunft. 

mond. Auch diese vermeintliche niederl. Form ist zu streichen. 

St. neden 'Neid erregen' ist neden 'wagen' zu schreiben, s. z. 1250. 

schür 'Schauer, Regen' ist zu streichen, s. z. 1778; über schel 
und schellen s. Mnd. Wb. 4, 62 u. 64. 

stempen nicht 'stampfen', sondern 'Verrat üben, betrügen', s. 
Mnd. Wb. 4, 384, 20. 

tiden 'sich verlassen auf, Mnd. Wb. 4, 540. 

fitfdden 'ausruhen' ist zu streichen, s. z. 1104. 



153 

Yorkeren V. 487 ist = verführen, s. Mnd. Wb. 5, 375. 

vorleggen ^abweisen, zurückweisen', Mnd. Wb. 5, 389. 

vorschoven hat sowohl 275 als auch 717 die Bedeutung 'ver- 
drängen', 8. Mnd. Wb. 5, 439. vorsoret ist 'vertrocknet'. 

wSr 'Schmerz, Leid' ist zu streichen, denn 1611 ist ue : me 
zu lesen. 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



Zu Meister Stephans Sehaehbueh. 

Das dem Dorpater Bischöfe Johann von Fifhusen von einem 
Schulmeister Stephan gewidmete Schachgedicht ist nach dem Lübecker 
Druck aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, der allein es uns erhalten 
hat, im genauen Abdruck erschienen im 11. Bande der 'Verhandlungen 
der gelehrten estnischen Gesellschaft' im Jahre 1883. Dazu erschien 
in diesem Jahre als 14. Band der Verhandlungen ein sorgfältiges 
Glossar von TT. Schlüter^ während ein weiterer Band, Einleitung und 
Anmerkungen enthaltend, noch zu erwarten ist. Beifolgende Bemer- 
kungen betreiFen einige Stellen, wo entweder der Text verderbt ist, 
oder deren Erklärung bisher nicht genügend gefördert zu sein scheint. 

1467. Bar vant he vele godes knechte 
De ghesant weren to unrechte 
In dat eilende dar se säten 
Unte pine leden dar godes gnaten, 

dor gotes gnatm wird von Schlüter im Glossar übersetzt durch 'um 
Gottes willen'. Das ist nicht sprachgemäss. Auch ist ein unreiner 
Reim wie säten : gnaten im Ged. ohne weiteres Beispiel. Ich glaube, 
dass zu lesen ist dor gotes ghaten 'um Christi Nägelmale willen', gate 
für Wunden an den Füssen findet sich in folgender Stelle der Dial. 
Gregor, im Mnd. Wb. 2, 17 sine voete weren van den voet ouel so sere 
geswollen^ dat se al vul gate tveren. 

1837. Aldus ridder Joab dede 

De menneghen brochte in grote lede 
Do he Davides her greue was 
Also men in den hohen las 
Do he mit sinem here de schonen 
Hadde vorslaghen Ahsolonem, 

Die letzten Verse sind entstellt; es ist zu lesen: 

Do he mit sinem häre den schönen 
Hadde vorslaghen Ahsalönen. 

'Da er Absalon mit seinem schönen Haare erschlagen hatte. 

2223. He sach enen eme bekant 
Dat up siner seren hant 
Mugghen seien. 



154 

Es ist im Glossar nicht bemerkt, dass beJcant hier heissen muss: sich 
als pflichtig, abhängig bekennend; vgl. Mnd. Wb. 1, 208. 'Er sah, 
dass einem seiner Untergebenen auf der wunden Hand Mücken sassen.' 

2231. De mugghen de dar weren vloghen 
ünde al rede vul ghesoghen 
Unde enbeten my nicht mere. 
Komen nu andere mugghen vere 
Hungerich in quader bere u. 8. w. 

V. 2233 ist zu schreiben: De enbeten my nicht mere. Sodann ist im 
Glossar unrichtig bemerkt, dass vere hier 'weither' sein soll. Es ist 
vielmehr ver, fer das frz. fier stolz, übermütig, besonders durch Gerh. 
V. Minden häufig auch von Tieren gebraucht; s. Seelmanns Glossar. 
2497 f. ist zu lesen: 



Wente dat vor gode wert ghespart 
Bat vert vil dicke des duuels vart 



Die Hs. hat wert. 



2859. Also maket dicke en kone moet 
Mennich drovich herte sunt 

Ein unreiner Reim wie moet : sunt findet sich bei Stephan sonst nicht. 
Es wird munt : sunt zu lesen sein. Wie aus V. 2831 ff. hervorgeht, 
handelt es sich hier um den Trost, der einem Traurigen durch Zu- 
spräche zuteil wird. 

3012 ist zu lesen: 

He hincket dicke by eme stave 
Van oldere de de vrunischop begert. 

'Der welcher diese Freundschaft (s. d, Überschrift) begehrt hinkt oft 
vor Alter am Stabe.' 

3157. De drudde vrunischop wille gy dat weten 
Is in den truwen herten beseten 
Dat is ere woninge käste 

Schlüter bemerkt im Glossar S. 119 unter woninge: ^woninge scheint 
als adj. gefasst werden zu müssen, abgeteilter Wohnraum' (?), vgl. 
Sch.-L. unter ivoninge. Das ist nicht möglich, und auch der Verweis 
auf Sch.-L. passt nicht. leb halte vielmehr haste für adj. = lat. 
castus, rein, unbefleckt. 

4806 ff. ist zu lesen: 

He sprak: In mynem testamente 

teil ik maken grote rente 

unde wil de iw na mynen dagen, 

is dat gy my vort behagen 

unde gheuen my al myn geooech. 

'In meinem Testamente will ich grosse (jährlich wiederkehrende) Ein- 
künfte aussetzen, und will diese euch verschieiben, sofern ihr mir 
weiterhin gefallt und mir allen meinen Bedarf gebt.' willen findet 
sich auch sonst in ähnlichen elliptischen Wendungen, s. Mnd. Wb. 
5, 720 Sp. 1. 

5032 wird dem Läufer geraten: 



155 

Des auendes schal he weynich drincken 
Van dünnen toine unde vort gan wincken 
So blifft st/n honet des morghens licht 

winJcen wird durch Schlüter falsch als 'wandern' erklärt, mit Ver- 
weisung auf wanhen bei Schiller-Lübben, es hat aber vielmehr die 
Bedeutung 'schlafen', wie aus Sch.-L. 5, 728 zu ersehen war. Der 
Sinn ist so klar: Der Läufer soll des Abends nur wenig dünnen Wein 
trinken und dann sofort schlafen gehen, damit ihm am nächsten 
Morgen der Kopf leicht sei. 

5211. Also is des koninges name oek 
Idel unde van hulpe blot 
Heft he nicht in siner not 
Borghe unde gude slote 
Dar he myt alle siner rote 
Mach to koneren ane vare 
Want eri besticket der vyende schare 

In to kotieren vermutet Schlüter im Glossar einen Druckfehler für 
to-Jcomen. Sollte nicht vielmehr koucren zu lesen sein? Dieses würde 
sich erklären durch mittelengl. coure (ne. cower) 'still liegen' s. Skeat, 
Etymol. Dictionary of the English Language s. v. 

5496. Ik ne mene de heren nicht 

De ere lüde myt rechter pUcht 
Dwingen eren unde voren 

Die Stelle ist, wenn man eren hier = eren^ ehren nimmt, unverständ- 
lich; ich glaube, es ist gleich eren^ ackern. Auch voren passt in der 
Bedeutung führen hier nicht in den Zusammenhang. Sollte es zu 
vore 'Furche' gehören? Die Stelle wäre dann zu übersetzen: Ich 
meine nicht diejenigen Herren, welche durch Auferlegung rechtmässiger 
Abgaben ihre Leute zwingen, zu pflügen und zu furchen. 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



Zum Amringiseh-föhringisehen. 

(J^achtrag zu Jahrbuch XIII, 1—32. 160.) 

Die folgenden Nachträge kann ich auf Grund einer zweiten 
Studienreise 1888 geben. 

S. 4 unten: Die Amringinnen antworten heute dem Fremden 
bereits deutsch und können in Folge des Schifferverkehrs im allge- 
meinen jetzt bereits besser platt- als hochdeutsch. Einheimischen Platt- 
deutschen antworten die Frauen meist amringisch, die Männer platt- 
deutsch. Auch auf Westerlandföhr antworten heute nur noch wenige 
Frauen föhringisch auf eine deutsche Frage. 

S. 5, § 6 bitte statt der ersten vier Zeilen lieber zu lesen: Der 
Unterschied zwischen der Sprache von Sild und der von Amrum und 
Föhr ist nicht so bedeutend, dass nicht der Amringe den Sildringen 



156 

im grossen und ganzen verstünde, wenn sicli beide auch, zumal die 
Männer, vielfach auf plattdeutsch verständigen. Weit glatter ver- 
ständigen sich die Ilelgolander und die Amringen oder Föhringen in 
ihrer Muttersprache. 

S. 6, Z. 2 V. u. bitte einzuschieben s. skiP. 

S. 7, 4) statt mei, neil, vei lies mäei, näeil, viei. 

S. 7, 5) statt s. ürd lies s. ürt. 

S. 8, oben 2) bitte hinzuzufügen s. dof, s. ström, s. bom, s. slö. 

S. 8, 3), Z. 5 lies h. veter, s. veder und s. ihm. 

S. 9, 8), Z. 4 füge hinzu s. skiP. 

S. 10, 4), Z. 5 und 6 füge hinzu s. sköat und s. s'ern. 

S. 11, Z. 24 füge hinzu s. skel. 

S. 14, Z. 18 statt 'rein' lies 'noch stark'. 

S. 15, 2), letzte Zeile ist zu streichen. 

S. 15, 4), letzte Zeile lies w. ölr, aosdr. 81r, 8dr. 

S. 17, 2. füge hinzu Apenrade: a. Apmrüsed. 

S. 20, Z. 18 statt von mir in Vorbereitung lies: erschienen unter 
dem Titel: Ferreng an ömreng Stacken üb Rimen ütjdenn fan Dr. 
Otto Bremer, Halle 1888. 

S. 21, Z. 7 füge hinzu: Gregööri. Insel-Bote, Wyk, Neunter 
Jahrgang, Nr. 23, 21. März 1888. 

__ S. 21, Schluss des ersten Absatzes füge hinzu: Lün/ji YSysen 
Oksen, föhr. und amringisches Tanzlied, auf Föhr entstanden, neuesten 
Ursprungs, nach mündlicher Überlieferung von mir aufgezeichnet. 

S. 21, IL, 2. vgl. Ndd. Liederbuch, Nr. 54. 

S. 21, letzte Zeile füge hinzu: Übersetzung in Clement's Lappen- 
korb, S. 317—319. 

S. 22, Z. 2 füge hinzu: Übersetzung in Clement's Lappenkorb, 
S. 319—321. 

S. 22, 14. hinter Schmidt füge hinzu: (geboren in Nebel). 

S. 22, 15. lies^Feddersen (geboren in Nebel), 1846. 

S. 22, 18. hinter (larken) füge hinzu: (geboren in Nebel). 

S. 22, 19. Z. 1 lies: Paulsen (geboren in Süddorf, lebte in 
Norddorf). 

S. 22, 19. Z. 3 und 4 lies: die übrigen Strophen konnte ich teils durch 
eine freilich sehr schlechte Norddorfer Abschrift ergänzen, teils durch mündliche 
Überlieferung eines alten Norddorfers. 

S. 23, Z. 1 lies: Engmann (geboren in Wyk, lebte in Norddorf). 

S. 23, 22. Z. 1 lies: (geboren 1820 in Norddorf). 

S. 23 füge hinzu: 23. Friesische Plaudereien. An Harwstinj. 
Gespräch von Kichard Mechlenburg aus Nebel. Gedruckt Westsee- 
Inseln, Nr. 102, Wyck, 27. Mai 1871. 

Hiernach sind die folgenden Zahlen 23, 24 und 25 in 24, 25 
und 26 zu ändern. 

S. 24, rV. füge hinzu: 3. Hat rintj üb a bragg an at wärt 
wiat, altes Tanzlied (auch hoch- und plattdeutsch), besitze ich nach 
der Niederschrift von N. Jürgens in Neumünster. 



157 

Ebendort füge hinzu: 4. Huar as di Fresk sin federlunn?, 
Lied unbekannten Ursprungs, besitze ich in der Niederschrift von N. 
Jürgens in Neumünster. 

S. 24, IV., 3. ist hiernach in 5. zu ändern, ebenso 4. in 6. 

S. 24, IV., 3. a) füge hinzu: Nachdichtung von „Kommt die Nacht 
mit ihrem Schleier". 

S. 24, IV., 4. g) ist zu streichen und dafür einzusetzen: Bi strunn, 1888. 

S. 24, IV. füge hinzu: 7. Theodore Jensen aus Oldsum dich- 
tete in den achtziger Jahren 2 von mir nach ihrem Munde nieder- 
geschriebene Gedichte: 

a) Nan, nan, hat as tu doli, 1881?, Nachdichtung von „Nein, nein, es ist 
zu toll". — b) Hat as uck dach ei oderlicks. 

S. 24, V., 4. a) lies: Lacht as et eg, eh ferreng Spriak tu 
skriwen. Gedicht, gedruckt Westsee-Inseln, Nr. 25, 26. März 1879, 
L Jahrgang, Deezbüll. 

S. 24, V., 4. b) ist zu streichen. - 

S. 25, 9., Z. 3 füge hinzu: Ich besitze von den nicht gedruckten 
Sachen die Originalhandschrift. Dafür sind im folgenden Absatz unter 
d) bis r) die Worte zu streichen: Hdschr. im Besitz des Verf. Daselbst 
füge hinzu: Föhringer Plaudereien: Fehr, ah 16. Jan 1871. Man leewe Fröd!, 
Brief von Knütj. Gedruckt Westsee-Inseln, Nr. 65, Wyck, 18. Januar 1S71. — 
Föhringer Plaudereien: An fährring Düntje van det Schwin, wat Jielke 
Skruadder für an Höhn vörkäft. Gedruckt Westsee-Inseln, Nr. 82, Wyck, 
18. März 1871. — Di grappig Sönk, Erzählung 1888. 

S. 26, Z. 2 füge hinzu: (geboren 1834 in Alkersum, lebte in 
Nieblum). 

S. 28, 14. gehört der Sprache nach nach Goting. Daselbst füge 
nach „Westsee-Inseln" hinzu: und der „NiebüU-DeezbüUer Zeitung". 

S. 28, 16. lies: besitzt eine grössere Sammlung guter Gedichte, 
von welchen ich 10 nach der Originalhs. abgeschrieben habe, das 
letzte in der Originalhs. besitze. 

a) Siamans Ufskias. — b) Wi sann hirr tu Gast en wi ha't so nett. 

— c) En Wurd tu min Lunnslidj. — d) Di ufskoffelt Edelman. — e) En 
Bradlepsliad. — f)TuminFrinjer. — g)Tu Knut en Engellena' sÜtj bringen. 

— h) Noch ian tu jar Ütjbringen. — i) Tu man Maan. — k) Tu min ual 
Ami. — 1) Ick sann so ünlokkelk wesen. — m) Wann jam nü smock ens 
harki well. — n) Tu Engelena. — o) En Stack Snack tesken Atj en 
Dochter. — p) Nü ha'k doch noch, nan det gongt doch witj. — q) Tu Karl. 

— r) Tatji an Matji jarrens Rais äfter eh Wyk. — s) An nü letj Näggels 
wanskik di. — t) Gudd maren, nö ha jam gud sleppen. — u) tu Juli. — 
v) Tu Pitt. — w) Tu Nanne. — x) Tu Inge. — y) Ick san an letj jong 
Wüff van Fehr. — z) Ick bad jam Lidj, huaram san jam so thwäs. — 
a) Seh dett letj Bläd, ast eg en Grap. — ß) Diar ick noch letj wiar. — y) 
Wann ick vor Juaren hir of diar. 

S. 28, 20. a) lies: Lew Eilun Fehr. 

S. 32 ist nach 26. hinzuzufügen: Bohn, „Wörterstudien, 1888," 
Heft im Besitz des Verfassers, in jeder Hinsicht unbrauchbar. 

HALLE. Otto Bremer. 



158 



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Wilhelm Bäainker, Niederländische Geistliche Lieder nebst ihren 
Singweisen aus Handschriften des XV. Jahrhunderts. (Separat- 
abdruck aus Vierteljahrsschrift für Musikwiss. 1888. Leipzig, 
Breitkopf & Härtel.) 8«. 

Hoffmanu von Fallersieben was de eerste, die den Nederlanders toonde, 
welk een schat van schoone, geestelijke liederen zij laug reeds hadden bezeten, 
zonder dien te kennen. 

Door de uitgave van Deel X Zijner Horae Belgicae gaf hij den stoot tot 
de Studie der Nederlandsche geestelijke lyriek. Vele Nederlanders wekte hij op 
hem te volgen op het door hem gebaande, maar nog niet afgeloopen, päd. Alber- 
dingk Thijm, De Coussemaeker, Willeras, Lootens en Feys, Van Vloten maakten 
zieh verdienstelijk door het iiitgeven of onderzoeken van geestelijke liederen en 
hunne melodieen. Ook de bekende kerkhistoricus Prof. Moll wijdde zijne aan- 
dacht aan ons geestelijk lied, dat hij kende en liefhad; trouwens in dezen is 
kennen liefhebben. Verschillende liederen, ontleend aan handschriften of zeld- 
zame liedeboekjes, werden door hem bekend geraaakt; in zijn boek over Johannes 
Brugmau gaf hij eene fraaie schets van het geestelijk lied in den tijd van dien 
beroemden kanselredenaar. 

Het door Moll zoo goed begonnen werk werd voortgezet door Prof. Acquoy, 
den man, die het eerste wetenschappelijke werk over ons geestelijk lied schreef, 
al gaf hij daaraan den bescheiden titel: „Aanwijzingen en Wenken".*) Acquoy 
is de man, die ons eene Geschiedenis van het Geestelijk Lied kan geven. Hopen 
wij, dat hij het eens zal doen. 

Er moet echter nog heel wat gepubliceerd, onderzocht en gerangschikt 
worden, voordat iemand er aan kan denken de ontwikkelingsgeschiedenis van het 
geestelijk lied in de Nederlanden te schrijven. 

Welkom is daarom allen vrienden onzer literatuur en onzer muziek de 
bundel liederen, welke door Wilhelm Bäumker voor het eerst en met de melodieen 
naar de handschriften werden uitgegeven. De liederen, welke hier het licht zien, 
werden door B. afgeschreven uit een onlangs te Weenen ontdekt handschrift; 
ook uit een, vroeger door Hoffmann von Fallersleben gebrdkt, nu te Berlijn 
berustend hs. nam hij eenige onuitgegeven liederen over en voegde aan andere 
de melodieen toe, welke H. v. F. had laten rüsten. 

Bäumker heeft zijne taak breed opgevat en voortreffelijk volvoerd, vooral 
indien men in aanmerking neemt, dat de bedoelde liederen gedieht zijn in eene 
taal, welke niet de zijne is. 

Over het muzikale deel van zijn werk kan ik niet als bevoegde mede- 
spreken; de melodieen onzer geestelijke liederen kan ik slechts genieten, niet als 
deskundige beoordeelen. Ik zal mij dus bepalen tot de beteekenis van het werk 
uit een taal- en letterkundig oogpunt. 

In de Inleiding deelt B. ons het een en ander mede over den bloeitijd 
van het geestelijk lied in de Nederlanden, over inhoud en vorm der liederen, 
over de dichters en de melodieen, over de handschriften, waaruit hij putte. Op- 
merkingen over den tekst der liederen en een Glossarium voltooien het werk. 

^) Het geestelijk Lied in de Nederlanden vöör de Hervorming. Aanwijzingen 
en Wenken, door Dr. J. G. R. Acquoy. Overgedrukt uit het Archief voor Ned. 
Kerkgesch. Kl. II. 's-Gravenhage 1886. 



159 

Slechts op eeti enkel punt der Inleiding wensch ik hier de aiindacht te testigen. 
B. zegt op bl. 156: „Indessen glaube ich, dass in den Niederlanden ebenso wie 
in Deutschland in der Kirche Lieder in der Volkssprache gesungen wurden. 
Nehmen wir z. B. gleich das erste Lied der Wiener Handschrift „Jhesus Christus, 
Marien soen'^, so sehen wir, dass es vollständig nach Text und Melodie den 
Charakter eines echten Kirchenliedes an sich hat. Zudem enthalten unsere beiden 
Handschriften üebersetzungen alt-lateinischer Gesänge und eine Anzahl von solchen 
Liedern, welche in späteren katholischen Gesangbüchern sich wiederfinden." 

Gesteid al, dat de bewering omtrent het bedoelde lied (n^ 1) juist zij, dan 
kau 66u lied toch geen afdoend bewijs zijn. Dat men vertalingen van Oud- 
latijnsche liederen aantreft en liederen, welke in latere katholieke gezang- 
boeken voorkomen, kan toch moeilijk bewijzen, dat zij vroeger werkelijk door 
de gemeente in de kerk gezongen zijn. Zoolang geene sterker sprekende bewijzen 
zijn aangevoerd, moeten wij ons, meeu ik, houden bij de oude zienswijze, dat de 
katholieke geestelijkheid het monopolie van het gezang in de kerk bad en hield ; 
dat eerst de Hervorming het gemeentegezang in gebruik heeft gebracht. In 
letterkundige schoonheid moeten de meeste dezer liederen onderdoen voor de door 
Hoffmann von Fallersleben in zljne Horae Belgicae gepubliceerde. Ook komt het 
mij voor, dat de kunstpoezie hier ruimer vertegenwoordigd is dan de volkspoezie, 
terwijl in de liederen van het Berlijnsche handschrift misschien de tegenover- 
gestelde verhouding heerscht. De bouw, het metrum, de woordenkeus, de inhoud 
der door B. uitgegeven liederen behooren eer tot de kunstpoezie dan tot de volks- 
poezie, al zijn natuurlijk de grenzen tusschen die beide afdeelingen niet overal 
scherp te trekken. Naieve kerstliederen, als in de Horae Belgicae, vindt men 
hier slechts een enkelen keer. Ook vindt men hier niet zoo dikwijls die frisch- 
heid, dien toon der romauce, dien springenden verhaaltrant, die eigenaardige 
wendingen, waardoor de volkspoezie zieh onderscheidt. 

In de liederen der Hör. Belg. noemen zieh de makers der liederen niet 
zelden of liever geven zij in het laatste of voorlaatste couplet eenige aanwij- 
zingen omtrent zieh zelf, gewoonlijk echter zonder hunnen naam te noemen. 
Men vergelijke b. v. het slot der liederen u^ 47, n^ 51, n^ 52, n^ 53, n<> 64, 
no 80, no 91, n» 95 (in den aanvang), n» 109, n» 114, n» 115, n^ 119. Deze 
eigenaardigheid der volkspoezie trof ik geen enkele maal in de door B. gepubli- 
ceerde liederen aan. 

Omtrent de plaats, waar deze liederen gedieht zijn, weten wij weinig of 
niets. Toch is het voor de geschiedenis van het geestelijk lied niet zonder 
belang te weten waar onze geestelijke liederen gedieht zijn. De taal, waarin 
de hier bedoelde zijn geschreven, kau ons eenige gegevens verschaffen. Uit het 
voorkomen van sommige taalvormen zou men verraoeden, dat eenige dezer liederen 
in het Zuidoosten van ons land gedieht zijn. Zoo b. v. : 5, 7: heyt [|leit; 
8, 5: dregen (dragen); 9, 12: wunelic; 9, 14: ghestadlich; 12, 11: 
ghemeenentlic; 17, 13: ut des hertschen wonnen; 17, 22: wi synt 
(wi sijn) ook 24, 10; 30, 3; 21, 11: waerlich (ook 31, 3); 25, 9: steet 
(staet) ook 42, 4; 30, 4: te gaer, herts dit passim; 35, 1: toe tide; 
ondergheet; 35, 5: verwennentlic (verweendelic) ; 35, 7: sold ic; de 
Varianten op n° 36; 54, 2: vrolich || zuete lieh; 56, 1: suver liebste; 
58, 5: sairt (zart); 59, 2: mijn hartsen gheren etc. 

Hier zou echter een uader onderzoek moeten plaats hebben. 

Over het algeraeen is de tekst der liederen door B. met zorg behandeld. 
Daar de dichters zieh echter lang niet overal duidelijk uitdrukken, is het ver- 
staan van den tekst niet altijd gemakkelijk ; het herstellen van bedorveu plaatsen 
ook niet licht. 



160 

Ben paar opmerkingen aangaande den tekst laat ik hier volgen: 
4, 7: „heel meer dan maken dnsent iaer'' 1. : een ner daer maket dasent 
iaer? 4, 18: bleeft 1. bleeff; 5, 1: suverliker 1. suverlike; 5, 2: onbevaen 
1. ombevaen; 8, 6: unösel 1. onnosel; 9, 6: coninx soen 1. sconinx soen; 9, 9: 
cransken 1. tcransken; 9, 14; al leneken l. alleneken; 10, 6: ay hi voer op 
1. als hi voer op (met het Berl. ha.); 11, 5: had in geseten haer vol tut 1. had 
nu etc.; 17, 40: beneder 1. beneden; 17, 45: hier nae alle myn begheert 1. 
hier nae staet alle ra. b.; 18, 1: dat wercoren 1. dat kint vercoren; 23, 16: 
mach u kynt niet gebruken 1. mach ic u kynt niet g. ; 23, 32: leer 1. seer; 
26, 4 : besiit myns vaders riic 1. besit m. v. r. ; 26, 6 : aldaer en leyt u niet 
smyts aen 1. aldaer en leyt n niettemyt aen; 28, 14: beb 1. heb; 29, 4: des 
yiant strie 1. des viants s. ; 29, 5: ouuerslaen 1. onverslaen; 30, 2: Van alder 
sonder plagen 1. van a. sonden p. ; 30, 13: tsermoen 1. tfermoen; 30, 14: teerst 
in 1. teersten ; schrap in vs. 2 : hi ; 32, 2 : pitteren 1. bitteren ; 32,3: verdracht 
1. verdrach; 41, 13: ontgach 1. ontgaet; 41, 14: daer 1. der; 41, 17 (vs. 4) 
genoech 1. gevoech; 42, 2: sleyt 1. steyt; 43, 3: ouerspronc 1. oerspronc; 45, 1: 
voir onse voirscult 1. voir onse scult (vgl. 52, 4); 48, 2: den maghet 1. die 
maghet; 48, 6: nach 1. noch; salt 1. sult; 48, 10: oec si 1. dat si; 51, 7: 
totten ioncsten daghen 1. t. i. daghe; 51, 8: eer ic n arre 1. eer ic verarre; 
56, 6 : der liefster duve 1. die liefste d. (des liefsten d. ?) ; 56, 7 : denc ic dair 
van 1. d. i. dair an; 61, 1: dien 1. die; 61, 4: nach 1. noch; 61, 5: bleeft 
1. bleeff. 

Het Glossarium is grootendeels jnist; alleen zijn de w. w. bescnren 
(bedecken, beschützen) ; bestureu (hindern, hemmen) ; b e s w i ge n (verschweigen), 
naar ik meen, niet in het Mnl. aan te wijzen. Ook heeft het adj. hont in het 
Mnl. nooit de het. van Hd. klug. 

Er is, gelijk wij reeds zeiden, nog veel te doen, voordat eene geschiedenis 
der ontwikkeling van het geestelijk lied te onzent kan geschreven worden. 

Veel moet nog worden uitgegeven. Niet alleen mpeten nog vele liederen 
op nieuw of voor het eerst worden onderzocht, maar ook moeten de verschillende 
lezingen van een lied onderling worden vergeleken. *) 

Is eens alles gedrukt, dan kan men gaan bestndeeren en rangschikken ; 
dan zal men het geestelijk lied in zijne ontwikkeling kunnen volgen en den 
gang dier ontwikkeling in eene bloemlezing van geestelijke liederen met hunne 
melodieen kunnen veraanschouwelijken. 

*) Ter aanviiUing der uitvoerige opgaaf van gedrukte en ongedrukte brennen 
bij Acquoy, wijs ik nog op het Haagsche hs. n° 721 ter Kou. Bibl. berustend, waarin 
ook een paar geestelijke liederen voorkomen op f^ 54 v^ : „Van der moeder gods." 
„Hets 'een dach van vrolichede" ; eene bewerking, die in vele opzichten overeenstemt 
met die in Horae Belgicae X n^ 21 en n^ 22, maar toch ook afwijkingen vertoont. 

AMSTERDAM. G. Kalff. 



Berichtigungen. 

Auf S. 36 Z. 8 V. u. lies Niederdeutschen anstatt Mitteldeutschen. 
S. 38 Z. 14 V. u. lies Raitn anstatt haitn. 

S. 51 ist folgendes zu streichen: Z. 20, 22, 26 y, j. — Z. 32 flaijo 
die Fliege. — Z. 36 aber flaija die Fliege. — Z. 38 y oder j. 
S. 52 Z. 4 lies 406 anstatt 106. 
S. 104 bei 11 lies (vor 1548) statt (v. J. 1518). 



m: 

9J 
ier; 
im 
m[ 
iV 
m. 

:|- 

teer? 
Irart 

R, ; 

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